(navigation image)
Home American Libraries | Canadian Libraries | Universal Library | Community Texts | Project Gutenberg | Children's Library | Biodiversity Heritage Library | Additional Collections
Search: Advanced Search
Anonymous User (login or join us)
Upload
See other formats

Full text of "Geschichte des rumänischen Volkes im Rahmen seiner Staatsbildungen"

Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 





> ' 



«liltfl^ 



tr .t' 






1 Olv'v /'JL^ ^^J 



L. 



ALLGEMEINE STAATENGESCHICHTE 

Hersosgegebea von KARL LAMPRBCHT 

I.ABTEILUNG: GESCHICHTE DER EUROPAISCHEN STAATEN — IL ABTEILUNG : OB. 

SCHICHTE DER AUSZEREUROPAlSCHEN STAATEN — UI. ABTEILI;NG : DEUTSCHR 

LANDESOESCHICHTBN 



Erste Abteilung: 



Herausgegeben 



A. H. L. HEEREN, F. A. UKERT, 
W. V. GIESEBRECHT UND K. LAMPRECHT 



Vierunddieiteigstee Weik: 

JORQA, GESCHICHTE DES RUMÄNISCHEN VOLKES 

Zweiter Band 
(Bia zur Oesemvart) 



GESCHICHTE DER EUROPÄISCHEN STAATEN 

Heriiugegeben von 

A. H. L. HEEREN, F. A. UKERT, W. v. OIBSEBRBCHT 

UND K. LAHPRECHT 

ViernnddreilUgsteB Werk 



GESCHICHTE 

DES 

RUMÄNISCHEN VOLKES 

IM RAHMEN SEINER STAATSBILDÜNGEN 

VON 

N. JPRGA, 

Profeesor an der Univenität Bulcareit 



Zweiter Band 
(sie zur Oeeenirart) 



GOTHA 
FRIEDRICH ANDREAS PERTHES 



1905 



: »^ • 


IT 9 


" m • - • 


» ' 


» 


• k 


• 


• • • 


• 






» • 


•■ 


* 


p ^ • 


.• • 


m 


«i • ♦ • 


* • 


• • 


»•• 


• • • <■ 


. 


» 


• *• • 


«• • 


» 




a _ 




*.- ; 


» 




) 


« •• 


* 


• •• 


# 


• • ^~ • 




• - • 




• ••• • 


( 


• «•• 


« ( 


k « •«< 


r 


• • 


• « « 


• • V • 


« 


r • 


P • « • *• 


* t ^- 



Fi 



; . \ 






()94i)t) 



Tl. ü. 
h 



y 



VoT*\sroi?t. 



Der Druck dieses Werkes hat zwei Jahre gedauert. Während 
dieses Zeitraumes haben sowohl der Verfasser als auch andere 
weitere Studien zur Geschichte der Rumänen gemacht. Dadurch 
werden hier und da einige Einzelheiten geändert ^ die nicht alle 
berichtigt werden können; eine Ergänzung durch Mitteilung der 
neugewonnenen Resultate ist auch unmöglich. 

Ich mufs hier aber auf folgende Arbeiten hinweisen. J. Bog- 
dan hat von seinem Werke „Rela^iile Bra§ovuluI" eine zweite, 
mit den slavischen Texten versehene Ausgabe erscheinen lassen 
(Rela^ile "färil-Romäne^tl cu Bra^ovul §i cu "fara Ungureascä, I, 
Bukarest 1905)^ und als dessen natürliche Fortsetzung kommt 
mein Bra^ovul fi Rominil (Bukarest 1905) in Betracht, das 
Studien unter Heranziehung der im Kronstädter Stadtarchive auf- 
bewahrten rumänischen Briefe enthält. Ein IX. Band ist zu den 
bisherigen sieben der„Studil §i documente" hinzugekommen, 
und Bra^ovul §i Rominil erscheint nun als der zehnte der 
ganzen Serie. Der VIII., welcher ein kulturgeschichtliches Re- 
pertorium enthalten soll, liegt noch nicht vor. Die Inschriften der 
Kirchen und Erlöster Rumäniens habe ich in einem Werke ge- 



VI Vorwort. 

sammelt; dessen I. Teil nunmehr vorliegt (,;Inscrip^il din bisericile 
Romäniel^'). Endlich enthält meine ,,Istoria Rominilor in chipuri 
§i icoane" („Geschichte der Rumänen in Porträts und Bildern*^, 
2 Bändchen, Bukarest 1905) eine Reihe von Vorträgen, die vor 
dem „Verein der rumänischen Frauen" gehalten worden sind und 
viele Eulturgegenstände behandeln. 

Bukarest, Juni 1905. 

N. Jorga. 



ij 



Inhalt. 



Seite 



Ylerter Abschnitt: Drückende türkische Oberherrschaft bis 
zur Zeit der Fanarioten. Verfall des rumänischen 
Bauernstandes. Der Fiskalstaat ab Erwerbsquelle 
für abenteuerliche Pächter. 

1. Kapitel: Yerhältnis der Bumänen za den Türken. Das tür- 
Idsclie Gebiet (Baja) auf ramänischem Boden. Ansiedelung ron 
Tataren in Bessarabien (Budschak) 1 

I. Bildung der Baja S. 3. Die moldauische Baja ?on Chilia und 
Cetatea-Albä S. 3. Willkürliche Ausdehnung des Bajagebietes S. 4. 
Unannehmlichkeiten seitens der Türken in der Baja S. 6. 

II. Verhältnis zu den Tataren S. 8. Tatarisch -kosakisdie Kämpfe 
S. 8. Ansiedelung der Tataren in Bessarabien S. 11. Cantemir, 
Führer der bessarabischen Tataren S. 13. Deren Verfassung S. 14. 

2. Kapitel: Erwählung und Einsetzung der Fürsten in Konstan- 
tinopel 17 

Ältere Gebrauche bei Einsetzung der Fürsten S. 17. Kämpfe der 
Prätendenten S. 20. Thronbesteigung durch türkische HUfe S. 22. 
VasallenTerhaltnis zu den Türken und freie Verfugung der Fürsten 
in den inneren Angelegenheiten S. 24. Tracht der Fürsten S. 27. 
Die Prätendenten finden keine Hilfe in Ungarn und Polen S. 29. 
Sie flüchten sich zu den Kosaken S. 32. Europareisen der Prä- 
tendenten S. 34. Berufung der Fürsten nach Konstantinopel S. 37. 
Fürstliche Geiseln in der türkischen Hauptstadt S. 38. Neuerung 
bei Einsetzung durch die Türken S. 39. Türkische Mode in den 
Fürstentümern S. 44. 

3. Kapitel: Der griechische Einflufs 45 

Hilfeleistung der Griechen bei der Fürstenernennung in Konstanti- 
nopel S. 46. Familienverbindungen mit den konstantmopolitanischen 
Griechen S. 47. Die neuen Fürsten gehören nicht mehr, besonders 
was Erziehung und Umgangssprache betrifft, der rumänischen Natio- 
nalität an S. 49. Griechen als Beamte S. 53. Die nationale Be- 
wegung des Matel Basarab gegen die walachisclien Griechen S. 54. 
Durch eine ähnliche Bewegung wird Vasile Lupu Fürst der Moldau 
S. 56. Trotzdem bedienen sie sich der Griechen S. 56. Griechen 
in den Ämtern und auf dem Throne nach den zuletzt genannten 
Fürsten S. 58. Die Kantakuzlnen in der Walachei und ihre Be- 



xm Inhalt. 

S«it» 

mühuDgen zugunsten des inländischen Bojarentums S. 59. ^erban 
Kantalmzino Fürst der Walachei S. 60. Griechische Kleriker in 
den Fürstentümern S. 62. Griechischer höherer Unterricht: Deme- 
trius Cantemir wird so erzogen S. 63. Griechische Literatur unter 
Konstantin Brincoyeanu S. 64. Beschäftigungen der Griechen in 
den Fürstentümern S. 65. Ihr Einflufs auf cüe rumänische Kirche 
ist bisher stark übertrieben worden S. 68. Die griechischen Kauf- 
leute S. 70. Politische Stellung der Fürsten des 17. Jahrhunderts 
S. 71. Kämpfe zwischen Matel Basarab und Vasile Lupu S. 72. 
Heimliche Verbindungen mit dem deutschen Kaiser und den Polen 
S. 72. 

4. Kapitel: Trihut, Geschenke und andere Lasten des Landes . . 74 

Der Kharadsch S. 74. Präsente S. 79. Verproviantierung der tür- 
kischen Schlösser und Heere S. 80. Aufzählung der Steuern S. 82. 

Ffinfter Absehnltt: Verfall des Bauernstandes. Der neue 
Adel und seine politische Tätigkeit. Die nationale 
Militärpartei. 

1. Kapitel: Die Hörigkeit des Bauern 84 

Unterschied zwischen den Zuständen in der Moldau und den in der 
Walachei S. 84. Neue fiskalische Belastung des Bauern S. 86. 
Anteil Michaels des Tapferen an diesem Wechsel der Verhältnisse 
S. 88. Macht der neuen walachischen Bojaren S. 89. 

2. Kapitel: Michael der Tapfere und seine Kriege 90 

Siehenbürgische Verhältnisse S. 90. Die neuen moldauischen Bo- 
jaren S. 92. Thronbesteigung Michaels und sein Abfall Yon den 
Türken S. 94. Krieg mit diesen S. 95. Ah tretung Siebenbürgens 
an den Kaiser durch Sigmund Bathory; Michael denkt an eine Er- 
oberung dieser Provinz S. 98. Bumänische Herrschaft in Sieben- 
bürgen und Zustände bei den dortigen Bumänen S. 102. Verhand- 
lungen mit dem £[aiser S 104. Fall Michaels S. 106. Seine Er- 
mordung S. 107. Badu Serban in der Walachei imd die Fürsten- 
famiiie Movila in der Moldau S. 108. 

3. Kapitel: Die letzten politischen Kämpfe der nationalen Partei. 

Ihre literarischen Leistungen 110 

Türkische Schützlinge auf den rumänischen Fürstenthronen S. 110. 
Einflufs der heiden Eakoczj, Fürsten von Siebenbürgen, auf die 
Walachei und Moldau S. 111. Bumänische Heere des 1 7. Jahrhun- 
derts und ihre Beseitigung S. 113. österreichische und polnische 
Politik einiger Fürsten S. 114. Verfall der slavischen Kultur 
S. 115. Druck religiöser Bücher im 17. Jahrhundert S. 116. 
Die ersten rumänisch geschriebenen Chroniken S. 119. Ureche 
S. 119. Konstantin Kantakuzino S. 120. Miron Costin S. 120. 
Demetrius Cantemir S. 121. 

Sechster Abschnitt: Die Fanariotenzeit. Europäische Ver- 
waltung unter türkischer und russisch - türkischer 
Oberhoheit. 

1. Kapitel: Beziehungen der letzten einheimischen Fürsten zu den 
christlichen Mächten, ihre Einsetzung in Konstantinopel. Charakter 



IJ 



Inhalt. IX 

8«ito 

der „fanariotiscfaen*' Forsten während der ersten Hälfte des 

18. Jahrhunderts 122 

Beziehungen der Fürsten zu den europäischen Mächten S. 122. 
Serban Eantakuzino verhandelt mit dem deutschen Kaiser S. 125. 
Brinooveanu und seine Politik gegen Deutsche, aufständische Un- 
garn und Türken S. 127. Polen in der Zeit Sobieskis und beide 
Fürstentümer S. 128. Krieg des moskowitischen Zaren Peter mit 
den Türken und die Haltung Brincoveanus und D. Cantemirs wäh- 
rend desselben S. 181. Ermordung Brincoveanus und seines Nach- 
folgers Stephan Kantakuzino durch die Türken S. 136. Der Grieche 
Nikolaus Maurokordatos wird Fürst in der Moldau, dann in der 
Walachei S. 137. Sein Sohn Konstantin S. 188. Gregor Ghica 11. 
S. 139. Seine Söhne S. 139. Mihal Bacovitä S. 140. Die Familie 
Kallimaki S. 140. Vergleich der „fanariotischen** Zeit mit der 
vorhergehenden Periode S. 140. Griechische Vertreter der Fürsten 
bei der Pforte: sie überwachen nunmehr ihre Auftraggeber S. 142. 

2. Kapitel: Die Staatsfinanzen, Eeform versuche und Abgaben . . 144 

I. Die Steuern S. 144. Lasten des Landes: der Kharadsch S. 145. 
Der Mucarer S. 146. Proviantlieferungen S. 146. Verkleinerung des 
fürstlichen Gebietes der Moldau durch Ausdehnung der Baja S. 147. 
Die Geschenke S. 148. Die Kopfsteuer S. 149. Die Zehnten 
S. 151. 

n. Osterreich in der Kleinen Walachei S. 152. Dessen Beform der 
sozialen und fiskalischen Verhältnisse S. 152. Unzufriedenheit der 
Bojaren S. 155. 

3. Kapitel: Die Beformen des Fürsten Konstantin Maurokordatos 

und ihre Ergebnisse 158 

Wesen der Steuerreform S. 158. Befireiung der Bauern S. 162. 

4. Kapitel: Der Verfall des Bauernstandes. Die Juden. Bojarenleben 166 

Neue Vermehrung der Steuern trotz der Beform S. 167. Gänz- 
licher VerfaU der Städte S. 167. Die ersten jüdischen Dorf- 
schenken S. 168. Die Juden in den Städten: Botoi^anl S. 171. 
Häusliches Leben der Bojaren S. 172. Mangel an jeglichem Ideale 
S. 174. Enttäuschung hinsichtlich der vermeintlichen europäischen 
Better S. 175. Beligiöse Literatur der Zeit S. 175. Der patrio- 
tische Schriftsteller Vartolomeitt Mazäreanu S. 176. 

5. Kapitel: Die Türkenkriege Katharinas IL und die rumänischen 
Fürstentümer 178 

Der russisch-türkische Krieg von 1769— 1774 S. 178. Die von den 
Bojaren verlangten Eeformen S. 180. Besitznahme der Bukowina 
durch Österreich S. 183. Neue Zustände im annektierten Gebiete 
S. 186. Ermordung des moldauischen Fürsten Gregor Ghica III. 
S. 187. Ernennung der Fürsten gemäfs dem Friedensinstrumente 
von Kötschuk-Kainardschi S. 189. Absetzungen S. 190. Die ersten 
diplomatischen Besidenten in den Fürstentümern S. 191. Die Ver- 
waltung Alexander Ipsilantis in der Walachei S. 192. Vorschlag 
einer Annektierung der Walachei durch Österreich S. 194. Bus- 
sisch-türkischer Krieg von 1788, an dem sich auch Österreich be- 
teiligt S. 194. Die Verträge von Si2tow und Jassy S. 197. Eeform- 
vorschläge der Bojaren S. 198. Die neuen Fürsten S. 200. Na- 
poleons I. Politik hinsichtlich der Fürstentümer S. 201. Die Bussen 



z Inhalt. 

Seite 

nehmen Bessarabien ein S. 202. Das griechische Freiheitsideal, be- 
lebt durch den höheren Unterricht in den Fürstentümern S. 205. 
£rwachen des rumänischen Bewafstseins S. 206. 

Siebenter Abschnitt: Entstehung; Kampf und Sieg des 
Nationaigefiihls. 

1. Kapitel: Die Eolturentwickelung und die bäuerlichen Kämpfe 

in Siebenbürgen 207 

Siebenbürgen kommt in österreichischen Besitz S. 207. Union der 
rumänischen Bevölkerung dieser Prorinz mit der römischen Kirche 
S. 210. Atanasie Anghel erster unierter Bischof S. 214. Inochentie 
Klein dessen zweiter Nachfolger S. 215. Aufruhr des Sofronie 
S. 216. Ernennung eines Bischofs für die nichtunierten Bumänen 
S. 217. Aufstand der rumänischen Bauern unter Horia S. 218. 
Der Supplex libellus der Bumänen S. 221. Die Schulen von Blaj 
(Blasendorf) S. 222. Das neue Bistum der unierten Bumänen mit 
dem Sitze in Grofswardein S. 224. Josephinische Schulordnung 
S. 225. Bumänische Schulen im Temeschwarer Banate S. 226. Die 
drei grofsen Vertreter der rumänisch -siebenbürgischen Literatur: 
Samuil Klein, Gheorghe Sincal, Petru Maior S. 226. Budai Deleanu ; 
volkstümliche Strömung S. 227. Problem der literarischen Beform- 
spräche S. 228—229. Die Ofener rumänische Druckerei und deren 
Beziehungen zu den Donaurumänen S. 229. 

2. Kapitel: Übertragung des Nationalbewufstseins aus Siebenbüi^n 

auf die Fürstentümer 231 

Der moldauische Metropolit Yeniamin Costachi S. 231. Franzö- 
sische Lehrer, Beisen ins Ausland, Verbreitung der französischen 
Sprache S. 232. Verfall der rumänischen Literatur: Salondichter: 
Väeärescu, Gonachi S. 233. Kirchliche Drucke S. 234. Erste Be- 
ziehungen zu der neuen siebenbürgischen Literatur S. 235. Die 
Bukarester Schule des Siebenbürgen Georg Lazar S. 236. Der 
Unterricht in rumänischer Sprache bei den Moldauern : Georg Asachi 
S. 238. 

3. Kapitel: Politische Kämpfe in den Fürstentümern bis zum 
Jahre 1848 239 

Neue Beformvorschläge der Bojaren vor 1821 S. 239. Griechische 
Bevolution S. 240. Bumänischer Aufstand unter Führung von 
Tudor Vladimirescu S. 240. Auswanderung walachischer Bojaren 
nach Kronstadt S. 245. Parteien unter den moldauischen Bojaren: 
die Ernennung nationalrumänischer (nicht mehr griechischer) Fürsten 
wird durchgesetzt S. 246. Die neuen Fürsten : Johann Sturdza und 
Gregor D. Ghica S. 247. Das moldauische Verfassungsprojekt 
S. 248. Der Vertrag von Akkerman zwischen BuTsland und der 
Pforte S. 249. Ausarbeitung eines Beglement Organique 
S. 250. Besetzung der Fürstentümer durch die Bussen in dem 
Jahre 1828 S. 250. Der Gouverneur General Kisselew S. 252. 
Lihalt des Beglements S. 252. Neue Fürsten: Michael Sturdza 
und Alexander Ghica S. 254. Gredanke der Union beider Fürsten- 
tümer S. 256. Ernennung Georg Bibescus an der Stelle Ghicas 
S. 259. Die neuen Schulen; erste Zeitungen und Zeitschriften 
S. 260. Beformvorschläge der Bojaren S. 263. Erste Arbeiten auf 
dem Gebiete der rumänischen Geschichte S. 265. Neue poetische 



1 I 



Inhalt. XI 

Seite 
literatur: Negrut^, Alecsandri, Alexandrescu , Bolmtineana S. 266. 
KoDflikte mit Bufsland in der Walachei wegen Ahänderong des 
Seglements S. 267. Opposition gegen Bihescn S. 268. Das litera- 
rische Leben yor 1848 S. 269. 

4. Kapitel: Die Wirren des Jahres 1848. Kampfe für die Union 

der Furstentamer 270 

Politische Zustände im Winter und Frühling 1848 S. 270. Die 
Vorgänge zu Jassy S. 272. Persönlichkeit des regierenden wala- 
chi^en Fürsten Bibescu S. 274. Die politischen Strömungen in 
der Walachei S. 274. Vorbereitungen zur Revolution in der War 
lachei S. 276. Siebenbürgische Bauernverhältnisse S. 278. Ma- 
gyarisationsprojekte S. 279. Die neue Generation der sieben- 
bürgischen Bumänen S. 282. Simeon Bämu^iü S. 283. Die Blasen- 
dorfer Versammlung S. 285. Ausbruch der Bevolution in der Wa- 
lachei S. 288. Ihr Ende S. 291. Behandlung der Bauemfrage 
durch die Bevolutionäre S. 292. Kämpfe der siebenbürgischen Bu- 
mänen unter Avram lancu gegen die magyarische Berolution S. 295. 
Vertrag von Balta-Liman: die neuen Fürsten Barbu ^tirbel und 
Gregor Alexander Ghica S. 298. Bussisch- türkischer Krieg Ton 
1853 S. 300. österreichische Politik hinsichtlich der Bumänen 
S. 801. Die Fürstentümer werden von österreichischen Truppen 
besetzt S. 302. Pariser Frieden S. 303. Beformpläne für die 
Fürstentümer S. 306. Die Diwane ad -hoc und ihre Beschlüsse 
S. 309. Wahl des Fürsten Alexander loan I. Cuza S. 311. 

5. Kapitel : Der vereinigte Staat Bumänien. Fürst Cuza und König 
Carol 1 314 

Cuzas Persönlichkeit und Politik S. 314. Durchführung der Union 
S. 316. Verhandlungen mit der Türkei S. 316. Frage der dedi- 
zierten Klöster S. 318. Haltung der Parteien gegenüber Cuza S. 322. 
Agrarreform S. 323. Neue Verfassung: das Statut S. 324. Kultu- 
turelle, wirtschaftliche und politische Zustände unter Cuza S. 326. 
Dessen Entschlufs, abzudanken; Entfernung des Fürsten durch die 
Koalition der Parteien S. 328. Provisorische Begierung von 1866 
S. 329. Wahl des Prinzen Karl von HohenzoUem- Sigmaringen zum 
rumänischen Fürsten S. 330. Schwierigkeiten bei dessen Thron- 
besteigung S. 331. Beziehungen zu der Türkei bis 1877 S. 333. 
Beziehungen zu Osterreich und die Verhältnisse der siebenbürgischen 
Bumänen S. 335. Neue Bichtung im literarischen Leben: die Ge- 
sellschaft „Junimea** und deren Leiter, T. Maiorescu S. 338. Fort- 
setzung der Beziehungen zu Österreich S. 339. Vorbereitungen zum 
russisch-türkischen Kriege von 1877 S. 341. Verhandlungen der 
russischen Diplomatie mit dem rumänischen Minister I. Brätianu 
wegen Abtretung Südbessarabiens an Bufsland S. 344. Innere Zu- 
stände bis 1877 : Fürst Carol sucht sich über die Parteien zu stellen 
S. 348. Erste Mafsregeln desselben S. 351. Eisenbahnfrage S. 352. 
Liberale und Konservative im Kampfe 1871—1877 S. 353. Frage 
der Teilnahme Bumäniens am russisch-türkischen Kriege S. 355. 
Unabhängigkeitserklärung und Krieg mit der Türkei S. 357. Ber- 
liner Kongrefs S. 363. Verlust Südbessarabiens und Annexion der 
nördlichen Dobrudscha S. 361. Judenfrage und Drängen Europas 
zugunsten der galizischen Juden in der Moldau S. 362. Endgültige 
Lösung der Eisenbahnfrage S. 364. Donaufrage und Konflikte mit 



zn Inhalt. 

Saite 

Österreich -Ungarn S. 365. Königreich Bamänien S. 365. Neue 
Bichtung der auswärtigen Politik und Anlehnung an den Dreibund 
Zentraleuropas S. 368. Die neuen Verhältnisse der siebenhürgischen 
Bumänen S. 370. Beziehungen zu dem neugeschaffenen Fürstentume 
Bulgarien S. 372. Langjährige Verwaltung J. Bratianus S. 373. 
Weitere Entwickelung der Bauerafrage S. 374. Fall der Liberalen 
S. 376. Verschiedene jungkonservative und konservative Ministerien 
bis 1900 S. 376. Finanzkrisis im Jahre 1901 und deren Losung 
durch D. A. Sturdza S. 377. Tätigkeit des Ministeriums Sturdza 
S. 377. Fall desselben durch inneren Hader und eine Koalition der , 

mifsvergnügten städtischen Elemente S. 378. | 

Achter Abschnitt: Die heutigen Zustände im rumänischen j 

Volke. 

1. Kapitel: Bevölkerungszustände 380 

UnZuverlässigkeit der statistischen Angaben S. 380. Verwickelte 
ethnographische Zustände in der Bukowina und in Siebenbürgen 
S. 382. Ungarn in der westlichen Moldau S. 383. Mutmafsliche 
Zahlen S. 384. Ausbreitung der Bumänen in älterer Zeit S. 385. 
Fremde Elemente, die sich später mit denselben vermischt haben 
S. 386. Juden in der Moldau S. 387. Ethnographische Zustände 
in der Dobrudscha S. 388. Verhältnis der Bumänen zu den anderen 
Nationalitäten in Bumänien, in der Bukowina, im Marmaros S. 390. 
Zustände in Siebenbürgen S. 392. In Ungarn S. 393. Zustände 
bei den Arominen S. 393. 

2. Kapitel: Das wirtschaftliche Leben der Bumänen in der Gegen- 
wart 394 

Niedergang des alten Hirtenlebens S. 394. Schweine- und Vieh- 
zucht S. 395. Bienenzucht S. 396. Seidenbau S. 397. Fischerei 
S. 397. Geflügelzucht S. 398. Verhältnis der Getreideausfuhr zur 
Viehausfuhr S. 398. Die in Bumänien herrschende Art des Acker- 
baus S. 399. Verpachtung der Güter S. 401. MaTsregeln zugunsten 
der Bauern in den letzten Jahren S. 404. Verschiedene Kulturen: 
Weizen S. 405. Mais S. 406. Andere Getreidegattungen S. 406. 
Baps S. 406. Textilpflanzen S. 407. Gemüsekultur S. 407. Bote 
Buben S. 407. Ausdehnung des zum Ackerbau geeigneten Bodens 
S. 408. Bumänischer Grofsgrundbesitz und Ackerbau durch rumänische 
Bauern aufserhalb Bnmäniens S. 408. Hügeizone inner- und aufserhalb 
Bumäniens S. 410. Beschäftigung der dortigen Bauern als landwirt- 
schaftliche Arbeiter in der Zone des ausgedehnten Ackerbaus S. 410. 
Obstgärten in der Hügellandschaft S. 41 1. Weinkultur S. 411. Wälder 
und Holzindustrie S. 413. Bergwerke S. 415. Kohlengruben S. 416. 
Salz S. 417. Erdöl S. 418. Ältere Zustände der Industrie S. 420. 
Handelsvertrag mit Österreich 1875 S. 422. Mangel an Kapital 
S. 423. Steuersystem S. 424. Monopole des Staates S. 426. 
Staats- und Krondomänen S. 427. Kreditanstalten des Staates und 
verschiedener Gesellschaften S. 427. Anleihen und Staatsschuld- 
bilanz um 1900 S. 428. Die neue rumänische Industrie S. 430. 
Erwartungen, Ergebnisse und wirkliche Bedeutung für die Volks- 
wirtschaft S. 432. Deutschland und Österreich in ihren Beziehungen 
zur rumänischen Einfuhr der Gegenwart S. 434. 



Inhalt. xm 

Seite 

3. Kapitel: Das soziale, politische und kulturelle Leben der Gegen- 
wart % 435 

Dorfleben inner- und aufserhalb Rumäniens S. 435. EinfluTs der Nach- 
barn auf die Bumänen S. 436. Zustande im Dorfe während des 
Organischen Beglements S. 437. Hofsystem S. 438. Entwickelung des 
Dorfes unter dem Einflufs der Verfassung ?on 1866 S. 439. Soziale 
Schichten im Dorfe S. 440. Der Dorfpriester und der Schulmeister 
S. 441. Grofsgrundesitzer und Pächter S. 441. Neuordnung des 
Schulwesens und Einflufs auf das ganze Dorfleben S. 442. Neues 
Gemeindegesetz auf dem Lande S. 446. Sanitätsmafsregeln für die 
Dörfer S. 447. Zustände der rumänischen Bauern in Bessarabien 
S. 447. In der Bukowina S. 449. Dortiger Klerus S. 449. Zu- 
stände in Siebenbürgen und Ungarn: Einflufs der Priester und 
Schullehrer S. 450. Kampf für die magyarische Staatsidee S. 452. 
Beteiligung der Bumänen am städtischen Leben in der Bukowina 
S. 454. Bumänische Aristokratie in der Bukowina S. 454. Politische 
Parteien der dortigen Bumänen S. 455. Beteiligung der Bumänen 
am städtischen Leben Siebenbürgens und der benachbarten Pro- 
vinzen Ungarns S. 456. Das Städteleben in Bumänien S. 458. Der 
Marktflecken in der Moldau und dessen Juden S. 458. Der wa- 
lachische Marktflecken S. 459. Schichten der jüdischen Bevölkerung 
in Bumänien S. 459. Die jüdische Intelligenz S. 460. Juden in 
der Walachei S. 461. Griechische und bulgarische Bestandteile der 
städtischen Bevölkerung Bumäniens S. 461. Sächsische, ungarische 
und deutsche Stadtbewohner S. 462. Die katholische Kirche in 
Bumänien S. 463. Schichten der rumänischen Stadtbevölkerung. 
Die Yorstädter S. 464. Beteiligung derselben am politischen Leben 
S. 464. Bürgertum und Beamtenklasse S. 465. Beteiligung der Be- 
amten- und des Lehrkörpers am politischen Leben S. 465. Politische 
Einflufslosigkeit des Bauern S. 468. Verfall der Bojarenklasse 
S. 469. Gesellschaftliches Leben in Bukarest und Jassy S. 469. Die 
Parteien der Gegenwart: Liberale beider Arten, Jung- und Alt- 
konservative S. 470. Untergegangene Parteien : Badikale und Sozia- 
listen S. 471. Spekulationsparteien, deren Begünstigung und Be- 
kämpfung S. 472. Beziehungen der Parteien zueinander S. 473. 
Armee S. 473. Kulturelle Zustände: Verfall der lateinischen und 
französischen Bichtung S. 474. Entstehung einer rein rumänischen 
Strömung S. 475. Die Junimea S. 475. Zweites Stadium in den 
achtziger und neunziger Jahren. Heutiger Zustand dieser Bewegung, 
die gegenwärtig das ganze kulturelle Leben beherrscht S. 477. 

Beglster 479 

I. Namenregister 479 

n. Sachregister 515 

ni. Verzeichnis der Fürsten 529 

IV. Erklärungen bezüglich der Aussprache des Bumänischen . . . 539 

Nachträge und Berichtigungen 54Q 



n 



Dritter Abschnitt. 

Drückende türkische Oberherrschaft bis zur 
Zeit der FanariotexL Verfall des ramanischen 
Bauernstandes. Der Fiskalstaat als Erwerbs- 
quelle für abenteuerliche Pächter^). 



1. Kapitel. 
Verhältnis der Rumänen zu den Tfirken. Das tfir- 
kische Gebiet (Raja) auf rumänischem Boden. Ansiede- 
lung von Tataren in Bessarabien (Budschak). 

Die vollständige UnterwerAing der Moldau und Walachei unter 
die Türkenherrschaft bezeichnet für beide ein neues Stadium der 
£ntwickelung^ und zwar handelt es sich um eine Periode des Ver- 
fedls. Vom Fürsten angefangen, der seinen südlichen Nachbarn als 

1) Die eizählenden Quellen aind für die Moldau die im yorigen Kapitel ge- 
nannten, ferner die Ure che sehe Chronik, die bis gegen 1600 reicht, und die 
Chronik von Miron Costin, die bei EogSlniceanu, Letopisete I gedruckt ist 
und in einer neuen, aber nicht besseren, mit Anmerkungen überhäuften Ausgabe 
der rum. Akademie, besorgt von y.A.ürechiä, Torliegt ; der lateinische Text der 
Chronik wird nach einer Handschrift des Museums Czartorjski in Krakau im 
Auftrage der mm. Akademie durch Eug. y. Barwiüski herausgegeben werden. 
Miron Costin wird durch seinen Sohn Nikolaus und durch J. Nee ulce(£ogälni- 
<»anu, n) sowie andere Eompilatoren (ebenda, IQ) fortgesetzt. Für die Walachei liegt 
die 1688 abgeschlossene Kompilation des Stoica Ludescu (Magazinul istoric IV — V) 
yor, an die sich die yeryoUständigende Chronik des Constantin Cäpitanul Fili- 
pescn(Ausg. Jorga, 1902) anlehnt. Die griechischen Chroniken des Matthäos, 
Erzbischofis yon Myrai, und des Stayrinos för die Zeit Michaels des Tapferen und 
•die zwei folgenden Jahrzehnte sind bei Fapiu, Tesauru I, abgedruckt. Die Re- 
gierung Brincoyeanus (1688—1714) wird zum grölsten Teile yon Badu Greceanu 
beschrieben (Magazin, II), die Memoiren des oppositionellen Bojaren Badu Po- 
pescu finden sich ebenda Y; die Chronik, die derselbe im offiziellen Auftrage 

J«Tga, OMcMcht« der Snmftn«]!. II. 1 



2 1. Kapitel. 

Herrn anerkennt und von diesem mit einer an Allmacht streifenden 
Gewalt über seine Untertanen ausgestattet ist, bis zum Bauer 
hinab; der anfangs die neuen Abgaben mit der Frucht seines 
FleifseS; dann mit seinem Leibe und mit seiner menschlichen 
Würde und Freiheit bezahlt, gleicht nichts mehr der Vergangen- 
heit. An die Stelle des aus freien Bauern bestehenden Staates, 
die gegen jeden Angreifer fbr die grofse oder kleine mo^ie, den 
von ihren Ahnen ererbten Besitz, kämpfen, tritt als unwürdiger 
Nachfolger der Fiskalstaat, dessen einziger Zweck es ist, Geld, 
ungeheuer viel Geld, ja unberechenbare Summen, für das üppige 
Leben der fremden Herrscher in Eonstantinopel zusammenzubringen. 
Die Geschichte dieses Lebens der Unfreiheit gilt es jetzt zu 

des Nikolaus Mavrokordato (1716—1730) verfafste, ebenda 11. Vgl aber alle 
meine Istoiia literatuiil romine. Als Akteneditionen kommen die bereits oben 
genannten in Betracht, femer das Bedmongsbuch des Brinooveann in der Bovis ta 
istoricä a Archivelor, Aricescus, m. Von Spezialarbeiten kommen 
nur die folgenden in Betracht: 

1. Bälcesca, Istoiia luI Mihal Yiteazul, Ausg. der rum. Akademie: der 
Verfasser lebte um 1848 und kannte nur die Chroniken. Sein Werk ist ein 
texte de langue, besitzt aber keinen historischen Wert mehr. 

2. Szadeczkj, Erdely es Mihälj Yaida (Temesvär, 1893) behandelt die 
Herrschaft des walachischen Forsten Michael in Siebenb&rgen. Der Anhang 
unedierter Aktenstücke ist interessant : aber jetzt sind beinahe alle dort im Bö- 
gest mitgeteilten Schriftstücke im XU. Bande von Hurmuzaki zu finden. 

3. Jorga, Istoria lul Mihal Yiteazul (Ausg. Bukarest, Socecü, 1900); eine 
andere volkstümliche Istoria lul Mihal Yiteazul (Bukarest, Minerva, 1901); 
das zum Teil in den Convorbirl literare, Jahrg. 1901 — 1902, erschienene um- 
fangreiche Werk mit demselben TiteL 

4. J. Sirbu, Mateiü-Yodä Bäsärabäs auswärtige Beziehungen (Leipzig 1900), 
ein sehr gewissenhaftes grundlegendes Buch, das alles gedruckte Material ver- 
wertet. 

5. Jorga, Studil ^i documente lY; die Yorrede enthält eine Darstellung 
der ganzen rumänischen Geschichte im XYU. Jahrhundert, und dort ist auch die 
Literatur mitgeteilt. 

6. Jorga, Operele lul Constantin Oantacuzino (Bukarest 1901). Die Yorr 
rede schildert die Geschichte der Walachei 1714—1716. 

7. Jorga, Documente privitoare la Gonstantin-Yodä Brinooveann (Buka- 
rest 1901). Die Yorrede schildert die inneren Yerhaltnisse unter Brincoveanu. 

8. Jorga, Istoria literaturil romine. Gelegentlich der Kritik der Chroniken 
wird ein greiser Teil der rumänischen Geschichte auch des XYII. Jahrhunderts 
behandelt. 



Verhältnis der Eamänen zu den Türken usw. t 

schreiben ; bis endlich gegen 1700, nach anderthalb Jahrhun- 
derten, sich dadurch eine Wendung vollzieht; dafs ein greiser Teil 
der alten Formen wegfällt und der türkische Vasallenstaat einiger- 
mafsen das Vorbild des europäischen ; mechanischen Staates des 
18. Jahrhunderts nachahmt; dabei ergeben sich auch f&r die 
Wahl des Fürsten neue Bedingungen, und das ganze Verhältnis 
zu den Nachbarstaaten gestaltet sich anders. 

Die türkische Herrschaft griff unmittelbar nur in drei Gbbiete 
des rumänischen Lebens ein, auf die anderen gewann sie nur mittel- 
baren Einflufs. In erster Linie kommt die Bildung eines türkischen 
Distriktes in Betracht, einer türkischen Militärzone, die, durch Türken 
verwaltet, sich vom übrigen Lande absonderte; dies war die so- 
genannte Raja. 

I. Die Art, wie sich ihre Absonderung vollzog, und die Punkte, 
die das Gebiet begrenzen, sind bereits oben ^) angedeutet worden. 
Den Anfang machte das südliche, dem Feinde zuerst ausgesetzte 
walachische Fürstentum. Noch in den letzten Jahren des 14. Jahr- 
hunderts wurden Tumu, d. h. Nicopolis minor, von den Türken 
Kule genannt, sowie Giurgiu, ihr Yerköki, besetzt, um jede Be- 
wegung des Fürsten von Argei^ zu beherrschen. Um die Festungen 
bequem verproviantieren zu können, nahmen aber die Türken auch ein 
Stück des ringsum angrenzenden Landes in Besitz und vernich- 
teten alle früheren Eigentumsrechte des Staates oder Privater. 
Im 16. Jahrhundert wurden trotz des ursprünglichen Versprechens, 
das Land unangetastet lassen zu wollen, hier und da neue geeignete 
Stellen besetzt: so bezahlte der Mönchfreund Radu die Buhe, die 
man ihm liefs. Die Mirce^tl, die Dynastie des Mircea Ciobanul, 
des dem Sultan stets getreuen Dieners, mufsten auf den Besitz 
des wichtigen Bräila verzichten. Schliefslich 1580, während der 
zwar zu dieser bevorzugten Familie gehörige, aber unbedeutende 
Mihnea regierte, kam ein Tschausch von der Pforte, um auch das 
Gebiet von Severin auf seinen Um£Emg zu untersuchen und für 
den Sultan zu besetzen ^). 

Die Moldau verlor erst infolge des grofsen Zugs von 1484 ein Stück 
ihres Gebietes : aus ChiUa und Cetatea- Alba wurden damals türkische 

1) Bd. I, S. 381. 

2) Hurmuzaki XI, S. 643—644. 

1* 



4 1. Kapitel. 

Eriegshäfen, und wie üblich kam die nächste Umgebung als Raja 
zu den Burgen. Diese Baja erstreckte sich seit der im Jahre 
1538 getroffenen Verfügung SoUmans IL beinahe bis an die Linie, 
die der Flufs Botna bezeichnet , und eine neue türkische Be- 
satzung kam bei dieser Gelegenheit auch nach Tighinea, dem nun- 
mehrigen Bender. Das Donauufer war jetzt voUständig, die 
Dnjestrgrenze gegen Polen wenigstens teilweise in fremden Händen. 
Südlich reichte nunmehr die Macht des Fürsten der Moldau nur 
noch bis Läpu^na, das die Ehre hatte, dem Lande den Tyrannen 
Alexander zu schenken. Neben Chilia und Akkerman erbauten 
die Türken hier noch eine neue befestigte Stadt, Ismail, die bei 
den Rumänen Smil hiels. Gala^I gegenüber stand noch im 
16. Jahrhundert der türkische Donauhafen Tomarova, der mit dem 
früheren Benl identisch ist. 

In diesem Umfange bUeb die Raja bis ins 18. Jahrhundert 
bestehen, mit Ausnahme der Zeiten des Aufruhrs, wo sie selbst 
zwar öfter verlorenging, nicht aber die Festungen, um bei einer 
neuen Wendung der Dinge wieder besetzt zu werden. Jedoch 
keine einzige türkische Festung ist in diesem Zeiträume neu ent- 
standen, wenn man nicht die Besetzung eines Vorortes von Qala^l 
so verstehen will. Im einzelnen blieben die Grenzen der ent- 
rissenen Gebiete allerdings nicht immer dieselben; denn die Be- 
fehlshaber ebensowenig wie die einzelnen Gutsbesitzer der Raja 
machten sich ein Gewissen daraus, fürstlich walachisches oder 
moldauisches Land durch eine Vorschiebung der Grenzpfähle, der 
stilpl, unrechtmäfsig als Weideplatz oder Acker an sich zu ziehen. 

Einfluisreiche Wojwoden klagten gelegentUch über solche Über- 
griffe bei der Pforte und erhielten mittels einiger Geschenke auch 
eine Kommission, die den früheren Zustand feststellen und wieder 
herstellen sollte. Wir wissen von der Tätigkeit vieler solcher 
kaiserlicher Kommissionen, und wir besitzen somit Belege sowohl 
für die Fürsorge der Fürsten für die Integrität ihres Gebietes als 
auch für die Neigung der Türken, diese Integrität anzutasten. 
Unter Vlad "(^epe^ erschien einmal der Beg von Nikopolis, Hamza, 
mit einem ganzen Heere, „um die Donaugrenze festzustellen'^, ad 
metas super Danubium constituendas. Unter Mircea dem 
Hirten wahrscheinlich prüfte ein Nachfolger Hamzas, Ahmed, in 



Yerhältnis der Bumanen zu den Türken usw. 5 

kaiserlichem Auftrage dieselben Grenzen. Aber schon wenig später 
klagte der Sohn Mirceas^ Peter, wieder über eine unerlaubte Aus- 
dehnung der Raja von Giurgiu. Alexander, der Bruder und Nach- 
folger Peters, erkaufte sich einen Bevollmächtigten der Pforte, um 
in der Gegend von Giurgiu, wie in der von Turnu, in dem „Haüyk« 
von Kule, die allzuweit vorgedrungenen Nachbarn zurückzutreiben 
und dem Wege „des Baues ^^ seinen alten Charakter als Grenzscheide 
wiederzuverleihen. Schon unter dem Sohne Alexanders ist es 
aber für die Kechtewirkung notwendig, dafs die Ergebnisse einer 
solchen Grenzregulierung durch einen kaiserlichen Firman bestätigt 
werden. Dann kommt die Zeit, wo durch Michael den Tapferen 
der alte freie Zustand im Kampfe wiederhergestellt wird. Unter 
seinen wieder als türkische Vasallen herrschenden Nachfolgern 
haben, wie es scheint, die Türken das alte Spiel mit der Grenze 
nicht mehr getrieben. Einer von ihnen, Matel, war sogar stark 
genug, mn solche etwaige Versuche, ohne die Vermittelung der 
Pforte anzurufen, aus eigener £ü*aft zu bestrafen; er hatte seine 
ro^I und cälära^l, bewaffnete Bauern, überall, wo es eine 
Grenze zu bewachen gab, in privilegierten Dörfern angesiedelt; 
von heutigen Ortsnamen erinnern noch daran Rofl-de-Vede und 
CälärafI gegenüber Silistrien : ersteres ist ein Städtchen, letzteres so- 
gar eine Stadt Bis auf unsere Tage tragen auch die ruhigen Acker- 
bauer im Buzäuer Distrikte rote Jacken als unbewufste Erinnerung 
an die Zeiten, wo sie die ordnungsmäfsigen Verteidiger gegen die 
weit ausgedehnte Raja von Bräila und Odaia Vizirulul waren ^). 
In keiner der walachischen Raias e^ebot in älterer Zeit, d. h. bis 
zu den Kriegen mit Rufsland, wie in L Festungen auf dem Unken 
Donauufer, ein Pascha, ja nicht einmal ein Beg oder Sandschak; 
es war vielmehr der oberste Befehlshaber für jede Raja der zu- 
nächst wohnende von den höheren Offizieren des gegenüberliegenden 
türkischen Landes: so stand Severin unter Widdin, Turnu unter 
Nikopolis, Giurgiu unter Rustschuk, das als Festung schon 1445 
bei Wavrin genannt wird. Über die Stellung Bräilas läfst sich 
bis jetzt ein sicherer Aufschlufs nicht geben. In jeder Burg standen 
selbstverständlich türkische Soldaten: Spahien, welche zu Pferde 

1)S. Weigand, Leipziger „Jahresbericht des Instituts für rumänische 
Sprache'' Jahrgang 1902, S. 24#. 



6 1. Kapitel. 

dienten und zugleich als gröfsere oder kleinere Lehnsleute ihre 
Timars ; d. h. Lehen ^ auf walachischem Boden besafsen. Recht 
sprach wie überall ein Eadi, der Richter^ nach dem Koran, und 
die Verwaltung der kaiserlichen Zölle und des EriegsproviantS; der 
hierher geUefert wurde, war einem Nazir anvertraut. 

In der Moldau dagegen gab es zwei Begs, von denen der 
eine in Bender, der andere in Akkerman seinen Sitz hatte, aber 
in ChiHa erscheinen nur untergeordnete miUtärische Würdenträger. 
Diese moldauischen Festungen waren isoUert, in der ersten Zeit 
wenigstens, und dieser Umstand bedingte für sie eine selbständigere 
Stellung. Im übrigen glichen aber auch sie den befestigten tür- 
kischen Nestern in der benachbarten Walachei ^). 

Für die Fürstentümer war der Verlust blühender Häfen und 
reicher Landstriche gewifs schmerzlich, aber schwerer traf sie noch 
die immerwährende Gefahr, die daraus entsprang. Denn ganz ab- 
gesehen von den häufigen Grenzverletzungen erwiesen sich die 
Türken aus der Raja und die unter ihnen lebenden christ- 
lichen Bauern, die dem Beispiel ihrer Herren nachlebten, keines- 
wegs als gute Nachbarn. Sie trieben ihr Vieh auf die angrenzenden 
Wiesen und fugten den Gutsbesitzern des benachbarten Gebietes 
empfindlichen Schaden zu; wenn sie durch Vertrag mit Privat- 
personen gewisse Rechte an Grund und Boden innerhalb des 
Fürstentums gesetemäfsig erwarben, hielten sie es niemals ffir not- 
wendig, dem „ Hunde ^^ auf dem Vasallenthron die ordnungs- 
mäfsigen Gebühren dafür zu entrichten: dijmä für die Feld- 
erzeugnisse, go^tinä für die Schafherden. Die gefürchtetsten 
Pferde- und Ochsendiebe fanden in der Raja ihren gesicherten 
Unterschlupf, und kraft dieses Zustandes erfreute sich das türkische 
Gebiet immer eines grofsen Reichtums an Fleisch. Bei den Jahr- 
markten gab es immer Zank und Schlägereien, und die un- 
bewaffneten Christen zogen dabei immer den kürzeren. Die Zi- 
geuner, die nicht mehr in der Sklaverei leben wollten, und unfreie 
Bauern strömten in die Raja, die verhältnismäfsig stärker bevölkert 
war. Auch freie Bauern aus walachischen und moldauischen 



1) Vgl. Chilia 91 Cetatea-Albä; Stadil 91 doc. V, 475 f. uad die Begesten 
des 16. Jahrhunderts in Jorga, Documente ^i cerceiärl I. 



Verhältnis der Bamänen zu den Türken usw. 7 

Dörfern zogen es vor, wenn sie kein Land mehr besafsen oder 
beim Erbgang leer ausgegangen waren ^ zu den Türken überzu- 
siedeln^ wo nur der Eharadsch und die dem Spahien zufliefsenden 
Zinse zu entrichten waren, während zu Hause unter dem natio- 
nalen Wojwoden infolge der Verhältnisse , die wir bald kennen 
lernen werden, unaufhörUch Leistungen in Geld und NaturaUen 
verlangt wurden. Die Befehlshaber der Raja hatten zwar den 
direkten Auftrag, gegebenen Falles den Fürsten gegen seinen 
Nebenbuhler oder die unzufriedene, aufrührerische Landbevölkerung 
zu unterstützen, doch erschien es ihnen nicht selten vorteilhafter, 
die Unzufriedenen selbst vor ihrem Einfalle ins Land oder nach ihrer 
Niederlage zu sich zu rufen, sie bei sich aufisunehmen und ihnen 
die Frage vorzulegen, ob sie nicht den türkischen Glauben an- 
nehmen möchten ^). 

Nur kurze Zeit verging, und die Zustände in der Moldau, 
ja in gewissem Grade auch in der Walachei, verschlimmerten sich 
durch den Einfall der Tataren, die nunmehr ständige — insofern 
man dies Wort für solche rastlose Reiter und Plünderer überhaupt 
gebrauchen kann — Ansiedler innerhalb der alten Grenzen des 
Fürstentums wurden. 

Der neue Tatarenstaat in der Krim, ein Splitter des grofsen 
Kaisertums von Sarai, hatte sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahr- 
hunderts als Geifsel Gottes für die Moskowiter, Polen und Rumänen 
gebildet, und der Herrscher in der Krim, der Befehlshaber aller 
vier Horden, nahm den alten ehrwürdigen Titel Khan, Kaiser, 
an. Bei der Eroberung Caffas im Jahre 1475 liefsen die Osmanen 
diesen mohammedanischen Staat — denn nur wenige Tataren 
waren Heiden geblieben — weiter bestehen, weil sie ganz richtig 
in ihm eine Stütze für ihre Unternehmungen erblickten. Durch 
einen allerdings nur aus unbestimmter annalistischer Überlieferung 
bekannten Gnadenakt ward der Khan ein Vasall des Emirs iu 
Konstantinopel: im übrigen aber blieb alles beim alten; die oberste 
Kontrolle führte der Beg, der von nun an in der grofsen, vordem 
genuesischen Stadt Caffa safs und von hier aus, ohne sich in die 
innere tatarische Verwaltung oder die zwischen den Giraiden üb- 



1) Vgl. die bereits erwähnten Quellen. 



8 1. Kapitel. 

liehen dynastisehen Ränke zu mischen, über alles Bericht erstattete. 
Als Selim, der Sohn des Sultans Bajesid II., sich mit diesen Giraiden 
verschwägerte und sich mit den Tataren vereinigte; um seine grofsen 
rebeUischen Pläne zu verwirkUchen, stieg das Ansehen des tatarischen 
,, Kaisertums'^, des „Zarats'^, wie man in Polen und Moskowien 
sagte, beträchtlich: man mulste mit der Möglichkeit rechnen — 
und einmal wurde sogar schon davon als von einer Tatsache ge- 
sprochen — , dafs ein Nachkomme des Hadschi-Girai, des Gründers 
der krimischen Dynastie, in Konstantinopel Kaiser der beiden 
Weltteile werden könne. 

In jenen Tagen, da der junge Selim noch nicht auf dem 
Throne seines vor Kummer gestorbenen Vaters Ruhe gefunden 
hatte, ward die Moldau fast jedes Jahr, trotz aller gegenteiligen 
Versprechungen und trotz reicher Geschenke, von den Tataren 
heimgesucht und bis zum Sereth greulich verwüstet. Seitdem aber 
hatte man einen modus vivendi mit diesem schlechtesten der 
schlechten Nachbarn gefiinden: die Moldau, auch Polen übrigens, 
bezahlte dem E^an einen Tribut und überliefs ihm aufserdem auch 
andere „Einkünfte '', damit der arme, arbeitsscheue, aber tapfere 
Tatare standesgemäfs leben konnte. Schon für das Jahr 1566 wird 
dieser Tribut erwähnt und gesagt, dafs ihn der Khan „nach alter 
Sitte" empfange ^). Gelegentlich der Übersendung des Tributs 
und des Geschenkes, das balgi-ba^lic, d. h. „Honig und Wachs" 
heifst, verehrte der Fürst diesem räuberischen Elaiser auch noch eiu 
Ehrenkleid, eine cabani^ä^). Und daran änderte sich nichts, 
solange ein freier gefurchteter Khan der Tataren an der mol- 
dauischen Grenze stand. 

Doch diese Grenze selbst verschob sich schon am Ende des 
16. Jahrhimderts zum Schaden der Moldau. Nicht lange nach 
der Eroberung des Landes im Jahre 1538 wurde es bei den 
Türken Sitte, in die Festungen an der Donau und in die neue 
Festung am Dnjestr auch tatarische Besatzungen zu legen. Truppen 
aus dem Stamme der Nogai verteidigten nunmehr Akkerman, 
Bender und Chilia sowie die grofse Feste Oczakow am Dnjestr, und 

1) Studil §i cercetärl I, S. 181. 

2) Chüia 9i CetatearAlbä, S. 229. — Säineanu, Elena, turce^tl, III, unter 
dem Stichwort. 



Verhältnis der Bomänen za den Türken usw. 9 

zwar schon während des Krieges mit loan cel Camplit^ dem moldau- 
ischen Rebellen ^). Sie waren besser als irgendwelche Soldaten be- 
fahigty die Kosaken zu bekämpfen, ihre natürlichen Gegner, die jetzt 
auch den Weg nach der Moldau gefunden hatten. Die Kosaken 
erschienen aber, um fürstliche Prätendenten zu stützen, oder 
in einfachen Verheerungszügen regelmäfsig jenseits des Dnjestr. 
Obgleich der grolse polnische König Stephan Bäthory andere Pläne 
verfolgte und nichts so sehr scheute wie eine Verwickelung mit der 
Pforte, zwang er den christlichen Räubern 1576 eine Organisation 
auf, die sie von der polnischen Krone abhängiger machen soUte, und 
ging in der Folge auch mehrmals mit Hinrichtungen von Kosaken- 
häuptlingen und Kosakengönnem scharf vor; trotz alledem aber 
wurden die tapferen Bewohner der Dnjepr-Inseln ihre schönen 
Erinnerungen an das fruchtbare moldauische Land nicht los. In 
den Jahren 1576 und 1578 erschienen sie blitzschnell vor tür- 
kischen Festungen und tatarischen Hirtendörfem; 1583 wurde 
Bender belagert, die Gegend von Akkerman verheert und ein 
Sandschak getötet Der Fürst der Moldau ebensowenig wie eine 
Donauflottille vermochten ihre Heimkehr zu erzwingen. Im Jahre 
1587 erlitt Oczakow dasselbe Schicksal, und auch Bender ward 
nicht geschont. Im Jahre darauf erfolgte wieder ein Kosaken- 
einfall, der ausschliefslich Bender galt, und am Dnjestr ward eine 
Schlacht geschlagen. Im Jahre 1589 fiel der Jahrmarkt von Kozlow 
den christlichen Banditen zur Beute, und der Beglerbeg von Rumili 
mufste in eigener Person ausziehen, um die Kosaken und besonders 
die Polen, ihre angeblichen Herren, zu bestrafen, und drang bis 
Sniatyn vor. Wenig später, und zwar trotz des Friedens, der 
1592 zwischen dem Kaiser und dem König, die sich nicht ernst- 
lich bekämpfen wollten, zustande kam, boten die Kosaken nach 
der gelungenen Überrumpelung von Orhel ihre Dienste dem 
deutschen Kaiser an, der, von den Türken herausgefordert, einen 
schweren Kampf mit diesen in Ungarn zu bestehen hatte. Aus 
Prag brachte Chlopicki eine Fahne mit dem Doppeladler zu- 
rück und das Versprechen eines Soldes, der auch in der Tat 
bezahlt worden ist. Im Jahre 1594 hörte man wieder von Schlachten 



1) Chilia Cetatea-Albä, S. 201. 



10 1. Kapitel. 

zwischen Kosaken und Tataren: die Helden vom Dnjepr unter- 
handelten mit Aron, dem moldauischen^^Fürsten, der zwar Neigung 
hatte; die türkische Oberherrschaft abzuschütteln, aber das Kämpfen 
nicht selbst gewohnt war. Von ihm empfingen sie Lebensmittel, 
aber keinen vereinbarten Sold; dafiir fielen sie in sein eigenes 
Land vor Ende des Jahres ein und jagten ihn bis ins Gebirge. 
In diesem Augenblicke versöhnte sie der Flüchtling mit Geschenken, 
nahm sie in seine Dienste und sandte die wüden Scharen gegen 
die türkischen Bollwerke von Bender und Akkerman. Hier konnten 
sie allerdings, weil ohne Geschütze, nichts ausrichten, nahmen 
aber Ismail und Oczakow ein, plünderten und zerstörten diese 
Plätze. Ein Kosakenhäuptling, Koscza mit Namen, trat unter die 
Fahnen des walachischen Helden Michael und kämpfte 1595 g^en 
die Türken bei Cälugärenl. Immer mehr Kosaken strömten in 
die Walachei, wo sie guten Sold, reiche Beute und einen er- 
fahrenen, tapferen Führer fanden. Als sich Michael des Fürsten- 
tums Siebenbürgen bemächtigte, gehörten zu seinen besten Soldaten 
die Kosaken von Branecki, Walaocki, Oczesalski und Rostopcea. 
Auch in dem neuen Jahrhundert beunruhigten sie die Dnjestr- 
grenze: 1601 sind sie bei Soroca, 1602 in Bessarabien imd in der 
Dobrudscha, 1603 zu Ismail undlsacce; 1606 statten sie der öst- 
lichen Moldau einen neuen Besuch ab. 

Von da an alier nimmt ihre Abenteuerlust, die sich mit der 
unabwendbaren Notwendigkeit, ernährende Beute zu erwerben, ver- 
einigt, eine andere Richtung, oder es wird vielmehr eine bisher 
nebenbei geübte Tätigkeit mehr bevorzugt. Wie die Ostgoten der 
alten Zeit, wie die Bussen des frühen Mittelalters besuchen sie auf 
kleinen Fahrzeugen, die aus einem einzigen Baumstamme roh ge- 
fertigt sind, reiche Städte an den Ufern des Schwarzen Meeres, 
wo wohlhabende Kaufleute wohnen, und dehnen ihre Strei£süge 
jedes Jahr wieder auf das ungastliche Meer aus, vor dem sie sich 
aber ebensowenig fürchten, wie vor dem Tode. Der gesamte Handel 
in diesen Gegenden wird dadurch gefährdet, und so schnell sind ihre 
Bewegungen, so plötzlich erscheinen sie, wie vom Himmel ge- 
&llen, bald hier, bald da, den reichen Ungläubigen Verderben 
bringend, dafs der Sultan die Schmach erdulden mufs, aus seinem 
kaiserUchen Palaste die mehr oder weniger weit entfernten Flammen 



Verhältois der Bamänen za den Türken usw. 11 

der Verheerung zu beobachten, die den Himmel der Nacht rötlich 
&rben. Besonders bis 1640 ist die Kosakenplage, trotz aller Unter* 
handlungen mit dem König, und trotz aUer Züge gegen das treu- 
lose Polen, ein regelmäfsig wiederkehrendes Unglück, das sich 
durch nichts verhüten läfst. 

Aber auf das Festland kamen sie nur sehr selten; denn 
hier hatten die Türken ein Mittel entdeckt, um sie fernzuhalten. 
Was der Beg in den starken Festungen, die mutigen Janitscharen 
und stolzen Spahien nicht zu verhindern vermochten, das gelang 
den wilden Tataren, die als des Reiches Wacht am Dnjestr an- 
gesiedelt wurden, wie es schon früher — nach 1500 — in der 
Dobrudscha geschehen war. 

Schon 1502 machte der Sultan den Tataren den Vorschlag, 
sie sollten die „Felder um Chilia und Akkerman^' in Besitz nehmen. 
Bis zu ersterem Platze sind sie nicht gekommen, aber in dem 
zweiten schufen sie, auf den Trümmern des alten Handelsverkehrs, 
eine ihren Sitten entsprechende Wüstenei und lebten dann in diesen 
„bialogrodenses campi'^ ^). Mit Hilfe seiner tatarischen Freunde 
bemächtigte sich Selim der beiden Häfen und hegte sogar die Ab- 
sicht, aus allen Grenzplätzen eine Mark als Kronprinzenapanage zu 
bilden. Im Jahre 1560 durchstreiften die Tataren wieder die 
Moldau, und loan der Rebelle geriet im wesentlichen durch einen 
Zug des Khan ins Verderben. Bald darauf schlössen Polen und 
Türken Frieden miteinander, und in dem Friedenstraktate werden 
bereits die Tataren von Akkerman, Bender und Chilia, sowie ihre 
dortigen Besatzungen erwähnt In dem Kriege gegen die persischen 
„Kasilbaschen^^ leisteten die Tataren so gute Dienste, dafs sie 
sich erlauben konnten, als Belohnung die Moldau und Walachei, 
wo sie ihre Nahrung suchen mulsten, vom Sultan zu verlangen ^). 
Der Khan Islam-Girai, der oft gegen die Kosakenschwärme zu 
Hufe gekommen war, starb wählend eines Streifzuges gegen die 
letzteren in der Nähe von Bender und fand im alten Monkastro 
seine Ruhestätte ^). 



1) Vgl. ülianicki, S. 195. 

2) Harmuzaki XI. 

3) Hammer, Geschichte der Krim, S. 67. 



12 1. Kapitel. 

Der französische Reisende Fourquevaax ^) begegnete auf den 
^, wüsten Feldern!'^ von Bessarabien Hirtenscharen^ die hinter ihren 
Herden herzogen : das waren, wie ohne weiteres einleuchtet, nicht» 
anderes als die cofuri (polnisch kosz) der Tataren. Während 
des Krieges gegen Ungarn kamen die Tataren sehr oft in die 
Moldau und Walachei und eilten als erklärte Feinde oder wenigstens 
feindlich gesinnt auf die Eriegsgefilde Pannoniens. Im Jahre 1594 
ward Aren in Jassy von den wilden Gästen belagert und mufste 
sich, obwohl ihm ein kleines Heer zur Seite stand, loskaufen. Im 
Jahre 1595, noch während des Winters, fielen die Tataren in die 
Walachei ein, um den walachischen Empörer Michael zu be- 
kämpfen, wurden aber geschlagen; 1596 folgte wieder ein, diesmal 
vom Glück begünstigter Zug in die Walachei; das ganze Jahr 1597 
dauerte die Tatarenfurcht an, aber der innere Krieg zwischen dem 
Khan Ghasi-Girai und seinem Bruder hielt die verwöhnten Plünderer 
von einem neuen Einfalle ab. Im Jahre 1598 leiteten die Christen 
Unterhandlungen mit ihnen ein in der Hofinung, durch Tribut- 
zahlung sich die Missetäter vom Halse zu halten, doch hatten sie 
keinen Erfolg damit. Infolge verschiedener Ursachen stehen zwar 
einige Jahre lang die Tataren nicht mehr im Vordergrunde, aber 
schon 1602 erscheint der Khan selbst wiederum mit den gewöhn- 
Hchen „hundertundfunfzigtausend'' Kriegern jeder grofsen türkisch- 
tatarischen Unternehmung, um den geliebten Simion Movilä statt 
des ihm verhafsten Radu ^erban in Tirgovi^te einzusetzen: dabei 
wird auch mit den Polen heftig gestritten. Radu ^erban kann 
sich aber halten und verspricht den Tataren, damit sie ihn in 
Ruhe lassen, einen bir von 15000 Dukaten. So oft mufsten diese 
Hilfskorps der Osmanen während des Krieges mit dem römischen 
Kaiser erscheinen, dafs sie schhefslich die Heimkehr vergafeen. 
So schufen sie sich, ohne grofse Forderungen zu erheben und 
deren feierliche Zusage und Bestätigung abzuwarten, aus ihren 
Winterquartieren in Bessarabien eine neue Heimat. Die alte wa- 
lachische Provinz, die moldauische Eroberung der grofsen Fürsten 
des 15. Jahrhunderts, die Raja des Sultans Bajesid wurde auf 
diese Weise die Wohnstätte der häfslichen, unruhigen, kultur- 



1) Jorga, Acte §i fragmente, I, S. 34—36. 



Verhältnis der Bumänen zu den Tfirken usw. IS 

unfähigen Nogaien und hiefs in der Sprache der neuen Herren seit- 
dem Budschak: das heifst wiederum angulus ^), wie in der alten 
2^it. Die ^^Tatari Bucyakienses*' sind schon 1603 eine Tatsache. 
Der moldauische Fürst Jeremias hatte ihnen jenseits der budscha- 
kischen Grenze sieben Dörfer geschenkt, die erst nach etwa zehn 
Jahren gegen eine Erhöhung des Tributs zurückgewonnen wurden. 
Im ganzen hatte die südliche Moldau ungefilhr 16000 dieser 
schrecklichen Nachbarn gewonnen, denen, um von anderen zu 
schweigen, die zunächst wohnenden Bauern Holz zum Hüttenbau 
und Kochen aus den Chigheciü- Wäldern liefern mufsten. 

Während fönfzehn voller Jahre stand ein tatarischer Edel- 
mann, ein Mirzak, Cantemir, an der Spitze dieser Nogaien und 
gründete eine Art selbständigen tatarischen Staat, der sich dem 
Willen des Kaisers der Krim nicht immer fügte. Als Lohn für 
seine Dienste, die er den Osmanen gegen die Polen geleistet hatte^ 
erhielt Cantemir, ein unversöhnlicher Gegner dieser Nachbarn, auch 
die Statthalterschaft über Silistrien mit dem Titel eines türkischen 
Pascha; ja der Wesir nannte ihn im Jahre 1622 seinen „Sohn^ 
und verteidigte ihn gegen alle möglichen Beschuldigungen. Offiziell 
war ihm das Amt des Gubemators über das ganze Ufer des 
Schwarzen Meeres gegen die Donaumündungen hin übertragen. 
Einmal zwar ward er den Polen zuliebe versetzt, aber es ver- 
strich keine lange Zeit, und er kehrte wieder in sein Kriegsquartier, 
das Budschak, zurück. Gegen einen rebellischen Khan leistete 
er auch gute Dienste und wurde deswegen allgemein noch höher 
gepriesen. Seine Amter und Würden wurden ihm 1636 in feier- 
licher Weise verliehen, aber schliefslich wurde er, nach einer so 
glänzenden Laufbahn, von einem feindUchen Khan besiegt und ver- 
jagt, so dafs er in Konstantinopel ein Obdach suchen mufste. Ja, 
den vereinigten Klagen des einflufsreichen moldauischen Fürsten 
Vasile Lupu und der ihm grollenden Polen gelang es, einen Hin- 
richtungsbefehl gegen ihn zu erwirken, und kurze Zeit nachdem 
der Khan selbst seine Unfähigkeit zu regieren mit dem Tode hatte 
bezahlen müssen, wurde auch der mächtige tatarische Häuptling, 
der einst an der unteren Donau gebot, vor den Augen des strafenden 



1) Chilia ^i Cetatea Alba, Kapitel X. 



14 1. Kapitel. 

Sultans enthauptet (1637). Die zurückgebliebenen Krieger wurden 
durch einen besonders gegen sie gerichteten Zug gezwungen^ sich 
entweder wieder nach der Krim zurückzuziehen, oder, wenn sie auf 
polnischem Boden bleiben wollten^ Untertanen des Königs zu 
werden. Erst nach einigen Jahren schlichen unbemerkt die 
einstigen Budschaker in ihr Land zurück, aber da sie keinen 
tüchtigen Führer wieder fanden, konnten sie die bisherige Rolle 
nicht weiter spielen. 

Die Kosaken waren schon in ihre dritte Entwickelungsphase 
eingetreten: nachdem sie einige Jahre treue Untertanen der Polen 
gewesen waren, strebten sie unter Bogdan, dem Sohne des Chmiel, 
Chmielnicki, danach, einen eigenen Staat zwischen Polen und Mos- 
kowien zu bilden, und bei der Verfolgung dieses Zweckes fanden 
sie in den nunmehr entnervten Tataren, die höchstens dann und 
wann in die Moldau streiften, gelegentliche Verbündete. 

Die Verfassungszustände der Budschaker Tataren unterschieden 
sich in nichts von denjenigen ihrer Stammesgenossen. Im Frieden 
waren sie vornehmlich Hirten, während sie sich im Kriege als 
tüchtige Kämpfer bewährten. Zwar lernten sie auch den Acker 
bauen, aber die Feldarbeit verrichteten sie nicht selbst; das hätte 
sie erniedrigt. Vielmehr dienten ihnen dabei die zahlreichen G^ 
fangenen sowie die noch vorhandene alte christliche, rumänische 
Bevölkerung, die in ihren schmutzigen Dörfern lebte, wo erst mit 
der Zeit besser gebaute Häuser entstanden. In jedem von diesen 
Dörfern herrschte als gefurchteter tatarischer „Ritter'^ der Mirza, 
und alle die Mirza mit ihren Untergebenen waren in vier Gruppen 
eingeteilt. Ihr Führer im Kriege und zugleich ihr ordentlicher 
Richter war der Stellvertreter des Khans, der erst später im Bu- 
dschak eine oft besuchte Residenz, nämlich CäufanI, hatte; dieser 
Stellvertreter hiefs Kaimakam oder, als Befehlshaber des ganzen 
Heeres der Provinz, Serasker. Erst gegen 1700 wurden zwei Be- 
zirke von dem Gebiete des Seraskers abgesondert und einer 
speziellen Regierung anvertraut, die mehr Geld herausschlug: nach 
Sitte der Kosaken wurde damals fiir die benachbarten rumänischen 
Dörfer ein christlicher Hatman in Dubasarl eingesetzt, während 
andere Dörfer dem Befehle des Jali-Aga unterstellt wurden ^). 
1) Chüia ^i Cetatea Alba, S. 259ff. 



Verhältnis der Bumäoen zu den Türken usw. 15 

Vor Cantemir hatten die Türken die Wacht an der Donau 
einem ihrer Paschas anvertraut. Dieser war zugleich Befehlshaber 
über Silistrien und die übrigen kleinen Festungen^ über die ganze 
meistens von Tataren bewohnte Dobrudscha^ wo später in Babadag 
eine Residenz für den Markgrafen des nördlichen osmanischen Grenz- 
gebietes entstand^ über die moldauische Raja^ wo es einen Beg von 
Akkerman ebensowenig wie einen solchen von Bender seit 1600 
imd zwar bis gegen 1699 gibt^ und schliefsUch über die starke 
Dnjeprfestung; den türkischen Schlüssel gegenüber den Kosaken- 
nestem und der russischen Steppe, nämlich Oczakow, von den 
Türken selbst Ozu genannt. Der Ozu-Valessi oder Silistrien-Va- 
lessi hatte die unsicheren christlichen Vasallen in der Walachei 
und Moldau zu überwachen, die Polen auszuspionieren und ge- 
legentlich einen Bachezug gegen den königlichen Hetman zu fuhren, 
die Kosaken, solange sie eine ständige Gefahr für das Beich bildeten,, 
zu bekämpfen, und endlich auch an der Spitze kaiserlicher Truppen 
gegen das entfernte Moskowien zu ziehen. Er hatte grofse Ein- 
künfte und erhielt aufserdem von selten aller derer, denen an 
seiner Gunst gelegen war, am meisten selbstverständlich von selten 
der Vasallenfürsten, deren Stellung von den Berichten des Befehls- 
habers von Oczakow und Silistrien abhing, gröfsere Geschenke. 
Von dieser wichtigen Statthalterschaft; führte der Weg zu den 
höchsten Würden im Staate, aber gelegentlich auch in die Ver- 
bannung oder zum Henkerplatz. 

Der neue Ausbruch des persischen Krieges, der bereits gegen 
Ende des 16. Jahrhunderts für immer beendet schien, dieser un- 
aufhörliche Krieg mit kurzen Rastzeiten und desto längeren späteren 
Anforderungen, machte diese eigenartige Regierung an der ent- 
gegengesetzten Grenze gegenüber den polnischen und deutsch- 
ungarischen Christen zu einer Notwendigkeit. Und diese Ein- 
richtung, die an die Zeiten erinnert, als die Mihalogli und Mal- 
kotschogli die Herren der Donau waren, hat bis zum späten end- 
gültigen Frieden Bestand gehabt. 

Nachdem die Türken die vom Walachenfursten Michael 
(1593 — 1601), ihrem grofsen Feinde, zerstörten Rajas wiederher- 
gestellt und die Burg Bräila, sowie die von Giurgiu, wo die sieg- 
reichen Christen keine ständige Besatzung zurückliefsen, in Ver- 



y ^ 



16 1. Kapitel. 

teidiguDgszustand gesetzt hatten ^ bekam die Oberherrschaft in 
dieser Gegend Skender-Pascha, ein energischer und dabei sehr 
vorsichtiger und bedachtsamer Mann, der dem Sultan schon zu 
Eanisa und dann in Bosnien gute Dienste geleistet hatte. Skender 
ordnete die verwickelten siebenbürgischen Verhältnisse, verjagte 
den tollen Gabriel Bäthory, den Fürsten von Siebenbürgen, und 
setzte an seiner Stelle den klugen Gabriel Bethlen ein (1613). 
Er befestigte den Thron des letzteren durch den neuen Zug von 
1614, und als die Moldau von der Familie des polnischen Schütz- 
lings Jeremias Movilä mit polnischer Hilfe überfallen wurde, gelang 
es dem grofsen Listenersinner, den ganzen Rebellenstamm £Eist ohne 
Blutvergiefsen in seine Hände zu bringen (1615). Zwei Jahre 
später zog er gegen Polen, um eine solche beleidigende Tat, wie 
es die Unterstützung der Movileftl war, zu bestrafen. Er führte 
43ehr geschickt und wieder ohne Schlacht den Frieden von Jaruga 
oder Bussa herbei, und als dieser Frieden nicht sogleich bestätigt 
wurde und aus Eonstantinopel der Befehl, einen neuen Zug zu 
unternehmen, eintraf, verhinderte er wiederum das Blutvergiefsen. 
Dem kroatischen Abenteurer und spitzfindigen Diplomaten Gaspar 
Gratiani hatte er auf den Fürstenstuhl der Moldau verhelfen, and 
als dieser sich gegen seinen türkischen Kaiser erhob und die 
Polen noch einmal ins Land rief, da beendigte er in glänzender 
Weise mit der Vernichtung des ganzen feindlichen Heeres den 
nicht erwünschten neuen östlichen Krieg (1620). 

Nach ihm erschien Murteza, allerdings nur för einen Augen- 
blick, als Pascha in Silistrien, um dann seine Laufbahn weiter 
fortzusetzen. Abaza folgte ihm in der Donaumetropole und in 
dem ständigen Limeslager, Mohammed Abaza, ein alter asiatischer 
Rebelle, der ein etwas unruhiger Statthalter in Bosnien gewesen 
war, „der stärkste und berühmteste von den türkischen Befehls- 
liabem in Europa '^ Er spielte eine entscheidende Rolle in den 
walachischen, moldauischen und siebenbürgischen Angelegenheiten, 
ivar ein guter Nachbar för die aufstrebende Macht des ersten 
Räköczy, half den walachischen Landesbojaren, einen der ihrigen, 
den alten Aga Matel, auf den Thron von Tirgovi^te zu bringen 
(1632), half diesem auch, nachdem er mit bewaffneter Hand gegen 
•ein Heer, welches die kaiserliche Emennungs£Eihne trug, gekämpft 



ErwähloDg und Einsetzung der Fönten in Konstantinopel. 17 

hatte ; den Moise Movilä auB der Moldau hinauswerfen und ver- 
flchaffie dem Vasile Lupu die Fürstenwürde (1634). Das alles 
schien ihm noch nicht genug, und so arbeitete er emsig an der 
Wiedereröffnung des Krieges gegen die ihm verhaTsten Polen. 
Diese verstanden aber die Bestätigung des alten Friedens zu er- 
wirken, und im Sommer 1634 wurde Abaza als Unruhestifiber, ob- 
wohl er bei dem Sultan in grofser Gunst stand, nach Konstanti- 
iiopel gerufen, um sich zu verantworten, und dann erdrosselt 

Nach ihm regierte in Silistrien als Vizekönig ein Schwager 
des gefürchteten Sultans Murad IV., Eenaan mit Namen, der in 
«einer Laufbahn rasch vorwärtskam. Ein ehemaliger Grofswesir 
folgte ihm in diesem wichtigen Amte. Noch während der sieben- 
bürfi^schen Krise bei dem Falle des zweiten Bäköczy spielte Sia- 
wu^h, der Pascha von SiÜBtrien, eme »einer Vor^g<^ würdige 
Solle, und sein Nachfolger, Khidir, kam mit den anderen kaiser- 
lichen Truppen ins aufrührerische Land. Nachher aber erlosch 
der Glanz dieser grofsen Statthalterschaft;, und in wenigen Jahr- 
zehnten hatte die Raja und die ganze nördliche Mark des Reiches 
ihre Bedeutung verloren. Die Tataren waren um dieselbe Zeit so 
schwach, dafs sie sich ruhig verhielten, kurz, in jeder Beziehung 
zeigte sich der rasche Verfall der osmanischen Macht, der zwar 
bald allgemein erkannt und von den Türken selbst betrauert 
wurde, sich aber nicht verhindern Uefs. 



2. Kapitel. 

Brwählung und Einsetzunj^ der Fürsten in Kon- 

stantinopel. 

Die türkische Oberherrschaft zeigte sich ebenso deutlich, aber 
mit noch viel verderblicheren Folgen in der Art, in der nunmehr 
die Fürsten gewählt und eingesetzt wurden, denn nach einer ver- 
hältnismäfsig kurzen Zeit hatte sich das Verfahren völlig verändert. 

Bei den Bumänen, wie bei ihren slavischen Nachbarn und 
ehemaligen Lebensgefährten, hatte jeder Mann, der nachweisen 
konnte, dafs er fürstlicher Herkunft sei und aus der alten Dynastie 
«tamme, Anspruch darauf, den Fürstenstuhl des Landes zu be- 

Jorira, Geschichte der BamAnen. II. 2 



18 2. Kapitel. 

steigen ; das seiner Familie gehörte. Eheliche und uneheliche 
Kinder hatten dieses Recht, und nicht immer genossen die ersteren 
den Vorzug. In der zahbeichen Nachkommenschaft eines ver- 
storbenen Wojwoden gab es gewöhnlich viele schöne, tapfere, dem 
Volke bekannte und von ihm geliebte Bastarde, und es kam sehr 
oft vor, dafs die freie Wahl der Untertanen auf eins von diesen 
besseren Exemplaren des herrschenden Geschlechtes fiel. 

Die Wojwoden, welche die Macht länger in ihren Händen 
gehabt und sich dadurch, wie durch ihre persönlichen Eigen- 
schaften, verehrt oder gefürchtet gemacht hatten, wufsten die Un- 
sicherheit einer solchen Wahl zugunsten ihres ehelichen Erstgeborenen 
zuweilen auf zweierlei Weise zu beseitigen. Einige Male ward 
dieser bevorzugte Sohn schon bei Lebzeiten des Vaters als Mit- 
regent anerkannt und trat nach dem Tode des alten Fürsten ohne 
weiteres in alle Rechte eines Herrschers ein ; diese Sitte findet sich 
schon in den ersten Zeiten beider Fürstentümer: so steht dem 
müden Mircea sein Sohn Michael zur Seite, dem hochbejahrten 
Alexander sein später.er Nachfolger Ilie. Auch Brüder regieren 
mitunter gemeinsam, um bei dem Todesfalle des einen dem anderen 
den Thron zu sichern. Peter imd Roman, die Herrscher der 
Moldau, befinden sich vielleicht gleichzeitig im Besitze der höchsten 
Macht, und beim Beginne seiner Regierung teilte Alexander der 
Ghite seine Rechte mit dem Bruder Bogdan. Das konnte aber,, 
wenn der alte Fürst sich eines sehr langen Lebens erfreute und 
der Sohn oder jüngere Bruder allzu ungeduldig war, zu unangenehmen 
Zwischenfällen führen, und auch im Lande war diese Verdoppelung 
des Imperiums nicht sehr populär, weil sie auch für dieses nicht 
allzu vorteilhaft war. Es finden sich aber auch zweitens grofse oder 
kleine moldauische Fürsten, welche in ihren letzten Tagen, von 
Krankheit oder Alter gebeugt, im Vorgefühl des Todes ihren Nach- 
folger selbst bezeichnen, indem sie die Wahl nach vorheriger Hin- 
richtung der feindlich gesinnten oder unsicheren Bojaren in ihrer 
Anwesenheit vollziehen lassen: einem solchen Eingreifen in ex- 
tremis verdankten der schwache Bogdan und der Knabe ^teiä- 
ni^ä ihre Erhebung auf den Fürstenstuhl. 

Aber nicht jeder konnte diese letztere Mafsregel ergreifen,, 
wie nicht jeder sein Ende vorauszusehen vermochte, und die Qe- 



Erwählaog und Einsetzang der Fürsten in Eonstantinopel. 19 

fahr einer Mitregentschaft erkannten doch viele in ihrer ganzen Gröfse. 
In solchen Fällen schritt „das ganze Volk** zur wahrhaft freien 
Ausübung seines Wahlrechtes. Wie dies im 17. Jahrhundert 
und gewifs in gleicher Weise lange vorher schon geschah^ kann 
man sich aus den vorhandenen Quellen gut vergegenwärtigen. 
Nach UrechC; einem Chronisten aus dieser Zeit^ versammelte Stephan 
der Grofse nach seinem Siege über Petru Aron „die Bojaren, grofse 
und kleine, und die anderen Hofbeamten — curte märuntä — 
wie auch den Metropoliten und die Klerisei an einem bestimmten 
Orte, einem Felde vor den Toren der Hauptstadt**. Er liefs die 
Anwesenden fragen, „ob es allen genehm sei, dafs er ihr Domn 
werde'*. Das Blut klebte noch an dem scharf geschliffenen 
Schwerte, und es entstand sogleich eine allgemeine Salutatio nach 
kaiserlich byzantinischer und altrömischer Art: „Herrsche viele 
Jahre nach Gottes Willen**, das elg TtolXä tvrj des konstanti- 
nopolitanischen Pöbels ^). In den alten slavischen Annalen wird 
nur berichtet, dafs das ganze Land den Fürsten erwählte. Nach 
dem Tode des greisen Matel-Vodä (1654), der keinen Sohn hinter- 
liefs und auch keinen näheren Verwandten hatte, richtete der 
Metropolit von einer erhöhten Stelle aus an die zuströmende Menge 
folgende Worte: „Euer Herr ist gestorben; wen wollt ihr an seiner 
Stelle, auf dafs er über euch herrsche?** Die Bojaren, das Heer 
und das „ganze Volk** antworteten darauf: „Keinen anderen wollen 
wir, als Konstantin, den Sohn des Fürsten §erban.** Dieser 
stellte sich erst, der Sitte gemäfs, als ob er sich der Wahl ent- 
ziehen wolle, und ward dann zur Metropolie geführt, wo das Haupt 
des Klerus die Salbung an ihm vollzog. Vom Metropoliten, dem 
Exarchen, als Stellvertreter des Patriarchen, empfing er die Zeichen 
seiner neuen Würde: das Goldkleid der Kaiser des Ostens, den 
Mantel von reichem Brokate, der aus Venedig stammte, die so- 
genannte cabani^ä, und den Zobelhut. In früheren unabhängigen 
Zeiten ward an seiner Stelle gewifs eine Krone benutzt, wie in 
Bulgarien und Serbien bei Garen und Kralen, und wie in Kon- 
stantinopel für die „christliebenden ßaatXeig der ganzen Welt**; der 
später eingeführte Hut ist mit einem „surguciü**, einer Aigrette 



1) Letopisite I, S. 152. 

2* 



so 2. Kapitel. 

von Gold und kostbaren Steinen , geziert Alle Bojaren und 
Würdenträger küssen noch in der Kirche die Hand ihres Monarchen. 
Der Domn sitzt in seinem Stuhle, den vergoldete Holzarbeit schmückt, 
und über seinem heiligen Haupte blitzt die goldene Krone. Nachdem 
die Huldigung vollzogen ist, steigt er als oberster Kriegsherr aufs 
Pferd und geht zu Hofe: von nun an müssen ihm alle gehorchen. 

Im Grunde wird die Wahl, wenn auch nur in seltenen Fällen 
auch noch zu Ende des Jahrhunderts mit denselben Förmlichkeiten 
vollzogen; nur wirkt in der Walachei wie in der Moldau der 
aristokratische Einflufs stärker als vorher. Nachdem durch den 
Tod des regierenden Wojwoden der Thron erledigt ist, versammeb 
sich nur die grofsen Bojaren und ihre Stellvertreter, die boierl 
al doilea, die Curtenl, „aulici^', im Diwansaale oder in einem 
anderen dazu geeigneten Zimmer; in Bukarest wählen sie die 
Spätäria-Micä cu stelele, das kleine, mit Sternen bemalte 
Zimmer des Spatarenamts. Hier, ohne Vorwissen des Volks, ge- 
schieht die Erwählimg des Fürsten, der berufen wird, nur um 
sich dem Willen des Oligarchen zu beugen. Er wird gleich darauf 
zur Metropolie oder auch zur Hofkirche gefuhrt, und die Feier- 
lichkeit endet, nachdem die Bojaren den Treueid geleistet haben, 
im grofsen Diwan, wo der Fürst zum ersten Male den Thron 
besteigt. In solcher Weise wurde die oberste Macht dem Konstantin 
Brincoveanu, dem Walachenfürsten (1688), und dem Fürsten der 
Moldau, Demetrius Cantemir (1693), anvertraut^). 

Aber nur selten wurde in der alten Zeit die Herrscherfrage 
friedlich entschieden. Nicht an einem Versammlungsorte, im grünen 
Felde oder in dem geschmückten Saale eines Palastes wurde der 
Fürst wirklich erwählt, sondern im Gewimmel des Kampfes, unter 
der siegreichen Fahne und dem wilden Jauchzen der blutbedeckten 
Bojaren und bewaffiieten Bauern. Das war ein grofses Unglück 
für beide Fürstentümer, aber am meisten für die mehr im Bürger- 



1) Vgl. die Eeisen des antiochenischen Patriarchen Macarius, englische 
Übersetzung von F. C. Balfour, 1836, 2 Bände; ramänische in Arch. istorica, 
und von Emilia Cioran (Bukarest 1900). Eine russische Ühersetzung des 
arabischen Textes ist 1903 erschienen. Dann Denkwürdigkeiten des Bada 
Popescu in Magazin istoric, Y, S. 95fif.; Jorga, GronicUe muntene, I, 
S. 18—19; Gantemir, Descriptio Moldaviae, S. 48 ff. 



Erwäblung und EioBetzuDg der Fürsten in Konstantinopel. 21 

kriege als im Frieden lebende Walachei, denn nach kurzer Ruhe 
tobte fortwährend wieder der leidenschaftliche Kampf um die 
Krone. Dies trug auch dazu bei, dafs sich die Walachen viel 
früher als die Moldauer den Türken unterwerfen mufsten. Oegen 
Mircea kämpft Dan, Dan selbst wird von Mircea vertrieben, 
und Vlad bemächtigt sich der Walachei gegen denselben Mircea. 
Nach dem Ende der ungemein langen Regierung Mirceas entreifst 
der zweite Dan dem Michael die Fürstenwürde und tötet ihn. 
Gegen ihn tritt nur wenig später Radu, der Prasnaglava, auf; 
Dan II. siegt zwar, verschwindet aber einige Jahre danach. Alexander 
kämpft nun mit dem teuflischen Vlad. Gemeinsam mit dem 
rächenden Hunjady erscheint Vladislav Dan, um den Drachen 
und seinen Sohn zu entthronen und zu töten. Eines gewaltsamen 
Todes stirbt dieser selbe Vladislav, dem in dem zweiten Vlad, 
^epe§, ein Nebenbuhler ersteht. Der „Pfahler" wird durch seinen 
Bruder ersetzt, eben dieser Radu verliert das Leben, und die 
beiden Basarab, Vater und Sohn, ringen nun elendiglich mit- 
einander. Der Vater stirbt als Flüchtling, der Sohn wird von 
den Banater Bojaren ermordet. Nur Vlad der Mönch — Vlad f epe^ 
war auch als blutige Leiche hinausgetragen worden — versöhnt 
sich mit seinen Gegnern und es finden sich endlich einmal Fürsten, 
er selbst und sein Sohn Radu, die ruhig daheim im Krankenbett 
sterben. Danciu, der Sohn des jungen Basarab, und Mihnea, der 
Sohn des ^epe^, erscheinen jetzt auf der Bühne ; der letztere siegt, 
wird aber von den Bojaren vertrieben. Sein Nachfolger Vlad ver- 
liert sein Haupt nach einer Niederlage, und erst dem frommen 
Neagoe beschert Gott wieder einen gesegneten Abgang aus dem 
Leben. Teodosie, der Sohn von Neagoe, verschwindet als türkischer 
Gefangener; Vlad-Dragomir fällt auf dem Schlachtfelde; dem Radu- 
Bädica wird der Kopf zerschmettert, und den Radu de la Afuma^I 
morden die Bojaren in einer Eorche. Es folgen Moise, der in der 
Schlacht fällt, Vlad der Ertrunkene, und Vlad Vintilä wird das Opfer 
eines Jagdunglücks. Was für eine Reihe blutiger Ereignisse in dem 
Zeitraum, der wenig über ein Jahrhundert freien walachischen 
Lebens umfafsti 

Kronprätendenten lauerten aber unaufhörlich, trotz dieser ab- 
schreckenden Beispiele, an der ungarischen oder auch moldauischen 



33 2. Kapitel 

Grenze. Ebenso fanden sich in Ungarn und im ungarischen Sieben- 
bürgen Bewerber um den moldauischen Thron, und nicht minder 
in Polen. 

Auch in der Moldau war während des 14. Jahrhunderts in 
dunklen Verhältnissen viel Blut für die goldene Krone vergossen 
worden: Jurij, der Litauer, vielleicht^ und nach ihm wahrschein- 
lich Juga und Bogdan sanken durch Mörderhände vom Fürsten- 
stuhle. Dann verleiht der treffliche Patriarch Alexander während 
dreifsig Jahren seinem unter ihm blühenden Lande den Segen des 
Friedens, und es folgt nun ein Atridenzeitalter, während dessen sein 
Stamm erlischt, aber glücklicherweise der einzige wirklich Be- 
gabte übrigbleibt. Ilie wird vom Bruder geblendet, Stephan vom 
Neffen hingemordet, Peter vielleicht ebenfalls getötet, Bogdan 
von einem zweiten Peter nach dem Schmause von Reusenl ge- 
köpft, und der verdorbene Epigone Alexandre] schliefslich von 
seinen Ratgebern vergiftet: das erinnert lebhafk an die leicht- 
gläubigen walachischen Fürstensöhne, die den Glanz der Herrschaft 
suchten und in ihr den Flammentod fanden. Nur der Herrschaft des 
grofsen Stephan, die ein halbes Jahrhundert andauert, ist die darauf 
folgende Stabilität der Verhältnisse zu danken: seitdem erscheint 
der Fürstenmord in der Moldau als ein vereinzelter Fall, und die 
Zahl der Schiffbruch leidenden Prätendenten ist nur sehr gering. 

Zu den Donautürken haben schon früh die feindlichen Brüder 
und Vettern des walachischen Fürstenhauses den Weg gefanden. 
Vlad I. ist zwar wahrscheinlich nicht von einer heidnischen Festung 
oder vom Lager Bajesids gekommen, aber er mufs nach dem Ein- 
falle des Sultans diesem seine Dienste angeboten haben. Dan, der 
ehedem als Geisel an der Pforte des Oberherm lebte, langte da- 
gegen auf einem byzantinischen Schiffe aus Konstantinopel an. 
Aber Badu Prasnaglava, Mihnea, Vlädu^, Neagoe, Vladislav, 
Basarab V., sämtlich Kreaturen der Mihalogli und Malkotschogli, 
waren, wie man annehmen mufs, alle aus der Raja des rechten 
Donauufers, oder aus den gegenüberliegenden Festungen ausgeflogen. 
Nichtsdestoweniger waren sie in ihrer Verbannung von einer Bo- 
jarenpartei umgeben, und so tat der Donaubeg nichts anderes als 
das, was so oft der siebenbürgische Wojwode getan hatte: er ver- 
half einem rechtmäfsigen , vom Lande verlangten Herrscher zu 



Erwählang und Einsetzong der Fürsten in KonstantinopeL SS 

seinem Rechte. So gewann auch die Pforte FürstensprSIalmgei 
deren sie sich gelegentlich bedienen konnte, und diese waren nicht 
Flüchtlinge, sondern rechtmäfsige Bewerber um die väterliche Exone. 
Unter den Bedingungen, die den unterworfenen Christen auf- 
gezwungen wurden, befand sich regelmftfsig auch die, dafs der 
VasaUenförst einen von seinen Söhnen nebst einigen jungen Bo- 
jaren nach Adrianopel oder Eonstantinopel schicken mulste, damit 
dieser Jüngling filr das Verhalten seines Vaters Sicherheit leiste. 
Der französische Reisende Bertrandon de la Brocqui^re &nd am 
Hofe Murads 11. „zwanzig walachische Edelleute, welche als 
Geiseln des walachischen Landes hier weilten '' ^). Schon Mircea 
hatte seinen Sohn Dan in dieser Eigenschaft an den Hof des Sul- 
tans schicken müssen; Vlad Dracul hatte nur seinen ältesten Sohn 
Mircea an seinem Hofe, die zwei anderen, Vlad und Radu, hatte 
Murad an die Pforte berufen, und dort kamen sie einmal in die 
Gefeihr, für ihren Herrn und Fürsten zu büfsen; Vlad kehrte als ein 
Wüterich, Radu als ein in die leichten Sitten des Morgenlandes 
Eingeweihter zurück. Gelegentlich des Feldzuges von 1462 brachte 
der Sultan diesen schönen Prätendenten mit sich, um ihm die Re- 
gierung der Walachei anzuvertrauen. Aber dadurch wurde kein 
neuer Brauch geschaffen: Mohammed war gegen einen erklärten 
Feind des Reiches ins Feld gezogen und hatte ihn besiegt; nun- 
mehr kam „ das Land *' zum kaiserlichen Zelte und verlangte nach 
einem neuen Fürsten, dessen Namen man auch aussprach. Der 
Sohn Peter Arons, der ein Jahrzehnt später mit demselben Sultan 
in die Moldau kam, war vorher in gleicher Weise als Geisel aus 
Fürstenblute in Konstantinopel gewesen. Im 16. Jahrhundert war 
Moise, der Sohn Vladislavs, bei den Türken auf diese Art zu 
Gaste. Zu guter Letzt hatte auch Stephan, der Schwager des Sul- 
tans, der nach der Vertreibung des Rare^ durch die siegreichen 
Waffen Sultan Solimans als Fürst in Suczawa einzog, von seiner 
Kindheit an in der osmanischen Hauptstadt gelebt, weil sein Vater 
Alexander (Sandrin) hier als Geisel des grolsen gefurchteten alten 
Stephan gestorben war: er hatte also die Stellung als Geisel ge- 
wissermafsen geerbt Es ist mehr als wahrscheinlich, dafs er ge- 
raume Zeit im Einverständnis mit den Unzufriedenen in der Mol- 

1) Ausgabe S chefer, S. 190. 



84 2. KapüeL 

dau stand und dafs diese ihn ausdrücklich vom ,, Kaiser^' zum 
künftigen treuen Herrscher verlangten. 

Bis in so späte Zeit äuTsert sich in der Moldau wie auch in 
der Walachei die türkische Oberhoheit durch weiter nichts al» 
durch Tributzahlung, Proviantlieferungen, Geschenke und Sendung 
des Sandschaks; letzteres ist eine grofse, breite Fahne — so grofs^ 
dafs man zur Not ein Zelt daraus verfertigen könnte ^) — , ia 
welcher der stets mehr oder weniger unsichere BasiUkos der Des- 
pote eine Art von ,, goldenem Vliese^' sehen wollte, und nicht das- 
Zeichen einer türkischen Belohnung für das durch die Waffen 
eroberte moldauische Fürstentum erblickte. Mit dem Sandschak 
erschien in zahlreicher glänzender Begleitung ein Offizier der 
Pforte, ein Eapudschi, der durch schöne Geschenke für seine Mühe- 
waltung belohnt wurde ^). Zu dem genannten Despoten kan» 
der oberste Pfbrtner des Sultans selbst, der Eapudschi-Pascha, mit 
150 Leuten im Gefolge, die alle prächtige reiche ELleider trugen,, 
mit 46 Kamelen und 18 Maultieren. Zugleich mit dem roten 
Sandschak brachte er dem neuen Vasallen des Kaisers Geschenke 
nach morgenländischem Geschmacke : sechs von den Kamelen und 
Maultieren blieben in der Moldau, und daneben wurden auch drei 
vollständig ausgestattete Pferde, drei Ehrenkleider von Brokat,, 
mit Zobelpelz gefüttert, drei goldene Binge, zwei krumme Säbel — 
sarculi — ähnlich denen, die die Janitscharen tragen, dar- 
gebracht Die Gegenleistung übertraf selbstverständlich an Wert 
die Geschenke des Sultans: der Despot lieferte dem grofsen Send^ 
boten 100 Pferde, 18 Kleider, 40 Stücke feinen Tuches, „Seiden- 
waren und vieles andere '^ Aufserdem wurden an barem Gelde 
90 000 Aspem ausgeteilt. Einige Zeit vorher war zu dem neuen Woj- 
woden Bädica, um ihn während der Feierlichkeit der Belehnung zu 
ermorden, ein Gesandter des Kaisers mit 300 Reitern gekommen, und 
das war offenbar nichts Ungewöhnliches, so dafs die List gelang. 

Trotz dieser öffentlichen Anerkennung seines Vasallenverhält- 
nisses genofs aber der Fürst bis in sehr späte Zeiten alle di& 



l)Alex. Szilagyi, G. Bakoczj L im Dreilsigjährigen Kriege (Badapest 
1883), 8. 104. 

2)Harmnzaki II ^ S. 404 — 405; vgl. Jorga, PretendentI Domne^tf^ 
S. 81—82. 



Erwählong und EinsetzuDg der Fürsten in Konstantinopel. Sfr» 

Bechte, welche nach alt- und spätrömischem, d. h. byzantinisch- 
slavischem Begriffe^ das Imperium ausmachen. Über das ganze* 
Land^ über den Grund und Boden im aUgemeinen hatte er ein 
oberstes Verfiigungsrecht; er galt als dessen erster Besitzer^ als- 
der Ursprung, die Quelle jedes anderen, abgeleiteten Besitzrechtes- 
seiner Untertanen. Deshalb konnten in beiden Fürstentümern 
Eigentumsprozesse in letzter Instanz nur durch den Spruch des- 
Fürsten entschieden werden, und wenn eine ocinä durch Kauf, 
Tausch oder auf irgendwelchem anderen friedUchen Wege erworben, 
ward, genügte noch nicht die Bezahlung der fraglichen Summe Geldes« 
oder der tatsächliche Austausch der Güter, auch nicht die Zeugen- 
schaft der Nachbarn „von oben und unten'' oder diejenige eines^ 
grofsen Würdenträgers, eines berühmten, weitbekannten Landes- 
bojaren; vielmehr geht man in der Türkenzeit wie früher, nach- 
dem deraldäma^ getrunken, der zapis geschrieben, unterzeichnet 
und versiegelt ist, zum Fürsten, um ihn um die Bestätigung zu. 
bitten. In den cär^ldomne^tl heifst es ausdrücklich, dafs das er- 
worbene Stück Landes „auch von selten des Wojwoden gegeben'',, 
d. h. geschenkt worden ist. Jeder Fürst hat das Recht, sich nach« 
BeUeben in Angelegenheiten des Besitzes einzumischen , und nur 
die Sitte verhindert ihn, zu häufig von diesem Bechte, das eine- 
Ursache der Unsicherheit und des Haders werden konnte, Ge- 
brauch zu machen ^). 

Mit der kaiserlichen Fahne wird in der Walachei schon im« 
Beginne des 16. Jahrhunderts auch die „mazza ferrata", der buz- 
dugan überreicht. Es ist dies eine mit Silber beschlagene oder 
aus Silber verfertigte Kriegskeule, welche aber auch gelegentlich 
in Friedenszeiten zur Bestrafung eines verbrecherischen, treulosen,, 
aufrührerischen Bojaren gebraucht werden kann : in den Siegeln> 
der Fürsten erscheinen neben dem Landeswappen auch rechts und. 
links ein entblöfstes Schwert und die mit einer Kugel versehene 
Keule. Diese Sinnbilder zeigen, dafs jetzt wie vordem der Woj- 
wode die höchste Gerichtsbarkeit über jeden angesessenen oder 
zeitweiligen Bewohner seines Landes persönlich oder durch sein&^ 
Beamten ausübte. Selbst der türkische Kau^ann und der tür- 



1) Gantemir, Descriptio Moldaviae, S. 39. 



-so 2. Kapitel. 

kiscbe Krieger, der sich vergeht, nur der „kaiserliche Diener" — 
der omlmperätesc — nicht, sind diesem unbedingten Straf- 
rechte des Fürsten, solange sie auf rumänischem Boden weilen, 
unterworfen. Kein Kadi ist je aufserhalb der Grenzen der Baja 
eingesetzt worden, und gegen die Türken, die sich mit Drohungen 
und Waffengewalt selbst Recht schaffen wollten, traf die Pforte, 
^wenn Klagen laut wurden, immer Mafsregeln. Nicht gerade selten 
wurden die gröfsten Bojaren von der geheiligten Hand des Fürsten 
rselbst bestraft; waren diese aber zu beliebt gewesen und ihr An- 
sehen zu grofs, als dafs es sofort vergessen werden konnte, dann 
brachte der Fürst sie gelegentlich auch auf den Richtpiatz. 
So glaubt Cantemir-Vodä der Alte, eine Verschwörung gegen 
fiich entdeckt zu haben, und sieht in dem mächtigen Hatman 
Veliclco Costin ihren Führer, der, wie er meinte, selbst nach 
der Krone der moldauischen Fürsten strebte. Der Hatman wurde 
einfach an den Hof gerufen, geschlagen und nach wenigen 
Stunden enthauptet; der mit kostbaren Seidenkleidern bedeckte 
Leichnam aber blieb auf der offenen Strafse liegen. Veliclco 
jedoch hatte einen Bruder, der ein gelehrter Mann und, wie 
Veliclco selbst, einer der gröfsten Bojaren war, nämlich den ehe- 
maligen Grofs-Logoiät, Miron. Diesem überbrachte ein Hof- 
offizier, ohne dafs vorher ein Urteil gefällt worden und eine Prü- 
fung der Schuld möglich gewesen wäre, den Todesbefehl, und 
so ward denn auf einem entiemten Landgute der Logofät Miron 
Oostin, der bedeutendste moldauische Schriftsteller seiner Zeit, 
hingerichtet. 

In den älteren Zeiten brauchte übrigens der Fürst seinem 
kaiserlichen Herrn in Konstantinopel keine Rechenschaft abzul^en, 
ja dieser war nicht einmal gesinnt, Rügen zu erteilen. Man denke 
nur an die grausamen Metzeleien Mihneas des Bösen und des ebenso 
bösen Mircea, die sich beide tierisch im Blute wälzten, ohne dafs 
jemand zu der Meinung gekommen wäre, diese „gottlosen ^^ Taten, 
der Himmelsstrafe würdig, seien ein Vergehen gegen das Landes- 
recht, gegen das ungeschriebene Gesetz. Bojaren zu töten, Güter 
-einzuziehen und an andere zu vergeben, weil deren frühere Be- 
sitzer „ den Kopf für bewiesene Untreue (h i c 1 e n i e) verloren hatten'', 
4as sind ganz gewöhnliche Tatsachen. Gegen das niedere Volk 



Erwählang und Emsetzang der Fürsten in Konstantinopel. 37 

konnte der Landesherr desto mehr wüten, ja von einem guten 
Herrscher^ Vasile Lupu (1634 — 1653), erzählten fremde Beisende, 
dafs er in ungefähr zehn Jahren 15 000 Leute, von denen sich 
manche nur leichte Verbrechen gegen das Eigentum hätten zu- 
schulden kommen lassen, dem Henker überliefert habe ^). Der Fürst 
konnte die Todesart ganz nach Belieben bestimmen, das Schwert, 
den Galgen, den Pfahl wählen und noch raffinierte Qualen hinzu- 
setzen ; z. B. wurde gelegentlich der nackte Körper des Schuldigen 
mit Honig bestrichen und dann den Fliegen, Bienen und Wespen 
zur Beute hingeworfen. Ein solcher Fürst lebte dann zwar in der 
Erinnerung der Landesbewohner als ein unmenschlicher Tyrann, 
aber die Grenzen seines Hechtes hatte er nicht überschritten, und 
bis sehr spät konnte nur Gott als alleroberster Richter der Schuld 
und Unschuld zum Rächer angerufen werden. Mit dem Wunsche, 
dafs Gott ihm heimzahlen möge — sä-I pläteascä Dumnezeü — 
gingen die blassen, zitternden Zuschauer am Richtplatze vorüber 
oder auch an dem Verlies unter dem Schlosse, den dunklen 
beciuri, wo man die Menschen zu martern pflegte. 

Eine Zeichnung von morgenländischer Hand aus dem 17. Jahr- 
hundert zeigt einen moldauischen oder walachischen Fürsten in 
seinen Audienzkleidem beim Sultan. Er trägt auf dem Kopfe 
«inen spitzen weifsen Filzhut, mit langen schneeweifsen Federn 
auf der einen Seite, und mit einer reichen Aigrette, die von Edel- 
steinen glänzt, auf der anderen, und am unteren Rande finden sich 
breite Goldatreifen. Der festliche Mantel von hellblauer Farbe 
hat keine Aimel, so dafs nur ein violettes Unterkleid die Arme 
bedeckt. Der Mantel hat vom kostbare Knöpfe, sechs an der 
Zahl, und goldene Stickereien, er ist mit Zobelpelz gefüttert und 
mit einer Garnitur von Zobel an den Schultern verbrämt. Gelbe 
orientalische Stiefelchen schliefsen diese Paradetracht ab. 

Der Hut unterscheidet sich durch nichts, als vielleicht den 
noch gröfseren Reichtum des verschwendeten Materials von dem, 
den die Janitscharenoffiziere tragen; das Wort cucä, mit dem 
«r bezeichnet wird, ist türkischen d. h. persischen Ursprungs. Der 
«chöne Mantel ist der, den im osmanischen Konstantinopel die 



1) Stndil ^i docnmente, lY, S. 231. 



S8 2. Kapitel. 

höchsten Würdenträger tragen; nur die Farbe ist anders. Schon 
der Name cabani^ä zeigt dies an. Im Lande selbst, wo er kein 
Vasall; sondern der absolute Domn seiner Untertanen ist, wird in 
dieser späten Zeit die cabani^ä beibehalten, die cuca aber wird 
durch einen calpac, wie er in Ungarn getragen wird, ersetzt, da» 
ist ein rundes Hütchen, unten mit Zobel besetzt und ebenfalls mit 
einer Aigrette verziert Vorher trugen die moldauischen und 
auch die walachischen Fürsten grofse, zur Seite gebogene Pelzhüte,, 
cäciull, die denen der Bauern ähneln und ebenfalls mit Aigretten 
besetzt sind, femer Brokatkleider nach orientalischer Art oder auch 
eine mehr abendländische Tracht nach polnischem oder ungarischen 
Muster ^). Eine goldene Kette mit anhängendem Kreuze trugen 
sie am Halse als gewöhnliches Erkennungszeichen *). Aber an den 
Wänden der von ihnen gestifteten Kirchen, deren Stifter, ctitorl, 
'ATT^TOQeSj sie waren, erscheinen sie in der ganzen Majestät ihrer 
im Grunde kaiserlichen Würde: die Krone auf dem Haupte, das 
Zepter in der Hand und den langen herabwallenden Mantel auf 
den Schultern. 

Schon dem unglücklichen Bädica wurde von seinen Mördern 
die cucä gebracht: daraus läfst sich schliefsen, dafs schon im 
Jahre 1523 wohl der walachische, aber noch nicht der moldauische 
Fürst als Ehrenjanitschar, als aufserordentlicher Soldat des Kaiser» 
betrachtet wurde. Zwei neu eintretende Umstände führten diesen 
Umschwung herbei. ErstUch waren die Tributarfursten immer zu 
militärischer Hilfe verpflichtet gewesen; wenn der Sultan selbst 
ins Feld zog, mufsten sie persönlich ihre Kontingente befehligen. 
Darum dringen die Fürsten der Walachei meist sehr unwillig und 
fast immer schonend während des 15. Jahrhunderts in Siebenbürgen 
ein; darum überschreiten sie im 16. Jahrhundert die Pässe, die 
das walachische Land von dem siebenbürgischen Fürstentum trennen, 
je nachdem murrend oder beutegierig. Nach seiner Rückkehr von 
Konstantinopel schickte Raref nicht weniger als 5000 moldauische 
Krieger in das kaiserliche Lager nach Ungarn. Für solche Fälle 

1) S. den Aufsatz von D. A. Sturdza in den AnaL Academiel BomiDe, 
erste Serie (1874), sowie die der Sammlung Hurmnzaki und meinen Acte 91 
fragmente beigegebenen Porträts. 

2) Jorga, Bela^il cu Lembergul, I, S. 87; Hurmnzaki JI\ S. 420. 



Erwählüng und Einsetzung der Fürsten in Eonstantinopel. 29 

aber mufste der rumänische Vasall auch eine bestimmte Stellung 
im osmanischen Heere einnehmen. Ein zweiter Grund ftir diese 
Verleihung der cucä ist, dafs schon im 15. Jahrhundert , unter 
Radu dem Schönen imd Basarab dem Jungen, türkische Truppen 
zurückblieben, um den Schützling des Sultans vor den Moldauern 
oder den eigenen Bojaren zu schützen. In der Moldau geschah 
dieses erst im Jahre 1538, als dem Eindringlinge Stephan zu 
seiner Sicherheit 500 Janitscharen beigegeben wurden. Kare^ 
mufste sich wohl oder übel in die Notwendigkeit fügen und diese 
sehr unwillkommenen Gäste samt ihrem Baschbege dulden, bezahlen 
und auch noch in besonderen Ehren halten. Unter Alexander 
Läpu^neanu, der, wenn irgendeiner, ihrer bedurfte, erschienen sie 
wiederum: in den Verzeichnissen wird ihre Zahl auf fünfhundert 
Angegeben, in Wirklichkeit aber war es kaum die Hälfte ^). Die 
Janitscharen selbst verschwinden zwar nach dem Kriege mit 
Ungarn und der Rebellion beider Fürstentümer, aber die den 
Fürsten einmal verliehene Janitscharentracht blieb auch später bei 
allen im Gebrauch. 

Die Janitscharenstatthalterschaft und die Janitscharenhilfe 
konnten gelegentlich auch von Nutzen sein, und an der Spitze 
solcher Hilfstruppen kämpften Alexander Läpu^neanu und Petru 
^chiopul gegen Kronprätendenten, allerdings ohne durch sie den 
Sieg zu erringen. Den erniedrigenden Sandschak, die grofse kaiser- 
liche Fahne, liefsen in gewissen Fällen selbst ehrgeizige Fürsten 
neben den Landesfahnen ihrem Heere vorantragen, um den Feind 
daran zu erinnern, dafs hinter der Schwäche des Wojwoden die 
^, unüberwindliche^' Macht des Kaisers stehe: so verfuhr der stolze 
Barei^ am Tage von Obertyn '). In anderen, später eingeführten 
Sitten kam die Schmach und Ohnmacht, in welche die rumänischen 
Fürsten versunken waren, noch mehr zum Ausdruck : das ist vor 
allem die Ernennung der Fürsten zu Konstantinopel und ihre be- 
liebige Absetzung. 

Bisher waren die Türken in dieser Hinsicht nicht weiter 
gegangen, als dafs sie Kronprätendenten, d. h. „rechtmäfsige 

1) 8. die nrknndlichen Belege bei Jorga, Istoria lui Mihal Yiteazul I. 

2) „Yezillam maias, a Turca ei in homagii praestatione datum'^; Hur- 
muzaki Sapl. HS S. 38. 



30 2. Kapitel. 

Erben ^^ unterstützten oder^ an Stelle eines Rebellen, denjenigen 
von den zur Verfügung stehenden Geiseln , den das Land y^jver- 
langte'^, mittels eines Feldzuges einsetzten. In der zweiten Hälfte 
des 16. Jahrhunderts war aber in Siebenbürgen keine sichere 
Zufluchtsstätte mehr zu finden, es konnte von hier aus keine be- 
waffnete Hilfe kommen. Nachdem jahrelang die Deutschen und 
,,der Waida^' sich um die Trümmer des bei Mohäcs zersplitterten 
ungarischen Keiches gestritten hatten, nachdem der ,, König Janos'^ 
gestorben war und die Türken den kleinen ,, König Stephan '^ 
nicht in Ofen, das sie für sich selbst bezw. für ihren neuemannten 
Pascha behielten, sondern in Klausenburg oder vielmehr in der 
benachbarten Festung Gyalu eingesetzt hatten, nachdem langsam 
der zwischen den beiden christlichen Dynastien tobende Kampf 
um Ungarn erloschen war, erschien in Stephan Bäthory, dem 
Spröfsling eines kräftigen Geschlechts, ein hochbegabter, ruhig er- 
wägender Staatsmann und wurde als Erbe der verschwundenen 
Zapolya Fürst von Siebenbürgen, Herr über die sich bis an die 
Theifs erstreckenden Gespansehaften, doch ohne jegliche könig- 
liche Ansprüche. In viel höherem Grade als die „ Könige ^^, seine 
Vorgänger, fühlte er sich von der türkischen Macht abhängig, die 
ihn bei der Beseitigung eines von den Deutschen geförderten Neben- 
buhlers unterstützt hatte. Bei Stephan Bäthory konnte kein wa- 
lachischer oder moldauischer Kronprätendent, kein eifriger Unruhe- 
stifter mit Erfolg um Hilfe bitten. Im Jahre 1571 hielt er den angeb- 
lichen Sohn des Bare^, Bogdan-Constantin, der an die Grenze eilte^ 
mit Gewalt auf und machte seinem Umhertreiben auf siebenbürgischem 
Boden ein Ende. In demselben Jahre wurde „ein Wladika^ 
welcher sich einen Wojwoden nannte", ein Wojwode des wa- 
lachischen Landes, an ihn abgesandt, doch dieser kehrte nicht 
mit Trabanten vom Hofe des Fürsten heim, und als er, Radu 
Popa, später seine Absicht verwirklichen konnte, wurde bei Craiova 
die Schlacht geliefert, woraus zu schliefsen ist, dafs er in den Ba- 
nater Türken Helfer gefunden hatte. Diese vorsichtige Politik 
der Schwäche verfolgten auch seine Nachfolger Christoph und Sig- 
mund Bäthory bis zum Wendepunkte von 1594, während der 
Krieg mit Ungarn aufs neue ausbrach. 

In Polen hatten ehedem jederzeit moldauische Fürstensöhne 



'Erwählang und Einsetzimg der Fürsten in KonstantinopeL 81 

gelebt^ im 14. und 15. Jahrhundert sogar in grofser Menge. Unter 
Stephan dem Grofsen wartete hier auf eine bessere Zukunft Peter 
Aron, der unterwürfige Vasall des Königs^ dann ein gewisser Ilie, 
der später den Bachegelüsten des gef&rchteten ^^Walachen'^ zuni' 
Opfer fiel. Peter Rare^ kam von jenseits des Dnjestr, nachdem 
er jahrelang hier sowie in Preufsen gelebt hatte: der künftige- 
grofse Polengegner hat seine Laufbahn als Polenschützling be- 
gonnen. Auch Alexander aus Läpui^na hielt sich als Petru Stol- 
nicul eine Zeitlang vor seiner Thronbesteigung^ die nicht ohne 
polnische Hilfe vor sich ging^ in Polen auf 

Aber dieses war bis zu den Verwickelungen am Ende dea- 
16. Jahrhunderts auch das letzte Mal, dafs Polen, sei es auch nur 
heimlich, für einen moldauischen Prätendenten Partei ergriff. Der 
russische Wojwode vernichtete zuerst die angesammelte Macht des 
Basilikos; und als dieser Abenteurer wieder einen Einfall vor- 
bereitete, fährte er seine Söldlinge nach Kesmark, wo ein polnischer 
Edelmann, sein Gönner Albrecht Laski, Güter besafs: aus der 
Zips, und nicht von Reufsen oder Podolien aus zog er in sein 
„Erbreich ^^ Moldau, um es endlich in Besitz zu nehmen. Der immer- 
unruhige Laski wollte nach dem Falle seines Freundes selbst gern 
den Despoten spielen und zwar, wie er hoffte, mit besserem Er- 
folge. Obwohl Feind der Türken, spielte sich der sonderbare 
Mann als ihr angeblicher treuer Freund und künftiger guter VasalL 
auf und versuchte an den Höfen von Wien und Paris alles mög- 
liche, damit er Wojwode der Moldau würde. Aber sein eigene» 
Land unterstützte ihn nur durch Unterhandlungen in Konstantinopel, 
und dies auch nur, solange Heinrich von Valois planlos regierte. 

Schon im Anfange des 16. Jahrhunderts hatte das polnische 
Reich auf seine Oberheitsrechte über die Moldau zugunsten Ungarns 
verzichtet, aber nach dem Tage von Mohäcs nahm es sie wieder 
auf, doch nur, um den feierlichen Schwur eines nichtssagenden^ 
Vasalleneides zu verlangen, und ein solcher war nunmehr unschwer 
zu bekommen. Der letzte moldauische „Palatin^^, welcher mit: 
fEÜschen Worten seinem stolzen „Herrn imd König '^ Treue schwur, 
war Alexander Läpu^neanu, und zwar zu Anfang seiner ersten 
Regierung. Nach dieser Zeit wurde auch diese leere Förmlichkeit 
aufgegeben, und ein moldauischer Wojwode, der alte, kranke, ein- 



.-32 2. Kapitel. 

fache Peter ^chiopul ward sogar als Schatten eines Bewerbers um 
die polnische Krone von den Türken fast zum Hohne auf- 
gestellt. Unter Stephan Bäthory, der 1575 zum König von 
Polen gewählt wurde ^ stellte sich das Reich die Aufgabe ^ den 
konstantinopolitanischen Freund niemals durch Erregung von Un- 
Tuhen in der Moldau in Mifsstimmung zu versetzen. Jeder Träger 
*des Sandschaks wurde vielmehr nun als rechtmäfsiger Fürst des 
benachbarten Landes anerkannt; jeder Friedensstörer^ jeder Präten- 
'^dent, den die Pforte nicht bestätigt hat, jeder abgesetzte Wojwode, 
der sich nicht an den Hof seines Herrn hatte begeben wollen, 
sondern sich mit Geld und Kostbarkeiten ins Ausland flüchtete^ 
"ward summarisch abgeurteilt und in Anwesenheit eines Offiziers 
•der Pforte als Anklägers öfiEentlich enthauptet So wurde mit Stephan 
(Tomi^a) 1564, mit lancu Sasul 1582, mit loan Potcoavä 1578 
verfahren. Sogar die polnischen Edelleute, die durch ihre Hilfe 
solche Wirren in der Moldau möglich machten, wurden nicht mit 
rgröfserer Schonung behandelt So büfste der mächtige Samuel 
Sborowski mit seinem hochfahrenden Kopfe seine Schuld gegen 
^en türkischen Kaiser. Erst der Krieg mit Ungarn und die da- 
durch verursachten Verwickelungen veranlafsten auch hier eine 
neue Politik. 

Aber rumänische Fürstensöhne gab es stets genug, und nach 
jedem Herrscher, der einige wenige Tage geboten hatte, erschien 
noch eine ganze Rotte neuer; Betrüger wufsten aufserdem den Un- 
kundigen, an die sie sich wendeten, oder den Bestochenen allerlei 
alberne Fabeln zu erzählen und verdoppelten noch die schon an sich 
beträchtliche Zahl, und da sie alle fast niemals Gelegenheit hatten, 
zu kämpfen und zu sterben, zu herrschen und ermordet zu werden, 
so blieben sie immer voUzähHg. Zu allem waren sie eher bereit, 
zu jedem Opfer liefsen sie sich eher überreden, als dazu, auf 
ihre „heiligen Rechte'^ zu verzichten. Nachdem die ungarischen 
und polnischen Grenzen nicht mehr wie früher gangbar waren, 
standen ihnen nur noch drei Wege offen. 

Sie konnten sich, wenn sie nur junge, starke, schöne, tapfere 
und freigebige Helden waren, bis zu den Dnjeprinseln durch- 
schlagen, wo immer kampflustige, beutegierige Ejieger des Glücks 
(harrten, die Flinte in der Trinkstube, das Pferd an der Sti^e. 



Erwählung und Einsetzung der Fürsten in Eonstantinopel. SS 

So ein moldauischer Wojwodensohn, so ein kühner Gospodaren- 
spröfsling war für die Kosaken ein Sendbote des Glücks. Rasch 
«liegen sie in den Sattel^ pfeilschnell durchschwammen die kleinen 
•ukrainischen Steppenpferde die gelblichen Wellen des Dnjestr, 
•dann ging es durch die bessarabische Ode : Türken wurden nieder- 
gemacht, Dörfer verbrannt, Beute genommen, und bald standen sie 
vor dem Schlosse von Jassy, um für ihren würdigeren Domni^or 
gegen den feigen Türkensklaven loszuschlagen. Von einem Ende 
•des bedrückten, ausgesogenen Landes bis zum anderen erscholl 
der Jubel der Bauern, die dem neuen Herrn viele Herrscherjahre 
wünschten. Dann flogen die Olaken zu den Donaufestungen 
und zur entfernten Hauptstadt, es ergingen kaiserliche Befehle an 
den mächtigen „Erdelbeg", d. h. an den Fürsten von Siebenbürgen, 
der immer Trabanten, Eeiter, Flinten und Geschütze zur Verfugung 
iiatte. Der neue Wojwode der Moldau mufs fliehen oder wird 
von den zahlreicheren Feinden gefangengenommen und verUert die 
Nase oder die Ohren, damit er sich nicht mehr, weil er jetzt ein 
verstümmelter Mann ist, zum Prätendenten auf werfen kann: auf 
Jeden Fall aber hat er bis Zu dieser schmählichen Strafe oder bis 
2um Tode auf einem polnischen Richtplatze im Inneren seines 
Herzens die Hoffnung, einst zur Herrschaft zu gelangen, nicht ver- 
loren, und die Kosaken entsprechen immer seinen Bitten und Be- 
fehlen. 

Nach dem Tode des berühmten, geliebten loan des Rebellen 
erschienen schon im Jahre 1577 die Kosaken mit zwei jungen 
Leuten, in denen sie nacheinander diesen Helden selbst zu erkennen 
vorgaben; beide hiefsen selbstverständlich loan, der eine loan der 
Elrause, Cre^ul, und der andere loan der Hufeisenbrecher, Pot- 
•c o a V ä. Beide wurden verjagt, und der zweite, der einige Tage wirk- 
lich regierte, starb in Lemberg durch Henkers Hand. Im Jahre 
1578 erschien Alexander, der Bruder des Potcoavä, regierte, ward 
besiegt und starb an seinen Wunden; dann trat an der Grenze 
Peter, der Bruder des Bogdan Läpu^neanu, auf, obgleich man 
versicherte, dafs der echte Peter schon längst in der türkischen 
Hauptstadt der Pest erlegen sei. Nach ihm, und zwar noch in dem- 
selben Jahre, erstehen zugleich zwei Constantin-Vodä, von denen 
der eine der Sohn des Potcoavä, der andere der Spröfsling des 

Jorga, Gescliiclite der Bominen. n. 3 



S4 2. Kapitel. 

alten Läcustä sein will, und während der zweiten Regierung des 
lahmen Peter macht wieder ein falscher loan-Vodä von sich reden. 
Zuletet, kurze Zeit vor der Flucht dieses armen, unkriegerischen 
Menschen, die zum Teil dadurch herbeigeführt wurde, zeigt sich 
wieder Petru Läpufneanu und neben ihm Lazär, der angeb- 
liche Sohn des loan-Vodä cel Cumplit Nach der Absetzung Aren» 
im Jahre 1591 bringen die Kosaken endlich den schönen Peter 
mit dem langen, waUenden Haare ins Land; er hat einige Wochen 
den Ftirstensitz inne, wird von den Siebenbürgen geschlagen und 
endet in Eonstantinopel an den „Hacken'' durch einen barmherzigen 
Flintenschufs. 

Die zwischen Prut und Dnjestr ansässigen kleinen Gutsbesitzer, 
die räzä^I und hinsarl von Orhel und von Läpu^na, wurden 
durch diese Vorgänge, welche sich unter ihren Augen abspielten, 
zu ähnlichen Taten verleitet. Unter Peter dem Lahmen wollten 
sie den loan Lungul — dies war wieder ein falscher loan-Vodä — 
einsetzen; unter Aron-Vodä spielten sie das Eosakenspiel mit lona^co, 
einem angeblichen Bruder Arons, der auch Bogdan heifst. Lange, 
nachdem es die Dnjestrhelden aufgegeben hatten, ihrerseits Präten- 
denten aufzustellen, entstanden in dieser östlichen Mark unter Rada 
Mihnea wie auch unter Alexander Movilä und Gaspar Gratiani 
Aufstände zugunsten genannter oder ungenannter Fürstensöhne; 
ja einmal hatten sie nach beinahe einem halben Jahrhundert wieder 
den „Sohn des loan cel Cumplif unter sich! 

Ein anderer Weg, um gegen den Willen des Landes und in 
gewissem Malse auch gegen den Willen der Türken Fürst der 
Moldau oder der Walachei zu werden, war der, sich an die „christ- 
lichen Fürsten'' zu wenden, die Gesandte in Eonstantinopel hatten;, 
letztere waren mächtige Leute, die wohl imstande waren, den Gröfsen 
des türkischen Hofes eine Wahl aufzuzwingen. Darin besteht 
einer der hauptsächlichsten Unterschiede gegenüber der früheren 
Zeit, in der niemals Empfehlungsbriefe an solche Botschafter 
oder gar Geldbeihilfen für schwierige und kostspielige Reisen nach 
Eonstantinopel verlangt wurden, sondern nur Waffen und Soldaten. 
Jetzt aber sind die Pässe der Earpathen für flüchtige Prätendenten 
gesperrt, und die Fähren des Dnjestr versagen ihnen den Dienst;, 
die nächsten Nachbarn haben das Prätendentenspiel, welches nur 



£rwähluDg und EiDsetzuDg der Fürsten in Konstantinopel. S5 

die Eitelkeit befriedigte, sonst aber keinen Vorteil brachte, vollständig 
aufgegeben. Der Bewerber um eine rumänische Krone tritt jetzt nicht 
mehr mit einem zahlreichen Gefolge von kriegsgeübten Leuten grob 
und wild auf den Plan, bereit zum rohen Handwerke der Menschen- 
bekämpfung, nein, er ist ein feiner Jüngling, dem Hof leben ergeben 
und in Hof lingskünsten bewandert, der sich in vielen Sprachen elegant 
auszudrücken versteht. Ja in einigen Fällen verrät sich das absolut 
Vollkommene dieser Menschengattung darin, dafs der Repräsentant 
die schwierigen Keime eines ausgesuchten, aus lauter italienischen 
finezze bestehenden Sonetts herauszufinden oder in schwungvollen 
Gedichten höherer Art täuschend zu toskanisieren, d. h. die grofsen 
Meister nachzuahmen vermag. Er, der Fremdling aus dem fernen 
Osten, der auf Unglückswegen gekommen ist, erregt Bewunderung 
durch die zahlreichen, seltenen Eigenschaften seines Körpers und 
Geistes : seine braunen Augen glänzen, sein schönes, schwarzes Haar 
wallt auf die breiten Schultern herab, kurz, er ist ein schöner, starker, 
des Thrones würdiger Mann. Mitleid aber erregt er bei dem, der ihn 
sprechen hört oder die schöne sposizione seines welschen Sekre- 
tärs liest, wobei oft auch eine Genealogie angefügt ist. In Wort 
und Schrift, sowie in den genealogischen Artikeln wird überzeugend 
nachgewiesen, dafs der christliche Gast aus dem Morgenlande ein 
echter Fürstensohn sei, dafs er von den türkischen Feinden wegen 
seiner unerschütterlichen Liebe für den reinen christlichen Glauben 
verstofsen worden sei, unter äufserst schwierigen Verhältnissen für 
sein Leben gekämpft habe, und dafs er endlich, nur er allein, der 
durch ein dynastisches Gesetz, welches denjenigen des Abendlandes 
an Genauigkeit und Logik ähnelt, einzig Berechtigte, der heresMol- 
daviae oder Valachiae sei. Daneben wird mitgeteilt, dafs der 
vornehme Reisende schon anderswo bei einem befreundeten oder bei 
einem konkurrierenden Hofe eine sehr gute Aufnahme gefunden 
habe, dafs er zum Ritter eines grofsen Ordens ernannt worden 
sei und dafs er die Empfehlungsbriefe für Konstantinopel von 
diesem oder jenem Könige und Fürsten bei sich trage. Solche 
Reden trugen immer ein wenig Geld zur Reise bis zur nächsten 
Residenz oder wenigstens bis zur nächsten freien Stadt ein, und 
der her es des Donaulandes versprach immer bei seiner als ge- 
sichert angenommenen Thronbesteigung alles empfangene Geld, 



86 2. Kapitel 

wie eine Anleihe , pünktlich zurückzuzahlen , wenn er nicht 
gar den Privatpersonen, die sich ihre Beutel zu öffnen ent- 
schlossen, eine reiche Zukunft, wie die ,,Markgrafschaflt von 
lalomi^a^', versprach! Zu Rom zeigten sich solche echte oder 
unechte Spröfslinge der alten rumänischen Dynastien als auf- 
richtige Bekenner der römischen Lehre, als treue Söhne des Papstes, 
dem sie gelobten, ihre künftigen Besitzungen durch gewaltsame 
oder friedliche Mafsregeln den Elrallen teuflischer Ketzerei zu 
entreifsen. Man erinnerte sich hier, d. h. am Hofe des Heiligen 
Vaters, noch der Bistümer in der Moldau und Walachei: 
Arge^', dessen Sitz seit langem nicht mehr besetzt wurde, und 
Bacäüs, wo die Reihe der katholischen Bischöfe ebenfalls unter- 
brechen war; nur während der Regierung Peters des Lahmen, 
der seine Sympathien für die römische Eorche öffentlich bekundete, 
residierte hier dank der Hilfe seines katholischen Rates, Bartolomeo 
Bruti von Durazzo, ein apostolischer Vikar und erwählter Bischof 
für die Moldau, Arsengo, und noch vor der Flucht Peters erhielt 
Bernardino Querini aus Kreta die Würde eines „Bischofs von 
Arge^ über die Moldau und Walachei^^ ^). Es fanden sich in 
Rom naive Proselytenmacher genug, die an die Erfüllung solcher 
leeren Träume glaubten. In Frankreich berief man sich auf 
den mächtigen Einflufs, den der König in Konstantinopel genofs, 
wo man ihn als fränkischen Kaiser mit Ehrfurcht nannte, in 
Spanien und im deutschen Reiche erinnerte man an die dem Despoten 
und vielen anderen gnädigst gewährte Hilfe ; in Venedig vergafsen 
die armen, bedürftigen, aber auch ehrgeizigen Leute nicht, an die 
Magnifizenz der reichen, mächtigen Republik zu appellieren, und 
überall ergab die Sammlung immerhin etwas. In sehr seltenen 
Fällen erhielt einmal ein Prätendent tatsächlich die türkische Er- 
nennung : so glückte es dem aufserordentlich begabten Petru Cercel, 
dem Sohn des guten Petra^cu, der mit Hilfe des für männliche 
Schönheit sehr empfänglichen Mignonenkönigs Heinrich (1583) die 
Beherrschung der Walachei für drei Jahre antrat Allerdings be- 

1) Bezüglich der katholischen Propaganda in den romanischen Ländern vgl. 
den L und 11. Band meiner Studil ^i Documente, sowie Abraham in dem 
Ewartalnik hystoryczni, Jahrgang 1902, und dessen polnisch erschienene „Ein- 
richtung der katholischen Kirche in BuMand" (1904). 



ErwähluDg und Einsetzung der Fürsten in Konstantinopel. 87 

nahm er sich hier ganz gemein^ wurde abgesetzt, flüchtete sich 
mit einem kleinen Heere nach Siebenbürgen, wurde dort entwaffnet, 
beraubt und in Huszt eingeschlossen, schlich sich hier davon und 
kam wieder nach Kom, Venedig und schliefslich auch nach Eonstanti- 
nopel, wo er von den durch seinen Nebenbuhler Mihnea, den Sohn 
von Alexander Mircea, erkauften Tilrken ins Meer geworfen 
wurde. Ilie, einer der Söhne Läpu^neanus des Alten, war anfangs 
ernannter Fürst der Walachei (1591), betrat aber dann die Irr- 
pfade des Prätendententums und wurde in Wien als Spion vom 
Profofs eingesperrt. Bogdan, der Sohn des lancu Sasul, war in 
Polen erzogen und trat als Katholik auf, wendete sich an den Kaiser 
und den Papst und wollte eine venezianische donzella, die 
Tochter eines konstantinopolitanischen Renegaten, heiraten. Er 
erhielt die Moldau während des ungarischen Krieges, jedoch ohne 
sie tatsächlich besetzen zu können (1595), vertauschte dann seinen 
Namen mit dem eines verstorbenen, über bessere Gönner ver- 
fügenden ehemaligen Fürsten der Walachei, besuchte England und 
empfahl sich in Deutschland als protestantischer Fürst, wühlte dann 
lange Jahre den türkischen Intrigenboden auf und endete schliefs- 
lich als asiatischer Sandschak ^). 

Die zähe Rasse dieser Kronprätendenten, die unermüdlich im 
Abendlande Empfehlungsbriefe und Geld sammelten, starb jedoch 
im 17. Jahrhundert aus; von 1600 an bleiben die europäischen Höfe 
von diesem Übel verschont. Nicht in Polen, nicht in Ungarn, nicht 
bei den Donaubegen, auch nicht im leichtgläubigen, freigebigen 
Westeuropa suchen jetzt die Fürstensöhne, echte und unechte, 
nach Mitteln, die ihnen auf den „väterlichen** Thron verhelfen 
sollen, sondern nur in Konstantinopel, und zwar unter ganz anderen 
Verhältnissen. 

Seitdem das Vasallenverhältnis der rumänischen Länder zu 
dem osmanischen Reiche bestand, war es Brauch, alle drei Jahre 
einmal die Fürsten nach Konstantinopel zu rufen, auf dafs sie 
durch den Kufs, mit dem sie den Saum des kaiserlichen Kleides 
berührten, ihre Abhängigkeit vom Sultan aufs neue bekräftigten. 
Bei dieser Gelegenheit liefs sich auch die Verwaltung des zur 

1) S. meine Pretendentl domae^tl (Bukarest 1898), soi^ie Frinos Sturdza, 
S. 279 fF. 



88 2. Kapitel. 

Pforte des Herrschers gerufenen Tributpflichtigen leicht ein wenig 
kontrollieren. Nicht, dafs die Türken damit die heiligen Rechte 
des Landes hätten antasten wollen; im Gegenteil dem Lande 
selbst, und nicht diesem oder jenem Statthalter, der gerade an der 
Spitze der Regierung stand, waren die umfassenden, unter Soliman 
sorgfaltig beobachteten Privilegien des Sultans verliehen. Der 
Oberherr hatte nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, 
zu prüfen, ob nicht seine treue Raja, die er übrigens als „ein 
durch sein allmächtiges Schwert erobertes Gebiet" und deren Be- 
wohner er als „zinspflichtige Untertanen, die allen anderen im Reiche 
gleichgestellt seien *', betrachtete, von dem Fürsten nicht allzu stark 
ausgesogen oder zu schlecht behandelt worden sei. Von einer recht- 
mäfsigen Absetzung war noch keine Rede, und es konnte dies noch 
gar nicht der Fall sein, denn abgesetzt — m a z u 1 — wurden über- 
haupt nur diejenigen türkischen Beamten und Würdenträger, die 
keine Sonderstellung einnahmen, wie sie diesen moldauischen und 
walachischen „Begen" zukam. Aber falls ein allzu grausamer oder 
allzu habgieriger „Beg" in seinem Gebiete Unruhen stiftete, und 
durch die von ihm verursachte Unzufriedenheit die Herzen der Raja- 
bewohner der Pforte entfremdete, dann ward er durch ein solches 
nichtswürdiges Verhalten zum Verräter an seinem Kaiser; als 
solcher angeklagt, verlor er allen seinen unrechtmäfsig erworbenen 
Reichtum und mufste in die Verbannung wandern, bis er Reue be- 
wies und dadurch seine Würdigkeit, „noch einmal zu werden, 
was er schon gewesen war", an den Tag legte. Damit er vorläufig 
sein armseliges Leben friste, wurde dem noch gestern millionen- 
reichen, kaiserlich waltenden Domn ein Gnadenbrot, ein tain, 
von etlichen Aspern täglich verabreicht. 

Mit Ausnahme der Geiseln, die wohl noch unter lancu Sasul 
(1579 — 1582) und unter den Mirce^tl — es waren Alexander, der 
Sohn des lancu, Milo§, der Bruder des Alexander Mircea, und Pe- 
trascu, der Bruder des Cercel — , aber später nicht mehr zu treffen 
sind, duldeten die Türken keine Kronprätendenten zu Eonstantinopel, 
erstens, um nicht in zu hohem Grade beunruhigt zu werden, und 
zweitens, um den gut zahlenden regierenden Wojwoden eine Ge- 
fälligkeit zu erweisen. Sie lebten aber dafür, um immer rasch 
zur Hand zu sein, in den Schlössern Syriens, auf den Inseln, in 



ErwähluDg und Einsetzung der Fürsten in Konstantinopel. S9 

Uordafrika, auf Cypem, Rhodos^ Alep und Tripolis, und zwar als 
freie Gäste des Sultans , der für ihren Unterhalt sorgte , in einer 
Art von domicilio coatto. Während sie hier ein träges Leben 
führten y arbeiteten ihre Agenten eifrig daran , ihnen unter den 
Mächtigen am türkischen Hofe Freunde zu gewinnen: ungeheure 
Summen versprachen sie, aufserordentlich grofse, lichtklare Edel- 
steinC; künstlich gearbeitete Ketten und allerlei sonstige Schmuck« 
gegenstände wurden heimlich verschenkt. Aber der Verbannte 
besafs nur in den seltensten Fällen im verborgenen so viel Geld, 
dafs er dies alles bestreiten konnte ; jedoch fanden sich Geldwucherer 
genug; die sehr bedeutende Summen vorstreckten, und zwar nur 
^gen einen vom Agenten ausgestellten Schuldschein, in dem eine 
viel gröfsere Anzahl von Aspern oder Dukaten, als wirklich dar- 
geliehen wurden, angegeben war ; es kam vor, dafs das Fünffache 
^n Kapital eingesetzt wurde, was eine recht ansehnliche Verzinsung 
bedeutete. Sehr oft wurde, statt einer Bückgabe des Geldes, die 
Vergütung in allerlei Lieferungen vorgesehen, wodurch der Zins 
•eine noch unverschämtere Höhe erreichte. Die Gläubiger liefen 
andrerseits Gefahr, alles zu verlieren, wenn die Machenschaften 
zu nichts führten, und so mufste ein Sieger für alle die zahlreichen 
Besiegten mit bezahlen. 

Infolge der Bemühungen, die die Bewerber um ihre „Erb- 
schaft" nicht scheuten, — durch einen feierlichen Eid von sechs oder 
mehr Bojaren, die entweder mit anwesend waren, oder heimlich aus 
dem Fürstentume ihre Unterschriften schickten, hatten sie ihre Eigen- 
schaft als rechtmäfsige Erben bezeugt — wurden gewöhnlich die 
regierenden Fürsten zur Pforte gerufen. Die Gönner des Präten- 
denten hatten schon beim Grofswesir einen Befehl erwirkt, der 
dem Begogli von Alep oder Tripoli erlaubte, in die Hauptstadt 
zu kommen, und dieser wählte ungesäumt das erste beste Schiff, 
um schneller als andere an die Stelle zu gelangen, wo die Herr- 
«chafb über das Donaugebiet verschenkt wurde ^). Dem Grofs- 
wesir fiel auch die Aufgabe zu, seinem Kaiser Bericht über den 
Stand des Prätendentenmarktes zu erstatten und schriftlich diesen 
oder jenen, der ihm im Augenblick als der Edelste, Beste, Echteste 



1) Solche Akten finden sich bei Harmazaki XI, S. 311—313. 



40 2. Kapitel. 

und mit allen Tugenden Begabte erschien, zu empfehlen. Wena 
nicht gerade eine Palastintrige oder eine Einmischung der gerade 
begünstigten Frau oder Sklavin, der Mutter — der Valideh — der 
Eunuchen, Hofpagen oder Günstlinge den vorbereiteten Herrscher- 
akt vereitelte, dann schrieb der König der Könige — r&v ßaat- 
XevdvTcov ßaaiXe^g — einige „heilige" kaiserliche Worte auf das- 
ihm vorgelegte reka oder talchyz, und die Sache war erledigt. 
Zuerst geht der Neuerwählte zum Grofswesir, dessen Stell- 
vertreter, der Kehaja, der auch die Einladung hat ergehen lassen,, 
ihn vorstellt. Zur Stunde des „Händeküssens", der Audienzen^ 
die nach Erledigung der laufenden richterlichen und politischen 
Geschäfte im Wesirpalaste stattfindet, erscheint er und erhält ein 
goldenes Kleid, das Symbol der Erinnerung und Beförderung im 
osmanischen Reiche, über die Schultern geworfen. Dieses legt er 
erst ab, wenn er das ihm in Konstantinopel angewiesene Quartier 
erreicht hat, nämlich den Bogdan- oder Wlachserai, der von 
jetzt ab für ihn offen steht. Auf dem Rückwege vom Grofswesir 
begleiten ihn Hofbeamte der Pforte: Tschauschen, Agalaren und 
Tschatjren. Die Türken, die zufalhg auf der Strafse weilen, sind 
verpflichtet, dem neuen Fürsten als dem Inhaber der höchsten 
Macht in einer Provinz des Reiches die gröfste Ehre zu erweisen,, 
den Grufs mit gefalteten Händen. Wenn dasAlai, der feierliche 
Zug, an die ehrwürdige Pforte der Patriarchenkirche kommt, klingt 
ihm aus Türkenmunde die salatatio entgegen: „Möge der ge- 
rechte Gott dem allerhöchsten Kaiser und diesem unseren Effendi — 
avd-evTTjg — viele lange Jahre und ein glückliches Leben ver- 
leihen!" In der Kirche wird der rumänische Fürst, der als ein- 
ziger mit Krone und Zepter geschmückter christlicher Herrscher 
in dem von den Heiden unterjochten Oriente übrig geblieben ist,, 
mit den Ehren empfangen, die ehedem den Kaisern des recht- 
gläubigen Ostens zukamen. An der äufseren Pforte treten ihn» 
die zahlreichen Beamten der „grofsen Kirche" entgegen, die 
Suffraganbischöfe und die Metropoliten iupartibus,die den Stuhl 
ihres Patriarchen beständig umgeben; an der Türe der Kirchs 
erscheint dann der Okumenikos selbst, in vollständigem Ornate,, 
die altehrwürdige Krone auf dem Haupte. Ein Thron ist für den 
Fürsten errichtet, und wenn er dessen Schwelle betritt, werden — wie 



Erwählung und Einsetzung der Fürsten in Knnstantinopel. 4ft 

einst für den längst verschwundenen christlichen ßaaileög — Ge- 
bete ,y für ihn^ fiir seinen Sieg, lange Eegierungsdauer^ Gesundheit 
und Heil" (y/xij^, dia^ovfJQy 'öyieiag, aioTtiQiag avTo€) gesprochen;; 
wie jenem Cäsar des Morgenlandes wird ihm zu Ehren von den 
geübten Psalten des Patriarcheion das TtoXvxQÖviov , das byzan- 
tinische „Gott erhalte", gesungen. 

Während der folgenden Tage emp&ngt der Fürst die Besuche^ 
der angesehenen Christen, die meistens Griechen sind; später 
kommen auch die firemden Gesandten oder deren Sekretäre hinzu. 
Der Fürst bekommt Geschenke und erwidert die Gaben, verteilt 
auch die noch schuldigen Präsente an die, welche ihm zu seiner 
neuen Würde verhelfen haben. Der kaiserliche Militärschneider 
erscheint, um den vom Patriarchen mit dem heiligen Ol gesalbten 
Kopf zu studieren, damit er die Kuka entsprechend anfertigen 
kann. Nach kurzer Zeit schickt der Bogdan oder Iflakbeg^ 
seine Vertrauten, um den Sandschak, später auch die zwei Tugs,. 
d. h. Pferdeschwänze, die an einer Stange mit vergoldeter Kugel 
und dem Halbmonde darauf hängen, zu holen, und der Imbrohor 
selbst, der Grofs- Stallmeister, der auch sein Teil erwartet, bringt 
diese Abzeichen der Herrscherwürde selbst inmitten eines neuen 
glänzenden Alais, unter den schrill dröhnenden Erlangen der kaiser- 
lichen Hofkapelle, der tabul-chana. Ein Teil der Kapelle- 
bleibt nun am kleinen Fürstenhofe zurück, und zur Kindistunde,. 
d. h. drei Stunden vor Sonnenuntergang, ertönen zur Freude der 
Nachbarschaft die orgiastischen Töne der türkischen Militärmusik. 
Unterdessen sind schon Tschausche in gröfster Eile in das Fürstentum 
abgeritten, um eine Flucht des abgesetzten Wojwoden zu verhindern; 
in ihrer Begleitung befindet sich auch ein Bojar des neu Ernannten, 
der als Kaimakam, als Stellvertreter, die Angelegenheiten des- 
Landes während der Abwesenheit seines Herrn zu besorgen hat. Ehe 
der Abgesetzte nicht zur türkischen Hauptstadt gelangt ist, von 
wo er bald, oftmals ohne den Boden der kaiserlichen Residenz über- 
haupt betreten zu haben, in die Verbannung geschickt wird, kann der 
neue Fjirst seinen Alai nicht in Bewegung setzen: zwei sich in der 
Herrschaft ablösende Wojwoden können sich, ohne die Etikette zu. 
verletzen, unmöglich einander begegnen. Ein anderer Tschausch ist 
auch bereits abgereist, um den als Geisel dienenden Verwandten des- 



48 2. Kapitel. 

neugebackenen Begs zu suchen; auch die Ankunft des letztei 
mufs der Besitzer der kaiserlichen Fahne abwarten ^ ehe er ai 
brechen kann. 

Endlich sind die Vorbereitungen abgeschlossen, endlich ij 
^les Notwendige geordnet. Der Fürst wartet nur noch auf 
wichtige Stunde am Mittwoch oder Freitag, wo er seinen erlaucht 
Kaiser sehen, hören und, wenn er selbst türkisch versteht, so^ 
dankend ansprechen darf. Der Muhzur-Äga, der Befehlshaber alle 
Janitscharen am Hofe des Wesirs, setzt ihm zum ersten Male 
weifse und goldene Kuka auf das Haupt; der oberste Schatzmeistei 
-der Defterdar, bedeckt seine reichen Kleider mit einem noc 
reicheren Kaftan, der cabani^a, mit dem Janitscharenmantel voi 
hellblauer Farbe. Geleitet von zwei Kapudschibaschen , Garde 
Offizieren, tritt er in das Gemach der sichtbaren Gottheit des h 
jams, vor der er dreimal den Grufs bis zum Boden ausfühn 
mufs. Jetzt klingen ihm aus dem schattigen, duftenden, von Edel^ 
«teinen und Gold blitzenden Jatak die übermenschlichen Er- 
mahnungsworte entgegen, dafs er gut, mild gegen seine Untertanen < 
verfahren, aber mit scharfem Auge die Feinde seines Herrn be- 1 
wachen möge. Beim Weggange erwartet ihn das später Tabla- 
bascha genannte, vom Kaiser geschenkte edle, arabische Bofs^ 
^n dessen Sattel das Schwert und der Buzdugan oder Top uz 
hängen ; ringsherum stehen, mit ihren hohen vergoldeten und ver- 
silberten Mützen, die Offiziere der kaiserlichen Stallungen. Stolz 
reitet der christliche Fürst voran und wieder verweilt er einige 
Augenblicke in der Patriarchatskirche. Dann erhält er noch ein 
in goldenen Buchstaben ausgeführtes kaiserliches Dekret, das bei 
seiner Ankunft in der Landeshauptstadt feierlich verlesen werden 
soll ^). Noch eine Abschiedsaudienz beim Grofswesir, und dann 
strömt ganz Konstantinopel zusammen, um zu sehen, wie sich der 
glänzende Reisealai unter dem angenehmen Regen kleiner Silber- 
münzen durch die Strafsen der Hauptstadt gegen das Stadttor be- 
wegt, durch das der Weg nach Adrianopel führt. 

Vom Fürsten angeworbene Söldner zu Fufs und zu Pferde — 

1) Wie für Leca Aga, im Jahre 1599, einen von den Donautürken aus- 
erlesenen Gegenfiirsten, ausdrücklich bezeugt ist; Hurmuzaki XII, No- 
-vember 1599. 






ErwähluDg nnd Einsetzung der Fürsten in Eonstantinopel. 43 

es sind Christen, die sich dazu erbieten — eröflFhen den Zug mit 
der neugesegneten Fahne, die oftmals nur bei diesen Paradeiibungen 
flattert; dann kommen Fahnen, Tugs, Handpferde, mit schweren, 
reichen StoflFen bedeckt; Kapudschis, Tschauschen, Schatyren, 
Paiken und Jedekdschis. Mit der cuca und cabani^a bedeckt, 
reitet langsam der Donaubeg zwischen dem Aga, der ihn nach 
seinem Sitz geleiten soll, und dem Fahnenträger. Die türkische 
Musik beschliefst pfeifend und trommelnd den Zug. 

So kommt das kleine Heer, das sich oft in Konaks ausruht, 
an die Donau, bei Giurgiu oder bei Gala^I, wo sich stets eine 
Bojarenabordnung einfindet, die Glückwünsche und Nachrichten 
überbringt, aber auch Intrigen anzettelt. Von hier geht es zur 
Hauptstadt, wo sich dieselben Feierlichkeiten, die in Konstanti- 
nopel stattfanden, in bescheidenerer Weise wiederholen. Von seinen 
grofsen und kleinen Bojaren umgeben, reitet der Fürst auf dem 
kaiserlichen Pferde zur Metropolitankirche oder zu einer anderen, 
welche diesen Vorzug geniefst. Hier wird selbstverständlich eine 
neue Weihe durch den Metropoliten nicht vollzogen, aber wieder 
tönen dem kaiserlich auftretenden Domn die byzantinischen 
hrevai angenehm in die Ohren. Einen Mifsklang in die stolze 
Zeremonie bringt nur die Verlesung des kaiserlichen Dekrets, 
welches die Einsetzung des Fürsten durch die allerdings ehrfurchts- 
volle Hand des Skemni-Agassi von Stambul verfügt. Dann 
bildet der Fürst seinen Bojarenrat, zieht neue Leute heran und 
«cbliefst andere aus, befördert wieder andere, hält in den Nachmittags- 
stunden Gericht, begnadigt oder bestraft mit Tod und Schlägen, 
geht auf die Jagd mit aufserordentlich grofsem Gefolge, das einem 
kleinen Heere ähnelt, besucht jeden Frühling und Sommer auch 
die entlegensten Landschaften, um Recht zu sprechen und die 
Ordnung zu sichern, befehligt Heere und schliefst heimliche Ver- 
träge, spioniert für sich und für seinen Kaiser, sammelt, berechnet 
und verteilt mit grofser Anstrengung, aber auch mit grofser Zag- 
haftigkeit die seiner Vistierie zufliefsenden Gelder. Zuletzt aber 
wird er abgesetzt und flieht, wenn nicht der barmherzige Tod 
«einer Gröfse und seinen Qualen ein ruhiges Ende bereitet. 

Durch die engeren Beziehungen zu dem türkischen Keiche, 
besonders durch den langen Aufenthalt, den die Fürsten während 



44 2. Kapitel. Erwählung und Einsetzung der Fdrsten in Eonstantinopel. 

ihrer Wartezeit und Verbannung in der Residenz zu Konstanti- 
nopel und in verschiedenen Plätzen der vom Sultan beherrschten^ 
Länder nehmen, werden zum ersten Male türkische Sitten, türkische 
Mode, türkisches Hofleben und türkische Würden in die Walachei 
und Moldau eingeführt; doch gilt dies im besonderen für das^ 
erstere Land, das schon seit längerer Zeit unterworfen war und 
auf einer wesentlich längeren Strecke unmittelbar an das Türken- 
reich grenzte. 

Mircea der Alte trug dieselbe Kleidung, die seinerzeit auch 
im benachbarten Ungarn die Leute seines Standes trugen: das^ 
einzige bekannte gleichzeitige Porträt eines walachischen Fürsten 
des 15. Jahrhunderts, das den grausamen Vlad Tfepe^ darstellt,, 
zeigt eine mit Perlen gestickte Mütze aus Sammet mit einer Aigrette ; 
das lange Haar fallt in künstlichen Locken auf die Pelzgarnitur 
eines Kleides, das grofse, kostbare Knöpfe zusammenhalten. Es 
zeigt sich schon darin ein unbestreitbarer türkischer Einflufs, der 
bald auch weiter, nach Siebenbürgen, Ungarn und Polen, wo für 
die Krieger eine Nachahmung der Türken etwas Verlockendes 
hatte, vordrang ^). 

Diese morgenländische Mode drang aber nicht allzu tief ein; 
ja sie blieb auf die Hof kreise beschränkt, in denen die Erscheinung 
des Fürsten den grofsen und kleinen Bojaren zum Modell diente. 
Dagegen hat sich in den zahlreichen Dörfern niemals auch nur 
die leiseste Spur dieses Einflusses gezeigt, der nur im Lichte der 
Macht und des Reichtums sichtbar wurde. Sogar in diesen Kreisen, 
in denen der Wojwode künftighin mit langen, goldgestickten 
Kleidern, mit kostbaren Pelzen und gelben orientalischen Stiefelchen 
aus Konstantinopel erscheint, gewinnt die fremde Mode darüber- 
hinaus keinen Einflufs, und andere Bestandteile des türkischen 
Kostüms haben fast niemals bei den Rumänen Liebhaber gefunden. 

Neben den alten Amtern finden sich jetzt auch neue, von den 
Türken herübergenommene. Schon am Ende des 16. Jahrhunderts 
befehligt neben dem Spatar auch der Aga einen Teil der walachischen 

1) fepe§' Porträt findet sich im Schlosse Ambras in Tirol: nach einer 
Photographie ist es in meioen Acte ^i fragmente II, nach einer Kopie bei Bog- 
dan , Vlad fope? (Bukarest, 1896), wo sich auch andere Bilder desselben Herrschers 
finden, wiedergegeben. 



Der griechische fiinflufs. 45 

Miliz. Vielleicht — allerdings fehlen die Belege dafür — trugen auch 
niedere Hof beamte^ die nur dem Fürsten persönlich und nicht dem 
Lande dienten^ türkische Namen. Dagegen konnten sich Ungläubige 
nicht am politischen Leben der Fürstentümer beteiligen^ solange sie 
Hlem falschen Glauben anhingen ; an eine Bekehrung solcher Leute, 
um sie der Gunst rumänischer Herrscher teilhaftig werden zu 
lassen, ist nicht zu denken, denn diese Tat, einen Muselmann fiir 
das Christentum zu gewinnen, wäre in Eonstantinopel als ein sehr 
grofses Verbrechen betrachtet und von den Türken hart bestraft 
worden. Dennoch findet sich in der Walachei während der ersten 
Hälfte des 16. Jahrhunderts ein grofser Bojar, welcher Benga 
heifst, ein anderer, der Sohn des ersteren, trägt den Namen Hamza; 
in der Moldau gibt es unter Ilie Rare^ einen anderen Hamza, der 
in fürstlichen Urkunden als Zeuge und im fürstlichen Rate als 
Mitglied erscheint. Auch der Name "("alapie (Tschelebi) findet 
-sich im 1 6. Jahrhundert ^). Schon im Heere des tapferen Michael 
gibt es Truppenabteilungen, die — wie die Beschlien — serbischer 
Abkunft sind und türkische Namen führen ^). 



3. Kapitel. 
Der griechische Binflufs. 

Entschieden die bedeutendste Folge , die sich aus der neuen 
politischen Stellung der Fürstentümer gegenüber der Pforte ergibt, ist 
die immer gröfsere Bolle, welche von nun an die Griechen in rumä- 
nischen Angelegenheiten und auch im rumänischen Leben spielen. 

Bis zum 16. Jahrhundert waren die in der Moldau und in 
-der Walachei angesiedelten Griechen sehr wenig zahlreich ; entweder 
waren es persönKche Freunde des Fürsten und Inhaber höherer 
und niederer Hofamter, oder Kauf leute, namentlich in den Häfen ; 
man triflft jedoch, wie schon gesagt, nur sehr selten Namen, die 
hellenisch klingen. Auch in dieser älteren Zeit finden aber die 
Griechen in der Walachei leichter als in der Moldau Unterkunft. 



1) Ilie Nicolesen, in literatura ^i arta romiüä, Jahrgang 1903, S. 665. 

2) Jerga, Doc. rel. la Petru ^chiopul ^i la Mihal Yiteazul, S. 37. 



46 3. Kapitel. 

Infolge der neuen Art, auf die der Fürst einen rumänisclieD 
Thron zu besteigen pflegte, hatte er jedoch Zeit genug, um viele 
griechische Bekanntschaften zu machen; denn in Konstantinopel 
sowie in den sonstigen üblichen Aufenthaltsplätzen der Prätendenten 
begegnete er doch überall, wo er hinkam, in der Kirche, in den 
Geschäften und bei den wenigen gesellschaftlichen Zusammenkünften 
den Griechen reinen Blutes oder wenigstens den mehr oder weniger 
hellenisierten Levantinern. Diese Griechen oder Halbgriechen haben 
sich bald aus der ersten Lethargie und Erniedrigung, in die sie nach 
der Besitznahme ihres Kaisertums, ihrer Güter und ihres Landes durch 
die Osmanen gesunken waren, geschickt und mutig erhoben ; denn 
schon sehr bald nach dem grofsen blutigen Triumphe fühlte der 
Türke, dafs er — träge, ausschweifend und unfähig, etwas anderes 
zu tun, als das Schwert über den Köpfen der Feinde oder Unter- 
tanen jauchzend zu schwingen, — des griechischen Geistes und 
des griechischen Fleifses bedurfte. Langsam kehrten nun die 
Flüchtlinge zurück oder erhoben aus den ärmlichen und kummer- 
vollen Verhältnissen, in denen sie bisher gelebt, ihre beweglichen 
Köpfchen mit den schlauen Augen und den nimmer rastenden 
Zungen: der Grieche bot seine Dienste dem im innersten Herzen 
bitter verhafsten Tyrannen, Barbaren und Heiden an. Um sich 
die Mittel für seine Leidenschaften oder seine Vergnügungen za 
verschaflFen oder vielmehr, um sich Geld, viel Geld und viele schöne, 
seltene Sachen aus Gold, Perlen und Edelsteinen, Teppiche, Vor- 
hänge, Waffen, Hausgeräte allerart zu erwerben und damit seine 
Person und sein Haus vor allen anderen auszuzeichnen, um den 
Stolz aller seiner Nebenbuhler die meistens gute Freunde oder nahe 
Verwandte sind, durch seinen fürstlichen, ja königlichen Luxus zu 
beschämen, um vor ihnen grofsartig aufzutreten und sie bei sich 
bewirten zu können, verschwendete der Grieche, der nicht mehr 
herrschen oder an einem Hofe erscheinen konnte, alle die grofsen 
Ejräfte seines Geistes, vergafs alle moralischen Skrupel und setzte 
sich täglich, ja stündlich den gröfsten Gefahren aus. Die alten 
Kamen der christlich-kaiserlichen Zeit, die früher nur auf den 
Gräbern der Ermordeten, in den Verzeichnissen der im Auslande ange- 
worbenen Stratioten oder in den Rechnungen über fürstliche Gnaden- 
geschenke fiir vornehme Bettler erschienen, diese grofsen Namen — 



Der griechische EiDflofs. 47 

Paläologen^ Kantakuzenen^ Rallien — kamen jetzt wieder in aller Mund 
und wurden unaufhörlich in zahlreichen Geschäftsbriefen genannt;, 
die Siegel mit dem Doppeladler zierten wieder hochfahrende Briefe. 
Wenn der türkische Monarch eines Pächters, d. h. eines sehr gut 
zahlenden Pächters fUr seine kaiserlichen Einkünfte, für die Salz- 
werke zu Anchialos am Meere, für die Zölle vom Wein und Fisch 
oder für sonstige Nutzungen bedarf, dann fehlt auch der Grieche 
nicht als Mitbewerber neben dem Juden, welcher auch als stolzer 
Intrigant zu den Füfsen des Herrn sitzt, der nach Belieben zer- 
schmettern kann, und läfst sich, wie der grofse Don Jose, zum Herzog 
von Kaxos machen. Wenn es gilt, jedes Jahr aus dem entfernten 
moskowitischen Eeiche kostbare Pelze, wie Zobel, Hermelin oder 
schwarze Fuchsfelle, herbeizuholen, und daneben „Fischzähne'' und 
Metalle jeglicher Art aus Polen und anderen Gegenden zu ver- 
schaffen, da beansprucht der Grieche für sich die Ehre und den 
Gewinn — er bekommt 60000 Dukaten jährlich! — , „Grofs- 
kaufinann*', idiyag TcqaiiaTBvxT^gy zu heifsen, und da auch andere 
Türken und andere Leute sich wegen des Bezuges nordischer 
Waren an ihn wenden, so hat dieser „negotiator insignis'' eine^ 
Art von Monopol für einen ganzen Zweig des Handels nach der 
Türkei. Braucht ein allmächtiger Grofsweair, dem der „all- 
mächtigere'' Sultan in allem wie ein Kind folgt, einen schlauen« 
Mann, der alle Schleichwege kennt, um ein bestimmtes Ziel zu 
erreichen, einen treuen Agenten, der für alle Fälle die volle Ver- 
antwortung auf sich nimmt, so hat dieser Grofswesir — ein Mo- 
hammed Sokoli z. B. — , der wirkliche Nachfolger Kaiser Soli- 
mans, freie Wahl unter den Griechen von Konstantinopel, die sich 
um eine solche geheime Anstellung &st wütend reifsen. Er läfst 
sich ruhig, wie Michael der Kantakuzene (f 1578), der erste dieser 
grofsen Griechen, durch einen Nebenbuhler seines Herrn ein- 
kerkern und quälen, in der Zuversicht, dafs sein Herr ihn doch 
schliefslich befreien und ihm seine Leiden vergelten wird. 

Ein solcher Helfershelfer hat aber auch seine eigene Politik 
und seine speziellen Interessen, die er meisterhaft zu verfolgen 
weifs: will ein Mönch, mag seine Vergangenheit sein wie sie^ 
will, der nur über einige Beutel mit Geld verfügt, den Stuhl 
des Patriarchen besteigen, oder will ein einstiger Patriarch^ 



48 3. Kapitel. 

nach einer kürzeren oder längeren Verbannung ihn wiederbekommen, 
braucht ein moldauischer oder walachischer Fürst eine sichere 
Stütze in Konstantinopel; oder sucht ein ,, Fürstensohn '^ nach einem 
heimlichen Förderer, durch dessen Vermittelung er ungesehen vom 
Wesir in Audienz empfangen werden könnte, so läfst ein solcher 
Verteiler weltlicher und geistlicher Kronen nicht lange auf sich 
warten. Der Grieche hat ja Geld, oder weifs wenigstens, wo er 
Aspern, Dukaten oder Juwelen finden kann, denn er geniefst einen 
unbegrenzten Kredit und steht mit vielen Häusern in Familien- 
verbindungen. Die Wojwoden sind sehr jfroh, wenn sie sich durch 
-eine schlau berechnete Heirat einer solchen „ Christenstütze '^, die 
zugleich die „rechte Hand des Wesirs" ist, für das ganze Leben 
versichern können. In früherer Zeit waren die Verschwägerungen 
mit Ungarn und Polen bevorzugt: Bogdan Orbul kämpfte ja lange 
Zeit um die Ehre, Schwager des polnischen Königs zu werden, 
"fepe^ war durch seine Frau ein „collateralis" des grofsen Königs 
Matthias, und mehrere von den Töchtern Alexander Läpu^neanus hei- 
rateten nach Polen ^). Die erste Frau des lahmen Peter (1559 — 1591) 
war aus der siebenbürgischen ungarischen Familie Cherepovich 
und Johann Sigmund, der dortige „König", betrachtete sie als 
«eine Schwester. Das wird nun anders: von jetzt an haben die 
Fürsten der Moldau und Walachei gar nicht selten morgenländische 
Damen zu Frauen, und die domni^e, die Töchter der Woj- 
woden, heiraten nicht selten Griechen, die mit Waren und Kronen 
handeln. Während dieses ganzen Zeitraumes läfst sich diese neue 
Erscheinung verfolgen. Alexander Mircea hat die Ekaterina Sal- 
varesso zur Frau, so dafs sein Sohn Mihnea ein Halblevantiner 
ist; Mihnea heiratet zwar in eine walachische Bojarenfamilie, aber 
^er „Bruder" Alexanders, Peter, der Fürst der Moldau, ist wieder 
der Gemahl einer Maria Amirali von Rhodos. Eine Paläologin 
von den Inseln besteigt mit lancu Sasul den moldauischen Thron, 
und eine ihrer Töchter, Chrysaphina, heiratet den Kaufmann Anton 
Katakalos ^). Aron und Ilia§ Alexandra, die Nachfolger Peters und 
Mihneas, sind wahrscheinlich beide Schwiegersöhne des Andronikos; 



1) S. meine PretendentI domne^tl, S. 46—47. 

2) S. Jorga, Eelat>iUe ca Lembergal, I. 



Der griechische Einflufs. 49 

der Träger dieses kaiserlichen Namens ist der Sohn des im März 
1578 zu Anchialos hingerichteten Michael Elantakuzinos. Jener 
Michael, wegen seiner Kunstgriffe von den Türken der Satanssohn, 
Schaitanoglu, genannt, war mit Maria, der Schwester Peters, ver- 
mählt gewesen, aber die verwöhnte domni^ä wollte ihm, dem 
viel älteren Gemahl, nicht nach Eonstantinopel folgen und liefs 
sich von ihrem Bruder entfuhren. Peter büfste zwei Jahre 
später, 1568, diese dreiste Tat gegen den mächtigen Griechen mit 
seiner Absetzung. Die Mutter des walachischen Helden Mihal 
Viteazul (1593 — 1601) hiefs Theodora und war mit einem der 
„grofsen Griechen", dem Ban Jani, verwandt. Eine Argyra war 
die Frau des Radu Mihnea, eines Enkels der Ekaterina Salvaresso, 
und der Sohn beider erhielt 1625 Roxandra, die Tochter des sehr 
reichen und mächtigen Griechen Skarlati aus Eonstantinopel, des 
Grofsen Saidschi oder Ochsenhändlers, zur Frau. Der Vormund 
dieses jungen Alexander hiefs Bartolomeo Minetti und war ein 
Schwager des alten Radu Mihnea. Alexander Ilia^, der nacheinander 
erst Fürst der Moldua und dann der Walachei war, hatte seine Er- 
Ziehung im Morgenlande genossen und war der Schwiegersohn des 
Bans Janaki Eaterdschi, welch letzterer der Urahn der jetzigen 
Familie Catargi geworden ist ; Janaki war ein Grieche mit türkischem 
Beinamen. Moise Movilä hatte zur Frau die Schwester Alexander 
Coconuls, der, wie eben gesagt wurde, der Schwiegersohn des 
Skarlati war. Marco Cercel, der Sohn Peter Cercels und ein be- 
kannter Prätendent, heiratete ebenfalls in Eonstantinopel eine 
Griechin. Die zweite Gemahlin des mächtigen Vasile Lupu 
(1634 — J6o3) war eine Tscherkessin, eine Verwandte des Tataren- 
klians. Nun folgte, namentlich in der Walachei, eine lange glück- 
liche Zwischenzeit, in der einheimische Landesbojaren auf dem 
Fürstenthron safsen; dann aber haben die Fürsten, wie z. B. Radu 
Leon (um 1660 — 1670), wieder Griechinnen oder Levantinerinnen 
zu Frauen. 

Solche Leute fiiblten sich zwar als Erben eines rumänischen 
Thrones, aber keineswegs als Rumänen. Fast alle wurden von 
fremden Gesandten beschuldigt, dafs ihre Anhänger falschlich ihre 
fürstliche Abkunft beschworen hätten, und für einige kann dies 
ßogar als eine beinahe festgestellte Tatsache gelten; für andere ist 

Jorga, Ueschiclite der Ramänen. IL 4 



60 3. Kapitel. 

die fürBÜiche Abstammung mehr als zweifelhaft. So kommt aus 
fernen abendländischen Gegenden ein alter Mann^ der sich als Sohn 
des Stephan (Tom^a) ausgibt und als Stephan Tom^evicl wirklich in 
der Moldau regiert, obwohl in dem letzten Willen des enthaupteten 
ersten Stephan dieser angebliche Sohn mit keiner Silbe erwähnt 
wird. Dieser oder jener treibt sein ganzes Leben kleine Qeschäfte 
als Kaufmann oder Handwerker, ,,pellizariy ostregari'^ — so be- 
richtet der venetianische Gesandte in Konstantinopel (Bailo), der 
die grofsen und kleinen Leute in Stambul ausgezeichnet kennt — , 
und erst spät, sehr spät, erinnert er sich seines fürstlichen Vaters. 
Schon im 16. Jahrhundert findet der lombardische Arzt Bemardo 
Kosso sechs Bojaren, die mit ihrem Eide bezeugen, dafs er 7,ein 
Sohn Basarabs ^^ sei: er wird auf die Galeeren geschickt und ver- 
wandelt sich, wie es scheint, in Bernardino Rosso, den kaiserlichen 
Agenten zu Venedig und anderswo. Im 17. Jahrhundert verlangte 
der Kroate Gaspar, der sich Gratiani nannte, nachdem er das Herzog- 
tum von Faros und Naxos zu bekommen versucht hatte, die Regierung 
über die Moldau als Lohn fär seine verräterischen diplomatischen 
Dienste, und erhält 1619 tatsächlich diese fürstliche Würde. Ein be- 
kannter Kaufmann, Locadello, der bisher niemals daran gedacht hatte, 
seinen Vater zu verleugnen, wird ebenfalls plötzlich von der fürst- 
lichen Grofsmannssucht ergriffen und setzt alles aufs Spiel, um 
als „Sohn des Aron-Vodä" dessen Nachfolger zu werden. Selbst 
den Leuten, die gewöhnUch den neuen „Begen" zu ihrem Empor- 
steigen verhalfen, waren die meisten von diesen als Abenteurer, 
als nichtswürdige Betrüger bekannt, und Andronikos der Kanta- 
kuzine bezeichnet sie 1594 als „elende Leute, die kein Erkennungs- 
zeichen, sei es vom Vater, sei es von der Mutter, aufzuweisen ver- 
mögen, sondern, ihrer Natur nach, elende Lügner und unwürdige 
Söldlinge sind, von welcher Seite man sie auch betrachten mag" *). 
Solche Emporkömmlinge, die nicht einmal, wie die einstigen 
Kosakenschützlinge, Kühnheit, Todesverachtung, Kampfeslust und 
männliche Schönheit besafsen, verfugten über die Fähigkeit zu 
aUem möglichen, nur nicht über die, zu regieren, sich Sympathien 
zu erwerben, oder etwa gar dem armen Lande durch wohltätige 
oder wenigstens schonende Mafsregeln zu dienen. 

1) Hurmuzaki, XI, S. 373-374. 



Der griechische EinfloÜB. 51 

In der Familie der Cbiajna; der Witwe des Walachenfiirsten 
Mircea Ciobanul (bis 1559); wurde gewifs griecbiscb gesprochen; weil 
dies die Umgangssprache des grausamen Mircea war, der aus dem 
Morgenlande kam^ wo er wohl seine ganze Jugend zugebracht 
hat Jedenfalls schrieb Peter der Lahme das Rumänische in einer 
geradezu lächerlichen Unvollkommenheit; niemals kam er so weit; 
ein Wort nach dem Klange der Laute richtig in Buchstaben 
wiederzugeben. Frau Ekaterina; Mihneas erlauchte Mutter ; blieb 
immer eine Griechin; und ihr Briefwechsel; sowie derjenige; welchen 
ihr Sohn mit ihrer Schwester; die in Murano bei Venedig Nonne 
geworden war; pflegte; ist griechisch geschrieben. Eine Schwester 
der Ekaterina war mit dem Griechen Konstantin Frangopulos aus 
Zante vermählt; nachdem sie in erster Ehe mit einem anderen 
Griechen; Xenos mit NameU; verheiratet gewesen war; und jener 
Konstantin wurde zum Vistiemic (Schatzmeister) der Walachei er- 
nannt. Eine Tochter dieser Lukretia heiratete den Bagusaner Johann 
de^ Marini Poli; der im Lande als Giva bekannt war, und führte 
ihn als hochgeehrten Bojaren auch in den Diwan Mihneas ; und 
dort erregte dieser Geschäftsmann; in Goldbrokat gekleidet; die 
Bewunderung seines ärmeren Bruders Pasquale. Dieser Marini; der 
zwar seine Frau und sein Amt als furstUcher Rat verliefs; aber nicht 
auch seine Geschäfte aufgab; wurde später kaiserlicher Agent in den 
Fürstentümern und berichtete; dafs in der Moldau unter Aron 
(1591 — 1595) ;;die höchsten Beamten Fremde sind; und insbesondere 
perfide Griechen" ^). In der Tat dienten Aron-Vodä auch Fran- 
zosen; ein Ungar hatte den Befehl über die Hoftruppen, die ihm 
gegen seine Untertanen Schutz gewähren sollten: Michael Tolnay; 
sein Vistier (Schatzmeister) hiefs Kalogera und war ein Grieche von 
Kreta. Nur im Grofsdiwan blieben unter ihm; um nicht allzu viel Un- 
zufriedenheit zu erregen; Landesbojaren. Das Amt des Schatzmeisters 
bekleidete gewöhnlich ein Grieche; der meist zugleich der hauptsäch- 
lichste Agent und Gläubiger war : so war Andronikos der E^anta- 
kuzine bis zu seinem Tode in Bukarest oder in Konstantinopel 
walachischer Vistier. Jani; von dem schon die Rede war, amtierte 
in der Moldau als Vistier; während er in der Walachei als Ehren- 



1) Hurrnuzaki m\ S. 197. 



53 3. Kapitel. 

ban an der Spitze des Diwans stand. Auch Michael, der Walachen- 
fürst (1593 — 1601), der seinen Thron dem Andronikos verdankte — 
„ich habe es versucht", schrieb er selbst im Jahre 1594, „und 
habe tatsächlich den Ban Michael zum Fürsten gemacht" — , 
hatte beim Beginn seiner ungewöhnlichen Herrschaft den Griechen 
Theodor Saitan als Ban, den Griechen Dimitraki als Spatar, den 
Griechen Pankratios als Vistier, den Griechen Manta als Pahamic, 
den Griechen Kotzi als Postelnic an seiner Seite, ohne der Griechen 
Eantakuzinos , Michaltzi Earatzas, Mihalcea bei den Rumänen, 
zu gedenken ^). 

Bei seinen Kämpfen verwendete der Held Rumänen und 
Griechen gemeinsam, aber unter den jetzigen Verhältnissen ge- 
wannen die Landesbüjaren sehr leicht die Oberhand. Erst nach- 
dem die Türken die alte Stellung an der Donau wiedererlangt 
hatten (1611), kamen Radu Mihnea, Alexander Ilia^ und Moise 
Movilä, — letzterer, obgleich seine Familie anderen Herren hul- 
digte 2), — mit zahlreichen Griechen im Gefolge, und nach dem Tode 
Radus waren in der Tat der Katerdschi und der Grofse Saidschi 
die wahren Herrscher in beiden Fürstentümern. Wie später näher zu 
schildern ist, riefen 1632 die Landesbojaren in der Walachei Aga 
Matel zum Fürsten aus; dieser regierte dann zwanzig Jahre 
und verdrängte während dieser Zeit einigermafsen das griechische 
Element. Doch dieser Veränderung wird, — wie es gewöhnlich auch 
mit der geschieht, die in der Moldau nach der durch eine Be- 
wegung der Nationalpartei bewirkten Einsetzung des Albaniers, 
des heilenisierten Albaniers Vasile Lupu (1634), zustande kam — , 
eine allzu grofse Bedeutung beigelegt. 

Während die Bojaren, die später sogar den Fürsten Leon 
und die ganze Sippschaft der Abenteurer für lange Zeit von der Re- 
gierung der Walachei verdrängten, sich Siebenbürgen zum sicheren 
Sitz ihrer Unternehmungen und kriegerischen Vorbereitungen aus- 
ersahen, erhoben sie ihre Stimme laut gegen die Griechenherrschaft, 
die das Land ruiniert und seine treuesten Söhne, Glieder der edelsten 



1) Vgl. Hurmuzaki XI, Vorrede und meine Istoria lul Mihai Viteazul. 

2) Eine griechische Urkunde von Moise findet sich in Studii §i documonte: 
IV, S. 18. 



Der p^riefhische Einflufs. 5S 

alten Familien, in die Verbannung getrieben habe. Damit rechtfertigten 
sie ihre Bewegung, weil sie sehr gut wufsten, dafs die Pforte nur 
zwei Vergehen, da sie ihre eigenen Interessen verletzten, an einem 
rumänischen Fürsten nicht dulden konnte; das erste war die Be- 
drängung der Raja, deren Besitzer dann aus Verzweiflung die Flucht 
ergriffen, und das zweite war die Erregung von Unzufriedenheit unter 
den Landesbojaren; alle, die innerhalb und aufserhalb der Landes- 
grenzen safsen, standen im Einverständnis miteinander und kormten 
die allein im Frieden gewährleistete pünktliche Tributzahlung 
durch Verschwörungen und Bürgerkriege stören. Sie, die Söhne 
des vaterländischen. Bodens, die sich durch die Teilnahme an den 
glorreichen Kriegen Michaels einen grofsen Namen erworben hatten, 
waren es, die als Partei den „kaiserlich römischen", den Deutschen- 
schützling Radu ^erban, in der Walachei gegen Radu Mihnea unter- 
stützten und letzterem 1611 das ganze Heer abspenstig machten. 
Als Radu Mihnea dann schliefslich doch zurückkehrte, er, dessen 
Vater in unwürdiger Weise als Türke gestorben war und musel- 
männische Kinder aus Haremsheiraten hinterlassen hatte, da traten 
jene Bojaren gegen den „Türken" auf in Wort und Schrift, ja 
sie zogen sich in die Berge der Oltlandschaft zurück und machten 
den Versuch, den Mihal Cämärasul als zweiten kriegerischen Michael 
einzusetzen (1612). Durch die Hinrichtungen, die Radu vornehmen 
liefs, durchaus nicht eingeschüchtert, wirkte die Partei in demselben 
Sinne und mit denselben Mitteln weiter gegen die „Griechen". 
Eine Verschwörung zettelten ihre Mitglieder am Hofe des walachischen 
Fürsten Alexander Ilias an ; ihr bedeutendster Führer, Lupu aus 
MehedintI, bisher Päharnic des fremden Fürsten, entfloh nach Sieben- 
bürgen und kehrte von hier im Juni lÜlH mit Haiducken und 
Szeklern zurück, auf Veranlassung Bethlens, des dortigen Fürsten, 
der anstatt des ihm unangenehmen Alexander Heber den Sohn 
Cercels als Nachbar in der Walachei haben wollte. Der feige 
türkische Statthalter floh an die Donau, und seine Herren schickten 
ihn nicht wieder, sondern ernannten den jungen Gabriel Movilä 
an seiner Stelle. Nach wenigen Monaten wurde Lupu zum Grofs- 
spätar eiiiannt; das war der Lohn für seine Wirksamkeit. Schliefs- 
lich wurde er von Skender- Pascha zu Silistrien aufgespiefst, auch 
diesmal als Belohnung. Trotz alledem war der Wunsch des Landes, 



54 3. Kapitel. 

Alexander Ilia^ zu verdrängen, in Erfüllung gegangen. Unter 
einem anderen Alexander^ dem Sohne des ^^grofsen^' Radu, erhoben 
sich die Soldatenbauem, die cälära^I^ wie auch die Bojaren des 
Oltlandes, und suchten unter sich selbst und in den Klöstern nach 
einem kräftigen Landesfürsten. Nun erklärte sich die nationale^ mili- 
tärische Partei^ die den glänzenden ^, König ^^ Michael , den Herrn 
der Walachei; der Moldau und Siebenbürgens nicht vergessen 
konnte ; gegen den „Griechen" Leon^ der in seiner cyriUischen 
Unterschrift einen griechischen Duktus zeigte und auch in dieser 
Hinsicht seine alte Beschäftigung als ostrecariO; als Austern- 
händler in Konstantinopel; erkennen liefs. 

Durch ein politisches Meisterstück suchte sich Leon der gegen 
seinen schwankenden Thron gerichteten Umtriebe zu entledigen. 
Er berief das ganze Land zu sich nach Bukarest zu einer jener 
grofsen Versammlungen^ die nur selten abgehalten wurden, ergriff 
eine ganze Reihe heilsamer Mafsregeln, um alle zu befriedigen, und 
begann mit der Vertreibung der Griechen. In dem feierlichen 
Staatsakte vom 15. — 23. Juli 1631 werden die „fremden Griechen'' 
beschuldigt, dals sie die häufigen Fürsten Wechsel verursachen ^), in- 
sofern sie den Bewerbern um die Elrone gegen zu hohe Zinsen das not- 
wendige Geld darleihen; dafs sie schlechte Sitten ins Land bringen, 
die Abgaben ungebührlich erhöhen, um wieder zu ihrem dargeliehenen 
Gelde zu kommen und sich auch sonst zu bereichem, dafs sie hoch- 
fahrendes Wesen zeigen, keinem von den Landeseingeborenen mit 
Achtung begegnen und im Herzen diesem sie ernährenden Lande 
feindlich gesinnt sind *). So charakterisierte ein Fürst, der selbst 
als Grieche galt, die Sünden, die seinen Volksgenossen schon unter 
Alexander Ilia^ von dem in der Walachei angesiedelten Mönch 
Matthäus von Myrai in ganz ähnlicher Weise vorgeworfen werden. 
„Quält nicht", so schreibt jener, „den Rumänen durch eure Hab- 
gier, weil ein Gott im Himmel ist und von dort herunterblickt, 
verlangt nicht nach dem Gute des Rumänen. Gewifs tyrannisiert 
ihr die armen Rumänen; eure Unersättlichkeit macht diese zu 
Griechenfeinden, so dafs sie die Griechen nicht einmal im Bude 

■ ■ ■ ' ■ ■ - » 

1) „Amestecä Domnüle". 

2) Magazinul istoric, I, S. 122—125; Arch. soc. ^tiintifice 91 Üterare din 
la^l, V, S. 72 ff. ; Buletiiml fundatiet Urechiä, I, S. 27 ff. 



Der griechische Einflufs. SS 

ansehen mögen. Als Hunde betrachtet ihr^ ihr Griechen vom Hofe 
UDd in den Ämtern, die Rumänen und verachtet sie immer. Wemi 
ihr Verhalten ungerechtfertigt wäre, hätten sie euch nichts vor- 
zuwerfen^ aber sie klagen und zeigen dadurch^ dafs sie recht haben. 
Verlafst^ Griechen, die Ungerechtigkeit^ auf dafs euch Gott nicht 
mit ewigen Strafen belege! Diese Armen sind doch diejenigen, 
welche uns ernähren und uns betreuen; wiUig oder unwiUig sagen 
sie zu uns: ^Jupine, Herr^ Es geziemt sich, dalB wir sie lieben 
und als Brüder ehren" ^). 

Jedoch die aufrührerischen Bojaren, von Räkdczj, dem sieben- 
bürgischen Fürsten, und dem mächtigen Befehlshaber an der Donau 
Abaza unterstützt, ja vom Lande sehnsüchtig erwartet, waren gar 
nicht so sehr von der Aufrichtigkeit des zum Reformator ge- 
wordenen ordinären „Griechen" Leon überzeugt. 

In dieser Zeit regierte Alexander Uia^ in der Moldau, und er 
glaubte, dafs sein Sohn Radu von den Walachen anerkannt werden 
würde, wenn er nur die kaiserliche Fahne für diesen Knaben, 
wie es ehedem Radu Mihnea für seinen Cocon („Söhnchen") 
Alexander getan hatte, erkaufen würde. Aber der Aga Matel, den seine 
Anhänger Fürst nannten, drang ins Land und verjagte den von der 
Moldau langsam mit Sandschak und einem bedeutenden Heere an- 
rückenden jungen Radu -Vodä. Er besiegte ihn bei Bukarest, über- 
schritt die Donau, um sich vor seinem Gönner Abaza wegen dieser 
kühnen Tat zu verantworten, und erschien dann mit demselben glän- 
zenden Gefolge, in dem alle Stände, sogar Bischöfe und grofse Bojaren, 
vertreten waren, in Konstantinopel selbst; das zeugte von mehr Mut, 
als die Schlacht gegen den vom Kaiser schon ernannten Radu. Hier 
siegte er noch einmal durch eine Klage im Diwan, indem er gegen- 
über den griechischen Feinden den Beweis erbrachte, dafs sie „den 
Oarten des Kaisers verwüstet haben durch ihre Räubereien und 
Missetaten, dafs sie alles, was sie nur finden konnten, sich an- 
zueignen pflegten, so dafs bis heute das Land öde daliegt" ^). 

1) ^loToqCa T^g OvyyQoßXaxCag , zusammen mit Staurinos, Geschichte 
Michaels des Tapferen, oft gedruckt, auch hei Pap in, Tesaur I — die Stelle 
auf S. 336—337 — , und bei Legrand, Becueil lY. 

2) Gleichzeitige Chronik in der offiziellen Kompilation von 1688; Magazia 
istoric, I, S. 319. 



56 3. Kapitel. 

In der Moldau ging der Auszug der Griechen ohne Keform- 
versuch und Bojarenflucht vor sich. Durch das Beispiel, das 
die Walachei gegeben hatte, ermuntert, erhob sich der Pöbel von 
Jassy — die gefürchteten Bewohner der Vororte — zum Aufruhr; 
aus den benachbarten Dörfern eilten bewaffnete Bauern herbei. 
Die Landesbojaren liefsen überall die beunruhigende Nachricht 
verbreiten, die Griechen am Hofe hätten sie, da sie ihre Beihilfe 
zu allerlei Missetaten nicht hätten bekommen können, ermorden 
wollen. Alexander Ilias erklärte dem Führer des Aufstandes, 
Vasile Lupu, dafs er die Sache der Griechen zu der seinigen 
mache, rüstete sich aber sogleich zu einer Reise nach Konstanti- 
nopel. Als der Vertreter des Griechentums seine Hauptstadt ver- 
Uefs, da begleiteten ihn laute Verwünschungen und Drohungen. 
Es war ihm kaum möglich, von Wachen umringt, die wilde, 
wogende Menge zu durchdringen, ja, unter seinen Augen wurde 
sein Günstling, Konstantin Battista Vevelli aus Kreta, in Stücke 
gerissen. Im Regen fiel dem Griechen der Mantel von den Schultern, 
und so entkam er, unter dem Schutz der Bojaren, nach Galatl, 
wo er das Schiff bestieg. Seine Stelle nahm Moise Movilä ein, 
nachdem die Pforte ihre Unzufriedenheit mit dem Vorgefallenen 
durch die Hinrichtung des Nationalkandidaten, des tapferen Miron 
Barnowski — er war der Schwiegersohn Radu Mihneas — , zu 
erkennen gegeben hatte. Wenig später aber, nach dem ersten 
polnischen Feldzuge, brachte Abaza den Vasile Lupu an das Ziel 
seiner lang gehegten Wünsche ^). 

Matel und Vasile, beides Fürsten, die sich lange gegenseitig 
und im besonderen in den Jahren 1637, 1639 und 1653 be- 
fehdeten, diese berühmten Streiter für das rumänische Volkstum 
im 17. Jahrhundert, drückten das Land deshalb weniger als ihre 
Vorgänger, weil sie auch länger als zehn dieser Eintagsfürsten 
regierten. Unter ihnen blühten Walachei und Moldau auf; sie liefsen 
neben slavischen auch rumänische Gebetbücher, kirchliche Werke 
und Gesetzsammlungen in ihren Klöstern — wie Cimpulung und Go- 
vora — oder in ihren Residenzen, Tirgoviste und Jassy, drucken» 

1) Vgl. mit der Erzälilung bei Miron Costin, S. 293 ff., Jorga, Ct'i d'in- 
täiü anl din Domnia lul Vasile Lupu (Bukarest, 1900) und Studii §i documente, 
IV, Vorrede. 



Der griechische Einflofs. 57 

Matel war, bis er in hohem Alter (April 1654) starb, im „Lande", 
d. h. bei den grofsen und kleinen Bojaren und Bojarensöhnen 
sehr beliebt und ward wie ein alter, guter Vater von ihnen in 
Krieg und Frieden verehrungsvoll umringt. 

Aber sie hatten trotzdem, geradeso wie die verhafsten Griechen, 
in Konstantinopel ihre griechischen Agenten: Kurt Tschelebi und 
Pavlaki hatten den Auftrag, alle Nebenbuhler — und es gab ihrer 
genug — fernzuhalten. Diese Griechen wucherten wie andere ihrer 
Nation, imd für sie ward das Land hart mit Abgaben geplagt. 
In den letzten Jahren des populären walachischen Herrschers 
Matel -Vodä ermordeten fremde Soldaten einen allmächtigen Griechen, 
Ghinea Tzukalas, einen Rumelier, der den Landesschatz in seinen 
Händen oder besser in seinen Krallen hatte, unter den Augen des 
Wojwoden, welcher der Künste dieses Fremden zu seiner Sicherheit 
bedurfte und mit seiner Hilfe seinem Nachfolger viel Geld hinter- 
liefs ^). Während der ganzen Regierung Matels war Konstantin 
Kantakuzinos, der Sohn des Andronikos, sein Postelnic und geraume 
Zeit auch sein erster Rat. Vasile Lupu hatte seine ganze griechische 
Sippschaft in seiner Nähe : seinen Bruder Gabriel, der sich griechisch 
unterzeichnete, als Hatman, seinen Bruder Georg, auch als Hat- 
man ; die Schwiegersöhne des letzteren, den reichen Kaufmann und 
Vistier Ursachi und den konstantinopolitanischen jungen „Tschelebi" 
Alexander Rosetti, dessen Vater Antonios später in der Moldau 
regierte. Dann weilten bei ihm die Vettern ^tiuca der Jig- 
nicer, lorga der Kapukehaja, der Vertreter an der Pforte und 
spätere Postelnic, dessen Frau die Tochter des mächtigen wa- 
lachischen Griechen aus der Zeit Raduls, Trufanda des Vistiers, 
war. Der Zöllner Necula, ein Grieche, war auch ein Schwieger- 
sohn des Gheorghe Hatmanul; Marga, die Schwester des Wojwoden, 
war mit dem Griechen Demetrios Geralis, larali, der zum Grofs- 
clucer ernannt wurde, vermählt; lorga, der Stolnic endlich, wird 
neben dem griechischen Postelnic lorga genannt ^). Als Stützen 
der Herrschaft Vasiles galten die zwei Brüder des Konstantin Kanta- 



1) Magaz. istoric, IV, S 328, 365. 

2) Vgl. Studii ^i docum., III, S. 31—33; IV, S. 342—343: Tano- 
viceanu, in An. Acad. Kom. für 1901. 



58 3. Kapitel. 

kuzinos, die in der Moldau lebten ; der älteste von ihnen, lordachi, 
hatte dort einen riesigen Grundbesitz, der sich dem des oben- 
genannten Konstantin vergleichen läfst, langsam aber fleifsig er- 
worben. Ohne den Rat dieses lordachi und den des jüngeren 
Toma Kantakuzinos geschah hier überhaupt nichts *). 

Die Nachfolger von Matel und Vasile haben dieselbe Politik 
verfolgt, wie jene, ihre grofsen Vorgänger. Konstantin Kantakuzinos 
und Georg Karidis aus Trikke sind Grofspostelnic und Schatz- 
meister des walachischen Fürsten Konstantin Basarab (1654 — 1658), 
der als gebildeter Mann auch etwas Griechisch sprechen konnte. 
Der Landesbojar Gheorghe Stephan, der seinen Herrn im Jahre 
1653 verdrängte, wäre vielleicht den Griechen weniger als Vasile 
geneigt gewesen, wenn er nicht, arm und bedroht zugleich, in 
Konstantinopel die moralische Unterstützung, in seinem Lande das 
Gold der Griechen notwendig gebraucht hätte. In seinen Rech- 
nungen 2) erscheinen Dschalepen (Fleischhändler) und Zöllner als 
seine Gläubiger; der grofsePanajotakiNikusios, Dragoman der Pforte, 
zahlte in Konstantinöpel für den Griechenfeind und hatte ihn völlig 
in seinen Händen. Dann kommen — nur Stephan, der Sohn des 
Lupu mit seiner zweiten Frau, einer Tscherkessin, macht eine Aus- 
nahme — lauter Griechen auf den Fürstenstuhl : der ganz griechisch 
gewordene Mihnea III., ein angeblicher Sohn des Radu Mihnea, der 
noch dazu im türkischen Serail erzogen worden war; femer die 
beiden Ghica, von denen der Vater ein Albanier von Geburt, der 
Sohn, Gregor, zwar mit der Moldauerin Maria Sturdza verheiratet, 
aber ein so eifriger Griechenfreund war, dafs er den zum 
Griechenfeinde gewordenen alten Konstantin Kantakuzinos er- 
würgen liefs. 

Bis zum alten Cantemir (1685) bekommt auch die Moldau 
aus Konstantinopel nur griechische Fürsten : Demeter Kantakuzinos, 
dessen Vater, ein Vetter des obengenannten Konstantin, in Konstan- 
tinopel gelebt hatte und dort gestorben war; Dukas, aus RumeUen 
gebürtig, Antonios Rossetti, ein Konstantinopolitaner, Ilia^ Alexander, 

1) S. meine drei, Bukarest 1902, erschienenen Bände über die rumänischen 
Kantakazenen : Despre CantacaziDl, Docamentole Cantacazinilor, Genealogia Can- 
tacnzinilor. 

2) Studil 9i Doc, IV, S. 263 ff. 



Der griechische Einflufs. 59 

der Sohn des Alexander Ilia^^ aber noch mehr als sein Vater ent- 
nationalisiert. Sie alle sind gute Freunde des schon erwähnten 
mächtigen Dragomans oder Dolmetschers der Pforte , Panajotaki. 
^tefan Petriceicu^ der Fürst der Moldau 1672 — 1683; bildete nur eine 
seltene Ausnahme. Erst seitdem die Walachei — der Grund da- 
für wird später angegeben werden — immer stärkeren Einflufs 
auf die in viel höherem Mafse geschwächte Moldau gewann ^ erst 
nach diesem Wendepunkte , gegen 1680; bekam dieses letztere 
Fürstentum rumänische oder wenigstens halbrumänische Fürsten, 
bis dann mit dem folgenden Jahrhundert die sogenannte Fanarioten- 

Die Zustände in der Walachei erwecken jetzt ein erhöhtes 
Interesse. Nach den beiden Ghica bekommt der ^^ Grieche^' Radu, 
der Sohn des seinerzeit als schlechten ^^ Griechen '^ bekannten Leon- 
Vodä; die Herrschaft (1665). Die Landesbojaren, an deren Spitze 
die völlig rumänisierten Söhne des Konstantin Eantakuzinos, be- 
sonders Dräghicl und dessen ehrgeiziger Bruder ^erban standen, 
mochten diesen jedoch nicht, und als sie die Absetzung Gregor 
Ghicas erreicht hatten, war ihr Kandidat ein gewisser Dumitra^co 
von Cäpä^nenl, ein bescheidener alter Mann, aber ohne Energie und 
ohne Anhang, wie sie ihn gebrauchen konnten. Nach drei tür- 
kischen Jahren jedoch kam für den frohen, Jagd- und schmaus- 
Justigen Griechen mit dem altrumänischen Namen Radu die Stunde 
der jetzt ordnungsmäfsigen Rückberufung nach Konstantinopel. 
Als armer Mann, der alles Gewonnene vergeudet hatte, fiel er den 
reichen Kantakuzinen zu Füfsen, um das notwendige Geld von 
ihnen zu bekommen. Dies gelang ihm auch, aber er mufste 
sich, besonders da sich in Bukarest bedenkliche Aufruhrszenen ab- 
gespielt hatten, zu neuen Mafsregeln gegen seine lieben Griechen 
verpflichten. Zuvor, noch während der „ersten" Regierung, hatte 
•er rumänische Mönche in die Klöster gesetzt; jetzt, im Dezember 
1668, erkannte er reuevoll an, dafs er bisher „fremden Leuten, 
GWechen, die Bojarenwürde und Amter verliehen habe", und dafs 
•durch sie, die sich der fürstlichen Wohltaten unwürdig erwiesen 
hätten, „schlechte Sitten" eingeführt worden seien. Darum rief 
Radu geradeso, wie 1631 sein seliger Vater getan hatte, das 
.ganze Land, bis zu den Bauern herab, zu sich, und ergriff die- 



60 3. Kapitel. 

selben Mafsregeln, die in seiner gleichen Bedrängnis Leon-Vodä 
zum Heil des Vaterlandes ergriflfen hatte. Er will alle Griechen 
in ihre Heimat zurückbefordern und sich im besonderen seiner 
vertrautesten Berater, Nikolaos aus Sophia undBalasaki, zu entledigen 
trachten. Die an die grofsen morgenländischen Lavren verschenkten 
Klöster sollen von nun an einheimische Vorsteher bekommen, und 
selbst von der Hofkirche sollen die griechischen Mönche zugunsten 
rumänischer Priester weichen ^). Kurze Zeit danach taten die 
Unzufriedenen, die Nationalisten und Reformfreunde von 1668 
dasselbe, was jene von 1631 getan hatten; sie gingen nach Kon- 
stantinopel und erhielten hier als Fürsten einen Bojaren des Landes, 
den guten alten Antonie -Vodä von Pope^tl, der zwar kein Geld 
und keine persönlichen Freunde, aber auch keinen festen Willen 
und keine Bosheit in seiner friedlichen Seele hatte (1669). Unter 
ihm feierten die siegreichen Bojaren am Ostertage ein grofses Ver- 
brüderungsfest, vergafsen es aber, durch unversöhnlichen Ehrgeiz 
aufs neue in den Kampf getrieben, nur zu bald wieder. So kam 
nach kurzer Zeit (1672) Gregor Ghica als mitleidsloser tyrannischer 
Friedensstifter zurück. Die Kantakuzinen arbeiteten nun eifrig 
darauf hin, diesen erklärten Feind ihrer Familie, diesen Mörder 
ihres Vaters, loszuwerden, und in der Tat bekam das Land an 
seiner Statt infolge ihrer patriotischen Bemühungen einen anderen 
Griechen zum Herrn, der nicht einmal auf rumänischem Boden 
geboren war, den habgierigen, gelegentlich blutdürstigen, aber 
jederzeit treulosen Duca (1674). Die Rossetti, die Söhne des alten 
Cupariü oder Päharnic (Mundschenk), dienten ihm, aber bevor- 
mundeten ihn zugleich : es waren dies nicht weniger als fünf Brüder, 
die alles für sich haben wollten und in dem älteren Bruder lordachi 
einen umsichtigen Führer besafsen. Ein Verwandter von ihnen, 
Antonios, bestieg sogar 1675 den moldauischen Thron. Diese 
konstantinopolitanische Kamarilla verfügte über die hauptsächlichen 
Einkünfte der ihnen preisgegebenen rumänischen Länder, bis nach 
dem Zuge gegen die kosakische Burg Cehrin im Winter 1678 An- 
tonios abgesetzt wurde, wobei Duca nach der Moldau ging und 
Serban Kantakuzinos die Würde eines Walachenfürsten erhielt. 



1) Vgl. Despro CantacuzinI S. xcif.; Magazin istoric, I, S. 131 — 134. 



Der griechische Einfiufs. 61 

Er regierte beinahe zehn Jahre in grofsem Stile und begann 
«ine neue christliche Politik zu verfolgen. Nachdem er die Bojaren 
durch Würden Verleihungen und nicht minder durch grausame 
Quälereien und zahlreiche Hinrichtungen sich vollständig unter- 
worfen hatte, starb er in seinen besten Jahren, und zu seinem 
Nachfolger wurde Konstantin Brincoveanu, der Sohn Stancas, der 
Schwester des Verstorbenen, ein aufserordentlich reicher, aber auch 
in allen Ränken bewanderter, noch ziemlich junger Bojar, vom 
Lande erwählt. Die Pforte bestätigte die Wahl gegen grofse Ge- 
schenke, und er behauptete sich geschickt mehr als fünfundzwanzig 
Jahre lang, d. h. die Dauer seiner Regierung läfst sich nur mit 
der des alten, grofsen Mircea vergleichen. Die Walachei gewann 
unter ^erban und Konstantin ein hohes Ansehen und erlebte, 
trotz aller in der letzten Zeit zu beklagenden leidenschaftlichen 
Parteiungen, eine Blüte, wie sie seit langem nicht mehr dagewesen 
war. Beide dürfen als Nationalfürsten und als Bekämpfer des 
Griechentums gefeiert werden, aber auch sie benutzten im Anfang 
als ihre Vertreter zu Konstantinopel die einzigen vorhandenen 
Spezialisten, die dortigen Griechen, denen sie schmeichelhafte Briefe 
schrieben und grofse Geschenke machten, um ihren Eifer wach- 
zuhalten. Nicht lange blieben die Brüder Rossetti, die CupärestI 
genannt, unbeschäftigt und waren dann sehr oft die Helfer und ver- 
traulichen Agenten des Brincoveanu. Die Stütze ^erbans bei der 
Pforte bildete kein anderer, als der in Gesandtschaftskreisen sehr 
gut bekannte Janaki Porphyrita. Als der Nachfolger des un- 
vergleichlichen Panajotaki, der berühmte Arzt und Dolmetscher 
des türkischen Ministeriums, Alexander Maurokordatos, der Nach- 
ahmer der „grofsen Griechen" aller Zeiten, seine Stellung be- 
festigt hatte, mufste Brincoveanu, wie die gleichzeitigen Fürsten 
der Moldau, meistens seine Schützlinge, — die beiden Brüder Can- 
temir, Dimitrie oder Dimitrasco und Antioh, und der verwöhnte, 
schwachsinnige Konstantin, der Sohn desDuca, — den hochfahrenden 
Terziman (Dolmetscher) auf jede Weise umschmeicheln. Eine 
Tochter Brincoveanus wurde mit dem „Griechensohne" Radu, dem 
Spröfsling des lüas Alexander, verheiratet, eine ältere Domnitä 
wurde die Frau des „Tschelebi" Skarlat, welcher der Sohn des 
Maurokordatos war, und dieser junge Grieche kam nun mit seinem 



63 3. Kapitel. 

Vormunde, dem Priester Nikolaos aus Sinope, nach Bukarest als- 
Bojare des Schwiegervaters und als väterlicher Spion. 

Doch nicht hierin allein zeigte sich der Sieg des aufstrebenden 
Griechentums über alle Voreingenommenheit und alle mühsam 
aufgetürmten Dämme, denn niemals gedieh in einem rumänischen 
Lande die griechische Kultur besser, als während der Regierung 
^erbans und Konstantins. Schon seit langem waren Vertreter 
dieser höchsten Kultur des Morgenlandes, ELleriker und Laien, ge- 
lehrte aber ausgehungerte Leute, gebildete graeculi, in die Wa- 
lachei und Moldau, in die Nähe gebildeter und ungebildeter Fürsten 
gekommen. Im Anfange des 17. Jahrhunderts findet sich am Hofe 
des ausgezeichnet gut erzogenen Radu Mihnea ein Patriarch, Cyrill 
von Alexandrien und später von Konstantinopel, der berühmte,, 
reformfreundliche, lateinisch schreibende Cyrill Lucari, der vor dem 
walachischen Fürsten und seinen Bojaren meisterhaft zu predigen 
verstand ; dann auch der fromme Metropolit von Myrai, Matthäus 
aus Pogoniane, ein guter griechischer Patriot und dennoch ein Freund 
des ihm Nahrung spendenden rumänischen Volkes, Matthäus, der 
in Prosa und Versen Chroniken und religiöse Traktätchen in 
seiner Hegumenie vom Kloster Dealu schrieb ; auch der Verfasser 
einer Weltchronik, Hierotheos, Metropolit von Monembasia, der 
im Jahre 1618 unter den Händen der Haiducken fiel. Metropolit 
des Landes war Lukas, ein gelehrter Mann aus Cypem. Unter 
den Fürsten Matel und Vasile, die wir schon als Verdränger der 
Griechen kennen gelernt haben, schritt die Bewegung fort, aber 
darin darf man keinen Widerspruch erblicken. In der Moldau 
fand eine kleine Synode der morgenländischen ELirche statt. 
Eustratios der Logofät übersetzte 1643 einen Teil der kaiserlich 
byzantinischen Gesetze aus dem Griechischen und beförderte sie 
zum Druck. Der Metropolit Matels hatte mit einer Übersetzung 
der Canones aus dem Slavischen (1640) den Anfang gemacht; 
eine Antwort des walachischen Fürsten auf die moldauische Publi- 
kation ist dann die 1652 erschienene grofse Pravilä, die auf 
einer Handschrift des Griechen Karidas, des Grofsvistiers, be- 
ruht ^). An der letzten Arbeit beteiligte sich auch der bekannte 



1) S. Bianu ^i Hodo^, Bibliografia romäneascä (Bukarest 1899—1903). 



Der griechische Einfliifs. 6S 

Panteleimon Ligarides ^ der als Mönch Paisios heifst, aber unter 
ersterem Namen als Prediger am Hofe der Basaraben wirkte. In 
der Moldau war 1639 Metrophanes, der Nachfolger Cyrills in 
Alexandrien^ gestorben; Vasile stiftete hier eine Schule in dem 
prachtvollen, von ihm errichteten Kloster der drei „Hierarchen" — 
Trei lerarchl — , und in dieser Schule ward auch die griechische 
Sprache gelehrt, neben der noch immer gebrauchten slavischen 
und der „moldauischen". Ein Schüler von Trel lerarchl mufs 
der in der kirchlichen Literatur sehr bewanderte Nikolaus Milescu 
gewesen sein, dessen Name durch das „Enchiridion de& 
griechischen Glaubens" *) auch ins Ausland gedrungen ist. Um 
1660 bestand bereits auch in dem von Griechen bewohnten Kloster 
Si-Sava in Jassy eine griechische Schule. Duca, der sich seines 
Ursprungs noch wohl erinnerte und gern als Beförderer der Kultur 
auftreten wollte, empfing mit grofsen Ehren den Patriarchen Dosi- 
theos aus Jerusalem, der von jetzt an eine Art „Hypermetropolit",. 
ein oberster Herr des rumänischen Klerus und der rumänischen 
Lehrer griechischer Sprache, zugleich aber ein Hort der reinen 
Orthodoxie gegenüber den von Siebenbürgen kommenden Unions- 
bestrebungen wurde. In Ducas Kloster Cetä^uia, auf einem Hügel 
in der Nähe der moldauischen Hauptstadt, gründete er auf seine 
Kosten eine griechische Druckerei, in der kirchliche Schriften 
hergestellt werden sollten. Aber bald sah er ein, dafs in der 
reicheren Walachei mehr zu machen wäre; damit soll nicht gesagt 
sein, dafs der griechische Einflufs in der Moldau abgenommen hätte. 
Wie der Sohn Ducas von Johann dem Komnenen und von einem 
Spandoni, so wurden die Söhne des einfachen ländlichen Grund- 
besitzers und Soldaten Cantemir-Vodä von Jeremias Kakavelaa 
erzogen. Hatte die Unterweisung auch bei Antioh nur sehr ge- 
ringen Erfolg, so wurde Dimitrie, der Lateinisch, Griechisch, alle 
Sprachen des heidnischen Morgenlandes, Eussisch und sogar Fran- 
zösisch verstand, eine Leuchte der Wissenschaft im rumänischen, 
türkischen und russischen Orient. Unsterbliche wissenschaftliche 
Werke schenkte er seinen Zeitgenossen ; als moralischer Philosoph 
betätigte er sich durch seinen Diwan, eine Schülerarbeit, die von. 



1) Legrand, Bibliographie grecque du XVII « siecle, II, S. 248 flF. 



^4 3. Kapitel. 

wohlfeiler Gelehrsamkeit strotzt, als satirischer und politischer 
Dichter durch seine Istoria ieroglificä, die in allegorischem 
Gewände die Wirren und Ränke seiner eigenen Zeit etwas dunkel 
und kalt schildert, als Musiker durch sein Werkchen über die 
Theorie der orientalischen Musik, — das zugleich das älteste Kom- 
pendium über diesen Gegenstand ist — , als Geograph grofsen 
Stils in seiner klassischen, wenngleich bei der Ungenauigkeit ihrer 
Angaben mangelhaften Descriptio Moldaviae, einer Ehren- 
gabe für die Berhner Akademie, zu deren auswärtigem Mitgliede 
er erwählt wurde. Besonders aber hat er sich als Geschicht- 
schreiber mit der politischen Entwickelung seines eigenen Landes 
in dem allerdings unvollendet gebliebenen Hronicul ßomino- 
Moldovlahilor beschäftigt, und die glücklichen und unglück- 
lichen Geschicke der Türken von der stolzen Höhe, die sie im 
Mittelalter einnahmen, bis hinab zum Verfall ihrer Macht in seiner 
«twas naiven und zusammenhanglosen Geschichte des os- 
manischen Reiches dargestellt; zuerst lateinisch geschrieben, 
ist sie nur in französischer, deutscher, englischer und rumänischer 
Übersetzung erschienen. Aufserdem beschrieb er fremde Zustände 
und Sitten und fremde Glaubenslehren, war Genealoge, aber auch 
Übersetzer und Erklärer des Korans, mit einem Worte der lite- 
rarische Dolmetsch des Morgenlandes für das von ihm gekannte 
und hochgeschätzte Abendland. 

In Bukarest traf Dositheos unter dem Kantakuzinen §erban 
und seinem Neffen Brincoveanu Patriarchatskollegen, Dionysios 
den Seroglanen, aus Konstantinopel, Gerasimos von Alexandrien, 
Athanasios von Antiochien, sowie benachbarte Metropoliten aus 
Sofia, Silistrien und Nissa als ständige Gäste ; daneben fanden sich 
ehemalige Beamte der Grofsen Kirche, wie Johann Kariophilos, 
berühmte Gelehrte und Erzieher, wie Sebastos der Kymenite, dort 
ein ; ferner Hofgeistliche mit den Kenntnissen eines Johann Abramios, 
eines Georg Maiotta , die beide welsche Griechen waren, der Arzt 
Pylarino, der durch seine Ideen über die Impfung bekannt ist, 
und viele Bojaren. Ein solcher war der gelehrte Konstantin Kanta- 
kuzinos (Constantin Cantacuzino Stolnicul), ein Schriftsteller, der 
Europa durchreist und sich in Padua die lateinische Bildung und 
humanistischen Geist angeeignet hatte; auch die fleifsigen Brüder 



Der griechiflcbe Einflufs. C6 

Oreceanu und manche andere gehörten Bojaren£Bimilien an. Die neu 
eröffnete griechische Schule von Bukarest hatte zahhreiche Schüler 
und konnte als eine der besten in der ganzen griechischen Welt 
gelten. Infolge der Bemühung des Dositheos und seines Neffen, 
Ohrysanthos Notaras, der das Abendland aus persönlicher Anschauung 
kannte und ein ausgezeichneter Theologe war, sich auch mit Mathe- 
matik befafste und sogar ein Werk auf diesem Gebiete schrieb, lieferte 
die griechische Druckerpresse imter der Leitung des Mönches Antim, 
«ines hellenisierten Iberers, der später für seine Verdienste durch die 
Verleihung derMetropolie des Landes belohnt wurde, den griechischen 
Lesern viele schöne, korrekte Drucke. In schwungvollen Vorreden 
und begeisterten Versen wurde der Ruhm des grofsen „Authenten 
Oonstantinos'^ gepriesen, der freilich in dieser glänzenden Umgebung 
nur als ein bedeutungsloses Abbild der alten byzantinischen Kaiser 
erscheinen konnte. 

Dieses war der griechische Einflufs, gegen den von der Mit- 
und Nachwelt in Wort und Schrift leidenschaftlich gekämpft wurde. 
Bei ruhiger Betrachtung der Tatsachen und eingehender Information 
erweist es sich jedoch, dafs dieser politische, kulturelle und auch 
bis zu gewissem Grade wirtschaftliche Einflufs, den das rumä- 
nische Leben seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts erfuhr, 
durchaus nicht allzu tief eingewirkt hat; er beherrscht nicht, wie 
man glauben könnte, unmittelbar durch sich selbst das Rumänentum 
in allen Richtungen. Will man ein treffendes Urteil fällen, dann 
mufs man sich erst klarmachen, welcher Art die am rumänischen 
Leben beteiligten Griechen waren. 

Die Griechen, die den Fürstenmarkt und die Börse der Begs 
zu Eonstantinopel beherrschtcD, waren, wenn einer von ihnen die 
anderen unbestritten an Gewandtheit übertraf, oder wenn sie ihre 
Anstrengungen vereinigten, dazu imstande, den ihnen genehmen 
Wojwoden auf den Thron der Moldau oder Walachei zu bringen, 
und jeden rumänischen Dynasten, aufser wenn er, was nur sehr 
selten vorkam, persönliche, freundliche Beziehungen zu einem sehr 
mächtigen Türken unterhielt, zu Falle zu bringen. Im Lande 
aber hing alles und jedes von dem Willen des Fürsten ab , und 
so war tatsächlich der konstantinopolitanische Grieche die Quelle 
jeder politischen Tätigkeit und jeder Veränderung, aber trotzdem 

Jorf a, Geschichta der Kamänen. II. 5 



3. Kapitel. 

nur die letzte Quelle^ so dafs der sich ergiefsende Strom sehr wohl 
durch viele andere Faktoren in seinem Laufe beeinflufst werden konnte, 
über jene stolzen Fremden, die den Landesbojaren nichts weniger 
als ehrerbietig begegneten, da diese ihren Wünschen und Interessen 
gewöhnlich nachgeben mufsten, wurde viel geklagt, besonders auch 
deswegen, weil jene allmächtigen Griechen den Fürstenwechsel, ohne 
überhaupt jemand zu fragen, zustande brachten, weil sie, wie 
man in jener Zeit sagte, die „DomnI mischten^' (amestecaü). 
Aufser diesen grofsen Gläubigern, bevollmächtigten Agenten 
und ungekrönten Aufsehern der gekrönten Puppe, die sie erst da- 
zu gemacht hatten, litt „das Land'^ auch unter der Habgier, der 
Grofstuerei und beleidigenden Arroganz, wie sie der Emporkömmling 
zur Schau zu tragen pflegt, anderer „fremder Griechen** (Grecl 
sträini). Jeder Fürst hatte nämlich auch sein konstantinopoli- 
tanisches Gefolge, welches mit ihm kam, bei ihm blieb und wieder 
mit ihm ging; es waren dies kleinere Kapitalisten, welche durch 
Beisteuer einiger Beutel ihrem Beschützer zu seiner Würde verhelfen 
hatten; sie kamen, um sich ihre Geldgaben fünffach vergüten zu 
lassen. Ferner gab es feine Diplomaten nach morgenländischem 
Muster, schlaue Spione, die alles auszukundschaften wufsten und dann 
darüber berichteten, „gute Ratgeber" in verwickelten, gefährlichen 
Verhältnissen; in ihnen besafs ihr Herr gewissermafsen eine zweite, 
überall hindringende Seelenkraft. Um für den guten Ton beim 
glänzenden, meistens verschwenderischen Hofe zu sorgen — alles 
lebte doch im türkischen Orient für den Augenblick, und das 
„carpe diem" war fiir diese Leute eine absolute Notwendigkeit — , 
erschienen viele niedere Beamte, die in ihrer langen Dienstzeit 
unter anderen „ Authenten" ihr Handwerk, das kaiserlich byzantinische 
Zeremoniell in der neueren türkischen Ausgabe, gehörig studiert 
hatten und einem ehemaligen ostregario zeigen konnten, wie 
er sich in diesem oder jenem Falle zu benehmen habe. Endlich 
darf der wirklichen, treuen Freunde aus der langen, schmerzlichen, 
unsicheren Wartezeit, der oft sehr zahlreichen, griechischen und 
levantinischen Blutsverwandten aus der Hauptstadt oder aus dem 
Verbannungsorte nicht vergessen werden. Neben einem Skarlati, 
Katerdschi und Panajotaki steht ein Minetti, Bartolomeo Bruti, 
Bemardo Borisi und mancher andere. Aus den mächtigen 



Der griechische EinflaTs. 67 

Oriechen erwählten die griechischen Fürsten gern ihre Postelnicen^ 
deren Amt es war^ geheime, sorgsam verborgene Beziehungen, 
meist mehr oder weniger verräterischer Art, zu den benachbarten 
oder entfernten fremden Mächten zu unterhalten; dann wurden 
aus ihrer Mitte beinahe ausschliefslich die Vistiere, die Schatz- 
meister, genommen. Alle anderen Mitglieder des Diwans dagegen 
Bind, wie ihr Verzeichnis unter jeder feierlichen Urkunde ergibt, 
Rumänen. Sonst hätten die Landessöhne den Weg nach Sieben- 
bürgen, nach Polen genommen, um durch ihre Flucht erfolgreich 
gegen den Griechenbeschützer zu protestieren; das war aber ein 
gefahrliches Ereignis, dem selbst die mutigsten der bösen Fürsten 
aus dem Wege zu gehen suchten. Das Amt des Postelnic verhalf 
einem Bojaren zu Ruhm und nützlichen Bekanntschaf ken für schwere 
Zeiten, sie verschaffte ihrem Inhaber die Intimität des Herrschers 
und seine, wenn auch erzwungene höchste Gunst. Jeder habgierige 
Mann bevorrechteten Standes verlor das Amt des Vistiers nicht 
aus dem Auge. Man darf nun nicht etwa denken, der Vistier 
habe in der Griechen- und dann Fanariotenzeit einen ganzen 
Schwärm seinem Volke angehöriger Harpyien, die überall das spär- 
liche Silbergeld des Bauern verfolgten, zu seiner Verfügung gehabt. 
Das alte, einfache System bestand vielmehr darin, dafs bei der 
Versteigerung oder durch die Gnade des Fürsten jeder von den 
bekanntesten Bojaren einen Jude^ oder einen ^inut, wenigstens 
in der Walachei erhielt; als Steuerpächter hatte er nun ganz freie 
Hand bei der Wahl seiner Werkzeuge, der birarl oder feciorl. 
Lediglich darauf kam es an, dafs zur bestimmten Zeit, Mitte 
August — denn das Finanzjahr begann am 1. September — die 
ausgemachte Summe an den Vistier abgeliefert wurde. Für die 
Bojaren war jedoch die Geldeintreibung mit einem bedeutenden 
Risiko und grofser Gefahr verbunden, während es der an der Spitze 
stehende Grieche nur mit dem Geldeinnehmen und dem Unter- 
schlagen einiger Beutel in seinem eigenen Interesse zu tun hatte. 
Gegen die Griechen eiferten nicht so sehr die Steuerzahler, welche 
die fremden Aussauger nicht selbst zu Gesicht bekamen, sondern 
vielmehr die Bojaren, die sich mit ihnen zusammen um die hohen 
Amter, die Gunst des Fürsten und den daraus fliefsenden materiellen 

Gewinn bewarben. 

5* 



<8 3. Kapitel. 

Ein griechischer Metropolit oder griechischer Bischof bildet 
im 16. oder 17. Jahrhundert eine seltene Ausnahme; Lukas von 
Cypern war zwar Grieche und blieb es auch; aber Männer , wie 
Antim und Mitrofan von Nissa, hatten schon zu lange Zeit in der 
rumänischen Gesellschaft zugebracht^ und dabei den Charakter als 
Volksfremde vollständig verloren. In der Walachei und Moldau 
wurden slavische und rumänische Bücher gedruckt; die ersteren 
waren vor allem bei den Gelehrten begehrt, der letzteren bedienten 
sich die Dorfpriester. Die griechischen liturgischen Bücher oder 
dogmatischen Schriften, die aus den rumänischen Druckereien her- 
vorgingen, wurden praktisch höchstens in den Hofkirchen unter 
einem Vasile Lupu oder einem Radu Leon benutzt. In anderen 
Kirchen wurden sie nicht gebraucht, denn das Griechische blieb 
nur die Sprache der hohen Kultur, der Wissenschaft, der schönen, 
gezierten Rhetorik, der geistreichen, verfeinerten Unterhaltung im 
kleinen Zirkel der Hof kreise, aber das war auch das ganze 
Geltungsbereich jener Sprache. Rhetorisch gehaltene Briefe, die 
erwachsene Leute als eine Art Prüfung zu schreiben gewöhnt waren, 
und Geschäftsbriefe an Griechen wurden allerdings in einem scha- 
blonenhaften mageren Griechisch abgefafst, aber im Familienbrief- 
wechsel, bei Schi'eiben an Freunde und nichtgriechische Fremde 
herrschte das Rumänische, in letzterem Falle wohl auch das La- 
teinisch-Italienische vor, wie auch — dies braucht kaum ausdrücklich 
gesagt zu werden — nach dem Slavischen das Rumänische und 
nicht das Griechische als Staatssprache in Betracht kam. 

Aber in den Klöstern — so könnte man einwenden — be- 
safsen die Griechen gesicherte Zufluchtsstätten auf moldauischem 
und walachischem Boden. In Wahrheit besafsen die Fürsten, seit- 
dem sie den Türken oder Turco-Graeci so bedeutende Summen 
entrichten mufsten, nicht mehr die Mittel, um Kirchen und Klöster 
aus Stein und Marmor zu erbauen. Da sich aber infolge der Bos- 
heit der Menschen oder aus unabwendbarer Notwendigkeit die 
Sünden dennoch wie vorher anhäuften, so mufste ein Mittel ge- 
funden werden, um Gott durch kostbare Gaben zu versöhnen, ohne 
dem Schatze wesentliche Beträge zu entnehmen. Einige Kloster- 
gründer hatten, um den Wert ihrer frommen Stiftung noch zu er- 
höhen, diese einer der weltberühmten heiligen Lavren des Orients durch 



Der griechische Einflafs. 69 

eine inchinare, ätpuQOHJig, zugeeignet. So hat z. B. Miron Bar- 
nowski sein Kloster ^^Bamovschi'^ in Jassy dem Heiligen Grabe 
geschenkt: dasselbe tat ^erban Eantakuzinos mit Cotrocenl, das 
ferner einem Kloster auf dem Heiligen Berge Athos gehören sollte. 
Jeder Fürst ^ der irgend etwas für eine Kirche oder ein Kloster 
tat; mafste sich das Recht an, das Gotteshaus als neuer Stifter^ 
als sein erneuender ctitor^ einem der heiligen Orte zu schenken. 
Es war in einem solchen Falle üblich, dafs ein Bevollmächtigter 
der beschenkten Mönchsgemeinde vom AthoS; von Jerusalem oder vom 
Berge Sinai herüberkam, um die Regel des Klosters im Einverständnisse 
mit dem Stifter festzustellen. Wenn das Kloster schon seit längerer 
Zeit bestand; blieben selbstverständlich die früheren rumänischen 
Mönche darin, nur der Leiter der Gemeinde, der Hegumen, ward 
von nun an von dem Mutterhause gesandt. In neue Stiftungen 
dagegen wurde der Hegumen nebst allen Brüdern aus dem morgen- 
ländischen Mutterhause geschickt, so dafs ausschliefslich Fremde 
eine solche Gründung bewohnten und einzig und allein Griechisch 
gesprochen, gelesen und gesungen wurde. Zum Abt wählte man 
gern einen Mönch, der schon vorher im Lande gelebt hatte imd 
daher dessen „ Sitten ^^ kannte, aber dies allein gab keineswegs der 
mänästire inchinatä einen nationalen Charakter. Es wurde 
schon oben betont, dafs sich in bewegten Zeiten die Landesbojaren 
auch gegen diese Unsitte wandten und dafs sie die Vertreibung 
der griechischen Geistlichen aus dem rumänischen Lande forderten. 
Aber diese Forderung entspringt zunächst aus Ursachen, die später 
zu erforschen sind, und zwar nur in der Walachei, während man 
in der Moldau das Joch geduldiger zu tragen scheint; und ist 
nicht der ehemalige Führer der Nationalpartei sogar derselbe Mann, 
der für Cotrocenl griechische Bewohner, d. h. feinere Diener Gottes 
vom Berge Athos verlangt ^)? Auch die Patriarchen, die als Gäste 
der ^, Hegemonen ^^ an der Donau seit einiger Zeit im Lande weilten, 
benutzten ihren ganzen Einflufs dazu, ihre entfernten Elirchen durch 

1) Vgl. meine Doc. Cantacuzinilor, S. 113 ff. In ßuciamul, einer Zeit- 
schrift, die Boliac herausgab, Bd. I, S. 387 ff. ist auch das Verzeichnis der 
Klostergüter von Cotrocenl gedruckt ; einige Bechnungen des Klosters aus der Zeit 
der Säkularisation geistlicher Güter im Fürstentum Bumänien finden sich in 
C. Negris, Memoire ayec pieces justificatives. (Konstantinopel, 1865.) 



70 3. Kapitel. 

Schenkungen seitens reicher Rumänen zu versorgen. Um in vielen 
grofsen Lavren^ in die Gebete der zahbeichen, heiligen, griechischen 
Mönche eingeschlossen zu werden, liefsen kinderlose Frauen auch 
direkt einem heiligen Patriarchate; das ihnen alle nur erdenkliche 
Fürsprache bei Gott versprach, Schenkungen zugute kommen. Unter 
diesen Verhältnissen kann man zwar nicht von einer heUenisierten 
rumänischen Kirche, wie es später die bulgarische wurde, sprechen, 
aber dennoch erwarben die Kirchen und Gotteshäuser des Orients 
auf diese Weise ein riesiges Vermögen in den Fürstentümern, und 
sehr viele griechische Geistliche waren stille Bewohner der üppig 
ausgestatteten rumänischen Klöster, deren jedes zwar für sich, 
aber auch für seine Herren in der Feme lebte. 

Es fragt sich nun: war etwa der Handel vollständig in den 
Händen der Griechen; hatten sie etwa die Rumänen aus diesem 
Erwerbszweige völlig verdrängt? Die Quellen zeigen uns nur, 
dafs Griechen, und zwar meistens solche aus den venetianischen 
Kolonien, schon im 16. Jahrhundert die kommerziellen Vermittler 
zwischen der Moldau und Polen darstellten, wobei sie sich in 
Jassy, Suczawa und Lemberg ansiedelten und zu grofsem Reich- 
tume und hohem Ansehen gelangten. Fürstinnen glaubten sich 
nicht zu erniedrigen, wenn sie ihre Töchter mit solchen strebsamen, 
tatkräftigen Männern vermählten. Ein solcher Kaufmann, der Mal- 
vasier exportierte, oder einer, der mit moldauischen Ochsen nach 
Polen handelte und sogar in Danzig welche in Schiffe verladen 
liefs, ein Battista oder Konstantin Vevelli, wurde gewisserniafsen 
ein geheimer erster Minister des Radu Mihnea und Alexander 
Ilia§ — erste Hälfte des 17. Jahrhunderts — und büfste schliefs- 
lich seine Habgier mit einem greulichen Tode. In Bukarest waren 
viele morgenländische Gewerbetreibende und Kaufleute angesiedelt, 
und auch in anderen rumänischen Städten, besonders in der Wa- 
lachei, findet man gelegentlich unter Verträgen griechische Unter- 
schriften. In der Moldau dagegen war diese orientalische Kon- 
kurrenz nicht so stark, und im allgemeinen findet man neben 
Fremden jedweden Ursprungs auch zahlreiche Rumänen, die in 
ihren Korporationen — bresle — organisiert, von den Fürsten 
Privilegien erhielten und zu Reichtum gelangten. 

Nicht die Griechen als Vertreter ihrer Nationalität, auch nicht 



Der griechische EinflaTs. 71 

die Unfähigkeit der geldgierigen Wojwoden, nicht ihre Fehler und 
Mängel haben das Verderben verschuldet; das bald keinen Unter- 
schied zwischen Walachei und Moldau erkennen liefs. Nicht durch 
solche Faktoren wurden die traurigen Verhältnisse hervorgerufen, 
die das rumänische Leben im 16. und noch mehr im 17. Jahr- 
hundert charakterisieren, sondern die unmenschliche Bedrückung 
der armen, allein ohne Privilegien dahinlebenden arbeitenden Klassen 
und deren Knechtung, eine natürliche Folge davon, ist daran schuld. 
Alles dieses kommt aber wieder von der neuen Stellung her, die 
der Sultan den Donaufürstentümern mit dem Schwerte aufgezwungen 
hatte : sie mufsten für den Sultan in den Krieg ziehen, die Haupt- 
stadt des Reiches mit Lebensmitteln versorgen und den Staatsschatz 
(Hasna) mit Geld füllen, aufserdem aber jedem noch so unmoraUschen 
Bereicherungsgelüste der Herren entsprechen. Seit ungefähr 1550 
hat kein rumänischer Fürst mehr eine anerkannte auswärtige Be- 
ziehung; gelegentliche Verträge zwischen den beiden Ländern, so- 
wie zwischen diesen und Siebenbürgen werden nur heimlich ab- 
geschlossen *). Das Recht, Krieg zu führen, wird dem Fürsten von 
jetzt an nicht mehr zugestanden : wenn Radu Mihnea gegen Alexander 
Movilä, Radu Alexandrovicl gegen den Aga Matel, Vasile Lupu 
zweimal gegen denselben Matel, der nunmehr Fürst geworden ist 
und nicht mehr nur als glücklicher Rebelle dasteht, ins Feld zieht, 
so handeln sie nur als Vollstrecker kaiserlicher Befehle. Ehrgeizige 
Pläne verfolgend, sicherte sich Vasile, der die Walachei für sich 
selbst oder für seine Söhne und Brüder erwerben wollte, immer 
das Wohlwollen des Sultans und führte den Sandschak vor seinem 
Heere, als er 1639 — der erste Angriff ward 1637 unternommen — 
in die Walachei einfiel und sich dann, wie nach dem Treffen bei 
Neni^orl, allerdings diesmal ohne eine Schlacht zu schlagen, zurück- 
zog. Als sich 1653 die walachischen Truppen mit den sieben- 
bürgischen des zweiten Räköczy vereinigten, um den ungetreuen, un- 
ruhigen Nachbar, eben jenen Vasile, zu entfernen, trug der Krieg 
einen Charakter, der die damaligen Verhältnisse am besten illustriert. 
Matel selbst kommt nicht in Feindesland, und ebensowenig der trans- 
silvanische „ König ^^: die Walachen stehen unter dem Befehl des 

1) S. meine Socotelile Bra^ovalul und Studil ^i docum. IV, wo viele solche 
Verträge erwähnt, einzelne auch veröffentlicht werden. 



7!8 3. Kapitel. 

Neffen ihres Fürsten, des Spatar Diicul; die Siebenbürgen unter dem 
des erfahrenen General Eeineny. In der Moldau steht als Prätendent 
der schon ziemlich alte Logofät Gheorghe ^tefan, ein einfacher, aber 
ehrgeiziger und rachsüchtiger Mann, an der Spitze einer kleinen Schar 
Bojaren, die sich an der Pforte als die Mehrheit der durch die 
Bedrückungen des Fürsten empörten Landeskinder aufspielen kann. 
Nach seiner Rückkehr aus Polen, wohin er geflohen war, bringt 
Vasile als Helfer und Rächer die Kosaken mit, deren Hetmans- 
söhn Timuä Bogdanoviß Chmielnicki sein Schwiegersohn ist. Gegen 
denjenigen, der fremde Heerscharen ins Land des Kaisers bringt, ist 
an sich schon jeder Angriff berechtigt, aber Vasile versetzt sich 
noch mehr ins Unrecht dadurch, dafs er selbst in die Walachei 
einfällt. Nach ihrem Siege bei Finta gehen nun die Verbündeten 
gegen Suczawa vor, wo sich die Frau des Vasile mit ihrem kleinen 
Sohne ergibt, während der ins Herz getroffene fürstliche Gemahl 
seine schmerzlichen Irrfahrten unter Kosaken, Tataren und Türken 
antritt. Diese letzteren, bisher auch noch durch persische Angelegen- 
heiten in Anspruch genommen, leisten ihm keine Hilfe, und er wird 
niemals wieder Fürst der Moldau. Nach Vasile und Matel, nach jenem 
verhängnisvollen Jahre 1653, dem das Todesjahr Matels folgte, 
hatte kein rumänischer Fürst mehr den Mut, gegen einen seiner 
Nachbarn zu Felde zu ziehen. Wenn Konstantin Basarab und 
Gheorghe §tefan, denen beiden Räköczy eine so wesentliche Hilfe 
geleistet hatte, ihn während des Feldzuges von 1657 gegen Polen 
unterstützten, so taten sie dies nur heimlich unter der Hand, und 
nicht einmal ein grofser Bojar befehligte die unter den sieben- 
bürgischen Fahnen dienenden rumänischen Truppen; an die Pforte 
meldeten sie darüber, dafs die angeblichen moldauischen und wa- 
lachischen Hilfskorps nichts anderes als loses Gesindel seien, mit 
dem die Fürsten nichts zu tun hätten. Nichtsdestoweniger wurden 
beide Vasallen, geradeso wie ihr grofser Freund und Beschützer 
Räköczy, abgesetzt. Während in Siebenbürgen verzweifelt um 
einen passenden Fürsten gekämpft wurde, unternahm der tolle 
Nachfolger Konstantins, Mihnea, der Sohn des Radu Mihnea, der 
den an die Vergangenheit erinnernden grofsartig klingenden Namen 
des tapferen Fürsten Michael (1593 — 1601) ^) annahm, mit seinen 
1) S. über ihn unten S. 90flF. 



Der griechische Einflafs. 7S 

schwachen Mittehi ein neues Abenteuer. Als Verbündeter Bäkö- 
czyB liefs er in seiner Hauptstadt, wie er vorher zweimal mit seinen 
eigenen Bojaren getan hatte^ die Türken niedermetzeln^ ja zog so- 
gar gegen die Donautürken ins Feld^ fugte ihnen auch anfangs 
beträchtlichen Schaden zu, ergriff aber schUefsUch schmachvoU 
Tor dem Pascha von Silistrien die Flucht über die Berge , ohne 
sich ernstlich verteidigt zu haben (1659). Auf diesen Wüstling 
mit perversen Neigungen, der als blutdürstiger Mann erscheint und 
sich dadurch lächerlich machte, dafs er Münzen mit seinem Bild- 
nis als gekrönter ,,Elrzherzog'' und mit dem Doppeladler prägen 
liefs, folgten nur furchtsame Verräter, die erst die gröfsten Ver- 
brechen gegen den Sultan begingen und später dennoch den Weg 
nach Eonstantinopel fanden, um von dort als regelrecht eingesetzte 
Vasallfürsten zurückzukehren. So handelte jener Gregor Ghica, 
der immer Heuchelreden im Munde führte und unsicher umher- 
blickte; 1664 liefs er bei Lewenz nichts unversucht, um das tür- 
kische Heer zugunsten der Christlich-Kaiserlichen ins Verderben 
zu stürzen; er führte ruhig seine Truppen nach Hause, mufste 
aber vor dem Ansturm eines neu eingesetzten Fürsten und der 
ihn begleitenden Tatarenschwärme entweichen. Am Hofe Kaiser 
Leopolds spielte er dann den christlichen Schwärmer und legte 
einem seiner Söhne den Namen des Kaisers bei ; in Rom erschien 
er als ein im Innern seiner heuchlerischen Seele bekehrter Katholik, 
ging dann aber plötzlich nach Konstantinopel und erhielt dank 
der Freundschaft Panajotakis die Walachei wieder. An dem neuen 
Kriege gegen Polen nahm er teil, liefs sich von den königlichen 
Truppen (1673) gefangennehmen und beschwor schliefslich mit 
ruhigem Gewissen beim Grofswesir im Lager seine unbefleckte Treue. 
Nicht einmal der kühne ^erban Kantakuzinos, der sich unaufhörlich 
in die Angelegenheiten der Moldau einmischte und nach seinem 
Geschmack Fürsten einsetzte, mit denen er am folgenden Tage 
schon nicht mehr zufrieden war, erdreistete sich, bewaffnete Scharen 
gegen seine Feinde ins Feld zu führen. Um seinen pflichtgemäfs 
entrichteten Tribut wieder in die Hände zu bekommen, bezahlte er 
bulgarische Räuber in den Hämusschluchten, denen der kaiserliche 
Gesandte regelmäfsig in die Hände fiel, um die Reise nach der 
Hauptstadt ohne Geld fortzusetzen. Oftmals hatte Brincoveanu in 



74 4. Kapitel. 

den schlechtesten Beziehungen zu seinen Nachbarn^ den Fürsten 
von Jassy, gestanden, aber es wäre ihm niemals in den Simi ge- 
kommen, g^en sie die Kriegstrompete blasen zu lassen; nur als 
bescheidener Helfer der Türken überschritt er die Grenzen, und 
zwar als 1690 Tököly, nunmehr Emerich I., gegen die Kaiserlichen 
zum König von Ungarn erhoben wurde. 



4. Kapitel. 
Tribut, Geschenke und andere Lasten des Landes. 

Wozu der rumänische Herrscher eingesetzt war, das wufste 
jeder einzelne sehr gut, und jeder suchte diese seine Mission mög- 
lichst gut zu erfüllen : es war ein&ch seine Pflicht, das Land zum 
ausschliefslichen Nutzen des „Kaisers" zu verwalten. 

An erster Stelle verlangte der Oberherr die pünktliche Be- 
zahlung des Tributs, dessen Ausbleiben als ein Anzeichen von 
Rebellion betrachtet wurde und den Schuldigen der Todesstrafe 
aussetzte. Gegen Anfang April mufsten regelmäfsig die geforderten 
Beutel mit Aspern in die Vistierie eingeliefert sein; der Vistier 
überzeugte sich persönlich davon, ob auch tatsächlich in jedem 
der Säckchen 500 Stücke enthalten wären, und verschlofs jedes 
einzelne mit seinem Amtssiegel. Dann wurde der kaiserliche 
haraciü, „Kharadsch", auf den fürstlichen Karren, care dom- 
ne^tl, geladen, und geleitet von einem dazu besonders aus- 
erwählten gröfseren Bojaren und unter einer starken Bedeckung 
einheimischer Soldaten machte sich der kostbare Zug auf den Weg 
nach Konstantinopel, wo am St. Georgstage — Ende April — y 
wenn alles richtig zuging, die Beamten der hasna, d. h. des 
kaiserlichen Schatzes, die Ladung dieser Karren, die mit kostbaren, 
ebenfalls versiegelten StoflFen bedeckt waren, in Empfang nahmen. 
Später, während der ersten polnischen Kriege ward es üblich, den 
haraciü nach den benachbarten Dnjestrrajas zu bringen: „er 
ward*', schreibt Miron Costin ^), „den Festen Bender und Akkerman 
überwiesen" (legat), so dafs der Serasker, immerzu Kämpfen jen- 

1) S. 287. 



Tribut, Geschenke und andere Lasten des Landes. 76 

seits des Grenzflasses bereit, schon im FrühÜDg über das zur Krieg- 
fuhrang nötige Geld verfugte. Oft warteten auch die Janitscharen der 
starken Besatzungen nicht an der benachbarten Reichsgrenze auf die 
Ankunft der Karren, sondern erschienen lärmend und ,,mit den Hand- 
scharen (den krummen Säbeln) drohend '^ sogar am Hofe des Fürsten. 
Der einflufsreiche Kadu Mihnea, der in der Moldau seit 1616 gebot, 
brachte zwar die alte Sitte, den Tribut nach Eonstantinopel zu schicken, 
wieder in Übung; aber später, in der zweiten Hälfte des 17. Jahr- 
hunderts kommen doch wieder türkische Offiziere, um den haracitt 
zu holen. Im Jahre 1671 z. B., als sich die untere Moldau gegen 
den lästigen Tyrannen Duca empörte, wurde „der Türke, der 
nach dem Tribut gekommen war^^, in Jassj eingeschlossen ^); eine 
Chronik bezeichnet ihn als den Aga des bir — oder Eharadsch — , 
der im Begriffe stand, mit diesem bir des Landes abzuziehen'). 
Es wurde schon gesagt, dafs derselbe Brauch auch in der Wa- 
lachei unter ^erban Eantakuzinos herrschte. Um diese Zeit wurde 
auch die alte Regel nicht mehr beachtet, dafs am Feste des 
Heiligen Georg das Geld in Eonstantinopel sein mufste; vielmehr 
erscheint unter Duca der Aga erst im Dezember. Darin ist keines- 
wegs eine Nachlässigkeit des Fürsten zu erblicken, sondern im 
Gegenteil ist bei den Türken die verderbliche Gewohnheit ein- 
gerissen, den haraciü im voraus zu verlangen; schuld daran ist 
einzig die auch von Hofchronisten beklagte „heidnische Un- 
ersättlichkeit'^, die alle Leiden und Bitten der Untertanen un- 
beachtet läfst. 

Für eines der beiden Fürstentümer, die Moldau, wenigstens 
läfst sich auch der jeweilige Betrag des Eharadsch vom Anfange 
an berechnen. Als sich Peter Aron der türkischen Macht unter- 
werfen mufste, erhielt sein Gesandter, der mächtige, reiche Logo- 
fät Mihu, die Vollmacht zur Bezahlung der verlangten 2000 unga- 
rischen Gulden oder roten „Ugen" (ughl) ^). Das war durchaus 
nicht viel, denn von der kleinen Republik Ragusa, die allerdings 
bedeutenden Handel trieb, aber doch nur über ein sehr kleines Gebiet 



1) Jorga, Doc. Bistritel, II, S. xxv, 22—23. 

2) N. Costin, in den Letopise^, II, S. 7. 

3) Vgl. Hurmuzaki IP, S. 670-671, nr. dxiii. 



76 4. EapiteL 

verfügte; waren wenige Jahre vorher nicht weniger als lOOOO 
Dukaten verlangt worden. Aber jene Nachbarn des türkischen 
Reiches hatten es als erfahrene Kaufleute verstanden; diese riesige 
Forderung bis auf ein Geschenk von tausend Goldstücken zu er- 
mäfsigeu; und noch dazu ;,per honor, et non per carazo^' ^). Wa» 
in dieser Zeit die schon früher in die Abhängigkeit gesunkene 
Walachei bezahlte; läfst sich nicht feststellen; denn die angeblichen 
Verträge der Sultane Bajesid I. und Mohammed IL mit den wa* 
lachischen Fürsten Mircea und Radu dem Schönen sind Fälschungen^, 
die zuerst im 18. Jahrhundert, als die Bojaren mit den russischen 
Ministern über die zukünftige Stellung ihres Landes unter russischem 
Schutze verhandelten; aufgetaucht sind. Übrigens stimmt weder 
die Datierung noch der Inhalt zu den gleichzeitigen Verhältnissen 
und Gebräuchen; statt der üppigeU; orientalischen Redewendungen 
und der althergebrachten Formeln, statt des hochmütigen; herab- 
lassenden Tones ; dessen sich der Türke z. B. auch in den Ver- 
trägen mit der mächtigen Repubük Venedig und ebenso im Ver- 
trage mit Ungarn von 1452 bedient ^), begegnet man hier scharf 
gefafsten; präzisen Bestimmungen der Art; wie sie das christHche 
Europa später angenommen hat'). Was den haraciü anbetrifit^ 
so wird in dem ersten Vertrage von ;,3000 roten Bauen", was 
;;300 Silbertalern unserer kaiserlichen Münze" entsprechen würde, 
in dem zweiten von ;;10000 DukateU; Sultaninen genannt; aus 
unserer Münze" gesprochen; während doch bekanntlich im 15. Jahr- 
hundert die Türken nur kleine Aspern prägten und als grofse 
Münzen diejenigen der Italiener; Ungarn und Deutschen benutzten; 
die Sultanini gehören dem 16. Jahrhundert aU; und in der Wa- 
lachei gab es nur Hyperpem als Nationalmünze; denen im wesent- 
lichen nur eine politische Bedeutung zukam und die im Auslande 
nicht begehrt waren ^). Im Jahre 1392 galten auTserdem zehn 



1) Vgl. meine Notes et extraits, II, S. 382 und Jiredek, Bedeutung von 
Bagusa, S. 35. 

2) Vgl. Notes et extraits, I, III; Studil ^1 Documente, in. 

3) Zuletzt sind die angeblichen Verträge der Walachei mit den Türken ge- 
druckt bei Ghenadie Petrescu, D. A. und D. G. Sturdza, Acte ^i docu- 
mente relative la istoria Benasoerel Eomäniel, l, S. Iff. 

4) Acte ^i fragm., III ^, S. 3. 



Tribut, Geschenko und andere Lasten des Landes. 77 

^ywalachische Hyperpern^^ nur eine Kleinigkeit mehr als drei Hy- 
perpern von Konstantinopel *). Andrerseits hatte der angebliche 
Entdecker der alten Verträge, der Dichter und Grofsbojar lenächi^ 
VäcärescU; keine Ahnung von solchen Urkunden, wie auch seine 
später verfafste Geschichte der Sultane beweist *). An die Echt- 
heit dieser Stücke zu glauben, erscheint nach allem diesem un- 
möglich. Sie wurden von patriotischen walachischen Bojaren er- 
dichtet, um damit die vollständige Autonomie des Landes zu 
beweisen, und die Form, in der sie überliefert sind, wurde etwas 
später von dem griechischen Geschichtschreiber beider Fürsten- 
tümer, Dionysios Photeinos, erfunden. 

Die Summe, die ^tefan der Grofse den Türken bezahlen 
mufste, nennt uns keine gleichzeitige Quelle, und die späteren Be- 
richte widersprechen sich. Sicheres dagegen wissen wir hinsichtlich 
der nicht viel späteren Zeit des Peter Rare^: dieser teilt nämlich 
den Polen, um ihnen seine Geldnot zahlenmäfsig zu beweisen, 1532 
alle Lasten seines Landes mit '). Am St. Gborgstage schickt er 
dem „Kaiser'' 120 000 Aspern, d. h. nach türkischer Rechnung 
zwölf juk oder, in europäischer Münze ausgedrückt, 10000 goldene 
Dukaten. Neun Jahre darauf, als die Regierung wieder an Peter 
kam, mufste das Land die Schuld seines Lenkers bezahlen, und 
der neu ernannte Fürst verpflichtete sich unter anderem zur Leistung 
eines Tributs von 12000 „Scudi" (^cus); wahrscheinlich aber 
sind darunter „ Dukaten " zu verstehen *). Aber diese Summe er- 
schien dem Türken zu niedrig, und nach 20 Jahren bedeutete das 
tributum für Jakob den Despoten eine jährliche Ausgabe von 
30000 Dukaten. Auch später wird noch von Erhöhungen dieses 
Quantums berichtet; z. B. 1574 und 1582, als Peter der Lahme 
zum ersten und zweiten Male zur Regierung gelangte. Trotz dieser 
Andeutungen in den Berichten der fremden Gesandten behielt der 
Kharadsch der Moldau ungefähr den Betrag von 30 000 Dukaten 
oder 50 000 Talern. In Aspern gerechnet, war der Betrag wesentlich 



1) Ebenda. 

2) 8. die Genealogia Cantacuzinilor, 8. 68 — 69, Anm. 3, S. 495 fif. 

3) Hurmuzaki, Supl. II, Bd. I, 8. 66—67. 

4) Harmazaki, 8upl. I, Bd. I, 8. 3, nr. y. 



78 4. Kapitel. 

höher, nachdem diese gewöhnliche Rechnungsmünze der Türken in 
kritischen Zeiten mehrere Verschlechterungen erlitten hatte ^). 

Als derselbe Peter noch in der Walachei gebot, da mufste dieses 
Land doppelt soviel wie die Moldau aufbringen, denn hier hatte 
der Eharadsch mehrere Wandlungen durchgemacht Zu der Haupt- 
summe von 60000 Dukaten kamen noch andere Leistungen hin- 
zu, weil die Türken jeden Vorwand benutzten, um die Raja er- 
tragsreicher zu machen. Als sich z. B. um das Jahr 1568 zahl- 
reiche Bewohner des Widiner Bezirks in die Walachei flüchteten, 
hatte die Pforte nichts dagegen einzuwenden, nur erhöhte sie auf 
einmal den Tribut noch um 400000 Aspern, was der Höhe des 
von den neuen Einwohnern des Fürstentums zu entrichtenden Kha- 
radsch entsprechen sollte *). Auch hier wurden aber anfangs diese 
60 000 Dukaten nicht um viel überschritten ^). Nach einem Jahr- 
hundert jedoch, unter Brincoveanu, zahlten die Walachen 125 000 
Taler, dann 140000 und endlich noch weitere 120000. Der mol- 
dauische Tribut, dessen langsame Erhöhung nicht genau zu verfolgen 
ist, bestand aus nicht weniger als 65 000 Talern, und aufserdem 
kostete derBairampeschkesch in Geld und Zobelfellen — das gewöhn- 
liche Geschenk beim grofsen türkischen Bairamfeste — die Summe 
von 70 — 80000 Talern, wovon allerdings der Sultan nur 15000 er- 
hielt ^). Jetzt genierten sich die herabgekommenen, im Kriege beinahe 
immer unglücklichen Herren, für die nun der Krieg keine Einnahme- 
quelle mehr bildete, in keiner Weise mehr; je mehr das Land aufzu- 
blühen schien, desto mehr mufste es bluten : die Abmachungen der 
Vergangenheit waren vollständig der Vergessenheit anheimgefallen. 

Offiziell waren mit dem Tribut die pflichtmäfsigen Leistungen 
erschöpft, aber in Wirklichkeit stand es ganz anders, denn neben 
dem Kharadsch waren auch die schon erwähnten Peschkesche, 
d. h. Gaben, Präsente, zu entrichten: erstere wurden im Namen 
des Landes geschickt, die letzteren sollten die Unterwürfigkeit, die 



1) Vgl. Bd. I, S. 394—395; Hurmuzaki, XI, S. Lm; Jorga, Doc. 
priv. la Petru Schiopul ^i Mihal Viteazul, S. 5—7. 

2) Jorga, Doc. §i cercetärl, S. 177. 

3) S. auch die venezianischen Hanptberichte in der bekannten Sammlang 
▼on Alb er i, Belazioni al senato veneto: Turchia. 

4) D. Cantemir, Descr. Mold., S. 110-111. 



Tribut, Geschenke und andere Lasten des Landes. 79 

Treue und den Eifer des Wojwoden bezeugen. Im Monat April 
waren unter Rare^ als Präsent, das auch genau vorgeschrieben war 
und nur überschritten, nicht aber verringert werden konnte, 
12000 Dukaten för den Sultan, d. h. ein höherer Betrag als der 
Tribut, zu entrichten. Für den Wesir rechnete man aber auch 
600 schöne, goldene Münzen oder das Entsprechende in häfs- 
liehen, minderwertigen, silbernen Aspem. Später wurde in der 
Moldau wie in der Walachei der Bairampeschkesch bei dem grofsen 
Feste des Islams üblich, und jeder^ der Kaiser, seine Frauen, der 
Wesir, die grofsen Würdenträger erhielten bei dieser Gelegenheit 
ihr Teü. 

Neben dem Gelde erscheinen auch andere Gegenstände als 
Abgaben oder Präsente. Wie schon oben ^) gesagt wurde, lieferte 
die Moldau Pferde für den Stall des Kaisers und Falken fiir die 
Jagd Seiner Majestät. Zugleich mit dem Tribute kamen aus der 
Walachei „nach alter Sitte'' ein Falke und acht Pferde ^). Aber 
auch Naturalien in Menge wurden dem Präsente beigefügt: im 
April für den Sultan — so wenigstens unter Rare^ — zwölf Zimmer 
Zobelpelze, zwölf Luchspelze, zwölf Stücke von dos de vair und 
zwölf Pferde; für den Wesir vier Zimmer Zobel und dasselbe 
Quantum von den anderen beiden Gaben; ebensoviel erhielt der 
zweite Wesir. Wenn die Rechnungen im Lande abgeschlossen wurden, 
gingen nach Konstantinopel ebensolche Geschenke, nur dafs diese 
weniger kosteten und dafs keine Aspernsäckchen mit ihnen wanderten. 

Dazu kamen nun noch die persönlichen Schulden jedes Woj- 
woden, so dafs ein jeder unaufhörlich Geld nach der Hauptstadt 
liefern mufste, wenn er nicht in seiner unmittelbaren Nähe Gläubiger 
haben wollte, die auf Befriedigung warteten ; waren es gar Türken — 
selbst Janitscharen findet man in dieser Rolle — , dann zeigten sie 
ihre Ungeduld in sehr lärmender und beleidigender Form, wie sie 
übrigens — in dem sich langsam auflösenden osmanischen Staate 
kann solche Zügellosigkeit nicht verwundem — auch unter den 
Fenstern der Gröfsten von Stambul zu tun gewohnt waren. So 

1) Bd. I, S. 366. 

2) Doc. priy. la Petra Schiopal ^i Mihal Viteazul, S. 55: eine türkische 
Qaittang yom Jahre 1564. Vgl. die yeneziamsche Chronik des 15. Jahrhunderts 
in Acte 91 fragm., ni\ S. 12: „50 garzoni con altratanti cayalli". 



80 4. Kapitel. 

liest man in den traurigen Rechnungszettelchen Peters des Lahmen : 
,^6 Juk Aspern mit Stanciul Äga geschickt, 20 Juk mit dem 
Dimitri Postelnicul, für den Kaiser" usw. Wenige Fürsten nur — 
eine Ausnahme machen höchstens Fürsten wie Matel und Vasile, 
die ungewöhnlich lange regierten, oder der reiche Brincoveanu — 
hatten Zeit, um sich aller ihrer Schulden zu entledigen. Jeder ab- 
tretende Wojwode, jeder mazul oder Abgesetzte und jeder Flücht- 
ling hinterliefs aber seine datorie, seine unbezahlte Schuldenlast, 
dem Nachfolger^ denn es galt als anerkannter Rechtsgrundsatz, 
dafs dies Schulden des Fürstenstuhles und nicht der Person seien ; 
die Turco-Graeci durften ja auf keinen Fall etwas verlieren. 

Bei jedem aufsergewöhnlichen Ereignisse, wenn das Be- 
schneidungsfest eines Sultanssohnes glänzend gefeiert wurde, wenn 
dem Kaiser ein männlicher Sprofs geboren ward, wenn ein neuer 
Herrscher sein Amt antrat, oder wenn ein neuer Wesir gewählt 
wurde, besonders aber gelegentlich eines Krieges wurde unerwarteter- 
weise Geld verlangt. In älterer Zeit handelte es sich nur um die 
Vorauszahlung des nächsten Tributs, später war es einfach eine 
besondere Forderung. Besonders häufig wurde sie gestellt, wenn 
die Heere in Bewegung waren, denn die Pflicht des Vasallen war 
es, mit allen Mitteln den Sieg des Kaisers zu erleichtern. Der 
Fürst seinerseits verlangte vom schwer geplagten Lande eine Aus- 
hilfe, eine ajutorin^ä, die dann auf die Bezirke umgelegt wurde ; 
deshalb hiefs sie auch mit einem türkischen Ausdrucke curamk. 
Endlich beliebte es im 17. Jahrhundert dem Sultan, auch von 
den Fürstentümern Geld zu borgen. 

Die Moldau und Walachei mufsten schliefslich auch alles fiir 
die kaiserliche Hauptstadt und für das kaiserliche Heer irgendwie 
Nötige liefern, und zwar für das Heer ohne jegliches Entgelt, weil 
man in Konstantinopel dies als heilige Pflicht jener Vasallenstaaten 
betrachtete. Schafe, Ochsen, Pferde, Holz, Korn, Hafer, Mehl und 
Fahrzeuge, kurz alles nur erdenkliche Kriegsmaterial wurde in 
grofsen Mengen zur festgesetzten Frist nach Bender, Akkerman 
oder Belgrad geschickt. Selten nur erhielten auch die Eigentümer, 
denen in Eile das Ihre von den fürstlichen Agenten genonmuen 
wurde, eine Vergütung, und wenn es wirklich soweit kam, so 
waren es einige Aspern. Darum werden auch die „Kübel" und 



Tribut, Geschenke und andere Lasten des Landes. 81 

„Ealas^'y ciblei^ichile, d. h. NaturaUeistangeii; anter den Lasten^ 
die das Land zu tragen hat^ verzeichnet NachKonstantinopel worden 
für den anermefslichen Serai und für den ELausbedarf jedes einzelnen 
Mächtigen dieselben G^enstände gesandt, und aulserdem Honig, 
Wachs, Talg und Butter. Mit der Einforderung dieser Dinge 
waren privilegierte Eaufleute, Griechen, Armenier, Juden und 
Türken, beauftragt, die einen Befehl der türkischen Regierung vor- 
zeigten. Die Bedeutendsten unter ihnen, meist Geldhändler und 
zugleich Gläubiger des Fürsten, waren die Eaufleute, die Schaf- 
herden und Ochsenpaare nach der Donau trieben, die sogenannten 
saidschis und dschaleps, d. h. „Hirten und Handelsleute '^ 
Wie sie mit den Landleuten verfuhren, das hing von dem Charakter 
eines jeden einzelnen und von der zufälligen Autorität des re- 
gierenden Fürsten ab, aber im ganzen kam es oft vor, dafs sie 
unter dem Verwände ihres ehrlichen Handels raubten, mifshandelten 
und töteten. Durch einen Befehl Kaiser Solimans war jede Aus- 
fuhr von Ochsen, Schafen und Pferden ausdrücklich verboten, und 
nur auf den übrigens ganz unbewachten Schleichwegen liefs sich 
der gewinnbringende Handel mit Ungarn und Polen betreiben. Die 
türkische Art zu herrschen sog so dem Lande das Blut aus und 
verhinderte zugleich den natürlichen Prozefs, der es von selbst 
hätte wieder erzeugen können. 

Jetzt wissen wir, was das Land zu entrichten hatte. An 
erster Stelle stand der „bir des Kaisers '', von dem niemand be- 
freit werden konnte, der birul haraciuluL Der bir war nach 
einer Matrikel auf die Bezirke verteilt, und fürstliche Beamte, in 
der Walachei jedoch Landesbojaren, waren mit Eintreibung der 
Beträge beschäftigt. Die Beamten hiefsen birarl, und dies waren 
nicht allzu zarte Leute, die Steuerpflichtigen bir nie L Jedes Dorf 
war nach seinem Vermögen belastet, und in jedem teilten die 
Altesten, die bätrinl, im Vereine mit dem vätämane, oder 
pircälabe, und unter Hinzuziehung des fürstlichen Verwalters, 
dregätor, ureadnic, des Vertreters des Bojaren oder des Abtes 
in unfreien Dörfern, von der dem Dorfe aufgelegten Summe jedem 
Bauern einen Teilbetrag zu, und diese Verteilung hiefs cisla. So 
entstanden eine Menge liude, d. h. abstrakt gedachte, je einem 
normalen Haushalte entsprechende Steuereinheiten : jeder Hausvater 

Jorga, Oesehiclite der Bnm&nen. II. 6 



83 4. Kapitel. 

bezahlte für sich; seine unverheirateten Söhne und die Knechte in 
Haus und Feld nur einmal einen bir. 

Bir, birul poclonulul, hiefs auch die allgemeine Steuer- 
leistung, die der poclon, das gewöhnliche oder ungewöhnliche Prä- 
ßent; nötig machte; poclonul steagulul, Geschenk für die ,,Fahne'^ 
des neu eingesetzten^ Fürsten, war eine besonders übliche Bezeich- 
nung. Ein dritter bir war der der curamale und ajutorin^e. 
Die privilegierten Stände, Priester, Soldaten, Kaufleute, sowie die- 
jenigen Dörfer oder Bezirke, die mit der Vistierie einen Vertrags 
eine rumptoare, geschlossen hatten, die Bojaren und Klöster, 
manche Beamten und schliefslich die Fremden bezahlten auch 
einen bir, aber nicht den bir de ^arä, sondernden bir preo- 
^esc, bir slujitoresc, bir curtenesc usw., jeder den seiner 
Klasse zukommenden ^). Zwischen dem bir und der dajde be- 
stand gewifs von vornherein ein Unterschied, den wir jedoch nicht 
mehr festzustellen vermögen. Die aufserordentlichen Abgaben traten, 
in der Walachei wenigstens, unter verschiedenen Benennungen auf: 
„Befehle" (porunci), „Forderungen" (cererl), „Nöte" (nevol), 
„Ungerechtigkeiten", „Plackereien" (näpä^tl, supärärl), „Er- 
pressungen (mincätoril) usw. Am Ende des 17. Jahrhunderts 
hatten sich die Verhältnisse so verschlechtert, dafs wohl das Aufaerste 
erreicht war; denn zwischen bir url, däjdil, näpästi, den ordent- 
lichen, aufserordentlichen und unerlaubten Steuern, war jeder Unter- 
schied geschwunden ; aus allen verschiedenen Forderungen war ein 
nicht zu entwirrendes Chaos geworden, und nur ein genialer Mann 
oder ein Unmensch besafs die Fähigkeit, das Amt des Vistiers in der 
Walachei oder Moldau gut zu verwalten. Seine Tätigkeit war 
weiter nichts als eine grausame, wilde Jagd auf den armen Mann,, 
der nicht mehr bezahlen konnte, und, um zahlen zu können, be- 
reits seine eigene freie Persönlichkeit verkauft hatte. 

Keine Berechnung war mehr möglich, denn alles hing nur vom 
Augenblick, von der gefahrlichen, unheilbringenden Stunde ab,, 
und die bir url rechneten auf Zahlung für den Ali-Pascha, fiir 
den Han, für das kaiserliche Heer, für den Wesir, für die kaiser- 
liche Anleihe, für den Serasker, fiir die QrenzreguUerung, für die 



1) S. z. B. Archiva istoricä, I, S. 56. 



Tribut, Geschenke und andere Lasten des Landes. 8S 

Festung Eamieniec und fiir alles nur erdenkliche andere. Anfangs 
unterschied man die Hauptrechnung von den anderen, die yel 
seamä von den kleineren säml, aber alles war umsonst, bald 
ging alles wieder durcheinander. Man konnte wohl berechnen, aber 
keinen Plan aufstellen, wohl den Zustand beklagen, ihn aber nicht 
verhüten. Jetzt lebte man, wenigstens flör den Augenblick, wirk- 
lich im Oriente. 

Und um sich die Ungeheuerlichkeit dieser Vorgänge zu ver- 
gegenwärtigen, mufs man bedenken, dafs alle früheren Abgaben an 
den Fürstenschatz bestehen blieben, und ebenso alle althergebrachten 
Rechte des grofsen oder kleinen Grundherrn. Von jeder Quelle 
des Erwerbs nahm der Fürst seinen Teil, von den Schafen den 
oierit, von den Kühen den väcärit, von dem aufgelesenen Salze 
den särärit, von der Seife den säpunärit, von dem Ochsen- 
handel den oluc-hac, von den Fischereien den mäjärit, von 
den Schustern (sie) den ciohodärit, von den Weinbauern 
den vinäriciü^). Nur etwas davon fliefst in den persönlichen 
Schatz des Fürsten, dem auch der Ertrag des Salzwerkes, der 
Zölle und der dijme, aufser dem väcärit, die Einkünfte 
aus den Städten und aus den angrenzenden zwölf Dörfern, ge- 
hört«). AUes übrige fäUt dem Schatze, d. h. den Türken zu. 
Aber in bedrängten Zeiten greift der Fürst oftmals in den Landes- 
schatz, um einer plötzlichen Forderung zu entsprechen, und dann 
mufs das Land diesen Betrag wieder aufbringen. 

So kann es nicht wundernehmen, dafs derjenige, der vorher schon 
die Landeslasten auf seinen müden Schultern kaum zu tragen ver- 
mochte, der Bauer, jetzt unter dem Drucke eines grofsen EaiserreichS| 
emes faulen, üppigen Kaiserreichs, zusammenbrach. Daheim hatten 
die Türken alles in Armut gestürzt, und hier, in der Fremde, sogen 
sie den Rumänen den letzten Rest ihrer Kraft aus dem Körper. 



1) Die Namen sind in der Walachei unter Bnnooyeanu überliefert. Vgl. die 
▼on Aricescu in Bevista istoricS a Archivelor herausgegebenen Bechnungen 
■lit meinen Stadil ^i doc., Y. 

2) Cantemir, Beacr. Mold., S. 107 und die schon angegebenen Quellen. 



Fünfter Abschnitt. 

Verfall des Bauernstandes. Der neue Adel 
und seine politische Tätigkeit. Die natio- 
nale Militärpartei. 



1. Kapitel. 
Die Hörigkeit des Bauern. 

In der Moldau wie in der Walachei wandten sich bis gegen 
Ende des 16. Jahrhunderts die armen Dorfbewohner^ die kein Geld 
hatten und denen die birarl ihr Vieh fortjagten, an das nächste 
Kloster oder einen Bojaren und boten ihnen ihr Gütchen, ihren 
Anteil an dem gemeinsamen Eigentume, ihre dealni^äy wie man 
mit dem slavischen ßechtsausdrucke sagte^ zum Kaufe an. In der 
Walachei gab es grofse und kleine Bojaren in allzu grofser Menge, 
und neben jedem bedrohten Dorfe, das seinen letzten Asper aus- 
gegeben hatte, lauerten deshalb solche mächtige, habgierige Leute 
mit Geldsäcken oder Geldsäckchen ; in der Moldau dagegen fanden 
sich, dank der vielen, aufreibenden Kämpfe, die dem Tode des 
Peter Rarei^ folgten, weniger solche kauflustige Grofse, und darum 
sind hier auch solche Verkäufe bäuerlichen Bodens seltener als 
im benachbarten Fürstentume. Wenn man den sichtUch vor- 
handenen Unterschied vollständig verstehen will, mufs man auch 
in Betracht ziehen, dafs der Erwerb von Grund und Boden durch 
wenige in der Moldau weiter zurückreicht als in der Walachei, 
dafs die Fürsten vom Anfange an aus dem „unbewohnten'^ und 
unbeherrschten Lande zahlreiche Schenkungen gemacht hatten, 
dafs sie in viel höherem Ansehen standen als ihre Nachbarn und 
mit der Konfiskation der Erbschaft und des etwa hinzuerworbenen 



Die Hörigkeit des Baaem. 86 

Besitzes eines Verräters, eines hitlean, viel rascher bei der Hand 
waren als jene, um ihre Günstlinge damit zu belohnen. Während 
in der Walachei alles bis auf das letzte Stückchen Erde heifs um- 
stritten wird, verzichtet z. B. jenseits des Milcovs die Witwe des 
reichen, gelehrten und einflufsreichen Logofät Luca Stroicl, als 
einige Nachbarn ein verkauftes Gut von ihr zurückverlangen, 
leichten Herzens darauf und erklärt, „auch ohne dies genug Ocine 
zu haben" 0- Nicht auf gewaltsame Weise oder durch eine grolse 
tragische Krisis wurden hier binnen wenigen Jahren die bäuer- 
Heben Güter der kleinen Besitzer aufgesogen, sondern langsam, 
ohne dafs wir im einzelnen sagen könnten, wie, gewannen die 
wenigen grofsen Bojaren den gröfsten Teil des heimatlichen Bodens. 
Man mufs erwägen, dafs, während in der Walachei die mo^nenl 
alten Ursprungs, die von den jüngeren nuUtärischen mo^nenl 
wohl zu unterscheiden sind, keine weitere Rolle spielen, die mol- 
dauischen räzä^l auch später noch erwähnt werden, dafs einige 
von ihnen, die Bewohner der Dnjestrmark, die Orheienl, La- 
pu^nenl, Sorocenl bis zu den Tagen Ducas, ja bis zur pol- 
nischen Okkupation (Ende des 17. Jahrhunderts) lebendig bleiben 
und als ein Element erscheinen, das stets zum Aufruhr und zum 
Elampfe für seine und des Landes Freiheiten bereit ist Das Wort 
räzä^ wird man von razä ableiten müssen, und es wäre dann mit 
vecinl, Nachbarn, gleichbedeutend. Mit vecini jedoch wurde 
schon zu Ende des 16. Jahrhunderts eine andere Art von Landes- 
einwohnern bezeichnet, nämlich eine Klasse, die den walachischen 
Rum im, d. h. den einfachen Rumänen, die keinerlei Privilegien be- 
sitzen, entspricht. Diese Identität wird ausdrücklich auch noch da- 
durch bewiesen, dafs in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein 
walachischer Fürst einem moldauischen Bojaren, der sich bei ihm 
aufhielt, erlaubt, die „Rum in 1'^ seiner in der Moldau gelegenen 
Güter überallhin verfolgen zu dürfen. Es verdient auch bemerkt 
zu werden, dafs, während in der Walachei rumänisch der Leibeigene 
immer Rum in genannt wird, der gewöhnliche slavische Ausdruck 
ebenso bbtihh ist *). 

1) Hurmuzaki, XI, S. 909. 

2) Arch. ist., III, S. 253. Die von Xenopol, Domnia lal Caza-Vodä, I,. 
S. 417, Anm. 14 falschlich als älteste Erwähnung des Namens und der Eigen- 



86 1. Kapitel. 

Der Bauer ging, wenn er Beinen Boden veräolBert hatte und 
sich nunmehr als Tagelöhner durch seiner Hände Arbeit vielleicht 
auf dem ihm einst zu eigen gehörigen Grundstücke oder auch auf 
einem anderen ernähren mufste, für die Vistierie dennoch nicht 
verloren. Ein begüterter Bauer bezahlte dem Fürsten die ver- 
schiedensten Abgaben: eine Steuer von der Ernte, eine vom Wein 
und eine vom Fischfang; er gab femer dem Kaiser den bir von 
seinem Besitz, weil er eine höhere cisla hatte, aber auch für 
seine Person, für seinen „Namen ^' (nume) eine Kopfsteuer: seinen 
Namen, seine Eigenschaft als Person behielt aber der Bauer auch, 
nachdem ihm der Bojar das Gut genommen hatte. Jede Art von 
bir, jede näpaste, jede Landeslast, die den begüterten Bauern 
drückte, traf deshalb auch diesen anderen in seinem bescheidenen 
Hause oder in seinem armen, schwarzen, unterirdischen Verstecke, 
in seinem elenden b o r d e i ü. Unter den letzten walachischen Fürsten 
des 16. Jahrhunderts ward statt des jährlichen Tributs sogar ein bir 
monatlich entrichtet. Verzweifelt ging nun das Opfer der unglück- 
lichen politischen Verhältnisse seines Landes wieder zum Bojaren 
und verkaufte ihm auch noch seinen Leib und seine Seele zur Arbeit 
und empfing dafür die paar notwendigen Aspern. Von nun an 
war er und seine Söhne, ja seine ganze Nachkommenschaf); bis 
zum Erlöschen des Stammes das Eigentum des Bojaren, sein „Ru- 
mäne ''; er hatte seine Menschenrechte, seine judecie — das 
Wort kommt von Jude, da anfangs ein solcher nur in den freien 
Dörfern gebot ^) — verloren. 

Für seinen Rumänen bezahlte der Bojar alles, was der Staat 
forderte; für ihn war er fiskalisch verantwortlich. Durch den 
„ Ankauf ^^ des Mannes hatte der Bojar auch seinen bir auf sich 
genommen (a lua birul). Schon als der Bauer sein Feld oder 
seinen Anteil an einem Berge verkaufte und schliefslich sich selbst — 

Schaft der Rumini angezogene Urkunde XXIX/334 der „Bibliothek der rumä- 
nischen Akademie" von 1572 nennt vecin das verkaufte Gut eines Bauern: 

3AHH Be^HH no HM6 CTaH . . . CIH) BHnip6qHa CO^HHa, Jl,iÄKWl2L CTaHOB 

(„ein vecin namens Stan . . . Dieses oben erwähnte Gut, den Teil des Stau")« 
Der älteste mir bekannte Fall eines Bauern, der sich verkauft, ist aus dem 
Jahre 1576 (Studil §i doc, VII, S. 48—49, nr. 3). 

1) S. J. Bogdan in den Annalen der rumänischen Akademie, 1903; oben, 
Bd. I, S. 245—247. 



Die Hörigkeit des Bauera. 87 

eine mo^ie ohne den ehemaligen Besitzer hiefs mo^ie stearpä 
(unfruchtbar) oder „rumänenlos", färä Rumini — , mufste der 
Bojar den Grund und Boden dem Fürsten versteuern. Aber hier- 
bei hatte der Fürst doch einen Verlust, denn die Bojaren, eben- 
so wie der hohe Eierus und die Klöster, die die gröfsten Privilegien 
besafsen, erhielten nunmehr von Bauern die Zehnten, dijma, 
de a zecea, die vordem dem Wojwoden gehört hatten, und be- 
hielten dieses Einkommen, venit, für sich. Allerdings konnte 
der Staat von den Bojaren eine Anleihe verlangen, die in der Mol- 
dau oftmals aus dem Vermögen des Fürsten zurückgezahlt wurde ^) ; 
allerdings erwartete man von ihnen bei der Thronbesteigung eines 
neuen Domn eine Beisteuer, aber rechtmäfsig bezog der Herrscher 
uls Steuer von ihren „Einkünften" nur bestimmte Zehnten: in der 
Moldau einen Zehnten von Schafen und Schweinen — go^tinä — 
und von den Bienen, desetinä^), aber steuerpflichtig waren nur 
die bäuerlichen Herden und Bienenstöcke, prisäcl. Alles 
andere ging, wenn ein Grundherr das Gut kaufte, für den Bauern 
wie für den Fürsten verloren. 

Der „Rumäne" — seine Frau hiefs Rumänä — besafs sein 
Haus und sein Feld, von dem er nicht vertrieben wurde ; es war 
entweder sein ehemaliges Eigentum oder das Stück Land, das ihm 
als umherirrendem heimatlosen Feldarbeiter angewiesen worden war. 
Das Erbrecht hatte Geltung, und niemand war befugt, sich in seine 
Vermögensangelegenheiten einzumischen. Auch seine frühere Stel- 
lung, etwa die eines Priesters, konnte er beibehalten. Einzig und 
allein hinsichtlich des Arbeitsverhältnisses hatte der Beamte des Bo- 
jaren, sein vätaf oder dregätor, ein Wort zu sagen. Für Straf- 
sachen war wie früher das Gericht des Fürsten, für bürgerliche 
Streitigkeiten die Dorfältesten zuständig, von denen eine Berufimg 
an den obersten Richter zulässig blieb. Nur die Klöster durften 
die Geldstrafen auf ihren Gütern, die gloabe und de^ugubine, 
für sich eintreiben. Aber die Scholle konnte „der Rumäne", wie 
der abendländische servus und der ungarische Jobagie, nicht ver- 
lassen, überallhin konnte er verfolgt und zur Rückkehr gezwungen 
werden. Sein Herr war berechtigt, ihn mit dem Boden zu ver- 

1) Studil 9i docum., IV, S. 399. 

2) Vgl. auch C ante mir, Descr. Mold., S. 106—108. 



88 1. Kapitel. 

kaufen und zu verteilen. Trotzdem entwichen viele ^^umänen^ 
wie dies auch viele freie Bauern getan hatten^ nach Siebenbürgen, 
wo sie in den Grenzdörfem dicht beieinander safsen, auf das rechte 
Donauufer oder in die Dobrudscha, wo man sie zu Tausenden 
zählte und wo sie sich als türkische Untertanen den Einfällen ihrer 
früheren Fürsten tapfer widersetzten ^). 

In Urkunden aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist 
oft von einer legätura lul Mihal-Vodä; von einem Gesetze 
des Fürsten Michael, d. h. des Tapferen (1593 — 1601), die Rede, 
wodurch den Rumini der Abzug verwehrt worden sei, so dafs sie 
an die Scholle, auf der sie safsen, als jenes Gesetz erging, dauernd 
gefesselt blieben ^). Jetzt hat diese Mafsregel ihre Erklärung ge- 
funden. Vor dem Einfalle des strafenden Vistiers Sinan in die 
Walachei (1595) suchte sich Michael der Hilfe Siebenbürgens zu 
versichern. Sigmund Bäthory, der Fürst jenes Landes, zwang ihn bei 
dieser Gelegenheit zum Abschlufs eines Vertrags, durch den die 
Stellung des Wojwoden sehr herabgedrückt und die ganze Ver- 
fassung des Fürstentums nach transsüvanischen Gesetzen - galt 
doch Michaels Land als mit Siebenbürgen „ vereinigt 'M — um- 
gewandelt wurde. In einer Klausel dieses Vertrags vom 20. Mai 
1595 heifst es auch, „dafs die Kolonen und Jobagien, die sich 
betrügerischerweise von ihren Gütern entfernt und sich auf fremdem 
Boden angesiedelt hätten, nach ihrem Ursprungsorte zurückgebracht 
werden sollen"*). Nach etlichen Monaten wurde dieser Vertrag, 
den Sigmund seinem Konkurrenten in der Not abgerungen hatte, 
auf den Wunsch des jetzt gegen die Türken siegreichen Michael 
aufgehoben, aber ftir die auf Kosten der Bauern bereicherten, über 
alles verfügenden Bojaren war dieser „Bund" zu günstig, als dafs 
sie auf ein solches Machtmittel hätten verzichten sollen. 

Um sich den Inhalt dieser sehr wichtigen Urkunde, die zwar 



1) Studil 9i doc., IV, S. 117. 

2) Mag. istoric, II, S. 278: „i*aü fost apucat a^ezämintul lal Mihail Yoe- 
vod la ace^tl boerl mal aus zi^I"; Jorga, Doc. Cantacuzinilor, S. 55: „zicäad 
cä sänt al lul ineä din legätura lul Mihalü-Vodä". 

3) „Colon! et iobagiones, qui ex bonis et iuribns eorandem possessionariia 
in bona aliena clam se contulerint, illico re8tituantar*^ Harmazaki III ^^ 
S. 475. 



Die Hörigkeit des Baaeni. 89 

zitiert, aber niemals, sei es auch nur im Auszug , wiedergegeben 
wird, zu vergegenwärtigen, braucht man nur die ähnliche Urkunde 
des moldauischen Fürsten Miron Bamowski, der sich zum Refor- 
mator der Sitten und der Disziplin des Klerus aufwarf ^) und sich 
auch auf anderen Gebiete betätigen wollte, zum Vergleich heran- 
zuziehen. Durch diese glücklicherweise erhaltene Urkunde ver- 
ordnet Miron -Vodä nach Anhörung der Klagen, die bei ihm 
die Bischöfe, die Abte aller Klöster, die Mazilen — d. h. abgesetzte, 
verarmte Bojaren — , und die Söhne der Landesbojaren, wie auch 
„die armen Witwen '^ vorgebracht haben, mit Kate des Klerus, der 
Bojaren jeden Ranges, bis zum dritten, und der vorher er- 
wähnten unteren Blassen der Privilegierten das Folgende: Die 
vor dem Zuge des Sultans in die Moldau (1621) entflohenen 
vecini können nicht mehr zurückgeschleppt werden; aber alle 
anderen sollen mit ihrer cisla und ihrem bir ihrem früheren 
Herrn wiederum auf der unrechtmäfsig verlassenen mo^ie dienen; 
das Vieh des ungehorsamen vecin muTs ebenfalls wieder zurück- 
geführt werden ^). Bamowski war aber der Schwiegersohn des 
walachischen, später moldauischen Fürsten Radu Mihnea, und man 
mufs annehmen, dafs er von der Mafsregel Michaels Kenntnis be- 
safs und dafs er sie gewissermafsen nachahmen woUte. 

Nicht alle Bauern wurden selbstverständlich durch diese 
a^ezäminte betroffen, denn noch gab es in der Moldau in ge- 
nügender Anzahl freie Nachbarn der Bojaren, räzä^I, die stark 
genug waren, um sich zu halten und ihre Existenz auch anderen 
bemerkbar zu machen; auch in der Walachei gab es noch in 
Gegenden, die das Glück begünstigte, ungeknechtete megia^I. 

Aber in diesem Fürstentume wuchs die Bedeutung des Bo- 
jarentums noch mehr, besonders nach den Metzeleien unter Mircea 
Ciobanul, denn nun gab es weniger Bewerber um Grund und 
Boden, Reichtum und Macht, und die überlebenden Bojarenhäuser 
hatten nun freie Bahn, um zu einer imgeahnten Machtfülle zu ge- 
langen. Auf die Bojaren der alten Zeit, die grofs an Zahl, aber 
arm, mutig, ungeduldig und jederzeit unruhig, eigenes und fremdes 

1) Ürechiä, in An. Acad. Kom., X, S. 251 fif. 

2) Arch. ist., I, S. 175—176. Es werden auch die Priyüegien der Klöster 
liinsichtlich der gerichtlichen Strafen bestätigt. 



00 2. Kapitel. 

Blut — das war ihr einziger Zeitvertreib — vergossen, folgten 
jetzt andersgeartete Vertreter des Bojarentums; ein jeder herrscht 
jetzt über unzählige Dörfer im Gebirge und im Tale, die diesseits 
und jenseits des 01t zerstreut liegen, er gebietet über ein ganzes 
Heer von Bauern, die gelegentlich auch bewaffnet unter dem Banner 
des Wojwoden erscheinen konnten. Dazu sind sie auch Vertreter 
einer höheren Bildung und besitzen somit alles, was nötig ist, um 
den Staat nach ihrem Belieben zu lenken, wenigstens solange ein 
Durchschnittsmensch auf dem Throne sitzt. Wenn einmal der Zu- 
fall einem aufserordentlichen Manne das Zepter in die Hand drückte, 
dann konnte sich ein solcher Mann diese neue Generation wohl 
nutzbar machen, die, von Kindheit an mit dem Kri^e vertraut, 
sich an den Heldentaten der Kosaken ergötzte und sich der 
Schwäche, die das osmanische Reich nach dem Hinscheiden des 
grofsen Soliman überfallen hatte, wohl bewufst war. Die neuen 
Bojaren waren stets zu haben, wenn Ruhm, Eroberung oder Beute 
winkte. Geld hatten sie genug, um in der Stunde der Gefahr 
durch Anleihen dem Fürsten beim Feldzug zu helfen ; sie schäumten 
über von Mut, weil sie sich in jeder Beziehung stark fühlten, konnten 
prachtvoll kämpfen und eigene, aber besonders fremde Truppen — 
Ungarn und Kosaken standen stets zu ihrer Verfügung, marschierten 
gut und kosteten wenig — zum Siege fuhren. Das prachtvolle 
Kavalleriekorps der Ro^l de ^arä — die „Landesroten'', „pul- 
cherrimus Rosonum exercitus'', sagt einer, der ihre grofsen Taten 
mit eigenen Augen gesehen hatte ^) — konnte jedem Feinde ohne 
Furcht begegnen. 



2. Kapitel. 
Michael der Tapfere und seine Ejriege. 

Und dieses alles ereignete sich zu einer Zeit, als an allen 
Grenzen die Möglichkeit eines erfolgreichen fremden Eingriffs be- 
stand und als nirgends ein starker Damm, der diesem auf und 
ab wogenden Strome menschlicher Kraft hätte Halt gebieten können, 
zu sehen war. Die türkische Macht war im Niedergang begriffen ; 

1) Hurmuzaki III\ S. 431: Jahr 1599. 



Michael der Tapfere uud seine Kriege. 91 

auf der Persönlichkeit des alles absolut regelnden Sultans allein 
lind auf etlichen althergebrachten gesunden Einrichtungen der 
grofsen Zeit ruhte das Geheimnis des osmanischen Glückes. Jetzt 
aber geboten entartete Menschennaturen im kaiserlichen Palaste 
des grofsen Welteroberers Soliman, Trunkenbolde wie Selim, wol- 
lüstige Feiglinge wieMurad, ewige Eindematuren wie Mohammed III. 
Die Janitscharen waren nicht mehr Christensöhne, denen mit 
ihrem Glauben auch alle Erinnerung an Heimat und Familie ge- 
raubt worden war; es waren jetzt Türken^ hauptstädtische Türken, 
ständige Gäste der Eahvenehs, der Ea£feehäuser, wo sie der Politik 
und dem Vergnügen lebten. Ebensowenig wie die Spahien, deren 
Lehen sehr oft den Frauen des Harems und unwürdigen Günstlingen 
geschenkt wurden, hatten sie Lust, gegen den Feind ins Feld zu ziehen. 
Der gewalttätige Wesier Sinan-Pascha mit dem eisernen Herzen 
hatte zwar 1593 nach dem langjährigen, energielos geführten per- 
sischen Elriege den türkischen Waffen neuen Glanz verliehen durch 
einen ruhmreichen Krieg gegen den verachteten christlichen Kaiser, 
den B^cs-Kirälj, aber auch diese Unternehmung zog sich ins Unend- 
liche; auf der einen wie auf der anderen Seite waren nur kleine 
Erfolge zu verzeichnen, so dafs der Sieg unentschieden blieb. In 
Siebenbürgen hatte Stephan Bäthory, der nachmalige König von 
Polen ; keinen würdigen Nachfolger zurückgelassen; sein Bruder 
Ghristophorus blieb jederzeit nur ein Schatten des grofsen polnischen 
Königs. Des Christophorus Sohn, Sigmund, war ein Bäthory nur 
hinsichtlich seines Ehrgeizes, seiner Titel- und Eroberungssucht; im 
übrigen nur ein lächerlicher Schwächling, der eine gute Jesuiten- 
erziehung genossen hatte, Lateinisch und Italienisch sprach und 
schrieb, der komponierte, in Salonspielen glänzte und auf dem 
Paradepferde den neuen Achilles vorstellte, aber kein Fürst, kein 
Krieger, kein Politiker und, was sein Unglück besiegelte, kein Mann. 
Viele von den siebenbürgischen Grofsen, wie Balthazar Bäthory, 
Sein Vetter, oder Stephan Josika, ein Rumäne von Geburt, strebten 
selbst nach der fürstlichen Macht, und, als Sigmund, veranlafst 
durch die Predigt seiner Priester und Günstlinge, sich für die 
Christen und gegen die Heiden erklärte, wie die ehemaligen grofsen 
Könige in Ungarn, da bildete sich eine starke Partei, um ihn vom 
Throne zu stürzen. Er floh, kehrte aber zurück und übergab 



n 2. Kapitel. 

Bchliefslich im Herbste 1594 seine Gegner dem Henker. So er- 
freute er sich des Hasses vieler Magnaten, aber auch die sächsischen 
Städte, die unter den Lasten des Krieges seufzten, verlangten nach 
einem besseren deutschen Regimente, während die als Jobagien 
unterdrückten Rumänen Qott um einen Retter aus ihrem Blute 
anflehten. Sigmund hatte sich durch zwei förmliche Verträge vom 
Mai und Juni 1595 der Hilfsbereitschaft seiner „ transalpinischen '^ 
Nachbarn versichert, aber er genofs nicht lange das Glück,. 
„Fürst von Siebenbürgen, der Walachei und Moldau '^ genannt zu 
werden, denn bald nachdem man seine Siegesberichte über den 
walachischen Zug und die kleinen Kämpfe gegen die türkischen 
Festungen im Banate vernommen hatte, verriet er seine Schwäche 
sowohl seinen Widersachern als auch den harmlosen einstigen Be« 
wunderern seiner Gröfse. 

Die Moldau war seit zwei Jahrhunderten das stärkere rumä- 
nische Fürstentum : noch unter Rare^ und unter Läpu^neanu erschien 
sie gegenüber der Walachei eines Mircea Ciobanul und seiner Sohne 
als solches. Peter ^chiopul und lancu Sasul jedoch drückten die 
Moldau auf die Stufe des benachbarten Landes herab : die Bauern 
verarmten und verlernten zu kämpfen; die Kosaken verheerten 
die Felder, und ungeheure Summen mufste das Land aufbringen, 
um sie nach Konstantinopel zu senden. Endlich — und dies ist 
die Hauptursache für den Niedergang der Moldau — verschwand 
bei Hofe und in den Amtern und Würden seit den Tagen des 
Peter Rarei^ bereits das alte einheimische Bojarentum; die bisher 
einflufsreichen Leute zogen sich verdrossen auf ihre Besitzungen 
zurück und sanken fast auf die Stufe des Bauern herab. Die 
neuen Bojaren waren Levantiner, Griechen oder Emporkömmlinge, 
die keine Tugend auszeichnete. Die wenigen Angehörigen der 
alten Geschlechter, die sich zunächst noch fanden, waren zu un- 
ruhig und zu sehr zur Untreue geneigt, als dafs man sie hätte 
länger im Dienste des Landes dulden können. So wanderten sie 
in Masse aus, wenn ein unbeliebter Fürst aus Konstantinopel kam 
oder wenn ein bereits eingewöhnter Herrscher die unheilvollen 
Pfade der Erpressung und Anmafsung betrat. Die neue Heima^ 
die sie aufsuchten, war Polen. Hier gewöhnten sie sich an einen 
verderblichen Luxus, nahmen fremde Sitten an und spotteten über 



Michael der Tapfere und seine Kriege. 9S 

die heimatliche ;, Barbarei ^'^ anstatt zur Besserung der heimischen 
Zustände beizutragen. Für Aufstände allerdings waren sie stets 
zu haben, und als nach dem Ende des Jeremias Movilä; dem seines 
Rruders Simion und seines Sohnes Konstantin die Movileftl von 
den Türken ; die sich endlich einmal aus ihrer bisherigen Gleich- 
gültigkeit aufrafften, verjagt wurden (1616), und tüchtige Diener 
des Kaisers aus der Hauptstadt erschienen, da hatte Stephan Tom^ a, 
ein Krieger von Beruf und zugleich ein hartherziger Greis, viel 
mit ihren von Polen her gesponnenen Ränken und Verschwörungen 
zu tun. Um sich selbst und dem Kaiser, aber, wenn man die 
letzten Folgen betrachtet, nicht auch dem Lande einen Dienst zu 
erweisen, folgte Stephan dem bewährten Beispiele des Mircea Cio- 
banul und machte durch mitleidlose Hinrichtungen den alten Bo- 
jarenhäusem ein Ende. Von nun an lag die Verwaltung der 
Moldau in den Händen neuer Bojaren oder Fremder; ja lordachi 
Kantakuzinos schien das ganze Land kaufen zu wollen! 

Schon unter Aron, dem Nachbarn und Zeitgenossen des hoch- 
begabten, energischen und tollkühnen walachischen Fürsten Michael, 
der poetische Eroberungspläne hegte und seinen Beinamen ,yder 
Tapfere'^, Viteazul, wohl verdient hat, w^r die Moldau keines- 
wegs mehr mit der Walachei, wo doch wenigstens die oberen 
Schichten blühten, zu vergleichen. Jenseits des Dnjestr war sich 
das altehrwürdige Königreich Polen, von dem die Moldau vordem 
lehnsrührig war, durchaus nicht mehr seiner Vergangenheit be- 
wu&t. Der König, ein Fremder, der seine Heimat nicht vergessen 
hatte, jener sanftmütige Schwede Sigismund III. reiste zu viel nach 
Hause, wo er sich um sein Erbe kümmern mufste; die Edelleute 
waren in zwei Parteien gespalten, je nachdem sie fiir oder gegen 
den grofsen Hetman und Kanzler Jan Zamoyski Stellung nahmen, 
und schienen nur für den inneren Hader zu leben. Von den 
„ Rechten ^^, die das Reich jenseits der westlichen Grenze be- 
anspruchen konnte, war durchaus nicht mehr die Rede, denn 
damit hätte man den Türken, den guten Freund und schützenden 
Gott, verletzt Und schliefslich verbot auch die Furcht vor den 
Tataren den Polen jede tatkräftige Politik. 

So hatte denn der walachische Michael, der Sohn des guten 
Petra^cu und Bruder des eleganten Peter Cercel, kraft der ihn 



94 2. Kapitel. 

umgebenden Verhältnisse die Möglichkeit, mit dem Schwerte in 
der Hand seine blendende Epopöe zu schreiben. Sie währte sieben 
Jahre und ist innigst mit der Liebe der Rumänen für ihren Stamm 
verknüpft. Viel Grofsartigesi Herzerhebendes liegt darin, sicherlich 
mehr als in irgendwelchen anderen Ereignissen der rumänischen 
Qeschichte, denn Stolz und Schmerz, Trauer und Hoffnung erweckt 
diese tiefe menschliche Tragödie im Herzen dessen, der sie an- 
hört. Aber wenn man die Folgen betrachtet, so entsprechen sie 
doch der grofsen Ursache nicht. Die Laufbahn Michaels ist nichts 
mehr und nichts weniger als das glänzende Intermezzo eines ver- 
einzelten Helden, der Tatenkreis einer zahlreichen Paladinenschar, 
deren Herkunft kaum in den Söhnen, aber sicherlich nicht in den 
Enkeln wiederzuerkennen ist. So mufs denn auch derjenige, der 
die Entwickelung des rumänischen Volkes beschreibt, seinen Emp- 
findungen zum Trotze, einen bescheidenen Mafsstab an Ereignisse 
anlegen, die an sich eine gröfsere Bedeutung beanspruchen könnten. 
Im September des Jahres 1593 erhielt Michael die Fürsten- 
würde aus den Händen seiner Freunde, des englischen und des 
transsilvanischen Gesandten bei der Pforte, wie auch des Androni- 
kos Kantakuzinos. Seine erste Aufgabe war, während des kaiser- 
lichen Krieges in Ungarn sein möglichstes oder vielmehr unmögUche» 
zu leisten. Er wählte sich einen Rat aus bescheidenen, älteren Bo- 
jaren und schrieb die aufserordentlichen Abgaben aus: bir für den 
Kaiser, für das Präsent, für die Forderungen des Grofswesiers und 
für die Vorräte des kaiserlichen Heeres. Er erfreute sich der Um- 
gebung laut schimpfender, schändender und schlagender Türken, die 
gebieterisch die Bezahlung neuer und alter Schulden forderten. Da- 
gegen bäumte sich jedoch sein Stolz auf; er sah ein, dafs zuletzt die 
Absetzung oder die Flucht seiner warten würde, und fühlte sich zu 
Besserem berufen. Obwohl die Deutschen mit ihm nichts zu schaffen 
haben wollten und der Agent Rudolfs H.^ der mit Aron im August 
1594 einen Vertrag geschlossen hatte, worin von gegenseitiger Hilfe, 
Zufluchtsgewährung iur den Moldauer in Unglückszeiten und künf- 
tiger Einverleibung seines Landes ins römische Reich die Rede ist, 
bei ihm, dem Verdächtigen, nicht vorsprach, schickte er seine Ver- 
trauten, die kühnen Brüder Buzescu, Radu und Stroe, nach Sieben- 
bürgen und in die Moldau; ja, er fafste den Entschlufs, gemeinsam mit 



Michael der Tapfere und seine Kriege. 96 

den übrigen Christen den Ungläubigen den Krieg zu erklären. Etwas 
früher noch als sein Nachbar Aron, mit dem er den Plan verabredete; 
überlieferte er seine türkischen Gäste ^ die täglichen Plagegeister, 
dem Schwerte und den Flammen. Das geschah im November 1594. 

Jetzt standen ihm aufser der aufgebotenen Mannschaft des 
Landes ein kleines siebenbürgisches Hilfskorps und etliche tausend 
Kosaken zur Seite. Letztere waren gegen die Türken ausgezogen, 
hatten Aron ihre Dienste angeboten, ihn dann ausgeplündert und 
endlich, aber erst nach dem Blutbade von Jassj, wirklich unter- 
stützt. Von der Moldau und von der Walachei aus werden die 
türkischen Grenzfestungen am Dnjestr und an der Donau energisch 
und tapfer, aber ohne die notwendigen Geschütze, angegriffen. Die 
Empörer erscheinen zu Giurgiu, Flocl, Hir^ova, Silistrien, Svistov 
und Rahova, brechen den Widerstand der kleinen türkischen Be- 
satzungen, können sich jedoch nirgendwo dauernd halten : was sie 
einnehmen, das brennen sie auch nieder, aber der Sturm auf 
jede starke Burg ist vergeblich. 

Der Sultan ernannte nun zwei neue Fürsten: Bogdan, den 
Sohn des lancu Sasul, für die Walachei und Stephan Surdul für 
die Moldau. Im Januar 1595 schon war ein asiatischer Pascha 
und der aus Ungarn herbeieilende Janitscharen-Aga in Rustschuk 
gemeinsam mit dem jungen Bogdan- Vodä zum Einfall in die Wa- 
lachei bereit, und ebenfalls aus Ungarn, wo sie ihr Winterquartier 
aufgeschlagen hatten, rückten auf ihren schnellen Pferden die Ta- 
taren an, um den empörten kaiserlichen Vasallenstaat durch Ver- 
wüstung zu bestrafen. Gegen diese Eindringlinge liefs Michael 
seine rumänischen Truppen ausziehen, die dann auch durch zwei 
Schlachten die Wüstensöhne zerstreuten. Zum dritten Zusammen- 
treffen erschien Michael persönlich, schlug den Khan und seine 
türkischen Helfer vollständig, überschritt die Donau auf dem Eise 
und scheuchte die Osmanen aus ihrem Lager auf^ so dafs sie sich 
auf den Weg nach Konstantinopel machten. Das Land war jetzt 
von der drohenden Gefahr befreit; die „Ungarn^' Michaels boten 
nunmehr Aron die Hand, so dafs dieser sich des ^tefan-Vodä ent- 
ledigen konnte. Darauf nahmen die walachischen Truppen die 
reiche Handelsstadt Bräila ein und machten dort reiche Beute. 
Der Fürst der Moldau hatte Bender den Kosaken überlassen, er 



96 2. Kapitel. 

selbst aber ging; allerdings ohne Erfolge gegen Akkerman vor. 
Nach seinem Kückzuge gelang es seinem Hatman Räzvan, einem 
halben Zigeuner, Ismail in seine Hände zu bekommen. Sigmund 
Bäthory, der sich und sein Oebiet dem Kaiser unterworfen hatte 
und ein Vasallenkönigreich an der Donau bilden wollte — gerade 
zu der Zeit, als er die Erzherzogin Maria-Christiema als Braut 
heimführte — , liefs den unfähigen Aron gefangennehmen und 
verlieh die Moldau an Räzvan, der nunmehr ^tefan-Vodä heifst. 
Mit Michael und Stephan schlofs er Verträge ab, in denen die von 
den Türken bedrohten Fürsten sich zu allem bereit finden lassen 
mufsten: sie sollten fortan nur die „ Hauptleute ^^ ihres sieben- 
bürgischen Schutzherm sein, alle Rechte und alle Einkünfte ver- 
lieren und nur die Verweser eines Gebietes darstellen, das aus- 
drücklich mit dem Staate Bäthorys „vereinigt '^ wurde. 

Aber die versprochene Hilfe blieb aus, und der Grofswesier 
benutzte statt der breiten, gewöhnlichen Strafse von Belgrad nach 
Ungarn die seit langer Zeit nicht mehr betretene nach Rustschuk. 
Konstantinopel konnte verhungern, dem türkischen Lager in Ungarn 
•drohten Not, Seuchen, Empörung und Niederlage, kurz, die Donau- 
länder mufsten aufs neue erobert werden. 

Etliche Wochen lang — unterdessen ward der neue Grofs- 
^wesier Ferhad durch den alten Sinan ersetzt — blieben die Türken 
in ihren bisherigen sehr ausgedehnten Quartieren. Dann rückten 
sie unter der Führung des greisen Helden über die Brücke, die 
Rustschuk mit der gegenüberliegenden Donauinsel und diese mit 
der türkischen Festung Giurgiu verband. Michael dagegen be- 
setzte den engen Pafs von Cälugärenl, der am Ufer eines wenig 
tiefen Baches inmitten morastiger Gegend liegt, denn hier mufste 
Sinan durch, wenn er nach Bukarest wollte. Am 23. August 
entspann sich hier auch wirklich ein heftiger Kampf; dreimal 
wurden die Christen von den Türken, die sich in grofser Überzahl 
befanden, zurückgedrängt; endlich drang Michael selbst, um den 
-Seinigen den Weg zu zeigen, mit dem Schwerte eines Soldaten 
in der Hand, mitten unter die Feinde, die vor ihm zurückwichen. 
Dem Helden folgten zahlreiche Genossen, während die sicher 
tre£fenden Kanonenkugeln eine Bresche in die Türkenmasse legten, 
^chliefslich mufsten die Türken jenseits des Passes bleiben, da sie 



Michael der Tapfere und seine Kriege. 97 

ihn Dicht zu nehmen vermochten. Sie liefsen auch das stark ge- 
schwächte Heer Michaels bei seinem Rückzüge g^en das Gebirge 
unbehelligt, drangen langsam vor und befestigten die neue und 
die alte Hauptstadt, Bukarest und Ttrgovi^te, indem sie zugleich 
das Land nach türkischer Art einrichteten. Jedoch die Tataren 
erschienen nicht, wie es der Grofswesier erwartet hatte. Der klügste 
und mächtigste Mann in Polen, Zamoyski, benutzte dagegen ihre 
Annäherung, um an Stelle des zum Kriegsschauplatz eilenden Stephan 
den gefügigen Jeremias Movilä, einen Mann, der bisher als Fremd- 
ling in Polen lebte, zum Fürsten der Moldau zu machen. Dies 
geschah im August 1595. Als die Tataren wirkUch ins Land 
drangen und auch einen tatarischen Pascha, der künftig Herr 
der Moldau werden sollte, mitbrachten, zwang sie der Kanzler auf 
dem Felde von T^\i\ora, unterhalb Jassj zum Rückzug. Sinan 
glaubte jetzt, nicht mehr 'auf die Ankunft des Siebenbürgen 
warten zu können, und als dieser wirklich nebst Michael und dem 
flüchtigen Stephan vom Gebirge herabstieg, stiefs er in Tirgovifte 
nur auf geringen Widerstand, der bald gebrochen wurde. In 
Giurgiu trafen die Verbündeten noch die Türken, die den Flufs 
noch nicht überschritten hatten, und viele von ihnen büfsten die 
verfehlte Unternehmung Sinans mit dem Leben ; im Sturme wurde 
die Festung Giurgiu genommen und dann zerstört. 

Dadurch erst bekam Michael wieder freie Hand, und nun 
rifs er sich auch sofort von den Fesseln des Vertrags los, den er 
vor kurz^oa beschworen hatte. Trotz alledem war seine Stellung 
ungemein g^hrdet; denn das Land war vollständig verwüstet, 
und in der Moldau, wo ein Angriff Stephans mit siebenbürgischer 
Hilfe völlig mifslang, so dafs dieser selbst auf dem Pfahle endete, 
geboten trotz des Wehgeschreis, das die siebeinbürgische und kaiser- 
liche Diplomatie erhob, die Polen; der Schattenfürst Jeremias 
war ja nur ihr Werkzeug. Sigmund zeigte sich bald absolut un- 
:^hig, das Begonnene weiterzuführen; besonders seitdem er 1596 
zusammen mit den Deutschen von den Türken bei Keresztes ent- 
scheidend geschlagen worden war und ihm seine Heirat bittere 
Sorgen verursachte, war er entschlossen, um jeden Preis die Tragi- 
komödie seiner kriegerischen Laufbahn zu beenden; deshalb ver- 
nichtete er auf Siebenbürgen als einen unnützen, gefährlichen Besitz. 

Jorga, Gescliichte der Bnmänen. II. < 



98 2. Kapitel. 

Der Sieger von Cälugärenl war fortan vollauf beschäftigt^ wenn er 
das Land an der Donau im Zaume halten, die gegen ihn, den fürst- 
lichen Unruhestifter, gerichteten Ränke der Bojaren enthüllen und die 
Provinz von den Tatarenschwärmen säubern wollte. Endlich, im Jahre 
1598, trat Sigmund seine Erbschaft dem Kaiser für zwei schlesische 
Herzogtümer ab. Damit aber brach für Michael eine neue Zeit an. 

Die slavischen Christen des Balkans, die den Buhm des wa- 
lachischen Erlösers oftmals mit der Einäscherung ihrer Dörfer be- 
zahlt hatten, waren ihm dennoch treu ergeben, besonders die Mit- 
glieder des hellenisierten Klerus und die kampflustigen Heiducken, 
die in seinen Dienst traten. In ihrer Demütigung und Bedrängnis 
hofilen diese armen Leute, sie würden unter dem Schutze seine» 
starken Armes das Kreuz bei sich wieder auftichten können; ja, 
man sprach sogar von einer Eroberung Konstantinopels! Solche 
Pläne hegte wohl auch Michael, aber er besafs doch nicht die 
Macht, um den Ort zu bestimmen, wo er Schlachten schlagen 
wollte. Wenn die Kaiserlichen, denen er feierlich und mit auf- 
richtigem Herzen am 9. Juni in Tirgovi^te Treue schwur, in Sieben- 
bürgen geblieben wären, wenn sie ihm pünktlich die Hilfsgelder 
gezahlt und die „ schweren ^^ Soldaten geliefert hätten, hätte er ge- 
wifs einen Angriff auf die Balkanhalbinsel unternommen. Aber 
selbst dann wäre die polnische Gefahr in der Moldau für ihn be- 
stehen geblieben, und deshalb wollte er sich des Jeremias, der alle 
Machenschaften gegen ihn begünstigte, um jeden Preis entledigen! 

Die Kaiserlichen nahmen in Siebenbürgen eine unsichere Stellung 
ein: Rudolf II. wollte seinen Bruder Maximilian als Gubemator 
einsetzen ; jedoch um diesen erwählten polnischen König geziemender- 
weise einzuführen, brauchte man Geld, und in Prag gab es Geld 
ebensowenig wie in Wien. Unterdessen regierte die Erzherzogin 
Maria- Christierna mit drei Kommissaren ; dies war der frühere Ge- 
sandte in Konstantinopel, Pezzen, ein Bischof und der Humanist 
Nikolaus Istvänffy. Der Krieg mit den Türken bedrohte die 
Grenzen. Sigmund, der die erwartete Befriedigung seiner krank- 
haften Eitelkeit in Schlesien nicht gefunden hatte, erschien plötzlich 
vor den Mauern Klausenburgs, wurde von der Besatzung und von 
der Stadt aufgenommen und begann, während erden Kaiservergebens 
zu beschwichtigen suchte, ernste, auf Unterwerfung abzielende Ver- 



Michael der Tapfere und seine Kriege. 99 

handlangen mit den Türken, die auf seinen Wink sogar vor 
Grofswardein erschienen , um diese bisher kaiserliche Festung 
ihm zu übergeben. Doch dieser Versuch, die westliche Grenze 
wiederzugewinnen, schlug fehl. Dem Hofe zu Pilsen, wo Rudolf 
residierte, bot Sigmund nochmals die Abtretung seines Erblandes, 
das er jetzt als Usurpator besetzt hielt, an und fand eine nicht 
völlig ablehnende Haltung. Ja, seine Bevollmächtigten waren der 
endgültigen Begelung der heiklen Sache schon ziemlich nahe, 
ab Sigmund, der sein immännliches Wesen nicht ablegen konnte, 
von einer neuen Laune überfallen, seinen Vetter, den Kardinal 
Andreas, einen Schützling Zamoyskis, aus Polen herbeirief und 
ihn im Frühling 1599 zu seinem Nachfolger erwählen liefs. 

Michael war von Anfang an wütend über die Rückkehr des 
unfähigen Nachbarn, der es lediglich fertig brachte, ihn den Türken 
als Opfer der Versöhnung auszuliefern. Aufserdem ward ihm vom 
kaiserlichen Hofe und von der oberungarischen Residenz Erzherzog 
Maximilians mit mehr oder weniger klaren Worten bedeutet, dafs 
ein walachischer Einfall besser als alle Verhandlungen zur Lösung 
des siebenbürgischen Knotens beitragen würde. Er nahm deshalb 
Kosaken in Sold, beschäftigte aber sein Heer, um einen günstigen 
Augenblick abzuwarten, vorderhand mit einem Zuge auf das andere 
Ufer der Donau gegen die Paschas, die ihn verjagen wollten. So 
vereitelte Michael die Belagerung von Grofswardein ; zugleich aber 
forderte er seinen Suzerän zu einem energischen, entscheidenden 
Eingreifen auf. Der „polnische" Andreas, der bisher christliche 
Politik nicht getrieben hatte, und dem seine kirchliche Würde 
trotz seiner Jugend nur mit Rücksicht auf den König Stephan 
zuteil geworden war, zeigte sich beinahe offen als Türkenfreund 
und benahm sich gerade in diesen Tagen sehr hochfahrend gegen 
die Walachei, die er als „sein Land" betrachtete. Michael, der 
sich auch einigermafsen auf orientalische Kniffe verstand — war 
doch der grofse Ban Jani ein Verwandter seiner Mutter — , be- 
achtete dieses alles scheinbar nicht und schwur sogar im Jahre 
1599 dem bösen „Popen" heuchlerisch Treue, liels aber dem Kaiser 
immer wieder seinen Wunsch, Siebenbürgen für „Seine Majestät" 
zu erwerben, zu Ohren kommen. Viele wünschten einen kombinierten 

Angriff auf Andreas durch Michael und den kaiserlichen General 

7* 



/H'^^Ä^n 



100 2. Kapitel. 

G^org Basta^ der zu Kaschau die Truppen befehligte; aber der 
Beginn neuer Verhandlungen mit den Türken sowie die An- 
kunft des päpstlichen Nuntius, der am Hofe des Andreas als 
Beschwichtiger auftrat; vereitelten den Plan. Im September ver- 
suchte Michael vergebens, Basta durch das falsche Gerücht seines 
Einfalls in Siebenbürgen in Bewegung zu setzen. Länger aber 
konnte er nun unmöglich warten, denn Andreas, der Moldauer 
Jeremias und nicht zuletzt die Türken waren bereit, ihn zu ver- 
jagen. Er mufste ihnen zuvorkommen, brach mit 30000 Mann 
auf, überschritt das Gebirge und traf den Kardinal in der Nähe 
von Hermannstadt. Mutig wagte er die Schlacht, stellte die Ord- 
nung in seinen schon einmal wankenden Reihen wieder her und 
entschied durch eine letzte Anstrengung seiner Kosaken und pol- 
nischen Reiter den Tag. Einige kleine Abteilungen aus Ungarn unter 
Stephan Bocskai, auch Deutsche unter Basta kamen ihm nachträglich 
zu Hilfe, aber er konnte sie nicht mehr verwenden, weil ihm das 
ganze Land offen stand, und sich ihm die sächsischen Städte freudig 
unterworfen hatten; ihm, dem „kaiserlichen Rate, Stellvertreter in 
Siebenbürgen und General- Obristen jenseits Siebenbürgens und der 
dazu gehörigen partes'^, denn diesen Titel führte Michael vom 
ersten Augenblick an. Nach wenigen Tagen überreichte man ihm 
auch in Weifsenburg, wo er seine Residenz aufschlug, den Kopf 
des von Szekler Hirten auf seiner Flucht erschlagenen Kardinals. 

Für Michael gab es nur eine einzige Politik, und für die 
Kaiserlichen ebenfalls, und es mufs anerkannt werden, dafs der 
„ Barbare'' seine Aufgabe besser verstand als die feinen, gelehrten 
Leute am Hof und in den Kanzleien zu Prag und Wien und sie 
auch zielbewufst zu lösen versucht hat. 

Die Sachsen waren im Herzen kaiserlich, weil sie deutsch 
waren ; die Szekler hafsten die Bdthory, die ihre alten Privilegien 
vernichtet hatten, und waren auch schon daran gewöhnt, den 
Triumphzug walachischer „Vaiden " zu eröffnen. Die rumänischen 
Bauern bildeten die Mehrheit der Landeseinwohner, eine über- 
wiegende Mehrheit sogar ; sie waren nach unseren heutigen klareren 
Begriffen für Michael Brüder, doch dieser selbst hatte für dieses 
Verhältnis nur ein unbestimmtes Gefühl. Als diese armen Jobagien 
hörten, dafs ein Domn ihres Stammes das Banner der ungarischen 



Michael der Tapfere und seioe Kriege. 161 

Herrschaft siegreich in einer blutigen Schlacht zu Falle gebracht 
hätte ^ da empörten sie sich überall und schrieen wild und yer- 
zweifelt nach Gerechtigkeit zum Himmel und zu ihrem Domn, 
den ihnen der gütige Himmel gesandt hatte. Sie brannten die 
Schlösser der Ungerechtigkeit nieder und verjagten die sie be- 
drückenden Herren von gestern. Aber der Eroberer, selbst wenn 
er seiner Zeit an Kühnheit der politischen Begriffe vorausgewesen 
wäre, durfte diesem schmerzeriUllten wilden Geschrei, das aus der 
Tiefe eines unverdienten Unglücks hervordrang, kein Gehör schenken. 
In der Tat besafsen diese Hunderttausende fleifsiger Dorf- 
bewohner nicht die geringste politische Macht innerhalb des Fürsten- 
tums Siebenbürgen, denn wie der Boden, den sie bebauten, gehörten 
sie selbst ihren ungarischen und sächsischen Herren zu eigen. Im 
Stande des Jobagientums hatten sie aufgehört, eine, sei es auch noch 
so bescheidene Geschichte zu besitzen. Alles, was sich über sie seit 
dem Verfalle ihrer militärischen Organisation und den Tagen der Vi- 
tezen Hunjadys sagen läfst, ist nicht in ihrer Mitte entsprungen, 
sondern muis als fremder, erfolgloser Einflufs bezeichnet werden. 
So wurden für ihre Priester — die Kosten trugen Sachsen und Un- 
garn, die Geld und daneben Gewinnung der irregeleiteten Seelen 
für die Eirchenreformation, für das reine Christentum erhofften — , 
von dem walachischen Diakon Coresi und anderen Buchdruckern 
viele rumänische Bücher gedruckt, vom Hermannstädter Katechis- 
mus von 1544 an bis zum Alten Testamente von 1582. So er- 
hielten diese armen, ungelehrten Geistlichen, diese verachteten Popen,, 
die gemeinsam mit ihren Pfarrkindern zu harter Arbeit auf fremdem 
Boden verpflichtet waren, alles, was sie brauchten, um aus ihrer 
geistlichen Herde rumänische Protestanten, sei es im sächsisch- 
lutherischen, sei es im ungarisch-calvinischen Sinne, zu machen ^ 
sie erhielten das Evangelienbuch, dessen Erklärung, die Apostel- 
geschichte, den Molitvenic und den Psalter ^). Aufserdem setzte 
um 1560 Johann Sigmund Zäpolya den bekehrten Priester Georg^ 
von Singiorz als ersten staatlich anerkannten Bischof für alle sieben- 
bürgischen „Walachen'' ein; ihm folgten, ihre armselige Residenz 
fast täglich wechselnd, die beiden Bischöfe Torda^i, und nach ihnen^ 
vielleicht auch noch gemeinsam mit dem letzten dieser beiden, 
1) S. die letzten Seiten des ersten Bandes. 



103 2. Kapitel. 

wirkte der Bischof Spiridon. Sie alle förderten den Druck gottes- 
dienstlicher Bücher y die sie selbst durchsahen ^ hielten Synoden, 
predigten und visitierten; doch alles ohne Erfolg. Die ,, dummen^' 
walachischen Popen wollten nicht verstehen, dafs ihre Herren ihnen 
auch auf diesem Gebiete befehlen sollten ; sie blieben bei der alten 
Überlieferung; lasen ; so schlecht sie es konnten, in slaviscben 
Büchern, die sie nicht verstanden, und blieben „rechtgläubig", wie 
ihre nach schwerer Arbeit entschlafenen Väter. 

Ausschliefslich darin besteht die Geschichte der siebenbürgischen 
Rumänen. Michael liefs sie und ihr Schicksal allerdings nicht 
völlig unbeachtet; vielmehr nahm er sich, wie die Beschlüsse der 
unter ihm gehaltenen Landtage beweisen, auch der bescheidenen 
Bauernpopen einigermafsen an. Aufserdem sorgte er dafür, dafs 
die walachische kirchliche Hierarchie auch die Rumänen Sieben- 
bürgens mit umschlofs. 

In den alten Zeiten hatte jedes hölzerne Klösterlein seinen He- 
gumen gehabt; solche Klostervorsteher wurden von der umliegenden 
Bevölkerung Vlädicl, Bischöfe, genannt, um von den fremden 
episcopi, die sich in irgendeinem Dorfe versteckten und ihren 
Erben auch den Titel nachliefsen, gar nicht zu sprechen. Durch die 
Frömmigkeit der benachbarten rumänischen Wojwoden, wie Stephans 
des Grofsen, Radu's de la Afuma^I, ^teföni^äs, des Petru Rares und 
seiner Söhne und der Zamfira, der Tochter des Moise-Vodä, wurden 
die gröfseren Klöster zu Vad, in dem Gebiete von Bistritz, zu 
Geoagiü (Felgyogy), unweit Weifsenburg, und zu Prislop im Haczeg- 
tale erbaut, unterhalten oder wiederhergestellt. In ihnen findet man bis 
gegen 1560 Bischöfe. Seitdem aber die reformierte Propaganda des 
Hofes rumänische Bischöfe für ganz Siebenbürgen ernannte, erstanden, 
und zwar schon unter Stephan Bäthory, auch orthodoxe Oberhirten für 
dasselbe Gebiet, wie Christofor, Eftimie und Ghenadie. Ihnen folgte 
in der Zeit Michaels loan, der ehemah'ge stare^ von Prislop. Noch 
vor dem Siegesjahre 1599 erbaute der walachische Fürst für diesen 
rechtgläubigen loan ein Jüoster in Weifsenburg selbst, auf dem Hügel, 
wo jetzt die Zitadelle Karlsburg, nach dem Kaiser Karl genannt, 
steht. In den Vertrag von 1595 hatte er übrigens die Klausel hinein- 
gebracht, dafs die siebenbürgische Kirche wie von alters her vom 
erzbischöflichen Stuhle in Tirgovifte abhängig sein solle. Nach 



Michael der Tapfere und seine Kriege. MS 

der Eroberung Siebenbürgens wurde nun loan als Bischof von 
Bälgrad ^ Vad^ Silvai^, Fägära^, Marmoros und ,;der ungarischen 
partes ^' anerkannt und fungierte von nun an öffentlich als Metro- 
polit Für Marmoros aber erhielt er einen Suffragan in der Person 
des gelehrten bisherigen Hegumen von Tismana, Sirghie mit 
Namen ^). Diese bedeutenden Einrichtungen für die Bildung einer 
geistigen und kulturellen Einheit des rumänischen Volkes — einig 
in Sprache und Sitten — - waren aber auch alles, was Michael für 
seinen in Siebenbürgen geknechteten Stamm tun konnte. Gegen 
die Jacquerie ergriff er sofort Repressivmafsregeln , und schon 
im November verkündete sein Ban Mihalcea öffentlich, dafs solche 
,y Räuber '', welche die Edelleute aus dem Lande jagen, nicht ge- 
duldet werden könnten *). 

Diese Edelleute hafsten ihn schon als kaiserlichen Statthalter, 
noch viel mehr aber als Walachen, als Blutsverwandten ihrer ver^ 
achteten Jobagien. Gerade deswegen mufste aber Michael alles ver- 
meiden, was ihnen Ursache zur Unzufriedenheit geben konnte; er 
verteilte deshalb die Güter der Verräter, die sich auch nach dem 
Tage von Hermannstadt noch nicht unterworfen hatten, unter die 
übrigen Edelleute, rief sie an seinen Hof und übertrug ihnen auch ver- 
trauliche Missionen, ja die Übermittelung wichtiger Befehle in der Wa- 
lachei, wo er seinen Sohn Nicolae-Vodä (Petra^cu) zurückgelassen 
hatte. Neben seinen Bojaren hatte er in dem Rate für Siebenbürgen 
den untreuen Bischof Näpragy, den lateinischen Bischof von 
Siebenbürgen, als Kanzler, den ehrgeizigen Bauernsohn Moses Szö- 
kely als Grofsgeneral, wie auch den Gaspar Kornis ^). Als er das 
Land auf einige Wochen verliefs, um in die Moldau zu ziehen, blieben 
als Verweser der Walache Mihalcea und der Ungar Wolfgang (Par- 
kas) Kornis zurück. Unter seinen Truppen waren die Ungarn sehr 
stark vertreten, und er glaubte auf ihren Eid fest bauen zu können. 



1) S. meine Säte ^i preo^I und Bunea, Vechile episcopil, Blaj, 1901; da- 
2\jl derselbe, lerarchia Bomäailor din Ardeal ^i üngaria (Blaj, 1904); meine 
Arbeit, Stefan-cel-Mare, Mihal Viteazul ^i Mitropolia Ardealolul, in den An. Ac. 
Eomäne (Bukarest, 1904). 

2) Hnrmuzaki XI, S. 501, nr. dccc. 

3) Doc. privit. la Petru Schiopul i^i la Mihal Viteazul, S. 57; Bogdan, 
im Prinos Sturdza, S. 160, 164. 



104 2. Kapitel 

Was seine auswärtige Politik betrifft; so wünschte Michael ge- 
wifs Siebenbürgen für sich zu behalten. Als sich Basta endlich, 
nachdem längst alles in Ordnung war, Anfang November zeigte, 
schickte er ihn mit harten, beleidigenden Worten zurück und 
äufserte, er hätte sich wohl etwas verspätet! Als dieser nämliche 
General kaiserliche Besatzungen nach den Grenzfestungen führte, 
da murrte der „Walache^^ laut und sagte, er wolle doch „das ganze 
Land dem Kaiser zurückgeben 'M Einen Erzherzog hätte er sicher- 
Uch ganz gern gesehen, und neben einem solchen, der ja voraus- 
sichtlich nur ausnahmsweise in Siebenbürgen Hof gehalten hätte, 
würde er sich nicht erniedrigt gefühlt haben. Jedenfalls war er 
bereit zur Anerkennung der kaiserlichen Oberherrschaft; er wollte 
gern dem Kaiser den Treueid leisten und das Land, das bereits vor- 
her diesen römischen Kaiser als Herrn anerkannt hatte, im Namen 
des Kaisers regieren. Er war bereit, sich immer als des Kaisers 
Stellvertreter zu betrachten, die österreichischen Interessen gegenüber 
den Türken, die er unter Entgegennahme ihrer Geschenke mit 
süfsen Worten meisterhaft abspeiste, zu vertreten, nicht minder 
gegenüber den Moldauern, die in Sigmund einen neuen Kandidaten für 
die siebenbürgische Herrschaft besafsen; ja, sogar gegenüber den 
Polen, um deren Krone sich der „erwählte König'' Maximilian be- 
mühte und unter denen er zu dem mächtigen Wojwoden Kiowski alte, 
freundschaftliche Beziehungen unterhielt. Alles wollte er zugestehen, 
nur wollte er fär sich und seinen Sohn die Gewifsheit haben, dafs 
sie in Siebenbürgen bleiben dürften, dafs man ihnen in Fägära^, Mar- 
moros oder anderswo einige Burgen als Zufluchtsstätten überlassen, 
dafs ihm der kaiserliche Stellvertreter nicht in sein Gehege kommen 
und der kaiserliche Hof ihn mit Geld und Truppen unterstützen würde. 

Die Minister in Prag hätten solche Bedingungen seitens des 
ungetreuen Kardinals mit Jubel angenommen, obwohl dieser för 
das Interesse Österreichs nicht das geringste geleistet hatte. Gegen- 
über dem „Walachen'' jedoch glaubten sie sich alles herausnehmen 
zu können. Anfangs liefsen sie ihm durch den Postmeister Carlo 
Magno einen günstigen Vertrag übermitteln, auf den Michael auch 
in den ersten Tagen des Jahres 1600 mit Vergnügen einging und 
den er in Gegenwart des bei ihm weilenden Erzbischofs Ralli 
von Tmowo, seines Hof kaplans, beschwor. Dann aber erschienen 



Michael der Tapfere und seine Kriege. 106 

bei ihm als Unterhändler und hinterlistige Spione die Ungarn 
David Ungnad, der ehedem gehofft hatte, in Weifsenbarg den Herrn 
spielen zu können , und sich nun ftir die Enttäuschung grau- 
sam rächen wollte , und der rauhe ^ aber biedere Ejriegsmann 
Michael Sz^kelj. Sie besafsen nur den Auflrag, die Regierung 
des Landes zu übernehmen , dag^en nicht den, mit dem ,yWa- 
lachen^' darüber zu verhandeln. Für diese höhere Mission war 
Dr. Pezzen, der ehemalige Gesandte in Eonstantinopel, ein hoch- 
fahrender Diplomat, auserkoren, der auch Geld bringen sollte: 
vier Monate Uefs er auf sich warten und setzte den armen, be- 
drängten „Vaida'^ allen Qualen der Erwartung aus. 

Ohne hinsichtlich der Verhandlungen mit dem Kaiser einer ge- 
sicherten Zukunft entgegenzusehen, mufste er dennoch im Mai 1600 
gegen die Moldau ins Feld ziehen ; denn solange Sigmund in dem 
Nachbarlande weilte, konnte man in Siebenbürgen unmöglich zur 
Ruhe kommen. Jereraias versuchte zwar die Pässe zu versperren, 
mulste aber selbst fliehen und begab sieh nach Hotin, um sich auch 
von dort rasch wieder zu entfernen. Michael bemächtigte ach 
jetzt der ganzen Provinz, legte eine Besatzung nach Suczawa, liels 
die Bojaren in Jassy den Eid der Treue schwören, eilte dann aber 
unerwartet und unvorsichtig zurück, um mit Pezzen, dem endlich 
an der Grenze stehenden hochgelehrten Doktor zu unterhandeln. 

Obwohl dieser voll schlechter Ahnungen gekommen war, ver- 
ständigte sich Michael bald mit ihm. Zur Annahme des Titels 
„Gubemator'^ war letzterer bereit, und stellte seinerseits nur einige 
Forderungen hinsichtlich des erblichen Besitzes der Burgen, der Bei- 
behaltung der alten Grenzen usw. Mit dem unterzeichneten Vertrage 
reiste der kaiserliche Bevollmächtigte nach Prag, und hier wurden 
am 12. September die Urkunden ausgefertigt. Für seine Lebenszeit 
war Michael als siebenbürgischerGubernator anerkannt, und auch sein 
Sohn war nicht vergessen; der Commissarius soll beständig neben 
den Wojwoden residieren; diese erhalten 100 000 Taler jährlich für ihre 
Dienste, sollen dagegen auf den Besitz der ungarischen Grafschaften 
bis zur Theifs und die bedeutendsten Schlösser im Banate verzichten ^). 

Damit wäre Michael gewifs recht zufrieden gewesen, aber 

1) Monumenta Comitialia TraDssylvaniae, IV, S. 539 f. Vgl. Hurrnuzaki, 
Xn, S. 1033, Anm. 1. 



10* 2. Kapitel. 

die gute Nachricht hat ihn vielleicht niemals erreicht. Zamoyeki 
und die Sigmund anhangenden Edelleute verabredeten nämlich 
einen gemeinsamen Angriff^ und während sich der polnische Kanzler 
von Tr^bowla aus in Bewegung setzte^ um Jeremias und Bäthory 
nach ihren Fürstensitzen zurückzuführen, empörte sich das sieben- 
bürgische^ gegen Sigmund angesammelte Heer, das in Thorda stand. 
Michael liefs die kaiserlichen Kommissarien und Basta dringend 
um Hilfe bitten. Sie kamen auch endlich, aber nur, um sich von 
den rebellischen Ständen den Treueid schwören zu lassen und die 
kaiserlichen Truppen, ohne Befehl dazu vom Hofe zu haben, mit 
ihnen zu vereinigen. Am Marcs, unweit Enyed, bei dem Dorfe 
Miriszlö, wurde Michael, der vergebens alle seine Kraft zusammen- 
nahm, um Zeit zu gewinnen, von der überlegenen Kriegskunst 
seines Gegners Basta, der ihm niemals verziehen hatte, besiegt; 
dies geschah am 18. September 1600. 

Er floh nach Fägära§, zog hier aus der Walachei etwa 10000 
tüchtige Soldaten an sich, hatte aber in Erwartung der kaiserlichen 
Antwort keine rechte Lust, sich nochmals in einen Kampf einzulassen. 
Hier erfuhr er, dafsZamoyski die Moldau alsTriumphator durchzogen 
habe und jetzt, da er die siebenbürgischen Verhältnisse als ge- 
ordnet ansah, mit einem Thronkandidaten, nämlich mit Simeon, 
dem Bruder des Jeremias, in die Walachei eingebrochen sei. Auf 
diese Nachricht hin gab der Besiegte von Miriszlö seinen Siegern alles, 
was sie verlangten; er liefs den geliebten Sohn und seine übrige 
Familie als Geiseln in ihren Händen und eilte über die Grenzpässe, 
um sein walachisches Land zu retten. Aller kaiserlichen Hilfe ent- 
blöfst, sah er sich einem Feldherm wie Zamoyski, dem aus- 
gezeichneten Schüler König Stephans, gegenüber, der über ein 
überlegenes, frisches, auserlesenes Heer gebot. Zwischen BuzätL 
und Ploie^tl, am Fufse des Gebirges, geschlagen, ward er von 
Simeon verfolgt, und dieser Schwächling hatte das Glück, den 
Helden bei Arge^ im Gebirge zu besiegen. Der grofse, unglück- 
liche Mann wählte den einzig möglichen Weg, der ihm offen stand, 
und dieser führte zum Kaiser. Einige Wochen später lief hier 
auch die* Nachricht ein, dafs die „Stände'^, die zum Landtage zu- 
sammengetreten waren, Basta höflichst dankend, zum dritten Male 
Sigmund zu ihrem Fürsten eingesetzt hatten. 



Michael der Tapfere und seine Kriege. 107 

Mit diesem Basta^ der ihn ins Herz getroffen hatte, gemeinsam 
bekam nun Michael den schönen Auftrags den elenden Bäthory 
wieder zu seinen polnischen Freunden zu jagen. Bald stand ein 
iziemlich grofses Heer, in dem sich allerlei Gesindel zusammenfand, 
unter dem Kommando des erprobten Feldherm. Basta und Michael 
gewannen durch den rachedurstigen Angriff des letzteren, welcher 
in wilder Jagd anstürmte, den Tag von Goroszlö im Juli 1601. 
Aber als es sich um die Fortsetzung der Operationen handelte, 
und der Hader wieder ausbrach, da führte eigenmächtig Basta 
den Schlag nach dem ihm aus den Niederlanden her gut bekannten 
spanischen Beispiele. Als Rebellen wollte er Michael festnehmen und 
liefs ihn dabei im Gemenge ermorden (19. August). Der Hof 
zu Prag hiefs die Untat keineswegs gut, aber bestrafte den Täter 
nicht dafür. Noch vor Ende des Jahres ward Sigmund Fürst 
von Siebenbürgen — jetzt zum vierten Male. Der den Ungarn 
verbalste „Mihäly Vajda" ruhte nun endlich von seiner schweren 
Arbeit aus; der des Hauptes beraubte Leichnam lag auf irgend- 
einem vergessenen Stücke siebenbürgischen Landes, jedenfalls in 
siebenbürgischer Erde, in der von seinem Stamm mit Blut ge- 
tränkten Erde Siebenbürgens, die auch er geliebt hatte. Das stolze 
Haupt aber, das fromme Hände entwendeten, ward in der 
Fürstengruft am Dealu geborgen, wo der rumänische Fürst dem 
christlichen Kaiser einst die unverbrüchlich gehaltene Treue ge- 
schworen hatte. 

Während dieser Kriege war infolge der durch sie gezeitigten 
Verhältnisse in der Walachei, aber auch in der Moldau eine Partei 
entstanden, die sich in ersterem Fürstentume auf das nationale 
Heer und das reich gewordene Bojarentum stützte und als Ziel 
-die oUgarchische Regierung, die Verteilung der politischen Macht 
unter die Bojarengeschlechter — diese besafsen ja den gröfsten 
Teil des heimatlichen Bodens — anstrebte, aufserdem aber auch 
eine neue staatsrechtliche Stellung für ihr Land forderte: die tat- 
'Sächliche, wenn nicht formelle Lostrennung von der Türkei und 
vasallitische Unterordnung unter die benachbarten Christen. Für 
die Walachei kamen die Kaiserlichen, für die Moldau die Polen 
in Betracht, für beide das neu errichtete, freie Fürstentum Sieben- 
bürgen. In der Walachei war die Partei stärker, und die von 



108 2. Kapitel. 

ihr vertretene Richtung läfst sich noch bis sehr spät verfolgen; 
in der Moldau war dieselbe Strömung von geringerer Bedeutung und 
dauerte auch nur kürzere Zeit. 

Als Michael im Lager von Thorda ermordet wurde, herrschte 
in der Moldau Jeremias als Stellvertreter des polnischen Kanzlers. 
Denn auf die Nachricht, dafs sich ihr ruhmreicher Feldherr wieder 
mit dem Kaiser versöhnt habe und jenseits der Theifs erschienen 
sei, hatten die walachischen Bojaren der Kriegspartei Simeon verjagt, 
und dieser hatte sich auch durch Hinrichtungen nicht mehr retteik 
können. Nach dem Tode seines Gegners kam er jedoch zurück, 
und seinen Moldauern und Polen gelang es, nicht nur den von 
der Pforte gesandten Badu Mihnea, sondern auch den von den 
Emigranten erwählten ehemaligen Ratgeber Michaels, ^erban, der 
durch seine Mutter zur alten Dynastie gehörte und jetzt als neuer 
„Radu^^ zum Fürsten ausgerufen worden war, fernzuhalten. Der 
türkische Schützling konnte sich nicht behaupten, aber der zweite 
Radu, ein schon älterer Mann und ein guter, mutiger Soldat, hatte 
mehr Glück, denn er besafs die dazu nötige innere Kraft. Er 
regierte beinahe zehn Jahre lang, trotz der Türken, die er in ihren» 
eigenen Gebiete aufsuchte, indem er Silistrien, Bräila und die 
Dobrudscha beunruhigte, und von denen er dennoch unaufrichtig 
die unaufrichtig dargebotene Belehnungsfahne nach einigem Bedenken 
annahm; trotz der Tataren, die, mit ihrem Khan an der Spitze^ 
1602 ungewöhnlich zahlreich erschienen, ohne die meisterhaft be- 
festigten Schanzen, hinter denen sich auch ein starkes kaiserUcbes 
Hilfskorps von Deutschen und Wallonen befand, erstürmen zu 
können; trotz Simeon endUch, der nach seinem mifslungenen Ein- 
falle nicht mehr als Kronbewerber auftrat. Als sich 1603 der 
tapfere Moses Szökelj nach dem Rücktritte Sigmunds zum Fürsten' 
von Siebenbürgen aufwarf, leistete Radu den Kaiserlichen einen^ 
wesentlichen Dienst ; er drang nämlich mit einem stattlichen Heer 
von Bojaren und Söldnern in Siebenbürgen ein und besiegte in 
der Nähe von Kronstadt im Juli den Usurpator, der auch sein 
Leben verlor, vollständig. Der Kaiser schickte ihm darauf eine 
Fahne zum Zeichen der Belehnung und ein schönes Diplom, ver- 
sprach ihm auch jährliche Geldunterstützung, aber Radu erkannte 
seine wahren Absichten zu gut und verzichtete darauf, den Don 



Michael der Tapfeie und seine Kriege. 109 

Quixote zu spielen. Während er noch von Simeon bedroht war^ 
unterzeichnete er 1605 einen ehrlichen Vertrag mit dem alten, 
klagen Stephan Bocskay, der König von Ungarn und zugleich 
Fürst von Siebenbürgen geworden war. Als dann ein anderer 
alter Mann^ sein ehemaliger Gefährte in den siebenbürgischen 
Wirren aus der Zeit Michaels , dem zu früh für seine Nation ge- 
storbenen Bocskaj folgte, schlofs Radu auch mit diesem neuen 
Fürsten Sigmund Räköczy ein freundschaftliches Bündnis (1607). 
Nachdem Jeremias in der Moldau gestorben war und Simeon 
einen Thron aufserhalb der Walachei bestiegen hatte, waren die 
Beziehungen zur Moldau viel bessere geworden. Übrigens starb 
der neue Moldauerfürst schon bald, durch die Witwe seines 
Bruders vergiftet, und es entspann sich nun ein heifser Kampf 
am die Nachfolge zwischen beiden Fürstinnen und ihren Söhnen, 
während dessen sich die Walachei der Ruhe erfreute. Den sieg- 
reichen Konstantin, den Sohn des Jeremias und Fürsten „von Gottes 
Gnaden, wie auch Seiner Majestät des türkischen Kaisers, und mit 
der Einwilligung Seiner Majestät des gnädigen Königs von Polen ^', 
betrachtete Radu wie seinen Sohn. Mit dem jungen Nachfolger 
Sigmund Räköczys, dem tollen Gabriel Bäthory, der kein Mafs 
für seine Eroberungssucht kannte, schlössen 1608 beide Fürsten 
Verträge nach dem alten Muster. Konstantin, welcher wie sein 
Vater dem polnischen Könige ein jährliches Geschenk entrichtete, 
ging so weit, dafs er auch dem Siebenbürger ein „munus'^ versprach, 
aber ohne es schliefslich zu bezahlen. Dies letztere verstimmte 
Gabriel, und als er Beweise dafür erhielt, dafs der Walache von Tir- 
govi^te in heimlichem Einverständnis mit dem Kaiser und mit den 
unzufriedenen Magnaten stand, beschlofs er, ihn zu vertreiben und 
auch in der Moldau einen neuen Wojwoden, den falschen Stephan 
Bogdan, einzusetzen. Vor dem winterlichen Einfalle der „Ungarn^' 
floh zwar Radu in die Moldau, aber Gabriel konnte seinen Traum, 
auch die Walachei zu beherrschen, nicht in Wirklichkeit umsetzen. 
Er mufste sich vielmehr vor dem von den Türken ernannten Radu 
Mihnea zurückziehen und behielt nur den leeren Titel des einmal 
eroberten Landes. Bald aber kam Radu ^erban, den türkischen 
Pächter vertreibend, als Rächer nach Siebenbürgen. Im Lager 
von Roman hatten er imd Konstantin gemeinsam einen Vertrag 



110 3. Kapitel. 

mit dem Kaiser geschlossen, der eine gemeinsame Entfernung Bä> 
thorys bezweckte. Nochmals siegte er auf dem glorreichen Schlacht- 
felde von Kronstadt; fast genau acht Jahre nach seinem ersten 
Siege. Doch Gabriel floh in das den Sachsen entrissene befestigte 
Hermannstadt; und die Heiducken , die der kaiserliche General 
Forgäch befehligte , suchten ihren alten Herrn und Fürsten auf. 
Der siebenbürgische Feldzug verlief äufserst unglücklich, und ob- 
gleich der walachische Fürst nicht besiegt worden war, mufste er 
seine Eroberung aufgeben. Nach langem jämmerlichen Umherirren 
rettete sich Radu zuletzt, von den Tataren verfolgt, in die Moldau 
und von dort nach den kaiserlichen Landen, von wo er niemals 
zurückgekehrt ist. Vor Ende, des Jahres wurde nun auch der 
junge Movilä durch Stephan Tom^a ersetzt, und als er 1612 den 
Dnjestr, um seine Stellung zurückzuerobern, überschritt — gleich- 
zeitig warteten die Walachen auf Radu den Tapferen — , wurde 
er geschlagen und verschwand auf der Flucht ; Näheres über seinen 
Tod ist nicht bekannt. 



3. Kapitel. 

Die letzten politischen Kämpfe der nationalen Partei* 

Ilire literarischen Leistungen. 

Radu Mihnea und Stephan, die unterwürfigen Werkzeuge der 
Türken, trieben nur im geheimen eine eigene Politik. So sah 
zwar der erstere die Nachbarschaft Gabriels gern, mufste aber den- 
noch persönlich mit seinem Leidensgefährten Tom^a zu dessen Ver- 
treibung und dem dieser folgenden Tode beitragen. Mit dem Nach- 
folger dieses letzten Bäthory, dem schlauen Gabriel Bethlen, dem 
würdigen Nachahmer Bocskays, verbanden sich während dieses 
Feldzuges beide Fürsten durch einen Verbrüderungseid. Bald 
aber trafen sich Radu und der zweite Gabriel in dem Wunsche, 
den blutdürstigen Moldauer loszuwerden. Die christliche Partei 
der jungen Bojaren hatte im Winter 1615 die Witwe des Jeremias 
mit ihrem noch ganz jungen Sohne Alexander ins Land gebracht, 
und dieser Knabe schien ein passenderer Nachbar als der alte 
Tyrann. Aber nach dem Willen Skender-Paschas und des Kaimakams 



Die letzten politischen Kämpfe der nationalen Partei osw. 111 

wurden die unruhigen Movile^il zur Ruhe gebracht; die ganze 
Familie fiel in die Hände der Türken^ die ihre Elinder zu Rene- 
gaten machten. 

In Raduy dem nunmehrigen Fürsten der Moldau, erblickte 
Bethlen, der angeblich den grofsen Plan hegte, ,, König von Dakien'^ 
und Polen zu werden, einen allzu scharfsinnigen Spion, und des- 
halb beklagte er sich bitter über ihn. Alexander Ilia^ hatte er 
1618 durch eine Abteilung Heiducken unoffiziell beseitigen lassen. 
Mit Gratiani und Miron Barnowski — der erste war ein Freund 
der Polen und Deutschen, der nach friedlicher Vermittelung zwischen 
diesen Christen und den Türken strebte, der zweite ein energischer, 
entschlossener Mann und ebenfalls ein Polenfreund — lebte er auf 
noch gespannterem Fufse. Nur Gabriel Movilä, mit dem er 1619 
einen Vertrag einging, war ihm genehm, aber dieser junge Fürst 
muTste schon 1620 die Walachei mit Siebenbürgen vertauschen^ 
verheiratete sich hier und blieb. Wenig später, noch in demselben 
Jahre, versuchten die Polen, als sich Gratiani gegen die Türken 
empörte, die Moldau zu gewinnen, aber dieses Beginnen endete 
mit einer fürchterlichen Katastrophe, bei der auch der Grofs-Het- 
man Zolkiewski das Leben verlor. Im Jahre 1629 starb, noch, 
ziemlich jung, der von den Türken geachtete Bethlen. 

Der erste Georg Räköczy verhalf nun durch Geld, Bittgesuche^ 
die er an die Paschas richtete, und heimliche Truppenzusendung dem 
Matel Aga zu Erfolg, der als Vertreter der christlichen, militärischen 
Partei, aber vor allem als „Wiederhersteller der Freiheit und Er- 
neuerer der Bojarenmacht" den Sieg davontrug. Dieser nationalen 
Herrschaft entsprach die nicht minder nationale Regierung Rä,- 
köczjs. Schon 1633 schlössen beide einen Vertrag, und als Va- 
sile Lupu, der für sich allein stand und nach dem Blutvergiefsen 
Tom^as nur wenige Landesbojaren um seinen Thron hatte, die Mol- 
dau bekam, gingen die Nachbarn im April 1634 eine Verbrüderung 
ein. Matel vergütete dem Siebenbürgen, der in der jährlichen 
Zahlung von 6000 Gulden eine Vasallenverbindlichkeit erblicken 
konnte, diesen Betrag, angeblich als Ersatz für die von rumä- 
nischen Hirten in der Walachei bezahlte Steuer, und aufserdem 
übersandte er zwei schöne Pferde als Geschenk. Der walachische 
Fürst bewies sich als guter Freund imd Bundesgenosse, und seinen 



118 8. Kapitel 

AnstrengODgen verdankte Räköczj zum grofsen Teile die Be- 
seitigung der Türkengefahr im Jahre 1636 ^ als ihn der Pascha 
von Ofen angriff. Im folgenden Jahre jedoch, als Matel von den 
Moldauern angefeindet wurde, erhielt er nur ungenügende Hilfe, 
ja der siebenbürgische General erschien mehr als Vermittler denn 
als Helfer. Als dann schliefslich der Walache sich nicht mit den 
ersten Friedensbedingungen zu&ieden geben wollte, da ging Bä- 
köczy in seiner Untreue so weit, dafs er 1639 im Verein mit Lupu 
die Vertreibung Matels vorbereitete. 

Mit dem Jahre 1643 begann sich der ehrgeizige Räköczy in 
die europäischen Angelegenheiten des Dreifsigjährigen Krieges ein- 
zumischen, aber auf dieses neue Gebiet folgte ihm der kluge Greis 
von Tirgovi^te nur insoweit, wie er „kaiserliche Befehle ^^ zur 
Stellung von Truppen aufweisen konnte. Er zog es vor, mit den 
Deutschen in Verbindung zu treten^ und erlaubte sich sogar, den 
früheren Verbündeten bei der Pforte anzuschwärzen. Die aben- 
teuerlichen Pläne Räköczys fanden am moldauischen Hofe eine 
viel günstigere Beurteilung, und Vasile, der sich seit einiger Zeit 
in Polen, wo er seine Tochter Maria mit Janus RadziwiQ verhei- 
ratet hatte, viel zu schaffen machte, ja für die Schwester Marias 
Bäköczys Sohn Sigmund zum Gemahl auserlesen hatte, hiefs die 
ihm mitgeteilten Absichten des mächtigen Nachbarn auf die polnische 
Krone gut. Da starb plötzlich der alte Träumer im Jahre 1648. 

Ein junger Träumer, der zweite Georg Räköczy, folgte ihm 
und schlofs mit dem walachischen Fürsten eineai neuen Vertrag, 
betrachtete jedoch Lupu als ein Hindernis für die ererbten väter- 
lichen Pläne. Nach langem Widerstreben hatte Vasile in die Ver- 
mählung seiner schönen Tochter Ruxanda, welche eine reiche Mit- 
gift erhalten sollte, mit dem Sohne des Kosakenhetmanns, dem 
jungen Chmielnitzki , der seine Werbung sengend und brennend 
vorgebracht hatte, schmerzerfullt eingewilligt (1652), und jetzt war 
sein einziges Ziel, den Kosaken-Schwiegersohn Timusch mit dem 
polnischen Schwiegersohn Badziwill zu versöhnen, um so seiner 
Familie und seinem armen Lande Ruhe zu verschaffen. Räköczy 
brauchte aber im Gegenteil Hader, Ejieg und Bedrängnis in 
Polen, wenn er als Retter imd König berufen werden wollte. Des- 
lialb vertrieb er 1653 den Vasile und setzte an dessen Stelle den 



Die letzten politischen Kämpfe der nationalen Faitei usw. 11 S 

dicken^ wollüstigen Georg Stephan ein, der dem siebenbürgischen 
Fürsten viel Geld und Dank schuldete. 

Die Moldau gehorchte jetzt seinem Winke. In der Walachei 
aber war erst noch etwas zu leisten, wenn die Kraft der mili- 
tärischen Partei gebrochen werden sollte. 

Die Bojaren hatten bei Nänii^orl und bei Finta den Beweis 
erbracht, dafs sie noch nicht verlernt hatten, für einen geliebten 
Fürsten aus ihrer Mitte zu siegen. Die Ro^I waren aber schon 
ziemlich heruntergekommen und waren, wenn auch noch immer — 
gleich den moldauischen Räzä^I — etwas mehr als Bauern, so doch 
keine Bojaren mehr. Die Hauptmasse des Heeres bestand aus 
freien Dorfbewohnern, die sich gegenüber dem Fiskus in einer 
privilegierten Stellung befanden und in nicht seltenen Fällen ihre 
mo^ie vom Fürsten selbst für treue Militärdienste bekommen 
hatten; auf Befehl des Fürsten erschienen sie mit ihren eigenen 
Pferden und Waffen an der bezeichneten Stelle unter ihren Haupt- 
leuten, Juzbaschen (türkisch = centenarii), Ceau^I (türkisch 
= tschausch), Vätavl, Cetaijl, kleinen Bojaren oder reicheren 
Bauern. Sie waren in gewissen Gegenden, wie Teleorman und 
Buzäü, angesiedelt und hiefsenim allgemeinen slujitorl, Dienende. 
Sie zerfielen in cälära^I, Reiter, und doroban^I, dräban^I, 
Trabanten; einige waren auch den entsprechenden Bojaren zu- 
geteilt und hiefsen Comi^el, Pähärnicel, Postelnicel usw. 
Aufser diesen gab es endlich auch noch eine ständige Leibwache 
der Fürsten, eine besoldete Truppe, die aus Sirbl, d. h. Bulgaren 
und Serben, bestand und den türkischen Namen Seimenl trug. 

Konstantin Basarab, der Nachfolger Matels, hatte sich im 
Januar 1655 durch einen Vertrag mit Räköczj gesichert und 
glaubte nun, diese fremden Wächter, die den alten Verwandten 
in einer geradezu beleidigenden Vormundschaft gehalten, ihm die 
Tore seiner Residenz verschlossen und seinen Palast mit dem Blute 
«rmordeter Bojaren besudelt hatten, entbehren zu können. Anfangs 
stimmten die dem Lande entstammenden Truppen dieser Mafsregel 
völlig zu, aber bald erneuerten, durch geschickte Hände bearbeitet, 
alle Kriegerschichten gemeinsam die Greuelszenen von 1653, und eine 
noch viel gröfsere Zahl von verdächtigen Würdenträgem fiel ihnen 
zum Opfer. Der Fürst mufste sich dies wohl oder übel gefallen 

Jorga, Geeehichte der Buminen. II. 8 



114 3. Kapitel. 

lassen y forderte aber unaufhörlich von Bäköczj Hilfe. Dieser hatti 
übrigens auch einen Thronkandidaten, schlofs mit den zu ihax ge- 
flüchteten Bojaren schriftlich einen Vertrag, kraft dessen sie die Ver- 
antwortung seiner Einmischung auf sich nahmen, und kam dann im 
Juni 1655 in die Walachei. Konstantin verliefs sein ihm untreues 
Heer, welches den jungen, sehr geliebten Bojaren Hrizea zum Fürsten 
ausrief. Bei ^plea aber wurden dann die stattlichen walachischen 
Truppen durch siebenbürgische Reiterei — die Bojaren kämpften 
auf selten des Gegners — niedergemetzelt. Wie die Moldau, so 
besals nun auch die Walachei keine eigene Streitmacht mehr. 

Der unglückliche Ej:ieg gegen Polen brachte die Beseitigung 
Konstantins und Stephans. Der Nachfolger des ersteren, Mihnea IIL, 
schritt zweimal zur Hinrichtung von Bojaren, und als er sich dann 
mit dem von den Türken hart bekämpften Räköczy verständigte, 
konnte er nur fremde Truppen und fremde Hauptleute aufbieten. 
Ebenso ging es dem flüchtigen Konstantin, der mit Heiducken 
bezw. Kosaken zweimal in die Moldau und einmal in die Walachei, 
allerdings vergebens, eindrang. 

Das Land gehörte nun dem Fürsten, seinen Griechen und 
seinen Hof bojaren, die den Kampf vergessen hatten. Lediglich die 
fein in buntes Kronstädter Tuch gekleideten Leibgardisten, die zwar 
viele altertümliche Namen trugen, aber wenig bedeuteten, stellten 
das Heer dar. Die christliche Partei zeigte sich nur dann, wenn 
die Fremden als Eroberer ins Land kamen. So fanden die Polen, 
nachdem 1672 der Krieg gegen die Pforte aufs neue ausgebrochen 
war, einen Fürsten wie Stephan Petriceicu, der sich 1673 zu Hotin 
als Verräter erwies und dann als Kronprätendent gegen Duca auf- 
trat; ferner einen Bojaren wieMironCostin und viele andere besonders 
aus den Reihen der niemals mit dem türkischen Regimente recht 
zufriedenen Mazilen, die an dem Gebirgssaume, in der Bukowina 
und am Dnjestr wohnten. Als sich andrerseits die Kaiserlichen 
nach der erzwungenen Aufhebung der türkischen Belagerung 
von Wien der Walachei näherten, träumte ^erban Kantakuzino 
bereits von der Eroberung Konstantinopels für sein kaiserliches 
Geschlecht und verlor nur durch die zu hohen Proviantforderungen 
des Generals Veterani seine Liebe zu den Kaiserlichen. Als die 
deutschen Truppen 1689 ins Land kamen^ bemühte sich der Bojar 



ri 



z 



•t. 



i 



i 



Die letzten politischen Kämpfe der nationalen Partei usw. IIS 



Konstantin Bäläceanu bei ihnen um einen Thron und fiel 1691 in 
der Schlacht bei Zemestl als letzter verspäteter Kämpe för die 
Ideale; die einst Michael den Tapferen beseelten. 

Der Msche. lebendige Zug. den die Taten dieser Landesbojaren 
fortan vermisset lassen f ging jedoch in ihre Schriften über, und 
^ hier erscheint er in besserer, höherer Form, wenigstens bei den- 
jenigen unter ihnen, die nicht gleichzeitige Ereignisse mit der 
Leidenschaft des Mitwirkenden schilderten^ sondern mit geläuterter 
Seele die grofsen Fragen, von denen die Zukunft ihres Volkes ab- 
hing, behandelten. 

Die slavische Kultur verfiel schon gegen Ende des 16. Jahr- 
hunderts, zugleich mit dem Sinken des Mönchtums, mit dem 
Ende der Klostergründungen und dem Aufhören der Periode der 
siegreichen Schlachten. Die rumänische Sprache war schon vor- 
her bei täglichen Aufzeichnungen, die keine Rechtstitel darstellten, 
übhch geworden und wurde auch zu Notizen verwendet, die in 
einer gelehrten, feierlichen Urkunde Verwendung finden sollten, 
ja schon aus der Zeit Neagoes (1521) ist ein rumänischer Brief er- 
halten ^). Langsam schlich sie sich jetzt in die Verträge selbst 
ein, ja sogar in Urkunden, die von fürstlichen Händen unter- 
zeichnet wurden. Während seiner immer unsicheren, unruhigen, 
kurzen Regierung in der Walachei liefs Simion-Vodä Movilä viele 
t| Schenkungs- und Bestätigungsurkunden in der Gemeinsprache ab- 
fassen; von Radu ^erban hat man allerdings nur wenige solche, aber 
die politischen Ellagen und Ermahnungen, sowie die Grabinschriften 
tragen auch unter ihm die allein allen verständliche Form. Radu 
Mihnea schliefst selbst Verträge in rumänischer Sprache ab, wie 
auch sein Vorgänger Michael der Tapfere den Geheimvertrag, den 
er durch eine feierliche Gesandtschaft dem Kaiser übermittehi liefs, 
nicht in ein nichtssagendes slavisches Gewand kleidete ^). 



1) Hurmuzalci, XI, S. 843, Anm. 1. 

2) Vgl. Lewicki, Codex epistolaris saec. XV, S. 337, wo von einem „wa- 
lachischen*' Konzepte für einen Vertrag mit Polen die Eede ist, welcher dann 
„rntlienisch '* — d. h. slayisch — und lateinisch aasgefertigt wurde ; Convorbirl 
literare, 1900, S. 332: rumänische Glosse auf einer Urkunde von 1548; Inschriften 
bei Papiu, Tesaur, I, S. 394—396; Columna lul Traian, 11, nr. 33; Akten von 
Simeon, in Hasdeü, Guvente den bätrSnl, I; Akten unter Petra Schiopul — 

8* 



116 3. Kapitel. 

In der Moldau^ die in der Bildung weiter fortgeschritten war, 
behauptete sich die alte Richtung etwas länger, aber nach dem 
Absterben der diacl, die noch in der Schule des Metropoliten 
Teofan gebildet waren, war es auch hier mit Schwierigkeiten ver- 
bunden, einen guten Kenner der ehemaligen Staats- und Kirchen- 
sprache zu finden ; das Slavische beschränkte sich deshalb ofl; auf 
die Eingangs- und Schlufsformeln, sowie auf die ßechtsausdrücke, 
ia in der Titulatur der Fürsten blieb es bis zur Fanariotenzeit 
erhalten. Matel und Vasile waren Herrscher grofsen Stiles, und, 
als Wiederhersteller einer besseren Vergangenheit auch in geistiger 
Hinsicht, bemühten sie sich eifirig um Wiederherstellung der slawischen 
Kultur. Matel liefs in seiner Druckerei an einigen slavischen 
Büchern arbeiten, während Vasile für seine Schule von Trel- 
lerarhl in Jassy Lehrer der vergessenen slavischen Weisheit aus Rufs- 
land, aus Kiew, herbeiholte. Der dortige grofse Metropolit Peter, 
ein stürmischer Vorkämpfer der Orthodoxie, der sich bis zum Un- 
gehorsam gegen den polnischen König fortreifsen liefs, war ein 
Movilä, ein Bruder des Gavril, des Moise und der anderen Spröfs- 
linge Simeons des Ehrgeizigen und Unfähigen ^). Unter ihnen und 
ihren unmittelbaren Nachfolgern gab es wenigstens noch Schreiber 
für slavische Urkunden, aber nach 1660 gehören solche Schriftstücke 
zu den Seltenheiten. Nur in der Kirche, wo man aufrichtig an 
das Dogma der heiligen Sprachen glaubte und eine göttliche Vor- 
liebe für slavische Gebete voraussetzte, wurde, beinahe überall ohne 
jegliches Verständnis, der slavische Text weiter gelesen. Um 
diesem Fetischismus zu huldigen, liefs noch Brincoveanu etliche 
slavische Drucke in seiner Druckerei herstellen. 

Die siebenbürgischen Drucke des 16. Jahrhunderts hatten 
ihren Bekehrungszweck niemals erreicht, und, wenn auch die beiden 
Bäköczj durch „walacbische^^ Bücher — der Katechismus von 
1640, der in den jenseitigen rumänischen Ländern Empörung 
hervorrief^ die Evangelienerklärung von 1641, die neuen Kate- 



Privatbriefe — in Hurmuzaki XI und Jorga, Doc. privitoare la Petra Schio- 
pul 9i Mihal Yiteazul, wo sich auch die Gesandtschaftsinstruktionen Michaels 
finden. Vgl. auch Papiu, I, S. 389 — 390 und meine Istoria literatnril 
religioase, 3. 106 f. 

1) S. mein eben zitiertes Buch, S. 130 f. 



Die letzten politischen Kämpfe der nationalen Partei usw. 117 

cbismen von 1648 und 1656^ endlich auch das Neue Testament von 
1648 und der Psalter von 1651 gehören hierher — die Propaganda 
erneuerten^ so wurde damit bei den hartnäckigen Rumänen, deren 
reformierte Oberhirten im Lande der calvinischen Fürsten sogar im 
geheimen dem ,, alten Glauben^' huldigten, nicht der geringste Er- 
folg erzielt. Aber ein ganz anderes Ergebnis, woran die fremden 
Beförderer der verachteten, von ihnen für barbarisch gehaltenen 
Vulgärsprache nicht im geringsten gedacht hatten, ward dadurch her- 
vorgerufen: durch diese ketzerischen Bücher, die allen Rumänen, 
künftigen Lutheranern und Calvinisten gewidmet wurden, entstand 
eine allgemein verständliche rumänische Schriftsprache. Einige von 
den älteren Arbeiten des Coresi genügten auch den strengsten Vor- 
schriften der Orthodoxie und konnten deshalb in der Moldau und 
Walachei benutzt werden, und diese kauften auch die Priester der 
beiden transalpinischen Metropoliten: dies gilt namentlich für das 
Predigtbuch über Evangelientexte, die Cazania von 1581, bei deren 
Bearbeitung in erster Linie der buchhändlerische Gewinn mafsgebend 
war. In allen diesen Drucken der offiziellen „Superintendenten^' 
für die unwissenden Walachen begegnet man einer schönen kernigen 
Sprache, die sich stark über die Besonderheiten der Dialekte erhebt 
und aus der dem Kenner einereine, patriarchalische, aufrichtige Ver- 
gangenheit entgegenduftet. „Die Worte", so schreibt dem Sinn 
nach richtig, wenn auch in etwas dichterischer Form, der Weifsen- 
burger rumänische Metropolit Stephan — „die Worte müssen wie 
die Münzen sein; diejenigen Münzen, die überall angenommen 
werden, sind gut; das gilt auch von den Worten: solche, die 
überall verstanden werden, sind gute." 

Andrerseits zeitigten die Propagandaschriften im Zeitalter eines 
Vasile und Matel polemische Antworten, und behufs Abfassung der 
Häspunsurl auf den ersten calvinistischen Katechismus traten 
die besten Theologen der Donaufürstentümer jener Zeit miteinander 
in Verbindung : nämlich der moldauische Metropolit Variaam, der 
das Buch schliefslich herausgab, und der Schwager des walachischen 
Wojwoden, Uriil oder Udri§te Nasturel, der zwei Kultursprachen 
gut genug beherrschte, um seine 1647 im Kloster Dealu gedruckte 
Imitatio Christi aus dem Lateinischen ins Slavische zu über- 
setzen, und der vielleicht auch in etlichen gut geschriebenen Zeilen 



118 3. Eapitol. 

die grofsen Taten seines Verwandten und Herrn verewigt hat. Um 
das rumänische Volk mit den für den Gottesdienst nötigen Büchern 
zu versdien^ übernahm in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts 
der Bischof von Roman und spätere moldauische Metropolit Dosofiel 
die lohnende Aufgabe; solche Übersetzungen in reiner Volkssprache, 
die er, obgleich fremden Ursprungs, meisterlich beherrschte, zu be- 
arbeiten. Der fleifsige Oberhirte, der auch in der polnischen Literatur 
ziemlich bewandert war und die Polen auch viel mehr als die Türken 
des ,, Kaisers ^^ liebte, so dafs er endlich mit König Sobieski, nach 
einem wie gewöhnlich mifslungenen Zuge gegen die Moldau, sein 
Land verliefs und zu Zolkiew in der Verbannung starb, — 
dieser äeifsige Dosoftel liefs rasch nacheinander den Psalter, nach 
dem Muster Kochanowskis in ansprechenden Versen und auch in 
Prosa, die Liturgie, einen Molitvenic, die Parimien (Sprüche 
Salomonis), die Heiligenlegenden und das Akathistarion 
erscheinen. In der Walachei fand sich im ganzen Jahrhundert 
bis zum grofsen Prediger und unermüdlichen Typographen Antim 
von Iberien, der von Brincoveanu eingesetzt wurde, kein Metro- 
polit, der sich mit Dosoftel in der Moldau vergleichen liefse. 
Aber auch der ehemalige Hegumen von Bistri^a, der dann Bischof von 
ßimnic und später Landesoberhirte wurde, Teofil, zeigte eine be- 
sondere Liebe für die Kultur und deren Beförderer. So veranlafste er 
den griechischen Flüchtling Matthäus von Myrai, ein Gedicht auf den 
heiligen Gregorius den Dekapoliten, dessen sterbliche Hülle in diesenä 
oltenischen Erlöster ruhte, zu verfassen. Von ihm ermuntert, über- 
setzte aus dem Slavischen ein gewisser Michael Moxa, besser Moxalie, 
einen „Chronographen" der bekannten Schablone, d. h. eine Welt- 
geschichte von Adam bis auf die byzantinischen und dann tür- 
kischen Zeiten; als Metropolit beauftragte er denselben Moxalie mit 
der Übersetzung einer Kanonessammlung, die auch gedruckt er- 
schien, obgleich sie geringen Nutzen versprach. Teodosie, der aus 
Vestem in Siebenbürgen in der Nähe von Sibiiü (Hermannstadt) 
stammte, ein unruhiger Prälat, bis ihn das Alter in seine Zelle bannte, 
ein Mann, der sich an den Kämpfen unter den Bojarenparteien leb- 
haft beteiligt hatte, zeigte sich auch als Förderer der Kultur und 
war der Leiter der walachischen Kirche, als Antim mit den 
schönsten Typen, die er besafs, die berühmte Bibel von 1688 



Die letzten politischen Kämpfe der nationalen Partei usw. 119 

druckte. An diesem monumentalen Werke hatten die hervor- 
ragendsten Gelehrten des Landes^ wie die Brüder Greceanu, der 
kluge Konstantin Kantakuzinos und andere mitgearbeitet. Varlaam, 
der Metropolit der ,, Griechen", der Schützling Gregor Ghicas, 
welcher den Teodosie nach Tismana in die Verbannung geschickt 
hatte, benutzte ebenfalls seine kurze geistliche Herrschaft, um 
Bücher herauszugeben. So stand gegen Ende des 17. Jahrhunderts 
den rumänischen Geistlichen und Laien eine reiche kirchliche Lite- 
ratur zur Verfügung. 

Durch die ersten kirchlichen Drucke war zugleich die Ortho- 
graphie festgestellt worden, und dies förderte wiederum wesentlich 
die Benutzung der Landessprache. Schon unter Michael dem 
Tapferen, dessen Heldentaten der Grieche Stavrinos, sein Vistier, 
und Georg Palamedes von Kreta besangen, fanden sich zwei 
Männer, die seine glänzende Laufbahn in der allgemein verständ- 
lichen Sprache des Volkes erzählten: einer war der Grofs-Logoföt 
Teodosie Rudeanu, der Hofchronist, dessen bis 1597 reichender Be- 
richt allerdings nur in einer lateinischen Bearbeitung einer polnischen 
Übersetzung bekannt ist ^); der andere war ein Privatsekretär der 
mächtigen Bojaren Buze^tl. Aufserdem schrieb nur der Grieche 
Matthäus die Geschichte der Fürsten, die selbst mehr als Griechen 
erschienen, und in einem unbekannten Kloster der Moldau setzte 
irgendein Mönch die slavischen Annalen der Vergangenheit kurz, 
bis zu Vasile Lupu, fort, aber seine Aufzeichnungen sind verloren. 
Während die Regierung Matels in einer gleichzeitigen, wenig um- 
fangreichen Chronik gepriesen wurde, fafste der vormalige mol- 
dauische Grofs-Vomic des Unteren Landes *), Gregor Ureche, den 
Entschlufs, eine vollständige Geschichte seiner Heimat auf Grund 
der alten slavischen Quellen und des einzigen ihm bekannten 
fremden Erzählers, des Polen Joachim Bielski, zu schreiben. In 
der Vorrede zu diesem kurz aber markig geschriebenen Werke 
sprach Ureche, ein Zögling polnischer Schulen, zum ersten Male 
unter den Einheimischen den Gedanken aus, der Fremden schon 
vom 15. Jahrhundert, seit Aneas Sylvius, geläufig war, dafs die 

1) Walter, Bes gestae Michaelis; auch hei Papiu, I. 

2) Es gah schon im 16. Jahrhundert zwei Vomics, die sich in das Land 
teilten. 



ISQ 3. Kapitel. 

Bumänen Nachkommen der alten^ glorreichen Römer seien. Der Tod 
verhinderte ihn^ die Chronik über das Ende des 16. Jahrhunderts 
hinaus fortzusetzen. Ein dascäl^ ein Lehrer, der wahrscheinlich 
an den Trel-Ierarhl wirkte, Simion, wollte dies unternehmen: 
aber er begann mit der Vervollständigung von Ureches Darstellung 
und kam nicht darüber hinaus. 

Die inneren Kämpfe in der Walachei, wo die romanisierten 
Söhne des Konstantin Elantakuzino des Alten — Postelnicul 
hiefs er nach der von ihm bekleideten Würde — , deren Mutter 
eine Tochter des Radu ^erban, Frau Ilina, war, an die Spitze 
der Landespartei getreten waren, liefsen eine geschichtliche Partei- 
schrift entstehen, die in frommer, den Heiligen Schriften nach- 
gebildeter Sprache der bescheidene Hauslogofät Stoica Ludescu 
1688 schrieb. Zugunsten der Gegner der Kantakuzinen, besonders 
der Familie Bäleanu, antwortete in leidenschaftlicher, aber hoch- 
anziehender Form der Gelehrte Konstantin Filipescu, der Haupt- 
mann (Cäpitanul), ein Neffe des ^erban Kantakuzino: er be- 
nutzte aufser Phrantzes auch lateinische Quellen und hatte übrigens 
auch als Krieger und politischer Agent Reisen ins Ausland unter- 
nommen. Konstantin Brincoveanu ordnete endlich an, dafs der 
jüngste der Brüder Greceanu, Radu, die Erzählung Ludescus als 
offizielle Annalen — die Feinde des Fürsten wurden allerdings 
darin nicht geschont — fortsetzen sollte. Bis zum Jahre 1713 ist 
dies geschehen. 

Miron Costin, der Sohn eines Bojaren Radu Mihneas, hatte 
während der langen Verbannung seines Vaters polnische Schulen 
besucht, war als Grofsbojar bis zur Logofätenwürde emporgestiegen, 
fiel als entschiedener Anhänger der Polen dem Ehrgeize seines 
Bruders zum Opfer und verlor nach dessen Hinrichtung selbst den 
Kopf. Dieser Mann imd ebenso Konstantin E^ntakuzino und Di* 
mitrie Cantemir, die uns schon bekannt sind, verdienen als geistige 
Gröfsen dieser Epoche, als Männer, die in diesen bedrängten Zeiten 
auf eine bessere Zeit vertrösteten, als Herolde der Zukunft ge- 
priesen zu werden. 

Miron schrieb eine Fortsetzung der vorhandenen moldauischen 
Chronik, schilderte aber auch in zwei, einem polnischen Edelmanoe 
und dem König Sobieski gewidmeten polnischen Werkchen — 



Die letzten politischen Kämpfe der nationalen Partei usw. 121 

das letztere besteht aus sehr guten Versen — die rumänische Ge- 
schichte. In dem Werke seines Alters^ dem „ Buch über die erste 
Gründung des moldauischen Landes und den Ursprung der mol- 
dauischen Nation '^^ das er erst nach 1687 verfafste, vertritt er mit 
vielen Belegen und in einem schönen^ patriarchalischen Stile die 
erhebende Tatsache der römischen Herkunft. 

Ein viel höheres Ziel hatte sich Kantakuzino gesteckt , viel 
gröfser waren aber auch seine Mittel. Ohne Costin zu kennen^ 
machte er sich 1694 an die Abfassung einer wichtigen Geschichte 
des rumänischen Volkes: die zufalligen politischen Grenzen sollten 
ihn nicht beengen^ alle einheimischen und fremden Quellen^ Chro- 
niken^ Urkunden^ Volksgedichte und Traditionen wollte er heran- 
ziehen. Leider stand er an der Spitze des Staates unter Brinco- 
veanuy dann hob er seinen Sohn Stephan auf den Fürstenstuhl und 
wurde schliefslich mit ihm in Konstantinopel erdrosselt. Die grofs 
angelegte Arbeit blieb nur ein bedeutender Torso. 

In der „Chronik der Romino-Moldo -Wlachen ", die wieder 
die ganze rumänische Geschichte umfassen sollte, aber nur bis zum 
13. Jahrhundert gediehen ist^ während aus dem modernen Teile 
nur einzelne Bruchstücke, wie das Leben von Konstantin Cantemir 
u. a. vorliegen ; beabsichtigte endlich Dimitrie Cantemir, ein uni- 
verseller Geist, das letzte Wort über alle Fragen, die sich die 
Zeitgenossen über rumänische Geschichte vorlegen konnten, auszu- 
sprechen. Sein stolzer Geist wurde im Interesse seines Volkes 
noch kühner: er wollte beweisen, ja glaubte bewiesen zu haben, 
dafs die Rumänen ihr Land nicht einmal in kleineren Massen je- 
mals verlassen hätten, dafs sie staatlich organisiert sich siegreich 
gegen jeden Feind verteidigt hätten und stets auf dem von Trajan 
eroberten Boden geblieben wären, ja dafs sie das Erbe Roms im 
europäischen Osten würdig festgehalten hätten. Für ein ge- 
knechtetes Volk sind das eben die Mittel, um es auf eine neue 
Bahn zu bringen, um ihm eine neue Zukunft zu eröffnen. 



Sechster Abschnitt. 

Die Fanariotenzeit. Europäische Verwaltung 
unter türkischer und russisch-türkischer 

Oberhoheit ^). 



1. Kapitel. 

Beziehungen der letzten einheimischen Fürsten zu den 
christlichen Mächten, ihre Einsetzung in Eonstanti- 
nopel. Charakter der „fanariotischen^* Fürsten wäh- 
rend der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. 

Während der Kriege gegen die Pforte, die dem feindlich ge- 
sinnten Europa den Verfall des grofsen Reiches ankündigten, hatten 
die rumänischen Bojaren und ihre Fürsten, wenn diese dem Adel 
des Landes entstammten oder wenigstens mit ihm in Familien- 

1) Die erzählenden Qaellen für die Moldau sind die Chroniken von J. Canta 
nnd lenachi Cogälniceanu (Eogäbiiceanu, Letopisi^e, UI); die griechischen 
Chroniken bei Erbiceana, Cronicaril grecl (Bakarest 1888). Die walachische 
Chronik der Zeit enthält die Genealogia Cantacuzinilor (Ausg. Jorga, 1902). 
Die spätere Chronik des Zilot Bominul hat Hasdeü in Columna lul Traian 
herausgegeben, die des Dionisie Eclesiarhul findet sich in Papiu, Tesauru, 
11; die des Dimitrachi Yarlaam hat ürechiä in den Annalen der Akademie, 
X zum Abdruck gebracht. Die meisten Akten sind veröffentlicht in der Archiva 
romäneascä des Eogälniceanu, im üricariul von Codrescu und besonders in 
den zahlreichen Bänden der Istoria Bominilor von Urechiä; die Eechnungon bei 
Jorga, Documente ^i cercetärl asupra istoriel financiare ^i economice, I, 1902. 

An Monographien kommen folgende in Betracht: 

1. L. Colescu, Geschichte des rumänischen Steuerwesens (Dissertation, 
München 1896), brauchbar. 

2. Th. Blancard, Les Mavroyeni (Paris, ohne Jahrangabe: c. 1890); eine 
sehr breit angelegte Studie über den griechischen Fürsten Nikolaus Mavrogheni. 



Bezieliangen der letzten eiDheimischen Fürsten zu d. christl. Mächten usw. ISS 

Verbindungen standen^ eine sehr zweideutige, für die Türken höchst 
ge&hrliche Rolle gespielt. Schon vor der Mitte des 17. Jahr- 
hunderts wurde durch zahlreiche Fälle der Beweis erbracht^ dafs 
die rumänischen Hilfstruppen kein zuverlässiges Element im tür- 
kischen Heere bildeten; mit dem Schwerte vielmehr mufsten die 
Soldaten eines Moise Movilä; eines Matel Basarab in den Kampf 
gegen die Polen, ,,ihre Brüder und Nachbarn" — so schreibt ein 
gleichzeitiger Gewährsmann — , getrieben werden. In seinen letzten 
Jahren beförderte Matel entschieden die auftauchenden Aufruhrs- 
anschläge der Christen am Balkan; die Bulgaren sahen in diesem 
Nachfolger und ehemaligen Eriegsgefährten des grofsen Michael 
ihren künftigen Befreier, und er war wiederum herzlich gern 
bereit, als solcher zu gelten. Den christlichen Kaiser hetzte er 
gelegentlich brieflich und durch Gesandtschaften gegen die im 
Verfall begriflfene osmanische Macht, und die abenteuerlichen 
Prätendenten, die auf die kaiserliche Würde des Türkenbeherrschers 
reflektierten, fanden bei ihm, dem die Rolle eines Mircea vor- 
schwebte, Rat und Unterstützung. Als sich die Republik Ve- 
nedig mit dem polnischen König zum Angiiff auf die Türken ver- 
bündete, den nur die ablehnende Haltung des Reiches vereitelte, da 
hatten auch Matel und Vasile bereits bestimmte Rollen als Mitkämpfer 
übernommen, ja letzterer ging so weit, dafs er die Bezahlung 
des Tributs in die Länge zog. Einer sollte 20000, der andere 
30000 Türkenbekämpfer mit sich bringen (1646) ^). Nachdem 
die Kosaken in Abhängigkeit von den Moskowitern geraten waren, 
benutzte zum ersten Male der orthodoxe Zar in Moskau, der durch 
eine entfernte Ahnfrau byzantinisches Blut besafs und deswegen 

3. Xenopol, Istoria ^i genealogia Casel Callimaclü (Bukarest 1899): be- 
schäftigt sich mit den vier Fürsten dieses Hauses, die in der Moldau regierten. 

4. Jorga, Istoria literaturil roraine in sec, ai XVIII le» (Bukarest, 1901): 
enthält auch das Xulturgcschichtliche, und dort ist auch die Bibliographie ver- 
zeichnet. 

5. Jorga, Docnmente relative la familia Callimachi, I — II (Bukarest, 
1902 — 1904): die Vorrede zum I. Bande enthält beinahe die ganze Geschichte 
der Fanariotenzeit. 

1) Die langwierigen Unterhandlungen Vasiles mit den Moskowitern bezweckten 
nichts anderes, als die Buckgabe des von den „moskowitischen" Kosaken be- 
setzten Hafens Azow am Schwarzen Meere an die Türken. 



184 1. Kapitel. 

den in türkische; scheinbar ewige Gefangenschaft verfallenen 
kaiserlichen Adler des Ostens in das Wappen des Herrschers über 
„alle Reufsen" hineinbrachte, die günstige Gelegenheit, um sieb 
zum Befreier der unterjochten Christen aufzuwerfen. Seine Agentea 
erschienen schon 1654 mit sehr schönen Verheifsungen in der 
Moldau und ebenso in der Walachei. Der im Sterben liegende 
Matel schenkte solchen listigen Einflüsterungen allerdings kein Ge- 
hör, aber Georg Stephan schlofs unter dem Siegel gröfster Ver- 
schwiegenheit einen Vertrag mit den Gesandten der Zaren, in 
welchem kein Tribut an den neuen Beschützer und trotzdem Hilfe 
gegen jedermann, auch gegen den Sultan, Rückgabe des Budschak» 
mit seinen Städten, die sogar zuerst erobert werden sollten, freier 
Handel u. a. ausgemacht wurde ^). In den Rechnungen des Fürsten 
der Moldau ist ein grofser Einkauf von Zobelpelzen für „den 
russischen Mönch" verzeichnet, und 1656 erscheinen in Moskau 
der Metropolit Ghedeon und ein untergeordneter Beamter, die ein 
Handelsprivilegium erhalten ^). 

Während des Krieges mit dem Hause Osterreich, der bald 
darauf ausbrach, ging Gregor Ghica von der Walachei, ein halb 
romanisierter Grieche, zwar zweimal mit dem türkischen Heere 
nach Ungarn, liefs aber 1663 zu Neuhäusel und 1664 zu Lewenz 
den Christen seine Dienste anbieten und war bei der Niederlage 
der „Heiden" mehr oder weniger tätig. Nachdem mit dem Kaiser 
zu Vasvär Friede geschlossen war, lenkte der Grofswesier Achmed 
Köprili, der begriflf, was der unaufhörliche Krieg für den Fort- 
bestand des Reiches zu bedeuten hatte, die osmanischen Waffen 
gegen Polen, obwohl dort wenig zu gewinnen, aber viel zu ver- 
lieren war. Als dann nach der Einnahme von Kamieniec-Podolski 
(1672) ein neuer Zug unternommen wurde, ging Stephan Petriceicu, 
der Fürst der Moldau, der von der Rückeroberung des Budschaks 
und einer allgemeinen Empörung der Christen ^) am Balkan, ja 



1) Vgl. die schon erwähnte (S. 20, Anm. 1) Beise des Makarius von An- 
tiochien und HurmuzakilX^, S. 217 — 218, wo von den späteren Enthüllungen 
des entthronten Georg Stephan über diesen Vertrag die Bede ist. 

2) Studil 9i doc, IV, S. 244—245, nr. 80; S. 265. 

3) Arch. ist., I, S. 25-26; vgl. Jorga, Chüia ^i Cetatea-Albä, S. 236; 
Stadil ^i doc, IX, Kap. m. 



Beziehungen der letzten einheimischen Fürsten za d. christl. Mächten usw. 125 

Yon der Erstürmung Eonstantinopels durch ein christliches Heer 
träumte^ zu den Feinden über^ während sich Ghica, der zum 
dritten Male an seinem Kaiser Verrat übte, gefangennehmen liefs. 
Unter den Truppen des Grofswesiers, der Wien belagerte, 
fanden sich auch wie gewöhnlich rumänische Hilfskorps, und, 
wegen der Bedeutung dieser grofsen Unternehmung, die den ge- 
fürchteten Kamen der Osmanen wiederherstellen sollte, wurden 
diese Abteilungen von den Fürsten persönlich befehligt, ^erban 
EantakuzinoS; der Fürst der Walachei, liefs nun in seinem Lager 
«in Kreuz errichten und das Bekenntnis seines christlichen Glaubens 
daran anbringen. Etliche Jahre später, als er noch fester an das 
beständige Glück der Christen glaubte, begann er mit den Kaiser- 
lichen zu verhandeln, um ihnen unter bestimmten Bedingungen 
sein Land zu unterwerfen. Durch katholische Mönche, wie Antide 
Dunod, Dumont, Antonio Stefani und den Bischof von Nikopolis, 
«owie durch den ungarischen Abenteurer Ladislas Csäky bot er 
dem Kaiser Proviant und Unterkunft an, ja versprach ihm Truppen 
aus seinem Fürstentume und verlangte dagegen nur die Bei- 
behaltung der alten Landesgewohnheit, die Anerkennung der Dy- 
nastie Kantakuzino in der Walachei und auch in der Moldau, 
wo sich der alte Konstantin Cantemir, eine Kreatur ^erbans, den 
grofsen Plänen des letzteren auf eigene Gefahr nicht fügen wollte, 
die Verleihung von Apanagen an diese Familie im Banate und in 
Siebenbürgen, nämlich das ehemalige Lehen von Amla^, das auch 
«chon Gregor Ghica zurückgefordert hatte ^). Im besonderen sollte 
der Tribut 50000 Taler nicht übersteigen — es wurde von ihm 
■die Hälfte mehr verlangt — , und er wollte bindende Erklärungen 
nicht früher abgeben, als sich die kaiserlichen Truppen nicht in 
seinem Lande befänden. In Wien verlor man nach einigen Mo- 
naten die Geduld, und so drangen die Deutschen noch während 
des Sommers 1688 in die Walachei ein, ohne dafs vorher ein Vertrag 
abgeschlossen worden war. Dies erregte ^erbans Mifsfallen, der nun 
auch durch Geschenke und Verheifsungen nach einigen Wochen 
■die Entfernung der ungern gesehenen Gäste und ihren Rückzug 
nach Siebenbürgen erwirkte. Eine neue feierliche Gesandtschaft, 



1) rörök-Magyarkori AUam-Okmanytar, V, S. 158-159. 



136 1. Kapitel. 

bestehend aus zwei Kantakuzinen und zwei anderen Bojaren^ wo- 
von einer, Bäläceanu, der Schwiegersohn des Fürsten war, hatte 
schon die Grenze überschritten, um am kaiserlichen Hofe den Ver- 
trag zum Abschlufs zu bringen, als ^erban nach einer längeren 
Krankheit, deren Ursache viele walachische Bojaren auf ein Ver- 
brechen seitens feindlicher Brüder zurückführten, am 29. Oktober 
1688 alten Stils verschied. Ein Gesandter von ihm war um diese 
Zeit in Moskau, wo er im Dezember von den gemeinsam re- 
gierenden Brüdern, den Zaren Iwan und Peter, die schriftliche, 
nunmehr aber völlig unnütze Versicherung erhielt, dafs sich die 
moskowitischen Truppen dem Verlangen ^erbans gemäfs im Früh- 
linge 1689 gegen die Tataren der Krim und des Budschak wenden 
würden und dafs dem walachischen Fürsten die ihm „ein und der- 
selben Religion" wegen gebührende Hilfe zuteil werden würde ^). 

Sein Nachfolger Brincoveanu folgte lange Jahre der ihm von 
seinem Oheim Konstantin Kantakuzino empfohlenen nüchternen, 
aber praktischen, wenig glänzenden, aber sehr erfolgreichen Politik. 
Als die Kaiserlichen auch diesem neuen Fürsten in seinem aus- 
gesogenen Lande, dem sie ungeheure Kosten aufbürdeten, einen 
Besuch abstatteten, und sogar den dem Konstantin -Vodä grollenden 
Bäläceanu mit sich brachten, wich Brincoveanu, obgleich ihn der 
christliche Kaiser wie der türkische bestätigt hatte, vor ihnen 
zurück und rief die Tataren herbei. Dann setzte er den General 
Heifsler von dieser Gefahr in Kenntnis und liefs unter den üb- 
lichen Geschenken die Christen an die eine Grenze und die ge- 
fahrlichen Heiden an die andere begleiten. 

Im folgenden Jahre mufste der walachische Fürst mit seinen 
Truppen in Siebenbürgen eindringen, um den Türken den Weg 
zu bahnen, die die Einsetzung des eitlen, hoch&hrenden, aber un- 
glücklichen „Königs von Ungarn", Emerich Tököly, erwirken 
wollten. Dieses gelang auch, wenigstens äufserlich, nach dem Siege 
von Zerne^tT, wo Brincoveanu das Vergnügen hatte, seinen un- 
versöhnlichen Feind Bäläceanu fallen zu sehen; seine Stellung als 
Fürst erfuhr dadurch eine Stärkung. Aber nicht lange nach dem 



1) Folnoe sobranie zakonow, lY, S. 591—594; bei Sturdza, Acte i^i doc., 
I, abgedruckt. 



BeziehuDgeu der letzten einheünischea Fürsten zu d. christl. Mächten nsw. 127 

Tage von Zerne^tl kam der von den Kaiserlichen vertriebene 
^, König '^ ins Land und wollte sein beutegieriges; kostspieliges 
Quartier hier an der Qrenze des ersehnten Königreichs aufschlagen. 
Brincoveanu tat alles mögliche^ um den unwillkommenen Qast los- 
zuwerden, imd näherte sich darum täglich mehr den siegreich vor- 
dringenden Deutschen, um ihnen gegenüber die Politik ^erbans 
wieder zu beleben. Der Kaiser belohnte die Versprechungen, ge- 
heimen Beglückwünschungen und den Loskauf von christlichen Ge- 
fangenen damit, dafs er den walachischen Fürstensitz dem jungen 
Sohne dieses ^erban, Georg, 1692 gegen eine bedeutende Summe 
anbot, was später auch der bedrohte Besitzer dieses Thrones in 
Erfahrung brachte. Aber auch später unterhielt er, obgleich er 
die Türken unaufhörlich umschmeichelte und beschenkte, gute Be- 
ziehungen zu den Deutschen, jedoch zu einem bindenden Vertrage 
liefs er sich nicht herbei und schickte ihre Agenten mit leeren 
Worten zurück. Nicht nur mit den Kaiserlichen trieb er übrigens 
diese vorsichtige Fohtik, in deren Hintergrunde dennoch eine auf- 
richtige Liebe für die Christenheit glimmte; ihn beseelte der Wunsch, 
sich durch deren WaflFen zu befreien, jedoch wollte er selbst nichts 
riskieren und ebensowenig etwas von den Landesprivilegien ver- 
lieren. Im Jahre 1698 bereits schickte Brincoveanu einen griechischen 
Kaufmann an den Hof des Zaren Feter, in dem er, wie viele 
andere türkische Untertanen, einen „grigischen Glaubens- Verwanten'^ 
erblickte, wenn er auch „weidt endtlegen und ein Herr von allzu 
ßcharffer Disciplin" war*). 

Der Kaufmann, dem auf der Rückreise der feindhche Fürst 
der Moldau auflauern liefs, rettete nicht nur seine Ferson und ent- 
ging so der unangenehmen Aussicht, nach Konstantinopel verschickt 
zu werden, sondern auch seine Briefe, darunter die Antwort des 
fernen, mächtigen Fotentaten, die uns jedoch nicht erhalten sind. 
,^Eb wäre'^, schrieb man in Deutschland schon im Jahre 1695, 
,^ diesem (dem österreichischen Hofe) nicht angenehm, wenn die 
Bussen für alle Zeiten an den Grenzen der Moldau und der Wa- 



1) Berichte der sächsisch-polnischen Gesandtschaft an die Walachei von 
1698, hei Jorga, Documente privitoare la Gonstantin-Yodä Brincoveanu (Bu- 
karest 1901), S. 6. Vgl. die Vorrede zu Jörg a, Operele lul Constantin Canta- 
cnzino Stolnicul (Bukarest 1901). 



138 1. Kapitel. 

lachei blieben/^ In die Walachei kamen auch andere Eaufleute, 
die nicht im Dienste der Fürsten standen, und erzählten von den 
riesigen Rüstungen des moskowitischen Herrschers, der so viele 
Schiffe, Krieger und Geschütze gesammelt hatte, ,,und jetzt bleibt 
ihm nichts weiter übrig, als zur See gegen Konstantinopel zu 
ziehen^' ^). Brincoveanu liefs sich auch 1G98 das Prognosticon 
Acxtelmeiers übersetzen, worin prophezeit wird, dafs ein neues 
Reich des Ostens russischer Nation gegründet werden würde *), 

Als im Verein mit einem Levantiner und einem Albanesen 
ein Gesandter des neuen polnischen Königs, sächsischer Abkunft, 
in der Walachei erschien — seit langem schon stand Konstantin 
Stolnicul mit Jablonowski und anderen Leuten in Polen in Brief- 
wechsel — , wurde er sehr freundlich empfangen und hatte Gelegen- 
heit, vom Fürsten selbst und von seinen beiden Onkeln und Rat- 
gebern, dem deutschen „Grafen'^ Konstantin und Michael Kanta- 
kuzinos, deren letzterer als Grofsspatar an der Spitze des kleinen 
Heeres des Fürstentums stand, allerlei Wünsche und Andeutungen 
zu vernehmen. Diese rieten, dafs die Polen Kamieniec angreifen 
und sich der Moldau nähern sollten, und gaben die Versicherung, 
dafs in diesem Falle, wenn nämlich die pohlischen Truppen — 
man fügte hinzu, dafs diese Truppen ja Deutsche und keine Polen 
seien — sichtbar werden würden, die Walachen mit Freude ihren 
neuen christUchen Herrn willkommen heifsen würden. Aber auch 
jetzt hing, wie zur Zeit ^erbans, alles von dem Eindringen des 
christlichen Heeres ins Land ab, und dies war trotz allen Wohl- 
wollens schwer zu verwirklichen. Die Kaiserlichen fanden vor 
und nach dem grofsen Siege von Zenta einen anderen Kriegs- 
schauplatz. Die Polen aber verlangten noch in demselben Jahre, 
wo Wackerbarth nach der Walachei ging, beide Fürstentümer und 
den Budschak, aber waren auch bereit, sich mit der Moldau zu 
begnügen, oder, wenn es nicht anders sein könnte, schliefslich nur 
mit den Burgen, die das königliche Heer besetzt hielt, vorlieb zu 
nehmen. So kam man in den Jahren 1698 und 1699 zum Frieden 
von Carlowitz, durch den das Haus Österreich die hochwichtige 



1) Kadu Fopescu, in Magazinul istoric, V, S. 164. 

2) Jorga, Manuscripte din bibl. sträine, I, S. 25 — 26. 



Beziehangen der letzten einheimischeil Färsten zu d. christl. Mächten usw. Itf 

fiiebenbürgisdie Bergfeste > ein Land mit nimätiiBcheii Baacim; 
sächsischen Bürgern und rohen magyarisdien Edelleaten erratig. 
Die Polen 9 die eben nodst ihre Ford^»tuigen ao hoch gespannt 
hatten ; waren mit der Wiedergewinnung von Eatnieniec gan£ 
zufrieden. 

Die Moldau war während des Krieges Stärker in Mitleiden- 
wAbü gezogen worden als das benachbarte Fürstentum. Es wären, 
sagte man eu Waok^barth, von den vierzehn Bezirken der alten 
Zeit nur noch vier im Besitze des unfähigen Fürsten« Das war 
zwar eine Übertreibung , aber dennoch hatt^i in der Moldau die 
Polen viel mehr Grund und Boden als die Deutschen in der Wa- 
lachei; ohne dafs sie deshalb gröfsere Anstrengungen hätten machen 
müsfi^i. Der siegreiche König Jan Sobieski hatte 1683 Wien 
von der türkischen Gefahr befreit; vor Ende dieses grofsen Jahres 
noch erschien jenseits des Dnjestr eine Abteilung von königlichen 
Soldaten nebst den geflüchteten Bojaren und deren Thronkandidaten, 
dem Stephan Petriceicu, dem Verräter von Hotin^ der bisher in Polen 
gelebt und wahrscheinlich eine Polin geheiratet hatte. Der ,)Griedie^ 
Duca war^ Yon seinen Bäten umgeben , eben erst von dem fehl^ 
geschlagenen Zuge gegen Wien zurückgekehrt und befand sich in 
einem Dorfe am Fufse des Gebirges^ um hier die Weihnachtsfeier- 
tage zu verbringen. Hier entdeckten ihn die Feinde^ nähmen den 
schlecht geschützten Tyrannen gefangen und führten ihn nach 
Lembergy wo er starb. Den Tataren gegenüber, die den Auftrag 
hatten, den unersättlichen Demeter (Dimitra^co) Eantäkuzino, einen 
anderen Griechen, als kaiseiüch-türkischen Stellvertreter in der Moi^ 
dau auf den Fürstensitz zuheben^ konnte der ritterliche, aber schwache 
und planlos handelnde Stephan -Yodä seine Stellung nicht behaupten. 
Er verlor sie vielmehr ebenso rasch, wie er sie erworben hatte; 
die Tataren nahmen im Lande Quartier und hausten furchtbar. 
Obwohl sich die polnischen Kosaken, trotz eines glücklichen Zuges, 
den sie mit den moldauisohen Geführten unternahmen, der süd^ 
liehen bessarabisohen Städte nicht bemächtigen konnten (1683), 
gelang es den Polen, die nordwestlichen Burgen der Moldau in 
ihre Hände zu bringen, nämlich Suczawa, Cernäu^l (Czernowitz) und 
Neam^, womit auch die starke Dnjestrfestung Soroca vereinigt wurde. 
In einigen Klöstern und Bojarenhöfen fanden sich ebenfalls ihre Ko- 

Jorga, Oeschichte der Bam&nen. IL 9 



IS« 1. Kapitel. 

Baken neben deutschen Söldnern und raublustigen joimirl. Ver- 
gebens aber suchte Sobieski das ganze Fürstentum zu besetzen^ 
um es beim Friedensschlüsse behalten zu können. Im Jahre 1684 
kam er nur bis an die Grenze^ wo er auf türkisch- tatarische Reiter- 
trupps stiefs, aber 1686 konnte der König in Jassy^ wo schon 
viele seiner Ankunft harrten, seinen feierlichen Einzug halten. 
Der ;,Ho8podar^', der alte Konstantin Cantemir, der sich nicht 
aUzu stark für eine christliche Politik erwärmte , schlich sich da- 
von zu den Tataren, und als die Polen diese zu Hause aufsuchten, 
fanden sie nur ödes Land, ohne Nahrungsmittel und Wasser. Vom 
Feinde verfolgt, kehrte der Befreier der Moldau im Herbste zurück, 
ohne etwas Ernstliches ausgerichtet zu haben. Im Jahre 1691 je- 
doch war er glücklicher, und dieses Mal kam der erwähnte Teil des 
Landes wirklich in seine Gewalt: auf dieses Stück beschränkte 
sich aber auch das christliche Gebiet. Von hier aus wurden nun 
die gefürchteten podghiazuri, d. h. Beutezüge, die kühne 
Leute befehligten, unternommen, wodurch die übrigen Gegenden 
unaufhörlich beunruhigt wurden. Durch die Expedition gegen 
Soroca suchte sich 1692 Konstantin Cantemir, der nichtsdesto- 
weniger die Künste des politischen Doppelspiels ziemlich verstand, 
wenn auch vergebens, zu befreien. Unter die Fahnen der pol- 
nischen Rottmeister und Hauptleute strömten auch alle jungen, 
kampflustigen Kräfte des Landes, aus den Wäldern der Bukowina 
wie aus den Tälern, und nicht minder die Nachkömmlinge der 
geflirchteten Orheienl, Läpu§nenl und Sorocenl, die auch Duca 
genug zu schaffen gemacht hatten. Selbst aus der Walachei kamen 
tapfere Bojarensöhne, um sich an dem Beute versprechenden Klein- 
kriege zu beteiligen. Wie Miron Costin, so sehnten sich viele, 
selbst grofse Bojaren, nach neuen Verhältnissen unter christlicher 
Oberhoheit, und während seiner Verbannung nach Polen hatte 
wahrscheinlich dieser die Eingabe an den König verfafst, in welcher *) 
ein oligarchisches Regiment verlangt wurde, mit Beibehaltung der 
alten Bojarenprivilegien, vollständiger Exemtion der bevorrechteten 
Stände — vom Metropoliten und Grofslogofät bis zum letzten ma- 
zil herab — und Bauemhörigkeit 



l)Hurmuzaki, Supl. II», S. 151—153. 



Beziehangen der letzten einheimischen Fürsten zn d. christl. Mfichten usw. ISl 

Nach dem Tode Cantemirs des Alten benutzte Konstantin 
Daca die joimirly die unter einheimischen Hauptleuten standen, 
um sich unbequeme Türken^ die ihm als Spione erschienen; durch 
Mord vom Halse zu schaffen. Antioh Cantemir, der älteste Sohn des 
verstorbenen Fürsten^ ging noch weiter als jener. Als sich König 
August 1698 mit einem starken Heere der moldauischen Grenze 
näherte, schickte er seine Gesandten zu ihm und bot ihm die 
Unterwerfung der Moldau an, sobald die Einnahme des tatarischen 
Budschaks; wodurch sie im Schach gehalten wurde, erfolgt sein 
würde ; zugleich bedang er sich in diesem Falle eine künftige Stellung 
für das Land aus, ähnlich der, die der ehemalige litauische Staat 
einnahm ^). Diese Bedingungen nahm der König, nach dem Zeug- 
nisse eines moldauischen Chronisten, der in solchen Sachen zuverlässig 
ist — Neculcea ist sein Name — , an. Der Friedensschlufs des 
folgenden Jahres vereitelte auch hier alle diese grofsen Pläne, und 
die Polen verliefsen schliefslich unverrichteter Sache die verarmte 
Moldau, die ihre alte Blüte niemals wieder erreicht hat. 

Nach dem Frieden von Carlowitz sanken die moldauischen 
Fürsten und nicht minder der walachische Brincoveanu, welcher 
zu dem häufigen Fürstenwechsel im Nachbarlande mehr als jeder 
andere beigetragen hatte, zu politischer Bedeutungslosigkeit herab, 
nur mit dem Geldeinsammeln für den verhafsten heidnischen Kaiser 
sorgenvoll beschäftigt. Die Hoffnung, von diesem immer drücken- 
deren Joche be&eit zu werden, hatten sie trotzdem noch nicht auf- 
gegeben, und bei vielen Bojaren war die Hinneigung zu den Christen 
noch stärker als bei den Fürsten selbst. Osterreich war für einige 
Jahre mit der Assimilation der erworbenen grofsen östlichen Pro- 
vinz, wo die ungarischen Magnaten ohne Zögern die Waffen erhoben 
hatten, beschäftigt, und von dieser Seite geschah augenblicklich weiter 
nichts, als dafs die alte verräterische Korrespondenz des walachischen 
Fürsten und seines Oheims Konstantin fortgesetzt wurde. Aber 
Kulsland, das neue moskowitische Rufsland, hatte sich in den letzten 
Krieg nur wenig eingemischt, während es die Schwäche des tür- 
kischen Reiches bei dieser Gelegenheit nur zu gut kennen ge- 
lernt hatte. Karl XH., der besiegte schwedische Held, der nicht 



1) Letopiaite, II, S. 260. 



ISS 1. Kapitel. 

iingerächt nach Hause zurückkehren wollte, arbeitete ^fng in 
seiner elendiglichen moldauischen Residenz zu Yarni^a, in der 
Nfthe Yon Bender, auf dem Rajaboden, an einem neuen Kri^e 
zwischen Türken und Russen, der die rasche, in jeder Richtung 
zu beobachtende Entwickelung des Zarenreiches verhindern sollte. 
Die rum&nischen Herrscher hatten ihre Entschlüsse hindchtlidi 
der Haltung im bevorstehenden Kriege bereits gefafst. Schon Kon- 
stantin Duca liefs einen seiner Söhne von dem auf der Reise nach 
Konstantinopel befindlichen russischen Gesandten, von dem Knias 
Demeter Galitzin, taufen ^). Mihal Racovi^, zwar ein einfacher 
Landbojar, der aber mütteriicherseits mit den moldauischen 
Kantakuzinen verwandt war und infolge des Geldes und des E^- 
flusses des Brincoveanu von den Türken das Fürstentum bekommen 
hatte, schickte zu Ende seiner zweiten Regierung im Jahre 1709 
eine gehrime Gesandtschaft an den siegreichen Zaren Peter zu 
Eaew, um sich bei ihm für alle Fälle eine Zuflucht zu sichern *). 
Schon seit 1707 lebte am Hofe von Moskau David Corbea, ein 
Vertrauensmann der walachischen Kantakuzinen, als Gesandter des 
vorsichtigen Brincoveanu; sogar Briefe des russischen Ministers 
Golowkin an Mihail Kantakuzino und dessen Neffen Tema, der 
ihm als oberster Befehlshaber über die Landestruppen, als Spatar, 
folgte, sind auf uns gekommen '). Die Türken hatten noch volles 
Vertrauen zu den walachischen Fürsten; Mihal- Vodä aber setzten 
sie ab, um Nikolaus, dem ältesten Sohne des Dragoman Mauro- 
kordatos, die Moldau zu verleihen. Der junge Grieche war jedoch 
augenscheinlich zu schwach und zu fremd, um eine Grenzprovinz 
verteidigen zu können. Dieses Bedenken und die Einmischung 
des Khan führten in der Tat zu der Ernennung des Demeter 
Cantemir, der schon fest davon überzeugt war, dafs die Zukunft 
den Christen, der europäischen Macht, Kultur und Arbeit gehören 
würde. Er und Brincoveanu erhielten nun den Befehl, sich am 
St. Georgstage des Jahres 1711 mit ihren bewaffiieten Scharen 
vor Bender einzufinden, um an der Bestrafung des anmafsenden 
Moskowiters teilzunehmen. 



1) Letopiaite, H, S. 275. 

2) Ebenda, S. 291. 

3) Jorga, Doc. Cantacuzinilor, S. 262 ff. 



Beziehmigen der letzten einheimiaebdB Fürsten zu d. christl. Machten nsw. ISS 

Doch yergebeas wartete man auf sie. Der Walacbecfurst 
antwortete^ als der Zar in ihn drang, dafs er ihm gern 30000 
Mann und genügenden Proviant zur Verfügung stellen wolle, je- 
doch nur unter der schon bekannten Bedingung, nämlieh erst dann^ 
wenn die Befreier als Si^er auf walachischem Boden ständen. In 
der Tat sammelte er ein zwar wesentlich kleineres, aber immerhin 
bedeutendes Heer, rückte aber damit nur bis in das Tal von Urla^I, 
von wo aus er sieb ebensogut zurück, nach seiner Hauptstadt, nach 
dem Kri^schauplatze oder auch nach dem errettenden Siebenbürgen 
wenden konnte, je nachdem es die Umstände verlangten. Den Türken 
hatte er Geld geschickt, und so fiel seine Säumigkeit nicht weiter auf; 
die Proviantkarren aber standen bereit für den, der als der Stärkere 
aus der Entscheidungsschlacht hervorgehen würde. Um den rus- 
sischen „Kaiser'^ zubeschwichtigen, schickteer einen alten, erfahrenes, 
griechischen Bojaren, den Georg Eastriota, mit Briefen und münd- 
lichen Entschuldigungen nach Jassy. Aber ohne die Erlaubnis 
seines Vetters und Herrn floh Ende Juni Toma Kantakuzino mit 
zahlreichen Begleitern aus der Umgebung des Fürsten und erschien 
auch in der moldauischen Hauptstadt, um die Mitteilungen des 
Eaatriota zu ergänzen. Toma führte nun ein russisches Korps 
nach Br^Ia, wo sich die türkischen Magazine befanden, während 
Elastriota, dem durch Vermittlung des Patriarchen von Jerusalan, 
Ohrysanthos Notaras, ein geheimer Auftrag von den Türken selbst 
geworden war, den Zaren mit Friedensvorschlägen bestürmte, die 
Peter, nach der Katastrophe am Pruth, wohl oder übel annehmen 
mufste, um sein Heer zu retten. Als Brincoveanu die Nachricht 
von diesem kläglichen Ende der gro&en christlichen Pläne erhielt, 
soll er, bitter scherzend, gesagt haben, die Osmanen müfsten mit 
etwas anderem, als „mit Bechern und Branntwein '^ besiegt werden, 
und gut bezeugt ist die Bemerkung des mächtigen Stolnic Kanta- 
kuzino: „Auch in deutschen Kleidern bleiben die Muskaien (Mos- 
kowiter) immer Muskaien". Im Sommer kehrte Brincoveanu ruhig in 
seine Residenz zurück, um eines anderen christlichen Retters zu harren. 

Was den hochgelehrten „Demetrius" Cantemir anlangt, so 
erfiillte er keinen einzigen der vielen ihm gewordenen vertraulichen 
Aufträge; er häufte keinen Proviant an, erstattete keine wahrheits- 
getreuen Nachrichten über die Bewegungen des Feindes und kümmerte 



1S4 1. Kapitel 

sich nicht um die Bewachung und gelegentliche Gefangennahme 
BrincoyeanuB^ obwohl er ihn im übrigen seit langer Zeit als den 
Familienfeind betrachtete. Während des Winters hatte er viel- 
mehr bereits einen Pricopie Cäpitanul an den orthodoxen Kaiser 
gesandt y um ihm seine Vorschlfige zu überbringen. Später be- 
traute er mit einem ähnlichen Auftrag den Adam Luca^ der diese 
verräterische Reise unter dem Verwände unternahm, dafs er nach 
Polen reise, um hier einem Reichsbeamten ein Anliegen der hohen 
Pforte zu übermitteln. Luca reiste am 23. — 24. April a. Si ab, 
und am 18. schon schlofs Peter mit Pricopie einen ersten Ver- 
trag, in dem beinahe von weiter nichts als dem künftigen 
Wohle der Dynastie Cantemir die Rede ist: diese soll für immer die 
Moldau besitzen, auch über die Edelleute nach Belieben herrschen 
und die Rechtspflege ohne fremde Kontrolle ausüben ; fiir den Fall, 
dafs das Fürstentum in den Händen der Türken bleiben sollte, 
verpflichtet sich der Zar, der Moldau und deren bisherigem 
Herrscher seine Unterstützung zuteil werden zu lassen. Luca in- 
des übermittelte wesentlich andere Bedingunfi^en, die aus der Be- 
n*»g ». d« BojW h»™^^«, t.li j. l^U^ h.«» 
ihrerseits auch eine besondere Abordnung, bestehend aus alten 
imd jungen militärisch gekleideten Standesgenossen, an den künf- 
tigen Schutzherm gesandt. Im Monat Mai alten Stils unterzeichnete 
der russische Monarch den endgültigen Vertrag, der aus lauter 
utopischen, jedem Moldauer angenehm kUngenden Paragraphen be- 
stand: Rufsland will die Kosten der Staatsverwaltung tragen, dem 
Fürsten eine Pension zahlen und den Sold für das Heer aufbringen ; 
der Klerus und alle gegenwärtigen oder gewesenen Bojaren sollen 
keinerlei Steuern mehr entrichten, aber wohl die go^tinä und 
desetinä auf ihrem Grund und Boden selbst einheben; lebens- 
länglich sollen die Bojaren im Besitze der ihnen einmal verliehenen 
Amter bleiben. Ein Todesurteil gegen sie kann nur mit Ge- 
nehmigung des Rates und unter Zustimmung des Metropoliten aus- 
gesprochen werden; die Bauern erhalten ihre Freiheit zwar nicht 
zurück, aber sie entrichten dem Staate keine Steuern mehr; der 
Fürst bekommt vielmehr nur den Ertrag der Salzgruben und der 
Städte, aber er soll bis zur Donau herrschen und endlich von 
den Tataren befreit sein; in seinem Gebiete sollen keine Mos- 



BeziehuDgen der letzten einheimischen Fürsten zu d. christl. Mächten usw. 1S6 

kowiter angesiedelt werden, und keine moskowitischen Besatzungen 
sollen in seinen Festungen verbleiben ; sein Titel wird ,, Alleinherrscher^' 
lauten, und kein Vasall, sondern nur ein ,, Freund '' des grolsen Buls- 
land soll er sein ^). Als Cantemir erfuhr, dals die Russen be- 
reits am Dnjestr ständen, und als er Geld von ihnen in den Händen 
hatte, erklärte er endlich durch eine Proklamation, die er mit den 
generellen Ankündigungen des Zaren veröffentlichte, dafs er sich em- 
pöre. Als ein Mann, welcher der Vergangenheit kundig war, ver- 
gafs er die alten Verträge mit der Pforte nicht und stellte deren 
willkürliche Nichtbeachtung ins gehörige Licht; er sprach von der 
Gnade des Kaisers Peter Alexie witsch und forderte jeden, der kämpfen 
konnte, auf, am 15. Juli unter seinen Fahnen zu erscheinen '). 

Nacheinander erschienen nun der Brigadier Eropotow, Schere- 
metew, der Günstling des Zaren, und endlich dieser selbst. Peter 
fand persönlich einen besonderen Gefallen an dem moldauischen 
Fürsten, den er seinen Sohn nannte und den er unter dem Ein- 
flufs des Schaumweins väterlich küfste. Die Bojaren mufsten sich 
schliefslich alle in die Notwendigkeit fügen, obgleich der alte Jor- 
daki Rosseti (Ruset) anfangs heftig gegen die „ Unveränderlichkeit 
der Domnie'^ protestierte. Das Heer bewegte sich nun dem 
Laufe des Pruth enüang weiter, aber was sich hernach zutrug, das 
ist fremde Geschichte, die sich nur auf moldauischem Boden ab- 
spielte. £ine Kapitulation drohte dem Zaren, und er entzog sich 
ihr nur durch Abschlufs eines ungünstigen Friedens. Demetrius 
aber wurde von jetzt an der gelehrte Berater Peters, er stieg zum 
Senator und Mitgliede der Akademie auf und führte sogar bald 
dne moskowitische Prinzessin als GemahHn heim. Sein Land je- 
doch bedeutete für ihn nur eine schmerzliche Erinnerung und das 
Objekt seiner wissenschaftlichen Beschäftigung, die zum gröfsten 
Teile der verlorenen Heimat galt '). 

1) Der erste Yertrag ist in der mssischeii Sammlung IV der Staatsverträge und 
daraus beiStardza, Acte ^i doc., I, S. 15 f., yeroffentlicht, der zweite ist in der 
Chronik von Necnlcea, S. 306. enthalten. Die Vollmacht des nach Polen ge- 
sandten Laca in meiner Ausgabe von Amira^s Autentica Istoria di Carlo XII. 
{Bukarest 1905), S. 23, Anm. 2, veröffentlicht. Vgl. G. Bogdan-Duicä, in 
den „Bumänischen Jahrbüchern", Jahrgang IX. 

2) Hurmuzaki, Supl. I, Bd. I, S. 396—399. 

3) S. hinsichtlich der Quellen und ihrer Kritik meine Ist. lit. rom., I. 



IM 1. Kapitel. 

Nachdem die Türke» in Jassy gehaust hatten und die Tataren 
strafend eingefallen waren ^ wurde Kikolaus Maurokordatos aum 
zweiten Male aum Fürsten der Moldau ernannt. Im Jahre 1716 
wurde er dann^ und zwar nicht ohne sein Betreiben, in die reichere 
Walachei versetzt; wo eine doppelte Tragödie dem Zeitalter der 
Nationalfürsten ein Ende bereitet hatte. 

Brtncoveanu war seit einiger Zeit mit seinen kantakuzihiaehea 
Verwandten; unter denen einige selbst nach der Herrschaft strebten^ 
zerfallen ; auch der Stolnic Konstantin war jetzt gegen ihn. Wäh- 
rend nun die Kantakuzinen ihre alten Beziehungen zum russisohea 
Kaiser aufrechterhielten ^\ setzten sie die Pforte davon in Kenntnis^ 
dafs der Fürst ein grofser Verräter sei, dafs er nach österreichischen 
Titeln gestrebt und sie erbalten habe, dafs er Geldmünzen mit seinem 
Bude — es waren Gedenkmünzen — schlagen lasse , da& er 
viel Geld im Auslande untergebracht habe, dafs er die Türken, 
seine Herren, im Auftrage der vermaledeiten Christen ausspi^uaiere 
usw. In der Woche vor Ostern 1714 wurde Konstantin, einjeiizt 
hocbbetagter Mann, von Bukarest abgeholt und zur Pforte g^uhrt, 
um Rechenschaft über seine angeblichen Untaten abzuleg^ ; Frauen 
und Kinder, Schwiegersöhne und Schwiegertöchter, ja Kindeskinder 
begleiteten ihn auf diesem Schmerzenswege. Nach einem langen 
grausamen Spiele mit seinem Leben wurde er endHch als armer, 
von allem entblöfster, alter Mann, angetan mit dem Hemd« des 
Verräters, auf der Strafse knieend, vor dem Kaiser enthauptet, nach- 
dem das Blut seiner Kinder vor seinen müden Augen geflossen war. 

Sein Nachfolger ward Stephan, der Sohn des Stolnic. Der 
Bruder dieses Stolnic, Michad, hätte allerdings statt seiner den 
moldauischen Mihal-Vodä Racovi^ä, mit dem er jetzt ver- 
schwägert war, als Fürsten lieber gesehen. Wiederum gelangten 
deshalb giftige Beschuldigungen nach Konstantinopel, und wieder 
erreichten sie ihren Zweck. §tefan-Vodä und sein Vater traten 
in die blutigen Fufstapfen der Familie Brincoveanu und wurden 
im Juni 1716 erdrosselt. Damit das Spiel endlich einmal ein Ende 
finde, verloren endlich nach etlichen Wochen auch die Be- 
schuldiger ihre Köpfe, und zwar in Adrianopet. Mihal Racovi^ä 



1) Jorga, Documentele Cantacuzinilor, S. 262 f. 



Beziehungen der letzten einheimischen Fürsten za d. christl. Mächten usw. IS? 

roiEite als neuer Fürst der Moldau ab^ während Nikolaus 'Mauro* 
kordatos die Walacbei erhielt ^). 

Nikolaus Maurokordatos stammte durch seinen berühmten 
Vater, der Arzt in Padua gewesen war — dort befand sich die 
angesehenste Medizinschule für den ganzen Orient — , aber auch 
als ScbrififcsteUer und Staatsmann Kuf genofs, aus einer ,|nesio- 
tischen ^^ Familie der Insel Chics; er war also kein Fanariote und ge- 
hörte ursprüngUch nicht in die Beihe der hauptstädtischen Griechen^ 
die ihren Sitz, von dem aus sie Ränke spannen und Geld und 
Ehren einh^msten, in der berühmten Vorstadt Phanari aufgeschlagen 
hatten. Aber nicht als Sohn des Grofsdolmetschers, des secre- 
tarius oder s§ aTto^uav der Pforte, nicht als ein Mann, der 
sdibst eine Zeitlang das Amt des Dolmetschers bekleidet hatte^ 
sondern als NacbkömmUng der alten rumänischen Nationalfürsten, 
wollte Nicolae-Vodä, der in seiner Titulatur den Namen Mau- 
rokordatos tilgte und sieh gemäfs der in den Fürstentümern 
geltenden Hofregel Nicolae Alexandru-Vodä nennen liefs, erscheinen. 
AI» ein walachiseher Bojar, Radu Popescu, auf seinen Befehl eine 
KompiUtioo der bisherigen Landeschroniken schrieb «nd dereu 
Erzählung fortsetzte, da begann er die Kapitel über die neue Ära 
des Maurokordatos mit einem Abschtuitte, der sich mit der Genea- 
logie seines Gönners beschäftigt ^) : der unkundige Leser erfohr 
daraus, dafs Nikolaus, der Grieche, ein Enkel des alten, grofsen, 
moldauischen Alexander sei^ weil seine Mutter, Suitana, die Tochter 
der Fürstin Eassandra war, die Alexander Ilia§ zum Vater hatte '). 
Ein anderer Gxolser seines Hofes, Konstantin Väcärescu, sowie der 
Sohji des Jordaki Rosseti (Ruset), Nikolaus, griffen ebenfalls zur 
Feder, um die rumänische Herkunft ihres erlauchten Herrschers zu 
beweisen ^). Er selbst suchte nicht minder seinen fremden Charakter 
aufe sorgfältigste zu verdecken: er erlernte die Landessprache, auch 

1) Vgl. J rga , Operele lui C. Stolnicul ; Doc. priv. la Bnncoveanu und 
don i. Bd. der Ist. lit. rom. 

2) Magasinul istoric, IV, S. 39 ff. 

3) Vgl. Legrand, Genealogie des Maurokordato (Paris 1886), in 8** — ein 
zweites Werk mit diesem Titel erschien 1900 — und A. G. Maurokordato, in 
Arch. soc. 9t. §1 lit. din la^I, V, 8. 170 ff. 

4) Jörg a, Ist. lit. rom., I, S. 198 ff. Vgl. Convorbirl literare, Jahrg. 1904, 
S. 871. 



188 1. Kapitel. 

um die geschicbtlicben Werke, die darin geschrieben waren, lesen zo^ 
können, ordnete ihre Sammlung an und liefs sie fortsetzen. Die Ba- 1 
mänen Nikolaus Costin, der gelehrte, aber wenig befilhigte Sohn des^ 
Miron, imd Radu Popescu, der einer alten walachischen, mit den 
Bälenl verwandten Familie entstammte, waren nicht nur seine litera-j 
rischen Lobredner, sondern safsen auch als die ersten in seinem först-^ 
liehen Rate. Obgleich er den griechischen Schulen und Druckereien | 
«eine Aufmerksamkeit zuwandte, und obgleich er selbst die Literatur 
«einer Nation mit dem Buche IleQl yuxdTiyuiwcjv und etlichen kleineren , 
Schriften bereicherte, kann er doch nach einem Brincoveanu, der , 
sich um die Verbreitung der Kultur in der einzigen für den ganzen , 
christlichen Orient denkbaren Sprache bemühte, unmöglich als Ver- 
treter griechischen Einflusses gelten. Chrysanthos Notaras, der ihm 
oft mit seinem klugen Rate beistand, war ebensowenig ausschliefalich 
dem Griechentum ergeben. An der hohen Schule der Moldau zu St 
Sabbas (Sftntul Sava) lehrten neben dem hellenischen ersten 
didaskalos auch ein slavischer und ebenso ein rumänischer, und 
alle drei wurden aus der fürstlichen Kasse bezahlt. Unter Nicolae 
Alexandru-Vodä erschien zu Jassy eine Liturgie in der Landes- 
sprache. In den Verhaltungsmafsregeln, die er seinem ebenso ge- 
lehrten Sohne Konstantin gab, findet sich auch die, man solle sich be- 
mühen, sowenig wie möglich Griechen in die Fürstentümer zu bringen. 
Dieser Sohn Konstantin war ebenfaUs ein eifriger Förderer 
der Kultur; er sammelte eine grofse Bibliothek, die er allerdings 
später, von den Türken bedrängt, verkaufen mufste; er liefs den 
Schulen seine besondere Vorsorge zuteil werden und vergafs nicht, 
dem rumänischen Lehrer an der fürstlichen Schule zu Jassy Ge- 
halt zu zahlen. Den Klerus wollte er seiner hohen Sendung 
würdig machen, und er scheute dabei sogar vor einem Zwange nicht 
zurück, der viel Unzufriedenheit hervorrief. Die Priester mufsten 
harte Predigten anhören und sich eine Kontrolle gefallen lassen; 
wer sich den Anordnungen des belehrenden Herrschers nicht fugen 
wollte, bezahlte als Strafe nicht nur jährlich einen Dukaten, der 
fiir die Unterhaltung der Schulen verwendet wurde, sondern auch 
die schwere und besonders erniedrigende Steuer des Bauern, den 
bir de ^arä. Während er die Moldau regierte, gründete er eine 
Druckerei für kirchliche Bücher in Rädäu^I und verfügte, dafs 



Beziehungen der letzten einheimischen Fürsten zu d. christl. Mächten usw. 1S9 

nur allgemein verständliche Bücher^ pe in^eles, in den Kirchen 
verwendet würden^ zum Heile der Seelen und zur Förderung der 
Eultar. 

Gregor Ghica^ ein dritter Fürst, der nacheinander in beiden 
Fürstentümern regierte, war der Neffe des Nikolaus Maurokordatos, 
denn seine Mutter war dessen Schwester. Ein liebenswürdiger 
junger Mann^ der darauf brannte, alles zu lernen, und der ab ge- 
wesener Orofsdolmetsch der Pforte mehrerer orientalischer und 
europäischer Sprachen mächtig war, erlernte Ohica mit Leichtigkeit 
auch die ^, moldauische^', um ein guter Fürst zu werden und im- 
stande zu sein, von allem und jedem persönlich Kenntnis zu 
nehmen. Für die Schulen sorgte er in gleicher Weise wie die 
beiden Maurokordatos und ordnete an, dafs nur derjenige Bojaren- 
Bohn, der sich im „Musäon^^ oder der „Akademie'^ die nötigen 
Kenntnisse erworben hätte, die Beamtenlaufbahn betreten dürfe. 
Im Lande war er zweifellos beliebt, und niemand dachte daran, 
diesem Nachfolger der echt rumänischen Fürsten den Vorwurf zu 
machen, dafs er ein unverbesserlicher, aussaugender Grieche sei. 

Aulser den Genannten regierten in der ersten Hälfte der so- 
genannten Fanariotenzeit zwei andere Maurokordaten. Der erste 
war Johann, der Verweser in der Moldau nach dem Verrate Cante- 
mirs und der Nachfolger seines Bruders Nikolaus, als dieser von 
den Deutschen in seiner Hauptstadt überfallen und nach Hermann- 
stadt geschleppt worden war (1716), ein schöner Mann, zwar weniger 
gelehrt als sein Bruder, aber milde und gnädig, so dafs das Land, 
als er nach kurzer Regierung in der Walachei starb, ihn allgemein 
betrauerte (1718). Der zweite war ein Bruder Konstantins, ein ver- 
wohnter junger Mann, der zu nichts taugte, zum Guten ebensowenig 
wie zum Schlechten. Ferner kommen die Söhne Gregor Ghicas, 
Matel und Scarlat, in Betracht, die sich ebensowenig durch irgend 
etwas auszeichneten. Ein vierter Ghica, Alexander, war der kaum 
erwachsene Sohn des Scarlat. Ein fünfter, Gregor, der Sohn eines 
änderen Alexander, der ehedem als Grofsdolmetsch bei den dem 
Frieden von Belgrad (1739) vorausgehenden Unterhandlungen tätig 
gewesen war, wurde wegen geheimer poUtischer Umtriebe ent- 
hauptet Dieser zweite Gregor Gbica übertraf sicherlich an Be- 
gabong, wenn auch nicht an Glück — Gregor Matel starb ruhig 



140 1. Kapitel. 

in Bukarest^ während der Sohn des Enthaupteten 1777 dureb 
einen Justizmord in Jassy endete — den ersteren. Letzterer ward 
der Wiederhersteller der hohen Schule von Jassy, vollstreckte pünkt- 
lich die ihm gewordenen kaiserlichen Befehle und erhielt daför 
sogar einmal die Fürstenwürde für sein ganzes Leben verliehen. 
In seiner moldauischen Hauptstadt liefs er schöne öffentliche Baat^ 
auffuhren^ gründete eine Tuchfabrik in der Moldau und zog fremde 
Meister daför heran, gewährte jedem Bojaren ein bestimnates Ein- 
kommen und bereitete so dem bisherigen Chaos und den bisherigen 
Mifsbräuchen ein Ende ^). Persönlich kontrollierte er die gesamte 
Finanzverwaltung; so dafs unter ihm alle unheilvollen Unterschleüe 
verschwanden. Einen besseren Verwalter hat gewifa weder die 
Moldau noch die Walachei in diesem meistenteils so ungerecht 
beurteilten 18. Jahrhundert gehabt. 

Mihal Racovijjä; der schon zweimal Fürst der Moldau gewesen 
war; kam dort noch ein drittes Mal zur Regierung , und dann 
auch noch zweimal in der Walachei. Seine zwei Söhne genossen 
dieselbe Ehre, Meierhöfe an der Donau für den Sultan zu verwalten. 
Konstantin zeichnete sich durch eine starke Vorliebe für alkoholische 
Getränke aus und verbrannte buchstäblich daran. Stephan aber 
war, wie sein verstorbener Vater, der in seinen letzten Zeiten die 
griechische Klientel mehr als die griechischen Fürsten selbst be- 
günstigt hatte, ein charakterloser Mann. Andere Mitglieder dieser 
wenig begabten Familie lebten als konstantinopolitanische Beyzades, 
Fürstensöhne, oder später auch als einfache Landbojaren. 

Endlich im Jahre 1758 erhielt durch eine Intrige in Kon- 
stantinopel der alte Pforten-Dolmetsch Johann Kallimaki, der Sohn 
eines Mazilen aus. dem Gebiete Orheiü und einer Frau ausCimpulung, 
der anfangs Calmäful hiefs und in polnischen Schulen Lateinisch 
gelernt hatte, den moldauischen Fürstensitz, ohne danach verlangt 
zu haben. Er zeigte sich als ein biederer, harmloser Mann, und 
ebenso sein übrigens bedeutungsloser Nachfolger und Sohn Gregor, 
dem 1769 ein grausamer Tod im kaiserlichen Kerker beschieden war. 

überblickt man nun die Reihe aller dieser hervorragenden 
oder ins Grau der Allgemeinheit verschwindenden Persönlichkeiten, 



1) F. Eä9canu, Lefile ^1 veniturile boierüor Moldovel (Jassy, 1887). 



Beziehungen der letzten einheimischen Färsten zu d. christl. Machten usw. 141 

o ist leicht zu erkennen, dafs «ch hinsichtlich der Fürstenemennung 
icbts Wesentliches geändert hatte. Im 17. Jahrhundert bereits, 
Tind nicht erst am Ende desselben^ wurden Leute auf den Fürsten- 
-tJiron gehoben, die wie Oratiani nicht erlauchten Ursprungs 
^vraren und sich nicht einmal die Mühe gaben, einen solchen vor- 
zuspiegeln. Man trifft viehnehr in diesem nicht als „fanariotisch'^ 
verschrieenen Zeitalter tatsächlich lauter Griechen, die ohne jeg- 
liches Recht darauf, aber auch ohne jeglichen Anspruch, den Ver- 
dienst oder Talent verleihen könnten, die Wojwodenwürde erhielten. 
Itf an braucht nur an Demeter Kantakuzino und an Anton Rosseti 
2U denken und nicht zuletzt an die Ghica, an den Rumelioten 
Duca, dessen Eltern noch den Eharadsch an den Spahi, den Be- 
sitzer ihres Dorfes, bezahlt hatten. Ebenso wurde in dieser Epoche 
nicht lange nach dem Tode des Matel-Vodä, des Basaraben- 
spröfsUngs, und des Vasile Lupu, der seine Genealogie mit Aron- 
Vodä in Verbindung gebracht hatte, Fürsten ernannt, die, einer 
Bojarenfamilie oder einem nichtadligen Geschlechte angehörig, 
keine Genealogie vorzeigen konnten und keinen Sieg über einen 
Nebenbuhler davongetragen hatten. Hier könnte man auch den 
Istrati Dabija erwähnen, einen alten bonhomme, der seinen 
täglichen Wein mit gröfserem Vergnügen aus irdenen Töpfen 
als aus kristallnen oder goldenen Bechern trank, einen Antonie- 
Vodä din PopeftI, einen kindischen Greis, dem die Bojaren eine 
tägliche Pension für seinen Unterhalt aussetzten und der seinen 
Sohn Neagoe zu den tägUchen Ausgaben des Hofes einen gröfseren 
Beitrag leisten liefs, weil Antonie ein Witwer war und der Sohn eine 
Frau hatte, deren Unterhalt auch etwas kostete, dann den Kon- 
stantin Cantemir, einen ehemaligen polnischen Offizier aus Mazilen- 
blute, einen Mann, der kaum seine Unterschrift mechanisch nach- 
zumalen lernte, und schliefslich den Mihal Racovi^ä. 

Was triffl: man dagegen im 18. Jahrhundert? Fürsten, die, 
wie die Maurokordaten, von ihren ftirstUchen rumänischen 
Ahnen sprachen, andere, wie die Ghica und Racovi^ä, deren Rechte 
auf die Herrschaft weiter zurückreichen als bis zur Absetzung 
Cantemirs und den Hinrichtungen von 1714 und 1716; und neben 
ihnen steht die „neue^' FamiUe der Kallimaki, deren Glieder eben- 
sogut moldauische Mazilen wie vor ihnen Dabija und Cantemir waren. 



142 1. Kapitel. 

Man spricht ferner^ um dieses Zeitalter zu kennzeichnen, von 
einer Begünstigung des griechischen Elements, von einer Erhöhung 
der Steuern und dem Fortschreiten der systematischen Auspressung 
des Bauern. Auch diese Dinge yerdienen eine etwas genauere 
Untersuchung. 

Wie die Fürsten des 17., so unterhielten auch die des 18. 
Jahrhunderts Agenten an der Pforte, Kapu-Eehajas. Wenn 
der Fürst kein Geld, keinen Einflufs, keine Energie und keine Be- 
schäftigung hatte, dann warf sich dieser Agent, gewöhnHch auch jetzt 
ein konstantinopolitanischer Grieche, ein Fanariote, zum Lenker 
aller Angelegenheiten, zum Vormund, Beschützer und Befehlshaber 
,y seines'^ Fürsten auf Nikolaus Maurokordatos, sein älterer Sohn, 
sowie Gregor Matel und Gregor Alexander Ghica brauchten aller- 
dings solche gebietende Helfer nicht; sie waren selbst die Herren 
der Vistierie und unterhielten selbst Verbindungen mit der türkischen 
Welt. Anders lag dagegen der Fall bei den sehr jungen Bej- 
zades, die kindisch und verdorben waren, z. B. bei den Söhnen des 
ersten Gregor und bei seinem Enkel, und bei den elenden Nachkommen 
des alten Racovitä. Arme Fürsten, wie es die Eallimaki im höchsten 
Grade waren, brauchten ebenfalls eine Stütze und mufsten dem 
Winke dessen, der ihnen Anleihen vermittelte, folgen. So entstand 
die Macht eines Ba^a-Mihalopol, eines Gheorghe Hatmanul und 
eines Stavraki; letzterer war ein sehr gefeierter Grieche, der 1765 
seinen Reichtum, seinen Ehrgeiz und sein ßänkespiel auf Befehl 
des empörten und habgierigen Sultans mit dem Tode durch den 
Strang bezahlte. Alexander Sutzo wurde ebenfalls gehenkt ; Niko- 
laki Sutzo wäre beinahe an das Ziel seiner Wünsche gekommen, 
er brachte es bis zum Dolmetsch der Pforte, ward mafsgebend in 
allen rumänischen Angelegenheiten und riet zum Elriege gegen 
Rufsland, bezahlte aber dessen unglücklichen Ausgang 1769 mit 
dem Tode. Aber diese „grofsen Griechen" sind, wie schon ge- 
sagt, keine neue, unheilbringende Erscheinung; sie setzen vielmehr 
nur die lange, durch Michael, den „Satanssohn" (Schaitanogla), 
diesen mächtigen, zuletzt aber auch gehenkten Eantakuzinen er- 
öffnete Reihe fort. 

Von einer stärkeren Einmischung der Griechen in die Landes- 
verwaltung ist auch nicht die Rede. Man kann sogar behaupten; 



Beziehungen der letzten einlieiniischeD Fürsten za d. christl. Mächten usw. 14S 

^afs sie jetzt vorsichtiger zu Werke gehen. Von einem Benehmen^ 
^e es Tzukalas^ Sophiali oder Balasaki an den Tag gelegt hatten, 
ist nicht mehr zu berichten. Als Stavraki in die Moldau kam^ 
um die Eintreibung der Steuern persönlich u überwachen^ jagten 
ihn die Bewohner der Vorstädte von Jassj so wütend von dannen^ 
dafs er niemals wiederkam. Nikolaki Sutzo residierte zwar 
einige Zeit neben seinem Schützling Gregor Kallimaki^ aber er 
schien nur seines Amtes zu walten und schonte die Empfindlich- 
keit seiner rumänischen Kollegen. Wie ehedem besetzten auch 
jetzt die Griechen nur einige Amter, das des Postelnics und des 
Vistiers; so beginnt auf rumänischem Boden die Laufbahn eine» 
Konstantin Moruzi und eines Alexander Ipsilanti, die beide später 
in einem neuen Zeitabschnitte der Fanariotenära Fürsten wurden. 
Die kleinen Raubtiere finden sich gerade wie in der angeblich 
besseren Zeit unter der Dienerschaft der Wojwoden, wo sie wenig 
Schaden anrichten konnten, oder nur in untergeordneten Be- 
schäftigungen. Im allgemeinen sind die Griechen um so stärker ver- 
treten, je weniger der Fürst von den Regierungsgeschäften versteht. 
Es mufs auch hervorgehoben werden, dafs ebenso wie vorher die 
Walachei mehr Griechen beherbergt als die Moldau. Schliefslich ist 
nicht zu vergessen, dafs in der Regel schon in der zweiten Gene- 
ration der von einer rumänischen Mutter geborene Grieche das 
fremde Gepräge verloren hat, wenn er auch den fremden Namen 
weiter trägt. Diese Verschwägerungen zwischen Griechen und Ru- 
mänen waren eine sehr häufige Erscheinung, und der unfähige 
Griechenschützling Stephan Racovi^ä, der, wie sein verstorbener 
Bruder, die Volksmassen von Bukarest gegen sich erregte ^), er- 
liefs, um sie zu beschwichtigen, ein Dekret, das die Verschwägerung 
der einheimischen Familien mit Griechen verbietet ^). 



1) Sie lärmten gegen die Einkerkerung einiger Landesbojaren, von denen 
die Eegierung Geld forderte. 

2) Vgl. die in der Genealogia Cantacuzinilor enthaltene Chronik und da» 
Dekret selbst, das I. Bianu in der Bevista noua, III, S. 302 £f. veröffentlicht hat. 



144 2. Kapitel. 



2. Kapitel. 
Die Staatsiiiiaiizeii, Reformversuche und Abgaben» 

I. Die Steuern. Was die Vermehrung und Erhöhung d^ 
Steuern betrifft^ so läfst sich dies^be nicht leugnen; waren doch seit 
dem 16. Jahrhundert die Lasten der rumänischen Länder immer 
drückender geworden. Der türkische Staat hatte sich immer mehr 
auf den Mifsbrauch der öffentlichen Gewalt eingerichtet^ und je 
weiter die Zeit fortschritt; desto mehr war man zur Befriedigttng 
der Bedürfnisse des Reiches wie der Unersättlichkdt der grofsen und 
kleinen Würdenträger und Ho&chranzen auf die Donaufurstentümer 
angewiesen. Der heilige Krieg trug keine Beute mehr dn; die 
Gunst der Pforte wurde nicht mehr durch r^che Geschenke ^- 
kauft; viele Provinzen entbehrten beinahe jeder Bedeutung für den 
kaiserlichen Schatz ; weil sie sich langsam vom Ganzen losriss^i; 
und es fehlte an Kraft und Intelligenz ; um diesen Verwesungs* 
prozefs durch energische Mafsregeln zu bekämpfen. Die Raja an 
der Donau war mit der Zeit die einzige Ernährerin des Beiches 
geworden; und die Kosten für den verfaUenden Staat trug der 
armC; geplagte; rumänische Bauer. Selbst die besten Herrsoher- 
naturen unterlagen dieser unabwendbaren Notwendigkeit. Der 
^; Grieche^' mufste das verlangen; was ihm selbst vom Türken ab<^ 
^fordert wurde; und aufserdem; ganz abgesehen von seinem Hof- 
halte; auch alles daS; was er brauchte; um seine Herrschaft durch 
Schenkungen an alle Mächtigen in Konstantinopd aufrechtzuhalten. 
Im Grunde hing aUes lediglich von dem Zufalle und von der 
jeweiligen Laune deren ab; die gerade die Zügel des türkischen 
Reiches lenkten. Jede Beständigkeit; jede Sicherheit fehlte; ;; ein- 
mal ^^; so schreiben im Jahre 1769 die moldauischen Bojaren an 
die russischen Befehlshaber; ;; nahmen die Fürsten mehr; ein ander- 
mal weniger; denn nichts war unveränderlich" ^). 

Auf der anderen Seite waren durch eine alte Überlieferung 
die Quellen der fürstlichen beziehungsweise staatlichen Einkünfte 
festgelegt: die uralte Kopfsteuer; die Steuer ,;pe nume", „auf 



1) Archiva romäneascä^ I, S. 147. 



Die Staatsfinanasen, Befonnversuche und Abgaben. 14§ 

den Namen^ wurde eingehoben, um den bir aufzubringen, seit- 
dem es einen Tribut gab, und aufserdem besafs der Fürst das 
patriarchalische Becht, von jedem Erzeugnis des Landes, und zwar 
ohne Unterschied; ob das betreffende Dorf frei war oder etwa einem 
Bojaren, einem Kloster oder einem Bischofssitze zugehörte, den 
Zehnten zu erheben. Wie ihre Vorgänger, so besafsen auch die 
„Fanarioten^^ bis 1774, selbst von den türkischen Gelüsten ab- 
hängig, keine anderen Mittel, deren sie sich hätten bedienen können, 
um sie zu befriedigen. Sie waren zudem, wie ihre Vorgänger, 
ebenfalls gute oder schlechte Verwalter der Staatsfinanzen. 

Der Pforte und ihren Beamten hatten die rumänischen Fürsten 
des 18. Jahrhunderts zu entrichten, was hier aufgezählt werden soll. 
Verweigern konnten sie nichts; nur einige Privilegierte unter ihnen 
besafeen den Mut, eine Herabsetzung der zu hohen Forderungen zu 
verlangen, aber nur in seltenen Fällen und in geringem Umfange 
ist es ihnen gelungen. 

Zuerst war der Tribut zu entrichten. In der Walachei war 
er schon unter der im übrigen glücklichen Regierung Brincoveanus 
zu einer hohen, unerträglichen Summe gestiegen, und vergebens 
machten dessen Nachfolger den Versuch, den „adaus^^, die Er- 
höhung, die er hatte bewilligen müssen, rückgängig zu machen. 
Nikolaus Maurokordatos wendete seinen ganzen Einäufs auf und 
bezahlte 100 Beutel, nur um die Herabsetzung des Zinses zu er- 
wirken; schliefslich mulsten dennoch jährlich hundert von den 
verlangten Beuteln dauernd aufgebracht werden ^). Neben dem Tri- 
bute mufste er, ebenso wie sein moldauischer Nachbar, den m u c a r e r 
bezahlen, damit seine Regierung jedes Jahr „erneuert^' werde: 
der „kleine'* mucarer betrug für die Walachei 50000 lel, d. h. 
Taler türkischer Rechnung, während ein moldauischer Fürst nur 
die Hälfte, 25 000 lel, zu leisten hatte ^). Der Sohn des Nikolaus 
mufste, obgleich er persönlich kein habgieriger Mann war, dem 
bedrängten Lande neue Lasten aufhalsen, um sich als Fürst zu 
behaupten; sein skrupelloser Mitbewerber Mihal Racovi^ä hatte 



1) Radu Popescu im Mag. ist., IV, S. 121—122. 

2) Vgl. Descriptio Moldaviae, S. 111—112 und Genealogia Cantacuzinilor, 
8.502. 

J«Tra, Q«seliicht« der Rnm&nen. II. 10 



146 2. Kapitel. 

den mucarer bis auf 250000 Taler erhöht^ doch damit ist ge- 
wifs der ^^grofse'^ mucarer gemeint, den jeder Wojwode nach 
der ;, gesetzlichen'^ dreijährigen Regierung einsenden mufste, um 
wieder ernannt zu werden^ um eine neue kaiserliche Fahne durch 
einen neuen Einsetzungsaga , Skemniagassi, zu empfangen. 
Konstantin bewies dem ELaiser, dafs er nicht weniger eifrig als 
jener alte, schlaue Michael sei, und versprach noch eine neue 
Steuer, die ^aigeh (geaigea, t^aiTCe), als Geschenk für die Person 
des Monarchen, fiir seinen persönlichen Schatz : so wurden jährlich 
500000 lel mehr ausgeprefst, und selbstverständlich mufsten auch 
die hohen Beamten der Pforte das Entsprechende für ihre Qunst 
und ihre Dienste erhalten ^). Bei einer neuen Regelung der 
Grenzen, welche die Donautürken übrigens im 18. Jahrhundert 
viel weniger sorgfältig beobachteten als im 16., kamen kraft der 
vorgelegten schriftlichen und mündlichen Beweise einige nicht un- 
bedeutende Landstriche und Inseln an das Fürstentum, aber da- 
für wurde, nach dem alten Brauche, auch der Tribut um 200O lel 
erhöht. Von dem am 1690 erworbenen Meierhofe Odaia Vi- 
zirulul aus, dessen Einkünfte dem jeweiligen Grofswesiere zu- 
flössen, beunruhigten die türkischen Hirten und Bauern die ganze 
östliche Hälfte der Walachei: Scarlat Ghica hielt es für zweck- 
mäfsig, dieses Friedensstörernest zurückzuerwerben , und dies be- 
deutete wiederum für den armen walachischen Bauern eine Er- 
höhung des Tributs um 25 000 Taler. 

Dies war aber noch immer nicht genug. Seit dem Verfalle 
der osmanischen Macht langten nicht mehr so häufig und so pünkt- 
lich wie in der grofsen Eroberungsperiode die kornbeladenen Ga- 
leeren aus dem Schwarzen und Agäischen Meere in Eonstantinopel 
an, denn die schlechte Verwaltung begünstigte auch die Unter- 
schlagung der Beamten. Deshalb fiel die Ernährung der Herren 
immer ausschliefslicher der Donau-Raja zur Last, und, um einen 



1) Genealogia, S. 503. Diese Erklärungen, welche die walachische Depu- 
tation den russischen Bevollmächtigten gegenüber 1772 während des Friedens- 
kongresses abgab, sind in die Denkschrift, die Michael Eantakuzino der rus- 
sischen Begierung einreichte und welche 1806 in Wien durch die Brüder Tunusli 
griechisch als ^IotoqCu tfjg BlaxCag erschien, sowie in die „Memoires snr la 
Yalachie" des Generals von B[auer] (Frankfurt-Leipzig 1778) übergegangen. 



Die StaatsfinaDzeD, Beformversache und Abgaben. 147 

Vorwand zu haben ^ wurden mitten im Frieden Eornlieferungen 
für den Krieg, die zaherea^ ja für ein nicht vorhandenes Lager 
verlangt. Die übrigens ausschweifenden und auTserdem für das Land 
wenig vorteilhaften asiatischen Eomhändler, die Lazen, kommen jetzt 
nicht mehr im Frühling mit ihren Fahrzeugen nach Qala^I für die 
Moldau und nach Bräila fiir die WalacheL Der Fürst der Walachei 
war dagegen verpflichtet^ zu bestimmter Frist gegen 30000 chile 
(Kübel) aus seinem Fürstentümer welches reicher als die Moldau war^ 
auf gemieteten Karren nach den Donauhäfen zu schicken. Der Preis 
sollte vom Tribute abgezogen werden; aber dies wurde regelmäfsig 
vergessen. Dem Steuerpflichtigen stand es an sich frei, diese Zaherea 
in natura zu leisten ^ aber dann lief er Gefahr, seine Lieferungen 
als verdorben oder ungenügend von den türkischen Beamten be- 
anstandet zu sehen; er konnte jedoch auch dem Fürsten das Geld 
dafür entrichten, und das war das übliche. Mit der Zeit wurde diese 
zu Unrecht bestehende Kriegskontribution auch noch verdoppelt *). 
Die Moldau war während des langen, schweren, verheerenden 
Krieges gegen Polen von ihren gewöhnlichen Lasten befreit gewesen. 
Nach dem Frieden von Carlowitz jedoch mufste das Fürstentum, 
das auf eine christliche Oberherrschaft gehofft hatte, die alten 
Pflichten wieder übernehmen. Von einer Erhöhung des Tributs, 
des mucarers, ist hier in den Chroniken nicht die Rede; 
es wurde nur der alte Kharadsch nebst den in Geld, Pelzen und 
anderen Dingen bestehenden Geschenken bei dem grofsen Bairam- 
feste, dem „mohammedanischen Ostern'^ — der Bairampesch- 
kesch — geliefert. Jedoch eine andere Last wurde aufser der alten 
den schon schwer genug beladenen Schultern der Dorfbewohner 
au%ebürdet. Infolge der letzten Ereignisse des Krieges mit Polen, 
des russischen Einfalles und der christlichen Verschwörungspläne 
hatten die Türken eingesehen, welchen Wert eine gut gesicherte 
östliche Grenze des europäischen Reiches besafs. Die solimanischen 
und vorsolimanischen Burgen am Dnjestr und an der unteren 
Donau wurden deshalb neu befestigt, und nach einem angeblichen 
Zuge gegen Polen befahl der Seraskier 1713 dem ihn begleitenden 
Nikolaus Maurokordatos, die alten Mauern von Hotin in einen 



1) Die oben angegebene Quelle. 

10 



148 2. Kapitel. 

besseren Zustand zu bringen; er selbst blieb als Pascha dort und 
vereinigte einen bedeutenden Teil des umliegenden Gebietes mit 
der annektierten Festung. Bald darauf — Soroea drohte einmal 
der Einmarsch einer türkischen Besatzung — wurde die nördliche 
Grenze des Tatarenstaates im Budschak auf Kosten des fürstlichen 
Landes vorgeschoben^ und die von den Osmanen geschätzten Helfer 
im Kriege gewannen ^ unter Bedingungen^ die solche Gäste un- 
möglich einhalten konnten, einen 32 Stunden langen , aber nur 
2 Stunden breiten Strich bessarabischen Bodens. Dies führte wieder 
zu vielen Unannehmlichkeiten und Verheerungen. Nunmehr fiel dem 
Fürsten der Moldau auch die Pflicht zu^ die tatarischen Grofsen und 
besonders die in dieser Zeit sehr einflufsreichen und mächtigen 
Paschas von Hotin und Bender ^ sowie die ihnen untergeordneten 
Befehlshaber von Akkerman, Chilia und Ismail , ja sogar die des 
entfernten Oczakow mit Proviant, allerlei abendländischen Fabri- 
katen, mit Holz usw. zu versorgen. Unaufhörlich eilten Kuriere, 
Beamte und Soldaten von Galant aus nach diesen Grenzorten, 
serhaturi, und von Hotin, Bender und anderen Plätzen 
nach den Donauhäfen. Jederzeit gab es deshalb Geschenke zu 
machen, Gäste, mosafirl, im türkischen Gasthause, beilik, im 
„Herrenhause", zu Jassy oder auf den Poststationen, conace (vom 
türkischen konak), mit allerlei kostbaren, notwendigen und über- 
flüssigen Dingen zu versorgen und Pferde und Begleiter für die 
Beförderung mit der Post — menzilurl, auch ein türkisches 
Wort — zu liefern. 

Aber für Moldau und Walachei waren doch nicht diese Er- 
fordernisse, von denen manche wirklich nicht vorherzusehen waren, 
die unvertilgbare, Mark und Leben verzehrende Krankheit. Dies 
waren vielmehr alle die in den Rechnungen erscheinenden Posten: 
die Geschenke für die Türken, die Gaben an „vertraute Personen", 
an solche Leute ohne Namen, „die vom Fürsten gewufst werden", 
Gelder, die zur Tilgung alter Schulden nach Konstantinopel 
wanderten; sineturl, oder Summen, die von den Agenten in der 
Hauptstadt verlangt wurden. Es war die alles beherrschende, un- 
verschämte, keine Grenzen der Menschlichkeit, Sittlichkeit und des 
eigenen, wahren Interesses kennende Habsucht aller Grolsen und 
Kleinen, die allein auf Grund ihres mohammedanischen Glaubens 



Die Staatsfinanzen, Beformversuche und Abgaben. IM 

das Recht zu haben meinteo^ die ungeheure Menge der rechtlosen 
Christen für sich und ihren trägen, gemeinen Luxus arbeiten zu 
lassen. Wer sollte da das Unberechenbare berechnen? 

Aber alles dieses Unberechenbare mufste doch im Augenblicke, 
wo man es forderte, bezahlt werden, denn leicht fand sich ja ein 
anderer „Grieche", der noch mehr zu leisten versprach. 

Um die verlangte Summe zusammenzubringen, stand dem 
Fürsten an erster Stelle die alte Steuer, der bir, zur Verfügung, 
der in der Fanariotenzeit wie vorher einkassiert wurde. Der 
bir war seiner Höhe nach nicht begrenzt, und es war schon seit 
langem üblich geworden, aufser dem gewöhnlichen Quantum, einen 
Zusatz auszuschreiben, wenn die kaiserliche Forderung das ge- 
wöhnliche Mafs überstieg, und dies war beinahe immer der Fall 
Der erste rumänische Fürst, der aus edlen Motiven in diese ver- 
wirrten Zustände Ordnung zu bringen versuchte, war Antioh, der 
ältere Bruder des Demetrius Cantemir, ein zwar einfacher und 
altmodischer, aber kein schlechter und habgieriger Mann. Während 
seiner ersten Regierung traf er im Jahre 1700 die Anordnung, 
dafs jeder Bewohner des Landes, der Bojar, der Mazil, der 
Privilegierte, auch die sogenannte bresle, Gte werbe- und all- 
gemeine Fremdenzunft, und der Bauer einen Vertrag mit der 
Vistierie schliefsen solle , dem zufolge er nur zur Zahlung der in 
einem besiegelten Stücke Papier, der roten pecetluitä, das 
seinen Namen trug, verzeichneten Summe verpflichtet sei, und 
zwar nicht auf einmal, sondern in vier Terminen, die den Namen 
§fert, d. h. „Viertel*', erhielten ^). Sein Nachfolger Konstantin 
Daca machte diese heilsame Mafsregel zwar nicht rückgängig, 
aber er fand ein Mittel, um sie mit seinen Interessen in Einklang 
zu bringen, indem er, statt vier, acht §ferturl einheben liefs, wo- 
durch dem Schatze der doppelte Beti*ag zuflofs ^). Mihal Raco- 
^^, der Landesbojare, der ihm auf dem Fürstenstuhl folgte, 
richtete an die Grundherren der Dörfer und die Dorfvorsteher die 
nötigen Erlasse, damit sie die ^ferturl von allen Einwohnern 
einzögen '). Bei seiner Rückkehr schlofs Antioh einen ähnlichen 

1) Letopise^e H, S. 44. 

2) Ebenda, S. 270. 

3) Let. n, S. 281. 



160 2. Kapitel. 

Vertrag, eine ruptä, mit den Klöstern; der diese nur za einer 
viermaligen jährlichen Bezahlung verpflichtete; aber statt weiterer 
^ferturl sah er sich gezwungen , von jedem ßauchfange, fum, 
eine neue Abgabe, die fumärit genannt wurde, zu fordern^). 
Demetrius Cantemir bezeichnet in seiner „Beschreibung der Moldau^' 
einzig den fumärit als die Quelle, aus der dem Staate die Mittel 
zur Bestreitung der grofsen Ausgaben zuflössen ; er berechnet die 
Steuer jedes Bauern auf achtzig Aspem, während im Kriege ein 
Taler oder ein Dukaten von ihm erwartet werde *). Aber auch 
während dieser seiner zweiten Regierung behielt Antioh seine alte 
geregelte Steuer, die rupta clvertulul, die Bezahlung in vier 
Fristen, bei; sie ist wenigstens in den Rechnungen für das Jahr 
1706 zu finden^). Wahrscheinlich fand die verhängnisvolle Ein- 
fuhrung des fumarit, die viele Bauemdörfer durch die Flucht der 
meisten Bewohner wieder entvölkerte, erst 1707 statt, und diese 
Steuer wurde dann als vorteilhaft auch von den Nachfolgern ^) bei- 
behalten. Der über jede Absetzimg erhabene Brincoveanu blieb 
um dieselbe Zeit dem ihm sehr gut bekannten alten System treu : bei 
ihm fand das Beispiel der Moldau in keiner Hinsicht Nachahmung. 
Im Gegenteil lieferte er dem Nachbarn das Muster für eine Art 
von Zehntensteuer, die in der Moldau vorher unbekannt war. Kon- 
stantin Duca, der Schwiegersohn des walachischen Fürsten, war der 
erste, der aufser der go^tina von den Schafen, der desetina von 
den Bienen und Schweinen, die beiden Fürstentümern gemeinsam 
waren, auch den verhafsten väcärit forderte, der nicht nur von 
den Kühen und Ochsen, dem Reichtum des Landes, sondern auch 
von den Pferden und zahmen Büffeln erhoben wurde. Er verlangte 
auch die in der Walachei übliche Abgabe, die miere ^i cearä, 
Honig und Wachs, heifst, für den türkischen Kaiser, den vinäriciü 
vom Weinbau, den cämänärit von dem Weinverkaufe *) und den 
pogonärit von jedem der mit Mais und Tabak bebauten pogon ^). 



1) Ebenda, S. 52, 266, 285. 

2) Descr. Mold., S. 107. 

3) Vgl. Studil 9i cercetärl, S. 171 und Let. 11, S. 285. 

4) Für Mihal Bacovi^ä zum zweiten Male, s. Let. II, S. 57. 

5) Let. II, S. 46. 

6) Ebenda, S. 249. 



Die Staatsfinanzen, Beformversuche und Abgaben. 151 

Zwar beteuerte er hoch und heilig, dafs er damit lediglich einer 
dringenden, auTsergewöhnUchen Notwendigkeit entspreche, und ge- 
lobte feierlich, diese neuen Steuern nicht wieder auszuschreiben. 
Aber jeder Fürst schwur doch nur fUr seine Person und nicht für 
seine Nachfolger, und überdies war stets ein Patriarch zur Hand, 
um gegebenen Falles die Nichtigkeit eines solchen Eides auszu- 
sprechen. Fünfzig Jahre lang wurde noch in der Moldau der v ä- 
cärit als eine sichere Hilfe in der Not eingehoben; andere neu 
eingeführte Steuern hatten ein noch zäheres Leben und gediehen 
auf diesem neuen, reichen Boden noch besser. 

In der Moldau wie in der Walachei erschien der Grieche 
Nikolaus Maurokordatos als Vertreter einer neuen, besseren Richtung, 
als ein Landesvater im Sinne des aufgeklärten Absolutismus. Er 
brachte die ruptä wieder in Übung und liefs die Namen der 
Zinspflichtigen genau aufzeichnen ^), und zwar schon alsbald nach 
seiner ersten Ernennung im Jahre 1709. Diese ruptä wird aber 
während seiner zweiten Regierung in der Moldau nicht erwähnt, 
während der er, „ohne an den Schaden seines Schatzes zu denken ^^, 
den vädrärit herabsetzte und der Reihe nach auf die entlehnten 
Steuern, den pogonärit undden ^igänärit — diese letzte wurde 
von den Zigeunersklaven erhoben — , verzichtete *). Seine erste Re- 
gierung in der Walachei war zu kurz und voller Sorgen; aber nach- 
dem er durch den Frieden des Jahres 1718 aus seiner sieben- 
bürgischen Gefangenschaft befreit war und ihm der Tod seines 
Bruders loan die Möglichkeit zur Erneuerung seines Fürstentums 
verschafft hatte, da führte er das moldauische System ein, welches 
hier rumtorl hiefs und ebenfalls die Bezahlung einer festgesetzten 
Summe in vier Terminen bedeutete. Dieselben Früchte wie in 
der Moldau trug dieses System auch in dem anderen Fürstentume ^). 
Konstantin Maurokordatos, der Sohn des Nikolaus, sah jedoch 
ein, dafs solche Mafsregeln von den nachfolgenden Fürsten durch 
neue Erpressungen wieder hinfällig gemacht würden imd deshalb 
nicht genügten ; forderte doch Mihal Racovi^ä in der Moldau nach 

1) Ebenda, S. 79, 297. 

2) Vgl. Let. II, S. 166—167, 170; Arch. rom., II, S. 100—101; Uri- 
cariul, I, S. 47ff. 

3) Mjig. ist, IV, S. 118. 



162 2. Kapitel. 

1716 die schon abgeschafften Steuern väcärit und jjigänärit 
und sogar neue Abgaben von den Mühlen: morärit, und von 
den Bienenständen, prisäcärit^). Als eifriger Leser der philan- 
thropischen Philosophen des Abendlandes , die für Recht und 
rechtmäfsige Organisation der Gesellschaft schwärmten^ als edel- 
denkender Mensch und gewissenhafter Fürst und nicht zuletzt als 
praktischer Rechner wollte er wohltätige Reformen einführen und 
vor allem das Finanzwesen auf Grund einer Neuordnung der 
ganzen rumänischen Verwaltung und der sozialen Verhältnisse 
wesentlich verbessern. 

IL Österreich in der kleinen Walachei. Noch ein 
besonderer Beweggrund trieb ihn dazu. Durch den Frieden von 
Passarowitz hatte das Haus Osterreich die schönere, reichere und 
stärker bevölkerte Gegend jenseits des 01t, der die neuen 
Herren den Namen „kleine Walachei" beilegten, gewonnen (1718). 
Nach etwas mehr als zwanzig Jahren erhielt die Pforte durch 
den Belgrader Vertrag von 1739 dieses abgetretene Gebiet zu- 
rück, und Konstantin Maurokordatos wurde dadurch, obgleich 
manche Leute an die Errichtung eines neuen Fürstentums dachten, 
wieder Regent innerhalb der alten Grenzen, aber er mufste dem 
siegreichen Kaiser dabei eine Erhöhung des Tributs, obwohl dieser 
bei dem Verluste des betreffenden Landeteiles nicht herabgesetzt 
worden war, in der Höhe von 100000 Talern versprechen *). 

Die zwanzigjährige österreichische Verwaltung der „kleinen 
Walachei '* bot Konstantin, dem Menschenfreunde an der Donau, 
Vorbilder und Warnungen zugleich. Ja die Reform des jungen 
Maurokordatos würde ohne die Kenntnis der Zustände des 01t- 
landes von 1718 bis 1739 selbst in ihren Hauptzügen unverständ- 
lich bleiben. 

Die Vertreter der abendländischen Kultur in Beamten- und 
Offiziersuniform fanden im neueroberten Gebiete einen unwissenden 
Klerus vor, der allen Lasten unterworfen war und aufserdem dem . 
Bischöfe vonRimnic, dem ehemaligen „Metropoliten von Neu-Severin'^, 
jährlich einen poclon zu seinem Unterhalt leistete; femer Edel- 



1) Let. U, S. sei. 

2) Tunnsli, a. a. 0. (vgl. S. 146, Anm. 1). 



Die Staatsfinanzen, KeformverBache and Abgaben. 15S 

lente^ die ihre Eigenschaft als Krieger seit geraumer Zeit vergessen 
hatten^ faule^ ehrgeizige und ränkesüchtige Männer, die lediglich 
nach einer glänzenden; einträglichen Stelle am Hofe von Bukarest 
strebten; sie genossen etliche Vorrechte bei der Besteuerung und 
bezahlten den oierit nur aller drei Jahre einmal. Die alten 
bresle, die Bevorrechteten des Fiskus, waren noch in stattlicher 
Anzahl vorhanden, und ferner fanden die Österreicher noch andere 
zahlreiche Kategorien: die slujitorl, die ale^l (Äuserwäblte), 
diemazill, die Witwen, die Unfähigen (nevolnicl), diejenigen, 
welche neben Hauptstrafsen wohnten oder auf den Gütern des 
Fürsten, jetzt konfiszierten Kammergütem, Dienst leisteten. Dann 
gab es auch, besonders in den Gebirgsdistrikten, noch viele freie 
Bauern, die ihr Stück Land, ihre mo^ie, als eigen besafsen, 
Nachbarn, megia^I, die von keinem Bojaren abhängig waren. 
Dazu kamen die märgina^I, die den läturaijl der Moldau 
entsprachen; sie hatten sich auf dem Boden der Bojaren an- 
gesiedelt und sanken langsam in die Stellung der Rumini 
herab, denn schon besafsen sie, wie diese, nicht mehr die Freiheit, 
beliebig das Dorf zu verlassen. Die zahlreichsten Bewohner der 
österreichischen wie der türkisch gebliebenen Walachei, diese ge- 
knechteten Rumtnl, schuldeten ihrem Herren, der sie gekauft 
hatte, die Zehnten, welche von den Saaten, den Bienenkörben als 
Zwanzigster und vom Weine als vinäriciü in derselben Höhe erhoben 
wurden. Ebenso hatten diese unfreien Bauern dem Fiskus einen 
Teil von ihrem Viehreichtum zu entrichten: von Schafen, Ziegen, 
Schweinen und Ochsen. Endlich waren sie verpflichtet, dem Bojaren 
ihre clacä, Fronarbeit, zu leisten, und zwar waren es ungemessene 
Fronden; „so viel Arbeit, wie nötig war", heifst es in einem 
offiziellen Zeugnis. Jeder Hausvater mufste sich der Forderung 
Beines Herrn fugen und vor Tagesanbruch bis zur Mittagszeit bei 
irgendeiner Feld- oder Hausarbeit mitwirken. Sie lebten in Dörfern 
zerstreut, deren Bevölkerung wechselte, und die je nach der Jahres- 
zeit weniger oder mehr Einwohner zählten, je nachdem man die 
Ankunft; des Steuereinhebers erwartete oder vor ihm sicher war 
Die Steuern bestanden, wie schon gesagt wurde, aus dem bir und 
den Zehnten ; bald wurde ersterer, bald letzterer erhoben, je nach- 
dem die Bojaren dem Fürsten zur Erhebung des einen oder des an- 



154 2. Kapitel. 

deren rieten^ je nacb der Emteaussicht und nach de^ Stande der 
Herden ^). Die Reformversuche des Nikolaus Maurokordatos hatten 
keine Dauer gehabt, wenn sie auch augenblicklich dem verödeten 
Lande geholfen hatten; schon unter Mihal Racovi^ä im Jahre 1731 
bezahlte die Walachei wieder die alten Lasten: haraciü, lipsa 
haraciulul; sama a treia, poclonul Bairamulul, d. h. den 
Eharadsch, den Ersatz für den Eharadsch, dritte Summe, Geschenke 
für den Bairam, und alle diese Steuern waren noch 1720 in Eraft 
gewesen. Übrigens hatte Nikolaus, als die „Oltenia'^ in die Gewalt 
des Eaisers kam, seine vorübergehende Verbesserung des Finanz- 
wesens wahrschemlich noch nicht einmal unternommen. Die Mittel, 
die, wenn auch nicht ein Eulturleben, so doch die Bezahlung 
der Steuern ermöglichten, rührten von dem lebhaften Handel mit 
den Türken her, die im Lande selbst oder in den Donauhäfen den 
Bauern und Bojaren Schafe, Honig, Wachs, Talg abkauften und ihre 
schlechten Z loten (Gulden) oder türkische Fabrikate dafür hin- 
gaben ^). Von Städten im wahren Sinne des Wortes, Zentren der 
Arbeit und des Reichtums, war nicht die Rede, denn Tumu-Severin 
bestand noch nicht und die Bezirksverwaltung des jude^ Mehedin^I 
befand sich damals im Ortchen Cerne^I, während Craiova, Rimnic und 
Tirgu- Jiü nur Dörfer mit Märkten waren, wo zu bestimmten Tagen 
die Bauern mit ihren Produkten erschienen, um spärliche Einkäufe 
zu machen — denn alles, was sie brauchten, stellten sie ja zu Hause 
in der bescheidenen, ärmlichen Hütte selbst her — , und besonders, 
um die Schenken des ora^ zu besuchen. Die Bojaren hatten in den 
Städten ihre niedrigen Häuser mitten in einem grofsen Hofe; 
fromme Leute hatten hier und da E[irchen gestiftet. Im übrigen 
waren die Einwohner zum Teil fremden Ursprungs : Bulgaren aus 
Eiprovaö und Griechen aus allen Winkeln ihres Landes femden 
sich hier zusammen. 



1) Vgl. Lei. in, S. 219 : EoDstantin Bacovita befragt seine Bojaren, womit 
er „die Lasten nnd Schulden Konstantinopels bezahlen soll"; ein anderes Mal 
entsoholdigt sich Mihal-Yodä: „um die Forderungen der Herrscher tragen zu 
können und weil wir nicht wuTsten, woher wir die Mittel nehmen und auf welche 
Weise wir das Geld zusammenbringen sollten (chivemisi) " ; Studil ^i doc., Y, 
ß. 103, nr. 112. 

2) S. Studil 9i doc, Y, S. 135 ff. 



Die Staatsfioanzen, Beformversuche und Abgaben. 155 

Eine Neugestaltung der Verhältnisse war für die nunmehrigen 
Herren eine Notwendigkeit und eine Ehrensache, und sie konnte 
auTserdem, wenn sie ein sichtbares, glückUches Ergebnis lieferte, 
ein Mittel werden, um die „Walachen^^, die unter „dem tyrannischen 
Joche des Wojwoden seufisten^', für künftige Eroberungspläne zu 
gewinnen. In zwei scharf voneinander zu trennenden Richtungen 
konnte man vorgehen. Entweder konnte man unter Beibehaltung 
der Tradition, des „alten Gebrauchs '^ besserer Zeiten, unter Heran- 
ziehung der besten Elemente des einheimischen Adels und mit 
Aufserachtlassung des augenblicklichen Nutzens, ohne an die pünkt« 
liehe Zahlung einer hohen „Kontribution^^ zu denken, das grofse Restau- 
rationswerk beginnen. Oder man konnte an Stelle der vorgefundenen 
rumänischen Einrichtungen, guter und schlechter, etwas ganz Neues 
schaffen. Letzteres hätte bedeutet, die „österreichische Walachei ^^ 
wie irgendeine andere Provinz der grofsen Monarchie zu betrachten 
und sie einer radikalen Umwandlung im deutschen „ europäischen '^ 
Sinne durch fremde Beamten, die nach fremden Regeln verfuhren, 
zu unterwerfen. 

Aber die Zentralregierung hatte in erster Linie den Nutzen 
des Fiskus und die Rücksichten der Verteidigung in einem neu- 
erworbenen Grenzgebiete vor Augen. Man mufste zunächst Kolo- 
nisten heranziehen, Listen der Zinspflichtigen anlegen, regelmäfsig 
genaue Kataster über die zu vereinnahmenden Gelder aufstellen 
und Kasernen bauen. Alles übrige mufste später kommen und 
kam deswegen niemals. 

Die Bojaren erhielten nicht, wie sie wünschten, ausschliefslich 
die Verwaltung. Nach langen Beratschlagungen wurde Georg, 
der Sohn des verdienten ^erban Kantakuzino, nicht zum Fürsten, 
wie er wollte, sondern nur zum Ban — dies war auch der Titel 
des Landesverwalters „unter den Türken" gewesen — ernannt. 
Ein Rat, in dem Rumänen, Levantiner, wie Nikolaus de Porta, 
und Deutsche salsen und dessen Mitglieder immer miteinander 
haderten, stand ihm zur Seite und machte den schwachen, un- 
fthigen Mann noch weniger leistungs^ig. Aufserdem bestand 
eine selbstverständlich von ihm unabhängige militärische Ver- 
waltung. Nach unendlichen Denkschrifiten, Vorschlägen, EUagen 
und Bittgesuchen war man in Wien gezwungen, den guten, armen 



156 2. Kapitel 

Ban, der rührende Tränen vergofe und ausdrücklich versicherte, 
er sei nicht „weich '^ von Natur, sondern sei es nur geworden, da 
man ihm die Hände gebunden habe, mit einem schönen Generals- 
titel und einer anständigen Pension zu entlassen. Ein Präsident 
(praeses) nahm seine Stelle ein, arbeitete energischer als jener Vor- 
gänger und erreichte schliefslich dasselbe Ziel: pünktliche Bezahlung 
der Kontribution, Easemenbau, Not, Unordnung, Ausschreitungen der 
Soldaten und unteren Beamten, Geschrei der Bojaren, die Pensionen 
und Privilegien begehrten, folgten einander, und allgemeiner Haf» 
war das Ende ^). Als ein neuer Krieg mit der Pforte ausbrach 
und die Österreicher den kürzeren zogen, gingen Bojaren und 
Bauern in das Gebirge oder über den 01t zu dem „Griechen", 
in dem sie noch immer ihren nach alter Sitte und der heiligen 
Gewohnheit herrschenden Fürsten erblickten. Die Verwaltung ge- 
steht selbst ein, dafs sie in Craiova einsam und allein geblieben ist ^). 

Dennoch wurden viele Reformmafsregeln, und darunter auch 
gute, seitens des „Banus" und „Praeses" unter der obersten Kon- 
trolle des siebenbürgiscben Generals ergriflFen. Einige davon ver- 
dienen Erwähnung, weil sie zu ähnlichen Einrichtungen in der 
ganzen nach 1739 unter der Obhut des Wojwoden vereinigten 
Walachei gefuhrt haben. 

Die Bojaren verlangten absolute Steuerfreiheit und wollten 
das ganze Regiment in ihre tüchtigen oder untüchtigen Hände 
nehmen. Dagegen forderten die Österreicher von ihnen grofse 
Opfer, insofern sie ihnen die unbegrenzte Herrschaft über ihre 
Bauern nicht zugestanden; ja sie mufsten ebenso wie diese ver- 
achteten Bauern den oierit, der die wesentlichste Einnahmequelle 
bildete, — sei es auch nur alle drei Jahre einmal — bezahlen. 
Infolge dieser Mafsnahmen waren sie, besonders nach der Be- 
seitigung des Bans, höchst unzufrieden. Der Klerus hatte hin- 
sichtlich der Steuerexemtion dieselben Interessen wie die Bojaren, 
und auch ihm gelang es nicht, die Aufrechterhaltung dieses Vor- 

1) Vgl. Studll ^i doc, V; Hurmuzaki, VI; Lugo^ianu, Oltenia sab 
Austriacl (Bukarest 1889); Hauptmann Jacubenz, Die Cisalatanische Walachei 
unter kaiserlicher Verwaltung, 1717 — 1739, in den Mitteilungen des £. und K. 
Kriegsarchivs in Wien, 12. Bd. (1900). 

2) Studil 9i doc, V, S. 153. 



Die StaatsfinanzeD, Reformyersache und Abgaben. 157 

rechts durchzusetzen. Aufserdem kränkte die jetzt erfolgte Zu- 
teÜung des Rimniker Bistums an den serbischen Metropoliten von 
Garlowitz sowie die Einsetzung des katholischen Bischofs Stanis- 
lavich für die bekehrten Bulgaren ^) den hohen Kleras und nicht 
minder die Einmischung des Fiskus in die Verwaltung der Kloster- 
güter. Im allgemeinen litt das Land, wenigstens das rumänische 
Element, durch die bevorrechtete Stellung der bulgarischen Kolo- 
nisten, die sich zwar schon vorher angesammelt hatten, aber jetzt 
in viel stärkerer Zahl zuströmten. Selbst gegen die Bojaren 
waren sie anmafsend, sagten ihnen Grobheiten und zeigten ein un- 
ziemliches Betragen, während die gleichfalls privilegierten Griechen 
infolge der ihnen erteilten Privilegien keineswegs schonender als 
in der verschrieenen Türkenzeit auftraten. Die Herabsetzung des 
Wertes der türkischen Münzen, welche die Kaufleute ins Land 
brachten, hemmte den einzigen möglichen Handel, denn die be- 
nachbarten österreichischen Provinzen, Siebenbürgen und der Temes- 
warer Banat, besafsen dieselben Erzeugnisse wie das erworbene 
walachische Gebiet in Fülle; Sanitätsmafsregeln und das fort- 
während zur Schau getragene Mifstrauen gegen „das Türkische^' 
trugen ebenfalls dazu bei. 

Das Gute bestand zunächst in der Festsetzung der zu ent- 
richtenden Steuersumme und deren besserer Verteilung, obgleich 
die Eintreibung nicht immer menschlicher vor sich ging. Der 
alte bir wurde zu zwei lel oder 4 Gulden, beziehungsweise 3 Gulden 
20 Kreuzer jährlich für den Familienvater festgestellt; von den alten 
Zehnten wurden nur einige, wie der oierit und dijmärit, bei- 
behalten. Aber dafür kamen allerdings die drückenden Proviant- 
ausschreibungen dazu, und die Einkassierung erfolgte durch gefühllose 
ciocol griechisch-rumänischen Bluts und nicht durch ehrliche Be- 
amte, ja sogar — und das war der ungünstigste Fall — durch 
Agenten der bulgarischen Pächter aus den privilegierten Kompagnien. 
Dann wurde der einheimischen unglücklichen Bevölkerung wirklich 
ein grolser Dienst erwiesen, indem die kaiserliche Verwaltung die 
Leibeigenschaft, die ruminie, nicht anerkannte und in den bis- 



1) Vgl. aach Fermendiin in Monumenta Slayorum meridionaliam, XVIII, 



158 3. Kapitel. 

herigen unfreien Bauern lediglich solche Dorfeinwohner erblickte, 
welche kein Land zu eigen besafsen, sondern fremden Boden 
gegen eine Vergütung in Zehnten^ Arbeit oder Q^ld bebauten: 
das war gleichbedeutend mit einer Erhebung der Rumini auf 
die Stufe der marginal 1. Der siebenbürgische Kommandant 
Virmond setzte die monatlichen Fronden der Bauern auf zwei Tage 
im Winter und drei im Sommer fest und bestimmte das Ersatzgeld 
mit 5; bezw. 2 Groschen für den Tag ^) ; später allerdings dekre- 
tierte ein Nachfolger Virmonds einen Tag in jeder Woche *). Endlich 
gab es im walachischen Lande in früheren Zeiten, obgleich in Märkten 
und Dörfern die pircälabl des Fürsten fungierten, keine aus- 
gebildete Verwaltung. Jetzt aber wurden, um die höheren Zwecke 
der Kammer und des Krieges zu erfüllen, als Verwalter der Be- 
zirke, der jude^e, Beamte ernannt, die immer in ihrem Bezirke 
anwesend waren: dies waren die vornicl, welche die ganze Ver- 
waltung in ihren Händen hatten; in jedem Bezirke wurden vier 
Elreise eingerichtet, welche einem ispravnic — der Name be- 
deutet eigentlich Vollstrecker, executor — unterstanden. 



3. Kapitel. 

Die Reformen des Fürsten Konstantin Manrokordatos 

und ihre Ergebnisse. 

Manrokordatos übernahm von den Österreichern bei seiner 
Reform die Vereinfachung der Zustände: die slujitorl und viele 
andere bresle^ die weiter nichts als leere Namen geworden waren, 
wurden abgeschafft, und so wurde die Zahl dieser ehemals bevor- 
rechteten Verteidiger des Landes herabgesetzt, wie es schon Brin- 
coveanu versucht hatte ^). Die rupte, die Spezialverträge mit 
dem Schatze, verloren ihre bisherige Kraft. So wurde eine einzige 

1) Studil 9i doc, V, S. 135-136. 

2) Jacubenz, S. 205. 

3) Mag. ist., IV, S. 29: „ Slujitorimea, care era de rädica numal el hara- 
ciul impärätesc, pe tofl i-aü strias de i-aü fäcut podanl". =» „Er bildete aus 
den slujitorl, welche den ganzen Eharadsch des Kaisers auf ihren Schultern 
trugen, eine einzige Klasse und machte sie alle zu Leibeigenen". 



Die Reformen des Füisten Konstantin Manrokordatos usw. 159 

Klasse von steuerpflichtigen Bauern geschaffen, und von ihnen 
verlangte die Vistierie, wie das ehemalige österreichische Inspektorat 
in der Oltenia^ eine bestimmte Summe, die auf dem rot besiegelten 
Zettelchen verzeichnet stand, zu den vier Zahlungsterminen, welche 
der Vater des Reformators zuerst eingeführt hatte ^). Der neue 
walachische Familienvater hatte zwar jährlich etwas mehr als der 
ehemalige oltenische Zinspflichtige zu bezahlen: zwei und einhalb 
lel für das Jahresdrittel, während der holteiü, der Junggeselle, 
nur ein und einhalb lel entrichtete, aber ein Familienvater, ein 
liude (jLiofliby Mann), war für den Fiskus nur derjenige, welcher 
zehn Stück Vieh besafs, so dafs in den meisten Fällen erst inehrere 
Bauernhäuser zusammen diese fiskalische Einheit bildeten '). Von 
den Zehnten verschwanden der väcärit, der pogonärit u. a., 
und nur von den Schafen und von dem Weine ward eine er* 
mäfsigte Kontribution bezahlt. Die Klöster verloren ihre bisherige 
mile, Gnadengelder, aber sie waren auch femer zu keiner Leistung 
an die Vistierie verpflichtet Ebenso blieben die Bojaren von jeder 
Last befreit, und auch, zum Teile wenigstens, und zwar von den 
Zehnten, die nach moldauischem Beispiele jetzt eingeführten Mazilen, 
welche dem Fürsten bei der Verwaltung Dienste leisteten. In jedem 
Bezirke wurden ständige ispravnicl eingesetzt, die alles besorgten, 
und endlich wurden die bis jetzt wenigstens dem Namen nach ge- 
sonderten Kassen des Fürsten (cämara) und des Landes (vis* 
tieria) miteinander vereinigt*). 

Dieses neue System wurde auch in der Moldau, wo Mauro-* 
kordatos schon 1741 zum zweiten Male zum Fürsten gemacht 



1) S. oben S. 151 und Tunusli, Kap. xxix. 

2) Den Beweis liefert für die Moldau eine gleichzeitige Chronik, Let. III^ 
S. 203: „fäcind zece bucate un cap, fiece bucate, si capul puindu-1 la fiepte 
care ^fert eite un ort »» jedesmal aus zehn Häuptern Yieh, ohne Unterschied, wird 
ein fiskales caput gebildet und von jedem caput ein Ort verlangt." 

3) Die Eeformurkunde wurde in französischer Übersetzung im Mercure de 
France 1742 gedruckt und ist daraus in die Ausgabe des Dapontes von Le- 
grand: Ephemerides daces, II, Vorrede, übergegangen. Sie wird auch bei Tu- 
nusli, a. a. 0., ihrem Inhalt nach mitgeteilt. Schon während seiner ersten 
moldauischen Begierung hatte Konstantin im Jahre 1735 Organisationsmafsregeln 
ergriffen : er Terbot u. a., dafs die klösterlichen Bauern den Bojaren untergeben 
seien; Studil ^i doc., Y, S. 153, nr. 93. 



ICO 3. Kapitel. 

wurde, eingeführt. Zwar trifft man hier auch später noch eine 
doppelte, ja dreifache Erpressung des verhafsten väcärit und eine 
dreifache go^tinä, aber seit 1741 setzt sich die Einnahme der 
Vistierie aus folgenden Steuern zusammen. Zu den §ferturlder 
Bauern, ursprünglich dem Wortsinne entsprechend nur vier an der 
Zahl, gesellt sich die Kontribution der Mazilen und deijenigen 
Kaufleute, welche ein Privilegium, ein hrisov (xQvadßovklov) 
hatten und dainim hrisovoli^I hiefsen; solche Steuerzahler werden 
als ruptele vistieriel, d. h. Leute, welche mit dem Landes- 
schatze ein Abkommen getroffen hatten, bezeichnet; diesen werden 
auch die ruptasil cämäril, d. h. diejenigen, die ein solches 
mit dem wieder eingeführten Privatschatze des Fürsten getroffen 
hatten und infolgedessen eine privilegierte Stellung einnahmen, zu- 
gerechnet *). Von den Zehnten wurden nur die desetina vom 
Borstenvieh und den Bienenstöcken, die go^tina, die dem wa- 
lachischen oierit entspricht, und der vädrärit regelmäfsig er- 
hoben. Gregor Kallimaki minderte diesen vädrärit und schaffte 
die anderen Steuern, welche die Weinproduktion ungeheuer be- 
lasteten, ab *). Die Urkunde über die neue Ordnung gibt den Ertrag 
dieser neuen oder vielmehr erneuerten moldauischen „allgemeinen^' 
Kontribution auf 105 paras von jeder Haushaltung und 55 vom 
Junggesellen für jeden Zahlungstermin an, aber die Zugabe für 
den Steuersammler, die sogenannte räsurä, ist nicht mehr zu ent- 
richten. Zugleich wird dort mitgeteilt, dafs der väcärit, der 
pogonärit und die cunitä, eine Steuer, welche von den ver- 
kauften Ochsen der Fremden — meistens waren es polnische Ar- 
menier, die diesen Handel betrieben — gezahlt wurde, nunmehr 
abgeschafft sind ^). Im Falle eines guten Ergebnisses der Kopf- 
steuer, oder besser der Haussteuer, ward sogar die Abschaffung der 
desetina und des vädrärits, wenigstens für die Klöster und 
Mazilen, in Aussicht gestellt. Aus den Reihen der Mazilen er- 
nannte der Fürst seine ispravnicl, mit einem bestimmten Gehalte. 

1) S. Documente i^i oercetärl, I, S. 32 ff.: Eechnangsbuch Ton 1764; Doc 
familiel Callimachi, II, S. 79 ff.: ein solches fdr 1763. 

2) Doc. Call., I, S. 573. 

3) Let. II, S. 416; Studil 91 doc, V, S. 105, Anm. 2; VII, y. Kapitel: 
Protokoll des Manrokordatos ; nr. 66, S. 215 f.; vgl. S. 581 f. 



Die Eeformen des Fürsten Konstantin Maorokordatos usw. IM 

Aach hier wurde der Klerus von jeder Abgabe befreit Ständige Ge- 
richtshöfe aufserhalb des fürstlichen Diwans^ dem sie unterstellt waren, 
wurden eingeführt; und wieder wurden die Beamten den Reihen der 
begünstigten Mazilen entnommen. Alle Urteile, die gefällt wurden, 
mulsten in sorgfältig geführten Büchern niedergelegt werden, um 
dem bisherigen Chaos im Gerichtswesen ein Ende zu bereiten ^). 
Damit war aber die Neugestaltung der rumänischen Fürsten- 
tümer noch nicht beendet. Den Bojaren, welche jetzt wie ehe- 
dem der einzige politische Faktor im Lande waren, ihnen, die 
durch eine Flucht nach Ungarn, nach Polen, ja in den letzten 
Zeiten auch zum tatarischen Nachbar eine Absetzung ihres Herr- 
schers bewirken konnten, diesen noch immer ehrgeizigen, sehr 
schlauen und sich einander gewöhnlich unterstützenden Landes- 
magnaten, deren Blut viel reiner von fremder Beimischung geblieben 
war, als in der Walachei erschienen die Maurokordatos, Vater 
und Sohn, oft in einem ungünstigen Lichte. Nikolaus, welcher 
als Moralist mit Cicero in seinem griechischen „ De officiis^' wetteifern 
wollte, mifsfiel der stolzen Aristokratie von seinem ersten Regierungs- 
antritte in der Moldau an wegen der strengen Gerechtigkeit, die 
er besonders den Bauern gegenüber walten liefs, indem er ihnen 
das ungesetzlich entrissene Geld zurückerstattete. Derselbe junge 
Grieche verfuhr mit ungewöhnlicher Strenge gegen zwei der 
angesehensten Stützen des Landes, einen Sturdza und einen Ca- 
targiu, und liefs in der Walachei, während die Waffen schon 
an der Grenze klirrten, etliche Bojaren aus den besten Familien 
des Fürstentums, weil sie Verrat zugunsten der Kaiserlichen ge- 
übt hatten, enthaupten. Er erschien ihnen hochfahrend, da er ein 
verschlossenes Wesen zeigte und zu keinem intimen Verkehr mit 
den Mitgliedern seines Hofes oder seines Bates geneigt war. Die 
Vorliebe für die mojicl, für die verachteten Bauern, tadelte 
man auch bei Konstantin, und, wie viele andere übrigens, hatte 
er während seiner ersten moldauischen Regierung die desetina 
teräneascä, d. h. eine allgemeine desetina in dem gewöhn- 
lichen Betrage für die Bauern, ausgeschrieben, und dies rief immer 
Aufserungen des Unwillens bei den Chronisten, die selbst Bojaren 

1) Let. n, S. 416-417. 

Jorga, Geschichte der Ramänen. II. 11 



lein 



lOS 3. KapiteL 

waren; hervor ^). Nun wollte Konstantin Maorokordatos in beidea 
Fürstentümern, wo er noch mehrmals abwechselnd zu herrschen 
erwartete; die Freiheit der Baaem verfolgen; die künftigen Be- 
ziehungen des Besitzlosen za dem Besitzenden gesetzlich festlegen 
und auf diese Weise, abgesehen von der grofsen Wohltat für das 
ihm anvertraute Volk, zugleich auch eine Vergröfserung seiner 
Einkünfte, welche während der rechtlosen Knechtung des Bauern 
nur spärlich fiieisen konnten, herbeifähren. 

Um die Bojaren einigermafsen zu beruhigen, gab er ihnen 
einen Ersatz, welcher allerdings von den Verhältnissen eines jeden 
zu dem zurzeit regierenden Fürsten abhing: die scutelnici. 
Schon unter Nikolaus Maurokordatos verfugten die armen Witwen 
verdienstvoller Bojaren, über arga^I in scutealä, über Bauern, 
welche ihnen Dienste leisteten und daför von jeder Kopfsteuer befreit 
waren ^). Die katholische Kirche von Jassj hatte schon im Jahre 
1700 ein Privilegium erhalten, dem zufolge der Priester selbst, sei 
kirchliches Personal und zwei Diener von jeder Gebühr an 
Vistierie befreit waren ^). Die Sitte war noch viel älter, und schon 
im Anfange des 17. Jahrhunderts versprach Radu ^erban den 
„sächsischen Priestern ^^ von CÜmpulung, dafs zwei von ihren Leuten 
von jeder Steuer frei sein sollten, wie es auch bereits frühere 
Fürsten verordnet hatten ^). Unter den Mafsregeln des Konstantin 
Maurokordatos während seiner zweiten moldauischen Regierung war 
auch diese, dafs jeder Bojar und jede Bojarenwitwe eine Anzahl von 
scutelnici, je nach ihrem Range, haben sollten. Für die Grolk- 
bojaren wurden diese steuerfreien Diener und Arbeiter bis zu sechzig 
berechnet. Von nun an findet man in jeder Steuertabelle nach den» 
Betrage des ^ferts das Verzeichnis der Personen, welche scutel- 
nici sind. Aber von gröfserer Wichtigkeit war die vollständige Be^ 
freiung der Bojaren vom gröfsten bis zum kleinsten, bis zu den- 
jenigen des dritten Ranges herab und zu den als Bauern lebenden 
Mazilen, von jeder „Steuer des Schatzes ^^ Das moldauische Pri- 
vileg, welches die Stellung der Mazilen genau begrenzt, ist noch er- 

1) Let. II, S. 377. Vgl. IE, S. 69. 

2) Let. II, S. 172. 

3) Studil 9i doc I— II, S. 84, nr. xi. 

4) Ebenda, S. 273, nr. n. 



Die Beformen des Fürsten Konstantin Maurokordatos usw. 16S 

lialten und ein ähnliches war unzweifelhaft auch den walachischen 
Bojaren gewährt worden, um auch von ihnen die erwünschte Ab- 
tretnng ihrer Rechte über die bäuerliche Bevölkerung zu erhalten ^). 
Nun versuchte der Fürst das grofse Werk der Befreiung. 
Ihm war Mihal Racovi^ä zwar vorangegangen, indem er während 
seiner zweiten Regierung in der Moldau die Bauern begünstigte^ 
die er zu sich rief und schwören liefs, dafs sie keine Leibeigenen 
seien; sondern erbberechtigte kleine Besitzer oder Leute aus der tür- 
kischen Raja ^). Noch im Jahre 1742 verordnete Konstantin^ dafs die 
Bojaren und Klöster^ wenn sie auch von den altangesessenen Bauern 
eine beUebige Arbeitsleistung fordern konnten, von den ..Fremden^ 
welche zum grölsten Teile als Flüchtlinge eine Wohn- und Arbeits- 
stätte auf ihren Qütem suchen würden ^ nichts mehr als die ge- 
wöhnlichen Zehnten und eine Aushilfe von zwölf Tagen im Jahre 
fordern dürften ^). In den folgenden Jahren ist aus einem Prozefs 
die Möglichkeit ersichtlich , dafs sich etliche Bauern loskaufen ^). 
Iq einer feierlichen ^^ allgemeinen Verordnung '^ (ob^t^sc a^ä- 
zämint) wird weiter vom Füi:sten loan, dem Bruder Kon- 
stantins, das Privilegium für die freien ^ auf fremdem Boden an- 
gesiedelten Bauern bestätigt ^). Im Jahre 1746 fährte den Fürsten 
Konstantin das Geschick in die Walachei zurück, und hier traf 
er im März die Bestimmung, dafs der flüchtige Rum in, der aus 
dem fremden Orte, wo er sich versteckt hielt, zurückkäme, als 
freier Bauer betrachtet werden solle. Zugleich wird durch diesen 
bedeutenden Akt eine andere Mafsregel getroffen, welche derjenigen 
von 1742 in der Moldau ähnelt und solchen Zurückgekehrten nur 
die Bezahlung von 5 Talern in vier ijferturi, die Abliefeining 
des Zehnten an den Qrundherrn und ferner nur sechs Frontage 
jährlich vorschrieb ^). Im August desselben Jahres werden wieder 
alle Grofsbojaren und Mitglieder des hohen Klerus an den Fürsten- 
hof berufen. Es wird ihnen vorgeschlagen, in die Befreiung 



1) Arch. rom., II, S. 193: Jahr 1737. 

2) Let. 11, S. 361. 

3) Ebenda, S. 417--418; Noua revistä romänä, II, S. 354. 

4) Studil 9i doc. V, S. 243-244, nr. 110. 

5) Arch. rom. II, S. 169 ff., Jahr 1744. 

6) Mag. istoric, II, S. 280-284. 

11* 



164 3. Kapitel. 

y, ihrer durch eine schlechte Sitte geknechteten Brüder ^^ aus christ- 
lichem Mitleid einzuwilligen : jeder Bauer^ welcher zehn Taler ent- 
richten kann, darf damit dem hartnäckigsten Seelenbesitzer die 
Freiheit seines Kopfes abkaufen ^). Durch eine verlorene Urkunde, 
deren Inhalt aber aus anderen Schriftstücken erschlossen werden 
kann, wurde dann festgestellt, dafs nicht nur das zurückgewonnene 
Landeskind, sondern auch jeder Feldarbeiter ohne Bodenbesitz seinem 
Grundherrn, dem Bojaren, nur die Zehnten in verschiedener Höhe und 
sechs Arbeitstage — nicht 12 oder 24, wie in der Zeit des Fürsten 
Nikolaus — jährlich schuldet, allerdings auch alle dem Gutsbesitzer 
vorbehaltenen Hechte respektieren mufs : er darf keinen Wein ver- 
kaufen, keine Mühle erbauen, mufs sich der Jagd und Fischerei 
enthalten usw. *). 

Als Fürst der Moldau bringt Konstantin schliefslich die schon 
im anderen Fürstentum durchgeführte Mafsregel auch dorthin. 
Er versammelt die Grofsen und befragt sie über die Rechte, die 
sie urkundlich über die fast als Sklaven angesehenen vecini be- 
sitzen. Es ergibt sich daraus, dafs in der Moldau kein Recht für 
solche Verhältnisse bestand, dafs nie ein Kaufvertrag unterzeichnet 
wurde, dafs lediglich eine lange Usurpation die Bauern so tief 
sinken liefs. Es wird wenigstens — mehr konnte man von dem 
Egoismus einer verwöhnten Klasse nicht erwarten — festgestellt, 
dafs der vecin kein dem unglücklichen und doch frohen Zigeuner 
vergleichbarer Sklave sei, dafs er nur ein Bauer ist, „welcher kein 
eigenes, ererbtes Land hat und seine Scholle nicht verlassen kann'', 
so dafs er als Individuum nicht verkauft und auch nicht in Fa- 
milienverträgen als ein Bestandteil des Vermögens aufgeführt werden 
darf. In einer Klausel dieses merkwürdigen Beschlusses kommt auch 
das wichtige Geständnis zum Vorschein, dafs die gewöhnliche Fron- 
arbeit, die der Bauer neben den Zehnten zu leisten hat, nicht 
mehr als 24 Tage jährlich — ein hohes Quantum im Vergleiche 
mit der Walachei — beträgt *). Diese Arbeitspflicht konnte 
aber sogar mit Geld bezahlt werden *). 

1) Ebenda, S. 285—287. 

2) S. z. B. Studii ^i doc, V, S. 196, nr. 68; S. 197. 

3) Mag. istoric, II, 288 flf. oder Arch. rom., I, S. 94—97. 

4) Let. III, S. 214. 



Die Eeformen des Fürsten Konstantin Maarokordatos usw. 1C6 

Man kann nicht sagen ^ dals die Anordnungen des Mauro- 
kordatos erfolglos geblieben wären. Besonders in der Walachei 
bewirkten sie viel Gutes ; und obgleich der Name Rum in nicht 
sogleich völlig verschwindet^ findet er sich fortan doch nur als 
grofse Seltenheit ^), während der Ausdruck ^eran^ Bauer^ immer 
mehr in Schwung kommt. Aber mit dem Namen hatte auch der 
Zustand wirklich eine Wandelung erfahren. Das ,, Testament '^ 
des Konstantin -Vodä dient unter den folgenden Fürsten als Richt- 
schnur bei Schlichtung gelegentlicher Streitigkeiten über ländliche 
Verhältnisse^ und der Berichterstatter der Russen im Jahre 1772 
gibt über die Lage der Bauern in der Walachei Nachrichten, die 
mit den Verordnungen Konstantins im Einklänge stehen ^). Zwar 
verlangten die hiesigen Bojaren bei Beginn einer neuen Ära im 
Jahre 1775 die Erhöhung der Arbeitszeit ihrer ehemaligen Unter- 
tanen auf 24 Tage, was das Arbeitsquantum in den guten , ge- 
ordneten Zeiten gewesen sein soll ^), aber noch am Ende des 18. 
Jahrhunderts stand in den „Punkten" der Vistierie, in deren Ge- 
setzsanunlung^ geschrieben ^ dafs, abgesehen von freiwillig ab- 
geschlossenen Privatverträgen ^ der Bauer nur zwölf Arbeitstage 
,>nach der Reihe" in den verschiedenen Jahreszeiten zu leisten 
habe^ oder dafür ein Zlot für jedes Haus entrichten könne ^ dafs 
aer Arbeitstag vollständig sein mufs, dafs aber die Entfernung des 
Arbeitsplatzes nicht mehr als zwei bis drei Stunden betragen darf; 
dafs der Besitzer nicht das Recht habe, sich die Zehnten auszu- 
suchen, und dafs aus den Gemüsegärten nichts zu entrichten sei. 
Diese Bestimmungen spiegelten die Mafsregeln des Maurokordatos 
wider *). 

In der Moldau bestimmten viele spätere Fürsten die ,, Punkte ", 
welche die Stellung der Bauern regelten, aufs neue: so verfuhren 
Konstantin Racovi^ und Gregor Alexander Ghica ^). Hier blieb 

1) Studil §i (loc, I— II, S. 242, nr. 20. 

2) Tnnusli, Kap. xxi. 

3) Geneal. Cantac, S. 541—542. 

4) Studil ^i doc., Y, Kap. Documente Briacoveanu, die Jahre 1798—1799; 
S. 200f. 

5) Vgl. Noua revista romäua, Bd. 11, S. 354: nach einem gleichzeitigen 
Drucke; Stadil ?i doc., Y, passim, Doc. Callimachi, I, S. 442, nr. 59; S. 567, 
M. 3; S. 580ff. 



1C6 4. Kapitel. 

man ebenfalls bei den zwölf jährlichen Arbeitstagen stehen, nnd 
zwar ganz unter denselben Bedingungen wie in der Walachei, 
und dies läfst auf den nämlichen Ursprung schliefsen. Auch hier 
versuchten die eigennützigen Bojaren 1775 etwas mehr herausza- 
schkgen. Sie gaben vor, die vecini wären in den ursprungUchen 
Schenkungen der alten Fürsten enthalten gewesen, und erklärten, 
der Bauer sei durch nichts anderes vom Zigeuner unterschieden 
gewesen, als durch die Ungesetzlichkeit seines persönlichen Ver- 
kaufs, und versuchten sogar^ auch die lätura^l mit den ehemaligen 
vecini in einen Topf zu werfen. Sie verstiegen sich zu der Be- 
hauptung, dafs nach der Reform wie vordem der Bauer „ für alle 
Bedürfnisse '^ seines Bojaren zu sorgen habe, „wie die anderen 
Einwohner, die keine vecini waren", und forderten von den 
guten, väterlichen Gregor Ghica, ihrem Wohltäter, die Erlaubnis, 
von zehn Tagen des Bauern je einen für sich in Anspruch nehmen 
zu dürfen *). 



4. Kapitel. 

Der Verfall des Bauernstandes. Die Juden. Bojaren* 

leben. 

War vielleicht nun mit diesen Beformen das Glück, welches 
die rumänischen Fürstentümer so lange entbehrt hatten, begründet? 
Keineswegs. Die Lage des Bauern war zwar erträglicher geworden, 
aber er hatte sehr oft nicht die Mittel, um sich loszukaufen, und 
auch in dem günstigeren Falle mangelten ihm die Mittel, um ein 
Kulturleben zu führen und so zur Gründung einer rumänischen 
Nationalkultur fortzuschreiten. Der Staat forderte auch weiterhin 
zu viel von ihm: der fremde Staat, dessen Interessen der immer 
mehr als Fremder erscheinende Fürst vertrat. Selbst der philan- 
thropische Konstantin mufste notgedrungen seine eigene Schöpfung 
schädigen: er wird beschuldigt, nicht vier, sondern zwanzig ^f er- 



1) Mag. istoric, II, S. 295 ff. 



Der Yerfall des Bauernstandes. Die Jaden. Bojarenleben. 167^ 

turi in einem Jahre eiBgehoben zu haben ^). Oegen 1770 war 
man regelmäfsig zum monatlichen ^fert gekommen, und das war 
noch nicht genug, denn ungeheure Summen verlangten jetzt Türken 
und konstantinopolitanische Griechen. Im Jahre eines Regierungs- 
wechsels wird auTser den zwölf Zahlungs-„ Vierteln'^ auch zwischen 
zwei Monaten noch ein ^fert verlangt, und bald darauf kommt 
man zu einem Doppel- 1^ fort. Neben den ordentlichen erscheinen 
aufserordentliche Abgaben, die je nach ihrer Bestimmung benannt 
werden. Sogar in dem wiederholt verfluchten väcärit suchten 
die bedrängten Fürsten eine Aushilfe bei dem noch mehr be- 
drängten Lande. Die Summe war oft so drückend, dafs man 
z. B.y um den väcärit für eine Kuh zu bezahlen, dieselbe nicht 
nur verkaufen, sondern auch noch den halben Betrag des Erlöses 
dazu borgen mufste^). loan Callimachi, übrigens ein alter guter 
Mann^ sah sich gezwungen, die Bojaren um die Ermächtigung 
zum Ausschreiben eines väcärit zu bitten. Dies wurde ihm 
abgeschlagen, aber statt dessen wurde nach dem Muster der Wa- 
lachei die ajutorin^ä eingeführt, die nichts anderes als der alte 
fumärit^) war. Schon im 17. Jahrhundert war die Theorie 
aufgetaucht, dafs der Grund und Boden, auf dem die Städte des 
Landes standen, dem Fürsten gehöre, und nun begann dieser, 
sie zu verschenken, zu verkaufen oder von jedem Hausbesitzer 
die Herrenrechte, den bezmen, zu verlangen. Nikolaus Mauro- 
kordatos versuchte umsonst, diesen Mifsbrauch einzuschränken^); 
im Gegenteil, man ging in diesem verderblichen Streben, welches 
dem Städteleben ein Ziel setzte, immer weiter. Konstantin Raco- 
vi^ wollte seinem Kloster in Roman ein Stück Land geben, lieis 
sich dieses von dem dortigen Bistum abtreten und übergab letzterem 
dafür die fürstlichen Rechte an dem Grund und Boden der Stadt. 
Alle die hartnäckigen Erlagen der Einwohner blieben erfolglos, sie 
fielen einfach dem Bischof anheim. Wenn eine solche Stadt ver- 
schenkt wurde, erlangte der neue Besitzer folgende Rechte : seiner 

1) Canta, in Let. III, S. 185. Vgl. die oben S. 160, Anm. 3 aDgegebene 
authentiselie Quelle. 

2) Doc. Callimachi, I, S. 461 nr. 117. 

3) „Pe ogiaguri"; Let. m, S. 243; ebenda, S. 191. 

4) Let II« S. 85. 



1C8 4. Kapitel. 

Aufsicht unterlag alles, was hier geschah, ihm mufste jedes Haus ziz* 
erst zum Kaufe angeboten werden, und er allein hatte das Becbt,. 
Getränke und Fleisch zu verkaufen ^). Die letzten Beste der 
alten Stadtverfassung verschwanden: in Ttrgu-Frumos wurden im 
Beginne des 19. Jahrhunderts der ^oltuz und die pirgarl unter 
die haimanale, d. h. Vagabunden, gerechnet, und sie hatten 
keine anderen Pflichten, als die „Dienste^^ des tirg zu verrichten,, 
die „schlechten Leute '^ zu bewachen und anderes derartiges zu 
tun '). Erst zwischen 1812 und 1820 begannen etliche Städte sieb 
loszukaufen oder eine bessere Verfassung zu erlangen: so befreiten 
sich Birlad und Tirgu-Frumos von ihren Besitzern mit grofsei^ 
Geldopfem, während das reiche Boto^anl, das bis spät im IS. 
Jahrhundert eine Stadt der Fürstin blieb, ein Privilegium erhiek^ 
demgemäfs es von einem Ephoren und von sechs Epitropen als 
Vertretern der Bürgerschaft verwaltet wurde. Dies war das erste 
Mal, dafs eine rumänische Stadt an ihre eigenen Interessen dachte^ 
dafs sich politische Parteien bildeten, dafs man kämpfte und dabei 
Mafsregeln zur Verschönerung der Stadt im modernen Sinne er- 
griff'). Zwei von den sechs Epitropen zu Botoi^nl wurden von 
den Bumänen gewählt, zwei vertraten die alte, arbeitsame und 
bescheidene armenische Bevölkerung, und als dritte „Nation^ 
waren die Juden noch hinzugekommen, die auch zwei Epitropen 
stellten. 

Die ersten Juden, welche die rumänischen Donauländer be- 
herbergten, waren aus der Türkei gekommen als Händler, aber 
auch als Gläubiger des Fürsten, und zwar waren »e in der Wa- 
lachei, die mehrere Berührungspunkte mit dem eigentUchen tür- 
kischen Beiche besafs, zahlreicher. Doch darunter befanden sich 
nur ganz vereinzelt angesessene Juden; die meisten kehrten bald 
nach dem ihnen günstigeren Eonstantinopel zurück, wo ihnen die 
türkische Faulheit und die türkiseben Laster eine ausgiebige Geld- 
emte versprachen. Bald nach 1550 bereits beschwerten sich die 
Landesfiirsten bei der Pforte über die Juden, imd in der kaiser- 



1) Doc. CaU., I,' S. 484—485, 

2) Ebenda, S. 593-594. 

3) Studil fi doc., Y, Documeikte)» AI. Callimachu 



Der YBifall des Baaemstandes. Die Jaden. Bojarenleben. 16^ 

liehen Antwort von 1568 ist von ihren Künsten, die Bauern za 
verderblichen Anleihen zu verlocken, die Rede. „ So ist die arme- 
Landbevölkerung ruiniert worden. Du sagst, dafs die Juden sieb 
wesentlich von den anderen Bewohnern unterscheiden, weil sie- 
durch Wucher das Blut der Raja aussaugen ; wo sie nur erscheinen, 
verursachen sie Tausende von Plackereien unter dem Vorwande- 
des Geldes.^^ ^) Aus Galizien, wo die Juden in den Städten, zu- 
sammen mit Deutschen und Armeniern, die Hauptmasse der ar* 
bettenden Bevölkerung bildeten, kamen, wie es scheint, nur Fuhr- 
leute mit ihren Karren an die Donau: die meisten von ihnen, 
Welche zwischen Lemberg und Konstantinopel verkehrten, hatten 
in letzterer Stadt ihren Wohnsitz *). Die galizischen Juden 
warteten in ihren Städten und Marktflecken auf den Moldauer,, 
der mit seinen grofsen, fetten Ochsen in das benachbarte Handels- 
gebiet kam. Sie überschritten aber auch die Grenze, und derselbe 
Fürst, der, als er in der Walachei gebot, die Machenschaften der 
jüdischen Geld Wucherer aufdeckte, gibt in einer feierlichen Ur- 
kunde Nachricht über die Art, wie die in den Grenzdörfem ver- 
steckten polnischen Juden die Bedeutung der Jahrmärkte zu 
Schepenitz und Hotin untergruben, indem sie die Waren im voraus 
aufkauften '). Im 17. Jahrhundert trifft man hier und da Juden* 
verschiedener Herkunft, die allerlei Einkünfte in Pacht nahmen,, 
oft ohne das Geld dazu zu haben. So pachtet ein Jude einen 
konfiszierten Teich vom Fürsten Georg Stephan, ein anderer 
kauft sogar im Bezirke Putna von den räzä^I ein Grundstück 
und wird damit nebst seinen Nachfolgern Grundbesitzer auf mol- 
dauischem Boden ^). Im 18. Jahrhundert waren die Juden, die 
dem Schatze eine besondere Steuer, eine ruptä, infolge eines Ver- 
trages lieferten, als orindarl bekannt, d. h. sie nahmen kleinere 
Stücke von den Gütern der Bojaren in orindä, in Pacht, da 
jene nur selten ihren Grund selbst bebauten, seitdem die Sitte 
ihre Anwesenheit in der Hauptstadt gebieterisch forderte. Auf 

1) Doc. ^i oercet. S. 180: nach dem Originale in den Eegistcrn der otto- 
manischen Pforte. 

2) Chilia ^i Cet.-Albä, S. 295-296. 

3) Aich. ist I*, S. 172-174. 

4) S. Studii 91 doc. V, 8. 32 nr. 150; S. 234—236 nr. 87. 



172 4. Kapitel. 

beider Fürstentümer auf die Rechnung zu setzen ist. Sie hatten 
dem Bauern das Vermögen, die Freiheit und alle Hechte entrissen^, 
kurz, sie zu Parias gemacht. Den Gh*und und Boden aber hatten 
sie sich ausschliefslich zur Ausnutzung vorbehalten. Die Sorge 
für das Land und seine Verteidigung hätte von Rechts wegen ihnen 
auch zufallen sollen, aber diesen Pflichten waren sie nicht gewachsen,, 
denn sie haderten unaufhörlich untereinander zugunsten eines neuen 
Fürsten oder um eine Anstellung bei Hofe zu erhalten. Auf ihre 
Zwietracht und die daraus hervorgehende Erschöpfung gründete 
sich nun die Macht der Fremden, die den ganzen Reichtum des 
Landes an sich reifsen wollten: die Macht der Türken, welche^ 
sich zu ausschliefslichen politischen Herren auf warfen, der Juden 
und in der Walachei die der Bulgaren und Griechen, die sich 
viel leichter einschleichen konnten und wegen der Religions- 
gemeinschaft zur Assimilation fähig waren. Einem solchen Zu- 
stande ging man entgegen; es drohte eine ewige Trennung der 
Kation in verhungerte Bauern und überfütterte, schläfrige, hirn- 
lose Bojaren ; und darauf gründeten sich die Annexionsgelüste der 
Fremden. 

Die Bojaren waren in der Tat während des 18. Jahrhunderts^ 
sehr stark herabgekommen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahr- 
hunderts bereits hatten sie fast vollständig zu kämpfen verlernt. 
In den türkischen Heeren bildeten sie nur die schlechten Führer 
der Hofsoldaten oder der jetzt waffenentwöhnten Bauern. Be- 
sonders seit 1680 bis 1690 verlangten die Türken von den rumä- 
nischen Fürsten keine Kämpfer mehr, sondern nur sal ah orl, um> 
Wege zu bauen und Schanzen zu graben, oder Earrenfuhrer für 
das von ihnen gesäte und geerntete Getreide, welches die Türken- 
schwärme ernähren sollte. Die orientalische Mode, in den Tag 
hinein lange zu schlafen, würdevoll zwischen zwei Bedienten, die 
dem Herrn unter die Achseln fafsten, einherzuschreiten und das- 
Pferd langsam traben zu lassen, wenn nicht die massive europäische 
Kutsche Wiener Herkunft für den bequemeren Transport seiner 
Evyiveia diente, gewann immer mehr Boden, und neue Generationen 
wuchsen in dieser Gewohnheit auf. Der moldauische oder wa- 
lachische Bojar wollte „Seine Majestät *' den Fürsten oder auch 
den hochgeschätzten griechischen Kollegen aus der Reichshauptstadt 



Der Verfall des Baaemstandes. Die Judeo. Bojarenleben. 17 S 

nachahmen, die am so glänzender erschien, ab jetzt den Bojaren 
nicht mehr gestattet wurde, dorthin zu gehen, um eine Dom nie 
zu imtergraben oder eine neue vorzubereiten. Und ftir diese Be- 
wohner Fanars war das Urbild menschlicher Vollkommenheit, 
trotz des im geheimen grollenden christlichen und griechischen 
Herzens, der träge, üppige, in senilen Marasmus verfallene Türke, 
4er auf seinem goldgezierten, längs der Zimmerwand hinlaufenden 
Bette liegend, auf mit Perlen und Edelsteinen besetzte Elissen ge- 
stützt und in der Pracht seiner Pelze fast erstickend, den Besucher 
schweigend anhörte, während sein Auge die bläulichen Wolken 
des Tabakrauches verfolgte. Statt des alten Bojarenhauses, welches, 
nach sächsischer oder polnischer Art eingerichtet, heiter und be- 
scheiden im Sonnenscheine blinkte, hatte man jetzt als Nach- 
ahmung des Serail die duftenden jataks — jeder Besucher ward 
beim Abschied mit den brennenden Pastillen des Morgenlandes 
parfümiert — geschaffen, die dunkel und nur hier und da von 
der Pracht der kostbaren Stickereien durchfunkelt waren. Früher 
^fs in ihrem Arbeitsraume die edle jupäneasä, die im Verein 
mit ihren Sklavinnen das für das Haus Notwendigste verfertigte; 
jetzt thronte die Hofdame nach neuer Mode auf ihren Kissen, mit 
nach türkischer Art untergesteckten Füfsen, so dafs nur die kost- 
baren papuci herausschauten. Die ganze Bekleidung war ebenso 
anspruchsvoll und geschmacklos wie in dem verfallenden Konstanti- 
nopel; wie hier ward das oftmals sehr schöne Gesicht durch grobe 
Bedeckung mit Farbe, durch die Bemalung des Mundes und der 
Wangen sowie durch die Vereinigung der beiden gehörig ge- 
schwärzten Augenbrauen entstellt. In den zahlreichen Zimmern, 
wo nur selten die arbeitende, lebensfrohe Tätigkeit des Hauses 
herrschte, lagen zahlreiche Zigeuner, aller Laster kundig und da- 
zu fähig, hingestreckt und harrten auf den Wink des Hausherrn, 
der Hausherrin, der jimgen, faulen Jungherren und Jungfrauen, 
die mit den Händen klatschten, um sich ein gesticktes Taschen- 
tuch vom Boden aufheben oder sich das erloschene Feuer im 
sorgfaltig bewachten Tschibuk wieder beleben zu lassen. Nur in 
den Morgenstunden gingen diese Nachkommen der nie rastenden, 
kämpfenden Helden, wie es die Bojaren Stephans des Grofsen oder 
Hirceas gewesen waren, zu Hofe, wo sie amtliche Geschäfte er- 



174 4. Kapitel. 

ledigten oder sich in nutzlose Unterredungen über Alltagsgeschichten 
und Intrigen verloren. Die Augen leuchteten nur^ wenn etwas 
Böses gesagt wurde oder wenn sich die Möglichkeit des G-ewinnes 
zeigte; sonst lugten diese matten Augen ziellos unter der neuer- 
dings von einem grofsen i^lic, einer kugelartigen Kopf bedeckung 
aus Lammfell; geschützten sorgenlosen Stirne hervor; manchmal war 
sie wohl auch sorgenvoll , denn auch jetzt finden sich, obgleich 
seltener, Bojarenköpfe , die fur*einen Verrat , dessen man jeden, 
und nicht ohne Grund, beschuldigen konnte, fallen mufsten. 

Die Bojaren von 1700, die auch keine Waffen mehr trugen 
und keiner Fahne folgten, waren dennoch von heifser Liebe zum 
unterjochten Vaterlande beseelt gewesen, dessen nicht wieder zu ge- 
winnender Ruhm ihnen aus der Vorzeit tröstend entgegenleuchtete. 
„Jeder kann über uns, was er will,'^ — so seu&t der alte Stolnic Kan- 
takuzinos — , „sagen und schreiben, weil sich niemand mehr findet, 
um ihm mit der Feder zu antworten oder mit der Faust entgegen- 
zutreten.^^ ^) Als die benachbarten fremden Mächte in diesen christ- 
lichen Provinzen des türkischen Reiches Eroberungen zu machen 
suchten, da zeigten die rumänischen Bojaren zwar ihren heifsen 
Wunsch, von einem europäischen Staate abzuhängen, denn die voll- 
ständige Freiheit konnte ja nicht mehr zurückgewonnen und behauptet 
werden, aber sie verfuhren dabei sehr vorsichtig und stellten so viele 
Bedingungen, dafs die Unterhandlungen niemals zum Ziele kamen. 
Während der Ereignisse des entscheidenden Jahres 1711 beschul- 
digten die meisten einen Cantemir, einen Toma Eantakuzino, sie 
hätten sich zu voreilig für den moskowitischen „Retter^* erklärt. 

In dieser neuen Epoche trifft man dagegen einen fast voll- 
ständigen Mangel an patriotischen Idealen. Es gingen über die 
Fürstentümer einige Jahrzehnte hinweg, in denen man nichts er- 
wartete, aber auch mit dem Augenblicke keineswegs zufrieden war. 
Die Türken waren eine Geifsel, die der Himmel gesandt hatte: 
solange sie herrschten, war keine Sicherheit, kein Reichtum, kein 
Kulturleben, keine Reform der Sitten zu erwarten. Aber die 
Christen waren doch nicht viel besser; das hatten die Österreicher 
am besten bewiesen. Eine Partei hatte sie gerufen, flir das christ- 



1) Operele lai C. Gantacazino, S. 69. 



Der Verfall des Baaemstandes. Die Jaden. Bojarenleben. 17S* 

lieh kaiserliche Interesse hatten die Anhänger dieser Partei die- 
Fahne der Empörung erhoben^ und manche hatten dafür geblutet. 
Durch diese Freunde der Christen war dann Nikolaus Maurokordatos- 
den Kaiserlichen in seiner eigenen Hauptstadt (1716) in die Hände^ 
gespielt worden. Und wenn nicht das ganze Fürstentum, wie man^ 
erwartet hatte ^ so kam doch die kleine Walachei an Österreich. 
Was war aber damit für die rumänische Kultur, für die Zukunft 
des rumänischen Volkes gewonnen? Nichts! Man hatte lediglich 
zwanzig Jahre lang die Steuern an einen anderen Kaiser bezahlt. 
Als im Jahre 1739 in einem neuen Kriege die Russen die Moldait 
mit Kosaken und regulären Truppen überschwemmten^ hielten sie- 
es nicht einmal für nötig, den Bojaren, ihren künftigen Untertanen,, 
zu schmeicheln. Es wurde wie im ydrkUchen ,, heidnischen'^ 
Feindeslande geraubt und geplündert; es wurden keine Vor- 
bereitungen getroffen und keine Verhandlungen mit den Bojaren 
durch geschickte, ,, rechtgläubige '^ Agenten angeknüpft Der rus* 
sische Oeneral Münnich fragte niemand um Rat; er machte einfach 
seine Forderungen bekannt, und diesen mufste Folge geleistet 
werden. Proviant für 20000 kaiserliche Soldaten, 3000 salahorl* 
jährlich für die schwere niedrige Arbeit, Versorgung der Spitäler^ 
Sold für die Offiziere, miUtärischen Dienst seitens der Bojaren, 
welche keine Amter innehatten, ein Präsent von 90 Beuteln für 
den erlauchten General, dann eine Lieferung von hundert Beuteln, 
jährlich an denselben, die Auslieferung aller türkischen Habe — 
das war es, was er verlangte. Wenn man dieser Forderung nichir 
entsprechen würde, so fugte er hinzu, würde Jassy in Flammen 
aufgehen ^). Es war ein gewaltiger Unterschied zwischen diesem^ 
verhängnisvollen Jahre 1739 und dem idyllisch eröffneten 1711. 
Die Veteranen des Demetrius Cantemir beobachteten dies wie die 
anderen, und man war jetzt davon überzeugt, dafs von niemand; 
als von Gott etwas zu erwarten sei. 

Jetzt wurde kein bedeutendes Werk mehr geschrieben: nur 
dieser oder jener Bojar setzte die alten Chroniken fort. Diese^ 
Fortsetzungen aber hatten beinahe keine literarische Bedeutung: 
sie enthalten, beeiflufst durch die egoistischen Leidenschaften des- 

1) Let. n, S. 409. Vgl. General de Manstein, Memoires sur la Bussie- 
(PariB, 1771), S. 304—305. Beide Qaellen stimmen überein. 



176 4. Kapitel. 

Augenblickes^ nur die Tageschronik. So schrieb ein loni^ Canta 
und ein lenaki Kogäbaiceanu, welch letzterer sich für die ESr- 
.pressungen der Beamten öffentlich ausspricht: ,,Und der Fürst hatte 
noch'^; sagt er tadelnd^ ;, einen Befehl gegeben^ dafs niemand mehr 
berechtigt sei^ etwas^ sei es auch nur ein Ei^ ohne Bezahlung zu 
nehmen, weder ein Beamter, noch ein anderer^^ ^). Darüber hinaus 
wurde nur noch an dem grofsen Werke der neuen Übersetzung 
4dler kirchlichen Bücher nach den griechischen Originalen gear- 
>beitet, welche durch die von dem Rimniker Bischof Chesarie, der 
'bedeutendsten literarischen Persönlichkeit dieser unbedeutenden 
2eit, besorgte Herausgabe der Mi nee, firivdia, d. h. nach den 
Monatstagen geordnete Heiligenleben, gekrönt wurde. Aber in 
•dieser Übersetzung, die übrigens für die Volkskultur ebenso wichtig 
ist wie für die Entwickelung der Sprache, konnte die Seele der 
rumänischen Nation nicht wie in den Chroniken ihren Ausdruck 
finden. Am Ende dieser Epoche hörten auch die mageren Fort- 
rsetzungen der alten vaterländischen Annalen auf, und nur noch 
gelegentlich beschrieb irgendein kleiner Bojar, wie Pitarul Hristachi 
oder Dumitrachi Varlam, und irgendein Mönch, wie Dionisie Eclesi- 
archul, in Prosa oder schlechten Versen einiges von den gleich- 
:2eitigen Ereignissen. Die von den Fürsten sorgsam gepflegten 
Hohen Schulen von Bukarest und Jassy brachten keine Schrift- 
steller mehr hervor und nützten überhaupt wenig in einem Lande, 
wo der lebendige Geist, der Drang nach Erkenntnis der Wahrheit 
und das Verlangen nach kräftiger Tätigkeit erloschen war *). 

In seltenen Ausnahmefallen allerdings waren Glaube, Er- 
innerung und Hoffnung noch nicht erloschen; einige Mönche und 
einige Bojaren hatten noch den heiligen Funken der Begeisterung 
in ihrer Brust, und mitten in der allgemeinen Schlaffheit liest man 
mit Vergnügen ihre lebendigen, schwungvollen Schilderungen und 
lauscht der Kunde von ihren Taten. 

In dem alten Kloster Putna, wo der Metropolit Jakob I., ein 
heiliger Mann, der sich vom öffentlichen Leben zurückzog, in 
seinen letzten Jahren Ruhe suchte, lebte der Mönch Vartolomeiü 
3Iäzäreanu. Er war mit dem Abschreiben der Chroniken be- 

1) Let. m, S. 203. 

2) S. meine Ist. Lit. Rom., I — IL 



Der Yerfall des Bauernstandeg. Die Juden. BojarenlebeD. 177 

schäftigt and exzerpierte die Urkunden, am sie für die Register natz- 
bar zu machen; er war ein ,,QeIehrter^'; der sogar slavisch ver- 
stand^ und schwärmte für das grofse, heilige Rafsland, das ihm 
als der Befreier des Ostens erschien. Aufser vielen anderen Werkchen, 
meistens Kompilationen, schrieb er in den wenigen Standen, in denen 
er Inspirationen genofs, einen Panegjrikus auf den grofsen Stephan, 
eine Ansprache, die ein Bauer an die Bojaren richtet, sowie eine 
Satire über die Erziehung seiner Zeit. In der ersten kleinen Arbeit 
finden sich schöne Perioden und ebensoviel Patriotismus wie rhe- 
torische Gelehrsamkeit. Wesentlich mehr Wahrheit ist in der 
zweiten und dritten enthalten. Durch den Mund des Einsiedlers 
von Putna spricht der verarmte, verschmähte Bauer, in dem das 
alte, arbeitende rumänische Volk noch lebt, seinem Herrn gegen- 
über bittere Wahrheiten aus und geifselt dessen Faulheit und 
lleigung zu weibischem Luxus und kostbaren Bauten. „Sie 
sprechen nur davon, was es Gutes zu essen und zu trinken gibt 
Die Ehrliebe ist aus ihren Herzen geschwunden, und was Ehre 
eigentlich sei, ist ihnen imbekannt. Ihre Sprache sogar — die 
vornehmen Leute liebten es besonders, in griechischer Unterredung 
zu glänzen — , ihre Sprache sogar haben sie verlernt . . . Oder 
vernehmen sie vielleicht unsere Stimmen, das Weinen der Witwen, 
die Seufzer der Armen? Rührt sie denn nichts? Sie schlafen tief 
im Schofse der Faulheit. Und wach sind sie nur, um einander im 
gegenseitigen Kampfe ihre Zähne zu zeigen . . . Alles , was wir 
gehabt haben, alles haben wir diesen Leuten schon hingegeben . . . 
Damit wir noch mehr bezahlen, werden wir nun geschlagen ; aber 
woher sollen wir mehr nehmen?'^ Es wird, sogar, um Rache zu 
nehmen, von einer Jacquerie gesprochen: „Genug. Geduld kann 
nichts mehr helfen; entweder geben sie uns das Recht, oder wir 
nehmen es. Unsere Eltern erzählten uns, einst hätten sich die 
Bojaren ebenso verweichlicht gehabt; die guten Satzungen seien 
verloren gewesen, alles sei nach ihrem willkürlichen, ungerechten Gut- 
dünken gegangen, und sie sagten auch: , Ehe nicht unsere Hacken 
mit ihrem Blute bespritzt waren, wurde es nicht anders!'^' ^) 

' 1) Die Werke von Mäzäreanu, in Arch. rom., I, S. 105 ff. (Separatausg. von 

I Bianu 1905); Arch. boc. 9t. 9! lit, IV, S. 327 ff. S. auch Ist. lit. rom., I, S. 535 ff. 



Jor; a, G«Bcliiebto der Brnnftnen. II. 12 



198 5. Kapitel. 



5. Kapitel. 

Die Tfirkenkriege Katharinas 11. und die rumänischen 

Ffirstentümer. 

Wenige Jahre nach ihrer Thronbesteigang suchte Katharina IL 
von Rufsland durch kriegerischen Ruhm ihren gehingenen Staats- 
streich zu krönen. Die polnischen Verwickelungen fahrten zu 
einem Kriege mit der Pforte , der überaus glücklich verlief. Die 
Türken waren nichts weniger als vorbereitet ; planlos^ ohne Führer 
und ohne Lebensmittel irrte ihr Heer während des entscheidenden 
Feldzuges von 1769; in dem die bessarabischen Festungen fielen 
und beide Fürstentümer erobert wurden^ kläglich umher. In den 
folgenden Jahren bemächtigten sich die Russen auch des ganzen 
Budschak; und die Tataren wurden darauf ;, gutwillig ^^ anderwärts 
hingetrieben. Nach längeren Unterhandlungen und nach einem 
neuen Ausbruch der Feindseligkeiten kam es endlich zu dem be- 
rühmten Vertrage von Kötschük-Kainardschi (1774), wodurch die 
Russen dreierlei erraugen: erstens die Anwartschaft auf die Krim, 
die ihnen auch bald anheimfiel, zweitens das Recht der Intervention 
zugunsten der unterjochten Christen und drittens die Erlaubnis, 
in den ihnen gefälligen Orten Konsuln einzusetzen. 

Vor dem Ausbruche des Krieges waren nach der Moldau und 
ebenso nach der Walachei, wie es seit Peter dem Grofsen üblich 
gewesen war, friedliche Kaufleute und fromme Büfser im Mönchs- 
gewande gekommen, hatten auf der Wanderung zu einem wunder- 
tätigen Heiligenbilde oder zu einem Handelsorte das erlauchte 
Porträt der „Kaiserin", der Imperatori^a, den Priestern und 
Klosterinsassen sowie den einflufsreichen Bojaren, die für die Leiden 
der Christenheit ein Herz hatten, zur Anbetung überbracht und 
zugleich von der unbesiegbaren Macht des grofsen russischen 
Heeres erzählt. Dies konnten sie aber um so besser, weil die 
Reisenden ja selbst zu diesem Heere gehörten. Da trug es sich 
einmal zu, dafs der Fürst der Moldau, Gregor Kallimaki, einen rus- 
sischen Agenten festnehmen und mit Bewilligung der Pforte hinrichten 
liefs. Alexander Ghica, der walachische Herrscher, wufste dies 
wohl, drückte aber ein Auge zu. In der Walachei besonders 



Die Türkenkriege Katharinas ü. und die mmänischen FiirstentQmer. 179 

empfingen daher manche Bojaren mit ungewöhnlicher Freude die 
rohe Nachricht von der bevorstehenden Erlösung: die Brüder 
Pirvu und Mihal Eantakuzino — der letztere hatte die Genealogie 
leiner Familie und eine statistische Denkschrift für den rus- 
sischen Hof verfafst — zeigten sich dabei besonders eifrig und 
nahmen die Leitung der Verschwörung in die Hand. 

Es läfst sich leicht verstehen; dafs viele ^ besonders jüngere 
Bojaren^ das türkische Joch peinlich empfanden. Aufser den ge- 
wöhnlichen Eingriffen in die Grenzen und aufser den üblich ge- 
wordenen Proviantforderungen hatte ja die Oberherrschaft des 
Sultans auch noch andere Folgen , die von den Bojaren im be- 
sonderen unangenehm empfunden wurden. Für die Bezahlung der 
Steuern waren sie in der Walachei schon einige Male zur Rechen- 
Bchaft gezogen worden^ und die Kantakuzinen waren sogar schon 
zweimal in den Kerker gewandert; weil die verlangte Summe nicht 
aufgebracht werden konnte. Die Zehnten hatten in älterer Zeit 
auch den Reichtum der Bojaren getroffen, und, seitdem ihnen die 
Exemtion davon zuteil geworden war, konnten sie die Erzeugnisse 
ihrer ausgedehnten und zahlreichen Güter nur schwer zu Geld machen, 
weil die Verproviantierung der türkischen Hauptstadt — die For- 
derung von Lebensmitteln wurde zwar oft wiederholt, blieb aber 
ebenso oft unbeachtet — ein Hindernis für den Export bildete. Dem 
fremden Kauänanne, der besser und pünktlicher zahlte, hätten die 
Bojaren, wie die Bauern, ihr Getreide, ihre Schafe und Pferde, ihr 
Wachs, ihren Honig und Talg viel lieber verkauft, durften es aber 
nicht ^). Sie sahen mit Mifsvergnügen die immer stärkere Einmischung 
der Türken in die inneren Angelegenheiten des Landes, um die sie 
äch bisher durchaus nicht hatten kümmern dürfen. Die Moldau 
wieder war voll von kleinen türkischen Kapitalisten, die bis in die 
entlegensten Orte vordrangen, Geld gegen hohe Zinsen ausliehen oder 
Geld gegen künftige Lieferung von Naturalien oder auch schlechtes 
öeld gegen spätere Rückgabe derselben Summe in guter Münze 
anboten. In der Walachei wie im benachbarten Fürstentume 
hatten die türkischen Rajabewohner, die türkischen Kauf leute, aber 



1) Vgl. über die Frage des sogenannten türkischen Monopols die Vorrede 
X. Bandes der Sammlang Hurmuzaki. 

12* 



180 5. Kapitel. 

auch Janitscbaren — und das waren die schlechtesten von allen — 
Häuser auf christlichem Boden errichtet, Meierhöfe und Vieh- 
züchtereien angelegt; die sogenannten ci^le, und sehr einfluls- 
reiche Fürsten waren nötig, um durch bewaffnetes Einschreiten 
mit Hilfe von Reichstruppen diese frechen Eindringlinge, die eine 
Plage für das Land bildeten, wieder zu entfernen. In der Oltenia 
hatten die Türken von Widin die Sitte eingeführt, dafs die Güter 
der ärmeren Bojaren von Türken in Pacht genommen wurden, die 
schändlichsten Raubbau darauf trieben. Wiederum mufste erst ein 
Ferman gegen diese unwillkommenen Gäste erwirkt werden. Endlich 
gab es Bojaren, die aus Einfalt oder um sich aus den Krallen ihrer 
Gläubiger zu retten, wie ein gewisser Cozliceanu, der mit den Kanta- 
kuzinen verwandt war, zum Islam übertraten. War dies gescbefaeii; 
so kam ein Befehl von der Pforte, dafs die ganze Habe des Neu- 
bekehrten öffentlich verkauft werden sollte, ja selbst dasjenige, was 
von der Erbschaft bereits in andere Hände gekommen oder schon um 
einen niedrigeren Preis veräufsert worden war. Der Ehrgeiz, und 
mehr noch die Titelsucht, die Habgier, der Wunsch nach Sicherheit 
und das Verlangen nach einem höheren Kulturleben trieben, trotz 
all der erwähnten traurigen Erfahrungen, die walachischen Bojaren 
schliefslich in die Arme der als Befreier erscheinenden Russen ^). 

In der Moldau ward den Russen ein guter Empfang zuteil^ 
aber es fehlte ihm die Wärme; hier fanden sie Diener unter den 
Bojaren, aber keine Anbeter. In der Walachei dagegen leisteten 
die Brüder Kantakuzino fast Unmögliches, um ihnen eine via 
triumphalis zu eröffnen: falsche russische Freiwillige wurden 
in der Nacht in die Hauptstadt gebracht, und der neue Fürst, 
Gregor Alexander Ghica, liefs sich gefangennehmen; eine Land- 
miliz wurde ausgehoben, und an ihrer Spitze fiel Pirvu Kanta- 
kuzino im Treffen bei Comana. Bis zum Schlüsse wurde den 
Russen das Fürstentum aufrichtig zur Verfügung gestellt, und der 
neue türkische Fürst Manolaki Giani (Ruset) konnte sich auch 
nicht behaupten. 

Katharina II. liebte theatralische Schaustellungen, und um 

1) S. Studil 9i doc., V, S. 327 f., 521 f.: für die türkischen Angriffe; für die 
russischen Umtriebe die Genealogia Cantacuzinilor und die Abteilung über Mihal 
Cantacuzino in meiner Ist. lit. rom., H. 



Die TürkeDkriege Katharinas II. und die rumänischen FQrstentamer. 181 

esem Hange der mächtigen Kaiserin enigegenzukommen, traf 
Jahre 1770 eine Deputation der ;, befreiten'^ Moldauer und 
Walachen in Petersburg ein. Sie bestand aus den Grofsbojaren 
JBrincoveanu, Eantakuidno dem jüngeren^ Milo und Paiadi, dem 
Ddetropoliten von Bukarest, dem Bischof von Hu^I und dem Schrift- 
steller Mäzäreanu. Sie hielten schöne Reden , wurden fein be- 
^^^irtet und kehrten mit hoffnungsvollen Herzen zurück. Was 
die Deputation als Garantie im Falle einer von ihnen erwünschten 
£in Verleihung in das russische Reich verlangte, das macht dem 
Patriotismus, oder wenigstens der Einsicht und Würde dieser hoch- 
geborenen Führer einer unglücklichen Nation keine besondere 
llihre. Die Moldauer verlangten nach einer oligarchischen Regierung 
durch zwölf Bojaren, nach der Einsetzung von ispravnicl, die 
rasch wechseln sollten, um so allen Geldhungrigen die Möglich- 
keit einer Bereicherung zu bieten; „die ganze bojarische Sipp- 
schaft nach der Reihe'' ^), heifst es einmal gleichzeitig. Die 
Kaiserin soll ein General vertreten, der den Bojaren bei ihrer 
Ernennung zu Mitgliedern des Regierungsrates oder zu Beamten 
Kaftane und Ehrenkleider schenken und der die fremden und ein- 
heimischen Truppen befehligen soll; der Ertrag der nach neuen Grund- 
sätzen von den Bauern zu erhebenden Steuern soll künftighin nach 
Petersburg geschickt werden. Noch weiter gingen die Walachen. 
Sie begannen mit dem Wunsche, „dafs unser Land mit den anderen 
Provinzen; die das allmächtige Rufsland beherrscht, vereinigt werde '^ 
Aufser der Ermächtigung, die Bergwerke ausbeuten und Handel mit 
dem Auslände zu treiben, sowie Akademien für „Wissenschaften, 
Gewerbe und Sprachen'^ zu gründen, verlangten sie russische Ge- 
setze, russische Richter, wenigstens zur Hälfte, und die russische 
kirchliche Hierarchie, d. h. die Oberherrschaft der russischen Synode. 
Erst als sie sahen, dafs die Türken doch die Oberherren des 
Landes bleiben würden, dachten sie als Notbehelf an eine Ver- 
einigung mit dem zerstückelten Reiche Polen, oder sogar an eine 
eigene Regierung unter Oberherrschaft der Pforte, aber unter dem 
Schutze Rulslands^ Österreichs und eventuell auch Preufsens. 



1) „ToatS partea boereascä pe rind"; Arch. rom., I, S. 202 ff. Hinsichtlich 
der walachischen Pläne siahe Genealogia CantacozinUor, Ausgabe Jorga, Anhang. 



182 5. Kapitel. 

Der Vertrag wurde abgeschlossen, und die Russen verlangten da- 
bei; dafs der Sultan die Fürstentümer, wie sein Vorgänger, Mah- 
mud IV., behandle; doch das hatte keinen Sinn und beruhte auf 
einem Mifsverständnis. Nun äufserten die Walachen folgende 
Wünsche: sie wollten einen Nationalftirsten — etwa ^te£axi 
Pirscoveanu — , aber keinen Griechen haben, den Türken nur 
den Rharadsch, imd zwar in der unveränderlichen Summe von 
125000 lel entrichten und die Bechtspflege durchaus selbständig 
handhaben ; den Türken sollte nicht gestattet sein, auf walachischem 
Boden jemals Häuser zu bauen, sie sollten auch die Cetatea de FIocI 
zurückgeben; endlich sollten auch russische Konsuln zu Bukarest 
und Craiova residieren. Es wurde auch zu diesem Zwecke eine 
Deputation nach Eonstantinopel geschickt, aber alles scheiterte. 
Die Walachen erhielten genau dasselbe wie die Moldauer, die 
nichts verlangt hatten. Fürst wurde in der Walachei Alexander 
Ipsilanti (Hypsilantes), der früher Grofsdragoman gewesen war, und 
in der Moldau Gregor Ghica, der schon dreimal als Fürst regiert 
hatte. Gleichzeitig wurde diesen neuen Halbherrschem ein 
Hatischerif oder kaiserlicher Gnadenakt (4. November 1774) ein- 
gehändigt, worin neben vielen nebensächlichen Bestimmungen auch 
die folgenden wichtigen enthalten sind: die Fürsten sollen niemals 
„ohne ihr Verschulden'^ abgesetzt werden; das Land soll zunächst 
zwei Jahre volle Steuerfreiheit geniefsen und dann lediglich den 
Kharadsch — und aufserdem keinerlei andere Gaben — aller 
zwei Jahre einmal nach Eonstantinopel schicken; die Natural- 
lieferungen sollen von dem Tribute abgezogen werden und nur 
aus Holz und Salpeter bestehen. Wenn die Pforte darüber hinaus 
noch andere Naturalien braucht, so sollen ehrliche Eaufleute mit 
entsprechenden Legitimationen zu bestimmten Zeiten in den Häfen 
erscheinen. Kein Türke darf in den Fürstentümern wohnen; 
selbstverständlich sind die Polizeitruppen, die Beschlis, davon 
ausgenommen. Gelegentlich der russisch- türkischen Konvention vom 
10. März 1779 verpflichtete sich dann die Pforte noch einmal, die 
Fürstentümer schonend zu behandeln. Wären alle diese Forderungen 
und Zugeständnisse gehörig beobachtet worden, so hätten sie un- 
zweifelhaft das Glück des rumänischen Vaterlandes b^ründei 
Tatsächlich jedoch änderte sich dadurch die Lage nur wenig. 



r>ie Türkenkriege Katharinas IL und die rnmänischeii Fürstentümer. 188 

!Mit den Waffen kann man einem entnervten Volke, wie das 
lürkiscbe es war, jede Vertragsbedingung aufzwingen. Schwieriger 
ist es aber, die Einhaltung der eingegangeneu Verpflichtungen durch- 
zusetzen. Von der Arbeit ihrer eigenen Hände hatten die Türken 
niemals gelebt und konnten sich auch nicht in einem Augenblicke 
daran gewöhnen, ebensowenig wie sie in einer bestimmten Frist 
ihre Laster abzulegen vermochten. Wie es vor 1774 gewesen 
war, 80 gab es auch nach diesem entscheidenden Jahre keine 
andere Provinz im türkischen Reiche, welche die Last auf sich 
hätte nehmen können, die das Schicksal auf die Schultern der 
Donanfürstentümer gewälzt hatte. Daraus folgte mit absoluter 
Notwendigkeit, dafs die Walachei und Moldau die Rolle des blinden 
Mühlpferdes weiterspielten. Sie mufsten ihre ganze Kraft an- 
spannen, um ihren Herren die gesetzlichen und ungesetzlichen 
Dienste zu leisten, und dabei hatten sie bei dem Zustande des 
Verfalles, in dem sich das osmanische Reich befand, nicht einmal 
die Gewifsheit, Schutz vor anderen habgierigen Fremden zu finden. 
Dies trat deutlich in der Bukowinaafläre zutage; denn gegen 
jedes Recht und gegen die Bestimmung des eben unterzeichneten 
Friedensinstruments, in dem von keiner Gebietsabtretung an Rufs- 
land ^ Osterreich oder an irgendwelche freundlich oder feindlich 
gesinnte christliche Macht die Rede war, ging die obere Moldau 
an Osterreich verloren. Und dennoch liefs sich die Pforte infolge 
von Bestechung, Unwissenheit, Furcht und Altersschwäche bereit 
finden, diese schöne, klosterreiche, von Buchen und Tannen be- 
schattete Landschaft, in der die Hauptstadt des alten moldauischen 
Fürstentums lag, auf deren fruchtbarem Boden nicht weniger als 
100000 Bauern rumänischer Nationalität lebten, am 7. Mai 1775 
wie ein kleines, unbedeutendes Geschenk wegzuwerfen! Und die 
mütterliche russische Kaiserin; die der Moldau und Walachei die 
Wiedererwerbung der alten Grenzen in Aussicht gestellt hatte, liefe 
dies ruhig geschehen, wie es vorher ihre schönrednerischen Generale, 
die goldene Tabatieren als Geschenke zu schätzen wufsten, getan 
hatten. 

Das Ereignis trug sich folgendermafsen zu. Während des 
Krieges hatte das Österreich des Fürsten Eaunitz dem Erfolge 
der Russen nicht gerade freundlich zugesehen; voll Eifersucht 



184 5. Kapitel. 

ging man in Wien so weit, den Türken gegen eine grofse Samme 
Geld und die Abtretung der ehemals innegehabten oltenischen "Wa- 
lachei militärische Hilfe zu versprechen, bis das Verlorene wieder- 
gewonnen wäre. Der Vertrag vom 6. Juli 1771; der sogenannte 
;,Subsidienvertrag^^; wurde zwar nicht ratifiziert, und in demselben 
Sommer schrieb der leitende Minister dem österreichischen Ge- 
sandten in Berlin^ dafs der Vorschlag Friedrichs JI., die Fürsten- 
tümer als Beuteanteil von der Pforte zu verlangen ^ um sie dann 
gegen das so wertvolle Belgrad zu vertauschen, mit dem „ Staats- 
system'' des Wiener Hofes und mit den freundlichen Beziehungen 
zum türkischen Reiche unvereinbar sei 0- In Petersburg da- 
gegen sprach man, um eine österreichische Einmischung zu ver- 
hindeni; davon^ die Kaiserin Katharina die künftige Beherrscherin 
der tatarischen Krim und Be&eierin der orthodoxen Völker des 
Morgenlandes^ sei schon bereit, ihren geliebten Nachbarn die Fürsten- 
tümer zu überlassen^ in denen ein Erzherzog oder ein Reichsfiirst, 
wie Albrecht von Teschen, als Herrscher eingesetzt werden könnte *). 
Bald darauf wurden in Polen neue Grenzen gezogen^ nachdem man 
die geeigneten Überredungskünste gegenüber den leitenden Fak- 
toren in diesem ; dem türkischen ähnlichen Reiche angewendet 
hatte. Nun erschien im Jahre 1773 Joseph II. in Siebenbürgen 
um diese vielgestaltige Provinz in Augenschein zu nehmen, und 
angesichts der verwilderten Gegend am moldauischen Gebirge, wo 
seit kurzem die „alte^^, von den Nachbarn usurpierte Grenze 
wiederhergestellt worden war^ verfiel er auf den Gedanken^ an- 
statt dieser szeklerischen Dorfschaften das Gebiet y,zwischen Rodna, 
Horodenka^ Snyatin, Zaleszczjk'^^ also einen Teil der Moldau, zu 
erwerben, denn dadurch würde eine bequeme Verbindung mit dem 
neuerworbenen Galizien gewonnen. Dieses Anhängsel zu der pol- 
nischen Erwerbung, diese „Bagatelle zwischen Siebenbürgen, Mar- 
maros und Pokutien hätte politisch und militärisch wenigstens 
der cisoltenischen Walachei an Wert entsprochen *)". Die Offiziere^ 
welche die kartographische Landesaufnahme in Galizien und an 
seinen Grenzen besorgten, und der österreichische Attache im rus- 

1) Arneth, LetzteBegiemngsjahre M. Theresias, II (Wien, 1877), S. 314—315. 

2) Ebenda, S. 310. 

3) Ebenda, S. 613—614. 



Die Tüikenkiiege Katharinas IL und die mmänischen Ffintentfimer. 185 

sißchen Heere^ Barco^ vertraten ebenso entschieden diese neue Qe- 
bietserTverbung : die einen bemühten sich, Rechtsansprüche auf 
Grand der Vergangenheit ausfindig zu machen, die anderen be- 
tonten, dafs der russische Feldmarschall , RumiänzoW| ein solches 
Vorrücken des kaiserlichen Adlers nicht ungern sehen würde. 
Ungefähr im September 1774; als man schon wuTste, dafs die 
Russen die Fürstentümer durch Vertrag in ihrem ganzen Umfange 
an die Pforte zurückgegeben hatten, wurde endlich die Ermächti- 
gung zur militärischen Okkupation erteilt, und übereifrige Offiziere 
dehnten diese bis gegen Roman aus. Jetzt, nachdem man das 
Qewünschte schon in Händen hatte, konnte der Gesandte zu Kon- 
stantinopel von einem Pestkordon, von dem alten Grenzstreite 
zwischen Polen und der Moldau, von nachweislichen historischen 
Rechten und von einer militärischen, unabwendbaren Notwendigkeit, 
nebenbei aber auch von der heilig bewahrten Freundschaft gegen 
den Sultan sprechen. 

Den Türken war die Sache doch im Grunde unangenehm, 
denn sie konnte auf den Pöbel der Hauptstadt, der erst kürzlich 
einen Sultan wegen „Unfähigkeif abgesetzt hatte, einen schlechten 
Eindruck machen. Im übrigen waren sie überzeugt, dafs ihr 
Padischach Land genug besafs, um beliebig ein Stück veräufsern zu 
können, dafs sie berechtigt seien, das E^apitulationsland Moldau, im 
ganzen oder im einzelnen, wie jede andere Provinz — so waren sie 
ja mit Siebenbürgen und besonders mit der ELleinen Walachei ver- 
fahren — zu verkaufen. An jährUchem Einkommen konnten sie 
^en Verlust ja nicht leiden, denn aus der verkleinerten Moldau 
mufste der Fürst, der „Pachtfürst" — so sagten die Österreicher — , 
ebensoviel entrichten, wie vorher von dem ganzen Fürstentume. 
Die Minister der Pforte zögerten lediglich, um mehr Bestechungs- 
gelder einzuheimsen und um wenigstens der öffentlichen Meinung 
zu zeigen, dafs sie ihre Pflicht getan hätten. 

Was das Land betrifit, so hatten während des Elrieges viele 
Bojaren, so lenacachi Milo und loan Eantakuzino, mit Österreich 
geheime Verbindungen angeknüpft ^). Diese hätten es gern ge- 



1) WereDka, Bakowina^s Entstehen und Aufblühen in Maria Theresias 
Zeit, im „Arch. för öst. Gesch.", 1892, S. 70—71, 106. 



186 5. Kapitel. 

sehen; wenn ihr ganzes Vaterland unter Aufrechterhaltnng ihrer 
oligarchischen Rechte an Osterreich gekommen wäre. Eine Zer- 
stückelang der Moldau lag andrerseits zunächst nicht in ihrem In- 
teresse als Beamte und Gutsbesitzer. Dann regte sich vielleicht 
auch wieder einmal in ihrem welken Herzen die Erinnerung^ die alte 
Liebe zu der kleinen, hartnäckig verteidigten mo^ie. Sie wandten 
sich mit Klagen, das einzige, was ihnen noch offen stand, an den 
Pascha von Silistrien; dieser konnte selbstverständlich nichts tun, und 
sie gingen nun den russischen Feldmarschall an, der krank danieder- 
lag. Erst dem Nachfolger dieses letzteren, Bepnin, trugen sie ihr An- 
liegen vor und legten unter anderem dar, dafs „sich offensichtlich 
die türkische Pforte mit den Österreichern auf Kosten ihres Landes 
aussöhnen wolle ^)^^ Der Fürst selbst mufste sehr vorsichtig handeln, 
und das lag ganz im Sinne der Politik des schlauen Ghica. Er 
war eifrig tätig, um sein Pachtgut vollständig zu erhalten, aber 
dabei vergafs er doch nicht, dem gefürchteten Nachbarn, wenn 
auch gezwungen, zuzulächeln. Er dachte sogar einmal daran, bei 
dieser Gelegenheit wenigstens Hotin wiederzubekommen, und sprach 
sich Barco gegenüber in diesem Sinne aus ^). Die anderen Mächte 
waren dabei nicht direkt interessiert, und so führte endlich Kslu- 
nitz das begonnene nützliche Werk „glorreich zu Ende*)". 

Am 12. Oktober 1777 schwuren persönlich beziehungsweise 
durch ihre Vertreter die „Stände" der Bukowina — das war der 
neue Name der „friedlichen Eroberung" — der Kaiserin Maria The- 
resia Treue. Der Bischof von ßädäu^I, Dosoftel Herescu, präsidierte 
der grofsen Feierlichkeit; nach vier Jahren verzichtete auch der Me- 
tropolit von Jassy auf seine kirchlichen Rechte über die kaiserliche 
Moldau, und Dosoftel wurde als Bischof der Bukowina in der neuen 
Hauptstadt, dem Marktflecken Cernüu^I (jetzt Czemowitz), im alten 
Gebiete von Sepenic, inthronisiert. Bald darauf übernahm der Fis- 
kus die Verwaltung der zahlreichen Ellostergüter, und daraus wurde 
nunmehr ein für viele Zwecke verwendbarer griechisch-orientalischer 
Religionsfonds gebildet. Die Bojaren, mit Ausnahme eines einzigen, 

1) üricariul, YI, S. 458: Febrnar 1775. Bepnin ging nun als Gesandter 
nach Eonstantinopel. 

2) Werenka, S. 153. 

3) Aineth, a. a. 0., S. 530. 



Die TfirkenkriegQ Katharinas n. nnd die rumäaischen Fürstentfimer. 187 

Vasile Bal^, blieben natürlich als Hofbeamte in Jassj. Die Ma- 
zilen besafsen nicht das Zeug^ die Autorität und die Kenntnisse, 
um sich an den R^erungsgeschäften tätig zu beteiligen, und folg- 
lich kam die Verwaltung in die Hände der Fremdeui welche das 
Zivilisationswerk im europäischen Sinne begannen. Die Bauern 
mufsten sich nunmehr in die viel ungünstigere österreichische 
soziale Ordnung iugen: drei Arbeitstage in der Woche waren zu 
leisten und eine regelmäfsige, aber nicht gerade niedrige Steuer 
zu entrichten. Es wurden nunmehr Ruthenen aus Galizien, 
Csangös aus Siebenbürgen, Polen und Deutsche als privilegierte 
Bauern herbeigerufen, und so kam es, dafs im folgenden Jahr- 
hundert die Rumänen ihre numerische Überlegenheit verloren. 
Neben den wenigen vernachlässigten rumänischen Volksschulen 
entstanden nun deutsche höhere BilduDgsanstalten. Jede Verbin- 
dung mit der „türkischen" Moldau dagegen verschwand. Die 
dort ansässigen Bojaren verkauften ihre Güter in der Bukowina 
und schickten ihre Kinder nicht etwa nach dem aufblühenden 
Czernowitz in die Schulen. 

Der Versuch, durch Heranziehung der Armenier ein neues 
Bürgertum zu schaffen, mifslang. Dagegen gewannen die „Bettel- 
juden'' und jüdischen Dorfpächter, die Qeneral Enzenberg vor- 
gefonden und charakterisiert hatte ^), die Oberhand, ohne jedoch 
ihre elende, schmutzige, aller Zivilisation feindliche, galizische 
Lebensweise bis zum heutigen Tage aufzugeben. Die Bukowina 
ward ja sogar noch zweimal mit Galizien vereinigt, ehe endlich 
das heutige Herzogtum entstand. 

Jener Gregor Ghica, der für die hohen Interessen des Landes, 
besonders in der Zukunft, und zugleich für die niedrigeren seines 
fürstlichen Schatzes kämpfte, war kein romantischer Russenfreund ; er 
pries auch das Wohlwollen der erlauchten christlichen Kaiserin nicht 
mehr, als unbedingt nötig war, obwohl sie ihm während seines Auf- 
enthalts in Petersburg als gut gepflegter freiwilliger Kriegsgefangener 
allerlei Gefälligkeiten erwies und ihm auch die Ernennung zum ver- 
tragsmäfsigen Herrscher in der bald darauf verkleinerten Moldau im 

1) Zieglauer, Geschichtliche Bilder aus der Bukowina (Czernowitz 1893). 
Vgl. die Landesbeschreibung von Greneral Spleny, die Polek (Czernowitz 
1893) herausgegeben hat. 



188 5. KapiteL 

September 1774 venchafile ^). Die Bojaren hatten rach ihn, dem 
Winke der noch befehligenden mssiBchen Offiziere folgend, von 
der Pforte ansdrücklich aasbedangen *), and so war es ihm mög- 
lich, seinen Rivalen Konstantin Morazi aas dem Felde za schlagen. 
Nach drei Jahren jedoch schon warde er als verdächtiger Förderer 
rassischer Interessen — ein neaer Krieg mit Rafsland stand schon 
in Aassicht — abgesetzt and, damit die Pforte sich deswegen den 
Rassen gegenüber nicht zu verantworten braache and keine 
weiteren Verwickelangen entstünden, von den Gesandten, die ihm 
die Absetzung mitteilten, in seinem Absteigequartier zu Jassy er- 
mordet, ohne dafs sich in der moldauischen Hauptstadt irgendjemand 
gegen die Mörder erhoben hatte. An seine Stelle trat nunmehr 
Moruzi, der seine frühere Niederlage noch nicht vergessen hatte. 
Die Türken beschuldigten Ghica unter anderem, er habe 
auch während der zwei Jahre, in denen kein Tribut zu entrichten 
war, den entsprechenden Betrag vom Lande gefordert Diese Be- 
schuldigung findet sich auch in europäischen Quellen, und in den 
erhaltenen Rechnungsbüchem des unglücklichen Füi'sten sind tat- 
sächlich Ersatzkontributionen an Stelle der bis zum Sommer 1776 
verbotenen ^ferturl verzeichnet Sie tragen den verschleierten 
Namen cheltuiala ^eril, d. h. ,,Qelder für die Ausgaben des 
Landes '^ Der Bauer steuerte dazu ebenso wie der Kaufmann, 
der Priester und der^Mazilo-Ruptasche'^; der eine besondere dajde 
anstatt dieser ,, Ausgaben'' entrichtete. Wie vor 1774 begegnet 
man Summen, mit denen allerlei Lieferungen an die Türken be- 
zahlt werden, und zwar in derselben Höhe. Zwar stand im Ver- 
trage geschrieben, dafs der Preis dieser Naturalien vom Tribute 
abzuziehen sei, aber wer die lauten Klagen der Walachen durch- 
liest , die sich bei der Rechnung über die bis April 1783 nach 
Konstantinopel geschickten 1182150 Kilon Korn, Hafer usw. 
finden ; der kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dafs trotz 
alledem der vollständige Kharadsch verlangt worden ist'). Die 

1) Vgl. die Yorrede zum X. Bd. der Sammlung Hurmnzaki mit We- 
renka, a. a. 0. 

2) Uricariul, VI, russisch-moldauische Korrespondenz von 1773 — 1775. 

3) Vgl. Documente fi ceroetSrI, S. 46fif., 158 ff.; Jahresberichte der romü- 
nischen Akademie, XII, S. 393. 



Die Türkenkiiege Katharinas IL and die rnmäniBchen Fürstentümer. 189 

gröfsten Beträge verschlaDgeD immer die neuen und alten Schulden, 
und die Geschenke, durch die man überdies die türkische Un- 
ersättlichkeit noch täglich nährte. 

Aber sie erschienen nötig, denn die Ernennung und Regierung 
des Fürsten hing ja jetzt von genau denselben Faktoren ab, wie früher. 
Der autonome Pächter der Moldau oder Walachei wurde wie früher 
aus den Bewohnern von Fanar genommen: dies verbot ja kein 
Paragraph des Vertrages, und es wurde schon oben gesagt, dafs die 
Versuche der Walachen, einen nationalen Domn zu erhalten, be- 
sonders deshalb scheiterten, weil sie bei den Russen keine Unter- 
stützung fanden. Es war auch jetzt nicht Bedingung, wie man lange 
genug geglaubt hat, dafs der Erwählte notwendigerweise ein Drago- 
man oder gewesener Dragoman der Pforte sei. Auch fürstliche Her- 
kunft war kein Erfordernis, aber gewöhnlich fielen die gnädigen 
Blicke des Sultans auf solche Führer der griechischen Nation in 
Konstantinopel, die eine grofse Verwandtschaft, sei es auch nur durch 
einen langen Stammbaum, aufweisen konnten. So war Moruzi der 
Enkel einer Tochter von Alexander Maurokordato, folglich ein Isker- 
letogli, er gehörte also zu einem Zweige des grofsen skarlatischen 
Geschlechtes. Nach ihm besetzten den moldauischen Thron zwei 
andere Maurokordato, zwei Vettern, die beiden Alexander, der Sohn 
Konstantins und der des unfähigen loan, der schon längst, seinen 
Tschubuk vor der Türe rauchend, gestorben war. Hjpsilantes, 
Ipsüanti, wie die Rumänen seinen Namen schrieben, war der 
Schwager des Moruzi. Sein Vater Johann und sein Grofsvater 
hatten beide seit den Tagen des Michael Racovi^ä Bojarenwürden 
in der Moldau bekleidet, so dafs er Land, Leute und Sitten vor- 
züglich kennen mufste; überdies war auch der Vater des Moruzi 
moldauischer Beamter gewesen. Michael Su^u (Sutzo), der zweite 
Nachfolger Ipsilantis, stammte durch seine Grofsmutter ebenfalls 
aus dem Maurokordatengeschlechte; er war der Bruder des be- 
rühmten Nikolaki, und ein anderer Bruder von ihm war ein mäch- 
tiger, allerdings schliefslich gehenkter Grieche in Konstantinopel 
gewesen; seine Frau war die Tochter des Johann Kallimaki 
(Calimah), eine andere heiratete den Alexander Konstantin Mauro- 
kordatos, und Gregor, der Sohn dieses Johann, war mit der 
Tochter des Alexander Nikolaus Maurokordatos vermählt. So 



190 5. Kapitel. 

bildete sich eine fanariotische Fürstensippschaft; in der zwar gerade 
Hader genug herrschte ^ aber doch längst nicht soviel wie früher. 
Die Glieder dieses Wojwoden- und Dolmetschergeschlechts waren 
ihrer Ernennung sicher; sie arbeiteten aber selbst in ihrem Interesse, 
und die Klasse der reichen, mafsgebenden Helfershelfer war ver- 
schwunden. Als homines novi, durch die Gunst des Sultans, 
bezw. die eines hohen türkischen Beamten wurden zur Regierung 
berufen Nikolaus Caragea (Earadscha), der einem Geschlechte von 
Ärzten und Dragomanen entstammte^ und der Kesiote, der Insel- 
grieche Nikolaus Mavrogheni (Maurogenis); der bisher Dolmetsch 
des Kapudan (des türkischen Admirals) und zugleich der GünsÜing 
dieses ungewöhnlich einflufsreichen Mannes gewesen war. 

Die Absetzungen waren gewifs gegen den Sinn des Vertrages 
von Eötschük-Kainardschi; in den man rumänischerseits gern die 
Bestimmung lebenslänglicher Herrschaft hineingebracht hätte. Aber 
die Fassung des betreffenden Paragraphen war so, dafs ihn die Türken 
nach Belieben auslegen konnten. Sie verstanden es meisterhaft, 
einen Grund für die Absetzung eines Fürsten zu erdichten. So 
ward z. B. Gregor Ghica als Verräter und Aussauger des armen 
moldauischen Landes hingestellt: gegen den Kaiser und die Raja 
hatte er sich gleichzeitig vergangen ; der Kapudschi erdolchte 
den fürstlichen Verbrecher, weil er bei seiner Gefangennahme 
Widerstand leistete. Die Söhne des Ipsilanti waren, um den 
Mifshandlungen ihres Vaters zu entgehen, und weil sie die lu- 
mi^res des glänzenden Europa kennen lernen wollten, im De- 
zember 1781 nach Siebenbürgen geflüchtet: das erschien der Pforte 
verdächtig, und so verlangte der alte Fürst, des Geschickes, das 
Ghica widerfahren war, eingedenk, seine Absetzung, die einem so 
treuen Diener unmöglich abgeschlagen werden konnte. Der alte 
Nikolaus Caragea hatte die Herstellung etlicher Brücken versäumt ^)j 
und so verlor er, obwohl er noch nicht ganz zwei Jahre geherrscht 
hatte, seinen Thron. Als Maurogheni an Su^us Stelle ernannt 
wurde, war der neue Krieg mit Rufsland im Anzüge. Ein Grund 
zur Unzufriedenheit findet sich merkwürdigerweise immer gerade 
dann, wenn die Fürsten eben drei Jahre ihrer Herrschaft znrück- 



l),Acte fi fragm., II, S 171. 



Die Türkenkiiege Katharinas IL und die mmämscben Füntentfimer. 191 

gelegt haben. Einige Male ist die Dauer ihrer Regierung noch 
kürzer gewesen, länger nur bei Ipsilanti, der von 1774 bis 1782, 
also sieben volle Jahre lang, die Walachei innegehabt hat. Dabei 
darf man aber nicht vergessen, dafs eine Wiedereinsetzung nach 
Ablauf der dreijährigen Frist, wenn ein neuer Thronkauf statt- 
fand, wohl erfolgen konnte und dafs diese Sitte allgemein be- 
kannt war ^). 

Man hätte erwarten sollen, dafs Rufsland gegen solche Ver- 
letzungen der Vertragsbestimmungen von 1774 heftig protestieren 
würde, und zwar in derselben brutalen und hartnäckigen Weise, 
mit der die russische Diplomatie seit langer Zeit in der Türkei 
verfahren ist und die beinahe immer zum Siege über die osmanische 
Schlauheit und Trägheit gefuhrt hat. Auch sollte man glauben, dafs 
durch die Errichtung eines russischen Konsulats in der „Walachei, 
Moldau und Bessarabien'^, die 1782 erfolgte und die noch in dem- 
selben Jahre die Ankunft und baldige Anerkennung eines öster- 
reichischen Agenten — den Titel „ Konsulat '' konnte der Wiener 
Hof nicht gebrauchen — nach sich zog *), eine Überwachung des 
Fürsten und seiner Helfershelfer zugunsten des Landes Platz ge- 
griffen hätte und dafs diese „europäische Kontrolle'^ in den Fürsten- 
tümern zur Schaffung besserer Zustände hätte beitragen müssen. 
Das war aber keineswegs der Fall: es geschah nichts, weder in 
Konstantinopel seitens des russischen Qesandten, dem jetzt ver- 
tragsmäfsig die Intervention gestattet war, noch in Bukarest und 
Jassy seitens der beiden Konsuln und ihrer Beamten. 

Über den Mord Ghicas verlor Rufsland nicht ein Wort und 
schien somit die Beweggründe der Pforte als stichhaltig anzuerkennen. 
Der kaiserliche Gesandte machte von seinem Rechte, die Regierung 
eines Fürsten gegen den Willen der Türken zu verlängern, keinen 
Gebrauch, mit zwei Ausnahmen: das erste Mal, als ein neuer Krieg 
mit der Pforte drohte, und das zweite Mal vor dessen unmittelbarem 
Ausbruche. Aber auch die rechtgläubigen Untertanen der Pforte 
konnten mit dem Vertrage von Kainardschi, der nur eine neue An- 
nexionsära vorbereitete, keineswegs zufrieden sein: sie mufsten 

1) Ebenda, S. 196. 

2) S. Hurrnuzaki, X, Yorrede, und hinsichtlich des rassischen Konsulats 
den Aufsatz Ton Giers, in Arch. soc. 9t. ^i lit., VII (1896). 



in 5. Kapitel. 

auf künftige GunstbezeiguDgen Rufslands warten. Der rassische 
Konsul fUr beide Fürstentümer und für das Budschak, das ehe- 
malige Bessarabien, wo noch schwache Tatarenhorden in primitiven 
Verhältnissen Ackerbau und Viehzucht trieben, war ein grober 
Georgier^ von einer unerhörten^ aber affektierten Anmafsung^ durch 
die er dem Bojaren imponieren wollte^ indem er ihn zu erschrecken 
suchte. Der österreichische Agent ^ Raicevich^ war dagegen ein 
kenntnisreicher und talentierter Ragusaner, der auch ein interes- 
santes Werkchen über die Donauländer verfafst hat ^) ; er verfolgte 
HandelszweckO; stellte den siebenbürgischen Deserteuren nach^ liefs 
der katholischen Kirche — Ungarn in der Moldau und bulgarische 
Konvertiten in der Walachei gehörten ihr an — seine Protektion 
angedeihen^ suchte die Juden dem österreichischen Schutze zu unter- 
stellen und übte politische Spionage. Jedoch weder der Russe noch 
der Österreicher — es trieb sogar ein nicht besoldeter Sprachlehrer 
als preufsischer Agent sein stilles Dasein — waren gewillt^ den 
Schutz der Rumänen gegen ungesetzliche Forderungen der Türken, 
Griechen und Bojaren zu übernehmen. Sie haderten im Gegen- 
teil mit dem von ihnen verachteten Wojwoden^ prahlten mit der 
Macht ihrer kaiserlichen Herren, schrieben unaufhörlich Denun- 
ziationen, die meistens auf Verletzungen der Eitelkeit beruhten, 
und förderten damit die häufigeren Fürstenwechsel. Moruzi fiel 
den Ränken des russischen, Alexander Maurokordato I. denen des 
österreichischen Konsuls zum Opfer. 

Den Fürsten war auch fernerhin durch diese Notwendigkeiten 
ihr Verhalten vorgezeichnet, obwohl sich unter jenen auch gute 
und befähigte Leute befanden, und obwohl ihnen Ratgeber voll 
edler Gesinnung, wie Raicevich vor seiner Ernennung zum Agenten, 
oder der später so bekannte d'Hauterive ^) und der Archäologe 
Lechevallier zur Seite standen. Solche Fürsten liebten die Wahrheit 
und hörten sie gern, wie z. B. Ipsilanti, der den kühnen Rat- 
schlägen Hauterives aufmerksam lauschte. Ipsilanti, der schon in- 
folge seiner längeren Regierungszeit zu Gröfserem berufen schien, 

1) OsservazLoni intorno la Yalachia; zuerst Neapel 1788 erschienen. 

2) Seine Denkschrift über die Moldau wurde 1902 zusammen mit seinen 
älteren Reiseskizzen, schon durch eine Ausgabe übidnis bekannt, von der rumä- 
nischen Akademie herausgegeben. 



Die Ttirkenkrlege Katharinas IL and die rom&nischen Füntentfimer. 19$ 

fahrte auch Reformen ein, die zwar nicht denjenigen des Kon* 
stantin Manrokordatos an Bedeutung gleichkamen^ aber doch alle 
Zweige des öffentlichen Lebens umfaisten und deren Urheber yon 
den besten Absichten beseelt war. Er bearbeitete persönlich das 
erste rumänische praktische Gesetzbuch ^ in dem auch der 
Landesgebrauch sehr gut zu seinem Rechte kam ^); er führte 
ständige Obergerichte, Departements, mit besoldeten Richtern 
ein, er verordnete, dafs die gewöhnliche direkte Steuer wieder nur 
viermal im Jahre als säml, Gesamtbezahlungen, entrichtet werden 
solle. Die scutelnicl, die oben erwähnten steuerfreien Einwohner, 
sollten auf seinen Wunsch aus den unbemittelten Bauern, aber 
nicht aus den reichsten jedes Dorfes genommen werden; den Bo- 
jaren liefs er zwar ihre vollständige Steuerfreiheit, aber er bestätigte 
auch den zinspflichtigen Bauern ihre „zwölf Arbeitstage '^ Zur 
Unterstützung hilfsbedürftiger Bojaren und Bojarenwitwen wurde 
eine cutia milelor, ein Unterstützungsfonds, wörtlich „Gnaden- 
büchse'', gebildet. Die Hauptstadt erhielt eine gute Verwaltung, und 
unter deren Wirksamkeit ein viel vorteihafteres Aussehen. Zahl- 
reiche neue Einwohner wurden durch Steuerfreiheiten in die Wa- 
lachei gelockt; die Bukarester Akademie erhielt eine neue Verfassung 
und stand nunmehr ebenbürtig neben der Schwesteranstalt in Jassj, 
der Akademie des Gregor Ghica ^). Auch der in seinem Auftreten 
etwas komisch- theatralische Mavrogheni, welcher trotz seiner krank- 
haften Vielgeschäftigkeit ein mutiger Mann war und den Türken 
während des wieder ausgebrochenen Elrieges wichtige Dienste leistete, 
die dann durch seine Hinrichtung belohnt wurden, selbst dieser em^ 
porgestiegene Abenteurer wollte in seiner originellen Weise eine gute 
Verwaltung einfuhren, ahmte aber dabei nur die kaiserlichen Re- 
formatoren der Türken ungeschickt nach. 

Aber all dieses half nur sehr wenig. Die Unsicherheit der 
Regierungsdauer bei den Fürsten und die Unersättlichkeit der Ober- 
herren vernichteten alles Gute bald wieder. Jedoch helle Ver- 
zweiflung, die in der Flucht ins Ausland, in Entvölkerung und 

1) Das Bächelchen erschien griechisch und rumänisch im Jahre 1780. Vgl. 
Teulescu, Archiva romana (Bakarest, 1860). 

2) Vgl. Harmuzaki, X, Vorrede und Ist. lit. rom., die kulturgeschicht- 
lichen Kapitel. 

Jorga, •Geschtebt« 4er HumSiLeii. n. 13 



IM 5. Kapitel 

Niedergang der Rasse zum Ausdruck gekommen wäre, griff auch 
jetzt noch nicht Platz. Der Reisende, wie z. B. Hauterive, sah rein- 
liche Häuser, bessere als in den ärmeren Gegenden Frankreichs, wie 
etwa die in Beauce und Sologne, bebaute Acker, viel Grofs- und 
Kleinvieh und eine Menge bewohnter Dörfer. Aber ein wahres 
Kulturleben konnte nicht entstehen, denn es fehlte eben an Geist 
Nur ein vereinzelter Bojare, wie Jenachi Väcärescu, der jedoch 
kein edler Charakter war, ging an die Abfassung einer Gram- 
matik, versuchte sich dichterisch ohne Feuer und Harmonie und 
begann eine „Geschichte des osmanischen Reiches'^, die himmel- 
weit von der eines Cantemir entfernt ist. In den unteren Schichten 
aber versagten die Kräfte vollends. 

Während nun dieser Väcärescu und andere Bojaren dem öster- 
reichischen Agenten vertraulich mitteilten, dafs sie an eine kaiser- 
liche Okkupation und die Vereinigung mit Siebenbürgen dem „ gött- 
lichen *' geographischen Gesetze gemäfs dächten, während der Metro- 
polit Gabriel, und nicht er allein, im Jahre 1784 ^) eine Einladung 
an die Russen abgehen liefs, und schliefslich sogar sein Nachfolger von 
Wien eine Neugestaltung der Dinge seitens der Christen erwartete *), 
gab die Flucht des zweiten Alexander Maurokordatos, der deshalb 
Firaris, der Flüchtling, genannt wurde, nach Rufsland (1787), wo 
er schon einmal als Jüngling gewesen war, noch eine Veranlassung 
mehr zu dem lang erwarteten Kriege. Kaiser Joseph hatte seine 
zweite russische Reise vollendet und hatte zu Cherson zusammen mit 
Kaiserin Katharina, deren Alter von romantischen Träumen erfallt 
war, ungeheuer weit ausschauende Pläne geschmiedet. Durch einen 
vereinten Krieg sollte ein dakisches, beziehungsweise neugriechisches 
Reich für österreichische Erzherzöge und ehemalige Günstlinge des 
russischen Hofes errichtet werden. Ein Weg nach Konstantinopel 
War dadurch schon gefunden, dafs sich die Heere Rumiänzows und 
Potemkins, des künftigen Königs von Dakien, in Bewegung 
setzten und dafs auch die Österreicher die Grenzen überschritten. 

Wie gewöhnlich, waren auch diesmal die Russen während 
dieses grofsangelegten E^rieges bei dem Angriffe auf die Grenz- 
festungen erfolgreich und brachten sie in ihre Hände; aber diear 

1) Hurmnzaki, X, S. 14; vgl. Ist. literataril romine, II, S. 139. 

2) Arch. rom., II, S. 292 f. 



Die Tarkenkriege Katharinas IL und die ramäniBcheD FQntentÜmer. 196 

mal gingen sie viel langsamer zu Werke, und erst 1790 kam 
die Festung Chilia, welche die untere Donau ^) beherrschte und 
wohin die Kaiserin schon vor 1787 einen Konsularagenten ge- 
schickt hatte , in den Besitz der russischen Truppen. Die Öster- 
reicher waren auch nicht besonders eifrig an der Arbeit, um die 
Vernichtung des osmanischen Reiches herbeizufuhren, und sie hatten 
aolBerdem an&ngs so wenig Olück, dals sie sogar ein Mavrogheni 
mit rumänischen „Catane^' (Soldaten nach europäischem Muster) 
und türkischer Unterstützung mehrmals in kleineren Treffen zurück- 
zuschlagen vermochte und nicht nur sein Gebiet behauptete, son- 
dern sogar bis gegen Kronstadt vordrang und die Bewohner durch 
eine anspruchsvolle Proklamation zur „Wiedervereinigung'' mit dem 
walachischen Fürstentume auffordern konnte '). Potemkin jedoch 
safs in Jassy und nahm auf Kosten der eroberten Moldau die Aufser- 
lüchkeiten eines morgenländischen Dynasten an, ja er hoffte hier 
dauernd seine Residenz als anerkannter Fürst der Donaurumänen 
aufschlagen zu können. In dieser nämlichen 2jeit, die reich an 
kindisch-romantischen Plänen war wie kaum eine andere, arbeitete 
Hertzberg, der Leiter der preufsischen Politik nach dem Tode 
Friedrichs des Grofsen, darauf hin, durch die Preisgabe der 
Fürstentümer die Abtretung von Danzig, Thom, Kaiisch und Posen 
för die preufsische Monarchie zu erwirken. Gleich nach dem Aus- 
bruche der FeindseUgkeiten bereits fra^ Hertzberg bei dem könig- 
lichen Gesandten in Konstantinopel an, ob sich die Pforte wohl 
davon würde überzeugen lassen, dafs es für sie das beste sei, wenn 
sie Österreich die ganze Moldau und Walachei und Rufsland 
die Krim, Oczakow und Bessarabien überliefse „gegen eine von 
Preufsen, Frankreich und anderen Mächten'' zu übernehmende 
Garantie ihrer übrigen Besitzungen« Der E^aiser sollte dafür den 
Polen Galizien abtreten, um diese letzteren für Hertzbergs Wunsch 
gefugig zu machen '). 

Die Moldauer hatten jetzt wiederum verräterische Beziehungen 
zu den Russen unterhalten, und Rumiänzow hatte seine Agenten, 



1) Chilia 9i Cet-AlU, S. 252'-253. 

2) Urechiä, Ist Born., Bd. III, S. 200. 

3) Acte 9i fragm., II, S. 266 ff. 

13 



196 5. Kapitel. 

darunter den Jassjer Protopopen Strilbitzki^ einen Russen, von 
seinem Anmarscli verständigt. In der schwungvollen Proklamation 
vom 17./28. Februar 1788 erinnerte er die Landesbewohner, be- 
sonders die Bojaren, an alles, was sie seit 1774 von den bar- 
barischen Türken zu erdulden gehabt hätten, die Ermordung 
Ghicas, die Hinrichtung der Bojaren Bogdan und Cuza auf Befehl 
Moruzis, und zwar mit Genehmigung der Pforte; jetzt sei es ihre 
Pflicht, „die tapferen Krieger^' der Moldau zu sammeln und sie 
den siegreichen Fahnen Katharinas zuzuführen ^). Als nun die 
Österreicher der einheimischen Bevölkerung ihrerseits auch eine 
solche geschickte Einladung übermittelten und sich zum ersten Male 
als die christlichen „ Erretter '^ aufspielten — das Manifest war aller- 
dings in trockenem Kanzleistile abgefafst *) — , da fanden sie bei 
ihrem Einmarsch in die Moldau nicht den geringsten Widerstand. 
Der neue Fürst Alexander Ipsilanti, der dem kommandierenden 
General seine Gefühle durch den katholischen Prefetto der mol- 
dauischen Missionen entdecken liefs ^), viele Bojaren und allen voran 
der Metropolit halfen nach Kräften bei der Einnahme des Landes 
mit. Ipsilanti liefs sich in einem kaum ernst gemeinten Gefechte in 
der Nähe von Jassy gefangennehmen ^). Nachdem die Türken ein- 
gerückt waren, in Manoli Ruset Giani einen Nachfolger für den ge- 
fangenen Alexander mitgebracht und die Kaiserlichen zum Rückzuge 
nach der Bukowina gezwungen hatten, erwartete man die Russen, 
obgleich nicht mehr mit der alten Sehnsucht. Nach der Einnahme von 
Hotin durch die Alliierten wurde im Oktober tatsächlich die Haupt- 
stadt von den Russen besetzt, und diese neuen Eroberer hielten 
der türkischen Offensive gegenüber stand. Manoli Ruset tat jetzt in 
der Nähe von Gala^I dasselbe, was sein Vorgänger bei Jassy ge- 
tan hatte. Schon im Jahre 1788 hatten etliche walachische Bo- 
jaren die Österreicher bei ihrem Erscheinen in der Walachei freudig 
begrüfst, und im November 1789 hatten jene, nachdem das tür- 
kische Waffenglück dahingeschwunden war, die walachische Haupt- 
stadt bereits in ihrem Besitze. Der Prinz von Koburg nahm hier 

1) Urechiä, JU, S. 146-147. 

2) Ebenda, S. 157. 

3) Studil 9i doc. I— II, S. 328-329. 

4) Hurmuzaki, X, Vorrede, S. xlu. 



Die Türkenkriege Katharinas II. und die romanischen Fürstentümer. 197 

dieselbe Stellung ein wie Potemkin zu Jassj und fand namentlich 
unter der jüngeren Bojarengeneration Helfer genug ')• Schon im 
Frühling war von einem Kongresse die Rede, aber die Österreicher 
schlössen 1791 den Frieden zu Siätow, während die Russen noch 
einige Wochen bis Januar 1792 warteten, ehe auch sie sich zum 
Frieden von Jassy bequemten. Wiederum kehrten die Befreier 
der Christen mit leeren Händen heim. 

In den Verträgen ward diesmal keine spezielle Begünstigung 
der Fürstentümer ausgesprochen, aber wie früher wurde den Bo- 
jaren der Rat erteUt, sich der Privüegien wegen an die Pforte 
durch eine schriftliche Eingabe, durch eine Klageschrift, Arz, zu 
wenden, und der russische Qesandte sollte ihnen dabei seine Unter- 
stützung gewähren. Was die Moldauer durch ihr Memoire ver- 
langten, ist uns nicht bekannt, und auch der Inhalt des wa- 
lachischen Aktes ist nicht überliefert. Vor dem Frieden von Siätow 
vom August 1791 jedoch riefen die letzteren, welche schon wufsten, 
dafs gewisse Höfe — die Vermittler des Friedens — für die Rück- 
gabe der Fürstentümer an den alten Herrn eintraten, in einem langen 
Schreiben die gemeinsame Hilfe Rufslands und Österreichs an, und 
dieses Aktenstück ist in einem späteren Briefe des Qeschichts- 
chreibers des osmanischen Reiches, Hammer, wiedergegeben. Man 
erkennt hierin wieder die Patrioten von 1774, denen die Russen 
als Befreier erschienen und die zum ersten Male bittere Klagen 
über die Fanariotenherrschaft erhoben, die den Verfall ihres Landes 
von den Zeiten des Nikolaus Maurokordatos an rechneten, die 
sich nach der Herrschaft eingeborener Fürsten und der Verteidi- 
gung des Vaterlandes durch seine bewafifneten Söhne sehnten. 
Unter dem Eindrucke der mächtigen Reformbewegung, die ganz 
Europa ergriffen hatte, unter dem Einflüsse des abendländischen 
Geistes, der durch die französischen Sekretäre der Fürsten, die 
deutschen Arzte, die eingewanderten westeuropäischen Gewerbe- 
treibenden und Kaufleute und die fremden Offiziere eingezogen 
war und das philanthropische Ideal eingebürgert hatte, und unter 
dem Einflufs der neuen, geistreichen, aufrührerischen Schriften er- 
schienen jetzt lediglich die Gedanken von 1774 klarer; dieselben 

1) Documentele Cantacuzinilor , S. 309 ff. und dio Zeitschrift Buciumul, 
1868—1869. 



198 5. Kapitel. 

Empfindungen fanden ledigUch einen besseren und kräftigren Aus- 
druck. Die mafsgebenden Personen in der Walachei, die jetzt so- 
gar an eine „walachische Nation*' zu denken wagten, wuftten 
auf Grund der geschichtlichen Untersuchungen, die sie angestellt 
hatten, um ihre alten Kechte nachzuweisen, dafs ihr kleines Land 
anfangs nur in einem Vasallitätsverhältnis zu dem grofsen tür- 
kischen Reiche gestanden hatte, dafs lediglich eine mifsbräuchliche 
Verwendung von Bezeichnungen die Walachei wie die Moldau zu 
„blofsen türkischen Provinzen '^ gestempelt hatte und dafs die 
Eingrifie in die unabhängige Gerichtsbarkeit der Fürsten nur 
Willkürakte der Oberherren gewesen waren. Zwischen Ipsilanti, 
der den Hatischerif , die feierliche Beurkundung der Privilegieii, 
verborgen gehalten hatte, und dem tollen, bojarenfeindlichen 
Mavrogheni machten sie keinen allzu scharfen Unterschied. Sie 
waren in ihrem Herzen tief gekränkt darüber, dafs die Walachei 
während des letzten Krieges von den Türken als ein gewöhn- 
liches „Paschalik oder Sandschakaf behandelt worden war. Ehe 
sie wieder bedingungslos in die alte, verhafste Sklaverei der Heiden 
und Barbaren zurückkehrten, wollten sich die Bittsteller lieber „auf 
der Stelle wie Lissabon und Lima von der Erde verschlingen 
lassen '^ Als Garantie für ihre Zukunft hegten sie eine Reihe 
Wünsche, und darunter finden sich auch einige neue Punkte : Schlei- 
fung der Donaufestungen, die bisher durch rumänische Leistungen 
instand gehalten worden waren, und Rückgabe des usurpierten 
Landes in der Raja an die rechtmäfsigen Besitzer, Erwählung des 
Fürsten durch „eine geringe Zahl von Wählern aus den drei 
Ständen " des Fürstentums, wie es ehedem Sitte gewesen war und 
wie es zuletzt noch beim Tode Skarlat Ghicas, dem mit dem 
Willen des Landes sein Sohn Alexander in der Regierung folgte, 
geschehen war, femer Abführung des „auf dreihundert und einige 
Beutel festgesetzten^^ Eharadsch nach Eonstantinopel durch zwei 
Gesandte des Landes aller zwei Jahre, wie dieses schon der 
Vertrag von 1774 bestimmt hatte, aber zugleich Ablieferung des- 
selben an den türkischen Schatz durch die russischen und öster- 
reichischen Gesandten, damit künftig jede Erpressung von Ge- 
schenken ausgeschlossen sei. Schliefslich sollten auch die Lieferungen 
Abgestellt und der Viehhandel völlig freigegeben werden. Das ist 



Die Türkenkriege Katharinas IL und die rnmänischen Fürstentümer. IM 

«cfaon bezeichnend genug; aber die merkwürdigste der den interes- 
sierten christlichen Freunden vorgetragenen Forderungen besteht 
doch darin^ dafs auch eine allzu weitgehende Beaufsichtigung durch 
diese selbst in diesen ersten Träumen der Unabhängigkeit ab- 
gelehnt wird. Im Frieden soll kein christlicher Nachbar die Wa- 
lachei besetzen dürfen; sondern eine nationale Miliz soll deren Ver- 
teidigung übernehmen; im Kriege wünschen die Mitglieder des 
Di^w^anS; die das Gesuch unterzeichnen, dafs ihr Vaterland ^^als 
neutral angesehen werde '^ Dem Sultan soll das Fürstentum nur 
hinsichtlich der Tributzahlung unterworfen sein, und als Schutz- 
mächte sollen beide Eaiserhöfe seine Entwickelung in ihre Obhut 
nehmen. Die Urkunde spricht im Namen aller Mitglieder des 
walachischen Rates, des Diwans der grölsten Bojaren ^). 

Die Pforte ernannte in der Moldau Alexander Moruzi zum 
Fürsten, den ältesten Sohn des Konstantin -Vodä, einen edeldenkenden 
jangen Mann, der in der Regierung keineswegs nur ein Mittel zu seiner 
Bereicherung erblickte: Alexander hatte sich durch die Vertretung 
der türkischen Interessen auf dem Friedenskongresse dieser Gnade 
würdig erwiesen. Der jetzt hochbetagte Michael Su^u bekam die 
Walachei. Nach kurzer Zeit wechselten diese Fürsten ihre Sitze, 
und die Walachei hatte nun endlich das Vergnügen , Moruzi als 
Herrscher begrüfsen zu können. Bei dieser Gelegenheit erdreisteten 
sich die Bojaren, die der bisherige Mifserfolg ihrer Anstrengungen 
durchaus nicht entmutigt hattC; und zwar ohne vorher ihren schon 
ernannten Fürsten darüber zu befragen, den mildtätigen^ väterlichen 
Kaiser von Konstantinopel um die Beförderung des Wohlstandes ihres 
Vaterlandes durch die wohltätige Abschaffung des Fürstenwechsels 
zu bitten! Kein ;,Fanariote'^ konnte wohlwollender als Moruzi ge- 
sinnt seiu; und deshalb baten die Mitglieder des Diwans , dafs 
ihnen dieser als lebenslänglicher Fürst vergönnt werden möge. Der 
Wesier antwortete darauf nur mit einem kurzen Schreiben und 
tat so, als ob er den Wunsch der Bojaren nicht verstanden hätte *). 
So blieben denn die Fürstentümer das^ was sie waren^ und wurden 
nur der Vergünstigungen des Hatischerifs von 1792 teilhaftig, worin 

1) Brief von Hammer, 10. August 1803, der yon mir in Convorbirl literare» 
Jahrgang 1901, S. 1126 f., herausgegeben worden ist. 

2) Conv. Lt., Jahrgang 1901, S. 1117 f. 



200 5. Kapitel. 

lediglich die schon bekaDnten Dinge, das Verhältnis zu den TürkeBJ 
die Fürsorge für die Befriedang der Grenze und die Höhe de»| 
Tributs, geregelt wurden. 

Im Jahre 1795 erhielt Alexander EaUimaki, der Bruder de»! 
enthaupteten Gregor , die Herrschaft über die Moldau, und zwar 
war er besonders dazu ausersehen, sich um die polnischen i,XJm*| 
triebe '^ zu kümmern. Su^u verschwand für einige Jahre von der| 
Bildfläche des politischen Lebens, und 1796 verlor auch Moruzi — 
sein Bruder, der geistreiche Georg, war jetzt nicht mehr Dol- 
metsch der Pforte — seine fürstliche Würde. Der alte Ipsilanti 
kam nun aus seinem Kerker in Brunn zurück und erhielt für 
wenige Monate die Walachei, doch folgte ihm bald ein Günst- 
ling des Eapudan-Bascha, der sich als Befehlshaber gegen den 
Widiner RebeUen Pasvantoglu bewährt hatte, Konstantin Georg 
Hangerli, der dann bald blutüberströmt von einem offiziösen Mörder 
von den Stufen des Thrones heruntergestürzt wurde. Kallimaki 
beeilte sich, durch einen freiwilligen Verzicht aus seiner gefahr- 
lichen Stellung herauszukommen, und der schlaue Sohn Ipsilantis, 
Konstantin, ein Günstling der Russen, denen er als politischer Ver- 
räter allerlei Dienste erwies und der schliefslich in Kiew als Pen- 
sionär Kaiser Alexanders starb, kam nunmehr in der Moldau zur 
Regierung und nutzte sie selbstsüchtig aus. Er wurde im Jahre 
1801 abgerufen, weil die Griechen gegen ihn intrigierten, und die 
Moldau bekam einen zweiten Su^u zum Herrscher : Alexander, den 
Schwiegersohn KaUimakis. Der alte Su^u erwarb sich die Wa- 
lachei, wurde aber von den unaufhörlich sengenden und brennenden 
Horden des Paswan beunruhigt und floh deswegen nach Sieben- 
bürgen. Einige Wochen lang regierte der andere Su^u in beiden 
Fürstentümern, um zuletzt dem Konstantin Ipsilanti in der Walachei, 
dem Alexander Moruzi in der Moldau zu weichen. Der erste 
hatte nichts Besseres zu tun, als den aufrührerischen Serben Hilfe 
zu gewähren, und zwar in solch unverblümter u&d unverschämter 
Weise, dafs man in jedem Kaffeehaus zu Konstantinopel über die 
Ränke des walachischen Begs sprach. Im Jahre 1806 verlangte 
Kaiser Napoleon, vom Ruhme seiner letzten Siege umstrahlt, in 
seinem gewöhnlichen gebieterischen Ton die Entfernung der grie- 
chischen Verräter aus den Fürstentümern. Er wollte jetzt gegen 



Die Türkenkiiege Katharinas II. und die rumänischen Fürstentümer. 201 

die Russen ziehen^ und so hatte Freund Selim in Eonstantinopel 
vorderhand von diesen Beschützern eines Ipsilanti und Moruzi — 
der erstere war übrigens niemals ein voller Anhänger der Russen 
gewesen — nichts weiter zu fürchten. 

Nun spielte sich in Eonstantinopel vom August bis Dezember 
1806 eine hochinteressante diplomatische Tragikomödie ab. Der 
russische Gesandte drohte mit seiner sofortigen Abreise , und sein 
englischer Kollege stellte ein Bombardement der Hauptstadt in 
Aussicht, in der Art, wie es 1807 tatsächlich Kopenhagen zuteil 
geworden ist. Moruzi und der Verweser des Landes an Stelle 
des flüchtigen Ipsilanti erhielten neue Emennungszeichen , die 
Russen aber hatten die Dnjestrgrenze schon überschritten. 

Es war die Zeit der Länderverteilung gekommen, in der Länder 
und Völker in Masse verkauft wurden, und in den romantischen 
Plänen Napoleons wie in den realpolitischen Katharinas, die auf 
eine gewaltsame Aufteilung des türkischen Reiches abzielten, spielten 
die Fürstentümer eine bedeutende Rolle, deren Schilderung jedoch 
mehr der diplomatischen Geschichte des modernen Europa angehört 
Nach dem grofsen Kriege gegen den Zaren verständigte sich Napoleon 
mit ihm im Juli 1807 zu Tilsit: in dem offiziellen Vertrage wurde 
der Rückzug der Russen aus den Fürstentümern ausbedungen, 
dafür aber verpflichtete sich der Kaiser der Franzosen, seinerseits 
Preufsen zu räumen. Mündlich jedoch hatte Napoleon seinem 
neuen Freunde versprochen, dafs er keine Schwierigkeiten machen 
werde, wenn er die russische Donaugrenze aufrechterhalten wolle. 
Die im August zwischen Russen und Türken durch französische 
Vermittelung abgeschlossene Konvention von Slobozia erlangte 
keinerlei Bedeutung, denn schon im Jähre 1808 begannen neue 
Verhandlungen zwischen den beiden gröfsten Militärmächten über 
das Los der Moldau und Walachei, beziehungsweise über die Be- 
seitigung des faulen osmanischen Staatskörpers, zum Heile der 
zivilisierten Welt Bei der Zusammenkunft von Erfurt kam man 
am 12. Oktober 1808 zu einem endgültigen Beschlüsse. Die letzte 
Revolution in Konstantinopel und die Absetzung des Sultans Selim 
hatten Napoleon und Alexander bewiesen, dafs die Türkei keine 
Bürgschaft mehr für „die Personen und Güter in der Walachei 
und Moldau'^ übernehmen könne, und so fielen sie denn natürlich 



202 5. Kapitel. 

an das hochverdiente Rufsland; welches an anderer Stelle, wenn 
auch aus anderen Beweggründen, aach Finnland bekam. Im 
Januar 1809 erwähnte Napoleon in seiner Rede an die gesetz- 
gebende Körperschaft die Annexion beider Fürstentümer durch 
Rufsland, und im Mai verständigte letzteres ganz Europa auf 
diplomatischem Wege davon, dafs die Einverleibung vollzogen sei. 
Zugleich wurde der Krieg gegen die Türken energisch betrieben. 

Aber Veränderungen vollzogen sich blitzschnell in jener 
wundervollen, glorreichen und schmerzerfüllten Zeit. Im Jahre 
1811 bot Kaiser Alexander, mehr oder weniger ernstlich, den 
Österreichern, die wegen dieser seiner „Erwerbung" neiderfüUt 
waren, die ganze Walachei und die Moldau bis zum Sereth an, und 
gegen Schlufs desselben Jahres erklärte bereits der französische 
Kaiser, dafs er die Fürstentümer schon als Besitzungen seines 
Schwiegervaters, des Kaisers Franz, betrachte. Unterdessen kam 
die drohende Wolke eines Bruches zwischen Frankreich und 
Rufsland immer näher, und nun suchten die Russen, die bisher nur 
um der Form willen unterhandelt hatten, ihre entmutigten Gegner, 
die Türken, zu einem raschen Friedensschlüsse mit günstigeren 
Bedingungen zu veranlassen. Kaiser Alexander verlangte nur noch 
die Abtretung des Gebietes zwischen dem Dnjestr, der unteren 
Donau und dem Pruth, welches den irreführenden Namen Bessa- 
rabien erhielt. Die Brüder Demetrius und Panajotaki Moruzi, der 
eine Dolmetscher bei der Pforte, der andere im türkischen Lager, 
dienten beide mit ihrem grofsen Einflüsse der russischen Sache, 
und so wurde denn am 28. Mai der Vertrag zu Bukarest unter- 
zeichnet, durch den die Moldau in zwei Teile gespalten ^vurde, 
wovon der östliche an Rufsland kam. Das war ein für die Ru- 
mänen unheilvoller Tag. 

Bessarabien erhielt Steuerbefreiung für drei Jahre sowie Be- 
freiung vom Militärdienst zugestanden ; es bekam einen rumänischen 
Gouverneur im Flecken Cfaifinäü, der jetzt als Kischenew zur 
Landeshauptstadt auserkoren war ; einen Exarchen ernannte die mos- 
kauische Synode. Das Gesetz, das die neuen Verhältnisse regelt^ 
handelt fast nur von fremder Einwirkung: eine starke militärische Be- 
satzung kam ins Land, russische Seminarien und Dorfschulen für die 
barbarischen ,, Moldauer ^^ wurden gegründet, und eine beinahe ewige 



X- 



Die TüikeDkriege Katharinas II. und die nunänischen Fürstentümer. S#S 

Quarantäne am Pruth sollte den Zusammenhang mit der ^^ türkischen 
Ifoldau^' möglichst unterbinden. Diejenigen moldauischen Bojaren^ 
^ie nicht in Bessarabien bleiben wollten, wurden veranlafst, ihre 
-Oüter innerhalb einer bestimmten, kurzen Frist zu veräuTsem, wo- 
durch die meisten zu lächerlichen Preisen an Russen, Bulgaren 
usw. gelangten, einige aber auch mit unsäglichen Opfern von den 
eigenen Bauern angekauft wurden ^). In das alte Budschak, aus 
^em die Tataren nunmehr verschwimden waren, rief eine eigens 
f&r diesen Zweck geschaffene Amtsstelle, das Fremdenkontor, 
Kolonisten verschiedener Nationen, Bulgaren, Lipowenier, Armenier, 
auch Deutsche, und diese alle haben der Gegend einen seltsamen 
dharakter verliehen, so dafs die Landschaft bis heute eine gewisser- 
mafsen amerikanische oder südafrikanische Färbung behalten hat. 
Die Bojaren hatten ftlr ihre treu gedachten und treu ge- 
leisteten Dienste gewifs diesen Lohn nicht verdient, und ebenso- 
wenig das Land, welches fast unmögliche Opfer gebracht hatte, 
um während sechs langer Jahre die keineswegs zärtlichen Sol- 
daten und Offiziere des Zaren zu ernähren. Im Jahre 1802 hatte 
Rufsland der Pforte einen neuen Hatischerif abgerungen, worin 
den Fürstentümern unerwartet viel versprochen wurde: die Ab- 
schaffung aller seit 1783 eingeführten Steuern, das Recht des 
Diwans, bei Proviantforderungen Gegenvorstellungen zu erheben, 
pünktliche und sofortige Bezahlung der Lieferungen, Rückgabe der 
Oüter in der Raja, Besetzung der Amter im Lande in erster Linie 
mit Landeskindem und endlich Festsetzung der Regierungszeit 
eines Fürsten auf sieben Jahre. Die Moldauer hatten durch die 
Vorstellungen, die sie der russischen Regierung machten, die Ge- 
währung dieser Privilegien erlangt, und in ihrem noch erhaltenen Bitt- 
gesuche sind die alten Klagen über die unerträglichen Kosten der 
immerwährenden Fürstenwechsel und der Naturalienlieferungen für 
die türkische Hauptstadt zu finden ^). Von einem neuen Elriege 
zwischen Rufsland und der Türkei erhofften diese patriotischen Bo- 
jaren noch immer eine Wendung zu ihren Gunsten, wenn sie auch 
nicht mehr wie vor dreifsig Jahren die Einverleibung ihres Landes 

1) Doc. Callimachilor, I, S. 545—546. Für das ganze diplomatische Spiel: 
«Stardza, Acte §[ documente, I. 

2) lit. 9i artä romänä, V, S. 759 fiF. 



S04 ö. Kapitel. 

in das grofse christliche Reich wünschten. Als die ^, französisch 
Fürsten" 1806 gegen den „Hat" von 1802 und gegen den Wül* 
Rufslands ernannt wurden, fanden sie den Hof zu Jassj von Bo^' 
jaren entblöfst, während ihre Wiener Kaleschen dem rassischei^ 
Konsulate zueilten. 

Gleich nach der Besitzergreifung ernannten die Russen Ipei: 
lanti zum Helfer ihrer Generäle bei der bedeutenden Arbeit dar 
Steuereintreibung, und ihm wurde auch die Unterregierung ift 
beiden Fürstentümern anvertraut. Letzterer benahm sich jedocb 
jetzt nicht besser als während seiner Amtszeit unter türkischer 
Oberhoheit und ging nach dem Waffenstillstände von Slobozia nack 
Rufsland, um nie zurückzukehren. Nachdem der E^aiser die- 
Pensionierung jenes griechischen Werkzeuges seiner Politik ver- 
fugt hatte, wirkte neben der militärischen Verwaltung nur docI> 
ein Bojarenausschufs. Dabei wurde nichts Wesentliches an deu 
ordentlichen und aufserordentlichen Forderungen geändert, wai 
schliefslich merkten die Moldauer, dafs lediglich ein andere» 
Kaiserreich seine Grenzen bis an den Pruth vorgeschoben hatte. 

Eine Klageschrift der Moldauer an die türkische Pforte oder 
an die russischen Protektoren ist bisher noch nicht ans Licht ge- 
kommen, dagegen liegt eine Eingabe an den neu ernannten Fürsten 
der verkleinerten Moldau vor, denn diese mufste nun, obwohl die 
Bukowina, das neue Bessarabien, fehlte, den Oberherren gerade 
so viel entrichten, wie früher, weil das Fürstentum als solche» 
noch bestand. In jenem immerhin bedeutenden Akte erscheinen 
diese Bojaren den Walachen von 1791 gegenüber als recht minder- 
wertig, was ihre Liebe zum Vaterlande sowie die Höhe und 
Brauchbarkeit ihrer politischen Gedanken betrifft. In Bessarabien 
betrauern sie nicht das blutige Stück rumänischer Erde, das ein^ 
fremde Hand willkürlich abgetrennt hatte, lediglich um auch mit 
einem bei der grofsen Völkerauktion Napoleons errungenen Vor- 
teile zu prahlen; nein, sie denken nur an die verlorenen reichen 
Weideplätze, an die fruchtbaren Acker der nunmehr russischen 
Hälfte der Moldau, an die Nachteile, die dieser Verlust dem 
Schatze, den Zolleinkünften, dem Wojwoden und nicht zuletzt 
ihnen selbst als Guts- und Skuteloikbesitzern verursacht ^). 
1) Uricariul, IV, S. 343flF ; 26. Oktober 1812. 



Die TurkeDkriege Katharinas II. und die rumänischen Fürstentümer. 205 

Über die Bedeutung dieses Aktenstückes dürfen wir uns 
keiner Täuschung hingeben^ denn ein Akt wie derjenige von 1791 
«teht niemals vereinzelt im Leben eines Volkes da; er wurzelt 
vielmehr notwendigerweise tief in seinem ganzen inneren Leben. Das 
Nationalbewufstsein in moderner Gestalt wurde endlich wieder in 
dem rumänischen Volke wach, nachdem es lange scheinbar im Todes- 
schlafe geschlummert hatte. Von Siebenbürgen aus, von den armen 
Priestern und Mönchen der Jobagyen war die frohe Botschaft einer 
grofsen römischen Vergangenheit und einer möglichen schönen Zu- 
kunft in kleinen^ schlecht gedruckten, cyrillischen Büchelchen und 
Büchern verbreitet worden; sie hatte nach langem Eoimpfe die 
Schlafenden geweckt und ihre Augen dem Lichte wieder zugänglich 
gemacht Der stolze, reiche Bojare, der das Land regierte; der 
hohe Priester, der erst gestern die Russen, die Vertreter der Ortho- 
doxie, im Zeichen des griechischen Kreuzes bewillkommnet hatte, 
die fremde Uniform mit dem heiligen Wasser bespritzend, der be- 
scheidene Dascäl, der Sohn des Popen und Bauern, sowie der Ab- 
kömmling einer kleinbürgerlichen Familie, sie alle hatten dieselben 
Qefühie und strebten nach demselben erlauchten Ideal wie der 
arme Bewohner der fernen, geknechteten siebenbürgischen Berge 
und Fluren. Jetzt konnte zwar der russische Konsul einfach be- 
fehlen, dafs ihm der griechische Fürst Gehör schenkte ; es konnte 
auch ein Gobdelas, ein Lambros Photiades, ein Neophytos Dukas, 
alles hochgelehrte Griechen, die reformierten Schulen in glänzender 
Weise leiten, die Scarlat Kallimaki und loan Caragea, die neuen, 
1812 eingesetzten Fürsten, eingerichtet hatten. Die Schüler rumä- 
nischer Nationalität schlichen sich langsam von der fürstlichen Aka- 
demie weg, wo man nunmehr Hellenisch, Neugriechisch, Lateinisch 
and Französisch und mancherlei Wissenschaft erlernen konnte, um 
zu einer ganz anderen, obgleich einfacheren, aber rumänischen 
Schule zu gehen. Im Jahre 1821 konnte sogar Alexander Ipsi- 
lanti, der Sohn des Konstantin -Vodä, ein russischer General und 
zugleich ein griechischer Fürstenspröfsling, erscheinen, um die 
Griechisch sprechenden Bojaren zum Freiheitskampfe für die wieder 
zu errichtende ^ElXdg aufzurufen. Allerdings nur einige junge 
Idealisten, Gardearnauten , Griechen aus den Amtsstuben, grie- 
chische Ladendiener und Handwerkslehrlinge gingen zu den 



SOG 5. Kapitel. Die Ttirkenkriege Katharinas IL u. d. rum. Fürstentümer. 

Fahnen Alexanders über^ um fiir die hellenische Nationalidee zu 
Sculenl^ angesichts der russischen Grenze , zu Secu, in den mol- 
dauischen Bergen und zu Drägäf anl in dem Oltlande für ein verfehltes 
Unternehmen zu kämpfen^ — Leute, die nicht mit dem neuen Geiste 
gerechnet hatten. Die übrigen aber, und das war die Masse, 
dachten an die Wiederbelebung ihrer eigenen alten, edlen Natio- 
nalität Mochten auch die Türken 1819 ^) ein spezielles Regle- 
ment für die rumänische Regierung einfuhren, durch das nur 
die Glieder einiger griechischer Familien, die Dolmetscherstellen 
innegehabt hatten, als thronfähig bezeichnet wurden, und wobei man 
auch die Bojaren den Familien als Klientel zuteilte, es fühlten doch 
alle, dafs diese Verordnung nicht lange Bestand haben könna 
Nach der griechischen Revolution kamen die Russen 1826 im Ver- 
trag zu Akkerman in die Lage, der Pforte neue Bedingungen 
für das Wohl der Fürsten abzuringen; sie setzten dann auch 
nach dem neuen Kriege mit den Türken 1829 im Frieden za 
Adrianopel dieses gute Werk fort und schenkten schliefslich den 
beiden Ländern das fein durchdachte und gut ausgeführte Regle- 
ment organique von 1832. Von nun an, seit diesem Wende- 
punkte, den die Jahre 1812 bis 1821 bezeichnen, war die Sorge 
des rumänischen Volkes für seine Zukunft weder mit den russischer- 
seits gehegten Plänen einer Aufteilung der Türkei verknüpft, noch 
mit dem Gelüste, alle Orthodoxen zu vereinigen, oder mit einer 
philanthropischen Liebe der östlichen Nachbarn zu den Christen. 
Zu einem fark da se waren die ausgesogenen Bewohner der 
Fürstentümer allerdings nicht fähig, aber sie arbeiteten im stillen, 
so viel wie ihre Kräfte gestatteten, und keinen günstigen Augen- 
blick der europäischen Politik haben sie unbenutzt vorübergehen 
lassen. Diesen Werdegang, diesen langen hartnäckigen Kampf gegen 
Fremde, und nicht zuletzt gegen die eigenen Volksgenossen, an- 
gefangen von dem armen, kränklichen und unbeholfenen sieben- 
bürgischen Mönche Samuil Ciain von Blaj (Blasendorf) bis herab 
zu dem siegreichen rumänischen König Carol L, gilt es jetzt za 
beschreiben. 



1) Acte 91 fragm., II, S. 545 ff. 



Siebenter Abschnitt. 

Entstehung, Kampf und Sieg des National- 
gefühls ^). 



1. Kapitel. 

Die Kulturentwickelung und die bäuerlichen Kämpfe 

in Siebenbürgen. 

Während Brincoveanu^ von Rumänen und Griechen umgeben^ 
die Geschicke der Walachei glänzend als militärisch ohnmächtiger 
Vasallfürst lenkte^ hatte Österreich durch Waffengewalt das Land 

1) I. Literatur über die siebenbürgisch-ramänische Kultur- 
entwickelung: 

l.Bunea, loan Inocen^iu E^ein (1900): ausgezeichnete Biographie de^ 
grofsen Verfechters der nationalen Hechte auf dem unierten Bischofstuhle. 

2. Jorga, Istoria literaturii romine in sec. al XVIIIi«», Bd. 11 (1901). 

3. Jorga, Säte ^i preoti din Ardeal (1902): Eulturzustände in Sieben- 
bürgen bis zum Horiaaufstande ; dieser selbst wird von N. Densusianu: Bevo- 
lu^ia lul Horia (Bukarest 1884) geschildert. 

4. Bunea, Yechile episcopil romine din Ardeal (1902): die siebenbürgische 
Kirchengeschichte bis zur Union mit der katholischen Kirche. Neuerdings sind 
noch hinzuzufügen: Bunea, lerarchia Bomänilor din Ardeal ^i üngaria (1904) 
und meine Mitteilungen in den Jahrbüchern der rum. Akademie, XXYII, S. iL 

5. Bunea, Episcopil Petru Faul Aren i^i Dionisie Novacovicl (1902): bei 
Schilderung der Tätigkeit dieser beiden Bischöfe (einer uniert, und der andere 
niditnniert) wird das ganze Leben in Siebenbürgen ungefähr zwischen 1750 und 
1770 beschrieben. 

6. Fapiu Harlan, Istoria Eomanilor din Dacia superiore, Bd. IE (Wien^ 
1863) : enthält die wichtigsten Memoiren über die rumänischen Bewegungen und 
lämpfe von 1848. 

7. Baritiu, Parti alese din istoria Transilvaniel (3 Bde., 1889—1891), 
Ton der rumänischen Akademie herausgegeben: eine episodenartige Geschieht» 



208 1. Kapitel. 

Siebenbürgen an sich gebracht. Der letzte ungarische Fürst der 
Provinz ; der junge Apaöy II., hatte abgedankt, und im Frieden 

der SiebeDbürger Rumänen, in welcher besonders die Bände U und HI, wo der 
greise Verfasser von seiner Zeit spricht, lehrreich sind. 

8. N. Popea, Andreiü baron de Saguna (Hermannstadt, 1879): Biographie 
des grofsen Bischofs, von seinem besten Helfer verfafst. 

9. Ilarion Pu^cariu, Mitropolia Romänilor ortodoxl (Hennannstadt, 
1900): bedeutend für die neuere Entwickelung der nichtunierten Afetropolie. 

10. Eugen Brote, Die rumänische Frage in Siebenbürgen (Berlin, 1895): 
gnmdlegendes Buch eines angesehenen Mitgliedes der rumänischen Nationalpartei 
(auch franzosisch, italienisch und rumänisch erschienen). 

11. Für das rumänische Leben im heutigen Königreiche konunen 
folgende Schriften in Betracht: 

1. Aricescu, Istoria Bevolutiel de la 1821 (Bukarest, 1874; 2 Bände): 
eine etwas belletristische Erzählung der bäuerlichen Bewegung von 1821, aber 
mit Benützung der später erloschenen mündlichen Überlieferung. 

2. Bibesco, Le regne de Bibesco (Paris, 1893, 2 Bände): eine Ver- 
teidigungsschrift des Sohnes für den zu oft geschmähten Vater, mit zahlreichen 
Aktenstücken. Anderes Material in den neugedruckten Debatten der gesetz- 
gebenden Versammlungen, Analele Parlamentäre ale Romäniel (Bukarest, 1890 f.). 

3. Anul 1848 (Bukarest, 1902 f.): anonyme Sammlung, die das ganze Material 
für die 1848er Verhältnisse in ftinf Bänden enthält; es konnten nur die fünf 
bisher erschienenen benützt werden. 

4. Acte ^i documente relative la istoria rena^terel Bomäniel, vonD. Sturdza 
im Verein mit anderen herausgegeben (1888 ff., bisher 9 Bände): neben einer 
Sammlung der älteren rumänischen Verträge werden Briefe, Zeitungsartikel, 
Broschüren und Debatten der Adhoc-Versammlungen mitgeteilt, 1848 bis zur 
Zeit Cuzas. 

5. Xenopol, Domnia lul Cuza-Vodä (Jassy, 1903): Geschichte der Be- 
gierung Cuzas mit Benützung von vielen ungedruckten Aktenstücken; etwas 
trocken und nicht fehlerfrei. Eine Publikation der Papiere Cuzas durch 
D. Sturdza wurde von der rumänischen Akademie beschlossen. 

6. Aus dem Leben König Karls von Bumänien (Stuttgart, 1894--1900; 
4 Bände): auf Grund der personlichen Papiere und eigenen täglichen Aufzeichnungen 
des Königs verfafste Memoiren von grofser Genauigkeit und Reichhaltigkeit (bis 1881). 

7. Trelzecl ani de de Domnie al regelul Carol (Ausgabe der rumänischen 
Akademie; Bukarest, 1897, 2 Bände): Reden, Briefe usw. des Königs mitBegesten. 
Französisch ist der I. Band, mit Auszügen aus Nr; 6 und verschiedenen kleinen 
diplomatischen Publikationen bereichert, als Le roi Charles I®' de Boumanie: 
{Bukarest 1900—1904, 2 Bände) durch D. Sturdza herausgegeben worden. 

8. T. Maiorescu, Discursurl Parlamentäre (4 Bände; Bukarest, 1897 
bis 1904): der grofse Redner bringt als Vorrede zu jedem der 4 Bände Dar- 
stellungen, welche eigentlich die neueste Creschichte Rumäniens enthalten. 



Die KultureDtwickelang and die bftoerlichen Kämpfe in Siebenbfligen. t#t 

ron Carlowitz (1699) hatten auch die türkischen Oberherren, die 
>isfaer Tökölj, den ,, König von Ungarn '', gegen die Eaiaerlichen 
interstützt hatten, denselben üilen lassen. Die Österreicher aber 
^aren daran gegangen, dem schönen eroberten Lande eine Ver- 
raltoDg zu geben. 

Es gab dort drei anerkannte Nationen, von denen jedoch 
dne, die der Szekler, sehr herabgekommen war; ihre Olieder hatten 
ich zum gröfsten Teile in die Reihen der armen Bauern verloren 
md stellten somit im 18. Jahrhundert keinen wesentlichen Macht- 
aktor dar. Auch die Sachsen repräsentierten jetzt, trotz ihrer 
ftüdang und des ererbten Reichtums, nicht mehr das, was sie bis 
tum 17. Jahrhundert gewesen waren. Allmählich hatten sie den 
kübnen Handel mit den „Blochen'^ jenseits der Berge, mit dem 
mtfemten Morgenlande vergessen und ihre grofse Vermittlerrolle 
eöUig ausgespielt. Dennoch besafsen sie einen recht grofsen Teil 
les Gl-rund und Bodens, auch die meisten und besten Städte, und 
kielten zähe an ihren alten Privilegien fest, die im Verein mit dem 
au%espeicherten Ertrag ihrer Arbeit ihre Rechtstitel bildeten. 
Die magyarische Aristokratie war durch die Kriege der Riköczj 
bedeutend geschwächt worden, und ihre Reihen hatten sich während 
der barbarischen türkischen Züge fühlbar gelichtet. Hochgebildet 
waren sie, obgleich sich hier und da gute Schulen fanden, gewifs 

9. Fr^deric Dame, Histoire de la Boamanie contemporaine (Paris, 1900): 
interessantes, pikantes Werk, aber ungenau und empörend parteiisch für Bufs- 
land und einige politisehe Persönlichkeiten Rumäniens. Eine zersetzende Kritik 
von St Orä^anu, in den Convorbirl literare, 1900: Dame antwortete darauf 
mit Schmähungen. Vgl. auch meine Broschüre D. Frederic Dame ^i Ist. Bo- 
ndiniel contemporane (Bakarest, 1900). 

10. Baicoianu, Geschichte der rumänischen Zollpolitik (München 1895): 
ntolich. 

11. Sturdza, Ohestia Dan&ril (1900): bringt das Material zur Beurteilung 
dieser Frage. 

12. Für die Agrarfrage die Arbeiten A. C. Cuzas: ^eranul ^i dasele diri- 
ginte (Jassy, 1898); Despre popula^ie (Jassy 1900, vgl. von demselben Era nouä 
^1 Genera^ia de la 1848, Jassy 1889) und eine Dissertation von Chebap: Legea 
raralä de la 1864 (1902). Aktenstücke sind von Bibicescu und Panä 
Baescu gesammelt (bei Chebap die ganze Bibliographie). 

13. Yerax, Les Juifs de Boumanie (Bakarest, 1903): besonders an sta- 
tiBtischen Tabellen sehr reich. 

Jörg», Gesehiehte der Baminen. IL 14 



SlO 1. Kapitel. 

nicht, und einem Reisenden erschien ein solcher grofser Grund- 
besitzer so roh wie ,,ein Edelmann aus dem 13. Jahrhundert'^^). 
In vielen Fragen konnten sie überdies nicht einheitlich vorgehen;, 
weil sie religiös in Katholiken und Galvinisten — und diese 
letzteren hatten die Oberhand — gespalten waren. Sie waren aber 
tapfer y stolz und von einem unüberwindlichen Herrschergefuhl 
durchdrungen. Neben diesen Grofsen, Reichen und Mächtigen 
lebten nun als vierte, aber nicht anerkannte Nation in zahlreichen,, 
schlecht gebauten Dörfern rumänische Bauern. Auf sächsischem 
Boden führten sie noch ein erträgliches Dasein, und viele von ihnen 
waren Grundbesitzer; in den Gespanschaften jedoch, in denen der 
grofse und kleine magyarische Adel waltete, war ihre Stellung die 
des Leibeigenen, der selbst nichts besitzt und dem seine Herren 
alles Erdenkliche aufbürden. Ihre Lage war sicherlich noch viel 
elender, als die der geknechteten rumänischen Bauern in der Wa- 
lachei und Moldau, und dies macht die häufige Flucht der Jobagyien 
in ^arä, ins „Land", verständlich. 

Österreich hatte — und in diesem Zeitalter war es ja kaum 
anders möglich — nur das eine Ziel, das Land auszunutzen; es 
wollte in Siebenbürgen lediglich fiskalische Erfolge erzielen. Aber 
die Sorge um den Steuerertrag führte naturgemäfs zur Vorsorge 
für die Steuerpflichtigen, und diese bestanden zum gröfsten Teile 
aus den verachteten „Walachen", die, in menschenwürdigeren Ver- 
hältnissen lebend, zweifellos mehr und pünktlicher bezahlt hätten. 
Trotzdem war an ein Gesetz, das eine Besserung der Lage des- 
Bauernstandes gebracht hätte, nicht zu denken. Denn nur mit 
Entrüstung und Ungeduld trugen jetzt wie in den Tagen Elaiser 
Rudolfs und Kaiser Ferdinands die hochfahrenden, selbstherrlichen 
Magnaten Siebenbürgens das deutsche Joch und suchten schon 
nach einem Kronprätendenten, der einen Apaffy und Tökölj als^ 
nationaler Führer ersetzen könnte. Die Wege der Provinz waren 
damals noch nicht für die Bewegung grofser Truppenmassen ge- 
eignet; die Karlsburg von Gyula-Fehärvär beherrschte damals- 
noch nicht das flache Land. Andere Interessen nahmen aber auch 
die Kräfte des österreichischen Herrscherhauses in Anspruch, und 

1) Eder, Notationes historicae: Hdschr. fol. germ. 288 der Bibliothek dea 
Nationalmaseums von Budapest. GemelDt ist AI. Barcsai von Marosnemethj. 



\ 



Die KulturentwickeloDg uod die bäaerlicben Kampfe in Siebenbürgen. SIL 

so gab es nur einen einzigen Weg^ um auf Grund der alten^ un- 
angetastet bleibenden Verfassung den Rumänen ein besseres Leben 
zu ermöglichen und zugleich leistungsfähigere Steuerzahler aus 
ihnen zu machen. Dieses eine Mittel bestand darin, sie von ihrem 
^jSchismatischen ^^ Glauben zu einer anerkannten Religion her über- 
zuziehen ^ um dann später vielleicht auch ihre Nationalität staats- 
rechtlich anzuerkennen. Die calvinistischen Fürsten hatten, ohne 
an eine künftige Befreiung zu denken, die von Michael dem 
Tapferen gegründete siebenbürgische Kirche vollständig unterjocht 
und ihr nur ein Scheinleben gelassen. Schon unter dem ersten 
Bdköczj, den zuerst der Bekehrungseifer erfafste, war der wa- 
lachische Bischof nur für „das Volk" ein „Vlädicä", während ihn 
der Staat lediglich als Superintendenten anerkannte. Sein Glaube 
galt an dieser Stelle ebensowenig als solcher , es war vielmehr 
nur von einem ,, griechischen, serbischen und wakchischen Ritus«' 
die Rede, während als einzige gesetzliche Kirche in Siebenbürgen 
die calvinistische des Fürsten galt. Die rumänischen Seelsorger 
hiefsen jetzt nicht mehr preo^I oder popl, wie in der Zeit des 
Schismas, sondern feiner pastorl, Pastoren, und ihre Oberen, 
die Protopopen, bekamen nach calvinistischem Beispiele sehr aus- 
gedehnte Privilegien, so dafs sie von dem gleichzeitig herab- 
gedrückten Bischöfe gewissermafsen unabhängig wurden. Der 
Superintendent war dem „rechtgläubigen Bischof in jeder Hin- 
sicht untergeordnet. Letzterer fährte die Oberaufsicht über die 
Hilfskirche mit orientalischem Ritus: er prüfte den walachischen 
Kandidaten, der Superintendent werden wollte, empfahl ihn dem 
Fürsten, der ihn dazu zu ernennen hatte, und schrieb ihm die 
„Punkte" und „Bedingungen" vor, auf die er schwören mufste. 
Er konnte in der Synode seines Untergebenen erscheinen, er be- 
einflufste die Verordnungen der jährlich einmal stattfindenden Ver- 
sammlung, welche eine Annäherung an den Glauben Calvins be- 
zweckte, und alle „Irrtümer", die gre^ell der griechischen Kirche 
und der alten Religion, mitleidslos ausrottete, eine neue Ordnung 
der Sakramente einföhrte, die Verehrung der Heiligenbilder ein- 
schränkte und überall die Volkssprache aufzuzwingen suchte, 
während andrerseits auch Propagandaschriften verbreitet wurden. 

Der Bischof, das magyarische Earchenhaupt, war auch die oberste 

14* 



tu 1. Kapitel. 

Instanz für die walachische kirchliche Jurisdiktion; vor ihm er- 
schien die Pastorendeputation und überbrachte die Beschlüsse der 
Synoden zur Durchsicht und Bestätigung. Diejenigen Vlädicl, 
die keinen besonderen Eifer für die Reformation zeigten, wurden 
grausam bestraft; das sollte ihnen und ihrem Volke zeigen, daCs 
sie lediglich krafl fürstlichen Willens etwas seien. lorest wurde 
eines unsittlichen Lebens beschuldigt und mit der Rute wie ein 
Strafsendieb gezüchtigt; der gelehrte Sava Brancovicl; ein Freund 
des walachischen Fürsten ^erban Eantakuzino, ein allseitig ver- 
ehrter Mann, der sein Geschlecht bis auf die serbischen Des- 
poten zurückführte und seinen Sitz in würdiger Weise einnahm, 
wurde abgesetzt, von der Synode gerichtet und in den Kerker 
geworfen, den er erst als Sterbender verliefs. 

Einer solchen Earche gegenüber konnte man von der Union 
mit einer anderen Kirche, welche denselben „ Ritus '^ anerkannte, 
und von denjenigen, die selbst kein festes Dogma mehr hatten, dog- 
matische Zugeständnisse forderte, mit Aussicht auf Erfolg sprechen, 
besonders wenn es sich um die Kirche handelte, welcher der Kaiser 
nicht nur angehörte, sondern der er auch in aller nur denkbaren 
Weise diente. Schon 1692 verordnete er, dafs die „griechischen^ 
Priester, welche die Union annehmen würden, die der katholischen 
Geistlichkeit zustehenden Privilegien ebenfalls geniefsen sollten; 
1696 erschien ein katholischer Katechismus, den der unter den 
Walachen als katholischer Apostel auftretende Jesuit Baranyi heraus- 
gab. Im folgenden Jahre wurde eine Generalsynode abgehalten, 
welche die vier neuen den Rumänen vorgeschlagenen Punkte — 
Primat des Papstes, Gebrauch des ungesäuerten Brotes, Purgatorium 
und das filioque — annahm, die sich aber auch ausdrücklich die 
Gleichstellung ihrer Geistlichen mit dem katholischen Klerus, Schulen 
und alle anderen Rechte für sich und das walachische Volk aus- 
bedang *). Der nunmehr „unierte" Bischof Teofil starb jedoch 
bald, und seinem Nachfolger, dem jungen Atanasie Anghel, war 
es vorbehalten, die Union auszugestalten. Das war ein vergnügter 
Herr, der lustig lebte, fröhlich tanzte und ein Bild von den ru- 



1) Nilles, Symbolae ad illustrandam historiam Eoclesiae orientalis in tei^ 
Tis Coronae S. Stephani (Innsbruck 1885), S. 165 ff. Vgl. Säte 91 preofl, S. 170 ff. 



Die Kulturen twickeluDg und die bäuerlichen Kämpfe in Siebenbür^n. 21S 

manischen Prälaten gibt; wie sie die väterliche Sorgfalt der Cal- 
Tinisten herangebildet hatte. In Bukarest ward er wie alle seine 
Vorgänger^ ;, kanonisch '^ gewählt und geweiht, und bei dieser Ge- 
legenheit traf er Brincoveanu, einen Vorkämpfer der Ortho- 
doxie, den streng orthodoxen alten Metropoliten Teodosie und be- 
sonders den grofsen Vertreter des rechten Glaubens, den Patri- 
archen von Jerusalem Dositheos, der ihm alle erdenklichen Bat- 
schläge und Ermahnungen gab, um ihn vor der katholischen An- 
steckung zu bewahren. Doch das hatte keinen EIrfolg. Vielmehr 
wandte er sich nach seiner Rückkehr nach Siebenbürgen alsbald 
an den kaiserlichen Hof und erhielt im April 1698 eine Urkunde 
über die Rechte des unierten Ellerus; am 7. Oktober nahm dann 
eine zweite grofse rumänische Synode die Union an, indem sich 
die zahlreichen Teilnehmer feierlich als „Mitglieder dieser heiligen 
römisch-katholischen Kirche^' bekannten '). Eine Bestätigung der 
Popenprivilegien seitens des Kaisers folgte bald nach, und untei 
gewissen Einschränkungen gab auch das ungarische Gubernium 
Siebenbürgens seine Zustimmung. Mehrere Jahre vergingen, ehe 
der Glaubenswechsel, die „Apostasie^^ des Atanasie seinen Gönnern 
in der Walachei bekannt wurde. Aber im Jahre 1701 reiste er 
persönlich nach Wien, ging in einzelnen das Dogma berührenden 
Fragen noch weiter und legte sein Bekenntnis schriftlich nieder. 
Danach wurde er zum „Bischof der walachischen mit der heiligen 
römischen Kirche unierten und vereinigten (impreunaiä) 
Religion in Siebenbürgen und den ungarischen Teilen, welche 
zu Siebenbürgen gehören,^' ernannt, bei seiner Rückkehr aber 
in glänzender Prozession von den Beamten und seiner ganzen 
Priesterschaft in die Earche Karlsburg geführt, an deren Türen 
die Gegner des geschehenen Glaubenswechsels zwar protestierten, 
aber ohne damit etwas zu erreichen. Atanasie hatte die Abhängig- 
keit vom ungarischen Primat anerkannt und als Berater in 
schwierigen dogmatischen Fragen und bei der Handhabung des 
kanonischen Rechts einen katholischen Kleriker aus dem Jesuiten- 
orden als „ Theologen '^ an seine Seite gerufen. Seiner Autorität 



1) Die Aktenstücke finden sich bei 6. Popoviciü, üniunea RomänUor 
(Lngo? 1901), S. 83 ff. 



S14 1. Kapitel 

war dies sicherlich nicht besonders zuträglich^ und ebensowenig die 
Anordnung; die er traf^ dafs das Eirchenvermögen des ganzen 
Sprengels nicht von ihm selbst, sondern von ^^ Kuratoren'' verwaltet 
werden sollte. Den Metropolitentitel hatte er schon abgelegt Nun- 
mehr begann aber erst eigentlich der grofse Kampf, denn es galt, 
die Durchführung der dem rumänischen Volke durch die kaiser- 
lichen Patente gewährleisteten Rechte zu erzwingen. 

Der arme Atanasie war nicht der Mann dazu; solange er 
lebte, lag die ganze Verwaltung seiner Diözese in den Händen 
seines jesuitischen Beraters und Herrn. Er verlangte für sich 
nichts und war zufrieden mit den Titeln, die ihm zugefallen waren. 
Während die gefahrliche Empörung Franz Räköczys ganz Sieben- 
bürgen erschütterte, während die nichtunierten Rumänen, d. h. die, 
welche noch dem alten Olauben anhingen, einen loan ^ircä als 
ihren Bischof anerkannten, hielt die österreichische Regierung die 
Zeit noch nicht für gekommen, um auch sonst etwas zugunsten 
der lediglich in religiöser Hinsicht gewonnenen Walachen zu unter- 
nehmen. Atanasie, der vielleicht nicht einmal selbst unerschütter- 
lich fest in seinem neu angenommenen Glauben war, starb 1713, 
und man dachte daran, ihm einen fremden, völlig katholischen 
Nachfolger, der nach keinem besonderen Ritus lebte, zu geben. 
Endlich ward loan Patachi, der einem adligen Geschlechte ent- 
stammte, unierter rumänischer Bischof; er hatte zu Rom studiert, 
war dann mehrere Jahre katholischer Missionar in Siebenbürgen 
gewesen, hatte aber trotzdem seine Nation nicht verleugnet. Aber 
zugleich mit seiner Ernennung verlor die griechisch-katholische 
Kirche wesentliche Rechte. Zunächst wurde Patachi nur zum 
Bischof für „die Rumänen, Griechen, Ruthenen und Serben ^^^) 
in Siebenbürgen und den dazu gehörigen Gespanschaften ernannt; 
dann wollte der neuemannte katholische Bischof für Siebenbürgen, 
Märtonfi^, diesen anderen von Rom abhängigen Prälaten neben 
sich in Karlsburg nicht dulden, und die alte Kirche des Fürsten 
Michael wurde hier aus militärischen Rücksichten geschleift. Schliefs- 
lich ging man mit dem Gedanken um, dem zweiten unierten 
Bischöfe der siebenbürgischen Rumänen Einkünfte aus Gherla 



1) Nilleß, S. 409-411. 



Die Kulturen twickeluDg und die bäueTlichen Kämpfe in Siebenbfiigen. S15 

(Szamosujvär) und dem Fogarascber Gebiete anzuweisen. In Fo- 
garasch (Fägära^) selbst; wo es eine schöne rumänische ELirche 
gab, die walachische Fürsten erbaut hatten , mufste nun Patachi 
«eine Hesidenz aufschlagen; er wurde vom Papste als Bischof von 
Fogarasch bestätigt und dabei zugleich von jeder Unterordnung 
unter den ungarischen Primat befreit Patachi hatte kein längeres 
Leben als sein Vorgänger; schon 1727^ nachdem er kaum vier Jahre 
lang ordnungsgemäfs regiert hatte^ wurde er zu Grabe getragen. 

Von den drei Kandidaten , die dem Kaiser der Sitte gemäfs 
vorgeschlagen wurden^ wählte KatI VI. den einzigen, der Rumäne 
war, loan Micu^ den Sohn eines wohlhabenden Bauern, der trotz 
seiner dreifsig Jahre noch immer zu Tjrnau, wo die Jesuiten ein 
Kollegium für die Schismatiker errichtet hatten, seinen Studien ob- 
lag. !Er war weder Priester noch Mönch, wie es die Kirche von 
einem Bischofskandidaten verlangte. Bald darauf ward Micu vom 
Kaiser auf seinen Wunsch nach dem Beispiele der Karlsburger 
Bischöfe, die von Rechts wegen Barone waren, zum „Baron Klein'' 
— Micu bedeutet Klein — erhoben, trat dann ins Erlöster von 
Munkäcs, um sein Noviziat zu machen, und wurde hier 1729 zum 
Bischof geweiht. Jetzt konnte er seine wahren Absichten offenbaren 
und mit der ganzen Kraft einer energischen, unbezwingbaren Natur 
für deren Verwirklichung eintreten. 

Diese bestanden in nichts Geringerem, als dafs er die Ver- 
heifsungen der Kaiser in Tatsachen umsetzen wollte; er wünschte 
den unierten Klerus dem katholischen tatsächlich gleichgestellt zu 
sehen, und das rumänische Volk, nach siebenbürgischem Rechte 
zur „Nation'* erhoben, sollte als vierte neben den drei älteren 
Nationen in das kulturelle und politische Leben eingeführt werden. 
Auf die Wiener Urkunden gestützt, glaubte er mit den politischen 
Forderungen beginnen zu müssen, imd da er das Schisma in 
«einer Kirche als nicht vorhanden betrachtete, benahm er sich bald 
als Führer der gesamten zahlreichen, treuen und verdienten ru> 
manischen Bevölkerung Siebenbürgens. 

Er ging alsbald nach Wien, wo man seine Wünsche zwar 
anhörte, aber nur, um sie einer feindlich gesinnten Kommission des 
siebenbürgischen Landtags zu überweisen. Die Entscheidung 
zog man immer hinaus, bis ein zweiter Ausschufs ernannt wurde, 



Sl« 1. Kapitel. 

der zu einem unannehmbaren VorBcfalage gelangte. Die histo- 
rischen Rechte und die überlieferte Unterdrückung wurden hart- 
näckig im Verein mit Demonstrationen^ Hohngelächter und Schimpf- 
worten gegen die Forderungen dieses einfachen walachischen 
Priesters ins Feld geführt, obwohl dieser wufstC; dafs sich sein Volk 
^^noch aus der Zeit Trajans auf diesem Boden befindet , wo es 
tausend Jahre lang gelitten hat'' ^), und obwohl er selbst infolge 
kaiserlicher Verfügung Mitglied des Landtages war. Als die ge- 
liebte junge Königin, Maria Theresia, ihrem Vater folgte, reiste 
der walachische Bischof abermals an den Hof, sprach sich aber 
dieses Mal klarer als ehedem aus. Er verlangte für seine Priester 
die portio canonica, aber für seine geistb'che Herde auf den 
Dörfern, die das „älteste und zahlreichste Volk des Landes'' dar- 
stellte *) , nur zwei feste Arbeitstage in der Woche ; aufserdem 
sollten die Rumänen alle zusammen als vierte „Nation" anerkannt 
werden. Aber die Königin hatte ihr Erbe gegen fremde Feinde 
zu verteidigen, und die Bitten verhallten deshalb ungehört. Da 
versuchte Klein einen anderen Ton anzuschlagen: er benutzte den 
festlichen Empfang, den man dem serbischen Mönche Visarion 
Sarai bereitete, welcher allenthalben unter den Rumänen „Los von 
Rom" predigte, um seinem Verlangen gröfseres Gewicht beizulegen. 
Als er aber wiederum in Wien erschien, mufste er die Einkerkerung^ 
furchten und floh deshalb an die Kurie , um nach einem langen 
Verteidigungskampfe gegen den kaiserlichen Hof, die Jesuiten und 
seinen eigenen, ihm untreu gewordenen Stellvertreter 1751 seine 
Würde niederzulegen. 

Seine Leiden und ihr Zweck, der zwar nirgends offen an- 
gegeben, aber dennoch von der Bevölkerung erraten wurde, 
machten aus dem loan Inocentiu Micu Klein, von dem sich früher 
die Anhänger der alten Kirche während seiner Visitationsreisen 
voll fanatischen Grauens abgewandt hatten, jetzt einen wirklichen 
Bischof, einen Verteidiger, Leiter und Märtyrer des ganzen sieben- 
bürgischen Rumänentums und darüber hinaus auch desjenigen in 
den benachbarten Gespanschaften, wo die serbischen Banatbischöfe 
unter den Rumänen bereits religiösen Einflufs gewonnen hatten. 

1) Nilles, I, S. 527—529. 
'i) Ebenda, S. 518-519. 



Die EultureDtwickelaDg und die bäuerlichen Kimpfe in Siebenbürgen. S17 

Die Bauern wollten nichts mehr von der seligmachenden dogmatischen 
Union hören und begegneten jedem Prediger mit dem schmerz- 
lichen Rufe: ^^Episcopul nostru^ episcopul nostru^^, d. h. 
^y unser Bischof^ unser Bischof '^ Überall regte sich bei dieser po- 
litischen und sozialen Unzufriedenheit der Wunsch nach einer Be- 
freiung von Rom, das den Unterdrückten keine Besserung ihrer Lage 
gebracht hatte und bringen konnte. Vergebens wurde der anfangs 
exkommunizierte Vikar Peter Paul Aaron durch seinen Bischof 
vom Banne befreit; vergebens ward er der Ordnung gemäfs 
Eleins Nachfolger auf dem Bischofstuhle von Fogarasch, wenn 
er auch seine Dorfresidenz zu Blaj (Blasendorf, BaläzsfEilva) auf- 
schlagen mufste; vergebens unterstützten ihn die Behörden mit 
ihrer ganzen Autorität Totz alledem schien, zu einem gewissen 
Zeitpunkte wenigstens, die Union tödlich getroffen zu sein. Ein 
Nachahmer des Serben Visarion, der Priester Sofronie aus Cioara, 
der übrigens kaum lesen und nur mangelhaft schreiben konnte, 
verfugte als absoluter Herr über die Seelen, über die Fäuste und die 
Waffen der Bauern in zahlreichen Dörfern, und während des harten 
Kampfes, den die Kaiserin mit ihren mächtigen auswärtigen 
Feinden zu bestehen hatte, war es fUr die Regierung unmöglich, 
gegen diesen Dorfpropheten entscheidende Repressivmafsregeln zu 
ergreifen, übrigens sprach Sofronie, der Verwüster und Verfolger, 
in seinen Reden, Denkschriften und Bittgesuchen weniger von Rom 
und Konstantinopel, von reinem und unreinem christlichen Glauben, 
als vielmehr von den Priestern, die keine Steuern zahlen sollen, 
und von allerlei alten und neuen Bedrückungen, die nicht das ge- 
ringste mit der religiösen Frage und den „vier Punkten^', dem 
Purgatorium und dem Primat des Papstes zu tun hatten. 

Schon 1759 war im geheimen Dionysius Novakovitsch, der 
Bischof der „Ratzen" für Ofen und die „Mohatscher Felder '^ war, 
auf den Rat des Grafen Kaunitz zum kirchlichen Oberhirten Sieben- 
bürgens bestimmt worden. Im Jahre 1760 tobte unter Sofronie 
die Empörung gegen das aufgedrungene „römische Bekenntnis"; 
1761 kam General Buccow als bewaffneter Unterhändler in die 
Provinz, und es gelang ihm, den „doctor" der Aufrührer zu unter- 
werfen, Novakovitsch, den „Bischof von Ofen, der Mohatscher 
Felder und Siebenbürgens", in Kronstadt einzuführen und ihm 



218 1. KapiteL 

«ine ständige Residenz im Dorfe Rä^inarl^ in der Nähe von 
Hermannstadty in einem Bauemhüttchen anzuweisen. 

Damit aber war die grofse Frage, die bis zum heutigen Tage 
schmerzlich ihrer Lösung wartet, noch nicht entschieden. Dio- 
nysius, der Fremde, der Bischof der österreichischen Regierung, 
der „Vlädicä Budanul'^, erlangte niemals eine allseitig anerkannte 
Autorität; nach wie vor blieb die tatsächliche Leitung der neu- 
geschaffenen Kirche in den Händen der Protopopen, wilder, viel- 
fach unsittlich lebender und meist fanatischer Leute, die Sofronie, 
welcher bald in die Walachei flüchtete, nicht vergessen konnten. 
Es liefen geheime Briefchen unter den Priestern und Bauern um, 
in denen von einer Rückkehr Sofronies mit tatarischer Hilfe die 
Rede war, von der grofsen russischen Kaiserin, welche die Polen, 
clie Bedränger der ruthenischen Orthodoxie, schon gezüchtigt habe 
und durch ihre unüberwindlichen Fahnen auch Siebenbürgen von 
dem „Heidentume'' reinigen werde, und von der schrecklichen 
Revolution, durch die beides, Union und Jobagyentum, zugleich 
beseitigt werden müsse. In der Tat ereignete es sich, dafs Rekruten, 
clie zu der neu begründeten rumänischen Grenzwacht ausgehoben 
waren, den Eid nach uniertem Ritus verweigerten, ja dais sie, 
die gelieferten Waffen mit sich nehmend, in ihre Dörfer zurück- 
kehrten. Die härtesten Strafen wurden damals gegen die Bauern 
verhängt, die über die Grenzpässe in die Fürstentümer entrinnen 
würden. Wenn die Russen nach dem Kriege von 1768 — 1774 
irgendein Gebiet an der Donau behauptet hätten, dann wäre 
Osterreich gewifs in Gefahr gewesen, Siebenbürgen, diese schöne 
Eroberung, zu verlieren ^). 

Es vergingen aber nur wenige Jahre nach der Bewegung des 
^,doctor^' Sofronie, und die rumänischen Jobagjen, deren Stellung 
nach Beseitigung der Union auch nicht besser geworden war und 
welche trotz der kaiserlichen Verordnungen kaum Zeit genug hatten, 
um alle Befehle der harten, fremden Herren auszufuhren, fanden aufii 
neue einen blutigen „doctor'^ in dem Bauern Nicolae oder Ursa 
Horia. Er entstammte dem Krongute Zlatna, wo die Erpressung 



1) S. meine Säte ^i preo^I, passim, und Banea, Episcopil Petra Faul 
Aren 9! Dionisiu NovacoTicI (Blaj, 1902). 



Die Kultarentwickelang and die bäaeTÜchen Slämpfe in Siebenbürgen. 219 

<ler Pächter von den freien Bauern besonders stark empfunden 
'wurde. Eine grofse Enttäuschung der Bevölkerung beschleunigte 
«die Katastrophe. Die Grenz wachtregimenter waren schon 1761 
•eingeführt worden, und mit Blitzesschnelle hatte sich unter den 
JTobagyen die Nachricht verbreitet, dals von nun an jedes Dorf, 
"welches sich zum Militärdienste bei den oberen Behörden melden 
'Würde, dafür, dafs es die Waffen für den geliebten, menschen- 
freundlichen Kaiser, der schon zweimal erschienen war, um die 
Leiden seiner neuen Untertanen persönUch kennen zu lernen, 
ixagen würde, von jeder Dienstleistung zugunsten seines Feudal- 
herrn befreit werden solle. Mit den kaiserlichen Waffen hofften 
"viele, der Jobagyenfrage eine tragische, aber endgültige Lösung 
2U geben. Nun aber wurde auf Grund der Klagen, welche die 
magyarischen Seelenbesitzer erhoben, die Einschreibung, die schon 
viele Hofinungen geweckt hatte, rückgängig gemacht Im Namen 
Kaiser Josephs, des Befreiers, dessen geflüschte Urkunde Horia vor- 
zeigte, griff das ganze ramänische Bauerntum zu den Vergeltung 
übenden Waffen, und während zweier Wochen (November 1784) 
sah das westliche Siebenbürgen greuliche Mord- und Verwüstungs- 
Szenen, welche die rächende geschichtliche Nemesis über die Ver- 
treter des alten geschichtlichen Unrechts heraufbeschwor. Die 
Vollstrecker der „kaiserlichen Befehle^', die alles vernichteten und 
nur diejenigen, meistens Frauen, schonten, die den „walachischen 
dlauben^' durch eine neue Taufe annahmen — dann mufsten sich 
die neugetauften edlen Damen einen „stinkenden Bauern'' zum 
Oemahle nehmen — , stellten in ihrer unbeholfenen, naiven Art 
folgende Forderungen an die hohen Beamten des Landes: Ab- 
Schaffung des Jobagyentums gegen treue miütärische Dienste der 
Rumänen, Einsetzung rumänischer oder deutscher Beamten für die 
rumänische Bevölkerung und Entfernung der magyarischen Ober- 
hoheit im sozialen und politischen Leben. Die Kaiserlichen waren 
gar nicht besonders eifrig, um die Untaten der Bauern mit gleicher 
Hünze zu vergelten, aber das transsilvanische Gubernium glaubte 
eine Oegenmafsregel der Edelleute nach altem ungarischen Rechte 
verordnen zu dürfen, und die Vertreter der Kultur verfuhren ganz 
nach „walachischer^^ Art, indem sie Schuldige und Unschuldige 
zur Enthauptung verurteilten, den Pfahl und das Rad gebrauchten. 



SSO 1. Kapitel. 

Gefangene in den Kellern ,, ausräucherten'' und über ganze Ge- 
biete mit Tausenden von Bewohnern, die Kinder inbegriffen, die 
Rutenstrafe unter Aufsicht des „Chirurgus" verhängten. Der 
Kaiser befahl, energische Mafsregeln gegen die Rebellen zu er- 
greifen ; auch notwendige ELinrichtungen waren nicht ausgeschlossen, 
aber er naufste in ohnmächtigem Schmerze anerkennen, dafs der 
Mitschuldige des verwüstenden Bauern, welcher auf diese Weise 
eine letzte Eingabe an den Hof gerichtet hatte, der verfolgte und 
ruinierte Edelmann selbst war, der bisher — und ebensowenig- 
war dies nachher der Fall — keinerlei menschliches Mitempfinden 
gezeigt hatte. Die Hinmordung unter dem Schutze der Regierung 
als Vergeltung verdammte der menschenfreundliche Herrscher 
ebenfalls mit scharfen Worten. Aber jetzt verlangten die Privi- 
legierten sogar die Wiederherstellung ihres alten Rechtes, kraft, 
dessen sie das Schwert gegenüber ihren Untertanen gebrauchen 
und sie pfählen durften. Sie forderten die Entvölkerung der 
schuldigen Dörfer, die Verbannung der nach der Dezimierung 
noch übrigen Einwohner in die Bukowina, denn „die Natur dieser 
ungesetzlichen Nation'', so schrieben sie, „welche in diesem Lande 
lebt, ist solcher Art, dafs sie nur durch Schrecken regiert werden 
kann" ^). So entzündete sich trotz aller Gegenmafsregeln von 
Seiten der deutschen Offiziere und Beamten sowie des rumänischen 
Klerus beider Bekenntnisse das Feuer der Revolution aufs neue;, 
die „Cäpitani" riefen wiederum die Scharen zu sich, die erst vor 
kurzem mit der Mütze in der Hand und mit „schmerzerfiilltem 
Herzen auf den Lippen" vor der kaiserlichen Untersuchungs- 
kommission erschienen waren und auf deren Befehl die Waffen^ 
niedergelegt hatten. Eine einfache Amnestie wiesen sie entschieden 
zurück, weil sie noch an eine gerechte Strafe nicht nur für kleine 
augenblickliche, sondern auch für grofse, hundert- und tausend- 
jährige Verbrechen glaubten. Verzweifelt kämpften sie jetzt auf 
den Bergeshöhen gegen die kaiserlichen Soldaten ; in ihrem Führer 
Horia sahen sie jetzt ihren Craiü, den König, den ihnen die 

1) N. Densu^ianu, Bevoln^iunea lul Horia (Bucure^tl 1884), S. 349. 
Es ist ein grundlegendes Werk, das namentlich Aktenstücke ungarischer Her- 
kunft benutzt. Vgl. unter anderem die bruken talische Korrespondenz im „Archiv 
für siebenbürgische Landeskunde", 1903 und 1904. 



Die Kulturent Wickelung and die bäuerlichen Kämpfe in Siebenbürgen. S21 

<^ade eines rächenden Qottes verliehen hatte Der Fürsorge des 
zweiten serbischen Bischofs für die nichtunierten Rumänen und 
dem militärischen Geschick der kaiserlichen Soldaten gelang es je- 
doch^ nach mehreren kleinen Treffen wieder Ruhe herzustellen (De- 
zember). Horia selbst^ der nach Wien reisen wollte^ gebot seinen 
Banden, sich au£&ulösen. Seinen Vorsatz aber konnte er nicht aus- 
fUhren, denn nebst seinem Gefährten Cloijca ward er auf den Richt- 
platz von Karlsburg geführt, wo beide ohne Klage für die Freiheit 
ihrer geknechteten Nation den schrecklichen Tod auf dem Rade 
starben. Cri^n, der dritte und begabteste der Führer, antwortete 
mutig auf alle Fragen, erklärte ohne Bedenken die Berechtigung 
seines Kampfes und bereitete sich selbst einen männlichen Tod; 
sein Leichnam wurde geköpft und gevierteilt. Tausende von 
Bauern, die gekommen waren, um ihre Freiheit zu erkämpfen, 
sahen dieses gräfsliche Beispiel und zogen für die Zukunft eine 
Lehre daraus, aber nicht in dem beabsichtigten offiziellen Sinne. 
Schon am 22. August desselben Jahres 1785 wurde das Jobagyentum 
von dem Kaiser feierlich abgeschafft; die Toten waren also nicht um- 
sonst dahingegangen. Das dauerte wenigstens bis zu dem Augenblicke, 
da der müde, kranke, dem Tode nahe Kaiser alle seine Reformen 
zugunsten der bevorrechteten mittelalterlichen Klassen zurückziehen 
und die alten Zustände im Jahre 1790 wiederherstellen mufste. 

Aber die zweite Forderung hatte überhaupt keine Berück- 
sichtigung gefunden, weil sie eine solche nicht finden konnte ; das 
war das Verlangen nach politischer Gleichberechtigung der Ru- 
mänen, für das Klein einst gelitten hatte. Nach dem Tode 
Josephs II. versuchten die Rumänen, ohne Unterschied des Glaubens, 
mit ihren beiden Bischöfen an der Spitze, durch einen „Supplex 
libellus Valachorum transsylvaniensium" — Nation 
erdreisteten sie sich nicht, sich offiziell zu nennen — eine günstigere 
Lage zu gewinnen, aber ihre Denkschrift von 1791 rief einen 
Schrei der Empörung bei den magyarischen und sächsischen 
Führern und Schriftstellern hervor, und wieder führte man im 
siebenbürgischen Landtage heftige Reden gegen die walachische 
Barbarei und Unverschämtheit. Und wieder fanden die Unzu- 
friedenen einen willfahrigen österreichischen Herrscher, der überdies 
kein Joseph war, und den kriegerische Sorgen bedrängten. £s blieb 



22Z 1. Kapitel. 

ßcUiefsUch von aUem nur das kleine Buch übrig, das die Klagen 
enthält; sowie die hafserfullten Erwiderungen der Gegner, zu denen 
auch Eder, der Herausgeber des „libellus^^, gehört. Unter der Re- 
gierung Leopolds IL kamen viele Rechte und Mifsbräuche der Ver- 
gangenheit wieder in Übung, und so hatte auch dieser aus der Feme 
wehende Hauch, der von der grofsen abendländischen Umwälzung 
ausging, diese literarische Protestation, ebensowenig Erfolg, wie die 
grofse Bauemopferung unter Horia ^). Die „Status et Ordines'', 
obwohl in neuem, französischem Gewände, bUeben doch die aus- 
schliefslichen Herren, und das Land entging nur der noch gröfseren 
drohenden Gefahr — es wurde schon der Vorschlag gemacht — , 
mit Ungarn vereinigt zu werden. Von neuem wurde dagegen die 
Bauernfrage im Landtage diskutiert; offen verlangten die Magyaren 
und Szekler die Wiederherstellung der Zustände aus vorjosephinischer 
Zeit, und schliefslich wurden Beschlüsse gefafst, die später auch 
die Krone zum gröfsten Teile guthiefs, und durch die nur gans 
weniges von der Reform des guten dahingegangenen Kaisers aof- 
rechterhalten blieb ^). 

Das rumänische Volk brauchte für einen solchen Rechtsstreit 
eine kulturelle Vorbereitung auf historischem Gebiete. Nachdem 
man eingesehen hatte, wie wenig Aussicht auf Erfolg die politischen 
Ansprüche trotz der beständigen, aber wirkungslosen Sympathien 
am Wiener Hofe hatten, brauchte man nicht mehr vereinzelte 
wissenschaftlich-polemische Schriften als Zeugen der Kultur, sondern 
eine umfassende, stark eingewurzelte, einem hohen Ideal dienende 
Kultur, um sich in der langen Wartezeit von den mächtigen, auf- 
strebenden Gegnern — dazu gehören besonders die Magyaren — 
nicht verschlingen zu lassen. Als Frucht dieser Erkenntnis ent- 
standen in Siebenbürgen, dem heiUgen Lande des Drei-Nationen- 
Bundes, auf dem klassischen Jobagyonatsboden, wo die armseligen 
„walachischen'^ Bauern ein halbes Jahrhundert lang entwaffiiet 
und in zwei Kirchen gespalten lebten — die eine bestand nicht 
aus eigener Kraft, und die andere war gesetzlich nur geduldet — , 

1) Vgl. auch Ferdinand von Zieglaaer, Die politische Refonnbewegong 
in Siebenbürgen zar Zeit Josephs II. und Leopolds IE. (Wien, 1885); Herrmann, 
Das alte und neue Kronstadt, II (Hermannstadt, 1887). 

2) Zieglauer, a. a. 0., S. 473. 



Die EultnreutwickeluDg and die bäaerlichen Kämpfe in Siebenbürgen. 2S( 

eine solide Volksbildung und eine Tendenzliteratur zugunsten der 
nationalen Aufklärung. 

Im Jahre 1731 schon hatte Kleia, iler politische Vorkämpfer 
dieser Ideen , an die Heranbildung eines unierten Mönchtums in 
seinem Kirchensprengel gedacht; 1735 sprach er von einer Neu- 
belebung der Buchdruckerei, die seit langem nicht mehr gepflegt 
wurde. Endlich im Jahre 1738 erhielt er dann die kaiserliche 
Urkunde, durch die ihm statt des alten bischöflichen Domaniums 
ein neuer Besitz, aus Blaj und den Pertinenzen bestehend, zu- 
gewiesen wurde. Diese Einkünfte mufsten zugleich noch elf 
Mönche ernähren, wovon zwei auch als Lehrer fungieren sollten,, 
femer zwanzig Alumnen und auch noch drei junge Leute, welche, 
wenn sie in den Jesuitenkollegien ihre Studien vollendet hatten,, 
in Rom, wo man auf sie schon wartete, ihrer Bildung einen Ab- 
Bchlufs verleihen sollten ^). Gregor Maior, ein nachmaliger Bischof^ 
Caliani und Cotore waren die ersten drei Spröfslinge des sieben- 
bürgisch- rumänischen Volkes, die sich an den römischen Quellen 
labten und aufser der Vorliebe fiir die Religion und das römische 
Dogma auch die glorreichen Erinnerungen an den trajanischen Ur- 
sprung und wissenschaftliche Hilfsmittel mitbrachten, um das Evan- 
gelium von ihrer römischen Herkunft zu verbreiten. 

Der schwache, kränkliche, asketische Aaron, der Nachfolger 
Eleins auf allen Gebieten, aufser auf demjenigen des Eampfe^^ 
gegen das Unrecht, machte sich hochverdient durch die Fürsorge 
für die in der Entstehung begriffenen Volks- und Priesterschulen. 
Als er Bischof in Blaj wurde, gab es in der ganzen Provinz keine 
anderen „walachischen^^ Schulen, als die sehr, wenig entwickelten 
in den EUöstem. Diese Erlöster, in denen vielfach gefahrliche Agi- 
tatoren aus dem transalpinischen Gebiete zugunsten des Schismas 
wirkten, wurden aber während der sofronischen Unruhen abgeschafft, 
und zu dieser nämlichen Zeit wurde unter der Leitung des De- 
metrius Eustatiades, der ein Sohn des Priesters von ^chel (Bol- 
gärszök), in der Nähe von Ejonstadt, war und in Kiew studiert hatte,, 
die „rechtgläubige^^ Schule in Kronstadt auf eine höhere Stufe ge- 
bracht Aber schon im Jahre 1754 eröffiieten die neuen Mönche 
im Erlöster zu Blaj ihre dreiteilige Schule. Diese bestand erstens aus- 
l)Nille8, S. 529, 533 flf. 



2S4 1. Kapitel. 

einer Anstalt für alle Knaben, die sich die ersten Elemente aneignen 
wollten, und ihr Besuch war unentgeltlich. Zweitens aus einer höheren 
Schule, in der die Unterrichtsgegenstände des Gymnasiums gelehrt 
wurden; schon nach kurzer Zeit wurden in dieser Abteilung die 
Gipfel der Syntax, der Rhetorik, der Poetik und der alles krönenden 
Philosophie erreicht, gerade wie in den Jesuitenkollegien, die als 
Muster dienten. Die dritte und höchste Stufe endlich bildete ein 
Seminar, das jedoch nicht ausschliefslich Priester ausbildete. Später 
gründete der Bischof neben diesem letztgenannten noch ein anderes 
Seminar, das in seinem Kloster — es war der Dreifaltigkeit, 
Treimea, geweiht — untergebracht war und das ausschliefslich 
•der Ausbildung von Mönchen und Seelsorgern diente. Die Zög- 
linge dieser beiden höchsten Anstalten erhielten nach dem Tode 
des Gründers bischöfliche Stipendien, die ihnen den Besuch des 
ungarischen Instituts des Kardinals Pazmäny zu Wien gestatteten, 
und Gregor Maior erwirkte noch eine besondere höhere Schule 
für seine „Walachen'' im Kloster Sancta Barbara in der Reichs- 
hauptstadt. Die im bischöflichen Kloster eingerichtete Buchdruckerei 
erzeugte zahlreiche Bücher, die der Propaganda, dem Kultus und 
4er Erbauung dienten und in einer guten, reinen, rumänischen 
Sprache abgefafst waren. 

Schon im Jahre 1777 übernahm ein Rumäne, und zwar einer, 
der sich als SchriftsteUer im Sinne der nationalen „römischen'' 
Richtung betätigte, Moise Drago^, die Leitung der neu errichteten 
Grofswardeiner Diözese für die Unierten — bisher war es nur ein 
Yikariat des apostolischen Stuhls gewesen — , und diese neue 
Kirche blieb ausschliefslich in den Händen von Rumänen. Der 
Nachfolger des Moise, Ignatius Darabant, förderte wesentlich niehr 
iils sein Blasendorfer Kollege Bob, der ein reicher Mann war, aber 
wenig Mut und Initiative besafs und sich aufserdem gegenüber jeder 
überlegenen geistigen Regsamkeit in seiner Nähe empfindlich bewies^ 
die aufkeimende rumänische Kultur. Und seine Domherren wett- 
eiferten mit denjenigen, welche Bob umgaben; Samuil Vulcan, der 
nach dem Tode Darabants dessen Nachfolger wurde, glänzt noch 
heute in der Erinnerung seines Volkes als ein Freund der Gelehr- 
samkeit und der Gelehrten und als ein entschiedener Anhänger 
4er nationalen Richtung. 



Die Kalturentwickelung nnd die bäuerlichen Kämpfe in Siebenbürgen. SS5 

Das Ideal des Philosophen-Kaisers Joseph war es gewesen, 
die nationalen Gegensätze, ja selbst die Unterschiede der Natio- 
nalität in seiner Provinz Siebenbürgen auszugleichen und die ver- 
schiedenartige Barbarei in die erlösende deutsche Staatskultur 
überzufuhren. Um diesen utopischen Zweck zu erreichen, gründete 
er Volksschulen und glaubte dadurch seiner philanthropischen Nei- 
gung Genüge zu tun. Als Werkzeug für die Aufklärung der stark 
zurückgebliebenen Nation ward der geistreiche Gelehrte und rück- 
sichtslose Mönch Georg ^incal, der eben aus Rom mit zahlreichen 
liistorischen Exzerpten zurückgekehrt war, auserkoren. Die „erste 
rumänische Nationalschule '^, primaria schola nationalis Ba- 
lasfalvensis, wurde unter seiner Direktion, aber unter Oberauf- 
sicht des Bischofs in Blasendorf errichtet, und dem „Director et 
catecheta'^ waren auch mehrere Normalschulen innerhalb des 
rumänischen Gebietes untergeordnet; er war mithin, wie er sich 
gelegentlich nennt, tatsächlich „Direktor der rumänischen Schulen 
in Siebenbürgen", wie es einen solchen in der eroberten Provinz 
Bukowina gab. Dreihundert Elementarschulen wurden zwecks 
Hebung der Volkskultur während seiner Amtszeit gegründet, und 
er verfafste auch für sie die Elementarbücher, wie er auch die 
Schtdbücher für die höheren Anstalten schrieb : einen Katechismus, 
ein deutsch-rumänisches Abc (Bucoavnä), eine Arithmetik und 
eine lateinische Grammatik mit angehängtem rumänischem Texte. 
Ja, er war sogar bereit, auch eine Naturbeschreibung nebst einem la- 
teinisch>rumänisch-deutsch-ungarischen naturgeschichtlichen Wörter- 
buche herauszugeben. 

Drei serbische Bischöfe hatten anfangs hintereinander die 
Leitung der neu begründeten nichtunierten Kirche gehabt. Ihnen 
folgte dann als langjähriger Vikar loan Popovicl de Hondol, der 
sich auch in die Wirren des Horea eingemischt hatte, und erst 
im Jahre 1810 bekamen auch die Nichtunierten einen rumänischen 
Bischof in dem guten, kulturfreundlichen Vasile Moga. Für diese 
noch mehr vernachlässigten und überdies zahlreicheren Mitglieder 
der valachicaplebs entstanden neben den bischöflichen Schulen 
auch Normalschulen der Regierung, und als Kollege ^incals stand 
Eustatiades, der Verfasser der ersten rumänischen Grammatik, und 
der ehemalige Sekretär des Bischofs Novacovicl an ihrer Spitze. 

J*Tga, Oeseliielit« der Bam&men. U. 15 



236 1. Kapitel. 

Sein Nachfolger, Radu Tempea, auch ein Kronstädter, der zudem 
einer schreibseligen Priesterfamilie entstammte^ verfafste ebenMs 
eine Grammatik der „verbesserten" Sprache seines Volks. Der 
Buchdrucker Bart erhielt das Privilegium, ausschliefslich die Schul- 
bücher für diese nichtunierten Anstalten zu liefern; und liefs zahl- 
reiche religiöse Schriften erscheinen. Unter dem langersehnten 
Bischof wurde auch ein nichtuniertes Seminar in der Besidenz, 
die sich jetzt zu Hermannstadt befand, errichtet, und auch nicht- 
unierte ZögUnge erhielten nunmehr Stipendien, um sich in Wien 
eine bessere Ausbildung als Schulleiter zu erwerben. 

Endlich wurde durch diese Normalanstalten auch in der ru- 
mänischen Bevölkerung des Temeschwarer Banates, die bisher, ab- 
gesehen von einer schwachen Beeinflussung seitens der Oltenia 
(Kleinen Walachei), in serbischen Kulturformen und unter einem 
serbischen Klerus gelebt hatte, nationales Empfinden geweckt. 
Selbst serbische „Direktoren" mufsten an die Bearbeitung und 
Drucklegung einer rumänischen Sprachlehre denken. Der Volks- 
lehrer und Priester "fichindeal aus Becicherec machte sich durch 
Übersetzungen aus dem Serbischen — besonders durch seine viel 
verbreiteten Fabeln nach Dositheus Obradoviö — 'bekannt. Schon 
1809 bestanden einige ausschliefslich rumänische Schulen im Banate, 
und zwar standen sie unter Aufsicht der Regierung und nicht der 
serbischen Hierarchie. Von den drei 1811 errichteten Pädagogien 
wurde eins, das zu Arad, durch kaiserliche Gnade den Rumänen 
verliehen. Als Grammatiker zeichnete sich Loga, ein Lehrer des 
Arader Pädagogiums, aus, und auch die beiden Teodorovicl, Vater 
und Sohn, die an dem berühmten Ofener rumänischen Wörterbuch 
(Lexiconul din Buda) arbeiteten, waren Banater Rumänen. 

Die „Gelehrten", welche aus diesen priesterlichen und staat- 
lichen Schulen hervorgingen, konnten jedoch — als Glieder der 
politisch nicht anerkannten, sondern nur geduldeten rumänischen 
„ Nation " — lediglich Priester, Mönche oder Lehrer werden, und so 
waren denn die hervorragendsten Persönlichkeiten dieser Zeit zu 
einer äufserst dürftigen Wirksamkeit und Lebenshaltung verdammt 
und empfanden dies auch bitter. Als Bob die Erlasse der Dom- 
herren einführte, hofften die Vertreter der rumänischen Intelligenz 
auf eine Besserung der Verhältnisse, um ihre literarische Tätigkeit 



Die Knltarentwickelang und die bäuerlichen Kämpfe in Siebenbürgen. S87 

fortsetzen zu können; aber sie sahen sich enttäuscht, denn der 
Bischof duldete keinen Mann, dessen literarischer Ruf den seinigen 
hätte überstrahlen können. Von den drei Koryphäen der gelehrten 
Welt ^ward der älteste, ein Neffe des Bischofs Klein, Samuil Klein — 
der Name wird rumänisch Ciain geschrieben — , nachdem er in 
Wien studiert hatte, Lehrer in Blasendorf, mufste aber diese 
Stellung aufgeben, obwohl er dem Bischof Bob lange Jahre als 
Übersetzer kirchlicher Schriften gedient hatte. Schliefslich wurde 
er „Revisor'' für rumänische Bücher an der Uoiversitätsdruckerei 
zu Ofen, die ein Privüegium dafür bekommen hatte, und hier 
starb er im Jahre 1806. ^incal, ein vorzüglicher Schüler der 
römischen Kollegien und ein ungemein begabter Mann, der auch 
ein Gefühl für seine eigene Bedeutung hatte und darum nicht 
allen angenehm sein konnte, wirkte einige Zeit mit Klein zusammen 
am St. Barbara-Kollegium, gründete später Normalschulen, mufste 
aber zuletzt auf Wunsch des beleidigten Bob diese Stellung auf- 
geben und erhielt sie niemals wieder. Er mufste dami dem unga- 
rischen Gelehrten Kovachich bei den von ihm unternommenen ge- 
lehrten Ausgaben Handlangerdienste leisten, wurde Kindererzieher 
für magyarische Dorfjunker und endlich Gehilfe Kleins, als dieser 
seine armselige Anstellung in Ofen erhalten hatte. Beerben konnte 
er diesen aber nicht, und so zog er, im Herzen verwundet, als 
bettelnder Pilger durchs Land, ohne auch nur von der Zensur die 
Erlaubnis zur Herausgabe seines grofsen Werkes zu erhalten, und 
ohne die dazu nötigen Mittel zu finden. Er starb vergessen im 
Hause eines seiner einstigen Zöglinge. Petru Maior war vielleicht 
noch der glücklichste von allen: er war Erzpriester (protopop) in 
Szäsz-Rägen (Reghinul-Säsesc), siedelte dann nach Ofen über und 
ist dort als „Revisor" 1821 gestorben. 

Neben diesen drei Männern arbeiteten nur untergeordnete 
Persönlichkeiten. Einige von diesen, wie loan Barac, Vasile Aron, 
waren Subalternbeamte und schrieben volkstümUche Gedichte, die 
in bescheidenen Kreisen bis zum heutigen Tage gelesen werden 
und viel Gutes gestiftet haben. Auch von den Gelehrten benutzten 
manche die dichterische Form, um die gelegentliche Erhebung 
eines Freundes oder Gönners zu feiern. Einer von ihnen, loan 
Badai Deleanu, den wir zuletzt in der Stellung eines Rechts- 

15* 



SS8 1. Kapitel. 

adjunkten beim galiziechen Gubemium in Lemberg finden, wo 
er spät im 19. Jahrhundert starb, schrieb sogar unter dem Ein- 
flüsse der „ philosophischen '^ Ideen seiner Jugend „die ^iganiada", 
eine „Ziganiade'^, eine epische Parodie, worin sich aufser d^ 
höchst ergötzlichen Fabel eines alten Zigeunerkrieges unter ra- 
manischen Fahnen spitzige Angriffe gegen allerlei Schwächen der 
Zeit inner- und aufserhalb seines Volkes finden. Es ist das ge- 
lungenste dichterische Werk seiner ganzen Generation — die 
schriftstellerischen Leistungen in den Fürstentümern inbegriffen — , 
eine solid geschmiedete Geistesarbeit von dauerndem Werte. Aber 
derartige Erscheinungen sind nur Ausnahmen. Die siebenbürgiscLe 
Schule war im wesentlichen eine Gelehrtenschule, die in doppelter 
Richtung wirkte. Auf Grund der Erbschaft der grofsen Chronisten 
und Geschichtschreiber des 17. Jahrhunderts, und gestützt auf 
die mühsam gesammelten neuen Materialien, bemühte sie sich am 
die Rehabilitation des rumänischen Volkes, und zweitens suchte 
sie auf dem zu bahnenden Wege der Sprachforschung das näm- 
liche Ziel zu erreichen. 

Was die geschichtliche Forschung und Polemik betrifft, so 
versuchte zuerst Klein mit seinen bescheidenen Mitteln, eine all- 
gemeine Geschichte aller Rumänen von der römischen bis zu seiner 
Zeit in seiner klaren, flüssigen Schreibweise zu bearbeiten. Es 
sind allerdings nur Bruchstücke geblieben, die mehrmals über- 
arbeitet, aber niemals vollendet wurden, ^incal, der unablässig 
in den Bibliotheken forschte, arbeitete beinahe bis zu seinem Ende 
unter Benutzung seiner kräftigen Ausdrucksweise, die allerlei An- 
griffe und polemische Ausfälle nicht verschmäht, aber ohne Mafs 
zu halten und Sympathien zu erwecken, an einer Chronik aller 
Rumänen; zum ersten Male preist darin ein siebenbürgischer Ru- 
mäne die grofse Vergangenheit der Wojwoden an der Donau und 
versagt ihnen auch nicht das gebührende Lob. Endlich suchte 
auch Maior in seinem Sinne die „Geschichte des Anfangs der 
Rumänen in Dakien ^^ ^) aufzuklären und stellte ihr eine Unter- 
suchung über die rumänische Eirchengeschichte zur Seite. 

Auf dem zweiten Forschungsgebiete waren ebenfalls Klein 

1) Istoria pentra inceputul Kominilor in Dacia (Ofen, 1812; neaeste Auf' 
gäbe, Budapest, 1883). 



Die EultarentwickeluDg und die bänerlichen Kampfe in Siebenbürgen. S89 

und ^incal tätig; sie gaben schon 1780 zu Wien die lateinischen 
y^Slementa linguae daco-romanae sive valachicae'' heraus, und in 
diesem Büchelchen taucht zum ersten Male die Theorie der Ver- 
derb theit der rumänischen Sprache auf , die sich möglicherweise 
bis zu ihrer lateinischen Reinheit zurückfuhren lassen könne. 
Darin wird auch zum ersten Male ihre Schreibung mit lateinischen 
Buchstaben nach einer ,, lateinischen^' Norm vorgeschlagen. Vor 
1770 bereits hatte Klein in seinen Handschriften, später (1779) 
in einem Gebetbuche Proben dieser reformierten Sprache und dieses 
Alphabets gegeben. Von diesem Buche erschien später eine von 
^incal bearbeitete Ausgabe^ nur unter seinem Namen, und alles, 
was lorgovicly ein Banatrumäne, in seinen ,,Obserya^il de limba 
romineascä" (1799), der jedoch das Problem schon viel modemer 
fafst, was Tempea und andere geschrieben haben, das steht alles 
unter dem Einflüsse dieses patriotischen Mahnrufes. Gleichzeitig 
wollten die „Gelehrten*' ein Wörterbuch bearbeiten, ein grofses 
Wörterbuch, das alle unkundigen oder neidischen Fremden von 
dem lateinischen Charakter der Sprache überzeugen sollte. Die 
grofse Arbeit begannen viele unabhängig voneinander, aber nach 
Klein vereinigte Peter Maior alle Kräfte, um unter seiner Leitung 
das Denkmal aufzurichten. Er starb während der Arbeit an dem 
Werke, welches nebeneinander die Orthographie mit lateinischen 
Buchstaben, die Übersetzung der Wörter in mehrere Sprachen und 
endlich die Etymologie — zu diesem allen war er nicht genügend 
vorbereitet — enthalten sollte. Von den beiden Teodorovicl, 
Vater und Sohn, herausgegeben, ist endlich im Jahre 1825 das 
seiner Absicht nach für die Nationalkultur grundlegende Buch er- 
schienen, das „Lexicon romanescu-latinescu-ungurescu-nemtiescu, 
quare de multi autori in cursul a treidecl si mai multoru ani 
s'au lucrat^^ Es ist in der Tat ein monumentales Werk, wenn 
es auch, nach falschen Grundsätzen aufgebaut, nur vorübergehend 
Wert besessen hat. 

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts waren aufser der kirch- 
lichen Literatur nur lateinische Traktate und Schulbücher im 
Drucke erschienen. Die einzige rumänische Buchdruckerei be- 
fand siqh im Besitze Bobs, der sich mit den Vertretern der neuen 
Richtung nicht verständigen konnte. Diese waren selbst mittellos, 



280 1. Kap. Die Eulturentwickelung u. d. bäuerl. Kämpfe in Siebenbürgen. 

und auf eine kräftige Unterstützung seitens des wenig gebildeten 
„Publikams'^ — lauter bäuerliche Popen — war nicht zu rechnen. 
Die Einkünfte der neu gegründeten Universitätsbuchdruckerei 
waren jedoch der Ofener Universität zugewiesen, und diese erhielt 
auch das Privilegium, „illjrische'^ Bücher, d. h. cyrillische Drucke 
herauszugeben, wofür sie in der Person Kleins einen Revisor und 
Korrektor aus Siebenbürgen berief. Nun ging der ^,walachische'^ 
Beamte an die Herausgabe seiner Schriften: der Anfang von 
Eleins Geschichte erschien im ersten rumänischen Ofener Kalender 
1805. Der Kalender wurde gut aufgenommen und auch fort- 
gesetzt, ja Petru Maior hatte sogar den Mut, durch Subskriptionen 
unterstützt, zwei seiner Schriften zu veröffentlichen, und später 
trat man der Herausgabe des grofsen Wörterbuches näher. Der 
neue Qeist hatte rasch Verbreitung gefunden; es gingen immer 
mehr Studenten nach Ofen und Wien. In der reichen arominischen 
Kaufinannskolonie regte sich die Stammverwandtschaft, und 
während Männer wie Boiadschi und Roza den makedonisch-ru- 
mänischen Dialekt willkürlich in die neuen Sprachformen ein- 
zuschmuggeln suchten, spendeten reiche Leute Geld zum Wohle 
der gesamten grofsen rumänischen Kation und nahmen als Dank 
dafür Vorreden und Widmungsgedichte entgegen. 

Ein energischer praktischer Mann, Zaharia Carcalechi aus 
Kronstadt, begann nun als „Verleger" rumänische Bücher bei 
der genannten Universitätsdruckerei auf seine Kosten herstellen 
zu lassen, und er verstand es, durch Subskriptionslisten und Mahn- 
rufe mit seinem Geschäfte zugleich die rumänische Literatur in 
Schwung zu bringen. Er nahm den schon früher von dem Oku- 
listen, Universitätslehrer, Grammatiker und Volksschriftsteller 
Dr. Jobann Molnar (1789 — 1794) und von dem rumänischen 
Übersetzer Teodor Racoce zu Lemberg (1817 — 1820) ausge- 
sprochenen Gedanken einer rumänischen Zeitschrift wieder auf; 
er liefs fliegende Blätter über die Begebenheiten der europäischen 
Kriege erscheinen und begann 1821 mit der Herausgabe einer 
„Rumänischen Bibliothek '', worin eine kurze Geschichte der Ru- 
mänen, eine Geschichte der rumänischen Länder Siebenbüigen, 
Walachei, Moldau, eine Geschichte der rumänischen Literatur, 
eine Weltgeschichte, eine Darstellung der Geschichte der Fürsten- 



2. Kapitel. Übertragung des Nationalbewafstsems usw. 281 

tümer in neuester Zeit und andere volkstümliche wissenschaftliche 
Werke Platz finden sollten. Durch diesen bescheidenen Geschäfts- 
mann ist die zeitgemäfse Geistesrichtung gewaltig gefördert worden. 



2. Kapitel. 

Übertragung^ des Nationalbewiifstseins aus Sieben- 
bürgen auf die Fürstentümer. 

Zu der Zeit, wo die Schulen von Blasendorf gegründet wurden, 
waren die Donauiurstentümer durchaus nicht aller geistigen Kultur 
bar, es bestanden hier vielmehr die alten rumänischen, slowenischen 
und griechischen Schulen in besserer Verfassung fort. In den 
Akademien der Hauptstädte wurde sogar Lateinisch gelehrt, und 
später — gegen Schlufs des Jahrhunderts — dachten die „Epi- 
tropen " von Jassy sogar an die Einführung eines ernsteren wissen- 
schaftlichen Studiums und an die Annahme der neueren, freieren 
Lehrmethode anstatt des üblichen alten Papageidrills. Manche 
Metropoliten hatten sich um das Unterrichtswesen verdient ge- 
macht, besonders der zweite lacov, der Sohn eines siebenbürgischen 
Bauern, und Veniamin Costachi, der Sprosse eines alten, berühmten 
Bojarengeschlechtes. Beide hatten an der Spitze der moldauischen 
Kirche gestanden. Veniamin, der seine Diözese noch lange ver- 
waltete (f 1846) und als ein heiliger, nach apostolischen Grund- 
sätzen lebender Mann verehrt wurde *), hatte das Glück, unter der 
Begierung des edelgesinnten Alexander Moruzi 1803 auch ein 
Priesterseminar — das erste in den Fürstentümern — gegründet 
zu sehen. Konstantin Maurokordatos war bereits auf den Ge- 
danken gekommen, in Bukarest durch Jesuiten eine grofse latei- 
nische Schule nach westeuropäischem Muster zu errichten. In 
vielen grofsen und kleinen Städten waren durch das reformatorische 
Dioskurenpaar Gregor Alexander Ghica und Alexander Ipsilanti, 
vor und nach 1774, rumänische Schulen, hier und da auch alt- 
und neugriechische entstanden: in der Moldau gab es deren nach 

1) Ich habe sein Leben in einem Büchlein j^Yla^a fi faptele lul Veniamin 
Costachi" (Bukarest, 1904, in 16«) beschrieben. 



tn 2. Kapitel. 

der Verordnung von 1769 nicht weniger als dreiundzwanzig, 
der walachiscfae Herrscher zeigte sich in dieser Hinsicht nie 
weniger eifrig. 

Moldauische und walachische ,, Gelehrte'' waren ebei 
nicht dünn gesät. Männer wie Georg Bogdan, loan Cai 
Vasile Bal^, Scarlat Sturdza, die Brüder Kantakuzino und de 
junge Väcärescu gingen ins Ausland, nach Frankreich und Deutsch*! 
land, um ihre Bildung zeitgemäfs zu vervollständigen. Die adligeal 
Familien hielten sich gern fremde Hauslehrer, statt eines griechiscbeal 
,,Logiotatos'' oder auch neben ihm. Der literarische Bahnbrecher 
der Serben, der den serbischen Geist aufrüttelte, Dositheus Obra*| 
doviÖ, war von deutscher Kultur beeinflufst und wirkte bis 1783 
als Lehrer der modernen Sprachen in der Moldau. Deutache, 
wie König, der spätere preufsische Konsul in Jassy, Italiener, wie 
der Abt Bancini und der italianisierte Raicevich, aber besonders Fran- 
zosen, wie namentlich Ledoulx, Nagni und unzählige andere, ver- 
dienten schönes Geld, indem sie die jüngere rumänische Generation 
für ein neues Leben vorbereiteten. Die Bojaren selbst fanden in 
einzelnen Fällen auch Wohlgefallen am Reisen, das ihnen bisher 
verboten gewesen war. So ging Dudescu, allerdings ein ver- 
schwenderischer, prunkliebender Mann, in napoleonischer Zeit 
nach Paris, um den Glanz des jungen Weltkaiserreiches zu sehen, 
lenachi Väcärescu vergafs niemals seinen Aufenthalt in Sieben- 
bürgen während des Krieges von 1768 — 1774, und die Ehre, die 
ihm Kaiser Joseph in Kronstadt erwiesen hatte, als er Arm in 
Arm mit dem gescheiten , Italienisch und Französisch sprechenden 
Grofsbojaren durch den Saal der „Assembl^e" schritt. Etwas 
später ging er in einer vertraulichen Mission nach Wien, und die 
Damen der kaiserlichen Residenz staunten über das fremdartige 
Aussehen und die reichen Schals des morgenländischen Edelmannes. 
Durch die „Agenzie" wurden europäische Zeitungen jeder po- 
litischen Richtung ßir die hohe rumänische Gesellschaft und für 
die im Lande angesiedelten Fremden bezogen. Abendländische 
Spielkarten, abendländische Kutschen, abendländische Möbel, abend- 
ländische Romane bildeten je länger, desto mehr in dem moldo- 
walachischen Lande gesuchte Artikel. Der langjährige, oft er- 
neuerte Aufenthalt russischer und österreichischer Offiziere während 



Übertrag, d. Nation albewafstBeinB ans Siebenbürgen auf d. Fürstentümer. 233 

der unendlichen, beinahe unaufhörlichen Kriege gegen die wankende 
Türkei war ebensosehr schuld an dieser grofsen Veränderung, 
wie die unabwendbare Ausbreitung des neuen Geistes, die lang- 
same, aber sichere Eroberung des Orients durch das ihm un- 
endlich überlegene Abendland. Mit den Aufserlichkeiten des Lebens 
fing man an, aber das Ende war eine völlige Umgestaltung des 
geistigen und seelischen Lebens. Die der Levante entstammten 
Fürsten, die Dragomans gewesen waren, kannten allerdings die 
westeuropäische Kultur nur oberflächlich, eigneten sich aber den- 
noch treflflich für die Durchfuhrung dieser Kulturrevolution, welche 
die Fürstentümer in bezug auf Sitte und Mode vom Orient sonderte, 
und zwar in derselben Zeit, wo sie sich auch politisch langsam 
vom türkischen Staatskörper lostrennten. 

Aber dieser Umschwung des Kulturideals war keineswegs 
auch von einer Renaissance der rumänischen Literatur begleitet. 
Nur unbedeutende rumänische schriftstellerische Erzeugnisse finden 
sich in dieser interessanten, bewegten Epoche ; bemerkenswert sind 
sie höchstens infolge ihrer Seltenheit. Chronisten finden sich nur in 
der Walachei, während in der Moldau, der einstigen Heimat der 
Chronistik, seit 1774 alles schweigt. Die walachischen Chronisten, 
wie Dumitrachi Varlam und lenachi Väcärescu, schreiben in einer 
sehr verderbten Sprache und geben nur eine trockene, nicht durch 
Begeisterung belebte Erzählung. Für die neu eingerichteten Volks- 
schulen wurden keine Bücher gedruckt. Die Grammatik des 
Väcärescu, die in zwei Ausgaben, zuletzt in Wien, erschien, ist 
das Werk eines unpraktischen Dilettanten. Obgleich das Manu- 
skript wahrscheinlich schon 1782 fertig war, ist das Buch erst 
1787 erschienen, und der Verfasser ist so rückständig, dafs er sich 
nicht einmal die Entstehung der von ihm beschriebenen Sprache 
zu erklären vermag; für ihn haben die römischen Kolonisten 
„Italienisch ^' gesprochen! Als Dichter ist derselbe alte Väcärescu 
gewifs unverdienterweise mehr gepriesen, als gelesen und verstanden 
worden: von ihm rühren tatsächlich einige sehr steife Musterverse 
in seiner Qrammatik her, andere Verse von ihm, die den tür- 
kischen ähneln, finden sich in der „Geschichte der osmanischen 
Elaiser'^, und aufserdem hat er noch etliche kleine Salonproduktionen 
hinterlassen. Seine Söhne Alexander imd Nikolaus, und auch 



234 2. Kapitel 

lancu^ der Sohn Alexanders^ überragen ihn gewifs nicht, obgleich 
Alexander hier und da einiges "Nette aufweisen kann. Als die 
Grammatik lenachis erschien, hatte der moldauische Bojar Alexander 
Beldiman schon zwanzig Jahre, das Alter der Leidenschaften und 
der ersten Hofwürden, hinter sich. Wie viele, sehr viele von seinen 
Zeitgenossen, Männern und Frauen, übersetzte er unaufhörlich, in 
meist langen, eintönigen Versen k la Delille alles, was ihm bei 
seiner Lektüre besonders gefallen hatte ; er verfafste sogar mit der 
prosaischen Treue eines Berichterstatters eine Tragikomödie, eine 
„Tragödie*' — „schmerzliche Tragödie" nannte er sie — , der 
Wirren von 1821, die er miterlebt und in denen er mitgelitten 
hatte. Der viel jüngere, erst 1777 geborene Konstantin Conachi 
entwickelte treffliche Ideen über den Kulturumschwung, den sein 
Volk durchmachte ; er trat in kernigen Worten für wahre Geistes- 
bildung ein, forderte Fürsorge für die innere Entwickelung des 
Volkes imd Verfeinerung des Gefühlslebens, nicht nur eine solche 
der Salonsprache, der Schuhe und Hüte. Aufserdem war er ein 
kundiger Landmesser^ ein bedachtsamer Politiker, ein Kenner des 
Rechts und ein ausgezeichneter Landwirt, aber in seinen unzähligen 
Gelegenheitsgedichten, die an Lebendige und Tote und an oft 
wechselnde Freimde und Freundinnen gerichtet waren, erscheint er 
dennoch als ein weinerlicher, kläglicher, elender prosaischer Reime- 
schmied, dem nur selten sein poetischer Ergufs von Herzen kommt. 
Daneben erreichte die kirchliche Literatur eine gewisse Blüte. 
Dem eifrigen Bischof von Rimnic, Chesarie, eiferten viele Männer 
nach und setzten die von ihm begonnene schwere Arbeit fort; 
eine ganze heilige und fromme Literatur ward aus den Originalen 
übersetzt, und diese Übersetzertätigkeit nahm zahlreiche Mönche 
bis tief ins 1 9. Jahrhundert hinein in Anspruch. Die schon genannten 
kulturfreundlichen Metropoliten der Moldau trugen das Ihrige zu 
diesem fruchtbaren Unternehmen bei. Endlich wurde durch den 
Kleinrussen Paisij das Klosterleben nach besseren Grundsätzen neu 
gestaltet, und das Kloster Neam^u, wo er sich mit seiner „Synode'' 
von Cönobiten, d. h. Brüder des gemeinsamen Lebens, festsetzte, 
wurde zu einer grofsen Werkstätte für das Übersetzen, Abschreiben 
und Drucken kirchlicher Schriften, deren streng orthodoxer Inhalt in 
einer vorzüglichen Sprache niedergeschrieben wurde. Veniamin 



Übertrag, d. NationalbewuTstseins aus Siebenbürgen auf d. Fürstentümer. SS5 

Oostachi war ein Schüler des Klosters Neam^, und zwar hatte er 
dort nach der Flucht aus dem elterlichen Bojarenhause eine Heim- 
stätte gefunden. Damals richteten auch die besten Mönche der 
benachbarten Walachei ihren BUck auf jenen berühmten, heiUgen 
Ort wie auf den Berg Sinai und hofften auf neue Gesetzestafeln 
für ihren Orden. Aber selbstverständlich war diese für die Ent- 
wickelung der Sprache höchst wertvolle Arbeit nicht von modernem 
Oeiste erfüllt, und deshalb überdauerte auch nur wenig von dem 
Leben, das sich in der Zeit Paisijs zu Neam^ geregt hatte, das 
Jahr 1821; langsam versank, wie die anderen, auch dieses Erlöster, 
in das faule Dahinleben des morgenländischen Mönchtums. 

Nur das Vordringen der aus Siebenbürgen kommenden 
geistigen Strömung vermochte diese Schläfer zu neuem Leben zu 
erwecken, den Gesichtskreis der Patrioten zu erweitern und den 
Indifferentismus der Massen zu erschüttern. Aber eine derartige 
Beeinflussung stiefs auf grofse Schwierigkeiten, denn ein Verkehr 
über die politische Grenze hinweg war beinahe immer durch die 
lästige Quarantäne unmöglich gemacht. Die politische Grenze be- 
deutete in einer Zeit, wo die türkischen Provinzen an der Donau 
als die Heimat der Pestilenz und der russischen Ränke galten, 
ein recht grofses Hindernis. Ein anderes bildete seit der Durch- 
führung der Union in Siebenbürgen die Verschiedenheit des Be- 
kenntnisses. Früher hatten die siebenbürgischen Bischöfe in der 
Walachei ihre Weihe empfangen; viele dieser Bischöfe waren 
transalpinischen Ursprungs gewesen, wie Dosoftel I., Meletie und 
loasaf. Den walachischen Fürsten hatte man als den natürlichen 
Schutzherm der rumänischen Kirche jenseits der Berge betrachtet, 
und tatsächlich hatte ^erban Eantakuzino einst von Apaffj die 
Befreiung des Brancovicl gefordert; er hatte den Bischöfen Gaben 
gesandt und Dörfer in der Walachei verliehen. Die in Snagov, Tirgo- 
viste, Bukarest usw. gedruckten Bücher hatten hier eine gute Auf- 
nahme gefunden. Nach der „Apostasie'* jedoch gelangten rumänische 
Bücher aus dem Lande an der Donau nicht mehr unbehindert nach 
Siebenbürgen und umgekehrt; jetzt fürchtete sich jeder Teil vor 
ketzerischer Beeinflussung, und die kaiserliche Regierung verbot auch 
noch ausdrücklich die Einfuhr fremder, „schismatischer" Bücher. 
Rumänisch-siebenbürgische Schriften nichtunierten Inhalts erschienen 



2S6 2. Kapitel. 

aber erst sehr spät, und auch die Orthodoxie dieser inmitten der 
Häretiker lebenden „altgläubigen" Kirche erschien jenseits der Berge 
etwas verdächtig. Zu oft war dann von der türkischen Unbeständig- 
keit und von der Barbarei der freien Walachei in der 2jeit Sofronie» 
und später die Rede gewesen, um die Auswanderung zu verhindern, 
und diese Vorstellung hatte nun endlich Wurzel gefafst Welch 
heilsame Folgen hätte nicht die Rezeption der Bestrebungen eine» 
l^incal oder Klein für die Fürstentümer haben können ! Statt dessen 
gewann irgendein leichtfertiger, für diese Aufgaben völlig un- 
vorbereiteter französischer £migrant Einflufs. Der stolze Siebenbürge 
andrerseits dachte niemals, selbst nicht in den Zeiten gröfster Be- 
drängnis, an eine Auswanderung in das Land der noch von 
Nacht umgebenen Brüder. Die Bojaren reisten durch Siebenbürgen 
hindurch wie durch ein fremdes, „deutsches" oder ungarisches 
Gebiet, ohne die Gelegenheit zu benutzen und die Bewohner 
kennen zu lernen oder ihre Bücher zu lesen. Als durch Carca- 
lechis Bemühungen, der auch eine Arbeit von Beldiman drucken 
liefs, die korrekten und schönen Erzeugnisse der Ofener Presse 
nach Bukarest und Jassy gelangten, fehlte es an Verständnis für 
den latinisierten Stil und die hier und da eingeführten neuen, 
westeuropäischen Buchstaben. Aber an den Schriften des Dio- 
nisie Eclesiarhul — dies ist ein naiver Mönch und nüchterner 
Chronist — und an denen des Naum Rimniceanu — dies ist auch 
ein Mönch und erlebte noch den Sieg der neuen Strömung — 
ist die Lektüre der Siebenbürgen dennoch nicht spurlos vorüber- 
gegangen; das gilt namentlich für die des letzteren. Ein wirk- 
licher Umschwung war aber nur möglich, wenn ein Mann von 
drüben herüberkam und die frohe Botschaft mit dem begeisterten 
Worte des Propheten verkündete. Dieser Mann, Gheorghe Lazär, 
war der arme Sohn ärmster Eltern; er hatte fleifsig studiert und 
die Doktorwürde erworben, und das war bei den Rumänen dieser 
Zeit etwas Ungewöhnliches. Er war einige Zeit als Prediger an 
der hermannstädtischen Bischofskirche tätig gewesen, aber er hatte 
in seiner Heimat Zurücksetzungen erfahren, die ihn erbitterten, 
und war deshalb 1816 mit den Kindern einer walachischen Dame 
nacE^ukarest gekommen. 

Hier lernte er alte Bojaren kennen, die ihre alten Tugenden 



Übertrag, d. Nationalbewufstseias aus Siebenbürgen auf d. Fürstentümer. 2S7 

noch bewahrt hatten , und einige von ihnen, so der aufrichtige 
Konstantin BäläceanU; der gelehrte Sprichwörtersammler lordachi 
Oolescu, Gregor Bäleanu u. a. waren auch imstande, ihn zu ver- 
stehen, da sie sieh bereits durch die Lektüre mit den Schriften 
Carcalechis vertraut gemacht hatten. Er traf aber auch „junge 
Herren '', die eben erst aus dem Auslände zurückgekehrt waren 
und deren Bildung sich meist lediglich durch den Gebrauch einer 
fremden Sprache und fremder Eleidermoden dokumentierte. La- 
zär fand aber auch die griechische Hofkamarilla des Fürsten 
Caragea. Dies war ein selbstsüchtiger, unersättlicher Mann, der 
dem Lande allerdings auch ein neues, wenn auch nicht all- 
zusehr von dem früheren abweichendes Gesetzbuch gegeben hat. 
Er unterstützte die hohe griechische Schule, die den Rumänen 
in fremder Sprache manche Kenntnisse vermittelte; seine geist- 
reiche Tochter Ealu beschäftigte sich auch mit einem griechischen 
Liebhabertheater. Lazär bewährte sich als guter Geometer und 
gewann dadurch das Vertrauen der Bojaren. Auf Verwendung 
seiner Gönner erhielt er die Erlaubnis, unentgeltlich in 
eüichen schlechten ungeheizten Zimmern des St. Sabbas-Elosters 
Arithmetik und Geometrie vorzutragen, um auf diese Weise 
Landmesser für die Vermessung der Güter des Adels heranzu- 
bilden. Seine Schule war bald sehr besucht, und in den jungen 
Herzen fand die Stimme des Nationalpredigers einen wunderbaren 
Widerhall. Bald lehrte er auch Geographie, ja sogar Philosophie, 
aber daneben sprach er, trotz aller Satiren, trotz aller ihn 
schmähenden Reden und Schriften, ja trotz der nicht ausbleibenden 
Denunziationen, von dem grofsen alten Rom, von den vergangenen 
Zeiten rumänischer Tapferkeit, von den elenden Zuständen der 
Gegenwart und einer besseren zu erkämpfenden Zukunft. Als 
der neue Metropolit Dionisie Lupu seinen Sitz einnahm, gewann 
Lazär noch einen neuen mächtigen Gönner, und diese seine Be- 
schützer erwirkten ihm nicht nur die Freiheit des Unterrichts in 
dem von ihm gewünschten Sinne, sondern auch eine, wenn auch 
dürftige Besoldung ^). In ErdeU, auch einem siebenbürgischen Ru- 
mänen, erhielt Lazär einen Gehilfen, so dafs er in Ofen, in den 

1) S. die Zeitschrift ^coala rominS, ü. Jahrgang, Nr. 6 (15. Oktober 
1903). 



2S8 2. Kapitel. Übertragung des Nationalbewurstseins usw. 

Augen CarcalechiS; als ,, Direktor der hohen Nationalschalen'' er- 
scheinen konnte. Er verfafste nunmehr Schulbücher für die erstea 
Elemente des Unterrichts^ einen Povä^uitor (,, Berater '') in der 
Grammatik^ femer ein ausgezeichnetes Werkchen zur Erlernung 
der Arithmetik^ aber auch Lehrbücher der Geographie^ Philosophie 
und Weltgeschichte. Das Manuskript des ersten Schulbuchs war 
bereits nach Ofen zum Druck abgegangen ^ als 1821 die Revo- 
lution der Griechen auf rumänischem Boden ausbrach. Als nach 
der Wiederherstellung geordneter Zustände Lazär zurückkam, war 
er müde, krank und entmutigt und starb wenig später in seinem 
Geburtsort Avrig. Als würdigen Nachfolger liefs er loan Bädu- 
lescu Eliad zurück. 

In der Moldau hatte beinahe zu derselben Zeit der Sohn deg 
Landesoberprotopopen, Gheorghe Asachi, eine ähnliche Schule für 
praktische Mathematik unter dem Schutze des Bojaren Mihal 
Sturdza errichtet; und zwar in den Räumlichkeiten der stark be- 
suchten erneuerten griechischen Schule selbst. Der Fürst Scariat 
Kallimaki war ein milder Mann und liefs durch eine fieifsige Kom- 
mission ein Gesetzbuch abfassen, das seinen Namen trägt und die 
Landesgewohnheiten ebenso wie die Bestimmungen fremden Rechts 
berücksichtigt. Er war zwar ein guter griechischer Patriot, 
aber schenkte dennoch den Klagen des hochgelehrten hellenischen 
Schuldirektors Gobdelas kein Gehör. Asachi konnte also sein 
nützliches Werk fortsetzen: er sprach rumänisch, lehrte aber nur 
Mathematik, obgleich er ein schwungvoller Dichter war und bei 
seinen vielfachen Studien im Auslande auch Rom besucht und 
die Abstammung der Rumänen von den Söhnen der ewigen Stadt 
schwungvoll besungen hatte. 

Im Jahre 1820 wurde er sogar nach Siebenbürgen gesandt, 
um drei Lehrer für das „veniaminische^^ Seminar zu gewinnen: 
es kamen Mamfi, Bob und Vasile Pop, aber keiner von ihnen 
war ein Lazär. Indes auch durch Vermittelung dieser minder 
bedeutenden Persönlichkeiten drang der neue Geist in die Moldau 
ein. Nur kurze Zeit verging, und schon kehren in den vom ehe- 
maligen Paisianer Veniamin Costachi unterzeichnete Vorreden 
zu seinen kirchlichen Übersetzungen die leitenden Ideen der Schule 
von Blaj wieder. Die jungen Leute von Jassy gingen nach Ba- 



j 



3. Kap. Politische Kämpfe in den Färstentümern bis zum Jahre 1848. S39 

karest als zur Quelle der neuen nationalen Religion, um die Schule 
zu besuchen: die Einheit, die fundamentale Kultureinheit des ru« 
manischen Volkes war damit wiederhergestellt 



3« Kapitel. 

Politische Kämpfe in den Fürstentümern bis zum 

Jahre 1848. 

Politische Reformgedanken tauchen jetzt aufs neue auf, und 
die alte russenfreundUche Richtung kommt darin zum Ausdruck, 
aber ebenso der aristokratische Egoismus, eine weniger tiefe Zu* 
neigung zum Bauernstand und endlich der Wunsch einer Reorgani- 
sation im neuen nationalen Sinne. 

Derartige Uterarische Kundgebungen finden sich bereits vor 
dem Jahre 1821, das den Wendepunkt bezeichnet. Ein un* 
genannter walachischer Bojar, vielleicht einer der beiden Brüder 
Golescu, von denen der jüngere, Dinu, die Beschreibung einer 
Reise nach der Schweiz veröfiFentlichte, widmete dem 1818 ins 
Ausland geflüchteten Caragea eine Schrift mit dem Titel: „Be* 
Schreibung der Walachei in den Tage|^ S. M. des Fürsten Johann 
Caragea, geschrieben auf Kosten der Armen von dem, was ihnen 
noch übrig geblieben ist.'^ Es ist eine Nachahmung der Toten- 
gespräche, in der ausgesogene Bauern im Himmel mit ihren Be- 
drückern zusammentreffen und die tragische Vergangenheit der 
Steuemot durch pathetische Reden aufs neue lebendig werden lassen. 
Als Caragea seinen Thron aufgab und mit seinen auf ungewöhn- 
Uche Weise erworbenen Millionen nach dem schönen Italien zog, 
von den aufrichtigsten Flüchen des ausgeplünderten Landes begleitet, 
wandten sich die walachischen Bojaren mit einer Bittschrift, die 
hundertundyierzig Unterschriften trug, an die Pforte und verlangten, 
dafs die hohen kirchlichen und die Staatsämter, womöglich auch die 
Hofamter, und endlich auch die höchste Würde, die des Fürsten, 
den Eingeborenen wiedergegeben werden möchte ^). Der russische 
Gesandte, in dem man einen mächtigen Förderer dieser Bestrebungen 



1) Vgl. Harmazaki, X, Vorrede, S. Lxvn und Ist. lit. rom., U, S. 3G4, 



240 3. Kapitel. 

zu finden hoffte, verlor sich zwar in unendlichen Verbandlangen bei der 
Ernennung eines Nachfolgers für Caragea, aber um die Wünsche der 
^^Rechtgläubigen'' in der Walachei anzuhören, dazu fehlte ihm die Zeit 
Die von heifser Liebe zum Vaterlande durchdrungenen Worte 
Alexander Ipsilantis — er war den Bojaren als Fürstensohn (Bei- 
zadea) und als ehemaliger Grofsgrundbesitzer in der Moldau be- 
kannt, da er durch seines Vaters Gnade und Raubkunst das Gut 
Bro^tenl, welches jetzt dem König gehört, erhalten hatte — , fielen 
auf unfruchtbaren Boden, obgleich er sich so benahm, als wenn 
er ein anerkannter revolutionärer Sendbote des russischen Kaisers 
sei ^), und nur die von ihm in erster Linie angesprochenen avdqeq 
yqaLTLol gesellten sich bewaffnet zu ihm. Dies geschah namentlich 
dann, als die Russenfreunde, darunter der grofse Metropolit Veniamin, 
einsahen, dafs trotz der verheifsenen Ankunft die kaiserlichen 
Truppen ausblieben. Die Bewegung war Ende Februars a. St. 
1821 ausgebrochen, und Ipsilanti hatte sich alsbald auf den Weg 
nach der Walachei gemacht. Callimachis Nachfolger auf dem 
moldauischen Fürstensitze war Mihal Sutu, ein neuer Mihal S^a, 
der Enkel des ersten, ein prachtliebender, verschwenderischer und 
verdorbener junger Mann, der als guter hellenischer Patriot za 
den Revolutionären überging und, um deren Siege zu erleichtem, 
sich bald nach Rufsland wandte. Dort war er vor einer Aus- 
lieferung sicher. Der walachische Herrscher, Alexander Sufu, war 
seit einiger Zeit krank gewesen, obwohl dies verheimlicht wurde, 
und war im Januar gestorben. Dies beschleunigte gewifs die An- 
kunft des bisher noch zögernden Ipsilanti. Sowohl in der Moldau 
als auch in der Walachei übernahmen fiLaimakams (Stellvertreter) 
im Verein mit dem betreffenden Metropoliten als Präsidenten die 
Führung der Regierungsgeschäfte, während die Pforte Scarlat Calli- 
machi zum walachischen Fürsten ernannte und ihm auch die Ver- 
waltung des anderen rumänischen Landes anvertraute. Ipsilanti 



1) Vgl. aber Acte ^i fragm., 11, S. 562, nr. 1: ein Brief der russischen 
Kaiserin, worin von der leider verzögerten „Expedition** Alexanders und ?on 
einem ihm übergebenen Briefe an den bessarabischen Kommandanten gesprochen 
wird. Das Original in der Königlichen Bibliothek Ton Berlin, Aatograpben- 
sammlang Badowitz, nr. 1315. — Vgl. auch Stadil ^i documente, YII, S. 85-86, 
nr. 42. 



Politische Kämpfe in den FürstentQmem bis zum Jahre 1848. S41 

liefs als Sühne dafür die in Jassy weilenden Türken ermorden 
und fand auf seinem Wege nirgends Widerstand; bereits am 
24. März erklärten sich die Vertreter des Fürsten Kallimaki 
aufserstande; die Ordnung aufrechtzuerhalten, und verliefsen das 
Land. Der russische Konsul und der österreichische Agent gingen 
nach Siebenbürgen. Noch vor Ende März aber schlug Ipsilanti sein 
Lager in Colintina; in der Nähe der walachischen Hauptstadt, 
auf. Von dort wollte er sich mit Hilfe der empörten Balkanvölker 
nach dem entfernten Morea wenden, wo die Waffen schon klirrten : 
als Wiederhersteller der Freiheit wollte er auftreten, in Begleitung 
seiner Kokarden tragenden, in russischen Uniformen steckenden 
Hitzköpfe, die sich nach Beute sehnten, Krawall liebten und Kreuz- 
fahnen trugen. Der Weg zu diesem hohen Ziele war ihm jedoch 
durch die vollständige Ruhe, die jenseits der Donau herrschte, 
versperrt, denn die Türken warteten nur auf die Stunde, wo sie 
an den Rebellen Vergeltung üben könnten, und sogar in der 
Walachei fand er unerwartet Widerstand. 

Vor seiner theatralischen Ankunft hatte Alexander Ipsilanti 
im geheimen mit den Arnautenhauptleuten der rumänischen Fürsten, 
mit dem Cäpitan lordachi und einem gewissen Sava, die beide 
griechisch-slavischen Ursprungs waren, Verbindung angeknüpft. 
Diese Leute besafsen die Macht, um ganz nach Belieben Ordnung 
oder Anarchie in einem Lande herzustellen, und jetzt hielten sie 
es für zweckmäfsig, um für die von den Griechen inszenierte Revo- 
lution den Boden zu bereiten und den Türken einen tüchtigen 
Schrecken einzujagen, unter der walachischen Miliz, die zur Be- 
kämpfung der Räuberbanden, der bäuerlichen haiduci, bestimmt 
war, einen Aufruhr zu erregen. Viele von diesen p an du rl, die 
einst die österreichische Regierung statt der früheren pläia^I (Wächter 
der Bergabhänge) in der Kleinen Walachei eingeführt hatte, waren 
während des letzten Krieges für die Russen eine nützliche Stütze 
gewesen, und einer ihrer Führer, Tudor Vladimirescu, hatte sogar 
als Lohn kaiserliche Orden bekommen. Auch nach 1812 hatte er 
seinen Titel „Comandir'' behalten und nach wie vor Einflufs auf 
seine ehemaligen Waffenge&hrten ausgeübt. Durch Kauf hatte er 
sich von der Regierung wohlfeil den Rang eines Slugers erworben 
und hatte auch das kleine Amt eines Vätaf de plaiü erhalten, 

Jörg», Geschiclite der Bumänen. IL 16 



24S 3. Kapitel. 

wodurch er mit den Pandurl in nähere Berührung gekommen war. 
Diese waren in hohem Mafse unzufrieden; weil sie ihre bisherigen 
Privilegien; kraft deren sie zum Unterschiede von den Bauern 
Steuerfreiheit genossen; verloren hatten. Aber auch in Tudors stolzem 
Herzen hatte sich infolge erduldeter Unbill und infolge mehrerer 
in Bukarest verlorener Prozesse ein unaustilgbarer Qroll angesammelt; 
und er; der wohlhabende Bauer und kleine Beamte; der wortkarge 
Mann mit seinem finsteren Blicko; gehörte zu denen; die nicht ver- 
gessen können. Nach dem Tode Su^us schickte ihn lordachi 
mit etlichen Gefährten nach seiner Heimat; um die Gemütef zu 
erregen und auf diese Weise zur Erreichung des ;;grofsen Zieles'^ 
beizutragen. Er trat also in der Oltenia als Empörer auf; ob- 
gleich er auch von geheimen Aufträgen des Fürsten sprach; be- 
rief seine Standesgenossen zu einer ;; Volksversammlung^^; Adu- 
narea Norodulul zusammen; in der er von Vergeltung sprach; 
liefs die Beamten verhaften und verbreitete in den Dörfern eine 
Proklamation; in der von dem mannigfachen; allbekannten erduldeten 
Unrecht; von schlechten Bojaren und Prälaten, von bösen Griechen; 
von der Erleichterung der drückenden Steuern die Rede war, 
aber über den letzten Zweck der Bewegung war darin nichts aus- 
gesagt. Den benachbarten Türken gab er die Versicherung; dafs 
sich die Spitze dessen; was geschehen würde ; keineswegs gegen 
den allergnädigsten ;; Kaiser'^ richte; von dem die untertänige Raja 
vielmehr ihre Erlösung erhoffe. Basch scharte sich nun um diesen 
;; Fürsten", diesen nicht griechischen; und auch nicht ;, wohl- 
geborenen" Domn des ,; Volkes"; die gesamte ol tonische Landes- 
miliz ; dazu gesellten sich zahlreiche Bauernrotten; denen die sonst 
dem Ackerbau dienenden Geräte als Waffen dienten. Anarchistische 
Elemente verschiedener Herkunft; auch Bulgaren und Serben; die 
schon in dem Befreiungskriege jenseits der DonaU; in Serbien; mit- 
gekämpft hatten; vereinigten sich mit diesem kleinen HeerO; das bald 
ethche tausend Mann stark wurde. Es wurde ei&ig agitiert; nicht 
minder eifrig geraubt; und in loser Ordnung ging eS; nachdem Tudor 
seine ispravnicl jenseits des 01t eingesetzt hattO; vorwärts unter 
dem Banner des Landes, welches schon im Januar, also vor dem 
Tode Su^us, für den ;;norodul romänesc" hergestellt worden war ^). 
l)Arice8cu, Istoria revolutiunil romäne de la 1821 (Craiova, 1874), I, S. 188. 



Politische Kämpfe in den FüTstentfimem bis zum Jahre 1848. S4S 

£& fehlte an irgendeiner strafferen Organisation; das Ziel war 
Bukarest, aber alles Weitere lag in dem Schofse einer ungewissen 
Zukunft. 

Hier kam Tudor früher an als derjenige, der ihn bisher nur 
als einen untergeordneten bäuerischen Helfer betrachtet hatte. Be- 
fanden sich unter den in Bukarest zurückgebliebenen Bojaren 
etwa auch solche, die mit dem Volksfuhrer in Verbindung standen? 
Dies ist kaum anzunehmen^ denn in der gesamten späteren Lite- 
ratur, die aus dem Kreise der Bojaren hervorgegangen ist, wird 
Tudor niemals, auch nicht an einer Stelle, anders als mit den 
heftigsten Ausdrücken des Tadels genannt. Aber er stand tat- 
sächlich in der Hauptstadt, und ein Heer gehorchte ihm. Deshalb 
schickten sich die Bojaren in das Unvermeidliche, und es wanderten 
sogar schwerfällig und unklar abgefafste Eingaben an die Türken 
und auch an die Russen, um ihnen zu beweisen, dafs Tudor, 
gegen den doch das Bojarentum seine Amanten mehrmals aus- 
gesandt hatte, kein Aufwiegler und Missetäter sei, sondern, gerade 
wie sie selbst, die von ihm eingeschlossenen Bojaren, ein guter, 
ehrlicher Patriot, der weiter nichts verlange als die Abschaffung 
der Mifsbräuche, der griechischen Ungerechtigkeiten. Jedoch die 
Nachricht, dafs sich statt der erwarteten Russen türkische Truppen 
der Donau näherten, vernichtete die vorübergehende Einheitlichkeit 
patriotischen Empfindens. Während sich Ipsilanti nach Tirgoviijte, 
d. h. in 'der Richtung auf die österreichische Grenze, zurückzog, 
schlug Tudor den Weg nach Pite§tl ein ; er wandte sich zu seinen 
plaiuri und zu seiner oltenischen Festung, ohne dafs ihn auch 
nur einer von seinen Bukarester Freunden auf diesem flucht- 
ähnlichen Marsche begleitet hätte. Auf dem Rückzuge verfugte 
der erbitterte Tudor, dafs jeder, der plündern würde, gehenkt 
werden solle, und ein junger Hauptmann hat dieses Geschick wirk- 
lich erlitten. Die anderen, besonders die Fremden, die „gospodare^^ 
aus der serbischen Revolution und dem russisch-türkischen Kriege, 
rissen sich ohne Zaudern von ihrem harten Befehlshaber, der sie 
dem gewissen Verderben nutzlos entgegeniührte, los und liefsen 
die Kunde von ihrem Verhalten auch in dem Lager der anderen 
Freiheitskämpfer verbreiten. Der griechische General schickte nun 
lordachi aus, um endlich diesen Ungetreuen, der seine eigenen 

16* 



344 3. Kapitel. 

Wege gegangen war^ gefangenzunehmen^ und liefs den Panduren- 
fulirer eigenmächtig und zwecklos in gemeiner Weise während 
der Nacht niederstofsen. Die Scharen der ,; nationalen Versamm- 
lung^^ zogen sich darauf mit wenigen Ausnahmen — diese bildeten 
diejenigen ; die für ein fremdes Ideal kämpften^ — beladen mit 
Beute oder, wie die meisten, nur mit ihren Erinnerungen, zu dem 
ärmlichen heimischen Herde zurück. Die Niedermetzelung der 
Griechen, soweit sie sich ihr nicht durch die Flucht entzogen hatten, 
ging regelrecht, den aus Eonstantinopel ergangenen Befehlen gemäfs, 
vor sich, und schon am 30. Juni n. St. konnte der Reis-Effendi 
dem englischen Gesandten anzeigen, dafs sich Alexander der Be- 
belle nicht mehr auf dem rein gefegten rumänischen Boden be- 
finde ^). Türkische Beamte geboten in Bukarest und Jassj und 
bedrückten die Unschuldigen durch ihre Anwesenheit. 

In der Walachei gab es beinahe gar keine Grofsbojaren mehr; 
sie weilten in Kronstadt und in den Dörfern in der Umgebung. 
Ein Teil ihrer moldauischen Genossen hatte sich im Mai auf die 
Kunde von dem türkischen Einfalle ängstlich nach Czernowitz 
oder nach Bessarabien zurückgezogen. Aber in Jassj war eine 
beträchtliche Anzahl der niederen Bojaren zurückgeblieben; sie 
hatten die Griechen in keiner Weise begünstigt, ja einige von 
ihnen hatten sogar die ihnen anvertrauten Distrikte mit mehr 
oder weniger Erfolg gegen die Fremden aufgehetzt *). Diese 
hatten nicht nur nichts zu fürchten, sondern konnten sogar noch 
etwas fiir ihr Land als Lohn für ihre Treue verlangen. 

Die in Kronstadt vereinten walachischen Bojaren waren fast 
sämtlich im Herzen den Russen freundlich gesinnt und wünschten 
nichts sehnlicher, als „mit den glücklichen Völkern ^^ des Kaisers 
Alexander, dem seine Grofsmutter Katharina, befreienden An- 
gedenkens, diese schöne Eroberung absichtlich übrig gelassen hätte, 
„vereinigt'^ zu werden. In diesem Wunsche kam ihr ganzes patrio- 
tisches Ideal zum Ausdruck, welches in ihrer Jugend allerdings 
klarer, edler und kühner gewesen war. Sie wünschten höchstens, 
und zwar nur für den Fall, dafs sich diese russische Annexion 



1) Jorga, Acte 91 fragm., II, S. 585 — 586. 

2) Manolachi Dr&ghicl, Ist. Moldovel, II, S. 119; Uricariul, XV, S. 254—256. 



Politische Kämpfe in den Fürstentümern bis zum Jahre 1848. S45 

als unmöglich erweisen sollte^ wenn das grofse Rufsland den 
Türken dennoch das Vergiefsen so vielen schuldigen und un- 
schuldigen christlichen Blutes vergeben müfste^ die Entfernung des 
^yfanariotischen Raubtiers ^^; und dabei bekämpften diese Fort- 
schrittler auch den Griechenfreund Pini^ den russischen Konsul; 
der eigentlich selbst ein Grieche war. In diesem kleinen Lager der 
politisch Radikalen sprach man von einer Gesandtschaft an den 
Petersburger Hof, doch ist von dort niemals die Erlaubnis dazu, 
wenn überhaupt eine solche verlangt wurde, eingetroffen. Als die 
Türken 1822 von den nach Eonstantinopel berufenen Abgeordneten 
der walachischen Bojaren Reformvorschläge zu hören wünschten, 
antworteten diese etwas befremdet, dafs sie keine zu machen hätten. 
Dieses rumänische Fürstentum erhielt ohne Mühe dasjenige, was 
ein Teil der moldauischen Bojaren durch seine Agitation und sein 
politisches Wirken errungen hatte: die Ernennung eines eingeborenen 
Fürsten, Domniapämtnteanä, und dadurch war alles Weitere 
eingeleitet. 

Mit Ausnahme ganz weniger, und dies waren noch dazu die 
unbedeutenden, welche für die althergebrachte türkische Oberhoheit 
eintraten, hielten sich alle moldauischen Grofsbojaren jenseits der 
Grenze auf. Einige von ihnen, die unter dem Einflüsse des Metro- 
politen und dem seines Bruders ^erban Negel standen, wollten das- 
selbe wie die Flüchtlinge aus der Walachei in Kronstadt: die Ver- 
wandelung ihres „geliebten" Vaterlandes in eine russische Grenz- 
provinz. Andere Russenfreunde, die sich um den sehr reichen Grofs- 
vistier lordachi Roznovanu gruppierten, hätten lediglich ein russisches 
Protektorat lieber gesehen, wobei die Landesregierung von allen Bo- 
jaren ohne Unterschied der Klasse ausgeübt werden sollte. Im Gegen- 
satz dazu hielten die kleinen Bojaren von Jassy und aus der Pro- 
vinz, wo gegen die ausschweifenden Griechen gehetzt wurde, endlich 
die Stunde für gekommen, um die Griechen zu entfernen, einen 
einheimischen Fürsten zu erzwingen und unter dem besseren Re- 
gime eines solchen auf oligarchischer Grundlage eine neue Staats- 
verfassung herbeizuführen. An eine Ausdehnung des russischen 
Einflusses dachte diese Partei gar nicht, es schwebte ihr vielmehr 
gewifs in weiter Ferne der glänzende Traum der Unabhängig- 
keit vor. 



246 3. Kapitel. 

Schon vor der aUgemeinen Flucht waren zwei Bojaren und 
ein Geistlicher mit einer flrklarung zum Pascha von Bräila ge- 
kommen und hatten im Namen des ganzen Fürstentums ihre Treae 
gegen den Sultan beteuert^ aber auch offen ihren Hafs gegenüber 
den griechischen Erpressern und Tyrannen, die zum Schlosse auch 
noch zu Unruhestiftern geworden waren, ausgesprochen. Als nach 
mehreren Monaten, im Oktober 1821, die Ruhe unter türkischer 
Oberaufsicht, unter dem miUtärischen Regiment des osmanischen 
Seraskers wiederhergestellt war und man eine Regelung der Zu- 
stande durch eine Fürstenemennung erwarten durfte, entsandten die 
in der Bukowina weilenden Flüchtlinge den einfachen, aber hoch- 
fahrenden Bojaren Theodor Bals an den Statthalter der beiden 
Länder, den Pascha von SiHsJen, um ihm in seiner Residenz 
eine Bittschrift zu überreichen. In diesem Schriftstück wurde die 
Erneuerung der alten Privilegien der Moldau verlangt, femer die 
Entfernung der Griechen aus den Ämtern, eine Normierung der 
Steuern des Landes und der Einkünfte der Bojaren, freier Handel 
imd nicht zuletzt eine nationale Vertretung bei der Pforte. Be- 
züglich der Ernennung eines neuen Fürsten wurde die Erklärung 
abgegeben, vorläufig sei das Fürstentum zu arm, um einen fürst- 
lichen Hof unterhalten zu können; bis es zu Kräften käme, solle 
die Regierung einem Rate von Grofsbojaren unter einem „obersten 
Bojaren", ba§-boier, anvertraut werden. 

Nun wirkte aber in Jassy neben dem Pascha anstatt eines 
Fürsten als Eaimakam ein Grieche, Vogorides, der viel von seiner 
nicht griechischen, bulgarischen Abstammung zu reden wufste und 
ziemlich deutlich seine Absicht, in die fürstliche Stellung ein- 
zurücken, verriet. Bal^ beging den Fehler, ihm den Zweck seiner 
Mission mitzuteilen, und der Eaimakam war natürlich empört 
über die schlechten Patrioten und Türkenfeinde, die durch ihre 
noch immer andauernde Abwesenheit offenbar gegen die Okku- 
pation protestierten. Er verhandelte mit den kleinen Bojaren, die 
von den Grofsen verächtlich ciocol genannt wurden und die sich 
durch ihre fortschrittliche Gesinnung den Namen carvunarl; 
Carbonari, zugezogen hatten. Diese entsandten nun ihrerseits einen 
Arz, d. h. ein Bittgesuch, an den Statthalter und verlangten die 
Erwählung eines „Fürsten von der selben moldauischen Nation'', 



Politische Kämpfe in den FurBtentumern bis zum Jahre 1848. S47 

der unter allgemeiner Garantie des Landes regieren sollte. In 
den übrigen Punkten stimmten die beiden Eingaben ungefähr 
überein, nur enthielt diese zweite noch einige Forderuij^en mehr, 
wie z. B. die Rückgabe der Klöster an die einheimische Geist- 
lichkeit Als die beiden Abordnungen in Silistrien ankamen, 
war der Pascha schon davon in Kenntnis gesetzt, dafs die eine 
verräterische Absichten verberge, während die andere die treuen 
Untertanen der Pforte vertrete. Bal^ wurde so schlecht auf- 
genommen, dafs er zuletzt auf den etwas sonderbaren Gedanken 
verfiel, dem Arz der kleinen Bojaren zuzustimmen. Nicht lange 
darauf gelangte aus Konstantinopel, wo keine russische Gesandt- 
schaft mehr bestand, der Befehl an die Bojaren beider Länder, 
sie sollten aus ihrer IVIitte eine Deputation nach der kaiserlichen 
Stadt abordnen. An die Mitglieder dieser Deputation erging dann 
die Aufforderung, aus ihrer Mitte einen Kandidaten für die Fürsten- 
würde vorzuschlagen. So erhielt der Logofät loni^ Sturdza die 
Moldau und Gregor Ghica die Walachei. Sie regierten bis zum 
neuen russisch-türkischen Kriege, bis 1828. 

Ihre Stellung während dieser sechs Jahre war nicht leicht, 
denn sie mufsten immer einen russischen Einfall furchten. Bufs- 
land hatte seine Beziehungen zu der Pforte abgebrochen, und die 
Vertreter Rufslands, Verwaltungsbeamte, Offiziere und Diplomaten, 
wollten anfänglich die ohne ihr Zutun ernannten Fürsten, diese 
unrechtmäfsigen Nachfolger der bevorzugten Griechen, nicht an- 
erkennen, ja aus Bessarabien langten Briefe an den „Herrn loni^ä 
Sturdza, Haupt der moldauischen Regierung'', an. Viele Grofs- 
bojaren wollten nicht eher zurückkehren, als nicht die russische 
Fahne wieder auf den Konsulatsgebäuden zu Jassy und Bukarest 
wehen würde. Sie blieben in Siebenbürgen, in Rufsland und in 
der Bukowina, bewegten sich unaufhörlich hin und her, blickten 
immer mifstrauisch umher, belästigten ihre Beschützer, die Russen, 
mit unendlichen Klagen und suchten dabei immer nach Anhalts- 
punkten, die auf Verschwörungen oder Unruhen hindeuten konnten. 
Im Jahre 1824 mufste der sanftmütige Sturdza, ein betagter Bojar, 
nach altrumänischer Art, sehr ungebildet, aber edel und menschen- 
freundlich, ein Mann, der auch eine energische Sprache zu reden 
und zu handeln vermochte, viele ungehorsame Bojaren, die eine 



48 3. Kapitel. 

stärkere Macht zu ihrem Tun veranlarst hatte, als politische Ge- 
fangene in die Klöster senden, damit sie dort Bufse täten. Gregor 
Ghica, ei» feinerer Mann, — er war der Neffe des gleichnamigen 
1777 enthaupteten Fürsten — schritt endlich dazu, die verlassenen 
Bischofsitze neu zu besetzen; zu denen, die dabei ihre Würden 
einbüfsten, gehörte auch der Metropolit, der sich, obwohl früher 
ein guter und gefeierter Patriot, jetzt zu den niedrigsten Lob- 
hudeleien gegenüber Rufsland herabliefs. 

Die Fürsten waren auf die Unterstützung Österreichs an- 
gewiesen. Die österreichischen Agenten waren nach dem Siege 
der Türken über die Revolutionäre zurückgekehrt, und bis 1826 
besafs in der Tat in Bukarest von Hakenau und in Jassy sein 
Kollege grofsen Einflufs. In der Moldau mufste sich Sturdza — 
das gebot nicht nur die Dankbarkeit, sondern auch die Notwendig- 
keit — der kleinen Bojaren bedienen, deren Führer, lordachi 
Dräghicl, das Faktotum des Fürsten war. Diese begnügten sich 
aber bald nicht mehr mit dem Gefühl, im Äugenblick die Macht 
zu besitzen, sie verlangten vielmehr, von modernem Geiste und 
einem höheren Patriotismus getrieben, nach einer dauernden Re- 
form, nach einer anerkannten Verfassung abendländischer Art. 
Schon bei seiner Ankunft 1822 war Sturdza mit einem Schriftstück 
dieses Inhalts empfangen worden. Aus vielen Bestandteilen ver- 
schiedener Herkunft zusammengesetzt, in einer Sprache verfafst, 
welche mit alten Worten neue Begriffe linkisch auszudrücken sucht, 
enthält diese moldauische Konstitution von 1822 vieles Merk- 
würdige. Die Regierung soll von nun an nicht mehr der Fürst, dem 
nur die vollziehende Gewalt ausdrücklich vorbehalten bleibt, sondern 
der Sfat ob^tesc, der Generallandtag, führen. Dieser Sfat 
soll aus den Mitgliedern der besser organisierten höheren Gerichte, 
der Diwans und Departements, und aus den Abgeordneten 
der grofsen und kleinen Bojaren bestehen, die je für die sechzehn 
Distrikte gewählt werden. Der Sfat soll die Befugnis haben, aus 
eigener Machtvollkommenheit, ohne die Berufung durch den kon- 
stitutionellen Fürsten, zusammenzutreten; letzterem soll nur das 
Recht zustehen, gegenüber dem Beschlüsse des Landtages ein ein- 
maliges Veto einzulegen. Dem Landtage soll die Gesetzgebung 
und die Kontrolle der Finanzverwaltung vorbehalten, aber alle Bo- 



Politische Kämpfe in den Fürstentümern bis zum Jahre 1848. S4^ 

jaren sollen zur Mitwirkung bei der Fürstenwahl befugt sein. 
Die Städte sollen besser gestellt werden, eine Matrikel der Steuer- 
pflichtigen soll angelegt, Schulen, auch solche für das Studium 
des Rechts und der fremden Sprachen sollen errichtet, der Buch- 
druck begünstigt, den Juden die Pacht der Branntweinfabrikea 
und Metzgerläden entzogen werden. 

Sturdza wendete gegen diese Vorschläge nichts ein; er selbst 
wäre fipoh gewesen, wenn die Pforte diese Verfassung zugelassen 
hätte. Aber die ins Ausland gewanderten Bojaren gerieten darüber 
in Erregung, und ihre Vorstellungen bei der russischen Regierung 
verfehlten ihren Zweck nicht; denn von Petersburg erhielten die 
Feinde des ciocoischen Regimes die Versicherung, dafs Rufs- 
land „Neuerungsvorschläge und Umsturzprojekte" für die Fürsten- 
tümer keineswegs zu billigen geneigt sei. Und so kam es, dafs. 
der oligarchische Verfassungsentwurf von 1822 schliefslich weiter 
nichts geworden ist, als ein merkwürdiges Denkmal des politischen» 
Denkens der Bojaren in dieser Übergangszeit *). Trotzdem wurde 
zur Zeit, als die türkischen Truppen die Fürstentümer 1824 ver- 
liefsen, mit grofsem Eifer weiter an Reformplänen und Bojaren- 
Verbindungen gearbeitet; dadurch wurde der freie Geist genährt, 
und der Gedanke an eine Nationalversammlung, eine Beschränkung^ 
der fürstlichen Gewalt, eine Organisation der Rechtspflege, ein& 
Teilung der Staatsgewalt und schliefslich eine würdigere Stellung^ 
des konstitutionellen moldauischen Staates gegenüber den Nachbarn,. 
Oberherren und Beschützern fand allgemeine Verbreitung. 

Im Jahre 1826 versammelten sich russische und türkische- 
Bevollmächtigte zu Akkerman, um ältere Mifshelligkeiten zu be- 
seitigen und eine Wiederanknüpfung der diplomatischen Beziehungen 
zwischen Petersburg und Konstantinopel anzubahnen. Zugleich 
mit der jene Verhandlungen abschliefsenden Konvention vom 
7. Oktober 1826 wurde auch eine besondere Urkunde, welche: 
die Verhältnisse in der Walachei und Moldau regelte, unterzeichnet. 
Dadurch wurde die siebenjährige Regierung der Fürsten wiederum 
festgestellt, aufserdem war von Steuerbefreiung und Rückgabe des^ 
usurpierten Gebietes an der Donau die Rede. Aber von nun an 

1) Vgl. Hurmuzaki, X, Vorrede, und Xenopol, in Analele Academ.. 
Bomäne, XX, wo der VerfassuDgsentwurf veröffeatlicht ist. 



IStO 3. Kapitel. 

sollten die Fürsten von dem Diwan ^^mit Einwilb'gung des Landes^' 
gewählt und von der Pforte erst nach vorhergehender Verstän- 
digung mit dem russischen Gesandten feierlich ernannt werden. 
Das Recht der Intervention bei jedem Fürstenwechsel behielt sich 
Rufsland vor. Ein Gesetz über die Staatsorganisation sollten die 
Fürsten im Verein mit ihren Räten unverzüglich fertigstellen. 

Mit grofsen Feierlichkeiten wurde nun der russische Gesandte 
•de Ribeaupierre auf seiner Reise nach Eonstantinopel in Jassj 
und Bukarest empfangen; mit offizieller Parade, der er fern blieb, 
vnd mit Bittgesuchen und Denunziationen^ die er entgegennahm. 
Als Minciaky als russischer Konsul in Bukarest erschien, da wurde 
er gewissermafsen der tatsächliche Herrscher; in beiden Haupt- 
städten verlor sich der arme, unbedeutende Fürst und wartete 
geduldig auf das Ende seiner Regierungsperiode. Den Vertreter 
Rufslands aber umschwärmten alle ehrgeizigen Thronjäger, die 
bisher noch mit ihrer Rückkehr gezögert hatten, in und aufser 
^em Lande Intrigen mit angelerntem griechischen Geschick an- 
zettelnd. Die Rechnungen der Vistierie, die schwere Zeiten durch- 
zumachen hatte und ihre Zuflucht zu Anleihen nehmen mufste, 
wurden hundertmal geprüft und besprochen. In der Walachei 
wie in der Moldau arbeitete ein Reformausschufs, der aus vier 
Personen bestand, von der Pforte zwar nicht anerkannt, aber vom 
russischen Konsul unterstützt, und beriet ein Reglement orga- 
nique, das die Verfassungssorgen beseitigen sollte. Aber das all- 
gemeine Gefühl war ein anderes; denn die Angst vor einem be- 
vorstehenden Kriege, der trotz alles Entgegenkommens der Pforte 
wegen der griechischen Frage drohte, bedrückte alle Kreise. Fast 
zwei Jahre lang verschwand diese Gefahr nicht und beherrschte 
alle Streitigkeiten über Personal- und sonstige Fragen. Endlich 
Aber überschritten im Sommer 1828 die russischen Truppen tat- 
sächlich den Pruth, und wie gewöhnlich brachten die kaiserlichen 
Generäle und Beamten — zuerst war der Graf Palin für die 
Verwaltung beider Fürstentümer ausersehen, und schliefslich wurde 
dieses Amt dem Grafen Kisselew anvertraut ^) — viele schöne 
Verheifsungen mit, aber geradeso wie früher und vielleicht in 

1) S. dessen russische Biographie, mit Aktenstücken von Zablotzki- 
Desseatowski (Petersburg, 1882, 4 Bände). 



Politische Kämpfe in den Fürstentümern bis zum Jahre 1848. S51 

noch höherem Mafse als ehedem, zeigten sich die ,, Brüder '' nichts 
weniger als zart. Die Bojaren erlitten unsägliche Demütigungen, 
ja einem, der seine Kopfbedeckung ungeschickt hielt, wurde sie 
vom General Zel tuchin mit einem Fufstritte aus der Hand ge- 
schlagen. Und die Bauern, die man als Lasttiere benutzte, litten 
ebenfalls unsäglich. Zuletzt kam durch preufsische Vermittelung 
der Friede von Adrianopel zustande. 

Durch diesen erhielten die Moldauer und Walachen vieles 
von dem, was sie ersehnten, denn die Vereinbarungen von Akker- 
man wurden nicht nur bestätigt, sondern auch wesentlich aus- 
|;edehnt und bereichert in der angehängten besonderen Urkunde, 
die lediglich von den Fürstentümern handelte. Endlich hatten 
die Rumänen ihr Ideal erreicht: sie besafsen jetzt lebenslängliche 
Fürsten. Endlich wurden auch die türkischen Usurpationen 
auf ihrem Boden gänzlich beseitigt, denn die Grenze der Walachei 
amspannte nunmehr nicht nur die ehemaligen Festungen mit, 
«ondem auch die Inseln ; sie lief jetzt in der Mitte des Stromes, in 
der Fahrrinne. Die Pforte verpflichtete sich, fortan weiter nichts 
als den Tribut, der sich aus dem Eharadsch, dem Rekiabiyeh 
und Idjeh zusammensetzte, zu verlangen, und die Konvention von 
Petersburg stellte 1834 die Summe dieses einzigen Einkommens, 
das dem türkischen Reiche aus den rumänischen Ländern zu- 
strömte, auf drei Millionen Piaster für beide Länder fest, die sich 
ihrem Umfange nach so in diese Summe teilten, dafs die Moldau 
nur ein Drittel zu zahlen hatte. Die Naturalienlieferungen, welche 
so viele verzweifelte Eingaben verursacht hatten, mufsten jetzt völlig 
unterbleiben, obgleich die Türken eine später zu bestimmende Geld- 
entschädigung verlangten. Schliefslich bestätigte die Pforte auch 
die Beschlüsse jener Ausschüsse, die über den Entwurf eines Staats- 
grandgesetzes beraten hatten. 

Dieses Reglement organique entwickelte sich langsam, 
aber methodisch ; es sollte nicht nur die Verfassung, sondern auch 
alles für die Verwaltung Notwendige enthalten. Deshalb war darin 
neben der Fürstenwahl auch von den Quarantänemafsregeln und 
von der Bildung eines einheimischen Gendarmeriekorps anstatt der 
abgeschafften türkischen Polizeitruppen die Rede. Bisher hatten 
derartige Bestimmungen niemals eine solche Ausführlichkeit auf- 



364 3. Kapitel. 

und Bojarensöhnen der Bezirke in geheimer Wahl erkoren wurden. 
Zuerst wählten die hohen Bojaren in Bukarest und dann die 
schon genannten kleineren PrivUegierten in den Bezirken; sie 
konnten nur Bojaren zu Mitgliedern der gewöhnlichen Adunare 
ernennen y und zwar das grofse Korps in der Hauptstadt allda 
die zwanzig grofsen Bojaren , die Bezirksausschüsse zusammen 
nur die neunzehn des ersten^ zweiten oder dritten Kanges. Jeder 
suchte in dieser Oligarchie seinen Gewinn: die meisten Mitglieder 
dieses kleinen Komitees, das mit dem grofsartigen Titel ^^ Natio- 
nalversammlung^^ beehrt wurde, waren Beamte, die sich nun- 
mehr alles erlauben durften^ weil sie als Parlamentsmitglieder im 
Einverständnisse mit dem russischen Konsul, dem ewigen Hetzer, 
dem Fürsten bittere Sorgen bereiten konnten. Der Fürst war be- 
rechtigt, die Versammlung aufzulösen; er hatte das Recht, ihr 
Vorgehen der Pforte und der „schützenden Machf zur Kenntnis 
zu bringen, d. h. den internen Hader diesen höheren Instanzen 
„gehorsamst" vorzutragen; aber die National Vertretung genofs das- 
selbe Recht, auch sie konnte sich sowohl an den ohnmächtigen, 
als auch an den übermächtigen Oberherrn wenden. Eine desti- 
tution pour cause de d^lits war in dem besonderen Friedens- 
Instrument von 1829 bezüglich des Fürsten in Aussicht gestellt, 
für den Fall, dafs er nicht ein totes Werkzeug in der Hand des 
russischen Konsuls, des wirklichen Regenten im Fürstentume, sein 
würde. Die grofsen Bojaren sehnten sich beinahe alle nach der 
höchsten nominellen Gewalt, und dies trieb sie natürlich zur Oppo- 
sition. Die kleineren aber erstrebten, wenn sie nicht gerade in 
einem Anflug politischer Romantik utopische Konstitutionen nach 
österreichischem oder französischem Muster mit wirren Augen ver- 
folgten, eine Beförderung oder Straflosigkeit für ihre Sünden als 
Staatsbeamte. Zündstoflf war immer vorhanden, und auch derjenige 
war immer in der Nähe, der im rechten Augenblicke die Fünkchen 
zum Feuer anzufachen vermochte. 

Während grofse Stürme in dem politischen Glase Wasser 
tobten, während unendliches Papier verbraucht wurde, um kleine 
und kleinste Sachen in Angriff zu nehmen und zu erledigen, schlief 
der Bauer in seiner Armut und Vergessenheit weiter; ihn wollte 
niemand zur Teilnahme am Kulturleben erwecken. Rufsland hatte 



/: 



Politische Kämpfe in den Fürstentümern bis zum Jahre 1848. 855* 

die Dorfbewohner überhaupt nicht nötig, denn mit ihnen konnte 
^s doch eine anständige Annexion nicht vereinbaren. Die Mit- 
glieder der Ausschüsse waren zweifellos gut ausgewählt: in der 
DQoldauischen Abteilung fand man einen Conachi, den Dichter^ 
imd den jungen Mihal Sturdza, den Gönner Asachis, einen sehr 
gebildeten Bojaren , der sein Land und sein Volk liebte und 
diese Liebe nach Möglichkeit mit einer vollständigen Unterwerfung 
imter Rufsland, das Ideal eines organisierten Staates, die Verkör- 
perung des göttlichen Willens durch die unbeschränkte Autorität 
des Monarchen, zu vereinigen suchte. Die Walachen wurden durch, 
den gescheiten Griechen Alexander Villara, den patriotischen Bo- 
jaren Gregor Bäleanu und zwei andere vertreten. Keiner von 
diesen jedoch hatte Sinn für eine liberale Staatsauffassung, sie 
waren alle in erster Linie Bojaren und Grofsbojaren, und die ent- 
gegengesetzten Bemühungen Kisselews, des Frankorussen, schei- 
terten deshalb meist an ihrem hartnäckig verteidigten Standes- 
bewufstsein. Die Zahl der von den Bauern zu leistenden Arbeitstage 
wurde neu festgesetzt. Das bedeutete allerdings an sich keine- 
Revolution, aber für die gewährte Erleichterung sollte der Bauer 
dem Staate Soldaten liefern, und da diese Bestimmung die jungen 
Kräfte vom Acker wegzog und die armen Familien schutzloa 
zurückliefs, ward sie nicht nur schmerzlich empfunden, sondern er- 
regte sogar in der Moldau wilde, verzweifelte Ausbrüche der Un- 
zufriedenheit, die dann die Kosaken bald gewaltsam niederschlugen. 
Es war ein Staat entstanden, in dem sich die Bojaren miteinander 
zankten und in dem jeder die Hände flehentlich bittend zu dem all- 
gewaltigen Bufsland emporhob : so wollte man es in Petersburg, um 
jederzeit eine passende Gelegenheit fiir die Annexion in Bereitschaft 
zu haben. Kisselew selbst dachte nicht anders, als dafs eine nicht, 
allzu entfernte Annexion der Fürstentümer möglich sei. Allerdings^, 
als der Kanzler Nesselrode 1831 zum ersten Male in einigen seiner 
Worte, die über eine Verlängerung der Okkupation handelten, einen. 
Wink zu einer Annexion zu erkennen meinte, da glaubte Kisselew, 
dem entgegentreten zu müssen ^), aber wenige Monate später schrieb 
er selbst folgendes : „Wenn man zu der Ansicht käme, dafs der Zweck. 



1) Hurmuzaki, Supl. I*, S. 380-381. 



1356 3. Kapitel. 

^er russischen Politik nicht der sei; sich territorial auszudehnen^ 
möchte ich dem entgegenhalten^ dafs der Oang der Ereignisse stärker 
ist als die Voraussicht (pr^visions), und dafs Rufsland, mrelcBes 
«ich seit mehr als einem Jahrhundert vom Dnjepr her ausgedehnt 
hat, dieses nicht tat, um an den Ufern des Pruth Halt zu machen.* 
Er erinnerte dabei an den Plan des siegreichen FeldmarschaHs 
Diebitsch, der den Frieden gebracht hatte, man solle die Fürsten- 
tümer auf zehn Jahre besetzen, damit sich Europa mit dem Ge- 
danken an eine russische Annexion vertraut machen könne ^). 

Selbst der Gedanke der Union beider Fürstentümer konnte 
Kufsland nicht beunruhigen. Bezeichnend ist es schon, dafs den 
beiden Versammlungen ganz dieselbe Vorlage, die auch gewifs nur in 
ganz geringem Mafse von den gehorsamen Bojaren „durchgesehen", 
d. h. verändert werden konnte, unterbreitet wurde. Wiederholt 
sprachen Kisselew und andere direkt von der Anbahnung einer 
Union beider rumänischer Länder an der Donau. Als lordachi 
Oatargiu, ein Mitglied der Ausschüsse, das Wort Union aussprach, 
da wäre Kisselew sofort geneigt gewesen, den Vorschlag höheren 
Ortes zur Kenntnis zu bringen, wenn der Redner nicht in dem- 
«elben Atemzuge, gemäfs den Gesinnungen der Nationalpartei, von 
dem Ausschlüsse jedes Russen als Fürstenkandidaten gesprochen 
hätte ^). Ein Staat läfst sich bequemer angreifen als zwei Staats- 
^ebilde: so dachte man in Petersburg, indem man mit Menschen 
und Ländern, aber nicht mit der Bewegung der Geister rechnete. 

Eine Klausel der Petersburger Konvention hatte festgesetzt, 
dafs die Fürsten, die den Bestimmungen des Vertrages gemäfs zu 
erwählen waren, diesmal, für diesen einzigen Fall, von der Süze- 
ränen und schützenden Macht ernannt werden sollten. So ge- 
langten der moldauische Bojar Mihal Sturdza und der wälachische 
Chef der Landmiliz, der „Spätar" Alexander Ghica, 1834 in 
ihre hohe Stellung. 

Der erstere, von dem schon oben die Rede war, mufs zweifellos 
äIs eine bedeutende Persönlichkeit gelten. Er war sehr ehrgeizig, 
wenn auch schliefslich nur das geizig übrigblieb, hochbegabt, ein 



1) Ebenda, S. 388-389. 

2) Sturdza, Acte ^i documente, III, S. 826 f. 



Politische Kampfe in den Fürstentümern bis znm Jahre 1848. S57 

moderner Mensch , der wohl imstande war, alle neuen Gedanken 
und Jßichtungen zu verstehen, ein praktischer Organisator und ein 
kundiger Finanzmann, und trotz seiner ausgesprochenen VorUebe 
für die Privilegien seiner Klasse zunächst ein guter „ moldauischer '^ 
und sogar ein guter rumänischer Patriot, vom Geiste des Bi- 
sorgimento seines Volkes angehaucht. Zwei schlechte Eigen- 
schaften in ihm vernichteten aber aUes Gute, was an ihm war, 
und brachten es dahin, dafs sein Name in der Erinnerung der 
späteren Generationen einen schlechten Klang bekommen hat. 
Vor allem war er sich selbst der Nächste, dann aber völlig dem 
rassischen Kaiser ergeben. Alles, was ihm Macht, Reichtum 
und Glanz verleihen konnte, war ihm willkommen, aber gleich- 
zeitig folgte der stolze, herrschsüchtige Mann jedem Winke des 
kaiserlichen Hofes wie ein russischer Beamter. Von ihm hätte 
man im Gegenteil einen würdigen Verzicht auf seine Fürstenkrone 
erwarten sollen, denn jeder Konsul der Schutzmacht glaubte sich be- 
fug, tseine ganze Wirksamkeit einer ebenso strengen wie beleidigen- 
den Kontrolle zu unterziehen ; das Rechnungswesen, der Strafsenbau, 
die Beamtenemennungen, kurz alles wurde von einem Besack oder 
Kotzebue mifstrauisch nachgeprüft. Die Opposition, welche gegen- 
über dem selbstsüchtigen Fürsten meist nicht minder selbstsüchtige 
Zwecke verfolgte, fand, ungeachtet der sie bestimmenden Beweg- 
gründe und der Moralität ihrer Mitglieder, bei jeder Frage, die 
sie aufwarf, heimtückisch beim Konsul Hilfe. Dieser scheute sich 
nicht, gelegentlich politischer Festlichkeiten den Mifsvergnügten 
ziemlich deutlich Förderung zu versprechen. Er erdreistete sich, 
vom Fürsten selbst wiederholt ein Theaterbillett gebieterisch zu 
fordern, und Sturdza mufste ihm persönlich das gewünschte Billett 
überbringen. Zwar richtete dieser verzweifelte Beschwerden an 
das Kabinett des „Kaisers" — in der Moldau und Walachei selbst 
genügte dies, um den russischen Kaiser zu bezeichnen, — und ein 
anderer Konsul wurde von Petersburg hinabgeschickt, aber dieser neue 
„Prokonsul" — so nannte ihn ein an die altrömischen Verhältnisse 
anspielendes satirisches Scherzwort der Zeit — war zwar etwas höf- 
licher, aber nicht gerade freundschaftlicher. Und Mihal Sturdza 
blieb dennoch auf seinem Throne, den jeder andere als eine Schmach 
betrachtet hätte, liefs Demütigungen über sich ergehen und 

Jorifa, Geschichte der Bamänen. II. 1( 



268 3. Kapitel. 

sammelte Reichtum ^ baute Chausseen und kämpfte täglich mit 
einer Opposition ^ die kein Ideal besaXs. Wie seine walachiscben 
EoUegen, deren es bis 1848 zwei gab (Alexander Ghica und Geoi^ 
Bibescu), erwarb auch er sich einige Verdienste auf dem Gebiete 
der Verwaltung. Die Moldau^ die er hinterliefs, besafs im Gegen- 
satz zu früher Landstrafsen, Häfen , Städte und Archive. Aber 
die Erklärung dafür gibt nicht ausschliefslich die seltene Begabung 
Sturdzas^ sondern der innere Grund dafiir ist der^ dafs sich die 
Beziehungen zur Pforte wesentlich geändert hatten. Jetzt wurde 
nur eine bestimmte Summe in Gestalt des Tributs nach Eon- 
stantinopel geliefert und nicht mehr die gesamte Frucht des Bauern- 
fleifses. Aufserdem hatte sich die Handelsfreiheit förderlich er- 
wiesen: fremde Schifie kamen jetzt nach Gala^I, wie in der Wa- 
lachei nach Bräila, um rumänisches Korn einzunehmen. Auf d^ 
früher öden Feldern ward jetzt eine ergiebige Ernte erzielt, und 
im Ackerbau fanden alle verfügbaren Hände Arbeit^ ja von aus- 
wärts wurden Hilfskräfte aus der Bukowina ; aus Bulgarien und 
Serbien herangezogen. Die jetzt ein für allemal feststehenden Ein- 
künfte wurden ausschliefslich vom Fürsten und seiner Adunare 
verwaltet; und jetzt konnte das Staatseinkommen zum ersten Male 
wirklich im öffentlichen Nutzen , von dem man bisher nur theo- 
retisch gesprochen hatte ; verwendet werden. Das Regime war 
das Entscheidende für die Entwickelung, nicht die Personen. 

Dies gilt in gleichem Mafse für Moldau imd Walachei. In 
letzterer wurde zuerst unter Alexander Ghica dieselbe Arbeit ge- 
leistet: an der Donau entstanden in Bräila^ Giurgiu^ Turnu-Severin 
imd Alexandria — dies war eine neue Gründung, die den Namen 
des Fürsten trug, geradeso wie Mihäilenl in der Moldau nach 
Sturdza genannt wurde — die ersten nach europäischer Art ge- 
bauten Städte mit schnurgeraden Strafsen und freien Plätzen. 
Das Verkehrswesen wurde verbessert, die Quarantänen schützten vor 
den verheerenden Krankheiten des Morgenlandes. Die walachische 
Miliz zeigte sich sogar der moldauischen überlegen und wurde 
nicht nur von den Bussen, die sie geschaffen hatten, sondern auch 
von unparteiischen Fremden ^) gelobt Der Fürst, ein Bruder des 

1) S. Felix Colson, De Tetat piesent et de Tayenir des prindpaates de 
Moldavie et de Yalachie (Paris, 1839). 



Politische Kämpfe in den Fürstentümern bis zum Jahre 1848. S59 

G-r^or Ghica, der bis 1828 regiert hatte, war noch jung und ein 
edler Charakter, aber er besafs nicht die nötige Energie; seine 
Stammes- und Vaterlandsliebe, für die er viele Beweise erbracht 
hat, fand nicht den nötigen Rückhalt in seiner Persönlichkeit. Er 
liebte die Pracht eines in doppeltem Vasallenyerhältnis schmachtenden 
kleinen Hofes, goldstrotzende Uniformen nach russischem Schnitte, 
dauernde Begleitung seiner Person durch Stabsoffiziere und un- 
aufirichtige Huldigungen seitens der Bojaren. Aus Eitelkeit hielt er 
sich krampfhaft an die Macht, die Sturdza aus Herrschsucht und 
Geiz liebte. Aber trotz all seiner Gefügigkeit benutzten die Russen 
seinen Streit mit der Opposition, um ihn durch eine Untersuchung 
zu Falle zu bringen, und die Türken liefsen sich zu deren Ein- 
leitung gegen ihr eigenes Interesse bewegen: Ghica hatte nichts 
weiter getan — und daraus ward ihm ein Strick gedreht — , als 
Maisregeln gegen den Versuch eines Einfalles der Bulgaren in das 
Land rechts der Donau getroffen. Gemäfs der Bestimmung des 
Friedens von Adrianopel ward er als ein Fürst, dem ein dölit 
nachzuweisen sei, abgesetzt 

Georg Bibescu, den die aufserordentliche Nationalversammlung 
1842 wählte, war jünger als Ghica. Als Sohn eines Grofsbojaren, 
aber nicht von altem Adel, hatte er in Paris mit Erfolg studiert 
und sprach Französisch wie seine Muttersprache. Seinem Vor- 
gänger war er in jeder Beziehung überlegen, an Klugheit, an 
nationalem Empfinden, welches er in romantische Formen ein- 
kleidete — so unternahm er eine Pilgerfahrt zum Grabe Mihals 
des Tapferen — , an Arbeitskraft und fürstlicher Würde. Er ver- 
stand es auch, den russischen Konsuln mehr Respekt einzuflöfsen, 
und während sich Ghica hatte bieten lassen müssen, dafs ihm der 
ruBBische Vertreter wegen einer Streitigkeit mit den Landesbehörden 
im Theater die Hand versagte, brauchte sich Bibescu keine ähn- 
lichen Beleidigungen von diesen trotzigen kleinen Tyrannen gefallen 
zu lassen. Wie bei Sturdza und Ghica liefsen sich auch bei 
Bibescu kng und breit die Mafsregeln schildern, die er zur Hebung 
des Verkehrs traf, seine Eousemenbauten usw. aufzählen, aber 
hier gUt es, geradeso wie bezüglich der beiden anderen, zu be- 
tonen, dafs die allgemeinen Voraussetzungen jetzt ganz andere ge- 
worden waren. Wie in früherer Zeit jeder materielle Aufschwung 

17* 



ZM 3. Kapitel. 

infolge der türkischen Ausbeutung ausgeschlossen erschien^ so war 
unter der Protektion RuTslands — denn der Türke, obgleich der 
eigentliche Suzerän^ war tief in den Schatten gestellt — jede Kea- 
gestaltung der Fürstentümer auf nationaler Grundlage eine reiae 
Unmöglichkeit geworden. Alles andere aber, die Chausseen, 
Strafsen^ Häfen usw. waren bedeutungslos für die Entwickelung 
des rumänischen Volkes als Nation; das alles hätte ihnen geradeso 
beschert werden können ^ wenn sie unter einem russischen Gou- 
verneur gestanden hätten^ ja vielleicht noch besser. 

Sturdza hatte in der Academia Mihäileanä die erste höhere 
Laienschule in der Moldau gestiftet und berief als Lehrer an diese 
^yUniversitä moldave^' loan Ghica; Mihal Kogälniceanu und viele 
andere. Bibescu wollte in Bukarest ein französisches Kollegium 
errichten. Die neue Einrichtung brachte die Gründung offizieller 
Buchdruckereien mit sich, deren Besitzer (EUiad und Asachi) die 
Verfugungen der Regierung zur Kenntnis des Publikums bringen 
sollten. So entstanden die ersten regelmäfsig erscheinenden Zei- 
tungen noch in der Zeit Kisselews: 1829 der Curierul romi- 
nesc (,, Rumänischer Bote^') von Eliad und Albina romi- 
neascä („Rumänische Biene'') von Asachi. Sie gaben auch litera- 
rische Beiblätter dazu heraus, und aus dem der offiziellen Bukarester 
Zeitung ist später der Curierul de ambe sexe („Bote für Leser 
beider Geschlechter'') hervorgegangen. Daneben erschienen als 
Berater für die Bauern: Foaia säteascä („das Dorfblatt"), 
Dumineca G,Der Sonntag"), Bulletine, die, den deutschen 
Intelligenzblättern entsprechend, mehr den wirtschaftlichen Interessen 
dienten; ähnliche Organe gaben der in Bukarest angesiedelte Zaharia 
Carcalechi und andere Unternehmer in dem Hafen Bräila heraus; 
auch französische und deutsche Zeitungen erschienen, gingen aber 
nach kurzer Zeit wieder ein. Jedoch die Zensur, welche eben- 
falls nach russischem Muster organisiert war, arbeitete eifrig: eine 
Zeitschrift, welche Propä^irea („Der Fortschritt") heifsen sollte, 
erschien unter einem verschleierten Titel alsFoaie^tiin^ificä ^i 
literarä („Wissenschaftliches und literarisches Blatt"); die Aläuta 
romineascä („Die rumänische Laute") wurde später verboten, weil 
in einem Aufsatze über das Whistspiel ^^von einer Macht die Rede ge- 
wesen war, deren Name für die Regierung und die Bewohner eines 



Politische Kämpfe in den Fürstentfimem bis zum Jahre 1848. 261 

Liandes^ das ihr sein Dasein und seine Entwickelung zu danken 
liabe^ in gleichem Mafse ehrfurchtgebietend sei'' (1838) '). Ein 
Schriftsteller, welcher von der ,, Gleichberechtigung aller Klassen der 
ITation'' als einem Wunsche für die Zukunft sprechen wollte, 
mufste gegen seinen Willen die ,, Respektierung der Privilegien aller 
Klassen*' anempfehlen *). Ein junger Professor, der Major Mihal 
Kogälniceanu, einer der Führer einer neuen Generation, welcher als 
neuangestellter Lehrer der rumänischen Geschichte am 24. No- 
vember a. St. 1843 schwungvoll von der Vergangenheit und mutig 
von der Zukunft gesprochen hatte und dabei die ,,Zerreif8ung der 
Moldau in drei Stücke", die blutenden Grenzen im Norden und 
Osten nicht vergessen hatte, fand künftig keine Gelegenheit mehr, 
die Schüler der fürstlichen Stiftung durch solche Ergüsse für 
ihr ganzes Leben als türkische, russische und fürstliche Untertanen 
untauglich zu machen '). 

Aber dieses alles konnte nicht die starke, heifse Strömung 
des neuen, siegreich vorwärts dringenden Geistes vernichten. In 
der Walachei bestand die Schule Lazärs noch fort im Kloster 
St Sabbas. Aus dem Abendlande, aus Italien und Frankreich 
waren die vor 1821 dorthin entsandten Schulstipendiaten zurück- 
gekehrt: der Mönch Eufrosin Poteca wirkte als Lehrer der Philo- 
sophie und andere waren berufen, Grammatik, Arithmetik und rö- 
misches Recht vorzutragen ^). Eliad, welcher jene Gelegenheit zu 
seiner Fortbildung versäumt hatte, war zwar im Lande geblieben, 
war aber bei der allgemeinen Unzufriedenheit ebenfalls nicht un- 
tätig, wenn ihm auch die offizielle Oberleitung des Unterrichts- 
wesens nicht anvertraut wurde. Aber Peter Poienaru, auch ein 
Schüler Lazärs, ein origineller Kopf, der einige Zeit in Paris als 
Stipendiat studiert hatte und sich auch mit praktisch-wissen- 
schaftlichen Entdeckungen beschäftigte, verlieh dem Gymnasium 
von St. Sabbas ein nationales Gepräge. Die zahlreichen fremden 
Professoren, meistens Franzosen, aber auch etliche Griechen, die 

1) Hurmuzaki, SupL I^ S. 201. 

2) Kogälniceanu, Letopise^, I, zweite Ausgabe, S. xxvn. 

3) Letopisefe, I, Vorrede. 

4) G. Dem. Teodorescu, in Beyista pentru istorie, archeologie ^i filologie^ 
P, S. Iff. 



268 3. Kapitel. 

Bibesca berief ^ konnten gegen die herrschende national-ru- 
mänische Strömung nicht ankämpfen , und das Projekt dieses 
Fürsten 9 die Schule völlig französisch zu machen, wobei sogar 
eine französische Staatskommission die Prüfungen abhalten und 
zu diesem Behufe angereist kommen sollte ^), blieb unausgeführt. 
Der Lehrer der Universalgeschichte, der Siebenbürge Florian 
Aaron, einer der Patrioten, aber dabei ein sehr grofser Ver- 
ehrer der Obrigkeit, der für das organische Reglement schwärmte, 
trug zum ersten Male die rumänische Geschichte, oder vielmehr 
nur die Geschichte des Fürstentums Walachei, als Schulfach vor 
und begann 1835 in der neugegründeten Buchdruckerei des „Natio- 
nalen Kollegiums'^ — daneben gab es für die entsprechenden 
Zeitungen die Buchdruckereien des EUad und des Carcalechi — 
die Veröffentlichung einer sehr wässerigen, aber flieTsend ge- 
schriebenen und in weiten Kreisen gut aufgenommenen Geschichte 
seines neuen Vaterlandes — dieses Wort im kleinlichen, eng- 
herzigen Sinne verstanden. In der Moldau dagegen duldete der 
dem nationalen Streben feindlich gesinnte und scharf beobachtende 
Mihal Sturdza keine staatliche Begünstigung einer Richtung, die 
ihm für die Ideenbildung der jüngeren Generationen gefährlich 
und für die internationalen Beziehungen des Fürstentums bedenk- 
lich erschien. Er wetteiferte zwar mit seinen walachischen Nach- 
barn, zu denen er im übrigen nicht immer in besonders freundUchem 
Verhältnis stand, indem er eine moldauische Hochschule, eine Art 
aufkeimende Universität, die Academia Mihäileanä, er- 
richtete. Ihm hatte die glückliche Moldau auch eine Hochschule 
iiir die schönen Künste zu danken; die Anregung dazu war gewifs 
von dem in Italien künstlerisch gebildeten, zurzeit sehr einflufsreichen 
Asachi ausgegangen. Es entstand auch eine Bibliothek, aber es 
wurden keine Bücher angeschafft, welche etwa den Nationalisten 
hätten dienen können. Die Moldau war das Land, in welchem 
man die Vergangenheit pünktlich mit dem Befreiungsjahre 1829 
abschlofs und dessen Zukimft mit gut bewachten eisernen Pforten 
verschlossen war. 

Trotz aller Hindemisse aber hatte die ganze neue Generation 



1) G. Bibescu [fils], Regne de Bibesco, I, S. 343—344. 



Politische Kämpfe in den Fürstentfimem bis zum Jahre 1848. SM 

in dem Glauben an die Nation ^ in dem Ideale einer Vereiniguhg 
beider Fürstentümer unter einem und demselben Herrseber und 
unter der Geltung einer liberalen Verfassung ihren unwandelbaren, 
wohltätigen Leitstern 'gefunden. Auch sehr viele ältere Bojaren traten, 
wenn sie auch die Forderung innerer Beformen ablehnten, dafür 
ein, besonders in Anbetracht der traurigen Demütigungen, welche 
die letzte russische Okkupation gebracht hatte, und mit Bücksicht 
auf die russischen Pläne, die auf nichts Geringeres als die Ein- 
verleibung der beiden Fürstentümer abzielten. In den ungedruckten 
Berichten des französischen Konsuls finden sich überzeugende Be- 
weise daför schon in den Jahren 1831 — 1836. „Einige auf- 
geklärte Leute sind von dem alten Wunsche durchdrungen^^ — 
BO wird einmal von Bukarest aus berichtet — , „dafs die Fürsten- 
tümer und Serbien dazu zu konfoderierten Staaten an der Donau 
unter dem Schutze der Grolsmächte umgewandelt werden möchten. ^^ 
Ein anderes Mal spricht der Konsul von dem vollständigen Zu- 
sammenbruche der russischen Partei: es seien in der Moldau und 
Walachei zusammen nicht einmal •— es ist vom Jahre 1834 die 
Bede — vier Mitglieder mehr vorhanden. Dann heifst es im 
Jahre 1835: „Die Moldo-Walachen wünschen einen fremden 
Fürsten, der aber kein Busse und kein Grieche sein darf. Sie 
wollten gern einen deutschen Prinzen, und ihrem Wunsche würde 
es mehr als genügend entsprechen, wenn beide Länder unter dem- 
selben Fürsten ständen.'' Dann wird fortgefahren: „Man kann 
kaum aussprechen, wie brennend diese Unabhängigkeitsfragen 
sind.'' Etliche Schwärmer, wie lorgu Badu, bemühten sich^ die 
Verfassung der Zukunft in mehr oder weniger enger Anlehnung 
an die glücklicherer Völker darzustellen und die Namen der da- 
mit einverstandenen Männer zu verzeichnen ^). 

Desto mehr bereitete sich die Jugend für diesen greisen, 
schweren Kampf vor; alles, was sie umgab, beeinflufste ihre geistige 
Disposition in dieser Bichtung. Der Franzose Vaillant, der voll 
gro&er Pläne zu den Bumänen gekommen war, ihnen Unterricht 
erteilte, ein rumänisch-französisches Wörterbuch verfafste und 
aulserdem später die Geschichte der Bumänen in La Bomanie^) 

1) Hurmuzaki, Supl. I«, S. 125 ff. 

2) Paris 1844, 3 Bände. 



864 3. Kapitel. 

schrieb; dann die französischen diplomatischen Kreise und der 
englische Konsul — damals Darid Urquhart — ; der die zwdte 
liberale Macht Europas würdig vertrati sie alle arbeiteten im per- 
sönlichen täglichen Verkehr und in den glänzenden moldauischen 
und walachischen Salons , wo schon damals ausschliefslich fran- 
zösisch gesprochen wurde ^)y in demselben Sinne wie die in Sieben- 
bürgen geborenen Professoren. Immer häufiger reisten jetzt Bo- 
jaren ins Ausland, und die meisten liefsen ihre Söhne in Paris 
ausbilden, einzelne auch in Deutschland, wie es bei Kogälniceanu, 
Maurokordato, Ohenadie, mehreren Ghica und Kantakuzinen aus der 
Moldau der Fall war, oder auch in der Schweiz : dort wurden z. R 
C. Bräiloitt, ein bedeutender Jurist, und die Brüder Oolescu, die in der 
Bewegung von 1848 eine grofse Rolle spielten, erzogen. Aus dem 
Ausland kehrten alle, imd besonders die Studenten, mit der freu- 
digen Kunde von einem baldigen, grofsen Umschwung zurück, 
durch den alle Völker von den inneren und äufseren Fesseln der 
Sklaverei befreit werden würden. 

Die Entfaltung der nationalen Literatur war geeignet, diese 
Oefühle zu fördern. Kogälniceanu in der Moldau sowie der Sieben- 
bürge A. Treboniu Laurian, der seine Ideale bereits in seinem ins 
Lateinische übersetzten Namen — er war ein Priestersohn aus dem 
Dorfe Fofeldea — zum Ausdruck brachte, und der junge Nikolaus 
Bälcescu, der Sohn eines kleinen Bojaren, übernahmen im Verdn 
mit einigen gelegentlichen Mitarbeitern die grofse, fruchtbare Auf- 
gabe, die Chroniken zu verSffentiichen, in denen alle IVeude und 
aller Schmerz der Vergangenheit niedergelegt war. Im Jahre 1845 
begonnen, wurde die Herausgabe der Letopisi^e — d. h. An- 
nalen, ein slavisches Wort — der Moldau erst 1852 zu Ende ge- 
führt, aber die für die Herausgabe der walachischen Nachrichten 
aus alter Zeit gegründete Zeitschrift Magazinul istor ic hat sogar 
nur die Jahrgänge 1845 — 1847 erlebt In der Zeitschrift Archiva 
romineascä veröfiEentiichte 1840 — 1845 der Herausgeber Ko- 
gälniceanu auch eine grofse Anzahl verschiedenster Aktenstücke^ 



1) Eine Schilderang solcher Salons, absichtlich etwas übertrieben, findet sich 
bei Le Keroatza, die Beiseabenteuer des Pariser Zeitungsschreibers Bei- 
langer, (Paris 1846, 2 Bände). 



Politische Kämpfe in den Fürstentfimem bis zum Jahre 1848. 265 

die vor der Zensur Gnade fanden. Eogälniceana hatte auch 
französisch eine Geschichte der Rumänen , noch während er in 
Berlin studierte , auf Grund der älteren Literatur abgefafst 
(1837), aber dieses eilfertig, ohne genügende Vorbereitung nieder- 
geschriebene Buch befriedigte die neue Generation ebensowenig, 
wie das ähnliche von Aaron. Als Sohn eines kleinen Bojaren, 
der die Stelle eines Beamten bekleidete, Stipendiat des Fürsten 
und Schüler an derselben Anstalt, in der die Fürstensöhne erzogen 
wurden, zeigte sich auch „de Eogalnitschan ^' — so schrieb er sich 
selbst im französischen Werke — als eifriger Bewunderer des 
Reglement und des russischen Schutzes; und von einer gewissen 
Sympathie für Rufsland hat sich Eogälniceanu bis in seine letzten 
Jahre, trotz der vielen schmerzlichen Erfahrungen, die der Krieg 
von 1877 — 1878 brachte, nicht freigemacht. Es war noch immer 
nicht die Zeit gekommen, welche die Abfassung einer frei gedachten 
Geschichte des rumänischen Volkes gestattete. 

In der nämlichen Epoche gründete die neue Generation belle- 
tristische Zeitschriften, wie die Propäfirea, die Dacia 
literarä, die beide vornehmlich Kogälniceanu redigierte; sie 
lassen sich mit dem Glaneur-Spicuitor des Asachi, was den 
Wert anlangt, gar nicht vergleichen. Die neue Schule vergeudete 
ihre Kraft; nicht, wie die ältere von Eliad und Asachi, mit über- 
flüssigen Projekten, wie es der Versuch, die Sprache und die 
Orthographie umzugestalten, gewesen war; man schrieb noch immer 
zumeist cyrillisch, aber darauf ward nicht viel Gewicht gelegt. 
Eine gute Sprache hatte man ja bereits in den kirchlichen Büchern 
und bei den Chronisten ; sie lag vor in der Volksliteratur, die jetzt 
bei allen Jungen Beachtung fand und die von AI. Russe und 
V. Alecsandri gesammelt wurde, ja sogar durch die Hand des 
letzteren ein verklärtes poetisches Gewand bekam. Die neue 
Generation verlangte auch nicht mehr nach Übersetzungen der 
romantischen Dichter, wie sie Eliad zahlreich aus dem Französischen 
gdiefert hatte; Gelegenheitsgedichte, die man vornehmen Persön- 
lichkeiten oder berühmten Schauspielerinnen aus der europäischen 
Feme widmete, und zweisprachige rumänisch-französische Reklame- 
literatur, in der sich Asachi seit einiger Zeit gefiel, pafste ihr 
auch nicht mehr. Eine selbständige Literatur, die sich in der 



2M 3. Kapitel. 

Form an die alte, volkstümliche Art anschlofs und sich inhaltlich 
in den Dienst der neuen politischen Ideale stellte ^ das war ihre 
Sehnsucht, und an Eräfien dafür mangelte es nicht. Neben Eo- 
gälniceanu, der auch hübsche Stimmiugsbilder aus seiner Zeit im 
Stile der Franzosen lieferte, arbeitete Costachi Negru^, der sich 
Negruzzi schrieb, ein Mazilensohn. Beeinflufst von der russischen 
romantischen Literatur, versuchte er sich auch als Dichter, aber 
besonders zeichnete er sich durch seine fein gearbeiteten, kunstvoll 
abgerundeten kleinen Novellen aus seiner Zeit oder historischen 
Inhalts als einer der besten Schrifbteller aus. Femer kommt Gregor 
Alexandrescu in Betracht, der. aus Vaillants Schule von Bukarest 
hervorgegangen war, ein zurückhaltender Enthusiast, der kraftvoll 
in schwungreichen Hymnen die grofse Vergangenheit feierte und ab 
ein Meister der Fabel sich ihrer auch für aktuelle Zwecke bediente; 
schliefslich der noch sehr junge Bolintineanu, ein Sohn makedo- 
rumänischer Eltern, ein weicher, wortreicher Dichter der Elage 
nach Art Lamartines. Aber sie alle stellte das grofse, elastische 
und fruchtbare Talent des Moldajaers Alecsandri in den Schattea 
Bei ihm war zwar nicht die Tiefe Alexandrescus, die vollendete 
Reinheit der Sprache Negruzzis, die Frucht reicher Lektüre wie 
bei Eogälniceanu zu finden, aber seine unverhältnismäfsig gröljsere 
Fruchtbarkeit, seine Betätigung auf den verschiedenen Gebieten 
der Poesie, die allgemein falsliche Form seiner Darstellung, die 
Meisterschaft, mit der er in rumänischer Sprache alle Töne der 
kämpfenden und siegenden, glänzenden und farbenreichen fran- 
zösischen Romantik nachahmte, dies alles sicherte ihm die erste 
Stelle. Die alte Schule, wie sie Eliad und Asachi vertraten, 
unterstützte die Jünger der neuen Richtung nicht, obwohl sich diese 
anfangs ihren literarischen Vorgängern gegenüber sehr anerkennend 
ausgesprochen hatten, und der zweite äufserte sich sogar un- 
angenehm und bitter über das Schaffen der neuen Generation. 

Die politische Opposition erzielte unter den Beglementsfursten 
viel geringere Erfolge, denn in der Moldau wenigstens hatten ihre 
Vertreter meistens persönliche Zwecke im Auge. So blieb ihre 
Wirksamkeit nicht nur ohne Nutzen fiir das Land, sondern richtete 
vielmehr Schaden an, und infolge der ewigen Zänkereien zwischen 
dem Fürsten und der Adunare fand der russische Eonsul tägUcb 



Politische Kämpfe in den Ffiistentfimem bis znm Jahre 1848. 267 

Gelegenheit zur Erweiterung seiner Befugnisse. In der Walachei 
kämpfte die Generation Eliads nur ein einziges Mal unter der 
Leitung des Colonels CimpineanU; der einem alten Adelsgeschlechte 
entstammte^ für die nationale Würde. 

Im Jahre 1837 beschäftigte sich ein von der Adunare ein- 
gesetzter Ausschufs mit der Revision des organischen GesetzeSy 
da es sich in einigen Punkten als unzureichend erwiesen hatte. 
Selbstverständlich wurden alle Vorschläge dem russischen Konsul 
zur letzten Entscheidung unterbreitet, denn dieser allein besafs 
die Machtvollkommenheit, darüber zu befinden, ob etwas anzu- 
nehmen oder zu verwerfen sei ^). Änderungen, die von der Ver- 
sammlung schon längst angenommen worden waren, ermangelten 
trotzdem noch immer der Anerkennung durch den kleinen Eonsular- 
Despoten, oder es wurde deren Aufnahme in das Reglement 
verzögert, da angeblich die Antwort des Petersburger Ministeriums, 
an welches darüber berichtet worden war, noch nicht eingelaufen 
wäre. Der Ausschufs nahm nun in seinem Schlufsberichte vom 
23. März einen letzten Paragraphen an, der in der von Eliad 
veranstalteten Ausgabe des Reglement fehlte und nur in dem 
handschriftlichen Originale als späteres, „durch ein spezielles 
Zugeständnis der Hohen Pforte'' bewilligtes Anhängsel enthalten 
war. In Übereinstimmung mit dem ganzen Werke und den 
Zeitumständen wurde darin ausgesprochen, dafs „weitere Ver- 
fassungsänderungen vom Fürsten nur nach erfolgter Bewilligung 
der Pforte und mit russischer Zustimmung vorgenommen werden 
können'' *). 

Die Nationalversammlung wollte jedoch dieses schwer be- 
leidigende Eingeständnis einer traurigen doppelten Abhängigkeit, 
wodurch die Fürstentümer formell des längst ausgeübten Rechtes 
der Autonomie verlustig gingen, nicht anerkennen, und sie fand in 
den russisch-türkischen Verträgen auch Zeugnisse, die als Stütze 
ihrer patriotischen Auffassung dienen konnten. Eine solche An- 
mafsung wollte aber der russische Konsul nicht dulden, und in un- 



1) Vgl. Hurmuzaki, Supl. I*, S. 467: „Le consulat-general ne pourrait 
admettre ancun cbangement quelconqae." 

2) Ebenda, S. 471-474. 



M8 3. Kapitel 

erhört heftigem Tone die walachischen Bojaren zu rechtmälsigen 
Untertanen seines Kaisers stempelnd, donnerte Freiherr vonRuckm&n 
gegen die Undankbaren los, die vergessen hätten, dafs die Fürsten- 
tümer der Pforte lediglich den Tribut, alles übrige dagegen der 
„schützenden^^ Macht schuldig wären. Die Versammlung sei zu 
nichts weiter berechtigt als zu prüfen, ob die neuen Paragraphen 
auch tatsächlich mit dem Geiste des Gesetzes in Einklang ständen. 
Dem schwachen Fürsten wurden ähnliche Vorstellungen gemacht, und 
er tat das einzige, was ihm möglich war: er schlofs die Versamm- 
lung und liefs das Sitzungsgebäude militärisch bewachen ^). Dann 
erging von Konstantinopel aus ein Befehl in russischem Smne, 
und die 1838 berufene Versammlung fugte sich schweigend in das 
UnvermeidUche. 

Alles, was dann folgte, hat nicht die Bedeutung, die ihm 
meist zugeschrieben wird. Die „philharmonische Gesellschaft'^ 
die auch unbestimmte politische Ziele verfolgte, bestand nur aus 
etlichen Schriftstellern und einigen jungen und älteren Mitgliedern 
des für die „Freiheit schwärmenden Ofßzierkorps, in welchem sieb, 
neben Cimpineanu, Voinescu IL *), Magheru, Teil und der Kadett 
Bälcescu als Vorkämpfer für die neue Richtung auszeichneten. 
Die Gesellschaft hatte keinerlei Erfolg, trotz der naiven Hoffnungen 
dieser Unzufriedenen und Träumer. Dafs die Regierung die zeit- 
weilige Intemierung der verdächtigen Persönlichkeiten in Erlöstem 
verfugte, hatte weiter nichts zu bedeuten ; zu ihrer Verteidigung ge- 
schah weiter nichts, als dafs in unschuldigen Gassenhauern ihre 
Sache gebilligt wurde. Dafs unter Bibescu nach heftigem Kampfe 
und einiger Erregung der Vorschlag, dem russischen Unternehmer 
Trandafiloff die Erlaubnis zur Ausbeutung der walachischen Berg- 
werke durch russische Arbeiter und russisches Kapital zu geben, 
abgelehnt wurde, ist entschieden keine so grofse Heldentat, wie man 
seinerzeit glaubte. Die Gutsbesitzer fürchteten einfach eine Schmä- 
lerung ihrer Rechte, und andrerseits war die systematische Opposition 
gegen den Fürsten jetzt zur Regel geworden. Man verteidigte 



1) Hnrmuzaki X, S. 482ff. 

2) In der Bangliste der Armee wurde er durch diese Ziffer von eiDem 
anderen Offizier gleichen Namens unterschieden. 



Politische Kämpfe in den Fürstentümern bis zum Jahre 1848. S69 

zkabeliegende Interessen und wollte nebenbei auch den unbeliebten 
Bibescu einmal ärgern. 

In solchen unschuldigen , literarisch-politischen Gesellschaften 
waren wohl auch die Jungen yertreteui aber sie waren noch nicht 
imstande^ in der Nationalversammlung eine Rolle zu spielen. Eine 
Gefahr fiir den Fortbestand des russischen Schutzregimes be- 
deuteten sie jedenfalls nicht. Die meisten^ wie Bälcescu in der 
Walachei und alle die genannten Fortschrittsfreunde in der Moldau^ 
beschäftigten sich, hoffnungslos hinsichtlich der politischen Ent- 
wickelung; mit literarischen und wissenschaftlichen Arbeiten und 
fanden darin Trost imd Befriedigung. Der begabteste; der einzige 
Denker unter ihnen allen ; Kogälniceanu^ fügte sich sogar in das 
Unvermeidliche und diente dem Mihal Sturdza, seinem ehemaligen 
Gönner^ als Adjutant. Einige andere lagen nur ihren Studien ob, 
so die Brüder Brätianu und C. A. Rosetti, die der mittleren Klasse 
der kleinen Bojaren angehörten. Bälcescu ging nach Paris^ um seine 
Vorarbeiten zu einer Geschichte Mihals des Tapferen fortzuführen. 
Die letzten Jahre vor 1848 zeigen vielmehr Buhe im politischen 
Leben; ja selbst die literarische Bewegung wird von der all- 
gemeinen Tatenlosigkeit beeinflufst. Die Ausgabe der Letopisi^e 
wii*d; wie schon gesagt , vorläufig nicht zu Ende geführt , das 
Magazin verschwindet; die Propä^irea, die Dacia lite- 
rarä bleiben vorübergehende Erscheinungen und bahnen nicht 
neuen nationalistischen Zeitschriften den Weg. Die offiziösen 
Zeitungen von Asachi; der sich jeder Reform gegenüber feindlich 
verhält; und des Eliad^ der jetzt Staatsarchivar in Bukarest war 
und bei seinen Gesinnungsgenossen von gestern als verloren galt, 
führten nur ein Dasein im Verborgenen ; in Siebenbürgen fristeten 
die Foaia und die Gazeta Transilvaniel ihr wenig glänzendes 
Dasein. Das Bürgertum hatte kein Reformprogramm zu verteidigen: 
die städtische Bevölkerung war zu arm und zu stark von fremden 
Elementen durchsetzt; aber auch zu wenig gebildet; um etwas 
anderes als den spärlichen Gewinn des Tages ins Auge zu fassen. 
Für den Bauern waren nur dem Namen nach Schulen ge- 
gründet worden ; im Dorfe lebte man zwar etwas sicherer als früher; 
wenigstens vor finanzieller Willkür; denn die türkische Ausraubung 
war ja vorüber. Aber von dieser oberflächlichen Verbesserung 



290 4. Kapitel. 

der Lage bis zur Ausbildang des Sinnes für Menschenwürde hatten 
diese in Vergessenheit lebenden und sterbenden, armen menschlichen 
Geschöpfe noch einen gewaltigen Schritt zu tun. Sie wünscht^i 
sich weiter nichts^ als den seit langem verlorengegangenen pämint, 
ein Stück ernährenden Bodens; aber vor den grofsen, hartherzigen 
Bojaren erdreistete man sich nicht einmal , sei es auch noch so 
demütig, diesen kitzligen Punkt zu berühren, welcher mit der 
Leidensgeschichte der Ruminie im Zusammenhange stand. 



4. Kapitel. 

Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe ffir die Union 

der Fürstentümer. 

Trotz alledem fiel ein verirrter Funken der Pariser Februar- 
tage auch an der unteren Donau zu Boden und zündete ein wenig. 
Und es gab hier junge, edelgesinnte Leute genug, die darin ein 
wirkliches verzehrendes und sühnendes Feuer erblickten und diesen 
Eindruck der Mit- und Nachwelt verkündeten. 

Zu Beginn des Umsturzjahres waren beide Fürsten mit 
eigenen imd Staatsgeschäften untergeordneter Art beschäftigt, und 
Bibescu konnte mit Stolz von einigen neuerdings in Bukarest er- 
richteten Brunnen sprechen. Ihm sprach auch die im Januar be^ 
rufene Versammlung der Landesabgeordneten ihre uneingeschränkte 
Dankbarkeit für die aufgewandte Mühe aus. 

Die moldauische Adunare hielt ihre Sitzungen, die nur ein 
paar Tage dauerten, etwas später, nachdem schon die Nachrichten 
von Paris eingetroffen waren, und die jüngeren Bojaren, die nur 
französische Zeitungen und die französische Literatur lasen, waren 
bald gut von dem grofsen, nunmehr vollendeten Reformwerke in 
der entfernten Stadt an der Seine, wo viele von ihnen erst vor 
kurzem ihre Studien abgeschlossen oder unterbrochen hatten, unter- 
richtet. Mihal Sturdza, der Fürst, zeigte sich unruhig; er fühlte 
sich isoliert, und zwar ebenso seitens des Landes, wie seitens 
der tyrannischen Schutzmacht. Die alten Mitglieder der Aristo- 
kratie waren zum grofsen Teile und schon seit geraumer Zeit 



Die Wirren des Jahres 1848. Kampfe f&r die Union der Fiirstentfimer. 271 

Zeit unzufrieden mit der YerteSong der Amter; Titel und kleinen 
Hofbegünstigungen. Sie bildeten eine immer ränkesüchtige Oppo- 
sition der niedrigsten egoistischen Art. Die jungen standen unter 
dem Einflüsse des ^^französischen Geistes''^ des in Petersburg ver- 
hafsten und gefurchteten ^^franzuschki duch^'^ und wünschten 
nichts Geringeres^ als die Beseitigung des geizigen Hospodars von Rufs- 
lands Gnaden und die Einfuhrung der jüngsten Errungenschaften 
der revolutionierten Menschheit; sie waren für eine sentimentale, 
unklar empfundene Ära der Liberty , Egalitö, Fratemit^. Der 
russische Konsul ^ der Vertreter der himmlischen Mächte, zeigte 
sich sehr schwankend gegenüber dem ehemaligen Günstling des 
Petersburger Kabinetts und sprach sogar davon ; die SteUung 
Sturdzas sei unhaltbar. Es wurde im geheimen eine Intrige gegen 
ihn und gegen Bibescu gesponnen^ und bald erschienen der General 
Duhamel und Talaat-Effendi als aufserordentliche Kommissäre 
der Süzeränen und schützenden Macht — dies erinnerte an die 
Zeit, da Alexander Ghica abgesetzt wurde, — in Bukarest und 
Jassy, um sich eines nicht näher bestimmten, jedoch sehr wichtigen 
Auftrages zu entledigen. 

Die Reden in der moldauischen Nationalversammlung waren 
daher mit ungewöhnlichen Anspielungen und Andeutungen ge- 
würzt. Derselbe Mann, dessen Zensoren die harmlose Er- 
klärung des Wortes Marseillaise in einer Zeitschrift verboten 
hatten, geruhte sich jetzt über die letzten politischen Ereignisse 
auszusprechen und teilte mit, dafs bei dem langsamen, ihm gut 
dünkenden Entwickelungsgange das Land „einem gut gepflegten 
Baume gleichen würde, welcher zu seiner Zeit Blätter, Blüten und 
die erwünschten Früchte trägt, aber nicht jenem Baume, dessen 
vorzeitige Blüte, von der rauhen Jahreszeit betroffen, dahinwelkt und 
der dann unfruchtbar bleibt '^ ^). Dadurch festigte sich jedoch bei 
niemand die Überzeugung, dafs die Regierung Sturdzas dem Be- 
dürfnisse des Landes vollkommen entspräche, und der Fürst mufste 
sich wohl oder übel mit dem Gedanken vertraut machen, ob er 
nicht etliche Reformen im Sinne des Reglements einführen solle. 
Er trat mit den Führern der gebildeten Jugend in Verbindung 



1) Anul 1848, I, S. 170. 



278 4. Kapitel. 

und liefs sie durch seinen Minister ^tefan Catargiu um ent- 
sprechende Vorschläge bitten. Eine öffentliche politische Ver- 
sammlung, die im Hotel Regensburg stattfand, verlief unbehelligt: 
selbst den anwesenden Getreuen des Fürsten erschien sie nicht 
zu revolutionär! Man ging von der heiligen, einmal bestehenden 
kodifizierten Konstitution aus und kehrte zu ihr zurück. Nach- 
dem einige Berufene und Unberufene, Bekannte und Un- 
bekannte — darunter auch „Untertanen" d. h. Fremde, und 
namentlich Deutsche, die seit langem in den Kreisen des Handeb 
und Gewerbes von Jassj eine Rolle- spielten — , ihre Meinung 
ausgesprochen hatten, wurde eine von unbekannter Hand ver- 
fafste Resolution, die einen politischen Wunschzettel darstellte, 
unter Beifall angenommen. In dieser langatmigen Erklärung war 
keineswegs die Rede von abstrakten französischen Prinzipien, 
sondern nur von Reformen, die das Reglement verlangte und die 
sehr wohl neben demselben bestehen konnten. Es war da die 
Rede von der Sicherung der Person (habeas corpus), von der 
Fürsorge für den Bauernstand, von der Volkszählung, von einer 
Nationalschule, von einer Nationalbank, von einem besseren Ver- 
fahren bei Anstellung der Beamten, von der Erteilung des 
Petitionsrechtes, von dem Ausschlufs der Staatsdiener aus der ge- 
setzgebenden Versammlung, von der Redefreiheit und manchem 
anderen. Zugleich wurde ein Ausschufs eingesetzt, um die sogar 
vom Fürsten begünstigten Mafsnahmen weiter zu verfolgen. 

Doch die dazu Erkorenen waren keine reifen Männer, keine 
populären und verständigen Agitatoren, aber ebensowenig — und 
das war die Hauptsache — politische Köpfe. Es fehlte ihnen 
an Mut, um öffentlich ihre Gedanken zu vertreten. Es waren 
alles blutjunge Bojarenspröfslinge, die weder das Volk in den 
Städten noch das auf dem Lande wirklich kannten; trotz ihres 
edlen Eifers hatten sie kein Ziel vor Augen und fanden deswegen 
auch keine Mittel, um ein solches zu erreichen. Der Führer 
auf dem Gebiete der „moldauischen^^ Literatur, Asachi, ein furcht- 
samer, verschüchterter Mensch, der selbst keine Ideale hatte, be- 
zeichnete diese lärmenden Jungen als „ Hitzköpfe '', die zu unüber- 
legtem Handeln neigten ^). Der Führer der jüngeren Generation, 

1) Ebenda, S. 298. 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe för die Union der Farstentumer. 27S 

Mihal Eogälniceanu^ trat zwar für eine Veränderung der Zustände 
ein und mufste später auch f&r die mifslungene Revolution — er 
wurde von Sturdzas Polizei rastlos verfolgt — leiden , aber von 
dem Ausschusse im Hotel Regensburg wollte er nichts wissen. 
Dessen Mitglieder knüpften mit Sturdza Unterhandlungen an, und 
dieser y der, wie in manchen anderen Fällen, vielleicht auch hier 
nur Komödie spielte, gewährte ihnen alles bis auf zwei Punkte, 
und dies war die Auflösung der Adunare und die Errichtung 
einer Nationalgarde. Die „ Revolutionäre '^ wollten jedoch „alles 
oder nichts'', und die Kunde, dafs nach dem Beispiel von Paris 
auch in Wien und ganz Ungarn die Revolution ausgebrochen war, 
ermutigte sie zum Widerstände. Aber sie beschränkten sich 
darauf, Abgeordnete zum Fürsten zu schicken und sich bald bei 
diesem, bald bei jenem Freunde zu versammeln. Als sonstige 
Tätigkeit läfst sich höchstens noch anführen, dafs man einige naive 
oder raublustige fremde Handwerker als Garde anwarb. Im übrigen 
bestand die Bevölkerung Jassys mehr als zur Hälfte aus Juden, und 
die immer aufrührerischen Bewohner der Vorstädte, Tätära§I oder 
Ciurchl, erhielten von den jungen „Herrchen'' keinerlei Einladung. 
Nun verlor Sturdza die Geduld, oder spielte wenigstens nunmehr 
diesen Teil seiner Rolle; er erschien mit der Fürstin in der Kaserne, 
und die russisch organisierte „Miliz" zeigte sich ihm ganz ergeben. 
Die Prinzen Gregor und Demeter, von denen der erste ein ener- 
gischer, wenn auch rücksichtsloser, ausschweifender und wilder 
Mann war, übernahmen die Führung der durch Branntwein er- 
mutigten Soldaten. Das Versammlungsgebäude der Bojaren wurde 
unter Lärm und Gewehrfeuer umringt, und die Schuldigen wurden 
unter blutigen Hieben zur Kaserne geschleppt, eingekerkert oder 
des Landes verwiesen. Des folgenden Tages, am 29. März, las 
man auf den Strafsen die Proklamation, worin der Sieger ver- 
kündete, dafs er das Vaterland aus den Krallen „etlicher nichts- 
würdiger Leute mit unklaren Gedanken" gerettet habe ^). Es folgte 
dann bis zur russischen Okkupation, die allerdings durch andere 
Tatsachen herbeigeführt wurde, nur eine Fehde in Form von 



1) Ebenda, 8. 180 — 181, und die Erzählung in der Übersetzung Be- 
gnaults, Istoria politicä ^i sociala, II (Jassy 1856), von Fatu. 

Jorga, Geschichte der Bam&nen. II. 18 



874 4. Kapitel 

Broschüren, unter denen sich besonders Kogäkiiceanus Wünsche 
der Nationalpartei in der Moldau^) auszeichneten. 

In der Walachei stand es viel besser um die Aufpflanzung 
des i; Freiheitsbaumes ^^ Bibescu war, wie schon oben gesagt 
wurde, gewifs kein böser Mann, aber von seinen Petersburger 
Ratgebern hatte er den Kat erhalten , sich auf keinerlei Ver- 
änderungen einzulassen, ,,auch nicht hinsichtlich des geringsten im 
Eeglement geordneten Punktes ^y^y und diesen Rat mufste er be- 
folgen. Wie sein Nachbar hatte auch er unermüdlich gegen eine 
Opposition zu kämpfen, denn unter den älteren Bojaren hatte er 
nur Günstlinge, wie etwa lancu Manu oder Vellara, aber keine auf- 
richtigen Freunde; fast aUe beneideten ihn um seinen Fürstensitz, 
um seine doppelte Vasallenstellung mit glänzendem Aufseren. In 
Paris hatte er noch während der guten Tage des Absolutismus seine 
Studien gemacht und erkannte in den Jungen, die jetzt aus Paris 
zurückgekehrt waren, keineswegs Gesinnungsgenossen. Er konnte 
nicht anders handeln, als er verfahr, und er war ja auch nur ein 
ganz gewöhnlicher Durchschnittsmensch. Deshalb wartete er nur 
korrekt der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der russisch-tür^ 
kischen Enquete, der Strafsenplakate und Strafsenunruhen : nichts 
von alledem vermochte er zu hindern. Bis zuletzt aber beobachtete 
er gewissenhaft die bestehenden Verträge und blieb so ein treflF- 
liches Mitglied der internationalen hohen Gesellschaft Europas. 

Die revolutionäre Partei, die im Frühling ebenfalls heimlich 
einen Ausschufs eingesetzt hatte, bestand aus ganz verschiedenen 
Elementen, die sich nur in einem Punkte einig fühlten: in dem 
Kampfe gegen die verhalste russische Kontrolle, gegen das ver- 
maledeite Protektorat und dessen Mifsbrauch durch Rufsland und 
gegen die russische Konsularregierung. In allen anderen Fragen, 
hinsichtlich der inneren Reform, der Fürsorge Air die Bauern, der 
Haltung gegen Bibescu, gegen die Pforte, gegen Ungarn und 
Österreich waren und blieben sie durchaus verschiedener Ansicht. 
In erster Linie standen innerhalb der Partei, die eine eigentliche 
Organisation nicht besafs, diejenigen Leute, welche unter dem 



1) „Doiintüe partidel nationale in Moldova" (Elugschrift). 

2) Anal 1848, I, S. 328. 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe fSr die Union der Fürstentümer. 275 

Einflüsse Lazärs ihre geistige Bildung genossen hatten; das 
waren die Nationalen oder vielmehr Konservativen. Zu ihnen 
gehörte der ehemalige Leiter der nationalen Opposition^ Cimpi- 
neanu, der allerdings jetzt schon müde war und nicht mehr die 
alte Entschlossenheit besafs ; vergebens suchte er jetzt seine frühere 
KoUc; die man ihm streitig machte ; unter Beobachtung gröfster 
Vorsicht weiterzuspielen. Dann war Eliad ein sehr einflufsreicher 
Mann, der jahrelang durch seine jetzt von Bibescu verbotene 
Zeitung, seine Bücher, seinen Unterricht und nicht zuletzt durch 
seinen Umgang mit der Bevölkerung von Bedeutung war, denn 
er stand auch mit den Bewohnern der Vorstädte, mit den Halb- 
bauern der weiteren Umgebung von Bukarest, mit den Eaufleuten, 
deren Geschäfte sich unter dem Reglement gut entwickelt hatten, 
so dafs ihre Häupter einige Achtung genossen, und mit den Ar- 
meniern, die ihm während der Revolutionstage Schutz und Schiroi 
anboten, in Verbindung. Er war zwar noch nicht einmal fünfzig 
Jahre alt, aber trotzdem zeigten sich bei ihm schon beträchtliche 
Spuren der Altersschwäche. Er schrieb einen schwülstigen Stil^ 
liebte es aufserordentlich, seine Person in den Vordergrund zu 
drängen und erblickte in sich selbst beinahe einen Vertreter der 
Gottheit, eine Christuserscheinung; jeden, der ihm den ersten Rang 
streitig machen konnte, brandmarkte er deshalb als „Verräter^' an 
der Nation, als einen Beleidiger der Gesetze des Himmels. Bei 
einer künftigen Revolution fühlte sich dieser Romantiker vom 
Schlage Lamennais' schon als olympischer Besänftiger der Leiden- 
schaften, als Prophet der unblutigen Befreiung und glaubte als 
Sieger Ordnung und Freiheit herbeiführen zu können. 

In zweiter Linie, was Einflufs und Reife der Gedanken an- 
belangt, standen die Jungen, die ihre Erziehung bereits in der Heimat 
genossen hatten, Leute, die das Land gut kannten und 1848 be- 
reits auf Leistungen als Lehrer oder Schriftsteller zurückblicken 
konnten. Dazu gehörten z. B. Bälcescu und Ion Ghica, der viel- 
leicht noch über ihm stand; letzterer war ein Mitglied der fürst- 
lichen Familie und ein gewandter Mann, beschäftigte sich be- 
sonders mit Mathematik und den Naturwissenschaften, war jeder 
Übertreibung der Form und jeder Romantik abhold und galt als 
ein kluger Mann, auch nach orientalischer Auffassung. Diese 

18* 



270 4. Kapitel. 

Männer wollten ein Grofs- Rumänien; die Vereinigung aller Be- 
standteile der rumänischen Nation zu einem einzigen Staatskörper. 
Deshalb aber verschmähten sie für die schwere Zeit des Anfangs 
nicht ein loses Vasallitätsverhältnis zur Pforte oder eine Kon- 
föderation der Donaufärstentümer mit den ^^ befreiten ^^ Ländern 
Ungarn und Serbien^ vielleicht sogar einen Anschlufs an das neue 
Österreich. Die Söhne des grofsen Bojaren Dinu Golescu, vier 
Brüder, die sämtlich in der Schweiz erzogen waren und von dem 
ältesten Bruder Nikolaus, dem späteren ,, General Golescu^ geleitet 
wurden — ihr Vetter Alexander, ein Sohn des lordaki Golescu, 
schlofs sich ihnen an — standen, ihrer ähnlichen Erziehung und 
Herkunft entsprechend, so ziemlich auf demselben Standpunkt 
wie Bälcescu und Ghica, während andere Bojarensöhne, wie 
Grigore Grädi^teanu, mehr zu Eliads Anschauungen hinneigten. 
Sie schrieben und handelten in demselben Sinne, wie die aus Sieben- 
bürgen eingewanderten Nachahmer Lazärs, die, wie jener, von jen- 
seits der Berge das europäische Licht mitgebracht hatten. An erster 
Stelle unter diesen ist Laurian zu nennen, dann Florian Aaron, sowie 
ein jüngerer, sehr begabter Lehrer, loan Maiorescu, der in seinem 
Wirkungslsireise zu Craiova sehr beliebt war. Sie vereinigten, wie 
Bälcescu und Ghica, mit dem nationalen Ideale eine hervorragende 
Fürsorge für die Bauern, deren vollkommene soziale, politische und 
ökonomische Befreiung die Vorbedingung fiir eine gesicherte Zu- 
kunft der vereinigten Nation bilden sollte. Bezeichnenderweise 
schrieb Bälcescu, aber erst nach dem Fehlschlagen der Revolution, 
und zwar in Paris, seine Question äconomique. Auch Mol- 
dauer, die in das Nachbarland gegangen waren, wie der wissen- 
schaftlich gebildete loan lonescu, ein Volkswirt, ein klarer Denker 
und ein ausgezeichneter, praktischer Wirtschafter, bewegten sich 
auf dieser einzig und allein zum Ziele fuhrenden Bahn. 

Die Anschauungen des Offizierkorps berührten sich mehr mit 
denjenigen Eliads. Die walachische Miliz besafs einige russische, aber 
auch preufsische — Engel von Bräila — Führer; ihr Oberhaupt, das 
den Titel C o 1 o n e 1 führte, war loan Odobescu, ein vollständiger An- 
hänger Rufslands. Etliche andere hohe Offiziere hatten ihre Laufbahn 
unter den Fahnen Tudors begonnen — so der ganz ungebildete 
und lächerlich einfaltige Major Solomon, ein famulus des Odo- 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. 277 

bescu — j andere hatten sich zuerst während des russisch-tür- 
kischen Krieges von 1828 — 1829 unter den christlichen Fahnen 
bervorgetan; in dieser Lage befanden sich der Colonel Tell^ ein 
ehrgeiziger Mann^ der sich später einmal als Fürst sah^), und 
Gheorghe Magheru, der als Führer der Gendarmen gegen die 
Räuber in der Kleinen Walachei angefangen und später den Russen 
wesentliche Dienste als tollkühner und sehr beliebter Oltenenführer 
in der Art des ,,Domnul Tudor'^ geleistet hatte. Im Jahre 1848 
bekleidete letzterer die Stellung eines Administrators im Bezirke 
Romana^I. Auch Bälcescu war Kadett gewesen^ ebenso der Dichter 
Alexandrescu, der Dichter Cirlova^ loan Voinescu IL und ebenso 
loan BrätianU; welcher erst 1848 seinen Abschied erhalten hatte. 
Die Mitglieder des Kadettenkorps in Bukarest schwärmten sämtlich 
für das Ideal der Freiheit, und in dieser Richtung arbeitete be- 
sonders eifrig der junge Magheru, ein Neffe des Gheorghe. 

Endlich gelangten während des Frühlings junge Studenten, 
der mittleren Bojarenklasse angehörend, aus Paris an, die nicht 
an eine räumliche Beschränkung der französischen Revolution 
glauben wollten. Einer von ihnen, C. A. Rosetti, hatte sich auch 
poetisch betätigt und genofs daher die wohlfeile Reputation eines 
Dichters. Uneigennützig im höchsten Grade, beherrscht von phi- 
lanthropischen Idealen, vermählt mit einer edeldenkenden, heroischen 
Engländerin, glaubte Rosetti schon in der nächsten Zukunft eine 
idyllische Verbrüderung aller Menschen verwirklicht, und sein 
Enthusiasmus offenbarte sich während der Revolution in unendlichen 
sentimentalen Hymnen an die vom Himmel gestiegene Freiheit. 
Sein Gesinnungsgenosse Ion Brätianu dagegen schwärmte für 
heftige Strafsenszenen, für Au&üge und Reden auf dem „Frei- 
heitsfelde" und für eine Erhebung der grofsen Masse des „Volks" 
gegen die „Despoten". Ihm mufs es als Verdienst angerechnet 
werden, dafs er, ausschliefslich für die Politik lebend, der einzige 
war, der sein Ziel klar vor Augen sah und ihm immer glücklich 
zustrebte; er war auch der einzige, der praktische Erfolge er- 
zielt hat. 

Die Grofsbojaren waren für das Reglement; denn sie alle 

1) N. B. Läcuflteanu, Ion Heliade Eadulescu: Scrisorl din exil (Buka- 
rest 1891). 



878 4. Kapitel. 



wollten selbst die Macht; die höchste Stellung ; dies gilt für Georg 
Filipescu wie fdr Konstantin Eantakuzino und jedes Mitglied der 
Familie Cre^ulescu. Darum haderten sie auch untereinander und 
waren so schwach gegenüber einer Handvoll „Revolutionäre''. Die 
Bauern wollten keine Freiheit; keine Gleichheit, keine Konstitution; 
keine Republik: dies alles erschien ihnen wie die Phantasien eines 
Irrsinnigen. Sie wollten nur Land, eigenes; vererbliches Land; 
das aber wollten ihnen viele von den Revolutionären geben. 

Das war für sie die wichtigste Frage; alles andere war nnr 
glänzender und vorübergehender Schein. Es handelt sich dabei im 
Grunde nur um lauter biographische Einzelheiten der beteiligten 
Personen; welche erst später des Ruhmes würdig wurden. Darum 
müssen bei dem ganzen Verlaufe der Revolution ^) zwei TeilC; der 
politische; weniger wichtige, und der soziale; unterschieden werden. 

Anfangs verzögerte sich der Ausbruch der Bewegung infolge 
einiger unvorhergesehener Ereignisse. Unterdessen geschah aber 
Grofsartiges in einem anderen Winkel der rumänischen Erde^ ja 
ein Teil der Anhänger einer Reform verliefs sogar die Walachei; 
um an dieser anderen grofsen rumänischen Kundgebung teilzu- 
nehmen. Laurian und Vasile Maiorescu begaben sich nach Sieben- 
bürgen; um dort; im Verein mit den übrigen Führern der rumä- 
nischen Intelligenz; Bari^iü; dem patriotischen freisinnigen Heraus- 
geber der ;; Gazeta Transilvaniel^'; und Bämu^iü; einem Lehrer zu 
Blaj; gegenüber den von den ungarischen Revolutionären ausgehen- 
den Nivellierungstendenzen die Sonderbestrebungen der ;;Walachi- 
schen^' Nation zu betonen. Was sich im April und Mai in Blaj 
ereignete; läfst sich aber nicht gut verstehen, wenn man nicht die 
Veränderungen in Betracht zieht; die seit Lazärs Tagen im ru- 
mänischen Siebenbürgen vor sich gegangen waren. 

In Siebenbürgen hatte sich seit langer Zeit nichts verändert, 
nichts war zur Beseitigung des alten Unrechts geschehen. Unter 
Kaiser Leopold war der Feudalismus wieder zur Geltung gelangt; 
lediglich die Anlage eines neuen Urbariums war gemäfs den 
herrschenden Humanitätsideen befohlen worden, um dem Jobagyen 
ein einigermafsen erträgliches Leben zu sichern. Zur Verhandlung 



1) Von Juni bis September 1848. 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe f&r die Union der Fürstentümer. 879 

über diese Dinge waren die siebenbürgischen Landtage berufen. 
In diesen überwog aber das aristokratische magyarische Element, 
und die Reform, die Milderung der Lasten bringen soUte — von 
einer Erlösung war jetzt nicht mehr zu sprechen — , verschob 
sich von einem Jahre zum anderen. Ak dann im Jahre 1811 
die Zeit des völligen Absolutismus, ohne jede Provinzialvertretung, 
kam, ging die Regierung zwar selbst an die Arbeit, aber gerade 
in Siebenbürgen bestand, nicht anders als früher, auch das 
transsilvanische Gubemium mit seinen greisen und kleinen Be- 
amten aus hartnäckigen Privilegierten. Infolgedessen erhielt Kaiser 
Franz, der 1819 das Land persönlich bereiste, so viel begründete 
Klagen von der bedrückten rumänischen Bauernschaft, dafs er 
nicht umhin konnte, einzuschreiten. Nun wurde gelegentlich der 
Konskription von 1819 der Grund zu einem allgemeinen Ur- 
barium gelegt, aber dies bildete in der Tat eine schlechte Grund- 
lage, weil die Angaben der Interessenten zum gröfsten Teile falsch 
waren; zu unrichtigen Angaben wurden auch die Jobagjen selbst 
durch die Mitteilung der Grundherren verleitet, dafs die Steuerlast 
eines jeden nach seinem Grundbesitze veranlagt werden würde. 
Die Verteidiger der schlechten Vergangenheit, die jeden Fortschritt 
hinderten und illusorisch machten, f&hlten sich jedoch inmitten 
der wachsenden Unzufriedenheit, in der schrecklichen Erinnerung 
an das Blutbad aus der Bewegung des Horia keineswegs sicher, 
und im Jahre 1831 ergriff die Edelleute der Provinz eine ganz 
unbegründete Panik, so dafs sie sich aus Angst vor einem un- 
sichtbaren „walachischen^^, Vergeltung übenden Aufrührer eilig in 
alle Winde zerstreuten. 

Im Jahre 1834 entstand das konstitutionelle Leben in Sieben- 
bürgen mit Wiederherstellung der alten historischen Gerechtsame 
aufs neue, und alle wichtigen Fragen wurden wieder in Landtags- 
sitzungen erörtert. Jetzt hatte die magyarische Intelligenz wieder 
eine ausschliefsliche Beschäftigung gefunden, denn über die gegen- 
wärtigen und zukünftigen Verhältnisse der magyarischen Nation hatte 
der beredte, fär sein Volk schwärmende, aber zugleich nüchterne 
und systematisch denkende Graf Stephan Szächenyi, den selbst 
seine Gegner „den grofsen Magyaren '^ nannten, geschrieben, und 
seine klare, begeisterte Stimme hatte überall starken Widerhall 



SSO 4. Kapitel. 

gefunden. In der neuen Welt nationaler Kraftproben konnte das 
Magyarentum, so wie es war^ nicht weiter bestehen: eine Nation 
von höchstens fünf Millionen Menschen kann zwar eine Kultur 
begründen, aber keineswegs, wie die Dichter jener Periode sangen, 
„die halbe Welt" für den „magyar ember" erobern. Deshalb 
lautete die Losung: Magyarisieren ! Wenigstens dem äufseren, 
gesellschaftlichen national-magyarischen Leben sollten jetzt Slaven 
und Rumänen, die einst von den arpadischen Ahnen besiegt worden 
waren, gewonnen werden. Die Bauemfrage tmt jetzt ganz in den 
Hintergrund, und erst im Jahre 1847 wurde das Urbarium 
vollendet, aber dieses bedeutete eine derartige Sanktion der be- 
stehenden feudalen Rechte, dafs sich die Regierung fürchtete, dem 
Volke von dem seit langer Zeit erwarteten Werke Kenntnis zu 
geben. Der Grundherr behielt ja alles, was er hatte, Boden, Ein- 
künfte und drückende, noch dazu ungenau beschriebene Servitia; 
ja, er erhielt sogar das Recht, nach seinem Gutdünken den an die 
Jobagyen verliehenen Grund und Boden wieder allodial zu machen, 
das heifst einzuziehen, ihn zu konfiszieren. 

Dies alles trat jetzt zurück, und der Sieg der demokratischen 
revolutionären Partei unter dem magyarisierten Slowaken Kossuth, 
der auf Grund der Menschenrechte das nationale Unrecht der 
magyarischen Oberherrschaft hinsichtlich aller politischen und 
kulturellen Erscheinungen sanktionieren wollte, dieser mit grofsem 
Beifall angenommene Sieg warf alle Urbarienbücher, gute oder 
schlechte, zum alten Eisen der lediglich geschichtlichen Erinnerung. 
Der Kampf gegen das von Osterreich vertretene deutsche System, 
die Magyarisierung des Staates und des Kulturlebens, das war das 
stündlich verfolgte, vor Augen schwebende letzte Ziel. Man sprach 
sogar von der Einfuhrung der magyarischen Sprache in den kirch- 
lichen Gebrauch der rumänischen linierten und Nichtunierten, und 
das wäre ein geradezu unerhörter Frevel zugleich gegen die kirch- 
liehe Überlieferung und die Nationalität gewesen. Es wurde 1842 
sogar ein Gesetzentwurf vorgelegt, demzufolge binnen einer Frist 
von zehn Jahren die Erlernung der vermeintlichen Landessprache 
allen Staats- und Kirchendienern zur Pflicht gemacht wurde; doch 
selbst die Sachsen antworteten darauf, die wahre Landessprache 
sei doch die „walachische^M 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. 281 



Solchen Plänen und Eingriffen gegenüber standen die Ru- 
mänen so machtlos da wie keine andere von den Magyaren als 
Beute ausersehene Nation. Sie hatten auf ihrer Seite nur daS; was 
sie ohne praktischen Nutzen schon immer für sich gehabt hatten, 
die Zahl und das Bewafstsein, sich im Rechte zu befinden. Da- 
g^en fehlte es ihnen bis um das Jahr 1848 an irgendeiner Leitung, 
denn eine solche fanden sie weder in der einen, noch in der anderen 
Kirche, noch auch bei der Intelligenz. Der reiche, angesehene 
Bischof Bob von Blasendorf, der langjährige Seelenhirte der Unierten, 
war 1830 gestorben, mehr von seinen Kanonikern als vom rumä- 
nischen Volke betrauert, denn er hatte es fertig gebracht, alle aus- 
geprägten Persönlichkeiten, die besten Männer seiner Zeit, aus seinem 
Bischofssitze und Bischofssprengel zu vertreiben. Ihm folgte loan 
de Lernen j, ein Mann, welcher, einer Familie des niederen Adels 
entstammend, katholisch erzogen war und keinen Sinn für die höheren 
Interessen seiner Nation besafs. Er selbst schrieb seinen Namen 
vornehm magyarisch, gestattete auch, wo er nur konnte, und be- 
förderte sogar die Einführung der magyarischen Sprache in seiner 
Diözese. Die Oberpriester seiner Kirche folgten seinem Beispiele, 
sprachen eine fremde Sprache und liefsen ihren Kindern eine 
fremde Erziehung angedeihen. Mehr als jeder andere Umstand 
spricht für Lem^nys Gesinnung sein Einfall, bei dem Begräbnisse 
Bobs als fein erzogener Mann die Leichenrede vor dem ver- 
sammelten rumänischen und nichtrumänischen Publikum magyarisch 
zu halten. Unter ihm erhielt das Gymnasium von • Blasendorf, 
zum Lyzeum geworden, eine wesentliche Verstärkung und Be- 
reicherung der Lehrkräfte: nach Timotel Cipariü, der schon 1829 
seine Lehrerlauf bahn begann, wurde 1831 Simeon Bämu^iü als 
Lehrer für Philosophie und Weltgeschichte berufen. Aber gewifs 
war es nicht Lem^ny anzurechnen, dafs diese Lehrer ihres Amtes 
in nationalem Sinne walteten. 

Auch dem nichtunierten Bischöfe von Hermannstadt, Moga, 
war eine lange Amtszeit beschieden ; er überlebte sogar noch seinen 
Kollegen Bob. Moga war ein guter alter Mann — sehr alt und 
sehr gut — , eignete sich aber gar nicht dazu, in nationalen und 
kulturellen Fragen ein energisches Wort zu sprechen. Er war 
sein Leben lang damit zufrieden, der erste nichtunierte Bischof 



28S 4. Kapitel. 

rumänischen Ursprungs mit einer ständigen, anerkannten Besidenz 
gewesen zu sein. 

Von den Vertretern der jungen rumänischen Qeneration 
Siebenbürgens waren sehr viele in die Fürstentümer ausgewandert, 
denn dort konnten sie trotz der Zensur und der russischen Ober- 
aufsicht dennoch in viel höherem Grade für die gesamte Kultur- 
entwickelung ihres Volkes wirksam sein. Laurian und loan 
Maiorescu wurden schon genannt; auch schon vor ihnen hatte die 
Moldau aus Siebenbürgen ausgezeichnete Lehrer bekommen. Aber 
auch in der Heimat blieben nicht unbedeutende Männer zurück, wenn 
auch keiner von ihnen einem Mitgliede der einstigen Schriftsteller- 
gruppe gleichkam. Der Mann, der sich hier mit Eliad oder Asachi 
vergleichen liefs, und zwar noch mehr mit ersterem, weil er, wie 
dieser, auch politisch-nationale Ziele verfolgte, war Oheorghe 
Bari^ — er schrieb sich Baritiu — , der seit 1836 als Schuldirektor 
in Kronstadt, dicht an der walachischen Grenze, wirkte und seit 
1838 die Foaia pentru minte, inimä ^i literaturä heraus- 
gab und ebenso eine populär geschriebene Zeitschrift, die mit den 
allgemein bekannten cyrillischen Buchstaben gedruckt wurde und 
allerlei nichtpolitische literarische Aufsätze meist in halb scherz- 
haftem Plaudertone enthielt. Diese Organe waren auch in den 
Fürstentümern, die Bari^itl im Verein mit Cipariü aufgesucht hatte, 
verbreitet und stift;eten viel Gutes. Doch Bari^iü wie dem ganzen 
ausgedehnten Kreise, in dem er wirkte, fehlte das feste Vertrauen 
auf den endgültigen Sieg der nationalen Bewegung und im be- 
sonderen auch der Drang zur Tat, zur langersehnten, entscheidenden 
Tat in dem günstigen Augenblicke, den der Zufall bieten würde. 

Die Blasendorfer Domherren hatten 1842 gegen den be- 
rüchtigten Gesetzentwurf, der die Erlernung und allgemeine Ein- 
führung der magyarischen Sprache erzwingen sollte, Einspruch 
erhoben und dabei in kräftigen Worten den Gedanken ausgesprochen, 
dafs das rumänische Volk die lateinischen Kulturformen höchstens 
zu dem Zwecke aufgeben könnte, um nationale zu emp&ngen, aber 
keineswegs, um eine mangelhaft;e Sprache, die hinsichüich der Er- 
zeugnisse der Literatur noch ärmer sei als die seinige, anzunehmen '). 

1) Gedruckt bei Pap in, Istoria Bomamlora din Dacia Superiore, II, 
S. 274-277. 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Farstentämer. 88S 

Hier wirkte für eine bessere Zukunft seiner Volksgenossen Simion 
Bämu^ü, der rumänisch vortrugt und das bedeutete im höheren 
Unterrichte eine wesentliche Neuerung; femer Cipariü^ welcher 
sich als Autodidakt eine enzyklopädische Bildung erworben hatte 
und in seiner Bibliothek orientalische Handschriften, deren Sprachen 
ihm gut bekannt waren, mit theologischen Schriften und den 
jüngsten Erscheinungen der Weltliteratur vereinigte. Als rastloser 
Arbeiter, kaum des Schlafes bedürftig, safs er Nächte lang über 
den verschiedensten Gegenständen, verlor aber dabei sein Endziel 
nie aus dem Auge, und das war die Feststellung einer endgültigen 
rumänischen Literatursprache, die ebenso den Zusammenhang mit 
der ganzen Geschichte der Sprache, wie den mit den gesprochenen 
Dialekten wahren soUte. Aber in politischen Fragen zeigte der 
gelehrte Domherr eine unentschlossene Haltung, während Bämu^iü, 
der kein Kleriker war, sich wesentlich deutlicher aussprach und 
deswegen viel bekannter und beliebter wurde. 

Nach einiger Zeit gab Bärnu^iü seine Professur in Blasendorf 
auf, um zu Hermannstadt die Rechte zu studieren, da er hierin 
eine Stütze für seine politischen Gedanken fand, und hier 
erwarb er sich, geradeso wie ehedem dort, eine grofse Popularität. 
Die Hermannstädter Studenten traten dann in den Staatsdienst, 
und so kann es nicht wundernehmen, dafs im Jahre 1848 nicht 
weniger als dreifsig rumänische Beamten bei der Landtafel von 
Vasarh^ly, der höchsten richterlichen Instanz für Siebenbürgen, 
angestellt waren. Bei ihnen genofs eine allgemein anerkannte Au- 
torität Avram lancu, ein feuriger junger Mann, der Gutsbesitzer 
in den Abruder Bergen war, wo das Gespenst Horias, noch immer 
Sühne fordernd, in den Geistern spukte, und nicht minder der 
junge Papiu Ilarian, der eine besondere Vorliebe für das Studium 
der Geschichte zeigte. 

Nachdem Eossuth die ungarische Revolution angebahnt hatte, 
ging man in Siebenbürgen daran, den letzten Artikel der neuen 
„ungarischen'^ Konstitution zu verwirklichen, d. h. die Union 
Siebenbürgens mit Ungarn zur Tatsache zu machen. Die ganze 
magyarische Bevölkerung trat begeistert für diese heilsame Mafs- 
regel ein, welche aus den zwei ungarischen Ländern ein einziges 
grofses „Vaterland** schaffen sollte. Die Sachsen waren, wie ge- 



884 4. Kapitel. 

wohnlich, zorückhaltend; mifstrauisch und schwankend und zudem 
untereinander in mehrere Richtungen gespalten. Was die Ru- 
mänen betriffl;, von denen materiell die Durchführbarkeit der 
Union abhing, so waren sehr viele von ihnen schlecht über den 
Sachverhalt unterrichtet, und selbst ein so tüchtiger Gelehrter wie 
Cipariü konnte sich in seinem mit lateinischen Buchstaben ge- 
druckten Organul luminäril („Aufklärungsorgan") ftir die 
Union als eine unabwendbare und schliefslich auch wohltuende 
Notwendigkeit aussprechen. 

Bärnu^iü jedoch war anderer Meinung. Seine Eltern hatten 
im Schweifse ihres Angesichts den fremden Acker bebaut, und ihm 
wie allen anderen erschien die Abschafifung der menschlichen Halb- 
sklaverei durch den ungarischen Landtag in erster Linie not- 
wendig, aber dieser grofse Erfolg zugunsten der siebenbürgiscben 
noch unfreien Rumänen war nur zu erreichen, wenn man für die 
Union eintrat. Das aber wollte Bämu^iü nicht, seine Volksgenossen 
sollten dieses ihr gutes Recht nicht als Gnade von ihren Peinigem, 
den Angehörigen einer namenlosen plebstributaria hingeworfen 
erhalten; er fafste vielmehr rechtlich die Union, wenn überhaupt 
eine Union zu schliefsen wäre, was er keineswegs für notwendig 
hielt, als einen Vertrag auf, den eine von Reue erfüllte, tyrannische 
Nation und eine andere, die jetzt vollkommen zum Bewufstsein 
ihrer Würde gekommen sei und den Lohn ihrer saueren, bisher 
unvergoltenen Arbeit beanspruchte, als gleichberechtigte Kon- 
trahenten abschliefsen sollten. 

Diese Gedanken wurden zuerst zu Hermannstadt in un- 
gedruckten Proklamationen, die keine Unterschrift trugen, aus- 
gesprochen, und die Studenten erkannten darin den Ausdruck 
ihrer eigenen Ideen. Andrerseits glimmte das Feuer auch bereits 
unter den Zöglingen zu Blasendorf, und die Verhaftung des Ru- 
mänen Michef, der politisch verdächtig erschien, gab Anlafs zu 
einer Agitation. In Vasarhöly endlich wollten die rumänischen 
Beamten die Petition zugunsten der Vereinigung mit Ungarn nur 
unter gewissen Bedingungen unterzeichnen. Als nun hier auch 
noch ein Bote aus Blasendorf ankam und die Forderung Bärnu^iü» 
bekannt wurde, da waren alle zu der Bewegung notwendigen 
Elemente vereinigt 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe f&r die Union der Fürstentümer. 285 

Man dachte jetzt nicht an kleine Zasammenkiinfte der Intelli- 
genz ^ nicht an eine Fehde mit Zeitungsartikeln und Broschüren, 
sonder nur an eine grofse Befragung des Volkes, ohne Unterschied 
des Glaubensbekenntnisses. Diese allgemeine Versammlung — man 
dachte dabei an Beispiele aus der Geschichte des alten Rom, denn 
die Ideen eines Petru Maior waren jetzt den Massen in Fleisch 
und Blut übergegangen — sollte natürlich in Blasendorf, dem 
gröfsten rumänischen Kulturzentrum, stattfinden und mufste 
durch eine Beratung mit den Bauern vorbereitet werden. Als 
die Schüler von Blasendorf in die Ferien nach Hause gingen, er- 
hielten sie von einigen ihrer Lehrer den Auftrag, ihre Dorfgenossen 
für den Sonntag nach Ostern nach Blasendorf einzuladen, 
damit man dort mit ihnen über die notwendigen Besserungen 
ihrer Lage Rats pflegen könne. Hier in Siebenbürgen war die 
ganze Nation ein einziger Körper, den trotz des Mangels an Volks- 
schulen dieselbe Idee beherrschte. Die Intelligenz und auch die 
Mitglieder des hohen Klerus waren ja doch alle nur Bauern- und 
Priestersöhne. So strömte denn an dem bestimmten Tage und 
trotz des Wutgeheuls der Feinde, die schon wieder einen Horia 
blutig und blutvergiefsend vor ihren Augen sahen, in Blasendorf 
eine ungeheure Menge gemeinen Volkes zusammen wie zu einem 
Feste, zu einem wohlüberlegten und bescheiden, aber würdig 
abgehaltenen nationalen Festtage. Der Bischof Lemöny mufste 
sich in das Unvermeidliche fügen und hatte in seiner offiziellen 
Eigenschaft die Priester, die gescheitesten unter den geistlichen 
Söhnen des Volkes, zu sich berufen. Von Hermannstadt aus war 
in etwas eindringUchem Tone dieselbe Ermahnung ergangen. Der 
eben erst neu erwählte Bischof hier war noch von den Reisen 
behufs seiner Einsetzung in Anspruch genommen; er hiefs Andrei 
§aguna und war der Sohn eines Kaufmanns von Gabrova, eines 
makedonischen „Aruminen^^ Er hatte als Kind in dem Hause 
seines mütterlichen Verwandten Grabe wski, eines patriotischen 
Kaufmanns in Pest, gewohnt, und war nach Beendigung seiner 
Studien ein eifriger Verteidiger der Rumänenrechte geworden, ein 
Mann mit ausgeprägtem Charakter, ohne Furcht vor dem Feinde, den 
er würdig mit den Waffen des Rechts und der Kultur bekämpfte. 
Lemönj versuchte alles mögliche, um die Versammlung aufzulösen, 



886 4. Kapitel. 

aber es gelang ihm nicht. Die Studenten sprachen zu der Menge, 
die zwar nur teilweise verstand , um was es sich handelte, aber 
trotzdem aus allem freudig eine treugemeinte gute Botschaft heraus- 
hörte. Das Auftreten Bari^üs wirkte ermunternd^ gerade wie die 
Nachrichten aus dem Banat^ wo schon lange Zeit vorher £atimie 
MurgU; ein ehemaliger Lehrer in Jassy, als Agitator tätig ge- 
wesen war, um dann auf viele Monate in den Kerker zu wandern. 
Es handelte sich in der Tat nicht nur vom geographischen^ sondern 
auch vom religiösen Gesichtspunkte aus um eine allgemeine Ver- 
sammlung der Rumänen^ die im Namen Gottes, des Kaisers und 
des Bechts gehalten wurde, denn von den beiden ersten nur konnte 
das letztere kommen. Forderungen , wie die Anerkennung der 
rumänischen Nation , der rumänischen Religion; des rumänischen 
Rechtes am Grund und Boden und der rumänischen Sprache — 
das Programm Cipariüs — vernahm man mit Beifall, und es 
wurde auch beschlossen, eine andere Versammlung, ebenfalls zu 
Blasendorf, im Mai zu halten. 

Diese übertraf noch die erste und zeigte in glänzender Weise, 
wie zahlreich, wie empfänglich für Kultur und in welchem Mafse 
deren würdig diese arme plebs der „Walachen^^ war. Es waren 
nach der Rechnung der Anwesenden vielleicht vierzigtausend 
Bauern in ihren weifsen Frühlingskleidern erschienen, und es 
waren auch Fremde aus der Moldau — darunter auch der künftige 
erste Rumänenfürst Alexander Cuza ^) — mit der ganzen sieben- 
bürgisch-rumänischen Intelligenz vereinigt Und das grofsartige 
Schauspiel wurde dadurch gekrönt, dafs vor den Volksmassen, die 
das ganze weite Feld am Kockelfiusse (Timava), das „ Freiheitsfeld '^, 
in einzelnen gesonderten Gruppen bedeckten, Bärnu^iü selbst sprach. 
Er hielt eine lange Rede, viel zu gelehrt, als dafs sie wirklieb 
Aufklärung hätte verbreiten können, aber sie wurde dennoch wie 
ein Evangelium aufgenommen. Und nicht minder erhebend war 
der Augenblick, als die beiden Bischöfe nebeneinander erschienen, 
um zu bekunden, dafs sie als wahre Brüder in Christo für das 
Wohl ihres Volkes einzutreten bereit seien. 

In dem formellen Protokoll der Versammlung ist ausgesprochen. 



1) Baritiü, II, S. 569. 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe för die Union der Farstentfimer. 287 

SLsLk die rumänische Nation des siebenbürgischen Landes treu zu 
dloni E[aiser zu halten gelobt; deshalb feierlich den Eid der Treue 
Eirl>legt und sich zugleich selbst zur selbständigen , vollwertigen 
KTation erklärt ^). 

Am 28. Mai stimmte dann^ wie zu erwarten war, der sieben- 
bllrgische Landtag , in dem die Magyaren beinahe ausschliefslich 
vertreten waren, für die Union. 

Der im Mai eingesetzte Ausschufs der Rumänen fand den 
xechten Weg nicht und leistete auch nichts. Die beiden Bischöfe 
gingen zwar als Mitglieder der Nationalversammlung des ver- 
einigten Magyarentums nach Pest, aber niemand vernahm jemals 
liier ihre Stimme. Die Kundgebungen der rumänischen Soldaten 
liatten keinen praktischen Erfolg, weil der Gouverneur des Landes, 
Puchner, noch schwankte. Laurian, der in Hermannstadt wirkte, 
irersuchte vergebens einen Protest zusammenzubringen; aber der 
kaiserliche Kommandant liefs ihn dafür einsperren. Indes ein 
Konflikt zwischen dem Kaiser und den „ befreiten'* Magyaren war 
bald zu erwarten, und in den Bergen Horias hielt sich schon 
Avram lancu, sein Nachfolger von Gottes Gnaden, bereit; er war 
aus einem Advokaten und Beamten zum Führer einer ihm selbst 
noch unbekannten Armee geworden. Eine heimliche Organisation 
mit Präfekten, Tribunen und CäpitanI dehnte sich über das ganze 
Bergland aus, und wie in anderen Gegenden, trieben auch hier 
die freiheitstrunkenen Magyaren ihr Unwesen und töteten zum 
Zeitvertreibe die von ihnen kaum als Menschen betrachteten „wa- 
lachischen^' Bauern. Solche Taten blieben unvergessen und un- 
verziehen, und wie auf einen grofsen Feiertag wartete man auf 
den Angenblick der blutigen Rache. Das war die Frucht der in 
Blasendorf gehaltenen Reden. 

Indessen war in Bukarest der russische General Duhamel er- 
schienen, als Aufseher und Berater. Er sprach viel mit dem Fürsten 
und liefs überall Erkundigungen einziehen, aber deren Ergebnisse 
sind uns noch unbekannt, weil für solche Forschungen die rus- 
sischen Archive noch immer verschlossen bleiben. Er reiste nach der 
Moldau, nachdem er bewirkt hatte, dals der Curierul romänesc 



1) BaritiU, U, S. 119ff. 



288 4. Kapitel. 

_ •• I 

sein Erscheinen einstellte und dafs die Grenze gegen Ostermca 
für die Einfahr rumänisch-siebenbürgischer Blätter gesperrt woide*, 
auch an ein weiteres Wirken der siebenbürgischen Professoren in 
die Walachei war, dank seiner Fürsorge^ nicht mehr zu denken. 
Endlich ordnete der Fürst Verhaftungen an, denen sich jedodi 
mancher Reformfreund durch ein rechtzeitiges Ausweichen entzog. 
Diese Mafsregel traf jedoch weder loan Ghica, der schon im Mai 
in einer Vertrauensmission an die türkischen Machthaber abgegangen 
war*), noch EUad, der vorerst Urlaub ins Ausland flir wissen- 
schaftliche Arbeiten erlangt hatte und dann geräuschlos nach der 
Kleinen Walachei ging. Dabei verfolgte er den Zweck, hier im 
Namen des vorher gar nicht befragten Volkes die Revolution zu 
proklamieren; die Brüder Nikolaus und Konstantin Bälcescu da- 
gegen waren in einige Gebirgsgegenden zum Zwecke der Agi- 
tation hinausgegangen, hatten allerdings dabei keinen Erfolg zn 
verzeichnen. Eliad hatte eine orakelhaft abgefafste Proklamation 
in seinen Händen, und darin war viel von Christus, von dem 
Evangelienbuche und den heiligen Prinzipien die Rede; in 22 Para- 
graphen enthielt sie manches Brauchbare, aber noch viel mehr Un- 
durchführbares, Nachahmungen der Pariser und Wiener Erklärungen 
und Beschlüsse. So war z. B. eine Wahl des Fürsten auf nur 
fünf Jahre durch das Volk vorgesehen; eine solche Mafsnabme 
würde die Unsicherheit auf das höchste gesteigert haben. Es ist 
nicht sicher, ob der revolutionäre Ausschufs tatsächlich dieses 
literarisch-romantische Elaborat gebilligt hatte, aber für Eliad per- 
sönlich stellte dieses Kind seiner Muse die dringendsten Reformen 
dar: die Verwirklichung seines Programms sollte die von ihm be- 
zweckte „Regeneration" unzweifelhaft herbeiführen. 

Die walachische Miliz hatte in erster Linie die Pflichten der 
Gendarmerie zu erfüllen, daneben aber auch für die Einhaltung 
der Quarantäne an der Donau zu sorgen ; deshalb wurden gröfsere 
Abteilungen in die südlichen Häfen des Fürstentums gelegt. In 
Oeleü hatte das Kommando Zalic, der Sohn der Frau Eliads, in 
Izlaz, nicht weit davon, der Major Ple^oianu, ein Anhänger des 
^, Regenerators". Craiova beherbergte den feindlichen Administrator 
lancu Bibescu, den Bruder des Fürsten, und auch die Truppen 
1) Anul 1848, I, S. 398—399. 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. 389 

^wsLren hier dem Regime treu. Im Nachbardistrikte dagegen be- 
kleidete Magheru das Amt des Verwalters. Endlich genofs in 
diesen oltenischen Bezirken der Priester ^apcä ein grofses Ansehen. 
l^un wurden nach Izlaz einige Bauern eingeladen^ die Konstitution 
verlesen, Reden gehalten, und dem Volke wie dem Fürsten, den 
man für einen treuen Anhänger der Konstitution hielt, wurde diese 
grofse Tat zur Kenntnis gebracht. Zugleich wurde aus den an- 
niesenden Männern eine provisorische Regierung gebildet : Stephan 
Oolescu und Tell^ ^apcä, Ple^oianu und Eliad traten in diese ein. 
In Caracäl und in Craiova wurden die Mitglieder dieser „provi- 
sorischen Regierung ^^, die dem Fürsten Reform vorschlage machte, 
mit grofsem Jubel empfangen. Die Anhänger des Reglements 
zogen sich nun nach dem Gebirge hin zurück. Eliad dachte be- 
reits, stolz auf seinen Erfolg, daran, die Bewegung Tudors zu er- 
neuern und zu diesem Zwecke ein sich immer vergröfserndes 
Bauern- und Soldatenheer zu gewinnen ; Magheru hatte erst jüngst 
einige Pandurentruppen für die Verteidigung Bibescus angeworben, 
und nach diesem Muster konnte man ebenfalls verfahren. Er dachte 
aber auch daran, alle sonstigen Fragen in einer grofsen bewaffneten 
Adunare Nationalä vor den Toren von Bukarest zu erörtern. Es 
ist allerdings kaum anzunehmen, dafs er selbst ohne ernstliche 
EUndemisse tatsächlich so weit gekommen wäre, obgleich er sich 
viel auf seine Popularität einbildete. Aber er hörte bereits auf seiner 
Reise, dafs Bibescu, durch eine Volksbewegung gezwungen, die 
Konstitution anerkannt habe, und dafs ein revolutionäres Ministerium 
ihm zur Seite getreten sei, ein Ministerium, in dem aufser den Tri- 
bunen von Izlaz auch N. Golescu, N. Bälcescu, C. A. Rosetti und 
Odobescu safsen. Bald darauf wurde aber auch bekannt, dafs 
der Fürst durch seine Abdankung und Reise in das Ausland tat- 
sächlich die Macht in die Hände der Erwählten des Volks — aller- 
dings ohne dies auszusprechen — gelegt hatte. Die Häupter der 
oltenischen Bewegung begaben sich daraufhin in gröfster Eile, die 
langsame Bewegung der Fufswanderung mit der schnelleren Wagen- 
beförderung vertauschend, nach Bukarest. 

Hier war der Umschwung in folgender Weise vor sich ge- 
gangen. Während eines Spazierganges Bibescus wurde aus einem 
Wagen, in dem drei Jünglinge safsen, auf ihn geschossen ; die Kugel 

Jorga, Geschieh^ der Rumänen. U. 19 



tH 4. Kapitel 

blieb in der Epanlette des Fürsten stecken. Am folgenden Tage 
wollte dieser nun das Eunststück nachmachen^ welches Sturdza in 
Jassy gelangen war. flr ging zur Kaserne, aber £and hier nicht 
die gewünschte unbedingte Ei^benheit Der Eladett Maghera 
erschien, offenbar bereits^ von diesem Mitserfolge unterrichtet, in 
den LipscanI, d. h. der Strafse, in der die E^aufleute wohnten, weiche 
die Leipziger Messe besuchten, und verlas die Proklamation EUads 
vor einem Zuhörerkreise, den etliche Zunftvorstände und loan 
Brätianu zusammengebracht hatten. Von hier aus zog die Menge zum 
Palaste, wo sie Bibescu^zu allem bereit fand ; dies war am 23. Juui. 
Angesichts dessen schickte der russische Konsul dem Fürsten un- 
verzüglich einen groben Brief und reiste ab. Nach zwei Tagen tat 
Bibescu dasselbe, nachdem er erklärt hatte, er sei den neuen Verhält- 
nissen nicht gewachsen. In der neuen provisorischen „Regierung^ 
waren die Leute von Izlaz, aufser dem Priester und Ple^oianu ver- 
treten, und zu ihnen gesellte sich nur der Kaufmann Scarti. Die 
jüngeren Revolutionäre kamen in Sekretärstellen unter, deren vier 
errichtet wurden, oder als Minister; dazu wurden Cümpineanu und 
wiederum Odobescu, der die Truppen der Hauptstadt in seiner Hand 
hatte, berufen. Der Metropolit Neofit, ein unwürdiger Mensch, der 
sich in den gemeinsten Lobhudeleien gegenüber Rufsland erging und 
zugleich ein erbitterter Qegner Bibescus war, derselbe Neofit, der 
schon Wühlereien mit den grofsen Bojaren begonnen hatte, mulste 
die Präsidentschaft einer Regierung übernehmen, in deren Mit- 
gliedern er nur „Rebellen^' erblickte. Eine grofse Feierlichkeit 
wurde anläfslich des Eidschwures unter der Trikolore veranstaltet, 
und zwar fand diese auf dem Filareterfelde statt, das von nun an 
das Feld der Freiheit genannt wurde. Hierauf erwartete man die 
noch abwesenden Mitglieder der Regierung. 

Als diese ankamen, traten zuerst Brätianu und Rosetti von 
ihrem Amte zurück. Dann fühlte sich Odobescu durch die An- 
wesenheit der anderen triumphierenden Helden verletzt. Er nahm 
zuerst Rücksprache mit Solomon, mit dem russischen Dragoman und 
zuletzt auch mit den „ Proprietären'^ (Gutsherren), welche sich durch 
den Artikel der Konstitution, der den Bauern die Befreiung gegen 
eine dem Gutsherrn zu entrichtende Entschädigung versprach, in 
ihren persönlichen Interessen bedroht glaubten. Ein Staatsstreich 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. 391 

wurde vorbereitet, und die Mitglieder der Regierung gingen gut- 
mütig in die Falle. Unter dem Verwände, ihre Treue und Er- 
gebenheit aussprechen zu wollen, erschienen einige Offiziere — es 
waren die meisten von denen, welche bisher noch nicht gewonnen 
waren — vor dem Palaste, und als sich ein Ausschufs des Be- 
sitzerklubs zeigte, wurden die anwesenden Tribunen verhaftet. 
Nachdem dies geschehen war, zeigte sich jedoch Odobescu völlig 
unschlüssig und war unfähig, irgend etwas anzufangen. Brätianu 
erregte die Menge gegen die Soldaten, und in der Verwirrung liefe 
der naive Solomon aus Unverstand schiefsen, so dafs einige Leute 
als Opfer dieses Entschlusses fielen. Er flüchtete sich, ergab sich 
aber nach etlichen Stunden dem Metropoliten. Ihm und Odobescu 
¥nirde der Prozefs gemacht, aber an eine Vollstreckung des Urteils 
wagten sich die Sieger nicht. 

In diesem AugenbUck traf die Nachricht ein, dafs die Russen, 
die Sturdza in die Moldau gerufen hatte, bereits an der walachischen 
Grenze ständen. An eine Verteidigung war nicht zu denken ; die 
unwürdige Regierung entfloh. Neofit brachte die Sache zur Kenntnis 
des russischen Konsuls, der von der Moldau aus die Entwickelung 
der Dinge in der Walachei beobachtet hatte. Die Grofsbojaren 
Teodor Väcärescu und Emanoil Bäleanu nahmen hierauf die Re- 
gierung in ihre Hände. Aber Brätianu hatte bereits erfahren, dafs 
das Gerücht von einem russischen Einfall erfunden war, „ revo- 
lutionierte'^ die Bukarester Massen, flöfste sogar den Soldaten 
Odobescus Vertrauen ein und rief die „provisorische Regierung" 
zurück. Sie kam, prahlend und von ihrem „unvergleichlichen 
Opfer"*) sprechend, zurück, um Ausschüsse zu ernennen und 
Deputationen zu empfangen. Da die Worte schön klangen und 
da die Leute an die Unterwerfung unter jede Regierung gewöhnt 
waren, fehlte es an solchen Deputationen nicht. 

Das Entscheidende jedoch sollte von aufserhalb kommen, denn 
alles hing von der Haltung der Pforte ab. Die Russen brauchten 
die türkische Zustimmung, wenn sie einschreiten und Vorteile 
ernten wollten. Die Revolutionäre hofften ihrerseits wieder die 
Türken, die unter liberalen Führern standen, für sich zu gewinnen. 

1) Anul 1848, II, S. 229. Vgl. hinsichtlich der Revolution in den Fürsten- 
tümern C. Colescu-Vartic: 1848, zile revolutionäre (Bukarest 1898). 

19* 



n 



SM 4. Kapitel. 

Als jedoch Soliman- Pascha, der ehemalige Botschafter in Paris, 
mit einem kleinen Heere in Giargiu anlangte , sahen sie mit Be- 
fremden, dafs die Regierung dies nicht anerkennen wollte. Ein 
Wunsch Solimans aber wurde sofort erfüllt; statt der sechs Ver- 
walter, die nichts verwalteten, hatte das Land fortan nur noch 
deren drei, als „fürstliche Stellvertreter'^ (locotenen^ä dom- 
neascä): Eliad, Teil und N. Golescu. Die drei anderen bildeten 
nunmehr für die Gesinnungsgenossen nur die „bci^tende Re- 
gierung '', wenn auch nicht ftir die Öffentlichkeit. Soliman erschien 
auch in Bukarest, hielt vor einer Notabeinversammlung eine Rede 
und bewunderte bei den glänzenden, ihm zu Ehren veranstalteten 
Festen Gesang und Tanz. Dann ging er nach Giurgiu zurück, während 
eine „walachische^' Deputation nach Konstantinopel reiste, um hier 
die Wünsche des Landes dem demütig angerufenen Sultan vor- 
zutragen. Als diese aber endlich in der kaiserlichen Stadt an- 
langte, war ein anderes türkisches Ministerium ans Ruder gekommen, 
und die Pforte wollte nun, seitdem die Hoffnung auf eine wirkliche 
Unterstützung durch Frankreich und England geschwunden war, 
insbesondere Rufsland zufriedenstellen. Fuad-Effendi erhielt des- 
halb den Auftrag, in der Walachei Frieden zu stiften, und ein 
Armeekorps begleitete ihn. Er liefs niemand vor, erkannte keine 
Autorität an aufser der von den Türken immer angerufenen der 
Priester und Notabein und liefs einen Teil seiner Soldaten in 
Bukarest einrücken. Bei dieser wenig passenden Gelegenheit wollte 
die walachische Miliz dennoch am Dealul Spirel, bei der In- 
fanteriekaseme, militärische Ehrenbezeigungen erweisen, aber in der 
Verwirrung, die das beiderseitige Mifstrauen hervorrief, kam es zu 
einem Gemetzel, bei dem sich die Rumänen recht tapfer zeigten. 
Diese Affäre hatte selbstverständlich weiter keine Folgen. Fuad er- 
nannte den Bojaren Konstantin Kantakuzino zum Kaimakam und 
liefs die Anhänger der Konstitution verhaften und nach Orsova 
bringen; die „Lokotenenten^^ durften unbehindert das Land verlassen. 
Sofort waren aber auch die Russen in die Walachei gedrungen. 

Schon zu Anfang aller dieser Begebenheiten war eine National- 
versammlung angekündigt worden, eine Constituante. Eine 
solche wurde allerdings niemals einberufen, dagegen hielt man das 
andere Versprechen, die soziale Frage in einer E!ommission zu er- 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. SM 

örtern. Im Sommer begannen tatsächlich ihre Sitzungen, in denen 
xaan über eine Lebensfrage, ja die Lebensfrage der rumänischen 
Nation beriet. 

Die Gutsbesitzer waren durch gröfsere und kleinere Bojaren — 
eigentlich hätten nach dem Willen der Regierung 17 Gutsbesitzer 17 
Bauern gegenüberstehen sollen — vertreten. Sie besafsen Kultur und 
E^enntnis des gesellschaftlichen Lebens, sie hatten auch Erfahrung als 
aktive Mitglieder der politischen Körperschaft. Ihr Betragen aber 
machte ihnen keineswegs Ehre. Keiner von ihnen erkannte die Be- 
deutung des Problems, keiner von ihnen wollte die elementarsten 
Qrundsätze des Rechts anerkennen, keiner sprach wie ein Rumäne 
und ein Christ. Und eine Ausnahme gab es dennoch, aber das war 
ein Mann, der in Ideen und Sprachen vielmehr den Bauern verriet. 
Während ein Len? oder Lahovari alle Mittel der Schikane ver- 
wendete, um die Arbeit der Kommission zu vereiteln, während andere 
zuversichtlich von der alten „Sklaverei" der Bauern seit den Tagen 
Mirceas des Alten sprachen und mit dem sachkundigen, klar 
denkenden Vizepräsidenten loan lonescu de la Brad, einem Moldauer, 
haderten, redete Ceau§escu, der Vertreter der Gutsbesitzer von lalo- 
mita, in einer Art, die bei seinen Kollegen Verwirrung und Ent- 
rüstung hervorrief. Er bekannte sich zu allen seinen agrarischen 
Sünden und wollte aufrichtig Bufse tun, indem er seinen von ihm 
mifshandelten „Brüdern" Entgelt anbot. „Ich habe euch auch ge- 
knechtet, Brüder, hab' euch geschlagen, hab' euch beraubt; seit 
sechsunddreifsig Jahren vermaledeit ihr mich. Verzeiht mir, Brüder 
Bauern, ich bitte euch : nehmet zurück, was ich euch geraubt habe. 
Hier gebe ich euch euer Stückchen Acker zurück." Kurz und 
bündig antworteten die Bauern darauf, ohne Befremden zu zeigen : 
„Dafs Gott dir verzeihe, Bruder. Dafs wir Brüder seien und 
friedlich leben!" Und dann fuhr er fort: „Ich habe die Zigeuner 
geschlagen und habe sie befreit; ich habe Streitigkeiten gehabt,, 
mir Bauerngut unrechtmäfsig angeeignet, weil ich jung und hab- 
gierig war. Jetzt aber bereue ich dieses Tun und gebe das Ent- 
rissene zurück . . . Ich gebe mit oder ohne Entgelt; wenn ihr 
mir etwas gebt, nehme ich es als Almosen an; aber ich gebe: 
^s wieder zurück, weil ich in meinem Leben gesündigt habe" *). 
1) Ebenda, lU, S. 391, 396, 398. 



SM 4. Kapitel. 

Die Bauern zeigten allen bojarischen Aufserungen gegenüber eine 
unerwartete Reife der Gedanken, einen vollständigen Sinn für Recht 
und Unrecht. Einige sprachen von ihren langen Leiden , die ihr 
Dasein als ein Sklavenleben erscheinen liefsen, von den Eltern, die 
man mit der Peitsche zur Feldarbeit trieb, während ihre kleinen 
Kinder in der Hütte dahinsiechten, von der ihnen vorenthaltenen Be- 
zahlung fiir die Arbeitstage, von der tatsächlich verhinderten Frei- 
zügigkeit und von aUen mögUchen anderen Mängeln und Gebrechen 
der reglementarischen Systems, welches ihnen härter erschien, als des 
Zustand der alten Zeiten. Sie verlangten aber als Kompensation 
nicht etwa die Aufteilung der Bojarengüter, die zum grofsen Teile 
vordem ihr Eigentum gewesen waren und ihnen nur für gering- 
fügige Summen oder übertriebene Schuldforderungen entrissen 
worden waren. Nein, obgleich sie sich bewufst waren, dafs ihre 
langjährige Arbeit das verlorene Land vielleicht „zurückerobert 
habe*^, dafs sie „auch mitgeholfen hätten, wie der Herr Bojare 
sagt, an dem Nationalkriege der Buze^tl und Calomfire^tl'', dafs 
„das rumänische Vaterland, welches sich vom Deutschen bis zum 
Russen, von den Bergen bis zur Donau erstreckt, keineswegs mit 
einem Zaune umgeben, sondern nur mit der Brust seiner Söhne ver- 
teidigt worden war", — trotz allem verlangten sie nichts als Ab- 
schaffung der noch bestehenden Feudallasten und Gewährung eines 
Stückes freier Erde für jeden, welches genügen würde, um ihn 
mit seiner Familie und seinen Haustieren zu ernähren. Dieses 
Stück Land wollten sie auch noch bezahlen. Nun stellte lonesca, 
nach der Angabe des Bauemführers, des klugen Priesters Popa 
Neagu, eine Rechnung auf und fand, dafs nicht weniger als 
7 200000 Dukaten dazu erforderlich sein würden, „eine Summe, 
die im ganzen Umkreise des Vaterlandes noch nie genannt worden 
war". „Wir werden sie bezahlen", antworteten die Bauern ruhig. 
Und der Priester sprach: „ . . . Die Arbeit wird siebenmal, ja sieben- 
undsiebzigmal dieses bezahlen . . . Als ein Seelenhirt frage ich euch: 
habt ihr das Geld auf Schiffen, auf Wagen oder mit sonst irgend- 
einem Transportmittel aus fremden Landen herbeigeholt? Nein, 
durch unsere Arme habt ihr es erworben, durch unsere Arbeit 
auf dem Acker, durch deren Ertrag . . . Aus unseren Händen quillt 
unaufhörlich das Gold und Silber . . . Und warum denkt ihr nicht 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. t95 

claran, dafs wir — die Bauern — der Staat, dafs wir der Staatsschatz 
sind?^^ Und Ceau^escu kleidete die Bitten der Baaern in folgende 
schöne Parabel: ,, Stellen wir ein Gerippe aas zerstreuten Knochen 
zusammen: es entsteht nicht das Gerippe eines Raubtieres, das, 
zu Leben erweckt, uns auffressen könnte; das wird vielmehr das 
Oerippe eines Schafes, des nämlichen, welches vor siebzehn Jahren 
von Geiern, Löwen und Bären zerrissen wurde. Setzen wir aus 
den zerstreuten Knochen das Gerippe wieder zusammen, legen wir 
Fleisch darüber und geben wir ihm auch ein Stückchen Land, auf 
dafs es sich nähre und uns Milch gebe!*^ Aber Eliad hatte Wich- 
tigeres zu tun. Er kam in den Sitzungssaal und schlofs mit einem 
Wortschwall die Verhandlungen. 

Unterdesen hatten die Ungarn, wie vorauszusehen war, mit 
Osterreich gebrochen. Die kaiserlichen Truppen waren gegen die 
Rebellen vorgegangen ; jetzt war die Zeit der Vergeltung gekommen. 
Viele von den Revolutionären aus der Walachei, A. G. Golescu 
und besonders J. Maiorescu, waren für die Union der Fürsten- 
tümer und für die Wiedergeburt des ganzen rumänischen Volkes 
durch Verbindung mit der deutschen Welt, sei es unter alter öster- 
Teichischer oder irgendwelcher neuen nationalen Gestalt. Damals 
waren die österreichischen Sympathien, die sich seit 1821 regten, 
sehr stark. Die Brüder Hurmuzaki, die Söhne eines aus der Mol- 
dau ausgewanderten guten Bojaren alter Art, des freigebigen imd 
gastfreundlichen Aga Doxachi, diese Brüder, von welchen sich der 
älteste, der Freiherr Eudoxius, später unsterbliche Verdienste um 
die rumänische Geschichte erworben hat, standen 1848 an der 
Spitze der rumänischen Bewegung in der Bukowina, und sie zeigten 
sich streng — wir dürfen vielleicht sogar sagen: beschränkt — 
kaiserlich, ohne jeden irredentistischen Gedanken. Die rumänischen 
Regimenter in Siebenbürgen erklärten sich ebenfalls alle für die 
kaiserliche Sache. Wenn Magheru, den die walachische Regierung 
in die Kleine Walachei schickte, um hier eine eventuelle Ver- 
teidigung vorzubereiten, und welcher als populärer Generalhaupt- 
mann etwa 10000 Leute unter sich hatte, tatsächlich die Grenze 
überschritten hätte, um sich mit den Mo^I des Avram lancu und 
mit den Soldaten Urbans zu vereinigen, dann hätten sich die 
militärischen Verhältnisse in Siebenbürgen gewifs anders gestaltet, 



2M 4. Kapitel. 

besonders wenn die österreichischen Generale auch die Aufrichtig- 
keit der Rumänen anerkannt hätten. Aber Magheru wurde vom 
englischen Konsul zur Auflösung seines Heeres bewogen, damit er 
nicht durch die Anwendung von Gewalt die Rechtsstellung gefährde. 
Die Kaiserlichen begünstigten nur die Sachsen und zeigten sich 
gegen lancu mifstrauisch. Dieser bemächtigte sich trotzdem eines 
Gebietes; das von Zlatna bis Torda reichte, aber, isoliert, konnte 
er seinerseits dem Hause Osterreich nicht dieselben Dienste leisten, 
wie Jelaöic in Kroatien. Übrigens erkannten die rumänischen 
kirchlichen Führer und die rumänische Intelligenz keineswegs in 
ihm — wie es für das Gedeihen der nationalen Sache nötig ge- 
wesen wäre — den bewaflFneten Vertreter der ganzen Nation, 
Lemöny kehrte zwar angesichts der Greuelszenen, die sich in Pest 
abspielten, von dort zurück, mufste aber, in Klausenburg ein- 
gesperrt, sehen, wie sich dieselben Greuelszenen, hervorgerufen 
durch den magyarischen Pöbel, hier wiederholten, ^aguna hatte 
auch heimlich die Hauptstadt verlassen, aber in Hermannstadt, wo 
er seitdem residierte, fanden weder die Kaiserlichen in ihm einen 
mutigen Gefährten, noch die Rumänen einen Apostel der Freiheit. 
Die Mitglieder der jungen Generation scharten sich nicht um die 
Fahne lancus, so dafs dieser nur seine treuen Bauern, sowie etliche 
Freunde und Priester zu seinen WafFengeßlhrten zählen konnte. Man 
schrieb und sprach, aber was man auch schreiben und sprechen 
mochte, alles verhallte macht- und eindruckslos, denndie leiten den 
Männer waren fern von dem Platze, wo die Waffen auf den einsamen 
Pfaden der Berge klirrten und die Augen nach dem Feinde spähten. 
Zu Anfang des Jahres 1849 kam dann der Pole Bem nach Sieben- 
bürgen und verjagte sehr schnell den kaiserlichen General Puchner. 
Aus Furcht vor einem vollständigen Siege der Ungarn be- 
ging nun, und zwar auf den Vorschlag dieses kaiserlichen Be> 
fehlshabers, ^aguna den grofsen Fehler, die Russen, die Bedrücker 
und Todfeinde der Brüder jenseits des Gebirges, zu Helfern aus 
Bukarest herbeizurufen. Sie kamen in der Tat, aber bald 
darauf — im Februar — erklärte der österreichische Hof, dafs 
er ihrer nicht mehr bedürfe. So kehrten sie denn zurück, und 
von neuem entbrannte nun der gegenseitige Ausrottungskrieg 
zwischen Kaiserlichen, Rumänen und Magyaren. Als die unga- 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die ÜDion der Fürstentümer. 897 

rische Revolution sich dem Ende zuneigte, wurde Hatvany gegen 
lancu geschickt: und hier in den durch vergangene Siege ge- 
heiligten Bergen wurden die Husaren geschlagen^ verjagt und ver- 
nichtet Selbst die Frauen taten das Ihrige bei diesem Ausrottungs- 
werke. Vergebens unternahmen es etliche Träumer^ wie Bälcescu 
und andere Gutgesinnte, die sich gegenseitig bekämpfenden Nationen 
zum Frieden miteinander zu bewegen und zu einem gemeinsamen 
Kampfe gegen die von neuem heranrückenden Russen anzustacheln. 
ButeanU; der Freund und einer von den Präfekten lancus, ant- 
wortete höhnisch auf solche Vorschläge: ^^Ihre Freiheit ist der 
Galgen, ihre Rechtsgleichheit besteht darin, dafs die anderen 
Nationen, die mit ihnen denselben Boden bewohnen, von dem ma- 
gyarischen Elemente aufgesogen werden.^^ Bald starb er infolge 
Verrates am Galgen der ungarischen Freiheit imd Treue: dies 
waren die letzten, aber durchaus der Wahrheit entsprechenden 
Worte, die von seinen blassen Lippen kamen. Zu derselben Zeit 
unterhandelte Bälcescu als Vertreter der walachischen Emigranten 
mit dem ungarischen Minister Graf Batthyanyi, dem er eine ru- 
manische Legion zur Verfügung stellen wollte! Zuerst erhielt er 
die sehr höflich abgefafste Antwort, dafs unter allen Umständen 
zwei Prinzipien aufrechterhalten werden müfsten, die Integrität 
des ungarischen Territoriums und die Oberherrschaft des ma- 
gyarischen Elements — „so, wie es sich dieselbe seit tausend 
Jahren, mit den Waffen in der Hand, errungen hat'* *). Die Re- 
volution war aber bereits ihrem Ende nahe, als Batthyanyi weitere 
Eonzessionen machte: diese bestanden in der Anerkennung der 
Bezeichnung Roman (nicht mehr Oläh), der kommunalen Selbst- 
verwaltung nach der Nationalität der Einwohner, und ebenso der 
nationalen Autonomie in den Eomitaten, in der Errichtung rumä- 
nischer Schulen, Zulassung rumänischer Eingaben und Bildung eines 
unabhängigen rumänischen Patriarchats mit freien Synoden^). Aber 
die ungarische Streitmacht kapitulierte vor den Russen zu Villägos; 
Bern fiel zwar in die Moldau ein, fand aber dort gar keine Unter- 
stützung, denn die rumänischen Emigranten, überallhin zerstreut, in 
Paris, Konstantinopel und Brussa, verloren sich in niedrigem Gezänk 

1) Ion Ghica, Amintirl din pribegie, S. 296. 

2) Ebenda, S. 367 f. 



298 4. Kapitel. 

und befleckten sich mit unwürdigen Beschuldigungen, so dafs sich 
zuletzt nur noch vereinzelte Individuen feindlich gegenüberstanden. 

Im Jahre 1849 hatte Rufsland mit der Pforte den Vertrag 
von Balta-Liman geschlossen, und zwar hatten beide Regierungen 
wegen der ,,betrauemswürdigenEonflikte^^, die letztlich stattgefunden 
hatten, sich zusammengetan, um den Fürstentümern eine neue 
Staatsordnung zu verleihen. Dieser gemäfs waren die Fürsten 
nur „hohe Beamte'^ (hauts fonctionnaires) auf sieben Jahre, 
und die Adunärl, als unbequeme und ungehorsame Organe, 
wurden durch die Divane adhoc — dies ist ein lateinisch-türkischer 
Barbarismus — ersetzt, deren Kompetenz sehr beschränkt war. 
Gregor Ghica, der Schwiegersohn des loan Sandu Sturdza, und Barbn 
^tirbel, der Bruder Bibescus, aber ein Adoptivsohn des letzten 
^tirbel, unternahmen es, unter solchen Verhältnissen zu regieren. 
Sie waren beide noch jung, sehr gebildet, besonders der letztere, edel 
gesinnt, besonderes der erstere, ausgezeichnete Patrioten, arbeitsam 
und ehrlich. Sie verdienen aufrichtige Anerkennung, denn sie 
haben ihr Land vor einem schlimmeren Schicksale bewahrt. 

Über die kurze Regierungszeit der beiden Fürsten *) ist trotzdem 
unter einem höheren Gesichtspunkte, nämlich unter Rücksicht auf 
die Gesamtentwickelung des rumänischen Volkes, nur sehr wenig 
zu berichten. Ihre ganze Tätigkeit mufste sich notgedrungen aof 
das untergeordnete Gebiet der täglichen Verwaltungsmafsregeln 
beschränken, und da haben sie viel Gutes geleistet. Ihre Mals- 
regeln liefen dabei — ein edler Wetteifer spornte sie an — ofk 
parallel. So setzten beide die vollständige Befreiung der Zigeuner 
durch und entfernten so einen allzulange geduldeten Schandfleck. Die 
hartnäckigen Sklavenbesitzer wurden in der Moldau sogar ge- 
setzlich gezwungen, das Beispiel des Staates bei der Emanzipation 
nachzuahmen und die angebotene Entschädigung anzunehmen. Ein 
neues Agrargesetz brachte den Bauern 1850 — 1851, wenn auch 
nicht den 1848 erhofften Bodenbesitz, so doch wenigstens die 
Abschafiung einiger Fronden bezw. Mifsbräuche, die sie bisher 
schwer gedrückt hatten. 

1) S. meine beiden Werke: Corespondenta lul Stirbel-Vodä und MSrturil 
istorice privitoare la Stirbel-Vodä (Bukarest 1904—1905). Eine LebensbeschreibuDg 
dieses Fürsten befindet sich jetzt (1905) im Druck. 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der FürstentQmer. SM 

Gewöhnlich war Ghica derjenige, welcher mit den Beformen 
den Anfang machte, ^tirbel jedoch übertraf ihn hinsichtlich der 
verTiraltungstechnischen Fähigkeiten, des Wirtschaftstalents und der 
rahigen Energie. Der walachische Fürst hatte nichts ungesund 
fiomantisches an sich, zeigte niemals Unentschlossenheit und be- 
safs keine persönUchen Schwächen. Aber der krankhafte Ghica, 
von dessen angegriffenem Gemütszustand man öffentlich sprach 
und der — später von seinen Gegnern mit unwürdigen Verleum- 
dungen verfolgt — sich schmerzerfüllt und um die Zukunft besorgt 
in einem französischen Schlosse in der Nähe von Melun erschofs, 
dieser Mann lebte viel mehr als ^tirbel für andere, für sein Volk, 
und zwar nicht nur für seine moldauischen Untertanen, sondern 
for das rumänische Gesamtvolk, und dachte nicht nur an die 
traurige Gegenwart, sondern vor allem an die bessere, heifs ersehnte 
Zukunft. Er war ein ritterlicher Vorkämpfer ftir seine Nation 
und noch nach seinem Falle trat er dauernd ftir die Union ein, 
deren „erster Vertreter*^ er sich, nicht ganz mit Unrecht, nannte, und 
wies, indem er sich für einen „fremden Fürsten" erklärte, selbst 
jeden auf ihn abzielenden Kandidaturvorschlag energisch zurück. 
Er hatte auch viel bessere Ratgeber als sein Nachbar, der 
alles in eigener Person schaffen sollte, ^tirbel hielt die Grenze 
ftir alle, die an der politischen Tragikomödie von 1848 beteiligt 
gewesen waren, streng geschlossen; kein proscrit, der gern, 
durch das Unglück geläutert, aus der Ferne zurückgekehrt wäre, 
durfte sie überschreiten. Infolgedessen hatte er nur ungereifte 
Jünglinge, die seine Departementsdirektoren wurden, zu Helfern, 
und überreife, vermoderte Bojaren alter Mode — darunter leider 
auch einen Cimpineanu — , denen Ministerportefeuilles anvertraut 
wurden. Ghica ww im Gegensatz dazu von den Vertretern der 
allerdings 1848 viel weniger als in der Walachei kompromittierten 
zeitgenössischen Generation umgeben, und viele von denjenigen, 
welche später in der Moldau die Regenerationsära mitwirkend 
erlebten, wie Ralet, Cuza und andere, hatten unter ihm als Beamte 
gedient Sein Schulinspektor ftir die neuorganisierten Erziehungs- 
anstalten war Laurian, und auf Veranlassung des Fürsten erschien 
die erste vollständige Ausgabe der Schriften des Nationalpropheten 
^incaL Der entscheidende Augenblick fand hier nicht verrostete 



SOO 4. Kapitel. 

Privilegien Verfechter und schwärmende Hevolationäre, die ebea 
frisch aus dem Abendlande zurückgekommen waren , ohne die 
Schwierigkeiten des praktischen Lebens der Staaten und Völker 
zu kennen ; sondern Leute ^ welche mit edlem Eifer für das Qe- 
deihen ihrer Nation eine genügende Erfahrung verbanden. Diese 
Männer waren: Kogälniceanu, der auch weiterhin obenan stand, 
C. Negri; C. Hurmuzaki; ein Rumäne aus der Bukowina, Anastase 
PanU; ein klassischer, wenn auch etwas hohler Redner, und viele 
andere. Sie waren überdies gewohnt, sich in die Hände zu arbeiten, 
so dafs sie als eine geschlossene Phalanx erschienen, wälirend in 
der Walachei unversöhnliche Gegner und unsichere Freunde die 
politische Welt darstellten. Endlich herrschte in der Moldau, 
dank der Schulen und der Wirksamkeit solcher Führer, in den 
gebildeten Klassen ein viel besserer Geist, so dafs die nationalen 
Kundgebungen sämtlich grofsartig verliefen. 

Wenn aber auch die walachischen Revolutionäre von 1848 zu 
Hause fehlten, so waren sie doch im Auslande für die Nation tätig; 
freilich nicht diejenigen, die in der Türkei als Pensionäre lebten 
und hier ruhig mit gefalteten Händen die Tage vorübergehen sahen, 
aber wohl die in Paris, London, Deutschland und Osterreich 
lebenden Jünglinge und reifen Männer. Paris vor allemi war 
das Agitationszentrum für die gute Sache der Freiheit, für die 
causa. Hier schrieb Bälcescu, den allerdings bald der Tod hin- 
wegraffte, seine Question äconomique des principaut^s^ 
hier erschienen später die schönen Broschüren, die Brätianu zum 
Verfasser haben. Nützliche Bekanntschaften wurden geschlossen, 
Zeitungsaufsätze veranlafst, und auf diese Weise wurde allmählich 
die „moldo-walachische" Frage so gut bekannt, wie vordem, durch 
die Schwärmer fiir den Hellenismus, die griechische. Keinem Diplo- 
maten, keinem Redakteur fehlten jetzt mehr die Grundlagen für 
die Kenntnis Rumäniens, und im Publikum verbreiteten sich Sym- 
pathien für das entfernte christliche Volk römischen Ursprungs und 
europäischer Entwickelungstendenz. 

Im Jahre 1853 brach, hervorgerufen durch die Frage de» 
„ lateinischen '^ oder russischen Protektorats im Heiligen Lande, 
ein Krieg zwischen Rufsland und der Türkei aus, den Kaiser 
Nikolaus als den letzten ansah, als denjenigen, welcher die Tag» 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. 301 

^68 „kranken Mannes" mitleidig scliliefsen würde. Jedoch Frank- 
ireich^ dessen neugekrönter Kaiser eine alte napoleonische Schuld 
zu bezahlen hatte ; und England y welches für seinen Handel den 
Absoluten^ garantierten Status quo im Oriente brauchte, mischten sich 
in den Zweikampf und verhalfen dem schon verzweifelnden Sultan 
ÄU dem langentbehrten Siege. Preufsen zeigte sich zurückhaltend 
gegenüber einer Allianz mit dem westlichen Europa, zu der sich 
später auch Sardinien, das sich hervortun wollte, gesellte. Die 
Politik Österreichs jedoch in dem verhängnisvollen Augenblicke, 
äIs (Juni 1853) die Russen den Pruth überschritten und die 
Fürstentümer vor der Kriegserklärung als Pfand in Besitz nahmen, 
bedarf einer näheren Erklärung, und diese mufs auch die allgemeinen 
Interessen des ganzen Rumänentumes in Betracht ziehen. 

Die in Siebenbürgen nach 1848 eingesetzte kaiserliche Re- 
^gierung zeigte sich streng, entdeckte überall Revolutionsgelüste, 
aber war dennoch gegenüber den treu gebliebenen Rumänen 
,, gnädig". Zwar hatten ihre Zeitungen schwer um ihr Dasein 
zu kämpfen, und jeder Verdächtige, wie der bereits hochbetagte 
Bischof von Blasendorf, mufste weichen. Aber indem man 
JLem^ny mitleidslos zur Niederlegung seines Amtes zwang, ward 
den Gläubigen der unierten Kirche schon im Jahre 1850, mit 
Rücksicht auf die Blasendorfer Volksszenen vom Mai 1848, das 
zuteil, worauf sie unter anderen Verhältnissen niemals hätten 
hoffen können, die Lostrennung des Bischofssitzes von dem un- 
garischen Primat, und die Entstehung einer Metropolie, die der 
alten nichtunierten von Weifsenburg entsprach. Der erste Metro- 
polit, Alexander §ulu^, erwies sich als ein treuer Verteidiger des 
nationalen Rechtes und wirkte nicht nur im römisch-kirchlichen, 
sondern auch im rumänisch- weltlichen Sinne, ^aguna, der nicht- 
unierte Bischof, erfreute sich bei den Häuptern der Landesregie- 
rung einer hohen Achtung, und nach langen Auseinander- 
setzungen und vielen Vorstellungen wurde er sogar Metropolit, ein 
Gegenmetropolit für den Oberhirten von Blasendorf, aber trotzdem 
oftmals ein Kampfgenosse des letzteren. Im Jahre 1861 wurde 
auch der Grundstein zur literarischen Gesellschait der sieben- 
bürgischen Rumänen, der Asociatie, gelegt, und die beiden 
Bischöfe — ^aguna erhielt seine Ernennung zum Metropoliten 



SOS 4. Kapitel 

erst 1864 — safsen innerhalb dieser friedlich nebeneinander und 
berieten gemeinsam über die höchsten Interessen ihres VolkS| die- 
jenigen der nationalen Kultur ^). 

Die leitenden Kreise Österreichs, Personen wie Bach und Pro- 
fessor Stein, dachten, jetzt, bei der kriegerischen Verwickelung Ruß- 
lands und seiner Erniedrigung, liefse sich die Idee der Verwirk- 
lichung näher bringen, die 1848 bei Sachsen und Donaorumänen 
aufgetaucht war, nämlich die Wiederbelebung Dakiens in der Ge- 
stalt einer kaiserlichen Provinz. Wie vor 1774, schlofs auch jetzt 
Österreich einen Schutz vertrag mit der Türkei, und demzufolge 
rückten die kaiserlichen Truppen, darunter auch siebenbürgisch- 
rumänische Regimenter, unter meistens italienischen Generälen, wie 
Coronini und Marziani, in die Moldau und Walachei ein. 

Hier hatten die Fürsten die russische Okkupation zwar un- 
willig empfinden, aber äufserlich hatten sie sich das nicht merken 
lassen. Sie harrten vielmehr bis zum letzten Augenblicke aus, 
um ihre Scheinherrschaft zu verteidigen, aber endlich mufsten sie 
doch die Fürstentümer dem rassischen Kommissar von Budberg 
und den militärischen Befehlshabern des Zaren überlassen. Diese 
aber mufsten vor den Österreichern den Platz räumen, und ebenso 
taten die Türken, die nur erschienen waren, um noch einmal ihre 
Rechte zu dokumentieren. Die Kaiserlichen richteten sich bequem 
ein, verlangten Quartiere „wie in Wien", schimpften über die 
„zurückgebliebenen" Bojaren, brachten gegen die unteren Klassen 
Stock und Bajonette zur Anwendung, liefsen die Landesmiliz unter 
österreichischen Unteroffizieren exerzieren, beschlagnahmten das 
Kriegsmaterial und beliefsen den zurückberufenen Fürsten nur das 
Aufsere ihrer niemals sehr umfangreichen Macht. Auf das fran- 
zösisch fühlende Volk, das von nationalen Gedanken beseelt war, 
hatte dieses Betragen eine ganz andere Wirkung, als man viel- 
leicht erwartet hatte: das österreichische Regime war bald nicht 
weniger verhafst als das russische, und aller Augen verfolgten 
voll Hoffnung die Erfolge der Verbündeten, die Siege des dritten 
Napoleon auf dem Kriegsschauplatze in der Krim. Dort fochten 
auch etliche Rumänen gegen Rufsland, während die moldauisch« 

1) Vgl. Bari^iü, Pär^l alese, II — III; Popea, Sagona und Vechia M- 
tropolie; die Akten für die Gründung der „Asoda^ie". 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. 803 

Miliz unter dem später dafür sehr gefeierten Hauptmann Filipescu 
durch keine Drohungen zur Vereinigung mit den Russen zu be- 
wegen gewesen war. 

Schon im Jahre 1855 empfand man^ dafs der Friede zwischen 
dem erschöpften russischen Reiche und seinen Gegnern^ die lediglich 
diese Erschöpfung nötig hatten^ nahe sei. In der Wiener Konferenz 
verhandelte man zuerst über die künftige Organisation der Donau- 
furstentümer, der Schadenersatzländer ^ die bisher als Pfand be- 
trachtet worden waren ^ und deren man sich durch Okkupation 
versichert hatte. Der Vertreter Rufslands empfahl selbstverständ- 
lich dasjenige ; was dem russischen Interesse entsprach^ eine kon- 
stitutionelle Verfassung auf Grund des organischen Reglements, 
ohne jedoch die Zeit der in Aussicht gestellten Reformen näher zu 
bestimmen; die militärische Macht der Fürstentümer sollte nur 
nach Bewilligung der Russen und unter Zustimmung der Pforte 
und anderer Nachbarn vergröfsert werden dürfen. Gegenüber 
diesem Ansinnen trat England flir die Vereinigung der beiden, 
durch nichts getrennten und hinsichtlich der Lebenselemente gleich- 
artigen rumänischen Länder ein, forderte einen lebenslänglichen 
und sogar erblichen Fürsten, und eine wirkUche Nationalvertretung, 
ein donauisches „ Parlament ^^ neben der befestigten monarchischen 
Gewalt. Österreich schwieg. Wie später oflFen ausgesprochen 
worden ist, wollte es in seiner Nähe nicht ein zweites Piemont 
haben, nicht ein zweites lateinisches Volk, das den Keim zu einem 
künftigen gröfseren Nationalstaate bereits in sich trug. Auch Öster- 
reichs Absicht ging deshalb dahin, die Fürstentümer einem 
schwachen, von sich aus ohnmächtigen Regimente zu überlassen, 
faJls sich eine Räumung der Länder überhaupt als notwendig er- 
weisen sollte. Eine natürliche Stütze hatte es dabei in der Türkei, 
denn durch den glücklichen Erfolg des Krieges war in der Tat 
der alte osmanische Geist wieder erwacht, der Geist des trotzigen 
Stolzes, der die Aussaugung minder berechtigter kleiner, christlicher 
Völker als sein Recht in Anspruch nahm. Die neuerrichtete, durch 
Sieg gefestigte Türkei zeigte sich ebenso unduldsam wie die alte 
eines Mohammed II. gegenüber den Ländern, in denen man trotz 
der Au&echterhaltung der mehr oder weniger wirksamen Privilegien 
lediglich Bestandteile des sultanischen Reiches erblickte. Diese 



S04 4. Kapitel. 

Absichten standen jedoch im schrofiisten Gegensatze zu jenen Frank- 
reichs, dessen Kaiser die Revision der Wiener Verträge erstrebte 
und die alten, durch kluge Berechnung entstandenen, lediglich der 
Erhaltung des Gleichgewichts dienenden Staaten durch neue Staat* 
liehe Schöpfungen auf nationaler Grundlage ersetzen wollte. Denn 
für Napoleon war es eine Gewissenspflicht, an der Donau ewige 
Schranken gegenüber der russischen Übermacht zu errichten and 
einen neuen Zweig der lateinischen Rasse für eine bessere Zukunft 
gegenüber dem Islam, dem Slaventum und den österreichischen 
Annexionsgelüsten sicherzustellen. Für die türkischen Interessen 
hatte Napoleon nicht das Verständnis wie die Engländer, denen 
wegen ihres Handels eine Begünstigung der Pforte notwendig er- 
schien. Die schwache Stimme des von Frankreich abhängigen 
Sardinien war natürlich im voraus für die französische Politik ge- 
wonnen, denn diejenigen, welche den Einheitsgedanken innerhalb 
des italienischen Volkes hochhielten, mufsten notwendigerweise 
auch an der Donau dafür eintreten. 

Der Friedenskongrefs war für den Frühling des Jahres 1856 
angesetzt und wurde, soweit die Fürstentümer in Betracht kamen, 
durch eine Gesandtenkonferenz zu Konstantinopel vorbereitet. Hier 
legte Osterreich einen vollständigen Reorganisationsplan vor, den 
Herr von Bach, der Bruder des Ministerpräsidenten, ausgearbeitet 
hatte; darin war die Abschaffung des russischen Protektorats, die Be- 
stätigung der angeblich zwischen der Pforte und den rumänischen 
Fürsten bestehenden Verträge sowie die Ernennung des Fürsten durch 
den Sultan auf Grund eines Vorschlages der Länder vorgesehen ^) ; 
aufserdem sollte neben diesem ernannten Fürsten ein Senat stehen 
und alle Bewohner des rumänischen Bodens persönlich gleich- 
berechtigt sein. Die Türken ihrerseits waren bereit, in jeder „Pro- 
vinz'^ einen ernannten lebenslänglichen Fürsten zu dulden und ihm 
einen erwählten Diwan beizugeben. Der französische und der eng- 
lische Gesandte machten dem gegenüber nur Vorschläge, die ihnen 
keinen Anspruch auf Dankbarkeit seitens der Rumänen eintrugen. 

Unterdessen rüstete sich die Partei der Zukunft, die sich die 
nationale nannte, besonders in der Moldau zum Kampf, und sie 

1) Sturdza, Acte ^i documente, II, S. 923f. Vgl. Prinz Kraft lu 
Hohenlohe-Ingelfingen, Aus meinem Leben, 2. Bd. (Berlin 1905). 



Die Wirren des Jahres 1848. Kampfe lar die Union der F&rstent&mer. SM 

-fietnd überall einen Beifall^ wie sie ihn bisher niemals erlebt hatte. 
Ibr Programm war nicht neu aufgeputzt, es enthielt vielmdir die- 
selben Punkte, die Eogäiniceanu schon 1848 in seiner berühmten 
]%08chüre verkündigt hatte: Union und freies Staatsleben nach 
dem Grundsätze der allgemeinen politischen Gleichheit; ungehinderte 
IBntwickelung der rumänischen Nationalität, vollständige Beseitigung 
cler bisherigen EHassenherrschaft, wie sie unter dem russischen Pro- 
tektorate und der türkischen Willkür bestanden hatte; die Er- 
möglichung einer wahren nationalen Kultur bildete die haupt- 
sSehlichste und festeste Bürgschaft f&r die Zukunft. Gregor Ghica^ 
d.er als Landesfürst zurückgekehrt war, machte sich selbst und 
die Behörden zu Trägem dieser rettenden , liberalen Gedanken, 
und die Rolle) die er dabei spielte, war um so schöner, ab auch 
er einen „fremden Fürsten^' empfahl, mithin für sieh selbst auf 
diese Würde von vornherein verzichtete. Auch ^tirbel entschied 
sieb ftir die Union. Gegen das Schlufsprotokoll der Gesandten- 
konferenz vom 11. Februar, welches die Ernennung der Fürsten 
und die Einsetzung eines Senates empfahl, erhob sich in der Mol- 
dsu ein heftiger Protest, denn darin erblickte man einen Beschlufs, 
der die durch die Geschichte und Verträge bezeugten Rechte beider 
Länder schwer verletzte. Die Emigranten waren gleichzeitig be- 
müht, ei£rig durch Zeitungsartikel und politische Broschüren die 
diplomatische Welt und das europäische Publikum für die Sache 
der Gerechtigkeit und Humanität zu gewinnen. 

Unter dem beherrschenden Einflüsse des französischen Kaisers, 
dessen monarchische Macht in Plebisziten ihren Ursprung hatte, 
nahm der Pariser Kongrefs nach lebhaften Debatten, in denen die 
besagten Interessen und Befürchtungen zum Ausdrucke kamen, im 
Monat März das am besten passende Prinzip an und beschlofs, 
dafs die künftige Verfassung der Fürstentümer von den Wünschen 
abhängig sein sollte, die die Bevölkerung selbst bekunden würde. 
Eine neue anschliefsende Konferenz von Vertretern der Signatar- 
mächte sollte diese Wünsche anhören, in Erwägung ziehen und ihrem 
Schützlinge, dem wiedererstandenen „moldo-walachischen^' Volke, 
im Namen Europas eine neue Konstitution schenken. Unter Leitung 
der Fürsten selbst, oder imter einer provisorischen Regierung, die 
nach dem alten Gebrauche Cäimäcämie genannt wurde und 

Jorga, Geschichte der Bnm&nen. TL 20 



S06 4. Kapitel. 

deren Mitglieder die Pforte zu ernennen hatte ^ sollte eine nach 
einem von den Gesandten und der Pforte gemeinsam entworfenen 
Wahlgesetze berufene Versammlung der Walachen und Moldauer^ 
die den barbarischen Namen ^^ Diwan ad hoc'' — der Ausdruck 
war der Konvention von Balta-Liman entnommen — führte, die 
Wünsche der Nation formulieren. Während der Wahlen fahrte 
eine besondere europäische Kommission in den Fürstentiimern die 
obere Aufsicht über deren Vollzug. 

Die Oberherrschaft der Pforte, welche die Souveränität ver- 
langt hatte, um wenigstens eine Suzerenität — eine neue, mehr 
oder weniger passende Bezeichnung für die Abhängigkeit — za 
erhalten, war vertragsmäfsig begründet. Osterreich hatte seme 
Truppen noch in den Fürstentümern und zeigte den Mächten an, 
dafs es den Befehl zum Abmarsch nicht erteilen könne, ehe nicht 
die neue Grenze der Moldau gegenüber Rufsland Geltung ge» 
Wonnen habe; durch diese Grenzregulierung kamen die drei bessa- 
rabischen Distrikte Cahul, Belgrad und Ismail am unteren Prutb 
und an der unteren Donau im Interesse der freien Schiffiihrt auf 
dem grofsen mittel- und osteuropäischen Strome an die Moldau 
zurück. Die Kaimakamen waren Vertrauensmänner der Pforte. 
Der moldauische, Tudori^ä Bal^, ein ganz unfähiger, aber sehr 
ehrgeiziger Mann und Gemahl einer noch viel ehrgeizigeren Frao, 
war aufserdem ein ausgesprochener Freund Österreichs. Sein 
walachischer Kollege, Alexander Ghica, war der ehemalige Fürst, 
den jedoch das Alter und die Erfahrungen der Vergangenheit tief 
gebeugt hatten; obgleich viele der Fortschrittsfreunde in ihm eine 
Stütze für ihre Bestrebungen zu finden meinten, dachte er doch 
in erster Linie daran, wie er etwa den Thron wiedergewinnen oder 
seinen zahlreichen Neffen Dienste erweisen könnte. Er hielt es 
nicht für ausgeschlossen, dafs er für das von den Fürsten Bibesca 
und ^tirbel erlittene Unrecht Rache nehmen könnte, und ge- 
horchte dabei völlig den Befehlen des Sultans, den er schlechtw^ 
seinen „ Souverän '' nannte. Durch Ernennungen, Beförderungen 
und Belohnungen war Bal§ unaufhörlich bemüht, die National- 
partei, welche sich feierlich konstituiert hatte, zu bekämpfen. Ein 
Ferman, der die Zensur einfuhren sollte, wurde von der Pforte 
erwirkt, und die Folge war, dafs die nationalistischen Zeitungen 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Fürstentümer. 307 

ihr Erscheinen einstellen mafsten. Als Bal^ starb, trat an seine 
Stelle der junge Grieche Nikolaus Vogorides (Vogoridi), der Sohn 
eines hellenisierten Bulgaren, der ehedem, im Jahre 1821, Eaima- 
kam der Moldau gewesen war. Als Schwiegersohn und Erbe des 
G-rofsbojaren und Dichters Conachi hatte der im Lande geborene 
und erzogene Thronbewerber grofse Mittel zur Verfügung und be- 
Bafs aufserdem weitverzweigte Verbindungen mit den angesehensten 
Q-riechen, die im Dienste der Pforte standen. Eitel und skrupel- 
los, baute er auf die Unterstützung der Türkei, Österreichs, ja 
sogar Englands, welches in der Union eine wesentliche Schwächung 
des osmanischen Reiches erblickte, und er verhehlte auch seine 
wahre Absicht nicht, „mit allen Kräften^' den Sieg der National- 
partei zu verhindern. Dies gelang ihm nur zu gut. Die von 
seinen Beamten und Freunden aufgestellten Wählerlisten waren ein 
Skandal; von den 2000 Grofsgrundbesitzern waren z. B. nur 350 
aufgenommen. Und als es dann zur Abstimmung kam, erschienen 
auch diese spärlichen, mit solcher Sorgfalt auserlesenen Gegner in 
solch verschwindender Minderheit, dafs ein antinationaler Diwan 
ins Leben gerufen wurde. Dabei mufs betont werden, dafs die 
Entscheidung bezüglich der Union in der Moldau fallen mufste, 
weil für das kleinere Land, welches dabei vieler Vorteile verlustig 
ging, das Opfer gröfser war. 

Napoleon verlangte jedoch, dafs die Wahlen für ungültig er- 
klärt wurden, und als die Pforte zögerte, befahl er seinem Bot- 
schafter, sich zur Abreise einzuschiffen. Dann ging der Kaiser 
nach Osborne, um England für sich zu gewinnen und damit den 
Widerstand, der seiner Orientpolitik geleistet wurde, zu brechen. 
Man kam hier überein, dafs zwar nicht mehr die vollständige 
Union herbeigeführt werden, sondern dafs nur, falls die ordnungs- 
mäisig gewählten Diwane die Vereinigung verlangen würden, eine 
„Union des rapports militaires, financiers et judiciaires^', Ausdrücke, 
die jedermann anders verstehen konnte ^), Platz greifen solle. Die 
moldauischen Wahlen wurden nun sofort kassiert, und bei den 
darauf folgenden hatte die Nationalpartei einen vollständigen Sieg 
zu verzeichnen. Dagegen hatten lediglich etliche zurückgebliebene 
Bojaren oder Hitzköpfe, wie Nikolaus Istrati, und aufserdem manche 

1) Acte $1 docamente. Band Y, S. 447. 

20* 



••8 4. Kapitel. 

Mitglieder des Klerus, die in dem ,, fremden Fürsten^' der ver- 
einigten Fürstentümer einen natürlichen Qegner des alten Olaubens 
fürchteten, gek&mpft. 

Jetzt bestand kein Zweifel mehr, da(s die moldauische Ver- 1 
Sammlung, deren Entscheidang allein von Wichtigkeit wa^, die 
Vereinigung beider Fürstentümer, das Ende des von den wenigen 
„ Separatisten '^ tragisch beweinten „Vaterlands Moldau 'S fordern .| 
werde, und die gewaltige Stimme des klugen Patrioten Kogälniceano, 
mit dem sich, was BUdung, Scharfsinn, Kühnheit und Rednertalent 
anlangt, unter seinen Zeitgenossen und deren Nachfahren niemand 
messen konnte, machte in der andachtsvoll aufhorchenden Ver- 
sammlung tatsächlich den entsprechenden Vorschlag. „Wir haben'', 
so erklärte Kogälniceanu, der seine ganze Generation in diesem 
grölsten, feierlichsten Augenblicke der nationalen Geschichte würdig 
YectrRiy „denselben Ursprung wie unsere Brüder, denselben Namen, 
dieselbe Sprache, denselben Glauben, dieselbe Geschichte, dieselben ^ 
Einrichtungen, Gesetze und Sitten, wir teilen dieselben Hoffnungen 
und dieselben Befürchtungen; dieselben Grenzen sind unserer V^acht 
anvertraut; in der Vergangenheit haben wir dieselben Schmerzen 
erlitten, dieselbe Zukunft haben wir jetzt zu sichern und dieselbe 
Sendung zu erfüllen/' Zugleich bezeichnete er in seinem Vor- 
schlage folgendes als die Wünsche der Nation. An erster Stelle 
forderte er genaue Beobachtung der seitens der Pforte übernommenen 
Verpflichtungen, besonders bezüglich der in der letzten Zeit dank 
der „phanariotischen Schwäche und der russischen Gleichgültigkeit'' 
oft angetasteten, nicht mehr förmlich anerkannten Autonomie, so- 
dann einen „fremden Fürsten'' — Frankreich dachte an den si^- 
reichen Marschall Pölissier — , eine von Europa, von den gnädigen 
„Mächten" garantierte Neuixalität, deren Schutz dieselben Mächte 
übernehmen sollten, und eine Nationalvertretung zur Stütze der 
monarchischen Gewalt. Aber die Hauptsache dabei war und blieb 
die Union. Einzig und allein der alte, recht unfähige Logoföt, der 
„Inhaber eines russischen Ordens und der gröfste Groisgrundbesitzer 
im Lande", Alecu Bal^, stimmte dagegen, und ihm schlofs sich 
der Vikar des Bischofs von Roman, Hermeziu, an, obwohl Rufsland, 
als es einmal so weit war, die Bewegung, die nicht anfisuhalten 
war, begünstigte, um sich wenigstens die Anhänglichkeit der Ru- 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die ÜDion der F&rstentümer. S09 

mäneti zu sicbem und zugleich das immer noch feindlich gesinnte 
Österreich zu ärgern ^). Alle anderen stimmten frohen Herzens der 
Vereinigung der Fürstentümer zu, und auch der Metropolit; dem 
der ohnmächtige griechische Patriarch zu Konstantinopel vergebens 
gedroht hatte, vereinigte sich, als guter „Hirte", mit seiner „Herde". 
Dies geschah am 7. Oktober a. St. 1857. In den folgenden 
Sitzungen, die sich lang hinzogen, beschäftigte sich der Diwan mit 
verschiedenen Fragen, die der künftigen Verfassung des Vater- 
landes zur Grundlage dienen sollten. Dazu gehörte die Grenz- 
regulierung — man wünschte nämlich eine bessere Abgrenzung 
in Bessarabien — , die Heeresorganisation, die Glaubensfreiheit, 
die Freiheit des Handels, die Organisation einer Nationalkirche, 
sowie die Einsetzung einer in kirchlichen Dingen mit der Macht 
der Gesetzgebung ausgestatteten Synode, die Verteilung der Staats- 
lasten, sowie die Rechtsstellung der Fremden ; besonders über den 
letzten Punkt kam es zu heftigen Auseinandersetzungen. Der 
wichtigste Punkt aber war die Behandlung der Bauern. Im Namen 
der Bauern, die ebenfalls, wenn auch in geringerer Anzahl, ver- 
treten waren, wurde eine wahrscheinlich von J. lonescu verfalbte 
Denkschrift überreicht, worin in leidenschaftlichen, der walachischen 
Kommission von 1848 entnommenen Ausdrücken die Abschaffung 
der ungesetzlichen Körperstrafen, die Selbstverwaltung der Dorf- 
gemeinden bezüglich der inneren Angelegenheiten und die Ablösung 
des Frondienstes, des verhafsten boieresc, gefordert wurde. Aber 
jetzt widersetzten sich, gerade wie früher, die Grundbesitzer, er- 
füllt von Entrüstung und Furcht vor noch weitergehender Ein- 
schränkung ihrer Befugnisse; eine Ausnahme bildeten nur einige 
Führer der jüngeren Generation, und die Entscheidung der grofsen 
Frage, von der die Bildung einer wirklichen, politisch einheitlichen 
Nation abhing, wurde auf eine unbestimmte Zukunft vertagt. 

In der Walachei waren die Revolutionäre zurückgekehrt; sie 
hegten noch ihre alten Träume und waren von Hafs erfüllt gegen 
diejenigen y welche sie auf den Weg der Entbehrungen und des 
Schmerzes, in die Verbannung, gewiesen hatten. Rosetti gründete 
seine berühmte Zeitung Romtnul und verteidigte darin täglich 

1) S. besonders Orä^anu, Istoria Bominiei contemporaDe , note critice 
(Bukarest 1900; aus den „Conv. literare"), S. 11 £f. 



SlO 4. Kapitel. 

die ,; guten'' Prinzipien in einer yerblümten^ immer weiter fliefsenden 
rhetorischen Sprache. Brätianu der ältere , Ion, trat wieder 
mit seiner geliebten Hauptstadtbevölkerung, dem popor, in Ver- 
bindung, denn ihr hatte er die leitende Rolle in dem künftigen 
Rumänien zugedacht. VoUer Hofihung kehrten die ehemaligen 
Fürsten, Bibescu und ^tirbel, zurück; besonders der erstere, ein 
schöner, mäfsiger und in seinen Worten vorsichtiger alter Mann, 
zu dem man jedoch im Volke kein rechtes Vertrauen hegte, ar- 
beitete eifrig an einer eventuellen Wiederherstellung seines „lebens- 
länglichen'' Fürstentums. Der Eaimakam Ghica, ein grofser Feind 
der beiden, verfolgte seine eigenen Zwecke, und endlich lie& aus 
der Feme Eliad, welcher sich jetzt loan Heliade Rädulescu nannte, 
seine tragikomischen Prophetenworte erklingen und zog, in dem 
sicheren Verstecke der türkischen Pensionsresidenz geborgen, feier- 
lich den Schleier von der rätselhaften Zukunft seines Volkes hin- 
weg. Die Versammlung der ad-hoc-Deputierten war hier, in der 
Walachei, sehr gemischt, und kein einziges Talent zeigte sich, das die 
Versammelten über sich selbst hätte aufklären können. Die leitenden 
Gedanken übernahm man einfach von dem Diwan zu Jassy, und 
an neue Aufgaben heranzutreten, war dieser Diwan nicht gewillt. 
In der Pariser Konferenz erschienen nun deren diplomatische 
Vertreter mit gut vorbereiteten Vorschlägen für die künftige Ver- 
fassung der rumänischen Donauländer. Nur Osterreich verhielt sich 
ablehnend gegenüber jeder, selbst der schwächsten Verwirklichung 
einer Union zwischen der Moldau und Walachei. Mit einigen Ver- 
änderungen wurde aber dennoch der französische Vorschlag an- 
genommen, und zwar sollten demzufolge die „Principatele-Ünite" von 
zwei lebenslänglichen, erwählten, nicht ernannten Fürsten, zwei 
Ministerien und zwei gesetzgebenden Körpern, die aus getrennten 
Wahlen hervorgingen, verwaltet werden. Ein Bindeglied zwischen 
beiden Ländern war jedoch vorgesehen in der Kommission von 
18 Mitgliedern, welche in der halb auf walachischem, halb auf mol- 
dauischem Gebiete gelegenen Grenzstadt Foc^anl, einer wahrhaft 
„moldo-walachischen" Stadt, ihren Sitz haben und die gemeinsamen 
Gesetze, deren Veröflfentlichung nur den Fürsten vorbehalten war, ab- 
fassen sollte. Ferner sollte es künftig einen einzigen Kassations- 
hof geben, und es sollte wenigstens die Möglichkeit bestehen, beide 



Die Wirren des Jahres 1848. Kämpfe für die Union der Ffirstentümer. Sil 

JHeere zu vereinigen ; deswegen wurde auch ein gemeinsames Zeichen, 
«in blaues Band, eingeführt^ das die beiden zwei-, nicht dreifarbigen 
Fahnen zierte. Die türkische Suzeränität war begrenzt, aber die 
Verträge der Pforte mit anderen Mächten sollten auch {)ir die 
Fürstentümer — das war in der alten Zeit nicht der Fall ge- 
^wesen — rechtsverbindlich sein. Das Regime der £[apitulationen, 
<iem zufolge die fremden Konsuln ausgedehnte administrative und 
gerichtliche Rechte genossen und zahlreiche Untertanen ihres Heimat- 
landes zu ihrem Schutze anwerben konnten ^), blieb ebenfalls in 
Kraft. Diese Beschlüsse wurden am 19. August 1858 gefafst. 

Ein solcher Zustand konnte jedoch nur ein Provisorium sein. 
Die Union mit zwei Fürsten war in den Fürstentümern, die kein 
an der Tradition hängendes, privilegienverehrendes Deutschland 
^waren, eine Unmöglichkeit. Die Rumänen waren jedoch schon 
mit der Anerkennung des Unionprinzips zufrieden; das weitere 
mufste später geschehen : wie und wann, diese Frage wagte selbst 
der Kühnste nicht aufzuwerfen. 

Die Persönlichkeit der künftigen Fürsten war für diese spätere 
Entwickelung der Dinge von grofser Bedeutung, aber nicht minder 
die Charaktere der mit der Aufsicht über die Wahlen beauftragten 
Kaimakamen, die gemäfs dem organischen Reglement ernannt werden 
mufsten, um bis zur Wahl der Fürsten die fürstliche Gewalt aus- 
zuüben. In der Moldau waren alle drei Mitglieder der Regentschaft, 
^tefan Catargiu, Vasile Sturdza und Anastase Panu, Unionisten; aber 
die österreichisch-türkischen Umtriebe brachten es doch fertig, dafs 
«ich der alte Catargiu von seinen Kollegen trennte, und dies gab 
den Anlafs zu einer Anrufung der Pforte. Aber Sturdza und Panu 
betrachteten sich als die Majorität, die im Namen der ganzen Kai- 
«lakamie zu handeln berechtigt sei, und nahmen alle Vorstellungen 
der Pforte, die in dem gewöhnlichen verletzenden Tone abgefafst 
waren, lediglich ad referendum zur Kenntnis. Der alte ,,Hos- 
podar^' Mihal Sturdza, der in Gala^l von etlichen Getreuen fürst- 
lich empfangen wurde, spendete vergebens seine Dukaten, um den 
Fürstenstuhl wiederzugewinnen. Seinem Sohne Gregor, der zeit- 
weilig im letzten Kriege als türkischer General gedient hatte, ge- 

1) Osterreich übte überdies das Schatzrecht beinahe über alle Juden in der 
Moldau und ebenso das über die katholische Kirche aus. 



tl2 4. Kapitel. 

lang es zwar, ^en Mann wie C. Harmuzaki für eich zu gewinnen, 
aber die Versammlung wollte ihn doch nicht als Thronkandidaten 
anerkennen. Die Fortschrittler ihrerseits verfugten über zahlreiche 
Bewerber um die Krone; dazu gehörten auch Kogälniceana, Negri 
und der Dichter Alecsandri, aber für sie bildete die drohende V^- 
einigung der beiden Sturdzaparteien eine Gefahr. Im letzten 
Augenblicke dachten sie deshalb an einen Mann, der infolge seiner 
Stellung im Staate und seines bekannten ritterlichen, entschiedenen, 
kein Vorurteil schonenden Charakters fiLhig erschien, wenn die 
Wahl auf ihn fallen würde, seine Herrschaft auch kraftvoll aus- 
zuüben. Er war weder Schriftsteller noch Zeitungsschreiber, weder 
Politiker noch auch Mitglied der höchsten Aristokratie, die bisher 
der Moldau ihre Fürsten gegeben hatte, nein, der Sohn eines Land- 
bojaren, der Ne£fe eines vierschrötigen Mannes, der unter Qr^or 
Ghica Minister gewesen war. In Frankreich hatte er seine Er- 
ziehung genossen, hatte es aber nicht bis zum Universitätsstudium 
gebracht. Er war dann, wie viele andere seines Alters, Kadett 
geworden, hatte aber die wenig aussichtsvolle militärische Lauf- 
bahn verlassen, um Ministerialbeamter, später Mitglied und Präu- 
dent eines Gerichtshofes zu^ werden. Vogorides fand an seinen 
witzigen, bisweilen sogar zynischen sailli es grofses Gefallen, und 
auf den Rat des Kaimakams trat er wieder in den Militärdienst 
und wurde nach einem einzigen Monat, den er als Leutnant diente, 
Colonel. Als solcher ward ihm die Verwaltung des Gala^r 
Distrikts anvertraut, aber in dieser Stellung wollte er nicht als 
Agitator zugunsten seines Gönners tätig sein und nahm seinen 
Abschied durch ein Schriftstück, weichesauf die antinationalistiscb^ 
Parteigenossen geradezu vernichtend wirkte. Die Regentschaft über- 
trug ihm nun den Vertrauensposten als Stellvertreter des Kriegs- 
ministers, und somit unterstand im Januar 1859 dem Colonel 
Alexander Cuza die gesamte Armee. Am 16. desselben Monats 
wurde er plötzlich unter die Kandidaten eingeschrieben, und in 
der Sitzung vom 17. Januar stimmten voll Enthusiasmus, aber 
auch von Parteiinteresse und Berechnung getrieben, alle anwesenden 
Mitglieder der Versanmilung, sogar der bisher feindlich gesinnte 
Metropolit, für Alexander loan I., der somit Fürst der Moldaa 
innerhalb der vereinigten Fürstentümer wurde. 



Die Wirren des Jahres 1848. K&mpfe für die Union der Förstentamer. SIS 

Die walachische Wählerversammlung war auch dieses Mal 
sehr bunt zusammeDgesetzt; die Mitglieder, gegeneinander er- 
bittert , zankten sich und waren durch die Erinnerungen an das 
Jahr 1848 und seine Folgen in mehrere Parteien gespalten, die 
keine gemeinsame Autorität anerkannten. Man konnte hier 
danach nur vermuten, dafs Bibescu die meisten Stimmen auf sich 
yereinigen werde. Elandidat der Fortschrittspartei war Nicolae 
Golescu, der einzige Grolsbojare in ihren Reihen. Brätianu griff 
zu dem bewährten Zwangsmittel der Strafsenunruhen ; Bauern 
wurden in die Stadt gerufen, und zahlreiche Vorstadtbewohner 
lärmten unter den Fenstern des Sitzungsgebäudes auf dem Metro- 
politenhügel. Die Kaimakamen, von denen nur einer, loan Fili- 
pescu, fiir die Jungen war, entsandten die Miliz zum Schutze der 
Versammlung, aber diese mufste zurückgezogen werden; so heifs 
waren die Proteste gegen die „ Bajonette '^ Die moldauische Wahl 
eines „homo novus^^ verfehlte aber zuletzt auch hier ihre Wirkung 
nicht, und zugleich kam man auf den Gedanken, dafs der zu 
Wählende kein anderer als eben der moldauische Fürst, der ge- 
mäfs der Pariser Konvention auch Bürger der Walachei war, sein 
könne; dadurch würde man Europa hinsichtlich der Union vor 
eine vollendete Tatsache stellen ! Viele haben sich später das Ver- 
dienst zugeschrieben, den Kamen Cuzas zuerst genannt zu haben. 
Sicher ist jedoch nur, dafs V. Boerescu — als tüchtiger Jurist 
hatte er die Rechte der Fürstentümer mehrmals verteidigt — es 
war, der die geheime Sitzung am 24. Januar a. St. forderte und 
hier den hoffnungerweckenden Namen aussprach. In der folgenden 
feierlichen Sitzung erzielte man auch hier eine rühmliche Ein- 
stimmigkeit. Noch in der Nacht telegraphisch benachrichtigt, er- 
klärte Alexandru loan, ohne irgend jemand von seinen Moldauern 
darüber befragt zu haben, dafs er die ihm angebotene Fürstenwürde 
annehme. Wechselseitig gingen Deputationen ab, um die grofse 
Tat in den beiden Versammlungen zu verkündigen, und als der 
gemeinsame Fürst der noch immer willkürlich getrennten Fürsten- 
tümer in Bukarest anlangte, wurde er mit aufserordentlicher Be- 
geisterung empfangen. 



814 5. Kapitel. 



5. Kapitel. 

Der vereinigte Staat Rumänien. Fürst Cuza und 

König Carol L 

Der bisher bequem dahinlebende, zerstreuungssüchtige „ Alecu 
Cuza'^, den Vogorides herablassend ,,Cuzachi'' nannte, befand sich 
in einer ernsten, schwierigen und gefahrvollen Lage. Er war zwar 
Fürst der vereinigten Fürstentümer, aber starke Einsprüche gegen 
seine zwar dem Buchstaben, aber nicht dem Sinne der Konvention 
nach gültige Wahl waren seitens der Türkei, Österreichs und viel- 
leicht auch anderer Mächte zu erwarten. Er hatte nur wenig 
Freunde, keine bewährten politischen Anhänger und keinen be- 
kannten Namen. Als Moldauer mufste er in der Walachei Wunder 
an Uebenswürdiger Zuvorkommenheit wirken, um nur als voU- 
gültiger Rumäne zu erscheinen, und diejenigen, welche ihn in der 
Moldau auf den Thron gehoben hatten, betrachteten ihn nur ab 
den einstweiligen Stellvertreter des „fremden Fürsten '^ Dafs man 
einen solchen wünschte, war ja durch eine vorherige Erklärung 
der Versammlung ausgesprochen worden, und in seiner Proklamation 
glaubte er sich als solchen zu erkennen. Doch war vorauszusehen, 
dafs die nationale Partei ihn von Beginn bis zu Ende seiner fürst- 
Uchen Laufbahn mit dem Rufe nach dem im letzten Grunde ge- 
wünschten „fremden" Herrscher begrüfsen würde. Schliefslich fehlte 
es in dem Staatsschatze beider Staaten an Geld. Ohne Geld, ohne 
Erfahrung und ohne Anhang, inmitten bisheriger Gegenkandidaten 
und Personen, von denen sich jede zu einer Führerstellung berufen 
glaubte, mufste er allein alles schaffen : er mufste das Reglement, das 
verhafste Reglement, mit der heiligen, aber unbrauchbaren Pariser 
Konvention in Einklang bringen, die tobenden, zankwütigen Ver- 
sammlungen im Zaume halten, die Kommission zu Foc^nl er- 
nennen und, um ihr einen Zeitvertreib zu machen, die Scha£fung 
einer Konstitution als das Ziel ihrer patriotischen Bestrebungen 
bezeichnen. Letztere konnte zwar unmöglich angenommen werden, 
aber dies mufste geschehen, ohne deren arbeitseifrige Urheber all- 
zusehr zu verletzen. Die Eifersucht zwischen Bukarest und Jassy, 
den beiden Hauptstädten, galt es zu beschwichtigen und die Ord- 



Der vereinigte Staat Bamanien. Fürst Caza nnd König Carol I. S15 

nung in einem Lande herzustellen , welches seit 1848 beinahe 
immer in einer Ära von Veränderungen gelebt hatte und den Fort- 
bestand einer Situation gewohnheitsmäfsig als etwas Unnatürliches 
empfand. Er sollte den Begriff einer nicht tyrannischen Autorität 
einer Gesellschaft beibringen, welche gewohnt war, ihren Be- 
herrschern, guten und schlechten, nur mit Zittern zu nahen, und 
Antwort geben auf grofse Fragen, vor deren Lösung bisher jeder- 
mann zurückgeschreckt war, der russische General ebenso wie 
der Bevolutionär von 1848, der rechtmäfsige Reglementsfürst 
ebenso wie der unverantwortliche Diwan. Vor allem mufste die 
Bauemfrage und die Frage der „dedizierten'^ ^) Klöster, ohne deren 
Lösung man nicht vorwärtskommen konnte, entschieden -werden. 
Cuza erwies sich, trotz der Mängel seines Charakters, als der 
Mann, der diese ganze Last auf seine Schultern nehmen konnte. 
Zuerst hatte er das Glück, dafs Österreichs Hartnäckigkeit 
durch den unglücklichen Krieg mit Frankreich, zu dem es wegen 
der italienischen Unionsbestrebungen kam, gebrochen wurde. Noch 
vor dem Gewitter, im April, erkannte die europäische Kommission 
die doppelte Wahl Cuzas an, und dabei hatte Österreich zum 
letzten Male die Stimme gegen ihn erhoben. Die Türkei fügte 
sich in das Unvermeidliche, und das in der Nähe von Ploie^tl 
angesammelte Armeekorps von etwa 10000 Mann, in dem sich zum 
ersten Male moldauische und walachische Soldaten brüderlich zur 
Verteidigung des gemeinsamen Vaterlandes die Hände reichten, 
blieb nur eine Demonstration. Magyarische Patrioten schickten 
zwar den General IClapka an den neuen rumänischen Fürsten, um 
diesen auf die Bukowina als Angriffspunkt aufmerksam zu machen 
und ihm eine Unterstützung durch eine magyarische Bewegung 
in Aussicht zu stellen, aber Cuza liefs sich auf eine solche aben- 
teuerliche Politik, welche die höchsten Interessen der rumänischen 
Nation gefährdet hätte, nicht ein, obgleich er einem, übrigens wenig 
verbindlichen „Vertrage", um dem französischen Gönner zu gefallen. 



1) „Couvents dedies^* lautet der von der Diplomatie während der Behand-" 
Inng dieser Frage aDgenommene Ausdruck. Bumänisch beiCsen sie: „mänastirl 
Inchinate", griechisch atf^egmiLieva /xovaari^Qia, Hinsichtlich des Sinnes s. oben, 
S. 68 f. nnd nnten, S. 318 f. 



^ 



816 5. Kapitel. 

seine Unterschrift nicht yerweigem zu dürfen glaubte ^). 
Intervention in Siebenbürgen hätte bei dem gänzlichen Mangel 
einer Organisation unter den dortigen Rumänen auch nur ver- 
derbliche Folgen haben können. Auch mit Hinsicht auf die 
Durchführung der Union zeigte sich der ;, kalte '^ Cuza fähige dea 
richtigen Augenblick abzuwarten. 

Bis zum Jahre 1861 regierte er mit zwei Kammern, zwei 
Ministerien und dazu mit dem Ballast der gemeinsamen Kom- 
mission, indem er den Pariser Vertrag und die Pariser Konrention 
strikte beobachtete. Diese zwei Jahre verstrichen aber keinesw^a 
ohne Nutzen, denn durch häufige Ministerwechsel, durch die Cuza 
seinen Zweck, die Persönlichkeiten zu prüfen und die lärmenden 
von den verständigen zu trennen, erreichte, durch einige gesetz- 
geberische Mafsnahmen sowie durch energisches Auftreten in jedem 
Falle, wo die nationale Würde durch die ans Befehlen gewöhnten 
Konsuln angetastet zu werden drohte — der französische führte^ 
sogar bald laute Klage über den ehemaligen Freund — , brachte 
der Fürst es fertig, aus den anarchischen Fürstentümern einea 
Staat zu bilden, in welchem keine auswärtige Macht mehr eine 
Kontrolle übte und in dem sich die alltäglichen Verwaltungs- 
geschäfte ziemlich glatt abwickelten. Damit war aber die Voraus- 
setzung für die entscheidenden Mafsregeln erfüllt, welche dea 
Ruhmestitel Cuzas bilden. 

Schon einige Wochen nach der doppelten Fürstenwahl hatte 
Kogälniceanu in einer schwungvollen Rede den Vorschlag ge- 
macht, beide Versammlungen nach Foc^anl zu verlegen und als^ 
erstes Parlament des neuen Landes „Rumänien« zu vereinigen. 
Cuza war zwar in seinem Herzen durchaus für diese Maferegel, 
aber er sah nirgends einen Stützpunkt, im Vertrauen auf den er 
einen so entscheidenden Schritt hätte wagen können. Er fügte 
sich deshalb in die Notwendigkeit und verzögerte dadurch, gegen 
sein eigenes Interesse, gegen die Wünsche der ganzen Nation und 
gegen die elementarsten Forderungen einer guten Verwaltung, die 



1) S. die Schriften aus der VerbannuDg von Eossuth, U, S. 232 oder 
Ghica, Amintirl din pribegie, S. 617 ff. Den Siebenbürger Bomfinen wardea 
von den magyarischen BevoUmächtigten ausgedehnte Privilegien gewährleistet. 



Der vereinigte Staat Bamänien. FGrat Gaza und König Carol I. St 7 

AToUeDduDg der Union. Während er den oft ausgesprochenen 
Wünschen des Landes nicht nachkam, arbeitete jedoch sein Ver* 
treter in Eonstantinopel; sein alter Freund C. Negri, welcher 
sich in seiner Eigenschaft als Agent des Fürsten bei der Pforte 
^rofse Verdienste als geschickter Diplomat erwarb und mit 
[Entschlossenheit schwere Aufgaben würdig erledigte, stetig daran, 
auf gesetzlichem Wege die Vollendung und Krönung des an- 
gefangenen Unions Werkes zu erreichen , ohne den rumänischen 
Staat zu demütigen oder etwa die Gunst der türkischen Qrofsen 
mit Geschenken, wie früher in der Zeit der Schmach, zu erkaufen. 
Die Schutzmächte wollten die Entscheidung dieser Frage mit einer 
Neugestaltung des Wahlgesetzes verbinden, aber Cuza betonte, dafs 
er zurzeit nur an die Union denke. Im Mai 1861 konnte er dann 
endlich seinen Kammern die Mitteilung machen, dafs die Verhand- 
lungen mit der Süzeränen Macht ihren Abschlufs erreicht hätten. 
Zwar fugte sich der Sultan nicht hinsichtUch jeder Forderung, 
und die Annahme des Unionprinzips wurde von vielen be- 
schränkenden Kkuseln begleitet, doch diese letzteren existierten 
tatsäcUich nur in der diplomatischen Theorie. Was der Fürst 
einen „Akt^^ nannte, wurde auf türkischer Seite als „Ferman^^ 
bezeichnet, und im Grunde wurde nur die Eigenschaft Alexandra 
loans als Administrators beider Fürstentümer, nicht aber eine 
bleibende Union der Länder, auch nach dessen Tode, anerkannt. 
Der Zentralausschufs von Foci^nl wurde nicht endgültig fallen 
gelassen, sondern nur in unbestimmter Form suspendiert, und an 
seine Stelle sollten „Provinzial Versammlungen'^ treten. Aber im 
Grunde hatte Cuza das Spiel gewonnen ; er konnte jedenfalls das, 
was er erreicht hatte, als eine „Verwirklichung der Union'', als 
die „Gründung eines rumänischen Nationalstaates'' betrachten, und 
wenig später schon gebrauchte er die schliefslich allgemein an- 
genommene Bezeichnung Rumänien, Romänia, fiir den Staat, 
innerhalb dessen unter einem Herrscher, einem Ministerium, einer 
Kammea*, einer Fahne und einer Hauptstadt — Jassy sank langsam, 
und das wurde hier schmerzlich empfunden, zur Ehrenhauptstadt, 
zur „zweiten Hauptstadt" herab — keinerlei Grenzen mehr be- 
standen. 

Jetzt konnte man auch noch weiter gehen. Cuza war kein 



8 18 5. Kapitel. 

Pflichtenmenscb; kein systematischer Arbeiter auf dem Felde de 
Staatsgeschäfte y kein gater Verwaltungsbeamter und fleiCsiger^ 
Rechner; wie es seine Vorgänger Bibescu^ Mihal Sturdza und ^tirbel 
gewesen waren, aber er fühlte sich voll als Vertreter seines Volks, 
seiner Generation, als derjenige, der im Auftrage der Kämpfer von 
1859 verpflichtet war, ihr politisches Ideal in Tatsachen umzusetzen, 
Er verachtete die nichtigen Formen, deren Beobachtung bisher 
den meisten typischen „Hospodaren^^ wohlgetan hatte; er besaCs 
als durchaus uneigennütziger Mann das Gefiihl fiir das Gro&e in 
den politischen WechselfäUen und Gründungen und war kühn genug, 
um die von ihm richtig erkannten grofsen 2jiele auf geradem Wege 
zu verfolgen. Manche andere, wie etwa Rosetti und Panu, hätten 
ein idyllisches republikanisches Freiheitsleben, einen korrekten 
belgischen Konstitutionalismus gewünscht, im Rahmen dessen 
souveräne Kammern unendlich viel für das Wohl eines abstrakten 
„Volkes '' getan hätten. Der praktische Brätianu, welcher aber 
anderseits nicht allzu tief blickte, wollte administrative und finanzielle 
Einrichtungen nach französischem, napoleonischem Muster schaffen 
und zugleich sozial eine Mittelstandspolitik treiben. In der Wa- 
lachei wurde der Mittelstand durch Rumänen oder romanisierte 
Christen ^) vertreten, und mit Hilfe dieser liefs sich ein regime 
bourgeois begründen und erhalten. Der Fürst dagegen hatte 
höhere Ziele: er wollte eine Lösung aller grofsen Fragen, von 
denen die Zukunft des rumänischen Volkes abhing, ohne deswegen 
die innere Organisation des Landes aufser acht zu lassen. 

Den Anfang machte er mit den „dedizierten^^, „ gewidmeten '' 
Klöstern. Schon zu Beginn des 17. Jahrhunderts war es üblich 
geworden, reich ausgestattete inländische Klöster den altberühmten 
Klöstern auf dem Berge Athos, Sinai, Jerusalem und in anderen 
Gegenden des griechisch-türkischen Orients gelegenen Klöstern 
unterzuordnen, was man tnchinare, äq)i€Qa)aigf dare supt as- 
cultare nannte^). Akte, welche eine solche Unterordnung zur 
Folge hatten, geschahen beinahe ausschlieislich bei der Durchreise 



1) In der Moldau durch die Juden , welche politisch Dicht in Betracht 
kommen konnten. 

2) Tgl. oben, S. 315. 



Der vereinigte Staat BumänieD. Fürst Cuza und König Carol I. Si9 

der bei längerem Aufenthalte der grofsen^ bettelnden, almosen- 
akxnmelnden Patriarchen; so waren Cyrill Lukaris, Dositheos von 
^rusalem und viele andere im 18. Jahrhundert diesseits der Donau 
Is geldbedürftige, bedrängte Mönche erschienen und hatten den 
rommen rumänischen Christen von den grofsen Schulden ihrer 
Archen erzählt. In solchen Wanderern erblickte aber das Volk 
>einahe Verkörperungen göttUchen Wesens, und ihr UrteU, ihr 
^ohiedsspruch, ihre schriftliche Beurkundung und Zeugenschaft 
Östren deshalb viel begehrt und wurden gut bezahlt Sie erhielten 
g^uch bares Geld ^) , und es war seit der ältesten Zeit ^) immer 
äbUch gewesen, dafs die rumänischen Fürsten den berühmten 
Q^otteshäusern im Morgenlande Geldgeschenke machten. Aber das 
Greld war im ganzen türkischen Reiche sehr spärlich, und beinahe 
alles verschlang der Fiskus des Sultans, welcher bald aufspürte, 
iwo etwa Geld vorhanden war. Um sich die Gebete der vielen 
Mönche, die ein berühmtes Kloster bewohnten, für die Ewigkeit 
zu gewinnen, nicht minder, um den Fortbestand einer Stiftung 
auf rumänischem Boden gegen jeden gotteslästerlichen, habgierigen 
[Eingriff möglichst sicherzustellen, und nicht zuletzt, um den be- 
drängten Christen im Morgenlande eine hüfreiche Hand zu bieten, 
gelangte man zur Einführung der dcpuQOHJLg. Dadurch bekam 
das fremde Kloster recht wesentliche Befugnisse; es erhielt das 
Becht, in dem gewidmeten Kloster den Vorsteher oder Hegumenos 
nebst mehr oder weniger Mönchen — letzteres geschah allerdings 
nicht immer — zu ernennen, und bezog den Uberschufs der Ein- 
künfte, nachdem alle vom Gründer vorgeschriebenen Verpflichtungen 
sowie alle täglich notwendigen oder für Reparaturen erforderlichen 
Ausgaben bestritten worden waren. Der Uberschufs wurde in der 
Moldau, wenigstens bis 1700, in barem Gelde, das der Metropolit 
des Landes versiegelte, nach dem griechischen heiligen Orte ge- 
sandt^). Im übrigen unterschied sich das „dedizierte^^ Kloster 
durch nichts von den übrigen: es unterstand, wie diese, der Ge- 
richtsbarkeit des rumänischen hohen Klerus und der unbeschränkten 



1) Vgl. Contributil la ist. Munteniel, S. 38: unter Mihnea Turcitol, 1587. 

2) Langlois, Le Mont Athos und Miklosich, Slavische Bibliothek, I. 

3) Vgl. Uricariul, V, S. 217—218. 



i 

Bcb I 

s EU 1 



(39 b. Kapitel. 

Macht d«r f&ntlicber Verordnoogen , die keinen UatersoM 
«rkuititen. 

Um Hoh Verdienste im Himmel zu erwerben, beriefen 
in spftterer Zeit viele Bojaren auf ihre Herkunft von Kloster 
grOndeni und verhalien als deren Nachkommen den Griechen 
solchen Halt^escbenken ; im 18. Jahrhundert besonders glanbtm 
sogar die Fürsten zu solchen Mafsregeln ohne weiteres berecht^t 
zu Bein '). Der griechische Klerus war auf diese Weise zu eräer 
groCsen, bedrohlichen Macht geworden, denn ein Fünftel des ni- 
mftniachen Bodens war allmählich unter seine nur ungenügend be- 
grenzte Botmä&igkdt geraten. Nach den Ereignissen von 1831 
jedoch hatten die Fürsten von der Pforte, die das Q-rieobentam 
überall bekämpfte, die Elrlaubnis erbalten, die fremden Mdnche n 
vertreibffli, die von ihnen besessenen Qüter von Staats w^;en m 
verpachten nnd dafür nur eine bestimmte Summe nach Konetanli- 
nopel für die betreffenden geistlichen Ort« abzuliefern. Als aber 
die Pforte wieder in diplomatische Beziehungen zu Rufsland trat, 
da hatte diese Macht, als vertragsmäfsige Beschützeria der 
griechischen Christen im Oriente, die Forderung gestellt, dafs die 
CMechen zurück berufen werden möchten, und hatte auch tatsädilJeli 
einen Ferman in diesem Sinne erwirkt *). Aber die Fürsten 
zögerten dennoch im Einverständnis mit der türkischen Regierung '), 
und erst die nachfolgende rassische Okkupation gab den Mönchen 
die Möglichkeit zur Rückkehr. 

Im oi^aniscben R^lement wurden jedoch wiederum Be- 
stimmungen getroffen, die eine weitere Ausnutzung der Kloster- 
güter durch Fremde verhindern sollten, da diese di 
der inländischen Klöster, der Schulen und Wohltätig 
schädigte. Ein bestimmter Teil der Einkünfte wu 
dadurch dem Staate, welcher die nicbtdedizie: 
bald einzog und ihre Verwaltung dem Kultusminia 



1) Vgl. CroDica lol Const. Filipesca, S. xxn; üiicart 
Mag. ist, 1, 8. 133; Doc. CantacazinUor, S. 61—62. 64—6! 
«i doc., Y, S. 437, Anm. 1, 651f. und die bei Xeaopol, Ii 
Vodä erwähnten Streitschriften. 

2) Hnrmuzaki, X, Anhang: 18S7, S. 608. 

3) Vgl. Uricarinl, I, 8. 372—376. 



Der yereinigte Staat Bumänien. Fürst Cuza nnd König Carol L SSI 

Ki^llte, überwiesen. Diese Mafsregel wollten die heiligen Väter 
^echischer Nation begreif Ucherweise nicht anerkennen, und die 
E^olge war die Entstehung einer langen Reihe von Denkschriften^ 
äie Rufsland ab Schiedsrichter anriefen. Die Russen , die beiden 
streitenden Parteien ihren Schutz angedeihen liefsen, boten den 
Oriechen zuerst eine Frist von zehn Jahren und dann abermals 
oine solche, um sich in dieser Zeit, während der die Griechen im 
^vorläufigen Genüsse der von dem Reglement allen Grundbesitzern 
verliehenen Rechte blieben, mit ihrem Gegner zu verständigen. 
JDie Rumänen ihrerseits verlangten das Recht, die Klostergüter von 
Staats wegen zu verpachten und ein Viertel des Ertrags für Zwecke 
der Wohltätigkeit und zur Bestreitung der Unterhaltungskosten 
vorwegzunehmen. Im Jahre 1851 wurden die Güter zum ersten 
Male seitens der weltlichen Macht verpachtet, aber bald schon kam 
die Zeit der neuen Landesverwaltung, und im sogenannten „Proto- 
koll XIII ^^ setzte die Pariser Konvention wiederum eine Frist für 
die endgültige Regelung der Angelegenheit fest 

Cuza war entschlossen, die Griechen mit einer Entschädigungs- 
summe abzufertigen und auf diese Weise die ungebetenen Gäste 
zu entfernen, welche die Klostergebäude verfallen liefsen, die zahl- 
reichen abhängigen Bauemdörfer bedrückten, den Widerstand 
gegen das Gesetz schürten und eine fremde Sprache im Gottes- 
dienste einbürgerten. Er rechtfertigte seinen Entschlufs mit der 
im nationalen Interesse unbedingt erforderlichen Notwendigkeit, 
mit der kirchlichen Politik aller europäischen Staaten und mit dem 
historischen Rechte, welches den Mönchen keinen solchen Besitz 
in der Fremde einräumte. Natürlich weinten die griechischen 
Patres bittere Tränen, und die Pforte unterstützte sie, die un- 
willigen, gezwungenen Förderer türkischer Lasterhaftigkeit. Eng- 
land erblickte darin wieder eine rumänische Anmafsung, und Rufs- 
land woUte sich, obgleich es selbst in Bessarabien an Säkulari- 
sationen dachte, die griechische Anhänglichkeit nicht verscherzen. 
Aber die rumänische Regierung arbeitete mit ruhiger Entschlossen- 
heit; sie verbot den fremden Gottesdienst, wies die ungehorsamen 
Mönche aus, zog selbst klösterliche Einkünfte ein, und endlich, 
während noch die Verhandlungen in Konstantinopel fortdauerten, 
verfügte die Kammer am 13. Dezember a. St. 1863 die Säkulari- 

Jorga, Geschichte der Ram&iieiL. II. «1 



^w 



tff 5. Kapitel. 

saiion der Erlöster gegen eine bestimmte Entschädiguj 
die Mönche^ die übrigens nirgends wirkliche Unterstiiti^u^' 
wollten alles oder nichts^ und, nachdem die RumsLnezi vier 
gewartet hatten^ erklärte 1867; nach dem Falle Cuzas^ die E^ammer 
die Elosterangelegenheit für „ erledigt '^ Aber Alexander loan 
konnte sich rühmen^ dafs er das entäufserte Fünftel des nationalen 
Bodens dem neuen Staate zurückgewonnen hatte. 

Die Versammlung; die im Dezember 1863 mit groXsem Bei- 
faUe die Säkularisation annahm^ war allen vorhergehenden gleich, 
sie unterschied sich von ihnen nur dadurch; dafs die sinnlose; un- 
ziemliche Opposition nicht nur die Minister angriff; sondern sich 
auch an die Person des Fürsten selbst mehr oder weniger un- 
verblümt heranwagte; während gleichzeitig aufserhalb der Kammer 
Ränke im Lande und im Auslande geschmiedet wurden^ um den 
Fürsten zu stürzen. Es gab damals in der kleinen bevorrechteten 
politischen Welt Rumäniens noch keine wirklichen Parteien; die 
meisten Mitglieder der Versammlung zeigten nur eine keineswegs 
sichere Anhänglichkeit an die einzelnen der zahlreichen Männer; 
die allc; einer nach dem anderen; für kurze Zeit Minister Cozas 
gewesen waren. Die sogenannten „ Bojaren ''; ;; Aristokraten"; 
;; Vergangenheitsleute"; die sich derartige Bezeichnungen; je nach 
dem Redner und nach dem Tage; gefallen liefsen oder sie ent- 
rüstet zurückwiesen; befolgten absolut keinen einheitlichen Plan. 
Sie wurden nur dadurch zusammengehalten; dafs sie ein gegen sie 
gerichtetes agrarisches; ;; kommunistisches" Gesetz ahnten; das man 
im Kabinette des Fürsten seit langem vorbereitete. Der beinahe 
sechzigjährige Barbu Catargiu; ein gewaltiger und zugleich bilder- 
reicher Redner von ungemeiner Charakterstärke, war; wenn nicht 
ihr erkorener Führer; wenigstens derjenige; in dem jeder die Ver- 
tretung seiner Interessen am besten verrköpert sah. Catargiu hatte 
nach einer stürmischen Jugend in Frankreich studiert; hatte sich nach 
1848 der ;, antinationalen" Partei angeschlossen und sprach auch 
jetzt niemals von der Zukunft; die für ihn nichts Verlockendes 
zu haben schien. Für ihn war der Bauer weiter nichts als ein 
Pächter fremden Bodens ; aber nicht der ehemalige Besitzer; wie 
es in der Tat für die meisten Fälle zutraf, welcher zwar gesetz- 
mäfsig; aber unbilligerweise seinen Besitz verloren und ihn überdies 



r 



Der vereinigte Staat Bnmänien. F&rst Cuza und König Carol J. 828 



durch übermenscbliche Arbeit vielmals zurückverdient hatte. Im 
übrigen stand er so fest auf dem Boden der Konvention, wie vordem 
auf dem des Organischen Reglements ; dabei war er zwar ein Mann 
von Verstand; aber ohne jegliches Ideal und Gefühl. Als Minister- 
präsident verbot er nach einer Bauernempörung ein Fest zur Er- 
innerung an die „Revolution*^ von 1848 und wurde dafür in seinem 
Wagen, als er die Kammer verliefs, im Jahre 1862 von unbekannt 
gebliebener Hand erschossen. Jetzt nahm die erste Stelle unter 
den „Bojaren" der zwar wenig begabte, aber sehr rührige und 
aufetrebende Demeter Ghica ein, der Sohn des einstigen (1822 
bis 1828) Fürsten Gregor. Die Leute von 1848 verfügten über 
die verbreitete Zeitung Rosettis und die unermüdliche Rührigkeit' 
des J. Brätianu bei Bekämpfung der „Aristokraten"; ihnen kam 
die Gewandtheit und diplomatische Feinheit des Ion Ghica zugute, 
der mit der Zeit der gröfste Gegner Cuzas wurde, und ebenso die 
Rachsucht des ehemaligen Kaimakamen Panu, der allerdings bald 
im Irrenhause endete. Sie erbUckten in dem Fürsten nur einen 
Menschen, der nach der Diktatur strebe und der den französischen 
„Tyrannen" nachahmen wolle, ja nicht einmal den Vorkämpfer 
fiir die Autonomie und soziale Reform erkannten sie in ihm. Mit 
beiden „Parteien" war nichts anzufangen, und Cuza, der anfangs 
auf eine „mäfsig liberale Gruppierung" gehoffi; hatte, nahm, um 
sein Werk überhaupt weiterzuführen, seine Zuflucht zu dem besten 
Manne, den er allerdings nicht liebte, den er später beneidete und 
bald, nachdem er die gefahrliche „Mohrenwäsche" verrichtet hatte, 
wieder entfernte: zu Kogälniceanu. 

Die Agrarreform wurde zu Ende gefuhrt. Danach erhielt 
der Bauer das Stück Land, welches ihm durch das Reglement als 
Arbeitsfeld angewiesen worden war, als Eigentum, weil er von 
Rechts wegen es immer hätte besitzen sollen; dafür zahlte er 
nur zehn Jahre lang eine mäfsige Entschädigung. In der Erwartung 
dieses Gesetzes wurde die Kammer mit wenigen bedeutenden Vor- 
lagen beschäftigt, die auch zumeist Annahme fanden. Hierher ge- 
hören das Armeegesetz, das Gesetz, durch welches ein Staatsrat er- 
richtet wurde, das Rechnungskontrollgesetz, das Bezirks- und Ge- 
meindegesetz, die Einführung des Code Napoleon, die Erbauung 

der ersten Eisenbahnen in der Moldau und Walachei und endUch 

21* 



T 



SS4 5. Kapitel. 



das JudengesetZy welches in der Erwartung künftiger Assimilation & 
Naturalisation jüdischer Unteroffiziere, Besitzer akademischer Grade 
und Grofsindustrieller von Fall zu Fall ermöglichte. Als jedoch das 
Agrargesetz ans Licht kam — das Ministerium veröffentlichte den 
Entwurf y erlaubte Bauemversammlungen in der Hauptstadt und 
verlangte einen Kredit für ein neues Konzentrationslager — , da 
erfafste die Kammer, die von sich aus einen anderen , weniger 
günstigen Vorschlag machen wollte , heftige Unruhe. Aber der 
Fürst entliefs Kogälniceanu trotz des Mifstrauensvotums der Ver- 
sammlung nicht, vertagte vielmehr die letztere bis nach den 
Ferien und löste sie am 2./14. Mai 1864, am ersten Tage ihres 
neuen Zusammentrittes, auf. 

Jetzt, nachdem sich die ränkesüchtigen „Bojaren^' und „Badi- 
kalen'^ lärmend zerstreut hatten, schritt Cuza zu einer Mafsregel, 
die ihm seit langem empfohlen worden war und bezüglich welcher 
er sich auch mit den Mächten verständigt hatte : er liefs eine neue 
Konstitution, ein Staatsgrundgesetz verkünden, welches nach einem 
itaUenischen Beispiel „Statut getauft wurde und dessen Rechts- 
gültigkeit durch die Zustimmung des nach napoleonischem Muster 
zu einem Plebiszite berufenen „Volks ^' nachgewiesen werden sollte. 
Das Befragen der „Nation'^ fiel glänzend aus, obwohl sich die 
öffentliche Meinung in den Städten ziemlich gleichgültig dazu ver- 
hielt und in den ausgehungerten Dörfern von einer „öffentlichen 
Meinung'^ nicht wohl die Bede sein konnte. Dem Statut zufolge 
hatte der Fürst das Recht, Dekrete mit Gesetzeskraft zu erlassen, 
die Budgets über ihre Frist hinaus zu verlängern, der E^anmier 
einen Präsidenten zu geben und mehr als die Hälftie der MitgUeder 
des neu zu errichtenden Senates zu ernennen. Dieser Senat hatte 
ebenfalls umfangreiche Rechte: er hatte die Gesetze vorzubereiten 
und zu bestätigen, Petitionen entgegenzunehmen, die Konstitution 
zu wahren usw. In Gemeinschaft mit dem Staatsrate und der ge- 
bändigten Kammer wurde das napoleonische Regime nachgebildet 
Durch ein neues Wahlgesetz wurde der Kreis der Wähler erweitert: 
die Intelligenz und die „Professions libres^' wurden mehr begünstigt; 
und unter Beibehaltung der zwei Wahlkurien ward den Bauern 
eine wichtigere Rolle zugewiesen, ganz ähnlich, wie es der dritte 
Napoleon in Frankreich gemacht hatte. 



Der Tereinigte Staat BumänieD. Fürst Cnza und König Carol I. SS5 

Diese von den Gegnern mit Anspielung auf die französischen 
^oi^nge zu Beginn des zweiten Kaiserreichs als Staatsstreich 
l>ezeichnete revolutionäre Mafsregel fand zuerst, wie zu erwarten 
yfWBTj bei der Mehrheit der Schutzmächte heftige Mifsbilligung. 
Aber sie liefsen sich leicht beschwichtigen, obwohl die abgesetzten 
Oligarchen weifser (konservativer) und roter (liberaler) Färbung 
eine überreichliche Menge Protestbroschüren in französischer Sprache 
erscheinen liefsen. Napoleon III. konnte sich mit der Tat 
Cuzas nur einverstanden erklären; der Fürst ging zum zweiten 
Jülale nach Eonstantinopel und erhielt dort von der Pforte und 
der zu diesem Zwecke zusammenberufenen Gesandtenkonferenz die 
Anerkennung seiner Konstitution, zugleich aber erzwang er auch 
für das Land das Recht, sich Gesetze zu geben, und belebte dadurch 
die alte Autonomie wieder. Die Agrarreform und einige andere 
Gesetze traten nunmehr in Kraft. 

Damit glaubte Cuza keineswegs die Konsolidierung des ru- 
mänischen Staates schon vollendet zu haben ; er wufste vielmehr 
sehr gut, dafs aufser der vollständigen Unabhängigkeit noch 
manches andere zu erringen übrig sei: dabei war ihm sein Land 
infolge alter und neuer Erfahrungen zu gut bekannt. Vieles war 
noch nicht einmal versucht worden, und die meisten der admini- 
strativen und finanziellen Mafsregeln konnten nur als vorläufige 
Notbehelfe betrachtet werden, denn sie waren ja nur ungeschickte 
eilfertige Nachahmungen französischer Einrichtungen und bestanden 
zum gröfsten Teile nur auf Papier, ohne sich in der Nation ein- 
bürgern zu können. Die Agrarreform hatte eine Krisis im Ge- 
folge, da die Bauern in Erwartung des Neuen die Arbeit auf dem 
Felde des Bojaren schon aufgaben, noch ehe sie in den gesicherten 
Besitz ihres Stuckchens freier Erde gekommen waren. Die In- 
dustrie und der Handel vegetierten elendiglich, und in der Moldau 
lagen diese beiden Zweige, der nationalen Wirtschaft völlig in den 
Händen der feindlich gesinnten Juden, die sich galizisch kleideten, 
deutsch sprachen und österreichisch fühlten. In der Zollpolitik 
war der Fürst selbst unschlüssig, und trotz einiger Telegraphen- 
und Postkonventionen mit benachbarten Staaten war in diesem 
Punkte ein starker Widerstand seitens der Pforte zu erwarten,, 
denn diese wollte das alte Recht der Fürstentümer, ein eigenes 



S36 5. Kapitel. 

Wirtschaftsgebiet zu bilden , nicht anerkennen *). 
mittel waren beklagenswert; man reiste von Jassjr na^ch Bi 
am bequemsten auf dem riesigen Umwege über "Wien, und 
Nachrichten aus der Moldau gelangten oft zuerst slxis dem A\ 
lande nach der Walachei. Die Chausseen waren unzureichend, 
denn das alte Strafsennetz , wie es durch Bibescus und Jfiiial 
Sturdzas Fürsorge entstanden war^ hatte fast gar keinen weiteren 
Ausbau erfahren, und erst 1865 wurden die ersten Verträge be- 
hufs Erbauung der moldauischen Serethbahn und einer walachischen 
Linie Bukarest- Giurgiu abgeschlossen. Für die neue Org'anisation 
des Steuer Wesens fehlte es an passendem Personal, und noch 
niemand verstand die Kunst, ein ordentliches Budget aufzu- 
stellen, so dafs man sich von einem Defizit zum anderep fort- 
schleppte. Anleihen im Lande waren eine Unmöglichkeit ; die im 
Ausland kontrahierten jedoch galten als Hasardgeschäfte und waren * 
folglich recht teuer. 

Die nationale Kirche hatte zwar ihre Synode erhalten, aber 
der Klerus stand, besonders in der Walachei, weit zurück hinter 
den Anforderungen der Zeit. In den zahlreichen neu eingerichteten 
Schulen wurde kein Lehrplan beobachtet, das Gesetz von 1864 
hatte die zwei Universitäten von Bukarest und Jassjr, Kunstschulen, 
Lyzeen und Gymnasien teils geschaffen, teils weiter ausgebaut, 
während die Volksschulen schlecht und spärlich waren und es 
ihnen an einer Unterrichtspraxis fast gänzlich mangelte. Die Be- 
amten waren faul und unzuverlässig, und je nach dem politischen 
Parteiwinde des Augenblicks wurden sie mitleidslos gewechselt. In 
der Aristokratie herrschte kein wirklich nationaler Geist, es fehlte, an 
Vaterlandsliebe und tieferem Verständnis für rumänische Kultur. 
Die Bojaren, französisch erzogen, fühlten französisch, trieben mit 
allem, was französisch war, eine lächerliche Abgötterei und be- 
dienten sich in ihren Salons, in ihren Briefen, ja selbst in der 
staatlichen Korrespondenz, gerade wie im Preufsen des 18. Jahr- 
hunderts, der französischen Sprache. Des Rumänischen waren sie 
oft gar nicht mächtig. Die Literatur war kraftlos geworden und 
befand sich unzweifelhaft im Niedergange, denn Männer wie Eo- 

1) Vgl. Kegne de Bibesco, I, und Baicoianu, Geschichte der rumänischen 
Zollpolitik (München 1894). 



aa 




Der vereinigte Staat Bamänien. Fürst Gaza und König Carol I. SS 7 

liceanu, Alecsandri und Bolintineanu waren völlig von der 
^litik in Anspruch genommen. Die meisten schrieben ein firan- 
iösiscli gefärbtes Rumänisch; und in dieser Sprache erschienen 
die leichten Gedanken und erheuchelten Gefiihle der Dichter noch 
"weniger ernst. Ein kräftiger, treuer Zeichner der Wahrheit; der 
Novellist Filimou; konnte seine schönen Erzählungen von dauerndem 
Werte kaum in Zeitungen und Zeitschriften unterbringen. Die 
Vertreter der neuen historischen Schule gaben zwar Quellen 
TieraiiB und benutzten solche bei ihren Arbeiten , aber sie fanden 
keine begeisterte Unterstützung. Dahin gehören Papiu IlariaU; der 
seinen Tesaur de Monumente istorice veröffentlichte , und 
B. P. Hasdeü; ein bessarabischer Rumäne, ein universeller Geist, 
der in vielen Richtungen bahnbrechend wirkte, aber leider allzu- 
sehr — und zwar je länger, je mehr — der Romantik anhing, 
. die in Rufsland die Wissenschaft beherrschte; letzterer gab Er- 
zählungen heraus und vereinigte in seiner Zeitschrift Archiv a 
istoricä slavische, rumänische und allerlei sonstige Spuren der 
Vergangenheit, aber auch er fand kein allgemeines Verständnis 
dafür in einer Zeit, wo nichtssagende patriotische Deklamationen 
als Mafsstab für dichterische Erzeugnisse dienten. Als vereinzeltes 
Wahrzeichen einer besseren Zukunft erhebt sich jedoch die Re- 
vista Rominä des Alexander Odobescu und anderer Vertreter 
der jungen Generation; es ist eine Musterzeitschrift, in der aus 
Frankreich zurückgekehrte Bojarensöhne Erzählungen aus der Ver- 
gangenheit darboten und Tagesfragen in einem fliefsenden Ru- 
mänisch behandelten. 

Cuza ermüdete unter dieser Riesenlast, die übrigens auch heute 
noch zum grofsen Teile zu tragen ist ; bei seinem ausschweifenden 
Leben war er früh gealtert. Er wufste auch, dafs ihm Napoleon, 
der jetzt einen Freund Rufslands in ihm erblickte, seine Sympathie, 
die beste Stütze bisher, entzogen hatte. Des Eogälniceanu hatte 
er sich aus Eifersucht entledigt, und die anderen bedeutenden 
Persönlichkeiten hafsten ihn alle unversöhnlich. Die Radikalen 
1 waren entschlossen, ihn mit allen Mitteln zu bekämpfen, be- 
sonders nachdem er die Kinder, die er mit Frau Obrenowitsch ^) 



1) Geborene Catargia, die Matter des späteren serbischen Königs Milan. 



nS 5. Kapitel. 

erzeugt hatte ; zu seinen rechtmäfsigen Kindern gemacht 
Naive Leute aus der Provinz bezeichneten in Glückwuni 



adressen bereits den ältesten davon als ;,den jungen Fürsten' 
Alexander, den Thronerben ^^ Während Cuzas Badereise im 
Sommer 1865 entbrannten nun in Bukarest Strafsenunrohen, 
die Brätianu angezettelt hatte, und bei dieser Gelegenheit ivnrde 
auf die Menge geschossen. Auch die Türkei versuchte sich ein- 
zumischen; aber diesem Vorhaben begegnete der Fürst mit wunder- 
barem Geschick. In der Thronrede, mit der er die Kammer er- 
öfinete, die sich bisher sehr unterwürfig gezeigt hatte, sprach der 
Fürst begeistert sogar von der Möglichkeit seiner Abdankung, uin 
den Rumänen die Erfüllung ihres Wunsches, einen fremden Fürsten 
zu bekommen, zu erleichtern. „Ich will keine Macht, die sich 
lediglich auf die Gewalt stützt. Sei es an der Spitze des Landes, 
sei es als dessen Bürger, werde ich immer mit dem Lande und 
für das Land sein, ohne andere Zwecke zu verfolgen; nur den 
Willen der Nation will ich ausfuhren und den grofsen Interessen 
Rumäniens dienen. Man soll wissen, dafs meine Person niemals 
ein Hindernis bilden wird, wenn es sich um die Konsolidation des 
politischen Gebäudes handelt, an dessen Aufrichtung mitgewirkt 
zu haben ich mich glücklich schätze. In Alexander loan I., dem 
Fürsten von Rumänien, werden die Rumänen immer den Colone] 
Cuza wiederfinden, der in der Ad-hoc -Versammlung und in dem 
Wahlausschufs der Moldau die grofsen Prinzipien der Wiedergeburt 
Rumäniens ausgesprochen und welcher als Fürst der Moldau 
offiziell den hohen Mächten die Erklärung abgegeben hat, damals, 
als er auch die walachische Krone erhielt, dafs er diese doppelte 
Wahl als eine unzweifelhafte und dauernde Erklärung des National- 
willens, aber nur als ein heiliges Pfand betrachte.'^ 

Doch durch diese Rede nährte er nur die Hoffiiungen seiner 
erbitterten Gegner; ja selbst die Kammer, die nichtswürdige 
Kammer, zeigte sich jetzt gegenüber dem schwachen Ministerium 
des Dr. N. Cre^ulescu widerspenstig. Die „ Roten '^ und auch einige 
Bojaren, wie Lascar Catargiu, traten in Verbindung mit einigen 
pflichtvergessenen Offizieren, und in der Nacht des 11./23. Februar 
1866 wurde Cuza in seinem Palaste von den Verschworenen 
überfallen. Er dankte ohne Zögern ab und war der erste ver- 



I 



k Der vereinigte Staat Bamänien. Fürst Cuza und König Carol I. 829 

stolsene rumänische Fürst, der in Jahren seines Schmerzes nie 
einen Laut der Klage von sich gab und, obwohl er von seinem 
Nachfolger die Erlaubnis zur Rückkehr erhielt, sich dennoch, um 
sein Land zu schonen, auf der fremden Erde aufhielt, wo er im 
Jahre 1873 gestorben ist. 

Was darauf folgte, war lediglich eine Wiederholung der Bu- 
karester Ereignisse von 1848 und eine Nachahmung dessen, was 
Cuza selbst nach dem Beispiele des kaiserlichen Frankreich aus- 
geführt hatte. Vor den Kammern, welche nicht aufgelöst wurden, 
— der Senat des gefallenen Fürsten war so niedrig, dafs er das 
Landeswappen mit Cuzas Namenszug vom Throne im Sitzungs- 
saale herabreifsen liefs — erschien im Namen einer provisorischen 
Regierung, welche aus dem General Golescu, einem ehemaligen 
liberalen Bewerber um die Krone, aus dem soliden, derben, wenig 
aufgeklärten Lascar Catargiu und aus dem General Haralambie 
zusammengesetzt war, ein Ministerium, welches Cuza selbst in 
seiner Abdankungsurkunde als „vom Volke erwählt '^ bezeichnet 
! hatte. Der Staatsstreich war im Einverständnisse mit einigen 
Kreisen des Pariser Hofes bzw. der Kamarilla ausgeführt worden, 
und Ion Brätianu weilte in Paris, um sich nach einem dort an- 
genehmen fürstlichen Kandidaten [fremden Ursprungs umzusehen. 
Bevor er jedoch noch eine Empfehlung in die Heimat über- 
mitteln konnte, mufste man der Vorsicht wegen rasch den neuen 
Herrscher erwählen, und die „Volksvertreter" erkoren einstimmig 
den Grafen von Flandern, der wegen seiner Krankheit später 
auf die Erbschafk des belgischen Königs, seines Bruders, verzichten 
mufste und der sich durch die Erwählung in dem fernen, stark 
verrufenen Donaulande seine Zerstreuungsreise nach Rom nicht ver- 
derben liefs. 

Doch das war nicht etwa die einzige Schwierigkeit. Die er- 
zwungene Abdankung Cuzas bedeutete einen Verstofs gegen die 
bestehenden Verträge, sie war ein neuer revolutionärer Akt, der 
zu seiner Gültigkeit der Genehmigung der Garantiemächte be- 
durfte. Es wurde deshalb eine Konferenz nach Paris einberufen, 
die nochmals über das Schicksal des Landes entscheiden sollte, in 
welchem die Türkei nur die zeitweilig vereinigten Fürstentümer 
an der Donau und einen „integrierenden Bestandteil" ihres Reiches 



St# 5. Kapitel. 

sah. Rufaland hoffte ebenfalls, die bisherigen Tatsachen^^fliW^' 
wenigstens; ungeschehen zu machen, und die in Jassy (A] 
ausbrechenden separatistischen Unruhen dienten dabei zum ersehntet] 
Verwände. Der leichtsinnige Metropolit Calinic Miclescu setzte sick' 
mit dem reichen Bojaren Nicolae Roznovanu ins Einvernehmeii^ 
der sich trotz seiner allbekannten Einfalt einer Vasallenkrone foi 
würdig hielt, und im erzbischöflichen Ornate , das Eo-euz in der 
Hand; suchte der moldauische Oberhirt das Volk für den Kampf 
zugunsten der Lostrennung von der „Walachei" zu hegeistem; 
dieses ward jedoch sofort und fast ohne jedes Blutvergiefsen ver- 
hindert. Nun verlangte man von der Konferenz die Erlaubnis, 
dafs sich die Moldauer und Walachen nach siebenjähriger 1^ 
fahrung durch den Mund ihrer jetzigen Kammer Vertreter für oder 
gegen die Tatsache der Union aussprechen dürften. Unter dem 
Drucke der Ereignisse und angesichts der Haltung; die die meisten 
Mächte einnahmen; mufste sich auch das noch rumäneo^eundlicbe 
Frankreich Napoleons HI. ^) beugen; und durch den Beschlufs vom 
1. Mai 1866 wurde tatsächlich diese neuerliche Entscheidung von 
den bisherigen Untertanen Cuzas gefordert. Aber gleichzeitig 
hatten sich die leitenden Männer in Paris für das neue t&it 
accompli; die Erwählung des fremden Fürsten; erklärt; dem 
zwar im ersten Augenblicke die Anerkennung verweigert, aber die 
Ausübung der Regierungsrechte tatsächlich nicht verboten wurde, 
einfach weil keinem der annexionslustigen Nachbarn von selten 
Europas das Recht zu einer bewaffneten Intervention zugestanden 
werden konnte. 

Von Seiten der offiziellen imd nichtoffiziellen Agenten des 
Fürstentums im Abendlande wurden bereits im MärZ; auf einen 
indirekt aus Paris gekommenen Wunsch hin, Verhandlungen loit 
dem zweiten Sohne des ehemaligen preufsischen Ministerpräsidenten 
Anton von HohenzoUern; dem Haupte der Sigmaringer Linie; an- 
geknüpft. Der 27jährige Prinz war mütterlicherseits mit den 



1) Später war der französische Kaiser bereit — wie aus den Denkwürdig 
keiten des Generals Lamarmora (Un poco piü di luce) zu ersehen ist — , ^^ 
„Fürstentümer" Österreich gegen die Abtretung Venetiens an Sardinien zu fibe^ 
lassen! Übrigens erscheinen in diesem Jahre 1866 auch andere, noch sben- 
teuerlichere Tauschprojekte auf Kosten Bumäniens. 



Der vereinigte Staat Bamänien. Fürst Cuza und König Card I. SSI 

eapoleoniden verwandt^ und die liberale Tätigkeit seines Vaters 
and in gutem Andenken. Prinz Karl verhielt eich nicht ab- 
lehnend, und ebensowenig der preufsische Ministerpräsident ; inner- 
lialb der Familie jedoch machten sich anfangs Bedenken geltend, 
iDesonders hinsichtlich der Art und Weise, in der die Annahme 
<ies fernen fremden Thrones erfolgen sollte. Aber ohne das ent- 
scheidende Wort abzuwarten, und noch vor dem Schlufs der in 
Kumänien vorgenommenen Kammerwahlen schritt die Kegierung 
zur Wahl des Fürsten: Prinz Karl von HohenzoUem wurde durch 
Volksbeschlufs als Karol I. ausgerufen — dies war am 20. April — , 
und erst einige Tage später trat die Versammlung, als Konstituante 
berufen, zusammen, um am 13. Mai die Union feierlich zu be- 
stätigen und die durch das Volk bereits vollzogene Wahl mit 
grofser Stimmenmehrheit anzuerkennen. Nun nahte der schon lange 
hergesehene Krieg zwischen Preufsen und Osterreich, welches in 
vorder Konferenz deswegen „reserviert" aufgetreten war und irriden- 
tlstische Umtriebe der Rumänen in Siebenbürgen fürchtete; denn 
dort stärkte sich die nationale Idee der „Walachen" infolge der 
natürlichen Kulturentwickelung täglich. Der neuerwählte „fremde 
Fürst" des rumänischen Landes durfte unter diesen Umständen 
nicht mehr zögern ; er reiste inkognito an die rumänische Grenze, 
und am 22. Mai stieg der bebrillte Passagier zweiter Klasse eines 
österreichischen Donaudampfers, die Gültigkeit seines Billetts bis 
Odessa vergessend, in der beflaggten Stadt Turnu-Severin ab, wo 
ihn Ion Brätianu erwartete, um ihn in grofsem Triumphe nach 
dem fröhlich seiner harrenden Bukarest zu begleiten. So begann 
inmitten des europäischen Krieges und mitten im einheimischen 
Hader um die Verfassung die lange, schwere, aber früchtereiche 
Regierung des gegenwärtig sechsundsechzigjährigen Königs Carol. 
Der Fürst erhielt seine Bestätigung in Konstantinopel nicht 
leicht, und das beleidigte seinen Stolz. Cuza war ein rücksichts- 
loser Mann gewesen, hatte keine Dynastie gründen wollen und 
nicht einmal ernstlich an einen Besitz des Thrones bis zum 
Greisenalter gedacht. Unter ihm hatten sich die Türken daran 
gewöhnen müssen, dafs sie bei allen stärkeren Eingriffen von Bu- 
karest aus derb zurückgewiesen wurden; Cuzas Antwort auf die 
Einwendungen des Grofswesirs nach den Unruhen von 1865 ist 



SSS 5. Kapitel. 

in ihrer Art sogar ein Meisterstück diplomatischer Polemik. J< 
aber hoffte die Pforte, wenn sie ihre Zustimmung zu so i^chl 
Veränderungen gab, wie es die bedingungslose Union der Fi 
tümer und die Erwählung eines fremden Fürsten war, aucli farj 
sich beträchtliche Vorteile einzuheimsen. Es wurde also ein Korps I 
zur Beobachtung nach Rustschuk geschickt, und dies war staric 
genug, um die Lage bedenklich erscheinen zu lassen ; denn <iie von 
Cuza zurückgelassene Armee konnte keineswegs, weder was Ställe 
und Bewaffnung, noch was Mobilisierungsbereitschai); anbelangt 
im Kampfe der modern ausgebildeten Streitmacht des Sultans 
widerstehen. Einige Abteilungen verweigerten sogar den Abmarsch, 
und der Staatsschatz war von allen Mitteln entblöfst, so dafs man 
seine Zuflucht zu Schatzbons nahm, um wenigstens etwas für die 
Verteidigung tun zu können. Ein ungeheures Defizit stand in 
Aussicht. Bufsland hatte sich nur äufserlich mit den neuen Zu- 
ständen im früheren Protektoratslande ausgesöhnt, da es imm^r 
auf die Stunde der Vergeltung hoffte, und sprach von der Ent- 
sendung eines türkischen Kommissärs nach Bukarest. Trotz seiner 
militärischen Niederlage in Böhmen dachte Österreich auch jetzt 
an die Möglichkeit eines Landerwerbs an der Donau, und von 
Preufsen war schliefslich nicht anzunehmen, dafs es seinen natio- 
nalen Interessen im Auslande dynastische Bedenken unterordnen 
würde. Die serbischen oder ungarisch-revolutionären Vorschläge 
konnten ernstiich nicht in Betracht kommen. Die Türken da- 
gegen, deren Verhalten nach 1853 als modern erschienen war, 
redeten eine energische Sprache und wollten Bedingungen wie die 
folgenden erzwingen: Verzicht auf den Namen „Rumänien'^ und 
Wiederannahme der alten Benennungen „Moldau und Walachei*', 
welche bisher keinen nationalen Klang hatten und sich mit der 
Provinzeinteilung des Reiches vertrugen; Nichtigkeitserklärung 
aller von der nicht anerkannten provisorischen Regierung getroffenen 
Mafsregeln, Ausschliefsung des Dynastiegedankens, Erhaltung der 
Armee in gewissen Schranken, kriegerische Unterstützung der 
Türkei, Verschliefsung der Grenzen gegen die bulgarischen Flücht- 
linge, die in Bräila, Bukarest und den kleinen Donauhäfen ihre 
Führer, ihre Komitees, ihre Presse und Waffendepots hatten, Ver- 
zicht auf jede selbständige auswärtige Politik, Annahme aller tür- 



- — -^--1 



Der yereinigte Staat Bamänien. Fürst Guza und König Carol I. SS3 

kischen Verträge; bei deren Verhandlung die ^^Moldo-Walachen'^ 
be£ragt werden würden ^ Anerkennung eines Agenten des Sultans 
in der Hauptstadt ^ Erhöhung des Tributs , unmittelbare Lösung 
der Klosterfrage^ für die sich auch RuTsland neuerdings interessierte^ 
und schliefslich das Versprechen ^ kein eigenes Geld zu prägen 
und keine Orden zu gründen. Der Fürst sollte vor dem Sultan 
erscheinen ; um von ihm den Investiturferman zu erhalten und in 
dieser Weise seine vertragsmäfsige Regierung über Provinzen, 
welche ;, Partie intögrante^^ des Reiches waren, zu beginnen. Das 
bedeutete die in modemer Weise genau begrenzte „Autonomie", 
ganz zu geschweigen von den vielen Rechten, welche in früherer Zeit 
bestanden hatten, ehe die Russen und die europäische Diplomatie 
mit den Türken Verträge schlössen. Der Fürst und seine Berater 
taten alles mögliche, um sich der Annahme dieser Bedingungen 
zu entziehen, aber trotz des in Kreta, ausgebrochenen Aufstandes 
und trotz der feindlichen Politik der griechischen Regierung zeigte 
sich die fanariotische und levantinische Diplomatie des Suzeräns 
unbeugsam. Nur in einigen Punkten wurden Abänderungen er- 
reicht und dadurch vor allem die Dynastiefrage in rumänischem 
Sinne gelöst, der Abschlufs von Verträgen nichtpolitischen Charakters 
und die Prägung eigener Münzen mit einem Vasallitätszeichen zu- 
gestanden. Endlich wurde auch vereinbart, dafs die Übereinkunft 
in der weniger demütigenden Form eines Briefwechsels zwischen 
dem Fürsten und dem Grofswesiere — wodurch übrigens das 
Vasallitätsverhältnis betont wurde — geschlossen werden solle. 
Ak dann der Fürst wirklich nach Eonstantinopel reiste, da galten 
die Ehrenbezeigungen, mit welchen er, viel mehr als sein Vorgänger 
Guza, bedacht wurde, weniger dem rumänischen Herrscher als 
dem Vetter des siegreichen Preufsenkönigs. 

Auch nach dieser Verständigung und dieser Reise, gelegentlich 
welcher der Fürst den Ferman seiner Investitur, den ihm der 
Sultan überreichte und den er uneröffnet auf dem Tische hatte 
liegen lassen, durch seinen Minister des Aufseren wegnehmen liefs, 
zeigte die Pforte, die nichts geringeres als die vollständige Los- 
trennung dieses mächtigen, von einem HohenzoUern geleiteten 
Vasallenstaates fürchtete, dasselbe steife Benehmen und gebrauchte 
denselben verletzenden Ton, welcher allgemein tief verstimmte. 



8S4 5. Kapitel. 

Gegen die Münzprägung und gegen den Abschlufs eines Handels«) 
Tertrags mit Österreich im Jahre 1875 erhob die türkische Diplo- 
matie ihren ohnmächtigen Protest. Mit kindischer Hartnäckigkeit 
wurde die Bezeichnung ^^Principautes'^; welche niemand^ nicht 
einmal Rufsland, mehr in Anwendung brachte, in Noten und 
Denkschriften gebraucht, um möglichst oft zu kränken. Im Jahre 
1871, als der Fürst, veranlafst durch das unerträgliche Partei- 
gezänk der Liberalen, an seine Abdankung dachte, verspürte die 
Pforte sogar einige Lust einzugreifen, und in bezug auf die 
durch unbesonnene Hitzköpfe, ungeduldige Ministerkandidaten 
und unverantwortliche Träumer ins Werk gesetzten schändlichen 
Strafsenszenen telegraphierte der Wesir Aali-Pascha an den 
Fürsten: „A ce que pareilles seines ne se renouvellent plus, seines 
que la Sublime Porte reprouve". Das war eine Sprache, wie 
sie nicht einmal unter Cuza geführt worden war und welche nur 
gegenüber einem türkischen Provinzverwalter am Platze ge- 
wesen wäre. Als im Jahre 1874 eine spanische militärische 
Abordnung nach Bukarest kam, um dem Fürsten die Thron- 
besteigung Alfons XII. anzuzeigen, drohte die Pforte gereizt mit 
der Abberufung ihres Gesandten in Madrid, weil der spanische 
Monarch zu ihrem rumänischen Vasallen direkte ofSzielle Be- 
ziehungen unterhalten hatte. In der verzweifelten Lage des Jahres 
1876 mufste die Pforte zwar wohl oder übel vieles dulden, aber 
trotzdem liefs sie sich nicht auf den Vorschlag des rumänischen 
Ministers des Aufseren, M. Eogälniceanu, ein, der die Anerkennung 
der nationalen Staatsbezeichnung, die Aufnahme des rumänischen 
Agenten in das diplomatische Korps, die Gleichstellung der ru- 
mänischen Untertanen mit denjenigen fremder Nationen, die Garan- 
tierung des rumänischen Gebietes, dem die Donauinseln, dem Ver- 
trage von 1829 gemäfs, zugerechnet werden sollten, den Abschlufs 
verschiedener Verträge über Auslieferung, Handel, Post und Tele- 
graphie, die Gültigkeit der rumänischen Pässe und die Feststellung 
der Grenze in dem Flufslaufe der Donau forderte. Bei dem Aus- 
bruche des Krieges mit Rufsland schliefslich telegraphierte der 
Wesir dem rumänischen Fürsten wie einem Subalternbeamten 
und erteilte ihm die nötigen Aufträge zur Verteidigung des Reiches, 
dessen „Partie int^grante^* Rumänien war. Als man in Konstanti- 



Der vereiDigte Staat Bumänien. Fürst Cuza und König Carol I. S35 

Qopel von dem Durchmärsche der Rassen hörte ^ wurde der ru- 
mänische Agent einfach ^.abgesetzt«', als wenn er ein Beamter 
des Sultans wäre. Die Türkei hatte somit alles getan , um Ru- 
mänien und seinen Fürsten zur Unabhängigkeitserklärung und 
zum Kriege zu reizen. 

Auch die Beziehungen zu Osterreich in den ersten Jahren 
der Regierung des Fürsten Earol waren wenig verheifsend. Die 
gegen die Fortdauer der Union gerichtete „Reserve" von 1866 
und die Befürchtung einer gefahrlichen Agitation unter den Ru- 
mänen Siebenbürgens bestimmten das Verhalten der österreichischen 
Diplomatie. Aber im folgenden Jahre schon, 1867 , mufste man 
endlich der hartnäckigen Opposition der ungarischen revolutionären 
Partei, um die sich die ganze ungarische Intelligenz scharte, Genüge 
tun, und so gewann denn der jetzige Zustand des Dualismus im 
alten Österreich Geltung, es wurde daraus eine österreichisch-un- 
garische Monarchie mit zwei völlig gesonderten politischen Gliedern. 
Die Magyaren, die mit grofsen Opfern auf der Bahn der Kultur 
tüchtig vorangeschritten waren, hatten nun auch einen eigenen 
Staat, dem nur ein nationales Heer und eine nationale Diplomatie 
fehlten. Sie sahen sich jetzt vor der Notwendigkeit, die magyarische 
Nationalität, die noch zu schwach war, um in der Zukunft einen 
starken nationalen Staat zu repräsentieren, durch Entnationalisierung 
der fremden, aber seit uralter Zeit im Königreiche Ungarn 
wohnenden Völker zu vergröfsern und so den Boden für die Ver- 
wirklichung patriotischer Träume und Ideale vorzubereiten. Ein 
Ausrottungskampf, der sich meistens gesetzlicher Mittel bediente, 
wurde nunmehr vom neuen Staate auch gegen die Rumänen in 
Siebenbürgen und im eigentlichen Ungarn eröffnet. 

Bald jedoch schon liefs sich erkennen, dafs dieser Elampf aus- 
sichtslos war, obgleich er, einmal begonnen, vom Standpunkte der 
Magyaren aus nicht mehr gut unterbrochen werden konnte. Denn 
die zisalpinischen Rumänen von 1866 waren nicht mehr die alten, 
in tiefem Elend und tiefer Unwissenheit lebenden und sterbenden 
halbbarbarischen „Walachen". Die literarische Entwicklung des 
18. Jahrhunderts hatte bei den späteren Generationen Früchte ge- 
zeitigt*, aus der Zeit Horias und besonders aus den Kämpfen von 
1848, an denen mit oder ohne Waffen die ganze Nation, ohne 



SS« 5. Kapitel. 

jeden Unterschied der Klasse, der Bildung und des kirchlichea 
Bekenntnisses teilgenommen hatte, waren Namen von Siegern, Wo- 
tjrem und Propheten in der Erinnerung des Volkes haften ge- 
blieben. Endlich hatte man in der absolutistischen Ära, welcbe 
den revolutionären Ereignissen gefolgt war, Grofses erreicht. Die 
Rumänen hatten sich auch poUtisch in ihren neu ausgebauten 
kirchlichen Gebäuden eingerichtet: Priester und Laien arbeiteten 
gemeinsam zugunsten der nationalen Kultur in den Kanzleien und 
Versammlungen beider Kirchen; denn mit der Spaltung der einstigen 
einen hatte ja Osterreich die treu gebliebenen, ritterlich för d^ 
Kaiser kämpfenden Rumänen belohnt. 

Dem abgesetzten Bischöfe Lemöny war als Leiter der unierten 
Kirche, deren Klerus sich immer mehr aus sehr gebildeten Priestem 
und Domherren — emige hatten sogar in Rom ihre Studien voU- 
endet — zusammensetzte, ^ulu^ als erster Metropolit gefolgt; er 
war ein eifriger Verteidiger der nationalen Rechte des Volkes, 
dessen Vereinigung unter seiner eigenen erzbischöflichen Macht — 
war er doch der Fortsetzer der alten Tradition, indem er den 
Titel von Karlsburg, von Alba- Julia, trug! — er heifs ersehnte. 
Nach dem Tode des Metropoliten Alexander wurde 1867 loan 
Vancea erwählt, ein frommer Katholik, aber zugleich ein bedeutender 
Beförderer des rumänischen Unterrichts wesens, welches ihm recht 
viel zu danken hat. Zahlreiche Schulen entstanden durch seine 
Fürsorge, und die schon vorhandenen erhielten neue materielle 
Stützen. „ Die Schulen von Blasendorf waren fiir ihn sein Augen- 
Kcht." ^) Durch das kaiserHche Dekret von 1850 hatte der 
Blasendorfer Oberhirte drei Suffragane in Gherla (Szämos-Ujvär), 
Lugo^ (ungarisch Lugas) und Grofswardein (Oradea-Mare) erhalten. 
Der erste Bischof von Gherla war loan Alexi, der Verfasser einer 
sehr verbreiteten rumänischen Grammatik, und Vancea war sein 
unmittelbarer Nachfolger, bevor er die höchste Würde in seiner 
Kirche erhielt; aber in Grofswardein gewann erst unter dem 
Bischöfe Mihail Pavel (1873 — 1902) eine Richtung, die den ru- 
mänischen Kulturinteressen forderlich war, die Oberhand. 



1) ^ematismul clerulul unit (Blasendorf 1900), S. 46; vgl. auch Aug. 
Bunea, Mitropolitul dr. loan Vancea de Buteasa (Blasendorf 1890). 



Der vereioigte Staat BamänieD. Ffirst Cuza and König Carol L SS7 

Der nichtunierte Bischof ^agiina^ ein bei den österreichischen 
Sehörden hochangesehener Mann; wurde ebenfalls Metropolit^ und 
zifirar 1864; ihm ward es überlassen; ein Grundgesetz für seine 
ELirche zu schaffen. Dieses tat er in sehr verständiger Weise, in- 
dem er dabei das Nationale mehr als das streng Orthodoxe im 
^uge hatte. Bei der Wahl des Metropoliten; sowie bei der Ent- 
scheidung der Fragen; welche Eircho; Kultur und Eulturmittel 
l>etrafen; ward den Laien nicht nur eine Mitwirkung, sondern 
sogar ein überwiegender Einflufs zugestanden; und dadurch ward 
die nichtunierte Kirche auch zu einer nationalen Korporation ge- 
stempelt; was sie seitdem dauernd geblieben ist. Alle Beamten der 
Kirche gingen aus klug angelegten Wahlen hervor. In dieser 
Weise bekam die Nation; welche aus dem politischen Leben des 
nunmehr einheitlichen Ungarn durch ein spezielles siebenbürgisches 
Wahlgesetz sowie durch administrative Wahlmifsbräuche sogar 
rücksichtlich seines nationalen Ansehens beinahe völlig ausgeschaltet 
v^ar; einen Ersatz in der kirchlich-kulturellen Entwickelung; und 
diese bot eine Garantie für die Zukunft. 

Zugleich mit der Gründung des nichtunierten Erzbistums be- 
kamen die Rumänen infolge ihrer Trennung von den Serben zwei 
Bistümer; eins in Arad und eins in Caransebe^ (^^S- Karänsebes). 
Den Bischofsitz der letzten Diözese nahm der bisherige Kronstädter 
Erzpriester loan Popazu ein. Er hatte sich schon um die Grün- 
dung des rumänischen Gymnasiums in Kronstadt verdient ge- 
macht; welches 1856 vom Staate als öffentliche Unterrichtsanstalt 
anerkannt wurde und sich bald zu der ersten höheren rumänischen 
Schule jenseits der rumänischen Grenzen entwickelte ^). Unter 
Mitwirkung der beiden Kirchenoberhäupter und der ganzen ru- 
mänischen Intelligenz wurde schon 1861 die ;; Gesellschaft für die 
Fortbildung der rumänischen Sprache und Literatur'' gegründet^ 
deren Organ die Zeitschrift ;;Transilvania'' wurde. Ohne mit den 
geringen zur Verfügung stehenden Mitteln und unter bedrängten 
Verhältnissen Grofses erreichen zu können; bildete sie dennoch 
einen neuen Verknüpfungspunkt für ein Volk; welches in jeder 
Hinsicht den festen Entschlufs kundgab; seine Eigenart zu be- 

1) Andrei Bärseanu, Istoria ^colelor centrale romäne gr. or. din Bra^ov 
(Kronstadt 1902). 

Jörgs, Gesehiclite der Bam&nen. IL 22 



8S8 5. Kapitel. 

wahren. Ahnliche Vereine entstanden auch in anderen Gregenden ! 
des rumänischen Territoriums und waren wenigstens für die 
Gründung von Volksschulen gewifs nützlich. Im Jahre 1872 ge- 
schah noch ein weiterer grofser Schritt^ der dem meistens armen 
rumänischen Volke in diesen bedrohten Gebieten zur Erlangung 
der ökonomischen Selbständigkeit verhalf ; das war die Gründung 
der ersten Nationalbank ^^ Albina'' in Sibiiü; welche bald blühte^ 
segensreich wirkte und durch ihr glückliches Beispiel viele andere 
Volksbanken in allen Winkeln Siebenbürgens und der benachbarten 
Gegenden ins Leben rief. Der Elanoniker Cipariü von Blasendorf, 
ein ausgezeichneter Kenner der literarischen und sprachlichen Über- 
lieferung und der rumänischen Vergangenheit, beleuchtete in zahl- 
reichen Schriften die Sprachenfrage und lenkte die Aufmerksamkeit 
auf verschiedene geschichtliche Momente und Prozesse. Die Er- 
gebnisse seiner Forschungen fafste er zusammen in seiner Gram- 
matik; und diese war das erste Werk^ das die nationale Sprache in 
ihrer ganzen Entwickelung umfafste und unter Berücksichtigung 
ihrer natürlichen Entwickelungstendenzen nach Normen für die 
Wortbildung und Rechtschreibung suchte. Schliefslich nahmen 
die leitenden Männer der Nation die Gewohnheit an, anläfslich 
der Wahlen für das ungarische Parlament eine nationale Gruppe 
zu bilden ; und 1869 wurde die absolute Passivität als ewiger 
Protest gegen die Einverleibung Siebenbürgens in Ungarn und 
gegen die darauf folgende Vernichtung des Nationalitätengesetzes 
beschlossen; ein Ausschufs von 25 Mitgliedern zu Hermannstadt 
sollte künftig über die rumänischen Interessen wachen. 

Im Jahre 1866 ^ kurze Zeit nach dem Falle Cuzas, wurde 
vom Unterrichtsminister C. A. Rosetti eine Gesellschaft begründet, 
die sich mit der Sprache beschäftigen und eine Rechtschreibung 
für den Amtsgebrauch und die Schule herstellen sollte; denn weder 
mit der rationellen ^ aber allzusehr latinisierenden Orthographie 
Cipariüs^ noch mit der eigentümlichen Pumnuls; eines sieben- 
bürgischen Professors, der, von der Familie Hurmuzaki berufen; 
in die Bukowina übersiedelte und hier das nationale Bewufstsein 
wiedererweckte, war man einverstanden. Die akademische Ge- 
sellschaft, die später zur Akademie der Wissenschaften geworden 
ist, sollte nicht nur rumänische Staatsangehörige, sondern die Ver- 



Der yereioigte Staat Bumänien. Fürst Gaza und König Carol L SS9 

treter der gesamten mmäniBchen gelehrten Welt, alle Leuchten 
der nimänisehen Literatur vereinigen ; es war eine neue Be- 
kundung der nationalen Solidarität, welche keine politischen Grenzen 
anerkennen kann, da sie höhere als politische Zwecke und Ideale 
verfolgt Cipariü wurde zum Mitglied der Gesellschaft ernannt, 
und er kam 1867 nach Bukarest, um der feierlichen Konstituierung 
des Instituts beizuwohnen und hinsichtlich der Richtung, in der 
die Arbeit aufgenommen werden sollte, seinen Rat zu geben. Un- 
glücklicherweise verschwand aber die anfängliche Begeisterung 
ziemlich rasch wieder, und die meisten Mitgheder gehörten nur 
noch dem Namen nach der akademischen Gesellschaft an. Unter 
den verschiedenen Strömungen, die sich geltend machten, siegte 
Bcbliefslich die ultra-lateinische Laurians; ihm wurde die Redaktion 
des Normal Wörterbuchs anvertraut, das eine künstliche Sprache 
einfach dekretierte. Aber trotz alledem blieb die künftige Aka- 
demie eine Verkörperung der Einheit des rumänischen Volkes auf 
dem einzigen Gebiete, auf dem von einer Einheit die Rede sein 
konnte, demjenigen der Kultur, und unter denen, welche der Aka- 
demie angehörten, ragte auch ein junger Professor der Philosophie 
an der Universität Jassy, der Sohn loan Maiorescus und der Neffe 
des Bischofs Popazu hervor. Titu Maiorescu vertrat eine neue 
Richtung, die auch über ihre eigene Zeitschrift, die „Literarischen 
Gespräche" (Convorbirl literare), verfugte. Die Besten unter 
der jüngeren Generation erklärten sich im Verein mit Alecsandri 
gegen eine französische oder lateinische Schule, Maiorescu in seinen 
Kritiken, der grofse, tiefempfindende Dichter Mihail Eminescu, eine 
gewaltige Individualität, in seinen dichterischen Meisterwerken, 
der realistische Erzähler Creangä, ein gewesener Priester und 
späterer Volksschullehrer, der Siebenbürge Slavicl, und schliefslich 
N. Gane, sie alle traten für die Volkssprache als die einzig mög- 
liche Literatursprache ein. Diese Volkssprache war zugleich die- 
jenige aller älteren Literaturdenkmäler, sie war im Grunde dieselbe 
fiir das ganze Rumänentum, welches die Phantasien eines Pumnul 
nicht kannte, und wenn sie, diese „noua direc^ie", zum Siege ge- 
langte, dann war zugleich auch die Anknüpfung an die Ver- 
gangenheit erreicht, die Kultureinheit aller Rumänen hergestellt. 

Die Leiter der österreichisch-ungarischen Monarchie wufsten 

22* 



(40 ^' Kapitel. 

und verstanden dies längst nicht alles. Zu ihrer Kenntnis ge- 
langten auf diplomatischem Wege nur Bruchstücke aus Artikdn 
der demagogischen Tagespresse^ die sich in politisch beunruhigender 
Weise über die rumänische Einheit ergingen^ aber solche Ergüsse 
völlig unlegitimierter Zeitungsschreiber wurden als ernste Kund- 
gebungen der rumänischen Regierung und des rumänischen Volkes 
in Rumänien betrachtet. Darum verhielt man sich gegenüber dem 
y; neuen Kurs'' im benachbarten Fürstentume ablehnend , ja viel- 
fach glaubte man, dafs 1866 nur die Türken einen rumänischen 
Einfall nach Siebenbürgen verhindert hätten. Dagegen war man 
in Rumänien ebenso fest davon überzeugt, dafs bei der Kaiser- 
begegnung zu Salzburg, im Jahre 1867, über eine Annexion des 
Landes seitens Österreichs mit französischer Bewilligung unter- 
handelt worden sei *). Den Besuch des Fürsten in Wien, bei 
seiner Reise im Jahre 1869, verurteilte die radikale Presse als 
Hochverrat. Als aber Graf Andrässy die Leitung der auswärtigen 
Politik der benachbarten Monarchie übernahm, änderten sich die 
bisherigen Verhältnisse zum beiderseitigen politischen und wirt- 
schaftlichen Vorteile. Obgleich ein Magyare und ein magyarischer 
Patriot y verstand der Kanzler, dafs Rumänien nicht stark genug 
sei, um isoliert leben zu können, dafs die Garantie der Mächte 
und die Neutralitätsversicherung keine praktische Bedeutung hatten, 
dafs sich mithin der neue Staat an den östlichen oder westlichen 
Nachbar anlehnen mufste und dafs die dauernde Verbindung mit 
Rufsland für Rumänien eine langsame Annäherung an den Tod 
bedeute. Er wufste aber auch, dafs der Fürst und seine Minister, 
welcher Partei sie auch angehörten, dieses einsehen würden. 
Andrässy mufste zugleich erkennen, dafs der Schiffbruch des 
Donaufiirstentums in russischem Fahrwasser für die österreichische 
Monarchie eine viel ernstere Gefahr darstellte, als der Fort- 
bestand und die Entwickelung eines nationalen rumänischen 
Staates, sei es selbst mit den notwendigen Folgeerscheinungen, 
wie es die Gründung eines bedeutenden Kulturlebens in und 
aufser seinen Grenzen war. Auch das aber wurde klar, dafs 
Rumänien, dessen Bedürfnis nach ausländischen Fabrikaten mit 
seinem Fortschritt immer wuchs, ein ausgezeichnetes Absatz- 
1) Aus dem Leben König Karls von Bamänien, I, S. 220. 



Der vereinigte Staat Bumänien. Fürst Cuza nnd König Carol I. S41 

gebiet fär die österreichische Industrie abgab. Deshalb änderte 
xx^an die Politik gegenüber diesem nützlichen Nachbarn. Andrässy 
^^^^urde nicht einmal ängstlich^ als Fürst Carol 1873 ihm gegenüber 
dskvon sprach^ dafs es wünschenswert wäre, wenn die Rumänen 
dieselben politischen Rechte, wie die Kroaten bekämen; diesen 
Vorschlag konnte der Fürst machen, und der Kanzler liefs ihn 
stillschweigend über sich ergehen. Sogar unter Aufserachtlassung 
der Vorstellungen der Türkei, die dabei von England, das über 
die ,, Integrität des osmanischen Reiches^' wachte, unterstützt wurde, 
Bchlofs Andrässy den Handelsvertrag von 1874, und trotz der 
heftigen AngriflFe in der liberalen Presse, welche von einer wirt- 
Bchaftlichen Unterjochung Rumäniens zugunsten Österreichs, von 
einer Einverleibung Rumäniens in das österreichische Wirtschafts- 
gebiet sprach, wurde dennoch, wenn auch erst nach langen De- 
batten, der Vertrag auch von den rumänischen Kammern gutge- 
heifsen. In diesem Verhältnis stand Rumänien zu seinem westlichen 
Nachbar im Jahre 1876, als die orientalische Frage wieder auf- 
tauchte und dringend eine neue Lösung erheischte. 

Rufsland hatte sie angeregt, indem es die Leidenschaften der 
bedrängten christlichen Bevölkerung durch die geschickten Mittel 
seiner immer wachsamen, unübertrefflichen Diplomatie bis zum 
Siedepunkte der Revolution und des Krieges erhitzt hatte. Der 
Pariser Vertrag war den wichtigsten Interessen des russischen 
Staates hinderlich, da er Rufsland die Donaumündungen entrissen 
hatte und aufserdem die russische Kriegsflotte von den Gewässern 
des Schwarzen Meeres fernhielt. Nicht nur die Diplomatie, durch 
den hämischen, derben Kanzler Gortschakow und den geschmeidigen, 
kenntnisreichen General Jomini vertreten, sondern auch das rus- 
sische Heer, dessen Oberleitung damals in den Händen des Grofs- 
fürsten Nikolaus lag, und nicht minder der Hof und der Kaiser 
Alexander II. selbst, dessen Regierung mit dem Unglücke des 
Krimkrieges begonnen hatte, alle warteten nur auf den geeigneten 
Augenblick, um das Verlorene wiederzuerwerben und dem Endziel 
der russischen Wünsche näher zu kommen. Die romantische 
Propaganda der Panslavisten , die der Journalist Aksakow und 
auch gewisse, sehr einflufsreiche und verständige Mitglieder des 
diplomatischen Korps, wie der populäre General Ignatiew, der 



t4S 5. Kapitel. 

während der neuen orientalischen Wirren Gesandter in Konstanti- 
nopel war^ vertraten 9 diese Bewegung , welche sich an das Volk 
wandte und Yom Volke verstanden wurde, drängte überdies auch 
zu einem vergeltenden Ausbruche. Solange in Frankreich das 
Kaisertum herrschte, das Europa überwachte und leitete, schien KoIb- 
land beinahe die Vergangenheit mit ihren drückenden Protektorats- 
rechten und den unverhüllten Eroberungsplänen vergessen zu haben. 
Aber nach dem deutsch-französischen Kriege und der inneren Kata-* 
Strophe des napoleonischen Reiches verlangte es den Preis für die 
wohlwollende Neutralität, die es angesichts des siegreichen Vor- 
dringens der deutschen Macht beobachtet hatte. Schon sehr bald 
nach der Entscheidung der Waffen verkündete eine russische Note, 
dafs sich der Kaiser nicht mehr durch die Bestimmungen des 
Pariser Vertrages hinsichtUch der Schiffahrt im Schwarzen Meere ge- 
bunden erachte. Diese Erklärung wurde zwar von England und auch 
von Österreich-Ungarn energisch bekämpft, aber Kufsland liefs sich 
dadurch von seinem bereits gefafsten Entschlüsse nicht abbringen. 
Rumänien hatte bis dahin kein Verständnis für die neue rus- 
sische Politik und erblickte in der ruhig abwartenden Haitang 
Rufslands Friedensliebe, Versöhnlichkeitssinn, ja sogar Freundschaft 
Die Worte, die 1866 gefallen waren, wurden schnell genug ver- 
gessen, und man freute sich, als die Bezeichnung „Rumänien^' von 
der russischen Diplomatie gebraucht wurde, obgleich dies im Grande 
nur eine an die Adresse der Türkei, die diesen Namen versagte, 
gerichtete Kundgebung war. Wenn im Jahre 1870 in Bukarester 
Kreisen von einer eventuellen Unterstützung Frankreichs gegen 
Rufsland gesprochen wurde, so geschah dies nur auf eine fran- 
zösische Anfrage hin ^). Die irregeführte öffentliche Meinung in 
Europa erblickte in den fremden rumänischen Juden, welche in 
der oberen Moldau die Mehrheit der städtischen Bevölkerung 
bildeten und sich immer vermehrten, während die Zahl der ru- 
mänischen Minderheit immer zurückging, gebildete Rumänen mo- 
saischen Bekenntnisses und erhob laute Klagen gegen Verfolgungen, 
welche, wenn sie überhaupt vorlagen, nichts weiter waren als 
Verfehlungen einer schlecht organisierten Verwaltung, die nur ihr 



1) Aus dem Leben, II, S. 107—109. 



Der yereinigte Staat Bumänien. Fürst Gaza und König Carol I. S4S 

eigenes Interesse sah. Rufsland aber stand bei diesem Streite aus 
selbstsüchtigen Beweggründen auf RumäDiens Seite, und das mufste 
Sindruck machen. Die Schritte, die Rufsland unternahm, um die 
^Bestimmungen des Pariser Vertrages vollständig aufzuheben, er- 
regten deshalb weiter keine Beunruhigung ; man dachte nicht viel 
an den dadurch bedrohten Besitz Südbessarabiens, das „der Moldau 
unter türkischer Suzeränität'^ ehedem zurückgegeben worden war, 
man dachte auch nicht an die bevorstehende Bildung eines bul- 
garischen Staates unter ausschliefslichem russischem Einflüsse. Viel- 
mehr spiegelte man sich vor, durch die neuen Verwickelungen die 
„unwürdigen Bande ^^, welche Rumänien an das türkische Reich, an 
das materiell zerrüttete, finanziell nicht leistungsfähige und deswegen 
umso anspruchsvollere Reich des Sultans fesselte, sprengen zu können, 
und dann aufser der Unabhängigkeit auch noch eine Königskrone 
für den Begründer der Dynastie zu erobern. 

Der neue Kampf der Russen gegen die Türkei begann auf 
geheimem Wege schon lange vor der Kriegserklärung von 1877. 
In der Bevölkerung Bosniens und der Herzegowina, besonders 
unter den Christen, regte sich die Empörung gegen die schlechte 
Finanzwirtschaß; des Sultans. In dem benachbarten Serbien hatte 
seit der Ermordung des klugen Fürsten Michael der sehr junge 
Milan, der Neffe des Verstorbenen, die Macht in den Händen; er 
war mit einer Halbrussin vermählt und regierte ganz im russischen 
Sinne. Er dachte daran, im Verein mit dem traditionell russischen 
Montenegro sich in jenes serbische Gebiet Bosniens und der Herzego- 
wina zu teilen und gab sich alle erdenkliche Mühe, um die bosnisch- 
herzegowinische Frage so lange wie möglich brennend zu erhalten. 
Schon in den letzten Tagen des Jahres 1875 liefs Ignatiew, der 
Feuerwerkmeister bei diesen Ereignissen, dem rumänischen Diplo- 
maten General Ion Ghica gegenüber ein Wort fallen, das die Mög- 
lichkeit verriet, Rufsland könne die ehemaligen Fürstentümer, gerade 
wie in dem verhängnisvollen Jahre 1853, so auch jetzt wieder „in 
Pfandbe^itz'^ nehmen, als wenn in der Zwischenzeit so gar nichts ge- 
schehen wäre ^). Im Anfange des folgenden Jahres wurden in Ru- 
mänien Kredite für militärische Zwecke aufgenommen, und das 



1) Aus dem Leben, II, S. 483. 



844 5. Kapitel. 

Militärgesetz wurde verändert. Eine bulgarische ^; provisorische Be- 
gierang^^ war^ dem rumänischen Beispiele folgend, zusammengetreten^ 
und zwischen der Donau und dem Balkan, an diesem zweiten Pankte 
unaufhörlicher Gärung, begann eine neue Volksbewegimg, die be- 
kanntlich von den Türken grausam unterdrückt wurde. Un- 
diszipUnierte Scharen irregulärer Truppen, sogenannte Baschi-Bosuks, 
Vagabunden, Abenteurer und mohammedanische wilde Zigeuner 
warfen sich auf friedliche Dörfer, um dem Aufstande durch Massen- 
mord von vornherein das menschliche Material zu entziehen. Rumä- 
nische Truppen wurden zu Gruia zusammengezogen, und im Juni 
1876 erklärte Serbien, nachdem es im Verein mit Montenegro ver- 
geblich die Besetzung der westlichen unruhigen Provinzen verlangt 
hatte, den Krieg. Der russische abenteuerliche General Tschemajew, 
der sich in Asien verdient gemacht hatte, aber dennoch aus dem 
aktiven Heere hatte ausscheiden müssen, erschien jetzt in dem sla- 
vischen Bruderstaate, um, nach einem Ausdrucke, der an hoher Stelle 
gebraucht wurde, „Wasser in das Feuer zu giefsen". In der Eile 
jedoch nahm er statt des Wassers brennendes Ol und wirkte, er, 
der offiziöse Friedensstifter, auf diese Weise an der Entstehung 
des Krieges mit, welcher jedoch zu keinem Siege — was auch 
nicht vorherzusehen und nicht nötig war — , sondern zu der Nieder- 
lage von Alexinatz führte. 

Schon im September des Jahres 1876 ging auf eine Anfrage 
Eufslands bezüglich des eventuellen Durchzuges seiner Truppen 
durch rumänisches Gebiet der eben zum Minister ernannte Brätianu, 
der tatsächliche Führer der liberalen Partei, nach Livadia, wo sich 
der russische Kaiser befand, um die Sache zu besprechen. Männer 
wie Ion Ghica und D. A. Sturdza waren gegen eine Beteiligung 
Rumäniens an dem drohenden Kriege. Sie rieten vielmehr, das Heer 
und die Verwaltung in das Gebirge, wie es in alten, sehr alten 
Zeiten üblich gewesen war, zurückzuziehen, den Schutz Europas 
anzurufen und das künftige Schicksal Rumäniens dem Entscheid 
dieser hohen Richterin anzuvertrauen. Das war in der Tat eine 
Unmöglichkeit. Feind und Freund hätten in solchem Falle das 
rumänische Gebiet nach Belieben verheert und einen unheilbaren 
Zustand geschaffen. An einen dauernden Erfolg der Türken war 
nicht einmal zu denken: die Türkei war arm, hatte eben einen 



Der vereinigte Staat Bumänien. Fürst Cuza und König Carol I. S45 

ßankerott erlitten und besafs keine Verbündeten^ welche imstande 
gewesen wären, durch die Macht der Waffen ihr eine Offensive zu 
ermöglichen. Ja, wenn endlich die Türken auch einige tüchtige mili- 
tärische Führer hatten, so zeigten diese erst während des Krieges ihr 
zuvor unbekanntes Talent, und die oberste Eriegsleitung blieb nach 
/wie vor, und mufste bleiben, in den Händen der unfähigen und ver- 
räterischen Hofgünstlinge. Ohne eine Allianz mit Rufsland — 
alles andere wäre als verdeckte Feindseligkeit erschienen — konnte 
man von vornherein sicher sein, wenigstens die bessarabischen 
Distrikte zu verlieren, ohne bei einer voraussichtlichen allgemeinen 
Verteilung balkanischer ;, christlicher Brüder" irgend etwas als 
Gegenleistung erwarten zu können. Bei der Zusammenkunft des 
russischen und österreichischen Kaisers im Juli hatte sich Oster^ 
reich- Ungarn die Okkupation Bosniens und der Herzegowina, die 
ehedem in einem Lehnsverhältnis zu dem alten ungarischen König- 
reiche gestanden hatten, ausbedungen. Rufsland hatte aufserdem 
versprochen, Serbien nicht zu besetzen und Konstantinopel nicht an- 
rühren zu wollen. Für Rumänien dagegen gab es keinen Fürsprecher, 
weil das republikanische Frankreich nicht mehr dasjenige Napoleons 
war. England aber zeigte wegen der Eingriffe Rumäniens in die 
türkischen Suzeränitätsrechte einige Verstimmung und dachte über- 
dies daran, dafs es sich schliefslich durch Abtretung eines Qebietes 
von dem nicht mehr zu rettenden türkischen Reiche würde abfinden 
lassen müssen. Die Verständigung mit Rufsland war eine Notwendig- 
keit, aber keine fröhliche, sondern eine traurige, unvermeidliche. 

In der Tat war seitens der russischen Diplomatie schon zu 
Livadia Brätianu gegenüber, welcher zwar erschrak, aber nichts 
einzuwenden wufste, von dem Opfer die Rede, welches man in 
Rufsland damals und später die „ Retrozession '^ Bessarabiens nannte, 
denn von der 1812 erfolgten Annexion sprach man nicht gem. 
Aufserdem verlangten dieselben Diplomaten für den Augenblick — 
und das war die Hauptsache — die Erlaubnis zu einem freien, freund- 
lich gewährten und materiell erleichterten Durchzug der Russen 
durch Rumänien, ohne dessen Staatshoheit im mindesten antasten 
zu wollen. Das war ein unklares Versprechen, das lediglich die 
Anstrengungen und den Land verlust versüfsen sollte; „Rumänien^', 
so sagte man, „kann nur dabei gewinnen« Wenn irgend mögUch, 



S46 5. Kapitel. 

80 moTsten überdies alle Verabredungen in einer privaten Weise 
getroffen werden; denn Rumänien war ja ein Vasallstaat, und 
Fürst Carol hatte den Türken versprochen, keine politischen Ver- 
träge zu unterzeichnen. 

Brätianu zögerte, vor allem wegen des in Aussicht stehenden 
Verlustes von Bessarabien. Auf einen Ersatz jenseits der Donau 
konnte man ja hoffen, denn zeitweilig hatten die Rumänen auch 
einige Teile der nördlichen Dobrudscha, des Landes an der Pontus- 
küste, in Besitz gehabt; ja selbst Silistrien hatte einst dem siegreichen 
Mircea gehört Die bulgarischen Donaufestungen, wichtige tStes 
de pont, wären in Anbetracht der Sicherheit Rumäniens ein 
wertvoller Besitz gewesen. Aber bei dem starken National- 
bewufstsein, welches jetzt im Lande herrschte, und in w^elchem 
sich im entscheidenden Augenblicke alle Personen und Parteien eins 
wufsteU; hätte selbst der populärste Mensch einen solchen Tausch 
nicht in Vorschlag bringen können^ solange auch nur die schwächste 
Möglichkeit bestand , dafs er nicht durchdringen könnte. Femer 
war Rumänien kein Osterreich und kein England, sondern ein 
kleiner Nationalstaat, welcher vielleicht im Norden, Westen und Osten 
gegenüber Siebenbürgen, Bukowina und Bessarabien Anspruch 
auf Gebietszuwachs erheben konnte; aber gegen Süden hin war 
dies unmöglich, trotz der zahlreichen Rumänen, welche als Bauern 
in der Widdiner Gegend bis tief ins bulgarische Gebiet hinein 
safsen. Ohne nationale Eroberungen zu machen, hätte man damit 
nur ein Nachbarvolk, dem es bisher an Hilfe allerart seitens 
der Rumänen nicht gefehlt hatte, das bulgarische, für ewig ge- 
kränkt, und was noch wichtiger war, obendrein die eigene Existenz- 
berechtigung — die Notwendigkeit eines rumänischen National- 
staates wenigstens für einen TeU der Rumänen — als Prinzip ge- 
schwächt. Jede solche Gebietserweiterung wäre aus diesen Gründen 
als das Betreten eines Irrweges, als eine Verblendung des Chauvi- 
nismus und als ein Unglück zu betrachten gewesen. 

Brätianu erkannte das Unabwendbare; er sah ein, dafs er 
Bessarabien schliefslich als Vertreter des schwächeren Staates ver- 
lieren würde, dafs er einen Tausch nicht würde durchsetzen können 
und dafs mithin Rumänien, welches verdammt war, nicht wegen 
eines Ersatzes unterhandeln zu können, mit demjenigen würde zu- 



Der Yereinigte Staat BumänioD. Fürst Cnza und König Carol I. S47 

firieden sein müssen; was von den erbitterten Russen und von dem 
ziemlich gleichgültigen Europa als seinem Opfer angemessen be- 
Aixiden werden würde — d. h. sehr wenig, jedenfalls viel weniger 
als was die benachbarten Balkanstaaten erwarten konnten. 

Um sich der Verantwortlichkeit zu entziehen, wendete sich 
der rumänische Premierminister an die Garantiemächte, doch diese 
geruhten nicht, dem Frager, dem um Hilfe und Rat Bittenden 
eine Antwort zukommen zu lassen. Osterreich wurde sondiert, 
und man erhielt von dieser Seite die Versicherung, dafs, wenn 
Humänien ganz neutral bleibe imd seine Truppen vom rechten 
Ufer des 01t zurückziehe, um sie mit einem österreichisch-unga- 
rischen Korps in Fühlung zu bringen, der Donaustaat die verlangte 
Oarantie der Unverletzlichkeit seines Gebietes und beim Friedens- 
schlüsse die Anerkennung seiner Unabhängigkeit zu erwarten habe. 
Die Russen drangen jedoch noch mehr in die rumänischen 
XKplomaten und schickten sogar heimlicherweise einen eigenen 
Bevollmächtigten nach Bukarest. Rumänien verlangte nunmehr einen 
Staatsvertrag und die Versicherung, dafs seine „int^grit^ terri- 
toriale" nicht angetastet werden würde. Aber in Konstantinopel 
tagte eine europäische Konferenz, bei welcher von selten Englands 
Xiord Salisbury selbst erschien, um eine friedliche Lösung aller 
«chwebenden Fragen im Oriente herbeizuführen. Fürst Carol und 
sein Berater zögerten noch, aber als die Türken auf die übrigens 
sehr naiven und unzweckmäfsigen Forderungen der Mächte durch 
die ironische Konstitution Midhat-Paschas antworteten, durch welche 
der Sultan alle inneren Verwickelungen der Einwirkung der 
Fremden entzog, indem von nun an auf „konstitutionellem" tür- 
kischem Wege jeder einzelne und jede Gemeinde seine Klagen vor 
das verantwortliche Ministerium Seiner Hoheit bringen konnte; 
als von Konstantinopel her den Rumänen mitgeteilt wurde, dafs 
im Prinzipe ihr Fürst auch zu den „Chefs des provinces privi- 
lögi^es", von welchen die Konstitution sprach, gehöre; als die 
Konferenz sich auflöste und der Ejieg als einziges Auskunfts- 
mittel erschien, da beschleunigte man die Verhandlungen bezüglich 
der Militärkonvention. Sie wurde als förmlicher Vertrag unter 
günstigen Bedingungen und mit Garantie der „ Gebietsun verletz- 
lichkeit" — damit glaubte man die bessarabische Frage aus dem 



S48 5. Kapitel. 

Bereiche der unglücklichen Möglichkeiten entfernt zu haben — 
am 16. April geschlossen. Um die Rechte Rumäniens noch starker 
zu betonen^ berief die Regierung die Kammern^ die den heimlich 
gepflogenen Verhandlungen zustimmen sollten. Dabei war be- 
absichtigt^ feierlich die Unabhängigkeit zu erklären; die Türken 
hatten durch mehrere kleine Angriffe auf rumänische Häfen und 
Dörfer den Vorwand dazu gegeben , und man wollte verhindern, 
dafs etwa die Unabhängigkeit als gnädiges Geschenk von selten 
des fremden ;, balkanischen Befreiers'^ komme. Aber die Russen 
warteten nicht darauf, und an mehreren Punkten zugleich über- 
schritten die kaiserlichen Truppen — militärische Rücksichten dienten 
als Vorwand — den Pruth. Eine schwere Stunde für Rumänien 
war angebrochen, und zum ersten Male scharte sich jetzt wirklieb 
das Land um seinen tatenbegierigen, stolzen^ patriotischen ^^Domn'^ 

Ein Rückblick auf die Vergangenheit, auf das innere Leben 
von 1866 bis 1877 mufs vorausgehen, wenn man die Wichtigkeit 
des Übergangs verstehen will, denn die Dornenkrone des kon- 
stitutionellen Fürstentums, die von dem Kampfe der Parteien um- 
tobt und in ihm auch verletzt wurde, ward jetzt in die Eisen- 
krone verwandelt, die alle dem siegreichen nationalen Könige dank- 
bar aufs Haupt setzten. 

Der jugendliche Fürst hatte das Land betreten, als man ernst 
und mit Leidenschaft; daran arbeitete, die demokratische Kon- 
stitution einzuführen, welche die abgebrauchte Verfassung Cuzas 
ersetzen sollte. Die Mitglieder der Konstituante gehörten eigentlich 
zu keiner Partei, erstens weil es keine Parteien gab, die auf der 
Verschiedenheit wirtschaftlicher oder sozialer Forderungen beruhten, 
und zweitens, weil in dem leitenden Ministerium selbst fast jede 
Nuance politischer Farbenschattierang vertreten war. Alle diese 
Schöpfer einer Konstitution waren Bojaren, grofse und kleine 
Bojaren, die scheinbar auf ihre Privilegien verzichtet hatten ; denn 
die wenigen, welche keine Titel und Rechte besessen hatten, 
waren in dem herrschenden Medium der politischen Welt unter- 
gegangen und hatten sich ihrer Umgebung angepafst, und dasselbe 



Der vereinigte Staat Bamänien. Fürst Gaza and König Carol I. S49 

«alt für einige rumänisierte Fremde christUchen Glaubens. Beinahe 
-süUe hatten, entweder in einer heimatlichen Privatschole oder in 
«ler Fremde, französischen Unterricht genossen; aUe lasen zumeist 
französische Literatur, und an diese lehnte sich die dürftige ein- 
heimische Literatur des Landes immer mehr an, ja, in den lächer- 
liehen Erzeugnissen einer Schule wurde beinahe jedes französische 
"Wort unbedenklich in den rumänischen Sprachschatz des Reimes 
uuid der Vornehmtuerei wegen aufgenommen. Das offizielle Frank- 
reich des dritten Napoleon sagte aber solchen politischen Führern 
trotz der dankbaren Erinnerungen nicht recht zu ; dagegen hegten 
cüe meisten Sympathien für die Vertreter der zügeUosen liberalen 
Opposition^ für die Republikaner und Anarchisten. Das jetzige Ru- 
Tnänien so zu gestalten, wie man sich das künftige Frankreich dachte, 
das schien das allerbeste zu sein. Die wenigen, welche anderer Mei- 
nung waren, die Kenner ihres Landes, welche fühlten oder wufsten, 
dafs niemals ein Volk die Grundlagen seines Lebens entlehnen 
kann und unharmonisch sich zu entwickeln vermag, die, welche eine 
langsame, richtige Entwickelung auf historischer und wirtschaft- 
licher Grundlage befürworteten, zogen sich zurück oder schwiegen. 
Man besprach sogar, wie einst in den guten Tagen der französischen 
Revolution, aber in diesem Falle gegenüber einem eben erst be- 
rufenen Fürsten, die Frage des bedingten Veto, doch davon 
wollte Karl von Hohenzollern nichts wissen. Der Fürst war selbst 
ein Liberaler, aber selbstverständlich, geradeso wie sein Vorgänger, 
ein mäfsig Liberaler. Er beschwur aufrichtig die Konstitution, 
und, loyalen Herzens, hat er sich niemals, selbst in den schwersten 
Zeiten nicht, durch wohlmeinende Berater von seinem Schwüre 
abbringen lassen. Damit stiftete er wirklich Gutes, denn man war 
im Lande zu sehr an Staatsstreiche, Revolutionen von oben und 
unten und ewige Veränderungen der Formen und Meinungen ge- 
wöhnt. Jetzt gab er den etwas leichtfertigen rumänischen Poli- 
tikern das erhabene, obgleich nicht schnell und nicht von allen 
verstandene Beispiel einer unwandelbaren Pflichttreue, welche, statt 
gewaltsam zu brechen, langsam und klug zu biegen sucht und 
damit doch endlich das Ziel erreicht. 

Unter den politischen Führern besafs Brätianu die meisten 
Anhänger in der Walachei, wo die Hauptstadt war, und besonders 



SSO 5. Kapitel. 

in der Bevölkerang dieser Hauptstadt. Hier gab es die ungebildeten 
und leicht erregbaren Bewohner der Vorstädte; Unzufriedene und 
Stellenjäger sowie schliefslich die Studenten , die^ beseelt von 
dem überschwenglichen Ideale einer mifsverstandenen Freiheil^ von 
einer zügellosen Presse systematisch verhetzt wurden. Sein Ge- 
sinnungsgenosse Rosetti verfugte über die gelesenste Zeitung im 
ganzen Lande , den ;, Roman ulu^'^ welcher ^ je nach Bedarf senti- 
mental oder revolutionär, täglich einen möglichst getreuen Ab- 
klatsch der in Paris herrschenden politischen Stimmung gab. In 
der Provinz hatte zwar jede bedeutende Persönlichkeit eine Anzahl 
von Anhängern ; doch war der einzelne keineswegs sicher. Alle 
Beamten, auch die Richter, und sogar manche Offiziere beteiligten 
sich an der Politik, die eine Notwendigkeit für sie war, weil die 
Absetzung en masse bei jedem politischen Wechsel gewisser- 
mafsen zur Landessitte gehörte. Politisch existierte der Bauer 
noch immer nicht, obgleich in den vier von der Konstitution ein- 
geführten Wahlkollegien ein Teil, wenn auch nur ein kleiner Teil 
der ländlichen Bevölkerung, als „indirekte Wähler" vertreten war. 
Die Juden waren EUeinhändler oder kleine Handwerker in den 
Städten der Moldau; in den Dörfern übten sie das Geschäft der 
Schenkwirte mit giftigen Getränken und trieben aufserdem Wucher 
zu einem recht hohen, ja unmenschlichen Zinsfufse. Grundarm, 
faul, schmutzig und die Landessprache verachtend, bildeten sie 
alle zusammen ein unnützes, verderbliches, kulturfeindliches Element, 
das nicht des Bürgerrechtes teilhaftig werden konnte. Li der Moldau 
hatten sie die Bildung einer antisemitischen, liberal-schwärmerischen 
Partei verursacht, die den Ideen des Bärnu^ü entsprach, der nach 
1848 in Jassy als Professor wirkte. Diese Partei bildete im Par- 
lament die „freie und unabhängige Fraktion", um sich von den 
Weifsen (albl) und Roten (rofi) — Namen, die viel mehr unbe- 
stimmte Gedankenrichtungen als Parteien andeuteten — zu unter- 
scheiden. Rosetti forderte als Philanthrop reinster Art ein inter- 
nationales Rumänien ohne eigentliche Farbe und war in dieser 
Richtung tätig, während der Pöbel von Bukarest die Sjnagoge 
demoUerte. Jene Fraktion, durch Rosettis Redensarten in Schrecken 
gesetzt, Airchtete das Schlimmste, verlangte und setzte durch, dab 
der berühmte oder besser berüchtigte Artikel 7 in die Konstitution 



Der vereiDigte Staat Bumänien. Fürst Cnza und König Carol I. S51 

skufgenommen wurde , welcher nur den Christen die bürgerlichen 
Hechte sichert; das bedeutete die Rückkehr zu den von den Russen 
eingegebenen Verfügungen des Reglements. 

Inmitten dieses Chaos von persönlichen Interessen ^ wo nur 
die persönliche Eitelkeit der zahlreichen Führer , die unter Cuza 
Slinister und Premierminister gewesen waren^ und nicht die öfifent- 
liche Wohlfahrt entscheidend war, mufste sich der „fremde" Fürst, 
der das Land nur aus flüchtig durchgesehenen Büchern kannte 
und der fast über keinen einzigen sicheren rumänischen Berater 
verfugte, zurechtfinden, und im Verein mit Männern, die Hafs und 
Neid von ihm fernhielten, mufste er das Viele schaffen, was in 
materieller Beziehung für Rumänien eine neue Ära eröffnen sollte. 
Das Heer mufste ausgebildet, der Chausseebau wieder aufgenommen 
und weitergeführt, das Eisenbahnnetz — darüber war schon unter 
^tirbel und Cuza verhandelt worden — ausgebaut werden. Dieses 
waren die Hauptziele, welche die Regierung Carols I. bis zum 
Kriege verfolgte. 

Durch eine französische Mission militaire hatte unter 
Cuza der ritterliche, gewissenhafte General Florescu mit der Aus- 
bildung der rumänischen Armee begonnen. Cuzas Truppen hatten 
aber doch vor 1866 nur ziemlich unbeholfen mit einer kleinen 
Schar Polen gekämpft, die während der polnischen Revolution in 
ihr Land einbrechen wollte; das war in der sogenannten „Schlacht^' 
von Costangalia geschehen, aber weder der Zweck der Schlacht 
noch deren Ausführung hatte Lorbeeren gebracht. Dennoch hinter- 
liefs der am 23. Februar abgesetzte Fürst, der die Cälära^luniform 
stets mit Stolz trug und darin imposant aussah, etwa 40 000 Mann 
und etliche Kanonen. Dafs die Mission militaire nichts getan 
hätte, läfst sich nicht behaupten, aber Fürst Carol zog an ihrer 
Stelle tüchtigere preufsische Instruktionsoffiziere heran. Doch trotz 
des preufsischen Sieges von 1866 wurden sie mit Mifstrauen an- 
gesehen, denn in den höheren Schichten der Gesellschaft herrschte 
noch der „ lateinische'^ Geist: Rom erschien als die Mutter, Frank- 
reich als die ältere Schwester; Rumänien, gestützt auf seine Zu- 
gehörigkeit zur lateinischen Rasse ^ konnte — so glaubte man — 
alles erreichen. Besonders nachdem Brätianu, aus Rücksicht auf 
die äufseren Beziehungen, da man ihn aUgemein für einen un- 



S5S 5. Kapitel. 

verbesserlichen Revolutionär hielt, zurückgetreten war — Minister- 
präsident wurde er bis zum Kriege von 1877 nicht, aber er hatte 
mehrere Ressorts verwaltet und sich in dem der Finanzen auch 
ganz tüchtig erwiesen -> und nachdem die liberale Presse mit 
ihren Angriffen auf den Fürsten begonnen hatte, ist die Frage 
der Instruktoren oft von Berufenen und Unberufenen, Verständigen 
und Unverständigen in häfslicher Weise ausgenützt worden. 

Die Eisenbahnen waren für die wirtschaftliche Zukunft Ru- 
mäniens von grofser Bedeutung. Immer besser wurden die Aus- 
sichten für den Absatz des Donauweizens im Auslande, aber nach 
den ebenfalls noch wenig neuzeitlich eingerichteten Häfen Galatl 
und Bräila — ganz besonders galt das für den letzteren — führten 
nur einige Landstrafsen — die beste hatte dem Sereth entlang bis 
Mihäilenl an die Bukowiner Grenze Mihal Sturdza gebaut — , aber 
noch keine einzige Eisenbahnlinie. Im Lande selbst fehlten jedoch 
die Mittel zum Eisenbahnbau. Es gab kein Kapital, denn die 
oberen Klassen, für die sich die ganze Nation blutig abarbeitete, 
sparten nichts, sondern gingen lieber nach Frankreich, um dort 
das jährliche Einkommen als richtige boyards valaques mög- 
lichst rasch zu verschwenden. Ingenieure fehlten vollständig. Das 
Land genofs aber auch noch keinen Kredit im Auslande, und nur 
unter drückenden Bedingungen war Geld durch Anleihen zu er- 
halten. Nur wagehalsige Unternehmer waren zum Bau von Eisen- 
bahnen in der „türkischen Provinz '^ erbötig. Im Oktober 1867 
schlofs die Regierung mit dem Konsortium Oppenheim einen Ver- 
trag behufs Erbauung der moldauischen Bahn Suczawa^Jassy- 
Roman. Mit Oppenheim ging es dennoch besser, als zu vermuten 
war, wenn er auch später in Wien von anderen auf die Anklage- 
bank gebracht wurde: die rumänische Strecke der Eisenbahnlinie 
Lemberg-Czernowitz- Jassj wurde, als es schliefslich in Rumänien zur 
endgültigen Verstaatlichung des Eisenbahnnetzes kam, zuerst in Be- 
schlag genommen und dann durch Elauf erworben. Schlechtere Er- 
fahrungen machte man mit Dr. Strousberg, welcher den Ausbau aller 
anderen Strecken von Roman aus unter Berührung von Gala^I und 
Bukarest nach Virciorova nebst einer Verbindungsstrecke Bukarest- 
Giurgiu, mit der begonnen wurde, übernahm. Der Vertrag selbst 
wurde nachlässig abgeschlossen, aber Strousberg liefs auch elende 



Der vereinigte Staat Bamänien. Fürst Gaza und König Carol I. S5S 

Arbeiten ausßihren, welche allgemein Empörung hervorriefen; es 
zeigte sich bald, dafs ihm die Mittel fehlten^ um schneller und besser 
zu arbeiten. Der bevollmächtigte Kommissar der rumänischen Re- 
gierungy von Ambronn, der bisher dem Hause des Prinzen Anton 
von Hohenzollem treu gedient hatte, lieis sich überdies gewinnen 
und veräufserte gegen wertlose Papiere das ihm anvertraute Ber- 
liner Garantiedepot. Im Jahre 1870 endlich hatte Strousberg das 
meiste geliefert, und die ehemalige Moldau war mit der ehemaligen 
Walachei durch eine Eisenbahn verbunden. Aber zu Ende des 
Jahres lief die Schreckensnachricht ein, dafs Strousberg den Coupon 
vom 1. Januar seinen Aktionären, welche sehr zahlreich waren 
und allen Schichten der preufsischen Bevölkerung angehörten, nicht 
bezahlen wolle, vielmehr die Sorge dafür dem rumänischen Staate 
überliefs, welcher ja die Zinszahlung garantiert hatte. 

Jetzt erreichte die lange vorbereitete dynastische Erisis ihren 
Höhepunkt. Nachdem Brätianu zurückgetreten war, hatte die 
Agitation im Lande begonnen; man wollte dem Fürsten dadurch 
imponieren und die Berufung eines rein liberalen Ministeriums er- 
zwingen. Politische Bankette fanden statt, Massenpetitionen wurden 
eingereicht, bestimmte Mafsnahmen empfohlen, ja es fehlte nicht 
einmal an Drohungen, dafs dieser oder jener Parteiführer es nicht 
mehr auf sich nehme, einen elementaren Ausbruch der Volksvnit 
zu verhindern. Cuza ward bei den Wahlen als Kandidat auf- 
gestellt, gegen das häusliche Leben des Fürsten, welcher seit 1869 
in der glücklichsten Ehe mit der hochbegabten Prinzessin Elisabeth 
von Wied lebte, ward geschimpft, und ein barbarischer Krawall er- 
hob sich in einer unwürdigen Presse. Man ging sogar noch weiter. 
Nachdem bei dem Ausbruche des deutsch-französischen Krieges die 
„lateinischen" Sympathien bei jeder Gelegenheit hervorgekehrt 
worden waren, weniger um dem unglücklichen Kaiser und der 
Schwesternation die schuldige Dankbarkeit zu bekunden, sondern 
nur, um den „preufsischen" Fürsten zu verletzen, erdreistete sich 
ein verabschiedeter Offizier, jetzt Rechtsanwalt und Deputierter, im 
August 1870, dem 1848 er Pariser Beispiele folgend, in der als oppo- 
sitionell seit langem bewährten wichtigen Handelsstadt Ploie^tl die 
Republik auszurufen. Die Sache wäre nur lächerlich gewesen, wenn 
Oandiano nicht bald darauf von dem Gerichtshofe freigesprochen 

Jorga, Geschichte der Bamänen. II. 23 



S64 5. Kapitel. 

worden wäre. Als der Fürst dann in seiner Thronrede bei Eröffimng 
der Kammer den Zwischenfall mitteilte^ fand diese es auch noch 
anständig, ihn dafür in der Beantwortang der Thronrede zurecht- 
zuweisen, weil er als Regent Fehler begangen hätte; ja Candiano 
selbst wurde sogar als Mitglied des betreffenden Ausschusses mit 
dem merkwürdigen Aktenstück zum Palaste geschickt. Man hätte 
glauben sollen, dafs sich eine solche feige, unpatriotische Kampf- 
weise nicht weiter entwickeln könne, aber die Opposition fand doch 
noch andere Kampfmittel. Als sich die Mitglieder der deutschen 
Kolonie unter dem Vorsitze des Generalkonsuls zu einem Festmahle 
vereinigten, erblickten die „ lateinischen '^ Liberalen darin eine Be- 
leidigung des französisch fühlenden Landes; unter den Rufen: „Ea 
lebe die Republik !'' wurden am 22. März 1871 die Fenster des 
Bankettsaales zertrümmert, und die Menge, Studenten und Be- 
schäftigungslose aus der Bourgeoisie, versuchten sogar in den Saal 
einzudringen. Das Präsidium im Ministerium führte Ion Ghica, 
den die Kammer kurz vorher dem Fürsten vorgeschlagen hatte, 
und dieser unentschlossene Mann liefs alles ruhig geschehen. 

Seit langem schon hatte der Fürst den Entschlufs gefafst, ab- 
zudanken, und hatte, allerdings ohne Erfolg, auch die fremden 
Kabinette davon in Kenntnis gesetzt. Er liefs sogar einen an- 
geblichen Brief an einen Freund mit seinen Beweggründen in 
einer deutschen Zeitung veröffentlichen, aber auch dieses äufserste 
Mittel hatte keine Wirkung. Nun berief er die fürstliche Regent- 
schaft von 1866, um die souveräne Macht wieder in ihre Hände 
zu legen. 

Nur dem biederen, energischen Lascar Catargiu ist es zu 
danken, dafs dieses Vorhaben unausgeführt geblieben ist und dafs 
dem Lande die Folgen einer solchen Tat erspart geblieben sind. 
Seit Monat März 1871 blieb, während fünf voller Jahre, bis 1876, 
Catargiu Leiter eines Ministeriums, welches mehr oder weniger 
richtig als konservativ bezeichnet wird und welches aus ver- 
schiedenen Elementen, darunter auch einigen Mitgliedern der neuen 
Generation, bestand. Grofses wurde durch ihn zwar nicht voQ- 
bracht, aber die Finanzverwaltung Petru Mavroghenis ist als muster- 
hafk zu bezeichnen, und dieser erfahrene Staatsmann gab dadurch 
anderen die Möglichkeit, wichtige politische Absichten zu ver- 



Der vereinigte Staat Eamänien. Fürst Gaza und König Carol I. S55 

Teirklichen. Die Angelegenheit der Eisenbahnschuldenverzinsung, 
l>ei deren Erörterung Bismarck eine tief verletzende Sprache ge* 
l>rauchte, und die sogar eine Berufung an die Pforte als an die 
Süzeräne Macht veranlafste^ wurde endlich dadurch zeitweilig 
TV'enigstens aus der Welt geschafft, dafs die Aktionäre eine namen- 
lose Oesellschaft bildeten , mit der ein Zinsenvertrag geschlossen 
Tverden konnte. Der Handelsvertrag mit Osterreich ging 1875 
trotz heftiger Opposition durch, und mit dem Engländer Crawlej 
-wurde eine allerdings nicht besonders vorteilhafte Abmachung be- 
hufe Fortsetzung des Bahnbaues bis Predeal getroffen. 

Gegen dieses Ministerium jedoch bildete sich eine Koalition, 
die schliefslich auch den Sieg davontrug. Zu ihr gehörten selbst- 
verständlich als gelegentliche Bekämpfer der Dynastie nach der da- 
maligen Sitte alle die politischen Führer, welche zu lange kein 
Ministerium innegehabt hatten. Der Fürst aber wollte Oppositionelle 
nicht berufen, und so wurde unter dem Vorsitze des Generals 
Florescu ein neues Ministerium gebildet, in dem sich noch zwei 
Generale befanden, und erst nach einiger Zeit entstand das Kabinett 
Kogälniceanu-Bräti9.nu, in dem nach einer neuen Umwandlung der 
letztere das Präsidium erhielt Das Kabinett Florescu wurde unter 
Anklage gestellt, aber dieses Verfahren blieb selbstverständUch 
ohne jedes Ergebnis. Für den bevorstehenden Krieg hatte das 
Land wenigstens wieder ein starkes Ministerium, und jetzt zum ersten 
Male bewies Brätianu, dafs er politisch zum reifen Manne geworden 
war, dafs er die Parteiinteressen vergessen konnte und die Fähig- 
keit besafs, seine Tätigkeit nicht irgendwelchen romantischen 
Ideen, sondern dem praktischen Wohle des Vaterlandes zu widmen. 

Bei dem Einmärsche der Russen wurden die rumänischen 
Bewohner des Landes mit einer Proklamation beglückt, die, ganz 
wie später die an die Bulgaren gerichtete, die Regierung und den 
Fürsten bei den Freundschaftsversicherungen überhaupt nicht er- 
wähnte. Sie wurde allerdings zurückgezogen, nachdem man ge- 
sehen hatte, welche Verstimmung sie verursacht hatte, aber auch 

bei dem Empfange der Deputationen, welche dem Kaiser bis an 

23* 



S56 5. Kapitel. 

die Grenze entgegengegaDgen waren, fiel von rassischer Seite kein 
warmes Wort. Die Rassen beobachteten vielmehr eine MiTstraa^i 
erregende Zarückhaltang, welche aaf den festen Vorsatz hm- 
deutete, alle Balkanfiragen ohne Unterschied einer Revision zu unter- 
ziehen. Das Verhalten dem Fürsten persönlich gegenüber erklärte 
sich mehr aus dessen hoher Herkunft, und bei Besuchen ivurden 
auch die Hohenzollernorden angelegt. Als die eilig zusanomen- 
berufenen Kammern am 21. Mai für die Unabhängigkeit stimmten 
und sie am folgenden Tage feierlich verkündeten, verrieten die 
russischen Fürstlichkeiten, Diplomaten und Generäle nicht durch 
das geringste, dafs ihnen dies bekannt geworden sei. Brätiano, 
voll Angst, Bessarabien zuletzt doch noch zu verlieren, sondierte, 
ob sich die Russen nicht doch zu einer Allianz mit dem rumänischen 
Heere und dem rumänischen Staate herbeilassen würden. Er 
glaubte, nach gemeinsamen Erfolgen, nach der Waffenbrüderschaft 
und gemeinsamem Siege^ sowie nach einem grofsen Opfer an Blut 
würden die Forderungen von Livadia vergessen sein. In den ras- 
sischen militärischen Eo'eisen verkannte man den Nutzen nichi^ i 
welcher aus einer Hilfe der gut organisierten rumänischen Armee | 
entspringen konnte: sie zählte ungefähr 50000 Mann^ war in j 
zwei Korps geteilt und wartete am Ufer der Donau, an der 01t- '■ 
mündung, nur der Stunde, um in den Kampf einzutreten. Ihr war | 
die Aufgabe, die wenig ruhmvolle Aufgabe zugedacht^ die in den 
Donaufestungßn liegenden türkischen Truppen durch leichte Kano- 
naden zu beschäftigen, die bei Zimnicea aufgeschlagene Brücke zu 
beschützen; die Rückzugslinie zu sichern, gelegentlich hier und da 
Besatzungskorps zu stellen und die Gefangenen fortzuführen , da- 
mit das russische Heer in seinem Vordringen durch solche Kleinig- \ 
keiten nicht gehindert, aufgehalten und geschwächt würde. Das 
war ein blofser „ Gendarmeriedienst ^ und der Fürst wies dieses 
Ansinnen bei der ersten Gelegenheit; die sich darbot, bei 
der Einnahme von NikopoliS; zurück. Aber die russische Diplo- 
matie, die Gortschako w leitete — der russische GeneralkonBul 
zu Bukarest, ein sehr junger Mann, benahm sich auch nicht sehr 
zart — , wollte nichts von einem Zusammenwirken beider Heere 
wissen, und Brätianu erhielt noch im Mai die rücksichtslose Mit- 
teilung, dafs „Rufsland eine solche Mitwirkung der rumänischen 



Der yereinigte Staat Rumänien. Färst Cuza und König Carol I. S67 

Armee gar nicht brauche'', mit dem Zasatz: wenn man sich doch 
in den Eoieg verwickeln wolle, ,;Ohne eine Einladung dazu er- 
halten zu haben'', so müsse dies, ohne ,,die einheitliche Leitung" 
illusorisch zu machen, mithin unter russischem Kommando und 
nicht auf eigene Rechnung geschehen. Aufserdem vernahm Ko* 
gälniceanu im Juni aus dem Munde des alten Kanzlers, dafs Rufs- 
land nach dem Besitz der Donaumündung — selbstverständlich 
einschliefslich Bessarabiens — strebe. Der rumänische Herrscher 
hatte die Erklärung dadurch herausgelockt, dafs er von der Not- 
wendigkeit gesprochen hatte, seinem Lande das Delta, nach altem, 
schon im Diwan -ad -hoc erwähnten historischen Rechte, einzu- 
verleiben ^). Am 5. Juli wurde von Wien aus das ganze russische 
Projekt mitgeteilt, das darauf hinauslief, Süd-Bessarabien gegen 
ein Stück der grenzenlosen Dobrudscha einzutauschen ^). 

Aber Unerwartetes trat ein und ermöglichte den Rumänen 
die militärische Teilnahme unter den denkbar günstigsten Verhält- 
nissen. Auf dem Marsche nach der Donau wurde Osman-Pascha 
mit einem sehr starken Korps zu einer Unterbrechung des Marsches 
gezwungen ; er warf sich in das Städtchen Plewna, ein balkanisches 
Sedan, das in einem Bergkessel liegt, und verteidigte es meister- 
haft mit einem dem Türken eigenen Gottvertrauen und einer be- 
wunderungswürdigen Gleichgültigkeit gegenüber dem Unvermeid- 
lichen. Zwei Angriffe der Russen, die auf eine Vertreibung des 
unbequemen Eindringlings abzielten, mifslangen, und bei dem 
zweiten waren sogar sehr empfindliche Verluste zu verzeichnen. 
Die russischen Truppen der Ostarmee und die Aufklärungsabteilungen 
in den Balkanpässen schwebten in grofser Gefahr, solange sich 
Plewna in den Händen Osmans befand. Nun sandte der Grofs- 
fürst Nikolaus das denkwürdige Telegramm an den rumänischen 
Herrscher, dessen Quartier in Poiana an der Donau war, in dem 
er unter Hinweis auf die Erfolge der Türken, welche „uns ver- 
derben" (nous abiment), eine „Fusion", ein Überschreiten der 
Donau an irgendeinem Punkte und endlich eine „Demonstration" 
begehrte, durch die „meine Bewegungen erleichtert würden" 
(31. Juli). Auch jetzt wurden die Rumänen nicht als Verbündete 

1) Aas dem Leben, lU, S. 178—179. 

2) Ebenda, S. 195. 



858 5. Kapitel. 

nach Plewna selbst berufen. Fürst Carol^ welcher auch eine tür- 
kische Offensive fürchtete, — die Russen hatten sich sogar einmal, 
von Panik ergriffen, zum Rückmarsch nach der Donau angeschickt — 
liefs das dritte Korps über den Flufs gehen, aber er bestand darauf, 
dafs seine Armee, wenn auch an eine eigene Kriegführung auf 
einem so beschränkten Gebiete jetzt nicht mehr zu denken war, 
wenigstens keinem fremden Befehlshaber unterstellt wurde. In 
einer Besprechung mit dem Kaiser und dem Grofsfiirsten erlangte 
er auch in der Tat dieses wichtige Zugeständnis. Es gab einfach 
kein anderes Mittel, um die Schwierigkeiten zu beseitigen, als dafs 
man den Fürsten von Rumänien selbst zum Oberbefehlshaber der 
vor Plewna vereinten russischen und rumänischen Armeen machte 
(August). Nun traten die neuen Waffenbrüder auf bulgarisches 
Gebiet über und bewiesen bald, dafs der rumänische Bauer, gut 
gefiihrt, seine alten Kriegstaten erneuern konnte. Leider wurde 
bei der Einnahme der ersten Griwitzaredoute — die zweite, deren 
Bestand vor dem Angriffe nicht bekannt war, hielt sich auch 
ferner — das Blut von zweitausend Rumänen beinahe fruchtlos 
vergossen ; denn der gemeinsame Angriff bewies noch einmal, dals 
Plewna nicht im Sturm erobert werden konnte. Die von dem 
Fürsten vertretene Idee einer Zernierung fand auch den Beifall 
des erfahrenen, schon im Krimkriege bewährten Taktikers Tod- 
leben. Nach einer dreimonatlichen Belagerung, während deren eine 
entsetzliche Herbstwitterung herrschte, versuchte Osman einen 
Ausfall; dieser mifslang, und er mufste sich ergeben (10. Dezember). 
Jetzt setzten die Russen ihren Vormarsch nach dem Schipkapafs 
fort, während sich die Rumänen, die Rachowa genommen hatten, 
mit aller Macht auf Widdin stürzten, indem sie wahrscheinlich in 
diesem zumeist von rumänischer Bevölkerung bewohnten Bezirke 
auf eine Gebietserweiterung hofften. 

Widdin hielt sich wacker, aber zu Beginn des neuen Jahres 
1878 trat der Grofsfürst-Generalissimus, der den Balkan über- 
schritten hatte und kein feindliches Heer mehr vor sich sah, mit 
den Türken in Unterhandlungen, und am 31. Januar kam der 
Vertrag von San Stefano zustande, ein Notvertrag, kraft dessen 
ein tributpflichtiges Bulgarien bis zum Agäischen Meere entstand, 
die Unabhängigkeit aller Balkanstaaten — Serbien und Montenegro 



Der vereinig^ Staat Bomänien. Fürst Caza and König Carol I. S69 

Iiatten aich nach dem Falle Plewnas durch erfolgreiche militärische 
Demonstrationen in Erinnerung gebracht — , die Vergrölserung 
der slavischen Fürstentümer, die Autonomie von Bosnien und 
Heraegowina und aUgemeine Reformen für die übrigen Provinzen 
zugestanden wurden. Rumänien hatte den Fortbestand der okku- 
pierten Donaufestungen y den Besitz des Deltas und eine Ent- 
schädigung von 100 Millionen Francs verlangt, aber seine Be- 
vollmächtigten wurden völlig ignoriert. In der vor dem Abschlüsse 
des Vertrages aufgestellten Konvention wurde Rumänien lediglich 
eine ,, Grenzberichtigung ^' versprochen. Noch kurz vor dem Ab- 
schlüsse des merkwürdigen Aktes von San Stefano wurde dem ru- 
mänischen Agenten in Petersburg der Vorschlag gemacht, Bessarabien 
ohne Widerstand zurückzugeben, da die Rückgewinnung der Pro- 
vinz ein fester Vorsatz des Kaisers, eine Ehrensache und „eine 
politische Notwendigkeit'^ sei. Rufsland hatte sogar noch einen 
Wunsch, den es allerdings erst später aussprach, nämUch den, dafsihm 
der freie Durchzug seiner in Bulgarien stehenden Okkupationsarmee 
ohne Festsetzung einer bestimmten Frist gestattet würde. Mehr 
konnte man von einem „ Allüerten'', von einem Waffenbruder, jeden- 
falls nicht verlangen, noch tiefer ihn kaum verletzen; handelte 
es sich doch um seine ganze Ehre und seine ganze Zukunft ^). 

Es folgte, was folgen mufste: Rumänien konnte auf die rus- 
sischen Forderungen nicht eingehen; rumänisch-nationales, alt- 
historisches Territorium gegen beliebiges fremdes zu vertauschen, 
darüber überhaupt nüchtern zu verhandeln, das wäre eine ewige 
Schande gewesen. Man erhob Protest gegen die Art, wie Ru- 
mänien zu San Stefano übergangen worden war, und insbesondere 
gegen die Forderung einer Gebietsabtretung, und als die unverfrorene 
russische Diplomatie im stolzen Gefühle ihrer materiellen Über- 
macht, jede moralische Pflicht yergessend, mit der Okkupation des 
Fürstentums drohte, teilte man rumänischerseits diese Drohung den 
Leitern der europäischen Staaten mit. Auf die in Aussicht ge- 
stellte Entwaffnung der rumänischen Armee antwortete aber Fürst 
Carol selbst durch die Erklärung, dafs seine siegreichen Soldaten 
zwar vernichtet, aber nicht entwaffnet werden könnten. Das 

1) Siehe: Actes et documents extraits de la correspondence diplomatique 
de Michel Eogalnioeano, pablies par Basile M. Eogalniceano (Bukarest 1893—1894). 



SCO 5. Kapitel. 

Ministerium und das ganze Land waren entschieden gegen irgend- 
einen Gebietstausch, mit welchem die russische Diplomatie vor dem 
in Aussicht stehenden allgemeinen europäischen Kongresse als mit 
einer vollendeten Tatsache erscheinen wollte. 

Rufsland zog seine übereilten Drohungen zurück , aber an 
seinem Entschlüsse änderte das selbstverständlich nichts. Beim 
Auslande, an das sich Brätianu Hilfe suchend wandte, fand man 
zwar Lob und Anerkennung, aber erhielt kein bestimmtes Ver- 
sprechen. England hatte die Zusicherung einer Entschädigung er- 
halten, Osterreich - Ungai*n war schon längst im Besitze einer 
solchen, Deutschland war mit dem Kriege und seinen Folgen ein- 
verstanden, und ganz allgemein sah man in Rumänien nach der 
Durchzugskonvention und dem miUtärischen Zusammenwirken mit 
Rufsland lediglich ein russisches Werkzeug, das jetzt seine Un- 
vorsichtigkeit verdientermafsen büfsen sollte. Unter diesen Auspizien 
trat der Berliner Kongrefs zusammen, an dem Brätianu und Ko- 
gälniceanu nur als Informatoren teilnehmen durften; sie konnten 
nur in einer einzigen Sitzung die Wünsche und Klagen ihres 
Landes vorbringen und mufsten dann den Saal verlassen. Sie 
sahen bald ein, dafs das, was sie tun konnten, lediglich dazu diente, 
die rumänische öffentliche Meinung zu beruhigen. Tatsächlich be- 
8chlof8 die Versammlung, die das grofse Bulgarien von San Stefano 
in ein Fürstentum bis zum Balkan und eine Provinz Ostrumelien 
unter zwei autonomen Regierungen spaltete, dafs Riunänien die 
bessarabischen Distrikte gegen die Dobrudscha bis zu einer östlich 
von Silistrien und südlich von Mangalia später genauer fest- 
zusetzenden Linie abzutreten habe. Binnen drei Monaten sollten 
andrerseits die Russen ihre Trappen aus Rumänien zurückziehen. 

Nun mufste sich das Ministerium in das Unabwendbare, in 
die „schmerzliche Notwendigkeit'^ schicken; aber wenigstens die 
Ehre war gerettet. Der russische Generalkonsul verlangte die 
Rückgabe Bessarabiens unter den feierlichen Bedingungen, die im 
Jahre 1857 verabredet worden waren. Dieser Erniedrigung wurde 
dadurch vorgebeugt, dafs die Regierung ihre Beamten und ihre 
Garnisonen einfach zurückzog, ohne eine Konvention unterzeichnet 
zu haben. Die einberufene Kammer nahm folgende Resolution 
an: „Die Deputiertenkammer hat Kenntnis genommen von den 



Der Yereinigte Staat Bnmänien. Fürst Cnza und König Carol I. S61 

Verfügungen, die der Berliner Eongrefs bezüglich Rumäniens ge- 
troffen hat Durch den Entschlufs der Orofsmächte dazu ge- 
zwungen^ und um kein Hindernis bei Befestigung des Friedens 
zu bilden 9 ermächtigt die Kammer die Regierung , sich dem Oe- 
samtwillen Europas zu fugen, indem sie die Zivil- und Militär- 
behörden aus Bessarabien zurückruft und Besitz ergreift von der 
Dobrudscha, dem Donaudelta und der Schlangeninsel ^y Was die 
Abtretung der Dobrudscha anbelangt, so zeigten sich die Russen 
nicht besonders bereitwillig; selbst nachdem der Fürst persönUch 
auf dem rechten Donauufer erschienen und die nationale Fahne 
aufgerichtet worden war, verlangten sie das, was den eigentlichen 
Zweck ihres Vorgehens gebildet hatte, den freien Durchzug ihrer 
Truppen aus — und gewifs gelegentlich auch nach Bulgarien. 
Das schwache Rumänien sah sich gleichzeitig aber auch euro- 
päischen, russenfeindlichen Drohungen ausgesetzt, denn wenn über- 
haupt eine Militärkonvention zu diesem Zwecke mit Rufsland ge- 
schlossen worden wäre, so hätte man auf dieser Seite das hilflose 
Rumänien dafür verantwortlich gemacht und von einer dadurch 
herbeigeführten Gefährdung seiner Existenz gesprochen. 

Nachdem diese Angelegenheit glücklich erledigt war und Ru- 
mänien die teilweise zwar von Volksgenossen, damals aber zum 
gröfsten Teile noch von Bulgaren, Türken, Tataren und Lipo- 
wanern (schismatischen Russen) bewohnte Dobrudscha besetzt und 
in Verwaltung genommen hatte, ergaben sich neue Schwierig- 
keiten bei der Festsetzung der Grenze. Die europäische Kom- 
mission überwies den Rumänen die wichtige miUtärische SteUung 
von Arab-Tabia in der Nähe von Silistrien, welche Stadt nach 
dem Vertrage an Bulgarien kommen sollte, und rumänische Truppen 
nahmen das Plateau in Besitz, bevor Rumänien noch von der 
Abgrenzung auf diplomatischem Wege benachrichtigt worden 
war. Nun drohte Rufsland mit Krieg, und der kommandierende 
russische General von Silistrien hatte bereits seinen Leuten 
den Befehl zum Gefecht zugehen lassen, als aus Bukarest die 
zufällig etwas verspätete Weisung eintraf, Arab-Tabia zu räumen. 
Später führten jedoch die Mächte eine nichtssagende Regelung 



1) Aus dem Leben, IV, S. 111. 



868 5. Kapitel. 

der heiklen Frage herbei; und auch an einer zweiten Stelle 
verlor Rumänien durch die Grenzkommission das wenige, was 
ihm der Vertrag zugewiesen hatte. Statt dafs das rechte Ufer 
der Donau als bulgarische Grenze anerkannt wurde , bezeichnete 
man den Talweg als solche , und nur mit Mühe konnte das ru- 
mänische Ministerium wenigstens die im Jahre 1829 mit der 
Walachei vereinigten Inseln für das Land retten. 

Der BerUner Kongrefs hatte zwar die rumänische Unabhängig- 
keit anerkannt, aber seine Anerkennung von der Abtretung Bessa- 
rabiens abhängig gemacht, und nicht nur von diesem einen Opfer. 
Seit der verhängnisvoUe Artikel 7 in die Konstitution von 1866 
hineingebracht war, erschien die Eigenschaft als „Untertanen'' den 
inländischen Juden naturgemäfs nicht mehr wünschenswert, demi 
die Konsulargerichtsbarkeit wurde aufgehoben und ebenso die 
Steuerimmunität der Untertanen, und seitdem die „ Alliance isra^lite'' 
gegründet worden war, die einen grofsen Einflufs auf die kapital- 
bedürftigen Staaten des Westens ausübte, verstummten niemak die 
Klagen über die unduldsamen Rumänen und über die Juden- 
verfolgungen und antisemitischen Gesetze in diesem Lande. In der 
Tat wollte man lediglich die Ansiedelungen der Juden, die zu den 
übrigen Plagen des Bauern noch Branntwein und Wucher hinzu^ 
brachten, verhindern; im übrigen sorgte die ziemlich schlechte 
Verwaltung für die Juden nicht schlechter, als für die wirklichen 
Landeskinder. Nur selten kam es zu Schlägereien zwischen Juden 
und dem gemeinen Pöbel, und dann gaben oft die Juden die Ver- 
anlassung dazu, indem sie z. B. in einer moldauischen Stadt 
Strafsenunruhen hervorriefen, weil ein Weib, eine Priestersfrau, 
dem Leichenbegängnisse eines wundertätigen Rabbiners zugeschaut 
hatte. Aus der Ferne gesehen, erschienen diese Dinge anders, 
und man glaubte dort wirklich den Juden, den Rumänen selbst 
und der Menschlichkeit einen grofsen Dienst zu erweisen, wenn 
man die Forderung stellte, alle fremdsprachigen und fremdfuhlenden, 
jeder sanitären und Kulturmafsregel widerstrebenden und überdies 
recht armen „rumänischen Juden ^' sollten als gleichberechtigte 
Staatsbürger anerkannt werden. In diesem Sinne, auf Drängen 
Frankreichs besonders, stellte der Berliner Kongrefs an zweiter 
Stelle als Bedingung für die Anerkennung der Unabhängigkeit die 



Der vereinigte Staat Ramänien. Fürst Cuza und König Carol I. S6S 

Forderung; dafs künftig alle ,, rumänischen Landeskinder'^ ohne 
Unterschied der Religion gleichberechtigt sein sollten. 

Diese neue Demütigung hätte sehr leicht die ersten Juden- 
verfolgungen in Rumänien hervorrufen können, aber das Ministerium 
verhielt sich sehr klug und verhinderte dadurch dieses Unglück, 
obwohl ein Teil der moldauischen Deputierten, die keiner Kon- 
Zession zustimmen wollten, Widerstand leistete. Die westlichen 
Mächte, England, Frankreich und Deutschland, liefsen zwar tat- 
sächlich die Frage der Unabhängigkeit unentschieden, England 
aber rief seinen Vertreter ohne Beglaubigung ab, bis die An- 
gelegenheit der Juden in Ordnung gebracht sein würde. Zuerst 
beschlofs die Kammer, dafs die Forderungen des Kongresses be- 
rücksichtigt und alles, mit Ausnahme des Qebietsaustausches, 
„ auf konstitutionellem Wege geregelt werden würde". Später — 
die Debatten wurden absichtlich in die Länge gezogen, um die 
Gemüter zu beruhigen — wurde in einer förmlichen Erklärung 
ausgesprochen, dafs es überhaupt keine ,, rumänischen Juden'', 
d. h. keine Rumänen jüdischer Religion, die aus diesem Grunde 
von dem Bürgerrechte ausgeschlossen seien, gäbe, dafs die Juden 
vielmehr Fremde wären und dafs sie, wie jeder andere Fremde, 
nur jeder für seine Person durch einen Beschlufs des gesetzgebenden 
Körpers zu rumänischen Bürgern werden könnten. Das Ministerium 
sah sehr wohl ein, dafs die vom Auslande in einem nüchterneren 
Augenblicke aufgestellte Forderung, nur einige Kategorien der 
Juden unverzüglich als Staatsbürger anzuerkennen, wenn auch 
an sich, als Prinzip, gut, so doch konkret unannehmbar sei. 
Der Beschlufs der Kammer wurde gutgeheifsen , und, um wenig- 
stens die Nationalität des rumänischen Bodens zu schützen, 
wurde weiter beschlossen, dafs die Fremden nicht berechtigt 
sein sollten, Grundeigentum zu erwerben; auch wurden Listen 
aufgestellt, in denen die Juden verzeichnet waren, die für die 
Unabhängigkeit des Landes gekämpft hatten und deswegen einen 
Anspruch auf das Bürgerrecht besafsen. Erst damit — dies 
geschah im Jahre 1881 — waren die Mächte wenigstens in 
gewissem Grade zufriedengestellt und erwarteten eine allmähliche 
Vervollständigung der zugunsten der Juden ergriffenen Mafs- 
regeln; nunmehr wurde auch die neue Stellung Rumäniens, wenn 



S64 5. Kapitel. 

auch ziemlich unfreundlich und in beleidigender Form, an- 
erkannt. 

Man schien im Auslande der Ansicht zu sein^ Rumänien l>e- 
sitze keine Lebens&higkeit; es sei lediglich ein vorläufiges Staats- 
wesen an der unteren DonaU; das nur Bestand haben solle , bis 
man zu einer endgültigen Lösung der orientalischen Frage gelangen 
werde '). Jedenfalls genierte man sich nicht im geringsten vor 
einem Staate ^ den man trotz seiner langen^ erfolgreichen und 
glänzenden Vergangenheit als eine neue Bildung von zweifelhaftem 
Werte, als ein Gnadengeschenk Europas im allgemeinen und Ruß- 
lands im besonderen ansah. In einem gewissen Zeitpunkt arbeitete 
Bismarck sogar darauf hin, zuerst Serbien die Unabhängigkeit zu 
sichern, weU sich dieses Land dem BerUner Vertrage vollständiger 
und schneller gefügt hatte; allerdings lebten dort unverhältnis- 
mäfsig wenig Juden, und vor allem befanden sich keine galizischen 
Vagabunden darunter, die in Rumänien die Hauptmasse der mo- 
saischen Bevölkerung ausmachten. Ehe Bismarck die einmal 
schon so lange verzögerte Anerkennung endlich dem schon recht 
empfindlich gewordenen rumänischen Staate hinwarf, wollte er 
auch die Eisenbahnfrage noch aus der Welt geschafft haben. 
Durch die Konvention vom Oktober 1880 übernahm Rumänien 
die Verpflichtung, den Aktionären aus dem Ertrage der strous- 
bergschen Eisenbahnen die Verzinsung ihres Kapitals zu garan- 
tieren; nur verlangte es als Gegenleistung, dafs der Sitz der Ge- 
sellschaft nach Bukarest verlegt würde; dies aber ward erst im 
Mai 1882 durch ein Urteil des deutschen Reichsgerichts erreicht. 
Später ward dann durch Kauf das ganze Eisenbahnnetz erworben^ 
welches rumänische Ingenieure bis Virciorova fortgesetzt und mit 
zahlreichen Seitenlinien, wie Buzäü-Märäse^tl oder der Pruthlinie 
Dorohol-Jassy bereichert hatten; alsCäile FerateRomine er- 
hielt es eine eigene Verwaltung und bildet jetzt die bedeutendste 
Verkehrseinrichtung des ganzen Orients. Die Idee, in der Nähe 
von Silistrien eine Brücke zu erbauen, um das alte rumänische 
Gebiet mit der transdanubianischen Provinz zu verbinden, lieik 
man nach den Verwickelungen, die mit der Besetzung von Arab- 



1) Sutherland S. Mi 11, Lord White (London 1902), S. 170. 



Der yereinigte Staat Bumänieu. Fürst Cuza und König Carol I. S66 

ei.bia in ZuBammenhang standeD; fallen, und erst im Jahre 1890 
urde auf Staatskosten der Bau der Donaubrücke begonnen und 
eine Verbindung hergestellt zwischen den jenseitigen Eisen- 
1t>£khnen und der noch in türkischer Zeit entstandenen , durch 
iB^ngländer erbauten Linie Ceroavoda-Constan^ (Küstendsche), die 
l>i8 zum Schwarzen Meere führte. Die grofsartige Schöpfung 
inrurde im Jahre 1895 unter Entfaltung eines glänzenden offiziellen 
Pompes dem Verkehre übergeben. Nunmehr schritt man auch 
zur Anlage eines modernen Hafens in Constan^, von wo aus der 
^Weg zum europäischen und aufsereuropäischen Osten führte. Noch 
^voT der Vollendung dieses Hafens eröffnete die staatliche Donau- 
dampfschiffahrtsverwaltungy die sich aus einigen wenigen der Salz- 
Verfrachtung nach Serbien dienenden Fahrzeugen entwickelt hatte, 
sogar eine Seelinie, die nach dem ersten Plane ihre Fahrten viel- 
leicht etwas zu weit (bis Ägypten) ausdehnen sollte. 

Schon infolge des Pariser Vertrages war eine Kommission 
eingesetzt worden, welche die nötigen Vorarbeiten ausführen sollte, 
um die Schiffahrt an den Donaumüodungen zu fördern. Dieser 
europäischen Kommission hat der Handel im allgemeinen und 
nicht zum wenigsten der der Uferstaaten recht viel zu verdanken. 
Im Jahre 1866 hatten sich die zusammenberufenen Vertreter der 
Mächte auch mit dieser Angelegenheit beschäftigt. Als Rufsland 
die Erklärung abgegeben hatte, dafs es die Bestimmungen des 
Pariser Vertrags hinsichtlich des Schwarzen Meeres nicht mehr als 
bindend anerkennen könne und wolle, ward 1871 in London ein 
neues Einvernehmen zwischen den Mächten erzielt, und darin 
ward auch bestimmt, dafs nach zwölf Jahren eine Donaukommission 
zusammentreten solle, und durch den Berliner Vertrag ward sie 
mit der Ausarbeitung eines besonderen Reglements beauftragt, das 
Qrundsätze über die Schiffahrt auf der Donau bis Galant auf- 
stellen sollte. Von dort an aufwärts sollten nämlich gemäfs dem- 
selben Vertrage die anliegenden Staaten selbst die Flufshoheit er- 
halten. Als die Zeit der Ausfuhrung herankam, stand allerdings 
Österreich nicht gerade in ausgezeichneten Beziehungen zu Ru- 
mänien. 

Ehe aber noch etwas Weiteres geschah, vollzog sich 1881 
ein seit langem vorhergesehenes Ereignis. Schon im Jahre 1877, 



M6 5. Kapitel. 

bei der Erklärung der Unabhängigkeit, war offiziell in einem 
Begeisterungsrufe der Königstitel gebraucht worden ^). Die Krönung 
des jüngst vollbrachten Werkes verzögerte sich jedoch^ da sich die 
Anerkennung der Unabhängigkeit noch geraume Zeit hinauszog; 
und sie mufste dann einem günstigeren Augenblicke vorbehalten 
bleiben. Man iiirchtete vielleicht auch eine Opposition seitens 
Rufslands, welches sich gegen den kleinen Waffenbruder — diese 
jüngste Waffenbrüderschaft suchte man allerdings jenseits des 
Pruth als eine Erniedrigung immer mehr zu vergessen — zwar 
höflich; aber doch sehr kalt benahm. Im März 1881 hielt in der 
Kammer der Abgeordnete Titu Maiorescu eine kraftvolle Rede, 
in welcher er der herrschenden liberalen Partei den Vorwurf 
machte, dafs ihr der unauslöschliche Makel antidynastischer Oe- 
sinnung anhafte. Diese Rede nahm das Ministerium zum Vor- 
wand, um Rumänien zum Königreich zu erklären, und die Opposition 
brachte dem neuen Könige ein Geschenk dar, welches auch einigen 
Wert besafs: einstimmig erklärten sich die Volksvertreter für die 
Annahme dieses neuen Titels (26. März). König Carol nahm die 
Krone an, aber in Erinnerung an die auf den Schlachtfeldern 
vollbrachten Taten keine andere als eine eiserne, die aus erbeuteten, 
im Armeearsenale aufbewahrten Kanonen gegossen wurde. Am 
nationalen Festtage, dem 10./22. Mai, der die Erinnerungen der 
Nation mit denen der Dynastie vereinigte, fanden grofse Feierlich- 
keiten statt. 

Nach den Vorgängen von 1877 — 78 konnte in den leitenden 
Kreisen Österreichs leicht der Gedanke aufkommen, dafs sich 
auch das Königtum zu Zugeständnissen an die gnädig zustimmen- 
den Nachbarn ausnützen lasse; denn der Graf Andrässy, der die 
rumänische Freundschaft zu schätzen wufste, war von der Leitung 
der österreichisch-ungarischen Politik zurückgetreten. 

Noch in demselben Monate, in dem in Rumänien die Krö- 
nungsfeierlichkeiten abgehalten wurden, traten in Siebenbürgen 
hundertdreiundftinfzig Vertreter der unter der Stephanskrone leben- 
den rumänischen Bevölkerung zu einer ersten G^neralkonferenz 
zusammen; diese fafste einen in neun Paragraphen gegliederten 

1) Memorien des Eolonels J. Alecsandri, des Bruders des Dichters, in 
der Zeitschrift „literaturä ^i artä rominä*'. Jahrgang lY (1899), S. 558. 



Der yereinigte Staat Bumänien. Fürst Caza und König Carol L S67 

SeschluTs. An erster Stelle einigte man sich darüber ^ dafs die 
einzig mögliche politische Haltung, die Passivität^ unverändert bei- 
behalten werden müsse. Ferner aber wurden die Klagen, welche 
die Rumänen gegen die ungarische Regierung und ihre Ent- 
nationalisierungsabsichten erhob ^ in polemischen Schriften zur 
Kenntnis des europäischen Publikums gebracht Das war ein 
bedeutendes Ereignis ^ weil die rumänische Nation innerhalb des 
ungarischen Staates vorher niemals als solche aufgetreten war, 
aufser da, wo kirchliche Einrichtungen in Frage kamen; jetzt 
aber handelte die Nation im Einverständnisse mit ihrem national 
fühlenden Klerus. Diese Bewegung war aber auch nicht im 
geringsten Grade durch das Interesse irgendeiner der im Königreiche 
Ungarn herrschenden Parteien beeinfiufst. Es existierte jetzt viel- 
mehr eine eigene rumänisch-nationale Partei mit einem Programme, 
an das sich jedermann halten mufste, und dies ist auch, mit 
ganz wenigen Ausnahmen, durchweg geschehen. 

Die österreichisch-ungarische Regierung berührte dieser Vorgang 
gewifs nicht sehr angenehm. Die öffentliche Meinung in Rumänien 
war nach den letzten Ereignissen noch ängstlicher geworden als 
ehedem, und die Opposition suchte nach einer „ Frage ^', um sie 
in selbstsüchtiger Weise auszubeuten. Diese Tatsachen veranlafsten 
das an sich schwache, lediglich für die Krönungsfestlichkeiten 
eingesetzte Ministerium des alten Demeter Brätianu — er war 
der Bruder des bisherigen und nachmaligen Premierministers — 
dazu, in der Donauangelegenheit energisch aufzutreten. Man 
sprach von dei^ Absicht Österreichs, fiir sich die leitende Stellung 
in einer einzusetzenden Donaukommission zu erringen, und dies 
hätte im Einklänge mit dem im Jahre 1878 ihm erteilten Auf- 
trage gestanden, die Felsenhindemisse am Eisernen Tore zu be- 
seitigen. 

Der übrigenB persönlich recht gutmütige Ministerpräsident 
erklärte demgegenüber mit grofser Energie, dafs er nötigenfalls 
die Interessen Rumäniens so zu verteidigen wissen werde, wie eine 
„Tigerin ihre Jungen'^. Bald übernahm Ion Brätianu den Vor- 
sitz im Ministerium, aber auch sein Kollege im auswärtigen Amte 
beging den Fehler, in der Thronrede ohne jedes Bedenken nicht 
nur von den Besorgnissen zu sprechen, mit denen man bezüglich 



S68 5. Kapitel. 

der Donau erfüllt sei; sondern auch von dem ^^ Verwände '' der 
Viehseachengefahry den die Regierung der benachbarten Monarchie 
benutze^ um die rumänische Ausfuhr zu verhindern. Dies führte 
zu einer übrigens sehr kurzen Unterbrechung der diplomatischen 
Beziehungen zu Österreich; war aber sicherlich in der Donaufirage 
nicht nützlich. Osterreich -Ungarn ging ruhig auf dem be- 
tretenen Wege weiter; und die internationale Kommission, die 
behufs Beratung über die Schiffahrt an den Donaumündungen in 
Oala^I versammelt war^ nahm den Vorschlag des französischen 
Delegierten Barere an. Demgemäfs wurde in die neu einzusetzende 
Kommission för die Strecke Orschowa — Oala^l, aufser den Ver- 
tretern der Uferstaaten Rumänien ; Serbien; Bulgarien und einem 
Vertreter der ersten Kommission; auch das nicht als Uferstaat 
in Betracht kommende Osterreich aufgenommen und ihm der Vor- 
sitz gesichert. Die nach London berufene Konferenz der Mächte; 
an der Rumänien nicht als stinmiführende Macht beteiligt sein 
konnte; weil es nicht zu den Grofsmächten gehörte; trat diesem 
Beschlüsse bei; befreite zugleich den russischen Kilia-Arm der 
Donau von jeder Kontrolle und erweiterte das Gebiet; über das 
die alte europäische Kommission der Donaumündungen beraten 
sollte; bis Bräila. 

Vom Standpunkte Rumäniens aus war das gleichbedeutend 
mit dem ;; Verluste der Donau''; da von nun an in den eigenen 
Gewässern eine fremde Jurisdiktion existieren sollte, die nicht 
einmal eine allgemeine europäische war. Rumänien erhob Protest 
und erklärte; dafs es sich den Verordnungen der Konferenz nicht 
fügen werde. Das hätte ein recht verhängnisvoller Schritt werden 
können; wenn nicht neu angeknüpfte Verbindungen; und zwar 
mit dem bisherigen Feinde ; die Lage verändert und die drohen- 
den MaTsregeln im voraus illusorisch gemacht hätten. 

Die Annäherung Rufslands an Frankreich, die sich nach dem 
türkischen Kriege vollzog; war bald eine allgemein bekannte Tat- 
sache. Die bisher rivalisierenden Mächte mufsten sich angesichts 
der Möglichkeit; dafs zwischen diesen neuen Freunden eine Allianz 
zustande kämC; verständigen; und seit langem schon waren deutsche 
Ratschläge in Rom nicht nur geschätzt; sondern auch befolgt 
Im Februar 1883 bereits verriet der italienische Minister des 



Der yereini^ Staat Bamänien. F&rst Gaza und Konig Garol I. S€9 

Aufsereii; dafs die Mächte Mitteleuropas einen Bündnisvertrag zur 
Aofrechterhaltung des Friedens geschlossen hätten. Schon 1881 aber 
Latte der Leiter des neuen Kurses auf dem G-ebiete rumänischer 
Kultur 9 Titu Maiorescu, welcher schon einmal vor 1876 Minister 
gewesen war^ in einem Aufsätze^ der in der Deutschen Revue 
erschienen war^ dargelegt, dafs die isolierte Stellung Rumäniens, 
Jetzt, wo die Neutralitätsträume vollständig verschwunden seien, 
wo die Allianz mit dem russischen Glaubensgenossen ihre offen- 
kundigen Vorteile gezeigt habe, eine grofse, allem Erfolge hinder- 
liche Gefahr bedeute und dafs notwendigerweise und, ohne dals 
irgendeine Sentimentalität für seinen Entschluls entscheidend 
sei, Rumänien sich an denjenigen Staat anlehnen müsse, der kein 
wirkliches Interesse daran habe, seine Entwickelung zu stören. 
Diesen Gedanken nahmen damals nur die wenigen politischen Ge- 
nossen Maiorescus mit Beifall auf, während die alten Konservativen 
sich sehr zurückhaltend verhielten, die Liberalen wiederum mit 
Fingern auf die „ Landesverräter '^ wiesen, die zwar russisch oder 
österreichisch, aber nie und nimmer rumänisch sein könnten. Die 
Streitigkeiten wegen der Donau waren nicht geeignet, einer An- 
näherung an Osterreich Anhänger zu gewinnen, aber das galt nur 
für die oberflächlich denkenden Kreise, während andere eben darin 
einen Beweggrund mehr zu einem solchen Schritte erblickten ; denn 
diese Annäherung war die einzig mögliche Lösung der Frage. Der 
Jungkonservative Carp hatte die Stellung eines Gesandten in Wien 
während und gerade wegen des Konfliktes eingenommen. Während 
des Sommers 1883 — Osterreich hatte durch keinerlei Mafsregeln 
auf die Widersetzlichkeit Rumäniens geantwortet — ging der König 
nach Berlin gelegentlich der Taufe des zweiten Sohnes des Prinzen 
Wilhelm und besuchte auf der Rückreise den Kaiser Franz Joseph, 
der ihn mit allen Freundschaftsbezeigungen aufnahm. Nun suchte 
Brätianu den österreichischen Kanzler Kdlnoky und dann Bismarck 
selbst auf, und die Verständigung Rumäniens mit Österreich — 
aber nicht etwa eine Allianz — war eine vollbrachte Tatsache, 
zum Wohle des Friedens und der Kultur. Nachdem dies einmal 
geschehen war, sahen dann auch alle folgenden Minister des König- 
reichs ein, dafs dies die einzige nutzbringende Politik sei, und sind 
ihr treulich gefolgt. 

Jorga, Gescliiekte der BniR&nen. II. 24 



S90 5. Kapitel. 

Bei diesem nüchternen Vorgehen fehlte es an aller Romantik; 
es handelte sich nicht um eine Völkerverbrüderung. Romänioi 
yerlengnete auch seine Volksgenossen in Ungarn nicht; eher waren, 
nachdem die Elinheit der literarischen Sprache wiederhergestellt 
war; die Beziehungen zu ihnen inniger als zuvor^ und Siebenbürgoi 
gab nun den Rumänen den gröfsten ihrer neueren Dichter: Gheorgbe 
Cofbuc. Die Nation verlor die entfernten, vielleicht unerreichbaren 
Ideale doch nicht aus dem Auge, denn ein Volk braucht nicht 
ausschliefslich für die Oegenwart zu leben. Wenn auch die öster- 
reichisch-ungarische Diplomatie den Kampf der ungarischen Re- 
gierung gegen die Nationalitäten nicht verhindern oder wenigstens 
lindem konnte, wenn auch die geplante magyarisch -rumänische 
Verständigung in nichts zerflofs, weil sie tatsächlichen Lebens- 
interessen widerstrebte, so blieb Rumäniens Politik doch immer korrekt^ 
selbst dann noch, als, wie im Jahre 1886, ein Zollkrieg infolge der 
wirtschaftlichen Entwickelung Rumäniens ausbrach, denn dieses 
wollte nicht nur eine eigene Industrie haben, sondern sie auch schützen. 

Im Jahre 1884 kam das Kronprinzenpaar von Österreich- 
Ungarn nach Sinaia. Bei dieser Gelegenheit sprach man von 
„Freundschaftsbanden, die zum Wohle beider Staaten geknüpft 
seien '^ In demselben Jahre aber erschien die rumänische Kampf- 
zeitung Tribuna in Hermannstadt, und 1885 wurde von der 
ungarischen Regierung der alte Geschworenengerichtshof ftir Prefs- 
prozesse in dieser sächsischen Stadt abgeschafit, weil er die rumä- 
nischen Journalisten freigesprochen hatte. 

Im Jahre 1892, als die nationalen Verhältnisse unerträglich 
geworden waren, versammelten sich die Mitglieder der National- 
partei, um ein Memorandum zu verfassen, welches dem Monarchen 
in seiner kaiserlichen Residenz zu Wien vorgelegt werden sollte. 
Die Deputation wurde nicht empfangen, aber bei ihrer Rückkehr 
wurde gegen die Führer ein Prozefs wegen Landesverrates an- 
gestrengt. Unter diesen befand sich auch der charakterfeste alte 
Anwalt loan Ra^iu und der sehr populäre unierte Priester 
V. Lucacl, die zu einer mehrjährigen politischen Haft in Szegedin 
und Väcz verurteilt wurden, und das machte in Rumänien einen un- 
geheuren Eindruck (189^). Es entstand eine „Liga ftir die kulturelle 
Union aller Rumänen '' mit dem Sitze in Bukarest; die hiesigen Stu- 



9 

Der yereinigte Staat Bumänien. F&rst Cuza und König Carol I. S71 

denten zogen mit Fahnen und unter patriotischen Rufen durch die 
Strafsen ; die oppositionelle liberale Partei verlangte eine staatliche 
Intervention zugunsten der verfolgten Stammesbrüder, konnte aber 
selbstverständlich nichts erreichen. Als dann aber die Liberalen 
T^eder zu Macht gelangten (1895); bekannten sie sich als treue An- 
li&iger der Allianz mit Österreich-Ungarn ^ die Brätianu begründet 
hatte; und nunmehr wühlten die Konservativen unter Führung des 
nach politischem Einflufs schmachtenden Rechtsanwalts Take lonescu 
in der sogenannten ,; nationalen Frage '^ Schliefslich spalteten sich 
auch noch die siebenbürgischen Rumänen in Anhänger Sturdzas 
und lonescus; dadurch entzweiten sich wieder die Führer , und 
dies hatte viel Unangenehmes im Gefolge. Die ungarische Re- 
gierung aber; die ihre Zwecke unter jedem Regime gleich rück- 
sichtslos verfolgte; löste das Nationalkomitee auf. Die national - 
rumänischen Interessen; die in Siebenbürgen und im Königreiche; 
gehen gegenwärtig einer neuen Entwickelung entgegen; die 
sich jetzt schon anbahnt und morgen vielleicht schon Früchte 
zeitigen wird. 

4s 



Der neue Nachbar Bulgarien verhielt sich; solange dessen erster 
Fürst; der ritterliche Alexander von Battenberg; regierte; Rumänien 
gegenüber sehr freundlich. Die beiden Herrscher der Donaustaaten 
besuchten sich oft und lebten im besten Einverständnisse mit- 
einander. Es dauerte aber nicht langC; und Fürst Alexander; der 
zu Staatsstreichen und Berufung russischer Ministerien gezwungen 
wurde; betrachtete selbst; so wie andere, seine Stellung als er- 
schüttert. Das Unvermeidliche; seinen Sturz ; suchte er nun da- 
durch zu verhindern; dafs er die von dem bulgarischen Volke 
heifs ersehnte Vereinigung mit Ostrumelien durch eine neue voll- 
endete Tatsache; wie sie am Balkan nicht befremden konnte; her- 
beiführte. Aber da verlangte Serbien eine Kompensation fiir die 
Vei^öfserung des wenig beliebten Nachbarlandes und griff des- 
wegen sogar zu den Waffen. Fürst Alexander begegnete jedoch 
den Serben zu Sliwnitza in der Nähe von Sofia und besiegte sie; 
während den Vormarsch der Bulgaren der Einspruch Österreichs 

24* 



S7S 5. KapiteL 

in Pirot aufhielt. Der Friede zu Bukarest (1886) bestätigte je- 
doch nur, kraft des Drei-Kaiser'EinverstftndniBHes (September 1884), 
den Status quo vor dem kleinen Kriege. Bald darauf sah sich 
der bulgarische Sieger durch einen Ifilitärau&tand zur Abdankung 
gezwungen, er kehrte zwar durch Bumäniens Hilfe in sein Land 
zurück, aber ohne sich halten zu können. Ein Tel^ranmi des 
Zaren Alexander m. gab ihm den Bat, Bulgarien zu verlassen. 
Die Zeit der bulgarischen Wirren hatte begonnen. 

Ein TeU der bulgarischen Politiker bot dem rumänischen 
König im Jahre 1887 die Krone dieses Landes an. Man nimmt 
an, dieser Vorschlag sei zwar in Bukarest mit Wohlwollen auf- 
genommen worden, aber das Dazwischentreten Bufslands und so- 
gar Österreichs habe den Plan vereitelt ^). Es wäre jedoch &n 
grofser Fehler und zugleich ein grofses Unglück gewesen, wenn 
das bulgarische Angebot angenommen worden wäre; denn Bu- 
mänien ist nun einmal ein Nationalstaat mit nationalem Ideale ; es 
nimmt seine Aufgabe zu ernst und ist zu schwach, um Abenteurer- 
politik zu treiben. Die für Bumänien einzig richtige Stellungnahme 
war es vielmehr, den neuen Bulgarenfursten Ferdinand von Ko- 
bürg und Stambulow, seinen befähigten Minister, zu unterstützen, 
als dieser versuchte, sich möglichst von dem überwiegenden rus- 
sischen Einflüsse zu befreien. Als Stambulow zurücktrat und dann 
den Mördern zum Opfer fiel, wurde in dem benachbarten Staate 
aus Opportunitätsgründen ein neuer russenfreundlicher Kurs ein- 
geschlagen. Die guten Beziehungen zu Bumänien wurden dadurch 
geschwächt, und es kam sogar der Augenblick — dies war nach 
der Entdeckung der bulgarischen Agitation in Bumänien, die zur 
Ermordung eines makedo-rumänischen Lehrers und Journahsten 
führte (Sommer 1900) — , wo man heftige Noten wechselte. Und 
weil das alte Steckenpferd der bulgarischen Opposition, die Bück- 
eroberung der Dobrudscha, wieder zum Vorschein gekommen war, 
mufste man sogar eine kriegerische Verwickelung furchten. Aber ein 
sinnloser, lächerlicher Krieg wurde glücklicherweise vermieden, und 
im Jahre 1902 reiste König Carol nach Bulgarien, wurde dort feier- 
lich und dankbar empfangen und betete nach Verlauf von funfnnd- 

1) Vgl. Docaments ßecrets de la politiqae russe en Orient (1881—1890), 
par B. LeoDofif (Berlin 1893). Die darin enthaltenen Briefe sind unzweifelhaft echt. 



Der vereiDigte Staat Bumäoien. Fürst Cuza und König Carol I. S78 

zwanzig Jahren am Grabe seiner 1877 gefallenen Krieger ^ von 
'brüderlichen Gefühlen für die jetzigen Herren des Nachbarstaates 
beseelt. Die neu auftauchende makedonische Frage beriihrt^ 
obgleich in der vielbesprochenen aufrührerischen Provinz viele 
Arominen leben und vom rumänischen Staate bei der Erhaltung 
ihrer Nationalkultur — vielleicht spräche man besser von einer 
durch den arominischen Dialekt zusammengehaltenen Kultur, denn 
dies würde zweckmäfsiger sein — unterstützt werden, Lebens- 
interessen Rumäniens nicht, und es kann deshalb ruhig der Ent- 
virickelung der Dinge zuschauen. Mit der neuerdings (Mai 1905) 
erzwungenen Anerkennung der arominischen Nationalität seitens 
der Türkei kann Rumänien zufrieden sein. 

Im Jahre 1886 bereits wurde das Gesetz angenommen, das 
die Anlage von Befestigungen in der Umgebung von Bukarest und 
in der unteren Moldau bestimmte, und diese Mafsregel erhöht 
wesentlich die Widerstandsfähigkeit des Landes. 

Bei weitem das meiste von den soliden und nutzbringenden 
Werken, die im Inneren Rumäniens seit 1880 zur Ausfuhrung 
kamen, wurde trotz der alten, nutzlos miteinander hadernden Par- 
teien vollbracht, die in einem Lande, welches dringender Ruhe be- 
darf, ein Element der Anarchie, des Unbestandes bilden. 

Die Liberalen hatten Brätianu und Rosetti Einflufs verschafft, 
aber bald stellte sich heraus, dafs nur der erstere zum Regieren 
be&higt war. Rosetti, ein zwar sehr ehrlicher und patriotisch ge- 
sinnter Mann, schwelgte im Grunde bis zuletzt in seinen Jugend- 
träumen einer internationalen republikanischen Völkerverbrüderung. 
Brätianu dagegen erkannte, dafs die liberalen Ideale ein über- 
wundener Standpunkt seien und dafs er sich bei Lösung der 
harrenden politischen Au%aben nicht lediglich der aus der Oppo- 
sitionszeit bekannten Eiferer bedienen könne. Durch seine sym- 
pathische Persönlichkeit, seine Wunder wirkende Tätigkeit und 
seinen unantastbaren, lauteren Charakter gewann er viele, welche 
niemals zu seiner Partei gehört hatten, unter anderen den Fürsten - 
söhn D. Gfaica; ja er scheute sich nicht, Jungkonservative und 



«74 5. Kapitel. 

Altkonservative; wie Carp *und Mayrogbeni; im diplomatischeii 
Dienste des Landes zu verwenden. Viele Anhänger erw'arb er 
sich auch in Leuten^ die dadurch ihrem Privatinteresse am beateai 
zu dienen meinten. Es gab gewüs Augenblicke^ in denen er von 
sich sagen konnte^ dafs er die Nation repräsentiere. 

Er gründete eine Reihe grofser Finanzinstitute oder brachte 
sie in die Höhe: eine Bodenkreditbank^ eine Hypothekenbank für 
die Hausbesitzer und die Nationalbank. Er baute das Eisenbahnnetz 
fast vollständig aus, organisierte die Armee und prefste die zu den 
Befestigungen nötigen Mittel aus den nicht allzu willigen Kammern 
heraus. Die Selbständigkeit der Nationalkirche wurde in den Jahren 
1882 bis 1885 in Eonstantinopel erwirkt; die katholische Kirche 
erhielt einen Erzbischof in Bukarest und einen Bischof in Jassy and 
damit ihre endgültige, seit langem notwendige Verfassung. Meistens 
mit Anleihemitteln durch die Ausgaben von Rententiteln konnte er 
den Boden Rumäniens mit zahlreichen öffentlichen Gebäuden, Schulen, 
teilweise neuen, teilweise prachtvoll, aber verschwenderisch und 
nicht stilgerecht renovierten Kirchen — so Curtea - de - Arge§, die 
Kathedrale zu Jassy u. a. — bedecken. Unter ihm begann das wirt- 
schaftliche Leben Rumäniens zum ersten Male lebhafter zu pulsieren. 

Brätianu berief auch im Jahre 1884 eine Konstituante, die das 
Wahlgesetz ändern sollte; aber dies trug ihm weiter nichts ein 
als eine endgültige Entzweiung mit Rosetti gelegenüich der darüber 
stattfindenden Debatten; denn seine drei Klassen der Wähler 
waren nicht viel besser, als die vier der früheren Zeit. 

Aber eine andere, viel dringendere Frage nahm seine Auf- 
merksamkeit in Anspruch. Die Mafsregeln von 1864 hatten sich 
als ungenügend erwiesen, um den Bauern zu Wohlstand zu bringen 
und ihn zur Würde des Bürgers zu erheben, denn er hatte damals 
seine Weidegerechtsame verloren, und für sein häusliches Vieh gab 
es jetzt auf den ausgedehnten Ländereien keine Weidegründe mehr. 
Überdies war die Nachkommenschaft des Bauern zum Teile dem 
Proletariat verfaUen, denu jedes Kind mufste sich mit einem kleinen 
Fetzen des zerstückelten Besitztums, das nicht zur Ernährung 
ausreichte, begnügen. Das Gesetz hatte ihn zwar freigemacht, aber 
ihn auch ganz ohne Schutz gegen seinen starken Nachbar und 
ehemaligen Herrn gelassen. Dadurch war der Bauer in die künst- 



Der vereinigte Staat Eamänien. Fürst Gaza und König Carol L S7S 

liehen ; unlösbaren Netze der ,, agrarischen Verträge'^ (tocmell 
•agricole) verstrickt worden und hatte für lange Zeit nicht nur den 
Oenufs der Früchte seiner Arbeit; sondern auch seine Bewegungs- 
freiheit verloren. Als sich der Staat 1872 ins Mittel schlug — die 
Konservativen hatten gerade die Macht in Händen — , leistete er 
lediglich den Stärkeren Hilfe und zwang die schuldbelasteten Bauern 
mit militärischer Gewalt zur Arbeitsleistung auf dem Acker. Die 
Zuweisung von Grund und Boden aus den Staatsdomänen an die 
jungen Soldaten, welche am Unabhängigkeitskampfe teilgenommen 
hatten ; kam nur etwa 40000 Familienhäuptem zugute, deren 
Nachkommen späterhin infolge der üblichen Teilung beim Erb- 
gange ebenfalls Gefahr liefen, um ihren Besitz zu kommen. Wie 
traurig die Lage der Bauern war, zeigt am besten das Gesetz 
vom 13. Mai 1882; der Staat griff damit ein und sicherte jedem 
wenigstens zwei freie Tage in der Woche, die der Arbeit auf dem 
eigenen verwahrlosten Acker gewidmet sein sollten. Zugleich 
wurden die besonderen „agrarischen Verträge'^ abgeschafft, und 
die Dauer solcher Verträge auf ein oder höchstens zwei Jahre 
festgesetzt. Eine schreckliche Krankheit, die Pellagra, durch 
schlechte Ernährung mit verdorbenem Mais hervorgerufen, forderte 
so viele Opfer, dafs man ihre Zahl allein im Jahre 1902 auf 
40000 schätzte. Dazu lebten, wie früher, die Mitglieder der 
herrschenden Klassen zum Teil im Auslande, verpachteten ihre 
Güter oft an Fremde — in der Moldau an Juden, so dafs ein 
reicher Jude dort heute noch ein kleines Fürstentum als Pächter 
regiert, — in der Walachei an Griechen oder Bulgaren, vergeudeten 
alles und liefsen, ohne an Bodenmeliorationen zu denken, immer 
weitere Strecken bebauen, so dafs die Produktivität des Bodens 
und die Qualität der Produkte merklich sank. Während endlich 
•die Universitäten und viel zu zahlreichen Lyzeen und Gymnasien 
alle Gunst genossen, entsprach bis 1888 der Volksschulunterricht 
durchaus nicht den zu stellenden Anforderungen. In diesem Jahre, 
gleich nach dem Falle Brätianus, kam es zur ersten sozialen Be- 
volution unter den Bauern; sie wurde militärisch unterdrückt, aber 
irrtümlich wollten die leitenden Kreise darin nur die Früchte rus- 
sischer Wühlereien erblicken. 

In seinen letzten Jahren hatte Brätianu schlechte Gehilfen 



176 5. Kapitel. 

und war aofserdem müde und krank. Die Eonseryativen hatten 
sich un Jahre 1880 unter Lascar Catargiu zum ersten Male als 
Partei konstituiert; aber sie wollten das von den sogenannten 
;; Junimisten'', d. h. den Jungkonservativen, angebotene Programm 
mit seinen sozialen Reformen zugunsten des Volkes, mit positiven, 
realpolitischen, wohlüberlegten Mafsregeln nicht annehmen^ und so 
hielten sich die letzteren, ihrer Stunde harrend, zurück. Mit den 
Altkonservativen dagegen vereinigten sich viele unzufriedene 
Liberale, auch Kogälniceanu : das waren die sogenannten Dissi- 
denten und alle möglichen jungen Bürschchen, die eine Rolle spielen 
wollten. Der Feldzug verlief ziemlich wüst: Angriffe auf die Dy- 
nastie, Demonstrationen, die sich gegen die Person des Königs 
richteten, tumultuarische Versammlungen in der Hauptstadt and 
der Provinz gaben ihm sein eigentümUches Gepräge. Die gleich- 
zeitig bei der Verwaltung des £a*iegsministeriums aufgedeckten 
Unterschleife machten die Situation noch schwieriger. Brätianu 
bekämpfte zwar bis zuletzt die parlamentarische Opposition und 
die Strafsenunruhen, aber schliefslich, im März 1888, mufste er 
zurücktreten und starb nach einigen Monaten. 

Der König berief sein neues Ministerium mit Theodor Rosetti 
an der Spitze aus solchen politischen Führern, die sich an der 
lärmenden Agitation nicht beteiligt hatten, und das waren die 
„ Junimisten ^^ Diese veröffentlichten — so etwas war in Rumänien 
bisher noch nicht geschehen — ihr Programm in der offiziellen 
Staatszeitung. Wenn sie auch, als eine kleine Partei, nicht den 
Mut besafsen, entscheidende Mafsregeln zugunsten der Bauern 
zu fordern ^), so leisteten sie doch den Staatsfinanzen und dem 
wirtschaftlichen Leben einen grofsen Dienst dadurch, dafs sie die 
Goldwährung einführten. Eine Konvertierung der Staatsschuld 
verlief unter dem Finanzminister Menelas Germani ebenfalls sehr 
vorteilhaft; demselben ist auch die Finfiihrung der Goldwährung 
(1888) zu danken. Endlich wurde die Frage der Thronfolge durch 
die im April 1889 erfolgte Veröffentlichung der seit 1880 gefiihrten 
Verhandlungen mit der Familie des Königs entschieden : Ferdinand^ 



1) Das Gesetz Ton 1889 gestattete den Verkauf der Staatsdomänen an di» 
Bauern nur in kleinen Parzellen. 



Dei yeremjgte Staat Rnmänien. Fürst Cuza und König Carol L S97 

^er zweite Sohn Leopolds^ des älteren Bruders von König Carol L, 
"wurde ab Thronerbe ins Land berufen ^). 

Schliefslich mufsten sich die Junimisten dennoch mit den 
^on ihnen so verschiedenen älteren Brüdern vertragen (Juni 1889)9 
lim ein Ministerium zu schaffen , das allerdings nicht einmal ein 
«Fahr bestanden hat. Diesem Ministerium G. Manu folgte ein anderes^ 
das sich aus Altkonservativen und dissidenten Liberalen zusammen- 
setzte; in ihm führte der Gbneral Florescu den Vorsitz. Aber 
es vergingen doch noch einige Monate^ ehe die endgültige dauernde 
Zusammensetzung gefunden war (Dezember 1891): die Führer der 
Alt- und Jungkonservativen, Catargiu und Petru Carp, wirkten jetzt 
zusammen. Dieses Ministerium hat bis Oktober 1895 Bestand ge- 
habt; und hat sich durch mehrere wichtige Heformen ausgezeichnet 
Die neuen Unterrichtsgesetze wurden ausgearbeitet (Take lonescu); 
die Liberalen setzten dieses Werk fort (Minister Haret), und die da- 
durch hervorgebrachte Belebung der Dörfer wird unschätzbare 
Folgen haben ^). Unglücklicherweise geriet das von dem zweiten 
liberalen Ministerium (P. S. Aurelian) vorgelegte Projekt , eine 
bäuerliche KreditkassC; Casa Ruralä, zu gründen, in Vergessen- 
heit, und erst in aUerjüngster Zeit hat man nach dem Beispiele 
Siebenbürgens begonnen, mit den Ersparnissen der Bauern selbst 
Dorfbanken zu gründen. 

Durch eine Intrige, die sogenannte Afiare Ghenadie, wurde im 
Dezember 1896 das erste Ministerium Sturdza gestürzt; es handelte 
sich um die Absetzung des verrufenen Metropoliten Ghenadie, die 
in sehr unzarter Weise geschah. Durch eine zweite verlor Aurelian 
die ihm zeitweilig anvertraute Regierung, und durch eine dritte In- 
trige — Sturdza wurde beschuldigt, die siebenbürgischen Rumänen an 
die ungarische Regierung verraten zu haben — fiel Sturdza zum 
zweiten Male (April 1899). Zugleich starb der zu seinem Nach- 



1) Vgl. ]MfS9tenirea tronulul Bomäniei (Bukarest 1889). Kronprinz Ferdi- 
nand vermählte sich am 29. Dezember a. St. 1892 mit der Prinzessin Marie, 
der Tochter des Herzogs von £dinburg und Enkelin der damals regierenden eng- 
lischen Königin. Der Ehe sind die Prinzen Carol (geb. 1893) und Nikolaus und 
zwei Prinzessinnen entsprossen. 

2) Vgl. das jüngst erschienene Werkchen Harets: Chestia t&räneascä 
(Die Bauemfrage, Bukarest 1905). 



878 5. Kapitel. 

folger ausersehene alte Catargiu. Durch eine Intrige spaltete sich 
schlielfllich die vereinigte konservative Partei wieder in die ehenuilige& 
Junimisten und die Altkonservativen; die letzteren gelangten ans 
Ruder und schlössen dann abermab einen Pakt mit den Gegnern. 

Die Finanzlage war um diese Zeit sehr ernst geworden. Bis 
zu einer Milliarde war die Staatsschuld gestiegen, die zwar zum 
Teil dazu gedient hatte, die Bedürfnisse des Landes zu befriedigen, 
zum Teil aber auch von der Parteiwirtschaft verschlungen worden 
war; denn im Interesse der Parteien gab es viele zu gut bezahlte 
Beamte, viele noch recht junge Pensionäre, viele Nationalbeloh- 
nungen und Wahlunkosten. Das Jahr 1900 brachte eine agra- 
rische Katastrophe; man mufste eine Anleihe kontrahieren, während 
der südafrikanische Krieg alles Kapital in Anspruch nahm. Und 
diese Anleihe von 175 Millionen kam nur unter unerhörten Be- 
dingungen zustande; unter anderem mufste die Regierung ein 
Schiedsgericht in der unsauberen Affiure eines französischen finan- 
ziellen Abenteurers übernehmen, und die Frist für die Bückzahlung der 
ganzen Summe betrug nur vier Jahre. Das Ministerium Carp war be- 
reits zu finanziellen Reformen entschlossen, als es einer neuen Intrige 
der Altkonservativen zum Opfer fiel (Februar 1901). Durch ein 
mutig angewandtes Sparsystem ist es dann dem darauf folgen den 
Ministerium Sturdza gelungen, die finanzielle Gefahr zu beseitigen. 

Das neue Ministerium Sturdza hat nicht einmal ganz vier Jahre 
bestanden, obwohl es ein längeres Leben verdient hätte. Neben 
dem Präsidenten, der seine guten Charaktereigenschafiten, Pflicht- 
gefühl, eine für sein Alter — er ist zweiundsiebzig Jahre alt — 
geradezu erstaunliche Arbeitskraft und Arbeitsfreude, unantast- 
bare Uneigennützigkeit und unwandelbare Treue gegen seinen 
König bewährt hat, wirkten mit Verständnis und Eifer der Finanz- 
minister, Emil Costinescu, und der wieder zum Minister des Unter- 
richts ernannte Professor Spiru C. Haret. Ersterer hat die 
175 -Millionenanleihe konsolidiert, während sich Haret um die 
Förderung der ganzen geistigen Kultur im Bauernstande mit 
wirklich patriotischer Liebe bemühte. Auch als Kriegsminister 
hat Sturdza, obgleich er seiner Partei die Lorbeeren siegreicher 
Sparsamkeit retten wollte, viel Gutes geleistet. 

Die Opposition war in sich gespalten; die Junimisten (Jung- 



Der vereinigte Staat Rumänien. Fürst Coza and König Carol L 879 

konservativen) verhielten sich reserviert und glaubten sich durch 
«in würdiges, ritterUches Benehmen dem König empfehlen zu können. 
Dagegen bedienten sich die Altkonservativen im Verein mit den 
ehemaligen Badikalen und allerlei Strebern beim Kampfe aUer mög- 
lichen Waffen, bis zu den niedrigsten; das war die praktische Politik 
Take lonescus, dessen Ansehen täglich wuchs, während Q. Qr. Canta- 
<$azino als Führer anerkannt wurde. Nicht selten wurden Skandal- 
.afiaren erfiinden; einige nichtswürdige Blätter erdreisteten sich so« 
gar, nach den Belgrader Mordszenen (im Juni 1903) den alten 
König mit dem Schicksale Alexanders I. von Serbien zu bedrohen. 

Zugleich spalteten sich die Liberalen in eine Gruppe, die 
sich mit der ruhigen, etwas ältlichen Politik Sturdzas einverstanden 
erklärte, und in die Gruppe der Jungen, der teilweise frühere 
Sozialisten angehörten und die ein energisches Auftreten zugunsten 
der grofsen Fragen der Zeit forderte. Die beiden Brüder loan 
und Vintilä Brätianu, die*Söhne des ehemaligen Diktators, waren 
die Führer der letzteren. Sturdza wurde besiegt, aber der König 
berief nun nicht die fähigen, edelgesinnten und dynastisch treuen 
Junimisten, die allerdings nur über wenige Wähler verfügten, 
sondern die an der Spitze einer zahlreichen, bunten Menge zum 
Sturm eilenden Altkonservativen (Ende 1904 a. St). 

Das neue Ministerium, in welchem Take lonescu die Finanzen 
übernommen hat, erzwang sich rücksichtslos eine überwiegende 
Mehrheit bei den Wahlen. Es hat aber jetzt mit den Folgen der 
oppositionellen Vergangenheit der eigenen Partei zu kämpfen, mit 
den drohenden Wellen, welche diese selbst heraufbeschworen hat. 

Das rumänische Volk braucht noch lange ernste Arbeit. 
Sine energische Agrarreform, die Einfuhrung eines tüchtigen Volk- 
schulunterrichts, die Unabhängigkeit der Verwaltungsbeamten vom 
politischen Begime, eine Steuerreform, die Stärkung der nationalen 
Kultur imd damit des nationalen BewuTstseins innerhalb seiner 
ethnographischen Grenzen, das sind die notwendigen Vorbedingungen 
eines kräftigen Aufschwungs. Die jüngste Generation scheint diese 
«chwere Aufgabe übernehmen zu wollen. 



Achter Abschnitt. 

Die heutigen Zustande im rumänischen 

Volke 1). 

1. Kapitel. 
Bevölkerungszustände. 

Wenn man die Entwickelungsgeschichte eines Volkes voll- 
kommen verstehen will^ ist es unerläfslich; sich auch mit dessei^ 
gegenwärtigen Verhältnissen ^ dem Endergebnis jener, vertraut zu 

1) Als Deuere allgemeine Werke über Bumänien wären noch, auTser dat 
in der Bibliographie des siebenten Abschnitts, S. 207 erwähnten, folgende za 
nennen, obgleich keines wirklich befriedigt: 

1. Benger, Bumänien, ein Land der Zukunft; es gibt auch eine zweite^ 
Ausgabe „Bumänien im Jahre 1900** (Stuttgart 1900), eine englische und eine 
französische Übersetzung. Das Buch enthält viele statistische Tabellen, im übiigea 
aber ist es ganz yerfehlt. 

2. A. Bichard, La Boumanie a vol d'oiseau (Bukarest 1900). Das un- 
zuverlässige Werk eines Ingenieurs, der nur die Industrie und die produktive 
Kraft des Landes berücksichtigt. 

3. A. A. Stourdza, La terre et la race roumaine (Paris 1904). Um£BU[ig- 
reiche Kompilation mit vielen Bildern und mit einigen offiziellen statisÜschfiA 
Ziffern. 

Die gut geschriebenen Aufsätze von Andre Bellessort in der Bevue des 
deux mondes und der Benaissance latine, Jahrgang 1905, sind sehr vorsichtig 
zu benutzen. Der Verfasser hat sie auch zusammen als Buch „La Boumanie- 
oontemporaine" (Paris 1905) erscheinen lassen. 

Für die frühere Zeit kommt die Publikation von Odobescu, Notioe tat 
la Boumanie, principalement au point de vue de son eoonomie rurale, indostrieUe^ 
et commerciale (Paris 1868) in Betracht 

Diesem schönen Werke entsprechen die neueren Publikationen der ver* 
schiedenen Ministerien, die für die Pariser Weltausstellung von 1900 in fran- 
zösischer Sprache verfafst worden sind, nämlich: 

Notice sur les for§ts du royaume de Boumanie (1900). 



BeTÖlkerongszastände. 381 

^machen. Damit erst findet in diesem letzten Abschnitt die Dar- 
wstellnng der zweitausendjährigen Geschichte des rumänischen Volkes 
jhren Abschlufs. 

Es ist unmöglich; zuverlässig die Zahl der Rumänen anzugeben, 
^e heute innerhalb und aufserhalb des rumänischen Staates leben. 
Die Statistik ist zwar im Königreiche ziemlich entwickelt, aber 
^s gibt keine wissenschaftlich vorgebildeten statistischen Beamten 
— man behilft sich mit Polizeibeamten, denen Volksschullehrer 
2U diesem Zwecke beigegeben werden, — und ebenso mangelt 
es an der notwendigen nachherigen Eontrolle ihrer Arbeiten. 
Aber für die ausländischen Rumänen im besonderen ist die Sta- 
tistik meist erst recht mangelhaft. Dazu trägt die den Rumänen 
nicht allzu freundliche Gesinnung der damit beauftragten Beamten 
bei sowie in gewissen Gegenden, namentUch in den Städten, die 
Mehrsprachigkeit der Rumänen, so dals sie in diesem Falle leicht 
der vorherrschenden Nationalität zugerechnet werden können. Von 

N. Coucon St., Sur les petroles de Boumanie (1900). 

G. N. Nicoleano, La lutte contre le phylloxera (Bukarest 1900). 

L'enseignement public en Boamanie (1900). 

Grinl ^i fäinuiile lul, porumbul ^i mälaiul din moräritol indigen (Bukarest 1899). 

Les routes en Koumanie (Bukarest 1900). 

G. N. Nicoleano et V. S. Brezeano, Etat de Tarboriculture en Bou- 
manie (Bukarest 1900). 

Les Monopoles de TEtat (Bukarest 1900). 

G. N. Nicoleano, Introduction a Tampelographie roumaine (Bukarest 1900). 

Von den zahlreichen Beisebeschreibungen der Fremden wären nur folgende 
zu verzeichnen: 

Samuelson, Boumania, past and present (London 1882). 

Budolf Berg n er, Bumänien, eine Darstellung des Landes und der Leute 
(Breslau 1887). 

Mrs. Walker, üntrodden paths in Boumania (London 1888). 

Edouard Harbeau, ün nouveau royaume (Paris 1881, Sonderabzug aus 
der Zeitschrift „le Contemporain*^* 

Das Werk von Gubernatis, La Boumanie et les Boumains (Florenz 1898), 
ist wertlos. 

Für das soziale Leben kommen drei Broschüren des Verfassers in Betracht: 
La vie intellectuelle des Boumains en 1899 (Bukarest 1899); Opinions pemi- 
deuses d'un mauvais patriote (Bukarest 1900, S. 61 f.: „Partis politiques en 
Boumanie au XIX e siecle"); Scenes et histoires du passe roumain. ün proces 
de denationalisation (Bukarest 1902, S. 54 f.: Entwickelung der Französisierung 
der Aristokratie). 



S8S 1. Kapitel. 

der Anzahl der ^^Makedommänen^' oder, wie sie hier genannt 
worden y der Aromtnen kann man sich erst recht keine richtige 
Vorstellung machen. Der unparteiische Forscher Weigand^ der 
aber nur einige Teile des ausgedehnten und in einzelnen Kolonien 
bis weit nach Bulgarien^ Bosnien und Griechenland reichenden 
Arominengebietes untersucht hat^ schätzt diese losgetrennten und 
vielleicht aussichtslos verlorenen Romanen der Balkanhalbinsel nur 
auf etwas über 100000. Der Rumäne Neni^scu^ der jedoch keine 
wissenschaftliche Vorbildung besafs, der dasselbe Gebiet nur flüchtig 
durchreist hat und nur mündliche ^ nicht allzu sichere Erkundi- 
gungen einziehen konnte , kommt dagegen zu der unglaublichen 
Zahl von 861 000 Seelen. Die türkische Statistik, die. da sie mit 
der Steuererhebung verbunden ist^ die Wahrscheinlichkeit einiger 
Genauigkeit für sich hat, rechnet zu den Griechen alle ChristeD, 
die den ökumenischen Patriarchen als Eirchenoberhaupt anerkennen, 
wie sie andrerseits alle Untergebenen des bulgarischen Exarchen als 
Bulgaren betrachtet. Nun haben aber die Aromtnen keine eigene 
Kirche und existierten folglich nach der althergebrachten Begri£- 
weit der Türken überhaupt nicht; erst im Mai 1905 hat ein kaiser- 
licher Erlafs ihre Nationalität ausdrücklich anerkannt Dazu kommt, 
dafs nur sehr wenige dieser Arominen ausschUefsUch ihre eigene 
Sprache beherrschen; am besten steht es noch bei den Frauen. 
Diese fleifsigen Handwerker und rührigen Eaufleute sprechen viel- 
mehr das Griechische ausgezeichnet und sehr oft auTserdem noch eine 
slavische Sprache. Die Reichen und Gebildeten betrachten sich 
in ihrer Mehrheit bis heute mit Vorliebe als „Hellenen", und 
dazu hat die hellenistische Propaganda nicht wenig beigetragen. 
Das nationale Bewufstsein ist nur bei einigen wenigen entwickelt, 
und dieses Bewufstsein kann nicht begrenzt aromtnisch, son- 
dern müfste rumänisch sein, und für die braven Leute ist das 
Rumänische doch eine mehr oder weniger fremde, nur in der Schule 
erlernte Sprache! Unter diesen Verhältnissen braucht man sich 
nicht zu wundern, wenn die Verteidiger der hellenistischen Ex- 
pansionsidee nur einige tausend Arominen kennen wollen. 

Auf einem anderen Gebiete, in der österreichischen Bukowina, 
machen die Ruthenen immer weitere Fortschritte in der Ent- 
nationalisierung ihrer rumänischen Dorftiachbam. Der ganze liörd- 



BeyöllcerüDgszastande. S8S 

liehe und östliche Teil des Landes^ besonders die Gegend zwischen 
dem Dnjestr und dem Pruth, ist zum gröfsten Teile als beinahe 
völlig verloren zu betrachten. Wenn der Bauer^ der noch immer den 
ehr^würdigen historischen Namen Täutul trägt, überhaupt rassisch 
spreeben kann^ wird er gewifs als Bathene in die statistischen 
Tabellen eingetragen. Bei vielen gemischten Ehen^ zwischen Bu- 
mSxien und Buthenen auf dem Lande^ zwischen Bumänen, Deutschen 
und den verschiedenen Slaven in den Städten, überwiegt der fremde 
Charakter, und die Statistik zieht gern ihre Schlüsse daraus ^). 

Ebenso haben sich viele rumänische Dörfer im ungarischen 
Mannaros zur ruthenischen Nationalität bekannt. Im szeklerischen 
Büdöstlichen Winkel Siebenbürgens finden sich ebenfalls zahlreiche 
Bauern, die ihrer Beligion nach Bumänen sind, da sie sich zur 
griechisch -orientalischen Earche halten und von dem rumänisch- 
nationalen Priester die Sakramente empfangen; sie tragen auch die 
unverkennbare rumänische Tracht, und rumänische Gebräuche be- 
berrschen völlig ihr gesellschaftliches Leben; den rumänischen 
Aberglauben, die rumänischen Weisen und Tänze haben sie bei- 
behalten; nur rumänisch sprechen die armen, guten Leute nicht, 
selbst dann nicht, wenn sie mit einem ausgesprochenen Stolze — 
wie bei allen ihren Stammesgenossen — die Worte aussprechen: 
„Ich bin ein Bumäne!^' Wohl können sie in einigen Jahren in 
der Dorfschule auch diese ihre Sprache wiedererlemen, damit sie 
die Predigt ihres geliebten Seelsorgers endlich verstehen, aber bis 
dahin sind sie für die Statistik und die Staatsethnographie des 
Königreiches Ungarn Magyaren *). 

Umgekehrt leben in der Moldau : in dem Tale des Slänic, an 
mehreren Punkten des Gebietes zwischen dem Gebirge und dem 
Sereth, sowie auch in einigen Dörfern jenseits dieses Flusses (so 
z. B. in zwei Dörfern des Bezirks TecucI und in der Vorstadt 
von Hu^I, in den sogenannten Comi) Magyaren, die im 13. Jahr- 
hundert unter dem Schutze des ungarischen Staates von den 
Earpathen herabgestiegen sind. Die Kolonisation der Fürsten 
und Bojaren hat femer auch dazu geführt, dafs recht grofse magy- 
arische Dörfer mitten im Bezirke Boman entstanden sind. Jetzt 

1) S. auch Butenisarea Bucovinel de un Bucovinean (Bukarest 1904). 

2) Vgl. auch Augustin Paul, Intre Some? 9i Prut (Bukarest 1905). 



884 1. Kapitd. 

tragen diese Bauern die ramäniache Volkstracht und zwar & 
älteste, originellste und schönste; beinahe alle kennen die mml- 
nische Sprache, mancher sogar besser als seinen eigenen csdn- 
goischen; szeklerischen oder magyarischen Dialekt. Sie bekennen 
sich auch als Rumänen, aber fugen hinzu ,, katholischen Glaubens''^ 
gehören der römisch-katholischen Kirche an und schliefsen keine 
Ehen mit den griechisch-orientalischen Rumänen, die sie als Heiden 
betrachten, während sie bei diesen selbst als „schmutzige Lateiner^ 
verschrieen sind. Die gutmütige rumänische Statistik betrachtet 
diese interessanten, auf rumänischem Boden ansässigen „Fremden^ 
als „Ungarn'*, und so werden sie auch von alters her genannt 

Trotz ihrer imausbleibUchen Mängel gibt die russische Sta- 
tistik die Anzahl der bessarabischen „ Moldauer '^ — sie nennen 
sich selbst, gerade wie die Rumänen der Bukowina es zu tun 
pflegen, nie anders, und der Name „Rumänen'^ wird von den rus- 
sischen Beamten nur den fremdländischen Rumänen beigelegt — 
ziemlich richtig an : natürlich werden nur diejenigen Bauern so be- 
zeichnet, die nur sehr wenig Russisch können oder sogar dessen 
vollständig unkundig sind. 

Nach diesen notwendigen Vorbemerkungen können wir — i 
unter Weglassung der Arominen — berechnen, dafs die Rumänen ] 
ein Volk von etwa zehn Millionen darstellen. Der Staat Rumänien 
beherbergt sechs Millionen davon, Siebenbürgen und das übrige 
Ungarn beinahe drei Millionen (nach der offiziellen Berechnung 
vom Jahre 1900: 2 799 479), die Bukowina über 200000 (Sta- 
tistik von 1890: 208300 neben 268000 Ruthenen, die mithin ^ 
die Majorität der bäuerlichen Bevölkerung bilden sollen), das 
russische Bessarabien (nach den offiziellen Angaben des Jahres 
1890/91) über 1000000 (1089 995). Eine bedeutende rumä- 
nische Bevölkerung, die etwa auf 200000 Seelen zu schätzen 
ist, lebt auch auf dem rechten Donauufer und besitzt bulgarische 
bzw. serbische Staatsangehörigkeit. Spärliche rumänische Inseln 
finden sich auch jenseits des Dnjestrs, auf dessen linkem Ufer, in 
Dörfern und Marktflecken (wie in Mohiläü, russ. Mogilew, und in 
Dubasarl) und bis in den Bezirk Cherson hinein, ja sogar in den 
Ansiedelungsdörfem des Kaukasus. In Galizien sind rumänische 
Kolonisten, die dort einst die „walachischen Dörfer" bildeten, längst 



y 



L 



Bevolkerungszustände. t8S 

verschwanden ^). Aus der rumänischen Vergangenheit einiger Orte 
im mährischen Gebirge sind nur Namen wie Walachisch-Meseritz 
usw.^ Gebräuche und vereinzelte Worte übrig geblieben ; die rumä- 
nische oder besser ^yrumerische^^ Sprachinsel in Istrien geht ihrem 
vollständigen Untergange entgegen und bildet jetzt nur eine ethno- 
graphische Kuriosität, und dasselbe gilt von den Resten der^^Wlachen'^ 
(arominischer Färbung) in den dalmatinischen und bosnischen Alpen. 
Auf beiden Ufern der Donau , in den Karpathen und im 
Hämus zwischen dem Schwarzen Meere, Pannonien und dem 
Adriatischen Meere hat sich das rumänische Volk ethnographisch 
gebildet. Die Thrako-Daken und — besonders für die Aromtnen — 
die Illyrier und Dalmaten sind als Basis zu betrachten: von ihnen 
rührt das meiste rumänische Blut her. Die römische Kolonisation, 
die im besonderen auch solche osteuropäische und sogar asiatische 
Elemente in das Land brachte, hat die Bevölkerung keineswegs 
römisch gemacht, obgleich sie ihr die Sprache aufgedrungen und 
aufgezwungen hat. Die Slaven haben in jeder Hinsicht viel 
weniger beigetragen, als man gewöhnUch annimmt. 

Die Balkanhalbinsel ist später den Slaven anheimgefallen; 
von ihnen wurden die Romanen in dem thessalischen Gebirgs- 
kessel eingeschlossen und gelangten von dort aus mit ihren Herden 
in den Pindus und gelegentlich auch in den Hämus. Die 
Donauebene dagegen blieb für die Streifzüge, Kriege und Siede- 
lungsänderungen der Barbaren frei. Das verjagte romanische 
Element suchte einen besser geschützten Aufenthalt als die un- 
durchdringlichen Wälder dieser Ebene: im Gebirge lebten sie als 
Hirten, und einige Gruppen gingen sogar bis hoch nach Galizien 
hinauf. Nachdem die Tatarenherrschaft verschwunden war, breiteten 
sich die Rumänen nach allen Richtungen hin unter ihren Wojwoden 
aus, die bald richtige Staatsoberhäupter wurden; die russischen 
Eindringlinge am Pruth und Dnjestr dagegen verloren sich all- 
mählich in dem mächtigen Strome der neuen Kolonisation. Von 
den Fremden blieb jenseits der ELarpathen nur die ungarische Insel 
übrig, während auf dem ungarischen Plateau des siebenbürgischen 
Landes die Städte den Sachsen gehörten und die Grenzwacht von 

1) 8. HasdeU, Archiva istoricä, m. Im allgemeinen ist hinsichtlich der 
Bestandteile des rumänischen Volkes, Bd. I, S. 86 fr. za vergleichen. 

JoTg&t Geichi«lite der Bam&nen. II. 25 



88<l 1 Kapitel. 

denSzeklem gehalten wurde; nur hier und da bereicherten ungarisd» 
Ansiedelungen die ethnographische Mannigfaltigkeit des Landes. 

In diesem Zustande befanden sich die Bevölkerungsverhäli- 
nisse im grofsen ,, rumänischen Lande '^ gegen das Jahr 1350. 

In späterer Zeit kamen Sachsen^ Ungarn, Deutsche aus (h- 
lizieU; Armenier und schliefslich Juden in die rumänischen Städte 
der beiden Fürstentümer. In der Donauebene nisteten sich hier 
und da Türken ein, Südbessarabien wurde yon den Tataren be- 
setzt. Von den Zügen Mirceas in 14. Jahrhundert an bis herab 
zur grofsen bulgarischen Auswanderung von 1830, während 
Mustafa- Pascha von Skodra grausam im Lande herrschte, kamen 
Bulgaren gruppenweise auf das linke Donauufer, aber nur die 
letzten Ankömmlinge haben noch die Kennzeichen ihrer Nationali- 
tät behalten ; in der Nähe von Bukarest, in Dude^tl-Cioplea leben 
auch katholische Bulgaren, die erst in jüngerer Zeit eingewandert 
sind. In viel geringerer Zahl sind Serben zu uns gekommen, 
und zwar nur in das Oltland. Neue, von Bojaren in der Zeit des 
ausgedehnten Ackerbaues gegründete Dörfer haben der Moldau auch 
eine ruthenische, ja sogar eine russisch -bessarabische Bevölkerung 
in den Bezirken Dorohoiü, Botof an! und Suceava zugeführt. End- 
lich und besonders nach dem Jahre 1774 kamen unaufhörlich 
fremde, namentlich deutsche Handwerker nach Rumänien, und 
deutsche Kaufleute gesellten sich ihnen nach den fünfziger Jahren 
des 19. Jahrhunderts zu. 

Eine genaue Statistik der Bulgaren in der Donauebene, be- 
sonders in den Bezirken Ilfov, Vla^ca und Teleorman, weniger im 
Bezirke Dolj, ist beinahe unmöglich, da ihre Romanisierung tag- 
lieh fortschreitet und viele Elemente sich in der Übergangsperiode 
befinden. Allzu grofs ist ihre Zahl sicher nicht, und nirgends 
bilden sie kompakte Massen ; die meisten von ihren Dörfern haben 
sogar eine gemischte Bevölkerung. Die russischen, d. h. ruthenischen 
Dörfer sind kaum erwähnungswert: in fünfzig Jahren werden sich 
nur noch die Familiennamen und die Gesichtszüge der Fremden 
erhalten haben. Die Ungarn, die gutgebaute katholische Kirchen 
besitzen und von eifrigen katholischen Priestern, meistens Franzis- 
kanern italienischen Ursprungs bzw. seit einiger Zeit auch ein- 
heimischen — denn drei Seminare, in Bukarest, Jassy und Häläucef tl 



\ 



1 



Bevölkerungszustände. S87 

(Bezirk Roman), dienen ihrer Ausbildung — geistlich versorgt werden, 
können auf eine längere Erhaltung ihrer Nationalität rechnen, aber 
trotz aUer Anstrengungen des magyarischen Patriotismus in Ungarn 
ist eine Wiedererweckung des nationalen Bewufstseins bei ihnen ganz 
unmöglich, selbst wenn der rumänische Staat, wie er es bisher getan 
hat, der ihm feindlichen Propaganda auch femer keinen Einhalt 
gebietet. Der Versuch, einige Gruppen der Csangö nach Ungarn 
hinüberzulocken und dort anzusiedeln, ist voUständig mifslungen '). 

Die ursprüngliche fremde Bevölkerung der Städte ist all- 
mählich in der rumänischen aufgegangen; Cimpulung z. B. ist 
schon seit dem 18- Jahrhundert eine rein rumänische Stadt. Nur 
in denjenigen Städten, die nach dem Vertrage von Adrianopel 
(1829) auf den Trümmern der ehemaligen türkischen Festungen 
erbaut wurden und damals auf die sofortige Besetzung mit Bürgern 
warteten, nur in Bräila, Giurgiu, Turnu-Mägurele und Tumu- 
Severin hat sich die fremde Bürgerschaft bulgarischer oder 
griechischer Herkunft etwas besser gegen die Romanisierung ver- 
teidigt, die jedoch trotzdem rasch fortschreitet. 

Aber die Juden bilden die grofse Mehrheit in allen nord- 
moldauischen Städten, in Dorohol, Boto^anl, Jassy und Folticenl; 
in letzterer Stadt machen sie drei Viertel der Gesamtbevölkerung 
aus. Die Marktflecken dieser Gegend, wie Sävenl, DarabanI, 
Hirläü, ^tefäne^tl, Tirgu-Frumos, Podu-Iloail sind sogar aus- 
schliefslich mit Juden bevölkert, wobei zu bemerken ist, dafs viele 
einstige einfache Dörfer durch Privilegien aus den dreifsiger 
und vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu tirgurl mit 
Buden und Jahrmärkten erhoben worden sind. Auch in den 
Städten war in der vorjüdischen Zeit die Bevölkerung recht 
gering, und diese Tatsache ist zu beachten, da sie die allzu pessi- 
mistischen UrteUe, die rumänischerseits oft geMt werden, einiger- 
malsen mildert. 

Die Städte der südlichen Moldau besitzen sämtlich eine mehr 
oder weniger zahlreiche jüdische Gemeinde. In der Walachei da- 
gegen — mit Ausnahme von Bukarest — sind die Juden nur 
spärlich vertreten. Der XJberschufs der jüdischen Bevölkerung 

VgL jetzt Badu Bosetti, Despre üngurl ^i episcopiüe catolice dia Mol- 
do?a (DenkBchriften der rumänischen Akademie; Bukarest 1905). 

25* 



S88 1. Kapitel. 

Rumäniens geht jetzt lieber ; obgleich viel weniger, als die aus- 
ländische Presse glaubt, nach Amerika. In den Dörfern wohnen 
die Juden nur ausnahmsweise, denn das ist ihnen gesetzlich ver- 
boten. Die Vermehrung der jüdischen Bevölkerung, die in besseren 
Verhältnissen lebt und altem Gebrauche gemäfs in jungen Jahren 
zur Ehe schreitet, ist viel stärker als die ihrer rumänischen Mit- 
bürger, aus denen überdies für die grofsen städtischen Zentren 
und das ganze Land die Beamten genommen werden. Im ganzen 
hat Kumänien gewifs über 300000 Juden; das ist ein ungeheurer 
Bruchteil bei einer gesamten Bevölkerung von wenig über sechs 
Millionen, die meistens in Dörfern zerstreut wohnt, arm und noch 
sehr wenig in modernem Sinne gebildet ist. Die Zahl 269 015, 
welche die Statistik von 1899 nennt, ist zu gering; denn es ist 
bekannt, dafs die Juden alle Mittel anwenden, um sich der sta- 
tistischen Au&ahme und ihrer Folge, der Besteuerung, zu entziehen. 
Nur sehr wenige von den rumänischen Juden sprechen die Staats- 
sprache, auch die, welche sie beherrschen, bedienen sich im 
Familienkreise des bekannten deutsch -jüdischen Jargons. 

Im Jahre 1878, durch den Berliner Frieden, erwarb Ru- 
mänien die Provinz Dobrudscha, die durch die untere Donau, das 
Schwarze Meer und eine vereinbarte Linie begrenzt wird, die von 
Ostrov an der Donau bis unterhalb Mangalia am Meere läuft. 
Ein geologisch merkwürdiges Land, das geographisch weder zu 
den Karpathen noch zum Balkan gehört, bildet es eine kleine 
geographische Kuriosität, in der man niedrige Hügel, Sümpfe und 
Teiche, ganz kleine Wälder, Flüfschen, die bald in der Hitze des 
Sommers austrocknen, und auch hier und da üppige, für den Acker- 
bau geeignete Fluren findet Die Bevölkerung der Dobrudscha 
war von jeher ebenso bunt, wie die Gestalt und BeschafiFenheit des 
Bodens. Die Bulgaren hatten zwar bis gegen 1400 das Land be- 
herrscht, aber nur teilweise die Bevölkerung gestellt, besonders 
weil die Wälder noch nicht gerodet und die Sümpfe noch nicht 
ausgetrocknet waren. Die nachherige türkische Herrschaft brachte 
türkische Ansiedler hierher. Spahien wurden zu Qrundherren in 
den wenigen vorhandenen Dörfern, und auf ihrem Grund und 
Boden entstanden auch einige Marktflecken, die gelegentlich die 
Bedeutung einer Stadt erlangt haben, wie Tulcea, Constan^- 



BeTölkerungszustände. S89 

Küstendsche; Babadag^ Megidie-Medschidie. Südbessarabien schickte 
zu allen Zeiten den ÜberfluTs seiner Bevölkerung auf das rechte Ufer 
der Donau nach der dünn bevölkerten Dobrudscha. Nach 1600 
kamen von dorther Tataren, und nach der russischen Elroberung, 
die zur Ansiedelung durch allerlei fremdes Gesindel führte; Bul- 
garen von Belgrad; Deutsche von den bessarabischen neuen 
Schwabendörfem und sogar Rumänen. Andrerseits erschienen 
Rumänen aus dem walachischen Fürstentümer Bauern des Bezirks 
Bräila; sowie Moldauer aus der Gala^r Gegend und besetzten den 
von der Donau bei der grofsen Biegung nach Osten gebildeten 
Zipfel; in dessen Mitte Mäcin liegt. Ackerbauer aus dem Bezirke 
lalomi^ siedelten sich im südlichen Teile der Provinz aU; im 
Sandschak (Bezirk) Küstendschc; in Cernavoda und Umgegend; 
wo sie schon gegen 1600 anzutreffen sind. 

Als die rumänische Verwaltung in der Dobrudscha einzog; 
fand sie nur an zwei Stellen kompakte Volksmassen : bessarabische 
Bulgaren — die erste Gruppe — safsen im Norden in der grofsen 
als Donauhafen wichtigen Fischerstadt Tultscha und rund umher als 
Bauern: im ganzen über 6300; in dem fruchtbaren Tale von Bada- 
bag; das zu demselben Sandschak gehörte; bildete eine Masse von 
über 13 000 Bulgaren — die zweite Gruppe — die überwiegende 
Mehrheit der Bewohner; die Türken waren meist im südUchen 
Teile des Landes angesiedelt. Russen; Lipowaner (d. h. An- 
hänger des alteU; russischen Glaubens; starowiertzi); Grie- 
chen; besonders in KüstendschC; Armenier; Gägäu^I, eine Misch- 
bevölkerung von geringer körperUcher und geistiger Leistungs- 
fähigkeit; machten den Rest der fremden Bevölkerung aus. Den 
schon vorhandenen Rumänen strömten immer mehr Volksgenossen 
ZU; da die Ansiedelung von rumänischen Bauern begünstigt und 
sogar der Versuch gemacht wurde; die Veteranen aus dem tür- 
kischen Kriege auf dem von ihnen eroberten Boden anzusiedeln; 
auch die Beamtenklasse hat der Dobrudscha neue rumänische Be- 
wohner zugeführt. Die Türken verliefsen langsam; wenngleich nur 
in der ersten Zeit; den der Giaurenherrschaft verfallenen Boden. Die 
Bulgaren hielten dagegen zähe an ihrem Besitz fest; und die grie- 
chische Bürgerschaft der Städte^ besonders der mächtig aufblühenden 
Stadt Küstendsche (Constan^); ist keineswegs dem Unteigang ge- 



S90 1. Kapitel. 

weiht. Trotzdem bilden aber heute die Rumänen auch zahlenmäfsig 
die erste Nation in der ihnen unterworfenen Dobrudscha ^). 

Die Ausbreitungskraft der Rumänen, eine charakteristische 
Eigenschaft ihrer Vergangenheit, hat sich bis auf unsere Tage er- 
balten. Innerhalb des Königreichs Rumänien befindet sich lediglich 
die Bevölkerung der moldauischen Städte im Rückstande gegenüber 
den Juden. Die Bauern der Ebene gehen jetzt nicht mehr nach 
Bulgarien und Serbien, wie in den „fanariotischen^' Zeiten 
finanzieller Ausbeutung, aber in Silistrien, Turtucaia (Tutrakan) 
und Umgebung, in dem bulgarischen Bezirke Widdin — die Ru- 
mänen nennen diese Stadt Diiü — und im serbischen Tale des 
Timok behalten die einst dorthin übergesiedelten Elemente alles, 
was sie als Rumänen erkenntlich macht. In Sprache, Tracht, 
Aussehen und Gebräuchen sind sie rumänisch, und zu den Ver- 
wandten auf dem alten heimatlichen Boden werden Beziehungen 
unterhalten; in Widdin hat der Verfasser prächtige Oltenl ge- 
sehen^ die sich, obwohl sie die bulgarische Volksschule besucht 
und unter den bulgarischen Fahnen gedient hatten, durch nichts 
von den Oltenl des gegenüberliegenden Calafat unterscheiden ^). 

Aufserhalb der rumänischen Staatsgrenzen sind nur in der 
Bukowina den Rumänen die Verhältnisse nicht günstig. Die 
„Ruthenisierung" des Landes hat die österreichische Verwaltung 
unaufhörlich und öffentlich begünstigt, um damit ein Gegengewicht 
zu den galizischen Polen zu schaffen. Dazu kommt noch, dafs 
der rumänische Bauer glaubt, die russische Sprache, die derjenigen 
der kirchlichen Bücher ähnelt, sei eine edlere, und wer sie spreche, 
der sei der göttlichen Gnade sicherer, da Gott seine slavische 
Sprache am ehesten verstände. Der Ruthene will nicht Rumänisch 
lernen, und selbst wenn er es wollte, würde es ihm bei seiner schwer- 
falligen Natur nur unvollständig und sehr langsam gelingen, sich die 
fremde Sprache anzueignen. Endlich ist die Entnationalisierung 
noch durch einen Umstand begünstigt worden : die besseren Kreise 



1) Vgl. besonders die zwei Jahresberichte des Präfekten von Tulcea Luca 
lonescu (Judetal Tulcea; Bukarest 1903, 1904). Einen Jahresbericht für den 
Bezirk Constan^a hat 1903 der Präfekt Scarlat Yirnav veröffentlicht. 

2) S. auch den Aufsatz Weigands im VII. „Jahresberichte des Instituts 
für rumänische Sprache zu Leipzig". 



BeTÖlkeraDgszastände. S91 

tler Humanen^ die in deutschen Schulen gebildet, an die Lektüre 
deutscher Bücher gewöhnt sind und sich im gesellschaftlichen Ver- 
kehre der deutschen Sprache bedienen, auch teilweise mit deutschen 
Adelsprädikaten schon seit der Annexion geehrt worden sind, haben 
die Fühlung mit dem Volke beinahe vollständig verloren und 
können sie nur schwer wiedergewinnen. Den Priestern und Volks- 
«chullehrern, die beide Volkssprachen des Landes erlernen müssen, 
da sie ihren künftigen Wirkungskreis von vornherein nicht kennen, 
mangelt im allgemeinen die Begeisterung für höhere Ideale und 
d.er Mut, der dazu gehört, um sie zu vertreten. Dann ist noch 
zu bemerken, dafs sich die nationale Organisation auf diesem für 
das Rumänentum jetzt ebenso unglücklichen, wie ehedem glorreichen 
JBoden in vollständigem Niedergange befindet und ihren Platz einer 
xiichtnationalen Partei abgetreten hat, die wirtschaftliche Reformen 
agrarischen Charakters erstrebt. 

Infolge des Eindringens der Juden und der jüdischen Aus- 
wucherung geht die bäuerliche Bevölkerung des Marmaros einem 
sichtlichen Verfalle entgegen. Die Rumänen teilen dort dieses Los 
mit den Ruthenen. In Marmarosszigeth erhebt sich der Turm einer 
schönen rumänischen Kirche, an der ein bischöflicher Vikar tätig 
ist, neben den zahlreichen Häusern der neuerdings eingewanderten 
jüdischen Bürger galizischen Ursprungs. Alle Städte und Markt- 
flecken sind von ihnen überschwemmt, und drückende Lasten 
haben überall die Schultern der ruinierten Bauern zu tragen. In 
der Gesellschaft des Elendes aber verlernt der rumänische Bauer 
«eine Sprache, um hier und da als Ruthene oder als Magyare zu 
-erscheinen. Leider sind auch die fuhrenden Schichten, die Gründ- 
end Fabrikbesitzer, die Priester und Schulmeister, jeder Anstrengung 
im nationalen Sinne abhold, und vielleicht nirgends macht die 
Magyarisierung , die ungarische „Staatsidee", mit weniger Mühen 
gröfsere Fortschritte als hier. 

Im Norden, in Marmaros, in der Bukowina, ja auch der Mol- 
dau ist die Erhaltung und numerische Entwickelung des Rumänen- 
tums schwieriger, als überall anders. Das russische Bessarabien 
dagegen bietet in dieser Hinsicht ein nicht allzu trauriges Bild: 
die „Moldauer*' haben ihre Stellung beibehalten, die meisten Dörfer 
gehören ihnen ausschliefslich. Russisch lernen sie kaum oder gar 



S92 1. Kapitel. 

nicht; Schale and Militärdienst trägt nicht viel dazu bei. Die Priester 
sind in einigen Dörfern ihrer moldauischen Nationalität treu, ohne 
übrigenß an eine Vereinigung mit dem poUtisch selbständigen Teüe 
der Nation zu denken. Die Juden beherrschen nur die Marktflecken 
und Städte; der Aufenthalt in den Dörfern ist ihnen verboten. 
Wenn im Süden die Bevölkerung ebenso bunt ist wie in der Do- 
brudscha, so hat dies seinen Grund darin ^ dafs die fremden An- 
siedler zumeist eine Einöde vorfanden , da die Tataren zur Aus^ 
Wanderung in die Krim gezwungen worden waren. Nur im west- 
Hchen TeUe des Hotiner Kreises ist die Ruthenisierung infolge der 
Einwanderung aus der Bukowina fortgeschritten^ und rumänisch ge- 
kleidete Bauern sprechen dort kein Wort rumänisch. Auch in den 
oberen Schichten der Bevölkerung^ bei Grundbesitzern, Kaufleuten 
und Studenten ist hier seit einiger Zeit etwas wie eine nationale 
Regung zu spüren. 

Die Verhältnisse in Siebenbürgen sind in noch höherem Mafse 
als erfreulich zu betrachten. Nirgends hat der rumänische Bauer seine 
ererbte Stellung verloren ; den väterlichen Boden behält er überall. 
Er gewinnt sogar täglich an Zahl und Besitz, und die zahlreichen 
neugegründeten Volksbanken sind dazu recht nützlich. Die 
sächsische Nationalität ist an manchen Orten ernst bedroht , und 
die IdeC; inmitten der kompakten rumänischen Bauernmassen ma- 
gyarische Dörfer zu gründen^ den zum Kaufe angebotenen Boden 
für magyarische Ansiedler zu erwerben^ das hat sich als un- 
praktisch erwiesen. Die Ansiedler magyarischer Sprache werden 
vielmehr sehr rasch zu echten Rumänen und sind ganz unfähig, 
den mühelos erworbenen Besitz zu erweitern, oder in manchen 
Fällen selbst zu behalten. Der rumänische Zuflufs wird auch in 
den Städten immer bedeutender: die hölzernen Elirchen werden in 
soUde neue Gebäude umgewandelt (wie in Bistritz), neue Klassen 
müssen den schon vorhandenen städtischen rumänischen Volks- 
schulen angefügt werden (wie in Kronstadt). In Mühlbach (Sas- 
Sebe^) ist das Rumänische die mit dem Deutschen gleichberechtigte 
kommunale Verwaltungssprache; in Deva, in Torda, spielt gegen- 
wärtig der rumänische Priester, der rumänische Bankdirektor, der 
rumänische Advokat eine grofse Rolle, und die gelegentUchen Van- 
dalismen des magyarischen Pöbels finden ihre Erklärung in der 



Bevölkerani^zastände. S98 

Furcht vor der Zukunft. In dem fanatisch magyarischen Eolozsvär 
(ELlausenburg) gewinnt die rumänische Kolonie, die seit kurzer Zeit 
auch eine Zeitung ^^Räva^ul*' hat, immer mehr an Bedeutung; die 
Umgebung ist allerdings echt rumänisch, und auf dem Marktplatze 
mufs die patriotische magyarische Hausfrau wohl oder übel „wa- 
lachisch'^ radebrechen. In Hermannstadt werden bald die schönsten 
Zierden der Stadt die rumänische nichtunierte Metropolitankirche 
und das rumänische Nationalhaus mit dem ethnographisch-historischen 
Museum sein. 

Aufserhalb der alten Grenzen Siebenbürgens, die jetzt keinerlei 
BtaatUche Bedeutung mehr haben, in der Ebene der Theifs, die 
von ihren Nebenflüssen Crii^, Mure$ und Timi^ (Koros, Marcs 
und Tömös) durchzogen ist, sind die Rumänen beinahe überall 
im Vordringen. Der Mangel jener speziellen Gesetze, welche 
die Rumänen Siebenbürgens bedrücken oder hemmen, trägt viel 
dazu bei. Das zumeist jüdische Grofswardein (Nagy -Värad, 
Oradea- Mare), das auf den Trümmern der alten berühmten 
siebenbürgisch- fürstlichen und deutsch -kaiserUchen Festung steht^ 
ist der Mittelpunkt des reichsten rumänischen Bistums unierten 
Ritus, und die bischöflichen Gebäude erheben sich stolz mitten 
auf dem Hauptplatze. Ebendort sieht man das Firmenschild einer 
bedeutenden rumänischen Bank, und die „Familia'^ — eine in 
Ungarn sehr verbreitete Zeitschrift — erscheint in dieser grofsen 
fremden Stadt. Der nichtunierte Bischof von Arad hat einen 
Vikar in Grofswardein. 

Auf beiden Ufern des Marcs breiten sich die Rumänen mehr 
aus, als in den nördlichen Teilen. Auf dem Boden des Banates^ wa 
die Rumänen seit langem der Privilegien, die den serbischen An- 
siedlern verliehen wurden, teilhaftig sind, vermehrt sich rasch und 
sicher nicht nur die Volkszahl der Rumänen, sondern auch der 
rumänische Landbesitz. Eine rumänische Stadtbevölkerung bildet 
sich in Arad, Lugo^ und Caransebe^, und alle drei Städte sind Resi- 
denzen rumänischer Bischöfe. Bei den Wahlen der Eomitatsräte 
und der Reichsratsabgeordneten hatten die Rumänen in den letzten 
Zeiten viele und bedeutende Siege zu verzeichnen. 

Hinsichtlich des romanischen Elements in Makedonien sind 
alle Prophezeiungen verfrüht. Von Bukarest aus sind seit mehr 



S94 2. Kapitel. 

als zehn Jahren grofse Anstrengungen gemacht worden, um dn 
rumänisches NationalbewuTstsein zu erwecken , und hier and da 
haben sie auch Früchte getragen. Schüler von dort kommen zu 
den rumänischen Volksschulen und höheren UnterrichtsanstalteDy 
aber bisher nur in sehr ungenügender AnzaU, wenn man das mit 
grofsen Opfern zusammengebrachte makedonische Budget des ru- 
mänischen Unterrichtsministeriums in Betracht zieht. Zu einer 
Organisation der arominischen Eirche, die nur einige Priester hat, 
ist man noch nicht gekommen. Die reichen Leute zeigen sich 
noch sehr zurückhaltend. Eine ernste Bewegung im Volke, die 
etwa durch Bildung von ,,Epitropien^' (Aufsichtskommissionen) fiir 
Kirche und Schule zum Ausdruck gekommen wäre, ist nicht vor- 
handen. Und die Lösung der makedonischen Frage zugunsten 
anderer Nationalitäten scheint doch sehr nahe bevorzustehen ^). 



2. Kapitel. 

Das wirtschaftliche Leben der Rumänen in der 

Gegenwart. 

In älteren Zeiten konnte man unter den Rumänen nur Acker- 
l)auer und Hirten unterscheiden^ und die Zahl der Ackerbauer 
übertraf selbstverständUch bei weitem diejenige der Hirten. Die 
nationale Beschäftigung des rumänischen Volkes ist jederzeit vor 
allem anderen der Ackerbau gewesen. 

Das Hirtenleben ist überall im Rückgange begriffen, denn 
die grofsen Herdenbesitzer und Viehzüchter in Siebenbürgen, be- 
sonders in den südlichen Gebieten von Kronstadt und Hermann- 
fitadt, die einst viele Hirten beschäftigten, die BirsanI aus dem 
Burzenlande und die Sibienl oder ^utuienl aus der Umgebung von 
Hermannstadt, sind beinahe ganz verschwunden. Es werden jetzt 
nicht mehr wie ehedem viele Tausende von Schafen der besten Art, 
birsane, ins Land jenseits der Karpathen getrieben, um sich 
das dort üppige, fette Gras, bis in die Dobrudscha, ja bis nach 
Bessarabien hinein, zu suchen. Jetzt sind die Arbeitgeber der 

1) Vgl. auch die erst jüngst erschienene Broschüre von N. Papahagi, 
Les Roumains de Macedoine (Bukarest 1905). 



Das wirtschaftliche Leben der Bamänen in der Gegenwart. 395 

Hirten nur reichere Bauern^ und ihr Reichtum an Schafen ist ver- 
hältnismäfsig gering: nicht einmal 90000 Schafe werden gegen- 
wärtig nach Rumänien zur Weide getrieben. Was früher den Gegen- 
stand langer und ernster diplomatischer Verhandlungen bildete und 
spezielle Verträge zwischen Osterreich und den Donaufiirstentümern 
veranlagte — die Behandlung der ^^Siebenbürger Hirten" — , wird 
jetzt in einem einzigen Paragraphen des Zolltarifs abgemacht '). 

Auch im Königreiche Rumänien hat die Schaf- und Viehzucht 
überhaupt sehr abgenommen. Der frühere grofse Schafexport nach 
der türkischen Hauptstadt hat seit langem aufgehört^ und die 
Handelsbeziehungen zu der Türkei sind seit 1878 überhaupt von 
einer recht untergeordneten Bedeutung *). Die Verarbeitung der 
Wolle in jedem Bojarenhause mit Hilfe vieler Zigeunersklavinnen 
gehört der Vergangenheit an; die Wollenstoffe und Wollenkleider 
werden vielmehr jetzt gebrauchsfertig aus dem Abendlande ein- 
geführt. Nur bei den Bauern ist Schafkäse und Maispolenta 
— brinzä ^i mämäligä — , ein tägliches Bedürfnis^ die nationale 
Speise. Aber trotzdem verzeichnet die letzte Statistik (1903) nicht 
weniger als 5 600000 Schafe. 

Schon im 14. Jahrhundert fährte das Oltland Schweine herden- 
weise nach Siebenbürgen aus^ und wenig später ging der mol- 
dauische Exporthandel mit grofsen, fetten Ochsen bis Danzig^ von 
wo sie später sogar zu Schiffe Dach England verfrachtet wurden. 
Die neuere Zeit hat aber auch auf diesem Gebiete der nationalen 
Wirtschaft bedeutende Veränderungen gebracht. Die riesigen 
Eichenwälder^ die den Schweinen ihre beste Nahrung in reicher 
Fülle gewährten, sind durch die Rodungen des 16. und 17. Jahr- 
hunderts verschwunden. Der seitdem betriebene ausgedehnte Acker- 
bau hat die Weideplätze in der Moldau, die einst den gröfsten 

1) Colescu, Statistica animalelor domestice din Bominia (Bukarest 1903), 
S. Lxiy. 

2) Schon nach 1870 ist der Wert der Ausfuhr nach der Türkei von rund 
bl Millionen auf rund 36 Millionen gesunken (s. da« unten zitierte Werk von 
Bäicoianu, I^ S. 67). Im Jahre 1885 (nach der Bildung eines freien Bulgariens) 
betrug sie sogar nur 11 Millionen (ebenda, S. 188). Besonders wird Weizen- 
mehl und Holz nach der Türkei ausgeführt (ebenda, S. 196—197). Vgl. von 
demselben, Bela^iunile noastre comerciale cu Turcia de la 1874 la 1902 (Bu- 
karest 1902). 



IM 2. Kapitel. 

Teil des fruchtbaren Landes ausmachten, für sich in Anspmck 
genommen. Der Bauer ist durch sein Lebensinteresse als Grand- 
besitzer oder als Lohnarbeiter des Grofsgrundbesitzers an den 
Ackerbau gebunden , und er hält nur so viel Vieh, wie er zur 
Feldarbeit unbedingt nötig hat ^). Aufserdem hat man vergessen^ 
dem Bauern bei der Befreiung (tmproprietärire) neben dem 
Acker auch Weideflachen zuzuweisen, und deren Pacht, die t&r die- 
Nutzung zu entrichtende Taxe, kostet viel. Andrerseits ist der 
Export nach dem Auslande mannigfach beschränkt und yerspricht 
wenig Gewinn, seitdem die Nachbarstaaten Serbien und Balgarien 
mit ihrer besseren Viehzucht Konkurrenten geworden sind and 
das agrarische Ungarn mit veterinärpolizeilichen Kniffen die Aas* 
fuhr hindert'). Rufsland, das östliche Nachbarland, hat Vieb 
genug, so dafs es nur sehr wenig zu importieren braucht, and zu 
einer spärlichen Ausfuhr nach Bessarabien und in die benach^ 
harten russischen Bezirke ist der ehemalige grofsartige Handel der 
Moldau mit fetten Ochsen zusammengeschrumpft Zum Glück für 
die Viehzüchter ist der Fleischverbrauch in den sich noch immer 
rasch vergröfsernden Städten sehr bedeutend, und sogar in der 
Ernährung des Bauern spielt es eine immer gröfsere Rolle, obwohl 
dieser noch immer Schweinefleisch und Geflügel bevorzugt, während 
ihm das Fleisch des Rindes „unrein'^ erscheint. 

Die Bienenzucht war noch im 18. Jahrhundert eine Quelle 
des Reichtums. Seit alter Zeit war der rumänische Honig and 
das rumänische Wachs in Konstantinopel und sogar in Venedig 
bekannt und hoch geschätzt. Jeder Grundbesitzer hatte seinen 
Bienenstand, dem er eine besondere Aufmerksamkeit und Fürsorge 

1) Seit 1860 ist die Anzahl der Ochsen um 6,8 Prozent zurackgegangeD 
(L. Colescu, Statistiea animalelor domestice in Bomfnia, Bukarest 1903,. 
S. xvni — xix), aher für die Moldau allein hat sich die Summe erhöht Vgl. 
N. Filip, Les animaux domestiques de la Boumanie (Bukarest 1900) und 
G. Maior, Manual de agricultura ra^ionalä, 11 (Bukarest-Kronstadt 1898),. 
S. 583 ff. 

2) Vgl. C. I. Bäicoianu, paginä diu istoria rela^iunilor noastre oo- 
merciale cu Austro-Üngaria (Bukarest 1902); derselbe, Problema conyentiunilor 
Veterinäre ^i comer^ul nostru de vite, de la 1860 pinä in present (Bukarest 
1903). Einen grofsen EinfliiCs auf die Verminderung der Viehausfuhr hat vaetk 
der Zollkrieg mit Österreich (1886) ausgeübt 



Das wirtschaftliche Leben der Bamanen in der Gegenwart. S97 

widmete. Die unaufhörliche Verminderung der Handelsbeziehungen 
zum Morgenlande und das Verschwinden der ausgedehnten Wiesen 
haben auch diesen Zweig der Volkswirtschaft heruntergebracht. 
£rst in den letzten Jahren hat die Initiative der Dorfschulmeister 
und Dorfpriester, die Anregungen des Unterrichtsministeriums 
folgten, wiederum eine Hebung der Bienenzucht herbeigeführt, und 
nicht selten sieht man heute Bienengärten, die mit den neuesten 
Amerikanischen Einrichtungen versehen sind. Die letzte Statistik 
zählte 300000 Bienenkörbe. 

Der Versuch, die Seidenzucht einzufuhren, wurde in den 
iun&iger Jahren durch den praktischen Sinn des regierenden wa- 
iaehischen Fürsten ^tirbel gemacht. Die Seidenkrisis in den sieb- 
ziger Jahren erweckte viele Hoffiiungen; damals ward die Seide 
sogar ein Ausfuhrartikel, aber bald ging alles zugrunde. Der Ge- 
danke, aus den faulen Mönchen Seideproduzenten zu machen, 
scheiterte an deren Unfähigkeit und entschiedenen Feindschaft und 
liefs sich nicht verwirklichen. 

Die Fischerei in Flüssen und Teichen regelte erst in den 
neunziger Jahren das Gesetz Antipa. Die Fischerei bildete zwar 
in früheren Jahrhunderten einen bedeutenden Erwerbszweig, aber 
lieferte kein Material zur Ausfuhr. Die Fischerei in der Donau 
ernährt auch heute nur die Bewohner einiger Uferdörfer; am ertrag- 
reichsten ist sie in den Gegenden, wo der grofse Flufs, in mehrere 
Arme geteilt, sich in unendlichen Kanälen und Teichen verliert; das 
ist zwischen Cälära^I und Piua Petrel der Fall, dann unterhalb Bräila 
und in der Nähe von Gala^I, wo der See Brate^ als ein Erzeugnis 
der Donau betrachtet werden mufs. Das sehr fischreiche Delta 
und die grofsen Wasserflächen der Dobrudscha sind Staatseigentum 
und werden vom Staate selbst ausgenutzt; dabei werden auch Ru- 
mänen, aber zum gröfsten Teile Lipowaner und Russen verwendet, 
die in einigen undurchdringlichen, von Schilf bedeckten Teilen des 
Deltas in beinahe anarchischer Verfassung leben. Der Ertrag 
dieser Fischerei bildet heute einen bedeutenden Ausfuhrartikel und 
bringt dem Schatze einen Gewinn von 2 Millionen jährlich ^); 



1) Antipa, Exploatarea in regio a peseariilor Statulul (Bukarest 1905), 
und besonders desselben Studil asupra peseariilor din Romänia (Bukarest 1895). 



398 2. Kapitel 

das wesentlichste Absatzgebiet ist Österreich-Ungarn. Aber eine 
Industrie hat sich bisher im Anschlufs an die ausgedehnte Tätig- 
keit der rumänischen Fischer nicht entwickelt; und wenn auch 
nicht der Kaviar, so wird doch der wegen der langen Fastenzeit 
der orthodoxen Kirche unentbehrliche gesalzene Fisch bis heute 
aus Bufsland eingeführt. 

Der Hof des Bauern wimmelt immer von Geflügel. Für den 
Hausbedarf verkauft er auf dem Markte der benachbarten Stadt 
Hühner und Eier, die ihm meist der Schankwirt, in der Moldau 
aber der jüdische Kleinhändler zu lächerlichen Preisen, oft auch 
gegen einige Schlucke Branntwein, abnimmt. In jüngster Zeit 
bilden auch sie einen Ausfuhrartikel, aber die geplante Ausfuhr 
von Fleisch nach Deutschland liefs sich nicht ausfuhren w^en 
der Umtriebe der ungarischen Interessenten, die ein mit gesundheits- 
polizeilichen Bücksichten begründetes Verbot seitens der Reichs- 
regierung erwirkten. 

Seitdem der Vertrag von Adrianopel den damals noch unter 
türkischer Oberhoheit stehenden Bumänen die freie Ausfuhr ihrer 
Produkte zugestand, ist der Bumäne vorwiegend Ackerbauer. 
Schon im Jahre 1862 waren von den damaligen 12150000 Hektar 
Landfläche 2 583 473 Hektar dem Ackerbau gewidmet, und im 
Jahre 1903 war diese Zahl auf 5195494 Hektar gestiegen*). 
Um 1870 nahm man an, dafs sich die Hälfte der gesamten Boden- 
fläche für den Ackerbau eigne *). Zu derselben Zeit betrug der 
Wert der Getreideausfuhr ungefähr 120 Millionen lel ') und bildete 



1) Vgl. Frunzescu, Dictionaru topograficu 91 statisticu (Bukarest 1872), 
S. n; Bäicoianu, Istoria politioel noastre vamale ^i comerciale, I^ (Bakarest 
1904), S. 40, 436; Freiherr von Brackel, Rumäniens Staatskredit in 
deutscher Beleuchtung (ein ausgezeichnetes kleines Buch, mit den sichersten 
statistischen Angahen, München 1902), S. 61. 

2) Frunzescu, a. a. 0., S. xx. 

3) Der silheme leü entspricht dem französischen Franc. Rumänien gehört 
jedoch nicht zur lateinischen Münzunion. Der leü besteht aus 100 bani (es 
gibt Münzen im Werte von 1, 2, 5, 10 banI aus Kupfer; die neue Nickelmünze 
hat 5-, 10- und 20- banI- Stücke und soll jetzt das Kupfer ganz verdrängen). Ans 
Silber gibt es kleine 50 - b an I- Stücke sowie ö-lel-Stücke. Die goldenen 
20-lel- Stücke sind selten. — Die Nationalbank erleichtert den Verkehr durch 
ihre blauen Scheine im Betrage von 20, 100 und 1000 lel. 



Das wirtschaftliche Leben der Bumänen in der Gregenwart. 89^ 

T7 Prozent der ganzen Ausfiihr, während der Wert des aus- 
geführten Viehes nur auf 15 Millionen geschätzt wurde und 
höchstens 9 Prozent der Gesamtausfuhr ausmachte. Die Wolle 
mit etwas mehr als 6 Millionen kommt noch hinzu ^). Für die 
I^eriode von 1879 — 1886 ist das Verhältnis, in dem Getreide und 
Vieh dem Werte nach an der Gesamtausfuhr beteiligt sind, 76 Pro- 
zent zu 6 Prozent 2), für die Periode 1886—1901 aber 83 Prozent 
und 4 Prozent*). 

Der Ackerbau in Rumänien wird seitens der Grofsgrund- 
Besitzer betrieben. Einige alte und dabei fleifsige, sparsame Fa- 
milien haben zahlreiche, riesige Güter in ihrem Besitz. So besitzt 
der jetzige Ministerpräsident G. Gr. Cantacuzino — und bei 
^weitem der gröfste Teil ist ihm als Erbe zugefallen — nicht 
iTV'eniger als 32 Güter und 12 Gebirge^ die ihm nach der gewöhn- 
lichen Berechnung ein jährliches Einkommen von 3 Millionen 
lel sichern und ihn zum reichsten Manne Bumäniens machen. 
Auch mancher moldauische Grundbesitzer verfugt über wahrhaft 
fürstliche Landgüter, und obgleich die Zeit vorüber ist, in der die 
Buze^tl dreihundert besafsen, so hat doch mancher drei oder vier 
sehr ausgedehnte Güter in seinen Händen. In den sechziger Jahren 
des 19. Jahrhunderts teilten sich — abgesehen von den sehr wenig 
grundbesitzenden Bauern — nur 7 100 Grundbesitzer, wobei jede 
Besitzung für sich gerechnet ist, in den gesamten Boden Bu- 
mäniens; aufserdem gehörten dem Staate 1493 Güter, die ehedem 
Besitz in- und ausländischer Erlöster ^) gewesen waren. 

Hinsichtlich des Ackerbaubetriebes sind die althergebrachten 
Gebräuche in der Moldau und Walachei verschieden. Der wa- 
lachische Bojare, der den Grund und Boden meistens samt den 
Bewohnern erworben hatte, liefs letztere auch femer unter ge- 
wissen Bedingungen den Boden bebauen. Einen gewissen Teil 
nur behielt er sich persönlich vor, errichtete darauf seine Wohnung, 
den „Hof*', curtea, und liefs in dessen unmittelbarer Umgebung 



1) Bäicoianu, S. 65—67. 

2) Ebenda, S. 192. Der Wert der Viehaußfohr nach 1880 (bis 1885) sinkt, 
und zwar Ton 22 Millionen auf 9 Millionen. 

3) Ebenda, S. 336—337. 

4) Frunzescu, a. a. 0., S. 



4M 2. Kapitel. 

die Feldarbeit durch seine Dienerschaft und sein freies Gesinde 
yerrichten. Das übrige blieb den einzelnen Familien der Ruminl 
überlassen; sie mufsten einen Teil des Ertrages an den Grundherrn 
abfuhren^ der im Herbste seinen „Zehnten^' (dijma) erheben lieis. 
Nach der vollständigen Befreiung des Bauern, welcher von dem 
Besitz des Bojaren ein kleines, unveräufserliches Stück Acker er- 
hielt, waren die alten Beziehungen zu dem ehemaligen Griind- 
und zugleich Seelenbesitzer durchaus nicht völlig beseitigt. Viel- 
mehr war, wie es immer geschieht, wenn der wirtschaftliche Fort- 
schritt nicht mit dem politischen Schritt hält, ein sonderbares Ge- 
misch von Gesetzlichem und Ungesetzlichem, von Neuem und 
Altem, von Freiheit und Sklaverei entstanden. Infolge der natür- 
lichen Bevölkerungszunahme konnte sich der Bauer, der noch dazu 
nicht über Kapital verfügte und auch nach der Errichtung der Staats- 
kreditkassen (Creditul agricol, Banca agricolä) keinen Kredit 
fand, der keinen Anteil an dem Weideplatze und an dem Walde 
erhalten hatte, als wirtschaftlich unabhängiger Faktor des Volks- 
ganzen nicht halten. Der Gedanke an bäuerliche Genossenschaften 
behufs gemeinsamen Ackerbaues, Erpachtung fremder Güter und 
Gewährung von Kredit für den kleinen armen Bauer ist erst in 
der allerjüngsten Zeit entstanden. Der Bojare, der jetzt rechtlich 
nur der reichere, stärkere Nachbar war, blieb nach wie vor allein 
derjenige, welcher dem Bauer das tägliche Brot geben konnte. 
Infolge dieser Zustände entstand auf dem Lande ein Proletariat, 
bzw. Halbproletariat, und der neue, in sehr ausgedehntem Umfange 
betriebene Ackerbau fand wohlfeile Arbeiter in genügender Anzahl. 
Der walachische Grofsgrundbesitzer hat in recht vielen Fällen 
sein Gut ererbt und denkt gar nicht daran, es zu veräufsem, um 
sich der Industrie zu widmen oder für längere Zeit ins Ausland 
zu gehen. Manche wohnen im Sommer auf ihrem Landgute und 
leiten selbst dessen Bewirtschaftung. Mit modernen EQlfsmitteln aber 
arbeiten nur sehr wenige, und das sind besonders solche, die der 
Arbeitermangel auf einem der Kultur neugewonnenen Boden, auf 
der Steppe — besonders in den Bezirken lalomi^a und Bräila — 
oder auf Rodungen in den ehedem ausgedehnten Waldstrecken an 
der Donau — in den Bezirken Teleorman, Romana^I, Dolj — zur 
Verwendung von Maschinen zwingt. Aber mancher andere ruft 



Das wirtschaftliche Leben der Bamänen in der Gegenwart. 401 

lieber Bauern aus der Feme zu Hilfe^ und besonders Fremde sind 
bevorzugt, Bulgaren und Serben, die wenig kosten und ausdauernd, 
'wenn auch keineswegs gut und fleifsig arbeiten. Aber Kräfte, 
die bezahlt werden müssen, zieht der walachische Grofsgrund- 
besitzer oder derjenige, der ihn in den meisten Fällen vertritt, der 
Päcbter, nur dann heran, wenn er nicht anders kann. Wo der 
immer notleidende, ohne jedes Kapital dahinlebende Bauer — ob 
er selbst ein kleines Stückchen Acker sein eigen nennt, oder ob 
er gar nichts besitzt, ändert an seiner Lage nur sehr wenig — 
zur Verfügung steht, da wird er auch zur Arbeit herangezogen. 
Er erhält dann 3 bis 4 pogons — ein pogon ist ein klein wenig 
mehr als ein halber Hektar — , die er bebaut und deren Ertrag er 
mit dem Grundherrn teilt; dabei behält sich der letztere gewöhnlich 
vor^ dafs er die Zeit der Teilung bestimmt und sich den ihm zu- 
sagenden Teil auswählt. Aufserdem mufs der Bauer für seinen wirt- 
fichaftlichen Herrn einen ganzen pogon Acker bestellen und über- 
dies noch zwei oder drei Tage im Jahr mit dem Elarren oder mit 
dem Pfluge, ja sogar mit den Händen bei Einbringung der Ernte 
und deren Transport Dienste leisten. Oft mufs er auch noch zum 
Lohne des Feldwächters, den der Besitzer bestellt, beitragen. Mifs- 
liche Folgen entstehen, wie leicht zu begreifen ist, aus diesem 
Systeme. Trotz aller Lasten, die er zu tragen hat, zieht der Bauer 
von der Arbeit des ganzen Jahres nur sehr wenig Gewinn, etwas 
mehr als 100 lel; der Tag Arbeit wird ihm oft mit ungefähr nur 
50 banl (40 Pfennigen) bezahlt. Bald gerät er in Schulden, die er 
bis an seiä £!nde unmöglich bezahlen kann, und so ist er sein 
Leben lang an seinen Arbeitgeber oder an den Schenkwirt, den 
Krämer oder den Wucherer seines Dorfes gekettet ^). Die in Geld zu 
entrichtenden Steuern kann er nur mit grofser Mühe aufbringen. 
Sein altes patriarchalisches Leben nimmt viel langsamer, als es die 
echten rumänischen Patrioten wünschen, eine moderne Gestalt an, 
and dabei wird der Ackerbau unter solchen Verhältnissen zum nieder- 
trächtigsten Raubbau, den man sich denken kann, da das ganze 
Ackerland jährlich unter den Pflug genommen wird, ohne dafs 
man an einen Ersatz des Verlorenen denkt. 

Die traurigsten Folgen hat die Gewohnheit, die Güter stets 
1) S. Agricola (D. Protopopescu), Camäta la säte (Bukarest 1904). 

Jörg», Gescliiclite der Bamänen. II. 26 



A%9 2. Kapitel. 

• 

an den^ der das meiste bietet^ zu verpachten. Mancher Gto(s- 
grundbesitzer lebt gern in Bukarest oder in PariS; mancher treibt 
Politik und mancher gibt sich leichten Vergnügungen hin. Der Staat, 
der den reichen Besitz der Klöster eingezogen hat, gibt ihn in Pacht 
und zwar meist unter denselben Bedingungen, wie jeder Privat- 
mann. Die Verwaltungen (^^Ephorien'^) der Spitäler und Wohl- 
tätigkeitsanstalteU; welche einen beträchtlichen Teil des nationalen 
Bodens kraft alter und auch neuer Schenkungen besitzen, ton des- 
gleichen. Während sich die Zöglinge der Bukarester Ackerbau- 
schule mit allerlei Stellen als Verwaltungsbeamte behelfen müssen, 
schwingt sich ein gewesener Schenkwirt oder Wucherer zum aus- 
schliefslichen wirtschaftlichen Herrn eines oder mehrerer Dörfer 
auf; in den meisten Fällen ist es ein Grieche oder ein Bulgare, 
in der Moldau aber, wie wir bald sehen werden, fast immer ein 
Jude. Die Feldarbeit versteht er nicht, das Wohl des Landes ist 
ihm gleichgültig, und die Bauern sind in seinen Augen nicht viel 
mehr wert als das Vieh. Gegenüber dem Acker und seinem 
tausendjährigen Bearbeiter kennt er kein Mitleid und trägt, was 
er kann, zu beider Aussaugung bei. Oft kommt ein solcher wirt- 
schaftlicher Abenteurer, ein ungebildeter roher Mensch, nur mit 
einer naiven Schlauheit begabt, aber mit leerem Beutel ins Land, 
pachtet das Gut mit geborgtem Gelde auf 5, 10 oder 15 Jahre, 
borgt dazu von der Staatskreditanstalt, die dem fremden Pächter 
viel leichter zugänglich ist als dem armen rumänischen Land- 
wirte, läfst die landwirtschaftlichen Betriebsmittel sämtlich ver- 
fallen, bringt die Bauern an den Bettelstab, vernichtet die Er- 
tragsfähigkeit des Bodens und geht dann über die Grenze mit 
einer oder mehreren Millionen. 

In der oberen Moldau treiben in manchen Fällen die Grofs- 
grundbesitzer die Landwirtschaft selbst und haben in dieser Be- 
ziehung sehr viel von den Polen und Bukowinem, ihren Nachbarn, 
gelernt. Aber sie haben auch von jeher andere Beziehungen zu 
den Bauern gehabt, als ihre Standesgenossen in der Walachei. 
Früher, d. h. vor 1862, hatten sie ihre Bauern zuweilen väterlich 
behandelt imd für sie gesorgt, ohne mit ihnen Arbeitsverträge zu 
schliefsen, wie sie im südlichen Rumänien üblich waren. Obwohl 
der Bauer auch hier selbst Grundbesitzer geworden ist, so bat 



Das wirtschaftliche Leben der Bnm&nen in der Gegenwart 40$ 

er doch nicht mehr Vorteil davon gehabt als der in der Walachei. 
!Er molB ebenfalls von seiner Arbeit auf dem Bojarengate leben, 
während sein eigenes Stück Feld gewöhnlich stark vernachlässigt 
und nur primitiv bebaut wird. Vom ,, Nachbarn ^% d. h. dem 
Gutsherrn, erhält er nur selten als Lohn ein mehr oder weniger 
ertrags&higes Stück Acker, für seine Leistungen wird er viel- 
mehr in der Hegel mit Qeld bezahlt. Aber das Geld erhält er 
nicht täglich oder wöchentlich, sondern erst am Ende des land- 
wirtschaftlichen Wirtschaftsjahres auf einmal. Doch die Berech- 
nung dieses Lohnes ist sehr oft betrügerisch, aber ein Rechtsstreit 
deswegen sehr kostspielig und verwickelt Er gehört zu den 
gröfsten Seltenheiten, und auch hier spielt es bei der Knechtung 
eine grofse Rolle, dafs der Bauer seinem Arbeitgeber oder dem 
Juden verschuldet ist, der ihm auch gewöhnlich seine dürftige 
Ernte im voraus abkauft und den Betrag auf die alte Schuld 
verrechnet. 

Für den moldauischen Bauer sind diese Zustände insofern 
ungünstiger, als der Gelderlös bald verausgabt wird, und zwar 
recht oft für die unsauber zubereiteten Getränke der Dorfschenke. 

Die Landwirtschaft wird auf denjenigen Gütern, die der Be- 
sitzer selbst bewirtschaftet, mit gröfserem Aufwände und imter 
Verwendung aller modernen Hilfsmittel betrieben. Maschinen 
allerart und die besten Pflüge sind überall in Gebrauch. Nur 
ist es schade, dafs man die Kräfte der ernährenden Erde selbst 
keineswegs schont, und der mehr oder weniger raffinierte Raub- 
bau erwfckt Besorgnisse flir eine nicht aUzl entfernte Zukunft. 
Die Felder ruhen nur zum Teile aus; die Düngung oder chemische 
Aufbesserung des Bodens gehören zu den seltensten Ausnahmen 
und werden als eine nicht ernst zu nehmende Tätigkeit mit Mifs- 
trauen betrachtet. Hier wie in der Walachei ist die Ertrags- 
flüiigkeit des Ackers bereits bedeutend zurückgegangen, und man 
rechnet gegenwärtig nur 15 Hektoliter Getreide Ertrag auf den 
pogon, während vor noch gar nicht sehr langer Zeit das Doppelte 
erzielt wurde. 

Noch schlechter steht es, wenn der Besitzer sein Gut an 
einen Juden verpachtet. Die jüdischen Pächter haben keine 
besseren landwirtschaftlichen Kenntnisse als ihre Genossen grie- 

26* 



404 2. Kapitel. 

chischer und balgariscber Nationalität in der Walachei und 
lassen sich im übrigen von denselben Geföhlen wie jene, ja in 
noch höherem Grade bestimmen. Die ganze Arbeit wird von 
Juden geregelt und beaufsichtigt. Die Fürsorge für die Arbeiter, 
die hier und da bei rumänischen Herren zu finden ist, sucht man 
in diesem Falle durchweg vergebens. Der Jude betrachtet viel- 
mehr den rumänischen Bauern ebenso wie einst der holländische 
Farmer den Buschmann in der Eapkolonie, und dabei ist zu be- 
denken, dafs ein Mann wie Moki Fischer, ein ganz ungebildeter 
imd talentloser Mensch, sich infolge der Nachlässigkeit und wirt- 
schaftlichen Unbrauchbarkeit der rumänischen Grofsgrundbesitzer, 
die nur ihre schönen alten Namen tragen, ein Pachtkönigreich 
von über hundert ausgedehnten, fruchtbaren Gütern hat erwerben 
können. Wenn der im Auslande mit Unrecht so verschrieene 
Artikel 7 der rumänischen Verfassung nicht da wäre, der wenig- 
stens durch den Zwang des Gesetzes die Katastrophe des nationalen 
Grofsgrundbesitzes verhütet, wäre der besagte Fischer, der selbst 
in seinem Alter noch nicht ordentlich Rumänisch spricht und sich 
am gesellschaftlichen Leben der Rumänen nicht im mindesten 
beteiligt, ein Mann, der nicht einmal in der grofsen Krisis des 
Jahres 1904, als die anhaltende Dürre in den Dörfern eine wahre 
Hungersnot hervorrief, den notleidenden, dem Tode verfallenen 
Bauern aus seinem ungeheuren Reichtume nicht einmal ein paar 
tausend Lei hingeworfen hat, dann wäre er der erste unter den 
Grundbesitzern dieser blutgetränkten und durch jahrhundertelange 
Arbeit geheiUgten rumänischen Erde! 

Seit den neunziger Jahren des verflossenen Jahrhunderts 
haben die ELammern eine ganze Reihe gutgemeinter Beschlüsse 
zugunsten der Bauern gefafst, und in den Ministerialkanzleien 
sind entsprechende Ausfiihrungsbestimmungen ausgearbeitet worden. 
Einiges davon hat auch schon tatsächlich Früchte getragen. Die 
gegenwärtig bestehende Volksschule ist viel besser als diejenige 
der Vorzeit Obgleich die Volksbanken auf einer Grundlage 
entstanden sind, die nicht als die allerbeste bezeichnet werden 
kann, haben sie bisher schon viel genützt. Die Uberale Partei 
spricht jetzt sogar von der Gründung einer staatlichen Kreditbank 
(CasaRuralä), die den Bauern Kredit gewähren soll. Die Zentrali- 



Das wirtschaftliche Leben der Rumänen in der Gegenwart. 405 

sierung der Volksbanken unter Aufsicht des Staates ist bereits Tat- 
sache geworden. In schwierigen Zeitläuften leiht die Regierung dem 
Sauer die nötigen Subsistenzmittel; während des letzten nationalen 
Unglücks^ der Mifsernte von 1904; sind 20 Millionen dafür geopfert 
ipecrden^ und trotz der Garantie der Volksbanken wird schwerlich ein 
l>eträchtlicher Teil dieser Summe zurückgezahlt werden. Aber dieses 
genügt noch nicht, um den schlechten Zustand , in dem sich ein 
grofser Teil der rumänischen Bauern befindet, zu beseitigen. Nur 
eine vollständige Reform, die auf dem Unterrichte basiert, könnte 
liier heilsam wirken, nämlich eine solche, die den Bauern über 
seine Rechte und seine wirklichen Interessen aufklärt und den 
Orundbesitzem in erhöhtem Mafse zum Bewufstsein ihrer wirt- 
schaftlichen, menschlichen und nationalen Pflichten verhilft. 

Der rumänische Ackerbau liefert an erster SteUe Weizen 
für den inländischen Verbrauch und besonders für die Ausfuhr 
nach denjenigen westlichen Ländern, die auf einem weniger frucht- 
baren Boden eine zahlreiche Bevölkerung ernähren müssen: Eng- 
land, Belgien, Holland und Deutschland kommen vor allem in 
Betracht. Die Qualität ist an sich ausgezeichnet, aber die Ver- 
mittler der Ausfuhr, Juden und Griechen, verderben sie durch 
die übliche Mischung der bäuerlichen mit der bojarischen Frucht 
und durch Anwendung allerlei anderer zweifelhafter Mittel, die 
dem wohlverdienten Rufe des rumänischen Korns beträchtlichen 
Schaden zufügen. Die Ausfuhr vollzieht sich auf verschiedenen 
Wegen. Ein Teil wird vermittels der Eisenbahn nach Österreich- 
Ungarn verfrachtet, wo vor dem Zollkrieg von 1886 rumänisches 
Getreide in grofser Masse gekauft wurde, um den ungarischen 
Mühlen Beschäftigung zu geben ; ein anderer Teil wird auf Donau- 
schleppkähne der österreichischen, ungarischen, griechischen, ru- 
mänischen und russischen Gesellschaften, in Gala^I, Bräila, Giurgiu 
und in anderen Häfen des Stromes verladen. Viel wird direkt 
an die Küste des Schwarzen Meeres gebracht, entweder nach 
Constan^, dem nunmehr beinahe vollendeten grofsartigen Hafen 
der Dobrudscha, wohin die Eisenbahnlinie führt, welche bei Cer- 
navoda die Donau auf der neuen, riesigen Brücke überschreitet, 
oder nach Sulina; in letzterem Falle dient die untere Donau der 
Zufuhr nebst der von der europäischen Kommission geschaffenen 



406 2. Kapitel. 

künstlichen Sulina-Mündiing. Seit einigen Jahren besteht eine 
direkte Schiffsverbindung mit Rotterdam, die der Ausfohr ru- 
mänischen Getreides dient und deren Schiffe rumänisches Staats- 
eigentum Bind. 

Der Mais oder türkische Weizen ist in Rumänien erst im 
18. Jahrhundert die hauptsächliche tägliche Nahrung der Landes- 
bewohner geworden. Ganze Strecken des Landes sind mit der 
hohen ; mächtigen amerikanischen Pflanze besetzt, und die Mais- 
Produktion ist in günstigen Jahren ganz gewaltig. Wenn das 
Herbst- und Frühlingsgetreide in den Monaten Juni und Juli ge- 
erntet ist und die Herden die abgeernteten gelben Felder über- 
fluten, geht es im September und Oktober an die letzte Arbeit 
des Ackerbaues, die Einbringung des Mais. Das ist die Brot- 
frucht des Armen, und ihr Mangel bedeutet Hungersnot, weil der 
Bauer sich bisher noch nicht an das Weizenbrot gewöhnt hat 
Der Maisverbrauch ist im Lande selbst gewaltig; gute und schlechte 
Frucht wird geinischt, und aus der Ernährung mit feuchtem, spät 
geerntetem und in den armseligen Hütten mangelhaft aufbewahrtem 
Mais entsteht die grausame Krankheit der Pellagra, die langsam 
den kräftigen, ausdauernden Körper lähmt und abmagern läfst, 
bis der Leidende in einem Anfalle von Verzweiflung zum frei- 
willigen Tode schreitet ^). Mais ist aber auch ein bedeutender 
Ausfuhrartikel des rumänischen Handels, und England st^t unter 
den Einkäufern in erster Linie. 

Roggen, Hafer und Gerste gehen ebenfalls ins Ausland, sind 
besonders in England begehrt und bilden 10 bis 13 Prozent der 
gesamten Getreideausfuhr, während auf den Weizen 40 bis 45 
Prozent und auf den Mais gegen 20 Prozent konunen. 

Seit verhältnismäfsig kurzer Zeit erst hat der seines Ölge- 
haltes wegen geschätzte Raps eine gute Aufnahme gefanden. Er 
wird im Herbste, gleichzeitig mit dem Herbst weizen, gesät, ge- 
wöhnlich auf einem sehr ausgedehnten Plane. Rapsbau ist eine 
Risikokultur, insofern die Pflanze die Kälte schneeloser Winter 
nicht yerti*ägt; aber wenn sie das richtige Wetter findet, gedeiht 
sie prachtvoll und belohnt den unternehmenden Landwirt reich- 

1) Felix, Artikel ,, P e 1 a g r a '* in der „ Encidopedia Bomänä (mit voll- 
ständiger Bibliographie). 



Das wirtschaftliche Leben der Biimäaen in der Gegenwart. 407 

lieh. Geht die Saat im Winter zugrunde^ dann kann im Früh- 
ling immer noch auf derselben Fläche Weizen gesät werden. In 
der Periode von 1886 bis 1901 hat Raps nicht weniger als 5 Pro- 
zent der rumänischen Ausfuhr ausgemacht. 

Vormals trugen Bauern und Bäuerinnen nur solche Kleider, 
die sie selbst im Winter^ wo die Ackerarbeit ruht, aus Lein und 
Hanf verfertigt hatten, und die Kultur der zu Geweben verwen- 
deten Pflanzen war recht mannigfaltig. Seit dem 1875 mit Oster- 
reich abgeschlossenen Vertrag, der die Einfuhr der Kleidungsstoffe 
ixngemein begümtigte, ist diese Kultur, zum grofsen Schaden der 
liäuslichen Wirtschaft des Bauern und zum Nachteil der Volks- 
kunst, die sich in der Volkstracht« glänzend betätigte^), sehr 
zurückgegangen '). Nur in den Gebirgsgegenden hat sie noch 
ihre bescheidene Stelle behauptet. Die Grofsgrundbesitzer haben 
diese Quelle des Erwerbes bisher beinahe vollständig aufser acht 
gelassen, da sie mit Vorliebe der üblichen Getreidekultur huldigen. 
Der oft sehr geräumige Hof des Bauern — in Belgien würde 
man diesen Hof allein schon als eine hübsche Besitzung be- 
trachten — ist schmutzig und staubig und steht meist leer. Die 
Gemüsekultur ist hier und da, so in der Nähe von Tirgovi^te, 
vertreten und zwar, soweit der von Rumänen bewirtschaftete 
Boden in Frage kommt, in der Regel nur da, wo sich der för- 
dernde Einflufs des Staates imd der Staatsschule geltend macht. 
Auch die Grofegrundbesitzer schenken diesem Nahrungszweige 
kaum Beachtung. Beinahe überall jedoch findet man an den 
Flüfschen eine kleine Kolonie von Bulgaren, die ihren Gemüse- 
garten durch primitive Wasserräder bewässern. Sie kommen sehr 
arm ins Land, sparen sich das Essen vom Munde ab, wandern mit 
ihren kleinen Karren, die ein Pferd zieht, überaU herum und ver- 
kaufen in den rumänischen Städten — ja sogar in den rumäni- 
schen Dörfern — , was an Gemüse gebraucht wird. Der Grofs- 
grundbesitz baut seit 20 Jahren lediglich rote Rüben für die neu- 
gegründeten Zuckerfabriken. Die unglückselige Zuckerfabrikations- 

1) S. besonders Dimitrie Cornea, Din ornamentica rominä, Album artistic 
Hermannstadt 1904): Eunsttafeln bäuerlicher Näh- und Stickereiarbeiten. 

2) Es ist jedoch jetzt die Ausfuhr von Leinsamen für die ölfabrikation zu 
beobachten. 



4*8 2. Kapitel. 

prämie, eine Staatsbelohnung für die Zuckerfabrikanten, die auf das 
Kilo berechnet wird, hat deren Anzahl und Umfang bedeatend 
vermehrt — die bedeutendsten Fabriken sind die zu Ripicenl^ Sascat, 
Chitila und Roman — , und nicht selten prangen schon im Früh- 
linge die grünbläulichen Pflanzen mit ihren starken dicken Blättern. 

Der rumänische Ackerbau wird in der mittleren Höhenlage 
der Walachei und des^Banats betrieben^ aber auch in der greisen 
Steppe^ die mit der „Wüste" Baragan — das ist ein ungeheures 
Kornfeld ohne Bäume und Brunnen im Sommer, eine weüse^ 
schneebedeckte Sahara im Winter — beginnt, die Bezirke Bräüa, 
Rimnicul - Särat sowie einen Teil von Covurluiü umfafst und bis 
an die bessarabische, ebenfalls baumleere Steppe heranreicht. 
Aufserdem dienen dem Ackerbau noch die geschützten Täler, die 
Hügelabhänge und Waldsäume der Moldau, der Bukowina, Sieben- 
bürgens und des Marmaros. In diesem Gebiete findet sich überall 
weicher Ton als Untergrund und darauf lagert die schwarze oder 
braune Kulturerde, die sich aus vielen dahingewelkten Q-enerationen 
des hohen Grases gebildet hat und noch auf lange hinaus fortbestehen 
wird. Und zugleich findet man überall den rumänischen Bauern 
als echten Sohn dieser Erde, die ihn nur ernährt, andere aber 
bereichert und sie im freien Rumänien sogar in höherem Grade 
als im übrigen rumänischen Gebiete zu seinen Herren macht 
Während der Bauer in Rumänien zum gröfsten Teile nur der 
Tagelöhner des Bojaren und des griechischen, bulgarischen oder 
jüdischen Pächters ist, so behauptet der rumänische Bauer unter 
fremder politischer Herrschaft seine Rechte auf die Erde, deren 
Besitzer er bleibt, viel besser ^). 

Aufserhalb Rumäniens sind rumänische Grofsgrundbesitzer 
auch keine Seltenheit. Der Führer der nationalen Partei in 
Siebenbürgen, Georg Pop de BäsestI, ist einer der gröfsten Grund- 
besitzer der Gegend und verfügt über 1000 Joch Ackerland. 
Das Tafelgut des unierten Erzbischofs zu Blasendorf umfafst über 



1) Für die Verhältnisse in Eumänien gleich nach der Union der Fürsten- 
tümer sind die ausgezeichneten Arbeiten von I. lonescu über den rumänischen 
Ackerbau (Agricultura romina) in den Bezirken Dorohoi, Mehedint*! und 
Putna (3 Bände; Bukarest 1866 — 1869) heranzuziehen. Vgl. von demselben 
Arenda mo^iilor, „Pacht der Landgüter", (Bukarest 1864). 



Das wirtschaftliche Leben der Eamänen in der Gegenwart. 40^ 

llOOO Joch, die Fonds der ehemaligen siebenbürgischen Grenz- 
soldaten, die jetzt für rumänische Kulturzwecke benutzt werden^ 
12 600 Joch ^). Aber dies sind doch nur vereinzelte Ausnahmen; 
die Rumänen sind in Siebenbürgen vielmehr in ihrer überwiegenden 
Mehrheit EUeingrundbesitzer. Ebenso steht es im Banate und jen- 
seits des Marosflusses und in dem ganzen Gebiet, das unter unga- 
rischer Oberhoheit steht. 

Anders verhält es sich wieder in der Bukowina und in 
Bessarabien, denn in diesen Provinzen hat bis ins 18., bzw. 19. Jahr- 
hundert dasselbe Leben wie in der heutigen Moldau geherrscht 
In der Bukowina haben die rumänischen kleinen Bojaren, die 
Mazilen, sowie die moldauischen Grofsgrundbesitzer, die auch 
Bukowiner Güter besafsen, viel eingebüfst, insofern sie den 
gröfsten Teil des alten bojarischen Besitzes an Armenier, Polen 
und Juden haben abtreten müssen. Gegenwärtig aber scheint 
dieser Prozefs sein Ende erreicht zu haben. In den neunziger 
Jahren waren in rumänischen Händen noch 52 grofse Güter, 
während 65 Armeniern oder Polen gehörten und 32 sich im Be- 
sitz von Juden befanden*); der vom Staat konfiszierte Keligions- 
fonds mit 225 300 Hektaren kommt für uns hier weiter nicht in 
Betracht. In dem den Juden preisgegebenen Lande ist den Bauern 
ihr EUeinbesitz noch weniger als in Ungarn gesichert, aber die 
nützlichen Baiffeisenbanken und die Verwirklichung der heute 
geplanten Eeformen können viel helfen. 

Die bessarabischen Bojaren haben noch etwas mehr Besitz 
beibehalten, aber in vielen Fällen macht ihnen der Grieche und 
Armenier Konkurrenz, weniger der Jude, wenigstens nicht un- 
mittelbar. Der Grieche spielt hier als Pächter und Wucherer dieselbe 
Rolle, wie in der Moldau der Jude. Nur ein Viertel des Bodens 
befindet sich in bäuerlichen Händen, und das ist die Folge der 
russischen Bauernbefi'eiung von 1869. Mancher bäuerliche Besitz 
ist bereits durch Kauf bald nach 1812 entstanden, als die mol- 
dauischen Bojaren gezwungen waren, ihre Güter rasch zu veräufsern. 
Andere Bauern sind immer frei gewesen und haben ihren Mazilen- 



1) Maior, Manual de agricultura, IV, S. 28 — 29. 

2) G. Bogdan-Duicä, Bucovina, S. 62—63. 



410 2. Kapitel. 

besitz ; im Norden des Landes und am Dnjestr behalten. Viele 
von den letzteren^ die besser als die mazill und mosnenl in 
Rumänien ihr Interesse verstanden haben, besitzen noch die er- 
«rbten Güter gememsam. Ites südliche, vorwiegend nicht-rumä- 
nische Bessarabien kann an dieser Stelle nicht weiter interessieren. 

Überall erzielt der Ackerbau der Rumänen dieselben Pro- 
dukte, nämlich Mais für den Hausbedarf, Getreide für den Herrn 
oder zum Verkauf auf eigene Rechnung. Nur in wenigen Gegenden 
Siebenbürgens und des Banats, wo die Rumänen die Gewohnheiten 
der Sachsen und Serben und damit auch deren Ernährungsweise 
angenommen haben, auch hier und da in der Bukowina, unter 
dem Einflufs der neuen Ansiedler, ist das Brot an die Stelle der 
mämäliga getreten, die ihre Väter und Vorväter seit 1700 be- 
vorzugt haben. 

Eine zweite Zone rumänischen Wirtschaftslebens bildet das 
Hügelland, das jedoch geographisch nicht überall denselben Cha- 
rakter hat. In der Walachei erheben sich die Höhen sanft mitten 
aus der ganz flachen Ebene, und zwar in einer geraden Linie, 
die das Land quer durchschneidet und durch eine Reihe be- 
deutender alter Marktflecken, von Buzäü bis 'Drgu-Jiulul, be- 
zeichnet wird. Im Banat fehlt diese Zone beinahe völlig, und 
ebenso hügellos sind die nördlichen Gegenden bis zum Marmoros. 
Der Marmoros und die Bukowina bilden Hochplateaus, von denen 
das letzter^ mit alten Wäldern bedeckt ist. In Siebenbürgen, in 
der rumänischen Moldau und in Bessarabien - dies ist ja weiter 
nichts als ein unter russischer Oberhoheit stehendes Stück Mol- 
dau — ergiefsen sich die Flüsse nach Süden und Südosten hin in 
breiten Tälern, welche durch Hügelketten mit sonderbaren zerrissenen 
Wänden und tief eingeschnittenen Klüften begrenzt werden ^). 

Diese geographische Gestaltung bedingt teilweise eine anders- 
artige Beschäftigung der Einwohner. 

Ackerbau wird in der Moldau überall bis nahe an die Berge 
heran getrieben, und im wirtschaftlichen Sinne ergeben sich für 

1) S. im allgemeinen für die heutigen Zustände in den rumänischen Ländern 
meine als Beiseskizzen verfafsten Arheiten: DrumurI ^i ora§ie din Bomänia; Säte 
^^i mänästirl din EomSnia; Bucovina; Basarabia; Ardealul; Banatul 91 Marama- 
xe9ul (Bukarest 1904—1905; die zwei letzten sind in Vorbereitung). 



Das wirtschaftliche Leben der Bumänen in der Gegenwart. 411 

clas EügeUand nur enge Grenzen; es umfafst lediglich die Vrancea^ 
soTTie die Soveja^ die westliche Hälfte der Bezirke Bacäü^ Neam^ und 
Suceava. Es kommen femer hinzu das östliche Siebenbürgen, der 
Kreis Bistritz, die Szeklerstühle Csik, Görgey und St. öyörgy sowie 
die westliche Bukowina und der gröfste Teü des Marmoros. 

Die Landwirtschaft gedeiht in diesem Oebiet nur wenig. 
In der Walachei herrscht das System der meine; so werden die 
Fluren genannt, auf denen der Ackerbau betrieben wird, nachdem 
sie drei Jahre nacheinander als Weide gedient haben. Schmale 
Maisfelder findet man unter solchen Bedingungen noch in einer 
beträchtlichen Höhe. 

Die kräftigen, schönen Bewohner dieser Landstriche suchen 
oft ihren Erwerb im Niederlande, wo sie als Tagelöhner in der 
Landwirtschaft gesucht sind. Die Bukowiner, die Cordunenl, 
wie sie nach dem ursprünglichen Sanitätskordon, der die Annexion 
des Landes deckte, genannt werden, arbeiten auf den Feldern 
der Grofsgrundbesitzer von Dorohol und Boto^anl. Die UngurI 
aus der Moldau finden im Sommer jenseits des Sereth Beschäf- 
tigung. In der Walachei wiederum kann man Leute aus dem 
Prahovatale sehen, Prahovenl, die auf dem Baragan das Getreide 
schneiden. 

Der walachische Hügelbewohner besitzt aber gewöhnlich 
einige hundert Pflaumenbäume. Er verkauft aber nicht, wie der 
Bewohner der höheren Teile im Bezirke Suceava, die Pflaumen^ 
Nüsse, Apfel, Birnen und Pfirsiche frisch oder getrocknet, wo- 
durch dieser letztere ein schönes Stück Geld verdient, da seine 
Früchte von dem unvermeidlichen Juden aufgekauft werden und 
bis nach Deutschland wandern, — nein, der walachische Bauer 
im Hügellande bereitet aus seinen kleinen, weichen, nicht gerade 
sehr schmackhaften Pflaumen das alkohoUsche Getränk ^uica. 
Im September gärt die ^uica in allen Dörfern der oberen Walachei 
von Rimnicul - Särat bis Baia-de-Aramä, und es herrscht ein 
recht lustiges Leben unter denen, die mit der Zubereitung be- 
schäftigt sind. 

Die alten Fürsten haben sich viel Mühe gegeben, um gute 
Weine für ihre grofsen Schmause zu erzielen. Die Bojaren sind 
ihrem Beispiele gefolgt, und der hohe Klerus und die Kloster- 



41S 2. Kapitel. 

Insassen haben ihrerseits das edle Gretränk auch nicht verschmäht 
Die Weinberge von Cotnarl waren die ersten in der Moldau^ und 
später gelangten diejenigen von Copoü, in der Nähe von Jassy, 
und von Hu^l am Pruth, wo ein Bischof residierte, zu Rufe. Die 
nachher berühmten Weinberge von Odobe^tl dicht an der Grenze, 
welche die Fürstentümer trennte, werden erst im 17. Jahrhundert 
erwähnt, als das ganze Leben des unteren Landes stärker zu pul- 
sieren begann; diejenigen zu Nicore^tl am Sereth sind gleichen 
Alters. 

In der Walachei liebte man noch um 1700 besonders die 
Weine von Pite^tl, wo jetzt diese Kultur ganz heruntergekonmien 
ist. Nach 1800 wurden die Weine von Drägä^anl im Oltlande, 
dicht am 01t, auf den Hügeln des Bezirkes Vilcea, sehr be* 
rühmt; die Grofse Walachei aber hat ihre besten Weine im 
Distrikte Prahova, auf dem „grofsen Hügel", Dealu-Mare. Die 
walachischen Bojaren, und nicht minder die rumänischen Ein- 
wohner von Kronstadt, die ^chel, führten sehr viel rumänischen 
Wein nach Siebenbürgen ein, wo man ihn sehr suchte, während 
die Moldauer ihre Weine an die galizischen Händler verkauften, 
später an die Juden der Grenzmarktflecken, die ihnen polnischen 
Branntwein dafür aufhalsten. 

In neuerer Zeit ist es zu einer modernen Verhältnissen ent- 
sprechenden Ausfuhr rumänischer Weine nicht gekommen. Dazu 
kam die verderbliche Reblaus, die mit französischen Reben ein- 
geführt wurde und die alten Weingärten völlig ruiniert hat. Gegen- 
wärtig ist Cotnarl nur ein armseliges Dorf, das kahle, traurige 
Hügel umgeben. Der Staat hat auf seinen Gütern die amerikanische 
Weinrebe, der die Reblaus nichts schadet, eingeführt, und viele 
Grofsgrundbesitzer, auch manche Bauern, sind diesem Beispiele 
gefolgt. Eine Wiederbelebung der Rebenkultur ist sichtlich zu 
spüren; die dem Weinbau gewidmete Fläche ist sogar seit 1860 
von 100000 auf 150 000 Hektar gestiegen, und diese letzteren 
erzeugen Wein im Werte von 28 Millionen lel ^). Aufser den 
Weinbergen des Staates liefern die des Barbu §tirbel und 
G. Gr. Cantacuzino in der Walachei, die des Greceanu und vieler 



1) Brackel, S. 64. 



Das wirtschaftliche Lehen der Bamänen in der Grecrenwart. 413 



ö' 



kleiner Weingutsbesitzer in der Moldau den fiir das Land not- 
wendigen Wein. Später wird man gewifs auch die Ausfuhr in 
gröfserer Masse versuchen. Die gröfsere Ausfuhr in den achziger 
Jahren ; ehe die Reblaus ihre Verheerungen anrichtete; war nur 
eine vorübergehende Erscheinung; weil Frankreich; das damals 
während seiner Weinkrisis rumänische Weine kaufte; sie nicht 
mehr braucht ^). 

Der Reichtum des rumänischen Landes an Wald war in gar 
nicht allzuweit zurückliegenden Zeiten ungeheuer ^); die ,; schwarze 
Erde^' ernährte hundertjährige StämmC; die nur ihrem hohen Alter 
zum Opfer fielen. Dieser Zustand ist seit langem vorüber. Die 
Rodungen wurden in Siebenbürgen von Sachsen und magyarischen 
Eklelleuten schon früh mit grofsem Eifer betrieben. In der Moldau 
und Walachei dagegen ging anfangs diese Arbeit; welche Felder 
für den Ackerbau und Wiesen für die Weide schuf; viel langsamer 
vonstatten. Noch im 18. Jahrhundert waren grofse Strecken mit 
alten Waldungen bedeckt; und das war recht günstig für die 
haiduciO; das bäuerliche Raubritterwesen. Die Bukowina kam 
an Osterreich mit 50 Prozent Wald und erschien des Namens 
;; Buchenwald ^^ tatsächlich würdig; wenn auch die meisten Bäume 
schöne schlanke Tannen und weit ausgebreitete echte Eichen 
waren. Dank der Fürsorge des Staates; der die Güter des 
Religionsfonds unmitteloar verwaltet; besitzt dieses kleine Land noch 
451 220 Hektar bewaldeten Bodens. Auch die spärlichen Wälder 
des 1812 entfremdeten BessarabienS; die zumeist die nördlichen 
und östlichen Teile der Provinz bedecken; sind ziemlich gut ge- 
schont worden; aber in den letzten zwanzig Jahren hat man auch 
dort vielfach den Wald in barbarischer Weise verwüstet ^). Juden 
namentlich haben durch ihre Spekulationswut zu diesem Ergebnisse 
beigetragen. 

Ln heutigen Königreich Rumänien begann die Entwaldung 
in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Die walachischen 
Fürsten Bibescu und ^tirbel hatten zuerst an eine rationelle Ro- 

1) Robin, in Conv. literare, Jahrgang 1903, S. 733. 

2) Notice 8UT les forets de Boamanie (für die Pariser Weltausstellung), 
Bukarest 1900 und die wertvolle Bevista padurilor. 

3) Arbure, a. a. 0., S. 447ff. 



414 2. Kapitel. 

düng gedacht y und letzterer liels sogar französische Fachleute 
kommen, doch diese bezeichneten das hiesige Holz im Vergleiche 
mit dem bosnischen als minderwertig. Den Fortschritten des Acker- 
baues fielen mitleidslos und verschwenderisch die alten , Schutz 
gewährenden Bäume , die dem Lande ein beständiges und mildes 
Klima sicherten, zum Opfer. 

In der Walachei blieb die Ebene unbewaldet und harrte 
allerlei nutzbringender, schnell bereichernder Pflanzen und Saaten. 
Im Bezirke Ilfov, wo vielleicht noch mehr als anderswo Wälder 
zu sehen sind, trifft man auf dem Lande des Grofsgrundbesitzers 
meistens gelichtetes oder höchstens ganz junges Holz. Die Bauern 
sind diesem verderbUchen Beispiele gefolgt, und in einigen Hügel- 
gegenden kann nichts mehr vor der Gewalt der Giefsbäche be- 
stehen; der Lehm wird tief vom Wasser aufgewühlt, und unter 
den Strahlen der brennend heifsen Sonne fallt im Sommer langsam 
der Hügel in Stücke. Die Flüsse trocknen rasch im Sonnen- 
brände aus, imd der Hirte irrt umher, ohne Schatten und Trank 
zu finden. In dem Bezirke Vilcea, im nördlichen Arge^, auch 
im Bezirke Prahova, sind die Wälder besser erhalten; in BuzäH 
aber stehen die Hügel zumeist kahl und traurig da. Ebenso ist 
es in einigen Teilen des benachbarten Distriktes Putna, der zur 
Moldau gehört; nur in gröfserer Höhe findet man noch Wälder. 
Im allgemeinen jedoch haben Grolsgrundbesitzer in der Moldau 
bis in die letzten Jahre diesen Zweig des nationalen Reichtums 
mit geringerem Eifer verfolgt. 

Neuerdings hat sich aber die Spekulation infolge stärkerer 
Beteiligung der Juden und anderer Fremden rücksichtsloser ent- 
wickelt. Das rumänische Holz wird gerade so, wie früher in der 
Türkei, jetzt bis nach Ägypten gesucht. Zwar wird aus Sieben- 
bürgen und der Bukowina auf dem Wasserwege durch die Moldaa 
Holz ausgeführt; es wird z. B. der bequeme Transport auf 
Prahmen (plute) auf dem reifsenden Bistri^aflufs benutzt, der vom 
Grenzorte Dorna in der Bukowina bis Bacäü fuhrt, um dann 
seine Last dem Sereth, welcher zwischen Gala^I imd Bräila in 
die Donau mündet, anzuvertrauen; die billigen rumänischen Eis^- 
bahntarife helfen aufserdem noch dazu, dafs fremdes Holz dem 
rumänischen Konkurrenz macht. Aber das rumänische Holz 



Das wirtschaftliche Leben der Bamänen in der Gegenwart. 415 

bildet dennoch einen bedeutenden Ausfuhrartikel. In den Jahren 
1871 — 1875 betrug der Wert der Holzausfuhr beinahe 2 Millionen 
lel; später stieg er sogar bis auf 6 Millionen^ sank dann während 
des Zollkrieges mit Österreich-Ungarn auf die Hälfte und hat 
sich seitdem langsam wieder gesteigert ^). Ein bedeutender Teil 
des ausgeführten Holzes wird allerdings in den benachbarten in- 
dustriellen Ländern verarbeitet und kehrt dann wieder nach Ru- 
mänien zurück. Trotzdem ist der Gewinn unverkennbar^ und 
dieser UmBtand hat einige mehr oder weniger ernste Unternehmer 
ins Land gefuhrt; die Gesellschaft Götz ist gewifs die erste unter 
denen; die sich mit dem rumänischen Holze beschäftigen^ und im 
gebirgigen Teile der Moldau trifft man oft; z. B. zu Comäne^tl^ 
dann zu Tärcäü und anderswo im Tale der Bistri^ ihre grofsen 
Holzschläge. Eine neuere Unternehmung^ die Firma Lessel, hat viele 
waldige B«-ge im Bezirke Arge? an sich gebracht In neuester 
Zeit beabsichtigt eine englische Gesellschaft; sich in den Putna- 
Wäldern festzusetzen. 

Ein Waldgesetz ist in den achziger Jahren (1886) entstanden^ 
um der Rodungssucht; besonders seitens der verarmten Bauern 
oder der ruinierten moldauischen Bojaren Einhalt zu tun. Es^ 
schafft gewifs viel Nutzen , aber doch nicht überall. Die Neu- 
bewaldung vor allem wird beinahe niemals ernstUch in Angriff 
genommen. Das Gesetz wird umgangen, und mancher wirft den 
letzten Rest des väterlichen Erbes dem Juden hin. Der Staat 
seinerseits gibt, obwohl er eine Forstkulturschule gegründet hat 
und 1100000 Hektar von den 2800000 Hektaren Wald, die Ru- 
mänien noch besitzt, — sie bedecken 21 Prozent der Oberfläche — 
in seinen Händen hat, nicht überall und immer das beste BeispieL 
Alte Bäume vermorschen oft, xmd junge fallen vorzeitig, trotz der 
Kontrolle, die auf den Staatsdomänen ausgeübt wird. Und dennoch 
mufs, wenn eine Besserung in den verwilderten kUmatischen Ver- 
hältnissen erzielt werden soll, auch auf diesem Gebiete viel pa- 
triotischer Eifer angewandt werden. Die Vernachlässigung und 
Verschwendung der Vergangenheit gilt es auch hier aufzugeben. 

Das Ministerium Carp hat im Jahre 1895 ein Bergwerks- 



1) Bäicoianu, a. a. 0., I\ S. 193, 337. 



41« 2. Kapitel. 

gesetz durchgebracht und zwar trotz des energischen Widerstandes 
der liberalen Partei, die eine zu grofse Begünstigung der Fremden 
darin erblickte. Aber das Gesetz hat bisher nur geringen Nutzen 
gehabt. Rumänien besitzt heute eine Schar bewährter junger 
Oeologen und Mineralogen, die aus der Schule des Professors 
Mrazec in Bukarest hervorgegangen sind, und ernste, eifrige Studien 
werden seit zehn Jahren auf dem Gebiete des Bergwesens, das bisher 
die fremden Forscher besser als die einheimischen kannten, mit 
Erfolg unternommen. Vordem sprach man mit Vorliebe von dem 
grofsen Beichtume an Metallen und Kohlen, der in den rumänischen 
Earpathen enthalten sein solle und der nur aus Rücksicht auf 
die Habgier der Türken jahrhundertelang unberührt gelassen 
worden sei. Man dachte dabei an die siebenbürgischen Bergwerke 
der alten und neueren Zeit, an die Kohlengruben von Petro^nl 
{Petrozseny) am oberen Jiiü und an die Goldgruben von Zlatna (Za- 
latna) in deren Umgebung es noch im 18. Jahrhundert reiche ru- 
mänische Bauern, Bergwerksbesitzer und Arbeiter gab. Man dachte 
an die Bergwerke des Marmoros, deren Besitzer und Pächter zu- 
weilen auch Rumänen waren. Die goldsuchenden Sachsen des 
12. und 13. Jahrhunderts und die viel älteren römischen Kon- 
•quistadoren , die nach dem seit langem als unerschöpflich ge- 
dachten dakischen Golde lechzten, tauchten in der Erinnerung 
wieder auf. Man wufste, dafs viele rumänische, d. h. walachische, 
Flüsse Gold in ihrem Sande mit sich führen, und die Beschäftigung 
der Zigeuner-Goldwäscher, der aurarl, war ja noch in den 
ersten Zeiten nach der Ansiedelung dieses erfinderischen und 
lustigen Volkes auf rumänischem Boden wahrzunehmen gewesen. 
Aber bisher hat man tatsächlich Metalle nur in so geringer 
Menge gefunden oder nachgewiesen, dafs eine systematische Aus- 
beute keineswegs lohnen würde. Die geologischen Forschungen 
haben vielmehr in dieser Richtung alle gehegten Hofinungen ver- 
nichtet. 

Kohlen sind bisher nur in geringen Massen gefunden worden, 
und die Braunkohlenwerke, wie sie sich in Märgineanca, Biinduijl 
Zänoaga, Piscu (Bezirk Dimbovi^a), Bahna (Bezirk Mehedin^l), 
und Dealul-Lung, Asäü, Plopul, Comäne^tl (Bezirk Bacäü) finden, 
sind nicht imstande, die notwendige bedeutende Kohleneinfuhr zu 



Das wirtschaftliche Lehen der Eumänen in der Gegenwart. 417 

mindern ^). Vielmehr hat die Benutzung der Überbleibsel des 
Petroleums als Heizungsmaterial dazu beigetragen. 

Die älteren Steinbrüche^ wie der berühmte von Delenl, sind 
jetzt verlassen. Die neueren aber, wie z. B. der im Bezirke 
Arges, bringen nur einen Teil dessen hervor, was zum Bauen ge- 
braucht wird. 

Die rumänische Erde scheint in ihrer Tiefe in der Tat ledig- 
lich Salz und Petroleum zu bergen. 

Seit der Römerzeit wenigstens, und bis auf unsere Tage hat 
man diesen Tiefen Salz in grofser Masse abgewonnen ^). Früher 
wurde das rumänische Salz in massiven Salzsteinen einzig und 
allein nach der Türkei ausgeführt; jetzt ist die Ausfuhr nach 
Bidgarien sehr bedeutend; obgleich Ostbulgarien das Seesalz von 
Anchialos wohlfeiler bekommt^). Serbien , das ein Salzmonopol 
eingeführt hat, nimmt der rumänischen Regierung, die ihrerseits 
ein Salzmonopol besitzt, jährlich für mehr als 1 Million Salz ab. 
Schon in den dreifsiger Jahren des 19. Jahrhunderts kauften die 
Serben ihr Salz in der Walachei, und es entwickelte sich bald 
eine lebhafte Konkurrenz zwischen den Walachen, welche die 
Gruben von Ocnele-Marl (Bezirk Vilcea) und Slänic (Bezirk 
Prahova), und den Moldauern, die im Bezirke Bacäu tiefe, grofs- 
artige Gruben zu Ocna besitzen. Die Ausfuhr der Walachei er- 
reichte im Jahre 1835 die Summe von 30 MiUionen Oka*), als 
der Fürst Alexander Ghica den ersten diesbezüglichen Vertrag 
mit dem serbischen Staate abschlofs ^). Schon unter dem Fürsten 
^tirbel in der Walachei und seinem Zeitgenossen, dem mol- 
dauischen Fürsten Gregor Ghica, wurden bei der Salzgewinnung 
Verbesserungen im modernen Sinne vorgenommen. In den letzten 
zwanzig Jahren hat der Staat, der den Betrieb nicht mehr 
verpachtet, die besten und kostspieligsten Anlagen geschaffen. 



1) Moniteur des interets petroliferes, I, S. 915—917. 

2) S. Salinele noastre von C. G. Bro^teanu (Bukarest 1901). 

3) Jirecek, Fürstentum Bulgarien, S. 218. 

4) 1 Oka (türkischen Ursprungs) 1,272 Kilogramm oder 1,291 Kilogramm; 
jetzt ist in Rumänien das Dezimalsystem eingeführt. 

6) Hurmuzaki, X, S. 475, nr. dlxxxh. Vgl. meine Akten Stirhei (Bu- 
karest 1904—1905, 2 Bände). 

Jorga, Geschiclite der Bumänen. IL 27 



418 2. Kapitel. 

Nunmehr arbeiten bei elektrischem Lichte die G^&Dgnisinsassen 
sowie Bauern, die für diese schwere Arbeit gut bezahlt werden. 
Der Ertrag der Ausbeute geht nicht zurück, obgleich die alte 
Grube von Telega seit einigen Jahren verlassen ist Dieser Zweig 
der Ausfuhr wäre sehr woU einer grö&eren Ausdehnung flüug. 

Erdölbrunnen, die ein unreines Petroleum lieferten, das den 
Bauern als Wagenschmiere diente, werden schon im 17. Jahr- 
hundert erwähnt, und zwar im moldauischen Bezirke Bacäü '). 
Gegen 1840 machte man in der Walachei einen Versuch mit der 
Erdölgewinnung zu Päcure^I (Prahova)^), aber die alte Art und 
Weise der Gewinnung blieb bis vor vierzig Jahren in Krafl 
Noch in den sechziger und siebziger Jahren, während der inneren 
Ejisis in Amerika, begann, durch die Abgaben&eiheit begünstigt, 
die Ausfuhr des rumänischen Erdöls, deren Wert sich sogar bis 
auf 2 300000 lel jährlich steigerte^). Jetzt trat das moldauische 
Moinei^tl an zweite Stelle, während ganz grolse Erdöllager in 
dem Tale der Prahova, nördlich von Cimpina bis in die Nähe 
des Gebirges, gefunden wurden. Die Ausbeutung vollzog sich 
anfangs noch ganz primitiv, ohne Kapital und ohne Maschinen. 
Nach 1895, als das Bergwerksgesetz in Kraft trat, bildeten sich 
aber Gesellschaften mit meistens fremdem, holländischem, auch 
deutschem, englischem und belgischem Kapital, die sich der Erdöl- 
gewinnung widmeten. Die erste Gesellschaft; war lange Zeit die 
Steaua Rominä, der sich dann die holländische GesellschafI; 
„Amsterdam'^, die englische zu Berca und die belgische in 
JinißB, zugesellten. Einige Brunnen lieferten einen unglaublich 
grofsen Ertrag: ganze Massen von Erdöl entquoUen der Elrde 
und sprangen mehrere Meter in die Höhe, um ihre Besitzer in 
wenigen Wochen reich zu machen. Cimpina wuchs sich bald zu einer 
kleinen Stadt aus. Die Nachforschungen erstreckten sich dann 
bald auf die zwei benachbarten Bezirke: Dimbovi^ (Glodenl) 
und Buzäü, die ebenfalls bald viel zur Erdölproduktion beitrugen. 
Die Quellen von Bu^tenarl wetteiferten mit den alten von Prahova. 



1) Studil §i documente, VII, S. 288. 

2) Monitear des interets petroliferes, I, S. 156. 

3) Bäicoianu, a. a. 0., S. 67. 



Das wirtschafÜiche Leben der Bumänen in der Gegenwart. 419 

dne Zeitschrift, der ,;Moniteur des int^rSts p^troliföres roumains'^ ^), 
die noch besteht und in ihren vorliegenden vier Jahrgängen reiche 
Belehrung bietet, wurde gegründet. Auch für die kleinen Kapi- 
talien der Beamten schien auf diese Weise einen Augenblick eine 
iruchtbringende Anlage gefunden zu sein. Das Erdöl wurde als 
Heizungsmaterial der staatlichen Lokomotiven und Dampfer ver- 
iTv^endet; ja es wurde die Einberufung eines Erdölkongresses nach 
Bukarest empfohlen. Die Idee einer Röhrenleitung, die bis an die 
!Küste des Schwarzen Meeres, nach Constan^, führen sollte^ wo 
der Hafen besondere Einrichtungen für die Erdölverfrachtung bekam, 
^wnrde erörtert. Etwas von unternehmendem amerikanischen Geiste 
kam in das sonst ziemlich träge wirtschaftliche Leben Rumäniens. 
Die Gesamtproduktion stieg bis auf 300 Millionen Ealogramm *, zur 
Ausfuhr allein sind im Jahre 1901 76 Millionen Kilogramm ge- 
langt, aber dabei ist es nicht geblieben. Trotzdem stellt das Erdöl 
einen bedeutenden Teil des nationalen Einkommens dar. Der 
Mangel an Kapital macht sich allerdings noch bemerkbar; aus- 
ländisches Kapital zu jedem Preise heranzuziehen, ist deshalb die 
Lieblingsidee mancher einflufsreichen Politiker Rumäniens. Der 
Besuch der Agenten des grofsen amerikanischen Trusts Rockefeller 
(Standard Oil Company) wurde von den Konservativen, die tat- 
sächlich der Führung Take lonescus folgen, mit Freude begrüfst. 
Die Liberalen haben jedoch während ihres letzten Regiments die 
Festsetzung des amerikanischen Aussaugesystems verhindert. Von 
beiden Seiten wurde heifs für oder wider Herrn Rockefeller ge- 
stritten. Jetzt ist lonescu Finanzminister, und dieser Umstand 
kann für die Amerikaner, die grofse Anstrengungen machen, von 
einigem Vorteile werden '). Eine Wahrheit bleibt es aber jedenfalls, 
dafs kein Volk seinem eigenen nationalen Interesse dient, indem 
es den von anderen Völkern erworbenen Reichtum zugleich mit 

1) Vgl. auch A. Bichard, La Boamanie (Bukarest 1895). 

2) In dem Augenblicke , wo diese Zeilen zum Druck gelan;^en,. beabsichtigt 
der besagte Minister, das ganze erdölbergende Terrain des Staates an ein Tor- 
wiegend deutsches Konsortium zu verpachten. Nach den bekannt gewordenen 
Bedingungen würde der AbschluTs eines solchen Vertrages ein Wagnis sein. 
Deshalb hat sich ein rumänisches Konsortium Bomänia mit 8 — 10 Millionen 
sogleich gebildet, um die Verpachtung an die Fremden zu verhindern , und für 
den Augenblick ist dies auch gelungen. 

27* 



420 2. Kapitel. 

dessen Vertretern gastlich aufiiimmt; denn schliefslich kommt es 
doch zur wirtschaftlichen Vorherrschaft des Fremden, und wenn 
dieser Fremde nicht ein vaterlandsloser Jude ist, sondern einer 
mächtigen NationaUtät angehört, dann wird er auch politisch mafs- 
gebend, allmählich oder durch finanzielle Gewaltmittel, schliefslich 
auch durch Aufstände und Krieg. Dasjenige, was in Südafirika 
zum ewigen Schaden der Viehzucht und Ackerbau treibenden 
Buren, ehrlicher, braver und aufgeklärter Leute, von seiten ihrer 
Mitbürger geschehen ist, kann auch den Rumänen, welche ihr 
Vaterland und ihren Stamm aufrichtig lieben und deren Interessen 
zu würdigen verstehen, zum besorgniserregenden Beispiele dienen. 
Nur die vollständig nationale Haltung eines Volkes rechtfertigt 
seinen Fortbestand. 

Diese Betrachtungen und zugleich der natürliche Gang unserer 
Darstellung führt uns jetzt zu den Keimen der rumänischen In- 
dustrie, die hinsichtlich ihrer Entwickelung und in ihren Aufgaben 
imtersucht werden mufs. 

In alter Zeit bereitete sich jede bäuerliche Haushaltung selbst 
alles, was sie an Nahrung und Kleidung bedurfte. Als Güter, die 
er nicht selbst erzeugen konnte, kamen für den Bauern lediglich 
Waflfen und einige Gerätschaften in Betracht. Sachsen, Armenier, 
Griechen und Deutsche führten für die Bojaren und den fürstlichen 
Hof nur Stoffe, Pelze und Juwelen, aber kaum etwas anderes ein, 
die Einfuhr war mithin sehr gering, während das Gewerbe nur 
der Befriedigung des häuslichen Bedarfs diente. Einige Fürsten 
haben im 17. und 18. Jahrhundert „Fabriken" errichtet: Glas- 
waren liefs Matel Basarab herstellen *), Gregor Alexander Ghica 
gründete eine Tuchfabrik, die sich einige Jahre lang mit polnischen, 
zumeist aber deutschen Arbeitern erhielt. Die Walachen folgten 
seinem Beispiele, und es entstand in den siebziger Jahren des 
18. Jahrhunderts eine zweite Tuchfabrik in Afiima^I (Bezirk Ufov). 
Nach 1822 und dem Organischen Reglement jedoch verschwand 
alle und jede Industrie vom rumänischen Boden. Alles, was nicht 
im Hause erzeugt werden konnte, mufste bis zum kleinsten Artikel 
durch Vermittelung des deutschen, d. h. österreichischen Handels 
bezogen werden. 

1) Meine Schrift ßra^ovul ^i Rominii, Kap. I, § sticlä, S. 107—108. 



Das wirtschaftliche Lehen der Bomänen in der Gegenwart. 431 

Trotzdem war die Einfuhr nur ganz gering, weil der Luxus 
zu wenig entwickelt war und der Bauer, der noch nicht als Tage- 
löhner eine ständige Beschäftigung für sich selbst und seine Fa- 
milie in den grofsen landwirtschaftlichen Betrieben des Bojaren 
gefunden hatte, für die fremden Produkte noch nicht als Käufer in 
Betracht kam. Der sächsische Handel hatte seit einiger Zeit auf- 
gehört, der neue europäische Handel aber begann eben erst sich zu 
entwickeln. Erst nach 1850 begann das Leben der höheren Klassen, 
die sich durch die einige Jahre lang ohne jede Zollbelastung geübte 
Getreideausfuhr ein sehr schönes Einkommen erworben hatten und 
nur in seltenen Fällen im Ausland lebten, üppiger zu werden, und 
dadurch wuchsen die Bedürfiiisse. Die Juden, die eine immer gröfsere 
Rolle im Wirtschaftsleben der Moldau spielten, liefsen in grofsen 
Massen wohlfeile Fabrikate kommen, die sie in ihren Buden fäv 
den Bauer zur Schau stellten oder ihm sogar durch Hausierer auf- 
drängten, denn damals bestand noch kein Gesetz, welches diesen 
Handel r^elte und einschränkte, wie es heute, wenn es auch 
nicht gerade mustergültig beobachtet wird, existiert. Der Verkauf 
ging gut Yonstatten, und, wenn nicht, dann schreckte der ,, Kauf- 
mann^' auch vor dem Bankerott nicht zurück. Durch die zu- 
nehmenden Bedürfhisse der Bojaren und die Geschäfte der Juden 
erhöhte sich der Wert der Einfuhr in den sechziger Jahren bis 
auf mehr als 70 Millionen lel. 

Nach der Staatsumwälzung von 1866 begann man in Ru- 
mänien mit den grofsen öffentlichen Arbeiten, besonders dem Bau 
der Eisenbahnen, und neben den althergebrachten traditionellen 
Kolonialwaren, die aus dem Oriente kamen, neben den französi- 
schen Luxuswaren imd den schlechtesten unter den schlechten 
österreichischen Fabrikaten, die man für den armseligen Bauer 
herbeibrachte, wurden nun noch allerlei Maschinen und Metall- 
waren aus dem Abendlande eingeführt. Der Eisenbahnbetrieb 
machte bald noch die bisher fast unbekannte Kohleneinfuhr nötig, 
und die Steinbrucker Braunkohle Österreichs und die Petrozsenyer 
Ungarns fand in Rumänien guten Absatz. Trotzdem zeigt die 
Bilanz, der wir übrigens keine besondere Bedeutung beimessen 
und in der wir kein Zeichen des Nationalreichtums erblicken, in 
den Jahren 1866 bis 1877 nur eine Einfuhr von rund 100 



42S 2. Kapitel. 

Millionen lel gegenüber einer Ausfuhr im Werte von 150 bis 200 
Millionen. Der grö&te Teil der eingeführten Waren kam aus 
Österreich-Ungarn und aus Frankreich^ während die Türkei noch 
immer, wie gebräuchlich, alle Kolonialwaren lieferte. 

Eine rumänische Industrie existierte zu jener Zeit noch nichi^ 
wenn man nicht gerade die primitiven Spiritusdestillationen (vel- 
ni^e), in denen moldauischer Branntwein hergestellt wurde und 
die meistens den Grundbesitzern gehörten, oder die kleinen Mühlen — 
gewöhnlich Wassermühlen, weniger Windmühlen, keine Dampf- 
mühlen — oder etwa die armseligen Seifen- und Eerzenfabriken 
einiger Armenier und Juden, in Eechnung setzen will. Eine 
Zündhölzerfabrik in der Nähe von Jassy, die mit jüdischem Ka- 
pitale betrieben wurde, und eine andere zu Filaret (einer Vorstadt 
von Bukarest), bestanden als einzige im Lande vor der Einfuhrung 
des Monopoles im Jahre 1886, das zur Einrichtung einer grofsen 
modernen Staatsfabrik führte. Als Inhaber des Tabakmonopols be- 
safs der Staat schon seit dem Jahre 1870 eine Tabakzubereitungs- 
und Zigarrenfabrik in der Hauptstadt. Für 'den Bedarf der Eisen- 
bahnen wurden bedeutende Werkstätten der Nordeisenbahngesell- 
schaft, die polnische Arbeiter beschäftigten, in Pa^canl errichtet. 
Die Bücherindustrie war durch die Bemühungen des J. V. Socecü, 
des ersten unternehmenden Buchdruckers und Buchhändlers im 
Lande, in allen ihren Zweigen organisiert. Dies war aber auch 
bis zu den achtziger Jahren beinahe alles. 

Nun wurde 1875 der Handelsvertrag mit Österreich abge- 
schlossen. Seine politische Bedeutung wurde schon erörtert; wirt- 
schaftlich war der Vertrag verfehlt, denn die rumänischen Diplomaten 
besafsen noch nicht die notwendige Praxis, um ein gutes Werk 
zu schaffen und zu verteidigen. Die Viehausfuhr wurde unter 
der Geltung des Vertrages immer mehr eingeschränkt, und auch 
die Behandlung des Getreides hätte vorteilhafter sein können. 
Osterreich dagegen konnte beinahe ungehindert alle Fabrikate 
einführen, alles bis zu den gewöhnlichsten Holzgegenständen, wie 
Löffel Gxr den Bauer, Bürstenhalter und dergleichen — gerade 
wie in der guten, einfachen, sächsischen Zeit — , imd zwar wurden 
lächerlich billige Preise für oft lächerlich schlechte Waren ge- 
zahlt. Die österreichische Einfuhr verdreifachte sich ihrem Werte 



Das wirtschaftliche Leben der Bumänen in der Gegenwart. 48S 

nach in der Periode von 1875 bis 1885: von 40 Millionen lel 
stieg sie auf 130 Millionen. Aus Frankreich^ das seine Luxus- 
artikel und Modewaren ins Land brachte ^ wurde dagegen nur 
für 15 bzw. 24 Millionen eingeführt; die englische Einfuhr aber 
stieg von 25 auf 56 Millionen ^ denn der Engländer kam dem 
neu erwachten Bedürfiiisse des Bauern an groben Baumwoll- 
fabrikaten entgegen. Deutschlands Anteil an der Einfuhr , der 
1875 nur 5 Millionen betrug, stieg bis auf 30 bis 40 Millionen, 
Italien, Belgien und die übrigen Staaten jedoch spielten nur eine 
untergeordnete Rolle ^). Es ist dabei zu bemerken, dafs die ru- 
mäniBche Ausfuhr ganz andere Verhältnisse aufwies: England 
nahm mit 38 Prozent den ersten Platz unter den Ländern ein^ 
die rumänische Erzeugnisse bezogen. Österreich -Ungarn stand 
mit 16 Prozent an zweiter Stelle; Frankreich und die Türkei 
waren nicht bessere, aber auch nicht schlechtere Einkäufer als 
früher, da sie für 19 bzw. 11 Millionen lel rumänische Produkte 
einführten ^). Deutschland kaufte trotz seiner grofsen Ausfuhr 
nach Rumänien direkt nur für 2 Millionen lel rumänisches Ge- 
treide. Die Bilanz ist jetzt nur in geringem Mafse aktiv, ohne dafs 
man deswegen zu pessimistischen Folgerungen hinsichtlich des 
Landesreichtums berechtigt wäre^ denn es ist zu bedenken, dafs 
das Land sein fundiertes Kapital, das in Gebäuden, Strafsen, 
Heeresausrüstung usw. zutage tritt, vollständig erneuert. In dep 
Tat geht viel mehr rumänisches Geld dadurch ins Ausland, dafs 
viele Rumänen den Aufenthalt aufserhalb ihrer Heimat bevor- 
zugen, denn alle diese tragen nichts dazu bei, um die für das 
moderne Leben nötige Ausstattung des nunmehrigen Königreiches 
zu verbessern. Schon hat man zur Befriedigung der Staatsbe- 
dürfnisse und ebenso behufs Gründung von E[reditanstalten zu- 
gunsten der Haus- und Grundbesitzer fremdes Elapital in grofsem 
Mafse herangezogen. 

Rumänien war vollständig ohne Kapital in das moderne Leben 
eingetreten, denn in türkischer Zeit konnte niemand sparen. Für 
den so oft ausgeplünderten Bauer war es eine reine Unmöglichkeit, 



1) Bäicoianu, a. a. C, I^ zu S. 198. 

2) Ebenda, S. 188 und Tabellen. 



434 2. Kapitel. 

und die fremden Aussauger jener Zeit haben das Land schon längst 
verlassen. Die Bojaren aber kauften sich Grundbesitz. Der Geld- 
umlauf war überhaupt sehr gering. Nun brauchte aber der Staat 
viel Geld, um seine Anstalten von Grund aus zu erneuem, und viel 
Geld hatten auch die Grofsgrundbesitzer, besonders in der Moldau^ 
nötig, wenn sie die Landwirtschaft in grofsem Stile betreiben 
wollten. Das vergnügte Leben in Paris kostete auch viel Geld. 

Gegenwärtig beruht die Besteuerung noch auf derselben Grund- 
lage, die das Organische Reglement vorsah. Der Staat verlangt 
zuerst von jedem Mündigen die Kopfsteuer, contribu^ia per- 
sonale, oder, wie sie jetzt heifst: „cäile de comunica^e^S Steuer 
für die Verkehrswege. Diese Steuer ist nicht sehr hoch, wie man 
es in einem Lande, dessen Bewohner meistens arme Bauern sind, 
erwarten mufs; sie wird mehr oder weniger regehnäfsig einge- 
trieben, und die Statistik der Steuerpflichtigen ist als sehr mangel- 
haft zu bezeichnen; würde den Steuereinnehmern (perceptorl) 
eine Tantieme bewilligt, so würde sie dies zu gröfserem Eifer an- 
spornen. Besonders in den Städten ist die Steuerhinterziehung 
beträchtlich, und deshalb trägt die Kopfsteuer dem Staate kaum 
6 Millionen ein. Ferner mufs sich jeder Bauer an dem Bau und 
der Unterhaltung der Landstrafsen beteiligen; sie werden zu 
dieser Staatsdienstleistung zu gewissen Zeiten des Jahres auf einige 
Tage von den Gemeindeverwaltungen der Dörfer beordert. Wer 
die Arbeit nicht verrichten will — und dies geschieht nicht 
selten — , der kann seiner Pflicht, gerade wie der Stadtbewohner, 
durch Zahlung einer Geldentschädigung genügen. 

Die zweite Art der Besteuerung ist die Grundsteuer (fun- 
ciarul), die 1859 bis 1860 eingeführt wui'de. Den Bauern be- 
lastet sie entschieden zu schwer, während der Grofsgrundbesitzer — - 
die Sätz