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Full text of "Geschichte des Dreibundes; mit einem anhang: Der inhalt des Dreibundes, eine diplomatische untersuchung, von Hans F. Helmolt"

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Arthur Singer: 
Geschichte des 

Dreibundes 



Arthur Singer: 



Geschichte des 
DREIBUNDES 









Mit einem Anhang: 

Der Inhalt des Dreibundes 

Eine diplomatische Untersuchung 
von Hans F. Helmolt 




Dr. SaUy Rabinowitz Verlag Leipzig 

1914 



Gedruckt im Jahre tausendneunhundertvierzehn 
bei Berg und Heese in BaUenstedt am Harz 



4 






• • • 



Alle Redite vorbehalten 
Copyright 1914 by Dr. Sally Rabinowitz Verlag Leipzig 






Vorwort des Verfassers 

Auf den nachfolgenden Blättern soll eine Geschichte des 
Dreibundes und seines Vorläufers, des deutsch-österreichisch- 
ungarischen Schutz- und TrutzbQndnisses geboten werden. Keine 
politische Streitschrift, zu werten der Staatsmänner Entschließungen, 
sondern eine rein geschichtliche Arbeit, streng gehalten an des 
Historikers Pflicht, zu schildern was war. Nach einer knappen 
Darstellung der Wechsel vollen Beziehungen Brandenburg- Preußens 
zum Donaustaate werden jene Ereignisse auf dem Weltentheater, 
sowie die parlamentarischen Vorgänge und deren Widerhall in 
der Publizistik geschildert, die Wirkung und Inhalt der Schöpfung 
des Altreichkanzlers bedeuten. Eine Chronik, die sich darauf 
beschränkt, die Quellen zu sammeln aus Parlamentsprotokollen 
und aus Zeitungsbänden. Es ist nicht Zweck und Ziel dieses 
Buches, den Kampf um die Vorherrschaft im Römischen Reiche 
Deutscher Nation eingehend zu schildern, er wird im ersten 
Teile kurz, nur bei den Meilensteinen Halt machend, skizziert. 
42 Der zweite Teil erzählt das Werden des mitteleuropäischen 
Friedensbundes, den Ausbau des Werkes Bismarcks und An- 
^ drässys durch den Anschluß des jungen Königreiches jenseits 
^ von den Alpen., Der dritte Abschnitt enthält die alle Quellen 
tvJ restlos erschöpfenden Regesten des Dreibundes, sein systematisch 
io aufgearbeitetes politisch-parlamentarisches Kalendarium von 1883 
bis zur jüngsten Erneuerung Ende 1912. Den Abschluß bildet 
ein Register, das dem Tages- und dem Geschichtsschreiber die 
Handhabung des Buches erleichtern soll. Eine Geschichte des 
Dreibundes heute schon zu schreiben, ist ein schwieriges Unter- 
nehmen, da ja die Archive noch verschlossen sind und aus amt- 

294429 




VI 

liehen Quellen nur wenig mitgeteilt worden ist. Die Geschichte 
des Dreibundes ist eigentlich die Geschichte der letzten dreißig 
Jahre und so leicht oder so schwer zu schreiben wie zeit- 
genössische Geschichte Oberhaupt. Des Kritikers Lupe und Sonde 
werden die Mängel meiner Arbeit rasch finden. Wissentlich 
enthielt ich mich politisch-publizistischer Kritik und entsagte 
lockenden stilistischen \AArkungen. 

Vollendet zu WOrzburg Januar 1914 

Arthur Singer 



Inhalt: 

Seite 

Die Dreibundstaaten bis 1879 1 

Vom Zweibund zum Dreibund 

Der Zweibund 35 

Der Anschluß Italiens 60 

Regesten zum Dreibund: 

1884 75 

1885 77 

1886 78 

1887 82 

1888 88 

1889 93 

1890 96 

1891 100 

1892 106 

1893 109 

1894 112 

1895 114 

1896 116 

1897 122 

1898 126 

1899 128 

1900 130 

1901 134 

1902 139 

1903 145 

1904 150 

1905 153 



VIII 

Regesfen zum Dreibund: seite 

1906 157 

1907 171 

1908 174 

1909 187 

1910 202 

1911 216 

1912 222 

Die JOngste Erneuerung des Dreibundes .... 239 
Der Inhalt des Dreibundes. Eine diplomaflsdie Unter- 
suchung von Hans F. Helmolt 247 

Register 273 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 



Die große Frage, die auf den böhmischen Schlachtfeldern 
im Jahre 1866 und in dem Abschluß des Dreibundes ihre end« 
gllfige Lösung fand, reicht zurück bis in die Mitte des sieb^ 
zehnten Jahrhunderts. Bis zum westfälischen Frieden. Die 
Rivalität zwischen den beiden deutschen Fürstenhäusern setzt 
mit der Thronbesteigung des Großen Kurfürsten ein. Und 
schon klingt uns aus dem lateinischen Büchlein des Hippo- 
lytus a Lapide^ das Schlagwort der Verdrängung des Hauses 
Oesterreich aus Deutschland entgegen. Brandenburg gründet 
die Mittelpartei der protestantischen Reichsstände. Das Corpus 
Evangelicorum, an seiner Spitze das mächtig aufstrebende 
Brandenburg-Preußen, steht als gleichwertige Kraft dem von 
der habsburgischen Kaisermacht geführten Corpus Catholicorum 
gegenüber. Ganz veränderte Machtverhältnisse. Für Habsburg 
schien die Notwendigkeit einer neuen Politik gegeben. Neue 
Grundlagen für das europäische Gleichgewicht zu suchen, neue 
Bürgschaften für die Hegemonie in Mitteleuropa. L'lsola und 
Strattmann wollten den europäischen Bündnissen neue Wege 
weisen. Habsburg und Brandenburg fanden sich noch zeitweilig 
als Kriegsgenossen, aber die Rivalität ward immer größer und 
stärker, jemehr Oesterreich sich bestrebte, seinen Besitzstand in 
Italien zu kräftigen und zu mehren ^. Vom westfälischen Frieden 
bis zum spanischen Erbfolgekriege ein fortwährendes Schwanken 
der Politik des Hauses Habsburg (»ein ewiges Versteckenspiel 
mit Brandenburg"). Zweimal schließt Oesterreich ein Bündnis 
mit Brandenburg (1658 und 1672) und auch später fechten die 
Truppen der beiden Länder unter einem Kommando. Aber mit 
dem Frieden von Nymwegen „blieb im Gemüte des Kurfürsten 



1) Phil. Bogisl. v. Chemnitz (1670). 

^ «Es ist ein Reichsinteresse erster und vornehmster Art Oesterreich 
in Italien stark zu erhalten/ heißt es noch 1859 in einer U^ener Flugschrift 
»Oesterreichs Politik in Italien und die Garantien seiner Macht und Einheit* 
mit der Motivierung: Es sei traditionell geworden, daß jeder Herrscher, 
der nach Ruhm und Größe traditete, eine Ausbreitung in Italien suchte; 
nach dem Willen des Wiener Vertrages sollte Oesterreich in diejenige 
Stellung in Italien einrücken, weldie ehemals das Kaisertum da ein« 
genommen hatte; zwischen R'ankreidi und Deutschland gebe es keinen 
anderen Gradmesser der politischen Macht als den Besitz von italienisdien 
Städten und Staaten. 



4 Die Dreibund-Staaten bis 1879 

eine unsühnbare Entfremdung gegen das Kaiserhaus" ^ Von 
allen Kurfürsten hielt nur der Bayer zum Kaiser. Dann folgt 
die Tarkennot. Brandenburg schließt 16S5 mit dem Kaiser den 
Subsidienvertrag ab. Das beginnende achtzehnte Jahrhundert 
sieht (nach dem Kriege mit Frankreich) Oesterreidis Ansehen 
wieder hergestellt in den deutschen Landen. Im Winter 1700 
kommt zwischen Leopold dem Ersten und dem Kurfürsten Friedrich 
dem Dritten jener Vertrag zustande, der dem Hause Habsburg 
Brandenburgs Waffenhilfe für den bevorstehenden Krieg um 
die spanische Erbfolge sichert. Dodi schon zieht Habsburg 
nadi Italien, um den jahrhundertalten Streit mit Frankreich 
auszufechten. Prinz Eugen gewinnt den Preußenkönig nodi- 
mals für Habsburgs Sache. Aber sowie das erste Jahr- 
zehnt zur Neige geht, sind Wien und Berlin wieder „uneinig" — 
wie Dolfin, der venetianisdie Botschafter in Wien schreibt^. König 
Friedridi des Ersten Gesandter Bartholdi sagts in Wien gerade- 
heraus: sein Herr werde einen neuen Maditzuwadis Oesterreichs 
nidit zugeben, und es wäre nur billig, daß eines Tages die 
Deutsche Kaiserkrone auch auf ein protestantisches Kaiserhaus 
übergehe. Auf beiden Seiten wächst das Mißtrauen. In ein- 
und demselben Jahre sterben der habsburger sechste Karl und 
der Preußenkönig, der seinem fünfundzwanzigjährigen, genialen 
Erben alle Waffen zu erfolgreichem Aufstieg hinterläßt. Es folgt 
das erste Duell zwischen Oesterreich und Preußen: der öster- 
reidiische Erbfolgekrieg und die drei sdilesisdien Kriege. Der 
siebenjährige Krieg bringt Preußen wohl nidit die Hegemonie 
in den deutschen Landen, aber dodi die Vereinigung der Mehr- 
zaM der deutsdien Fürsten in einem Bundesvertrage ^ USeder 
sehen wir Habsburg unter Kaunitzens Einfluß den Weg zur Ver- 
ständigung mit Preußen, der neuen europäischen Großmadit 
betreten. Dodi bald „entscheiden die Kanonen das Redit". Es 
ist der vierte Krieg Oesterreidis mit Preußen: der bayrische 
Erbfolgekrieg, dem nadi wenigen Monaten der Tesdiener Friede 
ein Ende macht. Friedridi der Zweite tritt 1785 an die Spitze 
des deutsdien Fürsten bundes. Sein Nachfolger, König Friedrich 
Wilhelm IL, läßt die Unionspolitik fallen. Audi in Oesterreich 
vollzieht sidi ein Thronwechsel: dem zweiten Joseph, der eine 



1) Franc. Wagner: .Hist. Leopoldi magni Caesaris Augusti" Seite 488: 
»Haesit exinde in Electoris animo inexpiabilis in Augustam domum alienatio." 

^) Daniel D.olfins Beridite im 22. Band der .Fontes rerum Austri* 
acorum" (Arneth)Ste 14: .Vastissimo 6 perse stesso il Corpo Germanico, 
e se fosse unito darebbe lege al mondo, il destino die non ammette tale 
predominio v'ha seminata la discordia, e la diffidenza." 

3) Sybels .Begründung des deutsdien Reiches durdi Wilhelm L" Bd. 1» 
Seite 23. 



Die Dreibund-Sfaafen bis 1879 5 

Verständigung mit Preußen gesudit folgt der zweite Leopold» 
dessen Wahl zum Deutschen Kaiser sich ohne Sdiwierigkeiten 
vollzieht. Preußen und Oesterreich vereinigen sich gegen das 
revolutionäre Frankreich, und Leopolds letzte Lebensarbeit ist 
die Allianz des Hauses Habsburg mit Preußen. Unter seinem 
Nachfolger unternehmen die beiden Häuser gemeinsam die 
„Campagne" gegen Frankreich. Aber des zweiten Franz Minister, 
Freiherr v. Thugut, arbeitet bald darauf auf Preußens Isolierung 
hin. Oesterreidi tritt mit dem Traktate von Luneville ins neun- 
zehnte Jahrhundert, welches Traktat im sechsten Paragraphen 
den Talweg des Rheins als Grenze zwisdien Frankreich und 
Deutsdiland feststellt. 1804 erfolgte die Erhebung Oesterreidis 
zum Kaisertume. In demselben Jahr propagiert Friedrich von 
Genz die Bildung eines germanischen Bundes unter Führung 
Preußens und Oesterreidis. Aber auch die schweren Zeiten 
Napoleons fanden Oesterreich nidit im Lager des deutschen 
Reichsgedankens, immer von der Furcht beherrscht, die ita- 
lienischen Provinzen zu verlieren. Kaiser Franz legt nach der 
Bildung des Rheinbundes die römisch-deutsche Kaiserwürde 
nieder, nachdem Oesterreich durdi den Preßburger Frieden aus 
Deutsdiland hinausgedrängt war. Jena, Auerstädt, Eylau, Fried- 
land, Tilsit — schwarzumrandete Blätter in der Geschidite 
Deutsdilands. Metternichs Intrigen, die Mißgeburt der Bundes- 
akte, der Karlsbader Staatsstreidi, die Sterilität des Bundestags 
auf der einen Seite und die reaktionäre Polizeiwirtschaft auf 
der anderen Seite kennzeidinen die ersten Jahrzehnte des 
neunzehnten Jahrhunderts ^ Im vierten Jahrzehnte erst er- 
wadit das deutsdie Nationalgefühl. Die Befreiungskriege ver- 
einigen Preußen und Oesterreich in einem Lager. Fünfund- 
zwanzig Jahre früher hatte Oesterreidi auf dem Wiener Kon- 
gresse die Führerschaft an sidi gerissen und trat als Vorsitzender 
an die Spitze des Deutschen Bundes. 184S lebt die deutsch- 
nationale Einheitsidee wieder auf, verkörpert im Reichsparlament 
zu Frankfurt am Main. Der „Dom der deutschen Einheit" ist 
nidit daraus geworden. Rasch folgen die Kämpfe der Groß- 
deutsdien mit den Kleindeutsdien, den Gothaern, das Erfurt- 
Stuttgarter Rumpfparlament die Erfolglosigkeit der Berliner 
Fürstenkonferenz, die blutigen Ereignisse in Wien, der Wechsel 
auf dem Habsburgerthrone. Neue Verhandlungen, in deren Ver- 
laufe der Preußenkönig eine Denkschrift an das Olmützer Hof- 

Hier sei auch auf den Vertrag von Mündiengrätz hingewiesen: Er^ 
neuerung der konservativen Allianz zwischen Oesterreich^Ungarn und Ruß* 
land und die Neubesiegelung |auf dem Zweikaisertag in Mündiengrätz. 
Siehe Ernst Moldens .Orientpolitik des Fürsten Metfernidi"; den Vertrag 
selbst Seite 119 ff. 



6 Die Dreibund-Staaten bis 1879 

lager absendet. Interessant ist, das gerade in den bewegten 
Jahren 1848 und 1849 zum erstenmal der Gedanke eines »völker- 
rechtlichen Bündnisses" zwischen Preußen und dem Donaustaate 
auftaucht. Und zwar sowohl in Oesterreich wie audi in Ungarn. 
Der Wiener Rechtsanwalt Mühlfeld bradite als Mitglied des 
Verfassungsausschusses einen Antrag ein, laut dessen der 
innigste Anschluß Oesterreidis an das neue Reich durdi ein 
völkerrechtliches Bündnis erzielt werden soll. „Es ist doch be" 
deutungsvoll", schreibt Heinrich Friedjung \ „daß Mühlfeld da- 
mit genau dasselbe vorschlug, was sich zwanzig und dreißig 
Jahre später vollzog, nur wollte er dem völkerreditlichen Bünd- 
nisse Deutsdilands mit Oesterreich eine größere Fülle geben, 
als 1879 vereinbart worden ist." Audi Ungarn sudite in seinem 
Freiheitskampfe einen Ansdiluß an Deutschland. Am 14. Mai 
1849 ernannte der ungarische Ministerrat seine ersten Gesandten, 
die Ungarn in Frankfurt vertreten sollten. „Ein richtiger, poli- 
tischer Instinkt", schreibt Wilhelm Alter ^ „leitete die ungarischen 
Politiker, als sie sich bemühten, Beziehungen mit der neuen 
deutsdien Zentralgewalt anzuknüpfen." Den Wortlaut der In- 
struktion dieser Gesandten (Ladislaus Szalay und Dionys Päz- 
mändy) reproduziert Szalay in seinen „Aktenstücken zur Ge- 
schichte der ungarischen Gesandtschaft in Deutsdiland". Ihr 
Inhalt war: Absdiluß eines Defensivbündnisses mit Deutschland. 
Am 11. September beantragte tatsädilidi der Abgeordnete von 
Würzburg, 'Eisenmann, den Abschluß dieses Bündnisses mit 
Ungarn, doch schon war die Mission Szalays (nur er war nach 
Frankfurt gereist, weil Päzmändy mittlerweile zum Präsidenten 
des ungarischen Abgeordnetenhauses gewählt worden war) er- 
loschen. Szalay reist von Frankfurt ab, nachdem auch die 
parallel mit der sardinischen Regierung geführten Verhand- 
lungen, sowie der formelle Bündnisvertrag, den Venedig im 
Juni mit Ungarn geschlossen^ keine praktischen Resultate ge- 
zeitigt hatten und erst viel später nahm abermals ein Ungar, auch 
ein „Revolutionär", den Gedanken eines Bündnisses mit Deutsch- 
land wieder auf. Noch eine Stimme tritt in Oesterreich für ein 
solches Bündnis ein. Der Vizepräsident der deutschen National- 
versammlung, Viktor Freiherr von Andrian-Werburg schreibt*: 
„Es liegt im Interesse Oesterreichs, daß sich Deutschland einig 
und kräftig konstituiere, aber auch ebensosehr, daß es sich mit 



1) „Oesterreich von 1848 bis 1860-, Seite 124. 

2) .Die auswärtige Politik der ungarischen Revolution.* 

3) Siehe Planat de la Faye: Documents et pieces authentiques, laiss^s 
par Daniel Manin. 

^) .Centralisation und Decentralisation in Oesterreich.* 



Die Dreibund'Staafen bis 1879 7 

diesem neuen Deutschland auf einen guten Fuß setze, wodurch 
alle Reibung und Feindschaft vermieden werden kann." 

Vür nehmen die chronologische Schilderung der Vorgänge 
im Reiche wieder auf. Auf Warschau, wo der Kaiser von Oester^ 
reich und der preußische Ministerpräsident Graf Brandenburg 
den Zar aufsuchten und wo dieser fast als Schiedsrichter zwischen 
Oesterreich und Preußen dastand, folgte Olmütz, der »Gang 
nach Canossa". Manteuffel war noch weiter gegangen, als es 
seine Instruktionen zuließen. Sybel deutet den OlmQtzer Ver- 
trag als eine Niederlage Preußens — ein Sieg Oesterreichs war 
er aber auch nicht, das bewiesen die folgenden Ereignisse. Im 
Übrigen läßt sich Olmütz aus dem politischen Seelenleben 
Friedrich Wilhelms des Vierten erklären, das Sir Robert Morier ^ 
am besten geschildert hat: »Vom Kaiser Nikolaus ließ er sich 
einschüchtern, er sah in ihm die Inkarnation aller kosmisdien 
Ordnung, den Verniditer aller finsteren und anardiistiscfaen Ge- 
walten hingegen erschien ihm in seinen politischen Opium- 
träumen der Kaiser von Oesterreich als möglidies Oberhaupt 
eines neuen Deutschen Reiches, und bei mehr als einer Ge- 
legenheit versicherte er seinen Vertrauten, es würde ihm eine 
Wonne sein, bei der Kaiserkrönung als Mundsdienk aufzu- 
warten." 

Und wieder tritt der alte Bundestag zusammen. Unter seinem 
Sdiutze feiert die Reaktion Triumphe. Hand in Hand mit der 
Niederringung jeder liberalen Strömung geht die Stärkung der 
Polizeigewalt. Der Dualismus im Bunde kann Oesterreich nicht 
befriedigen. Es will Preußen wirtsdiaftlidi dienstbar madien 
und stellt den Antrag, sein ganzes Gebiet in den Zollverein 
aufzunehmen. Und am 23. November 1851 klagt Otto von 
Manteuffel in einem an Bismarck gerichteten Briefe* über die 
Unberedienbarkeit Oesterreichs — er habe an den Fürsten 
Schwarzenberg geschrieben: „wenn er nidit bald einmal ein 
quos egol ausspreche, so werde mir der Atem ausgehen, das 
meinige zu rufen, es werde also dann von beiden Seiten ge- 
kämpft werden, und wie idi glaubte, zum Nachteile Oesterreichs". 
Ein Jahr später betont Manteuffel in einem Memoire bezüglich 
der Zollangelegenheit daß, da Oesterreich die Sache zur Unter- 
drückung Preußens dienend auffaßt, eine Verständigung weder 
möglich, noch wünschenswert sei^ Preußen gab nidit nach 
und Oesterreich mußte sich mit einem Handels- und Scfaiffahrts- 
vertrag mit dem Zollverein begnügen. Bismarcic tritt auf den 



i) In seinen „Memoirs and Letters". 

^ Bismard(s „Gedanken und Erinnerungen", Anhang, U. Band Seite 36. 

^) Bs. „G. u. £.", Anhang, II. Band, Seite l(fö. 



8 Die Dreibund'-Staafen bis 1S79 

Plan. Und starkes Mißtrauen empfängt ihn in USen. Bismarck ^ 
erzählt hierüber in seinen »Gedanken und Erinnerungen": 
als zum Nadifolger designierter Vertreter des sdiwerkranken 
Grafen von Armin Heinridisdorf-Werhelow (1791 — 1859) bekam 
er trotz seinem ungemein herzlidien EinfQhrungssdireiben dieses 
Mißtrauen auf Schritt und Tritt zu ftihlen, und als er nach der 
Genesung Armins Wien verlassen konnte, tat er es gerne, da 
er das Geftihl hatte, durdi sein Auftreten in Frankfurt persona 
ingrata in Wien geworden zu sein. 

Der Krieg Rußlands gegen die Türkei und gegen die West" 
mächte sieht Preußen und Oesterreidi wieder in einem Bund- 
nisse vereinigt (Zusammenkunft in Tetsdien). Kaiser Franz 
Josef richtet an den Herzog Ernst August zu Sachsen^Koburg- 
Gotha ein Sd^reiben^ in dem es heißt: »Im engsten Bunde 
mit Preußen handeln, sind die Zwecke, die idi auf das Eifrigste 
anstrebe und für deren Erreidiung ich zum Heile von ganz 
Deutschland durch die letzten Unterhandlungen mit dem Könige 
von Preußen eine sidiere und feste Grundlage gewonnen zu 
hoffen glaube". Das Sdiutz- und Trutzbündnis verpflichtete 
Preußen, „unter Umständen" hunderttausend Mann in der Zeit 
von sedhsunddreißig Tagen zu konzentrieren und sein Heer, 
wenn nötig, auf zweihunderttausend Mann zu bringen und sidi 
behufs alles dessen mit Oesterreich zu verständigen. Bismarck 
verurteilt in seinen „Gedanken und Erinnerungen" die damalige 
Politik Preußens in sdiarfen Worten, die Politik, „die im 
Sdilepptau Oesterreidis Dedcung sudite". Oesterreich springt 
jedoch bald aus dem Bündnisse mit Preußen aus, um in der 
Tripel-Allianz der Westmächte, der auch später Sardinien beitrat 
sein zweideutiges Spiel fortzusetzen, das auf dem Pariser Kon-* 
greß ein durchaus nicht ruhmreiches Ende fand. Sehr erbittert 
äußerte sich Bismarck über die Pariser Friedensverhandlungen 
in einem Schreiben an Gerlach * : „Wir werden nicht einmal die 
ersten im Schweife Oesterreichs sein" — und zum Schlüsse 
protestiert er dagegen, als „Pfeil in Buols Köcher" auf der 



1) Er präzisiert schon in seinem vom 23. Februar 1854 datierten Be- 
richt seine Stellung Oesterreich gegenüber: „Die Winkelzüge Oesterreichs 
werden uns nicht hindern, die Gelegenheiten, die Gott uns geben sollte, 
zu benutzen, um für unsere zukünftige Stellung zu Oesterreich unzwei' 
deutige Vereinbarungen zu gewinnen, auf deren Basis wir dermaleinst 
ehrliche Bundesgenossen ohne eifersüchtige Hintergedanken sein können" 
(Poschingers „Preußen im Bundestag" IV. Teil, Seite 179; vergleiche auch 
G. Rathlef : „Bismardi und Oesterreich bis 1866 mit besonderer Berüdisich' 
tigung der Sybelschen Bücher"). 

2) Band l Seite 87. 

3) Ernst II. „Aus meinem Leben und aus meiner Zeit", Seite 273. 
*) B. „G. u. E.", I. Band, Seite 117. 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 9 

Konferenz in Redinung zu kommen. Die Verstimmung zwischen 
Oesterreidi und Preußen wird immer schärfer. Neuenburg und 
Rastatt sind Etappen auf der absdiQssigen Bahn. Dann kam 
die italienische Affäre, die Oesterreidi veranlaßte, Preußen an 
den Mincio zu rufen. Der Prinzregent weigert sich, als Bundes- 
feldherr in den Krieg zu ziehen und Oesterreich bringt seiner 
herrschenden Stellung in Deutschland das Opfer des Friedens 
von Villafranca. Der Friede, dem angeblich auch die dem 
Kaiser Napoleon nahestehende Agentin und Nichte Cavours, 
die Gräfin Castiglione^ vorbereiten half, war für Oesterreidi 
ein Anlaß, Preußen fär den Verlust der Lombardei mit verant- 
wortlich zu madien, und Paris gegen Berlin auszuspielen. All- 
gemeine Unsicherheit, Herumtappen auf allen Linien charak- 
terisieren die folgenden Monate. Ein Projekt jagt das andere, 
keines bannt die Rivalität der beiden Mächte. Oesterreich fuhrt 
einen sdiarfen Zeitungskrieg gegen Preussen und gegen die 
erwadiende Einheitsbewegung in Deutsdiland. Bismarck klagt 
hierüber dem Unterstaatssekretär Grünes^: „Die Postzeitung 
und das Journal de Francfort gehören der Oesterreidiisdien 
Regierung und werden auf der Präsidialgesandtsdiaft redigiert 
Die erstere hat kaum einen anderen Zweck als den, am An- 
sehen Preußens zu nagen ... es gibt kaum ein erhebliches 
preußisches Blatt am Rhein und in Berlin, zu weldiem nidit 
wenigstens ein im Solde Oesterreidis stehender, von dort in- 
spirierter Korrespondent Zutritt hätte". Und schon zu Beginn 
der sechziger Jahre äußert sidi Bismardc dahin, „Oesterreich 
werde uns zum Kriege zwingen und zu fürchten brauditen wir 
ihn nicht«! 

Am zweiten Januartage des Jahres 1861 beginnt die Herr- 
sdiaft Wilhelms des Ersten und ein Jahr darauf ward Bismardc 
zum provisorisdien Präsidenten des Staatsministeriums ernannt 

Die Ereignisse drängen zu einer Klärung der Verhältnisse. 
Bismarck hatte in den ersten Dezembertagen mit dem öster- 
reidiisdien Gesandten in Berlin, dem Grafen Alois Kärolyi, mit 
dem er, wie er selbst in seinen „Gedanken und Erinnerungen« 
feststellt ^ „auf vertrautem Fuße« stand, eine Unterredung, in 
deren Verlauf er dem Grafen sagte: „Unsere Beziehungen 
müssen entweder besser oder sdilediter werden, als sie sind 
— idi bin bereit zu einem gemeinschaftlichen Versuche, sie zu 

1) Siehe Arthur Singer: „Eine diplomatisdie Agentin", ferner „Mes 
Souvenirs" des Comte de Reiset III. Band, Seite 3, ff. 

^ Deutsche Revue, Dezember 1898; über diese publizistische Kampagne 
siehe auch Dr. Annie Mittelstadt „Der Krieg von 1859, Bismardc und die 
öffenfliche Meinung in Deutschland". 

^ I. Band, Seite 535. 



10 Die Dreibund-Sfaafen bis 1879 

bessern." Und Bismarck weist audi den Weg, wie es geschehen 
könne : „Entweder zieht sidi Oesterreidi aus Deutsdiland zurück 
und verlegt den Schwerpunkt seiner Monardiie nach Ofen oder 
es wird Preußen bei Gelegenheit des ersten europäischen Kon- 
fliktes in den Reihen seiner Gegner finden". Welch große 
Wichtigkeit Bismardc dieser seiner Unterredung beimißt, beweist 
der Umstand, daß er ihren Inhalt am 24. Januar des 
folgenden Jahres in einer Depesdie an die preußischen Ver- 
treter an den fremden Höfen mitteilte „Nach meiner Ueber- 
Zeugung müssen unsere Beziehungen zu Oesterreich unver- 
meidlich besser oder sdilechter werden. Es ist der aufrichtige 
Wunsdi der königlichen Regierung, daß die erstere Alternative 
eintrete, wenn wir aber das hierzu nötige Entgegenkommen 
des kaiserlichen Kabinetts nachhaltig vermißten, so ist es für 
uns notwendig, die andere ins Auge zu fassen und uns auf 
dieselbe vorzubereiten. Sollten aber die früheren intimen Ver- 
hältnisse sich nicht neu anknüpfen und beleben lassen, so 
würde unter ähnlichen Verhältnissen (wie im Jahre 1859) ein 
Bündnis Preußens mit einem Gegner Oesterreichs ebensowenig 
ausgeschlossen sein, als im entgegengesetzten Falle eine treue 
und feste Verbindung beider deutschen Großmädite gegen ge- 
meinschaftlidie Feinde". Kärolyi hat über diese Unterredung 
eingehend an den Grafen Rechberg beriditet. Eine gewisse 
Wirkung hatte diese Unterredung gehabt, denn die beiden fol- 
genden Begegnungen Bismarcks mit Kärolyi (April 1863 und 
Dezember 1864) trugen wenigstens äußerlidi ein freundschaft- 
liches Gepräge. Die erste galt handelspolitisdien Angelegen- 
heiten, die zweite der sdileswig-holsteinschen Frage. Bismarck 
hielt an der in seiner Unterredung mit dem Grafen Kärolyi 
festgelegten Linie fest. In diesem Sinne handelte er acht 
Monate später, als er mit Aufwand aller Kräfte seinen König 
veranlaßte, die Absage auf die Einladung nach Frankfurt zu 
unterschreiben. 

Gleichzeitig pflog Bismarck Unterhandlungen mit den 
ungarischen Emigranten und faßte eine Verständigung mit 
Italien ins Auge. Er hatte im Spätherbst 1862 eine Unterredung 
mit dem Grafen Sdierr-lhosz ^ dem gegenüber er kein Hehl 
aus seinen Gefühlen macht: „Ich habe mir zum Ziele gesetzt, 
die Schmach von Olmütz zu rächen, dieses Oesterreidi nieder- 
zuwerfen". 



Ludwig Hahn : „Fürst Bismardc", Seite 80. 

^) „Näheres hierüber siehe in den Erinnerungen des Grafen in der 
„Deutschen Rundschau", ferner Arthur Singer im Pester Lloyd: „Bismardc 
und Ungarn'* (7. August 1910) und in der Revue „Jungungarn": „Bismardc 
und die ungarisdien Emigranten", Seite 542, ff. 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 11 

Wieder die alten Praktiken. Oesterreich glaubt sidi durdi 
eine großdeutsche Bundesreform abermals an die Spitze Deutsdi- 
lands stellen zu können, und am 2. August 1863 ersdieint Kaiser 
Franz Josef in Gastein, um König Mülheim das von Sdimerling 
verfaßte Reformprojekt vorzulegen und ihn zu einem Kongreß 
aller deutschen Fürsten nadi Frankfurt zu laden ^ Der Fürsten- 
tag bringt keine Verständigung zwisdien Oesterreich und Preußen, 
auch die polnische Frage gebiert neue Konflikte, sterile Noten 
werden gewechselt — Oesterreich schließt sidi den Westmäditen 
an. 1864 überschreiten österreichische und preußische Truppen 
die Eider, beide Staaten befinden sich vom ersten bis zum 
letzten läge des dänischen Krieges in einer und derselben Stellung 
und doch „schärft sich der Gegensatz von Stunde zu Stunde" ^ 
Graf Rechberg, der übrigens Bismarck persönlich sehr freund- 
schaftlich gesinnt gegenüberstand, mußte bald nach dem Sep- 
tembervertrag zwischen Frankreich und Italien dem Grafen 
Mensdorf weichen. Die ewige Furcht seine italienischen Pro- 
vinzen zu verlieren, ließ Oesterreich wieder Preußens Freund- 
schaft suchen. Twesfen warnt vor einem Bündnis Preußens mit 
Oesterreich, und auch die Presse lehnt ein österreichisch- 
preußisches Bündnis nahezu einstimmig ab^ Zwischen den 
beiden Kabinetten scheint eine „vollkommene Uebereinstimmung" 
zu bestehen, von der auch eine Note des Herzogs von Gramont 
an Drouyn de Lhuys spricht^ „und alles läßt mich glauben, 
daß sie von Dauer ist". Auch Bismarck hält es, wie er Mitte 
Dezember 1864 zu Jules Hansen^ sagt, für notwendig, den Weg 
zu einer Allianz mit Oesterreich zu suchen, oder aber aus den 
Gefühlen der Sympathie Nutzen zu ziehen, die Preußen bei den 
anderen großen Mächten geweckt hat. Das Elaborat Biege- 
lebens betreffend die holsteinsche Sache spricht wohl nach- 
drücklichst von der „Erhaltung und Befestigung des österreichisch" 
preußischen Bündnisses", Habsburg wollte jedoch Preußen keinen 
Gewinn an dem dänischen Kriege gönnen. Es kam, was kommen 
mußte. Nach mannigfachem Notenwechsel, unterbrochen durch 
das Gasteiner Intermezzo, sieht man Preußen und Oesterreich 
noch einmal am Bundestage als Alliierte, aber nun folgen rasch 

1) Siehe die beiden Artikel „König Wilhelm und Bismarck in Gastein 
1863" von Max Lenz in der „Deutschen Rundschau" November und De- 
zember 1906. 

^) Mit diesen Worten schließt Sybel den III. Band seiner „Begründung 
des Deutschen Reiches durch Kaiser Wilhelm I." 

^) Siehe „Die deutsche Presse und die Entwickelung der deutschen 
R*age" von Otto Bandmann, Seite 49. 

^) Siehe „Der diplomatische Ursprung des Krieges von 1870-71" I. Band, 
Seite 67. 

^) „Les Coulisses de la Diplomatie" Seite 109. 



12 Die Dreibund-Staaten bis 1879 

die Ereignisse, die zur blutigen Abredinung führen. Die er*- 
höhten Stunden einer großen Zeit Der Gasteiner Vertrag be- 
deutete nur einen Aufsdiub der Feindseligkeiten und für beide 
Teile einen Rückzug S wie ihn Bismardc mit den Worten kenn- 
zeichnete: „Verklebung der Risse im Bau". Es werden noch 
Verhandlungen^ gepflogen, der König reist mit Bismarck nadi 
\Arien, aber schon führen die deutschen Zeitungen^ eine sehr 
heftige Spradie gegen Oesterreidi. Und das Echo aus USen: 
die offiziöse „Presse" propagiert ein Bündnis mit Frankreich. 
Oesterreidi überträgt dem Bunde die Lösung der sdileswig- 
holsteinsdien Frage, Preußen bezeichnet dies als einen Brudi 
des Gasteiner Vertrags. Bismarck betreibt energisdi die Ver- 
ständigung mit Italien, die Graf Usedom in Turin vorbereitete, 
die aber durdi die Verstimmung, die der Gasteiner Vertrag 
in Italien ausgelöst hatte, eine Unterbrechung erfuhr. Nach 
dem Gasteiner Vertrag leitete wohl Italien in Wien eine inoffi- 
zielle Aktion für die Abtretung Venetiens^ (Rekompensation : 
Barzahlung, Uebernahme eines entsprechenden Anteils an der 
österreichischen Staatsschuld, Vorteile in einem neuen Handels- 
vertrage) ein und machte später nach der Umwälzung in 
Rumänien (Vertreibung des Fürsten Cusa) am österreichischen 
Hofe den Vorschlag, Oesterreich möge Venetien an Italien ab- 
treten und dafür die Donaufürstentümer besetzend Doch Bis- 
marcic, der bereits 1865 in Paris mit Nigra konferiert hatte, (siehe 
das Schreiben Nigra an La Marmora vom 3. November 1865), 
wußte Italien auf seine Seite zu bringen^. Der Vertrag wurde 
in Berlin (vorerst war eine Reise Moltkes nach Nizza geplant 
gewesen) von dem italienischen Gesandten Grafen Barral und Ge* 
neral Govone abgeschlossen (die letzten Details des „Allianz- 
Traktates" wurden am 17. März bei einem Diner festgestellt 
welches Graf Barral gab) und wenige Tage später am 8. April 
achteinhalb Uhr abends in Florenz und in Berlin ratifiziert. Ueber 



Friedjung „Kampf um die Vorherrschaft in Deutschland" Seite 117. 

^) Ueber diese berichtet Friedjung eingehend in obgenanntem Werke 
Seite 95. 

3) Siehe Otto Bandmann „Die deutsche Presse und die Entwidclung 
der deutschen FYage 1864-66" Seite 46 ff. 

^) Siehe Vitzthum v. Edcstädt „London, Gastein und Sadowa" I. 110 so^ 
wie La Marmora „Un Poco piü di Luce." 

^) Siehe Demeter Sturdza „Charles I. de Roumanie"; auch Zorge „Ge" 
schichte des rumänischen Volkes." 

^ Ueber die Verhandlungen siehe Dr. Hermann Reuchlin im acht* 
undvierzigsten Absdinitt „Die Genesis des italienisch'preußischen Bünd" 
nisses" Seite 411 ff.: „Geschichte Italiens von der Gründung der regierenden 
Dynastie bis zur Gegenwart" zehnter Teil; ferner die Berichte Benedettis 
an Drouyn de Lhuys publiziert in Benedettis „Ma Mission en Prusse" 
Seite 67 ff und Paul Matter „Bismardi et son temps" IL Band Seite 377 ff. 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 13 

diese Verhandlungen erzählt Fürst Chlodwig zu Hohenlohe- 
SdiiUingsfürst in seinen Denkwürdigkeiten (Seite 240 ff), Graf 
Usedom habe ihn in München besudit und ihm mitgeteilt, man 
habe im Vorjahre Versuche gemacht, Oesterreidi zum Verkaufe 
Venedigs an Italien zu bewegen, dodi sei dies an dem Wider- 
sprudi des jungen Kaisers und der Militärpartei gescheitert 
Dies habe nun Usedom benützt, um ein Bündnis mit Preußen 
zu propagieren. Govone wurde nach Berlin gesdiickt^; La 
Marmora war dagegen (die Veröffentlichung der Note war ein 
coup mont^ aus Frankreich, um Preußen mit Italien zu ent- 
zweien), doch Usedom machte geltend, daß, wenn Preußen ohne 
Italien Krieg führe, das Resultat zweifelhaft sei und wenn Oester- 
reidi siege, Italien nicht auf Venedigs Abtretung rechnen könne. 
Ueber die Verhandlungen Govones mit Bismarck beriditet Graf 
Benedetti eingehend in seinem Werke »Ma mission en Prusse" 
und verteidigt sich mit der Publikation seiner nadi Paris ge- 
sandten vertraulichen Noten gegen die Anschuldigung, als hätte 
er an den Verhandlungen zwisdien Italien und Preußen teil- 
genommen und diese gefördert. Von italienischer Seite wird 
behauptet, Preußen habe sich bis zur Erklärung des Krieges 
freie Hand vorbehalten, während Italien sidi für alle Fälle ge- 
bunden hatte; nadi der Kriegserklärung durfte keine der beiden 
Mächte einen Separatfrieden sdiließen: die Feindseligkeiten 
müßten fortgesetzt werden bis Venedig befreit ist und Preußen 
einen territorialen Zuwadis in Deutsdiland erhält ^ Nach der 
Unterzeichnung des Vertrages wurden die Bedingungen der 
militärischen Kooperation festgestellt. Diesbezüglidi liegt ein 
interessantes Sdireiben Usedoms an den Chef des italienisdien 
Generalstabes La Marmora vor^ In dem vom 17. Juni 1866 
datierten Sdireiben heißt es: „Binnen wenigen Tagen werden 
Italien und Preußen zum Zwedke der Verwirklichung ihres ge- 
meinsamen Zieles zu den Waffen greifen .... Von zwei Seiten 
muß der Stoß ins Herz gegen Oesterreich erfolgen." Usedom 
befürwortet eine Verbindung mit den Ungarn und will eine 
italienische Armee an der österreichisdien Küste der Adria landen 
lassen und von dort den Vormarsdi auf Wien unternehmen. 
„Die preußisdie Regierung erwartet ein loyales Dngehen der 
italienisdien Regierung auf den im gemeinsamen Interesse fest- 



9 Vitzthum V. Edcstädt konstatiert, dies sei über Aufforderung Bismardcs 
geschehen, doch habe vorher Viktor Emanuel durch Arese in Paris an* 
fragen lassen, ob man der preußischen Einladung entsprechen solle („London, 
Gastein und Sadowa" Band I, Seite 161). 

^ Siehe „Bismardc" von Junius Redivivus, Torino 1870. 

^) Vergleiche die Broschüre „La nota Usedom" per Tawocato Ftan' 
cesco di ^ncenti, Milano 1868. 



14 Die Dreibund'Sfaafen bis 1879 

gestellten Plan und hofft audi, daß die italienisdie Regie- 
rung zur Erreidiung des gemeinsamen Zieles alles aufbieten 
werde". 

Bismardc wollte sidi bei der Abrechnung mit Oesterreidi 
auch der Neutralität Frankreidis versichern. Er bemühte sidi 
persönlich in Biarritz nadi dieser Riditung, jedodi ohne 
positiven Erfolg, worauf der König durdi Goltz dasselbe Ver- 
langen in einem eigenhändigen Briefe an Napoleon IIL 
stellte. 

Am 11. Juni 1866 erfolgt der Antrag auf Mobilmachung der 
gesamten Bundesarmee, Tags darauf der Abbrudi der diplo- 
matisdien Beziehungen \ Und der Doppeladler Oesterreichs 
kämpft gegen Preußen und gegen Italien, siegt bei Custozza und 
Lissa über Italiens Heer und Flotte und unterliegt nadi sieben- 
tägigem Feldzug den preußisdien Waffen bei Königgrätz, in der 
»größten Schlacht des Jahrhunderts". Und auf dem böhmischen 
Sdilachtfelde wurde der neue Bund geboren. Weitaus blidcend 
sagte Bismarck: „Die Streitfrage ist also entsdiieden, jetzt gilt 
es die alte Freundschaft mit Oesterreidi wieder zu gewinnen," 
und die Denksdirift Bismarcks über die Friedensbedingungen 
klingt in den Satz aus, daß „jede Ersdiwerung des schleunigen 
Abschlusses mit Oesterreidi behufs Erlangung nebensächlidier 
Vorteile (als soldie sind früher einige Quadratmeilen mehr von 
Gebietsabtretung oder wenige Millionen mehr zu Kriegskosten 
bezeidinet) gegen meinen ehrfurchtsvollen Antrag und Rat 
erfolgen würde". 

Audi in Brunn äußerte sidi Bismarck zu Stosch^: „Eine 
Sdiädigung Oesterreichs durch Gebietsabtretung und so weiter 
dürfe nidit stattfinden, da wir später Oesterreidhs Kraft für uns 
selbst brauchen". Dem ungarischen Emigranten Grafen Nikolaus 
Belhlen sagte Bismarck^: ,J[e stärker Oesterreidi ist, desto 
besser für uns, denn früher oder später muß es zu einem 
Bündnisse zwischen Deutschland und Oesterreidi kommen, da 
es im Interesse beider Mädite liegt". Der König stand, obwohl 
er (wie audi Stosdi in seinen Denkwürdigkeiten erzählt) sdiwer 
zu dem Kriege zu bewegen gewesen war, nach Königgrätz 
ganz unter dem Einfluß der Militärpartei, die nadi Wien ziehen 
wollte. Bismarck hatte große Mühe seinen Willen durdizu- 



^) Vorher, sdion in den Monaten März und April hatte Herzog Ernst IL, 
ein Vetter des österreichischen Ministers des Auswärtigen Grafen Mensdorff, 
den jVersuch einer Vermitüung zwischen Oesterreich und Preußen unter« 
nommen. Näheres hierüber teilt Dr. Heinrich Glaser (Weimar) in den 
„Grenzboten" (1913) mit. ' 

^ „Denkwürdigkeiten", Seite 103. 

8) „Pesti Naplo". 2. September 1893. 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 15 

setzen. Er erzählte es im Juni 1888 dem Präsidenten des 
österreichisdien evangelisdien Kirchenrates Dr. Franz, wie er 
sich persönlidi dafür eingesetzt habe, daß der Friede von 
Nikolsburg für Oesterreidi möglidist milde ausfalle. „Ich wollte 
Oesterreidi nidit demütigen, um es redit bald als Freund 
wiedergewinnen zu können^; mein Monardi teilte diese An- 
sidit nicht ganz, es kam zu einer Divergenz, weldie einen ganzen 
Tag andauerte und die nur durdi die Intervention des Krön*- 
Prinzen, welcher auf meiner Seite stand, geschliditet wurdet 
Bismardcs Friedensvorschläge waren vom König vorerst abge- 
lehnt worden. Nadi dem Vortrage Bismardcs beim König am 
24. Juli kam der Kronprinz zu Bismardc und sagte ihm: „Sie 
wissen, daß ich gegen den Krieg gewesen bin, wenn Sie nun 
überzeugt sind, daß der Zwedc erreidit ist und jetzt Friede ge- 
schlossen werden kann, so bin idi bereit, Ihnen beizustehen 
und Ihre Meinung bei meinem Vater zu vertreten^. Dies ge- 
sdiah audi, und wie Delbrück in seinen persönlidien Erinne- 
rungen an Kaiser Friedrich konstatiert, hat König Wilhelm in 
einem Marginale auf die diesbezüglidie Eingabe Bismarcks be- 
merkt, daß er den „schmachvollen" Frieden nur annehme, weil 
sein Sohn sich der Auffassung des Ministerpräsidenten ange- 
schlossen habe. 

Nadi der Schladit bei Königgrätz hatte Oesterreidi die Ver- 
mittlung Napoleons angerufen. Am 4. Juli faßte der öster- 
reichische Ministerrat den Entschluß, Venetien sofort und ohne 
jeden Vorbehalt an Napoleon abzutreten. Die Idee der Ab- 
tretung Venetiens an Napoleon war schon drei Monate früher 
aufgetaucht und Napoleon förderte sie, denn es war schon seit 
1859 das Ziel seiner Wünsdie, daß Italien diese Provinz durch 
ihn und Frankreich wieder erhalte. Sdion auf dem Pariser 
Kongresse hatte Napoleon durch Cavour die italienisdie Frage 
aufwerfen lassen ^ Und gelegentlidi der Entrevue Franz Josefs 
und des Prinzregenten von England mit dem Zaren in Warschau 
verlangte Napoleon III. die Berufung eines europäischen Kon- 
gresses zur Klärung der italienisdien Frage. Nichts kam also 
dem dritten Napoleon gelegener, als der Antrag Oesterreichs. 
Es sdimeichelte auch seiner Eitelkeit, als „Schiedsriditer Euro- 



1) Fast dieselben Worte gebrauchte Bismardc Crispi gegenüber, dem 
er auch auf dessen Bemerlcung, er (Bismardc) liebe dieses Land zu sehr, 
um es nidit bei nädister Gelegenheit dem Deutsdien Reidie einzuverleiben, 
sagte: „nein Sie täuschen sich, wir haben schon genug Katholiken und 
wollen nicht noch mehr" (Rundfrage der „Gegenwart" nach dem Ableben 
des Altreichskanzlers). 

^ Margarete von Poschinger „Kaiser Friedrich", II. Band, Seite 245. 

^) Napoleon III. Kleine Hist. Schriften von Sybel. 



16 Die Dreibund-Staaten bis 1879 

pas" aufzutretend Italien wollte aber nicht Bundesverrat an 
Preußen (iben und Venetien aus der Hand Napoleons annehmen. 
Ministerpräsident Ricasoli, „der stolze Baron", erwiderte ab^ 
lehnend, Italien sei gebunden. Und der damalige Minister des 
Auswärtigen Visconti Venosta erklärte, niemals werde er sich 
auf eine solche „Sdiweinerei" einlassen. General Cialdini er- 
hielt den Befehl weiter vorzugehen und bald war Venetien von 
den Italienern besetzt. 

Nadi den Nikolsburger Friedenspräliminarien wird der Prager 
Friede unterzeichnet. »Für ein Jahrhundert ist die deutsdie Uhr 
richtig gestellt". Oesterreidi sdieidet endgiltig aus Deutschland 
aus. Unter Preußens Führung entsteht der Norddeutsche Bund 
und die Süddeutschen Staaten gehen mit Preußen Schutz- und 
Trutzbündnisse ein. Am 3. Oktober erfolgt der Friedenssdiluß 
auch zwischen Oesterreidi und Italien. 

Die Stimmung nadi dem Kriege charakterisiert eine Aeußerung 
Bismarcks zu Wagener^: „Mir ist es nicht ganz verständlidi, wie 
man heute noch für die heilige Allianz schwärmen kann, nadi- 
dem sidi in der letzten Zeit zur Evidenz herausgestellt hat, daß 
dieselbe nichts mehr als eine russisdie Mäusefalle war und das 
Adjektivum ,heilig' nur noch als ein unpassender Scherz er- 
schien. Sie werden, wenn ich es erlebe, den Beweis in die 
Hand bekommen, daß der Krieg mit Oesterreich in meiner 
Politik nidits war, als ein Gewittersturm, der die Atmosphäre 
zwisdien uns gereinigt hat und daß es jetzt erst möglich sein 
wird, eine aufrichtige und nachhaltige Allianz auf dem Fuße der 
Gleichberechtigung zwischen uns und Oesterreich zustande zu 
bringen. Sie werden mir noch alle Abbitte leisten und midi 
als den eigentlidien Testamentsvollstrecker Friedrich Wilhelms IIL 
preisen." Beust spricht in seinen Aufzeichnungen von der Not- 
wendigkeit, nadi dem Prager Frieden für Qesterreidi eine Türe 
zu eröffnen, um wieder in Deutsdiland einzuspringen. Die 
liberalen Kreise Oesterreichs haben sich mit der neuen Situation 
rasch abgefunden. Dr. Adolph Fisdihof plaidiert in einer Flug- 
schrift^ für eine „mitteleuropäische Föderalion" (eine staats- 
rechtliche Verbindung auf konstitutionellen und parlamentarischen 
Grundlagen) und gibt in einer zweiten Broschüre^ der Hoffnung 
Jung-Oesterreidis Ausdruck: „Wie Oesterreich früher an seinen 
Siegen erkrankte, so gesunde es jetzt an seinen Niederlagen". 



1) Graf Nigra sagte am 22. April 1903 zu Ernst I^h. v. Plener (»»Er- 
innerungen" Seite 75 Füßnote), Napoleon habe den Krieg zwischen Preußen 
und Oesterreidi gewünscht» um dann die Schiedsrichterrolle zu übernehmen« 

3) Poschinger „Bismardc und die Parlamentarier" II. Band Seite 110. 

^ .Ein Bilde auf Oesterreidis Lage" Seite 36. 

A) .»Oesterreich und die Bürgschaften seines Bestandes" Seite 9. 



Die Dreibund'Staafen bis 1879 17 

Constantin Frantz sagt in seinen Briefen \ Deutsdiland bedOrfe 
Oesterreidhs zum Sdiutze im Südosten, sowie zugleidh wegen 
der Handelsverbindungen durdi die Donau und nadi dem adri- 
atisdien Meere. 

So reift htiben und drüben die Erkenntnis, daß die beiden 
Mädite politisdh und wirtschaftlich auf einander angewiesen sind. 

Die Politik der Annäherung an Oesterreich gewann konkrete 
Formen durch die Mission des bayrisdien Ministerialrates Grafen 
Tauffkirchen. Der Graf hatte sidi im Auftrage des bayrisdien 
Ministerpräsidenten Fürsten Hohenlohe mit Genehmigung des 
Königs von Bayern nach Berlin begeben, um Bismarck für den 
Wunsch der bayrisdien Regierung zu gewinnen, eine wechsel- 
seitige Anlehnung zwischen Deutschland und Oesterreich zum 
Zwecke der Rüdcendeckung gegen Frankreich hergestellt ' zu 
sehen. In seiner Unterredung mit Tauffkirdien bemerkte Bis- 
marck ^ es sei seit der Wiederherstellung des Friedens stets sein 
Wunsdi gewesen, das freundschaftliche Verhältnis mit Oesterreich 
zu gewinnen, das den beiderseitigen Interessen und der 
beiderseitigen Vergangenheit entspräche ^ Wohl hatte Beust 
in einer Depesche an den österreichischen Gesandten in Berlin 
betont Oesterreich werde stets den Wunsch hegen, zu einer 
U^ederannäherung an Preußen und Deutsdiland die Hand zu 
bieten*, in Wirklidikeit aber waren seine Augen auf Paris ge- 
riditet Das Endziel seiner Politik war, wenn auch nicht ein 
formelles Bündnis, so doch eine entente cordiale mit Frankreich. 
Dies trat schon im August 1867 gelegentlich des Kondolenz- 
besuches Napoleons aus Anlaß des tragischen Geschidces des 

1) ,,Das neue Deutschland'* Seite 123. 

^) ßismardcs Depesche an Freiherr von Werther d. d. 14. April 1867, 
Staatsarchiv Band XXX, Nr. 5593, Seite 55. 

3) Hier sei audi auf eine spätere Aeußerung Bismardcs hingewiesen. 
Am 14. Dezember 1868 sagte Bismardc zu dem Redakteur der in Münzen 
erscheinenden „Siiddeutsdien Presse" : .solange es möglich ist werde ich 
mich zu Oesterreich verhalten, wie ich midi zu meiner Frau verhalten 
würde, wenn idi mit ihr in Streit wäre, so nämlidi, wie es die diristliche 

Geduld vorschreibt aber zwischen einer Sammethand und blankem 

Stahl gibt es für mich nidits in der Mitte". (Poschingers .Neue Tischge- 
spräche und Interviews", Band I., Seite 251). Und 1878 sagte Bismardc zu 
Bluntschli (siehe Bluntschlis .Denkwürdigkeiten aus meinem Leben"): 
„Nach der Schladit von Königgrätz war ich ganz allein für den Frieden. 
Alle waren gegen mich; es ist gar nicht zu sagen. Der König war unge- 
halten, die Generäle tobten über den Zivilisten. Ich erklärte dem König: 
Idi werde die Verantwortlidikeit der Fortsetzung des Krieges nidit auf mich 
nehmen und zurücktreten. Aber wenn der König trotzdem Krieg führen 
und meinethalb ein oströmisches Kaiserreich gründen und nadi Konstan- 
tinopel ziehen wolle, so erbitte ich mir eine Stelle bei der aktiven Armee, 
um zu beweisen, daß es mir nicht an Mut fehle". 

4; Beust. Band II, Seite 119. 

Singer, Gesdudite des Dreibandes 2 



18 Die Dreibund-Staaten bis 1879 

Kaisers Max von Mexiko in Salzburg und bei dem Gegenbesudie 
Franz Josefs in Paris (Oktober) zu Tage. Auf der Fahrt nach 
Paris fand nach Königgrätz die erste Begegnung der beiden 
Monardien statt (Oos, 21. Oktober, sie währte zehn Minuten.) 
Schon damals madite Graf Julius Andrässy (als Minister^ 
Präsident in Ungarn) all seinen Einfluß geltend, daß mit Frank- 
reidi keine definitive Abmadiung getroffen werde. Beust selbst 
erzählt in seinen Memoiren, Andrässy habe ihn bei der Salz- 
burger Entrevue an den Rocksdiößen gefaßt, um ihn von einer 
Annäherung an Frankreich zurückzuhalten. Ebenso nahm An- 
drässy gegen alle Bemühungen der österreichischen Klerikalen 
Stellung, die die päpstlidie Herrsdiaft in Rom sidiem wollten, 
die aber die Monarchie in einen Konflikt mit Italien hätten treiben 
müssen. In Salzburg wurde wohl kein Vertragsinstrument auf- 
gesetzt, dodi wurde ein Zusammenstehen im Falle eines An- 
griffes von dritter Seite vereinbart. Und nach der großen Pariser 
Heersdiau sprach Franz Josef zu einem französischen General 
die Worte: „Wie Sie, hoffe auch ich, daß wir eines Tages zu- 
sammen marschieren werden" M Diese Bestrebungen, den 
Dreibund Frankreidi-Oesterreich-Italien zustande zu bringen, die 
nodti einige Jahre hindurdi spukten und die Graf Andrässy in 
heftigster Weise bekämpfte, nennt Dr. Lorenz^ mit Redit das 
abenteuerlichste Projekt des napoleonischen Frankreichs. Diese 
Bestrebungen behandelt audi J. Cohen in seinen „Etudes sur 
TEmpire d'AUemagne", der den größten Fehler der französisdien 
Diplomatie darin erblidct daß die diesbezüglichen Verhand- 
lungen nicht zu einem Resultate geführt haben, woran übrigens 
Prinz Jerome Napoleon in einem Artikel der Revue des Deux 
Mondes (1. April 1878) als Hauptschuld den Umstand bezeidinete, 
daß die französisdie Regierung der Klerikalen wegen Rom nicht 
an Italien ausliefern lassen wollte. 1869 in den Delegationen 
über seine auswärtige Politik interpelliert, erklärte Beust: „\Nir 
stehen in sehr guten freundsdiaftlichen Beziehungen zur franzö- 
sischen Regierung" — verheimlichte aber, daß tatsächlidi Allianz- 
verhandlungen gepflogen wurden. Napoleon sagte am Neujahrs- 
tage 1869 zu Türr, es sei wünschenswert, daß zwisdien Oester- 
reich, Italien und Frankreich der Dreibund geschlossen werden 
könne ^ Ollivier erzählt in seiner Schrift „Kirche und Staat 
auf dem politisdien Konzil", daß sich tatsächlich in diesem Jahre 

1) Busch .Die Beziehungen FYankreidis zu Oesterreich und Italien 
zwischen den Kriegen 1866 und 1870-71" Seite 11. VergleiAe auch Prof. Dr. 
Ottokar Weber: „Oesterreich, Preußen und die Deufsdien in Oesterreich." 

2) „Kaiser Wilhelm und die Begründung des Reichs" Seite 209. 

3) Siehe Wertheimer „Graf Julius Andrässy" I. Bd. Seite 485; Türr an 
Andrässy (Grfl. Andrässysdies Ardiiv). 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 19 

der Kaiser von Oesterreidi und der König von Italien verpflichtet 
hätten, dem Kaiser Napoleon in dem Falle eines Krieges gegen 
Preußen beizustehend Vor. aber auch nach der von Andrässy 
in heftigen Kämpfen^ erzwungenen Neutralitätserklärung der 
österreichisch-ungarischen Monarchie setzen Beust und die öster^ 
reichische Militärpartei ihre Intrigen im Interesse einer Allianz 
mit Frankreich fort. Erzherzog Albrecht fährt nach Paris, und 
am 18. Mai findet in den Tuilerien eine Konferenz statt, in 
welcher auf Grupd der Vorschläge des Erzherzogs Albrecht eine 
gemeinschaftliche Aktion Frankreichs und Oesterreichs zur „Nieder^ 
Haltung der ehrgeizigen preußischen Bestrebungen* besprochen 
wurde. Aus dieser Konferenz wurde General Lebrun nach Wien 
entsendet, um in weitere Besprechungen über den „Kriegsplan" 
einzutreten^. Am 14. Juni erschien General Lebrun bei Kaiser 
Franz Josef in Audienz, der nicht begeistert von der Idee des 
Erzherzogs Albrecht, diesen wohl nicht desavouierte, seine Bünd^ 
nispflichten aber sehr verklausulierte und speziell betonte, daß 
er den Frieden wolle und sich nur dann zum Krieg entschließe, 
wenn er hiezu gezwungen werde. Am 20. Juli ging eine ver*- 
trauliche Depesche des Herrn von Beust an den Fürsten Metter-* 
nich nach Paris (sie wurde im „Temps" am 9. April 1874 ver- 
öffentlicht), in welcher betont wird, Oesterreich-Ungarn werde 
getreulich den Verpflichtungen nachkommen, wie sie in dem zu 
Ende des vorigen Jahres zwischen den beiden Souveränen aus- 
getauschten Schreiben festgestellt sind: „wir werden die Sache 
Frankreichs wie die unsere betrachten und in den Grenzen des 
Möglichen zum Erfolge seiner Waffen mitwirken". Beust ließ 
auch die offiziöse „Reform" in Pest und die „Wehrzeitung" in 
^en für die Allianz mit Frankreich eintreten. In Ungarn hatte 
die Politik Beusts keine Freunde. Der Sachsenführer Guido von 
Bausznern ließ am 26. Juli eine Flugschrift erscheinen „Mahn- 
ruf an Ungarn", in welcher es heißt: „Falls die deutschen Heere 
von napoleonischen Prätorianern besiegt werden sollten, müssen 
wir unsere vorläufige Neutralität aufgeben und zu Gunsten des 
tötlich gefährdeten Deutschlands dem siegreichen französischen 
Imperator entgegentreten"*. Diese Intrigen des Herrn von 



1) Darauf bezieht sidi die angeblidie Aeußerung König Viktor Ema" 
nuels zu Kaiser Wilhelm bei der Entrevue in Berlin (23. September 1873): 
„Idi muß Ew. Majestät gestehen, daß idi im Jahre 1870 auf dem Punkte 
gestanden bin, gegen Sie die Waffen zu ergreifenl" 

2) Hierüber Ausführlidies in Wertheimers „Graf Julius Andrässy" Bd. I, 
Seite 443 u. ff. 

3) Lebrun „Erinnerungen" (Uebersetzt von O. von Busse) Seite 60 ff. 
4 Wegen dieser Flugsdirift legte Bausznern nadi einer am 8. August 

erfolgten amtlidien „Verwarnung" seine Charge als Landwehroffizier nieder. 



20 I^ie Dreibund-Staaten bis 1879 

Beust wurden übrigens nodi während des Krieges (Beust war 
bereits zurud(getreten und saß als Bofsdiafter in London) vor 
der Commission d'enquöte parlementaire in Versailles am 14. 
Dezember 1871 erörtert, als der Präsident den Marschall Lebceuf 
nadi Einzelheiten über die Reise des Erzherzogs Albrecht fragte. 
Marschall Lebceuf erklärte, er glaube nidit, daß während seines 
Aufenthaltes in Paris Unterhandlungen stattgefunden haben, wo- 
gegen Graf Daru feststellte: „Idi war damals in der Regierung; 
es ist nidit riditig, daß zu jener Zeit keine Unterhandlung an- 
geknüpft worden wäre" ^ Dann ersdiien auch das Enthüllungs- 
schreiben des letzten französischen Ministers des Aeußern aus 
der Zeit des zweiten Kaiserreiches, des Herzogs von Gramont 
und Graf Julius Andrässy mußte sidi aus dem von Beust hinter- 
lassenen Geheimdossier, aus dessen Korrespondenz mit Gramont 
Mettemich und Vitztum überzeugen, daß die gegen seinen Vor- 
gänger erhobenen Anschuldigungen den Tafsadien entsprachen ^ 
Interessant ist, daß, während Beust auch nach der Neutralitäts- 
erklärung sich noch an den Gedanken einer Allianz mit Frank- 
reich klammerte, der österreichisdie Gesandte in München Baron 
Brud( dem Fürsten Hohenlohe versicherte, daß man in Wien 
den hödisten Wert auf gute Beziehungen zu Deutschland lege 
und ihn bat, seine Stellung in Berlin dahin auszunützen, um 
dieser Ueberzeugung in Berlin Eingang zu verschaffen. 

Auch in Rom fand die Frage der Neutralität keine glatte 
Erledigung. Schon 1867 hatte Bismard( dem Legafionsrat von 
Bernhard! gegenüber^ sich sehr unzufrieden über Italiens Stellung 
(seif dem Sturze Ricasolis) ausgesprochen, und auch Bernhard! 
bemerkte, daß dem Ministerium Ratazzi und überhaupt der 
piemontesischen Koterie nicht zu trauen sei. Bismarck fügte 
hinzu: »Italien wäre unser natürlidier Verbündeter, aber je 
mehr Italien sidi zu Frankreich neigt, desto entschiedener drängt 
die Macht der Umstände auf ein Bündnis der drei Ostmächte". 
Im Jahre 1870 hatte die Annäherung Italiens an Frankreich noch 
weitere Fortsciiritte gemacht. Viktor Emanuel glaubte an einen 
Sieg Frankreichs und wollte Napoleon beistehend Auch Vis- 
conti Venosta, der Minister des Auswärtigen, nahm für Frank- 

1) Siehe Ondien: Das Deutsdie Reidi im Jahre 1872, IL Heft, Seite 44 
und „Enquete parlementaire sur les actes du gouvernement de la defense 
nationale" Bd. I, Seite 112. 

2) Eduard v. Wertheimer: „Gf. Andrässy und Gf. Beust" Wiener Neue 
Freie Presse 23. XIL 1910. 

8) Siehe Bernhard! Band VII, Seite 375 ff. 

4 Zwischen Viktor Emanuel und Napoleon herrsdite ein intimes Ver-^ 
hältnis. Audi mit Mac Mahon verbanden den König noch später herzlidie 
Beziehungen, so daß der Marsdiall nach der Meldung des Kabinetis vom 
24. Mai 1873 zum Herzog von Broglie sagen konnte: „Idi werde Viktor 



Die Dreibund'Staaten bis 1879 21 

reich Stellung, nur Quinfino Sella redete energisch der Neu- 
tralität das Wort. Joseph Schuhmann erzählt in der von ihm 
verfaßten Biographie dieses Staatsmannes^ ein interessantes 
Gespräch, das der König mit seinem Minister führte, als dieser 
zur bewaffneten Intervention für Frankreich drängte. 

Der König: „Ich begreife, daß man zum Rriegführen Mut 
braucht" I 

Sella: „Ja, aber um Ew. Majestät zu widerstehen, braucht 
man mehr Mut als zur Kriegführung". 

Der König: Man sieht, daß Sie von Tuchhändlern ab- 
stammen". 

Sella: „Ja Majestät, aber von Tuchhändlern, die immer 
ihre Unterschrift in Ehren gehalten haben, während Ew. Majestät 
diesmal einen Wechsel ausstellen werden, den Sie nicht sicher 
sind, honorieren zu können." 

Ehe der preußische Minister Brassier de Saint-Simon am 
24. Juli abreiste, nahm er die Versicherung Seilas mit, er werde 
bis zuletzt die Politik der Neutralität verfechten und lieber aus 
dem Ministerium scheiden, als einem Kriege gegen Deutschland 
zustimmen. Und tatsächlich: als am 30. Juli sich die Mehrheit 
des Ministerrates für ein bewaffnetes Eingreifen Italiens zu 
Gunsten Frankreichs aussprach, verhinderte Sella durch die An- 
drohung seiner Demission die Durchführung dieses Beschlusses. 
Hansen erzählt auch, daß direkte Verhandlungen zwischen Franz 
Josef und Viktor Emanuel eingeleitet wurden: seit 1855 die erste 
persönliche Annäherung dieser beiden Monarchen. Im Jahre 
1855 verlor nämlich Viktor Emanuel seine Mutter und seine 
Gemahlin, beide Habsburger Prinzessinnen, durch den Tod, und 
so hatten sich auch die verwandschaftlichen Bande zwischen 
den Häusern Habsburg-Lothringen und Savoyen gelockert, die 
übrigens in der Politik nie eine Rolle (gespielt habend Auch 
diesmal führten die Verhandlungen zu keiner Einigung, da der 
Kaiser Franz Josef die Besetzung Roms nicht zugestehen wollte. 
Die Reise des Deutschen Kronprinzen Friedrich an den italie- 
nischen Hof anläßlich der Vermählung des Prinzen Humbert von 
Savoyen mit der Prinzessin Margarete hatte eine nachhaltig 
günstige Wirkung. Bonghis Erklärung, bei einer monarchistischen 
Restauration Italiens könne Italiens Verbündeter nur der von 
1866 sein, fand allgemeinen Anklang. Der Reise des Kron- 



Emanuel sdireiben, er Icennt midi, wir haben zusammen gekämpft — was 
idi ihm sagen werde, wird er glauben" („La Mission de M. de Gontaut- 
Biron ä Berlin" par le Duc de Broglie Seite 147). 

1) „Unsere Zeit" 1889. IL Band, Seite 338. 

2) Siehe Siegmund Hahn „Viktor Emanuel" in „Unsere Zeit" XIV. Band L, 
Seite 568. 



22 Die Dreibund-Staaten bis 1879 

prinzen ging ein vertaulidier Schriftwechsel zwischen den beiden 
Kabinetten voraus, und am 13. April (1868) richtete Bismarck 
an den Kronprinzen ein längeres M6moire über die politischen 
Beziehungen zu Italien, in weldiem er sich eingehend über den 
General La Marmora und dessen Machenschaften äußerte. Ein 
Jahr vorher hatte Bismarck den Anunziatenorden erhalten und 
in seinem Dankschreiben an Viktor Emanuel betont, er habe 
die Ueberzeugung, seinem Vaterlande gut zu dienen, indem er 
seine Anstrengungen der Befestigung eines Bündnisses widme, 
dessen Zukunft durch die Gemeinsamkeit der Interessen der 
beiden Nationen und durch die Erinnerung an die Proben ver- 
bürgt sei, die es bestanden und der Ergebnisse, die es im Laufe 
des letzten Jahres hervorgebracht hat. Die Wahl von Thiers, des 
großen Gegners der italienischen Einheit, zum Präsidenten und 
die royalistisdi-klerikale Mehrheit der gesetzgebenden Ver- 
sammlung \ sowie die Entsendung des Kriegsschiffes „Orönoque*" 
vor Civita-Vecchia und die eigentümliche Haltung Frankreichs 
beim Einweihungsfeste der neuen Alpenbahn Ober den Mont 
Cenis verstimmten in Italien ^ 

Die Situation änderte sidi übrigens sofort mit den Siegen 
der deutschen Waffen und mit dem Sturze des Grafen Beust^ 
Graf Julius Andrässy fand eine schwierige Situation vor. Als 
er im November 1871 in das Ministerpalais auf dem Wiener 
Ballplatz einzog, war der alte Kaiserstaat vollständig isoliert. 
Zu Bismarck hatte Andrässy schon als ungarischer Minister- 
präsident freundschaftliche Beziehungen. Graf Andrässy hatte 
sich (1868) an Bismarck mit der Bitte gewendet, gegen die vom 
rumänischen Ministerpräsidenten Bratiano unter den ungarlän- 
dischen Rumänen geschürten Wühlereien zu intervenieren. Und 
Bismarck erteilte tatsächlich dem preußisciien Generalkonsul in 
Bukarest, Grafen Kayserling, einen diesbezüglichen Auftrag*. 
Daß ein gutes Einvernehmen zwisciien Bismarck und Andrässy 



1) Jules Ferrv sdirieb im Vorwort zu dem 1892 ersdiienenen Budie 
N. Faucons .La Tunisie avant et depuis i'occupation fran^aise": „Vous 
n'öterez pas de la cervelle de beaucoup d'Italiens qui ne sont point des 
sots, que la France r^publicaine et anticlericale, la France des lois scolaire» 
et des decrets, nourrit le secret dessein de r^tablir le pouvoir temporel 
du Pape". 

^ Ueber die Haltung Italiens während des Feldzuges 70/71 siehe Bis^ 
marcks „Gedanken und Erinnerungen" Band II, Seite 103. 

^ Beust ging nadi London und von dort nadi Paris, nadidem Bismarck 
auf eine Anfrage Andrässys erklärt hatte, daß „das persönlidie Vertrauen, 
weldies uns verbindet durdi diese Personalien nidit berührt werde". 

*) Näheres hierüber: Eduard v. Wertheimer „Graf Julius Andrässy", 
Band I, Seite 455 und „Aus dem Leben König Karls von Rumänien", 
Band I, Seite 307. 



J 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 23 

schon vor der Ernennung des Letzteren zum Minister des Aus- 
wärtigen geherrscht hatte, beweist die Tatsache, daß Andrässy, 
als ihm gemeldet wurde, preußische Emissäre zögen in Ungarn 
umher, um Ungarn zu revolutionieren, den außerdiplomatischen 
Weg wählte, Bismard( um Aufklärung anzugehen. Er ersudite 
den Grafen Scherr-Thosz, der nach Berlin fuhr, um sich bei 
Bismard( für dessen erfolgreiche Intervention (gelegentlich der 
Verhaftung des Grafen im August 1866) zu bedanken, an Bis- 
marck eine diesbezügliche Anfrage zu riditen. Bismard( ließ 
Andrässy klipp und klar sagen: „Ich zahle unter Ehrenwort 
tausend Dukaten für jeden Agenten, der sich als von mir ge- 
schickt erweist; ich habe nicht nur selbst keine agents provo- 
cateurs nach Ungarn geschickt, sondern ich habe sogar der 
rumänischen Regierung mit der sofortigen Abberufung unseres 
Gesandten gedroht, wenn niciit binnen vierzehn Tagen die 
rumänische Agitation in Ungarn aufhöre". 

Der Weg zur Verständigung mit Oesterreich war freigelegt. 
Hatte Bismarck schon am 14. Dezember 1870 (bei der Anzeige 
der Neugestaltung der Dinge im Deutschen Reiche) in einer 
an das Wiener Auswärtige Amt gerichteten Note den Wunsch 
eines „freundschaftlichen Verhältnisses zu Oesterreich" ausge- 
drückt, so kam ihm jetzt Andrässy auf halbem Wege entgegen. 
Die erste Etappe war die Dreikaiserzusammenkunft in Berlin 
(1872). Am 5. September trafen Kaiser Alexander II. von Ruß- 
land mit Gortschakow und am darauffolgenden Tage Kaiser 
und König Franz Josef I. von Oesterreich-Ungarn mit Andrässy 
in Berlin ein. »Die bloße Tatsache dieser Zusammenkunft wird 
überall als ein den Frieden verbürgender Absciiluß der bis- 
herigen großen Ereignisse angesehen werden," sagte Bismarck 
in diesen Tagen zu der Deputation der Stadt Berlin, die ihm 
das Diplom eines Ehrenbürgers überreichte. Und der belgische 
Staatsminister Ad. Deciiamps^ faßt sein Urteil über diese 
Entrevue in den Worten zusammen : „Das neue deutsche Reich, 
durcii seine furchtbare Armee verteidigt, durch die italienische 
Allianz und die offizielle Freundschaft Oesterreichs und Ruß- 
lands unterstützt, zwingt Frankreich, sich in sein Schicksal zu 
ergeben ^ und Frieden zu halten". Das Einvernehmen zwischen 
HohenzoUem und Habsburg ist hergestellt (wie in den Zeiten 
Kaiser Franzens und Metternichs — d'agir de confert avec la 
Prusse et la Russie) und zeitigt die besten Früchte für den 
Weltfrieden, wenn aucii Gortsciiakow in seiner Eitelkeit gering- 



1) Dediamps „Die Dreikaiserzusammenkunft in Berlin". Seite 14. 
^ John Lemoinne spridit im „Journal des D6bats" von einer Isolierung 
Frankreidis. 



24 Die Dreibund-Staaten bis 1879 

sdiätzig betonte, in Berlin sei nichts „geschrieben" worden ^ 
Die wenn auch nur mündlich getroffenen Vereinbarungen nehmen 
der Orientfrage, die bald darauf aktuell wurde, ihren den euro- 
päischen Frieden bedrohenden Charakter. Napoleon der Dritte 
hatte diese Frage mit dem Streite um den Schlüssel der Kirche 
zu Bethlehem heraufbeschworen, aber die Zeiten der Tripel- 
Allianz zwisdien England, Frankreich und Rußland waren vor- 
über, die in Boulogne und Osbom mit Prinz Albert, dem Ge- 
mahl der Königin Viktoria getroffenen Abmachungen^ waren 
vergessen und der russisch-türkische Krieg blieb auf die Balkan- 
halbinsel beschränkt. Kaiser Wilhelm machte 1873 in Peters- 
burg seinen Gegenbesuch. Und Zar Alexander der Zweite sagte 
im Dezember 1875 auf dem Skt. Georgsbankette: „Ich bin glück- 
lich, bestätigen zu können, daß das innige Bündnis zwischen 
unseren drei Reiciien und unseren drei Armeen, das von 
unseren erhabenen Vorgängern zur Verteidigung derselben Sache 
geschlossen worden, zur Stunde unerschüttert fortbesteht** 1 

Interessant ist, daß just in den Tagen der Dreikaiserzu- 
sammenkunft ein österreichischer Publizist, Moriz Szeps, den Ge- 
danken des Dreibundes, wie er heute besteht journalistisch 
verfocht. Der Berliner Entrevue war am 28. Mai ein Besuch 
des italienischen Kronprinzen Humbert und seiner Gemahlin 
bei dem Kronprinzen Friedrich Wilhelm vorangegangen. Der 
freundliche Empfang, der den hohen Gästen zuteil ge- 
worden, fand in der italienischen Presse ein lebhaftes Echo. 
„Diritto" schrieb u. a.: „Italien und Deutschland werden immer 
vereint sein, weil ihnen dieselben Kämpfe bevor- und dieselben 
Feinde gegenüberstehen". Sofort schleuderte der Vatikan seinen 
Bannsfrahl gegen die Verbindung Italiens mit Deutschland. Als 
Papst Pius IX. am Tage der Jahreswende seiner Stuhlbesteigung 
(16. Juni) die Damen der pia unione delle donne cattoliche 
empfing, verdammte er die Tedeschi und schloß seine Rede 
mit den Worten: „Das Band der Einigung für gewisse Nationen 
ist heute der Haß gegen Gott und seinen Christus". Und da- 
mals schrieb Moriz Szeps im „Neuen Wiener Tagblatt", das 
zu dieser Zeit rege Beziehungen zum Wiener Ballplatz hatte: 
„Die Begegnungen von Ischl und Salzburg im vorigen Jahre 

bildeten einen Wendepunkt für Oesterreichs Politik 

Die Erkenntnis der gemeinschaftlichen Interessen hat zuerst 



Uebrigens erlclärte audi Bismarck am 19. Februar 1878 im Reidis- 
tage: „Das Dreilcaiserverhältnis, wenn man es so nennen will, während 
man es gewöhnlidi Bündnis nennt, beruht überhaupt nidit auf gesdiriebenen 

Verpfliditungen " Vergleidie audi Kapitel V. : „Mon Ambassade en 

AUemagne" Vicomte de Gontaut-Biron. 

^) Siehe Martin „Leben des Prinzen Albert", IIL Band. 






Die Dreibund-Staaten bis 1879 25 

die Völker und dann die Kabinette zu einander geführt. 
Rücken an Rücken gelehnt und durch Italien gegen einen 
Flankenstoß vom Süden her gedeckt repräsentieren Deutsch- 
land und Oesterreich eine formidable Macht, die im Be- 
wußtsein ihrer Mittel im Stande ist dem Weltteil den Frieden 
zu erhalten und allen Revanche- und Eroberungsgelüsten 
Schranken zu setzen . . . Das Einverständnis der Kabinette von 
VRen und Berlin mit dem von Rom legt endlich gewissen Re- 
staurationsgelüsten fanatischer Klerikalen in der allerwirksam- 

sten Weise Zügel an Die dreifaltige Allianz Deutschlands, 

Oesterreichs und Italiens wendet ihre Spitze unzweifelhaft in ge- 
wissem Sinne gegen den Vatikan, wenn auch Graf Andrässy 
in dieser Riditung dem Fürsten Bismarck und dem Signor Vis- 
conti-Venosta gewiß nicht den Vorsprung abzugewinnen sudit 
Der Zustand der Notwehr, in die das Auftreten der Jesuiten- 
partei im Konzil sowie in der Kirche überhaupt alle weltlichen 
Regierungen versetzt hat bildet ein festes Band, das die Kabi- 
nette von Wien und Berlin und Rom umschlingen muß". Also 
geschrieben 1872, elf Jahre vor Abschluß des Dreibundes! 

In der öffentlidien Meinung Italiens trat nadi dem Siege 
der deutschen Waffen ein vollständiger Umsdiwung ein. Die 
italienisdie Presse nahm in ihrer großen Majorität für Deutsch- 
land Stellung (speziell Mazzini im Journal „La Roma del po- 
polo" O- In Paris ward man sich dieses Umschwunges bald 
bewußt und Bischof Dupanloup von Orleans warnte die fran- 
zösische Politik vor einer Allianz Italiens mit Deutschland. 
Und am 28. November 1872 betonte Visconti Venosta: „Auch 
gemeinsame Feinde verbinden uns mit Deutschland**. Am 10. 
März 1873 konnte Bismarck in der Sitzung des Herrenhauses 
des preußischen Landtages von einer „glücklicher Weise jetzt 
überwundenen Verstimmung zwischen der italienischen und der 
deutschen Politik" sprechen. Er äußerte sich sehr freimütig 
über die Haltung Italiens während des Krieges: „Jedem, der 
mit uns in Frankreich gewesen ist ist bekannt daß unsere 
sonst naturgemäß guten Verhältnisse zu Italien während des 
ganzen Krieges, ich will nicht sagen einer Trübung, aber doch 
einer Verstimmung unterlagen — — die bis zum Schlüsse des 
Friedens blieb. Es war die ganze Haltung von Italien, in 
welcher nach unserer Ansicht die Liebe zu den Franzosen 
stärker war, als das eigene Interesse des Landes; sonst hätte 
Italien mit uns seine Unabhängigkeit gegen Frankreich ver- 
teidigen müssen. Es war das eine sehr auffallende Erscheinung 



1) Siehe Wollheim da Fonseca „Neue Indislcretionen" (Berlin 1884) 
I. Teil, Seite 511. 



26 I>ie Dreibimd'Staaten Ims 1829 

fQr uns, und es entstanden Zweifel, welche von den versdiiede- 
nen Einflössen für die Regierung Italiens die mafigebenden 
bleiben würden. Es war nur eine Tatsache, daß uns unter 
Garibaldi italienisdie Streitkräfte gegenüber standen, deren 
Abmarsch aus Italien, wie wir glaubten, mit mehr Nachdrudi 
hätte verhindert werden können' ^ Kurz darauf sprach sich 
Visconti Venosta (noch unter Sella-Lanza) dahin aus, es wäre 
strafbar, suchte Italien nicht die besten Beziehungen zu Deutsch- 
land zu unterhalten. Die Besserung in den Beziehungen 
trat auch in Aeußerlichkeiten in Erscheinung: dem Prinzen 
Friedrich Karl wurde in Rom vom Publikum als dem Sieger 
von Sadowa eine begeisterte Ovation im Theater bereitet und 
in Berlin wurde der italienische Kronprinz und dessen Gemahlin 
mit demonstrativer Herzlichkeit empfangen. Auch die sich an 
die «Enthüllungen" La Marmoras' knüpfenden Elrörterungen 
änderten daran nichts. Die Erregung verflüdifigte sich rasch. Auch 
in den Parlamenten Berlin und Rom war die Angelegenheit in 
je einer Sitzung erledigt In Berlin, am 16. Januar 1874 in der 
Sitzung des Hauses der Abgeordneten des preußischen Land- 
tages, in welcher Bismarck in Beantwortung einer Anfrage 
Maliinckrodts die gebührende Antwort erteilte; in Rom am 3. 
Februar, an welchem Tage der Abgeordnete Nicotera die An- 
frage an die Regierung richtete, ob der La Marmora-Skandal 
die guten Beziehungen zwischen Deutschland und Italien nidit 
gestört habe und Visconti Venosta eine Bismarck so sehr be- 
friedigende Antwort gab, daß dieser de Launay den Auftrag er- 
teilte, dem italienischen Kollegen seinen Dank zu verdolmetschen. 
Die Reise des Königs Viktor Emanuel an die Höfe von 
Wien und Berlin (1873; nodi eingeleitet vom Ministerium Sella- 
Lanza und durchgeführt vom Kabinett Minghetti) nennt Oncken 
mit Redit die Vorboten des DreimäditebOndnis, dem beizutreten 
König Humbert vorbehalten war. In Wen wurde dem König 
ein glänzender Empfang bereitet und es machte in Italien sehr 
tiefen Eindruck, daß just am 20. September, am Tage des Ein- 



1; Siehe audi die Rede Bistnarcks am 24. April desselben Jahres im 
Herrenhause. 

3) „Un po piu di luce sugli eventi politici e militari dell anno 1866", 
Florenz 1873, erster Band — ein zweiter ist nidit erschienen. Siehe auch 
die deutsdie Flugsdirift, die die »»Enthüllungen" La Marmoras veranlaßte 
»»Der General und La Marmora die preußische Allianz" (Leipzig 1866}, Otto 
Speyer „Das Königreidi Italien von Ende 1872 bis auf die Gegenwart" 
(„Unsere Zeit" XIV. Jahrgang, IL Band, Seite 17), die knapp vor seinem 
Ableben veröffentlidite Verteidigungssdirift La Marmoras : „II segreti di stato 
nel governo constituzionale, pel generale Alfonso La Marmora" (Florenz 
1877) und die sdion 1868 ersdiienene Flugsdirift des Advokaten Francesco 
De Vincenti „La nota Usedom". 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 27 

zugs der Italiener in Rom, zu Ehren des Gastes eine feierliche 
Truppenrevue veranstaltet wurde \ Besonders festlich war auch 
der Empfang des Königs Viktor Emanuel in Berlin ^. Die „Pro^ 
vinzial-Korrespondenz" widmete dem hohen Gaste die folgenden 
Zeilen: „König Viktor Emanuel weilt als Gast am Hofe des 
Kaisers; der Empfang aber, der ihm bei uns bereitet worden, 
wird ihn haben empfinden lassen, daß er zugleich der will- 
kommene Gast unseres Volkes ist und daß die Beweggründe, 
Gedanken und Ziele, die ihn gerade jetzt nach Deutschland 
fuhren, im deutschen Volke ebenso wie auf Seiten unserer 
Regierung vollkommen gewürdigt werden/' Der freundliche 
Empfang, den Viktor Emanuel in \AAen und Berlin gefunden, 
löst in Rom und Venedig Kundgebungen vor den Palais der 
Vertreter Oesterreidi-Ungams und Deutschlands aus. 

Am 18. Januar 1874 schrieb Bismarck an Arnim in Paris: 
,Jn einem Konflikt zwisdien Italien und Frankreidi könnten wir 
uns der Notwendigkeit nicht entziehen, Italien beizustehen". 
Der Staatsstreidi vom 16. Mai 1875, der Broglie ans Ruder 
bradite, hat den Anschluß Italiens an Deutschland nur gefördert. 
Am 5. April 1875 findet eine Entrevue Franz Josefs des Ersten 
mit dem König von Italien in Venedig statt. Diese Reise und 
das Bestreben, eine Versöhnung mit dem jungen Königreiche 
herbeizuführen, ist wohl dem Einfluß der Gemahlin Kaiser 
Ferdinands, der Kaiserin Maria Anna zuzuschreiben, der diese 
Aussöhnung als einer savoyischen Prinzessin wohl ganz be- 
sonders am Herzen lag. Daß gerade Venedig als Zusammen- 
kunftsori gewählt wurde, trotzdem dort am 20. März eine im- 
posante Nationalfeier zur Enthüllung des Manin-Denkmals statt- 
gefunden, war der ureigene Entschluß Franz Josefs ^ Wenige 
Monate später erfolgte der Besuch des Kaisers \A^Ihelm in 
Mailand ^ Einige Tage vorher hatte der Gemeinderat dieser 

^) Die österreidiisdie Regierung ließ das Iderilcale „Vaterland", weldies 
am Tage des Einzugs des hohen Gastes in Wien mit breitem Trauerrand 
erschien, konfiszieren und das von den Klerikalen beabsiditigte Seelenamt 
für die am 20. September 1870 gefallenen päpstlidien Soldaten verbieten. 

^ Vergleidie audi Vicomte de Gontaut-Biron „Mon Ambassade en 
Allemagne", Seite 397. 

^ „Oesterreidi seit der Katastrophe Hohenwart-Beust", von Walter 
Rogge, II. Band, Seite 3. 

^) Der Besudi war sdion für das Frühjahr geplant, dodi mußte er 
wegen eines Unwohlseins des Kaisers versdioben werden, wovon Kaiser 
Wilhelm den König von Italien in einem eigenhändigen, von Keudell 
überreiditen Sdireiben verständigte, in weldiem er zugleidi den Besudi 
seines Sohnes ankündigte. Als dann im Oktober der Kaiser selbst kam, 
begrüßte ihn die „Opinione" mit folgenden Worten : „Indem der ehrwürdige 
Monardi in Mailand dem König Viktor Emanuel die Hand drückt, bestätigt 
er den Bund der staatlidien Gewalten gegen die Reaktion, die vom Vatikan 



28 Die Dreibund-Staaten bis 1879 

Stadt eine Tagesordnung angenommen, in welcher es heißt 
der Gemeinderat schätze sich glücklich, daß der erste Deutsche 
Kaiser nach Mailand kommt um dem ersten König von Italien 
die Hand zu drücken. Es wurden grandiose Festlichkeiten ver- 
anstaltet und Kaiser Wilhelm verabschiedete sich vom König 
von Italien mit den Worten: „Möchten wir und unsere Söhne 
nach uns stets Freunde bleiben". Kaiser Wilhelm erhob einen 
Monat später seine Gesandschaft in Rom zum Range einer 
Botsdiaft, während im nächsten Jahre die Legationen Italiens 
in Wien und Oesterreichs in Rom in Botschaften umgewandelt 
wurden. Im Oktober 1877 weilte Crispi in Wien und in Buda- 
pest Hier hatte er eine Unterredung mit Andrässy und mit 
dem ungarischen Ministerpräsidenten Tisza, die beide die „Not- 
wendigkeit" betonten, jetzt „Freunde zu bleiben"; „eine Politik 
der Feindschaft gegen Sie widerspricht unseren Interessen", 
sagte Andrässy und setzte hinzu: „Solange ich Minister bin, 
werde ich nicht davon abgehen." Bismarck arbeitete unentwegt 
an der Herstellung eines alle Mißverständnisse beseitigenden 
Einvernehmens zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien. Wie 
schwierig dieses Werk gewesen, dessen wird man sich bewußt 
wenn man Crispis Memoiren liest Wohl tauchte schon 1873 
„le d6sir d'une entente intime" aut doch verschlechterten sich 
1876^ (trotz der Entrevue von Venedig) die Verhältnisse derart, 
daß der italienische Vertreter am Wiener Hofe den Wunsch hatte, 
auf längeren Urlaub zu gehen. Im August des nächsten Jahres 
forderte Depretis^ Crispi, der die Mission übernahm, „bei den 
Regierungen der Mächte den im italienischen bürgerlichen Ge- 
setzbuche sanktionierten liberalen Prinzipien auch in den be- 
treffenden Legislationen Geltung zu verschaffen", aut bei Ge- 
legenheit dieser Auslandsreise eine „besondere Vertrauensmission 
bei Sr. Majestät dem deutschen Kaiser zu übernehmen: die 



ausgeht ... Es gibt keinen Mittelweg: entweder mit den Klerikalen oder 
mit dem Staate, entweder Allianz mit dem Vatikan oder mit dem Deutsdien 
Reidie." Gegen die Entrevue in Mailand wurde eine klerikale Demonstra* 
tion veranstaltet, arrangiert von der „Gesellsdiaft der katholisdien Jugend" 
am 700. Jahrestage der Schladit bei Legnano (29. Mai) in Rom, in Mailand 
und in Legnano selbst. 

1) Mit dem Kabinett Melegari-Nicotera war Bismarck nidit zufrieden 
und Anfang Herbst ließ der Kanzler die italienisdie Regierung durdi Keudell 
warnen, die Agitation, weldie die Annexion des Trentino und Triests sidi 
zur Aufgabe gestellt hatte, nidit zu begünstigen. Siehe „Graf Andrässy 
auf der Anklagebank der Delegationen" (Mündien 1878), Seite 47. 

^) Die erste Handlung Depretis' war die Rüd(berufung Nigras aus 
Paris, der wiederholt seiner franzosenfreundlidien Haltung Ausdrud( gegeben. 
Siehe Otto Speyer; „Das Königreich Italien von Ende 1872 bis auf die 
Gegenwart". (Unsere Zeit" XIV. Jahrgang, Band II, Seite 780.) 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 29 

freundsdiaftlidien Beziehungen zwischen Italien und Deutsdi" 
land noch enger zu knüpfen" K Crispi hatte am 17. September 
im Hotel Straubinger zu Gastein eine längere Unterredung mit 
Bismarck^ der erklärte: »Wir wünschen, Sie würden Oester- 
reichs Freunde" und betonte: „Nein, ich will weder die bos- 
nische Frage und noch viel weniger die Ihrer Ostgrenzen be- 
rühren lassen wir sie jetzt, ich möchte nichts berühren, 

was dem Grafen Andrässy mißfallen könnte, denn ich will ihn 
mir als Freund bewahren". Am 24. September, gelegentlich 
einer neuerlichen Unterredung ward Bismarck noch deutlicher: 
„Idi sagte Ihnen, daß idi betreffs Frankreichs bereit bin zu ver- 
handeln, betreffs Oesterreichs nicht ... Es ist wichtig für uns, 
dies Reich zum Freunde zu haben .... Ich habe mit Andrässy 
gesprodien und ihm gesagt, daß Sie bei mir gewesen waren, 
und daß die italienische Regierung in guter Freundschaft mit 
Oesterreich leben möchte. Er freute sich 'darüber und trug mir 
auf, Sie zu grüßen". Crispi geht nach Wien und erhält von 
Depretis folgende Instruktionen: „Italien braucht Frieden und 
wird alle Anstrengungen machen, um die guten Beziehungen 
zu Oesterreidi-Ungarn aufrechtzuhalten, aber wir werden nicht 
im Stande sein, die öffentlidie Meinung in Italien angesichts 
einer Vergrößerung Oesterreichs zu beherrschen, ohne Kompen- 
sationen für uns". Es wurden wohl weder in Berlin nodi in 
Wien feste Vereinbarungen* getroffen (vornehmlich behinderte 
soldie die nicht erledigte Balkanfrage), doch war der Weg zur 
Verständigung angebahnt. Der tunesische Handel zerriß das 
Band zwisdien Italien und Frankreich für immer, und auch der 
ursprünglich zu Frankreidi hinneigende Minister Cairöli mußte 
sich überzeugen, daß der Ansdiluß an- die „konservativen Zentral- 
mächte" geboten war. Das italienisdie Volk, speziell Rom, 
begeisterte sich bald für eine deufsdifreundlidie Politik. Als 
1878 der König nach der Thronrede in den Quirinal zurüd(- 



1) Damals prägte Crispi das Wort von dem „Vertrauen zwischen den 
Deutschen und den Sadisen der romanisdien Rasse". 

2) Crispis „Memoiren", Seite 29—33 und Seite 59. Der Besuch Crispis 
bei Bismard( war durdi den preußischen Landtagspräsidenten Bennigsen 
vorbereitet worden, der im Frühjahr in Italien geweilt und dort mit den 
Mitgliedern der Regierung und anderen Politikern mehrfache Unterredungen 
gehabt hatte. 

3) Crispi war von dem Ergebnis seiner Reisen sehr befriedigt. Vor 
seiner Abreise aus Deutschland richtete er an den bei den Manövern am 
Rhein weilenden Kaiser Wilhelm eine Depesdie mit dem „herzlidisten 
Danke für die von einer Elite des Deutsdien Volkes gegebenen Beweise 
der Sympathien für Italien". Und schon setzen in Rom Zeitungsgerüdite 
über den Absdiluß eines Bündnisses ein; speziell „Voce della Verita" will 
sogar eine Absdirift des Aktenstückes gesehen haben. 



30 r)ie Dreibund-Staaten bis 1879 

kehrte und der Jubel des Volkes ihn immer wieder auf den 
Balkon rief, nahm der neben ihm stehende Kronprinz des 
Deutschen Reiches den achtjährigen Prinzen von Neapel auf die 
Arme, zeigte ihn dem Volke und küßte ihn, und donnernd ging 
über den weiten Platz der Ruf: Viva la Germania 1 Viva l'Italial 
In Oesterreich begegnete die Bündnispolitik Andrässys 
speziell in den klerikalen und slavischen Kreisen festwurzelnder 
und allgemeiner Abneigung und in den Salons des konser- 
vativen Hochadels kursierte das Witz wort: Wollte Gott, unser 
Minister des Auswärtigen wäre ein auswärtiger Minister! Die 
Rede des Fürsten Bismarck am 5. Dezember 1876 (als die 
Interpellation Riditers über den russisdien Zollukas zur Ver- 
handlung stand) fand wohl in Oesterreich besten UTiderhallS 
doch die Angriffe gegen Andrässy und die Intrigen gegen den 
einstigen Revolutionär ließen nicht nach. 1878 erschien in Leip- 
zig eine Flugschrift ^ in welcher es heißt: „Nur mit größter 
Betrübnis sehen wir Andrässy die Wege Bismarcks wandeln . . . 
Nur von einer festen Allianz zwischen Oesterreich, England und 
Frankreich wäre eine möglidist humane Lösung der orientalischen 
Frage zu hoffen gewesen". Der Verfasser zielt hier auf die ge- 
meinschaftliche Reise hin, die Graf Zichy und Prinz Reuß am 
11. Mai 1877 nach Konstantinopel unternommen hatten, um auch 
nadi außen hin in eklatanter Weise die entente cordiale der 
beiden Kaisermächte in der orientalischen Frage zu dokumen- 
tieren. Mit dieser Reise des Schwiegersohnes des am Wiener 
Hofe hochgeschätzten Großherzogs von Weimar beschäftigt sich 
auch eine zweite Flugschrift^ in der u. a. folgendes zu lesen 
is: „Bismard( habe öfters auf österreichisch-ungarische Wünsdie 
Rücksicht genommen, als dies umgekehrt dem Grafen Andrässy 
möglich war und hat letzterer, gerade was die Orientpolitik be- 
trifft, die deutsche Diplomatie öfters zu Konzessionen bewogen, 
als er ihr gemacht hat." Bismarck stand treu zu Andrässy und 
trat auch Rußland gegenüber eifrig für die Österreich-ungarischen 
Interessen im Orient ein. Knapp nach dem Beginn der Un- 
ruhen auf der Balkanhalbinsel und noch vor der Kriegserklärung 
Rußlands an die Türkei sagte Bismarck zu Chlodwig Hohen- 
lohe*: „Wenn Oesterreich ganz vernichtet wird, so ist dies 
für uns kein Vorteil, da wir zwar die Deutschen annektieren 
könnten, aber nicht wissen würden, was wir mit den Slaven und 
Ungarn machen sollten. Gegen Oesterreich in den Krieg zu 

1) Wiener Abendpost vom 9. XIL: „Der Weri unserer freundsdiafüidien 
Beziehungen zu Deutsdiland wird hier lebhaft empfunden." 

2) „Graf Andrässys Politik in der orientaUsdien R*age" von I. Wimmer. 

3) „Graf Andrässy auf der Anklagebank der Delegationen" (LeoThun)* 

4) Siehe Hohenlohes „Denkwürdigkeiten" Band II, Seite 202. 



Die Dreibund-Staaten bis 1879 31 

ziehen mit Rußland, erlaubt die öffentliche Meinung in Deutsch- 
land nicht, Rußland ist für uns gefährlich, wenn Oesterreich zu- 
grunde geht, mit Oesterreich können wir Rußland in Schach 
halten". Die Begegnung Kaiser Wilhelms und Franz Josefs in 
Isdil am 9. August 1877, zeidmete sidi, wie der offizielle Tele- 
graph berichtete, durch „größte Herzlichkeit" und „aufrichtiges 
Dn vernehmen" aus, und dies fand seine Bestätigung auch in 
der Verleihung eines preußischen Ulanenregiments an den Kron- 
prinzen Rudolf. 

Das Verhältnis der beiden Mächte zu Rußland war schon 
damals kein ungetrübtes. Bereits am 3. Februar dieses Jahres 
führt Schuwalow in einem Briefe an Bismarck Klage über ge- 
wisse Verstimmungen zwischen Rußland und Deutschland, er- 
innert an die Zeit, da die ersten Grundlagen des Dreibundes im 
Jahre 1872 in Berlin gelegt wurden und präzisiert schließlich 
den „Hauptzweck unseres Bündnisses zu Zweien" darin, daß 
„Rußland niemals den Bund gegen Deutschland erlaubt, noch 
leidet, wenn dieses im Westen engagiert sein sollte und daß 
Deutschland uns die Gegenleistung im Orient gewährt". Darauf 
antwortet Bismarck von Berlin mit deutlichen Anspielungen auf 
die „kleinen Possen, die mir mein ehemaliger Freund und Vor- 
mund von Petersburg spielt" und auf die „Liebeleien desselben 
mit Paris". Noch im September 1877 trank Kaiser-König Franz Josef 
in Kassa an der Hoffafel auf das Wohl seines „freuen Freundes 
und Alliierten" Kaiser Alexanders doch alsbald traten jene 
Vorgänge auf dem Balkan ein, durch die Rußland die Interessen 



1) In Ungarn weckte dieser Trinksprudi kein freudiges Edio. Der 
offiziöse Pester Lloyd sdirieb: „Der Trinksprudi gehöre dem Kaiser von 
Oesterreidi, nidit dem König von Ungarn an". Die Erregung in Ungarn 
war so groß, daß der Abgeordnete Guido von Bausznern die Anfrage an 
den Ministerpräsidenten Tisza riditete, ob die jüngste Begegnung Andrässys 
mit Bismarck in Salzburg das bisherige Freundsdiaftsverhältnis zwisdien 
unserer Monardiie und dem Deutschen Reiche gefördert habe oder nidit, 
Koloman von Tisza antwortete: „Auf diese D'age kann idi nur soviel er- 
widern, daß auf das Verhältnis unserer Monardiie zum Deutsdien Reidie, 

wie idi glaube wenigstens von mir kann idi es sagen ein jeder, 

der die Interessen unserer Monardiie wohl erwägt großes Gewicht legen 
wird und idi kann den Herrn Abgeordneten beruhigen, daß dieses Ver- 
hältnis schon seit langem ein gutes war und auch heute ein sehr gutes 
ist." In Deutsdiland wurden diese Bestrebungen der ungarischen Politik 
entsprediend gewürdigt. Lothar Budier hatte ebenfalls zu einem ungarisdien 
Politiker von der Rafsamkeit eines engeren festeren Verhältnisses, einer 
gegenseitigen Besitzgarantie gesprodien. Allerdings betonten gerade in 
diesem Jahre die Preußisdien Jahrbüdier (Bd. 40): „das deutsdi-öster- 
reidiisdie Bündnis ist für uns nidit ohne Vorteil, den größeren Gewinn 
zieht jedodi Oesterreich daraus; wir sind es nidit die einTrentino zu ver- 
lieren haben, wir sind es nicht die an dem wUden Hader von zwanzig 
interessanten Völkerschaften kranken". 



32 I>ie Drefbimd'Staafen bis 1829 

Oeslerreichs-Ungams (und auch die Englands) im Orient ver- 
letzte. Bismarck Obemahm es, den Streitfall auszutragen. Er 
hielt in Beantwortung einer Interpellation Bennigsens am 19. 
Februar (in der Zeit zwischen dem Waffenstillstand von Adri- 
anopel und dem Frieden von Santo Stefano) ane große Rede, 

in welcher er die Einberufung einer Konferenz ankündigte 

,,der Gedanke wurde zuerst von der österreichisch-ungarischen 
Regierung vorgeschlagen, wir sind vom Hause aus, ich glaube, 
beinahe die Ersten gewesen, die bereitwillig darauf eingegangen 
sind". Rußland wurde namentlich durch englische Truppen- 
zusammenziehungen auf Malta zur Beschiciiung des Kongresses 
genötigt Der Berliner Kongreß trat am 13. Juni 1878 zusammen 
und Bismarcii (spöttisch »policeman of Europe" genannt) führte 
den Vorsitz. Der Berliner Frieden vom 13. Juli ergab eine 

Klärung aller schwebenden Fragen aber das »Dreikaiser- 

verhälfnis" war gesprengt Ein Jahr später ging Bismarck 
daran, ein Schutz- und Trutzbündnis mit Oesterreich-Ungam 
abzuschließen. 




Vom Zweibund zum Dreibund 

1879-1883 



Der Zweibund 

Vergegenwärtigen wir uns die allgemeine politische Lage 
Europas im Jahre 1879. Sie steht noch immer im Zeichen der 
Balkankrise. Wohl ist auch schon der formelle Friedensschluß 
erfolgt, der dem russisch-türkischen Kriege ein Ende macht 
doch hat die Liquidation des Berliner Vertrages mit großen 
Schwierigkeiten zu kämpfen. Die russische Armee räumt die 
Balkanhalbinsel (allerdings währt diese Räumung bis in den 
iSpätsommer), die Lage der Pforte ist trotzdem trostlos, und 
Jmmer züngeln kleine Flammen auf der Balkanhalbinsel auf« 
Rußland kann das Endergebnis des Berliner Kongresses nicht 
vergessen: den „Verrat des deutschen Reichskanzlers, der Ruß^ 
land im Stich gelassen" ^ Bismarck und Gortschakow gelten 
als persönliche Gegner ^ Die Presse Rußlands hetzt gegen 

Es sei hier au! eine in Qiaudordys .La Rrance en 1899" (Seite 253) 
publizierte Aeußerung Bismarcks zu einem französischen Diplomaten (laut 
Posdiinger »Bismarck und die Diplomaten" Seite 401 wahrscheinlich St 
Vallier) hingewiesen: »Die erste Erkaltung in unseren Beziehungen datiert 
jdus dem Jahre 1875, damals, als Gortschakow unter Beihilfe von Decaz6s 
auf -meine Kosten die Rolle eines Retters Frankreichs spielte, mich als 
feind des Friedens Europas hinsteUen und sich ein triumphierendes Quos 
«go verschaffen wollte, um mit einem Worte meine schwarzen und perfiden 
jPläne aufzuhalten und zu durchkreuzen". 

^ Bismarck konstatiert in seinen »Gedanken und Erinnerungen" (Seite 
:230), daß die »Hetzereien" des Fürsten Gortschakow 1875 begannen, als 
dieser die Lüge verbreitete, Deutschland beabsichtige Rrankreicfa, bevor 
^s sich von seinen Wunden erholt hätte, zu überfallen. Gortschakow hatte« 
^m 10. Mai 1875 in Berlin angekommen, ein Zirkular erlassen, welches mit 
4en Worten anfing: »Maintenant, la paix est assur^e". Bismarck machte 
idarob dem Fürsten »lebhafte Vorwürfe", der unter den »bitteren Invektiven" 
ziemlidi kleinlaut wurde. In demselben Jahr hat Bismardc Gortschakow 
negenüb^r auch die Worte gebraucht: »Sie behandeln uns nicht wie eine 
^befreundete Macht, sondern comme un domestique, qui ne mpnte pas 
^ssez vite, quand on a sonn^". Gegen die Ausstreuungen Gortsdiakows, 
daß Deutschland einen Angriff auf Frankreich plane, protestiert Bismardc 
auf das energischeste, auch in dem Schreiben, das er am 13. August 1875 
^us Varzin an den Kaiser richtete (Siehe Bismarck 'Jahrbudi IV, 55 ff). 
Gortschakow war bestrebt die »persönlich guten" Beziehungen Bismardu 
jxi Kaiser Alexander zu trüben, u. a. dadurch, daß »er durdi Vermittlung 
4les Generals von Werder die Ablehnung des Versprechens der Neutralität 
für den Fall eines russisch 'österreichischen Krieges von mir erpreßte 
^»Gedanken und Erinnerungen", Band II, Seite 232 und 214). 

3» 



36 I^CP Zweibund 

Deutschland und alle Blätter, die offiziösen nicht ausgenommen, 
predigen offen den Krieg gegen das Deutsche Reich: Konstan- 
tinopel könne nur auf dem Wege Ober Berlin erobert werden \ 
Rußland nähert sich immer mehr Frankreich (wo Gr^vy Mac 
Mahon ablöste). Gortschakow läßt sich in Baden-Baden von 
dem Redakteur des orleanistischen »Soleil" Louis Peyramont 
interviewen und spricht mit einer seltenen Offenheit von der 
»Feindschaft", mit der ihn der deutsche Kanzler „beehrt", sowie 
von seiner innigen Liebe zu Frankreich. Die turmhohe Freund-» 
Schaft Rußlands und Deutschlands erhält klaffende Risse und 
Kriegsminister Miljutin arbeitet offen auf eine Allianz mit 
Frankreich hin. Die russische Militärpartei bekämpfte leiden* 
schaftlich das bosnische Mandat der Donaumonarchie, wobei sie 
ganz vergaß, daß diese beiden türkischen Provinzen schon 
1887, also vor dem Berliner Vertrage, von Rußland selbst 
Oesterreich-Ungarn zugesichert worden waren. 

Während auf der einen Seite die Spannung zwischen Ruß-^ 
land und seinen westlichen Nachbarn immer bedenklicher wird, 
arbeiten Bismarck und Andrässy unentwegt daran, selbst das 
letzte Mißtrauen zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungant 
zu bannen. Schon im Oktober des Vorjahres können sich die 
beiden Staatsmänner in der Aufhebung des Artikels V des 
Prager Friedens einigen. Es handelt sidi um die nordschles-- 
wigsche Klausel, durch deren Eliminierung die Donaumonarchie 
endgiltig aus den reichsdeutschen Verhältnissen ausscheidet. Der 
diesbezügliche Geheimvertrag wurde knapp nach dem Briefe 
abgeschlossen, in welchem der Sohn Georg des Fünften vor 
Hannover dem Kaiser Wilhelm den Tod seines Vaters anzeigte,, 
wobei er betonte, daß er all seine Rechte, Prärogativen und 
Titel aufrechthalte. Dieser Vertrag wurde am 4. Februar im 
Reichsanzeiger publiziert und die Thronrede, die der Kaiser am 
12. Februar bei Eröffung des Reichstags hielt hebt auch mit 
Befriedigung diese „den gegenseitigen freundschaftlichen Be-- 
Ziehungen beider Reiche" entsprechende Lösung hervor. In 
Petersburg macht der Vertrag einen sehr schlechten Eindrudc 
und es erfolgen hochoffiziöse feindselige Kundgebungen im 
Brüsseler «Nord" und im St. Petersburger „Golos", wofür ein* 
Artikel der „Grenzboten" Gortschakow und seinen Adlatus, den. 
Baron Jomini, verantwortlich machte Gleichzeitig ließ die 



Am sdiärfsten zog das Organ der Panslavisten „Moskowskije Wje* 
domosti" gegen Bismarck los. Siehe „Bismardc" von Giovanni Boglietti,. 
1888, Torino. 

2) Sdion Ende Februar erhielt Busdi von Bismardi den Auftrag, in 
den Grenzboten die Angriffe der russisdien Presse abzuwehren. Siehe: 
Busdi „Tagebuchblätter«, IIL Band. 



Der Zweibund 37 

russische Regierung durch General Tfirr in Italien sondieren, ob 
sie bei einem Angriffe auf Oesterreich, das Gortschakow nicht als 
Staat, nur als Regierung gelten lassen wollte, auf dessen Mit« 
Wirkung rechnen könntet Und tatsächlich fällt Italien der 
Donaumonarchie in den Rücken. Die jüngste, sechste euro*- 
päische Großmacht leitet in Albanien eine Aktion ein, die 
Oesterreich^Ungarn wegen Bosnien und der Herzegowina und 
infolge seiner neuen Stellung im Limgebiete unmöglich gleich" 
giltigen Auges mitansehen konnte und reizt die Monarchie im 
Westen durch die Reibereien der Irredenta in Welschtirol und 
in Istrien. 

Wie stark die Verstimmung in Petersburg gewesen, beweist 
der Umstand, daß Kaiser Alexander in letzter Stunde auf die 
Fahrt zur Feier der goldenen Hochzeit des deutschen Kaiser* 
paares (11. Juni) verzichtet, obwohl für sein Gefolge bereits 
Quartier in Berlin bestellt war. Diese Tatsache wird auch in 
der gesamten Presse als das vollständige Abrücken Rußlands 
von den Berliner Dreikaiser-Abmachungen gedeutet, und die 
«Kreuzzeitung" vom 15. Juni konstatiert eine „bedauerliche 
Trübung der Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland**. 

Am 9. August fand eine Begegnung des Deutschen Kaisers 
mit Kaiser und König Franz Josef in Gastein statt. Bald darauf (am 
21. August) begann Bismarck ebenfalls in Gastein seine Kur. In 
diese Zeit fallen die Zarenbriefe ^ die eine solch außerordent«- 
liche Aufregung und Arbeitsfülle nach sich zogen, daß „sie mich 
fast ganz um meine Kur brachten* ^. Diese Zarenbriefe betrafen 
die Arbeit der Grenzregulierungskommission in Novipasar und 
stellten an Kaiser Wilhelm das Verlangen, zu verfügen, daß der 
deutsche Vertreter immer die Forderungen und Ansprüdie seines 
russischen Kollegen unterstütze. Kaiser Wilhelm befolgte des 
Kanzlers Rat und verwies seinen Neffen auf den amtlichen Weg. 
Mittlerweile hatte Graf Julius Andrässy (nachdem er eine schwere 
Lungenentzündung überstanden) in Isdil seine Demission ge-* 
geben, die sein Souverän auch annahm. Als Bismarck von 
diesem Schritte Andrässys Kenntnis erhielt, richtete er eine De- 



E. V. Wertheimer: „Graf Julius Andrässy«, III. Band, Seite 26S. 

^ Der erste Brie! ist vom 3. (15.) August datiert und Iclagt darüber» 
daß die verschiedenen diplomatischen Agenten Deutsdilands in der Türlcei 
„die Parole empfangen zu haben scheinen, immer die Meinung der Oester- 
reidier zu unterstützen, die uns systematisch feindlidi ist", in weldiem 
Umstände Alexander „die Arbeit unserer gemeinsamen Feinde" sieht 
»derselben, weldie den Bund der drei Kaiser nicht verdauen konnten". 

^ Siehe Hans Blum „Persönliche Erinnerungen an den Fürsten Bis- 
mardc*. Band IV, Seite 26S— 288; Unterredung mit Dr. Hans Blum am 
29. April 1895. 



38 Der Zweibund 

pesche an AndrässyS in welcher er seiner Ueberrasdiung, ja 
Bestürzung Ober diesen plötzlichen Entschluß, den er sich nicht 
erklären könne, Ausdruck gab; er habe das dringende Bedürfnis, 
den Grafen Andrässy zu sprechen, und sei bereit, seine Kur zu 
unterbrechen, und nach U^en oder irgend einem Ort zu kommen, 
den Graf Andrässy zum Rendezvous bestimmen wolle. Die 
Antwort lautete, Graf Andrässy (der damals auf seinem Gute 
Terebes weilte) wolle selbst nadi Gastein fahren. Einen Tag 
vorher hatte Bismarck im Hotel Straubinger, wo er wohnte, dem 
Wiener Bankier Baron Eduard Todesco (der ihm eines seiner 
Zimmer zu Gunsten der Prinzessin Odescalchi, einer Freundin 
der Familie Bismarck, abtrat) gesagt: „UTir sind aufeinander 
angewiesen — die Oesterreicher und Ungarn würden doch ge^ 
wiß verstehen, daß wir nur gemeinsame Feinde haben." Ludwig 
von Döczy, der damals den Grafen Andrässy als dessen Sekretär 
nach Gastein begleitet hatte, gibt abweichend von Dr. Blum der 
Ansicht Ausdruck, daß nicht die Haltung Rußlands, die ihm schon 
bei Antritt seiner Gasteiner Kur bekannt gewesen, sondern 
deren Koinzidenz mit der Demission Andrässys die Aufregung 

Bismarcks verursacht hatte nicht ein russisch-französisches 

Bündnis, für welches damals kein äußeres Anzeichen vorgelegen, 
sondern hauptsächlich und zunächst eine russisch-österreichische 
Koalition es gewesen sei, was seine Ruhe störte ^ Graf An- 
drässy traf am 27. August in Gastein ein und am Vormittag des 
nächsten Tages fand die erste Zusammenkunft des Reichs- 
kanzlers mit dem Österreich-ungarischen Staatsmanne statt An 
beiden Tagen wurde ein lebhafter Depeschenwechsel zwischen 
Gastein und Berlin und Wien gepflogen, so daß das kaiserliche 
Telegraphenamt in Gastein an diesen Tagen gar keine Privat- 
depeschen beförderte. 

Graf Julius Andrässy suchte den Fürsten in dessen Salon 
auf. Das damals gepflogene Gespräch schilderte Bismarck selbst 
in einer Unterredung mit Dr. Hans Blum: 



Siehe Ludwig Doczy: .An der \A^ege des Dreibundes", Neue Breie 
Presse 13. Oktober 1904. 

^ Von derselben Koinzidenz und derselben Besorgnis spricht übrigens 
Bismarck selbst in seinem Briefe an den König von Bayern aus Gastein 
vom 10. September (siehe »Gedanlcen und Erinnerungen", Band II, Seite 
240 und 241). Auch Busdi konstatiert in den »Grenzboten" (Nr. 12 vom 
18. März 1880): lals die Drohungen der moskowitisdien Diplomatie 
(die Bundesgenossen fgegen Deutsdiland suchte, u. a. in Paris, wo der 
General Obrutsdieff, der Adjutant und Vertraute des Kriegsministers MUjutin» 
die betreffenden Ränke spann) fortdauerten, lag die Vermutung nahe, daß 
zwischen Wien und Petersburg ein Einvernehmen entweder schon bestehe 
oder im Werke sei; die Reise Andrässys nach Petersburg und verschiedene 
andere Beobachtungen hätten diese Befürchtung nahegelegt 



j 



Der Zweibund 39 

.Ich gab Andrässy Kenntnis von dem Briefwechsel der beiden 
Kaiser und meinem Schreiben an meinen Herrn und sprach ihm 
die — — auch durch die Berichte unseres Botschafters in Paris 

usw. unterstützte Besorgnis aus, daß die unfreundliche 

Haltung Rußlands gegen Deutschland nur erklärlich sei, wenn 
das Zarenreich auf ein BOndnis mit Frankreich hinarbeite oder 
dessen gar schon sicher sei. 

Darauf erwiderte Andrässy lebhaft etwa: Gegen das franzö- 
sisch-russische Bündnis gibt es nur ein Gegengewicht: Das 
deutsch-österreichische. 

Ich stimmte ihm zu, fragte aber: Ja, würden Sie denn das 
wollen ? 

Gewiß recht gerne, erwiderte er, und ich glaube auch dafür 
einstehen zu können, daß mein Kaiser einen solchen Vertrag 
genehmigen wird. 

Bei meinem kaiserlichen Herrn bin ich dieser Zustimmung 
keineswegs so sicher, entgegnete ich. Aber wir könnten ja den 
Vertrag einstweilen weiter bereden und entwerfen." 

Dem gegenüber behauptet Döczy, es sei unmöglich, daß 
der Gedanke eines Bündnisses zuerst von Andrässy ausge- 
sprochen wurde, weiß aber diese Behauptung nur damit zu 
Begründen, daß es das Um und Auf der Politik Andrässys ge- 
wesen sei, es dahin zu bringen, daß nicht er diesen Gedanken 
ausspreche. 

\N\e dem auch sei: Bismarck und Andrässy wollten die 
^einbarung. Andrässy beantragte ein Bündnis gegen einen 
rassischen Angriff. Bismarck ein Schutz- und Tratzbündnis 
gegen alle, audi gegen Rußland, denn ein Bündnis gegen Ruß- 
land allein wäre, solange Kaiser Wilhelm lebe, undenkbar. 
Bismarck wollte ^ zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungam 
ein „öffentliches verfasssungsmäßiges Bündnis gegen eine 
Koalition herstellen, das durch Mitwirkung aller konstitutionellen 
Faktoren zustande gekommen, auch nur durch solches Zu- 
sammenwirken auflösbar sein sollte". Andrässy lehnte Oeffent- 

lichkeit und Verfassungsmäßigkeit ab^ Er bestand ich 

folge der Darstellung Döczys darauf, daß sich der Vertrag 

ausdrücklich gegen Rußland kehre. Dem Abschlüsse eines 
anderen Vertrages würde unmittelbar ein Versuch folgen, Ruß- 
land als dritten aufzunehmen; von den Drei Kaiser-Bündnissen 
aber habe Oesterreich-Ungam nach den gemachten Erfahrungen 



1) .Zur Geschichte des deutsch-österreichischen Bündnisses, »Grenz- 
boten", Nr. 12 vom 18. März 1880. 

^ »Ein öffentliches Bündnis war in den Augen Andrässys eine Provo« 
Eaüon", siehe Poschingers Bismarck-Jahrbuch, L Band, Seite 196. 



40 D«r ZwdbuiMl 

auf lange Zeit genug. Außerdem aber würde eine Schutz- und 
Trutzallianz die Donaumonarchie zwingen, an einem eventuellen 
Kriege Deutschlands gegen Frankreich teilzunehmen, und dies 
könnte er seinem Monarchen nicht anraten. 

Und als Fürst Bismarcfc etwas befremdet fragte: .Warum 
denn nicht? VRr würden Ihnen ebenso eventuell gegen Italien 
beistehen!" antwortete Andrässy: .Darum nicht weil ich nicht 
als Minister etwas unterschreibe, was ich, wenn es zur Aus- 
führung käme, als Parlamentarier bis aufs Aeußerste bekämpfen 
müßte. Für einen Krieg, den Deutschland im Prinzip sdion 
auf dem Hals und dessen Siegespreis es schon in der Tasche 
hat, dürfen wir keinen Grosdien Steuer und keinen Tropfen 
Blutes opfern. U^r würden ebensowenig Deutsdilands Hilfe 
für eine Abwehr gegen italienische Aggression beanspruchen, 
die wir übrigens nicht besorgen. Es gibt aber eine Form und 
Voraussetzung auch für eine Kooperation gegen Frankreich wie 
gegen jede dritte Macht, welche den Frieden zu brechen ge- 
willt wäre: das Bündnis hätte gegen einen russischen Angriff, 
sowie gegen jede andere Macht zu gelten, welche lin [einem 
Kriege gegen einen der vertragschließenden Teile russische 
Unterstützung fände". 

Es wurden an diesem und an dem folgenden Tage mehr- 
lache Besprechungen gepflogen. 

.Wir schieden in vollem Einverständnisse," sagte Bismarck 
zu Dr. Busch. 

Demgegenüber behauptet Döczy, daß die Besprechungen 
in Gastein äußerlich die Einigung nicht vorwärts zu bringen 
schienen. Fürst Bismarck blieb immer dabei, ein ausdrücklich 
gegen Rußland gerichtetes Bündnis trotz seinem ausschließlich 
defensiven Charakter als unmöglich zu bezeichnen: wisse er 
doch nicht einmal, ob sein Einfluß hinreichen werde, den Kaiser 
Wilhelm überhaupt zu einer Allianz, an der sein Neffe Alexander 
nicht teilhabe, bewegen zu können. Trotz diesem Scheine der 
Trostlosigkeit war aber Graf Andrässy zu keiner anderen Form 
zu bewegen und fühlte sich seiner Sache sicher, als der Fürst 
ihm sagte: er hoffe, ihn und den Kaiser Franz Josef doch zu 

seiner Auffassung zu bekehren doch müsse er sich zuerst 

zu Hause orientieren und seinem eigenen Gebieter die Zu« 
Stimmung zu offizieller Verhandlung abringen: dann wolle er 
nach Wien kommen. 

Bismarck hatte selbstverständlich bereits am 27. August 
seinen Kaiser von den Gasteiner Besprechungen unterriditet 
und ihn tags darauf gebeten, sich zum Abschlüsse persönlich 
nach Wien begeben zu|dürfen. Der Kaiser ließ durch Staats^ 
Sekretär v. Bülow dem Fürsten nachiGastein telegraphieren, eine 



Der Zweibund 41 

Reise nach U^en sei ffir jetzt unmöglich, selbst wenn Warschau 
gOnstig ablaufe. Der Kaiser hatte nämlich den Feldmarschall 
von Manteuffel nach Warschau entsendet um den russischen 
Kaiser während seines Aufenthaltes daselbst zu begrüßen und 
eine Begegnung der beiden Monarchen vorzubereiten. 

Bismarck lehnt am 30. August telegraphisch ^ die „Verant" 
wortung" ab. er habe dem Grafen Andrässy bereits ver- 
sprochen, ihm einen Gegenbesuch auf der ROckreise nach U^en 
zu machen. Noch am selben Abend langt die Antwort BIllows 
ein, daß der Kaiser mit dem Gegenbesuch einverstanden sei. 
Aber schon rQstet Kaiser Wilhelm „gegen den Wunsch und Rat 
des Forsten** zur Fahrt nach Alexandrowo, um seinen viel jüngeren 
Neffen zu besuchen. Laut der „Kölnischen Zeitung" ist der 
Beschluß die Entrevue betreffend kaum vierundzwanzig Stunden 
vor der Abreise Wilhelms erfolgt. „Die Russen führten in Alexan- 
drowo ein Seitenstück zu der bekannten Szene während des 
U^ener Kongresses auf, bei welcher Alexander 1. den König 
Friedrich Mülheim 111. durch empfindsame Beteuerung seiner 
Freundestreue von England weg und auf seine Seite zu ziehen 
versuchte**, sagt Busch in seinem bereits angezogenen Artikel 
in den „Grenzboten". Schreiben auf Schreiben, es müssen viele 
hundert Seiten gewesen sein, behauptet dieselbe Quelle, gingen 
geraume Zeit von Gastein, dann von Wien vergeblich ab, um 
auf einen Wechsel der Stimmung und Ueberzeugung hinzu- 
wirken. 

Andrässy war mittlerweile fleißig am Werke. Schon am 
1. September hatte er einen Brief an Bismarck^ gerichtet, in 
welchem er mitteilt, er habe seinem Kaiser im Lager von 
Brück detaillierten Vortrag erstattet, nachdem er bereits von 
Gastein aus Franz Josef nach Prag »in nuce" die „Tendenz 
und das vorläufige Resultat" der Besprechung mitgeteilt hatte. 
Der Kaiser telegraphierte von Prag seine Zustimmung „aus 
vollster Ueberzeugung". Dann: „In Brück fand ich den Kaiser 
so durchdrungen von der Nützlichkeit, ja Notwendigkeit einer 
solchen Abmachung, daß jede weitere Motivierung sich als über- 
flüssig herausstellte". Und zum Schlüsse: „Oesterreich . hat 
seinerzeit den Fehler begangen. Anerbietungen Deutschlands, 
welche die beiderseitigen Interessen gesichert hätten, abzulehnen. 



Siehe Anhang zu den »Gedanlcen und Erinnerungen", Band II 
Seite 521. 

^ Zum erstenmal von Sigmund Singer in der Wiener „N. Rr. Presse" 
vom' 31. März 1895 publiziert Interessant ist, daß Bismarck (diesen Brief 
und seine Antwort darauf mit denselben Auslassungen, die Singer dem 
Grafen Andrässy vorgeschlagen hatte, in den »Briefwechsel" (Band II, Seite 
526) aufnehmen ließ. 



42 I^cr Zweibund 

es tut mir wohl, konstatieren zu können, daß man bei uns 
diesmal den gleichen Fehler nicht begehen wird". In UAen ist 
die Sache tatsächlich in Ordnung. Auch die Militärpartei ist 
gewonnen. Graf Andrässy hatte schon auf seiner Reise von 
Terebes nach Gastein eine Unterredung mit dem Erzherzog 
AlbrechL Bismarck beantwortet den Brief Andrässys am 3. Sep- 
tember. Er schildert die Schwierigkeiten, die sich ihm entgegen- 
tOrmen .geographisch und politisch, so daß meine Seite der 
Aufgabe so schnell nicht lösbar ist, wie die Ihrige." Ffir die 
»schriftliche Darlegung" an den Kaiser hatte Bismarck seinem 
Sohne sechzig Bogenseiten diktiert. 

Am 10. September richtete Bismarck ein Schreiben an den 
König von Bayern S in welchem er ihm Mitteilung von den 
Verhandlungen mit Andrässy macht. Der Altreichskanzler be^ 
ginnt mit dem Hinweis auf die Affäre des Generals Werder, als 
1876 von Livadia aus .wiederholentlich die Forderung gestellt 
wurde, uns darüber in verbindlicher Form zu erklären, ob das 
deutsche Reich in einem Kriege zwischen Rußland und Oester- 
reich neutral bleiben werde" ^ Es sei nicht gelungen, dieser 
Erklärung auszuweichen und das russische Kriegswetter sei 
einstweilen nach dem Balkan abgezogen. Und wieder habe 
Rußland in den letzten Wochen an uns Forderungen gestellt, 
welche darauf hinausgehen, daß wir definitiv zwischen Rußland 
und Oesterreich optieren sollen. .Ich würde es", heißt es so- 
dann in dem Briefe, .für eine wesentliche Garantie des euro- 
päischen Friedens und der Sicherheit Deutschlands halten, wenn 
das Deutsche Reich auf eine solche Abmachung mit Oesterreich 
einginge, welche zum Zweck hätte, den Frieden mit Rußland 
nach wie vor sorgfältig zu pflegen, aber wenn trotzdem eine 
der beiden Mächte angegriffen würde, einander beizustehen . . . 
Zwingt uns Rußland zwischen ihm und Oesterreich zu optieren, 
so glaube ich, daß Oesterreich die konservative und friedliebende 
Richtung für uns anzeigen würde, Rußland aber eine unsichere". 
In seiner Antwort (Berg, 16. September) erklärt König Ludwig: 
.Ihre Bestrebungen für einen engen Anschluß des deutschen 
Reiches an Oesterreich-Ungarn dürfen meines vollen Beifalles 



1) »Gedanken und Erinnerungen", Band II, Seite 238. 

^ Siehe hierüber .Gedanlcen und Erinnerungen", Band II, Seite 214. 
Die Antwort Bismarcks lautete: „Unser erstes Bedürfnis sei, die Freund- 
schaft zwischen den großen Monarchien zu erhalten — wenn dies zu un* 
serem Schmerze zwischen Rußland und Oesterreich nicht möglich sei, so 
Icönnten wir zwar ertragen, daß unsere Rreunde gegen einander Schiachten 
verlören oder gewönnen, aber nicht daß einer von beiden so schwer ver- 
wundet oder geschädigt werde, daß seine Stellung als unabhängige und in 
Europa mitredende Großmacht gefährdet würde". 






Der Zweibund 43 

und meiner angelegentlichsten Wünsche für einen glücklichen 
Erfolg versichert sein". Bismarck bestätigt am 19. September 
den Empfang dieses Schreibens und betont nochmals, er werde 
»nichts unterlassen, um den Frieden des Reichs mit Rußland 
durch Einwirkung auf Seine Majestät den Kaiser Alexander nach 

wie vor zu pflegen und zu befestigen die Verhandlungen 

über einen engem gegenseitigen Anschluß mit Oesterreich 
haben nur friedliche, defensive Ziele und daneben die Förderung 
der nachbarlichen Verkehrsverhältnisse zum Ziele". 

Am 14. September ersuchte Bismarck den Fürsten Chlodwig 
zu Hohenlohe-Schillingsfürst, der in Aussee weilte, nach Gastein 
zu kommend In Gastein empfing ihn Holstein, der Bismarck 
geraten hatte, Hohenlohe für eine Intervention beim Kaiser zu 
gewinnen. Hohenlohe erklärte aber vorerst, er sei mit dem 
Projekte nicht einverstanden: „Erstens traue ich Oesterreich 
nicht, zweitens halte ich Rußland nicht für ernstlich feindlich. 
Endlich glaube ich, daß eine Allianz mit Oesterreich eine Allianz 
von Rußland und Frankreich zur Folge haben wird. Damit ist 
der Krieg da, während Bismarck glaubt, daß er mit seiner Allianz 
den Frieden sichern wird". Tags darauf hatte! Hohenlohe eine 
Unterredung mit Bismarck, und er ist ungestimmt: .Bismarck 
hat mich doch überzeugt von der Notwendigkeit der Allianz mit 
Oesterreich. Er sagte, Oesterreich kann nicht allein jbleiben 
gegenüber den Bedrohungen durch Rußland. Es wird sich nach 
Allianzen umsehen, entweder mit Rußland oder mit Frankreich. 
In beiden Fällen entsteht für uns die Gefahr einer Isolierung. 
Mein Telegramm über die russischen Sondierungen in Paris ist 
dem Kanzler sehr gelegen gekommen. Nun ist aber der Kaiser 
durch die fatale Zusammenkunft in Alexandrowo unzugänglich 
und will nicht auf das Bündnis eingehen, in dem er eine Perfidie 
gegen den Neffen sieht Bismarck seinerseits hat sich soweit 
mit Andrässy engagiert und ist so überzeugt von der russischen 
Gefahr, daß er die Verantwortung nicht tragen will und in diesem 
Falle mit dem Rücktritt droht. Der Kaiser dagegen droht mit 
Abdizieren. Es besteht beim Kaiser eine große Veriegenheit, 
was er tun soll. Bismarck scheint entschlossen zu gehen, wenn 
der Kaiser nicht nachgibt Nun ruft Bismarck die Hilfe der Bot- 
schafter an und bittet, daß idi und Münster mit dem Kaiser 
sprechen." Hohenlohe reist nach Straßburg zum Kaiser, spricht 
zuerst mit Lehndorff, „der in die Sache eingeweiht war, jedoch 
kein vollständiges Verständnis dafür hatte und meinte, es gehe 
alles gut, der Kaiser sei mit allem einverstanden*. Hohenlohe 



1) Siehe .Denkwürdigkeiten« des Fürsten! Chlodwig zu Hoheniche« 
Sdiillingsfürst, Band IL Seite 274 ff. 



44 Der Zweibund 

sondierte weiter. »Neu war mir, daß die Kaiserin diesmal mit 
dem großen Manne im Gebirge fibereinstimme, das hatte man 
mir in Gastein anders gesagt" Hohenlohe sprach zuerst mit 
dem Kronprinzen, dann mit dem Kaiser, bei dem er »GlQck* 
hatte mit der Argumentation, es werde Rußland durch das 
Bfindnis mit Oesterreich ein doppelter Dienst geleistet, einmal 
die Revolution in Schach zu halten und dann Oesterreich zu 
verhindern, einer Koalition gegen Deutsdiland und Rußland 
beizutreten K 

Am 21. September reiste Bismarck nach Wien. Ueber diese 
Reise und die in U^en gepflogenen Verhandlungen äußerte sich 
Bismarck nie eingehend. Dem Dr. Hans Blum sagte der Alt" 
reichskanzler: „Ich reiste am 21. September nach Wien, um hier 
den Vertrag zum Abschluß zu bringen. Ich wurde hier nament'* 
lieh vom Kaiser Franz Josef sehr freundlich aufgenommen und 
brachte nach längeren Unterredungen mit ihm, mit Andrässy, 
dem Baron Haymerle und dem ^mgarischen Ministerpräsidenten 
Tisza das deutsch-österreichische Defensivbfindnis am 24. Sep" 
tember im Entwürfe zustande. Kaiser Franz Josef erklärte so« 
fort freudig seine Bereitwilligkeit, es zu genehmigen und zu 
vollziehen". In den „Gedanken und Erinnerungen" widmet 
Bismarck wohl warme Worte dem Empfange, der ihm auf der 
Eisenbahnfahrt und in Wien selbst von der Bevölkerung bereitet 
worden war und konstatiert, er habe bei dem Kaiser und König 
Franz Josef eine „sehr huldreiche Aufnahme und dieBereitwilligkei]^ 
mit uns abzuschließen," gefunden, teilt jedoch nichts über die 
Wiener Verhandlungen mit. 

Andrässy selbst hat keine Memoiren hinterlassen ^ Ludwig 
V. Doczy jedoch hat in der Wiener „Neuen Freien Presse" (Nr. 
15188 vom 2. Dezember 1906) folgende eingehende Schilderung 
der Wiener Verhandlungen geboten: 

Bismarck (der noch von Gastein aus dem Grafen Andrässy 
hatte sagen lassen, er werde nichts Geschriebenes, nicht einmal 
einen Entwurf mitnehmen die ausgezeichneten Federn, die 



Dies war tatsädilich die Ansicht Hohenlohes, der am 22. September 
die .Notiz" niedersdireibt: .Halten wir mit Rußland und bleiben wir neU" 
tral, so verbündet sich Oesterreidi mit F^anlcreidi und England." 

^) Der Ciiefredalcteur des Pester Lloyd, Sigmund Singer, der dem 
Grafen nahegestanden, erzählte mir, er habe Andrässy, als er ihm den 
zweiten Band der Beust'sdien Memoiren, der damals ersdiien, überbradite» 
gefragt, warum er selbst keine Memoiren sdireibe, worauf Andrässy ant' 
wortete: .Meine Memoiren sind in den Ardiiven des ungarisdien Minister^ 

Präsidiums und des Auswärtigen Amtes niedergelegt der Staatsmann, 

der sich niedersetzt, seine Memoiren zu schreiben, setzt sich vor den 
Spiegel mit der Frage: wie steht mir das?* 



Der Zweibund 45 

dem U^ener Ballplatze zu Gebote ständen» würden das besser 
machen, wiederholte in Wien das Gasteiner Angebot: Sdiutz- 
und Trutzbündnis nach jeder Richtung, ohne Nennung Rußlands, 
wobei aber der Sachlage nach Rußland gemeint sei. So weit 
habe er nach schwerem und aufregendem Kampfe, nachdem er 
seine Demission in Aussicht gestellt, seinen kaiserlichen Herrn 
gebracht Dem greisen Monardien sei es sehr schwer geworden, 
zu einem Bündnis, an welchem sein Neffe Alexander nicht be^ 
teiligt sei, die Ermächtigung zu geben. An eine Allianz gegen 
Rußland und gar gegen Rußland allein wäre nicht zu denken. 
Der große Moment sei nun da, durch einen Friedensbund zu 
Schutz und Trutz eine großartige Macht im Zentrum Europas 
zu schaffen, welche jeder Drohung und jedem Angriff gewachsen 
sei, Oesterreich'Ungam die in Berlin erzielten Erfolge betreffs 
des Orients sichern, Deutschland von den russischen Launen 
und Verstimmungen unabhängig machen könne. Dieses Bündnis 
werde die festeste Basis in der Uebereinstimmung der Interessen 
zweier großer Staatswesen und in den Gefühlen ihrer Bürger 
haben, es könne aber noch dauerhafter gemacht und über die 
Wandlungen diplomatischer Ränke und Wechselfälle der inneren 
Politik hüben und drüben hinausgehoben werden, wenn es 
den Reichsvertretungen in Berlin, Wien und Budapest mitgeteilt 
und so gesetzlich festgelegt würde. 

Graf Andrässy erkannte die Größe des Momentes, das 
Dringende der Einigung an, blieb aber bei dem in Gastein ge« 
sprochenen Wort. Qn öffentliches Bündnis wäre eine Provo- 
kation, weil es nicht bloß den Schutz gegen eine russische 
Aggression, die ja auch ausbleiben könnte, enthalte, sondern 
die Isolierung Rußlands konstatieren würde, was der friedlichen 
Strömung in Petersburg kaum zu statten käme. VRr wollen — 
so argumentierte der ungarische Staatsmann — von Ruß« 
land nichts, was einen Angriff seinerseits rechtfertigen könnte. 
U^r sind seine Feinde nicht, und wünschen es nicht zu werden. 
Wir wollen die strikte Ausführung des Berliner Vertrages, ohne 
Vorteil für uns, und ohne Nachteil für Rußland. Wir wünschen 
keinen Krieg mit Rußland, aber auch keine neue Entente. Wir 
haben genug von dieser Dreikaiser-Politik, die in letzter Linie 
immer darauf hinausläuft daß der eine Kaiser seine „DignitS** 
in die Wagschale wirft, weil seine Minister es an der Zeit finden, 
einen Erfolg zu erpressen. Eine solche Entente würde aber 
unfehlbar wieder anzubahnen versucht werden, sobald Rußland 
seine Isolierung vor aller Welt bekennen müßte. Was die ge- 
setzliche Festlegung des Bündnisses betreffe, so würde sie als 
Beschränkung der Souverainität beider Mächte empfunden 
werden, und selbst wenn sie durchzuführen wäre, das große 



46 I^er Zweibund 

Werk, welches von selbst in den Herzen der Nationen lebt, un^ 
populär machen. 

Der Kanzler war — oder zeigte sich — von diesen Ein- 
wänden ziemlich enttäuscht, machte aber keinen Augenblick 
Miene, die Verhandlungen abzubrechen oder auch nur zu unter- 
brechen. Er erklärte {edoch, daß nun alles in Frage stehe. 
Was er jetzt vorschlage, dazu habe er, wenn auch mit starken 
Vorbehalten, die Zustimmung seines Monarchen, und er würde 
es auf sich nehmen, auf dieser Basis ohne weitere Anfrage in 
Berlin sofort abzuschließen. Er bedaure die Schwierigkeiten, 
die er nicht erwartet habe, bitte nun den Grafen Andrässy, den 
Entwurf des Vertrages, wie er sich ihn denke, ihm formuliert 
mitzuteilen, gebe jedoch zu bedenken, daß er für diese Pour- 
parlers, auch wenn sie ihm annehmbar erschienen, die Weisungen 
seines Souveräns punktweise einzuholen, ja zu erkämpfen 
haben würde. 

Am nächsten Tage war der geschriebene Entwurf^ in Bis- 
marcks Händen. Gleichzeitig aber brachten die Zeitungen ein 
Telegramm aus Berlin, daß dort in hochoffiziöser Weise alle 
Mitteilungen, als stünde der Abschluß eines Vertrages mit 
Gestenreich - Ungarn bevor, als unrichtig bezeichnet werden. 
Der Reichskanzler geriet in helle Wut und ließ nach Berlin 
einen flammenden Protest nicht nur gegen den Inhalt dieses 
Dementis, sondern auch die Ungesetzlichkeit dessen gelangen, 
ohne sein Vorwissen Communiquös so wichtiger Art in ein amt- 
liches Organ einrücken zu lassen ^ 

Die Verhandlungen über den Andrässyschen Entwurf dauerten 
bis zum 24. September und wurden in einer bis in die späten 
Nachtstunden sich erstreckenden Konferenz abgeschlossen. Ueber 
diese Schlußkonferenz, die im Schönbrunner Stöckelgebäude 
stattfand, teilte Graf Julius Andrässy Herrn von Döczy fol- 
gendes mit': 

Ganz von Andrässys Hand rührt in dem Entwürfe» der sidi im gräflidi 
Andrässy'sdien Ardiiv befindet, der auf Rußland bezüglidie Passus her 
(£. V. Wertheimer „Graf Julius Andrässy", Band III, Seite 2S3). 

^ Baron Döczy kann die offiziöse Quelle nidit näher bezeichnen, 
welche das Dementi veröffentlichte. Vermutlich handelt es sich um eine 
Mitteilung der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung"» welche besagte: „Die 
in unterrichteten Kreisen festwurzelnde Ueberzeugung, daß es sidi tim gar 
keine Formulierungen von irgendwelchen Schutz* und Trutzbündnissen oder 
wie man die Sache immerhin taufen will, handle, wird der großen Be* 
deutung dieses Besuches nach keiner Richtung liin einen Abbruch tun.* 
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung", sowie auch die „Provinzial'Korre" 
spondenz" haben nach dem 24. September den .Wiener Abmachungen" 
sdion eine erhöhte Bedeutung beigemessen. 

^ Hierüber siehe auch Prof. Heinrich Marczalis Artikel in der „Deut' 
sehen Revue" 1906, Seite 269. 



Der Zweibund 47 

Fürst Bismarck habe sich, nachdem er die Abschrift der 
letzten Redaktion des Allianzentwurfes an sich genommen, 
plötzlich von dem Divan erhoben und sei, das Papier in der 
Hand fast zerknitternd, mir nahe, ganz nahe getreten, so daß 
ich seinen Atem hören mußte. Ich selbst schnellte von meinem 
Sitze empor, um den „Gegner" stehenden Fußes zu erwarten. 
Es war plötzlich ein anderer Mensch, ein anderes Auge, eine 
andere Stimme. Ich erwiderte seinen scharfen Blick, regungslos, 
fest entschlossen, allem stand zu halten. „So weit wären wir", 
sagte er, „auf dem Papier. Ich kann Ihnen nun nichts mehr 
sagen, als: Bedenken Sie, was Sie tun. Zum letztenmal rate 
ich Ihnen, lassen Sie Ihren Widerstand fallen. Nehmen Sie, rief 
er mit erhobener Stimme, mit drohender Miene, meinen Vor- 
schlag an. Ich rate Ihnen gut, denn sonst (hier herrschte 

einen Moment eine Stille, in der ich mein Herz sdilagen hörte) 

sonst muß ich den Ihrigen annehmen." Das sagte er 

wieder menschlich und fügte lächelnd hinzu: .Es wird mir aber 
verflucht viel Mühe kosten." Er reichte mir jovial die Hand und 
ich war froh, daß die Meine nicht zitterte, als ich einschlug. Ich bin 
sonst gerade in kritischen Momenten am ruhigsten. Aber das Auf- 
treten der Riesenfigur war ein so gewaltiges, fast gewalttätiges, daß 
mich der Gedanke nicht schlafen ließ, was hätte geschehen können, 
wenn mich meine Nerven doch einen Moment verlassen hätten. 

Am nächsten Tag war das Vertragsinstrument, das beide 
Minister binden sollte, in zwei Exemplaren reinlich abgeschrieben. 
Graf Andrässy hatte es übernommen, die für Bismarck bestimmte 
Abschrift durch eine zuverlässige Persönlichkeit dem Kanzler im 
Hotel Imperial überreichen zu lassen. Er wählte für diese in 
ihrer Art historische Mission seinen ältesten Sohn Theodor. 

Während seines Aufenthaltes in Wien wurde Bismarck auch 
vom Kaiser Franz Josef (der seine Jagden unterbrochen hatte) 
empfangen. Nebst mit Andrässy konferierte Bismarck auch mit 
Baron Haymerle (bisher Botschafter am Quirinal), der während 
der Anwesenheit Bismarcks in U^en zum Nachfolger Andrässys 
ernannt worden war^ und mit dem ungarischen Minister- 
präsidenten Koloman von Tisza. Der Reichskanzler hatte auch 
den französischen Botschafter am Wiener Hofe Teisserence de 
Bort besucht^ und ihm den Zweck seiner Wiener Verhandlungen 

Diese Tatsache hatte auch die \A^ener Verhandlungen beschleunigt 
Vergleiche »Grenzboten* (Nr. 12 vom 18. März 1880): .Die Sache hatte 
Eile. Andrässy woUte sich aus Bedürfnis nach Ruhe von der Leitung der 
Gesdiäfte zurückziehen. Er hatte seinen Nachfolger schon nach U^en koni'- 
men lassen . . . ." 

^ Am 24. September, Teisserence war damals krank und stand un- 
mittelbar vor seinem Urlaub. Siehe Bericht des „Temps" in der Nummer 
vom 25. September. 



48 Der Zweibund 

mitgeteilt: »Das Einverständnis Deutschlands und Oesterreichs 
dOrfe Frankreich in keiner Weise beunruhigen, da dieses Bünd- 
nis einen entschieden friedlichen Charakter habe^ Sofort nach 
seiner Rückkehr nach Berlin hatte Bismarcfc am 26. September 
auch eine Unterredung mit dem russischen Botschafter von 
OubriP, dem er erklärte, die Wiener Stipulationen hätten für 
Rußland nichts Beunruhigendes'. 

Als Bismarcfc nach Berlin zurückgekehrt war, erbat und be* 
kam er Urlaub nach Varzin. Sein Gesundheitszustand, sagt 
Bismarcfc in seinen »Gedanken und Erinnerungen", habe ihn 
behindert, sich zu seinem Kaiser zu begeben. 

»Mein kaiserlicher Herr", äußerte sidi Bismarcfc zu Dr. Blum, 
„sagte rundweg neinl Gegen alle meine schriftlichen Vor" 
stellungen und Denkschriften blieb er taub und verschlossen." 
Busch erzählt in dem öfters angezogenen Artikel der Grenz- 
boten, Bismarcfc mußte die Bemerkung machen, daß man keines- 
wegs schon am Ziele und hinreichend sicher vor Entschließungen 
sei, die ein Zurücktreten bedeuteten, obwohl das gesamte Staats- 
ministerium einmütig die in Gastein und U^en getanen Schritte 
gutgeheißen und zu den seinigen gemacht hattet Der mit 
Bismarcfc befreundete Graf Stolberg übernahm es, nach Baden- 
Baden zum Kaiser zu reisen. Er führte die Verhandlungen, wenn 
auch unter starkem Widerstreben Sr. Majestät glücklich zu Ende.^ 
Der Kaiser war von den politischen Argumenten nicht überzeugt 
worden, sondern erteilte das Versprechen, den Vertrag zu rati- 
fizieren, nur aus Abneigung gegen einen Personenwechsel in 
dem Ministerium. Der Kronprinz war von Haus aus für das 

Dr. Hans Blum »Fürst Bismardi und seine Zeit". Band V, Seite 2S7. 
In dieser Unterredung fielen die Worte Bismardis: »Je ne me sers jamais 
de la parole pour d^guiser ma pens^e." 

^ Herr von Oubril hatte vorher eine .Instruktionsnote" Gortschakows 
aus Baden erhalten. 

8) Posdiingers »Fürst Bismarck und die Diplomaten", Seite 404. 

^) Bismarck hatte die Kabinettsfrage aufgeworfen und^es war ihm ge- 
lungen, seine Kollegen für sein Vorhaben zu gewinnen (Bismarcks .Ge* 
danken und Erinnerungen"» IL Band, Seite 247). Auch dem Präsidenten 
des evangelischen Oberkirdiensenates in Oesterreich Dr. Franz sagte Bis* 
marck im Juni 1888: .Als ich von Wien nach Berlm mit dem unterfertigten 
Vertragsinstrumente zurückkehrte, war ich fest entschlossen, meine Demis* 
sion zu geben, falls dieser mein Schritt nicht die Billigung des Kaisers 
gefunden hätte, da das Zustandekommen des Oesterreichisch-Deutschen 
Bündnisses und das Festhalten an demselben den Grundzug meiner ganzer 
Politik bildete." 

5) Bismarcks „Gedanken und Erinnerungen", IL Band, Seite 248. — 
Die »Kölnisdie Zeitung" erzählt, Bismarck habe, während Graf Otto von 
Stolberg-Wernigerode in ^Baden-Baden beim Kaiser geweilt hatte, täglich 
an den Kaiser geschrieben und jedem seiner Briefe eine Denkschrift bei- 
gelegt, die als kleines Meisterstück gilt 



Der Zweibund 49 

österreichische Bündnis eingenommen, aber »ohne Einfluß auf 
seinen Vater". Der Abschluß des Bündnisses brachte, wie 
Mardcs ^ hervorhebt, den letzten harten Konflikt zwischen Kaiser 
und Kanzler zur Ruhe. 

So erfolgte die Unterzeichnung des „Bundes des Friedens 
und der gegenseitigen Verteidigung- in Wien am 7. Oktober.* 
Unterzeichnet ist der Vertrag durch Graf Julius Andrässy und 
den Prinzen Heinrich VIL von Reuß. 

Ich lasse nun hier den Vertrag im Wortlaute folgen, der 
jedoch erst durch die Publikation im Jahre 1888 bekannt wurde: 

In Erwägung daß Ihre Majestäten der Kaiser von Oesterreidi, König von 
Ungarn und der deutsche Kaiser, König von Preußen, es als ihre unabweislidie 
Monarchenpflicht erachten müssen, für die Sicherheit Ihrer Reiche und die Ruhe 
Ihrer Völker unter allen Umständen Sorge zu tragen; 

In Erwägung, daß beide Monarchen ähnlich wie in dem früher bestandenen 
Bundesverhältnisse durch festes Zusammenhalten beider Reiche im Stande sein 
werden, diese Pflicht leichter und wirksamer zu erfüllen; 

In Erwägung schließlich, daß ein inniges Zusammengehen von Oesterreidi- 
Ungarn und Deutschland niemanden bedrohen kann, wohl aber geeignet ist, den 
durch die Berliner Stipulationen geschaffenen europäischen Frieden zu konso- 
lidieren, haben Ihre Majestäten der Kaiser von Oesterreidi, König von Ungarn 
und der Kaiser von Deutschland, indem Sie einander feierlich versprechen, daß 
Sie Ihrem rein defensiven Abkommen eine aggressive Tendenz nach keiner 
Richtung Jemals beilegen wollen, einen Bund des Friedens und der gegenseitigen 
Verteidigung zu knüpfen beschlossen. 

Zu diesem Zwecke haben Allerhödistdieselben zu Ihren Bevollmächtigten 
ernannt: 

Seine Majestät der Kaiser von Oesterreidi, König von Ungarn, Allerhöchst 
Ihren wirklich Geheimen Roth, Minister des kaiserlichen Hauses und des Aeußem, 
Feldmarsdiall'Lieutenant Julius Grafen Andrässy von Csik-Szent-Kiräly und 
Kraszna-Horka etc, etc. 

Seine Majestät der deutsche Kaiser Allerhöchst Ihren außerordentlichen und 
bevollmächtigten Botschafter, General-Lieutenant Prinzen Heinrich VIL Reuß etc, 
etc., welche sich zu Wien am heutigen Tage vereinigt haben und nach Austausch 
ihrer gut und genügend befundenen Vollmachten übereingekommen sind, wie folgt: 

Artikel L 

Sollte wider Verhoffen und gegen den aufrichtigen Wunsch der beiden hohen 
Kontrahenten eines der beiden Reiche von Seite Rußlands angegriffen werden, 
so sind die hohen Kontrahenten verpflichtet, einander mit der gesamten Kriegs- 
macht Ihrer Reiche beizustehen und demgemäß den Frieden nur gemeinsam und 
übereinstimmend zu schließen. 



1) .Kaiser Wlhelm I.-. Seite 355. 

'^ Laut der Kölnischen Zeitung mit einer Geltungsdauer bis zum 15. 
Oktober 1884. Für diese Geltungsdauer scheint auch der Wortlaut des 
Andrässv'schen Entwurfes zu sprechen, der sich im Archiv dieser Familie 
befindet und den Wertheimer in seinem Werlie „Graf Julius Andrässy** 
(Seite 283) mitteilt. Heinrich Friedjung Itonstatiert in seinem in der ersten 
Nummer des „Greif" (1913) veröffentlichten Artikel „Der Inhalt des Drei- 
bundes", daß das Bündnis, wenn keine Kündigung erfolge, automatisch 
weiterlaufe. 

Singer, Gesdiidite des Dreibundes ^ 



50 Der Zweibund 

Artikel 2. 
Würde einer der hohen kontrahierenden Teile von einer anderen Macht 
angegriffen werden, so verpflichtet sich hiermit der andere hohe Kontrahent, 
dem Angreifer gegen seinen hohen Verbündeten nicht nur nicht beizustehen, 
sondern mindestens eine wohlwollende neutrale Haltung gegen den Mitkontra- 
henten zu beobachten. 

Wenn Jedoch in solchem Falle die angreifende Macht von Seite Rußlands, 
sei es in Form einer aktiven Kooperation, sei es durch militärische Maßnahmen, 
welche den Angegriffenen bedrohen, unterstützt werden sollte, so tiitt die im 
Artikel 1 dieses Vertrages stipulierte Verpflichtung des gegenseitigen Beistandes 
mit voller Heeresmacht auch in diesem Falle sofort in Kraft, und die Krieg- 
führung der beiden hohen Kontrahenten wird auch dann eine gemeinsame bis 
zum gemeinsamen Friedensschlüsse. 

Artikel 3. 

Dieser Veitrag soll in öemäßheit seines friedlichen Charakters und um 
Jede Mißdeutung auszuschließen von beiden hohen Kontrahenten geheimgehalten 
und einer dritten Macht nur im Einverständnisse beider Teile und nach Maß- 
gabe spezieller Einigung mitgeteilt werden. 

Beide hohe Kontrahenten geben sich nach den bei der Begegnung in 
Alexandrowo ausgesprochenen Gesinnungen des Kaisers Alexander der Hoffnung 
hin, daß die Rüstungen Rußlands sich als bedrohlich für Sie in Wirklichkeit 
nicht erweisen werden, und haben aus diesem Grunde zu einer Mitteilung für 
Jetzt keinen Anlaß, sollte sich aber diese Hoffnung wider Erwarten als eine irr- 
tümliche erweisen, so würden die beiden hohen Kontrahenten es als eine Pflicht 
der Loyalität erkennen, den Kaiser Alexander mindestens vertraulich darüber zu 
verständigen, daß Sie einen Angriff auf einen von ihnen als gegen beide ge- 
richtet betrachten müßten. 

Urkund dessen haben die Bevollmächtigten diesen Vertrag eigenhändig unter- 
schrieben und ihre Wappen beigedrückt. 

Geschehen zu Wien, am 7. Oktober 1879. 

L, S. gez.: Andrässy. 

L, S. gez.: Heinrich VH. Reuß. 

Am Tage nach der Unterzeichnung des Vertrages wird die 
Enthebung des Grafen Julius Andrässy und die Ernennung 
Baymerles publiziert. Am selben Tage wird der österreichische 
Reichsrat in Wien eröffnet. Die Thronrede enthält keine Allusion 
auf das vollzogene welthistorische Ereignis, sie konstatiert nur 
erfreuliche Aussichten auf eine günstige Regelung des Verkehrs- 
und Handelsverhältnisses mit dem Deutschen Reiche \ hingegen 
spricht die Thronrede Franz Josefs des Ersten vom 18. Dezember 
gelegentlich der Eröffnung der Delegationen schon von einem 
innigen Einvernehmen mit dem Deutschen Kaiserreiche. 

Graf Julius Andrässy teilte am 10. Oktober («im dreizehnten 
Jahre meiner Regierung, im ersten meiner Freiheit") Bismardc 



^) Die Zeitungen in Oesterreidi-Ungam und Deutschland erörtern die 
Notwendigkeit der Anbahnung eines neuen Zoll- und Handelsvertrages; es 
wird von einigen Seiten auch der Abschluß eines Zollbundes propagiert, 
dem auch Serbien und Rumänien beitreten sollen. Am 31. Dezember wird 
der deutsch-österreichiscfa-ungarische Handels- respektive Meistbegünstigungs- 
vertrag vom Dezember 1879 bis Juni 1880 verlängert. 



Der Zweibund 51 

die Unterzeichnung des Vertrages mit: »Ich war glQddich, mit 
diesem Federzug meine Ministertätigl<eit abzuschließen, wenn 
auch das Zustandelcommen schwierig war, so hoffe ich, daß das 
Erhalten um so leichter sein wird." Bismardc beantwortete 
diesen Brief erst am 18. Dezember: „Für das schließliche Er- 
gebnis unserer Anstrengungen steht uns die Genugtuung zur 
Seite, daß zwischen Aadien und Mehadia die Mehrheit der ehr- 
lichen Leute uns dankbar fär den Dienst ist der beiden großen 

Reichen erwiesen ist die Sorge vor Krieg ist überall dem 

Vertrauen zum Frieden gewichen." 

Am 16. Oktober fand in Berlin eine Sitzung des diplo^ 
matischen Ausschusses statt, der Bismardc aus Rüdesicht für 
seine Gesundheit nicht anwohnte. In der Sitzung machte Graf 
Stolberg im Namen des Reichskanzlers eingehende mündliche, 
vertrauliche Mitteilungen über den Abschluß des Bündnisses mit 
Oesterreich^ Er verlas das Vertragsdokument sowie den Ent- 
wurf eines darauf bezüglichen Erlasses an die Deutsche Bot- 
schaft in Petersburg und betont nachdrüddichst den friedlichen 
und defensiven Zwedc des Abkommens. Bei dem vertraulichen 
Charakter dieser Mitteilungen hielt Stolberg eine Berichterstattung 
des Ausschusses an das Plenum nicht für zulässig und auch der 
Vorsitzende von Pfretzschner war der Meinung, daß der Aus- 
schuß zu weiteren Schritten nicht veranlaßt sei. 

Zwei Tage später wurde das Bündnis zum erstenmal zu 
öffentlich-amtlicher Diskussion gestellt Der englische Minister 
des Auswärtigen Lord Salisbury hielt in Manchester eine Rede, 
in der er nadi einer Erörterung der Politik des Tory-Kabinetts 
in der orientalischen Frage, vom Vertrag von Santo Stefano an, 
sagte: Jch glaube, daß auf der Stärke und Unabhängigkeit 
Oesterreichs die beste Hoffnung der Stabilität und des Friedens 
Europas beruht Was in den letzten wenigen Wochen geschehen 
ist, rechtfertigt uns zu hoffen, daß Oesterreich, wenn angegriffen, 

nicht allein dastehen wird. Die Zeitungen berichten ich 

weiß nicht ob dieselben recht berichten daß zwischen 

Deutschland und Oesterreich eine Defensivallianz errichtet worden 
Ist Ich will keine Ansicht über die Genauigkeit dieser Nachricht 
aussprechen, aber ich werde Ihnen und allen, welche den Frieden 

und die Unabhängigkeit der Nationen schätzen, sagen ich 

darf dies ohne Profanierung sagen , daß dies eine gute 

Botschaft von großer Freude ist (good tidings of great joy)".* 

1) Siehe Dr. Freiherr von Mittnacht: „Erinnerungen an Bismarck" 
5eite 41. 

^ Bismarck hatte in seinem Briefe vom 10. September an den König 
von Bayern (Gedanlien und Erinnerungen, Band II, Seite 241) richtig ge- 
folgert: „Das Deutsche Reich im Bunde mit Oesterreich würde die An« 

4» 



52 I^cr Zweibund 

Nach Unterzeichnung des Vertrages bestand KaiserV\Slhelm dar- 
auf, den Abschluß nach Petersburg mitzuteilen. Der Kaiser hielt es, 
schreibt Bismardc in den ^.Gedanken und Erinnerungen",^ in 
seinem ritterlichen Sinne für erforderlich, den Kaiser von Ruß- 
land vertraulich dariiber zu verständigen, daß er, wenn er eine 
der beiden Nachbarmächle angriffe, beide gegen sich haben 
werde, damit Kaiser Alexander nicht etwa irrtümlich annehme, 
Oesterreich allein angreifen zu können. Mir schien, fügt der 
Reichskanzler hinzu, diese Besorgnis unbegründet, da das 
Petersburger Kabinett schon aus unserer Beantwortung der aus 
Livadia an uns gerichteten Frage wissen mußte, daß wir Oester- 
reich nicht würden fallen lassen, durch unseren Vertrag mit 
Oesterreich also eine neue Situation nicht geschaffen, nur die 
vorhandene legalisiert wurde. Im übrigen bildete die Frage 
der amtlichen Mitteilung nach Petersburg auch vor der Ratifi- 
kation den Gegenstand eines Notenwedisels zwischen Berlin 
und Wien. Auf die Mitteilung Bismardcs, Kaiser Wilhelm wünsche 
den Inhalt des Vertrages zur Kenntnis des Zaren zu bringen, 
erklärte sich Graf Andrässy ^ gegen jede andere Mitteilung, als 
die, welche die Tafsache eines abgeschlossenen Einvernehmens 
zur Erhaltung des Friedens und zur gegenseitigen Verteidigung 
mit Ausschluß jeder feindseligen Absicht gegen irgend eine 
Macht zu konstatieren hätte. Andrässy ging, als das Verlangen 
wiederholt wurde, so weit dem Fürsten Bismardc privat zu 
schreiben, daß er ohnehin demissioniert habe und es dem 
Reichskanzler anheim stelle zu versuchen, ob er seinen Nach- 
folger schmiegsamer finde. Darauf erfolgte (am 15. Oktober) 
die Ratifikation und eine vertrauliche Mitteilung nach Petersburg 
in der Form, wie sie von beiden Seiten vereinbart wurde und 
wie sie Bismardc am 16. Oktober dem diplomatischen Ausschusse 
hatte zugehen lassen. Gleichzeitig mit dieser diplomatischen 
Mitteilung ging auch ein Privatschreiben (datiert vom 4. No- 
vember) des Kaisers nach Petersburg, in welchem Wilhelm I. 
»seinem lieben Neffen und Freund," das Resultat der zwischen 
dem Fürsten Bismardc und dem Grafen Andrässy in Gastein 
und Wien stattgehabten Unterredungen mitteilt: «als Wieder- 
herstellung des Einvernehmens der drei Kaiser, welches Europa 
seit dem Jahre 1873 so bedeutende Dienste geleistet hat" 
Kaiser Alexander antwortete aus Livadia vom 2./14. November: 



lehnung Englands nicht entbehren." Der Rede Salisburys folgte übrigens 
eine sehr warme Friedensrede Lord Beaconsüelds beim Lordmayor-Bankett 
in London am 11. November. 

1) Seite 248. 

2) Neue Freie Presse, 2. Dezember 1906, L. v. Döczy: „Andrässy und 
Bismarck." 



Der Zweibund 53 

„Ich bin glüdclidi, konsfalieren zu können, daß diese politische 
Verhandlung durchaus nichts enthält, was meinen Wünschen 

zuwiderliefe Indem ich mich dem zwischen Deutschland 

und Oesterreich geschlossenen Bunde anschließe, sehe ich darin 
gerne die Rüdekehr zu der vollkommenen Verständigung der 
Drei Kaiser die, wie Du mit soviel Richtigkeit bemerkst Europa 
die größten Dienste geleistet hat." 

Bald darauf erfolgte die Reise des Großfürsten-Thronfolgers 
nach Wien und Berlin (16. und 17. November) und der Empfang 
des russischen Staatskanzlers durch den Kaiser in Berlin 
(30. November) — beiden Gelegenheiten bleibt Bismardc fern, 
aber die Beziehungen zwischen dem russischen und dem deut- 
schen Hofe bleiben fortgesetzt gut 

Das Bündnis war geborgen. Per tot discrimina rerum. Der 
„bis in das Jahr 1852 zurüdcreichende Wunsch" Bismardcs war 
erfüllt — die „Ergänzung seines Werkes von 1886" \ das, wie 
er selbst Friedjung* gegenüber bemerkte, stets sein Ziel ge- 
wesen. Die leitenden Persönlichkeiten Oesterreich-Ungarns mit 
dem Kaiser-König an der Spitze nahmen den Abschluß des 
Bündnisses freudigst auf* selbst der für russenfreund- 
lich angesehene Erzherzog Albrecht hat sich sehr indigniert über 
die Kniffe und Schliche der russischen Politik und erfreut über 
das Zustandekommen des Bündnisses mit Deutschland ausge- 
sprochen" \ Bismardc selbst äußert sich in seinen «Gedanken 
und Erinnerungen" in dem Kapitel „Der Dreibund" ausführlich 
über seine Schöpfung. Der Altreichskanzler mahnt sein Volk, 
der von ihm inaugurierten Politik treu zu bleiben: neben dem 
defensiven Bunde mit Oesterreich die nachbarlichen Beziehungen 
zu Rußland zu pflegen, denn „eine sichere Assekuranz gegen 
einen Schiffbruch der gewählten Kombination (defensiver Bund 
mit Oesterreich) ist für Deutschland nicht vorhanden, wohl aber 
die MögUchkeit antideutsche Velleitäten in Oesterreich-Ungarn 
in Schach zu halten, so lange die deutsche Politik sich die 
Brücke, die nach Petersburg führt nicht abbricht und keinen 
Riß zwischen Rußland und uns herstellt der sich nicht über- 



Busdi „Unser Reidiskanzler-, Band I, Seite 449. 

2) „Der Kampf um die Vorherrsdiaft in Deutsdiland." 

3) Bei dem parlamentarisdien Diner am 4. März 1880 äußerte sidi 
Bismarck (siehe Posdiinger: „Fürst Bismarck und die Parlamentarier" 
Band t Seite 182)* dahin, daß audi die österreidiisdien Militärkreise durdi- 
aus mit dem intimen Ansdiluß der beiden Länder sympathisieren und daß 
gerade Erzherzog Albrecht von dem das Gegenteil behauptet werde, eine 
der besten Stützen des neuangebahnten Verhältnisses sei, das nadi aller 
mensdilidier Voraussidit von dauerndem Bestände sein werde. 

4) „Grenzboten" Nr. 12 vom 18. März 1840. „Zur Gesdiidite des 
Deutsdi'Oesterreidiiscfaen Bündnisses." 



54 I^cr Zweibund 

brüdcen ließe. Bismarck verweist sodann darauf, daß »die Be^ 
wohner des Donaubeckens Bedürfnisse und Pläne haben, die 
sich aber die heutigen Grenzen der österreichisch-ungarischen 

Monarchie erstrecken Aber es ist nicht Aufgabe des 

Deutschen Reichs, seine Untertanen mit Gut und Blut zur Ver- 
wirklichung von nachbarlichen Wünschen herzuleihen. Die Er- 
haltung der Österreich-ungarischen Monarchie als einer unab- 
hängigen starken Großmacht ist für Deutschland ein Bedürfnis 
des Gleichgewichtes in Europa, für das der Friede des Landes 
bei eintretender Notwendigkeit mit gutem Gewissen eingesetzt 
werden kann. Man sollte sich jedodi in Wien enthalten, über 
diese Assekuranz hinaus Ansprüche aus dem Bündnis ableiten 
zu wollen, für die es nicht geschlossen ist." Der Reichskanzler 
protestiert, daß seiner Politik bei Abschluß des Defensivbünd- 
nisses aggressive Tendenzen unterschoben werden. Angesichts 
der in Ungarn und Polen sowie im Klerus der Gesamtmonardiie 
noch heute bestehenden französischen Sympathien befürchtet 
Bismardc einerseits die \AAederbelebung jener Beziehungen, die 
»1863 und zwischen 1866 und 1870 in gemeinsamer Diplomatie 
und in mehr oder weniger reifen Vertragsbildungen ihren Aus- 
drude fanden", andererseits die Möglichkeit eines Wettbewerbes 
zwischen Wien und Berlin um russische Freundschaft: wir dürfen, 
folgert Bismardc, Oesterreich nicht verlassen, aber auch die 
Möglichkeit, daß wir von der Wiener Politik freiwillig oder un- 
freiwillig verlassen werden, nicht aus den Augen verlieren. Das 
Kapitel schließt mit den Sätzen: „Der Dreibund hat die Bedeu- 
tung einer strategisdien Stellungnahme in der europäischen 
Politik nach Maßgabe ihrer Lage zur Zeit des Abschlusses; aber 
ein für jeden Wechsel haltbares ewiges Fundament bildet es 
für alle Zukunft ebensowenig, wie frühere Tripel- und Quadrupel- 
Allianzen der letzten Jahrhunderte und insbesondere die heilige 
Allianz und der Deutsche Bund. Er dispensiert nicht von dem 
toujours en vedettel" Bismardcs Politik war in den folgenden 
Jahren konsequent von dem Bestreben geleitet, ein gutes Ein- 
vernehmen mit Rußland herzustellen, was ihm auch trotz der 
panslavistischen und französischen Hetzereien gelang. Peters^ 
bürg blieb friedlich gesinnt und Frankreich war isoliert ^ Die 



1) Valbert konstatiert 18S3 iin Maiheft der „Revue des Deux Mondes" 
offen die Isolierung R'ankreidis. Die französisdie Hetze wendet sidi audi 
mit besonderer Schärte gegen Oesterreidi, und sdion in dem 1880 er' 
sdiienenen Werke „Les coulisses de la diplomatie" wird von der Möglidikeit 
eines Krieges mit Oesterreidi gesprodien. Die französische GesdiiditS' 
Schreibung prophezeit dem Defensivbündnis lange Dauer. Paul Matter 
schreibt in seinem Werke „Bismarck et son temps" (111. Band, Seite 310): 
„Les deux empires sont li6s d'un lien, qui se reserre chaque ann^e et 



Der Zweibund 55 

Dreikaiserzusammenkunft in Skierniewice krönte die Friedensr 
Politik des Altreichskanzlers. 

Die Kräftigung des deutsch-österreichischen Bündnisses und 
die Pflege guter Beziehungen zu Rußland laufen parallel. 

In dem Jahre nach Abschluß des Bündnisses dominiert 
noch immer die Orientfrage (speziell die montenegrinische und 
die griechische Grenzfrage). England nimmt (wie später bei der 
Annexion Bosniens und der Herzegowina) Stellung gegen Oester- 
reich- Ungarn. Beaconsfield und später Gladstone erschöpfen 
sich in Angriffen gegen die Donaumonarchie. England wirft die 
armenische Frage und die Reform der Provinzialverfassung der 
europäischen Türkei auf. 

Es ist die erste Feuerprobe des Bündnisses: Deutschland 
hält treu zu Habsburg. Obwohl hüben und drüben gewisse 
Verstimmungen eingetreten sind: in Deutschland beunruhigt die 
deutschfeindliche Politik des Kabinetts Taaffe, in Oesterreich 
wird heftig gegen die deutschen Industriezölle, in Ungarn gegen 
die deutschen GelreidezöUe agitiert. Verstimmend wirkt auch 
die Tatsache, daß der neue Handelsvertrag trotz langwieriger 
Unterhandlungen noch immer nicht zustande kommen kann^ 
Zu Beginn des Jahres erfolgten wichtige Aeußerungen in den 
österreichisch - ungarischen Delegationen. Haymerle sagte am 
15. Januar in der österreichischen Delegation: «Die innigen Be- 
ziehungen zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn sind 
kein so neues Faktum, als die Begegnung der beiderseitigen 
Staatsmänner annehmen ließ Der in Gastein statt- 
gehabte Ideenaustausch konstatierte nicht nur die Gemeinsam- 
keit der Interessen in allen großen Fragen, sondern eine solche 
Gleichmäßigkeit der Auffassung dieser Fragen in allen ihren 
möglichen Konsequenzen, daß die Besprechungen naturgemäß 
zu einem generellen, innigen Einvernehmen führten. Dieses 
Einvernehmen ist ein Werk des Friedens. Es bedroht niemanden, 
im Gegenteil, es soll in Mitteleuropa durch enges Aneinander- 
schließen zweier bedeutender Mädite einen Kern bilden, an 
welchen jede Macht, welche die gleiche Tendenz des Friedens 
und der Beruhigung verfolgt, sich anschließen kann. Dasselbe 
hat auch an sidi solche Festigkeit und Dauer, als irgend eine 
Form geschriebener Worte ihm verleihen könnte. Es wurzelt 



dont l'avenir est un mystere". In einer anonymen Flugsdirift des Jahres 
1879 „Le Prince de Bismardc et sa politique Austro-prussienne" (Seite 14) 
heißt es: „Die Allianz zwisdien Deutsdiland und Oesterreidi-Ungarn ist in 
Deutschland sehr populär, sowohl im Norden als auch im Süden, wo die 
Eitelkeit der kleinen Souveräne einen Trost darin findet, daß das stolze 
Haus Habsburg sich vollständig der Politik von Varzin anpaßt und anordnet" 
1) Die neue Handelskonvention wird erst im Juni 1881 abgeschlossen. 



56 1^61* Zweibund 

in der Gemeinsamkeit der Interessen, in einer gleichen politischen 
Auffassung, in der Freundschaft der Souveräne und den Sym- 
pathien der Bevölkerung." Zwei Tage darauf äußert sich der 
Sektionschef des Ministeriums des Auswärtigen v. Källay in 
der ungarischen Delegation: gerade in dem Umstände, daß beide 
Staaten den Frieden wünschen, daß in keinem der beiden 
Staaten Aspirationen und Wünsche bestehen, welche nur auf 
Kosten des anderen Staates durchführbar wären, liege die 
natürliche Notwendigkeit der gegenseitigen politischen Freund- 
schaft, welche zugleich die berechtigte Hoffnung bietet, daß die 
auf volkswirtschaftlichem Gebiete bestehenden Schwierigkeiten 
beseitigt werden dürften. 

Die alljährlichen Besuche Kaiser Wilhelms am Hoflager Franz 
Josefs in Ischl, die Reise des Kronprinzen Rudolf nadi Berlin, 
die Fahrt des Prinzen Wilhelm nach Wien, die Begegnungen 
Bismardcs mit Haymerle und später mit dessen Nachfolger 
Kälnoky^ (der nach seinem Amtsantritte vom Deutschen Kaiser 
in Gastein mit einer hohen Ordensauszeichnung bedacht wird) 
dokumentieren auch nach außen das Festhalten an dem alten 
Kurse, und Bismardc kann im Jahre 1882 sein Werk durch die 
Angliederung Italiens gekrönt sehen. 

Vollen Erfolg erzielte der Altreichskanzler mit seinen Be- 
strebungen, »nachbarlich-freundschaftliche'' Beziehungen mit Ruß- 
land zu pflegen. Das fünfundzwanzigjährige Regierungsjubiläum 
des Zaren Alexander (22. Februar 1880) gibt Anlaß zu einem 
herzlichen Depeschenwechsel. Kaiser Wilhelm beglüdcwünscht 
den Zaren in einem vom Reichskanzler gegengezeichneten 
Schreiben und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Freund- 
schaft »bis an mein Lebensende" bestehen werde. Am 27. April 
desselben Jahres begibt sich der kommandierende General des 
neunten Armeekorps, von Treskow, in feierlicher Mission nach 
Petersburg, um Kaiser Alexander zu dessen Geburtstage zu 
beglüdcwünschen (Kaiser-König Franz Josef hatte ebenfalls einen 
Feldmarschall-Leutnant an den Zarenhof entsendet.^ Am 13. März 
des darauffolgenden Jahres (1881) fällt Kaiser Alexander einem 
nihilistischen Attentate zum Opfer. Am 22. März feiert Kaiser 
Wilhelm seinen vierundachtzigsten Geburtstag, zu welchem ihn 
Zar Alexander III. in einer äußerst warmen Depesche beglüdc" 
wünscht, bei deren Empfange Kaiser Wilhelm gesagt haben soll: 
„Vom neuen Kaiser die alte Herzlichkeit, Treue und Freund- 
schaft, das tut wohir Am selben Tage reist der Kronprinz als 

1) Ernannt 10. Oktober 1881. 

^) Auch Havmerle spricht in der österreichischen Delegation von den 
freundschaftlichsten Beziehungen zu Rußland und betont Oesterreich-Ungam 
suche im Orient nicht überwältigenden Einfluß, sondern gemeinsames Wirken. 



Der Zweibund 57 

Vertreter des Kaisers zur Leichenfeier Alexander des Zweiten nach 
Petersburg, wo er am 28. März einer Deputation der Deutschen 
in Moskau gegenüber erklärt, sie könnte ihren Mandanten sagen, 
daß die alten freundschaftlichen Beziehungen zwischen beiden 
Staaten Tradition geworden sind, daß sie fernerhin fortbestehen 
werden und daß die Freundschaft der heutigen Generation eben- 
so dauerhaft sein wird, wie die der alten, die Freundschaft, die 
nicht bloß für beide Nachbarstaaten, sondern für den Frieden 
ganz Europas wichtig sei. 

Am 9. September erfolgt eine Entrevue Kaiser \AAlhelms mit 
Kaiser Alexander dem Dritten in Danzig. Dies wird in allen 
Preßstimmen als eine Annährung Rußlands an Deutschland, aber 
auch an Oesterreich-Ungarn begrüßt. Die Botschaft, mit weldier 
am 17. November der Reichstag eröffnet wird, konstatiert auch, 
daß die von gegenseitigem Vertrauen getragenen, engen persön- 
lichen und politischen Beziehungen eine zuverlässige Bürgschaft 
für die Fortdauer des Friedens bilden, auf welche die Politik der 
Drei-Kaiser-Höfe in Uebereinstimmung gerichtet sei. Das in 
diese Tage fallende Namensfest des Zaren gibt den Anlaß zu 
einem Austausch herzlicher Depeschen zwischen dem Zaren und 
dem Kaiser von Oesterreich. Am 15. September richtete Baron 
Haymerle an Kaiser-König Franz Josef folgende Depesche^: 
«Graf Kälnoky^ telegraphiert: Herr von Giers, den ich soeben 
sah. ist über die gegenseitigen Eindrücke der Danziger Zu- 
sammenkunft sehr befriedigt. Kaiser Alexander ist mit den er- 
höhten Gefühlen der Beruhigung und inneren Zufriedenheit 
zurüdcgekehrt, namentlich haben die Weisheit und erwartete 
Mäßigung der Sprache des Fürsten Bismardc sowohl auf den 
Zaren, als auch auf Giers einen guten Eindruck gemacht und 
sie darüber beruhigt, daß er nach keiner Richtung andere als 
friedliche Absichten verfolge. Kaiser Wilhelm habe auch die 
so befriedigende Aeußerung unseres allergnädigsten Herrn in 
Gastein an Kaiser Alexander mitgeteilt und hinzugefügt, daß er 
mit Freude eine Bestätigung der ihm bekannten freundlichen 
Gefühle Sr. k. u. k. ap. Majestät gefunden habe, nachdem faktisch 

und Herr von Giers konstatiert dies auf dem Felde 

der äußern Politik keine beängstigende Frage vorliege. Es habe 
sich das Gespräch hauptsächlich der sozialistischen Gefahr zu- 
gewendet, und auch da habe Fürst Bismardc große Vorsicht und 
Mäßigung bei Anregung internationaler Maßregeln empfohlen. 
Herr von Giers sagt daß die bedeutungsvolle Seite der Danziger 
Reise darin liege, daß der Zar dadurch an ganz Rußland seinen 



1) Zum erstenmal publiziert im Budapester „Egyet^rt^s. 

2) Damals Botschafter in Petersburg. 



58 Der Zweibund 

USUen, eine konservative und friedfertige Politik zu verfolgen, 
in unzweideutigster Weise kundgegeben habe". 

Diese Depesche weckt in Oesterreich-Ungarn ganz ungerecht" 
fertigter Weise ein verstimmtes Echo, und speziell die „Neue 
Freie Presse" erblidct in den Mitteilungen von Giers an Kälnoky 
eine bedeutsame und folgenschwere Versdiiebung der Be- 
ziehungen der drei Kaiserreiche, wirft die Frage auf, warum 
Fürst Bismardc heute auf die Aufrichtigkeit und Verläßlichkeit 
Rußlands mehr Vertrauen setzt als vor zwei Jahren und glaubt 
annehmen zu müssen, daß »das Bündnis mit Oesterreich allein 
Bismardc nicht mehr genüge." Die Danziger Entrevue wird im 
nächsten Jahre (mittlerweile war Haymerle gestorben) in der 
ungarischen Delegation eingehend diskutiert. Sektionschef Källay 
äußert sich auf die an ihn gestellten Anfragen dahin, daß sich 
die Entrevue nicht mit konkreten politischen Fragen beschäftigt 
habe, sondern im allgemeinen ein friedliches und konservatives 
Gepräge hatte, wodurch sie zur Festigung des europäischen 

Friedens beitragen werde in Danzig sei Übrigens weder 

eine mündliche noch eine schriftliche Vereinbarung getroffen 
worden. 

Nach Danzig hatte Nikolai Karlowitsch von Giers seinen 
Monarchen begleitet, da sein Onkel, der ein VTierteljahrhundert 
die auswärtige Politik Rußlands geleitet, schon seit Monaten 
schwer krank war. Die tatsächliche Ernennung von Giers erfolgte 
erst im April 1882. (Gortschakow starb im darauffolgenden 
Jahre.) Wenn auch die Danziger Entrevue einen Vollbeweis 
der Friedensliebe des Zaren erbracht hatte, vermochte Ignatiew, 
der 1881 zum Minister des Innern ernannt worden war, dennoch 
die Wühlarbeit gegen Deutschland und Oesterreich-Ungarn fort- 
zusetzen. General Skobelew hält in Petersburg und bald darauf 
in Paris Hetzreden gegen die beiden Kaiserstaaten, speziell 
gegen Oesterreich ^ ; aber schon stürzt der allgewaltige Menteur 
Pacha, und die Friedenspolitik von Giers kann sich voll und ganz 
durchsetzen. Er begibt sich Mitte November auf ein paar Tage zu 
Bismardc ^, eine Reise, die zu dem Drei-Kaiser-Verhältnis führte, 
das gemeinsam mit dem Dreibund Jahre hindurch Europa die Seg" 
nungen des Friedens sicherte. Nach dem Besuche von Giers spricht 

1) Giers läßt Kälnoky sein Bedauern über diese Reden ausspredien. 

^) An diese 'Reise knüpfte sidi selbstverständlich in der deutschen, 
russischen und österreichisch-ungarischen Presse eine lebhafte Diskussion; 
interessant ist, was die Rankfurter Zeitung hierzu schrieb („Gesdüchte der 
Frankfurter Zeitung" Seite 508): „Die Reise des Herrn v. Giers veranlaßt 
den deutschen Reidiskanzler darauf hinzuweisen, daß das deutsch-öster^ 
reichische Verhältnis gewisse verpflichtende Bedingungen enthalte. Diese 
Kundgebung soll Rußland zur Warnung, Italien zur Nachahmung, Oesterreich 
zur Mahnung dienen". 



Der Zweibund 59 

sich der Deutsche Kaiser (am 28. November) bei Gelegenheit des 
Empfanges des Präsidiums des preußischen Abgeordnetenhauses 
sehr günstig aber den Wellfrieden aus und gibt der Freude 
dariiber Ausdrude, daß die guten Beziehungen zu Rußland ge^ 
sichert seien. Auch zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland 
bessert sich das Verhältnis, und im darauffolgenden Jahre kommt 
es zu warmen Freundschaftsbezeugungen zwischen diesen beiden 
Monarchen. Kaiser Franz Josef konnte die 'Delegationen mit 
dem feierlidien Hinweis auf die erfreuliche • Uebereinstimmung 
der drei Monarchen und ihrer Regierungen eröffnen. 

Die Werbekraft des Werkes Bismardcs sieht am Ende des 
Jahres 1883 auch Rumänien ^ und Serbien ^ im Lager des Drei- 
bundes, der ein Jahr vorher verbrieft worden war. 



1) Der rumänisdie Ministerpräsident Bratianu hatte im September mit 
Bismarck in Gastein und dann mit Kälnoky in Wien verhandelt 

^ König Milan wohnt auf Einladung des Deutsdien Kaisers im Herbst 
den großen Kaisermanövern um Homburg bei. 



Der Anschluß Italiens 

t 

Zwischen Deutschland und Italien bestand zur Zeit, als 
Bismardc im Schönbrunner Kaiserschlosse zu Wien seine Unter- 
schrift auf den Vertragsentwurf setzte, trotz manchen Zwischen- 
fällen, die sich seit 1866^ ergaben, das beste Einvernehmen 

nichts natürlicher, als daß der Altreichskanzler schon bei der 
Geburt des Zweibundes an einen Anschluß Italiens dachte. Dies 
beweist wohl am besten die Tatsache, daß der Fürst noch be- 
vor er den Grafen Andrässy nach Gastein lud, (im August 1879) 
dem italienischen Ministerpräsidenten Grafen Cairoli, der ihm in 
Gastein einen Besuch abstattete, von seinen Plänen Mitteilung 
machte und ihm eröffnete, Italien sei ihm als Dritter im Bunde 
jederzeit willkommen ^ In Italien machte der Exminister und 
Senator Jacini lebhafte Propaganda für eine Friedensliga zwischen 
Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien' — — im all- 
gemeinen jedoch löst die Kunde von dem Abschlüsse des 
deutsch-öslerreichisch-ungarischen Schutz- und Trutzbündnisses 
in Italien eine feindselige Stimmung aus, und Crispi kann in 
Palermo unter stürmischem Beifall die Worte sprechen: „Nous 
6 avons 6thumili6s ä Berlin et traitös comme le dernier peuple 
de TEurope, nous y avons €t& bemös, d6shonor6s*I" 

1) Crispi machte aus seiner Ueberzeugung, daß der Nikolsburger Friede 
dem Gefühl des italienisdien Volkes nicht ganz entsprach, niemals ein 
Hehl: „Man gab uns Venezien innerhalb seiner damaligen Verwaltungs- 
grenzen, und der östliche Alpenkranz blieb uns versagt," klagt er in seinem 

Tagebuche daß es so kam, war seiner Ueberzeugung des dritten 

Napoleon Schuld. 

^) Dem gegenüber behauptete Nigra nach dem Tode Bismarcks einem 
Interviewer gegenüber, die Idee des Anschlusses Italiens sei erst später 
aufgetaucht. 

^) Siehe „Bismarck zwölf Jahre deutscher Politik" Seite 157. 

^) Die Ergebnisse des Berliner Kongresses werden in der gesamten 
Presse Italiens als eine Niederlage des jungen Königreiches behandelt: 
Italien war in Berlin so klein, als Piemont in Paris groß gewesen. Graf 
Corti, der Italien in Berlin vertrat wurde für die Erfolge des Grafen An- 
drässy verantwortlich gemacht. Sofort waren die Irredentisten am Werke; 
die Volksversammlungen der „Roten", denen Menotti Garibaldi präsidierte 
und die Barsantivereine hetzten gegen Deutschland, speziell aber gegen 
Oesterreich. Erst das Attentat auf den König in Neapel (17. November 1878) 
bringt einen radikalen Umschwung der Stimmung. 



Der Anschluß Italiens 51 

Die Verhältnisse sind einer Verständigung durchaus nicht 
günstig. Die von Italien in Albanien ^ geschürten Unruhen, dann 
die Agitation der Irredenta in Südtirol und Triest nehmen 
Dimensionen an, die schon bedrohlich genannt werden können. 
Wohl ersdiöpft sich die italienische Regierung Oesterreich gegen- 
über in den bündigsten Erklärungen, daß sie diese Wühlereien 
mißbilligt, doch unternimmt sie absolut keinen Schritt, diese ein- 
zudämmen. Verstimmend wirkt eine Flugschrift des öster- 
reichischen Militärattaches Haymerle (eines Bruders des Ge- 
sandten in Rom) „Italicse res", die mit den Worten schließt: 
»Buben, entweder seid ihr ruhig oder ihr bekommt Schlägel" 
Die Italiener antworten mit der Streitschrift «Pro Patria", in 
welcher sie nicht weniger als Istrien, Triest, das ungarische 
Litorale und einen Teil Kroatiens verlangen. 

Im Juni bessern sich vorübergehend die Verhältnisse. Am 
24. Juni werden bei der feierlichen Einweihung des Beinhauses 
von Custozza zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn Freund- 
schaftsbezeugungen ausgetauscht. Der österreidiisch-ungarische 
Feldmarschall-Leutnant Graf Thun, der der Feier beiwohnt, er- 
klärt in einer Rede, die gemeinsame Beisetzung der Gebeine 
der Tapferen beider Armeen sei ein Beweis für die zwischen 
beiden Regierungen und Ländern bestehende Freundschaft. Ein 
Rundschreiben des Ministers des Innern Villa an die Präfekten, 
in welchem diese aufgefordert werden, jede Manifestation zu 
Gunsten der Italia Irredenta hintanzuhalten ^ madit in Oester- 
reich besten Eindrudc. Um dieselbe Zeit weckt der Besuch, 
welchen der König von Italien und sein Bruder, der Prinz 
Amadeo, dem deutschen Kronprinzen, der mit seiner Familie in 
Pegli bei Genua weilt, italienfreundliches Echo. Aber schon 
brechen im Dezember, ausgehend von der Ermordung des 
italienischen Konsuls in Sarajevo und von den Demonstrationen 
bei dem Begräbnis des Präsidenten des Vereins Italia Irredenta, 
des Generals Avezzana (der am ersten Weihnachtsiage starb), 
solche Unruhen aus, daß sich Oesterreidi-Ungarn im Februar 
1880 gezwungen sieht, größere Truppenmassen nach Südtirol 
zu werfen. Die Maßnahmen Oesterreich-Ungarns wirken: die 

1) Seit der Reise Königs Humberts nach Petersburg 1877 wollen trotz 
allen offiziösen Versicherungen der italienischen Regierung die Gerüchte, 
daß bezüglich Albaniens ein Spezialübereinkommen zwischen Rußland und 
Italien bestehe, nicht schwinden. Siehe hierüber auch die 1878 in München 
erschienene Flugschrift „Graf Andrässy auf der Anklagebank der Dele- 
gationen": „Graf Andrässv war in Kenntnis, daß Italien seine aktive Freund- 
schaft gegen einen gewissen Kaufpreis dem Zarenreiche förmlich auf- 
drängte" (Seite 18). 

^) Das Rundschreiben hob den großen Wert hervor, welchen die Re- 
gierung auf das gute Einvernehmen mit dem benachbarten Kaiserstaate lege* 



62 Der Ansdüuß Italiens 

italienische Regierung tritt der auch ihr gefährlich werdenden 
Agitation energisch entgegen und schon im März konnte Minister- 
präsident Cairoli in der Kammer unter dem Beifalle seiner 
Majorität einer austrophilen Politik das Wort reden. Er er^ 
klärte: Italien sei nicht isoliert und befinde sich in den normalen 
Verhältnissen einer Macht, welche die Erhaltung des Friedens 
anstatt kompromittierender Allianzen anstrebe, ohne Freundes- 
dienste und Erleichterungen in besonderen Fragen auszuschließen. 
Vertragstreue und andere Erwägungen rieten Freundschaft mit 
Oesferreich an. Diese Freundsdiaft werde nicht durch die ohn- 
mächtigen Deklamationen derjenigen getrübt werden, welche 
durch die Träume törichter Unternehmungen die Früchte hundert- 
jähriger Opfer gefährdeten. Oesterreich habe selbst mit frei- 
mütigen und freundschaftlichen Erklärungen den Eindruck des 
Mißtrauens beseitigt, welches durch die Annahme imaginärer 
Gefahren erwedct worden sei. Noch schärfer nimmt Minister 
Depretis gegen die Italia Irredenta Stellung: „Vät haben eine 
Italia Irredenta, nämlich bezüglich des Fortschrittes der Land- 
wirtschaft und bezüglich der Maßnahmen zur Verbesserung der 
Lage der arbeitenden Klasse und zur Lösung der sozialen Frage" 
und betont, die Regierung werde jeden, die internationalen Bezieh- 
ungen kompromittierenden Akt und jede republikanische Agitation, 
deren Bedeutung übrigens sehr gering sei, energisch verhindern. 
Bald darauf wurde der Generalsekretär des Ministeriums 
der Auswärtigen Angelegenheiten Graf Maffei^ ermächtigt, in 
Berlin offiziös Fühlung zu nehmen » betreffs der Möglichkeit, 
den Beziehungen zwischen Italien nnd Deutschland den Charakter 
größerer Vertraulichkeit zu geben und auf ein wirkliches Bünd- 
nis hinzuarbeiten". Fürst Bismardc hatte ihm darauf geant- 
wortet, daß der Weg nach Berlin über Wien führe ^ Und so 
wurden zwischen Rom und Wien im August direkte Verhand- 
lungen eingeleitet, die Haymerle, der ausgezeichnete Ver- 
bindungen in Rom hatte, und dort als warmer Freund des 
jungen Königreiches galt, nach besten Kräften förderte. Audi 
der Besuch, den Haymerle im September bei Bismardc in Varzin 
abstattete, galt der Frage des Anschlusses Italiens. Die 
Verhandlungen gedeihen so weit, daß in der englischen Presse 
bereits die Nachricht auftaucht, das Dreierbündnis sei vollzogene 
Tatsache ^ Dies stimmt wohl nicht, doch müssen schon damals 

1) lieber diese Verhandlungen siehe Crispis Memoiren, Seite 122, ff. 

^) Bismarck hatte audi schon früher dem Botsdiafter De Launay zu 
verstehen gegeben, Triest müsse österreichisch bleiben. 

8) Im Oktoberheft der „Contemp. Rev." wird ein Artikel publiziert 
„Outidinos: The triple-alliance and Italys place in it", mit einem Ausspruche 
Gladstones, Italiens Anschluß an den Dreibund sei „a gigantic piece of 
tomfoolery". 



/ — 



Der Anschluß Italiens 63 

gewisse Abmachungen getroffen worden sein, die sich auch in 
einer Restringierung der Grenztruppen offenbaren. Der formelle 
Abschluß eines Bündnisses mag damals noch an der entschieden 
franzosenfreundlichen Gesinnung Cairolis gescheitert sein. Als 
aber 1881 der Bardovertrag (12. Mai), durch den Frankreich 
sich Tunis bemächtigte, den Rädetritt Cairolis^ zur Folge hatte, 
und dann auch nodi gelegentlich der Rückkehr der Truppen 
aus Tunis italienische Arbeiter in Marseille mißhandelt wurden, 
entschloß sich König Humbert zu einem gründlichen Wechsel in 
der Richtung der auswärtigen Politik Italiens. Schon vor der 
Ratifizierung des Bardovertrages (15. April 1881) warnt die 
„Nouvelle Revue" die französische Regierung: «II ne faut pas 
qu'un malentendu ait des cons^quences qu'il serait un jour trop 
tard de regretfer". Und am 1. Juli schreibt Madame Adam in 
derselben Revue: «L'Italie n'est pas notre amie: eile attend 
avec impatience le moment oü une crise Interieure ^clatant 
chex nous lui permettra de se ranger impun^ment du cot^ de 
nos ennemis." Gleichzeitig schrieb die »Rassegna settimanale": 
„L'amidzia coH'Austria € per noi una condizione indispensabile 
per una politica concludenfe ed operosa"^. 

Der König reist mit der Königin Margherita, begleitet vom 
Premierminister Depretis^ und dem Minister des Auswärtigen 
Mandni, Ende Oktober nach Wien*. An diese Entrevue knüpft 
sich im auswärtigen Ausschusse der ungarischen Delegation 
eine interessante Debatte. Sektionschef Källay erklärte, laut der 
Zeitungsberichte, auf mehrfache Anfragen, die Initiative zum 
Besuche des Königs von Italien sei ausschließlich von Italien 
ausgegangen, weshalb das UAener Auswärtige Amt zu einer Er- 
klärung der Motive dieser Reise nicht kompetent sei; soviel 
könne aber ebenso aus den äußeren, wie aus den inneren Ver- 
hältnissen Italiens nicht ohne Grund gefolgert werden, daß 
Italien seine Annäherung an unsere Monardiie als hauptsächlich 

in seinem eigenen Interesse gelegen betrachtet »denn 

was uns betrifft, wir haben von Italien nichts zu verlangen und 
auch nichts zu befürchten". Graf Julius Andrässy greift eben- 

Gelegentlich seines Rücktrittes sagte Cairoli zum französischen Ge*- 
sandten: „Idi war der letzte italienische Minister, der Franlireich geliebt 
hat''. Siehe Oncken „Das Zeitalter des Kaisers \A^lhelm", Seite 891. 

^ Näheres hierüber Kapitel VI in dem Werlie des Senators Luigi 
Chiala „Pagine di Storia Contemporanea", 1898. 

3) „Journal desD^bats" bemerlite hämisch: „Qa nesera pas un spec" 
tacle peu curieux que de voir M. Depretis, l'ancien irr^dentiste accom« 
pagner ä Vienne son Souverain, qui sans doute ne va pas parier ä rEm*- 
pereur d'Autriche de la cession de Trente et de Trieste". 

^) Nach Rom zurückgeliehri, empfangen den König rote Plaliate mit 
der Aufschrift »Nieder mit der Monarchie und dem österreichischen Oberst"! 



64 Der Ansdiluß Italiens 

falls in die Debatte ein: die italienische Irredenta sei viel eher 
eine Gefahr für Italien als für uns; hätte die Irredenta ver- 
mocht, Italien zu einem Kriege gegen Oesterreich - Ungarn zu 
bringen und hätte in diesem Italien gesiegt dann wäre dies 
auch ein Triumph der republikanischen Partei gewesen, welche 
diesen Sieg hervorgerufen hatte, wäre aber Italien unterlegen, dann 
wäre dies auch für die Dynastie verhängnisvoll gewesen; er ist 
demnach von der Aufrichtigkeit der italienischen Freundschaft 
sowie davon vollständig überzeugt daß in diesem Augenblicke 
nicht wir unsere italienische Grenze verteidigen, sondern die 
italienische Regierung die ihres Landes. Eine lückenhafte Wieder- 
gabe der Rede Källays in den Wiener Blättern ^ veranlaßt diesen 
spontan den italienischen Botschafter am U^ener Hofe Grafen 
Robilant aufzusuchen, ihm sein Bedauern über diese Zeitungs- 
publikationen auszusprechen und folgende authentische Legende 
seiner Erklärungen abzugeben: »Unsere Monarchie unterhielt 
stets trotz der irredentistischen Bewegung freundschaftliche Be- 
ziehungen zu Italien. Indem der König von Italien die Initiative 
zu einem Besuche ergriff, bezeugte er die Existenz dieser Be- 
ziehungen. Die öffentliche Meinung und die Presse beider Länder 
beweisen das Gelingen dieser Entrevue. Keinerlei besondere 
politische Fragen wurden erwogen, noch sind solche auf- 
getaucht Das Ergebnis dieses Besuches ist daß wir weder auf 
der einen noch auf der anderen Seite etwas zu wünschen oder 
zu befürchten haben". Auch Graf Julius Andrässy erschien im 
Palais des Grafen Robilant um, wie eine die Erklärungen der 
beiden Staatsmänner mit Befriedigung zur Kenntnis nehmende 
halbamtliche Note der Agenzia Stefani vom 10. November mit- 
teilt die „freundschaftlichsten und herzlichsten" Erklärungen zu 
erneuern. Der österreichisch-ungarisdie Botschafter am Quirinal 
Graf Wimpffen hatte dem Minister Mancini in Rom ebenfalls 
den authentischen Text der Rede Källays sowie die Tatsache 
mitgeteilt er sei gleichzeitig beauftragt worden, die Versicherung 
der aufrichtigsten Herzlichkeit der Gesinnungen und Dispositionen 
Oesterreich-Ungarns gegenüber Italien zu geben. Gleichzeitig 
hatte Källay in einer Plenarsitzung der Delegation eine Er- 
klärung abgegeben, Oesterreich-Ungarn, dessen Beziehungen zu 
Italien durch keinerlei egoistische Rücksichten bestimmt seien, 
habe zu der jüngst erfolgten Annäherung bereitwillig die Hand 
geboten. Und Graf Julius Andrässy fügte hinzu, er habe als 
Minister des Auswärtigen den Grundstein zu dieser Politik ge- 
legt welche sich bis heute so glücklich entwickelt hat; er war 



1) Källay hatte seine Rede in einer gesdilossenen Aussdiußsitzung 
gehalten. 



Der Ansdiluß Italiens 65 

auch während seiner ganzen Ministerlaufbahn der Ueberzeugung 
gewesen, Eintracht und ein freundschaftlich-inniges Verhältnis 
zwischen Oesterreich-Ungam und Italien seien ein großer wich- 
tiger Faktor des europäischen Gleichgewichtes. 

Die Annäherung an Oesterreich-Ungarn wird in Italien an- 
gesichts der »Perfidie Frankreichs" bei allen Parteien (die ultra- 
radikal-republikanische ausgenommen) mit großen Sympathien 
begrüßt. Die Tatsache der Annäherung, die Debatte in der 
ungarischen Delegation, sowie eine Erklärung Bismarcks bei 
der zweiten Lesung des Etats im Deutschen Reichstage (29. 
November)^ werden in der italienischen Kammer zur Diskus- 
sion gestellt. Massari führt aus, das ganze Land begrüße die 
Reise des Königs nach Wien mit begeistertem Beifall und 
wünscht, die Minister mögen die Zweifel bezüglich der Ver- 
wirklichung der von der Reise erwarteten guten Folgen zer- 
streuen. Sonnino erblickt in der Wiener Reise den Beginn eines 
rationellen Systems von Allianzen und meint, man müsse in ein 
Bündnis mit Oesterreich-Ungarn und Deutschland als mit nütz- 
lichen Alliierten ohne Bedenken eintreten. Mancini, der hierauf 
das Wort ergriff, erklärte: »Als er das Portefeuille für Auswärtiges 
übernahm, seien die wohlwollenden Beziehungen zu Frankreich 
durch die Marseiller und Tuniser Ereignisse erschüttert, die Be* 
Ziehungen zu Deutsdiland zwar regelmäßige aber von einem 
unerklärlichen Mißtrauen imprägniert gewesen. Der einstimmige 
Wunsch des italienischen Volkes sei es gewesen, in Wien und 
Berlin alles Mißtrauen zu zerstören und Freundschaft zwischen 
den drei Völkern zu knüpfen. Wir begannen in Wien, nachdem 
wir die Ueberzeugung gewonnen hatten, daß Oesterreidi von 
dem gleichen Wunsdie beseelt sei, als wir. Die Entrevue hatte 
Ertolg und trug den Stempel großer Herzlichkeit und politischer 
Höflidikeit Unsere Annäherung an Oesterreich involviert keine 
Feindschaff gegen irgend jemanden, was ia auch der Abschluß 
des Handelsvertrages mit Frankreich beweise. Unsere Bezie- 
hungen zu Deutsdiland sind jetzt nidit allein regelmäßige, 
sondern auch sehr wohlwollende und haben sich in der letzten 
Zeit nodi gebessert". Der Minister machte sodann der Kammer 
ausführlidie Mitteilungen über Botschaftsberichte, welche besagen, 
Fürst Bismarck betrachte jeden Oesterreich geleisteten Freund- 
sdiaftsdiensf als an Deutschland gerichtet. Ueber die jüngsten 
Ausführungen Bismarcks äußerte sidi der Minister dahin, 
diese seien als Folge einer oratorischen Exkursion durdi 
mehrere Völkerschaften Europas zu betraditen, um darzufun, 

1) „Ist in Italien nicht von Ministerium zu Ministerium der Schwerpunkt 
immer mehr nach links geglitten? So daß er ohne ins republikanische 
Gebiet zu fallen, nicht mehr weiter nach links gleiten kann?" 

Singer, Geschidite des Dreibundes ^ 



gl5 Der Ansdiluß Italiens 

daß der Liberalismus überall ein maskierter Republikanismus 
sei, worauf aus Freundschaft für Deutschland Schweigen und 
absolute Reserve die beste Antwort sei. Und am letzten Tage 
der Debatte teilt der Minister der Kammer mit, er habe vor 
einigen Stunden ein Telegramm erhalten, in welchem Fürst 
Bismarck ihm für seine {üngsten Erklärungen in der Kammer 
danken lasse: die Auffassung seiner Aeußerungen durdi die 
italienischen Minister stehen im vollen Einklang mit der Auf- 
fassung dessen, der sie getan und man dürfe weder an seinen 
freundschaftlichen Gefühlen und Absichten Italien gegenüber, 
noch auch an der Aufrichtigkeit seiner Wünsche für die erlauchte, 
dem deutschen Kaiserhause so enge verbundene Dynastie 
zweifeln. 

Der Inhalt des Vertrages ist bis heute ein sorgsam ge* 

hüfetes Geheimnis der drei Staatskanzleien geblieben ja 

es wird Bismarck der Ausspruch zugeschrieben, der Inhalt des 
Dreibundes werde niemals, auch nicht im Falle seiner Auflösung 
vollständig an die Oeffentlichkeit tretend Das genaue Datum 
des formellen Abschlusses ist bis heute amtlidi nicht bekannt- 
gegeben worden, vielleicht audi aus Rücksicht auf den Vatikan. 
Eine authentische Mitteilung über dieses Datum gibt Crispi^ 
der erklärte, der Beitrift Italiens sei am 20. Mai 1882 erfolgt 
unter besonderen Bedingungen ^ die Staatsgeheimnis sind, der 
Vertrag selbst sei kein gegenseitiger Neutralitätsvertrag, wie ihn 
Oesterreich-Ungarn zuerst gewünsdit sondern eine »Garantie 
betreffs der Unantastbarkeit des Territorialbesitzes der drei 
Mächte". Dieses Datum bezeichnet auch Staatsminister von 
Brauer, der letzte noch lebende Mitarbeiter Bismarcks, der an 
den Verhandlungen mitgewirkt hat, in einem an den Verfasser 
gerichteten Schreiben als richtig: Der Geburtstag des Vertrages 
ist in den sonst so unzuverlässigen und gehässigen „Diploma- 
tischen Enthüllungen" von J. Hansen riditig angegeben 

es ist der 20. Mai 1882, nicht der 2. Januar, wie Blum^ angibt 

Die Unterzeichnung einer Meldung der »Italia" zufolge 

sollen drei identisdie Protokolle ausgetauscht worden sein 



1) Siehe Julius v. Ediardt „Berlin-Wien-Rom" (Leipzig, Dundier und 
Humblot 1892), Seite 129. 

^ In seiner zu Florenz am 8. Oktober 1890 gehaltenen Rede. 

3) Die Bedingung, die Italien stellte, auch seine Aspirationen im Mittel- 
meer in den Vertrag aufzunehmen, wurden sowohl von Deutsdüand, als 
audi von Oesterreidi-Ungam abgelehnt Näheres hierüber in dem Artikel 
von Alexander Blaskovidi „Unsere Monardiie und Italien" in der Nummer 
der ungarisdien Zeitsdirift „Nyugat" vom 1. September 1913. 

4) Band V, Seite 297 und übrigens audi Busdi „Tagebuchblätter, Band III, 
Seite 353. 



Der Anschluß Italiens 67 

war in Wien durdi Kälnoky, den Prinzen Reuß^ und Robilant 
vorgenommen worden. Dem Abschlüsse . sind langwierige Ver- 
handlungen in Wien und Rom und auch in Berlin vorangegangen, 
die oft auf Monate unterbrochen wurden. Knapp nadi dem 
Besudle des italienischen Königspaares schien es, als sollte der 
Verfrag schon unterzeidmet werden. König Humbert war von 
dem Ergebnis der Reise außerordentlich befriedigt Chiala 
konstatiert in seinerh öfters angezogenen Buche auf Grund 
^un veröffentlicher Dokumente", Kaiser-König Franz Josef und 
dessen Regierung hätten „über gewisse sehr delikate Fragen 
absolutes Sfillsdiweigen bewahrt, was den König und dessen 
Minister förmlidi entzückte". Einigermaßen verstimmend wirkte 
der negative Verlauf der Verhandlungen über einen Gegenbesuch 
Franz Josefs des Ersten. Die italienische Regierung bestand 
darauf, daß dieser Gegenbesuch »in Rom oder gar nicht" er- 
folge. Als das Wiener auswärtige Amt Turin vorsdilug, und 
Kälnoky dem Grafen Robilant gegenüber diesen Vorschlag da- 
mit unterstützte, daß er sagte, Turin sei die U^ege des Hauses 
^avoyen, soll Graf Robilant geantwortet haben: ,,Die Wiege 
wohl, aber nidit das Beul" Das erwähnte Mißverständnis be- 
ireffend eine Rede Källays wurde zwar offiziell aufgeklärt, daß 
dies aber in Rom nidit vollauf befriedigte, geht aus einem (von 
Chiala publizierten) Privatbriefe des Grafen De Launay hervor, 
in welchem sidi die Worte finden: „La dcatrice resta" f(Die 
Narbe bleibt). Anfangs Dezember 1881 sdirieb De Launay in 
^inem anderen Briefe: »Seit dem Aufenthalte unserer Majestäten 
in V\rien läßt die Haltung des Berliner Kabinetts vieles zu wün- 
schen übrig". Und am 13. Januar 1882 benachriditigte De Launay 
einen Freund in Rom, er glaube nicht, daß man in Berlin und 
in Wien sich hie et nunc aussprechen werde, da man offenbar 
Beweise der Gesinnungsfesfigkeit Italiens haben wolle. Speziell 
nadi dem Sturze Gambettas nahm Bismarck eine abwartende 
lialtung ein. Das Substrat der Verhandlungen bildete ein Ent- 
wurf Mancinis, der für die Konzessionen in der Balkanfrage 
volle Wahrung der Interessen Italiens in den Fragen der Mitfel- 
tneerpolitik verlangte. Anfangs April nahmen die Verhandlungen 
einen rasdieren Verlauf. Bismarck hatte mehrfache Bespredi- 
iingen mit dem Grafen De Launay, und bald kam ein Entwurf 
:zustande, den Graf Robilant als »Ultimatum Deutschlands und 
Oesterreichs-Ungarns" nadi Rom sandte. Mancini gab tele- 
^raphisch seine Zustimmung und riditete auch an de/i Grafen 



^) Prinz Reuß soll bei der Unterzeichnung des Vertrages die Worte 
gesprochen haben: „Que Dieu b^nisse cette oeuvre de paixl" (Siehe Luigi 
fhiala: „Pagine di Stona Contemporanea", Stona Seite 311). 

5» 



68 1^61* Ansdiluß Italiens 

Robilant ein Schreiben, in welchem er ihn zu dem erreichten 
Resultate beglQckwünsdit. Weder Robilant noch De Launay teilten 
die Begeisterung ihres Chefs. Letzterer sagte, als ihm der 
Text des Vertrages mitgeteilt wurde: »Au reste, cetrait6 vaudra 
pour nous autant que nous saurons nous mettre en mesure de 
le faire valoir". 

Senator Chiala, dessen Buche »Pagine di Storia Contem- 
poranea" (1888) auch die obigen Mitteilungen entnommen sind, 
behauptet der Vertrag, dessen Giltigkeit auf fünf Jahre anbe- 
raumt wurde, verpflichte in seinem ersten Teile die Regierungen 
der Vertragsmächte, »im Innern eine konservative Politik zu be- 
folgen, damit das monarchische Prinzip gestärkt und die soziale 
Ordnung aufrechterhalten werde." Chiala glaubt ferner an- 
nehmen zu können, der Vertrag enthalte eine »geheime" (7) 
Klausel auch für den Fall, wenn einer der vertragschließenden 
Staaten die Offensive ergreifen sollte. Demgegenüber steht die 
Auffassung in Deutschland und Oesterreich: Der Dreibund habe 
rein defensive Ziele, schütze keine Offensive und statuiere als 
casus fcederis nur den Fall, wenn eine der drei verbündeten 
Mächte angegriffen werden sollte. Da auch der Vertrag zwischen 
Deutschland und Oesterreich-Ungarn keinen Punkt für den Fall 
eines offensiven Vorgehens der kontrahierenden Staaten ent- 
hält, dürtte der Dreibundvertrag gleichfalls keine Vereinbarung 
für diesen Fall stipulieren^ Im August 1882, also sdion nach 
Abschluß des Dreibundes kommt es wieder zu irredentistischen 
Unruhen in den italienischen Provinzen Oesterreidis (Attentat 
gegen den Erzherzog Karl Ludwig, den Protektor der Ausstel- 
lung in Triest), die eine gewisse Verstimmung hervorrufen. Die 
deutsche Presse warnt die italienische Regierung: die italienischen 
Aspirationen seien nach dieser Seite hin geradezu töricht, indem 
Italien beim ersten ernsthaften Versuche in Triest nicht nur auf 
die Spitze des österreichischen, sondern auch des deutschen 
Schwertes treffen würde. Im September 1882 das Bombenattentat 
Wilhelm Oberdanks. Die Erschießung Oberdanks hat Tumulte 
in Rom, Mailand, Turin und Bologna zur Folge, die jedoch von 
der Regierung energisch unterdrückt werden. Just in diese 
stürmisdien Tage fielen die italienischen Wahlen (29. Oktober), 
deren glänzendes Ergebnis ein vernichtendes Urteil gegen die 
Irredenta war. 

Am 13. März 1883 machte Mancuni der zweiten Kammer 
offizielle Mitteilungen über den Anschluß Italiens an den Zwei- 
bund Deutschlands und Oesterreich - Ungarns, und alle fünf 



1) Siehe auch die Artikel Josef V^szis „Wie Italien in den Dreibund 
kam" im „Pester Lloyd" vom 17. und 19. Mai 1893. 



Der Anschluß Italiens 69 

Führer der oppositionellen, monardiisfisdien Linken: Cairoli, 
Crispi, Nicofera, Zanardelli und Baccarini (von da an Penfardien 
genannt) erklären ihr Elinverständnis mit dem Anschluß an die 
Zentralmächte ^ Mandni verdammt bei dieser Gelegenheit das 
Treiben der Irredenta so unumwunden, wie noch nie: «Darum, 
weil einige Gebietsteile in Oesferreich italienisch sind, sollen 
wir sie von Oesterreich verlangen? Ja, dann müßten wir mit 
Frankreich und England wegen Nizzas, Korsikas, Maltas ganz 
dasselbe tun. Deutschland müßte von Oesterreich und Rußland 
deren deutsche Provinzen fordern und ganz Europa würde in 
einen entsetzlichen Krieg hineingezogen. An die Möglidikeit 
solchen Aberwitzes glauben die Bannerträger der Irredenta selber 
nicht Nein, ich will die harte Wahrheit aussprechen: Was sie 
wollen ist nidif Triest und Trient sondern der Untergang der 
Monarchie, dieser Einrichtung, an der die Nation mit ihrem 
Herzblut hängt. Diese unverschämten Anschläge einer frechen, 
verschwindenden Minderheit finden im Ausland die gebührende 
Würdigung". Die Kammer nimmt die Enunziationen Mancinis 
etwas kühl auf und die Debatte schließt ohne eine bestimmte 
Erklärung der Kammer. Am 11. April verwahrt sich Mancini 
in der Kammer gegen die Annahme, als ob das neue Bündnis 
gegen England oder Frankreich gerichtet wäre: „Die Regie- 
rung wird aber auch gute Beziehungen mit England^ 

pflegen und mit größter Sorgfalt das Verhältnis zu Frankreich 
zu einem wirklich freundschaftlichen zu gestalten suchen, denn 
eines schließt das andere nicht aus". Challemel-Lacour, der Mi- 
nister des Aeußem im Kabinett Ferry, gibt auf die Interpellation 
des Herzogs von Broglie eine verärgerte Antwort ^ Valbert* 
nennt den Dreibund eine gegen Frankreich gerichtete „Heilige 
Hermandad", und die in Paris weilenden italienischen Radikalen 
demonstrieren bei einer Garibaldi-Gedächtnisfeier gegen den 
Anschluß Italiens an Deutschland und Oesterreich-Ungarn. 

Ende März beantwortet der ungarische Ministerpräsident 
Koloman Tisza im ungarischen Abgeordnetenhause eine Inter- 
pellation Helfys (Mitglied der Italien -freundlichen äußersten 



^) Siehe Otto Speyer „Das Königreidi Italien in den Jahren 1879 bis 
1886*' („Unsere Zeit", Jahrgang 86, Band II Seite 558)« 

3) Bald darauf ist auch ein Einvernehmen mit England erzielt, und 
dieses bereitet (wie Ondien im „Zeitalter des Kaisers Wilhelm", Seite 900 
schreibt) dem Minister Mancini die Genugtuung, ein Wort wahr zu machen, 
das er dreißig Jahre früher als Professor vom Lehrstuhl herab gesprochen 
hatte, das Wort nämlich: wenn Italien seine Einheit errungen hat, wird es 
alles aufbieten müssen, um Kolonien zu gründen. 

3) „Wir sehen in der Annäherung Italiens an Deutschland und Oester« 
reich nidits, was uns beunruhigt oder bedroht" (1. Mai 1883.) 

A) „Revue des Deux Mondes", LVII, Seite 281. 



70 Der Anschluß Italiens 

Linken) über den Dreibund, bei welcher Gelegenheit er den 
Anschluß Italiens als vollendete Tafsadie konstatiert, ohne über 
die Bedingungen des Ansdilusses Näheres zu sagen. Die 
deufsdie, sowie die liberale Presse Oesterreidis und die Buda- 
pester Zeitungen widmen der Anmeldung des Absdilusses des 
Dreibundes in Rom und Budapest warme Worte (die »National- 
Zeitung" sdireibt: »Das große Ereignis des Tages ist die Nach- 
rieht von der Herstellung eines zentraleuropäischen Friedens- 
bundes*), die französischen Blätter hingegen veröffentlidien 
wahre Brandartikel. (Der »Temps* schreibt: .Deutschland, 
Oesterreich und Italien seien imstande, Europa den Frieden 
aufzuzwingen"). Große Aufregung herrsdit im Vatikan, wo man 
bis zum letzten Momente glaubte, Franz Josef werde nie seine 
Einwilligung zu einem Vertrage mit dem Hause Savoyen geben, 
und diese Aufregung steigert sich nodi, als sich die Prinzessin 
Isabella von Bayern, die Tochter des verstorbenen Prinzen 
Adalbert, mit dem Herzog Thomas von Savoyen verlobt. Besten 
Eindruck machte in Italien auch die in Deutschland für die 
schwer heimgesuchte Insel Isdiia eingeleitete Aktion, welche 
über eine halbe Million Lire ergeben hat. Und als einen 
Monat später der Deutsche Kronprinz in Italien weilt (zweimal: 
auf der Hin- und Rückreise nadi und von Madrid 0> findet er einen 
enthusiastischen Empfang \ 

1887 wieder auf fünf Jahre erneuert, wurde der Dreibund 
schon im Juni 1891 durdi Rudini bis 1897, dann von 1897 bis 
1902 verlängert. Im Jahre 1902 unterzeichnete das Kabinett 
Zanardelli die Erneuerung. Der Ablauf des jüngsten Vertrages 
war für den 8. Juni 1914 vorgesehen ^ Es war (laut einer 
Meldung des Berliner Lokalanzeigers vom 22. Oktober) verein- 
bart worden, daß ein Jahr vorher die Entscheidung darüber zu 
treffen sein werde, ob eine der drei Mächte von ihrem Kün- 
digungsrechte Gebrauch machen oder ob der Vertrag unver- 



1) Als sidi der Kronprinz in Genua nach Madrid einschiffte, begrüßte 

ihn ein russisches Geschwader ein Beweis für die damaligen freund- 

schafüichen Beziehungen zwischen Deutschland und Rußland. 

^ Als der Kronprinz Italien verläßt, ruft ihm am Bahnhofe (in der 
Mittemachtsstunde des 20. Dezembers) Mancini die Worte nach : „Die Glück-' 
wünsche ganz Italiens begleiten Eure Kaiserliche Hoheit!" 

^ Pierre Albin gibt in „Les Grands Trait^s Politiques" andere, jedoch 
kaum stichhaltige Daten an. In der vom Botschaftssekretär Maurice Herbette 
gezeichneten Note heißt es: Der Dreibund sei 1891 auf zwölf Jahre bis 
zum 20. Mai 1903 mit der Möglichkeit eines Austrittes mit Ende des sechs- 
ten Jahres erneuert worden. Am 28. Mai 1902 soll sodann die Verlange- 
rung bis zum 20. Mai 1915 beschlossen worden sein. Nach allen vorliegenden 
offiziösen Meldungen stimmen jedoch diese Daten nicht. 



Der Anschluß Italiens 71 

ändert oder mit gewissen Veränderungen (spezieil in maritimer 
Hinsidit) verlängert werden soll. Aber die poiitisdien Wirren 
des Jahres 1912 veranlaßten die Dreibund-Mächte, um „vor aller 
Welt ihre enge Geschlossenheit zu erweisen", am 7. Dezember 
den Vertrag sdion eineinhalb Jahre vor dem Ablauf ohne jede 
Abänderung, aber unter selbstversfändlidiem Einschluß der 
Bürgschaft für Italiens neuen libyschen Besitz zu erneuern. 
Das italienische Blatt „Vita" begrüßte die Erneuerung mit den 
Worten: „Vor der Besitznahme von Libyen war unsere Haltung 
unsicher, von jetzt an wird sie gradlinig sein und Italien wird 
nicht mehr umkehren". Der Dreibund hat Italien in der sdiweren 
Tripoliskrise große Dienste geleistet, weldie die italienisdien 
Politiker bereitwilligst anerkannten. Im August 1912 sdirieb 
der italienische Deputierte und Publizist Enrico Buonanno in 
der Münchener Zeitschrift Janus (Nr. 24): „Wir haben dreißig 
und mehr Jahre durdi den Dreibund einen so kräftigen 
Halt gehabt, daß \es schon eines groben Leichtsinnes be- 
dürfte, uns in ein anderes Verhältnis hineinzudrängen, dessen 
Vor- und Nachteile zu erproben für uns mehr als gewagt 
wäre". 

Die „Vernunftehe", wie die Frankfurter Zeitung sdion 1883 
den Dreibund und speziell das Verhältnis Italiens zu Oester- 
reich-Ungarn nannte, hat sich trefflidi bewährt. Immer wird 
wohl das Sdilagwort von dem „unerlösten Italien" seine Werbe- 
kraft bewahren, und die Sprachenfrage in Oesterreich wird nie 
aufhören, gewisse nationalistisdie Eifersüchteleien zu wecken — 
kein Minister wird Preßangriffe und Preßklagen weder in Oester- 
reich-Ungarn nodi in Italien verstummen machen können, aber 
die Erkenntnis der gemeinsamen Interessen wird immer stärker 
wirken als diese vorübergehenden Verstimmungen. In Italien 
wird man zeitweilig immer wieder dem Wunsche nadi dem 
Besitze Trients und Triests und der dalmatinischen Küste Aus- 
druck geben, in Oesterreidi, aber auch in Fiume, der Perle der 
Krone des Heiligen Stefan, wird es immer wieder zu anüitalie- 
nischen Demonstrationen kommen, aber in beiden Ländern wird die 
Furcht vor der Isolierung die offizielle Politik stets zur Wahrung 
freundnachbarlidier Beziehungen veranlassen. Kein Minister 
Oesterreich-Ungarns wird je den alten Kaiser bewegen können, 
dem italienischen Königspaare in der Hauptstadt des alliierten 
Landes einen Besuch abzustatten und es bleibt fraglidi ob 
Franz Ferdinand mit dieser zur Tradition gewordenen klerikalen 
Auffassung wird brechen können, dodi hat sich das Haus 
Savoyen damit abgefunden, wie ja auch die italienisdie 
Königsfamilie peinlich bedadit ist, die Empfindlichkeiten des 
Papstes zu schonen. Für Oesterreich-Ungarn, das in der An- 



72 1^61* Anschluß Italiens 

nexionskrise Deutschland in schimmernder Wehr an seiner 
Seife sah und Italien in korrektem Festhalten an dem Tit- 
tonischen Balkanttbereinkommen, bedeutet wie Friedjung ^ mit 
Recht hervorhebt die Politik der Allianzen die Fortsetzung 
der Politik der Heiraten, durch welche Oesterreich begründet 
wurde. 




1) Heinridi Friediung: „Der Kampf um die Vorherrsdiaft in Deutsch- 
land", Seite 8. 



t 

^ 



Regesten zum Dreibunde 

1884-1912 



1884 

Im Zeichen des Friedens. Die Freundschaftsbezeigungen 
zwischen den drei Kaisermächten häufen sich, um in der Drei- 
kaiser-Zusammenkunft in Skierniewice am 15. — 17. September 
zu kulminieren. Die Kaiser sind von ihren Ministern Bismarck, 
Kdlnoky und Giers (der am 20. Januar in Wien einen Besuch 
abgestattet hatte) begleitet Am 2. Februar beantwortet Mancini 
in der Kammer eine Interpellation über den Dreibund mit den 
wärmsten Worten der Freundschaft für Deutschland und Oester- 
reidi, und erklärt, die Vereinbarung bezwecke eine gemein- 
schaftliche Verteidigung der Grenzen. Die Kölnische Zeitung 
meldet am 20. Januar, man habe bisher angenommen, daß die 
vertragsmäßige Bundeshilfe durch den deutsch-österreichischen 
Vertrag von 1879 erst für den Fall festgesetzt sei, daß Deutsdi- 
land oder Oesterreich von zwei Seiten angegriffen werde, der 
casus foederis sei aber enger gezogen, und zwar auch für den 
Fall, wenn eine der Mächte angegriffen werde und die Gefahr 
nahe und drohend sei, daß eine zweite Macht sich mit der an- 
greifenden verbinde Italien sei dem Friedensbündnisse 

unter denselben Bedingungen beigetreten. Auch Mancini erklärt 
am 5. April in der Kammer, Italien sei mit vollkommener Parität 
und Gegenseitigkeit der Bedingungen in die Allianz eingetreten, 
ohne Näheres über diese Bedingungen mitzuteilen. Am 20. Fe- 
bruar wird Fürst Orloff, der bisherige russische Botschafter in 
Paris, der mit Bismarck befreundet ist, zum Botsdiafter in 
Berlin ernannt. Am siebzigsten Jahrestage der Schladit von 
Bar-sur-Aube (25. Februar), bei der Wilhelm I. die Feuertaufe 
erhalten hatte, empfing der Kaiser eine russische Deputation, 
welche ihm die Glückwünsche des Zaren zu der vor siebzig 
Jahren erfolgten Verleihung des St. Georgenordens überbrachte. 
Aus diesem Anlaß fand im königlidien Palais zu Berlin ein 
politisch-militärisches Fest statt. Bei dem darauffolgenden Diner 
auf der russischen Botschaft spradi der Generalgouverneur von 
Polen, General Gurko, einen sehr warmen Toast auf die deutsdie 
Armee. Im April braditen die Seehandlung und Bleichröder 
eine russische Anleihe auf den Markt. Am 18. Mai erfolgt die 
Großjährigkeitserklärung des russischen Thronfolgers; Kaiser 



76 Regesten: 1884 

Wilhelm sendet seinen Enkel Wilhelm in außerordentlicher 
Mission (der ersten diplomafisdien, mit welcher der jetzige 
Kaiser betraut worden war) nach Petersburg, wo die anderen 
Mädite nur durch ihre Botschafter vertreten waren. 

Der ungarische Ministerpräsident Koloman Tisza Sußert sich 
am 16. Oktober im Reichstag Ober das BQndnis und das intime 
Verhältnis der österreichisch-ungarischen Monarchie und Deutsch- 
lands und gibt seiner Freude Ober die Friedensbezeigungen 
Rußlands Ausdruck. Auf denselben Ton ist die Thronrede ge- 
stimmt mit weldier Kaiser-König Franz Josef die Delegationen 
in Budapest eröffnet: .Die Begegnung, welche ich jungst mit 
dem Kaiser von Rußland und dem deutschen Kaiser hatte, bot 
mir nidit nur die erwünschte Gelegenheit meine herzlichen Be- 
ziehungen zum russischen Kaiserhause zu erneuern, sondern 
Qberzeugte mich zugleich von der erfreulichen Uebereinstimmung 
der drei Monardien und ihrer Regierungen". In der Debatte 
Aber das Expose Kälnokys ergriff auch (am 8. November) Graf 
Julius Andrössy das Wort, um auf eine AUu^on SzUdgyis zu 
erklären, ein Wunsch, zwischen Oesterreidi-Ungam und Deutsdi- 
land ein öffentliches, verfassungsmäßiges Bflndnis herzustellen, 
sei von Kabinett zu Kabinett nicht gestellt worden, Bismarck 
habe wohl diese Frage zur Sprache gebracht dodi habe er 
(Andrässy) demgegenüber betont eine Inartikulierung sei nicht 
zweckmäßig. 

Die Thronrede, mit welcher der deutsche Reichstag am 20. 
November eröffnet wurde, gedenkt ebenfalls der Dreikaiserzu- 
sammenkunft: «Ich freue Mich darüber, daß die Freundschaft 
mit den, durch Tradition der Väter, die Verwandtschaft der 
regierenden Häuser und die Nachbarschaft der Länder Uns 
besonders nahestehenden Monarchen Oesterreich-Ungarns und 
Rußlands durch die Begegnung in Skierniewice derart hat be- 
siegelt werden können, daß Ich ihre ungestörte Dauer für lange 
Zeit gesichert halten dart". 

Auch mit Frankreich bemühte sich Bismarck ein besseres 
Dnvemehmen herzustellen, in dem er auf der Kongokonferenz 
(15. November) die Ansprüche Frankreidis unterstützte, was die 
italienische Presse dem Einflüsse Italiens zuschrieb. 

Eine vorübergehende Verstimmung zwischen Oesterreich- 
Ungam und Italien verursacht eine Rede, die der Präsident des 
italienischen Senates Tecchio über den aus Südtirol gebürtigen 
Dichter Prado hält in der er von der auf den Bergen des 
Trentino lastenden »Kneditsdiaft" sprach. Die österreichisch- unga- 
rische Regierung erhebt in Rom Protest, und Tecchio gibt seine 
Demission. 



Regesfen: 1885 77 

1885 

Das hervorragendste Ereignis des Jahres ist die Zusammen- 
kunft Franz Josefs des Ersten mit dem Zaren in Kremsier am 
25. und 26. August, der eine Begegnung des Deutschen Kaisers 
mit dem Kaiser von Oesterreich in Gastein und ein Besuch 
Kdlnokys in Varzin bei Bismarck vorangegangen sind. Der 
Entrevue in Kremsier wohnten Giers und Kdlnoky bei. Einer 
Meidung der .Neuen Freien Presse" zufolge, richteten beide 
Monarchen aus Kremsier ein gemeinschaftlidies Telegramm an 
den Deutschen Kaiser, in welchem sie diesen herzlidist be- 
grüßten« und dem Gedanken Ausdruck gaben, die beiden Kaiser 
betrachten ihn als im Geiste anwesend. Das Organ des 
Wiener Auswärtigen Amtes, das „Fremdenblatt", konstatierte 
wohl vor der Entrevue, daß meritorische Abmachungen auf ihr 
nidit geplant seien, dodi erklärte die Thronrede, mit welcher 
die Delegationen Oesterreichs und Ungarns am 24. Oktober 
eröffnet wurden, mit nachdrücklicher Betonung, Kremsier er- 
sdieine als ein wertvolles Zeichen der Fortdauer jenes engen 
nnd vertrauensvollen Verhältnisses zwisdien den Herrschern 
der drei großen Kaiserreiche. Und Kälnoky sagte am 31. Ok- 
tober in der ungarisdien Delegation: „In den Beziehungen 
zwischen Oesterreich-Ungarn und Deutschland, sowie in den 
Beziehungen dieser beiden Reidie zu Rußland ist gegen das 
Vorjahr keine Veränderung eingetreten; wir wissen alle, mit 
welcher Sicherheit Deutschland auf unsere Verläßlichkeit und 
wir auf die seinige rechnen können: Das Verhältnis zu Deutsch- 
land steht auf Grundlagen, welche durch keinerlei Inzidenzfälle ^ 
zu ersdiüttern sind". Vorher hatte sich der ungarische Minister- 
präsident Koloman Tisza am 3. Oktober in Beantwortung einer 
Interpellation über die Vorgänge in Bulgarien dahin geäußert, 
die Monarchenbegegnung in Kremsier sei ein bloßer Höflich- 
keitsakt, die Erneuerung der persönlichen Freundsdiaft beider 
Monarchen gewesen Oesterreich-Ungarn wahre sich natur- 
gemäß die Freiheit seiner Entschließungen für den Fall, da die 
Bemühungen, zu einem Einvernehmen zu gelangen, scheitern 
sollten ^ 

Schon drohen Komplikationen in der Orientfrage, aber die 
österreichisch - ungarische Monarchie kann, auf den Dreibund 
gestützt, die Friedensvermitflung zwischen Serbien und Bulgarien 



1) Deutschland und Oesterreidi -Ungarn stehen in einem wirtsdiaYt« 
liehen Kampfe. 

^ Auf diesen Passus reflektiert einige Monate später Graf Robilant 
Siehe 1886. 



78 Regesfen: 1885—1886 

energisdi in die Hand nehmen, dem siegreich in Serbien vor- 
dringenden Fürsten Alexander Halt gebieten und so Rußlands 
Einfluß auf der Balkanhalbinsel lahmlegen. 

In Italien übernimmt im Juni Graf Robilant, ein warmer 
Anhänger des Dreibundes \ das Portefeuille eines Ministers des 
Auswärtigen. Die von Bismarck angerufene Vermittlung Leos XIIL 
in der Karolinenfrage verstimmte wohl vorübergehend, ohne 
jedoch tiefergehende Differenzen nach sich zu ziehen. 



1886 

Die Orientfrage dominiert. Und damit auch die Frage des 
Verhältnisses Oesterreich - Ungarns zu Rußland, weldies das 
ganze Jahr hindurch trotz des Zündstoffes, den die bulgarischen 
UTirren (Kaulbars) anhäufen, ein verhältnismäßig gutes bleibt 
Kälnoky werden russophile Tendenzen nachgesagt und auch 
Andrässy sdieint in der Politik seines Nachfolgers eine gewisse 
Trübung des Einvernehmens mit Deutschland zu erblicken. In 
der offiziellen Politik kommt eine solche jedodi nicht zum 
Ausdruck. Friedjung konstatiert in seiner Kälnoky-Biographie ^ 
die Politik Kälnokys habe zwei Ziele gehabt: die Erhaltung des 
Friedens und die Abdrängung Rußlands von der Balkanhalb- 
inset die auch erreicht wurden. 

Die bulgarische Frage bringt Graf Julius Andrässy bereits 
am 25. Januar im ungarisdien Reichstage in Form einer Inter- 
pellation zur Diskussion, doch lehnt Ministerpräsident Koloman 
Tisza die Beantwortung der Anfrage mit Hinweis auf die im Zuge 
befindlichen Beratungen der Mächte ab. Einige Tage darauf 
veröffentlicht Graf Albert Apponyi, der Führer der staatsredit" 
liehen Opposition, unter dem Titel „Unsere Auswärtige Politik 
und das Bündnis mit Rußland" zwei Artikel im Pesti Naplo, 
die allgemeines Aufsehen erregen und alldas enthalten, was 
Andrässy in der Begründung seiner Interpellation nur durchs 
blicken ließ, aber aus Rücksidit auf 5eine Stellung in Bezug auf 
die Zukunft nidit klar ausspredien zu dürfen glaubte. Graf 



1) Durdi seine Mutter mit dem preußischen, durdi seine Gemahlin 
mit dem ösferreidiisdien Adel verwandt. 

^ Heinridi Friedjung: „Graf Kälnoky" in Bettelheims „Biographisdies 
Jahrbuch" (111. Band). 



Regesten: 1886 79 

Apponyi meint, die auswärtige Politik Oesterreidi-Ungarns sei 
auf eine falsdie Grundlage gestellt auf die Grundlage der 
Fiktion eines russischen Bündnisses: «Unser Bündnis mit Deutsch^ 
land werde durch eine Verbindung mit Rußland geschädigt 
denn Deutschlands Aufgabe sei nicht mehr jene, die sie früher 
gewesen, nämlich unsere Orientinteressen im europäischen 
Konzert unmittelbar zu unterstützen. Da unsere Entschlüsse 
das Werk eines Kompromisses mit Rußland sind, kann Deutsch- 
land nur die zustandegekommene Vereinbarung befördern, statt 
unsere Interessen den russischen gegenüber in Schutz zu 
nehmen. Wir können mit Rußland friedlich nebeneinander 
gehen, aber wir können keine gemeinschaftlichen Ziele mit 
Rußland besitzen". 

Die Erörterungen über die neugefestigten Beziehungen der 
Donaumonarchie zu Rußland gewinnen neue Nahrung durch 
einen Besuch des Erzherzog Karl Ludwig in Petersburg (29. 
Juli). In den Sommermonaten hat Bismardk zwei Begegnungen 
mit Kälnoky: am 22. Juli besucht Kälnoky den Reichskanzler 
in Kissingen und am 8. August findet in Gastein eine Entreuue 
Kaiser Mülheims mit Franz Josef statt der auch Bismardk und 
Kälnoky beiwohnen. Mit Bismardk reisten auch dessen Sohn, 
ferner Rottenburg und Bülow. Die „Norddeutsche Allgemeine 
Zeitung" schreibt: „Diese Solennität charakterisiere, nidit bloß 
den Fortbestand, sondern auch das Wachstum der freundschaft^ 
liehen Beziehungen auf der Grundlage des vollen wechselseitigen 
Einverständnisses**. Auf der Rüdkreise von Gastein besucht 
Bismardk den in Franzensbad zur Kur weilenden russischen 
Minister des Auswärtigen Giers, der ihm diesen Besuch am 
2. September in Berlin erwidert. 

In Ungarn berührt es unangenehm, daß die Magistrate von 
Berlin und München die Einladung der Stadt Budapest zur 
zweihundertjährigen Jubelfeier der Rückeroberung Budas (Ofens) 
ablehnten und diese Ablehnnng mit der Unterdrückung der 
Siebenbürger Sachsen durch die Ungarn motivieren. Die „Nord- 
deutsche Allgemeine Zeitung" billigt diese Beschlüsse nicht 
indem sie schreibt: „Unsere Beziehungen zu Oesterreich sind 
derart, daß wir besser tun, uns derjenigen Momente zu erinnern, 
die uns mit Ungarn vereinen, als jener, die uns von ihm trennen." 
Kaiser Wilhelm entsendet zu derselben Feier eine Militärdeputa- 
tion, welche in Ungarn mit demonstrativer Auszeichnung emp- 
fangen wird. 

Im Oktober und November wird die Bündnisfrage in Oester- 
reich-Ungam sehr eingehend erörtert. Am 8. Oktober sagt der 
österreidiische Ministerpräsident Graf Taaffe im Abgeordneten- 
hause: „Die Annahme, als ob das Verhältnis zwischen unserer 



80 Regesten: 1886 

Monarchie und Deutschland erschflftert wäre, ist eine vollkommen 
grundlose; dasselbe beruht nach wie vor auf den vom Herrn 
Minister des Aeußem im Schöße der Delegation wiederholt de- 
finierten Grundlagen, und es liegt kein Anlaß vor, eine Locker- 
ung oder Trübung der gegenseitigen engen und vertrauensvollen 
Beziehungen besorgen zu mfissen". Am 13. November hält Käl- 
noky in der ungarischen Delegation eine längere Rede, in welcher 
der Minister vor allem betont, das Verhältnis zu Deutschland sei 
in letzter Zeit viel, vielleicht mehr als gut war, besprochen worden, 
weshalb es heute „jedenfalls nützlich" sei, hierüber etwas zu 
bemerken. Der Minister entwickelt nun die Theorie, es sei gar 
nicht denkbar, daß ein Großstaat, ohne jede Selbständigkeit 
seiner Aktion aufzugeben, sich verpflichten könnte, für jedwedes 
Interesse seiner Bundesgenossen einzustehen. Ein Verhältnis, 
wie es zwischen Oesferreich-Ungarn und Deutschland bestehe, 
sei nur dann praktisch in Kraft zu treten berufen, wenn es sich 
um vollkommen solidarische, gemeinsame Interessen beider 
handelt. In diesem Sinne ist dann auch die Gemeinsamkeit 
der Stellung Deutschlands und Oesterreich-Ungams stärker und 
unerschütterlicher, als wenn man sich diese lediglich auf 
Paragraphen gegründet vorstellen wolle. Auch bezüglich der 
bulgarischen Frage habe zwischen den beiden Kabinetten nie 
eine Disharmonie bestanden. Für das Einvernehmen zwischen 
Oesterreich-Ungarn und Italien findet Kälnoky ebenfalls warme 
Worte; er anerkennt das Interesse Italiens an den Macht- 
verhältnissen im Mittelmeer und gibt der „berechtigten* 
Hoffnung Ausdruck, daß sich das Einvernehmen mit Italien 
auch weiterhin im beiderseitigen Interesse und im Interesse 
des Friedens bewähren werde. 

Eine überaus bemerkenswerte Rede hält Graf Julius And- 
rässy am 16. November in der ungarischen Delegation, in 
welcher der Schöpfer des Bündnisses zwischen Deutsdiland und 
Oesterreich-Ungarn vor allem der ^Ansicht" entgegentritt, das 
deutsche Bündnis habe der Monarchie keinen wesentlichen 
Nutzen gebracht, da Deutschland die Interessen Oesterreich- 
Ungarns den Interessen des Friedens geopfert habe. »Wie zur 
Zeit, als das Bündnis zustande kam, bin ich", führt Graf And- 
rässy aus, »auch heute der Meinung, daß es eine Garantie des 
europäischen Friedens bietet, wie sie durch keine andere Grup- 
pierung oder Kombination ersetzt werden könnte. Es hat vor 
allem den Vorteil, ein so natürliches zu sein, daß wenn es nicht 
wäre, man sowohl bei uns als auch in Deutschland fragen müßte, 
warum es nicht existiere. Es ist ein natürliches und sicheres Bünd- 
nis, weil die Interessen der beiden Staaten nirgends kollidieren. 
Es ist aber auch gut für Europa, weil es das Bündnis zweier 



Regesten: 1886 81 

mädittger Reiche ist die keinen Wunsch hegen und kein Interesse 
an Eroberungen haben, die groß genug sind, um nichts anderes 
zu wünschen, als daß ihre innere Entwicklung nicht durch äußere 
Gefahren gestört werde. So lange dies ein Bündnis zwischen 
bloß zwei Mächten war, .funktionierte es sehr einfach. Die Ur* 
Sache, daß aus der neuen Gruppierung der drei Mächte bi^ 
jetzt wenigstens sehr viel Beunruhigung in Europa, aber sonst 
nicht viel Ersprießliches hervorgegangen ist, ist ausschließlich 
in der unnatürlichen Gruppierung zu suchen. Von diesem Augen- 
blicke an konnte Deutschland selbstverständlich nicht mehr 
ausschließlich unsere, sondern mußte nicht nur die wirklichen 
Interessen Rußlands, sondern auch dessen momentane Auf- 
fassung und Wünsche respektieren. Das neue Verhältnis, in 
welchem dieses Bündnis wirken sollte, konnte keinem der Be- 
teiligten nützen. Es war für uns und auch für Rußland nicht 
nützlich, weil das gezwungene enge Zusammengehenmüssen 
die gegenseitigen Interessen in einen schärferen Gegensatz 
brachte, als sie sonst gewesen wären." In seiner Erwiderung 
auf diese Rede bemerkte Graf Kdlnoky: „er glaube, daß das 
Bündnis mit Deutschland in seiner Hand nicht nur nicht ge*-^ 
schädigt, sondern bei der besonderen Pflege, die er ihm an-* 
gedeihen ließ, sich wesentlich entwickelt und gekräftigt hat Er 
könne betonen, daß das Vertrauen und die Zuversicht der beiden 
Regierungen in dasselbe vollkommen und beiderseitig ist. Eine 
volle Auseinandersetzung und Klärung dieses Verhältnisses sei 
vor der Oeffentlichkeit nicht möglich; wenn er gesagt habe, daß 
Buchstaben und Paragraphen keine Sicherheit geben, so sei 
damit nicht gesagt, daß solche überhaupt nicht existieren. Die 
Annäherung an Rußland habe dem Bündnisse nicht geschadet** 
Diese Erklärung wiederholt Graf Kälnoky in der österreichischen 
Delegation und fügt hinzu: die Grundlagen des Bündnisses 
hätten seit 1879 bis zum heutigen Tage niemals in irgend einer 
Weise eine Aenderung erfahren, weder in ihrer Basis noch in 
ihrer Ausdehnung oder Wirksamkeit. 

Eine starke Betonung der Friedensbestrebungen des Deut- 
schen Reiches enthält die Thronrede zur Eröffnung des Reichs- 
tages vom 25. November, jener Friedensbestrebungen, die durch 
die «enge Freundschaft" gefördert werden, welche den Deutschen 
Kaiser mit den „benachbarten Kaiserhöfen" verbindet 

Zum Schlüsse sei auf zwei Reden des italienischen Ministers 
des Auswärtigen Grafen Robilant verwiesen. Am 23. Januar 
beantwortete der Minister eine Interpellation des Abgeordneten 
Giovagnoli über die Haltung Italiens in der Balkanfrage: „Vür 
warten und sind für alle Vorkommnisse gerüstet. Dem Ab- 
geordneten Giovagnoli, der angeblich zu alt ist, um für Oester- 

Singer, Gesdiidite des Dreibundes 6 



S2 Regesten: 1886—1887 

reich Sympathien zu empfinden, bemerke ich, ich bin älter als 
er". Und der Minister unterstreicht diese Entgegnung mit einer 
wirkungsvollen Geste: er erhebt seinen linken, bei Novara zer- 
schossenen Arm. Dann konstatiert Graf Robilant, es liege keine 
Notwendigkeit vor, hinsichtlich der Rede des ungarischen Minister«- 
präsidenten vom 6. Oktober ^ Vorstellungen zu erheben: erfinde 
diese Rede ganz in der Ordnung; Tisza hat sich fQr unvorher- 
gesehene Fälle Freiheit zum Handeln reserviert, dieselbe Frei- 
heit der Aktion hat sich auch Italien vorbehalten. Sehr warme 
Worte findet Graf Robilant auch in der auf eine Interpellation 
Di Sanf Onofrios erteilten Antwort am 28. November*: „Unser 
Verhältnis zu Deutschland und Oesterreich beruht auf der Grund- 
lage gegenseitiger Herzlichkeit und der friedlichen Ideen jener 
zwei Kaiserreiche." Der Minister betonte, Italiens höchstes Ziel 
sei der europäische Friede und sein Interesse an der bul- 
garischen Frage sei kein anderes, als das der Erhaltung des 
Friedens. „Popolo Romano" deutet diese Rede dahin, der Drei- 
bund und auch England seien fest entschlossen, jeden Versuch, 
im Orient die russische Hegemonie zu begründen, mit Gewalt 
zurückzuweisen. Die Rede Robilants veranlaßte den Grafen 
Kdlnoky, dem Gesandten Oesterreich-Ungams beim Quirinal 
Grafen Ludolf den Auftrag zu erteilen, dem italienischen Minister 
des Auswärtigen den Dank des Wiener Auswärtigen Amtes zu 
verdolmetschen '. 



1887 

Das Jahr der Erneuerung des Dreibundes. Der Tag ist nicht 
bekannt. Die Erneuerung mag Mitte März erfolgt sein, mit einer 
fünfjährigen Dauer^. Außer dem Verfragsinstrumente sollen die 
Monarchen auch Handschreiben gewediselt und eine Militär- 

1) 3. Oktober — siehe 1885. 

^ Dieser Kammersitzung wohnen audi die Botsdiafter Deutsdilands 
(Keudell) und Oesterreidi - Ungarns (Ludolf) in der Diplomatenloge bei. 

3) Die Depesdie Kälnokys an Ludolf ist in dem der italienisdien Kammer 
am 17. Dezember 1889 unterbreiteten Grünbudie der italienisdien Regierung 
publiziert 

*) Der Senator Luigi Chiala publiziert in seinem Werke „Pagine di 
Storia Contemporanea" Briefe des Grafen Launay, aus denen hervorgeht, 
daß die Erneuerung nidit so glatt vor sidi ging und erst langwierige Unter- 
handlungen mit Italien gepflogen werden mußten. 



Regesten: 1887 83 

konvenfion unferferßgf haben ^ Am 22. März verleiht der Kaiser 
dem Grafen Robilant den Schwarzen Adlerorden. Mit Bezug 
auf diese Ordensverleihung schrieb die ^Nafionalzeifung" : »Die 
Verleihung wird allgemein als ein Zeichen höchst bedeutungs-* 
voller Vorgänge aufgefaßt. Die Erneuerung des Bündnisses 
zwischen Oesterreich-Ungarn, Italien und Deutschland, die als 
vollzogene Tafsache betrachtet werden kann, konstituiert aufs 
neue eine Gruppe, die gewillt und befähigt ist, allen frieden- 
störenden Elementen ein Gegengewicht zu bieten. Nach Aus- 
lassungen autorisierter Stimmen des In- und Auslandes ge- 
währt das erneuerte Bändnis der drei Staaten eine vollständige 
Deckung auf dem Boden der Defensive". Die „Post" kommen- 
tiert die Ordensverleihung in gleichem Sinne und hebt hervor, 
wie töricht die Besorgnisse eines Teiles der französischen Presse 
seien, der seit mehreren Tagen sich den Kopf darüber zerbreche, 
welcher künftige Landerwerb von Seiten Italiens stipuliert sein 
möchte: „es handle sich nicht um eine Offensivallianz, sondern 
um die Verteidigung des Statusquo". Interessant ist auch eine 
römische Meldung der Kölnischen Zeitung, nach welcher Italien 
verpflichtet sei, bei einem französischen Angriff gegen Deutsch- 
land tätig einzugreifen, bei einem russischen Angriffe auf Oester- 
reich-Ungam jedoch sich vorbehalten habe, neutral zu bleiben. 
Die maßgebenden Organe der italienischen Presse begrüßen 



1) Hansen „Ambassade ä Paris du Baron de Mohrenheim", Seite 91 
und 94. Laut Professor Friedjung „Der Inhalt des Dreibundes" (Nr. 1 „Der 
Greif") wurde diesmal bloß ein Dokument (ein Doppelvertrag, einer mit 
Oesterreidi'Ungarn und einer mit Deutschland) unterzeidinet Professor 
Friedjung teilt in demselben Artikel auf Grund von „Andeutungen", die 
ihm seinerzeit ivon Aehrenthal und Kiderlen-Wäditer gemadit wurden, mit, 
daß in den Vertrag eine besondere Bestimmung über die Zukunft des 
Balkans aufgenommen wurde: „Das Wiener Kabinett erklärte, daß es ebenso 
wie das von Rom die Erhaltung des Statusquo auf der Balkanhalbinsel 
wQnsdie; sollte Oesterreidi-Ungarn jedodi genötigt sein, seine Grenzen in 
jenen Gebieten zu erweitern, so dürfe sidi Italien gleidifalls auf dem Bai* 
kan ausdehnen". Siehe hierzu zwei Artikel der „Weser-Zeitung" (Nr. 24065 
und 24066 vom Jahre 1913) „Der Inhalt des Dreibunds" von Dr. Hans F. 
Helmolt und desselben Verfassers Artikel „Ein Märdien vom Dreibunde" 
im „März" (7. Jahrgang, 42. Heft.) Interessante, bisher nidit dementierte 
Mitteilungen publizierte die Kölnisdie Zeitung in ihrer Nummer vom 13. 
Juli 1902. Laut dieser Quelle sollen außer dem offiziellen Vertrage, weldiem 
Protokolle über die Militärkonvention beilagen, nodi mündlidie Abmachungen 
zwischen König Humbert und Kaiser Wilhelm getroffen worden sein, in 
denen sich beide Monardien ehrenwörtlidi verpfliditen, dem Bunde treu zu 
bleiben und auf die Entschließungen ihrer Minister einen Druck auszuüben, 
um eventuell zu verhindern, daß er gebrodien würde. Dieses vertraulidie 
Uebereinkommen sei dem Kaiser -König Franz Jos^f mitgeteilt worden, 
worauf er ihm beigetreten ist Zur Bekräftigung dieser Vereinbarung sollen 
die drei Herrsdier eigenhändige Briefe ausgetausdit haben. 



84 Regesfen: 1887 

ebenfalls sehr sympathisch die Erneuerung des Dreibundes. 
»Popolo Romano**, das Organ des greisen Deprefis, (der am 
4. April nach dem Rücktritte Robiiants an die Spitze der Ge- 
schäfte tritt und diese bis zu seinem Ableben, bis zum 29. Juli 
führt, worauf dann der bisherige Minister des Innern Francesco 
Crispi das Präsidium übernimmt) erklärt, der Dreibund garan- 
tiere den territorialen Besitzstand Italiens und sichere die be- 
dingungs- und schrankenlose Hilfe der Alliierten. nOpinione" 
betont, die Erneuerung des Dreibundes strebe vor allem die 
Erhaltung des Friedens an und konstatiert gegenüber einer 
Mitteilung der „Tribuna" über Gebietserweiterungen der Ver- 
bündeten im Kriegsfalle, das Bündnis habe keinerlei agressiven 
Charakter. 

Die im Januar im Reichstage zur Verhandlung stehende 
Militärvorlage gibt dem Reichskanzler Gelegenheit zu interes- 
santen Aeußerungen über das Verhältnis zu Oesterreich. In 
seiner Rede vom 11. Januar sagte Bismarck: „Unsere Aufgabe 
haben wir zuerst darin erkannt, die Staaten, mit denen wir 
Krieg geführt haben, nach Möglichkeit zu versöhnen. Es ist 
uns dies vollständig gelungen mit Oesterreich. Die Absicht und 
das Bedürfnis dahin zu gelangen, beherrschten bereits die 
Friedensverhandlungen in Nikolsburg im Jahre 1866 und es 
hat uns seitdem nie das Bestreben verlassen, die Anlehnung 
an Oesterreich wiederzugewinnen VAr stehen mit Oester- 
reich in einem so sicheren uud vertrauensvollen Verhältnisse, 
wie es weder im Deutschen Bunde trotz aller geschriebenen 
Verträge, noch früher im Heiligen Römischen Reiche der Fall 
gewesen ist, nachdem wir uns über alle Fragen, die zwischen 
uns seit Jahrhunderten streitig gewesen sind, in gegenseitigem 
Vertrauen und gegenseitigem Wohlwollen auseinandergesetzt 
haben". In derselben Rede verweist Bismarck auch auf die 
über jeden Zweifel erhabene Freundschaft mit Rußland und auf 
das „trianguläre Karrö", welches die drei Kaiserreiche unter 
sich formieren. Die Schwierigkeit der Aufgabe liege nicht darin, 
„unseren Frieden mit Oesterreich oder mit Rußland zu erhalten, 
sondern den Frieden zwischen Oesterreich und Rußland, den 
Advokaten des Friedens zu machen in beiden Kabinetten, wobei 
wir Gefahr laufen, in Oesterreich und noch mehr in Ungarn 
als russisch bezeichnet und in Rußland für österreichisch ge- 
halten zu werden". In einer späteren Rede sagte Bismarck: 
„Der Herr Abgeordnete (Windthorst) hätte gewünscht, daß die 
deutsche Politik ganz und voll mit Oesterreich ginge; er hat 
das nachher nach der Richtung noch erläutert, daß wir uns um 
die orientalische Frage mehr interessieren sollten, als wir es 
bisher getan. Meine Herren, unsere Beziehungen zu Oester- 



Regesten: 1887 S5 

reich beruhen auf dem Bewußtsein eines jeden von uns, daß 
die volle großmachtliche Existenz des anderen eine Notwendig- 
keit für den einen ist im Interesse des europäischen Gleich- 
gewichtes. Aber sie beruhen nicht auf der Grundlage, wie man 
es im ungarischen Parlamente unter Umständen ausgelegt hat, 
daß eine von beiden Nationen sich und ihre ganze Macht und 
Politilc vollständig in den Dienst der anderen stellen kann. 
Das ist ganz unmöglich. Es gibt spezifisch österreichische Inter- 
essen, für die wir uns nicht einsetzen können. Es gibt spezifisch 
deutsche Interessen, für die sich Oesterreich nicht einsetzen 
kann. Oesterreich hat das Interesse, daß Deutschland als große, 
volle und starke Macht erhalfen bleibe. Deutschland hat das- 
selbe Interesse in Bezug auf Oesterreich. Aber wir können uns 
nicht unsere Sonderinteressen gegenseitig aneignen. Wir haben 
von Oesterreich niemals verlangt, und haben auch keinen An- 
spruch darauf, daß es sich in unsere Händel mit Frankreidi 
einmische. Wenn wir Schwierigkeiten haben mit England in 
Kolonialfragen oder wenn wir mit Spanien Ober Lumpereien, 
wie die Karolinen, in Händel kommen, haben wir nie auf Oester- 
reich einen Anspruch gemacht auf Grund unseres freundschaft- 
lichen Verhältnisses. Soweit es sich um unsere beiderseitige 
Existenz als vollmächtige und freie Großstaaten handelt, soweit 
vertreten wir gegenseitige Interessen". 

Am 21. Mai beantwortet der ungarische Ministerpräsident 
Koloman von Tisza im ungarischen Abgeordnetenhause eine 
Interpellation des Wortführers der Aeußersten Linken, Daniel 
Iränyi, über die Vorgeschichte der Besetzung Bosniens und der 
Herzegowina und erklärt, schon am 15. Januar 1877 sei zu 
Reichstadt ein Abkommen zwischen Rußland und Oesterreich- 
Ungarn getroffen worden, welches letzterem das Recht der Be- 
setzung Bosniens und der Herzegowina einräumte. 

Am 6. August besucht Kaiser Franz Josef den Kaiser Wil- 
helm in Gastein; am 16. September weilt Graf Kälnoky bei 
Bismarck in Friedrichsruh. 

Am 1. Oktober reist Crispi zu Bismarck nach Friedrichsruh. 
Crispi gab gelegentlich seiner Unterredung mit dem Reichs- 
kanzler folgende Erklärung ab: »Ich achte Oesterreich, weil ich 
die Verträge achte und achten muß. Oesterreichs Bestehen ist 
notwendig für das Gleichgewicht Europas. Ich erkenne dies an, 
und Italien wird dem Nadhbarreiche ein treuer Verbündeter sein. 
Mir liegt daran dies auszusprechen, weil ich Oesterreichs Feind 
war und gegen Oesterreich konspiriert habe, solange es italie- 
nische Provinzen besaß." In der Kammer sagte Crispi: »Als 
mich Depretis einlud, in sein Kabinett einzutreten, verlangte ich 
zuerst Einsicht in den Dreibund vertrag; als ich ihn gelesen 



86 Regesten: 1887 

hatte und fand, daß er nur ein Defenävbfindnis sei, war ich 
befriedigt und nahm die Berufung an." Nach dem Besuche bei 
Bismardk äußerte sich Crispi am 25. Olctober in einer Banicett- 
rede zu Turin Qber die Erneuerung des Dreibundes dahin, daß 

,,wir Europa damit einen großen Dienst erwiesen haben 

man hat behauptet, wir haben in Friedrichsruh konspiriert, mag 
sein: mir, dem alten Konspirator, macht das Wort iceine Furcht, 
fa, wenn man will, wir haben konspiriert, aber für den Frieden!" 

Dnem Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung ^ sagte Crispi, 
Italien habe sich der deutsch - österreichischen Allianz ange^ 
schlössen, weil sie die Aufrechterhaltung des Friedens und des 
europäischen Gleichgewichts anstrebe. Die .Norddeutsche Allge- 
meine Zeitung" konstatierte nach dem Besuche Crispis in Friedrichs-; 
ruhe, die Begegnung habe die volle Uebereinstimmung beider 
Staatsmänner in ihrer Entschlossenheit ergeben, im Vereine mit 
Oesterreich-Ungam den Frieden zu erhalten, einen europäischen 
Krieg nach Möglichkeit zu verhindern und im Falle der Notwen^ 
digkeit gemeinsam abzuwehren. Das Organ Crispis, die i,Ri^ 
forma", erblickte in den Besprechungen zu Friedrichsruh ein 
beruhigendes Symptom fOr die politische Situation Europas. 
Nur die radikalen Blätter tadeln Crispi, der sich »von Deutsch- 
land ins Schlepptau nehmen lasse". Die klerikalen Zeitungen 
geben der Hoffnung auf eine günstige Lösung der »römischen 
Frage'' Ausdruck; demgegentiber gab Crispi die Erklärung ab, 
eine solche Frage gebe es nicht, speziell Bismarck betrachte 
das Verhältnis des Papstes zu Italien als eine interne Ange- 
legenheit des Königreiches. Am 29. November machte Crispi 
folgende Eintragung in sein Tagebuch: »Die Berliner und die 
Wiener Regierung sind dahin libereingekommen, mir den Inhalt 
des Geheim Vertrages von 1879 zwischen Oesterreich und Deutsch- 
land mitzuteilen. Sie sind der Ansicht, daß Italien nichts ver- 
heimlicht bleiben dflrte. Mit einem Briefe Bismarcks vom 20. d. Mc 
und einem des Grafen Kälnoky vom 24. d. M. sind die beiden 
Botschafter beauftragt worden, sich zu mir zu begeben, um mir 
die Abschrift des Vertrages einzuhändigen". 

Die bulgarische Frage — am 7. Juli war Ferdinand von 
Koburg zum Fürsten von Bulgarien gewählt worden — wird im 
November sowohl in der ungarischen als auch in der österrei^ 
chischen Delegation erörtert und hierbei nimmt Graf Kälnoky 
Gelegenheit, auf die Uebereinstimmung mit Deutschland und 
auch mit Italien in der Beurteilung aller schwebenden Fragen 
hinzuweisen (»der Anschluß Italiens bestehe ja nicht erst seit 
dem letzten Jahre, sei aber in der jetzigen Situation prägnanter 



1) Herrn Grunwald, den Crispi später, im Jahre 1890, aus Rom auswies. 



Regesten: 1887 87 

zum Ausdruck gekommen"). Die Reden Käinokys und Crispis 
finden auch in England uolie Billigung; der Premierminister 
Lord Salisbury gibt im Obertiause seinen Sympathien für 
Italien und Oesterreich-Ungam Ausdruck und erklärt am 9. NO" 
vember beim Lordmayorsbankett : „Die Interessen dieser beiden 
Staaten fallen in vielen Hinsichten genau mit den unsrigen zu^ 
sammen". 

Die Situation verschärft sich immer mehr. Zu Beginn des 
Jahres hafte das Organ des Wiener Auswärtigen Amtes, das 
„Fremdenblatt", von der „Durchftihrung notwendiger Rtistungen 
in kürzester Frist" geschrieben und am Ende des Jahres be- 
spricht das offiziöse Organ der ungarischen Regierung, der 
„Nemzet" die russischen Truppen-Verschiebungen. Die „Buda- 
pester Korrespondenz" konstatiert, daß an den Grenzen Galiziens 
dreimal soviel russische Truppen konzentriert sind, als in dem 
ähnlichen Gebietsraume österreichisches Militär disloziert ist. 
Die „Revue de I'Orient" meldet daß dem Zaren Alexander offiziell 
der casus foederis mitgeteilt wurde. Vom 8. Dezember an finden 
militärische Konferenzen in Wien und Budapest statt und selbst 
die maßgebenden Preßorgane halten den Krieg für unvermeid- 
lich („Neue Freie Presse" vom 7. Dezember: „Rußland allein 
kann den Frieden erhalfen, indem es seine Politik der Be- 
drohungen und der Anmaßung ändert"). 

Die allgemeine Spannung wird auch dadurch nicht ver- 
mindert, daß Bismarck am 31. Dezember im Reichsanzeiger die 
gefälschten „bulgarischen Briefe" veröffentlichen läßt. Daß diese 
Briefe (in denen Prinz Ferdinand in seiner bulgarischen Thron- 
kandidatur unterstützt und zum Widerstand gegen Rußland er- 
muntert wird) gefälscht sind, hatte Bismarck Gelegenheit, dem 
Zaren anläßfich dessen Besuches in Berlin am 18. November 
nachzuweisend 

Unter sehr ungünstigen Auspizien tritt die europäische 
Politik in das Jahr 1888. 



1) Hierüber Näheres „Kölnisdie Zeitung" vom 22. November und Jules 
Hansen „Diplomatisdie Enthüllungen aus der Botsdiafterzeit des Barons 
von Mohrenheim*'; Bismardc besdiuldigle Mohrenheim und Hansen, diese 
Briefe fabriziert zu haben. 



88 Regesten: 1888 

1888 

Die fortschreitenden Rüstungen Rußlands mußten in Berlin 
und Wien als eine „Bedrohung** angesehen werden und so ent- 
schlossen sich Deutschland und Oesterreich - Ungarn zur Ver- 
öffentlichung ihres Geheimvertrages. Die Veröffentlichung er- 
folgte selbstverständlich mit der Zustimmung Italiens, die bereits 
am 31. Januar durch die Botschafter Deutschlands und Oester- 
reidi-Ungams in Rom eingeholt worden war. Die Stimmung, 
welche der Veröffentlichung vorausging, charakterisiert am Besten 
ein Artikel der „Kölnischen Zeitung" vom 22. Januar, in welchem 

es heißt: „ Wenn die Trompeten schmettern, wenn Oester- 

reich in einen Krieg mit Rußland verwickelt wird, so grübeln 
wir nicht darüber, ob die Veranlassung zu diesem Kriege uns 
nahe liegt oder fem, dann marschieren wir vielmehr an die 
Grenze, um dem Verbündeten beizustehen. Wer diesen Ge- 
dankengang nicht zu begreifen vermag und deshalb an der 
deutschen Auffassung des deutsch - österreichischen Bündnisses 
herumnörgelt der besorgt ohne es zu ahnen, die Geschäfte 
Rußlands". Gleichzeitig wird auch die Frage publizistisch er- 
örtert ob sich Belgien und Holland formell dem Dreibund an- 
geschlossen hätten. Hierüber meldet die „Kreuzzeitung": ein 
formeller Anschluß dieser Staaten an die Friedensliga sei wohl 
nicht erfolgt doch bestünden allgemein gehaltene Verab- 
redungen; die Nachricht als ob bezüglich der Maasbefestigung 
in Berlin eine „beruhigende" Erklärung abgegeben worden set 
entbehre jeder Grundlage — einer solchen Erklärung habe es 
für Deutschland nicht bedurft. 

Bis ins neunte Jahr blieb das Geheimnis gewahrt, und nun 
zeigte es sich, daß die Staatsmänner der verbündeten Mächte 
scharfblickend die Zukunft richtig beurteilt haben. Die Gefahr, 
die nun den Frieden Europas bedrohte, war richtig vorausgesehen 
worden. Rußland zwang die verbündeten Mädite zum ersten 
Schritt ihrer gemeinsamen Aktion, und das Mittel wirkte: der 
Friede blieb erhalten. 

Die Veröffentlichung erfolgte zu gleicher Zeit am 3. Februar, 
in Berlin, \A^en und Budapest Eingeleitet ward die Veröffent- 
lichung durch folgende offiziöse Note: „Die Regierungen Deutsch- 
lands und der österreichisch-ungarischen Monarchie haben die 
Veröffentlichung ihres am 7. Oktober 1879 abgeschlossenen 
Bündnisses angemessen befunden, um den Zweifeln ein Ende 
zu machen, welche an den rein defensiven Intentionen des- 
selben auf verschiedenen Seiten gehegt und zu verschiedenen 
Zwecken verwertet werden. Beide verbündete Regierungen 
sind in ihrer Politik von dem Bestreben geleitet, den Frieden 



Regesfen: 1888 S9 

zu erhalten und Störungen desselben nach Möglichkeit abzu- 
wehren; sie sind aberzeugt, daß die Bekanntgabe des Inhaltes 
ihres Bündnisvertrages jeden Zweifel hierüber ausschließen 
wird, und haben deshalb beschlossen, denselben zu veröffent- 
lichen". 

Der Eindruck dieser Publikation war ein gewaltiger. Die 
Presse konstatierte einmütig, durch die Veröffentlichung des 
Vertrages sei deklariert, daß die Rüstungen Rußlands als eine 
Bedrohung"* angesehen werden; vor der Veröffentlichung sei 
eine vertrauliche Mitteilung an den Zaren erfolgt, und das Ge- 
wicht dieser Mitteilung werde durch die Publizierung des Ver- 
trages verstärkt Die „Times** sprechen von der schweren Be- 
leidigung („a slap in the face**), welche die beiden Mächte Ruß- 
land zufügen mußten und die „Nowoje Wremja" (und mit ihr 
die gesamte russische Presse) erklärt, die Veröffentlichung des 
Bündnisvertrages beweise, daß Deutschland und Oesterreich- 
Ungam den Frieden nicht wünschen. 

Nach der Publizierung des Vertrages wird im Budapester 
Nationalkasino zu Ehren des Grafen Julius Andrdssy ein Bankett 
veranstaltet, bei welchem Obersthofmeister Graf G6za Szäpäry 
einen vielbemerkten Toast ausbringt. 

Drei Tage nach der Veröffentlichung des Bündnisvertrages 
hält Bismardk im Reichstage eine seiner berühmtesten Reden. 
Auf der Tagesordnung standen zwei Militärvorlagen: die dem 
Reichstage am 9. Dezember des Vorjahres unterbreitete Vorlage 
»betreffend Aenderungen der Wehrpflicht" und der dem Reichs- 
tage am 31. Januar zugegangene Entwurf eines Gesetzes betref- 
fend die Aufnahme einer Anleihe für Zwecke der Verwaltung 
des Reichsheeres. Bismarck gab in dieser seiner Rede^ ein 
Bild der „Gesamtlage Europas**. Er schilderte eingehend die 
wechselvollen Beziehungen zu Rußland, um aus ihnen die Ge- 
nesis des vor wenigen Tagen publizierten Vertrags mit Oester- 
reich darzulegen. Die 1879 erhobenen Forderungen Rußlands, 
die sich bis zu Drohungen, bis zu „vollständigen Kriegsdrohungen 
von der kompetentesten Seite" steigerten, zwangen die deutsche 
Politik zur „Option zwischen unseren beiden bisherigen Freun- 
den". Hätten wir den Vertrag nicht geschlossen, so müßten wir 
ihn heute schließen. „Er hat eben die vornehmste Eigenschaft 
eines internationalen Vertrags, nämlich, er ist der Ausdruck 
beiderseitiger dauernder Interessen sowohl auf österreichischer 
Seite wie auf der unsrigen. Keine Großmacht kann auf die 

^) Bezeichnend für die U^rkung dieser Rede ist der Umstand, daß 
sie versifiziert wurde; sie ersdiien bei Decker in Berlin „]ambisdi frei 
bearbeitet" von Cäsar Astfaldc Die anderen Publikationen siehe in Arthur 
Singers „Bismarck in der Literatur**, IL Auflage, Seite 156, ff. 



90 Regesten: 1888 

Dauer in Widerspruch mit den Interessen ihres eignen Volkes 
an dem Wortlaut irgendeines Vertrages kleben, sie ist schließ- 
lich genötigt ganz offen zu erklären: die Zeiten haben sich ge- 
ändert, ich kann das nicht mehr, und muß das vor ihrem 

Volke und vor dem vertragsschließenden Teile nach Möglichkeit 
rechtfertigen. Aber das eigene Volk ins Verderben zu führen 
an den Buchstaben eines unter anderen Umständen unter- 
schriebenen Vertrags, das wird keine Großmacht gutheißen. 
Das liegt aber in diesen Verträgen in keiner Weise drin. Sie 

sind eben nicht nur der Vertrag, den wir mit Oesterreich 

geschlossen haben, sondern ähnliche Verträge, die zwischen uns 
und anderen Regierungen bestehen, namentlich Verabredungen, 

die wir mit Italien haben, sie sind nur der Ausdruck der 

Gemeinschaft in den Bestrebungen und in den Gefahren, die 
die Mächte zu laufen haben. Italien sowohl wie wir sind in 
der Lage gewesen, das Recht, uns national zu konsolidieren, 
von Oesterreich zu erkämpfen. Beide leben jetzt mit Oester- 
reich im Frieden und haben mit Oesterreich das gleiche Be- 
streben, Gefahren, die sie gemeinsam bedrohen, abzuwehren, 
den Frieden, der dem einen so teuer ist, wie dem anderen, ge- 
meinsam zu schützen" Dies mache die Verträge fest, 

haltbar und dauerhaft. „Schon bei den Verhandlungen in Nikols- 
burg waren wir unter dem Eindruck, daß wir ein starkes auf- 
rechtes Oesterreich auf die Dauer doch nicht missen könnten 
in Europa. Und 1870, als der Krieg zwischen uns und Frank- 
reich ausbrach, war für eine besonnene und voraussichtige Politik 
in Oesterreich der Weg vorgeschrieben". Eine Isolierung Deutsch- 
lands ist vermieden und „wir haben vermöge der Gleichheit 
der Interessen, vermöge dieses Vertrages, der Ihnen vorgelegt 
ist, zwei zuverlässige Freunde**. Bismarck schließt diesen Passus 
seiner Rede mit den Worten: „Mit unseren Bundesgenossen in 
der Friedensliebe einigen uns nicht nur Stimmungen und Freund- 
schaften, sondern die zwingendsten Interessen des Europäischen 
Gleichgewichtes und unserer eignen Zukunft. Und deshalb glaube 
ich: Sie werden die Politik Seiner Majestät des Kaisers, die das 
publizierte Bündnis abgeschlossen hat, billigen, obschon die 
Möglichkeit eines Krieges dadurch verstärkt wird. Es ist ja un- 
zweifelhaft, daß durch die Annahme dieses neuen Gesetzes das 
Bündnis, in dem wir stehen, außerordentlich an Kraft gewinnt, 
weil dies durch das Deutsche Reich gebildete Mitglied seiner- 
seits außerordentlich verstärkt wird". Nach einigen militärischen 
Erörterungen kommt die Rede wieder auf die russischen Droh- 
ungen zurück und klingt in dem zum geflügelten Worte ge- 
wordenen Ausspruch aus: „Wir Deutsche fürchten Gott, aber 
sonst nichts in der Weltr 



Regesten: 1888 91 

Die Rede Bismarcks wird im österreichischen Abgeordneten^ 
hause eingehend erörtert \ wobei Graf Taaffe erldärt, er sei be- 
reits im Amte gewesen, als das Bündnis abgeschlossen wurde 

er Icönne daher kein Gegner dessen sein ; unter seiner 

Ministerpräsidentschaft habe sich das Bündnis nur gekräftigt und 
gefestigt und er hoffe, daß es noch auf lange Zeit hinaus so 
sein werde. Auch Crispi nimmt bald darauf (am 17. März) 
Anlaß, sich in der Kammer über den Dreibund zu äußern; er 
betonte hierbei, in Italien habe das Bedürfnis nach einer Allianz 
schon vor dem Abschluß des Bündnisses bestanden ^ 

Am 9. März segnet Kaiser Wilhelm I. das Zeitliche, und am 
15. Juni folgt ihm Kaiser Friedrich 111. in die Unsterblichkeit 
nach. In den traurigen neunundneunzig Tagen äußert sich Bis- 
marck dem Präsidenten des österreichisch -evangelischen Ober- 
kirchenrates Dr. Franz gegenüber ^ das Zustandekommen des öster- 
reichisch-deutschen Bündnisses und das Festhalten daran bilde den 
Grundzug seiner ganzen Politik. Und daran ändert auch der dritte 
Hohenzollemkaiser nichts. Mit Recht schrieb der österreichische 
Minister Geheimrat Ernst Freiherr von Plener anläßlich des fünfund- 
zwanzigjährigen Regierungs-Jubiläums Kaiser Wilhelms 11.^: „Kaiser 
U^lhelm ist zu jeder Zeit fest zu der Bundesgenossenschaft ge- 
standen ... In schweren, ernsten Momenten hat er das ganze Ge- 
wicht der deutschen Machtstellung zugunsten unserer Monarchie in 
die Wagschale gelegt und mit Recht hat die Stadt Wien in dank- 
barer Anerkennung seiner stets bewährten Sympathien für unser 
Land dem schönsten Teil der Ringstraße idie Bezeichnung ,Kaiser- 
U^lhelm-Ring' gegeben, um audi hier seinen Namen zu ehren 
und zu verewigen." Schon die anläßlich der Thronbesteigung 
zwischen Berlin, Wien und Rom gewechselten Depeschen und 
die bei den Antrittsbesuchen in Wien^ und Rom verklungenen 

^) Die Deutsdinalionale Vereinigung verlangte am 7. Februar die parla- 
mentarisdie Genehmigung des Vertrages. 

^ Cnspi hat dann im Sommer Gelegenheit gefunden, mit Kälnoky 
eine Reihe sdiwebender Fragen in mündlidier Besprediung zu erledigen. 
Die Begegnung der beiden Staatsmänner fand am 25. August in Eger statt. 

3) Siehe Posdiingers „Also spradi Bismarck" Band III., Seite 9. 

4) „Nord und Süd", Juniheft 1913. 

^) Die durdi die Reisedispositionen des Deutsdien Kaisers bedingte 
Tatsadie, daß Kaiser Wilhelm IL seinen ersten Besudi in Petersburg madite, 
und erst im Oktober an den Wiener Hof reiste, deutet Pierre Albin in 
seinem Werke „L'AUemagne et la France en Europe" ganz {grundlos als 
Beweis dafür, daß sich U^lhelm IL, eingedenk der Mahnung seines Groß- 
vaters, gute Beziehungen zu Rußland zu unterhalten, beeilt seine erste 
Visite in Petersburg abzustatten, „mecontentant ainsi son alli6 Fran^ois 
Joseph et Fopinion autrichienne". Wie grundlos diese Behauphing ist, be- 
weisen die Wiener Blätterstimmen über die Petersburger Reise, sowie die 
Polemik zwischen der „Moskauer Zeitung" und der „Norddeutschen Allge- 
meinen Zeitung". 



92 Regesfen: 1888 

TrinksprQche enthielten eine scharfe Betonung des Bündnisses. 
Und am 25. Juni sagte der junge Kaiser in seiner Thronrede 
zur Eröffnung des Reichstages: «Unser BQndnis mit Oesterreich* 
Ungarn ist öffentlich bekannt. Ich halte an demselben in deutscher 
Treue fest nicht bloß weil es geschlossen ist sondern weil Ich in die- 
sem defensiven Bunde eine Grundlage des europäischen Gleichge- 
wichfes erblicke, sowie ein Vermächtnis der deutschen Geschichte, 
dessen Inhalt heute von der öffentlichen Meinung des gesamten 
deutschen Volkes getragen wird und dem herkömmlichen europäi- 
schen Völkerrechte entspricht, wie es bis 1866 in unbestrittener Gel- 
tung war. Gleiche geschichtlidie Beziehungen und gleiche nationale 
Bedürfnisse verbinden uns mit Italien. Beide Länder wollen die 
Segnungen des Friedens festhalten, um in Ruhe der Befestigung 
ihrer neugewonnenen Einheit, der Ausbildung ihrer nationalen 
Institutionen und der Förderung ihrer Wohlfahrt zu leben". 

Als Kaiser Wilhelm II. im Oktober am römischen Hofe seinen 
Antrittsbesuch macht \ ereignet sich eine Demonstration, die von 
den Gegnern des Dreibundes ganz willkürlich aufgebauscht 
wird : Beim Einzüge des Kaisers in Rom fiel, just als der Gala* 
wagen die Ehrenpforte passierte, ein Regen von kleinen rot- 
bedruckten Blättchen auf die Monarchen, auf jedem der Zettel 
stand gedruckt: «Abasso la tripplice alleanzal Viva la Francial 
Viva l'Alsacia e Lorrena! Viva Trento et Tryeste". Die einge- 
leitete Untersuchung ergab, daß die Zettel in Marseille gedruckt 
worden waren. Vor der Entrevue in Rom hatte Italien um eine 
Intervention Deutschlands bei der französischen Regierung an- 
gesucht und zwar in der Massaoua-Frage. Der deutsche Bot- 
schafter in Paris war beauftragt worden, der französischen Re- 
gierung mitzuteilen, daß, sollte Italien in eine schwierige Lage 
geraten, („si Tltalie se trouvait engag^e en de graves complica- 
tions**), es nicht isoliert bleiben würdet Es kam jedoch nicht 

^) Der Kaiser war von Herbert Bismarck begleitet, den Crispi bat, 
Deutschland solle dahin wirken, daß Oesterreidi seine italienisdien Staats- 
angehörigen besser behandle, wodurch ihm (Crispi) Verlegenheiten erspart 
blieben und der Irredentismus an Boden verlieren würde. Dem Fürsten 
selbst hatte Crispi am 21. August in Friedridisruh einen Besuch abgestattet 
und ihm bei dieser Gelegenheit bezüglich Oesterreidis gesagt: „Unsere Be* 
Ziehungen zu Oesterreidi können unmöglidi mit einemmal so herzlidi 
werden, wie diejenigen zu Deutschland sind. Der schmerzlidien Erinne« 
rungen sind noch zu viele . . . Das Gesdiledit das von österreidiischen 
Soldaten Weiber auspeitschen sah, ist nodi nicht ausgestorben!'* („Mr. 
Crispi chez Monsieur de Bismarck", Rome 1894). 

^ Depesche des Grafen Launay im italienisdien GrQnbudi vom 8. De* 
zember 1888; siehe auch Pierre Albins „L'AUemagne et la France en Europe" 
(1885—1894), Seite 173 und die daselbst zitierten QueUen Billot, Crispi und 
Despagnet femer die im französischen Grflnbuch für Handelsangelegen- 
heiten publizierten Depesdien an General Menabria (No. 52 und No. 54). 



Regesten: 1888^1889 93 

ZU dieser Intervention des Grafen Münster, weil der französische 
Minister des Auswärtigen, Goblet, die Angelegenheit fallen ließ. 

Mitte September weilt Erzherzog Albrecht in Berlin. Er 
findet in der gesamten Presse eine freudige Begrüßung. Die 
» Nationalzeitung " konstatiert, der Besuch dieses Erzherzogs, der 
seit 1864 Berlin und Preußen ferngeblieben sei, und der, wenn 
von antipreußischen Elementen in Oesterreich geredet wurde» 
stets als geistiges Haupt dieser Richtung galt, habe besondere 
Bedeutung: die Aenderung der Anschauungen des öster* 
reichischen Prinzen enthalte den denkbar stärksten Beweis für 
die Naturnotwendigkeit des deutsch-österreichischen Bündnisses. 

Im November brachte ein unbedeutendes Wiener Blatt 
„Schwarzgelb" Angriffe gegen das deutsch-österreichische Bünd- 
nis, die einen veritablen Federkrieg entfachen. In Rom wird 
verbreitet, daß eine Spannung in den Beziehungen zwischen dem 
Botschafter am Wiener Hofe Fürsten Reuß und dem Grafen 
Taaffe eingetreten sei und erzählt, Taaffe inspiriere die Angriffe 
des Wiener Publizisten Moritz Szeps, eines Verwandten Giemen- 
ceaus, gegen Preußen. Diese Gerüchte entbehren jeder Grund- 
lage, speziell was die Person Moritz Szeps betrifft. Szeps, der 
mit dem Politiker Clemenceau nur insoweit verwandt war, als 
seine Tochter dessen Bruder ehelichte, hat speziell in diesem 
Jahre im „Wiener Tagblatt" Artikel (teils aus seiner, teils aus 
der Feder Norbert Bedihöfers) veröffentlicht, die außerordentlich 
dreibundfreundlich gehalten waren. 

Zum Schlüsse sei noch auf eine Mitteilung Jules Hansens^ 
verwiesen, laut welcher Ende dieses Jahres „sehr wichtige Ver- 
handlungen" zwischen den Dreibundstaaten und England ein- 
geleitet wurden wegen des Beitrittes Großbritanniens zu diesem 
Bunde: die treibende Kraft bei diesen Verhandlungen sei Crispi 
gewesen, auf dessen Anregung ein höherer englischer Offizier 
nach Berlin und Wien gereist sei, um Militärkonventionen 
zwischen England und den Dreibundstaaten abzuschließen. 



1889 

Das ungarische Abgeordnetenhaus veranstaltet am 25. Fe- 
bruar eine einmütige Kundgebung für den Dreibund. Der Führer 
der gemäßigten Opposition, Graf Albert Apponyi, erklärt: „Ab- 
gesehen von einzelnen achtenswerten, aber ganz isolierten 

^) „Diplomatisdie Enthüllungen aus der Botsdiafterzeit des Barons 
V. Mohrenheim" Seite 99 u. ff. 



94 Regesten: 1889 

Stimmen gibt es keine Parieischattierung in Ungarn, weldie an 
dem Bfindnisse mit Deutschland nidit festhalfen und dasselbe 
nidif als den Kardinalpunkf ihrer Politik ansehen würde.* Und 
Ignatz Helfy sekundiert im Namen der äußersten Linken: »In 
Ungarn könnte sidi eine Regierung nidit ein halbes Jahr halten, 
weldie eine von der deutschen BQndnispolifik abweidiende 
Politik befolgen wQrde." Ministerpräsident Koloman von Tisza 
gab sodann seiner „aufriditigsten Freude" Ausdruck, daß die 
beiden Parteien der Opposition so entsdiieden für die deutsdie 
und italienisdie Allianz eintreten; er halte dieses Bündnis nidit 
für so ephemär, daß ihm die Verdäditigungen der gegnerisdien 
auswärtigen Presse irgendwie sdiaden könnten, denn das Bünd« 
nis beruhe auf einer viel festeren Basis, als der der bloßen 
Sympathie, es basiere auf dem wohlverstandenen Interesse 
beider Staaten. 

König Humbert von Italien weilt im Mai in Berlin. Der 
außerordentlidi warme Empfang, den der König in der Reidis^ 
hauptstadt findet veranlaßt die italienische Depufiertenkammer, 
an den Reidistag eine Dankadresse zu richten, die der Präsident 
Levetzow mit den Worten unterbreitet: „Dieser Dank berührt 
uns auf das sympathischeste; solches hier zu erklären, diesen 
Gefühlen und unserer Freude über das zwischen Deutschland 
und Italien abgeschlossene, den Weltfrieden sichernde Bündnis 
in geeigneter Weise und an geeigneter Stelle Ausdrude zu geben, 
dazu halte ich mich für ermädifigt." Auf dem am 25. Mai zu Ehren 
Crispis veranstalteten Bankette feiert Benda den italienischen 
Ministerpräsidenten als eine der Säulen des italienisch-deutschen 
Friedensbündnisses. Crispi dankt: „Die beiden Dynastien und 
Völker sind vereinigt, mehr noch als durch den politischen Bund, 
durch die Interessen, durch die herzliche Freundschaft, durch die 
gemeinsamen Ziele, durch alldies, was naturgemäß die Völker 
vereint, und wozu es keiner weiteren künstlichen Veranstaltungen 
bedarf. ** Dr. Miquel konstatiert, das deutsche Volk sehe in dem 
Dreibund eine dauernde Vereinigung, der die Staatsmänner über- 
leben wird, welche die richtige Form für diese fanden. Mit dem 
Österreich-ungarischen Kaiserstaate verbinden uns alte Er- 
innerungen, mit dem italienischen Volke das Andenken an das 

gleiche Ringen um Einheit und Freiheit „wir blidcen mit 

dem vollsten Vertrauen auf unsere Verbündeten und erwarten 
das Gleiche von ihnen . . . möge dem starken und mächtigen 
Bunde, wir hoffen es zu Gott, die letzte Probe erspart bleiben 1" 

Im Juni und Juli kommt es in Wien und in Rom zu scharfen 
Betonungen der Bündnistreue. Am 24. Juni erklärt Graf Käl- 
noky in der österreichischen Delegation, Oesterreich-Ungarn be- 
sitze an Italien in jeder Beziehung einen ebenso sicheren Bundes- 



Regesten: 1889 95 

genossen, als Italien an Oesterreidi-Ungarn. Im Juli erfolgt 
die Auflösung des Komitees für Triest und Trient; diese Maß- 
nahme Crispis, sowie seine Antwort auf eine von dem 
Deputierten Cavallotti eingebrachte Interpellation über einen 
Zwischenfall in den istrisdien Gewässern und sdiließlidi die 
Unterdrüdcung der irredenlistischen Kundgebungen im September 
machen in Wien den besten Eindrudc. Ueber die irredentistische 
Frage enthalten Crispis „DenkwOrdigkeiten" interessante Mit- 
teilungen; sie publizieren einen Brief des Grafen Julius And- 
rässy aus dem Jahre 1874 an den damaligen österreidiisdi- 
ungarisdien Botschafter in Rom Grafen Wimpffen, in weldiem 
die Gefahren einer ultranationalen Politik und die Notwendig- 
keit des Zusammenwirkens der Regierungen Oesterreich-Ungams 
und Italiens gegen die Maßlosigkeiten der Irredentisten dan* 
gelegt wird, ferner eine Depesdie Crispis vom 29. Juli 1889 an 
den Botschafter De Launay in Berlin, in welcher dieser be- 
auftragt wird, den Fflrsten-Reichskanzler zu ersudien, nach Wien 
„ein Wort der Klugheit und Mäßigung" gelangen zu lassen, die 
österreichischen Behörden mögen die Italiener der Monarchie 
»milder" behandeln, welches Ansuchen der Reichskanzler erfüllt 
indem er den Fürsten Reuß anwies, in einem Gespräch mit dem 
Grafen Kälnoky „die heikle Frage im zweckmäßigen Augen- 
blicke außeramtlidi zu berühren". 

Im August weilt Kaiser-König Franz Josef am Deutschen 
Kaiserhofe. Beim Galadiner am 13. August spridit Kaiser 
Wilhelm in seinem Toaste die Worte: „In Meinem Volke, wie in 
Meinem Heere wird fest und treu an der von Uns abgeschlos- 
senen Bundesgenossensdiaft gehalten!" Im November stattet 
Graf Kälnoky dem Fürsten Bismardc in Friedrichsruhe einen 
Besuch ab. 

Immer wieder erneuern sich die Kundgebungen für die 

Festigkeit des Dreibundes die Chauvinisten in Frankreich ^ 

wüten, und Charles de Maurel schreibt in seinem in diesem 
Jahre erschienenen Budie «Le Prince de Bismardc d£masqu£": 
Rom und Wien sind Vasallen Berlins geworden M 



1) Siehe den Artikel von Anatole Leroy-Beaulieu in der Revue des 
Deux Mondes vom 15. Juli 1889. 

2) Seite 251. 



96 Regesten: 1890 

1890 

Das Jahr des Rflcktriffes des Aitreidiskanziers. Nadi der 
Ernennung Caprivis beeilen sidi alle maßgebenden Faktoren 
zu versidiem, daß sie an dem Dreibund unersdiQtterlidi fest- 
halten. Und so wie die Nationalliberalen die Pflege des Freund* 
scfaaftsbundes mit Oesterreicfa-Ungarn und Italien in ihr Wahl- 
manifest aufnehmen, dokumentieren alle großen Parteiverbände 
in den beiden anderen Staaten die Treue im Dreibund. Kaiser 
Wilhelm läßt am 8. April durch den Grafen Wedel dem Kaiser- 
König Franz Josef in Wien ein eigenhändiges Schreiben Qber- 
reicfaen, nachdem bereits früher Graf Caprivi den Grafen Kälnoky 
schriftlidi begrflßt hatte (er selbst reist am 1. Oktober nach 
Wien). Bismarck betonte in dem ersten Interview, das er nadi 
seinem Rflcktritte einem Journalisten gewährte (am 10. Mai), 
dem Korrespondenten Lwow der »Nowoje Wremja" gegenüber, 
die Existenz Oesterreidis sei für Deutsdiland ebenso nötig, wie 
für Rußland die Existenz Frankreidis; bis zum Berliner Kon- 
greß habe er gesucht mit Rußland zusammenzugehen und auf 
diesem die Wünsche Rußlands wie ein Sekretär Scfauwaloffs zu 
erfüllen, trotzdem sei Deutschland im nädisten Jahre von Ruß- 
land mit Krieg bedroht worden; darauf habe er sidi entschlossen, 
in Wien ein Bündnis mit Oesterreidi zu sdiließen. Demselben 
Interviewer sagte Bismarck am 22. Juli ^ : „Im Jahre 1879 habe 
ich ein Dokument in Händen gehabt, an dessen Existenz ich 
niemals geglaubt hätte; in diesem Dokumente war zweimal die 
Kriegsdrohung wiederholt. Dieses Dokument entsdiied über 
meine Reise zu meinem Freunde Andrässy die heute be- 
stehende Tripelallianz wurde damals geboren". 

In den ersten Junitagen empfing Bismardc Herrn Kingston, 
Vertreter des Daily Telegraph, zu dem er sich in folgenden 
Worten über den Dreibund äußerte*: „Wie der Dreibund gerade 
jetzt besteht? So kräftig wie je, fest begründet auf einer breiten 
Basis gegenseitigen Vertrauens und gemeinsamer Interessen« 
Er ist nidit weniger eng in seinem Zusammenhang als unbe- 
weglidi in seinem Entsdiluß, den Frieden aufrecht zu erhallen. 
Er wird fortdauern, weil er zum Besten Aller dient und weil er 
der natürliche Ausfluß gesunder Bestrebungen und des gesunden 
Menschenverstandes ist. Aus vielen guten Gründen ist sein 
Grundsatz: Einer für Alle und Alle für Einen. Ein starkes 



^) Siehe Posdiingers „Neue TisdigesprSche und Interviews" Band I, 
Seite 346. 

2} Siehe Posdiingers „Neue Tisdigesprädie und Interviews" Band I, 
Seite 314. 



Regesten: 1890 97 

Oesterreidi ist nicht nur wesentlidi für die Wahrung des euro- 
päischen Gleichgewichtes, sondern auch speziell notwendig iQr 
Deutschland. Wäre da kein solches Reich, so müßte es in 
unserem Interesse geschaffen werden Die Freund- 
schaft ferner, welche Deutschland und Italien verbindet, ist eine 
vollständig nattlrliche, da sie nicht Nachbarstaaten sind und 
keiner dem anderen irgend etwas zu nehmen wünscht. Die 
Freundschaft zwischen Oesterreicii und Italien ist in gleicher 
Weise notwendig für beide Ein vernünftigerer und nütz- 
licherer Bund wie der Dreibund war niemals geschlossen 

worden Dank der Tripelallianz bin ich berechtigt zu 

glauben, daß der Friede von Europa fest verbürgt und daß dje 
Fortdauer desselben für eine lange Zeit wohlgesidiert ist, es 
sei denn, daß der Allmächtige eine jener fürchterliciien Kata- 
strophen uns senden sollte, welche alle Voraussicht und ver- 
nünftigen Berechnungen zu nichte macht". Eine sehr lange 
Unterredung gewährte Bismarciiam 13. Juni dem österreichischen 
Historiker Friedjung für dessen Werk «Der Kampf um die Voiw 
herrschaft in Deutschland". Bismarcic erörterte in diesem Inter-- 
View die Vorgeschichte des Krieges von 1866, den er als einen 
Abschluß für lange Zeit bezeichnete. In dasselbe Jahr fällt 
auch, wenn sie nicht apokryph ist, eine Unterredung Bismar(i(s 
mit einem „Deutsch-Oesterreicher", die in einem Buche „Unter- 
redungen mit Bismarck" von A. v. Unger reproduziert ist. In 
diesem Interview soll Bismarcic mit besonderem Nachdruck be- 
tont haben: „Wir jetzt Lebenden und unsere Enkel brauchen 
ein Oesterreich, ein starkes Oesterreich, es ist für Deutschland 
eine Machtvermehrung r Schließlich registrieren wir einen am 
22. Dezember dieses Jahres erschienenen, scheinbar von Bis- 
marcic inspirierten Artikel der „Hamburger Nachrichten", in 
welchem konstatiert wird, daß die Stärke des Dreibundes nicht 
zumindest in den Sympathien beruhe, welche das Bündnis in 
den beteiligten Völkern selbst findet; jedoch dürfe Deutsciiland 
(dies decict sich fast wörtlich mit Aeußerungen Bismarcics bei 
verschiedenen Anlässen) den Nutzen des Dreibundes nicht mit 
wirtschaftlichen Opfern erkaufen und auf diese Weise einen 
Tribut an Oesterreich zahlen. 

Oesterreich- Ungarn antwortet mit ähnlichen Stimmen. Der 
ungarische Ministerpräsident Koloman von Tisza findet beim 
Neujahrsempfange seiner Partei warme Worte für den Dreibund, 
und das am 18. Februar erfolgte Ableben des Grafen Julius 
Andrässy löst in beiden Staaten der Monarchie warme 
Kundgebungen aus für die Schöpfung Bismarcics und Andrässys 
Anch anlässlich des Rücictrittes Bismarcics nimmt die Presse, 
beider Länder einmütig Stellung für den „bewährten Kurs in 

Singer, Gesdiidite des Dreibundes ' 



98 Regesten: 1890 

der auswärtigen Politik". Taaffes »Presse" betont kein Per* 
sonenwedisel könne das Bündnis ersdiQttern, ja man dOrfe be- 
haupten, daß gerade jene Beunruhigungen, weldie infolge von 
Bismarcks RQditritt von Ost und West her erfolgen werden, zur 
ferneren Festigung des Dreibundes das ihrige beitragen würden. 
Das Organ des auswärtigen Amtes, das Wiener » Fremdenblatt ", 
erklärt, der Dreibund ruhe auf der Erkenntnis einer so tief- 
reidienden Interessengemeinsdiaft, daß das Zurücktreten eines 
nodi so bedeutenden Ministers die Friedenslage nicht zu be- 
rühren vermöge. Aehnlidi der „Pester Lloyd", der konstatiert, 
daß der Meinungsaustausch zwischen Caprivi und Kälnoky das 
rüdchaltloseste Einvernehmen über alle die Bundespolittk be- 
rührenden Fragen ergeben habe. Nur die Jungtsdiedien und 
ihre Presse hetzen gegen das Bündnis. Der Jungtscfaecfae 
Wasdiaty nennt in seiner Budgetrede (22. April) Oesterreidi 
eine Expositur der deutsdien Reichskanzlei. Graf Kälnoky be- 
tont in der Ausscfaußsitzung der österreidiischen Delegation am 
9. Juni, die Beziehungen zu Deutschland seien nie vertrauens- 
voller, klarer und fester gewesen, als jetzt: „der Wedisel dreier 
Monarchen Deutschlands und der leitenden Staatsmänner hat 
nicht die geringste Schwankung des Bündnisses zur Folge, was 
am besten beweist wie festgewurzelt das Bündnis ist In Berlin 
und Rom von maßgebender Seite in jüngster Zeit abgegebene 
Erklärungen bezeugen, wie man audi dort von der unersdiütter- 
lidien Festigkeit des Bündnisses überzeugt ist. Die täglidien 
Versudie der Gegner des Bündnisses, letzteres zu erschüttern 
und Zweifel daran hervorzurufen, sollen niemanden beirren. 
Diese Bemühungen werden künftig, wie in den letzten zehn 
Jahren vergeblidi bleiben". Und der Präsident der ungarisdien 
Delegation Graf Ludwig Tisza erklärt in seiner Schlußrede am 
28. Juni, die ungarisdie Delegation erblidce in dem Bestände 
des Dreibundes die vorwiegendste Friedensgarantie. 

Das Verhältnis zwisdien Oesterreicfa-Ungarn und Italien er- 
fährt in diesem Jahre eine sehr bemerkenswerte Vertiefung. 
Sdion am 11. Juni führt Graf Kälnoky in der ungarisdien Dele- 
gation aus, er sei erfreut der steten frimndschaftlidien Ueber- 
einstimmung mit dem italienischen Verbündeten gedenken zu 
können, mit welchem ein Verhältnis des Vertrauens, sowie eine 
Gemeinsamkeit des Bestrebens hergestellt sei, die den beider- 
seitigen Friedenszielen nur förderlidi sein könne. Im Juli finden 
wohl irredentistisdie Unruhen in Görz und Triest statt, doch die 
energische Stellungnahme Crispis macht in Wien den besten 
Eindrudc. Crispi hielt am 8. Oktober in Florenz bei einem 
Bankett eine Rede, in weldier er den Irredentismus außer- 
ordentiich sdiarf geißelt: „Der unmittelbare Zweck der irre- 



Regesten: 1890 99 

dentistisdien Agitation sei das Zerreissen des Dreibundes. 
Es sei natürlich, daß eine Partei, welche die weltliche Madit 
für sich in Anspruch nimmt die Auflösung des Dreibundes 
wflnsche, in der Hoffnung den Bund der katholischen Mächte 
wieder herzustellen, zum Nutzen des Vatikans, sobald Oester^ 
reidi nicht mehr der Freund und Alliierte Italiens sein würde. 
Das Bündnis sei zu einem aufrichtig freundschaftlichen geworden". 
Crispi verweist darauf, der junge Deutsche Kaiser habe zweimal 

die „Roma intangibile" begrüßt nicht weniger loyal, wenn 

audi nicht so demonstrativ, sei die Stellung des katholischen 
Oesterreichs Italien gegenüber gewesen. Auch Marquis Rudini, 
der Führer der Konservativen, erklärt sidi mit warmen Worten 
für den Dreibund; er richtete anläßlich der Neuwahlen zur 
Kammer (Ende Okiober) ein Schreiben an die »Opinione", die 
Friedensperiode, deren Italien sowohl im Innern als aydi nadi 
außenhin bedürfe, sei durch den Dreibund gesidierL Eine Mel- 
dung des Pariser „Figaro" vom 29. September, Crispi hätte dem 
Korrespondenten dieses Blattes, Herrn St.-Cöre in Neapel „be- 
deutungsvoll ** erklärt, der Dreibund erlösche im Jahre 1892 und 
sei nodi nidit erneuert, wird von Crispi in der »Riforma" als 
unrichtig bezeichnet. 

Crispi teilt in seinen „Denkwürdigkeiten" eine Depesche 
De Launays vom 14. August dieses Jahres mit, in welcher der 
Berliner Botschafter Italiens ihm meldet, Kaiser Franz Josef 
(der eben in Berlin zu Besuch war) habe sich glüddich und 
hocherfreut genannt daß dem König von Italien ein so tüchtiger 
Ministerpräsident zur Seite steht. Seine Majestät, heißt es in 
der Depesche, schlägt die Vorteile des Bundesverhältnisses mit 
Italien auch in Hinsicht des allgemeinen Friedens sehr hoch an ; 
Graf Kälnoky wird in Hinsicht der österreichischen Italiener sein 
Möglichstes tun. Die Denkwürdigkeiten enthalten auch inter- 
essante Mitteilungen des Barons Brucic über Aeußerungen des 
Kaiser-Königs Franz Josef betreffend die Frage des Kaiserbe- 
suches in Rom. Anläßlich der Florentiner Rede Crispis sandte 
Graf Kälnoky an Baron Brück eine Depesche, die der römische 
Korrespondent der Wiener „Neuen Freien Presse" Robert di 
Fiori am 1. Februar 1913 in seinem Blatte veröffentlicht; in der 
Depesche wird Herr von Brucic beauftragt Crispi im Namen Kälnokys 
zu beglücicwünschen und ihm zu sagen, daß seine Rede als ein 
jaeuer Beweis betrachtet werden kann dafür, daß die für den 
Frieden so notwendige Tripelallianz auf einer festen Basis 
ruhe, welche in der klugen und energischen Persönlichkeit 
Crispis einen treuen und allen Eventualitäten gewachsenen 
Hüter besitzt. 



100 Regesten: 1891 

1891 

Crispi gibt am 31. Januar seine Demission. Sein Nadifolger 
Mardiese di Rudini, erneuert im Juni den Dreibund ^ Er ent- 
wickelt am 14. Februar vor der Kammer sein Programm und 
erklärt, Italien werde seinen Allianzen eine „feste sichere Treue* 
bewahren ^ Am 28. Juni verkündet Rudini in der Kammer unter 
dem enthusiastischen Beifalle einer überwältigenden Majorität 
»der Dreibund werde auch in Zukunft bestehen bleiben". Am 9. 
November wiederholt Rudini die Ankündigung der Erneuerung der 
Tripelallianz: „Durdi Erneuerung der Bande, die uns an 
Oesterreich-Ungarn und Deutschland knüpfen, glaubt die könig- 
liche Regierung einen Zustand befestigt zu haben, geeignet zur 
Entwidclung jener Politik der Sammlung, die uns hauptsächlich 

Not tut Mit Deutschland und Oesterreidi-Ungarn haben 

wir die Solidarität der Ansdiauungen und Interessen, welche 
dauernde Spuren zurückgelassen hat, aufrecht gehalten und ver- 
stärkt-. 

Die Erneuerung des Dreibundes wird in allen drei Slaaten 
in besonders markanter Weise proklamiert — ein energisches 
Echo gegenüber der Kronstädter Demonstration. Die Pariser 
Presse macht besonders scharf gegen Deutschland und Oester- 
reich-Ungarn. Ein Artikel »La Trlple-AUiance* in der „Revue 
des deux Mondes" (vom 15. Februar) ^ beschuldigt Bismarck» 
er habe der Donaumonarchie Bosnien und Herzegowina »zu- 



^) Der dem Ministerpräsidenten Rudini nahestehende Abgeordnete 
Maggiorino Ferraris bezeidinet in einem an den „Corriere della sera'^ 
vom 6. Juni geriditeten Sdireiben als den wesenflidisten Punlct des Vertrages 
die Bestimmung, keiner der kontrahierenden Staaten dürfe für irgend einen 
Angriffskrieg auf Unterstützung seiner Verbündeten rechnen, daß aber jeder 
Angriff auf eine der drei Mächte die sofortige bewaffnete Teilnahme der 
beiden anderen zur Folge haben werde; ferner hätten Deutschland und 
Oesterreich den Besitzstand ItaUens garantiert, ohne dafür eine Gegen«^ 
garantie von italienischer Seite erlangt zu haben. (Letztere Zeilen gehen 
wohl an die Adresse R'ankreichs, Elsaß-Lothringens wegen. Anmerkung des 
Veriassers). Siehe auch „Berlin-U^en-Rom", Berlin, Dundier und HumbloL 
189^ 

^ Die Rede Rudinis veranlaßt den greisen Senator Jacini, der stets 
ein warmer Anhänger speziell des Bündnisses mit Deutschland gewesen» 
in einem Artikel („Nuova Antologia' vom 16. Februar, also knapp vor seinem 
am 25. März desselben Jahres eriolgten Ableben) gegen die Möglichkeit 
eines Frontwechsels ItaUens zu protestieren, jedoch audi davor zu warnen,, 
daß »die Kluft zwischen den beiden lateinischen Völkern zum Abgrund er*^ 
weilert werde". 

^ Von A. Benedetti, später aufgenommen in dessen Buch „Essais 
diplomatiques" (Paris 1895); in demselben Artikel hatte Benedetti Rudini 
wärmstens begrüßt: „Rudini et ses coU^gues justifieront, avec la confiance 
du Souverain, Tattente de tous les amis de TltaUe". 






Regesten: 1891 101 

geschanzt", vergißt aber, daß diese Frage bereits 1877 von 
Rußland in Reidhstadt angeschnitten worden und daß damals 
eine diesbezügliche Vereinbarung zwisdien Rußland und Oester- 
reich zustande gekommen war. 

Der Deutsche Kaiser macht am 29. Juni auf der Fahrt von 
Hamburg nach Helgoland dem Vorsitzenden der Paketfahrt- 
gesellschaft, Herrn Waldemar Nissen, persönlich die Mitteilung, 
daß die Verlängerung des Dreibundes am 28. Juni auf weitere 
sechs Jahre vollzogen sei. Und als das Deutsche Kaiserpaar 
im Juli in England weilte, wurde in Hatfield, wohin den Kaiser 
Staatssekretär Marsdiall begleitet, ein „Protokoll" ausgefertigt, 
welches die Identität der Interessen des Dreibundes mit den- 
jenigen Englands feststellt. 

Gleichzeitig mit der Nachricht von der Erneuerung des 
Dreibundes wird in den Parlamenten und in der Presse auch 
die Frage eines Anschlusses Englands an den Dreibund 
erörtert und das Wort vom „Dreibund zu Vieren" wird flügge. 
Der „Flirt anglo-triplicien" (ein Wort Pierre Albins^ reicht 
bis ins Jahr 1887 zurüde ^ die Annäherung Englands an 
den Dreibund scheint sich jedoch faktisch erst in diesem 
Jahre zu vollziehen. England hat mit den drei Mächten 
alle schwebenden Fragen erledigt: mit Italien die Mittelmeer- 
frage, mit Oesterreich-Üngam die Orientfrage und mit Deutsch- 
land die Frage der Interessensphäre in Afrika. Am 22. Juni 
überraschte der englisdie Unterstaatssekretär Sir James Fergusson 
die Welt mit der Mitteilung, England seien die „Bedingungen 
des Dreibundes vertraulich" mitgeteilt worden; allerdings fügte 
er hinzu „die englische Regierung habe nicht Teil am Dreibünde", 
dod) die gesamte englische und kontinentale Presse kommen- 
tiert diese vertrauliche Mitteilung dahin, daß diese zu dem 
Zwedce erfolgt sei, England zu einem Zusammengehen mit den 
drei Kontinentalmächten zu veranlassen. So schrieb der „Stan- 
dard" bald darauf (vor dem Besudi des Deutschen Kaisers in 
England): „Es werden zwar weder Verträge zu unterzeichnen, 
noch eine Entente herzustellen sein, aber die in Windsor ge- 
sprochenen Worte können möglicherweise einen ebenso welt- 
historischen Einfluss üben, wie Unterschriften, die in den euro- 
päischen Staatskanzleien sorgsam aufbewahrt werden". Die 
Erklärung Fergussons findet am 28. Juni im italienischen Senat 
einen Widerhall. Rudlni halte am selben Tage in der Kammer 
die Erneuerung des Dreibundes angekündigt (die Sitzung hatte 
einen sehr stürmischen Verlauf genommen und mußte infolge 

1) Siehe Pierre Albin „L'AUemagne et la France en Europe (1885—1894)% 
Seite 312 ff. 

^) Siehe Erklärungen Salisburys 1887. 



1Q2 Regesten: 1891 

eines Handgemenges zwischen Mitgliedern der fiufiersten Linken 
und der Regierungspartei vertagt werden). Am Nadimittag ver* 
anstaltefen Cavaliotti und Imbriani, nadidem die Regierung eine 
öffentlidie Versammlung, (zu welcher ein leidenschaftlidier Aufruf 
erlassen worden war) verboten hatte, eine Demonstration, bei wel" 
eher Giovanni Bovio eine Brandrede hielt Am Abend ließ sidi 
Rudini im Senat von Tavema interpellieren. Der italienische 
Ministerpräsident wiederholte die Ankündigung der Erneuerung 
der Dreibundverträge und äußerte sidi sodann fiber das Ver- 
hältnis Italiens zu England : Jtalien wolle die Aufrechterhaltung 
des Gleidigewichtes und des Statusquo in Europa, namentlidi 
im mittelländischen Meere. Um diese Ziele zu erreidien, sudite 
die Regierung nicht erst heute mit Mächten in Verbindung zu 
stehen und Verträge zu sdiließen, weldie den gleidien Ideen- 
gang und analoge Interessen haben wie wir. Vor einigen 
Jahren habe ein Ideenaustausch Ober die Verbindungen mit 
England stattgefunden. Fergusson habe diesen Ideenaustausch 
im englischen Parlament in vollkommen wahrheitsgetreuer 
Weise besprodien. Die beiden Länder nehmen sidi vor, für den 
Frieden und den Statusquo gemeinsdiaftlich zu wirken. Er 
sehe keine Frage, in weldier die Anschauungsweise Italiens 
und Englands nicht dieselbe sei**. Fergusson kommt im Verlaufe 
weniger Tage nodi dreimal auf dasselbe Thema zu spredien. 
Am 3. Juli erklärt er, in sdieinbarem Widerspruch zu seiner 
Rede vom 22. Juni, er könne keine Informationen über die Stipu^ 
lationen der „angeblidi'' jetzt erneuerten Dreibundverfräge geben 
— in sdieinbarem Widerspruche deshalb, weil Fergusson am 
22. Juni nur die alten Dreibundverträge kennen konnte. Sowohl 
am 3., als audi am 6. und am 11. Juli wiederholte Fergusson, 
daß ein Einvernehmen mit Italien bezfiglidi der Aufrediterhaltung 
des Statusquo im Mittelmeer besteht. Augensdieinlich aus dem 
Auswärtigen Amte inspiriert, stellt der Referent des auswärtigen 
Ausschusses der ungarisdien Delegation, Max Falk, im Pester 
Lloyd fest, daß die Sympathien, die England dem Dreibunde 
entgegenbringt, „die Qualität haben, in der Stunde der Gefahr 
sich in kräftige Taten umzusetzen". Schon nach der ersten Er- 
klärung Fergussons äußert sidi Flourens einem ungarischen 
Interviewer („Magyar Nemzet") gegenüber, durdi die Annäherung 
Englands an die Zenfralmächte sei das Zusammengehen Ruß" 
lands und Frankreidis nodi enger geworden — es existieren 
wohl keine formellen Verträge, jedoch sdiriftliche Dokumente, 
die getrost als Verträge angesehen werden können. Gleidizeitig 
erfolgte der Besudi des englisdien Mittelmeergesdiwaders in 
Fiume und Venedig, Kaiser-König Franz-Joseph und der König 
von Italien ersdieinen an Bord des englischen Admiralschiffes, 



Regesten: 1891 103 

und speziell der Trinksprudi des Königs von Italien spricht von 
den intimen und herzlidien Beziehungen zwischen Italien und 
Elngiand. (Kronstadt^ war die Antwort des Zweibundes). Die 
„Morning Post*' bezeidinet den Besudi der Flotte im Hafen 
von Fiume als Akt der Freundlidikeit, die umso angemessener 
gemacht wird durch die zwischen Großbritannien und dem Reiche 
der Habsburger bestehende historische Allianz, und „Standard" 
sdireibt: „England kenne die friedlidien Absiditen Oesterreidi" 
Ungarns, deshalb teile und unterstütze es dieselben" und fflgt 
hinzu: »Wir bezweifeln, ob wir uns mit irgend einem anderen 
Staate in einer derartigen Uebereinstimmung befinden". Als 
die Krönung des Verständigungswerkes kann der Besuch Kaiser 
Wilhelms in Windsor und die enthusiastisdie Aufnahme, die der 
Ehrenadmiral der englisdien Flotte in London findet gelten. 
Die englisdien Blätter stellen bei dieser Gelegenheit einmOtig 
fest, daß die deutsche und die englische Interessensphäre in Afrika 
zur Zufriedenheit beider Staaten abgestedct wurde, wodurch 
die letzte Schranke, die England von den Interessen der 
Dreibundstaalen trennt, gefallen sei. „Nie zuvor ist in England 
derartiges dagewesen", konstatieren die „Hamburger Nadiriditen" 
in ihrer Rücksdiau auf die englischen Festtage : „England besitzt 
ftir seine Annäherung an Deutschland, respektive an den Drei* 
bund, schon jetzt ein ausreidiendes Aequivalent, daß es min- 
destens ebensoviel erhält, als es gibt". Einen bemerkenswerten 
Beitrag zur Geschidile dieser Tage liefert ein Brief des Senators 
und gewesenen Ministers des Auswärtigen Barth^lemy St.-Hilaire 
an einen Mitarbeiter eines Pariser Blattes, welcher den ehe- 
maligen Vertrauten von Thiers Ober die Isolierung Frankreichs be- 
fragen wollte. Herr Barth^lemy St.-Hilaire schrieb unter 
Anderem: „Die Tripelallianz wird morgen die Quadrupelallianz 
sein. England, die einzige Nation, mit der wir uns alliieren 
könnten, ohne uns herabzusetzen, geht, wohin sein Interesse 
es drängt, und dieses Interesse ftihrt England zu einer Einigung 
mit den drei Mächten, weldie entschlossen sind, Rußland in 
seinen WeltcroberungsgelQsten aufzuhalten". 

Die Erneuerung des Dreibundes verschärft den katholisch- 
klerikalen Kampf gegen die italienische Regierung. Der „Osser- 
vatore Romano" bezeichnet am 13. August die Erneuerung des 
Dreibundes als eine Kränkung der Katholiken Italiens, ihm 
sekundiert Ende September das „Fränkische Volksblatt": 
„Oesterreidi ist zum Schildknappen Preußens herabgesunken. 



1) Freycinet sagte am 8. Oktober in Marseille: „La paix n'est plus 
seulement dans les mains des autres, eUe est aussi dans les notres et 
n'en est, par suite, que mieux assur^e". 



104 Regesten: 1891 

statt an 1866 zu denken und an seine Verluste als «einstige 
deutsche Bundesmadir. 

Im Oktober weilt König Karl von Rumänien in Berlin. Man 
diskutiert wieder die Frage des Ansditusses Rumäniens an den 
Dreibund. Man erinnert daran, daß schon Graf Julius Andrässy 
die Grundlinien der gegenseitigen Freundsdiaft gelegt hat, 
und daß er seinerzeit die Kabinettsfrage gestellt hatte, um 
den Handelsvertrag, der fOr Rumänien die Anerkennung der 
wirtschaftlidien Selbständigkeit bedeutete, durchzusetzen. Kon- 
krete Abmadiungen sdieinen audi diesmal nidit getroffen worden 
zu sein, schon weil der König nidit von seinem Ministerpräsi- 
denten Florescu begleitet war. Die „Post" schreibt am 1. No- 
vember, ein Beitritt Rumäniens zum Dreibund könnte nur unter 
der Bedingung einer Garantie des Besitzstandes des König- 
reidies Rumänien von selten Deutschlands und Oesterreich- 
Ungams von Bedeutung sein — soldie Garantien könnten aber 
nur dann Sinn und Wert haben, wenn der Staat, fiir den die 
genannten Mächte Garanten werden sollen, ein Aequivalent an 
Macht und Bedeutung zu bieten hätte, was bei Rumänien nidit 
zutreffen mödite. 

Graf Caprivi nimmt zweimal, am 27. November (Etats- 
beratung) und am 10. Dezember (Zoll- und Handelsverträge 
mit Oesterreich-Ungam, Italien und Belgien) Gelegenheit, sich 
über die Erneuerung des Dreibundes zu äußern: „Man hat 
vielleidit", sagte Caprivi am 27. November mit Hinweis auf die 
Kronstädter Demonstration des Admirals Gervais, «bei der Er- 
neuerung des Dreibundes in der Presse etwas zuviel Pauken 
und Trompeten gerührt und dadurdi anderen Leuten das Gefühl 
gegeben, sie wollen audi mal Pauken und Trompeten rühren, 
an sich aber hat sich durch die Erneuerung des Dreibundes in 
Bezug auf unsere östlichen und westlichen Nachbarn nichts ge- 
ändert." Am 10. Dezember betont Caprivi, es gehe nidit an, 
Staaten, mit denen man ein Bündnis schließt mit einem wirt- 
schaftlichen Kriege zu überziehen und erklärt, der Dreibund, ge- 
sdilossen zu gegenseitiger Abwehr, habe nidit die mindesten 
agressiven Ziele." 

Eine gemeinsame Aktion hat wie man aus einer Inter- 
pellations " Beantwortung des ungarisdien Ministerpräsidenten 
Julius Szäpöry (14. März) erfährt, der Dreibund bei der Sofioter 
Regierung übernommen, um die Ausweisung von Nihilisten aus 
Bulgarien zu verlangen. 

Die Erneuerung der Tripelallianz steht im November und 
Dezember in Wien und Budapest zur Diskusion. Am 14. No- 
vember bespridit Graf Kölnoky die Zusammenkunft Rudinis mit 
Herrn von Giers, die er „ohne irgend weldies Mißtrauen" be- 



Regesten: 1891 105 

trachtet habe. Das Bündnis mit Italien sei auf eine Reihe von 
Jahren verlängert worden, ohne daß wesentliche Aenderungen 
vorgenommen, oder neue Verpflichtungen übernommen worden 
wären. Das Verhältnis zu Deutschland könne der Minister als 
unverändert bezeichnen, insofern dieser Ausdrude auf ein Ver- 
hältnis paßt, welches sich mit der Dauer fortwährend vertieft 
und die zwischen den Beteiligten bestehenden Bande immer 
mehr testigt. Am 27. November spricht Kälnoky in der öster- 
reichischen Delegation über die Papstfrage und bezeichnet diese 
als ein Problem, an das nicht herangetreten werden könne, 
ohne die italienische Nation auf das tiefste zu verletzen. Eine 
ironische Wendung, die Kälnoky am Schlüsse seiner Rede ge- 
braucht, wird entstellt nadi Rom telegraphiert, und sie hat in 
der italienischen Kammer eine erregte Diskussion zur Folge, 
in deren Verlaufe audi der Minister Nicotera dagegen protes- 
tiert, daß die „Lösung der Papstfrage noch nicht gefunden sei**. 
Das Mißverständnis wird alsbald aufgeklärt, und Rudini kon- 
statiert, die Haltung Oesterreich - Ungarns in der Frage des 
Papsttums sei eine Italien stets aufrichtig freundliche gewesen 

„wenn die Einheit Italiens bedroht werden sollte, steht 

Oesterreich-Ungarns Armee auf unserer Seite". 

Crispi richtete am 23. Oktober an einen französischen 
Journalisten einen Brief, in welchem es u. a. heißt: „Der Bund 
der drei Monarchien Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien 
ist gebildet worden, um den Frieden des Weltteils zu gewähr- 
leisten, und er hat keinen Wunsdi nach Eroberungen. Er ist 
nunmehr der erste Kern der europäischen Konföderaüon. Wenn 
Frankreich wolle, könnte es sich den drei Mächten anschließen, 
die es mit Begeisterung in ihren Bund aufnehmen würden." 

Im österreichischen Abgeordnetenhause hetzen die Jung- 
tsdiechen und die Antisemiten gegen die Erneuerung des Drei- 
bundes. Am 24. Juni wehrt Sueß die Angriffe des Jung- 
tschechen Waschaty ab, und am 14. Dezember weisen Taaffe, 
Plener und Bilinski die Anrempelungen Deutschlands und 
Caprivis durch Lueger zurüde. Ministerpräsident Taaffe gab 
„Namens Oesterreidis" seinem Bedauern Ausdrude, daß in 
solcher Weise in einem Momente gesprochen wurde, wo die 
Möglichkeit gesdiaffen worden ist, das politische Bündnis, 
welches zwisdien den drei Großmächten besteht, nicht nur in 
politischer, sondern audi in wirtschaftlicher Beziehung zu festigen 



106 Regesten: 1892 

1892 

In diesem Jahre sind einige bemerkenswerte Aeußerungen 
Bismarcks über den Dreibund zu verzeichnen. Einem Beridit- 
erstatter des »Newyork Herald" sagte Bismarck in Friedrichs^ 
ruhe^: »Ein unabhängiges und mäditiges Oesterreidi ist eine 
Notwendigkeit fflr Deutsdiland, und wenn Franlveidi und Ruß- 
land es angriffen, so könnten wir nidit gleidigiltige Zuschauer 
bleiben. Aber es besteht keine Gegenseitigkeit in diesem Falle. 
Oesterreidi garantiert uns keineswegs, daß es unser Alliierter 
sein wird, wenn Frankreich uns angreift — trotzdem sind wir 
verpfliditet, Oesterreidi sowohl im Osten wie im Westen zu ver« 
teidigen. Oesterreich ist nur verpflichtet, uns im Falle eines 
Krieges mit Rußland beizustehen". Bei der Tafel nach der 
Trauung Herberts mit Gräfin Hoyos in \A^en brachte der Fürst 
folgenden Trinkspruch aus: „Idi danke zunächst dem Herrn 
Grafen Andrässy^ für die Erinnerung an die politische Ver- 
einigung der beiden großen Reiche, denen wir angehören, eine 
Verbindung zu deren Zustandekommen sein Herr Onkel, mein 
treuer Freund, soviel beigetragen hat. Der Sympathie zu Oester- 
reich-Ungarn bin ich bis zu diesem Augenblicke treu geblieben 
und werde ihr immer treu bleiben, weil sie der natürlichste 
Ausdrud( unseres Herzensbedürfnisses in Deutschland ist". Am 
24. Juni veröffentlicht die Wiener „Neue Freie Presse" eine Unter- 
redung mit dem Altreichskanzler, in weidier der Fürst gegen 
die ihm von gewisser Seite untersdiobenen antiösterreichischen 
Tendenzen protestiert; er habe gewiß nidits gegen Oesterreich, 
sondern er habe nur die deutsche Regierung wegen der Handels- 
verträge angegriffen: „ich fand es für ganz natürlich, wenn 
Oesterreidi die Schwäche und Unzulänglichkeit unserer Unter* 
händler zu seinem Vorteile benützt hat". Zu einem Vertreter 
der „Münchner Neuesten Nachriditen" sagte Bismarck am 27. 
Juni^: „Das Bündnis verdanken wir zunächst dem äußeren 
Anlasse, daß von Petersburg äußerst ungeschidcte Briefe nach 
Berlin gesandt worden waren. Man muß dodi ins Auge fassen, 
daß das Bündnis mit Oesterreich nur ein Defensivbündnis ist 
Es soll nur die Sicherheit dafür geben, daß Oesterreidi von 
Rußland nidit angegriffen werden könne. Es war dies eine 
Sicherstellung, die auf Gegenseitigkeit beruht". Am 10. Juli 
gab der Fürst auf die Anspradie eines Ungars folgende Anl- 

^) Siehe Posdiingers „Neue TisdigesprSdie und Interviews" Band I, 
Seite 370. 

^) G6za Andrfissy. 

^) Siehe Posdiingers „Neue Tisdigesprädie und Interviews" Band l 
Seite 380. 



Regesten: 1892 107 

wort^: »Ich redine unser heute bestehendes Bandnis mit 
Oesterreidi-Ungam zu denjenigen Reidisinstitutionen, an denen 
uns allen liegt und die wir alle zu pflegen entschlossen sind. 

Es ist eine alte geschichtliche Tradition wir haben seit 

Jahrhunderten mit Oesterreidi-Ungarn zu demselben Reich ge- 
hört. Es ist dies ein historisches Vermächtnis der Vergangen- 
heit aber auch ein Bedürfnis der modernen Politik. Ich redine 
darauf, daß wir den Österreich-ungarischen Freunden, diesem 
verbQndeten Reiche, alle Treue halten werden, in jeder Not 
und Gefahr, die es bedrohen könnten. Ich habe an diesem 
BQndnis nicht ohne Schwierigkeit gearbeitet, und es ist eine 
ungeschickte Verleumdung, wenn man behauptet, es sei mir 
leid, und ich wolle dieses natflriiche, im europäischen Gleich- 
gewichte nötige Bflndnis schädigen, das ich fflr fest begründet 
halte in unseren nationalen Antezedentien und unseren heutigen 
Bedürfnissen und zu dem wir immer wieder zurficickommen 
mußten. Wir haben uns mit Oesterreich, wie sie dort sagen, 
„gerauft", fast in jedem Jahrhundert einmal, aber wir sind immer 
wieder als Brüder zusammengekommen und werden es, so Gott 
will, jetzt bleiben". In Jena hält der TOrst am 31. Juli eine 
Rede, aus welcher folgende Stelle angezogen sei: „Der Bürger- 
krieg, den wir 1866 geführt haben, war ganz unvermeidlich. Wir 
haben jedoch bei unserem damaligen Gegner keine unversöhn- 
liche Stimmung hinterlassen. Es ist uns gelungen mit Oester- 
reich in ähnliche Beziehungen zu kommen, wie diejenigen 
waren, die von den Frankfurter Verfassungsentwürfen vergebens 
erstrebt wurden. Wir haben sie heute reifer, vollständiger und 
wirksamer, als sie damals erstrebt wurden". Die »Leipziger 
Neuesten Nachrichten" vom 5. November berichten über eine 
Unterredung Bismarcks mit Dr. Hans Blum, in welcher der 
Reichskanzler sich über Rußland und das ihm entgegengebrachte 
Vertrauen des Zaren Alexander 11. äußerte: „Ich hielt das Drei- 
kaiserbündnis für eine von Natur und aus Nafumolwendigkeif 
eigentlich noch festere Verbindung als den jetzigen Dreibund, 
der freilich auch nur gegen den Willen und gegen die Einsicht 
der politisch Urteilsfähigen in den drei verbündeten Völkern 
gelöst werden könnte"; und weiter: „Was Italien anbelangt, ist 
eigentlich nur Savoyen streng monarchisch gesinnt, im Norden 
liebäugelt man vielfach mit dem blutsverwandten republikanischen 
Frankreich, und im Süden ist man vielfach päpstlichem Einfluß 
zugänglich". 

Im Juni weilt das italienische Königspaar in Potsdam. Beim 
Galadiner am 21. Juni feiert Kaiser \Arilhelm seine Gäste in einem 



1) Siehe Posdiingers „Die Ansprachen des Fürsten BismarciC Seite 215. 



108 Regesten: 1892 

äußersl warmen Trinksprudie: „die blonde Schwester Germania 
begrüßt ihre schöne Schwester Italia, und durch meinen Mund 
begrüßt sie die beiden Majestäten!" 

Crispi hält am 20. November bei einem Bankett in Palermo 
eine Rede, in welcher er gegen Rudini (dem im Januar der 
Deutsche Kaiser und Kaiser- König Franz Josef hohe Ordens- 
auszeichnungen verliehen hatten) wegen des Handelsvertrages 
heftige Angriffe richtet und erklärt, Italien sei diejenige der 
drei verbündeten Mächte, die am meisten unter der Tripelallianz 
leide; Rudini hätte bei der Erneuerung des Dreibundes ver- 
hüten müssen, daß Italien bei den Handelsverträgen mit den 
Zentralmächten den Kürzeren ziehe. 

Im Oktober wird der österreichisch - ungarische Botsdiafter 
in Berlin, Graf Sz^ch^nyi, von seinem Posten abberufen und 
durch Herrn Ladislaus von Szögyöny-Marich ersetzt, der bald 
persona gratissima am Berliner Hofe wird. 

Die ungarische Delegation demonstriert wieder einmütig 
für den Dreibund; sogar der als franzosenfreundlich bekannte 
äußerstlinke Delegierte Ugron erklärt, er kenne in Ungarn nie- 
manden, weder Individuen noch Parteifraktionen, welche mit 
dem Dreibunde nicht zufrieden wären. In Oesterreich hetzen 
die Jungtschechen gegen Deutschland und den Dreibund: im 
Abgeordnetenhause Professor Masaryk, in der Delegation Eym, 
demgegenüber Kälnoky konstatiert, die erdrückende Majorität 
der Delegation sei für den Dreibund. 

Reichskanzler Caprlvi unterbreitet am 23. November dem 
Reichstage die Militärvorlage und hält bei diesem Anlasse eine 
längere Rede, aus welcher folgende auf den Dreibund bezüg- 
liche Stelle wiedergegeben sei: „Der Dreibund ist vielleicht in 
keiner der drei Nationen so populär wie bei uns, und ich glaube, 
die Nation rechnet es meinem Herrn Amtsvorgänger als eines 
seiner größten Werke an, daß er diesen Dreibund geschaffen 
hat. Wir halten an dem Dreibunde fest und sind überzeugt 
daß unsere Verbündeten ebensofest daran halten". Der Reichs- 
kanzler motiviert die Militärvorlage damit, daß der Dreibund 
nicht diejenige Truppenanzahl aufzubringen im Stande ist, die 
FrankreiÄ und Rußland aufzubringen vermögen, betont die 
Unmöglichkeit, die Oesterreicher und die Italiener «antreten" 
zu lassen oder das Bündnis militärisch zu kontingentieren: 
»Immer wird das bestehen bleiben, daß wir im Dreibund, wenn 
es zum Kriege kommt, die Hauptlast auf unsere Schultern zu 
nehmen haben; das ist auch insofern keine Unbilligkeit, da wir 
von den drei Staaten die einzigen sein werden, der genötigt 
ist, nach zwei Seiten zu schlagen T Bei Verhandlung der 
Militärvorlage erklärt der Abgeordnete Lieber (Zentrum) am 



Regesten: 1892-— 1893 109 

14. Dezember: „Weit entfernt den Dreibund irgendwie sdiädigen 
zu wollen, sind wir unsererseits der festen Ueberzeugung, daß die 
\AAederherstellung von Redit und Gerechtigkeit auf dem bezeidi^ 
neten Gebiete, die Herstellung einer territorialen Unabhängig- 
keit des päpstlidien Stuhles nur zur größeren Sicherung eines 
hervorragend wichtigen Gliedes dieses Bundes und damit des 
ganzen Dreibundes gedeihen wurde. Idi darf dieser Erklärung 
übrigens, um jeden Zweifel zu zerstreuen, nodi hinzufügen, daß 
niemand von uns daran denkt, die territoriale Unabhängigkeit 
des römisdien Stuhles unter Gefährdung des Dreibundes zu 
wollen. Darüber werden Sie alle Katholiken völlig einträditig 
finden«. 



1893 

Im Zeidien der russischen Kriegsgefahr, die in den Drei- 
bundstaaten eine scharfe Betonung der Bündnistreue auslöst. 

Graf Caprivi hält am 11. Januar in der Militärkommission 
eine längere Rede, in weldier er laut der, allerdings später 
mehrfach benachrichtigien Zeitungsmeldungen unter anderem 
sagte: »Die Richtschnur unserer äußeren Politik ist und 
bleibt die Erhaltung der vollen Großmachtstellung Oester- 
reidi-Ungams. Es wäre durchaus falsch, um augenblick- 
licher Vorteile willen uns Rußland gegen Oesterreich zu 

nähern Die Erneuerung des Dreibundes nach dessen 

Ablauf ist allerdings zu hoffen, aber doch auch nicht absolut 
sicher. Das Bündnis mit Italien habe den Hauptzweck, die 
Südgrenze Oesterreichs gegen Frankreich zu sichern. Oester- 
reichs Landmacht sei für uns wichtig, besonders wenn Oester- 
reich den Kriegsschauplatz nördlich von den Karpathen verlegt". 
Der Reichskanzler erörterte sodann auch, wie in seiner Rede vom 
23. November des Vorjahres, die militärischen Stärkeverhältnisse 
und wiederholt, der Dreibund sei gegenüber Frankreich und 
Rußland in militärischer Minorität 

Mitte März findet ein sehr warmer Depeschenwechsel 
zwischen Rom und Berlin statt. Kaiser Wilhelm meldet seinen 
Besuch in Rom zur silbernen Hochzeit des italienischen Königs- 
paares an. König Umberto antwortet: »Für Marguerita und 
mich wird es ein Fest sein. Dich mit Deiner Frau in Rom wieder 



110 Regesten: 1893 

ZU sehen, wo Eure Gegenwart in den Augen meines Volkes ein 
neues und sehr wertvolles Unterpfand der innigen Freundsdiaft 
und des Bündnisses, welches unsere Völker und unsere Kronen 
vereinigt sein wird". Das Deutsdie Kaiserpaar trifft am 20. 
April in Rom ein, (Kaiser-König Franz Josef ist durdi Erzherzog 
Rainer vertreten) und Kaiser Wilhelm sagt am 22. April beim 
Galadiner im Quirinal: »Hand in Hand mit unserer persönlichen 
Freundschaff geht die warme Sympathie, weldie die Völker 
Deutsdilands und Italiens verbindet und die in diesen Tagen 
mit neuer Kraft zum Ausdruck gelangt**. Im September wohnt 
der Kronprinz von Italien den Kaisermanövem um Koblenz bei, 
und es werden bei der Paradetafel am 2. September sehr warme 
Trinksprtiche gewediselt. Bezeichnend für die Stimmung in 
Italien ist daß audi die Gegner des Ministeriums Giolitti die 
auswärtige Politik dieses Kabinettes billigen. Marchese Rudini 
richtet am 23. Oktober an seine Wähler ein Schreiben, in wel- 
chem es heißt: „Die Bündnisse sicherten den Frieden und ver- 
hinderten die Isolierung Italiens; sie sind für Italien eine un- 
schätzbare Wohltat, und eben deshalb müsse diese Politik für 
Italien traditionell sein". Am 15. November weilt Graf Kälnoky 
bei König Humbert in Monza, wo er mit seinem italienischen 
Kollegen Brin und mit dem Bofsdiaffer Nigra konferiert. Die 
Wirtschaftskrise, die dem Lande die Papierwährung mit fünfzehn 
Prozent Agio bradite, fegt das Ministerium Giolitti hinweg und 
der Alte vom Berge, Crispi, tritt wieder an die Spitze der Re- 
gierung. Er hält am 20. Dezember seine Antrittsrede in der 
Kammer und im Senat und bezeichnet das Festhalten an den 
Verträgen als das Ziel seiner auswärtigen Politik. 

In Oesterreich-Ungarn nimmt Graf Kälnoky in der Delega- 
tions-Session Gelegenheit die Bündnistreue der Donaumonardiie 
zu betonen. Der österreichisch-ungarische Minister des Aeußern. 
führt in seinem Expose vom 3. Juni aus, die Beziehungen der 
Monarchie zu Deutschland und Italien seien so intim, wie jemals 
und werden es auch bleiben. Der friedliche Tenor dieses 
Exposes sowie die Betonung des guten Einvernehmens mit Ruß- 
land werden von einem Teil der reichsdeufschen Presse miß- 
deutet; die „ Nationalzeitung " und die „Münchener Neuesten 
Nadirichten** kommentieren diese Rede dahin, daß „man am 
Ballplatz in Wien mehr Freude an Rußland als an Deutschland 
habe", so daß sich Kälnoky veranlaßt sieht, am 5. Juni zu er- 
klären: „Von einer politischen Schwankung Oesterreichs sei 
keine Rede. Das Bündnis mit Deutschland und Italien sdiließe 
gute Beziehungen zu anderen Mächten nicht aus, wie ja audi 
Fürst Bismarck, der doch den Grundstein zu der Bündnispolitik 
gelegt, stets ausgesprochen habe, daß möglichst freundschaft- 



Regesfen: 1893 111 

lidie Beziehungen zu Rußland die beste Gewähr für die Er- 
haltung des Friedens seien. Es ist also widersinnig, daß, wenn 
wir konstatieren, daß unsere Beziehungen zu Rußland freund- 
liche sind, deutsche Blätter darin etwas erblicken, was eine Ent- 
fernung von unserem Bundesverhälfnisse bedeute. Idi kann 
nur nodimals konstatieren, daß wir bezfiglidi unseres BOnd" 
nisses unverändert auf demselben Boden stehen, es mit der- 
selben Aufrichtigkeit und Loyalität festhalten, wie bisher, daß 
dieses Bündnis, ein rein defensives, zur Erhaltung und Siche- 
rung des Friedens bestimmt isf. Das «Berliner Tageblatt • 
stimmt den Ausführungen Kälnokys zu, indem es sdireibt: 
»Kommt eine österreichisch-russische Annäherung zustande, so 
würde dieselbe als ein eminenter Erfolg der Friedenspolitik 
des Dreibundes doppelte Bedeutung gewinnen; Grund zu Miß- 
frauen zwisdien Deutsdiland und Oesterreidi aber würde da» 
durdi nidit gesdiaffen werden". 

Zu einer herzlichen bundesfreundlidien Demonstration gestal- 
tet sidi in Löcse (Leufsdiau) die Feier der 50-jährigen Wiederkehr 
des Tages, an weldiem das Infanterieregiment Nr. 34 dem Prinzen 
\A^lhelm, nadimaligeh Kaiser Wilhelm IL, verliehen wurde. Den 
Deutsdien Kaiser vertritt bei dieser Feier Militärattadi6 Oberst- 
leutnant von Deines, der einen sehr warmen, kameradsdiaft- 
lidien Toast spridit (10. Oktober). 

Zum Schlüsse eine Aeußerung des Fürsten Bismarck. Der 
Altreidiskanzler hatte am 29. April eine Unterredung mit Dr. 
Hans Blum \ in welcher sich der Fürst über die unmittelbare 
Veranlassung des deutsdi-österreidiisdien Bündnisses äußerte: 
„Im Jahre 1879 war gemäß der Abrede im Berliner Frieden 
eine von den Großmächten und beteiligten Staaten besdiickte 
Kommission in Novipasar zusammengetreten, um die dortigen 
Grenzen endgiltig abzustecken. Da verlangte Rußland plötziidi 
in drei persönlichen Briefen des Zaren aus Livadia an den 
Kaiser Wilhelm, daß der deutsche Vertreter immer das tue, was 
der russische wolle und verlange*. 



1) Siehe Blums ».Persönlidie Erinnerungen an den Fürsten Bismarck" 
Band IV, Seite 268. 



112 Regesten; 18M 

1894 

Wahlkampf in Deufsdiland. Keine der Parteien nimmt gegen 
den Dreibund Stellung. Der Wahlaufruf des Zentrums betont 
das Zentrum habe den Handelsverträgen mit Oesterreidi-Ungam 
und Italien nur aus Röcksicht für den Dreibund zugestimmt — 
ein Zollkrieg hätte das fOr Deutschlands Sidierheit und die 
Erhaltung des Weltfriedens so notwendige Bündnis geschädigt 
Die Monarchen tauschen Besuche aus: am 29. März reist Franz 
Josef zu Wilhelm nach Abbazia, und im September weilt der 
Deutsche Kaiser bei den großen Manövern in Köszeg (Güns), 
Auf seiner Rückreise nach Berlin sendet Kaiser Wilhelm von 
Oderberg aus eine sehr warme Depesche an Kaiser-König Franz 
Josef (26. September) und ernennt Tags darauf den Erzherzog 
Albrecht zum General - Feldmarschall der preußischen Armee. 
Im Oktober Kanzlerwechsel : Gaprivi geht und Fürst Chlodwig 
zu Hohenlohe - Schillingsfürst wird sein Nachfolger. Am 1. No- 
vember, stirbt Kaiser Alexander III., und der zweite Nikolaus 
besteigt den Thron; das Verhältnis der Dreibundmächte zu 
Rußland bessert sich durdi den Abschluß von Handelsverträgen. 

In Oesterreich schüren die Jungischechen unausgesetzt gegen 
den Dreibund. Im Mai finden Sfraßendemonstrationen in Prag 
statt und im September sprechen Dr. Pazak und Kaftan in der 
Delegation der Bundespolitik Kälnokys das Mißtrauen der 
Tschechen aus. In der ungarischen Delegation läßt audi die 
Opposition durch den Grafen Apponyi das unentwegte Festhalten 
an der Dreibundpolitik verkünden. Franz Kossuth, der Ende 
Oktober aus Italien nadi Ungarn heimgekehrt war, erklärt sidi 
ebenfalls für den Dreibund, speziell für die Aufrechthaltung 
eines freundschaftlidien Verhältnisses zu Italien, seiner zweiten 
Heimat. Graf Kälnoky nimmt wiederholt Gelegenheit für den 
Dreibund einzutreten. Am 17. September kündigte er den An- 
schluß Rumäniens an den Dreibund an. Er sagte im Budget- 
aussdiusse der österreidiisdien Delegation: „Rumänien war 
von den außerhalb des Dreibundes stehenden Ländern eines 
der ersten, weldies dessen wirkliche friedliche Ziele erkannt 
und sich entschlossen hat sich zu denselben^ zu bekennen 

1) Das Wort „denselben" bot seinerzeit den Anlaß zu einer interessan- 
ten Kontroverse. In dem den Zeitungsberiditerstattern für die Abendblätter 
ausgegebenen Texte der Rede hieß es; „demselben" (nämlidi dem Drei- 
bunde selbst nidit nur den Zielen des Bundes). Angeblidi hat der Minister 
selbst im Stenogramm den Buchstaben „m" auf „n" korrigiert. In den 
Morgenblättern vom 18. September ersdiien jedodi sdion der obenstehend 
reproduzierte Text, der als der authentische zu betrachten ist auch weil er 
in das offizielle DelegationsprotokoU, beziehungsweise in das vom Steno- 
graphenbüro redigierte Generalregister übernommen wurde. 



Regesfen: 1894 113 

und eine Anlehnung an die europäisdien Zentralmädite zu 
sudien". 

Audi Crispi hfilf in Rom freue Wadie. Die Radilcalen laufen 
am 4. und 5. Mai Slurm gegen den Dreibund, den sie besdiul^ 
digen, den Bruch der Handelsbeziehungen zu Frankreidi und 
damit die wirtschaftliche Krise Italiens verursacht zu haben. 
Dem gegenüber verweist der Minister des Auswärtigen Blanc 
darauf, die neutrale Sdiweiz werde von Frankreidi ebenso be- 
handelt wie Italien. Am 27. Mai richtet Imbriani eine Inter- 
pellation an die Regierung über den Kolozsvärer rumänischen 
Memorandumprozeß (»ob die Regierung beabsichtige, zur Wah- 
rung der unterdrückten nationalen Rechte der lateinischen Völker 
Oesterreich - Ungarns eine Aktion einzuleiten"), deren Beant- 
wortung Crispi ablehnt Ein im Januar in den »Times" er- 
schienener Artikel, in weldiem behauptet wird, Rudini habe, als 
er an der Spitze der Regierung gestanden, den Dreibund auf- 
geben und sich Frankreidi nähern wollen, wird in der Presse 
lebhaft diskutiert. Die „Tribuna" entgegnet: Rudini habe den 
Dreibund nicht verlassen, sondern nur Italiens Stellung im 
Bunde modifizieren wollen, die Verhandlungen mit Frankreich 
hätten sich aber bald zersdilagen, und so sei der Dreibund 
unverändert erneuert worden. Rudini selbst protestiert in der 
„Opinione** energisdi gegen alle diese Ausstreuungen. 

Im September wird die Polenfrage im Zusammenhange mit 
der Dreibund-Politik zur Diskussion gestellt. Auf das Demon- 
strations-Bankett (Reden Koscielskis und Kusztelans) folgt die 
scharfe Zurückweisung des Kaisers (Thorn), und audi Bismarck 
nimmt in zwei Reden (Varzin) Stellung gegen die allpolnisdie 
Agitation. Darauf schreibt das Spradirohr des polnischen Adels, 
die „Gazetta Norodowa": „Wir verlieren nicht die Hoffnung, es 
werde die Zeit kommen, daß die durch den Dreibund vertretene 
Politik es erfordern wird, der polnisdien Nation zu einer selb- 
ständigen Rolle auf ihrem althergebrachten Posten zum Schutze 
der westlichen Gesittung gegen den Anprall von Osten wieder 
zu verhelfen und deshalb halten wir treu zum Dreibund und zu 
den im Dreibunde vereinigten Mächten"\ 

Der in Hamburg tagende deutsche Journalisten- und Sdirift- 
stellertag unternimmt am 1. Juli eine Huldigungsfahrt nach 
Friedrichsruhe. Auf die Ansprache eines Oesterreichers erwidert 
Bismarck u. A. : „Ich freue mich herzlich, daß wieder ein besseres 



1) Vergleiche „Offenes Sendschreiben an den Fürsten Bismarck von 
einem Polen" (Zürich 1894), ferner „Reponse d'un gentilhomme polonais" 
(Separatabdruck aus der Wiener „Reichswehr), schließlich die schon 1886 
in Budapest erschienene Flugschrift „Ein Ungar über Bismarck. Reflexionen 
zu den Ausweisungen der Polen aus Preußen" von Ogari. 

Singer, Geschichte des Dreibundes o 



114 Regesten: 1894—1895 

Zusammengehen als im alten Bundestage statthat, wo die Pferde 
gleidizeitig vor und hinter den Wagen gespannt waren, so daß 
wir nicht vorwärts kommen lionnten. Wir mußten leider uns 
auseinandersetzen. Es war ein Bruderlirieg, so nennt man ihn mit 
Recht. Wir haben alle bedauert, daß wir ihn führen mußten, er 
war aber unvermeidlich. \A^r haben schon 1866 in Böhmen das 
Gefühl gehabt, wir wollen uns hier so benehmen, daß wir ein- 
mal wiederkommen können. Der Krieg ist ja nur bis an die 
Grenze des Notwendigsten gegangen. Sobald wir in Wien er- 
reicht hatten, daß man uns in Deutschland die Sache madien 
lassen wollte, hatten wir das Bedürfnis, Oesterreich in bisheriger 
Stärke zu erhallen, womöglich noch stärker zu madien; denn 
wir gehören dodi zueinander, wir und die Süddeutschen mit 
Einsdiluß unserer Landsleute in Oesterreich; aber in näheren 
Verband konnten wir uns nicht einlassen, und Sie auch nidit 
Sie haben ihr eigenes Leben im Donaubecken, und das kann 
nicht von Berlin abhängen. Sie sind uns aber gute Freunde 
und Bundesgenossen'*. 



1895 

Die Feier des 80. Geburtstages des Fürsten Bismarck löst 
in Deutschland und in Oesferreidi-Ungarn lebhafte Kundgebungen 
für den Schöpfer des Dreibundes aus. In Oesterreidi nehmen 
die deutschnationalen Demonstrationen stellenweise einen anti- 
österreichischen Charakter an, so daß sich der österreichisdie 
Minister des Innern, Freiherr von Bacquehem, veranlaßt sieht 
am 30. März im Abgeordnetenhause zu erklären: Jn Oester- 
reidi müssen derartige Kundgebungen eine Schranke darin 
finden, daß der österreichische Staatsgedanke auch nidit vorüber- 
gehend in den Schatten gestellt werde". Am Ostermontag 
nahm der greise Jubilar im Sachsenwalde eine Huldigung der 
Steirer Nationalen entgegen. Ein Strauß aus Edelweiß und 
Heidekraut war der sinnige Gruß, den ihm die Verehrer aus 
dem Alpenlande mitbrachten. Fürst Bismarck hielt beim Emp- 
fange der Steirer eine längere Rede, in welcher er die tausend- 
jährige Zusammengehörigkeit die in die Sagenzeit zurückreiche, 
pries. Auch der Dreibund reiche fast auf dieselbe Zeit zurück, 
erstreckte sidi ]a die alte deutsche Kaiserherrschaft von der 



Regesten: 1895 115 

Nordsee bis nadi Apulien. Unser Dreibund deckt ungefähr die 
alte anspruchsvolle Kaiserherrschaft der Nachfolge Karls des 
Großen nadi Absonderung von Gallien, unserem heutigen 
Frankreich. «Ich glaube", fuhr Bismarck fort, »wir werden 
dauernd zusammengehören und zusammenbleiben können, mit 

mehr Dauer, als wir früher mit einander gelebt haben 

Idi hoffe, wir haben eine Form gefunden, in der wir neben- 
einander leben können Wir kommen immer wieder zu- 
sammen, weil wir auf einander angewiesen sind und nament- 
lidi so, wie das heutige europäisdie Staatsgebilde ist, können 
wir gar nicht, ohne einander Treue und Freundsdiaft zu halten, 

in eine ruhige Zukunft Europas blicken Ein BQndnis von 

dem Gewidite, wie es der heutige Dreibund repräsentiert, kann 
immer von sidi sagen mit dem alten sdiottischen Sprudie: 
„Nemo me impune lacessit" und wird imstande sein, sidi zu 
wehren. Wenn man also das Bedürfnis hat, um Anlehnung sidi 
umzusehen, so liegt für uns dodi die Annäherung an Oester- 
reich-Ungam näher, wie irgend eine andere. Audi auf die in 
Italien sind wir durch die Geschidite angewiesen. Vür haben 
in beiden Ländern durch das Ungeschidk der gemeinsamen 
kaiserlidien Regierung gelitten, indem wir zerfallen sind in 
nicht existenzfähige Größen unter einander. \A^r mußten uns 
wieder zusammenfinden, wir haben eingesehen, daß das zu 
unserem Heile notwendig ist". 

Im Mai stürzt Kälnoky und Graf Agenor Goludiowski zieht 
in das Palais auf dem Wiener Ballplatze ein. Am 11. Juni hält 
der neue Minister des Auswärtigen in der ungarischen Dele- 
gation sein Expose, in welchem er erklärt, seine Politik ließe 
sich in folgenden kurzen Worten zusammenfassen: »Unverbrüdi- 
lidies Festhalten an der durch den Friedensbund der drei 
europäischen Zentralmächte geschaffenen Grundlage, weldie 
die Pflege der besten und freundschaftiidisten Beziehungen zu 
allen übrigen Mäditen ohne Unterschied nidit nur nidit aus- 
sdiließt, sondern geradezu bedingt". Die tags vorher gehaltene 
Thronrede nimmt Bezug auf die Kieler Feier, die im Juni statt- 
findet. Am 11. September ernennt Kaiser-König Franz Josef 
den Deutsdien Kaiser zum General der Kavallerie. 

Am 10. Juni hatte Hanotaux in der französisdien Kammer 
zum erstenmal offiziell die Allianz zwisdien Rußland und Frank- 
reidi proklamiert was nicht hinderte, daß sidi die offiziellen 
Beziehungen Deutsdilands zu den Entente-Mächten besserten. 
In der ostasiatischen und in der armenischen Frage stand 
Deutsdiland an der Seite Rußlands, und die Dreibundmädite 
veranstalteten gemeinsam mit den übrigen Mächten eine Flotten- 
demonstration in den türkisdien Gewässern. 

8» 



116 Regesten: 1896 

1896 

Wie eine Bombe wirken Ende Oktober dieses Jahres die EnthOl- 
lungen der „Hamburger Nadiriditen"^ in der Nummer 251 vom 24. 
Oktober. Der »Fürst Bismarck und Rußland* betitelte Artikel 
konstatiert in einer Polemik mit der »Vossisdien Zeitung", das 
gute Einvernehmen der deutschen und der russischen Politik 
sei schon in Skiemiewice hergestellt gewesen und sei in dieser 
Verfassung bis 1890 geblieben. Dann heißt es in dem Artikel: 
»Bis zu diesem Termine waren beide Reiche im vollen Ein- 
verständnis darüber, daß wenn eins von ihnen angegriffen 
würde, das andere wohlwollend neutral bleiben solle. .... 
Dieses Einverständnis ist nadi dem Ausscheiden des Fürsten 
Bismarck nicht erneuert worden fund wenn wir über die Vor^ 
gänge in Berlin riditig unterrichtet sind, so war es nicht etwa 
Rußland, in Verstimmung über den Kanzlerwedisel, sondern 
Graf Caprivi war es, der die Fortsetzung dieser gegenseitigen 
Assekuranz ablehnte, während Rußland dazu bereit war". Diese 
Publikation erregt nidit nur in Deutschland, sondern begreif' 
licherweise audi in Oesterreidi-Ungam und in Italien ungeheure 
Sensation. Bismarck wird von einem Teil der Presse speziell 
der letztgenannten beiden Staaten heftig angegriffen und als 
»Verräter am Dreibund" bezeichnet. Und als der »Reichs^ 
anzeiger" am 27. Oktober (im nichtamtlichen Teile) jede Er- 
örterung dieser Frage mit Berufung auf das Staatsgeheimnis 
ablehnt, wogt der Streit darüber, ob Bismarck zu dieser Ver- 
öffentlidiung berechtigt gewesen sei oder nicht. Die Bismarck- 
freundlichen Blätter, speziell die »Leipziger Neuesten Nach- 
richten", konstatieren, es liege keine solche Abmachung vor» 
die im Widerspruch zu den Bestimmungen des Dreibundes 
stehe. Die »Münciiener Aligemeine Zeitung" sowie die »Badische 
Landeszeitung" erblicken in dem russischen Traktat eine Er- 
gänzung des Dreibundes; der »Hamburger Korrespondent" ver- 
weist auf die Erklärung Caprivis, die Regierung hätte den Vor- 
wurf, den Draht, der uns mit Rußland verbindet, zerrissen zu 
haben, nicht verdient. Die ^Hamburger Nachrichten" bestreiten 
entschieden, daß es sich hier um ein Staatsgeheimnis handle; 
so wie Deutschland für den Dreibund nicht die Geheimhaltung 
verlangt hafte, so erfolgte lediglich auf russischen Wunsch nicht 
die Veröffentlichung des in Rede stehenden Traktates. Die Be- 
hauptung, daß das 1890 abgelaufene deutsch - russische Ab- 
kommen mit der Treue gegen den Dreibund nicht verträglich 

Siehe das jüngst ersdiienene Werk „Bismarck" von Hermann Hof'^ 
mann und hierzu Arthur Singer: „Die Hamburger Enthüllungen^ und der 
Pester Lloyd" („Pester Lloyd" vom a November 1913). 



Regesten: 1896 117 

wäre, sei vollständig aus der Luft gegriffen. Der ganze Drei- 
bund in corpore könnte, wenn Rußland dazu bereit wäre, mit 
letzterem ganz dasselbe Abkommen treffen, das bis 1890 zwischen 
Rußland und Deutsdiland bestanden. Ein dritter Artikel der 
»Hamburger Nadiriditen- (No. 258 vom 1. November) besagt: 
»Unseren beiden Bundesgenossen war die Rückversidierung 
mit Rußland nidit unbekannt und sdiwerlidi unerwQnsdit; im 
Gegenteil man hat mit Befriedigung gesehen, daß Deutsdiland 
die Beziehungen, die es mit Peteisburg unterhielt, jederzeit be- 
nutzte, um Verstimmungen zwischen den beiden benachbarten 
Kaiserreidien zu verhüten, respektive beizulegend Darauf noch 
einmal der „Reichsanzeiger" (2. November): „Die Verpfliditung, 
dre vor 1890 mit Rußland geführten Verhandlungen geheim zu 
halten, verhindere, auf den sadilichen Inhalt jener Verhandlungen 
einzugehend 

Die Diskussion über diese Enthüllungen speziell mit Rüdt-* 
Sicht auf den Dreibund währt Wochen hindurdi. Bismarck er- 
hält zahlreidie Zustimmungskundgebungen S und audi politisdie 
Vereinigungen, wie der Nationaliberale Verein in Karlsruhe, 
nehmen in dieser Fehde für den Altreichskanzler Stellung. Das 
„Berliner Tageblatt" meint, daß sidi eine Erneuerung des Vertrages 
noch heute empfehle; andere Blätter, wie die »Vossische Zeitung" 
bezweifeln die Legitimität der Enthüllung: »Wer die Ereignisse 
von 1887 bis 1888 im Gedächtnis hat, kann darüber nicht im 
Zweifel sein. Man weiß weiter, daß Rußland während der bul- 
garischen Krisis in Rom eine geheime Eröffnung madite, durch 
die Italien Triest angeboten wurde, wenn es in einem Kriege 
mit Oesterreich und Deutsdiland sich auf Rußlands Seite stelle, 
während um dieselbe Zeit Frankreidi unter gleichen Bedingungen 
Italien vorschlug, ihm das Trentino zu sidiern, Anträge die da- 
mals Depretis loyal kurzerhand zurückwies. Hätte die Neutra- 
litätsassekuranz bestanden, dann hätte die österreidiisch-un- 
garische Presse und Diplomatie sich über eine beispiellose 
Felonie zu beklagen**. Die „Frankfurter Zeitung" konstatiert, 
die Enthüllungen hätten bei den Dreibundmächten nur ein vor- 
übergehendes Mißtrauen gezeitigt. Das Organ des Wiener Aus- 
wärtigen Amtes, das »Fremdenblatt", billigt die Haltung der 
Deutschen Regierung und gibt der Ansicht Ausdruck, daß diese 
Enthüllungen nicht imstande seien, die Zuversidit an die Auf- 
richtigkeit und Vertragstreue der deutsdien Politik zu er- 
sdiüffern. In der englischen Presse begegnen die Enthüllungen 
scharfem Tadel; «Standard- führt aus, Europa sehe in der Be- 
ständigkeit des Dreibundes eine der wichtigsten Garantien des 



1) Siehe Poschingers „Bismardi- Jahrbuch" IV. Band. IV. Abt., Seite 330 ff. 



118 Regesten: 1896 

Friedens, es sei traurig, daß jener Mann, der durch die Einigung 
der Zentralmädite der Friedenssache unvergleichliche Dienste 
geleistet jetzt diese Einigkeit zu gefährden suche. Eine offiziöse 
Note der „Agencia Italiana" konstatiert, der Räckversidierungs- 
vertrag sei für die italienische Regierung kein Geheimnis ge- 
wesen, diese wußte, daß die Bestimmungen dieses Vertrages 
mit den Dreibund pflichten nicht kollidieren. Ich schließe diese 
Blätferschau mit den »Preußischen Jahrbüchern", die in einem 
längeren Artikel ausführen, das deutsch-russische Abkommen 
sei nicht gegen Oesterreich, sondern gegen England gerichtet 
gewesen, die Veröffentlichung müsse aber bedauert werden, da 
hierdurch bei den Bundesgenossen der Eindruck einer unge- 
heuren Treulosigkeit hervorgerufen sei^ 

Die »Hamburger Enthüllungen" stehen in der Sitzung des 
Reichstages vom 16. November zur Diskussion. Graf von Hom- 
pesch hat eine Interpellation an den Reichskanzler gerichtet, in 
welcher dieser aufgefordert wird, Auskunft darüber zu geben, 
welchen Einfluß die Enthüllungen auf die Stellung Deutsdilands 
im Dreibund geübt haben. Der Interpellant sdiließt die Be- 
gründung seiner Anfragen damit, daß er der Hoffnung Ausdruck 
gibt, der jetzige Leiter der deutschen Politik wolle unentwegt 
an dem Vertrage mit Oesterreidi und Italien festhalten. Der 
Reichskanzler Dr. Fürst zu Hohenlohe-Schillingsfürst beantwortet 
die Interpellation sofort: die „amtliche Auskunft" verweigert er 
mit Berufung auf die seinerzeit verabredete „unbedingte Ge- 
heimhaltung" und konstatiert, daß „die Wolke des Mißtrauens", 
welche sich im ersten Augenblicke in einzelnen Schichten der 
Bevölkerung jener Länder gezeigt hat wieder verschwunden ist 
und daß „unser Verhältnis zu unseren Verbündeteten nach wie 
vor getragen ist von unbedingtem gegenseitigen Vertrauen". 
Nadi dem Reichskanzler ergreift Staatssekretär Freiherr Mar- 
schall von Bieberstein das Wort, um in längerer Rede die 
„Grü nde darzulegen, die im Jahre 1890 die deutsche Politik 
gegenüber Rußland bestimmt haben"; er weist mit aller Ent- 
schiedenheit "^den Gedanken zurück, als ob jemals von deutscher 
Seite mit irgend einem Staate etwas verabredet worden sei, 
was „unvereinbar wäre mit bestehenden Verträgen" und betont 

1) Ueber den Eindruck der Enthüllungen in Frankreich siehe Pierre 
Albin ,,L'Allemagne et la R'ance en Europe", Seite 236 ff. Vergleiche auch 
die in Zürich schon 1887 erschienene Flugschrift „Bismarcks politisches 
Testament oder der geheime preussisdi-russische Vertrag" von E. Faldre, 
in weldier bereits neun Jahre vor den Hamburger Enthüllungen die Existenz 
eines preussisdi - russischen Vertrages mit allerdings apokryphen Punkten 
nadigewiesen und Oesterreidi der Rat erteilt wurde : „will es nicht über 
kurz oder lang zur preussisch " russischen Beute werden, schleunigst ein 
Bündnis mit England, Frankreich und der Türkei abzuschließen". 



Regesfen: 1896 119 

mit besonderem Nachdruck als die Hauptaufgabe der deutschen 
Politik: »treues unentwegtes Festhalten an unseren Bündnissen 
mit Oesterreich-Ungarn und Italien*. Ich resümiere kurz die 
Debatte, die sich an diese beiden Erklärungen knüpfte (natür- 
lich nur soweit sie sich auf den Dreibund bezieht): Dr. Lieber 
verweist auf das Vertrauen, das das Bündnis mit Oesterreich- 
Ungarn in der Bevölkerung genießt und betont, derartige Ab- 
kommen wie der Rückversicherungsvertrag mit Rußland dürften, 
solange der Dreibund besteht, nicht abgeschlossen werden. 
Freiherr von Manteuffel glaubt, die verbündeten Regierungen 
hätten von diesem Rückversicherungsvertrage, der audi im In- 
teresse des Dreibundes gelegen sei, Kenntnis gehabt. Dr. 
Enneccerus: Der Dreibund ist nicht nur ein Vertrag der 
Herrscher und der Regierungen, er hat in dem Verständnis des 

Volkes und im Herzen des Volkes Wurzel gesdilagen der 

Neutralitätsvertrag hat dieses freundschaftliche Band in keiner 
Weise verletzt. Der Abgeordnete Richter ergeht sich in heftigen 
Angriffen gegen Bismarck; über den Dreibund sagt er: »Der 
Dreibund ist in unseren Augen nidit bloß ein Augenblicks- 
produkt diplomatischer Klugheit, sondern beruht auf den dauernden 

gemeinsdiaftlichen Interessen der verbündeten Völker 

Sind die Verträge mit Rußland derart gewesen, daß sie den 
anderen Dreibundmächten nicht mitgeteilt werden durften, so 
haben sie wenn nicht gegen den Wortlaut, so gegen den Geist 
des Dreibundes verstoßen". Richter bezieht sich auch auf ein 
Tags vorher im „Neuen Wiener Tagblatt" erschienenes Interview 
mit Bismarck, welches der nächste Redner, Graf Mirbach, namens 
des Grafen Herbert Bismarck (der später diese Erklärung auch 
selbst abgibt) als apokryph bezeichnet. Liebknecht nennt den 
deutsch-russischen Vertrag den „Verrat eines Verbündeten". 
Kardorff und Paasche verteidigen Bismarck, Liebermann von 
Sonnenberg polemisiert gegen Richter; Hausmann richtet an die 
Regierung die Frage, ob sie darüber Auskunft geben kann, daß 
zwischen dem Dreibundstaate Italien und England ein Asse- 
kuranzverhältnis besteht Rickert verteidigt Caprivi, worauf die 
Debatte geschlossen wurde \ Im Dezember (am 1. und am 
10. Dezember) wird im ungarischen Abgeordnetenhause über 
die Hamburger Enthüllungen debattiert. Ministerpräsident Baron 
Desider Bänffy lehnt es ab, sich in eine Erörterung der Anfragen 
einzulassen, verweist darauf, daß gerade aus diesem Anlaß die 
maßgebendsten Faktoren und die gesamte öffentliche Meinung 
in Deutsdiland sich nachdrücklichst für eine unverbrüchlich loyale 
Durchführung der vertragsmäßigen Verpflichtungen, die Deutsch- 

^) Ueber die Politik Bismarcks Rußland gegenüber siehe „Gedanken 
und Erinnerungen" IL Band, XXX. Kapitel. 



120 Regesten: 1896 

land im Dreibundvertrage auf sich genommen, ausgesprochen 
habe und betont der Dreibund sei heute wie zuvor die un- 
erschütterlich feste Basis der österreichisdi-ungarischen Politilc 
Einige Tage darauf (am 17. Dezember) bringt die „Neue Freie 
Presse" einen augenscheinlich aus Friedridisruhe inspirierten 
Artikel, in weldiem ausgeftihrt wird, der deutsch-russisdie Ver- 
trag habe kein Dreibundinteresse gefährdet ja er habe seiner- 
zeit die Zustimmung der österreichisdi-ungarischen Staatsmänner 
gefunden. 

Die Diskussion über die Hamburger Enthüllungen greift 
auch nach Italien hinüber. Nach der Bismarck-Sifzung des 
Reidisfages wurde in Wiener Zeitungen behauptet es bestehe 
audi ein Geheimvertrag zwischen Italien und Rußland. Ueber 
diese Nachricht ließ sich Rudini am 9. Dezember durch den 
Direktor der „Italie'' interviewen. Rudini dementiert diese 
Nachricht erzählt aber, es seien 1891 bedeutende Anstrengungen 
gemacht worden, Italien vom Dreibund abzuziehen. Einige 
Monate nachdem der Dreibund neu besiegelt worden war, sei er 
mit Giers in Monza zusammen gekommen, und es sei ihm bei 
dieser Gelegenheit gelungen, Giers von der absolut friedlichen 
Tendenz des Dreibundes zu überzeugen. Demgegenüber ver- 
sichern die „Hamburger Nachrichten "* (11. Dezember), es sei 
eine Uebereinkunft laut welcher Rußland als Aequivalent für 
Italiens Zugeständnisse in der Orientpolitik die Verpflichtung 
übernimmt unter gewissen Voraussetzungen zu Gunsten Italiens 
in Paris Mediation zu üben, tatsächlich erfolgt Die »Frank- 
furter Zeitung" konstatiert, Marokko habe zu einer Annäherung 
Italiens an Frankreich^ geführt, was später Fürst Bülow eine 
Extratour nannte, die man dem verbündeten Italien ohne Ge- 
fahr für das Bündnis wohl gestatten könne ^ 

Die übrigen Ereignisse dieses Jahres (soweit sie sich auf 
den Dreibund beziehen), sind rasch erledigt: 

Der Dreibund tritt in vollem Einvernehmen mit Rußland 
gegenüber den Unruhen in Armenien für den Statusquo ein. 

Die Dreibundmächie intervenieren in der egypfischen Frage 
(eine Entscheidung des Appellsenates gestattet die Entnahme 
von Geldern aus der Staatsschuldenkassa zum Zwexke des 
Sudanfeldzuges), um den von den Derwischen bedrängten 
Italienern Luft zu machen. 

Bei den Besuchen des Deutschen Kaiserpaares in Wien und 
Venedig werden überaus warme Trinksprüche und Depeschen 

1) Am 28. September hatte Visconti-Venosta mit Hanotaux einen Ver- 
trag betreffs Tunis abgeschlossen, dem am 1. Oktober ein Sdiiffahrtsver- 
trag folgte. 

^ Siehe „Geschichte der Frankfurter Zeitung", Seite 878. 



Regesten: 1896 121 

gewechselt In diesen trüben Tagen von Adua beeilt sich das 
Deutsche Kaiserpaar, durch Besuche in Genua, Syrakus und 
Venedig seine lebhaften Sympathien für Italien zu bekunden. 
In Neapel fand unter Mitwirkung der Kaiserlichen Schiffskapelle 
ein Konzert zu Gunsten der in Afrika Verwundeten statt. Als 
die italienischen Waffen bei Kassala einen Erfolg errangen, be*- 
glückwfinschte der Kaiser den König von Italien in einer De- 
pesche aus Syrakus. 

Rudini betont in seiner Programmrede vor Kammer und 
Senat das Festhalten am Dreibunde. Im Mai, Juni und Juli 
geben sowohl Rudini als auch der Minister des Auswärtigen 
Herzog von Sermoneta überaus bundesfreundlidie Erklärungen 
ab. Die Rede Rudinis am 1. Juli gibt Anlaß zu einer Zeitungs- 
polemik Aus dieser Rede wurde durch die offiziöse Telegraphen- 
agentur ein Auszug nach Berlin telegraphiert, laut dessen 
Rudini, davon ausgehend, daß die freundschaftlichen Beziehungen 
Italiens zu England die natürliche Ergänzung des Dreibundes 
seien, gesagt hätte, die Regierung beabsichtige im Interesse 
Italiens und der verbündeten Staaten die Dreibund-Abmachungen 
zu verbessern, wozu die Möglichkeit ausdrücklich stipuliert 
worden sei. An diese Meldung knüpfte die »Norddeutsche All- 
gemeine Zeitung" am 2. Juli die Bemerkung: »Wir müssen an- 
nehmen, daß hier eine fehlerhafte Uebermitflung der Worte des 
italienischen Staatsmannes vorliegt denn von einer Absicht, den 
neuerdings verlängerten ^ Dreibundvertrag zu verändern, ist 
diesseits nichts bekannt". Tags darauf erklärt die »Agenzia 
Stefani**, Rudini habe gesagt »nichts stehe einer Verbesserung 
der Dreibundverträge im Einverständnis mit den Vertrags- 
mächten entgegen, wenn man die Opportunität einer Verbesse- 
rung erkennen sollte", er habe aber auch betont, daß der Drei- 
bund jetzt voll und ganz die Interessen Italiens garantiere — 
jede Auslegung, die darauf hinausgehe, glauben zu machen, 
man wolle an dem Vertrage Abänderungen vornehmen, sei 
durchaus unbegründet. 

Die Thronrede, mit welcher Franz Josef die Tagung der 
Delegationen in Budapest eröffnet, rühmt die Erfolge des 
Dreibundes, dessen festes und zielbewußtes Auftreten in allen 
wichtigen europäischen Fragen den Frieden erhalten habe. Die 
Thronrede enthält auch eine ganz besondere Sympathieäußerung 
für Italien: »Mit warmer Teilnahme verfolgen Wir die Er- 



1) Es war die dritte Erneuerung, deren Tag nicht feststeht, die jedodi 
in die letzten Tage des Monates Juni verlegt werden kann. Eine andere 
offizielle Kundmadiung ist nidit verlautbart worden. Die „Verlängerung'* 
scheint automatisdi erfolgt zu sein, da keine der Vertragsmädite von ihrem 
Kündigungsredite Gebraudi gemacht hatte. 



122 Regesten: 1896—1897 

eignisse auf dem afrikanischen Kriegssdiauplatze, wo die 
Armee Unseres treuen Bundesgenossen im sdiweren Kampfe 
mit einem an Zahl weit tiberlegenen Gegner die Ehre der 
italienischen Fahne hodi gehalten hat". Graf Goludiowski 
erklärt in seinem Expose (9. Juni), es sei beinahe müßig, jedes- 
mal die Intimität das gegenseitige Vertrauen und die enge 
Verständigung zu betonen, die zwischen uns und unseren 
Bundesgenossen herrschen; die Dreibundgruppe habe sidi vor- 
trefflidi bewährt: das Verhältnis zu Deutsdiiand sei fester denn 
je, und ebenso intim und vertrauensvoll sei das Verhältnis zu 
Italien. 

Der Besuch des Kaiser-Königs Franz Josef in Bukarest (aus 
Anlaß der Feier am Eisernen Tor, 28. September) wird in der 
Presse dahin kommentiert, daß der Anschluß Rumäniens an 
den Dreibund vollzogene Tatsache sei. König Karl gab in 
seinem Trinksprudie in Herkulesbad der Hoffnung Ausdruck, 
die Begegnung möchte dazu beitragen, »die so glQckUdi herge- 
stellten Bande der Freundschaft zwischen unseren Staaten noch 
enger zu knüpfen **, doch scheinen (trotzdem auch Goluciiowski 
und der rumänische Ministerpräsident Demeter Sturdza intim 
befreundet sind) keine vertragsmäßigen Abmachungen getroffen 
worden zu sein. 

Zum Schlüsse sei noch der Vermählung des italienischen 
Kronprinzen Viktor Emanuel mit der Prinzessin Helene Petro- 
witsch Njegosch von Montenegro (24. Oktober) gedacht die in 
einem Teile der österreichisch - ungarischen Presse als ein „Akt 
der Balkanpolitik Italiens" kommentiert wird. 



1897 

Murawiew, der neue russische Minister des Auswärtigen, 
hat asiatische Sorgen. In dem scharfen Gegensatze zu England 
trifft er sich mit den Dreibundmächten. Die auftauchenden 
politischen Fragen, in erster Reihe der Kretarummel S der zum 
türkisch-griechischen Kriege führt, finden die Binnenmächte einig. 

1) „Das europäische Konzert vor Kreta war die R^union, bei weldier 
sidi jener Flirt entwidcelte, der dann zu so vielen Extratouren führte", 
Leopold Freiherr von Chlumedcy „Oesterreidi-Ungarn und Italien" (Seite 17): 
siehe audi Albert Billot „La France et Tltalie; Histoire des ann^es troubles 
1881—1899 (Paris 1905). 



Regesten: 1897 123 

Das gute Einvernehmen zwischen Rußland und Deulsdiiand 
leitet der Antrittsbesuch des Grafen Murawiew in Berlin und 
Kiel ein und der ungarische Ministerpräsident Baron Desider 
Bänffy gibt am 4. Februar der Hoffnung Ausdruck, die Begeg- 
nung des russischen Staatsmannes mit den maßgebenden 
Faktoren des mit uns so eng verbündeten Deutschen Reiches 
werde dem guten Verhältnisse sowohl zu Deutschland als auch 
zu Oesterreich-Üngarn nur zum Vorteil gereichen. 

Während Deutschland auf der einen Seite die Verbindung 
mit Rußland aufrecht hält tritt auf der anderen Seite in den 
Beziehungen Italiens zu Frankreidi eine auffallende Besserung 
ein (wir sehen in der Kretafrage Italien an der Seite Frankreichs 
und Englands). Und Giolitti erklärt in einer Wahlrede zu 
Caraglio am 7. März: »Die Bündnisse, deren Bestimmungen 
Italien loyal nachgekommen und denen es immer treu bleiben 
wird, sind eine sichere Gewähr für den Weltfrieden; da die 
Aufrechterhaltung des Friedens Hauptzweck des Dreibundes ist, 
liegt jede Besserung in den Beziehungen zu anderen Mächten 
im Geiste des Dreibundes". Eine herzliche Manifestation der 
deutsch - italienischen Freundschaft bringt der Besuch des 
italienischen Königspaares in Homburg vor der Höhe. Da 
widersprechende Meldungen über diese Reise verbreitet werden, 
äußert sich der Minister des Auswärtigen, Visconti Venosta 
einem Redakteur des«Corriere della Sera- gegenüber wie folgt: 
»In Wahrheit liegen die Dinge so, daß das Ministerium keinen 
Augenblick gezögert hat, den König auf seiner Reise nach 
Deutschland zu begleiten. Wenn dies nicht sogleich bekannt- 
gegeben wurde, so lag dies daran, daß wir in Rom erst wissen 
wollten, wer mit dem Deutschen Kaiser in Homburg weilen 
werde. Was mich persönlich anbelangt, so gehe ich sehr gerne 
nach Deutschland, an das uns feste Freundschaft und der ge^ 
meinsame Wunsch, Europa den Frieden zu erhalten, knüpfen". 
Bei der großen Paradetafel in Homburg sprach Kaiser Wilhelm 

einen äußerst warmen Trinkspruch: Nicht nur mein 

Herz, sondern das gesamte deutsche Vaterland begrüßt in Ew. 
Majestät den hohen Fürsten, den innigen Freund Meines ver- 
storbenen Vaters, den treuen Verbündeten, dessen Hierherkunft 
von Neuem Uns und der Welt zeigt, daß unerschütterlich und 
fest der Band des Dreibundes besteht der im Interesse des 
Friedens gegründet wurde und je mehr und je länger, desto 
fester und inniger in dem Bewußtsein der Völker Wurzeln 
schlagen und Früchte tragen wird". 

Noch innigere Töne schlägt Kaiser Wilhelm in Budapest an, 
wo er beim Galadiner am 21. September nach beispiellos herz- 
lichen Ovationen der Ungarn einen Toast spricht: „nach 



124 Regesten: 1897 

Sohne$arf zu Eurer Majestät al$ meinem väterlichen Freunde 
aufbiickend": .Dank Eurer Majestät Weisheit besteht unser Bund, 
zum Heile unserer Völker geschlossen, fest und unauflöslich 
und hat Europa den Frieden schon lange bewahrt und wird es 
auch fernerhin tun!" 

Heimgekehrt empfängt der Deutsche Kaiser den Besuch des 
Zaren, an dessen Hofe er im August geweilt, und die Thronrede 
vom 30. November hebt mit besonderer Genugtuung den 
.glänzenden und herzlichen Empfang" in Peterhof und in 
Budapest hervor. 

Die Thronrede des Kaiser-Königs Franz Josef (17. November) 
konstatiert: „Nach wie vor bildet Unser Bundesverhältnis zu 
Deutschland und Italien die unverrückbare Basis Unserer Politik* 
Diese Basis zu erhalten und zu kräftigen ist das beständige 
Bestreben Meiner Regierung" und fügte hinzu: .Zu den bisher 
bestehenden Bürgschaften des Friedens ist die freundschaftliche 
Ausgestaltung Unseres Verhältnisses zum russischen Reiche 
hinzugekommen". Die Thronrede findet auch in der russischen 
Presse die freundlichste Aufnahme; die „Nowosti" geben der 
Ueberzeugung Ausdruck, die bedauerliche Nebenbuhlerschaft 
beider Mächte auf der Balkanhalbinsel sei nunmehr eine ge^ 
schichtliche Reminiszenz geworden. Auf denselben Ton sind 
auch die Aeußerungen des Grafen Goluchowski gestimmt In 
seinem Expose (20. November) erklärt der österreichisch - unga- 
rische Minister des Auswärtigen: „Der Dreibund hat sich das 
Bürgerrecht in Europa erworben und diese seine Stellung zu 

konsolidieren ist unser beständiges Streben Hinsichtlich 

Italiens hatte ich anläßlich des Besuches am königlichen HoU 
lager zu Monza^ Gelegenheit, die volle Uebereinstimmung in 
der Auffassung und Behandlung der politischen Fragen zu 
konstatieren". Am 23. November betont Goluchowski noch ein- 
mal nachdrücklichst: ,,Der Dreibund sei der Grundpfeiler unserer 
Politik .... er ist ein Friedensbund — die Garantien für die 
Erhaltung des Friedens können aber durch die Anbahnung 
freundschaftlicher Beziehungen zu anderen Mächten nur erhöht 
werden". «Siöcle" registriert mit besonderer Genugtuung die 
Betonung des guten Einvernehmens zwischen Rußland und 

1) Die Besprediung in Monza galt wohl in erster Reihe den Balkan- 
fragen. Italien hatte sdion in der Kretafrage einen Standpunkt eingenommen, 
der abseits lag von den Absiditen Deutsdilands und Öesterreidi- Ungarns. 
Als dann eine Verständigung zwisdien Rußland und Oesterreidi- Ungarn 
erzielt worden war, verlangte V^sconti-Venosta, daß Italien und Oesterreidi- 
Ungarn ihr vollständiges territoriales D^sinteressement an Albanien erklären 
sollen. Dies konzedierte audi Goludiowski in Monza. Näheres hierüber 
siehe Alexander Blaskovidi: „Unsere Monardiie und Italien" im September- 
heft 1913 der ungarisdien Zeitsdirift „Nyugat". 



Regesten: 1897 125 

Oe$terreich-Ungarn und sdimeidielt sich in der Annahme, daß 
die Entente mit Rußland denn doch irgend eine Schwächung 
der Dreibundbeziehungen trotz deren markanter Betonung durch 
das Expose Goluchowskis zu bedeuten haben müsse. Die 
»Hamburger Nachrichten " besprechen ebenfalls die russenfreund- 
lichen Aeußerungen Goluchowskis, vergleichen diese mit dem 
Rückversicherungsvertrage Bismarcks und konkludieren : .Vor- 
mals war Oesterreich in der Zwickmühle, heute aber hat Oester- 
reich die Zwickmühle**. 

Die Kämpfe der Deutschen in Oesterreich finden in der 
Reichstagssitzung vom 14. Dezember einen Widerhall. Schon 
Ende Oktober ermahnt Mommsen die Deutschen in Oesterreich 
zum Ausharren in dem ihnen aufgezwungenen Kampfe, indem 
er ihnen die Sympathien aller Reichsdeutschen ausspricht. Im 
Deutschen Reichstag tritt der Abgeordnete Zimmermann für die 
Deutsciien in Oesterreich ein, während der Weife Hodenberg 
dankend anerkennt, daß man den annexionistischen landes- 
verräterischen Deutschliberalen Oesterreichs ein Auftreten in 
Deutschland nicht gestattet habe und glaubt, der Dreibund sei 
auch deshalb ins Wanken geraten, weil Italien seine Rechnung 
darin nicht gefunden habe. Demgegenüber führt Staatssekretär 
von Bülow aus, die Besorgnis, als ob der Dreibund irgend 
wie erschüttert wäre, sei völlig unbegründet. Der Dreibund 
erfreue sich des besten Wohlseins, unsere Beziehungen zu 
Oesterreich'Ungarn und Italien seien gleich gute, und die Buda- 
pester Tage hätten nur dazu beigetragen, diese Beziehungen zu 
konsolidieren. Zum Schlüsse ermahnte der Staatssekretär zur 
Mäßigung in der Behandlung interner Vorgänge in fremden 
Staaten. 

Der Besuch des rumänischen Königspaares in Budapest 
(29. September), sowie der Toast des Kaiser-Königs Franz 
Josef, in welchem er Rumänien als ein Element der Ordnung 
und des Friedens feierte, gibt wieder Anlaß zur publizistischen 
Diskussion der Frage des Anschlusses Rumäniens an den 
Dreibund. 

Zum Schlüsse eine in diesem Jahre publizierte Bismarck- 
Reminiszenz. Am 7. Juni veröffentlicht das „Berliner Tageblatt" 
einen Brief Buchers an Franz Pulszky, einen Freund Ludwig 
Kossuths, vom 16. Mai 1877: „Solange Bismarck und seine 
Tradition existieren, wird Deutschland nie auf den Zerfall 
Oesterreich-Ungarns spekulieren. Ein Bruch kann nur von 
Euch, ich meine Cisleithanien, kommen. Wir wollen Euch gute 
Nachbarn sein, und wenn einmal das Mißtrauen, welches jetzt 
wieder durch eine durchsichtige Intrige angefacht zu sein 
scheint, sich verloren hat, könnten wir ja in ein engeres Ver- 



126 Regesten: 1897—1896 

hältnis — gegenseifige Besitzgarantie — treten, was wir Beusf 
vorgeschlagen haben und dieser mit Hohn zurückgewiesen hat 
Halten Sie nur den Grafen Andrässy, den zu halten wir alles 
Mögliche tun". 



1898 

Am 30. Juli schließt Altreichskanzler Otto von Bismarck, 
der Schöpfer des Dreibundes, seine Augen für immer. An der 
Jahreswende ersdieinen, von Horst Kohl herausgegeben, seine 
„Gedanken und Erinnerungen", 1901 ergänzt durdi den zwei* 
bändigen Anhang „Kaiser Wilhelm I. und Bismarck" und „Aus 
Bismardcs Brief wedisel" ^ 

An den großen politischen Ereignissen dieses Jahres: 
spanisdi-amerikanischer Krieg und Sudan-Rummel ist der Drei- 
bund nicht interessiert. An dem Pazifizierungswerke auf Kreta 
nimmt von den Dreibundmäditen nur Italien teil, Deutschland 
und Oesterreich-Ungarn haben ihre Truppen von der Insel 
zurückgezogen, da sie dem Sultan den neuen Gouverneur (Prinz 
Georg von Grieciienland) nicht aufdrängen wollten. 

Im Monat Mai entspinnt sich eine lebhafte Diskussion über 
ein angeblich russiscii-österreichisches Abkommen, dessen 
Zustandekommen die „Frankfurter Zeitung" vom 16. Mai ge- 
meldet hatte. Graf Goluchowski nimmt beim Zusammentritt 
der Delegationen Anlaß, diese Mitteilung als eine plumpe Er- 
findung zu bezeichnen. In seinem Expose konstatierte der 
Minister, der Dreibund bestehe in seiner unerschütterlichen 
Festigkeit fort; das Bündnis sei nicht auf kurze Zeit geschlossen, 
sondern sei „ein festes Werk, welches die Basis unserer Politik 
bildet". 

Am 4. März lehnt das ungarische Abgeordnetenhaus den 
Antrag Franz Kossuths ab, das italienische Parlament anläßlich 
des Verfassungsjubiläums zu begrüßen, welcher Beschluß der 
irredentistischen Presse Italiens Anlaß bietet zu heftigen An- 
griffen gegen Oesterreich-Ungarn und den Dreibund. 

Die Ausweisung fremder Untertanen aus dem preußischen 
Staatsgebiete steht Ende November im österreichischen Reiciis- 

1) Siehe Arthur Singer „Bismarck in der Literatur" (2. Auflage) 
Seite 245 ff. 



Regesfen: 1898 127 

rate und im Dezember im Reidistag (bei der ersten Lesung des 
Etats) zur Diskussion. Im österreichischen Abgeordnetenhause 
erklärt Ministerpräsident Thun in Beantwortung der vom Jung" 
tschechen- und Poienklub gestellten Interpellationen, eine Ver- 
letzung völkerrechtlicher Grundsätze sei nicht erfolgt gleich- 
wohl habe das auswärtige Amt im Hinblick auf die preußische 
Fremdenpolitik interveniert „sollten sich die an die Zu- 
sicherungen des Berliner Kabinetts geknüpften Erwartungen 
nicht erfüllen, werden eventuell dem Grundsatz der Reziprozität 
entsprechende Maßregeln in Anwendung gebracht werden". Die 
Erklärungen Thuns werden von der reidisdeutschen Presse sehr 
abfällig beurteilt, so daß die österreichische Regierung es für 
notwendig erachtet, in der „Wiener Abendpost" eine offiziöse 
Erklärung abzugeben: „Dem Grafen Thun sei die Tendenz einer 
Unfreundlichkeit ferne gelegen, wie er selbst die Ausweisungen 
auf keine bundesfeindliche Absicht Deutschlands zurückgeführt 
hatte. Se. Exzellenz ist amtlich, wie auch persönlich ein eben- 
so überzeugter, wie treuer Anhänger nicht nur unseres Vertrags- 
verhältnisses, sondern auch der innigen Beziehungen zwischen 
den beiden Reichen, wie irgend einer der maßgebenden Faktoren 
der Monarchie". Im Reichstag erklärt Staatssekretär von Bülow: 
„Durch diese Ausweisungen werden unsere internationalen Be- 
ziehungen nicht alteriert Der Dreibund ist nicht er- 
schüttert worden, er gleicht einer Festung in Friedenszeiten, auf 
deren Glacis die Bäume mit jedem Jahre höher wachsen, was 
aber nicht hindert, daß im Falle des Krieges, den ich in diesem 
Augenblicke nicht voraussehe und nicht wünsche, die Festung 
in kürzester Zeit sturmfrei gemacht werden kann. Alle drei 
Staaten haben ihre innere Autonomie und Selbständigkeit und 
stehen nach außen fest zusammen. Der Dreibund beruht auf 
klaren und einfachen Interessen. Jeder der drei Teilnehmer hat 
das gleiche Interesse an seinem Fortbestehen, und da er weit 
entfernt ist von offensiven oder aggressiven Plänen, so kommt 
er am letzten Ende allen Völkern und der großen Sache des 
europäischen Friedens zugute. Ich kann aber bei dieser Ge- 
legenheit nicht ganz die Bemerkung unterdrücken, daß es sich 
im allgemeinen empfiehlt, über bestehende, erprobte und zur 
Befriedigung aller Partizipierenden funktionierende Bündnisse 
nicht zu viel zu diskutieren. Denn mit den Allianzen ist es 
ähnlich wie mit den Frauen. 3<^li6ßll^ sind doch diejenigen 
die besten, von denen man am wenigsten spricht". Ueber das 
Meritum der Sache, über die Ausweisungen selbst seien ver- 
trauliche Besprechungen im Zuge, die den „Charakter jener 
Intimität tragen, die unsere allgemeinen Beziehungen zu der 
österreichischen Regierung kennzeichnet". 



128 Regesten: 1898—1899 

Am 21. November wurde der Handelsvertrag zwischen Italien 
und Frankreidi erneuert ^ (die Initiative hatte Graf Canevaro, der 
Minister desAeußem im Kabinett Pelloux, ergriffen) ; authentischen 
Mitteilungen zufolge wurde die Absidit einen Handelsvertrag 
mit Frankreich abzuschließen, vorher sowohl nach U^en als auch 
nach Berlin mitgeteilte 



1899 

Madagaskar, Sudan, Samoa, Südafrika in keiner dieser 

Fragen ist der Dreibund als soldier engagiert. An der Friedens- 
konferenz im Haag nehmen die Dreibundstaaten mit dreiund* 
zwanzig anderen Ländern teil. Vom Gesiditspunkte der Drei- 
bundpolitik ist in diesem Jahr kein widitiges Ereignis zu ver- 
zeichnen. Eis seien nur die folgenden Aeusserungen registriert: 

Bei Verhandlung der Militärvorlagen im Deutsdien Reichs- 
tage (12. Januar) hielt Freiherr von Hertling (Zentrum) eine 
längere Rede, in welcher er sich auch mit Oesterreidi und 
Italien besdiäftigt: „Was Oesterreich betrifft, so kann man dem 
befreundeten Staate nur die lebhaftesten Sympathien aussprechen 
in der Hoffnung, daß es dem alten Kaiser gelingen möge, die 
inneren Wirren zu überwinden. Die finanziellen Schwierigkeiten 
Italiens sind nur die Folgen der dort bestehenden politischen 
und sozialen Schwierigkeiten, sowie der ungünstigen Wirtschaft- 
tichen Verhältnisse. Das ofßzielle Italien müßte sich vollständig 
von den revolutionären Elementen trennen, die dort eine große 
Rolle gespielt haben. Die konservativen Elemente müßten her- 
angezogen werden und namentlich müßte in irgend einer Weise 
eine Lösung der römisdien Frage gefunden werden". 

Das jungtschechische Mitglied des österreichischen Abge- 
ordnetenhauses, Kramarz, veröffentlicht im Februarheft der 



1) Der Kampf um den Vertrag hatte zehn Jahre gewährt. Italien hatte 
Ende 1886 den Vertrag vom 24. Mai 1882 gekündigt und es folgte eine ver« 
tragslose Periode, die zeitweilig zum Zollkriege führte. Der Vertrag vom 
21. November wurde im Februar 1899 ratifiziert. Siehe audi den Artikel 
„La France et Tltalie" von Ernest Lemonon im zweiten Hefte der Pariser 
Monatsschrift „La Revue Politique Internationale". 

^) Siehe Leopold Freiherr von Chlumecky „Oesterreidi-Ungarn und 
Italien" (Fußnote Seite 15). 



Regesten: 1899 129 

„Revue de Paris" einen Angriff gegen den Dreibund: „Oester- 
reich habe es seit der Entente mit Petersburg nidit mehr nötig, 
den obersten Lenker seiner Geschicke in der USener Deutschen 
Botschaft zu sehen: der Dreibund gleiche einem alten abge* 
spielten Luxusklaviere, man mag es nodi nicht in die Rumpel- 
kammer stellen, aber man spielt nicht mehr darauf". Der jung- 
tschechischen Agitation gegenüber vereinigen sich die deutsch- 
österreichischen Oppositionsparteien (mit Ausschluß der Deutsch- 
nationalen) in einem gemeinsamen Programme, dessen achter 
Punkt das „unverbrfidilidie Festhalten an dem Bündnis mit 
dem Deutschen Reidie" betont. 

Th^ophile Delcass^ (der im Juni 1898 im Kabinett Brisson 
das Portefeuille des Auswärtigen übernommen hatte) äußerte 
sich im Januar in der französischen Kammer dahin, daß sich 
in den verflossenen zehn Jahren in den Beziehungen Italiens 
zu Frankreich manches geändert habe K Der italienische Minister 
des Auswärtigen» Canevaro pflichtet dem in der Senatssitzung 
vom 10. Februar (Verhandlung des Handelsübereinkommens 
zwischen Italien und Frankreich) bei, erklärt jedoch, es müsse 
bemerkt werden, daß diese Harmonie niemals die Vermutung 
aufkommen ließ, daß Frankreich seinen Verpflichtungen gegen 
den Zweibund, oder Italien den seinigen gegen den Dreibund 
nidit nachgekommen wäre; es habe darin weder ein Aufgeben 
der bisherigen Politik gelegen, noch eine Umsdiau nach neuen 
Allianzen — eine derartige Annahme hieße der Loyalität der 
französisdien Regierung und der politisdien Ehrlichkeit des 
italienischen Kabinetts eine Beleidigung zufügen. 

Verstimmend wirkt in Italien der kroatische Vorstoß in 
Istrien. Die Errichtung kroatischer Schulen, sowie die Favori- 
sierung der Slovenen durch die österreichische Regierung wird 
mit irredentistischen Demonstrationen in Triest beantwortet 
Wohl aus dieser Stimmung heraus werden in der Kammer- 
sitzung vom 13. Dezember heftige Angriffe gegen Oesterreich 
und den Dreibund gerichtet. Der Deputierte De Martino, der 
in dieser Sitzung eine besonders scharfe Sprache führte, wird kurz 
nachher zum Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amte ernannt 



1) Der neue, am 21. November 1898 abgesdilossene Handelsvertrag 
(siehe 1898) hatte die Aera der italo-französisdien Freundsdiaft eröffnet. 
Dem Handelsvertrag folgte der Vorfrag betreffend die Eisenbahnlinie Nizza*- 
Coni. Und am 21. März 1899 konnte das Mittelmeer-Uebereinkommen 
unterzeichnet werden. Diese Konvention sidierte Italien gegen Anerken- 
nung der französischen Rechte auf Marokko ein Vorzugsrecht auf Tripolis 
(Demarkationslinie). Dieser Geheimvertrag wurde erst 1902 Deutschland und 
Oesterreich - Ungarn mitgeteilt (siehe Ridiieri: „La Tripolitania e ritalia'S 
Mailand 1902) und von Prinetti in der Kammersitzung vom 14. Dezember 
1902 der Kammer unterbreitet. (Siehe 1902). 

Singer, Geschichte des Dreibundes 9 



130 Regesten: 190a 

1900 

Zur feierlichen Mündigl^eifserkiärung des Kronprinzen trifft 
auch Kai$er-König Franz Josef in Berlin ein. Elf Jahre sind 
seit seinem letzten Besudie verflossen und Berlin bereitet 
dem greisen Habsburger einen enthusiastischen Empfang, der 
in der Presse beider Länder sein Edio findet. Nur Harden 
nimmt in der »Zukunft" einen Sonderstandpunkt ein; er schreibt, 
der Dreibund sei längst zum Phantom, zum Feiertagsspielzeug 
geworden; er bestehe noch, gewiß, nur versudie man nicht, ihn 
aus dem Bereich der dekorativen Politik zu blutiger Wehrtat zu 
rufen. 

Bei der Galatafel am 4. Mai wurden zwischen den beiden 
Monarchen äußerst herzlidie Trinksprüche gewediselL „Der 
jubelnde Empfang der Berliner am heutigen Tage", sagte Kaiser 
Wilhelm, „gilt zunächst Euer Majestät erhabener Person, als 
dem großen und weisen Herrscher. Aber Mein Volk sieht auch 
in Eurer Majestät den treuen Freund und Bundesgenossen 
Meines seligen Herrn Großvaters, Meines Herrn Vaters und 

Meiner selbst Zugleidi aber haben Ew. Majestät durch 

Ihren Besuch der Welt offenbart, wie fest und sicher der Bund 
besteht, den Ew. Majestät dereinst mit Meinem seligen Herrn 
Großvater und dem Herrscher des schönen südlichen Landes, 
Italien, abgeschlossen hatten. Wahrlich dieser Bund ist nicht 
nur eine Uebereinkunft der Gedanken der Fürsten, sondern je 
mehr und mehr er bestanden hat, hat er sich tief eingelebt in 
die Ueberzeugung der Völker; und wenn erst die Herzen der 
Völker zusammensdilagen, dann kann sie nichts mehr ausein- 
anderreißen. Gemeinsame Interessen, gemeinsame Gefühle, ge- 
meinsam getragenes Freud und Leid verbinden unsre Völker 
heute über zwanzig Jahre, und, obwohl oft verkannt und mit 
Hohn und Kritik übergössen, ist es den drei Völkern gelungen, 
bisher den Frieden zu bewahren und als ein Hort des Friedens 
in aller Welt angesehen zu werden. So beugt sich denn auch 
heute Mein Volk dem Weisen und Aelfesten dieses Bundes*. 
Aus der Antwort Franz Josefs des Ersten seien folgende Sätze 
zitiert: „Die unverbrüchliche Freundschaft, die Uns vereinigt 
bildet auch ein kostbares Gut Unserer Reiche und Völker. Er- 
weitert durch die Mithilfe Unseres verehrten Freundes und Ver- 
bündeten, Seiner Majestät des Königs von Italien bedeutet sie 
für Europa ein Bollwerk des Friedens. Um die Pflege dieses 
segensreichen Werkes, welches Ich mit Ihrem ruhmreldien Groß- 
vater zu begründen so glücklich war, haben Sich Ew. Majestät 
als mannhafter Hüter eines für alle Teile gleich kostbaren Erb- 
teiles unvergängliche Verdienste erworben". Gleichzeitig weilte 



Regesten: 1900 131 

auch der Herzog von Neapel in Berlin, wodurch Gelegenheit 
geboten wurde, einige schwebende Fragen speziell der Orient- 
politik zu erörtern. 

Dnen zweiten, aber traurigen Anlaß zur Betonung der 
Bundestreue bietet der Thronwechsel in Italien: am 28. Juli 
wird König Humbert in Monza durch den Anarchisten Angelo 
Bresci erschossen und Viktor Emanuel IIL besteigt den Thron« 
Ein herzlicher Depeschenwechsel zwischen Berlin, Wien und 
Rom betont den Fortbestand des Dreibundes. Kaiser Wilhelm 
telegraphiert aus Bremerhaven; „Möge die Freundschaft, welche 
Unsere Häuser und Völker während der Regierung Deines 
Vaters vereinigte, immer fortbestehen". Auch der vom Minister- 
präsidenten Saracco dem König Viktor Emanuel unterbreitete 
Bericht vom 14. November tritt für die unveränderte Beibehal- 
tung der Dreibundpolitik ein. 

Eine parlamentarische Diskussion dieser Politik findet in 
diesem Jahre nur in der österreichischen Delegation und im 
ungarischen Abgeordnetenhause statt. Am 12. Januar be- 
schäftigt sich die österreichische Delegation abermals mit der 
Ausweisung österreichischer Untertanen aus Deutschland ^ Go- 
luchowski anerkennt, auf die Angriffe der Jungtschechen ant- 
wortend, wohl einerseits das gute Recht der preußischen Be- 
hörden, konstatiert aber auch andererseits, daß infolge des 
Einschreitens der österreichisch - ungarischen Botschaft achtzehn 
Ausweisungen teils aufgehoben, teils suspendiert wurden. Die 
Jungtschechen setzen ihre Angriffe in der Maisession der Dele- 
gationen fort. Goluchowski hält am 28. Mai eine längere Rede, 
in welcher er bezüglich des Dreibundes Folgendes ausführt: 
„Der Dreibund ist, wie vor zwanzig Jahren, ein Friedensbund 
par excellence. Die Verständigung mit Rußland bezüglich des 
Balkans sei sehr erfreulich, ändere aber nichts am Wesen des 
Dreibundes. Sie sei nur eine Friedensgarantie mehr, sonst 
nichts. Der Dreibund sei keineswegs ein reparaturbedürftiges 
Klavier ^ Auch eine Bekräftigung des Dreibundes sei fiber- 
flüssig, und es sei nur nötig, den neuerlichen Ausstreuungen 
gegenüber festzustellen, daß an dem Dreibund sich gar nidits 
geändert hat. Die Berliner Kaiserbegegnung diente dem einen 
zur Beruhigung, dem anderen zur Belehrung. Auch Italien sei 
ein notwendiger Faktor des Dreibunds und stehe in hohem 



1) Eine ähnlidie Frage taudit im Sommer audi zwisdien Italien und 
Deutsdiland auf. Anfang Juni ersdieint eine von der reidisdeutsdien Presse 
lebhaft angefeindete niditamtlidie Bekanntmadiung des italienisdien Aus* 
wärtigen Amtes, in weldier italienisdie Landleute gewarnt werden, Anträge 
ostpreußisdier Grundbesitzer anzunehmen. 

^ Antwort auf den Artikel von Kramarz in der Revue de Paris, siehe 1899« 

9* 



132 Regesten: 1900 

Ansehen in Berlin und VAen, wo man überzeugt ist daß ge* 
gebenenfalls Italien seinen Verpflichtungen nachkommen wird 
Die Ausstreuung, der Dreibund sdiwäche Italien wirtschaftlidi, 
sei haltlos. Italien müßte, wenn es dem Dreibund nicht ange- 
hörte, einer anderen Kombination beitreten, weldie die gleidien 
Opfer für die Sicherheit im eigenen Lande erheisdien würdet 
Die Jungtschechen erneuern ihren Ansturm gegen den Drei- 
bund bei den Neuwahlen, zu denen die Deutsdinationalen in 
Böhmen einen Aufruf erlassen, in welchem ein „über das vöHier- 
reditliche Bündnis hinausreidiender Anschluß an das Deutsche 
Reich" gefordert wird. 

Im ungarisdien Abgeordnetenhause erwidert der Minister- 
präsident Koloman von Sz^ll auf die Angriffe des franzosen- 
freundlichen Führers einer Fraktion der Aeußersten Linken, 
Gabriel Ugron: „Innerhalb des Dreibundes besteht eine voll- 
ständige Parität in dem Sinne, daß jeder Bundesgenosse soviel 
Geltung besitzt als er Macht in die Wagschale wirft. Die 
Interessen Oesterreich-Ungarns und Deutschlands haben das 
Bündnis geknüpft, die Gefühle des Volkes haben ihn be- 
siegelt Ein Bruch der Tripelallianz würde ein verhängnis- 
voller Schritt sein. Auch in Deutschland ist man, und zwar mit 
Recht von der Bedeutung und dem Wert des Bündnisses durch- 
drungen. Wenn Ugron behauptet, daß Deutschland in wirt- 
schaftlicher Beziehung mit uns schlecht verfährt, muß allerdings 
zugegeben werden, daß die Lage sich nicht in völlig wünsdiens- 
werter Weise gestaltet. Deutschland pflegt seine Wirtschafts- 
politik von seiner allgemeinen Politik abzusondern, nidit bloß 
uns, sondern auch anderen Mächten gegenüber. Das ist be- 
dauerlich .... kann aber die große Bedeutung dieser Allianz 
nicht in Frage stellen^ 

Am 18. Oktober tritt Bülow an die Spitze der Reidisgesdiäfte» 
und alsbald beginnen in Rom, VAen und Berlin die Verhandlungen 
über die Erneuerung der Handelsverträge Italiens mit Deutsch- 
land und Oesterreidi-Ungarn. Die im Verlaufe dieser Verhand- 
lungen auftauchenden Schwierigkeiten steigern die dreibund- 
feindliche Agitation in Italien, die bereits im April mit dem 
Aufrollen der albanisdien Frage eingesetzt hatte. Die besonnenen 
Elemente warnen vor Uebertreibungen; der italienische Bot- 
schafter in Wien, Graf Nigra, nahm Gelegenheit in einer Unter- 
redung mit dem Wiener Korrespondenten der „Patria" darauf 
hinzuweisen, daß, sollte audi Oesterreich-Ungarn die Weinzoll- 
kiausel nidit erneuern, dies keinen Einfluß auf den Dreibund 
ausüben könne: Italien sei auf diese Allianz im höchsten Grade 
angewiesen, weil dieses Bündnis die einzige Gewähr für die 
Sicherung der Interessen Italiens im Mittelmeere biete und zwar 



Regesten: 1900 133 

in solchem Maße, wie es durch kein anderes Bündnis ersetzt 
werden könnte. Im April widerhallte ganz Italien von der 
Parole „Mare nostro", und die „Tribuna" schrieb: das adriatische 
Meer sollte eigentlich ein italienischer See sein. Die italienisdie 
Presse entdeckte plötzlich das Protektorat Oesterreidi-Ungarns 
über die katholisdie Kirdie in Albanien (die bis auf den Wiener 
Vertrag 1615 zurückreidit) und erblickt das größte Gravamen 
darin, daß Oesterreidi'Ungarn die Klöster in Albanien subven«- 
tioniert. Italien zeigte schon im Vorjahre ein lebhaftes Interesse 
für Albanien (die Pugliagesellsdiaft hatte eine ständige Dampfer- 
verbindung geschaffen, die 1901 mit wöchentlich zweimaligen 
Fahrten nach San Giovanni ausgestaltet wird) und dieses Interesse 
wird noch nadidrücklicher betont, als Guicciardini, der in al- 
banischen Fragen als Fadimann gilt, am 15. Dezember in einer 
Parlamentsrede die Wichtigkeit dieser Frage darlegt. Der 
spätere Minister des Auswärtigen protestierte gelegentlich der 
Verhandlung des Voransdilages des Auswärtigen Amtes gegen 
das Vordringen Oesterreich-Ungams in Albanien. Am 18. De- 
zember antwortet der Minister Wsconti-Venosta auf die Angriffe 
Guicciardinis: „Was Albanien betrifft, kann ich versichern, daß 
die österreichisdi-ungarische und die italienische Regierung bereits 
Gelegenheit gehabt haben, ihre beiderseitigen Interessen an der 
türkischen Küste des adriatischen Meeres zu erörtern und zu 
erkennen, daß diese Interessen ihren Schutz in der Berück- 
siditigung und Erhaltung des territorialen Statusquo haben*"; 
in. Oesterreich'Ungarn weckt diese Erklärung allgemeine Be- 
friedigung; das Wiener Auswärtige Amt läßt in einer offiziösen 
Note im Pester Lloyd (19. Dezember, Abendausgabe) konstatieren, 
daß diese Rede nicht ein Arrangement, sondern einen Akkord an- 
kündigt. Tatsache ist, daß zwischen den beiden Regierungen 
behufs Ergänzung des Monzaer Uebereinkommens ^ ein Noten- 
wedisel stattgefunden hat, der zu einem Einvernehmen führte, 
welches in der politischen Literatur als Albanisches Ueber- 
einkommen vom Jahre 1900 bezeichnet wird. Der Inhalt des 
Abkommens ist nicht bekannt, doch dürfte dieses nicht weit über 
die Feststellungen Visconti-Venostas hinausgehen. Trotz diesem 
„Akkord" kommt die Diskussion weder in der Publizistik noch 
in den Parlamenten zur Ruhe — sie ist auch in den folgenden 
Jahren die Quelle mandier Unstimmigkeiten zwischen Wien und 
Rom. 

Am 17. Dezember überbrachte General Graf Pälffy ab Erdöd 
dem König Viktor Emanuel III. ein Handschreiben Franz Josefs I., 
welches dem König dessen Ernennung zum Oberstinhaber des 



1) Siehe 1897. 



134 Regesfen: 1900-1901 

k u. k. Infanterieregiments Nr. 28 (dessen Oberstinhaber weiland 
König Humbert gewesen) zur Kenntnis bringt Gleichzeitig aber- 
reichte der österreichisdi-ungarische Botschafter in Berlin Herr 
von Szögyöny-Marich dem Deutschen Kaiser ein Handschreiben 
seines Monarchen, welches den Dank für die Uebermittlung des 
Interims-Feldmarschallstabes ausspricht 

Zum Schlüsse sei kurz auf die hervorragenden Ereignisse 
dieses Jahres auf dem Gebiete der Weltpolitik hingewiesen: 
der südafrikanische Krieg bindet die Kräfte Englands, und der 
Boxeraufstand, der in der Ermordung des Deutschen Gesandten 
von Ketteier kulminiert, findet die ganze zivilisierte Welt einig 
in der für diese Greueltat unternommenen Sühneexpedition. 



1901 

Der Deutsdie Kaiser widmet in der Thronrede bei Eröffnung 
des Reichstages am 4. Februar dem Dreibunde warme Worte: 
„Unverändert ist die Herzlichkeit welche das engere Verhältnis 
zu den Uns verbündeten Mächten kennzeichnet". Und am 15. 
April begrüßt Kaiser-König Franz Josef den Deutschen Kron- 
prinzen in der Wiener Hofburg mit den Worten : «Der Besuch 
wird die herzlichsten Beziehungen zwischen Unseren beiden 
Häusern wie Unsere politische Intimität neuerlich veransdiau' 
liehen". Die Thronrede, mit welcher die Delegationen Oester- 
reich-Ungams am 21. Mai eröffnet werden, paraphrasiert die 
Worte des Deutsdien Kaisers: „Mit Befriedigung kann ich auch 
diesmal auf unser unverändert herzlidies Verhältnis zu den mit 
Uns alliierten Reidien hinweisen". 

Tags darauf äußert sich der österreichisch - ungarische Mi- 
nister des Auswärtigen Graf Goludiowski über den Dreibund- 
„Die auswärtige Politik Oesterreidi'-Ungarns bewegt sich in dem 
sicheren Rahmen des engen Anschlusses an die Verbündeten 
nebst parallel laufender Pflege vertrauensvoller Beziehungen 
zu den übrigen Mächten, vor allem zu dem Nachbarstaate Ruß- 
land. Die Tendenz der verschiedenen Gerüdite zur Erschütte- 
rung des Glaubens an die Solidität des Dreibundes sind zu 
durchsichtig, um nicht gleich erkannt zu werden. Derlei Aus- 
streuungen würden kaum besondere Erwähnung verdienen, 
wenn nicht zu der bisherigen Arbeit wohl bekannter Elemente 



Regesten: 1901 135 

Bestrebungen anderer Kreise hinzuträten, welche die Frage 
politischer Allianzverhältnisse in direktem Konnex mit dem Ab- 
schluß von Handelsverträgen bringen möchten. Heute, wo die 
wirtschaftlichen Fragen täglich an Bedeutung gewinnen, ist die 
These kaum mehr verfechtbar, daß ein förmlicher wirtschaftlicher 
Kampf sich ganz gut mit diesen politisdien Beziehungen ver- 
trage. Es ist sicher, daß ein wirtschaftlicher modus vivendi im 
Interesse der Intimität dieser Beziehungen gesucht und gefunden 

werden muß Es hieße eher, weit Ober das Ziel schießen 

und einer bedenklichen Theorie Vorsdiub leisten, wollte man 
die höhere Ziele verfolgenden politischen Bündnisse von einer 
unbedingt zufriedenstellenden Gestaltung der handelspolitischen 
Fragen geradezu abhängig machen und dadurch die Erforder- 
nisse der Staatsraison den Rücksichten materieller Natur 
unterordnen .... Die Vorteile, welche die Dreibund-Kon- 
stellation bei ihrem eminent friedensfreundlichen Charakter und 
ihrer gleichmäßigen Verteilung der Rechte und Pflichten jedem 
der Kompaziszenten bietet, sind zu evident, um preisgegeben 
zu werden. Es wäre bedenklich, wenn durdi eine, auf keinen 
Widerstand stoßende, systematische Verhetzung und Verführung 
breiter Volksschichten Strömungen entständen, die durch ihr 
lockerndes und zerstörendes Wesen jenen rührigen Elementen 
nur willkommen sein könnten, denen die gegenwärtige Ge- 
staltung der Dinge in Europa aus wohlbekannten Gründen ein 
Dorn im Auge ist. Gegen derartige Anwürfe kann nidit ent- 
sdiieden genug durdi sachgemäße Aufklärung der öffentlidien 
Meinung reagiert werden, damit bei dieser die Erkenntnis ge- 
weckt werde, daß, so s^ehr kommerzielle Angelegenheiten die 
weitgehendste Berücksichtigung fordern und so sehr es von 
tunlidister Pflicht jeder Regierung ist, für dieselben nachdrück- 
lichst einzutreten, ein politisches Bündnis kein Gegenstand ist 
welcher ohne Gefährdung schwerwiegender Interessen, als ein 
einfaches Rekompensationsobjekt ausgespielt werden darf, schon 
darum nicht, weil Bündnisse nicht aus Gefälligkeitsrücksichten 
geschlossen werden, aber hauptsächlich deshalb, weil sie einem 
höheren Bedürfnisse entsprechen und in ihren sich gegen- 
seitig deckenden Interessen ihre Sicherstellung finden. UTie es 
verfehlt wäre, in derartige Kombinattonen einzugehen, weil sie 
Vorteile auf dem Gebiete der Handelspolitik sichern, ebenso 
unverantwortlich wäre es, dieselben zu verwerfen, weil sie nicht 
jene unbedingte Befriedigung bringen, welche vom wirtschaft- 
lichen Standpunkte angestrebt werden könnte". 

Bald darauf wird in den politischen Kreisen Oesterreich- 
Ungarns eine Mitte Juni in Paris erschienene Broschüre eines 
ehemaligen Sekretärs im österreichisch-ungarischen Auswärtigen 



136 Regesfen: 1901 

Amte, Rimler» lebhaft besprodien, in welcher behauptet wird» 
der ungarisdie Unabhängigkeitspolitiker Gabriel Ugron habe 
mit dem französischen Minister des Auswärtigen Delcassö Unter- 
handlungen gefiihrt die auf Gründung einer ungarisch * fran- 
zösischen Bank mit einem Kapital von 150 Millionen Franks 
abzielten. Dieses Fmanzinstitut sollte zur .Sprengung des Drei- 
bundes" beitragen und auch wirtschaftlich den Einfluß des deut- 
schen Kapitals in Oesterreich-Ungarn zurüdcdrängen. Delcassö 
habe die Sache einem Pariser Flnanzmann empfohlen, sie aber 
dann fallen lassen. Die Angelegenheit steht im ungarisdien 
Abgeordnetenhause am 28. Juni zur Diskussion. Gabriel Ugron 
erklärte, er habe nicht von Delcass^ Geld verlangt, er wollte 
nur mit französischem Kapital eine Bank in Ungarn gründen. 
Er halte es für patriotisdi, den ungarischen Interessen ent- 
sprechende Beziehungen mit Frankreich zu unterhalten, da 
Frankreich stets für die Unabhängigkeit der Nationen, so für 
die Nordamerikas und Italiens, eingetreten sei. Auch würde 
die Gründung einer franzosenfreundlichen Partei in Ungarn, das 
jetzt vor Deutschland im Staube liege, Ungarn davor bewahren, 
daß es von Deutschland bei jedem Anlasse, namentlich bei der 
Weh- und Getreideeinfuhr, in seinen Interessen verletzt werde. 
Die gegen ihn gerichteten Angriffe entsprängen nur persön- 
lichen Motiven, nicht dem Interesse für den Dreibund. Namens 
der Regierungspartei ergreift Edmund Gajäri das Wort, um 
„Ugrons Vorgehen als schwere Versündigung gegen die politische 
Moral" zu brandmarken. 

Im österreichischen Reidisrate ergreifen die slavischen Par- 
teien nach der Jim Deutschen Reichstage im Dezember abge- 
führten Polendebatte die Gelegenheit zu erneuerten Angriffen 
gegen den Dreibund, die der Ministerpräsident Körber energisch 
zurückweist 

In Italien hat sich zu Beginn des Jahres ein Kabinetts- 
wechsel vollzogen. Der neue Premier Zanardelli, der später 
seine Unterschrift unter die Dreibundverträge gesetzt hat 
äußerte sich am 25. März dem Berichterstatter der Pariser Aus- 
gabe des «Newyork Herald" gegenüber: „Was die Zukunft an- 
belangt wird Italien erst nach reiflicher Ueberlegung Verbind- 
lichkeiten eingehen. Das Interesse des Landes müsse allen 
anderen Erwägungen vorangehen. Das Ministerium werde sidi 
nicht bloß mit den Bündnisverträgen, sondern auch mit den 
Handelsverträgen zu befassen haben, denn man müsse wissen, 
welchen Einfluß die Handelsbeziehungen auf die politischen 
Beziehungen ausüben können. Die politischen Bündnisverträge 
Italiens gehen vor den Handelsverträgen zu Ende. U^r werden 
lange voraus wissen, woran wir uns bezüglich des einen oder 



Regesten: 1901 137 

anderen zu halten haben. Er für seine Person habe lebhafte 
Sympathien für Frankreich". 

Die «Extratour Italiens mit Frankreich" wirft ihre Sdiatten 
voraus. 

Im Juni wird in der Kammer eine interessante Debatte 
über das Budget des Ministeriums des Aeußeren geführt, die 
sich hauptsächlidi um Albanien dreht. Guicciardini leitet sie 
ein und bringt es fertig, in einem Atem den Dreibund zu loben 
nnd Oesterreich- Ungarns Treue zu verdächtigen. Italien könne 
nicht zugeben, daß Albanien die Beute einer Großmacht oder 
eines unter dem Schutze einer Großmadit stehenden Kleinstaates 
werde. Das katholische Kirchenregiment Oesterreich - Ungarns 
in Oberalbanien sei wahrhaft souverain und dieser Teil des 
Landes sei dadurch schon völlig der Donaumonarchie Untertan. 
Auch der Umstand, daß die Begs von Unteralbanien ihre Söhne 
ins Wiener Theresianum senden, sei für Italien eine Gefahr. 
Wir haben, sdiloß dieser Redner, ein Bizerta geduldet, aber 
wir könnten nicht zugeben, daß Durazzo ein zweites Bizerta 
werde. Ihm sekundiert der Radikale de Marinis (der spätere Unter- 
richtsminister, der den Hafen von Valona für Italien als Schlüssel 
zur Herrschaft an der Adria reklamiert, auch Guicciardini mißt 
diesem Hafen in seinen Briefen über Albanien ^ besondere Wichtig- 
keit bei). Luzzatü bespridit die Frage der Handelsverträge und 
erklärt sdiließlich, daß man sich dem gleichzeitigen Bestände 
der Tripelallianz und freundschaftlicher Beziehungen zwischen 
Italien und Frankreidi widmen müsse. Barzilai hält eine Brand- 
rede gegen den Dreibund. Der Berichterstatter Campi plädiert 
wohl für die Erneuerung des Dreibundes, jedoch nur auf Grund 
eines speziellen Uebereinkommens hinsiditlidi Albaniens und 
von Tripolis, und spricht von der Sympathie des Hauses für jene 
anderen Italiener, welche noch nicht mit dem Vaterlande ver- 
einigt sind. Am 14. Juni ergreift der Minister des Auswärtigen 
Prinetti * das Wort. Vor allem antwortet er Barzilai, der Prinetti 
daran erinnert hatte, daß er (Prinetti) 1891 eine scharfe Rede 
gegen den Dreibund gehalten: »Barzilai hat ohne Zweifel die 
kennzeichnenden Grundzüge unserer auswärtigen Politik von 
vor zehn Jahren vergessen, als der Dreibund mehr infolge 
individueller Tendenzen als kraft der in ihm enthaltenen Be- 
stimmungen in Italien Anklang gewonnen hatte, als Ereignisse 
eintraten, welche die Gefühle einer großen Nation verletzten 
und ihren Interessen schadeten, so die Lockerung unserer 

1) Deutsche Uebersetzung Seite 17. 

^ Vico Mantegazza beschuldigt in seinem Buche „L'AItra Sponda*' 
Prinetti und Zanardelli (letzterer hatte auch einige Deputationen aus Triest 
und Trient empfangen) die irredentistische Bewegung unterstützt zu haben. 



138 Regesten: 1901 

politischen Begehungen und der handelspolitische Krieg mit 
Frankreich, wie auch die Steigerung unserer militärischen Aus- 
gaben Ober unsere Kräfte hinaus. Seitdem hat sich aber dieser 
Stand der Dinge vollkommen geändert. Seit jenem Zeitpunkte 
hat der Dreibund stets mehr seinen friedlichen Charakter be- 
wiesen. Man hat gesehen, daß derselbe in Wirklichkeit keine 
Vermehrung der militärischen Ausgaben auferlegt, da diese Aus- 
gaben auf einen unseren Mitteln entsprechenden Umfang herab- 
gemindert werden konnten. An den Dreibund schlössen sich 
die Handelsverträge mit den verbündeten Mächten, und diese 
Verträge hatten die Wirkung, daß sie auch die politischen Be- 
ziehungen herzlidier gestalteten. In der Folge haben die Er- 
eignisse auch bewiesen, daß innige Beziehungen zu Frankreich 
mit dem Dreibund nidit unvereinbar sind. Es ist eben ein 
großer Untersdiied zwischen den gegenwärtigen Umständen 
und jenen, die vorhanden waren, als idi im Jahre 1891 meine 
Rede hielt. Man kann nicht verkennen, daß der Dreibund der 
italienischen Politik eine feste Grundlage gegeben, und wirksam 
Hilfe zur Aufrechthaltung des europäisdien Friedens geleistet 
hat". Er bekennt offen die Aktion der italienischen Regierung 
zur Steigerung des italienischen Einflusses in Albanien ein, ver- 
weist jedoch auf die Erklärungen Visconti - Venostas (1900) und 
erklärt: »Ich bin glüdclidi, heute dieselbe Erklärung abzugeben 
und sie mit vollem Bewußtsein und mit ruhigem Gewissen zur 
meinigen zu machen -. Scharf akzentuiert Prinetti das Einverneh- 
men mit Frankreich in der Kammerstzung vom 14. Dezember, in 
weldier er auf eine Anfrage des Deputierten Guicciardini er- 
klärt, die Verhandlungen mit der französischen Regierung hätten 
eine »vollständige Uebereinstimmung der beiderseitigen An- 
schauungen bezQgüch der Interessensphären" ergebend Diese 
Erklärung des Ministers wird in Frankreich mit großem Jubel 
aufgenommen. Der „Temps" schreibt, es gebe fürderhin kein 
mittelländisdies Meer, das Frankreidi von Italien trennt, und 
Aleide Ebray führt im „Journal des Döbats" aus, die Erklärung 
Prinettis bedeute die Begründung einer franko - italienischen 
Allianz. Diesen Ausführungen der französischen Presse gegen- 
über konstatiert „Popolo Romano", das bereits von Visconti- 
Venosta angebahnte Einvernehmen mit Frankreich sei nunmehr 
vollkommen, doch dürfe dies nicht so aufgefaßt werden, 
als ob dadurch der Dreibund alteriert werden könnte. Auch 
die Begegnung des Herzogs von Genua mU Loubet in Toulon 
(April) unter der Patronanz Delcass^s und die dabei verklunge- 
nen Reden werden In der deutschen Presse nicht zu tragisch 



1) Siehe 1899. 



Regesten: 1901— 19Q2 139 

aufgefaßt Wohl als Folge der Touloner Begegnung erklärte 
Barrdre beim Neujahrsempfange (1902) der in Rom ansfissigen 
Franzosen, daß die Verständigung Italiens mit Frankreidi be- 
züglich der Mittelmeer-Interessen lilckenlos sei^ 

Am 11. August stirbt Crispi. Die »Norddeutsdie Allgemeine 
Zeitung* widmet ihm einen warmen Nachruf: »Uns geziemt es, 
dankbar das Gedächtnis des Mannes zu ehren, der ein eifriger 
Förderer des mitteleuropäisdien Friedensbundes war". 

Als eines jedenfalls pikanten Details sei der Rede des 
französischen Deputierten Massabuan in der Kammersitzung 
vom 3. Dezember bei der Verhandlung des Heeresbudgets ge- 
dadit die einen Ansdiluß Frankreichs an den Dreibund, be- 
ziehungsweise an Deutschland und England befürwortete. »Eines 
ist gewiß", sdirieb damals der »Matin": „ein derartiges Wort 
ist seit 1870 zum erstenmale auf der Kammertribüne ausge- 
sprodien worden". 



1902 

Die vierte Erneuerung der Dreibundverträge. Als Tag der 
Unfertertigung wird der 28. Juni angenommen. Das Vertrags- 
Instrument trägt die Untersdiriften des Reichskanzlers von Bülow 
und der Botsdiaffer Szögy^ny-Marich (Oesterreich-Ungarn) und 
Graf Lanza (Italien). Uebereinstimmenden Meldungen zufolge 
sollen die Verträge in unverändeter Form erneuert worden sein. 
Bezüglidi der gleichzeitig abgeschlossenen Militärkonvention wird 
gemeldet, die Dreibundstaaten hätten sich in folgenden Be- 
stimmungen geeinigt: Italien hat bei einem Kriege zwischen 
Frankreich und Deutschland Truppen durch Tirol nach dem 
Rhein, bei einem Kriege zwischen Oesterreich und Rußland ein 
Armeekorps durch Ungarn an den Pruth zu senden, um in 
Beßarabien einzufallen, und zwar unter dem Oberbefehl König 
Karls von Rumänien; ähnlich sollen Truppen Oesterreich-Ungams, 
unter dem Befehle des Schwiegersohnes Franz Josefs des Ersten, 
Leopolds von Bayern, durdi Böhmen nadi Preußisch-Sdilesien 
marschieren^. Diese Version sei registriert, trotzdem sie in 

1) Die Erklärung Barr^res und die Aeußerungen Delcass6s desselben 
Inhalts Ojetti gegenüber werden wohl im Giomale d'Italia dementiert dodi 
hält sie Ojetti in einer Depesche an dieses Blatt vollinhaltlich aufredit 

3) Siehe Albert Wirths .Weltgeschichte der Gegenwart-, Seite 24. 



140 Regesten: 19Q2 

allen Teilen als sehr unwahrsdieinlidi erscheint; abgesehen von 
dem strategisch absolut nicht zutreffenden Inhalte ist es auch 
kaum anzunehmen, daß Vereinbarungen soldier Natur in die 
Oeffentlichkeit gelangen können. 

Vor der Erneuerung der Dreibundverträge wird das Ver- 
hältnis Italiens zu Frankreich lebhaft erörtert; durdi die Presse 
gehen Gerüchte Aber ein definitives Abkommen Italiens mit 
Frankreidi Aber Tripolis \ die später von autoritativer Seife be* 
stäfigt werden. Die ernste Presse Italiens nimmt nur zögernd 
zu diesen Fragen Stellung: »Popolo Romano" dementiert wohl 
den Austausch von Dokumenten zwisdien Italien und Frank- 
reich, gibt aber zu, daß ein «Gedankenaustausch* der Re- 
gierungen stattgefunden hat. Die »Tribuna" ist offener: sie 
warnt davor, daß die Freundschaft mit Frankreidi den Dreibund 
trfibe, ermahnt jedodi die verbfindeten Staaten, die legitimen 
Interessen Italiens mit voller Loyalität zu wahren, — — die 
großen Erfolge der französischen Politik sollten den Bundes- 
mächten eine Lehre sein. 

Ueber diese Erörterungen in der Presse spricht Reidis- 
kanzler Bfilow am 8. Januar im Reichstag: „Es hat immer 
Leute gegeben, die von Zeit zu Zeit sidi gedrungen ffihlten, 
den Dreibund tot zu sagen. Der Dreibund erfreut sich aber 
noch immer des besten Wohlseins, und ich denke und hoffe, es 
wird ihm so gehen, wie solchen Personen, die fälsdilidi tot- 
gesagt werden und nun erst recht lange leben. Ueber die Natur, 
die Art und das Wesen des Dreibundes bestehen ja vielfach nidit 
zutreffende Vorstellungen. Der Dreibund ist nicht eine Erwerbs- 
genossenschaft Er ist nicht offensiv, sondern er ist defensiv, 
er ist nicht aggressiv, sondern er ist im hohen Grade friedlich. 
Der Herr Graf Stolberg hat soeben gesagt, der Dreibund be- 
ruhe nicht auf einer künstlichen Kombination. Das ist voll- 
kommen riditig. Historisch gesprochen, stellt der Dreibund die 
Versöhnung dar zwisdien den nationalen Errungenschaften, die 
aus den Kämpfen der sechziger und siebziger Jahre hervor- 
gegangen sind und den Prinzipien der Stabilität, die nach Be- 
endigung der napoleonischen Stürme auf der Basis der Wiener 
Verträge Europa während eines halben Jahrhunderts den Frieden 
gesidiert haben. Der Dreibund verbindet die Vergangenheit mit 



^) Siehe 1899. Das Abkommen sicherte Italien für Tripolis definitiv 
die auf Grundlage der Konvention vom 21. März 1899 abgegrenzte Interessen- 
Sphäre, wogegen Italien sein D^sinteressement bezüglich Marokko inar- 
tikulierte. Hierüber äußerte sich am 5. Juli Delcass^ auf eine Anfrage des 
Deputierten Chastenet wobei er betonte: »que, en aucun cas et sous aucune 
forme, Fltalie ne pourrait devenir ni Tauxiliaire, ni Tinstrument d'une 
aggression contre notre pays*. 



Regesten: 19Q2 141 

der Gegenwarf und sidiert die Zukunft Der Dreibund schließt 
auch gute Beziehungen seiner Teilnehmer zu den anderen 
Mfichfen nidit aus. Idi halte es nidit fOr richtig, wenn in den 
letzten Tagen ein kleiner Teil, tlbrigens nur ein sehr kleiner 
Teil der deutsdien Presse anläßlidi der französisdi-italienisdien 
Abmadiungen eine gewisse Unruhe an den Tag gelegt hat. In 
einer gltlcklidien Ehe muß der Gatte auch nidit gleidi einen 
roten Kopf kriegen, wenn seine Frau einmal mit einem anderen 

eine unsdiuldige Extratour tanzt • Hauptsadie ist, daß sie 

ihm nicht durchgeht; sie wird ihm nicht durchgehen, wenn sie 
es bei ihm am Besten hat. Der Dreibund legt seinen Teil* 
nehmern keinerlei lästige Verpflichtungen auf; insbesondere wird 
durch den Dreibund in diesem Augenblicke, wie dies nadi den 
mir vorliegenden Ausschnitten schon einmal in der „Nord- 
deutsdien Allgemeinen Zeitung* hervorgehoben wurde, keiner 
der Teilnehmer am Dreibund verpflichtet, seine Land- und See- 
streitkräfte auf einer bestimmten Höhe zu halten. Ich möchte 
sogar annehmen, daß ohne den Dreibund dieser oder jener 
Teilnehmer am Dreibund in seiner Isolierung zu stärkeren 
militärischen Anstrengungen und zu größeren militärischen Auf- 
wendungen genötigt sein würde, als jetzt, wo er Mitglied einer 
starken Gruppe ist. Die französisch-italienischen Abmadiungen 
Ober gewisse Mitfelmeerfragen gehen audi nicht gegen den 
Dreibund. Sie liegen überhaupt nicht auf dem Dreibundgebiete*. 
Der Kanzler schließt: „Die Ziele der heutigen, der Weltpolitik 
erstredcen sich auf Objekte, die fem von Deutschlands Grenzen 
liegen. ' Ich nenne in dieser Beziehung beispielsweise die Nord- 
küste von Afrika, Persien, Osfasien. Wenn somit der Dreibund für 
uns nicht mehr eine absolute Notwendigkeit ist, so bleibt er doch 
im höchsten Grade wertvoll als stärkste Garantie für den Frieden 
und für den Statusquo, auch abgesehen davon, daß es ein 
überaus nützlidies Bindemittel ist zwischen Staaten, die durdi 
ihre geographische Lage und durch ihre geschichtlidie Tradition 
darauf angewiesen sind, gute Nachbarsdiaft zu halten". 

Der italienische Minister des Auswärtigen Prinetti entwickelt 
am 14. März und am 22. Mai in der Kammer sein Programm. 
Am 14. März erklärt Prinetti: „Idi kann der Kammer versidiem, 
daß die in meiner Erklärung vom 14. Dezember erwähnten, so 
glücklidi wieder hergestellten guten Beziehungen zu Frankreich 
die alte traditionelle Freundsdiaft zwisdien Italien und England 
in keiner Weise beeinträchtigen. Ich benutze sehr gerne die Ge- 
legenheit, um hinzuzufügen, daß die Beziehungen zwisdien 
England und Italien niemals herzlicher und inniger als jetzt 
sein könnten". Am 22. Mai beantwortet Prinetti eine Anfrage 
des Abgeordneten San Martino über die albanisdie Frage dahin : 



142 Regesten: 19Q2 

»Italien und Oesterreidi-Ungarn stimmen darin Qberein, in der 
Erhaltung des Statusquo die besten Garantien ihrer gegen- 
seitigen Interessen zu sehen. Die beiden Regierungen werden 
aber nicht aufhören, mit völliger UneigennQtzigkeit der natfir- 
liehen Entwiddung des albanisdien Volkes zuzusehen. Man 
habe vermutet die Erneuerung des Dreibundes könne den guten 
Beziehungen sdiaden, die in so glOcklidier Weise wieder mit 
Frankreidi hergestellt worden seien. Bölow und Goludiowski, 
sowie er (der Redner) hätten schon frOher erklärt, daß der 
Dreibund, der seinem Charakter nadi durchaus friedliche Ziele 
verfolge, weit davon entfernt sei, irgend eine der Vertragspar- 
teien zu hindern, sidi an einem Uebereinkommen mit dritten 
Mäditen zu beteiligen. Der Dreibund enthalte nichts Aggressives 
gegen Frankreich, nidits dessen Ruhe und Sidierheit Bedrohen- 
des und könne also keinerlei Hindernis für die Erhaltung und 
Weiterentw)d(lung der herzlichen Beziehungen zu Italiens lateini- 
sdiem Schwestervolke sein. Da man ferner behauptete, daß 
Sonderkonventionen und Zusatzprotokolle in den Dreibundvertrag 
eingefügt seien, welche den Geist der Dreibundpolitik änderten 
und einen aggressiven Charakter gegen Frankreich hätten, halte 
er sidi für verpfliditet, zu erklären, daß solche Protokolle und 

Konventionen nidit existieren " In den Augen des 

Ministers würde eine auswärtige Politik, weldie Erfolge sie 
audi erringe, weder als gesdiickt, noch als glücklich angesehen 
werden können, wenn sie nicht dem Lande auf wirtsdiaftlidiem 
Gebiete befriedigende Beziehungen sidierte. Die Zukunft werde 
beweisen, ob die von ihm befolgte Politik bei den künftigen 
Handelsvertragsverhandlungen für Italien vorteilhaft sei. Sidher 
werde ihn niemand davon überzeugen können, daß der beste 
Weg, zu guten Handelsverträgen mit Oesterreich und Deutsch- 
land zu gelangen, der wäre, die politischen Verträge nidit zu 
erneuem. „Keine Wolke trübt den politisdien Horizont. Heute 
ist das gemeinsame Programm der Mädite, auf friedlidiem 
Wege die Fragen zu lösen, die man sonst den Chancen eines 
Krieges überließ. Im vollem Elinvernehmen mit zwei anderen 
Miftelmeer-Großmächten ist Italien am besten in der Lage, in 
der Welt sein Werk der Beruhigung und Versöhnung zu ver- 
folgen". Am 15. Dezember äußerte sidi Prinetti wieder über 
die Frage der Handelsverträge, indem er der Hoffnung Ausdruck 
gab, daß die Verhandlungen einen günstigen Abschluß finden 
werden: die italienischen Vertreter brächten in diese Verhand- 
lungen den Geist hoher Billigkeit mit und den lebhaften Wunsdi 
zu schneller Entscheidung zu kommen. Italien findet auch 
tatsächlich volles Entgegenkommen sowohl bei Bülow (der in 
Venedig persönlich mit Prinetti verhandelt) als auch bei Golu- 



Regesten: 19Q2 143 

diowski, der trotz der Gegenwehr der Agrarier Oesterreidis und 
Ungarns Italien wertvolle Konzessionen ffir dessen Weine madit 

Am 28. August weilt der König von Italien in Berlin. Kaiser 
U^lhelm heißt bei der Galatafel seinen Gast willkommen als 
»treuen Bundesgenossen nach VWederemeuerung des Uns unter* 
einander und mit Unserem erhabenen Freunde, Sr. Majestät dem 
Kaiser und König Franz Josef verknöpfenden Bündnisses, welches 
in alter Kraft fortbesteht, in das Sein unserer Völker sich fest 
eingelebt hat nadidem es Jahrzehnte hindurdi Europa den 
Frieden gesichert und so Gott will, nodi ffir lange sichern wird*. 
Der König von Italien erwiederte: »Unsere Völker werden auf 
den Bahnen der Zivilisation fortschreiten, gesichert durdi dieses 
alte Bündnis zwischen Italien und den beiden Kaisermächten, 
in weldiem die allgemeine Anschauung jetzt ein Sinnbild des 
Friedens und dessen wirksamsten Schutz erkennt*. 

Am 26. Februar und am 18. März kommt es zu großen 
Skandalszenen im österreidiischen Abgeordnetenhause, in deren 
Mittelpunkt der Abgeordnete Schönerer steht. Ritter von 
Sdiönerer gab die Erklärung ab, seine Partei strebe ein bundes* 
reditliches Verhältnis mit Deutschland an und schloß seine Rede 
mit dem Rufe: „Hoch und Heil den Hohenzollern". Das Auf" 
treten der Deutschnationalen wird von den Wortführern der 
übrigen deutschen Parteien: Dersdiatta, Funke und Kathrein 
zurückgewiesen, aber auch in einer offiziösen Note der »Nord^ 
deutschen Allgemeinen Zeitung" entsdiieden verurteilt 

Der dem preußischen Landtage am 21. März zugegangene 
Gesetzentwurf über die Stärkung des Deutschtums in Posen und 
Westpreußen gibt den Polen und Tschechen Oesterreichs Anlaß 
zu erneuter Agitation gegen den Dreibund. Der Polenklub weist 
seine Mitglieder an, in der Delegation „auf die Befreiung Oester- 
reidis von der deutschen Oberherrschaft" hinzuwirken. Als dann 
der Deutsche Kaiser bei der Einweihung der Marienkirdie in 
Marienburg von „polnischem Uebermut" spricht wird die Ver- 
hetzung in Oesterreidi nodi schärfer, umsomehr als die All- 
deutschen den Kaiser aus Anlaß dieser Rede demonstrativ feiern. 
Am 27. Mai verlangt der Jungtschedie Kramarz, das Auswärtige 
Amt solle in Angelegenheit der Los-von-Rom-Bewegung inter- 
venieren, worauf Goluchowski die Erklärung abgibt die deutsdie 
Regierung sei außerordentlich korrekt vorgegangen und es liege 
kein Anlaß zu einer Intervention vor. Kramarz richtet auch am 
7. Mai in der Delegation lebhafte Angriffe gegen den Dreibund, 
während der Wortführer der Polen Kozlowski die Dreibund- 
politik billigt, trotz der „schikanösen Haltung der preußischen 
Regierung gegen die Polen". 

In derselben Sitzung äußert sich Graf Goluchowski über die 



144 Regesten: 19Q2 

bevorstehende Erneuerung des Dreibundes: „Auf der Grundlage 
sich gegenseitig deckender Interessen aufgebaut, jeder aggressi- 
ven Tendenz nadi was immer ffir einer Seite bar, wird somit 
der eminent konservative Bund der europäischen Zentralmädite 
auch weiter die hehren Friedensziele, denen er sein Entstehen 
verdankt, mit umso größerer Zuversicht verfolgen, als er nach 
den von berufener Seite wiederholt abgegebenen Erklärungen 
fiber die nicht minder friedfertigen Ziele des ihm gegenilber- 
stehenden Zweibundes in dieser Gruppierung eine hödist wert- 
volle Ergänzung und Förderung seiner eigenen Aufgaben wohl 
erblicken darf". 

Die Marienburger Rede des Deutschen Kaisers wird von 
den Jungtsdiedien am 10. Juni im österreichischen Abgeordneten- 
hause zum Gegenstand einer Anfrage an das Fhräsidium ge- 
macht, worauf Ministerpräsident Dr. Körber die Angriffe des 
Jungtsdiedien Klofac energisdi zurückweist. Interessant ist 
daß infolge einer Mystifikation die Prager Polizeidirektion am 
3. Juli einen Steckbrief gegen den Deutschen Kaiser publiziert 
Am 13. Juli findet bei Tannenberg eine große slavische Nationalfeier 
als Protest gegen die preußisdie Polenpolitik statt Bezüglidi 
der Wresdiener Affäre filhrt das \Anener „Fremdenblatt" in einer 
offiziösen Note aus, es sei neuerlidi der Beweis erbradit daß 
es bei der Innigkeit der Beziehungen zwisdien den beiderseiti- 
gen Regierungen keine Zwischenfälle geben könne, die eine 
Schwierigkeit bereiten wilrden. 

Am 6. Dezember äußert sidi der ungarisdie Ministerpräsident 
V. Sz^ll Aber die Handelsvertragsverhandlungen mit Deutschland 
und lehnt am 12. Dezember eine Aufforderung der Opposition 
ab, die Handelsverträge am 31. Dezember zu kündigen. 

Die albanische Frage wird trotz der Erklärungen Prinettis 
das ganze Jahr hindurch in der Presse Oesterreich - Ungarns 
und Italiens lebhaft erörtert. Der Puglia - Gesellsdiaft entsteht 
eine Konkurrenz, indem audi die Ungarisch-Kroatisdie Seesdiiff- 
fahrtsgesellschaft regelmäßige Fahrten an die albanische Küste 
veranstaltet In diesem Jahre publiziert audi A. di San Giuliano 
seine Briefe aus Albanien, vorerst in dem »Giornale dltalia* 
und dann in Budiform. Mit besonderem Interesse wird jener 
Brief aufgenommen, der in der Nummer vom 23. Juli des 
Giornale d'Italia ersdieint \ in welchem San Giuliano über seine 
Besuche in den Schulen Albaniens berichtet Er sdirieb über 
Fhrüfungen in den if alienisdien Kindergärten : „Idi verhehle nidit 
daß idi gerührt war, als idi bei den ersten ergreifenden Klängen 
des Königsmarsches sich jene fremden Kinder erheben sah und 



^) In der Buchausgabe der deutschen Uebersetzung, Seite ^. 



Regesfen: 19Q2--1903 145 

sie audi italienisch singen hörte: Viva I'Italia e V^va il Re". 
Giuliano hat auch dem Unterrichte in einer konfessionellen, von 
Oesteireidi'Ungam erhaltenen Schule beigewohnt: »Dort wird 
wohl die österreichisdie Kaiserhymne gesungen, aber in italie* 
nischer Sprache, was im entgegengesetzten Sinne als dem von 
Oesterreich beabsiditigten wirkt". 



1903 

Marokko, Mazedonien und Venezuela sind die Probleme 
dieses Jahres. Die Staatsoberhäupter verhandeln sie in per- 
sönlichen Zusammenkünften. Rußland und Oesterreidi* Ungarn 
haben auf einer Entrevue der beiden Monardien in Vüen, be- 
ziehungsweise Mürzsteg anfangs Oktober ein Reformprogramm ^ 
vereinbart: Die Sanierung der trostlosen Zustände der dirist- 
lidien Bevölkerung in der europäischen Türkei durdizusetzen. 
Oesterreidi-Ungam und Rußland sind in einer gemeinsamen 
Aktion geeinigt. König Eduard ersdieint in Rom und Paris. 
Der König und die Königin von Italien werden in der Haupt-^ 
Stadt Frankreichs enthusiastisch gefeiert. Aber die Dreibund«- 
monarchen betonen bei ihren Zusammenkünften in besonders 
feierlicher Weise die Bundestreue. Zurückschauend gibt der 
Deutsdie Kaiser in seiner Thronrede am 3. Dezember seiner 
Freude Ausdruck, »mit seinen hohen Verbündeten in Vüen und 
Rom und mit dem befreundeten Herrsdier des russisdien Reiches 
in persönlidien Gedankenaustausdi" getreten zu sein. 

Besonders glänzend waren die Festtage in Rom. VWlhelm II. 
ist, seitdein er die Kaiserkrone trägt, zum dritten Male in Rom, 
diesmal begleitet von seinen ältesten Söhnen. Beim Galadiner 
am 3. Mai werden herzliche Trinksprüdie gewediselt. Der 
König von Italien nennt die Zusammenkunft ein »Unterpfand* 
inniger Freundschaft: „Sdion seit drei Generationen ein festes 
Band zwischen Unseren Häusern, Unseren Armeen und Unseren 
Völkern*. Der Deutsdie Kaiser sagte in seiner Antwort: „Idi 
sehe darin (in dem herzlidien Empfange) die Bestätigung da* 



^) ^Das Reformprogramm brachte keine Lösung des Orientproblems, 
sondern nur eine Vertagung der offenen F^age durch die Erhaltung des Status- 
quo- (Richard Charmatz: »Deutschösterreichiche Politik" 1907, Seite 366). 

Singer, Gesdüditc des Dreibundes 10 



146 Regesten: 1903 

für, daß das italienische Volk mit voller Sympathie das Bündnis 
zwischen Unseren beiden Häusern und Unseren beiden Nationen 
schätzt und dessen unveränderten Fortbestand wünscht". Tags 
darauf weist Präsident Biandieri in einer Ansprache an die 
Kammer auf diesen »Austausch herzlicher Gefühle zwischen 
König Viktor Emanuel und Kaiser Wilhelm" hin und spridit von 
der „Zuneigung und Freundschaft welche die italienisdie Nation 
mit der deutschen verbinden". Von den Blätterstimmen über 
die Entrevue sei ein Artikel des „Berliner Tageblatts" hervor- 
gehoben: „Die feste Betonung des Bündnisses aus dem Munde 
beider Monarchen dürfte wie Mehltau auf die Hoffnungen vieler 
ausländischer Politiker fallen, die aus der Tatsache anderer Be- 
gegnungen mit Staatsoberhäuptern, welche König VTiktor Emanuel 
gehabt hat oder noch haben wird, sich zu der Schlußfolgerung 
bereditigt glaubten, daß der Dreibund zu einer inhaltslosen 
Phrase herabgesunken sei. Von Bedeutung ist auch die Er- 
klärung des Deutschen Kaisers, daß das Bündnis ,unveränderf 
gepflegt wird". Die Tatsache, daß der Deutsche Kaiser in sehr 
offensichtlichem Unterschiede von dem König von England das 
Zeremoniell seines Empfanges dem Willen des Vatikans ak- 
komodierte, die demonstrative Ehrerbietung des Kaisers gegen- 
über dem Papste wird von der französischen Presse zu 
Treibereien zwischen Italien und Deutschland benützt. Gegen 
eine Depesche der „Agence Havas", welche besagt, die Art des 
Kaiserbesuches beim Papst habe in dem offiziellen Italien 
einen peinlidien Eindruck gemacht, nimmt die „Norddeutsche 
Allgemeine Zeitung" Stellung, indem sie dieser Nachricht jede 
Grundlage abspricht: „Sollte mit dieser Ausstreuung die Absicht 
verbunden sein, in Italien gegen Deutschland Stimmung zu 
machen, so dürfte der Versuch sein Ziel völlig verfehlen: tat- 
sächlidi konnten die äußeren Formen des Besuches Seiner 
Majestät beim Papst in Rom nur den gerade entgegengesetzten 
Eindruck erwecken, wie ihn die „Agence Havas" charakterisiert, 
da durch die Einhaltung feierlicher Formen bei der Fahrt nach 
dem Vatikan vor den Augen der Welt bezeugt wurde, wie wenig 
der Papst in dem Genuß der ihm zustehenden Rechte eines 
Souverains bedrückt ist". Verstimmend wirkte in Wien, daß in 
diesen Festtagen Oesterreich-Ungarns nicht gedacht wurde. 

Außerordentlich herzlich waren die Trinksprüche, die am 
18. September in der Wiener Hofburg gewechselt wurden. Kaiser- 
König Franz Josef begrüßt seinen Gast als „treuen Freund und 
Verbündeten" und spricht von dem „Gefühl warmer Erkennt- 
lichkeit, die das schon so feste Gefüge unserer gegenseitigen 
Beziehungen gewiß mit neuer erhöhter Kraft ausstatten wird". 
Der Deutsche Kaiser sagt in seiner Antwort: „Der Anblick Euer 



Regesten: 19Q3 147 

Majestät stolzer Regimenter war Mir eine Herzensfreunde, denn 
den Bund Unserer Länder tragen und festigen Unsere beiden 
Heere zum Wohle des Friedens in Europa". 

Am 19. März hielt Reidiskanzler Graf Bülow aus Anlaß der 
Beratungen des Etats des Auswärtigen Amtes eine längere Rede, 
in welcher er sich eingehend über den Dreibund äußerte. Der 
Hauptzweck seiner Ausführungen schien zu sein, die Aeußerung 
(die er im Januar 1902 getan ^ und auf welche sich der Vor- 
redner, der Zenfrumsführer Freiherr vonHertling bezogen), daß 
der Dreibund keine absolute Notwendigkeit sei, abzusdi wachen. 
Diese Aeußerung habe nur den diplomatischen Zweck gehabt, 
Deutschlands Stellung in den Verhandlungen über die Er- 
neuerung des Dreibundes zu verbessern, und zwar gegenüber 
denjenigen Elementen, die behauptet hatten, für Deutschland 
sei die Erneuerung des Dreibundes nötiger als für andere. 
Graf Bülow sagte: „daß die Erneuerung des Dreibundes recht- 
zeitig erfolgte, ist ein Beweis dafür, daß der Dreibund nicht 
auf zufälligen, vorübergehenden oder künstlichen politischen 
Konstellationen, sondern auf dauernden, in der Natur der Ver- 
hältnisse begründeten, bei allen drei Mächten gleichmäßig vor- 
handenen Interessen und Bedürfnissen beruht. Der Dreibund 
legt uns in der inneren und äußern Entwicklung keine anderen 
Sdiranken auf als die, welche durdi die Aufrecfaterhaltung des 
Statusquo und somit des Friedens geboten sind. Er unter- 
scheidet sich dadurdi von einer längeren Reihe früherer Allianzen, 
inbesondere von der Heiligen Allianz, die daran scheiterte, daß 
sie sich in die innere Entwicklung der Reiche einmischen wollte. 
Die Erneuerung kam nicht anstandslos und nicht ohne Sdiwierig- 
keiten zustande. In Oesterreich - Ungarn wie in Italien gibt es 
Gegner des Bundes; meist sind es auch Gegner der verfassungs- 
mäßigen Institutionen jener Reiche. Sie wurden unterstützt durch 
dreibundfeindliche Strömungen außerhalb der Dreibundstaaten. 
Demgegenüber wurde bei der Erneuerung des Bundes an dem 
defensiven Charakter desselben festgehalten ohne Eünscfaränkung 
und Abschwächung. Wir halten an dem Bunde mit deutscher 
Treue fest, haben aber auch alle möglichen Garantien, daß die 
verbündeten Mächte treu zu uns stehen. Der Dreibund hat 
nichts mit zoll- und handelspolitisdien Fragen zu tun. Die Er- 
neuerung wurde auch nicht erkauft mit zollpolitischen Zugeständ- 
nissen". Schließlich erwähnte Graf Bülow die Aeußerung, die 
Delcass^ im französischen Parlament getan, daß Italien sich 
nie an einer offensiven Aktion gegen Frankreich beteiligen 
werde. Der Reichskanzler konnte demgegenüber auch nur den 



1) Siehe 1902. 

10^ 



148 Regesfen: 1903 

defensiven Charakter des Dreibundes betonen, aber er wies 
ausdrucklidi darauf hin, daß bei der Erneuerung alle Bilndnis- 
fälle wie bisher aufredit erhalten worden sind und er ließ 
durdiblicken, daß auch Italien im Falle eines französischen An- 
griffes verpflichtet ist, Deutsdiland Hilfe zu leisten. Graf Bfilow 
ergriff in derselben Sitzung nodi ein zweitesmal das Wort, ver- 
anlaßt durch den Ausfall, den der alldeutsdie Professor Hasse 
aus Anlaß der Verurteilung deutscher Journalisten in Ungarn 
gegen den »magyarischen Chauvinismus" gemacht hatte, wobei 
dieser Redner audi die Bereditigung der Auffassung bestritt, 
Ungarn sei die Hauptstütze des Dreibundes. Graf BOlow wies 
die Angriffe zurück, drückte sein Bedauern aus über die Art 
und Weise, wie Hasse sidi über einen Staat und ein Volk aus- 
gesprochen habe, das Deutschland seit Jahren ein zuverlässiger 
Verbündeter sei. Zum Beweise, daß die Deutsche Regierung, 
indem sie es sich zum Grundsatze macht, auf die innerpolitisdie 
Stellung der Deutsdien, welche Angehörige ausländischer Staaten 
sind, in keiner Weise einzuwirken, die Politik des Fürsten Bis- 
marck fortsetzt, bradite Graf Bülow einige Aktenstücke aus der 
Amtszeit des ersten Kanzlers zur Verlesung: einen Beridit des 
Deutschen Generalkonsuls in Budapest vom 22. Februar 1883» 
den darauf bezüglichen Erlaß des Fürsten Bismard( vom 2. März 
desselben Jahres, und schließlidi einen Erlaß Bismard(s an den 
damaligen Botsdiafter in Vüen die sidi alle darauf be- 
ziehen, daß sidi Deutsdiland in die inneren Angelegenheiten 
Ungarns nicht einmischen, daß die deutsche Politik für die 
Deutschen in Ungarn ebensowenig eintreten könne, wie für die 
Deutsdien in den Ostseeprovinzen, weil Deutsdiland auf die 
Stärkung der Einheitlidikeit des ungarisdien Staates einen so 
großen politischen Wert lege, daß „Gemütsbedürtnisse" dagegen 
zurücktreten müssen. 

Gegen diese Rede Bülows wendet sich eine Interpellation 
der alldeutschen Abgeordneten Schönerer und Genossen im 
österreichischen Abgeordnetenhause (3. April): „Ist der Minister- 
präsident geneigt den gemeinsamen Minister des Aeußem dar* 
auf aufmerksam zu madien, daß die Deutsdien in Oesterreich 
ihre Sympathie und ihre Stütze dem Bündnisse mit dem 
Deutsdien Reiche mehr und mehr entziehen müßten, falls 
seitens der Regierung des Deutschen Reiches keinerlei Ver- 
ständnis und Teilnahme für die nationalen Interessen der 
Deutsdien in Oesterreidi - Ungarn entgegengebradit werden 
würde ?* 

Zwischen Italien und Oesterreidi wirkt die in diesem Jahre 
akut werdende Frage der Innsbrucker Universität verstimmend. 
Am 10. Mai erscheint ein Erlaß des Unterrichtsministers, laut 



Regesfen: 1903 149 

dessen die Innsbrucker Universität als deutsdie Hochschule erhal- 
ten bleiben soll. Den Tumulten an der Innsbrucker Universität 
folgen antiösterreichisdie Demonstrationen in Rom. Auch in 
anderen Städten Italiens finden Kundgebungen statt, so daß 
Militär einschreiten muß. In Rom wird am 2. Juni der kleine 
Belagerungszustand verkündet, dodi wird die Regierung bald 
Herr in dieser Bewegung. Am 15. Dezember (das Kabinett Giolitti 
hatte sidi am 2. November 1903 konstituiert) verhandelt die 
Kammer den Etat des Auswärtigen Amtes, bei weldier Gelegen- 
heit der neue Minister des Aeußeren Tommaso Tittoni seine 
Antrittsrede hält, die in Hinsidit der Stellung Italiens im Drei- 
bunde und der daraus entspringenden Konsequenzen an bün- 
diger und klarer Entschiedenheit nichts zu wünschen übrig ließ. 
In der Kammer hatte man eine so offene Spradie über die 
irredentistischen Umtriebe aus dem Munde eines Ministers seit 
Jahren nidit gehört. Der Minister lehnt es ab, in der Frage der 
Innsbrucker Universität zu intervenieren und erklärt, die Bande, 
welche Oesterreidi- Ungarn und Italien auf Grund des Bünd- 
nisses verbinden, müssen ebenso eng geknüpft sein, wie die- 
jenigen, welche Deutschland und Italien verbinden. Italien werde 
dem Dreibunde treu bleiben, welcher eine mäditige Garantie 
des Friedens ist, und der kein Hindernis für die traditionelle 
Freundschaft mit England, noch für die glücklidierweise er- 
neuerte Freundsdiaft mit Frankreich gebildet hat. 

Am 16. Dezember trug Graf Goluchowski dem ungarischen 
Delegationsaussdiusse das Expose über die auswärtige Lage 
vor, das zum größten Teile den Balkanfragen gewidmet ist. In 
der Elinleitung des Exposes wird der Erneuerung des Drei- 
bundes gedacht, den Goluchowski als die »Basis unserer Friedens- 
politik" bezeichnet. Der Minister weist auf die „Bewegungs- 
freiheit" aller Teile hin, die ihnen gestattet, die Wahrnehmung 
und Vertretung ihrer spezifischen Interessen sdion aus dem 
Grunde mit größerem Nadidrucke zu verfolgen, da das zwischen 
ihnen bestehende enge Verhältnis eine gegenseitige Stütze schafft, 
die an und für sich den einsdilägigen Aktionen einen mächtigen 
Rückhalt zu leihen geeignet ist Im weiteren Verlauf seiner 
Rede spricht der Minister über die irredentistisdien Mani- 
festationen, anerkennt jedodi die »korrekten Bemühungen der 
italienischen Regierung, den fraglichen Verirrungen Einhalt zu 
gebieten"; diese Bemühungen würden wohl am ehesten bei- 
tragen, die erwünschte Ernüchterung bald herbeizuführen und 
die »guten Beziehungen, die uns ebenso wie dem Nachbar- 
königreiche am Herzen liegen müssen, vor ernsteren Trübungen 
zu bewahren". 



150 Regesfen: 1904 

1904 

Die Probleme und Konflikte dieses Jahres liegen weit ab- 
seits von der Interessensphäre des Dreibundes: der russisdi- 
japanisdie Krieg mit dem Zwisdienfall der Besdiießung eng- 
lischer Fischerboote durch die russisdie Flotte, Tibet, die 
Marokkofrage, die England an der Seite Frankreichs findet der 
Herero-Aufstand binden die diplomatischen und militärischen 
Kräfte Europas in fernen Ländern. Nur die Unruhen in Maze- 
donien, die albanische Frage und mit dieser der ganze Kom- 
plex der Balkanfragen schiebt sich zwischen die beiden Drei- 
bundmächte Oesterreich - Ungarn und Italien, doch werden die 
auftaudienden Streitfragen durch Vermittlung des Dritten im 
Bunde in persönlichen Aussprachen der leitenden Minister der 
beiden interessierten Staaten erledigte Nach dem Besuche 
des Deutschen Kaisers in Neapel und einer Begegnung 
Bälows mit Tittoni findet eine Zusammenkunft Goluchowskis 
mit Tittoni in Abbazia statt, bei weldier ein Uebereinkommen 
aber die Balkanpolitik hergestellt wird, welches auch durch die 
Ausbrüdie nationalen Hasses anläßlidi der Innsbrucker Vorgänge 
nidit gestört wird. Ueber die Begegnung mit Goluchowski 
äußert sich Tittoni am 14. Mai in der Deputiertenkammer: „Ich 
bin von meinem Besuche beim Grafen Goluchowski sehr be- 
friedigt, denn da wir beide mit größtem Freimut sprachen, fiel 
es uns nicht schwer, uns zu verständigen; wir trennten uns mit 
dem Gefühle gegenseitigen Vertrauens, das seinen gunstigen 
Einfluß auf die Beziehungen beider Staaten nicht verfehlen 
wird". Allen übereinstimmenden Meldungen zufolge umfaßte 
das Abbazianer Uebereinkommen, das audi sdiriftlich stipuliert 
wurde, den gesamten Komplex der Balkanfragen. Tittoni be- 
handelte in seiner bereits angezogenen Rede sowohl die maze- 
donische als auch die albanische Frage, spricht von einem 
„Spezialabkommen gegenseitiger Niditeinmischung" und kon- 
statiert: „Unser uninteressiertes Verhalten ist im Orient mit 
Vertrauen von der Türkei und gleichzeitig mit Sympathie von 
den Balkanstaaten gewürdigt worden". Der Passus dieser Rede 
über Albanien lautet: „Albanien selbst hat keine große Wichtig- 

^) Bezüglidi Mazedoniens ergriff Oesterreidi-Ungarn selbst die Initia* 
tive fzur Ernennung eines Italienisdien Generals für die Oberleitung der 
Gendarmerie. (Siehe die Beridite des Herzogs von Avarna nach Rom im 
italienisdien Grünbudi über Mazedonien). Audi in der Frage des Finanz*^ 
reformprojektes taudien Differenzen auf (hinter Italien stand England). Am 
9. August ging eine Note Oesterreidi-Ungarns an die italienisdie Re«- 
gierung über Zwistigkeiten der österreidiisdi-ungarisdien und der russi" 
sehen Zivilagenten einerseits und des Gendarmeriekommandanten Generals 
De Giorgis anderseits. 



Regesten: 1904 151 

keit, seine besondere Bedeutung liegt in seinen Häfen und 
Küsten, deren Besitz für Oesterreidi oder Italien gleichbe- 
deutend mit der unbestrittenen Vorherrschaft im Adriatischen 
Meere ist. Die kann aber weder Italien Oesterreidi zuge- 
stehen, noch Oesterreich Italien, und wenn das eine danach 
streben sollte, müßte sich das andere diesem Vorhaben mit 
allen Mitteln widersetzen. Da die beiden Staaten den Frieden 
vorziehen und ernstlich das Bündnis aufrecht zu erhalten wün- 
schen, so haben sie auf jedwede Besetzung Albaniens im Falle 
der Störung des Statusquo verzichtet. Wie Graf Goluchowski 
treffend zu mir sagte, muß Albanien, wenn Oesterreich und 
Italien in Frieden leben wollen, für beide ein noli me tangere 
bleiben. Dies als Grundlage, sind auf dem Balkan weder un- 
vorhergesehene Besetzungen noch Ueberraschungen zu fürch- 
ten". Der Minister betonte auch, die Beziehungen zu Oester- 
reich-Ungarn seien sehr herzlich und von dem größten gegen- 
seitigen Vertrauen getragen — es herrsche eine vollkommene 
üebereinstimmung der Wünsche betreffend die beiderseitigen 
Interessen in der Balkanpolitik. Der Dreibund sei durchaus 
friedlich, besitze keinen Offensiv-Charakter und verfolge ledig- 
lich den Zwedk der Verteidigung gegen den, der den Frieden 
stören wollte. 

Ueber die Begegnung in Abbazia und die Rede Tittonis 
äußert sich auch die Presse beider Länder sehr befriedigt. 
„Mattino" betont, die* Zusammenkunft in Abbazia am Vorabend 
des Besuches des Präsidenten Loubet in Rom dokumentiere in 
feierlicher Weise die Lebenskraft des Dreibundes. 

Die Zusammenkunft des Deutschen Kaisers und des Königs 
Viktor Emanuel im Golf von Neapel am 26. März wird von der 
Dreibundpresse als ein Fest des Dreibundes gefeiert ^ Bei dem 
Dejeuner, welches an Bord der „Hohenzollern" stattfand, brachte 
König Viktor Emanuel einen Toaist in italienischer Sprache aus, 
in welchem er den Kaiser als seinen treuen und zuverlässigen 
Freund begrüßt: „Die Bande, die unsere Staaten seit so langen 
Jahren in so glücklicher Weise untereinander und mit den ge- 
meinsamen Bundesgenossen verbinden, waren bisher die stärkste 
Bürgschaft für den Frieden Europas. Mögen diese Bande 
immer so bleiben, stets getragen von unserem Vertrauen in 
das Bündnis und von dem Gefühle unserer Völker, welche schon 
in der Vergangenheit durch die Aehnlichkeit ihrer politischen 
und nationalen Geschicke einander nähergebracht, nunmehr 
einig sind, in dem gemeinsamen Streben nach einem friedlichen 
Fortschritt in der Zukunft". Kaiser Wilhelm erwiderte in deut- 

1) Die „Italie" sagt, die aus diesem Anlaß gewechselten Trinksprüche 
bezeichnen die „triumphierende Wiedergeburt des Dreibundes". 



152 Regesten: 1904 

scher Sprache: „Der Begriff des Dreibundes ist unauslöschlich 
eingeprägt in die Seele unserer Untertanen. Das Bündnis, 
weldies von Unseren erlauchten Vorgängern und dem allver- 
ehrten Haupte des habsburgisdien Hauses geschlossen wurde, 
ist unseren Völkern eine Segnung, ganz Europa aber ein Unter- 
pfand des Friedens geworden, unter dessen Schutze die fried- 
liche Entwiddung der Völker ohne Unterbrediung fortdauern 
wird. Den getroffenen Abmachungen stets in Treue ergeben, 
bitte Idi Eure Majestät, Mir zu gestatten, Mein Glas zu er- 
heben " Am selben Tage beantragt Santini in der 

Kammer, ein Begrußungstelegramm an Kaiser Wilhelm abzu- 
senden, welchen Anfrag Präsident Biancheri damit ergänzt die 
Kammer möge ihre Freude über den in den beiden Monarchen 
verkörperten Bund zum Ausdruck bringen. Der Anfrag gelangt 
mit Sfimmeneinheit zur Annahme. 

Das Expose, welches Graf Goludiowski vor Weihnachten 
des verflossenen Jahres gegeben, gelangt am 12. Januar im 
Budgetaussdiuß der österreichischen Delegation zur Diskussion. 
Der Jungtsdieche Dr. Kramarz nennt die Dreibundpolitik 
diplomatische Archäologie, wogegen Graf Goludiowski erklärt, 
»diese Konstellation sei nidit nur bisher die Basis unserer 
Politik gewesen, sondern werde es nodi lange Zeit bleiben". 

Da die Delegationen in diesem Jahre nodi einmal tagen, er- 
stattet Graf Goluchowski in der Sitzung des österreidiischen 
Budgetaussdiusses vom 16. Mai wieder einen Beridit über die 
auswärtige Lage, in welcher er der Delegation über seine 
jüngste Begegnung mit Tittoni referiert: „Die bedauerlichen Er- 
scheinungen in Italien \ die ihren Ursprung im wüsten Treiben 
gewisser Gelegenheitspolitiker und fanatischer Agitatoren hatten, 
dürften wohl heute bei der besonnenen, energisdien und streng 
bundesfreundlichen Haltung der gegenwärtigen königlichen Re- 
gierung als der Vergangenheit angehörend betrachtet werden, 
und meine jüngste Begegnung in Abbazia mit dem Herrn 
ifalienisdien Minister des Aeußern konnte mich nur in der Er- 
kenntnis bestärken, daß die Pflege inniger und vertrauensvoller 
Beziehungen zwischen uns und dem Nadibarreiche in den maß- 
gebenden politischen Kreisen Roms nicht minder hodi bewertet 
wird, als wie in unserer Mitte, da man sich dort ebensowenig 
wie bei uns der Einsicht versdiließt, daß diesem Verhältnisse 



^) Es handelt sich nodi immer um die Innsbrucker Universitätsfrage, 
die übrigens im November anläßlidi der Eröffnung der italienisdien Rechts- 
fakultät wieder das Signal zu Demonstrationen gibt. Am 18. November 
werden 58 verhaftete italienisdie Studenten abgesdioben. Die Angelegen- 
heit kommt audi im österreidiisdien Reidisrate zur Spradie, wobei Minister- 
präsident Körber warme Worte ffir den nationalen Frieden findet. 



Regesten: 1904^-1905 153 

der Stempel loyalster Gegenseitigkeif bewahrt werden muß, 
soll dasselbe stets seiner hehren Aufgabe gewadisen sein. 
Meine Aussprache mit Sr. Exzellenz Herrn Tittoni bewegte sidi 
im Rahmen jener konservativen Grundsätze, weldie unsere 
Politik fortdauernd beherrsdien und die sich audi Italien, 
speziell hinsiditlidi der Balkanfragen, zu eigen gemadit hat". 
Zum Sdilusse des Jahres madit sidi in der Presse der 
Dreibundsfaaten eine gewisse Nervosität bemerkbar, audi ver- 
stärkt durdi die Sdiwierigkeiten bei den Handelsvertrags- 
Verhandlungen der drei Staaten. 



1905 

Unstimmigkeiten zwischen den Dreibundstaalen finden in 
der Presse ein hundertstimmiges Edio. Keiner der maß- 
gebenden Faktoren denkt nur im Entferntesten daran, den Drei- 
bund zu sprengen, aber die Feinde des Dreibundes messen den 
auftauchenden Differenzen die weittragendste Bedeutung bei 

mit ünredit da schließlich alle diese Differenzen wieder 

schwinden und Kaiser Wilhelm gegen Schluß des Jahres in 
seiner Thronrede (28. November) wieder scharf das „bewährte 
BQndnis" betont und mit besonderem Nadidruck seiner fried- 
lidien Ziele gedenkt. 

Diese Differenzen berühren alle drei Staaten des Dreibundes. 
Die Handelsvertrags -Verhandlungen werden glfiddicfa zu Ende 
geführt, und damit versiegt eine Quelle der dreibundfeindlicfaen 
Agitation. Zwisdien Italien und Deutsdiland steht die Marokko- 
Frage, die, versdiärft durch die Reise des Kaisers nach Tanger, 
für eine Zeit den Weltfrieden bedroht Die französisdi-russisdie 
Entente arbeitet auf einen Krieg hin, bis Delcass^ am 6. Juni 
zum Rüd(trilt gezwungen wird. Der Besudi Kaiser VWlhelms II. 
in Italien^ und die Reise Wittes nach Berlin und Rominten 
klären einigermaßen die Situation. 

1) Die Kaiserin hatte sich mit den Prinzen Eitel Friedridi und Oskar 
nadi Sizilien begeben. Der Kaiser traf am 6. April in Neapel ein, wo beim 
Festmahle im königlichen Palaste Trinksprüdie gewediselt wurden. Der 
König von Italien spradi von dem „gegenseitigen Band der innigen Rreund' 
sdiaft, das für die beiden verbündeten Völker ein Pfand des Friedens und 
einer gedeihlidien Zukunft darstellt". In dem Trinkspruch des Deutschen 
Kaisers heißt es : „Ein festes und sicheres Pfand des Friedens ist der Drei- 
bund und Unsere verbündeten Völker erfreuen sich der sdiönsten Ent- 
faltung ihrer Kräfte unter seinem Sdiatten". 



154 Regesten: 1905 



Zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungam tritt die Polen-" 
frage. Eine Aeußerung des preußischen Finanzministers Frei- 
herm von Rheinbaben am 13. Februar, bei der ersten Beratung 
der Handelsverträge aber die osteibischen Junker, löst einen 
heftigen Widerspruch der österreichischen Polen aus. Golu- 
chowski erhebt wie das „Fremdenblatt" meldet, Vorstellungen 
in Berlin, die zu vollkommen befriedigenden freundschaftlichen 
Erklärungen führen. Die Angelegenheit wird am 9. März im 
österreichischen Abgeordnetenhause zur Sprache gebracht 
Ministerpräsident Gautsch wiederholt den Inhalt des im 
»Fremdenblatt" publizierten Communiqu^s, lehnt aber diQ von 
den Alldeutschen geforderte Mitteilung des Schriftwechsels ab. 

Zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien muß wieder Deutsch- 
land intervenieren. Wohl gelingt es bei dem Besuche, den Go- 
luchowski seinem italienischen AmtskoIIegen Tittoni in Venedig 
abstattet (29. April), in Ergänzung der Abbazianer Abmachungen 
bezüglich der mazedonischen Frage eine volle Einigung ^u er- 
zielen, doch taucht alsbald ein Zwischenfall aut der ernste Folgen 
zu nehmen droht Der Kammerpräsident Marcora hat in einem 
Nekrolog auf einen Teilnehmer der Kämpfe im Jahre 1866 von 
^unserem" Tirol gesprochen. Goluchowski erhebt in Rom Vor- 
stellungen, worauf die italienische Regierung ihrem Bedauern 
ob dieses Zwischenfalls Ausdrude gibt und versichert dem 
Präsidenten der Kammer sei jede irredentistische Tendenz ferne- i 

gelegen. Minister Tittoni soll ^ dem Grafen Goluchowski ohne | 

Umschweife erklärt haben, daß die Art wie die Österreich- 1 

ungarische Regierung den Zwischenfall Marcora gelöst wissen i 

wollte, der politischen Atmosphäre des Dreibundes und ins- " 

besondere dem Verhältnisse Italiens zu Oesterreich-Ungarn ' 

schwer schaden würde, weil die ostentative Genugtuung, die 
die italienische Regierung anstandshalber nicht verweigern 
könnte, von allen dreibundfeindlichen Elementen als eine De- 
mütigung Italiens durch Oesterreich-Ungarn mit Erfolg aus- 
gebeutet werden würde. Der Zwischenfall Marcora, sowie die 
Differenzen in der Balkanfrage veranlassen Tittoni, die Ver- 
mittlung Bülows anzurufen. Die Begegnung der beiden Staats- 
männer in Baden-Baden (am 29. September) gilt vornehmlich 
diesen Zwecken, speziell Auskunft über den Endzweck der von 
Oesterreich-Ungarn vorgenommenen Verstärkung der Besatz- 
ungen im Sandschak Novipazar zu erlangen. Am 6. Dezember 
konnte Bülow dem Deutschen Reichstage melden, daß zwischen 
Oesterreich-Ungarn und Italien „jedes Mißverständnis" beseitigt 
sei In der Tat hat sich schon am 23. November Italien mit 



1) Siehe „Neue Freie Presse" vom 29. September. 



Regesten: 1905 155 

der Donaumonarchie zu einer Flottendemonstration gegen die 
Pforte vereinigt, an welcher unter dem Kommando eines öster- 
reidiisch-un garischen Admirals auch Rußland, England und 
Frankreich teilnehmen. 

Tittoni hielt am 9. Februar im Senat eine Rede, in welcher 
er u. a, sagte: „Zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn herrscht 
aufrichtige Uebereinstimmung und viel Vertrauen. Die Be- 
unruhigungen der österreichisch'Ungarischen Regierung über die 
irredentistischen Agitationen haben angesichts der loyalen Haltung 
der italienischen Regierung aufgehört Die öffentliche Meinung 
Italiens wird gegenwärtig allerdings durch zwei Tatsachen be- 
unruhigt: durch die Vermehrung der Präsenzstärke in Oester- 
reich und durch die Lage in Mazedonien. Erstere sei laut einer 
Erklärung Oesterreichs nur im Hinblick auf etwaige unvorher- 
gesehene Ereignisse erfolgt. Die mazedonische Frage ist nur 
ein Grund mehr für Italien, die Beziehungen zu Oesterreich- 
Ungarn und zu Rußland, die dort ein europäisches Mandat haben, 
intimer zu gestalten". 

Die Debatte über den Etat des Aeußeren in der italienischen 
Kammer (12. Mai) gibt mehreren radikalen Abgeordneten Anlaß 
zu Angriffen gegen den Dreibund, speziell gegen Oesterreich- 
Ungarn. Der Abgeordnete Artoni ermahnt das Auswärtige Amt, 
dahin zu wirken, daß seine Verbündeten seinen Interessen 
eine größere Berücksichtigung angedeihen lassen. Die De- 
batte schloß mit einer hochwichtigen Rede Tittonis. Einem Ab- 
geordneten, welcher bedauerte, daß im Neapolitaner Trinkspruch 
des Königs der Dreibund ungenannt blieb, antwortete der Minister 
mit dem Worte „Klatsch", und die Kammer lachte. Laute Bravo- 
rufe erschollen, als der Minister von den Abbazianer und Vene- 
tianer Vereinbarungen mit Goluchowski sprach. „Es ist schade 
um die Zeit", sagte der Minister, „darüber Erörterungen an- 
zustellen, für wen der Dreibund etwas mehr oder etwas weniger 
Vorteile bietet, da er, wie sich gezeigt hat ein kostbares Element 
für die Erhaltung des europäischen Friedens ist. Wir betrachten 
ihn stets als ein Unterpfand und eine Garantie des Friedens 
und als einen wichtigen Faktor unserer Politik. Wenn Kaiser 
Wilhelm ein gern gesehener Gast Italiens und seines Königs 
war und wenn Goluchowski in Venedig mit der gleichen Cour- 
toisie den ihm von mir in Abbazia abgestatteten Besuch er- 
widerte, so hatte das erstere Ereignis nicht den Zweck, die 
Bande der Tripelallianz, die gar nicht gelockert waren, enger zu 
knüpfen, und auch die Zusammenkunft in Venedig verfolgte 
nicht den Zweck, die Beziehungen mit Oesterreich-Ungarn, die 
ausgezeichnet sind, zu verbessern oder das Einvernehmen, das 
bereits erzielt und vollkommen war, noch inniger zu gestalten". 



156 Regesten: 1905 

Dann betonte der Minister: »Alle Balkanfragen wurden mit 
Oesterreidi'Ungarn eingehend beraten und gelöst; Deutschland 
hatte den einzigen Wunsch, daß das Einvernehmen zwischen 
Italien und Oesterreich-Ungarn aufrecht bleibe". Tittoni schloß 
seine eingehende Erörterung der mazedonischen und albanischen 
Frage mit folgenden Worten: „Ich bin heute so glQcklich, in 
der Kammer zu erklären, daß Graf Goluchowski sich mit mir 
in vollkommenem Einverständnisse darüber befindet, daß, sobald 
man in Ausfuhrung des Artikels III des Märzsteger Programms 
an die Reorganisation der mazedonischen Verwaltung heran- 
zutreten haben wird, jene Bezirke, in denen die Albaner die 
Mehrheit haben und welche heute einen Bestandteil Mazedoniens 
bilden, wieder mit dem eigentlichen Albanien werden vereinigt 
werden müssen". Nach der Rede Tittonis schrieb »Popolo Ro- 
mano": «Das Einvernehmen Italiens und Oesterreich-Ungams 
in der Frage der albanischen Bezirke Mazedoniens ist der 
beste Beweis für die Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit der wechsel- 
seitigen Beziehungen der zwei verbündeten Staaten". 

In seiner bereits angezogenen Rede vom 6. Dezember (ge- 
legentlich der ersten Beratung des Etats) erklärte Bülow: »Daß 
eine Abwendung Italiens vom Dreibund nicht zu befürchten ist, 
habe ich schon vor der inzwischen erfolgten Erneuerung des 
Dreibundes gesagt. Italien hat sich dem Dreibunde seinerzeit 
nicht in unklarer Sentimentalität angeschlossen, sondern weil 
es audi dabei seine Rechnung findet. Die Gründe, welche 
seinerzeit die drei großen Staaten zusammengeführt haben, be- 
stehen auch heute noch, es ist nichts geschehen, was daran 
etwas ändern könnte. Wie zwischen Deutsdiland und Oesterreich- 
Ungam, so besteht auch zwischen Deutschland und Italien nicht 
der leiseste Interessengegensatz. Zwischen Oesterreich-Ungam 
und Italien haben Mißverständnisse stattgefunden. Es ist aber 
durch beiderseitigen guten Willen und durch gegenseitiges Eint- 
gegenkommen jedes Mißverständniß beseitigt Das Binde- 
glied zwischen Oesterreich-Ungam und Italien bildet Deutsch- 
land, das für jedes dieser beiden Reiche der natürliche Bundes- 
genosse ist Die gegenwärtige italienische Regierung sieht in 
dem Dreibund die Grundlage ihrer auswärtigen Politik, aber 
auch die große Mehrheit des italienischen Volkes ist so patri- 
otisch und so klug, einzusehen, daß ein vom Dreibund los- 
gelöstes Italien nodi stärker sein müßte, als es ist um nicht 
Gefahren ausgesetzt zu sein, die jeder Italiener aus seiner Ge- 
schichte nur zu gut kennt Wenn Italien jetzt von mehr als 
einer Seite umworben wird, so ist wohl nicht zu bestreiten, daß 
es durch seine Zugehörigkeit zum Dreibund für die übrigen 
Staaten an Wert gewonnen hat Der Dreibund will den Frieden 



Regesten: 1905—1906 157 

und den Stafusquo in Europa aufrecht erhalten. Das war sein 
Ausgangspunkt Deshalb haben wir den Dreibund abgeschlossen, 
deshalb haben wir den Dreibund erneuert, deshalb halten wir 
unverbrüchlich am Dreibund fest. Aber, meine Herren, Deutsch- 
land muß stark genug sein, um im Notfalle sich auch ohne 
Bundesgenossen behaupten zu können. Es muß im schlimmsten 
Falle auch allein seine Stellung verteidigen können. Dieser 
sdilimmste Fall ist nicht eingetreten, wir hoffen, daß er nicht 
eintreten wird, aber wir dürfen diesen Fall niemals aus dem 
Auge verlieren. Wir müssen stets eingedenk bleiben der Worte, 
die in seiner letzten großen Rede, in seiner unsterblichen Rede 
vom 6. Februar 1888 Fürst Bismarck mit Bezug auf den damals 
schon bestehenden Bündnisvertrag sagte: „Wir müssen stark 
genug sein, daß wir unabhängig von den Umständen jederzeit 
mit dem Selbstgefühl einer großen Nation, die ihr eigenes 
Schicksal in die eigene Hand nimmt, jeder Koalition, jeder 
Eventualität entgegensehen können". 

Zum Schlüsse dieser Jahresrevue sei noch einer frag* 
würdigen Enthüllung des ungarischen Abgeordneten G6za Polönyi 
gedacht: der Deutsche Botschafter in Wien, Graf Wedel, habe 
nach Erhalt von Berliner Instruktionen in einer Audienz bei 
Kaiser 'König Franz Josef diesen gegen die Armeeforderungen 
der ungarischen Koalition gestimmt. Dem gegenüber wird offi- 
ziös konstatiert, der Deutsche Botschafter habe sich in keinerlei 
Form in die inneren Angelegenheiten der Monarchie, insbesondere 
in die Frage der Kommandosprache, eingemischt, und es habe 
auch die angebliche Audienz nie stattgefunden. 



1906 

Algeciras ist die große politische Frage dieses Jahres. 
Oesterreich'Ungarn steht wacker an der Seite Deutschlands: 
»eine schöne Tat des treuen Bundesgenossen". Italiens Ver^ 
treter \^sconti-'Venosta tritt auf Weisung seines Ministers Guicciardini 
für Frankreichs Ansprüche ein; kein Wunder, daß die Presse 
Deutschlands von einem Abrücken Italiens vom Dreibunde 
spricht und die Erneuerung des Vertrages zu Dreien in Zweifel 
zieht Auch zwischen Oesterreich-Ungam und Italien entsteht 
tiefe Verstimmung, die die Donaumonarchie in Südtirol zu mili^ 



158 Regesten: 1905 

lärisdien ^ Maftnahmen veranlaftt Es kann nicht Aufgabe dieser 
Zeilen sein, die Marokkofrage, sowie den Verlauf der Konferenz 
in Algedras eingehend zu erörtern, hier seien nur die Be- 
Ziehungen zur Dreibundpolitik festgelegt 

Als «ch das neue italienische Kabinett Forfis am 30L Januar 
in der Kammer vorstellt und der Ministerpräsidait sdn Pro- 
gramm enfurickelte, betonte er die BQndnistreue Italiens und 
erklärte, Italien wiriie auf der Konferenz in Algedras .an dem 

aufrichtig geurflnschten Versöhnungswerice* mit weiter 

nichts. Auch sein Nachfolger Sonnino faßt äch bei seiner An- 
trittsrede in der Kammer, am 8. März, sehr kurz: aufrichtig treu 

der Tripelallianz in Algedras uneigennützige Tätigkeit 

und eifrige Vermittlung. Am 20. Februar äußert sich der öster- 
rdchische Ministerprä^dent Gautsch Aber Marokko, indem er für 
das Prinzip der Gleichberechtigung und der .offenen Tur* eintritt 
Mittlerweile wird der Vorschlag des österreichisch-ungarischen 
Delegierten, des Grafen Welsersheimb als Grundlage für die 
Entwirrung angenommen, ein Vorschlag, der nach Erledigung des 
Zwischenfalles Lamsdorff-Cassini einen gedeihlichen Fortgang 
der Verhandlungen sichert. Schon schreibt der .Börsencourier*: 
.Italien hat die Formel erfunden von der Treue zum Dreibunde 
und von der intimen Freundschaft mit Frankreich, aber man 
möchte wohl wissen, wie es beides gegebenenfalls mit einander 
vereinigen will". Und in der Sitzung des Deutsdien Reichstages 
vom 5. April (in welcher sich der Ohnmachtsanfall BQlows er- 
eignete) konstatiert Freiherr von Hertling, der nach der kurzen 
einleitenden Rede des Reichskanzlers das Wort ergreift, die 
Haltung Italiens habe eine gewisse Beunruhigung hervorge- 
rufen; Bassermann sagte, er wolle nicht untersudien, ob Italien, 
um ein Bild des Reichskanzlers zu verwenden, eine solide oder 
unsolide Ehefrau sei, jedenfalls hätten die Vorgänge gezeigt 
daß der französische Hausfreund nicht ungefährlich sei. 

Die Presse publiziert am 13. April das folgende an den 
österreichisch-ungarischen Minister des Aeußern Grafen Golu- 
chowski gerichtete Telegramm des Kaisers Wilhelm: „Im Augen- 
blicke, da Ich mit Genehmigung Ihres AUergnädigsten Herrn dem 
Grafen Welsersheimb das Großkreuz des Roten Adler-Ordens 
übersende zum Danke für seine erfolgreichen Bemühungen in 
Aigeciras, drängt es Mich, Ihnen vom Herzen aufrichtigen Dank 
zu sagen für Ihre unerschütterliche Unterstützung Meines Ver- 
treters, eine schöne Tat des treuen Bundesgenossen. Sie haben 

1) In diesem Jahre werden die Landessdiützenregimenter, eine Art 
Alpenjäger, mit dem Sitze in Bozen formiert. Die Soldaten dieser Regimenter 
haben ein Marsdilied mit folgendem Kehrreim: „Ist der Welsdie nodi so 
klein, ein ieder Sdiuß muß Treffer sein". 



Regesten: 1906 159 

sich als brillanter Sekundant auf der Mensur erwiesen und 
können gleichen Dienstes im gleichen Falle auch von Mir gewiß 
sein. Wilhelm IL R." Naturgemäß wird die Depesche in der 
europäischen Presse lebhaft kommentiert. Die dreibundfeind- 
lichen Blätter sind einig in den Angriffen gegen den Deutschen 
Kaiser. Die tschechische Presse Oesterreichs liest aus der De- 
pesche eine „Demütigung" Oesterreich-Ungarns heraus, was das 
Wiener „Fremdenblatt" energisch bestreitet. Die französischen 
Zeitungen imputieren Deutschland die Absicht, einen Hafen im 
Mittelmeer zu erwerben und behaupten, Kaiser Wilhelm wolle 
eine Konferenz über Abessinien einberufen, um die Nachfolge 
Meneliks zu regeln. Interessant sind die italienischen Blätter- 
stimmen. „Corriere della Sera" erblickt in dem Telegramm des 
Deutschen Kaisers eine Demonstration gegen Italien, nach welcher 
man auf noch ernstere Kundgebungen gefaßt sein müsse. Das 
Telegramm beziehe sich zweifellos auf das adriatische Meer. 
»Tribuna" wünscht die Rückkehr der italienischen Politik auf die 
Bahn, wo das Ministerium Giolitti-Tittoni sie gelassen hatte. 
Der Abgeordnete Barzilleri führt im „Matin" aus: „Deutsch- 
land läßt uns das Verbrechen unseres Einvernehmens mit Frank- 
reich und England büßen es ist nicht daran zu zweifeln, 

daß der Dreibund am 21. Juni 1908 zu bestehen aufhören wird". 
„II Domani" spricht über das „freche Betragen der teutonischen 
Kanaille", nur „Giornale d*Italia" glaubt an die Fortdauer 
des Bündnisses. ^Popolo Romano" betont demonstrativ die 
warme Anteilnahme Deutschlands an der Katastrophe im Süden 
Italiens. 

Angesichts dieser Strömungen läßt sich Guicciardini am 
24. April im Senat interpellieren. Senator Demartini schlägt in 
seiner Anfrage sehr dreibundfreundliche Töne^ an, worauf der 
italienische Minister des Auswärtigen konstatiert, das Ergebnis 
der Konferenz in Algeciras sei gleich günstig für Deutschland 
wie für Frankreich: „Italiens Tätigkeit, gebunden durch ein mit 
Frankreich abgeschlossenes Sonderabkommen ^ war ein Werk 
der Versöhnung und der Vermittlung, dessen Zweck auch voll- 
kommen erreicht wurde, denn keine Macht verließ beeinträchtigt 
ih ihren materiellen Interessen oder in ihrem moralischen 
Prestige die Konferenz". Er wiederholt die Erklärungen, die 
Sonnino am 8. März abgegeben und bekennt sich zu einer ent- 
schiedenen Fortsetzung der Dreibundpolitik, die auch eine 
Garantie für Italiens Interessen auf der Balkanhalbinsel sei. 



1) Am selben Tage hatte Präsident Graf Ballestrem bei Eröffnung der 
Sitzung des Deutsdien Reidistages über die Vesuv -Katastrophe einige in 
Italien sehr sympatisdi aufgenomme Worte gesprodien. 

2) Siehe 1902. 



160 Regesten: 1906 

Zum Schlüsse betonte der Minister die herzlichen Beziehungen 
Italiens zu Oesterreich-Ungarn und das gegenseitige Vertrauen, 
von welchem die Regierungen in Rom und in Wien beseelt 
sind. Am 23. Mai kritisiert der Ftihrer der Nationalliberalen, 
Bassermann, das Telegramm des Kaisers Wilhelm, »das in 
Oesterreich böses Blut gemacht, in Ungarn verstimmt und in 
Italien Aufregung hervorgerufen habe". Ihm antwortet der neue 
Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Freiherr von Tschirschky 
und Bögendorff. Ueber das kaiserliche Telegramm ging er 
allerdings rasch hinweg und beanspruchte für den Kaiser das 
Recht seine Worte frei zu wählen, das jedem Privatmanne zu- 
stehe. Er gab ferner die Versicherung ab, daß der Dreibund 
nach wie vor feststehe, und daß er insbesondere vom italienischen 
Botschafter kürzlich die bündigsten Erklärungen in dieser Rich- 
tung erhalten habe. Die bevorstehende Reise des Kaisers an 
den Wiener Hof habe keinerlei gegen Italien oder England ge- 
richtete Tendenz. Die Rede Tsdiirschkys wird von der italie- 
nischen Presse mit großer Genugtuung aufgenommen. Die 
„Patria" hofft, die Rede werde allen Mißverständnissen ein 
Ende bereiten, und die nTribuna" beglückwünscht den Staats- 
sekretär zu seiner Offenheit und Geradheit. Einen völligen 
Wandel in der Stimmung führt der Depeschenwechsel anläßlich 
der Wiener Entrevue Kaiser Wilhelms mit Franz Josef herbei. 
Die beiden Monarchen richteten aus Wien an den König von 
Italien die folgende Depesche: »Zu zweien vereinigt senden 
wir unserem dritten treuen Verbündeten den Ausdruck unserer 
unveränderlichen Freundschaft". König VTiktor Emanuel ant- 
wortete: „Ich teile die Befriedigung Eurer Majestät und Seiner 
Majestät des Deutschen Kaisers über Ihr Zusammensein und 
bitte die beiden Verbündeten, mit meinem Danke für Ihre 
liebenswürdige Depesche die Versicherung Meiner treuen und 
unverbrüchlidien Freundschaft entgegenzunehmen". Der Kaiser- 
zusammenkunft präludierte die »Vossische Zeitung" mit einem 
interessanten Artikel, in welchem es als begreiflich bezeichnet 
wird, daß Kaiser Wilhelm das Bedürfnis empfindet, dem Kaiser 
Franz Josef auch seinen persönlichen Dank für die Unter- 
stützung in Algeciras darzubringen. In Ungarn, wo die Koalition 
ans Ruder gekommen war, wird der Besuch des Kaisers trotz 
der Erklärungen Guicciardinis über den unveränderten Fortbe- 
stand des Dreibundes und trotzdem der schon beschlossene 
Rücktritt Lanzas, des italienischen Botschafters in Berlin, demon- 
strativ rückgängig gemacht wurde, als mit seiner Spitze gegen 
Italien gerichtet angesehen, während Italien, wo Ludwig Kossuth 
der Vater und Franz Kossuth der Sohn durch soviele Jahre ein 
Asyl gefunden hatten, als der „traditionelle Freund und Bundes- 



Regesten: 1906 161 

genösse Ungarns* gilt. Am heftigsten nimmt das Organ der 
Unabhängigkeitspartei, »Egyetörtös", gegen Kaiser Wilhelm Stel- 
lung, den es als Feind Ungarns bezeichnet. Die Koalitions- 
parteien unternehmen auch in der Delegation einen Sturmlauf 
gegen die Dreibundpolitik, die der gemeinsame Finanzminister 
Freiherr von Buriän in der Sitzung vom 27. Juni verteidigt, in- 
dem er erklärt, der Minister des Aeußern Graf Goluchowski 
habe auf die Intervention in Algeciras großes Gewicht gelegt 
Das Auswärtige Amt unterbreitet übrigens den Delegationen 
am 25. November ein Rotbuch ilber die Konferenz von Algeciras. 

Vorher, schon am 11. Juni, hatte sich Goluchowski^ in der 
ungarischen Delegation eingehend ilber die Haltung Oesterreich- 
Ungarns in der Marokkofrage, insbesondere ilber den Ver- 
mittlungsantrag Welsersheimbs geäußert, wobei er betonte, die 
festen und unerschOtterten Beziehungen zum Deutschen Reiche 
bildeten den »Angelpunkt jenes politischen Systems, welches 
sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert bewährt hat". 

Noch bis in den November und Dezember währt die parla- 
mentarische Diskussion ilber Algeciras. Am 14. November er- 
sdieint Fürst Bülow (zum ersten Male nach seiner Krankheit) 
im Reichstag, um eine Interpellation des nationalliberalen Ab- 
geordneten Bassermann zu beantworten. Seine Rede ist die 
längste, die er jemals gehalten, die längste vielleicht, die man 
nodi in Deutschland von einem Chef der Regierung gehört hat. 
Sie ist ein umfangreiches Expose über alle Fragen der aus- 
wärtigen Politik. Bassermann stellte u. a. die konkrete Frage, 
ob die Haltung Italiens in Algeciras den bundesfreundlichen Er- 
wartungen entsprochen habe und ob Italien im Falle eines 
Krieges mit Frankreich oder England noch seiner Bundespflicht 
gegen Deutschland genügen wird und folgerte aus der Haltung 
Italiens, der Dreibund als wirksames Maditmittel der deutschen 
Politik scheine der Vergangenheit anzugehören. Fürst Bülow 
konzediert in seiner Rede, die damalige Haltung der italienischen 
Presse habe allerdings dem zwischen Deutsdiland und Italien 

bestehenden Bundesverhälfnis nicht entsprochen „von der 

Haltung der italienischen Regierung", setzte Bülow hinzu, „und 
namentlich von den italienisdien Delegierten in Algeciras kann 

1) Goluchowski trat am 24. Oktober von der Leitung des Auswärtigen 
Amtes zurück. Seine Demission wurde von den Abgeordneten Dr. Chiari, 
Dr. Groß, Kathrein, Fächer, Peschka und Schwegel zum Gegenstande einer 
Interpellation gemacht, die vom Ministerpräsidenten Beck sofort beant- 
wortet wurde, wobei der österreidiische Premier erklärte, der „Kurs un- 
serer auswärtigen Politik werde trotz des Personenwechsels keine neue 
Richtung einschlagen" und es werde der Dreibund, „diese vornehmste Bürg- 
schaft des europäischen Friedens" auch fernerhin „die tragende Säule 
unserer auswärtigen Politik" bleiben. 

Singer, Gescfaidite des Dreibundes H 



162 Regesten: 1906 

Idi das nicht sagen. Italien war auf der Konferenz in einer 
schwierigen Lage. Zwischen Italien und Frankreich waren hin* 
sichtlich Marokkos gewisse Verabredungen getroffen worden, von 
denen Sie wissen, daß sie nicht im Widerspruch zu dem Drei*- 
bundsvertrage stehen. In dieser Lage hat die damalige italienische 
Regierung korrekt gehandelt, nicht nur, indem sie uns recht- 
zeitig hinsichtlich der Grenzen, in denen es ihr möglich war uns 
zu unterstützen, orientierte, sondern auch, indem sie innerhalb 
dieser Grenzen die von uns vertretenen Grundsätze und an- 
gestrebten Ziele nach Möglichkeit förderte". Der Reichskanzler 
dementierte femer alle Meldungen über angebliche Umtriebe 
deutscher Agenten in Tripolis. .Das sind", sagte er, »Erfindungen, 
die lediglich bezwecken, Italien gegen uns mißtrauisch zu machen. 
Um auch in VRen gegen uns Stimmung zu machen, hat man die 
Erfindung hie und da mit dem Zusatz verbrämt, daß wir eine 
direkte Verbindung von Kamerun Ober Tripolis nach Triest 
erstrebten, das bei diesem Anlaß natürlich von Deutschland 
annektiert werden soll". Nach einer Abwehr der Angriffe «un- 
verantwortlicher italienischer Politiker" gegen den Dreibund 
führte der Reichskanzler aus: »Solange Italien fest und treu 
zum Dreibunde steht, trägt es schon dadurch bei zur Aufrecht- 
erhaltung des Friedens für sich und andere. Wenn Italien sich 
vom Dreibund loslöste oder eine schwankende zweideutige 
Politik machte, würde es die Chancen einer Konflagration 
wesentlich erhöhen. Der Dreibund hat unter anderem auch 
den Nutzen, daß er zwischen den drei verbündeten Reichen 
Konflikte ausschließt. Wären Italien und Oesterreich - Ungarn 
nicht Verbündete, so könnten die Beziehungen zwischen beiden 
Reichen gespannte werden. Der Dreibund hat bis jetzt noch 
nicht die Möglichkeit gehabt sich praktisch zu betätigen. Diese 
Gelegenheit ist ihm deshalb erspart geblieben, eben weil er 
bestand". Dann widmete der Reichskanzler Oesterreich-Ungarn 
äußerst warme Worte: »Ich brauche nicht hinzuzufügen, daß 
wir eintretenden Falles Oesterreich-Ungarn dieselbe Treue halten 
werden". Mit einem energischen Dementi der Nachrichten, als 
ob sich Deutschland in die inneren Verhältnisse Cis- oder Trans- 
leithaniens eingemischt hätte, schloß Fürst Bülow diesen Passus 
seiner Rede, um später noch vor „Nervosität" in Bezug auf den 
Dreibund zu warnen, vor „Nervosität oben und unten". 

Die Rede des Reichskanzlers wird von der reichsdeutschen 
Presse im Großen und Ganzen in dreibundfreundlichem Sinne 
beurteilt. Nur die »Tägliche Rundschau" schreibt: »Der Lob- 
gesang auf den Dreibund findet nur noch wenige gläubige 
Ohren, da wir Italiens Bündnistreue einzuschätzen gelernt haben 
und Oesterreichs innere Wirren wenig zum Vertrauen einladen"; 



Regesten: 1906 163 

die »Germania" sagt »was den Dreibund betreffe, scheint Fflrst 
Bülow bezüglich Italiens auch nicht auf eine pupillarische 
Sicherheit zu rechnen". In Rom findet die Rede wärmsten 
Widerhall, in Paris ebenfalls eine freundliche Aufnahme und in 
England eine sympathische Beurteilung. Selbst in Ungarn be- 
leben die Ausftihrungen BQlows die in der letzten Zeit einiger- 
maßen erkalteten Gefühle für Deutschland und für den Drei- 
bund, und der »Pester Lloyd" bezeichnet die Rede als har- 
monische Ouvertüre zu den in wenigen Tagen beginnenden 
Delegationsverhandlungen. 

Bülows Rede findet am 18. Dezember ihr Echo in dem an 
diesem Tage der Kammer erstatteten Expose Tittonis. Ich 
komme später auf diese Rede zurück, an dieser Stelle sei nur der 
auf Algeciras bezügliche Passus wiedergegeben: »Ich werde nicht 
bei dem rasch vorübergegangenen Gewölk von Algeciras ver- 
weilen. Wozu auch in der Asche rühren, welche die ignes suppositos 
nicht mehr bedeckt Uebrigens hat Fürst Bülow in seiner letZ"^ 
ten Rede jede weitere Besprechung dieser Frage kurz abge- 
schnitten, indem er konstatierte, daß die von Italien Frankreich 
gegenüber übernommenen Verpflichtungen nicht im Widerspruche 
zu den Dreibundverpflichtungen stehen und indem er die kor- 
rekte Haltung Italiens und seines illustren Vertreters auf der 
Konferenz voll anerkannte. Ich konnte in dieser Beziehung 
nicht den geringsten Zweifel hegen, denn als ich im Juni dieses 
Jahres die Regierung übernahm, ließ ich den Fürsten Bülow ^ 
wissen, daß ich unsere gegenseitigen Beziehungen auf dem 
Punkte wieder aufnehmen möchte, auf welchem sie gelegentlich 
unserer Zusammenkunft in Baden-Baden bei vollständigem 
Einverständnisse über alle internationalen Fragen verblieben 
waren, und Fürst Bülow hatte mir geantwortet, daß dies gleich- 
falls seinen Wünschen entspreche". Wahrscheinlich um Basser- 
mann zu antworten, erklärte Tittoni im weiteren Verlaufe seiner 
Rede: »Jemand von uns wollte einmal voraussagen, daß {ener 
Tag kommen wird, wo man zwischen Bündnissen und Freund- 
schaften wird wählen müssen. Nun guti Solange die Tripel- 
allianz fortfahren wird, das friedliche Wirken, das in ihrem 
Charakter liegt, zu betätigen, solange die mit uns befreundeten 
Mächte (gemeint sind: Frankreich und England. Anmerkung 
des Verfassers) in ihrer gegenwärtigen Friedenspolitik verharren 
werden, werden wir es nidhit nötig haben, sei es zu wählen, sei 
es zu überlegen. Wir werden einzig und allein unsre jetzige 
Politik aufredit zu erhalten haben, dank welcher die Bundes* 



1) Mit Bülow verband Titfoni innige Freundschaft. Siehe „Italien, der 
Dreibund und die Balkanfrage" (Reden Tittonis) Seite 8. 



164 Regesfen: 1906 

treue uns erlaubt, die Freundschaften zu bewahren, uidem wir 
auf diese Weise den europäischen Frieden sichern. Das ist 
nichts Gekünsteltes, kein Machiavellismus, das ist auch keine 
Politik des Doppelspiels, wie man dies unrichtigerweise be« 
hauptet hat; das ist der einfache Weg, leicht und natürlich, der 
sich jenem öffnet, der aufrichtig die Erhaltung des Friedens 
wünsdit". 

Der Zwischenfall ist abgeschlossen wie die »Tiibuna" 

nach der Rede Tittonis schreibt: »Der Horizont ist nunmehr 
vom Nebel jeglichen Mißverständnisses befreit". 

Gleichwie die Marokkofrage das Verhältnis Italiens zu 
Deutschland berührt, tritt das Balkanproblem in die sich be- 
greiflicherweise nicht überall deckenden Interessensphären 
Italiens und der Donaumonarchie. Der Amtsantritt des Marchese 
di San Giuliano zeitigt Gerüchte über ein Abschwenken der 
italienischen Politik von Oesterreich-Ungam, die auf gewisse 
Veröffentlichungen zurückgeführt werden, welche vom Marchese 
im Jahre 1902 ausgegangen waren. Die »Norddeutsche Allge- 
meine Zeitung* sieht sidi schon am 2. Januar genötigt, diese 
Gerüchte zu registrieren und die bedeutsame Bemerkung daran 
zu knüpfen, daß man in Berlin volles Vertrauen zur Loyalität des 
neuen italienischen Ministers des Aeußem habe und gewiß dessen 
sei, daß die Richtschnur seiner Politik dieselbe sein werde, wie die 
seines Vorgängers, getreu dem Geiste des Dreibundes. Ein 
Widerhall dieser Gerüchte findet sich in einem Artikel des 
Wiener Vertreters der »Tribuna" Guido Pardo, der seinem Blatte 
am 2. Januar schreibt, die Beziehungen Italiens zu Oesterreich- 
Ungam seien »nicht gut" und es bestehe leider eine Spannung, 
die schwere Gefahren in sich birgt Im Februar veröffentlicht 
die italienische Regierung ein Grünbuch über Mazedonien, das 
auch zum Teile die Ursachen der Differenzen enthüllt: Oester- 
reich-Ungam versucht Hand in Hand mit Rußland den Anteil 
der übrigen Mächte an der Neuordnung der Dinge zu be- 
schränken, während Italien den Standpunkt vertritt, alle Groß- 
mächte heranzuziehen. Während die Thronrede, mit welcher 
Franz Josef am 10. Juni die Delegationen eröffnete, von den 
»vertrauensvollen Beziehungen zu Italien" und von der „erfreu- 
lichen Uebereinstimmung" bezüglich der beide Länder be- 
rührenden Angelegenheiten spricht, geht Goluchowski in seinem 
am selben Tage in der ungarischen Delegation erstatteten Ex- 
pos6 den obwaltenden Differenzen nicht aus dem Wege, an- 
erkennt jedoch die Bemühungen, diese »ab und zu zum Vor- 
schein kommenden Verstimmungen baldigst aus der Welt zu 
schaffen", und lobt die korrekte Haltung der italienischen Re- 
gierung, die stets bestrebt sei, ihre bundestreuen Gesinnungen 



Regesfen: 1906 165 

ZU betätigen. Just einen Tag darauf stellt sich das seit dem 
29. Mai im Amte befindliche Kabinett Giolitti-Tittoni der Kammer 
vor. Wohl unter dem Eindrucke des Schönbrunner Depeschen- 
wechsels kann Giolitti unter lauten Bravorufen erklären, daß 
Italien dem Dreibunde «unbedingt treu bleiben werdet Und 
am 14. Juni knüpft Tittoni an die Ausführungen Goluchowskis 
an und erklärt sich mit ihnen vollständig solidarisch. Einen 
Tag vorher hatte Goluchowski in der österreichischen Dele- 
gation auf eine Anfrage des Delegierten Dr. Sylvester erklärt, 
Oesterreich-Ungarn könne in den Balkanfragen unbedingt auf 
die Unterstützung Italiens rechnen, mit dem keinerlei andere 
geheime Abmadiungen beständen, als die Vereinbarung, in 
Albanien den Statusquo zu erhalten. Die Reise des italienischen 
Generalstabschefs Saletta nach Wien (zum Jubiläum des öster- 
reichisch-ungarischen Generalstabschefs Grafen Beck) wird von 
der Presse beider Staaten mit lebhafter Sympathie aufgenommen. 
Bald darauf schließen die Verhandlungen der österreichisch- 
ungarischen Delegation, nachdem Goluchowski mehreremale, 
besonders nachdrücklich am 3. Juli, die Vorteile der Dreibund- 
politik erörtert hatte. 

Am 4. Dezember erstattete Freiherr von Aehrenthal, der 
Nachfolger Goluchowskis, in Budapest dem Budgetausschuß der 
österreichischen Delegation ein Expose über die auswärtige 
Lage. Indem er seine Ausführungen mit der Erklärung ein- 
leitete: „Die Politik der Monarchie ist die der Kontinuität", wollte 
er feststellen, der Wechsel in der Person des leitenden Mannes sei 
nicht zugleich ein Wechsel des Kurses. Er konstatierte, daß 
seine Unterredung mit Fürst Bülow und sein Gedankenaustausch 
mit Tittoni die „erfreuliche Tatsache vollständiger Ueberein- 
stimmung unserer Ansiditen" ergeben hat und fügte hinzu: 
„Die guten, zwischen der italienischen und unserer Regierung 
bestehenden Beziehungen werden es uns erleichtern, die leider 
öfters vorkommenden Zwischenfälle in aller Ruhe zu behandeln 
und die beiderseits manchmal nervös werdende und irregeführte 
öffentiiche Meinung* aufzuklären". In der Debatte, die dem 
Expose Aehrenthals folgte, beschäftigte sich der Delegierte Dr. 

Von Paris aus wird versudit, diese Slimmung durch die Verbreitung 
des Gerüchtes, Oesterreich'Ungarn habe mit Griechenland einen Geheim« 
vertrag abgeschlossen, zu trüben. Der in Rom erscheinende „Courrier 
des Balcans" veröffentlidite sogar den Text dieses Geheimvertrages vom 
Dezember 1903 datiert. Es war Stimmungsmacherei ohne jede tatsächliche 
Grundlage. 

^ Aehrenthal hatte knapp nadi seinem Amtsantritte in einer offiziösen 
Note des „Fremdenblatt" vom 30. November gegen die Bemühungen der 
englisdien Blätter zwisdien Oesterreidi-Ungarn und Italien Verstimmungen 
hervorzurufen, energisch Stellung genommen. 



166 Regesten: 1906 

Sylvester eingehend mit Italien. Obwohl er ein Freund der 
italienischen Nation sei, müsse er doch darauf hinweisen, daß 
gerade in letzter Zeit sich die Expansionspolitik Italiens in der 
Richtung Albaniens und Mazedoniens bemerkbar machte durdi 
die Grilndung italienischer Schulen, durch Ausgestaltung der 
Schiffahrtsgesellschaften, durch größere Verdichtung des Schiff- 
fahrtsnetzes mit Italien, kurz, daß Italien besonders in der Ridi" 
tung des Balkans viel mehr hervortrete als früher. Freiherr 
von Aehrenthal beeilte sich auf diese Ausführungen Dr. Sylvesters 
zu antworten, umsomehr als in diesen Tagen durch die V\^ener 
Zeitungen die Nachricht ging, Italien habe sich bezttglidi 
seiner Plfine in Albanien der Unterstützung Frankreichs und 
Englands gegen Oesterreich-Ungarn vergewissert. Aehrenthal 
erklärte kurz und bündig, daß »gerade mit Italien über unsere 
Stellung im adriatischen Meere sehr klare und zufriedenstellende 
Versicherungen ausgetauscht worden wären; getreu unserer 
Politik haben wir unserem Freunde und Alliierten erklärt, daß 
wir über die durch den Berliner Vertrag fixierte Rechts^ und 
Machtsphäre nach keiner Richtung hinaustreten wollen, nach 
keiner Richtung, also auch nach Albanien nichts und daß wir 
dieselbe Zurüdkhaltung von Italien erwarten; die gleiche Zu^ 
Sicherung ist uns italienischerseits in der freundsdiaftlichsten 
Weise gegeben worden". In der Sitzung der österreichischen 
Delegation vom 14. Dezember kommt Aehrenthal nochmals auf 
das Verhältnis zu Italien zu sprechen. Er konstatiert mit Be- 
friedigung, alle Delegierten scheinen in dem Wunsche einig zu 
sein, daß unser Bundesverhältnis zu Italien erhalten bleibe* 
warnt wiederholt davor, sich durch Scharfmacherei unverantwort" 
licher Politiker irreführen zu lassen und setzte dann hinzu: 
„Die beiden Regierungen haben den festen Willen und den 
ernsten Entschluß, unbekümmert um alles Bestreben, Argwohn 
zwischen uns zu säen/ in ihren Bemühungen fortzufahren, {die 
Beziehungen zwischen Oesterreich-Ungam und Italien herzlidier 
und freundschaftlicher zu gestalten. Ich habe bereits in meinem 
Expose gesagt daß, objektiv gesprochen, ein Gegensatz zwischen 
Oesterreich-'Ungam und Italien nicht besteht. Ich habe femer 
angedeutet und will es heute nochmals betonen, daß Oester- 
reich-Ungam und Italien als Alliierte, als Nachbarn und als 
maßgebende Machtfaktoren in der europäischen Politik manche 
gemeinsamen Interessen haben. Nun, meine Herren, wenn diese 



Die besondere Hervorhebung Albaniens war vermutlidi audi von 
der Tatsadie geboten, daß ein Teil der italienisdien Presse wieder (wie 
im Jahre 1900) die Handhabung des Protektorates Oesterreidi^Ungarns 
über die katholischen Kirchen in Albanien (die Subventionierung einzelner 
Pfarren) beanstandete und ihr „Expansionstendenzen** untersdiob. 



Regesten: 1906 167 

beiden Regierungen in ihren Bemühungen fortfahren, jede Trü- 
bung in ihren Beziehungen fern zu halten und die Beziehungen 
herzlicher zu gestalten, so handeln sie nicht bloß zum Nutzen 
der beiderseitigen Interessen, sie handeln zum Nutzen der AU" 
gemeinheit". Von demselben bundesfreundlichen Tone war die 
Rede getragen, die Tittoni am 18. Dezember in der italienischen 
Kammer hielt Tittoni hatte auf die Ausführungen des Abge- 
ordneten Barzilai zu antworten, der erklärte, zwischen Oester- 
reich-Ungarn und Italien könne es keine Freundschaft geben, 
ein neuerer Beweis hierfür sei die Rede, die der öster- 
reichisch-ungarische Admiral Montecuccoli jüngst gehalten ^ 
Tittoni betonte, er könne sich, „vollständig und herzlich" der 
Apologie des Dreibundes anschließen, wie sie kurz vorher von 
Bülow und Aehrenthal verkündet worden war: „Der Dreibund 
wird auch weiterhin die Grundlage unserer Politik bilden; dem 
Dreibund wollen wir treu bleiben, zur großen Enttäuschung 
jener, welche von Zeit zu Zeit auf den bloßen Anschein hin eine 
Schwächung des Dreibundes konstatieren zu können glauben, 
und dessen baldiges Ende voraussagen". Dem bereits mitge- 
teilten Passus über Algeciras folgte die Besprechung des Verhält- 
nisses zu Oesterreich-Ungarn. Der Minister konstatierte mit Be- 
friedigung, daß die österreichisch-ungarische Regierung aus An- 
laß eines Zwisdienf alles in Sussak „nidit einen einzigen Augen- 
blick" gezögert hat, ihr Bedauern auszudrücken, während die 
ungarische Regierung gleichzeitig die Schuldigen der Bestrafung 
zuführte und freiwillig den geschädigten italienischen Staats- 
bürgern eine Schadensvergütung bewilligte. Der Minister tadelt 
gleich Aehrenthal die Uebertreibungen, deren sich ein Teil der 
Presse in beiden Ländern bei der Erörterung einzelner Zwischen- 
fälle befleißigt und sagt: „Ich muß mit aller Deutlichkeif er- 
klären, daß wir, Freiherr von Aehrenthal und ich, entschlossen 
sind, in allem und jedem in vollem Einvernehmen vorzugehen, 
jeden sich etwa ergebenden Zwischenfall mit kaltem Blute und 
mit den Gefühlen eines aufrichtigen, gegenseitigen Wohlwollens 
zu behandeln und Manifestationen, die wir beide bedauert 
haben und die wir immer bedauern, keine Rechnung zu tragen". 
Indem der Minister diesen Gedanken noch eindringlicher moti- 
vierte, warf er die Frage auf, ob es denn notwendig sei, daß er 
noch einmal die irredentistischen Demonstrationen in Italien 
verurteile und fügte hinzu, man könne nicht leugnen, daß seit 
dem Jahre 1904 eine langsame, aber stetige Besserung in den 
Gefühlen der öffentlichen Meinung gegenüber Oesterreich-Ungam 



Eine harmlose Rede, in die absolut keine Spitze gegen Italien hin- 
einzudeuten ist. 



168 Regesten: 1906 

Platz gegriffen habe. Eingehend äußerte sich der Minister so- 
dann Über Mazedonien und Albanien und betonte, die Interessen 
Italiens seien durch das zwischen den Ministem Visconti- 
Venosta und Goluchowski getroffene Uebereinkommen gewahrt. 
Italien sei bis jetzt im vollen Einverständnis mit Oesterreich- 
Ungarn vorgegangen und werde es audi in Zukunft so halten. 
Seine Besprechungen mit Goluchowski hatten das »positive, 
nützliche und praktische* Ergebnis gehabt zum vollsten Ein- 
verständnis zu fahren : wenn die Aufrechterhaltung des Status- 
quo nicht mehr möglich sein würde, gemeinsam einer Lösung 
näher zu treten, welche in der politischen Autonomie der 
Balkanhalbinsel auf Grund des Nationalitätenprinzips bestehen 
soll. »Ich muß also den Rat zurückweisen, der mir gegeben 
worden ist, Oesterreich-Ungarn eine Länderteilung vorzuschlagen 
und es zu Gebietserwerbungen außer jenen, die ihm durch den 
Berliner Vertrag zugestanden worden sind, zu bestimmen und 
gleichzeitig für uns Gebietskompensationen in Anspruch zu 
nehmen .... Das zwischen mir und dem Grafen Goludiowski 
zustande gekommene Einvernehmen wird ohne Zweifel durch 
freundschaftlichen Gedankenaustausch mit dem Freiherrn von 
Aehrenthal noch bestimmter und vollkommener gestaltet werden 
können. Aber das Grundprinzip dieser Entente wird keine Ab- 
änderung erfahren dürfen, denn es ist am geeignetsten, das 
Einverständnis zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn aufrecht- 
zuerhalten und zu befestigen'*. 

Nach der Rede Tittonis beeilte sich Aehrenthal seinem ita- 
lienischen Kollegen den »Dank und Beifair der österreichisch- 
ungarischen Regierung zu übermitteln, wovon im Namen des 
Ministers des Aeußern der gemeinsame Finanzminister Buriän 
am 21. Dezember der ungarischen Delegation offiziell Mitteilung 
machte. Baron Buriän erteilte bei diesem Anlasse der Dele- 
gation Aufschlüsse über den Inhalt des Balkanübereinkommens 
zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien, die sich vollständig 
mit den Ausführungen Tittonis decken: Wenn der Statusquo 
nicht mehr zu erhalten sein sollte, so wird weder Oesterreich- 
Ungarn noch Italien auf Albanien die Hand legen, und die beiden 
Mächte sind darin einig, daß die dann notwendig werdende 
Neugestaltung nur im Sinne der Autonomie erfolgen könne. 

Diese Vereinbarung half später über die Annexionskrise und 
auch über die durch den Balkankrieg hervorgerufene Krise hin- 
weg und bradife tatsächlich die »Periode der Spannungen und 
unfreundlichen Strömungen" zum vorläufigen Abschluß. 

Noch einiges über das Sturmlaufen der österreichisdien 
Slaven und der ungarisdien Koalition gegen die Dreibunds- 
politik. 



Regesten: 1906 169 

In der Sitzung der österreichischen Delegation vom 21. Juni 
richteten die Wortführer sämtlicher slawischen Parteien heftige 
Angriffe gegen den Dreibund. Der Delegierte Bianchini aus 
Dalmatien warnt Oesterreich, sich zum Pionier für die impe- 
rialistischen Pläne Deutschlands herzugeben, Pläne, die, wie 
bekannt (!), von Berlin über Oesterreich nach der Adria und 
über den Balkan und den Bosporus nach Klein asien führen. 
Er nimmt auch gegen Italien Stellung und betont, dieses stehe 
heute dem französisch-englischen Bündnis näher als dem Drei- 
bund. Der nächste Redner, Dr. Tollinger, hegt ebenfalls kein 
Vertrauen zu der Bündnistreue Italiens. Am schärfsten aber 
äußert sich der Jungtscheche Klofac: der Deutsche Kaiser nehme, 
nachdem er überall einen Korb erhalten, zu Oesterreich seine 
Zuflucht; der Schönbrunner Depeschen Wechsel, die kühle Ant- 
wort des Königs von Italien beweise, daß der Dreibund nur 
auf dem Papier bestehe, und noch mehreres in dieser Tonart 
Tags darauf sekundiert ihm Dr. Kramarz, der den Dreibund 
eine ehrwürdige Reliquie aus alter Zeit nennt Die Jung- 
tschechen nehmen in ihren Delegationsreden auch von dem in 
Prager Blättern verbreiteten Gerüchte Notiz, daß Deutschland 
und Oesterreich-Ungarn der russischen Regierung militärische 
Hilfe gegen die revolutionären Unruhen zu leisten beabsichtigt 
und protestieren gegen diese „Strafexpedition der Reaktion". 
Dieses Gerücht geht auch in die russische Presse über und wird 
von einem Abgeordneten in der Duma zur Sprache gebracht 
so daß sich die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" veranlaßt 
sieht der Meldung ein energisches Dementi gegenüber zu stellen. 
Da die Nachricht. auch in ein der russischen Regierung nahe- 
stehendes Blatt, in die „Rossija" Eingang findet läßt das 
russische Kabinett durch die „Petersburger Telegrafenagentie" 
erklären, daß sie dieser Nachricht und ihrer Verbreitung voll- 
ständig fem stehe. Von slavischer Seite werden auch die im 
Oktober erscheinenden „Denkwürdigkeiten" des Fürsten Hohen- 
lohe zur Hetze gegen den Dreibund mißbraucht obzwar gerade 
die Tagebücher des Fürsten der Bundestreue des Kaisers das 
glänzendste Zeugnis ausstellen. 

Die ungarisdie Koalition, die sich in diesem Jahre in einer 
merkwürdigen Uebereinstimmung mit den slavischen Parteien 
Oesterreichs befindet hat mit den Angriffen gegen den Drei- 
bund, speziell aber gegen das Bündnis mit Deutschland, schon 
eingesetzt bevor sie ans Ruder gelangte. Der Justizminister 
der Koalition, G6za Polönyi, hat in mehreren Interviews die Mär 
verbreitet daß der Widerstand des Königs von Ungarn gegen 
die Einführung der ungarischen Kommandosprache auf reichs- 
deutschen Einfluß zurückzuführen sei. Schon im Januar nimmt 



170 Regesten: 1906 

die Presse der Koalition in selten heftiger Weise gegen Golu- 
diowslü, die »Marionette des Deutschen Kaisers", Stellung, und 
der Präsident der Unabhängigkeitspartei, der nachmalige Handels^ 
minister Franz Kossuth, erklärt, die Großmachtstellung, der der 
Dreibund diene, sei nur ein dynastisches, aber kein ungarisches 
Interesse. Die reichsdeutsdien Blätter, am entschiedensten die 
.Kölnische Zeitung" vom 12. Mai, betonen demgegenüber die 
vollständige Grundlosigkeit des Gerüchtes von einer Beein- 
flussung des Kaisers von Oesterreich in Bezug auf die Kommando- 
sprache zu Ungunsten Ungarns. Der Ministerpräsident der 
Koalition, Dr. Wekerle, nimmt auch am 14. Mai Gelegenheit, sich 
in einer Rede vor seinen Wählern in Temesvär gegen diese 
Quertreibereien zu äußern, indem er erklärt, das Bündnis mit 
Deutschland sei „nicht nur die Garantie des Friedens, sondern 
auch einer der Grundsteine unserer äußeren Politik". Fast zu 
derselben Stunde aber ließ sich Franz Kossuth, damals schon 
Handelsminister, über das Verhältnis zu Deutschland interviewen. 
Wohl bezeidmete er es als ein »hervorragendes Interesse" 
Ungarns, mit dem Deutschen Reiche das allerbeste Verhältnis 
zu unterhalten, erklärt jedoch, Deutschland befolge gegenüber 
den Interessen anderer Staaten eine egoistische Politik und ver- 
sucht, den bevorstehenden Besuch des Deutschen Kaisers als 

einen reinen Akt der Höflichkeit „und nichts sonst" 

hinzustellen. Einen konzentrischen Angriff gegen den Dreibund 
richteten die ungarischen Delegierten in der Plenarsitzung der 
ungarischen Delegation am 26. Juni, und nur der energischen 
Vermittlung des Ministerpräsidenten Wekerle konnte es Golur 
chowski verdanken, daß er kein Mißtrauensvotum erhielt. Die 
Stimmung in Ungarn besserte sich erst als Goluchowski ge- 
stürzt war und Fürst Bülow in seiner Rede vom 14. November 
sich energisch dagegen verwahrt hatte, als ob es der deutschen 
Politik je eingefallen wäre, sich in die inneren Angelegenheiten 
Ungarns oder in die zwischen den beiden Staaten der Donau- 
monarchie obwaltenden Streitfragen einzumischen. 



Regesten: 1907 171 

1907 

Im Juli dieses Jahres, vermutlidi in der ersten Wodie (das 
Datum ist nicht genau bekannt) wurde der Dreibunduertrag 
erneuert beziehungsweise, wie es in einer am 10. Juni verlaut" 
harten offiziösen Note heißt: »stillschweigend verlängert". Die 
WÄener „Neue Freie Presse" veröffentlichte am 12. Juli in einer 
alle Zeichen der Authentizität tragenden römischen Depesche 
folgende (auch später nicht bestrittene) Mitteilung: »Der Drei« 
bundvertrag wurde im Juni 1902 auf die Dauer von sechs Jahren 
geschlossen. Er hatte somit eine Geltungsfrist bis zum Juni 
1908. In dem Vertrage war die Bestimmung enthalten, er bleibe 
noch weitere sechs Jahre in Geltung, wenn er nicht ein Jahr 
vor dem Ablauftermine gekündigt wird. Der Kündigungstermin 
fiel somit in den Juni des Jahres 1907. Eine Kündigung hat 
nicht stattgefunden und so bleibt der Vertrag noch weitere sechs 
Jahre nadi dem Juni 1908, das ist bis zum Juni 1914 in Kraft". 
Dieser Termin wurde auch anläßlich der jüngsten Erneuerung 
des Dreibundes, i;n Jahre 1912, offiziell als richtig bezeichnet. 

Die Erneuerung des Dreibundes fiel in eine sehr kritische 
Zeit. Die Mittelmeerreise des Königs Eduard, dessen Entrevue 
mit dem König von Spanien in Cartagena und die Zusammen- 
kunft des englischen Königs mit dem König von Italien in GaSta 
zeitigten jene Situation, die mit dem geflügelten Worte „Ein- 
kreisung Deutschlands" bezeichnet wird, eine kritische Situation, 
die erst später nach der Zusammenkunft des Kaisers mit dem 
König von England in \Arilhelmshöhe, mit der Reise des Kaiser- 
paares nach England und mit der Entrevue Wilhelms II. mit 
dem Zaren in Swinemünde eine Klärung fand. 

Die Ereignisse auf dem Gebiete der Dreibundpolitik seien 
in chronologischer Reihenfolge behandelt: 

Zu Beginn des Jahres tauchen wieder Unstimmigkeiten 
zwischen Italien und Oesterreich- Ungarn auf. Es handelt sich 
einerseits um eine angeblich in den unterirdischen Gängen der 
Quecksilbergrube in VaH'alta von österreichischer Seite be- 
gangene Grenzverletzung, andererseits um die demonstrativ 
feierliche Dnsetzung des alten Garibaldianers Marcora^ in das 
Präsidium der italienischen Kammer, die in Wien verstimmend 
wirkte. Ueber die angebliche Grenzverletzung wird in der 
Kammersitzung vom 5. Februar interpelliert, worauf Tittoni er- 
klärte, es handle sich nicht um eine Grenzverletzung im politischen 
Sinne, sondern nur um eine Frage des internationalen Privat- 
rechtes. 



1) Siehe 1905. 



172 Regesten: 1907 

Die Verhandlungen Italiens mit England betreffend das 
Somaliland, die auch am 19. März zur Unterzeidmung eines 
Sonderabkommens gedeihen, werden in der Presse, speziell in 
einzelnen französischen Organen dahin kommentiert, daß sich 
zwischen den genannten Staaten einerseits in der AbrQstungs^ 
frage gegen Deutschland, anderseits in der Balkanfrage gegen 
Oesterreich - Ungarn ein Zusammengehen vorbereite. Diesen 
Gerüchten tritt die »Tribuna" und auch die \Anener „Politische 
Korrespondenz" scharf entgegen und zwar )ust am Vorabend 
der Zusammenkunft des Fürsten Bülow mit Tittoni in Rapallo 
am 30. März. Ueber diese Begegnung wurde ein offiziöses 
Communiqu^ ausgegeben, weldties das „vollständige Einver" 
nehmen und die volle Uebereinstimmung der Ideen der beiden 
Staatsmänner" konstatierte. Interviewern gegenüber äußerten 
sich Bülow und Tittoni außerordentlich befriedigt über das 
Ergebnis ihrer Besprechungen. Bülow sagte dem Spezial« 
korrespondenten des „Giornale d'Italia*: „Italien und Deutsch- 
land sind in fester Freundschaft verbunden und haben keine 
gegensätzlichen Interessen*. Tittoni betonte dem Korrespon- 
denten des „Resto del Carlino* gegenüber,' das mit Bülow 
erzielte „vollkommene Einvernehmen" beziehe sich auch auf 
die Frage der Abrüstung. 

Die Zusammenkunft König Eduards mit Viktor Emanuel 
hat wieder eine Presspolemik über die Bundestreue Italiens 
im Gefolge. Die „Tribuna" sieht sich (16. April) veranlaßt, zu 
erklären, Italien bleibe dem Dreibund treu und die Gerüchte 
über ein Abschwenken von der Friedenspolitik des Dreibundes 
energisch zu dementieren. Auch die „Süddeutsche Reichs- 
korrespondenz" tadelt (30. April) die Haltung der deutschen 
Presse: „Man solle der Welt nicht das Trugbild eines nervös 
beunruhigten Deutschlands vorführen". In Oesterreich-Ungarn 
wird die englisch-italienische Freundschaft mit scheelen Augen 
betrachtet und der „Pester Lloyd" (10. April) fordert die 
Regierung auf, den Balkanprojekten Italiens gebührende Auf- 
merksamkeit zu schenken. Eine neuerliche offiziöse Note der 
„Tribuna'' nimmt nochmals gegen diese Gerüchte Stellung, indem 
sie konstatiert, niemand sei bereditigt die Ehrlichkeit und Auf- 
richtigkeit der italienischen Politik zu bezweifeln. Minister 
Tittoni beeilt sich, am 15. Mai in offener Kammersitzung das 
Festhalten Italiens an dem Dreibunde zu proklamieren. Er 
wies den Vorwurf zurück, den einige Radikale an den Umstand 
knüpften, daß Freiherr von Aehrenthal sich dem König Viktor 
Emanuel nicht in Rom, sondern in der Sommerresidenz vorstellen 
und daß er auch mit Herrn Tittoni auf dessen Landsitz zu- 
sammentreffen wird, erinnerte an den Besuch des Erzherzogs 



Regesten: 1907 173 

Rainer in Rom und betonte, man müsse von einer Monarchie, 
die sidi mit dem Königreidi verbündet hat und ihren Botsdiafter 
am königlidien Hofe hält, doch nicht immer wieder neue Be- 
weise der Anerkennung fordern. Auch über die Zusammenkünfte 
in Rapallo und GaSta äußerte sidi der Minister erschöpfend: 
es gibt zwischen diesen keinen Gegensatz und keinen \Ander- 
sprudi, sondern nur Harmonie. Es bleibt die alte Formel: 
Unersdiütterliche Treue zum Dreibund, aufrichtige Freundschaft 
für England und Frankreich. Dem Besuche Aehrenthals prälu- 
diert Tittoni mit der Erklärung, die Beziehungen zu Oesterreich 
seien immer intimer und kordialer geworden und „sind heute 
in der Tat ausgezeichnet". Mit einem Hinweis auf den Besuch 
des Königs von Italien in Athen konstatiert der Minister das 
vollständige Qnvernehmen der italienisdien Balkanpolitik mit 
Oesterreidi - Ungarn und Rußland und erklärt, jede Vermutung 
über mögliche territoriale Ansprüche Italiens auf Kreta oder 
auf dem Balkan sei „unbegründet und unstidihältig''. Bezüglich 
der Abrüstungsfrage stimme Italien voll und ganz den Reserven 
zu, die von Deutsdiland und Oesterreich-Ungarn gemacht worden 
sind. Italien ist über den Kernpunkt nunmehr ganz mit seinen 
Verbündeten einig und da auch Sir Henry Campbell-Bannerman 
kaum ein unmittelbares praktisches Ergebnis von seinem Vor- 
sdilag erwartet ist die Angelegenheit, die soviel Aufsehen erregt 
hat, als erledigt zu betraditen. 

Knapp nadi der Erneuerung der Dreibund vertrage betonte 
Kaiser Franz Josef in der Thronrede, mit welcher der öster- 
reidiische Reichsrat eröffnet wurde : „Das Verhältnis zu unseren 
Verbündeten bestehe in unveränderter Herzlidikeit fort**. 

Am 14. Juli trifft der österreichisdi-ungarische Minister des 
Aeußeren zum Besudie seines italienischen Amtskollegen in 
Desio ein. Von der Bevölkerung mit den Rufen: »Hoch c^pr 

Dreibund! Hoch Oesterreich! begrüßt wer noch vor einigen 

Jahren gewagt hätte, ähnliches vorherzusagen, schrieb der 
„Corriere della Sera" über diesen Empfang, den hätte man 

bestenfalls für einen Träumer gehalten begab sich Aehren- 

thal in die Villa des Schwiegervaters Tittonis, wo mehrere 
Besprechungen stattfanden, über welche eine von beiden 
Ministern redigierte Note ausgegeben wurde, die ein »voll- 
ständiges, sich nicht nur auf die Gegenwart, sondern auch auf 
alle Eventualitäten der Zukunft beziehendes Einvernehmen* 
feststellt. Dem Spezialkorrespondenten der „Neuen Freien 
Presse** gegenüber betonte Aehrenthal, „für Oesterreich-Ungarn 
und Italien bleibe der Grundsatz der Erhaltung des Gleich- 
gewichtes und des Statusquo die oberste Richtschnur ihrer 
Politik.** Im Zusammenhang mit diesen Aeußerungen erklärte 



174 Regesten: 1907--1906 

man auf der italienisdien Botschaff in Berlin dem »Berliner 
Tageblatt", ein ernsthafter Konflikt zwischen Oesterreidti-Ungarn 
und Italien werde durch die Irredentisten nicht mehr hervor- 
gerufen werden können. Die italienische Fresse widmet der 
Zusammenkunft in Desio außerordentlich dreibundfreundliche 
Artikel. Diese Stimmung hält für eine längere Zeit an. Als 
einige Tage später in der französischen Presse Stimmen laut 
werden, die den Abmachungen Italiens mit England, Frankreich 
und Spanien eine dreibundfeindliche Tendenz zuschreiben, 
konstatiert „Popolo Romano" (26. Juni), niemand habe das 
Recht, diesen Abmachungen mit Mißtrauen zu begegnen: Italien 
halte treu und fest zum Dreibunde. Am 22. August erwiedert 
Tittoni dem Freiherrn von Aehrenthal den Besuch auf dem 
Semmering bei \A^en, bei welcher Gelegenheit abermals idas 
vollständige Einvernehmen der beiden Minister festgestellt wurde. 
In den beiden letzten Monaten ereignen sich Zwischenfälle, 
die rasch beigelegt werden: in Wien kommt es Ende November auf 
der Universität zu Zusammenstößen, zwischen deutschnationalen 
Studenten einerseits und italienischen und kroatischen Uni- 
versitätshörem anderseits, welche jedoch von der italienischen 
Presse ohne jede Leidenschaftlichkeit besprochen werden; die 
Polendebatte in Oesterreich wird von der »Norddeutschen All- 
gemeinen Zeitung" damit abgetan, daß sie konstatiert, die in 
Rede stehenden Einmischungsversuche (die übrigens Freiherr von 
Aehrenthal am 21. Dezember in der österreichischen Delegation 
energisdi zurückweist) könnten nur die Bedeutung einer Mahnung 
besitzen, die Ostmarkenvorlage ganz ausschließlich im Sinne der 
zwingenden nationalen Notwendigkeit zu erledigen. 



1908 

Das Jahr der Annexionskrise, aber auch einer Krise des 
Dreibundes. Eine Spannung, die zeitweise gefahrdrohende 
Dimensionen annimmt. An den Grenzen der Verbündeten, in 
Welschtirol und drüben in der Poebene, stehen Truppen auf 
Kriegsstand erhöht. An einzelnen Tagen hats schlimm ausqe- 
sehen aber die Krise ward überwunden und das Jahres- 
ende findet unter dem düsteren Widerschein einer ungeheueren 
Elementarkatastrophe Europa in einer friedlichen Stimmung, 
wenn auch die Lösung des Konfliktes noch aussteht. Die bos* 
nische Krise, der Vorläufer der großen Abrechnung an den 
Hängen des Balkans, war ein Prüfstein für den Dreibund, der ja 
auch, mitten in der Orientkrise erneuert, den Ausbruch eines 
europäischen Krieges behindert hat. 



Regesten: 1908 175 

Die Krise setzte mit den ersten Tagen des Jahres ein. 
Freiherr von Aehrenthal erklärte am 27. Januar in der ungari" 
sehen Delegation: Oesterreich-Ungam beabsichtige von seinem 
ihm auf dem Berliner Kongresse übertragenen Rechte Gebrauch 
zu machen und eine Bahn durdi den Sandsdiak Novipazar zu 
bauen. Einleitend konstatiert das Expose des Ministers des 
Auswärtigen, daß seine Bemühungen, das Verhältnis zu Italien 
„freundlidier*' zu gestalten, von Erfolg begleitet waren. Die Be- 
gegnungen in Desto und auf dem Semmering seien ein Beweis, 
daß beide Regierungen „in voller Harmonie auf das Ziel, eine 
größere Herzlichkeit in den Beziehungen herzustellen, los- 
steuern". Aehrenthal konstatierte auch, daß die Gegensätze in 
den Bevölkerungen, welche früher in Italien von einer der Mon* 
archie feindlidien Partei genährt worden sind, wohl nicht gänz- 
lich geschwunden, aber doch zurückgetreten seien und fügte 
hinzu: „Ich kann auch heute die bestimmte und beruhigende 
Erklärung abgeben, daß die beiden Regierungen etwaige Zwischen- 
fälle in der ihren Beziehungen entspredienden freundsdiaftlichen 
Weise behandeln und beilegen werden". Und bevor der Minister 
den Bahnbau beziehungsweise das Ansuchen um die Vorkonzes- 
sion bei der Pforte anmeldete, betonte er, daß Oesterreich- 
Ungam treu seiner Balkanpolitik keine territorialen Erwerbungen 
auf dem Balkan verfolge. Die Bahn selbst ist als eine Ver- 
bindung zwischen \A^en und Saloniki über Sarajevo, Mitrowitza, 
Uesküb geplant; gleichzeitig soll der Bau einer Linie von Cattaro 
an das montenegrische Litorale effektuiert werden. Nun waren 
alle Geister los. Die italienische Presse nahm vorerst eine ab* 
wartende Haltung ein. Sie erörterte nur die auf Italien bezüg- 
lichen Erklärungen Aehrenthals und ließ die Frage der Orient- 
bahnen bei Seite. Die „Tribuna" nennt die Expose-Sitzung der 
ungarischen Delegation einen guten Tag für den Weltfrieden, 
und »Popolo Romano" bezeichnet das Expose als klar, er- 
schöpfend und beruhigend. Nur der „Corriere d'Italia" will 
reditzeitig die „Gefahr** erkennen: Aehrenthal habe auf Grund 
des wieder bekräftigten Einvernehmens mit Rußland ein Pro- 
gramm entworfen, welches die Balkanhalbinsel wirtschaftlich der 

Monarchie unterwerfen soll die Ansichten des Ministers 

sdieinen rosiger zu sein als die Tatsachen, auf welche sie be- 
gründet sind. Das Signal zu den Angriffen gegen das Bahn- 
projekt Aehrenthals (der Sultan hatte mittlerweile die ange- 
suchte Vorkonzession erteilt) war gegeben, und nun setzte die 
Hetze ein. London und Petersburg alarmierten, Belgrad und 
Cettinje sekundierten, und bald mußte Oesterreich-Ungam mit 
militärischen Maßnahmen im Wetterwinkel Tirols einsetzen. 
England, das den Abschluß des Dreibundes 1883 mit Freude 



176 Regesten: 1906 

begrüßt hatte, suchte Italien in eine andere Interessengruppe 
zu lenken. Rußland erhob die Aniclage wegen Treulosigkeit 
gegenüber dem Mfirzsteger Programm, die Panslavisten an der 
Seine wüteten um die Wette mit den Brüdern an der Newa, das 
englische Balkankomitee tadelte öffentlich die »Expansions-- 
gelüste" der Donaumonarchie, und in Rom erwachte die Sehn- 
sudit nadi dem »anderen Ufer". Den Angriffen der italienischen 
Presse gegenüber läßt das Auswärtige Amt am Wiener Ballplatz 
mit einer gewissen Tendenz offiziös verlautbaren, italienische 
Konzessionäre hätten in den letzten Jahren größere Zugeständ- 
nisse auf dem Balkan erlangt: eine italienische Gesellsdiaft 
baut den Hafen von Antivari und eine Bahn von Antivari nach 
Virpozar am Skutarisee, eine italienische Gesellsdiaft hat die 
Konzession für das Tabakmonopol in Montenegro erhalten, in 
Durazzo und Skutari bestehen italienisdie Handelsagentien, in 
Skutari eine italienische Bank, endlich ist einer italienischen 
Konzessionärin die Schiffahrt auf der Bojana und am Skutarisee 
eingeräumt worden. 

Das Expose Aehrenthals steht am 31. Januar in der öster- 
reichischen Delegation zur Diskussion. Der Jungtsdieche Dr. 
Kramarz verlangt eine Abänderung des Artikels II des Bünd- 
nisvertrages mit Deutschland, betont, der direkte Weg nadi 
Rom sei kürzer als der über Berlin und richtet heftige Angriffe 
gegen die Polenpolitik in Preußen. Pittoni kann sich mit der 
„Vorherrschaft Deutschlands im Dreibünde" nicht einverstanden 
erklären und spricht engeren Beziehungen zwischen Oesterreidi 
und Italien das Wort. Auch die polnischen Delegierten kritisieren 
die preußische Polenpolitik, worauf Aehrenfhal diese Angriffe 
mit energischen Worten zurückweist. Der Minister äußerte sich 
nochmals eingehend über das Verhältnis zu Italien: er gab 
seiner Ansicht Ausdruck, der Irredentismus habe heute nicht 
mehr so große Dimensionen wie ehedem; die Rüstungen Italiens 
seien durch seine geographische Situation bedingt; die Rührig« 
keit Italiens auf dem Balkan könne nicht in Abrede gestellt 
werden, doch kann daraus Italien kein Vorwurf gemacht werden, 
eher Oesterreich-Ungam wegen seiner Saumseligkeit. Schließ- 
lich beantwortete der Minister auch eine Anfrage über die Aus- 
weisungen aus Preußen damit, daß er erklärte, seine Interven- 
tion habe in diesem Belange „doch immerhin einige Erfolge" 
aufzuweisen gehabt. Der Voranschlag des Auswärtigen Amtes 
wurde in der Delegationssifzung vom 12. Februar erledigt. In 
dieser Sitzung wurde die Frage der Balkanbahn eingehend dis- 
kutiert: Dr. Baernreither trat mit Lebhaftigkeit für die Verbindung 
mit Mitrowitza ein, Dr. Kramarz ist gegen die Sandschakbahn, 
Axmann meint, der Preis, den Oesterreich-Ungarn für die Sand- 



— — 1 



Regesten: 1906 177 

sdiakbahn zahlen mOsse, sei ein zu hoher, Ritter von Vulcovic 
verlangt eine Abwehr der Aktionen Italiens in Albanien und 
Ritter von Kozlowski stellt die These auf, der Widerstand Frank- 
reich gegen die Sandschakbahn gelte nur dem Bundesgenossen 
Deutsdilands. In der Rede, mit weldier Freiherr von Aehrenthal 
die Diskussion absdiließt, widmet der Minister dem Bündnis 
mit Deutschland warme Worte. 

An demselben Tage beraten die Parteien des österreichischen 
Reichsrates über die italienische Universitätsfrage, die das ganze 
Jahr hindurch spukt, und immer, wenn sidi das Verhältnis 
zwisdien Rom und Wien zuspitzt zu Straßendemonstrationen 
führt. 

Ueber die Bahnfrage äußerte sidi Tittoni am 11. März in 
der italienischen Kammer und erklärte offen, diese Frage drohte 
einen Augenblick den politischen Horizont zu verdunkeln, doch 
sei sie seither einer »billigen Lösung, bei weldier den Inter- 
essen Italiens Redmung getragen wird", entgegengeführt worden. 
Der Minister leitete seine Rede mit einer „Erinnerung" an 

Desio und den Semmering ein und konstatierte, daß ob- 

zwar bei diesen Begegnungen von der Bahn nach Mitrowitza 

keine Rede gewesen sei er von der Absicht Aehrenthals„ 

bei der hohen Pforte die Zustimmung zum Bau der Linie Uvac'- 
Mitrowitza einzuholen, benadirichtigt worden war, bevor Aehren- 
thal den Delegationen hiervon Mitteilung machte. Der Bau 
dieser Bahn sei ein Recht Oesterreich-Ungams, das von nie- 
mand bestritten wird. Nach einer eingehenden Darlegung 
der Bahnfrage erklärt der Minister: es könne jede Gefahr be- 
schworen werden, wenn die Mächte einmütig feststellen, daß 
der Bau der Bahnen auf dem Balkan als ein wesentlidier Teil 
des Reformwerkes in Mazedonien anzusehen sei. Im übrigen 
betonte Tittoni unter demonstrativem Beifall der Kammer, Italien 
sei grundsätzlich gegen jede Monopolisierung des Bahnbetriebes 
auf dem Balkan. Die Rede Tittonis und auch dessen An- 
kündigung, er werde die „lateinische" Bahn, die bedeutende 
Linie von dem albanischen Hafen Valona nadi Monastir, unter- 
stützen, fanden in Oesterreich- Ungarn eine freundliche Auf- 
nahme. 

Bald darauf, am 24. März äußerte sich auch Bülow über die 
Bahnfrage. Er erklärte bei der Etatsberatung : »Wir haben das 
österreichisch-ungarische Projekt der Verlängerung der bos- 
nischen Bahn nach Mitrowitza mit Sympathie begrüßt; unser 
Bundesgenosse macht damit von einem Rechte Gebrauch, das 
ihm in einem völkerrechtlichen Vertrage verliehen worden ist". 

Nach längerer Pause fand am 25. März eine Zusammenkunft 
des Deutschen Kaisers mit König Viktor Emanuel in Venedig 

Singer, Gescfaidite des Dreibundes 12 



178 Regesten: 1906 

statt» der angesichts des Mittelmeervertrages, welcher zwischen 
England, Frankreich und Spanien abgeschlossen wurde, in Italien 
erhöhte Bedeutung beigemessen wird. Die Blätter begrüßen 
das Deutsdie Kaiserpaar mit sehr herzlidien Worten, in der 
Kammer beantragte Santini, die Kammer möge »den beiden 
Monarchen, deren Begegnung die Bande der Allianz zwischen 
Deutschland und Italien stärke und den Weltfrieden sichere, die 
ehrfurditsvollsten GrQße entbieten", weldier Anfrag vom Präsi- 
denten Marcora als einstimmig angenommen enunziiert werden 
konnte. Der Kabinettschef des Ministers Tittoni, Marchese 
Carlotti, äußerte sich dem Spezialkorrespondenten der „Neuen 
Freien Presse" gegenüber, die deutsche und die italienische 
Politik seien vollständig einig (»einiger als einig können wir 
nicht sein") in der Wahrung des gegenwärtigen Besitzstandes 
und in der Erhaltung des Dreibundes und des europäischen 
Einvernehmens. 

Am 28. März trifft BOiow in Wien ein, um dem Freiherrn 
von Aehrenthal für die Besudle, die dieser im November 1906 
und im Frühjahr 1907 in Berlin gemacht hat einen Gegenbesuch 
abzustatten. Sowohl die reichsdeutsch en als auch die Wiener 
und Budapester Zeitungen konstatieren bei diesem Anlasse die 
vollständige Uebereinstimmung der beiden Staatsmänner. Die in 
Wien gepflogenen Beratungen finden ihre Ergänzung in den 
Besuchen, die Bülow im April in Rom abstattet (14. April: Be- 
gegnung mit Tittoni, 28. April : Besuch bei Giolitti). Bülow selbst 
äußerte sich über seine Besprechungen mit Tittoni einem Mit- 
arbeiter der »Agenzia Stefani" gegenüber, es sei wieder „die 
Gemeinsamkeit unserer Gesichtspunkte und Ziele" festgestellt 
worden. Hinsichtlich der Beziehungen zwischen Oesterreich- 

Ungarn und Italien — fügte Bülow hinzu war 

keinerlei Vermittlung Deutschlands notwendig, denn eines der 
unbestreitbarsten Verdienste der Minister Giolitti und Tittoni 
liegt darin, neuerlich die Beziehungen zwischen Oesterreich" 
Ungarn und Italien freundschaftlich und voll des gegenseitigen 
Vertrauens gestaltet zu haben, — das Bestreben der beiden 
Minister sei durch die gleidie loyale und bündnistreue Haltung 
des Freiherrn von Aehrenthal erleichtert worden. 

Auf einem Bankette zu Ehren Gabriele d'Annunzios am 
29. April in Venedig, veranstaltet von der »Lega Navale", werden 
irredentistische Reden gewechselt, doch macht es in Gestenreich 
guten Eindrudc, daß an dem Bankette keine offiziellen Persön- 
lichkeiten, auch nicht der Sindaco oder der Präfekt teilnahmen. 

Eine Feier des Dreibundes nannte die „Neue Freie Presse" 
den 7. Mai, das Jubiläumsfest des Patriarchen auf dem Habs- 
burger Throne. Der Deutsche Kaiser erschien mit den Bundes- 



Regesten: 1908 179 

fürsten und dem Bürgermeister von Hamburg in Wien, um den 
Kaiser^König Franz Josef zur nahen Vollendung seines sech' 
zigsten Regierungsjahres zu beglOdcwOnsdien. Der \Anener Fest- 
tag findet in der reidisdeutsdien Presse einen warmen Wider* 
hall. Im „Tag" veröffentlichte Professor Hermann Ondcen unter 
dem Titel »Kaiser Franz Josef und die deutschen Fürsten* einen 
Artikel, der zu folgendem Schlüsse gelangt: „Bündnisse beruhen 
auf Interessen und dauern nur solange, als diese die gleichen 
sind; auch dynastische Beziehungen und Völkerfreundschafteii 
machen keinen Anspruch auf Ewigkeit Dauerhafter aber sind 
jene völligen Kulturgemeinschaften, wie sie zwischen Deutschen 
und Deutschösterreidiern bestehen, und darum geben sie audi 
dem politischen Bündnisse zwischen dem Deutschen Reiche und 
Oesterreidi'Ungam einen festeren Kitt als alles andere. Die 
Stunde der Fürstenhuldigung erinnert unser Volk an Bande, die 
trotz 1866 nicht zerstört sind und nicht zerstört werden können". 

Um die Mittagsstunde fand in dem historischen Schlosse 
von Schönbrunn die Gratulationscour der Deutschen Bundes^ 
fürsten statt. Auf die herzliche Ansprache Kaiser Wilhelms er- 
widerte Franz Josef mit einem feierlichen Hinweise auf das vor 
nahezu dreißig Jahren abgeschlossene Bündnis: »Die Tatsache» 
daß es Mir heute vergönnt ist, eine so große Anzahl deutscher 
Fürsten um Mich versammelt zu sehen, ist auch die ausdruck- 
vollste Bestätigung des zwischen Uns seit beinahe dreißig Jahren 
bestehenden engen und unerschütterlidien Bundesverhältnisses. 
Dieser Tag bestärkt Mich in der frohen Erwartung, daß dieses 
nur friedliche Ziele verfolgende Bündnis, dem gleiche Be- 
strebungen der anderen Mädite wirksam zur Seife stehen, seine 
Aufgabe bis in die fernste Zukunft voll erfüllen wird'*. Auch in 
dem Trinkspruche bei dem Galadiner, das abends stattfand, be- 
zog sich der greise Jubilar auf das Bündnis: „auf die so engen 
zwischen Uns bestehenden Beziehungen, die Uns allen ein wahres 
Herzensbedürfnis sind". Bedeutungsvoll ist auch die Tatsache, 
daß König Viktor Emanuel sich den Glückwünschen, die die 
Deutsdien Verbündeten persönlich überbrachten, in einem herz- 
lichen Telegramm anschloß. Franz Josef dankte für dieses 
„neue Zeichen der engen Bundesgenossenschaft und der innigen 
Freundschaft, die Uns verbindet". 

Wenige Tage vor der Zusammenkunft König Eduards mit 
dem Zaren auf der Rhede von Reval legt Minister Tittoni am 
4. Juni in der Kammer ein aufrichtiges Bekenntnis zur Dreibund- 
politik ab. Er betont das einmütige Vorgehen mit Oesterreich- 
Ungam in der Frage der mazedonischen Reformen, sowie das 
vollständige Einvernehmen bezüglich der Balkanbahnen, um zum 
Schlüsse seiner Rede in herzlichen Worten des Aufenthaltes des 

12* 



180 Regesfen: 1908 

Deutschen Kaisers in Venedig, des Besuches des Forsten BQlow 
in Rom und der Wiener Jubelfeier zu gedenken. 

Im August und im September finden wieder Begegnungen 
der leitenden Staatsmänner der Dreibundmächte statt: am 23. 
August besucht Tiffoni den Staatssekretär Schön in Berdites- 
gaden und am 4. September treffen Aehrenthal und Tittoni in 
Salzburg zusammen, worauf sich Freiherr von Aehrenthal zum 
Staatssekretär von Schön nach Berchtesgaden begab. Bei diesen 
Zusammenkünften wurde die am 5. Oktober durchgeführte 
Annexion Bosniens und der Herzegowina verhandelt Ueber 
die Besprechungen in Salzburg und Berditesgaden wurde am 
5. September durch das Wiener k. k. Telegra^nkorrespondenz^ 
büro amtlich verlautbart, daß hierbei die ^erfreulichste Harmonie 
in der Auffassung der Kabinette der Dreibundmädite von neuem 
bestätigt wurdet 

Und trotz alldem, trotz der vorbereitenden Besprechungen 
und der eigenhändigen Handschreiben Franz Josef des Ersten 
an die Monarchen und an den Präsidenten der französischen 
Republik wirkte die am 6. Oktober publizierte Proklamierung 
der Angliederung Bosniens und der Herzegowina an die öster^ 
reichisdi-ungarische Monarchie wie eine Bombe. Vergebens die 
friedliche Motivierung in den Annexions - Handschreiben des 
Kaiser-Königs Franz Josef, vergebens die Versichierung der am 
8. Oktober vor den Delegationen verlesenen Thronrede, daß die 
Monarchie keine territorialen Erwerbungen über den jetzigen 
Besitz hinaus * anstrebt, vergebens die friedfertigen Erklärungen 
des Exposes Aehrenthals, vergebens die Räumung des Sand- 

schaks Novipazar Presse und Versammlungen in Rom 

protestieren gegen die Annexion, England, Rußland und Frank- 
reich hetzen gegen Oesterreich-Ungam; Serbien und Montenegro, 
ermuntert und angeeifert von seinen Protektoren, führen eine 
Spradie, die fast einer Kriegserklärung gleichkommt. Die irre- 
dentistischen Vereine werden gegen die Donaumonarchie los- 
gelassen, Tittoni verspricht auf einem Kongresse in Carate- 
Brianza, er werde nidit dulden, daß die italienischen Interessen 
einen Schaden erleiden, und auch von offiziöser Seite wird die 
Forderung nach „Kompensationen" laut An der Newa und nodi 
mehr an der Seine wird eine Abrechnung mit den Waffen pro- 
pagiert Grey und Hardinge „vermitteln". Audi die deutsche 
Presse wird nervös. Der deutsche Botschafter in Konstantinopel 
gibt dem Großvesier die Erklärung ab, „daß jene Ereignisse ge* 
schehen sind, ohne daß man Deutschland vorher um eine 
Meinungsäußerung ersucht hat". Die Wochenrundsdiau der 
„Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" vom 11. Oktober ver-* 
stimmt in Wien, wo die Presse mit Berufung auf die Dienste 



Regesfen: 1906 181 

Oesterreidi- Ungarns in der Marokkofrage eine kräftigere Unter« 
Stützung fordert. Die ganze Orientfrage ist aufgerollt. Mit der 
Dardanellenfrage der „Zug nadi Zarigrad^ Katharina IL und 
alle drei Alexander hatten nach der Herrschaft über die Balkan« 
halbinsel gestrebt. Czartoriski hat schon 1804 seinem Kaiser 
einen Plan fOr die Revision der Karte Europas vorgelegt, wo« 
nach Ja masse des pays turcs en Europe devrait Stre Me par 
une f^deration commune", Ober weldie der Zar „au moyen du 
titre de protecteur des Slaves" seinen entscheidenden Einfluß, 
„influence döcisive" üben sollte. Der Traum, der zunichte ward, 
weil Alexander I. Händel mit Schweden bekam und gleich 
darauf Napoleon nach Rußland gezogen war, wird wieder 

lebendig sechs Jahrhunderte, nadfidem der erste Murad 

nach Europa übersetzte und über Adrianopel der Halbmond 
auftaudite. Frankreich unterstützt den Bundesgenossen, England 
hat Indien, Aegypten und seine Interessen in Asien vor Augen, 
und auch Italien schwankt Das Bekenntnis, das Tittoni für 
den Dreibund ablegt, verhallt unter den Freundschaftsbe« 
Zeugungen für Rußland, und die Kammer hätte ohne Zweifel 
noch energischer gegen die verbündete Donaumonarchie Stel« 
lung genommen, wenn sie nicht in diesem kritischen Augen« 
blidke einen Kabinettswechsel hätte vermeiden wollen. Nur die 
Bundestreue Deutsdilands, die Oesterreich « Ungarn ermutigte, 
alle Forderungen nach Rekompensationen abzulehnen und im 
Süden Ungarns und Tirols Truppenmassen zu konsignieren, 
führte eine Milderung der Krise herbei und behinderte den Aus« 
brach eines europäischen Krieges. 

Sofort nach der Proklamierung der Annexion unterbreitete 
Aehrenthal in Budapest der österreichischen Delegation sein 
Expose. Er gab eine erschöpfende Darstellung der Orientfrage; 
an die Julirevolution in Konstantinopel anknüpfend, erörterte 
er mit seltener Offenheit das englisdi-russische Reformprojekt, 
konstatierte das Einverständnis nicht nur mit Deutschland und 
Italien, sondern auch mit den anderen Mächten, in erster Reihe 
mit Rußland, motivierte die Angliederung der okkupierten Pro« 
vinzen und schließt: „Indem wir fest zu unseren Verbündeten 
Deutschland und Italien stehen, tragen wir unentwegt zur Er« 
haltung des so notwendigen Friedens und Gleichgewichtes in 
Europa bei. Was insbesondere unser Verhältnis zu Italien be« 
trifft setze ich, von meinem italienischen Kollegen loyal unter- 
stützt, mit Erfolg meine Bemühungen fort, die Intimität unserer 
Beziehungen zu pflegen, welche sich erfreulicherweise stets 
wärmer gestalten. Ich hatte auch heuer Gelegenheit, mich mit 
Herrn Tittoni freundschaftlich auszusprechen, wobei wir in der 
Lage waren, festzustellen, daß wir mit Genugtuung auf das 



1S2 Regesten: 1908 

bereits Erreichte zurOdcblidcen uud daraus die Ermutigung 
schöpfen können, bei unserer Methode vertrauensvollen Zur 
sammengehens zu beharren. Das bereits bestehende Dnver- 
nehmen mit Italien ist in Bezug auf den Balkan in ähnlicher 
Weise ausgestaltet worden, wie das Einvernehmen mit Rußland, 
so daß man wohl von einer gleichen Auffassung der drei 
Mächte über die dortige Lage zu sprechen bereditigt ist". 

Nun taucht die Konferenzidee auf und die Frage der Kom" 
pensationen. Ueber beide Fragen äußert sidi Aehrenthal in 
klarer und unzweifelhafter Form am 27. Oktober vor der öster-- 
reichischen Delegation: Die Monarchie habe prinzipiell gegen 
die Konferenzidee nichts einzuwenden, weil sie entsdilossen 
ist, alles aufzubieten, um die bestehende Spannung zwischen 
den Mächten zu beseitigen. Zu diesem Zwedce will Aehrenthal 
das größtmöglidie Entgegenkommen betätigen, indem er nidit 
etwa die vollständige Aussdialtung der bosnischen Frage aus 
dem Konferenzprogramm begehrt, sondern sich auf das Ver^ 
langen beschränkt, daß die Tatsache der Souveränitätserstreckung 
in der Konferenz nicht in Frage gestellt und nidit in die Dis- 
kussion einbezogen werde. Was die Kompensationen betrifft, 
seien solche schon deshalb nicht am Platze, weil ja ein tatsädi« 
licher Zuwachs des Besitzstandes der Monarchie nicht einge* 
treten ist, hingegen die Türkei durch die Abtretung des Sand" 
schaks bereits einen tatsächlichen Machtzuwachs erhalten hat. 
Mit besonderer Schärfe betonte der Minister, daß von irgend 
einer Kompensation nach anderer Seite hin keine Rede sein 
könne. Er gibt zum Schluß der Hoffnung Ausdruck auf ein 
baldiges Nadilassen der eingetretenen Spannung, die Oester^ 
reich-Ungarn, unterstützt von seinen Alliierten Deutschland und 
Italien anstrebt und betont nachdrücklidist, die Grundlage der 
Politik Oesterreich-Ungarns sei der Dreibund: „Ich blicke zuver- 
sichtlich in die Zukunft, schon deshalb, weil ich die gleichen 
konzilianten Dispositionen, von denen wir ausgehen, auch bei 
den anderen Regierungen zu konstatieren glaube". 

Die Konferenzidee ist bald begraben, nachdem auch nach 
dem Besuche Iswolskis in Berlin (24. bis 26. Oktober) offiziös 
erklärt wird, die Deutsdie Regierung halte an dem Standpunkte 
fest, daß sie Vorsdilägen nicht zustimmen kann, gegen welche 
Oesterreich-Ungam Einwendungen erhebt 

Am 3. November erfolgte ein Kollektivschritt Deutschlands 
und Oesterreich-Ungams bei der bulgarisdien Regierung. Die 
Vertreter der beiden Staaten überreiditen zur Wahrung der 
Interessen der Orientbahnen (die bulgarisdie Regierung hatte 
die Sophioter Vertretung der Orientbahnen aufgefordert, direkte 
Verhandlungen wegen der Ablösung einzuleiten) einen schrift* 



Regesten: 1906 1S3 

liehen Protest, in weldiem unter Hinweis auf die Möglidikeit 
der Expropriierung einer Bahnlinie erklärt wird, die Entlassung 
der bisher von der bulgarisdien Regierung nicht angestellten 
Orient bahnbeamten und die Räumung der Dienstwohnungen 
sei während des gegenwärtigen Standes der Angelegenheit 
undurchführbar und die Aufnahme der Verhandlungen nicht 
früher möglich, bevor sich die bulgarische Regierung mit der 
Türkei als der Eigentümerin auseinandergesetzt habe. 

Vom 4. bis zum 7. November weilt der Deutsche Kaiser in 
Oesterreich als Jagdgast des Thronfolgers Franz Ferdinand in 
Eckartsau und einige Stunden in Wien zum Besudle Franz 
Josefs. 

In den ersten Tagen des Novembers wurde das Gerücht» 
daß sich der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog 
Franz Ferdinand nach Rom begeben werde, in der italienischen 
Presse leidenschaftlich diskutiert. Der Vatikan ließ in der offi* 
ziösen »Corrispondenza Romana" verlauten, „der Papst erkläre 
es angesichts der Tatsache, daß die römische Frage noch nicht 
gelöst ist, als eine ihm persönlich und der Kirdie zugefügte 
Beleidigung, wenn ein katholisches Staatsoberhaupt oder dessen 
Stellvertreter einen Besuch im dritten Rom machen wollte*. 
Demgegenüber erklärt die „Tribuna", die römische Frage sei 
seit 38 Jahren gelöst und bedürfe keiner weiteren Sanktion 
durdi hohe Besudie, wie willkommen sie auch sein mögen. 

Am 25. November kommt es in der Aula der Wiener Uni- 
versität zu Zusammenstößen zwischen italienischen Studenten, 
die für die Errichtung einer italienischen Universität demon- 
strieren, und deutschen Burschenschaftern; am 29. desselben 
Monates folgen Straßentumulte in Triesl. An demselben Tage 
werden in Rom und in mehreren anderen Städten Italiens 
Protestversammlungen gegen die Vorgänge an der Wiener Uni- 
versität veranstaltet. Das allitalienische Meeting zu Rom ist 
das Signal zu stürmischen Kundgebungen in Oesterreich. Am 
9. Dezember erklärt der österreichische Ministerpräsident Bienerth, 
ohne auf diese Demonstrationen zu reagieren, die Regierung 
werde im Januar des kommenden Jahres an die Errichtung 
einer Reditsfakultät mit italienischer Vortragssprache schreiten. 

Der Dezember bringt wichtige Enunziationen in Rom und 
in Berlin. 

Die italienische Kammer tritt am 1. Dezember in die Ver- 
handlung des Voranschlages des Auswärtigen Amtes. Unter 
stürmischen Lärmszenen begründet der Deputierte Fusinato das 
Vertrauensvotum für die auswärtige Politik der Regierung. Er 
führt aus, die Annexion Bosniens und der Herzegowina habe 
das Land ernstlidi beunruhigt, doch schon die nächste Zeit werde 



184 Regesten: 1906 

beweisen, daß diese unerquickliche Stimmung unbegründet war, 
weil Italien dadurch weder in seiner politischen, noch in seiner 
wirtschaftlichen Stellung benachteiligt oder geschädigt wurde. 
Nach der Annexion hatte der Minister des Aeußem nur drei 
Wege: entweder den des offenen Widerstandes, oder den der 
stillen Zurückhaltung, oder den der Entschädigungen. Tittoni 
hat diesen letzten gewählt und die Preisgabe des Sandschaks 
von Novipazar erreicht der für Italien den Verzicht auf das 
Aegäische Meer bedeutet Am zweiten Tage der Debaffe sprach 
Sonnino gegen den Antrag Fusinatos, als »Protest gegen die 
Haltung Tittonis in der letzten Zeit*. Die Sensation des dritten 
Tages war die Rede des Deputierten Fortis. Dieser erklärte, 
die Annexion bedeute eine tatsächliche Verletzung des Vertrages. 
Unter stürmischem Beifall der Kammer setzte er hinzu: »Ich 
denke, wir müssen uns bemühen, auch im Falle der Vereitlung 

der Konferenz im Dreibunde zu bleiben doch nicht um 

jeden Preis! Das außerordenUiche und übermäßige Maß der 
Rüstungen Oesterreich-Ungams kann Italien nicht lange ertragen: 
der einzige Staat der uns tatsächlich mit Krieg bedroht ist mit 
uns verbündet*. Interessant ist daß nach der Rede von Fortis der 
Ministerpräsident und alle Minister zu ihm eilen und ihm die 
Hände schütteln. Der Marineminister Mirabell o umarmt und 
küßt ihn. Minister Tittoni bleibt einsam an seinem Tische .... 
Er hält am 5. Dezember eine längere Rede, in welcher er sich 
in erster Reihe über die Konferenzfrage äußerte. Er streifte 
die Konflikte an der Wiener Universität betonte jedoch, er habe 
bei der vertraulichen Behandlung dieser Angelegenheit die 
besten Dispositionen auf Seiten der österreichischen Regierung 
gefunden. Sodann beschäftigt er sich mit einer Behauptung 
Barzilais, (die übrigens schon Sonnino tags vorher als unrichtig 
bezeichnet hatte), daß Oesterreich-Ungarn durch einen an seinen 
Botschafter gerichteten Brief dem Unterstaatssekretär Maffei die 
Ueberlassung des Trentino an Italien versprochen habe. Dies- 
bezüglich sei absolut nichts in den Akten, auch nicht in den 

geheimen Dokumenten gefunden worden im Gegenteil, 

es liegen wiederholte, ausdrückliche, formelle Erklärungen der 
österreichisch-ungarischen Regierung des entgegengesetzten In- 
haltes vor. Tittoni berichtete sodann dem Parlament daß 
zwischen Rußland und Italien eine neue Entente abgeschlossen 
wurde, die nicht ohne bedeutende Folgen für die Zukunft bleiben 
werde ^ und kündigt Verhandlungen an für den Ausbau der 



9 Die Zusammenkunft zwischen Tittoni und Iswolski in Desto, bei der 
dieses Abkommen zustande gekommen ist hat zwei Wodien nadi der Be* 
gegnung Iswolskis mit Aehrenthal in Budilau stattgefunden. Anfangs Sep" 



.--1 



Regesfen: 1908 1S5 

Donau-Adria-Bahn, von welcher Serbien und Montenegro ihre 
wirtschaftliche Befreiung erwarten. Der Minister befaßt sich mit 
den möglichen Kompensationen und erldärt nach Ausscheidung 
oder Abänderung der Artikel fünfundzwanzig und neunundzwanzig ^ 
des Berliner Vertrages sei für die Verteidigung der Interessen 
Italiens in der möglichst besten Weise vorgesorgt worden. Mit 
der Versicherung, daß Italien der Allianz mit Deutschland und 
Oesterreich'Ungarn treu bleiben werde, jedoch zwischen den 
Allianzen und den Freundsdiaften nicht zu wählen wünsche, 
schloß der Minister seine Rede. Giolitfi erklärt sich mit Tittoni 
solidarisch, indem er betont, der Dreibund habe dem Lande 
eine sehr lange Zeit hindurch den Frieden gesichert. Nach der 
Erklärung Giolittis wird die Tagesordnung Fusinatos mit zwei« 
hundersiebenundneunzig gegen hundertundvierzig Stimmen an- 
genommen. Am 21. Dezember äußerte sich Tittoni auf die An- 
fragen der Senatoren Tassi und V^schi noch einmal über die 
italienische Universitätsfrage in Oesterreich: er habe in dieser 
Frage eine offiziöse, freundschaftliche Aktion eingeleitet und bei 
der verbfindeten Macht die besten Dispositionen gefunden. Er 
protestierte bei dieser Gelegenheit auch gegen die Annahme, 
als ob die italienische Regierung ihre Aktion auf dem Balkan 
gegen die österreichisch-ungarische Regierung gerichtet habe; 
sie wollte lediglich die italienischen Interessen gegen jeden, wer 

es auch sei, sicherstellen „es gibt da nidits, was dem 

Dreibunde widerspräche, dem wir treu sind und treu bleiben*. 
Am 5. Dezember beginnt im Deutschen Reichstag die Etats- 
beratung. Speck (Zentrum) lobt das enge Zusammengehen mit 
Oesterreich-Ungarn in der Orientfrage. Bassermann betont 
ebenfalls, der Dreibund müsse der Angelpunkt der deutschen 
Politik bleiben; erfreulicherweise wolle audi Italien daran fest- 
halten, wie die Kammerverhandlungen beweisen. Dieser Redner 
bespricht auch die jüngst stattgehabten Ausschreitungen in Prag 
gegen Reichsdeutsche. Am 7. Dezember ergreift das Wort Ab- 
geordneter Dr. Wiemer, der die Protestversammlung der Berliner 
Studenten (Rede des Professor von Liszt) gegen die Aus- 
schreitungen in Prag zur Sprache bringt, jedoch betont, Deutsch- 
lands Platz sei an der Seite Oesterreidis in guten und erst recht 
in schweren Tagen. Reichskanzler Fürst Bernhard Bülow sprach 
hierauf von der „Treue zu dem uns verbündeten Oesterreich- 
Ungarn", erklärte, Deutschland sei gleichzeitig mit Italien und 

tember war Aehrenthal mit Tittoni zusammengetroffen und sowohl der 
russisdie wie der italienisdie Minister waren daher von der bevorstehenden 
Annexion Bosniens unterriditet gewesen. 

1) Artikel XXV bezieht sidi auf Bosnien und die Herzegowina und auf 
den Sandschak Novipasar, Artikel XXIX auf Antivari und Montenegro. 



186 Regesfen: 1906 

Rußland von der Absicht der österreidiisdi-'Ungarischen Re* 
gierung, die Okkupation in eine Annexion zu verwandeln, in 
Kenntnis gesetzt worden und teilte dem Reichstag mit er habe 
Iswolski keinen Zweifel daröber gelassen, daß Deutschland sich 
in der Konferenzfrage nicht von Oesterreich-Ungarn trennen 
würde. Die italienisdie Politik, führte sodann BOlow aus, werde 
durch ihr eigenes Interesse zu einer vermittelnden Haltung ge* 
führt. Er habe die Zuversicht daß es möglich sein werde, den 
Gegensatz, der sich in jüngster Zeit zwischen Oesterreich-Ungam 
und Italien gezeigt hat ebenso wieder auszugleichen, wie dies 
früher in vielen Fällen geschehen sei. Italien habe ein großes 
Interesse daran, wie mit Deutschland, ebenso mit Oesterreich- 
Ungarn verbündet zu sein. Graf Nigra habe ihm (dem Fürsten 
Bülow) kurz vor seinem Tode (1902 oder 1903) gesagt: „Italien 
kann mit Oesterreich nur entweder verbündet oder verfeindet 

sein". Ich glaube nicht setzte Bülow hinzu , daß 

diejenigen es gut mit Italien meinen, die ihm zu Abenteuern 
raten, die die große ^Zukunft und die erfreuliche Entwicklung 
des Landes in Frage stellen würden. Nach einer kurzen Be« 
sprechung der Exzesse in Prag („es würde den deutschen In<- 
teressen widersprechen, sich über den nötigen Schutz der 
deutschen Reichsangehörigen hinaus in die inneren Vorgänge 
eines fremden Landes einzumischen") gab Bülow der Hoffnung 
Ausdruck, daß der europäische Friede nidit gestört werden würde: 
»\A^r werden die deutschen Interessen wahren, unseren Verbündeten 
und Freunden zur Seite stehen und in Uebereinstimmung mit 
diesem hohen Hause, in Uebereinstimmung mit dem Deutschen 
Volke alle auf die Erhaltung und Förderung des Friedens ge« 
richteten Bestrebungen unterstützen". 

Die Rede Bülows wird von der gesamten Presse überaus 
sympathisch beurteilt Die reichsdeutsche Presse konstatiert die 
Entwirrung sei auf dem Marsche, die Entwirrung auf der Grund- 
läge der Dreibundpolitik, deren Schwerpunkt das „Berliner 
Tageblatt" nicht nach Wien verlegen lassen will. Die Wiener 
Zeitungen beurteilen wohl die Bemühungen Bülows, einen Aus- 
gleich zwischen der Donaumonarchie und Italien herbeizuführen, 
sehr skeptisch (die »Neue Freie Presse" schreibt daß unter den 
gegenwärtigen Verhältnissen von Italien für praktische Zwecke 
des Dreibundes leider abgesehen werden muß), geben jedoch 
der Ueberzeugung Ausdruck, daß die Rede eine starke Be- 
ruhigung für alle Freunde des Friedens involviert. Charakteristisch 
für die Stimmung in London sind die Ausführungen des »Daily 
Graphic", der erklärt die Aeußerungen Bülows über die Bundes- 
treue gegenüber Oesterreich-Ungarn seien erwartet und von den 
anderen Mächten voll diskontiert worden, doch würde der 



Regesfen: 190^—1909 187 

Deutsche Reichskanzler dem europäischen Frieden besser 
dienen, wenn er den Bianlioscheck, den er so ostentativ seinem 
Kollegen vom Ballplatz anbietet, vorsichtig befristen wQrde. 
In Rom wird wohl der gute \A^lle BOlows anerkannt doch die 
Freude über die Rede von Fortis klingt noch allzu mächtig in der 
Presse nach. »Giornale d'Italia" zweifelt an der Aufriditigkeit 
der Gefühle Bfilows für die österreichische Politik, welche mit 
ihrem Handstreiche die zwanzigjährige Geduldarbeit der deutschen 
Diplomatie in Konstantinopel vernichtet habe. Die »Tribuna" 
begrüßt mit Freuden die Bemühungen Deutschlands, die Italien 
mit der Erklärung beantwortet: »wir wollen im Dreibund bleiben, 
doch unter der Bedingung vollster Gleichstellung als par inter 
pares". Der »Mattino" propagiert sogar" ein Bündnis mit der 
Türkei, um Oesterreich in Schach zu halten. Selbst gemäßigte 
dreibundfreundliche Politiker wie der Abgeordnete Maggiorino 
Ferraris äußern sich dahin, Oesterreich - Ungarn habe mit der 
eigenmächtig durchgeführten Aktion einen schweren Fehler ge- 
macht und sich gegen die Bündnistreue vergangen. 

In den letzten Dezembertagen, da Rußland und England 
den Vorschlag der Donaumonarchie bezüglich der Konferenz 
annehmen, wird Italien von einer entsetzlichen Katastrophe 
heimgesucht. Das Unglück, welches Kalabrien und Sizilien be- 
troffen hat, löst überall innigstes Mitleid aus. Kaiser - König 
Franz Josef sendet herzliche Worte des Mitgefühls und des 
Mitleids nach Rom und die in Wien und Budapest eingeleiteten 
Sammlungen werden in der Hauptstadt Italiens dankbar ge- 
würdigt. Im Zeichen schöner menschlicher Solidarität schließt 
dieses «Jahr der Ententen". 



1909 

Am 7. Oktober rundet sich das dritte Jahrzehnt seit der 
Unterfertigung des Bündnisvertrages zwischen Deutschland und 
Oesterreidi-Ungarn, just zwei Tage nach der dreißigsten Jahres- 
wende der Okkupation Bosniens und der Herzegowina \ deren 
Einverleibung in den Staatsverband der Donaumonardiie zu 

Siehe einen Artikel von Professor Dr. Heinridi Friedjung in der 
•Oesterreidiisdien Rundsdiau" Oktober 1909. 



188 Regesfen: 1909 

einer Weltkrise gefOhrt, die erst in diesem Jalire, Ende März 
mit der vorbelialtlosen Anerkennung des Annexionsaktes seitens 
Rußlands ihre friedliche Lösung fand. Der Neujahrstag sah 
noch die bosnische Krise und die Marokkofrage in unverminderter 
Schärfe und erst nach vier Monaten konnte die Kilegsfurcht 
schwinden. Die Marokkokrise fand schon im Februar durch 
das Berliner Abkommen ihre Lösung, während die Annexions- 
krise sich noch bis in die ersten Tage des April hinzog. Die 
hierauf eintretende Entspannung ließ sodann beide europäischen 
Mächtebündnisse glatt aber die türkischen \A^rren, über die 
große Umwälzung in Konstantinopel, die Entthronung Abdul 
Hamids und den plötzlichen radikalen Systemwechsel am 
Goldenen Hörn hinwegkommen. Kein Wunder, daß in diesem 
Jahre in allen drei Staaten des Dreibundes dem Werke Bismarcks 
warme Worte gewidmet wurden. 

Der Jahreswende des Abschlusses des deutsch-österreichisch- 
ungarischen Bündnisses gedenken die Regierungsblätter aller 
drei Staaten. Die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schrieb: 
»Die unverminderte Geltung des BOndnisverhältnisses drei Jahr- 
zehnte nach seinem Abschluß ist ein beredtes Zeugnis dafür, 
daß er den Lebensbedürfnissen der in ihm geeinten Völker in 
vollem Umfang gerecht wird. Allen gegnerischen Unterstellungen 
zum Trotz hat die Bundesgenossenschaft zu keiner Zeit die 
Grundlage einer angreifenden, auf die Beeinträchtigung der 
Rechte Dritter abzielenden Politik gebildet — ein festes Boll- 
werk des Friedens, hinter dem die verbündeten Mächte sich 
ungestört der Pflege ihrer eigenen Angelegenheiten widmen 
konnten. Seinem friedlichen Charakter gemäß hat das Bündnis 
die Herstellung freundschaftlicher Verhältnisse zu den außen- 
stehenden Staaten nicht nur gefördert, es ist geradezu das 
fruchtbringende Erdreich geworden, aus dem die Friedensge- 
danken neue Nahrung gezogen haben. So hat in späterer 
ruhiger Entwicklung das zum Dreibunde mit Italien erweiterte 
Bundesverhältnis Deutschlands und Oesterreich - Ungarns eine 
segensreiche Wirksamkeit weit über sein ursprüngliches Geltungs- 
gebiet hinaus geübt und in der seit seinem Abschlüsse ver- 
flossenen Zeit wiederholt in ernsten Lagen seine Festigkeit 
und seinen hohen Wert für Europa erwiesen. Der Absdiluß 
des Bündnisses zählt zu den bedeutendsten politischen Taten 
des großen ersten Kanzlers des Deutschen Reiches. Mit seinem 
in die Zukunft dringenden Femblick hat Fürst Bismarck schon 
mehr als ein Jahrzehnt vor der Unterzeichnung den Grund ge- 
legt für die enge völkerrechtliche Verschmelzung Deutschlands 
und Oesterreich - Ungarns. Von seinen verdienstvollen Mit- 
arbeitern weilt unter uns nur noch der jetzt im Ruhestande 



Regesten: 1909 189 

lebende Botschafter von Radowitz^ Fürst Bismardc, Graf 
Andrässy und alle anderen an dem Abschlüsse des Bfindnis* 
Vertrages beteiligten Staatsmänner sind dahingegangen. Das 
große Werk des Bündnisses aber lebt und wirkt fort und ist 
vom Tage seiner Vollziehung an das Fundament der europäischen 
Politik geblieben". 

Die »U^ener Abendpost " schrieb an denselben Tage: „Die 
dreißigjährige Geschichte der Allianz mit dem Deutschen Reiche 
beweist überzeugend, daß sie den Absichten treu geblieben ist, 
die bei ihrem Abschlüsse vorgewaltet haben: niemals hat sie 
anderen als ausschließlich defensiven Zwecken gedient und diese 
Zwecke hat sie vollauf ertüllL Das Bündnis zwischen der 
Donaumonarchie und dem Deutschen Reiche, das späterhin 
durch den Beitritt des Königreichs Italien zum Dreibund ausge- 
staltet wurde, hat sich fast ein Menschenalter hindurch als die 
mächtige Stütze des europäischen Friedens bewährt und ist 
darum nicht nur für die verbündeten Staaten und ihre Bevöl- 
kerungen sondern für ganz Europa ein Segen geworden, denn 
unter seinem Schutze konnte die friedliche Erwerbsarbeit und 
die wirtschaftliche Entwicklung des alten Weltteils eine vordem 
ungeahnte Blüte erreichen. Darum lebt das Bündnis nicht nur 
in dem Vertragsinstrumente, sondern auch in der unverbrüch^ 
liehen Freundschaft der Souveräne, sowie in dem politischen 
Bewußtsein der Bevölkerung beider Reiche. Die Allianz und 
der durch den Anschluß Italiens geschaffene Dreibund zählt 
nach wie vor zu den lebendigsten, wirksamsten und segens- 
reichsten Faktoren der europäischen Politik und an dem jetzigen 
Gedenktag erneuert sich das Gefühl tiefsten Dankes für die 
Souveräne und die Staatsmänner, die im Herzen des alten Welt- 
teiles dieses Bollwerk des Friedens aufgerichtet haben". 

Auch die „Tribuna" widmet dem Gedenktag einen Fest- 
artikel, in weldiem sie mit Genugtuung feststellt daß man in 
Berlin und Wien Italien als par inter pares im Dreibunde an- 
sehe und betont der Dreibund sei eine strategische Position 
ersten Ranges zu Gunsten des Friedens; seinem Bestände sei 
auch zu verdanken, wenn der Zweibund immer einen friedlichen 

Charakter bewahrt habe dies sei ein Faktum, das nicht 

nur historische Bedeutung habe, sondern auch für die Zukunft 
von UAchtigkeit sei. 



Joseph Maria von Radowitz hatte mit Otto v. Bülow 1879 bei dem 
in Stettin weilenden Kaiser U^helm die Bündnispolitik Bismarcks vertreten« 
Siehe die Briefe von Radowitz an Bismarck und die Briefe Bismarcks an 
Radowitz, sowie den Brief- und Depesdienwedisel zwisdien Bülow und 
Radowitz aus den kritisdien Septemberiagen des Jahres 1879. Näheres 
hierüber audi bei Wertheimer »Graf Julius Andrässy" IX. Kapitel. 



190 Regesfen: 1909 

In der Sitzung des U^ener Gemeinderates vom 8. OIctober 
gedachte Bürgermeister Dr. Karl Lueger dieses dreißigsten Jahres^ 
tages: »Dieses Bündnis hat sich während der ganzen Zeit seines 
Bestandes als eine der segensreichsten Institutionen erwiesen* 
Wir alle gedenicen noch dankbar der Wirkung, die das Bündnis 
speziell dahin gehabt hat daß ein Krieg in der letzten Zeit ver- 
mieden wurde". Der Bürgermeister erbat sich zum Schlüsse 
seiner Rede die Ermächtigung, aus diesem Anlasse dem Kaiser 
die alleruntertänigste Huldigung darbringen und gleichzeitig an 
den Stufen des Thrones dem Wunsche Ausdruck geben zu 
dürfen, daß dieses Bündnis für immerwährende Zeiten erhalten 
bleiben möge. 

Die Thronrede, mit welcher Kaiser Wilhelm am 30. November 
den Reichstag eröffnete, enthält folgenden Passus: „Im Deut- 
schen Reiche ist ebenso wie in der österreichisch - ungarischen 
Monarchie dankbar der Zeit gedacht worden, als vor einem 
Menschenalter die später durdi den Beitritt Italiens zum Drei- 
bund erweiterte Allianz beider Mächte ins Leben trat. Ich hege 
das Vertrauen, daß das Zusammenhalten der drei verbündeten 
Reiche auch ferner seine Kraft für die Wohlfahrt ihrer Völker 
und die Erhaltung des Friedens bewähren wird". 

Ich möchte hier noch einiger Stimmen über das Bündnis 
gedenken. In der Osfernummer der „Neuen Freien Presse* 
(Nr. 16035) veröffentlichten Gustav Schmoller und Franz von 
Liszt Artikel, ersterer unter dem Titel „Deutschland und Oester- 
reich-Ungam", letzterer über die „Bündnistreue". Professor 
Schmoller beleuchtete das Verhältnis Brandenburg-Preußens zu 
Oesferreich-Ungarn von 1640 bis 1866 und dann Ursache und 
Wirkung der Allianz. Deutschland hat, heißt es an einer Stelle, 
heute, außer seinen eigensten Lebensinteressen, keinen wich- 
tigeren Beruf als die Erhaltung und Stärkung der habsburgischen 
Monarchie. Der Artikel fordert sodann eine „bessere Be- 
kämpfung des Nationalitätenhaders in Oesterreich-Ungarn" und 
betont, es sei klar, daß der Wert des österreichisch-ungarischen 
Bündnisses für Deutschland geringer wird, sobald die Monarchie 
als vom Nationalitätenhader bedroht, eventuell gelähmt er- 
scheine. Franz von Liszt konstatiert in seinem Artikel, das 
Bündnis zwischen Oesterreich - Ungarn und dem Deutschen 
Reiche habe sich als ein Machtfaktor ersten Ranges erwiesen, 
an der Bündnistreue der beiden verbündeten Staaten seien die 
geschickten Schachzüge der Gegner zu Schanden geworden. 
Dann heißt es: „In dieser Festigung und Erweiterung der freund- 
schaftlichen Beziehungen der beiden Mächte erblicke ich die 
bedeutsamste Tatsache, die uns die letzten Jahre in Beziehung 
auf die Gruppierung der europäischen Großmächte zueinander 



Regesten: 1909 191 

gebracht haben Eine großzQgige Politik wohlwollenden 

Entgegenkommens wird auch Italien dem Zweibunde wieder 
näher bringen, dessen Machtstellung es bisher wohl nicht ganz 
zutreffend eingeschätzt haben dürfte. Die Wiederbelebung des 
Dreibundes im Bismarckschen Sinne aber wäre ein unerschütter- 
liches Bollwerk des europäischen Friedens : ein zentraleuropäischer 
Block, der mit den ihm befreundeten Staaten von der Nordsee 
und Ostsee über die Adria und das Tyrrhenische Meer bis an 
die Gestade des Mittelländischen und des Schwarzen Meeres 
reichte". Bald darauf (am 12. Mai) hielt der Publizist Maxi« 
milian Harden im U^ener Musikvereinssaale einen Vortrag über 
„Deutschland und Oesterreich-Ungam**, in welchem er, abweichend 
von seiner früheren Haltung, sidi als entschiedenen Anhänger 
des deutsch-österreichischen Bündnisses bezeichnete. Die Allianz 
sei nicht mehr der reine Friedensbund, als der sie bisher an- 
gesehen wurde, ein Bund, nur für den Frieden geeignet, sie 
bat die Kraftprobe, auf die sie während der eben abgelaufenen 
Balkankrise gestellt worden war, bestanden. Wenn in einem 
solchen Momente, schloß Harden seinen Vortrag, Oesterreich 
und Deutschland den Beweis geliefert haben, daß sie, zusammen- 
stehend, unangreifbar sind, bereit, ihre Gemeinschaft mit dem 
Schwert in der Hand zu verteidigen, dann werde auch in kom- 
menden Tagen sich jedermann hüten, diesen Ernstfall herbei- 
zuführen, mag es auch künftig an heimlichen und offenen Ver- 
suchen nicht fehlen, dieses Bündnis zu lockern. 



Nun seien in chronologischer Reihenfolge die auf die Drei- 
bundpolitik bezüglichen Ereignisse dieses Jahres geschildert: 

Aus der ersten Wochenrundschau der »Norddeutschen All- 
gemeinen Zeitung" dieses Jahres erfährt man, daß der öster- 
reichisch-ungarisdie Minister des Aeußem Freiherr von Aehren- 
thal anläßlidi des Jahreswechsels eine Depesche an den Fürsten 
Bülow gerichtet hat, worin er um Uebermittlung seiner Gratu- 
lation an das Kaiserpaar bittet und seinem deutschen Amts- 
kollegen seinen wärmsten Dank für die bundesfreundliche 
Unterstützung der österreichisch-ungarischen Politik ausspricht 
Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" polemisiert in dem- 
selben Artikel mit einigen Blätterstimmen („Temps", »Germania*, 
Wiener »Reichspost") und 'erblickt in ihren Bemühungen der 
Zentrumspublizistik, das Vertrauen zu untergraben, das Fürst 
Bülow in der verbündeten Monarchie besitzt: „Der deutsche 
Standpunkt war vom Anfang an der, daß wir die Wahrung der 
Großmachtstellung Oesterreich-Ungams auch als ein eminentes 



192 Regesten: 1909 

Interesse der deutschen Politik befrachten, daß wir deswegen 
ohne Zögern an die Seite unseres Bundesgenossen getreten 
sind und daß wir nach allen Seiten Ober unsere feste Ent- 
schlossenheit uns nicht von Oesterreich-Ungam abdrängen zu 
lassen, Klarheit gaben*'. Die Wiener „Reichsposf*, das Organ 
des Thronfolgers Franz Ferdinand, registriert diese Ausführungen 
und knüpft folgende Bemerkung daran: „Auf unseren Verhand- 
lungen in Konstantinopel ruht heute das Schwergewicht der 
Situation, nicht auf der müßigen, weil schon entschiedenen Frage 
des Verhältnisses zwischen V^en und Berlin, das durchwegs von 
Vertrauen und Loyalität beherrscht wird*'. Das Wiener „Fremden- 
blatt*' stimmt den Ausführungen der „Norddeutschen Allgemeinen 
Zeitung*' bei und konstatiert, die deutsche Politik habe von An- 
fang an Oesterreich-Ungarn die vollste diplomatische Unter- 
stützung gewährt 

Im Januar kommt es in Prag zu dreibund-, beziehungsweise 
deutschfeindlichen Universitätskrawallen; die Tschechen benützen 
die Anwesenheit französischer Studenten, die nach Prag ge- 
kommen waren, um an der Fünfhundertjahrfeier des Kutten- 
berger Dekretes teilzunehmen, zu Verbrüderungskundgebungen 
mit Frankreich. Auch die italienische Universitätsfrage spukt 
noch immer. In Agram großserbischer Rummel. Auf der ganzen 
Linie ist in Oesterreidi-Ungarn der Naüonalitätenhader ent- 
brannt der auch Skandale im Parlamente zur Folge hat Die 
Studentenunruhen in Prag wiederholen sich am 28. Februar und 
am 7. März. 

Am 22. Februar wird ein Sendschreiben des Führers der 
konstituUonellen Opposition in Italien, Sidney Sonnino, ver- 
öffentlicht eine sehr interessante Kundgebung für den 
Dreibund, in welcher Sidney Sonnino konstatiert daß der 
Dreibund keine der drei Mächte verhindert hat die besten Be- 
ziehungen zu anderen Staaten zu pflegen. Sonnino propagiert 
die Wiederherstellung der herzlichsten Beziehungen zu dem 
benachbarten Kaiserreiche. Italien, heißt es am Sdilusse, wird 
nie aufhören, sich für alle Fragen zu interessieren, die irgend- 
wie das Gleichgewicht der Kräfte im Mittelmeerbecken berühren, 
daher wird es immer mehr wünschenswert, für die Lebens- 
fähigkeit und Aufrichtigkeit seiner Bündnisse, daß der Bündnis- 
vertrag auch die Fragen dieser Art in Betradit ziehe, indem er 
die Erhaltung der gegenwärtigen Lage verbürgt In demselben 
Monate, am 28. Februar, hielt Guicciardini vor seinen Wählern 
in San Miniato eine Rede, in welcher er ausführte, daß er den 
Dreibund für die große Bürgschaft des Friedens und also auch 
für einen bedeutenden Faktor des Fortschrittes erachte. 

Am 22. Februar besprechen die „Süddeutsche Reichskorre- 



Regesten: 1909 193 

spondenz*, der »Berliner Lokalanzeiger" und die »Kölnische 
Zeitung* die Stellung Deutschlands zum Konflikte zwischen 
Oesterreich - Ungarn und Serbien und konstatieren einmütig: 
»die deutsche Politik bleibe Schulter an Schulter mit Oesterreidi- 
Ungam*'. Als am 26. Februar das Konstantinopler Entente- 
Protokoll zwischen der Türkei (Großvezier Hilmi Pascha und 
Handelsminister Noradunghian) und Oesterreich - Ungarn (Bot- 
schafter Pallavidni) unterzeichnet wurde, läßt sich der Pariser 
„Matin*" aus Berlin melden, Fürst Bülow habe in einer Ver- 
sammlung der Führer der Blockparteien erklärt Deutschland 
werde, falls Serbien gegen Oesterreich-Ungarn russische Waffen- 
hilfe erhielte, gegen Rußland vorgehen — welche Mitteilung 
Fürst Bülow sofort durch das Wolffsche Büro dementieren ließ. 
Im März, am letzten Tage dieses Monates, erfolgt die Lösung 
des österreichisch'Ungarisch - serbischen Konfliktes durch eine 
einlenkende Note, die der serbische Gesandte Simitsch auf dem 
Wiener Ballplatze überreicht Den ganzen Monat hindurch steht 
dieser Konflikt naturgemäß im Mittelpunkte der Diskussion der 
europäischen Presse und gibt Anlaß zu den mannigfachsten 
Gerüchten den Dreibund betreffend. Am 11. März veröffentlicht 
die „Rheinisch-Westfälische Zeitung" eine Unterredung, welche 
einer ihrer Mitarbeiter mit einer Persönlichkeif des Wiener Aus- 
wärtigen Amtes gehabt haben will. Der Mitarbeiter stellte im 
Verlaufe des Gespräches auch die Frage, ob die Meldung fran- 
zösischer Blätter zutreffe, daß Kaiser Wilhelm dem Kaiser-König 
Franz Josef erklärt habe, als Feldmarschall der Deutschen 
Armee möge er ihr das Zeichen zum Marschieren geben. Der 
Befragte soll hierauf erklärt haben, daß eine ähnliche Aeußerung 
in der Tat gefallen sei, aber nicht jetzt sondern vor einigen 
Monaten, während des letzten Besuches Kaiser Mülheims in 
\A^en und zwar bei der Hoftafel in Schönbrunn. Während die 
deutsche Presse vorbehaltlos die Politik Aehrenthals billigt 
sind die italienischen Zeitungen nicht im Lager dieser Politik, 
und selbst die „Tribuna** spricht ziemlich zweideutig die Hoffnung 
aus, daß Freiherr von Aehrenthal im Bewußtsein der Kraft und 
Macht Oesferreichs der um die Sicherung des Friedens bemühten 
europäischen Diplomatie mit freundlichem Vertrauen entgegen- 
kommen und Rußland nicht vor die Wahl stellen werde, seiner 
Würde zu entsagen oder einen Weg zu betreten, der seinem 
Friedensbedürfnis widerspricht Interessant ist die Halfung 
der Presse Oesterreich - Ungarns. Die tschechischen Blätter 
würdigen die Unterstützung Deutschlands, mahnen jedoch zum 
Frieden, die polnischen Zeitungen mit dem „Czas** an der Spitze 
grollen wohl noch über das Vorgehen der preußischen Politik 
gegenüber ihren Konnafionalen in Posen, anerkennen jedoch 

Singer, Geschidite des Dreibundes 13 



194 Regesfen: 1909 

vollauf die Vorteile des Bündnisses mit Deutschland, die magv 
arische Presse ist durchwegs dreibundfreundlidi, nur die nationa- 
listischen Blätter in Ungarn und Kroatien greifen ^ie deutsche 
Politik mit maßloser Heftigkeit an, indem sie ihr imputieren, 
sie nütze die Monarchie aus, um ihre Machtgelüste zu be- 
friedigen. 

Der Konferenzvorschlag der italienischen Regierung vom 
15. März wird auch in der reichsdeutschen Presse abfällig be- 
urteilt. 

Am 23. März versendet die „Politische Korrespondenz" 
(U^en) ein offiziöses Communiqu^ an die Zeitungen, in welchem 
Deutschlands Bundestreue mit besonderem Nachdruck hervor- 
gehoben wird, die in Oesterreich-Ungarn das „Gefühl warmer 
Anerkennung" wecke: „Alle politischen Kreise, die auf dem 
Boden der \^rklichkeit bleiben wollen, haben damit zu rechnen, 
daß die Richtungslinien Oesterreich- Ungarns und Deutschlands 
in Bezug auf die in der nächsten Zukunft zu lösenden Probleme 
identisch sind". Der „Temps" berichtete am 26. März, Kaiser 
Wilhelm habe einerseits im Interesse Oesterreich - Ungarns ein 
persönliches Handschreiben an Kaiser Nikolaus geriditet, an- 
derseits dem Erzherzog Franz Ferdinand seine Unterstützung 
ohne Vorbehalt zugesagt Diese Nachricht wird offiziös demen- 
tiert, doch fügt die »Kölnische Zeitung" hinzu, es sei auch falsch, 
daß die Deutsche Regierung nur widerwillig, vom Kaiser ge- 
wissermaßen gezwungen, die Politik der festen Unterstützung 
Oesterreich -Ungarns befolgt habe: »Im Gegenteil, alle waren 
übereinstimmend der Ansicht es sei Deutschlands Pflicht und 
Interesse, mit vollstem Nachdruck auf Oesterreich-Ungarns Seite 
zu stehen^ 

Der zweideutigen Haltung der italienischen Presse entspricht 
auch die Rede, die Tittoni am 29. März in der Kammer hält 
Der Abgeordnete Brunialti interpelliert über die »Gestaltung 
und Vollendung der nationalen Schutzwehr zur See und zu 
Lande", bespricht hierbei die Haltung der österreichischen Re« 
gierung ihren italienischen Untertanen gegenüber und fragt 
was die Regierung angesichts der Tatsache zu tun gedenke, daß 
Oesterreich - Ungarn nunmehr hunderttausend Mann an der 
italienischen Grenze stehen habe. Tittoni weicht einer direkten 
Antwort aus, findet aber kein Wort zur Verteidigung der öster- 
reichischen Regierung, im Gegenteil, er bedauert, daß seine 
Hoffnungen auf Erfüllung gewisser Wünsche der Italiener jen- 
seits von der Grenze fehlschlugen (»womit eine gute Gelegenheit 
um die Völker der zwei Staaten mit einem kräftigeren Freund- 
schaftsband zu umschlingen, unbenutzt verstrichen ist") und 
vermeidet sozusagen das Wort: Dreibund. 



Regesten: 1909 195 

Ganz anders die Rede BQlows von demselben Tage. Der 
Reidiskanzler verteidigte die Orientpolitik der Deutschen Regie- 
rung gegen zwei entgegengesetzte Vorwürfe, gegen den Vorwurf, 
die Politik sei gegenüber Oesterreidi-Ungam schwankend ge- 
wesen, und gegen den Vorwurf, sie habe mit aberflQssigem Eifer 
mehr für Oesterreich-Ungarn getan, als Deutschland in seinem 
Interesse hätte tun dürfen. Was den ersten Vorwurf anlangt, 
so wies Bülow durch Verlesung von Aktenstüdcen nach, dafi 
Deutschland vom Anbeginn der Krise an mit aller Entschieden« 
heit an die Seite seines Verbündeten getreten sei. Am 6. Ok- 
tober ging folgende Instruktion an den Botschafter in Wien ab: 
„Ich lege besonderen Wert darauf, daß man in U^en hinsichtlich 
der Annexionsfrage volle Sicherheit über unsere zuverlässige 
Haltung habe. Es ist dies für uns ein Erfordernis selbstver- 
ständlicher Loyalität und entspricht dem Bündnis mit Oester- 
reich-Ungarn, dem Europa zum guten Teile den dreißigjährigen 
Frieden verdankt". Nadi London gab der Reichskanzler am 
7. Oktober die Weisung, zu betonen, Deutschland hätte wohl 
aufrichtige Sympathie für die jungtürkische Reformbewegung, 
würde aber den österreichisch-ungarischen Bundesgenossen in 
seiner schwierigen Lage nicht im Stiche lassen. Am 13. Ok- 
tober teilte Bülow nach London mit Deutschland stünde auch 
in der Konferenzfrage auf der Seite seines Verbündeten. An 
demselben Tage ließ der Fürst eine Instruktion nach Wien gehen, 
aus der er folgenden Passus verlas: „Ich hafte gestern Gelegen- 
heit zu einer längeren Aussprache mit Sr. Majestät dem Kaiser 
und König und bin in der Lage zu sagen, daß Se. Majestät 
vollständig den Standpunkt billigt und teilt, den ich vom ersten 
Tage an eingenommen habe, die Auffassung nämlich, daß für 
uns weder eine Veranlassung vorliegt, noch auch die Neigung 
bei uns besteht, das Vorgehen unseres Verbündeten einer Kritik 
zu unterziehen, wohl aber der feste Wille, in Erfüllung unserer 
3ündnispflichten an seiner Seite zu stehen und zu bleiben. 
Auch für den Fall, daß Schwierigkeiten und Komplikationen 
entstehen sollten, wird unser Verbündeter auf uns rechnen 
können. Se. Majestät der Kaiser und König, dessen verehrungs- 
volle Freundschaft für den ehrwürdigen Kaiser und König Franz 
Josef bekannt ist, steht in unerschütterlicher Treue zu seinem 
erhabenen Verbündeten". Die Entkräftung des zweiten Vor- 
wurfes, des Vorwurfes, Deutschland habe gegenüber Oesterreich- 
Ungarn zu viel getan, gab dem Reichskanzler Gelegenheit die 
Politik der Bundestreue zu rechtfertigen, die Deutsdiland wäh- 
rend der Krisis im Orient Oesterreich-Ungarn gegenüber ein- 
gehalten hat. Er legte dar, daß Deutschland treu zu Oesterreich- 
Ungarn stehen mußte, aus moralischen, wie aus politischen 

13* 



196 Regesten: 1909 

Gründen. Es war fOr Deutschland eine Pflicht der Loyalität, 
den Verbfindeten in einer schwierigen Situation zu unterstfitzen, 
und außerdem erforderte das Interesse Deutschlands eine solche 
Haltung, denn eine diplomatische Niederlage Oesterreich-Ungams 
hätte sicherlich ihre Rückwirkung auch auf Deutschlands inter- 
nationale Stellung ausgeübt Ueberdies, so fuhr der Reichs- 
kanzler fort, die Sache Oesterreich-Ungams, welche Deutschland 
unterstützt hat, ist eine gerechte Sadie. Er begründete dies 
damit, daß Oesterreich-Ungam sich ein Recht auf die beiden 
annektierten Provinzen durch seine Arbeit erworben habe. 
Bülow sagte u. a.: „Ich habe irgendwo ein höhnisches Wort ge- 
lesen von Deutschlands Vasallenherrschaft über Oesterreidi- 
Ungarn. Das Wort ist einfältig. Es gibt hier keinen Streit 
um den Vortritt, wie zwischen den Königinnen im Nibelungen- 
liede. Die Nibelungentreue, meine Herren, die wollen wir aus 
unserem Verhältnisse zu Oesterreich-Ungam nicht ausschalten, 
die wollen wir gegenseifig wahren''. Zum Schlüsse seiner Rede 
besprach der Reichskanzler die serbischen Forderungen und 
faßte die leitenden Gedanken der Deutschen Politik in den 
Satz zusammen: „Wir wahren unsere eigenen Interessen und 
stehen treu zu Oesterreich-Ungam, und indem wir fest zu 
Oesterreich stehen, sichern wir am besten unsere Interessent 
Alle Redner der Debatte, Freiherr von Hertling, Graf Kanitz, 
Bassermann, Schrader, Erbprinz zu Hohenlohe - Langenburg, 
Liebermann von Sonnenberg, selbst der sozialdemokratische 
Wortführer Ledebour, billigen die Erklärungen des Reichskanzlers. 
Tags darauf erfolgt die Ueberreichung der serbischen Noie, die 
den Konflikt beendet. An demselben Tage hielt Dr. Karl Lueger 
aus Anlaß seiner U^ederwahl zum Bürgermeister von V\^en eine 
Rede, die in einer begeisterten Kundgebung für die Bundes- 
treue Deutschlands gipfelte. Und in Budapest sagte Minister- 
präsident Dr. Wekerle in Beantwortung einer Interpellation des 
Abgeordneten Grafen Theodor Batthyäny: „Ich kann meine Rede 
nicht beenden, ohne auch meinerseits mit aufrichtigem Danke 
jener musterhaften Freundschaft und Bündnistreue zu gedenken, 
welche das Deutsche Reich ohne jeden Vorbehalt mit ganzer 
Hingebung uns gegenüber bekundet hat Ich möchte nur mit 
aufrichtigem Danke von dieser Stelle aus daran erinnern, daß 
diese Haltung auf unserer Seite vollen Wiederhall findet und daß 
wir dieses Bündnis nicht nur als ein der Form nach bestehendes 
sondern als ein Bündnis betrachten, das in den Gefühlen der 
Völker seine sicheren Wurzeln besitzt. Wir müssen an diesem 
Bündnisse festhalten, weil es nicht nur unsere Interessen 
gegenwärtig wahrt, sondern auch eine mächtige Garantie des 
Friedens bildet". Die ungarischen Preßstimmen sind auf den- 



Regesfen: 1909 197 

selben Ton gestimmt; der »Pester Lloyd* sagt die Bundestreue 
Deutschlands sei das ganze Geheimnis des Erfolges der öster- 
reidiisdi'Ungarischen Politik gewesen. 

Der nächste Monat (April) gilt der Liquidation: die Vertreter 
Oesterreich-Ungarns bei den Signatarmachten erhalten den Auf" 
trag, das formelle Ansuchen um Zustimmung zur Aufhebung 
des Artikels XXV des Berliner Vertrages zu stellen. Bei diesem 
Anlasse interveniert Italien zu Gunsten Montenegros in Ange- 
legenheit der Streichung des Artikels XXIX des Berliner Vertrages 
(Souveränitätsbeschränkungen mit Ausnahme von Alinea 6: 
Antivaris Charakter als Handelshafen betreffend). Am U. März 
machte der italienische Minister des Aeußeren Tittoni einen 
Abstecher nach Venedig, um den Fürsten Bülow, der die Oster- 
feiertage dort zubrachte, zu besuchen. Die „Tribuna" wertet 
diese Begegnung als einen Beweis der sehr herzlichen Bezieh- 
ungen, welche Deutschland mit Italien verbinden, betont 
jedoch, daß sie durch keinerlei politische Beweggründe veranlaßt 
war: »Der Dreibund bedarf weder einer Befestigung, noch 
dachte man je daran, ihn vorzeitig zu erneuern". Am 14. April 
veranstaltet die Stadt Bozen zu Ehren Deutschlands einen Fest- 
kommers. Am 25. April weilt der Deutsche Kronprinz in Wien. 
Am 27. April erfolgt eine gemeinschaftliche Demarche des 
Dreibundes in Sofia. Die Vertreter Deutschlands, Oesterreich- 
Ungarns und Italiens überreichen der bulgarischen Regierung 
gemeinsam die Anerkennungsnote der Unabhängigkeit Bulgariens. 
Das Wiener „Fremdenblatt" hebt in einer offiziösen Note hervor, 
diese einheitliche Stellungnahme der Dreibundmächte sei nur 
durch die Rücksichtnahme des römischen Kabinetts auf die 
Interessen seiner Bundesgenossen ermöglicht worden. 

Am 12. Mai hat auf der Rückkehr von Korfu das Deutsche 
Kaiserpaar, aus Malta kommend, vor Brindisi Halt gemacht 
und König Viktor Emanuel und Königin Elena haben sich aus 
Rom dahin begeben, um mit den hohen Gästen zusammen- 
zutreffen. Dieser Begegnung (zwei Wochen nach der italienisch- 
englischen Zusammenkunft in Baje) wird von der italienischen 
Presse schon aus dem Grunde erhöhte Wichtigkeit beigemessen, 
weil sie dem Besuch des Kaisers Wilhelm in Wien unmittelbar 
vorangeht. Die „Tribuna" begrüßt diese Monarchenbegegnung 
als Beweis dafür, daß der Dreibund sich nicht ausgelebt hat, 
sondern in voller Kraft weiter besteht und nach wie vor der 
beste und sicherste Hort des Weltfriedens bleibt und fügt hinzu, 
es finde sich wohl kein italienischer Staatsmann, der den Drei- 
bund verleuonen möchte. 

Tags darauf läuft die deutsche Kaiser jacht „Hohenzollem* 
in den Hafen von Pola ein. Das Kaiserpaar begibt sich nach 



198 Regesten: 1909 

Vüen. wo am nächsten Tag in der Hofburg ein Galadiner statt" 
findet. In seinem Trinkspruche gedenkt Franz Josef „mit tiefer 
und aufrichtiger Dankbarkeit der neuerdings in glänzender 
Weise bewährten bundesfreundiichen Haltung des Deutschen 
Reiches, dessen stets hilfsbereite Unterstützung die Erfüllung 
Meines innigen Wunsches in so hohem Maße erleichtert hat, 
alle entstandenen Schwierigkeiten ohne kriegerische Verwick- 
lungen auszugleichen" und fügt hinzu: »waren auch alle Mächte 
einig in diesem redlichen Bemühen, so ist es doch vor Allem 
der unerschütterlichen Bundestreue Meiner hohen Freunde und 
Verbündeten — Eurer Majestät und Seiner Majestät des Königs 
von Italien — zu danken, wenn wir heute in ungetrübter Be- 
friedigung auf die erzielten Erfolge blidcen können". Aus der 
Antwort Kaiser Wilhelms seien folgende Sätze hervorgehoben: 
»Ein Menschenalter ist vergangen, seitdem Eure Majestät mit 
Meinem in Gott ruhenden Herrn Großvater den Grund zu dem 
Freundschaftsbund gelegt haben, der bald darauf zu unserer 
hohen Freude durch Italiens Beitritt erweitert wurde. Weldier 
Segen auf diesem Bunde geruht hat, das wird dereinst die Ge- 
schichte künden. Alle Welt weiß aber schon heute, wie wirkungs- 
voll gerade in den letzten Monaten dieses Bündnis dazu bei- 
getragen hat, ganz Europa den Frieden zu erhalten. Was damals 
begründet worden ist, steht heute festgewurzelt in den Herzen 
unserer Völker. Eure Majestät wissen, wie spontan hüben und 
drüben, in Oesterreich-Ungarn wie in Deutschland, die Zustim- 
mung war, so oft unser treues und geschlossenes Zusammen- 
stehen nach außen hervortrat Mögen unter dem glorreichen 

Zepter Eurer Majestät die Gefühle und Gesinnungen treuer 
Freundschaft bis in die fernste Zukunft bestehen, mögen sie 
stets das unzerreißbare Band zwischen uns und unseren Reichen 
bilden, zum Heile unserer Völker, zur Wahrung des Friedens". 
Nach dem Diner ist folgendes gemeinsame Telegramm der 
beiden Monarchen an den König von Italien abgegangen« 
«Unsere Begegnung bietet Uns den neuerlichen Anlaß, Unseren 
erhabenen Verbündeten und Freund zu begrüßen und Ihm den 
warmen Ausdruck Unserer unveränderlichen Freundschaft („amiti^ 
inalt^rable") zu übermitteln'*. Auf diese Depesche erwiderte 
König Viktor Emanuel mit folgendem Telegramm: „Ich bin Eurer 
Majestät sehr dankbar dafür, daß Sie so gütig waren, im Vereine 
mit Sr. Majestät Unserem gemeinsamen Verbündeten und Freunde, 
Mir den Ausdrude Ihrer unveränderlichen Freundschaft zu über- 
mitteln. Diese Freundschaft ist Mir überaus wertvoll, und Ich 
versichere Eure Majestät, daß sie in Meinem Herzen volle und 
aufriditige Erwiderung findete Die Trinksprüche und der Depe- 
schenwechsel finden sowohl in Deutschland als auch in Italien 






Regesfen: 1909 199 

und Oesf erreidi-Ungarn äußerst sympathisdie Aufnahme, speziell 
die ungarische Presse — Kaiser \A^lhelm hatte in seinem Trink- 
sprudle von dem „ritterlidien Volke der Magyaren*' gesprochen 
— veröffentlicht Dithyramben über die Bundestreue Deutsdilands 
und aber die „unverwüstliche Jugendfrische** des Dreibundes. 

Die am 17. Juni erfolgte Begegnung des Deutsdien Kaisers 
mit dem Zaren in den finnischen Schären bei Frederickshavn 
wurde schon Wodien vorher von einem Teile der französischen 
und englisdien Presse in einer Weise gedeutet, als ob die 
deutsdie Politik von der Dreibundpolitik abschwenken wollte, 
so daß sidi die „Norddeutsdie Allgemeine Zeitung" am 6. Juni 
veranlaßt sah, zu erklären, daß diese Entrevue „keine Ver- 
änderung in den Grundlinien der europäisdien Politik bedeute". 

Am 15. Juni weilt Prinz Heinrich von Preußen in U^en und 
wird von Franz Josef in besonderer Audienz empfangen. 

Am 23. Juni hielt Tittoni in der italienischen Kammer an- 
läßlich der Debatte über sein Budget eine längere Rede, in 
weldier er eine Anfrage des Abgeordneten Barzilai, ob eine 
Erneuerung des Dreibundes im Zuge sei, eingehend beantwortete. 
Der Minister gedachte der Entrevue von Brindisi und der Tele- 
gramme, die anläßlidi des Besudies Kaiser Wilhelms in Wien 
zwischen Kaiser-König Franz Josef und Kaiser Wilhelm einerseits 
und dem König Viktor Emanuel anderseits gewechselt! wurden, 
und bemerkte, daß diese Ereignisse die unerschütterliche Festigkeit 
der Tripelallianz gezeigt hätten. Es sei falsdi, in den aus- 
gezeidineten Beziehungen Italiens zu den befreundeten Nationen 
England und Frankreidi ein Gegengewidit zum Bündnis mit 
Oesterreich-Ungam und Deutschland zu erblid(en. Diese Freund- 
schaften und der Dreibund sollen sich in ihren Wirkungen nicht 
aufheben, sondern sidi ergänzen. Minister Tittoni versicherte 
schließlidi in der allerförmlichsten Weise, daß keine der Drei- 
bundmächte an eine vorzeitige Erneuerung des Dreibundes 
denke, da kein Grund dazu vorhanden sei, und nur Besorgnisse 
oder Zweifel eine vorzeitige Erneuerung des Dreibundes ver- 
anlassen könnten. Soldie Besorgnisse bestünden nidit; alle 
verbündeten Staaten seien vielmehr von vollstem gegenseitigen 
Vertrauen erfüllt. Am 28. Juni äußerte sich Tittoni in der 
Kammer auf eine Anfrage des Sozialisten Turati über die kürz- 
lich von der preußisdien Regierung erlassene Verordnung be- 
treffend Ausweiskarten für italienische Arbeiter sehr maßvoll 
und bundesfreundlidi; er kündigte an, die italienische Regierung 
werde, wenn sich die Deutsdie Regierung durdi die Einwände 
des italienischen Kabinetts nicht überzeugen ließe, die Einsetzung 
eines Sdiiedsgerichtes vorschlagen. 

Am 14. Juli tritt Bülow zurüde. Die österreichisdi-ungarisdie. 



200 Regesfen: 1909 

speziell aber die italienische Presse widmet ihm warme Worte 
des Abschiedes; die „Tribuna" knfipft an die zwischen Bülow 
und Tittoni bei diesem Anlaß gewediselten Depesdien die Be^ 
merkung, Ffirst Bülow sei stets der in Deutschland bei manchen 
bestehenden Meinung entgegengetreten, daß Italien aus dem 
Bfindnis nur Nutzen ziehe, ohne einen Gegenwert zu geben. 

Der neue Reidiskanzler, Herr von Bethmann Hollweg, reist 
am 19. September nach Wien. Am 21. September wird über die 
zwischen dem neuen Kanzler und dem Grafen Aehrenthal ge- 
pflogenen Besprechungen eine amtliche Mitteilung verlautbart, 
in welcher es heißt: »daß das Bundesverhältnis beider Staaten 
zu einander und zu Italien weiter, wie bisher, die unverrudcbare 
Grundlage ihrer europäischen Politik darstellt, bedarf keiner Er-- 
wähnung". Einem Redakteur des Wiener „Fremdenblatt" gegen-- 
Ober äußerte sich Bethmann Hollweg sehr befriedigt ,uber das 
Ergebnis seiner Wiener Reise: es habe sich eine volle Ueber- 
einstimmung der Anschauungen ergeben — — das Bündnis 
zwisdien dem Deutschen Reidie und Oesterreich-Ungarn sei 
durch die Ereignisse des letzten Winters noch populärer ge- 
worden und die Erprobung dieses Bündnisses habe auch nach 
außen hin die stärkste Wirkung getan. 

Die irredentistischen Unruhen in Trient Ende August und 
Anfang September können nur eine vorübergehende Verstimmung 
zwischen Oesterreich-Ungam und Italien hervorrufen (von wel- 
dier die offiziellen Kreise gar nicht berührt werden) so daß 
das Dreibund - Jubiläum in allen drei Staaten ohne Trübung 
gefeiert werden kann. 

Am 4. Oktober hält Prinz Ludwig von Bayern bei der Eint- 
hüllung eines Denkmals in Helmstadt zur Erinnerung an seine 
Verwundung im Jahre 1866 eine längere Rede, weldie besonders 
im Kreise der Deutschen in Oesterreich freudigen Widerhall 
findet. Der Prinz erörtert in seiner Rede eingehend die Gründe 
des Kampfes im Jahre 1866, das Verhältnis Oesterreich-Ungams 
zu Deutsdiland und speziell die Lage der Deutschen in Oester- 
reidi. Er warnte Oesterreidis Deutsche davor, über die Grenzen 
zu schielen. „Durch die Einigkeif Deutschlands mit Oesterreich- 
Ungarn wurde — schloß der bayrisdie Thronfolger seine Rede — 
gerade im letzten Jahre ein schwerdrohender Krieg verhindert und 
der Frieden gewahrt. Dank dem wiederhergestellten guten Ver- 
hältnisse zwisdien Deutschland und Oesterreich - Ungarn war 
es auch nur möglich, daß 1870 so schöne, schnelle Siege er- 
rungen wurden. Dadurch, daß Dank dem Fürsten Bismarck 
Preußen 1866 Oesterreich nicht einen Fußbreit Boden abver- 
langte, wurde es ermöglicht daß die süddeutschen Staaten sich 
anschließen konnten. So sehen wir in Mitteleuropa den Drei- 



Regesten: 1909 201 

bund, der seit Jahren besteht und jahrelang fortbestehen möge, 
zur Ehre der Nationen, die in ihm vertreten sind und zur 
Wahrung des Friedens! Es ist eine eigene Erscheinung, daß 
dieser Dreibund ungefähr das Gebiet umfaßt, das das heilige 
römische Reich Deutscher Nation umfasste. Freude war letzterem 
wenig beschieden, umso mehr dem heutigen Bund". 

Am 11. November weilen der österreichisch - ungarische 
Thronfolger Franz Ferdinand und seine Gemahlin in Berlin, 
nachdem im September der Deutsche Kaiser den Manövern in 
Groß " Meseritsch und der Thronfolger den deutschen Kaiser- 
manövern in Mergentheim beigewohnt haften. 

Am 11. November ereignet sich in Brescia eine irreden- 
tistisdie Kundgebung, die aber nidit viel Emotion hervorruft 
Der Kommandeur des dritten Armeekorps Generalleutnant 
Asinari di Bernezzo hält gelegentlich der Uebergabe einer 
Fahne an das neue Kavallerieregiment Aquila eine Ansprache, 
In der er sagte: „Vor Ihren Blicken entfalten sich hier die Hügel, 
die mit dem Blute unserer Helden getränkt sind, und hinter 
diesen liegen die noch nidit wiedergewonnenen Lande (le ferre 
irredente), die der Stunde ihrer Befreiung harren". Die italie- 
nische Regierung macht kurzen Prozeß und schickt den politi" 
sirenden General in Pension. 

Am 9. Dezember tritt der Deutsche Reichstag in die Be- 
ratung des Etats ein. Die Debatte wird durch eine Rede des 
fünften Kanzlers eingeleitet, worauf Freiherr von Hertling in 
warmen Worten des Dreibundes als des »wirksamsten Hortes 
des Friedens* gedenkt; auch Bassermann spridit einem treuen 
Festhalten an dem Dreibunde das Wort, wobei er der Zusammen- 
kunft des Zaren und des Königs von Italien in Racconigi 
(24. Oktober) gedenkt. Am nädisten Tage erklärt Bethmann 
Hol 1 weg, daß in Italien im Anschlüsse an den Besuch des Zaren 
wohl Stimmen laut geworden, sind, die dem Dreibunde wenig 
freundlich waren, daß er jedoch keine Wahrnehmung gemadit 
habe, die irgendwie dahin gedeutet werden könnte, daß die 
verantwortliche Leitung der italienisdien Politik den Wert der 
Dreibundverträge für Italien anders oder niedriger einschätze 
als bisher. Entsprechend dem Geiste vollster Loyalität, von 
dem unsere gegenseitigen Beziehungen erfüllt sind, setzte der 
Reidiskanzler hinzu, hat uns denn audi der italienisdie Minister 
des Aeußern Mitteilungen über die Unterredungen in Racconigi 
gemacht,' die ergeben, daß Italien in seiner Balkanpolitik keiner- 
lei Ziele verfolgt, die mit unseren Verträgen im Widerspruche 
stünden. 

Der neue italienische Ministerpräsident Sidney Sonnino 
(das Kabinett Giolitti hatte am 2. Dezember seine Demission 



202 Regesten: 1909^1910 

gegeben) ^ beeilte sich audi am 18. Dezember in seiner Antritts- 
rede ein Glaubensbekenntnis ftir den Dreibund abzulegen. 
Sonnino, der sich just in diesem Jahre (am 22. Februar) in 
einem Sendschreiben an seine Wähler als Anhänger des Drei- 
bundes bekannt hatte, ftihrte in beiden Häusern der italienischen 
Legislative aus, Italien werde die Richtung seiner auswärtigen 
Politik unverändert aufrechterhalten: ,,Der Dreibund bleibe nicht 
nur eine große Macht im Dienste des Friedens, sondern auch 
eine Garantie für die Interessen Italiens; die Freundschaftsbe- 
ziehungen zu den anderen Mächten fördern die Zwecke dieses 
Bundes, ohne irgendwie mit den Bundesverträgen zu kon-- 
trastieren". 



1910 

Wenn man rticksdiauend die Ffille der Tagesereignisse dieses 
Jahres betrachtet, treten hauptsächlich die zahlreichen Be- 
gegnungen der Herrscher und Staatsmänner in Erscheinung. 

Am 22. Februar reist Graf Aehrenthal nach Berlin. Dieser 
Besuch des österreichisch-ungarischen Ministers des Aeußern 
ist die Erwiederung des Besuches, den der Deutsche Reichs- 
kanzler, Herr von Befhmann Hollweg, im vergangenen September 
in Wien abstattete. Dem Grafen Aehrenthal wird durch die 
„Norddeutsche Allgemeine Zeitung" eine schwungvolle Begrüßung 
zu teil, in welcher die Bedeutung der Allianz zwischen Oesterreich- 
Ungarn und Deutschland in warmen Worten gefeiert wird. Am 
24. Februar wurde in Berlin über die Beratungen der beiden 
Staatsmänner ein offizielles Communiqu^ ausgegeben, in welchem 
festgestellt wird, daß „Oesterreich-Ungarn wie Deutschland die 
Erhaltung des Statusquo im nahen Orient anstreben und daß 
sie die weitere Konsolidierung der inneren Verhältnisse des 
ottomanischen Reiches mit ihren Sympathien begleiten". Von 
Berlin begab sich Graf Aehrenthal nach München. Sowohl in 
Berlin als auch in München wurden die Fragen der Schiffahrts- 
abgaben, die Angelegenheit der österreichisch-bayrischen Grenz- 
flüsse sowie finanzpolitische Projekte besprochen. Einer Meldung 
des Mailänder »Secolo" gegenüber, daß der italienische Bot- 
schafter in Berlin, Pansa, während der Anwesenheit des Grafen 

Tittoni ging als Botsdiafter nadi Paris. 



Regesten: 1910 203 

Aehrenthal von allen zu dessen Ehren gegebenen Festessen 
ferngehalten und sozusagen „geschnitten" worden sei, wird 
offiziös konstatiert, daß Graf Aehrenthal in einer längeren Be* 
sprediung mit Herrn Pansa „verschiedene, die Interessen der 
beiden Staaten betreffende Fragen zur vollsten Zufriedenheit 
beider Teile erörtert hat". Am 26. Februar veröffentlichte die 
offiziöse „Süddeutsdie Reicfaskorrespondenz" eine Berliner Zu- 
schrift unter der Ueberschrift „Nadiklang", in welcher den Aus- 
streuungen entgegengetreten wird, als ob Deutsdiland „mit 
sdieelen Augen auf die sidi vorbereitende Annäherung zwischen 
Oesterreidi-Ungam und Rußland blid(e". Graf Aehrenthal selbst 
soll einer Meldung der „Neuen Freien Presse" zufolge sich in 
der am 28. Februar stattgehabten gemeinsamen Minisferkonferenz 
in Wien über die Ergebnisse seiner BerHner Reise durdiaus 
befriedigt geäußert und hervorgehoben haben, es habe sidi eine 
volle Uebereinstimmung zwisdien seinen und des Deutschen 
Reichskanzlers Ansichten ergeben und er habe auch die Im- 
pression empfangen, daß zwischen Deutschland einerseits, Eng- 
land und Frankreidi anderseits, die Beziehungen sidi gebessert 
und freundlicher gestaltet haben. 

Am 21. März trifft Reichskanzler von Bethmann Hollweg in 
Rom ein. Er wurde schon in Mailand vom Präfekten im Namen 
der Regierung auf italienisdiem Boden willkommen geheißen 
und in einer offiziösen Note der „Agenzia Italiana" begrüßt: 
„Der Besuch offenbart der Welt die Vorzüglidikeit der auf dem 
Dreibund und auf dem vollsten gegenseitigen Vertrauen be- 
ruhenden Beziehungen Deutsdilands und Italiens". In der 
Audienz, die der Kanzler am 22. März beim König hatte, verlieh 
ihm dieser den Annunziatenorden. Am 24. März wird eine 
offiziöse Note veröffentlicht, in welcher bezüglich der Orient- 
frage fast dieselben Sätze wiederholt werden, die nach der 
Begegnung Bethmann Hollwegs mit Aehrenthal in Berlin publi- 
ziert wurden. In der Note heißt es: „In den politischen Unter- 
haltungen konnte zu gegenseitiger Genugtuung festgestellt 
werden, daß die auf dem Dreibunde beruhende Politik, die 
schon so lange eine Bürgschaft des europäischen Friedens bildet, 
in beiden Ländern zu feste Wurzeln geschlagen hat, als daß 
sie von einem Wechsel in den Personen berührt werden könnte". 
Das „Berliner Tageblatt" schrieb Tags darauf: „Es besteht 
kein Zweifel, daß der Dreibund heute gefestigter dasteht, 
als in den letzten Jahren, zumal, weil das Verhältnis Italiens 
zu Oesterreich-Ungarn heute entschieden gebessert ist. Die 
Besserung des etwas gespannten Verhältnisses ist das Ver- 
dienst des Grafen Guicciardini, dessen Sturz vom Standpunkte 
des Dreibundes aus sehr zu bedauern ist. Doch ist man in Berlin 



204 Kegesten: 1910 

nnd Wien fest fiberzeugt, daß sein Nadifolger in seinen Spuren 
wandeln wird". In ihrer Wodiensdiau vom 27. März schreibt 
die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung": „Reichslcanzler von 
Bethmann Hollweg hat während seines Aufenthaltes in Rom 
Eindrücke empfangen, die von neuem bestätigen, daß der seit 
Jahrzehnten wirlcsame Dreibundgedanke in weiten Kreisen der 
Bevölkerung Italiens ebenso tiefe und feste Wurzeln schlug, wie 
in Deutschland und Oestereich-Ungam". Am 31. März empfing 
der Kanzler auf der Deutschen Botschaft in Rom den Korre* 
spondenten des „Russkoje Slowo" und sagte ihm u. A. 
Folgendes: »Deutsdiland als Verbündeter Oest erreich - Ungarns 
hat naturgemäß die Gesetzlichkeit der Annexion verfochten, die 
faktisch noch viel früher vom Petersburger Kabinett anerkannt 
worden war. Was das Verhältnis Deutschlands zu Italien betrifft, 
kann ich konstatieren, daß die beiden Staaten schon lange eine 
herzliche Freundschaft unterhalten, was sich in der letzten Zeit 
deutlich gezeigt hat, als die italienisch - deutsdien Beziehungen 
wiederholt schweren Prüfungen ausgesetzt waren. Die Festigkeit 
des Dreibundes ist unerschütterlich, sie ist durch die wedisel- 
seitigen Interessen bedingt, die sich endgiltig dem Volksbewußt- 
sein eingeprägt haben. Es ist somit .lächerlich, von einer 
Erneuerung' des Bündnisvertrages zu sprechen, zumal die Frist 
des Vertrages erst im Jahre 1914 abläuft. Auch das Vorhanden- 
sein der Freundsdiaft zwisdien Oesterreidi - Ungarn und Italien 
unterliegt keinem Zweifel. Die unbedeutenden Mißverständnisse, 
die durdi eine grundlose Agitation hervorgerufen werden, er- 
fahren durch die Bemühungen der Regierungen ihre Paraly- 
sierung. Deutschland hat gar keinen Anlaß, die Rolle eines 
Vermittlers zu spielen. Man hat jetzt nicht einmal Grund, gute 
Ratschläge zu erteilen. Die Ministerkrise hat auf meinen Auf- 
enthalt in Rom keinen Einfluß geübt. Ich bin überzeugt daß 
die internationale Politik sidi in denselben Bahnen bewegen 
wird wie bisher. Namentlidi in den Balkanfragen sind Tittoni 
und Aehrenthal seinerzeit zu einem vollständigen Einvernehmen 
gelangt. Guicciardini hat keinen Versuch unternommen, daran 
zu rütteln. Darin liegt unter anderem ein Grund, weshalb 
Oesterreidi-Ungarn während der letzten Verhandlungen nidit 
gezögert hat, sich den Anschauungen anzusdiließen, die zur 
Basis des Einvernehmens in Racconigi gemadit worden waren". 
Der Reichskanzler, der von Florenz aus den neuen italienischen 
Ministerpräsidenten Luzzatti telegraphisch begrüßte (welche De- 
pesche Luzzatti mit den herzlichsten Worten erwiderte), hatte, 
bevor er Italien verließ, am 2. April eine Besprechung mit dem 
neuernannten italienischen Minister des Auswärtigen, Marchese 
di San Giuliano, welcher Begegnung die »Norddeutsche All- 



Regesten: 1910 205 

gemeine Zeitung" folgende Zeilen widmete: „Die Zusammen- 
kunft in der Araostadt bedeutet eine willkommene Ergänzung 
und Vertiefung der EindrQdke, die Herr von Bethmann Hollweg 
in Rom ausgetauscht hat". 

Am 28. Mai reist Mardiese di San Giuliano nach Berlin, 
um sich dem Deutschen Kaiser vorzustellen, wie sich in der 
Karwoche der Deutsche Kanzler dem König von Italien vor- 
gestellt hatte. Ueber diese Reise veröffentlichte der italienische 
Deputierte Dr. Benedetto Cirmeni in der „Neuen Freien Presse* 
vom 29. Mai interessante Mitteilungen: „Die Beziehungen zwischen 
Deutschland und Italien weisen nicht mehr jene Intimität und 
die Uebereinstimmung in den Absichten auf, die sie einstmals 
kennzeichneten. Der erste franco-italienische Handels-Modus 
vivendi und die darauf folgende franco-italienische diplomatische 
Vereinbarung bezüglich des Mittelländischen Meeres, die ein 
Jahr später von Prinetti und Delcass^ noch schärfer akzentuiert 
wurden, riefen in Deutschland großes Mißtrauen wach. Dann 
folgte Algeciras. Erst später ist es Bulow gelungen, die deutsch- 
italienischen Beziehungen zu bessern, dodi ist die alte große 
Intimität nicht wieder erreicht worden. Unter Tittoni und Guic- 
ciardini hat die Politik der Consulta ihr Augenmerk mehr auf 
Wien als auf Berlin gerichtet. Die Bildung eines Ministeriums 
Luzzatti sei in Paris mit Freuden begrüßt worden und die 
Franzosen ehrten in dem neuen Minister des Aeußern den 
Mann, der als Botschafter nach Paris gekommen, nachdem er vier 
Jahre lang Botschafter beim König Eduard gewesen war, den 
wahren Schöpfer der Drei-Mäciite-Entente, die als Gegengewicht 
gegen den Dreibund dienen sollte. Jetzt nach dem Tode 
Eduards VIL, durfte die Spannung zwischen England und Deutsch- 
land nimmer mehr abnehmen, und so dürfte die Aufgabe, den 
Beziehungen zwischen Italien und Deutschland den einstigen 
intimen Charakter wieder zu verleihen, eine leichte sein". In 
Berlin hatte San Giuliano am Tage seiner Ankunft lange Unter- 
redungen mit dem Staatssekretär Schön, dann mit Bethmann 
Hollweg und mit dem österreichisch-ungarischen Botschafter in 
Berlin Szögy^ny-Marich. Ueber diese Besprechungen wurde am 
31. Mai ein offizielles Communiqu^ ausgegeben, in welchem es 
heißt: „Die Besprechungen bekräftigen den Willen der beiden 
verbündeten Regierungen, im Einklänge mit dem Wiener Kabinett 
auch fernerhin die auf Erhaltung des Friedens gerichteten Grund- 
sätze zur Geltung zu bringen, von denen die Politik der Drei- 
bundmächfe getragen ist". 

Am 28. Juli stattete Herr von Kiderlen-Wächter, der zehn 
Jahre lang in Bukarest Gesandter gewesen, bevor er sein Amt 
als Staatssekretär antrat, dem Grafen Aehrenthal in Marienbad 



206 Regesfen: 1910 

einen Besuch ab. Das Wiener «Fremdenblatt" kommentiert 
diese Begegnung in sehr friedlichem Sinne und bemerkt. Deutsch-- 
lands Beziehungen zu den Westmächten seien in der gunstigsten 
Entwicklung, von der soeben erst die bedeutsame Rede des 
englischen Ministerpräsidenten Asquith Ober dieFlottenrüstungen 
Zeugnis gegeben habe. 

Am 29. August traf Marchese di San Giuliano in Salzburg 
ein, wo er Tags darauf mehrfach Besprechungen mit dem 
Grafen Aehrenthal hatte. Von Salzburg begab sich der italie- 
nische Minister des Aeußern nadi Ischl, wo er von Franz Josef 
in Audienz empfangen wurde. Der Marchese tiberreichte in 
dieser Audienz dem greisen Monarchen ein eigenhändiges, vom 
18. August datiertes Schreiben des Königs Viktor Emanuel, 
worin der König seine bereits telegraphisch zum Ausdruci( ge-- 
brachten Gltickwfinsche zum 80. Geburtstage Franz Josefs in 
herzlichen Worten erneuert und seinen Alliierten seiner freund- 
schaftlichsten Gefühle versichert. Franz Josef richtete nach der 
Audienz (in welcher er dem italienischen Staatsmanne das 
diesem verliehene Großkreuz des Leopold-Ordens überreichte) 
an König Viktor Emanuel ein Danktelegramm, in welchem er 
die zum Ausdruck gebrachten Gefühle aufrichtiger Freundschaft 
und Bundesgenossenschaft auf das wärmste erwiedert und be- 
tont, daß es ihn »mit besonderer Befriedigung erfüllt habe, deii 
hervorragenden Staatsmann Marquis di San Giuliano empfangen 
zu haben". Der Salzburger Begegnung ging eine erregte 
Zeitungspolemik voran. Ein Wiener Brief der »Tribuna* erörterte 
in einem Tone heftiger Entrüstung das gespannte Verhältnis 
Italiens zu Oesterreidi und führte Klage über die Behandlung 
der Italiener Oesterreichs, speziell in der Universitsätfrage und 
auf wirtschaftlichem Gebiete: »Es wäre unnütz, leugnen zu 
wollen, daß diese unterwertige Behandlung der Italiener Oester- 
reichs das Haupthindernis für eine ehrliche Annäherung der 
zwei Staaten ist und bleiben wird". „Corriere della sera" gibt 
am 28. August der Hoffnung Ausdrucic, es werde gelingen, in 
Zukunft »Zwischenfälle" zu verhindern, die nur zu oft die Vor- 
züglichkeit der amtlichen Beziehungen der zwei Regierungen 
mit der öffentlichen Meinung der zwei Länder in geraden Wider- 
spruch bringen". Die herzliche Begrüßung San Giulianos durch 
die Wiener Presse quittiert der »Popolo Romano" mit der Ver- 
sicherung, der Dreibund bedürfe keiner Ministerentrevuen, um 
gefestigt zu werden, denn er sei in das politische Bewußtsein 
der Völker eingedrungen. Die »Tribuna" selbst konstatiert am 
29. August, die Salzburger Entrevue beweise, daß die Beziehungen 
zwischen den beiden Staaten so sicher, so feststehend und so 
klar seien, daß es nicht nötig ist, sie durch Ministerzusammen- 



-^--1 



Regesfen: 1910 207 

kfinffe zu stärken, doch ergebe sidi daraus der Vorteil, gewisse 
Unzukömmlidikeiten untergeordneter Natur, wie zum Beispiel 
jene kleinen Vorfälle an der Grenze, welche von der Tageschronik 
verzeichnet werden müssen, zu eliminieren. 

Es handelt sich hier um Grenzzwischenfälle, die sich in 
den jüngsten Jahren in SQdtirol des öfteren ereignet haben. 
Es war vorerst geplant, zur Verhütung dieser Zwischenfälle eine 
Kommission einzusetzen, dodi wurde zwischen den beiden 
Staatsmännern auch diesbezüglich ein vollständiges Einverneh'^ 
men erzielt, so daß die Idee der Einsetzung einer gemischten 
Kommission vorläufig fallen gelassen werden konnte. 

Die italienische Presse äußert sich sehr befriedigt über die 
Ergebnisse der Salzburger und Ischler Tage. «Popolo Romano* 
preist den Dreibund als größte Wohltat, welche Oesterreich- 
Ungarn und Italien zuteil werden konnte. Am 1. September 
wurde über die Ergebnisse der Reise des Marchese di San 
Giuliano ein amtliches Communiqu^ ausgegeben, in welchem 
diese Reise als »ein neuer Beweis für die freundsdiaftlidien 
und vertrauensvollen Beziehungen Italiens zu Oesterreich-Un- 
gam* hingestellt wird: „Die Entrevue der beiden Staatsmänner 
gab diesen die Möglichkeit, einen den Allianzverhältnissen ent*' 
sprechenden intimen Gedankenaustausch über die allgemeine 
Lage in Europa wie auch speziell über die Verhältnisse im 
nahen Osten zu pflegen; in der Beurteilung dieser Fragen ergab 
sich eine erfreuliche Uebereinstimmung der Ansichten". Bevor 
Aehrenthal und San Giuliano das kaiserliche Hoflager in Ischl 
verließen, haben übrigens auch der italienische Minister und der 
der Deutsche Reichskanzler herzliche Depeschen gewechselt 

Graf Aehrenthal erwidert den Besuch San Giulianos am 
28. September. Die Zusammenkunft fand in Turin statt, bei 
welcher Gelegenheit ein neuerlicher österreichisch -italienischer 
Grenzstreit, der just am 28. September im Landtage von Vicenza 
Anlaß zu einer erregten Debatte gegeben, erledigt wurde ^ Die 
italienischen Blätterstimmen sind trotz diesem Zwischenfalle 
sehr österreich'freundlich. Die „Gazetta del Popolo", das älteste 
und volkstümlichste Blatt Piemonts, begrüßt den Grafen Aehren- 
thal mit warmen Worten, gibt aber dem Wunsche Ausdruck, die 
Turiner Begegnung möge von wohltätigen Folgen für die italie- 
nischen Brüder Westösterreichs begleitet sein. Die Entrevue 
von Turin gibt der italienischen Presse Gelegenheit, auch die 
von London und Paris aus verkündete geheime Militärkonvention 

Die .Tribuna" meldete diesbezüglich am 1. Oktober: An Turin wurde 
auch die Grenzfrage genauer umschrieben, eine Frage, weldie durch den 
Takt und die Klugheit der Diplomaten immer mehr geklärt und bestimmt 
werden wird". 



208 Regesten: 1910 

zwischen Rumänien und der Tfirkei zu erörtern. Trotz dem 
energischen Dementi der offiziösen „Indöpendance Roumaine" 
und der U^ener Presse hält ein Teil der italienischen Presse 
daran fest, daß Rumänien nur die «Brücke zur Türkei" bilden 
soll, weil Italien gegen die direkte Angliederung der Türkei an 
den Dreibund Widerspruch erhoben habe. Die „Stampa" mahnt 
die Consulta zur Vorsicht: die neue türkische Kriegsflotte könnte 
unter anderer Maske eine neue Form des österreichischen 
Bündnisses in der Adria sein und die Vereinsamung Italiens 
endgiltig besiegeln. Am 30. September wurde Graf Aehrenthal 
auf dem königlichen Schlosse in Racconigi von Viktor Emanuel 
in Audienz empfangen. Graf Aehrenthal überreichte dem König 
ein Handsdireiben Franz Josefs, in welchem dieser für das an^ 
läßlich seines 80. Geburtstages an ihn gerichtete Schreiben 
Viktor Emanuels dankte. Der König verlieh dem Grafen Aehren^ 
thal das Kollier des Annunziafenordens. Ueber die Ergebnisse 
der Reise Aehrenthals wurde am 1. Oktober ein amtliches Com«- 
muniquö ausgegeben, welches betont, daß sich seit der Begeg-- 
nung in Salzburg und Ischl keine die internationale Lage verw- 
undernden Tatsadien ergeben haben und daß der Dreibund un^ 
entwegt im Sinne seiner friedlichen Politik tätig ist. Bevor 
Aehrenthal Italien verließ, richtete er von Pontebba aus an 
seinen Amtskollegen eine Depesche, in welcher die »Identität 
unserer Anschauungen bezüglich der uns beschäftigenden 
Fragen" festgestellt wurde und welche San Giuliano mit den herz- 
lichsten Worten beantwortete. Am 3. Oktober veröffentlichte 
das »Berliner Tageblatt" eine Unterredung mit dem früheren 
italienischen Minister Maggiorino Ferraris. Der italienische 
Staatsmann konstatiert mit Bedauern, daß Oesterreich an der 
italienischen Grenze wie im Adriattschen Meere fortwährend 
rüste, gibt jedoch der Ueberzeugung Ausdruck, daß eine italie- 
nisch-österreichische Freundschaft in kultureller und wirtschaft- 
licher Hinsicht allen beiden Staaten enormen Nutzen bringe und 
versichert, eine italienische Universität wäre ein Pfand ehrlicher 
Freundschaft zwischen Italien und Oesterreich. Am 3. Oktober 
richtete der Deputierte Eugenio Chiesa an das Kammerpräsidium 
ein Schreiben, in welchem er den Ministerpräsidenten fragt, ob 
er die Auszeichnung Aehrenthals durch den König als der 
Würde und den nationalen Interessen Italiens entsprechend 
halte. Die „Tribuna" erklärt diese Anfrage für unmöglich und 
fragt: „Wem sonst, wenn nicht dem Dreibund danke Italien 

seinen Fortschritt ist es nicht natürlich, jene Staatsmänner 

zu ehren, die dazu beitrugen, diesen glücklichen Zustand zu 
bewahren?" 

Am 15. September begab sich Kaiser Wilhelm von den 



Regesfen: 1910 209 

Manöverfeldem Ostpreußens nach Ungarn, um in den Wäldern 
an der Donau und der Drau als Gast des Erzherzogs Friedrich 
zu jagen. Von B^IIye reiste der Deutsche Kaiser am 19. September 
nadi U^en, wo ihm ein glänzender Empfang bereitet wurde. 
Am 21. September besuchte Wilhelm 11. das Wiener Rathaus. 
Auf die Anspradie des Bürgermeisters Dr. Neumayer, der ihm 
den Beschluß der Stadtvertretung, einen Teil des Ringes (den 
Parkring) nach dem Kaiser zu benennen S mitteilte, hielt der 

Kaiser eine längere Rede, in welcher er u. a. sagte: „ Zum 

anderen glaube ich aus Ihrem Beschlüsse herauszulesen, daß 
es das Einverständnis der Stadt Wien damit ist, daß in ernster 
Zeit der Bundesgenosse in schimmernder Wehr sich an die 
Seite Ihres Allerhöchsten Herrn gestellt hat. Es war dies ein 
Gebot der Pflicht und der Freundschaft zugleich, denn das 
Bündnis ist zum Heile der Welt in die Ueberzeugung und in das 
Leben der beiden Völker als ein Imponderabile übergegangen". 



Stärker als in früheren Jahren ist die Irredenta am Werke. 
Die Societa Scuolasticra pro Patria (Trento), 1886 gegründet, 
schon vor zwanzig Jahren aufgelöst, soll wieder gebildet werden. 
Die 1908 stattgehabte allitalienische Zusammenkunft in Rom 
bereitet einen neuen Kongreß vor. Und die 1891 gegründete 
Liga Nazionale (mit ihren drei Sektionen: Tridentina, Adriatica 
und Dalmatina) rüstet zu ihrem zwanzigsten Jahresjubiläum. Die 
Frage der italienischen Universität in Triest will nicht zur Ruhe 
kommen. Und an der süditalienischen Grenze stehen die Regi- 
menter in Kriegsstärke einander gegenüber. Kein Wunder, daß 
es zu Zwischenfällen kommt, die speziell in Italien zu erregten 
Debatten im Parlament und in den Gemeindevertretungen Nord- 
ifaliens führen. Die irredentistische Agitation wendet sich auch 
gegen Deutschland. Sie wollte einen Feldzug gegen die «Er- 
oberung des Gardasees durch die Deutschen" eröffnen, der 
Verband Trento e Trieste, das römische Blatt „Giornale d'Italia" und 
der nationalistisch-italienische Verband für den Gardasee, die 
diese Agitation leiteten, mußten jedoch bald davon ablassen, weil die 
italienischen Anrainer des Gardasees selbst im Interesse des 
Fremdenverkehrs gegen diese Bewegung Stellung nahmen. Am 
15. Februar fand im Mailänder Teatro Lirico auf einem von 
der „futuristischen" Dichterschule veranstalteten internationalen 
Vortragsabend eine irredentistische Demonstration gegen Oester- 

Ein im Januar gefaßter Beschluß des der Vorsfehung vierten Be- 
zirkes Wiens, die Alleegasse Kaiser Wilhelmsfraße zu benennen, hafte aus 
diesem Grunde die Genehmigung des Stadtrates nicht gefunden. 

Singer, Geschichte des Dreibundes 14 



210 Regesten: 1910 

reich statt Eine Woche später hielt in demselben Theater 
D'Annunzio einen Vortrag über Luftsdiiffahrt, in welchem er, 
laut einer Mailänder Depesche der »Vossischen Zeitung", darauf 
verwies, daß Oesterreich seine Lenkballons gegen den östlichen 
Himmel Italiens richte, »jener vielgeliebte Bundesgenosse, der 
seine gierigen Blicke gegen unser blaues venezianisches Meer 
wende, das uns als Abgrund des entehrenden Schweigens 
erscheint-. Das Publikum begrüßte diese Phrasen mit nicht 
endenwollendem Beifall, dem bei Nennung des Namens »Oester- 
reidi" sdirille Pfiffe vorausgegangen waren. Die Einreidiung 
der Vorlage über die italienisdie Rechtsfakultät im öster- 
reichischen Abgeordnetenhause (der österreichische Minister- 
präsident Freiherr von Bienerth erhoffte durch diese Vorlage 
einen unerquiddichen Schwebezustand zu beseifigen) befriedigte 
keine der Parteien. Am 14. Mai demonstrierten zweihundert 
italienische Studenten unter Absingung des Danteliedes für die 
Erriditung einer italienischen Redtifsfakultäf in Triesf. Am 15. 
Mai werden 700 Besucher aus Triest im Hofe des Sforzaschlosses 
in Mailand durch den Bürgermeister Gabba begrüßt. Die be- 
absichtigten irredenfistischen Kundgebungen werden aber durch 
die Regierung verhindert. Am 15. Juli verhandelte der deutsche 
Nationalverband des öslerreichisdien Abgeordnetenhauses die 
Frage der italienischen Reditsfakulfäf und beschloß tags darauf, 
das von der Regierung empfohlene Kompromiß anzunehmen, 
nachdem Freiherr von Bienerth mit seinem Rücktritte gedroht 
hatte. Am 20. August werden in Triesf vier italienische Jugend- 
vereine aufgelöst, weil sie unter dem Deckmantel des Sports 
eine hochverräterische Tätigkeit entfaltet hatten. Am 4. Oktober 
wollten die Irredentisten auf der Cima Dodici wegen des oben 
schon erwähnten Grenzstreites eine antiösterreichische Demon- 
stration veranstalten, doch wurden die Demonstranten, unter 
denen sich auch Trientiner befanden, von italienischem Militär 
gewaltsam zurückgetrieben. Im Oktober wurden in der itali- 
enischen Presse Meldungen über neue ösferreichisdie Truppen- 
versdiiebungen in Südtirol kolportiert. Tatsache ist, daß die 
Italiener an der Grenze 23 Bataillone disloziert hatten, denen 
Oesterreich-Ungarn außer seinen ständigen 13 Bataillonen nur 
noch ein Landesschützen-Regimenf mit drei Maschinengewehr- 
Abteilungen am Isonzo gegenüberstellt. 

Nun die übrigen Ereignisse dieses Jahres: 

Am 15. Februar motiviert der italienische Minister des Aus- 
wärtigen Guicciardini die Halfung Italiens in der Kretafrage. 
Er konstatiert, daß Italien in Uebereinstimmung mit Frankreich, 
Großbritannien und Rußland vorgehe, daß jedoch auch Deutsch- 
land und Oesterreich-Ungarn, trotzdem sie sich seit mehreren 



Regesien: 1910 211 

Jahren von den Verhandlungen über die Kretafragen fernhalten» 
der in dieser Frage befolgten Politik Italiens beistimmen. Die 
kretische Frage wird übrigens auch in diesem Jahre nicht 
gelöst. 

Am 2. März werden im österreichischen Herrenhause ge«* 
legentlich der Verhandlung über das Rekrutenkontingent die 
Beziehungen Oesterreich-Ungarns zu den auswärtigen Mächten 
diskutiert Dem Grafen Latour gegenüber, der die Anbahnung 
freundsdiaftlidier Beziehungen zu Rußland propagiert, erklärt 
Dr. Freiherr von Plener, das deutsch-österreichische Bündnis 
entspreche dem Herzensbedürfnis aller Deutschen Oesterreidis 
aber auch dem legitimen Interesse aller Nichtdeutschen: „Zer- 
stören Sie das Bündnis mit Deutschland, so gefährden Sie' nidit 
bloß die Deutschen Oesterreichs, sondern auch die Existenz 
aller anderen kleineren Nationalitäten in Oesterreich; darum 
ist das Bündnis mit Deutschland trotz aller Ränke gewisser 
diplomatischer Kanzleien Europas der beste Kern im Mittel«- 
punkte des mitteleuropäisdien Staatensystems, an dem festzu- 
halten unsere patriotische Pflicht ist. Seit dreißig Jahren be- 
steht dieses Bündnis, es hat niemandem geschadet, es hat 
beiden Teilen wesentlich genützt. Wenn in Italien eine ruhigere 
Auffassung der Dinge Platz greifen wird, wird audi die öffent- 
liche Meinung in Italien dahin kommen, der korrekten Haltung 
seiner eigenen offiziellen Welt zuzustimmen, daß das Festhalten 
am Dreibunde im wohlverstandenen Interesse Italiens liegt". 
Am selben Tage wettert der Jungtsdieche Dr. Kramarz im Ab- 
geordnetenhaus gegen das Bündnis mit Deutschland („die sla- 
vischen Völker seien nidit dazu da, als ,Wacht am Rhein' zu 
stehen"), worauf der Abgeordnete Stölzel erklärt, der tue Un- 
recht der gegen das Bündnis streite, das durch mehr als dreißig 
Jahre nicht nur Böhmen, sondern Europa den Frieden bewahrt 
habe. Am 4. März kommt es zu einer Debatte über die Elb- 
schiffahrtsabgaben (der Gesetzentwurf wird in Berlin am 21. 
April publiziert), in weldier Handelsminister Weiskirchner den 
Standpunkt der österreichischen Regierung darlegt. Ueber diese 
Angelegenheit interpelliert in der österreidiisdien Delegation 
(am 18. November) Dr. Exner, worauf Graf Aehrenthal erklärt, 
die Abgabenfreiheit der Eibschiffahrt sei durch internationale 
Verträge garantiert. 

Am 28. April hält Ministerpräsident Luzzatti in der italie- 
nisdien Kammer seine Programmrede. Er gedadite in ihr der 
«»Festigkeit des Dreibundes, die soeben sowohl bei dem freudig 
begrüßten Besuche des Deutschen Reichskanzlers, unseres will- 
kommenen Gastes, in Rom, wie auch durch den herzlichen Aus- 
lausch der gemeinsamen Ansdiauungen zwisdien den Ministem 

14* 



212 Regesten: 1910 

des Auswärtigen Italiens und Oesterreich- Ungarns neu bekräf" 
tigt wurde". 

Auch die Thronrede, mit welcher Franz Josef am 25. Juni 
den ungarischen Reichstag eröffnete, verweist auf das „unver- 
änderte Fortbestehen unserer bewährten Bündnisse". 

Bei der Grunewaldfeier in Kral<au (15. Juli) zur Erinnerung 
an die Schlacht bei Tannenberg nehmen audi einige Sokol- 
vereine aus Preußen teil. Der deutsche Reichstagsabgeordnete 
Korfanty hielt eine begeistert aufgenommene Rede, in welcher 
er u. a. sagte: »Vor fünfhundert Jahren besiegten uns unsere 
Feinde. Nach fünfhundert Jahren ist dieser Feind abermals 
bestrebt, unserem Volke den Boden und die Seele zu nehmen 

angesichts der erhebenden Tage, die von der polnischen 

Nation jetzt in Krakau gefeiert werden, sind wir aber gewiß» 
daß ihm dies nicht gelingen wird". Reichskanzler von Bethmann 
Hollweg beantwortete am selben Tage ein an ihn gerichtetes 
Telegramm des deutschen Ostmarkenvereines in Osterode mit 
der Erklärung, die Regierung werde ihre bewährte Ostmarken-* 
Politik unverändert fortführen. 

Die Königsberger Rede des Kronprinzen (23. August) ver- 
anlaßt die am 11. September in Wien stattgehabte Tagung all- 
deutscher Hochschüler, durch eine Depesche an den Deutschen 
Botschafter dem Deutschen Kronprinzen ihre Verehrung aus- 
zudrücken. 

Im September wollte der ungarische Finanzminister Ladis- 
laus von Lukäcs in Paris eine Anleihe von fünfhundertsechzig 
Millionen Kronen aufnehmen, welche Absicht jedoch an dem 
Widerstände Frankreichs scheiterte, dem „Verbündeten Deutsch- 
lands" Geld zu bewilligen zu »Rüstungen gegen Frankreich". 
Wenige Tage später übernahm ein Syndikat reidisdeutscher und 
österreidiisch-ungarischer Banken diese Anleihe. „Ein Stückchen 
finanzieller Nibelungentreue hat bei der Anleihe des Herrn von 
Lukäcs geholfen", schrieb die „Neue Freie Presse" (29. Sep- 
tember). Dasselbe Blatt veröffentlichte in der darauffolgenden 
Nummer ein Interview seines Budapester Korrespondenten mit 
dem auf der Durchreise nach Bukarest in der ungarischen Haupt- 
stadt weilenden Deutschen Staatssekretär Kiderlen-Wächter. Die- 
ser erklärt, es sei durch die Anleihe geradezu ein neues 
Band zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn geschaffen 
worden, was auch dem politischen Verhältnisse dieser Staaten 
nur zum Vorteile gereichen könne. Kiderlen-Wächter weilte 
übrigens zu Beginn des Oktobers einige Tage in Wien und wurde 
vom Kaiser-König Franz Josef in besonderer Audienz empfangen. 

Am 13. Oktober traten in Wien die Delegationen zusammen. 
In der Thronrede heißt es: „Mit Beruhigung kann ich Ihnen 



Regesten: 1910 213 

mitteilen, daß unsere Bündnisse mit dem Deutschen Reich und 
mit dem Königreich Italien, wenn möglich, noch fester und 
inniger geworden sind". Graf Aehrenthal betonte in seinem 
Expose, die Erhaltung der Bündnisse werde die unverrückbare 
Grundlage der Politik Oesterreich - Ungarns bilden — der Drei- 
bund richte gegen niemand eine Spitze. Thronrede und Expose 
werden in Berlin und Rom sehr freundlich beurteilt, nur die 
„Post" meint, es dürfte in Deutschland einiges Befremden 
erregen, daß des »Bundesgenossen in schimmernder Wehr" in 
keiner Weise besonders gedacht wurde. In der österreichischen 
Delegation zieht Dr. Kramarz, wie schon gewohnt, gegen das 
Bündnis mit Deutschland los. Dr. Bärnreither und Freiherr von 
Schwegel nehmen für die Dreibundpolitik Stellung, worauf, nach- 
dem sich auch die Polen gegen Kramarz erklärten, Graf Aehren- 
thal am 16. Oktober in längerer Rede betont die Zuspitzung 
der Ereignisse habe eben die Richtigkeit der vor dreißig Jahren 
eingeleiteten Politik in das allgemeine Bewußtsein gebracht. 
Eingehend äußert sich der Minister auch über die Beziehungen 
zu Italien, die er mit einem Hinweis auf die Begegnungen in 
Salzburg und Turin als herzlich und vertrauensvoll bezeichnet. 
Nicht auf dem Gebiete der großen Politik, wo sich beide Staaten 
in „voller Uebereinstimmung der Interessen" finden, liegen die 
Sorgen der beiderseitigen Regierungen, sondern auf dem Gebiet 
der nationalen Reibungen, der Manifestationen und der Grenz- 
zwischenfälle, die wir beim besten Willen nicht durch diplomatische 
Protokolle aus der Welt schaffen können. Die Zwischenfälle 
sind auf die Verschiedenheit der geschichtlichen Entwicklung 
beider Länder, sowie auf den Unterschied der Veranlagung und 
Auffassung hierzulande und in Italien zurückzuführen. In solchen 
Fällen gilt es ruhig zu bleiben, und aus singulären Erscheinungen 
keine allgemeinen Folgerungen zu ziehen. „Wir können es", 
schließt der Minister diesen Passus seiner Rede, „umso ruhiger 
tun, als die Geschichte lehrt, daß weit verschiedenere Staats- 
wesen, als wir und Italien sind, erfolgreich im Bundesverhältnis 
gestanden sind. In unserem Falle hat sich der Erfolg bereits 
eingestellt und wird es auch künftighin tun. Die Bürgschaft 
hierfür liegt im Charakter des Dreibundes, welcher ausschließlich 
die Erhaltung des Friedens bezweckt". 

In der Sitzung der österreichischen Delegation am 9. No- 
vember machte der sozial-demokratische Delegierte Dr. Renner 
einen Ausfall gegen den Deutschen Kaiser, dessen „deklama- 
torische Politik sowie die unruhige Art, mit welcher er seine 
Sache vor Europa führt, den Dreibund gefährde". Vizepräsident 
Dr. Ritter von Czyhlarz rief den Delegierten zur Ordnung, wo- 
rauf auch Graf Aehrenthal in energischer Weise gegen das Vor- 



214 Regesfen: 1910 

gehen Renners protestierte. Der Minister sagte u. a.: Jndem 
ich unerschatterlich an der seit lange erprobten Bundnispolitik 
festhalte, spreche ich voller Zuversicht die Erwartung aus, daß 
die Einsicht von der Nützlichkeit des im beiderseitigen Interesse 
gelegenen Allianzverhältnisses, wie bei uns, sich auch in Italien 
in immer weiteren Kreisen befestigen und eine wärmere und 
herzlichere Stimmung unter den Völkern erzeugen wird". Be- 
zfiglich der Ausweisungen aus Preußen erklärte Graf Aehrenthal, 
daß in allen eines Protestes würdigen Fällen bei der Deutschen 
Regierung interveniert wurde. In mehr als der Hälfte der Fälle 
sei ein Erfolg erzielt worden. Uebrigens dürfte nicht aus dem 
Auge gelassen werden, daß in den preußischen Grenzprovinzen 
ebenso wie in anderen Ländern hinsichtlich des Aufenthaltes 
und der Niederlassung der Fremden spezielle rigorose Vor- 
schriften bestehen. In der Sitzung vom 10. November setzt der 
Delegierte Dr. Kramarz seine Angriffe gegen das deutsch-öster- 
reichische Bündnis fort, indem er u. a. behauptet, die Dankbar- 
keit Oesterreichs gegen die „Bündnistreue" Deutschlands sei 
nicht am Platze, da nicht Deutschlands Hilfe Oesterreich vor 
einem Kriege bewahrt habe, sondern die Tatsache, daß Rußland 
keinen Krieg führen wollte. In der gleichzeitig tagenden 
ungarischen Delegation nehmen die Wortführer sämtlicher 
Parteien für die Dreibundpolitik Stellung, auch der Wortführer 
der äußersten Linken, Ludwig Hollö, erklärt, der Dreibund biete 
der Monarchie den gedeckten, gesicherten Zustand an ihren 
westlichen und südwestlichen Grenzen. 

Am 28. November ernannte die medizinische Fakultät der 
deutschen Universität in Prag und am 23. Dezember die mathe- 
matisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Kolozsvär 
(Klausenburg) Kaiser U^lhelm II. zum Ehrendoktor. 

Ende November verhandelt der Deutsche Reichstag das 
Schiffahrtsabgabengesetz (die Vorlage wird einer Kommission 
von 28 Mitgliedern überwiesen), bei welcher Gelegenheit der 
Reichskanzler erklärt, er hoffe, daß die Verhandlungen mit den 
Nachbarstaaten, die auf der Basis derjenigen freundschaftlichen 
Beziehungen, in denen Deutschland mit seinen Nachbarn steht, 
geführt wurden, eine Verständigung ergeben werden. 

Ohne jede besondere Emotion verläuft die Feier des fünf- 
undzwanzigjährigen Gedenktages der Wahl Barzilais zum Abge- 
ordneten von Rom. Dem Bankett präsidiert Bürgermeister 
Nathan, der in seiner Rede auch der Stadt Triest, der „Tochter 
der gemeinsamen Mutter Roma" gedenkt, was stürmische Hoch- 
rufe aut Trient und Triest auslöst. 

Am 2. Dezember hielt San Giuliano in der italienischen 
Kammer zum Etat des Aeußeren eine längere Rede, in welcher 



Regesten: 1910 215 

er den Dreibund als die feste Grundlage der Politik Italiens 
bezeichnete. Italien stehe zu seinen Bundesgenossen im Ver^ 
hältnisse vollkommenster Parität. Bei den jüngsten Zusammen- 
künften der Minister der Dreibundstaaten sei weder die Er- 
neuerung noch die Abänderung des Dreibundvertrages diskutiert 
worden; man habe nicht einmal neue Vereinbarungen über spezielle 
Fragen erörtert. Er sehe speziell keine Frage, die zu einer 
Meinungsverschiedenheit zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn 
führen könnte. In Bezug auf untergeordnete Fragen, nämlich 
Grenzzwistigkeiten (Zwölferkogelaffäre, Cima Dodici) hatten sich 
die beiden Regierungen bereits auf gewisse allgemeine Grund- 
sätze zu ihrer Beseitigung geeinigt. Einen Irredentismus gebe 
es kaum mehr, seinen Kundgebungen lege man im Auslande viel 
größere Wichtigkeit bei, als sie verdienen, wodurch sie zu einem 
Hindernis werden, aus dem Bunde alle Früchte zu ziehen, die er 
tragen könnte. Was die Frage der Rüstungen betrifft, schließt 
sich der Minister der in den Delegationen Oesterreich- Ungarns 
geäußerten Ansicht an, die Rüstungen der beiden Staaten seien 
nicht gegeneinander gerichtet: daß vielmehr ein starkes Italien 
im Interesse Oesterreich - Ungarns liege und umgekehrt. Zum 
Schlüsse erklärt der Minister, man sei auf dem besten Wege zu 
einem Abkommen über die Frage der Versicherung der itali- 
enischen Arbeiter in Deutschland. 

Reichskanzler von Bethmann Hollweg hielt in der ersten 
Lesung des Etats am 10. Dezember eine einstündige Rede, 
die vornehmlich dem Verhältnis Deutschlands zu England und 
Rußland galt. Seine Erörterungen über die auswärtige Politik 
leitete er mit folgenden Worten ein: „Zunächst will ich es nicht 
unterlassen, meinen Dank den Staatsmännern der beiden ver- 
bündeten Mächte auszusprechen, die in ihren Parlamenten 
unseren Beziehungen warme Worte gewidmet haben. Ich schließe 
mich ihnen voll an, denn ich finde in ihnen bestätigt, was mir 
die Herren in freundschaftlicher Unterhaltung hier und in Florenz 
gesagt haben**. 

Zum Schlüsse sei erwähnt, daß im Dezember dieses Jahres 
die mehrfach zitierten Denkwürdigkeiten Crispis auf dem Bücher- 
markt erschienen. 



216 Regesfen: 1911 

1911 

Die Geschichte dieses Jahres fuhrt in ferne Länder: Frankreich 
bemächtigt sich Marokkos, Deutschland findet seine Entschädi- 
gung im Kongogebiete, Italien führt Krieg um Tripolis und die 
Cyrenaika, Rußland dringt in Nordpersien vor, in Indien gärt 
es trotz der glanzvollen Kaiserkrönung, und in China erschüttert 
eine republikanische Revolution die bald 300 Jahre alte Herr- 
schaft des Mandschustammes. Auch am goldenen Hörn und 
auf den Hängen des Balkans züngeln Flammen auf und schon 
setzen in Rußland und an den Südgrenzen der Donaumonarchie 
jene militärischen Maßnahmen ein, die die Armeen dieser bei- 
den Länder beinahe zwanzig Monate lang auf Kriegsstand 
stellen. Zwischen den Dreibundmächten klappt wohl audi nicht 
alles. In Italien fehlt es nicht an Stimmen gegen Deutschland, 
dem vorgeworfen wird, daß es die imperialistischen Pläne des 
jungen Königreiches nicht bundesfreundlich fördere und die 
Pressediskussion über eine unterbliebene Romreise des Deutschen 
Kaisers trug auch nicht dazu bei, die erregten Gemüter auf der 
Piazza di Monte Citorio zu beruhigen. Die Entsendung des 
„Panthers" löst gewisse Unstimmigkeiten aus, und vollends 
zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn herrscht zeitweilig ein 
ganz offener Gegensatz in den Auffassungen, der auch in den 
militärischen Rüstungen an der Grenze der beiden Staaten zum 
Ausdruck gelangt, umsomehr als die Irredenta sich wieder 
stärker zeigt denn je. Der Jubel rund um die Z wanzig jahrfeier 
des Bestandes der Liga Nazionale (Nachfolgerin der 1886 ge-* 
gründeten und 1890 aufgelösten Societa Scuolastica pro Patria) 
gibt den offiziellen Kreisen dies- und jenseits von der Alpen- 
grenze viel zu schaffen. 

Zu Beginn des Jahres trübt keine Wolke die Beziehungen 
der Kabinette der Dreibundmächte. Reichskanzler Dr. von 
Bethmann Hollweg und der Minister des Aeußeren Oesterreich- 
Ungarns Graf Aehrenthal sandten ihrem italienischen Kollegen 
San Giuliano anläßlich des Jahreswechsels warm gehaltene 
Glüdkwunschdepeschen, die der Marchese in gleich herzlichen 
Worten erwidert. 

Am 24. Januar steht im volkswirtschaftlichen Ausschusse 
des österreichischen Abgeordnetenhauses die Frage der Schiff- 
fahrtsabgaben auf der Elbe und der Donau zur Diskussion und 
es wurde mit Zustimmung des Handelsministers Dr. Weiskirchner 
eine Resolution angenommen, in welcher die Erhebung von 
Schiffahrtsabgaben auf der Elbe als den verschiedenen Ver- 
trägen widersprechend bezeichnet wird. 

Am 30. Januar hält Graf Aehrenthal in Budapest vor dem 



Regesfen: 1911 217 

österreichischen Delegationsausschuß sein Expose, in welchem 
er mit Genugtuung auf die jüngsten Reden seiner Kollegen in 
Berlin und Rom hinwies. An seine kurzen Ausfuhrungen 
knüpfte der Jungtscheche Dr. Kramarz seine usuelle Brandrede 
gegen Deutschland und gegen den Dreibund, die Graf Aehren- 
thal mit seiner sofortigen Replik erfolgreich abwehrt. Am 
nächsten Tage spricht u. A. der Delegierte Baitoli, der seiner 
Ueberzeugung Ausdruck verleiht, das Bündnis mit Italien werde 
sich so lange nicht befestigen, als das Regierungssystem in 
Oesterreich sich nicht gründlich ändert. 

Im Februar spukt wieder das Gespenst der italienischen 
Universität (der österreichische Budgetausschuß nimmt am 
9. Februar einen Kompromißantrag des Abgeordneten Skedl 
an), die italienischen Blätter wettern gegen eine amtliche Vier- 
lautbarung der österreichischen Regierung, wonach die Volks- 
zählung in Südtirol ein Zurückgehen der italienisch sprechenden 
Bevölkerung ergeben hätte, am 19. Februar tagt ein Kongreß 
der italienischen Sozialisten Oesterreichs, um dieselbe Zeit 
setzen die Beamten italienischer Nationalität in den südlichen 
Kronländern Oesterreichs mit der passiven Resistenz ein, Ricciotti 
Garibaldi erläßt einen Aufruf zu einer Freischarenlandung in 
Albanien — hingegen erleidet der Irredentismus eine empfind- 
liche Niederlage dadurch, daß die Vereinigung zum Schutze der 
Italianität des Gardasees am 15. Februar ihre Auflösung aus- 
sprechen mußte, weil die Vertreter der Gardasee-Ri viera die deutsch- 
feindlichen, den Fremdenverkehr schädigenden Bestrebungen 
der Liga bekämpften. Der Besuch, den der Serbenkönig Peter 
Mitte Februar in Rom abstattet, wird von einem Teile der 
Wiener Presse nicht sehr sympathisch beurteilt — um dieselbe 
Zeit wird in den italienischen und in den reichsdeutschen Blättern 
mit einer unverkennbaren Nervosität die Frage eines Besuches 
Kaiser Wilhelms in Rom erörtert. Die radikale Presse Italiens 
führt das Unterbleiben einer Fahrt Kaiser Wilhelms zur Jubel- 
feier Italiens darauf zurück, daß der Papst angeblich alle 
Staatsoberhäupter hatte wissen lassen, er werde während des 
Jahres 1911 keines von ihnen empfangen. Der Deputierte 
Benedetto* Cirmeni warnt die Freunde Italiens — in Rom sei 
noch immer Herr Barrdre, der gewandteste und gefährlichste 
Gegner des Dreibundes, Botschafter Frankreichs . . . Der ganzen 
Diskussion bereitet das „Berliner Tageblatt" ein Ende, indem 
es von sehr gutunterrichteter Seite meldet es hätten bezüglich 
einer Reise des Kaisers nach Rom zwischen dem Berliner Hofe 
und dem Quirinal keinerlei private oder diplomatische Pour- 
parlers stattgefunden. 

Am 17. März widmet der Präsident des Deutschen Reichs- 



218 Regesfen: 1911 

tages, Graf Sdiwerin-Löwitz, Worte warmer Sympathie der Fünf- 
zigjahrfeier des Königreiches Italien (nur einige Zentrums- 
mitglieder blieben demonstrativ sitzen, während das Haus sidi 
erhob); die aus dieser Sitzung nach Rom abgesandte Depesche 
wird von der italienischen Kammer mit stürmischem Beifall 
aufgenommen. 

Zu Beginn des Monates März gelangen die Ausweisungen 
tschechischer Arbeiter aus Preußen in der in Budapest tagenden 
Delegation zur Sprache; es wird eine Resolution angenommen, 
welche das Auswärtige Amt auffordert, im Interesse der „Frei- 
zügigkeit" der Arbeiter zu intervenieren. 

Am 24. März stattet das Deutsche Kaiserpaar auf seiner 
Reise nach Venedig dem Wiener Hofe einen kurzen Besuch ab. 

Am 2. April hält Fürst Bülow bei der Eröffnung des deutschen 
Pavillons der Internationalen Kunstausstellung in Rom eine An- 
sprache an den König, in welcher er die „Gemeinsamkeit der 
die beiden Länder verbindenden Interessen und Erinnerungen" 
hervorhebt. Am 5. April trifft das Deutsche Kronprinzenpaar in 
Rom ein. Bei dem am 6. April im Quirinal veranstalteten Gala- 
diner brachte König Viktor Emanuel einen Trinkspruch aus, in 
welchem er den Besuch des Kronprinzenpaares als eine Kund- 
gebung und ein Unterpfand der intimen Freundschaft Italiens 
und Deutschlands bezeichnet: „Nach den großen, eng mit ein- 
ander verknüpften Ereignissen, von denen die italienische und 
die deutsche Einheit ihren Ursprung genommen haben, hat sich 
eine internationale Situation ergeben, die durch die wirksame 
Mitarbeit des Dreibundes Europa eine lange Friedensperiode 
gesichert hat und sichert". Kronprinz Friedridi Wilhelm erinnerte 
in seiner Antwort an die Depesche, die Kaiser Wilhelm I. an 
König Viktor Emanuel nach der Mailänder Zusammenkunft im 
Jahre 1875 gerichtet hatte („Wir und unsere Söhne müssen immer 
Freunde bleiben") und fügt hinzu: „Die Freundschaft zwischen 
den Dynastien und den Völkern hat sich durch Generationen er- 
halten und im Bunde mit Oesterreich-Ungarn die Form eines 
Bündnisses angenommen, das durch mehr als dreißig Jahre zur 
Erhaltung des Weltfriedens beigetragen hat". An demselben Tage 
stellt sich das neuernannte Kabinett Giolitti in der Kammer vor, 
bei welcher Gelegenheit der Premier das „unbedingte treue 
Festhalten an unseren Bündnissen" betont. 

Die Frage der Unterstützung der deutschen Marokkopolitik 
durch Oesterreich-Ungarn wird sowohl im Monat Mai als auch 
später, gelegentlich der Entsendung des „Panther" nach dem 
Hafen von Agadir, lebhaft diskutiert. Der Scharfmacherei einiger 
österreichischer Blätter gegenüber verweist das „ Fremden blatt", 
das offiziöse Organ des Wiener Auswärtigen Amtes, die Zeitungs- 



Regesfen: 1911 219 

meidungen über Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Ma- 
rokkofrage in das „Gebiet der Fabel"; dasselbe Blatt veröffent- 
licht am 4. Juli eine offiziöse Kundgebung, in welcher der Stand- 
punkt Oesterreich-Ungarns präzisiert wird: Rückkehr zur Al- 
gecirasakte und Aufrechterhaltung der in diesem Vertrage 
niedergelegten Grundsätze. Dieser Standpunkt der Donau-* 
monarchie wird in amtlichen Berliner Kreisen als „durchaus be- 
greiflich** bezeichnet. Ueberdies erklärte der ungarische Minister- 
präsident Graf Khuen-Hederväry am 5. Juli im ungarischen 
Abgeordnetenhause auf eine Anfrage des Deputierten Grafen 
Batthyäny, „Marokko liege abseits von den Bundespflichten 
Oesterreidis-Ungarns". Interessant ist die Haltung der italie- 
nischen Presse, die diese Frage ganz vom Gesichtspunkte der 
tripolitanischen Interessen Italiens aus beurteilt. Nidit nur die 
„Tribuna" (die Italiens Interessen im Mittelmeere bei seinen 
Freunden und Verbündeten in besten Händen weiß), sondern 
auch „Giornale d'Italia",„Popolo Romano** und „Corriere d'ltalia" 
nehmen für Deutschland Stellung, nicht ohne aber auch die 
Consulta zu ermahnen, daß Italien bei diesem Streite, der {a 
unbedingt mit einem Ausgleiche enden werde, nicht leer aus- 
gehe. „Giomale d'Italia" wendet sich speziell an die Adresse 
des Deutschen Reichskanzlers, indem es der Hoffnung Ausdruck 
gibt, er werde sich jetzt auch nicht gegen die Aufrechthaltung 
des zwischen Frankreich und Italien im Jahre 1900 geschlossenen 
Tripolisverf rages ^ sträuben. Die „Stampa** in Turin betont mit 
besonderem Nachdruck, Italien sei nur wegen seiner Mittelmeer- 
Interessen in den Dreibund eingetreten und fordert Deutschland 
auf, jetzt den Wechsel, den es Italien gegeben, einzulösen. Diese 
Mittelmeer-Interessen Italiens betont auch das Programm der 
Anfangs September in Florenz gegründeten monarchistisch- 
nationalen und liberalen Partei. Um dieselbe Zeit meldet die 
„Preßzentrale", Italien habe Frankreich unverkennbar zu ver- 
stehen gegeben, daß im Kriegsfalle Italien Deutschland gegen- 
über seinen Bundespflichten auf das entschiedenste nachkommen 
würde. 

Am 7. Juni hielt Graf Guicciardini, Minister des Aeußern 
unter Sonnino, in der Kammer eine Rede, in welcher er darüber 
Klage fuhrt, Italien sei durch das geringe Vertrauen, das in den 
Beziehungen zu seinen Verbündeten herrsche, in eine Lage ge- 
raten, die einer Isolierung gleichkomme. Diesen Ausführungen, 
sowie den Angriffen, die der Depuöerte Foscaris am 7. Juni 
gegen den Dreibund richtete, tritt der Minister des Aeußern 
Marchese di San Giuliano am 9. Juni entgegen, indem er mit 



1) Nicht 1900, sondern 1899 (Konvention vom 21. März 1899), siehe 1899. 



220 Regesten: 1911 

besonderer Wärme die Notwendigkeit des guten Einvernehmens 
mit Deutschland und Oesterreidi-Ungam verfocht. Eine Anfrage» 
die der Deputierte Cirmeni am 12. Juni an die Regierung richtete, 
ob es wahr sei, daß durch Kontrakt ein vor den Toren von 
Tripolis gelegener großer Landbesitz teils durch Verkauf, teils 
pachtweise deutschen Kapitalisten abgetreten sei, bleibt unbe- 
antwortet \ Am 21. Juni gibt San Giuliano im Senat program- 
matische Erklärungen Qber die äußere Politik Italiens ab, die 
einerseits das Festhalten am Dreibund, anderseits das voll- 
ständige Einvernehmen Italiens mit Oeslerreich-Ungarn bezüg- 
lich der Balkanfragen feststellen. 

Die Thronrede des Kaiser-Königs Franz Josef vom 18. Juli 
spricht von dem „innigen Verhältnis zu unseren Verbündeten* 
und kündigt eine neuerliche Vorlage betreffend eine italienische 
Rechtsfakultät an. 

Die Diskussion über die Marokkofrage gewinnt im August neue 
Nahrung durch einen in der Nummer 16885 (vom 25. August) der 
Wiener „Neuen Freien Presse" publizierten Artikel „Wahrscheinlich- 
keiten und Möglichkeiten in der Friedensfrage", in welchem ein 
„englischer Diplomat in wichtiger Stellung" Deutschland ermahnt, 
sich zu mäßigen, da seine herausfordernde Haltung einen Kon- 
flikt bedeutet, in welchem England Frankreich zur Seite sein 
werde; auch Oesterreich-Ungarn kann es nicht bequem sein, jetzt 
seinen Verbündeten mit dem Marokkofeuer wieder spielen zu 
sehen und Italien kann keinen Zustand herbeiwünschen, in 
welchem es genötigt wäre, innerhalb der Tripelallianz gegen 
die Tripelentente sich zu entscheiden. Gegen diese Ausführungen 
nimmt schon Tags darauf, in der „Neuen Freien Presse" selbst, 
der Legationsrat a. D. Hermann vom Rath entschieden Stellung. 
Der Artikel, den Dr. Sigmund Münz verfaßt hatte und der die 
Ansichten des englischen Botschafters am Wiener Hofe Sir 
Fairfax Leighton Cartwright wiedergab, erregt in Deutschland 
begreiflicherweise ungeheures Aufsehen. In der „Neuen Freien 
Presse" äußert sich am 27. August der Herausgeber der 
„Preußischen Jahrbücher" Professor Hans Delbrück und am 
29. August Dr. Paul Michaelis. Am 28. August telegraphierte Sir 
Fairfax Cartwright der „Neuen gesellschaftlichen Korrespondenz", 
er lehne „die Verantwortung für anonyme, in den Zeitungen 
erscheinende Artikel, deren Ursprung schlecht unterrichtete Leute 
. ihm zuschreiben", ab. Am 12. September erhält das Wiener 
„Vaterland" von dem Sekretär des Botschafters folgende Mit- 

^) Es handelt sich um etwa hundert Hektar, die Herr v. Lochow von 
Engländern gekauft hat, um sie mit tunesischen Arbeitern zu bewirtschaften, 
was einzelnen radikalen sozialistischen Zeitungen in Rom und Mailand 
Anlaß zu Angriffen gegen Deutschland bietet 



— ^— -i 



Regesten: 1911 221 

teilungen: „Das in der »Neuen Freien Presse' veröffentlichte 
Interview decke sich nicht mit dem tatsächlichen Inhalte des 
kurzen Gespräches, das Sir Fairfax Cartwright mit Dr. Münz geführt 
hatte. Die einzige Kritik, die Sir Fairfax übte, war, daß er das 
Verlangen der Alldeutschen als übertrieben darstellte. Die Per- 
son des Deutschen Kaisers ist mit keinem Worte erwähnt worden. 
Die Richtigkeit des Gesagten gehe aus einem Briefe hervor, den 
Cartwright nach dem Erscheinen des Interviews von Dr. Münz 
erhielt, ein Brief, der auch die ,Neue Freie Presse' um eine 
Berichtigung bat, die aber nicht Aufnahme fand". Daran knüpft 
sich wieder ein ganzer Rattenkönig von Erklärungen. Die Dis- 
kussion wird durch die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" mit 
der Erklärung abgeschlossen, die kaiserliche Regierung habe 
auf ihre Anfrage bei der großbritannischen Regierung die Mit- 
teilung erhalfen, daß der englische Botschafter in Wien weder 
den bekannten Artikel der „Neuen Freien Presse" inspiriert, 
noch die ihm von dem Verfasser des Artikels zugeschriebenen 
Aeußerungen getan habe. Die Angelegenheit (die bona fides 
des Redakteurs Dr. Münz wurde in einer jeden Zweifel aus- 
schließenden Weise festgestellt) kommt auch im österreichi- 
schen Abgeordnetenhause zur Sprache: Die Abgeordneten Dr. 
Gustav Groß und Genossen interpellieren über den Cartwright- 
Rummel, doch erklärt der Ministerpräsident Baron Gautsch, 
die Regierung sei nicht in der Lage, sich über diese Ange- 
legenheit zu äußern. 

Anfangs September begeben sich der österreichisch-ungarische 
Tlironfolger Erzherzog Franz Ferdinand sowie der Marine- 
kommandant Admiral Graf Montecuccoli nach Kiel, um den 
Manövern der deutschen Flotte beizuwohnen. 

Am 30. September eröffnete die italienische Eskader das 
Bombardement auf Tripolis. Deutschland übernimmt den Schutz 
der Italiener in der Türkei und den der Türken in Italien. Der 
Sultan wendet sich an den Deutschen Kaiser mit dem Ersuchen, 
für den Frieden zu intervenieren; die Antwort Kaiser Wilhelms 
wird offiziell nicht publiziert, laut einer Meldung des „Lokal- 
Anzeigers" soll sie dem Bedauern Ausdruck gegeben haben, 
daß die Bemühungen der Deutschen Regierung fruchtlos ge- 
blieben seien. Am 11. Oktober interpelliert Graf Albert Apponyi 
im ungarischen Reichstag, doch wird die Interpellation vorerst 
nicht beantwortet. Am 24 Oktober äußern sich die beiden 
Ministerpräsidenten Gautsch und Khuen über die Hallung der 
Monarchie im italienisch-türkischen Konflikt. An demselben Tage 
beginnt das österreichische Abgeordnetenhaus die Verhandlung 
der Vorlage über die italienische Rechtsfakultät Die italienische 
Presse quittiert die freundschaftlichen Aeußerungen der Premiers 



222 Regesten: 1911—1912 

der Donaumonarchie mit Dank und erklärt, Italien werde diese 
Haltung nie vergessen. 

Am 4. November nachmittag um ftlnf Uhr wurde in Berlin 
das Marokko-Kongo-Abkommen unterzeichnet 

Am 30. November erfolgt der Rücktritt des Chefs des 
Generalstabes der österreichisch -ungarischen Armee Freiherm 
Conrad von Hötzendorf. Die Demission des Generals wird auf 
politische Motive, auf einen Konflikt mit dem Minister des Aeußern 
Grafen Aehrenthal zurückgeführt: Freiherr von Conrad wollte 
verstärkte Rüstungen an der italienischen Grenze, wogegen 
Graf Aehrenthal Einsprache erhob. Das „Berliner Tageblatt* 
knüpfte daran die Bemerkung, die Politik des Generalstabscfaefs 
hätte das Ende des Dreibundes bedeutet und einen österreichisch- 
italienischen Krieg mit seinen unübersehbaren Folgen in greifbare 
Nähe gerückt. An demselben Tage veröffentlicht der „Budapest! 
Naplö" ein Telegramm des italienischen Ministerpräsidenten Giolitti, 
in welchem dieser die Nachricht der Wiener „Reichspost", 
Italien werde demnächst aus dem Dreibunde austreten, als ein- 
fältige Erfindung bezeichnet die „umsoweniger begründet sein 
kann, weU sie von Verhandlungen mit dem Botschafter Barröre 
sprach, der seit längerer Zeit von Italien abwesend ist". 

Ende Dezember treten die Delegationen der Parlamente 
Oesterreichs und Ungarns zu einer Vorsession zusammen. So- 
wohl in seinem kurzen Expose der Graf Aehrenthal wie auch die 
meisten Delegierten sprechen sich sehr warm für die Dreibund- 
polifik aus, registrieren mit Genugtuung den Abschluß des 
Marokko - Konfliktes und geben der Hoffnung auf baldige Be- 
endigung des italienisch-türkischen Krieges Ausdruck. 



1912 

Das Jahr der sechsten Erneuerung des Dreibundes. Sie 
erfolgte bei weit geöffneten Toren des Janus Quirinus. Den 
türkisch-italienischen Krieg, der fast dreizehn Monate gedauert 
hat, beendet der Friede von Lausanne und just zu derselben 
Stunde entbrannte der Krieg an den Hängen des Balkan. Und 
kaum halten die Kriegführenden (mit Ausnahme Griechenlands) 
einen Waffenstillstand geschlossen, wurde die vorzeitige Er- 
neuerung des Dreibundes (der erst im Juni 1914 abgelaufen 
wäre) proklamiert 



Regesfen: 1912 223 

Der Würdigung dieses Ereignisses schicke ich die Chronik 
des Jahres voran: 

Am Neujahrstage tauschen die leitenden Minister der Drei- 
bundstaaten herzliche Glückwunschdepeschen aus. In den ersten 
Tagen des Januar tritt zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn 
eine Verstimmung ein, die auch in den Artikeln zum Ausdrucke 
gelangt, die der österreichisch-ungarische Vizeadmiral d. R. Chiari 
und der Chefredakteur des italienischen militärischen Fachblattes 
^.Preparazione", Hauptmann Chitaro, in der „Neuen Freien Presse" 
veröffentlichen. Die Schwierigkeiten des tripolitanischen Feld- 
zuges steigern die Nervosität in Italien, wo gewisse militärische 
Maßnahmen, welche die Donaumonardiie an der italienischen 
Grenze traf, als ein feindseliger Akt beurteilt werden. Auch 
eine Rede des Freiherrn von Fuchs in einer Ausschußsitzung 
des katholischen Bauernbundes zu Salzburg erhöht die Österreich" 
feindliche Stimmung der römischen Presse. In Oesterreich ver- 
stimmt der Spionageprozeß Simonides (versuchte Ausspähung 
der Befestigung Polas^). 

Der deutsche Staatssekretär von Kiderlen-Wächter trifft am 
20. Januar zu zweitägigem Aufenthalte in Rom ein. Ueber seine 
Unterredung mit San Giuliano wird offiziös gesagt: „Das Thema 
des Gespräches war durch die gemeinsamen Interessen der 
Dreibundstaaten an der Erhaltung des Friedens und des Status- 
quo auf dem Balkan gegeben, wobei die vollkommene Ueber- 
einstimmung der zwei Staatsmänner in allem und jedem fest- 
gestellt werden konnte'*. Es wird auch gegenüber den Meldungen 
mehrerer Blätter festgestellt, der deutsche Staatssekretär habe 
dem Marchese di San Giuliano keine Friedensvorschläge unter- 
breitet. Trotz diesem offiziösen Dementi bleibt speziell das 
„Giomale d'Italia" dabei, Deutschland interveniere für einen 
Frieden, den Italien nicht annehmen könne und knüpft daran 
die folgenden Bemerkungen: „Der Augenblick ist für die Ge- 
fühle des italienischen Volkes inbezug auf den Dreibund ent- 
scheidend. Der Dreibund müsse dem Volke als ein echtes und 
rechtes Bündnis mit den ernstesten Bürgschaften für jedes seiner 
Mitglieder erscheinen. Es sei das erstemal, daß Italien seine 
Verbündeten auf die Probe stellt, und es wäre sehr eigentümlich» 
wenn die Verbündeten Italien einen Frieden anraten wollten, der 
seinen Interessen nicht voll entspräche". Als Kiderlen-Wächter 
Italien verließ, richtete er von der deutschen Grenze eine äußerst 
warm gehaltene Dankesdepesche an den italienischen Minister 

1) Diese Spionageangelegenheiten ziehen sich durch das ganze Jahr: 
So werden im Februar der Kommandant der italienischen Finanzwache in Riva 
Luigi Morganti (vom Kreisgericht in Rovereto jedoch am 5. Juni frei- 
gesprochen) und der Italiener Paluzzi verhaftet. 



224 Regesfen: 1912 

des Aeußern, die dieser sofort beantwortet. In der Depesche 
des Mardiese di San Giuliano heißt es: „Es war mir ein leb- 
haftes Vergnügen, mit Ihnen Beziehungen wechselseitiger Sym- 
pathie und persönlicher Freundschaft anzuknüpfen, die unsere 
gemeinsame Arbeit nur leichter und angenehmer gestalten 
können". 

Am 29. Januar weilte Erzherzog Franz Ferdinand in Berlin, 
um mit dem Grafen von Turin als Paten der Taufe des vierten 
Sohnes des Kronprinzen und der Kronprinzessin beizuwohnen. 
In einer offiziösen Note wird konstatiert, daß sich der Deutsche 
Kaiser am 31. Januar, als er wie alljährlich zur Jahreswende des 
Todestages des Kronprinzen Rudolf dem Botschafter Szögy^ny- 
Marich einen Besuch abstattete, „sehr befriedigt" über seine 
Aussprache mit dem Erzherzog Franz Ferdinand geäußert habe. 

Die Thronrede, mit welcher der Deutsche Reichstag am 
7. Februar im Weißen Saale des Königlichen Schlosses zu Berlin 
eröffnet wurde, betont die Pflege „unserer Bündnisse mit der 
österreichisch - ungarischen Monarchie und dem Königreich 
Italien". 

Das Hinscheiden des österreichisch-ungarischen Ministers des 
Aeußeren Grafen Alois Aehrenthal (17. Februar) und die Er- 
nennung seines Nachfolgers, des Grafen Leopold Berchtold, 
(18. Februar) lösen in Deutschland und Italien warme Kund- 
gebungen für den Dreibund aus. Die Berliner Presse hofft, 
die auswärtige Politik Oesterreich-Ungarns werde sich in jenen 
Bahnen weilerbewegen, die Aehrenthal ihr gewiesen; auch die 
italienische Presse anerkennt die Beweise der loyalen Gesinnung, 
die Aehrental Italien gegeben. Ministerpräsident Giolitti nennt 
in seiner Beileidsdepesche den Grafen Aehrenthal den „treuen 
und loyalen Freund der italienischen Nation". In der Depesche 
des Marchese di San Giuliano heißt es: „Die von Tag zu Tag 
herzlicheren und intimeren Beziehungen zwischen den beiden 
befreundeten und verbündeten Ländern werden sich fortgesetzt 
enger knüpfen und befestigen". Graf Berchtold telegraphierte 
an seinen italienischen Kollegen: „Graf Aehrenthal hatte es als 
ganz besondere Herzenssache betrachtet, die intimen Beziehungen 
zwischen den beiden befreundeten und verbündeten Ländern 
immer enger zu knüpfen. Das persönliche Verhältnis, in dem 
der Verblichene so glücklich war zu Eurer Exzellenz zu stehen, 
hat nicht minder als die vollkommene Uebereinstimmung, die 
er zwischen Ihren Anschauungen und den seinigen herzustellen 
wußte, in hohem Maße zu dem vollen Erfolge seiner Bemüh- 
ungen beigetragen, die jenem Zwecke galten. Von den gleichen 
Gefühlen beseelt, nehme ich mir vor, den Weg zu wandeln, den 
der Verblichene vorgezeichnet hat " Marchese di San 



Regesten: 1912 225 

Giuliano antwortet mit folgendem Telegramm: „Die Gefühle, 
denen Eure Exzellenz Ausdruck zu verleihen die Güte haben 
und die ich vollkommen teile, werden in Italien ein sympa- 
thisches Echo finden. Ich bin von der tiefen Ueberzeugung 
durchdrungen, daß meine Beziehungen zu Eurer Exzellenz, ge- 
gründet auf dasselbe gegenseitige Vertrauen, auf dieselbe Ueber- 
einstimmung der Anschauungen, die mich mit dem illustren 
Staatsmannes dessen Verlust wir lebhaft beklagen, verbunden 
hat, dazu beitragen werden, die Intimität zwischen unseren 
beiden befreundeten und verbündeten Ländern immer enger zu 
knüpfen". Auch zwischen Berchtold und Bethmann Hollweg 
wurden herzliche Depeschen gewechselt. Graf Berchtold betont 
in seinem Telegramme, Graf Aehrenthal habe in dem Dreibund 
die unverrückbare Grundlage seiner Politik erblickt, er selbst 
trete das reiche Erbe inniger und vertrauensvoller Beziehungen 
mit der zuversichtlichsten Hoffnung auf die bundesfreundliche 
und tatkräftige Unterstützung des Deutschen Kanzlers an. In 
seiner Antwortdepesche gibt der Kanzler seiner festen und 
frohen Ueberzeugung Ausdruck, daß die „vertrauensvollen bun- 
desfreundschaftlichen Beziehungen in gedeihlichster Weise sich 
fortentwickeln werden" nnd versichert den Grafen Berchtold, daß 
er in fester Bundestreue seine Politik, wo er könne, unter- 
stützen werde. 

Am 23. März traf der Deutsche Kaiser auf der Fahrt nach 
Korfu zu eintägigem Besuche des Kaiser-Königs Franz Josef 
in \A^en ein und begab sich von dort nach Venedig, wo er eine 
Begegnung mit dem König Viktor Emanuel hatte, die von der 
italienischen Presse als »gutes Zeichen für die Fortdauer des 
Dreibundes" und als „neue Feuertaufe des Dreibundes" be- 
zeichnet wird; von Venedig reiste der Deutsche Kaiser nach 
Brioni, wo er dem österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz 
Ferdinand einen Besuch abstattete. 

Eline interessante Rede hielt der neuernannte bayrische 
Ministerpräsident Dr. Freiherr von Hertling (Führer des bayrischen 
Zentrums, der in Rom oft zwischen Staat und Kirche interveniert 
hatte) am 28. März in der Etatsdebatte im bayrischen Landtag. 
Dr. Hertling sagte u. a.: „Ein Vorredner hat auf die Gefahr 
hingewiesen, die aus der Berufung meiner Person an die Spitze 
des bayrischen Ministeriums der deutschen Politik erwachsen 
könne. Er hat gemeint, es sei Italien gegenüber keine Aeuße- 
rung der Höflidikeit. Anderswo las man sogar, der Friede 
könnte dadurch bedroht werden, es könnte zu Verwicklungen 
mit Italien kommen. Ich sei ein Feind des Dreibundes. Meine 
Ernennung hat jedoch in Italien, und das könnte mir beinahe 
leid tun, gar kein Aufsehen gemacht." Der Ministerpräsident 

Singer, Gesdiidite des Dreibundes 1^ 



226 Regesfen: 1912 

protestiert dagegen, daß er je der Zertrümmerung des Dreibundes 
und der \Ariederherstellung des alten Kirchenstaates das Wort 
geredet habe und wiederholt tags darauf diese Erklärung mit 
dem Hinzufügen: „Ich sehe in dem Bestände des Dreibundes 
eine Garantie gegen den europäischen Krieg, das war früher 
meine Meinung, und sie ist es auch jetzt nodi**. 

Der neue österreichisch-ungarische Minister des Aeußern 
Graf Berchtold erstattete am 30. April in der ungarischen Dele- 
gation sein Expose, in welchem es u. a. heißt: „Als festgefügte, 
in der Flucht der Jahre und der Ereignisse erprobte und be- 
währte Grundlage des europäischen Staatensystems haben wir 
den Dreibund übernommen und wollen demselben treu bleiben, 
treu seinem Wortlaute, treu seinem Geiste, treu namentlich auch 
der erhabenen Friedensidee, welcher er, den Intentionen seiner 
erlauchten Initiatoren zufolge zu dienen berufen ist. Innerhalb 
des Dreibundes steht unser Verhältnis zum Deutschen Reiche 
unentwegt im Zeichen innigsten Einvernehmens. Im Laufe jahr- 
zehntelangen Zusammengehens und Zusammenhaltens zur Aus- 
drucksform eines innigen Solidaritätsbewußtseins geworden, be- 
sitzt dasselbe in dem unverbrüchlichen Freundschaftsverhältnisse 
der beiden Monarchen seine höchste Weihe. Die kürzliche An- 
wesenheit Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm in Schönbrunn als 
Gast unseres allergnädigsfen Herrn hat diese glückliche Tatsache 
wiederum in Erscheinung treten lassen und den verbündeten 
Herrschern Gelegenheit gegeben, das auf tief gewurzelte Tradi- 
tionen gegründete und nach übereinstimmenden Endzielen ein- 
gestellte außerpolitische Wirken der zwei Zentralmächte neuer- 
dings zu bestätigen und zu bekräftigen. In gleicher Weise tragen 
unsere Beziehungen zu Italien unverändert den Stempel des 
engen Bundesverhältnisses. Die Wärme des Tones, in welchem 
die Beileidskundgebung des Marchese di San Giuliano anläßlich 
des Ablebens meines Vorgängers gehalten war, hat Zeugnis 
gegeben von dem hohen Werte, den man in Rom den loyalen 
Bestrebungen des Grafen Aehrenthal beilegte, das Verhältnis 
der Alliierten möglichst vertrauensvoll zu gestalten. Ich habe 
nicht versäumt, die Kundgebung des italienischen Staatsmannes 
herzlich zu erwidern und ihn zu versichern, daß mit dem 
Personenwechsel keine Aenderung unserer Politik eingetreten 
sei". Sowohl die reichsdeutsche als auch die italienische Presse 
bespricht das Expose mit großer Sympathie; das „Berliner 
Tageblatt" rühmt an der Rede Berchtolds den freundlidien Ton, 
den sie Italien gegenüber anstimmt, der eine Gewähr für die 
Fortdauer des europäischen Friedenssei, während „Popolo Romano" 
gegenüber den Bemerkungen des Grafen Berchtold über die 
Sondervereinbarungen der verbündeten mit nichtverbündeten 



Regesten: 1912 227 

Mächten seinen ausdrücklichen Vorbehalt ausspricht mit dem 
Hinzufügen, daß derartige Vereinbarungen die Bundesverträge 
verletzen könnten. In der Sitzung der österreichischen Dele- 
gation vom 1. Mai interpelliert der Delegierte Graf Skarbek über 
die „Gefahr der Ausdehnung der preußischen Ausnahms- 
bestimmungen gegen österreichische Arbeiter slavischen, ins- 
besondere aber polnischen Stammes auf andere deutsche 
Bundesstaaten". 

In der denkwürdigen Sitzung des Deutschen Reichstages 
vom 18. Mai (Aeußerungen Kaiser Wilhelms über Elsaß -Loth- 
ringen) bringt der Abgeordnete Spahn in der Etatsdebatte die 
Frage des Schutzes der österreichischen Arbeiter in Deutschland 
zur Sprache. Tags darauf bespricht Dr. David *die Besetzung 
einer Anzahl von Inseln im Aegäischen Meere durch Italien und 
meint, es sei wahrscheinlich zwischen England und Italien ein 
Abkommen getroffen worden, welches den Dreibund gefährden 
und den Einfluß anderer Mächte, besonders auch Oesterreichs, 
auf dem Balkan aufs Aeußerste einschränken würde. Oertel 
und Bassermann gingen auf die deutsch - österreichischen Be- 
ziehungen ein, wobei sie feststellen zu können glaubten, daß 
Oesterreich - Ungarn gegenüber Deutschland manchmal eine 
gewisse Kühle gezeigt habe, hoben aber mit Genugtuung die 
Wärme hervor, mit der Graf Berchtold in seinem Expose von 
den deutsch-österreichisch-ungarischen Beziehungen gesprochen 
hat. In derselben Sitzung lehnte Staatssekretär Delbrück eine 
vom Zentrum eingebrachte Resolution ab, welche eine gesetz- 
liche Regelung der Arbeitsverhältnisse ausländischer Landarbeiter 
verlangte, und erklärte, die Regierung könne auf ihr Aus- 
weisungsrecht nicht verzichten. 

Der österreichisch - ungarische Minister des Aeußeren Graf 
Berchtold begab sich am 23. Mai nach Berlin. Die „Norddeutsche 
Allgemeine Zeitung" widmet dem Gast einen warmen Be- 
grüßungsartikel. Der Kaiser verleiht dem Grafen den Schwarzen 
Adler-Orden. Ein offizielles Communiqu^ über die in Berlin 
gepflogenen Konferenzen besagt, man habe in Berlin volles 
Verständnis für die konservativen Ziele der österreichisch-unga- 
rischen Politik und sehe auch ein, welch großen Wert für die 
Nachbarmonarchie infolge ihrer geographischen Lage und ihrer 
wirtschaftlichen Interessen auf dem Balkan die ungestörte Er- 
haltung der Ruhe im Osten Europas besitzet 

Am 29. Mai statteten die Berliner Stadtverordneten der 

Aehnlidi äußert sich auch der Sekretär des Grafen Berchtold, Graf 
Hoyos, in der »Vossischen Zeitung* vom 26. Mai; er betont die Begeg^ 
nung habe den Beweis eines durchaus ungetrübten vollen Einvernehmens 
erbracht. 

15* 



228 Regesfen: 1912 

Stadt Wien einen Besuch ab, bei welcher Gelegenheit äußerst 
warme, bundesfreundliche Reden gewechselt wurden. Am 
30. Mai erschien Oberbürgermeister Kirschner bei Kaiser Franz 
Josef in Audienz. 

Im Juni verbreiten französische Blätter die Nachricht, Oester«* 
reich-Ungarn und Deutschland hätten gegen die Besetzung 
weiterer tfirkischer Inseln durch Italien Protest erhoben: diese 
Nachricht wird in Berlin und Wien offiziell dementiert, die 
„Tribuna" registriert diese Demeniis mit dem Hinzufügen, diese 
Gerüchte hätten lediglich den Zweck, speziell zwisdien Rom 
und Wien Mißtrauen zu erregen. Am 7. Juni behauptet „Giomale 
d'Italia", die Deutsche Botschaft in Konstantinopel verhindere im 
türkischen und im deutschen Interesse die von Rom aus befür- 
wortete Heimkehr der italienischen Arbeiter der anatolischen 
Eisenbahnen; hingegen versichert „Popolo Romano", daß die 
Italiener mit wenigen Ausnahmen den wirksamen Schutz ihrer 
Landsleute in der Türkei durch Deutschland dankbar an- 
erkennen. Die Verhandlung des Wehrgesetzes im österreichischen 
Abgeordnetenhause am 19. Juni gibt dem Obmann des deutsch- 
nationalen Verbandes Dr. Gustav Groß Anlaß darauf hinzuweisen, 
die Bündnispflicht gegenüber Deutschland verlange, daß Oester- 
reich die Kräfte, die es zur Verfügung hat, auch zur Verfügung 
stelle: „Wir haben eine Dankespflicht zu erfüllen, für die tat- 
kräftige Unterstützung, die uns das Deutsche Reich und sein 
Kaiser in schweren Tagen gewährt haben". 

Als Zeichen des sich immer bessernden Einvernehmens 
zwischen der Donaumonarchie und Italien wird in der reichs- 
deutschen Presse die allerdings unkontrollierbare Mitteilung ver- 
breitet, der in Wien am 9. und 10. Juli stattgehabte gemeinsame 
Ministerrat habe die Forderungen des Kriegsministers, speziell 
betreffend die Befestigungen in Tirol, abgelehnt. 

Aus Anlaß des Geburtsfestes des Kaiser-Königs Franz Josef 
fand am 18. August auf Schloß Wilhelmshöhe eine Frühstücks- 
tafel statt, zu der die Herren der österreichisch - ungarischen 
Botschaft geladen waren. Beim Mahle brachte der Kaiser einen 
Trinkspruch aus auf den »treuen Freund und festen Verbündeten". 

Am 19. August begibt sich der österreichisch - ungarische 
Minister Graf Berchtold zu einem zweitägigen Besuch nachSinaia, 
um dem König von Rumänien einen Besuch abzustatten. Die 
Reise Berchtolds hat die mannigfachsten Kombinationen im Ge- 
folge, „Journal des D^bats" nennt sie einen „ Bündnisbesuch ", 
dodi scheinen, wie die späteren Ereignisse beweisen, keine 
positiven Abmachungen getroffen worden zu sein. 

Am 7. September trifft der Deutsche Reichskanzler zu zwei- 
tägigem Besuch als Gast des Grafen Berchtold in Buchlau ein» 



Regesten: 1912 229 

Er erwidert ihm den Besuch, den Graf Berditold in Berlin ab- 
gestattet hat Das über die Besprechungen ausgegebene 
offizielle Communiquö konstatiert die «beiderseitige volle Ueber- 
einstimmung über alle augenblidklidi schwebenden Fragen der 
allgemeinen äußeren Politik, insbesondere diejenigen des nahen 
Orients". Auch in Rom setzt man, wie die „Tribuna" und die 
«Vita" konstatieren, volles Vertrauen in die Verhandlungen der 
beiden Minister. In der Thronrede, mit welcher Franz Josef 
die österreichische und ungarische Delegation eröffnet heißt es 
u. A.: «Gestützt auf unser enges und durch viele Jahre be- 
währtes Bündnis mit dem Deutschen Reiche und mit Italien, 
wird unsere auswärtige Politik nach wie vor von dem Bestreben 
geleitet bei Wahrung der Interessen der Monarchie zur Erhaltung 
des Friedens beizutragen". An demselben Tage hält Graf Berditold 
sein Expos^; er konstatiert in seiner Rede bezüglich des Ver^ 
hälfnisses zu Deutschland die «vollständige Uebereinsfimmung 
der letzten Ziele der beiden Kabinette" und kündigt seinen 
Besuch am italienischen Hofe an, wodurch die Beziehungen der 
Kabinette von Wien und Rom an Klarheit und Vertrauen nur 
noch gewinnen können. Das Expose, welches vorwiegend der 
Motivierung der Anregung des Grafen Berchfold zu einem 
Meinungsaustausch der Mächte über die Lage auf dem Balkan 
gewidmet ist wird in Berlin und in Rom sehr günstig aufge- 
nommen. In den Delegationen finden fast alle Redner für den 
Dreibund warme Worte. Die «Perseveranza" erblickt in dem 
Ergebnis der Delegafionsberatungen den Beweis der uner- 
schütterlichen Festigkeit des Dreibundes. Nach der am 18. Oktober 
(um 3 Uhr 45 Minuten in Ouchy) erfolgten Unterzeichnung des 
Friedens von Lausanne zwischen Italien und der Türkei bespricht 
„Popolo Romano" die Haltung der Verbündeten während des 
Krieges: „Ganz abgesehen von der vollkommen korrekten 
Haltung der verbündeten Regierungen gegenüber Italien genügen 
uns die posf mortem ans Tageslicht gekommenen Dokumente 
von Rohlfs, um festzustellen, daß Kaiser Wilhelm II. persönlich 
den entschiedensten Widerstand gewissen Einflüsterungen ent- 
gegensetzte, welche zur Besitzergreifung der Cyrenaika drängten, 
welche Besetzung ihm während der dreiunddreißigjährigen Re- 
gierung Abdul Hamids ein leichtes gewesen wäre. Ebenso 
haben wir niemals der mutigen und loyalen Haltung des Grafen 
Aehrenthal einige Tage nadi unserer Kriegserklärung an die 
Türkei vergessen". Zwei Tage nach dem Friedensschlüsse begibt 
sich Graf Berchfold zur Begegnung mit dem italienischen Minister 
San Giuliano nach Pisa. Von Pisa fuhr der Graf nach San Ros- 
sore, wo er vom König Viktor Emanuel in Audienz empfangen 
wurde. Der Minister überreichte dem König ein Handsdireiben 



230 Regesten: 1912 

seines Monarchen; der König verlieh dem Grafen das Kollier 
des Annunziaten-Ordens. 

Schon donnerten die Geschütze vor Adrianopel. 

Das wertvolle Ergebnis der Beratungen in Pisa, San Rossore 
und Florenz war nicht nur die Uebereinstimmung der Ansichten 
Oesterreich'Ungarns und Italiens hinsichtlich der Balkanfragen, 
sonden auch der Entschluß ,,sich in Fühlung zu halten zu dem 
Zwedke, um, gestützt auf die Bande der die beiden Regierungen 
und diejenige von Berlin vereinigenden Allianz und mit Unter- 
stützung der anderen Mächte zur \AAederherstellung des allge- 
meinen Friedens beizutragen". Bezeichnend für die Situation 
ist es, daß in diesen Tagen das Gerücht verbreitet wurde, der 
Deutsche Botschafter in Rom, v. Jagow, sei den Beratungen in 
Florenz zugezogen worden, da bei dieser Gelegenheit die Ver- 
längerung des Dreibundes auf weitere zwölf Jahre unterzeichnet 
werden sollte — das Gerücht bestätigte sich nicht, doch dürfte die 
Frage der Erneuerung des Dreibundes jedenfalls schon in San 
Rossore zur Sprache gebracht worden sein. 

In diesem Monate tauschten auch die Berliner und die 
Wiener Handelskammer bundesfreundliche Erklärungen aus. 

Die Dreibundmächte gehen im Monate November einmütig 
dem Poincar^schen Vorschlag („vollständiges D6sint6ressement") 
gegenüber vor. Die Antwort, welche die drei Botschafter am 
4. November im Pariser Auswärtigen Amte abgeben, ist keine 
schroffe Ablehnung der französischen Einigungsformel, läßt 
weiteren Verhandlungen offenes Feld, wobei jedoch betont wird, 
daß die Mächte der Tripelallianz viele wichtige Interessen haben, 
welche bei einer Neuregelung der Verhältnisse auf dem Balkan 
inbetracht kommen. 

Am 5. November weilt Marchese di San Giuliano in Berlin 
und wird vom Kaiser in Audienz empfangen. In dieser Audienz 
überreichte der italienische Minister dem Kaiser ein eigenhändiges 
Schreiben seines Königs, der für den während des tripolitanischen 
Krieges den Italienern gewährten deutschen Schutz dankt. 'Kaiser 
Wilhelm antwortete noch an demselben Abend mit einem sehr 
herzlichen Telegramm. Die Beratungen in Berlin bildeten eine 
Ergänzung der Besprechungen, die in Pisa und Florenz zwischen 
den leitenden Ministern der beiden anderen Allianzmächte ge* 
pflogen worden waren. Interessant ist: daß zu allen Veranstal- 
tungen, die zu Ehren San Giulianos stattfanden, kein Diplomat 
außerdem österreichisch-ungarischen Botschafter Szögy^ny-Marich 
geladen wurde. 

Am 5. November hielt Graf Berchtold in der österreichischen 
Delegation sein Expose (zum erstenmale seit dem Bestände der 
Delegationen vor der Eröffnung der Delegationen durch die 



Regesten: 1912 231 

Thronrede). Das Expose spiegelt den vollen Ernst der Situation 
wieder, ist jedoch, wie die „Neue Freie Presse" konstatiert, eher 
auf Frieden, denn auf Krieg gestimmt Der Minister gedenkt 
vorerst des Friedensschlusses von Lausanne: „Wir haben das 
Unsrige dazu beigetragen, um den Friedensschluß zu erleichtem 
und unmittelbar nach demselben die Souveränität Italiens tiber 
Libyen anerkannt. Ich möchte mit dem Ausdrudke aufrichtiger 
Genugtuung erwähnen, daß unser Alliierter auf diese Weise zu 
dem seit Dezennien von ihm angestrebten Ziele gelangt ist und 
ein weites Feld gefunden hat, die hohe Kultur des Heimatlandes 

auf fremden Boden zu verpflanzen Gelegentlich meiner 

kOrzIichen Anwesenheit in Italien konnte ich mich überzeugen, 
daß unsere Haltung hinsichtlich des vom Königreiche mit der 
Türkei geführten Krieges nicht nur seitens der Regierung, sondern 
auch von der Bevölkerung vollauf gewürdigt wird. Die sym- 
pathische Aufnahme, welche mir im verbündeten Königreiche 
zufeil wurde, mödite ich nidit in letzter Reihe auch auf diesen 
Umstand zurüdkführen. Der warme Widerhall aber, den diese 
Stimmung bei uns gefunden hat, kann als Bürgschaft für eine 
Festigung des Allianzverhältnisses, mithin auch des Dreibundes, 
dienen". Der überwiegende Teil des Exposes war naturgemäß 
dem Balkankriege gewidmet. Bezüglich der Aktion Poincar^s 
konstatiert Graf Berchtold, Oeslerreich-Ungarn habe im innigsten 
Einvernehmen mit seinen Verbündeten und in reger Fühlung 
mit Rußland und England an dieser Aktion teilgenommen. Die 
tags darauf in der Hofburg zu Budapest von Franz Josef ver- 
lesene Thronrede betont ebenfalls das Einverständnis mit den 
verbündeten Mächten. Bei Verhandlung des auswärtigen Etats 
in der österreichischen Delegation führt der Delegierte Dr. Ellen- 
bogen aus, man gebe sich einer Täuschung hin, wenn man fort- 
während auf die deutsche Rückendeckung hinweise, in Deutsch- 
land sei in der ganzen öffentlichen Meinung ein entschiedener 
Widerwille dagegen zu konstatieren, sich wegen der angeblichen 
österreichisdien oder anderer Interessen militärisch auf dem 
Balkan zu engagieren. Dr. von Grabmayr meint, heute gelte in 
der öffentlichen Stimmung Italiens die Erneuerung des Drei- 
bundes wohl als selbstverständlich, Oesterreich erwarte jedoch, 
daß Italien allen irredentistischen Velleitäten ein Ende bereite, 
wogegen Oesterreich bei voller Wahrung seiner staatlichen Auto- 
rität die österreichischen Italiener gut zu behandeln habe. Im 
weiteren Verlaufe der Debatte konstatierte Graf Berchtold, im 
Vorjahre sei die österreichisch-italienische Grenzkommission zu- 
sammengetreten, die voraussichtlich im nächsten Jahre ihre 
Arbeiten beenden wird, doch sei schon jetzt über die wichtigsten 
Fragen ein Einvernehmen erzielt worden; dies gelte auch be- 



232 Regesten: 1912 

zflglidi der Frage der Sdiiffahrt auf dem Gardasee. Die Dele- 
gierten Stapinski, Wolf und Jedrzejowicz besprechen die Ent- 
eignungspolitik Preußens. In der ungarischen Delegation kon- 
statiert der Referent Franz Nagy, die dreibundfreundliche Stimmung 
in Italien sei ein wahrer Lichtstrahl an dem gegenwärtig düstren 
Horizont. Am 9. November wurde der Deutsche Botschafter, 
Herr von Tschirschky, in der Budapester Hofburg in Audienz 
empfangen, welche Audienz übereinstimmend mit den Mobili- 
sierungsmaßnahmen OesterreidiUngams, die bald darauf zur 
Durchführung gelangten, in Zusammenhang gebracht wurde. 
Auch der italienische Botschafter in UAen, Herzog von Avama, 
hatte zu derselben Zeit mehrfache Besprechungen mit dem Grafen 
Berchtold. 

Das zwanzigjährige Botschafterjubiläum des Grafen Szögyeny 
gibt der „Norddeutschen Allgemeinen Zeitung" am 9. November 
Gelegenheit, den greisen Diplomaten als den Träger der deutsch- 
österreichisdi-ungarischen Bündnispolitik zu feiern. 

Am Geburtstage des Königs Viktor Emanuel wechseln Franz 
Josef I. und der König von Italien herzliche Depeschen. 

Am 15. November konstatiert die „Politische Korrespondenz" 
(Wien) in einer Berliner Zuschrift „von kompetenter Seite", das 
„feste und unverrüdkbare Zusammenstehen des Dreibundes zur 
Wahrnehmung der Interessen Oesterreich-Ungams an der Adria, 
die mit denjenigen Italiens übereinstimmen sei zweifellos**. 

In der Sitzung der österreichischen Delegation vom 15. No- 
vember hielt der frühere Botschafter in Rom, Graf Lützow, eine 
bemerkenswerte Rede. Er deutete auf die Flottenverschiebungen 
der Ententemächte im Mittelmeer hin und sagte, daß diese Vor- 
gänge dem italienischen Volke den Nutzen des Dreibundes leb- 
haft vor Augen geführt haben und die Wirkung werde vielleicht 
eine dauernde und nachhaltige sein. Graf Lützow wies die 
Anschauung zurück, daß das Allianzverhältnis mit Italien nur 
ein platonisches wäre. Er sei überzeugt, daß der Dreibund nach 
jeder Richtung hin seine Aufgaben erfüllen könne, allerdings 
sei es notwendig, daß Oesterreidi-Ungarn seine Flotte aus- 
gestalte, um auch außerhalb der Adria kräftig auftreten zu können. 
Der Diplomat, der sedis Jahre hindurch Botschafter in Rom 
gewesen, hob zum Schlüsse die Notwendigkeit hervor, die Frage 
der italienischen Fakultät, welche für die Stimmung der itali" 
enisdien Intelligenz von so großer Wichtigkeit sei, endlich aus 
der Welt zu schaffen. Diesen Ausführungen gegenüber betont 
Dr. Kramarz, Oesterreich habe nur ein Lebensinteresse auf dem 
Balkan und das gehe dahin, Italien vom Balkan politisch fem^ 
zuhalten. In der Sitzung vom 18. November kennzeichnet Graf Berdi' 
told als die wesentlichen Richtlinien seiner Politik: „das treue Fest^ 



Regesten: 1912 233 

halten an dem bestehenden festgegründeten Bundesverhältnisse 
und die konsequente Verfolgung einer maßvollen, keine terri- 
toriale Expansion anstrebenden, aber unsere Interessen fest im 
Auge behaltenden Realpolitik". Am 19. November konstatiert 
der Minister, daß hinsichtlich der Unabhängigkeit Albaniens 
zwischen Oesterreich-Ungam und Italien volle Eintracht bestehe 
und daß auch heute noch jene Grundlage für die albanische 
Politik vorhanden sei, welche seinerzeit der italienische Minister 
des Aeußem der italienischen Kammer bekanntgegeben hatte. 
In derselben Sitzung bespricht der Delegierte Dr. von Langenhan 
die preußische Polenpolitik und erhebt dagegen Protest daß die 
Bündnispolitik Oesterreich - Ungarns von einer innerpolitischen 
Angelegenheit nicht einmal des ganzen Deutschen Reiches, 
sondern eines einzelnen deutschen Bundesstaates abhängig 
gemacht werden solle: „Wir Deutsche in Oesterreich halten 
am Dreibunde und insbesondere am Bündnis mit Deutschland 
fest nicht nur weil es uns ein Herzensbedürfnis ist, sondern 
vor allem aus dem Grunde, weil wir überzeugt sind, daß die 
von uns eingegangene Bündnispolitik für die ganze Monarchie 
die einzig richtige ist". Warme Worte für den Dreibund findet 
auch der Referent der österreichischen Delegation Marquis de 
Bacquehem. Vielfach bemerkt wurde, daß Kaiser-König Franz Josef 
bei dem Empfang der Delegationen am 18. November, zu den 
italienischen Delegierten Degasperi und Spadaro bemerkte, es 
sei die höchste Zeit daß die italienische Universitätsfrage endlich 
gelöst werde. 

Hier sei auch erwähnt daß während der Tagung der Dele- 
gationen Graf Stefan Tisza in Arad seinen Rechensdiaftsbericht 
erstattete, in welchem er u. a. sagte: „Gegenüber der riesigen 
Völkerflut welche uns vom Osten mit der Ueberschwemmung 
bedroht zieht sich in Mitteleuropa eine Verteidigungslinie von 
der Ostsee bis zum Schwarzen Meere, eine Verteidigungslinie, 
als deren Kerntruppe die Deutsche Nation zu betrachten ist 
und als deren ergänzender Teil und naturgemäßer Bundesge- 
nosse die ungarische und die rumänische Nation erscheinen". 

Am 16. November veröffentlicht der „Corriere dTtalia" eine 
Unterredung seines Wiener Korrespondenten mit dem italienischen 
Botschafter am \AAener Hof Herzog von Avarna, in welcher der 
Herzog erklärte, Italien nehme bezüglich eines serbischen Hafens 
an den adriatischen Küsten wesentlich dieselbe Haltung ein, 
wie Oesterreich-Ungarn. In der Tat gehen Oesterreich-Ungam 
und Italien in der Balkankrise vollständig Hand in Hand, die 
Differenzen treten erst im kommenden Jahre zu Tage. Die 
Unterstützung, welche Italien Oesterreich-Ungam zuteil werden 
läßt, löst in Rom heftige Angriffe gegen San Giuliano aus. Die 



, 



234 Regesten:. 1912 

Abgeordneten Barzilai, Torre und Bissolati wettern in Volks- 
versammlungen und Interviews dagegen, daß sidi »Italien von 
Oesterreich^Ungam ins Schlepptau nehmen lasse". Am 24. No« 
vember fahrt die „Tribuna" aus, daß sich die Interessen Italiens 
mit denen Oesterreidi * Ungarns vollständig dedken; demgegen- 
über erklärte der ehemalige Minister Orlando in einer in seinem 
Wahlkreise Pactinico gehaltenen Rede, die Unabhängigkeit 
Albaniens sei nicht unvereinbar mit gewissen Wünschen Serbiens. 

Am 21. November sdieidet der italienische Botschafter in 
Berlin, Cavaliere di Pansa, von seinem Posten; die Ernennung 
Riccardo Bollatis zu seinem Nadifolger wird in Berlin sehr 
sympathisch aufgenommen. 

Am 22. November traf Erzherzog Franz Ferdinand in Berlin 
ein. An demselben Tage weilte auch der Chef des österreichisch- 
ungarischen Generalstabes, FeldmarschalleutnantSchemua, einige 
Stunden in Berlin, wo er eine längere Unterredung mit dem 
Chef des preußischen Generalstabes, General der Infanterie von 
Mollke, hatte. Die Zusammenkunft des Thronfolgers der Donau- 
monarchie mit dem Deutschen Kaiser, sowie die Besprechung 
der Generalstabsdiefs wurden mit den zu dieser Zeit stark in 
den Vordergrund tretenden Gerüchten über russische Rüstungen 
in Zusammenhang gebracht Die „Norddeutsche Allgemeine 
Zeitung" hieß den „erlauchten Gast herzlich willkommen" und 
gab der Ansicht Ausdrudk, daß der „persönliche Gedanken- 
austausch Sr. k. u. k. Hoheit und Sr. Majestät von besonderem 
Werte sei und nur gute Früchte fragen könne". Die „Vossische 
Zeitung" erklärt, der Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand in 
Berlin werde den Eindrudk verstärken, daß die Dreibundmächte der 
Balkankrise in voller Einmütigkeif gegenüberstehen. Von seiner 
Reise zurüdkgekehrt erstattete der Thronfolger am 25. November 
dem Kaiser-König Franz Josef in längerer Audienz Bericht. Mit 
der Besprechung Schemuas mit Moltke wird auch die Reise des 
Armeeinspektors Conrad von Höfzendorf nach Bukarest (29. 
November) in Zusammenhang gebracht. 

Am 29. November erklärte Staatssekretär Kiderlen-Wächter 
der Korrespondentin des Budapester Blattes „Az Est", Frau 
Margit V^szi, zwischen der Deutschen Regierung und der 
österreichisch-ungarischen Monarchie sei die „Harmonie, die 
Eintracht und das Zusammenwirken vollkommen". 

Am 2. Dezember eröffnete Reichskanzler von Belhmann 
Hollweg die Etatsdebatte mit einer bedeutsamen Rede, die etwa 
zwanzig Minuten dauerte und die er gegen seine sonstige Ge- 
wohnheit unter Benützung eines Manuskripts vortrug. Den 
Höhepunkt der Rede bildete die Erklärung, daß Deutschland, 
wenn einer seiner Bundesgenossen bei der Geltendmachung 



Regesten: 1912 235 

seiner Interessen wider alles Erwarten von dritter Seite ange^ 
griffen oder in seiner Existenz bedroht werden sollte, fest 
und entschlossen an dessen Seite zu treten habe: «und dann 
wflrden wir an der Seite unserer Verbündeten zur Wahrung 
unserer eigenen Stellung in Europa, zur Verteidigung unserer 
eigenen Zukunft und Sidierheit fechten; ich bin fest überzeugt, 
daß wir bei einer solchen Politik das ganze Volk hinter uns 
haben werden". Sämtliche Redner aus dem Hause brachten 
dann ihre Zustimmung zu dieser Erklärung des Reichskanzlers 
zum Ausdrudk. Nur der erste Redner, der Sozialdemokrat 
Ledebour, protestierte dagegen, daß mit der Erklärung des 
Kanzlers den Verbündeten eine Art Blankovollmacht zu jeder 
Maßnahme ausgestellt werde. Dr. Spahn vom Zentrum gibt 
seiner Genugtuung ob der erheblichen Annäherung zwischen 
Italien und Oesterreich-Ungarn Ausdrudk und streift im Laufe 
seiner Rede auch die Polenfrage. Graf Kaunitz erklärt, Deutsch- 
land wünsche wohl den Frieden, aber nur den Frieden in Ehre, 
der Deutschlands Machtstellung und die seiner Verbündeten 
aufrechthält. Bassermann polemisiert mit Dr. Spahn bezüglich 
der Polenfrage, die keine internationale, sondern lediglich eine 
preußische Frage sei und sagt im weiteren Verlaufe seiner Rede : 
„Wird Oesterreich angegriffen, so stehen wir ihm fest und ent- 
schlossen zur Seite". Der erste Redner des folgenden Tages, 
der Führer der fortsdirittlichen Volkpartei v. Payer gab dem 
Wunsche Ausdrudk, daß Deutschland nicht ohne Grund von 
Oesterreich in einen Krieg hineingezogen werde. Der sozial- 
demokratische Abgeordnete Dr. David erklärt, seine Partei sei 
wohl für das Bündnis mit Oesterreich und auch für die Auf- 
rechthaltung des Dreibundes, doch protestiert er gegen die 
Machenschaften der Wiener klerikalen Kriegspartei, hinter welcher 
Erzherzog Franz Ferdinand stehe. Der Zentrumsabgeordnete 
Fürst Löwenstein tritt diesen Ausführungen entgegen; von einer 
Kriegspartei in Oesterreich könne nidit gesprochen werden, 
auch nicht davon, daß der Thronfolger ein Vertrauensmann des 
Zentrums wäre. «Ich habe", sagte der Fürst, „persönlich die 
Ehre, diesen neuen und erprobten Freund Deutschlands zu 
kennen, und ich kann mich nicht rühmen, sein Vertrauensmann 
zu sein". Der Fürst trat dann mit noch größerer Entschieden- 
heil als die anderen Redner dafür ein, daß Deutschland seine 
Bündnispflicht auch mit den Waffen in der Hand eriüllen müsse 
und erklärte, daß es sich um ganz andere Fragen handle als 
um die eines serbischen Adriahafens oder eines unabhängigen 
Albaniens. Der konservative Agrarier Dr. Oertel wünsdit, der 
Dreibund möge eine „dreiedkige glüdkliche Ehe" sein; die Dame 
Italia habe sich früher gern eine Extratour geleistet wir 



236 Regesten: 1912 

glauben, daß diese Dame jetzt wieder zu ihrem ehrlichen 
früheren Tänzer zurückgekehrt ist. Oertel dankt schließlich dem 
Reichskanzler dafür, daß er das scharfe, volkstümliche Wort 
„fechten" gebraucht habe. Auch der Nationalliberale Freiherr 
von Richthofen erklärte es für Deutschlands Pflicht in dieser 
schwierigen Lage an der Seite Oesterreichs zu stehen. 

Die Rede des Reichskanzlers, die die „Neue Freie Presse" 
einen „hohen Festtag für das Bündnis zwischen Deutschland 
und Oesterreich-Ungam" nennt, findet naturgemäß im Donau- 
bedken freudigen Widerhall. Im österreichischen Abgeordneten^ 
hause hielt am 3. Dezember der Obmann des deutschen Na- 
tionalverbandes Dr. Groß eine Rede, die der Ausdruck dieser 
Stimmung war. „Das Deutsche Reich und seine Vertreter 
können", erklärte Dr. Groß unter stürmischem Beifall der Linken, 
„überzeugt sein, daß wir Gleiches mit Gleichem vergelten werden 
und daß wir gleichfalls zuunseren Bundesgenossen in Not und 

Gefahr stehen werden Treue um Treue sei unser Losungs« 

worf und diesem Worte mögen sich alle Völker Oesterreidis 
anschließen". Auch die Budapester Presse schlägt die wärmsten 
Töne an; „Magyar Nemzet", das offiziöse Organ der ungarischen 
Regierung, erklärt, der Rede des Deutschen Reichskanzlers 
komme eine welthistorische Bedeutung zu. Die reichsdeutsche 
Presse billigt ebenfalls fast ausnahmslos die Ausführungen des 
Reichskanzlers. Die „Vossische Zeitung" führt aus, der Reichs- 
kanzler habe mit seiner Erklärung durchaus im Geiste Bismarcks 
gehandelt und sagt: „Oesterreich- Ungarn als ungesdiwächte 
Großmacht ist ein Lebensbedürfniss für das Deutsche Reich, 
eine notwendige Voraussetzung für das europäische Gleichge- 
wicht". Die italienische Presse, speziell die „Tribuna", „Popolo 
Romano" und „Vita", geben der Versicherung Ausdruck, auch 
Italien werde in der Bundestreue nicht hinter Deutschland 
zurückbleiben. Die englische Presse anerkennt den „eminent 
friedliebenden Geist" der Rede, nur die französischen Blätter 
üben heftige Kritik an ihr, insbesondere der „Temps" wettert 
dagegen, daß Bethmann Hollweg den ursprünglichen Defensiv- 
vertrag in einen Offensivvertrag verkehrt habe. 

Am 6. Dezember kündigt San Giuliano in der italienischen 
Kammer eine gemeinsame Demarche Italiens und Oesterreich- 
Ungarns wegen Valona an und an demselben Tage erklärt die 
„Tribuna" in einer offiziösen Note, Italien könne nie zugeben, 
daß die albanische Küste in die Hände der Serben und Griechen 
falle. 

In den Sonntagsblättern vom 8. Dezember wird in Berlin, 
Wien und Rom gleichzeitig die Erneuerung des Dreibundes 
publiziert. Die erste parlamentarische Diskussion über die Er- 



Regesten: 1912 237 

neuerung des Dreibundes findet in der italienischen Kammer 
statt. In der Sitzung vom 18. Dezember macht der italienische 
Minister des Aeußeren Marchese di San Giuliano der Kammer 
offizielle Mitteilung von der vollzogenen Erneuerung des Drei- 
bundvertrages. San Giuliano nannte in dieser seiner Rede den 
Dreibund eine Bürgsdiaft des Friedens für ganz Europa und 
eine Bürgschaft der Sicherheit für die drei Mächte, die den 
Dreibund bilden. Der Dreibund garantiere alle Interessen 
Italiens, es gab keinen Grund ihn abzuändern, und es hat auch 
keine von den drei verbündeten Mächten irgend eine Abänderung 
verlangt. San Giuliano, der Verfasser der „Albanischen Briefe" S 
äußerte sich eingehend über die Identität der Interessen Italiens 
und Oesterreich-Ungarns in der albanischen Frage und machte 
der Kammer zum Schlüsse die Mitteilung, er habe anläßlich 
der Ernennung des Freiherrn von Conrad zum Chef des General- 
stabes der österreichisch-ungarischen Armee vom Grafen Berdi- 
told auf freundsdiaftlidiem Wege die Versicherung erhalten, 
diese Erneuerung stehe in keinem Zusammenhange mit der 
auswärtigen Politik Oesterreich-Ungarns*. 




^) Deutsch bei Dieterich in Leipzig. 

^ General Conrad' wurde am 11. Dezember 1912 zum Generalstabschef 
ernannt, nachdem er ein Jahr vorher von dieser seiner Stelle zurQdcge- 
treten war, welcher Rücktritt damals damit in Zusammenhang gebracht 
wurde, daß General Conrad militärische Maßnahmen an der italienischen 
Grenze durchführen wollte. (Siehe 1911.) 



Die jüngste Erneuerung 
des Dreibundes 



Am 7. Dezember 1912 wurde von den offiziellen Telegraphen- 
agenturen in Berlin, Wien, Budapest und Rom die folgende 
gleichlautende Note verlautbart: 

»Der zwischen den Souveränen und den Regierungen von 
Oesterreich'Ungam, Deutschland und Italien bestehende Bflnd- 
nisvertrag ist ohne jede Aenderung erneuert worden". 

Der Vertrag wäre erst im Juli des Jahres 1914 abgelaufen. 
Die Balkankrise hatte die Dreibundmächte zu dieser demonstra- 
tiven Erneuerung geführt und sie veranlaßt, diese Erneuerung 
auch öffentlich kundzugeben. Es kann nicht Zweck dieses Werkes 
sein, die Rückwirkungen des auch heute, Ende 1913, noch nicht 
vollständig liquidierten Balkankrieges, des türkischen Dramas 
und der bulgarischen Tragödie auf den Dreibund zu analysieren» 
es sei nur darauf hingewiesen, daß die Situation Ende 1912 an 
die Lage Europas im Spätherbste 1879 und an die Sturmzeit 
der ersten Wochen des Jahres 1888 erinnert. Just vor einigen 
Monaten hat sich das dritte Jahrfünft seit des Altreichskanzlers 
Heimgang gerundet Und was sein Seherblidk 1879 und 1888 
geschaut ist auch heute der Vollbeweis seiner Staatsmanns- 
kunst. 

»Cauchemar des coalitions" dies Wort hat Gortschakow 

auf Bismardks Bündnisängste geprägt Und dieses hämische 
Wort des geistreichen Russen klang uns auch aus dem Kriegs^ 
lärm an den Hängen des Balkans entgegen: Rußland und 
seine Allslavenidee. Die Furcht daß Italien sich mit Oester- 
reich alliieren könnte, hieß Bismarck schon 1865 in Paris 
durch Nigra das Bündnis mit dem Hause Savoyen an- 
regen. Das Schutz- und Trutzbfindnis, das er am 7. Oktober 
1879 in Wien unterzeichnen ließ, hatte die Besorgnis geboren, 
Oesterreich-Ungam könnte sich mit Rußland gegen Deutschland 
verbünden. Frankreichs Liebeswerben um Rußland war die 
Triebfeder des Rüdkversicherungsvertrages mit Rußland, das 
wegen Afghanistan bedroht war, und die Hamburger Enthüllungen^ 
sollten ein Kaltwasserstrahl für die Hitzköpfe in Frankreich sein, 
die nach dem Tode des Fürsten Lobanow an der Newa gegen 
Deutschland hetzten. Und als Bismardk am 3. Februar 1888 zur 

1) Näheres hierüber in dem 1913 erschienen Werke Hermann Hof- 
manns: »Fürst Bismardc". 

Singer, Geftchidite des Dreibundes 16 



242 Die jüngste Erneuerung des Dreibundes 

Veröffenttichung des deutsch - österreichisch - ungarisdien Bflnd- 
nisses schritt waren es dieselben russischen Drohungen und 
Machenschaften, die in den Tagen der großen Abrechnung 
auf dem Balkan einen europäischen Krieg zu entfachen drohten. 
Damals wurde jedoch der Wortlaut des »Friedensbundes* ver* 
öffentlicht, während 1912 die Kabinette den Telegraphenagenturen 
nur ein wortkarges Communiqu^ Qbermittelten. Merkwürdig: alle 
großen Staatsverträge (mit Ausnahme des Instrumentes, das 
Bismardk und Andrässy entworfen hatten), auf denen die ge- 
samte europäische Politik des neunzehnten und des zwanzig- 
sten Jahrhunderts ruht, werden in den Staatskanzleien als 
siebenfach gesiegeltes Geheimnis gehütet. Ueber den Inhalt 
des Dreibundvertrages ist auch jetzt Authentisches nicht bekannt, 
Bismardk soll sogar den Ausspruch getan haben, die Struktur 
dieses Vertrages behindere es, daß er selbst nadi seinem Ab- 
laufe bekannt werden könne. (Auch der Wortlaut des fran- 
zösisch-russischen Allianzvertrages vom 20. August 1891 ist bis- 
her nicht veröffentlicht worden.) Die jüngste Erneuerung des 
Dreibundes dedken ebenfalls dichte Sdileier. Aus dem Wort- 
laute der offiziellen Note geht nur soviel hervor, daß ein 
einziger Vertrag besteht und daß dieser ohne Aenderung 
erneuert wurde. Auch über die Laufdauer des neuen Ver- 
trages ist keine amtliche Verlautbarung erfolgt. In Berlin und 
in Wien wurde offiziös verbreitet, der Vertrag wäre wieder 
auf sechs Jahre abgeschlossen worden. Die »Tribuna" hin- 
gegen behauptete, die drei vertragschließenden Staaten hätten 
sich für einen Zeitraum von sieben Jahren verpflichtet Andere 
Quellen (auch Wirth in seiner »Weltgeschichte der Gegenwart") 
sprechen von einer Laufdauer bis 1926, trotzdem die »Tribuna" 
in einer offiziösen Note (9. Dezember 1912) die Meldung, als 
ob die Erneuerung eine Verbindlichkeit für den Zeitraum von 
zwölf Jahren, (vom Jahre 1914 an gerechnet) festgesetzt habe, 
als unrichtig bezeichnete. Für das Jahr 1926 spricht folgende 
Kombination: hätte 1912 die Erneuerung nicht stattgefunden, so 
wäre, vorausgesetzt, daß keine der drei Mächte von der ver- 
einbarten Kündigungsfrist Gebrauch macht, die Verlängerung 
des Vertrages um sechs Jahre von selbst eingetreten. Der 
Vertrag wäre also bis 1920 in Kraft geblieben. Nimmt man nun 
an, daß man in Berlin und in Wien gut unterrichtet war und 
die sechsjährige Verlängerung von 1920 an zählt, so gelangt 
man zur Jahreszahl 1926. Der von der „Tribuna" festgelegte 
Ablaufstermin ist jedoch das Jahr 1919. 

Die Unterzeichnung des Vertrages soll übereinstimmenden 
Meldungen zufolge Donnerstag am 5. Dezember in Wien erfolgt 
sein, indem der österreichisch-ungarische Minister des Aeußem, 



k 



Die iüngste Erneuerung des Dreibundes 243 

Graf Berchtold, der deutsche Botschafter Heinrich von Tschirschky 

und Bögendorff und der italienische Botschafter Herzog von 

Avarna ihre Unterschriften unter die Vertragsurkunde setzten. 

Die Ratifizierung ist am 7. Dezember vollzogen worden, welchen 

Tag Graf Berchtold in seinem Expose am 19. November 1913 

als den »Tag der Erneuerung" bezeichnete. Der Unterzeichnung 

des Vertrags sollen längere Verhandlungen vorausgegangen 

sein, hauptsächlich über die Frage, ob man den Vertrag von 

selbst weiterlaufen lassen oder ihn von neuem unterzeichnen 

solle. Besonders überraschte die Tatsache, daß der Vertrag 

unverändert erneuert wurde. Es verlautete immer, konstatierte 

auch die »Neue Freie Presse", daß Italien die Aufnahme der 

Abmachungen über Albanien in den Dreibundvertrag anstrebe, 

daß es eine Ausdehnung der Vertragsbestimmungen auf die 

Mittelmeerfragen wünsche und daß es Gewicht darauf lege, 

seinen neuen Besitz in Afrika expressis verbis unter den Schutz 

der durch den Vertrag gewährleisteten territorialen Integrität 

zu stellen. Nichts von dem geschah, so daß anzunehmen 

ist, daß auch keine Notwendigkeit obwaltete,* an dem Texte des 

Vertrages etwas zu ändern: weder die Umwälzungen auf der 

Balkanhalbinsel noch die Annexion der nordafrikanischen Pro* 

vinzen durch Italien hatten Anlaß geboten, den Vertrag zu revi^ 

dieren. 

Die demonstrative Erneuerung des Vertrages wurde natür- 
lich in der gesamten Presse lebhaft diskutiert. 

Interessant ist, daß die Londoner Presse, wohl nicht mit 
fener Aufrichtigkeit, mit welcher sie idie Unterzeichnung des 
ersten Dreibundvertrages begrüßt hatte, aber doch mit nicht zu 
leugnender Sympathie den erneuerten Dreibund als eine Stütze 
des europäischen Friedens bezeichnet. Die russische und die 
französisdie Presse trägt einmütig, wie auf eine ausgegebene 
Parole, größte Ruhe zur Schau und betont insbesondere, durch 
die Erneuerung des Dreibundes sei nicht die geringste Aende* 
rung in der allgemeinen Lage herbeigeführt worden. 

In den Dreibundstaaten selbst wird die Kunde mit großer 
Befriedigung aufgenommen. 

Die »Norddeutsche Allgemeine Zeitung" schrieb: „Der Drei- 
bund hat sich seit seiner Errichtung als ein dauernder Friedens* 
faktor in der Gruppierung der europäischen Mächte eingelebt 
und sich durch seine Festigkeit als ein entschiedenes Friedens- 
element bewährt. Seine Erneuerung dürfte nirgends eine Ueber- 
raschung bieten. Immerhin können wir es als erfreuliches An- 
zeichen betrachten, daß seine formelle Erneuerung gerade jetzt 
erfolgt ist Es ist dies ein Beweis, daß die drei Verbündeten 
von seiner Wirksamkeit befriedigt waren". Ein Berliner Tele- 

16* 



244 Die iflngste Erneuerung des Dreilnuides 

gramm der •Kölnischen Zeitung" erblidct in der VeröffentUdiung 
der Verlängerung des Dreibundes den Willen der verbündeten 
M&dite, vor Beginn der Londoner Verhandlungen nodi einmal 
vor der Welt den nicht miftzuverstehenden Beweis vollkommener 
Einigkeit abzulegen. Die • Vossische Zeitung" konstatiert, die 
Befriedigung ob der bedeutungsvollen Kunde sei lebhaft und 
ungeteilt Das ..Berliner Tageblatt" hofft, die Erneuerung werde 
nirgends Befürchtungen erregen und auch nirgends den Ge* 
danken aufkommen lassen, daß der Dreibund sich aus der 
Versicherungsgesellschaft in eine Erwerbsgesellschaft verwandeln 
wolle. Die «Neue Freie Presse" schrieb: „In der österreichisch" 
ungarischen Monarchie wird die Genugtuung über den erneuten 
Abschluß des Dreibundvertrages allgemein sein. Er war seit 
dreißig Jahren ein Schutz des Friedens und wird hoffentlich 
die gleiche Wirkung auch in der jetzigen schweren Krise haben. 
Von großer Bedeutung ist, daß die Erneuerung in dem Augen- 
blicke veröffentlicht wird, in welchem der Zusammentritt der 
Botschafter in London bereits bevorsteht, wo der Dreibund als 
geschlossene Einheit auftreten wird. Eine der wichtigsten 
Voraussetzungen des europäischen Friedens und des Gleich- 
gewichtes ist somit gesichert und starken Intriguen wurde ein 
Riegel vorgeschoben". Die „Tribuna" fügt der Meldung von 
der Erneuerung des Dreibundes folgende Ausführungen an: 
„Es wird niemand überraschen, daß der Dreibund alle unsere 
Interessen gewöhrleisteL Wegen seiner Natur als Defensiv- 
allianz bildet er die Garantie des europäischen Friedens. Italien 
weiß, daß niemand die Absicht hat, es anzugreifen. Das Be- 
wußtsein aber, daß Italien bei der Verteidigung der Integrität 
der unter seiner Fahne stehenden Gebiete nidit allein steht, 
bildet stets einen großen Faktor der Sicherheit. Der Dreibund 
brauchte nicht abgeändert zu werden, und er wird wie in der 
Vergangenheit auch weiterhin friedlidie und Verteidigungsziele 
verfolgen, die nicht nur gute und herzliche Beziehungen zu . den 
dem Dreibunde nicht angehörigen Mächten nicht ausschließen, 
sondern sogar solche miteinbegreifen". 

„Corriere d'Italia" bezeichnet den Dreibund als eine Ga^ 
rantie der Festigkeit für Italien und der ruhigen Entfaltung seiner 
Wirksamkeit im Konzert der europäischen Mächte. »Italie" be-- 
tont, der Dreibund bleibe der Angelpunkt der Politik Italiens. 
„Popolo Romano" bringt seine lebhafte Befriedigung über den 
vollzogenen Pakt zum Ausdruck. »Vita" beteuerte, Italien habe 
vor der Besitznahme Libyens geschwankt, jetzt werde Italien 
nicht mehr umkehren. Nur »Giornale d'Italia" wirft die Frage 
auf, ob es gelingen werde, die Divergenz in den Anschauungen 
der Donaumonarchie und Italiens in der serbischen Frage aus- 



Die ifingste Erneuerung des Dreibundes 245 

zugleidien eine berechtigte Frage, denn diese Divergenz 

löste auch in den kommenden krisensdiwangeren Monaten 
mandie Unstimmigkeit zwischen den beiden Alliierten aus . . . 

In Rom ist aber im Großen und Ganzen das Gefühl allge- 
mein, daß Italien durch die Anlehnung an Deutschland und 
Oesterreich-Ungarn an europäischer Bedeutung gewonnen hat 
Trotz der allitalienischen Zusammenkunft in Torli hat der Irre- 
dentismus seit der Annexion von Tripolis seine Wirkung auf die 
Massen eingebüßt, und selbst in den, weitesten Kreisen ist die 
Erkenntnis gereift, daß die Entwiddung Griechenlands zur See- 
macht und Cartagena die Interessen Italiens von Tripolis bis 
Rhodus bedrohen. Italien, dem Karthago entgangen, das aber 
jetzt das Land der Syrien besitzt, ist ein verläßlicher Bundes- 
genösse geworden. Und wer denkt in Oesterreich an die längst 
vergangene Zeit, da Habsburg (1815) sein Hoheitsrecht über 
das lombardisdi-venetianische Königreich verkündet hatte .... 

Der Dreibund umfaßt beinahe die alten Grenzen des 
heiligen römischen Reiches ^ von der Ostsee bis an die afrika- 
nische Küste, von den Vogesen bis zum Eisernen Tore an der 
unteren Donau; und ihm ist zu danken, daß Nietzsches Wort 
nicht zur Wahrheit wurde: „Im 20. Jahrhundert wird der Zar 
der Herr Asiens und Europas sein'*. Ad multos annos. 




1) Siehe das Kapitel jyer Dreibund'' in Wirths „Weltgesdiidite der 
Gegenwarf'. 



Anhang: 



Der Inhalt des Dreibundes 

Eine diplomatisGiie Untersuchiuig 

von Dr. Hans F. Helmolt 



Im Grunde genommen ist es eine — je nach dem Stand" 
punkt oder der Weltanschauung — drollige oder zum Nach" 
denken auffordernde Erscheinung, daß wir von dem Hauptvertrage, 
der seit einem Menschenalter einen sehr beträchtlichen, wenn 
nicht den wesentlichen Teil unserer auswärtigen Beziehungen 
beherrscht, der Urkunde über das Bündnis zwischen dem 
Deutschen Reich, Oesterreich - Ungarn und Italien, so gut wie 
gar nidits wissen. Selbst wenn wir von den natürlich sehr 
knapp gehaltenen Artikeln in Band V und XXI des „Großen 
Meyer" absehen, so bietet zwar Max Fleischmann in seinen 
(einer zweiten, erweiterten Auflage dringend bedürftigen) 
»Völkerrechtsquellen in Auswahl** (Halle 1905) die Fassung des 
neunundsiebziger Bündnisses nadi dem Reichsanzeiger vom 
3. Februar 1888; aber über seine Erweiterung zum Dreibunde 
durch den Beitritt Italiens sagt er, wie er sich anmerkungsweise 
verteidigt, kein einziges Wort, weil eben amtlich kein Vertrags« 
text veröffentlicht worden ist. Eigentlich ein schönes Zeichen 
für den Ungeheuern Schatz an rückhaltlosem, ja rührendem 
Vertrauen, das auch die neuzeitlichen Völker den verantwort- 
lichen Leitern ihrer äußeren Geschidce entgegenbringen! Das 
Einzige, was den Mangel an allgemein zugänglichem Urkunden- 
stoff über den Dreibund einigermaßen wettmachen kann, liegt 
vor im Abdruck einer römischen Mitteilung der Kölnischen 
Zeitung vom 27. Februar 1887 im XXVIIL Bande von Sdiultheß' 
Europäischem Gesdiiditskalender (Nördlingen, Beck, 1888). 

Dazu kam Anfang Oktober 1913 eine aditseitige Abhandlung 
von Dr. Heinrich Friedjung, überschrieben „Der Inhalt des Drei- 
bunds", in der neuen Cottaschen Monatsschrift „Der Greif. Seiner 
wuchtigen Autorität unterwarfen sich ohne weitere Nachprüfung 
fast alle in deutscher Sprache sdireibenden Zeitungen, die sich 
überhaupt mit diesem Thema befaßten. Zweifel an einigen 
neuen Aufstellungen Friedjungs veranlaßten jedoch den Ver- 
fasser dieser Zeilen, dem Problem methodisch auf den Leib zu 
rücken. Dieser Versuch entfesselte eine lebhafte Polemik« in 
deren Verlauf sidi namentlidi die „Kreuzzeitung'' und die 
»Deutsche Tageszeitung" rückhaltlos, die „Grenzbofen'' unter 
Vorbehalten auf die Seite des Angreifers stellten. Die sachlichen 
Hauptergebnisse, wie sie sich vor allem in einer Reihe von 



250 Der Inhalt des Dreibundes 

Untersuchungen, (iie die „Weser" Zeitung" vom 13. bis 18. De- 
zember 1913 brachte, kristallisiert hatten, sollen nun im Rahmen 
eines Anhanges zu Arthur Singers verdienstvoller Arbeit dem 
Urteil eines größeren Publikums unterbreitet werden. 

Ausdrücklich und absichtlich nenne ich Singers Werk ver- 
dienstvoll, weil es, soweit dies angesichts der Verschlossenheit 
der staatlichen Archive hinsichtlich aller neuestzeitlichen Urkunden 
eben möglich ist, nach mühsamen Studien alles Erreichbare 
systematisch zusammenträgt. Wie nutzlos es ist eine amtliche 
Veröffentlichung zu erhoffen, mußte z. B. das »Neue Pester 
Journal" erfahren, das am 12. November 1911 unter dem Titel 
•Eine Frage" einen bemerkenswerten Artikel veröffentlichte: 

„Was steht denn in dem Vertrage, der uns mit Italien 
verbündet? Und ist nicht die Zeit gekommen, uns, das heißt 
die einzige Macht welche unmittelbare Nachbarin Italiens und 
der Türkei ist über den Inhalt dieses Vertrages und die 
Verpflichtungen aufzuklären, die Graf Kälnoky (eigentlich 
schon Baron Haymerle) vor mehr als dreißig Jahren mit 
Italien eingegangen ist? Sachlich erschiene die Publikation 
wenigstens der wichtigsten Bestimmungen des Vertrages 
gerade heute sehr notwendig, für beide Teile ersprießlich, ja 
im Interesse des europäischen Friedens geboten. Sie würde 
vor allem negativ den Nutzen haben, Mißverständnissen vor- 
zubeugen, welche die Bevölkerungen der beiden Großmächte 
gegeneinander zu hegen beginnen und unberechenbaren 
Schaden anrichten können. Denn Allianzen werden zwar von 
Diplomaten geschlossen; bei ihrer Erhaltung aber spielen die 
öffentliche Meinung und die Gefühle der Völker eine wichtige 
Rolle. 

Wir sind überzeugt, daß in den Verträgen, welche Oester- 
reich-Ungarn und Deutschland mit Italien geschlossen haben, 
von einem Landerwerb für dieses Königreich keine Rede 
sein kann. 

Das Maß der Verpflichtung — ja, das ist das Wort 
das unser Verlangen und seine Dringlichkeit am besten aus- 
drückt und beleuditet. Es ist die höchste Zeit daß das itali- 
enische Volk und auch das unsere über dieses Maß aufgeklärt 
werden. Gewiß ist die Tripelallianz für einen Kriegsfall ge- 
schlossen worden, aber ebenso einleuchtend, daß dabei nur. 
wie im Gasteiner Vertrage, an einen Verteidigungskrieg gegen 
Angriff von außen gedacht werden konnte". 
Berechtigt war diese Frage, die auch manchem Reichs- 
deutschen seit Jahren auf dem Herzen gelegen haben mag» 
sicherlich sehr. Aber das Budapester Blatt hätte sie sich trotz- 
dem ersparen können. Sagt doch schon Julius von Edcardt in 



Der Inhalf des Dreibundes 251 

seinen Betrachtungen «Berlin-Wien-Rom" (1892): «Dem Fürsten 
Bismarck wird ein Ausspruch zugeschrieben, nach welchem der 
Inhalf der unter seiner Waltung zwischen Berlin, Wien und Rom 
geschlossenen Verträge niemals, auch nicht im Fall einer 
Auflösung des Dreibundes, vollständig an die Oeffentlichkeit 
treten werde. Das nämliche scheint nicht nur von der Bündnis- 
erneuerung, sondern auch von den Vorgängen zu gelten, welche 
derselben vorhergingen". Ja, nicht einmal über das harmlose 
Datum des Beitritts Italiens zum Zweibunde, das man auf den 
20. Mai 1882 zu fixieren pflegt ist etwas Authentisches zu er- 
fahren. 

Selbst in den zünftigen Diplomatenkreisen ist die genaue 
Kenntnis vom Inhalf der wichtigsten Verträge ziemlich dürftig. 
Wenn idi nicht falsch unterrichtet bin, pflegt in einem der Drei- 
bundstaaten folgendes Verfahren Platz zu greifen: 

Kenntnis erhalten nur Ministerpräsident und Minister des 
Aeußern; selbst den übrigen Minisferkollegen gegenüber wird 
der Text geheim gehalten. Die Urkunde bleibt in der höchst- 
eigenen Verwahrung des Premiers oder des Außenministers; 
daß Subalterne (Kanzlisten u. dergl.) sie lesen, ist ausgeschlossen. 
Lediglich die Amtsnachfolger der beiden Minister haben Zutritt 
zum Originale; die Diplomaten, die damit vertraut zu sein 
haben, werden nur mündlich davon unterrichtet und machen 
sich Eigentumsnotizen zu strengster Geheimhaltung. Wäre es 
nicht so, wir wüßten viel mehr, als es der Fall ist Schon daraus 
aber möge der dankbare Leser ableiten, wie wertvoll schließlich 
auch das kleinste Steinchen wird, da es erst zusammen mit 
vielen anderen ein in seinen Konturen leidlich deutliches Mosaik 
liefert. 



Die von Zeit zu Zeit in dreibundfeindlichen Blättern aufge- 
stellte und im Oktober 1913 von dem Wiener Historiker Friedjung 
als richtig zugegebene Behauptung, der Dreibundvertrag enthalte 
— irgendwo — eine besondere Bestimmung über ein balka- 
nisches Kompensationskompromiß, war mir der direkte 
Anlaß zu Studien über das Bündnis, vor allem in seinem Ver- 
hältnis zu dem ganzen Komplex der orientalischen Fragen. 
Da über die einschneidendsten Abmachungen allgemein solche 
Unklarheit herrschte, daß man sie bunt durcheinander warf, so 
bemühte ich mich, Ordnung in das Chaos zu bringen. Alles zu 
entwirren, konnte mir, das lag in der Natur der Sache, nicht 
gelingen; was aber die Nachprüfung durch andere bestehen 
mag, das soll hier ausgebreitet werden. 



252 ^f Inhal! des Dreibundes 

Streng zu sdieiden haben wir hinsichtlich der dem Drei- 
bunde nflchsf liegenden orienfalisdien Fragen folgende drei 
Gruppen: A) die mit der Aufsdiriff »Sandschak Novibazar*, 
B) die mit der Aufschrift ..Mazedonien'* und Q die mit der 
Aufschrift »Albanien". Obwohl es selbstverständlich oft vor- 
gekommen ist, daß eine diplomatische Aussprache, die dem 
einen Hauptpunkte galt, einen zweiten gelegentlich streifte, weil 
er zufällig auch aktuell war und weil ja alle drei genannten 
Gruppen schon topographisdi vielfache Bertihrungspunkte mit- 
einander haben, sagte idi absichtlich: »streng zu scheiden", da 
die Untersuchung uns sonst nicht vorwärts ffihren wfirde. Eine 
vierte, ebenfalls nahverwandte Problemreihe, die mit der Be- 
setzung und sdiließlichen Einverleibung Bosniens und der 
Herzegowina durch Oesterreich^Ungam zusammenhängt, scheidet 
hier aus, da sie sich im Laufe der Jahre, kurze und publizistisch 
genügend beleuchtete Rfldcschläge abgerechnet, als ein wesent- 
lich österreichisch - ungarischer Fragenkomplex herausgestellt 
hat, der nur noch die innere Politik des Donaustaates be* 
schäftigt. 

A) Beginnen wir also mit der Sand seh ak- Angelegenheit, 
weil sie sidi auf dem auch den Dreibund und seine Einzelglieder 
umschließenden Berliner Vertrage vom 13. Juli 1878 (Artikel 25) 
aufbaut, so gentigt hierfQr ein Hinweis auf die nicht immer 
deutlich genug betonte Tatsache, daß sie seitdem 5. Oktober 
1908 offiziell tot ist. Verhandlungen, Aber die man am besten 
die Rede Tommaso Tittonis vom 4. Dezember 1908 (Deutsche 
Ausgabe »Italien, der Dreibund und die Balkanfrage"*, Beriin, 
1913, Seite 266—268) nachliest, hatten zu dem österreichisdi- 
ttirkischen Abkommen vom 21. /22. April 1879 geführt, das, wie 
am 19. November 1913 durch Graf Berchtolds Exposö vor dem 
Ausschusse der ungarischen Delegation unterstrichen ward, vom 
Minister des Aeußem Grafen Aehrenthal freiwillig aufgelassen 
worden ist Man hat teilweise geglaubt, diesen überraschenden 
Verzicht mit einem angeblichen Kompensationsparagraphen im 
Dreibunde zusammenzubringen, indem man entweder annahm: 
Italien habe die Löschung des Paragraphen 25 von 1878 als 
Entschädigung für die Einverleibung Bosniens erzwungen, oder 
indem man meinte: um es zu Balkanforderungen Italiens gar 
nicht erst kommen zu lassen, die ihm natürlich sehr unbequem 
gewesen wären, habe Aehrenthal kurz entschlossen Oesterreichs 
Rechte auf den Sandschak geopfert. Dnst, Ende der siebziger 
Jahre, hatten die Dinge in der Tat einen derartigen Anstrich 
gehabt Das geht sowohl aus Bismardcs Gasteiner Aeußerung 
vom 17. September 1877, belegt freilich nur durch Crispis Denk- 
würdigkeiten, hervor: „Wenn sich Oesterreich Bosnien nimmt. 



Der Inhalt des Dreibundes 253 

nimmt Italien sich Albanien oder irgendein anderes tflrkisdies 
Gebiet am Adriatiscfaen Meer" — Bismarcks bekannt geringes 
Interesse an den Orientfragen — als auch aus zwei Briefen 
Crispis an Giovanni Codrondii vom April 1900 (veröffentlicht 
Ende November 1912 im Bologneser „Resto del Carlino"). Da- 
nach haften Bismarck und Derby dem Berliner Kongreß vor- 
geschlagen, Albanien solle als Gegenstück für Bosnien, das 
Oesterreich-Ungam zufiel, den Italienern gegeben werden; aber 
das Angebot an das Ministerium Depretis blieb erfolglos, weil 
sein Nachfolger Cairoli nichts damit zu tun haben wollte. Da- 
mit hatte die Sache jene ungünstige Wendung für Italien ge- 
nommen, die es nachträglich nur durch die Formel „Albanien 
weder an Italien nodi an Oesterreich-Ungam'' reparieren konnte 
(siehe weiter unten unter C), 

Ueber die wahren Beweggründe der einschneidenden Ab- 
kehr Aehrenthals von der eine weitere Expansion am Balkan 
ins Auge fassenden Politik Andrässys ist niemand genau unter- 
richtet. Man darf nur vermuten, daß sich Graf Aehrenthal durch 
das Albanienabkommen von 1897 und durch die seit Abbazia 
(1904) vereinbarten Abmachungen, auf die wir noch einzugehen 
haben, genügend gestützt glaubte hinsichtlich dessen, was Oester- 
reich-Ungarns Interessen am Westbalkan beträfe. Jedenfalls 
tappt völlig daneben, wer den Umschwung, die Rückkehr zu 
Haymerles Auffassung, auf eine legendäre Dreibundverpflichtung 
oder ihre Kaltstellung zurückführt. Richtig ist nur das Eine, 
daß mit der Streichung des Artikels XXV des Berliner Vertrages 
(und der Aenderung des Montenegro betreff endenden Artikels 
XXIX) den Italienern allerdings ein großer Dienst geleistet 
worden ist; darüber gibt die eben zitierte Rede Tittonis vom 
4. Dezember 1908 (Deutsche Ausgabe Seite 282 ff.) an zahlreichen 
Stellen hinreichend Auskunft. Das ist aber auch alles: der 
Verzicht auf den Sandschak bedeutete ein den Italienern uner- 
wartet in den Schoß fallendes Geschenk Oesterreich - Ungarns. 
Unter diesem Gesichtspunkt einerseits und auf Grund unserer 
späten Kenntnis der bulgarisch - serbisch(-russisdi)en Verträge 
von 1912 verstehen wir es nun auch, weshalb beim ersten Auf- 
flackern des Balkan brandes Graf Berchtold nicht daran dachte, 
das Geschenk zurückzunehmen. 

Wie man aber auch den Rüdezug Oesterreich-Ungarns vom 
Wege nach Saloniki auffassen und rechtfertigen mag: gemeint 
ist er, darüben sollte völlige Klarheit herrschen, nur staatlich- 
politisch. Nur territorial ist die Expansion der Donaumonarchie 
am Balkan als abgeschlossen zu betrachten. Vor dem Aus- 
schusse der österreichischen Delegation hat Graf Berchtold am 
27. November 1913 wörtlich folgendes gesagt: 



254 I^cf Inhalt des Dreibundes 

„In wirfsdiaftspolitisdier Beziehung ist die Wegfreiheit 
nach Saloniki ein Gegenstand, der unsere ganze Aufmerksamkeit 
erfordert, den wir auch nicht aus den Augen verlieren wollen. 
Zunächst betrachten wir die Bestimmungen der diesfalls bisher 
immer bestandenen und nodi bestehenden Convention ä 
quatre [1883 zwisdien Oesterreich-Ungarn, Bulgarien, der Türkei 
und Serbien geschlossen] als eine Sidherung auf diesem Gebiet 
und im Hinblick auf diesen Zwedc als unveräußerlichen Besitz- 
stand. Femer sehen wir den Besitz von Aktien der Orient- 
bahnen in den Händen des heimischen Kapitals als ein Instru- 
ment an, das uns dazu dient, unsere Verkehrsinteressen sowohl 
nach dem bezeichneten Meer als auch bezüglich unseres Importes 
über Saloniki in das Hinterland wahrzunehmen". 

Damit mündet die erledigte Sandschak - Angelegenheit in 
die noch nicht verschütteten Nebenkanäle der mazedonischen 
Frage ein: und diese bildet, wenn auch nicht von Anbeginn an, 
einen Bestandteil der eigentlichen Dreibundverträge. 

B) Gehen wir nun zu den Dreibundverträgen und 
ihren Anhängseln über, so begegnet es wohl von vorn- 
herein allgemeinem Qnverständnis, wenn wir die unsicher tas- 
tenden Anfänge der Tripelallianz zu Beginn der achtziger Jahre 
des neunzehnten Jahrhunderts nur kursorisch berücksichtigen. 
Daß damals Italien schlechterdings nicht in der Lage war, eine 
Bedingung zu stellen, deren Ertüilung Deutschland oder Oester- 
reich-Ungarn irgendwie lästig gewesen wäre, ist ja zu bekannt, 
als daß dies noch ausffihrlidi geschildert zu werden brauchte. 
Ich erinnere nur an die charakteristische Bankettrede Crispis 
vom 8. Oktober 1890, worin er offen zugab, der Berliner Kon- 
greß sei für Italien ein Unglück gewesen wegen der bis dahin 
befolgten Politik der Isolierung. Italien sei deshalb gezwungen 
gewesen, die einzige Politik aufzunehmen, die ihm noch zur 
Verfügung stand, die der Bündnisse; es sei ihm nichts anderes 
übrig geblieben als um seine Zulassung zum deutsch-öster- 
reichisdien Bündnisse zu bitten, und habe das erst in Wien» 
dann in Berlin erreicht. Der Dreiervertrag habe zuerst keine 
Früchte getragen, da man in den beiden mitteleuropäischen 
Zentren frühere Bedenken über den Dritten nicht gleich auf- 
gegeben habe^ Erst allmählich sei das Vertrauen Berlins und 



1) 12. Mai 1881: Frankreidi sdiließt den Bardo-Vertrag mit dem Bey 
von Tunis. Große Aufregung in Italien. 

18. Juni 1881: Mißhandlung italienischer Arbeiter in Marseille. Erbitte- 
rung in Italien; Annäherung an die Zentral- nud Ostmädite. 

27.— 31. Oktober 1881: Königspaar, Depretis und Mancini in VÄen. 
ß.—S, November: Kühle Erklärungen Källays und Andrässys vor der un- 
garisdien Delegation. Kein Besuch des Königs in Berlin; Bismarck am 



Der Inhalf des Dreibundes 255 

Wiens zum neuen Rom gewachsen und habe ein echtes Freund* 
Schaftsbündnis zustande gebracht. Vergegenwärtigt man sich 
diese vom italienischen Standpunkt aus gelieferte Entstehungs* 
gesdiichte des Dreibundverhältnisses, dann empfiehlt sich ohne 
weiteres das Jahr 1887 als Ausgangspunkt ftir die weitere 
Untersuchung. 

Am 19./20. Februar 1887 ist der eigentliche Dreibund auf 
fünf Jahre geschlossen worden, lieber seinen Inhalt können 
wir alle nur Vermutungen anstellen. Ursprünglich sind (viel- 
leicht liegen die Dinge heute noch so) zwei Urkunden^ ausge- 
fertigt worden : eine gültig für Deutschland und Italien und eine 
zweite für Oesterreidi- Ungarn und Italien, während das alte 
Bündnis von 1879 zwischen Berlin und Wien erhalten blieb oder, 
wie sich Friedjung ausdrückt, sich automatisch selbst verlängerte. 
Anzunehmen ist, daß das Abkommen zwischen Berlin und Rom 
nach dem (nicht gerade prima stilisierten) Muster des Zwei- 
bundes redigiert war. Danach hätte es etwa folgenden Wort- 
laut gehabt: 

„Artikel 1. Sollte wider Verhoffen nnd gegen den auf- 
richtigen Wunsch der beiden Hohen Kontrahenten eins der 
beiden Reiche von selten Frankreichs angegriffen werden, so 
sind die Hohen Kontrahenten verpflichtet. Einander mit der ge- 
samten Kriegsmacht Ihrer Reiche beizustehen und demgemäß 
den Frieden nur gemeinsam und fibereinstimmend zu schließen. 

Artikel 2. Würde Einer der Hohen kontrahierenden Teile 
von einer andern Macht angegriffen werden, so verpflichtet sich 
hiermit der andere Hohe Kontrahent dem Angreifer gegen 

29. November: .Ist nidit in Italien von Ministerium zu Ministerium der 
Schwerpunkt immer mehr nadi links geglitten, so daß er, ohne ins 
republikanisdie Gebiet zu fallen, nidit mehr weiter nadi links gleiten 
kann 7- 

Mitte Mai 1882: Eine Erwiderung des italienisdien Besuches durch 
Kaiser-König R'anz Josef unterbleibt 

20. MaiLB82: Beitritt Italiens zum deutsdi-österreidiisdi-ungarisdien 
Bündnis. 

Ende November — Mitte Dezember 1882: Erste Mitteilung über das 
.regelrecht und in aller Form abgeschlossene, in Dokumenten niedergelegte* 
deutsch-österreichisch-ungarische Bündnis von 1879 in den »Grenzboten"; 
Echo in der .Kölnischen Zeitung" („auf fünf Jahre abgeschlossen, dauert 
also bis zum 15. Oktober 1884; nach Petersburg eine Mitteilung darüber, 
doch nicht der Text des Vertrags") und in zahlreichen anderen Blättern. 

Mitte März 1883: Anschluß Italiens an den mitteleuropäischen Zwei- 
bund gilt als seit Ende 1882 oder Anfang 1883 (1) vollzogen ; doch hält man 
das Verhältnis Italiens zu den beiden anderen Mächten für minder eng als 
das zwischen diesen. 4. Mai 1883: Handelsvertrag mit Deutschland. 

^) Z. B. Agenzla Stefan! Ende Oktober 1896: .Text der Abmachungen 
zwischen Deutschland und Italien sowie zwischen Italien und Oesterreich- 
Ungarn. Aehnlich Guicciardini am 24. April 1906. 



1 



256 I^f Inhalt des Dreibundes 

seinen Hohen VerbQndeten nicht nur nicht beizustehen, sondern 
mindestens eine wohlwollende neutrale Haltung gegen den 
HohenvMitkontrahenten zu bewahren. 

Wenn jedoch in solchem Falle die angreifende Macht von 
selten Frankreichs, sei es in Form einer aktiven Kooperation, 
sei es durch militärische Maßnahmen, welche den Angegriffenen 
bedrohen, unterstützt werden sollte, so tritt die im Artikel 1 
dieses Vertrages stipulierte Verpflichtung des gegenseitigen Bei" 
Standes mit voller Heeresmacht auch in diesem Falle sofort in 
Kraft, und die Kriegführung der beiden Hohen Kontrahenten 
wird auch dann eine gemeinsame bis zum gemeinsamen 
Friedensschluß. 

Artikel 3. Dieser Vertrag soll in Gemäßheit seines fried" 
liehen Charakters und, um jede Mißdeutung auszuschließen, von 
beiden Hohen Kontrahenten geheim gehalten und, mit Aus- 
nahme Oesterreich " Ungarns, einer andern Macht nur im 
Einverständnis beider Teile und nach Maßgabe spezieller Eini^ 
gung mitgeteilt werden. Erfolgt im Verlaufe des ersten Monats 
des letzten Vertragsjahres keine Einladung zu neuen Verband^ 
lungen, so soll der Vertrag für weitere fünf (später: sechs) 
Jahre gelten. 

Artikel 4. Anerkennung Roms als Hauptstadt des geeinigten 
Italiens, dessen Integrität verbürgt wird; doch keine italienische 
Bürgschaft für den deutschen (oder den österreichisch-ungarischen) 
Besitzstand. 

Kein Artikel über die Zukunft des Balkans, sondern nur 
eine Versicherung, daß künftig vorgeschlagene Verbesserungen 
berücksichtigt werden könnten**. 

Der Vertrag zwischen Wien und Rom wird etwas anders 
lauten, da man allgemein der Ueberzeugung ist Oesterreich«- 
Ungarn habe es abgelehnt, einen Vertrag mit Italien einzugehen, 
der, wenn auch nur zur Abwehr, seine Spitze gegen Frankreich 
richtete. Italien wird sich jedoch verpflichtet haben, Oesterreich- 
Ungarn zu unterstützen, falls es durch einen französischen An«- 
griff auf Deutschland in Mitleidenschaft gezogen werden sollte; 
im Fall eines russischen Angriffs bliebe Italien neutral (Köl- 
nische Zeitung vom 27. Februar 1887). Oesterreich - Ungarn 
wiederholte Haymerles bündige Erklärung vom Anfange des 
Jahres 1881, daß es über Bosnien und die Herzegowina hinaus 
keinesfalls Eroberungen zu machen gedenke noch in der 
Richtung auf Saloniki und Albanien vorgehen wolle (Crispis 
Memoiren, deutsche Ausgabe; Beriin 1912, Seite 123). Weiteres 
in Aussicht zu stellen oder doch als Möglichkeit gelten zu 
lassen, wie Kiderlen im November 1912 Fried jung gegenüber 
angedeutet hat, wäre weder im wohlverstandenen Interesse 



Der Inhal! des Dreibundes 257 

USens gewesen (so z. B. De Marinis in der italienischen Kammer 
am 2. Dezember 1908) noch von Bismarck geduldet worden. 
Audi von einer Inserierung italienischer Mittelmeer- 
aspirationen war keine Rede. Umgekehrt vermutet man 
hie und da auch noch heute, der Vertrag müsse etwas über 
das Trentino und über Triest enthalten. Daß aber das Trienter 
Land im Dreibundvertrage nichts zu finden ist hat Tittoni gegen- 
über den Behauptungen Barzilais in der wiederholt zitierten 
Rede vom 4. Dezember 1908 (Deutsche Ausgabe, Seite 260 ff.) 
ausdrücklich versichert. Und daß dasselbe Negafivum für das 
österreichische Küstenland gilt, haben namentlich die Debatten 
des Ausschusses der österreidiischen Delegation am 27. November 
1913 unwiderleglich dargetan. 

Damit scheint nun freilich das in Widerspruch zu stehen, 
was Ende Februar 1887, also noch im Monate des Abschlusses, 
in Rom über den Inhalt der Verträge durchsickerte. Das Organ 
Depretis', der »Popolo Romano", deutete an, das Bündnis sichere 
Italien große Vorteile zu; vor allem werde ihm — das dürfte 
stimmen — der tenitoriale Besitzstand verbürgt sowie „be- 
dingungs- und schrankenlose" Hilfe zugesagt: das stimmte nur 
|ür den Fall eines französischen Angriffs. Deshalb erklärte 
denn auch die »Opinione" vom 4. März die bisherigen Nach- 
richten über die Bedingungen des Bundes für ungenau, knüpfte 
jedoch daran die Erwartung, die italienische Regierung werde 
nicht verfehlt haben, für alle Möglichkeiten vorzusorgen, indem 
sie sowohl auf die Interessen, die sich an die Lösung der 
orientalischen Frage knüpfen könnten, als auch auf die Fragen 
Rüdksicht genommen habe, die mit der Stellung Italiens im 
Mittelmeere zusammenhängen. Betont man die wohl nicht un- 
absichtlich gewählte Unsicherheit der Ausdrucksweise, so mag 
man die Information der „Opinione" gelten lassen (vergleiche 
Ministerpräsident di Rudini am I.Juli 1896: „Die Möglichkeit, 
die Abmachungen zu verbessern, wurde ausdrücklich stipuliert"). 
Aber gegen jeden Versuch, aus ihren Worten mehr, das heißt 
etwas positiv Erreichtes, urkundlich Festgelegtes herauslesen zu 
wollen, muß man von vornherein Einspruch erheben. Denn die 
Schmerzen Italiens ob unerfüllter Wünsche in den folgenden 
Jahren bis zur zweiten Erneuerung (1902) zeugen beredter als 
irgend welche anderen Versicherungen dafür, daß die „Erwar- 
tung" der „Opinione" gerade 1887 noch nicht befriedigt worden 
war. Nur darin hatte sie schließlich in ihrer weiteren Polemik 
gegen die „Tribuna" recht, daß alle Gerüchte von Abmachungen 
über bestimmte Gebietserweiterungen, die sich die Verbündeten 
im Kriegsfall einander zugesagt hätten, in das Reich der Fabel 
zu verweisen seien. 

Singer, Geschichte des Dreibundes 1 7 



258 DcP Inhalt des Dreibundes 

Wie vorsichtig man gegenüber allen Enthtkilungen Ober den 
Inhalt derartiger Geheimvertrfige sein muß, deren Auslegung 
fa gelegentlidi auch im Interesse der Parteipolitik so oder so 
willkürlich gemodelt wird, lehrt die Debatte vom Spätherbst 
1897. Da tadelte im Oktoberheft der „Nuova Antologia" A. 
Frassati die Erneuerungen des Dreibundes, weil Italien daraus 
nichts für seine mittelmeerischen Interessen gewonnen habe. 
Graf Robilant habe 1886 als Minister des Aeußern ebenso ge« 
dacht. Die ihm durch den Botschafter Grafen de Launay über- 
mittelte Zumutung Bismarcks: Italien solle abermals, wie 1881, 
den Abschluß eines Dreibundes anregen, lehnte Robilant ab, da 
das Bündnis so, wie es sei, für Italien unfruchtbar bleiben 
werde. Der deutsche Reichskanzler möge also diesmal die 
Initiative ergreifen und Italien bessere Bedingungen in Aussicht 
stellen. In der Tat regte dann der deutsche Botschafter R. v. 
Keudell in Rom die Erneuerung an. Welches die Verbesserungen 
am Dreibundvertrage gewesen seien, die Robilant schließlich 
durchgesetzt habe, teilt Frassati nicht mit. Aber als wesentlich 
hob er hervor, daß Robilant vor der Erneuerung, als conditio 
sine qua non, ein Abkommen mit England über den Schutz 
der italienischen Interessen im Mittelmeere geschlossen habe. 
Hierin irrt Frassati entschieden: das italienisch-britische Mittel«- 
meerabkommen gehört trotz Crispis Tagebuchnotiz vom 6. Ok- 
tober 1887 und seiner Turiner Rede vom 25. Oktober, wie wir 
bald sehen werden, zur Erneuerung von 1891. 

Der Corriere della sera bemerkte damals, die Mitteilungen 
Frassatis über die Geschichte der Vorverhandlungen von 1886 
im ganzen bestätigend, dazu: Robilant habe sidi über den Ab- 
sdiluß von 1887 wie über eine gewonnene Schlacht gefreut und 
bei seinem Rücktritt Ende März gesagt: „Ich lasse Italien in 
einem eisernen Fasse, sodaß niemand seiner Würde zu nahe 
treten kann". Vermutlich bezieht sich diese Aeußerung, wenn 
sie echt ist, eher auf den postulierten Artikel IV von der Integrität 
des geeinten Italiens mit der Hauptstadt Rom als auf imaginäre 
Vereinbarungen über orientalische Probleme. 

Diese Feststellungen haben, ich gebe das zu, einen verwünscht 
negativen Charakter. Dennoch sind sie durchaus nicht so neben- 
sädilich, wie man auf den ersten Blick glauben möchte. Das 
ja ist gerade das Wertvolle am Dreibundverhältnis, daß es die 
Partner nicht mit ehernen Ketten umschließt deren Unbequem^ 
lichkeit im Laufe der Jahrzehnte — man vergegenwärtige sich 
bloß die Unstimmigkeiten beim Beginn des Tripolitanischen 
„Abenteuers" und während der beiden Balkankriegel — totsicher 
oft zu bittersten Beschwerden des einen Kontrahenten gegen den 
andern wegen vermeintlicher Nichterfüllung einer Vertragspficht 



Der Inhalf des Dreibundes 259 

oder zu gefährlichen Sprengungsversuchen geführt hätte, sondern 
daß es die drei mit einem soliden, aber elastischen Bande zu-* 
sammenhält das ein gelegentliches Kokettieren mit einem Vierten 
(Italiens berühmt gewordene „Extratouren"), ja dauerhafte Freund- 
schaften mit andern Mächten durchaus nidht verbietet. Lassen 
wir also den Dreibund unter allen Umständen so anspruchslos 
und defensiv, wie er ist; in sogenannten vitalen Krisen, in Lebens- 
fragen hat er seinen Beruf noch stets erfüllt. 

Zu diesen seinen Haupteigenschaffen gehört es auch, daß 
er den einzelnen Verbündeten keine militärischen und infolge- 
dessen auch keine finanziellen Verpflichtungen auferlegt, die ihm 
zum Nachfeile gereichen könnten. Als Anfang März 1901 die 
französische Presse vom Besuch eines italienischen Geschwaders 
in Toulon die Sprengung des Dreibundes erhoffte und der 
italienische Premier Zanardelli — diese Hoffnung madiiavellistisch 
nährend — am 25. März erklärte, man müsse vor einer Er- 
neuerung der politischen Bündnisverträge wissen, wie sie auf 
den Handel des eignen Landes wirkten, da brachte die „Nord- 
deutsche Allgemeine Zeitung" am 26. März offiziös folgende Be- 
schwichtigung: „Der Dreibund ist namentlich in der Pariser 
Presse in letzter Zeit zum Gegenstand vieler, aber meist un- 
zutreffender Erörterungen gemacht worden. Zunächst kann 
konstatiert werden, daß die Verbündeten Italiens zu keiner Zeit 
diesem Bedingungen oder auch nur Wünsche wegen der Ver- 
wendung der italienischen Armee auferlegten. Ferner läßt der 
Dreibundvertrag allen drei Verbündeten volle Freiheit hinsichtlich 
der Festsetzung ihrer Land- und Seestreitkräfte. Falls einem 
Verbündeten die Verminderung seiner Armee durch seine eigenen 
Interessen geboten erschiene, würde dies weder dem Geiste noch 
dem Buchstaben des Vertrages widersprechen. Jeder der drei 
Teilnehmer des Dreibunds hat sowohl für sich als auch für die 
beiden Verbündeten an dem Grundsatz festgehalten, daß die 
Bestimmung der Heeresstärke lediglich eine innere Angelegen- 
heit des betreffenden Staates ist. Es ist zeitgemäß, auch diese 
Tatsache hervorzuheben gegenüber der von manchen Seiten ge- 
flissentlich verbreiteten Legende, daß die finanziellen Schwierig- 
keiten Italiens mit den vom Dreibund auferlegten Verpflichtungen 
zusammenhängen. Solche Verpflichtungen gibt es nicht." 

Mit dieser Erklärung der „Norddeutsdien Allgemeinen Zeitung"* 
vom März 1901 stimmt fast wörtlich das überein, was Tommaso 
Tittoni am 15. Dezember 1903 in seiner ministeriellen Jungfern- 
rede äußerte: entgegen den Angriffen, denen der Dreibund aus- 
gesetzt gewesen sei, betone er, daß der Vertrag Italien nicht 
nur nicht verpflichte, seine Rüstungen zu vermehren, sondern 
ihm sogar erlaube, ihm in den militärischen Ausgaben einen 



260 D^r Inhalt des Dreibundes 

Augenblick der Ruhe zu gönnen und den nülifärisdien Teil des 
Staatshaushalts zu festigen. Anderseits entbindet das Bflndnis 
selbstverstftndlich keinen Partner von der moralischen Ver- 
pflichtung, |a Notwendigkeit Heer und Flotte in einem an- 
gemessenen Zustande der Bereitschaft, der Bfindnisfähigkeit zu 
halten (so z. B. Tittoni am 12. Mai 1905; verschiedene Organe 
der sonst friedliebenden deutschen Linken angesichts der Mangel- 
haftigkeit der österreichisch'Ungarischen Heeresverstärkung bis 
in das Frühjahr des Jahres 1914 u. ö.). 

Die Frage, ob in der ersten Fassung des österreichisch-ungarisch- 
italienischen BOndnisvertrages — vielleicht auch in der deutschen 
Ausfertigung; vgl. die Ende September 1891 vom ultramontanen 
•Fränkischen Volksblatt* angefachte Debatte — eine ausdrfick- 
liehe Anerkennung Roms als der politischen Hauptstadt des 
Königreichs Italien gestanden hat, möchte ich bejahen. Diese 
Anerkennung, eine notwendige Voraussetzung oder wesentliche 
Prämisse des ganzen Vertrages, ist nach Tittonis Rede vom 
15. Mai 1907 (Deutsche Ausgabe, Seite 185) von Wien einmal 
•ausdrOcklich" gegeben worden — warum nicht im Rahmen des 
Instruments vom 20. Mai 1882 oder vom 19./20. Februar 18877 
Oesterreich-Ungam brachte damit kein Opfer, machte aber Italien 
eine Freude auf dem fruchtbaren Felde der Imponderabilien. 
Und da die Urkunde geheim gehalten werden sollte und worden 
ist \ brauchte es unangenehme Beschwerden der Kurie nicht zu 
fOrditen (vgl. u. a. Graf Kälnoky vor der österreichischen Dele* 
gation am 27. November 1891). 

So viel über die urspriingliche Vereinbarung der Dreibund- 
mächte von 1887. Ihr festes Gerfist steht heute noch, ja heute 
wohl fester denn je. Trotzdem darf man schwerlich annehmen, 
daß das Ganze der Verträge oder — wenn man ihre Zusammen- 
schweißung zu einem einzigen Instrument akzeptiert — des Ver- 
trags gegenwärtig noch genau so aussehe wie damals beim 
ersten Abschlüsse. Einerseits haben die Erneuerungen von 1891 
und 1902 (nicht aber die von 1912) Erweiterungen geliefert, 
die man sich technisch wohl als Amendements vorstellen 
darf. Das erleichtert die reservatio mentalis, daß der — eigent- 
liche — Dreibundvertrag immer derselbe geblieben sei; in der 
Welt der Diplomatie oft mit Glück verwertet und deshalb auch 



^) Das Gerfidit, er habe am 13. Oktober 1891 in Mailand dem russi- 
sdien Minister des Aeußeren v. Giers den Wortlaut des DreibundOertrages 
mitgeteilt, erklärte Premier Mardiese dl Rudini am 10. Dezember 1896 für 
falsdi. Es hätte keine Sdiwierigkeit gehabt, den Wortlaut zu veröffent« 
lidien, vorausgesetzt, daß sidi die Verbündeten darüber vorher verständigt 
hätten. Solange das jedodi nidit der Fall sei, werde keiner der Vertrags« 
sdiließenden eine Indiskretion begehen. 



Dre 



Lens: 



19./20. Februar 188: 
auf IQnf Jahre. 






ms IL) 



Zu Seife 261 



Thema 



Bosnien, Marokko. 

Rußland, Statusquo am Balkan. 
Kreta« 



England und Balkan. 
Isdil: GrenzzwisdienfäUe, Balkan. 
:onigi: 

Ikolaus n. mit Ssasonoff nnd Wilhelm II. mit Bethmann 
eg.) 

Balkan, Tripolis. 
Balkan. 

ssore: Balkan, Dreibundemeuerung. 
Dreibunderneuerung, Orient. 
Balkanvierbund gegen Oesterreidi^Ungam. 



5. Dezember 1912 
Aenderung, wah 
•Tribuna": auf s 



Balkan. 



» » . • •; 



Der Inhalt des Dreibundes 261 

von mir angewandt. Außerdem hat eine stolze Reihe von 
persönlichen Zusammenkünften der maßgebenden Staats^ 
männer mit nachfolgenden Communiquös oder auch ohne solche 
einige Ergänzungen beigesteuert, an denen man nicht mehr 
achtlos vorbeigehen kann. Auf ihre vollständige Aufzählung 
kommt es mir nicht an; doch glaube ich, keine wichtige Kon- 
ferenz fibersehen zu haben. Die Italien und den Balkan nicht 
betreffenden Begegnungen zwischen deutschen und österreichisch- 
ungarischen Ministem bleiben aus dem Spiele. 

Chronologisch-tabellarisch läßt sich diese Entwicklung so 
darstellen, wie es die eingefügte Tafel zeigt. 



Im einzelnen ist dazu folgendes zu bemerken. 

Die Erneuerung von 1891 scheint tatsächlich ohne nennens- 
werte Aenderungen vorgenommen worden zu sein; sonst wfirden 
wir ja nicht danach auf so viele Klagen Italiens fiber andauernde 
Beeinträchtigung stoßen. Sogar der an sich dreibundfreundliche 
Crispi beutete, allerdings aus parteifaktischen Grfinden (gegen 
Rudini), am 20. November 1892 »die fiberstfirzfe Art und Weise* 
aus, womit Italien die Verträge (man beachte auch hier den 
Plural 1) mit Oesterreich-Ungarn und mit Deutschland erneuert 
habe; nun habe es darunter am meisten zu leiden, da der wirt- 
schaftliche Krieg mit Frankreich das Land zu ermüden drohe, 
während ihm der dadurch verursachte Schade nicht durch gün- 
stige Handelsverträge mit den beiden mitteleuropäischen Mächten 
aufgewogen werde. Wenn die Enthüllungen der Times vom 
Januar 1894 authentisch sind, so hätte Rudini dem Vorwurfe 
Crispis damit begegnen können, daß er sagte: »Ich habe damals 
den Dreibund aufgeben und mich Frankreich nähern wollen*. 
Aber die Tribuna ließ das nicht gelten, sondern meinte: Rudini 
habe den Dreibund nicht verlassen, sondern nur Italiens Stel- 
lung darin heben wollen; doch da sich die mit Frankreich an- 
geluiüpften Verhandlungen bald zerschlagen hätten, so sei eben 
der Dreibund erneuert worden. Wie dem aber auch sei: aus 
dieser Debatte an sich geht unwiderleglich hervor, daß Italien 
im Jahre 1891 keine einschneidenden Neuerungen hat erlangen 
können. Daher ist auch auf den Inhalt des vom 6. Juni 1891 
— also noch vor der Erneuerung — datierten Briefes des italie- 
nischen Abgeordneten Maggiorino Ferraris im »Corriere della 
sera* nicht viel zu geben, obwohl Ferraris mit Rudini befreundet 
war. Er schreibt darin: Der wesentlichste Punkt der Fest- 
setzungen sei, daß keiner der kontralüerenden Staaten für irgend 
einen Angriffskrieg auf Unterstützung seiner Verbündeten rechnen 
dürfe, daß aber jeder Angriff auf eine der drei Mächte die sofortige 



262 I^er Inhalt des Dreibundes 

bewaffnete Teilnahme der beiden andern zur Folge haben 
werde. Das hätte eine Erweiterung des ursprünglichen Vertrags 
bedeutet die von riesiger Tragweite gewesen wäre und weder 
den Intentionen Berlins noch bestimmten Abneigungen U^ens 
irgendwie entsprochen hätte. 

Dafür hatte jedoch Rudini eine gute diplomatische Radken- 
deckung gewonnen durch den Sondervertrag mit dem russischen 
Minister des Aeußem Nik. v. Giers, vereinbart am 13. Oktober 
1891 in Mailand. Rudini hat zwar am 10. Dezember 1896 in 
der Italia erklärt: die Mailänder Aussprache habe nur den Zweck 
gehabt, Rußland (und Frankreich) über die Erneuerung des 
Dreibundes zu beruhigen; auch seien Caprivi und Kälnoky loyal 
unterrichtet worden. Doch ist kaum daran zu zweifeln, daß 
sich Rußland verpflichtet hatte, unter gewissen Voraussetzungen 
zugunsten Italiens in Paris zu vermitteln, während Italien in der 
Orientpolitik Zugeständnisse machte. Also ein nicht uninteres" 
santes Gegenstück zu Bismarcks berühmtem Rückversicherungs^ 
vertrage mit Rußland. 

Doch nicht genug damit: Rudini hatte noch eine zweite 
Nebenfrucht eingeheimst, und zwar in Gestalt der oben (Seite 
258) schon gestreiften Sonderabmachungen mit England. Und 
das hängt so zusammen: 

In den Monaten unmittelbar vor der Erneuerung vom Juni 
1891, beim Abschlüsse des ersten Vierteljahres, hatten die 
italienischen Zollregister überaus peinliche Rückgänge der Ein^ 
und Ausfuhr gebucht (Ausfuhr acht Millionen Lire weniger, 
Einfuhr sogar zweiundfünfzig Millionen I). Daher klangen die 
Pariser Lodcungen, die als Preis für eine politische Annäherung 
einen günstigen Handelsvertrag mit Frankreich in Aussicht 
stellten, recht einschmeichelnd. Die Irredenta und der Vatikan 
verstärkten diese Sirenenstimmen nach Kräften. Glücklicher- 
weise für den Dreibund schlugen italienische Anleiheversuche 
in Paris fehl: die französische Regierung hatte, (unklug genug, 
eine förmliche Abkehr vom Dreibund als Vorbedingung gestellt 
Die Ernüchterung folgte auf dem Fuße. Rom podite nun in 
London an, und ^die Tür ward aufgetan. Ob iSalisbury seine 
Zusicherung einer Beschützung der italienischen Küsten durch 
die britische Mittelmeertlotte direkt von der vorherigen Erneue^ 
rung des Dreibundes abhängig gemacht oder ob er nur Rudini 
geraten hat, bei der bewährten Einung zu( bleiben — g enug « 
sdion um Englands willen war die Erneuerung der Ve rträge 
mit Berlin und Wien unvermeidlich. Italiens Sonderabkommen 

mit Großbritannien lautete etwa so: 

„Sollte Italien angegriffen werden, so wird ihm Groß- 
britannien von der Seeseite^her zu^Hilfe kommen. Jede den 



Der Inhalt des Dreibundes 263 

Interessen beider Staaten widersprechende Veränderung des 

Statusquo wird eine gemeinsame brifisch-italienisdie Aktion 

zur Folge haben. Großbritannien verpflichtet sich, Italiens 

Kosten auch dann zu verteidigen, wenn letzteres durch Dinge 

des Dreibundes in einen Krieg verwickelt werden sollte. Am 

Dreibunde selber aber nimmt Großbritannien lediglich durch 

Vermittlung dieses Sonderabkommens mit Italien, also nur 

indirekt, teil". 

Fragt man nach den Gründen, die Salisbury zum Eingehen 

dieser Verpflichtung bewogen haben mögen, so wird man nicht 

fehlgehen, wenn man die Erhaltung von Englands Mittelmeer" 

sfellung gegenüber Frankreidi (und Rußland) als Hauptmotiv 

in die Rechnung einstellt. Der Zanzibarvertrag hatte [in dieser 

Richtung günstig vorgearbeitet. 



Während, faßt man das alles zusammen, die Dreibund" 
emeuerung von 1891 keine textlichen Aenderungen gebracht 
hatte, läßt sich dasjvon der des Jahres 1902 schwerlich be- 
haupten. Zwar das eine bleibt bestehen: Angriffscharakter bekam 
das Bündnis auch jetzt Snicht. Am 22. Mai 1902 beruhigte 
Minister Prinetti die italienische Kammer ausdrücklich darüber, 
daß keinerlei Sonderkonventionen und Zusafzprotokolle existier" 
ten, die den Geist der Dreibundpolitik änderten und sogar einen 
aggressiven Sinn gegenüber Frankreich hätten. Aber einen 
widitigen Zusatz dürfte die Verlängerung von 1902 als Anhang 
erhalten haben: ein Amendement über Mazedonien. 

Seit dem italienisdi-österreichisdien Sonderabkommen über 
Albanien von 1897/1900 (s. unter C) hatte sich gezeigt, daß dies 
Teil-D6sinteressement nicht ausreiche, da die Balkanhalbinsel 
täglich neue Verwicklungen gebar, die schließlich zu der russisch" 
ösferreichischen Abrede in Mürzsteg führen sollten. Noch ehe 
man jedoch so weit gediehen war, hatte Italien mehr und mehr 
gefunden, daß es vor U eberrasch ungen durch eine Ausdehnung 
der österreichischen Okkupation „au delä de Mitrovitza" 
Irgend wie geschützt werden müsse, und erreichte so die An- 
gliederung eines Abkommens über Mazedonien als Zusatzes zum 
verlängerten Dreibundvertrage. Den Wortlaut kann man wieder 
nur indirekt ableiten. Maßgebend dafür sind die Wendungen, 
die Tittoni am 14. Mai 1904 gebraucht hat: Wenn durch irgend 
eine Verwicklung, von der alle Teile wünschen, daß sie nicht 
eintreten möge, die Erhaltung des Statusquo am Balkan in 
Frage gestellt werden sollte, so wären die Vertragssdiließenden 
einer Besetzung oder gar Teilung durchaus entgegen. Vielmehr 



264 Der Inhalt des Dreibundes 

seien sie darOber einig, daß sich alle Mädite auf den Grund- 
satz der Selbstverwaltung und der Gleidibereditigung der 
Nationalitaten einigten. 

Insofern hatte Titton i durchaus recht, wenn er fortfuhr* 
»Was Oesterreich-Ungam betrifft, so hat es wiederholt erklärt, 
daß es ganz und gar nicht an eine Besetzung denke, die, wenn 
sie ohne uns vorgenommen wQrde, mit Hinsicht auf Mazedonien 
dem Geist und Buchstaben unseres Bündnisvertrages wider* 
spräche**. Wenn zwei Staaten durch einen besonderen Vertrag ein- 
ander vor Uebermmpelung durch einseitige Gebietserweiterungen 
schützen wollen, dann verwerfen sie damit ausdrücklich alle 
Expansionsgelüste. Trotzdem hat man aus Tittonis vielzitierten 
Worten vom 3. Dezember 1908 schließen wollen, Italien und 
Oesterreich-Ungarn hätten tatsächlich »die Möglichkeit neuer 
Okkupationen ins Auge gefaßt. Aber abgesehen davon* 
daß selbst hier nur von fernen Okkupationen, nidit von Ein- 
verleibungen die Rede ist, weist der ganze Zusammenhang 
darauf hin, daß Tittoni sagen wollte: die endgiltige Angliederung 
Bosniens an Oesterreich-Ungam falle überhaupt nidit in die 
Rubrik einer Gebietsveränderung am Balkan; denn das sei ja 
eine alte Sache, die man eben dulden müsse. Nur vor neuen 
Eventualitäten hätten sich beide Länder vertraglich schützen 
wollen. Ich kann daraus nach wie vor nur lesen: solche Mög- 
lichkeiten sind uns beiden unerwünscht, und ihre Aus- 
führung hätte als Kontraktbruch zu gelten. Sonst macht 
man aus dem Dreibundverhältnis zum Balkan eine Erwerbs- 
genossenschaft m. b. H. Und das ist es nicht, sondern, wie 
Graf Bülow am 8. Januar 1902 im Reichstage sagte, eine Ver- 
sicherungsgesellschaft Würde man es sonst begreifen, 
daß Oesterreich-Ungam gar keine Anstalten machte, sich für die 
Besetzung der Dodekanesos durch Italien und ihre Kompensierung 
in Kleinasien eine territoriale Entschädigung zu erwirken? 

Scheiden demnach territoriale Wünsche und Gegenforderungen 
von vornherein aus, so darf man doch ohne weiteres erwarten, 
daß wirtschaftliche Fragen (Rechte auf Eisenbahnbauten» 
Schiffahrtslinien, Verhinderung einseitiger Monopole und kon- 
sularischer Eifersüchteleien) darin eine große Rolle spielten. 
Konsulats- und andere Beridite über den italienischen Anteil am 
Handel und Verkehr Mazedoniens hatten seit der Mitte der 
neunziger Jahre immer mehr auf urkundliche Sicherung ge- 
drängt Vermuten darf man infolgedessen, daß auch von einer 
Neuabgrenzung der Interessensphären die Rede war. 
Daß man gerade dabei nicht gleich beim ersten Male das Rechte 
traf, läßt sich ohne weiteres denken. Namentlich als die Nach- 
richt vom Abschlüsse der Mürzsteger Punktation den Argwohn 



Der Inhalf des Dreibundes 265 

in Italien aufkommen ließ, daß es „auch diesmal wieder* be- 
nachteiligt worden sei, forderten seine Staatsmänner, schon um 
der Popularität des ganzen Dreibundverhältnisses im Land eine 
Konzession zu machen, entsprechende »Kompensationen'' 
ffir Italien. Das ist die Zeit, in der von Rom aus durdi den 
österreichisch-ungarischen Botschafter Baron Pasetti (dem später 
hierin Graf Lfitzow und v. Mörey folgten) die Nachricht all- 
mählich durchsickerte: die Erweiterung der balkanischen Interessen^ 
Sphäre des einen Partners zöge eine sofortige Kompensierung 
des andern nach sich. Daß sich daraus sehr bald die Legende 
von Abmachungen über territoriale Kompensationen ent- 
wickeln konnte, ist begreiflich. Entschuldbar ist es aber nichti 
daß sie vom Staatssekretär v. Kiederlen nidit nur nicht nach- 
geprüft, sondern sogar als wichtige Information weitergegeben 
wurde. 

Daß man die mazedonische Angelegenheit nicht vergaß, da- 
für sorgten die Ereignisse, namentlich soweit sie mit der in 
MOrzsteg vereinbarten Reformaktion zusammenhingen. Zeugen 
dafür sind besonders die Aussprachen von Abbazia und Venedig 
von 1904 und 1905. Während sich in den ersten Monaten nach 
dem Oktober 1903 die Reorganisierung der Verwaltung Maze- 
doniens im wesentlichen auf die Erörterung eines Reglements 
zwischen Oesterreich-Ungarn, Rußland und der Pforte, sowie auf 
dessen finanzielle Sicherstellung beschränkte, lancierte die un- 
klare Fassung des dritten Paragraphen der Mürzsteger 
Punktation das heikle Wörtchen „territorial'' in die Debatte. 
Er lautete: „Sobald eine Beruhigung des Landes festgestellt 
sein wird, ist von der osmanischen Regierung eine Aenderung 
in der territorialen Begrenzung des Verwaltungsbezirks im Sinn 
einer regelmäßigeren Gruppierung der verschiedenen Nati- 
onalitäten zu verlangen." Die revolutionären Ausschüsse der 
Balkanvölker setzten nun an die Stelle von Angriffen auf die 
Türkei den Kampf der Nationalitäten, um durch mehr oder 
weniger künstliche und terroristische Ausdehnung des Gebiets 
ihrer „Stammesangehörigen" günstige Grenzverschiebungen zu 
erlangen. Abgesehen davon legte man den § 3 auch so aus, 
daß man den Großmächten die Absicht zuschrieb, das Land nach 
nationalen Sphären zu teilen. Wahrscheinlich faßte diese falsche 
Interpretation auch in Rom Wurzel und erzeugte dann selbst- 
verständlich die Forderung nach entsprechender Berücksichtigung 
Italiens. Darum betonte das österreichisch-ungarische Commu- 
niquö vom 30. September 1907, daß die Bestimmung des 
dritten Artikels nur auf eine verhältnismäßig geringfügige 
Aenderung abzielte, die lediglich die Tätigkeit der Orts- 
behörden Mazedoniens erleichtem sollte. Zwar wurde damit 



266 I^ci* Inhalf des Dreibundes 

die unterminierende Tätigkeit der Banden offiziell in ihre 
Schranken zurückgewiesen; aber der fromme Glaube, daß in 
den Abmachungen der Mächte doch so etwas wie die Zusicherung 
einer territorialen Kompensation im Falle gewisser Aenderungen 
in der Abgrenzung stehen mtisse, erhielt sich, wie wir wissen, 
zäh. Legenden sind schwer auszurotten. 

Wie der dritte Artikel des Alürzsteger Programms wirklich 
zu verstehen und praktisch zu handhaben war, das lehrte das 
Ergebnis der Zusammenkunft Tittonis und Goluchowskis zu 
Venedig vom 29. April 1905. Danach sollten die albanischen 
Bezirke, die damals den mazedonischen Wilajets angegliedert 
waren, obwohl sie eine überwiegende albanische Bevölkerung 
hatten, mit dem eigentlichen Albanien vereinigt werden, sobald 
die mazedonische Verwaltung reorganisiert und Ruhe im Lande 
wieder eingekehrt sein werde. So allein war der ominöse Aus^ 
druck „territoriale Grenzänderung " jenes unklaren Mürzsteger 
Paragraphen zu verstehen. Es hat aber viel Mühe gekostet, ehe 
dies von allen Beteiligten erkannt und anerkannt' war. Ent^ 
weder Aufrechterhaltung des Statusquo oder politische Autonomie 
der Balkanvölker nach dem Grundsatze der Nationalität blieb 
fortan das Alpha und Omega auch der italienischen Staatskunst. 

Nach der Einverleibung Bosniens und der Herzegowina 
durch Oesterreich-Ungarn hatte der Dreibundgedanke von neuem 
eine schwere Prüfung namentlich in Italien zu bestehen. Daß 
jene einmal kommen würde, wußte man ja schon seit der Reich*- 
stadter Verständigung vom 8. Juli 1876; aber daß sie aus^ 
gerechnet Anfang Oktober 1908 eintraf, hatte weder Iswolski, 
der in Buchlau durch Aehrenthal getäuscht worden war, noch 
Tittoni erwartet der von seiner Begegnung mit Aehrenthal in 
Salzburg (September 1908) ganz andere Eindrücke heimgebracht 
hatte, was ihm ja dann vom König und von Giolitti schwer ver^ 
dacht worden ist. Wie Rußland und andere Großmächte, so 
fühlte sich auch Italien durch die nicht so bald vermutete Ein^ 
Verleihung Bosniens düpiert. Also im Winter von jl 908/09 ist 
vielfach die Forderung von Kompensationen ventiliert worden; 
die freiwillige Streichung der Artikel 25 und 29 des Berliner 
Vertrages galt nicht als solche. Doch selbst damals, wo Italien 
Grund genug gehabt hätte, in den allgemeinen Ruf nach Ent^ 
Schädigungen einzustimmen, die auf einer europäischen Konferenz, 
einem verbesserten Berliner Kongresse, geregelt werden sollten, 
vermied der vorsichtige Tittoni den Ausdruck „Kompensationen* 
und ersetzte ihn — in auffallender Uebereinstimmung mit Pri" 
nettis Reden vom 15. März und 22./23. Mai 1902 sowie mit 
Guicciardinis Reden vom 23. Februar 1903 und namentlich vom 
14. Mai 1904 — durch den andern Ausdruck „Ausgleich der 



Der Inhalt des Dreibundes 267 

Interessen". (Rede vom 3./4. Dezember 1908.) Auch durch 
die grundlegende Erklärung San Giulianos vom 18. Dezember 
1912 klingt es ständig durdi: Kein ehrgeiziges Verlangen nadi 
Landbesitz, keine Besitzergreifung, keine Gebielsteilungl Weder 
Wien noch Rom hat jemals balkanische Kompensafionspolitik 
getrieben oder auch nur theoretisch für zulässig gehallen. 



Sonach bleibt nur noch die Erneuerung des Dreibundver- 
träges vom 5. Dezember 1912 übrig. Da hierbei ausdrücklich 
versichert worden ist, daß man von irgendwelchen Aenderungen 
abgesehen habe, so ist einstweilen daran festzuhalten. Von 
einer Verquickung des Verhältnisses mit der Zollpolitik war 
jetzt ebensowenig die Rede wie 1902. Außerdem war das 
mazedonische Amendement im Verlaufe des letzten Jahrzehnts 
so gründlich durchgesprochen und wohl auch textlich ausgebaut 
worden, daß der Vertrag keiner Besserung bedurfte. Man 
müßte denn die in San Rossore und Berlin (Oktober und No- 
vember 1912) vereinbarte Ausdehnung der territorialen 
Garantie (gemutmaßter Artikel IV von 1887) auf Tripolitaniein 
darunter begreifen. Jedenfalls wirkte sie im Rahmen der da- 
durch genügend erklärten vorzeitigen Erneuerung der Dreibund- 
verträge nach außen demonstrativ. Italiens neuer Imperialismus 
hatte durch den tripolitanischen Krieg einen ungeahnten Auf- 
schwung erfahren; mit Tripolis und der Cyrenaica sowie mit der 
einstweiligen Besetzung der Dodekanesos waren seine Expan- 
sionsgelüste hinreichend befriedigt. Und was einst noch an Un- 
sicherheit hinsichtlich der Besitzverhältnisse am „andern'' Ufer der 
Adria obgewaltet hatte, das war ja längst durch das albanische 
Sonderabkommen (s. unter C) beseitigt 

Dagegen ist die Frage berechtigt, ob man anzunehmen 
habe, daß der mazedonische Zusatz zu den Dreibund vertragen 
nach den einschneidenden Veränderungen, die die beiden Bal- 
kankriege von 1912 und 1913 mit sich gebracht haben, noch 
irgendwelche Geltung habe. Von Mazedonien als einem mit 
Autonomie zu beglückenden Territorium ist nidits mehr vor- 
handen; in dies ursprünglich türkische Gebiet haben sich die 
siegreichen Balkanstaaten geteilt, ohne einen Rest übrig zu 
lassen. Insofern sind die österreichisch -italienischen Verein- 
barungen seit 1902 sicher zu papiernen Akten ohne greifbaren 
Wert geworden. Seit Aehrenthals freiwilligem Verzicht auf 
weitere Gebietserwerbungen, dem unverrückbaren Grenzsteine 
von Oesterreich-Ungarns Balkanpolitik der Gegenwart und Zu- 
kunft (so z. B. nodi Graf Berchtold am 19. November und 15. 



268 Der Inhalt des Dreibundes 

Dezember 1913), ist jede Aussicht auf eine territoriale Aus- 
legung der mazedonischen Vereinbarungen zwischen U^en und 
Rom entschwunden. In kommerzieller Hinsicht dagegen be- 
halten letztere nach wie vor — wenn man will: erst recht — 
ihren Wert. Davon zeugt, um von andern abzusehen, die seit 
November 1913 in lebhaftester Debatte geführte Polemik über 
die durch Neuserbien laufenden Strecken der Orientbahnen. 
Einstweilen scheint es so, als ob daran nur Oesterreidi^Ungam 
aktiv interessiert sei. Vergegenwärtigt man sich aber die Ant- 
wort, die Tittoni am 11. März 1908 dem Antrag Barzilai über 
die Balkanbahnen zu teil werden ließ, dann kann man sich 
kaum dem Eindrucke verschließen, daß auch nach der Zerteilung 
Mazedoniens Italien die Ausstattung der neuserbischen und 
neugriechischen Provinzen mit Eisenbahnen nicht kampflos den 
andern überlassen werde. Jedenfalls bilden die Protokolle von 
Desio und vom Semmering genügend Anhaltspunkte für eine 
den nunmehrigen Verhältnissen angepaßte Neuformulierung des 
mazedonischen Amendements zum Dreibund. Auch die Abrede 
von 1907, daß Italien und Oesterreich'-Ungarn zwar ihre eigenen 
staatlichen Fähigkeiten dort in voller Selbständigkeit entfalten 
dürfen, wenn nur keiner von beiden Staaten die des andern 
Teiles wissentlich sdiädige, daß aber die beiderseitigen Konsuln 
im nahen Oriente dahin zu instruieren seien, jeden Gedanken 
an ehrgeizige Rivalitäten aufzugeben, scheint mir noch nicht so 
obsolet zu sein, daß man sie zum alten Eisen werten müsse. 



C) Der am 6. November 1897 zu Monza zwischen GolU" 
chowslu und Visconti-'Venosta mit Rudini geschlossene und 1900 
von Visconti'Venosta durch Sicherung der Autonomie bestätigte 
österreichisch -italienische Vertrag über Albanien gehört hin" 
sichtlich seiner segensreichen Folgen zu den idealsten Friedens- 
Schlüssen der letzten Zeit Bisher nahm man allgemein an, 
der albanische Akkord von 1897 sei im Jahre 1900 durch eine 
zweite Konferenz, also mündlich und protokollarisch bestätigt 
erneuert oder erweitert worden. Aber das Jähr 1900 ist vor- 
übergegangen, ohne daß die leitenden Staatsmänner Oesterreich-* 
Ungarns und Italiens einander begegnet wären. In dies Jahr 
fällt nur die Erklärung Visconti-Venostas in der italienischen 
Kammer vom 18. Dezember, wonach beide Teile abermals ihr 
Interesse an der Aufrechterhaltung des Statusquo am Balkan 
durdi den Austausch entsprechender Noten unterstrichen haben. 

Geboren aus gegenseitigem Mißtraun oder aus der Not 
keinen von beiden Teilen einseitig Platz greifen lassen zu 
dürten, hat gerade die Besiegelung eines völligen Nichtsnehmen' 



Der Inhalt des Dreibundes 269 

woUens das ursprünglidi recht kühle Verhältnis zwischen Oester- 
reich-Ungam und Italien zu editer Bundesgenossenschaft empor- 
gehoben. Gelautet mag dies »Noli me tangere" Visconti- 
Venestas folgendermaßen haben: 

1. Oesterreich" Ungarn und Italien erklären gegenseitig 
ihr territoriales Dösinteressement an Albanien; 

2. Sie erklären sich fflr die Aufrechterhaltung des Sta* 
tusquo, das heißt der osmanischen Souveränität; 

3. Im Falle der Veränderung des Statusquo verbürgen 
sich beide Mächte gegenseitig für die Autonomie oder Un* 
abhängigkeit Albaniens, das in keine dritten Hände fallen 
darf. 

Die Veranlassung zu der persönlichen Aussprache der beiden 
Minister des Aeußern mit nachfolgender Beurkundung hatten 
weniger der griechisch-türkische Krieg und Italiens Liebäugeln 
mit Kreta geboten als vielmehr das zu Petersburg am 29. 
April 1897 getroffene österreichisch-russische Uebereinkommen. 
Wenn auch am 17. Mai 1898 Graf Goluchowski vor der 
ungarischen Delegation die Mitteilung der »Frankf. Zeitung** vom 
Tage vorher als »plumpe Erfindung" desavouierte — die fol- 
genden Jahre haben doch erwiesen, daß etwas Wahres daran 
gewesen sein muß. Danach hatten Murawiew und Goluchowski 
zur Aufrechterhaltung der Ruhe und des Statusquo am Balkan 
die Halbinsel in zwei große Interessensphären mit verschiedenen 
Untergruppen geteilt: Oesterreich-Ungarn bekam Serbien, Alba- 
nien und Mazedonien bis Saloniki, Rußland Bulgarien, Monte- 
negro und Thrazien zu friedlicher Kontrollierung. Sollte ein 
sanfter Druck nicht ausreidien, so durfte der Partner, in dessen 
Sphäre der Unruhestifter lag, gewaltsame Mittel anwenden. 
Angeblich war der Inhalt des Abkommens Deutschland voll- 
ständig, Italien mit Ausschluß des Albanien betreffenden 

Stückes mitgeteilt worden. Gerade dieser Umstand der 

auf die Dauer nicht verborgen bleiben konnte mußte 

unsern südlichen Bundesgenossen mißtrauisch machen. So 
kam denn nodi im selben Jahre 1897 die italienisch-öster- 
reichische Formel zustande; keiner von uns beiden nimmt von 
Albanien jemals ein Stück; für beide bildet es fortan ein Rühr- 
michnichtan. Unter diesem Gesichtspunkt ist die unter so großen 
Schwierigkeiten und Opfern 1913 schließlich doch durchgesetzte 
Schöpfung eines autonomen Fürstentums Albanien zu verstehen. 
Daß dabei von territorialen Kompensationen a priori niemals 
die Rede sein konnte, wird durch zahlreiche Stellen staats- 
männischer Reden belegt. 

Auf die erste Hauptstelle, eine Aeußerung Tommaso Tittonis 
als Ministers des Aeußern vom 14. Mai 1904, haben wir schon 



270 I^ei* Inhalt des Dreibundes 

Bezug genommen. Sie lautet: „Wenn durdi irgend eine Ver- 
wicklung, von der wir wQnsdien, daß sie nicht eintreten möge, 
die Erhaltung des Statusquo in Frage gestellt werden sollte, so 
wären wir einer Teilung zwischen versdiiedenen Mächten durch" 
aus entgegen. Was Oesterreich betrifft, so hat es wiederholt 
erklärt, daß es ganz und gar nicht an eine Besetzung denke, 
die, wenn sie ohne uns vorgenommen wfirde, mit Hinsicht auf 
Mazedonien dem Geist und Buchstaben unsers Bfindnisvertrages 
widerspräche, und beziiglich Albaniens gegen das Sonder- 
abkommen gegenseitiger Nichteinmischung verstoßen würde, 
das Oesterreich mit Italien abgeschlossen hat. Die Vorherrschaft 
im Adriatischen Meere kann weder Italien Oesterreich, noch 
Oesterreich Italien zugestehen. Da die beiden Staaten ernstlich 
das Bündnis aufrecht zu erhalfen wünschen, so haben sie auf 
jede Besetzung Albaniens im Falle der Störung des Statusquo 
verzichtet. Wenn Oesterreich und Italien in Frieden leben wollen, 
muß Albanien für beide ein Noli me tangere bleiben." Hier 
haben wir die oben schon gestreifte Negation. Mag sein, daß 
Herr von Kiderlen, in einem schwachen Augenblicke vielleidif 
auch Graf Aehrenthal, gesprächsweise die Umkehrung jenes 
negativen Dogmas vorgenommen und angewandt haben, etwa 
mit dem Gedankengange: Grundsätzlich halten sich beide Teile 
fem von dem Bissen; sollte aber einer von beiden genötigt 
sein, zuzugreifen, dann soll er ihn mit dem andern teilen. Das 
sieht, äußerlich genommen, riesig honett und harmlos aus, schlägt 
aber dem Alpha und Omega der österreichisch-ungarischen Balkan- 
politik ins Gesicht das darin gipfelt: durch eigne Enthaltsamkeit 
den Italienern grundsätzlich und von vornherein jeden Vor wand 
zur Festsetzung am „andern Ufer* zu nehmen. Nur so sind 
ja, wie Tittoni am selben Tage die Sachlage faßte, am Balkan 
weder unvorhergesehene Besetzungen noch Ueberraschungen 
zu fürchten. 

In genau dieselbe Kerbe haut der präzise Passus der Rede 
des italienischen Ministers vom 18. Dezember 1906: 

„Man hat behauptet daß das Bündnis und das Sonder*- 
abkommen über Albanien rein negativ seien, da sie keine andere 
gegenseitige Verpflichtung enthielten als die Aufrechterhaltung 
des Statusquo im Orient und besonders die, Albanien keines* 
falls zu besetzen. Darum forderte man positive Vereinbarungen 
zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn . . . Meine Zusammen-* 
künfte mit dem Grafen Goluchowski [zu Abbazia und Venedig] 
sind durchaus nicht nur Vergnügungsfahrten gewesen, sondern 
haben wirkliche praktische und positive Erfolge gezeitigt. Denn 
wir befanden uns in vollem Einverständnis, als wir festsetzten, 
daß die politische Autonomie der Balkanhalbinsel auf dem 



Der Inhalt des Dreibundes 271 

Prinzipe der Nationalität die einzige Lösung sei, die Italien und 
Oesterreidi-Ungarn anstreben müßten, wenn eine Erhaltung des 
Statusquo nicht mehr möglich sei. Das bedeutet kein negatives 
Programm, sondern ein tatsächlich positives. Gewiß ist es ein 
uninteressiertes; denn im Orient wird uns voo unsern wichtigsten 
Interessen eine uninteressierte Haltung direkt vorgeschrieben. 
Ich weise daher den mir erteilten Rat zurück, Oesterreich-Ungarn 
Gebietsteilungen vorzuschlagen oder zu Besitzergreifungen an- 
zutreiben, die der Berliner Vertrag nicht vorsieht, um dann für 
uns Kompensationen territorialer Art zu fordern. Ein solches 
Vorgehen stünde mit den Prinzipien, auf denen die Einheit 
Italiens aufgebaut ist, in Widerspruch; es vertrüge sich nicht mit 
den Grundsätzen, denen wir bis jetzt gefolgt sind; es würde 
uns in Gefahren stürzen, weil es einen Präzedenzfall darstellte, 
den man uns in Zukunft oft entgegenhalten würde. Kurz, es 
würde die klaren Ziele unserer Politik im Orient verdunkeln". 
Italien und Oesterreich-Ungarn werden es niemals zulassen» 
daß eine fremde Macht sich in albanischem Gebiete festsetze, 
werden über der Selbständigkeit des neugeschaffenen Staats- 
Wesens eifersüchtig wachen^ und ihm in der Form eines rein 
wirtschaftlichen Kondominiums sicherlich bald zu einer Art euro- 
päischer Kultur verhelfen. Dann wird auch von dem den Drei- 
bundvertrag nur ganz lose begleitenden Albanien - Abkommen 
Italiens und Oesterreich-Ungarns ebensowenig mehr gesprochen 
werden dürfen wie von dem de jure et de facto erledigten 
Sandschak-Vorrecht Oesterreich-Ungarns. 



Ausblick 

„Das Gleichgewicht in der Adria", so sagte Marchese di 
SanGiuliano am 22. Februar 1913 im italienischen Abgeordneten- 
haus, „ist eine Frage, die dank dem innigen Zusammenarbeiten 
zwischen Italien und Oesterreich-Ungarn, der Mitwirkung Deutsch- 
lands und dem hochherzig friedlidien Geiste der Gerechtigkeit 
der andern Großmächte gelöst worden ist". Dieser Satz drückt 
sozusagen das Siegel unter meine Ausführungen. 

1) Minister Graf Berditold am 21. November 1913 vor der ungarisdien 
Delegation: .Delegierter Prinz Windisch - Gr»tz fragte, ob hinsiditlidi 
Albaniens mit Italien, betreffend die Interessensphären, ein Abkommen be- 
stehe. Ein solches Abkommen besteht nicht, weil Albanien ein in jeder 
Beziehung ungeteilter und unabhängiger Staat sein soll und unsere Be- 
strebungen nur hierauf geriditet sein können". 



272 De' Inhalt des Dreibundes 

San Giuliano eröffnet aber eine neue Perspektive, wenn er 
fortführt: 

.Sie sind heule in gleicher Weise willens, das gegenwärtige 
Gleichgewicht im Mittel meer aufrecht zu erhalten. Der Besitz 
Libyens hat für Italien das Problem des nordafrikaniscfaen 
Gleichgewichts gelöst aber sicher nicht das Interesse an der 
Aufrechterhaltung des allgemeinen Gleichgewichts im Mittel meer 
vermindert Gestenreich - Ungarn hat dieselben Interessen wie 
wir. Wenn durch die Macht der Ereignisse gegen unsem Willen 
und gegen den unserer Verbflndeten wie den aller Großmächte 
frOher oder später erhebliche territoriale Veränderungen im 
Mittelmeer eintreten sollten, dann könnte Italien dabei kein 
müßiger Zuschauer bleiben, sondern maßte verlangen, daß seine 
Stellung als Mittelmeergroßmacfat von jedem gebührend berüdc- 
sichtigt werde. Weder heute noch jemals in Zukunft hat ein 
Volk mehr das Recht das Mittelmeer ,mare nostrum' zu nennen". 

Das ist ein klares imperiales Programm, das zu seiner 
Durchfahrung und friedfertigen Behauptung abermals der Bundes- 
genossen bedarf. Sollte damit die am 7. Dezember 1913 von 
\AAen aus lancierte und in London nicht direkt bestrittene Nach- 
richt von dem Abschluß eines österreichisch -britischen Mittel- 
meerabkommens eines Gegenstiidcs zu der italienisch- 
britischen Vereinbarung von I89I zusammenhängen 7 Wie 

dem auch sei: nachdem die Baikanprobieme, die früher so oft 
Besprechungen und Vereinbarungen zwischen den Dreibunddiplo- 
maten heraufbeschworen, zu ihrem wesentlichen Teile gelöst sind, 
werden wir wohl bald von andern Zusammenkünften — vielleicht 
unter Beiziehung Griechenlands — hören, die den veränderten 
Machtverhältnissen im Mittelmeere Rechnung tragen (vergleiche 
auch San Giulianos große Rede vom 16. Dezember 1913). Gegen 
den italienischen Grundsatz, daß das Mittelmeer die freie Bahn 
der Nationen bleibe, woran alle Anteil haben sollen, wird 
Deutschland kaum etwas einzuwenden haben. Denn als oberster 
Grundsatz wird auch fernerhin der Leitgedanke voranleuchten: 
der Dreibund ist der vornehmste Hort des europäischen Friedens 
Und es bleibt dabet was Graf Bülow am 19. März 1903 im 
Reichstage gesagt hat: Jidi kenne in der Geschichte kaum ein 
Bündnis, das gleichzeitig so friedlich und so stark, so dauerhaft 
und so elastisch gewesen wäre". 



Register 



Nidit aulgenommen wurden folgende Schlagworte: U^helmU R*anz Josef L, 
Humbert, Deutschland, Oesterreidi * Ungarn» Italien, Bismarck, AndrAssy, 

Berlin, Men, Budapest, Rom. 



A 

Aadien, 51 

Abbazia. 112. 150. 151. 152. 154, 
155. 253. 265. 270 

Abdul Hamid. 175. 188. 229 

.Abendpost- (U»en). 30 

Abgeordnetenhaus, siehe Parla- 
mente 

Abrüstungsfrage. 172 

Adalbert Prinz v. Bayern. 70 

Adam. Mme Edmona, 63 

Adriatica. 209 

Adrianopel. 32. 181. 230 

Adriatisches Meer. 13, 17. 121. 
133. 137. 151. 159. 166, 169. 
185. 208, 232, 233. 235. 253. 
268. 270, 271 

Adlerorden Sdiwarzer. 227 

Aegeisdies Meer. 184. 227 

Aegvpten. 181 

Aehrenthai. Graf Alois. 83. 165, 
166, 167. 168. 172. 173. 174, 
175. 176, 177, 178. 180. 181, 
182, 185, 191, 193, 200, 202, 
203, 204, 205, 206. 207, 208, 
211, 213. 214, 216, 222, 224, 
226, 229, 252. 253. 266. 267. 
270 

Afrika. 101. 103, 121. 122. 141. 
243. 245. 272 

Aaadir. 218 

„Agence Havas", 146 

.Agenzia Italiana". 118. 203 

.Agenzia Stefani", 64. 121, 178. 
255 

Agram (Zagreb). 192 

Agrarier. 143 

Albanien, 37, 61, 132, 133, 137. 
138. 141. 142. 144. 150. 151, 
155. 165, 166. 168. 177. 217. 
233. 234. 236. 237. 243, 252. 



253. 256. 264, 266, 267. 268, 

269. 270. 271 
Albert. Prinzregent v. England, 

15. 24 
Albin Pierre. 70. 91. 92. 101 
Albrecht Erzherzog v. Oester- 

reidi. 19. 20. 42. 53. 93. 112 
Alexander 1. v. Rußland. 41, 

181 
Alexander 11. v. Rußland, 15,23, 

24, 31. 35, 37. 40. 41. 43. 45, 

50. 52. 53. 56, 107, 181 
Alexander 111. v. Rußland, 56, 

75, 77, 87, 112, 181 
Alexander, Fürst v. Bulgarien, 

78 
Alexandrowo, 41, 43 
Alföns, König v. Spanien. 171 
Algeciras. 157. 158, 159, 161, 

163, 167, 205, 219 
AUdeutsdie (Oesterreich), 143, 

148 154 
Alldeutsdie (Deutschland), 221 
Allitalienische Agitation (Mee- 
ting ect), siehe Irredenta 
Alpenbahn (Mont Cenis), 22 
Alter Wilhelm, 6 
Amadeo Prinz v. Italien (Herzog 

von Aosta), 61 
Amerika, 126 
Anatolisdie Bahnen, 228 
Andrässy, Graf G6za, 106 
Andrässy, Graf Theodor, 47 
Andrian-Werburg, Viktor Freih. 

V., 6 
Annexion, (siehe Bosnien) 
Anunziatenorden, 203. 208. 230 
Annunzio, Gabriele d' 178, 210 
Antisemitismus. 105 
Antivari. 176. 185. 197 
Apponyi. Graf Albert, 78, 79, 

93. 112. 221 

18* 



276 



Register: Aquila— Bessarabien 



Aquila, 201 
Arad, 233 

Arese, Visconti Fr. Graf, 13 
Armenische Frage, 55, 115, 120 
Arnelh, Alfred K. v., 4 
Arnim, Harry Graf v., 27 
Artoni, ital. Dep., 155 
Asien, 181, 245, 264 

Asinari di Bemezzo, italienisch. 

General, 201 
Asquith, Herbert Henry, 206 
Astfalck, Cäsar, 89 
Athen, 173 
Auersfädt, 5 
Augusta, Marie Luise, Kaiserin, 

44 

Augusta Victoria, Kaiserin, 178, 

191, 197, 218 
Aussee, 43 

Avarna, G. Herzog v^ 150, 232, 

233, 243 
Avezzana, ital. General, 61 
Axmann, Julius, 176 
«Az Est-, 234 



B 



Baccarini, Alfredo. 69 
Bacquehem. Marquis V., 1 14, 233 
Baden - Baden, 36. 48, 154, 163 
„Badisdie Landeszeitung", 116 
Baernreifher, Josef, 176, 213 
Baje, 197 

Balkan, 24, 29, 30. 31, 32, 35. 

42. 51. 55. 67. 77, 78. 79. 81. 

82. 83. 84. 101. 120. 122, 131, 

150, 151, 154. 155. 159. 163. 

164. 165. 168. 169. 173. 174. 

175. 176. 177. 181. 182. 185. 

195. 201. 202, 203. 204, 216. 

220. 222, 223, 227, 229. 230. 

232. 233. 234. 241. 251. 252. 

253. 256. 257, 258, 261, 263, 

264, 265, 267, 268, 270, 272 
Balkanbahnen, 176, 179, 268 
Balkankomitö (engllsdies). 176 



Ballestrem. Franz Gf. v^ 159 

Bandmann, On 11. 12 

Bänffv. Desider Baron, 119, 123 

Bar-sur-Aube, 75 

Bardovertrag. 63. 254 

Barral. Graf. 12 

Barsanttvereine. 60 

Bartholdi. Jakob. 4 

Barröre, Camille. 139. 217. 222 

Barzilai. ital. Dep., 137. 167. 199. 
214. 234. 257. 268 

Barzilieri. ifaL Dep.. 159 

Bassemiann. Ernst, 158, 160, 161 
163, 185. 196. 201, 235 

Balthyäny, Gf. Theodor, 196 

Bauembund (Oesterreidi) 223 

Bausznern, G. Vn 19, 31 

Bayern, 4. 200 

Bayrisdier Erbfolgekrieg. 4 

Beaconsfield, Ben jaminX^israeli, 
52. 55 

Bedihöfer. Norbert. 93 

Beck. Friedrich Graf v.. 161. 165 

Belgien. 88. 104 

Beigrad. 175 

B^llye. 209 

Benda. R v.. 94 

Benedetti. Vincent Graf. 12, 13. 
100 

Bennigsen. R. v^ 29. 32 

Berchtesgaden. 180 

Berchtold. Leopold Graf, 224, 
225, 226. 227, 228, 229, 230. 
231. 232. 233. 237. 243. 252. 
268, 272 

Berg (Bayern), 42 

Berliner Entrevue (Dreikaiser- 
zusammenkunft ; Dreikaiser- 
verhältnis), 23. 24. 26. 32, 37, 
39, 45. 107 

Berliner Kongreß (Friede, Ver- 
trag), 32, 35. 36. 45. 60. 96, 
111, 166, 185, 188, 197, 252. 
254, 266, 271 

.Beriiner Tageblatt". 103. 111. 

117, 125, 146, 174, 186, 208, 

217, 222, 226 
Bernhardt, Th. w., 20 
Bessarabien, 139 



Register: Bellilchein— Cairoli 



277 



Bethlehem, 24 

Bethlen. Nikolaus Graf, 14 

Bethmanii'HoIliveg.Theobald v^ 

200, 202, 203, 204. 205. 211. 

212, 215. 216, 219, 225. 228. 

234 236 
Bettelheim. A^ 78 
Beust. F. F. Graf v., 16. 17, 18, 

19, 20, 22, 27 
Biandieri, Giuseppe, 146, 152 
Biandiini. Georg. 169 
Biarritz. 14 

Biegeieben, L. M. Freih. v., 11 
Bienerth. R. Freih. v, 183, 210 
Bilinski. Leon R. v., 105 
Billot Albert, 92, 122 
Bismarck, Herbert, 79, 92, 106, 

119 
Bissolati, ital. Dep., 234 
Bizerta. 137 

Blanc, Aiberts Baron, 113 
Blaskovidi. A. v.. 66, 124 
Bleidiröder, S^ 75 
Blum, Hans, 37, 38, 44. 48. 66, 

107, 111 
Bluntsdili, J. K., 17 
Blockparteien, 193 
Böhmen, 114, 139, 211 
»Börsencourier" (Berliner), 158 
Boglietti. Giovanni. 36 
Boiana. 176 
Bologna. 68, 253 
Bollati, Riccardo, 234 
Bonghi, R.. 21 

Bosnien(Okkupation.Annexion). 

29, 36, 37, 55, 85, 100, 174, 

180, 181. 183. 184, 185, 186. 

187. 188. 196. 252. 254, 256, 

264. 266 
Bosporus, 169 
Boulogne, 24 
Bovio, Giovanni, 102 
Bozen, 158, 197 
Brandenburg, 3, 190 
Brandenburg, F W. Graf v., 7 
Brassies de Saint Simon, 21 
Bratianu, Demeter, 22, 59 
Brauer, A. v^ 66 
Bremerhaven, 131 



Bresd, Angelo, 131 

Bresda, 201 

Brin, Benedetto, 110 

Brindisi, 197, 199 

Brioni. 225 

Broglie, Jacques Herzog v^ 20, 
27, 69 

Brück (a. d. Leitha), 41 

Brudk, K. L. Frh. v., 20, 99 

Brfissel, 36 

Brunialti. ital. Dep., 194 

BrUnn, 14 

Budier, Lothar, 31 

Buchlau, 184, 228, 266 

.Budapesti Naplö". 222 

„Budapester Korrespondenz". 
87 

Bukarest 125, 205, 212. 234 

Bulgarien, 77, 78, 80, 86, 87, 
104, 117, 182, 183, 197, 241. 
253 254 269 

Bfilow. Bernhard Fürst v.. 120. 
125, 127, 132, 139, 140, 142, 
147, 148, 150. 154. 156, 158, 
161, 162. 163. 165, 167. 170, 
172, 177, 178, 180. 185, 186. 
187, 191. 193, 195, 196, 197, 
199, 200, 205, 207, 218, 264, 
272 

BQlow, Otto V., 40. 41, 79, 188 

Bundestag (Bundesakte, Bun- 
desreform) 5, 7, 11, 45, 114 

Bundesfürsfen, 179 

Buol - Sdiauenstein, K. F. Graf 
V., 8 

Buonanna, Enrico, 71 

Buriän, Stefan Frh. v., 161, 168 

Burschensdiafter, Deutsche, 183 

Busdi, Wilhelm, 18 

Busdi, Moriz, 36, 40, 41, 48, 
53. 66 

Busse. O. V.. 19 

c 

Caecilie, Kronprinzessin, 218, 

224 
Cairoli, Benedetto, 29, 60, 62, 

63, 69, 253 



278 



Register: Campagne— Desio 



Campagne (gegen Frankreich)» 5 
Campbell " Bannermann, Henry, 

173 
Campi, ital. Dep^ 137 
Canevaro. F. N. Graf, 128. 129 

Caprivi, G. L, Graf v., 96, 98, 
104, 105. 108, 109, 112. 116. 
119, 262 

Caraglio, 123 

Carate-Brianza, 180 

Carlotfi Marchese. 178 

Cartagena. 171, 295 

Cartwright. siehe Fairfax 

Cassini, ital. Diplomat 158 

Castiglione, Gr&fin, 9 

Cattaro, 175 

Cavaloffi, Feiice, 95. 102 

Cavour, Graf Camiiio Benso di. 
9, 15 

Cettinje, 175 

Challemel-Lacous, P. A^ 69 

Charmatz. Richard, 145 

Chastenei franz. Dep.. 140 

Chaudordy, J. B. Graf v., 35 

Chemnitz, Phil. Bogisl., 3 

Chiala. Luigi, 63, 66, 68. 82 

Chiari. Karl, 161, 223 

Chiesa. Eugenio. 208 

China, 216 

Chitaro, Hauptmann, 223 

Chlumedcy. Leop. Frh. v.. 122. 

128 
Cialdini. General, 16 
Cima, Dodici, 210, 215 
Cirmeni, Benedetto. 205. 217. 

220 
Civita-Vecchia. 22 
Clemenceau, Georges, 93 
Clemenceau, Paul, 93 
Clemenceau (Szeps), Sophie. 93 
Codrondii, Giovanni, 253 
Cohen, J., 18 
Coni (Cuneo), 129 
Conrad v. Hötzendorf. 222. 234. 

237 
„Contemporary Review". 62 
Convention ä quatre, 254 
Corpus Catholicorum, 3 
CorpusSEvangelicorum, 3 



»Corriere delia sera", 100, 123, 
159. 173, 206. 258. 261 

«Corriere dltalia". 175. 219. 233. 
244 

»Corrispondenza Romana". 183 

«Courrier des Balcans". 165 

Crispi, Francesco, 60, 62, 66, 69, 
84, 85. 86, 87. 91. 92. 93. 94. 
95. 96, 98. 99. 100, 105. 108, 
110, 113. 139. 215. 252, 253, 
254. 256. 258. 261 

Cusa, Alexander, Fürst, 12 

Custozza, 14, 61 

Cyrenaika, 216, 229, 267 

Czartoriski, Adam F. v.. 181 
Czas" 193 

Czyhlarz, D. Karl, R v^ 213 

D 

Dänischer Krieg, 11 
„Daily Graphic'. 186 
»Daily Telegraph". 96 
Dalmatten. 71. 169 
Dalmaflna. 209 
Danfelied. 210 
Danzig, 57, 58 
Dardanellen. 181 
Daru, Napoleon, Graf, 20 
David. Eduard, 227. 235 
Decaz4s, L Ch.. Herzog. 35 
Dediamps, Ad^ 23 
Degasperi Aldde, 233 
De Giorgis. General. 150 
Deines. G. A. v^ 111 
Delbrück. Hans, 15, 220, 227 
Delcass6. Teofil. 129, 136, 138, 

139, 140, 147, 153, 205 
Delegationen, österr.-ungar.,' 

siehe Parlamente 
De Marinis, ital. Politiker. 137. 

257 
Demartini, ital. Senator. 159 
De Martino. ital. Dep.. 129 
Depretis. Agostino. 27. 29. 62. 

63. 84, 85. 117, 253. 254, 257 
Derschatta. Julius Edler v.. 143 
Desio, 173, 174, 175, 177, 184, 

268 



Register: Despagnet— FHInkisdies Volksblatt 



279 



Despagnef, 92 
„Deutsche Revue", 46 
»Deutsche Rundsdiau", 10, 11 
«Deutsdie Tageszeitung", 249 
Deutschnationaler Verband, 

(Oesterreich),91, 114,125, 129 

132. 143, 174, 228 
Diplomatischer Ausschuß, 51, 52 
«Diritto-, 24 
Döczy, Ludwig, Frh. v., 38, 39, 

40, 44, 46, 52 
Dodekanesos, 265, 268 
Dolfin, 4 
«Domani", 159 
Donau-Adria-Bahn, 185 
Donau, 209, 216, 245 
Donaufürstentiimer, 12 
Drau, 209 

Dreierverband, 205, 220, 232 
Dreikaiserverhältnis, siehe 

Berliner Entrevue 
Dreikaiserzusammenkunft, 

siehe Berliner Entrevue 
Drouyn de Lhuys, 11, 12 
Duma, siehe Parlamente 
Dupanloup, Bischof, 25 
Durazzo, 137. 176 

E 

Ebray. Aleide. 138 

Ediardt Julius v., 66, 251 

Edcertsau, 183 

Eduard, König v. England. 145, 

171, 179, 205 
«Ec|yet6rl6s". 57, 120, 161 
Eider, 11 

Elisenbahnen siehe Verkehrs- 
politik' 
Eisenmann, Abg. v. Würzburg, 6 
Dsemes Tor, 122, 245 
Eitel Friedrich, Prinz, 153 
Elena siehe Helene 
Elbeschiffahrt, 211, 216 
Ellenbogen, Wilhelm, 231 
Elsaß-Lothringen, 92, 100, 227 
Emigration, Ungarische. 10 
England. 24, 30, 32, 41, 51, 55, 
62, 69, 85, 87. 93, 101. 102. 



103. 117. 118, 119, 121, 122, 
123, 134. 139, 141, 146. 149, 
150, 155. 159. 160. 161, 163. 
166. 169, 171, 172, 173, 174^ 

175, 178, 180, 181, 187, 197, 
199, 203, 210, 215, 220, 221, 
227, 236, 258, 263, 272 

Elnneccerus, L, 119 

Erfurt. 5 

Ernst August Herz, zu Sachsen- 

Koburg-Gotha. 8. 14 
Eugen Prinz v. Savoyen. 4 
Exner. W., 211 
Eylau. 5 
Eym. Ost Abg., 108 

F 

Fairfax, Leighton Cartwright, 

220, 221 
Foldre, E., 118 
Falk, Max, 102 
Falli^res, C A., 180 
Faucon, N., 22 
Ferdinand I. v. Oesterreich, 7, 

27 
Ferdinand, König v. Bulgarien, 

86, 87 
Ferdinand Maria v. Bayern, 4 
Fergusson, J., 101, 102 
Ferraris Maggiorino, 100, 187, 

208, 261 
Ferry. Jules, 22, 69 
Fiori, R di, 99 
»Figaro" (Paris). 99 
Finanzfragen. 110, 128, 136, 

176, 212, 262, 265 
Finnisdie Schären, 199 
Fischhof, Ad., 16 
Fiume. 71, 102, 103 
Fleischmann, Max, 249 
Florenz, 12, 66, 98. 99, 104, 205, 

219, 230 
Florescu, Joan, 104 
Flourens, 102 
Foscaris, ital. Dep., 219 
Fortis. Alessandro. 158. 184. 187 
.Fränkisches Volksblatt" 103, 

260 



280 



Franldiirt a. AI. S. 6, 8, 10. 1 1. 107 
.Fraakfnrter ZeHong'. 58, 71. 
86. 117. 120. 126. 269 

Frankrefdi. 3^ 4. S. 8, 9. 11. 12. 
13. 14, IS. 17. 18. 19. 20. 21. 
22. 23. 24. 25. 27. 28. 29. 30. 
35. 36. 38. 39. 40. 43. 48. 54, 
63. 66. 69. 76. 83. 85. 90. 92, 
95. 96. 100. 102. 103. 105. 106, 
108. 113. 115. 117. 118, 120. 
122. 123. 128, 129. 132, 137. 
138. 139. 140. 141. 142. 145. 
147. 148, 149. ISa 153. 155, 
157. 158. 159, 161. 162. 163, 
166, 169. 173. 174. 177. 178. 
18a 181. 192, 199, 200, 205, 
210, 216, 217, 219, 220, 236, 
241, 242, 243, 255, 256. 257. 
259. 262, 263 

Frantz, Const, 17 

Franz lU Kaiser. 5. 23 

Franz Ferdinand &zherzog- 
Thronfolger v. Oesterreidi' 
Ungarn. 71. 183, 192. 194, 201. 
221. 224, 225, 234, 235 

Franz, Gottfried. 15, 48, 91 

Franzensbad. 79 

Frassati. A^ 258 

Frederickshavn. 199 

.Fremdenbiall*' (MHen). 77. 87. 

98, 117, 144, 154, 159. 165, 

192. 197. 200. 206. 218 
Freydnet Charles, 103 
Friedjung, Heinrich. 6. 12. 49. 

53, 72, 78, 83, 187, 249, 251, 

255. 256 
Friedland, 5 
Friedrich, Kaiser, 15. 21, 22, 24, 

27, 44, 48, 61, 70, 91, 97, 130 
Friedrich Wilhelm. Kurffirst, 3 
Friedridi I^ König. 4 
Friedrich lU König. 4 
Friedrich HU KurTOrsf. 3. 4 
Friedrich Wilhelm II.. König. 4 
Friedridi Wilhelm III.. 16. 41 
Friedrich Wilhelm IV.. 7 
Friedrich. Prinz v. Preußen. 224 
Friedridi Karl, Prinz v. Preußen. 
26 



Friedridi. EidieRog v. Oester- 

rekh. 209 
Ffiedrichsnili. 85. 86, 92. 9fi. 

106. 113, 120 
Fndis, Viktor Iieih. v, 223 
Funke. Alcris^ 143 
Füsnato. itaL Dep.. 183, 185 

G 

GabtKi. Bfirgenndsfer von Alai- 

land. 210 
Gaeta. 171. 172 
Gaiäri. Edmund. 136 
Galizien. 87 
Gambetta. Leon. 67 
Gardasee. 209. 217. 232 
Garibaldi. Giuseppe. 26. 69, 171 
Garibaldi. Menotti. 60 
Garibaldi. Ricciotti. 217 
Gastein. 11. 12. 13. 29. 37. 38. 

40. 41. 42, 43, 44, 45. 48. 52. 

55. 56. 57. 59. 60. 77. 79. 85, 

250. 252 
Gautscfa von Frankenthurm. 

Paul Frh.. 154. 158. 221 
.Gazetta del Popoio". 207 
.Gazetta Norodowa". 113 
.Gegenwari". 14 
Genua. 61. 121. 138 
Genz, Friedrich v., 5 
Gemeinderat (MHen), 190, 209 
Georg V., von Hannover, 36 
Georg. Prinz von Griechenland. 

126 
Georgenorden. 75 
Georgsbankett, 24 
Gerladi, Leopold v., 8 
.Germania" 163. 191 
Gervais. Alfred. 104 
Giers. Nikolai. 57, 58. 75, 77, 

79, 104, 120. 260, 262 
Giolitti. Giovanni, 110. 123. 149. 

159. 165. 178. 185. 201. 218, 

222. 224. 266 
»Giomale d'Italia". 139, 144. 

159. 172, 187, 209, 219, 223, 

228, 244 
Giovagnoli, ital. Dep.. 81 



Register: Gladstone— Herüing 



281 



Gladstone, M^lliam, 55, 62 

Glaser, Heinrich, 14 

Goblet, Ren£, 93 

Goldenes Hom, siehe Konstan- 
finopel 

„Golos" (Petersburg), 36 

Goltz, R. H. L, Graf v. der, 14 

Goludiowski, Agenor, Graf, 115, 
121, 124, 125, 126, 131, 134, 
142, 143, 149, 151, 153, 154, 
155, 158, 161, 164, 168, 170, 
266, 269, 270 

Gontaut-Biron, 21, 24, 27 

Gortsdiakow, A. M., Fürst, 23, 
35, 36, 37, 48. 53, 58, 241 

Görz, 98 

Gofhaer, 5 

Govone, Giuseppe, 12, 13 

Grabmayer, Karl v., 231 

Gramoni Antoine, Herzog v., 
11, 20 

»Greif" 49, 83, 249 

»Grenzboten", 14, 36, 38, 39, 
41, 47. 48, 53. 249, 255 

Grenzstreitigkeiten (Grenz- 
flüsse), 207, 210. 213, 215, 231 

Grövy, Jules, 36 

Grey. Edward, 180 

Griechenland, 55, 122, 126, 165, 
222, 236, 269, 272 

Groß, Gustav, 161, 221, 228, 236 

Großbritannien, siehe England 

Groß-Meseritsch, 201 

Großserbien, 192 

Grünbuch (ital.), über Maze- 
donien, 150, 164 

Grünes, Untersfaalssekretär, 9 

Grunewaldfeier, 212 

Grunwald (»Frankfurter 

Zeitung"). 86 
Guicciardini, Francesco, Graf, 

133, 137, 138, 157, 160, 192, 

203, 204, 205, 210, 219, 255, 

266 
Gurko, Joseph Wladimirowitsch, 

75 



H 



Haager Friedenskonferenz, 128 
Hahn, L, 10 
Hahn, Sigmund, 21 
Hamburg, 101, 113, 179, 241 

»Hamburger Korrespondent", 

116 
»Hamburger Nadirichten", 97, 

103, 116, 117. 120. 125 

Handelskammern, 230 

Handelspolitik (Handelsver- 
träge), 7, 10, 12, 17, 50, 55, 
65, 77. 92, 104, 108. 112. 113, 
128. 132, 135, 136, 137, 138, 
142, 144, 147, 153, 154, 176. 
205, 255, 259, 262, 264 

Hanotaux, Gabriel, 115 
Hansen, Jules, 11, 21, 66, 83, 

87 93 
Harden, M., 130, 191 
Hardinge, Charles, 180 
Hasse, Ernst. 48 
Hatfield, 101 

Haymerie, Alois, Oberst, 61 
Haymerle, Heinrich, Frh. v., 44, 

47, 50, 55, 56, 57, 62. 250, 

253, 256 
Hausmann, Ernst. 119 
Heilige Allianz, 16, 54, 147 

Heinrich, Prinz v. Preußen. 199 

Heinridisdorf-Werhelow, Arnim. 

Graf V., 8 
Helena, Königin v. Italien, 122, 

145, 197 
Helfy, 69, 94 
Helgoland, 101 
Helmolt, Hans F., 83 
Helmstadl, 200 
Herbette, Maurice, 70 
Herero-Aufstand, 150 
Herkulesbad, 122 
Herrenhaus (österreichisches), 

siehe Parlamente 
Herrenhaus (preußisches), siehe 

Parlamente 
Hertling, Georg, Frh. v., 128, 

147, 158. 196, 201, 225 



282 



Register: Herzegowina— Kassala 



Herzegowina, 37, 55, 85, 100, 
180, 183. 185, 187, 252. 256, 
266 
Hilmi Pascha, 193 
Hippolyfusa Lapide. 3 
Hodenberg. M. d. R.. 1 25 
Hofmann, Hermann. 116. 241 
Hohenberg. Herzogin. Sophie v.. 

201 
Hohenlohe-Langenburg. Ernst. 

Erbprinz zu. 196 
Hohenlohe-Schiilingsfürst. 
Chlodwig. Fürst. 13. 17. 20, 
30. 39, 43. 44. 112. 118. 169 
Hohenwart. Karl S.. Graf v.. 27 
«Hohenzoilern". Kaiser] acht. 197 
Holland. 88 
Hollö. Ludwig. 214 
Holstein. Friedrich v., 11, 43 
Homburg. 59. 123 
Hompesch. Alfred. Graf v., 118 
Hoyos. Ludwig. Graf. 227 
Hoyos. Gräfin. Marguerite 106 

J 

Jacini. Stefano. Graf, 60, 100 

Jagow. Gottiieb E. G. v., 230 

«Janus" (Mündien), 71 

Japan, 150 

Jedrzejowicz. A. R. v., 232 

Jena. 5. 107 

Ignatiew. Nikolaus Pawlowitsch, 

58 
Imbriani. Matteo Renato. 102 
»Ind^pendance Roumaine". 208 
Indien, 181. 216 
Innsbruck. 148. 149, 150, 152 
Jomini, Henri, Baron, 36 
Joseph IL, Kaiser v. Oester- 

reich, 4 
„Journal des Debats", 23, 63, 

138, 228 
^.Journal de Francfort", 9 
Journalisten, 113 
Iränyi, Daniel, 85 
Irredenta, 37, 60, 61, 62, 64, 68, 

69, 92, 95, 129, 137, 149, 154, 

155, 167, 174, 176, 178, 180, 



183, 200. 209. 210. i215. 216, 

217. 245. 263 
Isabella v. Bayern. 70 
Ischia. 70 
Ischl. 24. 31. 37, 56, 206. 207. 

208 
Isonzo. 210 
Istrien. 37. 61. 129 
Is wolski. Alexander v.. 1 82, 1 84, 

186. 267 
Jtalie". 120. 151. 244 
Jungtsdiechen. siehe Tschechen 
JungtQrken. 195 
„Jungungarn", 10 
Junius. Redivivus. 13 

K 

Kaftan. Johann, 112 

Kalabrien, 187 

Källay, Benjamin v^ 56, 58. 63. 

64. 67. 254 
Kälnoky, Gustav Freih. v., 56, 

57. 58, 75, 76, 77, 78. 79, 80, 

81. 82. 85, 86, 87. 91, 94, 95. 

96. 98, 99, 104, 105, 108, 110, 

111. 112, 115, 121, 250. 260. 

262 
Kammer (französische) siehe 

Parlamente 
Kammer (italienische) siehe 

Parlamente 
Kamerun. 162 
Kanitz. Hans W. A., Graf v.. 196. 

235 
Kardorff. W. v.. 119 
Karl (Carol) I. von Rumänien, 

12. 22, 104. 122. 139 
Karl VI.. Deutscher Kaiser. 4 
Karl der Große. 115 
Karl Ludwig, Erzherzog v. 

Oesterreich. 68. 79 
Karlsbad. 5 
Karlsruhe. 117 
Karolinenfrage. 78. 85 
Kärolyi. Alois Graf, 9 
Karpathen. 109 
Kassa, 31 
Kassala, 121 



Register: Katharina — Lenz 



283 



Katharina IL, 181 

Kathrein, Theodor Freih. v., 16, 

143 
Kaulbars, Alexander, 78 
Kaunitz, Wenzel Reidisftirst v., 4 
Keyserling, Heinrich, Graf, 22 
Ketteier, Riemens Freih. v., 134 
Keudell, R v., 27, 28, 82, 258, 
Khuen - H6derväry, Karl Graf, 

219, 221 
Kiamil Pascha, 180 
Kiderien-Wächter, Alfred v., 83, 

205, 212, 223, 234, 256, 265, 

270 
Kiel. 115, 123, 221 
Kingston, 96 
KirdienpoliUk, 166 
Kirchenstaat, 226 
Kirschner, Martin, 228 
Kissingen, 79 
Kleinasien, siehe Asien 

Klerikalismus, 18, 22, 27, 28, 

3C. 54, 86, 103, 137 
Klofac, Wenzel, 144, 169 
Koalition (ung.), 160, 161, 168, 

169, 1?0 
Koblenz, 110 
Kohl, Horst, 126 
»Kölnische Zeitung^ 41, 48, 49, 

75. 83, 87, 88, 170, 193, 194, 

244, 249, 255, 256 
Kolonialpolitik, 69, 85 
Kommandosprache (verL ung. 

Armee). 169 
Kolozsvär, 214 
Konferenzfrage, 195 
Kongo, 76, 216, 222 
Königgrätz, 14, 15, 17, 18 
Königsberg, 212 
Konservative, 30, 42, 58, 68 
Konstantinopel, 17, 30, 36, 180, 

181, 187, 188, 192. 193, 216 

Konstitutionelle Opposition 

(Italien), 192 
Körber, Ernst v., 136. 144, 152 
Korfanty, Albert, 212 
Korfu, 197, 225 
Korsika. 69 
Kosdelski, Josef, 113 



Kossuth, Franz, 112, 126, 160, 

170 
Kossuth, Ludwig, 160 
Köszep, 112 
Kozlowski, Wladimir, R. v. Bo- 

lesta, 143, 177 
Krakau, 212 
Kramarz, Karl, 128, 131, 143, 

152. 169, 176, 211, 213, 214, 

217, 232 
Kremsier, 77 
Kreta, 122. 123, 124, 126, 173. 

210, 211, 269 
„Kreuzzeitung-, 37, 88, 249 
Kroatien, 61, 174, 194 
Kronstadt 100, 103, 104, 105, 

110 
Kurie (siehe Papst) 
Küstenland, österreichisches, 257 
Kuttenberger Dekret, 192 

L 

La Marmora, Alfonso, 12, 13, 

22, 26 
Lamsdorff, W. N., Graf, 158 
Landesschützen (ösL), 158, 210 
Landtag (bayrisdier), siehe 

Parlamente 
Landtag (preußischer), siehe 

Parlamente 
Langenhan, Philipp v., 233 
Lanza, Cario, Grai, 26, 139, 160 
Lateinische Bahn, 177 
Latour, Vinzenz, Graf, 211 
Launay-Hallwyl, Cte de, 26, 62, 

67, 68. 82, 92, 95, 99, 258 
Lausanne, 222, 229 
Leboeuf, Edmond, Marschall, 20 
Lebrun, B. L J., General, 19 
Ledebour, Georg, 196, 235 
Legnano, 28 

Lehndorff, Heinrich, Graf v., 43 
Leipzig, 30 
„Leipziger Neueste Nadirichten" 

107, 116 
Lemoinne, J., 23 
L^monon, Ernest, 128 
Lenz, Max, 11 



284 



Register: Leo — Max 



Leo XIIL, 78 

Leopold V. Bayern, 139 

Leopold L, Deutscher Kaiser, 4 

Leopold IL, Deutscher Kaiser, 5 

Leopoldorden, 206 

Leroy-Beaulieu, Anatole, 95 

Levetzow, Albert v., 94 

Liberal, 70 

Ubyen, 71, 231, 244. 272 

Ueber, Ernst Maria, 108, 119 

Liebermann v.Sonnenberg, Max, 

119, 196 
Liebknecht, Wilhelm, 119 
Uga Navale, 178 
Liga Nazionale, 209, 216 
Limgebiet, 37 
Linke, Aeußerste (Ungarn), 70, 

85, 94. 132, 136, 161, 170 
L'Isola, Francois. Baron de, 3 
Lissa, 14 

Llszt, Franz v., Prof., 185, 190 
Utorale, 61, 176 
Livadia, 42, 52, 111 

Lobanow-Rostowski, A.B., Fürst, 

241 
Lochow, J. F. V., 220 
Löcse (Leutschau), 111 
Löwenstein, Karl, Fürst v., 235 
„Lokalanzeiger" (Berlin), 70, 

193 
Lombardei. 9, 245 

London, 12, 13, 20, 22, 52, 103, 
176, 186, 195, 207, 243, 244, 
262, 272 

Lordmayor, 52, 87 

Lorenz, Ottokar. 18 

Lothringen, 92, 100 

Loubet, Emile, 138 

Ludolf, Emanuel, Graf, 82 

Ludwig II. v. Bayern, 17, 38, 
42, 51 

Ludwig Prinz v. Bayern, 200 

Lueger, Dr. Karl, 105, 190, 196 

Luneville, 5 

Lützow, Heinrich, Graf, 232, 265 

Luftschiffahrt, 210 

Lukäcs, Ladislaus, 212 

Luzzatti. Luigi, 204, 205, 211 

Lwow, Journalist, 96 



M 

Mac Mahon, 20, 36 

Madagaskar, 128 

Madrid, 70 

«Mfirz-, 83 

Maffei, Graf, 62. 184 

„Magyar Nemzet", 87, 102, 236 

Mailand, 27, 28, 68, 203, 209, 

210, 220, 262 
Malta, 32, 69. 197 
Manchester, 61 

Mancini Pasquale, 63, 64, 65, 

67, 68, 69, 70, 75, 254 
Mandschu, 216 
Manin, Daniel. 6, 27 
Mantegazza, Vico, 137 
Manteuffel. Edwin, Frh. v^ 41 
Manteuffel, Otto K. G., Frh. v., 

119 
Manteuffel, Otto Theodor, Frh. 

V.. 7 
Mardcs, Erich, 49 
Marcora, Giuseppe, 164, 171, 

178, 181 
Marczali, Heinrich, 46 
Margarete (Margaritta) v. Italien 

21, 26, 63, 109, 264 
Maria Anna v. Oesterreidi, 27 
Maria Antoinette v. Spanien, 31 
Marienbad, 205 
Marienburg, 143, 144 
Marokko, 120, 129. 140, 145, 

150, 163, 167, 158, 161, 162, 

164, 188, 216, 218, 219, 220, 

222 
Marschall v. Bieberstein, Adolf» 

Frh. V., 101, 118 

Marseille, 63, 65, 92, 103, 254 
Martin, Theodor, 24 
Masaryk, Thomas, 108 
Massabuan, 139 
Massaouafrage, 92 
Massari, Giuseppe, 65 
»Matin", 139, 159, 193 
Matter, R. 12, 54 
«Mattino-, 151. 187 
Maurel, Charles de, 95 
Max, Kaiser v. Mexiko, 18 



Register: Mazedonien—Neue R*eie Presse 



285 



Mazedonien, 145, 150, 154, 155, 
156, 164, 166, 167, 177, 179, 
252, 254, 264, 265, 266, 267, 
268, 269, 270 

Mazzini, Giuseppe, 25 

Mehadia, 51 

Melepari, ilal. Staatsmann, 28 

Memorandumprozeß (rumä- 
nischer), 113 

Menabria, General, 92 

Menelik, 159 

Mensdorff " Pouilly, Alexander, 
Graf, 11, 14 

M^rey, Kajetan v., 265 

Mergentheim, 201 

Metternidi, Klemens L W^ Fürst 
V., 5, 19, 20, 23 

Meyers Konversationslexikon, 
249 

Michaelis. Paul, 220 

Militärkommission, 109 

Militärkonvention, 139 

Militärvorlagen (deutsche), 108, 
128 

Militärvorlagen (Oeslerreich- 
Ungarn), 211, 228 

Mincio, 9 

Minghetti, Marco, 26 

Miquel, Joh. v., 94 

Mirabello, ital. Staatsmann, 184 

Mirbach, Julius, Graf v., 119 

Mitrowitza, 175, 176, 177, 263 

Mittelmeer, 66. 67, 80, 101, 102» 
132, 138, 139, 141, 142, 159. 
171, 178, 191, 192, 205, 219, 
232. 243, 257, 258, 263. 272, 
273 

Mittelpartei (prot. Reichsstände), 
3 

Mittelstadt, Annie, 9 

Mittnadit, Hermann, Frh. v., 51 
Mohamed V., 221 
Mohrenheim, Arthur, Baron v., 

83, 87, 93 
Molden, Ernst, 5 
Moltke, Helmuth Johannes v.. 

234 
Moltke, Helmuth Karl, Graf v.. 

12 



Mommsen, Theodor, 125 

Monastir, 177 

Mont Cents, 22 

Montecuccoli, Rudolf, Graf, 167, 
221 

Montenegro, 55, 175, 176, 180, 
185, 197, 253, 269 

Monza, 110, 124, 131, 133, 269 

Morganti, Luigi, 223 

Morier, Robert, 7 

«Morning Post-, 103 

Moskau, 57 

„Moskauer Zeitung", 91 

»Moskowskije Wjedomosti". 36 

Mühlfeld, Eugen, Edler v., 5 

München. 13. 20, 79, 202 

Münchengrätz, 5 

»Mfindiener Neueste Nachrich- 
ten", 106, 110, 116 

Münster, Georg Herbert, Fürst, 

43, 93 

Munt, Sigmund, 220, 221 
Mürzsteg, 145, 156, 176, 264, 

265, 266 
Murad L, 181 
Murawiew, Michael N. Nikolaje" 

witsch, Graf v. 122, 123, 269 

N 

Napoleon L, 5, 181 

Napoleon III., 9, 14, 15, 16, 17, 

18, 20, 24. 60 
Napoleon, Jerome, 18 
Nationalliberalen, 96, 117, 160, 

161 
Nationalverband, Deutscher, 

(Oesterreidi), 210. 236 
„Nationalzeitung", 70, 83, 93, 

110 
Nathan, Bürgermeister von Rom, 

214 
Neapel, 30, 60, 99, 131, 150, 151, 

153, 155 

»Neue Freie Presse", 20, 38, 

44, 52, 58. 77, 87, 99, 106, 120, 

154, 171, 173, 178, 186, 190, 
203, 205, 212. 220, 221, 223, 
231, 243, 244 



286 



Register: Neue gesellsdiafüidie Korrespondenz— Papst 



„Neue gesellschaftlidie Korre* 

spondenz", 220 
Neuenburg, 9 

„Neues Pester Journar, 250 
„Neues Wiener Tagblatt", 119 
Neugriechenland, 269 
Neumayer, Josef, 209 
Neuserbien, 268, 269 
Newa, 180, 241 
„Newyork Herald", 106, 136 
Nicotera, Giovanni, Baron, 26, 

28, 69, 105 
Nigra, Costantino, Graf, 12, 16, 

28, 60, 110, 132. 186, 241 
Nikolaus I. v. Rußland, 7 
Nikolaus 11. v. Rußland, 75, 112, 

124, 171, 179, 194. 199, 201 
Nikolsburg, 15, 16, 60, 84, 90 
Nissen. Waldemar, 101 
Nizza, 12, 69 
„Nord" (Brüssel), 36 
Nordafrika, siehe Afrika 
Nordamerika, 136 
„Norddeutsche Allgemeine Ztg.", 

46. 79, 86. 91, 121, 139. 141, 

143, 146, 164. 169, 174, 180, 

185, 188, 191. 199, 202, 204. 

221, 227, 232, 234, 243, 259 
Norddeutsdier Bund, 16 
Nordpersien, siehe Persien 
Noradunghian, turkisdier 

Minister, 193 
Nordsdileswig, 36 
„Nouvelle Revue", 63 
Novara, 82 
Novipasar, 37, 111. 154. 175, 

180, 184, 252 
„Nowoje Wremja" 96 
„Nowosti", 124 
„Nuova Antologia", 100, 258 
Nymwegen, 3 
„Nyugat", 66, 124 

o 

Oberdank, Wilhelm, 68 
Oberhaus (engl), siehe Parla- 
mente 
Oderberg, 112 



Odescalchi, Prinzessin, 38 
OesferreichischeErbfolgekrieg.4 
Oertel, Ernst Georg, 227, 235, 

236 
„Oesterreidiische Rundschau". 

187 
Ofen, 10 
Ogari. 113 
Ojetti. Ugo, 139 
Okkupation (siehe Bosnien) 
Ollivier. Emile. 18 
Olmütz, 5. 10 
Oncken. Hermann. 20, 26, 63. 

69, 179 
Oos, 18 

„Opinione" 27, 84, 99, 113, 257 
„Or6noaue" Kriegssdiiff, 22 
Orient (siehe Balkan) 
Orientbahnen, 175, 183, 254, 268 
Orlando, Vittorio, 234 
Orleans. 26, 36 
Orloff, Alexej, Fürst, 75 
Osborn, 24 

Oskar, Prinz von Preußen, 153 
„Osservatore Romano", 103 
Ostasien, 115, 141 
Osterode. 212 
Ostmarkenpolitik, 174, 212 
Ostsee, 191, 233, 245 
Otfomanisches Reich (siehe 

Türkei) 
Oubril, Paul v., 48 
Outidinos, 62 

P 

Paasche, Hermann, 119 

Fächer, Rafael, 161 

Pactinico, 234 

Palermo, 60, 108 

Pälffy ab Erdöd, Andreas Graf. 

133 
Pällavicini, Johann, Graf, 193 
Paluzzi, 223 

Pansa, A., 202, 203, 234 
Panslavisfen, 36, 54, 176 
„Panther-, 216, 218 
Papst, 22, 24, 71, 86, 105, 107, 

109, 128, 146, 183, 260 



Register: Pardo — nanat 



287 



Pardo, Guido. 164 
Pariser Kongress, 8, 15 
Paris. 8. 9, 12. 13. 17, 18. 19. 
20, 22, 25, 31, 38, 39, 58, 69, 
75. 92, 100, 103, 120. 135. 136, 
145. 163. 202. 207. 212. 230. 
259 262 
Parkring (Wien). 209 

Parlamente: 

England : 
Oberhaus: 87 
Unterhaus: 101. 102 
Deutschland: 
Reichstag: 24. 36. 57. 65. 
76. 81. 84, 89, 104, 108, 
125, 134, 140, 147, 148. 

154, 156, 158, 160. 161. 
177. 185. 186, 201, 214, 
215, 217, 224, 234, 237, 
264 

Landtag (bayrischer), 225 
Landtag (preußischer) 
Herrenhaus: 25, 26 
Abgeordnetenhaus: 26, 
143 
Frankreidi : 

Kammer: 129, 138, 139, 147 
Italien: 
Senat: 101, 110. 121, 129, 

155, 159, 220 
Kammer: 26. 65, 68, 69, 75. 

81, 82, 91, 94, 99. 100. 
105. 110. 129, 133, 167, 
171, 172. 177. 178. 179. 
181. 183. 184. 185. 194. 
199. 209, 211, 214, 218, 
219. 233, 236, 237, 257. 
263, 268, 271 
Oesterreich-Ungam : 
Delegationen: 28, 50. 55, 
56. 58. 59, 61, 63, 64, 65. 
76, 77. 80. 81. 86. 94, 98, 
102. 105, 108, 110, 112, 
115, 121. 124. 126. 131. 
143, 149, 152. 161, 163. 
164, 165, 166, 168, 169. 
170. 174. 175. 176. 177. 
180, 181. 182, 212, 213, 
214. 217. 218, 222, 226, 



227, 229, 230, 231, 232, 
233, 243. 253. 257. 260, 
269, 271 

Oesterreich : 

Reichsrat: (Herrenhaus und 
Abgeordnetenhaus): 79, 91, 
98, 105, 114. 126. 136, 
143. 144. 152, 154. 173, 
177. 210. 211. 217, 221, 
228 

Ungarn : 

Reichstag : (Magnatenhaus 

und Abgeordnetenhaus): 6, 

69, 76, 78, 85, 93, 119, 

123, 126. 127. 131. 136, 

212. 219. 221 

Rußland: 

Duma: 169 

„Patria". 132. 160 
Payer. Friedrich v.. 235 
Pazak. Friedrich, 112 
Päzmändy, Dionys, 6 
Peali, 61 
Pelloux, Luigi, 128 

Pentarchen, 69 
„Perseveranza". 229 
Persien. 141. 216 
Peschka. Franz. 161 

„Pester Lloyd". 10. 31. 68, 98, 
102, 133. 163, 172, 197 

„Pesti Naplo" (Budapest), 14,78 
Peter, König v. Serbien. 217 
Peterhof, 124 

„Petersburger Telegraphen» 
agentie", 169 

Petersburg, 24, 31, 36, 37, 51, 
52, 53, 54, 56, 57, 58. 75. 76. 
79. 91. 106, 117. 129. 175. 204, 
255, 269 

Peyramont Louis. 36 
Pfretzschner. Adolf Frh. v.. 51 
Pforte, siehe Türkei 
Piemont, 20, 60, 207 
Pisa, 229, 230 
Pittoni. Valentin. 176 
Pius IX., 24 
Planat de la aye. 6 



288 



Register: Hener— Riforma 



Plener, Ernst, Frh. v^ 16, 91. 

105. 211 
Poebene. 174 
Pola, 197. 223 

Polen. 54. 127, 227. 283, 235 
Polnische Frage, 11, 113, 127, 

131, 136, 143, 144. 154, 174, 

176, 193, 213 
Policeman of Europe. 32 
.Politische Korrspondenz", 

(Wien), 172, 194, 232 
Polönyi, G6za. 157, 169 
„Popolo Romano", 82, 84, 138, 

140, 156, 159, 174, 175, 206, 

207, 219, 226, 228, 229, 236, 

244, 257 
Poschinger, Margarete v., 15 
Poischinger, Heinrich R v^ 8, 

16, 17, 35, 39, 48, 53, 91, 96, 

106, 107, 117 
Posen, 143, 193 
„Post". 83, 104, 213 
„Postzeitung", 9 
Potsdam, 107 
Pontebba, 208 
Prado, ital. Dichter, 76 

Prag. 41, 112. 144. 169, 185, 186, 

192, 214 
Prager Friede, 16, 36 
„Preparazione", 223 
Preßburger Friede, 5 
„Presse" (Wien), 12, 98 
„Preßzentrale" 219 
Preußen, 113, 118, 126, 127, 131, 

139, 143, 144, 154, 190, 200, 
209, 212, 214, 218. 227, 233, 
235 

„Preußische Jahrbücher", 31, 

118 

Prinetti, Piulio, Marchese, 129, 

137, 138, 141, 142, 205, 263, 
266 

„Provinzialkorrespondenz", 46 
Pruth, 139 

Puplia-Gesellschaft. 133, 144 
Puiszkv, Franz, 125 



R 



Racconigi, 201, 204, 208 

Radikale, 69, 113, 155, 172 

Radowitz. J. M. v., 189 

Rainer, Erzherzog von Oester- 
reich, 110, 173 

RapoUa. 172, 173 

.Rassegna settimanale", 63 

Rastatt, 9 

Ratazzi, ital. Staatsmann. 20 

Rath, Hermann vom, 220 

Rathlet G.. 8 

Rechberg. Joh. Bernhard Graf v., 
10, 11 

„Reform" (Pest), 19 

.Reichsanzeiger" 36, 87, 116 

.Reichspost- (Wien), 191, 192, 
222 

Reichstadt, 85, 101 

Reichstag (deutscher) äehe Par- 
lamente 

Reichstag (ung.) siehe Parla- 
mente 

.Reichswehr", 113 

Reiset, Gustave. Cte. de, 9 

Renner. Kari, 213. 214 

Republikanismus. 65, 66 

.Resfo del Cariino". 172. 253 

Reuchlin. Hermann. 12 

Reuß. Heinrich VII.. Prinz von, 
30, 49. 50, 67, 93, 95 

Reval, 179 

.Revue de Deux Mondes". 18, 
54. 69, 95. 100 

.Revue de l'Orient". 87 

.Revue de Paris" 129. 131 

„Revue Pol. Int". 128 

Rheinbaben. Georg Freih. v.. 154 

„Rheinisch - Westfälische Ztg.". 
193 

Rhein, 5, 9, 29 

Rheinbund, 5 

Rhodus, 245 

Ricasoli, Bettino Baron, 16, 20 

Richieri, ital. Schriftsteller, 129 

Richter, Eugen, 30, 119 

Richfhofen, Kari, Freih. v, 236 

„Riforma", 86, 99 



Register: Rimler — Sdira^er 



289 



Rimler. Julius, 136 

Ringstraße (Wien), 209 

Riv& 223 

Robilanf, Carlo Graf v, 64. 67, 
68. 77, 78. 81, 82. 83, 84, 258 

Römische Frage, siehe Papsf 

Rogge, W., 27 

Rohlfs, Gerhard v, 229 

Rominteii, 153 

..Rossiia". 169 

Rotbuch (öst-ung.) Aber Alge- 
ciras. 161 

Rottenburg, v.. Geh. Reg.-Rat, 79 

Rov6reto, 223 

Royalisten, 22 

Rudini, Antonio, Marchese di, 
76. 99, 100, 101. 102. 104. 105. 
108, HO. 113. 120. 121. 257, 
260. 261, 262, 268 

Rudolf, Kronprinzv. Oesterreich- 
Ungam, 31, 56, 224 

Rückversicherungsuertrag 
(Deutschland und Rußland). 
116. 117. 118. 119. 120, 125. 
241. 263 

Rumänen. 12. 22. 23. 50. 59, 
104. 112. 125, 208, 228, 233 

Russisch-Türkischer Krieg, 32, 35 

Rußland. 5, 7. 8. 16. 23. 24, 30. 
31. 32, 35. 36. 37. 38. 39. 40. 
42. 43. 44. 45. 49. 50, 52, 53, 
54. 55. 56. 58. 59. 61. 69. 70. 75. 
76, 77, 78. 79. 81. 82. 83, 84, 85, 
87, 88. 89, 90, 91, 96, 10t, 102, 
106, 107, 108, 109, HO, 111, 
112, 115, 116, 117, 118, 119, 
120, 122, 123. 124. 125. 126. 
131, 134, 145, 150, 153, 155, 
164, 169, 173, 175. 176, 180, 
181, 182, 184, 186, 187. 188. 
193, 210, 211, 214, 21ß, 241, 
243, 253, 256, 262, 263, 265, 
266, 269 

„Russkoje Slowe", 204 



Singer, Gesdiidite des Dreibundes 



s 

Sachsen wald, U4 

Sachsen der romanischen Rasse, 

29 
Sachsen-Weimar, CariAlexander 

Ghzg., 30 
Sachsep-Weimar, Maria Przssin^ 

30 
Sadowa, 12, 13, 26 
Sainf-Hilaire, Barthölemy Jules, 

103 
Saint Vallier, jCharies, Graf v., 35 
Saieffa, ifai. Geheral, 165 
Salisbury» Robert, Marquis v., 

51, 52, 87, 101, 262 

Saloniki, 175. 253, 254, 256, 26^ 
Salzburg, 18, 24, 31, 180, 206, 

207. 208, 213, 223, 266 
Samoa, 128 
San Giuliano, Antonio, Mardiese 

di, 144, 146, 164, 204, 205, 206, 
207, 208, 214, 216, 219, 220, 
223, 224, 225, 226, 229, 230. 
233, 236, 237, 267, 271, 272 

San Martino, ital.Dep., 141,142 
San Rossore, 229, 230, 267 
Sandschak 182, 252, ^53, 271 
Sandschakbahn. 176, 177 
Sanf Onofrio Di. ital. Dep.. 82 
Santini. ital. Dep., 152, 178 
Santo Stefano, 32, 35, 51 
Saracco, Giuseppe, 131 
Sarajevo, 61, 175 
Sardinien, 8 
Schemuä. Blasius, öster. General, 

234 
Schiffahrt 7, 120, 166, 202, 214, 
216, 232, 264 

Schlesien, 139 
Schlesische Kriege, 4 
Schleswig-Holstein. 10, 12 
Schmerling, Anton R. v., 11 
Schmoller, Gustav, 190 
Schön. Wilhelm v., 200 
Schönbrunn, 46, 60. 169, 179, 
193, 226 

Schönerer, Georg. R. v., 148 
Schrader, Karl, 196 

19 



290 



Register: Sdiuhmann— Syrten 



Sdiuhmann, Joseph» 21 
Sdiulgesetze (franz.), 22 
Sdiultheß' Gesdiiditskalender, 
249 

Sdiuwaloff, Peter. Graf. 31, 96 
Schwarzes Meer, 191, 233 
„Schwarzgelb- (VWen), 93 
Sdiwarzenberg, Felix, Fürst v., 7, 
Sdiweden, 181 
Schwegel, Joseph, Frh. v., 161, 

213 

Schweiz. 113 

Sdiwerin-Löwitz. Hans, Graf, 218 
Seehandlung, 75 
Seherr-Thosz, Arthur, Graf, 10, 12 
Seine, 176 
Sella, Quintino, 26 
Semmering, 174, 176, 177, 268 

Senat (italienischer) siehe Par- 
lamente 
Septembervertrag, 11 
Serbien, 60, 69, 77. 18§, 186, 

193. 196, 233, 234, 236. 236, 
263, 264, 270 

Sermonela, Onorato, Herzoq v.. 

121 

Sforzaschloß (Mailand), 210 

Siebenbarger Sadisen, 79 

Siebenjähriger Krieg, 4 

„Si^cle". 124 

Simonides« 223 

Sinaia, 228 

Singer, Arthur, 9. 66, 89, 116, 

126, 260 

Singer, Sigmund, 41, 44 
Simitsch, Djoka, 193 
Sizilien, 163, 187 
Skarbeck, Alexander, Graf. 227 
Skedl, Arthur, 217 

Skierniwice, 65, 76, 76, 116 
Skobelew, Midiael, General, 68 
Skutari, 176 

Slaven, (öster.), 30, 168, 169. 
181 

Slowenen, 129 

Societa Scuolastica pro Patria 

209, 216 
Sofia, 104, 182, 197 

Sokol vereine, 212 



„Soleil", 36 
Somaliland, 172 

Sonnino, Sidney Baron, 66, 158, 

169, 184, 219 

Sozialismus. 67, 62 
Spadaro, Peter, 233 

Spanien, 86, 126, 171, 174, 178 
Spahn. Peter. 227. 236 
Spanischer Erbfolgekrieg. 3 
Speck. Karl. 186 
Speyer, Otto, 26. 28, 69 
Spionage, 223 

Staatsschuld (österreidiische).12 
..Standard". 101, 103, 117 
Stadtverordneten. Berliner, 209. 

227 

„Stampa". 2^19 
Stapinski, Johann. 232 
St.-C6re. 99 
Steirer. 114 
Stölzel. Arthur. 211 
Stolberg-Wemigerode, Gf. Otto, 

48. 61 

Stolberg-Wemigerode. Udo. Graf 

V. 140 

Stosch. Albrecht v., 14 
Straßburg. 43 
Strattmann. 3 
Straubinger Hotel. 29, 38 
Studenten (Berliner). 186 
Studenten (französische). 192 
Studenten Htalienische). 210 
Studenten (österreidiisdie). 212 
Sturdza. Demeter. 12, 122 
Stuttgart, 6 
Sudan. 120. 126, 128 
Suess, Eduard. 166 
Südafrika. 128. 134 
Saddeutschland. 114, 200 
.Süddeutsche Korrespondenz", 

172, 192, 193, 203 

„Süddeutsdie Presse**, 17 
Südtirol, siehe Tirol 
Sussak. 167 
Swinemünde. 171 
Sybel. Heinridi v.. 4. 7. 8. 11, 16 
Sylvester, Julius. 166, 166 
Syrakus. 121 
Syrien. 246 



Register: Szalay— Türkei 



291 



Szalay, Ladislaus, 6 
Szäpäry, Gf. Julius, 89, 104 
Sz^diönvi. Emeridh, Gf. v., 108 
Sz611, Koloman v.. 132, 144 
Szeps, Moritz, 24, 93 
Szylagyi, Desider, 76 
Szögvönv-Maridi, Ladislaus v., 

108, 134, 139, 205, 224, 230, 
232 

T 

Taaffe, Eduard, Graf. 56. 79, 91. 
93, 98, 105 

Tabakmonopol, 176 

„Tag", 179 

„Tägliche Rundschau", 162 

Tanger, 153 

Tannenberg, 144 

Tassi, ital. Senator. 185 

Tauffkirchen, K. Th. Graf v., 17 

Tavema, ital. Senator, 102 

Teatro Urico (Mailand), 209 

Tecdhio, Sebastanio, 50, 76 

Teisserence de Bort, 47 

„Telegraf en- Korrespondenz- 
büro", K. K. öst, 180 

Tesdien, 8 

Temesvär, 170 

..Temps«. 19. 47. 70. 138, 191, 194 

Terebes, 38, 42 

Therese, Eräherzogin v. Oester- 
reich, 21 

Teschener Friede, 4 

Thiers, L A., 22, 103 

Thomas, v. Savoyen, 70 

Thomas, Herzog v. Genua, 138 

Thom, 113 

Thraäen, 270 

Thugut, Freih. v., 5 

Thun, Franz Anton Graf v., 127 

Thun, Leo Graf v., 30 

Thun, Graf, öst. General, 61 

Tibet, 150 

Tilsit, 5 

„Times", 89, 113, 262 

Tirol, 37, 61, 76, 139, 154, 157, 
174, 175, 181, 207, 210, 217, 
228 



Tisza, Koloman, 28, 31, 44, 47. 

69, 76, 77, 78, 82, 85. 94. 97 
Tlsza, Ludwig, Graf, 98 
Tisza, Stefan Graf, 233 
Tittoni, Tommaso. 149. 150. 151, 

152, 153. 154. 155. 156. 159. 

163, 164, 165, 167, 168, 171, 
172, 173, 174, 177, 178, 179, 
180, 181, 184, 185, 194, 197, 
199. 200. 202. 204, 205, 252. 
253. 257. 259. 260. 263. 264. 
266. 267, 268. 269. 270 

Todesco, Ed. Baron v., 38 

ToUinger, Johann, 169 

Torii. 245 

Torre. ital. Dep., 234 

Tory. 51 

Toulon. 138. 139. 259 

Trentino. 28. 31. 63. 69. 71. 76, 

92, 117, 137. 184, 200. 257 
Trento e Trieste. 209 
Treskow v.. General, 56 
..Tribuna". 84. 113. 133. 140. 160. 

164. 172, 175, 183. 187. 188. 
193, 197, 219, 228, 229, 234, 
236, 242, 244, 257, 261 

Tridentina, 209 

Trient (Trento), 209, 210, 214 

Triest 28, 61, 62, 63, 68. 69. 71. 
92. 95. 98. 117. 129. 137. 162. 
183. 214. 257 

Tripelentente. siehe Dreierver- 
band 

Tripolis, 71. 129. 137. 140. 162. 
216, 219, 220, 221, 223, 230. 
245, 258 

Tripolitanien, 267 

Tschechen (Jungtschechen), 98, 
105, 108. 112. 127. 128. 129, 
131, 132, 143, 144. 152. 159. 
169. 176. 192, 193, 211. 217, 

218 
Tschirsky u. Bögendorff, H. L. v., 

160, 232, 243 
Türkei, 8, 24, 30, 35. 37. 55. 115. 
118, 122. 133, 145, 150, 175, 
177, 182, 183, 187, 188, 202. 
208, 221, 222. 228. 229, 231, 
241, 250, 252. 254. 265. 268. 270 

19* 



292 



Register: Tfirr— Werlhehner 



TOrr. Stefan. 18, 37 

Tunis. 22. 29. 63. 65. 120. 220. 

254 
Turafi. ifal. Dep^ 199 
Turin, 12. 36, 67. 68. 86. 207. 

213. 219. 258 
Twesfen, Kart. 11 
Tyrrhenisdies Meer. 191 

u 

UeskOb. 175 

Uaron, Gabriel v^ 106. 132. 136 

Ultranionfan. 260 

Unabhängigkeifspartei (ung.) 
siehe Unke 

Ungaro Croafa, 144 

Unger. A. v^ 97 

Universitäfsfrage (ifalienisdie). 
148, 149, 174. 177. 183. 184, 
185. 192. 206. 208, 209. 210. 
217, 220. 221. 232, 233 

„Unsere Zeit", 21, 28. 69 

Unterhaus (engl.), siehe Parla- 
mente 

Usedom, K. G. Graf v., 12, 13 

Uvac 177 

V 

Valbert, G.. 54. 69 
Vall'alta, 171 
Valona, 137, 177, 236 
Varzin, 35, 48. 62. 77. 113 
„Vateriand" O^ien), 27. 220 
Vatikan, 24, 25. 27, 28, 66, 70, 

146, 183, 262 
Venedig, 6, 13, 27, 28, 102, 120. 

121. 142. 154, 155, 177, 178, 

180, 197, 210, 218, 225, 245, 

265, 270 
Venetien, 12, 15, 16, 60 
Venezuela, 145 
Verkehrspolitik (Eisenbahnen), 

50, 129. 171, 179, 183, 185, 

228, 254, 264, 268 
Versailles. 20 
Vesuvkatasfrophe, 159 
V6szi, Josef, 68 



V^szi. Margit. 234 

Vicenza. 207 

V^tor, Prinz v. Italien, Graf von 

Turin, 224 
Viktor Emanuel I., 13, 19, 20, 

21, 22, 26, 27, 28, 29, 30 
Viktor Emanuel III., 110. 122. 

131. 133. 143. 145, 146, 151, 

155, 160, 169, 171. 172. 173. 

177. 179. 197, 198. 199. 201. 

203. 205. 206, 206, 218, 225, 

229, 232, 266 
\^IIa, ital. Staatsmann. 61 
\^llafranca. 9 
Vincenti, Fr. di. 13. 26 
\^rpozar. 176 
Vesdil, ital. Senator. 186 
\^sconti-Venosta. Emilio. 16.20. 

25. 26, 120. 123. 124. 133. 138. 
167. 168. 268 
„Vita". 71, 229. 236. 244 

Vitzthum V. Eckstädt. K. E Graf. 

12 13 20 

„Voce della Verita". 29 
Volkspartei, forfschrittlidie 

(Deutschland). 236 
„Vossisdie Ztg.". 116. 117. 160, 

210, 227. 234, 236 

Vukovic. Anton R v, 177 

w 

Wagener, Hermann, 16 
Wagner, Franc, 4 
Warschau, 7, 16, 41 
Wasdiaty, Jan, 98. 106 
Weber, 0., 18 

Wedel, Karl, Graf v., 96, 157 
„Wehrzeitung" (Wien), 19 
Weinzoll, 132. 143 
Weiskirchner, Richard, 211, 216 
Wekerle, Alexander, 170, 196 
Weifen, 125 

Welschfirol, siehe Tirol 
Welsersheimb, Zeno, Graf v., 

158, 161 - 

Werder, v., General, 35, 42 
Wertheimer, E. v., 18. 19, 20, 22, 

37, 46, 49, 188 



Register: Werther— Zwölf erkogel 



293 



Werther, Karl, Frh. v, 17 
.Weser-Zeitung", 83, 250 
Westfälisdier Friede, 3 
Westpreußen, 143 
Wiemer, O., 185 
.Wiener Abendpost", 189 
Wiener Kongreß, 5, 41 
.Wiener Tagblatt", 93 
Wener Vertrag (1616), 3, 133 

Wlhelm IL, 56, 76, 91, 92, 95, 

96, 111, 113, 130, 143, 144, 

~ 145, 146, 151, 152, 153, 155, 

158, 159, 160, 161, 178. 179, 

183, 190. 191, 198, 199, 201, 

205, 208, 209, 213, 214, 216, 

217, 218, 221, 225, 229, 230. 
234 

Mülheim Friedrich. Kronprinz, 

130, 134, 197, 212, 218, 224 

\Anihelmshöhe, 171, 228 
VWmmer, J., 30 

Wimpffen, Felix Graf v., 64, 95 
U^ndthorst, Ludwig, 84 

\Mndisch-Gr8etz, Prinz Ludwig. 

272 

V^ndsor, 101, 103 

Wirth, Albert, 139, 242, 246 



Wirtschaftspolitik. 132. 136. 176, 

184, 206, 254, 261, 266 

Witte, S. J. Graf, 163 
Wolf. K. H^ 232 
„Wolffsches Büro", 193 
Wollheim da Fonseca, 26 
Wreschen, 144 

z 

Zanardelli. Giuseppe. 69, 71. 136. 

137, 259 

Zanzibar, 263 
Zarenbriefe, 37 
Zarigrad, 181 

Zentrum, 108, 112. 128, 186. 191, 
196. 218. 227, 236 

Zichy. Franz Graf, 30 
Zimmermann, Julius Heinrich, 

125 

Zollfragen. 30. 50. 66. 104, 112, 

128, 132, 147, 262, 267 

Zollverein, 7 
Zorae, Historiker, 12 
„Zukunft", 130 
Zweibund, 103, 144 
Zwölf erkogel, 216 




Seite 11 
« 22 
., 235 



Drudifehler. 

Mensdorf, richtig: Mensdorff, 
Kayserling, „ Keyserling, 
Kaunitz ,. Kanitz. 



JUN 1 7 i9l6 



\