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Full text of "Geschichte des Teufels"

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(jescliiclite des Teufels. 



Zweiter Band. 



Geschichte des Teufels. 



Von 



Griistav Roskoff. 



Zweiter -and. 




Leipzig : 

F. A. B r o c k h a u 



'■lAlh. 



1869. 



Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen wird vorbehalten. 



> 



Inhalt des zweiten Bandes. 



Zweiter AbscMitt. 

Factoren bei der Ausbildimg und Verbreitung der Vorstellung 

vom Teufel. 

Seite 

1. Die Herabdrückuugsmethode der Kirchenlclirei- 1 

2. Amalgamirungsprocess 8 

3. Geschichtliche Verhältnisse 18 

Entwickelung der Kirche als Macht gegenüber dem Staate . 19 

■4. Mittel zur Vergrösserung des geistlichen Ansehens 33 

Kreuzzüge 38 

Kanonische Lebensweise 39 

Beichte 39 

Ablass 40 

Bettelmönche 40 

Excommunication und Interdict 41 

Kirchensprache 45 

5. Bereicherung der Kirche an niaterielleu Gütern 46 

Regalien 48 

Stiftungen 49 

Senden 52 

Reliquien 53 

6. Sittliche Zustände 58 

Busswesen 82 

7. Zustand der Gemüther. Das kirchlich -theologistische Gepräge . 93 

Theologie 96 

Philosophie 96 

Rechtswissenschaft 97 

Strafrecht 99 

Arzneikunst 100 

Astrologie 105 

8. Mancherlei Erscheinungen und Ereignisse als Factoren in der 

Geschichte des Teufels HO 



/ u Inhalt. 



(¥ 



Seite 

Elementarereignisse 113 

Mongoleneinfall (1242) 118 

Das Interregnum 122 

9. Sekten im Mittelalter 124 

Die Inquisition 129 

Kreuzzüge 138 

Kinderpilgerfahrt 139 

Flagellanten 140 

Wunderglaube 144 

10. Heiligendienst und Mariencultus als soUicitirende Factoren . . 148 

Wohnstätte 154 

Aussehen 155 

Gegensatz im Streben 156 

Physische Uebel 166 

Krankheiten 168 

Mariencultus 198 

Dritter Absclmitt. 

Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

1. Zaubergiaube 206 

2. Vorläufer der Hexenprocesse 213 

3. Malleus maleficarum. Der Hexenhammer 226 

4. Weiterer Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse 293 

5. Erklärung der Hexenperiode 314 

Intellectuellc Culturstufe 319 

6. AU mähliche Abnahme der Hexenprocesse 359 



Vierter Absclinitt. 

Fortsetzung der Geschichte des Teufels. Abnahme des 



'ö 



Glaubens an den Teufel. 



1. Luther's Glaube an den Teufel 365 

2. Der Teufel im 16. und 17. Jahrhundert 437 

Der Teufel im Gebete 472 

Der Teufel im Gesangbuch 473 

3. Der Teufel im 18. Jahrhundert 479 

4. Ursachen der Abnahme des Teufelsglaubens 526 

Anschauung der Gegenwart. 



Zweiter Abschnitt. 

Factoren bei der Ausbildung und Verbreitung 
der Vorstellung vom Teufel. 



1. Die Herabdrücknngsmetliode der Kirclieiilelirer. 

Indem der vorige Abschnitt zu zeigen suchte, wie die 
Vorstelhuig von der Existenz des Teufels durch die Ueber- 
lieferung der positiven Kirchenlehre erhalten und gepflegt 
wurde, Hess sich zugleich die Wahrnehmung machen: dass 
die Figur des Teufels bald nach Beginn des Mittelalters immer 
concreter sich gestaltet, sinnlich wahrnehmbarer, zum wirk- 
lichen Individuvuu wird. Der Grund dieser Erscheinung liegt 
zunächst in der Herabdrückungsmethode der Kirchenlehrer 
wonach die heidnischen Gottheiten und mythologischen Wesen 
zu teuflischen Wesen herabsinken. Schon in der ersten christ- 
lichen Periode finden wir, dass die christlichen Kirchenväter 
die Götter der Griechen und Kömer zu Dämonen herabdrücken, 
und den Teufel als Urheber oder Vorstand und Schutzherrn 
des götzendienerischen Heidenthvuns darstellen. Es kann nicht 
befremden, wenn in spätem Zeiten, wo die christliche Kirche 
mit den germanischen und andern heidnischen Völkerstämmen 
in Berührung trat, dieselbe Herabdrückungsmethode von jener 
befolgt wurde. Sie hielt den Satz aufrecht, den jede Partei 
auf ihrem Banner trägt: „Wer nicht mit mir ist, ist gegen 
mich." Die Kirche stellte sich unter den Gesichtspunkt der 
Partei gegenüber dem Heidenthum, und später den innerhalb 
der christlichen Kirche entstandenen Sekten. Gemäss der 

Roskoff, Gescliiclite iles Teufels. II. 1 



2 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

weltgeschiehtliclien Bewegung in Gegensätzen, die sich durch 
Parteien darstellen, wo jede Action eine Reaction hervorruft, 
und der Rückschlag den Schlag an Wuchtigkeit gewöhnlich 
überwiegt, was nicht nur in der politischen Bewegung, son- 
dern auch in der Religionsgeschichte wahrzunehmen ist, gründet 
sich diese Herabdrückungsmethode auf denselben psychologi- 
schen Process, der zwischen Parteien den Gegensatz zur Feind- 
seligkeit spannt und letzteren zum Gesichtspunkt erhebt, von 
dem aus alles, was ausserhalb des eigenen Kreises liegt, im 
Dunkel erscheint. So erklärt es sich, dass wo Völker in 
feindliche Berührung kommen, das unterdrückte nicht nur 
den Unterdriicker selbst, sondern auch dessen Gottheit als 
Feind betrachtet und als übelthätiges Wesen fürchtet. Dieser 
Umwandlungsprocess geht aber auch vor sich, wenn von 
einem Volke ein Zweig sich abgesondert, zu einem Volksstamme 
herangewachsen seine religiöse Anschauung eigenartig ausge- 
bildet hat, lind dadurch mit dem Urstamme in eine gegen- 
sätzliche Stellung geräth. Der letzte Grund dieser Erscheinung 
liegt wol in dem unmittelbaren Streben der Selbsterhaltung 
der Individualität. Das vorstellende Bewusstsein, das nicht 
wie das begreifende Denken die verschiedenen Vorstellungen 
nach ihrem inneren Zusammenhange zusammenfasst , kenn- 
zeichnet sich dadurch, dass es die bestimmte Anschauung 
üxirt, sie von jeder andern abschliessend zur Parteianschauung 
macht. Als solche umgibt sich diese mit den Schranken der 
Individualität, ausserhalb deren sie ihr Ende hat. Indem sie 
sich als allein berechtigt glaubt und als solche zur Geltung 
zu kommen sucht, negirt sie die ihr fremden Vorstellungen, 
welche ihr als verderblich erscheinen, und um sie als 
solche darzustellen, sie herabärücken niuss. Beispiele dieser 
Herabdrückungsmethode bietet die Religionsgeschichte des 
Alterthums wie die christliche Periode. In Aegypten wird 
Seth nach dem Einfalle des phönizischen Stammes, der in ihm 
den eigenen Feuergott erkannt und anerkannt hatte, zum 
Träger alles Nichtägyptischen, dem Aegypterlande Verderb- 
lichen herabgedrückt. Bei den Ariern verlieren die Daevas 
ihre ursprüngliche Bedeutung als gute göttliche Wiesen, und 
werden nach der Trennung des Volks als böse Geister von 
den Iraniern verabscheut. Im Alten Testament werden heid- 
nische Götter mit bösen Dämonen auf eine Linie gestellt, 



1. Die Herabdrückungsmethode der Kirchenlehrer. 3 

daher die Alexandriner (LXX) statt der Eliliin ^ füglich „Dae- 
monia" setzen, und durch diese auch die Schedim^ vertreten 
lassen. Beelzebub, den das Alte Testament noch als heidnisches 
Idol kennt, wird im Neuen Testament schon der oberste der 
bösen Geister genannt. Was Cäcilius bei Minucius Felix über 
die christliche Urgemeinde sagt, ist eigentlich der Ausdruck der 
damals unter den Römern herrschenden Volksmeinung, wonach 
die Christen als lichtscheue, aufrührerische Partei erscheinen, 
und die Beschuldigungen, von den Römern den Christen auf- 
gebürdet, bezeugen auch die gehandhabte Herabdrückungs- 
methode. Die Verehrung des einzigen unsichtbaren Gottes 
erschien den Römern als Atheismus, die Vermeidung der 
heidnischen Tempel als Sacrilegium, die Glaubenstreue und 
Erkennung durch das Symbol als Anzeichen der Verschwö- 
rung, die Gedächtnissfeier des Gekreuzigten als Menschen- 
opfer, die Kniebeugung wurde zur unanständigen Verehrung 
herabgedrückt. Die einzelnen Züge gaben ein Bild vom christ- 
lichen Cultus als purer Ruchlosigkeit, wonach die Christen 
bei ihren nächtlichen Zusammenkünften unmenschliche Speise 
geniessen, die Götter anspeien, die heiligen Gebräuche ver- 
höhnen, sich untereinander Brüder und Schwestern nennen 
und miteinander Unzucht treiben. Besonders grauenhaft wird 
von heidnischer Seite die Aufnahme in den christlichen Ver- 
band vorgestellt: da sollte ein mit Mehl überdecktes Kind 
dem Aufzunehmenden vorgesetzt werden, auf welches dieser 
losstechen müsse bis er es getödtet, wonach das Blut des 
Kindes von den Versammelten gierig aufgeleckt, die Glieder 
zerrissen und verzehrt werden, welches Menschenopfer zugleich 
als Gewähr der Verschwiegenheit gelte. Wenn sich die Christen 
an Festtagen zu gemeinschaftlichem Mahle versammeln, sollen 
sie, nachdem sie geschlemmt haben, einem an das Lampen- 
gestell angebundenen Hund einen Brocken hinwerfen, wo bei 
dem Schnappen des gierigen Thiers die Lampe umgeworfen, 
und nach ausgelöschtem Lichte die abscheulichste Unzucht 
beginne. Der Vorwurf, den Apion gegen die Juden erhoben, 
dass sie einen Eselskopf anbeten, daher Antiochus Epiphanes 
einen solchen aus Gold bei der Plünderung des Tempels 



' Ps. 96, 5. 

2 Ps. 106, 37; 5 Mos. 32, 17. 



4 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

gefunden haben soll \ wird von den Römern auch den Christen 
gemacht; das alljährliche Schlachten eines Kindes, dessen die 
Juden beschuldigt wurden, welche bis über das Mittelalter hin- 
aus darunter leiden mussten, ward auch den Christen vorge- 
worfen. Celsus stellt den christlichen Cultus dem ägyptischen 
Götzendienst an die Seite, wo Katze, Krokodil, Bock und 
Hund als Götter verehrt werden^. 

In der christlichen Anschauung verwandeln sich die Götter 
des classischen Heidenthums nicht nur zu blossen Götzen, 
sondern sie w^erden zu Teufeln und teuflischen AVesen herab- 
ffedrückt. Den alten Göttern wird die Existenz von den 
christlichen Kirchenlehrern nicht abgesprochen, wol aber deren 
Berechtigung geleugnet. Ihre einst lichtvollen Gestalten wer- 
den durch die neue „Himmelsglorie" in dunkeln Schatten 
gedrängt, sie sind entthront und zu bösen Geistern gestem- 
pelt, deren Macht zwar durch Christi Erscheinung als ge- 
brochen gedacht, aber doch noch immer gefürchtet wird. 

Unter denselben Gesichtspunkt wird das germanische wie 
jedes andere Heidenthum gestellt, und liefert zum Theil teuf- 
lische Gestalten, zum Theil das Material zur sinnlichen Aus- 
stattung der Vorstellung vom Teufel, einzelne Züge oder 
Attribute bei dessen Erscheinung, oder wird mit seinem Ge- 
triebe und Wirken in Verbindung gebracht. Die vom Heiden- 
thum als wohlthätig anerkannte göttliche Macht wird zu einer 
übelthätisen, teuflischen verkehrt und verabscheut, die Götter- 
gestalten, als Träger dieser Macht, werden im feindlichen 
Gegensatze zu dem wahren Gott dargestellt. J. Grimm zeigt 
in seiner,, Deutschen Mythologie", wie Wuotan (Wodan, Guo- 
dan, Othin), „die höchste und oberste Gottheit", die von allen 
. deutschen Stämmen verehrt ward, als das allmächtige, all- 
durchdringende Wesen, „als weiser Gott", durch die christlich- 
kirchliche Anschauung zum Teufel herabgedrückt wurde, w^as 
hier um so leichter war, da schon unter den Heiden neben 
der Bedeutung des mächtigen w^eisen Gottes die des wilden, 
ungestümen und heftigen gewaltet haben muss, die von den 
Kirchenlehrern nur hervorgehoben und festgehalten zu werden 
brauchte. Die Umwandlung des gütigen Wesens in ein böses 



' Jos. c. Ap. lib. II. 
2 Orig. c. Cels. III, 17. 



1. Die Herabdrückungsmethode der Kirchenlehrer. 5 

zeigt schon die unter den Christen gangbar gewordene Ver- 
wünschung: Fahre zu Othin, d. h. zum Teufel. Mit breit- 
krämpigem Hute und weitem Mantel fährt Othin an der Spitze 
des wilden Heeres als Hackelberend durch die Lüfte. Den 
breitkrämpigen Hut hat der Teufel in vielen Legenden und 
Sagen, in denen er erscheint, aufgesetzt; der weite Mantel, 
in welchen Othin, nach einer von Grimm ^ angeführten Sage 
bei Saxo, einen Schützling fasst und durch die Lüfte führt, 
dient in der Faustsage demselben Zwecke. Die Wölfe und 
Raben, dem Othin als Siegesgott beigelegt, treten häufig in 
Teufelssagen auf, ja dieser erscheint selbst häufig in Raben- 
gestalt. Wenn aber Grimm den Othin mit Mercurius als Er- 
finder des Würfelspiels zusammenstellt und dabei an unsere 
Volkssagen erinnert, die den Teufel Karten spielen und andere 
dazu verführen lassen; so dürfte dieser Zug wol auch ohne 
Anlehnung an das Heidenthum daraus zu erklären sein: dass 
Karten- und Würfelspiel, wie das Spiel überhaupt, von der 
Kirche als etwas Verderbliches betrachtet, und alles Schäd- 
liche und Böse auf den Teufel, als dessen Stifter, zurück- 
geführt wurde. Der Teufel kommt, gleich Othin, oft reitend 
vor, und das Pferd, namentlich das schwarze, spielt in Teufels- 
geschichten seine Rolle. Den Bock, dessen Gestalt der Teufel 
schon in alten Zeiten gern annimmt, lieferte Donar, der über 
Wolken und Regen gebietende Gott; der Eber, auch zum 
teuflischen Apparat gehörig, und vornehmlich den zum Sabbat 
sich versammelnden Hexen als Reitthier dienend, erinnert an 
Fro, dem der Eber geheiligt war. Die göttliche Gestalt der 
Holda, der freundlichen, milden, gnädigen Göttin, wird in 
der christlichen Uebersetzung zur hässlichen, langnasigen, 
grosszahnigen, struppigen Kinderscheuche; die Eiben, ur- 
sprünglich gute, dienstfertige Wesen, werden zu teuflischen 
Unholden herabgedrückt; Bilwitz, früher ein guter Hausgeist, 
wird in ein hexenhaftes , teuflisches Schreckgespenst verwan- 
delt. Die Weissagung der nordischen Priester wird nach 
dem Auftreten des Christenthums von dessen Lehrern für 
teuflische Zauberei betrachtet. Die friesischen Götterbilder, 
zum Orakelgeben eingerichtet, erklären die Christen für vom 
Teufel besessen. Die angelsächsischen Weissager werden vom 

' I, 133. 



6 Zweiter Absclinitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

christlichen Gesetze streng bestraft. Die Capituhirien Karl's 
des Grossen verhängen über denjenigen, der einer heidnischen 
Gottheit, d. h. dem Teufel opfert, die Todesstrafe. Den zur 
Verachtnn2r herabsedrlickten heidnischen Göttern wird die Zau- 
berei zugeschrieben, und diese niuss, nachdem das Christen- 
thum zur allein legitimen Rehgion erhoben worden, als ille- 
«fitimes AVunder verabscheut werden, während ein auf christ- 
lieber Seite vollbrachtes Wunder den Stempel der Legitimität 
erhält. Dieselbe Ausschliesslichkeit der Anschauung, die sich 
als allein berechtigt weiss, und als solche anerkannt wissen 
will, finden wir im Alten Testamente, wo die mit Mose's 
ausserordentlichen Thaten wetteifernden Aegypter als Zau- 
berer hingestellt werden, wogegen jener Wunder verrichtet. 

Nachdem der Glaube an den Teufel als den Urheber 
und Stifter alles Bösen und jedes Uebels unter den Christen 
zur Herrschaft gelangt war, wurde natiirlich jede Verderben 
drohende Erscheinung in der Geschichte vom Teufel abgeleitet. 
Es erklärt sich daher, warum die Hunnen von Dämonen ab- 
stammen miissen: sie sind nämlich Abkömmlinge von den 
magischen oder germanischen Weibern, die der gothische 
König Filimer aus dem Lande jagen Hess, die in ihrer Er- 
bitterung Dämonen zu sich beschworen und sich mit ihnen 
begatteten. So Jornandes, der gothische Bischof.^ Attila 
muss natürlich für einen Sohn des Teufels gelten, und Mer- 
lin, der im Sagenkreise Arthur's von der Tafelrunde er- 
scheint, wird für den Sohn eines Dämons und einer Nonne 
erklärt. 

Aus demselben Grunde bietet sich dieselbe Erscheinung, 
wo sich innerhalb der christlichen Kirche Parteien, Sekten 
bilden. Die von der allgemeinen Kirchenlehre Abweichenden 
werden vom Eifer der Polemik nicht blos in moralischer Hin- 
sicht herabgedrückt, sondern mit dem Teufel selbst in Zusam- 
menhang gebracht. Da sich im kirchlichen Bewusstsein die 
Vorstellung gefestigt hatte: die Kirche sei die Anstalt, die 
das Reich Gottes auf Erden vertrete, und ihre Glieder seien 
berufen, jene zu fördern, so musste jede von ihr abweichende 
Meinung in dem Feinde der Kirche, nämlich dem Teufel als 
Widersacher des göttlichen Reichs, ihren Grund haben, und 



J De gothic. rcb. c. XXIV, 67. 



1. Die Herabdrückunffsmethode der Kirchenlehrer. 



-■o 



mit ihm in Verbindung gedacht werden. So konnte Hetero- 
doxie und Ketzerei als Teufelsdienst, und beide mit der da- 
von fiir unzertrennlich gehaltenen Zauberei für gleichbedeu- 
tend und mit gleich schweren Strafen zu belegende Verbrechen 
ausgegeben werden. Der Glaube macht allerdings selig, inso- 
fern er sich aber an bestimmte Vorstellungen bindet, die ihm 
als die allein wahren gelten, macht er ausschliesslich und 
feindselig. Die Gnostiker, deren sittlicher Rigorismus selbst 
bei mehreren christlichen Schriftstellern Anerkennung fand, 
wurden im allgemeinen doch als die lasterhaftesten Menschen 
auf Erden verschrien. Irenäus, durch seinen Eifer gegen die 
Ketzer bekannt, verdammt selbstredend die Lehre der Karpo- 
kratianer; obschon er ihren Lebenswandel unangetastet lässt, 
berichtet er doch, dass sie ihre Proselyten mit einem Zeichen 
versehen, wie in späterer Zeit der Hexenprocesse der Teufel 
seinen Bundesgenossen das Stigma aufdriickt. Marcus, Stifter 
der Marcosier, gilt bei Irenäus nicht nur für einen argen 
Wollüstling, sondern auch für einen teuflischen Zauberer. * 
Von den Ophiten, deren moralische Conduiteliste im allge- 
meinen nicht ausgestellt wird, glaubt Origenes doch, dass sie 
unter der Schlange eigentlich den Teufel verehren.^ Diese 
Satansverehrung unter der Gestalt der Schlange wird auch 
den Marcioniten zur Last gelegt, wenngleich ihre Sittenstrenge 
unbescholten bleibt. ^ Die strengen Moralgrundsätze der Mon- 
tanisten schützen diese nicht vor der Beschuldigung, dass sie 
Spieler, Wollüstlinge, Wucherer seien, die, vom Teufel be- 
sessen, mit Exorcismus behandelt werden müssten. * Dass die 
Moral der Manichäer sehr streng gewesen, bezeugt Hierony- 
mus, der mit diesem Namen einen moralischen Rigoristen 
bezeichnen will; trotzdem werden sie des Teufelsdienstes 
geziehen.^ Die Geschichte der Stedinger, die schon früher 
erwähnt worden, entspringt aus Zehntverweigerung, und 
mündet in deren Beschuldigung der Verehrung des Teufels. 
Ein ähnliches Verfahren, sich gegenseitig herabzudrücken 



> I, 8. 9. Epiph. Haer. XXXIV, 1. 

2 C. Geis. VI, 28; vgl. 43. 

3 Theodoret adv. Marcion. 

* Epiph. Haer. XL VIII, 14. 

» Epiph. Haer. LXX. 



8 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

und mit dem Teufel in Beziehung zu setzen, zeigt sich nach 
der Parteiung durch die Reformation. Die Polemik des 
16. Jahrhunderts machte die merkwiirdige Entdeckung, dass 
Luther ein Sohn des Teufels sei; Luther erblickte im römisch- 
kirchlichen Rituale eine Schlinge des Satans, womit dieser 
vom reinen Christenthum abzieht. ^ Den Katholiken galt der 
Teufel für das Haupt der gesammten protestantischen Ketze- 
reien, und Delrio konnte mit andern behauj^ten, der Pro- 
testantismus erfülle die Länder mit teuflischen Hexen; die 
Protestanten stellten den Teufel einen grossen Blasebalg hinter 
dem Papste handhabend dar u. dgl. m. 

Diese Herabdrückungsmethode, in psychologischer Be- 
ziehung merkwürdig, erlangt in der Geschichte des Teufels 
culturhistorisches Interesse dadurch, dass sie innerhalb der 
christlichen Zeit von der herrschenden Vorstellung vom Teufel 
Zeugniss ablegt; sie zieht die Aufmerksamkeit um so mehr 
auf sich, als sie die Bedeutung eines Factors zur Ausbildung 
des Teufels gewinnt. Durch die Herabdrückung der heid- 
nischen Götterwelt zur christlichen Teufelei wurde jene in 
ihrem Bestände nicht vernichtet, sondern die sinnlichen Züge 
der Göttergestalten dienten zur Versinnlichung und Individuali- 
sirung des Teufels, dessen schemenhafte Gestalt dadurch Fleisch 
und Blut erhielt; die lichtvollen Farben des heidnischen Götter- 
himmels wurden ins Dunkle übersetzt, um das höllische Reich 
des Teufels damit auszumalen. Durch die Herabdrückungs- 
methode entlud sich die heidnische Mythologie ihres Lihalts 
und bereicherte die christliche Vorstellung vom Teufel. 



2. Amalgamiriingsprocess. 

Ein Amalgamirungsproccss heidnischer Elemente mit dem 
christlichen Teufel und seinem Anhange ging um so leich- 
ter vor sich, wenn es auch innerhalb des Heidenthums 
für böse gehaltene Wesen betraf, wo eine herabdrückende 
Umwandlung von gut in böse gar nicht nothwendig war, und 



' Tischreden, Kap. 24. 



2. Amalgamirungspi'ocesa. 9 

man die schon vorhandenen Züge des heidnischen bösen Wesens 
dem christHchen Teufel nur anzuheften brauchte, wodurch 
die vorläufige Skizze der teuflischen Gestalt die Einzelausfüh- 
rung erhielt. J. Grimm hat nicht nur diese Bemerkung ge- 
macht, sondern in seiner altmeisterhaften Weise in Betreff 
des Teufels nachgewiesen, dass dieser jüdisch, heidnisch und 
christlich zugleich sei. Dieser wächst gleich der Lavine, die 
während der Strecke, über die sie hinrollt, immer mehr Stoff 
aufnimmt, um eine erschreckliche Grösse zu erreichen. 

Eine Ineinandersetzung heidnischer Bräuche mit christ- 
lichen Ideen, oder heidnischer Vorstellungen mit christlichen 
Einrichtungen, liegt in der Natur des Entwickelungsganges. 
Es kann nicht erwartet werden, dass die Neubekehrten in den 
Wesenskern der christlichen Wahrheit sofort eindrangen, noch 
von den Bekehrern, dass sie mit dem äusseren Bekenntniss, der 
Taufe, Verehrung des Kreuzes sich nicht begnügen sollten; 
ja es ist zu bezweifeln, dass die Mehrzahl der Heidenapostel 
ihre Neophyten geistig zu erleuchten im Stande gewesen sei. 
Aus der Anweisung Gregor's I. für seinen Missionar Augusti- 
nus ist es klar, dass die ersten Kirchenlehrer eine Accom- 
modationstheorie grundsätzlich befolgten, die einen Amal- 
gamirungsprocess heidnischer Elemente mit christlichen über- 
haupt, also avich in Bezug auf die Vorstellung vom Teufel 
zur Folge haben musste. In dem Erlasse von 601 ermahnt 
Gregor der Grosse den Augustin: die heidnischen Tempel 
nicht zu zerstören, sondern in christliche umzuwandeln, den 
Heiden ihre gewohnten Festmahle zu lassen, sie aber zur 
Feier von Kirchweihen und Märtyrerfesten zu verwenden. ^ 
„Weil sie (die neubekehrten Angelsachsen) an den Festen der 
Teufel (d. h. der alten heidnischen Götter) viele Rinder und 
Pferde zu schlachten pflegen, so ist es durchaus nothwendig, 
dass man diese Feier bestehen lässt und ihr einen andern 
Grund unterschiebt. So soll man auch auf den Kirchweih- 
tagen und an Gedächtnisstagen der heiligen Märtyrer, deren 
Reliquien in denjenigen Kirchen aufbewahrt werden, die an 
der Stätte heidnischer Opferhaine erbaut sind, dort eine ähn- 
liche Feier begehen, soll einen Festplatz mit grünen Maien 
umstecken und ein kirchliches Gastmahl veranstalten. Doch 

J Ep. XI, 76. 



10 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

soll man nicht turder zu Ehren des Satans Thieropfer bringen, 
sondern zum Lobe Gottes und um der Sättigung willen die 
Thiere schlachten, und dem Geber alles Guten für die Gabe 
danken." ^ 

. Die alten Väter, die sich bei der Bekehrung grundsätzlich 
der Schonung beflissen, betrachteten die heidnischen Bräuche 
nur als falschen Weg, von dem sie ihre Neubekehrten abzu- 
lenken hätten. Ihnen erschien es, in Bezug auf das tief unter 
den Heiden eingewurzelte Orakelwesen, als ein Uebergang ins 
christliche Gleise, wenn die Christen das Alte und Neue Testa- 
ment zu Rathe zogen (sortes sanctorum) und eine aufgeschlagene 
Bibelstelle als Orakelsi^ruch auf ihre Angelegenheiten deuteten. 
Aus Augustinus wird es ganz klar, warum die älteren Väter 
diesen heidnischen Gebrauch der heiligen Bücher duldeten, 
wenn er in seinem Briefe an Januarius schreibt: „Hi vero 
qui de paginis evangelicis sortes legunt, et si optandum est 
ut hoc potius faciant c[uam ad Daemonia consecranda concur- 
rant, tamen etiam ista mihi displicet consuetudo ad negotia 
saecularia et ad vitae hujus vanitatem propter aliam vitam 
loquentia oracula divina velle convertere." Gregor von Tours 
erlaubte diese Art Weissagung, die er selbst nicht verabscheute, 
den Christen seines Sprengeis; sie war auch beim Klerus in 
vollem Gange*, und wie beliebt sie überhaupt war, geht daraus 
hervor, dass sie, trotz dem Proteste der Concilien, deren einige ' 
den Kirchenbann darüber verhängten, und trotzdem die Karo- 
linger Gesetze dagegen erliessen*, bis ins 9. Jahrhundert und 
im Geheimen unter dem Volke noch weit länger fortbestand. 

Tiefer eingreifend ist die Anweisung zur Predigt beim 
ersten Zusammentreffen mit den Heiden, die ein Brief des 
Bischofs Daniel an Bonifaz enthält.^ Sie ist auch umsichtig 
und wohlwollend, empfiehlt Sanftmuth, Mässigung, verbietet 
aufreizende Schmähung, um die Heiden nicht zu erbittern, 
sondern allmählich in den Schos der christlichen Kirche zu 
führen. Der Bekehrer soll nicht gleich anfangs den heid- 



' Beda Vencrab. bist, cccles. Britorum lib. 1, cap. 30. 

2 Greg. Tiir. II, 37; V, 14. 

" Wie das von Agdc im G. Jahrb. 

< Capitul. 789, c. 4. 

" Ep. 14, 99. 



2. Amalgamirungsin'ocess. H 

nischen Göttergenealogien widersprechen, sondern zu beweisen 
suchen, dass die Götter aus geschlechtlicher Zeugung hervor- 
gegangen, daher eher Menschen in ihnen zu erblicken seien. 
Ueber den Ursprung der Welt solle er fragen: wer sie ge- 
schaffen habe, bevor die Götter da waren? wer sie regiert? 
woher der erste Gott seinen Ursprung habe? ob die Götter 
noch fortzeugen? wenn nicht, wann sie damit aufgehört ha- 
ben, und wenn ja, ob dann ihre Zahl ins Endlose fortgesetzt 
werde? Wenn die Götter so mächtig seien, warum dulden 
sie, dass ihnen die Christen solchen Abbruch thun, welche 
die schönsten Länder bewohnen? wenn die Göttergewalt eine 
legitime ist, wie kann daneben das Christenthum solche sieg- 
reiche Fortschritte machen?^ — Rettberg ^ stellt hierbei die 
Frage: ob diese Vorschriften, obschon wohlgemeint, auch 
praktisch gewesen seien? Man sollte meinen, es hätte kaum 
andere zu jener Zeit geben können. Abgesehen von dem Erfolge, 
der dafür spricht, zielen sie auf das sinnliche Moment des 
Heidenthums, das sie ad absurdum zu führen beabsichtigen, 
und hat das ganze Vorgehen seine j)sychologische Rich- 



Durch diese oder vielleicht ungeachtet dieser milden Me- 
thode der älteren Väter wiederholte sich im christlichen Rom, 
was einst im heidnischen geschehen war. Wie dieses einst 
ein Pantheon aller Götterculte der überwundenen Völker dar- 
gestellt hatte, so verchristlichte jenes die ererbten heidnischen 
Elemente. Heidnische Tempel wurden zu christlichen Kirchen 
umgewandelt, wie das römische Pantheon erst im 7. Jahr- 
hundert; der Apollotempel auf Monte-Casino durch den hei- 
ligen Benedictus in eine christliche Kapelle des heiligen Mar- 
tinus; heidnische Naturfeste wurden in christliche uniiresetzt, 
so das Julfest zum Weihnachtsfest; hatte man im Heidenthum 
auf das Gedächtniss oder Minne (Memoria) des Wuotan oder 
der Freya getrunken, so trank man nach der Verchristlichun«- 
auf Christi, der Maria, des Johannes, Gertrud's Minne. Das 
immerwährende Feuer des griechischen Prytaneion und des 
römischen Vestaheerdes wurde zum ewigen Lichte auf dem 
Kirchenchoi'e ; Papst Leo der Grosse liess aus der Bildsäule 



1 Job. Ad. Bambach brevis illustrat. ep. Banielis Yin. ad Bouifac. 
^ Kirchengesch. I, 408. 



12 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

des Jupiter eine des heiligen Petras macheu, die Auua Perenna 
wurde zur heiligen Anna Petronella, die heute noch in der 
Campagna verehrt wird u. s. f . ^ Gleichwie man viele christ- 
liche Kirchen in Rom aus dem Material heidnischer Tempel 
erbaute, so wurden ähnlicherweise Momente aus einem Ge- 
biete des Glaubens auf dem andern verwendet. Die Wachs- 
bilder im höllischen Apparate, die von den Dienern des christ- 
lichen Teufels verfertigt, durchstochen, verbrannt oder ge- 
schmolzen wurden, um ihre Originale zu schädigen, sind aus 
dem heidnischen Opferwesen herübergenommen, wo sich der 
Brauch eingestellt hatte, Thiere von Teig oder Wachs zu 
formen und zum Opfer darzubringen.^ 

Das Heidnische wurde also und konnte nicht ausgerottet 
werden trotz dem Eifer, der sich nachher gegen heidnische 
Bräuche in Predigten und Concilienbeschliissen erhob, trotz 
Indiculus paganiarum und Abschwörungsformeln, kirchlichen 
Massregeln und staatlichen Verordnungen. Trotz alledem 
wurden die heidnischen Vorstellungen aus dem Glaubenskreise 
der Bekehrten nicht ausgemerzt, sie verbargen sich unter 
christlichen Formen, amalgamirten sich mit christlichen An- 
schauungen, und dieses Amalgama erfüllte den gläubigen Ge- 
sichtskreis. Ein schlagendes Beispiel von Vei-mengung des 
Heidnischen mit Christlichem ist das von dem Dänenkönig 
Suen Tueskiag ^, der bei einer Seefahrt nach England ein drei- 
faches Gelübde that, dem heidnischen Bragafull, dem Christus 
inid dem Michael zugleich; und das andere von einem Irländer 
Kctil, der für gewöhnlich Christum anrief, in wichtigen Dingen 
sich aber an Thor wandte. Bei den Bretonen war noch lange 
nach Einführung des Christenthums die Verehrung heiliger 
Bäume und Druidencult üblich.* Bei den Böhmen waren 
noch im 12. Jahrhundert Spuren vom altceltischen Baumcultus 
vorhanden, wie bei den Wenden im Lüneburgischen. Es ist 



1 Vgl. die vielen Beispiele bei Grimm, Deutsche Mythologie (3. Aufl.), 
XV, XXXI, XXXV, S. 57, 64, 157, 166, 173, 180, 194, 231, 242, 256, 267, 
275, 279, 313, 337, 482, 581, 772, 899, 956 u. a. m.; Rettberg I, 326 u. a.; 
Soldan, 244 u. a.; Gfrörer, IV, 1, S. 205 fg.; Schindler, 257; Beugnot, Hist. 
de la dcstruction du paganisme en Occid., II, 266. 

2 Dio Cass. 68; Aen. 2, 116. 

3 Dahlmann, Gesch. v. Dänemark, bei Wachsmuth, Culturgesch., II, 92. 
J Wachsmuth, Sittengesch., II, 466; 111,2,126. 



2. Amalgamirungsprocess. 13 

nicht zu verwundern, wenn die deutsche Wissenschaft bei 
jedem Schritte im heutigen Volksleben in einer Menge von 
Gebräuchen, Sprichwörtern, Kinderspielen, Liedern u. dgl. ni. 
Spuren heidnischer Vorzeit nachzuAveisen im Stande ist, wenn 
sie aus dem heiligen Florian und dem heiligen Ruprecht die 
grossen germanischen Götter Donar und Wodan herausschälen 
kann. Diese Erscheinung wird denjenigen nicht befremden, 
der ihren Grund im psychischen Organismus sucht und findet. 
Von diesem Gesichtspunkte dürfte auch die connivente Päda- 
gogik Gregor's fiir zweckmässiger erachtet werden, als die 
Strafdrohungen der kirchlichen Concilien und die strengen 
Massregeln der staatlichen Behörden, wodurch Reactionen 
hervorgerufen werden mussten, die dem Heidenthum inmitten 
des Volkslebens nur mehr Zähigkeit verliehen. 

Die Amalgamirung des heidnisch Nationalen mit dem 
Christlichen ist auch in Bezug auf den sittlichen Inhalt des 
Christenthums ersichtlich, der nach der Auffassunsr der Völker 
in echt nationaler Färbung erscheint. Als Beispiel dienen die 
Deutschen, deren grosse Empfänglichkeit für das Christenthum 
zugleich den Grund dieser Erscheinung aufdeckt. J. Grimm 
hat nachgewiesen, dass die Religion des deutschen Volks in 
einem geordneten Götterglauben bestand, in dem sich die sitt- 
lichen Mächte, die es bewegte, persönlich ausprägten. Einen 
bequemen Anhaltspunkt bot dem Christenthum die Treue, 
womit das deutsche Volk der Gottheit sich verbunden wusste, 
die Sitte, die überall auf Ordnung und Recht abzielte im 
öffentlichen Leben, wie Keuschheit und eheliche Treue inner- 
halb der Familie; die sichere Hofinung auf eine Fortdauer 
nach dem Tode, und die damit verbundene Verzichtleistunsr 
in Bezug auf das Irdische. In Muspillii hat man auf die 
nationalen Züge aufmerksam gemacht, die der christlichen 
Predigt Verwandtes enthalten; man hat selbst die Zeichnung 
einzelner Gottheiten als in die neue christliche Fassuncc leicht 
hinübergehend gefunden; die Todesgöttin Helia als geeignet 
fiir die christliche Unterwelt, Donar mit dem Hammer leicht 
auf das Kreuzeszeichen zu beziehen. Die Dreiheit von Götter- 



' Bruchstück einer althochdeutschen alliterirenden Dichtung vom 
Ende der "Welt, herausgog. v. Schraeller. 



14 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

personen, die Columban von den Alemannen verehrt fand', 
ist von Grimm* als Wuotan, Donar und Zio erkannt worden, 
die in der Abschwörungsformel als Tliunar, Woden und Saxnot 
wiederkehren, und manche andere Züge boten für die Trini- 
tätslehre Handhaben. ^ Viel bedeutsamer ist der Grundton 
des germanischen Geistes, der mit dem christlichen AVesen 
übereinstimmte, den christlichen Vorstellungen aber ein natio- 
nales Gepräge aufdrückte. Den tiefsten Einblick in die ger- 
manische Auflfassung des Christenthums unter echt nationalem 
Gesichtspunkte, von dem aus das tief eingewurzelte Fidelitäts- 
verhältniss der Vasallen zum Gefolgsherrn in seiner ganzen 
Innigkeit auf die Beziehung des Gläubigen zu Christo über- 
tragen ist, gewährt der „Heiland" oder die altsächsische Evan- 
"•elienharmonie*, womit die deutsche Sprache schon zu Anfang 
des 9. Jahrhunderts ihre Messiade in altsächsischer Mundart 
besass. Die evangelische Geschichte wird ohne Entstellung 
durch die Legende in Stabreimen erzählt, der Inhalt aber, 
vom Dichter durch die Individualität seines Volks hindurch- 
gezogen, erhält das eigenthümliche Colorit desselben und 
seiner Zeit. „Es ist das Christenthum im deutschen Ge- 
wände", wie Vilmar treffend bemerkt, „eingekleidet in die 
Poesie und Sitte eines edeln deutschen Stammes — es ist 
ein deutscher Christus." ^ Die ganze Geschichte Christi, seine 
Thaten, sein Amt, selbst die Verhältnisse des jüdischen Volks, 
der Apostel und aller übrigen Personen in der evangelischen 
Erzählung werden mit deutschen Augen gefasst, deutsch em- 
pfunden und ebenso dargestellt. Aus dem Hintergrunde tönen 
noch einzelne Nachklänge des entschwundenen Ileidenthums 
in die christliche Welt herüber, das Schicksal mit seiner un- 
heimlichen, todbringenden Gewalt erscheint geradezu als Todes- 
göttin Norne. Bei der Beschreibung der Auferstehung Christi 
fährt der Engel daher im Federgewande, in welchem Freya, 
die Nornen, Wieland in den Mythen erscheinen, und zwar 



1 Vita St. Galli bei Pertz II, 7. 

2 Mytli. I, DO. 

ä Hefelc, Einführung des Christenthums im südwestl. Deutschland, I, 
S. 124. Vgl. Rettberg, Kirchcngeschichte, I, 246. 
* Herausgegeben von Schraeller 1830. 
5 Deutsche Altcrthümer im Heiland von Dr. A. J. C. Vilmar. 



2. Amalgamirungsprocess. 15 

naht er mit lautem Getöne, ein Zug, von den Walkyren ent- 
lehnt, wozu, wie Vilmar bemerkt, „der Text gar keine Ver- 
anlassung bot". 1 Der Teufel in der Yersuchuno;so;eschichte 
heisst der finstere „mirki", womit die Grauen des Waldes 
bezeichnet werden; er ist der finstere, greuliche Schädiger, 
„mirki menscado." '-^ Sonst heisst der Teufel vorzugsweise „the 
fiund"3, der Feind auf Leben und Tod, oder „the letho", der 
leidige, d. h. abgewiesene, untreu gewordene'*, „the gramo" 
u.a.m.* Bei diesen Bezeichnungen, welche dem Teufel und seinem 
Heere vom Dichter gegeben werden, die der alten Sagenpoesie 
entlehnt sind, hebt Vilmar^ den Ausdruck „the dernio",' „dernen 
wihti"^ hervor, der nach dessen gründlicher Forschung auf die 
Bedeutung zuriickgefiihrt wird: „verborgen, heimlich in der 
Weise, dass es sich nicht an das Licht wagen darf, mit Tiicke 
versteckt; das verbum dernean, bidernean: verbergen mit der 
Absicht, Schaden zu thun." Vilmar^ macht aufmerksam, wie 
alle eigenthümlichen Verhältnisse ihre eioenthümlichen Be- 
Zeichnungen haben, so sei auch fiir das Brechen der Treue 
gegen den Herrn und König, fiir das Abtrünnigwerden vom 
Gefolge das Wort „suikan" vorhanden, dessen sich der Dichter 
oft bedient; „bisuikan" als causativum heisst: zur Untreue ver- 
leiten. Dieses Wort, der Anschauungsweise des Dichters ge- 
mäss, ist das allein treffende für die vom Teufel an Adam 
und Eva geübte Verführung, er verleitete sie zur Untreue 
gegen Gott: „Untreue ist dem deutschen Herzen die Grund- 
und Ursünde." Die ganze Geschichte ist auf deutschen Boden 
verpflanzt, und überall schimmert die nationale Anschauung 
durch. Die Darstellung setzt voraus, dass die ganze evan- 
gelische Geschichte bei den Deutschen ihren Verlauf gehabt 
habe. Die Apostel erscheinen als deutsche Seefahrer, die 
Hirten auf dem Felde, welchen die Geburt Christi verkündet 



V. 24. 



1 s. 


14. 


2 Heliand S. 31, 


3 31 


. 20. 32. 


* 33 


,9. 


* Vilm., S. 69. 


« S. 


6. 


^ S. 


164, V. 19. 


8 S. 


31, V. 20; S 


8 s. 


58. 



29, V. 3. 



16 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

wird, als Pferdeknechte, die bei Nacht die Rosse auf dem 
Felde hüten. Maria heisst „die minnigliche Maid" (nach Sim- 
rock's Uebersetzung); die Weisen aus dem Morgenlande ei"- 
scheinen als „Degen und Recken", auch Josei^h als „Degen", 
Maria und Martha aber als Edelfrauen und Pilatus als 
Herzoo-. Bei der Beschreibung einzelner Scenen herrscht 
deutsche Sitte. So erscheint die Hochzeit zu Kana ^ als echt 
deutsches Trinkgelage. Bei der Gefangennehmung Jesu haut 
Petrus mit dem deutschen Beile ein.^ Da der an Schlachten 
luid Wunden gewöhnte Germane an letztern nichts Schreck- 
haftcs findet, so wird bei der Stelle Matth. 5, 27, die vom 
Abhauen des Fusses und Ausreissen des Auges spricht, die 
Forderung zur härtesten gespannt, die dem Germanen zuge- 
muthet werden kann: lieber von seinem Freunde und Stammes- 
genossen zu lassen, also seine Sippe aufzugeben, als mit ihm 
der Sünde zu folgen. ^ Dem Germanen war jedes andere 
Verhältniss des Niedern zum Höhern ausser dem der Fidelität 
unverständlich, demnach konnte er seine Beziehung zu Christus 
auch nur als die des treuen Vasallen zum mächtigen Volks- 
herrn denken. Als letzterer erscheint Christus, der auf seinem 
Heereszuge gegen Teufel und Welt begriffen ist und die 
Scharen seiner getreuen Dienstmaimen um sich versammelt. 
Der Zug geht von „Hierichoburg" aus, von allen Burgen 
kommen die Vasallen ihrem lieben Herrn zum Dienste, von 
dem sie dafür Lohn erwarten. Es ist nicht von Rom und 
Bethlehem die Rede, sondern von „rumuburg" vmd „bethlehema- 
burg". „Die ganze evangelische Geschichte erscheint als der 
glorreiche Zug eines herrlichen Volkskönigs durch sein Land, 
um zu rathen und zu richten."* Die Berufung der Apostel 
ist folgendermassen geschildert: Der Herr nennt die zwölf, 
die ihm als die treuesten Mannen näher gehen sollen, bei 
Namen, und nachdem er seinen abgesonderten Königssitz ein- 
genommen, gehen sie mit ihm zu „rüne", zur geheimen Be- 
sprechung, um den Kriegszug gemeinschaftlich zu berathen, 
der für das ganze Menschengeschlecht mit dem bösen Feind 



1 S. 60, V. 20. 

2 S. 148, Y. 22. 

3 Heliand, S. 44, V. 22. 
* Yilmar, a. a. 0., S. .'57. 



2. Amalgamirungsprocess. 17 

unternommen werden soll. Wie die Berufung der Apostel 
die Form einer Berathung erhält, so ist die Bergpredigt ein 
grosser Volkstag, eine Berathung vor dem ganzen Volke, 
wo der Volkskönig an die Seinen eine Anrede richtet. Das 
Heer lagert sich, die zwölf Apostel als seine treubewährten 
Helden in seiner nächsten Umgebung, die übrigen Mannen 
in weitern Kreisen.' Christus ist der Heilende (Heliand), der 
Rettende (Neriand), Gottes eigen Kind, er verleiht seinen 
Mannen den Sieg und einst auf den Auen (Wangen) des 
Himmels den Lohn für ihre treue Dienstleistung. Der deutsche 
Dienstmann sieht seinen höchsten Ruhm, treu zu seinem Herrn 
zu halten, ihm zu Ehren zu sterben. ^ Wie es keinen grössern 
Fehler gibt als zu zagen und zu zweifeln, so erwächst alle 
Kraft allein aus dem Glauben. ^ Der innerste Kern der 
evangelischen Predigt, dass der Mensch vor Gott gerecht 
wird durch die Hingabe seines ganzen Sinnes an den Heiland, 
trifft mit der hingebenden Treue, die das altsächsischc Epos 
auf sein Gefolge überträgt, zusammen, und in dem sittlichen 
Verhältniss der gegenseitigen Treue zwischen Vasallen und 
Gefolgsherrn, auf dem die germanische Welt fusste, liegt der 
Gleichheitspunkt, von dem aus die christliche Heilslehre dem 
Germanen verständlich wurde. 

Es ist hier nicht die Aufgabe, den Teufel einer Analyse 
zu untei'ziehen und die Abstammunj^ der einzelnen Züsfe an 
seiner Figur aus dem Heidenthum nachzuweisen. Abgesehen 
davon, dass dies von andern, namentlich den Germanisten in 
Bezug auf den deutschen Teufel geschehen ist, dass ferner 
bei den im ersten Abschnitt angeführten dualistischen reli- 
giösen Anschauungen der Griechen, Römer und der einge- 
wanderten germanischen und slawischen Volksstämme die 
übelthätigen, bösen Wesen im Hinblick auf den Teufel hervor- 
gehoben worden sind; sollte hier nur darauf hingedeutet wer- 
den : wie durch die Herabdrückungsmethode der Kirchenlehrer 
des heidnischen Götterglaubens eine Menge Materials der 
Ausstattung des christlichen Teufels zugute kam, wie bei 
der Accommodationstheorie der Heidenbekehrer der an sich 



1 S. 38, V. 11. 

■' S. 122, V. 5; Vilm., S. 57. 



S. 28, V. 21; S. ÜO, V. 22; Vilm., S. 58. 



3 

Eoakoff, Geschichte des Teufels. II 



18 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

natürliche Amalgamirungsprocess gefördert wurde, wobei die 
mythologischen Elemente der vorhandenen und eingewanderten 
Völker nach deren Bekehrung zum Christenthum mit der 
Vorstellung vom Teufel verschmolzen. Von diesem Gesichts- 
punkte ist die Herabdriickungsmethode der Kirchenlehrer 
als einer der Factoren zu betrachten, welche den Amal- 
gamirungsprocess verschiedener Elemente mit sich bringen 
musste und dadurch der Ausbildung des Teufels^laubens un- 
mittelbar förderlich war. Hiermit erklärt sich zugleich die 
Erscheinung, dass der Teufel nach der Bekehrung der ein- 
gewanderten Völker sinnlich wahrnehmbarer, handgreiflicher 
auftritt als in der neutestamentlichen Zeit. 



3. G-escMcMlictie Yerliältnisse. 

Zeitgenössische Zeugen aus dreizehn Jahrhunderten, die 
grossentheils selbst gesprochen, bestätigten uns die That- 
sache: dass die Vorstellung vom Teufel immer mehr aus- 
gebildet, verbreitet, in den GemiJithern befestigt ward und im 
13. und 14. Jahrhvuidert den obersten Höhepunkt erreichte. 
Bei der Voraussetzung eines jeder Erscheinung unterliegenden 
Grundes wird sich dem Betrachter einer so merkwürdigen 
geschichtlichen Erscheinung die Frage aufdrängen: welchen 
Mächten der Teufelsglaube seine Entwickelung, Verbreitung 
und Steigerung verdankte, welche Factoren es waren, wodurch 
die Teufelsperiode vorbereitet und um jene Zeit zu Stande 
gebracht ward? Der Versuch, eine geschichtliche Thatsache 
zu erklären, ist durch die Natur einer solchen Erscheinumr 
bedingt und hat diese, als etwas Gewordenes, in ihrem Wer- 
den zu beobachten, um die Hebel kennen zu lernen und von 
verschiedenen Seiten und zu verschiedenen Zeiten eingreifen 
zu sehen. Wie die Vorstellung von einem bösen Wesen dem 
religiösen Glaubenskreise überhaupt angehört, der christlich- 
kirchliche Teufel seine dogmatische Ausbildung und Fest- 
stellung den christlichen Kirchenlehrern der ersten Jahrhun- 
derte verdankt, so muss der mittelalterliche, specifische Teufel, 
nach dem wir seine Periode bezeichnen, zu allernächst nacli 



3. Geschichliche Verhältnisse. 19 

der mittelalterlichen Kirche hinlenken. Sein Dasein und die 
Zunahme seiner Herrschaft in den Gemiithern geht mit der 
Entwickelung der Kirche als Macht parallel und ist sowol 
unmittelbar als auch, und zwar vornehmlich mittelbar durch 
diese bedingt. Auf welche Weise die Existenz des Teufels 
unmittelbar durch die Ueberlieferung der kirchlichen, positiven 
Lehre erhalten und gepflegt wurde, hat der vorhergehende 
Abschnitt gezeigt. Wie die Kirche des Mittelalters den Glau- 
ben an den Teufel mittelbar förderte dadurch, dass sie jeden 
seinem Gedeihen hinderlichen oder sein Dasein gefährdenden 
Einfluss durch ihre grosse Macht fern hielt, dies zu ver- 
gegenwärtigen ist die Aufgabe dieses Abschnitts, und es be- 
darf zunächst eines Blicks auf die Entwickelung der Kirche 
als Macht. 



Entwickelung der Kirche als Macht gegenüber dem 

Staate. 

Zur Zeit der Völkerwanderung war in Europa ein wüstes 
Durcheinander, gleich der furchtbaren Masslosigkei^ in den 
Königshäusern von damals, die ihre Periode durch Härte und 
Grausamkeit kennzeichnet. Es war ein wirres Chaos, aus 
dem sich erst nach langen Wehen eine neue Welt heraus- 
gebären sollte. Die classische Bildung, die römische Civili- 
sation, welche in den Städten ihre Zuflucht gesucht und hier und 
da gefunden hatte, ward von den hochgehenden Wogen der 
damaligen Kampfzeit weit überflutet, und es bedurfte einer 
Reihe von Jahrhunderten, bis sie wieder Wurzel fasste und 
ihre Früchte den Erobererstämmen zugute kommen konnten. 
In den Ländern, die früher ein Theil des Komischen Reichs, 
nun den Barbaren unterworfen, beßrann die Gestaltunf? neuer 
Staaten, wobei die christliche Kirche wesentlich mithalf. Man 
sagt gewöhnlich: die christliche Kirche habe als Bewahrerin 
der religiösen, sittlichen Lehren und der Wissenschaften die 
Barbaren zu bändigen vermocht; es ist aber Thatsache, die 
leicht zu erklären, dass das Christenthum von den Heiden 
zunächst meistens seiner äussern Erscheinuns: nach erfasst 
wurde und wol kaum anders erfasst werden konnte. Aeusser- 
liches Bekenntniss, Taufe, Verehrung des Kreuzes, Sonntags- 
feier wurden gewöhnlich nur auf das Heidenthum gepfropft, 

2* 



20 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

das die Gcmiither der Bekehrten noch erfüllte. Viele Volks- 
stämnie wurden der christliehen Kirche gewaltsam zugeführt, 
entweder durch Eroberungen, als die durch Karl den Grossen, 
Otto I., Bernhard von Sachsen, Heinrich den Löwen, Walde- 
mar von Dänemark; oder selbst durch Dragonaden, wovon 
Miesko von Polen, Boleslaw I. als Beispiele dienen. Aber 
trotzdem bleibt es wahr, dass die eigentliche Geschichte der 
neuen Staaten erst mit der Einführung des Christenthums 
beginnt. Hierbei ist es jedoch wieder einseitig, nur das po- 
sitiv bildende Moment des Christenthums im Auge zu haben, 
als: Erhebung der neuen Reiche zur idealen Einheit, För- 
derung des Ackerbaues und gewerblichen Fleisses, Unterricht 
in den Sprachen des Alterthums und dadurch die Eröfihung 
der Bahn, auf welcher Cultur und Wissenschaft fortschreiten 
konnten, u. dgl. m. Von nicht geringerer Bedeutung ist das 
negative Moment, wodurch die Kirche des Mittelalters auf 
die europäische Staatenbildung sollicitirend einwirkte, nämlich 
durch ihr eigenes Streben, ein grossartiges System äusserer 
Macht zu verwirklichen, das von Gregor I. vorgezeichnet, 
von den Päpsten Gregor VII. und Innocenz III. ausgeführt 
wurde. Indem die Kirche als äussere Anstalt nach äusserer 
Macht strebt und diese auch erlangt, geräth sie in Gegensatz 
zur staatlichen, welthchen Macht. In diesem Gegensatze ent- 
faltet sich zwar das angeblich vom Papstthum selbst auf das 
Abendland übertragene Kaiserthum, aber dieses dient auch 
wieder der Kirche ihre Machtstellung zu entwickeln. Hier- 
mit wird zugleich die Wesensbedeutung der Kirche verändert. 
Denn während sie, ihrer eigentlichen Bestimmung nach, das 
Geistige, Heilige verwalten und vertreten sollte, versenkt sie 
sich in die weltlichen Interessen und verliert im Verlaufe des 
Mittelalters ihren ursprünglichen, ihr allein angemessenen 
Boden. Erst nachdem die Kirche unter Innocenz III. den 
Gipfel ihrer Machtstellung erreicht hat, wird das staatliche 
Princip im Bewusstsein der Völker allmählich wach, um 
durch lange Kämpfe zu erstarken. 

Der Entwickclungsgang der kirchlichen Macht gegenüber 
der staatlichen ist der Ilauptgegenstand der mittelalterlichen 
Geschichte und kennzeichnet sich dadurch: dass die Kirche 
verweltlicht, die weltlichen Dinge dagegen ein kirchlich-theo- 
logistischcs Gepräge erhalten. 



3. Geschichtliche Verhältnisse. 21 

Die römische Kirche gewann ihr weitläufiges Gebiet durch 
die Heidenbekehrungen, die grösstentheils von ihr ausgingen. 
Schon im 4. und 5. Jahrhundert hatte sie die Germanen an 
sich gezogen, im 6. Jahrhvmdert verbreitete sie das Christen- 
thum in England, im 7. und 8. in Deutschland, im 10. in 
Polen und Ungarn, die skandinavischen Germanen brachte sie 
um das Jahr 1000 unter das Kreuz. 

Die griechische Kirche, die zwar weniger theil an der 
Heidenbekehrung zu nehmen schien, war doch nicht ohne 
Eifer in Bezug auf die Slawen, die zur Zeit des Kaisers 
Heraclius in Serbien iliren Sitz genommen hatten, und die 
seit dem 7. Jahrhundert in den Peloponnes eingewandert 
waren, bei welchen auch die griechische Sprache Eingang 
fand. Die Bulgaren traten 860 in die griechische Kirche, die 
zwei Slawenapostel Cyrill und Method verkündeten 8G0 in 
Mähren das griechische Christenthum ; dasselbe ward aber dann 
durch das römische von Salzburg aus verdrängt, wie auch das 
Cyriirsche Alphabet der glagolitischen Schrift hatte weichen 
müssen. Die Magyaren hatten einige Zeit zwischen griechi- 
scher und römischer Kirche geschwankt, bis sie letzterer den 
Vorrang gaben. Die bedeutendste Eroberung machte die 
griechische Kirche an den Russen um 988. 

Günstige Zeitverhältuisse, die jede sich gestaltende Daseins- 
form bedingen, kamen der sich bildenden päpstlichen Macht- 
stellung zu Hülfe. 

Die Streitigkeiten des 7. und 8. Jahrhunderts zwischen 
der orientalischen und occidentalischen Kirche boten den 
römischen Bischöfen die beste Gelegenheit, sich immer mehr 
Selbstständigkeit zu verschaflen, und die politischen Verhält- 
nisse Italiens waren behülflich, das Abhängigkeitsverhältniss 
zwischen Rom und Konstantinopel, also zwischen dem römi- 
schen Papstthum und dem Kaiserthum, immer mehr zu 
lösen. 

Das fränkische Reich, selbst erst im Gestalten begrifien, 
suchte und fand an der römischen Hierarchie eine ijewünschte 
Stütze, und es gingen politische Macht und hierarchische 
Macht, sich gegenseitig tragend, zur Erreichung ihrer Zwecke 
eine Strecke lang Arm in Arm. Die Franken wurden zu Gunsten 
der Karolinger vom Papste des Gehorsams und der Unterthans- 
treue entbunden und dem neuen Königsgeschlecht ward die 



22 Zweiter Abscbnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

geistliche Weihe erthcilt, der Papst erhielt dafür nach den 
Feldzi'igen Pipin's (754, 755) gegen die Longobarden einen 
grossen Theil des eroberten Landes, die Romagna. Pipin 
empfing vom Papste den Titel eines Patricius von Rom, den 
Karl der Grosse nach der Aufhebung des Longobardenreichs 
übernahm. Hadrian I. begrüsst Karl den Grossen (777) als 
einen neuen Konstantin, und Karl lässt sich (800) vom Papste 
Leo III. die weströmische Kaiserkrone aufsetzen, empfängt 
hiermit die höchste weltliche Macht aus päpstlicher Hand. 
Der vom römischen Klerus, Adel und Volk auf den heiligen 
Stuhl erhobene Papst erhält nach Angelobung der Treue die 
kaiserliche Bestätigung. Papst und Kaiser wirken in dieser 
Weise wechselseitig aufeinander, und eine Macht wird durch 
die andere irehoben. Indem aber eine der andern als Hebel 
dient, um eigentlich nur den eigenen Zweck zu erreichen, 
kommen die mit- und ineinander wirkenden Mächte in Con- 
flict, lim gegeneinander thätig zu sein. 

Nicolaus I. (855—58) wird von dem Abte Regino in 
dessen Chronik ^ schon gerühmt, dass er Könige und Tyran- 
nen bezähmt und wie ein oberster Gebieter beherrscht habe, 
da er den König Lothar und zwei Erzbischöfe von Köln 
unter seine päpstliche Macht gebeugt. Weniger glücklich ist 
Hadrian II. (867-72), und wenn Johann VIII. (872—82) 
noch die kaiserliche Gunst geniesst infolge der verliehenen 
Kaiserkrone an Karl den Kahlen, so bricht doch nach dem 
Absterben des Karolingischen Kaiserhauses eine schwere Zeit 
für das Papstthum herein. Adeliche Familien, seit dem An- 
fange des 10. Jahrhunderts in Rom herrschend, handhaben 
auch den Stuhl Petri, auf dem während dieses von den Ge- 
schichtschreibern mit unsaubcrm Namen belegten Zeitraums 
ein schneller Wechsel aufeinanderfolgt. Dabei müssen die 
meisten Päpste mit ihrem Sitze auch das Leben auf gewalt- 
same Weise verlassen, um irgendeinem Günstling Platz zu 
machen. Johann XII. (956—63), mit 18 Jahren Papst ge- 
werden, vor seiner Besteigung Octavianus genannt, ruft gegen 
die immer weitergreifende Macht der Adelsfamilie der Tus- 
culer den deutschen König zu Hülfe, den er salbt und krönt 
(962); wird aber das Jahr darauf entsetzt und an seiner 

1 Pertz, Mon., T, 578. 



3. Geschichtliche Verhältnisse. 23 

Statt Leo VIII. mit der Tiara geschmückt. Dem herrschen- 
den Streite der Parteien fällt noch eine ganze Reihe von 
Päpsten zum Opfer, bis die kaiserliche Macht dem Papste 
Gregor V. (977 — 99) zu Hülfe kommt, um das päpstliche 
Regiment wiederherzustellen. Nach Gregor V. hilft Kaiser 
Otto III. seinem Lehrer Gerbert auf den heiligen Stuhl, den 
er als Sylvester II. (999 — 1003) einnimmt. Aber nicht 
lange leben Papstthum und Kaiserthum in Einheit, denn nach 
dem frühen Tode Otto's III. (1002), dem ein Jahr darauf der 
Sylvesters folgt, haben die Grafen von Tusculum mit der Plerr- 
schaft über Rom auch das Papstthum v^ieder in Händen. 
Unter den von den Tusculern eingesetzten Päpsten wird Bene- 
dict VIII. (1012 — 24) als einer der ersten Reformatoren her- 
vorgehoben, weil er gegen die Priesterehe und den Kauf 
geistlicher Würden auftrat. ^ Sein Bestreben, die Kirche zu 
reformiren, geschah in Gemeinschaft mit dem von ihm ge- 
krönten Kaiser Heinrich II., den die mittelalterliche Kirche 
unter die Heiligen verzeichnete. Unter Benedict IX. (1033 
— 46), der als kaum 12jähriger Knabe von den Tusculern auf 
den päpstlichen Stuhl gehoben ward, sank das Papstthum in 
den tiefsten Sumpf, aus dem das Unkraut der Zucht- und 
Sittenlosigkeit üppig hervorwucherte. Victor bezeugt, dass Be- 
nedict den päpstlichen Stuhl gegen eine grosse Summe Geldes 
an Greffor VI. überliess. ^ Und wieder war es die weltliche 
Macht des Kaiserthums, die dem Papstthum aus der Ver- 
sunkenheit emporhalf, es auf die Beine brachte, damit es sei- 
nen Weg fortsetze. Das Verhältniss zwischen Papst und 
Kaiser, wie es unter den Ottonen und noch unter Heinrich III. 
(1039—56) stattfand, machte es möglich, dass letzterer bei 
der allgemein für nothwendig erachteten Reform der Kirche 
mithelfen mochte. Denn der Kaiser, dem der Papst den Eid 
der Treue zu leisten hatte, war als Patricius von Rom dessen 
Schirmvogt, hatte die höchste Gerichtsbarkeit, leitete die 
Papstwahl und bestätigte die Besitzungen der Kirche. ^ Von 
der Synode zu Sutri (1046), auf welcher Heinrich III. drei 



1 Auf dem Concil zu Pavia 1018 oder 1022. Maiisi XIX, 343; Mon. 
serm. leg., 11, 5G1. 

2 Bibl. patr. max., XVIII, 853. 

' Damiani lib. Gratissimus, c. 46. 



24 Zweiter Abschnitt : Ausbildung der Vurstellung vom Teufel. 

nebeneinander sitzende Päpste (Benedict IX., Sylvester III., 
Gregor VI.) absetzte und liiermit das Schisma beilegte, be- 
ginnen die Reformbestrebungen , Avodurch die folgende Ge- 
schichte ein reformatoriöches Gepräge erhält. Simonie und 
Sittenlosigkeit des Klerus sind die Grundübel, die geheilt 
werden sollen. Der Mönch Ilildebrund, welcher den Papst 
Leo IX. nach Ivom begleitet hatte, leitete von da ab das 
Papstthum, bis er selbst den Heiligen Stuhl einnahm. Ausser 
dem mönchischen Geiste, den er zu fördern suchte, war sein 
Hauptziel: absolute Unabhängigkeit der Kirche von 
der weltlichen Macht. Dieser strebte er nach, und zu 
ihrer Erreichung hatte er ein folgerichtiges System entworfen. 
In diesem Sinne handelte Nicolaus II. (1058 — 61) durch sein 
Decret (1059), die Papstwahl betreffend, wonach das Wahl- 
recht ausschliesslich der Kirche, d. h. dem Klerus zuge- 
sprochen, das Papstthum also sowol von den aristokratischen 
Parteien als auch vom Kaiser für unabhängig erklärt ward. 
Bei der nächsten Papstwahl, die auf Alexander IL (1061 
— 73) fiel, wird der Grundsatz schon angewandt, indem das 
Hecht des Kaisers dabei ganz unberücksichtigt bleibt. Hilde- 
brand, als Leiter der Wahl, erfreut sich seines ersten Siegs 
über die weltliche Macht, da der von kaiserlicher Seite auf- 
gestellte Gegenpapst (Honorius IL) sich zu halten nicht 



vermag. 



Der zweite bedeutsame Regierungsact des Papstes Nico- 
laus IL betrifft das Lehnsverhältniss der Normannen, wodurch 
diese die lehnseidliche Verpfliehtung zur Unterstützung des 
Papstthums übernehmen. Das Papstthum hatte dadurch eine 
Macht für sich gewonnen, der es sich bei voraussichtlichen 
Conflicten mit der weltlichen Macht bedienen konnte. 

Die Besteigung des päpstlichen Stuhls durch den Car- 
dinal Ilildebrand (1073) ist epochemachend; nach ihr datirt 
die Geschichte der Päpste eine ganze Periode, in der er 
gleich einem gegossenen Standbilde dasteht, während er rings- 
um die gewaltigste Erschütterung hervorbringt. Mit klarem 
Bewusstsein über die Aufgabe, die er sich gestellt, arbeitet 
er unermüdlich an ihrer Lösung: die Kirche frei zu machen 
von den „fleischlichen und w^eltlichen Banden", in welche sie 
durch das „crimen fornicationis", und die „haeresis simoniaca" 
gerathen war. Auf der römischen Fastensynode (1074) wird 



3. Geschichtliche Vcrhilltnisse. 25 

daher die als „fornicatio" bezeichnete Priesterehe aufgehoben, 
im Jahre 1075 auf der FastensyUode die Excommunication 
über die Simonia ausgesprochen. Unter dieser ist aber nicht 
sowol der alte Misbrauch gemeint, als vielmehr: dass über- 
haupt kein Geistlicher von einem Laien etwas Geistliches an- 
nehmen dürfe, d. h. Abschaffung der Laieninvestitur. Hier- 
mit hatte Gregor VII. der weltlichen Macht, die ihr altes 
Recht nicht aufgeben konnte, in kühner Weise den Hand- 
schuh hingeworfen, und der Kampf wurde zwischen Gregor 
und Heinrich IV. um so erbitterter gefi'dirt, als der strafende 
Ton des Papstes auf einen schroffen Charakter stiess, der die 
päpstliche Excommunication mit einem kaiserlichen Absetzungs- 
urtheil erwiderte. Zu der kläglichen Holle, die Heinrich IV. 
nicht ohne eigene Schuld zu Canossa spielen musste, lieferte 
zwar der traurige Abzug Gregorys VII. aus dem verwüsteten 
Rom ins Exil nach Salerno ein entsprechendes Seitenstück, 
und wenn dieser unter Flüchen gegen Heinrich IV. sein Le- 
ben schloss mit dem Tröste: dass er in der Verbannung sterbe 
(1085), weil er Gerechtigkeit geliebt und Ungerechtigkeit ge- 
hasst habe, so war das dramatische Gleichgewicht einiger- 
massen hergestellt; allein der dramatische Knoten wurde zu 
einer Pandorabüchse, aus welcher der Zwist, der sich zum 
Parteikampf erweiterte, seine Greuel über Deutschland und 
Italien ausstreute und alle j)olitischen, kirchlichen und socia- 
len Verhältnisse überwucherte und erstickte. 

Kein Leser der Geschichte Gregor's wird der Festigkeit 
seines Willens die Bewunderung versagen; aber nicht jeder 
wird beim Hinblick auf sein Streben und Wirken sich be- 
geistert fühlen, denn man vermisst darin den weltversöhnen- 
den, menschlichen Zug, welcher geschichtlichen Personen den 
Eingang in die Menschenherzen verschafft. Die Bedeutsam- 
keit Gregor's bringt es mit sich, dass voneinander abweichende 
Urtheile über ihn laut geworden sind. Anhänger der römi- 
schen und ijrotestantischen Schriftsteller ^ haben die üuttre- 
meinte Absicht desselben, die Menschen zu bessern, gegen die 
Angriffe seiner Gegner zu vertheidigen gesucht. Das Urtheil 
ist bedingt durch den Masstab, der angelegt wird. Gregor, 



1 Vgl. Gieseler, II, 2, L. 8 %.; Neander, 5, 1. 8; Floto, Kais. Hein- 
rich IV., II, 131 u. a. 



2ß Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

in dem sich der Zug seiner Zeit verkörpert, der seinen Aus- 
gangspunkt in der Kirche hat, muss mit dem Masstabe seiner 
Zeit üfemesscn werden. Die Kirche und ihre Herrschaft war 
für Gregor der absohite Zweck, wie Baur * treffend bemerkt, 
„der Zweck, die Menschen zu bessern, hatte fiir ihn keinen 
Sinn, wenn es nicht durch die Kirche und im Interesse der 
Kirche geschah. Was liegt daran, wenn über solchen Planen 
Länder und Völker zu Grunde gehen, wofern nur die Kirche 
sies-t und die Idee ihrer Herrschaft realisirt". Alle Hand- 
lungen Gregorys finden unter diesem Gesichtspunkte ihre Er- 
klärung. Da Gregor in der Kirche die absolute, allein be- 
rechtigte Macht auf Erden und im Papste den Inhaber dieser 
Macht erblickte, so dachte er jede andere Macht und Würde 
im Lehnsverhältnisse zum Heiligen Stuhle. Der Kaiser sollte 
der Vasall des heiligen Petrus sein, und die Metropoliten 
mussten dem Papste einen eigentlichen Vasalleneid leisten. 

Trotz der mislichen Lage, in der sich das Papstthum 
nach Gregor's Tode befand, war der von ihm angeffichte 
ascetische Geist nicht erloschen. In einer auf der Kirchen- 
versammlung zu Clermont (1095) von Urban II. gehaltenen 
Kcde für den KreuzzuGT fluid die allgemeine Betceisterunsc fiir 
diese Unternehmung ihren Ausdruck. Der Gegenpapst in 
Rom, Clemens III., wurde von den Kreuzfahrern verjagt, und 
das öffentliche Interesse zo«; nach dem crelobten Lande. 

Heinrich V. erbte den Investiturstreit von dem Vierten 
seines Namens. Urban II. (1088—99) hatte zu Melfi (1090) 
und zu Clermont den traditionellen Grundsatz seiner Vor- 
gänger aufrecht gehalten. Heinrich V. leistete bei seiner 
Kaiserkrönung (1111) dem Papste Paschalis H. (1099—1118) 
den Vasalleneid. Derselbe Heinrich V., dessen treulose Em- 
pörung gegen seinen Vater Heinrich IV. die Kirche einst 
freudig unterstützt hatte, führte nun einen kühnen Streich 
gegen Paschalis, den er mit bewaffneter Hand gefangen nahm 
und so der Kirche eine Schmach anthat, wie sie einst sein 
Vater von Gregor VII. zu Canossa erlitten hatte. „Das Un- 
niass von Canossa fand sein Widerspiel in Rom." '■* 



' Geschiclite der Kirche im Mittelalter. S. 204, Note. 

- Grcgorovius, Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, IV, 32'J. 



3. Gescliichtlichc Verhältnisse. 27 

Nachdem der Streit fünfzig Jahre hindurch mit grosser 
Erbitterung geführt worden war, verlief er sich scheinbar im 
Sande, und beide Mächte schienen am Ende auf demsolben 
Punkte zu stehen, von dem sie ausgegangen waren. Im 
Grunde hatten sie aber doch etwas WesentHches gewonnen, 
nämlich: dass beide Mächte zu mehr Klarheit über ihre Stel- 
lung: srelanirt waren. Die kirchliche Macht gewann die Ueber- 
Zeugung, dass sie weltlichen Besitz brauche und von dieser 
Seite von der weltlichen Macht abhänge; die weltliche Macht 
kam zu der Einsicht, dass sie der Kirche nur Weltliches ver- 
leihe, wenn sie dieselbe mit weltlichen Gütern belehne. In 
Frankreich und England war die Ansicht, dass die weltlichen 
Füi'sten nichts Geistliches verleihen, sondern nur mit welt- 
lichen Gütern belehnen, schon früher zur Geltung gelangt: 
in Frankreich durch den Bischof Ivo von Chartres 1099 aus- 
gesprochen, in England seit 1106; in Deutschland aber erst 
durch das Wormser Concordat (1122). Darin ward zwi- 
schen Heinrich V. und Calixt II. festgesetzt: dass der er- 
wählte Geistliche vom Kaiser die Re2;alien erhalte und dafür 
von Rechts wegen das Schuldige zu leisten habe. 

Mit diesem Documente war also der Principienstreit, der 
ein halbes Jahrhundert lang gewüthet hatte, abgeschlossen; 
es ist aber unzvilänglich, im wormser Concordate das alleinige 
Resultat des Investiturstreits erkennen zu wollen. Denn wäh- 
rend dieses ward der menschliche Geist aufgerüttelt, hiermit 
auch die Liebe zum classischen Alterthum erweckt, die Ge- 
meindefreiheit hatte angefangen flügge zu werden, und es be- 
reitete sich eine menschlichere Form für die bürgerliche Ge- 
sellschaft, aus welcher sich später eine dritte JMacht, die des 
Bürgerthums, entwickeln sollte. Wie stets in geschichtlichen 
Kämpfen traf auch hier ein, dass der ursprüngliche Gegen- 
stand des Streites ausgenutzt und zur Unterlage wurde für 
ein neues und zwar höheres Gebilde. 

Es gab noch immer einen Gegensatz, in dem Papstthum 
und Kaiserthum zueinander standen und aneinander sich ent- 
wickelten. Die Bedeutung des Gegensatzes änderte sich aber 
im Kampfe des Papstthums mit den Hohenstaufen , wo der 
Streit nicht mehr, wie in der Investiturangelegenheit, um die 
grössere Berechtigung geführt wurde, sondern wo das Papst- 
thum als geistliche Macht dem Kaiserthum als weltlicher Macht 



28 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 



sich ireirenüberstellte. Es ist nunmebr ein Sichmessen zweier 
Mächte, daher der Kcampf auch einen ganz welthchen Cha- 
rakter hat, obschon die eine der beiden Mächte von geistlichen 
Waffen dabei Gebrauch macht. 

Der Zankapfel war das Reich der Normannen in Unter- 
italien und Sicilien, welches die Päpste längst als sichern 
Hinterhalt gegen die herandrängende Macht der Deutschen 
betrachtet hatten, daher auch bemüht waren, die normanni- 
schen Herrscher lehnseidlich dem päpstlichen Stuhle zu ver- 
binden. Sie vermochten aber nicht, den Ehebund zwischen 
Heinrich, dem Sohne Friedrich's I., mit der Erbin des Nor- 
manncnreichs, Constantia, zu verhindern; trotz aller Vorsicht 
kam er im Jahre 1186 zu Stande, und Heinrich VI. trat in 
Besitz des angeerbten Reichs. Das Jahr darauf starb aber 
schon der kaum 32jährige Kaiser. 

Um dieselbe Zeit hatte Innocenz IH. den päpstlichen 
Stuhl bestiegen (1198— 12 IG), und dieser Mann war berufen, 
die päpstliche Macht auf den höchsten Gipfel zu erheben und 
das von Gregor VII. entworfene System auszufiihren. Ihm 
gelang es, die päpstliche Macht über ganz Mittelitalien auszu- 
dehnen, die deutschen Machthaber zu verdrängen und die 
weltliche Macht unter die geistliche zu bringen. Es war keine 
Phrase, sondern die volle WirkUchkeit, wenn Innocenz III. 
in einem seiner Briefe sagte: „Aber es ist die Hand des 
Herrn, welche Uns aus dem Staube auf jenen Thron erhoben 
hat, auf welchem Wir nicht nur mit den Fürsten, sondern 
über die Fürsten zu Gericht sitzen." * Diesem Grundsatz 
von der päpstlichen Amtsverwaltung gemäss hatte er das 
Ziel erreicht und sein Ideal zur vollen Wirklichkeit ge- 
bracht. 

Unter der Regierung dieses Papstes entfaltet sich das 
grossartigste Bild der päpstlichen Hoheit im glanzvollsten 
Schimmer. Am vierten lateranischen Concll (1215) hatte der 
Papst zwei Wünsche geäussert, die ihm besonders am Herzen 
kiren: die Ei-oberung des Gelobten Landes und die Refor- 
mation der allgemeinen Kirche. Beide sah er nicht in Er- 
füllung gehen. Wol hatte Friedrich II. bei seiner Krönung 
in Aachen (1215) dem Papste Innocenz, im Interesse der 



1 Ilurtcr, Innocenz III., I, 114. 



3. Geschichtliche Verhältnisse. 29 

Kirche, das dieser zu bewahren wusste, nebst dem GeK'ibdc 
eines Kreuzzugs auch das Versprechen leisten müssen : seinem 
Sohne Heinrich das Königreich Sicilien als Lehn der römi- 
schen Kirche zu vermachen; dieses Versprechen wurde aber 
vom Kaiser nicht erfüllt, und ungeachtet des über Friedrich 
ausgesprochenen Banns unternahm dieser den Kreuzzug erst 
nach dem Tode des Papstes Innocenz III. (1216). Im Jahre 
1228 eroberte zwar Friedrich Jerusalem, ward aber doch des 
Bannes nicht ledig. Nun findet 1230 eine Versöhnung der 
beiden Mächte statt, und der Papst Gregor IX. und Friedrich II. 
schliessen Frieden; allein schon 1239 wird letzterer wieder in 
den Bann gelegt, und sein Gegner steht mit dem alten un- 
versöhnlichen Hasse ihm gegenüber. Bei der Gelegenheit er- 
öffnen beide angesichts ihrer Mitwelt ein Kreuzfeuer, wobei 
die gehässigsten Schimpfnamen wechselseitig abgedrückt wer- 
den. 1250 stirbt Friedrich II. zwar nicht im vollen Siege, 
aber doch unbesiegt. 

Im Kampfe der Päpste mit den Hoheustaufen hatten es 
jene mit den Ersten ihrer Zeit sowol an äusserer Macht, als 
auch an geistiger Ivraft und Festigkeit des Charakters zu 
thun. Die Hoheustaufen wurden von der öffentlichen Mei- 
nung getragen, und diese hatte angefangen, sich auf die Seite 
der Staatsmacht zu neigen, gegenüber der Herrschaft des 
Papstthums. In diesem Kampfe auf Leben und Tod, der, 
von rein weltlichen Motiven ausgegangen, zu einem rein welt- 
lichen Kriege geworden war, hatte das Papstthum von Neapel 
her empfindliche Schläge erhalten, und es fing bereits an, 
wenn auch zunächst unmerklich, von der Höhe seiner äussern 
Machtstellung herabzusinken. 

Nach dem Untergange der Hoheustaufen nimmt Frank- 
reich die Führerstelle ein. Auf die Bulle „Clericis laicos" 
vom Jahre 1296, womit Bonifacius VIII. den alten Streit 
über die unbedingte Unterordnung der staatlichen Gewalt 
unter die kirchliche im päpstlichen Sinne entschieden zu ha- 
ben glaubte, antwortete Philipp IV. der Schöne (1285—1314), 
Köni'i" von Frankreich, damit: dass die Kirche nicht blos aus 
Klerikern, sondern auch aus Laien bestehe, unter gleichem 
Antheile an dem Heile, das Christus erworben. Diese An- 
schauung wurde 1302 durch die Nationalversammlung, wozu 
die drei Stände von Philipp berufen wurden, zur Geltung gc- 



30 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

bracht. Hiermit war das Be\vusstscin über die Bedeutung 
des Staats deutlieh ausgesprochen, und dieser trat von nun 
an als selbständige Macht in die Geschichte ein. Philipp ge- 
brauchte überdies noch ein Mittel gegen die Gewalt des 
Papstthunis: die Appellation an eine allgemeine Kirchen- 
versammlung. Die Gefangennchmung des Papstes zu Anagni 
mag immerhin ein Act persönlicher Rache gewesen sein, für 
das Papstthum ist sie jedenfalls als eine Niederlage zu be- 
trachten. Dieselbe Macht, welche vom Papstthum gegen die 
Hohenstaufen herbeigerufen, deren Träger Karl von Anjou es 
mit Sicilien und Neapel belehnt hatte, war in Rom eingedrun- 
gen, bemächtigte sich nach Benedict's XL Tode (1305) der kirch- 
lichen Gewalt, um diese während des Exils der Päpste in 
Aviirnon zu eigenen Zwecken auszunutzen. So diente das 
Papstthum bis 1370 stets fremden Interessen. 

In diesem Zustande der Abhängigkeit von Frankreich 
erhob das Papstthum wieder sein Haupt und seine Ansprüche 
bei dem Streite zwischen Ludwig von Baiern und Friedrich 
von Oesterreich um die Königswahl. Ludwiir wird von Jo- 
hann XXII. excommunicirt, weil er die päpstliche Bestätigung 
neben der Wahl für unnöthig erachtet, und stirbt 1347 als 
der letzte mit dem päpstlichen Bannfluche belastete deutsche 
Kaiser, nachdem er wiederholt vor der päpstlichen Macht 
sich gedemüthigt hat. Seine päpstlichen Gegner Johann XXIL, 
Benedict XII. und Clemens VI. blieben unversöhnlich, und 
der König von Frankreich suchte die Verwirrung in dem 
unter dem Interdicte daniederliegenden Deutschland für 
seine Zwecke auszubeuten. Urban V. nahm zuerst (13G7) 
seinen Sitz wieder in Rom, und als Gregor XL im Jahre 1378 
starb, entspann sich ein Streit über die Papstwahl, infolge 
dessen dem Schosse der Kirche zwei Häupter entwuchsen. 
Die Kirche erlitt dadurch einen Riss und ward zwischen zwei 
Päpste gestellt, wovon der eine in Rom, der andere in 
Avignon sich gegenseitig mit dem Bannfluche belegten. 

Das A^erlangen nach einem allgemeinen Concil bemäch- 
tigte sich des Zeitbewusstseins, und die Sehnsucht nach einer 
Reformation der Kirche an Haupt und Gliedern erfüllte die 
Gemüther. Auf den grossen Reformationssynoden zu Konstanz 
und Basel bildete sich eine neue kirchenrechtlichc Anschauung, 
deren Hauptvertreter, der Kanzler Gerson und der Cardinal 



3. Geschichtliche Verhältnisse. 31 

von Cusa, das Concilsystem begründeten, wonach eine allge- 
meine Kirchenversammlung über dem Papste stehen sollte. 
Gegenüber dem alten Papalsystem lief also das ganze Refor- 
mationswerk auf die Restaurirung der bisherigen Stellung des 
Papstes zur Kirche hinaus. 

Im weitern Verlaufe der Geschichte zeigt es sich, dass 
die Bestrebungen der Gregore und Innocenze schliesslich auf 
den ersten Ausgangspunkt zurückkamen, nur dass durch die 
Kirchenversammlungen der päpstlichen Macht eine Schranke 

irezeisft war. 

Der grosse Reformationseifer der hervorragenden Persön- 
lichkeiten auf dem päpstlichen Stuhle hatte sich in sich ver- 
zehrt, und die Masslosigkeiten, in welchen die päpstliche Ge- 
walt misbraucht wurde, waren nicht geeignet, die Kirche aus 
der Verweltlichung, in die sie verrannt war, herauszuziehen, 
um sie auf ihre ursprüngliche apostolische Bedeutung zurück- 
zuführen, in der sie der Christenheit Befriedigung gewäh- 
ren sollte. 

Dieser Versuch, die Entwickelung der Kirche als Macht 
zu skizziren, betraf zunächst deren Stellung dem Staate gegen- 
über. Eine Hindeutung auf die Mittel, welche die Kirche 
besass, vermehrte, und deren sie sich bediente zur Erlangung 
und Erweiterung ihrer Macht, mag die mangelhafte Skizze 
vielleicht ergänzen, sie wird um so nöthiger im Hinblicke 
auf das Verhältniss. der kirchlichen Macht zum Volke 
und die Wirkung auf es. Die Einzelerwähnung und Betrach- 
tunix der besonders wirksamen Mittel der Kirche dürfte be- 
hülflich sein, den geistigen Zustand der Menschen im Mittel- 
alter zu erklären und zugleich den Glaubenskreis zu beleuchten, 
innerhalb dessen der Teufel den geeigneten Raum finden 
musste, sein Spiel zu treiben. 



Der Zustand der Welt, durch den langen Streit zwischen 
Kirche und Staat herbeigeführt, wird von Gregorovius ^ kurz 
aber treffend geschildert: ,,Die langen Kriege zwischen der 
Tiara und der Krone hatten das Reich in unbeschreibliches 
Elend gestürzt, die Wuth der Parteien hatte alle Kreise der 



1 Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter, IV, 2G7. 



32 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Gesellschaft mit unnatürlichem Ilass, Zwist und Schuld er- 
füllt. Denn es stand in der Welt Vater o-eiren Solni, Bruder 
gegen Bruder, Fürst gegen Fürst, Bischof wider den Bischof, 
Papst wider den Papst. Eine Sjialtung des Lebens so tief- 
gehender Natur, wie sie nie zuvor in der Geschichte gesehen 
war, schien das Christenthum selbst zu zerreissen." Derselbe 
Schriftsteller vergleicht die europäische Welt einem Schlacht- 
felde, worauf sich tiefe Nacht gesenkt hatte. Nun inmitten 
dieser Nacht stand das Volk, das jeden festen Halt verloren 
hatte, und in den schroffsten Gegensätzen der Gefiihle, Stim- 
nuuigen und Ansichten herumgeschleudert ward. Das staat- 
liehe Bewusstsein war noch nicht zum Durchbruch gelangt, um 
die Triebfeder des Lebens abzugeben, es herrschte W iderwille 
jrescen die Satzungen der Kirche, Verachtunij des geistlichen 
Standes, gröbste Sinnlichkeit, die in der verweltlichten Kirche 
ihre Deckung zu finden suchte, das Gefühl der Unhaltbarkcit 
dieser verzweifelten Zustände und dabei das der schlechthinigen 
Abhängigkeit von der Kirche, die während des Verlaufs von 
vielen Jahrhunderten die Mittel benutzt hatte, um eine vui- 
geheuere Macht zu erlangen und zu vergrössern, unter der das 
Volk in selbstloser Unmündigkeit erhalten wurde. 

Das hohe Ansehen der Kirche und ihre Machtstellnng, 
die sie erlangen sollte, ist schon durch die Grundbestimmung 
ihres Begriffs durch die Kirchenväter angebahnt. Nach 
Ignatius (1. Jahrhundert), Bischof von Antiochien, der zu- 
erst den Namen s'xxVrjCta xa'ä'oXixvj gebraucht', ist es vor- 
nehmlich Iren aus (gest. 2G2), der den Grundriss des Begriffs 
der Kirche entwarf durch seinen Ausspruch: „Ubi ecclesia 
ibi Spiritus Dei et ubi sj^iritus Dei ibi ecclesia."^ Cyprian 
(gest. 259) spannt die vorhandene Anschauung höher und be- 
zeichnet schon die fünf Prädicate des Wesens der Kirche, 
nämlich: Einheit, Heiligkeit, Allgemeinheit, Ausschliesslichkeit 
inid Apostolicität. ^ Die Einheit des Apostolats, die sich in 
Petrus zusammengefasst, wurde durch ihn auf die Bischöfe 
übertragen, durch deren Zusammenwirken die l^inheit der 



' Ep. ad. Smyrn., c. 8. 
- Adv. haorcs. 3, 21. 1. 

^ Cyprian. de unitate ecclesiac, c. 4: Episcopatus unus est cujus 
a singulis in solidum pars tcnetur. Ecclesia quoquc una est, quac in 



4. Vergrösserung des geistlichen Ansehens. 33 

Christenheit vergegenwärtigend gedacht und in dem Papste 
sich zuspitzend in der Kirche angeschaut. Christliches und 
Kirchliches ward so ineinandergesetzt, dass letzteres nicht als 
zeitlicher, sondern als absoluter Ausdruck des erstem, ja als 
dieses selbst galt. So lag es im Bewusstsein des Mittelalters, 
dass der weltliche Fiirst nur durch den Kirchenfürsten in 
Rom die höchste Würde empfangen könne, dass überhaupt 
alles, was Ansehen erlangen sollte, von der Kirche ausgehen, 
durch kirchliche Hände gegangen sein musste. Unter diesem 
mittelalterlichen Gesichtspunkte mussten die Mittel, welche 
die Diener der Kirche handhabten, zur Vergrösserung des 
Ansehens und der Macht der letztern einschlagen, dagegen 
die bürgerliche Gesellschaft im ganzen wie den einzelnen in 
unbedingter Abhängigkeit und Unmündigkeit erhalten. Es be- 
darf kaum der Erwähnung des Misbrauchs der Machtmittel, 
noch der ängstlichen Aufzählung aller Einzelheiten, da die 
Hervorhebung der vornehmsten die Ueberzeugung geben dürfte: 
dass durch ihre Anwendung die geistliche Macht die Oberhand 
behaupten, das Volk in Unterthänigkeit erhalten werden 
musste. 



4. Mittel zur Vergrössenmg des geistlicilen Anselieiis. 

Im allgemeinen war die Ueberlegenheit der Geistlichkeit 
an Bildung zunächst einer der Hauptpfeiler, auf den sich 

multitudinem latius in cremento foecundidatis extenditur. — Avelle radium 
solis a coi'pore, divisionem lucis unitas non capit, ab arbore frange ra- 
mum, fructus germinare non poterit; a fönte pi-aecide rivum, praecisus 
arescit. Sic et ecclesia Domini luce perfusa per orbem totum radios 
suos pon-igit; unum tarnen lumen est, quod ubique diffunditur, nee unitas 
corporis separatur. Ramos suos in uuiversam terram copia ubertatis ex- 
tendit, profluentes lai-giter vivos latius expandit, unum tarnen caput est 
et origo una et una mater foecunditatis successibus coiDiosa. Illius foetu 
nascimur, illius lacte nutrimur, spiritu ejus animamur. — C. 6: Adulterari 
non potest sponsa Christi — quisquis ab ecclesia separatus adulterae 
adjungitur, a promissis ecclesiae separatur; nee pervenit ad Christi proe- 
mia, qui relinquit ecclesiam Christi. Alienus est, profanus est, hostis 
est. Habere non potest Deum patrem, qui ecclesiam non habet matrem. 
— C. 14: Tales etiam si occisi in confessione nominis fueriut, niacula 
ista nee sanguine obluitur. Esse martyr non potest qui in ecclesia non 
est. Occidi talis potest, non coronari, etc. 

Roskoff, Geschichte des Teufels. II. 3 



34 Zweiter Al)schnitt: Ausbildung der Yorstellung vom Teufel. 

die Herrschaft derselben stützte, der Besitz einiger Kenntnisse, 
den sie in den frühem Jahrhunderten des Mittelalters voraus 
hatte, und wodurch sie auch im bürgerlichen Leben eine Ueber- 
leo-enheit erlano;te. Man muss es anerkennen: christliche 
Priester waren die ersten Träger und Verbreiter der Civili- 
sation, und Ilüllmann kann mit Eecht sagen: „Durch den 
Staat sind die bessern A^ölker des Alterthums erzogen wor- 
den, durch die Kirche die des Mittelalters." ^ Die vor ihren 
Zeitgenossen gewöhnlich hervorragende Bildung machte na- 
mentlich die Bischöfe vor andern fähig, einflussreiche Aemter 
zu verwalten, daher schon unter Karl's des Grossen Hofgeist- 
lichkeit der Erzkaplan als Erzkanzler amtirte. Der über- 
wiegende Eiufluss der Bischöfe Avar sonach vornehmlich in 
dieser Beziehung durch ihr intellectuelles Uebergewicht be- 
dingt. Bei der allgemein herrschenden Unwissenheit, dem 
Mangel an Kenntnissen nach dem Verfalle der Wissenschaf- 
ten, der schon vor der Zerstörung des römischen Reichs sei- 
nen Anfang genommen hatte und durch die Ansiedelung bar- 
barischer Nationen in Gallien, Spanien, Italien vollendet ward, 
blieb, nach dem Aufhören des Lateinischen als lebende 
Sprache, der Schatz von Kenntnissen und Bildung dem Volke 
verschlossen, und der Schlüssel war in den Händen der Geist- 
lichen. Das Lateinische, dessen Kenntniss diese besassen, 
war aber auch in allen gerichtlichen Urkunden und dem öffent- 
lichen Schriftwechsel beibehalten worden, und wo das Volk 
das Schreiben und Lesen vergessen oder noch nicht gelernt 
hatte, da war der Klerus im Besitz dieser Kenntnisse, die 
von dem geheimnissvollcn Berufe der Geistlichkeit, welche mit 
den Mysterien des Gottesdienstes zu thun hatte, in den Augen 
des Volks auch einen geheimnissvollen Anstrich erhielten. Meh- 
rere Jahrhunderte hindurch war selten ein Laie zu finden, der 
seinen Namen schreiben konnte, wie dies auch von Theodorich, 
dem berühmtesten Ostgothenkönige, verlautet, selbst Kaiser 
Friedrich Barbarossa war des Lesens iiukundig '^, was noch 
in der Mitte des 14. Jahrhunderts von dem König Jo- 
hann von Böhmen ^ und dem Sohne des heiligen Ludwig, 



1 Städtewesen, IV, 292. 

- Struv. Corp. Ilist. Germ. I, 377. 

3 Sismoiidi, llistoirc des Fran(;ais, Y, 42ü. 



4. Yergrösserung des geistlichen Ansehens. 35 

Philipp dem Kühnen, behaujDtet wird. ^ Der niedere Klerus 
stand in dieser Beziehung auf keiner höhern Stufe, denn fast 
auf jedem Concil ist die Unwissenheit desselben Gegenstand 
des Vorwurfs. So wurde auf dem Concil vom Jahre 992 
geäussert: dass selbst in Rom fast keiner zu finden sei, der 
die ersten Elemente der Wissenschaft innehabe. Auch in 
Spanien soll zur Zeit Karl's des Grossen unter 1000 Prie- 
stern kaum einer einen Begrüssungsbrief haben schreiben kön- 
nen.^ In solchen Zeiten mussten wol die Bischöfe, welche der 
lateinischen Schriftsprache und des Schreibens mächtig waren, 
die zu den bedeutendsten Aemtern geeigneten Persönlichkeiten 
sein. Bei Staatshandluugen waren die Fürsten darum auf 
die höhern Geistlichen angewiesen, diese waren deshalb fast 
ausschliesslich zu Gesandtschaften verwendbar. Bei den häu- 
figen Streitigkeiten der Fürsten wurden, besonders im Zeit- 
alter Karl's des Grossen, die hohen Geistlichen gewöhnlich als 
Schiedsrichter benutzt. 

Der Einfluss der Geistlichkeit auf das Gerichts- 
wesen war schon ursprünglich angebahnt, dass Kirchen häufig 
zur Verdrängung des Heidenthums an den alten Opfer- und 
Gerichtsstätten errichtet wurden und das Asylrecht von den 
heidnischen Tempeln ererbten. Er w^ar gesichert durch die 
Betheiligunoc der Geistlichen bei den Gottesgerichten in den 
Kirchen: beim Zweikampf wurden die Waffen vom Priester 
geweiht, das Eisen ward während der Messe vor dem Altar 
geglüht, den Angeklagten ward die Communion gereicht, ge- 
weihtes Wasser zu trinken gegeben, bei der Wasserprobe 
wurde der Verurtheilte in ein Priestergewand gekleidet u. dgl. 
Karl der Grosse gestattete den Eid nur in der Kirche und 
über Reliquien. Dies und manches andere bot die Fäden, 
aus denen sich eine Art amtlicher Aufsicht der Geistlichkeit 
über die Rechtspflege zusammenwob. Ein gewisses Strafrecht 
gegen Frevler stand der Kirche immer zu, anfangs durch das 
Gesellschaftsrecht, später durch das Busswesen, indem der 
Grundsatz galt: dass Verbrechen nicht nur das bürgerliche, 
sondern auch das göttliche Recht verletzen, also das theokra- 
tische Verbrechen des Alten Testaments festgehalten wurde. 



1 Velly, Histoire de France, VI, 42G. 

2 Mabillon, De re diplomat., S. 55. 

3* 



36 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Die Kirche erschien neben dem Könio-c als selbständici-c Rechts- 
quelle, und diese Anschauung dehnte sich aiif alle Verbrechen 
aus, die man zur Religion in einige Beziehung setzen konnte, 
als: Meineid, Fleisches-Vergehen und -Verbrechen, Kindermord, 
Entweihung der Gräber, wofür die Kirche ein besonderes 
Strafrecht handhabte. Schon ein Gesetz Konstantin's hatte 
den biirgerlichen Obrigkeiten befohlen, die Aussprüche des 
bischöflichen Gerichts zu vollstrecken. Auf mehrern Concilien 
des 4. und 5. Jahrhunderts werden durch kirchliche Ent- 
scheidung Priester und Bischöfe mit Absetzung bedroht, wenn 
sie eine bürgerliche oder peinliche Rechtssache bei einer welt- 
lichen Obrigkeit anhängig machen. Ein dem Theodosianischen 
Codex anojehäno-tes Edict, das dem Kaiser Konstantin zuo-e- 
schrieben wird, dehnt die bischöfliche Gerichtsbarkeit auf alle 
Rechtssachen aus, wenn eine der streitenden Parteien an sie 
appelliren will, wogegen von den Entscheidungen der Bi- 
schöfe keine weitere Berufung mehr gestattet sein soll. Karl 
der Grosse nahm diese Verordnungen aus dem Theodosiani- 
schen Codex in seine Capitularien auf. ^ Dadurch, dass der 
Staat der Kirche die Theilnahme an seinem Straftimte ein- 
räumte, musste diese an Ansehen inul Macht gewinnen. Man 
sah die Sühne erst dann fiir voll an, wenn der Veibrecher 
ausser der weltlichen auch eine kirchliche Busse geleistet 
hatte. 

Der Staat förderte die Abhänr^io-keit der Laienwelt von 
der Kirche in Gerichtssachen durch die bischöflichen Senden, 
die unter Karl dem Grossen völlig ausgebildet wurden. ^ 

Eine Erweiterung der kirchlichen Macht bewirkte Papst 
Alexander III. (1179) namentlich dadurch, dass er alle nicht 
durch Lehnspflichten bedingten Beiträge zur Deckung der 
Staatsbedürfnisse von der Bewilligung der Bischöfe und des 
Klerus abhängig machte. ^ Nach der Verordnung des Papstes 
Innoccnz III. (1215) müssen aber die Bischöfe und der Klerus 
die päpstliche Erlaubniss dazu einholen. * 

Die Geistlichkeit nahm die Immunität von allen welt- 



1 Baluz. Capitul., I, 985. 

2 Capit. a. im, c. 7. 813, c. 1. 

3 Concil. lateran. III. can. 1!); Mansi XXII, 2i>G. 

4 Concil. lat. IV. can. 4G; Mansi XXII, 1030. 



•i. Ycrgrosserung dos geistlichen Ansehens. 37 

liehen Gerichten in Anspruch, besonders in Personalsachen, 
so unter Urban IL \ Alexander III, ^ und Innocenz III, ^ 

Von Kirchenfürsten waren allerdings manche wohlthätige 
Gesetze in Bezug auf bürgerliche Ordnung ergangen, als: 
zur Aufrechtcrhaltung der Treuga Dei auf dem Concil zu 
Clermont 1095 und auf andern Kirchenversammlungen ; gegen 
Seeräuberei auf dem dritten lateranischen Concil; gegen Raub 
u. dgl. m.; die Kirche zog aber auch die bürgerliche Justiz 
immer mehr an sich, durch die Vermehrung der Rechtssachen, 
die ausschliesslich dem geistlichen Gerichte unterliegen soll- 
ten. Schon nach Justinianischen Bestimmungen werden Kle- 
riker zu bürijerlichen Richtern über Mönche und Nonnen ire- 
setzt, zu Aufsehern über die Sitten und die Versorgung der 
Unmiindigen, Findlinge, Wahnsinnigen, geraubten Kinder und 
Weiber bestellt. Nun wurden aber alle Ehe-, Testaments- 
und Eidessachen, Wucherprocesse, alle Klagen und Verbrechen 
der Crucesignati als ausschliesslich unter das kirchliche Forum 
gehörig betrachtet. Von Lucius III, wurde es den personis eccle- 
siasticis freigestellt: malefactores suos sub quo maluerint ju- 
dice convenire. "* Dies Privilegiimi wurde von Geistlichen 
vortheilhaft ausgenutzt, indem sie Processe an sich kauften, 
um sie vor das geistliche Gericht zu bringen. Dieser Mis- 
brauch muss arg gewesen sein, da Gregor sich genöthigt 
sah, ein Verbot darauf zu legen. ^ Durch den Recurs, der 
in allen Fällen an das geistliche Gericht offen stand, hatte 
die Kirche eigentlich die Oberaufsicht über die gesammte 
Justiz. ^ 

Ausser den Appellationen an den Papst, die durch 
den angenommenen Grundsatz : dass sie nicht nur post senten- 
tiam, sondern auch ante sententiam stattfinden können, auf 
die ordentlichen Gerichte lähmend wirkten, das Ansehen der 
päpstlichen Curie dagegen zu heben halfen, waren in letzter 
Beziehung auch die päjsstlichen Legaten thätig, die der 



1 Epist. 14 ad Rudolphum coraitem; MansiXX, G59; vgl. ibid. XX, 036. 

^ Concil. later. ann. 1179, can. 14. 

3 Decret. Gregor, lib. II, tit. 2, c. 12. 

1 Ibid., c. 8. 

» Ibid. lib. I, tit. 42, c. 2. 

^ Vgl. die Belegstellen bei Gieseler, Kirchengeschichtc, II, 2, S. 273. 



38 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

päpstlichen Gewalt eine grosse Tragweite bahnten nnd neben- 
bei auch die Schleusen zu öffnen verstanden, durch die viel 
Geld nach Rom floss. Dass diese Legaten ihr Amt mis- 
brauchten und sich Gelderpressungen erlaubten, beweist die 
Klage des heiligen Bernhard über die Thätigkeit eines Car- 
dinalle2:aten in den Kirchen Deutschlands luid Frankreichs: 
„Replevit non evangelio sed sacrilegio." 

Gegen Ende des 8. Jahrhunderts wurde eine Sammlung 
kirchenrechtlicher Lehrsätze unter dem Namen Isidori De- 
cretales bekannt, die auch zur Hebung des päpstlichen An- 
sehens beitrug, zwar zunächst den Bischöfen gegeniiber, dann 
aber die kirchliche Macht überhaupt begründen half. Nach- 
dem mehrere kleinere Sammlungen erschienen waren, trat im 
Jahre 1140 ein italienischer Mönch Gratian mit seinem „De- 
cret" hervor, einer allgemeinen Sammlung Canones, päpst- 
licher Sendschreiben und Urtheilen der Kirchenväter, nach 
Art der Pandekten in Titel und Kapitel eingetheilt. Dieses 
Werk letrt den Isidorischen Decretalen die höchste Autorität 
bei. Greaor IX. Hess die fünf Biicher der Decretalen durch 
Raimund von Pennaforte 1234 herausgeben, welche den we- 
sentlichen Thcil des kanonischen Rechts liefern und ein voll- 
ständiges Rechtssystem bilden. Bonifacius VIII. (1294 — 1303) 
fügte einen sechsten Theil hinzu, und das Studium dieses Codex 
wurde für jeden Geistlichen unerlässlich und brachte eine 
neue Klasse von Rechtsgelehrten , die Kano nisten, hervor. 
Dieses kanonische Recht gründet sich auf die gesetzgebende 
Gewalt des Papstes, erhebt die Kirche über die weltliche 
Macht, sodass ünterthanen einem excommunicirten Fürsten 
keinen Gehorsam schuldig wären. Durch die Handhabung des 
kanonischen Rechts musste das kirchliche Ansehen steigen und 
die Kanonisten, als eifrige Yertheidigcr desselben in allen Län- 
dern, trugen ihr Theil bei. 

Kreiizzügc. 

Auch die Kreuzzüge sind in diesem Sinne zu erwäh- 
nen, diese Erscheinung einer tiefsterregten Zeit. In ihnen 
mani'festirt sich der Zug nach dem sinnlichen Besitz der 
Stätte, von wo das Heil ausgegangen, wonach die Mensch- 
heit in ihrer heillosen Lage von heisser Sehnsucht sich ge- 



4. Vei'grösserurig des geistlichen Ansehens. 39 



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trieben fühlte. Abgesehen von dem äussern AnLass, war der 
Grund dieser Erscheinung ein idealer. In den Kreuzzügen 
wird die Herrschaft des Christenthums, das in Rom seinen 
Brennpunkt hat, angestrebt über die nicht christliche Welt. 
In der öffentlichen Meinung, welche die lenkende Macht vom 
päpstlichen Stuhle ausgehen, von da aus über die Kräfte des 
Abendlandes verfügt sah, musste auch durch diese Unter- 
nehmung das päpstliche Ansehen, die kirchliche Machtstellung 
gewinnen. 

Kaiiouisclie LeheusAveise. 

Durch die vom Bischof Chrodegang von Metz (742 — 6G) 
eingeführte vita canonica, kanonische Lebensweise, sollte 
ein christliches Musterleben dargestellt werden; bewirkt wurde 
aber ein Zusammenschliessen der Bischöfe mit ihren Klerikern 
zu festen Körperschaften und ein Abschliessen gegen die 
Laienwelt. Der Standesunterschied zwischen Laien und Kle- 
rikern und zugleich der Vorzug der letztern vor jenen wurde 
besonders scharf hervorgehoben durch den Cölibat. Es 
ist bekannt, wie schwer diese Massregel, welche schon der 
Bischof Siricius von Rom ums Jahr 385 zum Kirchengesetze 
erhoben hatte, durchzuführen war, daher noch im IL Jahr- 
hundert viele Priester im ordentlichen Ehestande lebten \ und 
ueuestens wird ausser Zweifel gesetzt, dass es noch im 
13. Jahrhundert viele verheirathete, oder wie die Kirche sich 
damals ausdrückte: im Concubinate lebende Priester gab. ^ 
Ebenso bekannt ist, dass die Reformationsbestrebungen der 
Päpste auf die Beseitigung der Priesterehe abzielten, im richtigen 
Gefühle, dadurch ein Hauptmittel zur Erstarkung der geist- 
lichen Macht zu erlangen. 

Beichte. 

Ein besonders wirksames Mittel, die Laienwelt von der 
Priesterschaft in unbedingter Abhängigkeit zu erhalten, war 
die Beichte. Im Karolingischen Zeitalter hatte sie noch die 
Bedeutung eines sittlichen Acts und war noch fern von der 



1 Vgl. die Belege bei Gfrörer, Allgemeine Kirchengeschiclitc, IV, 
1. Abthl., S. 155 fg. 

2 Lorenz, Deutsche Geschichte des 13. und 11. Jahrhunderts, I, 399. 



40 Zweiter Absclniltt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Sacramentsiclee ; seit der Vorordnung des Papstes Innocenz III. 
auf dem 4. lateranischen Concil 1215 wurde sie zur Bedin- 
gung des Zutritts zur Kirche im Leben und eines christlichen 
Begräbnisses im Tode. „Diligenter inquirere in peccatoris 
circumstantias" wird dem Priester eingeschärft, und hiermit ist 
der nächste Schritt zur Inquisition, von Innocenz III. auf 
derselben Synode zur Unterdriickung der Ketzerei eingefiihrt, 
geschehen. Die Toulouser Synode 1229 sanctionirt schon in 
jeder Parochie zwei bis drei Ketzerriecher, Gregor IX. bestellt 
1233 die Dominicaner zu päpstlichen Inquisitoren „der 
ketzerischen Bosheit", und die Inquisitionsgerichte verbreiten 
allenthalben Angst und Schrecken. Die von Leo IX. und 
besonders Gregor VII. angestrebte „reformatio universalis 
ecclesiae" wurde hiermit unversehens in eine Ileformation 
der Laienwelt umgewandelt. 



Al)lass. 

Nebst der Beichte war der Ablas s ein mächtiger Hebel, 
das Ansehen und die Herrschaft des päpstlichen Stuhls zu 
fördern. Die geistliche Schliisselgewalt (zu lösen und zu 
binden) war somit in voller Wirksamkeit. Es wurde das 
Gericht iiber die Sünden der Gläubigen und die BefugJiiss, 
jene zu erlassen, ausgevibt. Die Theilnahme an den Kreuz- 
züüen irab dem Ablass einen bedeutenden Aufschwung, und 
seine Theorie wurde besonders durch die Scholastiker ausge- 
bildet. 



Bettelmöuclie. 

Auch die Bettelmönche arbeiteten in diesem Sinne. 
Sie sind zwar, unter ethischem Gesichtspunkte betrachtet, zu- 
nä<;list als Reaction gegen die sittliche Verkommenheit der 
Kirche aufgetreten, denn so oft die kirchliche Disciplin ver- 
darb, erhüben sich heilige Männer, um dem Verfalle der 
Kirche aufzuhelfen; allein im Verlaufe der Zeit wurden die 
Mönche ein wirksames Mittel zur Durchfiduung der geist- 
lichen Oberherrschaft. 



4. Vergrösscrung des geistlichen Auseliens. 41 

Exconiiiiiiiiieation und Interdict. 

Die fui-chtbarsten Mittel, die geistliche Oberherrschaft zu 
bethätigen, waren: die Excommunication, der Kirchen- 
bann über einzelne verhängt, und das Interdict, wodurch 
eine ganze Gemeinde oder Landeskirche durch Einstellung 
aller gottesdienstlichen Handlungen gleichsam „geistlich aus- 
srehunjrert" wurde. Die Handhabung der Excommunication 

DO C 

war abhängig von der Grösse der Vergehungen und der 
kirchlichen Wiirde, sodass dieses Mittel bei geringern Ueber- 
tretungen dem Pfiirrer zustand, über die grössten Vergehungen 
der Papst excommunicirte, und zwar Personen weltlichen oder 
geistlichen Standes. Fürsten wurden excommunicirt, wenn 
sie den erhobenen Verdacht gegen ihre Rechtgläubigkeit 
nicht abwälzen konnten, überhaupt dem apostolischen Stuhle 
als Gegner erschienen, und zwar in Bezug auf kirchliche 
Personen, Güter oder Freiheiten und geistliche Wahlen. Kein 
Christ durfte mit einem Excommunicirten Gemeinschaft pfle- 
gen; war dieser ein Geistlicher, so wurden ihm seine Ein- 
künfte entzogen, bisweilen wurde der Altar, an dem er Messe 
las, niedergerissen, sein Messgewand verbrannt, der Kelch 
eingeschmolzen. War er Bischof, so war seine Ertheilung 
der Weihe und Pfründe ungültig. War er Fürst, so hatten 
seine Gesetze und Verfügungen keine Geltung; war er ein 
Laie niedern Rangs, so hatte er weder Wahlrecht noch 
Wahlfähigkeit, als Richter hatte sein Urtheil keine Kraft. 
Widerstrebte der Excommunicirte dem Strafmittel der Kirche, 
so wurde ihm die Züchtigung durch die weltliche Hand 
zutheil, wozu die Könige im allgemeinen bereit waren. Schon 
Childerich I. um 554 hatte den Ungehorsam gegen die Kirche 
an Unfreien mit 100 Stockprügeln, bei Freien mit standes- 
mässiger Strafe belegt.^ Childebert II.- verbannte jeden Ex- 
communicirten vom Hofe und nahm ihm das Recht des 
Güterbesitzes. Pipin^ verbot dem mit dem Bann Belegten 
die Kirche zu besuchen, jedem Christen, ihn zu grüssen, 
überhaui)t in irgendeiner Gemeinschaft mit ihm zu stehen. 



1 Pertz, III, 1. 
- A. 790, c. 2. 
3 A. 755, c. 9. 



42 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

— Das Interdict erstreckte sieh zuweilen über ein ganzes 
Land, oder auch nur über die Gegend, in welcher das zu 
strafende Vergehen verübt worden war, oder wo der Betrofi'ene, 
der sich widerspenstig erwies, verweilte. Die Kirche be- 
trachtete in beiden Fällen das übrige Volk als schuldig, weil 
es ihr durch sein Schweigen als Theilnehmer erschien. Das 
erste Interdict verhängte Gregor V. (908) gegen Robert 
von Frankreich; ein anderes Innocenz III. über England 
wegen Verweigerung des Peterpfennigs, wo ganz England 
infolo;e des Interdicts durch sechs Jahre, drei Monate und 
vierzehn Ta2;e keinen Gottesdienst hatte. ^ Im 14. Jahrhundert 
lauf Deutschland unter dem Interdict, das Benedict XII. in 
dem Streite iiber die Kaiserswahl ausgesprochen hatte. 

Um eine Vorstellung von der peinlichen Lage während 
des verhängten Interdicts zu haben, bedarf es nur einiger 
Züge aus der Schilderung, welche Hurter^ von dem Zustande 
in Frankreich (im 12. Jahrhundert) entwirft. „Vorenthalten 
war dem Gläubigen, was der Seele in den AVechself allen des 
Lebens die sichere Richtung verleihen, in den Kämpfen des 
irdischen Daseins das Gemüth emporheben soll. Wohl ragte 
aus den niedrigen Wohnunc-en der Sterblichen das Haus her- 
vor, in dessen Räumen so manches sichtbare Sinnbild die 
Herrlichkeit des unsichtbaren Gottes und seines ewigen 
Reichs darstellte; aber es glich einem gewaltigen Leichnam, 
aus welchem jede Lebensregung entflohen war. Nimmer 
weihte der Priester das Sakrament des Leibes und Blutes 
unsers Herrn zur Erquickung verlangender Seelen. Ver- 
stummt war der Feiergesang der Diener Gottes; kaum dass 
einigen Klöstern gestattet war, ohne alles Beisein von Laien, 
in leiser Stimme, bei uneröffneter Thüre, auch wol nur in 
mitternächtlicher Einsamkeit zum Herrn zu flehen, ob seine 
Gnade die Gemüther zur Busse erwecken möchte. Zum 
letzten mal hatte die Orgel durch die Wölbungen gerauscht, 
Grabesstille herrschte, wo sonst in Preis und Verherrlichung 
des Ewigen die Gemüther aufgejubelt. Unter Trauerge- 
bräuchen wurden die Lichter gelöscht, als wäre in Nacht und 



' Eymer, Act. et ibed., 1, Gl. 

2 Gesehicülc Papst Innocenz' III. und seiner Zeitgenossen, I, 385 
(3. Aufl.) 



4. Vergrösserung des geistlichen Ansehens. 43 

Dunkelheit fortan das Leben gehüllt; ein Schleier entzog tlen 
Anblick des Gekreuzigten den Augen der Unwiirdigen ; an 
der Erde lagen die Bilder seiner glorreichsten Bekenner, die 
Ueberreste frommer Glaubenshelden in ihren Schrein ver- 
schlossen, als entflöhen sie das entartete Geschlecht. Die 
Verkiindicuuff der Ileilswahrheiten, welche dem Leben Lust 
und Muth verleihen soll, dem freundlichen Stern zu folgen, 
dessen Strahlen in so manchen Gebräuchen das Gemüth er- 
leuchten, hörte auf, und Steine in der letzten Stunde, da das 
Heiligthum noch offen stand, von der Kanzel geworfen, 
sollten die lebende Menge erinnern, so habe der Höchste sie 
von seinem Angesichte verworfen, habe er die Thore der 
ewigen Gottesstadt verschlossen, wie der Hüter die Pforten 
seines Hauses auf Erden schliesse. Trauernd wandelte der 
Christ seines Weges vorüber an dem Tempel, nicht einmal 
ein flüchtiger Blick in das Lmere, wo so oft sein Herz die 
segnende Nähe des Herrn empfunden, konnte auch nur für 
den Augenblick seine Sehnsucht stillen, die Pforten blieben 
unbeweglich. Selbst von aussen war ihm alles verborgen, 
wodurch er sonst zu gottgefälligem Eintritt sollte gestimmt 
werden. Nimmer quoll Trost, Vertrauen und Muth aus so 
manchem Ermuthigenden, was durch den äussern Sinn zu 
dem Innern spricht. Nimmer schauten sie seine Erzväter und 
Propheten, jene Evangelisten und Kirchenlehrer, jene Glau- 
bensboten und Gottesstreiter, jene Blutzeugen luul Bekenner, 
deren hehrer Chor unter den Hallen des Gotteshauses diese 
gleichsam zur Thüre des Hinmiels weihte; auch diese Bil- 
der waren verhüllt. Nur jene Misgestalten, in welchen 
der Mensch den entehrenden Ausdruck seiner verdammlichen 
Sünden beherzigen soll, grinsten von den Gesimsen und 
Dachrinnen auf ein Volk herab, dessen unwürdiges Dasein 
von dem Heiligthinu abgewendet, in scheussliche Entartimg 
versunken schien. Kein Glockengang, als etwa einmal die 
dumpfen Schläge einer Klosterglocke beim Hinscheiden eines 
Bruders erinnerte an das Voraneilcn auf der Laufbahn, au 
das geheimnissvolle Ziel , an die höhern Bedürfnisse. Das 
Leben, in allen seinen bedeutungsvollem Wendungen sonst 
geheiligt durch die Kirche, erschien jetzt abgetrennt von ihr. 
Der Sonneuglanz höherer Weihe war erbleicht, und das ir- 
dische Dasein blieb ohne Vermittelung mit dem himmlischen. 



44 Z\Yciter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel, 

Wol fand das Kind noch Aufnahme in den göttlichen Gna- 
denbund, aber gleichsam nur als hinvvegeilend: und den Tag, 
welcher sonst durch alle Stände die Aeltern zu frohem Jubel 
geweckt hätte, umgab jetzt ein düsteres Schweigen. Auf 
Gräbern anstatt am Altar wurde zwischen den Todeswürdigen 
das Band der Ehe angeknüpft. Dem beladenen Gewissen 
ward oft keine Milderung durch Beichte und Lossprechung, 
dem Bekümmerten kein Trost durch des Priesters Wort; dem 
Hungrigen nicht gereicht die Speise des Lebens; niemandem 
das Weihwasser gespendet. Einzig im Vorhofe und des 
Sonntags allein durfte der Priester das Volk zur Busse 
mahnen; dieses blos im Trauergewande, aus der Ferne gegen 
das verschlossene Heiligthum gerichtet, zum Herrn seufzen. 
In der öden Vorhalle nur mochte die genesene Wöchnerin 
dem Höchsten für den ci-haltenen Beistand danken; dort mü- 
der Pilger den Segen zu seiner Wallfahrt empfahen. Lis- 
geheim, ob ihm Gott noch genaden möge,^^ wurde dem Ster- 
benden die letzte Wegzehrung, von dem Priester einsam in 
der Morgenfrühe des Freitags geweiht, dargereicht, die letzte 
Oelung aber, als grösseres Sakrament, war ihm geweigert, 
gleich wie den Todtcn (ausser Priestern, Bettlern, fremden 
Pilgern und solchen, die mit dem Kreuz bezeichnet waren) die 
geweihte Erde, oft sogar jedes Begräbniss. Selbst der Freund 
durfte den Freund nicht bestatten; Kindern blieb es versagt, 
hingeschiedene Aeltern mit einer Hand voll Erde zu bedecken." 
Die grauenerregende Wirkung, die unser Schilderer her- 
vorzubringen beflissen ist, hat das Literdict in jenen Zeiten 
sicher ausgeiibt, und da es sich hier nur um die Macht der 
Kirche und deren Tragweite handelt, miissen wir von allen 
andern Gesichtspunkten absehen. Von dem wüsten Zustande 
führt der Schilderer die bekannte Thatsache an, dass an vielen 
Orten der Normandie im Jahre 1197 infolge eines Interdicts, 
das der Erzbischof von Honen ausgesprochen hatte, die Lei- 
chen auf der Strasse lagen. Beispiele der kirchlichen Strenge 
an Hohen liefern Herzog Leopold von Oesterreich, der unbe- 
graben blieb, Aveil nicht vollzogen wurde, was er, um des 
Bannes ledig zu werden, auf dem Sterbebette verheissen 
hatte. Graf Kaymund V. von Toulouse, der 1222 im Banne 
gestorben war, lag noch im Jahre 1271 unbegrabeu und trotz 
den Bemühungen seiner Tochter, durch Zeugen seinen reue- 



4. Vergrösserung des geistlichen Ansehens. 45 

vollen Tod 7A1 beweisen, blieb ihm das Begräbniss versagt, so- 
dass ihn zuletzt die Raben frassen. Erwähnt maa: noch wer- 
den, dass auch dem geselligen Verkehr durch das Interdict 
jeder Frohsinn genommen wurde, allgemeines Fasten sollte 
statthaben, selbst die Pflege des Leibes hintangehalten werden : 
,,nemo tondeatur neque radatnr". Da jede Gemeinschaft mit 
dem gebannten Landestheile untersagt war, litt der allgemeine 
Erwerb und dadurch das Einkommen des Landesherrn, um 
dessentwillen gewöhnlich das Interdict verhängt ward. Wem 
ein solches Strafmass, das sich wegen des Einen, der für 
schuldig gehalten wird, auch über eine grosse Zahl Unschul- 
diger erstreckt, bedenklich erscheinen sollte, den verweisen 
wir auf die rechtfertigende Erklärung Hurter's^: „Nun aber 
hielt jene Zeit Fürst und Volk fi\r ein unzertrennliches Ganzes 
und die Tugenden des einen für die Tugenden des andern, die 
Sünden des einen für die Sünden des andern und unc^etheilt 
empfänden so Haupt als Glieder Segnungen wie Strafen." 

Kirclienspraclie. 

Durch die mittelalterliche Handhabung der kirchlichen 
Schlüsselgewalt wurde die Laienwelt in gänzliche Abhängig- 
keit von der Geistlichkeit geschlagen.^ und durch das Auftreten 
der Kirche gegen die Volkssprachen und deren bewirkte Be- 
seitigung bei gottesdienstlichen Handlungen wurde das Laien- 
volk gleichsam entselbstet. Nach Einführung des Lateinischen 
als heilige Kirchensprache vernahm der Laie beim Got- 
tesdienste nicht mehr den unmittelbaren Ausdruck seines reli- 
giösen Bewusstseins, er konnte das Pleilige nur in der 
Aeusserlichkeit des priesterlichen Cultus anschauen, durch 
den die innersten menschlichen Interessen vermittelt werden 
sollten. Unter Karl dem Grossen wurde auf der Synode zu 
Tours (813) das Predigen in der Volkssprache noch empfohlen, 
ward aber im Laufe der Zeit immer mehr verdrängt; die 
Massregeln des Papstthnms gegen die Volkssprache wurden 
durch Regenten gefördert. ^ Durch die Unterdrückung der 
Muttersprache war der Laie auf rein passive Theilnahme an 
der gottesdienstlichen Handlung herabgesetzt, bei welcher das 



1 A. a. 0., S. 389. 

- Tgl. Gfrürer, Allgemeine Kirchengeschicht o, IV, 1, S. MG, 



4G Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Yorstellung vom Teufel, 

ihm imverstäiulliche Latein im Gebrauch war, das ihm aller- 
dings mysteriös erschien, wodurch aber dem religiösen Ge- 
müthe keine Nahrung, dem sittlichen Willen keine Anregung 
geboten, das religiöse Bewusstsein also ausgehöhlt wurde. 
Wenn Gregor VII. ganz entschieden für die Ausmerzung der 
Landessi^rachen eiferte, so hatte er das richtige Mittel er- 
kannt, um die Laienwelt zu entselbsten, das kirchliche An- 
sehen aber zu erhöhen. 



5. Bereiclieniiig der Kirclie an materiellen Giltern. 

Die Machtstellung der päpstlichen Kirche beruhte nicht 
blos auf psychologischer Grundlage, sie stützte sich vorzüg- 
lich auch auf den Besitz materieller Güter, wodurch sie 
auf die Laienwelt einen bedeutenden Druck ausübte. Die zum 
Christenthum bekehrten germanischen Stämme hatten gegen 
die Kirche eine grosse Freigebigkeit bewiesen, insbesondere 
war sie in Gallien schon unter römischer Herrschaft zu 
reichem Güterbesitz gelangt, der durch Schenkungen der 
Merovingischen Könige von Chlodwig an noch vergrössert wurde. 
Als Muster der Freigebigkeit gegen die Kirche gilt ihr der 
erste christliche Kaiser mit Berufung auf das Konstantinische 
Edict, welches dahin geht, den Stuhl Petri über den irdischen 
Thron zu erhöhen, ihm Macht und Würde zu verleihen, da- 
her dem Papste als Papa universalis ausser dem lateranischen 
Palast und den kaiserlichen Insignien auch die Stadt Rom 
und alle Provinzen, üerter und Städte Italiens und der west- 
lichen Gegenden als Eigenthum zugeschrieben werden. Mögen 
die Historiker, welche dieses Schriftstück in Zweifel ziehen, 
auch Recht behalten; es bleibt für uns bedeutsam durch die 
ausgesprochene Tendenz. Schon unter den Merovingischen 
Königen pflegte Chilperich zu klagen: Unser Fiscus ist ver- 
armt, unsere Reichthümer sind an die Kirchen gekommen; 
nur die Bischöfe herrschen, unsere Ehre ist verloren und auf 
die Bischöfe der Städte übergegangen. ^ Loebell ^ sagt, diese 
Aeusscrung sei berühmt als Beweis für die Anmassung der 

1 Gregor Turon., VI, 4G. 

- Gregor von Tours und seine Zeil, S. 3o(). 



5. Bereicherung der Kirche. 47 

Bischöfe, es sei aber nicht ausser Acht zu lassen, dass, wenn 
die Kirche an sich riss, was dem Staate gehörte, ein König 
wie Chilj)erich ihr auch misgönnte, was ihr gebührte, und 
nicht durch Gewalt, sondern durch die Entwickelung der 
Dinge in ihre Hände gekommen war. Wir halten uns eben 
an diese Entwickelung der Dinge, und können füglich davon 
absehen, dass Gregor von Tours den König Chilperich, mit 
dem er selbst in Conflict gerathcn, den grössten Feind der 
Kirche nennt, „nulluni plus odio habens quam ecclesias". 
Wir halten nur die Thatsache im Auge, dass die Kirche um 
diese Zeit (6. Jahrhundert) schon mächtig und reich war und 
es immer mehr zu werden strebte. Zu Ende des 7. Jahr- 
hunderts, so wird behauptet, war gewiss ein volles Drittheil 
in Gallien Kirchen- und Klostergut. Durch Karl Martell's 
und seiner Söhne gewaltsame Säcularisation der Kirchengüter 
o-ins zwar ein grosser Theil davon verloren, aber Karl der 
Grosse und Ludwig der Fromme ersetzten das Verlorene 
wdeder. Das Königsgeschlecht der Karolinger glaubte sich 
den Päpsten zu Dank verpflichtet für die von ihnen ertheilte 
köniijliche Weihe und die Entbindung der Franken von ihrer 
Pflicht der Treue gegen die Merovinger, wodurch sie jenen 
den fränkischen Thron verschaift hatten. Die Karoliuüische 
Erkenntlichkeit erwies sich nach den Feldzügen Pipin's gegen 
das Reich der Longobarden (754 und 755), wonach ein 
grosser Theil des eroberten Gebietes, nämlich der Küstenstrich 
von Kimini bis Ancona, dem päpstlichen Stuhle als Karo- 
lingische Schenkung zufiel, wofür Pipin den Titel eines Pa- 
tricius annahm. Karl der Grosse bestätigte die Schenkuns: 
und soll sie noch bedeutend vermehrt haben. übschon die 
völlige Einverleibung der Sachsen ins Frankenreich erst im 
Jahre 805 vollendet ward, hatte Karl der Grosse doch schon 
im Jahre 776 ihr Gebiet in Bisthümer getheilt und 781 den 
südlichen Theil des Landes, 78G auch den nördlichen unter 
die unmittelbare Herrschaft des Papstes gestellt. Im Jahre 
780 ward das Bisthum Osnabrück errichtet, hierauf die Bis- 
thümer Minden, Paderborn, Münster, Ilalberstadt, Verden, 
Bremen. Mit der Aufnahme in die christliche Kirche waren 
die Sachsen derselben zugleich zehntpflichtig gemacht, sie 
sollten nach der Aussage Karl's des Grossen dem Herrn und 
Heiland Jesus Christus und dessen Priestern einen allgemeinen 



48 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Zehnt entrichten.^ Zunächst hatte der Zehnt an den Klerus 
die Bedeutung von Ahnosen, dabei gingen die Fürsten mit 
dem Beispiele voran, indem sie ihre grundherrlichen Zehnten 
den Kirchen iiberliessen , wie Siegbert III. (G03 — 50) an die 
Kirche von Speier; ähnlich verfuhren Pipin, Karlmann, Karl 
der Grosse, wodurch die übrigen Grundbesitzer zu Gleichem 
bestimmt wurden, bis letzterer den allgemeinen Zehnt gebot, 
der, nach levitischem Gesetze von den grundherrlichen unter- 
schieden, anfiinglich empfohlen, später zur Pflicht erhoben 
ward. Die Predigten des 8. Jahrhunderts schärfen den Zehnt 
gewöhnlich als eine Obliegenheit ein, durch deren Erfüllung 
der höchste Grad christlicher Vollkommenheit erreicht werde ''^; 
vom 9. Jahrhundert an erscheinen sie schon als Zwangspflicht ^, 
und Karl der Grosse hat die kirchliche Anforderung durch 
eine bürgerliche Verordnung bestätigt.* 

Regalien. 

Nach den vorhandenen zahlreichen Urkunden waren die 
Kaiser aus dem sächsischen Hause, die Könige von England 
und Leon nicht w^eniger freigebig als die ersten Karolino'er 
und ihr Oberhaupt, Oft besass eine Kirche nicht weniger als 
8000 Mansi (Bauernhöfe), und die nur 2000 eigen hatte, galt 
nicht für reich. Viele dieser Schenkungen bestanden aus 
unangebauten, herrenlosen Ländern, durch deren fleissigen 
Anbau und kluge Verwaltung die Einkünfte der Klöster und 
Kirchen sich mehrten. Dies setzte sie wieder in Stand, die 
besonders zur Zeit der Kreuzzüge häufig feilgebotenen Güter 
an sich zu bringen. Die Bisthümer wurden durch die deut- 
schen Könige nicht nur mit reichem Güterbesitz ausgestattet, 
selbst mit Grafschaften und Ilerzogthümern belehnt, sondern 
auch mit verschiedenen Vorrechten, den sogenannten Rega- 
lien versehen, wodurch die Bischöfe und Aebte im Lehns- 
verhältniss standen, daher seit dem 9. Jahriiundert an den 
Kriegen mit ihrer Dienstmannschaft theilzunehmen pflegten. 
Die der Kirche geschenkten Krondomänen waren mit Im- 



1 Urk. vom Juli 78«. Mon. Germ. VII, 288. 
^ Paul, über die Beueficien, Kap. 11. 

3 Seiden, Gescliiclite des Zehnten, III, 11U8. 

4 Baluz. Capitul., I, 25:5. 



5. Bereicherung der Kirche. 49 

miinität ausgestattet, die bald auf die übrigen Kirchen- 
ländereien iiberoinij;. Nicht selten waren die Kirchen ofüter, 
die ohnehin steuerfrei waren, unter der Benennung „frankal- 
moign" auch aller Kriegsdienstleistung enthoben, daher dann 
Laien ihr Grundeigenthum zum Scheine der Kirche über- 
trugen und von dieser wieder angeblich als Lehn oder Pach- 
tung übernahmen, wodurch das Grundstück von öffentlichen 
Lasten befreit blieb und dafür der Kirche auf Kosten des 
Staats ein jährliches Einkommen zulloss. ^ Die Bischöfe ge- 
nossen zwiefache Vortheile und Auszeichnunaren : als Gross- 
grundbesitzer hatten sie wieder ihre Lehnsleute und bildeten 
gleich den Königen einen Hofstaat; als erste Lehnsträger der 
Krone waren sie ständic:e Mitglieder der Reichsversammluniren, 
nahmen theil an allen Staatsangelegenheiten, hatten Sitz und 
Stimme und daher in dieser Beziehung grossen Einfluss. 
Bekanntlich waren noch, als die Verfassung zum Wahlreich 
sich ausgebildet hatte, von den sieben Kurfürsten drei geist- 
liche, und der Erzbischof von Mainz fungirte stets als Kanzler 
des Reichs. Darin liegt wol ein wesentlicher Grund, dass 
die Geschichte der deutschen Kirche und die deutsche Reichs- 
geschichte eine geraume Zeit hindurch ineinander aufgehen. 

Stiftungen. 

Bei dem herrschenden Glauben, Religiosität könne durch 
nichts besser an den Tag gelegt werden, als indem man die 
Kirche bereichere, fühlten sich auch viele Privatpersonen be- 
wogen, Stiftungen zum Besten der Kirche zu machen. 
Nicht nur die in ein Kloster traten, vermachten diesem ge- 
wöhnlich ihr ganzes Vermögen, auch die Anverwandten der 
Eintretenden machten häufig Schenkungen, die sogar erwartet 
wurden. Viele verschenkten ihr Vermögen an Kirchen oder 
Klöster, bevor sie in den Krieg zogen oder wenigstens für 
den Todesfall; andere wurden durch die Schrecken des Todes- 
kampfs dazu getrieben, ja es ward beinahe dem Verbrechen 
des Selbstmords gleichgeachtet, zu sterben, ohne die Kirche 
wenigstens mit einem Theile seiner irdischen Güter bedacht 
zu haben, sowie ohne Testament zu sterben als eine Ueber- 



1 Muratori, Antiqu. Ital., V, Dissert. (jf), GS. 

Eoskoff, üeachiclite des Teufels. II. 



50 Zweiter Abschnitt : Ausbildung der Vorgtcllung vom Teufel. 

vortheilung der Kirche betrachtet wurde. In Enghind be- 
strafte die Kirche solche Vorgänge in dem Zwischenräume 
der Regierungen von Heinrich III. und Eduard III. dadurch, 
dass sie die Verwaltung der Güter des Verstorbenen selbst 
übernahm. 1 Von den reichlichen Schenkungen der Fürsten, 
die sich auch in der Folge fortsetzten, können wir uns eine 
Vorstellung machen, wenn wir allein bei Pez^ in einem Bande 
von Seite 1—285 lauter Scherikungsurkunden und Bcstä- 
tio-ungsacte an Klöster, namentlich an Emeran gesammelt 
finden. Der Codex diplomaticus ^ enthält ausser der Charta 
donationis ab Opilione Patricio Romanorum factae Ecclesiae 
S. Justinae de Padua, welche laut Randnote circa a. C. 453 
erlassen ist, von Nr. VII (p. 10) an : Vetustissimae traditiones 
nionasterii Monsensis seu lunaelacensis, olim in Boivaria, nunc 
in Austria — vom Jahre 748—854 allein gegen hundertund- 
drei Schenkungsurkunden an dieses Kloster ad S. Michaelem, 
und zwar fast sämmthche: „pro peccatis meis minuendis, vel 
pro aeterna retributione", oder: „pro anima mca seu pro aeterna 
retributione", oder: „cogitans vel pertractans molem peccaminum 
meorum vel pro relaxandis facinoribus meis in die judicii, 
idcirco dono" etc., oder: „pro animae meae remedium". So 
lauten die wiederkehrenden Formeln, womit die Schenkungs- 
briefe ein-Teleitet werden. In demselben Bande befinden sich 
noch ein Dutzend Schenkungsurkunden aus dem 11. und 
12. Jahrhundert an Klöster, betrefi'end Weinberge, „quasdam 
villas", oder: „plurium bonorum". Ferner enthält Codex 
diplomaticus , tom. V, pars II, viele Schenkungsurkunden an 
Carthusia Satzensis, Klosterneuburg, Schotten in Wien, Hei- 
lifre-Kreuz in Oesterreich, das Frauenkloster in Erlach; Ver- 
leihung verschiedener Privilegien an geistliche Stifte, z. B. 
das Weinschenken. Auch solche Vorrechte wurden zur Er- 
langung des Seelenheils ertheilt, wie folgendes Beispiel aus 
dem Jahre 1397 zeigt: „Wir Wilhelm von Gottes Gnaden, 
Hertzog ze Oesterreich, ze Steyr und Kärnten und ze Crain, 
Graff ze Tyroll etc. bekennen, das Wir durch Unsere Vor- 



1 Pryiie, Constitutions, III, 18; Blackstone, II, c. 32. 

2 Pczii thcs. anecdot. noviss., tom. I, part. III. 

•■' VI, bei B. l'ezii thes. anccd. noviss., VI, pars I. 



Bereicherunj? der Kirche. 51 



o 



vordem löblicher Gcdeclitnus, Unser und Unser Nachkommen 
Seel-Hail, dem Erbarn Geistlichen den Closterfrauen ze Ybbs, 
die Gnad getan haben, und tuen es auch wissentlich mit die- 
sem Brieff, das Sy Iren Weinn daselbst zu Ybbs mögen 
lassen schenkhen, und davon kein Ungelt geben schollen, doch 
Uns aiiff Uns oder Unser Erben Widerrunffen etc. Geben 
ze Wienn am Sontag nach dem Heiligen Auffarts Tag, nach 
Christi Gepurt 1397te Jare." i 

Vermächtnisse zu wohlthätigem Zwecke, deren Ver- 
waltung gewöhnlich der Geistlichkeit anvertraut ward, ver- 
wandte diese auch oft zu eigenem Nutzen. Die Appel- 
lationen, Absolutionen und Ablässe brachten dem 
Haupte der Kirche schweres Geld ein. Die Redemptionen, 
wonach die strengen kanonischen Büssungen, den reuigen 
Siindern auferlegt, durch Geld oder Immobiliarschenkungen 
abgelöst werden konnten und den Kirchen und Klöstern eine 
Quelle des Reichthums waren, wurden in der Folge durch 
die Einrichtung der Dispensationen und Indulgenzen 
in die Schatzkammer nach Rom geleitet.^ Die seit dem 
13. Jahrhundert aufgekommenen Annatae, wodurch der Be- 
trag der jährlichen Einkünfte eines zu Rom consecrirten 
Bischofs dahin abgeliefert werden musste, waren eine er- 
giebige Quelle. Besonders einträglich für die römische Curie 
waren die Streitigkeiten bei Bischofs wählen. AVenn 
auch nicht anzunehmen ist, dass jeder Streitfall so ausgiebig 
war als der von Fünfkirchen in Ungarn, den Lorenz ^ an- 
führt, wo die Processkosten in Rom nicht weniger als 
15000 Mark Gold betrugen*, so ist zu erinnern, dass die 
Bischofswahlprocesse dagegen sehr häufig waren, daher eine 
bedeutende Einnahme abgaben. Manche Päpste suchten dem 
Misbrauche mit dem Kirchenbanne zu steuern, der von 
Bischöfen oft zu eigennützigen Zwecken verhängt wurde. So 
hatte z. B. der Bischof von Clermont seinen Sprengel mit 
dem Interdicte belegt, weil die Bewohner bei seinem Einzüge 



1 Cod. dipl., V, pars II. p. IIS; über Stiftungen von Klöstern und 
Schenkungen au dieselben vgl. Harter, Innocenz III., Buch 28, bes. S. 473 
— 507; über den grossen Besitz der Klöster ebendaselbst S. 599 fg. 

* Muratori, Diss., 68. 

3 I, 101. 

^ Nach Fejer, Cod. diplom., IV, 2, 187. 

4* 



52 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

keine Freudensteuer entrichten wollten, i Andere Beispiele 
von Bischöfen, die vom Banne nicht auf reumiithige Bitte, 
sondern für Geld oder Bürgschaft lossprachen, werden von 
Hurter^ u. a. angeführt. Innocenz IV. sah sich genöthigt, 
strenge Verbote gegen Erpressungen beim Aussprechen und 
Lösen des Bannes zu erlassen 3; allein die Päpste fingen selbst 
an, diese Kirchenstrafe als Bereicherungsmittel zu gebrauchen 
und für die Aufhebung derselben Geld anzunehmen. So 
musste Pisa, das seit 1214 gegen dreissig Jahre lang unter dem 
Interdicte gelegen, dem Papste für die Lösung 30000 Pfund 
erlegen.* Bei der Versunkenheit des Klerus kann es iiber- 
haupt nicht befremden, wenn er aus Habgier oder um dem 
luxuriösen Leben zu fröhnen, bei jeder Gelegenheit sich zu 
bereichern suchte, wenn z. B. „Bischöfe für ihre Verrichtun- 
gen: Einweihungen von Kirchen und Altären, oder fiir das 
Chrisma und das heilige Oel einen hohen Preis, oder für 
Einsetzuno^ von Aebten kostbare Geschenke, Pferde, seidene 
Kleider, für die Bestätigung Geld forderten"^, und gerecht- 
fertigt erscheint demnach wol, wenn ein englischer Geschicht- 
schreiber sagt: „den Bischöfen unserer Zeit ist die Welt nicht 
ans Kreuz, sie sind an jene geheftet. Sie seufzen nicht mit 
den Propheten: ach warum verlängerst d\\ die Tage meines 
Erdenwallens? vielmehr scheint ihnen dessen Dauer zu kurz. 
Müssen sie hinweg von ihren Reichthiimern oder Annehm- 
lichkeiten, so fühlen sie sich von Schmerz zerrissen."*^ 

Senden. 

Die Senden, deren Ursprung mit den jährlichen bischöf- 
lichen Visitationen parallel geht und die Aufgabe hatten, das 
kirchliche Leben in den Gemeinden zu erforschen und zu 
i'iberwachen, besonders diejenigen Verbrechen .zu bestrafen, 
die vom weltlichen Arm nicht getrofien wurden, arteten auch 
zu Gelderpressungsmitteln aus, nachdem die Sendgerichte 



1 Planck, IV, 2, 291. 

2 Innocenz III., III, 362. 

3 Ep. I, 181 ; Arcbives de Heims, II, 1, G59, bei Raumer, VI, 162. 

* Räumer, a. a. 0. 

* Ilurter, III, 362. 

" Guil. Neubr., V, 8; bei Hurtcr, a. a. 0. 



5. Bereicherung der Kirche. 53 

Geldstrafen aufzulegen angefangen hatten, welche Alexan- 
der III. im Jahre 1180 noch verwarf % Innocenz III. aber 
schon billigte. Die Senden hatten sich nämlich mit der Zeit 
in bischöfliche, archidiakonale und erzpriesterliche abge- 
stuft, und der erzbischöfliche gestaltete sich zu einem stän- 
digen Gericht, so z. B. im Mainzischen im 13. Jahrhundert.'-* 
Die Geldstrafe, die z. B. urspriinglich für Arbeit an Sonn- 
und Festtagen manche Gewerbe betroffen hatte, wurde zu 
einer regelmässigen jährlich an die Sendherrn zu entrichtenden 
Abgabe, die den Handwerkern sehr beschwerlich wurde. Der 
Misbrauch der Senden muss arg gewesen sein, da die Send- 
richter von den Bischöfen selbst zu Anfang des 16. Jahr- 
hunderts zur Mässigung aufgefordert wurden. Unter den von 
dem Convent zu Nürnberg 1522 und 1523 an den Papst ein- 
gereichten Beschwerden der deutschen Nation waren die 
Bedrückungen, die sich die Geistlichen bei den Senden 
erlaubten, angefiihrt. Die Gelderpressungen waren besonders 
unerträglich geworden, seit man statt unbescholtener Send- 
zeugen bestochene Angeber hielt. Ein Bild gibt die Klage 
im „Vntericht der Visitatoren an die Pfarhern ym Kur- 
fürstenthum zu Sachsen". ^ 



Reliquien. 

Eine sehr ergiebige Einnahmsquelle für Kirchen vmd 
Klöster boten die Reliquien der Heiligen, theils durch deren 
Verkauf theils durch deren heilkräftige Wunder, wodurch das 
opfernde Volk herbeigelockt wurde. Eine besonders reiche 
Beute an Rehquien machten die Kreuzfahrer nach der Er- 
oberung Konstantinopels, wo die heiligen Ueberreste aus allen 
Pflanzörtern des Christenthums von den christlichen Kaisern 
angehäuft worden waren. Byzanz rühmte sich, ein Stiick von 
dem Steine zu besitzen, auf welchem Jakob geschlafen, von 
dem Stabe, den Mose in eine Schlange verwandelt hatte, hier 
gab es Kleider der Heiligen Jungfrau, ihr Spinnrocken, von 
ihrer Milch wurde hier aufbewahrt, das Kreuz, an welchem 



' Decret. Gregor, lib. V, tit. V, 37, c. 3. 

^ Bodmann, Rheingausche Alterthümer, S, 851 fg. 

^ Vgl. bei Herzog, Art. Sende. 



54 Zweiter ALsclmitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

der Heiland gelitten, von dem Blute, das er für die Sünden 
der Menschen vergossen, die Windeln, in welchen er gelegen, 
ein Zahn aus seiner Kindheit, einige Ilaare aus seiner Knabeu- 
zeit , ein Stück von dem Brote , das er beim letzten Abend- 
mahl unter seine Jünger gebrochen, ein Stück von dem 
Purpurmantel, den er vor Pilatus umgehabt, die Dornenkrone, 
die er getragen, u. dgl. Solche Kostbarkeiten wogen den 
Werth von Gold und Edelsteinen weit auf und wurden daher 
von den Kreuzfahrern, besonders den Geistlichen unter ihnen, 
mit heisser Gier gesucht und nach Italien, Frankreich, 
Deutschland und dem übrigen Europa gebracht, wo sie in 
Kirchen, Stiftern und Klöstern aufbewahrt wiirden. Wo eine 
Reliquie ankam, verbreitete sich der Ruhm ihrer Wunder- 
kräftigkeit durch das ganze Land. Jede Kirche suchte eifrigst 
in den Besitz einer heiligen Reliquie zu gelangen, nicht nur 
wegen des Kapitalwerthes, der darauf lag, sondern vornehm- 
lich wegen der reichlichen Zinsen, die der Kirche oder dem 
Kloster durch ihren Besitz zuflössen, indem für die heil- 
kräftigen Wunder, welche die Reliquie be^arkte, von den 
herbeiströmenden Heilsbedürftigen bedeutende Geldopfer dar- 
gebracht wurden. Schon im 0. Jahrhundert war die Trans- 
lation von Reliquien ein förmliches Geschäft: man Hess die 
Gebeine oder andere Ueberreste von einem Heiligen kommen, 
baute eine neue Kirche, deren Glück durch die Translation 
gewöhnlich gemacht war. Als der Körper des heiligen 
Sebastian in Rom anlangte und der des heiligen Gregorius dazu 
gestohlen worden war', um im Kloster St. -Medard von 
Soissons aufbewahrt zu werden, kamen so viele Menschen zu 
den neuen Heiligen, dass die Gegend wie mit Heuschrecken 
besäet war und jene scharenweise geheilt wurden. Das Geld 
dafür massen die Mönche, 85 Schefi:el, und das Gold betrug 
800 Pfund. '^ Kirchen, die sich des Besitzes von bedeuten- 
dem Reliquien rühmen konnten, erhielten zu Rom den Vor- 
zug, dass dem sie Besuchenden an der Zeit auferlegter Busse 
eine Anzahl von Tao;cn nach<T;eschen wurde. ^ Die An- 
ziehungskraft der heiligen Reliquien ist begreiflich, wenn wir 



1 A. SS. BolL, 20. Jan. 

2 Roth, Geschichte des Bcneficienwesens, I, 255. 

3 llurtcr, IV, Beil. ,'52, Kcliquien. 



5. Bereicherung der Kirche. 55 

hören, dass sie nicht nur alle Krankheiten und Gebrechen 
heilten, sondern auch gegen Wassers- und Hungersnoth, 
Seuchen, Krieg und Tod schlitzten, dass den hergestellten 
Frieden im Lande ihre Ankunft bewirkte. „Bei Verträgen, 
Schenkungen, Richtungen vertrat ihre Berührung die Stelle 
des Eides." ^ 57 Die Kirchen und Klöster, welche im Besitze 
solcher Reliquien waren, sammelten Beiträge, um die heiligen 
Ueberbleibsel in kostbaren Gefässen aufbewahren zu können. 
Besonders gross war der Aufwand an edeln Metallen und 
Edelsteinen fi'ir die Särge der Schutzheiligen von Klöstern. 
Im Jahre 1207 wurde der Leib des heiligen Benedictus zu 
Fleuri an der Loire aus einem unscheinlichen Kasten in 
einen kostbaren gelegt, welcher 23000 Solidi kostete." ^ Infolge 
der herrschenden Sucht nach Reliquien nahm die Menge der- 
selben auch zu, und „gleich wie manche Heilige verehrt 
w^urden, deren Leben und Wirken völlig unbekannt war, die 
vielleicht nie gelebt hatten, welchen man Handlungen ange- 
dichtet, die sie nie konnten verrichtet haben" ^, ebenso stand 
es mit der Echtheit der Reliquien. „Von manchem Heiligen 
wurden mehr Köpfe vorgezeigt, als das Ungeheuer Lernäon 
gehabt hatte, oder so viele Theilchen, dass derjenige, dem sie 
hätten angehören sollen, an Grösse den Riesen Anteus müsste 
übertroffen haben."'* Vom heiligen Johannes wollte jede be- 
deutendere Kirche etwas Jiaben, den heiligen Dionysius ver- 
sicherte Paris zu besitzen, ebenso gut wie die Abtei zu 
St.-Denis, wie auch St.-Emeran in Regensburg das Gleiche 
behauptete. Das Haupt Johannes des Täufers zeigte man 
sowol in Konstantinopel als im Kloster St. -Jean d'Angeli. 
Selbstverständlich gab es Streitigkeiten sowol über die Echt- 
heit als auch über die Wunderkraft der Reliquien, da von 
letzterer die Grösse der Einnahme abhing. Bei der stets sich 
mehrenden Zahl der Reliquien gab es deren von der sonder- 
barsten Art: das Kloster von Gladston in England rühmte 
sich des Besitzes eines Stückes der Krij^pe, worin Jesus ge- 
legen, der Geisel, womit er geschlagen worden, des Schwam- 



1 Hurter, a. a. 0. 

2 Ebeudas. 

3 Hurter, IV, 487. 
* Ebeudas. 



56 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

mes,' den man ihm am Kreuze gereicht hatte, eines Theils 
Ton dem Golde, das die Magier ihm dargebracht, von den 
fünf Gerstenbroten, die einst das Volk speiste, es wies selbst 
einen Stein vor von denen, die ihm der Teufel angeboten, 
sie in Brote zn verwandeln, nnd das merkwiirdigste war wol 
ein Theil des Lochs, in welches anf Golgatha das Kreuz ge- 
steckt w^orden war. * Der Bischof von Liittich schenkte dem 
Abt von St.-Laurenz zn Lüttich eine Thräne Christi, die er 
von Innocenz III. erhalten hatte; daselbst zeigte man auch 
das Präputium Christi; Graf Arnold von Andres trug an 
seinem Halse ein Barthaar Christi in einem Gefässe; Erz- 
bischof Ilartwich von Bremen begli;ckte seine Kirche mit dem 
Schwerte, womit Petrus dem Malchus das Ohr abgehauen 
hatte; in Laon wurde Milch der Heiligen Jungfrau in einer 
krystallenen Taube aufbewahrt; Bischof Konrad von Ilalber- 
stadt besass Fleisch von dem Körper des Apostels Paulus; 
die Kirche zu Aegeri rühmte sich, etwas von dem Busche zu 
besitzen, den Mose brennen gesehen, nnd von der Erde, 
woraus Gott die ersten Menschen gebildet.^ Da man Reli- 
quien ihrer Wunderkraft wegen gern als Anmiete bei sich J 
trug, um durch sie vor Gefahren und Unfällen geschützt zu m 
sein, so waren sie auch ein von Privatpersonen vielgcsuchter ^ 
Artikel, mit dem namentlich Kloster und Kirchen Handel 
trieben. Das vierte lateranische Concil 1215 fand sich ge- 
nöthigt, den Verkauf der Reliquien zu beschränken, insofern 
dieselben durch den Papst approbirt sein mussten. Dadurch 
wurde aber dem Handel noch nicht abgeholfen und jede 
Kirche, jedes Kloster konnte sich für die Wunder, welche 
ihre Reliquien an Kranken oder anderwärts bewirkten, be- 
zahlen lassen. 

Ausser den Reliquien waren noch eine Menge wunder- 
kräftiger Sachen in Gebrauch, die von der Kirche angefertigt 
und von den Laien gekauft wurden, um als Anuüete zu die- 
nen, als: Gotteslämmer, Agnus Dei, durch deren Gebrauch 
man der Sünden ledig und gegen Feuers- und AVassersnoth, 
Sturm, Ungewitter, Hagel, Krankheit und Zauberei geschützt 
ward; geweihte Bilder, Marienmedaillen, Schwciss- 



1 Harter, IV, 493. 

2 Hurter, IV, Buch 32, Reliquien. 



5. Bereicherung der Kirche. 57 

ti'iclilein, Conceptionszettel u. dgl. Erst im 15. Jahr- 
hundert wurde das Recht, Gotteslämmer zu verfertigen und 
auszugeben, als ein päpstliches Monopol in Anspruch ge- 
nommen durch die Bulle Sixtus IV. vom 22. März 1471, 
wodurch diese Geldquelle nach Rom geleitet wai'd; allein die 
niedere Geistlichkeit liess sich nicht abhalten, auch fernerhin 
daraus Nutzen zu schöpfen, und trieb den Verkauf von ge- 
wissen Dingen immer fort, da der Gebrauch der Anmiete 
immer mehr zunahm. Ein Beispiel von der wunderbaren 
Kraft der päpstlichen Conceptionszettel wird, bei voraus- 
gesetztem Glauben daran, das Verlangen, derlei zu besitzen, 
erklären: P. P. „AVer einen solchen Zettel brauchen will, 
muss ihn vorher benetzen mit heiligem Dreikönigswasser und 
hernach nur einmal beten zu Ehren der Geburt Christi und 
der unbefleckten Empfängniss Maria: drei Vaterunser, drei 
Ave-Maria, dreimal das Gloria patris u. s. w. sammt einem 
Glauben, nach diesen spricht er diese zwei Wörter: Ave, 
Amen." — Gebrauch der Zettel. „Erstlich, wer einen sol- 
chen Zettel bei sich trägt, ist sicher vor aller erdenklicher 
Zauberei, sollte aber einer verzaubert sein, der muss einen 
solchen Zettel verschlingen, also wird er davon befreit, und 
kann auch dem verzauberten Vieh ein solcher Zettel einge- 
geben werden, der Mensch muss aber anstatt des Viehs das 
Gebet verrichten, also auch wenn ein solcher Zettel in einer 
Wiege liegt oder dem Kinde angehängt wird, damit es nicht 
verzaubert werde, so muss die Mutter anstatt des Kindes das 
Gebet verrichten." 2. „Wenn solche Zettel in einen Blechel 
verlöthet gelegt werden in die vier Ecken eines Gartens oder 
Ackers, so können nicht schaden die bezauberten üngewitter 
und Ungeziefer." 3. „Kann ein solcher Zettel eingespündet 
werden in das Butterfass, damit die Zauberei verhütet werde." 
4. „Können solche Zettel eingespündet werden unter die 
Thürschwellen sowol in menschlichen Wohnungen als auch in 
den Viehställen. Item in die Krippen und Leitex'n, daraus 
die Schaaf, Pferd und anderes Vieh zu fressen pflegt, kann 
im geringsten nicht verzaubert werden." 5. „Sind die Zettel 
sehr dienlich den gebälirenden Frauen; wenn sie kurz vor der 
Geburt einen solchen Zettel verschlingen, so bringt das Kind 
öfters den Zettel auf die Welt, entweder an der Stirn, oder 
zwischen den Lefzen, oder aber in einem Händel." G. „Vcr- 



58 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

hüten sie im Braubaus unter dem Zapfen, wo man das Bier 
abzulassen pflegt, alle Zauberei, auch in einer Mühle in dem 
Mühlrad, wenn ein dergleichen Zettel eingesj^ündet wird, auch 
in die Radel-Stuben seiteuhalben, so kann weder das Brau- 
haus noch die Mühl keineswegs verzaubert werden." 7. ,, Ver- 
hüten diese Zettel die Zauberei, wenn sie geleget werden in 
die Büchsen, Röhren und anderes Geschoss." 8. „Diese 
Zettel können auch geleget werden in die Agnus Dei, den- 
jenigen aber, welchen man solche Agnus Dei gibt, muss ihnen 
gesafift werden, damit sie das Gebet verrichten. Letzlichen 
ist auch zu bemerken, dass eine jede kranke Person einen 
solchen Zettel könne verschlingen, es mag sein eine gezauberte 
oder natürliche Krankheit." ^ 

Nebst den bisher erwähnten Einkünften der Geistlichkeit 
gab es noch verschiedene andere, als: Salz gefalle, Jagd, 
Fischerei, Biberfang u. s. w., sowie ihr ausser den an- 
geführten Erwerbsmitteln noch mancherlei andere Wege ofieu 
standen, sich zu bereichern. Berücksichtigt man blos, was 
vonBaumer^, Lorenz^, Hurter* und von andern Historikern 
angeführt wird, so ist es klar, dass die Geldströmung nach 
Rom während des Mittelalters eine unermessliche war, dass 
Kirchen und Klöster ungeheuere Gütercomplexe besassen, und 
die oft wiederholte Behauptung: dass schon zu Ende des 
7. Jahrhunderts ein Dritttheil alles Grundeigenthums, beson- 
ders in Gallien, Kirchengut gewesen^, ganz annehmbar er- 
scheint, die Kirche im Verlaufe des Mittelalters in Besitz der 
grossartigsten äussern Mittel gelangt war. 



6. Sittliclie Zustände. 

Der Umstand, dass die Kirche als Anstalt sich aufthun 
musste, bietet den ersten Anknüpfungspunkt für das Streben 
nach Aeusserlichkeit, namentlich nach äusserer Macht, wo- 

1 Aus der „Fortgesetzten Sammlung von alten und neuen theologischen 
Sachen auf das Jahr 1721, dritter Beitrag, JNeues" Nr. IX, S. 440—444. 

"^ liohenst., VI. 

3 Deutsche Geschichte, I, 21. 101. 

1 III, Buch 28, bes. 473—507-, 599 fg.; III, 150, Anhang über die 
päpstliche Heberolle. 

* Roth, Beueficienwesen, 249. 



6. Sittliche Zustände. 59 

durch sie ihre Bedeutsamkeit an den Tag zu legen suchte. 
Die Folge der immer mehr anwachsenden Strcbungeu, wobei 
sie ihre Machtstellung durch äussern Güterbesitz unterstiitzte, 
war, dass sie im Verlaufe der Zeit selbst immer mehr in 
weltlichen Zwecken avifsrino;. Indem sie nach allen Seiten hin 
die rührigen Hände ausbreitete, um allen menschlichen Be- 
ziehungen ihr Gepräge aufzudrücken, versenkte sie sich selbst 
in die Weltlichkeit und erhielt den Charakter der Aeusser- 
lichkeit. Mit der Erhebung; des Christentimms zu allein be- 
rechtisrtem Staatscultus wurde vornehmlich der Grvnid zur 
Veräusserlichung der Kirche gelegt, indem das belebende 
ethische Moment, in den Hintergrund geschoben, durch das 
dogmatische Gerüste beinahe erstickt ward. 

Mit dem Aufliören der Verfolgungen der Christen seit 
dem 4. Jahrhundert nahm auch der Ernst und die Innigkeit 
ab, die Uebertritte zum Christenthum geschahen häufig 
irdischer Vortheile wegen, die Bekehrung war also oft eine 
ganz äusserliche und die Verweltlichung der Kirche zog den 
Verfall der Sittlichkeit nach sich. Eine Reaction gegen die 
Verweltlichung der Kirche, die seit dem 4. Jahrhundert auf 
abschüssigem Wege mit zunehmender Schnelligkeit fortschritt, 
sollte das Mönchthum hervorbringen, dieses war aber selbst 
auf falsche Fährte gerathen. 

Unter den Bischöfen waren Zerwürfnisse eingetreten, im 
Volke herrschte Parteisucht, am römischen Hofe Entsitt- 
lichuno:. Von den sittlichen Zuständen in den liederlichen 
Zeiten der römischen Kaiser gibt Seneca (gest. 65 nach Chi-isto) 
eine entsetzliche, aber nicht übertriebene Schilderung: „Omnia 
sceleribus ac vitiis plena sunt, plus committitur quam c^uod 
possit coercitione sanari. Certatur ingenti nequitiae quodam 
certamine major quotidie peccandi cupiditas, minor verecundia 
est. Expulso melioris aequiorisque respectu quocunque visum 
est, libido se impingit. Nee furtiva jam scelera sunt, praeter 
oculos eunt, adeoque in publicum missa nequitia est et omnium 
pectoribus evaluit ut innocentia non rara, sed nulla sit. Num 
quid enim singuli aut pauci rupere legem? undique, velut 
signo dato ad fas nefasque miscendum cooi'ti sunt"* u. s. w. 
Diese Schilderung erhält ihre vollkommene Bestätigung durch 

> De ira, II, H. 



60 Zweiter Abschnitt: Ausbildung dei* Vorstellung vom Teufel. 

Suetoniiis, Tacitus und die Satiriker Persiiis und Juvenalis. 
Ueber die Entartung des Hofes zu Julian's Zeit (361 — 63) 
legt Ammianus Marcelliuus ein kaum löblicheres Zeugniss ab.* 
Die um sich greifende Verweltlichuno:; des reli"i;iösen Lebens 
und Lauheit zur Zeit des Chrysostomus (3-14 — 407) be- 
zeigen dessen Predigten.^ 

Mit den Bestrebungen der Kirche, ihre Macht durch 
äussern Gilterbesitz und Reichthum zu fördern, wurde bei 
der Geistlichkeit die Habgier vornehmlich rege, die schon 
von mehrern Kirchenvätern getadelt wurde. Gegen Erb- 
schleicherei der Geistlichen mussten Valentinian L (364 
— 75)^ und Theodosius H. (408 — 50) scharfe Gesetze er- 
lassen, und das Edict Valentinian's I. vom Jahre 370 fand es 
für nöthig, der Geistlichkeit überhaupt zu verbieten von 
Frauenzimmern Vermächtnisse anzunehmen. 

Salvian von Marseille (gest. 485), der über die sittliche 
Verwilderung seiner Zeit im Abendlande ein schreckliches, 
aber getreues Bild entwirft, behauiDtet: dass Gott den deut- 
schen Eroberern das Reich hingegeben, weil sie frömmer als 
die Römer seien:* „Nee illos naturale robur corporum fecit 
vincere, nee nos naturae infirmitas vinci. Nemo sibi aliud 
persuadeat, nemo aliud arbitretur, sola nos morum nostrorum 
vitia vicerunt."^ Das Zeugniss, das hier den bekehrten Deut- 
schen ausgestellt wird, verdienten aljer mehr nur die ersten 
Generationen, die überall besser waren als die folgenden. 
Kurtz^ macht auf den grellen Contrast aufmerksam zwischen 
der germanischen Sitte und Zucht nach der Schilderunir bei 
Tacitus und der bei Gregor von Tours in dessen Geschichte 
der Franken. Dort rohe, aber edle Einfalt, Geradheit der 
Sitten, Zucht und Keuschheit des Lebens, Heilighaltung der 
Ehe, Treue, Ehrenhaftigkeit; hier kolossale Entartung der 
Mcrovingischen Zeit, brutale Zuchtlosigkeit, treulose Ver- 
rätherei. Meineidigkeit, Heimtücke, Mordplane, Giftmischereien, 



1 22, 4. 

2 Aug. in Psalm. 90, Sermo 184; Psalm. 48, Sermo 284. 

3 Cod. Theod., XVI, 2, 20. 

1 Salv. de gubernat. Dei, VI, 2.3. 

^ Der Arianer Alarich, westgotliischer Heerführer, hatte im Jahre 41U 
Korn erobert. 

" Handbuch der allgem. Kirchengeschichte, S. 376. 



6. Sittliche Zustände. 61 

Unersättlichkeit nach Schätzen, Ansschweifungen im ge- 
schlechtlichen Leben und, obschon die schwärzesten Farben 
des Gregor'schen Gemäldes den Kreisen des Hotlebens ange- 
hören, so behauptet Kurtz ganz richtig, dass Entartung auch 
ins Volk eingerissen war. Gibt doch Gregor von Tours selbst 
von den Ungebührlichkeiten innerhalb des geistlichen Standes 
eine Menge von Beispielen. Der Bischof Eonius von Vannes, dem 
Trünke ergeben, fiel einst, während er Messe las, mit thieri- 
schem Geschrei zu Boden, so dass ihm Blut aus Mund und 
Nase stürzte.' An der Tafel des Königs Guntram kamen die 
Bischöfe Palladius und Bertramnus in heftigen Streit, wobei 
sie einander Ehebrüche, Hurereien und Meineide vorwarfen.^ 
Das Urtheil unseres Gewährsmannes Gregor selbst wird uns 
nichts weniger als scrupulös vorkommen, wenn er berichtet, 
wie der Abt Dagulf, der mit einer verheiratheten Frau Un- 
zucht getrieben, eines Tags trunken liegen geblieben, von dem 
heimkehrenden Manne, der das Lager in Brand steckte, mit 
einer Axt erschlagen worden sei, und Gregor daran die 
Moral knüpft: Geistliche mögen sich des Umgangs mit frem- 
den Frauen enthalten und sich mit solchen begnügen, wo es 
ihnen nicht zum Verbrechen angerechnet w^erden kann. ^ Die 
Greuelthaten von Chlodwig (481 — 511) erzählt Gregor mit 
bewamdernswürdiger Aufrichtigkeit: wie Chlodwig den Sohn 
des ripuarischen Königs Sigibert zur Ermordung seines Vaters 
bringt, ihn dann selbst durch die Gesandten erschlagen lässt. 
Wir erfahren übei-haupt durch Gregor das schreckliche Ge- 
webe von Tücke, Verrath und Ruchlosigkeit. Gregor fügt 
seinem Berichte die Bemerkung bei: „Denn täglich streckte 
Gott seine Feinde vor ihm nieder und vergrösserte seine 
Herrschaft darum, weil er rechten Herzens vor ihm wandelte 
und that, was in seinen Augen wohlgefällig war."^ Bekannt- 
lich hat diese Schlussbemerkung Gregor's verschiedene Ur- 
theile hervorgerufen; einige haben diese Aeusserung eine 
Gotteslästerung tückischen Pftiffengeistes genannt; Schlosser* 



1 IV, 41. 

2 VIII, 7; andere Beispiele vgl. IV, 43; von Habgier, IV, 12; V, 5; 
\I, 3G u. a. 0. 

3 VIU, 19. 
' II, 40. 

5 Weltgeschichte, 2. ThL, I, 102. 



G2 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

sielit in der nackten Aufzälilun<T der Grausamkeiten eben eine 
Misbilligvmg; Loebell Mnterpretirt: „Trotz dieser Verbrechen, 
wollte Gregor sagen, streckte Gott seine Feinde vor ihm nie- 
der, denn das Grösste, was er gethan, war ein wohltluitiges 
Werk." Loebell meint aber, Gregor habe die Sätze nur un- 
geschickt aneinandergeknüpft. Es liegt uns ausserhalb des 
Weges, die Ansicht Gregor's zu kritisiren, uns interessirt er 
nur als Schilderer des sittlichen Zustandes seiner Zeit, imd 
wir begnügen uns, die Thatsache mit Loebell^ zu constatiren: 
dass auf die Sittlichkeit Chlodwig's das Christenthum wenig 
oder keinen Einfluss geübt habe, da das Schlimmste, was die 
Geschichtschreiber von ihm erzählen, nach seiner Bekehrung 
von ihm verübt ward. 

Die Erscheinung aber, dass die Germanen nach ihrer 
Bekehrung schrittweise sittlich herabsanken, hat seinen Grund 
in der Umgestaltung der Lebensverhältnisse, die durch die 
Völkerwanderung herbeigeführt worden, indem die Germanen 
aus ihren einfachen Naturzuständen herausgerissen, auf denen 
ihre Sittlichkeit beruhte, auf einen Boden versetzt wurden, 
auf dem sie den Verführungen preisgegeben waren, die aus 
der neuen Umgebung auf sie eindrangen. Sie waren in üp- 
pigen Ländern unter einem sittlich entarteten Volke a'ou 
luxuriösem Leben umgeben, wo sie als Eroberer schrankenlose 
Gewalt übten und dabei die entfesselten Leidenschaften alle 
Zucht durchbrachen. Ihre Bekehrung war eine massenhafte, 
und schon dadurch eine mehr äusserliche, die daher auch 
keine sittliche Erneuerung hervorbringen konnte. Die den 
Germanen eingepflanzte Hochschätzung des Weibes, im engen 
Zusannnenhang mit deren gepriesenen Keuschheit und ehe- 
lichen Treue, wurde herabgedrückt, das Weib herabgewürdigt 
bei der innerhalb der Kirche aufgekommenen Hochschätzuno: 
des ehelosen Lebens, wonach das Weib als Versuchungsmittel 
des Satans galt. Auf der Synode zu Maon im Jahre 585 
konnte ein gallischer Bischof behaupten: „mulierem hominem 
noii posse vocitari".^ Die ethisirende Kraft des Christenthums 
konnte sich noch nicht wirksam erweisen, und die Ursprung- 



I 



» S. 265. 

2 S. 2G3. 

3 Greg. Tur., VIII, 20. 



C. Sittliche Zustände. G.'j 

liehe Sittlichkeit war verkommen, das einfache Leben der 
Dentschen wurde durch den Verkehr mit römischer Civili- 
sation zunächst nicht civilisirt, sondern es schlug um und fiel 
auf die Kehrseite der Civilisation : Genusssucht und Habsucht, 
in denen das deutsche ritterliche Wesen unterging. Kampf 
wurde nicht mehr des Kampfes, sondern des Besitzes wegen 
gesucht. Es ist die Erscheinung, die bei jedem Uebergange 
stattfindet, wo die alte Form zerbrochen, die neue noch nicht 
gestaltet ist, Verwilderung und Zügellosigkeit platzgreift. 

Mit dem anwachsenden Reichthum der Kirche wuchs 
auch der Geiz und die Habsucht der Geistlichen und ver- 
leitete sie zu der schon erwähnten Erbschleicherei, Urkunden- 
fälschung, Simonie, Pfründenjagd. Eine Belegstelle für die 
Habgier des Klerus und die Sucht, seinen Besitz mit ver- 
werflichen Mitteln zu vermehren, liefert das Capitulare Karl's 
des Grossen vom Jahre 811^, das den Vorwurf enthält: dass 
die Kleriker nicht müde werden, täglich und auf jegliche Art 
sich zu bereichern, und zwar sowol durch Verheissuuofen 
himmlischer Seligkeiten als durch Drohungen mit höllischen 
Qualen, wodurch sie die Leute berücken, ihre Güter abzu- 
treten und ihre Erben um Hab und Gut zu bringen. Be- 
zeichnend sind die Fragen, die Karl der Grosse bei seiner 
Unzufriedenheit mit dem Erfolge seiner Arbeiten an die geist- 
lichen und die weltlichen Stände richtet: warum sie so wenicf 
für den allgemeinen Zweck zusammenwirken; woher der häu- 
fige Streit unter ihnen; warum sich Geistliche in weltliche 
Dinge mischen und umgekehrt? Bei seinen Ermahnungen der 
Geistlichen, als Hirten der Gemeinden ein musterhaftes Leben 
zu führen, fragt er: wie dazu die Habgier passe, womit sie 
durch Vorspiegelungen, durch Erbauen von Kirchen, Auf- 
stellen von Heiligenleichen den einfältigen Laien Erbe und 
Habe ablocken; wie passe die Prunksucht, die sich mit Be- 
waffneten umgibt? In dieser Weise fortfahrend, macht er sei- 
nem Unmuthe darüber Luft, dass er bei der Gründung seines 
christlichen Staats sich am Klerus sehr getäuscht habe.^ Er 
hatte auch vernommen, dass Priester das Beichtgeheimniss 



1 Pertz, Mon., III, leg. 1, p. 1G7. 

2 Cap. 811; Pertz, III, IGG. 



ß4 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

für Geld brechen und sich als Denuncianten gebrauchen 
lassen. ^ 

Bei dem Eintritte des fremden Adels in bischöfliche 
Stellen finden Avir namentlich zur Zeit Karl IMartelFs den 
hohen Klerus in Rohheit und Unwissenheit versunken, und zu 
seinen adelichen Sitten gehörten Lust am Kriegshandwerk, an 
Jaad und Trinki^elawen. Die Geistlichkeit am Hofe war in 
dessen Intriguen vermengt, und die grauenvollen Tage einer 
Brunhilde imd Fredegunde, wo Verrath und Giftmischerei 
gäng und gebe waren, liefern die bedauerlichsten Beispiele. 
Pipin verbot im Jahre 742 den Bischöfen, selbst in den Krieg 
zu ziehen, und die Verbote wiederholten sich unter Karl dem 
Grossen und Ludwig dem Frommen. Concilien und Capitu- 
larien eiferten gegen die Jagdlust der hohen Geistlichkeit, 
aber ohne Ei'folg. Gegen die Trunksucht der Geistlichen 
hatten schon die Synoden zu Tours 460, c. 2, zu Agde 50(5, 
c. 42, zu wirken gesucht und auch die Verbote, Wirthshäuser 
zu besuchen, erlassen.^ Der niedere Klerus, gewöhnlich aus 
dem Stande der Leibeigenen, war natürlich nicht besser, und 
es gab in dieser Zeit zahllose Clerici vagi, die als geistliche 
Landstreicher herumzogen. Charakteristisch ist die Stelle 
bei Gfrörer^: „Seit die adelichen Herrn (namentlich die Grafen 
von Tusculum) sich der Herrschaft über Rom bemächtigt 
hatten", sagt Bonizo*, „gerieth die Kirche in schmählichen 
Verfall. Denn diese Menschen verkauften nicht nur die 
Cardinalswürden, Abteien, Bisthiimer mit schamloser Frech- 
heit, sondern sie erhoben auch Leute ihres Gelichters auf Petri 
Stuhl; vom Haupte aus verbreitete sich dann das Verderben 
in die Glieder." Aehnliches berichtet A'ictor^: „Alle Zucht 
war dahin, das Volk verkaufte die Wahl, der Priester erstand 
die AVeihen um schnödes Geld, und kaum gab es einige Aus- 
erwählte, die sich von dem allgemeinen Laster der Simonie 
rein zu erhalten wussten. Da niemand den Wandel der nie- 
dern Kleriker überwachte, fingen die Diakonen und Presbyter 
an, nach Laienart Weiber zu nehmen und ihre in solcher 



J Capit. 81.3, c. 26, 6, p. 99. 

- He-sonders zu Agde nOG, c 40; zu Auxerrc 578, c. 39. 

3 AUgem. Kirchengescliichte, IV, 1, S. 392. 

^ Oefole II, 799. 

* Bibl. patr. max. XVIII, 853 scqu. 



6. Sittliche Zustände. G5 

Ehe ofezeuo;ten Kinder durch förmliche Testamente zu Erben 
(der von ihnen besessenen Pfriinden) einzusetzen. Selbst ein- 
zelne Bischöfe trieben die Schamlosigkeit so weit, mit Weibern 
in einem Hause zu wohnen. Dieser verruchte Misbrauch 
herrschte am meisten in der Stadt Rom," Derselbe Victor 
bestätigt ' : dass Benedict das Papstthum selbst wie eine Waare 
gegen eine schwere Summe Geldes an Gregor VI. verkaufte. 
Benno ^ gibt als Kaufsumme 1500, der Codex vaticanus 1340 
aber 2000 Pfd. an. 

Die Sittenlosigkeit der Geistlichkeit im 10. Jahrhundert 
spiegelt das Buch Gomorrhianus, das dem Papst Leo IX. ge- 
widmet ist, und worin der strenge Mönch Damianus seinen 
heiligen Aerger ausdriickt.^ Wie arg es in Bezug auf Fleisches- 
sünden und unnatürliche Wollust gewesen, geht daraus her- 
vor, dass es römische Sitte wurde, bei der Ordination den 
Bischof vor seiner Weihe zu befragen, ob er von vier Ver- 
brechen rein sei: pro arsenochita, qu. e. cum masculo; pro 
ancilla Deo sacrata quae a Francis Nonnata dicitur; pro cpia- 
tuor pedes; et j^ro muliere viro alio conjimcta, aut si conju- 
gem habuit ex alio viro, quod Graecis dicitur deuterogamia."* 
In derselben Richtung gibt schon die Vision des Wettin, 
eines Mönchs in Reichenau am Anfang des 9. Jahrhunderts, 
einen Spiegel der sittlichen Zustände, indem er unter den 
Bestraften im Fegfeuer viele unzüchtige Mönche erblickt. 
Eine damals herrschende Seuche wird als Strafe für die 
verbreitete unnatürliche Wollust erklärt. ^ 

Bischof Ratherius, eine der hervorragendsten Persön- 
lichkeiten des geistlichen Standes im 10. Jahrhundert, klagt 
über seine traurigen Erfahrungen in Bezug auf die Sittlich- 
keit der Geistlichen seiner Zeit: „AVelche Qual", hebt Rather 
an, „erwartet diejenigen, welche, wenn sie überhaupt dazu 
passend scheinen sollten, es nicht nur versäumen, die ihnen 
anvertraute Heerde zu weiden, sondern auch zur Schande des 



1 Bibl. x^atr. max., a. a. 0. 

2 Vita Hildebrandi, p. 83. 

3 Liber Gomorrhianus de diversitate peccantium contra naturam etc., 
Op. tom. I. 

* Ordo Roman. VIII; Mabillon Mus. Ital. t. II, p. 86; Baluz. capit. II, 
append. p. 1372. 

5 MabiU. a. SS. IV, p. 266, §. 4. 
Eoskoff, Geschichte des Teufels. II. 5 



66 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Namens, den sie tragen, nicht aufhören, sich selbst durch die 
Abgriinde der Laster zu schleppen. Sie beschäftigen sich be- 
ständig mit weltlichen Spielen, mit Jagen und mit Vogelstellen. 
Sie pflegen nach deutscher Sitte Wurfspiesse zu schwingen 
und entwöhnen sich der heihgen Schriften. Sie haben sich 
Gottes entkleidet, haben die Welt angezogen und scheuen 
sich nicht, Laienkleider zu tragen. Aber was klage ich iiber 
die Laienkleidung, da ich oft sah, dass man sich mit fremd- 
modischen und gleichsam barbarischen Kopf binden zur Schande 
des Priesterstandes schmückte, oder, was wahrer ist, verun- 
ehrte, sodass man die quirinische Trabea und die gabinische 
Gürtunc; höher achtete als die Zierde des kirchlichen Ge- 
wandes. Sie wollen lieber Jäger als Lehrer, lieber kiihn als 
milde, lieber verschlagen als herzenseinfältig, lieber Makkabäer 
heissen als Bischöfe. Und wenn sie sich doch so, wie sie 
sich nennen, auch zeigten in jenem Streite, in welchem 
Christus sie zu den Siegern iiber die Welt und ihren Fiirsten 
gesetzt hat! Sie spielen Kreisel und meiden darum das 
Wvirfelspiel nicht. Sie gehen fleissig mit dem Spielbrete an- 
statt mit der Schrift, mit der Wurfscheibe anstatt mit dem 
Buche um. Sie wissen besser, was dich ein Fehlwurf kostet, 
als Avas die Heilswahrheit fordert, verbietet oder verheisst 
und was sie spricht; besser was der Glückswurf bringt, als 
was sie Gott zu danken schuldig sind. Sie haben Schau- 
spieler lieber als Priester, Lustigmacher lieber als Geistliche, 
Säufer lieber als Philosophen, Schurken lieber als Wahrhaf- 
tifTc, Unkeusche lieber als Schandiafte, Mimen lieber als 
Mönche. Sic begehren nach griechischem Schmucke, baby- 
lonischer Pracht, ausländischem Putze. Sie lassen sich gol- 
dene Becher, silberne Schalen, Kannen von grosser Kostbar- 
keit, ja Trinkhörner von bedeutendem Gewichte und von 
einer jedem Zeitalter verhassten Grösse machen, Sie bemalen 
den am Boden ruhenden Weinkrug, während die nahe Basi- 
lika von Russ erfüllt ist. Dabei gibt es Speisen in Menge. 
Die Mahlzeiten sind ebenso durch ihre Häufigkeit als durch 
ihre Verschiedenheit bewundernswerth, luid wer darin der Gie- 
rigste ist, der ist der Herrlichste, wer der Feinschnieckendste, 
der der Beste, wer der Mannichfoltigste, der der Klügste, 
wer der Gefrässigste, der der Gepriesenste, der ist ein Mann, 
der ist berühmt, dessen Lol) ist in aller Munde. Bescheiden 



6. Sittliche Zustände. 67 

und genügsam zu sein, ist heutzutage so verrufen, dass man 
es selbst an Mönchen tadelt. Denn es scheint ein Bischof 
seinen Lebenszweck zu verfehlen, wenn er nicht Geld hat. 
Zu den Scherzen kommt ein unmässiges Lachen und ein 
Schelten derer, welche aus Furcht vor Gott jene Dinge mei- 
den. Die Harfe ist bei den Gelagen und die Leier, wie der 
Prophet sagt ^, aber das Wort des Herrn ist in niemands 
Gedächtniss, noch das Wehe, das iiber diejenigen ausge- 
sprochen ist, die solches thuu. Da gibt's musikalische Auf- 
führungen und alle Arten von Musikern, die verkuppelnden 
Lieder der Sänger, die Pest der Tänzerinnen. Das ganze 
Gespräch, welches dabei geführt wird, handelt von Menschen, 
nicht von Gott, vom Geschöpfe, nicht vom Schöpfer, vom 
Gegenwärtigen, nicht vom Zukünftigen, vom irdischen Fürsten, 
nicht vom himmlischen Herrn. Da wird jener gefeiert, dieses 
erinnert sich niemand; auf jenes Namen schwört man, an die- 
sen denkt man nicht, auf das Wohlsein jenes wird getrunken, 
dieser, wenn ihn auch dürstet, wird nicht getränkt, aus Liebe 
zu jenem wird der Leib durch Schwelgerei aufgetrieben, dieser 
aber, arm und vielleicht im Gefängniss der Brosamen ent- 
behrend, wird nicht erquickt; jener wird vorgezogen, dieser 
wird nachgesetzt; jenes Andenken steht in der ersten Reihe, 
dieses nicht in der zweiten. Ausserdem laufen die Hunde 
auf dem Tische herum. Die Pferde fliegen mehr als sie lau- 
fen an leicht beweglichen Wagen. Der Falke schwingt sich 
im raschen Fluge empor, der Sperber fängt den rauhkehligen 
Kranich. 

„Triefend vom häufigen Weingenusse (um denen ganz zu 
gleichen, von denen gesagt ist: das Volk setzte sich zu essen 
und zu trinken und sie standen auf zu spielen)^ verlassen sie 
ihren erhabenen Sitz und besteigen Wagen und Kutschen, 
setzen sich auf schäumende Rosse, aufgeputzt mit goldenen 
Zügeln, silbernen Kettengehängen, deutschen Zäumen, säch- 
sischen Sätteln und eilen zu allerhand Zeitvertreiben, die ihnen 
der Rausch eingegeben hat. Da kommt keinem derjenige in 
den Sinn, der auf dem Esel sass, stark und mächtig im Streit. 
Man bestrebt sich vielmehr, selbst den Königen der Welt an 



1 Jes. 5, 11. 12. 

2 Exod. 32, ß. 

.5* 



68 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Glanz vorzugehen, als die Armuth der Apostel nachzualimen, 
vielmehr die Lust der Keichen zu iibertreffeu, als den Fischern 
in der Heiligkeit nachzufolgen. 

„Danach wird das mit goldenen Bildwerken wundersam 
besetzte Bett gerixstet, die Bettpfosten werden aufgerichtet 
und mit seidenen Stickereien geziert, das Kissen selbst wird 
mit dem besten Stoffe iiberzogen, die Fussbank mit gothi- 
schem Teppich bedeckt. Sie wälzen sich in der Lust des 
Beilagers und können nicht zur Ruhe kommen; und wenn 
ihnen nun Gewissensbisse allen Schlaf verscheucht haben, so 
bringen sie statt der Morgenhymnen ein Gemurmel hervor, 
vielmehr des Fluchs als der Erhörung werth. 

„Ist es aber zum Ankleiden gekommen, so legen sie, wie 
ich schon gesagt habe, lieber ausländischen als vaterländischen 
Schmuck an. Den runden Beinen scheinen die Kleider viel- 
mehr angedrechselt als mit der Hand angezogen zu sein, so- 
dass jedes von ihnen richtiger eine Säule genannt werden 
kann, als ein Schienbein. Der Leib aber wird mit grösster 
Sorgfalt gejmtzt. Selbst der Ueberrock, den man nur gegen 
die Kälte tragen sollte, je dichter, desto besser, hat, obgleich 
er schon vom besten Tuche gemacht ist, einen Streifen von 
anderm Tuche, was, wenn es möglich wäre, besser als das 
beste ist. Die Weite des Ueberrocks übertrifi't die der andern 
Röcke gewöhnlich um eine Elle. Wenn noch ein Kleidungs- 
stück dariiber getragen wird, so ist es mit so prahlerischer 
Kunstfertigkeit dem Ueberrocke angepasst, dass es entweder 
durch seine Feinheit, oder durch irgendeine, selbst Schaden 
bringende Zerschlitzung das Wunderwerk, das es bedecken 
sollte, selbst vcrräth. Sogar das Unterkleid (wol noch von 
den Beinkleidern zu unterscheiden), das beim Sitzen bis auf 
die Füssc reicht, wird mit einer goldenen Schnalle zusammen- 
gehalten und zeigt ganz oben noch eine goldene Kette. Man 
kann aber auch solche sehen, welche statt einer Kutte einen 
Pelz, eine ungarische Miitze statt des priesterliehen Hutes, 
einen Scepter statt eines Stabes tragen. Darauf wird die 
Messe mehr durchgejagt als gesungen und, was noch schlim- 
mer ist, oftmals ganz versäumt. Nachdem sie nun gegessen 
und getrunken haben, was wahrlich zu einem königliehcn Friih- 
stück hinreichen wiirde, besteigen sie wieder faliskische Rosse, 
aber nicht dieselben, welche sie am Tage vorher geritten hat- 



6. Sittliche Zustände. 69 

teu, damit ihr Anblick denen, welche auf sie sehen, nicht 
etwa gewöhnlich und gemein werde. Die Pferde sind mit 
goldenen Ketten geschmückt und mit silbernen Ziigeln, die 
aber so schwer an Gewicht sind, dass nur die allerstärksten 
Pferde sie tragen können. So eilen sie zum Ringkampfe oder 
zum Wettrennen und Fahren oder zum Bogenschiessen, oder 
sie lassen doch wenigstens das Himmlische dahinter und trei- 
ben und besorgen nur Irdisches. Die, welche kirchliche Dinge 
richten und entscheiden sollten, bestimmen, wie der Staat be- 
schaffen sein sollte." ^ -^ 

Den Grund der allgemeinen Verachtung der Kirchen- 
gesetze findet Rather, nach seiner Schrift „De contemtu ca- 
nonum", in dem falschen Uebermuth und der Schwelgerei 
der Bischöfe und ihrer grössern Furcht vor irdischer als jen- 
seitiger Strafe. Die Italiener sind die allerschlechtesten Be- 
folger der Canones wegen ihrer "Wollust, wegen ihres Ge- 
brauchs sinnenreizender Geniisse, wegen des unaufhörlichen 
Weintrinkens und der Nachlässigkeit in der Zucht. Nun ist 
es dahin gekommen, dass die Bischöfe nur durch die Schur 
des Kinnes und des Scheitels, geringen Kleiderunterschied 
und den Kirchendienst von Laien unterschieden sind. Der 
Klerus wird, wie ihm gebührt, von den Laien deshalb ver- 
achtet. ^ 

So zeichnet Rather die sittlichen Zustände der Geistlich- 
keit seiner Zeit nach dem Leben. Er sah sich genöthigt, den 
Geistlichen seines Sprengeis zu verbieten , die Schenken zu 
besuchen, berauscht am Altar zu erscheinen, Hunde und Fal- 
ken zur Jagd zu halten, mit Sj^orn und Schwert an der Seite 
die heilige Messe zu lesen. 

Aehnliche Verbote mussten die Bischöfe auch anderwärts 
ertheilen. Bischof Wibola von Cambrai wusste kein besseres 
Mittel gegen die Spielsucht seiner Geistlichen, als dass er 
ein geistliches Würfelspiel erfand, mit christlichen Tugenden 
auf den Seiten des Würfels bezeichnet. ^ 

Rather's Schilderung '* eines völlig sittenlosen Menschen, 



1 Vogel, Ratlierius und sein Zeitalter, I, 43 fg. 

2 Ibid., I, 283. 

2 Vgl. Hagenbach, Vorlesungen über die Kirchengesohichte des Mittel- 
alters, III, 189. 

* lu dem früher angeführten Buche. 



70 Zweiter ALsclinitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

der gegen die Gesetze der Kirche und, wie manches, durch 
die langmüthige Zulassung Gottes den päpstlichen Stuhl als 
Johann XII. einnahm, hat Berühmtheit erlangt: „Pone tamen 
quemhbet eorum forte bigamum ante clericatumj forte in cleri- 
catu lascivum; inde post sacerdotium multinubuni, bellicosum, 
perjurum, venatibus , aucupiis, aleae, vel ebriositati obnoxium, 
expeti qualibet occasione ad Apostolicatum Romanae illius 
sedis etc." ^ 

Ein abschreckendes Beispiel des unwürdigsten Betragens, 
wodurch der päpstliche Stuhl im 11. Jahrhundert geschändet 
wurde, bietet Papst Benedict IX. Gfrörer ^ nennt ihn „das 
Geschöpf des Grafenhauses von Tusculum, das vom Anfang 
an den Stuhl Petri durch das unwürdigste Betragen schän- 
dete Seitdem er 1038 aus Rom vertrieben und durch 

Kaiser Konrad II. wieder eingesetzt worden war, scheint er, 
um sich an seinen Feinden zu rächen, zu den Ausschweifun- 
gen, die ihn bisher verachtet machten, auch noch Grausam- 
keiten o-efüsct zu haben". Nach dem Zeugnisse Bonizo's ^ 
Hess er viele Menschen umbringen, und übereinstimmend sagt 
Victor III.: „Geraume Zeit verübte Benedict IX. ohne Auf- 
hören Raub, Mord und Greuel an dem römischen Volke."'* 
Lambert von Hersfeld, selbst Mönch um 1071, sagt: „Die 
Verachtung, welche unsern Stand trifft, ist nicht unverdient. 
Die Schlechtigkeit einzelner Mönche, welche ohne Achtung 
vor Gott und seinem Wort, nur Gelderwerb treiben, hat der 
Ehre des Klosters tiefe Wunden gesehlagen. Diese Menschen 
liegen täglich den Mächtigen der Erde in den Ohren, um 
Abteien und Bisthümer zu erhaschen, aber nicht auf dem 
rauhen Pfade der Tugend streben sie nach solchen Ehren, 
sondern mittels sehmuziger Bestechung für geringe Dienste 
versprechen sie goldene Berge, und ist irgend ein niedriges 
Amt erledigt, so kann kein Laie dasselbe erlangen, weil un- 
fehlbar Mönche da sind, welche mehr dafür bieten. Kaum 
wagt der Verkäufer so viel zu fordern als sie zu zahlen sich 
bereit erklären. Die Welt fragt staunend, wo der Geldstrom 



' Do contcmtu canonum, p. 35. 

2 Allgcm. Kirclicngescbiclitc, IV, 1. Abtb., S. 384. 

^ Oefcle, 11, 801. 

* Bibl. piilr. max., XVllI, 853. B. 



6. Sittliche Zustände. 71 

quelle, der nach den Klöstern fliesst, wie und in welcher 
Weise die Schätze des Tantalus und Krösus in die Hände 
der Menschen gelangen, welche sich Jiinger Christi, Träger 
seines Kreuzes, Nachahmer seines armen Lebens nennen und 
den Laien vorliigen, dass sie nichts besitzen als die Kutte 
auf dem Leibe und das tägliche Brot. Jedes Unkraut, das 
den Acker des Herrn iiberwuclierte, hat den ganzen Stand 
angesteckt und geschehen ist, was der Apostel schreibt: ein 
wenig Sauerteig verdarb die ganze Masse. Man hält uns 
alle fiir gleich schlecht, und setzt voraus, dass auch nicht 
ein einziger Gerechter unter uns zu finden sei." * Und schon 
früher äussert sich derselbe fromme Mönch: „So weit ist es 
in jetziger Zeit und in unsern Gegenden gekommen, dass 
man an den Mönchen nicht mehr Reinheit der Sitten schätzt, 
sondern nur fragt: ob sie Geld haben. Nicht die Wiirdigsten 
werden zu Aebten gewählt, sondern die, welche das meiste 
bezahlen können. Oeffentlich versteigert man die Abteien, 
und mag der Preis auch noch so hoch sein, fast nie fehlt es 
an Käufern, weil die Mönche, völlig gleichgültig gegen Regel 
und geistliche Zucht, nur darauf erpicht sind, durch Geld- 
erwerb es einander zuvorzuthun." ^ 

Gfrörer ^ hebt eine Stelle der Biographie des osnabrücker 
Bischofs Benno heraus zum Beweis, dass im 11. Jahrhun- 
dert der Unterricht in gewissen Klöstern darauf gerichtet war, 
nicht Kleriker, sondern Rentbeamte und Geldleute heranzu- 
bilden. Der Lebensbeschreiber gibt über Benno's Kenntnisse 
folgenden Bericht*: „Vollkommen verstand sich Benno auf 
alle Fächer der Landwirthschaft, d. h. auf Errichtung länd- 
licher Gebäude, auf Zucht des Zug- und Stallviehs, auf Be- 
stellung der Aecker und andere Dinge derart; und zwar 
hatte er alles dies nicht blos durch Erfahrung gelernt, son- 
dern kunstmässig inue. Dabei war er Meister im Rech- 
nungswesen, aber auch sehr strenge in Betreibung der Ab- 
gaben; meist hielt er die Bauei'n mit Stockschlägen zum 
pünktlichen Zahlen an, u. s. w." Gfrörer fügt die Bemerkung 



' Pertz, V, 189. 

2 Ibid., V, 184. 

^ Papst Gregor VII. und sein Zeitalter, II, 320. 

* Vita Bennon., cap. 10, p. 04; Pertz, XII, 62. 



72 Zweite!' Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

bei: „Der Mönch soll das heilige Feuer klerikaler Be- 
geisterung nähren, er vertritt die ideale Seite des Christen- 
thums, wie der Pfarrer die reale. Beide Stande verhalten 
sich wie Pfeiler und Gegenpfeiler im mittelalterlichen Dome. 
Wenn aber die Mönche, statt ihres hohen Berufes zu warten, 
sich in einen Haufen Schreiber, Rentbeamte, Bauernschinder 
verwandeln, dann tritt der Fall ein, den der Erlöser mit den 
Worten bezeichnet: das Salz der Erde ist verdorben". Dass 
dieses Salz der Erde verdorben war, davon gibt auch das 
Register der Frevelthaten des Bischofs Hugo von Langres 
ein glaubwiirdiges Zeugniss. ^ 

Henricus Archidiaconus von Salzburg schreibt an seinen 
Erzbischof Adelbert über die Nothwendigkeit, der Lasterhaftig- 
keit zu steuern, in seiner „Historia calamitatum ecclesiae Salz- 
burgensis": „AHoc[uin nisi Jezabel illa maledicta, quae tarn 
petulanter Cjuam licenter circuit nunc domos sacerdotum stibio 
(Spiessglanz) depicta habens oculos, et caput ornatum, vestra 
industria zelum Dei habeute praecipitetur deorsum, in brevi 
vires suas extendet, ut virgam et baculum vestrum contemnat, 
gaudensque de impunitate sua eousque progrediatur, ut 
inter laicum et sacerdotem praeter missam tantum parva sit 
distantia, faciatque licenter Parochianus, quod ne praesumere 
vel attentare audeat laicus. Clericus enim sive per occasionem 
sive per veritatem Christum annuntians, a fornicationibus et 
adulteriis laicum publica poenitentia — compescit: Clericus 
nullo timore fraenatur. Quia et si turpissimae vitae fuerit, 
arirui a laico non vult, Decanum contemnit et Archidiaconum, 
nisi accusatus fuerit, nullusque accusator sit omnibus id ipsum 
flicientibus et crimina propria in aliis foveutibus. Isti sunt 
certe squamae Leviathan, cjuae ita sibi cohaerent, ut ad 
laesionem pestifcri corporis nuUum pertranseat. Nimirum eo 
usque ista causa perveniet, ut sacerdos unam tantum habens 
uxorem sicut laicus, religiosus et sanctus praedicetur ab uxori- 
bus aliorum se continens, fidemcpie alieni chori non violans. 
Nam quid aliud speratur, cum apud nos tales esse noverimus, 
qui turpem vitam ducentes, profanam quoque Nicolaitarum ^ 



1 Conc. Ehen. a. 1049; Mansi XIX, 739. 

* Nikolaitisclic Ketzerei ist jede Abweichung vom geistlichen Cölibats- 
gesctze durch Ehe, Concubinat oder sonst wie. 



G. Sittliche Zustände. 73 

doctrinam tenentes, quam se odisse in Apocalypsi Dominus 
perhibet, auditoribus suis sacros legunt Canones, et qualiter 
defendere debeant crimina fornicationum suarum ostendunt? 
Cujus autoritate fretus conjugio copulavit, numerosam proleni 
ipse habens de muliere, quam sexies coram antecessore meo 
abjurasse perhibetur. — Quid dicara, quod me perbibente se- 
cundum consuetudinem bujus ecclesiae filii Presbyterorum 
cum uxoribus, quas maintis virentibus abstulerant, manentes 
litteris Praelatorum quorundam muniti ad consecrationem ve- 
niunt et conservantur, meque contempto in archidiaconatu 
meo missam cantant et ad parocbias adspirant?" ^ 

Hören wir die Stimme eines andern Geistlichen aus dem 
12. Jahrhundert ^ : „ Mönche verlassen das alte Gewand und 
schweifen in neuersonnener Kleiderpracht umher, essen Fleisch, 
wie es sie gelüstet. Bei AVahlen zeigen sich arge Zerwürf- 
nisse, sodass ich ein Kloster kenne, welches vier lebende 
Aebte hat. Die Cistercienser geben allerdings reichliche Al- 
mosen, singen schön im Chor, thun viel Gutes; aber sie ziehen 
auch Güter und Einkiinfte anderer Orden mit List oder Ge- 
walt an sich, und tragen kein Bedenken, die Namen von 
Heiligen, selbst in dem Sprengel, worin dieselben begraben 
liegen, zu streichen. Die Bischöfe verlangen von den Pfarreien 
ungewohnte Leistungen und lassen sich die Verpflegung mit 
Geld abkaufen. Die Kirchen geben sie den Klerikern nicht 
umsonst, sondern gegen Geschenke, die dann als Lohnknechte 
die Schafe scheren. Noch schlimmer ist's, wenn diese durch 
ungeordnetes Leben denjenigen, die sie zurechtweisen sollten, 
selbst das Beispiel des Bösen geben. Fürsten und Ritter zer- 
stören sich die Kirchen, die ihre Väter gebaut haben. 
Wucherer wurden einst für schädlicli gehalten; jetzt sind sie 
so häufig geworden, dass sie den Wucher einen Zins nennen, 
gleich als wäre er Ertrag des Bodens. Alles Fleisch ist voll 
Laster" u. s. w. 



1 R. P. Pezii tlies. anecdot. uoviss., tom, II, pars III. Ilenrici Archi- 
diaconi Salzburgensis et Praepositi Berchtolgadensis Historia calamitatura 
ecclesiae Salzburg., p. 215, cap. IX: Ostenditur quam necessaria sit nie- 
dela, tot absente Adelberto irrumpentibus vitiis et criminibus, quibus 
nixa Clerici coucubinarii ac inipudentes obuoxii suut. 

2 Chronica Gaufredi, Prioris Vosiensis ums Jahr 1184; in Labbe Bi- 
blioth. manuscrixjt., t. 1, bei Hurter, IV, 456. 



74 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Infolge der Verwilderung des Klerus im 12. Jahrhundert 
sprach Bernhard, Abt von Clairvaux, im Jahre 1140 den 
Wunsch aus: die Kirche Gottes zu sehen, wie sie in jenen 
Tagen war, wo die Apostel ihre Netze nach Seelen, nicht 
nach Gold und Silber auswarfen.* 

Von den Geschichtschreibern wird ausser andern Leiden- 
schaften der hohen Geistlichkeit vornehmlich die übermässige 
Jagdliebhaberei riigend hervorgehoben, welche den Hang zum 
Miissiggang nährte, Verachtung jeder nützlichen Beschäf- 
tigung mit sich führte und eine schwere Unbill für den 
Landmann war, dessen Grundstücke den Verheerungen der 
Jäger preisgegeben waren. Papst Alexander III. (1159 — 81) 
sah sich genöthigt, zum Schutze der niedern Geistlichkeit ein 
Schreiben zu erlassen, worin er diese der Verbindlichkeit 
enthob, den Archidiakonen auf ihren Visitationsreisen mit 
Hunden und Falken zu Dienste zu stehen.^ Das dritte latera- 
nische Concil 1180 verbietet die Jagdbelustigung auf amt- 
lichen Reisen und beschränkt das Gefolge eines Bischofs auf 
40—50 Pferde. 3 

Johannes von Salisbury, einer der hervorragendsten 
Schriftsteller und Kirchenmänner des 12. Jahrhunderts, der 
treueste Freund des Primas von England, Becket, wairde in 
der irländischen Angelegenheit an den Papst Hadrian IV. ge- 
sendet, und als er bei der Gelegenheit von diesem gefragt ward, 
was die Welt vom Papste und der römischen Kirche halte, 
sprach er die bedeutsamen Worte: „Weil Ihr mich fragt, so 
will ich Euch offenherzig sagen, was ich in vielen Ländern 
gehört habe. Man sagt, die römische Kirche beweise sich 
nicht als Mutter der übrigen Kirchen, sondern sie scheine 
vielmehr ihre Stiefmutter zu sein. Schriftgelehrte und Phari- 
säer seien dort zu Hause, diese legten schwere Lasten auf die 
Schultern anderer Leute, ohne selbst auch nur einen Finger 
auszustrecken, um sie zu heben. Sie regierten despotisch über 
den Klerus, ohne ihrer Heerde ein gutes Beispiel zu geben, 
sie hätten in ihren Häusern den köstlichsten Hausrath, ihre 
Tische seien mit goldenem und silbernem Geschirr schwer 



' Ep. ad. Eugen. III. 

- llymer acta et foedera, I, 61. 

3 Vclly, Iliat. de Frauce, III, 23G. 



6. Sittliche Zustände. 75 

belastet, ihr Geiz halte ihre Hände festgeschlossen. Sie 
schenkten niemand etwas, und die Armen dürften ihnen selten 
nahe kommen, ausser wenn ihre Eitelkeit ihnen eingebe, sie 
auftreten zu lassen. Sie erhöhten Contributionen von den 
Kirchen, veranlassten Rechtsstreitigkeiten, stifteten Zwist zwi- 
schen dem geistlichen Hirten und seiner Heerde und hielten 
dafiir, der beste Vortheil, den man aus der Religion ziehen 
könne, sei, dass sie Reichthümer verschaffe. Ihnen sei alles 
feil, und man könne sagen, sie machten es wie die abgefalle- 
nen Engel, die, wenn sie einmal nichts Böses thun, mit ihrer 
Vortrefflichkeit prahlen. Nur eine ganz kleine Zahl derselben 
treffe vielleicht dieser Vorwurf nicht. Der Papst selbst wäre 
für die Christenheit eine fast unerträgliche Last. Es werde 
allgemein darüber geklagt, dass während die Kirchen, welche 
die Frömmigrkeit unserer Vorältern erbaut hat, im Ver- 
fall und ihre Altäre verlassen seien, die Päpste Paläste bau- 
ten und sich nicht blos in purpurne Gewänder hüllten, son- 
dern auch über und über vom Golde glänzten, lieber diese 
und mehrere Dinge murre das Volk laut." Auf die Frage 
des Papstes: „Und was ist denn Eure Meinung?" fährt 
Salisbury fort : „Eure Frage setzt mich in Verlegenheit ; denn 
wollte ich meine einzelne Meinung der allgemeinen Stimme 
ento-escensetzen, so würde ich ein Lügner vmd Schmeichler 
sein, und auf der andern Seite fürchte ich Anstoss zu geben." 
Salisbury führt hierauf an, was ein Cardinal gesagt habe: die 
Quelle aller Uebel der römischen Kirche sei die in ihr herr- 
schende Falschheit und Habsucht, das habe der Cardinal in 
einer öffentlichen Versammlung gesagt, wo Papst Eugen IH. 
den Vorsitz gehabt. „Doch ich für meinen Theil", fährt Salis- 
bury fort, „fand doch auch in dieser Kirche Geistliche von 
ausgezeichneter Tugend und ganz frei von jeglicher Habsucht; 
ich kann lebende Beispiele von Männern anführen, welche die 
Massigkeit und die strengen Sitten eines Fabricius mit den 
Eio'enschaften eines wahren Christen verbinden. Da Ihr nun 
dui-chaus meine Meinung wissen wollt, so will ich Euch 
sagen, dass man ganz wohlthut, immer Euern Lehren zu fol- 
gen, wenn man gleich Eure Handlungen nicht nachahmen 
darf. Die Welt jauchzt Euch zu, sie nennt Euch Herr und 
Vater ; wenn Ihr aber wirklich Vater seid, warum fordert Ihr 
Gaben von Euern Kindern? Seid Ihr aber Herr, warum gc- 



76- Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

horchen Euch gerade Eure Eöiuer am wenigsten? Aber es 
schemt, Ihr wollt diese Stadt durch Gaben gewinnen; hat sie 
Sylvester durch solche Mittel erworben ? Heiliger Vater, Ihr 
seid im Irrthum. Theilt andern frei mit, was Ihr selbst um- 
sonst empfangen habt ; wenn Ihr andere initerdrückt, setzt Ihr 
Euch selbst der Unterdriickung aus." ^ 

In welchem Rufe der Habsucht und Bestechlichkeit die 
römische Curie namentlich im 12. und 13. Jahrhundert stand, 
bezeugen die Klagen oder der Spott, in Prosa und Versen von 
Klerikern verfasst.* Nur einige Beispiele aus den Gedichten 
Bernhard's, Mönchs von Clugny um die Mitte des 12. Jahrhun- 
derts, „De contemptu mundi ad Petrum Abb. suum", S. 226 fg.: 

Roma dat omnibus omnia dantibus; omnia Romae 
Cum pretio: quia juris ibi via, jus perit omue; 
Ut rota labitur, ergo vocabitur hinc rota Romaua. 
Roma nocens nocet, atque viam docet ipsa nocendi, 
Jura relinquere, lucra requirere, patria vendi. 

In einem Gedichte Walther's bei Mapes ^ heisst es : 

In hoc consistorio si quis causam regat 
Suam vel alterius, hie in primis legat: 
Nisi dat pecuniam, Roma totum negat, 
Qui plus dat pecuniae, melius allegat. 



Oder ^: 



Papa quaerit, chartula quaerit, bulla quaerit. 
Porta quaerit, Cardinalis quaerit, Cursor quaerit. 



Flögel ^ bringt eine Stelle von Bernhardus Morlanensis, 
Mönch zu Clugny, den er mit dem Bernli. Clunicensis Tür 
einerlei hält: 

mala saecula, venditur iufula Pontificalis, 
Infula venditur, haud reprohcnditur emtio talis. 
Venditur annulus, hinc lucri Romulus äuget et urget. 
Est modo mortua, Roma superüua, quando resurget? 



' Job. Salisbury, Polycraticus lib. II, c. 23. 

2 Vgl. die Stellen aus Hildeberti Arcliiep. Turon. (gest. 1134) Curiao 
Romanae descript., bei Gieseler II, 2, S. 248, Note 20. 

3 Bei Ilurtcr, Innocenz III., II, 775. 

< Bei Ilurter a. a. 0., S. 77G; Catal. test. vcr., U, 492. 
* Geschichte der kom. Literatur, II, 407. 



6. Sittliche Zustände. 77 

Roma superfluit, aritla corruit, afflua plena 
Clamitat et tacet, erigit et jacet, et dat egena: 
Roma dat omnibus omnia, dantibus omnia Romae 
Cum precio : quia juris ibi via, jus perit omne. 

Die Habsucht der Geistlichen im 13. Jahrhiindert musste 
wol gross und allgemein bekannt sein, da Innocenz III. in 
einer Predigt, wo er die Uneigenniitzigkeit des heiligen Lau- 
rentius zum Muster aufgestellt hatte, öffentlich sagen konnte: 
„Beherzigt dies, ihr, die ihr das Gut des Gekreuzigten zu 
euerer eigenen Ueppigkeit oder zur Bereicherung euerer An- 
verwandten masslos verwendet, die Armen aber vernachlässigt, 
der Diirftigen keine Acht habt." ^ Auch Cacsarius von Heister- 
bach ^ zeugt dafür, wenn er den Novicius sagen lässt: „Audivi, 
quidam confessores pro uno gallinaceo et vini sextario mul- 
torum poenam peccatorum vel relaxant vel dissimulant." Der 
Mönch bestreitet nicht, dass die Beichte auch als Erwerbs- 
quelle ausgeschöpft werde, bekräftigt es vielmehr durch das 
Citat eines prophetischen Spruchs, w^onach Gott nicht blos 
die Habsucht, sondern auch die Schwelgerei der Geistlichen 
bestrafen werde. 

Ein Beweis der Entsittlichung der Geistlichkeit ist auch der 
Misbrauch, der mit der kirchlichen Disciphnargewalt, nämlich 
mit dem Banne vmd dem Interdicte, geiibt wurde, was 
zugleich ein Förderungsmittel der Sitten- und Zuchtlosigkeit 
unter den Laien abgab. Hören wir einen katholischen Schrift- 
steller, der uns in dieser Beziehung sichere Gewähr leistet. 
Hurter ^ sagt: „Nichts aber ist in diesen Zeiten so sehr mis- 
braucht worden, als die Ausschliessung aus der Kirche oder 
die Entziehung des Gottesdienstes; und bei nichts war die 
Oberaufsicht eines freier Gestellten, die unabhängige Einwir- 
kung eines Unparteiischen nothwendiger als bei Bann und 
Interdict. "*.... Häufig ging hieraus Zwiespalt der Gewissen 
hervor mit dem, was anderweitige Pflicht, was vielleicht die 
Noth wendigkeit gebot. Um jenem Genüge zu thun, mussten 
oft manche, je höher sie standen, desto grösserer Trübsal ent- 



1 Sermo in festum S. Lauventii. 

2 Dial. mirac. Strange, I, c. XLI de eonfess. 

3 Innocenz III. und seine Zeitgenossen, III, 48. 
* S. 5Ü fg. 



78 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

ffCirenixelien : denn es war allrjemeincr Glaube, dass die Seelen 
der im Banne Gestorbenen der Hölle zuführen. Häufiger hatte 
dieses Mittel, seiner leichtfertigen Anwendung wegen, die ent- 
ixeorenoresetzte Wirkunii:. Die Gemiither wurden verhärteter, 
die Widersetzlichkeit heftiger, das Beharren in dem, was den 
Bann veranlasst hatte, hartnäckiger. Die längere Dauer eines 
Interdicts, der grössere Umfang, über den es sich erstreckte, 
war besonders gefährlich, wenn Irrlehre in einer Landschaft 
tiefere Wurzeln geschlagen hatte. W^enn aber selbst Klöster, 
ganze Kapitel und einzelne Geistliche, wie strenge Ahndung 
sie auch dadurch sich zugezogen, ja wenn selbst Bischöfe an 
solche Aussprüche sich nicht kehrten, wie sollte grössere 
Scheu davor bei den Laien bewahrt werden? 

„Bann und Inderdict in der Hand der Erzbischöfc 
und Bischöfe wurden alliuählich eine abgestumpfte, weil all- 
zu oft gebrauchte W^affe, aus Veranlassungen geführt, die 
mit dem Sinne und dem Zweck dieser Zurechtweisungsmittel 
nicht in dem geringsten Zusammenhang standen, häufig nicht 
das eigentliche innere Leben der Kirche, sondern nur die 
äussern Zufälligkeiten ihrer Personen berührten. Ilierdurch 
verloren diese Waffen beides, ihre Schärfe luid ihre A^'irksam- 
keit. Die Jahrbücher dieser Zeit enthalten eine Menge solcher 
Vorkehrungen oft der geringfügigsten Ursachen wegen. So 
entbehrte einst die Stadt Köln des Gottesdienstes, nur weil 
ein Frevel innerhalb ihrer Mauern begangen worden. Das 
Kapitel von Chartres sprach gegen die Gräfin von Blois den 
Bann, weil es über die Beurtheilung eines Strassenräubers in 
Zwist mit ihr stand. Die ganze Normandie kam im Jahre 
IIDG durch den Erzbischof von Ronen unter das Literdict, 
weil der König dessen Schloss Roche-Andeli für sich be- 
festigte. Im Jahre 1207 unterlagen ihm alle Kirchen jener 
Hauptstadt, weil der Stadtvogt einen Domherrn eines Ver- 
gehens weiicn festo;enommen hatte. Dann interdicirte wieder 
das Domkapitel die Domkirche, weil ihm der Erzbischof den 
Zehnten von Dieppe vorenthielt. Die Bürger von Sanct- 
Omer hatten wegen eines Streites mit dem Kloster Sanct- 
Bertin um einige Bäche und Sümpfe den Bann zu tragen. 
Als Erzbischof Adelbcrt von Salzburg 14 Tage von seinen 
Dienstmannen gefongen gehalten wurde, unterblieb der uner- 
hörten Tliat wegen in allen umliegenden Bisthümern der 



G. Sittliche Zustände. 79 

Gottesdienst. Der Bischof von Toni sprach schon im allge- 
meinen das Interdict über alle Ortschaften, in welchen ent- 
fremdetes geistliches Gut durchgef vihrt , übernachtet, verkauft 
werden sollte, über alle Fürsten und Edle, die an solchem 
sich vergreifen würden, über alle Gehülfen, Mitwisser und 
Fehler des Frevels; und dieses, bis es zurückerstattet sei. 
Nur denjenigen, welche gar nichts darum wussten, möge im 
Todeskampfe ein Geistlicher mit den letzten Gnadenmitteln 
beistehen, nicht aber ihnen ein christliches Begräbniss ge- 
währen. Sollte jemand einen solchen mit Gewalt begraben, 
so dürfe ihm selbst das Gleiche nie zutheil, müsse der Leich- 
nam ausgeworfen und bis dies geschehen sei, der Ort noch 
besonders interdicirt werden. ^ . . . . Bann und Interdict dien- 
ten den Bischöfen nur allzu oft als Mittel der Selbsthülfe und 
nicht selten ohne Unterschied gegen Schuldige wie gegen 
Unschuldige, Sie sprachen Trennung von der Kirche oder 
Einstellung des Gottesdienstes aus, weil ungemessene For- 
derungen nicht wollten zugestanden werden, der leichtesten 
Dinge wegen, aus Laune, voreilig in allzu grosser Strenge, 
aus Rachsucht, um Zwang zu üben." 

In diesen Jahrhunderten des Mittelalters fehlte es aller- 
dings nicht an Erscheinungen der Reaction gegen die völlige 
Auflösung der sittlichen Bande im Leben der Geistlichkeit; 
wir brauchen in dieser Beziehung nur an Odo von Clugny, 
Sanct-Nil, die Camaldulenser, die Orden des heiligen Francis- 
cus und Dominicus zu erinnern. Als charakteristische Er- 
scheinungen in sittlicher Beziehung sind auch die häretischen 
Sekten dieser Periode, insbesondere die Katharer und Wal- 
denser zu betrachten, die auch zunächst von dem Motive ge- 
trieben worden, die ursprüngliche Form des Christenthums 
wiederherzustellen. Bekannt ist ferner, das mehrere Päpste 
das ausgelassene Leben des Klerus einzudämmen suchten und 
dessen Reform in Angriff nahmen. Auch in Volksdichtern ^ 
und Volkspredigern wurde das religiös-sittliche Bewusstsein 
laut, wobei nur der Franciscaner Bruder Berthold erwähnt 
zu werden braucht, der um die Mitte des 13. Jahrhun- 
derts die „Pfennigprediger", worunter er die Ablassprediger 



1 S. 52. 

2 Siehe Gieseler, II, 2, S. 509. 



80 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vona Teufel. 

meint, „die liebsten Knechte des Teufels" nennt. Allein diese 
Keactionsersclieinungen verloren sich theils selbst in Extreme, 
sodass sie , obschon urspriinglich von einerlei oder ähnlichem 
Motive ausgehend, im weitem Verlaufe miteinander in Wider- 
spruch geriethen und einander feindlich gegenüberzustehen 
kamen, wie die Dominicaner und Hcäretiker; oder die Refor- 
mationsversuche waren durch die Persönlichkeit bedingt und 
nur von dieser getragen, daher mit deren Abtreten die Trag- 
weite abgeschnitten war; oder die lleformbestrebungen waren 
überhaupt zu schwach, um die allgemeine Strömung zu hem- 
men; oder sie änderten mit der Zeit ihre Bedeutung und 
wurden zu Organen der Kirchenmacht, gegen deren Aeusser- 
lichkeit sie ursprünglich aufgetreten waren, wie die Mönche. 
Die guten Beispiele von wahrhaft frommen Geistlichen blieben 
in der Minderzahl gegenüber den verderbten, die auch an 
Einfluss weit überwogen. Die übermässigen Einkünfte und 
Besitzungen hatte ihre Habsucht immer mehr gesteigert, ihre 
berufswidrige Einmischung in weltliche Angelegenheiten hatte 
Aumassung, Herrschsucht, Gewaltthätigkeit in Begleitung, der 
ehelose Stand, Müssiggang, die Abgesondertheit in Klöstern 
brachten Trunksucht, Geilheit, Heuchelei mit sich. Ueber 
unnatürliche Abscheulichkeiten hatten nicht nur Italien vmd 
Frankreich, sondern auch Deutschland, wenn vielleicht auch 
nicht in dem Masse zu klagen. Jakob von Vitry, selbst 
Geistlicher, erzählt, wie im 13- Jahrhundert die Sodomie un- 
ter den Klerikern in Paris geherrscht habe, dass wenn einer 
die verworfenen Strassendirnen, die ihn anfielen, zurückwies, 
sie ihm nachgerufen: „Sodomit". Er fügt noch hinzu, dass 
solche, die der Lockung folgten oder sich Beischläferinnen 
hielten, für tugendhafte Männer betrachtet worden seien. ^ 
In Köln, der heiligen Stadt, war es nöthig geworden, strenge 
Gesetze gegen Kuplerinnen zu erlassen, welche Mädchen zur 
Unzucht verleiteten, sie den Geistlichen zuführten, den Non- 
nen Gelegenheit verschafften, den Ehemännern andere Frauen 
zubrachten. '-* 

Die Sittenlosigkeit dauerte wachsend fort und die Ge- 
schichte bestätigt es, dass Clemangis, ein französischer Theo- 



' Jacol)i de Vitriaco llist. occident., cap. VII, 278. 
^ Statuta et Concoidata bei Ilülluiann^ IV, 258. 



6. Sittliche Zustände. 81 

löge des 15. Jahrhunderts, richtig schildert, wenn er von den 
Nonnenklöstern sagt: „Quidquid aliud sunt hoc tempore pucl- 
larum monasteria, nisi quaedam, non dicam Dei sanctuaria, 
sed Veneris exercenda prostibula, sed lascivorum et inipudi- 
corum juvenum ad libidines explendas receptacula?"i 

Es versteht sich von selbst, dass die aus lauter Aussagen 
von Geistlichen zusammengelesene Schilderung der sittlichen 
Verkommenheit in dieser Periode auch auf die Laienwelt ein 
Sti^eiflicht werfen muss. Bekanntlich war derbe Sinnlichkeit 
die Basis der mittelalterlichen Welt und der Sinnengenuss 
auch unter den Laien allgemein verbreitet. Es wird aber an- 
genommen werden dürfen, dass dieser durch das Beispiel des 
Klerus im allgemeinen bis zur Ausschreitung gefördert wurde, 
dass er im Gegensatz zur gepredigten Kasteiung mehr hervor- 
trat, wo ihm die Umstände günstig waren. Dies war der Fall 
seitdem unter den sächsischen Kaisern die bürgerlichen Ge- 
werbe und der Handel riihriger und ergiebiger geworden wa- 
ren, sich bedeutende Marktplätze erhoben hatten. Mit dem zu- 
nehmenden Aufschwünge der gewerblichen Thätigkeit nahm auch 
Besitz und Wohlstand zu, damit auch die Sucht, die gewonnenen 
Güter zu gemessen, wogegen die Einfachheit und Reinheit der 
Sitten abnahm und die Unsittlichkeit immer mehr um sich 
griff. Die Vorrede zu einem Concil vom Jahr 909 gibt eine 
lebendige Anschauung: ,, Unsere Frevel sind bis über den 
Kopf angehäuft, unsere Verbrechen bis zum Himmel ange- 
wachsen. Hurerei und Ehebruch, Gottlosigkeit und Mord 
sind übergeströmt, und Blut hat Blut getödtet. — Indem die 
Ehrfurcht vor göttlichen und menschlichen Gesetzen danieder 
ist, die bischöflichen Edicte verachtet werden, thut jeder, was 
er will. Der Stärkere unterdrückt den Schwächern, und die 
Menschen gleichen den Fischen des Meers, die voneinander 
aufgefressen werden. Daher sieht man in der ganzen Welt 
Beraubung der Armen, der kirchlichen Güter; daher die 
steten Thränen, der Jammer der Waisen. Auch uns dürfen 
wir nicht schonen, die wir die Fehler anderer bessern sollen, 
Bischöfe heissen, aber das bischöfliche Amt nicht ausführen. 
Wir sehen wie die uns Anvertrauten Gott verlassen und 



' Vgl. William Prynne, Records, 11, 229. 



Koskoff, Geschichte des ToiifelB. II. 



82 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

schweigen. ^ Ueber die gewöhnlich geriihmte Sittsamkeit im 
Mittelalter geben uns die häufig erlassenen, iiberaus strengen 
städtischen Strafgesetze gegen „Notnumpft" gehörige Aus- 
kunft sowie die Verordnungen in Bezug auf die „Frauen- 
häuser", die „Jungfrauenhöfe" und deren Bewohnerinnen, die 
„offenen Weiber" und „fahrenden Frauen". Beweise von der 
überhandgenommenen Prunksucht und VerschAvendung sind 
die bekannten Kleiderordnungen und die Massregelungen, die 
entgegenwirken sollten, sowie die eifernden Predigten gegen 
die Kleiderpracht, die „Pfauenschvyeife" der Frauen u. dgl. m. 
Man hat ganz richtig bemerkt: das Bewusstsein der eige- 
nen Verderbtheit habe sich in der im 10. Jahrhundert allge- 
mein gehegten Erwartung des Weltuntergangs ausgedrückt. 
In Verbindung damit steht, was Glaber Iludolphus erwähnt: 
„Intra millesimum tertio jam fere imminente anno contigit in 
universo paene terrarum orbe, praecipue tarnen in Italia et 
in Galha, innovari Ecclesiarum Basilicas, licet pleraeque de- 
center locatae minime iudigissent." "^ Bekanntlich stammen 
aus dieser Zeit die herrlichen Miinster von Strasburg, Mainz, 
Trier, Speier, Worms, Basel, Dijon, Toul u. a. Diese Er- 
scheinung erldärt sich aus dem im Mittelalter herrschenden 
Busswesen, das damit innig zusammenhängt, sowie über- 
haupt die ethische Anschauung dieser Periode ans Licht setzt, 
daher eines Blickes wol werth ist. 



Busswesen. 

Der sittlichen Verderbtheit, in welche der Klerus wie die 
Laienwelt versunken war, stand das Busswesen gegenüber, 
das dem Uebel abhelfen sollte; allein die Ascese drückte der 
Sittlichkeit sowol als auch den wiederholten Reformbestrebun- 
gen den Charakter reiner Aeusserlichkeit auf und so bewegte 
sich die Zeit innerhalb mönchisch-ascetischen Uebungen und 
der gröbsten Sinnlichkeit und Genusssucht. Zwar fehlt es 
nicht an Beispielen wirklicher innerer Vertiefung, im allge- 



1 Concil. Troslej. a. 909 praefat. Mansi, XVIII, 265; vgl. Gieseler, I, 
1, S. 265, Note 5. 



III, c. 4. 



6. Sittliche Zustände. 83 

meinen musste aber nach der in Uebung gekommenen Buss- 
theorie doch nur die Veräusserlichung des religiösen Bewusst- 
seius gefördert werden. 

So wie Cultus und Religion überhaupt in die Aeusser- 
lichkeit aufgegangen waren, wurde von damaliger Zeit Sitt- 
lichkeit und Reliixiosität nach dem Masstabe der Aeusserlich- 
keit bemessen, nämlich nach der Menge und Grösse sogenannter 
verdienstlicher Werke, die in die Kirche mündeten. Wie sehr 
die Gesinnung des einzelnen, die eigentliche Sittlichkeit bei 
diesen Werken in den Hintergrund gedrängt oder eigentlich 
gar nicht berücksichtigt ward, zeigt besonders augenfällig die 
damalige Ablasspraktik, deren sich die Kirche bediente 
und zwar zur Erreichung ihrer eigenen Zwecke. Der Erz- 
bischof von Arles gab im Jahre 1016 eins der ersten Bei- 
spiele von Ablasspromulgatiou für eine bestimmte Zeit. Von 
Benedict IX. und Alexander II. wurden aus besondern An- 
lässen Indulgentiae poenitentiae erlassen. Gregor VII. hatte 
denjenigen Ablass verheissen, die ihm beim Sturze Heinrich's IV. 
behülflich sein würden. Durch die Kreuzzüge erweiterte sich 
die Ablasspraxis ins grosse und seit Alexander III. wurde 
dieses Mittel, wodurch die Kirche den sittlichen Zweck för- 
dern sollte, rein materieller Art, pures Gelderwerb mittel für 
diese. In diesem Sinne ward im Jahre 1300 das Jubeljahr 
gefeiert unter Verheissung der Sündenvergebung für diejeni- 
gen, die nach Rom pilgerten und daselbst opferten. Die 
Feier wurde dann vom je fünfzigsten Jahr auf das dreissigste, 
ja auf das fünfundzwauzigste herabgesetzt, wobei sich die 
Vermuthung aufdrängt, dass hierbei weniger die Kürze des 
Lebens, als vielmehr die Einträglichkeit dieser Feier mass- 
gebend gewesen sei. 

Da die christliche Sittlichkeit ganz in die Form der 
Aeusserlichkeit verrannt war, ihren Werth nicht nach der Ge- 
sinnung, dem innern Motive schätzte, sondern nur nach dem 
äussern Thun, so gab es nach der Vorstellung der Zeit kein 
höheres Verdienst, als Kirchen und Klöster zu beschenken, 
um nach demselben Masse die Segnungen der Kirche dafür 
zu erlangen. Hiermit war der sittliche Werth des Menschen 
ganz und gar abhängig von dem Geldwerthe, den dieser be- 
sass, und das ganze Busswesen ging seines realen Inhalts ver- 
lustig. Petrus Damianus konnte daher in frommem Ernste 



6 



* 



84 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

unter Hinweisnng auf Spr. 13, 8 behaupten: um Geld und 
Gut sei die Seligkeit von der Kii'clie zu erkaufen. Die Seg- 
nungen der Kirche wuchsen nach der Grösse der Anstrengung 
und des Aufwandes bei einem verdienstlichen Werke. Je 
ausserordentlicher die Unternehmung war, die zur Ehre Got- 
tes und Christi, der Jungfrau Maria und der Heiligen, d. h. 
der Kirche, vollfiihrt wurde, um so grösser und sicherer war 
die Anwartschaft auf Siindenvergebung. Darin haben die um 
jene Zeit so häufigen Wallfahrten nach heiligen Orten ihren 
Grund sowie die stets häufiger unternommenen Pilgerfahrten 
nach dem heiligen Lande. Die Sehnsucht danach, die mit 
der im 10. Jahrhundert allgemein verbreiteten Erwartung des 
bevorstehenden Untergangs der Welt zusammenhängt, welche 
Erwartung zum höchsten Schrecken sich gesteigert hatte, 
brachte im Jahre 1033 jene grosse Bewegung hervor, infolge 
deren eine ungeheuere Menschenmenge aus allen Ständen zu- 
sammengeströmt war, um nach dem Grabe des Erlösers zu 
ziehen. Im Gefühl der eigenen Hohlheit und Haltlosigkeit 
trieb die Angst nach der unmittelbaren Nähe der Stätte, die 
durch das Erlösungswerk geheiligt worden, um hier den 
wiedererscheinenden Heiland zu erwarten. Das Höchste, w^as 
der Mensch damaliger Zeit für erreichbar hielt, w^ar die sinn- 
liche Vereinbarung mit der Stätte, von der das Heil der Welt 
aus'Teo-anü-en war. Er klammerte sich an die äussere Wahr- 
nehmung, die sinnliche Gewissheit, da ihm die innere Ueber- 
zeugung, auf welcher der selbsteigenc Halt beruht, abhanden 
gekommen war. 

Die Form der Aeusserlichkeit, welche in jener Zeit das 
Busswesen angenommen, wobei nur die guten Werke dienen 
sollten, finden wir schon bei Eligius, einem Heiligen des 
7. Jahrhunderts, festgestellt, wenn er sagt: „Der nur ist ein 
guter Christ, der häufig die Kirche besucht, auf den Altar 
Gaben bringt, nicht eher die Früchte seines Landes kostet, 
als bis er einen Theil derselben dem Höchsten geweiht hat 
unJ das Vaterunser oder das Credo hersagen kann. Kauft 
euere Seelen von ewiger Strafe los solange es noch in euerer 
Macht steht, gebt den Kirchen Geschenke und Zehnten, lasst 
Ker/.en flannnen an heiliger Stätte soviel ihr nur vermögt, 
und erficht den Schutz der Heiligen; denn wenn ihr dies 
alles beobachtet, könnt ihr mit Sicherheit am Tage des Ge- 



6. Sittliche Zustände. 85 

riclits erscheinen nnd sprechen: Gib uns o Herr, denn wir 
haben dir gegeben." ^ 

Kurtz 2 macht die richtige Bemerkung: „Wie verflacht 
und veräusserhcht der Pönitenzbegrifif der Kirche schon war, 
als sie den germanischen Völkern das Christenthum brachte, 
zeigt sich schon darin, dass das lateinische Wort „poenitentia" 
durch das germanische Wort „Busse", d. h. Ersatz, Ent- 
schädigung, wiedergegeben werden konnte, und dass in den 
Bussordnungen „poenitere" durchgängig völlig identisch mit 
„jejunare" ist. Ging der Begriff der poenitentia aber in 
äussere Leistungen auf, so konnte die übliche Bussleistung 
des Fastens mit andern geistlichen Uebungen, ja mit Geld- 
bussen vertauscht werden, es kam nur darauf an, dass für die 
Siinde durch entsprechende Busswerke Ersatz geleistet werde, 
diese konnten auch stellvertretend von andern geleistet wer- 
den." Im Verlaufe der Zeit kam auch in der That eine 
förmliche Stellvertretungstheorie in Schwang, wonach 
eine Busse mit der andern vertauscht werden konnte, worüber 
die Libri poenitentiales ordentliche Register führten. Diese 
Verrenkung hatte schon im 8. und 9. Jahrhundert eine mäch- 
tige Reactiou hervorgerufen, in England auf der Synode zu 
Cloveshoe im Jahre 813, zu Paris 829, zu Mainz 847, eine 
Reihe namhafter Theologen, Alcuin, Theodulf, Rhabanus Mau- 
rus u. a. m., erhoben sich dagegen ; allein vergeblich. Petrus 
Damianus, dem diese Theorie ihre vornehmliche Förderung 
verdankt, empfiehlt besonders die Geiselbusse, die auch 
durch ihn in Uebung gekommen ist. Selbst ein Kaiser, wie 
Heinrich III., und edle Frauen unterzogen sich der Geiselung. 
Im 11. Jahrhundert hatte man eine förmliche arithmetische 
Berechnung, was die Zahl und den Werth der Geiselhiebe 
betrifft, eingeführt. Ausser dem Geldwerthe, womit die Busse 
erkauft werden konnte, galt eine entsprechende Zahl von 
Geiselhieben unter Fasten und Psalmen als Aequivalent. Ein 
Jahr der Busse konnte der Reiche mit der Summe von 
26 Solidi (gleich 30 Thalern) einlösen, der Arme sollte nur 



1 Moslieim, Cent., Vll, c. 3; Robertson, Geschichte Karl's V., Note 11; 
bei Hallam, Geschichtliche Darstellung des Zustandes von Euroi)a im 
Mittelalter, übertragen von Halem, II, 558. 

2 Handbuch der allgemeinen Kirchengeschichtc, II, 401. 



8G Zweiter Absclmitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

3 entrichten; das Aequivalent fiir einen Busstag waren 
20 Schläge auf die Hand oder 50 Psalmen; 3000 Hiebe mit 
dem Staupbesen, unter Gesangbeglcitung von Psalmen, wogen 
ein Bussjahr auf, und so konnten Jahrhunderte von Busse 
abgethan werden, wozu freilich einige Geschicklichkeit er- 
forderlich war. Damianus, obgleich selbst kein Stiimper in 
dieser Kunst, da er ein ßusssäculum in einem Jahre abzu- 
ireiseln verstand, sah sich durch Dominicus loricatus, den 
^^gejDanzerten Dominicus", weit übex-troffen, der es zu einer 
solchen Fertigkeit gebracht zu haben versicherte, dass er nur 
sechs Tage dazu in Anspruch nahm. Dieser Geiselvirtuos 
rechnete folffendermassen: 3000 Geiselhiebe machen ein Jahr, 
während des Singens von 10 Psalmen lassen sich 1000 Hiebe 
versetzen, der Psalter, aus 150 Psalmen bestehend, umfasst 
5 Bussjahre, dieselben mit 20 multiplicirt machen 100, der 
Psalm 20 mal unter Geiselhieben abgesungen, thut also 
fiir ein Jahrhundert Busse. Damianus konnte seinen Freund 
wol mit Recht in dieser Beziehung als Muster aufstellen. ^ 

Diese Busstheorie allein muss die klarste Einsicht in die 
gänzliche Ausgehöhltheit und Veräusserlichung aller Innerlich- 
keit jener Zeit gewähren. Blicken wir dabei auf die derbe 
Sinnlichkeit der Periode, die Genuss- und Vergniigungs- 
sucht, die unmässige üeppigkeit, die sowol auf dem Stuhle 
Petri thronte, den Klerus erfüllte und in der Laienwelt 
hauste, so muss es begreiflich erscheinen, wenn gelegentlich 
jeder Genuss bis zum Extrem ausgedehnt und die Heiterkeit 
und Lust des Vergnügens als frivole Ausgelassenheit er- 
scheint. 

Diese frivole Ausgelassenheit finden wir bei den öffent- 
lichen Festen jener Zeit, dem Narren- und Eselsfest, die 
als schätzbare Beiträge zur Charakteristik der sittlichen Zu- 
stände zu betrachten sind. 

Das Narrenfest nennt Hase treffend „christianisirte 
Saturnalien" ^; es gehörte zu den Freuden des Weihnachts- 
festes, das von der abendländischen Kirche zu derselben Zeit 
begangen wurde, in welcher die Ivömcr ihre Saturnalicu zur 
Erinnerung an das goldene Zeitalter der Gleichheit und Frei- 



' Damian. de vita Eremitica opuscul. L. I, c. 8. 
^ Geistliche Schauspiele, S. 80. 



6. Sittliche Zustäade. 87 

heit unter der Herrschaft des Saturuus feierten. Nach der 
Einführung des Christenthums trat au die Stelle der heid- 
nischen Lustbarkeiten, welche die „Decemberfreiheit" gestattet 
hatte, zur Erhöhung der christlichen Weihnachtsfreude die 
Travestie des Heidnischen durch possenhafte Nachahmung, 
wobei die mit den römischen Festen gewöhnlich verbundenen 
Thierkämpfe dadurch andeutungsweise ersetzt wurden, dass 
Menschen unter Thiermasken bei dem Aufzuge sich herum- 
balgten. Nachdem die Erinnerung an das Heidenthum als 
eine Macht erloschen, und die heidnischen Gebräuche in Ver- 
gessenheit gerathen waren, wurde der christlich -kirchliche 
Gottesdienst selbst Gegenstand der Verspottung. Hatte der 
dazu Erwählte vorher einen Opferpriester vorgestellt, so wurde 
nun ein Narrenbischof, in Kirchen, welche unmittelbar unter 
dem Papste standen, ein Narrenpapst gewählt, und zwar von 
den Priestern und Weltgeistlichen, die sich dazu versammelt 
hatten, den AVahlact mit vielen possenhaften Ceremonien 
vollzogen und ihn hierauf mit Pomp in die Kirche führten. 
Während des Zuges und in der Kirche wurden die Possen 
von den als Bestien maskirten, als Frauenzimmer verkleideten 
Geistlichen tanzend und einander neckend fortgesetzt. Hier- 
auf begann die feierlich possenhafte Travestie des Gottes- 
dienstes. Der Almosenpfleger, der wie in der Wirklichkeit 
so auch in der Travestie die rechte Hand des Bischofs war, 
erliess den Ruf: Silete, silete, silentium habete! den die lustige 
Versammlung mit: Deo gratias! erwiderte. Hierauf hielt der 
Narrenbischof in üblicher Weise die Messe, beginnend mit 
dem: „Adjutorium nostrum in nomine Dei", worauf das Con- 
fiteor und dann die Absolution folgte, die der Almosenpfleger 
im Namen seines Herrn dem Volke mit folgenden Worten 
ertheilte * : 

De par Mossenbor l'Eveque 
Que Dieu vos donne mal al bescle 
Avez una plena banasta de pardos, 
Et dos de Rascbä de fol lo mento. 

„Im Namen des Herrn Bischofs, dass Gott euch ein Uebel 
an der Leber gebe; möget ihr ferner einen Korb voll von 



1 Vgl. Alt, Theater und Kirche, S. 415 fg. 



88 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Vergebung haben und ein j^aar Finger voll Krätze unter 
dem Kinn." 

Am folgenden Tage war die Absolutionstbrmel folgende: 

Mossenhor, qu'es cissi present 

Vos donna XX banastas de mal de dens, 

Et ä tos vos aoutres acussi 

Dona una coa de Roussi. 

„Der Herr Bischof, der hier gegenwärtig ist, gibt euch 
zwanzig Körbe voll Zahnschmerzen und fügt allen den Geschen- 
ken, die er euch schon gemacht, einen alten Pferdeschwauz bei." 
Das Hallelujah, das weiterhin folgte, wurde, wie Alt ^ 
aus einem alten Manuscript in der Kirche zu Sens, wo das 
ganze Ritual beschrieben ist, ersehen hat, in dieser Weise 

gesungen : 

Alle: 

Kesonent omnes Ecclesiae 
Cum dulci melo symplioniae 
Filium Mariae genetricis piae 
Ut nos septiformis gratiae 
Repleat donis et gloriae 
Unde Deo dicamus luja. 

Hierauf stimmten mehrere hinter dem Altare verborgene Sän- 
ger folgende Verse an : 

Haec est clara dies clararum clara dierum 
Haec est festa dies festarum festa dierum. 

oder auch: 

Festum festorum de consuetudine morum 
Omnibus urbs Senonis festivas nobilis annis, 
Quo gaudet praecentor: tarnen omnis honor 
Sit Christo circumciso nunc, semper et almo, 
Tartara Bacchorum non pocula sunt fatuorum, 
Tartara vincentes sie sinunt ut sapientes. 

Während der Bischof die Messe las, waren die maskirten 
Geistlichen mit Tanzen, Springen, Singen von Zotenliedern 
auf das Chor gelangt, die Diaconi iind Subdiaconi assen auf 
dem Altar vor dem Messelesenden, spielten vor ihm Karten, 
Wi'irfel, räucherten ihm unter die Nase mit dem Ivauchfass, 
in welchem altes Schuhlcder brannte. Nach der Messe lief, 

1 A. a. 0. 



6. Sittliche Zustände. 80 

sprang und tanzte jeder nach seinem Belieben in der Kirche 
herum, man erlaubte sich die gröbsten Ausschweifungen, 
einio-e zosfen sich soffar nackt aus. Hierauf setzten sie sich 
auf Karren, Hessen sich durch die Stadt fahren und warfen 
die sie begleitende Volksmenge mit Koth, machten unzüchtige 
Gebehrden, die sie mit den unverschämtesten Reden begleite- 
ten. Auch Laien mischten sich unter die Geistlichen, um in 
der Kleidung der Weltpriester, Mönche, Nonnen ihre Possen 
zu treiben. Von dem trunkenen, bewaffneten Schwärm, wo- 
Ton ein Theil oft zu Pferd den Zug begleitete, wurden nicht 
selten Menschen angefallen, mishandelt, oft todtgeschlagen, 
Häuser zerstört, Viehställe erstürmt, das Vieh fortgeschleppt. ^ 
Dieses Fest wurde an manchen Orten, wie zu Paris und 
Sens, am Neujahrstage gefeiert, anderwärts am Tage der Er- 
scheinuno- Christi und noch an andern Orten am 28. Decem- 
ber, dem Tage der unschuldigen Kindlein, zum Andenken der 
Kinder von Bethlehem als für das Christuskind gestorben, 
wo alle kirchlichen Functionen von Knaben vollzogen wur- 
den und aus dem Scherze des Kinderbischofs allmählich ein 
Narrenbischof wurde. ^ In der griechischen Kirche hatte es 
Theophylaktus im 10. Jahrhundert eingeführt, in der abend- 
ländischen Kirche ist es älter, da es schon auf dem Concil 
zu Toledo und später auf mehrern Concilien wiederholt ver- 
boten wurde. Auch in einer Verordnung des päpstlichen 
Leo-aten Cardinal Petrus an Odo Bischof von Paris im 
Jahre 1198 wird die Zügellosigkeit bei diesem Feste in der 
Kirche Notre-Dame hart gerügt. ^ Ungeachtet dessen soll 
doch ein Doctor der Theologie zu Auxerre öffentlich behauptet 
haben, es sei dieses Fest Gott ebenso wohlgefälhg, als das 
der Empfängniss Maria. * Es wurde ausser in den Kirchen 
der Weltgeistlichen auch in den Mönchs - und Nonnenklöstern 
ffefeiert und die Possen dabei ad libitum variirt. Bei den 
Franciscanern zu Antibes kamen am Tage der unschuldigen 
Kindlein nicht der Guardian und die Priester, sondern die 
Laienbrüder in das Chor. Sie hatten zerrissene Priesterkleidcr 



1 Gemeine Chronik von Eegensburg, I, 357; bei Ilülhuami, IV, 134. 

* Hase, Geistliche Schauspiele, 80. 

3 Vgl. Bibl. patr. max., XXIV, p. 1370. 

* Flügel, Geschichte des Grotesk-Komischen, S. G5. 



90 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

verkehrt an, hielten auch die Bücher verdreht, trugen Brillen 
mit Orangenschalen statt der Gläser auf der Nase, bliesen 
die Asche von den Räucherfassern einander ins Gesicht oder 
streuten sie auf die Kopfe, murmelten unverständliche Worte 
oder blökten wie Schafe anstatt Psalmen zu singen, u. dgl. m. 
Das Fest war so beliebt, dass es sich ungeachtet manchen 
Eiferns dairefren bis über das 16. Jahrhundert erhielt. 

In Frankreich war auch der Brauch eingerissen, an ver- 
schiedenen Festtagen, z. B. bei den ersten Messen der 
Priester, während des Gottesdienstes Schauspiele mit unan- 
ständigen Masken unter zotenhaften Liedern aufzuführen. 
Dies bezeugt die Verfügung der Synode zu Toledo im 
Jahre 1473: „Da sowol in verschiedenen erzbischöflichen, 
bischöflichen als auch andern Kirchen die Sitte eingerissen 
ist, dass an verschiedenen Festtagen, z. B. an Weihnachten, 
am Tage Sanct-Stephani und Sanct-Johannes und der un- 
schiddigen Kinder, sowie auch bei den ersten Messen eines 
Priesters, während des Gottesdienstes Schauspiele mit Larven, 
ungethümen und zuweilen höchst unanständigen Erscheinungen 
in den Kirchen aufgeführt werden, wobei Lärmen, schänd- 
liche Verse und lästerliche Reden vorfallen, sodass der Gottes- 
dienst und das Volk in seiner Andacht gestört wird, so ver- 
bieten wir dergleichen Larven, Spiele und Ungethüme, Spec- 
takel und Gaukeleien sowie das Recitiren schändlicher Ge- 
dichte auf das ernstlichste und verfügen: dass diejenigen 
Geistlichen, welche sich auf die Beimischung solcher unehr- 
baren Spiele in der Kirche einlassen oder solche gestatten, 
wenn sie an den gedachten Kirchen Beneficien geniessen, um 
einen Monatsbetrag derselben gestraft werden." Dieses Verbot 
musste im Jahre 1505 aufs neue wiederholt werden, und Alt ^ be- 
merkt, dass fünfzig bis sechzig Jahre später Mariana nur schüch- 
tern gegen dergleichen Lustbarkeiten zu sprechen wagte, wenn 
er sagt: „Schwer ist es, diese verderbliche Gewohnheit aus- 
zurotten, die schon lange Zeit unter dem Beifall der Menge 
festgewurzelt ist, und es droht sogar die Gefahr des Anscheins, 
als wollten wir den Gottesdienst beeinträchtigen. Aber es 
werden in den Tempeln Dinge vorgestellt, die man sich kaum 
in den schlechtesten und verworfensten Orten erlauben würde. 



1 A. a. 0., S. 420. 



6. Sittliche Zustände. 91 

Mau gestattet, dass scliändliche Weibsbilder die Kirche be- 
treten und daselbst Aufführungen veranstalten. Mehr als 
einmal hat dies in diesen Jahren stattgefunden und nach ihrem 
Vorgang auch in andern Kirchen des Königreichs, wobei 
Diuffe dargestellt wurden, welche das Ohr nicht ohne Schau- 
der vernehmen kann und welche wiederzuerzählen man Ab- 
scheu fühlt." 1 

Vom Eselsfest finden sich schon im 9. Jahrhundert 
Spuren in Frankreich, und es wurde mehrere Jahrhunderte 
hindurch gefeiert. Ueber den Tag der Feier lauten die An- 
sraben verschieden und man kann mit Alt '•^ annehmen, dass 
die lach- und spottlustigen Franzosen gern jede Gelegenheit 
benutzten, die sich zur Veranstaltung solcher Possenspiele 
darbot. Nach der Bemerkung Hase's ^ hatte der Esel ein 
dreifaches Recht, seine kirchliche Feier aufzuweisen: „Zunächst 
seine Unterhaltung mit dem widerwilligen Propheten Bileam, 
dann seine vorausgesetzten Dienste auf der Flucht der heili- 
gen Familie nach Aegypten und endlich zum Andenken der 
Eselin und ihres Füllen, auf denen der Herr am Palmsonntage 
in Jerusalem eingezogen ist." Je nach dem Momente das 
bei der Feier festgehalten ward, mochte eine Verschiedenheit 
dabei stattfinden. Wo es die Flucht der Jungfrau Maria 
nach Aegypten galt, suchte man ein junges schöaes Mädchen 
aus, das man geschmiickt, mit einem Knäblein im Arme, auf 
einen Esel setzte. Oder man behing den Esel mit einem 
Chorrock und führte ihn in feierlichem Aufzuge unter Be- 
gleitung der Klerisei und des Volks durch die Strassen in 
die Kirche, wo der Esel neben dem Altare aufgestellt und 
die Messe unter possenhaftem Pomp gelesen wurde, sodass 
es möglichst toll herging. Auf das „Kyrie", „Gloria" und 
„Credo" ward mit „Hinliam! Hinham! Hinham!" geantwor- 
tet. Anstatt der Segensformel, womit sonst der Priester das 
Volk zu entlassen pflegte, ahmte dieser das Eselsgeschrei nach 
und das Volk, anstatt sein „Amen" zu sagen, antwortete 
wieder auf Eselsmanier. Selbstverständlich Avurden auch wäh- 
rend der Travestie der Messe, wie beim Narrenfeste, Un- 



1 In seiner Schrift „De spectaculis". 

2 A. a. 0., S. 417. 
» A. a. 0., S. 80. 



92 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

flätereien sxetrleben. Den Bcschluss machte eiii halb Inteini- 
sches, halb französisches Lied. * 

Ausser diesen Possen pflegten die Prediger am Oster- 
feste ihren Zuhörern allerlei lächerliche Schnurren von der 
Kanzel herab zu erzählen, um für die traurige Fastenzeit zu 
entschädigen. Diese „Ostermärlein", die das allgemeine 
Gelächter zu erregen suchten, was ihnen auch gelingen mochte, 
sind bekannt unter dem Namen Risus paschalis. 

Flögel meint, es müsse uns „beim ersten Anblick unbe- 
greiflich scheinen, wie die menschliche Vernunft und noch 
mehr das Christenthum so tief herabsinken und Heiliges und 
Profanes, geistliche Freude und weltliche Zügellosigkeit, An- 
dacht und Possenreisserei so seltsam miteinander vermischen 
können". 2 Betrachten wir die Sache näher, so zeigt sich 
zunächst ein enger Zusammenhang der Ausgelassenheit der 
Lust mit den friiher erörterten Ausschreitungen des sinnlichen 
Lebens. Damit in Verbindung steht die ethische Anschauung 
des Mittelalters, wonach Geistiges und Leibliches, Uebersinn- 
liches und Irdisches wie Gott und die Welt als unversöhn- 
licher Gegensatz gedacht wurde, was die ascetische Abtödtungs- 
theorie zur Folge hatte. Jede Unterdrückung eines berech- 
tio-ten Moments zieht eine Reaction nach sich, die zunächst 
stets als Verrenkung erscheint, indeui die unterdrückte Seite 
ins JExtrem geschnellt wird. Das natürliche Moment am 
Menschen, das seine Berechtigung haben muss, durch Liein- 
andersetzung mit dem geistigen vergeistigt, veredelt werden 
soll, trat im Mittelalter in seiner unvermittelten nackten Na- 
türlichkeit, d. h. als Roheit auf und wurde durch die gewalt- 
same Abstraction der ethischen Forderung eben bis zur Aus- 
schreitung gesteigert. Stand aber das Leibliche mit seinen 
Re<Tungen nach der herrschenden kirchlichen Anschauung in 
unvereinbarem Widerspruch mit Gott, so musste die Geltend- 
machung des Sinnlichen als dem Sitze des Bösen mit dem 
Teufel in Verbindung gedacht werden. Denjenigen, welche 
ausserhalb der sinnlichen Ausschreitungen, der sittlichen Ver- 
derbni^s standen, musste beim Anblick der sittlichen Ver- 
kommenheit die Wirkung des Teufels vor die Augen treten. 



1 Vgl. Flügel, Geschichte des Grotesk-Komischen, S. 168. 

2 A. a. 0., ö. 159. 



7. Zustand der Gemüthcr. 93 

Wie sich in der Befiirclitung des herannahenden Weitendes, 
die sich seit dem 10. Jahrhnndert der Gemüther bemächtigt, 
das Gefühl der herrschenden Entsittlichung geregt hatte, so 
musste deren stetiges Zunehmen, da die Katastrophe nicht 
eingetreten war, als Zunahme der Macht des Teufels erschei- 
nen, und zwar nach der gangbaren Annahme, dass dieser der 
Stifter und Anreger davon sei, auch denjenigen, die sich selbst 
in Verkommenheit versunken fühlten. Inmitten der herrschen- 
den Rand- und Bandlosigkeit der sittlichen Zustände erwachte 
das Gefühl, dass der Teufel das Regiment der Welt führe. 
Die sittliche Weltlage ist insofern als Mitfactor zur Festigung 
und Förderung der Vorstellung vom Teufel zu betrachten. 



7. Zustand der Gemiitlier. Das kircMicli-tlieologistisclie 

Gepräge. 

Inmitten der Zerfahrenheit der äussern Verhältnisse, um- 
geben von roher Gewaltthätigkeit und bodenlosem Sitten- 
verderb, ohne Ruhepunkt in sich selbst, ergriff mancher die 
Flucht aus dem wüsten Getümmel solcher Gottvergessenheit 
und glaubte den Frieden in der Entsagung und in Buss- 
übuno-en zu finden, die ihm die Kirche vorschrieb. Den 
grellen Gegensatz von wilder Genusssucht, Habgier und 
streng ascetischem Wandel erblicken wir nicht nur innerhalb 
des Rahmens dieser Jahrhunderte, es finden sich häufige Bei- 
spiele des plötzlichen Sprunges von einem zum andern im 
Leben von einzelnen, die, mitten im Getriebe des genussreichen 
Daseins vom Gefühle der Nichtigkeit ergriffen, jenem ent- 
flohen, um in einem Kloster, im geistlichen Stande, in Selbst- 
peinigungen, von der Kirche empfohlen, den Ruhepunkt zu 
suchen. ^ 

Der Mensch des Mittelalters war von der Kirche dazu 
erzogen, bei allem nach ihr zu blicken, sie hatte ihm nach- 



1 Vgl. Scriptor. Rer. Italic, XVI, 315. 



94 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

driicklich eingeschärft, sie als die einzige Bewahrcrin gött- 
licher Dinge zu betrachten. Die mittelalterliche Welt hatte 
die Ueberzeugun": , dass der Fürst seine rechtmässige "Würde 
nur zu -Sanct-Peter in Rom erlangen könne , und die Kirche 
hatte ihre Massregeln getroffen, dass nur das auf Geltung 
Anspruch machen könne, was von ihr ausging. Das ist die 
psychologische Grundlage der mittelalterlichen Anschauung, 
auf welcher die Kirche ihre Allmacht aufbaute. Diese Vor- 
stellung theilten alle Schichten der Gesellschaft, sie durch- 
dransr alle Verhältnisse und Beziehungen im Mittelalter. Wie 
das hebräische Alterthum Jerusalem und darin das Heilig- 
thum mit seiner Bundeslade als den heiligen Mittelpunkt der 
Welt betrachtet hatte, zu dem, nach den Weissagungen der 
Propheten Jesaias und Micha, deren Anschauung die engen 
Schranken des altern Particularismus durchbrach, in Zukunft 
alle Völker als Wallfahrter centripetalkräftig angezogen wer- 
den sollten, so sah die abendländische Welt des Mittelalters 
auf dem Stuhle Petri die Verkörperung des ewigen Lichtes 
der Religion Christi, und dieses Licht sandte seine Strahlen 
auch centrifugalkräftig aus, um die Welt kirchlich-theo- 
loo-istisch zu färben. Diese kirchlich-theologistische Fär- 
buiio- traf]:en alle Aeusserungen des mittelalterlichen Lebens. 
Die Kirche ist die oberste Autorität, von der die Welt sich 
abhängig fühlt. 

Das Verhältniss der Kirche zum Staate betreffend, hat 
man den Grund der Abhängigkeit dieses von jener als „Un- 
klarheit" angegeben. ^ Diese „Unklarheit" findet aber in 
jedem Entwickelungsprocesse und auf allen Gebieten statt, 
bevor nicht gewisse Momente sich geschieden, sich geklärt 
haben. Im Mittelalter wurde Kirche vuid Staat in unmittel- 
barer Einheit gedacht mit Ueberwiegen der Kirche. Bekannt- 
lich sind im Orient die meisten Reiche Religionsstaaten und 
ein nächstgelegcnes BeisiDiel gibt uns die althebräische Welt 
durch die Theokratie, wo Religion und Staat in unmittelbarer 
Einheit ineinandergesetzt sind, daher das staatliche Verhältniss 
zugleich ein religiöses ist und umgekehrt, ein theokrati- 
sches Verbrechen sowol gegen Staat als Religion begangen 
gedacht wird. Aehnlich im Mittelalter, aber mit dem Unter- 

1 Lorenz, Deutsche Geschichte, I, 7. 



7. Zustand der Gemüther. 95 

schiede, dass die Religion durch die Kirche vertreten, der 
Staat als kirchlicher Staat erscheint. Die Einheit von Kirche 
und Staat ist eine unmittelbare, aber die geschichtliche Be- 
deutsamkeit des Mittelalters besteht eben darin, dass die Ab- 
lösvuig des Staates von der Kirche beginnt, dass der staat- 
liche Beirriff im Bewusstsein der Menschen erwacht, dass der 
Scheidungsprocess sich zu vollziehen beginnt, und zwar unter 
langdauernden Kämpfen und AVehen. Jegliche Entwickelung 
beruht auf dem Gesetze der Lösung und der Selbständig- 
werdung der Momente, die ursprünglich in unmittelbarer 
Einheit begriffen waren. Diesen Vorgang sehen wir nicht 
nur im Naturleben in der Pflanzen- und Thierwelt, sondern 
auch in der Menschenwelt und zwar im physischen wie im 
geistigen Leben. Das Kind löst sich vom Mutterschose los, 
es entwöhnt die Muttermilch, es wird mündig und erlangt 
die Selbständigkeit des Willens, um eine selbständige Fami- 
lie zu gründen. Im socialen Leben vollzieht sich die Lösung 
durch die Theilung der Arbeit, und so fort in allen Gebieten. 
Es bedarf wol nicht der Bemerkung, dass mit dem Lösen und 
Selbständigwerden keine gänzliche Beziehungslosigkeit ein- 
trete, da wir am Eingange unserer Geschichte das Universum 
als Organismus hinstellten, wonach jedes und alles in seiner 
Selbständigkeit auf das Ganze bezogen, in organischem Zu- 
sammenhange steht. 

Wenn der Satz des christlichen Religionsstifters: „Mein 
Reich ist nicht von dieser Welt" beziehungslos festgehalten 
worden wäre, so hätte die christliche Religion auch nie die 
Daseinsform der mittelalterlichen Kirche als äussere Anstalt 
erlangt, und die abendländische Menschheit hätte kein Mittel- 
alter zu durchleben gehabt; allein bekanntlich ist das „Wenn" 
in der geschichtlichen Betrachtung unfruchtbar und ward nicht 
zum W^orte gelassen. Nachdem die Kirche sich aufgethan 
und vornehmlich auf äussere Macht gestellt hatte, und inn 
jeden Preis ihre Obermacht zu erhalten strebte: konnte die 
Sturm- und Drangperiode des Mittelalters nicht ausbleiben. 

In dieser kirchlichen Obermacht der Kirche über die 
abendländische Menschheit, die mit ihrer Lebensader an sie 
gebunden war, liegt der Grund, dass alle Thätigkeiten, Be- 
ziehungen und Erscheinungen im mittelalterlichen Leben ein 
kirchlich-theologistischcs Gepräge erhielten. Alles geht 



9G Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

von der Kirche aus oder mündet in sie ein. Alle Schulen 
hatten eine geistliche Einrichtung, alle Intelligenz ging daher 
einerseits von der Geistlichkeit aus und kam andererseits 
unter ihren Einfluss. 



Theologie. 

Von den sogenannten verschiedenen Wissenschaften stand 
selbstverständlich die Theologie obenan und tauchte alle an- 
dern Zweio-e des Wissens in ihre Farbe. Das Verbot Gre- 
o-or's des Grossen für die Bischöfe, heidnische Bücher zu 
lesen ^ hatte das Geleise gezogen, in welchem die Gelehrsam- 
keit fortschreiten sollte. Ob Europa darum die Höhe der 
Bildung und Erkenntniss erreicht habe, wie behauptet worden 
ist, „weil es mit der Theologie begonnen hat und weil alle 
Wissenschaften, gepropft auf diesen göttlichen Stamm, aus 
dem Schatz des götthchen Nahrungssaftes Zusehens gediehen 
sind" 2^ möge dahingestellt bleiben, Thatsache ist: dass es 
mit der Theologie den Anfang machte und ihr alles andere 
Wissen als dienstbar unterordnete. 



Philosophie. 

Die Philosophie des Mittelalters, jene anrüchig ge- 
wordene Scholastik, stand im Dienste der Kirche und befasste 
sich ausschliesslich mit der Bearbeitung des von jener ihr 
übergebenen Stoffes. Es ist ein antiquirter Irrthum, den Werth 
der Scholastik nur nach ihren Verrenkungen zu messen, wo 
sie, in Spitzfindigkeiten verrannt, mit der Beantwortung müssi- 
ger und läppischer Fragen sich abmüht; ihre wesentliche Be- 
deutung war vielmehr, die von der Kirche aufgestellten Dog- 
men in den Dcnki^rocess hineinzuziehen. Sie versuchte die 
Glaubenssätze zu Begriffen zu erheben und wollte Glauben 
und Wissen vermitteln. Der Ausgangspunkt war ihrem Ur- 
sprünge, der in der Kirche liegt, angemessen; indem sie aber 
zur Kirche zurückkehren musste, die ihr beim Denken als 
Ziel vorgesteckt war, entbehrte sie der Freiheit, ohne welche 



1 Job. Diac, Vita Gregor., lib. III, 33. 44. 

■^ Windiscliiiiaini, Ucbcr Etwas, was der Ileilkunst notbtliut, S. 144. 



7. Das kirchlicl-f-theologistische Gepräge. 97 

eine wissenschaftliehe Bewegung nicht möglich ist. Nicht der 
Gegenstand der Scholastik fordert das Verdammungsurtheil 
iiber sie heraus, sondern die Fesseln, die sie sich von der 
Kirche anlegen und dadurch zu deren dienstbaren Magd 
machen liess. Wie die Scholastik von der Kirche ausging, 
so 2rinn:en die Scholastiker auch meistens aus Klöstern hervor. 



Rechts Wissenschaft. 

An der Spitze der Rechtswissenschaft stand das Kirch en- 
recht, das namentlich durch Gratian einen neuen Aufschwung 
erhielt. Ein tüchtiger Bischof sollte das Kirchenrecht ebenso 
grimdlich kennen wie die Theologie. Noch grössere Wichtig- 
keit verlieh dem Kirchenrechte Gregor IX. durch die Samm- 
lung der Kirchengesetze von Pennaforte, welche bei allen 
Gerichten als Norm angeordnet ward, deren man sich auf 
allen Schulen bedienen musste mit Ausschliessung jeder an- 
dern Decretensammlung. Der kirchlich-theologistische Ein- 
üuss auf diese Disciplin, der nicht nur ein principieller war, 
machte sich auch äusserlich bei deren Behandlung geltend, 
indem selbst der aus der Theologie entlehnte Titel „Summa" 
auf das Kirchenrecht angewendet wurde. Da das Kirchen- 
recht fiir alle Länder gelten sollte, wirkte es auch auf 
das weltliche Recht, wofür denn die Päpste Sorge trugen. 
Das römische Recht, das die Lehrer zu Bologna wiederher- 
stellten und in Italien nie ganz ausser Gebrauch gekommen 
war, wurde von den Päpsten misgünstig angesehen, da es die 
Kirche nicht als oberste Rechtsquelle aufstellt. Indem die 
Kirche dadurch beeinträchtigt erschien, verbot Honorius III. 
der pariser Universität Vorlesungen über römisches Recht; 
Innocenz III. verordnete: dass Streitsachen nicht nach dem 
römischen, sondern nach dem Gewohnheits- und Kirchen- 
rechte entschieden werden sollen. ^ Indess verschmähte es 
die Kirche nicht, die Folter aus dem römischen Rechte zur 
Handhabung ihrer Inquisition sich anzueignen, die im kano- 
nischen Rechte bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts noch nicht 
eingebürgert war. ^ 



1 Math. Paris adJ. 124. 

2 Biener, Beitrag zur Geschichte des Inquisition8i)roccsses, S. 193. 

Koskoff, Geschichte des Teufels. II. 7 



98 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Die Kirclic suchte aiicli auf die Gerichtsbarkeit Ein- 
fluss zu gewinnen. Theils aus der exceptionelleu Stelhing 
des Klerus, theils aus dem geistlichen Grundbesitze gestaltete 
sich eine eigene geistliche Gerichtsbarkeit, die ihren AVirkungs- 
kreis immer mehr zu erweitern strebte, sodass im 12. Jahr- 
hundert die Befreiung der Geistlichen von den weltlichen 
Gerichten nur in Bezug auf Lehnsverbindung und auf welt- 
liche Verbrechen mehr bestritten wurde. Die Geistlichen 
suchten mit der Zeit auch alle bürgerlichen Streitigkeiten der 
Laien vor ihre Gerichte zu ziehen nach dem Grundsatze: die 
Kirche habe die Aufgabe, jede Siinde und jede Ungerechtig- 
keit zu verhindern, daher jeder, der über Unrecht zu klagen 
hat, an ein geistliches Gericht sich w^enden könne. Innocenz III. 
hält diesen Grundsatz aufrecht unter Berufung auf Karl den 
Grossen, der die Kirche habe ehren wollen, und deshalb eine 
von Theodosius hergeleitete Vorschrift die Kirchenfreiheit be- 
treffend, allgemein zu beobachten sei. Es solle jeder Kechts- 
streit, auch der bis zum Urtheil fortgeführte, von jeder Partei 
an das geistliche Gericht gebracht werden können, und die 
Bischöfe haben das Recht, in allen Sachen das entscheidende 
Urtheil zu schöpfen, von dem keine weitere Berufung mehr 
stattfinden solle. ^ Solchen Ansprüchen setzten die weltlichen 
Gerichte allerdings Widerstand entgegen, indem sie die von 
geistlichen Gerichten gefällten Urthcile revidirten und den 
kirchlichen Strafen bürgerliche hinzufügten. Ludwig IX. ver- 
ordnete: kein Laie soll in bürgerlichen Angelegenheiten von 
geistlichen Gerichten Hecht nehmen ^, und schon früher hatte 
Philipp August die geistliche Gerichtsbarkeit zu beschränken 
gesucht. ^ Dass die geistliche Gerichtsbarkeit ihren Wirkungs- 
kreis zu erweitern eifrig bestrebt war imd die Geistlichen 
dabei auch ihren äussern Vortheil im Auge hatten, bezeugt 
die Bestimnuuig Gregor's IX., der, obschon selbst eifrig in 
der Ausdehnung kirchlicher Rechte, doch sich gcnöthigt sah 
zu dem Verbote: dass Geistliche des Gewinnes wegen Processe 
von Laien übernehmen, um sie vor das geistliche Gericht zu 



' Innoc. Ep. in Duchesne Scrij-it., V, 715, Nr. 10. 

2 Raynald zu 1236, §. 31. 

3 Ordonn., I, 30. 



7. Das kirclilich-theologistische Gepräge. 99 

bringen, von dem sie eine günstige Entscheidung hoflfen 
konnten. ^ 



Straf recht. 

Im Stiva fr echte der damaligen Zeit war Rad, Strang, 
Verstümmeking an der Tagesordnung. Für eine mildere An- 
schauung der Kirche können immerhin Beispiele angeführt 
werden, wonach „selbst zum Tode verurtheilten Verbrechern 
diu'ch kirchliche Personen das Leben erbeten wurde, um bei 
dessen fernerm Lauf in Busse nach göttlicher Gnade zu rin- 
gen". ^ Es soll das Verdienst der Kirche, durch manche wolil- 
thätige Massregel der Wuth des Zweikampfs als besonderer 
Art der Ordalien entgegenzuwirken nicht geschmälert werden, 
es ist anzuerkennen, dass Cölestin III. den Zweikampf in 
jedem Falle unter den Gläubigen auszumerzen wünschte^; 
es ist aber ebenso wenig zu leugnen, dass die Kirche, 
wo sie sich selbst verletzt glaubte, an Strenge und Unbarm- 
herzigkeit der weltlichen Justiz nichts nachgab. Dies be- 
weisen die von der Kirche über Verbrecher ausgesprochenen 
Verfluchungen. In einer solchen Verfluchung vom Bischof 
von Lüttich heisst es: „Der Uebelthäter sei abgesondert von 
der Christenheit, verflucht im Hause, auf dem Acker, an 
jedem Orte, wo er steht, sitzt oder liegt; verflucht beim 
Essen und Trinken, beim Schlafen und Wachen, verflucht 
sei jede seiner Bemühungen, seine Arbeit, die Frucht seines 
Landes, sein Aus- und Eingang; verflucht sei er vom Scheitel 
bis zur Fusssohle. Die Weiber solcher Frevler mögen kinder- 
los bleiben und Witwen werden; Gott schlage sie mit Ar- 
muth und Hunger, Fieber, Frost, Hitze, verdorbener Luft 
und Zahnschmerzen; Gott möge sie verfolgen, bis sie von der 
Erde vertilgt sind, die Erde möge sie verschlingen wie Da- 
than und Abiram; sie sollen lebendig zur Hölle fahren und 
mit Judas dem Verräther, Herodes, Pilatus und mit andern 
Frevleni in der Hölle zusammen sein. So geschehe es, es 



1 Concil. XIII, 1180. 1264; Nr. 19. 

2 Harter, Innocenz III., IV, 390. 

3 Mansi XXII, 630. 



100 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

geschelic also!" ^ Wachsmutli '^ fi'ihrt ein Urtheil an, das 
Inuocenz III. gefällt iiber einen Kerl, der einem Bischöfe die 
Zunge auszuschneiden gezwungen worden: ,,Er soll 14 Tage 
hincr barfuss, nur mit Hosen und ärmelloser Jacke bekleidet 
öftentlich umherwandeln, die Zunge an einen dünnen Strick 
gebunden, ein wenig herausgezogen, sodass sie über die Lippen 
herausstehe, die Enden des Stricks um seinen Hals befestigt, 
eine Ruthe in der Hand, so soll er sich vor jeder Kirche 
niederwerfen und mit der Ruthe hauen lassen, fasten bis zum 
Abend und dann nur Brot und Wasser geniessen, dann nach 
dem heiliiren Lande ziehen" u. dofl. Dass die Kirche bei 
Verfolirunir der Ketzer die christliche Milde ausser Acht ge- 
lassen, ist zu bekannt, um erhärtende Beispiele anzuführen; 
sie unterstiitzte nicht nur den welthchen Arm bei Errichtung 
der Scheiterhaufen, ihr Eifer fachte vielmehr die Ketzerbrände 
selbst an. ,,Sie gewöhnte den Sinn an das entsetzliche Schau- 
spiel des Feuertodes und an grauscnvolle Hinrichtungen in 
Masse." ^ 



Arziieikiiust. 

Werfen wir einen Blick auf die Arzneikunst, so sehen 
wir schon nach Galen (2. Jahrhundert), „dem Sterne" wie 
ihn Sprengel nennt '*, dichte Finsterniss durch Einmengung 
der persischen Astrologie über die Medicin sich lagern. Durch 
die Eroberuniren der Römer im Oriente waren diese mit der 
orientalischen Ueppigkeit vertraut und dadurch entnervt, auch 
für die Arbeit der Forschung gelähmt worden. Seit dem 
3. Jahrhundert waren die tlieurgischen Künste alleinherr- 
schend, und viele Kaiser, welche Gelehrsamkeit begünstigten, 
rechneten jene zu dieser, die sie demnach förderten. Von 
Alexander Severus wird erzählt, er habe in seinem Larario 
neben der Bildsäule des Apollonius von Tyana auch Abraham, 
Christus und Orpheus verehrt^; der gelehrte Marc An- 



1 Bei Raumer VI, 08, aus Marlene tbes. 
^ Sittcngcsdnclite, III, 1, S. 2G3, Note 13. 
^ Wacbsmutli, a. a. 0., S. 265. 

* Versuch einer pragmatischen Geschichte der Arzneikunde, II, 123. 

* Lamprid., I, c. 29. 



7. Das Idrchlich-theologistisclie Gepräge. 101 

tonin holte sich in wichtigen Angelegenheiten Rath l^ei den 
Chaldäern.\ Durch alexandrinische Sophisten hatte die Magie 
eine disciplinartigc Form erhalten, und die neuplatonische 
Schule des Amraonlus Saccas nahm zu den alten philosophi- 
schen Anschauungen auch die Gcheimnisslehre des Morgen- 
landes und christliche Vorstellungen auf. Alle AVirkungen 
in der Natur, insbesondere also auch alle Krankheiten wurden 
auf Dämonen zurückgeleitet % die miteinander im Weltganzen 
durch Sympathie zusammenhängen, über die aber der wahre 
Weise, durch ascetische Enthaltsamkeit vorbereitet, die Herr- 
schaft erlangen könne. Die Pythagoräer sollen es dadurch 
so weit gebracht haben, dass sie Geister bannen konnten. ^ 
So wird dem Plotinus ein eigener Dämon zv;erkannt, durch 
dessen Vermittelunü' er nicht nur zukünftijxe Dini2;e vorher- 
sagen, sondern auch Krankheiten zu heilen vermochte*, da 
er durch Zurückziehung von aller Sinnenwelt zum unmittel- 
baren Anschauen der Gottheit und dadurch zur Herrschaft 
über die Geisterwelt gelangt war. ^ Die Magie, welche alle 
Köpfe beherrschte, erhielt durch spätere Neuplatoniker die 
Eintheilung in die gemeine oder Goetie, die vermittels 
böser Dämonen operirte, die höhere, als die geheime Kunst 
durch höhere Geister zu wirken, inid die Pharmacie, welche 
durch Arzneimittel die Dämonen bändigte. Porphyr nennt 
die Magie, welcher Gott selbst die Macht verleiht, die Theo- 
sophie; die vermittels guter Geister geschieht, Theurgie; 
wo man böse Geister gebraucht, die Goetie.^ Schon Galen 
berichtet, dass zu seiner Zeit bei manchen Aerzten die Namen 
der Arzneimittel stets babylonisch oder ägyptisch hätten sein 
müssen, welchem Wahne er sich entgegengesetzt^; nach Plo- 
tinus lassen sich aber die Dämonen durch Beschwörun<2:en, 
allerlei Symbole und durch gewisse Worte ausländischer Spra- 
chen vertreiben, und Porphyrius sowie spätere Theosophen 



' Jul. Capitolin. vit. M. Anton., c. 10, Ilist. aug. Script. 

^ Porphyr, de abstinent, ab esu animal. lib. II. 

^ Lucian Philopseud., S. 347. 

* Porphyr, vit. Plotin., c. 10. 

5 Ibid. c. 23. 

^ De abstin. lib. II, 210; Euseb. praeparat. evang. lib. IV, c. 10. 

^ Galen de facult. simplic. medic. lib. VI, 68; bei Sprengel II, 110. 



102 Zweiter Absclinitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

schrieben chaldälschcn und hebräischen Wörtern eine beson- 
dere bändigende Kraft über die Dämonen zu. ^ Die ganze 
AVeit war mit Dämonen erfüllt, und jede Erscheinung als 
deren Wirkung gedacht. Sprengel kann daher behaupten: 
„Im 4. Jahrhundert sah man es als eine lächerliche Paradoxic 
an, wenn ein Arzt behauptete, die Krankheiten entstehen nicht 
von Dämonen." ^ Der Rest der Bildung, dem die wieder- 
holten Einfälle barbarischer Stämme verderblich waren, wurde 
durch den herrschenden Wunderglauben vertreten, wonach die 
Heilkraft der medicinischen Mittel von den Heilicren und 
deren Reliquien abhängig gedacht, ja sogar ohne diese für 
sündhaft gehalten ward. Gregor von Tours, der gegen Kopf- 
schmerz Aderlass anwendet und befürchtet dass die Heiluns: da- 
durch allein bewirkt werden könnte, berührt vorher die lei- 
dende Stelle mit dem Vorhano:e von dem Grabe des heiliiren 
Martinus und bittet diesen um Verzeihung wegen des auge- 
wandten Mittels. ^ Der Archidiakonus Leonastes vertrieb 
sich durch Fasten und Beten bei St.-Martin die Blindheit, 
bediente sich aber überdies der Hülfe eines jiidischen Arztes, 
der ihm Schröpf köpfe setzte. Aus dem Umstände, dass die 
Blindheit wiederkehrte, zieht Gregor von Tours den be- 
lehrenden Schluss: wer himmlischer Arznei würdig er- 
achtet worden , dürfe sich keiner irdischen Hülfe bedie- 
nen. * Den Mönchen , die seit dem 6. Jahrhundert die 
Heilkunst fast ausschliesslich ausiibten, ersetzte der all- 
gemein gangbare Wunderglaube, was ihnen an medicini- 
schen Kenntnissen abging, da die von Ilippokrates oder Galen 
aufgestellten Grundsätze weit über ihren Horizont o-imren. ^ 
In den Klöstern Avurden als gewöhnliche Heilmittel Weih- 
wasser, Reliquien der Heiligen, Chrisam, Rosenkränze u. dgl. 
angewendet, und Abendmahl, Taufwasser und das Paternoster 
galten als untrügliche Mittel zur Genesung. Der Bischof 
Agobard im 11. Jahrhundert wird als fast einzige Ausnahme 



^ Jamblich., De myst. Acg., sect. III, c. It; sect. VII, c. 4. 5. 
- Sprengel, Geschichte der Arzneikunde, II, 170. 
3 Greg. Tur., Miracul. S. Martin., II, 60. 
« Grog. Tur., Ilisl. Francor., V, G. 

^ Möh.sen, Geschichte der W^issenschaft in der Mark Brandcnbui'g, 
S. 257. 



7. Das kirclilich-theologistisclie Gepräge. 103 

angeführt, dessen anfgeklärter Verstand selbst die dämoni- 
schen Krankheiten verwarf. Die Mönche aber, bemerkt Spren- 
gel ^, bedienten sich dieser Mittel znr Hebung der Krankheiten, 
und derselben Austliichte, wenn ihre Cur fehlgeschlagen war, 
wie die Priester des Aesculap. Waren die Kranken gläubige 
Seelen, so war ihr Uebel eine Wohlthat Gottes, die zur Prii- 
fung diente; waren es verstockte Sünder, so war die Krank- 
heit eine Strafe ihrer Vergehungen und eine Mahnung zur 
Busse. Das Kloster Monte-Casino, in der Nähe der Stadt 
Saleruo, war zwar durch die luigewöhnliche Gelehrsamkeit 
seiner Mönche, die in Salcrno die Arzneikunde ausübten, 
schon seit dem 8. Jahrhundert ausgezeichnet, und die saler- 
nitanischen Aerzte kannten den Galen und den Hippokrates; 
uuofeachtet dessen wurde doch noch im 12. Jahrhundert 
Beruard Abt von Clairvaux nach Saleruo eingeladen , um 
Wundercuren an unheilbaren Kranken zu verrichten. ^ Dies 
kann nicht befremden bei dem herrschenden Wunderglauben, 
der auf dem Trümmerhaufen der verwüsteten Cultur ü^jpig 
gewnichert hatte. Dem kleinen Ueberbleibsel classischer Bil- 
dung, welches die Zerstörung durch die fremden Völker über- 
dauert hatte, wurde durch das Verbot Gregor's des Grossen 
im G. Jahrhundert die Nahrung noch mehr entzogen, und in 
der überhandnehmenden Finsterniss mochte ein Beda und solche 
Mönche, die mehr als lesen und schreiben konnten, in den 
Verdacht der Zauberei gerathen^, mochten die beiden Irländer 
Virgilius imd Sidonius vom Papst Zacharias verketzert werden, 
weil sie an Antipoden glaubten*, und die grosse Bewegung, 
in welche ein Nordlicht im 9. Jahrhundert die Gemüther 
versetzte, wird uns begreiflich.^ Augustin's Lehren, welche 
die Meinungen der Menschen bis gegen das 13. Jahrhundert 
beherrscht hatten, wurden durch Aristoteles verdrängt, der 
besonders durch die Araber hervorgezogen worden war. Im 
Anfang des 13. Jahrhunderts las man in Paris über Aristo- 
teles, den aber die Kirche bald gefährlich fand und das 



1 II, 386. 

2 Fleury, Ilist. eccles., vol. XIV, p. 480; bei Sprengel II, 384. 
' Gramer, Fortsetzung des Bossuet, V, 95. 

* Gramer, V, 443. 

' Sprengel, Geschichte Grossbritanniens, S. 235. 



104 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Concil öffentlich verbrennen liess. ^ Sechs Jahre daraul' er- 
hiubte zwar die Kirche das Lesen der dialektischen Schriften, 
aber die physikalischen und metaphysischen wurden verdammt % 
und Gregor schränkte (im Jahre 1227) nach 16 Jahren auch 
dies Verbot durch die „seltsame Clausel" ein, dass die Lehrer 
allemal die der christkatholischen Religion anstössigen Grund- 
sätze im Vortrage widerlegen raüssten. ^ Bei alledem da- 
tiren die ersten Regungen zur Wiederherstellung der Wissen- 
schaften aus dem 13. Jahrhundert. In Deutschland war Kaiser 
Friedrich II. von förderndem Einfluss darauf und sein Kanz- 
ler Peter de Vineis stand ihm dabei getreulich an der Hand. 
In Paris hatten sich an der Universität so viele Hörer ein- 
gefunden, dass Philipp August die Stadt erweitern lassen 
musste**; in Italien ist unter den Päpsten namentlich Ilono- 
rius III. anzufiihren, der die Wissenschaften begünstigte; in 
England erhielten die Erfahrungswissenschaften ein w^ohlthäti- 
ges Licht und Roger Baco, der würdige Vorgänger des be- 
riihmten Kanzlers, empfahl ausser dem Studium der Mathe- 
matik auch das der Alten , war aber freilich „ein Prediger in 
der Wiiste", w^ie Sprengel sagt. ^ Indessen trugen die mehr- 
fachen Reisen im 13. Jahrhundert eines Job. de Piano Carpini, 
Marco Polo, Wilh. Rubruquis, Ascelin das Ihrige bei, die 
geistige Thätigkeit anzuregen und das Denken wachzurufen, 
wie die Entdeckung der Polodixie der Magnetnadel, die Kunst 
des Schleifens der Gläser zu Mikroskopen beweisen, sodass 
im 14. Jahrhundert der Kampf gegenüber dem Druck, den 
die Kirche auf die Geister der Menschen bisher ausireiibt, 
innerlich merklich gärte, inu später zum Ausbruch zu kom- 
men. Die päpstliche Hierarchie stiess auf manchen Seiten 
auf AViderspruch, wo sie sonst nur Gefügigkeit gefunden 
hatte, der von Rom aus gemachte Vorschlag zu einem Kreuz- 
zug wollte nicht verfangen ^, die päpstlichen Briefe und Bullen, 



^ Launoy de varia Aristotel. fortuna, c. 1, p. 17i; bei Sprengel, 
II, 428. 

^ Launoy, c. 4, l'Jl. 
3 Ibid., c. ü, p. 192. 

* l'ez, Anecdot. thes. uoviss., I, pars 1, p. 427. 

* II, 440. 

« Fleury, Ilist. eccl., vol. XIX, p. 4G8. 



7. Das kirchlich-theologistiscbe Gepräge. 105 

wie z. B. die „Axisculta fili", die Philipp der Schöne von 
Bonifiiz VIII. erhielt, wirkten sollicitirend anf den Geist, nnd 
der Same, den die einfältigen „bons hommes" oder Waldenscr 
ansstrenten, wnrde dnrch einzelne gelehrte Männer gepflegt, 
bis dass er in der Reformation zur Frncht gedieh. Der Eng- 
länder Dnns wagte es von der orthodoxen Anschauung abzu- 
weichen, indem er dem freien Willen bei den Handlungen des 
Menschen mehr Raum gewährte als Augustinus und Thomas 
von Aqnino; Durandus de Porciano verwarf gegen Thomas 
von Aquino die unmittelbare Einwirkung in die menschlichen 
Handlungen, und Ockam unterfing sich, die Untrüglichkeit des 
Papstes anzutasten. Franz Petrarca erwarb sich nicht nur 
den Kranz des Dichters, sondern auch die Dankbai'keit der 
Nachwelt durch seine Bearbeitung gelehrter Sprachen und 
das Studium der Kritik. Allein die Geschichte arbeitet 
zwar solid, aber langsam. Im ganzen blieb die Wissenschaft 
und somit auch die Arzneikunde auf der Stufe der voriffen 
Jahrhunderte, Wundercuren durch Heilige gab es noch wie 
ehedem, und Männer, die durch physikalische Kenntnisse 
hervorragten, wurden noch immer für Schwarzkiinstler und 
Hexenmeister im Bunde mit dem Teufel gehalten und selbst 
mit Todesstrafe belegt, wie die Beispiele des Peter von Abano, 
des Joh. Sanguinacius u. a. zeigen. ^ Zwei epidemische Er- 
scheinungen dieses Jahrhunderts zeigen nicht nur die hohe 
Spannung der Gemiither, sie sind auch von culturgeschicht- 
licher Bedeutung, nämlich die Tänzerwuth oder der Sanct- 
Veitstanz, durch ganz Deutschland herrschend, wo die da- 
von Befallenen für eine besondere Sekte betrachtet wurden, 
deren Anhänger vom Teufel besessen galten, den man durch 
Bibelspriiche auszutreiben meinte.^ Ausser den Tänzern sind 
es die Flagellanten, die wir schon kennen gelernt haben. 



Astrologie. 

Im 15. Jahrhundert, wo durch die Invasion der Tiirken 
die griechischen Gelehrten nach den Occident versprengt 



1 Bzovius aun. 1316, n. 15, p. 282; bei Sprengel, Geschichte, II, 482, 
- Ibid., aim. 1374, u. 13, p. 1301; Raynaia 1374, n. 13, p. 527. 



106 Zweiter Abschnitt: Aasbildung der Vorstellung vom Teufel. 

wurden, gewann das Studium der Quellen der griechi- 
schen Gelehrsamkeit. Neben Aristoteles, der bisher durch 
arabische Vermittelung Ijekannt war, der nun aber aus der 
Quelle unmittelbar geschöpft wurde, ward auch die Pla- 
tonische Philosophie wieder hergestellt, die besonders am 
Hofe des Kosmos dei Medici gepflegt und gefördert wurde, 
von wo ihre eifrigsten Vertheidiger ausgingen. Ueber dieser 
Moro:enröthe der Aufkläruno; lao-erte aber der dicke theo- 
sophische Nebel der Astrologie, welche den Lauf und 
den Stand der Himmelsköi^per mit dem menschlichen Leben 
in engste Beziehung setzte und dasselbe mit Hülfe astrologi- 
scher Kenntnisse zu verlängern suchte, worüber das Buch 
des Marsilius Ficinus ^ Vorschriften gibt. Es ist be- 
kannt, wie sehr die Astrologie durch die meisten Fürsten 
in dieser Periode gefördert wurde und der Hofastrologe 
eine ständiore Fio;ur war. Wie man bis zum 16. Jahr- 
hundert die Erde als den Mittelpunkt der Schöpfung betrach- 
tete, so las man alles, was auf der Erde geschah und ge- 
schehen musste, in den Sternen geschrieben, vmd Geburt, 
Thaten, Erlebnisse des einzelnen waren von dem Regiment 
irgendeines Planeten abhängig gedacht, woneben die in ihrer 
Erscheinung regellosen Kometen als Drohschrift der Bedräng- 
niss für ganze Völker gedeutet wurden. 

Aus der Mitte der magischen Kreise blickte der Mensch 
nach dem Sternenhimmel, um mittels der Astrologie die Be- 
dingung der irdischen Glückseligkeit, wie er ein langes Leben 
erreichen könne, zu entdecken. Aus demselben Beweggrunde 
suchte er mittels der Alchemie die Kräfte der Natur in den 
Metallen zu erforschen. Es war der Drang nach irdischem 
Glück, der ihn nach einem in der Erde verborgenen Dinge 
suchen liess, um durch es in Besitz von Gold, Gesundheit, 
langem Leben zu gelangen, welche drei er im „Steine der 
Weisen" vereinigt zu finden hoffte. Man suchte nach der 
„jungfräulichen Erde" als dem Mittel zur Darstellung der 
geueimnissvollcn Substanz, wodurch der Weise oder Wissende 
jedes unedle Metall in Gold verwandeln, die nach der spätem 
Ansicht, in ihrer höchsten Vollkommenheit als Arzneimittel 



Marsil. Ficiui de vita, III, 12. 



7. Das kirchlich-theologistische Gepräge. 107 

gebraucht, alle Krankheiten heilen, den Leib verjiingen, das 
Leben verlängern sollte. Den arabischen Hochschulen wird 
das Streben nach der Auffindung des Steines der Weisen 
und dessen Ueberlieferung an das nordwestliche Europa vor- 
nehmlich zugeschrieben. ^ Man glaubte in allen Metallen 
ein Priucip enthalten, das ihnen die Metalleität ertheilt, welche 
ausgezogen und als Quintessenz dargestellt, den Stein der 
Weisen abgebe. Zur Darstellung desselben gehöre vor allem 
„die erste Materie", die sogenannte „jungfräuliche" oder 
„Adamserde". Vom 10. Jahrhundert an finden wir das kirch- 
lich-theologistische Element auch in den Laboratorien der 
Alchemisten und ist daran zu erkennen, dass das Geliucren 
der Operation von der Wirksamkeit des Gebetes abhängig ge- 
dacht wird, das ufspriinglich nur die Dauer derselben be- 
zeichnen sollte, nach der Gewohnheit, Zeitlängen mittels Ge- 
beten zu bestimmen. Schon im 13. Jahrhundert hatte sich die 
Ansicht bei den Alchemisten festgesetzt, dass die Einweihung 
in das Geheimniss ihrer Kunst auf göttlicher Berufung: be- 
ruhe, und der glückliche Erfolg als Beweis der göttlichen 
Gnade zu betrachten sei. Die Alchemisten tru2;en daher ece- 
wohnlich eine gewisse kirchliche Frömmigkeit zur Schau, 
wozu das Anrufen böser Geister, zu denen man in Ver- 
zweiflung über die mislungene alchemistische Operation seine 
Zuflucht nahm, Kopp wenig passend findet 2, wir aber 
bei der herrschenden dualistischen Ansicht, wonach die Welt 
in zwei Lager, in das der göttlichen Macht und das des 
Teufels sammt seinen Gehiilfen, getheilt war, wol erklärlich 
finden. „Als Kelley", erzählt Kopp ä, „zu Prag in Kaiser 
Rudolf's Händen war und nun einmal den Stein der Weisen 
nolens volens schaff'en sollte, beschwor er mit Dr. Dee's Hülfe 
die infernalischen Mächte, die ihm aber nicht halfen. Einige 
Alchemisten hatten Dämonen in ihrer Gewalt und führten 
sie in mancherlei Gestalt mit sich herum. So zeiijte Thur- 
neysser zu Berlin seinen gefangenen Teufel als eine kleine 
Gestalt in einem Gläschen. Bragandius hatte über zwei Dä- 
monen Gewalt, die ihn in Gestalt von zwei schwarzen Bullcn- 



' Liebig, Chemische Briefe, S. 40. 

2 Geschichte der Chemie, 11, 216. 

3 A. a. 0. 



108 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

beissern begleiteten. Bei der llinriclitung des erstem in 
München 1590 wurden letztere nacli Urtbeil und Recht unter 
dem Galgen erschossen." 

Die Ineinandersetzung des Kirchlich-theologistischen mit 
der Naturkunde wurde immer inniger, sodass noch im 17. Jahr- 
hundert religiöse Begriffe und Vorstellungen mit alchemisti- 
schen Ausdrücken bezeichnet werden, wie die Terminologie 
J. Böhme's beweist. Gegen das 13. Jahrhundert wird die 
Alchemie vornehmlich in Klöstern getrieben, die Pfleger und 
Anhänger derselben sind meist Geistliche, wie Albrecht von 
Bollstädt, gewöhnlich Albertus Magnus genannt, in seiner 
Geschichte der Metalle und Mineralien; Thomas von Aquino, 
dessen Schüler, in seiner Schrift von den Meteoren; Michael 
Scotus, Roger Baco, der Franciscaner Richard von England, 
der Minorit Raymund Lullus, der berühmteste Alchemist des 
14. Jahrhunderts, u. a. m. ^ Obschon im Anfinge des 14. Jahr- 
hunderts eine päpsthche Bulle von Johann XXII. „Spondent 
quas non exhibent" im Jahre 1317 die Alchemie verbot, Kö- 
nig Heinrich IV. von England 1404, und der Rath von Ve- 
nedig 1488 Gesetze dagegen erliessen *, wurde die geheimniss- 
volle verbotene Kunst im Verboro;enen fortiretrieben. Im 
16. Jahrhundert finden wir an allen Höfen Alchemisten, denn 
auch die Fürsten trugen Verlangen nach dem Steine der 
Weisen und arbeiteten wol selbst in ihren Laboratorien, wie 
Kaiser Rudolf IL, Kurfürst August von Sachsen sammt sei- 
ner Gemahlin Anna von Dänemark, die Kurfiirsten August 
und Christian, Herzog Friedrich von Würtemberg u. a. Auch 
hervorragende Geister wie: Baco von Verulam, Luther, Spi- 
noza , Leibniz und noch die spätere Zeit glaubte an den Stein 
der Weisen, wobei man nur an die Rosenkreuzer oder Semler's 
Luftsalz zu erinnern braucht. Wer aber in unsern Tafjen die 
Alchemie als eine pure Verirrung der Köpfe abschätzig be- 
urtheilt, der vergisst, dass die Geschichte des menschlichen 
Geistes ähnlich dem Kiinstler verfährt, der sein Bild von der 
dunkeln Grundfarbe ins Lichte herausmalt. Durch Irrthum 
zur AVahrheit ist der Gang der Entwickelung, wie die alt- 
testamentliche Schöpfungsgeschichte aus dem wüsten Chaos 



^ Vgl. Scbmieder, Geschichte der Alchemie, S. 132 fg. 
■' Kopp II, 192. 



7. Das kirchlich-theologistische Gepräge. 109 

die o-eordnete AVeit und ihre Geschöpfe hervorgehen lässt. 
Wie Saul ausgegangen war, die Eselin zu suchen, und eme 
Köuin-skrone fand, so verdanken wir dem Streben, den Stein 
der Weisen darzustellen, eine Menge gemeinnützhcher Ent- 
deckungen. Die Alchemie kann mit Stolz auf ihre Tochter, 
die Chemie, blicken, und aus der mystischen Astrologie hat 
sich die exacte Wissenschaft der Astronomie entwickelt. 

Mit unserer Erörterung sollte angedeutet werden : wie die 
Allgewalt der Kirche des Mittelalters in allen Richtungen 
der damaligen Wissenszweige bemerklich war, und überall 
ihr GejDräge aufdriickte. Dasselbe gilt jn Beziehung auf das 
Leben des einzelnen Menschen. Die Kirche nahm ihn so- 
fort nach seiner Geburt durch die Taufe unter ihre Obhut, 
aber zugleich unter ihre Bevormundung, unter der er auch zu 
Grabe gebracht wurde. In der ganzen Zwischenzeit war er 
nicht nur äusserlich an sie gebunden durch Zehnqjflichtigkeit 
und andere Abgaben, er befand sich auch innerlich durch 
anderwärts erwähnte Bande, an denen sie sein Gewissen in 
Händen hielt, in ihrer Gewalt. Die Kirche bestimmte ihm 
die Tage zur Arbeit und die Tage zur Rast, sie thcilte ihm 
die Stunden des Tags in Primizzeit, Terzzeit, Vesperzeit ein, 
sie ordnete ihm selbst die Speisen an. „Die Länder wurden 
nach Bisthümern gemessen; die Waffenrüstung, womit der 
Knappe sich künftig als Ritter schmückte, bedurfte des Segens 
der Kirche ; derselbe wurde über die Flur ertheilt und herab- 
gefleht , er sollte Unfall und Gefahr von dem neugewählten 
Hause abwenden." ^ Die Kirche sollte ihm milde Lehrerin 
und Erzieherin sein, er sollte Trost bei ihr suchen und fin- 
den; er hatte aber Grund, sie zu fürchten, denn sie war zur 
strengen Zuchtmeisterin und allgewaltigen Beherrscherin ge- 
worden. Li allen Lagen und Wendungen des Lebens stand 
die Kirche vor den Augen des Menschen, sie überragte, gleich 
ihren Domen, das ganze menschliche Getriebe, sie warf auch 
ihre finstern Schatten darüber. „Es ist wahr", sagt Hurter^, 
„auf alle Lebensthätigkeit des Menschen übte die Geistlich- 
keit mächtigen Einfluss", und eben darum, fügen wir hinzu, 
weil ihr Einfluss auf alle Thätigkeit ein bevormundender, bc- 



1 Hurter, IV, 383. 

2 IV, 416. 



110 Zweiter Absclanitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teiifcl. 

herrschender war, well sie ihre eigene Bestimmung über- 
schreitend den ganzen Menschen an sich fesselte, band sie 
ihm die Organe zur freien Thätigkeit, lähmte die Bewegung, 
hemmte die Entwickelung. Die Behauptung: in der ganzen 
Periode vom G. bis 10- Jahrhundert habe es in Europa nicht mehr 
als drei bis vier Männer gegeben, die selbständig zu denken 
wagten, und auch die mussten ihre Gedanken mit einer dun- 
kein, mystischen Sprache verhüllen, die übrige Gesellschaft 
sei während dieser Jahrhunderte in der entehrendsten Un- 
wissenheit geblieben ^, brauchen wir ihrem ersten Theile nach 
wol nicht buchstäblich zu nehmen; aber die Wahrheit ist: 
dass selbst die hervorragenden Geister durch die Allgewalt 
der Kirche in ihrer Entfaltung gehindert waren, die Menge 
allen Innern Halts entbehrte und an einer verzweifelnden In- 
nern Hohlheit krankte, wie die Kirche selbst, über ihrer An- 
strengmig nach äusserer Machtstellung in pure Aeusserlich- 
keit verrenkt, ihre innere Bedeutung und damit auch ihre 
sittio'ende Wirkunj^; verloren hatte. Und dies war weit über 
das 10. Jahrhundert hinaus der Fall. 



8. Manclierlei Ersdieimingen und Ereignisse als Factoren 
in der G-escliiclite des Teufels. 

Wie in der Natur aus der Verwesung neue Lebensgebilde 
hervorgehen, so liefert auch die Geschichte aus den Perioden 
der Auflösung und des drohenden Untergangs positive Pro- 
ducte, die freilich zunächst nur gleich einzelnen Lichtfunken 
in finsterer Nacht aufflackern ohne weitströmende Erleuchtung 
oder langhin merkliche Erwärmung. Obschon aber wohl- 
thätige Erscheinuno;en inmitten verderbter Zustände auch keine 
plötzliche oder gänzliche Verbesserung der Weltlage hervor- 
bringen, so gewährt die Beobachtung des Verlaufs der Ge- 
schichte doch die ermuthigcnde Ueberzeugung: dass keine 



Buckle, Geschichte der Civilisation in England, I, 232. 



8. Mancherlei Erscheinungeu und Ereignisse. Hl 

Aeusserung der Vernunft unfniclitbar bleibt oder wirkungslos 
aus der Geschichte hinausfällt. Lichtfunken des Geistes der 
Wahi'heit, die in dunkeln Zeiträumen sich entzündet, um 
scheinbar wieder zu verlöschen, glimmen unbemerkt unter 
der Asche fort, bis die Periode eintritt, wo der günstige Luft- 
zug sie zur Flamme auflodern macht, um ganze Zeiten zu 
erleuchten und die lebenden Geschlechter zu erwärmen. Auch 
die schrecklichen Zeitabschnitte des Mittelalters haben wohl- 
thätige Institutionen hervorgerufen ; wir erinnern unter andern 
nur an das Gesetz vom „Gottesfrieden" (Treuga Dei) im 
11. Jahrhundert, wonach von Mittwochs Sonnenuntergang 
bis Montags Sonnenuntergang das Schwert zu ziehen bei 
Strafe des Bannes verboten war. Dass diese Bestimmung 
nicht nachhaltig durchgeschlagen, schreibt ein frommer clugny- 
scher Mönch ^ auf Rechnung der menschlichen Schwäche, in- 
dem nach kaum überstandenen göttlichen Strafgerichten jeder 
Frevel wieder begangen wurde, wobei weltliche und geistliche 
Fürsten nicht die letzten gewesen seien. Das ungestüme 
Streben der päpstlichen Macht, nach der weltlichen Seite hin 
sich zu erweitern, brachte auf dieser heilsame Keactionen 
hervor: die Magna charta, dieser Grundj) feiler des englischen 
Staatslebens, erbaute sich, während Johann von England dem 
Papste Innocenz III. dienstbar war (1215); die Bullen, welche 
Bonifacius YIII. von seinem Stuhle über Philipp IV. von 
Frankreich herabdonnerte, erweckten in Frankreich das staat- 
liche Bewusstsein, und der Staat fing an als berechtigte 
Macht sich zu erheben; in Deutschland bereitete sich durch 
den Sturz der Hohenstaufen eine veränderte Weltanschauung 
vor, die am Ende des Mittelalters einen frischen Aufschwung 
nahm. Die föderative Verfassung, mit dem kurfürstlichen 
Directorium seit dem 13. Jahrhundert herangebildet, zog durch 
die Kurvereine und das Keichsgesetz der Goldenen Bulle 
die Scheidelinie, wodurch der päpstliche Einfluss auf die 
staatlichen Angelegenheiten abgeschnitten ward. Wir brauchen 
wol kaum die Beispiele zu mehren, etwa auf die Werke der 
mittelalterlichen Kunst hinzuweisen, um anzudeuten, dass 
auch das Mittelalter Früchte getragen, an denen wir bis auf 
den heutigen Tag noch zehren. Blicken wir aber im allge- 



Glaber Rudolph!, Ilistor., IV, c. 5. 



112 Zweitor Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

meinen auf den Zustand der Gemütlier, so ging durch die 
mittelalterliche Welt „das Gefühl der Nichtigkeit ihres Zu- 
standes. In dem Zustande der Vereinzelung, wo durchaus 
nur die Gewalt des Machthabers galt, haben die Menschen 
zu keiner Ruhe kommen können, und gleichsam ein böses Ge- 
wissen hat die Christenheit durchschauert." ^ Vom 10. Jahr- 
hundert, in welchem das Papstthum im Innersten zerri'ittet 
war, sagt Gfrörer^: „Kaum konnte es fehlen, dass in schwa- 
chen Gemüthern durch das, was in und ausserhalb der Metro- 
pole des christlichen Abendlandes vorging, Zweifel angeregt 
wurden, ob die römische Kirche, die solches ruhig dulde, 
theils durch ihre Häupter verübe, die wahre Kirche Christi 
sei." Die ungebändigte Wildheit des Feudaladels zeigte sich 
in der herrschenden Fehdewuth, wogegen die Anwendung der 
angedrohten Strafe auf Landfriedensbruch wenig half, die 
1041 von Burgund aus verkiindete Treuga Dei nicht lange 
beobachtet ward. Rohe Kraft einerseits, die in massloser 
Schwelgerei sich austobt; andererseits kleinmixthiger Bigotis- 
mus, der die Seelen zusammenschnürt; hier ergeben sich 
manche lebenslänglicher Busse, doi't stiirzen sich die meisten 
in die ausschweifendste Völlerei; von den einen wird das 
Besitzthum verprasst, von den andern der Kirche geschenkt; 
da Verzückung und Schwärmerei, dort Raufsucht und Par- 
teiuns. Hier unverbrüchliche Treue und Festhalten am Ge- 
löbniss, dort gewissenlosester Leichtsinn, dem nichts für 
heilig gilt. Hier bieten sich Beispiele freiwillig auferlegter 
Selbstquälerci , wie Margarethe von Ungarn,' die aus Religio- 
sität die niedrigsten Dienste in Lazarethen verrichtet, oder 
eine heilige AVilbirgis mit einem eisernen Ring um den Leib, 
i'iber welchen das Fleisch herauswächst und fault; dort ein 
englischer König, von dem sein Zeitgenosse behauptet, dass 
er nie einen Schwur oder Bund gehalten, dagegen nicht ab- 
gelassen habe, ehrbare Frauen und Mädchen zu schänden. 
Neben der Abtödtung natürlicher Triebe zeigt sich die roheste 
Zügellosigkeit viehischer Lust; gegenüber der bis zur kindi- 
schen Aengstlichkeit gesteigerten Gewissenhaftigkeit, werden 
alle kirchlichen und bürgerlichen Gesetze mit Frechheit nieder- 
getreten. 

' Hegel, Philosophie der Geschichte, S. 453. 

^ Papst Gregorius VII. und sein Zeitalter, VII, 104. 



8. Mancherlei Erscheinungen und Ereignisse. 113 

Es ist wahr, der Gegensatz macht sich zu allen Zeiten 
und unter allen Völkern geltend, er ist die Bedingung der 
menschlichen Entvvickelung; aber in jenem Zeitabschnitte des 
Mittelalters erscheint die Gegensätzlichkeit in acuter Form, 
die Zustände haben einen fieberhaften Charakter, sie deuten 
auf die Haltlosigkeit hin, die den Schwerpunkt verloren hat, 
von einem Extrem zum andern geworfen wird. Inmitten der 
Zerbrochenheit der Zustände mussten die Gemüther von einem 
innerlichen unheimlichen Grauen ergrifien sein, das schon im 
10. Jahrhundert in der furchtbaren Vorstellung von dem 
Untergänge der Welt zum Ausdruck gekommen war. Nach- 
dem das erste Jahrtausend der christlichen Zeitrechnung ab- 
gelaufen war, bemächtigte sich der Gemiither die Angst, dass 
der Zeitpunkt gekommen, wo der Himmel einstiirzcn und 
der Antichrist sein Regiment beginnen soll, bis der Heiland 
zum zweiten mal erscheinen werde, um zu richten die Lebendigen 
und die Todten. Diese quälende Furcht lauert von da ab 
im Hintergrunde und tritt wiederholt bei verschiedenen Epo- 
chen hervor. Viele Urkunden aus dieser Zeit fangen mit den 
Worten an: „Da die Welt sich ihrem Ende naht" u. s. w. 

Die Aufgeregtheit der Gemiither musste noch höher ge- 
steigert werden, wenn Erscheinungen eintraten, wodurch 
zum Innern Elend der Haltlosigkeit auch die äussere Noth 
hinzukam. Dies geschah durch wiederkehrende, sich auf- 
einander häufende Unfälle und Elementarereignisse. Vom 10. 
bis 14. Jahrhundert bieten die Chroniken ganze Verzeichnisse 
von Miswachs, Heuschrecken, Hungersnöthen, Theuerungen, 
und die Chronisten melden solche Nothstände meist ganz 
kurz, gleich den Nachrichten über Witterungsverhältnisse 
und den Ausfall der Ernte, ein Beweis, dass derlei Uebel 
häufig eintraten. Ein kleiner Ausstich aus zunächstliegenden 
Chronikensammlungen und einigen andern Schriften mag einen 
Masstab abgeben. 



Elementarereigiiisse. 

Im Jahre 988 meldet Chronicon monasterii Melliccns. 
eine grosse Ilungersnoth. ^ 



1 IL Pez, Script, rer. Austr., I, 225. 

Roskoff, Gescliichte des Teufels. II. 



114 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellnng vom Teufel. 

Vom Jahre 1028 — 30 herrschte in Griechenland, Italien, 
Frankreich und England ein überaus grosser Regen, sodass 
die Ueberschweniinungen alle Ernten verdarben und die gräss- 
lichste Hungersnoth erfolgte. Man nahm seine Zuflucht zu 
den unnatiirlichsten Nahrungsmitteln, als Gras, Wurzeln, 
Thonerde mit Kleie vermischt, selbst Menscheufleisch. Rei- 
sende wurden ermordet und gliedweise verzehrt, Leichen wur- 
den ausgegraben, auf dem Markte ward gekochtes Menschen- 
fleisch feilgeboten. ^ 

„Im Jahre des Herrn 1043 war so grosse Hungersnoth 
in Böhmen, dass der dritte Theil des Volkes starb." '^ Der- 
selbe Chronist berichtet, als er von Mainz nach Prag zurück- 
kehrte: „Es war Fastenzeit und grosse Sterblichkeit in Deutsch- 
land. Die Bischöfe wollten in der ziemhch grossen Kirche 
vor einem Dorfe Messe feiern, aber sie konnten nicht hinein, 
weil am Fussboden ein Leichnam neben dem anderif lag." 
Sie berührten eine kleine Stadt, in der kein Haus war, wo 
nicht drei oder vier Leichen gelegen hätten. „Wir zogen 
vorbei und übernachteten auf dem Felde." ^ 

Vom Jahre 1095 wird von einer Theuerung berichtet , wo 
das Kloster Gembleux von allen seinen Aeckern und Zehnten 
nicht fiir zwei Monate Brot hatte. „Da verhungerten so 
viele, dass die Kirchhöfe nicht zureichten, statt der Gräber 
wurden grosse Gruben gemacht und die Leichen an Stricken 
hinuntergelassen." ^ 

Besonders häufig werden die traurigen Nachrichten vom 
12. Jahrhundert abwärts. 

Im Jahre 1164 berichtet das Chronicon auctoris incerti 
eine grosse allgemeine Hungersnoth. * 

Im Jahre 1202 ein Erdbeben „per totam terram" laut 
Chron. monast. Mellicens. ^ 

Grosses Erdbeben in York; ein anderes in Italien ^; eines 



1 Bei Stenzel, Geschichte Deutschlands unter den fränkischen Kaisern, 
1, 288. 

"^ Kosmas von Prag, bei Floto, Kaiser Heinrich IV., I, 1)1. 

3 Floto, a. a. 0. 

* Ibid., I, 92. 

5 Pez, I, 5G0. 

« Ibid., I, 236. 

^ Chron. Fossae novac. 



8. Mancherlei Erscheinungen und Ereignisse. 115 

in Syrien, welches bei 200000 Menschen tödtete ; darauf Mis- 
wachs und Seuchen ; ein anderes das ebenfalls viele Städte und 
Kirchen schädigte und Menschen erschlug, wurde an vielen Or- 
ten Deutschlands verspürt ; dann furchtbare Ungewitter, Don- 
ner, Blitz, Hagel, Ueberschwemmungen ; allgemeiner Schrecken, 
Angst vor dem nahen Jüngsten Tag; Sagen von einem vom 
Himmel gefallenen Brief. ^ 

Vom Jahre 1224 meldet Paltrami seu Vatzonis consulis 
Viennensis Chron. austriac. eine Seuche. * 

Im Jahre 1225 herrscht eine Viehseuche und darauf grosse 
Sterblichkeit der Menschen. ' 

Im Jahre 1239 eine unerhörte Hungersnoth in Ungarn, 
nach Anonymi Leobiens. Chron. lib. 1.* 

Im Jahre 1243 meldet Paltrami Chron. Hunger und 
Heuschrecken in Ungarn ^ und im Jahre 1252 Hungersnoth 
in ganz Oesterreich. ^ 

Im Jahre 1253 Miswachs in mehrern Ländern nach der 
lOosterneuburger Chronik. ^ 

Im Jahre 1259 grosse Hungersnoth nach Excerpta ex 
vetustiori Chron. Weichen-Stephanensi. ** 

Im Jahre 1263 Hungersnoth in Oesterreich nach Chron. 
Mellicens. ^ 

Im Jahre 1270 verzeichnet der Chronist Paltram eine un- 
erhörte Pestilenz in Oesterreich und Ungarn. ^'^ 

Im Jahre 1282 grosse Sterblichkeit in Böhmen und Mäh- 
ren, sodass die Leichname „velut foenum in agrum duce- 
bantur". ^^ 

Im Jahre 1337 berichtet eine salzburger Chronik über 
eine grosse Seuche unter den Menschen. *^ 



1 Rog. Hoved, bei Hurter, I, 465, Note 5. 

2 Pez, I, 710. 

3 Ibid., I, 238. 
^ Ibid., I, 816. 
5 Ibid., I, 714. 
« Ibid. 

7 Ibid., I, 462. 

8 Ibid., II, 404. 
8 Ibid., I, 241. 

'0 Ibid., I, 718. 

^^ Klostei-neuburger Chronik, bei Pez, I, 467. 

12 Pez, I, 411. 

8* 



llö Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Im Jahre 1338 Heuschrecken zur Erntezeit nach Ano- 
nymi coenobitae Zwetlcns. Chron. ^ Nach dem Berichte des 
Johann Victoriensis ^ verwiistetc im Jahre 1338 die Zuglicu- 
schrecke Ungarn, Polen, Böhmen, Mähren, Oesterreich, Steier- 
mark, Kärnten, Krain, Schwaben, Baiern, die Lombardei und 
die Rheinprovinzen. Dieselbe Heuschreckenverwiistung meldet 
Michael Herbipolensis ^ und im Jahre 1348 ein Erdbeben. * 
Das Chronicon de ducibus Bavariae ^ erzählt, dass im Jahre 
1348 infolge einer grossen Seuche in Baiern, Böhmen und 
Oesterreich viele Wohnungen menschenleer gewesen seien. Es 
ist dies wol jene furchtbare Seuche, die in Asien, Afrika und 
Europa das Menschengeschlecht zu vernichten drohte und bei 
den Chronisten gewöhnlich: „grosser sterb", das grosse Ster- 
ben, „AVeltsterben", „der schwarze Tod" hcisst. Die Men- 
schen erlagen der Krankheit meist innerhalb der ersten Tage, 
nachdem sie ergriffen worden, „mortalitas hominum tanta fuit 
et est, quod plerumque una in hospicio moriente persona, caeteri 
cohabitantes homines et saepius quasi subito moriuntur" sagt 
ein Chronist. ^ In China sollen 13 Millionen Menschen daran 
gestorben sein, in Kairo täglich 10 — 15000; in Aleppo täglich 
500, in Gaza binnen sechs Wochen 22000; auf Cypern fast 
alle Einwohner, und auf dem Mittclmeere schwammen oft 
Schiffe ohne Mannschaft. In Europa sollen 25 Millionen dem 
schwarzen Tode erlegen sein. Es half keine Arznei, viele 
Häuser waren ganz ausgestorben. „Do worden stet und markte 
öd von dem sterben", sagt der leobner Chronist.^ Zu manchem 
Nachlass fand sich kein Erbe und der Besitz der Verstorbenen 
kam oft erst an den vierten Mann. ** 

Im Jahre 1346 grosses Sterben in Italien laut Chronicon 
Bohemiae.^ — In demselben Jahre eine grosse Hungersnoth.^" 



1 Bei Pez, I, im. 

2 Boehmer, I, 430. 

3 Ibid., I, 488. 
* Ibid., I, 473. 

6 Ibid., I, Üb. 

« Boehm. fönt., I, 430. 

7 Pez Script., I, ;)G8. 

** Vgl. llecker, Der schwarze Tod im 11. Jahrhundert. 
9 Pez, I, 1040. 
10 Il)id. 



8. Mancherlei Erscheinungen und Ereignisse. 117 

In den Jahren 1348 und 1349 Erdbeben, Pestilenz und 
Theuerung. ^ 

Im Jahre 1350 Erdbeben in der Schweiz. ^ 

Im Jahre 1351 Heuschrecken in O esterreich. ^ 

Im Jahre 1359 meldet die salzburgische Chronik eine 
„crudelissima pestilentia, quae interemit forsan tertiam partem 
hominum", die nach und nach über die ganze Erde sich ver- 
breitete. * 

Im Jahre 1370 grosse Pestilenz. ^ 

Im Jahre 1381 grosses Sterben im Lande, wobei in Wien 
allein 15000 Menschen umkamen. ^ 

Im Jahre 1399 Pestilenz. ^ 

Auch Caesarius von Heisterbach meldet solche allgemeine 
Unglücksfälle: dass nach dem Tode Heinrich's (also im 12. Jahr- 
hundert) eine ausserordentliche Theuerung in Deutschland ge- 
herrscht habe ^ ; er berichtet über ein Erdbeben auf Cypern * 
und Brescia ^^, wobei 12000 Menschen ihren Untergang ge- 
funden. Die Mailänder, erzählt er, hatten aus Furcht ihre 
Stadt verlassen und lebten über acht Tage lang auf freiem Felde 
unter Zelten. Um dieselbe Zeit wurden Bergamo, Venedig 
und viele andere Orte von demselben Unglück betroffen. 

Der fürstenfelder Chronist ^^ weiss von einer grossen 
Hunscersnoth nach dem Tode Ottokar's von Böhmen und 
einer grossen Seuche, die unter dem Volke wüthete. Derselbe 
berichtet über eine entsetzliche Hungersnoth um die Zeit des 
Regierungsantritts Kudolf s, wo die Aermern mit Eicheln und 
Feldkräutern ihren Hunger zu stillen suchten, trotzdem aber 
viele erliegen mussten. 



1 Bei Pez, l, 728. 1080. 

2 Ibid. 

3 Ibid. 

* Pez, I, 412. 
5 Ibid. 

« Ibid., I, 1161. 

' Ibid., I, 1397. 1399. 

* Dialog, miraculor., c. 47. 
9 Cap. 48. 

1» Caix 49. 

'* Bei Boehmer fönt., I, 11. 



1 18 Zweiter Abschnitt : Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Bei dem in jenen Zeiten herrschenden Glauben, der alle 
schädlichen Elementarereignisse wie überhaupt alle Ucbel, die 
den Menschen betrelFen, der finstern Macht des Teufels zu- 
schrieb, deren Walten die göttliche Vorsehung zulasse, um zu 
ziichtigen, zu bessern oder zu prüfen, mussten die geängstigten 
Gemüther bei den aufeinanderfolgenden Calamitätcn, die oft 
mehrere Reiche betrafen, wovon die Nachrichten auch Aveiter 
drangen, die Vorstelhmg von dem Teufel stets lebendig er- 
halten. Der Mensch sah in den grossen Nöthen, welche seine 
Zeit betrafen, nur die bestätigenden Belege zu dem Glauben, 
der ihm von den Kirchenlehrern gepredigt wurde. Wir sehen 
daher in verderblichen Erscheinungen einen der Factoren, 
welcher beitrug, den Teufelsglauben zu fördern und bei der 
allgemeinen Haltlosigkeit die Furcht vor der höllischen Macht 
ZU steigern. 



Mougoleneiufall. 1242. 

Der Untergang der Welt und die Erscheinung des Anti- 
christs war zwar noch nicht thatsächlich eingetreten, wie man 
vom 10. Jahrhundert an mit Angst erwartete, aber das 
12. Jahrhundert war auch nicht danach angethan, diese Furcht 
zu zerstreuen. Denn ausser Hungersnöthen herrschte auf allen 
Seiten Zwietracht, Kampf und Aufstand, und die Welt schien 
nur mehr ein Tummelplatz für blutige Streitigkeiten zu sein. 
Ein solches Bild von der damaligen Weltlage entwerfen uns 
die Chronikensehreiber. ^ Im 13. Jahrhundert schien nun der 
befiirchtete Weltuntero:an<x eintreten zu wollen, als eine Horde 
wilder Reiter von Asien her nach Europa, gleich einem Un- 
geheuern Hagelwetter, sich herüberwälzte, und alles unter seinen 
Schlägen zu vernichten drohte. Es ist der bekannte Einfall 
der Mongolen oder Tartaren, wie sie nach dem Vorgange 
Roger's auch genannt werden. ^ Nähere Schilderungen liegen 



' Vgl. Viti Arnpeckhii Chronicon Bojoariorum lib. iV, c. 51, bei 
IL r. Pezii thes. anecdot. noviss., tom. III, pars III. 

^ Bei Endlicher, Monumenta Arpadiana: M. Rogerii Canonici Vala- 
diensis Carmen miserabilc sujier destructioue regni Ilungariae temporibus 
Belae IV rcgis per Tartaros facta. 



8. Mancherlei Erscbeiuuugcn und Ereignisse. 119 

bei Raumer ^ und andern vor und genügt daher mit einigen 
Strichen das Grauenhafte dieses Ereignisses anzudeuten. Die 
Wildheit des Dschingls (geb. 1155, gest. 1227) kennzeichnet 
sich, dass er bei Eröffnung seiner Laufbahn als Sieger über 
seine gegnerischen Stammesgenossen, die angesehensten Ge- 
fangenen in 70 Kesseln sieden liess. Als Dschingis-Khan 
(d. h. Khan aller Khane) brach er hierauf mit seinen Horden, 
deren einzelne von einem meist aus der Familie Dschingis- 
Khan's stammenden Anführer geleitet wurden, während er selbst 
die Oberaufsicht behielt, aus den wüsten Höhen seines Heimat- 
landes auf, um nach einer unter den Mongolen gangbaren 
Tradition die Welt zu erobern, zu deren Herrschaft, nach 
einer durch den Schamanen Gökdschu mitgetheilten göttlichen 
Offenbarung, Dschingis-Khan bestimmt sein sollte. Nach dem 
Einfalle in China werden einem Prinzen des Kaiserhauses 
Niutschen die Beine abgehauen, weil er nicht niederknien 
wollte und der Mund bis an die Ohren aufgeschlitzt, damit 
er nicht weiter reden könne. In Bochara, einem Hauptsitze 
mohammedanischer Gelehrsamkeit, w^erden die Büchersäle als 
Ställe benutzt, die Bücher zerstört, die Stadt verbrannt. 
Samarkand wird nach der Anschauung der Mongolen milde 
behandelt, indem sie nur 30000 Einwohner umbringen und 
ebenso viele zu Sklaven machen. Bei der Eroberung von 
Chowaresm werden 100000 Einwohner erschlagen. Eine Menge 
blühender Städte, die von dem Mongolenzuge berührt worden, 
sind gründlich zerstört. Diese Greuel sind glaublich, wenn 
wir hören, dass Dschingis-Khan einem seiner Söhne zugerufen : 
„Ich verbiete dir, jemals ohne meinen ausdrücklichen Befehl 
milde sesen die Bewohner eines Landes zu verfahren. Mit- 
leid findet sich nur in schwächlichen Gemüthern und Strenge 
allein erhält die Menschen bei ihrer Schuldigkeit." Unter 
dieser Strenge ist eben gänzliche Verwüstung verstanden und 
die Reeel heisst : alle Besiec-ten zu schlachten oder als Sklaven 
zu verkaufen. Die Söhne Dschingis-Khan's folgten nach 
dessen Tode seinem Beispiele. Das eingeschlossene Heer des 
Fürsten von Kiew, dem Leben und Freiheit versprochen ward 
im Falle der Uebergabe, wurde nach dieser doch niederge- 
metzelt und die Vornehmern unter den Bretern, auf welchen 

' IV, 1 fg. 



120 Zweiter Abschnitt: Ausljildung der Vorstellung vom Teufel. 

die Mongolen beim Siegesfest sassen, zu Tode geqnetsclit. 
Nach der Zerstörung der vorzüglichsten Städte Russlands, 
deren im Februar 1238 allein vierzehn vernichtet wurden, 
stiirzte sich die durch die unterjochten Völker verstärkte Horde 
nach Polen , das den vernichtenden Zug ebenso wenig auf- 
halten konnte. Die mongolischen Reiterscharen überfielen 
gewöhnlich das nächste Volk und erdrückten es, das sich 
unterwerfende musste seine berittene Mannschaft der Räuber- 
schar einverleiben, um bei der Verwüstung des nächsten Lan- 
des mitzuhelfen. Die Mongolen dringen bis an die Weichsel, 
erreichen Krakau, dessen Bewohner aus Furcht geflohen 
waren, und verbrennen es. Im Jahre 1241 zerstören sie Bres- 
lau, wenden sich nach Liegnitz und behaupten auf der Ebene 
von Wahlstatt das Schlachtfeld als Sieger. Nach Mongolen- 
brauch wird dem Herzog Heinrich, der den Heldentod ge- 
funden, der Kopf abgehauen, auf eine Lanze gesteckt, um 
damit die Burg von Liegnitz zur gutwilligen Uebergabe ein- 
zuladen. Als dies nicht gelingt, wenden sie sich nach grossem 
Verluste, den der Sieg gekostet, nach Mähren, um es bis 
Brunn zu verwüsten ^, von Sternberg schlägt sie aber in der 
Nähe von Olmiitz (1241) und drängt sie nach Ungarn. König 
Bela IV. wird «>:eschla<T;en, und sein Land sowie auch Sieben- 
bürgen, Serbien, Bosnien verfallen der Zerstörung und Grau- 
samkeit der Mongolen. Die Einwohner werden niedergehauen, 
die Einwohnerinnen von den Mongolinnen erstochen, ver- 
stümmelt oder zu Sklavinnen gemacht, die gefangenen Kinder 
müssen sich setzen, um von mongolischen Knaben erschlagen 
zu werden, von denen derjenige als Meister gilt, der mit 
Einem Hiebe einen Kopf zerschmettert. Dass manche Ge- 
fangene lebendiiji:en Leibes ijeschunden und anderweise ge- 
martert werden, versteht sich von selbst. Rogerius erzählt, 
was er selbst gesehen oder von andern Augenzeugen gehört 
liat^, und wir können ihm glauben, wenn er sagt: nach einer 
Schlacht sei der Boden zwei Tagereisen im Umfimge mit 
Leichen bedeckt gewesen, dass sie Raubvögel und wilde 
Thiere bis auf die Knochen verzehrten und die Reste, die 
nicht vom Feuer in den Ortschaften und Kirchen ver- 



' Wiener Jahrbücher, XLIII, 257. 
^ Monum. Arp., p. 255, Epistola. 



8. Mancherlei Erscheinuugen und Ereignisse. 121 

brannt worden, noch lange Zeit umhergelegen haben. ^ Die 
durch Verwesunir verdorbene Luft brachte den Halbtodten 
auf den Feldern, Strassen und AVäldern den Tod. Kost- 
bare Gefässe, von Flüchtlingen weggeworfen, um auf der 
Flucht nicht gehindert zu sein, lagen zerstreut umher. Unser 
Verfasser, selbst unter die Mongolen gerathen, wird der 
Skhive eines Khans und hat daher Gelegenheit zum Beobach- 
ten. Er sao-t: Dem Leser würde das Herz erstarren, wenn 
ihm die einzelnen Grausamkeiten beschrieben würden 2; er 
fürchtet nicht, zu viel zu sagen, wenn er behauptet, dass bei der 
Verwüstung von Gran nur 15 Menschen von der ganzen Be- 
völkerung der Stadt übriggebheben seien, „qui non fuissent 
tam intus quam extra omnes nequiter interfecti". ^ Das Elend 
darauf und die Hungersnoth war so entsetzHch, dass Menschen- 
fleisch öffentlich verkauft wurde. Der Schrecken, der den 
Mongolen von Asien her voranzog und nachfolgte, durchdrang 
ganz Europa bis Sicilien. Die Angst vor einem qualvollen 
Tode war nicht grösser als die Furcht vor der mongolischen 
Sklaverei. „Denn wer in die Hände der Tartaren gerathen", 
sagt Rogerius *, dem wäre besser gewesen, er wäre gar nicht 
geboren worden, denn es war ihm, als ob er nicht von Tar- 
taren, sondern vom Tartarus gefangen gehalten würde, „se 
non a Tartaris sed a Tartaro detineri". Dies bezeugt Rogerius 
aus Erfiihrung, der in der Zeit, die er unter ihnen zugebracht, 
zu sterben für einen Trost gehalten, da das Leben eine Todes- 
strafe war. Auf seiner Flucht von den Mongolen muss er 
zwei Taae lauo- ohne Nahrung in einer Grube unbeweglich 
wie ein Todter sich verhaltend zubringen. Mit Hunger und 
Durst kämpfend, schlägt er nach dem Abzüge der Mongolen 
seinen Weg nach der Heimat ein, und nach acht Tagen in 
Weissenburg angelangt, findet er nichts als die Gebeine und 
Köpfe der Erschlagenen. Er schleppt sich mühselig weiter 
und bemerkt in der Nähe einer Ortschaft (Ivata) auf einem 
Berge einige Menschen, welche daselbst eine Zuflucht ge- 



1 Monum., S. 277, Nr. 30. 

2 A. a. 0., S. 290, Nr. 37. 

3 Ibid., S. 291, Nr. 39. 
' Ibid., S. 25(3. 



122 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

flmden, und bei denen er seinen Hunger mit etwas Brot von 
Mehl und Eichenrinde stillen kann. 



Das Iiiterregiinm. 1250 — 73. 

Deutschland und Italien hatten zwar unter den Verwiistun- 
gen der Mongolen nicht unmittelbar vuid thatsächlich gelitten, sie 
waren mit dem Schrecken davon gekommen; dagegen hatten 
diese Länder in demselben Jahrhundert an den verderblichsten 
Zuständen des sogenannten Interregnum zu dulden. Nach 
den Hohenstaufen lag die königliche Würde so sehr danieder, 
dass ein König (Wilhelm von Holland) auf den Strassen von 
Utrecht mit Steinen geworfen wurde. ^ In Italien lag es im 
Interesse der päpstlichen Macht, nach dem Tode Friedrich's 
die kaiserliche Macht einschlafen zu lassen, um selbst an 
Uebergewicht zu gewinnen. In Ober- und Mittelitalien tobte 
der Parteikampf der Weifen und Ghibellinen fort, bis sie sich 
um den letzten Hohenstaufen gruppirten. Im Jahre 12G<S fiel 
aber Konradin's Kopf auf dem Blutgerüste, und hiermit war 
der von den Päpsten oft geäusserte Wunsch erfüllt, obschon 
die Hoffnung, die kirchliche Macht von der weltlichen ganz 
unabhäno-ior zu sehen, damit doch nicht verwirklicht ward. Das 
vom Papste herbeigezogene Mittel, um das kaiserliche Haus 
der Hohenstaufen zu vernichten, drohte nun dem Stuhle Petri 
selbst verderblich zu werden, sodass Clemens IV. über Karl 
von Anjou klagen konnte: so arg habe es Kaiser Friedrich II. 
als Feind der Kirche nie getrieben. Erst 14 Jahre nach 
Konradin's Tode kam der Tag, mit welchem Gregor X. den 
Usurpator Karl von Anjou gedroht hatte, wo über diesen 
und seine Erben das Strafgericht hereinbrach. Es war der 
zweite Ostertag im Jahre 1272, an dem die Sicilische Vesper 
den Franzosen auf der Insel Sicilien zu Grabe läutete. 

In Deutschland gab es während des Interregnum nur 
Namenkönige, das Reich entbehrte einer festen Hand zur 
Führung des Regiments und schwankte daher am Rande des 
Abgrunds. Nirgends Ruhe, allenthalben Zwistigkeit, jegliche 



1 Magn. Chron. Ijelg. ad annum 1254, bei Pfister, Geschichte der Deut- 
schen, II, 597. 



8. Mancherlei Erscheinungen und Ereignisse. 123 

Existenz bedroht. In allen Provinzen Dentsclilands die ver- 
zehrenden Flammen der Parteikämpfe, und niemand da, der 
dem umsichgreifenden Verderben Einhalt thäte. Gewalt ver- 
tritt die Stelle des Rechts, und Räuberei hat sich zur Herr- 
schaft erhoben. „Damals", sagt der fürstenfelder Chronist *, 
„war der Friede ins Exil gewandert, Zwist und Unfriede 
triumphirten Die Feldereien, nachdem das Zugvieh ge- 
raubt war, lagen unbebaut und dem Verderben preisgegeben, 
und selten sah man den Landmann hinter einem Pferde oder 
Ochsen einhergehen, um zu pfliigen und den Boden fruchtbar 
zu machen. Nachdem Haus- und Zugvieh abhanden ist, 
wuchern Disteln und Nesseln im ländlichen Aufenthalte." 

Solche Zustände waren wol geeignet, den Glauben zu 
fördern, die wohlwollende Gottheit habe ihre Hand von der 
Menschenwelt abgezogen und deren Verwaltung dem bösen 
Wesen überlassen. Es soll hiermit vorläufig die damalige 
Weltlage als mitwirkendes Moment erwähnt sein, als geeignet, 
in den erregten Gemüthern die Vorstellung vom Teufel und 
die Furcht vor seiner Macht zu fördern. 



Als bedeutendes Moment zur Hegung, Ausbreitung und 
Fcstiffumr der Vorstelluno; vom Teufel müssen auch die im 
Mittelalter herrschenden Sekten erwähnt werden. Sie wirkten 
in dieser Beziehung sowol durch ihre dualistische Anschauung, 
die sie insgesammt vertraten; vornehmlich wui-de aber der 
Teufelsglaube durch die von der Kirche ausgehende und 
urgirte Ansicht gefördert, wonach die Ketzer als Diener des 
Teufels betrachtet werden müssen. Mit der Ausbreitung der 
Sekten gewann der Dualismus an Boden, für die kirchliche 
Anschauung war die Existenz der Ketzer ein lebender Be- 
weis von der Herrschaft des Teufels. 



' Bochmer foutcs, I, 2. 



124 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 



9. Sekten im Mittelalter. 

Nachdem das Christentlium von der gebildeten Welt auf- 
genommen worden, die Kirclienlehre bis auf Einzelheiten fest- 
gestellt war, trat auch das apologetische Bestreben in den 
Hintergrund, und wenn sich kirchliche Streitigkeiten erhoben, 
so sind diese im Grunde als Ergänzungen zu frühern zu be- 
trachten. Die Ketzereien aber innerhalb dieses Zeitraums 
sind weniger gegen die Dogmen der Kirche als vielmehr 
gegen diese selbst als äussere Anstalt gerichtet, in der das 
Streben, die Idee der Kirche in einem imponirenden Systeme 
zu verwirklichen, sehr augenfällig hervortrat. Das ganze 
Mittelalter hindurch geht mit der Kirche parallel eine Reihe 
von Sekten, welche mit dieser in Opposition sind, und sich 
durch eine dualistische Weltanschauung kennzeichnen, gleich 
dem Manichäismus mit der katholischen Kirche im Wider- 
spruch stehen, mit diesem daher gern in Zusammenhang ge- 
bracht werden. So die Marcioniten, die schon im 4. Jahr- 
hundert in der Gegend von Edessa sehr häufig waren, die 
zwei Principien, ein böses und ein gutes annahmen, jenes als 
Urheber dieser AVeit, letzteres als Schöpfer der jenseitigen, 
geistigen Welt. Sie verwarfen alle Hierarchie, wiesen die 
priesterliche Vermittelung zurück und hielten sich an den 
Grundsatz: Jeder habe das Recht, in der Schrift selbst zu 
lesen, nach dem Willen Gottes sollen alle selig werden und 
zur Erkenntniss der Wahrheit kommen. Seit der zweiten 
Hälfte des 7. Jahrhunderts treten die Paulicianer auf, von 
Photius und Petrus Siculus schon als Manichäer bezeichnet, 
die mit den Marcioniten die dualistische Anschauung theilen, 
den sinnlichen Leib von Demiurg geschaffen sein und nur 
die Seele von Gott abstammen lassen. Sie legen, gleich den 
Manichäern, obschon sie Ehe und Fleischgenuss für erlaubt 
erklären, den kirchlichen Sakramenten nur eine geistige Be- 
deutuns: bei, verwerfen alle Aeusserlichkcit des katholischen 
Cultus und sind entschiedene Feinde der Hierarchie. 

Um das Jahr Uli erschienen zu Konstantinopcl die 
Bogomilen, die bis ins 13- Jahrhundert hineinragen und 
Spuren ihrer Ketzerei zurücklassen. Ihr Haupt, Basilius, 
wurde durch den Kaiser Alexius Komnenus zum Feuertode 



9. Sekten im Mittelalter. 125 

vcrurthcilt. Obschon sie zum Unterschiede von den Pauli- 
cianern die Ehe und den Fleischgenuss verwarfen, waren sie 
doch gleich jenen Dualisten, hielten aber den bösen Dämon, 
den Satan oder Satanael, ursprünglich fiir einen Sohn Gottes, 
der sich aus Uebermuth gegen den Vater empört, und obwol 
vom Himmel gestiirzt, dennoch seine Schöpferkraft behalten, 
einen zweiten Himmel mit seinen Engeln geschaffen habe und 
zwar mit derselben Ordnung wie Gott den seinigen. Der 
Dualismus der Bogomilen zeigt sich vornehmlich bei ihrer 
Vorstellung von der Schöpfvuig des Menschen. Satan bildete 
zwar den Leib Adam's aus Erde und Wasser, aber der gute 
Gott sandte auf Satans Verlangen den belebenden Hauch, 
doch unter der Bedingung, dass der Mensch fortan ihnen 
beiden angehören sollte, die Materie dem Satanael, das Geistige 
dem guten Gott. Da hierauf Satanael sein Versprechen be- 
reute, fuhr er in die Schlange, beschlief die Eva, welche den 
Kain und dessen Zwillingsschwester Kalomena gebar. Auch 
Adam erzeugte mit Eva den Abel und dessen Mörder Kain. 
Satanaels Engel empfanden Neid, dass die Wohnungen, 
aus denen sie gestürzt worden waren, von den Menschen ein- 
genommen werden sollten, sie beschliefen daher deren Töchter, 
woraus Riesen entstanden, die sich gegen Satanael empörten, 
der sich aber durch die Sündflut an den Menschen rächte. 
Die erste Weltperiode stellen die Bogumilen unter die Herr- 
schaft der Dämonen. Es herrschte seit der Sündflut Satanael 
als xoc;[j.oxpaTop unter den Menschen, deren grössten Theil er 
verführte, bis Gott aus Mitleid „das Wort", d. h. den zweiten 
Sohn, aus seinem Herzen hervorgehen liess, der vom Himmel 
herabstieg, in das rechte Ohr der Jungfrau hinein und durch 
das Ohr wieder herausging. Da die Bogomilen Doketen waren, 
erklärten sie den Kreuzestod für nur scheinbar, dass am dritten 
Tage nach demselben Christus die Gestalt des irdischen Fleisches 
abgeleo-t und in seiner himmlischen Gestalt dem Satan erschie- 
nen sei, den er auch seinen göttlichen Namen (El) abzulegen ge- 
nöthigt habe, sodass von Satanael blos Satan geblieben sei. In- 
dem die Bogomilen die wesentliche Bedeutung Christi nur in das 
hörbare Wort legten, waren sie Verächter der katholischen 
Kirche, die sie als Wohnung der Dämonen betrachteten. Nur 
das Gebet und die Geistestaufe waren ihnen wesentliche 
religiöse Acte. Sowol die Paulicianer als auch die Bogomilen 



126 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

trieben aber die Accommodation sehr weit, macliten den katho- 
lischen Cultus mit und verkehrten mit den Katholiken, wobei ihre 
dualistische Anschauung natürlich auch ihre Fortpflanzung fand. 

Im Abendlande wurden schon in friihern Jahrhunderten 
verschiedene dualistische Sekten, als Messalianer, Satanianer 
und unter andern Namen angefiihrt, deren Zahl besonders 
seit dem 11. Jahrhundert in mehrern Ländern zunahm und 
die gewöhnlich in den gemeinsamen Namen der Katharer zu- 
sammengefasst werden. Unbeachtet der Dunkelheit über die 
Einzelheiten ihrer Anschauung, wodurch sie sich unterscheiden, 
sind wir i\ber ihre Wesenseinheit im Klaren, nämlich dass sie 
alle den Dualismus hochhielten. Ebenso sicher ist, dass der 
Ilauptzug dieser Ketzereien von Osten her durch die slawi- 
schen Länder Bulgarien und Dalmatien über Obcritalicn nach 
dem übrigen Europa gegangen ist. Schafarik ' betrachtet 
die Slawen als Träger und Verbreiter des Katharismus, der 
in Thrazien unter der Form des erwähnten Bogomilismus auf- 
getreten. In Macedonien soll im 12. Jahrhundert ein katha- 
risches Bisthum existirt haben. Die Vermuthung Baur's ^, 
dass der altpersische Dualismus auf die Messalianer oder 
Eucheten, die zuerst in Mesopotamien, dann in Syrien, Pam- 
phylien, Lykaonien und andern Ländern des griechischen 
Eeichs erschienen, eingewirkt habe, lässt sich wol auf alle 
dualistischen Katharer ausdehnen. Man wird die Annahme 
rechtfertioren : dass durch diese neue Strömuno; der dualistischen 
Häresie aus dem Orient vermittels der slawischen Stämme 
der ins Volksbewusstsein der europäischen Christen einge- 
drungenen dualistischen Anschauung frische Nahrung zuge- 
fi'ihrt wHirde. 

Von Italien, wo schon ums Jahr 1035 Girardus nebst andern 
Ketzern verbrannt worden war, verbreiteten sich die Katharer 
zunächst über das südliche Frankreich, wo sie friihe mehrere 
Bisthiimer organisirt hatten, worunter Toulouse und Albi, 
von welchem letztern sie auch Albigenser hiessen, die bedeu- 
tendsten waren. Ihr ernster Sinn, ihre Sittenstrenge ver- 
schaffte ihnen grossen Anhang bei dem herrschenden Wider- 
willen gegen die sittenlose Lebensweise der Geistlichen inmitten 



' Denkmäler der glagolitischen Literatur. 

'^ Die christliche Kirche im Mittelalter, S. 182. 



i). Sekten im Mittelalter. 127 

der trostlosen politischen und kirchlichen Zustände der Zeit, 
sodass am Anfange des 13. Jahrhunderts in Languedoc, in 
der Provence, in Guienne, Gascogne die ketzerische Lehre 
herrschend war. Die vornehmsten Familien zählten zu den 
Katharern und Hessen ihre Kinder von ihnen erziehen. Aus 
Südfrankreich verbreitete sich das Katharerthum in das nörd- 
liche Spanien, nach Deutschland, wo schon im Jahre 1052 
Katharer hingerichtet wurden; in der ersten Hälfte des 
13. Jahrhunderts finden sich katharische Gemeinden in Oester- 
reich, Baiern, Niederlanden und dem Ivhein entlang. In Eng- 
land waren sie weniger bemerkt und scheinen nur sporadisch 
gewesen zu sein. Dabei waren die katharischen Gemeinden, 
besonders die in Frankreich und Italien, in organischem Zu- 
sammenhange mit den urspriinglichen in Bulgarien und Dal- 
matieu, was aus den Berichten des Katharerbischofs Nicetas 
aus Konstantinopel, auf der von den Katharern im Jahre 1167 
zu Saint-Felix de Caraman abgehaltenen Synode, klar her- 
vorgeht. 

Nach der dualistischen Anschauung: der Katharer ist der 
böse Gott der eigentliche Schöi^fer dieser sinnlichen Welt, 
dem guten Gott eignen sie das Unsichtbare, Ewige, die Licht- 
welt, das himmlische Jerusalem. Eifersüchtig auf das Reich 
des guten Gottes, habe der böse die himmlischen Seelen ver- 
fiihrt, welche ihm auf die Erde folgten und in Leiber eingeschlos- 
sen wurden, was der gute Gott geschehen liess, damit die 
gefallenen Seelen durch diese Busse auf der Erde wieder in 
den Himmel gelangen könnten. Zu ihrer Erlösung sei der 
Sohn des guten Gottes erschienen, aber mit einem Schein- 
körper. Auch auf Jesu Wunder wie auf Maria übertrugen die 
Katharer den Doketismus. 

Eine Partei der Katharer, die Concorcenser, nahm zwar 
dem schrofien Dualismus seine Schärfe, indem sie Gott allein 
als den Schöpfer anerkannte, wich aber von der katholischen 
Kirche doch darin ab, dass sie die von Gott geschafienc 
materielle AVeit von Lucifer geordnet und gestaltet wer- 
den liess. 

Die Kirche, die schon in den altern Zeiten den Mani- 
chäismus für ihren schlimmsten Feind betrachtet hatte, sah 
sich durch den Katharismus, in dem sie den wiedererstandenen 
Manichäismus erblickte, hart bedroht, um so mehr, als sich 



128 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

ihr das katliarisclie Lehrsystem mit der grösstcn Schroffheit 
entgegenstellte, indem es unter anderm auch den Grundsatz 
enthielt: dass Busse thun und durch diese selig zu werden, 
nur in der Gemeinde der Katharer möglich sei, in die man 
durch das Consolamentum , d. h. die Geistestaufe Eingang 
finde. Die weite Verbreitung des Katharerthums , welches 
immer mehr zunahm und zwar bis in die nächste Nähe des 
Papstes gelangte, musste die Reaction der Kirche hervorrufen. 
Mehrere Synoden des 12. Jahrhunderts suchten ihre Be- 
schlüsse gegen die Katharer durch blutige Mittel auszufiihren, 
konnten aber deren weiterm Umsichgreifen keinen Einhalt 
thun, sodass Innocenz III. bekennen musste: diese teuflische 
Bosheit gegen die rechtgläubige Kirche sei es, welche unter 
allen Gefahren, die der katholischen Kirche drohten, sein 
Gemüth am meisten betriibe. Er wusste daher in dem 
Abt Arnold von Citaux den Eifer dahin anzuregen, dass 
dieser sich an die S^^itze eines Kreuzheeres stellte, nicht 
mn das heilige Land zu erobern, sondern um die Ketzer zu 
vernichten. Das Kreuzheer fiel im Jahre 1220 zuerst in das 
Gebiet des Vicomte von Albi ein, wandte sich dann gegen 
den Grafen von Toulouse und eröffnete hiermit die bekannten 
Greuel des Albigenserkriegs, der 20 Jahre hindurch seuchen- 
artig wirkte, dessen Fortsetzung dann den Händen der In- 
quisition anvertraut ward. 

Bekanntlich erstreckten sich die blutigen Massregeln gegen 
die Katharer auch über die Waldenser, die zwar nicht auf 
der dualistischen Grundlage der Anschauung fussten, aber 
durch ihre Grundsätze von der evangelischen Armuth und der 
apostolischen Predigt mit der päpstlichen Kirche in Oppo- 
sition la^-en. Der Katharismus ist seinem Wesen nach als 
„populärer halb christlicher, halb heidnischer Versuch, das 
Problem vom Ursprung des Bösen zu lösen", bezeichnet wor- 
den. ^ Diese Bezeichnung ist treffend nach der theoretischen 
Seite, berührt aber nicht die praktische Tendenz des Katha- 
rismus, welche von der Kirche sehr wohl ins Auge gefasst 
wurde, daher deren Erbitterung gegen den Katharisnuis nicht 
blos in dessen dogmatischem Gegensatze zu ihr, sondern vor- 
nehmlich darin ihren Grund hatte, dass sie ihre Herrschaft 



' 0. Schmitt in Ilerzog's p]ncykIopädio, Ari. Kiitharer. 



9. Sekten im Mittelalter. 129 

über die Gemüther durch sein Ueberhandnehnien geschmälert 
sah, wie ihr auch äusserlicb ein grosses Gebiet entzogen ward. 
Nach der uns bereits bekannten Herabdrückungsmethode, 
die von der Kirche in frühern Zeiten den Heiden wie auch 
den Häretikern gegenüber befolgt ward, erklärte sie diese 
für Teufelsdieuer und, wie schon Augustinus dem himmlischen 
Staate einen teuflischen entgegengestellt hatte, so stempelte 
die Kirche des Mittelalters jede von ihr abweichende oder 
ihr gegensätzlich erscheinende Anschauung zum Teufelscultus- 
Das Volk musste hiernach in der Ausbreitung des Katharis- 
mus ein Ueberhandnehnien der Macht des Teufels erblicken 
und in seinem Glauben daran bestärkt werden. Dies musste 
um so mehr der Fall sein, wenn es die Kirche Massregeln er- 
greifen sah, womit sie dem Teufelscult entgegenzuwirken suchte. 
Solches geschah durch das eingeführte heilige Officium, das 
Gericht der Kirche zur Entdeckung und Bestrafung des teuf- 
lischen Aberglaubens, der ketzerischen Bosheit. 



Die IiKiuisitiou. 

Während der unaufhörlichen Kämpfe der Hierarchie um 
die Oberhand über die weltliche Macht, durch anderwärts 
erwähnte Mittel zur Machterweiterung, wodurch die Gewissen 
der Menschen ganz und gar ecclesiae adstricti werden sollten, 
hatten die Heilsmittel der Kirche ihre sittliche Kraft einge- 
büsst, und jene glaubte sich genöthigt, ihre Zuflucht zu äussern 
Zwangsmitteln nehmen zu sollen. Die alte Kirchenzucht, 
welche ursprünglich von den Landesbischöfen gehandhabt 
worden, hatte als grösste Strafe die Excommunication ver- 
hängt, wodurch der Betroffene zwar als dem Teufel verfallen 
betrachtet wurde, zugleich die bürgerliche Strafe der Ver- 
bannung, aber nicht die Todesstrafe erlitt. Als Theodosius 
(382) die Todesstrafe gegeji die Manichäer gesetzlich be- 
stimmte , fand er noch Widerspruch bei den angesehensten 
Kirchenvätern, als Chrysostomus ' und Augustinus^; wogegen 



1 Homil. 29 u. 46 in Matth. 

2 Epist. 93 ad Vincentium; contrd Gaudentium üb. 1, Ep. 185 ad 
Bonifaciuin. 

Koskoff, Gcsclüchtc Jea Teufels. II Q 



130 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Hieronymus die Todesstrafe auf Ketzerei schon rechtfertigt, 
gestiitzt auf 5 Mos. 13, 6 fg., und Leo der Grosse die Hin- 
richtung in diesem Falle ganz billigt. ^ Die weltliche Obrig- 
keit, die im Dienste der Kirche stand, welche vom Blut- 
vergiessen sich frei erhalten wollte, musste die Urtheile voll- 
ziehen. Den Bischöfen blieb das Recht und die Pflicht, die 
Kirche von Ketzerei rein zu erhalten, und die weltliche Macht 
unterstützte sie kräftig dabei. Zur Erforschung unkirchlicher 
Meinungen dienten die Sendgerichte, welche seit dem 
11. Jahrhundert in ein ordentliches System gebracht wurden. 
Das Ueberhandnehmen des Katharismus der Albigenser und 
Waldenser machte den römischen Stuhl erzittern, daher er 
Legaten ohne Berücksichtii]fims der bischöflichen Rechte mit 
dem kirchlichen Strafamt ausri'istete, das sie gegen der Ketzerei 
Verdächtiofe auch oft mit Grausamkeit vollzoo-en. Die römische 
Curie sah sich aber weder durch diese noch durch die stren- 
gen Verordnungen der Concilien zu Toulouse 1119 und des 
dritten lateranischen Concils 1170, noch durch die Blutarbeit 
der Kreuzheere befriedigt. Papst Innocenz III. wollte die Aus- 
spiirung der Ketzer ordentlich organisirt wissen und liess im 
vierten lateranischen Concil das Verfahren o-eofen die Ketzer 
als Hauptgeschäft der bischöflichen Senden aufstellen, wonach 
jeder Bischof verpflichtet ward, seinen Sprengel, von welchem 
ruchbar geworden, dass sich Ketzer darin aufhielten, entweder 
selbst zu visitiren oder von in gutem Rufe stehenden Per- 
sonen visitiren zu lassen, wobei nöthigenfalls sämmtliche Ein- 
wohner beschwören sollten, die ihnen bekannten Ketzer anzu- 
zeigen. Wer den Eid verweigerte, lade den Verdacht der 
häretischen Bosheit auf sich selbst, und der im Straftimte 
lässige Bischof solle abgesetzt werden. ^ Das Concil von 
Toulouse im Jahre 1229 erweiterte den von Innocenz III. se- 
macliten Entwurf einer systematischen Ausspiirung der Ketzerei, 
und so ward die Einrichtung der Inquisition vollendet. In 
den 45 Sätzen, die das Concil erliess ^, sind dies die wesent- 
lichen Bestimmungen : Die Erzbischöfe und Bischöfe sollen in 
ihren Parochien einen Priester und einige unbescholtene Laien 



' Epist. IT) ad Turribium. 

^ Mansi, Conc. uova et ampliss. collect., toni. XXII, 98G sq., c. 3. 

3 Mansi, XXIII, 1Ü2. 



9. Sekten im Mittelalter. 131 

zur Aufspürung der Ketzer eidlich verpflichten, sie sollen die 
Wohnungen und geheimen Schlupfwinkel durchforschen, nicht 
nur entdeckte Ketzer, sondern auch deren Bcschiitzer, Freunde 
und Vertheidiger einfangen und zur Bestrafung ausliefern. 
Wer wissentlich einen Ketzer verleugnet, soll wie dieser am 
Leibe und mit Verlust des Vermögens bestraft werden. Das 
Haus, in dem ein Ketzer entdeckt wird, soll zerstört werden, 
der Ortsrichter, der bei der Ketzerverfolgung lässig wäre, 
gehe seines Amtes und seiner Giiter verlustig und diirfe nie 
wieder angestellt werden. Jeder Inquisitor habe das Recht, 
auch im Gebiete des andern seine Nachforschungen anzustellen. 
Ketzer, die sich freiwillig zum Glauben bekehren, sollen von 
ihren bisherigen Wohnsitzen nach einem unverdächtigem Orte 
versetzt werden, müssen aber auf jeder Seite zwei durch die 
Farbe bemerkliche Kreuze tragen und können, infolge bischöf- 
lichen Zeuirnisses über ihre Aussöhnung mit der Kirche und 
wenn sie vom Papste oder dessen Legaten in integrum resti- 
tuirt sind, zu einem öffentlichen Amte oder rechtsgültigen 
Handlungen zuo;elassen werden. Ist die Rückkehr zur Kirche 
nicht freiwillig, sondern aus irgendeinem Grunde, z. B. aus 
Furcht vor dem Tode, erfolgt, dann werde der Inquisit in 
ein Kloster gesperrt und von seinen eigenen Mitteln erhalten, 
und wenn er ganz arm wäre, sein Unterhalt von dem Vor- 
steher besorgt. Jede Parochie soll ein Verzeichniss aller 
Personen innerhalb derselben führen, w^ovon die männlichen 
von ihrem vierzehnten, die weiblichen vom zwölften Jahre an 
aller Ketzerei abschwören müssen, dagegen in jedem zweiten 
Jahre eidlich zu verpflichten seien, den römischen Kirchen- 
glauben zu halten, alle Ketzer nach Kräften zu verfolgen und 
das ihnen bekannte Vermögen getreulich anzugeben. Ab- 
wesende Personen, die vierzehn Tage nach ihrer Rückkehr 
den Eid zu leisten versäumten, sollen wia Ketzer behandelt 
werden. — Um Ketzereien auf die Spur zu kommen, wird für 
die Laien verordnet, dreimal des Jahrs Ohrenbeichte abzu- 
legen, w^er sie unterliesse, sei der Ketzerei verdächtig. Da- 
gegen wird den Laien der Besitz der biblischen Schriften, 
besonders deren Uebersetzungen in die Landessprache ver- 
boten, nur das Psalterium oder ein Breviarium ist gestattet; 
Kranken, die der Ketzerei verdächtig sind, wird untersagt 
einen Arzt zu haben. . . Testamentarische Verfügungen habcMi 

9* 



132 Zweiter A])schnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

nur Gültigkeit, wenn sie in Gegenwart eines Geistlichen oder 
unbescholtener Männer getrofien worden. 

So furchtbar diese Satzungen sind, nach denen die In- 
(juisition in Frankreich zu Werke ging und zu deren Aus- 
führung die Bischöfe von den Legaten angeeifert wurden, 
glaubte der päpstliche Stuhl seinen Zweck doch eher zu er- 
reichen, wenn er das Inquisitionsgeschäft den Bischöfen ab 
und in die eigenen Hände nehme, die Inquisition zu einem 
selbständigen päpstlichen Institute mache vmd die Bischöfe 
selbst diesem Tribunale unterwerfe. In diesem Sinne wurden 
1232 lind 1333 die Dominicaner von Gregor IX. zu ständigen 
päpstlichen Inquisitoren bestellt. Die weltlichen Fürsten muss- 
ten die Ausführung der kirchlichen Massregeln besorgen. So 
erliess Ludwig der IX. sein Mandat „ad cives Narbonae" 
(1228), wonach die weltlichen Behörden seines Landes ver- 
pflichtet werden, die von der Kirche gefällten Urtheile gegen 
Ketzer genau zu vollstrecken. Niemand, bei Verlust seiner 
bür<Terlichen Rechte, dürfe einen Verurtheilten aufnehmen 
oder vertheidigen, dagegen solle jeder Denunciant belohnt 
werden. In ähnlichem Sinne musste Graf Raymund VI. von 
Beziers Verordnungen geben. Wie unwiderstehlich dieser 
Zu"- jener Zeit war, erhellt daraus, dass auch Kaiser Fried- 
rich IL, der jene durch seine Denkweise um Kopfeslänge 
überragte, doch nicht verhindern konnte, dass die Bestim- 
mun'Ten des vierten lateranischen Concils in seine hierher be- 
züfj-lichen Erlasse beinahe wörtlich aufgenommen wurden. Hier- 
her gehört: ein allgemeines Gesetz Friedrich's IL vom 22. Nov. 
1220 ^; ein Gesetz vom März 1224 in Beziehung auf die 
Ketzereien in der Lombardei'-^; ferner die Bestinunungen des 
Reichstags von Ravenna 1232 ^; endlich die Verordnung vom 
2ß. Juni 1238.^ 

Das gerichtliche Verfahren gegen Ketzer wich von der 
bürgerlichen Procedur ganz ab, und alle bisher gebrauchten 
Formen wurden zersprengt durch den aufgestellten Grund- 
satz: die Häresie sei ein „crimen exceptum". Die Bclastungs- 



1 Pertz, Mon. Legg., II, 244. 

2 Ibid., II, 252 fg. 

3 Ibid., II, 287—81». 
* Il)id,, U, ;32(i-2!). 



9. Sekten im Mittelalter. 133 

zeugen blieben dem Angeklagten verschwiegen kraft der Con- 
cilienbeschlüsse von Beziers und Narbonne 1235. Diese Mass- 
regel wurde von Innocenz IV. 1254 durch die Bulle „Cum 
negotium" bekräftigt, und zwar mit der Grundanführung: um 
Aergerniss oder Gefahr zu vermeiden. Bei dem Inquitjitions- 
verfahren wurden auch Verbrecher, selbst wenn sie mitschul- 
dig waren, als Kläger oder beweiskräftige Zeugen zugelassen. 
Schon der Verdacht einer ketzerischen Meinuns: berechtigte 
die Verhaftung. Das Gestand niss wurde erpresst. Innocenz IV. 
verordnete in der Bulle „Ad exstirpanda" vom Jahre 1252, 
dass die weltlichen Obrigkeiten nicht nur das Geständniss, 
sondern auch die Anklage durch die Tortur erzwino-en sollen. 
Diese, bisher von der weltlichen Obrigkeit gehandhabt, über- 
nahm kurz darauf wegen Geheimhaltung der Aussagen die 
Inquisition selbst, zu deren Gerichten, wie schon erwähnt, 
Geistliche, meistens Dominicaner, delegirt waren, indem das 
beanspruchte und ausgeübte Recht des Priesters: in Glaubens- 
sachen Richter zu sein, auf eigene Inquisitionsgerichte über- 
tragen ward. 

Die Inquisition, die ihre Thätigkeit zuerst in Frankreich 
mit grossen Grausamkeiten eröfinete und wiederholt Volksem- 
pörungen veranlasste , wobei Inquisitoren ihr Leben einbüssten, 
sollte zwar durch Philipp des Schönen Befehl (vom Jahre 1291) 
der Vorsicht halber in ihrer Willkür beschränkt werden, und 
in dieser Beziehung wollte auch Clemens V. (1311) zu dem 
Vorschreiten gegen den Angeklagten den Diöcesanbischof her- 
beigezogen wissen; ^ allein die Grausamkeiten dauerten fort, 
wie aus Limborch ^ bekannt ist, und noch im 15. Jahrhun- 
dert wurden viele Personen als Waldenser verbrannt. 

In Deutschland hatte sich die Inquisition sofort nach ihrer 
Organisirung durch das Concil von Toulouse verbreitet, und 
der Dominicaner Droso oder Torso, besonders aber Konrad 
von Marburg wiitheten von 1231 — 33 mit furchtbarer Grau- 
samkeit, wovon die Stedinger, die er zu Ketzern stempelte, 
ein trauriges Beispiel liefern. Dass Konrad es arg getrieben 



1 Biener, Beitr. zur Geschichte des Inquisitionsprocesses, S. 72 fg. 
^ Hist. Inquis. cui subjungitur über sententiarum Inquis. Tholosanae 
ab a. Chr. 1307 — 1323. 



134 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

habe, gclit daraus hervor, dass die Erzbischöfe von Mainz, 
Trier, Köln sich veranlasst sahen, Mahnungen zur Mässigung 
an ihn ergehen zu lassen, wofür er aber den Spiess gegen 
diese Kirchenfürsten kehrte und das Kreuz gegen sie pre- 
digte, bis er selbst bei Marburg der aufs höchste gereizten 
Volkswuth erlag. Auch die Verordnungen Friedrich's IL, die 
er seit 1232 zur Vollziehung der Bluturtheile der Inquisition 
ergehen lassen mussteS um den Verdacht der Ketzerei von 
sich zu halten, erregten den Ingrimm des Volks. Im 14. Jalu-- 
hundert gaben die Bcgharden der Inquisition neue Veranlas- 
suno- zur Thätiokeit, und die Dominicaner wurden von Ur- 
ban V. auch für Deutschland zu Inquisitoren ernannt. 

In England, Schweden, Norwegen und Dänemark konnte 
die Inquisition keine recht heimische Stätte finden; dagegen 
fasste sie tiefe Wurzel in den Niederlanden, wo sie nament- 
lich der Reformation gegenüber üppig wucherte und blutrothe 
Früchte trug. Erst in der zweiten Hälfte des IG. Jahrhun- 
derts wollte der Versuch, die Inquisition in Frankreich gegen 
die Hugenotten spielen zu lassen, nicht mehr gelingen, ob- 
schon Papst Paul IV. durch seine Bulle vom 25. April 1557 
sie neu in Scene zu setzen suchte und Heinrich IL ein ent- 
sprechendes Edict dem Parlamente aufgedrungen hatte. Die 
Zeit war eine andere geworden, der Boden M^ard der Inquisition 
in Europa immer mehr entzogen. Sie streckte ihre Fangarme 
anderwärts aus, mit denen sie bis über den Ocean reichte. 
Durch die Spanier ward sie bald nach der Entdeckung Ame- 
rikas dahin gebracht, um ihre Blutgerüste besonders in Mexico 
und Lima aufzuschlagen. Die Portugiesen führten sie in Ost- 
indien ein. 

Obschon die Habsucht der Inquisitoren nicht als Haupt- 
grund anzunehmen ist, trug sie allerdings bei zur Aufrecht- 
erhaltung der Ketzergerichte, da die Ketzerrichter nicht nur 
mit ausserordentlicher Macht ausgestattet waren, und an An- 
sehen den Bischöfen beinahe gleichkamen, sondern von ihrem 
Geschäfte auch ein ausserordentliches Einkommen genossen. 
Der Inquisitor wurde anfangs auf Kosten der Gemeinde erhal- 



J Pertz, Mon. hist. Germ. IV, p. 287, 326. 



9. Sekten im Mittelalter. 135 

teil, innerhalb deren er seinen Richterstnhl aufgeschlagen hatte. 
Papst Innocenz IV. bestimmte (1252) ein Drittel von dem 
confiscirten Vermögen des eingezogenen Inquisiten, während 
ein zweites Drittel für künftige Inqiiisitionszwecke hinterlegt 
werden sollte, das also auch den Inquisitoren zufiel ; aber bald 
gelang es der Inquisition, das ganze Vermögen des Inquisiten 
in Beschlag zu nehmen. Das Ketzergericht ward hiernach eine 
reiche Einnahmsquelle für die Inquisition, und die Inquisitoren 
hatten also Grund genug, dafür zu sorgen, dass jene nie ver- 
siegte, blieben daher taub für die Mahnungen des Concils zu 
Narbonne 1243 zur Mässigung, und die Versuche Philipp's 
des Schönen, das geistliche Tribunal zu beschränken, waren 
vergeblich. Die Inquisitoren wussten die beschränkenden Be- 
stimmungen zu umgehen oder trotzten denselben, ungeachtet 
der Volksbewegungen, die sie wiederholt veranlassten, z. B. in 
Albi und Narbonne 1234, in Toulouse 1245. 

Von besonderer Wichtigkeit ist für uns der Umstand, 
dass durch den inquisitorischen Klerus der BegriiF der Ketze- 
rei weiter ausgedehnt wurde, indem jener sich nicht mehr be- 
gnügte, Häresie als eine vom kirchlichen Dogma abweichende 
Meinung zu betrachten, sondern als Abfall von der Kirche 
und Bündniss mit dem Teufel darstellte. Letzteres 
wurde so stark betont, dass schliesslich Ketzerei und Bündniss 
mit dem Teufel nicht nur gleichbedeutend, vielmehr die Hin- 
gebung an den Teufel und der Umgang mit ihm als Ursache 
des Abfalls von der Kirche und jeglicher Ketzerei erklärt 
ward. Hiernach begreifen wir nun auch, wie die Kirche dazu 
kam, allem, Avas ihr missliebig oder feindlich erschien, ein 
Teufelsbündniss unterzuschieben, und demnach allenthalben 
angeblich die Thätigkeit des Teufels wahrzunehmen, auf Ver- 
bindung mit dem Teufel zu klagen, wo wir den Ursprung der 
Erscheinung ganz fern davon liegen sehen. Ein trefi'endes 
Beispiel liefert die Geschichte der Stedinger. 

In den Briefen des Papstes Innocenz III. wird, wo er 
von Ketzern spricht, ob Waldensern, Katharern, Patarenern 
oder andern, sehr häufig der Teufel erwähnt, z. B. sie seien 
„gleich dem schwarzen Pferde in der üfi'enbarung , auf wel- 
chem der Teufel sitzend die AVage hält"; die Ketzerei nennt 
er gewöhnlich „teuflische Verkehrtheit"; er erklärt die bei 



13(3 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

ihrer ketzerischen Ansicht Verharrenden „der Gewalt des Sa- 
tans heimccefallen". * 

Man hat die Eintührung der Inquisition als eine notli- 
wendige Vorkchrnno; rjesren den teuflischen Aberglauben oder 
Teufelscultus dargestellt, und Görres füln-t als Beweis die 
Stedinger an 2, die er auch zu Teufelsdienern macht. Das 
Uebel, sagt dieser Schriftsteller, keimte fort: im Jahre 1303 
wird ein Bischof von Conventry des Verbrechens ange- 
schuldigt, er habe, nebst andern Greueln, dem Satan gehul- 
digt, ihn hinterwärts geküsst und oft sich mit ihm unterredet ; 
selbst an dem Oberhaupte der Kirche versucht sich die böse 
Kunst; Johann XXII. bestellt daher den Bischof Frejus, auf 
die Vergifter zu forschen, denn, sagt der Papst: „AVir haben 
vernommen, wie Joannes von Limoges, und Jacobus von Cra- 
bancon, und Joannes von Amant, nebst einigen andern, sich 
aus Trieb eines verdammlichen Fiirwitzes auf die Schwarz- 
kunst und anderes Zauberwerk verlegen. Sie bedienen sich 
dazu gewisser Spiegel und Bilder, die sie nach ihrer Art 
weihen ; sie stellen sich in einen Kreis umher, rufen die bösen 
Geister an, und trachten durch solch ihr Zauberwerk gewisse 
Personen zu tödten oder durch langsame Krankheiten hinzu- 
richten. Zuweilen versperren sie die bösen Geister in Spiegel, 
in Cirkel oder Ring. Sie geben zuweilen vor, sie hätten die 
Kraft und Wirkung solcher Kiinste oft erfahren, und scheuen 
sich nicht zu behaupten: sie könnten nicht nur durch gewisse 
Speisen und Getränke, sondern auch durch blosse Worte den 
Leuten das Leben verkiirzen, verlängern oder gar nehmen, 
zuirleich Krankheiten heilen". — Schon früher hatte der Papst 
eine ähnliche Zuschrift zu gleichem Zwecke an den Bischof 
von Rie erlassen, worin er unter andcrm sagt: „Sie haben, 
um uns mit Gift hinzurichten, gewisse Getränke bereitet, weil 
sie aber selbige uns beizubringen keine Gelegenheit gefunden, 
haben sie unter unserem Namen Bildnisse gestaltet und solche 
unter Zauberspri'ichen und Anrufung böser Geister mit Nadeln 
durchstochen, damit sie uns dadurch ums Leben bringen 
möchten". — Am 20. August 1320 schreibt darauf Wilhelm, 
Cardinal von Godin, an den Inquisitor zu Carcassone: „Der 



1 Vgl. llurtcr, Innocenz III., II, 257 fg. 
•■i Mystik 111, 50 fg. 



9. Sekten im Mittelalter, 137 

Papst befiehlt euch, gerichthche Untersuchung wider diejeni- 
gen vorzunehmen, welche den Dämonen opfern, selbige an- 
beten, sich ihnen verloben und schriftlich oder sonst durch 
ausdriicklichen Bund verpflichten; um sie zu bannen, gewisse 
Bildnisse oder andere Malereien taufen, das heilige Sakrament 
der Taufe auch zu andern Maleficien misbrauchen. Gegen 
solche Bösewichter sollt ihr mit Beihülfe der Bischöfe Avie 
gegen Häretiker verfahren, wozu euch der Papst hiermit 
ermächtigt". 

Wenn wir diese Beispiele von Görres entlehnen, so wol- 
len wir nicht nach seinem Vorgange die Nothwendigkcit der 
Inquisition damit beweisen, vielmehr die herrschende An- 
schauung zeigen, wie die Inc[uisition Ketzer und Teufelsdie- 
ner nicht nur über ein und denselben Kamm schor, sondern 
ganz o-leichbedeutend fasste. Auch unser Gewährsmann be- 
stätigt dies, wenn er fortfährt: „Dinge dieser Art erfüllen 
die Inquisitionsacten vom 13. Jahrhundert herein, und aus- 
drücklich positive Zeugnisse bestätigen jetzt den nahen Zu- 
sammenhang des Zauberwesens mit den Häretikern." Görres 
führt eine Actensanimlung an (im Cod. 3446 der Pariser Biblio- 
thek, durch Döllinger ausgezogen), worin es unter anderm 
heisst: „Alle Waldenser sind von Berufs wegen wesentlich wie 
formal imi ihrer Aufnahme in die Gesellschaft willen — Teu- 
felsbeschwörer; obgleich nicht alle Beschwörer Waldenser 
sind, aber oft treffen Beschwörer und Waldenserei (Valdesia) 
zusammen." ^ Also nicht nur die Katharer mit ihrer Annahme 
von zwei Urwesen, einem guten und einem bösen , womit sie 
eine Handhabe boten sie als Teufelsdiener zu betrachten, 
sondern auch die sittenstrengen Waldenser, deren Lehre nichts 
Dämonisches enthielt, werden des Teufelscultus und der da- 
mit verbundenen Unzucht beschuldigt. ^ Die Beschuldigung 
hat ihren Grund in der oppositionellen Stellung der Walden- 
ser gegen die Kirche, indem sie das Christenthum wesentlich 
auf die evangelische Armuth und apostolische Predigt zurück- 
zuführen strebten. Zur Zeit der Albigenserkriege werden 



1 Görres, a. a. 0., S. 54. 

- Alani (ab insulis) insij^uis theulogi upus a dver?. haereticos ot Vul- 
denses, qui postea Albigeuses dicti etc., p. 180; (vgl. Bernard ALb. Font. 
Calid. adv. Waldensium Sectam. praefut. in Bibl. patr. max. Tom. XXIV). 



138 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Katharer und Alblgcnscr nicht als gesonderte Parteien be- 
trachtet, und auch Schriftstellern sind sie gleichbedeutend; 
z. B. die Schrift des Lucas Tudensis contra Waldenses wider- 
legt grösstentheils Irrthümer, deren sonst die Katharer ge- 
ziehen Averden, wie auch sonst in polemischen Schriften die 
Lehren und Ansichten untereinandergeworfen sind. ^ 

Die Inquisition, w^elche über die Reinheit der Lehre zu 
wachen hatte, übernahm das Gericht auch in Zaubersachen, 
die auf den Teufel zurückcceführt werden. Für Frankreich 
entschied eine Parlamentsacte vom Jahre 1282 auf Betrieb des 
Erzbischofs von Paris, wonach die Erkenntniss in Zaubersachen 
den Geistlichen, mit Ausschluss der Laien, überlassen werden 
sollte.^ Die „Christusmiliz gegen die Häretiker" spürte 
niui vornehmlich nach den Dienern des Teufels, imd da sie 
erstere überall wdtterte , musste dieser auch allenthalben vor- 
handen sein. Durch die geistlichen Ketzergerichte wurde der 
Glaube an den Teufel im Volke nicht nur gefördert, sondern 
die Vorstellung von diesem und seiner Macht zur herrschen- 
den erhoben. 



Kreuzzüge. 

Die phantastischen Erscheinungen innerhalb des Mittel- 
alters verlieren das Befremdende bei Betrachtung der Factoren, 
welche auf die Gemüther der Menschen eingewirkt, als deren 
Resultate sie sich erweisen. Die bisher berührten Momente 
könnten schon hinreichen, einige Einsicht in das Gemüthsleben 
des mittelalterlichen Menschen zu eröffnen und manche heri-- 
schende Vorstellung genetisch zu erklären. Schon im H. Jahr- 
hundert hatte eine Sturmbewegung die Gemi'ither ergriffen, 
und die Kreuzzüge hervorgebracht, und es ist zu erwarten 
dass so hochgehende Wogen nicht sofort verlaufen konnten, 
oh.ie manches Ausserordentliche als Folge herbeizutreiben. 
Wir wollen absehen von der specicllen Folge der Kreuzzüge 



1 Vgl. Ilurter, Innoc. III., II, 237, Note. 

2 Üörrcs, Mysterien, IV, 2, S. 509. 



9. Sekten im Mittelalter. 139 

auf die Geschichte des Teufels, die von Soldan ^ darin erkannt 
wird, dass die Kreuzfahrer mit den griechischen Speculationen 
über die Zeugung der Dämonen mit menschlichen Weibern, 
wie mit den materiellen Geistern des Mohammedanismus, na- 
mentlich den Dschins, bekannt geworden seien, und hierin die 
Ursache vermuthet, dass mit dem Anfange des 13. Jahrlnm- 
derts das Abendland mit zahllosen Buhlgeschichten von Dä- 
monen und Feen überfluihet worden sei. Wir berücksichtigen 
hier vornehmlich die Folge der Kreuzzüge auf das Empfin- 
dungs- und Phantasieleben des Volks im allgemeinen. Die 
Erfiihrunoren durch die KreuzzüiTe erweiterten zwar in man- 
eher Beziehung den Gesichtskreis, aber die Ungeheuerlich- 
keiten, die von den Kreuzfahrern gesammelt und vermehrt 
nach der Heimat gebracht wurden, wirkten, bei dem gebun- 
denen Denkvermögen des Volks, vorzüglich auf das Empfin- 
dungs- und Phantasieleben, das hierdurch ganz schrankenlos 
wurde. Dieses äusserte sich in Kraftausbriichen eines epide- 
mischen religiösen Enthusiasmus, der sturmartig dahinbrauste 
und alles mit sich fortriss. Bei innerer Haltlosigkeit fühlte 
sich das Volk instinctartig getrieben, ohne das Ziel klar zu 
sehen und den Weg zu finden, wo seinem Bedürfnisse Befrie- 
digung werden könnte. Mit der massenhaften Einfiihrung 
der Reliquien durch die Kreuzfahrer wurde zugleich eine Un- 
zahl von Legenden aus dem Oriente nach Europa verpflanzt, 
unter denen die Sucht nach Wundern ins Masslose wucherte, 
wobei die rotlie Gluth der Phantasie bis zum Weissglühen 
gesteigert ward. Die Sammlung der Legenden durch den 
Dominicaner Ja.cobus a Voragine (gest. 1298) wurde zur Le- 
genda aurea des Abendlandes, wie in demselben Jahrhundert 
die des Simon Metaphrastes im Morgenlande. Im Jahre 1295 
wird das Haus der Heiligen Jungfrau durch die Engel von 
Nazareth nach Loretto gebracht, und es spinnt sich der Faden 
der Legenden in dieser Periode ins Endlose. 

Kiiulerpilgerfalirt. 

Eine der seltsamsten Kraftäusserungen, durch den Geist 
der Kreuzzüge hervorgerufen, zeigte sich in der Kinderpii- 



1 S. 150 fg. 



140 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

gerfalirt im Jahre 1211, wo eine grösstentheils aus Kindern 
bestellende Menge, die auf 90(X)0 angeschlagen wird, auszog, 
um das heihge Land zu erobern, begreiflicherweise aber schon 
unterwegs ihren Untergang fand. 

Schon im vorhergehenden (12.) Jahrhundert waren als 
merkwiirdiire Erscheinunci; die Brüder von der weis- 
sen Mütze aufgestanden, die, von sittlicher Ascese ge- 
trieben, sich verpflichteten, keine AYiirfel zu spielen, keine 
Schenken zu besuchen, keine ausgezeichnete Kleidung zu tra- 
gen, nicht zu fluchen, die aber, obschon durch ihre freiwillige 
Ausübuuff der Polizei der herrschenden Landstreicherei heil- 
sam entgegenwirkend, doch bald abgeschafi't wurden, nachdem 
sie ihren Kigorisnuis so weit gespannt hatten, den Gutsherren 
die Abo^abenforderunüc zu verbieten. 

Es wiederholt sich stets in der Geschichte des Menschen, 
dass er bei mangelnder Erkenntniss des Causalzusammenhangs 
mit aufffereo-tem Gemüthe den Grund eines Unfalls nicht nur 
ungehörigen Ortes sucht, sondern auch zu finden glaubt. So 
machte sich die allgemeine Bestürzung, welche der schwarze Tod 
hervorgervifen , zunächst Luft in der Verfolgung der Ju- 
den, die im Mittelalter, oft auch bei minder gefährlichen Um- 
ständen, als Stifter des Unheils im Dienste des Teufels den 
Hass der Christen auf grausame Weise zu empfinden beka- 
men. Das allgemeine Unglück rief aber noch eine andere 
aussergewöhnliche Erscheinung hervor, die ein Zeugniss ab- 
legt, sowol von der krankhaften Aufregung der Gemüther 
als auch von der sittlichen Haltlosigkeit und dem Suchen nach 
einem Haltepunkte. 



Flagellauteii. 

Durch die in Gang gekommene bekannte Stellvertretungs- 
theorie im Busswesen war dieses inuner mehr herabgesunken 
und hatte seinen Werth so gänzlich eingebüsst, dass der 
Mensch verzweifelte, die Vergebung der Sünden dadurch zu 
erlangen, wenn er nur etwas rein Aeusserliches von seinem 
Besitze zum Opfer brachte. Er glaubte daher eine eindring- 
lichere Busse zu üben, wenn er seine eigene Leiblichkeit an- 
greife. Nach dem Vorgange Damiani's lag es nahe,- sich dessen 



9. Sekten im Mittelalter. 141 

Bussniittels zu bedienen, das von diesem frommen Meister der 
Busse so dringlich empfohlen ward, nämlich der Geiselung. 
Wie sollte man es einer Zeit verdenken, dass sie nicht zum 
Innersten eindrang, und nicht den Weg fand bis zur Gesin- 
nung, von wo die Busse ausgehen und in einem reinen, lau- 
tern Leben sich äussern soll, einer Zeit, in welcher die Kirche 
selbst den grössten Werth auf das Weltliche gelegt hatte, 
wo die sittliche Wi\rdio;kcit des Menschen für das Reich 
Gottes vom Geldwerthe abhängig gemacht ward, wo die 
Kirche die geistigen Bussmittel ausser Kraft gesetzt hatte? 
Schon im Jahr 1260, wo der Streit der Weifen und Ghibelli- 
nen das «leselliüe Leben in Italien zerrissen hatte, war da- 
selbst die Geiselbusse, bisher nur von einzelnen geübt, in 
massenhafter Erscheinung aufgetreten. In den verheerenden 
Kämpfen dieser Parteien wurden viele Bewohner der wei- 
fischen Stadt Perugia, die von der Niederlage, durch die Ghi- 
bellinen in der Schlacht von Monte -Aperto den Weifen bei- 
gebracht, hart gelitten hatte, wie von einem mächtigen 
Schauder der Busse ergriffen. Mit entblösstem Oberleib zogen 
sie paarweise durch die Strassen, mit Bussriemen sich bis aufs 
Blut geiselnd. Sie zogen aus Perugia hinaus durch die Lom- 
bardei bis nach der Provence, ein Theil bis nach Rom, Aväh- 
reud des Zuges an Zahl immer mehr anwachsend. Zu der- 
selben Zeit bewegten sich Geislerschaarcn durch Krain, 
Kärnten, Steiermark, Oesterreich, Böhmen, Mähren bis nach 
Ungarn und Polen, den blossen Körper geiselnd, mit ver- 
hiUltem Gesicht, Fahnen und Kreuze einhertragend, unter Ab- 
sinffuno: von Bussliedern. Solche Geislergesellschaften treffen 
wir auch im 14. Jahrhundert, die im Gedränge der Bürger- 
kriege durch die allgemeine Calamität des schwarzen Todes 
aufgeregt wurden. Die ganze biirgerliche Ordnung des ge- 
sellschaftlichen Lebens war durch die furchtbare Seuche auf- 
gelöst, Deutschland lag geknebelt unter dem Interdict, der 
Bannfluch (von 1346), der im Kampfe Ludwig's des Baiern 
mit dem Papste durch diesen vom Vatican herabgeschleudei't 
worden, lastete schwer auf dem Volke. Es war eine ver- 
zweiflungsvolle Lage, wo das fromme Gemüth die heilige 
Stätte verschlossen fand, an der es sich den Seelenfrieden 
holen sollte, oder wo die Segnungen der Kirche nur durch 
Geld und Geldes werth zu erkaufen waren, das dem Aermern 



142 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 



mangelte, dem also auch das Mittel fehlte, sich mit Ausge- 
lassenheit den Lüsten zu ergeben, um, gleich dem Reichern, 
in halber Vergessenheit hinzutaumeln, oder wo dem Menschen 
in seinem zerknirschenden Seelenhunger nach geistigen Gaben 
von der Kirche, wenn sie ihm ofien stand. Steine anstatt des 
Brotes gereicht wurden. Einer solchen Zeit entrang sich die 
Hofinung auf die Wiederkunft Friedrich's II. um die gesunkene 
Menschheit wieder aufzurichten und die zerrütteten Zustände 
zu ordnen. Das Volk aber, dem weder von der Kirche noch 
von staatlichen Organen geholfen ward, griff zur Selbsthülfe, 
zur Geiselung, um dadurch, wie es glaubte, vor dem Unter- 
gange der Welt, der verkündet ward, die Vergebung seiner 
Sünden der erzürnten Gottheit gleichsam abzunöthigen. 

Der Ursprung der Geislerzüge ist durchaus nur aus dem 
heissen Verlangen nach Busse in einer Zeit allgemeiner Ver- 
derbtheit zu erklären. Die gleichzeitigen Chronisten deuten 
dies au durch die Bemerkung: dass Niemand gewusst habe, 
woher der Eifer gekommen sei. Dass die Erscheinung epide- 
misch wirkte, ist nicht nur von den Psychiatern nachgewiesen; 
in Hermanni Altahensis Annales ^ , wo ein Bericht über die 
Flagellanten aus dem Jahre 12G0 steht, ist auch der epidemi- 
sche Zug bei dieser krankhaften Erscheinung deutlich, obschon 
imbewusst angezeigt, wenn er sagt: „Miserabilis itaque gestus 
ipsorum et dira verbera multos ad lacrymas et ad suscipien- 
dam eandem poenitentiam provocabant". Derselbe Chronist 
fügt hinzu: 2 dass diese Geislerwallfahrten, da sie im Be- 
ginne weder vom Heiligen Stuhle noch von sonst einer Au- 
torität gestützt, mit der Zeit zum Gespötte wurden, und so 
masslos sie angefangen hatten, doch in kurzem abnahmen. 
Der Umstand, dass die Geislerzüge von Laien und zwar aus 
den niedern Schichten der Gesellschaft ausgingen, was in den 
dazu anregenden Verhältnissen seine Erklärung findet, musste 
dieser Erscheinung ein eigenthümhches Gej^räge geben, da sie, 
obschon religiöser Bedeutung, doch nicht in der Kirche ihren 



1 Bei Boehmer, fontes, II, p. 156. 

2 „Sed quia origo ejusdem poenitentiae nee a sede llomana nee ab 
aliqua persona auctorabili fulciebatur, a quibusdam episcopis et domino 
Henrico Bavariae cepit liaberi contemptui. Unde tepescere in brevi cepit 
eicut res iinmoderate concepta. 



9. Sekten im Mittelalter. 143 

Ausgangspunkt hatte. Die Kirche mochte anfänglich befremdet 
sein, aber Papst Clemens VI. gibt in seiner an die deutschen 
Bischöfe erlassenen Bulle vom Jahre 1349 schon seinen Tadel 
über das eigenmächtige Bussverfahren kund, indem er darin, 
von seinem Standpunkte ganz richtig, ein Mistrauensvotum 
gegen die Kirche erkennt. Als die dritte grosse Geislerfohrt 
1399, zu der, ausser dem allgemeinen Elende der Zustände, 
namentlich die traurige Lage der Kirche durch das päpstliche 
Schisma den Anlass gegeben hatte , ihre Richtung geradezu 
nach Rom einschlug, da liess Bonifaz IX. das Haupt der 
Weissen , wie die Flagellanten von ihrem weissen Bussge- 
wande hicssen, hinrichten. Die kirchenfeindliche Tendenz der 
Geisler erkannte die Kirche darin, dass sie die kirchliche 
Bussdisciplin ganz ignorirten , indem der Meister die Absolu- 
tion infolge der Marterbusse ertheilte, mit der Ermahnung, 
künftig vor Sünden sich zu hüten: 

„Stant uf durch der reinen Martel ern 
Unn hut dich vor der Sünden mern". ' 

Hiermit war jede Yermittelung durch die Kirche und ihre 
Priester abgelehnt und deutlich ausgesprochen: dass die Busse 
unmittelbarer Ausdruck der eigenen Innerlichkeit sein solle. 
In dieser Tendenz liegt die Grundbedeutung dieser merkwür- 
digen Erscheinung, die aber eine krankhafte ist, weil sie nur 
als negative Reaction gegen einen kranken Zustand auftritt. 
Eben darum konnte sie epidemisch werden und an Wahnwitz 
streifen. Die Flagellanten, wie das Mönchswesen, sind bei 
ihrem Ursprünge als sittliche Reaction gegen ihre damaligen 
Zustände zu betrachten, sie sind aber, gleich dem Fieber, noch 
nicht die Gesundheit, obschon wie dieses eine Reaction gegen 
die Ungesundheit. Es braucht keiner Erörterung, dass die 
Geislerfahrten, sowie die mönchische Ascetik überhaupt, 
den Zweck nicht erreichen konnten, da sie 3as richtige Mittel 
nicht fanden, um die sittliche Gesundheit herzustellen; sie 
sind aber von pathologischem Interesse für jene Zeit und 
desshalb werth, dem Grunde ihrer Erscheinung nachzugehen. 
Das ganze Busswesen des Mittelalters, also auch seine Gei- 



^ Bei Baur, Geschichte des Mittelalters, aus Closener's Strassburger 
Chronik, Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart, I, 85. 



144 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

selbusse, als Mittel gegen Unsittliclikek angewendet, hat un- 
gefähr die Bedeutung einer chirurgischen Operation an dem 
selben Gesichte eines Gelbsüchtiii^en. In beiden Fällen ist die 
Voraussetzung eines kranken Zustandes richtig, und das Stre- 
ben, diesen zu heilen, nicht zu verkennen; es fehlt aber der 
Beo-riff des Wesens der Krankheit und daher fällt die Wahl 
auf das unzulängliche Mittel. Es ist die mechanische An- 
schauung, die das Princip des Mechanismus auf den höhern 
Oriranismus anwendet. 

Aehnliche Verwechselungen der Principien und des davon 
entnommenen Massstabes, der dann ungehörigerweise au^e- 
leo-t wird, begegnen uns noch in der Gegenwart auf jedem 
Schritte, werden also im Mittelalter nicht befremden können, 
sie lagen im herrschenden System der Geistlichkeit. „Zwei 
beweo-ende Kräfte, beide mit gewaltigem Einfluss, ziehen durch 
das Leben des christlichen Menschengeschlechts in dieser Zeit: 
der Glaube an ausserordentliches Eingreifen der göttlichen 
Macht in die menschlichen Begegnisse; sodann die Ansicht, 
dass alles, was sowol der Gesammtheit, als was dem einzel- 
nen an Ungemach widerfahre, göttliche Vergeltung für be- 
<zan£rene Sünden sei." ^ Diese Bemerkung Hurter's ist rieh- 
tio-, kann aber kürzer so gefasst werden: es herrschte in jener 
Zeit noch immer die althebräische Anschauung. Die althe- 
bräische Vergeltungstheorie, diese natürliche Folge des Stand- 
punktes der Legalität, erblickt in jedem Begegniss die ver- 
geltende Hand des göttlichen Richters, und bei dem Mangel 
an Naturwissenschaft, da der Begrifl' „ Natur " dem Bewusst- 
sein noch nicht aufgegangen war, erhielt jede äussere Erschei- 
nung die Bedeutung eines unmittelbaren schöpferischen Ein- 



grifi's. 



Wunderglaube. 

Das gläubige Gemüth, dem die oft lange Kette des Cau- 
salnexus verborgen ist, und den Zusammenhang zwischen Ur- 
sache und Wirkung nicht übersieht, führt alles und jedes 
vuuuittelbar auf Gott, mit dem es den Urgrund alles Seins 



J Ilurtor, lunoc. 111., VI, 505. 



9. Sekten im Mittelalter. 145 

bezeichnet, zuriick. Es erkennt nicht das organische Zusam- 
menwirken, weder in der Natur, noch in der Menschenwelt, 
noch sich als Organ in dem grossen Ganzen, weil ihm der 
Begriff vom Organismus iiberhaupt fehlt. In seiner Iso- 
lirtheit erscheinen ihm die Ereignisse, die seine Aufmerksam- 
keit dadurch auf sich ziehen, dass sie wohlthätig oder ver- 
derblich auf ihn wirken, und fiir Lohn oder Strafe gelten, 
als Wunder. Unter diesem Gesichtspunkte des Mechanismus 
bezieht es jede Erscheinung mechanisch auf sich, als den Mit- 
telpunkt der Erscheinungen, in sein speciell beschränktes In- 
teresse versenkt, sieht es nicht den Zusammenhang der Dinge, 
es erhebt nicht das Auge zur Forschung nach demselben und 
entfaltet nicht die Kraft zur Erforschung. Bei der stetigen 
Beziehung zur Aussenwelt, durch die es berührt wird, kann 
daher das gläubige Gemiith über ein für Tausende schädliches, 
für es aber vortheilhaftes Ereigniss dankerfüllt seinen Schö- 
pfer preisen, hingegen eine Erscheinung, die in der Natur der 
Sache gelegen, unter den gegebenen Umständen eintreten muss, 
wodurch es aber Schaden leidet, als eine Ziichtigung von 
oben betrachten. Bei diesem herrschenden Mechanismus in 
der Anschauung des Mittelalters in Bezug auf Siuide, Busse, 
Strafe u. dgl., bei der sittlichen Haltlosigkeit, erklärt es sich, 
dass jede aussergewöhuliche Erscheinung als Strafe, oder we- 
nigstens als AYarnung oder Aufforderung* zur Busse betrachtet 
wurde. Schriftsteller jener Zeit, die solche ausserordentliche 
Erscheinungen verzeichnen und Sammlungen davon anlegen, 
führen jedes Ei'eigniss auf einen übersinnlichen Grund zurück 
und geben ihm eine rehgiöse Bedeutung für die Gegenwart 
oder Zukunft. Denn das Mittelalter ist voll Ahnungen des 
Zukimftigen, die es an äusserliche Erscheinungen knüpft, wo- 
dvirch diese zu Anzeichen gestempelt werden. In jenen Zeiten 
war aber Religiosität gleichbedeutend mit Kirchlichkeit, und 
die Kirche galt für die einzige Stätte , wo das heilige Feuer 
der Itelio;ion unterhalten wird. Die Reduction der Erschei- 
nungen auf Gott war daher gleichbedeutend mit der Zuriick- 
führuno; auf die Kirche. So konnten Ueberschwemmungen, 
Miswachs, Erdbeben, Pest, Donnerwetter im Winter zu 
Zeichen der Misbilligung einer von der Kirche verbotenen 
und misbilligten Verbindung fi'irstlicher Personen werden, 
wobei freilich die Deutung erst später nachgehinkt kam. Oder 

Roskoff, Geschichte des Teufels. II. JQ 



146 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

man betrachtete schädliche Naturereignisse als Strafen für 
allgemeine Uebertretung der Kirchengesetze. ^ Das gewöhn- 
liche Bewusstsein war dahin gekommen, bei jeder nicht all- 
täglichen Erscheinung an eine ausserordentliche Massregel in 
der übersinnlichen AVeltregierung zu glauben, und wurde 
selbst durch die Deutung post eventum in seinem Glauben 
bestärkt. Man glaubt, unter die Waldindianer versetzt zu 
sein, wenn man in den Chroniken liest, was alles für bedeut- 
sam und der Aufzeichnung werth erachtet wurde, z. B. dass 
einst während der Messe ein schlichter Ordensbruder bei den 
Worten: „Wir bitten dich inbrünstig", ein Nebelwölkchen 
zwischen Kreuz und Kelch sich bilden sah, sodann bei dem 
Emporheben desselben darin ein Schein wie von einem Kerzen- 
licht gesehen wurde, dass endlich aus beiden eine Hand hervor- 
"•egangen, die auf das Altartuch ernste Mahnungen an das 
entartete Menschengeschlecht geschrieben, und dieses unter vier 
Messen sich ereignet habe, jedesmal mit einer andern Vorher- 
verkündigung. '^ 

In dieser Zeit wird das Erfreuliche auf die Gnade Got- 
tes und seine Heiligen zurückgeführt, bei allem Verderblichen 
ist aber der Teufel und seine Genossen im Spiel, der als Straf- 
werkzeug oder als Urheber aller Uebel, diese unter Gottes 
Zulassung über die Menschen bringt, oder als Verkündiger 
von Ungliick auftritt, und wenigstens allerlei Spuk oder 
Neckereien verursacht. So hatte bei der Scheiduno;skla<ie 
Philipp's von Frankreich ein alter Geistlicher den Teufel ge- 
sehen, der in rother Gestalt auf den Knien der Königin 
herumhüpfte und grässliche Gesichter schnitt. ^ „Wie es aber 
überhaupt Kirchenlehre ist, dass die Sünde durch Vorspiege- 
lungen des gefallenen Geistes in die Welt gekommen sei, 
so dürfen wir nicht darüber erstaunen, dass eine Zeit, welche 
allen Glauben wirkend in das Leben hineinpflauzte, eine un- 
unterbrochene Fortsetzung jenes tückischen Anlockens sich 
dachte, und in dem Bösen, was sie verwerfen musste, ein 
Zusammentreffen des menschlichen Willens mit solchem un- 



1 Vgl. Hurter, IV, 509. 

'^ Chron. Turon. in Martöne Thes. V. magn. Chron. Belg. ; andere 
Beispiele bei llurtcr, IV, 511 fg. 

^ Bei llurtcr IV, 128. Capeiiquo II, 160, aus einer alten Chronik. 



9. Sekten im Mittelalter. 147 

mittelbaren verderblichen Einfluss gerne annahm." ^ Nnn, wir 
erstaunen auch nicht, finden es geradezu natürlich, da der 
Mensch des Mittelalters, durch die Hebel, die in sein Leben 
eingriflen, emporgeschnellt, den festen, natürlichen Boden ver- 
tieren musste und in aänzlicher HaltlosiQ;keit weder in noch 
ausser sich den sichern Stützpunkt finden konnte. Die Er- 
fahrung lehrt, dass selbst der ununterrichtete, denkungeübte 
Mensch ein Ungemach leichter erträgt, wenn er die natürliche 
Folo;e vorausgehender Umstände erkennt. Man darf dies für 
einen praktischen Beweis ansehen, den er unbewussterweise 
gibt, dass seine Natur auf das Denken, das Begreifen der 
Dinge in ihrem Zusammenhange gestellt ist. Mag daher der 
Brauch mancher Aerzte, den Kranken über die Ursache und 
den Verlauf der Krankheit aufzuklären, auf was immer für 
Motiven beruhen, gewiss ist, dass seine Erscheinung am 
Krankenlager dadurch beruhigender wirkt, als wenn er sich 
in den geheimnissvollen Zaubermantel einhviUt. Der Mensch 
des Mittelalters war aber von lauter Wundern oder Zauberei 
umgeben, wodurch er in krankhafter Spannung erhalten wurde. 
Die Wunder hatten zwar nach der Kirchenlehre ihren letzten 
Grund in Gott, dieser wurde aber durch den Apparat der 
Kirche den Augen des Volks ganz verdeckt, welches die 
Wunder durch Reliquien und Heilige, deren Legenden, lawi- 
nenartig anwachsend, sich durch das Land bewegten, an allen 
Kirchen und Klöstern geschehen sah. Die Zauberei rührt 
vom Teufel her und seineu Bundesgenossen, welche in seinem 
Dienste stehen; sie wii-d von der Kirche verdammt, die an Got- 
tes statt die gegensätzliche Stellung zum Teufel übernimmt. 
Dem Glauben an Wunder und Zauber ist die Erkenntniss des 
Causalzusammenhangs ganz fremd, bei beiden trägt das Ein- 
o-reifen der übermenschlichen Macht in das Leben des Men- 
sehen den Charakter der Willkür, die sich beim Wunder 
durch die Vorstellung von der göttlichen Gnade, welche mittels 
der Kirche vollzogen wird, maskirt, während beim Zauber 
die Bosheit des Teufels hervorgrinst. Auf keiner Seite ist 
Glaube an das unabänderliche Walten einer höhern Macht, 
viel weniger Erkenntniss des ewigen Gesetzes, nach dem 



1 Ilurter, IV, 515. 

10 



148 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

die Widersprüche sich auflösen müssen. Der Wunder- und 
Zaubergläubige kann sich nicht vom Einzehien zum Allgemei- 
nen erheben, er ahnt oder vermuthet nur eine Regel mit Aus- 
nahmen, weiss aber wieder nicht, wann die Ausnahme ein- 
tritt. Wunder und Zauber sind die Ausnahmen von der 
Regel, die eintreten können oder auch nicht. Der Glaube 
an Wimder und Zauber ermangelt des sichern Haltpunktes 
und kann daher dem Gläubigen weder Ruhe noch Sicherheit 
gewähren. Darin liegt der Grund, dass neben dem dicksten 
Wunderglauben die crasseste Sittenverderbtheit Raum zu fin- 
den vei-mag, dass beide ihre Plätze häufig wechseln können, 
da beide des festigenden Haltepunktes im Sittengesetze er- 
mangeln. 



10. Heiligendienst und Marienciiltiis als soUicitirende 

Eactoren. 

Schon im Neuen Testament werden die Genossen der 
christlichen Gemeinde als Glieder am Leibe Christi, nach alt- 
testamentlichem Vorgange , Heilige genannt,^ und dieser 
Brauch erhielt sich bis ins 3. Jahrhundert. Eine Handhabe 
zur Aufrechterhaltung dieses Titels boten die Märtyrer, 
welche für die christliche Wahrheit ihr Leben geopfert 
oder doch Qualen ausgestanden hatten, als Menschen dem 
frommen Gemüthe zu Mustern christlicher Heiligkeit dienten, 
als Zeugen für Jesus aufgetreten waren, um den sie einen hei- 
ligen Kreis bildeten und mit ihm auch gleiche Verehrung 
theilen sollten. Schon die Kirchenväter Hermas ", Clemens Ale- 
xandrinus', Tertullian-* preisen die Verdienstlichkeit des Märty- 
rerthums, das als sündentilgende Bluttaufe betrachtet wird. Der 
Fürbitte der Heiligen wird eine ausserordentliche Wirksam- 
keit zuerkannt ^, und Origenes ^ stellt das Märtyrerthum den 



1 Rom. 1, 7; 1 Kor. 1, 2; Ephes. 1, 1, u.a. 

2 Pastor III. Simil. 1), 28. 

3 Strom. IV, r/JG. 

•* De resurr. carn. c. 43. 

* Cypr. ep. 12, 13. 

'' Ilomil. in Num. 10, 2. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 149 

Leiden Christi au die Seite. Grossen Vorschub leisteten der 
Heiligenverehrung Basilius der Grosse, Gregor von Nyssa 
und der von Nazianz, Chrysostomus und Ephrem der Syrer 
durch ihre iibersehwengHchen Lobreden auf die Märtyrer und 
durch ihre Ermahnungen, zu deren Fiirbitte Zuflucht zu neh- 
men. Hieronymus ist ein eifriger Vertheidiger der Märtyrer 
und ihrer Reliquien; Augustinus, obschon die Verehrung der 
Heiligen nicht geradezu empfehlend, behauptet doch, dass die 
Körper der Märtyrer Wunder wirken. Aus dem Brauche, zur 
Feier der Jahrestage der Märtyrer an ihren Gräbern sich zu 
versammeln, entstand ein förmlicher Märtyrercultus, der durch 
die Verbote heidnischer Statthalter nicht vermindert, sondern 
gesteigert wurde. Im 4. Jahrhundert waren die Feste der 
Märtyrer (natalitia) im allgemeinen Ansehen, und das Concil 
zu Gangra ^ verhängt über deren Verächter schon das Ana- 
then^a. 

Nachdem die kirchliche Frömmigkeit jene Bahnen der 
Ascetik eingeschlagen hatte, wodurch sie eine höhere Stufe 
der christlichen Sittlichkeit zu erreichen hoflfte, gelangten auch 
diejenigen, welche durch strenges Einsiedler- und Mönchsleben 
für ausgezeichnet galten, in den Ruf der Heiligkeit und w^u'- 
den, gleich den Märtyrern, nach ihrem Tode in den himmli- 
schen Hofstaat versetzt. An die Vorstellung, dass die Heili- 
gen als Vorbilder einen höhern Grad christlicher Tugend 
einnehmen, knüpfte sich eine andere: dass sie dem göttlichen 
Wesen auch näher stehen und, gleich den Engeln, die Ver- 
mittelung zwischen Gott und den Menschen besorgen, daher 
in die menschlichen Schicksale unmittelbar eingreifen, was 
selbstverständlich nur durch Wunder geschehen kann. Mit 
der Zahl der Heiligen wuchs auch der Glaube an ihre Wunder, 
die sie nicht nur bei Lebzeit, sondern auch nach ihrem Tode 
noch verrichteten, daher man zu ihren Grabstätten wahlfahr- 
tete. Der Glaube an die Wunderthätio;keit der Heihsen und 
deren Reliquien, und die Sucht, solche zu besitzen, wirkten 
wieder als Multiplicatoren auf die Zahl der Heiligen. Die 
Wundersucht, unterstützt von der Leichtgläubigkeit, griff in 
vergangene Jahrhunderte zurück, um mit geschäftiger Hand 



1 Can. 20. 



150 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Tausende von Heiligen ans Tageslicht zn ziehen. Die Mas- 
senhaftigkeit der sich steigernden Zunahme der Heiligen be- 
zeugt die Synode von Frankfurt a. M. im Jahre 794 durch 
den Beschlüsse keine neuen Heiligen mehr anzurufen. Auch 
Karl der Grosse fand Anlass, zu verordnen, dass ohne Ge- 
nehmigung des Bischofs die vorhandene Zahl der Heiligen 
nicht vergrössert werden dürfe. ^ Jede Stadt, jedes Dorf", 
jede Kirche hatte im Verlaufe der Zeit einen Heiligen erhal- 
ten, kein Handwerk, kein Lebensbediirfniss konnte einen 
solchen entbehren. Die heilige Barbara stand in der Schweiz 
den Schiesswafien der Männer vor; Sanct-Rochus gebot der 
Pest, die heilige Anna den galanten Krankheiten ; ^ Petrus 
und Paulus wurden die Patrone Roms, Andreas Griechenlands, 
Jacobus Spaniens, Pliokas der Schutzheilige der Seefahrer, 
Lucas für die Maler, Johannes Evangelist und Augustinus 
für die Theologen, Ivo für die Juristen, die heilige Afra für 
die fahrenden Frauen, u. s. f. Der Bischof jedes Sprengeis 
handhabte gewöhnlich das Recht zu bestimmen, welcher Hei- 
lige gelten sollte, bis zum Jahre 993, wo das erste Beispiel 
einer Kanonisation durch den Papst Johann XI. bekannt ist; 
allein die Bischöfe übten auch nachher noch das Recht, inner- 
halb ihrer Diöcese Heilige zu ernennen, fort. ^ Erst Papst 
Alexander III. nahm das ausschliessHche Privilegium der Hei- 
ligsprechung fiir seinen Stuhl in Anspruch und eröffnete hiermit 
zugleich eine reichlich fliessende Quelle für die Einkünfte der 
römischen Curie. Die Kanonisation einer fürstlichen Person 
wurde auf 100000 Thaler taxirt, gewöhnlich kostete eine Hei- 
ligsprechung 70000 Gulden, bei der des Johannes von Ne- 
pouuik soll die von dem herbeigeströmten Volke geopferte 
Summe über 200000 betragen haben. ^ 

Ein geschichtlicher Umstand war der Ausbreitung des 
Ileiligendienstes sehr förderlich: die vom 4.bis 10. Jahrhundert 
vor sich gehende Heidenbekchrung. Die in den Schos der 
christlichen Kirche aufgenommenen heidnischen Völkerstämmc 



1 Capitul. 11, c. 14, p. 427 bei Baluz. Capitul. Regg. Francor. Tom. I. 
- Vulpius, Vorzeit, I, 253. 

3 Pagi breviar. Pontific. Rom. Tom. II, 2G0; III, 80. 
* Müller, Encyklopädisdies Handbuch dea katholischen und prote- 
stantischen Kirchenrechts, Art. Canonisation. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 151 

hatten ihr väterliches Erbe sinnlicher Anschauungen von Gott- 
heiten, Schutzgöttern und Heroen auf das neue Gebiet mit 
herübergebracht und trugen es unwillkürlich auf die christ- 
lichen Märtyrer und Heiligen über, die ihnen als verwandte 
Gebilde entgegenkamen. Die Kirchenlehrer griffen in diesen 
Amalgamirungsprocess nicht störend ein, und Eusebius ^ führte 
aus Hesiod und Plato den Beweis: dass auch die tugendhaften 
Todten, die Heroen und Halbgötter an ihren Gräbern verehrt 
worden, und wenn dies im heidnischen Cultus stattgefunden, 
so habe die Verehrung der Gott wohlgefälligen Märtyrer in- 
nerhalb der christlichen Kirche um so grössere Berechtio-unor. 
Aus den Vergleichen, namentlich von griechischen Kirchen- 
vätern angestellt, zwischen heidnischen Göttern, Heroen mit 
christlichen Heiliscen ero-ab sich: dass der christliche Cultus 
alles, was der heidnische enthält, aufweisen könne, und zwar 
in vollkommenerm Masse, indem an die Stelle des Falschen 
das Wahre getreten sei.^ In der occidentalischen Kirche fand 
das germanische Heidenthum eine ähnliche Anwendung. Diese 
Erscheinung ist erklärlich. Solange das Heidenthum dem 
Christenthum feindlich gegenüberstand, musste jede Vorstel- 
lung aus dem heidnischen Glaubenskreise auch feindlich, teuf- 
lisch erscheinen; nun aber das Heidenthum besiegt war, die 
feindliche Spannung aufgehört hatte, konnte die siegende An- 
schauung der besiegten sich nähern, und die Uebersetzung 
des Heidnischen ins Christliche gewähren lassen. Es war un- 
vermeidlich, dass mythologische Elemente aus dem Heiden- 
thum, namentlich dem Heroencultus, in die christliche Legende 
übertragen wurden. Daher verrichten die christlichen Heiligen 
auch Thaten gleich den heidnischen Heroen. Der heilige Rofilus 
oder Ruphilus, nachdem er vorher gebetet und gefastet, tödtet 
einen grossen Drachen, der, wo er sass, alle durch seinen blossen 
Hauch krank gemacht hatte. ^ Der heilige Paris überwältigt 
einen Drachen, der von den Einwohnern in einer Höhle ge- 
füttert und verehrt wurde, durch das Gebet und wirft das 
kraftlos gewordene üngethüm in das Wasser. * — An die 



1 Praeparat. evang. I, 13, c. 11. 

2 Theodoret. Graec. affect. curativ. Disput. 8. 

3 Acta SS. 18. Juli. 

* Acta SS, Boll. Aug. Tom. II, 74, 5. Aug. 



152 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Stelle der ehedem heidnischen Schiüzgöttcr der einzelnen Land- 
schaften, Städte, Stände konnten leicht die christlichen Hei- 
ligen treten, die ja mit denselben Aemtern betrant waren. Die 
übersinnlichen Engel hatten in den Heiligen eine menschliche 
Form erhalten, imd der Engelcnltus, der während der ersten 
vier Jahrhunderte mit dem Heiligenciiltus sich parallel ausge- 
bildet hatte, ging auch in den Heiligencultus über und ver- 
wuchs mit ihm. Der Charakterzug der Kampfbereitwilligkeit, 
den die kirchliche Glaubenslehre den Engeln verliehen hatte, 
diese im christlichen Himmel um den göttlichen Thron ge- 
schart, die Flammenschwerter gegen die Engel der Finstcrniss 
schwingend, darstellte, war auch auf die Heiligen übergegan- 
gen. Diese Kampffreudigkeit der Heiligen war besonders mit 
dem germanischen Wesen übereingestimmt, das in ihnen die 
tapfern, kampflustigen Gefolgsmannen anschaute, die sich um 
den christlichen Volkskönig scharten. Die Heiligen werden 
in den Acten der Heiligen gewöhnlich treffend „Athletae 
Christi" genannt, womit das übertragene Heroeuthum festge- 
halten erscheint. 

Die Amalgamirung des Heidnischen mit Christlichem, 
wobei man heidnischen Formen eine christliche Bedeutung 
unterzulegen suchte, erhielt durch Gregor den Grossen kirch- 
liche Legitimation mittels der uns schon bekannten Anwei- 
sung (a. 601): die heidnischen Tempel nicht zu zerstören, 
sondern in christliche Kirchen umzuwandeln, die gewohnten 
heidnischen Feste zu belassen, sie aber bei der Feier der Kir- 
chen und Märtyrerfeste zu veranstalten. Im Heiligendienste 
sollte das Volk in Wahrheit schauen, was es in seinen heid- 
nischen Gottheiten und Halbgöttern oder Heroen nur als Schein 
oder Trug geschaut hatte. 

Vom menschlichen Gesichtspunkte ist es begreiflich, dass 
das Gemüth des christlichen Volks, dem die himudischen 
Heerschaaren der Engel zu übermenschlich gewesen, sich desto 
inniger den kirchlichen Heiligen anschloss. Diese standen 
nicht nur, wie jene, in vertrauter Nähe Gottes, und vollzogen 
die Vermittelung zwischen Gott und den Menschen ; die Hei- 
ligen waren selbst Menschen gewesen, sie wurden noch nach 
ihrem Tode als herzliche Theilnehmer am Menschlichen ge- 
dacht, dem sie ihre Hidfe angedeihcn Hessen. Es kann daher 
auch nicht befremden, wenn die Engel bei Wundergeschichteu 



10. Ilciligendienst und Marieucultus. 15 



Q 



im Volksglauben weit hinter den Heiligen zu stehen kamen. 
Diese zeigten sich immer bereit, ihren Wohnort der himmli- 
schen Seligkeit, den sie mit den Engeln in göttlicher Nähe 
theilen, zu verlassen, und zwar nicht nur, wie jene, um die 
Befehle Gottes zu vollziehen, sondern aus eigenem Antriebe, 
aus persönlicher Thcilnahme am Menschen. 

Mit der Zunahme der Verehrung der Heiligen, an deren 
Spitze die Heilige Jungfrau als Gottesgebärerin gestellt und 
zum Haupte des himmlischen Chors erhoben ward, wuchs 
auch der bange Glaube an die überhandnehmende Zahl und 
Thätigkeit der teuflischen Plagegeister unter ihrem Obersten, 
dem Teufel. Wenn „die ganze Statistik des infernalen Sab- 
bats der kirchlichen nachgebildet" ist, wie Görres sagt i, so 
steht die dämonische Welt auch der Engel und Heiligenschar 
als dunkler, aber getreuer Schattenriss gegenüber. Die Vor- 
stellung vom Teufel und seinen Gehülfen bildet aber nicht 
nur die Kehrseite zum Wesen der Engel und Heiligen; son- 
dern die Heiligenschar und die Dämonenrotte stehen sich 



ö" 



wechselseitig sollicitirend gegenüber. Der Heiligencultus übte 
eine sollicitirende Wirkung auf die Ausbildung der Vorstel- 
lung vom Teufel und seinem Wirken, auf die Verbrei- 
tung des Glaubens daran, und dieser Glaube grifl" wieder in 
die Geschichte der Heiligen förderlich ein. „Nisi enim Dia- 
bolus Christianos persecutus esset ac adversus ecclesiam bellum 
suscepisset, nullos haberemus Martyres, moesta ac nihil hilaris 
festaque (?) vita nobis ageretur", sagt naiverweise Aste- 
rius. ^ Und: „Quando nullus hostis infestat, legitimi milites 
et regis amici non innotescunt. Si nulla sit pugna vel lucta, 
nulla erit victoria, nrüla erit Corona, nulla merces". ^ Auch in 
der Entwickelung vom Abstracten zum Concreten gehen beide 
Seiten gleichen Schritt. Wie von den übersinnlichen abstrac- 
ten Engeln zu den halbmenschlichen Heiligen durch die Auf- 
nahme vorchristlicher Elemente diese eine ganz concrete Ge- 
stalt erhielten, so wuchs das abstracto böse Wesen durch As- 
similirung heidnischer Elemente zu einem concreten persön- 



1 CLristlicbe Mystik, IV, 2, S. 250. 

- L. P. N. Asterii Encüinium in IS. Martyres , in Bibl. patr. max. 
Tom. V, fol. 832, F. 

^ Anastasii Sinaitae quaestiones, Qu. CXIX. 



154 Zweiter Abschnitt: Ausbildung Jer Vorstellung vom Teufel. 

liehen Teufel heran. Wie tlrüben die Heiligen von den Heroen 
die Heldennatur angezogen hatten, so nahm hiiben der Teufel 
von der Natur der alten Riesen an, was er durch das Riesen- 
hafte bei der Gestaltung von Bergen, Felsen, Bauten, Brücken 
u. dgl. sowie durch Plumplieit zuweilen verräth. Den Engeln, 
diesen übersinnlichen Gebilden, gegenüber hatte der Teufel 
auch noch etwas Schattenhaftes, Schemenartiges; nachdem die 
Verehrung der Heiligen, als solcher Wesen, die eine mensch- 
liche Seite an sich tragen, in die erste Linie getreten war, 
wurde die Gestalt des Teufels bestimmter und sinnlicher. Dem 
urspriinglichen Gegensatz gemäss, in welchem die himmlische 
Heerschar zu den gefallenen Engeln steht, bewegt sich der 
Teufel mit seinen Genossen im antagonistischen Parallelismus 
auch zu den Heiligen. Schon bei den Kirchenvätern findet 
sich eine Rangordnung der Engel angedeutet, gemäss den 
verschiedenen, ihnen anvertrauten Aemtern, denen sie als gött- 
liche Orgaue vorstehen. W^o die Heiligen an die Stelle der 
Engel treten, erheischt die Folgerichtigkeit, dass sie in ihrer 
Beziehung zur Menschen weit, mit der sie unmittelbar ver- 
kehren, auch über bestimmte Verhältnisse gestellt seien, denen 
sie ihren besondern Schutz gewähren. Häufig findet sich 
die förmliche Eintheilung der Heiligenschar in sechs Klassen 
unter dem Vortritte der Muttergottes. In Betrefi" der hölli- 
schen Dunkelseite ist schon im Neuen Testamente von Dienern 
und Genossen des Teufels die Rede, im Verlaufe der Zeit 
bildet sich aber eine ordentliche Klasseneintheilung, die frei- 
lich nicht immer dieselbe ist. Ein Beispiel lieferten die Kab- 
balisten. Kurz, wie früher der Angelologie, so steht später 
der Hagiologie die Dämonenwelt gegenüber. 

Die gegensätzliche Parallele zwischen den Hei- 
Hgen und dem Teufel ist in jeder Beziehung ersichtlich, 
und so wirken sie sollicitirend auf einander. 

Wohnstätte. 

Nach der biblischen Tradition ist der Aufenthalt der 
bösen Wesen vornehmlich die Einöde, die Wüste. Diese Vor- 
stellung wird von der kirchlichen Dämonologie festgehalten, 
nach welcher verödete Stätten, Wälder u. s. f. als Lieblings- 
plätze der Teufelei gelten. Der heilige Peregrinus, der in 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 155 

einen dunkeln Wald kommt, hört ein ungeheueres Lärmen und 
Heulen der Dämonen und Stimmen von Schreienden, als 
wären sie in der Hölle. Plötzlich sieht er sich von einer 
solchen Menge von Dämonen in verschiedener Gestalt um- 
geben, dass er von der Luft oder Erde kaum etwas sehen 
konnte. Einstimmig fingen sie zu schreien an: „Wozu bist 
du hierher gekommen, da dieser Wald doch uns eigen ist, da- 
mit wir unsere Bosheit darin ausüben, zu der wir durch die 
Sünden der Menschen die Macht haben." ^ — Nach der An- 
schauung der Zeit war eine Ruine, besonders die eines Hei- 
dentempels, als einstige Wohnstätte von Dämonen mit der 
Vorstellun<y von diesen unzertrennlich. Wenn sich ein heiliger 
Mann in die Einöde zurückzog, so betrat er das Revier des 
Teufels, abgesehen davon dass er ihm durch sein Vorhaben 
zuwider sein musste. Wenn jener durch das Kreuzeszeichen 
Gebet u. s. f. dem Grimme des Teufels auch Widerstand 
leistete, so hatte er doch immerwährende Kämpfe zu bestehen, 
zu denen der Teufel sich herausgefordert sah. Erhob sich 
nun gar eine Kirche oder ein Kloster, um die sich das Volk 
ansiedelte, wurden Wälder ausgerodet, unbebaute Landstrecken 
urbar gemacht; so sah der Teufel, der nur im Wüsten, Oeden, 
Unfruchtbaren in seinem Elemente ist, sich stark beeinträch- 
tigt und zu höllischen Werken angeregt. Obschon die An- 
siedelungen durch Kirche und Kloster in ihrer Mitte, die 
gewöhnlich Reliquien des Schutzheiligen aufbewahrten, gegen 
vernichtende Anschläge des Teufels gesichert waren, so ver- 
säumte dieser doch keine Gelegenheit, die Schmälerung seines 
Gebietes durch unablässige Versuchungen, durch ängstigenden 
Spuk aller Art zu rächen. 



Aussehen. 

Von Christus, dem Ideale menschlicher Schönheit, 
spiegelt sich diese auch an den Heiligen, an denen sie beson- 
ders nach ihrem verklärenden Tode angeschaut wird. Lucifers 
ursprüngliche Schönheit hat sich nach dem Falle in absolute 
Hässlichkeit verwandelt, gemäss seiner höchsten Bosheit. 



1 A. SS. Boll. Aug. Tom. 1, 7. Aug., p. 80. 



156 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Die Lieblichkeit der Heilic^en gibt sich in einem himmlischen 
Dufte kund, den sie und ihre Reliquien aushauchen; folge- 
richtig: muss dem Teufel und seinen Genossen ein höllischer 
Gestank zukommen, den sie gewöhnlich nach ihrem Ver- 
schwinden zuriicklassen. 



Gegensatz im Streben. 

Die Heiligen haben stets das Wohl, sowol das physische 
als moralische, der Menschen im Auge, zu dessen Förderung 
sie jederzeit bereit sind; andrerseits ist aber der Mensch kei- 
nen Augenblick sicher des Teufels zu werden, der es auf sei- 
nen Untergang abgesehen hat, und während die Heiligen iiber 
den menschlichen Unternehmungen wachen, trachtet der Teufel 
sie zu gefährden. 

Die Heihgen haben als Streiter Christi ihren Kampfplatz 
vornehmlich auf ethischem Gebiete, sind zum Schutze und Tröste 
des Seelenheils des gläubigen Christenmenschen. Der Teufel 
trachtet, Leidenschaften anzufachen, diese Urheberinnen der 
Siinden. Er ist am meisten in solchen Zeiten thätig, wo die sitt- 
lichen Zustände ausser Rand und Band zu kommen drohen, 
wo die sittliche Verkommenheit am meisten zu Tage tritt. 
Wo Raub, Mord, Unzucht herrscheu, da hat der Teufel sein 
Spiel. So war es besonders um das 10. und 13. Jahrhundert, 
um welche Zeit auch die Heiligenverehrung in steigendem 
Aufschwung war. 

Wie früher in den heidnischen Götzentempeln , wurden 
später in den christlichen Kirchen und Kapellen Abbildimgen 
von Gliedern, deren Heilung man von der Fiirbitte der Hei- 
ligen oder von ihnen selbst erwartete, als Weihgeschenke auf- 
gehängt; man trug Reliquien als Anmiete von heilsamer Wirk- 
samkeit; man feierte, nach der Art und statt der heidnischen 
Opfermahlzeiten zum Besten der Manes, christliche Gastmäh- 
ler zu Ehren der Heiligen, die als Gäste geladen waren, flehte 
um ihren Beistand zu einer beabsichtigten Reise, setzte ihnen 
ihre Portion auf die Tafel der Passagiere des Schiffs, das unter 
die Obhut eines Heiligen gestellt war. ^ Von Dämonenopfern 



1 Neandcr, K. G. 11, 2; S, 714 fg. 



^ 10. Heiligendienst und Mariencultus. 157 

sprechen schon die Kirchenväter vom 4. bis 6. Jahrhundert. 
Die Hülfe des Teufels ward von dem, der sich ihm um den 
Preis der Erfüllung eines Wunsches ergeben will, angerufen, 
er verleiht den Seinen verschiedene Mittel, andern Böses zu- 
zufügen, luid ihre nächste Absicht zu erreichen. 

Es wurde schon berührt, dass das beiderseitige Wachsen 
ein gleichzeitiges war, und synchronistische Daten sprechen 
dafür; z. B. : im 11. Jahrhundert sammelte Bischof Burchard 
sein „Magnum decretorum volumen", wo im zehnten Buche die 
Priester dringlichst aufgefordert werden, dem Teufelsglauben 
durch Lehre und Strafe zu steuern; in demselben Jahrhun- 
dert schrieb Guibert von Nogent seine vier Bücher „De pig- 
noribus Sanctorum" gegen die Misbräuche der Heiligenver- 
ehrung. 

Wie die Engel als göttliche Werkzeuge zur Ausführung 
des höchsten Willens mit göttlicher Vollmacht ausgerüstet 
waren, so musste den Heiligen, welche denselben Beruf über- 
nahmen, auch Wunderkraft zukommen, durch die sie über 
das menschliche Mass hinausragen. Gott verleiht ihnen diese 
Kraft nicht nur bei Lebzeit, sondern auch nach ihrem Tode, 
wo sie durch das Gebet des Menschen in Anspruch genom- 
men werden kann, das auf den Heiligen eine zwingende 
Gewalt ausübt. Schon Gregor von Tours ^ behauptet: Nee 
moratur effectus si petitionis tantum justa proferatur oratio. 
Die Festigkeit dieser Vorstellung erklärt es, wie die Bewohner 
von Tours dem heiligen Martinus drohen konnten, ihm keine 
Ehre mehr zu erweisen, wenn er ihre Bitte um Hülfe nicht 
gewähren würde. - Auch der Teufel kann citirt werden und 
muss der Beschwörung folgen, was er oft mit grossem Un- 
willen thut. Es findet auf höllischer Seite, wie auf jener der 
Heiligen, eine sinnlich wahrnehmbare Vermittelung der über- 
menschlichen Macht statt durch Aussprechen gewisser Worte 
und Namen, durch Auflegen der Hände, Bestreichen des Lei- 
bes, Anwenden von Salben, dämonischen Zeichen, entsprechend 
den Relic[uien und dem andern magischen Apparate, wodurch 
die Macht der Heiligen in Anspruch genommen wird. Je 
nach der verschiedenen Seite, auf welche der Mensch sich 



1 Gloria Martini, I, 2<S. 

^ Greg. Turon. Miracula Mart. 



158 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

stellt, um die gewünschte Hilfe zu erlangen, gebraucht er 
Segensformeln fiir die Heiligen oder Beschwörungsfor- 
meln, um den Teufel herbeizurufen. Von den vielen 8egens- 
spri'ichen, die Grimm, Mone, Haupt und Andere mitgetheilt 
haben, sind manche noch heutigentags gangljar und rufen 
ausser Christus vornehmlich Maria und Heilige an. Von meh- 
rern ist nachgewiesen, dass sie bis in die Heidenzeit hinauf- 
reichen, wie jener Zauberspruch iiber den verrenkten Fuss 
des Pferdes, den Grimm aufgefunden hat. 
Ein Beispiel einer Segensformel: 

Gets meine lieben Buebn ! 

Holz woUme zsamme tragn. 

Jetzt springmer übers Fuic 

Denn gehmer ünse Stuie. 

Haiige Veit! 

Schenk uns c Scheit; 

Haiige Marks ! 

Schenk uns e starks ; 

Haiige Sixt! 

Schenk >uns e dicks ; 

Haiige Kolomann! 

Zünd unse Haus net an. 

Wer mer e Scheit gibt is e brave man, 

Wer mer kans gibt is e rechte gogkelhan. ' 

Analog sind die Beschwörungsformeln in Bezug auf die 
bösen Wesen. Als Beispiel diene eine der kiirzeru: 

„Ich N. N. beschwöre dich, Lucifer, Beizebub und alle 
Obersten, wie ihr heissen imd Namen haben mögt, bei der 
allerheiligsten Dreifaltigkeit, dem Vater, Sohn und Heiligen 
Geiste, Alpha und Omega, Michael, llaphael u. s. w. Ja ich 
beschwöre euch alle miteinander in der Hölle, in der Luft 
und auf der Erde, in den Steinkliiften, unter dem Himmel, im 
Feuer und allen Orten und Ländern, wo ihr nur seid und 
euern Aufenthalt habt, keinen Ort ausgenommen, dass ihr die- 
sen Geist Aziel augenblicklich bestellet und von Stund an, 
so viel ich begehre, bringet" u. s. f. ^ 

Nach beiden Seiten, nämlich der heiligen und teuflischen, 



1 Bei Schindler, Aberglaube des Mittelalters, 107. 
^ Eine ganze Sammlung solcher Formeln, besonders von „Fausts 
Hüllcnzwang" befindet sich bei Scheible, Das Kloster, V, 20. Zelle, 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 159 

gebrauchte man auch Bilder von "Wachs, Thon, Metall, die 
man in magischer Beziehung zum Originale dachte. Mit Ma- 
rienmedaillen und Heiligenbildern geschahen Wirkungen im 
guten Sinne; man hatte aber auch Bilder von Personen, denen 
man schaden wollte („Atzmann" genannt) , deren Lebenskraft 
man an das Bild gebunden glaubte. Solche Bilder hatten ihre 
Wirksamkeit vom Teufel; wurden sie geschmolzen oder sonst 
verletzt, so schwand die Lebenskraft des Originals, hing man 
sie in den Rauch, so siechte jenes langsam dahin. 

Da es im Wesen des Teufels liegt, Unheil zu stiften, den 
Menschen an Leib und Seele zu schädigen, dagegen das Streben 
der Heiligen auf dessen Heil gerichtet ist, so muss die teuf- 
lische Bosheit immer mehr herausgefordert und gesteigert 
werden, wodurch die Heiligen wieder durch zahlreichere und 
grössere Wunderthaten ihn zu überbieten trachten müssen. 
Hier wächst dadurch das Ansehen und die Verehrung der 
Heiligen, dort gewinnt der Glaube an den Teufel und seine 
Macht immer tiefere Wurzeln und weitere Verbreitung. 

Obschon dem Teufel weder volle Allgegenwart noch All- 
wissenheit zukommt und seine Macht an der göttlichen ihre 
Schranke findet, so ist er dem Menschen doch weit überle- 
gen, da er mit unbegreiflicher Schnelligkeit bald da, bald dort 
erscheint und alles, was in der Menschenwelt vorgeht, er- 
spähen kann. Der Mensch wendet sich daher im Gebete an 
die Heiligen und fordert sie heraus, durch Wunderthaten der 
Wirksamkeit des Teufels den Rang abzulaufen, um vor diesem 
sichergestellt zu werden. Dafür wendet sich natürlich der 
bitterste Hass des Teufels gegen die Heiligen. Zu dem un- 
versöhnlichen Hasse, den der Teufel an sich als Widersacher 
des Reiches Jesu und der christlichen Kirche gegen die Hei- 
ligen als deren getreue Anhänger und Streiter hegen muss, 
zu der Rachsucht, die ihn wegen seiner Verstossung zu ewi- 
ger Verdammniss martert, gesellt sich noch der verzehrende 
Neid über die Verehrung, die den Heiligen zutheil wird, 
welcher ihn nie ruhen lässt, diese von ihrer Heiligkeit abzubrin- 
gen. Hieraus erklärt sich der besondere Reiz, den die Heili- 
gen für den Teufel haben, sie unablässig durch Versuchungen 
zu plagen, wodurch seine Erfindungskraft immer mehr ange- 
regt und geschärft wird. Die Heiligen, die am meisten und 
unaufhörhch mit dem Teufel zu kämpfen haben, gewinnen 



100 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

dadurch wieder an Charakterausprägmig und Gestaltung, und 
so ruft jede Bewegung auf der einen Seite eine correlate Tliä- 
ti'dveit auf der andern hervor, es spiegehi sich die Formen im 
Antagonismus mit gegensützhchen Farben. 

Eine concretere Anschauung von dem gegensätzhchen 
Parallehsmus gewinnen wir vielleicht durch einen Umblick in 
den Legenden der Heiligen, wo diese so viel wie möglich 
selbst sprechen mögen. 

Dass der Teufel über die gelungene Versuchung eines 
Heiligen zu einer leichten Sünde mehr Freude habe, als wenn 
er einen Sünder zu einer Todsünde bringt, das weiss die 
Wienerin Blannbeckin vom Teufel selbst. ^ 

Die Legenden geben häufig selbst als Grund der Ge- 
hässigkeit des Teufels gegen die Heiligen den Neid an. So 
hatte der heilige Winiwal in Britannien, wie die Legende be- 
richtet, durch seine Frömmigkeit den Neid des Teufels erregt, 
der daher, ihm als schreckliches Ungeheuer erscheinend, ihn in 
Angst versetzen w^ollte. Der Teufel war ganz „quasi" russig, 
nahm bald die Gestalt von Vögeln, bald von Schlangen, wil- 
den Thieren, Seeungeheuern, richtete sich auf, bald bis an die 
Wolken reichend, bald wälzte er sich im Staube. Nachdem 
er aber wahrgenommen , dass der Psalmii-ende nicht aus der 
Fassuno- zu bringen sei, verschwand er endlich wie ein leich- 
ter Schatten. '■^ 

Als Jungfrau war die heilige Dorothea ein blühendes 
Keis der Tugend, und der Ruf ihrer Unschuld und Schönheit 
verbreitete sich allenthalben im ganzen Lande. Der Teufel 
konnte dies nicht vertragen und entzündete das Herz des Fa- 
bricius (Statthalters), dass er ihrer in sündhafter Liebe be- 
fj-ehrte. Er sandte auch alsobald Boten an sie mit freund- 
lichem Grusse und Hess ihr sagen : es zieme sich wol für sie, 
sich bald einen Gemahl zu nehmen; er habe Geld und Gut 
im Ueberfluss. Nachdem sie dies standhaft abgelehnt, wird 
sie gemartert und endlich hingerichtet. ^ 

Im Leben der heiligen Coleta meldet die Legende: Der 



1 Agn. Blannb. vitii et revelat. , ]). 232. 

2 A. SS. 15oll. 3. Mtu't. 

^ Diemer, Kleine Beiträge zur altern deutschen Sprache und Litera- 
tur, II, 10. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. IGl 

alte Feind habe die Eigenthümlichkcit, je mehr er sehe, dass 
sich jemand Gott nähere, desto mehr suche er ihn zu ver- 
folgen, zu beunruhigen und abzuhalten, grosse Uebel über ihn 
zu verhänsren und sie zu vermehren. ^ Da der Teufel wahr- 
nahm, dass die Magd Christi durch die vollste Liebe mit Gott 
vereint sei, suchte er ihr alle möglichen Hindernisse in den 
Weg zu legen. Noch in ihrer Jugend, als sie schon den Ent- 
schluss gefasst hatte, Gott von ganzem Herzen zu lieben und 
ihm zu dienen, erschien ihr ein böser Geist mehrere Jahre 
hindurch in jeder Nacht, wenn sie ihre Gebete anfing, und 
in ihrer Nähe stehend, gab er wunderbare Laute von sich, 
um sie in ihren heiligen Gebeten zu stören. So jung sie aber 
auch war, stand sie doch so fest im Glauben an den Herrn, 
dass sie dem Bösen gar kein Zeichen gab und kein Wort zu 
ihm sprach, worauf er sich im Ueberdrusse zurückzog. Als 
sie im mittlem Alter ihres religiösen Standes war, überfielen 
sie oft die bösen Geister, schlugen sie grausam mit Knitteln, 
dass ilire Schienbeine halben Leibes dick geschwollen waren. 
Als sie einmal ein ganz besonderes Gebet dem Herrn dar- 
brino-en wollte, fielen mehrere solcher Feinde über sie her, 
um sie daran zu hindern, und zwar in Gestalt von Füchsen, 
und schickten sich an, sie stark zu schlagen. Der Herr ver- 
lieh ihr aber Muth den Angriff abzuwehren, so dass diese 
wichen und die HeiHge Siegerin blieb , obschon sie vom 
Kampfe sehr ermüdet war. Die Bösen, darüber erbost, dass die 
Gebete der Heiligen den Geschöpfen so heilsam waren, schie- 
nen es unter sich abgemacht zu haben , der Heiligen keine 
Ruhe zu lassen, suchten ihr Schrecken einzujagen und 
kamen deshalb unter verschiedener Gestalt, bald als ganz 
rothe Menschen, zuweilen in der Form einer furchtbaren Sta- 
tue, grässlich anzusehen, so gross, dass sie in den Himmel zu 
ragen schien. Einmal erschien ihr der Teufel in der Gestalt 
eines bösen, fürchterlichen Drachen, der nach seiner Erschei- 
nuno- in der Mauer verschwand. Da sie beim Anblicke von 
Kröten, Fröschen, Schlangen, Spinnen und ähnlichen giftigen 
Reptilien grossen Abscheu empfand, zeigten sich die bösen 
Geister gerade unter diesen Gestalten. Als aber die Heilige 



1 A. SS. Boll. Mart. Tom. I, p. 572, cap. XVI. 

Eoskoff, Geschichte des Teufels. II. . jj 



1G2 Zweiter Abschnitt : Ansliildung der Vorstellung vom Teufel. 

die List durchschaute, nahm sie jedesmal ihre Zuflucht zu 
Gott, worauf die Erscheinungen immer verschwanden. Mehr- 
mals hatten die Bösen die Leichname von Erhenkten in das 
Oratorium der Heiligen gebracht, nur um sie zu stören, 
mussten aber jene auf ihren Befehl wieder wegschaffen. Wie 
der heilige Franciscus grossen Abscheu vor Ameisen hatte, 
so fino- es auch unserer heiligen Magd Christi, die bei deren 
Anblick im Herzen betrübt ward. Darum eben erschienen 
ihr die Bösen gerne in dieser Gestalt, auch in der von 
Fliegen in grosser Menge, um sie zu belästigen, oder in Ge- 
stalt von Schildkröten, Schnecken u. dgl. 

Als der heilige ColujDpanus sich in einer Steinhöhle ein 
kleines Oratorium bereitete, fielen öfter Schlangen über ihn 
her, die sich um seinen Hals wanden, worüber er sehr er- 
schrak. Er erkannte, dass diese vom Teufel ausgingen luid 
dessen Nachstellungen seien. Eines Tages aber kamen zwei 
Drachen, wovon der eine der oberste Verführer selbst war, 
der stärker als die andern, dem Heiligen sich so nahe stellte, 
als ob er ihm etwas zuflüstern wollte. Der Heilige stand vor 
Schrecken wie von Erz, ohne ein Glied rühren und das Kreuz 
machen zu können. Nachdem sie geraume Zeit stumm dage- 
standen, fiel dem Heiligen, der nicht einmal die Lippen be- 
weo-en konnte, ein: das Gebet des Herrn „im Herzen zu 
schreien". Als er dies gethan, fühlte er, dass seine erstarr- 
ten Glieder sich zu lösen anfingen, und nachdem er seine 
rechte Hand frei fühlte, machte er das Kreuz, kanzelte übei*- 
dies den Teufel tüchtig herunter, der ganz verstört Reissaus 
nahm mit Hinterlassung eines schrecklichen Gestanks. ' 

Die heilige Francisca Ilomana musste unzählige Verfol- 
o-iui'1'en der bösen Geister ertragen, die ihr als Löwen, Hunde, 
Schlangen, Menschen, Engel erschienen, sie im Hause herum- 
zerrten, in die Luft schleppten, sie mit grosser Gewalt nieder- 
warfen, prügelten u. dgl. Einmal mit dem Lesen heiliger 
Bücher beschäftigt, erschienen ihr die Teufel in Gestalt ver- 
schiedener wilder Tliiere, zerrissen ihr die Bücher, warfen die 
Heiliire auf einen Aschenhaufen inid zerschunden sie der Art, 
dass sie niemand für ein weibliches Wesen erkannte.^ 



1 A. SS. Boll. Vita S. Cohippani, 3. Mart. 

2 A. SS. Boll. Vita Franciscac Ronianae, 9. Mart. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 163 

Dem heiligen Einsiedler Nikolaus erscheint der Teufel in 
der Einsamkeit als feiner Herr auf edelm Koss, im Seiden- 
kleid, mit einem Saphir am Finger, einer goldenen Kette um 
den Hals und sucht den Heiligen fiir das weltliche Leben zu 
gewinnen, wird aber zu Schanden. Ein andermal kommt 
er als reicher Kaufmann und sucht den Heiligen zu überzeu- 
gen, dass er von seinen Erfahrungen und Rathschlägen unter 
den Menschen mehr Nutzen gewinnen könne, als in der Ein- 
samkeit. Der Heiliije bleibt aber standhaft. ^ 

Als der „heilige Johannes im Brunnen" noch jung war, 
erschien ihm der Teufel in Gestalt seiner Mutter und suchte 
ihn durch Beschwörungen zu bewegen, sein Leben im Brun- 
nen aufzugeben. Er erinnerte ihn an die mütterlichen Schmer- 
zen bei seiner Geburt, an seine Schwester und deren Liebe 
zu ihm. Der Teufel nahm auch die Gestalt der Schwester 
des Heiligen an und suchte ihn zu erweichen, ihm vorstellend, 
dass sie des Vaters beraubt, seiner Stütze bedürfe. Der Hei- 
lige, der sich im Brunnen befindet, gibt keine Antwort, wor- 
auf der Teufel sehr zornig wird, sich als Drache in den 
Brunnen stürzt, den Heiligen ergreift und dessen Fleisch zu 
essen und wieder auszuspeien scheint. Der Heilige lässt sich 
aber in seinem Gebete nicht stören und lebt zehn Jahre in 
dem Brunnen.^ 

Als der heilige Franciscus das Kloster zu Paula zu bauen 
anfing, errichtete er einen Kalkofen, der, als er mit Steinen 
gefüllt in vollem Brande stand, einstürzte. Von den Mön- 
chen zur Hülfe herbeigerufen, schickte er dieselben zum Früh- 
stück und blieb allein zurück. Nach ihrer Rückkunft finden 
sie den Kalkofen ganz hergestellt, als ob ihm nie etwas ge- 
fehlt hätte. 3 

Da die heilige Juliana beflissen war, bei jeder Gelegen- 
heit die Seelen der Macht des Bösen zu entreissen, so ist es 
natürlich, sagt die Legende, dass sie dadurch den Hass des 
Teufels besonders auf sich geladen hatte. Er wüthete daher 
mit seiner ganzen Bosheit gegen sie, ob sie im Schlafe war 
oder ob sie wachte. Er erschien ihr auch sichtbar. Je mehr 



1 A. SS. Boll. Vita S. Nicolai de Hupe Anachor., 22. Mart. 
^ Acta SS. Vita S. Joannis in putco, 30. Mart. 
^ Acta SS. Vita S. Francisci de Paula, 2. April. 

11* 



1G4 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 



er sich aber gßgen sie anstrengte, desto mehr suchte sie die 
Seelen aus seiner Gewalt zu befreien, denn sie wusste, dass 
sie dadurch um so mehr in der Liebe Christi gewinne, je mehr 
der Böse in Wuth gcrathe. Sie war daher unablässig auf 
ihrer Hut, um nicht vielleicht irgendwie A^on ihm überlistet zu 
w^erden. Unter dem Schilde des Gebets hielt sie die Angrifie 
ihres Verfolgers aus, und aus dem Sakramente des Altars 
schöpfte sie immer wieder frische Kraft. Da er sie lange un- 
sichtbarerweise gequält hatte, kam er auch in sichtbarer 
Gestalt in ihr Haus um von ihr gezüchtigt zu werden. Es 
entstand einmal bei dem Angriffe, den Juliana auf den Bösen 
machte, ein starkes Geräusch, da sie ihn mit den Händen er- 
griffen festhielt, aus Leibeskräften auf ihn losschlug, ihn 
mit Füssen stiess unter heftigen Vorwürfen. Der sich zum 
Höchsten erhoben wissen wollte, wurde von einem Weibe mit 
Schmach und Schlägen überschüttet. Da er fliehen wollte, 
aber nicht konnte, sprach er zur Heiligen: lasse mich los iind 
o-eh zu deinen Schwestern, die an der Schwelle deines Schlaf- 
gemachs horchen, um hinterlistigerweise dessen dich anzu- 
klagen, das du geheim halten willst. Hierauf entliess sie ihn 
und fand in der That die Schwestern an der Thüre liegen, 
was die Heilige mit Traurigkeit erfüllte. Denn in diesem 
Hause üab es zweierlei Personen, solche, welche die Braut 
Christi beobachteten um sie nachzualimen, und solche, um sie 
zu beneiden, was bisher (sagt die Legende) in allen Jungfrau- 
klöstern der Fall ist. ^ 

Der heilige Alferius, dem der Teufel wegen seiner Erfolge 
aufsässig ist, wird von diesem von einem Berge an das Mee- 
resufer heruntergestürzt. Die in seiner Gesellschaft waren, 
kommen unter Klagen an die Küste, finden ihn aber unver- 
sehrt daselbst stehen. Dadurch wuchs natürlich der Kuhm 
des Heiligen, fügt die Legende bei, den der Teufel zu min- 
dern beabsichtigt hatte. '-^ 

Der Teufel, der auch auf die Zunahme der heiligen Wi- 
borada neidisch ist, sucht ihrem Eifer im Kirchenbesuche 
hinderlich zu sein, indem er sie häufig zu Kämpfen heraus- 
fordert, sie unter verschiedenen Gestalten umgaukelt, um sie 



' Acta SS. Vita S. Julianae virg., 5. April. 
2 Acta SS. Vitii S. Allerii, 12. April. 



10. Ileiligeiidienst und Mariencultus. 165 

zu änffstiffen, wowcen aber die Heiliee durch das Zeichen des 
Kreuzes die Oberhand behält. Als sie einmal des Nachts, 
nach ihrer gewohnten AVeise, nach der Kirche eilte, hörte sie 
an deren Schwelle ein schreckliches Getöse, wie von einem 
grunzenden Schweine, wodurch die Eintretende abgeschreckt 
werden sollte. Die Heilige merkt aber die Absicht und den 
Urheber, nimmt ihre Zuflucht zum Kreuzeszeichen, und Ruhe 
stellt sich ein. 

Dieselbe heilige Wiborada pflegte von dem, was ihr selbst 
geboten ward, den Armen reichlich mitzutheilen. Unter die- 
sen hatte sich, zur Zeit, wo sie gespeist wurden, einer regel- 
mässig eingefunden, der nur mit Hülfe von Kriicken gehen 
konnte. Der Teufel, der alles Gute beneidet, übernahm eines 
Tags die Rolle dieses Armen und erschien um die gewöhn- 
liche Mahlzeit, legte sich vor da§ Fenster der Heiligen und 
that, als ob er sofort verenden müsste, wenn er das Almosen 
nicht erhielte. Die Heilige, im Gebete vertieft, gibt keine 
Antwort, der Böse aber erhebt sich nach einigen eindring- 
lichen Worten unter dem Fenster um hineinzusehen und zeigt 
sein schreckliches Haupt. Da ruft die Heilige: „Weiche hin- 
wee: im Namen Christi, von mir erhältst du nichts!" worauf 
der Teufel, wie vom Winde hinweggeblasen, verschwindet.* 

Der heilige Gerlacus, der sich einer herrlichen Nachtruhe 
erfreut, erregt dadurch den Neid des Teufels, und dieser sucht 
den Heiligen zu quälen, indem er Lärm macht, bald als ob 
Feinde oder Räuber einbrächen, oder dass er wie ein Dieb 
um seine Zelle herumschleicht. Jedesmal vertreibt ihn aber 
der Heilige mittels eines kleinen Kreuzes, das er ihm ent- 
gegenhält. ^ 

Die heilige Ida oder Ita, die Gott ihre Keuschheit ver- 
lobt hatte und den Schleier nehmen wollte, hatte drei Tage 
und drei Nächte gefastet, wodurch sich der Teufel zu gewal- 
tigen Anstrengungen genöthigt sah, imi sie von ihrem Vor- 
haben abzubringen. Als diese aber an dem wackern Wider- 
stände der heiligen Jungfrau scheiterten, da erschien ihr der 
Teufel des Nachts vor ihrer Einweihung sehr nicdergeschla- 



' A. SS. Maj. Tom. I, 286, 2. Mai. 
^ Ibid., Tom. I, Januar, p. 402, 3. 



166 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

gen und äusserte ganz offen seine Betrvibniss dariiber, dass er 
nicht nur ihrer, sondern durch sie auch vieler anderer ver- 
lustig gehen werde. ^ 

Als einst der heilige Petrus auf dem Markte vor einer grossen 
Menge andächtiger Zuhörer predigte, worüber der Neid des 
Teufels rege ward und die Frucht der Predigt zu zerstören 
trachtete, erschien er in Gestalt eines schwarzen Pferdes im 
wildesten Laufe dahergerannt, um die andächtige Versamm- 
lung auseinanderzusprengen und in die Flucht zu jagen. Der 
Heilige schlägt aber ein Kreuz und sofort verschwindet der 
Böse, ohne dass jemand verletzt worden wäre. Der Teufel 
hatte hiermit seine Absicht nicht nur nicht erreicht, vielmehr 
wurden die Anwesenden als Augenzeugen des Mirakels in 
ihrem Glauben noch mehr befestigt. '^ 

Aus diesen wenigen Beispielen ist nicht nur der Beweg- 
grund, aus dem der Teufel die Heiligen so gerne heimzusuchen 
pflegt, den die Legenden auch anzugeben selten unterlassen, 
ersichtlich; sondern auch: dass er zu grosser Beweglichkeit 
und Vielgestaltigkeit genöthigt wird, um nach vorhandenen 
Umständen seine Versuchungen anzustellen. Um die Heiligen 
aus ihrem Gleis der Heiligkeit herauszuleuken und auf sei- 
nen höllischen Weg zu bringen, muss er seinen Plan den 
Verhältnissen anpassen, sich nach dem Geschlechte, dem Alter, 
der Eigenthiimlichkeit der heiligen Person richten. Seinem 
Wesen gemäss ist zwar sein gewöhnliches Aussehen furchtbar 
und hässlich, und er erscheint auch in schrecklicher Gestalt, 
wo er dadurcli einen Heiligen in dessen heiligender Unter- 
nehmung zu hindern hofft; er erscheint dagegen als feiner 
Vcrfrdu-er, wo er vom ascctischen Leben abzubringen trachtet. 
Er muss also zur Erreichung seiner Absichten allgcstaltig 



Physische UeLcl. 

Es liegt im Wesen der Heiligen als Verbreiter des Guten 
und Aufrechterhalter des Regelmässigen, dass sie mit der Na- 
tur nicht nur in gutem Einvernehmen stehen, sondern iiber 



1 Jan. I, p. 10Ü3, G. 

2 A. SS. Vita S. Petri Mart. Urd. Traedic, 29. April. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 167 

sie auch eine Macht ausüben, indem sie zum Wohle des Men- 
schen deren wohlthätige Wirkung hervorrufen und die iible besei- 
tigen. Auch der Teufel hat eine Macht über die Natur, allein 
er bedient sich ihrer, um schädliche Wirkungen hervorzubrin- 
gen. Er ist ja vom Beginne seiner Geschichte als Stifter aller 
physischen Uebel bekannt, verursacht alle Arten von Plagen, 
die ganze Länder oder einzelne Personen treffen, er und seine 
Gehülfen bringen Dürre hervor, wodurch der Fleiss des Feld- 
bauers zunichte wird, Sturm, Hagel und Ungewitter, wodurch 
der Mensch zu Schaden kommt. Solche Uebel sind häufig 
die Strafe für irgendeine Verschuldung, selbst für Unterlas- 
sung der Heiligen Verehrung. So wurden die „Tamienser" im 
Jahre 1322 wegen Vernachlässigung des Dienstes, den sie der 
heiligen Amalberga zu Pfingsten leisten sollten, dvirch ein 
Hagelwetter bestraft, wobei Hagelkörner von der Grösse eines 
grossen Apfels niedergingen, auf denen Teufelsgesichter 
scheusslichen Anblicks zu sehen waren, den Schlössen gleich- 
sam aufgedrückt. Die erfahrensten Männer behaupteten, es 
sei dies Unwetter zur Mahnung gewesen, in Zukunft die Hei- 
liare fleissis-er zu verehren. ^ 

Die Heiligen , welche sowol ganzen Ländern zum Schutze 
als auch einzelnen Menschen zum Heile bestimmt sind, suchen 
den verderblichen Erscheinungen in der Natur entgeo-enzu- 
wirken und den Schaden wieder gut zu machen. So wird 
durch die heilige Aj^atha das Feuer des Aetna für eine ganze 
Reihe von Jahrhunderten ausgelöscht.* In dem feuerspeienden 
Berge hausen Dämonen, die der heilige Philippus austreibt, 
indem er sagt: „Zeige o Herr dein Antlitz, und es werden die 
Scharen der Dämonen vertilgt!" Dabei machte der Heilige 
mit dem Buche, das er in der Hand hielt, ein Zeichen, worauf 
die Dämonen aus dem Gipfel des Berges wie Steine ausflogen, 
und auf der Flucht mit kläglicher Stimme riefen: „Wehe 
uns! .... wieder werden wir von Petrus durch den Pres- 
byter Philippus verjagt! "3 — Der heilige Donatus hilft einer 
ganzen Gegend, die an Wassermaugel leidet, dadurch, dass 



1 A. SS. Vita S. Amalbergae virginis die 10. Julii, Tom. III, 105. 

2 A. SS. 5. Febr. 

3 A. SS. 12. Mai, Tom. III, 30. 



1G8 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

er (wie Mose) eine Wasserqiielle hervorruft. ^ Der heilige 
Clarus vertreibt durch sein Gebet Sturm und Hao-ehvetter^; 
bei einem argen Res-cn und Hacrelwettcr hilft der hciliire Lau- 
rentius durch das vcrbum Dei^; auf das Gebet der heili<'-en 
Margarita legt sich sofort ein heftiger Sturm; dieselbe bewirkt 
durch ihr Gebet, dass eine grosse Ueberschwemmung der Do- 
nau aufhört'*; der heilige Majolus legt durch sein Gebet eine 
sumpfige Gegend trocken^; hingegen regnet es auf das Gebet 
des heiligen Desideratus in einer Gegend in Spanien, nach- 
dem sieben Jahre lang kein Regen gefallen war*^; auch dem 
heiligen Isidorus zu Liebe regnet es wiederholt bei grosser 
Diirre. ^ 

Das schädliche Ungeziefer, welches der Teufel schickt, suchen 
die Heiligen zu vertreiben. Der heilige Simon der Stvlite ver- 
tilgt durch sein Gebet die Raupen ^; der heilige Theodorus 
vertreibt die Heuschrecken; er reinigt ausserdem eine ganze 
Gegend, die von Dämonen heimgesucht worden, dass nicht 
nur Menschen, sondern auch Thiere zum Theil zu Grunde 
gingen, oder doch unbezähmbar wild gemacht waren. ^ Der 
heilige Ursmarinus verscheucht die der Saat gefährlichen 
Mäuse. ^^ 

Krankheiten. 

Da der Teufel Krankheiten, ja selbst den Tod über Men- 
schen und Thiere bringt, so miissen die Heiligen Kranke heilen 
und Todte wieder lebendig machen. Eine Unzahl von Hcili- 
genlegenden meldet die Heilungen aller Art innerer Krank- 
heiten sowol als äusserer Schäden und Gebrechen. Sie stillen 
Blutfliisse, heilen die Schmerzen in allen Theilen des Leibes, 
beseitigen sehr häufig Brüche, Kröpfe, Stein, Krebs u. s. f., 



1 A. SS. 30. April. 

2 Ibid., Jan. Tom. I, p. 55. 2. 5ß. 7. 

3 Ibid., 8. Jan. 

4 Ibid., 28. Jan. 
s Ibid., 10. Mai. 
« Ibid., 8. Mai. 
' Ibid., 15. Mai. 
* Ibid., 5. Jan. 

^ Ibid., Vita Thcdor. Siccotae, 22. April, 
1» Ibid., 18. April. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 1G9 

sie erleichtern die Geburt, machen Blinde sehend, Taube hö- 
rend u. s. f., und zwar auf mittelbare oder unmittelbare 
Weise. Der heiliixe Franciscus de Paula heilt einen Besesse- 
nen, der \yegen des vielen Uebels, das er angerichtet, gekne- 
belt, von sieben Männern herbeigebracht worden, mit drei 
trockenen Feigen, die er ihm zu essen gegeben, worauf der 
Kranke vollkommen gesund nach Hause geht. Derselbe Hei- 
lige befreit ein Mädchen von einem Ungeheuern Kröpfe durch 
gewisse Kräuter, nachdem viele Aerzte ihre Arzneien umsonst 
anü^ewendet hatten. ^ Der heiliii-e Huo;o treibt einer Frau eine 
schreckliche Schlange aus dem Leibe mit herbeigeschafftem 
Wasser, über das er Gebete gesjH-ochen und das er geweiht 
hat, davon der Frau dreimal in den Mund giesst, wodurch 
das schreckliche Thier alsbald herauskommt.^ Der heilige 
Melanins macht einen vom Teufel ersäuften Knaben wieder 
lebendige- ^ Dasselbe thut der heilio;e Eleutherus mit einem 
Knaben, der vom Teufel in Gestalt eines Löwen getödtet 
worden.* Die heilige Coleta erweckt mit dem Kreuze mehr 
als hundert Kinder vom Tode.^ Der heilige Andreas (de 
Guileranis) heilt nicht nur alle Krankheiten, er befreit auch 
einen Buckeligen, der an seinem Grabe demüthig betet, von 
seinem Höcker. ^ Denn die wunderbare Heilkraft der Ileilisfen 
wirkt nicht nur bei deren Lebzeit, sondern auch nach ihrem 
Tode, und an den Gräbern der Heiligen geschehen unzählige 
Mirakel, und zwar nicht nur infolge von Anrufungen und 
inbrünstigen Gebeten, sondern auf echt magische Weise durch 
blosse Berührung oder selbst durch ihre Nähe. Am Grabe 
des heiligen Yincentius verliert einer, dessen Vater ein Wachs- 
bild und den lebenslangen Besuch der Stätte bei angezündeter 
Wachskerze gelobt, einen nussgrossen Blasenstein. ^ Eine 
Frau, die an heftigem Kopfschmerz litt, wurde gesund, nach- 
dem sie der heiligen Coleta die Hand geküsst hatte. ^ Die 



1 A. Sit 


>. 2. 


April. 


2 Ibid., 


29. 


April. 


3 Ibid., 


Tom. I, 331, 23. 


* Ibid., 


20. 


Febr. 


5 Ibid., 


6. 


Mart. 


« Ibid., 


19 


Mart. 


7 Ibid., 


5. 


April. 


« Ibid., 


6. 


xMart. 



1-70 Zweiter Abschnitt: Aus1)ildung der Vorstellung vom Teufel. 

magische Kraft der Heiligen gibt sich auf die maunichfaltigstc 
Weise kund. Als einst die Lampe am Grabe des heiligen 
Severinus herabfiel und verlosch, sagte ein gegenwärtiger Abt: 
,,Wo ist deine Kraft, Heiliger? Einst machtest du die Lampe 
von Oel überfliessen , zündetest die verlöschten Wachskerzen 
an; jetzt hast du uns, die wir dir dienen, deines Lichtes be- 
raubt. Wenn ich dich nicht liebte, wäirde ich diesen deinen 
Hof ohne Licht lassen." Nach diesen Worten befahl er den 
L^mstehenden, die Lampentrümmer zu sammeln, und siehe! 
man fand die Lamj^e nicht nur ganz, sondern auch bis oben 
mit Oel gefüllt. ' Mit dem Wasser, womit der heilige Sul- 
picius sich die Hände gewaschen, w^ erden Krankheiten geheilt*; 
ebenso mit den Blumen, die auf das Grab des heiligen Ber- 
nardus gelegt worden waren. ^ Durch die blosse Berührung 
der Todtenbahre der heiligen Eusebia oder des Tuchs, womit 
ihre Ileliquien bedeckt sind, werden Kranke gesund."* Die 
Haare des heiligen Bonifacius, die eine Mutter ihrer todtkran- 
ken Tochter ins Gesicht hängt, heilen diese. ^ Der Staub von 
dem Grabe der heilio;en Coleta heilt Krankheiten und vertreibt 
Schmerzen. Einige Haare von ihr, die ein Gefangener besass, 
welche zum Geständniss eines Verbrechens unschuldig gefoltert 
ward, machen diesen so standhaft, dass er die Folter über- 
steht und frei w^ird. Ein Stückchen von ihrem Schleier heilt 
einen Bruch; von demselben Gebrechen wird ein Mann da- 
durch befreit, dass ihm der Mantel, den die Heilige bei Leb- 
zeit gebraucht, umgehängt wird. Eine Besessene wird da- 
durch heil, dass sie aus dem Becher trinkt, aus dem die 
Heilige einst getrunken. ^ Die Reliquien dieser Heiligen helfen 
auch Gebärenden, was ihr Hauch bei Lebzeit oft gethan.'^ 

Wie die Bosheit des Teufels auch Thiere nicht verschont, 
so erstreckt sich auch auf diese die wohlthätige Macht der 
Heiligen, indem sie nicht nur Seuchen vertreiben, sondern 
auch im Besondern der unvernünftigen Geschöpfe sich au- 



1 A. SS. Addenda ad S. Jan. Severini post translat. miracula. 

2 Ibid., Jan. Tom. II, p. 173. 38. 

3 Ibid., 23. Jan. 
^ Ibid., 2-4. Jan. 

s Ibid., lU. Febr. 

6 Ibid., Mart. Tom. I, 592. 

' Ibid., p. G26. 



10. Heiligeudienst und Mariencultus. 171 

nehmen. In Ländern, wo die Heiligen noch verehrt werden, 
haben die verschiedenen Arten von Plansthieren ihre Sohutz- 
heiliicen. Bekannt ist das Lied: 

Heiliger Kilian, du grosser Viecher Patron, 
Nimm uns gnädig als deine Kinder an. 

Der heihge Gerlacus heilt ein Pferd, befreit eine Kuh 
von der Seuche. ^ Die Vita S. Kierani berichtet, der Heilige 
habe schon als Knabe einen von einem Plabicht gefangenen 
Vogel durch sein Gebet befreit,^ Der heilige Franciscus 
macht ein todtes Lamm wieder lebendig. ^ Dem Esel des 
heiligen Jacobus (Episc. Tarentasius) wird auf einer Heise auf 
Anstiften des Teufels von einem schwarzen Vogel ein Auge 
ausgehackt und davongetragen. Auf das Gebet des Heiligen 
muss der Vogel das Auge wieder zurückbringen und dem 
Esel einsetzen, der sofort wieder damit sehen kann.* Auf das 
Geheiss des heiligen Gerardus bringt ein Fuchs eine von ihm 
geraubte Henne sogleich wieder zurück^; auf das des heiligen 
Lauromarus lassen AVölfe eine erjagte Hirschkuh wieder los. ^ 
Der heilige Macarius, dem, als er im Hofe sitzt, eine Hyäne 
ihr Junges, das blind war, zur Heilung bringt, macht dieses 
dadurch sehend, dass er ihm in die Augen spuckt imd betet. 
Am andern Tas-e brincrt die dankbare Thiermutter dem Hei- 
ligen ein Schaffell, der es aber nur unter der Bedingung an- 
nimmt, dass die Hyäne kein Schaf von Armen mehi- zerreisse, 
was diese auch verspricht, worauf der Heilige das Honorar 
annimmt. ^ 

Der Teufel verübt nur Stücke der Zauberei, welche dem 
Quell gemäss, aus dem sie entspringen, auch nur Böses und 
Unheil zum Zwecke haben, daher der davon gehoö'te Vortheil 
den Menschen zum Nachtheil ausschlagen muss. Die Heili- 
gen hingegen wirken Wunder, die nach ihrem Ausgangs- 
und Endpunkte nur zum Heile gereichen. Auf ihrer Seite 



' A. SS. Jan. Tom. I, p. 318. 31. 33. 

2 Ibid., 5. Mart. 

3 Ibid., 2. April. 
* Ibid. , 16. Jan. 

5 Ibid., 13. Mai. 

6 Ibid., Jan. Tom. II, 230. 14. 
' Ibid., 2. Jan. 



172 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

wiederholen sich die Wunder des Alten und Neuen Testaments. 
Der heilige Orontius feiert seine Wahl zum Seelsorger (Pastor) 
der Stadt Auxitana damit, dass er eine Gerte, die er eben in 
der Hand hält, in die Erde steckt, die sofort zu grünen und 
zu keimen anfängt, ihre Zweige ausbreitet und zu einem gros- 
sen Baume wird. ^ Der heilige Gualterius, der mit mehrern 
Begleitern durch eine wasserlose Gegend wandert, wobei 
alle von heftigem Durst geplagt werden, betet unter Thränen 
zu Gott und schlägt mit seinem Stabe auf den Boden, woraus 
alsbald ein frischer Quell hervorsprudelt. ^ Der heilige An- 
toninus, der als Bischof zu einem Pfarrer seiner Diöcese kommt, 
welcher nichts zur Bewirthung hat, lässt diesen ein Netz neh- 
men, um in einem fischleeren Wasser zu fischen. Als das 
Netz herausgezogen wird, ist es zur grössten Verwunderung 
des Pfarrers voll von Fischen — durch die Verdienste des 
Heiligen, erklärt die Legende. =^ Der heilige Comgallus 
schickt einen Frater über eine Meerenge, und durch die Ver- 
dienste des Ileilio-en kommt dieser trockenen Fusses hinüber. * 
Der heilige Philippus (Presbyter Agyriens.) ruft einen von 
einem Dämon Getödteten dreimal bei seinem Namen, wie 
Christus den Lazarus, und durch das Gebet des Heiligen wird 
der Todte lebendig.^ Der heilige Carthacus will nach einer 
jenseit des Flusses gelegenen Gegend, und da kein Fahrzeug 
da ist, theilt sich auf das Gebet des Heiligen das Wasser und 
dieser schreitet, sammt zwei andern heiligen Männern, trocke- 
nen Fusses auf das jenseitige Land. *' Der heilige Lugidius 
verwandelt Wasser in Milch, die süss wie Honig und wie 
Wein berauschend ist.'^ Die heilige Elisabeth verwandelt 
Wasser in Wein.** Der heilige Stephanus geht auf dem Was- 
ser wie auf trockenem Lande. ^ Die heilige Klara verviel- 



1 A. SS. 1. Mai. 

2 Ibid., 11. Mai. 

3 Ibid., 2. Mai. 

^ Ibid., Vita Comgalli Ab. Benchor. 10. Mai. 

5 Ibid., 12. Mai. 

« Ibid., 14. Mai. 

^ Ibid., 4. Aug. De S. Lugidio sive Luano. 

« Ibid., 4. Juli. 

9 Ibid., Vita S. Stepliani Sabaitac Thaumaturgi Monachi, 13. Juli. 



10. rieiligendienst und Mariencultus. 173 

fältigt auf wunderbare Weise Brot und Ocl. ^ Die heilige 
Radegundis macht einen dürren Lorberzweig wieder grünen.^ 
Eine Frau, die der heiligen Coleta ein neues Kleid gelobt, 
besitzt zu wenig Stofi", aber im Vertrauen auf die Macht der 
Heiligen übergibt sie ihn dem Schneider, unter dessen Schere 
der Stoff so anwächst, dass ein vollkommenes Kleid daraus 
wird. ^ 

So wohlthätig es immer ist, die Heiligen anzurufen, so 
verderblich wird es, den Teufel in Anspruch zu nehmen. 

Die heilige Agnes, die im Gebete angerufen ward, be- 
freit einen Frater, der eine Fischgräte verschluckt hat, davon.* 
Eine Frau, in Gefahr zu ertrinken, ruft den heiligen Petrus 
an luid wird gerettet, u. s. f. ^ Ein Ochsenhirt, der im Aer- 
srer über seine auseinanderlaufenden Ochsen den Teufel an<xe- 
rufen hatte, wurde von diesem durch die Luft geführt. Nach 
einiger Zeit wird der Knecht im Walde zwar gefunden, aber 
im Zustande der Besessenheit. Der Herr desselben stellt nun 
mit dem Dämon ein Examen an, fragt ihn: wann er den Be- 
sessenen verlassen werde? Jener ist so o-efällis^. Ort und Zeit 
anzugeben: im Hause der heiligen Margarita und zwar heute 
noch, wenn der, mit dessen Zunge er jetzt redet, an der 
Grabstätte der Heiligen eine Kohle ausspeien werde. Man 
bringt den Besessenen dahin, der mit der Kohle zugleich den 
Bewohner des Höllenfeuers von sich gibt. ^ Von den ver- 
derblichen Folgen der Anrufung des Teufels wissen die Sagen 
besonders viel zu berichten. Ein toller Junker, der nach seinem 
Brauche alle Teufel gerufen, wurde von einem grossen Haufen 
derselben einmal überfallen, die ihn wegführen wollten. Eine 
reiche Jungfrau betheuert ihrem Verlobten: wenn ich einen 
andern Mann nehme, so hole mich der Teufel auf der Hoch- 
zeit, Als sie sich mit einem andern verehelicht, kommen zwei 
Teufel in Gestalt von Reitern in das Brauthaus und fiihren 
die Braut in der Luft mit sich fort. ^ 



' A. SS. 12. Aug. 

2 Ibid., 13. Aug. 

3 Ibid., 6. Mart. 

4 Ibid., Jan. Tom. II, 362. 2. 

5 Ibid., 29. April. 

^ Ibid., 22. Febr. Append. zur Vita S. Marg. de Tortona. 
^ Godelmann, Von Zauberei, Hexen und Unholden. 



174 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Eine Menge Legenden erzählen von dem heilbringenden 
Verkehre mit Heiligen. Von der Verder])lichkeit des Umgangs 
mit dem Teufel möge aus vielen andern Beispielen nur das 
eine angeführt werden: „Der llichter und der Teufel'' von 
dem Sti'icker (aus dem 13. Jahrhundert: „Der richtaere mid 
der tiuvel"). 

Diz ist von dem richter hie 

mit dem der tiuvel gie. 

In einer Stadt sass ein Richter, der so reich und ein so 
bekannter Sünder war, dass die Leute meinten, die Erde 
müsste ihn verschlingen. Eines Markttags ritt er früh hinaus, 
seinen liebsten Weingarten zai besehen, und als er zurück- 
kehrte, trat der Teufel reichgekleidet ihm entgegen. Der 
Richter grüsste ihn und fragte, wer und woher er wäre. Der 
Teufel weigerte sich zu antworten, der Richter zürnte dariiber 
und drohte ihm an Gut und Leben; der Fremde bekannte hierauf, 
er sei der Teufel. Der Richter fragte ihn um sein Gewerbe, 
und der Teufel sagte: er wolle in die Stadt gehen, weil er 
heute alles nehmen dürfe, was ihm ernstlich gegeben werde. Der 
Richter wollte ihn während des Marktes begleiten und gebot ihm 
bei Gottes Zorn, in seiner Gegenwart das ihm Verfallene zu 
nehmen. Der Teufel weigerte sich, weil es dem Richter nicht 
fromme; dieser aber bestand darauf und wollte trotz der 
Warnung vor der Feindschaft zwischen Mensch und Teufel 
das AVunder schauen. Beide gingen also in die Stadt durch 
das Marktgewühl. Mancher bot dem Richter da zu trinken, 
luid dieser bot es auch seinem unbekannten Gesellen, der es 
jedoch ablehnte. So trafen sie eine Frau, die von einem 
Schweine Ungemach hatte, es vor die Thüre trieb und es zum 
Teufel laufen hiess. Der Richter forderte diesen auf, es zu 
nehmen, der Teufel aber wagte es nicht, da es nicht ihr Ernst 
wäre. Hierauf begegneten sie einem andern Weibe, das eben 
so ein Kind zum Teufel wünschte. Der Richter hiess ihn 
greifen, der Teufel entschuldigte sich wie früher. Weiter 
hörten sie ein Weib sein ungehorsames Kind dem Teufel 
übergeben. Der Richter heisst ihn abermals zugreifen; der 
Teufel entgegnet aber, jenes würde das Kind nicht für 
2000 Pfund missen wollen. Sie kamen nun auf den Markt 
und wurden im Gedränge aufgehalten. Da ging eine arme 
alte Witwe mühselig an einem Stabe daher, die, als sie den 



10. Ileiligendienst und Maricncultus. 175 

Kiclitcr erblickte, zu weinen anhub und rief Wehe über ihn, 
dass er ihr unverschuldet ihr Kühlein genommen, von dem 
sie allein sich genährt habe, und dass er ihre Bettelarmuth 
verspotte. Sie bitte daher Gott um Christi Leiden willen, 
dass der Teufel des Richters Leib und Seele hole. Da be- 
merkte der Teufel zAun Richter: es sei ihr ernst, ergriff ihn 
beim Haar und fuhr mit ihm, vi^ie der Aar mit dem Huhn, 
zu Bersfe anofcsichts aller Marktleute, die ihm fern nachsahen. 
So ward der gewinnsüchtige Richter betrogen und bewährt 
sich, dass es unweise ist, mit dem Teufel umzugehen. ^ 

Ihre magische Kraft verwenden die Heiligen, sowol bei 
Lebzeit als nach dem Tode, zum Wohle, und zwar auch bei 
minder wichtigen Fällen; wogegen der Teufel mit seiner 
Zauberkraft die Menschen neckt und beunruhigt. 

Als dem heiligen Ulricus die Mäuse seine Kappe zernagt 
hatten, entschlüpfte dem Manne Gottes der Fluch: „Pereat 
mus"! worauf ihm sogleich eine Maus todt zu Füssen fiel. 
Reuig berichtet er seinem Presbyter die unbesonnenen Fluch- 
worte; jener aber: ,,Wenn du doch alle Mäuse dieser Gegend 
durch einen Fluch vernichten wolltest", was der Heilige je- 
doch ablehnt. ^ Bei einem Gastmahle, wo Kaiser Heinrich ein 
kostbares Glas als alexandrinisches Kunstwerk vorzeigte, wurde 
dieses, wie es scheint durch Unachtsamkeit der anwesenden 
Geistlichen, beim Herumreichen zerbrochen. Der heilige Odilo, 
der auch zu Tische war, geht, um die Geistlichen vor dem 
Unwillen des Kaisers zu schützen, in die Kirche, fleht unter 
Psalmen und Gebeten die göttliche Gnade an und — das 
Glas wird ganz.' Die heilige Genoveva lässt einen Baum, 
welcher den Schifi:en gefährlich war, unter Gebeten umhauen, 
worauf zwei dämonische Ungeheuer aus der Stelle hervor- 
kommen, durch deren stinkenden Dampf die Schiffer zwei 
Stunden lang gequält %verden. "* Der heilige Consalvus ver- 
wandelt weisse Brote, die eine Frau an ihm vorüberträgt, in 
ganz schwarze und nach Besprengung mit Weihwasser wüeder 
in weisse. ^ Der heilige Sulpicius löscht mit dem Kreuze 



1 Auch bei Lassberg-, II, 341). 

2 A. SS., 20. Febr. 

3 Ibid., Jan., tom. I, 74, 21. 
^ Ibid., 141. 34. 

» Ibid., tora. I, G47. 36. 



17G Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

wiederholt Feuersbrünste, bewirkt, dass ein gefällter Baum 
nicht auf die Seite fällt, wo ein Knabe steht, der erschlagen 
würde. ' Auch der heilige Launomarus löscht das Feuer mit 
dem Kreuze, zündet aber eine vom Teufel ausgelöschte Lampe 
durch sein Gebet wieder an und öflhet durch dasselbe auch 
eine verschlossene Tliür. ^ Durch das Gebet der heiligen 
Margarita zerbricht ein Wagen, wird aber ebenso wieder 
ganz.^ Die heilige Brigida verwandelt Wasser in Bier, macht 
vermittels des Kreuzes von einem kleinen Stiick Butter ein 
grosses Gefäss voll, segnet Wasser, worauf es aus einem zer- 
brochenen Gefässe nicht herausfliessen kann; ein zerbrochenes 
Geschirr macht sie durch ihr Gebet ganz, macht morsches 
Holz frisch, verwandelt einen Stein in Salz. * Auf das Gebet 
des heiligen Juventius wird ein mit Geld gefülltes Gefäss, 
das in den Tessin gefallen, durch das Wasser aus dem Grunde 
hervorgehoben und dem am Ufer stehenden Heiligen an die 
Füsse gespült.* Der heilige Ulricus, welchem durch Ver- 
mittelung einer göttlichen Ofienbarung ein Fuchspelz zur Be- 
deckung zugestellt worden, verwandelt durch seinen Segen 
sehr oft Wasser in Wein, macht aus einem Brote viele, ver- 
wandelt ein von einem Knaben gestohlenes Brot in einen 
Stein und stellt es ebenso wieder her. ^ Die heilige Coleta 
macht ein ausgeronnenes Fass Wein MÜeder voll; als der 
Teufel ein mannsgrosses Loch in die Mauer gemacht, stellt 
die Heihge das Bild der Mutter Gottes vor, und das Loch 
ist verschwunden. ^ Der heihge Franciscus de Paula befahl 
einem Frater, Bohnen zu kochen, dieser stellt den Topf auf 
den Herd, vergisst aber Feuer anzuzinulen. Als die Bohnen 
herausgenommen und gegessen werden sollen, brechen die 
Anwesenden, die den Topf ohne Feuer bemerken, in lautes 
Gelächter aus. Der Heilige tritt aber hinzu, nimmt den 



1 A. SS., Jan., tom. II, 170. 21. 

'' Ibid., Jan., tom. II, 230. 10. 11. 12. 

3 Ibid., 28. Jan. 

1 Ibid., 1. Febr. 

5 ll)id., 8. Febr. 

e Ibid., 20. Febr. 

7 Ibid., 6. Mart. 



10. Ileiligendienst und Maricncultus. 177 

Deckel vom Topfe und — die Bohnen sind gekocht und kön- 
nen gegessen werden. ^ 

Der Teufel, der es auf das physische Verderben der 
Menschen überhaupt, vornehmlich aber auf das der Heiligen 
abgesehen hat, sucht diese in der Ascese, wodurch sie die 
Heiligkeit erlangen wollen, zur Uebertreibung zu verleiten, 
damit sie zu ihrem leiblichen Untergang führe. 

Eines Tages kommen zwei „Zabuli" wie aus der Luft 
gefjillen in menschlicher Gestalt zum heiligen Guthlac vmd 
suchen ihn zu überreden, dass er sich nur recht mit Fasten 
kasteie, denn je mehr er sich in dieser Welt herunterbringe, 
desto höher werde er in der andern stehen, er solle daher 
nur jeden siebenten Tag essen, denn wie der Herr durch 
sechs Tage die Schöpfung hervorbrachte und am siebenten 
ruhte, so solle auch der Mensch durch sechstägiges Fasten 
den Geist bilden und am siebenten dem Fleische durch Essen 
Ruhe gewähren. Guthlac merkt aber die Absicht und — 
psalmirt: „Es mögen meine Feinde von mir weichen!" Diese 
thun es und verschwinden wie Rauch in der Luft. Der Hei- 
lige ergreift hierauf ihnen zum Trotz ein Stück Roggenbrot 
und beginnt seine tägliche Mahlzeit, worauf die Teufel ein 
Geheul und Jammergeschrei erschallen lassen, da sie sich von 
Guthlac verachtet sehen. ^ Dem heiligen Jordanus erscheint 
der Teufel als frommer Mann und ermahnt ihn zu noch 
grösserer Enthaltsamkeit. Dem Heiligen wird aber durch Gott 
den Herrn offenbart, dass es der Teufel gewesen, welcher 
ihm den Rath gegeben. ^ Als der Heilige auf einer Reise 
erkrankt, von dem Bischöfe aufgenommen in dessen Bett ge- 
bracht ward, erschien ihm des Nachts der Teufel in Gestalt 
eines Engels des Lichts und machte ihm Vorwürfe, dass er 
als Pater des Predigerordens in einem weichen Federbette 
liege, er solle aufstehen und sich auf den Boden legen. Voll 
Angst folgt ihm der Pleilige und wird des Morgens so liegend 
gefunden, wird aber genöthigt, sich ins Bett zu legen. In 
der folgenden Nacht dieselbe Scene. Als aber in der dritten 
Nacht der Teufel wieder kommt, sagt ihm der Heilige, dass 



' A. SS., 2. Apr. 
^ Ibid., 11. Apr. 
3 Ibid., 13. Febr. 

Roskoff, Geschichte des Teufels. II. in 



178 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

er seine Einfalt misbraucht habe und spuckt ihm in das 
schattenhafte Teufelsgesicht. Am siebenten Tage tritt die 
Krisis ein und der Heilige genest von seiner Krankheit. ^ 

Da es eine Lieblingsneigung des Teufels ist, die Leiber 
der Menschen in Besitz zu nehmen, so ist die Thätigkeit der 
Heiligen ganz besonders auf die Befreiung der Besessenen 
von ihren Dämonen gerichtet. Sie verrichten den Exorcismus 
gleich andern Heilungen bald unmittelbar, bald mittelbar, bei 
Lebzeit und nach dem Tode. 

Der heilige Godehard befand sich einmal in Angelegen- 
heiten seines Klosters in llegensburg, da wurde eine Be- 
sessene zur Heilung zu ihm gebracht. Nachdem der Heilige 
die Kranke betrachtet hatte, sagte er: „Antworte mir, unsau- 
berer Geist auf das, was ich dich fragen werde. Was machst 
du in diesem Geschöpfe Gottes?" Der Dämon: „Diese Seele 
besitze ich mit vollem Rechte, da sie eine Zauberin- ist 
durch die ich viele Seelen gewonnen habe." Der Heilige: 
„Warum ist sie wegen Zauberei die deinige?" Der Dämon: 
„Hast du nicht gelesen, dass der Herr die Zauberer und 
Wahrsager auszurotten befohlen hat? Denn was machen 
solche anders, als dass sie mir und meinem Obersten dienen? 
Sie sind Götzendiener und wir haben auf keine andern mehr 
ein Recht als die solchen Lastern ergeben sind. Weisst du 
nicht, dass unter tausend Zauberinnen kaum eine dieses Laster 
eingestehen würde, da wir ihnen den Mund sperren, dass sie 
derlei nicht vorbringen können." Der Heilige: „Ich weiss, 
dass deine Bosheit so gross ist wie die deiner Genossen, ich 
zweifle aber nicht, dass die Gnade Gottes noch grösser ist. 
Also, unreiner Geist! gib Gott die Ehre und weiche von 
dieser seiner Creatur, dass sie wieder zur Gnade gelange, 
deren du sie beraubt hast." Dämon: „AVas machst du einen 
solchen Angriff auf mich, was habe ich dir gethan oder was 
hast du wider mich?" Der Heilige: „Höre frecher, unreiner 
Geist, in jenem ewigen Vaterlande, aus dem du dich über- 
müthigerweise gestiirzt hast, habe ich an dem allgemeinen 
Wohle mehr Anthcil als an meinem eigenen, daher muss ich 
an dem Unheile eines andern mehr theilnehmen als an dem 



A. SS., S. 737. 



10. Heiliofendienst uud Mariencultus. 179 



o 



eigenen. Denn dadurch mache ich mich um das ewige Leben 
verdient. Ich habe also gerechte Ursache gegen dich, da du 
unrechtmässig meine Schwester besitzest, dieses Geschöpf 
deines Schöpfers. Sein Eingeborner hat sein Bkit vergossen 
und den bittersten Tod erhtten und dadurch den Sieg iiber 
dich errungen. Daher befehle ich dir, unreiner Geist, weiche 
von ihr und nicht unterfange dich ferner ein Geschöpf Gottes 
zu belästigen." Und so wich der böse Dämon, und das Weib 
fiel wie todt hin; aber der heilige Mann richtete es sofort 
wieder auf, und es legte öfientlich unter Thränen ein reuiges 
Bekenntniss ab, worauf der Heilige die Absolution ertheilte. ^ 
Ein Mann, der oft in einen wahnsinnigen Zustand versetzt 
ward, wird zum Grabe des heiligen Nicolaus gebracht und 
während er betet, gibt er mancherlei von sich, als: Stücke 
von Hufeisen, kleine Messer u. dgl., worauf er gesund wird.'* 
Die heilige Apollinaris vertreibt den Dämon, der ihre Schwester 
belästigt, durch Auflegen der Hände und Gebet. ' Eine Frau 
fiihrt ihre Tochter, die durch des Teufels Bosheit wahnwitzig 
geworden, ihre eigene Mutter nicht erkannte, an die Grab- 
stätte des heiligen Marcus, betet inbrünstig, worauf jene 
ganz gesund wird. * Eine Frau , seit fünf Jahren besessen, 
wird zum Grabe des heiligen Ambrosius (Sansedonius) geführt. 
Hier gibt der Dämon das Zeichen an, worauf er weichen 
werde, nämlich das Niesen der Besessenen. Nachdem es ein- 
getreten, ergreift er sofort die Flucht.^ Die heilige Zita heilt 
unter mehrern Dämonischen eine gewisse Migliora, die seit 
dreizehn Jahren von 24 Dämonen geplagt ward. ^ 

Beispiele von Teufelaustreibungen mittels der Reliquien be- 
richten die Legenden eine grosse Menge. Der Wein, mit dem die 
Reliquien des heiligen Genulphus gewaschen worden, wird einem 
Besessenen zu trinken gegeben, und der Dämon fährt ihm mit 
Blut aus dem Munde. '^ Ein Dämonischer wird geheilt, als 
er Reliquien des heiligen Anastasius trägt. Der Teufel er- 



1 A. SS., 4. Mai. 

2 Ibid., 22. Hart. 

3 Il)id., Jan., toin. I, 260. IG. 

^ Ibid., Vita St. Marci, Ep. Atin., 28. April. 
5 Ibid., 20. Mart. 
« Ibid., 27. Apr. 
' Ibid., 17. Jan. 

12* 



180 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung voin Teufel. 

scheint und fragt ganz unbefangen, ob er Reliquien trage, und 
als dieser bejaht, geht er von danncn. ' Ein Frater des Pre- 
digerordens legt einige Barthaare des heiligen Vincentius in 
einem Tuche eingewickelt einer Besessenen um den Hals. 
Der Teufel, die Macht der Haare spürend, fängt an den Leib 
der Besessenen fürchterlich zu verdrehen. Auf die Frage: 
warum er dies thue, erwidert er: wegen der Barthaare des 
Heiligen, deren starke Wirkung er emiDfinde. Nach mancher- 
lei, das er aus der Besessenen herausgesprochen, geht der 
Teufel aus deren Leibe heraus, indem er diese fast todt 
zurücklässt. ^ Die heilige Katharina wird zu einer Besessenen 
geführt, und bei der Gelegenheit lässt sich der Dämon mit 
der Heiligen und dem assistirenden Frater in ein langes Ge- 
spräch ein. Auf den Befehl der Heiligen, dass der böse Geist 
aus der Creatur Jesu Christi ausfähre und diese nicht mehr 
plage, verlässt er die übrigen Theile des Leibes und setzt 
sich in die Kehle der Kranken, wo er heftige Zuckungen und 
eine Geschwulst hervorbringt. Die Heilige legt ihre Hand 
auf den Theil, macht das Zeichen des Kreuzes darüber und 
so wird der Böse gänzlich ausgetrieben. ^ 

Da der Teufel und seine Genossen bisweilen auch von 
Thieren Besitz nimmt, so muss sich der Exorcismus, durch 
die Heiligen geübt, auch auf jene erstrecken. 

Der heilige Raynaldus, dessen Kraft im Teufelaustreiben 
von der Legende besonders gerühmt wird, treibt von einer 
besessenen Kuh den Teufel fort, der ihr auf dem Rücken 
sitzt •*, u. a. m. 

Der Teufel, als Vater der Sünde, ist der Stifter der 
moralischen Uebel, der Urheber der Abgötterei als Feind 
der christlichen Kirche. Die Heiligen, als Zeugen Christi, 
wirken daher dem Götzendienste entgegen und zerstören als 
Athletae Dei die Idole. 

Ein solcher Athleta war der heihge Julianus. Als er ein 
Götzenbild durch die Anrufung des Namens Jesu Christi 
stürzte und dieses sich in Asche verwandelte, sprang ein un- 



1 A. SS., 22. Jan. 

2 Ibid., ry. Apr. 

3 Und., 30. April. 
' Ibid., 17. Febr. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 181 

geheuerer Drache hervor, der sich mit schwefeldampfendem 
Hauehe und mit Schlägen seines schrecklichen Schwanzes 
gegen die eigenen Verehrer wandte. Mit erhobenem Kreuzes- 
zeichen befiehlt ihm der Heilige, dass er in Gegenden fliehe, 
wo keine menschliche Creatur haust, worauf der Drache ge- 
horsamst die Flucht antritt. * Auf das Gebet der heiligen 
Glyceria stürzt eine Jupiterstatue zusammen. * 

Die Heiligen, die das moralische Heil zu verbreiten haben, 
suchen es in sich selbst in voller Reinheit darzustellen. Der 
Teufel trachtet insbesondere, die Heiligen davon abzubringen 
durch Versuchungen zur Sinnlichkeit, zur Weltlust, zum 
Hochmuth u. s. f , deren Rej^räsentant er ist. 

Aus diesem Grunde hängt sich der heilige Eusebius ein 
schweres Gewicht um den Hals, damit er genöthigt sei, vor 
sich hin auf den Boden zu schauen und durch seine Auffen 
nicht verführt werden könne. ^ Als sich einmal der heilige 
Pachomius zum Mahle setzen will, erscheinen ihm einio-e 
Dämonen als Frauen in obscöner Gestalt und mit gleichem Be- 
tragen, indem sie thun, als wollten sie mit ihm gemeinschaft- 
lich Mahlzeit halten. Da alle ihre Versuchungen an der 
Standhaftigkeit des Heihgen abprallen, ertheilen sie ihm aus 
Rache solche Schläge, dass er tagelang die heftigsten Schmerzen 
leidet. Als ein andermal der Heilige mit seinem geliebten 
Theodorus des Nachts innerhalb des Hofraums wandelte, er- 
schien der Teufel in Gestalt eines sehr schönen Frauen- 
zimmers, worüber Theodorus in sehr grosse Aufregung kommt, 
sodass Pachomius ihn zu beruhigen suchen muss. Dieser will 
die Teufelin durch Gebet verscheuchen, sie will aber nicht 
weichen, sondern spinnt ein langes Gespräch an, worin sie 
sich für die Tochter des Teufels ausgibt, dass sie auch gegen 
Heilige zu kämpfen vermöge, obschon keiner wie Pachomius 
ihre Macht zu mindern verstehe. Letzterer verjagt auch 
schliesslich die reizende Erscheinung. * Dem heiligen Pater- 
nianus erscheint der Teufel in Gestalt eines Mädchens, nach- 
dem sich in der Umgebung der Zelle ein Lärm wie von wil- 



1 A. SS., Jan., tom. II, 7G5. 21. 

2 Ibid., 13. Mai. 

3 Ibid., 23. Jan. 
* Ibid., 14. Mai. 



182 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

den Bestien erhoben hatte. Das Mädchen gibt vor, es sei, 
von seiner Herrschaft um Wasser ausgeschickt, wobei es sich 
verirrt habe, hierher geeilt, um Schutz zu suchen. Als ihm der 
Heilige den Eintritt in die Zelle verweigern will, droht es 
dem Heiligen, dass auf ihn die Schuld falle, Avenn es von 
wilden Thieren zerrissen werde. Der Heilige weist dem 
Mädchen hierauf eine Stätte in einiger Entfernung von seiner 
Zelle an ; als sich aber, nachdem er in diese zuriickgekehrt, die 
Sinnlichkeit in ihm regt, erkennt er sogleich die List des Teufels 
und erinnert sich dabei, dass alle, die sich durch Unzucht 
besudeln, durch Feuer gerichtet werden. Er zündet sofort 
Feuer an und streckt seine Hand darüber aus. Da schlägt 
das Feuer, gleich dem Blitze, auf die Stelle hin wo der 
Teufel war, der heulend verschwindet. Der Heilige fällt auf 
sein Angesicht und bringt die ganze Nacht zum Lobe Gottes 
schlaflos zu. 1 Als der heilige Jordanus einmal heftig dürstete, 
erschien ihm der Teufel als Jüngling, mit einer Flasche Wein 
und einem silbernen Becher ihm freundlich aufwartend. Der 
Heilige merkt aber die List, bekreuzt sich, worauf der Satan 
sogleich verschwindet.^ Den heihgen Martiuianus belästigt 
der Teufel in Gestalt eines Drachen, der seine Zelle zu unter- 
wühlen droht, wodurch sich aber der Heilige nicht schrecken 
lässt. Hierauf sendet der Teufel eine Hure über ihn, 
deren Versuchungen der Heilige beinahe unterlegen wäre, 
aber, zu rechter Zeit sich ermannend, auf- und zwar ins Feuer 
springt, sich dabei die Füsse verbrennt und nun, auf der Erde 
liegend, Gottes Barmherzigkeit anfleht. Die Hure selbst wird 
bekehrt und stii'bt als Heilige. ^ Der heilige Conradus, der 
Einsiedler, weiss den Versuchungen des Teufels zum Essen 
von Schweinefleisch, fetten Hühnern und Käsekuchen nur da- 
durch zu entgehen, dass er diese von Freunden dargebrachten 
Leckerbissen unberührt so lange liegen lässt, bis sie von 
Würmern wimmeln und er Ekel davor empfindet. Den Heiss- 
hunjxer nach frischen Feioen vertreibt er sich dadurch, dass 
er sich auf Dornen herumwälzt. Als der Teufel in Gestalt 
eines schönen Mädchens erscheint, unter dem Vorwande, sich 



1 A. SS., Jul., tom. 111, 298. 
■^ Ibid., Febr., tum. II, 72'J. 
3 Ibid., 13. Febr. 



10. Heiligcndienst und Mariencultus. 183 

im Walde verirrt zu haben und in der Höhle des Eremiten 
um eine Nachtherberge bittet, läuft jener in den Wald und 
geiselt seinen Rücken blutig. * Dem heiligen Albertus Ere- 
mita erscheint der Teufel als schöne Frau in der Zelle, ihn 
freundlich grüssend und sich für eine reiche Witwe aus- 
gebend. Er widersteht zwar ihren einschmeichelnden Reden, 
als er aber doch durch den Anblick der Schönheit die ganze 
Nacht hindurch von einem Zittern der Glieder gequält wird, 
schaiFt er sich erst Ruhe, nachdem er gebeichtet und seinen 
Leib zu kasteien angefangen, indem er sich, gleich dem heili- 
gen Benedictus, auf Nesseln herumwälzt, bis der Stimulus 
carnis aufgehört hat.* Der heilige Macarius wohnt in einer 
Einöde, in deren Nähe viele Brüder hausen. Auf dem Wege 
bemerkt der Heilige einen Dämon in Menschengestalt in 
einem leinenen, durchlöcherten Rocke, mit Flaschen beladen. 
Der Heilige fragt: „Wozu die vielen Flaschen?" Jener: Er 
bringe den Fratribus zu trinken. — ,, Diese alle?" Worauf 
der Teufel: „Wenn eine von den Flaschen weniger schmecken 
sollte, reiche ich eine zweite und dritte, bis eine unter den 
vielen besonders anlächelt", und hiernach weiter geht. Der 
heilige Greis erwartet seine Rückkunft und erfährt, dass 
die Flaschen keinen Absatz gefunden haben. „Also hast du 
keinen Freund unter den Brüdern?" Worauf der Teufel: 
„Einer ist da, "der an mich glaubt und heisst Theopemptus, 
aber wenn er mich sieht, wendet er sich wie der Wind." 
Der Heilige sucht hierauf den Theopemptus auf und entlockt 
ihm das Geständniss, dass er vom „spiritus fornicationis" ge- 
plagt werde. Nach den Ermahnungen des Heiligen kehrt 
dieser nach seinem Aufenthaltsorte zvirück, und als er wieder 
dem Teufel begegnet, hört er diesen klagen, dass Theopemptus 
nicht mehr zu ihm halte, und strenger geworden als alle 
übrigen, ihm kein Gehör mehr geben wolle. ^ Der heilige 
Peregrinus wandert unter grossen Mühseligkeiten nach Jeru- 
salem, besucht die heiligen Orte, auch die Wüste, in welcher 
der Herr vierzig Tage gefastet, in grösster Herzenszerknirscht- 
heit. Er kasteit sich so sehr mit Fasten u. dgl., dass er 



1 A. SS., 19. Febr. 

"^ Ibid., Jan., tom. I, 422. 22. 

ä Ibid., 15. Jan. 



184 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

einem Gespenste gleicht. Als er einst einsam betete, erschien 
ihm der Teufel in Gestalt des Gek"reuzigten , sagend: „Pere- 
grine, Peregrine! für jede Sünde gegen Gott ist Vergebung 
zu erlangen, ausser wenn jemand sein Leben vor der Zeit 
abkürzt." Der Heilige ents^egnet hierauf, und da nach län- 
germ Discurs der Teufel einsieht, dass es nicht gelinge den 
Heiligen zu verfiihren, schlagt er ihn „horribiliter" auf die 
Kinnbacke. Der Heilige aber reicht, im Sinne des Gebotes, 
auch die zweite hin zum Schlage, und da der Feind diese 
Demuth nicht ertragen kann, sagt er: „Peregrine, deine 
Demuth hat mich besiegt, und wenn ich dir in dieser Be- 
ziehung nichts anhaben kann, so wird die Zeit doch kommen, 
wo ich dich herumkriege." Und plötzlich entstand eine Ver- 
änderung der Luft, die Erde erbebte, der ganze Platz drohte 
zu verbrennen. Nachdem aber der Heilige gebetet und das 
Kreuz gemacht, verschwand die „Machinatio". ^ Dem heili- 
gen Simeon, dem Styliten, erscheint der Teufel in Gestalt des 
Herrn auf einem Cherub wagen und sagt: „Komm steige auf 
den Wagen, auf dass du deine Krone erhaltest." Der Heilige 
thut es, nachdem er aber die teuflische Versuchung zum 
Hochmuth bemerkt, zieht er den Fuss wieder zurück, wird 
jedoch am Schenkel lahm, sodass er nur das eine Bein mehr 
gebrauchen kann. ^ Den heiligen Jordanus sucht der Teufel 
auf verschiedene Weise zum Hochmuth imd zur eiteln Ruhm- 
sucht zu führen. Unter anderm übergoss er ihn so sehr mit 
Wohlgeruch, dass dieser seine Hände v^bergen musste, um 
für keinen Heiligen gehalten zu werden, da er sich damals, 
wie die Legende bemerkt, noch nicht der Heiligkeit bewusst 
war. Wenn er den Kelch trug, ging ein so süsser Duft von 
ihm aus, dass ihn die ganze Versammlung bewunderte. Schliess- 
lich wird ihm derselbe auf seine Bitte genommen, und zugleich 
geoffenbart, dass er dadurch vom Teufel zu eitclm Kuhm und 
Hochmuth verleitet werden sollte. Von da ab hörten seine 
Hände auf wohlriechend zu sein. ^ 

Die Heiligen stehen auf verschiedenen Stufen der Heilig- 
keit, und nach dem Grade, den sie errungen, ist auch ihre 



I A. SS., 1. Aug. 
* Ibid., 5. Jan. 
3 Ibid., 13. Febr. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 185 

Macht, die sie lebend oder nach dem Tode iiber den Teufel 
ausüben, mehr oder weniger eindringlich und wirksam. Dies 
zeigen die Legenden an zahllosen Beispielen. Wo der Exorcis- 
mus des gewöhnlichen Priesters nicht ausreicht, weil der 
Exorcist selbst nicht untadelig ist, muss ein Heiliger zu Hülfe 
kommen, und steht dieser nicht hoch genug in der Heiligkeit, 
wird ein höherer nothwendig. Deniijemäss stuft sich auch 
die Teufelei verschieden ab und muss ihre Anstrengungen 
steigern, schliesslich aber dem vollwichtigen Heiligen gewöhn- 
lich weichen. 

In der Vita St. Joannis Gualberti ^ sind viele Fälle, wo 
die Dämonen so hartnäckig sind, dass sie den gewöhnlichen 
Exorcisten nicht weichen und erst der Macht des Heiligen 
nachgeben müssen. Zuweilen hat es den Anschein, als ob die 
Verdienste eines Heiligen, in deren Folge ihm die Macht 
über den Teufel zukommt, nicht ausreichen und die Maria's 
mitwirken müssen. Auch davon ein Beispiel in der Vita 
Joannis Gualberti. Ein Dämon hat ein altes Weib im Besitz 
und ist besonders hartnäckig, ja er heuchelt sogar Frömmig- 
keit, indem er häufig Redensarten gebraucht, als: Guter Jesus! 
u. dgl. , sodass ihn niemand erkennt. Das besessene Weib 
betet den englischen Gruss, das Vaterunser, macht das Kreuz, 
kurz gibt alle Anzeichen der Frömmigkeit, sodass es von 
den Mönchen gar nicht als besessen betrachtet wird. Der 
Dämon räth dem Weibe zu fliehen, sich ins Wasser zu 
stürzen, wird aber durch die Verdienste der heiligen Maria 
und des heiligen Johannes Gualbertus daran verhindert. Bei 
den Gesängen und Gebeten kann aber der Teufel die Macht 
der Heiligen nicht länger ertragen und muss ausfahren. Eine 
Frau war dermassen von höllischen Geistern besessen, dass 
sie sich oft getödtet hätte, wäre sie nicht gehindert worden. 
Bei oft wiederholtem Exorcismus schrien die Dämonen aus 
dem Leibe heraus: sie würden nicht herauskommen, ausser 
die Frau besuche die Kirche der heiligen Agnes. Als man 
die Frau dahin zu bringen siichte und der Kirche sich näherte, 
fingen die Dämonen an, in der Voraussicht ihrer Austreibung, 
ungeheuerliche Bewegungen und einen grässlichen Lärm zu 



1 A. SS., 12. Juli. 



186 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

machen, wobei sie äusserten, unmöglich weiter gehen zu kön- 
nen. Die Angehörigen der Frau brachten daher diese ge- 
waltsam in die Kirche der Heiligen mid nachdem dies ge- 
lungen , war die Besessene sofort ihrer Teufel los. ' Ein 
Augenzeuge erzählt, der Teufel sei einst in eine Frau ge- 
fahren, die er sehr ge[)lagt habe. Ihr Mann hatte sie schon 
an verschiedene Orte geführt, um ihre Heilung durch die 
Anrufung Auserwählter Gottes zu ei'zielen, jedoch vergeblich. 
Da der Mann, der seine Frau sehr liebte, von der heiligen 
Opportuna gehört hatte, dass sie durch Vcrmittelung der 
glorreichen Jungfrau die Kraft der Dämonen zu brechen 
wisse, suchte der fromme Gatte ihre Hülfe auf. Als er seine 
Frau dahin gebracht und der Teufel ahnte, dass seine Bosheit 
durch die Verdienste der heiligen Opportuna vernichtet wer- 
den soll, fing er durch den Mund der Frau zu reden an: 
„Weh mir, o Opportuna! o veraltete Opportuna, du warst 
stets meine Widersacherin in Gallien und Neustrien, dein 
Gebet machte oft meine Unternehmungen zunichte, du stell- 
test mir nach solange du lebtest, und thust es noch nach- 
dem du todt bist." Der Augenzeuge, der mit andern trauernd 
und betend dabei stand, will dies und Aehnliches durch den 
Mund der Besessenen gehört haben, so auch, dass der Teufel 
behauptete: nicht der Bischof sei es, den er fürchte, sondern 
die heilige Opportuna, deren Kraft er weichen müsse, wäh- 
rend der Bischof nur ein unniitzer Knecht sei. Die Anwesen- 
den, gekommen, den Spectakel zu sehen, Hessen aber nicht 
ab von ihren Gebeten. Die Besessene wird mit Weihwasser 
besprengt, mit dem heiligen Kreuze bezeichnet, und als man 
in dem Gebete, das über sie gesprochen ward, an die Stelle 
kam, wo es heisst: „Ich beschwöre dich, Drache, im Namen 
des Lammes, welches über die Schlange und den Basilisken 
schreitet, das den Löwen zertritt und den Drachen", da pei- 
nigte der Teufel die Besessene so gewaltig, dass sie mit Nä- 
geln und Zähnen die eigenen Glieder zerfleischte. Und der 
Teufel schrie aus ihr: „Wisse, du Vettel Opportuna, dass ich 
jetzt zwar ausfahre, aber bald wiederkehren werde." Nach 
diesen Worten wurde die Frau ruhig, richtete Augen und 



1 A. SS., 20. Apr. 



10. Ileiligendienst und Marienciiltus. 187 

Hände gegen Himmel und, sich dem Altäre nähernd, gelobte 
sie, sich dem Dienste der heiligen Opportuna weihen zu wollen, 
luid nachdem sie das gesegnete Brot empfangen, ging sie in 
das Hospiz. Da ihr Mann sicher hofi'te, dass sie genesen sei, 
und wimschte, dass sie in sein Haus zuriickkehre, verliessen 
sie nach einigen Taigen den Ort. Da erschien der Teufel mit 
einer Menge von Dienern in Gestalt von Wölfen, Hunden, 
welche die Frau anfielen. Diese aber rief: „Herrin Oppor- 
tuna, befreie deine Magd!" und lief, von den Bestien bis zur 
Kirchenthüre verfolgt, bis an den Altar, betete da längere 
Zeit und blieb unverletzt. Als sie aber der Mann wie- 
der nach Hause bringen wollte, fand er sie ärger als 
früher vom Teufel geplagt. Endlich wird sie mit Hülfe der 
heiligen Opportuna wieder befreit und weiht sich dem Dienste 
der Heiligen. ^ Eine Frau, durch vierzehn Jahre von unreinen 
Geistern geplagt, kam zu einem Priester, sagend: ich bin be- 
sessen, der böse Geist plagt mich. Der Priester erschreckt, 
läuft in die Sakristei, nimmt ein Buch mit Beschwörungs- 
formeln und die Stola, und zur Frau herausgekommen, beginnt 
er seine Beschwörungen. Allein er bringt keine Wirkung 
hervor. Hierauf geht die Frau zum heiligen Petrus, da dieser 
noch lebte, und begehrt Hülfe von ihm. Dieser sagt mit 
prophetischer Stimme: ,, Glaube, Tochter, verzweifle nicht, denn 
obschon ich nicht in dem Augenblicke das, was du begehrst, 
zu leisten im Stande bin, so wird doch die Zeit kommen, wo 
du das Begehrte erlangst." Und dies traf auch ein. Denn 
nach seinem Märtyrertode erlangte die Frau, die zum Grabe 
des Heiligen gekommen war, Heilung und Befreiung vom 
Dämon, wie ihr der Lebende versprochen hatte, aber erst nach 
dessen Blutvergiessen.^ — Ein Mädchen, Namens Laurentia, 
wurde von seinem Vater ins Kloster gebracht. Nach einiger 
Zeit wird es von einem bösen Geist besessen, welcher durch den 
Mund des Mädchens lateinisch spricht, obwol es dieses nie 
gelernt. Es antwortet auf die schwierigsten Fragen, entdeckt 
die geheimsten Siinden und Angelegenheiten. Die Aeltern, in 
ihrer Betrübniss Hülfe suchend, führen ihre Tochter zu Re- 
liquien verschiedener Heiligen. Da sie auf die Kraft des 



1 A. SS., 22. Apr. 

- Ibid., Vita St. Petri ord. Praedicat., 29. Apr. 



188 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 



heiligen Ambrosius besonderes Vertrauen hatten, riefen sie 
dessen Hiilfe an, wurden aber auch nicht erhört. SchHesslich 
wird den Aeltern geratheu, der heihgen Katharina sich anzu- 
vertrauen, und so wird das Mädchen endlich vom Dämon 
befreit. * 

An der vollen Kraft eines richtigen Heiligen bricht die 
Macht des Teufels. 

Ein besessener Frater in Bologna, der so stark war, dass 
er alle Stricke zerriss, lag einst gebunden auf dem Bette und 
sagte zu dem heiligen Jordanus, der in der Nähe war: „O 
Blinder, wenn ich dich nur hätte, zerbräche ich dich ganz 
und gar!" Der Heilige lässt ihn losbinden und sagt: „Siehe, 
du bist frei, und thue, was du kannst." Dieser konnte sich 
aber nicht regen. Der Heilige legte hierauf seine Nase an 
jenes Mund, ohne dass dieser ihm schaden konnte, die Nase 
vielmehr sanft leckte. * — Als einmal der heilige Ulricus un- 
pässlich war, kam der Teufel, schaute ihn mit grinnnigen 
Auffen an und versetzte ihm mit einem Stocke drei entsetz- 
liehe Hiebe. Hierauf sagte der Heilige, der bisher ruhig ge- 
blieben: „Jetzt aber weiche zuriick, denn weiter reicht deine 
Macht nicht, und sie ginge nicht einmal so weit, wenn sie 
nicht von oben zugelassen würde." Es war nämlich friiher 
einmal der Teufel vom Heiligen festgehalten, geraume Zeit 
tüchtig durchgepeitscht und nur unter der Bedingung los- 
gelassen worden, dass jener mit einem Eide versprach, nie 
mehr zurückzukehren. ^ 

Die Macht mancher Heiligen ist bisweilen so überwälti- 
gend, dass der Teufel genöthigt wird, zur festgesetzten Frist 
auszufahren oder anzugeben, wie er zu vertreiben ist, ja selbst 
im Sinne der Heiligen zu handeln, und zwar als Straf- 
werkzeug. 

Eine Frau wurde durch mehrere Jahre vom Teufel ge- 
plagt. Drei Tage vor dem Feste des heiligen Ambi'osius 
wurde der Teufel gefragt, wann er weichen würde, worauf 
dieser drei Finger erhob. „Nach drei Jahren?" — „Nein!" — 
„Nach drei Tatren?" Der Dämon nickt zustimmend. Am Sonn- 



1 A. öS., 30. April. 

2 Ibid., 13. Feljr. 
» Ibid., 20. Febr. 



10. Ileiligendienst und Mariencultus. 189 

tage, der auf das Fest folgte, schreit der Dämon : „Ich kann nicht 
länger weilen, der heilige Ambrosius verjagt mich." Da be- 
eilte man sich, die Besessene zum Grabe des Heiligen zu brin- 
gen, worauf der Dämon zu spucken anfängt, die Lichter aus- 
löscht, nach kurzem aber endlich weicht. ^ Die Dämonen, 
welche alsobald nach Sonnenuntergang ein Gefängniss ein- 
nahmen und die Gefans^enen mit nächtlichen Schrecknissen 
plagten, wurden durch die Coletaglocke, sobald diese das 
Zeichen zur Matutina gab, verscheucht. - Ein gewisser Fürst 
Ferdinandus Roderici de Castro bricht in das Kloster des 
heiligen Rudesindus ein und verwüstet es durch Brand und 
Plünderung. Die Mönche versammeln sich am Grabe des 
Heiligen und bitten um seinen Schutz. Da ergreift der Teufel 
den Fürsten und wirft ihn ungeachtet des Widerstandes der 
Soldaten ins Feuer. Als diese ihn aber dennoch herausziehen, 
fängt der Teufel durch den Mund des Fürsten zu sprechen 
an: sie sollten den Räuber des Heiligen verbrennen lassen, 
er sei zum Rächer des Heiligen bestellt, denn der Fürst habe 
das Gebiet desselben geplündert, u. s. f. Die Soldaten legen 
hierauf den Fürsten in die Gruft des Heiligen, wo jener noch 
halblebend die ganze Nacht lag. Des Morgens aber ergreift 
ihn wieder der Teufel, und auf die Frage der Anwesenden: 
unter welcher Bedingung er ihn loslassen würde, antwortet 
er: wenn der Fürst alle Beute zurückstellte und den Eid 
leistete, dass er und seine Söldlinge nie mehr in das Kloster 
einbrechen würden. Nachdem der Fürst und die Söldlinge 
unter Herbeiziehung des Abtes und der Mönche das verlangte 
Versprechen geleistet hatten, wurde der Fürst zur selbigen 
Stunde ganz hergestellt. ^ Einer, der durch Einflüsterung 
■des Teufels zur Reue bewogen, die Welt verlassen hatte 
und ins Kloster gegangen war, plagte oft den Abt, den 
heiligen Gualbertus, um die Erlaubniss, es wieder verlassen zu 
diirfen. Als er nicht abliess, ward der HeiHge zornig und 
rief ihm zu, er möge sich packen. Dieser hatte sich aber 
kaum vom Kloster entfernt, als ihn der Teufel von einem 
hohen Felsen, über den er ging, hinabstürzte, worauf er seinen 



1 A. SS., 20. Mart. 
^ Ibid., 6. Mart. 
3 Ibid., 1. Mart. 



190 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Geist aufgab. ^ In Cacsarii Heistcrbacensis Vita St. Engel- 
berti ^ wird von einem in der Stadt Magdeburg erzählt, den ein 
sehr böser Dämon besass, welcher keinen Exorcisten fürchtete, 
keinem antwortete, ausser einem Priester von besonderer Heilig- 
keit, dem von Gott besondere Gnade verliehen war. Dieser 
benutzte den Dämon als Neuigkeitsträger, forschte ihn aus 
und erfuhr auf diesem Wege auch den Tod des Erzbisehofs 
Eno-elbert. „Da nur dieser Eine Priester die Macht über den 
Dämon hat", sagt der Chronist, „so muss dieser auch stets 
die Wahrheit sagen und zwar gegen seinen Willen." 

Die Gegensätzlichkeit des Teufels zu den Heiligen äussert 
sich häufig in blossen Neckereien, wo die dämonische Wirk- 
samkeit nur auf einen Spuk hinausläuft, wodurch ein Heiliger 
belästigt oder ein heiliges Unternehmen gehindert werden 
soll. Andererseits fehlt es auch nicht an Beispielen, wo Hei- 
lige den Teufel dadurch peinigen , dass sie ihn festhalten, um 
die Qualen, welche er durch ihre Nähe und Macht empfindet, 
zu verlängern. 

Der heilige Albertus, der sich kasteit, was den Teufel 
ärgert, wird von diesem geneckt, dass er ihm verschiedene 
Frauensestalten erscheinen lässt. ^ In der Vita St. Frodo- 
berti Abbatis wirft der Teufel in der Nacht den Leuchter 
mit den Wachskerzen um, dass diese verlöschen.* Jun- 
gen Mönchen, die des Nachts Psalmen singend beisam- 
men sitzen, hält der Teufel seine Hand vor die Kerze, 
sodass sie nichts sehen können. Der Greis, der sie be- 
aufsichtigt, räth den Erschrockenen, sich zu bekreuzen 
und David'sche Psalmen zu singen. Da löscht ihnen der 
Teufel unter lautem Gelächter die Kerze ganz aus, stürzt 
auf einen nahen Steinhaufen, macht mit den Steinen ein ent- 
setzliches Getöse und neckt sie noch auf verschiedene Weise, 
dass sie das Gef äss, das mit Wein gefüllt in ihrer Nähe stand, 
leer finden, u. dgl. m. ^ Dem heiligen Abrahamus erscheint 
beim Essen der Teufel als Jüngling und will ihm die Schüssel 



' A. SS., 12. Juli. 

'■* Boehmer Ibnt. rer. gerra., II, 323. 

■■' A. SS., 7. Febr. 

* Ibid., Jan., tom. I, 50!). IG. 

6 Ibid., 2t). Jan., Vita St. Gildae sap. Abb. 



10. Heiligendienst und JMariencultus. 191 

umwerfen, die aber jener festhält und weiter isst. Hierauf 
ändert der Teufel seine List und thut, als ob er einen Leuchter 
aufstellte und eine Kerze daraufsteckte, indem er Psalm 118, 1 
zu singen anfängt. Der Heilige aber bekreuzt sich mit den 
Worten: „Du unreiner Hund, feiger Thor! wenn du weisst, 
dass die Reinen selig sind, warum belästigst du sie?" Nach 
längerm Gespräch, in welchem der Teufel dem Heiligen nicht 
aufkommen kann, verschwindet er. ' Dem heiligen Philii^pus 
erscheint der Teufel beim Gebete in Ziegengestalt und löscht 
ihm die Lampe aus. Der Heilige sagt aber unerschrocken: 
„Spare deine läppischen Kunststücke, sie niitzen dir nichts, 
du kannst mich doch vom Gebete nicht abhalten." Er geht 
in die Kirche, holt sich Licht; das Verlöschen wiederholt sich 
einigemal, die Ziegengestalt verwandelt sich in einen stinken- 
den Bock; der Heilige wird ärgerlich und befiehlt ihm im 
Namen Gottes, dass er abfahre; jener wird betroffen, weicht und 
oretraut sich nicht wieder zu kommen.^ Ein Knecht, vom 
Teufel arg geplagt, ward von seiner Herrin zum heiligen 
Theodorus gebracht, wonach der Dämon in Aufruhr an dem 
Kranken herumriss, als ob er nicht weichen wollte. Nachdem 
er aber von der Macht des Heiligen angegriffen worden, ver- 
bot ihm dieser, die Stelle zu verlassen, damit er noch gequält 
werde. Der Heilige sprach hierauf ein Gebet, ging in seine 
Zelle, sao-te eine bestimmte Anzahl Psalmen her. Als der 
Knecht so dastand und der böse Geist in ihm gebannt Qua- 
len litt, fing dieser mit kläglicher Stimme zu schreien an: 
„Ich fahre aus, Diener Gottes, denn ich kann diese Qual 
nicht ertragen, komm, erlöse mich, damit ich ausfahre, peinige 
mich nicht länger." Nachdem der Heilige aus seiner Zelle 
herausgetreten war, sagte er: „Ich will nicht, dass du, un- 
reiner Geist, jetzt ausfahrest." Der Dämon aber rief: „Ach, 
ich Armer, ich bitte dich, erlöse mich, ich habe schon genug 
gelitten! Wann wirst du erlauben, dass ich ausfahre?" — 
„Ich will", erwiderte der Heilige, „dass du um die Mitter- 
nachtstunde weichest." Hierauf warf er ihn sich zu Füssen. 
Um Mitternacht aber, als der heilige Mann zum Gebete auf- 
stand, fing der Dämon zu schreien an: „Komm heraus, du 



1 A. SS., 15. Mart. 

2 Ibid., 4. Mai. 



192 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Eisenfresser, dass ich weichen könne." Nach einer Stunde 
kam der Heilige, griff ihn im Namen Jesu Christi an mit dem 
Befehle, dass er weiche, und alsobald fuhr der Dämon aus, 
und der Knecht war gesund. ^ 

Mancher Heilige hat die Macht, nicht nur die Zeit, son- 
dern auch den Ort, wohin der Dämon fahren, oder den Körpcr- 
theil zu bestimmen, durch den er heraus muss. 

Ein seit vielen Jahren besessenes Mädchen, das gebunden 
zum heiligen Vincentius gebracht ward, war so unbändig, 
dass es acht Männer nicht bewältigen konnten. Auf die An- 
rede des Heiligen wird es aber ruhig, und dieser stellt ein 
förmliches Verhör an. Der Dämon muss die Uebermacht des 
Heiligen anerkennen, der er weichen muss, und bittet um An- 
gabe des Körpertheils, durch den er ausftihren dürfe. Nach- 
dem die Bitte gewährt ist, fährt der Dämon aus dem auf dem 
Boden liegenden Mädchen mit grässlichem Gestank aus, in- 
dem er dasselbe wie halbtodt zurücklässt, das aber an Leib 
und Seele heil aufsteht.^ Nach dem Machtspruch des heiligen 
Frauciscus de Paula darf der Teufel nicht, wie er möchte, 
durch die Augen einer Besessenen ins Weite ausfahren, son- 
dern muss in eine Flasche. ^ 

Den Heiligen ist ein höheres Wissen des Kiinftigen zu- 
erkannt, wie auch dem Teufel, natürlich aber mit entgegen- 
gesetzter Tendenz. 

Als man einen, der sich mit siedendem Pech übergössen 
und verbrannt, dem heiligen Frauciscus de Paula brachte, 
fand man diesen schon mit der Bereitung der Heilmittel für 
den Beschädigten beschäftigt, ohne dass er von dem Unfall 
benachrichtigt gewesen. ■* Auch in der Legende von der hei- 
ligen Coleta wird ausdrücklich hervorgehoben, dass sie Ab- 
wesendes und Künftiges gewusst habe. ^ 

Der Antagonismus zwischen den Heiligen und dem Teufel 
ninnnt, gemäss der magischen Kraft, die beiden Seiten eignet, 
auch eine magische Form an, indem jene die Nähe des 



1 A. SS., 22. Apr. 

■2 Ibid., 8. Apr. 

3 Ibid., Apr., tom. I, 113. 

* Ibid., S. 128. 

s Iliid., 6. Mart. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 193 

Teufels, aiicli wenn er verkappt ist, empfinden, und dieser 
die Heiligen, deren Nähe er nicht vertragen kann, wittert. 

Nachdem der heilige Amator auf die Insel „c[uae Galli- 
naria nuncupatur", auf welcher Beizebub, der Fürst der 
Dämonen, hauste, seinen Fuss gesetzt hatte, verliess dieser mit 
seinem Tross das Gebiet mit Lärm und Geheul, um sich auf 
einem Felsen unweit der Strasse niederzulassen, wo er die 
Vorüberorehenden belästio:te. Der PIeilio;c fol»t ihnen aber 
auch dahin und vertreibt sie im Namen Christi. ^ Der heilisfe 
Raynaldus wird von der Legende besonders deswegen ge- 
riihmt, dass er die Dämonen in jeder Gestalt erkannte, ob 
sie die von Jupiter, Bacchus, der Hebe u. a. annehmen moch- 
ten. Einst erscheint ihm ein Dämon im PurjDurmantel mit 
einem Diademe, goldenen Schuhen und heiterm Gesichte, 
gleich einem Könige, und gibt sich für Christus aus, den er 
verehi'e und der sich vor allen andern dem Heilio-en oifen- 
baren wolle. Dieser zweifelt, und auf die Frage warum? er- 
widert er: Mein Christus weissagte seine Ankunft nicht im 
Purpur und mit der Krone; wenn ich nicht Christum sehe, 
wie er gelitten hat, mit Wunden auf dem Kreuze, solange 
glaube ich nicht. Der Teufel fährt hierauf unter Nachlass 
eines schrecklichen Gestanks ab. ^ Aehnliches berichtet Sulp. 
Severus. ^ Als der heilige Antonius (Patriarcha) noch ganz 
jung war und die Davidharfe in der Kirche des heiligen Theo- 
dor des Märtyrers spielte, hörte er zwei hässliche Gestalten, 
die gegenwärtig waren, ärgerlich zueinander sagen: „Lass uns 
von hinnen gehen, die Gegenwart dieses Jünglings ist uner- 
träglich", worauf sie verschwanden.^ Der heilige Nicetus geht 
eines Morgens in die Matutina, und als der Diakonus den 
respondirenden Psalm zu singen beginnt, ruft der Heilige aus : 
„Schweige! der Feind der Gerechtigkeit wage es nicht zu 
singen!" Als dieser schweigt, lässt ihn der Heilige vor sich 
kommen und sagt: „Habe ich dir nicht verboten, die Kirche 
zu betreten, wie kannst du es wagen, sogar die Stimme zum 
Gesang zu erheben?" Alle Anwesenden, nichts Arges vom 



1 A. SS., 1. Mai. 

2 Ibid., 9. Febr. 

3 Dial., I, 24. 

* A. SS., 12. Febr. 

Eoskoff, Geschichte des Teufels. II. iq 



194 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Diakonus ahnend, sind erstaunt; da schreit aber der Dämon: 
dass er vom Heiligen gequält werde. Das Volk hatte den 
Teufel beim Singen nicht erkannt, wol aber der Heilige, der 
ihn daher auch hart anfuhr. Er legte hierauf dem Diakonus 
die Hände auf und trieb den Dämon aus, worauf jener ganz 
gesund war. ^ Der Sohn eines Schenkwirths hatte ein Herz- 
leiden, ohne die Ursache seiner Qual zu kennen. Sein Vater 
brachte ihn zum heiligen Theodorus, damit dieser bei Gott 
bitte, dem Uebel ein Ende zu setzen. Der Heilige erkannte 
aber sogleich den Grund der Krankheit, führte den Patienten 
in die Zelle, bezeichnete dessen Gesicht mit dem Kreuze und 
klopfte ihm an die Herzstelle, indem er rief: „Verbirg dich 
nicht, unreiner Geist, es sollen deine Werke an den Tag kom- 
men. Der Herr Jesus Christus, der Erforscher der Herzen, 
befiehlt dir, dass du von dannen weichest." Alsogleich fing 
der Dämon zu heulen an: „Ich gehe schon, du Eisenfresser, 
ich leiste keinen Widerstand, kann deine Drohungen nicht 
vertragen, sowenig als das Feuer, das aus deinem Munde 
ausgeht und mich brennt." Dies und noch mehr ausstossend, 
fuhr er mit grossem Geheul aus. ^ 

Obschon die Heiligen weit über den gewöhnlichen Men- 
schen stehen, haben sie doch eine menschliche Seite an sich, 
und kann daher der Fall eintreten, dass sie den Teufel, ihren 
Widersacher, nicht erkennen oder wenigstens über seine Er- 
scheinung in Ungewissheit sind und sich täuschen lassen. 

Ein ausgelassener Junge wird vom Teufel angeregt, den 
heiligen Fridericus in dem Gewände einer jüngst verstorbenen 
Frau zu schrecken. Als er vor dem Heiligen erscheint, hält 
ihn dieser für den Teufel und schlägt das Kreuz. Da der 
Junge nicht weicht, geräth der Heilige in grossen Schrecken, 
wovon aber auch jener ergrificn und zur Strafe von da an 
selbst vom Teufel geplagt wird. ^ Der heiligen Katharina er- 
scheint der Teufel unter der Gestalt der Jungfrau Maria, ein 
andermal als der Gekreuzigte, um sie ungehorsam zu machen. 
Die Heilige lässt sich wirklich täuschen und verringert ihren 



• A. SS., 2. Apr. 

2 Ibid., 22. Apr. 

3 Ibid., 3. Mart. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 195 

Gehorsam gegen die Oberin des Klosters. Nachdem sie aber 
bereut und der Teufel seinen Zweck eigentlich doch nicht 
erreicht sieht, macht er dafür im Hause nächtlich grossen 
Lärm. ^ Als die heilige Juliana des Christenthums wegen im 
Kerker lag, erschien ihr der Teufel in Gestalt eines Engels 
und sagte: „Meine Liebe, der Präfect bereitet dir die grössten 
Qualen; höre mich und du wirst gerettet. Wenn er dir aus 
dem Gefängnisse zu gehen befiehlt, so bringe der Diana ein 
Opfer." Die Heilige, welche den Teufel für einen Engel hält, 
fragt: woher er sei? Der Teufel: „Ich bin ein Engel des 
Herrn, der mich gesandt hat, damit du opferest, um nicht zu 
sterben." Juliana rief tief aufseufzend mit gen Himmel er- 
hobenem Blick: „Herr des Himmels und der Erde, verlass 
nicht deine Magd und stärke mich in deiner Tugend, thue 
mir kund, wer dieser ist, der solches zu mir spricht." Da 
erscholl eine Stimme vom Himmel: „Glaube mir Juliana, ich 
bin mit dir, du aber ergreife jenen, der mit dir sj)richt." 
Juliana springt sofort vom Boden auf und, nachdem sie sich 
bekreuzt, fasst sie den Teufel mit den Worten: „Sag mir zuerst, 
wer du bist, wenn ich dich loslassen soll." — ^Jch bin Belial, 
den einige den Schwarzen nennen, der sich an der Bosheit 
der Menschen erfreut, am Todtschlag sich ergötzt, ein Lieb- 
haber der Wollust, des Streites, der den Frieden bricht; ich 
bin es, der Adam und Eva im Paradiese sündigen gemacht", 
und so fährt er fort seine teuflischen Thaten zu erzählen. 
Juliana: „Wer hat dich zu mir gesandt?" Er: „Satan, mein 
Vater" u. s. f. Nach sehr langem Gespräch, worin der Teufel 
bekennt, dass er sie zur Verleugnung Gottes und zum Opfern 
habe verführen wollen, bindet die Heilige dem Dämon die 
Hände auf den Rücken, wirft ihn zu Boden, ergreift eine der 
Fesseln, mit denen sie gebunden gewesen und schlägt wacker 
auf ihn los. Dieser bittet um Gnade und muss noch eine 
Beichte ablegen. Als Juliana aus dem Kerker geführt wird, 
schleppt sie den Dämon mit auf das Forum. Endlich nach 
langen Bitten desselben um Loslassung, schleudert sie ihn 
an einen mit Schmuz erfüllten Ort. ^ Der heilige Antonius 



1 A. SS., Mart., tom. II, 48. 

2 Ibid., IG. Febr. 

13 



lOG Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

ergreift beim Anblicke eines Goldluaufens die Flucht, weil 
er in Ungewissheit ist, ob diesen nicht der Teufel vorge- 
spiegelt. ' 

Beispiele von handgreiflichen, gröblichen Aeusserungen 
des Gegensatzes, ähnlich dem obigen in der Legende von der 
heiligen Juliana, kommen auch oft von selten des Teu- 
fels vor. 

Die heilige Veronika wird vom Teufel öfter wie von 
einem brüllenden Löwen angefallen und so geschlagen, dass 
ihr die AuGfen anschwellen. Einmal wird sie von ihm so 
gepriigelt, dass sie ganz schwarz wird, er presst sie dabei so 
gewaltig, dass sie nicht im Stande ist, den Namen Jesu aus- 
zusprechen.^ Nach einer „Vita" von Hieronymus Eremita wurde 
der heilige Komuald von dem Teufel mit solcher Gewalt an 
eine ßreterwand geschleudert, dass diese zollbreit ausein- 
andersprang. ^ Nachdem der heilige Romanus den Versuchun- 
gen des Teufels zur Unkeuschheit Widerstand geleistet, em- 
2^ fängt er von diesem selbst eine ungeheuere Ohrfeige, dass 
ihm der Backen schwillt und verrenkt wird. * Dagegen wird 
der Teufel von der heiligen Margaretha streng behandelt, 
die ihm den Fuss auf den Nacken setzt und er bittet de- 
miithig: „Den christes diern, heb auf deinen fuez von meiner 
halsadern!" mit dem Versprechen, ihr alles zu sagen, was sie 
ihn fragen würde. ^ 

Die Gegensätzlichkeit zwischen den Heiligen und dem 
Teufel äussert sich von beiden Seiten unwillkürlich auch auf 
eine für den Dritten sinnlich wahrnehmbare Weise. In den 
Legenden duftet es von dem köstlichen Gerüche, welchen die 
Heiligen sowol bei Lebzeiten als nach dem Tode nooh von 
sich geben und damit sogar heilsame Wirkungen hervorbrin- 
gen; der Teufel hingegen mnss gewöhnlich mit Hinterlassung 
eines grässlichen Gestanks abfahren. 

Die Legende über den heiligen Clarus rühmt den lieb- 



' A. SS., 17. Jan. ' 

2 Ibid., Jan., tom. I, 896. 10. * 

3 Ibid., Febr., tom. II, 126. 

« Ibid., 2S. Febr. ü 

^ Legende von der heiligen INIargaretha , bei Diemer, Kleine Beiträge 
zur altern deutschen Sprache und Literatur, I, 123 fg. 



10. Ileiligendienst und Mariencultus. 197 

liehen Duft in seiner Zelle. ^ Der heiligen Oringa erscheint 
der Teufel mit so grossem Rachen, dass er wie eine aufge- 
sperrte Thüre aussieht. Da die Heilige nicht entfliehen kann, 
empfiehlt sie sich dem heiligen Michael, zu dem sie um Ret- 
tung betet. Der Teufel wird verjagt, die Heilige sieht nur 
Angenehmes, und ein köstHcher Duft verbreitet sich. ^ Zwei 
Engel, die der heihgen Margarita erscheinen, erzählen ihr, 
dass sie durch ihren Wohlgeruch, w-elchen sie aus der Gemein- 
schaft mit Gott angezogen, die Dämonen vertrieben und die 
Luft rein gemacht hätten, dagegen den Gestank des Hoch- 
muths, der vom Teufel ausströmt, nicht vertragen könnten. ^ 
Von der heiligen Coleta verbreitet sich ein wunderbarer Duft, 
wodurch eine Nonne, die an einer grossen Geschwulst leidet, 
geheilt wird. Um das Fest derselben erfüllt stets ein würzi- 
ger Duft nicht nur ihr Oratorium, sondern auch die an- 
stossenden Räumlichkeiten.* Solcher Wolilgeruch entströmt 
auch dem Leichnam der heiligen Fraucisca.^ Hingegen hinter- 
lässt der Teufel, der dem heiligen Vincentius in Gestalt eines 
ehrwürdigen Greises mit bis an die Knie reichendem Barte 
erschienen war, nach seiner Verscheuchung durch den Heili- 
gen einen schrecklichen Gestank. « Bei der Heilung eines 
dämonischen Mädchens durch den heiligen Zeno fährt der 
Dämon mit ungeheuerm Gestank aus.^ In der „Vita St. Mar- 
tini" ^ verschwindet der Teufel, der dem Heiligen als Christus 
erschienen und von jenem erkannt worden war, als Rauch 
und erfüllt die Zelle mit Gestank, zum Zeichen, dass er der 
Teufel gewesen. „Hoc ita gestum — ex ipsius Martini 
ore cognovi, ne quis forte existimet fabulosum", fügt der 
Biograph hinzu. Der Wohlgeruch verbreitet sich auch von 
den einzelnen Reliquien der verstorbenen Heihgen. Die Bart- 
haare des heiligen Beruard üben nach dessen Tode nicht nur 



1 A. SS., Jan., tom., I, 5G. 12. 

2 Ibid., 10. Jan. 

5 Ibid., 22. Febr. 

* Ibid., 6. Mart. 

5 Ibid., 9. Mart. 

•^ Ibid., 5. Apr. 

^ Ibid., 12. Apr. 

8 Sulp. Sever., c. XXIV, p. 491. 



198 Zweiter Abschuitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

heilende Kraft, sondern verbreiten auch einen wunderbaren 
Duft. Letztern haben auch die „intestina putrefacta" der 
heiligen Ledwina *, u. a. m. 



Marieucultus. 

Wie der Heiligendienst wirkte auch der Mariencultus 
als sollicitirendes Moment auf die Ausbildung und Festigung 
des Teufelsglaubens. Die Verehrung der Maria hatte sich seit 
dem 4. Jahrhundert vom Osten her verbreitet. Nachdem die 
Versammlung der Bischöfe zu Nicäa im Jahre 325 eine gleiche 
Wesenheit Christi mit der Gottes zu glauben geboten hatte, 
schien die Mittlerschaft Jesu eine Schmälerung erlitten zu 
haben und man fand die Mutter Jesu am meisten geeignet 
und berechtigt, als Vermittlerin einzutreten. Schon um 
das Jahr 380 führten getaufte Thrazierinnen und Scythin- 
ncn Bilder der Maria auf Waiden mit sich herum und brachten 
ihr, wie einer heidnischen Göttin, kleine Kuchen zum Opfer 
dar. Dagegen erhoben sich zwar Stimmen der Antidicomaria- 
niten, wie die Gegner der Marienverehrung genannt wurden, 
und fanden an Helvidius in Palästina und dem illyrischen 
Bischof Bonosus kräftige Unterstützung; allein letztere An- 
sicht ward bald als ketzerisch verworfen und auf dem Concil 
zu Ephesus im Jahre 431 setzte Cyrillus durch, dass Maria 
nicht, wie Nestorius wollte, nur „Christgebärerin" Qigiaxoxoy.oc.'), 
sondern „immerjungfräuliche Gottgebärerin"- (^aeiKO.g'iivoc, '5'so- 
x6y.0Q) genannt werden sollte. Seit dem G. Jahrhundert wur- 
den die Feste zur Verehrung der Maria allgemein, und gegen 
das 12. Jahrhundert war der Mariencultus beinahe zur aus- 
schliesslichen A])götterei geworden. Das parallele Fortschrei- 
ten des Mariendienstes mit dem Teufelsglauben ist nicht zu 
verkennen, und hieraus erklärt es sich, dass beide vom 
13. Jahrhundert ab noch immer zunehmen. Wie weit der 
Mariencultus bis zum 15. Jahrhundert vorgeschritten war, 
zeigen die Statuten des Rosenkranzordens und der Briider- 
schaft der heiligen Ursula, deren Glieder in diesem Sinne 
jährlich 11000 Vaterunser und Ave-Maria beten sollten. Ebenso 



' A. SS., 14. Apr. 



10. Heiligendienst und Marieucultus. J[99 

ausschreitend war der Geschmack m Bezug auf die Lob- 
preisungen der Maria, ihrer Gestalt, Tugenden, Leiden, Wun- 
der. Dies zeigt uns Haltaus an Beispielen aus Muskatblüt, 
dessen Name zu den bessern Dichtern der ersten Hälfte des 
15. Jahrhunderts gerechnet wird, welcher von Maria sagt: sie 
sei eine Lade, in der Gott selbst innewohne, eine wohldurch- 
leuchtete Fackel, eine keusche Arche, ein tiefer Teich, ein 
Myrrhenfass, ein keusches Monstranzenglas, eine Zelle und 
Ostersonne, ein Gnadenstengel in Gottes Hand u. dgl.; oder 
wenn er ihren Leib mit einem Sarge oder Schlosse ver- 
gleicht u. s. f. ^ Es sind allerdings mehrere Momente, die 
zur Erhebung der Maria mitgewirkt haben ^; im vorliegenden 
Falle genügt es auf das eine hinzudeuten, welches mit der Ge- 
schichte des Teufels in besonderer Beziehung steht, nämlich 
die Bedeutung Maria's als Trägerin der Weichheit, Milde, 
Barmherzigkeit. Sie ist ,,die schützende Mutter der Sünder", 
wie sie in Legenden ausdrücklich genannt wird, daher auch 
das unerschütterliche Festhalten an ihr, trotz dem Bewusst- 
sein der Sünde. Li der Wesensbedeutung Maria's liegt aber 
zugleich der Grund des schneidenden Gegensatzes, in welchem 
der Teufel zu ihr steht, der die Härte, Herbe und Grausam- 
keit selbst ist. Der Antagonismus gewinnt noch mehr Schärfe 
durch die hohe Stellung Maria's als „Himmelskönigin", wo- 
durch sie die himmlische Macht stets auf ihre Seite lenkt 
und für ihre Günstlinge, die von ihr bemutterten Sünder ge- 
winnt und dem Teufel entreisst, welcher sie von seinem abstrac- 
ten, dürren Rechtstandpunkte als seine ihm rechtmässig zu- 
kommende Beute betrachtet. Denn die alte Vorstellung - von 
einem Rechtsansprüche des Teufels auf den sündigen Men- 
schen ist im Mittelalter noch nicht erloschen. In der „Vita 
St. Godehardi" lässt sich der Heilige mit dem Dämon in ein 
langes Gespräch ein, worin letzterer die Rechtmässigkeit seines 
Besitzes auf Grund biblischer Aussprüche nachzuweisen sucht.^ 



^ Liederbuch der Klara Haetzlerin, S. 26; in Bibliothek der gesamm- 
ten deutschen Nationalliteratur, VIII. 

^ Vgl. Georg Ed. Steitz, Maria Mutter des Herrn, in Herzog's Rcal- 
encyklopädie, IX. 

3 A. SS., 4. Mai. 



200 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

Die Thätlgkeit des Teufels wird überdies vornehmlich 
entwickelt und hervortT^erufen durch dessen Hass ßregen die 
Heilige Jungfrau, der um so mehr gesteigert wird, als diese, 
nach Frauenart, sich in alle Angelegenheiten hineinmengt, 
und ihr, wie im gewöhnlichen Leben, in allem willfahren wird, 
sodass sie ihren Willen immer durchsetzt und ihre Schlitz- 
linge, die nun einmal ihre Gunst durch eifrigen Mariencultus 
erlangt haben, auch nie fallen lässt, wenn sie iibrigens auch 
die ärgsten Lumpe sein sollten. Der Teufel muss demnach 
stets als verküi'zt erscheinen und mit langer Nase abziehen. 
Hiervon nur einige Proben. 

Ein Strassenräuber von Profession pflegte, so oft er auf 
liaub ausging, regelnicässig sein andächtiges Gebet an die 
Jungfrau Maria zu richten. Endlich ward er ergrifien und 
zur Galgenstrafe verurtheilt. Als schon der Strick um seinen 
Hals geschlungen war, verrichtete er sein gewöhnliches 
Gebet, und dies blieb nicht unerhört. Die Mutter Gottes 
stützte seine Fiisse mit ihren weichen Händen und erhielt ihn 
so zwei Tage am Leben, zum grossen Erstaunen des Hen- 
kers, der hierauf den Versuch machte, sein Werk durch 
Schwertstreiche zu vollenden. Allein dieselbe unsichtbare 
Hand wandte auch die Schwertstreiche ab, und der Nach- 
richter sah sich genöthigt, sein Schlachtopfer fahren zu lassen. 
Nach der gewöhnlichen Schablone solcher Marienlegenden 
endigt auch diese damit, dass der Räuber ins Kloster geht. ^ 
Dasselbe Beispiel findet sich auch in „Pothonis Presb) teri et 
Monachi Prunveningensis ord. St. Benedicti, lib. de miraculis 
s. Dei genitricis Mariae'' '^^ wo noch eine Menge ähnlicher Ge- 
schichten vorkommen, in welchen Maria Diebe und andere 
Taugenichtse begünstigt und Mirakel wirkt, nur weil jene 
ihrer eingedenk waren. So Kap. IH, wo ein leichtsinniger, 
den fleischlichen Lüsten ergebener Kleriker von seinen Fein- 
den in der Voi'aussetzung getödtet ward, dass er seines be- 
kannten gottlosen Lebenswandels wegen kein ehrliches Be- 
gräbniss auf dem Friedhofe erhalten würde. Maria aber, 
deren er stets eingedenk gewesen, erscheint und verordnet 
ihm ein ordentliches Begräbniss in geweihter Erde. Nachdem 



1 Aus Le Grand d'Aussy, Fabliaux, V. 

2 Ed. Pez, c. VI, p. 314. 



10. Heiligendienst und Mariencultus. 201 

er ausgegraben worden, fand man eine sehr schöne Blume 
in seinem Munde und seine Zunge war ganz unversehrt ge- 
blieben, „gleichsam zum Lobe des Herrn". Ein Glöckner, 
der des Nachts immer aus dem Kloster zu laufen pflegte, 
dabei aber vor keinem Marienbilde vorbeio-ino; ohne sein 
Ave davor zu beten, fiel einst vom Stege ins Wasser und 
ertrank, worauf Engel und Teufel um seine Seele in Streit 
geriethen. INlaria aber nahm sich seiner an, überliess Gott 
die Entscheidung, welcher ihn ihr zu Liebe dem Leben zurück- 
gab. Als die Briider ihren ertrunkenen Glöckner im Bache 
fanden, kam er wieder zu sich, erzählte was mit ihm ge- 
schehen und, nachdem er von der Si'inde abgelassen, starb 
er selio;. i 

Beispiele von der unwiderstehlichen Macht der Heiligen 
Jungfrau oder ihrer stets erfolgreichen Vermittelung bei ihrem 
göttlichen Sohne oder dem himmlischen Vater gegeniiber den 
Bestrebungen des Teufels, liefern die Legenden eine grosse 
Menge. 

Zu dem heiligen Ulricus kam in einer Nacht eine ganze 
Schar von Dämonen. Diese, beriethen unter sich, was sie mit 
dem Heiligen, ihrem grossen Gegnei^, anfangen sollten, da er 
ihnen stets mit voller Kraft entgec-enarbeite. Nach dem ein- 
stimmigen Urtheile, er sei des Todes schuldig und mit diesem 
zu bestrafen, ergreifen sie ihn, schleppen ihn zuerst in die Kirche, 
dann in dieser herum und mishandeln ihn erbarmuno;slos. Als 
er eben aus der Kirche hinausgeworfen werden sollte, kommt 
eine hochwürdige Jungfrau, fragt nach der Ursache der Mis- 
handlung des Unschuldigen und schlägt hierauf mit ihrem 
ausgezogenen Handschuhe sämmtliche Dämonen in die Flucht. 
Der Heilige hatte nämlich an demselben Tage in der Messe 
der Heiligen Jungfrau gedacht und Erwähnung gethan, und 
diese war es, die ihn nun aus der Hand seiner Feinde befreite.* 
Eine Frau wird, nachdem sie in die Kirche getreten und vor 
den Altar sich hingestellt hatte, durch den unbegreiflichen 
Rathschluss Gottes von einem Dämon besessen und elendiglich 
geplagt. Auf den Rath des Klosterseniors bindet man sie an 



1 Gödeke, Dichtungen im Mittelalter, ö. 134, Nr. 4G. 11. 
- A. SS., 20. Febr. 



202 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

die Grabstätte des heiligen Robertus, wo sie aber dermassen 
raste, dass sie jeden, der sicli ihr näherte, beissen wollte. 
Auf das Zureden ihres Mannes ruft sie endlich den heiligen 
Kobertus an, sagend: „Bitte, o heiliger Robertus, die Heilige 
Jungfrau, dass sie mir von ihrem Sohne die Befreiung er- 
mittele ! " Hierauf ward die Frau allsogleich gesund. * Im 
Peterskloster zu Köln lebte ein sehr ausschweifender Mönch, 
der aber den heiligen Petrus aufs andächtigste verehrte. Un- 
gliicklicherweise ging er plötzlich ohne Beichte und Absolu- 
tion mit Tode ab. Wie in solchen Fällen gewöhnhch, kommt 
sogleich der Teufel, um sich der Seele zu bemächtigen. Sanct- 
Peter, betriibt einen so treuen Verehrer zu verlieren, fleht zu 
Gott, den Mönch ins Paradies eingehen zu lassen; aber ver- 
gebens vereinigt sich der ganze Chor der Heihgen, Engel, 
Apostel und Märtyrer mit der Bitte Sanct-Peter's. In dieser 
äussersten Noth nimmt er seine Zuflucht zur Muttergottes: 
„O du Holde", so flehte der Apostel, „mein Mönch ist ver- 
loren, wenn nicht du für ihn bittest; was uns unmöglich ist, 
wird dir eine Kleinigkeit sein. Sprich nur du ein Wort, so 
muss dein Sohn nachgeben, denn es steht in deiner Macht, 
ihm zu befehlen." Die königliche Mutter verspricht ihre 
Fürbitte, und gefolgt von allen Jungfrauen, erscheint sie vor 
ihrem Sohne. Dieser, das Gebot : „Du sollst Vater und Mut- 
ter ehren", heilig haltend, sieht kaum seine Mutter nahen, als 
er ihre Hand ergreift und sich nach ihren Wünschen crkun- 
dio-t. Das Ende ist selbstverständlich zu errathen. ^ 

Der Teufel weiss es auch, dass er der Maria gegenüber 
sein Spiel verliere. 

In einem weiten Klosterhofe, mit Gras und Blumen die 
Fülle bewachsen und einem mitten hindurchfliessenden Wasser, 
lustwandelten gewöhnlich die Mönche. Eines Morgens stan- 
den sie an dem Wasser und ergötzten sich an Gesprächen 
und Scherzreden. Während sie viele eitle Worte wechselten, 
sahen sie ein Schifi" daherrudern, worüber sie sich verwunder- 
ten und fragten: wer darin sei? Die im Schifi'e sagten: sie 
seien Teufel, führen die Seele des Probstes von Sanct-Gallen 



1 A. SS., 29. Apr. 

2 Lc Grand d'Aussy, Fabliaux, tom. V. 



10. Ileiligendienst und Mariencultus. 203 



'o 



mit sieb, der naeli ihrem "Willen in Sünden gelebt habe. Da 
erschraken die Mönche, riefen Maria um Hiilfe an und flohen 
hinweg von dem Bache, damit sie nicht auch ergriffen wür- 
den. Die Teufel schrien ihnen aber nach: es sei ihr Glück, 
dass sie Maria angerufen, sonst wären sie als unordentliche 
Mönche für ihre unnützen und unzeitigen Reden gewiss er- 
trcänkt worden. Damit fuhren die Teufel ihre Strasse; die 
Mönche aber mässigten ihre Reden und dankten der Mutter 
Gottes für ihre Rettung. ^ 

Auch in geringfügigen Angelegenheiten beschützt Maria 
die ihr Zugethanen gegen den Teufel. 

Ein trefi'licher und fleissiger Maler hatte seinen Sinn vor 
allen unserer lieben Frauen mit Liebe zugewandt und zeigte 
dies oft in seinen Werken. Einst malte er zum Behängen 
der Wände einen Umhang, wo in der Reihe der Darstellungen 
auch Maria und der Teufel erschien. Da bildete er die 
Himmelskönigin so schön er irgend vermochte, den Teufel 
da2:e<2;en höchst uno-estalt. Darob zürnte dieser, trat an den 
Maler heran und stellte ihn zur Rede: weshalb er sie so lieb- 
lich und ihn so hässlich male? Der Maler erschrak, ermannte 
sich jedoch und schalt ihn: dass er ihn gern noch scheuss- 
licher und sie noch viel schöner gemalt hätte, wenn er es ver- 
möchte. Hierauf hub der Teufel an mit ihm zu toben und 
wollte ihn vom Gerüste werfen. Der Maler aber rief Maria 
an: da streckte ihr Bild aus der Leinwand die rechte Hand 
aus und hielt ihn damit empor. Der Teufel floh hinweg und 
liess ihn in Frieden.^ 

Es fehlt auch nicht an Beispielen, wo der Teufel durch 
Maria um seinen Lohn geprellt wii^d. 

Ein Ritter hochgemuth, kühn und milde, versäumte kein 
Turnei und ward von allen gepriesen, denn er gab den Spicl- 
leuten so reichlich, dass sie überall sein Lob verkündeten. 
So verthat er aber endlich all sein Gut, dass er in tiefe Ar- 
muth gerieth und schweres Herzeleid hatte. Da fügte es 
sich noch, dass ein Gastmahl an ihn kam und die bisher frei- 



' Von der Ilagen, Gesammtabenteuer, S. 477, LXXVII. 

- Aus dem grossen Gedicht von „Unserm Herrn, Unser Frauen und 
alle Heiligen", llagen, Gesammtabenteuer, 474, LXXVI. 



204 Zweiter Abschnitt: Ausbildung der Vorstellung vom Teufel. 

gebig von ihm bewirtheten Gäste sich wie gewöhnlich ein- 
fanden. Er hatte und wusste nicht, was er ihnen bieten sollte 
und entfloh in einen dichten Wald. Er hatte ein schönes, 
tugendreiches Weib, das seine Verschwendung ungern sah, 
lieber den Gottesarmen c-ab und Marien herzlich diente. Der 
Teufel neidete ihr deshalb, und als der Mann in der Wildniss 
umherlief, erschien er ihm als Mensch, jedoch schwarz und 
auf einem schwarzen Pferde. Der Ritter erschrak, aber auf 
Befragen klagte er sein Leid. Der Teufel verhiess noch glän- 
zendere Herstellung, wenn ihm dafiir nur ein geringes Ding 
geleistet würde. Der Ritter ging alles ein, und der Teufel 
wdes ihm, wo er einen reichen Ilort Silbers und Goldes aus- 
graben könne; dafür verlangte er nur: dass der Ritter ihm 
zur bestimmten Zeit und Statt seine Hausfrau bringe. Der 
Ritter versprach es, fand den Schatz, ging heim und lebte 
wieder üppig wie zuvor. So verlief das Jahr und die ge- 
stellte Frist; da zauderte er nicht, Hess zwei Pferde satteln 
und gebot der Frau, mit ihm zu reiten. Als sie keine Be- 
gleitung sah und vernahm wohin es ging, erschrak sie, ge- 
horchte jedoch und befahl sich in Maria's Schutz. Der W^eg 
führte an eine Kapelle: sie sprang ab, lief hinein und betete 
inbrünstig zur Heiligen Jungfrau. Darüber entschlief sie; Maria 
aber nahm ihre Gestalt und Kleidung an, trat aus der Ka- 
pelle und liess sich zu Pferde von dem Ritter zur verabrede- 
ten Stelle führen. Da kam auch der Teufel freudig: herbei, 
entfloh aber eilig, als er die Jimgfrau erkannte, und schalt den 
Ritter, dass er wortbrüchig nicht sein Weib bringe, die ihm 
durch ihre Tugenden so viel Leid thue; anstatt ihrer bringe 
er ihm die gewaltige Himmelskönigin. Hierauf verwies diese 
dem bösen Geiste, dass er die ihr treulich Dienenden so ver- 
folge, und gebot ihm im Namen Jesu Christi alsbald zur 
Hölle zu fahren und den sie Anrufenden nimmer Leid und 
Schmach zu thun. Mit Getöse und heulend hub sich der 
Teufel von hinnen. ^ 

Von der Wundermacht Maria's, zu der sich der Sünder 



1 



1 Gesammtabenteuer , S. 480, LXXVIII; auch bei Lassberg, 111, 
Nr. LXXXll; andere Beispiele vgl. Gesammtabenteuer, S. 512, LXXXII: 
„Maria und die Sündenwage"; ibid., S. öll», IjXXXIH: „Marienritter und 
der Teufel"; Lassb. 111, Kr. CCYL 



10. Ileiligendienst und Mariencultus. 205 

im Gebete ^yelldet, sind die Legenden voll. ^ Schon der 
blosse Name Maria's übt überhaupt eine unwiderstehliche 
Zauberkraft, die in der Legende auch gehörig ausgebeutet wird. 
Unter vielen Beispielen nur das eine, wo ein Staar, der 
„Ave-Maria" sagen gelernt, aus den Klauen eines Habichts 
sofort befreit ward, als ihm die Todesangst sein Ave-Maria 
auspresste. 



1 Vgl. A. SS., De St. Dominico, 4. Aug., u. a. v. a. St. 



Dritter Abschnitt. 

Periode der gerichtlichen Hexen Verfolgung. 



1. Der Zaiil)erglaiil3e. 

JNachdcm der Tcufelsglaube zur grössten Höhe angeschwol- 
len war lind eine Ausdehnung erlangt hatte, um ganz Europa 
zu überfluten, mündete er im 15. Jahrhundert in den Hexen- 
process als gerichtliche Ilexenverfolgung. Zwar gab es schon 
lange vorher Zauberei und Magie, denn der Glaube daran ist 
so alt als das Menschengeschlecht. Wo der Begriff des Cau- 
salzusammenhangs dem Menschen fehlt, sieht er in seiner Um- 
gebung geheimnissvolle Magie, und derjenige, welcher auf magi- 
sche Weise operirt, ist ihm ein Zauberer. Alle Wirkungen, 
die sein eigenes Mass der Kraft übersteigen, bekommen die 
Bedeutung des Magischen, und jede Erkenntniss ausserhalb 
seines Gesichtskreises wird eine zauberhafte. Was ihm jen- 
seit der Grenze des Natürlichen liegt, erscheint ihm als Wun- 
der oder Zauber, und beide vinterscheidet er nach seiner reli- 
giösen Anschauuno;. So mochten die christlichen Kirchenväter 
die heidnischen Orakel nicht für Wunder erklären, und die 
Heiden konnten die christlichen Wunder für zauberisch halten. 
Soldan wird wol Recht haben: „Man könnte sagen, die Zau- 
berei sei das illegitime Wunder, das Wunder die legitime 
Zauberei; die Legitimität aber ist so relativ, wie die Ortho- 
doxie." ^ Diese „Wandelbarkeit der Gesichtspunkte" hat zu 



Hexenproc, S. 1. 



1. Der Zauberglaube. 207 

allen Zeiten unter den verschiedensten Völkern geherrscht, 
und die Magie hat nicht nur ihrem Wesen nach verschiedene 
Aufnahme gefunden, auch die Geltung ihres Namens ist ver- 
schieden erklärt worden. Wir übergehen das Schamanenthum, 
den Fetischismus, die bei Naturstämmen und Völkern der 
heutigen Welt weit verbreitet sind; wir wollen über den ma- 
gischen Glauben der Culturvölker des Alterthums nicht wie- 
derholen, was von Mythologen und Symbolikern weitläufig 
erörtert und in der Geschichte der Magie von Hauber, Horst, 
Ennemoser und vielen andern verwerthet worden ist; wir er- 
innern nur an den uns zunächst liegenden Zauberglauben der 
Griechen und Römer. Aus Homer ist Circe durch ihre 
Zaubertränke und ihren Zauberstab bekannt i, und wird in 
späterer Zeit zur Königin der Zauberinnen. In der Iliade er- 
scheint Agameda so vieler Pharmaka kundig, als die weite 
Erde trägt. - Helena mischt aus ägyptischen Kräutern einen 
Zaubertrank. ^ Here erhält von Aphrodite einen Zaubergürtel, 
womit sie den Gemahl fesselt.'* Wer erinnert sich nicht an 
die Verwandlungen des Proteus, den sinnbethörenden Gesang 
der Sirenen, die nekromantischen Scenen der Odysee? ^ 
Bei Hesiod finden wir Tagwählerei. ^ Lange vor den Perser- 
kriegen findet sich bei den Griechen eine Menge von Zauber- 
vorstellungen und damit zusammenhängenden Gebräuchen. 
Plato ^ spricht von herumziehenden Leuten, die sich der Zau- 
berkunst rühmen, durch Götterbeschwörungen und Flüche 
einem Feinde Uebles zuzufügen. Bekanntlich gilt Thessalien 
für das Land der Zauberei, und thessalische Weiber verstehen 
mittels Salben den Menschen in ein Thier oder einen Stein 
zu verwandeln. Hekate, bei Hesiod noch eine Göttin, ver- 
wandelt sich später in die grauenvolle Vorsteherin der Unter- 
welt und des Zauberwesens, die, wo sie gerufen wird, in fin- 
sterer Nacht mit Fackel und Schwert, mit Drachenfüssen und 



1 Odyss. X, 212 fg. 

2 II. Xr, 740. 

3 Odyss. IV, 220. 
^ IL XIV, 214. 

^ Vgl. Apollonius Argonaut., III, 1032. 
•* Op. et dies 7G5 squ. 
^ De republ. II, 7. 



208 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtliclien Hexenverfolgung. 

Schlangenhaar erscheint, von belleudeu Hunden umgeben, von 
der gespenstischen Empusa begleitet. ^ In Rom sind es vor- 
nehmlich die Chaldäer, die als Mathematici, Genethliaci und 
Magi schon um die Zeit der punischen Kriege auftreten, in 
der Kaiserzeit in den höchsten Kreisen sich bewegen, da ihnen 
eine tiefere Erkenntniss der Zukunft aus den Sternen und ge- 
heimnissvoller Mächte zugeschrieben wird. Obschon es nicht 
an Männern fehlte, die solchen Künsten auf den Grund sahen, 
wie Ennius, Cicero, Seneca, Tacitus; so war doch nicht nur 
die grosse Menge, sondern selbst hervorragende Köpfe im 
Glauben an Zauberei befangen. Sulla liess sich von Magiern 
aus gewissen Zeichen seines Leibes weissagen 2; Varro wusste 
geheime Sprüche gegen das Podagra; Julius Cäsar sprach 
stets vor Besteigung seines Keisewagens eine bestimmte For- 
mel dreimal aus^; Vespasian war den Priestern des Serapis 
zu Alexandrien bei der magischen Heilung eines Blinden 
behülflich.* Kom ist wiederholt als Sammelplatz aller Arten 
von Zauberei dargestellt worden. Ausser den Etruskern *, 
Sabinern sind besonders die Marser verrufen, die wegen ihrer 
Schlangenbeschwöruno;en von Circe abstammen sollten. ^ Schon 
in sehr alter Zeit glaubte man an die Zauberkunst, das Ge- 
treide von fremden Aeckern an sich zu locken % Regengüsse 
durch Beschwörungen herbeizuziehen oder zu entfernen.* 
Liebeszauber, Nekromantie, Thierverwandlungen und fast alle 
Vorstellungen von der Macht der Zauberei erbten die Römer 
von den Griechen. Durch Zauber erforschte man das Ver- 
borgene, gebot dem Monde, behei-rschte die Natur überhaupt, 
heilte, schädigte, tödtete, konnte Liebe und ILiss erregen, 
leibliche und geistige Fähigkeiten lähmen.^ Dem mittelalter- 
lichen Hexenglauben nähern sich vornehmlich die Vorstelluu- 



* Horat. Sat. 8, 32; Lucian. Philopseud. 14. 
" Vellej. Patercul. II, 32. 

3 Plin. bist. N. XXXVIII, 2. 

* Tacit. bist. IV, 81; Sueton. vit. Vesp. 7. 

* Dionys. Halic. I, 24. 

« Gell. N. A. XVI, 11 ; Plin. XXVII, 2. 

7 Virgil., Prolog. VIII, 1)9; Tibull. El. 8. 19. 

^ Seneca Quaest. nat. IV, 7. 

» Vgl. Ovid Metamorph. VII, 199; Lucan, Pharsal. VI, 452 sequ. 



1. Der Zauberglaube. 209 

gen von den Strigen, Lamien oder Empnsen. Bei Ovid^ 
erscheinen die erstem als gefrässige "Wesen in Eulengestalt, 
den Harpyien verwandt, die des Nachts den Kindern das Blut 
aussaugen und die Eingeweide aufzehren. Auch plötzlich ein- 
tretende Kraftlosigkeit bei Erwachsenen wird der Bosheit der 
Strigen zugeschrieben.'* Dass diese Strigen nicht als blosse 
gespenstische Ungethüme, sondern als boshafte Zauberinnen 
zu fassen seien, hat Soldan ^ bereits dargethan. Sie saugen 
die menschlichen Körper aus, entweder zum Liebeszauber für 
andere, oder zur eigenen Ernährung. Den Strigen ähnliche 
Wesen sind die Lamien oder Empnsen. Die Empusa erscheint 
bald einzeln, im Geleite der Hecate, bald als ganze Gattung. 
Strigen, Lamien, Empnsen theilen die Verwandlungsfähigkeit, 
das Ausgehen auf Liebesabenteuer, die Gier nach dem Blute 
und den Eingeweiden der Menschen. Die Abweichungen in 
ihrer Schilderung kommen wol nur auf Rechnung des Zeit- 
alters, der Oertlichkeit oder der Phantasie des einzelnen 
Dichters. 

Die Zaubermittel, deren man sich bediente, waren so ver- 
schieden als zahlreich, vor allen: Carmen, incantatio, de- 
precatio, also das Wort*, das gesungen, gemurmelt oder 
geschrieben Zauber und Gegenzauber bewirkte, und zwar 
Schnee, Regen und Sonnenschein.^ Fremdartige Wörter, 
namentlich ägyptische, babylonische, hebräische, hatten be- 
stimmte AVirkungen, Zettel und Bleche mit gewissen Buch- 
staben dienten als Amulete, „Arse vorse" an die Thiire ge- 
schrieben, schützte vor Feuersgefahr, „Huat hanat huat ista 
pista sista domiabo damnaustra" wird von Cato gegen Ver- 
renkungen empfohlen^, und andere Formeln sollen andere 
Uebel heilen. Aus allen drei Reichen der Natur gebrauchte 
man magische Heilmittel. Die Bezauberung durch das böse 
Auge ward gefürchtet, und selbst Cicero soll den Blick der 
mit doppelter Pupille begabten Weiber für schädlich gehalten 



1 Fasti VI, 131. 170. 

2 Patron. 134. 

3 S. 45 fg. 

* Plin. H. N. XVIII , 2. 

5 Tibull. I, 2. 45; Virgil. Eclog. VIII, 64. 

« R. R. cap. 160. 

Eoskoff, Geschichte des Teufels. U. ^4 



210 Dritter Abschnitt: Periode der gericbtliclien Hexenverfolgung. 

habend Besonders häufig wird der Liebeszauber von den 
Dichtern erwähnt. ^ Der Geliebten wächsernes Bild am Feuer 
geschmolzen zwingt diese zur Gegenliebe; in gleicher Absicht 
werden Puppen von AVoile oder Thon gebraucht; Venusknoten 
werden aus farbiger Wolle geschlungen u. dgl. m. Der Tod 
eines Feindes erfolgt, wenn sein Bildniss oder Name auf einer 
Platte durchbohrt wird 3; oder es wird ihm hierdurch die 
männhche Kraft entzogen.* Die spätere römische Zeit glaubte 
an die Macht eines Spiritus familiaris oder paredros ^, mittels 
dessen man die Zukunft erforschen und den Gegner mannich- 
fach schädigen könne. Aus der vorchristlichen Zeit finden 
sich daher Strafbestimmungen gegen Zauberei, die als Gesetze 
oder polizeihche Massregeln jedoch nur den Schaden, der 
durch Zauberei bewirkt wird, im Auge haben, und demnach 
zum Schutze der Person oder des Eigenthums erlassen sind. ^ 
Indess w^irden die Magier und ihre Künste bald verfolgt, 
bald begünstigt, je nach den persönlichen und politischen Ver- 
hältnissen, und in der spätem Zeit hatte die Magie unter 
den Kaisern mehr Freunde als Feinde. 

"Wenn wir erinnern, dass die orientalische Dämonologie 
durch das Judenthum und die Kirchenlehre in das Christen- 
thum hineingezogen worden, dass ferner die dämonischen 
Elemente, welche die zum Christenthum bekehrten Heiden- 
völker von ihren heimatlichen Religionsanschauungen mitge- 
bracht, mit der Kirchenlehre sich amalgamirt hatten, und 
wenn wir das römische Zauberwesen, welches sich auf römi- 
schem Boden vorfand, hinzusummiren; so sollte man glauben: 
der Stoff war überreich, von dem sich das mittelalterliche 
Hexenwesen nähren konnte. Die christlichen Kirchenlehrer 
stürzten Freya's Altar, deren Dienst in gewissen Nächten, be- 
sonders der Walpurgisnacht stattfand, um den Saturnalien des 
Teufels und seiner Verbündeten Platz zu machen, und die 



1 Plin. H. N. VII, 2; Gell. N. A. IX, 4; Virg. Eclog. III, 163. 

2 Horat. Sat. I, 8; Epod. V, XVII; Virg. Eclog. VIII; Theocrit. Id. 
II; OvidHeroid.VI; Amor.1,8; Tibull.1,2,8; Propert. 111,5; Lucan. VI,46Ü. 

ä Tacit. Annal. II, 69. 
4 Ovid Amor. III, 7. 29. 

6 Justin. Apol. U; Tcrtull. Apologet. 23; Irenäus I, 24. 
« Seneca Quaest. nat. IV, 7; Plin. H. N. XV. III. XXVIII, 2; In- 
stitut. IV, Tit. XVIII, 5. 



1. Der Zauberglaube. 211 

Priesterinnen, die Bewahrerinnen magischer Kräfte, erschienen 
im Bunde mit dem Teufel als Hexen. 

Die Controverse zwischen J. Grimm, der die Zauberwei- 
ber und ihre Nachtfahrten aus dem germanischen Alterthum 
ableitet', und Soldan, nach dessen Behauptung sie auf das - 
sischem Boden fussen-, wird kaum zu schlichten sein, und 
zwar nicht nur wegen der Aehnlichkeit der Ziige auf beiden 
Seiten, sondern auch, weil die Scheidelinie durch das Hinund- 
herfluten der Erinnerungen aus beiden Welten, der germani- 
schen und altclassischen , ins Schwanken gebracht und, von 
den Wellen überspült, kaum zu erkennen sein diirfte. 

Der inniire Zusammenhanij des deutschen Lebens mit dem 
römischen Alterthum durch die Traditionen des römischen 
Kaiserreichs, durch das römische Ivecht, die lateinische Sprache, 
welche in die deutsche Bildung hineinragen, steht ausser Zwei- 
fel, luid es bedarf zum Beweise kaum der Wiederanfiihrung 
vieler Ackergeräthschaften, des Weizens, der Gerste, vieler 
Obstsorten, des Weins, der Gartenblumen, der Fabrikation 
vieler Stoft'e und anderer Dinge, die Freytag in seinen „Bil- 
dern deutscher Vergangenheit" als Momente erwähnt, welche 
A'on den Deutschen aufijenommen und zu eiaen gemacht 
worden sind. Dies sind Thatsachen ausser allem Zweifel. 
Handelt es sich aber um die Scheidumj der altclassischen und 
oei'manischen Elemente in den Vorstelluno-eu von den Hexen 
und ihrem Meister, so wird man bemerken, dass die christlichen 
Kirchenlehrer der ersten christlichen Jahrhiuiderte das Hexen- 
wesen mehr imter dem Gesichtspunkte des classischen Alter- 
tliums betrachteten, daher auch auf dem Concil zu Ancyra bei 
der Verwerfung des Hexenwesens von der Diana die Rede war. 
Mag die Jahreszahl 314, wo das Concil gehalten worden, auch 
fraglich sein, so ist doch die Abfassung des darauf bezüglichen 
Kanons^ auf römischem Boden gewiss. In der Volksmasse, 
namentlich dem germanischen Stamme , wurden die analogen 
heimatlichen , heidnischen Vorstellungen hervoi'gerufen und 
die germanischen Züge, die wie auf einem Pallmpsest hervor- 
traten, erscheinen nun mit den gleichartigen römischen Zügen 



1 D. Myth. Cap. von der Zauberei. 

2 S. 71 fg. 

3 Beeret. XIX, 5. 

14 = 



212 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

SO eng verschlungen, dass sie sich fast decken, daher die erste 
Schrift von der zweiten kaum zu unterscheiden sein diirfte. 

Bei der massenhaften Literatur iiber Hexenprocesse, wo 
die Massregehi der Kirche und des Staats dagegen gewöhnHch 
ausführlich erörtert sind, können diese der Wiederholung hier 
entbehren. Zu bemerken ist nur, dass die Gesetze und De- 
crete gegen das Hexenwesen in jenen Zeiten ebenso fruchtlos 
blieben, wie die gegen den teuflischen Aberglauben, und zwar 
aus demselben Grunde, weil die kirchlichen und staatlichen 
Organe den Glauben an die Realität des Hexenwesens mit 
dem Volke theilten und die daran Betheiligten verfolgten, um 
mit ihnen die Hexerei selbst zu vernichten. 

Da wir die Periode der Hexenprocesse vom 15. Jahr- 
hundert datiren, ist die Streitfrage über den Anfang derselben 
nicht zu umgehen. 

Wir haben gesehen, dass der Glaube an Hexerei nicht 
erst der christlichen Periode eigen, und ebenso ist es That- 
sache, dass der Hexenprocess nicht erst durch die Bulle In- 
nocenz' VIII. erfunden worden ist, da alles Material dazu schon 
lange vor dieser aufgehäuft vorliegt. Soldan und andere ha- 
ben strafrechtliche Vorkehrungen in dieser Beziehung vor dem 
13. Jahrhundert angeführt, wonach Zauberei mit körperlicher 
Züchtigung, mit Vermögens- und Lebensstrafe belegt worden 
ist. Wir erinnern an die Vorgänge in ,,dem Pelopidenhause 
der Merovinger", wo infolge des Todes der Söhne Frede- 
gund's ein Weib, das ihn durch Zauberkünste herbeigeführt 
haben soll, gefoltert und lebendig verbrannt wird^, und aus 
demselben Grunde der Majordomus Mummolus durch die er- 
littene Folter das Leben einbüsst.^ Soldan, der noch mehrere 
Fälle aufzählt^, macht die richtige Bemerkung: dass schon die 
Verschiedenheit in den Bestrafungen der Zauberei: Erdolchen, 
Verbrennen, Rädern, Enthaupten, mehr auf die Laune der 
Machthaber als auf gesetzliche Bestimmungen hindeute. Karl 
der Grosse verordnet in einem seiner Capitularien'*: ,,Wenn 
jemand vom Teufel verblendet nach Art der Heiden glaubt, 



' Greg. Tur. hist. Franc. V, 40. 

■' Ibid., VI, 35. 

3 S. 91. 

^ Capitul. de i)artib. Sax. 



2. Vorläufer der Hexenprocesse. 213 

dass ein Mann oder eine Frau eine Striga sei und einen 
Menschen aufzehre, und deshalb ihn oder sie verbrennt, und 
das Fleisch desselben oder derselben zum Aufessen hingibt, so 
soll er des Todes sterben." — Anderwärts befiehlt er: dass 
die Zauberer jeder Art verhaftet, belehrt und gebessert, wenn 
sie hartnäckig sind, mit Gefängniss, aber nicht am Leben be- 
straft werden sollen. ' In den nächsten vier Jahrhunderten 
fehlen die Hinrichtungen, wenigstens in Deutschland, fast 
gänzlich, denn die einzelnen beglaubigten Beispiele sind als 
keine eigentlich gerichtlichen Handlungen zu betrachten. 



2. Vorläufer der Hexenprocesse. 

Da keine geschichtliche Periode von der vorhergehenden 
mit scharfer Linie sich plötzlich abtrennt, weil die Zukunft 
in der Gegenwart vorbereitet wird, so hat auch die Periode 
der Hexenprocesse ihre Vorläufer, die ihr gleich Plänklern 
vorangehen. Aus den Jahren 1230 — 40 ist nach einer Bulle 
Gregorys IX. ein grosser Process aus der Gegend von Trier 
bekannt; der Process gegen die Templer von 1309 — 13, der 
mit Verbrennen der (Jrdensmitglieder endete, wird gewöhnlich 
hierher gerechnet, so auch der grosse Process zu Arras, wo 
Peter Boussard die Leute der Waldenserei und des Manichäis- 
mus beschuldigte und eine grosse Anzahl im Jahre 1439 dem 
Scheiterhaufen iibcrlieferte. Diese Fälle sind als Vorläufer 
unserer Hexenperiode und somit auch der Bulle Innocenz' des 
VIII. zu betrachten; es ist aber zu bemerken, dass bei 
ihnen in der Anklage die Ketzerei mehr oder weniger im 
Vordergrund steht, dass sie nicht das specifische Hexenwesen 
der spätem Zeit repräsentiren. Das specifische Hexen- 
wesen der eigentlichen Periode der Hexenprocesse beruht 
nicht mehr blos auf der Abweichiuig von Glaubens- und Lehr- 
sätzen der Kirche, sondern, wie aus der Bulle Innocenz' VIII. 
und dem Hexenhammer ersichtlich ist, lautet die Anklage 
vornehmlich auf: Bündniss mit dem Teufel und vertrau- 
testen Umgang mit demselben. Es ist nicht mehr das 



' Capitul. ecclesiast. v. 709; Dccret. synodale v. 799. 



214 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgimg. 

apologetische Interesse und die clogmatisehe Autorität, welche 
die Kirche gegenüber der Ketzerei in Polemik und Verfolgung 
zu wahren sucht; in der Periode der eigentlichen Ilexenpro- 
cesse stellt sich die Kirche als Macht der Macht des 
Teufels gegenüber und sucht diejenigen zu vernichten,w eiche 
mit letztem! im Bunde stehen und kraft dieses Hexerei aus- 
üben. In der Ilexenperiode misst sich die Macht der Kirche 
mit der des Teufels, wie sie sich einst im Streite mit den 
Hohenstaufen mit der staatlichen Macht gemessen hatte. Die 
Kirche bewegt sich der Hexerei gegenüber in dem AVider- 
spruche : dass sie einerseits den teuflischen Aberglauben an 
dessen Anhängern ausrotten will, d. h. die Anerkennung der 
Macht des Teufels zu vertilgen, als nichtig darzustellen sucht; 
sie aber andererseits doch wieder selbst als Macht anerkennt, 
indem sie es nöthig findet, ihre eigene Macht dagegen einzu- 
setzen, um jene nicht wachsen zu lassen. Im Kampfe mit den 
Hohenstaufen hatte der Kirche eine wirkliche Macht entgegen- 
gestanden; diese Kaiser ^yaren zwar nicht im vollen Siege 
untergegangen, aber auf ihren Fall folgte bekanntlich das 
Exil der Päpste in Avignon, die öffentliche Meinung neigte 
sich auf die Seite der Staatsmacht, und das Bewusstsein der 
Zeit ward vom Bedürfniss nach einer Keformation der Kirche 
an Haupt und Gliedern immer mehr erfüllt. In der Periode 
der gerichtlichen Ilexenverfolgung entwickelt die Kirche ihre 
Macht gegen die vorgestellte Macht des Teufels, und bei einem 
llückblick auf die Entstehung und Ausbildung dieser Vprstel- 
lunir müssen wir wahrnehmen, dass die Kirche dabei dem 
heidnischen Kronos gleich verfährt, der seine eigenen Kinder 
verschlingt; dass sie den realen Boden verloren hat und den 
Kampf mit einem abstract spiritualistischen Gebilde führt, 
wobei freilich die Unglücklichen, die in Flanunen aufgehen 
müssen, an der Materie tödlich getroftcn werden. 

Es muss auffallen, dass die gerichtliche Verfolgung der 
Hexen von einer bestimmten Zeit an, nämlich vom Ausgange 
des 15. Jahrhunderts, in progressiver Weise zuninnnt; ja zu 
einer Art Wuth sich steigert, daher man füglich von einer 
Periode der Ilexcnprocesse sprechen darf. Ein kurzer 
chronologischer Ueberblick des Hexenwesens und Verlaufs der 
Hexenprocesse wird vielleicht den Beweis liefern. 

Die Ineinandersetzung der Ketzerei und Hexerei im Sinne 



2. Vorläufer der Hexenpi'ocesse. 215 

des Teufelsdienstes ist schon mehrere Jahrhunderte vor der 
eio-entlichen Hexenperiode ans den Gerüchten über die Katha- 
rer bemerklich. Sie werden des Umgangs mit dem Teufel 
und damit verbundener abscheulicher Handlungen beschuldigt. 
AVir erwähnen nur die Schilderung der Katharerversammlung 
bei Alanus Nyssel, wo die Ceremonie des Kniebeugens als 
Adoration in den Untersuchungsacten oft erwähnt und dahin 
entstellt ist: in den katharischen Versammlungen erscheine der 
Teufel in Gestalt eines Katers, um einen ekelhaften Huldi- 
gungskuss in Empfang zu nehmen , worauf schändliche Wollust 
geübt werde. ^ Dieser Alanus von Nyssel ist nach Soldan der 
erste, der von einem dem Teufel dargebrachten Huldigungs- 
kusse spricht, den er den Katharern aufbürdet, wobei er zu- 
gleich, wie schon erwähnt, seinen etymologischen Scharfsinn 

wetzt. 

Papst Gregor IX. hatte durch eine Bulle dem Ketzer- 
meister Konrad von Marburg schrankenlose Gewalt verliehen, 
auch alle der Hexerei Verdächtigen vor sein Gericht zu ziehen, 
und wenn er sie schuldig finde, zum Scheiterhaufen zu führen. 
Die Verfolgungswuth Konrad's versetzte hierauf Ketzerei und 
Teufelsbündniss gleichsam praktisch ineinander. „Wer ihm 
in die Hände fiel", schreibt der Erzbischof von Mainz an den 
Papst, „dem blieb nur die Wahl, entweder freiwillig zu be- 
kennen und dadurch sich das Leben zu retten, oder seine Un- 
schuld zu beschwören und unmittelbar darauf verbrannt zu 
werden. Jedem falschen Zeugen ward geglaubt, rechtliche 
Vertheidigung war Niemand gestattet, auch dem Vornehm- 
sten nicht; der Angeklagte musste gestehen, dass er ein Ketzer 
sei, eine Kröte berührt, einen blassen Mann oder sonst ein 
Ungeheuer geküsst habe. Darum Hessen sich viele Katho- 
lische lieber um ihres Leugnens willen unschuldig verbrennen, 
als dass sie so schändliche Verbrechen, deren sie sich nicht 
bewusst waren, auf sich genommen hätten. Die Schwächern 
losren, um mit dem Leben davon zu kommen, auf sich selbst 
und jeden beliebigen anderen, besonders Vornehme, deren 
Namen ihnen Konrad als verdächtig suggerirte. So gab der 



1 Alani ab Insulis insignis theologi opus adv. haeret. et Valdeus. qui 
postea Albigens. dicti etc., bei Soldan, 130. 



216 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Bruder den Bruder, die Frau den Mann , der Knecht den 
Herrn an; viele gaben den Geistlichen Geld, um Mittel zu 
erfahren, wie man sich entziehen könne, und es entstand auf 
diese Weise eine unerhörte Verwirrung". ^ 

Die Vorstellung vom Teufelsbund, deren Entstehung 
wir gesehen haben, wovon der Grundzug von einem Pactum 
und einem Ilomagium, als eine dem Satan persönlich darge- 
brachte Huldigung auch in der Versuchungsgeschichte ent- 
halten ist, gewinnt nun immer mehr Breite und V^ordcrgrund. 
Die christliche Kircheulehre sprach auch schon von einem 
alten und neuen Bund des Menschen mit Gott und von My- 
sterien dieses Bundes, und diese Vorstellungen wurden nun 
auf die Kirche übertragen. An die herrschende Anschauung 
von der Gegensätzlichkeit zwischen Kirche und Teufel knüpfte 
sich die Vorstellung von einem Bündnisse der von der Kirche 
Abgefallenen, also der Ketzer als Verbündeter mit dem Teufel. 
Diese Vorstellung fand in dem Zeiträume, wo das CorporationS- 
wesen auf fast alle Verhältnisse angewandt ward, einen frucht- 
baren Boden. Im Sinne des Feudalwesens wurde jeder durch das 
Homagium, den Kuss dem Teufel dargebracht, als dessen Va- 
sall betrachtet. Ein Schritt weiter, und die Unzucht, Incest 
u. dgl. , deren die Ketzer beschuldigt worden, verwandelte 
sich in fleischlichen Umgang mit dem Teufel selbst. Präli- 
minarien dazu fanden sich nicht nur in dem Liebesverkehr 
der himmlischen und Halbgötter mit Menschen im classischen 
Alterthum, auch die Pseudepigraphen der Juden, namentlich 
das Buch Henoch, sprechen vom Umgang der Geister mit 
den Menschen, und die Kirchenväter Justin, Lactanz u. a. 
deuten die Stelle 1 Mos. 6, 1 fg- auf eine Vermischung der 
Dämonen mit den Töchtern der Menschen. Da nach der uns 
bekannten Herabdrückungsmethode die heidnischen mytholo- 
gischen Wesen zu Dämonen umgedeutet wurden, konnten die 
in den Bibeliibersetzungen gebrauchten Namen: Lamien, 
Sirenen, Faune u. dgl., auch specielle Anwendung finden. So 
verweist Augustin die Faune, Sylvane und gallischen Dusii, 
die solchen Verkehr treiben. ^ Die Vorstellung von dem Um- 



' Alberici Monaclii Chrou. ad a. 1233. 
* De civ, D. XV, 22 squ. 



2. Vorläufer der Hexenprocesse. 217 

gang der Drachen in Menschengestalt mit Weibern war aus 
dem Oriente bekannt. Es kann also nicht befremden, wenn 
im 13. Jahrhundert manche Buhlgeschicliten mit Dämonen im 
Schwange waren. Bei der bekannten Allgestaltigkeit des 
Teufels musste der Glaube an dessen Verwandlung in einen 
Incubus oder Succubus, je nach Gelegenheit ^ , allgemein ver- 
breitet werden, und im Zusammenhange mit der Vorstellung 
vom Teufelsbtindniss trat auch die von dem fleischlichen Um- 
gang mit ihm beim Hexenwesen in den Vordergrund. 

Als erstes Beispiel der Verurtheilung auf Grund solcher 
Anklage gilt das schon erwähnte grosse Auto da Fe im 
Jahre 1275 zu Toulouse, wo unter den lebendig Verbrannten 
auch die 56jährige Angela, Herrin von Labarethe, dieses Verbre- 
chens beschuldigt worden. Ueberhaupt kommen im 13. Jahrhun- 
dert schon einzelne eigentliche Hexenprocesse vor.^ Im M.Jahr- 
hundert werden die Verurtheiluno-en wesen Hexerei häufisfer. 
und Soldan's Vermuthung^, dass die persönliche Furcht Jo- 
hann XXH. vor dem zauberischen Unwesen daran theilhabeu 
dürfte, erscheint nicht immöglich. Im Jahre 1320 ertheilte 
er dem Inquisitor ausdrücklich die Vollmacht zur eifrigen 
Verfolgung derjenigen, welche den Dämonen opfern, den Hul- 
digungsact abstatten, eine Verschreibuug geben u. dgl.* In 
Carcassonne wurden von 1320 — 50 schon iiber 400 we^en 
Hexerei verurtheilt, wovon mehr als die Hälfte den Tod er- 
litt. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert erschien 
das „Directorium Inquisitorum von Nicol. Eymericus" (von 
1356 — 93 Generalincpiisitor) als systematische Unterweisung 
für Ketzerrichtcr, worin alle Zauberkünste aufgenommen sind, 
die als ketzerisch gelten oder nach Ketzerei schmecken. Im 
Jahre 1404 trat die Synode von Langres dem Hexenwesen 
insofern entgegen, als sie bei Fällen, wo sie Betrügereien an- 
nahm, Belehrung und Disciplin vorschrieb. 

Während das Uebcl in Frankreich abzunehmen schien, 
regte es sich in Deutschland. Um die Zeit des Basler Con- 



1 Thora. V. Aqu. Comment. ad Jes. 40. 

2 Vgl. Soldai), 147. 

3 S. 181. 

* Vgl. die Bulle bei Soldau, 182. 



218 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

cils suchte der Dominicaner Joannes Nider durch seinen 
„Formicarius" 1 die Deutschen über die Geheimnisse des 
Hexenwesens systematisch zu belehren und die der Zauberei 
Beflissenen als Sekte mit schändlichem Cultus dai'zustellen. 
Sie verleugnen die christliche Religion und die Taufe, treten 
das Kreuz, schliessen ein Pactum mit dem Teufel, leisten die- 
sem den Huldigungsact, halten Versammlungen, in welchen 
der Teufel in Menschengestalt erscheint, machen Luftfahrten, 
Hagel und Blitz, locken das Getreide an, erregen Hass und 
unkeusche Liebe, hindern die Conception bei Menschen und 
Thieren, verwandeln sich in Thiergestalten, wozu sie sich einer 
Salbe aus den Leichen imigebrachter Kinder bedienen, tödten 
die Frucht im Mutterleibe; die Existenz der Licuben und 
Succuben wird aus Thomas von Ac^uino bewiesen, u. dgl. m. 

Ln Jahre 1446 werden einige Frauen wegen Hexerei in 
Heidelberg verbrannt und fallen noch andere Opfer. ^ 

Wilhelm von Edelin, Prior von St. -Germain, der gegen 
die Wirklichkeit der Hexenfiihrten gepredigt, muss am 12. Sep- 
tember 1453 in der bischöflichen Kapelle zu Evreux vor dem 
geistlichen Gerichte Abbitte thun und bekennen, dass er selbst 
mit andern wirklich dem Satan seine Verehrung dargebracht, 
den Glauben an das Kreuz verleugnet und im Auftrage des 
Teufels zur Mehi-ung des satanischen Reichs gepredigt habe, 
dass die Hexerei ein Ding der Einbildung sei. ^ 

Im Jahre 1458 erschien: „Flagellum haereticorum fas- 
cinariorum, autore J. Nicoiao Jaquerio ordin. fr. praedi- 
catorum et olim haereticae pravitatis Inquisitore", worin 
die Realität der Hexerei aus Scholastikern, Legenden der 
Heiligen und Bekenntnissen bewiesen und hiermit das System 
derselben nach allen ihren Zweigen abgeschlossen wird. Die 
Grundzüge sind folgende. Die Handlungen und Zusammen- 
künfte dieser Zaubersekte (haeresis et sectae fascinariorum) 
sind nicht Täuschungen der Phantasie, sondern verwerfliche, 
wirkliche und leibliche Handlungen AVachender. Es ist ein 



1 Fr. Joan. Nider (gest. 1440) Suevi ordin. pracdicat. s. theolog. 
profess. et hereticae pestis inquisitoris, über insignis de maleficiis et 
eorum deceptionibus. 

« Soldan 198. 

3 Raynald ad ann. 1451. 



2. Vorläufer der Ilexenprocesse, 219 

feiner Kunstgriff des Teufels, den Glauben zu verbreiten, als 
gehörten die Hexenfahrten nur ins Reich der Träume. In 
der Sekte oder Synagoge dieser Zauberer erscheinen nicht 
blos Weiber, sondern auch Männer, und was noch schlimmer 
ist, sogar Geistliche und Mönche, die dastehen und mit den 
sinnlich wahrnehmbar in mancherlei Gestalt erscheinenden 
Dämonen reden, sich von denselben mit eigenen Namen be- 
nennen lassen, unter Verleugnung Gottes, des katholi- 
schen Glaubens und seiner Mysterien. Dafür versprechen 
die Dämonen Schutz und Hülfe, erscheinen auf den Ruf der 
Zauberer auch ausser der Synagoge, um ihx'e Wünsche zu er- 
füllen, geben ihnen „Veneficien" und Stoffe, um Zaubereien zu 
vollbringen. Dies Verhältniss beruht auf einem wirklichen 
Vertrage mit den Dämonen. Diese bezwingt nur die göttliche 
Kraft, wie sie dem Diener der Kirche verliehen ist. Die 
Zauberer bewirken Krankheiten, Wahnsinn, Tod von Men- 
schen und Thieren, Unglück im ehelichen Leben, Verderben 
der Feldfrüchte und anderer Güter. In den Versammlungen, 
die meist am Donnerstag stattfinden, wird das Kreuz bespien 
und getreten, besonders zur Osterzeit, eine geweihte Hostie 
geschändet und dem Teufel geopfert, fleischliche Vermischung 
mit den bösen Geistern vollzogen. Keiner darf das Zeichen 
des Kreuzes machen, sonst verschwindet im Augenblicke die 
ganze Gesellschaft, woraus ein Beweis für die Vortrefflichkeit 
des den Dämonen so verhassten katholischen Glaubens ffe- 
nommen wird. Jedem Zauberer wird ein unvertilo;bares Zei- 
chen, das signum diabolicum, aufgedrückt. Dem Ein- 
wände, dass ein beim Hexensabbat Anwesender nicht mit 
Gewissheit behaupten könne, diese oder jene Person daselbst 
gesehen zu haben, da der Teufel auch ein Trugbild in Gestalt 
jener Person habe erscheinen lassen können, begegnet Jaquier 
durch folgende Anweisung: „Sagt der von Mitschuldigen An- 
geklagte, der Teufel habe nur sein Scheinbild vorgeführt, so 
antworte man ihm: dass der Teufel dies nicht ohne Erlaubniss 
Gottes habe thun können. Behauptet der Angeklagte weiter, 
dass Gott diese Erlaubniss gegeben habe, so erwidere man 
ihm, dass der Behauptende deshalb dem Richter genügende 
Beweise beizubringen habe ; thut er dies nicht, so ist ihm kein 
Glaube beizumessen, weil er nicht dem Rathe Gottes beige- 
wohnt hat. Denn so wie der Procurator des Glaubens die 



220 Dritter Abschnitt: Periode der gericlitlichen Hexenverfolgung. 

Maleficien zu beweisen hat, die er dem Angeklagten zu Last 
legt, so liegt auch dem Angeklagten der Beweis dessen ob, 
was er zu seiner Vertheidigung anfiährt." Aus der Aussage 
von Zeugen, dass sie in einer Versammlung zwar die Hexen, 
aber nicht die Dämonen gesehen haben, wird das Dasein der 
letztern so sefol^ert: weil der Teufel machen könne, dass er 
von dem einen gesehen werde, von dem andern nicht. Schliess- 
lich behauptet Jac[uier, dass die Zauberer, auch wenn sie be- 
reuen, nicht wieder in den Schos der Kirche aufzunehmen, 
sondern dem weltlichen Gerichte zu überliefern seien, da bei 
ihnen alles aus bösem Willen, nicht aus Irrthum hervorgehe, 
und sowol ihre abscheuliche Ketzerei an sich als die damit 
verbundenen Verbrechen: Mord, Sodomie, Apostasie und 
Idololatrie, die strengste Strafe verlangen. Ja selbst wenn 
man die Realität des Hexenwesens als unerweislich betrachten 
wollte, machen sich die Mitglieder der Zaubersekte dennoch 
der Ketzerei schuldig, sofern sie im wachen Zustande thun, 
was ihnen der Satan im Traume befohlen hat, z. B. die gött- 
lichen Mysterien nicht zu verehren, was ihnen begegnet ist, 
nicht zu beichten, u. dgl. m. 

Im Jahre 1459 erschien: „Fortalitium fidei contra Judaeos, 
Saracenos aliosque Christianae fidei inimicos" von Alphonsus 
de Spina, dessen fünftes Buch von der Dämonologie und Zau- 
berei handelt. Er variirt das Thema von den Hexen, Incuben 
und Succuben auf seine eigenthümliche Weise, erklärt die 
Hexenfahrt für eine teuflische Verblendung, bringt aber im 
ganzen ebenso wenig Neues als die nachfolgenden Schriftsteller. 
In demselben Jahre ward auf Veranlassung des Domini- 
caners und Inquisitors zu Arras, Pierre le Broussard, ein Weib 
inquirirt, das unter der Folter gestand, auf derWaldenserei(vau- 
derie, so nannte man die Hexerei) gewesen zu sein und verschie- 
dene Personen gesehen zu haben , welche auch eingezogen und 
irefoltert wurden. Sie wurden des Verbrechens beschuldigt: 
dass sie auf gesalbten Stöcken zur Vauderie ritten, daselbst 
speisten, dem als Bock, Hund, Affe oder Mensch erscheinen- 
den Teufel durch den bekannten obscönen Kuss und durch 
Opfer huldigten, ihn anbeteten, ihm ihre Seelen ergäben, das 
Kreuz träten, darauf spien, Gott imd Christum verhöhnten, 
nach der Mahlzeit untereinander und mit dem Teufel, der 
bald die Gestalt eines Mannes, bald die eines Weibes an- 



2, Voi'läufer der Hexenprocesse. 221 

nehme, abscheulichste Unzucht trieben. Dass, wie der 
Inquisitor hinzufiigte, die zum FHegen dienende Salbe aus 
einer mit geweihten Hostien gefütterten Kröte, den gepulver- 
ten Knochen eines Gehenkten, dem Blute kleiner Kinder und 
einigen Kräutern bereitet sei. Der Teufel predige in den 
Versammlungen, verbiete die Messe zu hören, zu beichten, 
sich mit Weihwasser zu besprengen, u. dgl. Als nach ge- 
fälltem Urtheile die Angeklagten, die vor der versammelten 
Volksmenge auf einem hohen Gerüste standen, mit Mützen 
auf dem Kopfe, worauf die Teufelsanbetung gemalt war, dem 
weltlichen Arme übergeben, ihre Liegenschaften confiscirt 
wurden, ihr bewegliches Gut dem Bischof zugesprochen ward: 
schrien zwar die Verurtheilten, dass sie betrogen worden, in- 
dem man ihnen, wenn sie bekenneten, eine Pilgerfahrt, wenn 
sie leugneten, den Tod in Aussicht gestellt habe, dass sie durch 
die Folter gezwungen worden seien; allein trotz den Be- 
theuerungen ihrer Unschuld, dass sie weder an der Vauderie 
theilgenommen hätten, noch wüssten, was das wäre, mussten 
doch sechs im Jahre 1460 auf dem Scheiterhaufen sterben. * 
Dieser Hinrichtung zu Arras folgte in demselben Jahre eine 
zweite und dann noch andere infolge der Anklage auf Wal- 
denserei. 

Das Hexenwesen, das bisher vornehmlich in Frankreich 
und den angrenzenden Ländern sich gezeigt hatte, sollte den 
Inquisitoren bald auch in Deutschland Beschäftigung geben. 
Im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts waren Heinrich Insti- 
toris (Krämer) für Oberdeutschland und Jakob Sprenger für 
die Rheingegenden zu Ketzerinquisitoren bestellt worden, die 
„ihr Geschäft", wie Soldan sich ausdrückt % „vorerst durch 
Verfolgung des Plexenwesens zu popularisiren " gedachten. 
Nachdem sie aber nicht nur hinsichtlich ihrer richter- 
lichen Competenz, sondern, wie sie selbst gestehen^ und 
in der Bulle darauf hingedeutet wird, auch in Bezug 
auf den Gegenstand Widerstand gefunden, wandten sie 
sich an den Papst Innocenz VHL, der durch seine Bulle 
„Summis desiderantes" vom 5. December 1484 nicht nur 



1 Vgl. Sold., 206. 

2 S. 212. 

3 Mall, malef., p. 3, 225 u. a. ed. Francof. v. 1588. 



222 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

dieser Verlegenheit abhalf, sondern der Lehre vom Hexen- 
wesen überhaupt auch die endgiütige päpstliche Sanction verlieh. 
Dieses Actenstiick ist zwar nicht als die Quelle des ganzen 
Hexenwesens zu betrachten, was nach dem Vorgange Schwa- 
ger's ^ öfter behauptet worden; es ist aber epochemachend 
in der Geschichte der Hexenprocesse durch den gewaltigen 
Vorschub, welchen es ihnen geleistet hat. 

Wortlaut der Bulle: „Innocentius, Episcopus, servus ser- 
vorum Dei. Ad futuram rei memoriam. Summis desiderantes 
affectibus, prout pastoralis sollicitudinis cura requirit, ut fides 
catholica nostris potissime temporibus ubique augeatur et flo- 
reat, ac omnis haeretica pravitas de finibus fidelium procul 
pellatur, ea libenter declaramus, ac etiam de novo concedimus, 
per quae hujusmodi pium desiderium nostrum votivum sor- 
tiatur effectum, cunctisque propter ea per nostrae opera- 
tionis ministerium quasi per providi operatoris sarculum erro- 
ribus extirpatis ejusque fidei zelus et observantia in ipsorum 
corda fidelium fortius imprimatur. Sane nuper ad nostrum 
non sine ingenti molestia pervenit auditum, quod in nonnullis 
partibus Alemaniae suj^erioris, nee non in Moguntinen., Colo- 
nien., Treveren., Saltzburgen. et Bremen, provinciis, civitatibus, 
terris, locis et dioecesibus complures utriusque Sexus personae, 
propriae salutis immemores et a fide catholica deviantes, cum 
daemonibus incubis et succubis abuti, ac suis incantationibus, 
carminibus et conjurationibus aliisque infandis superstitiis et 
sortilegiis, excessibus, criminibus et delictis mulierum jDartus, 
animalium foetus, terrae fruges, vinearum uvas et arborum 
fructus, nee non homines, mulieres, pecora, pecudes, et alia 
diversorum generum animalia, vineas quoque, pomeria, prata, 
pascua, blada, frumenta et alia terrae legumina, perire, suffo- 
cari et extingui facere, et procurare, ipsosque homines, mu- 
lieres, jumenta, pecora, pecudes et animalia diris tam intrin- 
secis quam extrinsecis doloribus et tormentis afficere et ex- 
cruciare, ac eosdem homines ne gignere, et mulieres ne 
concipere, virosque ne uxoribus et mulieres ne viris actus 
conjugales reddere valeant, impedire. Fidem praeterea ipsam 
quam in sacri susceptione baptismi susceperunt ore sacrilego 
abnegare. Aliaque quam plurima nefanda excessus et crimina, 



' Versuch einer Gesch. der Hexenprocesse, I, 39. 



2. Vorläufer der Hexenprocesse. 223 

I 

instigante hiimaui geuerls inimico, committere et perpetrare 
non verentur, in animarum suarum periculum, divinae maje- 
statis offensam ac perniciosum exemplum ac scandalum pliiri- 
morum. Quodque licet dilecti filii Henricus Institoris, in prae- 
dictis partibus Alemaniae superioris, in quibns etiam pro- 
vinciae, civitates, terrae, dioeces., et alia loca hujusmodi 
comprehensa fore ceusetur, nee non Jacobus Sprenger per 
certas partes lineae Rheni, ordinis praedicatorum et theologiae 
professores, haereticae pravitatis inquisitores per literas Apo- 
stolicas depiitati fuernnt, pront adhnc existunt, tarnen nonnulli 
clerici et laici illarnm partium, qnaerentes plura sapere, quam 
oporteat, jjro eo, quod in literis deputationis hujusmodi 
provinciae, civitates, dioeces., terrae et alia loca praedicta, 
illarumque personae ac excessus hujusmodi nominatim et 
specifice expressa non fuerunt, illa sub iisdem partibus minime 
contineri et propterea praefatis inquisitoribus in provinciis, 
civitatibus, dioeces., terris, et locis praedictis hujusmodi in- 
quisitiouis officium exequi non licere et ad personarum earun- 
dem super excessibus et criminibus ante dictis punitionem, 
incarcerationem et correctionem admitti non debere, pertinaci- 
ter asserere non erubescunt. Propter quod in provinciis, civi- 
tatibus, dioeces. terris et locis praedictis excessus et crimina 
hujusmodi non sine animarum evidenti jactura et aeternae salutis 
dispendio remanent impunita. Nos igltur impedimenta quae- 
libet quae per ipsorum inquisitorum officii executio quomodo 
libet retardari posset, de medio submovere, et ne labes haere- 
ticae pravitatis aliorumque excessuum hujusmodi, in perni- 
ciem aliorum innocentum sua venena diffundat, opportunis re- 
mediis, prout nostro incumbit officio, providere valentes, fidei 
zelo ad hoc maxime nos impellente, ne propterea contingat, 
provincias, civitates, dioeces., terras et loca praedicta sub 
eisdem partibus Alemaniae superioris, debito inquisitionis offi- 
cio carere, eisdem inquisitoribus in illis officium inquisitionis 
hujusmodi exequi licere, et ad personarum earundem super 
excessibus et criminibus praedictis correctionem, incarcera- 
tionem et punitionem admitti debere, perinde in omnibus et 
per omnia, ac si in literis praedictis provinciae, civitates, 
dioeces., terrae et loca ac personae et excessus hujusmodi 
nominatim et specifice expressa forent, autoritate Apostolica 
tenore praesentium statuimus. Proque potiori cautela literas 



224 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hcxenverfolgung. 

et depiüatlonem praedictas ad provincias, civitates, dioces., 
terras et loca, nee iion personas et crimina hujusmodi exten- 
dentes, praefatis inquisitoribus, qiiod ipsi et alter eorum, 
accersito secum dilecto filio Joanne Gremper, clerico Con- 
stantien. niagistro in artibus, eorum moderno seil quovis alio 
Notario publico, per ipsos et quemlibet eorum pro tempore 
deputando, in provinciis , civitatibus , dioces. , terris et locis 
praedictis contra quascunque personas, cujuscunque condi- 
tionis et praeeminentiae fuerint, hujusmodi inquisitionis offi- 
cium exequi, ipsasque personas, quas in j^raemissis culpabiles 
reperierint, juxta earum demerita corrigere, incarcerare, punire 
et mulctare. Nee non in siugulis provinciarum hujusmodi 
parochialibus Ecclesiis, verbum Dei fideli populo, quotiens 
expedierit, ac eis visum fuerit, jDroponere et praedicare, om- 
niaque aUa et singula in praemissis et circa ea necessaria et 
opportuna facere, et similiter exequi libere et licite valeant, 
plenam ac liberam eadem autoritate de novo concedimus fa- 
cultatem. Et nihilominus venerabili fratri nostro Episcopo 
Argentinensi scripta mandamus, quatenus ipse per se, vel per 
alium seu aHos, praemissa ubi, quando et quotiens expedire 
cognoverit, fueritque pro parte inquisitorum hujusmodi seu 
alterius eorum legitime requisitus, solemniter i^ublicans, non 
permittat, eos quoscunque super hoc, contra praedictarum et 
praesentium literarum tenorem, quavis autoritate molestari, 
seu alius quomodo übet impediri, molestatores et impedientes 
et contradictores quoslibet, et rebelles, cujuscunque diguitatis 
Status, gradus, praeeimentiae, nobilitatis et cxcellentiae aut 
conditionis fuerint, et quocunque exemtionis privilegio sint 
muniti, per excommunicationis, suspensionis et interdieti, ac 
alias etiam formidabiliores, de quibus sibi videbitur, senten- 
tias, censuras et poenas, omni appellationc postposita, compes- 
cendo et etiam legitimis super his per eum servandis pro- 
cessibus sententias ipsas', quotiens opus fuerit, aggravare et 
reaggravare autoritate nostra procuret, invocato ad hoc, si 
opus fuerit auxilio brachii secularis. Non obstantibus prae- 
missis et constitutiouibus et ordinationibus Apostolicis contra- 
riis quibuscunque. Aut si aliquibus communiter, vel divisim 
ab Apostolica sit sede indultum, quod interdici, suspendi vel 
excommunicari non possint, per literas A^Dostolicas non facien- 
tes plenam et expressam, ac de verbo ad verbum, de indultu 



2. Vorläufer der Ilexenprocesse. 225 

hnjusmodi mentionem, et qualibet alia dictae sedis indulgen- 
tia generali vel special!, cujusciinque tenoris existat, per 
quam praesentibus non expressam, vel totaliter non insertain 
effcctus hujiismodi gratiae impediri valeat, quomodo libet 
vel differri, et de quaciinquc, toto tenore habenda, sit in 
nostris literis mentio specialis. Nnlli ergo omnino hominum 
liceat hanc paginam nostrae declarationis , extensionis, con- 
cessionis et mandati infringere, vel ei ausu temerario contra- 
iare. Si qiiis autem hoc attentare praesumpserit, indignationem 
omnipoteutis Dei ac beatorum Petri et Pauli Apostolorum 
ejus se noverit incursurum. — Datum Romae apud sanctum 
Petrum. Anno incarnationis Dominicae Millesimo quadringen- 
tesimo octuagesimo quarto. Non. Decembris. Pontificatus 
nostri anno primo." 

Auf Grund dieser Bulle verfassten die in derselben er- 
wähnten Inquisitoren im Jahre 1487 den beriichtigten „Mal- 
leus maleficarum", den sogenannten „Hexenhammer", worin 
nicht nur das Ganze der Hexerei in ihrer Wirklichkeit er- 
wiesen, sondern auch das gerichtliche Verfahren mit den 
Hexen grundsätzlich festgestellt wird. Ausser der Sanction 
des Papstes erhielten die Verfasser das Patent des Kaisers 
Maximilian vom G. November 1486 und erwirkten überdies 
die Approbation der theologischen Facultät zu Köln. Dieser 
„Plexenhammer" hatte nach dem Zeugnisse des beriihmten Cri- 
minalisten des IG. Jahrhunderts, Damhonder ^, fast Gesetzes- 
kraft erhalten, mit der er, drei Jahrhunderte hindurch ge- 
schwungen, unerbittlich losschlug, um unter seiner schweren 
Wucht Millionen unglücklicher Menschen unbarmherzig zu 
zermalmen. Da nun hiermit der Hexenprocess auch für 
Deutschland durch den Papst autorisirt und eine feste Gestalt 
erhalten hatte, indem er in aller Form auf das Biindniss mit 
dem Teufel gegründet und die Aufgabe gestellt ward, Hexen 
zu suchen, welche denn auch gefunden wurden, so glauben 
wir vom Erscheinen der Bulle in Verbindung mit ihrem prak- 
tischen Commentar, dem „Hexenhammer", die Periode der ge- 
richtlichen Hexenverfolgung datiren zu dürfen. 



1 Bei Soldan, S. 222. 

Iloskoff, Geschichte Jts Teufels. II. 15 



22G Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilexenverfolgung. 



3. Malleus maleflcarum. Der HexenliairLiiier. 

Indem dieses Buch, das mehrere Ausgaben, aber nie eine 
Uebersetzung erlebt hat, für unsere Hexenperiode von so 
grosser Bedeutung und auch für den Stand des Hexen- und 
Teufelsglaubens der Zeit so wichtig ist, können wir kaum um- 
hin, den Hauptinhalt desselben mit Hervorhebung der wesent- 
lichen Punkte darzulegen. ^ Dem Werke ist der Wortlaut 
der Bulle Innocenz' VIII. vorgedruckt und als Anhang die 
Approbation der kölner Theologen am Schlüsse beigefügt. 
Die Stelle einer Vorrede vertritt die „Apologia auctoris in 
Malleum maleficarum", ohne Zweifel auf Sprenger zu beziehen, 
dessen Antheil an dem Werke überhaupt als vorwiegend an- 
erkannt ist. Es wird die Gefahr der Kirche, in der sie durch 
die Ketzerei des Hexenwesens sich befindet, als Motiv des 
Unternehmens angegeben. Das Getriebe der Zauberer und 
Hexen fusst auf einem Bündniss mit dem Teufel: „Ex 
pacto enim cum inferno, et foedere cum morte, foetidissimae 
servituti, pro earum pravis explendis spurcitiis se subjiciunt." 
Mit angeblich grosser Bescheidenheit nennt sich Sprenger 
vmd seinen werthesten Genossen, der mit ihm vom päpstlichen 
Stuhle zur Ausrottung der ketzerischen Seuche ausgesandt 
worden, „inter divinorum eloquiorum professores, sub prae- 
dictorum ordine militautium minimi"; im frommen Eifer und 
unter schwerer Betrübniss haben sie erwogen, welches Mittel 
und welcher Trost den Sterblichen als heilsames Antidotum 
zu bieten sei, und — so sei dieses Werk entstanden. Es sei 
aus andern Quellen geschöpft und von dem Ihrigen nur We- 
niges hinzugekommen, neu sei nur die Zusammenstellung. Die 
Herausgeber wollen keine Dichtungen schaflfen, noch sublime 
Theorien erörtern, sondern nach Art der Nachtreter nur fort- 
setzen zur Ehre der höchsten Dreieinigkeit und untheilbaren 
Einheit u. s. w. 

Das Buch zerfällt in drei Theile, worin der Gegenstand 
auf Grund von einer Menge Haupt- und Nebenfragen, die 



' Ich habe die frankfurter Ausgabe vom Jahre 1588 vor mir, welcher 
der „Formicarius" von Joann. Nieder beigefügt ist. 



3. Der Hexenhammer. 227 

bunt diircbcinanilergeworfen, nicht selten im Widerspruche 
miteinander stehen, ebenso kraus und wirr abgehandelt wird. 
Von einem streng logischen Nacheinander ist so wenig die Rede, 
dass bei Heraushebung einzelner Punkte der Vorwurf des 
Herausreissens aus dem Zusammenhang keinen Raum finden 
kann. 

Im ersten Theile wird in achtzehn Quästionen die Rea- 
lität des Hexenwesens aus der Heiligen Schrift, dem kanoni- 
schen und bürgerlichen Rechte nachgewiesen, wobei vornehm- 
lich Augustinus und Thomas von Aquino die Argumente lie- 
fern. Die drei Hauptmomente, die das Hexenwesen in sich 
beo-rcift: der Teufel, der Zauberer oder die Hexe, die 
göttliche Zulassung, werden in Betracht genommen. 

1. Frage. Ob es Zauberei gebe? Ob diese Behaup- 
tunc: ebenso orthodox als die des Gegentheils allerdings 



'ö 



ketzerisch sei? 

Es ist ketzerisch zu glauben, dass ein Geschöpf durch 
Zauberer zum Bessern oder Schlechtem, oder in eine andere 
Art umgewandelt werden könne als von dem Schöpfer selbst.^ 

Das Werk Gottes beweist grössere Macht als das des 
Teufels, es ist darum auch unerlaubt zu glauben, dass die 
Geschöpfe, die Werke Gottes an Mensch und Vieh durch 
die Macht des Teufels verderbt werden können. ^ Die Teufel 
wirken nur durch Kunst, diese kann aber keine wahre Ge- 
stalt geben. Es ist ein ketzerischer Irrthum, zu glauben, 
es gebe keine Zauberei in der Welt ausser in der Meinung 
des Volks, ebenso, Zauberer anzunehmen, aber die zaube- 
rischen Wirkungen nur als eingebildet zu betrachten. ^ Der 
Teufel hat grosse Gewalt über körperliche Dinge und die 
Einbildung der Menschen, wenn es Gott zulässt. Dies be- 
weisen eine Menge Stellen der Heiligen Schrift. Diejenigen, 
welche keine Realität der Zauberei annehmen, widerstehen 
dem wahren Glauben, wonach wir die aus dem Himmel ge- 
fallenen Engel für Teufel halten müssen, die kraft ihrer Natur 
vieles vermögen, was wir nicht können. Diejenigen, die ihnen 
dazu Anlass geben, heissen Zauberer (Malefici). Weil aber 
Unglaube bei einem Getauften Ketzerei heisst, so werden 



S. 1. 2 S. 2. 3 s, 3, 

15 = 



228 Dritter Abschnitt: Periode der gericlitlichen Ilexcnvcrfolguiig. 

solche mit Recht der Ketzerei beschuldigt. ^ Viele werden 
durch ihre Phantasie getäuscht, etwas für ein Factum zu 
halten; aber deswegen die Wirkungen des Teufels als real zu 
leugnen und sie nur für Phantasiestücke zu halten, ist ein 
Irrthum, der nach Ketzerei schmeckt.^ Dies wird durch 
göttliche, kirchliche und bürgerliche Gesetze bewiesen. Denn 
das göttliche Gesetz befiehlt, niclit nur mit Hexen nicht zu 
verkehren, sondern sie zu tödtcn, und solche Strafe würde 
Gott nicht verhängen, wenn sie nicht wahrhaftige und wirk- 
liche Dinge mit Hülfe des Teufels vollbrächten. ^ Jeder, der 
in der Erklärung von jener der Kirche abweicht, wird mit 
Recht für einen Ketzer gehalten; und ebenso jeder, der in 
Glaubenssachen anders denkt als die Kirche. '^ Folq;t der 
Beweis aus dem Kanon, aus dem bürgerlichen Rechte. 

Zur Anklage auf Hexerei wird bei diesem Verbrechen 
der beleidigten Majestät jeder zugelassen und als legal be- 
trachtet. ^ 

Die katholische und einzig wahre Behauptung ist: es gibt 
Zauberer, die mit Hülfe des Teufels kraft eines Bundes mit 
ihm unter Gottes Zulassung nicht nur eingebildete, sondern 
auch wirkliche Zauberhandlungen vollbringen können, ob- 
schon es auch Hexereien gibt, die auf Einbildung be- 
ruhen. ^ 

Zauberinnen sind Weiber, durch die der Teufel spricht 
oder wunderbar wirkt; die erstem sind die Weissagerinnen 
(species Pythonum) % die übrigen sind die eigentlichen Hexen. 
Die Hexe hat sich durch einen Vertrag dem Teufel fjanz er- 
geben und verpflichtet, wahrhaft und wirklich, nicht blos in 
der Phantasie oder eingebildet, daher sie auch wirklich und 
körperlich mit dem Teufel zusammenwirkt. ^ Prediger und 
Priester haben daher ihren Gemeinden vier Stücke beson- 
ders einzuschärfen: 1) Ausser dem Einen Gott gibt es kein 
göttliches Wesen; 2) Mit der Diana oder Herodias reiten ist 
eigentlich mit dem Teufel (der sich so stellt und nennt); 
3) Ein solcher Ritt geschieht in der Einbildung, indem der 
Teufel auf die Seele, die ihm durch Unglauben unterthan ge- 
worden, so wirkt, dass sie ihn leiblich geschehen glavÜDt; 



» S. 4. 2 g^ 5_ 3 s. 5. " S. 6. 5 S. 9. « S. 10. 

' S. 10. 8 S. 11. 



3. Der Hexenhammer. 229 

4) tlass sie (die Hexen und Zauberer) dem Teufel in allen 
Stiicken gehorchen miissen. ^ 

Obschon die Verwandlungen lediglich durch göttliche 
Autorität geschehen zur Besserung oder Strafe, so doch auch 
oftmals mit Hiilfe des Teufels unter göttlicher Zulassung, wie 
auch die modernen Zauberer durch den Teufel in Wölfe und 
andere Bestien verwandelt werden. So spricht der Kanon: 
„de reali transformatione et esseutiale, et non de praestigiosa 
quae saepius fit." 

2. Abtheilung der 1. Frage. Ist es Ketzerei, Zauberer 
anzunehmen ? 

Ein offenbarer Ketzer ist 1) wer auf Ketzerei betroffen 
oder 2) dem sie durch Zeugen bewiesen wird, oder 3) der 
sich selbst dazu bekennt. Die dem bisher Gesagten wider- 
sprechen und behaupten: es gebe keine Zauberer oder diese 
könnten den Menschen nicht schaden, werden mit Recht 
als Ketzer b'festraft. ^ Da es aber in der Absicht der Ver- 
fasser liegt, Prediger beziiglich des Lasters der Ketzerei nach 
Möglichkeit lieber zu entschuldigen als zu beschuldigen (pro 
posse excusare quam incusare), so sollen sie nicht gleich ver- 
dammt werden, wenn der Verdacht auch ziemlich stark sein 
sollte. Da es einen dreiüichen Verdacht gibt (suspicio levis, 
vehemens et violenta), ist zu untersuchen, welchem ein solcher 
Prediger unterliege. ^ Unkenntniss kann zwar einigermassen, 
aber nicht ganz entschuldigen, weil sie nicht unüberwindlich 
ist; geflissentlich aber eine Sache nicht wdssen wollen, ist ver- 
danunlich. Bleibt einer in Unwissenheit, weil er zu viel an- 
dere Geschäfte hat, um das zu erlernen, was er wissen sollte 
(das Ilexenwesen), so ist namentlich in der gegenwärtigen 
Zeit, Avo den bedrohten Seelen geholfen werden muss, die 
Unwissenheit mit aller Anstrengung zu verscheuchen. ■* 

2. Frage. Ist es katholisch, zu behaupten, dass bei 
einer Zauberei der Teufel immer mit dem Zauberer vereint 
wirke, oder dass einer ohne den andern eine solche Wir- 
kung hervorbringe? 
Der Teufel kann allerdings ohne den Hexer vieles be- 
wirken. Alle körperlichen Beschädigungen sind nicht unsicht- 
bar, sondern fiihlbar, daher sie auch vom Teufel angerichtet 

1 S. 12. ■' S. 14. 3 s. 15. "• ö. 17. 



230 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

werben können. Beispiele sind: Hiob, die Jungf'ran Sara, 
welcher vom Tenfel sieben Männer getödtet wnrden. ^ Wenn 
der Teufel wirkt vermittels der Hexe , so bedient er sich der- 
selben als eines Werkzeugs. ^ 

Jede körperliche Handlung geschieht durch Beriihrung. 
Und weil dem Teufel keine Berührung der Körper eignet, 
da er mit ihnen nichts gemein hat, so bedient er sich eines 
Werkzeugs, dem er die Kraft durch Beriihrung zu schädigen 
mittheilt. Dass Bezauberungen auch ohne Hiilfe des Teufels 
geschehen können, sagt Galat. 3, 1. Oft wirkt eine Seele in 
einem fremden Körper wie im eigenen. ^ Die Einbildungs- 
kraft kann auf verschiedene Weise auf den Körper wirken. 

Auch ohne die Kraft der Seele können die Körper wun- 
derbare Wirkungen hervorbringen. So bluten die Wunden 
des Getödteten in Gegenwart des Todtschlägers; ein Lebender, 
der an einem Leichnam vorübergeht, ohne ihn wahrzunehmen, 
wird von Schauer ergriffen. 

Natürliche Dinge haben gewisse verborgene Kräfte, deren 
Grund der Mensch nicht angeben kann. So zieht der Dia- 
mant (? Adamas) das Eisen. * Die Zauberer bedienen sich 
gewisser Bilder und anderer Werkzeuge, die sie unter die 
Thürsch wellen der Häuser legen oder an gewisse Orte, wo 
das Vieh oder auch die Menschen darüber kommen, die da- 
durch behext werden und bisweilen sterben. Solche Wirkun- 
gen können wol von den Bildern herrühren, insofern diese 
gewisse Einflüsse von den Himmelskörpern empfangen haben. 
Auch die Heiligen können Wunder wirken, bald durch das 
Gebet, bald durch eigene Macht. * Nach Isidorus hcissen die 
Malefici so wegen der Grösse ihrer Missethatcn, womit sie 
vor allen Uebelthätern am meisten Uebel thun. Sie bringen 
mit Hülfe des Teufels die Elemente durcheinander, treiben 
Hagel und Gewitter zusammen, verwirren die Gemiither der 
Menschen, verursachen Wahnsinn, Hass, unbändige Liebe, 
sie tödten ohne Gift, blos durch die Gewalt eines Gesangs 
die Seelen. ^ 

Warum Hiob nicht mittels zauberischer Wirkung durch 
den Teufel geschlagen worden sei? Dass Pliob durch den 
Teufel allein ohne Vermittelung eines Zauberers oder einer 

' S. 20. 2 S. 21. 3 s. 21. 4 S. 22. ' S. 23. « S. 24. 



3. Der Hexenhammer. 231 

Hexe geschlagen worden, erklärt sich darans, dass diese 
Art Aberglaube damals noch nicht erfunden war; die gött- 
liche Vorsicht wollte jedoch, dass die Macht des Teufels in 
der Welt, lun dessen Nachstellungen zur Ehre Gottes zu ver- 
hiiten, bekannt werde, da jener ohne Gottes Zulassung nichts 
bewirken kann. ^ — Der Leser wird aufmerksam gemacht, 
dass die verschiedenen Zauberkünste im Verlaufe der Zeit 
erfunden worden sind, daher es nicht befremdlich ist, dass es 
zu Iliob's Zeit noch keine Hexen gab. Denn wie, nach dem 
Ausspruche Gregor's in seiner Moral, die Kenntniss der Hei- 
ligen wuchs, so nahmen auch die Hexenkünste zu. Und wie 
die Erde von der Erkenntniss des Herrn erfüllt ist, nach 
Jesaia, so ist die Welt, die sich zum Untergange neigt, nach- 
dem die Bosheit der Menschen gewachsen, die Liebe erkaltet 
ist, von der Boshaftigkeit der Hexereien ganz überschwemmt.* 
Es ist katholische Wahrheit: bei einer zauberischen Handlung, 
wenn sie auch keine schädliche ist, muss der Zauberer stets 
mit dem Teufel zusammenwirken. Es ist wahr, der Teufel 
bedieut sich der Zauberer zu deren eigenem Verderben; aber 
wenn gesagt wird: diese seien nicht zu bestrafen, weil sie 
nur als Werkzeuge dienen, die sich nach dem Willen ihres 
Herrn bewegen müssen, so antworten wir: sie sind beseelte 
und frei handelnde Werkzeuge, obschon sie nach eingegange- 
nem Vertrage mit dem Teufel ihrer Freiheit nicht mehr Herr 
sind, weil sie, wie wir aus den Bekenntnissen verbrannter 
Weiber wissen, wenn sie den Schlägen des Teufels entfliehen 
wollen, bei den meisten Hexereien gezwungen mitwirken 
miissen, da sie durch das erste Versprechen, wodurch sie sich 
freiwillig dem Teufel ergeben haben, gebunden bleiben. ^ — 
In diesem Abschnitte wird von verschiedenen Arten der Be- 
hexung von dem bösen Auge, meistens an alten Weibern, 
vom Eiufluss der Himmelskörper gehandelt, und das Bluten 
der Wunden eines Ermordeten bei Annäherung des Mör- 
ders u. a. m. erklärt. 

3. Frage. Ob es katholisch sei zu behaupten: dass 

durch Incuben und Succuben wirkliche Menschen erzeugt 

werden? 
Zunächst scheint es nicht katholisch zu sein, zu beluuq)- 

1 S. 26. 2 y_ 27. 3 y. 28. 



232 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtliclaeu Ilexeuverfolguug. 

ten, dass der Teufel durch Ineuben und Succuben wirkliehe 
Menschen zu Stande bringen könne, die Fortpflanzung des 
Menschen stammt vor dem Sündenfalle von Gott; ausser- 
dem ist sie ein Act eines lebendigen Leibes, der Teufel gibt 
aber den Leibern, die er annimmt, kein Leben. ^ Der Teufel 
kann keinen Körper localiter bewegen — ergo nee semen 
poterunt (daemones) movere localiter de loco ad locum. ^ 
Allein, nach Augustinus: Daemones coUigunt semina quae ad- 
hibent ad corporales efiectus, dies kann ohne locale Bewegung 
nicht stattfinden; die Giganten sind jedoch auch von Dämo- 
nen gezeugt. ^ — Da vieles, was die Macht des Teufels be- 
triflft, übergangen werden muss und der Leser sich aus den 
Schriften der Kirchenväter unterrichten kann, so wird er ein- 
sehen, dass der Teufel alle seine Werke durch seinen Ver- 
stand und seinen Willen ausführe, da seine natürlichen ur- 
sprünglichen Gaben nicht verändert w^orden sind. Er wird 
finden, dass es auf Erden keine Macht gibt, die der seinigen 
gleichkäme, dass er niemand fürchtet, nur den Verdiensten 
der Heiligen unterliegt. ^ 

Nach all dem Vorherffesao-ten lässt sich in Betrefi" der 
Ineuben und Succuben behaupten: dass durch sie bisweilen 
Menschen erzeugt werden ; dies anzunehmen ist in so weit ka- 
tholisch, als das Gegentheil weder durch die Heiligen Schilif- 
ten noch durch die Tradition abgeleitet wird. ^ 

Die Giganten stammen nach der Heiligen Schrift von 
Ineuben her. Die Sylvani und Fauni sind Ineuben. ^ Die 
Frauen sollen sich der Ineuben wegen verschleiern. ^ Der 
Grund, warum die bösen Geister sich zu Ineuben oder Suc- 
cuben machen, ist, damit sie durch das Laster der Wollust 
die beiderlei Natur des Menschen verderben, nämlich die des 
Leibes und der Seele, damit sie dadurch zu allen übrigen 
Lastern geneigter werden. ^ 

Folgt die Theorie: Quomodo incubi procreent. — Incubi 
fiunt succumbi, etc. ^ 

4. Frage. Ist es katholisch zu behaupten, dass die 
Verrichtungen der Ineuben und Succuben allen unreinen 
Geistern gleich zukommen? 



1 S. 41. - S. 42. 3 S. 43. 
^ S. 48. 8 S. 48, 9 S. 50 sequ. 



S. 44. 



5 ö. 40. 



« ö. 47. 



3. Der Hexenhammer. 233 

Katholisch ist die Behauptung, dass eine gewisse Ord- 
nung in Bezug auf innere und äussere Handhingen unter den 
Dämonen stattfindet; dass gewisse Abscheulichkeiten von den 
niedrigsten begangen werden, von denen die vornehmern aus- 
geschlossen bleiben. Denn die Teufel unterscheiden sich durch 
die Art, einige sind vom Hause aus vornehmer. ^ Dies stimmt 
auch zur göttlichen Weisheit, wonach alles nach einer Ord- 
nung gehen muss. Dies stimmt auch mit der Bosheit der 
Dämonen überein, denn da diese das Menschengeschlecht be- 
kämpfen, so richten sie diesem mehr Schaden an, wenn sie 
es nach einer gewissen Ordnung unternehmen. ^ Wie sich 
die Dämonen durch eine gewisse Rangordnung unterscheiden, 
so auch in ihren Verrichtungen, daher es klar ist, dass "nur 
die vom niedersten Range solche Abscheulichkeiten, die auch 
unter den Menschen die niedrigsten sind, vollziehen.^ 

Dass eine gewisse Ordnung unter den Dämonen herrsche, 
beweisen auch ihre Namen. Von den etymologischen Sonder- 
barkeiten sei nur die Ableitung des Namens Diabolus heraus- 
gehoben, nämlich von dia quod est duo et bolus, quod est 
morsellus: quia duo occidit, scilicet corpus et animam. * 

Die Eintracht unter den Dämonen besteht nicht in Freund- 
schaft, sondern in der Bosheit, mit der sie die Menschen 
hassen und der Gerechtigkeit so viel sie können wider- 
streiten. ^ 

5. Frage. Woher die Vermehrung der Hexereien? 

Kann es für katholisch gelten, dass der Ursprung und 
die Vermehrung der Zaubereien vom Einflüsse der Himmels- 
körper oder der übermässigen Bosheit der Menschen und 
nicht von den Abscheulichkeiteu der Incubeu und Succuben 
abgeleitet werde. ^ 

Es scheint, dass sie von der eigenen Bosheit der Men- 
schen herrühren, denn nach Augustinus wird der Zauberer 
durch die Sünde verderbt, also ist die Ursache nicht der 
Teufel, sondern der menschliche Wille. Derselbe sagt auch, 
jeder sei selbst die Ursache seiner Bosheit, die Sünde ent- 
springe aus dem freien Willen. Der Teufel kann nicht den 
freien Willen bewegen, das wäre gegen die Freiheit. — Was 
nun die Herleitung vom Einflüsse der Himmelskörper betrifi't, 

' S. 58. 2 s. 59. 3 s. (jo. 1 S. 61. ^ y. gs. e g. (j4. 



234 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilexenverfolgung. 

so ist zu bemerken, dass alles Vielgestaltige auf ein einheit- 
liches Principium sich zuriickleitet. Die menschlichen Hand- 
lungen sind vielfältig, sowol betreffs der Laster als der Tu- 
genden, es scheint also, dass sie auf einige einheitliche Prin- 
cipien zuriickleiten, und diese sind nur aus den Bewegungen 
der Himmelskörper zu erklären, die einförmig sind, also sind 
jene Körper die Ursache solcher Folgen. 

Ausserdem: wenn die Himmelskörper nicht die Ursache 
wären der menschlichen Handlungen in Beziehung auf Tu- 
genden und Laster, würden die Astrologen nicht so häufig 
den Ausgang der Kriege und anderer menschlicher Unter- 
nehmungen wahrsagen: sie sind also einigermassen Ursache. 
Auch können sie auf die Teufel wirken, also um so mehr 
auf die Menschen. Denn die Mondsiichtigen werden zu ge- 
wissen Zeiten mehr als zu andern von den Dämonen geplagt, 
was nicht der Fall wäre, wenn nicht diese selbst vom Monde 
belästigt würden. Die Nigromantiker beobachten gewisse 
Constellationen, um die Dämonen anzurufen, was sie nicht 
tliäten, wenn sie nicht wüssten, dass die Dämonen den Him- 
melskörpern unterworfen sind. Dies erhellt auch daraus, dass 
nach Augustinus die Dämonen durch gewisse untergeordnete 
Körper beeinflusst werden, als Kräuter, Steine, Thiere, ge- 
wisse Laute, Wörter, Figurationen. Da nun die Himmels- 
körper mächtiger sind als diese niedrigen Körper, um so 
mehr in Beziehung auf die Wirkungen des Teufels. Und 
noch mehr sind die Zauberer dem Einflüsse jener Körper 
unterworfen. ^ 

Hingegen: Es kann unmöglich eine Wirkung ohne Ur- 
sache geben; alles was von neuem angefangen wird, nuiss 
eine bcstinnnte Ursache haben. Der Mensch beginnt zu han- 
deln, zu wollen, indem er dazu angeregt wird und zwar von 
aussen. Der Grund von allem Guten ist Gott, der nicht die 
Ursache der Sünde ist; von allem Bösen, das der Mensch 
zr thiin und zu wollen anfängt, muss es auch eine äusser- 
liche Ursache geben, die keine andere sein kann als der Teufel^ 
und zwar besonders bei der Hexerei. Es scheint also, dass 
der böse Wille des Teufels die Ursache des bösen Willens 
besonders bei den Zauberern ist. ^ 



1 S. G5. = b. GG. ' S. G7. 



3. Der Hexenhammer. 235 

Es sind drei Dinge im Menschen zu erwägen : die Hand- 
lung des Willens, des Verstandes, des Körpers, deren erstere 
unmittelbar und nur von Gott, die zweite von einem Engel 
und die dritte von einem Himmelskörper gelenkt wird. ^ 
Es kann aber geschehen, dass der Mensch die Eingebung 
Gottes zum Guten verachtet sowie die Erleuchtung durch 
den Eusel, und von der Nei^ng des Leibes dahin geleitet 
wird, wohin er auch durch den Einfluss der Gestirne hin- 
neigt, sodass sowol sein Wille als sein Verstand von der 
Bosheit umhüllt wird. So sagt auch Guilielmus in seinem 
Werke „De universo", was durch Erfohrung bestätigt ist: 
wenn eine Hure einen Olivenbaum pflanzt, wird dieser nicht 
fruchtbar, wol aber den eine Keusche gepflanzt hat. ^ 

Von den Himmelskörpern werden die Zaubereien nicht 
verursacht. ^ Aus der menschlichen Bosheit entspringen sie 
auch nicht. ■* Auch nicht Worte in Uebereinstimmung mit 
der Macht der Sterne verursachen Zaubereien.^ 

Der Teufel wird die Ursache der Sünde genannt, aber 
nur unter Zulassung Gottes, der das Böse um des Guten 
wegen zulässt. Der Teufel disponirt den Menschen durch 
Eingebung, Ueberredung und äusserlich durch stärkern Reiz. 
Denen aber, die sich ihm ganz ergeben haben, wie die Zau- 
berer, befiehlt er, und braucht sie nicht zu reizen. ^ 

W^ir -überocehen die weitern Erörterungen dieses Ab- 
Schnittes: über die Einwirkungen des Mondes auf das Gehirn, 
wie die Dämonen durch Gesänge, Musik, Kräuter beinflusst 
werden, von den Ligaturen u. s. w. ; nur die Bemerkung: 
David vertrieb den bösen Geist nicht durch die Macht seiner 
Zither, sondern durch das Zeichen des Kreuzes, das durch 
das Holz und die ausgespannten Seiten gebildet wurde. Denn 
schon damals flohen die Dämonen vor dem Kreuze. "^ 

6. Frage. Von den Hexen, die, sich dem Teufel er- 
geben haben. 

Nach mehrern berührten Schwierigkeiten dieser Fraco 
werden vornehmlich zwei aufgeworfen. 

1) Warum bei dem schwachen Geschlechte, dem weib« 
liehen, mehr Hexerei bctrofi'en werde als dem luännlichen? 



' S. 73. ■' S. 74. '' S. 77. ' ö. 80. » g, §3. g g, 35. 
' S. 90. 



2o6 Dritter Abschnitt: Periode der gcricLtliclien Ilexenverfolguiig. 

Einige Lehrer sagen: es gibt drei, die weder im Guten 
noch im Bösen Mass zu halten wissen: die Zunge, der 
Geistliche und das Weib. * — Es wird über die Vielfältig- 
keit der Zunge, gute und schlechte Geistliche gesprochen, 
von guten Weibern, dass unter dem Tadel der Weiber 
fleischliche Begierde zu verstehen sei.^ Auch andere Griindc 
werden angeführt, warum die Weiber der Hexerei mehr er- 
geben sind: a) weil sie leichtgläubig sind, und da der Teufel 
vornehmlich den Glauben verdirbt, so greift er sie gern an. 

b) Weil sie wegen der Flüssigkeit (fluxibilitas) ihrer Com- 
plexion für Eingebungen (revelationes) empfänglicher sind. 

c) Weil sie eine schlüpfrige Zunge haben und was sie un- 
rechtmässigerweise (mala arte) wissen, ihren Genossinnen 
nicht verschweigen und sich, da sie keine Kraft haben, ge- 
heim mittels Hexerei rächen.^ Die geringere Gläubigkeit 
des Weibes, die in der Schöpfungsgeschichte sich zeigt, wird 
auch auf etymologischem Wege bewiesen: „Dicitur enim foe- 
mina a fe et minus, quia semper minorem habet et servat 
fidem." Das Weib zweifelt von Natur aus leichter und ver- 
leuirnet früher den Glauben, und das ist die Grundursache 
der Hexen. Gehandelt wird ferner von der Eifersucht und 
Ungeduld der Weiber, dass beinahe alle Keiche durch Wei- 
ber zu Grunde gegangen, ohne die Weiber wäre die Welt 
ein Verkehr der Götter, u. s. w. 

2) Welcherlei Weiber sind vor andern dem Aberglauben 
und der Hexerei ergeben? 

Aus dem Vorhergehenden erhellt, dass es drei Laster 
sind, denen die Weiber vornehmlich ergeben sind: a) Unglaube, 
b) Ehrgeiz, c) Wollust, und zwar letzterer besonders. In dieser 
Beziehung wird in der Bulle eine siebenfache Hexerei ange- 
führt, wodurch sie 1) die Gemüther mit ungezügelter Liebe 
erfüllen oder mit unbändigem Hasse, 2) die Zeugungskraft 
verhindern, 3) die dazu nöthigen Glieder beseitigen, 4) die 
J^Ienschen durch ihre Gaukelkunst in Thiergestalten verwan- 
deln, 5) bei den Weibern die Empfängnisskraft zerstören, 
0) Frühgeburt verursachen, 7) die Kinder dem Teufel dar- 
bringen, abgesehen von den Thieren, Feldfrüchten, denen sie 
verschiedenen Schaden zufügen.'* 

1 ö. 'Jl. - S. Ö5. » S. yO. ' ö. 103. 



3. Der Ilexenhammer. 2o7 

7. Frage. Ob die Zauberer die Geiniither der Men- 
schen zur Liebe und zum Hasse reizen und diese inein- 
ander umwandeln können? 
Der Teufel kann die innern Gedanken der Menschen nicht 
sehen. Nicht alle unsere bösen Gedanken werden A-om Teu- 
fel angeregt, oft tauchen sie aus unserm freien Willen auf. ^ Der 
Teufel ist die mittelbare Ursache aller Sünden, indem er den 
ersten Menschen zur Sünde verführte, wodurch sieh die Neiffunc: 
dazu über das ganze Geschlecht verbreitete. Unmittelbar kann 
der Teufel durch Ueberredung wirken, und zwar theils un- 
sichtbarerweise, theils sichtbar, indem er den Zauberern in 
irgendeiner Gestalt erscheint.^ Innere Kräfte wirken auf 
körperliche, weil es in der Natur des Körperlichen liegt, durch 
Geistiges bewegt zu werden. Beweise sind: unsere eigenen 
Leiber, die durch Seelen in Bewegung gesetzt werden, fer- 
ner die Himmelskörper. 3 Hiernach können die Dämonen 
durch örtliche Bewegung den Samen sammeln, denselben ver- 
binden und verwenden. — Erörteruno; über Erscheinungen, 
Träume, die Phantasie; diese wird eine Schatzkammer aller 
Gestaltungen genannt.* Unter Zulassung Gottes kann der 
Teufel verschiedene Gestalten aus dieser Schatzkammer her- 
vorlocken \md dadurch verführen, Liebe und Hass erre- 
gen. Bei der Zauberei verleiht der Teufel den Zauberern 
und Hexen in Folge des Vertrags dieses Vermögen: daraus 
erklärt sich, dass Ehebrecher oft die schönsten Gattinnen be- 
seitigen und für ganz hässhche Weiber entbrennen. Wir ken- 
nen ein altes Weib, das hintereinander drei Aebte eines Klo- 
sters nicht nvir behexte, sondern sogar tödtete und den vierten 
auf ähnliche Weise verrückt machte. Sie gesteht es selbst 
und scheut sich nicht zu sagen: ich habe es gethan und thue 
es, und sie können nicht von der Liebe zu mir ablassen, weil 
sie so viel von meinem Kothe verzehrt haben, wobei sie die 
Quantität mit ihrem Arme anzeigt. Ich bekenne, dass sie 
noeli vorhanden ist (setzt Sprenger hinzu), weil wir noch 
nicht ermächtigt waren, die Sache zu untersuchen und Kache 
zu üben.^ Der Teufel reizt auf unsichtbare Weise auch 
durch Disposition, er macht durch Zureden die Flüssigkeiten 
geeignet zur Begierde u. dgl,^ — Folgt eine Anweisung, den 



' S. 106. 2 s. 107. ■' S. 109. » S. 111. 5 S. 113. « S. 113. 



238 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexen Verfolgung. 

abgeliaiulclten Gegenstand dem Volke in Predigten vorzutra- 
gen.^ — Darstellung der Beweisgrinide.^ 

8. Frage. Ob die Zauberer das Zeugungsvermögen 
und den Beischlaf, wie es in der Bulle gesagt wird, ver- 
hindern? 

Da die Menschen durch verschiedene Mittel die Zeugungs- 
kraft vernichten können, so kann es der Teufel, der mächtiger 
ist, als jene, um so mehr.^ Gott räumt ihm diese Macht 
ein, weil in diesem Punkte die Verderbtheit der Menschen 
grösser ist, als in den iibrigen Handlungen.* Aus Petrus 
de Palude werden fünf Weisen, durch die der Teufel die 
Berührung der Leiber hindern kann, angegeben: 1) indem er 
sich mit seinem angenommenen Leibe dazwischenlegt; 2) in- 
dem er geheime, ihm bekannte Kräfte von Dingen anwendet, 
wodurch er erhitzen oder erkalten machen kann; 3) dass er 
die Einbildungskraft so einnimmt, dass das Weib verhasst er- 
scheint; 4) dass er das membrum virile erschlaffen lässt; 
5) intercludcndo vias seminis ne ad vasa generationis descen- 
dat, vel ne ab eis recedat etc. ^ 

\et^ den übrigen Unflätereien, die als Zweifel vorgebracht 
wef 3n, wollen wir vorbeigehen. 

9. Frage. Ob die Hexen durch teuflische Künste im 
Stande seien , die membra virilia wirklich und thatsächlich 
oder nur durch gaukelhafte Vorspiegelung wegzuhexen? 

Es ist das erstere anzunehmen. «^ Bei der Erörterung 
der verschiedenen Gaukeleien des Teufels, womit er die Men- 
schen betrügt, wird auch erwähnt, dass der Teufel in ange- 
nommener Gestalt erscheinen kann und so als etwas gilt, 
was er eigentlich doch nicht ist. Zur Bestätigung dient ein 
Beispiel aus Gregor von Tours ^, wonach eine Nonne Salat 
ass, der aber, wie der Teufel selbst bekannte, nicht wirklicher 
Salat, sondern der Teufel in Form des Salates war.« 

Nebenfrage: Wie kann Bezauberung von natürlicher 

Impotenz unterschieden werden? 

Als Merkmale werden angegeben: 1) Es sind grössten- 

theils Ehebrecher und Hurer, denen die Impotenz aus Rache 

über ihre Treulosigkeit angehext wird; 2) ist die angehexte 



1 S. 114. 2 s. 118. 3 s. 123. " S. 124. * S. 125. 

ß S. 132. ^ Dialog. I. " S. 137. 



3. Der Hexenhammer. 239 

Impotenz nicht dauerhaft, es wäre denn, dass sie durch die 
Hexe nicht wieder beseitigt werden könnte. 

10. Frage. Ob die Hexen durch Gaukelei die Men- 
schen in thierische Gestalten verwandeln? 

Eine eigentliche Verwandlung eines Geschöpfs in ein an- 
deres kann im Grunde nur der Schöpfer selbst bewirken.^ 
Der Teufel kann aber die Phantasie der Menschen täuschen, 
so dass sie wirkliche Thiere zu sehen glauben. ^ So ver- 
wandelte Circe die Gefährten des Ulysses nicht in wirkliche 
Schweine.^ Der Teufel kann die Sinne täuschen.'* Wenn 
eine Thierverwandlung stattzufinden scheint, so ist die Er- 
scheinung Gaukelei, oder der Teufel steckt selbst in dem an- 
genommenen Körper und treibt vor dem Menschen sein 
Wesen. ^ 

Nebenfrage. Was von den Wölfen zu halten sei, 
welche Menschen angreifen oder Kinder aus der AViege 
rauben und fressen, ob dies auch durch Gaukelei von den 
Hexen geschehe? 
Dies geht bisweilen auf natürliche Weise zu, zuweilen ist 
es Gaukelei, bisweilen geschieht es durch Hexen. Bisweilen 
sind es natürliche Wölfe oder andere Bestien, die sich dem 
Menschen nahen, bisweilen sind sie von Dämonen Beses- 
sene, wie die, welche die 40 Kinder frassen, die den Prophe- 
ten Elisa verhöhnt hatten; zuweilen sind es Gaukeleien der 
Hexen. ^ 

11. Frage. Hebammen, die Hexen sind, vernichten 
die Frucht im Mutterleibe auf verschiedene Weise, bewir- 
ken eine Frühgeburt, und wo sie dies nicht thun, da ge- 
loben sie die geboruen Kinder dem Teufel. 

So behaupten die Kanonisten und Theologen; es ist 
noch hinzuzufügen, dass die Hexen, als Hebammen, das Kind 
auch fressen.'' Es sind uns Beispiele bekannt, dass Hexen 
Kinder fressen. Hexen haben uns selbst bekannt, dass die 
Hebammen dem katholischen Glauben am gefährlichsten und 
schädlichsten seien, denn wenn sie ein Kind nicht umbringen, 
so tragen sie es aus der Stube hinaus, als wenn sie ein Ge^ 



1 S. 141. ^ S. 143. ^ S. 145. " S. 147. ' S. 148. « S. 151, 
S. 151. 



240 Dritter Abschnitt: Periode der gericlitlichen Ilexenvcrfolgung. 

scliäft hätten, heben es in die Höhe und bringen es dem 
Teufel dar. 

12. Frage. Ob die göttliche Zulassung bei der Zau- 
berei nothwendig sei? 

Obschon Gott das Böse nicht will, lässt er es doch zu, 
weiren der Vollkommenheit des Universum. ^ Gott kann 
durch einzelne Uebel Gutes hervorrufen, so durch die Hexerei 
die Reinigung der Rechtgläubigen.^ 

Gott konnte der Crcatur nicht Unsündhaftigkcit verleihen, 
nicht aus Mangel an Macht, sondern wegen der UnvoUkom- 
menheit der Creatur. Der freie Wille im Menschen bringt 
es mit sich, dass der Mensch sündigen könne. ' 

13. Frage. Erklärung der doppelten Zulassung Gottes, 
nämlich: l)eim Siindigen des Teufels, des Urhebers alles 
Bösen, und dem Falle der ersten Aeltern, woraus die 
göttliche Zulassung der Zauberei sich ergibt.* 

14. Frage betrachtet den Ungeheuern Greuel der Hexen, 
welcher Gegenstand ganz gepredigt zxi werden verdient. 

Die Laster der Hexerei übertreffen alles Böse, was Gott 
bisher zugelassen hat, sowol in Betreff der Schuld als der 
Strafen ^ sowol wegen Verleugnung des Gekreuzigten, als auch 
wegen der Neigung zu Abscheulichkeiten. ^ 

Die Sünde ist tmi so grösser, je weiter sich der Mensch 
von Gott entfernt, da der Unglaube den Menschen am weite- 
sten von Gott abbringt, daher ist die Hexerei als Ketzerei 
die grösste Sünde, weil das ganze Leben eine Sünde wird. 

Die Hexen gehen einen Vertrag mit dem Teufel ein, wer 
aber bei den Dämonen Hülfe sucht, fällt vom Glauben ab. 
Denn niemand kann zwei Herrn dienen. '^ 

Die Hexen verdienen grössere Strafe als alle andern 
Lasterhaften.^ Die Strafe der Ketzer ist Kirchenbann, Ein- 
ziehung des Vermöo-ens inid Lebensstrafe. Jene sind härter 
zu bestrafen als Ketzer, weil sie auch Apostaten sind, und noch 
mehr, weil sie nicht aus Menschenfurcht oder Fleischeslust den 
Glauben ableugnen, sondern überdies dem Teufel huldigen 



1 >S. 157. ^ S. 161. 2 S. 1G4. ^ S. 165. * S. 172. 

•^ S. 176. ' S. 179. « S. 181. 



3. Der Hexenhammer. 241 

und mit Leib und Seele sich ergeben. Daher sie nicht wie 
bekehrte Ketzer mit immerwährendem Gefängniss, sondern 
mit dem Tode zu bestrafen sind, und zwar schon wegen des 
Schadens, den sie anrichten, sowol den Menschen als dem 
Vieh.i 

15. Frage erklärt, wie unschädliche Leute bisweilen 
wegen der Siinden der Hexen, bisweilen auch um ihrer 
eigenen Slinden willen behext werden. 

Es möge niemand befremden, wenn sonst unschädliche 
Leute ATCgen der Sünden der Hexen bestraft werden, ist 
ja auch der Sohn David's, der im Ehebruche erzeugt worden, 
frühzeitig gestorben.^ — Ausser andern Beispielen wird avicli 
angeführt, wie die Pest eine Menge Volks hinwegraflfte , weil 
es David hatte zählen lassen. Einer muss für alle und alle 
für einen leiden, zum Beweise, welch ein Greuel eine solche 
Sünde sei, und zur Warnung, nicht zu sündigen, und um Ab- 
scheu davor zu erregen.^ 

16. Frage erklärt die Wahrheit der frühern Erörte- 
runo; durch Yerci;leichung der Hexerei mit andern Arten 
von Aberglauben. 

Es sind 14 Arten von Aberglauben, die theils mit Hülfe 
des Teufels, theils ohne ihn verübt werden.* 

Es werden alle möglichen Arten von Mantie aufgezählt, 
als: Nigromantie, Geomantie, Hydromantie, Aeromantie, Pyro- 
mantie und alle Sorten von Wahrsagerei. Alle solche 
Künste, die selbst mit Anrufung des Teufels geübt werden, 
sind nicht zu vergleichen mit der Zauberei der Hexen, da jene 
es nicht auf die Beschädigung der Menschen, des Viehs und 
der Feldfrüchte abgesehen haben , sondern nur auf das Vor- 
herwissen der Zukunft.^ 

17. Frage erklärt die 14. Frage, im Vergleich der 
Schwere des Verbrechens mit den Sünden der Dämonen. 

DieGrösse jenes Verbrechens der Zauberei ist so ungeheuer, 
dass sie die Sünden und den Fall der bösen Engel übersteigt, 
und der Grösse der Verschuldung muss auch die Grösse der 
Strafe entsprechen.*' Obschon die Sünde des Teufels unver- 
zeihlich ist und zwar nicht wegen der Grösse des Verbrechens, 



1 S. 182. •' S. 183. 3 S. 184. * S. 189. ^ s. 195. " S. 19G. 

Boskoff, Geschichte üca Teufels. II 16 



242 Dritter Al)scbnitt: Periode der gerichtlichen Ilexenverfolgung. 

da der Teufel nur im Stande der Natürlichkeit, nicht im 
Stande der Gnaden erschaffen ist; so simdigen die Hexen weit 
schwerer als der Teufel, weil sie aus der Gnade fallen, indem 
sie den Glauben ableugnen, den sie in der Taufe angenommen 
haben. ^ Die Verschuldung des Teufels ist viel kleiner als 
die der Hexen, weil vor jenem noch keine Bestrafung eines 
Vergehens, die er missachtet oder gefürchtet hätte, stattge- 
funden hat; die Hexen aber haben so viele Strafen, die an- 
dere Hexen vorher getragen, ja kirchliche Strafen, die sie selbst 
betroffen haben, die Strafe des Teufels bei Gelegenheit seines 
Falls, zur Warnung. Sie verachten jedoch alles dieses luid be- 
gehen nicht die kleinsten Todsünden wie die übrigen Sünder 
aus Schwäche oder Bosheit, die aber nicht zur Gewohnheit 
geworden ist, sondern die Hexen sündigen aus tiefster Bos- 
heit des Herzens und sind den schrecklichsten Lastern er- 
geben.^ 

Der Teufel, der einmal aus dem Stande der Unschuld ge- 
fallen, ist niemals restituirt worden. Der Sünder ist aber 
durch die Taufe in den Stand der Unschuld restituirt worden, 
aber wieder herausgefallen und tief gesunken. Insbesondere 
aber die Hexen, wie deren Laster beweisen. Der Teufel sün- 
digte blos gegen den Schöpfer, wir aber, und vornehmlich die 
Hexen, sündigen gegen den Schöpfer und Erlöser. ^ 

18. Frage. Die Art zu predigen gegen die fünf Be- 
weise der Laien, durch die sie zeigen wollen, dass Gott 
dem Teufel und den Zauberern keine so grosse Macht ver- 
leihe, um solche Bezauberungen anzuthun. 

Ein Prediger muss vorsichtig sein gegeniiber gewissen 
Beweisgründen der Laien oder auch mancher Sachverständi- 
ger, die insofern das Dasein der Hexen leugnen, dass sie 
zwar die Bosheit und Macht des Teufels, aus eigenem Triebe 
derlei Uebel zuzufügen, anerkennen, aber die göttliche Zulas- 
sung, und dass sie wirklich zugefügt werden, leugnen. 

Die Beweisgründe, dass Gott es nicht zulasse, dass es 
also auch keine Hexerei in der Welt gebe, sind fünffach: 
1) Gott kann den Menschen seiner Sünden wegen strafen und 
straft ihn auch mit dem Schwerte, Hunger, Sterblichkeit, mit 



1 S. 196. 2 S. 197. 3 y. 197. 



3. Der Hexentammer. 243 

unzähligen und verschiedenen Krankheiten, daher er nicht 
nöthig hat, noch andere Strafen hinzuzufügen, und sie also 
auch nicht zulässt. ^ 2) Wenn es wahr wäre, dass der Teufel 
die Zeugungskraft verhindern oder bewirken könne, dass ein 
Weib nicht empfange und, wenn sie empfängt, abortire, oder 
das Geborene tödten könne, so würde er die ganze Welt ver- 
nichten, und die Wirksamkeit des Teufels wäre grösser als 
das Werk Gottes, das Sakrament der Ehe. 3) Gebe es Hexe- 
rei, so müssten einige Menschen um ihrer Sünden willen vor 
andern behext werden, sonach die grössern Sünder mehr be- 
straft werden; dies ist aber falsch, wie man bisweilen au 
rechtschaffenen Menschen und an unschuldigen Kindern sieht, 
die für behext av;sgegeben werden. 4) Wenn jemand etwas 
verhindern kann, es aber nicht thut, so ist anzunehmen, dass 
es mit seinem Willen geschehe. Da Gott im höchsten Masse 
gut ist, kann er das Böse nicht wollen, kann also auch nicht 
zulassen, dass es geschehe, da er es verhindern kann. 5) Die 
Prediger, welche gegen die Hexen predigen, und die Richter, 
die gegen sie vorgehen, würden wegen des Zornes der Hexen 
niemals vor diesen sicher sein. — Die Gründe dagegen sind 
aus der 1. Frao;e dieses ersten Theils zu nehmen und ist dem 
Volke zu zeigen: dass Gott das Böse zwar zulasse, aber nicht 
wolle, und zwar lasse er es zu wegen der Vollkommenheit 
des Ganzen.^ Es wäre der göttlichen Weisheit nicht an- 
gemessen, die Bosheit des Teufels ganz zu hindern, vielmehr 
ist es gemäss, sie zuzulassen, soweit sie zur Vollkommenheit 
des Ganzen nothwendig ist, obschon sie stets durch gute En- 
gel beschränkt wird, dass nicht so grosser Schaden gestiftet 
werde, als der Teufel möchte. Ebenso wird der böse Mensch 
nicht gehindert, aus freiem Willen zu handeln, nämlich den 
Glauben zu verleugnen, sich dem Teufel zu ergeben. Gott 
selbst, durch beides am meisten beleidigt, lässt doch die Hexe 
thun, was sie will, den Glauben verleugnen, sich dem Teufel 
ergeben, den Thieren und Früchten schaden.^ Durch das 
Böse, was der Teufel mittels der Hexen anrichtet, wird jener 
am meisten gequält, da es gegen seinen Willen zur Ehre des 
göttlichen Namens, zur Förderung des Glaubens, zur Läute- 
rung der Auserwählten und zur Häufung von Verdiensten 

' S. 200. 2 s_ 202. 3 S. 203. 

IG* 



244 Dritter Abschnitt: Periode der gcrichtlicheu Ilexenvcrfolgung. 

ffereichen miiss. Der Teufel und seine Wirksamkeit ist nicht 
grösser als die göttliche Macht, da er ohne göttliche Zulas- 
sung nichts vermag. Dass die Hexen das Zeugungsvermö- 
gen und den Beischlaf hindern können, erklärt sich aus der 
Erbsiinde, die sich von der Schidd der ersten Aeltern herleitet 
und durch jenen Act fortgepflanzt wird.^ Der Teufel ver- 
sucht lieber die guten als die bösen Menschen, weil er 
diese ohnehin schon besitzt, jene aber erst unter seine Herr- 
schaft zu bi'ingen trachten muss. ^ 

Zum Schlüsse des ersten Theiles wird noch die Ant- 
wort gegeben auf die Fragen: 1) warum die Hexen nicht reich 
werden ? 

Weil sie dem Teufel zu Gefallen und zur Schande Got- 
tes um den bilho-sten Preis zu haben sind und nicht durch 
Reichthum auffallen wollen. 

2) Warum sie ihren Feinden nicht schaden? 

Weil ein guter Engel zur Seite steht, der die Hexerei 
verhindert. ^ 

Der zweite Theil des „Hexenhammers" enthält 2 Fragen : 

1. Fraofe. Wem kann ein Zauberer nicht schaden? — 
wird in 16 Kapiteln erörtert. 

2. Frage. Wie ist die Hexerei aufzuheben, und wie 
sind die Behexten zu heilen? — in 8 Kapiteln. 

1. Frage handelt zunächst von den Präservativmitteln. 

Gute Engel gewähren nicht immer Schutz gegen Hexerei, 
denn es ist schon gezeigt worden, dass selbst unschuldige 
Kinder derselben ausgesetzt sind, und dass fromme Menschen 
vielfach von Dämonen zu leiden haben, wie z. B. Hiob. 

Drei Arten von Menschen sind vor Hexerei sicher durch 
Gottes Segen: 

1) Die Gerichtspersonen, die wider sie das Recht pflegen. 

2) Die Geistlichen, die durch den Gebrauch der kirch- 
lichen Mittel, als: Besprengen mit AVeihwasser, durch 
Nehmen geweihten Salzes , durch den Gebrauch zu 
Maria Reinigung geweihter Kerzen und der am Palm- 
sonntag geweihten Zweige sich verwahrt haben, womit 
die Kirche exorcisirt, um die Macht des Teufels zu 
mindern. 



1 S. 204. = S. 205. 3 s. 209. 



3. Der Hexenbammer. 245 

3) Die durch heilige Engel auf verschiedene unzählige 
Weisen ganz besonders begi'instigt sind. ^ 

In Bezu«: auf die obrio^keitlichen Personen wird durch 
eine Reihe von Thatsachen der Beweis geliefert, dass sie be- 
sonders geschützt wenlen, da alle Obrigkeit von Gott ist. Die 
Ki'inste der Hexen versagen, wenn diese von der Obrigkeit 
eingefangeu sind. Dazu Beispiele ^. 

Bestätigende Thatsachen aus der Praxis der Inquisitoren 
von dem Schutze des Weihwassers ^, geweihter Kerzen, gewis- 
ser Kräuter, des geweihten Salzes.'* Es wird bemerkt, dass 
manche, aber nicht alle durch heilige Engel gegen Hexerei 
geschützt werden, dass vornehmlich bei einigen ihre Keusch- 
heit des besondern Schutzes sich erfreut. ^ Als Beispiele werden 
angeführt der heilige Serenus ^, der heilige Equitius, der von 
einem Engel castrirt wird. '' Der heilige Hellas, der 300 Non- 
nen um sich versammelt hatte, w-urde in der Einode, in die 
er sich gefliichtet hatte, auf die angegebene Weise operirt, 
worauf er zu den trauernden Frauenzimmern (ad lugentes foe- 
minas rediit) zurückkehrte und noch 40 Jahre unter ihnen 
fortlebte. — Der heilige Thomas des Dominicanerordens erhält 
von heiligen Engeln einen Keuschheitsgürtel.'* 

Erstes Kapitel. Von den verschiedenen Weisen, wo- 
durch die Teufel mittels der Hexen die Unschuldigen an sich 
ziehen zur Förderung des Unglaubens. 

Erste Weise: durch Verdruss über erlittenen zeitlichen Ver- 
lust. Der Teufel lässt ihnen durch die Hexen so viel Schaden 
zufügen, bis die Beschädigten sich gleichsam genöthigt sehen, 
sich bei den Hexen liaths zu erholen, denselben sich unter- 
werfen und schliesslich selbst die Hexerei lernen. — Mehrere 
Beispiele, wo Weiber wegen Behexung der Hausthiere, der 
Milch u. dgl. sich an Hexen gewendet haben. '■* Die Ilexen- 
richter erfuhren, dass die Hexen für die Enthexung nach der 
Aussage der Inquisiten oft nur Geringfügiges zu leisten ge- 
habt, womit zugleich die Einweihung in die Hexerei zu be- 
ginnen pflegt, als: bei Erhebung des Venerabile auf die Erde 
spucken, die Augen schliessen, gewisse Wörter sagen, z. B. 



1 S. 212. 2 S. 211. 3 s. 215. * S. 21(]. ^ S. 220. « S. 221. 
ö. 222. s S. 223. " ö. 229. 



24G Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlicben Hexcnverfolgung. 

während der Priester das Volk segnet mit den Worten : „Do- 
minus vobiscum", beizufügen: „vulgari sermone kehr mir die 
Zunge im Arss umb" u. dgl. ^ 

Die zweite Weise ist durch Aufreizung zur sinnlichen 
Wollust. Folgen Beispiele, dass der Teufel besonders gerne 
fromme Jungfrauen und Mädchen zu verführen beflissen ist. 

Dritte Weise durch Traurigkeit und Armuth, beson- 
ders bei verführten, von ihren Liebhabern verlassenen Mäd- 
chen, die sich aus Rache der Hexerei ergeben. Folgen Bei- 
spiele. ^ 

Zweites Kapitel. Von der Weise, die Hexenprofession 
(Hexenhandwerk) zu betreiben. 

Das Hexenhandwerk beruht auf einem Bündniss mit dem 
Teufel und wird auf verschiedene Weise ausgeübt. Es gibt 
drei Sorten von Hexen: 1) solche, die beschädigen, aber nicht 
wieder helfen können. 2) Helfende, die kraft eines besondern 
Uebereinkommens mit dem Teufel nicht schaden. 3) Schädi- 
gende, die aber wieder helfen können. Unter den Schädigen- 
den sind vornehmlich herauszuheben diejenigen, welche Kinder 
zu fressen pflegen^, die auch anderwärtigen unzähligen Scha- 
den anrichten, Hagel, Sturmwinde und Gewitter hervorbringen, 
Menschen und Thiere unfruchtbar machen, imd die Kinder, 
die sie nicht selbst fressen, dem Teufel opfern oder sonstwie 
umbringen. Dies bezieht sich aber nur auf die ungetauften 
Kinder, die getauften fressen sie nur unter Gottes Zulassung. 
Sie pflegen auch Kinder, die sich beim Wasser aufhalten, un- 
gesehen in Gegenwart der Aeltern hineinzuwerfen, Pferde unter 
den Reitern scheu zu machen, sie fliegen von Ort zu Ort durch 
die Lüfte, entweder leiblich oder in der Einbildung, kön- 
nen die Gemüther der Richter und Vorsitzer für sich umstim- 
men, dass diese ihnen nicht zu schaden vermögen, können sich 
und andere während der Folter verschwiegen machen, wissen 
die Hände und Herzen der Häscher vor Furcht zittern zu 
machen, manches Zukünftige mittels Ofi'enbarung des Teufels 
andern vorherzusagen und Verborgenes zu ofienbaren. Sie 
sehen das Abwesende, als ob es gegenwärtig wäre, können 
unbändige Liebe oder eben solchen Hass in den Gemüthern 
hervorbringen, wenn sie wollen, Menschen oder Vieh vom 



> S. 230. 2 S. 233 fg. ^ S. 236. 



3. Der Hexenhamraer. 247 

Blitze tödten lassen, die Zeugungskraft oder das Begattuugs- 
vermögen nehmen, Frühgeburten bewii-ken, die Kinder im 
Mutterleibe durch blosse Berührung der Schwangern umbrin- 
gen, durch blossen Anblick Menschen und Vieh behexen und 
tödten, ihre eigenen Kinder dem Teufel opfern, kurz alles 
Böse allein verüben, wenn Gottes Gerechtigkeit es zulässt. 
Allen ist aber gemein, mit dem Teufel abscheuliche Unzucht 
zu treiben.^ 

Die Art, das Bündniss mit dem Teufel zu schliessen, ist 
doppelt: die eine feierlich, die andere ein Privatvertrag, der 
zu jeder Stunde eingegangen werden kann. Ein feierlicher 
Vertrag wird geschlossen, wenn die Hexen sich zu einer ge- 
wissen Versammlung an einem bestimmten Tage einfinden, wo 
sie den Teufel in angenommener Menschengestalt sehen, der 
sie zur Treue oreo;en ihn ermahnt und ihnen dafür zeitliches 
Glück und ein langes Leben verspricht, worauf die Hexen die 
aufzunehmende Novize vorschlagen. Findet der Teufel diese 
willig, den christlichen Glauben zu verleugnen, der dicken 
Frau, wie sie die heilige Jungfrau Maria nennen, und den 
heiligen Sakramenten zu entsagen, dann reicht ihr der Teufel 
die Hand, und sie geloben sich Treue. Nach dem Gelöbniss 
verlangt aber der Teufel noch überdies die Huldigung (Ho- 
magium), die darin besteht, dass der oder die Neuaufgenom- 
mene ihm mit Leib und Seele für ewig anzugehören sich 
verpflichtet und ihm nach Möglichkeit auch andere beiderlei 
Geschlechts zuzuführen verspricht. Schliesslich gebietet ihnen 
der Teufel, gewisse Salben aus den Knochen und Gliedern, 
vornehmlich von getaviften Kindern, zu bereiten, durch welche 
sie mittels seiner Hülfe alles was sie wollen bewirken kön- 
nen sollen.^ — Wird durch Beispiele aus der Praxis der In- 
quisiten bestätigt. 

Zur Erläuterung der zu leistenden Huldigung ist zu be- 
merken, warum und wie verschieden diese geschieht. Denn 
obschon der Teufel vornehmlich fordert, die Majestät Gottes 
zu beleidigen, seine ihm gehörige Creatur an sich zu reissen, 
um deren künftiger Verdammung gewiss zu sein, an der 
ihm besonders gelegen ist; so haben wir doch oft gefunden, 



S. 236 fg. - S. 238. 



248 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

dass diese Huldigung sammt dem Gelöbniss nur auf gewisse 
Jahre geleistet worden ist. Das Gelöbniss bezieht sich auch 
entweder auf gänzliche oder nur theilweise Ableugnuug des 
Glaubens. Bei letzterer sind gewisse, den Gesetzen der Kirche 
zuwiderlaufende Gebräuche zu beobachten, wie: Sonntags zu 
fasten, am Freitage Fleisch zu essen, gewisse Verbrechen in 
der Beichte zu verschweigen u. dgl. m. Die Huldigung selbst 
besteht in der Uebergabe des Leibes und der Seele. ^ 

Da nur Gott, aber nicht der Teufel das Innerste des Her- 
zens der Menschen kennt, dieser durch Vermuthungen zu der 
Kenntniss gelangt, so sucht der schlaue Feind eine Novize, 
die er beim Angriffe schwierig findet, durch Schmeicheleien 
zu gewinnen, indem er sie zunächst zu Geringem und allmählich 
zu Grösserm zu verleiten sucht. Der Teufel bestimmt eine 
gewisse Anzahl von Jahren, um zu erforschen, ob sie ihm mit 
Leib und Seele ergeben sei. Merkt er innerhalb dieses Zeit- 
raums, dass die Novize ihm nur mit dem Munde, nicht auch 
mit dem Herzen ergeben, dass ilir durch Vermittelung eines 
guten Engels die göttliche Barmherzigkeit günstig sei, so 
verwirft er sie und sucht sie zeitlichen Unglücksfällen aus- 
zusetzen, dass sie aus Verzweiflung seine Beute wird.- Alle 
Hexen, die wir verbrennen Hessen, gestanden, dass sie durch 
Plagen und Prügel vom Teufel zum Hexen gezwungen wur- 
den, was ihre geschwollenen und bläulichen Gesichter bestä- 
tigten, und ebenso, dass sie nach dem abgefolterten Bekennt- 
niss sich selbst zu entleiben suchtön, und zwar auf Einjxe- 
bung des bösen Feindes, damit sie nicht durch Busse mid 
Beichte die göttliche Gnade erlangen. Die ihm nicht v/illfährig 
waren, sucht er schliesslich durch Sinnenverwirrung und einen 
schrecklichen Tod zur Verzweiflung zu bringen. ^ Durch eine 
gewisse Waltpurgis, die wegen der Hexerei der Verschwiegen- 
heit besonders merkwiirdig war, ist bekannt geworden, dass 
die Hexen diese hartnäckige Verschwiegenheit während der 
Tortur mittels eines erstgeborenen Knäbleins, das im Ofen 
gekocht wird, sich verschaffen.* 

Die Teufel können verborgene und zukünftige Dinge wis- 
sen. 1) Sie sind von Natur scharfsinnig in Bezug auf mensch- 



• S. 243. - S. 244. ' S. 245. * S. 246. 



3. Der Hexenhammer. 249 

liehe Handlungen, aus denen sie ohne Rede die Gedanken 
abmerken. 2) Aus langer Erfahrung und durch Ofi'enbarung 
höherer Geister wissen sie mehr als M'ir. 3) Infolge der 
schnellen Bewegung können sie, was im Oriente vorgeht, im 
Occidente vorher wissen. 4) Sie können mit Gottes Zulas- 
sung Krankheiten herbeiziehen, die Luft vergiften, Hungers- 
noth bewirken und dieselbe vorhersagen. 5) Sie können 
durch Zeichen den Tod sicherer vorhersagen als der Arzt 
durch den Urin und den Puls. 6) Weü sie aus äussern Zei- 
chen auf das, was der Mensch in der Seele hat oder haben 
wird, besser schliessen, als der kliigste Mann. 7) Weil sie 
die Thaten und Schriften der Prof)heten besser als die Men- 
schen kennen, und da von jenen die zukünftigen Dinge ab- 
hängen, können sie viel davon vorhersagen. Daher es nicht 
zu wundern ist, wenn der Teufel das Lebensende des Menschen 
weiss, besonders wenn es durch Yerbreununo: herbeioreführt 
wird, die er selbst verursacht. ^ — Folgen Beispiele. 

Drittes Kapitel. Von der Art, wie die Hexen von 
einem Ort zum andern fahren. 

Wenn von einigen gesagt wurde, die Hexenflihrten ge- 
schehen nur in verschrobener Phantasie, so ist diese Meinuno- 
als ketzerisch zu verwerfen ; sie ist gegen den Sinn der Heiligen 
Schrift und gereicht der heiligen Kirche zu imerträglichem Scha- 
den, da ihr zufolge viele Jahre hindurch der weltliche Arm ver- 
hindert wurde, solche Hexenleute zu bestrafen, dass sie zu einer 
solchen Menge herangewachsen sind, und ihre Ausrottung nicht 
mehr möglich ist. Dass die Hexenfahrten leiblich geschehen, 
wird auf verschiedene Weise bewiesen. Wäre dies nicht mög- 
lich, so müsste es Gott entweder nicht zulassen, oder der 
Teufel es zu bewirken nicht im Stande sein ; allein wo grössere 
Dinge durch Gottes Zulassung vor sich gehen, da können auch 
kleinere geschehen; Grösseres ist aber an Kindern und Er- 
Avachsenen oft geschehen, die durch den Teufel von einem 
Orte zum andern gebracht worden sind.^ Den Beweis o-eben 
die Wechselkinder (Kielkröpfe). Mit Gottes Zulassung 
schafft der Teufel ein Kind anstatt des andern herbei. Solche 
Wechselkinder heulen beständig, nehmen nicht zu und wenn vier 
bis fünf sie säugten, sind aber ausserordentlich schwer. Solches 

1 S. 247. ■ S. 251. 



250 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

erlaubt Gott wegen der Sünde der Aeltern. — Kommen Bei- 
spiele, wo erwachsene Leute durch den Teufel weggefiihrt 
werden. ^ Die Magier, welche Nigromantici hei.ssen, werden 
oft vom Teufel in die weiteste Ferne geführt. Ein Schüler 
wird von einem zu veranstaltenden Biergelage durch den 
Teufel we2;Gi;ef ührt. ^ Auch schlafend können Leute wefjge- 
führt werden, so die Nachtwandler. Die Teufel sind viel- 
fach unterschieden: Einige, aus der niedrigem Ordnung der 
Engel, können niemand schaden, sondern üben blos Necke- 
reien. Andere sind Licuben und Succuben, welche die Men- 
schen durch Unzucht verunreinigen; noch andere sind so wii- 
thend, dass sie die menschlichen Leiber in Besitz nehmen, 
durch Verzerrungen quälen, auch bisweilen umbringen. ^ Man 
darf also nicht sagen, dass die Hexen nicht leiblich fortgefiihrt 
werden. Hat nicht der Teufel unsern Erlöser fortgefidnt? 
Die natürliche Kraft des Teufels übersteigt alle körperlichen 
Dinge, ihr ist keine irdische Kraft zu vergleichen, selbst die 
der guten Engel ist nicht grösser; obschon er alles über- 
windet, so zieht er doch gegenüber den Verdiensten der Hei- 
ligen den kiirzern. ■* 

Die Vorbereitung zur Hexenfahrt ist diese: nach Anwei- 
sung des Teufels bereiten sie aus den Gliedern von Kindern, 
die vor der Taufe von ihnen getödtet worden, eine Salbe, mit 
der sie einen Sitz oder ein Holz bestreichen, worauf sie sofort 
in die Luft geführt werden , und zwar sowol des Tags als bei 
Nacht, sichtbarer- oder unsichtbarerweise, wie sie wollen.* 
Der Teufel kann aber auch bewirken, dass die Hexen ohne die 
Salbe auf Thieren, die eigentlich keine wirklichen Thiere sind, 
sondern Dämonen in solcher Gestalt, ja selbst ohne alle äus- 
sere Mittel sichtbar ausfahren können. *' Wird durch Beispiele 
erhärtet zur Widerlegung derjenigen, welche diese Hexen- 
fuhrten ganz leugnen oder flir blosse Einbildung und Hirn- 
gesj^inste ausgeben. Es hätte nichts zu bedeuten, wenn die- 
jenigen, welche alle Zauberei der Hexen, deren sich der Teufel 
als AVerkzeuge bedient, luid die jenen mit Recht als Schuld 
angerechnet wird, für eiteln Wahn erklären , ihren Irrthum f i'ir 
sich behielten; indem sie sich aber erfrechen, auch andere da- 



> ö. 252. '' S. 253. ' S. 254. ^ S. 255. » S. 257. « S. 258. 






3. Der Hexenhammer. 251 

mit anzustecken und die Hexen für imschuldig zu halten, 
verursachen sie deren Vermehruno; und die Verminderung des 
Glaubens, daher dem Schöpfer zur Sehmach Hexen öfter un- 
gestraft bleiben. ^ Aus Hexenbekenntnissen geht allerdings 
hervor, dass diese nicht nur thatsächlich, sondern auch in der 
Einbildung ausfahren können. Wenn sie es nämlich nicht 
leiblich thun wollen, aber doch alles erfahren möchten, was 
auf der Hexenversammlung vor sich geht, so legen sie sich 
im Namen aller Teufel auf die linke Seite ins Bette, wo dann 
ein gelblicher Dampf ihrem Munde entsteigt.^ 

Viertes Kapitel. Von der Weise, in der sich die Hexen 
den Incuben (Teufeln in Männergestalt) hingeben. 

Hierbei ist sechserlei zu bemerken: 1) der Leib, den der 
Teufel annimmt, besteht aus verdichteter, der Erde nahekom- 
mender Luft, die aber die Eigenthümlichkeit der Luft behält. 
Indem sie diese Luftverdichtung hervorbringen können mit 
Hiilfe dicker Dünste, die aus der Erde aufsteigen, haben sie 
die bewegende Kraft und verhalten sich zu ihren geformten 
Leibern wie der Schiffer zu seinem Schiffe. Die Teufel kön- 
nen sprechen, obschon sie keine eigentlichen Sprechwerkzeuge 
haben, sehen, obschon sie keine wirklichen Augen haben, 
hören u. s. w. ^ 

Zwischenfrage: Auf welche Weise die Hexen in neue- 
ren Zeiten mit den Incuben Unzucht treiben und dadurch 
vermehrt werden? 
Incuben und Succuben sowie Hexen, die Menschen und 
Vieh Schaden bringen, hat es immer gegeben, wie jedermann 
weiss, der in der Geschichte bewandert ist; in alten Zeiten 
wurde den Weibern gegen ihren Willen von den Incuben nach- 
gestellt, wie dies vonNider in seinem „Formicarius" und in dem 
Buche „De universali bono" von Thomas Brabantinus ffezeio:t 
worden ist. Dagegen unterscheiden sich die modernen Hexen 
dadurch, dass sie sich freiwillig der Unzucht mit dem Teufel 
hingeben, wie alle freiwillig bekannt haben, die wir Ilexen- 
richter dem weltlichen Arme zum Einäschern übergeben ha- 
ben, deren binnen fünf Jahren 48 waren. Dasselbe bekannten 
diejenigen, die unser Mitbruder, der Inquisitor Cumanus, gericht- 
lich untersuchte, der innerhalb eines Jahres 41 verbrennen liess.* 



1 S. 259. 2 S. 261. 3 s. 265 squ. <> S. 269. 



252 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Die Frage: ob die Zauberer selbst aus solcher Unzucht eut- 
springen wird ^ bejaht. Menschen, die von Hexen und Teu- 
feln erzeugt werden, sind stärker. 2) Ist der Act immer cum 
infusione seminis verbunden. 3) Wählt der Teufel gern hohe 
Feste dazu. Nach den Bekenntnissen der Hexen können sie 
an heiligen Orten derlei nicht ausiiben. 4) Wird der Act 
sichtbar bej2;anii;en. Der Incubus ist zwar der Hexe, aber nicht 
andern Menschen sichtbar, wenigstens nicht innner. Bei 
Eheweibern sind die Incuben den Männern oft sichtbar, die 
sie aber für andere Männer halten, wo bei einem Angriffe 
der Teufel dann verschwunden ist, wonach sie von den Wei- 
bern ausgelacht werden.^ Nicht nur solche Weiber, die aus 
solcher Unzucht entspringen, oder die bei ihrer Geburt von 
den Hebammen dem Teufel verlobt worden sind, überfällt 
dieser, sondern auch andere Frauenzimmer, besonders heilige 
Jungfrauen, die er sich durch Hexen verkuppeln lässt. ^ 

Fünftes Kapitel. Wie die Hexen der heiligen Sakra- 
mente der Kirche zur Hexerei sich bedienen u. s. w. ^ Zum 
Beispiel, wenn sie ein Wachsbild eine Zeit lang unter die Al- 
tardecke stecken, oder durch das heilige Chrisma einen Faden 
ziehen u. dgl. ^ Sie pflegen auch die heiligen Jahresfeste, 
z. B. den Advent, zu ihren Hexereien zu misbrauchen, u. dgl. m. 

Sechstes Kapitel. Wie die Hexen das Zeugungsver- 
mögen hemmen. 

Siebentes Kapitel. De modo quo membra vii'ilia au- 
ferre solent. ^ 

Achtes Kapitel. Wie die Hexen die Menschen in 
Thiergestalten verwandeln. '^ Der oft erwähnte Canon Epi- 
scopi 2^^ qu. 5, sagt : „Quisquis credit posse fieri aliquam crea- 
turam aut in melius aut in deterius transmutari, aut transfor- 
mari in aliam speciem vel in aliam siniilitudiuem nisi ab ipso 
Creatore, qui onmia fecit, procid dubio inlidelis est". Nach 
der sophistischen Erklärung des „Hexenhanuners" sind hier 
creaturac perfectae, wie der Mensch, der Esel u. s. w., von den 
imperfectis, wie Schlangen, Frösche, Mäuse u. s. w., zu unter- 
scheiden, ^welche letztere auch aus der Verwesung entspringen 



' S. 275. - S. 27G. » ö. 27G. ' S. 277. ^ S. 280. " S. 28G. 
' S. 296. 



3. Der Plexenhammer. 253 

können. ^ Die Verwandlnng der ersten Ordnung ist nur eine 
accidentalis, sie beruht auf Schein. So verhält es sich mit den 
verwandeken Gefährten des Ulysses, den Gefährten des Dio- 
medes. Sie schienen nicht nur andern, sondern auch sich 
selbst verwandelt zu sein. So verhält es sich auch mit Prä- 
stantius, der sich erinnerte, als Pferd Getreide in die Mühle 
getragen zu haben. Aehnlich Nebukadnezar, der wirklich wie 
ein Ochse Heu frass. 

Was die unvollkommenen Thierc betrifi't, so kann der 
Teufel die Verwandlung unter göttlicher Zulassung be- 
wirken. ^ 

Neuntes Kapitel. Wie die Teufel, wenn sie solche 
gauklerische Verwandlungen bewirken, den Leuten in den 
Leibern und Köpfen, ohne sie zu verletzen, stecken. — Wo 
die Teufel wirken, da sind sie auch, also auch wo sie die 
Phantasie oder die Innern Vermögen der Menschen verwir- 
ren, miissen sie gegenwärtig sein. Mit Zulassung Gottes kön- 
nen die Teufel in unsere Leiber kommen, und von da auch 
auf die inneren Vermögen wirken, die mit den leiblichen Or- 
ganen verknüpft sind, indem sie Eindriicke auf dieselben her- 
vorbrinsfen. So können sie aus dem Gedächtniss, das im 
Hinterkopfe sitzt, das Gebilde eines Pferdes nach dem mitt- 
lem Kopfe bewegen, wo die Einbildungskraft ihre Zelle hat, 
und sonach auch in den Vorderkopf, wo der sensus commu- 
nis haust, und dies so schnell, dass solche Gestalten für 
wirkliche gehalten werden. Dies alles verursacht keine Kopf- 
schmerzen. — Der Unterschied solcher Begebenheiten von gött- 
lichen Wundern.^ — Einige Geschichten zur Erhärtung. 

Zehntes Kapitel. Wie die Teufel durch Mitwirkung 
der Hexen bisweilen Menschen leibhaftig besitzen. 

Die Seele des Menschen kann der Teufel eigentlich nicht 
bewohnen, wol aber den Leib, und zwar durch die Todsünde, 
wodurch der Mensch dem Teufel verfällt, oder auch im 
Stande der Gnade.* Beides kann unter Gottes Zulassung 
auf Betrieb der Hexen geschehen. Zuweilen wird der Mensch 
besessen nach seinem eigenen Verdienste, oder wegen eines 
leichten Vergehens von ihm selbst oder von einem andern, 



S. 297. 2 y. 30Q f^, 3 g, 3^7, 4 g. 314. 



254 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

oder wegen einer grossen Siinde. ^ — Verschiedene Geschichten: 
Nach dem „Dialogus Sevcri" treibt ein fronnncr Pater mittels 
Briefen den Tenfel aus. Derselbe, von Hochmuth besessen, 
-wird auf seine eigene Bitte durch fünf Monate zur Demüthi- 
gung vom Teufel besessen. Nach dieser Zeit wird er vom 
Teufel und vom Hochmuth verlassen, u. dgl, m.* 

Elftes Kapitel. Wie die Hexen alle Arten von Krank- 
heiten verursachen können. 

Zwölftes Kapitel. Wie sie die Leute mit allerlei Ge- 
brechen plagen. 

Folgen lauter „Res gestae". 

Zum Schlüsse wird behauptet, dass Hexen durch den 
blossen Anblick die Kichter behexen können. ^ 

Dreizehntes Kapitel. Wie die hexenhaften Hebammen 
grossen Schaden anrichten, indem sie die Kinder entweder 
umbringen oder dem Teufel geloben. 

Vierzehntes Kapitel. Wie die Hexen dem Vieh ver- 
schiedenen Schaden beifuoren.'* 

Die Hexen stossen ein Messer in die Wand, nehmen ein 
Gefäss zwischen die Knie, rufen dann ihren Teufel herbei, 
dass er ihnen Milch verschaffe, der melkt die Kuh und die 
Milch fliesst angeblich von dem Messer herab. ^ Auch Wein 
können die Hexen verschaffen.^ 

Das Vieh tödten sie wie die Menschen, und ebenso be- 
hexen sie es durch Berühren, Ansehen, oder indem sie 
Zaubermittel unter die Schwelle der Tliüre leiten.'' Auch 
der Teufel kann nur mittelbar auf die Geschöpfe schädlich 
wirken. ^ 

Fünfzehntes Kapitel. Wie sie Hagel und Gewitter 
erregen und Blitze auf Mensch und Vieh herabzubringen pfle- 
gen. Diese Macht haben sie von Gott, und die Hexen üben 
sie durch götthchc Zulassung. ^ 

Die körperlichen Dinge folgen zwar in Betreff der Ge- 
staltung weder den Engeln noch den Teufeln, sondern nur 
Gott dem Schöpfer; was aber die örtliche Bewegung betrifft, 
so muss die körperliche Natur der geistigen folgen. ^^^ Was 



1 S. 315, ^s.SlGsqu. ^ S.S-iO. * S. 353. ^ s. 354. « S. 357. 
S. 358. « S. 359. " S. 3G0. >» S. 3G0. 



3. Der Hexenhammer. 255 

lediglich durch örtliche Bewegung entsteht, kann durch die 
natürliche Kraft sowol guter als böser Geister bewirkt wer- 
den, wenn es Gott nicht untersagt. Winde, Regen und Aehn- 
liches entstehen aber eben lediglich durch Dünste, die sich 
aus der Erde und Wasser loslösen, daher reicht zu ihrer Be- 
wirkung die natürliche Kraft der Dämonen hin.^ 

Sechzehntes Kapitel. Ueber drei Arten Zauberei, 
denen nur Männer ergeben sind. 

Zuerst von den zauberischen Bogenschützen. Diese neh- 
men am Charfreitage während der feierlichen Messe das aller- 
heiligste Bild des Gekreuzigten zum Ziele ihrer Schüsse.^ Ein 
solcher schiesst drei bis vier Geschosse ab, und kann ebenso 
viele Menschen täglich tödten, und den er zu morden sich 
vorgenommen hat, der kann nirgends Schutz finden, der Teu- 
fel macht, dass ihn der Pfeil trifft. ^ — Beispiele. — Dieje- 
nigen, welche solche Schützen aufnehmen oder verhehlen, sind 
straffällig.* 

Zwei andere Arten von Zaubereien sind: die durch Zauberei 
und Segensprechen was immer für Waffen zu beschwören 
verstehen, dass sie ilmen auf keine Weise in der Welt schaden 
noch sie verwunden können. Einige, ähnlich wie bei den früher 
erwähnten Bogenschützen, bestehen darin, dass sie dergleichen 
bei einem Bilde des Gekreuzigten erlernen und ihm gleiche 
Schmach anthun. Wenn Einer z. B. seinen Kopf schuss- und 
stichfest machen will, so nimmt er dem Bilde den Kopf weg, wer 
den Hals schützen will, nimmt den Hals u. s. w. Daher kommt 
es, dass man auf Scheidewegen oder dem Felde unter zehn 
Bildern kaum ein ganzes findet. Andere gibt es, welche durch 
Zauberlieder (Zauberworte) die Waffen beschwören, sodass 
sie mit blossen Füssen auf ihnen herumgehen können, ohne 
beschädigt zu werden.'' 

Des zweiten Theiles zweite Hauptfrage. 

Die Weisen, Zauberei zu heben und zu heilen. 

Zauberei wieder durch Zauberei zu vertreiben, ist nicht 
erlaubt, ist Apostasie. Da sie nicht durch Menschenkunst 
gelöst werden kann, so ist es nur durch die Macht Gottes 
oder des Teufels möglich. Eine geringe Kraft kann keine 

1 S. 361. 2 S. 367. 3 S. 368. ^ S. 371. " S. 379. 



256 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlielien Hcxenverfolgung. 

hölierc brechen. Gott wirkt aber nach eigenem Ermessen, 
nicht auf unser Verlangen, also wäre sie nur mit Hülfe der 
Dämonen zu heben, welche aber anzusprechen nicht erlaubt 
ist. Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass Behexte zu Hexen- 
weibern (raulierculas superstitiosas) laufen, von denen sie sehr 
oft befreit werden, und nicht durch Priester und Exorcisten. 
In der Praxis werden also Hexereien mit HUdfe der Dämonen 
vertrieben, da jedoch deren Hülfe anzurufen unerlaubt ist, so 
müssen jene geduldet werden. ^ 

Die Exorcismen der Kirche vermöijen nicht immer die 
Dämonen, in Bezug auf alle leiblichen Plagen, zu bändigen, sie 
taugen nur gegen diejenigen teuflischen Q.uälereien, gegen 
welche sie eingerichtet sind, als, gegen Besitzungen von 
Kindern.^ Unerlaubt ist, wenn eine Zauberei durch ei- 
nen andern Zauberer und durch eine andere Zauberei 
gehoben wird; ebenso diu'ch zauberische Bräuche, nämlich 
durch die Macht eines Dämonen.^ Unerlaubt ist auch, wenn 
ein ehrlicher Mensch den einen von der Bezauberung befreit, 
sodass sie durch abergläubische Mittel auf einen andern 
übertragen wird. Ebenso unerlaubt ist es, wenn das Uebel 
zwar nicht übertragen, dabei aber stillschweigend oder aus- 
drücklich der Teufel angerufen wird. ^ Die Mittel der Kirche 
sind: Exorcismen, Anrufung des Beistandes der Heiligen, auf- 
richtige Busse; diese können in Anwendung gebracht werden. 
Folgt ein Fall, wo ein Bischof von seiner Concubine behext 
wird, auf die eine andere Hexe die Bezauberung übertragen 
will. Der Bischof erbittet sich den Rath des Papstes, der die 
Befreiving des Bischofs von dem Tode der zauberischen Con- 
cubine abhängig macht, welcher durch die Zauberkunst der 
andern Hexe erfolgt.^ Hierzu wird die Bemerkung gemacht: 
dass das Privilegium des einen kein allgemeines Gesetz, und 
die Dispensation des Papstes nicht auf alle Fälle anwend- 
bar sei. 

Eine Art, die Zauberei zu heben oder sich an der Hexe 
zu rächen, ist nach Nider in seinem ,,Formicarius", dass eine 
andere Hexe geschmolzenes Blei in Wasser giesst bis sich 
durch Bewirkung des Teufels am Blei irgendeine Gestalt 



' S. 383. ' S. 384. ^ S. 387. ' S. 388. ^ S. 389 squ. 



3. Der Hexenhanimer. 257 

zeio-t. Die entzaubernde Hexe bringt an der Stelle des Bildes 
mit einem Messer einen Schnitt oder Stich bei, wo die andere 
Hexe, welche das Uebel angethan hat, es haben soll, die dann 
auch sofort damit behaftet wird, sodass sie sich dadurch 
verräth. 1 Solche Mittel sind zwar als unerlaubt betrachtet, 
werden aber aus Liebe für das leibliche Wohl in der Hoff- 
nuno; auf Vero-ebuno; angewendet. — Werden noch andere ahn- 
liehe Mittel der Weiber, die Hexen zu entdecken, angefiihrt.^ 
So z. B. werden einer behexten Kuh, durch die man die Hexe 
auskundschaften will, die Hosen des Mannes auf den Kopf 
gelegt, und treibt jene, besonders gern an heiligen Festtagen, 
hinaus, die dann geradeswegs auf das Haus der Hexe zuläuft, 
mit den Hörnern unter Gebrüll an die Thüre stösst. Diese 
Mittel sind indess nicht zu empfehlen, weil sie doch Gott be- 
leidigen können, daher lieber Weihwasser, geweihtes Salz u. 
s. w. anzuwenden ist. Was von den erwähnten Mitteln, gilt 
auch von der Art, durch die Eingeweide eines durch Behexung 
verendeten Yiehs die Hexe zu entdecken. Die Eingeweide 
des abgedeckten Viehs werden auf der Erde bis zum Hause, 
aber nicht über die Thürschwelle gezerrt, auf einen Rost ge- 
leert und Feuer darunter angezündet. Wie die Eingeweide warm 
werden und zu brennen anfangen, so wird die betreffende Hexe 
von der Glut und Schmerzen gepeinigt. Es ist aber die Thüre 
zu verschliessen , weil die Hexe kommt, iim Feuer zu holen, 
und wenn sie eine Kohle erwischt, hören ihre Schmerzen 
auf. ^ 

Geistliche Mittel gegen die Incuben inid Suecuben. 

Erstes Kapitel. Es soll hier von den Mitteln die Rede 
sein gegen Zauberkünste, wo Menschen von Behexung geheilt, 
oder das Vieh und Feldfrüchte bewahrt werden. Ausser denen, 
die sich gern den Incuben unterwerfen, werden durch die 
Hexen auch Personen gegen ihren Willen mit Suecuben oder 
Incuben in Berührung gebracht, vornehmlich Jungfrauen wider 
Willen durch Veranstaltung der Hexen von Incuben belästigt.'* 
— Wird durch Beispiele erläutert. 

Es gibt fünf Mittel, sich von Incuben und Suecuben 
zu befreien: Die Beichte, das Zeichen des heiligen Kreuzes, 



1 S. 391. - S. 392. 3 s, 399, 4 g. 492. 

Roskoff, Geschichte des Teufels. II. 17 



258 Dritter Abschnitt: Periode der gericlitlichen Hexenverfolgung. 

der Englische Griiss, der Exorcismus, Ortsverändeniiig, Ex- 
commxniication durch Heilige. Obschon sie nicht in jedem 
Falle helfen, sind diese Mittel doch anzuwenden. ^ Dass In- 
cuben oft diirch das Vaterunser, AVeihwasser u. dgl. vertrieben 
worden seien, lehrt die Geschichte.- — Beispiele. — Es wird die 
Bemerkung gemacht, dass Frauen und Mädchen mit schönen 
Haaren von Buhlteufeln (Incuben) mehr geplagt werden sollen, 
weil sie eitel darauf sind und dadurch die Männer verliebt 
machen.^ Beispiel von einer Frau, die sechs Jahre hindurch 
von einem Incubus geplagt wird, bis er durch den Stock des 
heiligen Bernhard, den sie zu sich ins Bett gelegt, vertineben 
wird, so dass er sich nicht mehr in das Gemach wagt, aber 
vor der Thüre gar sehr poltert, schliesslich von dem Pleiligen 
verbannt wird.* Hierbei ist zu bemerken, dass die Schlüssel- 
gewalt, die dem Petrus und seinen Nachfolgern verliehen ist, 
zum Heile der Kirche auf Erden, merkwiirdigerweise auch 
die Mächte der Luft zu überwältigen im Stande ist. Weil 
die Personen, die vom Tenfel geplagt werden, unter der Ge- 
richtsbarkeit des Papstes und seiner Schlüssel stehen, so ist 
es nicht zu verwundern, wenn jene Mächte auf indirecte Weise 
durch die Schlüsselgewalt bezwungen werden, wie sie auf 
dieselbe Art auch die Seelen von den Strafen des Fegfeuers 
befreien kann. ^ Es ist zu bemerken, dass manche Weiber 
nicht wirklich von Incuben geplagt werden, sondern solches 
sich nur einbilden.* Es scheint auch, dass Weiber nie von 
Incuben schwanger werden, denn obschon sie am Leibe an- 
schwellen, bringen sie schliesslich doch nur Wind hervor. '^ 

Zweites Kapitel. Mittel für diejenigen, die am Zeu- 
gungsvermögen behext sind. 

Obschon die AVeiber der Hexerei mehr ergeben sind als 
die Männer, so werden doch diese mehr behext als jene. Der 
Grund davon ist, dass Gott in Beziehung auf fleischlichen 
Umgang, wodurch die Erbsünde fortgepflanzt wird, dem Teu- 
fel mehr freie Hand lässt als bei andern menschlichen Hand- 
lungen, wie auch die Schlange, das erste Werkzeug des Teu- 
fels, beim Hexenwesen eine grössere Rolle spielt als andere 
Thiere. Ein zweiter Grund ist, dass in dem geschlechtlichen 



» S. 405. 2 S. 4ÜG. ^ S. 407. " S. 407. ' S. 408. 

« S. 409. ' S. 409. 



3. Der Hexenhammer. 259 

Verhältniss die Behexung des Mtannes leichter ist als die des 
Weibes. Es Averden fünf Arten dieser Behexung unterschie- 
den. ' Dafür werden fünf geistliche Mittel vorgeschlagen: 
Wallfahrten verbunden mit aufrichtiger Busse, das Zeichen 
des Kreuzes, vermehrtes Gebet, Exorcisation und vorsichtiges 
Gelöbniss, um die Behexung los zu werden. ^ 

Drittes Kapitel. Mittel gegen angehexte ausserordent- 
liche Liebe oder ausserordentlichen Hass. ^ 

Mittel: dem Gesetze des Verstandes mehr gehorchen als 
der Natur. — Gegen die (philocaptio) Liebeszauber: Exorcis- 
men durch heilige Worte, tägliche Anrufung des heiligen En- 
gels zum Schutze, fleissige Beichte, Besuch der Heiligen, 
besonders der Heiligen Jungfrau.* 

Weil sich die Hexen bei Hexereien dieser Art häufig der 
Schlangen bedienen, Kopf oder Haut unter die Thürsch welle 
dessen, dem sie es anthun wollen, legen, so sind möglichst 
alle Winkel des Hauses wol zu untersuchen. Die Behexten 
können selbst die heiligen Worte, Segensprüche u. dgl. gegen 
die Behexung sprechen, und im Falle sie nicht lesen oder sich 
selbst segnen können, mögen sie die Segensformeln am Halse 
tragen. * 

Viertes Kapitel. Mittel für diejenigen, denen die 
virilia membra Aveggehext, und wenn bisweilen Menschen in 
Thiergestalten verwandelt wurden. 

Wird bemerkt, dass im erstem Falle das Uebel nur auf 
trügerischem Scheine beruht. Der Betrofiene soll sich mit 
der Hexe womöglich gütlich ausgleichen.^ In Beziehung auf 
den zweiten Fall ist das beste Mittel die Ausrottung der 
Hexen.'' Folgt eine wunderbare Geschichte von einem, der 
in einen Esel verwandelt worden. 

Fünftes Kapitel. Mittel gegen Besessenheit durch 
Hexerei. 

Durch Hexerei werden Menschen vom Teufel besessen, 
und zwar wegen eigener oder fremder schwerer oder leichter 
Sünden. ^ Ausser dem Exorcismus der Kirche, der wahren 
Busse oder auch Beichte, wenn jemand um einer Todsünde 
willen besessen ist, sind noch folgende Mittel wirksam: der 



1 S. 410. ■' S. 41(;. '' S. 416. " S. 420. " S. 422. 

" S. 423. 7 S. 424. ** S. 427. 

17* 



260 Dritter Abschnitt: Periode der gericlitliclien Hexeiiverfolgung. 

GebravK'h des heiligen Abendmahls, Besuch heiliger Orte, 
Fürbitte der Gläubigen, Aufheben des Bannes. ' Da sich die 
Exorcisten aller verdächtigen und abergläubischen Mittel zu 
enthalten haben, so fragt es sich: ob gewisse Kräuter oder 
Steine angewendet w^erden dürfen? Wenn sie geweiht sind, 
desto besser, wenn aber nicht, so können sie zwar auch ge- 
braucht werden, der Exorcist darf aber nur nicht glauben, 
dass sie durch ihre natürliche Kraft den Teufel vertreiben, 
sonst verfällt er dem Irrthum der Schwarzkünstler.* 

Sechstes Kapitel. Die Exorcismen der Kirche als 
Mittel gegen allerlei angehexte Krankheiten, und die Weise, 
die Behexten zu exorcisiren. 

Werden mehrere Fragen aufgeworfen als: ob ein Laie, 
der kein berufener und verordneter Exorcist ist, den Teufel 
oder seine Zaubereien exorcisiren dürfe? ^ Obschon es zur 
Befreiung des Behexten dienlich ist, einen ordinirten Exorcisten 
zu haben, so können doch bisweilen auch fromme Personen 
mit Exorcismus solche angehexte Krankheiten vertreiben. * 
Sie dürfen aber keine abergläubischen Dinge in Anwendung 
bringen. ^ Die Segensprechung, wenn sie auch die Form einer 
Beschwörung hat, muss geschehen durch die Kraft des gött- 
lichen Namens, der Werke Christi, durch die der Teufel be- 
siegt und Verstössen worden ist. Die Besprechungsformeln 
dürfen keine fremden und unbekannten Wörter enthalten, weil 
nach Chrysostomus zu befürchten ist, dass in ihnen etwas 
Abergläubisches stecken könnte; sie dürfen nichts Falsches ent- 
halten, keine eiteln Possen oder Zeichen, ausser dem Zeichen 
des Kreuzes. *^ Ob die Krankheit zu exorcisiren und der 
Teufel zu beschwören sei? Antwort: Nicht die Krankheit, 
sondern der Kranke selbst, der behext ist, wird exorcisirt und 
hernach der Teufel.^ Folgt eine Formel des Exorcismus als 
Muster. » Ebenso Gebete. ^ Während des Exorcisirejis ist 
das Weihwasser fleissig zu sprengen. Der zu Exorcisirende 
hat zunächst Beichte abzulegen; alle AVinkel des Hauses sol- 
len durchsucht werden, ob sich keine Zaubersachen finden, 
wenn sie gefunden, gleich dem Feuer übergeben werden. 
Dienhch ist es auch, dass das Bette und die Kleider des 



1 S. 428. 2 S. 434. ^ S. 437. * S. 438. ' S. 439. 

« S. 442. " S. 447. » S. 448. » S. 449. 



3. Der Hexeuliammer. 261 

Kranken erneut werden, dass er die Wohnung und das Haus 
wechsle; wenn es möglich ist, gehe er des Morgens in die 
Kirche, ist ein Feiertag, desto besser, halte eine geweihte 
Kerze sitzend oder kniend in der Hand, die Anwesenden 
sollen Gebete halten, und es beginne die Litanei: „Adju- 
torium nostrum" u. s. w. Dergleichen Exorcismen können 
dreimal wöchentlich wiederholt werden. Wesentlich ist, dass 
der zu Exorcisirende das heilige Abendmahl erhalte, und bei 
der Beichte hat der Beichtvater darauf zu achten, ob er nicht 
auch excommunicirt ist. Ist der Exorcist nicht ordinirt, kann 
aber lesen, so lese er die vier Evangelien, das Evangelium: 
„Missus est Angelus", die Leidensgeschichte des Herrn, wel- 
ches alles eine grosse Kraft den Teufel auszutreiben hat, und 
dann erwarte man die Genesung von der Gnade Gottes. ^ 
Der Unterschied zwischen dem Weihwasser und dem Exor- 
cismus ist dieser: ersteres wird gegen äusserliche Anfech- 
tung des Teufels, letzterer gegen innerliche angewendet. Was 
ist zu thun, wenn auf den Exorcismus die Gesundheit nicht 
erfolgt? Es kann dies geschehen, entweder wegen mangel- 
haften Glaubens der Umstehenden, oder wegen Sünden, die 
den Zauber unterhalten, oder wegen Versäumung der dien- 
lichen Mittel, oder wegen fehlerhaften Glaubens beim Exor- 
cisten, u. dgl. m. ^ Der vor der Taufe nicht gehörig exor- 
cisirt worden, ist unter Gottes Zulassung innuer der Macht 
des Teufels mehr unterworfen. ^ 

Siebentes Kapitel. Mittel gegen Hagelschlag und 
Behexung des Viehs. 

Zunächst sind einige unerlaubte Mittel zu erwähnen, 
deren sich manche bisweilen bedienen, als: abergläubische 
Zauberformeln gegen den Wurm im Finger; einige sprengen 
nicht das Weihwasser, sondern giessen es dem Vieh ins Maul*; 
in einigen Gegenden Schwabens gehen die Weiber am ersten 
Mai vor Sonnenaufo-anor hinaus, um sich Zweite von Weiden 
und andern Bäumen zu holen, die sie kreisförmig biegen und 
am Eingange der Stallthüre aufhängen, um, wie sie sagen, 
das Vieh für das Jahr vor Behexung zu bewahren. ^ Diese 
Mittel sind unerlaubt. Dagegen wäre nichts einzuwenden, 
wenn jemand, ohne Berücksichtigung der Sonne, Kräuter 



» S. 449 fg. ■ S. 450. 3 S. 453. ^ S. 461. » s. 462. 



262 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtliclien Hexenverfolgung. 



> 



und Zweige sammelt unter Ilerbetung des Vaterunser oder 
des Glaubenssymbols, um sie über der Stallthüre aufzuhängen, 
im guten Glauben die Wirkung dem göttlichen Willen über- 
lassend. Ebenso ist erlaubt: in W^einbergen oder auf Saat- 
feldern am Palmsonntage das Zeichen des Kreuzes, geweihte 
Zweige oder Blumen zu stecken, um sie unbeschädigt zu er- 
halten; oder die am Sonnabend gemolkene Milch den Armen 
als Almosen zu geben, um die Milchwirthschaft vor den 
Hexen zu bewahren, wobei aber der fjöttliche Schutz anofe- 
fleht werden muss. ^ — Nach Nider kann man auch mit ge- 
schriebenen Liedern und heiligen Sprüchen die Krankheit so- 
wol der Leute als des Viehs wegsegnen. Er führt Thatsachen 
als Beweise dafür an. Weil die Hexen, um es dem Vieh 
anzuthun, nur etwas Milch oder Butter aus dem Haus, wo 
sich jenes befindet, brauchen, sollen die Hausfrauen verdäch- 
tigen Weibern nichts derlei borgen oder schenken.'^ Manche 
Weiber, denen sich beim Butterrühren die Butter nicht her- 
stellen will, infolge der Behexung, suchen ein Stückchen 
Butter aus dem Hause der Verdächtiii-en zu bekommen, wovon 
sie drei Würfel machen und unter Anrufung: der heilijrsten 
Dreieinigkeit in das Gefäss werfen und so die Hexerei ver- 
treiben. Wenn sie überhauiDt von irgendwelcher Butter drei 
Stückchen unter Anrufuno; der heiligen Dreieinio;keit nähmen 
und die Wirkung Gott überliessen, wäre nichts gegen dieses 
Mittel einzuwenden, empfehlenswerth ist vielmehr die Sprengung 
des Weihwassers oder der Gebrauch geweihten Salzes, ver- 
bunden mit Gebet, gegen derlei Hexerei. ^ — Gegen Hagel 
und Gewitter werden drei Hagelkörner ins Feuer geworfen 
unter Anrufung der Heiligen Dreieinigkeit, das Vaterunser, 
der Englische Gruss zwei- bis dreimal hergesagt und der 
Anfang des Johannesevangeliums; macht nach vorn und hinten 
imd nach allen Richtungen das Kreuz, und das durch Hexerei 
hervorgebrachte Gewitter hört auf. Hierbei ist nichts Ver- 
dächtiges zu finden, abergläubisch wären nur die drei Hagel- 
körner ohne Anrufung des göttlichen Namens.* — Durch 
mancherlei werden die Hexen bei ihrer Hexerei gehindert, 
sich an Personen zu machen: durch den festen Glauben derer, 



' S. 463. = S. 464. ^ S. 465. " S. 466. 



3. Der Hexenhamnier. 263 

die Gottes Gebote halten, sich mit dem Kreuze und durch 
Gebete schützen, die Bräuche der Kirche pflegen, die öfient- 
liche Justiz gut verwalten, der Leiden Christi stets eingedenk 
sind. Darum werden beim Gewitter die Kirchenglocken ge- 
läutet, um die Dämonen zu vertreiben, damit sie von ihrem 
Zauberwerke ablassen. ^ 

Achtes Kapitel. Mittel gegen einige verborgene An- 
fechtungen des Teufels. 

Auf die Frage: ob es erlaubt sei, unvernünftige Geschöpfe 
zu beschwören, antwortet der „Hexenhammer" mit Ja! aber 
unter Beziehung auf den Teufel, der sich ihrer zu unserm 
Schaden bedient. '^ — Eine andere göttliche Zulassimg ist, 
wenn durch die Teufel den Weibern ihre eigenen Kinder 
entzogen und andere untergeschoben werden, die man in 
Deutschland Wechselkinder nennt, welche di'eierlei Art sind: 
Einige, die immer mager bleiben und beständig heulen; an- 
dere, die durch die Dämonen hervorgebracht, aber nicht deren 
Kinder sind, sondern eigentlich dessen „cujus semen recej^e- 
runt"; die dritte Art sind die Dämonen selbst in Gestalt klei- 
ner Kinder. ^ Alle drei Arten haben ausser der Hagerkeit 
und ungewöhnlichen Schwere noch gemein, dass sie oft ver- 
schwinden. 

Der dritte Theil des „Hexenhammers" ist der Cr im in al- 
codex, wonach vor dem geistlichen und weltlichen Richter- 
Stuhle gegen die Zauberer und alle Ketzer zu verfahren ist. 
Er enthält 35 Fragen, in welchen die Weise, den Process an- 
zufangen, fortzufahren und das Urtheil zu schöpfen, sehr weit- 
läufig angegeben wird. 

Allgemeines und Einleitendes: Ob die Hexen, 
ihre Gönner, Beschützer und Vertheidiger dem geistlichen 
und dem weltlichen Gerichte unterworfen seien? Ja! wenn 
die Sache nicht nach Ketzerei riecht, sind die Hexen 
ihren Richtern zu überlassen. * Dem steht aber nicht ent- 
gegen, dass die Hexen dem Gerichte der Inquisitoren 
unterzogen werden, weil sie des Verbrechens der Ketzerei 
schuldig sind. ^ Man behauptet: die Handlungen der Hexen 
könnten auch ohne Ketzerei begangen werden, denn wenn sie 

1 Ö. 4G7. ■' ö. 470. ^ Ö. 471. ^ ö. 475. '= S. 47Ü. 



264 Dritter Absclmitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

den Leib Christi in den Koth treten, so könne dies ohne 
Fehler des Verstandes, also auch ohne Ketzerei geschehen. 
Da man vuibeschadet des Glaubens an den Leib Christi den- 
selben hinwerfen könne, um den Teufel kraft eines Vertrags 
zu nöthigen, etwa einen Schatz zu heben, so sei dies zwar 
ein schweres Verbrechen, aber keine Ketzerei, daher die Hexen 
nicht vor den Kichterstuhl der Liquisitoren gehören. Ferner: 
wenn die Hexen den Glauben abschwören, so w'äre dies nicht 
Häresie, sondern Apostasie zu nennen, und was dergleichen mehr.i 
Dagegen ist leicht zu beweisen, dass das geistliche Gericht 
in Verbindung mit dem weltlichen über Hexerei zu urtheilen 
hat. Denn bei einem kanonischen Verbrechen hat der Präses 
des Gerichtshofes mit dem Metropolitan zu entscheiden. * 
Obschon der weltliche Fürst die Lebensstrafe auferlegt, so 
schliesst dies die Gerichtsbarkeit der Kirche nicht aus, da es 
dieser zukommt, über diese Art Verbrechen zu erkennen und 
Strafe zu bemessen. Sowie es kanonisch gesetzlich bestimmt 
ist, dass die Geistlichen ihrer eigenen Gerichtsbarkeit und nicht 
der weltlichen unterzogen werden, weil ihr Verbrechen als 
kirchliches betrachtet wird, so ist das Verbrechen der Hexen 
theils kirchlich, theils bürgerlich, dieses wegen des zeitlichen 
Schadens, jenes wegen der Verletzung des Glaubens, daher 
es von beiderlei Richtern zu erkennen, zu richten und zu 
strafen ist.^ — „Crimen mixtum ab utrisque est puniendum."* 
— Nach der Ansicht der spanischen Inquisitoren gehören 
alle Zauberer, Nigromanten, alle Sorten Wahrsager, die ein- 
mal den heiligen Glauben angenommen und bekannt haben, 
unter die Gerichtsbarkeit der Inquisitoren. * Die künst- 
lichen Wahrsager, die nur durch Kunst wahrsagen, gehören 
nicht hierher; aber diejenigen, welche den Teufel anrufen und 
mit seiner Hülfe Künftiges vorhersagen, sind ketzerisch, ver- 
fallen dem Inqiiisitionsgerichte. ^ Bei allem, wo der Erfolg 
von der Macht des Teufels erwartet wird, findet Apostasie 
statt, wegen des Bündnisses mit jenem. Die den Teufel zu Iliilfe 
anrufen, sind Apostaten und folglich auch Ketzer, daher den 
Ketzerrichtern unterworfen. ^ — Im Uebrigen bis S. 501 wird 
zu beweisen gesucht, dass eigentlich weder weltliche Richter 



' S. 477. 2 s. 479^ 3 g. 450. ' S. 481. ' S. 481. 

' S. 483. 7 S. 484. 



3. Der Hexenhammer. 265 

noch die Bischöfe sich mit dem Hexenwesen befassen sollen, 
da die Incßiisition diese Angelegenheit am geeignetsten zu 
fiihren im Stande ist. 

1. Frage. Ueber die Weise den Process zu be- 
ginnen. 

Es sind drei Weisen: 1) es klagt einer den andern des 
Verbrechens der Ketzerei an, mit dem Bedeuten, den Beweis 
liefern zu wollen, widrigenfalls die Strafe der Wiedervergel- 
tung zu tragen ; 2) es denuncirt einer den andern ohne Beweis- 
lieferung, sondern angeblich aus Glaubenseifer, oder im Hin- 
blick auf den Kirchenbann oder die zeitliche Strafe, womit 
derjenige belegt wird, der nicht denuncirt. 3) Der Richter 
strengt ex officio den Process an, auf das Gerücht hin, dass 
es irgendwo Hexen gebe. ' — Zu bemerken ist, dass der 
Richter die erste Weise nicht leicht zulässt, weil sie in 
Glaubenssachen nicht gebräuchlich ist, also auch nicht im 
Hexenprocesse, da die Hexerei geheim geübt wird, und dann 
auch, weil die Anklage wegen der poena talionis gefährlich 
sein kann, und endlich, weil sie viele Streitigkeiten nach sich 
zieht. Der Process werde eingeleitet durch eine allgemeine 
Citation, die, an den Thüren der Pfarrkirche angeschlagen, 
jeden auffordert, welcher weiss, gesehen oder gehört hat, 
dass eine Person der Ketzerei oder Hexerei berüchtigt oder 
verdächtig sei, oder dergleichen übe, das zum Schaden der 
Menschen, des Viehs, der Feldfrüchte, des gemeinen Wesens 
gereicht, innerhalb 14 Tagen die Anzeige zu machen, und 
zwar bei Strafe des Kirchenbanns. ^ 

Zu bemerken ist bei der zweiten Weise durch Denun- 
ciation, womit der Process beginnt, dass der Richter in seiner 
Citation den Denuncianten aufmerksam mache, dass keiner 
straffällig werde, wenn er auch den Beweis nicht liefern 
könne, da er nicht als Ankläger, sondern als Angeber auf- 
tritt. Weil mehrere als Angeber erscheinen werden, so soll 
der Richter einen Notarius und zwei ehrsame Personen gegen- 
wärtig haben; sollte kein Notarius zu haben sein, so sollen 
anstatt dessen zwei geeignete Männer da sein, in deren Gegen- 
wart das Protokoll abgefasst wird und zwar folgendermassen : 



1 S. 503. 2 s. 505. 



266 Dritter Abschuitt: Periode der gerichtlichen Hexenvcrfolgung, 

„Im Namen des Herrn. Amen. 

„Im Jahre nach der Geburt Christi u. s. w., am Tage. . . 
des Monats . . . erschien N. N. in Gegenwart des Notarius und 
der unterfertigten Zeugen N. N. vor dem löbhchen Ivichter 
und überreichte diesem einen Zettel folgenden Inhalts" (der 
ganz mitgetheilt werden soll). — Geschieht die Anzeige nicht 
schriftlich, sondern miindlich, so wird folgendermassen gesetzt: 
„erschien u. s. w. und zeigte ihm au, dass er von N. N. dies 
oder jenes wisse, oder dies oder jenes sich oder andern zum 
Schaden zugefügt habe"; hierauf soll dem Denuncianten der 
Eid abgenommen und einige Fragen an ihn gestellt werden: 
woher der Denunciant wisse, ob er selbst gesehen, oder von 
wem er gehört habe u. s. w. ^ 

Die dritte Weise, den Process auf das blosse Gerücht 
hin anzustrengen, ohne Anklage oder Denuuciation, ist die 
am meisten gebräuchliche, und das Verfahren im Beisein der 
angeführten Personen ist folgendes: 

„In Nomine Domini. Amen. 

„Im Jahre u. s. w. Es ist dem Beamten oder Richter 
zu Ohren gekommen infolge des sich mehrüich wiederholenden 
Gerüchtes, dass N. N. Dinge gethan oder gesagt habe, die 
zur Hexerei gehören, gegen den Glauben und das Gemein- 
wesen gerichtet sind, u. s. w." ^ 

2. Frage. Von der Anzahl der Zeugen. 

Ob der Richter auf Grund zweier gesetzlicher, nicht 
sin2;ulärer Zeuo-en eine als Hexe verurtheilen könne? Singu- 
iure Zeugen sind, die zwar nicht im einzelnen, wol aber im 
Wiesen der Sache übereinstimmen, z. B. der eine: sie hat mir 
eine Kuh behext; der andere: mir ein Kind; beide treflen in 
der Hexerei zusammen. ^ Nach der Regel soll zwar die 
Wahrheit im Munde von zweien oder dreien bestehen; es 
geheint aber, dass in Bezug auf das ungeheuere Verbrechen 
der Hexerei zwei Zeugen zwar zur Verdächtigung, aber nicht 
zur Verurtheilung genügen. Man lässt in diesem Falle den 
Lujuisiten zum Eide der Reinigung, oder fragt ihn summa- 
risch, oder schiebt das Urtheil auf. 

3. Frage. Ob der Richter die Zeugen zum Eid die 

1 S. 507. 2 s, 509. 3 s. 509. 



3. Der Hexenhammer. 267 

"Wahrheit zu bekennen zwingen und sie mehrmals exami- 

niren darf? 
Ja, besonders ein geistlicher Richter. Denn wenn ein 
Erzbischof oder Bischof erfährt, dass in einem Pfarrsprengel 
Ketzer sich befinden, hat er zu untersuchen, drei oder meh- 
rere Zeugen, auch wol die ganze Nachbarschaft eidlich zu 
verpflichten. Wer sich zu schwören weigert, ist als Ketzer 
zu behandeln. * 

4. Frage. Von der Beschaffenheit der Zeugen. 
Excommunicirte, Theilnehmer am Verbrechen, Infame und 

Lasterhafte, Sklaven wider ihre Herren werden in Glaubens- 
sachen jeder Art als Zeugen zugelassen. Ebenso wie Ketzer 
gegen Ketzer als Zeuge zugelassen wird, so auch ein Zau- 
berer gegen einen Zauberer, in Ermangelung anderer, aber 
nur wenn er gegen den Angeklagten zeugt. Ebenso die Frau, 
die Kinder, die Freunde, wenn sie gegen denselben auftreten. 
Auch Meineidige, bei denen vorausgesetzt wird, dass sie aus 
Glaubenseifer zeugen, sind nicht zurückzuweisen. ^ 

5. Frage. Ob Todfeinde (des Inquisiten) als Zeugen 
zuzulassen seien? 

Solche, von denen es erwiesen ist, dass sie dem Beschul- 
digten nach dem Leben gestrebt, Wunden oder schwere Ver- 
letzungen beigebracht haben, sind als Zeugen abzuweisen; 
aber andere Feindschaften, auch schwere, oder solche wie sie 
unter Weibern stattzufinden pflegen, sind nicht ganz hinder- 
lich, die Aussage gibt aber erst durch die Aussage anderer 
Zeugnisse einen ganzen Beweis. ^ 

6. Frage. Zweiter Abschnitt. Wie ist der Process 
fortzusetzen ? 

Zu beachten ist zunächst, dass, weil der Process den 
Glauben betrifft, summarisch ohne viele Umstände (simpliciter 
et de piano), ohne viel Aufhebens von Seiten der Advocaten und 
Kichter und ohne Formalitäten verfahren werde. Zu vermeiden 
sind also vom Richter so viel als möglich Exceptionen, Appel- 
lationen, Dilatationen, eine überfliissige Zahl von Zeugen ; er 
soll die Citation verfügen, die Zeugen in Eid nehmen, damit 
die Wahrheit nicht verborgen bleibe. * Der Richter soll, 

' S. 512. ■' S. 513. 3 s. 515. " S. 517. 



268 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

da die mit Hülfe des Teufels geübte Hexerei geheim gehalten 
wird, dem Ankläger rathen, anstatt der Anklage lieber eine 
Denuneiation abzugeben, wegen des Gefährlichen der Beweis- 
führung, welchen diese Art mit sich bringt, daher auch lieber 
nach der zweiten oder dritten Art, wäe es auch üblicher ist, zu 
verfahren sein wird. Der Richter soll den Denuncianten be- 
sonders fragen: wer mit ihm noch von der Sache etwas wisse, 
wer etwas wissen könne? Daher lasse der Richter diejenigen 
als Zeugen vorladen, die der Denunciant angegeben hat, und 
die mehr in der Angelegenheit zu wässen scheinen. Das Ver- 
hör der Zeugen wird folgendermassen protokollai'isch be- 
stimmt 1 : 

Der vorgeladene Zeuge N. N. hat, nachdem er beeidigt 
worden, die Frage: ob er N. N. kenne, bejaht; wie er mit 
dem Beschuldigten bekannt geworden ; wann ; in welchem 
Rufe jener stehe, besonders in Bezug auf den Glauben; wo 
er das früher Angegebene gehört; in wessen Gegenwart; 
ob Verwandte des Bescluildigten wegen Hexerei verbrannt 
worden oder verdächtig seien; ob er mit Verdächtigen umge- 
gangen; wie Zeuge das Ausgegebene vernommen, warum 
es gesagt worden, u. s. w. Ob Zeuge aus Hass oder Un- 
muth, oder aus Liebe und Wohlwollen die Angabe gethan. — 
Darauf wird der Zeuge unter Aufbietung der Geheimhaltung 
entlassen.^ — Bei einem solchen Zeugenverhör müssen wenig- 
stens fünf Personen zugegen sein: der Richter, der Zeuge 
oder Angeber, der Beschuldigte, der erst später erscheint, 
der dritte ist der Notarius oder Schreiber, und noch ein an- 
derer ehrsamer Mann. Aehnlich w^erden andere Zeugen ver- 
nommen. Findet der Richter das Factum als bewiesen, 
oder, wenn nicht ganz, doch den Verdacht gross und weit ver- 
breitet, und befürchtet, dass die beschuldigte Person fliehen 
könnte, so lasse er sie einfangen, sonst einfach vorladen. In 
jedem Falle lasse der Richter ihr Haus unversehens genau 
untersuchen, alle Schränke öffnen u. s. f. Hierauf beeidet der 
Richter den Beschuldigten, von sich und andern die Wahrheit 
zu sagen, und fasst alles, was er vernommen und durch Zeugen 
bewiesen ist, zusammen und schreitet auf Grund dessen zum 



• S. 518. == ö. 519. 



3. Der Ilexenhammer. 269 

Verhör des Beschuldigten, das auch ins Protokoll aufgenom- 
men wird. * 

Allgemeines Verhör einer Hexe oder eines Hexers. Erster Act. 
N. N. ist denuncirt und nachdem er einen Eid auf die 
vier Evangelien geleistet, die Wahrheit sagen zu wollen, wurde 
er gefragt: woher er gebürtig, wer seine Aeltern seien oder 
gewesen, ob sie leben oder gestorben, und wenn letzteres, ob 
sie natürlichen Todes abgegangen oder verbrannt worden. 
Letzteres ist darum zu bemerken, w^eil Hexenältern ihre 
Kinder dem Teufel geloben und dadurch die ganze Nach- 
kommenschaft angesteckt wird, und im Falle die Angeber es 
behaupten, die Hexe es aber leugnet, diese schon verdächtig 
ist. Wo sie erzogen worden vmd sich in neuester Zeit auf- 
gehalten habe? (Hat sie den Ort ihrer Geburt verlassen und 
sich an Orten aufgehalten, wo Hexen sind, so wird weiter ge- 
fragt): Warum? Ob sie an diesen Orten von Hexerei gehört, 
dass Hexer oder Hexen Gewitter macheu, Vieh behexen, den 
Kühen die Milch entziehen u. s. w. Sagt sie Ja: Was sie 
sagen gehört? wenn Nein: Ob sie glaube, dass es Hexen gebe 
und dass sie derlei bewirken können? — Zu bemerken ist, 
dass Hexen dies anfänglich meistens verneinen, wodurch sie 
mehr verdächtig werden, als wenn sie sagen: Ob es Hexen 
gibt oder nicht, überlasse ich den Obern. Wenn sie es also 
verneinen, ist zu fragen: ob sie denn glauben, dass diejenigen, 
die verbraunt, unschuldig verurtheilt wurden? ^ 

Besonderes Verhör derselben. 
Der Richter darf folgende Fragen nicht verschieben, son- 
dern soll sie unverzüglich der Hexe vorlegen: Warum sich 
das Volk allgemein vor ihr fürchte? Ob sie wisse, dass sie 
in schlechtem Rufe stehe und gehasst werde? Warum sie 
dieser oder jener Person gedroht habe: das soll dir nicht 
unvergolten bleiben! Was ihr die Person Böses gethan, dass 
sie solche Drohung ausgestossen? (Diese Frage ist noth- 
wendig, um der Feindschaft auf den Grund zu kommen, weil 
sich die Denuncirte schliesslich auf die Feindschaft berufen 
dürfte, was freilich kein Hinderniss w^äre, wenn es keine Tod- 
feindschaft ist, sondern um ihr die Ausflucht zu versperren.) 



i'S. 520. 2 S. 522. 



270 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

— Bemerkung: Denn dies ist das Eigentbümliche der Hexen, 
dass sie durch Worte oder Thaten die Menschen «xesren sich 
aufbrini2;cn und sich dadurch kenntlich machen^: zu bemer- 
ken ist, dass sie vom Teufel angeregt werden, wie wir von 
vielen, die hernach eingeäschert wurden, erfahren haben, dass 
sie ireccen ihren Willen sich aufbringen lassen und hexen mussten. 
Ferner ist zu fragen: wie die Wirkung ihrer Drohung habe 
nachfolgen können, dass das Kind oder Vieh so schnell be- 
hext worden? Und ist die Frage zu wiederholen, warum sie 
gedroht: sie (die Feindin) solle keinen gesunden Tag mehr 
haben, und ob dies so geschehen sei? Wenn sie alles leugnet, 
ist sie über andere Hexereien zu befragen, die von andern 
angegeben worden, etwa an Vieh oder Kindern ; ist zu fragen : 
warum sie sich auf dem Felde habe sehen lassen, oder im 
Stalle; warum sie das Vieh beriihrt habe; warum sie das 
Kind berührt habe, und wie es gekommen, dass dieses bald 
darauf erkrankt sei. Was sie auf dem Felde gethan während 
des Gewitters, und vieles andere. Woher es komme, dass 
sie von einer Kuh oder von zwei Kühen mehr Milch habe 
als ihre Nachbarin von vier bis sechs Kühen? Ob sie im Ehe- 
bruche oder im Concubinate lebt, gehört zwar nicht unmittel- 
l)ar zur Sache, erzeugt aber mehr Verdacht, wenn letzteres 
der Fall ist, als bei einer unbescholtenen Person. Der Richter 
soll die Fragen auch öfter wiederholen, um zu sehen, ob ihre 
Aussagen übereinstimmen oder sich widersprechen. 

7. Frage, in welcher verschiedene Zweifel in Bezug 
auf vorhergehende Verhöre und verneinende Antworten er- 
klärt werden. Ob die Angeschuldigte einzukerkern sei 
und wann sie für eine i'iberwiesene Hexe gehalten wer- 
den soll. 2. Act. 
Wenn die Beschuldigte alles leugnet, hat der Richter auf 
drei Momente zu achten: den Übeln Ruf (iufamia), die An- 
zeigen der That, die Aussagen der Zeugen, ob die alle über- 
einstimmen oder nicht. Im Wesentlichen der That pflegen 
sie iibereinzukommen , nämlich in der Hexerei oder im Ver- 
dacht bezüglich der Beschuldi<Tten. - Es ist aber nicht 
nothwendig, dass die erwähnten drei Momente zusammen- 



1 S. 522. ■■' S. 524. 



3. Der Ilexenhammer. 271 

treflfen, um die Hexe als überwiesen zu erachten, der Beweis 
ergibt sich per argumentum a fortiori. Eins von beiden, die 
Anzeige der That oder die Aussage der Zeugen genügt, um 
jemand der Ketzerei überführt zu betrachten, um so mehr, 
wenn beide Beweisgründe zusammenfallen. Als Beweis der 
That betrachten wir eine Drohung, der die Wirkung gefolgt, 
wenn z. B. der Bedrohte krank o-eworden ist. Wenn nun 
schon eines dieser Momente hinreicht luid den Verdacht be- 
gründet, um so mehr beim Hinzutritt des Übeln Leumundes 
oder der Zeugenaussagen. ^ Auf der That ertappt zu be- 
trachten ist die Beschuldigte durch den Beweis der That oder 
die Zeugenaussage, sie mag bekennen oder nicht. Bekennt 
sie und bekehrt sich nicht, ist sie dem weltlichen Arme zu 
überliefern, zur Vollziehung der Todesstrafe oder zur lebens- 
länglichen Einkerkerung; leugnet sie, ist sie als unbussfertig 
ebenfalls dem weltlichen Gerichte zu derselben Strafe zu 
übercreben. Wenn nun der Richter nach der voroeschriebenen 
Weise verhört und auf Grund der Angabe der Zeugen in 
Glaubenssacheu summarisch und ohne Umstände (summarie, 
simpliciter et de piano) verfährt, die Beschuldigte auf eine 
geraume Zeit in den Kerker wirft, dass sie vielleicht nach 
mehrern Jahren, durch die Scheusslichkeit des Kerkers mürbe 
gemacht, das Verbrechen bekennt, so handelt er ganz gerecht. * 

8. Frage. Ob sie einzukerkern und wie sie zur Haft 
zu bringen sei. 3. Act. 

Ob die Hexe, die geleugnet, sich aber verdächtig ge- 
macht hat, gefangen gehalten oder auf Bürgschaft, sich 
auf Vorladung zu stellen, auf freien Fuss gelassen w^er- 
den soll? 

Es wird von den verschiedenen Ansichten die Meinunof 
derjenigen als die vernünftigste betrachtet, wonach es in dem 
gegebenen Falle dem Ermessen des Richters zu überlassen 
sei, nach Umständen zu verfahren. Kann die Beschuldigte 
keine genügende Bürgschaft stellen, und steht zu besorgen, 
dass sie die Flucht ergreife, so ist sie in Verwahrsam zu 
halten. ^ Nebstbei ist aber zu bemerken: 1) dass ihr Haus, 
darin alle Winkel, Löcher und Schränke sorgfältigst genau 
untersucht werden, 2) dass ihre Mägde oder Genossinnen je 

1 S. 525. 2 s. 526. 3 g. 527. 



272 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtliclieii Hexenvcrfolgung. 

einzeln gefangen gesetzt werden, auch wenn sie nicht ange- 
geben worden sind, weil sie von den Hexengeheimnissen 
etwas wissen können; 3) dass bei der Verhaftung der Hexe 
in ihrem Hause diese verhindert werde, in eine Kammer zu 
gehen, damit sie nicht Hexenmittel zu sich nehme, um sich 
schweigsam zu machen. ^ Es ist auch erlaubt und rathsam, 
die Hexe bei der Verhaftung vom Boden aufzuheben und sie 
in einem Korbe wegzutragen, damit sie nicht mehr die Erde 
berühre, da viele Eingeäscherte gestanden haben, dass sie sich 
befreit haben würden, wenn sie nur mit einem Fusse die Erde 
hätten berühren können. ^ 

9. Frage. Was nach der Verhaftung zu geschehen. 

Ob der Gefangenen die Namen der Zeugen bekannt zu 

machen. 4. Act. 
Nach der Verhaftung handelt es sich zunächst darum, ob 
der Richter eine Vertheidigung zulassen will, was von dessen 
Belieben abhängt. Hierauf wird Inquisitin in die Folterkammer 
gebracht und befragt, doch ohne Folter; aber zuvor müssen 
die Dienstboten oder Genossinnen im Hause examinirt werden. 
Wenn die Gefangene behauptet, sie sei unschuldig angegeben 
worden, sie wolle ihre Angeber kennen, so ist dies ein Zeichen, 
dass sie eine Vertheidigung verlangt. Der Richter braucht 
aber die Zeugen weder zu nennen noch sie der Beschuldigten 
vorzuführen, ausser die Angeber erbieten sich freiwilhg, um 
jener ihre Angabe ins Gesicht zu werfen. Der Richter ist 
aber nicht dazu verpflichtet, weil es den Angebern Gefahr 
bringen könnte. ^ Einige Päpste haben gar behauptet , dass 
in keinem Falle erlaubt sei, die Angeber zu nennen.* — 
Bonifacius VHI. in seinem Statut verordnet, dass zur Ver- 
meidung der Gefxhr für Zeugen und Angeber diejenigen, 
die bei einem solchen Processe betheiligt, von dessen Geheim- 
nissen nichts verrathen dürfen, bei Strafe der Excommuni- 
cation. ^ 

10. Frage. Wie die Vertheidigung zu gestalten und 

ein Anwalt zu bestimmen sei. 

Wenn die Vertheidigung verlangt wird, fragt es sich, wie 
sie bei Geheimhaltung der Namen der Zeugen zu gestatten 



1 S. 528. ^ S, 529. => S. 530. " S. 531. ' S. 532. 



3. Der Hexenhammer. 273 

sei. Zu bemerken ist hierbei dreierlei: 1) ein Anwalt wird 
bestellt; 2) diesem werden die Namen der Zeugen nicht be- 
kannt gemacht, selbst wenn er sich eidlich verpflichten wollte, 
sie nicht zu verratlien, es wird ihm nur der besondere Inhalt 
des Processes mitgetheilt; 3) die Sache des Beschuldigten 
mag so gut es geht geführt werden, jedoch nicht zum Aerger- 
niss des Glaubens oder zum Nachtheile der Gerechtigkeit. 
Gleichermassen soll der Procurator für die Inquisition ver- 
fahren, aber mit Geheimhaltung der Namen der Zeugen und 
Angeber. Zunächst ist zu beachten, dass der Beschuldigte 
nicht nach Belieben seinen Vertheidiger wähle, sondern der 
Kichter einen Mann bestelle, der nicht streitsüchtig, oder bös- 
willig, oder bestechlich ist. Dieser muss aber die Angelegen- 
heit prüfen, und findet er sie gerecht, kann er sich derselben 
annehmen; ist sie aber ungerecht, soll er sie abweisen. Denn 
wenn er eine desperate Angelegenheit übernimmt, so muss er 
das Salär, das er vorweg erhalten hat, zurückgeben, und wenn 
er die Vertheidiguug einer ungerechten Sache übernimmt, so 
hat er den Schadenersatz und die Kosten zu tragen. ^ Dem 
Advocaten obliegt: Bescheidenheit, Wahrheit, dass er keine 
Frist nachsuche, da der Process summarisch geführt werden 
soll. Alles dies hat der Richter dem Vertheidiger zur Be- 
dino-una; zu stellen und ihn schliesslich zu warnen: sich kei- 
ner Bej^ünstig-uno^ der Ketzerei schuldig zu machen, da er in 
diesem Falle die Strafe der Excommunication auf sich lüde.^ 
Sagt der Vertheidiger dem Richter: er vertheidige die Per- 
son, nicht den Irrthum, so ist dies eine ungültige Ausflucht, 
denn er soll auf gar keine Weise vertheidigen, wodurch er 
das summarische Verfahren verhindern könnte, als : durch An- 
suchen um Frist, durch Einmischung von Berufungen, was 
alles zurückgewiesen werden muss. Denn wenn er ungehörig 
den der Ketzerei schon Verdächtigen vertheidigt, so macht 
er sich zum Gönner der Ketzerei, und der Verdacht wird um 
so grösser. Hat aber der Richter einen unbescholtenen, eifri- 
gen, gerechtigkeitsliebenden Mann zum Vertheidiger des Be- 
schuldigten aufgestellt, so kann er ihm die Namen der Zeugen 
augeben, die aber unter eidlicher Verpflichtung geheim zu 
halten sind. ^ 



1 S. 535. 2 S. 535. =* S. 536. 

Roskoff, Geschichte des Teufels. II. jy 



274 Dritter Abschnitt: Periode der geriehtlichcn Ilexenverfolgung. 

11. Frage. Was hat der Advocat zu thun, wenn ihm 
die Namen der Zeugen nicht bekannt gemacht werden? 
G. Act. 
Der Vertheidiger muss in diesem Falle die Information 
über die Einzelheiten im Processe vom Richter erhalten und 
dann zum Beschuldigten gehen, und diesen nach Umstän- 
den zur Geduld ermahnen. ^ Wenn der Vertheidiger nach 
seiner Unterredung mit seinem Clienten eine Feindschaft 
zwischen diesem und den vermutheten Angebern (Zeugen) 
findet, hat er es dem Richter zu cröfinen, der dann die Unter- 
suchung anstellt.^ Sollte eine Todfeindschaft stattfinden, so 
ist dahin zu sehen, ob diese durch den Inquisiten oder den 
Angeber veranlasst ist, ob die Freunde des einen die des 
andern tödlich verfolgt haben, ob die angegebene Behexung 
richtig ist, ob nicht noch andere Zeugen vorhanden sind u. s. f. 
Ist die Denunciation aus Rache geschehen, so ist die Denun- 
cirte frei zu lassen, aber unter der Bedingung, sich nicht zu 
rächen. Saoen aber andere Zeugen wider sie betrefls der 
That oder auch des i'ibeln Rufs, so weist zwar der Richter 
die Angeber aus Rache zuriick, aber die Angabc des Factums, 
die durch andere Zeugen des iibeln Rufs ergänzt wird, bleibt 
als Beweis. Wenn die Beschuldigte das Verbrechen gesteht 
und bereut, so wird sie dem weltlichen Arme nicht zur Todes- 
strafe übergeben, sondern vom geistlichen Gerichte zum lebens- 
länglichen Kerker verurtheilt, obschon sie wegen zeitlichen 
Schadens (noch immer) verbrannt werden kann. ^ Der 
Richter hüte sich, dem Vertheidiger, wenn er Todfeindschaft 
vorschützt, immer zu glauben, weil die Hexen gewöhnlich 
verhasst sind.^ — In Betrefi' der Drohuno-en der Hexen ist zu 
bemerken, dass wenn der Vertheidiger behauptet, die Krank- 
heit sei aus natürlichen Ursachen und nicht infolge der Drohung 
entstanden, diese Entschuldigung stattfinden kaini; dies ist 
aber nicht der Fall, Avenn keine Mittel helfen, wenn die 
Aerzte das Uebel für Behexung, den sogenannten ,, Nacht- 
schaden" erklären und vielleicht andere Hexen die Krankheit 
für eine angehexte erachten, da sie plötzlich und nicht wie 
die natürlichen Krankheiten allmählich entstanden ist, u. dgl. m."' 



1 ö. 537. -' S. 538. 3 s. 539. ^ S. 540. ' S. 541. 



3. Der Hexenhammer. 275 

12. Frage erklärt deutlicher, wie Todfeindschaft zu er- 
forschen sei. 7. Act. 
Um sich von der wirklichen Todfeindschaft zu überzeugen, 
kann der Richter sich verschiedener Mittel bedienen, die, ob- 
schon sie schlau und listig, doch erlaubt sind, da sie zum 
Heile der Religion und des Staates gereichen. 1) Es wird 
dem Beschuldigten und dessen Vertheidiger eine Abschrift 
des Processes gegeben, worin die Aussagen der Zeugen nicht 
bei den betreflenden Namen stehen, sondern untereinander 
geworfen sind, sodass aus der Copie nicht ersichtlich wird, 
wer von den Zeugen das oder jenes ausgesagt habe, und der 
Inquisit sich fangen muss; wenn er die ersten angeführten 
Zeugen für seine Todfeinde erklärt, beschuldigt er alle einer 
Todfeindschaft, imd so ist er um so leichter der Lüge zu 
überweisen. ^ 2) Man gibt dem Advocaten eine Copie des 
Processes einer Partei, und die Namen der Angeber der an- 
dern Partei, mengt aber allerlei Facta hinein, die von andern 
Hexen anderwärts verübt, aber nicht von den genannten Zeu- 
gen ausgesagt worden sind. So kann der Beschuldigte nicht 
sagen, dieser oder jener sei sein Todfeind, da er nicht weiss, 
was sie gegen ihn vorgebracht haben. 3) Gleich nach dem 
zweiten Verhör, also noch bevor der Inquisit einen Verthei- 
diger angesucht und dieser ihm bestellt worden, soll ersterer 
gefragt werden, ob er solche Todfeinde zu haben glaube, die 
ihn des Verbrechens der Hexerei fälschlich beschuldigen könn- 
ten. Da er auf diese Frage nicht gefasst sein dürfte und 
die Aussagen der Zeugen noch nicht vernommen hat, so wird 
er antworten, entweder: er glaube nicht solche Feinde zu 
haben, oder: er vermuthe derlei. Dann nennt er sie, sie wer- 
den verzeichnet sowie die Ursache der Feindschaft, und der 
Richter kann nach der angegebenen Weise verfahren.^ 4) Eben- 
falls nach dem zweiten Verhöre, bevor er einen Vertheidiger 
und ehe er die Aussagen der Zeugen kennt, werde der Beschul- 
digte über die Zeugen befragt, die ihn am schwersten beschuldigt 
haben, ohne dass er es weiss: ob er diesen oder jenen dem 
Namen nach kenne. Verneint er es, so kann sein nachfolgen- 
des Vorgeben bei der Vertheidigung: es sei N. N. sein Feind, 
nicht berücksichtigt werden. Sagt er aber: ich bin sein Freund, 

• S. 542. ■' S. 543. 

18* 



27G Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilexenverfolgung. 

wüsste ich aber etwas von ihm, so wurde ich es doch sagen, 
so kann er ihn später nicht wieder fi'ir einen Feind ausgeben. 
5) Man gibt dem Beschuldigten oder Advocaten eine Copie 
des Processes mit Vorenthalt der Namen der Angeber. AVenn 
er nun, durch Vermuthung auf einen oder den andern geleitet, 
sairt: der ist mein Todfeind und ich will es durch Zeugen 
beweisen, dann soll der Richter die Zeugen verhören und in 
Gemeinschaft einer geheim zusammenberufenen Rathsversamm- 
luno: von alten und erfahrenen Leuten die Ursachen der 
Feindschaft erforschen, und stellen sich diese als begriindet 
heraus, sollen zunächst die Zeugen abgewiesen und der Be- 
schuldigte entlassen werden, wenn nicht Aussagen anderer 
Zeugen vorliegen. ^ 

13. Frage. Was der Richter vor dem Verhöre im 
Kerker und der Folterkammer zu beobachten hat. 8. Act. 
Da kein Bluturtheil ohne eigenes Geständuiss gesprochen 
werden soll, wenngleich der Beweis der ketzerischen Bosheit 
durch die That oder die Zeugenaussage vorliegt, so muss 
allerdings das Bekenntniss durch Fragen unter der Tortur 
erlangt werden. ^ Um das durch Hexerei bewirkte Still- 
schweigen zu verhüten, hat der Richter vielerlei zu beobachten. 
Zunächst eile er nicht alsobald zum peinlichen Verhör^, son- 
dern habe auf gewisse Merkmale Acht. Denn wxnn nicht 
durch göttlichen Zwang mittels eines heiligen Engels die 
Zauberei des Teufels gebrochen wird, so wird auch die Hexe 
unter der Tortur so unempfindlich sein, dass ihr die Glieder 
eher vom Leibe gerissen werden können, bevor sie die Wahr- 
heit bekennt.'* Es ist aber nicht zu iibersehen, dass nicht 
alle in die Hexerei glcichermassen verstrickt sind, und dass 
der Teufel bisweilen von selbst, ohne durch einen heiligen 
Engel gezwungen zu sein, das Geständuiss zulässt, da ihm 
nicht jede Hexe gleich in den ersten Jahren ihres Verkehrs 
das Homagium leistet, weil er sie vorher erst priifen will, in- 
dem er mit bloss äusserer Hingebung nicht zufrieden ist, 
sondern auch eine innerliche, also gänzliche verlangt. Daher 



\ 



1 S. 545. ■' S. 545. 

2 Das heisst eigentlich die Folter, die immer unter quaestionarc ver- 
standen wird. 

< S. &49. 



3. Der Hexenhammer. 277 

kommt CS, dass solche, die aus Noth oder durch audere 
Hexen gezwungen, in der Hofinung wieder los zu werden, sich 
nur halb dem Teufel ergeben haben, von diesem verlassen 
werden, damit sie durch Sinnesverwirrung und einen schreck- 
lichen Tod in Verzweiflung stürzen, da er sie nie ganz haben 
konnte. Solche Ilalbhexen kommen leichter zum Geständniss. 
Diejenigen hingegen, die dem Teufel mit Mund und Herz 
verbunden sind, werden auch kräftig von ihm vertheidigt, 
hart und schweigsam gemacht. ^ 

14. Frage. Wie eine Hexe zur Tortur zu verurtheilen, 
wie sie am ersten Tage zu foltern sei. Ob man ihr das 
Leben versprechen dürfe. (10. Act in meiner Ausgabe.) 

Der Ivichter spricht das Urtheil in dieser Form: Wir 
Richter und Beisitzer, die wir den Process gegen dich N. N. 
u, s. w. eingeleitet und alles erwogen haben, finden, dass du 
verschiedene Aussagen gemacht hast, indem du gestehst, 
solche Drohungen zwar ausgestossen, aber nicht die Absicht 
zu schaden gehabt zu haben; doch sind verschiedene In- 
dicien vorhanden, welche hinreichen, dich auf die Folter zu 
brino;en. Damit nini die W ahrheit aus deinem eio;enen Munde 
kund werde und du die Ohren der Richter nicht durch 
Zwischenreden weiter beleidigst, erklären, verurtheilen und 
verdammen wir dich zum Verhör auf der Folter am heutigen 
Tage um . . . Uhr. Dies Urtheil ist gesprochen u. s. w\ ^ 

Hierauf wird Inc|uisit wieder ins Gefängniss abgeführt, 
und zwar nicht mehr zum Gewahrsam, sondern schon zur 
Strafe. Es werden aber seine Freunde zugelassen, denen der 
Richter vorschlage, dass sie ihn durch Zureden und die Aus- 
sicht, er werde vielleicht der Todesstrafe entgehen, wenn er 
die Wahrheit sagt, zum Geständniss dessen bringen, was über 
ihn ausgesagt worden. Denn die Ueberlegung, die Noth des 
Kerkers und die Information von ehrlichen Männern, sind 
geeignete Mittel, die Wahrheit herauszubringen. Wir haben 
es an vielen Hexen erfahren, die so mürbe wurden, dass sie, 
vom Teufel sich lossagend, ihre Verbrechen häufig einge- 
standen. 

Die Weise, das Verhör auf der Folter zu beginnen, ist 
diese: zunächst machen die liüttel die Vorbereitungen zum 

1 S. 550. - S. 552. 



278 Di'itter Abschnitt: Periode der gericlitlicheu Iloxenvcrfolgung. 

Foltern, entkleiden den Inquisiten, ist es ein Frauenzimmer, 
so geschieht es von ehrbaren Weibern, um die Zaubermitte], 
die etwa in die Kleider eingenäht sind, wie sie derlei aus den 
Gliedern ungetaufter Kinder bereiten, zu beseitigen. Dann 
werden die Folterwerkzeuge zurecht gelegt und der Richter 
sucht selbst und durch andere' gute, glaubenseifrige Männer 
den Inquisiten zum freien Geständniss der Wahrheit zu brin- 
gen, will er aber nicht bekennen, so befiehlt der Richter, 
dass man ihn an das Seil spanne, auf die Leiter binde, 
oder andere Folterinstrumente anlege. Die Büttel sollen 
diesem Befehle sogleich, aber gleichsam erschreckt ge- 
horchen. Hierauf werde er wieder auf das Ansuchen einiger 
losgeschnürt und beiseite gebracht, und suche man ihn zu 
überreden und ihm merken zu lassen, dass er im Falle seines 
Geständnisses nicht der Todesstrafe verfallen würde. ^ Hier 
ist die Frage: ob der Richter einem denuncirten, berüchtig- 
ten, durch Zeugen und Indicien der That völlig überführten 
Hexer, bei dem nur das eigene Geständniss abgeht, das Leben 
versprechen dürfe. Es gibt verschiedene Ansichten. Einige 
meinen: einer berüchtigten, durch Anzeichen der That schwer 
verdächtigen Haupthexe, die von grossem Schaden ist, könne 
man dennoch das Leben zusichern und sie zu lebenslänglichem 
Gefängniss bei Wasser und Brot verurtheilen, wofern sie an- 
dere Hexen an gewissen wahrhaftigen Zeichen angeben wolle; 
jedoch sei ihr nicht die Gefängnisstrafe zu verkünden, son- 
dern nur die Hoffnung zum Leben zu lassen. ^ Ohne Zweifel 
wären auch solche berüchtigte Hexen geeignet, um andere 
Hexen zu verrathen, wenn dem nicht entgegenstünde, dass 
der Tetifel ein Lügner ist, der letztern wieder Beistand leisten 
kann. ^ Andere meinen : man könnte einer zum Gefänsjuiss 
Verurtheilten auf einige Zeit das Versprechen halten , danach 
sie aber einäschern. Dritte saoren: der Richter könne ihr eje- 
trost das Leben zusichern, er solle aber das Urtheil von einem 
andern sprechen lassen. Will eine Hexe durch derlei Ver- 
sprechungen sich nicht zum Geständniss bewegen lassen, dann 
haben die Büttel das Urtheil zu vollziehen und nach üblicher 
Weise zu foltern, leichter oder stärker, je nachdem es das 
Verbrechen erfordert. Man beginnt das peinliche Verhör 

' S. 553. 2 S. 553. •' Ö. 554. 



3. Der Hexenhammer. 279 

über leichtere Verbrechen, da sie der Verbrecher eher ein- 
gestehen wird als schwere. Währenddessen hat der Notarius 
alles protokollarisch aufzunehmen. Bekennt Inquisitin unter der 
Folter, so liringe man sie an einen andern Ort, um daselbst 
ihr Bekenntniss wiederholen zu lassen. Will sie aber nicht 
gestehen, so zeige man ihr andere Folterwerkzeuge mit dem 
Bedeuten, dass sie auch durch diese leiden müsse, wenn sie 
nicht die Wahrheit eingestehe. Wenn auch dies nicht verfängt, 
dann wird am folsxenden oder dritten Ta<T;e die Folter fort- 
gesetzt, nicht wiederholt. Denn sie darf nicht wiederholt 
werden, ausser es wären neue Anzeigen hinzugekommen. Der 
Richter verkündet der Inquisitin das Urtheil: Wir Richter 
u. s. w. verurtheilen dich, dass morgen die Folter mit dir fort- 
gesetzt werde, um aus deinem Munde die Wahrheit zu ver- 
nehmen. ^ In der Zwischenzeit hat der Richter die erwähnten 
Ueberredungskünste mit Zusicherung des Lebens anzuwenden, 
wenn er es für zweckmässiür hält. Auch soll er in dieser 
Zeit Wächter bei der Inquisitin aufstellen, damit sie nie allein 
sei und vom Teufel überredet werde, sich selbst zu tödten. 

15. Frage: Ueber die fortzusetzende Tortur, die Cau- 
telen und Zeichen, woran der Richter eine Hexe erkennen 
kann; wie er sich gegen ihre Hexenkünste zu schützen hat; 
wie sie da zu scheren, wo sie ihre Zaubermittel verborgen 
hat, wie dem hexenhaften Stillschweigen voi'zubeugen ist. 
11. Act. 
W^enn der Richter erforschen will, ob die Hexe durch 
Zauberei sich in Stillschweigen verhüllt, so beobachte er: ob 
sie vor ihm und im Anblicke der Folterwerkzeuge weinen 
könne. Denn es ist eine auf Erfahrvuig gegründete That- 
sache, dass eine Hexe nicht weinen kann, sondern sich nur 
den Anschein gibt, indem sie Klagetöne ausstösst, Wangen 
und Augen mit Speichel benetzt, worauf daher besonders 
Acht zu haben ist. Um der Sache auf den Grund zu kom- 
men, lege ihr der Richter die Hand auf den Kopf und sage 
folgende Beschwörungsformel: „Ich beschwöre dich um der 
bittersten Thränen willen, die von unserm Heilande dem Herrn 
Jesus Christus am Kreuze für unser Heil vergossen worden 

» S. 555. 



\ 



{ 



280 Dritter Abschnitt: Periode der gericlitlichcn Hexenverfolgung. 

sind 11. s. w., dass du, im Falle du unschuldig bist, Thränen 
vergiessest, wenn schuldig, keineswegs. Im Namen u. s. w." 
Die Erfahrung hat gelehrt, dass je mehr Hexen auf diese 
Weise beschworen wurden, um so weniger weinen konnten.* 
Thränen sind Zeichen der Busse, und diese sucht der Teufel 
mit aller Gewalt zu verhindern. Eine andere Vorsicht, die 
der Richter und die Beisitzer stets zu beobachten haben, ist: 
von der Hexe nicht leiblich berührt zu werden. Man trage 
daher immer am Palmsonntao;e c^eweihtes Salz und s^eweihte 
Kräuter nebst geweihtem Wachs am Halse, die, nach dem . 

Geständniss der Hexen selbst und dem Zeugnisse der Kirche, * 

eine grosse Kraft üben. ^ Es gibt Beispiele, dass Hexen den 
Richter und seine Beisitzer eher zu erblicken suchten, als sie 
von jenen gesehen wurden, wodurch diese allen Unwillen 
verloren und sie frei Hessen.' Daher, wenn thunlich, so lasse 
man die Hexe rücklings vor den Richter und die Beisitzer 
führen, schütze sich mit dem heiligen Kreuze und greife 
muthig an, um mit Gottes Hülfe die Macht der alten Schlange 
zu brechen.* Zur Vorsicht müssen den Hexen alle Haare 
am ganzen Leibe abgeschoren werden, denn sie haben oft 
behufs der hexenhaften Verschwiegenheit luiter den Klei- 
dern, auch unter den Haaren und bisweilen an den geheimsten 
Orten Zaubermittel versteckt, wo sie dann auf keine Weise 
zum Geständniss zu bringen sind. 

16. Frage. Von der zweiten Art des Verhörs und 
einigen Cautelen für den Richter. 12. Act. 
Zunächst unternehme man das Verhör an heiligen Fest- 
tagen, während der Messe, wo die Gemeinde ermahnt werde, 
die Hülfe Gottes anzuflehen und die Heiligen anzurufen wider 
die Anfechtungen des Teufels. Ferner nehme man geweihtes 
Salz und andere geweihte Sachen, schreibe die sieben Worte 
am Kreuze auf einen Zettel und hänge dies alles zusammen 
der zu Verhörenden um den Hals; wenn man das Mass der 
Länge Jesu haben kann, binde man es ihr an den nackten 
Leib. Die Erfahrung hat es bewiesen, dass Hexen durch 
diese Dinge auf Aviuidcrbare Weise gequält werden, sodass 
sie es kaum aushalten können, vornehmlich aber durch Reli- 

1 ö. 558. '' S. 55i). ^ S. 559. » S. 5G0. 



3. Der Hexenhammer. 281 

quien der Heiligen. ^ Sind die Vorbereitungen getroffen, ist 
das Weihwasser zum Trinken überreicht worden, so schreite 
man wieder zur Tortur, ermahne sie wie früher immerfort. 
Ist sie vom Erdboden gehoben, um auf die Folter gebracht 
zu werden, dann werden ihr die Aussagen der Zeugen ohne 
deren Namen vorgelesen, und der Richter sage: Siehe du bist 
durch Zeugen überführt! Haben sich die Zeugen zur Con- 
frontation erboten, dann frage er wieder: ob sie gestehen 
wolle, wenn ihr die Zeugen vor das Gesicht träten? Willigt 
sie ein, so lasse man die Zeugen hereinkommen und vor sie 
stellen, vielleicht dass dann ihre Schamröthe wider sie zeugt. 
Will sie ihre Laster noch nicht verrathen, dann frage sie der 
Richter: ob sie um ihrer Unschuld willen die Probe mit dem 
glühenden Eisen bestehen wolle? Da nun alle Hexen dazu 
bereit sind, indem sie wissen, dass sie der Teufel unbeschädigt 
erhalten werde — woran man daher auch sehen kann, dass es 
wahrhaftige Hexen gebe — , wird ihnen der Richter erwidern: 
mit welcher Keckheit sie sich solchen Gefahren aussetzen 
können? Dass ihnen die Feuerprobe nicht gestattet werde, 
wird später erörtert. ^ Ist zur äussersten Tortur geschritten 
worden, und sie bleibt beharrlich beim Leugnen, so gebrauche 
der Richter noch die Vorsichtsmassregel : dass er sie aus dem 
Strafnefängniss an einen andern sichern Ort in Gewahrsam 
bringen lasse, aber sie durchaus nicht auf Bürgschaft entlasse, 
sie mit Speise und Trank menschlich versorgt werde, bisweilen 
unbescholtene und unverdächtige Leute sie besuchen können, 
die sie zum Geständniss zu überreden suchen, mit Hindeutung 
auf zu erlangende Gnade, und der Richter, der dann eintritt, 
verspreche Gnade zu üben, wobei er aber an sich oder das 
Gemeinwesen zu denken hat, zu dessen Erhaltung alles, was 
geschieht, gnädig ist. ^ Bittet sie um Gnade und entdeckt 
Thatsachen, so verspreche man ihr ganz im allgemeinen, dass 
sie mehr erhalten solle als sie gebeten, um sie zutraulicher 
zu machen. Will sie keineswegs die Wahrheit bekennen, und 
haben ihre Mitschuldigen, die der Richter, ohne dass sie es 
weiss, verhört hat, etwas Beweisendes ausgesagt, so lasse er 
im Hause nachforschen nach Zaubersachen, Salben, Büchsen 
und wozu sie diese gebraucht habe. * Verharrt sie im Leug- 

' S. 566. ■' S. 566. ' Ö. 567. ^ S. 567. 



282 Dritter Abschnitt : Periode der gerichtlichen Ilexcnverfolgung. 

nen und sie hat Genossen, die gegen sie ausgesagt haben, so 
lasse man diese zu ihr, oder einen Vertrauten, der sich als 
ihren Freund oder Gönner stellt, um sie in ein Gespräch zu 
ziehen, das heimlich von aussen belauscht und zu Protokoll 
gebracht werde. Fängt sie dann an die Wahrheit zu sagen, 
so lasse sich der Kichter durch nichts abhalten, ihr Gestand« 
niss zu vernehmen, sei es inmitten der Nacht, und sollte 
er das Mittag- oder Abendessen versäumen, er muss alles 
daran setzen, dass sie ihre Beichte zu Ende bringe. Denn 
mau hat es öfter erfahren, dass, wenn diese unterbrochen 
wird, die Hexen wieder leugnen, was sie zu gestehen ange- 
fangen haben. Nach dem Geständniss ihrer Bosheit, mit der 
sie Menschen und Vieh geschädigt, frage sie der llichter: wie 
lange sie mit dem Teufel als Incubus Umgang gehabt, wann 
sie den Glauben abgeschworen habe. Derlei ist zuletzt zu 
fragen, weil sie es nie bekennen, ausser sie haben schon an- 
deres eingestanden. ' Wenn all das Gesagte fehlt, dann 
bringe man sie, wenn es möglich ist, auf ein Castell, und 
nach einigen Tagen stelle sich der Castellan so, als hätte er 
eine lange Reise vor, inzwischen kommen einige Freundinnen 
oder andere ehrbare Weiber, die Gefangene zu besuchen mit 
dem Versprechen, ihr zur Flucht behülflich zu sein, wenn sie 
ihnen nur einiofes von ihren Hexenkünsten mittheilen wollte. 
Auf diese Weise haben sie sich meistens zum Geständniss 
bringen lassen und sind überwiesen worden. 

17. Frage, lieber das gewöhnliche Reinigungsmittel, 
besonders die Probe mit dem gliilienden Eisen. 
Hier wird über die Ordalien gesprochen, die im allge- 
meinen als Mittel Verborgenes zu erfahren, zu verwerfen seien, 
da Gott allein dieses richten könne.^ — Was die Feuerprobe 
betrifl't, so ist nicht zu verwundern, dass die Hexen mit Hülfe 
des Teufels dabei unversehrt bleiben, da der Saft eines ge- 
wissen Krautes vor dem Verbrennen schützt und dem Teufel 
die Kräfte der Kräuter bekannt sind, er auch etwas zwischen 
das glüliende Eisen und die Hand schieben kann, was er auf 
unsichtbare Weise vermag. Daher ist diese Probe mit 
den Hexen, die mit dem Teufel im Bunde stehen, ohne 

1 b. uGH. ' b. 571—7-1. 



3. Der Hexenhammer. 283 

Belang und weniger als jede andere anzustellen, im Gegen- 
tlieil ist ihre Berufung darauf als ein Verdaclitsgrund zu be- 
trachten. * 

18. Frage. Wie das Endurtheil abzufassen sei. 
Weil das Verbrechen der Hexerei ein nicht rein geist- 
liches ist (non est mere ecclesiasticum), verbieten wir den 
weltlichen Richtern nicht, dariiber zu richten und zu strafen, 
aber die Hinzuziehung der Kirche ist nothwendig.^ Im Hexen- 
process, wo es sich um Glaubenssachen und das Verbrechen 
der Ketzerei handelt, muss summarisch, ohne die sonst übli- 
chen Formalitäten, verfahren werden. Der Richter braucht 
keine Klageschrift, er verlangt keine contestatio litis u. dgl. 
Die noth wendigen Beweise, Citationen, Protestationen jura- 
menti de calumnia u. s. w. soll er aber zulassen. Das Urtheil 
darf, wenn es gelten soll, von keinem andern als dem Richter, 
und zwar an einem öflFentlichen ehrbaren Orte, sitzend, bei 
lichtem Tage, nicht an Festtagen gesprochen werden, darf 
nicht schriftlich verfasst sein. — Obgleich in Criminalsachcn 
das Urtheil sofort zu vollziehen ist, gibt es doch Fälle, wo 
die Execution aufgeschoben wird, als: bei einer Schwan- 
geren, wo die Geburt abgewartet wird; wenn einer gestanden 
hat, und hernach leugnet. ^ 

19. Frage. Auf wie vielerlei Art so schwerer Ver- 
dacht geschöpft werden könne, um zu verurtheilen. 

Mit Berücksichtigung alter und neuer Gesetze gibt es 
vier Arten der Ueberführung: durch das Recht, nämlich 
durch Folterwerkzeuge, Zeugen; durch die Evidenz der That; 
durch die Rechtsauslegung; durch starken Verdacht (1. jure, 
2. facti evidentia, 3. juris interpretatione , 4. violenta sus- 
picione). Ist der Verdacht wahrscheinlich, so erfordert er 
die Reinigung; der starke Verdacht (violenta) zieht die Ver- 
urtheilung nach sich.* Ein leichter oder entfernter Verdacht 
fällt auf diejenigen, welche heimliche Zusammenkünfte halten, 
in Sitten und Gebräuchen von dem gewöhnlichen Brauche der 
Gläubigen abweichen, zu geheiligten Zeiten auf Feldern oder 
in Wäldern am Tage oder des Nachts zusammenkommen, 
mit der Zauberei Verdächtigen geheimen Umgang pflegen, die 

' S. 575. ■' S. 576. '' S. 579. * S. 580. 



284 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilexenvcrfolgung. 

Kirche nicht zur gehörigen Zeit besuchen. ^ Gross ist der 
Verdacht, wo jemand von einem andern weiss, dass er ein 
Ketzer sei und ihn nicht anzeigt, ihm Gunst erweist, mit ihm 
in Verbindung tritt, ihn besucht, ihn verbirgt, vertheidigt u. 
dgl. m. Ebenso verhält es sich auch in Bezug auf die Ketze- 
rei der Hexen.* Der grösste oder starke (violenta) Verdacht 
ist da, wenn jemand, z. B. bei der einfachen Ketzerei, den 
Ketzern Verehrung erweist, Rath und Hülfe bei ihnen sucht 
oder annimmt, Umgang u. s. w. pflegt. In Bezug auf das Hexen- 
wesen tritt dieser Verdacht ein, z. B. wenn jemand Drohun- 
gen ausstösst, die in Erfüllung gehen, Menschen und Vieh 
schädigt, Wetter macht u. s. w. ^ Wer von solchem Verdachte 
betrofien wird und in übelm Rufe steht, der ist überwiesen, 
besonders wenn seine Drohung eingetrofien ist. Geschieht 
dies auch nicht und es finden sich blos von ihm versteckte 
Zauberinstrumente, so trifl't ihn schon der äusserste Verdacht.* 
Der Teufel kann allerdings jemand bezaubern, ohne dass 
diesen die Hexenweiber anblicken oder berühren, wenn" Gott 
es zulässt. Weil aber die Zulassung Gottes grösser sein muss, 
wo eine geweihte Creatur durch Abschwörung des Glaubens 
und andere schreckliche Laster mithilft, so sucht der Teufel 
sich der Hexen zu bedienen, was er auch ohne sie bewirken 
könnte. •'' 

20. Frage. Ueber die erste Art, ein Urtheil zu 
fällen. I 

Werden die verschiedenen Arten, wie jemand bezüglich 
der Hexerei befunden werden kann, angegeben. Wird eine 
angegebene Person ganz unschuldig befunden, so lautet das 
Endurtheil so: „Nachdem wir u. s. w. wider dich gerichtlich 
proccdirt — aber nichts Gewisses wider dich gefunden haben, 
um dich als Hexe zu verurtheilen, so entheben wir dich von 
diesem Augenblicke der Untersuchung u. s. w. — Man hüte 
sich aber, im Urtheil irgendwie zu erwähnen, dass die Beklagte 
unschuldig sei, sondern nur: dass man keinen gesetzlichen 
Beweis gegen sie habe, denn wenn sie später wieder denun- 
cirt und überführt werden sollte, kann sie ungeachtet des ab- 
solutorischen Urtheils doch verurtheilt werden. »^ 



I 



1 Ö. öbl. ^ Ö. b&2. ' S. 583. ' S. 584. ' S. 584. •" Ö. 591. 



3. Der Ilexenhammcr. 285 

21. Frage. Ucber die zweite Art, ein Urtheil zu fäl- 
len, nnd zwar über eine blos berüchtigte Person. 
Diese zweite Art erfolgt, wenn die Beklagte im Rufe 
dieser Ketzerei steht, aber nicht durch Zeugen überwiesen ist, 
noch selbst bekannt hat, noch sonstige Judicien vorliegen, je- 
doch bewiesen werden kann, dass sie Drohungen ausgestossen, 
durch deren Erfüllung Menschen oder Vieh geschädigt wer- 
den, wodurch der üble Ruf rechtlich erwiesen ist, so dringt 
die Processordnung auf kanonische Reinigung, und die Sentenz 
lautet folgendermassen : „Wir u. s. w, — es wird dir hiermit auf- 
erlegt, dich an bestimmtem Tage zu stellen und eidlich zu 
reinigen"; und falls sie es nicht vermag, wird sie als über- 
wiesen betrachtet. ^ Die kanonische Reinigung besteht darin, 
dass der übel Berüchtigte einige Männer, sieben, zehn, zwan- 
zig, dreissig, die seines Standes, Katholiken und ehrbare Leute 
sein und ihn schon längere Zeit gekannt haben müssen, als 
Mitreiniger (Compurgatores) aufzubringen hat. An dem be- 
stimmten Tage soll er sammt seinen Reinigern vor dem Bi- 
schof, der die Angelegenheit führt, und wo er berüch- 
tigt ist, erscheinen, seine Hand auf das vor ihm aufge- 
schlagene Evangelienbuch legen und sprechen: „Ich schwöre 
auf diese heiligen Evangelien, dass ich mich der Ketzerei, der 
ich beschuldigt werde, niemals schuldig gemacht, sie weder 
geglaubt noch gelehrt habe, und sie auch nicht übe noch 
glaube". Hierauf legen auch alle Mitreiniger die Hände auf 
das Buch und jeder sagt: „Auch ich schwöre auf diese heili- 
gen Evangelien Gottes, dass ich glaube, dass er wahr ge- 
schworen habe". Ist der üble Ruf an mehrern Orten ver- 
breitet, so muss der Berüchtigte sich überall reinigen, den 
katholischen Glauben bekennen. Verfällt er nachgehends wirk- 
lich dieser Ketzerei, so wird er als rückfällig betrachtet und 
bestraft. ^ 

Sollte der Berüchtigte sich nicht reinigen wollen, so wird 
er zunächst in den Kirchenbann gelegt, und bleibt er ein Jahr 
excommunicirt, so macht er sich zu einem verstockten Sünder 
und wird als Ketzer verurtheilt. Sollte er zur Reinigung be- 
reit sein, aber die bestimmte Anzahl von Reinigern nicht auf- 



1 S. 593. ■"- S. 595. 



28G Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilcxcnverfolgung. 

bringen können, so wird er als iiberwiesen betrachtet und als 
Ketzer verurtheilt. 

22. Frage. Ueber die dritte Art, eine Beriichtigte zu 
foltern und das Urtheil über sie zu fällen. 
Die dritte Art, einen solchen Process abzuthun, betrifi't 
einen Inquisiten, dessen Aussagen nicht gleich, oder Aus- 
sagen gegen ihn vorhanden sind, wodurch er sich zur Folter 
qualificirt. Wenn auch gar nichts gegen den Inquisiten auf- 
gebracht werden kann, er aber verschieden aussagt, so wird 
er nach gefälltem Urtheil auf die Folter gespannt. Indessen 
übereile sich der Richter nicht mit der Folter, da diese nin- 
in Ermangelung anderer Beweise angewendet werden soll; er 
mag sich nach andern Beweismitteln umsehen, er bediene sich 
der Freunde des Inquisiten, ihn zum Geständniss zu bringen, 
damit die Procedur nicht gehemmt werde. Nachdenken und 
Noth des Kerkers, Zureden guter Männer sind geeignet, die 
Wahrheit herauszubringen. ^ Hat alles dieses beim Inquisiten 
nicht verfangen, dann mag ihn der Richter getrost „moderate" 
foltern lassen, aber noch ohne Blutvergiessen , da die Folter 
trüglich sein kann. Denn einige sind so weichlich, dass sie 
unter leichter Folter alles, auch Unwahres zugestehen, wäh- 
rend andere selbst unter den schrecklichsten Qualen hart- 
näckig bleiben, und andere durch Zaubermittel sich gegen 
Schmerzen unempfindlich machen. Ist aber auf Folter erkannt 
worden, so haben die Büttel sofort Anstalt zu trefien, und in- 
zwischen mag der Bischof oder der Richter entweder selbst 
oder durch andere den Inquisiten zum Geständniss zu über- 
reden suchen. Hilft alles nicht, so kann man den andern 
oder den dritten Tag zur Fortsetzung der Folter, nicht zur 
Wiederholung festsetzen. ^ Er werde also stärker oder leich- 
ter, je nach der Schwere der Schuld gefoltert. Ist er gehörig 
gefoltert worden und will nicht gestchen, so soll er frei ge- 
lassen werden. Gesteht er die Wahrheit, bereut seine eigene 
Schuld und verlangt die Vergebung der Kirche, dann werde 
er als auf Ketzerei Betrofi'ener und Geständiger verurtheilt. 
Gesteht er aber ohne Reue, wird er dem weltlichen Arme zur 
Hinrichtung überliefert. ^ 



S. 598. '' S. 599. » Ö. 600. 



3. Der Hexenhammer. 287 

23. Frage. Die vierte Art, eine Angezeigte, die leich- 
ter Verdacht trifft, zu verurtheilen. 

Ist der Verdacht nur leicht und alle andern Beweise 
fehlen, so niuss die Angezeigte die ihr angeschuldigte Ketzerei 
abschwören (nach beigefügter Formel), und soll, wenn sie 
nachgehends derselben verfcällt, nicht als Riickfällige, aber 
doch härter bestraft Averden. ^ 

24. Frage. Die fiinfte Art, das Urtheil iiber eine stark 
Verdächtige zu fällen. 

Wenn die Angezeigte nicht gehörig überfiihrt ist, nicht 
selbst bekannt hat, die Zeugenaussagen in gehöriger Form 
fehlen, aber schwere Anzeichen einen starken Verdacht be- 
gründen, so muss die Verdächtige nicht nur die Ketzerei, 
deren sie verdächtig ist, abschwören, sondern wird auch, wenn 
sie später sich schuldig machen sollte, als Iviickfälligc dem 
weltlichen Arm zur Todesstrafe übergeben. ^ Eine stark wie 
auch leicht Verdächtige soll nicht lebenslänglich, sondern auf 
einige Zeit eingekerkert werden. ^ 

25. Frage. Die sechste Art, wie eine äusserst Ver- 
dächtifj-e zu verurtheilen ist. 

Dieser Fall tritt ein, wenn Inquisit durch rechtmässige 
Beweise zwar nicht überwiesen ist, aber äusserst starken Ver- 
dacht auf sich geladen hat, dass er z. B. schon der Ketzerei 
leicht verdächtig war. Bedenkliches gesagt oder gcthan 
hat, besonders wenn er ein Jahr oder länger excommunicirt 
und, zur Verantwortung geladen, nicht erschienen war, wo- 
durch der leichte Verdacht zu einem äusserst starken Avird. 
Mag ein äusserst schwer Verdächtiger auch keinen Irrthum 
im Gemüthe noch Halsstarrigkeit im Willen haben, ist er 
doch als Ketzer zu verurtheilen wegen des äusserst schweren 
Verdachts.'* Ist Inquisitin der Hexerei stark verdächtig und 
bcharrt auf Leugnen, und der Richter meint sie nicht dem 
Feuertode überliefern zu können, so muss sie gefangen bleiben 
und die Untersuchung unter Foltern weiter geführt werden. 
Im Falle, dass noch keine Indicien zu Händen kämen, ist sie 
wenigstens ein Jahr lang in einem schmuzigen Kerker, wo 
sie Elend zu ertragen hat, festzuhalten und recht häufig zu 



1 S. 601. 2 s_ CM. * S. G09. ' S. Gll. 



288 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

examiniren, besonders an Festtagen. Wenn nun der Richter sie 
auch wegen einfacher Ketzerei zum Feuer verurtheilen könnte, 
hat aber Scheu davor, so muss er auf Reinigungseid antragen, 
wozu aber zwanzig bis dreissig Reiniger erforderlich sind. Kann 
Inquisitin sich nicht reinigen, ist sie als schuldig zum Feuer 
zu verurtheilen. * Kann sie sich reinigen, so muss sie die Ab- 
sclnvörung leisten mit der Warnung, dass sie im Betretungs- 
falle als Rückfällige bestraft werden solle und wolle. Hierauf 
wird Inculpatin absolvirt (folgt die Absolutionsformel), woraus 
nur hervorzuheben, dass sie zur Busse einen grauen Anzug 
mit einem gelben Kreuze, drei Handbreit lang und zwei breit, so 
und so lange tragen und an bestimmten Festtagen vor der 
Kirchenthüre stehen muss, und überdies (auf immer oder auf 
gewisse Jahre) zum Gefängniss verdammt wird. ^ 

26. Frage. Die Art, eine gründlich Verdächtige und 
Berüchtigte zu verurtheilen. 

Eine Verdächtige, die im Übeln Rufe steht, wenn sie auch 
nicht gerichtlich überwiesen ist und Indicien wider sich hat, 
die das Geriicht bestärken, z. B. wenn sie mit Ketzern ver- 
trauten Umgang pflegt, ist zur kanonischen Reinigung zu ver- 
halten. 

27. Frage. Die Art, über einen Ketzer, der gesteht, 
aber bussfertig ist, das Urtheil zu fällen. 

Wenn ein Beklagter im Gerichte gesteht, dass er eine 
Zeit lang Ketzerei getrieben, nach erhaltener Belehrung aber 
in den Schos der Kirche zurückkehren wolle, der aufer- 
legten Busse sich zu unterziehen und die Ketzerei abzuschwö- 
ren bereit sei, der ist nicht dem weltlichen Arme zu iiber- 
geben, sondern nachdem er die Ketzerei abgeschworen hat, zu 
immerwährendem Kerker zu verurtheilen. ^ 

28. Frage. Wie mit einer Person zu verfohren, die 
einmal ihre Ketzerei eingestanden hat, darauf riickfällig 
geworden, aber bussfertig ist. 

Einer solchen Person sind auf ihre demüthiü;en Bitten die 
Sakramente der Busse und des Abendmahls nicht zu verwei- 
gern, war aber die abgeschworene Ketzerei Zauberei, deren 
sie sich wieder schuldig gemacht, so soll sie dem weltlichen 



' S. 012. •' ö. 015 fg. « ö. Ü23. 



3. Hexenhammer. 289 

Arme zur Todesstrafe überliefert werden, dies aber nur, wenn 
sie auf der Ketzerei ertappt worden oder derselben schwer ver- 
dächtig war. ' 

29. Frage. Verfahren mit einer Person, die ihre 
Ketzerei eingestanden, nicht rückfällig geworden, aber un- 
bussfertig ist. 

Dieser sehr seltene Fall ist uns Inquisitoren doch vorge- 
kommen. Der Bischof und die Richter sollen sich bei solcher 
Gelegenheit nicht übereilen, sondern die Person in guten Ge- 
wahrsam nehmen, zu ihrer Bekehrung selbst einige Monate 
verwenden.- Wird sie weder durch Glück noch Unglück, 
weder durch Drohungen noch Schmeicheleien dazu bewogen, 
so ist sie dem weltlichen Arme zu übergeben. ^ 

30. Frage. Ueber eingestandene Ketzerei bei Rückfall 
imd Unbussfertigkeit. 

I» diesem Falle ist wie im vorigen zu verfahren. * 

31. Frage. Wenn jemand ertappt und überwiesen wird, 
aber doch alles leugnet. 

Ein solcher ist in schweren Kerker an Händen und Füs- 
sen in Ketten zu legen, von den Officialen oft bald einzeln, 
bald gemeinschaftlich zu besuchen und zum Bekenntniss und 
zur Busse zu ermahnen , mit der Todesstrafe zu bedrohen. ^ 
Es ist öfter vorgekommen, dass boshafte und feindselige Leute 
sich verbündeten, einen Unschuldigen der Ketzerei zu beschul- 
digen, nachher aber, vom Gewissen getrieben, widerriefen, was 
sie ausgesagt hatten. Daher ist mit einem Leugnenden nicht 
zu eilen, sondern ein Jahr und mehrere Jahre zu verziehen, 
bevor er dem weltlichen Gerichte übergeben wird. ^ Gesteht 
er, dass er der Ketzerei verfallen, ohne aber bussfertig zu 
sein , so ist er dem weltlichen Arme zu überliefern. Bleibt 
er beim Leugnen, die Zeugen aber widerrufen und bekennen 
ihre Schuld des falschen Zeugnisses, sind diese als falsche Zeugen 
zu bestrafen. ' Verharrt der Beschuldigte beim Leugnen und 
die Zeugen bei ihrer Aussage wider ihn, so ist er dem welt- 
lichen Gerichte zu übergeben. 



1 S. 628. 2 S. 634. » S. 635. * S. 637. ^ g. 641. « S. 642. 
' S. 644. 

Eoskoff, Geschichte des Teufels. II. . ■< q 






290 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverl'olgung. 

32. Frage. Ucber einen, der überwiesen, aber flüchtig | 
und contiunaciter abwesend ist. * 

Hier sind drei Fälle zu bemerken. Entweder ist der Be- ] 

schuldigte völlig überwiesen, aber entflohen und will nicht er- 
scheinen; oder der Angeklagte, gegen den sich bei einiger 
Untersuchung ein leichter Verdacht herausstellt, erscheint nicht 
auf die Vorladung, selbst nachdem er excommunicirt wor- 
den ist; oder es hat jemand das Urtheil des geistlichen Ge- 
richts gehemmt, oder zur Verhinderung gerathen, oder sie be- 
günstigt, so wird ein solcher excommunicirt, und bleibt er ein 
Jahr im Kirchenbanne, ist er als Ketzer zu verurthcilen. Im 
ersten Falle ist der Beklagte als unbussfertiger Ketzer zu ver- 
urthcilen, im zweiten und dritten Falle als bussfertiger Ketzer 
zu behandeln. ^ Wenn der Flüchtige auf die Citation ersclieint 
und sich zur Abschwörung aller Ketzerei bereit erklärt und 
kein Rückfälliger ist, so kann er auf die bereits erwähnte 
achte Art abschwören und Busse thun. War er sehr vöHäch- 
tig und ist auf die Vorladung, sich zu verantworten, nicht er- 
schienen, und war desshalb excommunicirt und blieb es ein Jahr 
lang, bereut aber schliesslich, so ist ein solcher nach der sechs- 
ten Art als Bussfertiger zu behandeln. Wenn aber der Citirte 
erscheint, ohne abschwören zu wollen, wird er als unbussfer- 
tiger Ketzer dem weltlichen Gerichte übergeben.^ 

33. Frage. Ueber eine Person, die von einer ein- 
geäscherten oder einzuäschernden Hexe angegeben wor- 
den ist. 

In dieser Frage werden nicht weniger als dreizehn Fälle, 
in denen sich die Angegebenen befinden können, aufgezählt, 
wo bei dem Verfahren gewöhnlich auf die früher erörterten 
Arten das Urtheil zu fällen, zuriickgewiesen wird, daher der 
Abschnitt meistens Wietierholunü: ist. 

34. Frage. Ueber das Verfahren mit einer Hexe, die 
eine Zauberei gelöst hat, und über zauberische Hebammen 
und Schi'itzcn. 

Es fragt sich, ob die Mittel, die zur Lösung der Hexerei 
gebraucht wurden, erlaubt oder unerlaubt sind. Wer erlaubte 
Mittel anwendet, ist kein Zauberer, sondern ein Verehrer 

' S. 648. ' S. 052. 



f 



3. Der Hexenhammer. 291 

Christi. Es können aber die Mittel schlechthin oder in ge- 
wisser Beziehung (secnndum quid) unei'laubt sein. Schlecht- 
hin unerlaubte Mittel, ob sie schädlich oder unschädlich wir- 
ken, sind solche, wobei der Teufel angerufen wird. In gewisser 
Beziehung unerlaubte Mittel, die zwar ohne ausdrückliche An- 
rufung, obgleich nicht ohne stillschweigende Anrufung des 
Teufels gebraucht, und von den Kanonisten und Theologen 
eitle (vana) genannt werden, sind eher zu empfehlen als 
zu verbieten, weil es nach dem Ausspruche der Kanonisten 
erlaubt ist. Eitles mit Eitlem zu zerstören. ^ 

Jene Mittel aber, die unter ausdrücklicher Anrufimg des 
Teufels gebraucht werden, sind auf keine Weise zu dulden, 
besonders aber, wenn sie einem andern zum Schaden gerei- 
chen.^ — Was soll der Richter thun, wenn die Entzauberung 
durch angeblich erlaubte Mittel geschehen ist? Hier wird eine 
sorgfältige Untersuchung dariiber anzustellen sein, ob die 
Mittel erlaubte oder unerlaubte waren. Die erlaubten Mittel 
lassen sich von den unerlaubten bei sorgfältiger Prüfung un- 
terscheiden, da letztere gewöhnlich geheim angewendet wca-- 
den. Man kann auch erforschen, ob die entzaubernde Person 
eine Hexe ist oder nicht. Sie ist eine Hexe, wenn sie Ver- 
borgenes weiss, was ihr nur durch böse Geister geoffenbart 
sein kann; wenn sie nur gewisse Uebel heben kann und an- 
dere nicht, weil ein Dämon dem andern nicht immer weichen 
will; wenn sie bei der Hebung von Behexungen gewisse Be- 
dingungen macht; wenn sie auf gewissen abergläubischen Ge- 
bräuchen besteht. ^ Die zauberischen Hebammen übertreffen 
alle andern Hexen an Lasterhaftigkeit, und sind deren so 
viele, wie ihre Geständnisse beweisen, dass es keine Ortschaft 
gibt, wo sie nicht zu finden wären.'* Die Zauberschützen fin- 
den zur Schmach der christlichen Religion an den Grossen 
und Fürsten des Landes ihre Gönner, Beschützer und Ver- 
theidiger, und diese sind in gewissen Fällen verdammungs- 
würdiger als jene und sind nicht als Ketzer, sondern als Erz- 
ketzer zu betrachten.^ 

Die Zauberhebammen sind wie andere Hexen, die andere 
behexen, nach Mass des Verbrechens zu verurtheUen , sowie 
diejenigen , welche mit Hülfe des Teufels enthexen. ^ Die 



1 S. 665. 2 s. 666. ^ g. 667. ' S. G68. ' S. 669. « S. 673. 

19* 



292 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexcnvcrfolgung. 

Zauberschützcn und andere Waffcnbchexer sind den vorge- 
schriebenen Strafen zu unterziehen. 

35. Frage. Verfahren gegen Hexer, die appelliren. 

Wenn der Richter merkt, dass Inquisit schHessHch die 
Berufung einlegen wolle, so ist zu bemerken, dass diese bis- 
weilen rechtsgi'dtig, zuweilen aber nichtig sein kann. In Glau- 
benssachen ist summarisch und ohne Formalitäten zu verfahren. 
Wenn die Richter die Angelegenheitsuntersuchung sehr lange 
vertagt haben, und Inquisit meint, gegen Recht und Gerechtigkeit 
beschuldigt zu werden, wenn ihm die Vertheidigung verweigert 
wird; oder wenn sich der Richter erlaubt hat, allein, ohne Beirath 
inid ohne Genehmigung des Bischofs, die Inquisition anzustellen 
und dergl. mehr; dann, aber dann allein ist die Berufung gül- 
tig.' Der Richter soll von einer solchen Berufung eine Ab- 
schrift verlangen, nach vorhergegangener Protestation zwei 
Tage zur Antwort und noch dreissig Tage nehmen, um die 
Acten abzugeben. Inzwischen soll der Richter die Gründe 
der Appellation oder die Beschwerden sorgfältig prüfen, und 
findet er von seinei' Seite ein Versehen, dasselbe verbessern, 
die Beschwerden heben, und nun den Process von da ab weiter 
verfolgen. Die Appellation verfällt also von selbst." Ist der 
Fehler jedoch nicht zu verbessern, hat der Richter z. B. den 
Appellanten unbefugterweisc foltern, oder ihm angeblich ver- 
dächtige Sachen verbrennen lassen, so findet die Berufung 
statt. 

Obschon der Richter dreissig Tage Zeit hat, ehe er den 
Process abgibt, so mag er, um den Schein der Vexation zu 
vermeiden, lieber einen frühern Termin zur Beantwortung an- 
setzen, etwa den zehnten oder zwanzigsten Tag, da er dann, 
wenn er die Acten nicht absenden will, unter dem Vorwande 
vieler anderer Geschäfte den Termin verlän2;ern kann. " Bei 
der Ansetzung des Termins sage er dem Appellanten nicht, 
ob er die Berufung geschehen lassen werde oder nicht. ^ 



S. G74. - S. 076. 2 S. 077. 



4. Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse. 293 

4. Weiterer Verlauf und Atinalime der Hexenprocesse. 

Wie der Begrifi' der Ketzerei mit dem der Hexerei inein- 
andergesetzt ward, so übernahmen die Ketjerrichter das Ge- 
scliäft von Hexenrichtern. Nach dem „Hexenhammer", diesem 
„theologisch -juridischen Commentar des Criminal-Codexes der 
Zauberbulle", sagt Ennemoser i, „wurde der Glaube an die 
Buhlteufel und an die Gemeinschaft mit dem Hexenheer in 
allerlei Unzucht und Ucbelthat ein unverwerfliches Axiom, 
und der Feuertod ein unumstössliches Recht und Gebot." Die 
Processe kamen in Gang und wie nach der Bulle Inno- 
cenz' VIII. für andere Länder Bullen ähnlichen Inhalts von 
Alexander VI., Julius II., Leo X. und Hadrian IV. bald auf- 
einanderfolgten, so drängten sich die Hexenprocesse, die bis- 
her einzeln aufgetreten waren, von nun an nahe aneinander, 
dass sie wie Glieder einer gewaltigen Kette sich zusammen 
schlössen, womit die Menschheit erdrosselt zu werden drohte. 

Sprenger und Institoris hatten binnen einer fünfjährigen 
Wirksamheit 48, und ihr College im Wormserbad in dem ein- 
zigen Jahre 1485 sogar 85 Opfer den Flammen übergeben. 
Zwar o-ab schon 1489 der Konstanzer Sachwalter Dr. Ulrich 
Molitoris seinem Unmuthe i'iber den neuverbreiteten Unsinn 
Ausdruck in seiner, dem Erzherzog Sigismund gewidmeten 
Schrift: „Dialogus de lamiis et pythonibus mulieribus", worin 
er den Glauben an die Macht der Hexen, an ihre Buhlschaf- 
ten, das Wettermachen, ihre Luftüxhrten u. dgl. zu unter- 
ifraben sucht, und auch die Juristen Alciatus^ und Ponzini- 
bius erklärten sich gegen die leibliche Ausfahrt der Hexen und 
den Hexentanz, und suchten sie als pure Einbildung dar- 
zustellen; Bartholomäus de Spina, Sacri palatii magister 
zu Rom, führte dagegen den Beweis: dass ein Jurist vom 
Hexenwesen gar nichts verstehen könne. ^ Erasmus von Rot- 
terdam nannte in einem Briefe von 1500 den Bund mit dem 
Teufel eine neue, erst von den Ilexenrichtern erfundene Misse- 
that und machte die Angelegenheit zum Gegenstand seiner 



J Gescbichte der Magic, S. 7G2. 
^ Parerg. juris cap. 21. 

^ In Ponziuibium de lamiis apologia I und II im zweiten Tlieile des 
Mall, malef. 



294 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Satire. * Luther erschien zwar die Vermischung mit Incuben 
und Succuben nicht unmöglich, er behandelte aber, gleich sei- 
nem Freunde Melanchthon, die Nachtfahrten als Phantasiege- 
bildc, und beide .empfahlen Besonnenheit in den Processen. 
Inzwischen waren diese doch trotz manchem Widerspruche 
namentlich von deutschen Kanzeln in Bezus; auf die Macht 
der Hexen, durch teuflische Künste Mensch und Thier schädi- 
gen zu können, immer landläufiger geworden. 

Wir ersparen dem Leser die Beschreibung der Einzeln- 
heiten im Verlaufe der Hexenprocesse, als: Folterkammer 
sammt Instrumenten , Weise zu foltern u. dgl., nicht nur weil 
sie anderwärts ausführlichst und wiederholt vorliegt^, sondern 
vornehmlich, weil es sich hier um das Ganze der Erscheinung 
handelt und zunächst das rasch steigende Ueberhandnehmen 
der Hexenverfolgung durch folgende Blumenlese bestätigt 
werden soll. 

Bald nach der Bulle Innocenz' VIII. tritt in Oesterreichs 
bürgerlichen Gesetzen die Zauberei unter den Malefizhändeln 
auf. Im Jahre 1498 am 21. October kommt eine Hinrichtunix 
durch das Schwert und Verbrennen vor, wobei die "VX'eige- 
rung des wiener Scharfrichters bemerkenswerth ist, „der 
nicht richten hat wollen". Dies ist der einzige actenmässige 
Fall im 15. Jahrhundert. ^ 

Im December 1508 entstand ein Hexenprocess auf die 
Klage der Anna Spielerin aus Ringingen gegen 23 Einwohner 
von Ringingen auf Entschädigung für eine durch deren Schuld 
erlittene Unbill.* Um diese Zeit (1515) wurden zu Ravens- 
burg in fünf Jahren 48 Hexen verbrannt.* 

1519 erzählt Agrippa von Nettersheim, dass Inquisitor ein 
Bauernweib zur Abschlachtung vor sein Forum gezogen habe.*^ 

Aus demselben Jahre wird der Ilexenprozess der Anna 
Schienbeinin von Nüwenburg mitgetheilt. '^ 



Vgl. Soldan, 321 fg. 

Vgl. Horst, Weier, Spee, Binsfeld, Lamberg, Soldan, Wächter u. a. 

Schlager, Wiener Skizzen aus dem Mittelalter. Neue Folge, II, 35. 

Soldan, 322. 

Mall. mal. II. qu. 1, c. 4. 

Epist. lib. II, 38. 39. 40. De vanit. scient. cap. 96. 

Fr. Fischer, die Basler Hexenprooesse im Ifi. und 17. Jahrhundert. 



4. Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse. 295 

1521 wurde zu Hamburg der Arzt Veythes, der ein von 
der Hebamme aufgegebenes Weib gbäcklich entbunden hatte, 
verbraunt. * 

Gleichzeitig wurden in dem damals noch deutschen Be- 
san^on drei Personen als Werwölfe hingerichtet.- 

Mehrere Hexenprocesse in Basel aus den Jahren 1530, 
1532, 1546, 1550 werden von Fr. Fischer a. a. O. vorgefiihrt. 

lieber brandenburgische Processe aus der Zeit von 1545, 
1554 und weiter hat von Raumer berichtet.^ 

Zu Freiburg im Breisgau, wo die Processe erst später 
häufiger sind, wird 1546 eine Hexe, die Hagel gemacht, ver- 
brannt.* 

In Genf wurden 1515 in drei Monaten 500 Personen 
hingerichtet, die nach Delrio's Vorrede zu seinen „Disquisitio- 
nes magicae", der Waldenserei angeklagt, als Hexenbrut be- 
handelt wurden. 

In Italien, wo die Bauern der Lombardei gegen die In- 
quisition die Waffen ergriffen hatten, da derjenige, der sich 
nicht loskaufen konnte, verbrannt vvurde, wie Agrippa^ und 
Alciatus^ aus eigener Wahrnehmung erzählen, wurden nach 
letzterm in den Alpenthälern allein über hundert Personen 
verbrannt. Nachdem PajDSt Hadrian VI. im Jahre 1523 eine 
neue Hexenbulle erlassen, wuchs das Uebel in dem Masse, 
dass nach der Aussage des Bartholomäus de Spina in der Diö- 
cese von Como die Processe vor der Inquisition im Durch- 
schnitt jährlich sich auf 1000, die Hexenbrände sich iiber 
100 behefen.7 

In Spanien verbrannte die Inquisition von Calahorra im 
Jahre 1507 mehr als dreissig Weiber. Im Jahre 1527 denuncirtcn 
zwei Mädchen von 9 bis 11 Jahren gegen Zusage der eigenen 
Straflosigkeit eine Menge von Hexen, die sie an einem Zeichen 
des linken Auges erkannten. 150 wurden von der Inquisition 
zu Estella zu 200 Peitschenhieben und mehrjährigem Kerker 



' Agrippa a. a. 0. 

- Garinet, Hist. de la mag. en France, pag. 118. 

2 Mark. Foräcliungcn, I, 236 fg. 

■• Schreiber, Der Hcxeupr. im lireisgau, S. 15. 

5 De vanit. scieut. cap. 9G. 

« Parcrg. VIII, 21. 

' De gti'igib. cap. 12. 



296 Dritter Abschnitt : Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

verurtheilt. Im Jahre 1536 veranstaltete das heilige Officium 
zu Saragossa mehrere Brände.^ 

In England waren die Hexenprocesse anfänglich mit der 
Politik in Zusammenhang gebracht. So wurde die Herzogin 
von Gloucester zur Kirchenbusse und Verbannung auf die 
Insel Man verurtheilt, weil sie sich iiber die Tödtuno- Hein- 
rieh's VI. mit Hexen berathen hatte. Richard III. erhob 1483 
die Anklage auf Hexerei gegen die Königin -Witwe, gegen 
Morton und andere Anhänger des Grafen von Richmond. Im 
Jahre 1541 ward Lord Hungerford enthauptet, weil er eine 
Wahrsagung über die Lebensdauer Heinrich's VIII. eingeholt, 
worauf zwei Parlamentsacten erschienen, deren eine gegen 
falsche Prophezeiungen , die andere gegen Beschwörung, 
Hexerei u. dgl. gerichtet war, die zwar unter Eduard VI. 
aufgehoben, aber unter Elisabeth im Jahre 1562 wiederher- 
gestellt wurden. Schon 1569 wurde zu Cambridge eine Mutter 
sammt ihrer Tochter wegen Teufelsbiindnisses gehenkt. Unter 
der Regierung dieser Königin fielen im Jahre 1576 in Essex 
17, in Warbois 3 Personen als Opfer. 

Auch in Schottland war das Hexenwesen zunächst mit 
Politik verflochten. Jakob III. Hess seinen Bruder, Grafen 
von Mar, der in feindseliger Absicht Hexen befragt haben 
sollte, ermorden und darauf 12 Weiber und 4 Männer wegen 
Hexerei verbrennen. Von da ab mehrten sich die Hexenpro- 
cesse und wurden besonders zahlreich unter Maria Stuart, 
deren Sohn Jakob seiner persönlichen Theilnahme wegen in 
der Geschichte des Hexenwesens einen Namen hat.* 

In Frankreich, das schon im 14. Jahrhundert seine Opfer 
brachte, wurde der Hexenprocess, nachdem ihn 1390 das pa- 
riser Parlament den geistlichen Richtern abgenommen, sel- 
tener, daher Bodin^ sagen konnte: der Teufel habe seit 
dieser Zeit sein Spiel so w^eit getrieben, dass man die Erzäh- 
lungen über Zauberer und Hexen für Fabeln gehalten habe. 
Untei- Ludwig XI., Karl VIII. und Ludwig XII. kamen die 
alten Greuel nicht auf, und nur wenig unter Franz I. Im 



' Llorente, Geschichte der spanischen Inquisition, II, c. 15. 
■^ Vgl. Hutchinson, Rist. Vers, von der Hexerei, Walter Scott, Br. 
über Dämonol., 'J. Thl. 

^ Dämonom., lib. IV, ca^. 1. 



4. Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse. 297 

Jahre 1582 wird Abel de la Rue als Zauberer verbrannt we- 
gen der teuflischen Kunst des Nestelknüpfens, derselbe scheint 
aber noch andere Künste getrieben zu haben, da ihn J. Collin 
de Plancy als „mauvais coquin, voleur" und „meurtrier" be- 
zeichnet. ^ Soldan ^ weist auf andere Urtheile desselben pari- 
ser Parlaments hin^, erinnert aber auch, dass wenn Crespet* 
klagt: die Zahl der angegebenen Zauberer habe damals 100000 
iiberstiegen , dies von Scheltema ^ misverstanden worden sei, 
der unter Franz I. über 100000 Verurtheilungen wegen Hexe- 
rei angibt. Unter Heinrich H. kamen die Hexenprocesse 
mehr in Gang. 1540 wurden zu Nantes auf einmal 7 Hexer 
verbrannt, bald darauf andere zu Laon und anderwärts.^ 
Unter Karl IX. wiederholen sich die Hinrichtungen. Ein 
Verurtheilter, Trois-Echelles, versprach um den Preis der Be- 
gnadigung alle Hexen Frankreichs zu entdecken, die er nach 
Bodin auf 300000 angab ^, mittels der Nadelprobe am Stigma 
über oOOO als schuldig erkannte und der Obrigkeit anzeigte, 
deren Verfolgung aber unterdrückt wurde. ^ 

Bevor wir unsere Blumenlese fortsetzen, wollen wir einen 
Blick auf die literarischen Bestrebungen gegen und für das 
Hexenwesen werfen. Denn dessen rasches Umsichgreifen 
musste natürlich auch Widersprüche hervorrufen, und einer 
der ersten oder vielleicht der erste, welcher oflen dasreiren 
auftrat, war Johann Weier ( Wierus, auch Piscinarius). Er 
war 1515 zu Grave an der Grenze Brabants geboren, hatte 
sich medicinischer Studien halber längere Zeit in Paris aufge- 
halten, eine Reise nach Afrika unternommen, wo er Zauber- 
künstler zu beobachten Gelegenheit fand. '^ Hierauf ging er 
nach Kreta und wurde nach seiner Rückkehr Leibarzt des 
Herzogs Wilhelm von Cleve. Sein Werk: „De praestigiis 
Daemonum et incantationibus ac Veneficiis libri sex" erschien 



' Dictionaire infernal, 6. edit., p. 2. 

2 S.333. 

"' Nach Le Brun, Hist. crit. des pratiques superstitieuses, Vol. 1, p. 306. 

* De odio Satanae bei Delrio, IV, scct. 16. 

* Geschiedenis der Heksenpr., p. 106. 
^ Bodin, Daemonom. II, 5. 

" Daemonom. IV, 5. 

« Vgl. Hauber, Bibl. mag. II, 438 fg. 

^ Wierus De praestigiis, lib. II, cap. 15. 



298 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilexenverfolguug. 

1563, das von ilim selbst sechsmal aufgelegt worden und ihn 
als wackern Menschen erscheinen lässt, den das Mitleid mit 
der gepeinigten Hülflosigkeit von Ungliicklichcn schonungslos 
macht gegen Beschränktheit und Schlechtigkeit, sodass wir 
ihm, dem Kinde seiner Zeit, den Mangel tiefern Denkens, 
das auf den Grund der Dinge di'ingt, gerne nachsehen iiber 
seinem sittlichen Ernste, und uns an seiner eifrigen Beobach- 
tung der Einzelheiten begniigen. Obschon er dem Teufel eine 
Macht zuerkennt, und die Magie mit ihr in Beziehung sieht, 
bekämpft er doch die crassen Vorstellungen von seinem per- 
sönlichen Umgange mit Menschen und führt eine Menge Er- 
scheinungen auf einen natürlichen Grund oder auf Täuschun- 
gen und Einbildung zurück. Er leugnet nur die Hexerei mit 
Hülfe des Teufelsbündnisses. In dem allgemeinen Ausdrucke 
„Zauberei" unterscheidet er den Magus, als den geflissent- 
lichen Täuscher aus Profession, von der Hexe (saga vel lamia), 
die aus Geistesschwäche und verschrobener Phantasie vom 
Teufel getäuscht wird, und dem Veneficus, Giftmischer, der 
sich absichtlich des Giftes bedient.* Den erstem nennt er 
daher „magus infamis" und definirt ihn als solchen, der sich 
aus freiem Willen vom Teufel oder andern oder durch Bücher 
hat unterweisen lassen, durch vorgeschriebene Formeln aus 
bekannten oder unbekannten Wörtern, die er hersagt oder 
murmelt, oder durch gewisse Zeichen, Beschwörungen und 
Ceremonien wissentlich und geflissentlich teuflische Gaukeleien 
vorzumachen, dass sie mittels Erscheinungen, oder durch 
Laute, oder anderswie auf das Verlangte antworten.^ Wierus 
macht namentlich den meisten Priestern und Mönchen den 
Vorwurf, dass sie, „ut indoctissimi ita et incomparabilis impu- 
dentiae,perditissimaeque impietatis homines", sich den Anschein 
«•eben, in die Arzneikunde eingeweiht zu sein, „quam ne primis 
quidem labris eos gustasse constat", und den hülfesuchenden 
Kranken einreden, dass ihr Uebel von Hexerei herrühre. ^ Sie 
erfrechen sich sogar oftmals, eine ehrbare Matrone als Hexe 
zu bezeichnen, und brennen dadurch der Schuldlosen und 



1 Jo. Wieri Opp. omnia edit. nova IGGU; De praestig. lib. II, cap. I, 

§• 18- 

^ Cap. II, §. 1. 

3 Cap. XVII, t5. 1. 



4. Verlauf und Abnahme der Hexenproccsse. 299 

Frommen ein Mal ein, von dem weder diese noch ihre Nach- 
kommen je befreit werden. Nicht genug, dass sie die Krank- 
heit fälschlich deuten, sie überhäufen auch Unschuldige mit 
Verleumdung, erregen unauslöschlichen Hass bei dem leicht- 
gläubigen Volke, machen, dass unter den Nachbarschaften 
lauter Zank herrscht, zerreissen Freundschaften, vernichten die 
Bande der Blutsverwandtschaft, sodass Kampf entsteht, die 
Kerker sich füllen, sogar Todtschlag auf mancherlei Art ver- 
übt wird, und zwar nicht nur an den von ihnen als der Hexe- 
rei unschuldig Verdächtigten, sondern auch an denen, welche 
diese zu beschützen suchen. ^ „Diese geistlichen scilicet! 
Männer", fährt der Verfasser fort% „sind für die Absicht des 
Teufels vortreffliche Werkzeuge, denn unter dem Deckmantel 
der Religion sind sie mit grossem Eifer ihm zu dienen beflis- 
sen, Beelzebub weiss es auch und rühmt sich ihrer, da sie 
aus Geldgier oder falschem Ehrgeiz ihre und anderer Seelen 
den Dämonen übermitteln und weihen, und auf diese Art die 
Medicin, der Künste älteste, nützlichste und so nothwendige, 
durch den Glauben an Hexerei Ijei natürlichen Krankheiten 
zum Schaden des Lebens und der Gesundheit besudeln". Im 
nächsten Abschnitt^ spricht der Verfasser von den unwissenden 
Aerzten und Chirurgen, die sich unverschämterweise ihrer 
Kunst rühmen und ihre Unwissenheit dadurch zu verdecken 
suchen, dass sie Hexerei als Ursache der Krankheit anareben. 
Er sucht zu beweisen, dass das Bekenntniss der Hexen auf 
Blendwerk beruhe und ohne Belang sei.'* Der Teufel verdirbt 
die Phantasie der Hexen. * Weier will, dass die magi infames 
bestraft werden, aber nicht alle auf dieselbe Weise ^: Die ab- 
sichtlich religiösen Frevel üben, sollen am Leben bestraft wer- 
den, bei andern will er die Strafe nach dem angerichteten 
Schaden bemessen. Ebenso soll bei Giftmischern die Strafe 
nach der Grösse des gestifteten Schadens bestimmt werden. '^ 



1 A. a. 0. §. 2. 

2 Ibid. §. 3.' 

3 Lib. II, cap. XVIII. 
* Lib III, cap. HI. 

' Lib. III, cap. IV. 

« Lib. VI, cap. I, §. 1. 

' Cap. XXVI, §. 1. 



300 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexcnvcrfolgung. 

Die Hexen sind nicht im Stande, das zu bewirken, was zu 
vermögen oder gethan zu haben sie sich einbilden^, sie sind 
eher des Mitleids als der Strafe wiirdig.^ 

Dieses Werk fand beifällige Anüiahme, wue die wieder- 
holten Auflagen und die von Fuglinus veranstaltete deutsehe 
Uebersetzung beweisen. Der Pfalzgraf Friedrich, die kleve- 
sche Regierung, der Graf von Niuwenar hörten auf Weier's 
Stimme. Crespet und Bartholomäus klagen über die Verbrei- 
tung der Ansicht, dass das ganze Hexenwesen auf thörichter 
Einbildung beruhe, und schreiben dies auf Weier's Rechnung. ^ 
Da der Glaube an Hexerei noch nicht vernichtet war, konnte 
die Reaction nicht ausbleiben. „Der Theorie und der Praxis", 
bemerkt Soldan*, „war von dem muthigen Arzte allzu derb auf 
den Fuss getreten worden, als dass sie nicht beide zum Bunde 
üceeen ihn hätten die Hand sich reichen sollen. Kaum hatte 
man sich daher von der ersten Ueberraschung etwas erholt, 
so eröffneten Gesetzgeber, Richter und Gelehrte aus den vier 
akademischen Facultäten gegen ihn einen dreijährigen Krieg" 
u. s. w. 

Da der Streit über das Hexenwesen so vielfach erörtert 
worden und unser Augenmerk vornehmlich auf die Daten des 
zunehmenden Hexenproccsscs gerichtet ist, können wir uns 
auf eine summarische Uebersicht beschränken. 

Weier antwortete seinen Gegnern Paulus Scalichius und 
Leo Suavius (Joannes Campanus) mit einer „Apologia adver- 
sus quendam Paulum Scalichium Cjui sc principem de la Scala 
vocitat", worin er sie abweist. Weniger bekannt als Bestrei- 
ter des Hexenwesens ist der Rechtsgelehrte Godelmann, der 
nach Weier einer der ersten war, welcher, obschon dem 
Teufelsglauben ergeben, doch Zweifel an der Hexerei er- 
regte und den Hexenrichtern grössere Vorsicht empfahl. 
Der deutsche Titel seines Buchs ist: „Von Zauberern, 
Hexen vndt Vnholden warhafftiger vndt wolgegründeter Be- 
richt hn. Georgjj Godelmanni, beyder Rechte Doct. etc., wie 
dieselben zu erkennen vndt zu straffen. Allen Beampten zu 



' Lib. VI, cap. XXVII. 

2 Ibid. §. 25. 

3 Dehio, lib. V, scct. 16. 
1 S. 345. 



I 

i 



4. Verlauf und Abnahme der Hcxcnprocesse. 301 

vnsern Zeiten von wegen vieller vngleiclier vndt streittiger 
Meynung sehr nützlieh vndt nothwendig zn wissen etc. Alles 
durch M. Georgium Nigrinum Superintend. zu Echzell in der 
Wetterawe. Frankf. a. M. MDXLII." Aber das Hexenwesen 
und dessen Verfolgung setzten ihren Gang bald mit beschleu- 
nigtem Schritte weiter fort. 

Im Jahre 1572 erschien im protestantischen Kursachsen 
eine Criminalordnung mit folgender Straf bestimmung: „So 
jemands in Vergessung seines christlichen Glaubens mit dem 
Teufel ein Verbündniss aufrichtet, umgehet oder zu schaf- 
fen hat, dass dieselbige Person, ob sie gleich mit Zau- 
berei niemauds Schaden zugefüget, mit dem Feuer vom 
Leben zum Tode gerichtet und gestraft werden soll ". 
Der Heidelberger Arzt Thomas Erastus wärmte in sei- 
nem Buche: „De lamiis et strigibus , 1577 den Inhalt des 
„Hexenhammers" in dialogischer Form wieder auf, mahnte in- 
dess zur Besonnenheit und Vorsicht im Hexenprocesse. Der 
Franzose Jean Bodin, der 1579 „De Magorum daemouomania 
seu detestando lamiarum et magorum cum Satana commercio" 
herausgab, suchte zur Verfolgung des Hexenwesens aufzu- 
hetzen. Der deutsche Professor zu Marburg, Wilhelm Adolf 
Scribonius, rechtfertigt 1583 das Hexenbad. Dagegen verfolgte 
der Engländer Reginald Scott in seinem Buche: „Discovery 
of witchcraft" 1584 das von Weier eingeschlagene Gleis. Im 
Jahre 1589 schrieb der triersche Suffraganbischof Peter Bins- 
feld seinen „Tractatus de confessionibus maleficorum et saga- 
rum", der in der Praxis der Hexenprocesse sich Ansehen 
erwarb. Cornelius Loos (gest. 1595), Kanouicus, deckte in 
seiner Schrift: „De vera et falsa magia" die Blosse und 
Schlechtio;keit der Hexenrichter auf. Das Buch wurde con- 
fiscirt, der Verfasser auf Befehl des päpstlichen Nuntius ein- 
gesperrt und wiederholt zum Widerrufe gezwungen. Der 
herzogliche Geheimrath und Oberrichter Nikolaus Remigius 
verfasste (1598?) eine „Daemonolatria", die ihrer Gemein- 
nützigkeit wegen bald auch deutsch erschien und von Soldan^ 
treflend „ein wahres Arsenal in jeder Verlegenheit für den 
Hexenrichter" genannt wird. Ilcmigius erfreute sich auch 



1 S. 351. 



302 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

einer ausgiebigen Praxis, denn während seiner 16jährigen 
Amtsthätigkeit beim Halsgerichte wurden 800 Todesurtheile 
wegen Hexerei gefällt, abgesehen von denjenigen Angeklagten, 
die entflohen oder durch die Tortur nicht überfiihrt worden 
waren. Jakob I, König von Schottland und England, schrieb 
vor seiner Besteio-un«: des englischen Throns eine Dämono- 
logie, worin ausser anderm das mündliche oder schriftliche 
Pactum der Zauberer mit dem Teufel, die Hexenfahrt, der 
Coitus mit In- und Succuben bestätigt werden. Hexen und 
Hexer seien mit dem Tode zu bestrafen. In einem andern, 
der Ausbildung seines Sohnes zum Regenten gewidmeten 
Werke: „Bac.Atxwv 6wpov" ^, stellt Jakob unter den Verbrechen, 
wo königliche Begnadigung Sltnde wäre, die Zauberei obenan. 
Den Ruhm des gelehrtesten und schlauestcn llexenverfolgers 
geniesst der Jesuit Martin Delrio, dessen „Disquisitiones 
magicae" 1599 erschienen. Durch seine Bekämpfung verschie- 
dener Arten von magischen Heilungen mittels Charakteren, 
Bildern, Sigillen u. dgl. nimmt er den Anschein von Auf- 
geklärtheit, stellt aber den Bund mit dem Teufel als 
Fundament aller Hexerei auf, die desshalb todeswiirdig sei, 
und erklärt das Leuouen der teuflischen Zauberei fi'ir ketze- 
risch. Gegen Hexerei schützen nur die Heilmittel der katho- 
lischen Kirche: Segen, Kreuze, Reliquien, Exorcismen, Agnus 
Dei u. dgl. Die Hexen sind, auch wenn sie keinen beschädigt 
haben, um ihres teuflischen Bundes willen zu tödten. Ob- 
schon der Verfasser bei der Tortiu- Mässigung empfiehlt, er- 
klärt er doch, gleich dem Hexenhammer, die Zauberei fiir ein 
„crimen exceptum", wobei alles dem Ermessen des Richters 
überlassen bleiben soll. Er ist gegen die völlige Lossprechung 
und nur für die Absolution von der Instanz. Sein Lands- 
mann Torreblanca, der bald nach Delrio eine Dämonologie 
in vier Bänden schrieb, ist auch dessen Gesinnungsgenosse. 

Greifen wir nach diesem Excurs die unterbrochene Ueber-^ 
sieht der überhandnehmenden Hexenprocesse mit deren tödt- 
lichen Ausgängen wieder auf, so wird sie, trotz ihrer Lücken- 
h'iftigkeit, bestätigen, dass am Ausgange des 10. und Anfang 
des folgenden Jahrhunderts das Uebel gipfelte. 



' Lib. IL 



4. Verlauf und Abnahme der Hoxenprocesse. 303 

Im Jahre 1565 wird ein Weib zum Tode venirtheilt, das 
der Buhlscliaft mit dem Teufel und der Behexung der Pferde 
des Amtmanns zu Ginsheim angeklagt worden, nachdem die 
Juristenfacultät des protestantischen Marburg dessen Verthei- 
digung verworfen hatte. ^ 

Aus dem Jahre 1572 ist der Process gegen die Herzogin 
Sidonie von Braunschweig, geborene Prinzessin von Sachsen, 
bekannt, die beschuldigt wurde, im Bunde mit dem Teufel, 
und durch Gift versucht zu haben, ihren Gemahl aus dem 
Wege zu räumen. 2 

Im Jahre 1572 wurde ein Weib zu Zwickau als Hexe 
verbrannt. ^ 

Im Jahre 1583 wird Elise Plainacherin, 70 Jahre alt, in 
Wien verurtheilt, nachdem sie torturirt worden, an einen 
Pferdeschweif gebunden, auf die sogenannte „Gänseweide" am 
Erdberg bei Wien ,,geschlapft", um dort lebendig verbrannt 
zu werden, lieber ihre Enkelin, die sie behext haben soll, 
sagt die actenmässige Anmerkung des Bischofs von Wien, 
Kaspar Neudeck: „dass dieses Mädchen am 14. August 1583 
von allen ihren Teufeln, deren 12652 an der Zahl waren, 
glücklich befreit und in das Kloster der Laurenzerinnen ge- 
bracht worden sei".^ 

Im Jahre 1585 wurden zu Dresden zwei Weiber himre- 
richtet. ^ 

Die von Carpzov ^ angeführten Urtheile von 1582 bis 
1620 beweisen die grosse Rührigkeit des Schöppenstuhls zu 
Leipzig. 

Brandenburgische Erkenntnisse aus dieser Zeit hat von 
Raumer gesammelt. '^ 

Johann Bischof von Trier Hess 1585 so viele Hexen ver- 
brennen, dass in zwei Ortschaften nur zwei Weiber übrig- 
blieben, und ein mainzer Dechant Hess in den Dörfern Kretzen- 



' Soldan, S. 357. 

'■^ Weber, Aus vier Jahrhunderten, II, 38 fg. 

" Gantsch, Zur Geschichte des Aberglaubens im 16. Jahrhundert. 

* Schlager, Wien. Skiz. im Mittelalter, II, 65 fg. 

' Hasche, Diplomat. Gesch. v. Dresden, II, 369. 

" Nuva Pract. crim. P. I, yu. 50. 

' Märkische Forschungen, I, 231 fg. 



f 



304 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexcnverfolgung- 

burir und Bürsel über 300 Menschen verbrennen, um ihre 
Güter zu confisch'en.* 

Im Trierschen war das Land derart verwüstet, dass das 
Vermögen der Begüterten in die Hände der Gerichtspersonen 
und der Nachrichter übergegangen war. Weltliehe und Geist- 
liche höhern und niedern Kangs wurden verbrannt, sodass 
aus 22 Dörfern in der Umgebung von Trier von 1587 bis 1593, 
ohne die Hinrichtungen der Hauptstadt zu rechnen, 368 Per- 
sonen den Tod erlitten.^ 

In Quedlinburg wurden 1589 an einem Tage 133 Hexen 
verbrannt. 

1588 ward aus Wien an das Fugger'sche Handlungshaus 
in Augsburg berichtet: „Man hat in der Neystatt 6 meylen 
von Wien gelegen 2 alte Weiber sambt einem Bauer gefan- 
gen, die sollen durch ihre Zauberey solch schedliche Vngeziefer 
in das Land khommen machen, die thuen allenthalben in 
Weingärten vnd Veldern grossen Schaden. Was man derhal- 
ben mit solchen Leuten fürnemen wird, kann man derzeit 
nit wissen." ^ 

Im Braunschweigischen wird die Menge der Brandpfähle 
auf der Richtstätte vor dem Löchelnholze von zeitgenössischen 
Schriftstellern mit einem Walde verglicJien, da in den Jahren 
1590 und 1600 an manchen Tagen 10 bis 12 Hexen verbrannt 
wurden.'* 

In dem kleinen Städtchen Nördlingen wurden von 1590 
bis 1594 nicht weniger als 32 Personen dem Feuer übergeben.^ 

In Ellingen, einer Landcomthurei des Deutschen Ordens, 
wurden 1590 in acht Monaten 65 Personen wegen Hexerei 
hingerichtet. ^ 

In der Grafschaft Werdenfels fand in den Jahren 1589 
bis 1592 ein grauenvoller Process statt, der damit endete, dass 
in sieben Malefizrechtstagen 48 Weiber nach dem grausamsten 
Foltern verbrannt wurden. Ein besonderes Actenheft trägt 



' Schindler, 301, Note. 

2 Linden, Gosta Trevir. III, 53 qu. bei Soldan, S. 358. 

3 Schlager, a. a. 0. S. 48. 

* Spittlcr, Geschichte des Fürsteiithunis Kaienberg, I, 307. 

^ Weng, Der Hcxeiiprocess in Nördlingen, S. 60. 

« Bopp, Art. Ilexenprocess in Rotteck und Welcker's Staatslexikon. 



^ 4. Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse. 305 

die Aufschrift: „Hierin lauter Expensregister was versoffen 
und verfressen worden, als Weiber zu Wcrdenfels im Schlosse 
in Verhaft gelegen und hernach als Hexen verbrannt wor- 
den." ^ 

In Offenburfic wurden binnen neun Jahren auf dem kleinen 
Stadtgebiete 24 Personen hingerichtet.^ 

In den ganz kleinen Städtchen Wiesenburg und Ingel- 
fingen wurden in einem Processe doi't 25, hier 13 verurtheilt, 
und zu Lindheim, welches 540 Einwohner zählte, wurden von 
1640 — 51 30 Personen verbrannt. ^ 

In der kleinen Grafschaft Henneberg wurden im Jahre 
1612 22 Hexen verbrannt und von den Jahren 1597 bis 1676 
im ganzen 197. 

In den Jahren 1601 und 1603 waren zwei Hexen im Cri- 
minalhause in der Himmelpfortgasse in Wien in Untersuchung. 
Eine davon hatte ihrem Leben durch Selbstmord ein Ende 
gemacht in dem Brunnen des Gefangenhauses. Die zweite 
war den Qualen des Gefängnisses und der Tortur unterlegen 
und starb daselbst. Ihre Leiche wurde auf der „Gänseweide" 
am Erdberg verbrannt. Die Leiche der erstem durfte nicht 
verbrannt, aber auch nicht wegen der „Magia posthuma" bei 
Wien begraben werden. Ihre Leiche wurde daher in ein Fass 
gepackt und in die Donau geworfen, damit sie von Wien ent- 
fernt verwese.* Dieser Fall macht nach Schlager den Be- 
schluss solcher Justificationen in Wien. 

In England wurde 1593 ein altes Weib sammt ihrem 
Ehemanne und ihrer Tochter zu Huntingdon zum Tode 
verurtheilt.^ In der Zueignung sagt Hutchinson: „In un- 
serer Nation sind seit der Reformation über 140 hingerichtet 
worden". 

In Schottland schürte besonders Jakob VI. das Feuer 
und wohnte selbst den Verhören bei. 

In den Niederlanden wird durch die Verordnungen Phi- 
lipp's IL von 1592 und 1595 die Zunahme des Hexenwesens 



' Hormayr, Tasclienl3uch für vaterländ. Geschichte, 1831. 
- Schreiber, Hexenprocess im Breisgau. 
3 Schindler, S. 301. 
^ Schlager, S. 52. 
^ Hutchinson, Kap. 7. 

Koskoff, Geschichte des Teufels. II. <■)() 



306 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

beklagt und dessen strenge Verfolgung geboten. Ein Rescript 
von Albert und Isabella vom Jahre IGOG ermächtigt die Rich- 
ter, einen Denuncianten , auch wenn er mitschuldig wäre, zu 
begnadigen. ^ 

In Frankreich verurtheilte das Parlament von Dole im 
Jahre 1573 Gilles Garnier zum Feuer, weil er als Werwolf 
Kinder zerrissen haben sollte. ^ Das Parlament von Paris 
verfuhr ebenso gegen den Werwolf Jacques Rollet im Jahre 
1578. Dasselbe bestätigte 1582 das Todesurtheil einer Hexe, 
die einem jungen Mädchen den Teufel in den Leib geschickt 
hatte. Verschiedene andere Urtheile fiihrt Plancy an. ^ Hein- 
rich III. wurde als Begünstiger der Hexerei verrufen, weil er 
einst einige angeblich Besessene als Betrüger nur einsperren 
liess. Unter Heinrich IV. blühten die Hexenprocesse, und als 
Beweis führt Soldan •*, ausser den Berichten aus Poitou imd 
den Registern der Parlamente zu Bordeaux und Paris, das 
Zeugniss des Jesuitenjüngers Florimond de Remond an, wel- 
cher mit Beziehung auf das Jahr 1594 sagt: „Unsere Gefäng- 
nisse sind voll von Zauberern; kein Tag vergeht, dass unsere 
Gerichte nicht mit ihrem Blute sich färben, und dass wir nicht 
traurig in unsere Wohnungen zurückkehren, entsetzt über die 
abscheulichen, schrecklichen Dinge, die sie bekennen. Und 
der Teufel ist ein so guter Meister, dass wir nicht eine so 
grosse Anzahl derselben zum Feuer schicken können, dass 
nicht aus ihrer Asche sich wieder neue erzeugten".^ Im 
Jahre 1G09 stellten Despagnet und De Lauere im königlichen 
Auftrage eine Untersuchung unter den Basken von Latura 
an, in deren Folge mehr als 000 Personen verbrannt wurden.'* 

In Spanien wurden am 7. und 8. November 1810 zu 
Logrone bei Gelegenheit eines Auto da Fe 11 Personen, welche 
leugneten, wegen Zauberei verurthcilt. 

In Frankreich wurden luiter Ludwig XIII. die beiden 
Processe gegen die Geistlichen Gaufridy und Grandier be- 



' Cannaert, Bydragen, bei Sold., S. 366. 

2 Garinet, Ilist. de la Magie en France, 129; bei Sold., S. 3G6. 

^ Dictionnaire infernal, an verschiedenen Orten. 

* S. 367. 

* Delri, V. Append. 

« Le Brun, I, p. 3U8; bei Sold., S. 368. 



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n: 



4. Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse. 307 

rühmt. Der erstere ward angeklagt: die Nonne Magdalena 
de la Padua verführt und zum Hexentanze mitgenommen zu 
haben. Er wurde jrefoltert und im Jahre 1611 auf dem Do- 
minicanerplatz zu Aix lebendig verbrannt. Urbain Grandier 
wurde laut Sentenz vom 18. August 1634 des Lasters der 
Hexerei und der durch ihn veranlassten Teufelsbesitzung eini- 
ger Nonnen zu London und anderer weiblicher Personen an- 
geklagt, gefoltert und hingerichtet. 

Im Bisthume Bamberg, wo die Reformation sehr frühe 
Eingang gefunden hatte, war die Reaction der Bischöfe, 
daher die Verfolgung der Ketzerei und also auch Hexerei 
sehr gross. Vom Jahre 1624 — 30 betrug die Zahl der 
in den beiden Landgerichten Bamberg und Zeil anhängi- 
gen Processe nach Lamberg's actenmässiger Bestimmung mehr 
als 900 mit 285 Hinrichtungen. ^ Eine im Jahre 1659 mit 
bischöflicher Genehmigung zu Bamberg gedruckte Schrift mel- 
det in ihrem Titel: „Kurtzer und wahrhafi'tiger Bericht und 
erschreckliche Zeitung von sechshundert Hexen, Zauberern 
und Teuffels - Bannern , welche der Bischoff von Bamberg hat 
verbrennen lassen, was sie in gütlicher und peinlicher Frage 
bekannt. Auch hat der Bischoff im Stifft Würtzburg über 
die 900 verbrennen lassen. — Und haben etliche hundert 
Menschen durch ihre Teuffels -Kunst um das Leben gebracht, 
auch die lieben Früchte auf dem Feld durch lieiffen und Frost 
verderbt, darunter nicht allein gemeine Personen, sondern et- 
liche der vornehme Herren, Doctor und Doctors -Weiber, auch 
etliche Rathspersonen, alle hingericht und verbrannt worden, 
welche schreckliche Thaten bekannt, dass nicht alles zu be- 
schreiben ist, die sie mit ihrer Zauberey getrieben haben, 
werdet ihr hierinnen allen Bericht finden" u. s. w. ^ Auch 
im Stifte Würzburg hatte die Gegenreformation Anlass ge- 
nommen, ihren Bestrebungen durch Hexenverfolgung Nach- 
druck zu geben, namentlich war es Bischof Philipp Adolf 
von Ehrenberg (1623 — 31), der sie im grossen betrieb. 
Durch rasch aufeinanderfolgende Brände wurden Personen aller 



1 Crirainalverf'aliren vorzüglich ))ei Hexeriprocesscn im ehemaligen 
Bisthum Bamberg während der Jahre 1624 — 30 aus actemnässigen Ur- 
kunden gezogen von G. Lamberg. 

2 Bei Hauber, Bibl. mag., III, 441 lg. abgedruckt. 

20* 



308 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Art verzehrt. Ein Verzcichuiss der Hinrichtungen bis 1029, 
das bis zum 29. Brande reicht und wir weiter unten aus 
Hauber entlehnen, zählt 157 Personen, und Soldan ^ weist auf 
die Fortsetzung bis zum 42. Brande hin, die der Biograph des 
Bischofs bei Gropp^gibt, wo die Zahl der Unglücklichen 219 
erreicht, worin aber nur die in der Stadt A¥ürzburg voll- 
zogenen Urtheile begriffen sind, da die Gesammtzahl der 
Hinrichtungen unter Philipp Adolf nach dem erwähnten, mit 
bambergischer Censur gedruckten Bericht auf 900 steigt. 

In der Provinz Fulda wüthete Balthasar Voss, der sich 
riihmte, über 700 Unholde dem Scheiterhaiifen überliefert zu 
haben ^ und das Tausend vollzumachen hoffte. 

In dem kleinen Städtchen Ofienburg, dessen Thätigkeit 
schon aus dem ersten Jahrzehnt bekannt ist, wurden von 1027 
— 31 60 Personen hino-erichtet. * ff 

In der kleinen Stadt Büdingen im Isenburc-ischen wurden 
im Jahre 1033 nicht weniger als 64 Personen, im Jahre 1634 
abermals 50 angeklagt und hingerichtet. ^ ; 

In dem mainzischen Städtchen Dieburg wurden im Jahre 
1627 36 Einwohner hingerichtet. ^ 

Adam Tanner, ein Jesuit in Baiern, der den Richtern 
bei den llexenprocessen grössere Vorsicht gerathen luid auf 
sichere Beweisstellung gedrungen hatte, erhielt, als er 1632 
in Tirol starb, kein christliches Begräbniss, weil man einen 
haarigen Teufel in einem Glase bei ihm fand, der sich als 
Floh in einem Mikroskope aufbewahrt herausstellte. Um 
diese Zeit hatte sich auch eine andere Stimme erhoben, die 
freilich, wie Soldan bemerkt ^, in ihrer Wirkung nicht glück- 
licher war als die Stimme des Predigers in der Wüste. Es 
erschien nämlich im Jahre 1361 die Schrift: „Cautio crimina- 
lis, scu de processi!)us contra sagas liber ad magistratus Ger- 
maniae hoc tem2)ore neccssarius; tum autcm consiliariis et 



1 b, 3S(]. 

- J. Groppii Collect, noviss. Script, et rer. \Vircc])urg., tom. III, 102. 

^ Bopp, Rotteck und Wclckor, Staatslcxikon, Art. Ilcxenprocess. 

^ Schreiber, Ilcxenprocess im Breisgau, S. 22. 

^ Thudichum, Geschichte des Gymiuisiunis zu Biidingen, S. 33. 

'■ Steiner, Gescliichte von Dieburg, S. (J8. 

' S. 397. 



4. Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse. 309 

confessariis princiiHim, inquisitoribus, judicibus, advocatis, con- 
fessariis reorum, concionatoribus ceterisque lectu iitilissimus. 
Auetore incerto Theologo orthodoxo. Rintelii, typis exscripsit 
Petrus Lucius, typogr. Acad. MDCXXXI", deren Verfasser, 
der Jesuit Friedrich Spee, als Seelsorger in Franken binnen 
weniger Jahre 200 der Hexerei Beschuldigte zum Scheiter- 
haufen hatte begleiten miisscn. Es kennzeichnet den Ver- 
ftisser als Mensehen, wenn er dem nachmaligen Kurfürsten 
von Mainz, Philipp von Schönborn, auf die Frage: woher er, 
kaum 30 Jahr alt, doch schon ergraut sei? antwortete: aus 
Gram über die vielen Hexen, die er zum Tode vorbereitet, 
doch keine für schuldig befunden. Das Herz, das dieser 
Mann unter seinem Jesuitengewande trug, war weiter als 
der Gesichtskreis seines Denkens. Der Schmerzensschrei, 
den ihm das Gefiihl der Menschlichkeit erpresst hat, betriiFt 
nur die Unmenschlichkeit der Praxis und nicht die Sache 
selbst, da er die Existenz der Hexerei und die Noth wendig- 
keit von Massregeln dagegen einräumt, die er aber nicht nur 
mit Vorsicht und Gewissenhaftigkeit gehandhabt, sondern 
auch grundsätzlich beschränkt wissen will. Dabei bekämpft 
er die Gehässigkeit des Volks, die Unwissenheit und Geld- 
gier der Richter, das leichtsinnige Verfahren der Fürsten, 
den beschränkten Fanatismus der Geistlichen, die Unsicher- 
heit der Indicien, die Trüglichkeit der abgefolterten oder durch 
Zeugen erlangten Thatsachen, die Unmenschlichkeit der Tortur 
und das ganze Verfahren überhaujDt. „Denn bei diesen Pro- 
cessen wird keinem Menschen ein Advocatus oder auch einiire 
Defension, wie aufrichtig sie immer sein möchte, gestattet; 
denn da rufen sie, dies sei ein «ci'imen exceptum», ein solches 
Laster, das dem gerichtlichen Processe nicht imterworfen sei; 
ja wenn einer sich als Advocatus dal:iei gebrauchen lassen, 
oder der Herrschaft einreden und daran erinnern wollte, dass 
sie voi'sichtig verfahren solle, der ist schon im Verdacht des 
Lasters, muss ein Patron und Schutzherr der Hexen sein, 
sodass aller Mund verstummen und alle Schreibfedern stumpf 
werden, und man weder reden noch schreiben darf.^" „Ja ich 
schwöre feierlich, von den vielen, welche ich wegen angeb- 
licher Hexerei zum Scheiterhaufen begleitete, war keine ein- 



' Cautio criiri., Duljium LI, 15. 



310 Diitter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. ^ 

zige, von der man, alles genau erwogen, hätte sagen können, 
dass sie schuldig gewesen wäre, und das Gleiche gestanden 
mir zuvor zwei andere Theologen aus ihrer Erfahrung! Aber 
behandelt die Kirchenobern, behandelt Richter, behandelt 
mich ebenso, wie jene Unglik'klichen, werft uns auf dieselben 
Foltern, und ihr werdet uns alle als Zauberer erfinden." ' 
Nachdem Schönborn mit Spee vertrauter geworden, dessen 
Verfasserschaft der „Cautio criminalis" erfahren, Bischof und 
Reichsfürst geworden, verlöschten die Menschenbrände in 
dieser Gegend, wenigstens bis 1749, wo die Nonne Maria 
Renata zu Wiirzburg den Scheiterhaufen besteigen musste. 

Wenn die Stimme des katholischen Priesters im ganzen 
keinen rechten Widerhall hervorrief, sowenig als die seines 
Vorgängers, des protestantischen Arztes Weier, unmittelbar 
eine Veränderung in den Hexenprocessen hervorgebracht hatte, 
so liegt der Grund wol zum Theil in dem Mangel der einen 
Bedingung, der guten Erbschaft, die nach Goethe einem Re- 
formator nicht fehlen darf, wenn er Erfolg haben soll. Trotz- ^ 
dem dürfen wir die tröstliche Ueberzeugung hegen: keine 
sitthch gute That bleibt fruchtlos, nur fällt die süsse Frucht 
meist erst der Zukunft in den Schos. So haben die Bestrc- 
bunofen dieser Männer zum Erbtheil späterer Generationen ihr 
Scherflein beigetragen. 

Das Feuer der Hexenverfolgungswuth brannte fort und 
wurde durch katholische und protestantische Prediger mit 
•zleichem Fanatismus geschürt. Einen Beweis des letztern 
liefert der starke Quartband: „Neue auserlesene und wohl- 
begründete Hexenpredigten u. s. w., von M. Hermann Sam- 
sonius, Superintendent zu Riga, 182G." Einen charakteristi- 
schen Zug zu dem dunkeln Gemälde des 17. Jahrhunderts 
liefert die von Horst ^ angeführte „Druten-Zeitung", die in 
Nürnberg 1G27 anonym vom Buchdrucker Lochner, mit dem 
Orte „Schmalkalden" bezeichnet, erschien. Es sind Lieder- 
verse, in welchen die Inquisitionsacten der grossen Hexen- 
processe die Unterlage abgeben. Horst bemerkt, dass die 
Reimereien offenbar von einem Protestanten herrühren , der 
seine Freude und seinen Dank gegen Gott darüber ausdrückt, 



1 Dubium XX, Ratio IV, Dubium XXX, Document. XIX. 
■' Zaubcrbibl., VI., 310. 



4. Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse. 311 

dass es den katholischen Nachbarstädten Bamberg und Würz- 
burg gelungen, die Zauberrotte zu vertilgen, und beglück- 
wünscht beide frommen Städte wegen ihrer gottseligen Hexen- 
])rände. Der Titel ist: „Druten-Zeitung, Verlauf was sich 
hin und wieder in Frankreich, Bamberg vnd Würtzburg mit 
den Vn holden vnd denen so sich aus Ehr- vnd Geldgeitz 
muthwillig dem Teufel ergeben, Denkswürdiges zugetragen, 
auch wie sie zuletzt ihren Lohn empümgen haben, gesang- 
weiss gestellt, im Thon wie man «Dorothea» singt." Hierzu 
Abbilduno-en. 

Im Jahre 1635 schrieb der jüngere Carpzov sein pem- 
liches Recht, „Bened. Carpzovii ICti Practica nova rerum 
criminalium Iraperialis, Saxonica, in tres partes divisa". * Man 
hat den Verfasser trefiend einen starren, autoritätsgläubigen 
Juristen genannt, der selbst wiederum zur Autorität geworden 
ist. Seine Autoritäten in Hexensachen sind Bodin, Remigius, 
Jakob I. und Delrio, in Strafbestimmungen ist es das säch- 
sische Recht; er autorisirt den inquisitorischen Process als 
den ordentlichen bei allen grössern Verbrechen und das sum- 
marische Verfahren beim crimen exceptum der Hexerei. ^ Und 
die Hexenprocesse machten ihren Gang weiter: 

In Hannover wurden in einem Jahre 10 Personen zum 
Feuer verurtheilt. ^ In Osnabrück über 80 Personen verbrannt. 

Im Fürstenthum Neisse mögen von 1640 — 51 an 1000 Hexen 
verurtheilt worden sein, denn über 242 Brände liegen Acten 
vor, und es waren Kinder von ein bis sechs Jahren darunter.* 

In der Stadt Neisse (Schlesien) wurden im Jahre 1651 
42 Weiber verbrannt, wozu in der Nähe des Hochgerichts 
ein eigener Ofen stand. ^ 

Soldan führt aus dem „Theatrum europaeum" die Opfer 
an, die das Jahr 1652 hinraffte, und zwar in Homburg, in 
der Wetterau, in Isenburg-Büdingen, Waldeck, auf der Insel 



i Viteb., 1G35. 

= Vgl. Pars III, qu. 103, n. 50; qu. 107, n. 22. 72; qii. 103, n. 18; 
qu. 108, n. 4. 5. 26. 83; qu. 122, u. 60. 

2 I)ie Hexen in Hitzaekcr, im 2. Bd. der Zeitschrift: Neues vaterl. 
Archiv oder Beilrag" zur Keiinüiiss des Königreichs Hannover. 

^ Schindler, S. 301. 

^ Zeitschrift des Vereins für Geschichte und Alterthumsk. Schlesiens, 
1856, I, 119. 



312 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Schutt; er erinnert an das zehnjährige Mädchen in Vorpom- 
mern, das gestehen musste, mit dem bösen Geiste bereits zwei 
Kinder gezeugt zu haben und mit einem dritten schwanger 
zu gehen; im Jahre 1662 wurden zu Marienburg mehrere 
Personen verbrannt infolge der AnkLage: dass sie mittels eines 
Pulvers Mäuse mit Fischschnauzen hervorgebracht hätten; in 
München im Jahre 1666 ein siebzigjähriger Greis mit glühen- 
den Zangen gezwickt und dann verbrannt, weil er Ungewitter 
gemacht, indem er durch die Wolken gefahren sei. ^ 

Nach den Bruchstücken, die Heldritt mittheilt, wurden 
von 1639 — 51 zu Zuckmantel 85, zu Freiwaldau 102, zu 
Niklasdorf 22, zu Ziegenhai« 22, zu Neisse 11, zusammen 
242 Personen hingerichtet, darunter Frauen und Töchter von 
Rathsherrn, Gastwirthen, Wein- und Garnhändlern, Bleichern 
und andern vermögenden Leuten, auch einige Kinder, grössten- 
theils aber arme alte Mütterchen wegen Hexerei verbrannt. '-^ 
In Zuckmantel, dem Bischof von Breslau gehörig, waren acht 
Henker in voller Thätigkeit, und 1651 starben 102 Personen 
den Feuertod, worunter auch zwei Kinder, deren Vater der 
Teufel gewesen sein sollte. ^ 

Das Dorf Lindheim in der Wetterau sah von 1661 — 66 
30 Personen hinrichten. 

Ln Fürstenthum Kaienberg brennen in der Mitte des 
17. Jahrhunderts die Scheiterhaufen. * 

Salzburg verbrannte 1678 97 Personen, wobei der Pro- 
testantismus zur Carikatur der Hexerei geworden war. 

Ein Herr Christoph von Rantzow Hess 1686 auf einem 
seiner Güter in Holstein an einem Tage 18 Hexen ver- 
brennen. * 

In Steiermark hat das 17. Jahrhundert alle seine Vor- 
gänger in Hexenprocessen weit übertroffen, fast alle Hexen- 
processe in Steiermark sind aus diesem Jahrhundert. ^ 



' Öoldan, 416. 

2 Dr. Elvert, Das Zauber- und Hexen wesen u. s. w. in Mähren und 
Oeeterrcichisch-Schlcsien, S. 99. 

3 Theatr. Europ., VII, 148. 

* Küling, Auszüge merkwürdiger Hexenprocesse in der Mitte des 
17. Jahrhunderts. 

'^ Horst, Dämonom., S. 198. 

^ Graetf, Versuch einer Geschichte der Crfminalgesetzgebung u, s. w., 175. 



i 



4. Verlauf und Abnahme der Hexenprocesse. 313 

In Mähren wurden 1679 4 Weiber verbrfinnt; 1680 am 
5. April 5 Frauen; 1684 am 5. September 4 Weiber; 1685 3; 
1686 am 7. October 4 Weiber hingerichtet. Aus den Jahren 
1687, 1689 werden 15 Hexenbrände aus Ullerdorf gemeldet; 
besonders langwierig ist der Hexenprocess gegen den scliön- 
berger Dechant Lautner. ^ 

Im Sachsen-Gothaschen wurden in den Jahren 1670 — 75 
unter den Auo;en des Herzoo;s Ernst des Frommen im kleinen 
Amte Georgenthal 38 Hexenprocesse meist mit dem Feuer- 
tode abgeschlossen. ^ 

Der Hexenrichter Nikolaus Remy rühmte sich (1697), 
dass er in Lothringen binnen 15 Jahren 900 Menschen wegen 
Zauberei habe verbrennen lassen.^ 

Nach den Ausziigen aus den Hexenprocessen der beiden 
Städte Braunsberg (Alt- und Neustadt) beginnen die Hin- 
richtungen erst im 17. Jahrhundert. In der Altstadt wird 
1605 die erste und 1670 die letzte Hexe verbrannt; in der 
Neustadt wahrscheinlich 1610 die erste und 1686 die letzte. * 

In Rottweil wurden im 16. Jahrhundert in 30 Jahren 42, 
und im 17. Jahrhundert binnen 48 Jahren 71 Hexen und 
Zauberer verbrannt. ^ 

In England durchzog Matthias Hopkins vom Jahre 1642 
als Generalhexenfinder die Grafschaften Essex, Sussex, Norfolk 
und Huntingdon und brachte Hunderte ungliicklicher Men- 
schen zum Tode. 1642 wurden zu Yarmouth 16 hingerichtet; 
1645 zu Chelmsford 15 hingerichtet und einige zu Maningree 
verdammt, zu Cambridge 1 gehenkt; 60 zu Sanct-Edmunds 
in Suflfolk bei verschiedenen Executionen und ebenso viel auf 
dem Lande in den Jahren 1645 und 1646. ^ Im nördlichen 
England war ein aus Schottland verschriebener Hexenfinder 
geschäftig, der dann am Galgen gestand, dass er iiber 
200 Weiber um den Lohn von 20 Schilling per Kopf zum 
Tode geliefert habe. In Schottland starben binnen Jahres- 



' Bischof, Zur Geschichte des Glaubens an Zauberer, Hexen u. s. w., 
S. 21. 103 fg. 146. 148. 

2 BoiDp, Rotteck und Welcker, Staatslexikon. 

3 Schindler, S. 301. 

^ Lilienthal, Die Hexenprocesse der beiden Städte Braunsberg. 
* Schindler, S. 301. 
** Hutchinson, Kap. 4. 



314 Dritter Abschnitt: Periode der gericbtlichcn Hexenverfolgung. 

frist GOO Beschuldigte den Feuertod. Mr. Ady rechnet die 
in diesen greulichen Zeiten Vej-brannten auf viele Tausende. 

In Schweden ist der grosse Process von Mora im Jahre 
1069 durch seine Furchtbarkeit bekannt, indem 72 Weiber 
und 15 Kinder wegen Hexerei zum Tode, 56 jüngere Kinder 
zu andern schweren Strafen verurtheilt wurden. ■ 

Im Jahre 1G70 erhob da.< Parlament von Ronen Ein- 
sprache gegen die Begnadigung der Hexen, und die Verfolgung 
wüthete mit äusserster Heftigkeit im ganzen Süden von Frank- 
reich. ^ 

Die Hexenprocesse verbreiteten sich auch über Europa 
hinaus. Im Jahre 1664 wurde Mary Johnson zu Hartfortshire 
in Neuengland hingerichtet. Im Jahre 1692 am 10. Juni zu 
Salem 1 Person hingerichtet; am 9. Juli 5; am 19. August 
noch andere 5; am 22. Sei^tember 8. Ebenso hatten Boston, 
Andover, Bury in Neuengland ihre Hexenprocesse und Hin- 
richtumjen. * 

Mit dem 18. Jahrhundert wird die Abnahme der Hexen- 
processe augenmerklich. Im Jahre 1713 verurtheilte die Ju- 
ristenfacultät von Tübingen noch eine alte Frau wegen Hexerei. ^ 
Ein bekanntes Beispiel ist die Hinrichtung der Supriorin des 
Klosters Unterzell bei Würzburg, Renata Sänger, im Jahre 
1749. Zu Landshut wird im Jahre 1756 ein Mädchen von 
13 Jahren als Hexe hingerichtet, weil es mit dem Teufel Um- 
gang gepflogen. ^ Zu Sevilla schloss 1781 die ganze Reihe 
von Hinrichtungen in Spanien eine weibliche Person; als 
letzte Hinrichtung wegen Hexerei auf deutscher Erde wird 
die vom Jahre 1783 in Glarus genannt. 



5. ErMärimg der Hexenperiode. 

Auf den ersten Blick mag es unbegreiflich scheinen, dass 
eine Zeit, von der wir unsere heutige Culturstufe zu datireu 



1 Lccky, Geschichte der AufkUiruiig in Europa, I, 3, Note. 

2 Hutchinson, Kap. 5; vgl. Görres, Christliche Mystik, IV, 2, S. 534. 
^ Bopp, llollcck und Welcker, Siaatslexikon. 

' Bopp, a. a. 0. 



5. Erklärung der Ilexenperiode. 315 

gewohnt sind, welche neben der Verbreitung einer classischen 
Bildung durch die merkwürdigsten Entdeckungen reforma- 
torisch wirkte, welche durch den Humanismus die scholastische 
Philosophie stürzte, gegen das Feudalsystem kämpfte, Reli- 
gion und Sittlichkeit zu heben trachtete, in welcher Zeit dar, 
dringende Bedürfniss nach einer Verbesserung der Kirche in 
Haupt und Gliedern nicht nur in einem allgemeinen Schrei 
laut geworden, sondern von einer Seite selbst Hand angelegt 
ward , dass gerade in solcher Zeit das Hexenwesen und deren 
Verfolgung, also der Teufelsglaube, der jenem zu Grunde 
liecrt, eine solche Tiefe und Breite erreichen konnte. * Auf 
den ersten Blick scheint diese Thatsache allerdings unbegreif- 
lich; allein blicken wir auf den bisherigen Verlauf der 
Geschichte des Teufelsglaubens zurück, werfen wir einen 
zweiten Blick auf die allgemeine Weltlage und die socialen 
Verhältnisse, suchen wir dann weiter nach den speci- 
fischen Factoren, die in der Hexenperiode mitwirkten, so 
werden wir finden, dass auch diese Periode nicht urplötz- 
lich in die Geschichte hineingeplatzt ist, sondern, wie jede 
geschichtliche Erscheinung, gleich einem vielverschlungenen 
Gewebe aus vielen mannichfaltigen Fäden, die das Menschen- 
leben durchziehen, sich herausgewoben hat. Aber eben weil 
die herrschenden Vorstellungen einer Zeit das Product von 
unendlich vielen Vermittelungen sind, setzt auch eine Ver- 
änderung in jenen wieder einen Vermittelungsprocess voraus, 
dessen Ergebniss zwar nie ausbleibt, aber geraume Zeit in 
Anspruch nimmt, bis es als fertige Erscheinung auftritt. 

Betrachten wir die Zeitumstände. Das päpstliche An- 
sehen hatte unter Bonifaz VHI. im Streite gegen Philipp IV. 
von Frankreich, der den Sitz des Papstes von Rom nach 
Avignon verlegte (1309), eine grosse Niederlage erlitten. Der 
päpstliche Stuhl kam zwar im Jahre 1378 wieder nach Rom 
zurück, indem aber dem Papste von Rom ein anderer gegen- 
übergestellt ward, musste durch diese Kirchenspaltung das 
päpstliche Ansehen überhaupt vermindert erscheinen. Auf 
der allgemeinen Kirchenversammlung zu Pisa 1409 erfüllte 
sich Kaiser Ruprecht's Wort: es werde „aus der päpstlichen 



1 Vgl. Schindler, S. 74. 



316 Dritter Abschnitt : Periode der gerichtlichen Hexenvcrfolgung. 

Zwcifaltigkeit eine Dreifaltigkeit werden", da die beiden von 
der Versammlung entsetzten Päpste sich neben dem neuge- 
wählten zu behaupten suchten. Das Concil zu Kostniz 1414 
hob zwar die Kirchenspaltung, aber die von den deutschen 
lleichsständen dringendst verlangte Reformation der Kirche 
an Haupt und Gliedei-n stieg mit der Verbrennung des Jo- 
hannes Huss zugleich in Rauch auf. Das Basler Concil 1431 
dämpfte wol die hussitischen Unruhen; aber die Franzosen 
lockerten das Band, das sie an Rom festgeknüi^ft hatte, durch 
die Griindung ihrer Nationalkirche. Der Eifer eines Pins II. 
war nicht mehr im Stande, ein gemeinsames Unternehmen 
gegen die Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 
hervorzurufen, und Mohammed II. machte 14(34 dem griechi- 
schen Kaiserthum ein Ende. Es herrschte „'Auflösung des 
gesammten kirchlichen Wesens durch alle europäischen Reiche", 
sagt Görres über diesen Zustand, „in der Hierarchie die Zer- 
riittung der Innern Rundung, der Geschlossenheit, Auflehnen 
der Glieder gegeneinander und gegen die Einheit, auf dem 
Concilium ; die Prälaten und die untern Priesterordnungen 
im Hader". ^ 

In Betreff der Rechtspflege dieser Zeit ist es geläufig, 
von Fehde und Faustrecht des Mittelalters zu sprechen. Wir 
theilen zwar nicht den Irrthum, welcher Fehde und Faust- 
recht seinem Ursprünge nach für das inibeschränkte Recht 
des Stärkern, also für das Unrecht ansieht, und Wächter^ 
hat wiederholt und überzeugend nachgewiesen: dass das Fehde- 
recht ursprünglich wirkliches Rechtsverhältniss gewesen und 
nur durch Misbrauch ausartete; allein dieser Misbrauch 
war in der Praxis am Ausgange des 15. Jahrhunderts eben 
im Gange, und so herrschte allerdings mehr Unrecht als Recht. 
Wohl waren schon im Anfange des 13. Jahrhunderts die zwei 
berühmten Rechtsquellen der Deutschen, der „Sachsenspiegel" 
und der „Schwabenspiegel", zusammengestellt, verschiedene 
„Landrechte" und „Wcisthümer" im Verlaufe dieses Zeitraums 
niedergeschrieben worden; die Stammeseifersüchtelei hielt je- 
doch an den besondern Rechtsgewohnheiten so fest, dass 
keine kräftige Rechtseinheit platzgreifen konnte. Daneben 



) 



1 Chribtlichc Mystik, IV, 2, S. 57;). 

2 Beiträge zur deutschen Geschichte, ö. 247. 



5. Erklärung der Ilexenpcriodc. 317 

war das Ansehen der staatlichen Macht so sehr geschwächt, 
dass ihm die Kraft gebrach, den willkürlichen Ansschreitnngen 
der Stärkern Einhalt zn thnn und den Schwachen unter den 
Schutz des Rechts zu stellen, daher die vielberufenen Fem- 
gerichte, die, gleich der Fehde, dem Ursprünge nach Noth- 
mittel zur Selbsthülfe waren, ihre Zuflucht zur Heimlichkeit 
nehmen mussten, weil öfientlich kein Recht zu schaffen war. 
Wegelageruug und roheste Räuberei waren gang und gebe, 
die Herren vom Stegreife machten ein Gewerbe daraus, über 
Hab imd Gut des Bürgers herzufallen. Der Kanzler der 
Universität Tübingen, Naviclerus, am Ende des 15. Jahrhun- 
derts, entwirft mit wenigen Zügen ein lebendiges Bild vom 
Getriebe der Ritter jener Zeit. „Sie bauen Burgen und 
Schlösser auf Bergen und in Wäldern, leben von dem, was 
sie geerbt und ihren Einkünften, wo aber diese nicht aus- 
reichen, scheuen sie keine Gelegenheit zu rauben." Noch 
bündiger und drastischer äussert sich um dieselbe Zeit ein 
römischer Cardinal: „Ganz Deutschland ist voll Räuberei und 
unter den Adelichen gilt der für um so rvdimreicher, je räu- 
berischer er ist." 

Die materielle Lage, in der sich das „mühselige Volk der 
Bawren" unter solchen Umständen befunden, zeigt die Kos- 
mographie von Münster, worin es unter anderm von den 
Landleuten heisst: „Diese fürn gar ein schlecht und nieder- 
trächtig Leben; ihre Häuser sind schlechte Häuser von Kot 
und Holz gemacht, uff daz Ertrich gesetzt und mit Strow 
gedeckt. Ihre Speiss ist schwarzrucken Brot, Haberbrey oder 
gekochte Erbsen und Linsen, Wasser und Molken ist fast ihr 
Trank. Ein Zwilchgüppe, zween Buntsckuch und ein Filzhut 
ist ihre Kleidung. Diese Leut haben nimmer Ruh. Früw 
imd spat hangen sie der Arbeit an. Ihren Herrn müssen sie 
offt durch das Jahr dienen, das Feld bawen, säen, die Frucht 
abschneiden und in die Scheune fürn, Holz hawen und Graben 
machen. So ist nichts, das das arme Volk nitt thun muss 
und on Verlust nitt aufschieben darff." — „Diess mühselig 
Volk der Bawren", fügt ein anderer zeitgenössischer Schrift- 
steller hinzu, „kohler, hirten ist ein seer arbeitsam Volk, das 
jedermanns Fusshader ist und mit fronen, scharwerken, zinsen, 
gülten, steuern, zollen hart beschwert und überladen." 

Die Bürger in den Städten, darauf bedacht, ihr Leben, 



318 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Hab und Gut gegen die herrschende Räuberei und Gewalt- 
samkeit zu schützen und ihre bürgerliche Existenz gegen 
fürstliche und geistliche Vergewaltigung zu sichern, erstrebten 
dies durch Vereinigung zu den bekannten Städtebünden, die 
seit der AuflösunG; der grossen Stammesherzogthümer vom 
12. Jahrhundert ab immer häufiger wurden, seit dem Verfalle 
der Kaisermacht im 13. Jahrhundert auch nach grösserer 
Selbständigkeit trachteten. Die Noth hatte das Corporations- 
wesen hervorgerufen, das sich bis zum Zunftwesen besonderte. 
Durch Vereinbarung war die Macht erlangt, das durch Handel 
und Gewerbe gewonnene Gut in den Städten anzuhäufen, der 
städtische Wohlstand reizte zum Genüsse, den die herrschende 
Roheit zur Verschwendung, Völlerei und Ausschweifung ver- 
renkte. Die städtischen Luxusgesetze und Kleiderordnungen, 
die vom 14. Jahrhundert ab immer häufiger ergehen, sind ein 
Beweis der Nothwendigkeit, dem verderblichen Aufwände zu 
steuern. Als Beispiel genügt der Becker Veit Gundlinger zu 
Augsburg, der bei seiner Tochter Hochzeit, im Jahre 1493, 
nicht weniger als 270 Gäste an 60 Tischen acht Tage hin- 
durch bewirthete. Es wurde dabei dermassen geschlemmt, 
getanzt u. s. w., dass, wie der Chronist bemerkt, „am sie- 
benten Tage schon viele wie todt hinfielen". ^ Aehnhch 
lauten die Berichte über die Genusssucht beim „Leichen- 
trank" und bei andern Gelegenheiten des geselligen Beisammen- 
seins. Die furchtbare Strenge der wiederholt erlassenen Straf- 
gesetze gegen die „Notnumpft" weisen handgreiflich auf die 
herrschende Unzüchtigkeit, und die umfangreiche Blumenlese 
der gangbaren Ausdrücke für „lichte Fröwlein" bezeugen das 
Vorhandensein des Gegenstandes. Man hat mit Recht be- 
merkt, dass die Schilderung der bürgerlichen Sparsamkeit, 
Ehrbarkeit und Zucht, die Aeneas Sylvius in der zweiten 
Hälfte des 15. Jahrhunderts von Wien entwirft, auch auf 
viele andere Städte ihre Anwendung finde, und dieser Gewährs- 
mann verschafi't in dieser Hinsicht eine genügende Vorstellung 
wenn er sagt: das Volk ist ganz dem Leibe geneigt und er- 
geben und verprasst am Sonntag, was es die Woche über 
verdient. Wir können die Auscfclassenheit des mittelalterlichen 

O 



J Cui-iositaten, I, 214 fg. 



5. Erklärung der Hcxenperiode. 319 

Badelebens, der Tänze u. dgl. unerörtert lassen, um go mehr 
als die sittlichen Zustände schon andern Orts berührt wurden, 
und sich seitdem nicht gehoben hatten. ^ 

Der Züofellosio'keit des deutschen Städtelebens im letzten 
Jahrhundert des Mittelalters entsprachen die. Wirren der 
staatlichen Verhältnisse ausserhalb Deutschlands. 
Zwischen England imd Frankreich Kämpfe um die Erbfolge; 
in England der Bürgerkrieg zwischen der weissen und rothen 
Rose; in Frankreich Streit zwischen Burgund und dem Lehns- 
herrn; Condottieris, Armagnacs, Landsknechte streichen um- 
her; im Norden die Schweden mit den Dänen im Kriege; die 
Türken seit der Eroberung Konstantinopels immer furchtbarer. 

Inmitten dieser allgemeinen Gärung, die das Gemüth mit 
Bangigkeit erfiillen musste, trat die Pestkrankheit, die im 
14. Jahrhundert unter dem Namen „der schwarze Tod" oder 
„das grosse sterbent" ganz Europa in furchtbarster Weise 
verheert hatte, auch im 15. Jahrhundert in einzelnen Ländern 
verderblich auf; die Pocken, seit dem 11. Jahrhundert in 
Europa heimisch, ängstigten durch ihre seuchenhafte Ver- 
heerung; die im Jahre 1475 erschienenen Heuschreckenzüge 
mit der darauffolgenden The uerung mussten die Aufregung 
der Gemüther nicht nur aufs höchste steigern, sie nachgerade 
ausser Fassung bringen. 

Unter solchen Verhältnissen kann es nicht befremden, 
dass die schon im IG. Jahrhundert aufgetauchte Besorgniss 
der baldigen Auflösung der Welt sich auch in diesem Zeit- 
alter der Menschen bemächtigte, oder: dass der Teufel, der 
ja als Urheber alles Uebels überhaupt gedacht ward, infolge 
der durch die allgemeine Sündhaftigkeic beleidigten Majestät 
Gottes durch dessen Zulassung zum Regiment der Welt ge- 
langt sei und mittels seiner Helfershelfer, der Hexer und 
Hexen, allenthalben die Hand im Spiele habe. 



lutelleetuelle Oultiirstufe. 

Eine derartige Vorstellung konnte selbstredend nur auf 
einer ihr gemässen intellectuellen Cultur stufe Raum ge- 

* Vgl. übrigens bei Sclierr, Deutsche Cullurgcschiclite ; Geschichte 
der deutschen Frauen, die betreffenden Abschnitte. 



320 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtliclien Hexenverfolgung. 

winnen, und auf einer solchen befand sich das Volk im all- 
gemeinen zu jener Zeit. Da die Wissenschaft in den seltensten 
Fällen auf das Volk iinmittelbar einwirkt, diesem vielmehr 
ihre Früchte gewöhnlich auf langem Wege vielfältiger Ver- 
mittelung zugute kommen, sodass den Kurzsichtigen der Zu- 
sammenhang von Wissenschaft und Leben meistens nicht nur 
entgeht, sondern ganz zu fehlen scheint; so waren auch die 
Bewegungen, wodurch ein Galilei und Koj)ernicus die mittel- 
alterliche Anschauung erschüttern sollten, noch nicht bis zum 
geistigen Gesichtskreis des Volks gedrungen. Die Buch- 
druckerkunst konnte erst viel später auf ihre civilisatorische 
Wirkung hinweisen, nachdem das Bedürfniss zu lesen und 
geistige Selbstthätigkeit im Volke erwacht war. Die geistige 
Selbstthätigkeit, jahrhundertelang daniedergehalten, lag noch 
in tiefem Schlafe, der Sinn des Volks war nur nach aussen 
gerichtet, wie es seinen sittlichen Werth auch nur in der 
Aeusserlichkeit suchte, den ihm die Ascese und das bekannte 
mittelalterliche Busswesen verschaffen sollte. Die von Ge- 
schlechtern zu Geschlechtern gepredigte und tiefeingeprägte 
Lehre von der unbedingten Schlechtigkeit der menschlichen 
Natur, von dem Fluche der Erbsünde, welcher auch auf der leb- 
losen Natur lasten sollte, waren dem Volksgemüthe tief ein- 
gesessen, und das Gebot der Abtödtung des Fleisches fand 
noch immer eifrige Anhänger. Die erhabenen Dome mit ihrer 
dramatischen Liturgie konnten das Phantasieleben des Volks 
erregen, ihr Dämmerlicht konnte aber sein intellectuelles Leben 
nicht erleuchten. In gesteigerter religiöser Aufregung suchte 
es nach seinem Gotte, während es im Glauben mit infernali- 
schen Ketten an Gottes Widersacher geschmiedet war; es 
trug die Sehnsucht nach dem höchsten Wesen im Herzen, und 
war zuo-leicli von der Furcht vor dem Teufel und dessen 
Macht gepeinigt. Das Volk war in Dumpfheit und Roheit 
versenkt. Zu jeder Zeit bewegen sich die Menschen in Gegen- 
sätzen, aber im Zustande der Roheit liegen die schroffsten 
Gegensätze stets unvermittelt nahe beieinander. So auch in 
diesem Zeiträume. Daher die glänzende Farbenpracht dieser 
Periode neben dem tiefsten Dunkel, die härteste Ascese neben 
wildester Genusssucht und Ausschweifung und andere gegeu- 
füsslerische Erscheinungen. Hieraus erklären sich wol auch 
die enthusiastischen Verehrer des Mittelalters auf der einen, 



5. Erklärung der Ilexenperiode. 321 

und die rücksichtslosen Tadler desselben auf der andern Seite, 
beide bedingt durch den besondern Gesichtspunkt, unter dem 
sie es betrachten. 

Im Hinblick auf die Wissenschaft in dieser Zeit wurde 
zwar schon angedeutet, dass einzelne Lichtstrahlen zu leuchten 
angefangen; im ganzen war aber noch alles Wissen von der 
Natur und ihren Kräften in die Nebel der Alchemie, Magie 
und Astrologie eingehüllt. Durch die Entdeckung des neuen 
AVelttheils (1492), die Auffindung des Seewegs nach Ostindien 
wurde Eiu-opa mit einer Menge neuer Gegenstände bekannt, 
der Handel nahm einen neuen Aufschwung, der Austausch 
von Kenntnissen und Erfahrungen wurde unter den Völkern 
gefördert, und durch alles zusammen musste das intellectuelle 
Leben in Anregung gebracht werden; allein abgesehen davon, 
dass diese mächtigen Factoren die intellectuelle Thätigkeit 
des Volks zunächst nur in Gärung versetzten, zu deren 
Klärung es überhaupt einiger Zeit bedurfte, war die geistige 
Entwickelung noch hintangehalten durch die Macht des Auto- 
ritätsglaubens, auf dem das ganze Mittelalter beruht. Die 
Betrachtung der Erscheinungen der Natur, noch mit kirchlich- 
theologistischem Elemente versetzt, ward von dessen magi- 
schem Zauberlaternenlichte geblendet und ermangelte der 
Schärfe des Auges; das Denken, von der mächtigen Faust der 
Autorität gehalten, konnte sich nicht frei bewegen, um die 
Ursachen zu suchen und mit den Erscheinungen in Zusammen- 
hang zu setzen. Es wird daher nicht befremden, wenn in 
jener Zeit die Kabbala, Chiromantie und andere magische 
Künste eifrige Anhänger zählen, wenn VV eihwasser, Reliquien, 
Gebete, Amulete und derlei kirchliche Mittel gegen Krank- 
heiten und andere Uebel in Anwendung kommen, da letztere 
vom Teufel ausgehend gedacht werden. Die Geschichte „Vom 
goldenen Zahn", gegen Ende des 16. Jahrhunderts, dient als 
Beweis, „wie gründlich sich die Fähigkeit, die einfachste Er- 
scheinung zu ermitteln, selbst in den gebildetem Klassen ver- 
loren hatte" 1, und wird zu diesem Zwecke von manchen 
Schriftstellern angef iihrt. ^ Die Nachricht , dass am 22. De- 



' Liebig, Chemische Briefe, S. 74. 

^ Liebig, a. a. 0., Anhang; Sprengel, Geschichte der Arzneikunde, 
III, 408; Buckle, Gesfliiclite der Civilisation, I, 1, 280, u. a. 
Boskoff, Gescliiclite des Teufels. II. 21 



322 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexen Verfolgung. 

cembcr läSG ein Kind mit einem goldenen Zahn geboren 
worden sei, brachte ganz Deutschland in die grösste Auf- 
regung, da das Wunder für eine geheimnissvolle Vorbedei> 
tung gehalten wurde, die Unerklärlichkeit desselben aber in 
die peinlichste Angst versetzte. Der Arzt Dr. Horst machte 
das Ergcbniss seiner Untersuchung 1595 in einer besondern 
Schrift bekannt, worin er zeigte, dass die übernatürliche Ur- 
sache, wodurch der Zahn erzeugt worden, in der Constellation, 
unter welcher der Knabe geboren, begründet sei, da die Sonne 
in Verbindung mit Saturn im Zeichen des Widders gestanden 
habe. Er fand ferner in diesem Wunder die Vorbedeutung 
des goldenen Zeitalters, indem der römische Kaiser die Tür- 
ken aus der Christenheit hinauswerfen und den Grund zum 
tausendjährigen Reich legen werde. Die Wahrheit seiner 
Weissagung erhärtete Dr. Horst aus Dan. 2, wo der Prophet 
von einem Bildniss mit einem goldenen Kopfe spricht. Wir 
können zur KennzeichnunjT; der Culturstufe auch das von 
Buckle ^ wiederholte Beisiiiel von Stöffler hinzufügen. Dieser 
berühmte Mathematiker und Astronom, einer der ersten, 
der auf die nothwendige Verbesserung des Julianischen Ka- 
lenders aufmerksam machte, hatte nach langwierigen Kecli- 
nungen herausgebracht, dass die Erde in dem Jahre 1524 
durch eine zweite Sündflut zerstört werden sollte, worauf 
ganz Europa in Bestürzung gerieth und viele Leute fast ver- 
rückt wurden. Von den vielen vorgeschlagenen Massregcln 
gewann eine den meisten Beifall, der die Zeit kennzeichnet. 
Auriol, Professor des kanonischen Rechts zu Toulouse, fand 
nach reiflicher Erwägung die Nachahmung Noalf s am zweck- 
mässigsten, und so wurde mit grossem Eifer eine Arche ge- 
baut, damit wenigstens ein Theil des menschlichen Geschlechts 
zur Fortpflanzung ei'halten werde. Wollte man das Sprich- 
wort von der Schwalbe im umtrekehrten Sinne in Anwenduns^ 
bringen und diese einzelnen Beispiele eben als solche nicht 
als Mass für das Ganze gelten lassen , so genügt der fliich- 
tigstc Blick in die Geschichte der Naturwissenschaft, um 
zu überzeugen, dass noch im IG. Jahrhundert, ungeachtet des 
Aufschwungs, den das humanistische Studium genommen hatte, 



1 A. a. 0., I, 1, 281. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 323 

trotzdem dass die forschenden Aerzte zu den Quellen der 
Arzneikunde zuriickkehrten und die Kritik zu erwachen anfing, 
aber eben weil sie erst anfing, die Natur noch immer unter 
dem geheimnissvollen Zaubermantel des Wunderbaren ange- 
schaut wurde, und zwar von den besten Köpfen jener Zeit. 
Bekannt ist Melanchthon's Neigung zur Astrologie, und man 
schreibt dessen Ansehen viel bei zu der grossen Aufnahme 
dieser Kunst. Seine „Initia doctrinae physicae" stehen ganz 
unter dem Gesichts]3unkte der Macht des Teufels, dessen Ein- 
fluss auf Luft, Wetter und Kenntniss der Gestirne. Sprengel 
behauptet: Servet's freie Vergleichung der griechischen und 
(damals) neuern medicinischen Grimdsätze, seine zwanglose 
Untersuchung der hergebrachten Lehnneinungen habe viel 
beigetragen, dass ihn Calvin's Rache auf den Scheiterhaufen 
zu bringen vermochte. ^ Petrus Forestus, dessen Sammlung 
medicinischer Beobachtungen in der Geschichte der Arznei- 
kuude als „classisch" bezeichnet werden, will doch die Ver- 
wandlung eines Menschen in einen Wolf (Lycanthropie) ge- 
sehen haben. ^ Paracelsus' Verdienst um die Naturwissen- 
schaft ist anerkannt, indem er das Zeitalter eröfihet, wo die Al- 
chemie vom Studium der Chemie getrennt wird und diese 
mit der Arzueikunde in Verbindung tritt. ^ Dabei wird aber 
doch seine vornehmliche schriftstellerische Bemiihung darin 
gesehen, die Kabbala jDopulär zu machen und sie aufs innigste 
mit der Medicin zu vereinigen."* Van Helmont (geb. 1577), 
der die medicinische Chemie auf ihren Höhepunkt brachte, 
hegte doch den festen Glauben an Metallverwandlung, an den 
Stein der Weisen; er fasste Donner, Blitz, Erdbeben, Regen- 
bogen und andere Naturerscheinungen als die Wirkung ein- 
zelner Geister auf, nahm im Menschen einen besondern geistigen 
Regenten an, den er Archäus nannte, welchen auch Paracelsus 
angenommen hatte. Der Einfluss der Kabbala auf Paracelsus 
und seine Zeitgenossen ist von Sprengel nachgewiesen, und 
es ist bekannt, dass die Naturwissenschaft durch die Kabbala 



' Geschichte der Arzneikunde, III, 33. 
2 Sprengel, III, 1G7 fg. 
* Kopp, Geschichte der Chemie, I, 89. 
"• Sprengel, III, 335 

21 



324 Dritter Absdmitt: Periode der gerichtlichen Hcxcnvorfolgnng. 

zur Theosophie geworden, die an Reuchhn, Fr. Pico de Miran- 
dola, Franz Giorgio, Joh. Trithemius und Ileinr. Corncl. 
Ao-rippa von Nettesheiin ihre eifrigsten Beförderer fand. In 
dem Jahrhundert der Reformation erfreute sich daher die 
Astrologie der grössten Verbreitung, und vor jeder merk- 
Avi:n-digen Begebenheit geschahen Wunder, die von müssigen 
Mönchen und fahrenden Schillern zu ihrem Vortheile ausge- 
beutet wurden. Die einsichtsvollsten Gelehrten des 17. Jahr- 
hunderts waren im Glauben an magische Kräfte, an zaube- 
i'ische Geister befangen. Dass Thomas Campanella iiberall 
Geister und Teufel sah, meint Sprengel aus der Behandlung 
des armen Dulders durch Teufel in Menschengestalt erklären 
zu können.^ Wir erinnern indess an die Rosenkreuzer, 
die, von 1G2Ö immer mehr verbreitet, sich des Geheimnisses 
rühmten, durch ein sympathetisches Pulver oder durch ihre 
beriihmte Waifensalbe alle Wunden, Blutungen, Geschwüre, 
überhaupt sämmtliche Krankheiten augenblicklich heilen zu 
können. Als der Physiker Goldenius die Wirkung dieser 
Wundersalbe, die er nicht anzweifelte, auf natürliche Weise 
zu erklären gesucht und darüber mit einem Jesuiten in hef- 
tio-en Streit gerathen war, der sie vom Teufel herleitete, er- 
klärt dieser die Rosenkreuzer für Zauberer und den Paracelsus 
als ihren Stammvater für den ärgsten Hexenmeister, und nach 
einer Replik von Goldenius und einer Duplik von seinem Gegner 
endete der Kampf damit, dass der Jesuit jenen einen Calvi- 
nisten schimpfte und ihn sammt Calvin zu Kindern des Teufels 
stempelte. 2 Johann Rudolf G lau her (geb. 1G04), dessen 
grosse Verdienste um die technologische Chemie anerkannt 
sind, namentlich um die Bereitung des Salpeters, des Glases 
u. a. m., glaubte doch noch an MctallverAvandlung, an sein 
all""emcines Auflösungsmittel „Alkahest", Jessen Heilkraft sich 
in allen Krankheiten bewähren sollte. ^ Der londoner Arzt 
Robert Fludd (gest. 1G37), der berühmteste unter den 
Rosenkreuzern, leitete die Entstehung der Krankheiten von 
bösen Dämonen her, gegen die der gläubige Arzt zu kämpfen 
habe, daher den Harnisch Gottes anlegen müsse, inn ihnen 



I 



1 Sprengel, IV, 321. 

2 Ibid., S. 321 fg. 
s Kopp, I, 127. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 325 

Widerstand leisten zu könrten. In jedem Planeten hause ein 
böser Dämon, und so gebe es saturnische, jovialische, vene- 
rische, martialische und mercurialische Dämonen, welche ihnen 
gemässe Krankheiten erzeugen. Kenelm Digby, der als tapfe- 
rer Seeheld 16G5 starb und als besonders eitriger Verbreiter 
des Glaubens an die Heilkraft des sympathetischen Pulvers 
bekannt ist, arbeitete emsig an einem Mittel, das Leben in 
Ewigkeit zu verlängern, an das selbst Cartesius geglaubt 
haben soll. ^ In Deutschland nahmen die Rosenki-euzer wäh- 
rend dieses Zeitraums sehr überhand. Der rostocker Professor 
Sebastian Wirdig (gest. 1GS7) sah zwei Arten von Geistern 
durch die ganze Natur verbreitet ■■^, deren sich auch im mensch- 
lichen Körper befänden und mit den Geistern der Luft in den 
Gestirnen in Gemeinschaft ständen, dui'ch deren Einfluss sie 
regiert würden. Wie Campanella, Fludd u. a. gibt auch 
Wirdig der Wärme, Kälte, Luft einen Geist und leitet die 
Krankheiten von den zornigen und rachsüchtigen Geistern 
der Luft und des Firmaments her. Er vertheidigt die Wünschel- 
ruthe wie die Nekromautie und findet die Beweise in bibli- 
schen Sprüchen. Wir können auch an ähnliche Beispiele des 
folgenden Jahrhunderts erinnern, als: an die Geschichte der 
Ermordung eines Studenten in Jena im Jahre 1716, die nach 
dem herrschenden Glauben durch den Teufel stattgefunden hatte, 
und deren Erklärung durch Kohlendampf von Fr. HoflPmann 
allgemeinen Austoss erregte. Selbst Thomasius (gest. 1728), 
den wir später in hellerm Lichte sehen werden, verfasste eine 
Pneumatologia , die man nach Sprengel ^ fast einem Fludd 
zuschreiben könnte. Er lässt, gleich Campanella, von dem 
obersten Geiste die beiden thätigeu Principien, den männlichen 
Geist der Wärme und den weiblichen der Kälte emaniren 
und durch deren Zusammentreten die Materie entstehen. Wir 
können an Samuel Stryke's „Dissertatio de jure spectrorum, 
Halis 1738" erinnern, wo S. 13 das Leugnen der Gespenster 
für ein Zeichen des Atheismus erkannt wird, u. dgl. m. 

Wie die Vertreter der Wissenschaft die vitalen Thätig- 
keiten noch lange nach Paracelsus in dessen Archäus zu- 



1 Sprengel, IV, 328. 

^ Vgl. dessen Medicina spirituum. 

3 IV, 332. 



326 Dritter Abschnitt : Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

sammenfassten, einem Geiste, der seinen Sitz im Magen haben 
und mit allen Leidenschaften des Menschen begabt, die Ver- 
dauung, die Bewegungserscheinungen und Seelenstimmungen 
regieren sollte; so glaubte das Volk um so unbedingter die 
Ursache von allen Erscheinungen in der Natur sowol als im 
Seelenleben in einem dämonischen Wesen zu erkennen, das 
nach Beziehung und Wirkung als Gott oder als Teufel sich 
kennzeichnete. Hieraus erklärt sich wol, wie der Hexen- 
glaube vom 15. Jahrhundert ab eine solche Höhe erreichen 
konnte, dass das Volk hinter jedem Ereigniss nicht alltäg- 
licher Art Hexerei witterte, hinter der eigentlich der Teufel 
steckte, der ja schon seit dem 13. Jahrhundert die Welt er- 
füllte. Bei der allgemeinen Gebundenheit des Denkens war 
das meiste unerklärlich und geheimnissvoll, und der Mensch 
sah sich in einer bezauberten Welt, wo der Zauber mittels 
Hexen, die mit dem Teufel im Biindnisse standen, bewirkt 
ward. Wie einst im alten Heidenthum alle Erscheinungen 
auf Gottheiten zurückgeführt wurden und der Mensch in 
allen Kraftäusserungen ein göttliches Walten erkannte, so 
ward am Ausgange des Mittelalters jede aussergewöhnliche 
Erscheinung als Wirkung von Hexerei betrachtet, deren Spur 
auf den Teufel als letzten Grund hinleitete. Die Kirche 
glaubte sich, als Stellvertreterin Gottes auf Erden, berufen, 
dem teuflischen Wirken entgegenzutreten, und die staatliche 
Macht versagte ihr nicht ihren Beistand. Damit begannen 
eigentlich die ordentlichen Hexenprocesse. 

Nachdem wir den Boden dazu im allgemeinen vorbereitet 
gefiinden, haben wir nach den sj^ecifischen Factoren der ra- 
piden Verbreitung der Hexenprocesse hinzusehen. 

Nach dem Vorgange des Alten Testaments, wo Zauberei 
und Abgötterei stets zusammengestellt^, da beide, auf Ab- 
triinnigkeit beruhend, als theokratische Verbrechen betrachtet 
werden, nahm auch die Kirche des Mittelalters jede Ab- 
weichung von ihrer Anschauung gleichbedeutend mit Abfall 
von Gott, worauf sie Verdammung aussprechen zu müssen 
glaubte, denniach Ketzerei und Zauberei als gleichschwere 
Verljrechcn betrachtete und behandelte. Die Handhabe hierzu 



1 Vgl. 5 Mos. 18, 10. 11; 2 Chron. 38; 1 Sam. 15, 23; 28, 11, u. a. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 327 

laiid sie in 2 Mos. 22, 18 ', das heisst: sie iibersctzte die 
alttestamentliclie Anschaimug von der Tlieokratie, welche durch 
die Kirche im Christenthum dargestellt werden sollte, ins 
Christliche. Wir haben gesehen, wie die Zauberei, die zu 
allen Zeiten und bei allen Völkern vor der christlichen Zeit- 
rechnung üblich gewesen, im Verlaufe des Mittelalters infolge 
des allgemein herrschenden Teufelsglaubens und der Vorstel- 
lung von einem freiwilligen Teufelsbiindnisse eine specifische 
Bedeutung erhalten hatte. Die Zauberei wurde zur Hexerei 
durch eben den Bund mit dem Teufel, wodurch die Hexe 
ihre aussergewöhnliche Macht im Sinne des Teufels zu wirken 
erlangte. Indem der Glaube an das Hexen wesen, mit dem 
Teufelsglauben Hand in Hand gehend, sich immer mehr aus- 
bildete, in den Gemüthern immer tiefere Wurzel fasste, die 
ganze Anschauung dieser Periode innerhalb des schnei- 
denden Gegensatzes von Gott und Teufel sich bewegte, alles 
Uebel, physisches und moralisches, auf den Teufel zurück- 
geführt ward, der die Herrschaft der Kirche zu gefährden 
und seine eigene auf Erden immer mehr zu vergrössern suche; 
so musste den Hexen als den eigentlichen Organen des Sa- 
tans, ihres Herrn und Meisters, der sie zur Erweiterung sei- 
nes Reiches gebrauchte, die Schuld an jeglichem Uebel zu- 
gerechnet werden. Den Widerspruch zwischen des Teufels 
und seiner Verbündeten Wirksamkeit mit der göttlichen Re- 
gierung meinte die Kirche durch den Glaubenssatz von der 
göttlichen Zulassung gehoben zu haben, und sah sich ganz 
besonders verpflichtet, die Hexerei gleich der Ketzerei zu vei-- 
folgen. Nach kirchlicher Anschauung hatten die der Hexerei 
Ergebenen mit ihrem Teufelsbundesschluss ihr Taufgelübde 
(gleich den Ketzern) gebrochen, also auch den Bund, in den 
sie durch jenes mit Gott, d. h. mit der Kirche, getreten 
waren. Darum sind die Hexer und Hexen gleich den Ketzern 
auszurotten. Wir bemerken hier wieder eine alttestamentliclie 
Anschauung, nämlich die von einem Bunde mit Gott, unter 
dem sich das Volk Israel seine Beziehung zu jenem vorgestellt, 
welcher durch Vermittelung der Kirche auf christlichen Boden 
verpflanzt und zum Zeitbewusstsein erhoben wurde. — Nach dem 



Vgl. 3 Mos. 19, 31; 20, 27. 



328 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ucxenvcrfolgung. 

Erörterten stimmen wir mit Schindler überein, wenn er es 
einen unbegründeten Vorwurf nennt, den luthersche Schrift- 
steller der römischen Kirche machen, „dass sie die Gleich- 
stellung der Ketzerei und Zauberei erfunden habe, um unter 
dem Vorwande der Zauberei die Ketzer zu vertilgen". ^ Ab- 
gesehen von dem historischen Irrthum, der hiermit ausge- 
sprochen wird, finde ich überdies keinen Grund zu einem 
Vorwande für die Kirche, welche die Zauberer und Hexen 
ohne Vorwand verfolgen konnte, wie sie die Ketzer seit jeher 
verfolgt hatte. Bedenklich aber ist, dass die Kirche den Ge- 
sichtspunkt der althebräischen Theokratie festhielt und sich 
an deren Stelle setzte. Nach althebräischer Anschauung war 
Jahveh die allein berechtigte Macht, und in der Anerkennung 
einer andern beruhte das theokratische Verbrechen , welches 
durch den Abfall zum Ileidenthum, also durch die Verehrung 
einer heidnischen Gottheit, oder durch Zauberei, d. h. durch 
die Anerkennung der Wirksamkeit einer Macht, die nicht 
Jahveh ist, begangen ward. Auf beide Arten theokratischer 
Verbrechen stand die Ausrottung, d. h. der Tod. Indem die 
Kirche des Mittelalters unter demselben Gesichtspunkte als 
Repräsentantin der Theokratie sich als allein berechtigte Macht 
gefasst wissen wollte und auch von damaliger Zeit gefasst 
wurde, verfuhr sie allerdings von diesem Standpunkte aus 
folgerichtig, wenn sie jede Abweichung von ihren Satzungen 
als Ketzerei, und die Anerkennung der Macht des Teufels, 
ihres Widersachers, als Hexerei verdammte. Bedauerlich ist 
diese Folgerichtigkeit um der ungezählten vielen Ketzer und 
um der luigefähr 9 Millionen Hexer und Hexen willen, die 
in Flammen aufgehen nuissten. Bedenklich ist ferner, dass 
die Kirche ihren alttheokratischcn Standpunkt noch festhielt, 
als das Zeitbewusstsein über dessen Schranken hinaus ge- 
wachsen war. 

Das Streben, die mittelalterliche Hexenperiode zu er- 
klären, rief eine umfangreiche Literatur hervor, zu welcher 
von Vertretern verschiedener Zweige des Wissens schätzens- 
werthe Beiträge geliefert wurden. Das erschreckende Ueber- 
handnehmen der Hexenverfolgung zu begreifen, beschäftigte 



1 



' Schindler, S. 315. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 329 

viele denkende Köpfe, sowie das unsägliche Elend, das wäh- 
rend dei' Hexenporiode über Millionen verbreitet worden, das 
menschliehe Herz erschiittern niuss. Die bedeutenden und 
vielen Bearbeitungen dieses Gegenstandes, unter denen wir 
von den altern Soldan's öfter angeführte Schrift nicht mehr 
herauszuheben brauchen, lassen daher auch eine kürzere, nur 
ergänzende Behandlung zu. 

Obschon alle Bearbeiter der Hexenperiode nach bestimm- 
ten Factoren suchen, die in derselben thätig waren, so kann 
es nicht befremden, dass von verschiedenen Standpunkten aus 
auch jene verschieden gefunden wurden. Dies ist schon 
bei der Erklärung des Ursprungs des Hexenwesens der 
Fall. In Bezug auf die Ursachen der steigenden Verbreitung 
der gerichtlichen Hexenverfolgung haben ihr namentlich Ju- 
risten grosse Aufmerksamkeit geschenkt und schätzbare Ar- 
beiten geliefert, unter denen Wächter eine hervorragende 
Stelle einnimmt. ^ Görres klagt '^, dass die Aerzte, die gleich- 
falls ihre Stimme über den Grund der furchtbaren Erschei- 
nungen der Hexenpei'iode abgegeben, „durch die Deutung 
auf blose Krankheit, die sie in ihrem vorwiegend materialisti- 
schen Streben der ganzen Sache gaben, den verworrenen 
Handel nur noch mehr verwirren." Ich halte uns den Aerz- 
ten vielmehr zu Dank verpflichtet, dass sie uns einen Factor, 
den wir bei Betrachtung des Hexenwesens finden, be- 
stätigen und begründen helfen, obschon wir auch andere 
Gesichtspunkte festhalten miissen. Dem Vorwurfe der Un- 
zulänglichkeit, Einseitigkeit dürften theologische Erklärer, wie 
Görres, am wenigsten entgehen, wenn d{?,s Wesen der Hexerei 
einfach auf Abfall von der Kirche reducirt wird, die Massen- 
haftigkeit des Auftretens aber fast unerörtert abseits liegen bleibt. 

In neuester Zeit hat Dr. Haas ^ seine Meinung abgegeben, 
wonach die Hexerei genannter Periode „aus der Ketzerei der 
ihr unmittelbar vorangehenden Zeit" entstand, und „wie die 
Ketzerei betrieben und behandelt ward, so ihre Base, wenn 
nicht Tochter, die Hexerei. . . . Eben war der Ketzerei und 



^ Vgl. dessen schon angeführte Beiträge zur deutschen Geschichte, 
IV. Abhandlung und Excurs. 

2 Christliche Mystik, III, 66. 

^ Die Hexenprocesse. Ein culturhistorischer Versuch (Tübingen 1865). 



330 Di'ittei' Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilcxenvcrfoigung. 

Ketzerriecherei das Handwerk gelegt worden, da erhob sich 
die Hexerei." * Mit dieser Andeutung der historischen Auf- 
einanderfolge und des engen Zusammenhangs, welchen die Kirche 
zwischen Ketzerei und Hexerei sah, kann man sich kaum ein- 
verstanden erklären, wie auch der geschichtliche Beweis, 
den Haas^ „in möglichst gedrängter Kürze" geliefert zu haben 
meint, mehr ein möglichst flüchtiger genannt zu werden ver- 
dient. Dr. Haas hat gewiss recht, wenn er behauptet: „Nir- 
gends Lücke und Leere, überall nothwendiger Uebergang." 
Hierauf führt der Verfasser eine Reihe von Sätzen an, wie: 
„Beide (Ketzerei und Hexerei) entstehen aus Unglauben und 
Unklarheit, Hochmuth, Ueberspannung, sind Wahngeschöpfe, 
mishandcln und werden mishandelt und wachsen dabei, bis 
ihnen mit Kraft und Vernunft entgegengetreten wird. — Denn 
noch waren die Gemüther vieler nicht frei vom eben unter- 
drückten Wahne (der Ketzerei), und in dem gesäuberten Hause 
traten ärgere Geister auf, sodass es mit den Menschen schlim- 
mer ward denn zuvor. ^ . . . Auch der Papst niisbilligte das 
Verfahren Konrad's (des Ketzerrichters von Marburg) und 
sprach seine Verwunderung dariiber aus, wie man eine so 
unerhörte Weise so lange habe ertragen können. Dass er 
aber seine Leute kannte, zeigt die beigesetzte Bemcj-kung des 
Papstes: «Die Deutschen waren stets furios, darum bekamen 
sie auch furiose Richter.» So verlor sich die Ketzerverfolgung, 
sobald gegen sie milde Gerechtigkeit und Vernunft Raum ge- 
wonnen. Und wo dies nicht der Fall war, ward das Uebel 
nur mit einem Palliativmittel behandelt und so niedergehalten, 
dass an seine Stelle ein verwandter Wahn treten konnte : das 
war die Hexerei. Eine Krankheit erzeugt bei falscher Be- 
handlung oder bei dem Vorhandensein unerkannter Ursachen 
die andere." * Wenn nun hierauf der Verfasser ausruft : „Hier 
der geschichtliche und psychologische Beweis für unsere Mei- 
nung von der Hexerei der genannten Zeitperiode" ^, so über- 
rascht er den Leser mit der unglaublichen Zumuthung, die 
Sache als bewiesen hinnehmen zu sollen. Auch scheint mir, 
dass die „Erklärung oder Lösung dieser räthselhafteu Er- 
scheinung" kaum befriedigend vollzogen sein dürfte, wenn 



1 S. G3. - S. 03—65. 3 s. 53. i g. 65. 5 s. 66. 



I 



5. Erklärung der Hexenperiode. 331 

der Verfasser fortfährt: „Es gab und wird stets Zauberkreise 
geben, welchen der Mensch nicht ungestraft nahen darf, Gei- 
ster, deren man sich bemächtigen möchte, und deren Herr 
man nicht mehr werden kann, wie Goethe's Zauberlehrling". 
Ob nicht GÖthe bei Lesmig dieses Satzes dieselben Worte 
ausgerufen hätte, die ihm entfuhren, nachdem er das be- 
kannte Gedicht gelesen: „Ins Innere der Natur dringt 
kein erschaffener Geist u. s. w."? Hingegen ist der Ver- 
fasser im richtigen Geleise, wenn er im Hexenwesen eine 
„Kepristination heidnischer Ideen in Verbindung mit falschem 
Christenthume" sucht', obschon hiermit der Gegenstand nicht 
erschöpft ist. Bei unserer bisherigen Verfolgung der Ge- 
schichte de'S Teufels Hess sich abmerken, wie es mit dieser 
„Kepristination" sich verhalte, und wir mussten wahrnehmen, 
dass nicht nur „mancher Zug der nordischen Götter", wie 
Schindler meint-, sondern sehr viele oder gar die meisten 
Züge aus dem Heidenthum, nachdem sie vermittels der llerab- 
drückungsmethode alterirt und ins Dunkle gezogen worden, 
an die Gestalt des Teufels und seiner Verbiindeten sich ange- 
heftet haben, was von J. Grimm, Soldan, Simrock u. a. be- 
reits erschöpfend nachgewiesen wurde. 

Von manchen Seiten wurde die furchtbar schnelle Verbrei- 
tuns: der Hexeuverfokung lediglich als Product der Bosheit, 
des Neides, Hasses, der Gewinnsucht und Verfolgungswuth 
angesehen. Wer wollte leugnen, dass die schlimmen Leiden- 
schaften der Menschen seit jeher als wirksame Hebel in der 
menschlichen Geschichte mitgespielt haben? Wo wäre irgend- 
etwas geschehen, bei dem nicht persönliche Neigung oder Ab- 
neigung, w^o nicht das Laster, wie die Tugend und deren 
ffanze Tonleiter daran theilgenommen hätte? Ist nicht iiber- 
haupt ein grosser Theil der Geschichte auf Rechnung der 
Materie zu schreiben? Und doch wird heute kaum jemand 
mehr mit einer Erklärung des Ursprungs der Kreuzzüge aus 
Habsucht oder Lust nach Abenteuern sich befriedigt finden, 
obschon jedermann weiss, dass diese bei sehr vielen Kreuz- 
fahrern die eigentlichen Beweggründe waren. Der Hexen- 
process bot allerdings besonders günstige Gelegenheit, um die 
unsaubersten Triebfedern springen zu lassen. Da nach dem 

1 S. G8. - S. 325. 



332 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenvcrfolgung. 

Criininalverfahreu des Hexeuhauuners eine Deniineiation ohne 
Beweisführung des Denuncianten, dessen Name dem Denun- 
cirten nicht einmal bekannt gemacht werden musste, hinreichte, 
um einen llexenprocess anzustrengen ^ , so waren hiermit der 
Schel- und Kachsucht die Thore weit geöfinet, um ihre 
Opfer auf die Folterbank und den Scheiterhaufen zu bringen. 
Der „Hexenhammer" deutet ferner selbst wiederholt an, dass 
Hass und Feindschaft häufige Beweggriinde der Denunciation 
gewesen, da er der Erörterung über Feindschaft, deren Er- 
irründunff und Unterscheiduno; in 2;ewöhnliche und Todfeind- 
Schaft ganze Abschnitte widmet.^ Beispiele, wo Feindschaft 
und Hass denuncirte, sind daher sehr häufig. Soldau^ erin- 
nert uns an Grandier's Geschichte, an Beispiele iö England, 
wo Männer ihre Weiber, deren sie überdrüssig waren, nicht 
nur als Waare am Stricke auf den Markt, sondern auch als 
Hexen dem Strange des Henkers zuführten ; an ein achtjähri- 
ges Mädchen, das'* sich nach einem Zank mit der Ilausmagd 
dadurch rächte, dass es sich behext stellte, infolge dessen 
20 Personen auf sein Zeugniss verurtheilt wurden, wovon 5 
wirklich den Tod erlitten. Auch Gewinnsucht und Habgier 
haben wir als thätige Helfer bei der Verbreitung der Hexen- 
processe zu verzeichnen. Denn da das Vermögen der Verur- 
theilten entweder förmlich confiscirt, oder unter dem Titel 
„Processkosten" oder „Sportuliren" eingezogen wurde, ei'öff- 
neten die Plexenprocesse eine Art Finanzqueile. Die Hexen- 
richter, die nach Localverhältnissen von der geistlichen oder 
weltlichen Behörde bestellt waren, und auch die Henker be- 
zogen fiir jede ihrer Verrichtungen eine bestimmte Gebühr 
nebst allerlei Vortheilen. Einer der neuern Schriftsteller^ be- 
richtet, dass in Oesterreichisch-Schlesicn und Mähren zur Lei- 
tung eines Hexenprocesses gewöhnlich ein darin erfahrener 
Mann gewonnen werden nuisste, und indem selbst unter den 
Amt- und Hofleuten der Gerichtsherren sich selten solche fan- 



! 



1 Mall, malef. P. III, qu. 1. 

2 Vgl. P. III, qu. f), 12 u. a. 

3 S. 31G. 

« Nach Walter Scott, Br. üb. Dam., II, IKi». 

^ Zur Geschichte des Glaubens an Zauberer, Hexen und Vampyrc in 
Mähren und Ocsterrcichisch-Schlesien, von Bischof und d'Elvcrt. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 333 

den, die dazu bereit oder geeignet gewesen wären, so musste 
bei dei' geringen Auswahl die Gerichtsherrschaft guten Lohn 
geben. Die Hexenrichterci wurde also zum Gewerbe, von 
dem mancher lebte, und Bischof macht uns mit einem solchen 
Namens Boblig bekannt, der von der Gerichtsherrschaft (der 
Gräfin Galle) Kost und bequeme Wohnung für sich und sei- 
nen Diener, einen Reichsthaler täglich und für Commissions- 
reisen die ircwöhnlichen nicht unbedeutenden Zehr- und Warte- 
gelder erhielt. Eine gleiche Bezahlung erhielt er auch vom 
Fürsten Lichtenstein, als die Processe auf dessen Gebiet hin- 
übergespielt worden waren, und jene wurde bei weiterer 
Ausdehnung des Processes so verbessert, dass Boblig wöchent- 
lich drei Gulden und einen halben Eimer Bier, jährlich zwölf 
Klafter Holz und in der Stadt Schönberg eine bequeme 
Wohnung erhalten sollte, bei welcher Gelegenheit der fürst- 
liche Richter eine kräftige Rüge erhielt, dass er dem Boblig 
nicht früher schon eine Wohnung einräumen liess. „Dann 
Ihr wisst wol", heisst es, „dass dergleichen leuth, so 
man zu einem solchen vornemben Werckh vonnöten hat, ein 
taugliches Quartier haben müssen, so Ihme vnsere Stadt (Schön- 
berg) nicht verweigern kann, dann sie ist selbst schuldig, 
dergleichen schweres Laster, so wider die göttliche Majestät 
ist, auszutilgen". Eben dieselbe Bezahlung, wie er sie ander- 
wärts bekam, versprach auch der olmützer Fürstbischof dem 
Boblig zu, als er ihm die Leitung der Untersuchung gegen 
den schönberger Dechant (Lauthner) auftrug. Inzwischen 
hatte Boblig auch in Prosznitz zwei Weiber, Elisabeth Bra- 
benetzki und Katharina Wodak, auf den Scheiterhaufen beför- 
dert, und dafür an täglichen 3 Gulden 246 Gulden erhalten. 
Ausserdem mai? Boblisi; wol noch manchen andern Vortheil — 
abgesehen von den Rehen und Rebhühnern, die ihm zur 
Weihnacht oder an andern Feiertagen von den fürstlichen 
Beamten in die Küche geschickt wurden — aus den Hexen- 
processen gezogen haben, obwol er sich gegen solche Zumu- 
thungen mit Entrüstung verwahrt. Wenigstens erweckt eine 
den Acten beiliegende Beschwerde der Söhne des verbrann- 
ten seydersdorfer Richters, worin dieselben die Gerichtsherr- 
schaft um Rückstellung von neun harten Dukaten bitten, 
welche ihnen Boblig durch das nicht erfüllte Versprechen ab- 
geredet habe, er würde von der prager Appellationskammer 



334 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilexonvcrfolgung. 

erwirken, dass ihr Vater zuerst enthauptet und dann erst ver- 
brannt werde, manches Bedenken über seine selbstgepriesene 
Redlichkeit. Wenn man ferner erwägt, dass die Hexenrichter 
keine andere feste Stellung einnahmen, so wird man nicht 
zweifeln können, dass sie an der steten Weiterverbreitung der 
Hexenprocesse das grösste Interesse haben mussten. Die vor- 
liegenden Papiere lassen es deutlich wahrnehmen, wie eifrig 
Boblig dafür besorgt war, die Hexenprocesse nicht in's Stocken 
gerathen zu lassen. ^ Schon der Kanonicus Loos nennt die 
Hexenprocesse eine „neuerfundene Alchymie", durch die man 
aus Menschenblut Gold und Silber mache. ^ S]3ee erwähnt in 
seiner „Cautio criminalis", dass auf den Kopf eines wiegen 
Hexerei Verurtheilten 4 — 5 Thaler als Prämie den Inqui- 
sitoren verabfolgt werden und grämt sich über deren Trink- 
gelage. Er sagt: dass viele nach den Verurtheilungen der 
Zauberer und Hexen hungerten „als den Brocken, davon sie 
fette Suppen essen wollten", und erzählt von einem ihm be- 
kannten Inquisitor, welcher durch seine Leute das Landvolk 
so in Hexenfurcht jagen liess, dass es zuletzt zum Inquisitor 
seine Zuflucht nahm, der durch zusammengeschossenes schwe- 
res Geld zur Untersuchung sich einfand, aber unter dem Vor- 
wande anderweitiger Geschäfte abbrach, um abermals Geld 
herauszulocken.^ Anderwärts erheben sich Klagen über den 
Aufwand der Henker und ihrer Weiber, dass diese in seide- 
nen Kleidern einherrauschen oder gar in Kutschen fahren, '^ 
jene auf stattlichen Rossen reiten, und dies alles infolge der 
gewinnreichen Hexenprocesse. Der coesfelder Henker erhielt 
binnen sechs Monaten 1G9 Reichsthaler für seine Bemühungen 
an Hexen.* Der koburger veranlasste für sich, seine Knechte, 
Boten und Pferde in einem Jahre einen Kostenaufwand von 
mehr als 1100 Gulden.-'^ Fr. Müller berichtet aus siebenbür- 
gischcn Hexenprocessacten: „Für die Hinrichtung einer Hexe 



> Bischof, S. 6 fg. 

- Ilauber, Bibl. mag. I, 74. 

^ Caut. criui. Dub. XVI, 6. 

* Niesert, merkwürdiger Hexenprocess gegen den Kaufmann G. Kölb- 
ling zu Coesfeld. 

^ Leib, Consilia, responsa ac deductiones juris variae, p. 124; bei 
Soldan, S. 312. 



I 



5. Erkliirung der Hexenpcriodc. 335 

erhält nach der schüssburger Stadtrechnung der Henker 1 Gul- 
den; der von Grosssclienk hat nach einer Bestimmung des 
dasigen Rathes in ähnlichen Fällen 2 ungarische Gulden 
anzusprechen, dazu ein Eimer Wein, ein Brot und ein Pfund 
Speck". Der englische Hexenfinder Hopkins erhielt Transport- 
kosten, freien Unterhalt und ausserdem Diäten; ein anderer, 
ausser den Reisekosten, ftir jede entdeckte Hexe 20 Schil- 
linge. ^ Nach dem Zeugnisse Agrippa's ^ verwandelte der In- 
quisitor nach Umständen das Urtheil in eine Geldstrafo, und 
es kam Methode in das Geschäft, indem viele eine Art jähr- 
licher Steuer zahlen mussten, um nicht vor das Inquisitions- 
gericht gezogen zu werden, Oder die bischöflichen Officialen 
Hessen eine im Rufe der Hexerei stehende Person vorladen, 
einen Reinigungseid schwören, wofür sie dann einen losspre- 
chenden Urtheilsbrief mit 2V2 Gulden bezahlen musste. 
Die 41. Beschwerde von denen, welche der Nürnberger 
Reichstag vom Jahre 1522 gegen den römischen Stuhl erhob, 
führt diesen Uebelstand an. Lilienthal berichtet aus Process- 
acten: „Ein Weib Regina, der Hexerei beschuldigt, lief fort, 
man nahm alle ihre zurückgelassenen Habseligkeiten und gab 
ihrem Manne nur ein Paar lederne Hosen. ^ Derselbe Ver- 
fasser theilt die Entscheidung einer Appellation in dritter In- 
stanz aus dem Jahre 1644 mit: „Die bischöflichen Commissa- 
rien M. Böhme, Erzpriester zu Braunsberg und Domherr zu 
Guttstadt, und von Oelsen, Schlosshauptmann, entschieden 
über den neustädtischen Bürger Arendt und sein Weib, dass 
beide, weil sie fremde Götter gesucht, Ratli bei einer Zaube- 
rinn in Elbing geholt u. s. w., 75 Thaler Strafe zahlen und das 
Kammeramt meiden sollen. Der Administrator Dzyalinski 
erlässt ihnen auf vornehmer Leute Bitten die Verstossung". * 
Schliesslich noch ein merkwürdiges Actenstiick, das Horst ^ 
mitgetheilt hat. Der J ustizamtmann Geisz zu Lindheim schreibt 
an seine adelichen Herren, dass neuerdings das Zauberwesen 
ausbreche, „dass auch der mehren Theilsz von der Bürger- 



' Hutchinson, Kap. 4. 

2 De incertitud. et vaiütut. scient. cap. 90. 

■' Die Hexenprocesse der beiden Städte Braunsberg, S. 154. 

' S. 157. 

5 Dämonom. II, 369. 



330 Dritter Abschnitt: Peinode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Schaft sehr dariiber bcstiirzet und sich erholten, wenn die 
Herrschaft nur Lust zum Brennen hätte, da wollten sie gerne 
das Holtz und alle Unkosten erstatten undt könnte die Herr- 
schaft auch so viel bei denen bekommen, dass die Briigk 
undt die Kirche kondten wiederumb in guten Stand gebracht 
werden. Noch über dass so kondten sie so viel haben, dass 
deren Diener kondten so viel besser besuldet werden, denn 
es dürften vielleicht ganze Häuser undt eben diejenigen, welche 
genug darzu zu thun haben, inforcirt seyn". Derselbe Geisz 
leitete den grossen Lindheim'schen Hexenproccss, wobei er 
für einen Kitt nach einem zwei Stunden entlegenen Städtchen 
5 Thaler Gebiihr anrechnete. Nach einer von ihm selbst 
ausgestellten Rechnung hatte er bei den verschiedenen Ver- 
haftungen allein an baarem Gelde 188 Thaler 18 Silberpfennige 
sich zugeeignet. Ausserdem rechnet Geisz an ' : „ Item von 
denen so aus der custodia im Hexenthurn gebrochen undt 
was ich an Unkosten ausgeleget: Johann Schüler 20 Thaler; 
seine Fraweu 10 Thaler; Peter Weber Rest noch 5 Thaler; 
Hannsz Pepel Rest noch 10 Thaler ; Heinrich Froch Rest noch 
10 Thaler; Hannsz Pepelsz Frawen 20 Thaler; Hannsz An- 
nigsz Frawen 20 Thaler". Dabei hat Geisz das von den 
lindheimer Unterthanen sich angeeignete Vieh u. dgl. gar 
nicht in Rechnung gestellt. Der Gewinn der Gerichtsdiener 
ist auch aus den Geisz'schen Rechnungen ersichtlich '^i 
„Dem Wirth zu Hanichcn. NB. Was die der Hexenkönigin 
nachgesetzedten Schützen dasclben vertrunken: 2 Rthaler 
7 Alb." „Den 20. July aus dem Keller zu Geisern bei der fl 

Hexenverfolgung im Beyseyn Herrn Verwaltern 12 Reichs- 
thaler 15 Alb. "3 „Den 12. Januarii 1664 Hanns Em- 
meichen zu Bleichenbach was der Ausschuss bei der Hexen- 
jagd allda verzehret. NB. in 2 Tag daselbst versoffen 8 Tlia- ^ 
1er u. s. w." * Aus diesen Beispielen ist ersichtlich, dass 
aus der Asche der verbrannten Hexen für Hexenrichter, Hen- 
ker, Gerichtsdiener u. s. w. nicht nur mannichfaltiger und er- 
heblicher Vortheil, sondern oft deren ganze Existenz als Phö- 
nix hervorging, und sie werden daher dafür gesorgt haben, « 
dass die Ilexcnbrände nicht ausgingen. Ausser dem Verluste 
am Vermögen der wegen Hexerei Verfolgten, wovon die beim 



S. 13. 2 s_ i5_ 3 s. IG. 1 Horst, Dämonom. H, 436. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 337 

Gerichte thätigen Personen ihren Gewinn zogen, hatten auch 
die Behexten mannichfache Axisgaben hinsichtlich ihrer Hei- 
lung, sowie auch die Verwahrungsmittel gegen Behexung mit 
Unkosten verbunden waren. Die Priester hatten ihren Vor- 
theil durch Messelesen zur Aliwehr oder Heilung der ange- 
hexten Krankheiten, oder durch feierlichen Exorcismus. Herum- 
ziehende Mönche verkauften den „Hexenrauch" sackweise, und 
so ward auch mit andern Schutzmitteln förmlicher' Handel ge- 
trieben. 

Wir anerkennen also, dass Neid, Hass, Gewinnsucht u. dgl. 
zur Verbreitung der Hexenprocesse mitgeholfen, müssen aber 
in Abrede stellen, dass diese Motive in ihrer Einzelheit aus- 
reichen, um den Sturm der Hexenverfolgung, der mehrere 
elahrhunderte lang i'iber ganz Europa verwüstend einherbrauste, 
zu erklären. Eine einzioe Liste von Verurtheilten aus Hau- 
ber's Bibl. mag., die sich auch bei Soldan ^, aber zu einem 
andern Zwecke abgedruckt findet, kann den Beweis liefern. 

V^erzeichniss der Hexen -Leut, so zu Würzburg mit dem 
Schwerte gerichtet und hernacher verbrannt woiden. 

Im ersten Brandt vier Personen. 
Die Lieblerin. 
Die alte Auekers Wittwe. 
Die Gutbrodtiu. 
Die dicke Höckerin. 

Im andern Brandt vier Personen. 
Die alte Beutleriu. 
Zwey fremde Weiber. 
Die alte Scheukiu. / 

Im dritten Brandt fünf Personen. 
Der Jungersleber, ein S})ielmaun. 
Die Kuleriu. 

Die Stierin, eine Procuratoriu. 
Die Bürsten -Binderin. 
Die Goldscbniidtin. 

Im vierten Brandt fünf Personen. 
Die Sigmund Glaserin, eine Burgemeisteriu. 
Die Brickmannin. 
Die Schickelte Amfrau (Hebamme). NB. Von der kommt das 

ganze Unwesen her. 
Die alte Rumin. 
Ein fremder Manu. 



1 S. 387 fg. 
Roskoff, Geschichte Jes TuufeU. II. 22 



338 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Im fünften Brandt neun Personen. 
Der Lutz, ein vornehmer Kramer. 

Der Rutscher, ein Kramer. ' 

Des Herrn Dom-Propst Vögtin. 
Die alte Hof- Seilerin. 
Des Jo. Steinbachs Vögtin. 
Die Baunachin. eines Raths Herrn Frau. 
Die Znickel Babel. 
Ein alt Weib. 

Im sechsten Brandt sechs Personen. 
Der Raths -Vogt, Gering genannt. 
Die alte Canzlerin. 

Die dicke Schneiderin, f 

Der Herrn Mengerdörfers Köchin. 

Ein fremder Mann. x 

Ein fremd Weib. »' 

Im siebenden Brandt sieben Personen. f 

Ein fremd Mägdlein von zwöll' Jahren. |- 

Ein fremder Mann. » 

Ein fremd Weib. 
Ein fremder Schultheiss. 
Drey fremde Weiber. 

NB, Damalüs ist ein Wächter, so theils Hexen ausgelassen, auf dem 
Markt gerichtet worden. 

Im achten Brandt sieben Personen. 
Der Baunach, ein Rathsherr, und der dickste Bürger in Würzburg. 
Des Herrn Dom-Propst Vogt. 
Ein fremder Mann. 
Der Schleipner. 
Die Visirerin. 

Zwei fremde Weiber. 

Im neundten Brandt fünf Personen. 

Der Wagner Wunth. 

Ein fremder INIanu. 

Der Bentzen Tochter. 

Die Bentzin selbst. 

Die Eyeringin. 

Im zehnten Brandt drey Personen. 

Der Steinacher, ein gar reicher Mann. 

Ein fremd Weib. 

Ein fremder Mann. 

Im eilften Brandt vier Personen. 

Der Schwerdt, Vicarius am Dom. 

Die Vögtin von Reusacker. 

Die Stiecheriu. 

Der Silberhaus, ein Spielmaun. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 339 

Im zwölften Brandt zwey Personen. 
Zwey fremde Weiber. 

Im dreyzehenden Brandt vier Personen. 
Der alte Hof- Schmidt. 
Ein alt AVeib. 

Ein klein Mägdlein von neun oder zebu Jahren. 
Ein geringeres, ihr Schwesterlein. 

Im vierzehendenn Brandt zwey Personen. 
Der erstgemeldten zwey Mägdlein IMutter. 
Der Liebleriu Tochter von 24 Jahren. 

Im fiinfzehenden Brandt zwey Personen. 
Ein Knab von 1 2 Jahren, in der ersten Schule. 
Eine Metzgerin. 

Im sechzehenden Brandt sechs Personen. 

Ein Edelknab von Ratzenstein, ist Morgens um G Uhr auf dem 
Cantzley-Hof gerichtet worden und den ganzen Tag auf der Bahr 
stehen blieben, dann hernacher den andern Tag mit den hierbey- 
geschriebeneu verbraunt worden. 

Ein Knab von zehn Jahren. 

Des obgedachteu Raths-Vogt zwo Töchter und seine Magd. 

Die dicke Seilerin. 

Im siebenzehenden Brandt vier Personen. 
Der Wirth zum Baumgarten. 
Ein Knab von eilf Jahren. 

Eine Apothekerin zum Hirsch und ihre Tochter. 
NB. Eine Harfberin hat sich selbst erhenkt. 

Im achtzehenden Brandt sechs Personen. 
Der Batsch, ein Rothgerber. 
Ein Knab von 12 Jahren, noch 
Ein Knab von 1 2 Jahren. 
Des D. Jungen Tochter. / 

Ein Mägdlein von 15 Jahren. 
Ein fremd AVeib. 

Im nennzehenden Brandt sechs Personen. 
Ein Edelknab von Rotenhan, ist um G Uhr auf dem Cautzley-Hof 

gerichtet und den andern Tag verbrannt worden. 
Die Secretärin Schellharin, noch 
Ein Weib. 

Ein Knab von 10 Jahren. 
Noch ein Knab von 12 Jahren. 
Die Brüglerin, eine Beckin, ist lebendig verbrannt worden. 

• Im zwanzigsten Brandt sechs Personen. 
Das Göbel Babelin, die schönste Jungfrau in Würzburg. 
Ein Student in der fünften Schule, so viel Sprachen gekont , und 

ein vortreflicher Musikus vocaliter und iustrumentaliter. 
Zwey Knaben aus dem neuen Münster von 1 2 Jahren. 

22* 



340 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Der Steppers Babel Tochter. 
Die Hüterin auf der Brücken. 

Im einundzwanzigsten Brandt sechs Personen. * 

Der Spitalmeister im Dietricher Spital, ein sehr gelehrter Manu. 
Der Stoffel Holtzmann. j 

Ein Knab von 14 Jahren. 
Des Stolzenbergers Raths-Herrn Söhnlein. 
Zween Alumni. 

Im zweiundzwanzigsten Brandt sechs Personen. 
Der Stürmer, ein reicher Büttner. 
Ein fremder Knab. 

Des Stolzenbergers Raths-Herrn grosse Tochter. 
Die Stolzenbergerin selbst. 
Die Wäscherin im neuen Bau. 
Ein fremd Weib. 

Im dreiundzwanzigsten Brandt neun Personen. 
Des David Croten Knab von 12 Jahren in der andern Schule. 
Des Fürsten Kochs zwei Söhnlcin, einer von 14 Jahren, der ander 

von 10 Jahren aus der ersten Schule. 
Der Melchior Hamraelmann, Vicarius zu Hacli. 
Der Nicodemus Hirsch, Chor-Herr im neuen Münster. 
Der Christophorus Berger, Vicarius im neuen Münster. 
Ein Alumnus. 

NB. Der Vogt im Brennerbacher - Hof und ein Alumnus sind 
lebendig verbrannt worden. 

Im vierundzwanzigsten Brandt sieben Personen. 
Zween Knaben im Spital. 
Ein reicher Bütner. 

Der Lorenz Stüber, Vicarius im neuen Münster. 
Der Betz, Vicarius im neuen Münster. 
Der Lorenz Roth, Vicaiüus im neuen Münster. 
Die Rossleins Martin. 

Im fiinfundzwanzigsten Brand sechs Personen. 
Der Friedrich Basser, Vicarius im Dom Stift. 
Der Stab, Vicarius zu Hach. 
Der Lambrecht, Chor -Herr im neuen Münster. * 

Des Gallus Hausen Weib. 
Ein fremder Knab. 

■ '. ^ , I 

Der David Hans, Chor- Herr im neuen Münster. 
Der Weydenbusch, ein Raths-Herr. 
Die Wirthin zum Baumgarten, 
Ein alt Weib. 

Des Valkenbergers Töchterleiu ist heimlich hingerichtet und mit der 
Laden verbrannt worden. 



V 

I 



Die Schelmerey Krämerin. 

Im sechsundzwanziffsten Brandt sieben Personen. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 341 

Des Raths-Vogt klein Söhnlein. 

Der Herr Wagner, Vicarius im Dom -Stift, ist lebendig verbrannt 
worden. 

Im siebenundzwanzigsten Brand sieben Personen. 
Ein Metzger, Kilian Hans genannt. 
Ein Hüter auf der Brücken. 
Ein fremder Knab. 
Ein fremd Weib. 

Der Harfnerin Sohn, Vicarius zu Hach. 
Der Michel Wagner, Vicarius zu Hach. 
Der Knor, Vicarius zu Hach. 

Im achtundzwanzigsten Brandt, nach Lichtmess anno 
1629 sechs Personen. 

Die Knertzin, eine Metzgerin. 
Der David Schützen Babel. 
Ein blind Mägdlein. NB. 
Der Schwartz, Chor -Herr zu Hach. 
Der Ehling, Vicarius. 

Der Bernhard Mark, Vicarius zu Dom -Stift, ist lebendig verbrannt 
worden. 

Im neunundzwanzigsten Brandt sieben Personen. 
Der Viertel Beck. 
Der Klingen Wirth. 
Der Vogt zu Mergelsheim. 
Die Beckin bei dem Ochsen -Thor. 
Die dicke Edelfrau. 

NB. Ein geistlicher Doctor, Meyer genannt, zu Hach und Ein 
Chor -Herr ist früh um 5 Uhr gerichtet und mit der Bar verbrannt 
worden. 

Ein guter vom Adel, Junker Fleischbaum genannt. 

Ein Chor -Herr zu Hach ist auch mit dem Doctor, eben um die 

Stunde heimlich gerichtet und mit der Bar verbrannt worden. 
Paulus Vaecker zum Breiten Huet. 

Seithero sind noch zwei Brändte gethan worden. 

Datum den 16. Febr. 1629. 

Bisher aber noch unterschiedliche Brände gethan worden. 



Aus diesem Verzeichniss von Unglücklichen aus den ver- 
schiedensten Schichten der Gesellschaft, sehr ungleichen Ver- 
hältnissen und Bildungsstufen diirfte es klar werden, dass alle 
nicht aus ein und demselben Motive zum Tode gebracht wor- 
den seien, ja dass bei manchen der Verurtheilten überhaupt 
gar keiner der angeführten Beweggründe seine Anwendung 



342 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

finden könne. Die in der Liste angefiihrten armen alten Frauen, 
die Fremden, wahrscheinlich heimatlosen Leute konnten we- \ 

der Habsucht noch Neid erregt haben, da bei ihnen kein Ver- l 

mögen zu confisciren, daher kein Gewinn zu hoffen war. * 

Ebenso wenig lässt sich die Hinrichtung der vielen minder- 
jährigen Kinder auf Grund der Ketzersucht oder Verfolgungs- 
wuth erklären; die Herrschsucht der Geistlichkeit, in der man 
auch die alleinige L^rsache der Hexenprocesse zu erblicken 
meinte, muss bei der Verurtheilung ihrer eigenen Glieder laut 
unserer Liste mindestens zweifelhaft erscheinen. Dagegen 
liefert unser Verzeichniss allerdings Maeder Belege dafür, Avie 
der Hexenprocess dem Neide, Hasse u. s. w. die erwünschte 
Gelegenheit bot, sich durch Denunciation Luft zu machen. 
Die im vierten Brande beigefügte Bemerkung: „von der konmit 
das ganze Unwesen her", gibt einen Fingerzeig. Die Schel- 
sucht, durch irgendeinen augenfälligen Vorzug des andern 
angeregt, entledigte sich durch Verdächtigung, und „das Göbel 
Babelin, die schönste Jungfrau in Würzburg", konnte wol 
infolge ihrer im zwanzigsten Brande angeführten beneideten Ei- 
genschaften dem Tode verfallen sein. Da alles Ungewöhnliche 
den beschränkten Gesichtskreis jener Zeit mit Mistrauen erfüllte, 
jede auffällige Erscheinung, deren Ursprung unerklärlich war, 
von infernalischen Mächten hergeleitet wurde, so konnten auch 
leibliche Gebrechen den damit Behafteten leicht in Verdacht 
bringen, und „das blind Mägdlein" mit dem NB. im achtund- 
zwanzigsten Brande mochte wol wegen des mangelnden Augen- 
lichts auch das Leben verlieren. Noch wahrscheinlicher ist 
dass der im zweiten Brande erwähnte Student, der ,,so viel 
Sprachen gekont und ein vortreflicher Musikus vocaliter und 
instrumentaliter" war, und im einundzwanzigsten Brande der 
Spitalmeister „ein sehr gelehrter Mann" ihre gerühmten Vor- 
züge mit dem Leben bezahlen mussten. Jene Zeit pflegte um 
alle über die Alltäglichkeit hervori'agenden Persönlichkeiten 
einen düstern Hexennimbus zu ziehen, eine Fertigkeit, deren 
Erlangung nicht jedermanns Sache war, genügte, um in den 
Ruf der Hexerei zu bringen. In den Hexenprocessacten fin- 
den sich daher häufig „Spielleute", wie auch im elften Brande 
unserer Liste ein Spielmann aufgeführt wird. Es scheint, dass 
auch das Fremdsein an sich schon Anstoss erregte und unheimlich 
war, daher die vielen „fremden" Männer, Weiber, Kinder in 



'■^ 



I 



5. Erklärung der Hexenpei'iode. 343 

dem Yerzeichniss der Hingerichteten. Konnte doch selbst die 
harmloseste Beschäftignng, wenn sie keine ganz gewöhnliche 
war und unheimlichen Yorstellinigen Raum gab, gefährlich 
werden. Es liegen viele Beispiele vor, soll aber ein einziges 
aus Hormayr's ,,Oesterreichischem Archiv" genügen, wonach zwei 
alte Weiber, Rosina Kotel und Estera Supal, auf dem Plinzen- 
planel bei Fulnek lebendig verbrannt wurden, „weil sie zur 
Sommerszeit viel in Felsen und Wäldern herumgewandelt und 
Kräuter gesucht". 

Wir wiederholen also, dass die bösen Leidenschaften zum 
Unterhalt und zur Verbreitung der Hexenbrände ihren grossen 
Theil beigetragen haben, aber weder in ihrer Besonderheit 
noch in ihrer Summe als einziger Factor, geschweige denn 
als Grund des Ursprungs der Hexenprocesse betrachtet wer- 
den können. Diese boten den verderblichen Neigungen nur 
die günstige Gelegenheit zum Ausbruche zu kommen. Hass 
und Neid, Herrschsucht und Habgier sind unter den Men- 
schen heute noch rege, und ihre Macht ist gross, um 
das Leben zu verbittern, die Verbreitung des Guten zu ver- 
zögerj) ; können sie aber heute eine Hexenperiode hervorbrin- 
gen? Der Hass vernichtet noch heute das Lebensglück des 
Gehassten, aber auf den Scheiterhaufen bringen kann er ihn 
nicht mehr; und die Habsucht kann durch hundertfältige 
Mittel den andern seines Vermögens berauben, aber nicht mehr 
durch einen Hexenprocess. Sind ja auch die schlimmen Lei- 
denschaften, obgleich abnorme, doch organisch bedingte Aeus- 
serungen des menschlichen Lebens, und wie dieses in und mit 
der Zeit sich entwickelt, so müssen avich jene ihre Wandlun- 
gen der Form nach mitmachen. Es ist nicht anzunehmen, 
dass je eine Periode kommen werde, avo es keinen Hass mehr 
gibt, aber die Zeit ist doch schon da, wo er nicht mehr den 
Holzstoss für den Gehassten anzi'mden kann, und dies ist 
schon als Gewinn zu betrachten. 

Ein wesentlicher specieller Factor der rapiden Ausbrei- 
tung der Hexenprocesse am Ausgange des 15. Jahrhunderts, 
auf den zuerst von Wächter aufmerksam machte, ist die 
Thatsache: dass um diese Zeit in Deutschland ein völlig 
anderes Beweissystem und processualisches Verfahren in 
Gang gebracht, und bei dem Einschreiten von Amts wegen 



: 



344 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Ilexenverfolgung. 



die Folter willki'ulich angewendet ward. ^ Von Wächter 
weist nach, dass man bei der Entscheidung im deutschen . 

Strafprocesse bis ins 15. Jahrhundert auf Zeugen und Ge- 1 

ständniss als Beweismittel ein nur sehr untergeordnetes Ge- " 

wicht zu legen pflegte, obschon der Grundsatz galt: wenn 
der Ano-eklao-te üesteht, hat er sich selbst gerichtet und 
wird verurthoilt. Man war aber weit entfernt, sein Ge- 
ständniss herbeizuführen, da der germanische Criminalprocess 
durchaus Anklageprocess war und nicht der Ankläger die 
Schuld des Angeklagten, sondern dieser seine Unschuld zu 
beweisen hatte. Dazu diente ihm der Eid, wodurch er sich 
A'on der Anklage rein schwören konnte, und die Eidhelfer, 
welche beschworen, dass sie überzeugt seien, der Angeklagte 
habe keinen Meineid geschworen. In Fällen, wo der Ankläger 
den Eidhelfern nicht traute, oder der Angeklagte die nöthige 
Zahl derselben nicht auftreiben konnte , oder wenn er selbst 
als Unfreier oder Uebelberüchtigter sich nicht losschwören 
durfte, entschied ein Gottesurtheil. Von Wächter zeigt fer- 
ner, dass der Unterschied von handfester und nicht hand- 
fester That im germanischen Recht zwar enthalten, aber 
nicht von durchgreifender Wichtigkeit gewesen, vom 12. bis 
15. Jahrhundert jedoch die Grundlage des Processes ist. 
Bei der Einleitung des Processes auf handfeste That, wenn 
der Verbrecher auf der That selbst betrofien, oder auf der 
Flucht begriffen von dem Ankläger gefangen genommen ward, 
musste dieser die Schuld des Angeklagten beweisen durch Eid 
und Helfer, die hier als Zeugen fungirten; lautete die Anklage 
auf übernächtige That, so musste der Angeklagte sich reini- 
gen. Dieses Beweissystem wurde geändert, da es der Rechts- 
einheit keine hinlängliche Gewähr leistete. In Dänemark, 
Schweden, England war schon früher an die Stelle des ger- 
manischen Beweissystems das Geschworenengericht getreten; 
in Deutschland suchten besonders die Städte bei übelberüch- 
tigten Leuten das ,,Uebersiebnen"- und die Gottesurtheile 
abzuschaffen und nach Zeugenaussagen, Geständniss und In- 



' Beiträge zur deutschen Geschichte insbesonders des deutschen Straf- 
rechts; vierte Abhandlung. 

^ Von den sechs Eiden der Helfer und dem des Anklägers, der den 
Angeklagten mit sieben Eiden übersiebnete". 



t 



5. Erklärung der Hexenperiode. 345 

dicien zu verurtheilcn. Die Städte und auch Landesherren 
erhielten vom Kaiser Privilegien, womit den Gerichten bei 
gewissen Gelegenheiten das Recht eingeräumt ward, blos nach 
ihrer Ueberzeugung, dem Resultate des ganzen mündlichen 
und öffentlichen Verfahrens, über Schuld und Uns(;huld zu 
richten. „Es bedurfte nur eines kleinen Schrittes", sagt von 
Wächter, ,,um ganz zum Richtigen und zu dem zu gelangen, 
wozu unser Jahrhundert kommen muss und wird. Allein um 
allmählich und erst durch die bittersten Erfahrungen dahin ge- 
führt zu werden, bedurfte man bei uns vier volle Jahrhun- 
derte. ^ 

Um dem neuen Verfahren, das sich auf kaiserliche Privi- 
legien stützte, auch eine principielle Grundlage zu geben, griff 
man nach dem römischen Rechte, und dem was die Geistlich- 
keit in ihren Gerichten bereits zu üben angefangen hatte, wo 
auf das Geständniss grosser Werth gelegt wurde, und die 
Folter, in Deutschland früher höchst spärlich gebraucht, war 
das Mittel, nach dem Vorgange der italienischen Praxis und 
der geistlichen Gerichte, das Geständniss herbeizuführen. Aus 
diesem Umstände, dass man erst gegen Ende des 15. Jahr- 
hunderts in Deutschland alles vom Geständniss des Ange- 
schuldigten abhängig machte, und dieses wieder nach dem 
Vorgange der geistlichen Gerichte und der italienischen Praxis 
und Doctrin durch die Folter herbeizuführen suchte, erklärt 
es sich : dass vor dieser Zeit nur wenige Verurtheilungen von 
Hexen stattfanden.^ Die Folter wurde nach und nach durch 
Landesgesetze und im 16. Jahrhundert durch die Reichsge- 
setzgebung, die peinliche Gerichtsordnung Karl's V. bestätigt. 
Das Beweisverfahren im Criminalprocesse beruhte nunmehr 
avif Zeugen und auf Geständniss des Angeschuldigten, und 
letzteres herbeizuführen diente die Folter. 

Indem der berühmte Jurist, unser Gewährsmann, das Ge- 
ständniss des Angeschuldigten als die Grundlage des neuen 
Beweissystems von den geistlichen Gerichten herleitet, von 
wo es in das strafrechtliche Verfahren herübergenommen wor- 
den, wendet sich unsere Aufmerksamkeit auf die Kirche und 



' Wächter, dritte Abhandlung, S. 75. 
^ "Wächter, vierte AbhandUmg, S. Ü8. 



346 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenvcrfolgung. 

ihre geistlichen Gerichte, und umvillkürlich drängt sich 
uns die Frage auf: warum diese wol die Entscheidung der 
Thatfrage gerade auf das eigene Geständniss gründete? 
Die christliche Moraltheologie bestimmt den Werth einer 
Handlunff nach dem freien Willen des Handelnden, nach des- 
sen Gesinnung, sie dringt daher auf Erkenntuiss dieses Wil- 
lens, verlangt dessen Aeusserung, d. h. das Geständniss, ilm 
die Zurechnungsfähigkeit des Thäters und die sittliche Schwere 
der That zu bemessen. Wir wissen, dass die mittelalterliche 
Kirche aus Geistlichen sich zusammensetzte, die als Träger und 
Bewahrer ihrer Glaubenssätze die Kirche repräsentirten. Die 
Kirche sollte auch die Lade sein, in welcher der moralische 
Inhalt des christlich religiösen Bewusstscins niedergelegt ist. 
W^o nun die Kirche das Richteramt ausiibt, kann der theolo- 
gistische Charakter nicht ausbleiben und, indem sie das mora- 
lische Moment in das juristische bei der Justiz versetzt, erklärt 
es sich, dass sie auf das eigene Geständniss des Beschuldig- 
ten den schwersten Ton legt und die Verurtheilung davon 
abhäno-iiT macht. Wir erinnern uns aber auch, dass die Kirche 
schon inmitten und auch am Ausgange des Mittelalters in 
pure Aeusserlichkeit zerfahren war, während sie doch das 
Innerste, den Glaubensinhalt der Religion, bewahren sollte; 
wir wissen, dass die ganze Busstheorie in einem Verkehren 
der Sittlichkeit in rein äusserliche Werke bestand. Der 
Widerspruch, in den die Kirche als äussere Anstalt und welt- 
liche Macht mit ihrem eigenen Wesen gerathen war, stellte 
sich auch bei der Erzielung des Geständnisses im Hexenpro- 
cessc heraus. Das Geständniss, das seinem Begriffe nach aus 
der Innerlichkeit frei entspringen, ein freiwilliges sein sollte, 
das nur als solches Werth und Bedeutung haben kann, wurde 
durch die Folter erzwungen, durch auferlegten körperlichen 
Schmerz erpresst, somit in reine Aeusserlichkeit verkehrt und 
das wesentliche Moment der Freiwilligkeit vernichtet. Dieses 
Verkehren des ursprünglichen Wesens in reine Aeusserlich- 
keit befolgt die mittelalterliche Kirche mit eiserner Consequenz 
in allem, wo sie mitspricht. Die Umwandlung des Anklage- 
processes in einen inquisitorischen mit abgefoltertem Geständ- 
niss reducirt sich schliesslich auf das kirchlich theologische 
Element, das den ganzen Zeitraum nach allen Beziehungen, 



5. Erklärung der Hexenperiode. 347 

und am Ausgange des 15. Jnhrhiniderts auch das Processver- 
fahren durchdringt und charakterisirt. 

Schon Nicolaus Eymericus, Generalinquisitor von 1356 
bis lo'Jo, der in den ersten Jahren seiner Amtsthätigkeit sein 
„Directorium Inquisitorum", die erste systematische Unter- 
weisung fiir Ketzerrichter, schrieb und Hexerei mit Ketzerei 
auf gleiche Weise behandelt wissen will, hält jedes Mittel f ur 
erlaubt, um das Geständniss zu erpressen. ^ Der „Hexenham- 
mer" gibt einen scheinbaren Rechtstitel für die Anwendung 
der Folter durch seine Definition der Hexerei als „crimen 
exceptum", als Ausnahmsverbrechen, das im Verborgenen 
schleiche, dessen Gefährlichkeit so ausserordentlich, dass die 
Pflicht, dasselbe zu verfolgen, den Richter über die Schranken 
des Gesetzes, über die gesetzlichen Formen des Processes und 
die gesetzlichen Vorschriften in Betrefl:' des Beweises hinüber- 
heben müsse. 

Wir unterlassen die Aufzählung der verschiedenen soge- 
nannten „Proben der Hexen", welche der Folter vorausgingen, 
die unglaublich grausamen, ekelhaften und schamlosen Tor- 
turen und der dabei angewandten Werkzeuge, obschon nicht 
gerade aus dem Grunde, „weil sie dem Herzen der Mensch- 
heit zur Schande gereichen "2, sondern weil die Folterkam- 
mern so oft und lebendig geschildert worden, vornehmlich 
aber, weil unsere Gesichtspunkte andershin zielen. Kurz, 
der Raum „zwischen der ersten Einkerkerung der Hexe bis 
zu ihrem letzten Athemzug" war, wie Haas richtig sagt, „ein 
unbeschreiblicher Weg voll Jammer und Elend". ^ 

Nachdem die Beschuldigte im scheusslichsten Kerker 
geschmachtet, durch Drohungen, schlechte Behandlung einge- 
schüchtert, durch Hunger, Schlaflosigkeit, Kummer und Angst 
leiblich herunter gebracht, auf die sogenannte „leichtere Tor- 
tur" gespannt worden, sagte sie gewöhnlich alles aus, was ihr 
während der Folter in den Mund gelegt wurde, um ihren Lei- 
den ein Ende zu machen. Ein solches Geständniss ward im 
gerichtlichen Protokoll ohne Erwähnung der „leichtern Tor- 
tur" als „freiwilliges Geständniss" oder ,, Bekennen in 



1 Part. II. qu. 42, 43. 
■' Haas, S. 12. 
' Ibid., S. 13. 



348 Dritter Alischnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Güte" verzeichnet. Was es daher mit den in den Acten der 
Hexenprocesse so häufig erwähnten „freiwilligen Geständ- 
nissen" für ein Bewandtniss hat, müsste aus diesen wenigen 
Zügen schon einleuchten, ist aber von Graeff, Soldan, Wäch- 
ter, Bischof u. a. noch ausführlicher klar gemacht wor- 
den. Die Furcht vor der angedrohten oder wiederholten 
Folter, das ostentative Vorweisen und Herrichten des Folter- 
apparats, die Zudringlichkeit der Inquisitoren, Henker und 
ihrer Gehülfen, falsche Versprechungen, alle möglichen Sug- 
gestivmittel, die der „Hexenhammer" bei der Gelegenheit an- 
empfiehlt, mochten wol zu einem sogenannten Geständniss 
bewegen. Aehnlich verhält es sich mit der grossen Ueber- 
einstimmung der Geständnisse, worauf die altern Juristen, 
namentlich Carpzov ^ ein so grosses Gewicht legten. Wächter 
hat gezeigt, dass diese Uebereinstimmung nicht das Geringste 
für die Realität des Gegenstandes beweisen könne. „Was 
sollten die armen Personen aussagen, um sich von den Qualen 
der Folter zu befreien, wenn als einziges Rettungsmittel ihnen 
nur das Geständniss übrigblieb, dass sie Hexen seien, und 
sie nun um die nähern Umstände befragt wurden? Sie muss- 
ten eben gestehen und gestanden, was man in jenen Zeiten 
gewöhnlich von den Hexen erzählte, was die Kirche dem 
Volke genugsam als Warnung vorhielt, und was noch in einer 
Reihe populärer Traktätchen über das Getriebe der Hexen 
und über die Geschichte und Bekenntnisse hingerichteter 
Hexen unter das Volk gebracht wurde. So erklärt sich voll- 
kommen die Uebereinstimmung ihrer Erzählungen im ganzen, 
wie die Verschiedenheit derselben in Eiuzelnheiten. Aber 
auch in vielen Besonderheiten konnten sie leicht übereinstim- 
men, selbst in der so gefährhchen, in den Hexenprocessen so 
häufig vorkommenden Angabe der Personen, die bei Hexen- 
versammlungen gewesen sein sollten. Hatten sie die Hexerei 
eingestanden, so verlangte man natürlich von ihnen auch zu 
wissen, mit wem sie auf den Hexentänzen gewesen seien. Die 
liäutige Angabe, dass sie die Anwesenden nicht gekannt hät- 
ten, oder die Nennung bereits Verstorbener oder Hingerich- 
teter genügte natürlich nicht, man folterte, bis sie Lebende 
nannten, und hier nannten sie meist eben solche, die, wozu 



' Qu. XLIX, no. 67 sq. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 349 

man in jenen Zeiten so gar leicht kommen konnte, im Ge- 
rüche der Hexerei standen oder von denen sie wussten, dass 
sie bereits in Untersuchung oder von andern genannt seien, 
und so erklärt sich ein Zusammentreffen der Aussagen ver- 
schiedener Angeschuldigten leicht ; und nannten sie auch eine 
Reihe von Personen auf geradewol, so konnte leicht eine solche 
Person unter denen sein, die auch eine andere Gefolterte auf 
geradewol genannt hatte. ^ Was dann durch solche natürliche 
Verhältnisse nicht vermittelt wurde, ergänzten Suggestionen 
aller Art, des Gefangenwärters, des Beichtvaters, des Richters".^ 

Die Wirksamkeit der Folter bezeugt Spee als Augen- 
zeuge, wenn er ausruft: „Behandelt die Kirchenobern, behan- 
delt Richter, behandelt mich ebenso, wie jene Unglücklichen, 
werft uns auf dieselben Foltern, und ihr werdet uns alle als 
Zauberer erfinden." Oder: „Wehe der Armen, welche einmal 
ihren Fuss in die Folterkammer gesetzt hat! Sie wird ihn 
nicht wieder herausziehen, als bis sie alles nur Denkbare ge- 
standen hat. Häufig dachte ich bei mir: dass wir alle nicht 
auch Zauberer sind, sei die Ursache allein die, dass die Folter 
nicht auch an uns kam, und sehr wahr ist, was neulich der 
Inquisitor eines grossen Fürsten von sich zu prahlen wagte, 
dass, wenn unter seine Hände und Torturen selbst der Papst 
fallen würde, ganz gewiss auch er endlich sich als Zauberer 
bekennen würde. Das Gleiche würde Binsfeld thun, das 
Gleiche ich, das Gleiche alle andern, vielleicht wenige über- 
starke Naturen ausgenommen".^ Bestätigungen hierzu gebeu 
die vom Gr. Lamberg und andern aus Urkunden bezeugten 
Aussagen vieler wegen Hexerei Hingerichteten, die dem Herrn 
Pfarrer ihre Unschuld gebeichtet hatten, aber mit der Bitte, 
ja keine Anzeige davon zu machen, damit sie nicht neuerdings 
gefoltert würden, da sie lieber sterben, als diese Qualen noch 
einmal leiden wollten. 

Die Folter war also das sicherste Mittel, ein Geständniss 
der Hexerei zu erzielen, auf dieses stützte sich aber das ganze 
Processverfahren, das als vorzüglicher Factor der Verbreitung 
der Hexenprocesse zu betrachten ist, und zwar durch die Be- 



1 Vgl. auch Spee, Dub. XLIX. 

^ Excurs zur vierten Abhandlung, S. 325 fg. 

^ Caut crim. Dub. XL. XL VIII. 



350 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

handlung der Hexerei als „crimen exceptum", durch die In- 
dicien, unter denen von Wächter als das gefährlichste und 
wichtigste die „nominatio socii" heraushebt', wodurch es er- 
klärlich wird, wie aus Einem Hexenprocesse Hunderte von 
Hexenprocessen entstehen mussten. Dieser ganze Hexenpro- 
cessapparat mit allem, was daran vmd darum hängt, ist mit 
dem „Hexenhammer" den Inquisitoren in die Hand gegeben, und 
diesen wird durch die Bulle Innocenz' VIH. aufgegeben, „die 
heisse Sehnsucht, wie es die Sorge unseres höchsten Hirten- 
amtes erfordert" zu erfüllen, „dass der katholische Glaube 
vornehmlich zu unsern Zeiten allenthalben vermehrt und blühen 
möge, und alle ketzerische Bosheit von den Grenzen der 
Gläubigen weit hinweg getrieben werde". Der religiöse Eifer, 



durch Vertilgung der Plexen ein frommes Werk zu thun, die 
der SufFraganbischof Binsfeld ein Privilegium der Freunde 
Gottes nennt, wobei er den Beweis dahin führt: dass Gott 
das strenge Verfahren in den Hexenprocessen billige, weil er 
nicht zugeben würde, dass Unschuldige mit Schuldigen zu 
Grunde gehen 2; der zur Herrschaft erhobene Glaube, durch 
Ausrottung der Hexen die ewige Seligkeit erlangen zu können ; 
diese und ähnliche Sätze hatte auch „ der Hexenhammer " als 
Wahrheit gepredigt. Wir dürfen also in Summa sagen: die Bulle 
und der „Hexenhammer" waren die vornemlich wirksamsten 
speciellen Hebel, die Verbreitung der Hexenprocesse zu einer so 
erschreckenden Höhe zu bringen. Dabeibleibt Schindler^s Bemer- 
kung richtig : Innocenz und Sprenger sind Erzeugnisse ihrer Zeit 
und die unglücklichen Persönlichkeiten, die ihr den Ausdruck 
gegeben haben ^, und der Hexenprocess ist nichts Gemachtes, 
nichts Erfundenes, sondern aus der Anschauung der Zeit her- 
vorgegangen*, und dieser gehört auch das besondere Mittel, ihn 
zu fördern und zu verbreiten, nämlich die Bulle mit dem „Hexen- 
hammer". Es scheint aber, dass Schwager sowol als Hauber 
von Schindler unrichtig verstanden wurden, als wollten sie 
den Ursprung der Hexenprocesse auf die Bulle zurückleiten, 



> Vierte Abtheilung, S. 103. 

"^ Tractat. de confessionibus maleficorum et sagarum. Commentar. in 
Lit, C, Lex V, qu. I. 
3 S. 307. 
* S. 308. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 351 

da ersterer ausdrücklich sagt: „dass Inuocenz den Hexenpro- 
cess zuerst eingeführt habe, kann man freilich nicht behaup- 
ten, denn die Waldenserey ist älter als seine Bulle, und man 
findet schon vor deren Entstehung hin und wieder Plackereyen 
dieser Art"'. Aehnlich äussert sich auch Hauber. ^ Wo 
die Hexerei als Ausnahmsverbrechen hingestellt, der Process 
auf blosse Denunciation, oder auf lediges Gerücht hin einge- 
leitet, das zur Verurtheilung nöthige Geständniss durch die 
Folter abgepresst wird — alles nach Angabe des Hexenham- 
mers, — da mussten die Hexenprocesse wol in Schwung kommen 
und allen schlimmen Leidenschaften die willkommene Hand- 
habe bieten, ihre Opfer zu fassen und zu fällen. Selbstver- 
ständlich wucherte die Angeberei, die Spee besonders hervor- 
hebt, deren sich manche auch beflissen, um selbst dem Verdachte 
der Hexerei zu entgehen, was auch häufig gelungen sein mag, 
dagegen aber Beispiele vorkommen, wo Yerurtheilte nicht 
nur den Angeber, sondern selbst den Kichter der Mitschuld 
ziehen und in den Process hineinzogen. Spee kannte mehrere 
durch Verfolgungseifer ausgezeichnete Richter, die selbst der 
Hexerei überführt, eingeäschert wurden 3; es ist aber üeber- 
treibung, aus solchen Fällen die spätere Abnahme der Hexen- 
processe erklären zu wollen, wie man gethan hat. Die 
Behauptung von Görres"*, das Ueberhandnehmen der Hexen- 
processe in protestantischen Ländern habe in ihrer Saeculari- 
sirung ihren Grund, wird durch die constatirte Thatsache 
vernichtet, dass die Hexenbrände gerade in den Bisthümern 
am häufigsten loderten, wie aus der früher gegebenen Ueber- 
sicht hervorgeht. 

Dass sowohl in Ländern, wo die Hexenprocesse von Laien 
geführt wurden, als auch in Ländern, wo der Protestantismus 
Eingang gefunden, Brände stattfanden, erklärt sich einfach 
daraus, dass der Glaube an das Hexenwesen überall herrschte, 
und die Hexerei überall nach der Schablone des Hexenham- 
mers behandelt wurde. Luther und Melanchthon sind in Bezug 
auf Teufel und Hexenglauben Söhne ihrer Zeit und die Re- 



^ Versuch einer Geschichte der Hexenprocesse von Schwager, I, 39. 
^ Biblioth. mag., S. 69 fg. 
3 Caut. crim., Dub. XI, 4. 
* Christi. Myst., IV, 2, S. 587. 



352 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

formation wirkte der Hexenvcrfolgung nicht unmittelbar ent- 
gegen. In katliolisclien Ländern wurden die Anhänger der 
Reformation der Hexerei verdächtigt und deshalb verfolgt, in 
protestantischen Ländern blieb man mit den Hexenbränden 
nicht zurück, und der Bürgermeister Pheringer von Nördlingcn 
konnte sich die Aufgabe stellen: „die Unholden mit Stumpf 
und Stiel auszurotten". Von dem leipziger Juristen Benedikt 
Carpzov, welcher seiner Zeit eine juristische Autorität war, ist 
bekannt, dass er mehr als hundert Hexen zum Scheiterhaufen 
verurtheilte. Weitere Beweise von Hexenprocessen in pro- 
testantischen Ländern boten uns die von Schweden, Eng- 
land und Schottland. Wenn das Hexenwesen und dessen 
Verfolgung von den hochgehenden Wogen der Reformation 
einige Zeit hindurch in den Hintergrund gespült wurde, so 
liegt der Grund vornehmlich in der Ausserordentlichkeit der 
Ereignisse in Kirche und Staat, wodurch die Gemüther ganz 
laid gar angezogen und von jener Richtung abgewendet 
waren. 

Alle bisher angeführten Momente zur Erklärung der 
reissenden Ueberhandnahme des Glaubens an Hexerei und 
der Hexenprocesse scheinen noch immer nicht genügend, und 
ist daher noch eins anzuführen. 

Obschon es ausser Zweifel ist, dass nicht nur viele Un- 
glückliche, die zum Scheiterhaufen verdammt wurden, sicli 
klar bewusst waren, weder mit dem Teufel Umgang gepflogen 
noch am Hexensabbat theilgenommen zu haben, überhaupt 
von aller Hexerei, deren sie beschuldigt worden, rein zu sein; 
dass ferner manche der Inquisiten sowol als der Liquisitoren 
an das ganze Hexenwesen gar nicht ernstlich geglaubt haben 
mögen, wofür sie nach dem „Hexenhammer" der Strafe der 
Ketzerei verfallen wären, wenn sie es gestanden hätten; so 
lässt sich doch mit völliger Sicherheit behaupten: dass die 
bei weitem überwiegende Menge von der Wirklichkeit 
der Hexerei innigst iiberzeugt war. Selbst die Männer, 
welche gegen die Unmenschlichkeit der Hexenverfolgungen 
kämpfend auftraten, von dem protestantischen Arzte Weier 
angefaiigen, die Jesuiten Tanner und Spee miteingerech- 
net, waren meistens selbst im Hexenglauben befangen, und 
diejenigen unter ihnen, welche den ganzen Hexenapparat 
für eine Täuschung erklärten, leiteten diese doch vom Teufel 



5. Erklärung der Hexenperiode. 353 

ab, von dem sie zum Verderben der Menschheit und Schaden 
der Kirche ausgehe. Denn bei nahezu allen Bekäuipfern der 
Hexenverfolgung war das lebendige Gefühl der Menschlichkeit 
grösser als der Kreis der Anschauung ihrer Zeit, in dein 
sie eingeengt standen. Der Hexenglaube übte nicht nur eine 
Herrschaft aus, gleich der von Vorstellungen überhaupt, w^elche 
bei dem grössten Theile der Menschen die Stelle von leiten- 
den Grundsätzen vertreten; der nähern Betrachtung der He- 
xenperiode wird auch nicht entgehen , dass diese Erscheinung 
im Verlaufe der Zeit das Symptom der Krankheit annahm. 
Der Hexenglaube und die Hexenverfolguno; wurde zur 
krankhaften Sucht, und trat in der Form einer psychi- 
schen Epidemie auf, von der ein grosser Theil der Zeit- 
genossen, vornehmlich jiingere Leute und Kinder, ergriffen 
wurden. Die ungesunden, zur höchsten Spannung gereizten 
Zustände, welche die unterste Grundlage der Hexenperiode 
bilden, waren ganz danach, eine Menge von Menschen einer 
Psychopathie verfallen zu lassen. Das Auftreten epidemischer 
Psychopathien, die auch „imitatorische Epidemien" genannt 
werden, wobei der Nachahmungstrieb gleichsam das miasma- 
tische Vehikel bildet i, ist längst erwiesen und durch geschicht- 
liche Belege bestätigt. Unter den ältesten Beispielen psychi- 
scher Epidemien ist das von Herodot^ erzählte bekannt, wo 
die Krankheit unter den Argiverinnen von Prötos' Töchtei-n 
ausging. Einen andern Fall erwähnt Plutarch ^, wo die mile- 
sischen Mädchen von der Monomanie sich zu erhängen er- 
griffen wurden. Als eine der merkwürdigsten psychischen 
Epidemien ist die um das Jahr 1212 zuerst erscheinende, von 
Hecker in seiner Monographie vortrefflich geschilderte Tanz- 
wuth. Tausende junger Leute, meist in den Pubertätsjahren, 
rotteten sich zu den sogenannten „Kindfahrten" zusammen, 
zogen fort, z. B. 1237, bis sie erschöpft zu Boden fielen, wo- 
bei viele starben und die meisten bis zum Tode mit Zittern 
behaftet blieben. Diese Krankheit „kam die Knaben und 
Mädchen plötzlich an" und war nebst andern Erscheinungen 
mit krankhafter Antipathie gegen die rothe Farbe, gegen 



' Feuchtersleben, Lehrbucli der ärztliclion Seelonlicilknndp, S. 271. 

2 IX, 33. 

^ De virtut. mulier. 

Koskoff, Geschichte des Teufels. II. 90 



o54 dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexciiverfolgung. 

weinende Personen und in ausgebildeten Fällen mit Auftreibung 
des Unterleibs verbunden. Heulen, Schreien, Springen, über- 
mässiger Hang zum Tanzen stellte sich paroxysmenweise ein. 
Als im Jahre 1374 die Apostelkirche zu Lüttich eingeweiht 
wurde, kamen ganze Scharen aus Oberdeutschland, vom Rheine 
und von der Maas nach Aachen, dann nach Utrecht und end- 
lich nach Lüttich herangezogen, Männer, Frauen, halbnackt. 
Kränze auf den Häuptern, sich an den Händen fassend, Tänze 
aufführend, wobei sie hoch aufsprangen, in ihren Liedern Na- 
men von Dämonen nannten, darauf gewöhnlich in Krämpfe 
verfielen. Diese Haufen schwollen vom September bis October 
zu Tausenden an, denn es kamen aus Deutschland immer mehr 
Tänzer herbei. Da sie für von Dämonen Besessene galten, 
wurden sie mit Exorcismus behandelt, zum Theil durch die 
Stola geheilt, wie der Berichterstatter bemerkt. Webster ^ 
erwähnt einer epidemischen Tollheit, die um das Jahr 10.54 
herrschte. Feuchtersieben führt die Kriebelkrankheit an, die 
sich als Manie äusserte, auch epidemisch auftrat und mit Blöd- 
sinn endete. Benekc^ berichtet von Erscheinungen bei den 
Methodisten, die von einer methodistischen Kapelle der Stadt 
Redruth in Cornwallis ausgegangen waren. Während des 
Gottesdienstes rief ein Mann mit lauter Stimme aus: „Was 
soll ich thun, um selig zu werden!" wobei er zugleich die 
orösste Unruhe und Beängstigung über den Zustand seiner 
Seele in heftigen Geberden ausdrückte, wie sie bei den Me- 
thodisten als Zeichen innerer Zerknirschung damals gewöhn- 
lich waren, ja gewisscrmasscn einen regelmässigen Bestandtheil 
ihres Gottesdienstes ausmachten. Sogleich wiederholten meh- 
rere diesen Ausruf und diese Geberden, und ebenso erging es 
vielen Hunderten, welche herbeikamen, um diese Zufälle mit 
anzusehen; mehrere bliel)en zwei bis drei Tage und Nächte ohne 
etwas zu geniessen und ohne auszuruhen in der Kapelle zu- 
sammen, unter steten Zuckungen. Dieselben Qualen verbrei- 
teten sich auch auf die benachbarten Städte Cambone, Heston, 
Tonro, Penvyn und Falmouth und deren umliegende Dörfer, 
jedoch nur auf die Methodisten, und vor allem auf solche, 
deren Verstandesbildung der niedersten Klasse angehörte. 



Untersuchungen der Hexereien (aus dem Englischen). 
Archiv für die pragmatische Psychologie, ITI. Bd., 185:1. 



5. Erklärung der Hexenperiode. 355 

Die Zahl der davon Ergriffenen schlägt der Berichterstatter 
auf nicht weniger als 4000 an, die Dauer 70 — 80 Stunden bei 
manchen; kein Alter, kein Geschlecht blieb daA'on verschont, 
nur dass vorziiglich Frauen und junge Mädchen davon er- 
griffen wurden. Die Geistlichen machten die davon Besesse- 
neu, statt sie zu beruhigen, noch beängstigter durch die 
dringendsten Ermahnungen, ihre Slindenerkenntuiss zu ver- 
stärken: sie seien von Natur Christi Feinde, und wenn der 
Tod sie in ihren Siinden überrasche, werde die nie erlöschende 
Qual der Höllenflammen ihr Antheil sein, — wodurch die 
Zuckungen gesteigert wurden. 

Ein Vortrag von Herrn. Reimer über Geistesepidemien 
macht auf Beispiele aus neuer und neuester Zeit aufmerksam, 
als: auf die Geistesepidemien in der Provinz Smäland in 
Schweden in den Jahren 1842 und 1843, von der hauptsächlich 
junge Mädchen ergriffen wurden, die über Schmerzen im Kopfe 
und in der Brust klagten und dann von krankhaften heftigen 
Bewegungen in den Armen ergriffen wurden, denen ein Schwall 
von Worten folgte, die vornehmlich Ermahnungen zur Busse 
enthielten. Bedeutenderes Aufsehen machte die sogenannte 
„Predigtkrankheit", die 18,50—52 in den Lappenmarken verbrei- 
tet war, wo g-anze Gemeinden und Landstriche von Erweckten 
wimmelten, die unermüdlich mit lauter Stimme Predigten vor- 
lasen, abwechselnd in Ohnmächten und Zuckiuigen verfielen, 
aus denen sie nach drei bis vier Stunden erwachten um allerhand 
Visionen zu beschreiben. Ln Januar 1862 wurden die Kinder 
des Elberfelder "Waisenhauses durch eine Anrede in einen 
Zustand tiefer Zerknirschung, zugleich aber in eine krankhafte 
Erschütterung des Nervensj'stems versetzt. Die Folge zeigte 
sich zunächst an einem Mädchen, das sich abzusondern anfing 
und über Seelenangst und Sündennoth klagte. Es weinte, 
stöhnte, wälzte sich auf dem Boden ; ihm folgte bald ein zwei- 
tes Kind, deren Empfindungen der Angst unter frommen An- 
rufungen, häufig angeführten Bibelsprüchen, schliesslich in die 
heftigsten Convulsionen, ja in Starrkrampf übergingen. An- 
fangs lagen 20, in der folgenden Woche 33 Kinder danieder, 
und zwar unter so heftigen Convulsionen, dass die Kranken 
kein Wort mehr sprechen konnten. ' 



' Gartenlaube 1863, Nr. 22. 

2.3* 



3ÖG Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenvcrfolgung. 

Wer bei epidemischen Erscheinungen nur das Leibliche 
im Auge haben wollte und innerhalb des Bereiches des Seelen- 
lebens, in welches der Hexenglaube mit seinen Vorstellungen 
fällt, eine Ansteckung und Fortpflanzung zweifelhaft fände, 
der erinnere sich an die Ansteckung der Vergnügungssucht, 
des Zorns u. a. ni. Eine wesentliche Bedingung zur epidemi- 
schen Fortpflanzung gewisser Vorstellungen und Empfindungen 
ist allerdings die Empfänglichkeit des Gemiiths. Die Erfah- 
rung lehrt, dass Personen, die unter gleichen Einfliissen, in 
denselben Verhältnissen luid miteinander in naher Berührung 
leben, besonders weiblichen Geschlechts und jugendlichen Al- 
ters, wegen ihres reizempfänglichen Nervensystems, psychi- 
schen Epidemien am meisten ausgesetzt sind. Darum waren 
Nonnenklöster seit jeher der Schauplatz krankhafter Erschei- 
nungen dieser Art, die von ihrer Zeit für Besessenheit und 
dergleichen gehalten, und das Uebel gewöhnlich als von einer 
auf die andere übergehend geschildert wird. ^ GÖrres^ hebt 
unter mehrern J^ällen aus weiblichen Klöstern besonders einen 
hervor, der von 4 Bischöfen und 4 Doctoren der Sorbonne 
genau beobachtet und worüber sie Bericht abgestattet, 
nachdem von dem Bischof von Besan^on 14 Tage hindurch 
der Exorcismus geleitet und Morel, städtischer Arzt von Cha- 
lons, sein Urtheil beigegeben, und das Resultat vom Bischof 
unter folgende Gesichtspunkte gestellt wurde: „1) Dass alle 
jene Jungfrauen, 18 an der Zahl, ihm die Gabe der Sprache 
zu haben geschienen; 2) beinahe alle gezeigt, wie sie ein 
Wissen um das Innere und das Geheimniss der Gedanken 
besassen ; 3) bei verschiedenen Gelegenheiten Künftiges vorher- 
gesagt; 4) alle eine grosse Abneigung gegen alle heiligen 
Dinge gehabt; 5) alle gedrungen wurden, durch iibernatürliche 
Zeichen die Anwesenheit des Dämons zu beweisen; 6) auf 
Geheiss des Exorcisten bisweilen eine wunderbare Unempfind- 
lichkeit bewiesen; 7) nach mehrern Stunden Exorcismus und 
Beschwörungen aus dem Grunde ihres Magens fremde Kör- 
per, die sie Maleficien und Zaubermittel zu nennen pflegten, 
Stücke Wachs, Knochen, Haare, herauszuwürgen geschienen". 



• Vgl. noch andere Beispiele bei Ideler, Versuch einer Theorie des 
religiösen Wahnsinns; Carus, Ueber Geislesepidemien, u. a. 
2 Christliche Mystik, IV, 2, S, 334. 



5. ErkUlruug der Hexeuperiode. 357 

Wenn wir auch nicht leugnen, duss unserm Urtheile manche 
Einzelheit anders erschiene, so halten wir doch die That- 
sache der psychischen Epidemie fest. Görres fuhrt auch 
den Fall aus dem Kloster Werte in der Grafschaft Hörn 
an, wo eine Anzahl Nonnen in eigenthiimlicher Weise ge- 
plagt wurde. „Wollte etwa eine von ihnen in das Nachtge- 
schirr ihr Wasser lassen, dann wurde es ihr mit Gewalt ent- 
rissen und das Bett mit dem Gelassenen besudelt. Bisweilen 
wurden sie aus dem Bette auf einige Schritte herausgezogen, 
und unter den Fusssohlen also gekitzelt, dass sie vor Lachen 
sterben zu miissen fürchteten. Mchrern wurden Stücke Fleisch 
ausgerissen, die Beine, Gesicht rückwärts gedreht" u. s. w. * 
Bekannt ist der vom Holländer Hoofit erzählte Vorgang im 
Jahre 15CG in dem Waisenhause von Amsterdam, wo sich in 
den Kindern ein unwiderstehlicher Hang äusserte, wie Katzen 
herumzuklettern. Oder die Erscheinung in dem Waisenhause 
von Hörn im Jahre 1670, wo die Zöglinge mit den Füssen 
strampelten und oft plötzlich zu Boden fielen. Aus dem 
Baskenlande wird der Fall erzählt, dass bei 2000 Kinder 
aussagten, auf dem Hexensabbat gewesen zu sein. Ein ähn- 
licher Fall ist von Ryssel bekannt u. dgl. m. bei Horst, 
Weier, Becker u. a. Die Psychiatrie spricht von Pöschelianis- 
mus als Epidemie, die ihren Namen von einem gewissen 
Pöschel erhielt, von dem der religiöse Fixwahn ausgegangen 
war. 

Im Mittelalter und auch noch in späterer Zeit, wo derlei 
Erscheinungen auf den Teufel und seine Verbiindeten zurück- 
geleitet wurden, suchte man solche Zufälle durch Exorcismus 
zu heilen, und es liegt gar nicht ausser der Möglichkeit, dass 
die Cur bisweilen gelungen sein mag, in welchem Falle wir 
eine Heilung durch ein psychisches Mittel, nämlich durch die 
Vorstellung, erkennen würden. Auch die von Plutarch er- 
wähnte Monomanie der milesischen Mädchen soll auf psychi- 
schem Wege gehoben worden sein, nämlich durch die gesetz- 
liche Bestimmung: dass die Erhenkten ganz nackt hinaus ge- 
tragen werden sollten. Das psychische Mittel war hier also 
das Schamgefühl. Durch die Phantasie werden Empfindungen 
und Vorstellungen der Menschen miteinander vermittelt, eben 



Christliche Mystik, IV, 2, S. 372. 



358 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

SO auch die Antipathie und Sympathie, das Sich-Abstossen 
und Anziehen der Individualitäten. Wie das Nervensystem 
bei Sinnes Wahrnehmungen von aussen nach innen angeregt 
wird, so kann bei somatischen Zuständen eine Erregung der 
Phantasie, also eine Erregung von innen nach aussen statt- 
finden. Es wird ein Reiz erweckt, und ein bestimmter Zustand, 
der die Phantasie eben g-anz eingenommen hat, wird im strcn- 
gen Sinne eingebildet. Die Wirkung des erhöhten Einbildens 
auf das Leibliche äussert sich nicht nur in Zügen, Blicken, 
der Färbung, Haltung, sondern auch in stofflichen Absonde- 
rungen, z. B. in Thränen, Speichel und andern Ausscheidun- 
gen. Darum kann die Phantasie nicht nur psychologisch und 
pathologisch, sondern auch therapeutisch wirken. Eine solche 
Heilwirkung diuxh Einbildung ist die von Plutarch angeführte, 
und eben darauf gründet sich auch die Möglichkeit der Hei- 
lung durch den mittelalterlichen Exorcismus. Durch Sympa- 
thie, die freilich eine psychisch vorbereitete Empfänglichkeit 
voraussetzt, können sich auch religiöse Vorstellungen fort- 
[)flanzen, die von einem ausgehen können und von vielen fort- 
gepflanzt werden. Denn das religiöse Bewusstsein und dessen 
Anschauungen und Vorstelluno;en steht mit der ganzen Gei- 
stes- und Gemüthsverfassung; in dem innigsten wechselwirkeii- 
den Zusammenhans. Dass der Seelenzustand und dieGemüths- 
Verfassung der Menschen in der zweiten Hälfte des Mittelalters, 
und namentlich während der Hexenperiode, fiir erwähnte psy- 
chopathischc Erscheinungen präparirt und völlig geeignet war, 
ist in der skizzirten Schilderung der damaligen Zustände an- 
gedeutet. Kriege, Zerrissenheit im Innern, Seuchen und an- 
dere Calamitäten mussten wol eine allgemeine dumpfe Auf- 
geregtheit des Gemüths- und Phantasielebens zur Folge haben, 
welche durch manche Ereignisse, die im Verlaufe der Zeit 
allerdings zur Herstellung des Gleichgewichts, zur Förderung 
und Klärung des menschlichen Bildungsprocesses vom grössten 
Einfluss waren, als: die Entdeckung eines neuen Welttheils, 
die Erfindung der Buchdruckerkunst u. a. m., zuallernäclist 
aber noch mehr gesteigert werden musste. Auf solchem Boden 
und mittels erwähnter und vielleicht mancher nicht erwähnter 
Factoren konnte wol der Glaube an das Hexenwesen und die 
Sucht, es zu verfolgen die Form einer psychischen Epidemie 



5. Erklärung der Hexenperiode. 359 

erhalten, und als solche namentlich das weibliche Geschlecht, 
jiingere Leute und Kinder ergreifen. 

Fassen wir das Ergobniss der bisherigen Betrachtung in 
Kürze zusammen, so liegt der allgemeine Erklärungsgrund für 
die martervolle Sturm - und Drangperiode des Hexenwesens 
und dessen gerichtlicher Verfolgung in der Weltlage der da- 
maligen Zeit und der eigenthiimlichen Richtung des Zeitbe- 
wusstseins. Letztere machte sich als kirchlich-theologistische gel- 
tend in der Auffassung der Natur und aller Verhältnisse über- 
haupt, es drückte der llcchtspflege ihr Gepräge auf, gab dem 
Strafjsrocesse eine ihm adäquate Richtung und die Folter als 
Mittel an die Hand. An den Teufelsglauben, der alle Gemü- 
ther unter despotischer Vergewaltigung hielt, in dem das Zeit- 
alter seinen Ausdruck fand , knüpfte sich die Vorstellung von 
einem Bündniss mit dem Satan, worauf sowol Ketzerei als 
Hexerei zurückgeführt, daher mit gleichem Fanatismus ver- 
folgt und mit gleichen Strafen belegt wurden. Die unter 
Menschen gewöhnlichen Übeln Leidenschaften nutzten den 
Glauben an Hexerei und deren Verfolgungswuth in ihrem Sinne 
aus. Durch diese Factoren gefördert und gesteigert, gedieh 
das Hexenwesen und dessen Verfolgung zur f»sychischen Epi- 
demie, welcher empfängliche Gemüther verfielen, um wieder 
andere anzustecken. Die wohlo^emeinten Mittel von kirchlichen 
und landesfürstlichen Behörden, zeitweise dagegen angewandt, 
konnten die Fieberhitze dieser Periode nicht dämpfen , weil 
sie, selbst ungesund, die kranke Zeit nicht zu heilen ver- 
mochten. 



6. Allmäliliclie Abnalime der Hexenprocesse. 

Jede geschichtliche Erscheinung, sofern sie nur in der Zeit- 
1 ichkeit wurzelt, wird von der fortschreitenden Zeit zertreten und 
muss verkümmern. Kronos verzehrt seine eigenen Kinder. So 
erging es denHexenprocessen. „WasKeppler, Galilei, Gassendi, 
Guericke, Huygens u. a. geleistet hatten, ist nicht blos den 
mathematischen luid physikalischen Wissenschaften, es ist auch 
der Philosophie und Humanität zugute gekommen. Die 
grossen Geister des Jahrhunderts, Bacon, Descartes, Spinoza, 



360 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Leibniz und Newton, lioben die ganze alte Methode der Wis- 
senschaft aus den Angeln und zündeten ein Licht an, das 
freilich die blöden Augen gar mancher Zeitgenossen schmerzte, 
aber der dankbaren Nachkommenschaft desto wohlthätiiier 
vorgeleuchtet hat." ^ Mit dem Cartesischen „Cogito ergo sum" 
hatte die Philosophie ihre l)isherige Dienstbarkeit der kirch- 
lichen Theologie aufgekündigt und zugleich die Erklärung 
abgegeben, dass die Gewissheit des denkenden Subjects auf 
keiner andern Autorität, als der des selbsteigenen Denkens 
fussen soll. Die Naturwissenschaft trat durch Experiment 
und Beobachtung an die materielle Erscheinung selbst heran, 
forschte nach den Gesetzen, wodurch jene bedingt ist, und 
löste die magischen Nebel des Wunder- und Zauberwesens. 
Da aber der Fortsclu'itt in der Geschichte der Menschheit 
stets unter Kämpfen geschieht, da nicht nur die äussere Exi- 
stenz durch Arbeit errungen, sondern auch die Wahrheit ero- 
bert werden muss, so ging auch die Abnahme der Ilexenpro- 
cesse unter Kämpfen vor sich. Die Bestrebungen eines Weier, 
Tanner, Spee gegen die Hexenverfolgung wurden im 17. Jahr- 
hundert fortgesetzt von dem Franzosen Gabriel Naude, der 
mit seinem Werke ^ die Unschuld der Männer, die als Zaube- 
rer verschrien worden, zu retten suchte, wobei er die Grund- 
lage des Hexenglaubens kritisch untersuchte und untergrub. 
In England suchte die Schrift des Arztes Webster ^ gegen 
GlanviFs Vertheidigung des Hexenprocesses die ganze Lehre 
vom Hexenwesen als Albernheit darzustellen. Der reformirte 
Prediger zu Amsterdam, Balthasar Bekker, überbot die zeitge- 
nössischen Bestrebuntjen ":e£i;en das Hexenwesen durch Gründ- 
lichkeit und Ausführlichkeit der Behandlung des Gegenstandes 
in seinem Werke: ,,Die bezauberte Welt", das holländisch 
geschrieben 1691 — 93 erschien, in dem er das Hexenwesen 
selbst angrift' und als nichtig hinstellte. Bekker erkannte ganz 
richtig dessen Princip in dem Glaubenssatze vom Teufel , be- 
diente sich aber eines unzulänglichen Mittels, der ledigen Exe- 



1 Soldan, S. 429. 

- Apologie pour tous Ics grands honinics qui ont ete accuses do 
magie (Paris 1669). 

•* Display of supposed witchcral't, 167.'^ (aus dem Englischen übersetzt, 
mit einer Vorrede von Thouiasius, 1719). 



6. Allmähliche Abnahme der Hexenprocesse. 361 

gese, womit er auch nicht die Existenz des Teufels, sondern 
nur dessen Einfluss auf den Menschen bekämpfte. Sein Be- 
streben, das Auftreten Satans in der Bibel, der gegeniiber 
seine unbegrenzte Ehrfurcht alle Kritik ausschloss, möglichst 
zu beschränken, trieb ihn häutig zu einer gezwungenen, daher 
imrichtigcn Interpretation, indem er oft seine Anschauung in 
die betrefienden Bibelstellen hineinlegte, nicht aber die des 
biblischen Schriftstellers auslegte. Obschon wir heutigentags 
die exegetische Waffe überhaupt gegenüber dem Teufels- und 
Hexenglauben fiir unzureichend erklären müssen, kann uns 
dies nicht hindern, den streng sittlichen Ernst Bekker's auch 
heute noch anzuerkennen, und das grosse Aufsehen, das sein 
Werk zu seiner Zeit machte, gerechtfertigt zu finden. Pierre 
Bayle leitet zwar die Besessenheit auf Krankheit oder Betrug 
zuriick, seine Zuerkennung der Todesstrafe auf wirkliche Zau- 
berei, die er iibrigens nur bedingungsweise annimmt, wider- 
spricht aber seiner sonst gehegten Toleranz, obschon er die 
obrigkeitliche Verfolgung beschränkt wissen will. ^ Christian 
Thomasius wird mit Kecht ein entscheidender Streiter in 
dieser Richtung genannt. Nachdem er 1694 bei Gelegenheit 
eines Hexenprocesses, wo er nach eigenem Geständniss auf 
Grund Carpzovii Praxis criminalis, des „Hexenhammers" Torre- 
blanca's, Bodin's, Delrio's und anderer Hexenverfolger auf Fol- 
terung der Beschuldigten angetragen, mit seinem Antrage im 
Facidtätscollegium in der Minorität geblieben war, dachte er 
nicht nur dem Gegenstande reiflicher nach, sondern suchte 
auch die Vorkämpfer Weier, Spee, van Dale und Bekker 
näher kennen zu lernen. Im Jahre 1701 trat er schon als ihr 
Bundesgenosse auf durch seine Schrift: „De crimine magiae". 
Er glaubte zwar an den Teufel als unsichtbares Wesen, das 
niemals einen Leib angenommen, schränkte aber dessen Wirk- 
samkeit ein und erklärte das angebliche Bündniss mit dem- 
selben für eine Fabel. Da Thomasius die Griinde, die von 
Juristen und Theolofren für die Wirklichkeit des Hexenwesens 
aufgestellt worden, zum Absurden zu führen suchte, wurde 
er auch von beiden Seiten angegrifien. Thomasius selbst er- 
widerte zwar gelegentlich, besonders thätig waren aber seine 
Anhänger, namentlich lieiche und andere, und durch Ueber- 



' Reponse aux qucstions d'un proviucial, chap. 35, 39. 



362 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

Setzungen der Schriften Webster's, Hutchinson's, Beaumont's, 
Prätorius', Wagstaffs, die er leitete und mit Vorreden versah, 
wurde die Bahn fi'ir seine Ansichten immer freier. Seine 
früher erwähnte Abhandhing kam auch ausführhch bearbeitet 
heraus unter dem Titel: „Thomasii kurze Lehrsätze von dem 
Laster der Zauberei mit beigefügten Actis magicis von Joh. 
Reichen" (ITOo). Thomasius schrieb ferner: „De origine et 
progressu proccssus inquisitorum contra sagas" (1712), und 
berührt den Gegenstand auch in „Juristische Händel".^ Tho- 
masius wird im Vergleicli mit Bekker ein gewandterer Käm- 
pfer genannt und kann ihm dieser Vorzug auch nicht abge- 
sprochen werden; aber beim Hinblick auf seinen günstigen 
Erfolg ist nicht zu vergessen, dass Bekker dem ersten Anprall 
ausgesetzt war, dem er seinerzeit zwar unterliegen musste, 
dass aber im Feldzuge um Recht und Wahrheit die Niederlatjc 
der Vorkämpfer stets eine Stafiel bildet, über die der Nach- 
folger zum Siege gelangt. 

Diese Bestrebungen wurden von ihrer Zeit unterstützt 
und getragen, und so konnten ihnen entsprechende Wirkungen 
nicht ausbleiben. Sie zeigten sich zuerst im preussischen 
Staate, w^o Friedrich I. im Jahre 1701 einen Cxerichtsherrn 
aus der Mark wegen einer Hinrichtung zur Verantwortung 
zog und 170(") die Hexenprocesse in Pommern beschränkte. 
Sein Nachfolger Friedrich Wilhelm befahl im Jahre 1714 
alle auf Tortur oder auf Tod lautenden Urtheile ihm zur 
Bestätigung vorzulegen und verbot im Jahre 1721 die Hexen- 
processe überhaupt. Der Grundsatz Fi-iedrich's des Grossen 
ist bekannt: in seinem Staate sollten die alten Frauen ruhisf 
sterben können. In England und Schottland wurde das Sta- 
tut Jakob's 1. durch eine Parlamentsacte im Jahre 1736 auf- 
gehoben. Schweden, das die Verfolgung der Hexerei zunächst 
beschränkt hatte, cassirte die daraufgesetzte Todesstrafe 1771». 
Dem Beispiele Preussens folgte das übrige Deutschland bälder 
oder später. In der peinlichen Gerichtsordnung eloseph's I. 
für Böhmen, Mähren und Schlesien vom Jahre 1707 lauten 
die auf Hexenwesen bezüglichen Paragraphen noch ganz im 
Sinne des „ Hexenhammers ".'^ In der Landesordnung Maria 



1 Th. I, l'J7, II, .*50U, 111, 221 u. a. 

= Art. XIII, §. 4 und 21», Art. XIX, §. 3. 



6. Allmähliche Abnahme der Hexenprocesse. 363 

Theresia^s heisst es aber: „dass solche vorkommende Processe 
vor Kundmachung eines Urtheils zu Unserer höchsten Einsicht 
und Entschliessuno- eiuo-eschicket werden sollen; welch Unsere 
höchste Verordnung die heilsame Wirkung hervorgebracht, dass 
derlei Inquisitionen mit sorgfältiger Behutsamkeit abgeführt 
und in Unserer Regierung bisher kein wahrer Zauberer, Hexen- 
meister oder Hexe entdeckt worden, sondern derley Processe 
allemal durch einen boshaften Betrüger oder eine Dummheit 
und Wahnwitzigkeit des Inquisiten, oder auf ein anderes 
Laster hinausgeloffen seyen," * Nach §. 4 dieser Landesord- 
nung wird aber doch zu untersuchen eingeschärft, „ob eine 
Gottes und ihres Seelenheils vergessene Person solcher Sachen, 
die auf ein Biuidniss mit dem Teufel abzielen, sich ihres Ortes 
ernsthaft, jedoch ohne Erfolg unterzogen habe, oder ob 
untrügliche Kennzeichen eines wahren zauberischen, von teuf- 
lischer Zuthuung herkommen sollenden Unwesens vorhanden 
zu seyn erachtet werden." Für den ersten Fall verfügt das 
Gesetz nach Umständen die schärfste Leibesstrafe, oder wenn 
bürgerliche Verbrechen oder Blasphemie concurriren, ge- 
schärfte Todesstrafe bis zum Scheiterhaufen. Im letztern Falle 
sagt das Gesetz: „Wenn — aus einigen unbegreiflichen über- 
natürlichen L^niständen und Begegnissen ein wahrhaft teufli- 
sches Zauber- und Hexen wesen gcmuthmasset werden müsste, 
so wollen Wir in einem ausserordentlichen Ereignisse Uns 
selbst den Entschluss über die Strafiirt eines dergleichen 
Uebelthäters ausdrücklich vorbehalten haben; zu welchem 
Ende obgeordnetermassen der ganze Process an Uns zu über- 
reichen ist." Die Verordninig verbietet alle Hexenproben und 
beschränkt die Anwendung der Tortur durch gewisse Mass- 
regeln. — Im Strafgesetzbuche Kaiser Joseph's II. vom 
Jahre 1787 hat der Hexenprocess gar keinen Raum mehr. In 
Kurbaiern wurde zwar durch eine Rede, die der Theatiner 
Ferdinand Sterzinger 1766 an der Akademie der Wissen- 
schaften gehalten, und worin er zu beweisen suchte, ,,dass die 
Hexerei ein ebenso nichts wirkendes als nichtsthätiges Ding 
sey" noch viel Staub aufgewirbelt; indess war den Ilexen- 
richtern doch der Faden allmählich ausgegangen, und die ge- 



^ Semer k. k. apostol. Maj. allergn. Landesordniuig wie es mit dem 
Hexenprocesse zu halten sej' (17G6). 



364 Dritter Abschnitt: Periode der gerichtlichen Hexenverfolgung. 

richtlichc Procedur gegen das Hexenwesen hatte ihr Ende er- 
reicht. Aber auch der Ghiube im Volke an Hexen? Silber- 
schlag ^ behauptet: „In Deutschland und überhaupt in Europa 
können wir gegenwärtig auf den Hexenglauben und den Hexen- 
process als auf eine vollständig überwundene Barbarei zurück- 
blicken." Dieser sanguinischen Behauptung v^on dem völlig 
überwundenen Hexenglauben im Volke widersprechen That- 
sachen, die Adolf Wuttke aus der Gegenwart herausge- 
griffen hat.^ Nach einer Mittheilung der „Unterhaltungen 
am häuslichen Herd",^ wurde vor einigen zwanzig Jah- 
ren"* bei Danzig ein altes Weib, im Verdachte stehend, 
Wetter gemacht und die Milch der Kühe versetzt zu haben, 
mittelalterlich „getauft", wobei es um's Leben kam. RiehP 
sagt: „Die Pfälzer sagen freilich, die französische Revolution 
habe allen Aberglauben aus dem Lande gespült, es ist aber 
doch vor wenigen Jahren in einer sehr aufgeklärten Gegend 
der Pfalz eine alte Frau schwer mishandelt worden, weil sie 
für eine Hexe galt." Nach der Aeusserung eines Geistlichen 
glaubt der tiroler Bauer, dass man jetzt darum keine Hexen 
mehr sehe: „weil nun allerorten auf Wiesen und Scheide- 
wegen Feldkreuze errichtet sind, an denen sich der Spuk nicht 
vorüber wagt."'' Die allgemeine Kirchenzeitung ^ schreibt: 
„Aus dem Banate wird das Unglaubliche gemeldet, dass in 
dem Dorfe Starikör bei Neusatz ein Mädchen, das in Irrsinn 
verfallen war und infolge dessen die Sprache verloren hatte, 
vom Volke als Hexe verbrannt worden sei." — 



• Ueber Ilexenverfolgung und Ilexenprocess ira „Deutschen Museum" 
von Prutz, 18(33, Nr. 21), 30. 

- Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart, l^GO, '6. HO fg. 
•' Neue Folge, 1856, I, 653. 

* Also jetzt 30 Jahren. 

ä „Die Pfälzer", ein rheinisches Volksl)ild, 1857, S. 16[). 
^ Pichler, Aus den tirulcr Bergen, S. 70. 
' Nr. 32, Jahrgang 1863, Aprilheft. 



Vierter Abschnitt. 

Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 
Abnahme des Glaubens an den Teufel. 



1. Luther's Grlaiil}e an den Teufel. 

Das IG. Jahrhundert hatte, wie wir bemerkten, den 
Hexenglanben nicht gebrochen, weil das Zeitalter der Refor- 
mation den Teufelsglauben mit dem Mittelalter theilte und 
die Vorstellungen von der Macht des Teufels Protestanten 
und Katholiken gemeinsam waren. Nach der herrschenden 
Anschauung der Zeit blieb die Welt in zwei Lager geschieden, 
in das Gottes und das des Teufels, und wie alles Gute im 
Physischen und Moralischen von jenem ausgehend gedacht 
ward, so wurde jegliches Uebel und alles Böse von diesem 
hergeleitet. 

Luther, der, aus deutschem Bauernblut stammend, die 
Derbheit und Zähigkeit seines Geschlechts mit der Tiefe und 
dem Ernste seines Stammes in sich vereinigte, wurde Mönch 
und vorzugsweise Theo log. Es kennzeichnet die neue Aera, 
dass sie von theologischer Hand eröfinet worden, denn die 
neue Periode der Weltgeschichte theilt in ihrem Anfange die 
theologische Färbung mit dem Mittelalter, nur dass sie eine 
protestantisch -theologische ist. Luther war von der huma- 
nistischen Bewegung, die ihm zur Seite getreten, ohne jedoch 
dessen religiöse Begeisterung zu theilen, nicht in seiner Tiefe 
ergriffen worden imd konnte darum später mit ihr brechen, 
obschon das humanistische Studium seinen geistigen Blick 



366 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

geklärt und crfrisclit hatte. Ihm war der Staat der Idee nach 
als Verwirklichung einer sittlichen Macht, als Gebiet sittlicher 
Aufgaben nicht zum vollen Bewusstsein gedrungen, darum 
blieb er der politischen Regung fern und trat dem wilden 
Sturme entgegen, der sein begonnenes "Werk zu vernichten 
drohte. Luther beschränkte sich, Theolog zu sein. Die Angst 
des Todes, der an ihn herangetreten w^ar, die Sorge um sein 
Seelenheil hatten ihn aus der sündhaften Zerfahrenheit um 
ihn her in das Kloster getrieben, er wurde Mönch, um in 
krampfhafter Anstrengung durch klösterliche Ascetik und 
Busse den Zorn des Ilinnnels zu si'dnien und den Frieden 
mit Gott zu erringen. Im Gefühle, ein Kind des Zornes und 
der Yerdamnniiss zu sein, trat er in einen Stand, „der die 
zehn Gebote weit überträfe", um sich zu üben in „viel mehr 
und bessern Werken, denn im Evangelio geboten werden", 
um seine Schuld zu tilgen und die Gnade zu verdienen. Mit 
dem ganzen Ernste seiner energischen Natur unternahm er 
alle üebungen, wodurch er die Sünde zu tödten, die Heilig- 
keit zu erlangen und die Gnade Gottes zu erkämpfen hoffte. 
Es ist durch Zeitgenossen beglaubigt, was er später selbst 
schildert, wie er gewacht, gebetet, gefastet, gefroren, sich zer- 
kasteit und zermartert, wie er gehorsamt habe, sodass er be- 
haupten konnte: „Wahr ist's, ein frommer Mönch bin ich ge- 
west und habe so strenge meinen Orden gehalten, dass ich 
sagen darf: ist je ein Mönch gen Himmel kommen durch 
Möncherei, so wollt ich auch hineingekommen sein; dass wer- 
den mir zeugen alle meine Klostergesellen; denn ich hätte 
mich, wo es länger gewährt hätte, zu Tod gemartert mit 
W^achen, Beten, Lesen und anderer Arbeit." ^ Die von der 
Kirche angegebenen Gnadcmnittel, die hergebrachten Formeln 
der Beichte, die äusserlichen guten Werke Hessen jedoch 
seine ringende Seele den Ruhepunkt der Gewissheit nicht 
finden. Der Zuspruch eines einfachen alten Klosterbruders, 
der ihn auf den Artikel von der Sündenvergebung verwies 
imd vom Glauben mit ihm redete, die tröstliche Belehrung 
seines geistlichen Rathgebers: dass die wahre Busse mit der 
Liebe zu Gott ihren Anfang nehmen und den Gnadenmitteln 



Kleine Antwort auf Herzog Georg's nähestes Bucli. 



1. Liither's Glaube an den Teufel. 367 

der Kirche voraiTSgehen müsse, wurden von dem jungen 
Mönche gierig aufgenommen. Er fühlte sich nach der unter- 
sten Tiefe seines Gemüths getrieben und fand im inbrünstigen 
Gebete den Hort des festen Glaubens an den Gott der Liebe, 
der in uns wirkt, und dass zu diesem jedes in Reue zer- 
knirschte Herz sich erheben könne. Im Gebete, in der eigenen 
Erhebuno; zu Gott o-ewann der Mönch den Frieden mit sei- 
nem Gott. 

Die wahlvcrwandte, in sich ringende Natur seines Ordens- 
heiligen Augustinus hatte ihn unter den alten Kirchenlehrern 
am meisten angezogen, obschon Luther nicht wie jener „in 
die Netze offenen, simdhaften, fleischlichen Lebens verstrickt 
war, vielmehr mit aller eigenen sittlichen Kraft gegen das- 
selbe angekämpft hatte" \ daher er mit Recht später sagen 
konnte: „Ich bin fünfzehn Jahre ein Mönch gewesen, ohne 
was ich zuvor gelebt habe." Tauler und die „deutsche Theo- 
logie" gewannen durch die Innigkeit ihrer Mystik bleibenden 
Einfluss auf das volle Geniüth des Theologen Luther; das 
unablässige Studium der Bibel Hess ihn in der Heiligen Schrift 
die einzige theologische Erkenntnissquelle finden, und er ward 
zum biblischen Theologen. Augustinus und die mittelalter- 
lichen Mystiker begegnen sich in dem Gefühle der moralischen 
Nichtio-keit des Menschen, und dies wurde die unterste Grund- 
läge der theologischen Anschauung Luther"s. Gott ist ihm 
alles, der Mensch oder die Creatur ist nichts. Er überbrückt 
aber diese Kluft mit der „Gnade Gottes", die den Glauben 
bewirkt. An sich vermag der Mensch nichts, aber im Glau- 
ben vermag der Mensch alles. „Gott thut den Willen des 
Gläubigen." Dieser Glaube hat die Menschwerdung, das 
Leiden, die Auferstehung Christi nicht als ledige Thatsacho 
an sich zum Inhalt; dieser Glaube ist vielmehr die eigenste, 
innigste Ueberzeugung, dass sie um der Menschen willen voll- 
zogen worden ist. „Darum so ist's nicht genug, dass einer 
glaubt, es sei Gott, Christus habe gelitten u. dgl. ; sondern er 
muss festiglich glauben, dass Gott ihm zur Seligkeit ein Gott 
sei, dass Christus für ihn gehtten habe u. s. w. — Christus 
ist Gott und Mensch und ist also Gott und Mensch, dass er 



' Köstlin, Luiher's Theologie, I, 53. 



368 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

nicht ihm selbst Cliristus ist, sondern uns. — Alles, was wir 
im Glauben erzählen ist fi'ir uns geschehen und kommet uns 
heim. — Wenn Gott allein im Plimmel sässe wie ein Klotz, 
so wäre er nicht Gott." * Der Mensch ist einerseits in un- 
bedingter Abhängigkeit von der göttlichen Gnade, andererseits 
muss aber alles durch die eigene Selbstthätigkeit des Men- 
schen vermittelt werden. „Des Glaubens Materia ist unser 
Wille. Die Forma ist, dass man das Wort Christi ergreift, 
von Gott einffeseben. Die endliche Ursache aber und Frucht 
ist, dass er das Herz reinigt, machet uns zu Gottes Kindern 
und bringt mit sich Verj^ebuno; der Si'mden." - Hiermit wird 
der Mensch durch das protestantische Princip zum Bewusst- 
sein eines sittlichen Subjects erhoben. Die Reformation pro- 
testirte daher ihrer urspriinglichen Tendenz nach gegen die 
übermenschliche Heiligkeit der Priester und der Kirche und 
wollte die Heilswahrheit in lebendige, wirkliche Sittlichkeit 
umsetzen; sie protestirte gegen die Autorität der hergebrachten 
Tradition und wollte die Berechtigung der persönlichen Ueber- 
zeugung zur Geltung bringen ; sie protestirte gegen die mittel- 
alterliche Ascetik und wollte der natürlichen Individualität zu 
ihrem Rechte verhelfen ; sie protestirte gegen äusserliche Werk- 
heiliofkeit und wollte das sittliche Leben im Geist und im 
Herzen aufgefasst wissen. Wie weit sich das Reformations- 
werk vollzogen oder nicht vollzogen hat, ist bekannt; dass es 
nicht schon im 16. Jahrhundert in voller Breite durchgeschla- 
gen den Reformatoren allein auf Rechnung zu schreiben, ist 
Mano-el an historischem Blicke. 

Als echtes Kind aus dem Volke stand Luther in Be- 
ziehung auf den Teufel im allgemeinen Volksglauben, und als 
biblischer Theolog sah sich der Reformator mit der Schrift, 
der einzigen Erkenntnissquelle, in keinem Widerspruche. Es 
kann daher nicht befremden, wenn seine Schriften den Teufel 
sehr häufig erwähnen. ^ Seine Vorstellung vom Teufel hängt 
mit seiner dogmatischen Anschauung, namentlich seiner Er- 



' Vgl. Feuerbach, Säramtl. Werke, I, 273. 

2 Walch, Tischreden, XXII, 743. 

3 Vgl. Auslegung von 1 Mos. G, 1 ; Ausführliche P>klärung der 
Fpistol an die Galater; Kürzere Erklärung derselben Epistel; Tisch- 
reden, u. a. m. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 369 

lösungslehre , enge zusammen, er stellt den Tod Christi gern 
unter dem Bilde eines Kampfes dar mit Gesetz, Tod und 
Teufel, und erinnert in dieser Beziehung an Gregor von Nyssa, 
nach welchem bei dem Kampfe eine Ueberlistung stattfindet, 
wodurch jene satanischen Mächte, die sich an Christo ver- 
griflen haben, zu Schanden werden. ^ Entsprechend den zwei 
Seiten, die in Luther's Bewusstsein von Gott neben- und 
gegeneinander stehen, die der göttlichen Macht und Erhaben- 
heit und die der Liebe inid Gnade, unterscheidet er zwei 
Gebiete, das des Zorns und das der Seligkeit. Die Ursache 
des Zorns Gottes ist die von Adam überkommene und fort- 
gepflanzte Sünde und Schuld des ganzen Geschlechts. Der 
Zorn Gottes reicht so weit als seine Gerechtigkeit, der ge- 
rechte Gott ist dem Sünder gegenüber der zornige Gott. '•^ 
Die Gerechtigkeit Gottes ist der Zorn Gottes ^; jene fordert, 
dass Gott im Zorne strafe. * Das Hauptwerkzeug des gött- 
lichen Zorns, wodurch sich die Strafgerechtigkeit Gottes an 
den sündigen Menschen vollzieht, ist der Teufel. Diesen 
braucht Gott als „seinen Henker, durch welchen er seine 
Strafe und Zorn ausrichtet." ^ ])ie Gewalt des Teufels er- 
streckt sich nicht weiter als das Zorngebiet Gottes^, jener hat 
sie nur „wo Gott ihm verhängt und Raum lasset". ' Der 
Zorn Gottes verleiht zwar dem Teufel das Recht, seine ver- 
derbliche Wirksamkeit zu entfalten, sie findet Raum innerhalb 
des Gebietes der Sünde; aber die Liebe Gottes, als die Macht, 
welche alle Creatui- erhalten will, setzt der Macht des Teufels 
die Schranke, „die unermessliche Güte und Barmherzigkeit 
Gottes übertrifl't weit die Bosheit des Teufels und erhält alle 
Dinge auf Erden wunderbarlicherweise wider allen grimmi - 
gen Zorn, Wüthen und Anfall desselben". * Die Liebe be- 
schränkt die Gewalt des Teufels und die göttliche Weisheit 



' Vgl. Luther's Kirchenpostille. 

2 Walch 14, 461. 

3 2, 468. 

* 6, 1920. 

5 5, 839. 1109; 8, 1234; 10, 1257; 12, 481. 2043. 

« 18, 2471. 

7 5, 1779. 1162; 22, 183. 

« 2, 1071. 

RoBkoff, Geschichte des Teufels. II. 94 



370 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

verwendet sie selbst zu ihren Zwecken, denen der Teufel 
wider Willen dienen muss „zu ihrer Ehre und unserm Heil".^ 
„Gott braucht auch derer Teufel und bösen Engel. Die woll- 
ten wol alles gern verderben, aber Gott lässt es nicht zu, es 
sei denn eine Kuthe vorhanden, die wir wol verdienet haben. 
Er lässt kommen Pestilenz, Krieg oder sonst eine Plage, dass 
wir uns vor ihm demi'ithigen und fiu'chten, uns zu ihm halten 
und ihn anrufen. Also muss der Teufel uns eben mit dem 
dienen, damit er gedenket Schaden zu thun. Denn Gott ist 
ein solcher Meister, welcher des Teufels Bosheit also kann 
brauchen, dass er Gutes daraus mache." ^ Die Gerechtigkeit 
Gottes verlangt, dass die Sünde bestraft werde, ihm ist aber 
volles Recht geschehen durch den Tod Christi, der die Siinden 
der Menschen auf sich genommen und dafür den Tod erlitten 
hat. Für alle Menschen ist der Sohn Gottes gestorben, alle 
sollen glauben und alle Glaubenden nicht verloren werden. 
Nachdem der Gerechtigkeit Gottes genug geschehen, hat die 
Barmherzigkeit und Gnade Raum. Denn ,,Gott selbst ist die 
Liebe und sein Wesen ist lauter Liebe". Christus hätte uns 
die Liebe nicht erzeigen können, wenn es Gott nicht in ewi- 
ger Liebe hätte haben wollen; deragemäss sollen wir jetzt 
durch Christum in Gottes Herz steigen. In dieser Liebe 
schüttet Gott alles Gute aus, gibt uns Leib und Leben und 
seine Gnade und alle Giiter, sein eigen Herz und seinen 
eigenen Sohn. Zum Ziirnen, Richten, Verdammen wird Gott 
„genöthigt" durch unsern eigenen Stolz, durch Demüthigung 
und Busse will er uns zu sich führen, denn er ist ,,ein Gott 
des Lebens und kann durch sich selbst anderes nichts denn 
Gutes thun". Nicht Gott wandle sich, sondern unser Ge- 
wissen, er bleibt immer gütig, während in unserm Gewissen 
nicht anders ist, denn dass er zornig sei; „also ist er den 
Verdammten nichts denn eitel Zorn, straft sie nur mit ihrem 
eigenen Gewissen". 

„Luther's Auffassung von Gott als der reinen Liebe scheint 
mitunter sogar zu führen bis zu einem Dualismus zwischen 
Gott, aus den» alles Gute und lauter Gutes fi'ir unser inneres 
und äusseres Leben fliosse, und zwischen dem Teufel, von 



' 18, 2297. 
■' 10, 1259. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 371 

welchem alle äussern und innern Lebensliemmvingen ausgehen. 
Indem er sagt, Gott die Liebe brenne voll alles Guten, sagt 
er vom Teufel, dieser treibe das eitle Widerspiel der Liebe 
und richte alh^ Plao-o in der Welt an. So stellt er dann auch 
das die Siuide richtende und verfluchende Gesetz, welches 
Christus zu tragen und zu iiberwinden hatte, mit dem Teufel 
zusammen, der auf diesen eindrang und von ihm iiberwunden 
wurde. Allein eben Gott selbst ist es doch, nach Luther, 
der den Teufel gemäss dessen Willen und Wesen solches 
wirken lässt. Eben auch den Teufel gebraucht Gott — als 
Stachel. « Der Teufel thut's und Gott verhängt's , denn wir 
würden sonst gar zu bös»; er verhängt's, indem er, soweit 
als es seinen eigenen Zwecken entspricht, dem Teufel das, 
was dieser von sich aus in reinem Hass und bösem Willen 
thut, zu thun gestattet; so redet Luther hierbei von einem 
K Verhängen» und auch wieder von einem blossen «permittere». 
Und eben darum nun, damit wir nicht nach Art der Mani- 
chäer uns einbilden, es gebe zwei Götter oder aliud princi- 
pium bonorum et malorum, nennt Gott, wie Luther einmal 
äussert, auch jenes fremde Werk, welches nicht das ihm 
eigenthümliche ist, dennoch sein Werk." ^ 

Obschon nun Luther die Vorstellung vom Teufel und 
seiner Macht, die ihm die Kirchenlehrc i\bcrmittelt, nicht auf- 
gegeben hat, so ist doch eine wesentliche Wandlung in 
dessen Anschauung nicht zu verkennen. Wenn Soldan sagt: 
„Luther hat keinen neuen Teufel erfunden, sein Teufel ist 
ganz der altkatholische, scholastische"^, so trifft er nur zum 
Theil das Wahre, denn das Verhalten des Menschen im 
Kampfe mit dem Teufel ist hierbei unberiicksichtigt geblieben, 
und dies ist von Bedeutung im lutherischen Teufelsglauben. 
Freytag hat Luther's Anschauung vom Teufel tiefer erfasst 
und das Specifische richtig erkannt. ,, Luther hatte nicht um- 
sonst die Kirchenlehre vergeistigt, durch ihn war der Kampf 
des Menschen um das ewige Heil in das Gemüth des einzel- 
nen verlegt; vom Glauben an Gott und von dem eigenen Ge- 
wissen hing das Schicksal des Menschen ab. Auch der Streit 



' Köstlin, Luther's Theologie, II, 313 fg. Uel)Pr den Umfang der 
Wirksamkeit des Teufels, vgl. ebendaselbst S. 351 fg. 
•' S. 300. 

24* 



372 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

des Menschen mit dem Bösen wurde J€tzt vorzugsweise ein 
innerlicher. Nicht die Erscheinung des Teufels und sein 
Rasseln waren besonders fürchterlich, sondern seine Ein- 
fli'isterungen in die Seele des Menschen. Eine beständige 
innere Busse war nöthig gegen die Gefahr, häufiges Gebet, 
ein immerwährendes, liebevolles Denken an Gott." ^ Denn 
die Vorstellung Luther's vom Teufel steht mit seiner Lehre 
von der Sündhaftigkeit der menschlichen Natur im engsten 
Zusammenhange und er erblickte in der Herrschaft des Teu- 
fels über das Innere des Sünders ihren höchsten Gipfelpunkt. 
— Wir werden hierbei unwillkürlich an den parsischen Ke- 
formator Zarathustra erinnert, welcher den Kampf zwischen 
Ahriman und Ormuzd um den Menschen auch in diesen 
verlegt. Zu Psalm 6, 2. 3 sagt Luther: „Gottes Zorn und 
Grimm ist, dass das Gewissen fühlet, dass es von Gott, vom 
Wort, vom Glauben verlassen ist; und wirket solches im 
Herzen der Satan, der den Tod, die Sünde und das (böse) 
Gewissen anrichtet, und auf Unglauben, Verzweiflung und 
Gotteslästerung dringet und treibet, mit seinen feurigen Pfei- 
len 2, welche, wie Hiob ^ sagt, den Geist aussaufen. Dass 
aber dieses nicht zugerichtet werde vom Satan, sondern dass 
vielmehr Gott allein darauf dringet, fühlet und glaubet das 
Herz. Denn der Satan verkleidet sich in die Gestalt der 
Majestät. Dieses ist die allergrösste Anfechtung. — Die be- 
trübte oder erschrockene Seele ist das Verzagen am Leben 
und Fühlen des Todes in dem, das Gott zürnet. Und konmit 
aber solch Schrecken alles her vom Satan, wenn der Mensch 
vom Wort, Geist und Gnade gelassen wird, und er da allein 
im Kampf und Noth wider den Teufel stehen muss." * — Der 
tief- sittliche Ernst Luther's schlägt auch in seiner An- 
schauung vom Teufel durch. Da das Wesen seines reforma- 
torischen Strebens nach Verinnerlichung gerichtet war gegen- 
über der veräusserlichten Kirche als Heilsanstalt, konnte er 
das Mittel zur Seligkeit nur in der innigsten Busse er- 
kennen. „Das heisst eine rechte Busse, da das Herz anders 



' Bilder aus der deutschen Vergangenheit, S. 338 (3. Aufl.). 

■' Ephes. 0, 16. 

' ß, 14. 

* Walch, 4, 1901. 19(»4 u. a. m. 



1. Luther's Glaube au den Teufel. 373 

wird und ein Misfallen folget gegen die Sünde und dem Un- 
recht, da man vor Gefallen an hat gehabt.^ . . . Denn das 
heisst die Sünde erkennen, Reue und Leid darob tragen und 
erschrecken von Herzen vor Gottes Zorn und Gericht.'^ . . . 
Durch Ablassbriefe vertrauen selig zu werden, ist nichtig und 
erlogen Ding, obgleich der Ablassvogt, ja der Papst selbst 
seine Seele dafür zum Pfände wollte setzen." ^ — Demgemäss 
musste auch die Waffe gegen den Teufel eine andere werden. 
Zwar hatten schon die alten Kirchenlehrer das Gebet als 
Schutzwehr gegen den Angriff des Satans empfohlen; allein 
bei der radicalen Veräusserlichung des ganzen religiösen In- 
halts der Kirche des Mittelalters war auch dieses Mittel zur 
äusserlichen fixen Formel geworden, und handelte sich dabei 
nur um die Worte, die blosse Nennung des Namens Jesu, 
um äussere Zeichen. Das Gebet, das Luther meint und 
empfiehlt, soll die Erhebung des ganzen innerlichen Menschen 
sein. „Seine Seele erheben, das ist der rechte Ernst des 
Gebetes, welches nicht ist ein unnützes Gespräch, noch von 
vielen Worten. . . . Die Seele aber ist das Verlangen und 
Seufzen des Herzens, so da Angst und Schmerzen fühlet vor 
grossem Verlangen. •* . . . Durch das Gebet wird auch ver- 
standen nicht allein das mündliche Gebet, sondern alles , was 
die Seele schaffet, in Gottes Wort zu hören, zu reden, zu 
dichten, zu betrachten u. s. w." ^ Der Teufel sollte also nicht 
mehr wie ehedem mittels eines durch die Kirche verliehenen 
Apparats, als: Gebetformeln, Stola, Weihwasser u. dgl., be- 
kämpft werden, sondern durch die persönliche That des Men- 
schen selbst. Da die Kirche, wie sie in der Wirklichkeit 
bestand, von dem Reformator nicht als die wahre anerkannt 
ward und das Wesen der Kirche iiberhaupt nicht in ihrem 
Aeussern gesucht werden sollte, so lehnt Luther auch in Be- 
ziehung auf den Kampf mit dem Teufel die Vermittelung der 
Kirche ab und verlangt unmittelbares Eintreten in den Streit. 
Es entspricht dies dem Schlagworte des Reformators: „Der 



1 13, 2531. 

2 10, 1941. 

3 18, 254. 
' 4, 2134. 

■' 11, 377 u. a. in. 



374 Vierter Abaehuitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

Glaube rechtfertigt", cl. h. dein eigenes Sein ist es, wo du 
deinen Gott und den Frieden mit ihm suchen musst und 
finden kannst, und niemand kann ihn für dich, du selbst 
musst ihn erringen. Daher legt der Reformator den Ilaupt- 
ton auf das Gewissen, die eigene üeberzeugung als ent- 
scheidende Instanz. „Des Menschen Gewissen gilt so viel als 
tausend Zeugen, ja unser Gewissen ist entweder unsere Ehre 
oder Schande. Auch werden wir in Gottes Gericht nach 
keinem andern Zeugniss, als nach dem Zeugniss unseres Ge- 
wissens gerichtet werden. Das wird mehr sein als aller Welt 
Zeugen. ^ . . . In Sachen des Gewissens sind alle menschlichen 
Gesetze zu verdammen und ist nichts tüchtig denn das Ge- 
setz und das Wort Gottes. Und darinnen soll der Wille 
Gottes genugsam sein, der es also setzet, wiewol es auch 
Vernunft und Nothdurft erfordert. ^ . . . Das Gewissen ist 
ein viel grösser Ding denn Ilinniiel und Erde, welches durch 
die Sünde o;etödtet und durch das Wort Christi wiederum 
lebendig gemacht wird. ^ . . . Das böse Gewissen zündet das 
höllische Feuer an und erwecket im Herzen drinnen die er- 
schreckliche Pein und höllischen Teufelein, die Erynnias (wie 
sie die Poeten genennet haben). ^ . . . Die Christum recht 
verstehen, die wird keine Menschensatzung gefangen neh- 
men können. Sie sind frei, nicht nach dem Fleisch, son- 
dern nach dem Gewissen. ^ . . . Der Leib wird allen 
Lasten unterworfen, das Gewissen aber soll niemandem luiter- 
worfen sein, weil es durch das Evangelium Freiheit hat, dass 
es frei von der Sünde, vom Tode, vom Gesetze, von der Hölle 
und von allen menschlichen Satzungen. •' . . . Die Gewissen 
können nicht gebunden werden denn allein durch Gottes Wort.^ 
. . . Der Seelen soll luid kann niemand gebieten, er wisse 
denn ihr den Weg zu weisen gen Himmel. Das kann aber 
kein Mensch thim, sondern Gott allein. Darinue, in der 
Sachen, die der Seelen Seligkeit betreflen, soll nichts denn 



• 12, 1430. 
■' 3, 2078. 

3 2, 2343. 

* 2, 2559. 
» 6, 6B9. 

« 6, 940. 

' 18, 2098. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 375 

Gottes Wort gelehret und angenommen werden. . . . Auch 
so liegt einem jeglichen seine eigene Gefahr dran wie er 
glaubt und muss für sich selbst sehn, wie er recht glaube. 
Denn so wenig ein anderer für mich in die Hölle oder Him- 
mel fahren kann, so wenig kann er auch für mich glauben 
oder nicht glauben; und so wenig er mir kann Himmel oder 
Hölle auf- oder zuschliesseu, so wenig kann er mich zum 
Glauben oder Unglauben treiben. Weil es deiui einem jeg- 
lichen auf seinem Gewissen liegt, wie er glaubt oder nicht 
glaubt. ^ . . . Hüte dich und lasse ja kein Ding so gross sein 
auf Erden, ob es auch Engel vom Himmel wären, als dich 
wider dein Gewissen treibe von der Lehre, die du göttlich 
erkennst und achtest." — Die Theologie Luther's ist trefiend 
als „Theologie der Gewissheit und des Gewissens" bezeichnet 
worden. ^ 

Frey tag macht die richtige Bemerkung, es sei in der 
alten Kirche dem Gläubigen verhältnissmässig bequem ge- 
wesen, dem Teufel zu entrinnen. „Durch eine klug zusammen- 
addirte Summe von frommen Aeusserlichkeiten konnte der 
Christ im schlinnnsten Falle noch zur letzten Stunde dem 
Satan entgehen, selbst wenn er sich tief mit ihm eingelassen. 
Daher ist bei Verträgen, welche der Teufel vor der Refor- 
mation mit dem Menschen abschliesst, der Teufel fast immer 
der Gei^rellte. Solchem geschäftsmässigen und unsittlichen 
Verhältniss zum Hinmielreich trat Luther mit der tiefsten 
Empörung gegenüber. Da er die Lehre Augustin's stark be- 
tonte, dass der Mensch durch die Erbsiinde verworfen, also 
eine Beute des Teufels sei, und dass fortwährende innere 
Busse allein zur Seligkeit helfe, so verfiel jetzt der unbuss- 
fertige Sünder ohne Rettung der Hölle. Daher kommt es, . 
dass seit dem 16. Jahrhundert die Menschen, welche einen 
Pact mit der Hölle geschlossen hatten, in der Regel vom 
Teufel geholt werden. Allbekannt ist das traurige Ende des 
sagenhaften Doctor Faust, aber er war nicht die einzige 
Beute des Satans. Es wurde ganz gewöhnlich zu glauben, 
dass Menschen von zweideutigem Charakter, ruchlose Säufer, 



' 10, 453. 

'^ Harnack, Luther's Theologie, I, 59. 



o 



76 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 



Spieler, Flucher, oder solche, welche als Feinde bitter gehasst 
wurden, in das unterirdische Keich abgeholt seien." ' 

Luther, der den Menschen mündig erklärt, ihm Selbs^- 
verantwortung, also Selbstthätigkeit zumuthet, lehnt das Ritual 
der Kirche als Schutzmittel gegen den Teufel nicht nur ab, 
sondern, nachdem er mit dieser gebrochen, erblickt er in dem 
kirchlichen Apparate sogar eine Schlinge, mit welcher der 
Teufel den Menschen verstricken will. ^ Ausser dem festen 
Glauben auf Gottes Gnade und dem innigen, „hitzigen" 
Gebete empfiehlt der Reformator derbe Abfertigung des 
zudringlichen Geistes. ^ Wie erstere Mittel mit der theologi- 
schen Anschauung Luther's principiell aufs innigste zusammen- 
hängen, so spiegelt sich in letzterm deutlich seine männlich- 
kräftige Persönlichkeit, in welcher der Grundsatz: ,, Selbst ist 
der Mann" verkörpert war und dadurch zum Träger der Re- 
formation eignete. Auf religiösem Glauben feststehend, männ- 
lichen Muth in der Brust, fürchtet sich Luther nicht vor dem 
Teufel, und wo er ihn persönlich vorstellt, bietet er ihm 
kecken Trotz und behandelt „den gefallenen Buben", wie er 
ihn häufig nennt, mit höhnischer Verachtung. „Der Teufel 
ist ein stolzer, hochmüthiger Geist, aber er hat kein Recht 
stolz zu sein, denn er ist von Gott abgefallen imd von Gott 
Verstössen. Uns dagegen hat Gott in Christo angenommen, 
und wir sollten dem Teufel damit trotzen, dass Gott uns in 
seinem lieben Sohn so hoch geachtet hat. Mit Verachtung 
müssen wir ihm begegnen, dies verträgt sein Stolz nicht, und 
so fleugt er am ersten vor mis ", u. a. m. Luther betrachtet 
den Teufel als seinen, wie jedes Christen, persönlichen Feind. 
Hatte er von körperlichen Beschwerden oder geistlichen An- 
fechtungen zu leiden, mit trüben, sorgenvollen Gedanken zu 
kämpfen, was er mit seiner Zeit auf den Teufel zuriickführte, 
dann setzte ihm Luther auf seine bekannte drastische Weise 
den bittersten Hohn entgegen und fertigte ihn mit tiefster 
Veiachtung ab. Die Geschichte mit dem Tintenfasse auf der 
Wartburg mag immerhin in Zweifel gezogen werden; wir 
möchten aber, im Falle sie nur auf eine Sage zusamraen- 



> A. a. 0., S. 359. 

2 Tischreden 17—19. 

3 Tischreden 41—44. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 377 

liefe, Horst beistimmen: „dass sie mich Lutliei-'s Teufels- 
glauben und Individualität wol hätte stattfinden können". * 

Obschon nicht alle Wahnsinnigen oder Epileptischen mehr 
fiir Besessene galten, glaubte doch Luther luid sein Nach- 
folg, dass solche durch irgendein Versehen in die Gewalt 
des Teufels «xerathen seien und daher durch Gebet und Be- 
schwörung von ihm befreit werden könnten. Bei dem grossen 
Ansehen, das Luther erlangt hatte, ist es erklärlich, dass man 
in Fällen, wo das böse S^Diel des Teufels vermuthet ward, 
sich an ihn wandte. Beispiele dieser Art sind bekannt. Die 
gegensätzliche Stellung der Protestanten gegenüber den Katho- 
liken äusserte sich nicht nur dadurch, dass jede Partei auf 
der gegnerischen Seite den Teufel mit im Spiele sah, sondern 
auch, dass in der Heilung der Besessenen, der Austreibung, 
eine Art Rivalität einriss, wobei jede Confession die Macht 
ihres Glaubens durch die grössere Wirksamkeit ihrer Mittel, 
die Katholiken durch Exorcismus, die Protestanten durch 
Gebet, zu beweisen meinte. „Die gerettete Seele gereichte 
dann der gliicklichen Kirche zum Ruhm", bemerkt Frey tag, 
der aus den zahlreichen Berichten über Fälle dieser Art einen 
heraushebt, der seinerzeit veröffentlicht worden durch die 
Flugschrift: ,,Erschröckliche gantz warhafftige Geschieht, 
welche sich mit Apolonia, Hannsen Geiszelbrechts Burgers zu 
Spalt inn den Eystätter Bistump, Haussfrawen, verlauffen hat. 
Durch M. Sixtum Agricolam etc. Ingolstadt 1584". ^ 

Da Luther die volksthümliche Anschauung hegte, alles, 
was dem religiös-sittlichen Streben hindernd entgegentritt, in 
der Person des Teufels zusammenzufassen, so kann es nicht be- 
fremden, wenn diese Vorstellung auch in den Katechismen 
zum Ausdruck kam ^ und in den lutherschen Symbolen ihre 
Stelle fand "*, da selbst die Nüchternheit der reformirten Sym- 
bole sich nicht ganz entbrach, des Glaubens an Engel und 
Dämonen zu erwähnen •'', indem Calvin sich an die einfache 



1 Zauberbibliotbek, I, 35ö. 

- Bilder aus der deutschen Vergangenheit, I, 365. 
3 Catech. maj., Art. II, 405. 494; Precatio IV, 525. .535. 
* Aug. cont., Art. XX, 18. 85; Form. Conc. sol. declar. I, (i41. «48; 
II, m2. 667: Apolog. VIII, 220, Art. Smalc. II; Art. 11, 308; IV, 315. 
ä Conf. Helv., II, c. 7; Conf. Belg., c. 12. 



378 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

biblische Vorstellung anschloss. ' Auf katholischer Seite hatte 
zwar das trienter Concil nur gelegentlich des Teufels er- 
wähnt^, es wies ihm aber eine sichere, bleibende Stätte im 
„Catechismus Rouianus" an, der, auf Befehl der Kirchen- 
versammlung herausgegeben, den Religionslehrern als Norm 
dienen sollte. ^ 

Dass unter solchen Umständen der Teufelsglaube nicht 
nur drüben, sondern auch hüben noch nicht abnehmen konnte, 
ist wol erklärlich. Ein Sanmielwerk aus dem 16. Jahrhundert, 
dessen Beiträge von lauter protestantischen Schriftstellern her- 
rühren, bietet die richtigste Einsicht in die Anschauungsweise 
der Anhänger und Nachfolger Luther's und dürfte deshalb 
der nähern Besichtigung werth sein. Sigmund Feyerabend 
hat es herausgegeben unter folgendem Titel: 
„Theatrum Diabolorum, 
das ist 
Ein sehr nützliches verstenndiges Buch, 

darauss ein jeder Christ, sonderlich vnnd fleissig zu lernen, wie 
dass wir in dieser Welt, nicht mit Kaysern, Königen, Fürsten 
vnd Herrn, oder andern Potentaten, sondern mit dem aller- 
mechtigsten Fürsten dieser Welt, dem Teufiel zu kempfien 
vnd zu streiten, welcher (wie Sanct-Paulus schreibt) vmbher 
geht, wie ein brüllender Löwe, vns zu verschlingen (also das 
er vns täglich nachschleicht, damit er vns zu fall bringen, in 
allerley sündt, schandt vnd laster einführen , vnd endlich mit 
Leib vnd Seel in abgrundt der Hellen stürtzen mügc. Vnd 
derwegen seine grausame Tyranney vnd Wüterey, recht lernen 
ei'kennen, Gott vmb hülfl' vnd beystandt seiner Gottliehen 
gnaden vnd heiligen Geistes anruften, alle giö'tige Pfeile, tödt- 
liche geschoss, genugsam auft'zvifahen, ausszuschlahen, vnd in 
Christo Jesu vnserm einigen Heyland vberwinden, victoriam 
vnd das Feldt behalten. — Allen frommen Christen, so ihrer 
Seelen heil vnd Seligkeit angelegen, in diesen letzten zeiten, 
da allerley Laster gransamlich im schwang gehn, mit gantzem 



' Instit. rel. ehr. I, c. 14, §. 13 sequ. 

■^ iScss. XIV, c. I. 

^ Catechisni. Roman, ad Parochos ex Decrcto concil. Tritl. oditus etc., 
Pars II, cap. II, qu. LV; cap. III, qu. XVI; Pars IV, cap, XIV, qu. II. 
JII. IV. V et sequ. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 379 

ernst vnnd fleiss zu betrachten. — Gebessert vnd gemehret, 
mit einem newcn Pestelentz TeufFel, so zuvor noch nie im 
Truck aussgangen, sampt einem nutzHchcn Register. — Ge- 
truckt zu Franckfurt am Mayn, im Jar 1509." 

In der Vorrede an den „Christlichen Läser" entschuldigt 
der Herausgeber Sigmund Feyerabend den Titel „die weil er 
so vieler Teuffei Namen treget" damit, dass das Buch „eine 
treuwe Warnung für allerley list vnd mord des Teuffels" sein 
solle. Der Vorredner beruft sich dabei auf die Heilige Schrift, 
worin der Teufel auch oft genannt werde, und gibt dem Leser 
zu bedenken „die vbermessige vnchristliche Sicherheit schier 
aller Menschen dieser Zeit da man beynah nichts für sünd 
helt, nicht wol glaubt das ein Teuffei sey, oder das er so 
böse sey, vnd vns zu vnserm verderben reitze vnd treibe etc." 
— Das Buch sei jedem sehr nützlich, da in ihm die Nach- 
stellungen des Teufels angezeigt, mancherlei Exempel und 
Fälle erzählt und „dessgleichen viel herrlicher Spriiche Gottes- 
förchtiger Gelehrter vnd sonderlich der heiligen Schrift an- 
geführt werden . . . Das also diss Buch ist gleich wie Loci 
Communes oder ein gemein Register, darinn man alleihand 
nützliche Lehr leicht finden kann." Es sei das Buch „eine 
rechte ausslegung der zehen Gebott ... in welchem alle siinden 
begriffen sind . . . Darum ich auch", sagt Herausgeber, 
„diese Teuffei so viel müglich nach der Ordnung der zehen 
Gebott einander nachgesetzt habe." 



Der Teuffei selbs durcli Hn. Jodocura Hockerura Osnaburgensem vnd 
Hermannum Hamelmannum Licentiatum. 

Es wird bewiesen: „dass der Teuffei nur allzuviel seind 
vnd mehr als wir vns vermuthen vnd diinken lassen". Be- 
weise sind: 1) die Heilige Schrift; 2) die Schriften der Hei- 
den, „bey welchen der Teuffel sehr viel gedacht wirt", denn 
dass der Heiden Götter Teufel gewesen seien, beweise der 
96. Psalm. Besonders werden die Platoniker angeführt; 
3) weltliche Historien, wie deren auch viele der „w^ohlgelahrte" 
Wierus anführt; 4) die tägliche Erfahrung, welche zeigt, dass 
die Teufel allerlei Unglück in der Welt anrichten, als: Krieg, 
Theuerung, Pestilenz, Arm- und Beinbrüche u. s. w.; 5) un- 
sere eigene Natur, indem alle Menschen, so beherzt sie auch 



f 



380 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

sein mögen, an finstern, unheimlichen Orten böse Geister 
vermuthen und sich vor ihnen fürchten. Folgen etliche Zeug- 
nisse von Gelehrten für das Dasein der Teufel, und zwar: 
Origenes, Luther, Bucerus, Wolfgangus Musculus. 

Kapitel 2 führt die Namen der Teufel an. 

Kapitel 3. Was die Teufel seien: nicht anders als 
„Geister oder geistliche Wesen", von Gott ursprünglich ge- 
recht, mit freiem Willen, zur Ehre Gottes geschaffen, wie 
alle andern Engel mit hohen Gaben und Tugenden geziert, 
die sie aber misbraucht, sich von Gott abgewendet und Gottes 
Sohn verachtet haben, daher sie ihrer ursprünglichen Ge- 
rechtigkeit beraubt. Feinde Gottes und der Menschen sind, 
wider die sie täglich in grossem Grimm und Hass wüthen 
und toben, daher sie von Gott Verstössen und der ewigen 
Verdammniss unterworfen sein werden. 

Kapitel 4 beweist, dass die Teufel Creaturen seien. 

Kapitel 5 widerlegt die Meinung früherer Zeiten, z. B. 
des Origenes, dass die Teufel leibliche Creaturen seien, als 
irrigen Wahn, „weil dieselbigen in jhren wesen mit den 
eusserlichen sinnen nicht mögen begriffen werden". — Man 
soll bei den Teufeln überhaupt an nichts Leibliches denken, 
sie sind Geister, die man weder mit der Hand greifen noch 
mit den Augen sehen kann, gleich dem Winde. 

Kapitel G. Sie sind von Gott geschaffen. 

Kapitel 7. Wann sie geschaffen worden, sagt die Schrift 
nirgends, es gibt daher verschiedene Meinungen, da jedoch 
diese Sache keinen Artikel des Glaubens betrifft und die 
Kenntniss davon nicht zur Seligkeit dient, so ist auch nichts 
daran gelegen. 

Kapitel 8 beweist, dass es eine grosse Menge Teufel 
gebe. Ihre Zahl ist nicht geringer als die der Engel, wobei 
die Meinung von Martinus Borrhaus angeführt wird, der 
ihre Zahl auf 2,GG5,8G( 1,746664 berechnet. 

Kapitel [). Wie sie geschaffen seien: nicht aus leiblichen 
Elementen wie die Menschen, sondern „durch sein Wort aus 
Nichten". 

Kapitel K). Wozu? Anfänglich zur Ehre Gottes und 
zum Dienste der Menschen, und sie müssen noch wider ihren 
Wilhni Gott und den Menschen zum Besten dienen. 

Kapitel 11. Woher ihre Bosheit? Sie haben sich durch 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 381 

ihren eigenen Mnthwillen von dem Höchsten abgewandt und 
sind durch ihre eigenwilHge Sünde dahin gekommen, dass sie 
ans Engehi Teufel geworden sind. — Die Sünde „in specie" 
wodurch der Teufel gefallen, ist in der Schrift nirgends aus- 
drücklich angezeigt, „die alten Väter haben wol nachgedacht, 
aber nicht alle gleich troffen". Etliche geben an: propter 
concupiscentiam mulierum; andere aus Neid, gemeiniglich 
wird aber der Fall des Teufels aus Hoffart erklärt. Auch 
die Neuern stimmen bei, so Luther cap. Genes, in explicatione 
oper. secundi. 

Kapitel 12. Wann die Teufel gefallen? obschon in der 
Schrift nicht angezeigt, so doch selbstverständlich vor der 
Schöpfung des Menschen. „Sintemal die Menschen durch 
jre Bossheit auch zum Fall gebracht seind worden." 

Kapitel 13. Was der Teufel Fleiss und Wirkung sei? 
Gott selbst, dann allen Menschen und Creaturen Gottes auf 
allerlei Weise zu schaden. Wider die göttliche Person selbst 
können sie zwar nichts ausrichten, aber doch die Vermehrung 
des göttlichen Namens verhindern und verringern. Dagegen 
als Feinde der Menschen suchen sie dieselben von allen guten 
Werken abzuhalten, reizen die Gottlosen, ihnen als Werkzeuge 
zu dienen, indem sie andere Menschen schädigen, treiben zu 
allerlei Laster u. s. w. 

Kapitel 14. Andere Wirkungen des Teufels: er sucht 
die frommen Diener Gottes in ihrem Amte zu hindern; stiftet 
Unfrieden unter den Fürsten, Hass und Eifersucht unter den 
Eheleuten; von ihm stammt alle ftilsche Lehr und Gottes- 
lästerung; die Teufel können die Luft verpesten, u. s. w. Der 
Teufel ist so giftig, dass er dir nicht so viel Raum gönnt, deinen 
Fuss hinzusetzen , es verdriesst ihn, dass du gesunde Glieder 
hast, und wenn er's thun dürfte, Hess er dir nicht eine Kuh, 
nicht eine Gans leben. Ausser den Aussprüchen der Kirchen- 
väter wird von den Neuern wie gewöhnlich Luther ange- 
führt, in einer Predigt von den Engeln: „Darumb sage ich, 
lasset uns nun fleissig lernen, was der Teuffei doch für ein 
Geist sei und wie viel er uns Schadens thue an Leib und au 
Seel. An der Seel mit falscher Lehr, mit verzweiffelung, 
mit bösen lüsten etc. Alles darumb, dass er den Glauben 
hinwegreisse und ziehe ihn in ein wancken, oder in einen 
faulen, schwachen gedancken. Ich fühle den Teuffol sehi' 



382 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

wol, kan es aber dannooht nit so maflien, wie ich gerne wolte. 
Ich wolt gern hefftiger, liitziger und ernster in meinem thun 
seyn, aber ich kan für dem TenflPel nicht, der immer zurück 
ziehet. Wenn er nun die Seele also gefasset hat, so greifiet 
er nach dem Leibe auch, da schickt er Pestilentz, Hunger 
und Kummer, Krieg, Mordt etc. Den jamer richtet der 
Teufi'el aller an. Das nun einer ein Bein bricht, der ander 
erseufft, der dritte ein Mordt thut. Wer richtet solches alles 
an? Niemand denn der Teuffei. Das sehen wir für äugen 
und fühlen es, dennoch sind wir sicher und meinen er sei 
nit da. Neyn lieber, er ist warlich da, rings umb dich und 
uns alle. . • . Das sey gesagt, dass wir wissen, dass wir nicht 
sitzen in einem sichern Lustgarten. Lieber, ist er zu Adam 
und Hevam in das Paradeiss kommen, ist er zu andern Kin- 
dern Gottes kommen, ja zu Christo selber, so kan er ja 
eigentlich auch zu dir kommen. Darumb lasset uns Gott 
fleissig bitten und flehen, dass wir wider jn können wachen, 
dass er uns nit in Unglauben und allerley sünde und anfech- 
tung führe." — Item in der Jhenischen Hauspostille über das 
Evangelium am Tage Michaelis: „Das hat euwer Lieb otft 
0-ehört, das der Teuö'el allenthalb umb die Menschen ist, an 
Förstenhöfen, in Heusern, auff dem Felde, auff allen Strassen, 
in Wasser, in Höltzern, in feuwer, da ist alles voll Teuffei. 
Die thun nichts anders, denn das sie gern jedermann allen 
augenblick wollen den Halss brechen. Und ist gewiss war, 
wo Gott den bösen Feind nit on Vnderlass wehret, er liess 
nit ein Körnlein auff" 'm Felde oder auft'en Boden, nit ein 
Fischlein im Wasser, nit ein stücklin Fleisch im Topff, kein 
tropffen Wassers, Bier oder Weins im Keller unvergifft. Item 
liess nit ein gesund glied am Menschen. Darumb wenn es 
so gehet, dass da einer ein Aug oder ein Hand verleuret, 
dort einer gar erwürget wirt, oder der die Pestilentz, diser 
ein ander krankheit kriegt, das sind eitel schlege und würft' 
des Teuffels, der wirfi' hie einem, da dem andern nach dem 
Kopff. Triff't er, so hat ers, trifft er aber nicht, so ist es ein 
gewiss zeichen, dass Gott ihm durch die lieben Engel ge- 
wehret hat. Also wenn unversehne feile sich zutragen, dass 
der in ein Feuwer, jener in ein Wasser feilet, das seind eitel 
Teuffelsschlege und würffc, der jmmerdar nacli mis sticht und 
wirfft, und gern alles Unglück zufi"igete. . . . Solches lasset 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 383 

uns lernen und merken, das der Teuffel uns allen schaden 
thut an Leib, Gut und Ehr. Er thut es gleich durch sich 
selbst. Als da er den Hiob am Leib angreiftet, oder durch 
seine Knechte, die böse Leut. Als da er den Hiob am Gut 
angreifi't, und die Chaldcäer und andere wider jn erreget. 
Denn unser Herrgott ist ein Gott des Lebens, und kann 
durch sich selbst anders nichts denn eitel guts thun." 

Angeführt werden in diesem Sinne J, Galvinus cap. ß 
Institut. Nr. 41 ; H. Bullingerus Decad. 4. Sermonum Sermo 9. 
Kapitel 15. Wie die Teufel die Menschen versuchen. 
Die ersten Menschen im Paradiese versuchte er in der Ge- 
stalt der Schlange. Noch heutigentags zeigt er sich nicht so 
schwarz und hässlich, wenn er verfiihren will, sondern er „ver- 
stellet sich gar schön und geistlich", er verf'iihrt durch falsche 
Lehrer, „welche gemeiniglich in Geistlichkeit der Engel ein- 
herffchen". Er greift am meisten da an, wo du am schwächsten 
bist, wenn du zu Geiz, Hoftart u. dgl. geneigt bist. 

Kapitel 16. „Eigentliche Contrafactur des Teuftels, so 
etwan von dem Gottseligen und hocherleuchteten Mann-Gottes 
Dr. Martino Luthero aufl* eines begeren der den Teufi'el gern 
kennen wolt, auss den Sünden wider die zehen Gebot gestalt 
ist worden. . . . Denn aufi" die Frage hat Dr. Martin Luther 
also Qceantwortet : sicut Dens est Thesis, ita Satan est Anti- 
thesis Decaloi^i. Darumb wer den Teuftel recht erkennen 
will, der sehe die zehen Gebote an. 1) Sein Haupt ist wider 
die erste Tafel. Als nemlich, im ersten Gebot, Gott nicht 
vertrauwen, jn nicht fürchten, jn nicht lieben. 2) Darnach 
im andern Gebot, Gott schmehen oder lestern, wider jn kurren 
oder murren, seinen heiligen Namen missbrauchen, das ist os 
& lingua, Mund und Zung. 3) Im dritten Gebot, Gottes 
wort nicht hören, dasselbige fälschlichten deuten, verachten, 
verfolgen, und seine Diener versäumen, dass sie oft Hungers 
sterben müssen. Das ist collnni et aures, Hals und Ohren. 

4) Weiter nach dem vierdten Gebot, auff'rhürig und unge- 
horsam seyn, das ist Pectus Diaboli des Teuftels Brust. 

5) Todtschlagen, zörnen, hassen, jedermann Übels wündschen, 
abgünstig seyn, seim Nechsten schaden, das ist cor, das Herz. 

6) Ehebrechen, Hurerey treiben, einen Weichling und Sodo- 
miten, unzüchtig und weibisch sein in worten und wercken, 
das ist venter Diaboli, des Teuftels Bauch. 7) Niemand be- 



384 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

hülflich seyn, Andern das jre abspannen, stelen, wuchern, 
rauben, faule Wahr verkauffen, verdienten Lohn wegern, das 
sind Manns, die Hand. 8) Von Gott übel reden, die Men- 
schen bescheissen, und jhnen jhr gut gerücht krencken, das 
ist Diaboli voluntas, des Teuffels Wille, i). 10. Seines Nech- 
sten Gut begeren etc. Das sind Pedes Diaboli, seine Füsse, 
sihe so freundlich ist der Teufel." — „Bilde dich gar einem 
verzweifelten Menschen für, der ein gar böss gewissen und 
Leben führet, so sihstu den Teuffei leibhaftig." 

Kapitel 17. Wie dem Teufel solches alles möglich sei. 
— weil er ein sehr gewaltiger und mächtiger Geist geschaffen 
ist „auch ein rechter Veteranus, d. i. ein wolgeübter weiser 
und erfahrner Bosswicht." 

Kapitel 18. Ob die Teufel nach Gefallen schaden mö- 
gen. — Nur unter Gottes Zulassung. 

Kapitel 19. Warum Gott dem Teufel zuweilen etwas 
zulässt. Die erste L^rsache ist die Erbsünde, w'odurch das 
Menschengeschlecht dem Teufel unterworfen worden, dann um 
die P-öttliche Allmacht zu off'enbaren, um die Menschen zu 
witzigen, sie zu prüfen, zu strafen, um ihnen die Barmherzig- 
keit und Gnade Gottes zu zeigen, die sie aus des Teufels 
Macht rettet, und sie zur Dankbarkeit anzuregen u. s. w. 

Luther in der Jhenischen Hauspostille erste Predigt am 
Tage Michaelis: „Der Teufel wolt gern alles unglück anrich- 
ten, wie wir täglich sehen und erfahren, dass mancher ein 
Bein bricht auff ebener Erden, mancher feilet ein Treppen 
oder Stigen ab, dass er selbs nicht weiss wie ihm geschehen 
ist. Solchs und anders würde der Teuffei wol jmmerdar an- 
richten, wenn Gott nicht durch die heben Engel wehret. Er 
lesset aber derhalben unss solche eintzele stuck bisweilen 
sehen, Auff' dass wir lernen, wenn Gott nicht alle stunden 
wehrete, dass dergleichen jnnnerdar geschehen würde, und wir 
derhalben zum betten desto fleissiger, und Gott für solchen 

schütz desto danckbarer sollen seyn Gott lesset den 

Teuff'el zu zeiten treff'en, auff' dass wir lernen, dass wir nicht 
Junkern seind vnd es nicht Alles in unsern henden steht; und 
derhalben desto fleissiger betten, dass Gott dem Teuff'el seinen 
räum nicht lassen, sonder durch seine lieben Engel gnedighch 
wehren wolle." Aehnlich sprechen sich Spangenberg, Borr- 
haus, Bullinji-er aus. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 385 

Kapitel 20. Von der Ordnung der Teufel. Die Klassi- 
ficiruno- der Eno-el und Teufel, wie sie von den Lehrern auf- 
gestellt worden, ist in der Schrift nicht begründet, aber doch 
nicht sfänzlich zu verwerfen. Mart. Lutherus in der Jheni- 
sehen Hauspostille über das Evangelium am Tage Michaelis 
in der zweiten Predigt: „Wir sollen wässen, dass die Engel 
uuderschiedlich sind. Denn gleichwie under den Menschen 
einer gross, der ander klein, einer starck, der ander schwach 
ist, also ist auch ein Engel grösser, stercker vmd weiser denn 
der ander. Daher hat ein fürst viel einen gewissem und 
sterckern Engel, der auch klüger und weiser ist , denn ein 
Grafie, und ein Graffe einen grössern und sterckern Engel 
denn ein ander gemeiner Mann, und sofort an. Je höher 
stand und geschefft einer hat, je grösseren und sterckern En- 
gel hat er auch der jn schützt, jm hilfi't und dem Teuffei 
w^ehret." — In der ersten Predigt: ,,Es ist ein underscheid 
gleich sow^ol under den Engeln, als under den Teufieln. Für- 
sten und herrn haben grosse treffliche Engel, wie man siehet, 
Dan. 10 etc." 

Kapitel 21. Wo die Teufel wohnen und ihr Wesen 
haben. In der Luft, wo sie wie Wolken schweben, an Was- 
sern, kriechen in die Tümpel, sind gerne an wüsten Orten, 
auf Kirchhöfen. Da lauern sie, wie sie uns schaden können. 
Denn sie sind noch nicht in die Hölle Verstössen, sondern 
erst zur Verdammniss verurtheilt. — Mart. Luther in der 
Kirchenpostille über die Epistel am dritten Sonntag nach Trini- 
tatis : „Der Teuffei ist noch nicht zur straffe seiner Verdamnniiss 
Verstössen biss an den jüngsten Tag, wenn er endlich auss 
der lufft und von der Erden in abgrund der helle geworffen, 
nicht mehr uns wirf können anfechten und keine Wolke und 
Decke mehr zwischen uns und Gott sampt den Engeln seyn 
wirt. " — Ueber das zweite Kapitel der zweiten Epistel Petri: 
„Hie zeigt S. Peter an, dass die Teuffei noch nit endlich jre 
peiu haben, sonder also hingehen in einem verstocktem ver- 
zweiffeltem wesen und allen augenblick auff' ihr Gericht warten. 
Wie ein Mensch der zum tode verdampt ist, gantz verzweiffeit, 
verstockt, und jmmer je böser wirt. Aber jre straff' ist noch 
nicht über sie gangen, sondern sind jetzt allein dazu verfasset 
und behalten." 

Kapitel 22. Wo und was die Hölle sei. „Wo aber und 

Uoskoff, Geschichte des Teufels. II. oc 



38G Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

was die helle sey vor dem jiingsten Tage, bin ich noch nicht 
allzu gewiss", spricht Martin Luther, ,,denn das ein sonder- 
licher ort seyn solt, da die verdampten Seelen jetzt jnnen 
seyen, wie die Mahlcr mahlen und die Banchdiener predigen, 
halt ich fiir nichts. Denn die Teuftel sind ja noch nicht in 
der hellen, sondern wie Petrus sagt, mit stricke zur hellen 
verbunden. So heist sie S. Paulus der Welt Kegenten und 
Gewaltigen, die droben in der Lufft schweben. Wie Christns 
auch den Teuffei der Welt Fürsten nennet, und ja nicht seyn 
köndt, wenn sie in der hellen weren, dass sie die Welt re- 
gierten und so vil Biiberey und jammer trieben, die Pein 
wiirde jnen wol wehren." — Der Ausdruck „Schcol" bedeutet 
die Todesangst, die letzten Nöthen. „Denn ein Jeglicher hat 
seine helle mit sich so lang er die letzte nöten des todts und 
Gottes zorn empfindet. " — Aber am jiingsten Tag wird die 
Hölle ein besonderer Ort sein; über das „wo" will der Ver- 
fasser lieber nicht grübeln. — „Derhalben, wie D. Luther sagt 
von der Hellefahrt Christi: Er lasse es jm gefallen dass man 
den Artickel des Glaubens dem jungen Volck und einfeltigen 
also fürbilde, wie man jn pflegt vor alters an die Wende zu 
mahlen, dass er eine Korkappen anhab, eine Fahn in der 
rechten Hand und fahr also hinab in die Helle, stürme sie 
und binde den Teuffei mit Ketten. Denn ob es wol so nit 
geschehen ist leiblich, so bildet doch und drucket uns solchs 
gemählde fein auss die krafft und macht der Hellefahrt 
Christi." 

Kapitel 23. Ob die Teufel selig werden können. — Es 
wird aus der Schrift bewiesen, dass sie ewig verdammt sind. 
Dr. Luther in seinem letzten Bekenntniss vom Abendmahl: 
„Ich halt es nit mit denen, so da lehren, dass die Teuffei 
werden endthch zur Seligkeit kommen." In gleichem Sinne: 
Bullinger, Calvin u. a. 

Kapitel 24. Was wir aus dieser „erschrecklichen ab- 
malung des Teuftels lernen sollen". Dass wir in steter „Wehr 
und Rüstung" stehen. 

Kapitel 25. Die Waffen gegen den Teufel. — Kräuter, 
Weihwasser u. dgl. gegen den Teufel anwenden ,,ist lauter 
Gauckeley und Affenspiel welches der Teuffei selbs lachet und 
spottet." Man schlägt den Teufel auch nicht mit Spiessen 
und Büchsen u. s. w., sondern im Kampfe mit dem Teufel hilft 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 387 

nur ,,cler Harnisch Gottes", d. li. ein reclitscliaffenes Leben, 
ohne Heuchelei, Frömmigkeit, die Gutes thut, ein friedliches 
Leben, fester Glaube, wo das Wort Gottes nicht nur auf der 
Zunge schwebt, sondern im Herzen wurzelt, unsere Gegen- 
wehr ist auch das Gebet. — Es sind also nur „geistliche wehr 
und wafien", womit der Teufel zu Boden oeschlaaren werden 
muss. Lutherus über die zweite Epistel Petri, fünftes Kapitel: 
„ Nüchtern solt jr seyn und wachen, dazu dass beide der Leib 
und die Seel geschickt werden. Aber damit ist der Teuffei 
noch nicht geschlagen. Das rechte Schwert ist das, dass jr 
starck und fest im Glauben seid. Wenn du Gottes Wort im 
Hertzen ergreiffest und haltest mit dem Glauben daran, so 
kan der Teuftel nicht gewinnen, sondern muss fliehen. Wenn 
du also kanst sagen, das hat mein Gott gesagt, da stehe ich 
auff, da wirstu sehen, dass er sich bald wirt hinwegmachen, 
da gehet denn unlust, böse lust, zorn, geitz, Schwermut und 
zweiffein alles hinweg. Es kost nicht vil hin und her laufiens, 
noch irgend ein Werck das du thun kanst, sondern nicht 
mehr, denn dass du am Wort fest hangest durch den Glauben. 
Wenn er kompt und wil dich in schwermütigkeit treiben der 
Sünde halben, so ergreiffe nur das Wort der Gnaden, das 
da Vergebung der Sünden durch Christum verheisset und er- 
wege dich von gantzem Herzen daraufi", so wirt er bald ab- 
lassen." Aehnlich M. Cyprianus Spangenberg in der dreis- 
sigsten Predigt über die zweite Epistel an die Korinther: „Durch 
den Glauben an Jesum Christum und durchs Gebet, wirt der 
Teuffei überwunden, wenn wir mit dem Glauben am Wort be- 
stendig halten und das Gebet auff Gottes Verheissung luid zu- 
sage gründen etc." 

Kapitel 26. Zum Kampf mit dem Teufel soll den Christen 
bewegen: Christi Exempel, unser Taufgelübde, die Zusage Got- 
tes denen die bei ihm beharren und nach seinen Geboten leben, 
um der Strafe zu entfliehen u. dgl. 

Kapitel 27. Was für einen Trost die Christen in ihrer 
Anfechtung wider den Erzfeind haben: den Beistand Christi, 
der Engel, den Schutz Gottes, wenn sie in seiner Furcht 
leben. 

Kapitel 28. Ob und wie die Teufel Wunder und Zeichen 
thun können. Das erste zeigt die heilige Schrift, das ,,Wie" 
(„waserlei Weise") ist viererlei: 1) durch Anrufung des wahren 

25* 



388 Vierter Abschnitt: Fortsetzunp: der GesHiiobte des Teufels. 

Gottes, wie die falschen Propheten, oder: durch Anrufung des 
Teufels, durch den sie unter Gottes Zulassung viel vermögen, 
aber keine wahren Wunder. 2) Durch natürliche Mittel, 
so die Zauberer Pharaonis. 3) Durch Gespenster und Ver- 
blendung, so die Zauberin von Endor. Der Teufel kann 
die Innern Sinne verblenden, wie bei Ketzern und Ungläubigen. 
4) Durch merae imposturao, durch Kunst und Behendigkeit. 

Kapitel 29. Die göttlichen wahrhaftigen Wunder ge- 
schehen durch Gott, seinen Sohn sanimt dem heiligen Geist, 
oder unmittelbar durch seine Allmäclitigkeit, oder durch den 
Dienst der Engel, oder auch durch Menschen durch göttliche 
Kraft; des Teufels Mirakel geschehen auch entweder durch 
ihn selbst oder seine Gliedei- oder Diener. Der Teufel kann 
aber nicht: neue Creaturen schaffen, ei'schaffene Dinge mehren, 
Creaturen verändern , Todte auferwecken , natürliche Krank- 
heiten oder Gebrechen, ohne natürliche Mittel heilen. Un- 
fruchtbare fruchtbar machen, den Ivauf des Himmels aufhalten, 
das Meer voneinander spalten, den Elementen ihre Wirkung 
nehmen, künftige Dinge wissen, Gedanken erkennen. Dies „sind 
in Summa dem Teuffei 7a\ hoch alle Zeichen der Schrift". 

In diesem Abschnitte wird auch angegeben: „wie mit 
den Besessenen zu handien", Avobei eine Historia Dr. Martin 
Luther seliger" erzählt wird, luid wie er sich bei der Gelegen- 
heit ausgesprochen. 

Eine Jungfrau aus dem Lande Meissen, viel vom Teufel 
geplagt, wurde zu Luther gebracht. Auf dessen Geheiss soll 
sie den Glauben hersagen, bleibt aber bei dem Artikel: ,,ich 
jrlaube an Jesum Christum" stecken und wird vom bösen Geist 
sehr gerissen. Da sprach Luther: „Ich kenne dich wohl, du 
Teufel, du willst, dass man ein grosses Gepränge mit dir an- 
richte, wirst es aber bei mir nicht finden." Am nächsten Tag 
sollte man die Jungfrau zu seiner Predigt in die Kirche brin- 
gen, als man sie aber in die Sakristei führen wollte, fiel sie 
nieder, schlug und riss herum, dass sie etliche Studenten hhi- 
eintrugen und voi- Luther niederlegten, der die Sakristei 
schliessen Hess und an die in der Kirche Anwesenden eine 
kurze Vermahnung hielt, deren wesentlicher Inhalt folgender 
ist: Man soll in unserer Zeit die Teufel nicht mehr austreiben, 
wie zur Zeit der Apostel, wo Wunderwerke nöthig waren, 
um die neue Lehre zu bestätigen, was heute unnöthig ist, da 



1. Lutlior's Glaube an den Teufel. 389 

das Evangelium keine neue Lehre, sondern genugsam eonfir- 
mirt ist; auch nicht durch Beschwörungen, conjurationibus, 
sondern orationibus et contemptu, mit dem Gebete und Ver- 
achtung, denn der Teufel ist ein stolzer Geist, kann das Ge- 
bet und die Verachtung nicht leiden, .sondern hat Lust ad 
pompam, zum Gepränge, darum soll man kein Gepräng mit 
ihm machen, sondern ihn verachten. Man soll den Teufel 
durch das Gebet austreiben, ohne dem Herrn Christo eine 
Regel, eine Weise oder Zeit vorzuschreiben, wann und wie er 
die Tfeufel austreibe. Sondern wir sollen mit dem Gebete an- 
halten so lange, bis Gott uns erhört. Martin Luther legte 
hierauf seine rechte Hand auf der Jungfrau Haupt, wie bei 
einer Ordination, und befahl den anwesenden Dienern des 
Evangeliums, desgleichen zu thun und zu sprechen: das 
apostolische Symbol , das Vaterunser. Dann sprach Luther 
Johannis IG und Joh. 14, worauf Luther Gott „heftig" an- 
flehte, er möge die Jungfrau von dem bösen Geist erlösen 
um Christi und seines heiligen Namens willen. Hierauf ging 
er von dem Mädchen weg, nachdem er es mit dem Fusse ge- 
stossen und den Satan verspottet mit den Worten: „Du stolzer 
Teufel, du sähest gerne, dass ich ein Gepränge mit dir machte, 
du sollst es aber nicht erfahren, ich thue es nicht, du magst 
dich stellen, wie du willst, so geb ich nichts darauf." Nach 
diesem Vorgange v«'urde das Mädchen andern Tags in ihre 
Heimat gebracht und etlichemal an Luther berichtet, dass es 
der böse Geist nicht mehr gequält habe. 

Kapitel 30. Warum Gott dem Teufel Wunder zu thun 
erlaubt. Wenn gottlose Menschen mit Hiilfe des Teufels Wun- 
derzeichen thun, so erlaubt es Gott, damit sie in ihrem Irr- 
thum bestärkt werden, die daran glauben, wie dem Pharao 
und seinen Zauberern geschehen; damit der Gläubigen Be- 
ständigkeit sich bewähre, sie in ihrer Geduld geübt werden; 
damit die Frommen sich niclit überheben; damit die Heiligkeit 
der Personen nicht nach Wundern bemessen werde, und zu 
zeigen, dass die Gabe, Wunder zu thun, nicht die grösste in 
der Kirche sei. Man soll gewarnt sein, dass man nach der 
Oifenbarung Christi und seines Evangeliums nicht durch falsche 
Zeichen verführt werde, oder die reine Lehre aus Mangel an 
Zeichen nicht verachte. Man soll am Worte Gottes hangen 
und sich daran genügen lassen. 



390 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Gescliichte des Teufels. 

Kapitel 31. Wie man sich der falschen Zeichen erwehren 
soll. Dafür gibt Luther den Ruth: zuerst miissen M'ir wissen, 
dass der Teufel grosse Macht luid viel List hat, um Zeichen 
zu thun, wir müssen aber auf deren Ende (Zweck) achten, 
und sie nach dem Worte Christi beurtheilen. 

Kapitel 32. Gott lässt zuweilen auch Zeichen durch 
böse Leute geschehen, man muss sie aber nach dem Worte 
Gottes, nicht nach der Person richten. — Regeln um Wunder- 
zeichen zu unterscheiden: zu sehen ob Christus durch sie ge- 
priesen und der Glaube darin gefördert wird. 

Kapitel 33. Ob und wie die Teufel weissagen imd 
künftige Dinge wissen können. Es ist nicht dafür zu halten, 
dass die Teufel wahrhaftig künftige Dinge Avissen, darüber sind 
aber die Gottesgelehrten nicht einig. 

Kapitel 34. Von dem Unterschiede göttlicher und teuf- 
lischer Weissagungen. 

Kapitel 35. Wariun letztere verboten sind, — weil sie 
zum Bösen gereichen. 

Kapitel 3G. Von der Astronomie, Astrologie und Stern- 
guckerkunst. Werden die verschiedenen Ansichten angefühlt. 

Kapitel 37 ist von Hermann Hammelmann: Dass die 
Teufel keine Gebrechen oder Krankheiten der Menschen, ausser 
durch natiirliche Mittel, heilen können. 

Kapitel 38. Wie die Teufel der Menschen Sinne be- 
trügen können. Durch Gespenster und andern Spuk werden 
die Menschen so geblendet, dass sie dieses oder jenes zu sehen 
und zu hören meinen. Vermöge seiner Macht und vie]f>-e- 
übten Erfahrung ist es dem Teufel möglich, die Menschen zu 
afien und zu betrügen. Hieher gehören die Lügen von den 
Hexenfahrten der Hexen auf Besen u. dgl. und die Verwand- 
lung in Katzen u. dgl., was ihnen der Teufel einbildet. 

Kapitel 39. Ob und wie die Teufel der Menschen Ge- 
danken wissen können. Gott allein ist der Erforscher der 
Herzen, die Teufel können aber aus vielen Anzeichen schlies- 
sen und erfahren, was die Menschen im Sinne haben. 

Die drei nächstfolgenden Kapitel sind „von Hermann Ham- 
melmann verzeichnet". 

Kapitel 40. AVie die Teufel in die lebendigen Leiber 
der Menschen fahren und daselbst wirken. Der Verfasser be- 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 391 

ruft sich ausser andern, wie auch anderwärts hierbei auf Weier, 
De praestig. dorn. lib. 1, cap. 4. 

Kapitel 41. Ob und wie sie Leiber annehmen. Den 
Teufeln, die geistige Wesen sind, darf kein Leib zugeschrieben 
werden, dennoch ist gewiss, dass sie unter Gottes Zulassung 
eine leibliche Gestalt angenommen haben, und zwar eine sicht- 
liche und greifbare, die zu leiblichen Werken bequem ist. 
Dies zeigt auch die A^ersuchungsgeschichte. Der Teufel kann 
sich in Schweine, Hunde, Katzen und andere Gestalt ver- 
kleiden. 

Kapitel 42. Ob sie auch Incubi und Succubi werden. Dar- 
über ist grosser Streit unter den Gelehrten. Nach Luther sind die 
Incubi und Succubi Teufel. ^ Nach des Verfassers Ansicht 
kann es aus der Schrift nicht bewiesen werden, dass die Teufel 
Incuben und Succuben werden können. Die Fortpflanzung 
der Teufel will der Verfasser auf sich beruhen lassen, die 
durch gestohlenen Samen kommt ihm nicht glaublich vor, 
wahrscheinlicher ist ihm, dass sie die Leiber aus der Luft 
nehmen. Was die Wechselkinder betrifft, so sind nur die 
Kinder der Ungläubigen des Teufels, nicht die der Gläubigen, 
die ihre Kinder stets dem Herrn befehlen. Nur den Ungläu- 
bigen kann es geschehen, dass ihre Augen so verblendet sind, 
um ihre eigenen Kinder nicht zu erkennen. 

Kapitel 43. Ob die Teufel sich in die Gestalt Verstor- 
bener verkleiden können. Diese Frage wird mit Ja beantwortet, 
auf Grund der Schrift und anderer Historien. 

Kapitel 44. Ob Menschen in Thiere verwandelt werden 
können, verweist der Verfasser nach Milichius Zauberteufel, 
Weier lib. II, cap. 44; lib. A", cap. 10. 

Kapitel 45. Die Teufel können Träume und Nachtge- 
sichter machen, aber teuflische Träume, wie sie die Wieder- 
täufer und Schwärmer haben. Durch solche teuflische Visiones 
werden die Menschen ins Verderben gestürzt, wie es dem 
Thomas Münzer begegnet ist. 

Kapitel 46. Ob die Teufel Wetter machen können. Aus 
eigener Kraft können die Teufel weder Hagel noch Schnee, 
Regen und Reif bewirken, nur wenn es Gott gefällig ist und 
er es zulässt. 



1 Tischreden vom Teufel und seinen Werken. 



302 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

Kapitel 47. Ob sie Milcli, Butter, Brot, Wein, Bier etc. 
stehlen können? Wird nicht in Zweifel gezogen, ebenso kann 
der Teufel vermöge seiner Geschwindigkeit als Geist im Winter 
Sommerfrüchte herbeischaffen. 

Kapitel 48. Von den Hexen vnd Ynholden. So heissen 
die, von welchen man gemeiniglich hält, dass sie wegen eines 
gottlosen Pakts zwischen ihnen und dem Teufel entweder aus 
eigenem Willen oder auf Anstiften des Teufels unter seinem 
Beistande viele böse Stücke vollbringen. Man meint, dass sie 
Macht haben, Wetter zu machen, das Korn auf dem Felde 
zu verrücken und zu verwüsten, Krankheiten über Menschen 
und Thiere zu bringen etc. Mit derlei Vorstellungen bethört 
der Teufel die Christen. Wir glauben, dass dem Teufel die 
aufgezählten Stücke mehrentheils zu verrichten möglich sei, 
dass die Hexen und Unholden „durch natürliche Gifft" Men- 
schen und Thieren schaden können; dagegen wird „den armen 
thorhafftigen Weibern" oft viel beigemessen, ja sie „werden 
auch selbst in jrer Fantasey vberredt", dass sie dies oder 
jenes thun, was unmöglich ist. „Niemand", sagt Brentius ^, 
„er sey Mann oder Weib, daz er mit seiner kunst oder 
zäuberey ein rechts vngewitter vnd stürm in der lufft erwecken 
kan. Denn wenn das den Menschen nach jhrem gefallen würd 
zugelassen, so würden wir fürwar selten, ja nimmermehr one 
Vngewitter, Sturm, Wind vnd Hagel seyn, so böss ist mensch- 
liche Natur, vnnd so gar geneigt schaden zu thun. Aber der 
Teuffcl, der da in der Lufft herrschet, wie Paulus sagt, kan 
wol sehen, wenn grosse Vngewitter vnd stürme konmicn wer- 
den, welche schaden thun können. Vnd wenn er das sihet, 
so bewegt er der Leute gemüte, welche er gefangen helt vnd 
bestrickt hat, dass sie anfangen zu zaubern, vnd jre segen 
zusprechen. Wenn sie das gethan, so sich dann ein vngewit- 
ter erhebt, welclis one jr zaubern kommen were, so meynen 
sie gentzlich, dass es durch jre krafft, kunst vnd zäuberey zu- 
wege bracht sey." — Der Verfasser stellt auch in Abrede, dass 
die Feldfrüchte durch Beschwören oder Verfluchen beschädi<rt 
oder verrückt werden können. Die Hexenfahrten und was 
damit zusammenhängt, werden für ,, eitel Fantasey" erklärt 
und Dr. Luther sage mit Recht: „dass es nicht allein verbotten 



^ In der 31. Iloniil. über das Evangelium Johannis. 



1. Luthor's Glaube an den Teufel. 393 

sey solelis zu thun, sondern auch 7a\ glauben." Aue-h das 
Buhlschaft trcihen mit dem Teufel ist „lauter falscher wahn 
vnd starcke einbildung." Ebenso wird die Verwandlung in 
Thiere erklärt, da der Teufel selbst nicht im Stande sei, weder 
etwas zu schaffen, noch das Geschaffene wahrhaftig zu verwan- 
deln. Hierauf eine Erörterung über die Hölle. ^ 

Dass eine Hölle sei, ist aus unsern Glaubensartikeln er- 
wiesen : 

„Er ist niedergefahren zur Hölle" ist klar, nicht tropisch, 
sondern historisch zu verstehen. Der Verfasser weist hier- 
auf auf die Geschichte von Lazarus u. a. m. Nach ihrem 
Sturze sind auch die Teufel zur Hölle verdammt, wo sie Pein 
haben. In diese Höllenqual gerathen auch die Gottlosen, die 
dann dem Teufel übergeben sind, der seinen Muthwillen an 
ilmen üben Avird. Die höchste Pein der Verdammten wird 
sein, dass sie von Christo weichen müssen und hören das 
schreckliche Wort: „Discedite a me maledicti in ignem aeter- 



num." 



II. 

Vuii des Teufels Tyrannei. Macht und Gewalt, sonderlicL in diesen letzten 
Tagen, durch Andream Musculuni. 

Der Verfasser sieht die Welt sehr im argen liegen, „das 
diese jetzige zeyt darinnen wir leben, das allerletzte drümm- 
lein von der Welt, und das letzte zipfflein sey, welches uns 
bald auss den Henden entwischen und diesem zeitlichen und 
verfi-enfflichen Reich sein end und auffhoren geben und das 
ewige unvergengkliche ansehen werde". „Ist dem aber so, 
so ist auch gewiss, dass des Teuffels und aller seiner Mitge- 
sellen und bösen Geistern hass, grimm, tyranney, heimliche 
tück und listigkeit jetzunder mehr als je zuvor sich sey zu 
vei'muten." Dabei sieht sich der Verfasser veranlasst zu be- 
weisen: dass die Zahl der Teufel nicht nur in grosser Zahl 
allenthalben vorhanden, sondern auch trachten, den Menschen 
mancherlei Schaden zuzufügen; dass sie mächtig und ver- 
schmitzt, und unter Gottes Zulassung mancherlei Jammer 
und Elend anrichten , wobei eine Menge Unglücksfälle durch 



' Fol. CXXX, 6 sequ. 



394 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

Ungewitter, Stürme n. dgl. angeführt werden; dass sie die Men- 
schen änsserlieh und innerlich angreifen, nnd ihnen nicht nur am 
Leibe, sondern viel mehr an der Seele schaden und ausser 
mit zeitlichen Sünden auch mit ewigem Jammer beschweren. 
Gott hat Mittel, dem Teufel und seinen Heerscharen zu wehren, 
dass er von seiner Gewalt nicht mehr Gebrauch mache, als 
Gott es zulässt, als: die Macht Gottes selbst, die der 
Teufel anerkennt; eine grosse Engelschar, die dem Teufel 
wehrt; die Eltern, welche ihre Kinder zum Guten er- 
ziehen; die Prediger, welche die Erwachsenen überwachen; 
die weltliche Obrigkeit, der Gott das Schwert in die Hand 
gegeben hat. Der Christ selbst schützt sich in der grossen 
Gefahr vor dem Teufel durch Gottesfurcht und einen der ge- 
messen Lebenswandel, und wenn er etwa strauchelt oder fällt, 
sich schnell wieder aufrafft. Ist aber ein Angriff auf den 
Menschen gethan und diesem Schaden zugefügt, so sind die 
besten Mittel: aufrichtige Busse, nächst dieser das Gebet mit 
der festen Zuversicht zu dem Herrn. Das dritte Mittel ist 
Verachtung, die im Worte Gottes begründet ist. 

HL 

Der heilige, kluge und gelehrte Teufel. Wider das erste C4ebot Gottes den 
Glauben und Christum. Aus heiliger Schrift und patre Luthero beschrie- 
ben von M. Andrea Fabricio Chemnicense, Prediger in Nordhausen. 

Der Teufel wirkt unter der Form der Scheinheiligkeit, um 
die rechte Lehre aus der Welt zu bringen, und den Glauben 
im Herzen der Menschen geringer zu machen, den Glauben, 
dass wir todt waren in Sünden, „verloren und verdammt mit 
Natur und Wesen, durch den Glauben mit Christo lebendig 
gemacht, durch sein eigen Blut theuer erkauft seien." Der 
Mensch muss sich verleugnen, aus sich selbst herausgehen, 
sich selbst alles nehmen und Gott alles zuschreiben. Gott 
will haben, dass man ihm seine göttliche Ehre allein lasse, 
dico geschieht, wenn man sich in Gottesfurcht und Vertrauen 
des Herzens ihm allein ergibt. Der böse Geist verdirbt alles 
im häuslichen Regiment, durch den Zusatz in unserm Fleisch 
und Blut, der da heisset: Ego, Nos. Im Weltregiment will 
dieser Geist auch obenan sitzen und wie ein Gott alles zu 
thun haben. Das schändliche Nos und Ego richtet alles Herze- 
leid an. Im geistlichen Regiment in der Kirche will er sich 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 395 

zu einem Gott machen, will Christum und den Glauben ver- 
tilgen, deckt die Erbsünde, dass sie niemand erkenne. — Der 
listige Satan mit seiner Scheinheiligkeit wider das erste Ge- 
bot sieht die zwei Hauptstücke, nämlich den Glauben an 
Christum und die Erbsünde, wie alle Ketzer an. Ueber das 
Evangelium am neuen Jahrestage sagt Luther: „Peccatum 
est hominis substantia in Theologia" und: „Homo massa est 
perditionis". Und im ersten Theile, Genes., Kap. 2: „Sathan 
magnam rem agit, ut peccatum originale neget. Atqui hoc 
vere est negare passionem et resurrectionem Christi." — Die 
Schrift nimmt clem natürlichen Menschen alles, und gibt 
Gott alles in seine Huld und Gnade; der Satan erdichtet 
aber „mitigata voeabula", wodurch der Mensch gut und tüchtig 
erscheint, als könne der natürliche Mensch neben dem Heiligen 
Geist aus sich selbst sich zur Gnade schicken. Wenn der 
Satan nur dieses Modiculum und Conatulum des adamischen 
Menschen erhält, so hat er Gesetz und Evangelium im Grunde 
verderbt. — Dem Satan ist es leid, dass noch ein Mensch 
auf Erden recht glaubt und selig wird, könnte er sie alle 
verführen, er thäte es sehr gerne. „Die alte Schlange", sagt 
Luther \ „kan nicht allein die leiblichen, natürlichen Sinne 
der Menschen, sondern auch die Hertzen und Gewissen be- 
triegen, also dass sie jrrige Lehre und Opinion für recht- 
schafien und Göttliche Wahrheit annemen und behalten." 

IV. 

(Ist wider den Exorcismus.) 

Der Kannteufe], eine wohlmeinende Warnung vor ^ den Teufelsbeschwöi'ern, 
von Jodocus Hockerius, Prediger. 

Im ersten Theile dieses Buches wird bev/iesen, dass -das 
gebräuchliche Teufelsbannen wider Gott und unrecht sei. Die 
Griinde für den Exorcismus werden widerlegt mit Berufung 
auf Brentius: „Scriptura nusquam tradit publicam professio- 
nem exorcizandi aut adjurandi daemones divinitus institutam 
esse etc." 1) Josephus, der als Gewährsmann von den Exor- 
cisten angeführt wird, hat viel sviperstitiones, und die Exor- 
cisten unter den Juden waren ohne Gottes Wort. 2) Christus 
und die Apostel haben Teufel ausgetrieben, die Apostel haben 



1 Genes. 21, im 3. Tlil. 



30G Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

die Macht dazu gehabt: in der ersten Kirche waren die 
Zeichen und Mirakel nothig, durch den Tod und die Auf- 
erstehung Christi sind sie unnöthig gCM^orden: den Geist und 
die Kraft Wunder zu thun hat jetzt niemand. 3) Der Ge- 
brauch heiliücer Wörter der Exorcisten ist Misbrauch des 
Wortes Gottes, das Gebet der Exorcisten ist siindlich und 
Gott der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen 
Namen misbraucht. 4) Wenn die Exorcisten sagen, dass ihr 
Handwerk oft gelinge, so wird bemerkt, dass Gott zuweilen 
auch durch falsche Lehrer Wunder geschehen lasse zur Strafe 
derer, die Gottes Wort nicht achten und andern zur War- 
nunü'. Der Teufel regiert lieber die Seelen als er den Leil) 
besitzt, darum weicht er aus diesem leichter in der Hoffnung 
jene einzunehmen mit Unglauben und Abgötterei. Darüber 
Luther^: ,,Das ist dem Teufel ein geringes dass er sich lesst 
ausstreiben wenn er will, auch durch einen bösen Buben, 
und doch wol luiaussgetrieben bleibt, sonder eben damit die 
Leute desto stercker besitzet und bestricket mit der schend- 
lichen kriegerey". 5) Die Exorcisten sagen, ihr Thun gereiche 
Gott zur Ehre und dem Nächsten zum Nutzen; aber sie han- 
deln vielmehr wider Gottes Gebot und suchen ihre eigene 
Ehre und weltlich Gut. Kommen Ausspriiche gegen den 
Exorcismus (ausser einigen Stellen aus Kirchenvätern) von 
Luther, Brentius, Bucerus, Wolfgang Musculus, Calvin, 
Bullinger u. a. 

Der zweite Theil des Buches handelt davon, wie man 
mit Besessenen verfahren soll. 

Zunächst hat man sich zu erkundigen, ob es nicht eine 
natürliche Krankheit sei, die für Besessenheit gilt. Ist es 
letztere, so ist sie als zeitlich Kreuz zu betrachten, vom Teufel 
zuofefüoft. Dann müssen wir die Sache Gott befehlen und 
durch tägliches Gebet im Namen Christi, und zwar nicht nur 
durch Privatgebet, sondern durch Fürbitte der ganzen Ge- 
meinde. Nüchtern rauss man beten, aber nicht unter heuch- 
lerischem Fasten, das einen Unterschied der Speisen macht, 
sondern dass das Volk ein züchtig und nüchtern Leben führe, 
das heisst christliches Fasten, wodurch man geschickt wird 
zum heftigen und fleissigen Gebete. 



' Ueber das Evangelium Mattluü. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 397 , 

V. 

Der Zauberteufel, durch Ludovicuni Milichium. Von Zauberei, Wahr- 
sagung, Beschwören, Segen, Aberglauben, Hexerei und mancherlei 
Werken des Teufels u. s. w. 

Kapitel 1. Diejenigen, welche nichts auf Zauberei hal- 
ten, thun recht, es ist aber leichtfertig zu glauben, dass es 
gar keine gebe, denn ihre Existenz beweist die Schrift, 
beweisen die Zeus-nisse der Heiden und wird durch die Er- 
fahrung gezeigt. 

Kapitel 2. Die Zauberei besteht eigentlich darin, dass 
die Menschen eine Creatur Gottes anders gebrauchen und 
eine andere AVirkung darin suchen, als es Gott verordnet hat. 
Dasselbe gilt von Tagen, Wörtern u. a. m. Die Theologen 
unterscheiden Abgötterei von Zauberei, indem bei ersterer 
die Ehre, welche Gott alletn gebührt, einer Creatur zuge- 
wendet wird; eigentlich ist aber Zauberei nichts anderes als 
teuflische Abgötterei, welche Gott verunehrt, da ander- 
wärts als bei Gott Hülfe gesucht wird. Darum ist sie auch 
strafbar. 

Kapitel 3. Die Mannichfaltigkeit der Zauberei. 
Kapitel 4. Der Ursprung der Zauberei liegt in der 
Verderbniss der Natur und Verfinsterung der Vernunft. Wie 
heutzutage der Teufel den Hexen zuweilen in Menschengestalt 
erscheint und mit ihnen einen Bund aufrichtet, so ist es viel- 
leicht schon dem Zoroaster begegnet, und die Zauberei, die 
zuerst in Persien aufgetreten, hat sich dann weiter verbreitet. 
Kapitel 5. Wer sich mit Zaubern abgibt, sucht ent- 
weder zu schaden oder etwas Nützliches auszurichten. 
Der Schade betrifi't den Verstand des Menschen, oder 
dass dieser vom rechten Glauben abgelenkt, das Gemüth 
bezaubert, Hass oder Liebe in unbändiger Weise ange- 
regt wird; es kann aber auch der Leib durch Zauberei ge- 
schwächt, selbst getödtet werden. „Denn diss ist gewiss, dass 
die Hexen etwan tüchlin, haar, fischgräton, spitzige negel und 
andere Materi den Leuten in die Leiber, Köpfle oder Schenkel 
zaubern." Durch Zauberei wird auch Vieh beschädigt, Wetter 
gemacht, die Frucht verderbt. „Lu Zaubern" wird auch 
,,Yiel dieberey begangen. Denn gewiss ist, dass die Hexen 
Milch, Eyer vnd andere Speise stelen". — Der Nutzen, der 
durch Zauberei gesucht wird, ist auch vielfältig. „Etliche 



398 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

wollen sich damit für dem Teufel, für Vngewitter, für Zau- 
berey, für Hawen und Stechen und vilen Vbel bewaren." 
Manche geben vor, sie können Krankheiten an Menschen 
und Thieren heilen, Hunden und Wölfen die Mäuler zubinden, 
Ratten und Mäuse verjagen, im Spiele nicht verlieren, sich 
angenehm machen, grosse Feuer und AVasser dämpfen, sich 
unsichtbar machen. Schätze suchen u. s. w. Manche geben 
vor, dass sie nur zur Belustigung Zauberei lernen inid treiben, 
Gaukler, Spielleute, die aber eigentlich nur durch Behendig- 
keit ihre Stücke vollbringen, aber doch oft mit Zauberei um- 
o-ehen. Man suche übri^-ens in der Zauberei Nutzen, Kurz- 
weil oder was man wolle, so findet man doch nur Schaden, 
Betrübniss, Sünde und Schande und wer sich derlei aber- 
witziger Dino-e befleisst, ist für einen Widersacher Gottes 
und Diener des Teufels zu halten. Denn ^ solche Werke 
kommen vom Teufel, welcher der AVerkmeister aller Zaviberei 
ist, die Substanz dazu hat, da er als Geist im Augenblicke 
von einem Ort zum andern kommen kann; er ist listig 
und erfahren, hat die Begierde den Menschen zu schaden 
und auch die Gewalt dazu, wie die Heilige Schrift be- 
zeugt. 

Kapitel 7. Von zauberischen Mitteln und Ceremonien. 
(Der Verfasser lässt sich in keine Discussion ein.) 

Kapitel 8. Von dem Gebrauche der Worte bei der 
Zauberei. 

Kapitel Ü. Von der Kraft und Wirkung der Worte. 
So gross die Macht des Wortes auch ist, kann man doch 
keine Krankheit damit heilen, man kann mit Worten leben- 
dige Creaturen zur Güte, Barmherzigkeit oder zum Zorn u. dgl. 
anregen; aber leblose Wesen, wie Kräuter, Steine, können 
nicht beweo't werden. Mit Worten tauft man Kinder, man 
kann sie aber nicht zur Zauberei gebrauchen, dasselbe gilt 
vom Vaterunser, dem Johannesevangelium und andern heiligen 
Sprüchen. Wenn durch Christi Worte Wunderwerke ge- 
schehen sind, so ist zu bemerken, dass Christi Worte göttlich 
und die Worte der Menschen sündlich und fleischlich und 
zu zauberischer Wirkung nirgends verordnet sind. 

Kapitel 10. Warum Worte und andere Mittel gebraucht 

1 Kapitel 6. 



1. Lutber's Glaube an den Teufel. 399 

werden. Hier wird bemerkt, dass die Menschen selbst manche 
Mittel erdichten, denen sie eine fremde Kraft zuschreiben, 
die der Aberwitz für wahr annimmt. Manche Mittel sind 
aber vom Teufel erdacht, mit denen nur derjenige etwas aus- 
richtet, der sich dem Teufel ergeben hat. Der Teufel hasst 
Gott und ist dessen Affe, der ihm alles nachmacht, zum Theil 
um seiner und der Gläubigen zu spotten, zum Theil, um die 
Leute von Gott abzuführen und in Irrthum und Verwirrung 
zu stürzen. Wie Gott sein Reich und alles mit seinem ewigen 
Worte erhält, so will auch der Teufel sein Reich und Schel- 
merei mit seinen nichtigen Worten erhalten. Gott will, dass 
wir seinen heiligen Namen in allen Geschäften anrufen, so will 
auch der Teufel zu seinen bösen Sachen angerufen sein. So 
Avie das Evangelium durch die mündliche Predigt ausgebreitet, 
der Leib durch Speise gesättigt werden muss, Gott also 
Mittel gebraucht haben will, so lässt auch der Teufel zur 
Zauberei mancherlei ungewöhnliche Mittel gebrauchen und 
ziert sie mit Worten und Geberden. Dadurch werden die 
Leute mehr zur Zauberei gereizt. Wird durch die Zauber- 
mittel etwas bewirkt, so hat der Zauberer keine Entschul- 
dio-ung, denn obschon es durch den Teufel geschieht, thut 
dieser es nicht um seinetwillen; wirkt die Zauberei nicht, so 
bleibt der Teufel ohne Schuld, diese kommt auf die unrich- 
tige Handhabung des Mittels. 

Kapitel 11. Der Teufel und die Zauberer vermögen 
nur so viel als Gott zulässt, denn Gottes Gewalt geht über 
alles, ihm ist nichts verborgen, was der Teufel und seine Gesellen 
im Sinne haben, es ist Gottes gnädiger Wille sich dem Teufel 
und seinen Werken zu widersetzen, und hat darum seinen 
Sohn in die Welt gesandt. Es haben schon die Heiden die 
Zaubermacht nicht geachtet, um so viel weniger soll der 
Christ sich vor ihr fürchten, sondern sich unter den Schirm 
Gottes geben. 

Kapitel 12. Was für Werke dem Teufel möghch und 
unmöglich sind. Die Werke des Teufels sind entweder nur 
Spuk- und Blendwerke, oder sie sind wirkliche, wahrnehm- 
bare Zeichen, die oft auf natürliche Weise geschehen. Denn 
alles was die Natur vermag, ist auch dem Teufel möglich. 
Unmöglich ist aber dem Teufel etwas zu schaffen, oder etwas 
Geschaffenes zu vermehren oder zu vergrösscrn, oder einem 



400 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

natürlichen Dinge eine neue Gestalt zu geben, menschliche 
Gebrechen zu heilen, Todte auferwecken, zukiinftige Dinge 
vorher zu wissen. Wenn es dem Teufel bisweilen möglich 
wird, übernatiirliche Wunderwerke zu verrichten, so geschehen 
diese nicht durch seine Macht, sondern durch Zulassung und 
Kraft Gottes.' 

Kapitel 13. Gott erlaubt dem Teufel Wunder zu thun: 
damit die Gläubigen einsehen lernen, dass an der Lehre des 
Evangeliums mehr gelegen sei als an Zeichen, weil auch der 
Teufel solche thun kann; damit die Gläubigen geprüft werden 
und Uebung haben ihren Glauben zu offenbaren. 

Kapitel 14. Wenn der Teufel den Gottlosen Schaden 
zufügt, so geschieht dies zu ihrer Strafe, wobei der Teufel 
den Scharfrichter macht. Wenn Gott zulässt, dass der Teufel 
die Frommen angreife, so geschieht es zu ihrer Prüfung. Zu 
bemerken ist aber, dass er diese nicht tödten kann, wol aber 
kann ein Sünder durch Zauberei getödtet werden. Darum 
sollen die Gläubigen im festen Vertrauen auf Gott sich dem 
Teufel widersetzen. 

KajDitel 15. Von der Zauberei, welche (papjj.ax£L'a ge- 
nannt wird; sie ist eine Todsünde. 

Kapitel 1(). Von der ^lor^xdtx; sie ist eitel Blendwerk. 

Kapitel 17. Von den Verwandlungen der Menschen 
und anderer natürlicher Dinge. Diese beruhen auf Einbildung 
der Menschen. 

Kapitel 18. Von den Beschädigungen der Leiber an 
Menschen und Vieh. Hierbei ist alles von der Zulassung 
Gottes abhängig, unter welcher der Teufel auf tausenderlei 
Weise Menschen und Vieh beschädigen kann. 

Kapitel 20. Von dem Milchstehlen. Wird als gewöhn- 
licher Diebstahl der Hexen mittels des Teufels erklärt. 

Kapitel 21. Von dem Hexenfahren in der Luft. Die 
Meinung derjenigen, dass der Teufel die Hexen in schweren 
Schlaf versetze und ihnen derlei im Traum einbilde, ist nicht 
zu strafen, daneben Avird aber zugegeben, dass der Teufel 
mit d(Mi Hexen und Zauberern Versammlungen veranstalte, 
und wenn er sie durch die Luft führt, es unter Gottes 
Zulassung geschehe. Es ist gewiss, dass sie mit ihm im Bünd- 
niss stehen, denn es ist dem Teufel daran gelegen, den Bund 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 401 

bei solchen Versammlungen zu erneuen. Es wird auf Jakob 
Sprenger ^ verwiesen. 

Kapitel 22. Von den Incubis und Succubis. Die Buhl- 
scliaft der Hexen mit dem Teufel wird für möglich gehalten, 
unter Hinweisung auf Augustinus. ^ Ob Kinder vom Teufel 
erzeugt werden können, sollte ein Christ nicht nachgrübeln, 
da solche Spitzfindigkeiten gar nichts fruchten. 

Kapitel 23. Von den Lamiis und Wechselkindern. 
Dass gestohlene Kinder von den Lamiis oder Unholden ge- 
fressen worden, ist ein falscher Wahn. Was die Verwechselung 
der Kinder betrifft, hält der Verfasser dafür, dass der Teufel 
Kinder wegnehmen, andere oder sich selbst in Kindesge- 
stalt hinlegen könne, dass die Augen der Aeltern zuge- 
bunden werden, daher sie ihre Kinder nicht erkennen. 

Kapitel 24. Von denen, welche ihre Söhne und Töchter 
durchs Feuer führen, und Kapitel 25, von den Weissagern, 
sind ohne Bedeutung. 

Kapitel 26. Ob der Teufel künftige Dinge wissen und 
verkünden könne, wiederholt schon früher Gesagtes. 

Kapitel 27. Die Tagwählerei wird verworfen. 

Kapitel 28. Die Astronomie und Astrologie ist eine 
vortreffliche Kunst, die Prognostica der Astrologen sind aber 
nicht unfehlbar, sondern dem Willen Gottes unterworfen. 

Kapitel 29. Die pharisäische Tagwählerei, wonach 
manche Tage heiliger sein sollen , oder gewisse Stunden zum 
Gebete tauglicher gehalten werden, wird verworfen. Dem 
Christen sollen alle Zeiten gleich heilig und gut sein, er soll 
sich jeden Tag und jede Stunde heiligen. 

Kapitel 30- Von den Auguren. Sie werden in der 
Schrift verboten. Wenn die Auguria öfter eingetroffen sind, 
so ist es durch den Teufel geschehen. 

Kapitel 31- Zauberer und Schwarzkünstler gehören in 
eine Zunft, beide machen ihre Sache durch den Teufel, und 
sind Feinde Gottes. 

Kapitel 32. Von den Beschwörern; diese stehen mit 
dem Teufel im Bunde. Das Gebet ist eine demüthige Bitte, 



1 Malleus malef., pars II, cap. 13. 
^ De civ. D., lib. 15, cap. 23. 
Roskoff, Geschichte des Teufels. II. 26 



402 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

wobei die Gewährung im Willen dessen steht, den man bittet. 
Die Beschwörung ist eine trotzige Aufforderung und will 
gewährt sein. Zu den Beschwörungen Gottes rechnet der 
Verfasser: Agnus Dei^ Sanct-Johannes- Evangelium an den 
Hals häno^en , wodurch Gott die Gewährunof abo-enöthifft 
werden soll, Ablassbriefe luid Gebete der Mönche, wo- 
durch Gott beschworen wird. Ebenso verwerflich sind die 
Besprechungen von Dingen, dass sie etwas bewirken sollen, 
als: Kräuter, Salz, Kuchen, Lichter, Wachs u. dgl. weihen. 
Zur dritten Art gehören die Beschwörer des Teufels, dass 
er erscheine, oder der Schlangen, oder die den Teufel 
durch Zauberei austreiben. Ob den Predigern erlaubt sei, 
Teufel auszutreiben? Darauf antwortet der Verfasser: „Dass 
sie darzu nit, sonder Gottes Wort zu predigen vnnd die 
Sakramente ausszutheilen berußen sind." Paidus l'ordert nicht 
von einem Prediger, dass er Teufel austreibe, sondern dass 
er lehrhaft sei, und wenn Christus und die Apostel Teufel 
ausgetrieben haben, so ist es durch ihren besonderu Beruf 
geschehen. Wenn die Prediger heutigentags Christo luid 
den Aposteln alles nachthun sollten, so müssten sie auch 
Todte auferwecken und andere Zeichen thun. 

Kapitel 33. Die Wahrsager um Eath zu fragen, ist 
verboten in der Schrift. Von diesen sind zu unterscheiden 
die Weissagungen der Schrift; zulässig sind die Weissagungen 
aus natürlichen Dingen: aus dem Himmelslauf und den Ge- 
stirnen, aus dem Gewölk, Kometen vuid andern Meteoren, aus 
Bewegungen und Eigenschaften der menschlichen Leiber, der 
Thiere, u. dgl. Aber auch hierbei soll man vorsichtig und 
nicht aberwitzig sein. Die Chiromantie hingegen ist nur für 
eine Zigeunerkunst zu halten. 

Kapitel 34. Die Zeichendeuterei ist Aberglaube, und 
solcher Aberglaube ist zauberisch, der Ordnung Gottes zu- 
wider, daher in der Schrift verdammt. 

Kapitel 35. Traumauslegung gründet sich auf Aber- 
glauben. Träume , die von der natürlichen Beschaffenheit des 
Menschen abhängen, sind ohne Bedeutung. Nur göttliche 
Träume, die von Gott kommen, sind glaubwürdig. Teuflische 
Träume hat der Teufel vor Zeiten in den Heiden, und in un- 
sern Tagen in den Ungläubigen und Gottlosen bewirkt. Nur 
auf die göttlichen Trämne, „welche langsam vnd sehr wenigen 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 403 

fiirkommen", soll ein Gläubiger halten, das übrige Trnnm- 
werk soll er sich ans dem Sinn schlagen nnd mit dem Teufel 
fiir Eitelkeit halten. 

Kapitel oG. Alle Art von Nekromantie ist verdammt, 
sowie auch die, welche ,,in derMattheis-Nacht Sanct-Mattheissen 
nm Rath fragen", oder welche anf Sanct-Andreastag sich 
segnen in des Teufels Namen, damit ihnen ihr eigen Ge- 
spenst oder Geist erscheine. Es ist lanter „verlornes nichts 
sollendes Teufielswerk". 

Kapitel 37. Von den Schatzgräbern. Schatzgraben ist 
voll Sünde nnd gefährlich. Denn Schätze werden vergraben 
von solchen, die das Geld für ihren Abgott halten, oder aus 
teuflischer Abgunst, die das Geld keinem andern gönnt, oder 
den Erben stiehlt, den Armen nicht helfen will. Es ist bei 
alledem zu vermuthen, dass diese Schätze der Teufel in Ver- 
wahrung halte, daher bei dem Schatzgraben gewöhnlich 
Teufelsspuk vorkommen soll und manche Leute daliei gar 
getödtet werden. Das Schatzgraben ist mit Gefahr verbun- 
den und gegen Gottes Gebote, seine Vorsehung, seine Güte 
und Verheissung. Die Schatzgräber sündigen auch gegen 
ihren Beruf, da sie in Gottesfurcht durch Arbeit ihre Nah- 
rung erwerben sollten, ebenso gegen die Taufe, wo sie dem 
Teufel und seinen Werken abgeschworen haben, und ihnen 
doch wieder verfallen sind. 

Kapitel 38. Wie man wider die Zauberei predigen 
soll. Obschon etliche „naseweise Prädicanten" meinen, man 
solle nicht viel über Zauberei predigen, da doch nicht jeder 
wisse, was sie sei und ob sie sei, und die Leute erst darauf 
hingelenkt würden, so hält es der Verfasser doch für nöthig, 
dass der Prediger die Zauberei mit ihrem ganzen Apparate 
fleissig erkläre, damit die Leute lernen, was Zauberei und wie 
mannichfaltig sie sei, und wie damit wider Gott gesündigt 
werde. Alle Zauberei besteht, wie schon gelehrt worden, in 
Bündnissen des Teufels, in Wahrsagerei und im Aber- 
glauben. Im Bündniss mit dem Teufel sind alle Schwarz- 
künstler, Beschwörer, Zauberer, Hexen, Milchdiebe, Wetter- 
macherinnen und solches Gesindel mehr. Diesen muss ge- 
predigt werden von den Werken des Teufels und seiner Ge- 
walt, die aber ohne Gottes Zulassung nichts vermag, lieber 
die Wahrsager muss man das Volk unterrichten, da es ihnen 

26* 



404 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Gescliichte des Teufels. 

zu viel zugibt, man soll den Unterschied der göttlichen natiu-- 
lichen luul teuflischen zauberischen Weissafjuuiien erklären- 
Den Aberglauben zu strafen erfordert aber viel Vorsicht. 
Ueber den Aberglauben, der in Worten besteht, hat der Pre- 
diger das Volk zu unterrichten und auf den Misbrauch auf- 
merksam zu machen. Den Aberglauben in Bezug auf leib- 
liche Mittel, z. B. Weihwasser, Kerzenwachs, Kräuter, 
Agnus -Dei, Glockengeläute u. dgl. hat der Prediger mit 
Vorsicht zu bekämpfen und es nicht gar zu genau damit zu 
nehmen, und soll alles mit Bescheidenheit thun, die Umstände 
und die Personen berücksichtigen. 

Kapitel 39. Dass die Obrigkeit der Zauberei wehren 
soll, lehrt die Schrift. x\m Leben sind zu strafen alle, die 
mit dem Teufel im Biindniss stehen, sie mögen Zauberer, 
Schwarzkünstler, Beschwörer, Wahrsager, Hexen, Nekro- 
inanten oder wie immer heissen. Mose sagt: „Die Zauberer 
sollt ihr nicht leben lassen", damit ist angezeigt, dass man 
Feuer oder Schwert oder auch andere Wafien oebrauchen 
könne. Die Obrigkeit hat aber zu sehen, dass sie selbst keine 
Zauberei gebrauche oder brauchen lasse, um deu Greuel nicht 
zu fördern. Wenn man die Hexen in Bütten oder Fässer 
setzt, sie auf Wagen bindet, damit sie die Erde nicht berühren, 
so ist dies „eine zauberische Fantasey vnd kompt von nie- 
mand denn von dem Teufel, welcher gern machen wolt, dass 
sich jederman für den Zauberinnen förchten solt". Daher 
findet der Verfasser den Scharfrichter zu loben, der neulich 
in einer Stadt eine verurtheilte Hexe auf der Erde bis zum 
Rabenstein führte, wo er sie vom Teufel ungehindert zu 
Asche verbrannte. — Mit Geldstrafe zu belegen oder mit 
Gefängniss oder -Exil zu bestrafen sind alle, welche Wahr- 
sagern oder Zeichendeutern nachlaufen, sowie die den Aber- 
glauben öfi'eutlich vertheidigen. Der Verfasser erinnert an 
die ungetreuen Hebammen, welche zauberische Werke för- 
dern, er lenkt auch die Aufmerksamkeit der Obrigkeit auf 
die Spieler, die durch Zauberei gewinnen oder verlieren kön- 
nen, und diejenigen, welche mit Teufelskünsten das Geschütz 
beschwören, dass. sie trefl'en wen sie wollen, oder dass der 
Schuss des andern fehle. Denn es geschieht sehr viel Zau- 
berei, die unbemerkt hingeht und vom Haufen als herrliche 
Kunst gepriesen wird; von den Regenten aber, die ihrem 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 405 

Amte getreulich nachkommen, nicht geduldet werden soll. 
Privatpersonen sollen dem Teufel fest widerstehen im Glau- 
ben, die Anfechtung des Teufels mit christlicher Geduld über- 
winden. Wenn einer oder sein Gesind oder Vieh am Leibe 
beschädigt Avird, soll er natiirliche Arznei anwenden; kann 
er die Hexe, die solches gethan, überweisen, soll er sie bei 
der Obrigkeit belangen. Wenn aber etliche am Tage Philippi 
Jacobi vor Sonnenaufgang Stöcke und Ruthen unter beson- 
dern Ceremonien holen und an einem bestimmten Tage des 
Morgens ins Teufels Namen aufstehen und alles, was sie thun, 
als des Teufels Walten betrachten und danach schlagen, um 
den Teufel oder die Hexe zu treifen u. dgl., so ist dies ein 
Greuel, und die solches thun, sind der Schläge oder des 
Feuers mehr wertli als die Hexen. Hierher gehören auch die 
Künstler, die abwesend den Leuten die Augen ausschlagen, 
indem sie auch den Teufel zu ihrem Bundesgenossen haben. 

VI. 

Der Flucliteufel. Wider das unchristliclie , erschreckliche und grausame 
Fluchen und Gotteslästern. Eine Vermahnung und Warnung. 

Der Verfasser klagt über die Bosheit der Welt, die 
aufs höchste gestiegen. Bei jedem ist fast das dritte oder 
vierte Wort eine Gotteslästerung, wobei die Kinder aufwach- 
sen, denen das Fluchen bald geläufiger wird als die Artikel 
des Glaubens. Die Gotteslästerung ist eine Sünde und grosse 
Verschmähung des grossen Werks und Geheimnisses der 
Menschwerdung des Sohnes Gottes. Darum hat sich auch 
der Satan vom Anfang an gegen die Vereinigung der zwei 
Naturen in einer Person aufgelehnt, und hat keine Ruhe ge- 
creben, bis er den Messias ans Kreuz und vom Kreuze ins 
Grab gebracht hat. Nachdem aber die Kirche und das ganze 
Reich Christi auf der Vereinigung der zwei Naturen in einer 
Person gegründet ist und auf diesem Bekenntniss besteht, so 
ist es dem Teufel auch um dieses Bekenntniss zu thun, und er 
setzt alles daran, dies Fundament zu fällen und sein eigenes 
Reich auszubreiten. Da Gott aus Liebe zur Welt seinen 
eigenen Sohn zu uns herabgesandt, der sich mit unscrm 
Fleisch und Blut vereinigt hat und Mensch worden ist blos 
darum, dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen u.s. w., 
so mögen die Gotteslästerer bedenken, ob sie sich nicht schmäh- 



406 Vierter Absclinitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

lieber an dem Sohne Gottes vergreifen, als es von irgend- 
welchen Ketzern, Rotten und Sekten geschehen sein mag. 
Die Gotteslästerung ist auch eine Siuide wider das Werk 
unserer Erlösung durch das Leiden und Sterben unsers Herrn 
Jesu, den die Gotteslästerer schmählicher martern und morden, 
als die Kriegsknechte zu Jerusalem gethan haben. Auch 
gegen das Erlösungswerk hat sich der Satan aufgelehnt, in- 
dem er es durch Misverstand und Ketzerei zunichte und 
unfruchtbar zu machen suchte. — Die Gotteslästerung ist eine 
Si'inde wider das ganze Amt des Heiligen Geistes und wider 
den dritten Artikel unseres christlichen Glaul^ens. Sie ist 
eine Sünde gegen die heilige Taufe, indem die Gotteslästerer 
an Gott, dem sie sich in der Taufe zugesagt haben, mein- 
eidio; werden. Sie ist eine Sünde wider das hochwürdiffc 
Sakrament des Leibes und Blutes unsers lieben Herrn Jesu 
Christi. 

VII. 

Der Tanzteufel. Wider den leichtfertigen, unverschämten Welttauz und 
die ehrvergessenen Nachttänze, durch Florianum Daulen von Für- 
stenherg. 

Der Verfasser klagt darüber, dass mehr AVirthshäuser 
als Kirchen gebaut werden. Die Ursache davon ist die Ver- 
achtung des Wortes Gottes. Auch hat der Geizteufel über- 
hand genommen, wo jeder Geld zusammentreibt und von den 
Wirthshäusern Gewinn zu erreichen sucht. In den Wirths- 
häusern wird vornehmlich dem Teufel sein Dienst mit arar- 
stigen Tänzen dargebracht. Die Wirthshäuser, ursprünglich 
zur Aufiiahme Fremder errichtet, werden misbraucht, Spieler, 
Säufer, Tänzer plagen die fremden Gäste durch Lärmen, 
Tanzen und Springen, je mehr dagegen gepredigt wird, desto 
ärger werden die Tänze tief in die Nacht fortgesetzt. Wenn 
die Obrigkeit Massregeln dagegen ergreifen will, so rennen 
die Wirthe luid schreien über Schmälerung ihres Verdienstes, 
beschenken den Miethsherrn oder die Miethsfrau, dass sie 
ihnen zu Gefallen thun. Zuweilen sind die Pfarrherren selbst 
lässig und lassen ihre Töchter oder ihr Gesinde an den 
Tänzen theUnehmen; sind aber die Pfarrherren treu und 
strenge, so geht das Lästern los. An manchen Orten herrscht 
der Brauch, dass die Mägde erst am Abend zum Tanze 
laufen, welcher teuflische Tanz nicht geduldet werden soll. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 407 

Mütter führen ihre Töchter wol selbst zum Tanz, und freuen 
sich, wenn diese recht herumgeschwungen werden, es gibt 
auch Mütter, die meinen, ihre Töchter würden ohne Tanz 
keinen Mann bekommen. Auch Witwen sind so toll wie 
junge Mägdlein, lieber viele Arbeit wird geklagt, aber nimmer 
über den Tanz. Dies alles bewirket der leidige Tanzteufel, 
dem sie dienen. Dieser verleitet die Söhne und Mägde zur 
Putzsucht, um beim Tanze schönstens zu erscheinen, die Dienst- 
boten werden hofi'ärtig und wollen es nachmachen, fordern 
grossen Lohn. Ermahnungen an Knechte, Mägde, Prediger. 
Ermahnung wider den Tanzteufel. Erinnerung, dass man in 
der Taufe durch die Pathen dem Teufel abgesagt hat und 
allen seinen AVerken und Wesen. 

vni. 

Gesiudeteufel, von M. Peter Glaser, Prediger zu Dresden. 
Der Teufel bildet dem Gesinde die Siissigkeit des Miissig- 
gangs und der Freiheit ein, dieses sollte aber l^edenken, dass 
Müssiggang sündhaft ist. Der Müssiggang ist nicht nur 
an sich Sünde, er verleitet auch zu allerlei Sünden. Darum 
ist dem Teufel wol bei einem Müssiggänger, weil er ihn eher 
als einen Arbeitsamen zu Sünden bringen kann. Dem Fleis- 
sigen wird in der Schrift der Segen Gottes verheissen, der 
Müssiggänger mit dem Fluche Gottes bedrohet. Der Müssig- 
gänger wird von allen ehrlichen Christen verachtet. Der Teufel 
überredet das Gesinde, welches dienen muss oder will, dass 
es lieber bei Gottlosen diene, und bildet ihm ein, dass es mehr 
Gewinn davon habe. Wenn das Gesinde sich zum Dienste 
versprochen hat, treibt es der Teufel an, dass es wieder auf- 
kündige, oder wenn es schon im Dienste ist, nicht bleiben 
solle, und wenn es im Dienste bleibt, diesen nicht ordentlich 
versehe. Der Teufel hetzt die Dienstboten gegen ihre Herr- 
schaft auf. 

IX. 

Der Jagdteufel. Durch M. Cyriac. Spangenberg. 
Das Jagen soll in Gottesfurcht, ohne Gotteslästerung ge- 
schehen, ohne andern Leuten zu schaden, ohne Nachtheil des 
Ackerbaus, es soll nicht Ursache zum Krieg geben, sondern 
zu unvermeidlichem Krieg tüchtig machen, es soll zur Er- 



40f> Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

quickung des Gemüths dienen u. s. f. Es gibt auch ein gott- 
loses, unchristliches Jagen, wenn Gotteslästerung dabei ge- 
schieht, arme Unterthanen unterdrückt, deren Aecker verwüstet 
werden. Besonders wird an den Jägern getadelt, wenn sie 
der Jagd wegen die Predigt versäumen, wenn sie unmensch- 
lich wüthen u. dgl. Die Jagden sind nicht nur mit Gefahr 
verbunden, es haben sich oft manche Schändlichkeiten dabei 
zugetragen, sind Ursache von mancherlei Uebel, veranlassen 
grosse Unkosten. Die wahre Jagd des Christenmenschen soll 
sein nach Gerechtigkeit, Gottseligkeit, dem Glauben, der Liebe, 
Geduld und Sanftmuth, „das soll unser VVildpret sein und 
solchs heisst ein rechte Christliche geistliche jagt." 

X. 

Wider den Saufteufel. Von M. Matth. Friedrich zu Görentz. 

Die Menschen sollen sich vor dem Saufen hüten, denn es 
ist wider Gottes Gebot, und wird Gott die Säufer zeitlich und 
ewig strafen. Wir sind keinen Augenblick vor dem Tode 
sicher und kein Trunkenbold wird in den Himmel kommen. 
Durch Saufen wird der Mensch zum unverständio-en Narren, 
es ist auch Ursache von allerlei Sünden, bringt Schaden an 
Ehre, Leib und Gut. Aus diesen Gründen ist das teuflische 
Laster zu meiden. 

In dem beigefügten: „Des hellischen Satans vnd der 
Stende seines Reichs Sendbrieff an die Zutrincker", ist 
die Aufforderung gegeben, sich vom Brauche des Zutrinkens 
nicht abwendig machen zu lassen durch das Vorgeben , dass 
solches ewige Pein bringe, auch nicht durch das Edict, das 
der römische Kaiser Maximilian ergehen Hess, sich nicht zu 
kümmern um das Predigen wider das Zutrinken. 

Hierauf folgt eine „Instruction des Satans" wie die ge- 
übten Zutrinker andere dazu bewegen sollen. — Beide Schrift- 
stücke haben einen humoristischen Anflug. 

XI. 

Vom Eheteufel, durch M. Andr. Musculum. 
„Ein sehr nützliches Büchlein, wie man den heimlichen 
Listen, damit sich der leydige Satan wider die Ehestifftung 
aufflehnet, auss Gottes Wort begegnen vnd den Ehestandt 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 409 

Christlich anfahen, friedlich dariun leben vnd glücklieh voll- 
enden möge." 

Hierin wird gezeigt, wie nach der Weltschöpfung der 
Ehestand von Gott gestiftet worden und wie Gott seinen „Rath- 
schlag" den Menschen eingepflanzet, der Satan aber, nun Got- 
tes abgesagter Feind, aus Neid mit seinen Genossen auch zu 
Rathe gegangen, den göttlichen Rathschlag zunichte zu machen, 
damit sich jeder vor der Ehe hüte und zur unordentlichen 
Vermischung greife. Wie der Eheteufel den Rathschlag Got- 
tes verwirrt oder den Menschen gar aus den Herzen reisst, 
das erfahren wir an den Mönchen und Nonnen und aus 
vielen Historien. Der Eheteufel stört die Ehe durch Unfriede, 
verleitet zum Ehebruch, er stiftet unpassende Ehen, wobei auf 
Geld u. dgl. gesehen wird, gibt den Weibern das Regiment 
in die Hand, bewirkt, dass das Weib das Haus und die Kin- 
der vernachlässigt und der Mann dem Weine nachgeht. 

XH. 

Wider den Hurenteufel, durch Andr. Hoppenrod. 

Die vornehniste Ursache aller Sünde und Schande und 
namentlich der Unzucht und Hurerei ist der Satan, denn er 
ist ein unreiner und unflätiger Geist. Er gebraucht mancher- 
lei Mittel. Er nimmt den Menschen Gottes Gebote aus den 
Herzen oder verkehrt sie wenigstens, er bildet die Schönheit 
einer Person ein, reizt durch Geld und Gut, dringt auf die 
Wollust des Leibes, blendet die Menschen mit Geheimhal- 
tung u. dgl. Die zweite Ursache der Unzucht liegt in der Natur 
des Menschen, in der Yerderbtheit des Verstandes und des 
Herzens. Unsere böse Natur wird aber nur gebessert durch 
den heiligen Geist, der nur denen gegeben wird, die Gottes 
Wort hören. Die dritte Ursache ist die böse Kinderzucht, 
wo die Aeltern allen Muthwillen der Kinder gestatten. Die 
vierte Ursache ist die Nachlässigkeit, der Herrschaft in dem 
Haushalte und in Bezug auf das Gesinde. Die fünfte Ursache, 
dass Mann oder Weib das Aufsehen vermeiden wollen. Die 
sechste Ursache ist die Nachlässigkeit der Obrigkeit, dass sie 
nicht straft. Ferner: böse Gesellschaft, unzüchtige Oerter, 
Nachttänze, helfen auch die Schelmerei anstiften. 

Im andern Theile wird gezeigt, warum solche Sünde und 
die Anreizuuo^ dazu vermieden werden soll. 



410 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

xin. 

Der Geiz- und Wucherteufel, durch Albertum von Blankenberg. 
Nach einer langen Reihe von Sprüchen aus dem A. und 
N. T. , die auf Geiz und Wucher Bezug haben, schliesst der 
Verfasser mit einem Vergleiche seiner Zeit mit der unter den 
Propheten bei den Juden. Die Liebe ist erkaltet, Niemand 
hilft den Armen, Geiz und Wucher hat die Menschen einge- 
nommen. Christus hat befohlen, umsonst zu leihen, aber die 
vermeinten christlichen Junker und Wucherer achten seines 
Wortes nicht, sondern werden aus Christen natürliche Juden. 

XIV. 

Der Schrapteufel. Von Ludwig Milichius. 
Erster Theil. Was man der Obrigkeit schiddig ist. Zwei- 
ter Theil. In welchen Dingen die Obrigkeit sträflich ist, wenn 
sie gegen die Unterthanen zu viel tlmt. Wird die Verschwen- 
dung der Grossen nach Einzelheiten dargestellt. Dritter Theil. 
Was die aufgezählten „Beschwerungen und Schraperey bey 
dem Volck aussrichten." Vierter Theih Was die Schrift der 
„Schinderey und den Schrap-hansen" für Namen gibt. Fiinf- 
ter Theil. Wie sich Gott der armen Unterthanen annimmt. 
Sechster Theil. Wie Gott die Herrschaften, die ihren Unter- 
thanen so schwere Bürden aufladen, hart bestraft. Siebenter 
Theil. Durch welche Sünden das Volk die Schraperei und die 
vielen Beschwerden verdient, und den Zorn Gottes auf sich 
ladet. 

XV. 

Der Faulteufel. Wider das Laster des Müssiggangs, durch Joachim West- 
phalum. 

Der Verfasser unterscheidet nach dem Vorgange des Jo- 
hann Brcntius einen doppelten Müssiggang, einen ehrlichen, 
dem sich ehrliche fromme Leute überlassen, nachdem sie fleissig 
gewesen sind, und einen schändlichen, dem sich die faulen zur 
fleischlichen Wollust ergeben. Erster ist nicht nur erlaubt, 
Gott gebietet ihn sogar in dem Gebote vom Feiertag. Wenn 
wir im Herzen Jesum Christum feiern, sind wir nicht miissig. 
Der faule Müssiggänger hingegen misbraucht die Ruhe, er 
sucht nur Wollust. Den faulen Müssiggang müssen wir mei- 
den, denn er ist Avider Gottes Gebot und bringt daher man- 
cherlei Schaden. Er schadet der Seele, indem er eine Sünde 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 411 

ist, entzündet stets die Lust zur Scliwelgerei. Er schadet auch 
dem Leibe. Er bi-in2:t ferner Schande und führt zu andern 
Lastern und zu Armuth. 

XVI. 

Wider den Hoffartsteufel, durch Joachim Westphalum und M. Cyriacum 
Spangenberg. 

Es ist ein altes SprichAvort: dass das gute Beine sein 
miissen, die gute Tage ertragen können. Denn wenn dem 
Esel zu -svohl ist, geht er auf's Eis tanzen. So gehet es auch 
mit den Menschen. Bei uns stolziert nun auch der Hoffiirts- 
teufel, der aus AVelschland und Frankreich zu uns heriiberge- 
kommen ist. Es kommt aber der Hoffartsteufel nicht allein 
und nicht verborgen, sondern lässt sich mit seinen AVerken 
sehen. Diese sind Verachtung, Verfolgung und Misbrauch 
des göttlichen "Worts, Eigennutz, "Wucher, Geiz, Hader, Krieg 
und Mord. Darauf ist Gottes ernstliche Strafe zu erwarten. 
Der Hoffartsteufel ist ein stolzer höhnischer Geist, der alles 
leicht verspottet. Definition des Stolzes; — vom geistlichen und 
weltlichen Stolz. — Aller Stolz und alle Hoffiirt kommt ur- 
sprünglich vom Teufel, der selbst aus Hofiart gefallen ist, und 
als er sich über und wider den Sohn Gottes erhoben hat, aus 
dem Himmel gestossen worden ist. Nachdem der Satan die 
Hoffart den ersten Aelteru eingeträufelt hat, sind wir darin 
empfangen und geboren und wird uns in der Geburt angeerbt, 
daher sich die Hofiart in allen Menschen regt. Es ist aber 
Schande dem Teufel als dem Feinde Gottes und Stifter alles 
Bösen zu folgen, daher man den Stolz meiden soll, und auch, 
weil aus dem Stolze viele andere Siinden und Laster entstehen. 
Diese führt der Verfasser als Aeste und Zvveioe an, die aus 
dem Baume „Hoffart" hervor wachsen. Der Stolz ist ferner 
zu meiden, weil ihn Gott hasst, daher er in der Heiligen Schrift 
mit vielen hässlichen Namen belegt wird. Der Verfasser führt 
eine Eeihe von Wahrzeichen der Hoffart an und erörtert na- 
mentlich die verschwenderische Kleiderpracht, sowol der Män- 
ner als der Weiber, das Schminken, er spricht von der leicht- 
fertigen „Vnbesteudigkeyt der Kleidung" u. dgl. m. Weil die 
Hoffart und der Stolz ein Gift des Teufels ist, womit er die 
Menschen vergiftet und zum ewigen Tod führt, ist es nöthig 
eine Arznei dagegen zu suchen, diese ist; der Herr Jesus 



412 Vierler Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

Christ durch den Mund des Glaubensgenossen, Demuth, die 
Erinnerung an die Kürze des Lebens etc. 

XVII. 

Vom zuhiderten, zucht vnd ehrerwegenen, pluderichtcn Hosenteuffel, Ver- 
nianung vnd Warnung. Durch D. Andream Musculum. 

Der Si\nde Sold ist nicht allein der Tod, sondern alles 
Ungliick iiberhaupt, und Gott lässt neben der Sünde auch 
seinen Zorn und seine Strafe wachsen. In der letzten Zeit ist 
die Siinde aufs höchste gestiegen und darum auch das allge- 
meine Elend. Der Verfasser findet es nöthig, die Ursache 
aufzudecken, und beschränkt sich allein auf den „Hosenteufel", 
der sich in seinen Tagen erst aus der Hölle begeben, luid den 
jungen Gesellen in die Hosen gefahren ist. Die Pluderhosen 
geben Anlass zur Unkeuschheit, und sind gegen Gottes Ord- 
nung, sind gegen die heilige Taufe, wider das vierte Gebot, 
wider Gebrauch und Recht aller Völker auf Erden, wider un- 
sere Religion, wider das Ebenbild Gottes, danach der Mensch 
geschaffen ist, wider die Wolfahrt der deutschen Nation. 

XVIII. 

Der Spielteufel. Durch H. Eustachium Schilde. 
Ist „ein gemein ausschreiben", das die Spieler Briidcr- 
schaft ergehen lässt. Der Spielteufel, der sie beschützt 
und vom Fürsten dieser Welt ausgesandt worden, ist ihr 
Abgott, und werden durch das Ausschreiben diejenigen auf- 
gefordert, die sich unter seinem Schutze in den Orden auf- 
nehmen lassen wollen. Das wüste Leben der Spieler wird 
geschildert; ihr Oberster ist „der Spielteufel", zu dem sich 
der „Frass- vuid Saufteufel" gesellt, und auch der „Possen- 
reisser und Lachteufel" bleibt nicht aus, und heimlich schleicht 
der „Sauwrteuffel" herbei, wenn sie verspielen, dazu konunt 
der „Haderteufel", „der Schwerenteuffel", der zum Schwören 
anreizt, „der Nächtteuffel", der nicht zur rechten Zeit heim- 
gehen lässt; „der Lügenteufel", zuletzt „der grobe Vnflat", 
der das Spiel zerstört. 

XIX. 

Der Hoftcuftcl. Das sechste Kapitel Daniclis, den Gottesfürchtigen zu 
trost, den Gottlosen zur Warnung, Spielwciss gestcllot, vnd in Reimen 
verfasset, durch Joh. Chryseum. 
Nach damaligem Brauche der Dramendichter schickt der 



1. Luthers Glaube an den Teufel. 413 

Verfasser seinem fünfactigen Drama eine Vorrede voraus, wo- 
rin er den Inhalt sowol als auch woher er diesen entlehnt 
hat, anzeigt. 

Vud ist der Titel darumb worden genannt 
Hofteuffel, dieweil hie wirt erkannt, 
Auss Daniel was macht vus krafft 
Der Teuffl zu weiln zu Hof auch hat. 



Weil es denn zwar thut fehlen nicht 
Zu vnsern Zeiten ist diess Geschieht, 
In Rlieim verfasst, Spielweiss gemacht, 
Den frommen Leutn zu trost erdacht. 

Er schliesst seinen Prolog mit dem üblichen Zuruf an die 
Zuschauer: 

Jetzt wollt still sein Tud hören an, 
Was disr wil bringen auff die ban. 

Personen : 
Darius, der König. Hanania, , 

Josaphat, der Kantzier. Misael, ( Daniels Freunde. 

Aspennas, Kämmerer. Asaria, ) 

Heroldt. Hofteuffel. 

Zwei Trabanten. Oncogenes, ein Cardinal. 

Lakay. Licinius, ein gewaltiger Fürst. 

Henger oder Profoss. Cambyses, ein Fürst. 

Narr. Pyromachus, ein Bischoff. 

Daniel. Hybristes, Pyromachi Diener. 

Sibilla, Daniels Weib. Blepsidemus, ein Kundschaffter. 

Balomon, \ Dystyges, | zween bedrängte 

Joseph, [ Daniels Kinder. Baripemon, \ Menner. 

Ben Jamin, ' 

Der Anachronismus, der aus der Personenliste in die 
xVugen springt, wonach am Hofe des Königs Darius ein römisch- 
katholischer Cardinal und ein Bischof erscheinen, ist weniger 
als poetische Licenz, sondern vielmehr aus der Tendenz des 
protestantischen Verfassers zu erklären, und zeigt sich diese 
im Verlaufe des Stücks aus deren Zusammenwirken mit dem 
Hofteufel. 

Im ersten Act tritt Blepsidemus auf mit der Bemerkung, 
dass in der jetzigen Zeit Lug und Trug im Schwange seien, 
nicht nur unter den gemeinen Leuten, sondern noch mehr bei 
den grossen Herrn 

Bey Bischöflen und Cardinäln, 

Die vns der Römisch Hof thut wehin. 



414 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

Sie wüllen.s wol uioht fierne hau, 
Das man viel sagn thu davon. 

Er habe neulich zwei Männer belauscht und sei dahinter 

gekommen, dass gegen Daniel, obschon er ein redlicher Mann, 

im Geheimen Ränke geschmiedet Avürden, lun ihn um die Gunst 

des Königs und das ihm A'crliehene Amt zu bringen, und dabei 

sei wunderlich, dass dieselben Ränkeschmiede 

Sie jm soind vutr angn so gut, 

Ihr keinr für jbm der gleicbeu tliut, 

Ist als lieber Oheim, Vetter vnd Freund, 

Vnd seind jm doch im licrtzcu feiud. 

Die Freunde Daniel's, Hanania und Misael, kommen erfreut 

mit der Neuigkeit: 

Wie das der König wüU bestellu, 
Zu einem Statthalter den Danielu, 
All Vogt vnd Fürsten in gemein, 
Die solin jm vnderthenig sein. 

Nun begreift Blcpsidemus die Ursache der Schelsucht 

jener zwei grossen Herren gegen Daniel und theilt dessen 

Freunden seine Erfahrung mit, mit der Aufforderung, die zwei 

Belauschten zu errathen. Worauf Hanania: 

Gut Römisch sinds das merck ich wol, 

Ich glaub Cambjses sei der ein, 

Der ander wirt Chereljcus sein. 

Misael räth auf Lianius und Achocolas. Blephidemus 

wundert sich, dass beide fehlrathen, und entwirft nun eine 

Schilderung der zwei geheimen Feinde Daniel's als Heuchler 

und Wolliistlinge, wovon dereine „ein geistlich Mann", nennt 

aber nicht ihre Namen. Hanania und Misael hoffen, dass Gott 

dem Daniel helfen werde, und Blepsidemus empfiehlt ihnen, 

auf der Hut zu sein und diese auch dem Daniel anzurathen. 

Misael und Hanania wollen um so inbrünstiger zu Gott flehen 

Dass er zurück jr anschleg treib. 
Der König in seim fürsatz bleib, 
Und wöllu jetzt von stunden au, 
Zu Daniel als bald hingan, 
Im anzuzeigen, wie es sey gestalt. 

Den zweiten Act eröffnet der Auftritt des Hofteufels mit 
der Erörterung seines Charakters. 

„Wie seit jr so? vielleicht nicht wist, 
Was mein gevverb vnd namen ist, 
Der Hofteuffel so bin ich genannt, 
Vnd komm jetzt her aus Perserland, 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 415 

Wil ich auch weiter anzeigen dabey, 

Was mein gewerb zu Hofe sey. 

All Vnglück rieht ich da au, 

Wo ichs zu wegn uur bringen kau. 

Zum ersten so rieht ichs dahiu, 

Wie ich denn dess ein Meister bin, 

Das König, Fürsten sicher lehn, 

Aufi" Gottes Wort vnd straif nichts gebn, 

Darnach so schick ichs wie ich kau, 

Das sies für Ketzerey auch hau. 

So ichs dahin nur hab gebracht, 

Meiner sach ist schon ein grund gemacht. 

Darnach so thu ichs weiter treibn. 

Das keiner thu mit dem andern bleibn 

Zu lang in frid vnd einigkeit. 

Ob es gleich kost jr Land vnd Leut, 

Mein lust vnd freud hab ich daran, 

Hetz nur zu hauff, nur wo ich kan. 

Gieng es recht zu es wer mir leid, 

Abr wie gesagt, ist das mein freid. 

Wenn ichs fein in ander meng, 

Diss nach der zwerch, Jens nach der leng, 

Indess vergessen sie fein Gott, 

Wer sie wolt straffn, müsst sein bald tod, 

Ist als für mich vnd dünkt mich gut, 

Wenn man die hend fein wescht in Blut. 

Wil jemand mir entgegen sein, 

Nicht leben nach dem willen mein. 

Ich jm an all hertzen plag, 

Lass jm zu Hof kein guten tag. 

Er sey gleich Amptmann oder Rath, 

Kein frid, kein rhu er für mir hat u. s. f. 



Ja so ich euch alls sagen sol. 
Eins halben jars bedürfft ich wol, 
Ich hab auch hie nicht lang zu stan. 
Das ist aber doch die Summ davon. 



Was jetzt auch mein gewerbe ist, 
Solt jr erfahru in kurzer frist, 
Werd sehn was ich vermag vnd kau, 
Wider die so mir entgegen stan, 
Wil jn erzeigen mein gnad vnd gunst, 
Hab mich jetzt warlich nicht vmbsunst, 
Verkleidet in mein Münches kapn, 
Hat ofl't gemacht gross Herrn zu lapn, 
Weil maus für grosse Heiligkeit 
Gehalten hat, einr schwur eyd, 



41G Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

Ich ^ver doch ein gantz iVommer Mann, 

Keiur kennt mich nicht, er schaw denn au 

Mein füss, bin doch recht fein bekleidt, 

Wiewol es bringen sei gross leidt 

Dem Daniel, ist mir gewesn 

Sehi" schedlich, sol nicht lenger gnesn, 

Er hat mir abgewandt gar viel, 

Seins bluts ich mich ergetzen wil, 

Bin zorus voll, hab schaden erlittn 

In Persien, da ich gestrittn 

Jetzt hab mit Gabriel, möcht wol 

Vor zorn zuspringen, Doch keiner sol 

Verzagen drumb so gar vud gantz, 

Ob er einmal versieht die schantz, 

Hah ich nun gleich jetzund verlorn, 

Gilt wider gelten, wil meinen zorn 

Am Daniel auslassen frey, 

Was gilts? Wer sind aber jene drey? 

Ist nichts für mich, muss gehn, hab zeit, 

Denn mir an jener sach viel leidt. 

Assaria, Hanania und Misael treten auf, sie finden es 
erklärlich, wenn dem Daniel an einem so schweren Regie- 
rungsamte nichts gelegen sei in dieser Zeit, namentlich wie 
Hanania sagt: 

Voraus wenn man Avill greiften an 

Die grossen Herrn die recht wölln han. 

Als Bischöff, Cardinal der gleich, 

Die höhen grossen Füi'stn im Reuch u. s. w. 

Darum f iigt Misael hinzu, sage Daniel selbst, er wollte seines 
jetzigen Amtes gern ledig werden und es einem andern gönnen, 
Denn Herrn gunst wert nicht allzeit. 
Der grösste lohn ist hass und neid, 
Solchs er bey jm betrachtet hat. 
Er weiss was danks ein frommer Raht 
Zu Hof erlaugt mit fleiss vud trew, 
Ist wunder nicht, hat er gleich schew. 

Ihre Unterredung schliessen sie mit der frommen Hoflfnung: 

Doch ist wii'derumb auch offenbar 
Das Gott die frommen helt in hut. 
Ihn widr die bösen beystaud thut u. s. f. 

Und Misael: 

Er wirt es also zum besten kern 
Er weiss wol mittel weg vnd mass. 
Das er kau stewern des Neidhardts hass, 
Vnd sie selbst in die Gruben feit, 
Die sie eim andern haben bestelt. 



1, Luther's Glaube an den Teufel. 417 

Drumb lass nur Gott die sach heim stelln, 
Wirts besser machen, denn wir selbst wölln. 

Dystyges, der mit Parii^emon und Blepsidemus kommt, 
klagt diesem, dass er nicht zu seinem Rechte kommen könne, 
da beim Kammergericht „so grosse Schalk vud Buben weren", 
sein Anwalt, der „Zungendreschr" habe ihn ganz ausgesogen, 
und nun, da er nichts mehr hat, werde er von jenem in der 
grössten Noth stecken gelassen. Blepsidemus räth ihm, nicht 
zu verzweifeln , dieser wünscht aber nur Rache zu nehmen. 
Paripemon hingegen, der mit seinem Edelmann in Hader ge- 
rathen , welcher ihn mit Fron und Zinsen bedrückte aus Hass, 
weil er ihn wogen eines weggenommenen Grenzzeichens ver- 
klagt hatte, erzählt, dass er mit Hülfe eines gelehrten Rechts- 
freundes seinen Handel gewonnen habe. Hierauf gibt Blepsi- 
demus dem Dystyges den Rath, sich schriftlich an den König 
selbst zu wenden, und weist ihn deshalb an einen frommen 
Mann. Blepsidemus, der allein zurückbleibt, stellt Betrach- 
tungen an über die Herrschaft des Geldes in der Welt und 
das Trachten danach, nicht nur unter dem Hofgesinde, son- 
dern im ganzen Lande, bei allen Ständen. 

Die Pfaften werden auch aufFtreibn 
Ein feines Spiel mit jrn Gesellu, 
Darumb muss ich gehn Danielu, 
Gewarnen doch zu dieser Frist, 
Das er sich hüt für jrem list. 

Im dritten Act tritt Misael auf, dem Herrn dankend: 

Dieweil mii- Gott aus seinr Gnad 
Mit grossem Ernst befohlen hat, 
Jetzt seinem Volck beystand zu thun, 
Wil ichs mit frewdn aussriehtn nun, 
Den Daniel wil ich auch wol 
Errettn, das jm nicht schaden sol 
Dess Teuifels vnd aller Pfaffen list, 
Auch nicht das gantz Römisch genist. 

Er will ihn mit Gottes Hülfe bewahren, obschon seine 
Feinde auf Teufels Rath ihm nach Leib und Leben trachten. 
Daniel werde zwar viel leiden müssen, da aber Gott die Sei- 
nen auf Erden lieb hat, so mag ihm der Teufel und die Welt 
zürnen, zuletzt werde er doch den Sieg behalten. Da die 
Feinde Daniel's eilen, könne er (Misael) auch nicht länger 
verziehen. 

Roskoff, Geschichte des Teufels. U. 27 



418 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

In der zweiten Scene treten auf Oncogenes, Pyroniachus, 
Hofteufel, Cambyses und Ilybristes. Nach der Aufforderung : 
Ach lieber Vater raht auch zu, 
Wie man die sach fiu'nemen thu 

sagt Hofteufel: Ir seht ich bin ein Klostermanu, 

Ein schlechten Verstand derhalben ich hau, 
!Meins betens ich am meisten wart, 
In meinen Orden streng vnd hart, 
Zu solcher sach einfeltig bin. 

Pyromachus ist für summarisches Verfahren: 
Habs vor gesagt, sags jetzund auch, 
Man schicksse flugs gen Himmel im i'aucli, 
Schiess, sclüag in sie, würg jiumer todt 
Beid ju vnd auch sein gantze Rot. 

Cambyses findet den Rath zwar gut, aber gefährlich, wo- 
gegen Plofteufel: 

Ein thewrer Held ein trefflich Mann. 

Cambyses meint die Gunst des Königs dazu erforderlich, 
Pyromachus aber: 

Er ist im Baun ich acht nicht viel 
Was sey des Königs gunst vnd wil 
Und weim vns das nicht gehn wil fort, 
Thu man bestelln am heiudich ort 
Gut Büchsenschützen die hurtig seind 
Obs jn glück das sie den Feind 
Heimlich erschlichen vnd vbereilen 
Jm bald ein glüt zwey drey mittheilen. 

Oncogenes macht auf die Gefahr von Daniel's Einfluss 
aufmerksam : 

Er würd in kürtz gewiss verführn 
Land Leut zu seiner schwermerey, 

daher alles aufzubieten, ihn zvi beseitigen, sonst fürchtet er 
keine Gefahr: 

Seht au ich bin ein Erblegat, 

Ein Cardinal vnd Fürst dabey, 

Hab guter Bisthumb auch wol drey, 

Wer hat also erhoben mich? 

Pamachus ^ allein sag ich 

Kann euch auch gebn des Königs Krön, 

Es hats vor offt den sein gethan. 

Denn die bey jm stets halten fest, 

Fürwar er sies geniessen lest. 

^ Der Papst. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 419 

Pyromachus findet dies auf seiner Bahn, und Hofteufel: 

Ich hab auch selbst gefallen dran. 
Cambyses erklärt sich nun bereit mitzuhelfen, nur fragt 
er nach der Weise der Durchführung des Plans. Oncogenes 
Avill dem König zunächst einreden, dass er dem Daniel seine 
Gnade entziehe, weil er das Kammergericht für parteiisch erklärt 
und die Klostergüter anders als bisher verwende. Oncogenes 
will den Daniel in Verdacht ziehen, dass er die königliche 
Gewalt schmähe, und Pyromachus will ihn als Priedensbrecher 
vuid Ketzer dem Könige darstellen und meint: 
Es sey mit ehren oder nicht, 
Wenn er nur bald würd hiugericht. 

Hofteufel gibt nun auch seinen Rath, wodiu'ch Daniel zu 

stürzen sei: 

Wie meint jr, ob das best würd sein? 
Wenn mau ein bad jm heitzet ein 
Ob seinem Glauben denn er helt 
Widr Yus, ja widr die ganze W^elt? 

Oncogenes findet den Griff sehr fein, und Hofteufel meint, 

man könnte den König selbst dahin bringen, dem Daniel das 

Leben nehmen zu lassen, nur 

Müsst mans dermasseu greüFen an 

Damits der König thets verstau 

Als sucht jr sein ehr gleich 

Zu nutz vnd wolfahrt seinem Reich 

und müssten auch die Räthe und Amtleute dafür gewonnen 

werden. Ist dies geschehen, dann sollten sie den König dahin 

bringen 

Das ein befehl würd gehn zur Handt 

Und wird gestelt ein streng Gebot: 

Das wer von Menschen oder Gott 

In dreissyg tagn was würd begern 

(On jn allein) Das der sol werdu 

Zu Löwen in den graben hin 

Alsbald geworfFn, bit auch jn 

Sagt solchs geschech zu seinen ehrn. 

Das Verbot müsste mit der königlichen Unterschrift ver- 
sehen werden, und dabei 

Muss man drauff geben gute acht 
Ob man jn (den Daniel) erschleichen könd 
Vnd in seim Hauss sonst betend fünd, — 
dann würde ihn der König „nicht ledig lassn, ob er auch 
wolt er muss daran", weil jeder sterben, muss, welcher der 

27* 



420 Vierter Abschnitt: Fortsetzung äer Geschichte des Teufels. 

Meder oder Perser Recht übertritt. Alle sind über diesen 
Rath hoch erfreut, und Oncogenes: 

Ach Vater jr müsset mit vns uch gau. 
Hofteutel : Mein Horas noch zu beten han. 

Oncogenes versiDricht, ihn davon zu absolviren, und nach 
einigem Sperren ist Hofteufel bereit mitzuhelfen. Inzwischen 
kommt Hybristes mit der Meldung, dass bei Hofe ein GerVicht 
von etlichen Ketzern herumgehe, worauf alle voll Hoffnung 
des Gelingens abtreten. Dystyges, der auftritt und den Hof- 
teufel gesehen hat, ist befremdet: 

Sieh da ein Münch ein seltzam thier, 
Stehn mir die har gen berg doch schier, 
Wie seltzam füsse hat denn er, 
Gleich schier als er ein Greiffe wer, 
Wenn er mir kem im Wald allein, 
Glaubt frey es müsst der Teuffei seyn. — 

Dystyges ist aber sehr froh, denn er hat ein königliches 
Schreiben in der Hand, worauf er sein verlorenes Gut wieder 
erhalten soll. 

Vierter Act. Hofteufel allein äussert in einem Monologe 
seine Freude darüber, dass er hier für seine Plane so feine 
Leute gefunden, die ihn an Bosheit übertreffen, und hofft, dass 
Beizebub, der dem Pomachius drei Kronen gegeben, ihm für 
sein Bemühen, wenn nicht drei, doch wenigstens eine Krone 
schenken werde. Hierauf kommen: Oncogenes, Darius, Josa- 
phat, Cambyses, der Herold, Licinius, Pyromachus. Darius 
begrüsst den Hofteufel, der Herold gebietet auf des Darius 
Geheiss allen zu schweigen, und Josaphat verkündet das strenge 
Verbot des Betens unter Strafe der Lowengrube. Darius ladet 
hierauf den Licinius und Cambyses ein, mit „Ein abentrunck 
thun", welche ihm folgen. 

Pyromachus, der Hofteufel, Oncogenes, Archocolax und 
Hybristes sind in der Scene. Der Hofteufel will auf die Lauer 
gehen, um den Daniel beim Gebete zu betreffen, und nimmt 
den Hybristes mit, dass dieser Kundschaft darüber zurück- 
bringe, worüber Archocolax freudig ausruft: 

Wenn jetzt Pomachius nicht Aver 
So wer kein billichr Bapst denu der. 

Hybristes kommt zurück und ruft die Anwesenden eilig ab. 
Es treten auf Hanania, Asaria, Misael, die trotz dem 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 421 

Verbote sich nicht wollen abhalten lassen ihrem Gotte zu die- 
nen im Gebete und Asaria bemerkt: 

Aber das glaub ich wol dabey 

Dass solchs der Götzendiener triebe sey. 

und Hanania : Jr werds ei'fahrn was darft" es viel 
Vbr VHS ist angericht das Spiel. 

Hierauf erscheint Hofteufel mit Oncogenes und Pyroma- 
chus mit der Nachricht: 

Es hat geglückt, nun flugs von stund 
Thut solchs dem König jetzund kund. 

Er will aber dabei nicht als Anzettler genannt sein. On- 
cogenes „wils mercken, wol ausrichten fein", in der Hoffnung, 
dass es Daniel's letzten Tag gelte, worauf sie abgehen. Hana- 
nia sieht den „fein Gesellen" nach und will es Daniern mit- 
theilen. Dieser tritt auf, wird iiber das Mandat von seinen 
Freunden unterrichtet, er durchsieht das Complot gegen ihn: 

Bey mir ichs auch beschlossen hau, 

Der König hat's auch nicht erdacht, 

Es habens die Gottlosn Leut gemacht. 
Er erzählt, dass er bei offenem Fenster im Sommerhause 
sein Gebet verrichtend belauscht worden sei. 

Ich hab gebett ich leugn es nicht 

Und wenn ich jetzt seit werdn gericht. 

Eh ich Gotts ehr wolt vnderlan 

Wolt tausend Hälss ehe setzen dran. 

Ein Lakai tritt auf und ruft Daniel, sofort zum König zu 

kommen. Asaria und Hanania gehen mit. 

Neue Scene. Darius, Oncogenes, Herold, Narr, Hofteufel. 

Die Vorigen. Der Herold gebietet Stillschweigen, Oncogenes 

klagt nun den Daniel an, das Verbot iibertreten zu haben, und 

motivirt seine Anklage: 

WeiLs euch, dem Reich zu nachtheil reichen wil 
Sonst hetten wir hertzlich gern geschwiegen still 
Ohn Zweiffei ewr königliche Majestät 
Wirts straffen lassen, wie mit bringt euwr Mandat. 

Worauf der Narr: 

Wenn du nit lögsst, so werst ein feiner Mann. 
Nachdem Darius gehofft „der Daniel hats nicht gethan", 
und Oncogenes als Augenzeuge aufgetreten, legt Daniel offe- 
nes Bekenntniss ab: 

Ich weyss ewr Majestät hat mich erkannt 

Dermass, dass ich meins Diensts noch hab kein schand. 



422 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

Mein glaubn bekenn abr ich, geh wie es geh, 
Bin hie Herr König, in ewr hand ich steh. 

Darius sucht die That des Daniel zu entschuldigen, dass 

sie nicht aus Verachtung begangen worden, wird aber von 

dessen Feinden gedrängt, und 

will ein klein Bedenken han. 
In der nächsten Scene: Sybilla, Ben Jamin, Salomon, 
Blepsidemus klagen gegenseitig über die grosse Gefahr Da- 
niel's, dessen Weib Sybilla verweist sie auf Gottes Hülfe und 
Blepsidemus sucht auch zu trösten. 

Es kommen Darius, Hofteufel, Henker, Hanania und die 
übrigen Personen des Stücks. Der König wirft dem Daniel 
die Uebertretung des Mandats vor und will ihm die Strafe 
des Gefängnisses dictiren, Oncogenes erinnert aber an die 
amtlich angedrohte Löwengrube, der König weigert sich län- 
gere Zeit, muss aber endlich den Drängern nachgeben: 

Mein Daniel, du siehsts, du hast gehört 

Das ich dir nimmer weiter helfen kan, 

Ich bit dich drumb, wolst mich entschuldigt han. 

Der Henker bemächtigt sich endlich DanieFs, der noch 
von seinem Weibe und seinen Kindern rührenden Abschied 
nimmt, seine Freunde sprechen ihm Muth zu, er befiehlt seinen 
Geist Gott, seine Gegner frohlocken. 

Oncogenes: Wir sind sein los, dess ich sehr frölich bin. 

Hanania betet zu dem treuen Gott um Hülfe. 

Fünfter Act. 

Hofteufel: Bey Sathan ich het schier geschlafin 

Zu lang, daz hettn gemacht mein Aflfh. 

Er hätte es kaum gedacht, dass ihm sein Plan so leicht 
zum Ausführen geworden, indess seien ihm aber auch tüchtige 
Helfershelfer zur Seite gestanden. 

Die nichts so sehr auflf dieser erdn 

Als vnsers Reichs nutz begeru. 

Er habe diese Nacht an ihren Ausschweifungen seine 
Freude gehabt. Er sei zwar sonst nicht gewohnt, so lange zu 
schlafen, wie diesen Morgen, indess der gute Erfolg seines Un- 
ternehmens könne ihn trösten, und er hoffe dafür eine schöne 
Krone als Belohnung von Beizebub. Nun sieht er nach der 

Löwengrube um die Lust zu haben 

Wenn jetzt die Löwen strotzen fein 
Vom Fleisch des Wiedersachers mein. 



1. Luther's Glaulje an den Teufel. 423 

Allein Daniel ist noch am Leben, die Löwen liegen wie 
Hiindleiu bei ihm. Er berent, dass er so lange geschlafen, 
und will nun selbst dem Daniel den Hals brechen, da bemerkt 
er aber einen Engel an dessen Seite. Er gibt nun sein Spiel auf 
und fiirchtet sich auf das höllische Feuer, das ihm zum Lohn 
dafiir, dass er verschlafen habe, von Beizebub zutheil werden 
wird. Er beschuldigt die Pfafi'en, will dem Belzcbub nicht 
vor die Augen kommen, bevor er nicht ein grosses Unglück 
angerichtet 

Mein Pfafln soUns iun werden wol, 

Sie kommen auch, von hin ich trol. 

Oncogenes, Pyromachus, Hybristes treten auf, sie sprechen 
iiber ihre beiderseitige Trunkenheit der vorigen Nacht, sie 
wollen zum König gehen, wie sie verabredet, wundern sich, 
dass „der Münch" (Hofteufel) noch nicht da ist. Hybristes 
hat ihn schon gesucht, und da er ihn in keinem Winkel ge- 
funden, besorgt er, dass er ins Wasser gefallen sei. Pyromachus: 

Die Velteussucht müsst schlagen darein 

Wenn mir der Münch jetzund wer tod, 

Viel lieber wer mir im Himmel Gott 

Frey selbst zu dieser Zeit gestorbn 

Denn wenn der Münch sol sein verdorbn. 

Sie wollen zu Hofe gehen, um den König zu veranlassen, 
einen von ihnen zum Statthalter einzusetzen, wo sie dann im 
Bunde miteinander die Freunde Daniel's ausrotten werden 
INIit Weib vnd Kindt mit wurtz vnnd grund. 
Hanania, Misael, Asaria treten auf, und Asaria ärgerlich: 
Das diese Buben vns von stundt 
Zu äugen kommen also schnei, 
Dagegen müssn wir dess Daniel 
Entbern, das Gott geklagt muss sein. 

Misael hofft auf Gottes Gerechtigkeit. Asaria möchte 
wissen, wie es um Daniel steht und hoift auf Gottes Beistand. 
Misael erzählt seinen Traum, in welchem die Rettung Daniel's 
angedeutet ist. Hanania wünscht der Angelegenheit einen 
glücklichen Ausgang. Es kommt der König. 

Darius, Pyromachus, Oncogenes, Cambyses und alle übri- 
gen Personen. Die Vorigen. 

Darius klagt, dass er weder essen noch schlafen könne 
vor Betrübniss iiber seinen treuen Daniel ; Josaphat, der Kanz- 
ler, der sein Freund gewesen, beklagt auch seinen Verlust. 



424 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

Der König hofft, dass DanieFs Gott diesen gerettet haben 
könne, und will dann dessen Anbetung proclamiren lassen. 
Bevor Josaphat die Thüre zur Löwengrube aufmacht, möge 
er horchen, ob man Daniel hören könne. 

Pyromachus: Glaub das der König gar thöricht sei. 
Dieser ruft Daniel an, ob er durch seinen Gott errettet 
worden. 

Daniel : Herr König Gott frist ewr leben lanck 

Ich sag mein Gott ehr lob vnd danck, 
Ich hab mein leben zu diser stund 
Bin auch noch frisch vnd gantz gesund. 

Pyromachus meint, der König soll den Bösewicht todt- 
schlagen lassen, jener lässt aber die Thüre öffnen, Darius freut 
sich über die Erhaltung seines Freundes, Misael erinnert sich 
an seinen Traum, Daniel erzählt, wie ihm Gott einen Engel 
zur Rettung geschickt. Darius befiehlt, die Ankläger DanieFs 
zu ergreifen. 

Pyromachus: Botz wunden das Schwert ich in dich stich, 
Darius: Schlagt jhn zu Boden wehrt er sich. 

Trabant 1 : Hab ich dir nun erwehrt dass stechen ? 
Pyromachus: Ach dass ich mich an dir solt rechen. 
Oncogenes: Legst hand an mich du bist im Bann. 

Darius: Lasst kein davon, das wil ich han. 

Oncogenes: Weist nicht? ich bin ein Cardinal! 

Trabant 2: Wie sagst? dess Teufels Official? 

Sie werden gebunden, trotzdem dass Oncogenes mit Pama- 
chius droht. Die Freunde DanieFs begrüssen diesen, Daniel 
verlangt nach seinem "VVeibe inid seinen Kindern, nach denen 
der König den Blepsidemus absendet. Der König befiehlt dem 
Kanzler ein Edict ergehen zu lassen, womit das geschehene 
Wunder verkündet und die Anbetung des Gottes DanieFs an- 
befohlen werden soll. Daniel wird mit King und Purpur als 
Statthalter des Keichs geziert, worüber Oncogenes und Pyro- 
machus ihren Verdruss äussern. Sybilla kommt mit ihren 
Söhnen freudig herbeigeeilt, und Darius verspricht ihnen Rache 
für die erlittene Angst: die Feinde DanieFs werden nun selbst 
zur Löwengrube verurtheilt. Worauf 
Oncogenes: Du Gottlosr Ketzr, du bist im Bann, 

Darius: Auss ewrem Bann mir helflfeu wil. • 

Cambyses: Wo ist der Münch? der vns diss Spil 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 425 

Hat zugerieht mit seinem Eaht? 
Der Teuffei jn her geschicket hat. 
Pyromachus: Wil denn kein Mensch mehr helffen mir 

Komb Teuffei hilff, ich geb mich dir. 

Darius befiehlt, die Verbrecher in die Löwengrube zu wer- 
fen und mit ihren Familien dasselbe zu thun. 
Blepsidemus: Die Bein sie auch zumalmen gar 

Sie sind dahin mit haut vnd har, 

Odr übs der Teuffei hinweg selbst hat, 

Dieweil jn jenr vmb hülff jetzt bat 

Zuvor Ichs nicht gesehen han, 

Scheint wol dass vnrecht habn gethan. 

Der König ladet Daniel mit Weib und Kindern ein, heute 
fröhlich und guter Dinge mit ihm zu sein. 
Blepsidemus ; Sih wol sie wölln hinein jetzt gan, 

Von euch will auch vi-laub han, 

Hut evch, verfolgt nicht fromme Leut 

Jr seht gar bösen lohn es geut. 

Folgt der „Beschluss", wo in iiblicher Weise die Moral 
des Stücks den Zuschauern zu Gemiithe geführt wird. 

XX. 

Der Pestilenz -Teuffei, durch Hermannum Straccum, Pfarrherrn zu Chris- 
tenberg. 

In der Vorrede, worin der Verfasser „diese seine colli- 
gierte Predigt" „der Durchleuchtigen Hochgebornen Frauwen, 
Frauwen Heidwigen, geborne Hertzogin von Wirtenberg, Land- 
gräffin zu Hessen" widmet, wird der Ausspruch der alten 
Lehrer erwähnt, wonach die Seuche „Deber vnd Chereb zweyer 
TeufFel Namen seyn sollen", welche die Mensehen umbringen. 
Als Prediger fühlt sich der Verfasser berufen, da „die Pesti- 
lentz allbereit angegangen", Trost und Lehre als göttliche 
Arznei zu bieten. Es folgt nach der Vorrede eine Reihe von 
Sprüchen aus dem Alten und Neuen Testament und hierauf die 
Predigt. Obwol die Aerzte natürliche Ursachen der Seuche ange- 
ben, müssen sie doch bekennen, dass Gott solche Plage „durch die 
mördischen vnd hellischen Geister in die weit ausstrewc." Der 
Teufel ist ein giftiger Wurm, und wenn ihm Gott Kaum lässt 
und erlaubt Schaden zu thun, so haucht er giftige Winde aus 
und Menschen und Thiere ziehen das Gift in sich. Man soll 
bei der Seuche nicht allein an natürliche Ursachen denken, 
sondern Gottes Zorn und des Teufels Hass und Bosheit darin 



426 Vierter Absclinitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

erkennen, wie durch mehrere Beispiele aus der Bibel vuid der 
Geschichte gezeigt wird. Die Pestilenz ist eine Strafe der 
Simde, die auch die Frommen hinwegrafft. Sünde muss ge- 
straft werden. Aesculap und andere Heiden konnten in solchen 
Zeiten nicht helfen, es muss also ein Herz mit Johannis und 
Christi starkem Glauben mit ernstem Gebet sich verwahren. 
Man kann verständige Aerzte zu Rathe ziehen, soll aber sein 
Vertrauen nicht auf Menschen und Ajootheken, sondern auf 
Gott setzen. Man soll die Wohnung rein halten, wende 
Räucherwerk an, wozu die Ingredienzien angegeben werden; 
Aver ohne Hauswesen und Amt der Seuche entflieht, dem ist 
es nicht zu verargen, denn man soll sich nicht freventlich der 
Gefahr aussetzen. Etwas anderes ist's , wer von Amts wegen 
oder aus Freundschaft zur Hülfe bereit ist. Keine Sünde wird 
vergeben und keine Strafe kann aufhören, es muss denn die 
Sünde mit reuigem Herzen erkannt, von ihr abgestanden und 
Gott durch den Glauben an Jesum Christum um Vergebung 
der Sünde und Nachlassung der Strafe gebeten werden. Die- 
sen Arzt muss man aber zur rechten Zeit suchen und nicht 
erst am Ende, wo kein Ratli und keine Hülfe mehr vorhanden 
ist. Die Leute sollen solange sie noch gesund und vernünf- 
tig sind, Busse thun, sich zur Versöhnung mit Gott und den 
Nächsten durch den Gebrauch der heihgen Sakramente an- 
schicken. Es gibt einen Beruf, der heisst: vocatio charitatis 
oder sanguinis, wo ein Freund den andern in solchen Leibes- 
nöthen trotz Gefahr nicht verlassen wird. Gott kann und 
will solche schützen.- Mau mag auch ohne Verletzung des 
Glaubens bei den Kranken Wachskerzen mit Myrrhen und 
Weihrauch zur Arznei der Umstehenden anzünden, denn auch 
der Christ kann vernünftige Vorkehrungen treffen. Wenn 
man Busse gethan, zu Gott durch Christum geflohen ist, diesen 
in wahrem Ernst und Demuth angerufen hat, soll sich jeder 
so viel als möglich mit Arzneien versorgen, damit er nicht 
muthwilligerweise Schaden leide oder andern zufüge. Gegen 
Ende erwähnt der Verfasser die Praesagia, wodurch die Leute 
verzagt gemacht werden, wenn z. B. gesagt wird, dieser und 
jener sei am Todtentanz gesehen worden und sei gefallen, u. 
dgl. m. Die von der Pestilenz ergriffen sind, sollen sich dem 
gnädigen W^illen Gottes ergeben, der ein barmherziger Vater 
ist unsers Herrn Erlösers und Mittlers Jesu Christi, und ihm 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 427 

Leib und Seele befehlen, um Geduld und Beständigkeit bitten, 
Aerzte berathen und natürliche Mittel anwenden. — Im Schluss- 
satze „Von des Lebens erlengerung" meint der Verfasser, 
wenn jemand an der Pestilenz stirbt, sei nicht die Krankheit 
schuld, als wäre sie so gross gewesen, dass Gott davon 
nicht hätte retten können, sondern zu gedenken: „Ira Dei 
et justitia Dei adversus peccata et incredulitatem". Gott be- 
stimmt die Zeit des Lebens, wie er „auss sonderlichen 
Göttlichen Gnaden den Gottseligen Frommen solche jre zeit 
erstrecket, die zeit der Gottlosen nach seiner Gerechtigkeit 
verkürtzet. . . . Wo man Artzney haben kan, sol man solche 
gute Gottes Gaben nit verachten oder in wind schlagen, doch 
dass einer allzeit die Zuversicht und Haupttrost aufF den einigen 
Gott setz". — Schliesslich mehrere Spriiche und Gebete. 



Bei diesen, meistens moralischen Tractaten, in deren 
Production die protestantischen Schriftsteller sehr fruchtbar 
waren, kann dem Leser nicht entgehen, dass bei allem Fest- 
halten der Verfasser an der Existenz des Teufels die sinn- 
liche Farbe seines persönlichen Daseins unter den protestan- 
tischen Händen schon zu verblassen beginnt. Nach dem Vor- 
gange Luther's, der den persönlichen Teufel als „gefallenen 
Buben" und „Affen Gottes" mit schnöder Verachtung furcht- 
los abgefertigt, der „die schändlichen Bilder desselben allzu- 
mal aus der Menschen Gedanken und dem falschen Wahn 
von Gott" herleitet, und „sein Bild und Contrafeit" im gott- 
losen Menschen erblickt; wird er bei den protestantischen 
Gelehrten des „Theatrum Diabolorum" schon grossentheils 
zum bildlichen Repräsentanten der verkehrten, sittlich-bösen 
Neigungen und Laster der Menschen. Obschon die Gemüther 
in dieser und nach dieser Zeit die Macht des Teufels mit 
Furcht erfüllte, hatte die protestantische Verständigkeit des 
16. Jahrhunderts schon den Abstractionsprocess begonnen, 
aus welchem der Teufel schliesslich als Abstractum hervor- 
gehen sollte. 

Der rationalisirende Zug, der in der Anschauungsweise 
Luther's und seiner Anhänger unverkennbar hervortritt, bildet 
noch keine continuirliche Linie, sondern besteht zunächst aus 



428 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

unzusammenhängenden Punkten, gleich einem projectirten Eisen- 
bahnbaue. Der Zweifel ist zwar angeregt und macht sich nach 
einer gewissen Richtung geltend, er tritt aber vor aufgestellten 
Autoritäten wieder schüchtern zurück. Daher das schwan- 
kende, schaukelnde Wesen zwischen der Gewissheit des eige- 
nen Denkens und der unbedingten Annahme des Gegebenen. 
Dieses schwankende Wesen musste durch die fixirte Vorstel- 
lung einer Erden- und Geisterwelt, zwischen welcher die 
Scheidelinie unbestimmt und unbestimmbar war, vermehrt 
werden. Allerdings hatte schon der junge Protestantismus 
der Macht des Teufels einen ffuten Thcil abgezwackt, denn 
viele Erscheinungen, von der mittelalterlichen Kirche dem 
Teufel zugeschrieben, wurden von den Protestanten angezwei- 
felt, abgelehnt, für betrügerisch erklärt oder auf natiirliche 
Ursachen zurückgeführt. Allein wo war die Grenze zu finden 
zwischen dem Gebiete des Natürlichen, wo der Mensch das 
Gesetz der Causalität erblicken konnte, und dem des Ueber- 
natürlichen, wo dieses Gesetz aufgehoben zu sein schien? 

Ein Beispiel dieser Unsicherheit und Halbheit liefert das 
Buch „De spectris, lemuribus et magnis atque insolitis fra- 
goribus variisque praesagitionibus, quae plerumque obitum 
hominum, magnas clades etc. praecedunt, liber unus, in tres 
partes distributus, omnibus veritati studiosis summe utilis, 
aufhöre Ludov. Lavatero. Tigurino, 1570".' Im ersten Theile 
verspricht der Verfasser in dem vorangehenden Briefe an 
J. Steigerus, zu beweisen, dass es Gespenster und Geister 
gebe, die zuweilen den Menschen vorkommen, und dass sich 
überhaupt viele wunderbare Dinge ausserhalb der Ordnung 
der Natur zutragen. Im zweiten Theile will er zeigen: dass 
diese keine Seelen der Verstorbenen, wie gewöhnlich geglaubt 
wird, sondern gute oder böse Engel seien oder sonstige ge- 
heime und verborgene Wirkungen Gottes; im dritten Theile: 
warum Gott bisweilen Gespenster erscheinen lasse und ver- 
schiedene Vorzeichen, und wie sich bei derlei Ereignissen zu 
benehmen sei. Diesen „dunkeln und verwickelten" Gegen- 
stand hofft der Verfasser, gestiitzt auf die Ausspriiche der 
Heiligen Schrift, auf die alten Väter, auf erprobte historische 



' Ich benutze die Editio quarta prioribus niulto emendatior (Lugd. 
Batav. 1687). 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 429 

und andere gute Schriftsteller und auf Erfahrung, so klar 
und deutlich zu entwickeln, dass diejenigen, welche die gött- 
liche Wahrheit lieben und dei'selben sich befleissen, zur Klar- 
heit kommen sollen, was von solchen Erscheinungen zu halten 
ist. Allein gleich im zweiten Caput, wo er behauptet, dass 
die „Melancholici'-' mancherlei zu sehen und zu hören sich 
einbilden, sagt er: Furiosi qui usum rationis penitus ami- 
serunt aut permissu Dei a cacodaemone vexantur, mira agunt, 
de multis visionibus loquuntur etc. ^ Dieses „aut" lässt uns 
ganz ungewiss, wer als furiosus und wer als vom Kakodämon 
besessen zu halten sei. In den nächstfolgenden Kapiteln er- 
örtert der Verfasser, wie furchtsame Menschen oft Gespenster 
zu sehen glauben, ebenso diejenigen, welche am Gesichte oder 
Gehöre schwach sind, auch Betrunkene manches zu vernehmen 
meinen, w^as nicht existirt, dass ferner oft Betrug und Täu- 
schung bei Erscheinungen stattfinde, wobei der Verfasser Bei- 
spiele als Belege anführt. Er zeigt '■^, dass viele natürliche 
Erscheinungen für Gespenster gehalten werden ; aber bei alle- 
dem wird doch wieder durch Geschichten bewiesen, dass bis- 
weilen Geister und Gespenster wirklich erscheinen. ^ Da- 
gegen findet er „in libris Monachorum multae ridiculae et 
fabulosae apparitiones" ■* und behauptet in den gleich darauf- 
folgenden Abschnitten, dass die tägliche Erfahrung die Er- 
scheinung von Gespenstern beweise, und zwar als Zeichen 
eines Todesfalles, oder sie erscheinen auch danach und zwar 
bisweilen unter Lärmen und Gepolter.^ Der Verfasser erörtert 
die Fragen: wann, wo und wie die Gespenster erscheinen und 
was sie bewirken % er lässt uns aber ganz im Stiche, was wir 
als Einbildung und was als wirkliches Gespenst zu betrachten 
haben. Im zweiten Theile, wo bewiesen werden soll: dass 
die Gespenster gute oder böse Geister seien und nicht die 
Seelen Abgeschiedener, polemisirt er gegen die Papisten, 
welche an letztere glauben und beruft sich auf die Zeugnisse 
der Heiligen Schrift, der alten Väter; sucht zu zeigen, dass 
es nicht der wirkliche Samuel gewesen sei, der zu Endor er- 
schienen. ^ Er findet es ausser Zweifel , dass der Teufel in 
Gestalt eines heiligen Menschen erscheinen könne, schwächt 



> P. 17. ^ Cap. XI. 3 cap. XII. ■» Cap. XIV. « S. 108. 

« Cap. XIX. ' Cap. VU. VIII. 



430 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

aber die häufigen Erscheinungen dadurch ab, dass Gott in 
den ersten Zeiten oft seine Engel in sichtbarer Form an die 
Menschen gesandt habe, was aber nunmehr nicht nothwendig 
sei. In der Apostelzeit habe es auch viele Wunder gegeben, 
die jetzt aufgehört, da sie zu unserm Heile nicht erforder- 
lich seien, denn was wir brauchen, haben wir am A\"orte 
Gottes. 1 Zuweilen werden doch böse Engel gesehen, die dem 
Menschen feind und beschwerlich sind, ihn vom wahren 
Gottesdienst und vom Glauben an den einigen Sohn Gottes 
abzubringen suchen. ^ Was bedeutsame Zeichen , Wunder 
und derlei betrifft, sagt der Verfasser, wie in Bezug auf 
die Gespenstererscheinungen, ganz einfach: (simpliciter dico) 
„wenn sie nicht eitle Einbildungen oder natürliche Vorgänge 
sind, so sind sie göttliche Ermahnungen, die durch Boten 
Gottes, oder auf andere uns unbekannte Weise an uns er- 
gehen, damit wir einsehen, dass nichts ohne den Willen Gottes 
geschehe, dass Leben und Tod, Friede und Krieg, Wechsel 
der Religion, der Reiche und andere Veränderungen in seiner 
Macht liegen". ^ Dabei vergisst der Verfasser abermals, das 
Kennzeichen anzugeben, wodurch Einbildungen von wirklichen, 
bedeutsamen Erscheinungen zu unterscheiden seien. Ucbrigens, 
fährt er'* fort, ist es dem Teufel ein Leichtes, in verschiedenen 
Gestalten von Lebendigen und Todten zu erscheinen, ja um 
so leichter, in thierischer Form, als schwarzer Hund, als 
Kröte u. s. w. sich sehen zu lassen. Da es ihm misfällt, 
wenn wir Gutes thun, so sucht er uns nur Vertrauen abzu- 
o-ewinnen, wenn er zuweilen zum Guten räth, um uns dann 
zum Bösen verleiten zu können. ^ Der Zweck der Erschei- 
nungen <* der guten Geister ist: die frommen Menschen zu er- 
mahnen und zu schlitzen; sind es aber schlechte Geister, die 
erscheinen, was gewöhnlich ist, so sollen die Gläubigen zur 
Busse angeregt, die Ungläubigen bestraft werden.'' Die 
Christen, welche derlei Erscheinungen haben, sollen stark, 
unerschrocken und fest im Glauben sein. « Gefällt es aber 
Gott, dich auf einige Zeit durch einen bösen Geist zu priifen, 
wie den Hiob, so ist dies mit Geduld zu ertragen. ^ Die- 
jenigen, welche durch Gespenster geplagt werden, müssen sich 



6 



1 Cap." IX. 2 S. 230. 2 S. 232. * Cap. XVII. ' Cap. XVIII. 
Pars III." ' Cap. I. « S. 270. » S. 272. 



1. Lutlier's Glaube an den Teufel. 431 

des Gebetes, des Fastens, eines nüchternen Lebens nnd from- 
men Wandels befleissigen. Denn der Teufel schleicht, nach 
dem Zeugnisse Petri, umher in Häusern, Wäldern, auf Fel- 
dern u. s. w., ohne dass man ihn immer sieht. Es geschieht 
aber immer mit Gottes Zulassung, ob er unsichtbar bleibt 
oder in einer sichtbaren Gestalt erscheint. ^ — Bei Erschei- 
nungen sei aber der Verdacht und der Zweifel nicht beiseite 
zu lassen, da sie nach der Ankunft Christi seltener geworden 
sind, nachdem Gott seinen Willen durch seine Propheten, 
Apostel, Evangelisten und vornehmlich durch seinen Sohn 
kund gethan, der uns in der Heiligen Schrift aufbewahrt ist, 
daher wir keine andern Offenbarungen mehr zu erwarten 
haben. ^ Wir sollen daher nicht jedem Gerüchte von Ge- 
si^enstern Glauben schenken, sondern klug sein wie die 
Schlangen u. s. w.^ Was die Mittel gegen die bösen Geister, 
Englischer Gruss, Weihwasser, geweihtes Salz, Glocken- 
geläute VI. dgl., betrifl't, seien sie nicht zu billigen, denn von 
diesen Ceremonien weiss die Schrift nichts. '^ Es scheint, 
dass der Verfiisser die Unzulänglichkeit seiner Massregeln 
fühlt, da er schliesslich meint, dass der gläubige Christ bei 
Spukgespenstern und Poltergeistern zwar auf seiner Hut sein 
solle, dabei aber am besten davonkomme, wenn er derlei Er- 
scheinungen als Mahnzeichen zu einem rechtlichen Leben be- 
trachtet, um zum himmlischen Leben zu gelangen, und ver- 
gleicht ihn hierbei mit einem edeln Pferde, dem man nur ein 
Zeichen zu geben oder die Sporen zu zeigen brauche, um es 
in einen frischern Gang zu bringen. ^ 

Die schwankende Unsicherheit in dieser protestantischen 
Anschauung ist ganz deutlich wahrzunehmen. Der Glaube an den 
Teufel steht fest; aber nicht jede Erscheinung, sonst des Teufels 
Wirksamkeit zugeschrieben, wird mehr blindlings als solche 
angenommen. Der Zweifel ist angeregt, an die Erscheinung 
soll die Kritik angelegt werden, aber leider fehlt das ent- 
scheidende Kriterium. In jedem Falle soll aber alles, also 
selbst der Teufel, dem Protestanten als Förderungsmittel der 
Sittlichkeit dienen. 

Vergleichen wir eine Schrift über denselben Gegenstand 



1 Cap. V. VI. ■ S. 280. ^ S. 289. ■» S. 303. * S. 310. 



432 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

von einem katholischen Schriftsteller aus der ersten Hälfte 
des 17. Jahrhunderts: „Petri Thyraei opera. De variis appari- 
tionibus, Dei, Christi, angelorum jjariter bonorum atque ma- 
lorum. Colon. 1G28", so wird hier gar keine Schwierigkeit 
des Prüfens auferlegt, es ist alles ganz eben, es bedarf keiner 
Vorsicht dem Spuke gegenüber, da es keinen Zweifel gibt, 
denn es ist die althergebrachte, sinnliche, handgreifliche An- 
schauung des Mittelalters. Thyraus weiss bestimmt, dass die 
Engel stets die menschliche Gestalt haben, und zwar die männ- 
liche, die Dämonen hingegen in verschiedener Form erschei- 
nen, bald in menschlicher, bald in der von verschiedenen 
Bestien. „Gewiss ist", sagt der Verfasser, „dass der Teufel 
niemals als Taube oder als Lamm gesehen worden ist, nicht 
als ob er diese Gestalten anzunehmen ausser Stande wäre, 
sondern, weil es ihm nicht erlaubt wird oder weil er nicht 
will." Denn die göttliche Majestät lässt nicht zu, dass böse 
Geister Gestalten, die Gottes sind, annehmen, oder der Hass 
der Teufel gegen den Schöpfer ist so gross, dass sie nicht 
einmal eine gleiche Gestalt oder Aehnlichkeit mit ihm haben 
wollen. * Thyräus erinnert an die Legenden der Heiligen, 
wo der Teufel dem heiligen Martinus in der Gestalt eines 
Mannes mit Purpur und Krone erschienen war, dem heiligen 
Hilarion als Knabe, dem heiligen Macarius als schwarzer 
Mohr, einem fünfjährigen Knaben als schrecklicher Drache 
u. dgl. Wir finden bei Thyräus die alte Ansicht, dass die 
Leiber der Teufel aus verdichteter Luft bestehen, wie die 
der Engel, dass erstere auch in Gestalt Verstorbener erschei- 
nen, was für letztere nicht passt; dass die Teufel als Succuben 
und Incuben mit beiderlei Geschlecht verkehren, welches zu 
leugnen dem Verfasser als Frechheit erscheint. '^ Die Teufel 
können sovvol den Leib als die Seele in Besitz nehmen, aber 
sie plagen nicht immerwährend die Besessenen, ja sie sind 
zuweilen sogar für einige Zeit abwesend, und von letzterm 
Umstände bringt Thyräus als Beleg ein Beispiel. Am Todes- 
tage Luther's waren eine Menge Besessene in einem braban- 
tischen Orte auf einmal von ihren Dämonen befreit, wurden 
aber einige Zeit darauf wieder besessen. „Kes obscura non 



' S. 27, De spirituum apparitione. 
2 S. 29. 



1. Luther's Glaube an den Teufel. 433 

est", sagt der Verfasser, denn als am nächsten Tage die 
armen Menschen von den Dämonen auf das heftigste geplagt, 
und diese gefragt wurden: wo sie denn neulich gesteckt hätten? 
antworteten sie : sie wären abberufen gewesen, da sie auf Be- 
fehl ihres Obersten bei der Leiche seines getreuen Helfers- 
helfers, des neuen Propheten Luther, hätten gegenwärtig sein 
mi'isseu. Diese Geschichte ist bestätiot durch Luther's Famu- 
lus, welcher, dessen elendiglichem Tode beiwohnend und zum 
Fenster hinaussehend, zu seinem Schrecken eine Menge der 
scheusslichsten Teufel erblickte, die in der Nähe herumsi:)rangeu 
und Iveigentänze aufluhrten. Bestätigt wird die Geschichte 
auch durch die Kaben, welche die Leiche Luther's, als sie 
von Eisleben nach Wittenberg gebracht wurde, unter grossem 
Geschrei begleiteten. ^ Unser Verfasser weiss, dass die bösen 
Geister häufig durch den Mund in den Menschen gelangen, 
daher sie mit der Speise oder dem Tranke, worin sie ge- 
steckt, hineingegessen oder hineingetrunken werden können. 
Davon leiten viele den Gebrauch der Katholiken, beim Gäh- 
nen den Mund zu bekreuzen, ab, um das Eindringen böser 
Geister abzuwehren. Daher kommt es auch, dass wenn Dä- 
monen durch Exorcismus aus den Leibern getrieben werden, 
jene häufig als Spinnen, Fliegen u. dgl. aus dem Munde her- 
vorkommen. Damit beweisen sie, dass sie durch dieselbe 
Oeflnung, durch die sie hineingekommen, auch wieder heraus 
miissen. Die bösen Geister können indessen auch durch an- 
dere Oeflnungen, selbst durch die engsten Poren in den 
menschlichen Leib gelangen. ^ Die Dämonen können ent- 
weder den ganzen Leib in Besitz nehmen, oder auch nur 
einen, selbst den kleinsten Theil desselben. Sehr häufig neh- 
men sie in oder neben dem Herzen Platz, oft wechseln sie 
aber auch ihre Stelle. ^ Es gibt gewisse Zeichen von der 
Besitznahme: Verleihung eines schrecklichen Ansehens, grosser 
Lärm, grosse Plackerei, Gesichte im Traume u. dgl., aber diese 
Zeichen treten nicht immer ein."* Der Zweck der bösen Geister 
bei der Besitznahme der Menschen ist: diese zu quälen und 



' De Daemoniacis, lib. I, cap. 8, p. 16. 

* Ibid., cap. 9, p. 17. 

^ Ibid., cap. 10, p. 18. 

* Ibid., cap. 11. 

Koskoff, Gesclüchte dea Teufels. II. 28 



434 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

zwar aus Hass, der seinen Grund wieder in ihrem Hasse 
oegen Gott hat. Sie beneiden die Menschen um ihre 
Seligkeit und Gott um seine Ehre. ^ Die Ungetauften sind 
eigentlich nicht vom Teufel besessen, er hat aber grosse Macht 
über sie, daher der Exorcismus mit Recht angewendet wird.^ 
Die Ketzer stehen in intimem Verhältniss mit den Dämonen, 
obschon nicht alle besessen genannt werden können, ausser 
einigen Anabaptisten, die sich aber auch von den gewöhnlichen 
Besessenen unterscheiden. ^ Es sind sechs äussere Zeichen, 
welche den Verdacht erregen, dass ein Mensch einen Teufel 
im Leibe habe: barbarae voces, horribilis vultus, membrorum 
Stupor, svnnma inquietudo , vires humanis superiores, cruciatus. 
Die Besessenen sprechen in verschiedenen Sprachen, ohne sie 
zu kennen und die Bedeutung der Wörter zu verstehen. "* 
Die Besessenen müssen die Tyrannei der Dämonen ertragen, 
oft wegen ihrer eigenen Sünden, leichtern und schwerem; 
meistens wegen Unglauben, Misbrauch der Hostie, Gottes- 
lästerung, Hochmuth, Wollust, Geiz, Verfolgung der Heiligen, 
Misachtung Gottes und göttlicher Dinge, Ergebung an die 
Dämonen, Wahrsagerei u. s. w.^; bisweilen müssen aber Men- 
schen auch wegen Sünden anderer die Quälerei von Dämonen 
leiden, was aus angeführten Beispielen von unschuldigen Kin- 
dern, von Heiligen u. s. w. klar hervorgeht. ^ — Christus hat 
der Kirche die Macht, Teufel auszutreiben, verliehen, um sei- 
nem Evangelium Glauben zu verschaffen, um seine Macht 
und Göttlichkeit zu ofi'enbaren, damit seine Anhänger be- 
kannt, die Besessenen des Teufels ledig werden, um der 
Majestät der Kirche Anerkennung zu verschaffen, um 
zu zeigen, dass der Mensch durch den Teufel zur Sünde nicht 
o-ezwungen werde u. s. w.^ Für den Exorcisten ist ein reines 
Gewissen zwar vortheilhaft, aber keine nothwcndige Bedingung 
seiner Wirksamkeit. ** Dass ein ketzerischer Exorcist niemals 



• De daenioniac 


, lib. I, 


cap. 15. 


2 Ibid., 


cap. 


18, 


p. 35. 




3 Ibid., 


cap. 


21. 






* Ibid., 


cap. 


25. 






Ibid., 


cap. 


29. 


30. 




« Ibid., 


cap. 


31. 






7 Ibid., 


cap. 


36. 






8 Ibid., 


cap. 


3 







1. Luther's Glaube an den Teufel. 435 

einen Teufel austreiben könne, ist selbstverständlich, da die 
Teufelsaustreibung ein Beweis der Rechtgläubigkeit ist, und 
Gott nicht das Falsche bezeugen wird. Der Verfasser führt 
ein Beispiel an, das Staphilius als Augenzeuge erzählt. „Im 
Jahre 1544 brachte man ein Mädchen aus dem Meissnischen 
nach Wittenberg zu Luther, dass er es vom bösen Dämon 
befreie. Dieser sperrte sich zwar anfangs dagegen, liess aber 
endlich das Mädchen in die Sakristei der wittenberger Pfarr- 
kirche bringen, wo er in Gegenwart anderer Doctoren und 
gelehrter Männer, unter denen ich mich auch als junger Ma- 
gister befand, den Dämon zu beschwören anfing luid zu 
exorcisiren, aber nach seiner eigenen Weise, nicht nach der 
bei den Katholiken üblichen. Trotz langen Beschwörungen 
Avollte der Dämon nicht weichen, versetzte vielmehr Lu- 
ther's Hosen in solche Nöthen, dass dieser aus der Sakristei 
hinauseilen wollte. Allein was geschah? Der boshafte Dämon 
hatte die Thüre der Sakristei so verrammelt, dass sie weder 
von innen noch von aussen aufzubringen war. Dadurch 
wurde Lvither so in Angst versetzt, dass er zum Fenster 
eilte, um hinauszuspringen. Allein daran hinderten die eisernen 
Gitter, sodass er genöthigt war, mit uns so lange eingesperrt 
zu bleiben, bis man uns durch die Gitter ein Beil reichte, 
das mir übergeben ward, um den Ausgang durchzubrechen, 
was ich auch that. Inzwischen war es wunderlich anzusehen, 
wie Luther in seiner Noth auf- und ablief und gleich einem 
weidenden Schafe sich hin und her wendete". ^ Die fünf 
W^eisen, aufweiche bei den Katholiken die Teufel ausgetrieben 
werden, sind : Anrufung des Namens Jesu, Gebrauch von Re- 
liquien, Anlegung des heiligen Kreuzes, Gebrauch geweihter 
Sachen, Exorcismus. Schon die blosse Nennung des Namens 
Jesvi versetzt die Dämonen in grossen Schrecken. ^ Der Ver- 
fasser findet Apostelgeschichte 5 angedeutet, dass der Schatten 
Petri auf Dämonen grosse Gewalt ausgeübt habe; er führt 
ferner den historischen Beweis, dass durch die Fesseln des 
heiligen Petrus eine Menge Dämonen ausgetrieben worden 
seien. ^ Die Dämonen verlassen sehr ungern die Menschen, 



* De daemoniac, lib. I, cap. 40, p. 87. 

''' Ibid., cap. 42. 

3 Ibid., cap. 43, p. 96. 



28' 



436 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

die sie besitzen, weil sie, einmal ausgetrieben, nicht wieder 
zuriickkehren dürfen, oder von da in die Hölle geschickt wer- 
den. ^ Die ausgetriebenen Teufel suchen wieder andere mensch- 
liche Körper, darauf Bestien, hernach einsame üi'te. Am 
unliebsten gehen sie in die Holle, weil sie dort ihrer Lust 
nicht fröhnen können, Menschen zu peinigen, und die Frei- 
heit umherzuirren verlieren.^ Die Wirksamkeit des wächser- 
nen Bildes, des sogenannten Agnus-Dei, gibt Thyräus in fol- 
gendem Vers zusammengefosst: 

Fulmina pellit, 
Crimina mundat. 
Daemones arcet. 
Liberat igne, 
Servat ab undis 
Morteque jironipta. 
Subjugat hustes, 
Et parientem 
Prole seeundat. 
Plurinia dignis 
Muuera coufert, 
Parvaque tantum 
Portio prodest 
Maxima quautum. ^ 

Es gibt drei Arten Quälgeister: Dämonen oder böse 
Geister, die Seelen der Verdammten, und Seelen, welche im 
Fegfeuer gereinigt werden. Diese Gespenster spuken an ge- 
wissen Orten."* Orte, wo es nicht geheuer ist, sind vornehm- 
licli: Einöden, sumpfige Gegenden, unterirdische Hohlen, 
Schlösser und grosse Gebäude, Orte, die eines Mordes wegen 
bekannt sind, wo Unschuldige getödtet worden, wo grosse 
Sünden herrschen, wo sich berühmte Heilige aufhalten.'^ Die 
Teufelsgespenster spuken da herum, um Schrecken einzujagen, 
Schaden beizufügen, ihrer Lust zu fröhnen. — Dass die Ur- 
heber der Ketzereien und Erfinder falscher Doii'men ganz be- 
sonders von Teufelsgespenstern gequält werden, ist aus den 
Beispielen Luther's, Zwingli's und Karlstadt's bekannt.^ Die 



' Primus, lib. de dacmoniac, cap. 50. 

2 Ibid., cap. 56. 57. 

3 Ibid., p. 115. 

'' De locis iufestis, cap. 3. 
* Ibid., cap, 14. 
« Ibid., p. G8. 



2. Der Teufel im 16. und 17. Jahrhundert. 437 

Thatsache, dass die Dämonen vor den Keliqnien der Heiligen 
die Flucht ergreifen, wird nicht nur von Katholiken, sondern 
auch von Ketzern anerkannt. Von letztern weiss es der Ver- 
fasser aus den Magdebui'gischen Centurien. ^ 



2. Der Teufel im 16. und 17. Jahrhundert. 

Der Teufel trieb also sein Spiel im 16. und dem folgenden 
Jahrhunderte hüben und drüben fort und war um so geschäf- 
tiger, je mehr Zwietracht und Hass auf Erden hauste. Er 
war es ja, dem der Riss zwischen Katholiken vuid Protestanten 
zugeschrieben ward, er war es ja, der die darauf ausge- 
brochenen Streitigkeiten im protestantischen Lager angeregt 
hatte. Denn der Teufel griff in alle Angelegenheiten hinein, 
und der gelehrte Jakob Aeontius im 16. Jahrhundert konnte 
daher füglich die Lehrstreitigkeiten der Kirchenparteien „Kriegs- 
listen des Teufels" nennen und ein Buch darüber schreiben % 
welche buchstäbliche Auflassung des Titels auch im 17. Jahr- 
hundert festgehalten und weiter ausgedehnt wuirde. 

Unter dem theologischen Gezanke wurden dem Auf- 
schwung, den die Welt im Anfange des 16. Jahrhunderts ge- 
nommen hatte, die Flügel gebrochen, und um die Mitte dieses 
Zeitraums trat die lahme Periode des dogmatischen Ortho- 
doxismus ein. Die Reformation, welche zum Urchristenthum 
zurückleiten wollte, fand dieses in den biblischen Schriften 
niedergelegt und stellte das Wort Gottes als die einzige wahre 
Erkenntnissquelle hin, das daher, um selig zu werden, ge- 
kannt, und dem sich alles menschliche Denken und Wollen 
unterwerfen muss. Luther wollte zwar demjenigen sein Baret 
aufsetzen und sich einen Narren schelten lassen, der ihm die 
„stroherne" Epistel Jacobi mit dem Apostel Paulus zusammen- 
reimen könnte; er, der die Allegorien Pauli „zu schwach zum 
Stich" gefunden, der von der Ofi'enbarung Johannis gesagt: 
„mein Geist kann sich in das Buch nicht schicken, und das 
ist mir Ursache genug, dass ich sein nicht hochachte"; der- 
selbe konnte unter Verhältnissen gedrängt, in Feuereifer ver- 



' De locis infestis, cap. G7, p. 219. 

2 Strategematum Satanae lib. VIU (Basil. 1565). 



438 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

setzt, den später zum Schlagwort gemachten und gebrauchten 
Ausruf thun: „rund und rein ganz und alles geglaubt oder 
nichts geglaubt; der Heilige Geist lässt sich nicht trennen, 
dass er ein Stück sollte wahrhaftig und das andere falsch 
lehren und glauben lassen; wo die Glocke an einem Orte 
berstet, klingt sie nichts mehr und ist ganz untüchtig'^ Derlei 
Aussprüche benutzten die Epigonen als Haken, um ihre Fäden 
anzuheften und zu dem Gewebe des orthodoxen Dogmatismus 
abzuspinnen. Die Schrift sollte dem Buchstaben nach gefasst 
und verstanden werden, und auf den Buchstaben gründete 
sich die protestantisch-theologische Anschauung bis gegen die 
Mitte des 18. Jahrhunderts. In der lutherischen Kirche hatte 
sich schon am Ende der kryptocalvinistischen Streitigkeiten 
eine kirchliche Zwangsherrschaft errichtet, wie 40 Jahre nach 
der Concordienforniel die dortrechter Synode in der refor- 
mirten Kirche einen ähnlichen Terrorismus ausübte. In der 
protestantischen Kirche, welche die Wahrheit ihrer Lehre auf 
die Heilige Schrift gegründet wissen wollte, wurde jede 
Schriftauslegung mit Fluch belegt, die es wagte, von der 
durch den kirchlichen Lehrbegriff" bezeichneten Richtung ab- 
zuweichen, und so befand sich die Exegese auf der protestan- 
tischen wie der katholischen Seite, obschon unter verschiedener 
Form, der Autorität der Kirche unterworfen. Der Unter- 
schied bestand darin: dass in letzterer die Tradition in der 
Kirche aufbewahrt als Autorität feststand, während erstere 
auf den Begriflf der Heiligen Schrift, als auf das positive 
Princip der Reformation hinwies und aus diesem Begriff das 
Dogma von der verbalen Inspiration herauserklärte. Nach 
der Inspirationstheorie wurde jedes Wort der Schrift zu einem 
göttlichen Orakel, und hiermit sollte der subjectiven Willkür 
eine objective Autorität hingestellt sein. Demgemäss fixirten 
sich auch die hermeneutischen Grundsätze: „Der hebräische 
Text im Alten Testament und der griechische Text im Neuen 
Testament rührt unmittelbar von Gott her, nicht allein rück- 
sichtlich des Sinnes, sondern auch der Schrift und Wörter.''- * 
Oder: „Die ganze Schrift ist vollkommen, sie muss also aus 
inspirirten Vocalen bestehen; denn wie sollte eine Schrift 



1 W. Franz, Professor in Wittenberg, Tractat. theolog. novus de 
interpretatione maxime legitima, p. 33 (1619). 



2. Der Teufel im 16. und 17. Jahrhundert. 439 

vollkommen sein, die nur aus dem Leibe bestünde, der es 
aber an der Seele der Vocale fehlte." ^ 

Die buchstäbliche Erklärung der biblischen Schriften be- 
gegnete in diesen dem Teufel an vielen Orten und unterstützte 
durch die Exegese den Glauben an ihn. Der herrschende 
Teufelsglaube übte wieder seinen Einfluss auf die Interpretation, 
und die Zeitanschauung fand nicht nur im Neuen Testament 
ihre Bestätigung, sie fand sie auch bei Mose, im Hohenliede, 
im Buche Hiob, sodass sie das Krokodil zum Teufel umdeu- 
tete und in der Geschichte Nebukadnezar's ein schlagendes 
Beispiel einer teuflischen Thierverwandlung erblickte. Der 
Teufel vi'urde nicht nur in alle Händel, auch in alle Zweige 
des Wissens hineingemengt. In Beziehung auf ihn gaben die 
Rechtsgelehrten ihre Gutachten und die juristischen Facultäten 
ihre Erkenntnisse ab, von denen Horst ^ mehrere Proben lie- 
fert. Sperhng hatte die Daemones succubi und incubi in die 
Physik aufgenommen 3, und Danäus* den Buhlteufeln und 
Buhlteufelinnen in der Moral einen Platz eingeräumt.* 

Selbst die Architektur verwendete die verschiedenen Ge- 
stalten des Teufels an manchen Theilen der Kirchen, und durch 
die Teufelsgesichter an den Dachrinnen und Wasserspeiern 
wurde der glävibige Christ stets an den Höllenfürsten erinnert. 
Eine Menge Schriften waren im Umlauf, welche Anleitung 
gaben, entweder durch Gebete, durch andere fromme Formeln 
die Geisterwelt sich dienstbar zu machen, oder aber den Teufel 
zu beschwören, um mit dessen Hülfe das Gewünschte zu erlangen. 
Eine der berüchtigtsten Formeln wird mit dem im Reforma- 
tionszeitalter bekannten Teufelsbanner Faust in Verbindung 
gebracht und fiihrt den Titel „Höllenzwang." ^ „Zwang und 
Hauptbeschwerung, wodurch ich Dr. Faustus aller Welt be- 
kandt Teuffei und Geister bezwungen und beschworen, mir 
zu bringen, was ich gewollt und gethan, was ich begärt habe'; 
siben gedruckte Bücher von meiner Beschwerung werden nach 



1 Dannhauer, Professor zu Strassburg, Herrn eneutica sacra, p. 19(1654). 

2 Zauberbibl. VI, dritte Abtheilung, Nr. 1. 

3 Institutiones Physieae Joh. Sperling Prof. publ. etc.; edit. 3, lib. II, 
384 — 87. Witteb. 1653. 

* Daneau, ein französischer Protestant. 

' Danaeus, Ethica christiana, cap. 14, lib. 2. 

* Imperatioues Fausti. 



440 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

mir gefunden werden, der aber eins von meinen Büchern be- 
kommt und ein Liebhaber ist von Gold, Silber und Edelgstein, 
der kann durch meine Beschwerung so viel als er in diesem 
Buch verzeichnet finden wird, bekommen; Er muss aber auss 
meinem weitläufigen Buch die Kraft und Wörter der Beschwe- 
rung zusammenziehen, dass sie in dreymahl drey stundten 
gelesen oder ausswendig gesprochen werden, und die Kunden 
Kreiss mit dem silbernen Dreyfuss wohl einsegnen, mit den 
umstehenden Namen, Worten und Buchstaben, luid das an 
einem tüchtigen Ort, wo dich niemand verstört: imd nach 
Standsgebühr, das überlasse ich dir — gedruckt im Jahre 1571".^ 
Aber nicht blos durch das Wort, sondern auch durch Anwen- 
dung äusserer Mittel suchte man sich gegen die vielseitige 
Wirksamkeit der höllischen Mächte zu wehren, daher auch 
in dieser Beziehung literarische Producte zum Vorschein kamen, 
in denen sich nicht selten der unflätige Witz breit machte, 
wie unter andern Beisi:)ielen nur erwähnt zu werden braucht 
„Dr. J. Christiani Francisci Paullini heylsame Dreck -Apothek. 
Frankf. a. M. 1687", wo'-' eine Massregel empfohlen wird, um 
die Milch vor Unholden und dergleichen „Teufels geschmeiss" 
zu bewahren. Nach der gangbaren dualistischen Anschauung 
stellte man sich entweder unter den Schutz des Himmels oder 
man vertraute auf die Macht der Hölle, und dieser bediente 
man sich nach den Verhältnissen der Zeit, freilich mit dem 
Verluste des Seelenheils. Im dreissigjährigen Kriege war daher 
die schon früher bekannte Kunst zu „verfesten", gegen Schuss 
und Hieb sicher zu machen, ganz besonders im Schwange, 
lind wurde nicht nur durch St.-Georg oder St.-Christophel, 
sondern auch durch die Macht des Teufels erlangt. Ein durch 
die höllische Kunst „fest" oder „gefroren" gemachter hiess 
„Bilwizkind" (Pilmiskind), was wol so viel als Teufelskind bedeu- 
ten mochte, da bei ihm ein schlechtes Ende voraussichtlich war, 
nämlich dass ihn „der schwarze Kaspar" holte. Die Mittel, 
sich und andere fest oder gefroren zu machen, waren mannich- 



^ Adelung, Geschichte der menschlichen Narrheit, VII. Anhang ; vgl. 
Scheible, Das Kloster, V. Bd., 20. Zelle, ö. 1159 fg.; Faust's dreifacher 
HöUcnzwang in verschiedenen Ausgaben. 

^ Cap. 5, S. 263. 



r 



2. Der Teufel im 16. und 17. Jahrhundert. 441 

fach und wechselten in der Zeit. Es gab „Nothhemden", wozu 
das Leinengarn in der Christnacht von unzweifelhaften Jung- 
frauen in Teufels Namen gesponnen und das Gewebe genäht 
werden musste , auf der Brust zwei Häuj)ter , rechts ein 
bärtiges eingestickt, links Belzebubs Kopf mit einer Krone. 
Ein solches Nothhemd unter dem Kleide getragen, schützte 
vor Wunden. Eine ähnliche Wirkung erwartete man von der 
Hostie, die man unter geheimer Anrufung des Teufels em- 
pfangen, sie wieder aus dem Mund genommen, und an einer 
Leibesstelle, wo die Haut vom Fleische losgelöst worden, 
hineingesteckt und die Wunde hatte verheilen lassen. Es gab 
auch einen Benedisten oder Nothsegen, einen Papst -Leo- 
nis- Segen mit frommchristlichen Worten und Verheissungen. 
Es gab Passavierzettel auf Jungfern-Pergament, oder auf Ho- 
stien mit Fledermausblut geschrieben, mit Drudenfüssen, frem- 
den Buchstaben, seltsamen Charakteren versehen, auch wol 
den Spruch enthaltend: „Teufel hilf mir, Leib und Seel geb 
ich dir!" Solche Zettel unter den linken Arm gebunden bann- 
ten den Schuss. Da der Teufel die personificirte Unheimlich- 
keit ist, sammelte man alles Unheimliche, lun es als Schutz- 
mittel in seinem Sinne zu verwerthen. Ein Stück Strick oder 
Kette, womit ein Mensch gehenkt worden , der Bart eines 
Bocks, Wolfsaugen, der Kopf der Fledermaus in einem Beu- 
telchen von der Haut eines schwarzen Katers am Leibe ge- 
tragen, machten „fest"; während der andere auf ein Agnus- 
Dei oder die Reliquie, die er am Halse hängen hatte, sich 
verliess. Bekannt ist der Gebrauch verschiedener Hexenkräu- 
ter. Die weiteste Verbreitung des Glaubens an die Wirksam- 
keit solcher Mittel bezeugt die allgemeine Klage bei der 
Blockirung von Magdeburg 1629, worauf uns Freytag auf- 
merksam macht ^ , und Gustav Adolf verbot im §. 1 seiner 
Kriegsartikel: Götzendienst, Hexerei oder Zauberei der Waffen 
als Sünde gegen Gott. Nach dem dreissigjährigen Kriege, der 
nicht nur die Bande der bürgerlichen Gesellschaft furchtbar 
gelockert, sondern auch die Habe von Unzähligen zerstört 
hatte, wurde die Magie mit der Theosophie verquickt, indem 
man das theologische Moment hineinzog, die Goldmache- 
rei mit Frömmigkeit in Verbindung brachte und als Bedin- 



1 A. a. 0. II, 81. 



442 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

gung des Gelingens betrachtete; oder es wurde der Teufel in 
Anspruch genommen, und dieser musste helfen das Gold zu 
machen oder den Schatz zu heben. Bei der dem Teufel zu- 
geschriebenen Vielseitigkeit und Gestaltungsfähigkeit war dies 
natürlich, aber ebenso, dass man bei jeder einigermassen auf- 
fälligen oder unerwarteten Erscheinung seine Künste witterte. 
Eine lebendige Vorstellung von dem Anschauungskreise des 
17. Jahrhunderts in dieser Beziehung gewährt: „Der höllische 
Proteus oder tausendkünstige Vorsteller vermittelst Erzehlung 
der vielfältigen Bild- Verwechslungen Erscheinender Gespenster, 
werffender und polternder Geister, gespenstischer Vorzeichen, 
Todesfälle, wie auch anderer abentheuerlicher Händel, arglisti- 
ger Possen und seltzamer Auffziige dieses verdammten Schau- 
spielers und von theils Gelehrten für den menschlichen Lebens- 
geist irrig angesehenen Betriegers, nebenst vorberichtlichem 
Grundbeweiss der Gewissheit, dass es wirklich Gespenster 
gebe, abgebildet durch Erasmum Francisci hochgräflichen 
Hohenlohe-Langenburgischen Raht". ^ In diesem dickleibigen 
Buche ist der Gespensterglaube, wie er namentlich unter den 
Protestanten im 17. Jahrhundert gangbar war, aufgespeichert. 
Horst nennt den Verfasser den „Wieland seiner Zeit", „wegen 
seiner zierlichen Feder." ^ Das Buch wurde oftmals auch noch 
in der Zeit nach Bekker und Thomasius aufgelegt^, ein Be- 
weis der Beliebtheit der Schrift, die aber kaum in der zier- 
lichen Darstellung allein, sondern wol grossentheils in dem 
Stoffe selbst liegt, welcher der Zeitanschauung entsprach. 
Obschon der Verfasser tief im Glauben an den Teufel steckt, 
der „am füglichsten ein rechter Proteus getituliret werden 
mag — sintemal er nicht allein seine verborgene Tiicke mit 
allerlei Farben gar scheinheilig anstreicht und zieret, sondern 
auch die Menschen mit mancherlei gespenstischen Gestalten 
betriegt oder vexirt und das Bild seiner Erscheinung allezeit 
zu seinem Vorhaben richtet oder verändert" ; so zeigt sich das 
protestantische Bewusstsein bei Francisci doch darin, dass er 
dem Satan zwar die verschiedenartigsten Gespenstererscheinun- 



1 Die zweite Auflage erschien Nürnberg 1695; die erste Auflage 
konnte ich nicht ausmittehi. 

2 Zauberbibliothek II, 287 fg. 

3 Vor mir liegt eine Ausgabe vom Jahre 1708. 



2. Der Teufel im 16. und 17. Jahrhundert. 443 

gen zuschreibt, ihn aber nur als „Aflfen Gottes und des 
Menschen als des göttlichen Ebenbildes", als „höllischen 
Gaukler" behandelt, den „Acherontischen Komödianten" nennt, 
der „zur Verspottung und Verleitung der Menschen . . . bald 
diese bald jene Person fürbildet." ^ Ungeachtet der „tausend- 
künstigen Vorstellungen", die dem Teufel zuerkannt sind, wird 
dieser von dem protestantischen Verfasser, da er keine rechte 
Furcht mehr hat, abschätzig behandelt. Es ist aber nicht 
Frivolität der Grund dieser leichten Abfertigung, sondern das 
Gottesvertrauen, das reine Herz ist's, das den protestantischen 
Christen vor dem Teufel sicherstellt. Fehlt indessen auch 
der bittere Ernst der Furcht vor der Macht des Satans von 
ehedem und sind dessen Repräsentationen nicht viel mehr als 
„Wind, Lufft und Rauch"; so ist jene doch immer so gross, 
um dessen bittere Feindschaft gegen den Menschen auf em- 
pfindliche Weise an den Tag zu legen, sich „geschäflftig und 
trutzig" zu erweisen, die ganze Welt mit teuflischen „Fürbil- 
dungen" zu erfüllen, und dem Menschen sein Leben zu ver- 
gällen. Denn „der Satan thut seinen möglichsten Versuch, 
dass er ihn von dem Anker der Hoffnung auf Gott verrücke, 
und in Verzweiflung stürze".* 

Es lässt sich erwarten, dass in diesem Jahrhundert, welches 
dem „der Aufklärung" voranging, die Polemik in Bezug auf 
den Teufel nicht geschwiegen haben werde. Ausser den in 
der Hexenperiode erwähnten, unsere Geschichte des Teufels 
berührenden Schriften ist der holländische Arzt Anton van 
Dale zu erwähnen, der zuerst eine Schrift „De oraculis Eth- 
nicorum" (Amsterdam 1685) herausgab, deren sowol Bekker^, 
als auch Thomasius * gedenkt. Van Dale bewies darin , dass 
hinter den heidnischen Oi'akeln nicht der Teufel, sondern viel- 
mehr Priesterbetrug gesteckt habe. Derselbe Verfasser ver- 
öffentlichte aber ein zweites Werk: „Antonii van Dale Po- 
liatri Harlemensis Dissertationes de origine ac progressu 
Idololatriae et superstitionum : De vera ac falsa prophetia uti 
et de divinationibus idololatricis Judaeorum. Amstelodami 



1 S. 92. 

» S. 300. 

3 I, 22. Hauptstück, S. 129. 

* Kurze Lehrsätze von dem Laster der Zauberei, §. 3. 



444 Vierter /Vbschnitt; Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

1696". Nach dem eigenen Bekenntniss des Verfassers in der 
„Dedicatio" ist das meiste seiner ersten Schrift in der zweiten 
wieder aufgenommen, daher nur diese beriicksichtigt werden 
soll. In dem vorliegenden Werke zeigt der Verfasser, dass 
der Anfjing der Idolatrie vor die nouchische Flut falle, dass 
zunächst die Verehrung der Himmelskörper stattgefunden, 
dann die der Thiere und schliesslich auf die menschlichen 
Wohlthäter, als Heroen, Götter, Dämonen, übergegangen sei. 
Der Idolatrie seien auch die Hebräer verfallen und die Vor- 
stellungen von Dämonen vornehmlich durch die Uebersetzer 
und Ausleger der alttestamentlichen Schriften in diese über- 
a-eganoeu. i Denn wo im Alten Testament voii ano-eblich 
bösen Dämonen die Rede ist, sei dies den Erklärungen der 
chaldäischen Targumisten, Talmudisten und Rabbinen zu ver- 
danken.'-^ Von Dämonen und Dämonischen wisse der Urtext 
des Alten Testaments nichts, und wenn das Neue Testament 
derselben allerdings erwähnt, sowie der Teufelaustreibungen 
durch Jesum Christum, so sollte damit der Ausspruch 1 Mos. 3, 
15 in Erfüllung gehen. Die Befreiung der Menschen von des 
Teufels Macht sei durch den Heiland vollzogen, daher es der 
Verfasser für einen Aberglauben erklärt, wenn Menschen jetzt 
noch den Teufel fürchten, oder ihn durch Exorcismus austrei- 
ben wollen. ^ Den Aberglauben von einem Biinduiss mit dem 
Teufel leitet der Verfasser aus dem Ileidenthum ab, wo ihn 
die abergläubischen Philosophen und Poeten den ersten Chri- 
sten überliefert, die ihn unvorsichtigerweise angenommen 
haben. Die Reformation habe zwar manche Irrthümer beseitigt, 
aber der Sauerteig habe viele, auch Theologen, so durchdrun- 
gen, dass er noch immer zu gären scheint. Der Verfasser 
will keineswegs böse Dämonen leugnen, inwiefern sie aber 
Teufel seien, wie weit ihre Macht der allmächtige Gott zulasse 
(nachdem Christus der Schlange den Kopf zertreten), vermag 
er nicht zu begreifen.* Die Idololatric und anderer Aber- 
glaube ist aus dem Chaldäismus und dem übrigen Ilcidentlunn 
in das Judcnthum gekommen, wo ihn namentlich die Phari- 
säer gepflegt haben; von da ist er in die christliche Theologie 
jrelangt. Die sie1)ziüi; Dolmetscher und die iibrioen alten Lieber- 
Setzer des Alten Testaments, die in dem alten Aberglauben 



1 Cap. IV. - Cap. V. » Dedicatio. ' Ibid. 



2. Der Teufel im IG. und 17. Jahrhundert. 445 

l)efnngen waren, brachten die teuflischen Ungeheuer in manche 
Schriften des Alten Testaments hinein, woran deren Ver- 
fasser, z. B. die Proj^heten , nie gedacht. Die ersten 
C'hristen, die vom Heidenthum zum Christenthum übertiaten, 
nahmen auch ihre Vorstehungen von den Dämonen und deren 
Erscheinungen mit herüber, und was die heidnischen Priester, 
Mythologen und Dichter von den heidnischen Göttern erzähl- 
ten, wurde nun den Teufeln zugeschrieben. Die Mönche er- 
grifien den Gegenstand gedankenloser Weise, bildeten ihn 
weiter aus, der Aberglaube der Kleriker, frommer Betrug, 
die Sucht nach Vortheil und Ansehen trugen auch ihr Scherf- 
lein bei, und so kam der ganze Teufelsapparat zu Stande.^ 

Diese Wenigkeit aus dem Buche kann genügen, um die 
geistige Richtung desselben zu erkennen. In demselben Geiste 
schrieb van Dale's Zeitgenosse, der uns schon bekannte Bal- 
thasar Bekker seine ,, Bezauberte Welt", die nach jenes erster 
Schrift „De oraculis Ethnicorum" erschien, deren Ansichten 
in der zweiten wiedergegeben sind. Es muss auffallen, dass 
der Theologe Bekker einen so mächtigen theologischen Sturm 
hervorrief, durch den er aus seinem Amte hinweggeweht ward, 
während der Mediciner van Dale, soviel mir bekannt ist, 
weder durch sein erstes Auftreten kurz vor dem Erscheinen 
der bezauberten Welt, noch durch sein zweites Werk, drei 
Jahre nach dieser, kaum eine besondere Polemik veranlasst 
zu haben scheint. Ich kann mir diese auffallende Erscheinung 
nur daraus erklären, dass van Dale den Gegenstand in stren- 
ger, weniger durchsichtiger Gelehrtenform und in lateinischer 
Sprache behandelte, daher nur einen kleinern Leserkreis haben 
konnte; während Bekker den Gelehrtenapparat zwar beibringt, 
aljer der Landessprache und einer allgemein fasslichern Dar- 
stellung sich bedient, wodurch sein Werk einer grössern 
Verbreitung und Popularität gewiss sein musste. Ausserdem 
griff van Dale die Existenz des Teufels nicht direct an, ob- 
schon er im Grunde den Glauben daran aus dem Heidenthume 
ableitet ; er beschränkt sich dabei nur auf das Alte Testament, 
vermeidet den Boden des Neuen Testaments zu betreten, und 
wo er die Erwähnung des Satans in demselben vorübergehend 
berührt, klammert er sich an den neutestamentlichen Satz: 

1 Cap. X. 



446 Vierter Abschnitt: Fortsetzung der Geschichte des Teufels. 

dass Jesus Chiistus die Macht des Satans für immer orebrochen 
habe. Bekker hingegen geht dem Teufel unmittelbar zu Leibe, 
er durchmustert nicht nur das Alte Testament, sondern unter- 
zieht auch die betreffenden Stellen des Neuen Testaments seiner 
Exegese, welche von der damals landläufigen abwich, Grund 
genug, um den Eifer seiner Collegen in Feuer zu setzen, das, 
durch das negative Ergebniss der Bekker'schen Erklärungen nur 
noch mehr