Skip to main content

Full text of "Geschichte Russlands unter Kaiser Nikolaus I."

See other formats


Google 



This is a digital copy of a book that was prcscrvod for gcncrations on library shclvcs bcforc it was carcfully scannod by Google as pari of a projcct 

to make the world's books discoverablc online. 

It has survived long enough for the Copyright to expire and the book to enter the public domain. A public domain book is one that was never subject 

to Copyright or whose legal Copyright term has expired. Whether a book is in the public domain may vary country to country. Public domain books 

are our gateways to the past, representing a wealth of history, cultuie and knowledge that's often difficult to discover. 

Marks, notations and other maiginalia present in the original volume will appear in this flle - a reminder of this book's long journcy from the 

publisher to a library and finally to you. 

Usage guidelines 

Google is proud to partner with libraries to digitize public domain materials and make them widely accessible. Public domain books belong to the 
public and we are merely their custodians. Nevertheless, this work is expensive, so in order to keep providing this resource, we have taken Steps to 
prcvcnt abuse by commercial parties, including placing lechnical restrictions on automated querying. 
We also ask that you: 

+ Make non-commercial use ofthefiles We designed Google Book Search for use by individuals, and we request that you use these files for 
personal, non-commercial purposes. 

+ Refrain fivm automated querying Do not send automated queries of any sort to Google's System: If you are conducting research on machinc 
translation, optical character recognition or other areas where access to a laige amount of text is helpful, please contact us. We encouragc the 
use of public domain materials for these purposes and may be able to help. 

+ Maintain attributionTht GoogXt "watermark" you see on each flle is essential for informingpcoplcabout this projcct and hclping them lind 
additional materials through Google Book Search. Please do not remove it. 

+ Keep it legal Whatever your use, remember that you are lesponsible for ensuring that what you are doing is legal. Do not assume that just 
because we believe a book is in the public domain for users in the United States, that the work is also in the public domain for users in other 
countries. Whether a book is still in Copyright varies from country to country, and we can'l offer guidance on whether any speciflc use of 
any speciflc book is allowed. Please do not assume that a book's appearance in Google Book Search mcans it can bc used in any manner 
anywhere in the world. Copyright infringement liabili^ can be quite severe. 

Äbout Google Book Search 

Google's mission is to organizc the world's Information and to make it univcrsally accessible and uscful. Google Book Search hclps rcadcrs 
discover the world's books while hclping authors and publishers rcach ncw audicnccs. You can search through the füll icxi of ihis book on the web 

at |http: //books. google .com/l 



Google 



IJber dieses Buch 

Dies ist ein digitales Exemplar eines Buches, das seit Generationen in den Realen der Bibliotheken aufbewahrt wurde, bevor es von Google im 
Rahmen eines Projekts, mit dem die Bücher dieser Welt online verfugbar gemacht werden sollen, sorgfältig gescannt wurde. 
Das Buch hat das Uiheberrecht überdauert und kann nun öffentlich zugänglich gemacht werden. Ein öffentlich zugängliches Buch ist ein Buch, 
das niemals Urheberrechten unterlag oder bei dem die Schutzfrist des Urheberrechts abgelaufen ist. Ob ein Buch öffentlich zugänglich ist, kann 
von Land zu Land unterschiedlich sein. Öffentlich zugängliche Bücher sind unser Tor zur Vergangenheit und stellen ein geschichtliches, kulturelles 
und wissenschaftliches Vermögen dar, das häufig nur schwierig zu entdecken ist. 

Gebrauchsspuren, Anmerkungen und andere Randbemerkungen, die im Originalband enthalten sind, finden sich auch in dieser Datei - eine Erin- 
nerung an die lange Reise, die das Buch vom Verleger zu einer Bibliothek und weiter zu Ihnen hinter sich gebracht hat. 

Nu tzungsrichtlinien 

Google ist stolz, mit Bibliotheken in Partnerschaft lieber Zusammenarbeit öffentlich zugängliches Material zu digitalisieren und einer breiten Masse 
zugänglich zu machen. Öffentlich zugängliche Bücher gehören der Öffentlichkeit, und wir sind nur ihre Hüter. Nie htsdesto trotz ist diese 
Arbeit kostspielig. Um diese Ressource weiterhin zur Verfügung stellen zu können, haben wir Schritte unternommen, um den Missbrauch durch 
kommerzielle Parteien zu veihindem. Dazu gehören technische Einschränkungen für automatisierte Abfragen. 
Wir bitten Sie um Einhaltung folgender Richtlinien: 

+ Nutzung der Dateien zu nichtkommerziellen Zwecken Wir haben Google Buchsuche Tür Endanwender konzipiert und möchten, dass Sie diese 
Dateien nur für persönliche, nichtkommerzielle Zwecke verwenden. 

+ Keine automatisierten Abfragen Senden Sie keine automatisierten Abfragen irgendwelcher Art an das Google-System. Wenn Sie Recherchen 
über maschinelle Übersetzung, optische Zeichenerkennung oder andere Bereiche durchführen, in denen der Zugang zu Text in großen Mengen 
nützlich ist, wenden Sie sich bitte an uns. Wir fördern die Nutzung des öffentlich zugänglichen Materials fürdieseZwecke und können Ihnen 
unter Umständen helfen. 

+ Beibehaltung von Google-MarkenelementenDas "Wasserzeichen" von Google, das Sie in jeder Datei finden, ist wichtig zur Information über 
dieses Projekt und hilft den Anwendern weiteres Material über Google Buchsuche zu finden. Bitte entfernen Sie das Wasserzeichen nicht. 

+ Bewegen Sie sich innerhalb der Legalität Unabhängig von Ihrem Verwendungszweck müssen Sie sich Ihrer Verantwortung bewusst sein, 
sicherzustellen, dass Ihre Nutzung legal ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass ein Buch, das nach unserem Dafürhalten für Nutzer in den USA 
öffentlich zugänglich ist, auch für Nutzer in anderen Ländern öffentlich zugänglich ist. Ob ein Buch noch dem Urheberrecht unterliegt, ist 
von Land zu Land verschieden. Wir können keine Beratung leisten, ob eine bestimmte Nutzung eines bestimmten Buches gesetzlich zulässig 
ist. Gehen Sie nicht davon aus, dass das Erscheinen eines Buchs in Google Buchsuche bedeutet, dass es in jeder Form und überall auf der 
Welt verwendet werden kann. Eine Urheberrechtsverletzung kann schwerwiegende Folgen haben. 

Über Google Buchsuche 

Das Ziel von Google besteht darin, die weltweiten Informationen zu organisieren und allgemein nutzbar und zugänglich zu machen. Google 
Buchsuche hilft Lesern dabei, die Bücher dieser We lt zu entdecken, und unterstützt Au toren und Verleger dabei, neue Zielgruppcn zu erreichen. 
Den gesamten Buchtext können Sie im Internet unter |http: //books . google .coiril durchsuchen. 



GESCHICHTE ßUSSLANDS 



UNTER KAISER NIKOLAUS I. 



VON 



THEODOR SCfflEMANN. 



BAND II. 

VOM TODE ALEXANDER I. BIS ZUR 
JULI-REVOLUTION. 




BERLIN 

DRUCK UNI» VERLACi VON GEORG REIMKP 

1 Hoa. 



VOM TODE ALEXANDER I. 



BIS ZUR JULI-REVOLÜTION 



VON 



THEODOR SCHIEMANN. 




BERLIN. 

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER. 

1908. 



Inhalt. 



Vorwort 

Kapitel I. Das Interregnum 1 — 35 

YerfuguDgen Alexanders vor seiner Reise nach Taganrog 1. Der Reichsrat 
und die Mitglieder des Kaiserhauses 2. Miloradowitsch 4. Die Nachricht von 
Erkrankung und Tod des Kaisers 7. Die erste Entscheidung über die Nachfolge 
14. Verhalten des Reichsrats 15. des Großfürsten Nikolaus 18. Moskaus 20. 
Großfürst Constantin 22. Der sogenannte Großmutsstreit 24. Die zweite Ent- 
scheidung 30. Kaiser Nikolaus I. 34. 

Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung 

der Revolution 35— 85 

Verhalten der Verschworenen 36. Der Plan des Aufstandes 39. Rostow- 
zew 41. Der Morgen des 14. Dezember 43. Miloradowitschs Ausgang 46. 
Nikolai Tor dem Senatsplatz 48. Jacubowitsch und Bulatow 49. Kritische 
Stunden 51. Beginn des Kampfes und Niederlage der Meuterer 54. Erste 
Verhaftungen und die Verhöre 57. Die moskauer Verschworenen 60. Pestel 
und der Südbund 62. Ssergej Murawjew 64. Die Verdächtigen 71* Verfahren 
der Untersuchungskommission 72. Das Oberkriminalgericht 75. und das 
Urteil 81. Geistesrichtunsr der Dekabristen 84. 



Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe . . . 85 — 109 
Reformgedanken der Dekabristen 81. Borowkows Denkschrift 86. Uni- 
formierung der Beamten und der Zuglinge in Schule und Universität 91. 
Kontrolle nnd Einschränkung der ßildungsanstalten 92. Zensur 93. Benken- 
dorfTs Polizeiprojekt 96. Die dritte Abteilung der höchsteigenen Kanzlei 97. 
Die Kommission vom 6. Dezember 1826 100. Die vollständige Sammlung 
russischer Gesetze 105. Neuuniformierung der Truppen 106. 

Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. Die 

orientalische Frage 109 — 154 

Das Ausland und der Großmutsstreit 109. Graf ßombelles in War- 
schau 112. Der Kaiser und die fremden Diplomaten 114. Graf La Ferron- 
nays 115. Verstimmung der Petersburger Gesellschaft 120. Der Leichenzug 
Alexanders I. 123. Tod der Kaiserin Elisabeth 125. Wellington in Petersburg 
126. Das Protokoll vom 4. April 137. Die Verhandlungen von Akkerman 140* 



181050 



VI Inhalt. 

Polnische Angelegenheiten 143. Menschikows Sendung nach Persien Hf). 
Hinrichtung der Dekabristen und Reise des Kaisers nach Moskau 147. Die 
Krönung 149. 

Kapitel V. Der Perserkrieg 154 — 17s 

Der Friede von Gulistan 154. General Jermolow 155. Scheitern der 
MissioD Menscbikow, Beginn des Krieges 157. Paskiewitscb 158. Die Schlacht 
bei Jelissawetpol 159. Paskiewitschs Abschiedsgesuch 160. Diebitsch in 
Tiflis 163. Verabschiedung Jermolows 165. Der Feldzug Paskiewitschs 160. 
Einnahme von Eriwan 172. Weite Pläne 174. Der Friede von Turkmau- 
tschai 176. 

Kapitel VI. Vorstadien des Turkenkrieges. Navarino . 178 — 20H 
Tätigkeitsdrang des Kaisers 179. Neuorganisation des Marineministeriums 
\/ 183. Die neue Flotte 186. Die Tripelalli&ns vom 6. Juli 1827 187. Capo 
d'Istria in Petersburg 192. Tod Cannings 195. Auslaufen des russischen Ge- 
schwaders 196. Godrington und Ibrahim 198. Vereinigung der russischen 
Flotte mit der englischen 200. Navarino 202. 

Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbrach des Krieges 206 — 240 
Cannings Politik 207. Der Kaiser 209. Beziehungen zu Österreich 211. 
zum Großfürsten Constantin 212. In Erwartung des Krieges 213. Sultan 
Mahmud und die Protokollmächte 215. Abreise der Botschafter 218. Die 
Kundgebung an die Ayans 219. Haltung Englands 222. Die Kriegsmacht 
der Türkei 223. Der russische Feldzugsplan 224. General Diebitsch und 
Prinz Eugen von Württemberg 224. Wittgenstein 226. Der Kaiser 227. Die 
«russische*' und die „deutsche*' Partei 228. Die diplomatische Kampagne 230. 
Kriegserklärung an die Pforte 231. Illusionen des Kaisers 233. Die Vorbe- 
reitungen zum Kriege 235. Tod der Fürstin Charlotte Lieven und des Grafen 
Lambsdorff 239. Aufbruch zum Kriege 240. 

Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828 . 240— 28S 
Die Donaufürsteutümer 241. Der Kaiser auf dem Kriegsschauplatz 243. 
Brailow 245. Das Urteil des Warschauer Hochverratsgerichts 246. Der Cber- 
gang über die Donau bei Satunovo 247. Kapitulation von Isaktschi und 
Brailow 248. Anapa 250. Der Marsch auf Vama 250. Constantin verweigert 
Hilfe 252. Änderung der Dispositionen, Marsch auf Scbumla 253. Erste Er- 
folge 254. Der Ritt des Kaisers nach Varna 255. Odessa 256. Haltung 
der Mächte 257. Silistria 259. Der Cberfall am 26. September 262. Be- 
drängnis Varnas 264. Eintreffen des Kaisers 265. Die Niederlage der Garde- 
jagcr 266. Prinz Eugens Niederlage 268. Omer Vriones Versäumnisse 261». 
Der Verrat Jussuf Paschas 270. Fall von Vama 271. Aufhebung der Be- 
lagerung von Silistria 272. Abmarsch der Russen 273. Winterquartiere 275. 

Der Feldzug Paskiewitschs in Asien. 

Kriegsschauplatz 277. Einnahme von Kars 279. Kios Pascha in Hassau 
Kaleh 280. Die Schlacht vor Achalzych 281. Einnahme der Festung, Fall 
von Bajazet, Diadin nnd Topra-Kale 282. 



Inhalt. VII 

Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 283 — 337 
Rückkehr Nikolais nach Petersburg 283. Der Tod Maria Feodorownas 284. 
Feldiugspläne 288. Beratung im Komitee 289. Wassiltschikows Denkschrift 290. 
Der neue Feldzugsplan Diebitscbs 292. Seine Ernennung zum Oberkomman- 
dierenden 293. Der dritte Feldzugsplan Diebitschs 293. Toll, Wittgenstein, 
Diebitscb 294. Der diplomatische Feldzug seit Herbst 1828 295. Die ent- 
scheidenden Konferenzbeschlusse 299. Polnische Schwierigkeiten 300. Der 
Spruch des Warschauer „hohen Gerichts* 302. Der Kaiser bestätigt das Urteil 
nicht 303, Die Entscheidung vom 7. März 1829 304. Die Kronungsfrage 305. 
Kaiser und Großfürst 307. Die Nachrichten vom Kriegsschauplatz 308. Gri- 
bojedows Ermordung 310. Politische Wünsche und Sorgen 311. Der Kaiser 
in Warschau 312. Eindruck der Kronungsfeierlichkeiten 313. Weitere Nach- 
richten vom Kriegsschauplatz 314. Aufbruch Nikolais nach Berlin 316. Die 
Mission Müfflings 318. Rückkehr nach Warschau 319. Nachricht von der 
Schlacht bei Kulewtscha 320. Der Fall von Silistria 327. Die Dispositionen 
zum Obergang über den Balkan 328. Der Feldzug in Asien 329. Entsatz von 
Achalzych 331. Niederlage des Seraskiers 332. Vernichtung der türkischen 
Feldarmee bei Kain-Li und Millehdasu 336. Kapitulation von Erzerum 337. 

Kapitel X. Der Übergang über den Balkan und der 

Friede von Adrianopel 338 — 379 

Staff von Reitzensteiu und Diebitschs großer Plan 338. Der Kaiser in 
Südnißland 339. Die Operationen am Kamtschyk 341. Der Überganjr über 
den Balkan 343. Kapitulation von Misivri, Achiolo, ßurgas 343. Ibraiiim 
Pascha vor Aidos 344. Weitere Erfolge von Diebilsch 345. Waffenstillstands- 
verhandlungen, Marsch auf Sliwno 346. Die Russen vor Adrianopel 348. Ge- 
fährliche Lage Diebitschs 349. Die Botschafter Guilleminot und Gordon. 
Müffling 350. Obergabe Adrianopels 350. MuflTlings Tätigkeit 351. Chosrew 
Pascha 351. Gährung in Konstantinopel 352. Müffling, Royer und der Reis- 
Efendi 354. Anerkennung des Londoner Traktats 355. Die Konferenz am 
24. August 355. Eintreffen der Bevollmächtigten des Sultans in Adrianopel 356. 
Geschickte Haltung Diebitschs 358. Die Frage der Kriegsentschädigungen 359. 
Der Pascha von Skodra 360. Panik der fremden Botschafter 361. Abschieds- 
audienz von Müffling 362. Der Friede von Adrianopel 363. Haltung des 
Kaisers, die Konferenz am 16. September 1829 367. Würdigung des Friedens- 
schlusses 368. Nachträgliche Schwierigkeiten 369. Ualils Sendung 370. Die 
Note der Pforte vom 25. September 371. Der Pascha von Skodra 372. Pas- 
kiewitscbs Sieg bei Beiburt 375. Diebitsch verläßt Adrianopel 376. Orlow 
und die Pforte 377. Sturz des Keis-Efendi 378. 

Kapitel XI. Nach dem Kriege 379 — 399 

Die öffentliche Meinung Rußlands und der Friede 380. Reformgedanken 
382. Chosrew Pascha in Petersburg 383. Poliguaes Teilungsplan 383. Algier 384. 
Die griechische Frage 385. Erkrankung des Kaisers. Halil Pascha 386. Halils Ab- 
scbiedsaudienz 390. Der Reis-Efendi und die Botschafter der Aliierten 391. Fest- 



VIII Inhalt. 

Setzung des russischen Einflusses auf der Balkanbalbinsel 393. Die Donau- 
förstentumer 394. Asiatische Beziehungen 396. Die Mission nach China 398. 

Kapitel XII. Aufsteigende Gewitter 399 — 411 

Steigende Willkür des Kaisers 399. Wiederum die polnische Frage 401. 
Berufung des polnischen Reichstags 404. Gonstantin 406. Der Verlauf des 
Reichstages 407. Meuterei in Sewastopol 409. Die Cholera. Revolution in 
Frankreich 411. 

Anlagen. 

Rapport sur les Colonies militaires en Russie 415 

König Friedrich Wilhelm III. an Kaiser Nikolaus. 18. I. 1826 .... 423 

Möffling an Diebitsch. 6. II. 1826 424 

Erzherzog Ferdinand an Kaiser Franz. 5. II. 1826 425 

Kaiser Franz an Großfürst Gonstantin. 19. I. 1826 427 

Aus einem Briefe G. von Benkendorffs. 17. XI. 1827 427 

Lieven an Nesselrode. 13. VII. 1827 429 

Laferronnays an Mortemart. 7. VII. 1828 430 

Fontenay an Laferronnays. 29. II. 1828 431 

Nikolaus I. an Kari X. 22. III. 1828 435 

Kari X. an Nikolaus I. 30. IV. 1828 437 

Aufzeichnung Diebitschs über eine Teilung der Türkei 439 

Schreiben Mettemichs an den Prinzen Philipp von Hessen-Homburg . . 439 

Prinz Eugen an Diebitsch nach der Schlacht bei Kurtepe 440 

Diebitsch an Wittgenstein. 12. IX. 1828 441 

Wittgenstein an Diebitsch. 13. IX. 1828 441 

Diebitsch an Wittgenstein. 13. IX. 1828 442 

Nicolai an Gonstantin. 13. X. 1828 442 

Diebitsch an Wittgenstein. 13.1.1829 444 

Aufzeichnung Tolls. 28. XI. 1828 st. v 445 

Supplement zur Haupt- Instruktion für Fiquelmont. 17. 1. 1829 .... 452 

Heytesbury an Lord Cowley 453 

Gonstantin an Nicolai 5. X. 1827 455 

Instruktion Sultan Mahmuds an den Seraskier. 27. III. 1828 457 

Nicolai an Gonstantin. 23. IX. 1828 460 

Nicolaus I. an Kari X. LV. 1829st.v. 461 

4 Briefe Nicolaus L an Friedrich Wilhelm IIL 4. IV. — 19. VIL 1829 . . 4G2 

Roth an Diebitsch. 6. V. 1829 st. v -404 

Konzept der undatierten Instruktion Bernstorffs für Müffling 4C5 

Fürst Trubetzkoi an Diebitsch. 9. VI. 1829 st. v 467 

Diebitsch an Nesselrode. 8. VI. 1829 st. v 468 

Der Marsch gen Schumla-Kulewtscha 469 

Die Mission des Major von Staff gen. v. Reitzenstein. IV.— VII. 1829 . 480 

Die Truppen der aktiven Armee am 14. VIL 1829 494 

Diebitsch an Nesselrode. Memorandum. 15. VIIF. 1829 st. v 503 



Inhalt. IX 

Antwort Diebitschs. 23. VIII. 1829 504 

Nikolaus I. an Friedrich Wilhelm III. 23. IX. 1829 505 

Auszug aus der 2. Instruktion Halil Paschas 507 

Nesselrode: Mission du Comte OrlofT 508 

Affaire de la Blonde 510 

Der Seraskier an Halil Pascha. 5.11.1830 511 

Das Polignacsche Teilungsprojekt. 4. VII. 1829. 

Brief und Note an Mortemart 51 1 

Antwort Mortemarts. 22. XII. 1829 519 

Aus der Relation Bourgoings. 30. VII. 1830 520 



Anmerkung. Die p. 177 angekündigte Anlage ist nicht gedruckt 
worden, da das russische Ministerium des Auswärtigen inzwischen den offi- 
ziellen französischen Text des Friedens von Turkmentschai Teröffentlicbt hat 
Sammlung noch geltender Vertr&ge usw. Band I. Petersburg 1902. 



Vorwort. 

Der erste Band der „Geschichte Rußlands unter Nikolaus i.^ 
hat die Verhältnisse geschildert unter denen der Großfürst Nikolaus 
zum Mann heranwuchs und gezeigt, wie furchtbar schwer das Erbe 
an Mißbräuchen und politischen Fehlern war, das er von Kaiser 
Alexander I. übernehmen mußte. 

Der zweite Band, den wir dem Urteil der Leser und der Kritik 
der Fachgenossen vorlegen, umfaßt nur einen Zeitraum von fünf 
Jahren, aber es sind die Jahre, in denen sich der Charakter des 
Kaisers gebildet und in den Panzer der Prinzipien gehüllt hat, die 
fortan sein Tun und sein Lassen so völlig bestimmt haben, daß 
sich in allen Fragen der inneren wie der äußeren Politik mit 
fast völliger Sicherheit vorhersehen ließ, welche Wege er ein- 
schlagen werde. 

Gerade über diese bedeutsame Zeit ist aber von Freund und 
Feind, von Bewunderern und Verächtern ein Kreis von Legenden 
gewoben worden, der die historische Wirklichkeit verhüllt und ent- 
stellt hat. Es wurde notwendig, ein fast völlig neues Bild zu ge- 
stalten. Sowohl der sogenannte Großmutsstreit der kaiserlichen 
Brüder Constantin und Nikolaus, als der Verlauf und die Würdi- 
gung der Tragödie, die sich an den Namen der Dekabristen knüpft, 
wue die AnPänge der polnischen und der orientalischen Frage mußten 
Schritt für Schritt nachgeprüft und vielfach zurechtgestellt werden. 
Dasselbe gilt auch von den wichtigen politischen und militärischen 
Ereignissen jener Jahre der Begründung des nikolaitischen Regiments. 
Trotz der ausgezeichneten Darstellung, w^elche der Türkenkrieg von 
1828 und 1829 aus der Feder eines Moltke gefunden hat, war das 
politische Bild von Grund aus umzuformen. Die Zeitgenossen 
konnten den verschlungenen Gang einer hinter den Kulissen spie- 
lenden Diplomatie nicht verfolgen, auch standen sie, wie dio 



XII Vorwort. 

späteren, unter dem Eindruck der blendenden Erscheinung des 
Kaisers, der zudem durch das geflissentliche Hervorkehren seiner 
„Grundsätze^ und seiner „Konsequenz^ Bewunderung heischte und 
gewann. Endlich waren die inneren Verhältnisse Rußlands im 
„Auslände^ so gut wie gar nicht bekannt. Nur sehr wenige haben, 
einen Einblick in die Realität der russischen Zustände gewonnen. 
Eine politische russische Literatur aber, die dem Abendlande diese 
fremde Welt hätte erschließen können, gab es um diese Zeit noch 
nicht. Die literarischen Talente die sich emporzuringen versuchten, 
erstickten unter dem Druck einer ebenso rücksichtslos wie geistlos 
gehandhabten Zensur. 

Was man sah, waren äußere Erfolge, was man hörte, Prinzipien 
und die Verherrlichung einer Politik von unerschütterlicher Konse- 
quenz. 

Nun hat freilich der Fürst Bismarck gesagt (1887 22. April): 
„Konsequenz für einen Politiker, für einen Staatsmann, ist um so 
leichter, je weniger er politische Gedanken hat. Wenn er nur einen 
bat, dann ist es ein Kinderspiel, und wenn er den immer wieder 
vorbringt, so ist er der Konsequenteste.*' Man konnte diesen Aus- 
spruch unseres großen Staatsmannes als Motto der. Geschichte des 
Kaisers Nikolaus voransetzen. 

Er ist allerdings der Konsequenteste geblieben, aber an der 
Konsequenz seines Systems spitzten sich die Schäden zu, an denen 
das heutige Rußland so schwer krankt, und erstickten die Keime 
gesunder Entwicklung, deren Ausreifen ein Glück für die Nation 
gewesen wäre. 

Was der Kaiser im Innern erreichen wollte, war „Ordnung"^ 
— was er erreichte, war ein Schein äußerer Korrektheit. Nach 
außen erstrebte er „Wahrung der Verträge", in Wirklichkeit verfolgte 
er eine Politik der Stagnation, die eine Neubildung der politischen 
Lebensformen, wie die Zeit sie verlangte und verlangen mußte, ver- 
geblich aufzuhalten bemüht war. Er ist sich aber nach beiden 
Richtungen bis ans Ende treu geblieben: Der „konsequenteste" aller 
Autokraten. 

Als Kaiser Nikolaus seine Regierung antrat, lebten noch die 
Ideen fort, mit denen sein geistvoller und hochstrebender Bruder sich 
bis etwa 1820 getragen hatte. Auch der Ehrgeiz» den die Kaiserin 
Katharina II. ihren politischen und militärischen Paladinen in die 
Seele zu gießen verstand, war keineswegs erstorben. Aber je länger 



Vorwort. XIII 

je mehr verschwanden die glänzenden Fähigkeiten, um bequemen 
Mittelmäßigkeiten und schließlich der verknöcherten Routine Platz 
zu machen. Nach Verlauf der fünf ersten Regierungsjahre Nikolaus 
hat dieser Prozeß geistiger Erstarrung bereits den größten Teil der 
Nation erfaßt. Ein allgemeiner Niedergang des geistigen Lebens 
und ein Verstummen aller idealistischen Regungen kennzeichnet diese 
Periode. Die Hochflut mystisch religiöser Erhebung, welche die 
letzten Lebensjahre Alexanders charakterisiert, verrinnt fast spurlos 
und ein geräuschvoller, praktischer Materialismus beherrscht die 
„Gesellschaft^. Diese Gesellschaft, das ist der Hof, die Garde und 
die Bureaukratie, deren Verzweigungen die Nation wie mit ehernen 
Klammern umschlossen, hat wohl nach wie vor kritisiert und me- 
disiert, aber niemals dem Zaren zu widersprechen gewagt. Er 
war der Mittelpunkt, und die Suggestion, die von ihm ausging, so 
unwidei-stehlich, daß selbst eine so wenig disziplinierte Natur, wie 
die Puschkins, ihr schließlich willenlos erlag. Es hat bis zum 
Ausbruch des polnischen Aufstandes nur eine Selbständigkeit neben 
dem Kaiser in Rußland gegeben, und das war, zum Unheil des 
Reiches, sein Bruder Constantin. Die anderen alle waren stumme 
Werkzeuge und wahrten sich ihren Willen nur nach unten hin, 
wo ihnen der Spielraum für eine fast schrankenlose Willkür offen 
blieb. 

Auch für die Geschichte Nikolais liegt ein ungeheures Material 
vornehmlich in den russischen Zeitschriften verstreut vor. Von den 
zusammenfassenden Dai*stellungen verdient nur die leider nicht 
vollendete Biographie Nikolais von Schilder hervorgehoben zu werden. 
Von ihr gilt, was wir von seiner Geschichte Alexanders L sagen 
mußten. Schilders Arbeiten ruhen auf dem Untergrunde sehr 
fleißiger Studien in den russischen Archiven und in der russischen 
Literatur. Sie sind chronologisch zuverlässig aufgebaut, aber ihr 
Fehler liegt in der ungenügenden historischen Schulung des Ver- 
fassers. Er schreibt als Amateur, nicht als Historiker, ohne Be- 
rücksichtigung der großen politischen Zusammenhänge. Trotzdem 
wird ihm jeder dankbar sein, der auf dem Felde arbeitet, das er 
durchackert hat. 

Mir sind für den vorliegenden Band das Staatsarchiv in Berlin 
und das königliche Hausarchiv in Charlottenburg zugänglich ge- 
wesen, ebenso das Archiv des Großen Generalstabes und die Archive 
in Wien, Paris und Petersburg. Ich spreche hiermit ihren Leitern 



XIV Vorwort. 

und Beamten meinen ergebensten Dank aus. Der gleiche Dank 
gilt dem Freiherrn W. v. ^lüiTling auf Ringhofen und S. Exz. 
General Fr. von Bernhardi, die mir gütigst gestattet haben ihre 
Familienarchive zu benutzen. In den Anlagen ist ein durchweg 
neues urkundliches Quellenmaterial mitgeteilt worden. Für die 
beiden ersten Kapitel sind die Belege in meinem Buch über ^die 
Thronbesteigung Nikolaus I." (Berlin 1902 Verlag von Georg Reimer) 
zu linden. 

Berlin, im März 1908. 

Theodor Schiemaniu 



z 



Kapitel I. Das Interregnum. 

Kaiser Alexander hatte, als er seine verhängnisvolle Reise nach 
Taganrog autrat, die Verwaltung des Reiches in die Hände des 
Ministerkomitees gelegt, wie er seit 1805 zu tun pflegte'). Aber 
es war nur ein Schein von Macht, der damit dieser hohen Körper- 
schaft zufiel. Alle wichtigen Angelegenheiten mußten dem Grafen 
Araktschejew nach Grusino zugeschickt werden, und er traf dann 
die Entscheidung, nach der das Ministerkomitee sich zu richten 
hatte. Nur die auswärtige Politik, die Alexander nach wie vor 
persönlich leitete, war von dieser Regel ausgeschlossen. Als nun, 
noch nicht 14 Tage nach Alexanders Abreise, Araktschejew infolge 
der Ermordung seiner Maitresse in fassungslosem Schmerz und 
Grimm plötzlich seine gesamte Tätigkeit einstellte und die Führung 
der ihm zugewiesenen Geschäfte Männern überwies, die weder die 
Autorität genossen noch den Mut hatten, die ungeheuere Verant- 
wortung zu tragen, die ihnen zufiel, arbeitete die Staatsmaschine zwar 
mechanisch weiter, aber alle wichtigeren Angelegenheiten gerieten 
ins Stocken. Der mit der Leitung der Zivilkanzlei Araktschejews 
und mit den vom Ministerkomitee einlaufenden Geschäften betraute 



>) conf. Bd. I S. 368. Volle Sammlung russischer Gesetze Nr. 29553, 
30314, 30315, 30469. Der letzte dieser Ukase datiert vom 31. August 1825, 
dem Tage der Abreise Alexanders. Die Geschäftsordnung war durch Ukas 
vom 10. August 1823 festgesetzt: „über die Ordnung bei Fübning der Ge- 
schäfte, zur Zeit Allerhöchster Abwesenheit*', conf. daselbst das Memoir 
Araktiicbejews vom gleichen Datum. 

Ein Ukas vom 10. September 1823 bestimmte, daß über Angelegenheiten, 
welche der Entscheidung des Kaisers vorbehalten waren, diesem Denkschriften 
vom Ministerkomitee einzureichen seien. Handele es sich um Angelegenheiten, 
die keinen Aufschub duldeten, so solle man ihn nachträglich davon in Kenntnis 
setzen. (Die Kenntnis dieses, nicht in der V. S. R. G. aufgenommenen Ukases, 
danke ich dem Kammerherrn v. Schtscheglow, Direktor des kaiserlichen Uaus- 
archivs.) 

Schiemano, Geschichte Rußlands. II. 1 



2 Kapitel I. Das Interregnum. 

Staatssekretär, Nik. Nasarjewitsch Murawjew, durfte dem Grafen 
weder schriftlichen Bericht erstatten, noch ihm Vortrag halten. 
Die Sachen blieben einfach liegen. Es machte sich in verhängnis- 
vollster Weise geltend, daß das persönliche Regiment Alexanders 
neben Araktschejew keine andere Selbständigkeit hatte aufkommen 
lassen. 

Die Leitung des Ministerkomitees gehörte dem Präsidenten 
des Reichsrats, Fürsten Paul Wassiljewitsch Lopuchin, einem 
72jährigen fast ganz tauben alten Herrn, dem die Last seiner 
Jahre und die Erfahrungen seines Lebens jede Kraft der Initiative 
geraubt hatten. Von den Ministern war nur Cancrin eine wirk- 
liche Kapazität, trotz seiner 51 Jahre nächst Nesselrode der jüngste 
in der erlauchten Versammlung, die übrigen waren alt und müde^). 
Sie alle fühlten sich durch das Wegfallen des Druckes, der von 
Araktschejew ausgegangen war, entlastet, fast wie Schüler, die ein 
verhaßter Lehrer ohne weitere Kontrolle sich selbst überläßt. 

Von den Mitgliedern des Kaiserhauses hatte keines Anteil an 
der Reichsverwaltung und Regierung. 

Konstantin, der eben erst von einem längeren Aufenthalt im 
Auslande heimkehrte, dachte nur an seine polnischen und littaui- 
schen Angelegenheiten. Die Kaiserin-Mutter') hatte vollauf mit der 
Verwaltung der ihr unterstellten Institute für Mädchenerziehung zu 
tun und lebte im übrigen nur den Äußerlichkeiten ihrer Stellung 
und einer Korrespondenz von erstaunlicher Ausdehnung. Sie war 
wenig beliebt, dem Volke fast unbekannt, ohne jede Kühlung mit 
den geistigen und politischen Strömungen Rußlands. Trotz ihrer 



Der durch eine Intrigue Araktäcbejews 1823 emporgekommene Kriegs- 
minister A. J. Tatischtschew war 1763 geboren, der unfähige Marinemiuister 
Marquis de Traverse war schon 1791 aus der französischen Flotte als Konter- 
admiral übernommen worden, der Chef des Marinestabes Moller 61 jährig, der 
Justizministcr Fürst D. J. Lobanow Rostowski 73, der Minister der Volksauf- 
klärung Schischkow 71 Jahre alt Der Minister des Innern Lanskoi war eine 
völlige Nichtigkeit, die Vorsitzenden der Departements des Reichsrats Fürst 
Jacob J. Lobanow Rostowski und Fürst A. B. Kurakin, von denen der letzte 
Lopuchin zu vertreten pflegte, wenn dieser krank war, 65 bzw. 6G Jahre alt 
und beide herzlich unbedeutend. 

^ conf. die Tagebücher ihres Privatsekretärs G. W. Willamow, Russkaja 
Starina 1899 Januar bis März. Sie sind für die Zeit vom November 1825 bis 
März 1826 eine unserer zuverlässigsten und reichsten Quellen. Zitiert als 
«Willamow**. 



Kapitel I. Das Interregnum. 3 

hohen Apanage war sie stets geldbedürftig und gewohnt, daß 
diese Bedürfnisse von Alexander widerspruchslos befriedigt 
wurden. Einen EinHuß im weiteren Sinne des Wortes übte sie 
nicht aus. Trotz der ostentativen Verehrung, die man ihr im Kreise 
der Familie entgegentrug und die sie verlangte, war ihre naive 
Selbstsucht und Rücksichtslosigkeit gefürchtet. In kritischen Zeiten 
verlor sie regelmäßig Fassung und Selbstbeherrschung, so daß sie 
ganz unPähig war, eine leitende Rolle zu spielen. Sie lähmte durch 
die Maßlosigkeit, mit der sie ihren Empfindungen freien Lauf gab, 
auch die anderen und konnte selbst, wo eine echte Empfindung 
zum Ausdruck kam, die angeborene und durch ihr Leben geförderte 
Neigung zu schauspielerischer Ostentation nicht unterdrücken*). 

Noch weit geringer war der Einfluß der Großfürsten Nikolai 
und Michail. Sie lebten beide ausschließlich ihren militärischen 
Pflichten und Neigungen. Nikolai war vom Kaiser am 3. Mai 1825 
zum Chef der 2. Garde-Infanteriedivision ernannt worden, die aus 
der 2. und 3. Garde-Infanteriebrigade bestand. Es waren lauter 
Eliteregimenter: die Ismailower, Pawlowsker, die Leib-Garde- Jäger 
und Finnländer und das Leib-Garde-Sapeurbataillon. Er war 
ein unbeliebter, faßt könnte man sagen verhaßter Chef, und über 
seine kleinliche und peinlich-formalistische Unduldsamkeit liefen 
die schlimmsten Erzählungen um'), aber Kaiser Alexander war 
damit nicht unzufrieden. Er sah es nur ungern, wenn ein Chef 
bei seinen Untergebenen populär war, und machte in dieser Hin- 
sicht mit seinen Brüdern keine Ausnahme. Die aber hatten nie 
einen anderen Gedanken gehabt, als den, dem Kaiser zu Willen 
zu sein. In dieser Hinsicht herrschte in der kaiserlichen Familie 
eine unübertreffliche Disziplin. Es ist kein Fall bekannt, daß 
Alexander je auf einen Widerstand bei seinen Brüdern gestoßen 

^) Willamow passim. die Briefe der Kaiserin Elisabeth, aber auch die 
Tagebücher der Kaiserin Alexandra und des Prinzen Eugen von Württemberg 
geben dafür charakteristische Belege, conf. Geschichte Rußlands unter Kaiser 
Nikolaus L Bd. I S. 69 flF. 

^ Brief der Gräfin Nesselrode an ihren Bruder Nicolas Guriew vom 2. De- 
zember 1825: „II est triste pour le Grand Duc Nicolas d'avoir si peu raisonne 
sa conduite, de s^etre fait detester, execrer par la troupe; on le dit empörte, 
severe, vindicatif, avare . . ." 

Nikolai war erst am 20. September/2. Oktober von einer Inspektion in 
ßobruisk zurückgekehrt und siedelte am 2./14. Oktober von Gatschina nach 
Petersburg in das Anitschkow-Palais über. 



4 Kapitel I. Das Interregnum. 

wäre. Selbst der eigenwillige, geistreiche und selbstbewußte Kon- 
stantin hatte sich ihm stets unbedingt untergeordnet. Der Großfürst 
Nikolaus aber hätte, selbst wenn es sein Wunsch gewesen wäre, 
in die Reichsregierung nicht eingreifen können. Er kannte weder 
Rußland noch die Zusammenhänge der großen Politik. Sogar von 
den Funktionen und Kompetenzen der obersten Reichsbehörden 
hatte er nur ungenaue und lückenhafte Kenntnisse, und obgleich 
sein Streben stets dahin ging, gerecht zu sein, war ihm der Begriff 
des Rechts fremd geblieben. Der ging ihm völlig in der Vorstellung 
auf, die er von der unumschränkten zarischen Selbstherrlichkeit 
hatte, und da ihm Kaiser Alexander, als er nach Taganrog reiste, 
keine anderen Aufgaben gestellt hatte, als nach wie vor seinem 
„Dienst^ nachzugehen, ist ihm der Gedanke, daß er während der 
Abwesenheit des Bruders eine politische Rolle spielen könnte, über- 
haupt nicht in den Sinn gekommen. Dasselbe gilt in noch höherem 
Grade von dem Großfürsten Michail Pawlowitsch, nur daß seine 
militärische Pedanterie durch Humor und einen Zug liebenswürdiger 
Gutmütigkeit gemildert wurde. Michails Ideal war der Bruder 
Konstantin, an dem er mit schwärmerischer Verehrung hing. Auch 
hatte er sich die Erlaubnis erbeten, während Alexanders Abwesen- 
heit zu diesem Lieblingsbruder nach Warschau zu ziehen, so daß 
er in der kritischen Woche, die dem Tode des Kaisers vorherging, 
gar nicht in Petersburg war. 

v/ Es blieben daher, seit Araktschejew von der politischen Bühne 
zurückgetreten war, nächst dem durch den Fürsten Lopuchin ver- 
treteneu Ministerkomitoe, nur drei Personen in Petersburg übrig, 
in deren Händen sich tatsächlich die Macht konzentrierte. Der 
General-Kriegsgouverneur Michail Alexandrowitsch Graf Milorado- 
witsch, der Kommandeur der Garde General Alexander Lwowitsch 
Woinow und der General du jour Aloxej Nikolajewitsch Po- 
tapow. Woinow') und Potapow') waren jedoch zu unbedeutend 
um eine über ihre amtliche Stellung hinausgreifende Rolle zu spielen, 
auch faktisch dem Grafen Miloradowitsch untergeordnet, so daß 
die entscheidende Stimme ihm, und man darf wohl sagen, nur ihm 

') Nikolai nennt ihn in einem Brief an den Großfürsten Konstantin vom 
23. Februar 1826 ^le triste, mais bon diable Woinow**. 

'-') Potapow hatte als General du jour die Leitung des Inspektionsweseus 
im Kriei^sministerium und das gesamte Dujourwesen der Armee unter sich. 
Alle Befehle gingen von seiner Kanzlei aus. 



Kapitel I. Das Interregnum. 5 

zufiel. Er ist es gewesen, der in verhängnisvollster Weise die Ent- 
scheidung über die Nachfolge im Reiche beeinflußt hat, und ihm 
fällt die Verantwortung dafür zu, daß der Aufstand des 14./26. De- 
zember überhaupt möglich wurde. 

Michail Alexandrowitsch Miloradowitsch gehörte der Generation 
an, die ihre entscheidenden Eindrücke unter der glänzenden Re- 
gierung Katharinas II. erhalten hatte. Er war 25 Jahre alt, als die 
Kaiserin starb. Seine weltmännische Bildung hatte er sich in den 
Petersburger Salons, die nicht oberflächlichen wissenschaftlichen 
Interessen auf den Universitäten Königsberg und Göttingen er- 
worben, in Straßburg und Metz war er militärischen Studien nach- 
gegangen. Dann nahm er den Dienst in der Armee auf, der er 
von früher Jugend an zugeschrieben war. Ein junger Offizier von 
lebhafter Begabung^ngewöhnlicher Schönheit und von unverwüst- 
licher Lebenslust, Kraft und Gesundheit. Den Feldzug Ssuworows 
in Italien und in der Schweiz hat er als Chef des Apscheronschen 
Musketierregiments mitgemacht. Unter Alexander kämpfte er, stets 
vom Glück gefördert, in der Türkei, bereits als SSjähriger wird er 
zum General der Infanterie avanciert. Seine Tapferkeit scheute ^ 
vor keiner Gefahr, sein leichter Sinn vor keinem Abenteuer zurück. 
Einen großen Namen und echten Ruhm gewann er jedoch erst in 
den napoleonischen Kriegen. Er war Goneralgouverneur von Kiew, 
als die französische Armee in Rußland einrückte, und machte sich 
zunächst durch Formierung der Reserven im Kalugaschen verdient. 
Nach der Schlacht bei Borodino führte er zeitweilig die Avantgarde 
der russischen Armee, dann wieder die Nachhut. Seine glänzend- 
sten Tage aber hat er auf deutschem Boden 1813 und 1814 in 
Frankreich erlebt^). Die Schlacht bei Leipzig trug ihm das An- 
dreaskreuz ein, der Friede den Grafentitel, die Rückkehr nach 
Rußland erst das Kommando des Gardekorps, danach die Ernennung 
zum General-Kriegsgouverneur von Petersburg. Nur die komman- 
dierenden Generale der Nord- und Südarmee, Sacken und Wittgen- 
stein, sowie Araktschejew standen im Rang über ihm. Aber 
ohne Zweifel war seine Stellung die angenehmste, vor allem die 
seinen Neigungen meist entsprechende. Er war der eigentliche Gebieter 
der Stadt und aller in ihr stehenden Truppen, und es gab keinen 

^^r gehen auf seinen Anteil an den Freiheitskriegen nicht ein. In 
den Memoiren des Dekabristen Wolkonski finden sich köstliche Züge zu seiner 
Charakteristik. 



6 Kapitel I. Das Interregnum. 

Zweig städtischer Verwaltung, der nicht direkt oder indirekt in Ab- 
hängigkeit von ihm gestanden hätte. Von der ungeheueren Macht, 
die sich so in seinen Händen konzentrierte, einen vollen Gebrauch/ 
zu machen, lag jedoch nicht in seiner Art. Dazu war er auch in 
späteren Lebensjahren zu genußsüchtig.^ Was ihm fehlte, war der 
Ehrgeiz, der in rastloser Arbeit — wie Araktschejew tat — Be- 
friedigung sucht. Der Schein und der theoretische Anspruch ge- 
nügten ihm. Seine Gutmütigkeit und seine persönliche Liebens- 
würdigkeit schlössen ein energisches undS'ücksichtsloses Eingreifen 
aus. Auch war er kein Menschenkenner. Abenteurer und geist- 
reiche Nichtigkeiten fanden leichten Zugang bei ihm, und dieser 
russische Bayard, wie ihn seine Freunde wohl nannten, war zugleich 
ein „Fanfaren" '). Er liebte mit großen Worten um sich zu werfen 
und war stets in Geldverlegenheiten und in Schulden, die ihm der 
Kaiser bezahlen mußte. Er verstehe nicht — sagte er einmal — 
wie man ohne Schulden leben könne; aber Alexander konnte ihm 
nie gram werden. Er kannte seine unbedingte Treue und sah ihm 
nach, was er bei anderen nicht geduldet hätte. Miloradowitsch 
hat sich weder der mystischen noch der reaktionären Richtung^n- 
gepaßt, die in den letzten liObensjahren Alexanders in den leitenden 
Kreisen vorherrschte. Er blieb ein Liberaler') und ein Freigeist. 
So war dieser ruhmgekrönte und populäre Soldat, der keine ernsten 
Sorgen und keine Pflichten kannte, die ihm den Genuß des Lebens, 
wie er ihn verstand'; verkümmern durften, gewiß nicht die Persön- 
lichkeit, um ein Werkzeug zu ersetzen, wie Kaiser Alexander es 
in Araktschejew besessen hatte. Als der politische Wille des 
Tyrannen von Grusino plötzlich ausschied, \»üd die Notwendigkeiten 
des Augenblicks tatsächlich in die Hände von Miloradowitsch den ent- 
scheidenden Einfluß legten, ließ sich vorhersehen, daß er wohl einen 
großen Einfluß ausüben, aber überall da versagen würde, wo gewissen- 
hafte Arbeit und sichere Menschenkenntnis di^A^orbedingung des Er- 
folges waren. Wenn er auch stets bereit war, seine Person einzusetzen. 



^) Schreiben des Prinzen Eugen von Württemberg an den General von 
Hofmann. Petersburg, 18./30. März 1826. 

') 1819 reichte Miloradowitsch dem Kaiser eine Denkschrift gegen die 
Mißbräuche ein, die mit dem Verkauf von Leibeigenen getrieben wurden. Er 
vertrat die Meinung, daß Leibeigene nie ohne das Land, zu dem sie gehurten, 
verkauft werden sollten. Der Polenpolitik des Kaisers war er entschieden 
abhold. 



Kapitel I. Das Interregnum. 7 

konnte er doch nicht mehr bieten, als was den Inhalt seiner Per- 
sönlichkeit ausmachte, und dieser Inhalt war ohne allen Zweifel 
unzulänglich. 

So waren zur Zeit, da ein nicht vorherzusehendes Verhängnis 
dem russischen Reich sein Haupt nahm, die politischen Rollen 
möglichst ungünstig verteilt. Es wäre, im Hinblick auf die gären- 
den Elemente im Innern, ein Wunder gewesen, wenn der Übergang 
zu einem neuen Regiment und einem neuen System ohne tief- 
greifende Erschütterung vor sich gegangen wäre. 

Die erste Nachricht von der Erkrankung des Kaisers ging auf ihn 
selbst zurück. Alexander schrieb der Mutter von einem leichtea-Un- 
wohlsein, das ihn betroffen habe. Sein Brief war gleich nach seiner 
Rückkehr aus der Krim in Taganrog am 5./17. November geschrieben 
und am 17./29. in Petersburg eingetroffen*). Am 18. bestätigte 
ein Schreiben der Kaiserin Elisabeth an ihre Schwägerin, die Groß- 
fürstin Helene'), diese Nachricht. Besorgt wurde man in Peters- 
burg erst, als am 22. ein zweiter Brief Elisabeths eintraf, der weit 
weniger zuversichtlich klang. Gleichzeitig hatte der Leibarzt der 
Kaiserin-Mutter, Dr. Rühl, von Wylie, dem Leibarzt Alexanders, 
eine ausführliche Darlegung der Krankheitsgeschichte vom 4. bis 
12. November erhalten. Das Leiden des Kaisers sei ein gastrisch- 
galliges Fieber und die Begleiterscheinungen beunruhigend. In 
der kaiserlichen Familie begann man sich ernste Sorgen zu machen. 
Der am 21. November nachts in Petersburg eingetroffene Prinz 
Eugen von Württemberg fand seine Tante, die Kaiserin-Mutter, in 
großer Erregung, den Großfürsten Nikolaus weniger besorgt, die 
Hofkreise mit anderen Dingen beschäftigt. Graf Miloradowitsch 
empfing ihn mit den Worten: Aliens, Monseigneur, Constantinople 
vous attend! So lebendig war die Hoffnung auf einen Türkenkrieg 
wieder erstanden ! 

Der 24. ging ohne Nachrichten hin, aber am 25. um 4 Uhr 
nachmittags traf eine Reihe offizieller Schreiben Diebitschs ein, der 
als Chef des Generalstabes den Kaiser begleitete. Sie datierten 
vom 15. November und waren an den Privatsekretär der Kaiserin- 
Mutter, Geheimrat Willamow, an Miloradowitsch, den Fürsten Lo- 



Die Daten sind weiterhin nach nissischem Stil angeführt worden. 
Briefe von Taganrog nach Petersburg gingen mindestens neun, höchstens zwölf 
Tage. Die Wege waren im November besonders schlecht. 

') Abgesandt am 9. November. 



8 Kapitel I. Das Interregnum. 

puchin und an den General Woinow gerichtet. Merkwürdigerweise 
scheint Araktschejew, der damals immer noch in Nishny-Nowgorod 
seiner Verzweiflung über den Tod der Minkina lebte, keinerlei 
Nachricht erhalten zu haben '). Auch die Fürstin Wolkonski hatte 
von ihrem Gemahl, dem Hausminister Peter Michailowitsch, einem 
intimen Freunde Alexanders, Nachricht erhalten. Diese Briefe 
ließen kaum einen Schimmer von Hoffnung übrig. Der Kaiser 
hatte das Abendmahl genommen, und seine Kräfte versagten. 

Der Oberpostmeister Constantin Jakowlewitsch Bulgakow, an 
den der Kurier wie üblich gewiesen war, übergab zunächst die an 
Miloradowitsch, Woinow und Lopuchin gerichteten Briefe und traf 
erst um 8 Uhr abends im Winterpalais ein, um auch das Schreiben 
an Willamow persönlich abzuliefern. Inzwischen hatte Milorado- 
witsch, der wie es scheint in seinem Bureau war, mit Woinow, 
Potapow und dem ebenfalls anwesenden General Neidhardt beraten, 
was geschehen solle. Sie beschlossen noch Lopuchin heranzuziehen 
und bis auf weiteres die Nachricht geheimzuhalten'). Milorado- 
witsch ging darauf gegen 6 Uhr ins Anitschkowpalais, teilte dem 
Großfürsten mit, was er wußte, und legte ihm die Briefe von 
Diebitsch und Wolkonski vor. Für Nikolaus war damit die FVage 
gestellt, wie er sich für den wahrscheinlichen Fall, daß der nächste 
Kurier den Tod Alexanders melden sollte, zu verhalten habe. Es 
scheint aber, daß damals von der Nachfolge im Reich nicht ge- 
sprochen, sondern ein späteres Zusammentreffen im Winterpalais 
verabredet wurde. Es kam vor allem darauf an, Maria Feodorowna 
schonend auf den ihr drohenden Verlust vorzubereiten, und der 
Großfürst sowohl wie Miloradowitsch hielten es für das beste. 



*) Die Erklärung ist vielleicht darin zu finden, daß Alexander nicht 
schreiben konnte, den übrigen aber der Günstling verhaßt war. 

2) Neidhardt an den Baron Diebitsch den 28. November. Der Text dieses 
deutsch geschriebenen Briefes ist in der Russkaja Starina 1882 S. 201 mit 
dem falschen Datum 28. Dezember in russischer Obersetzung gedruckt. Er 
lautet in der Rückübersetzung: „Am 25. abends (wobei in Betracht zu ziehen 
ist, daß es Ende November in Petersburg um 4 Uhr bereits dunkel wird) haben 
wir von Ihnen die erste Nachricht von dem schrecklichen Unglück erhalten. 
Woinow und Miloradowitsch haben, nachdem sie sich von dem ersten Schlage 
erholt hatten, in meiner und Potapows Gegenwart beschlossen die Nachricht 
geheimzuhalten, nachdem sie darüber noch mit Lopuchin beraten hatten*". 
Wann die Beratung mit Lopuchin stattfand wird uns nirgends überliefert. 
Wahrscheinlich vor dem Besuch Miloradowitschs bei Nikolaus. 



Kapitel I. Das Interregnum. 9 

Willamow unter Assistenz von Dr. Rühl den ersten Schritt zu über- 
lassen. So fuhr der Großfürst, nachdem er noch seiner Gemahlin die 
Schreckensbotschaft mitgeteilt hatte, zur Mutter ins Winterpalais ^). 
Als er eintraf, wußte Maria Feodorowna bereits von allem. 
Willamow war mit seinem Brief in der Tasche zur Kaiserin ge- 
gangen und wollte, wie er zu tun pflegte, beginnen, ihr die Abend- 
andacht') vorzulesen, als Rühl gemeldet wurde. Nun verließ 
Willamow, obgleich die Kaiserin ihm sagte, er könne bleiben, das 
Zimmer, und im Vorzimmer erklärte er Rühl, um was es sich 
handele, er bat ihn, die Kaiserin vorzubereiten, während er selbst 
die Freundin der Kaiserin, die Gräfin Charlotte Lieven, holen 
wollte.yl Aber Maria Feodorowna war unruhig geworden und hatte 
ihre Gemächer verlassen; sie T)egegnete beiden, als sie im Begriff 
waren, das Vorzimmer zu verlassen, erfuhr, daß schlechte Nachrichten 
eingetroffen seien, und ging darauf mit ihnen zur Gräfin. Hier erst 
hörte sie die volle Wahrheit. Sie kehrte nach den ersten lebhaften 
Äußerungen des Schmerzes in ihre Gemächer zurück, ließ sich 
noch einmal den Brief vorlesen und behielt ihn bei sich. Sie wollte 
allein bleiben. Dann aber wurde Willamow nochmals gerufen. 
Die Kaiserin fragte, ob nicht noch andere Briefe gekommen seien, 
und als sie von dem Briefe an Miloradowitsch hörte, verlangte sie 
auch ihn zu seh^n. Als Willamow das Zimmer verließ, traf er 
den eben angelangten Großfürsten Nikolaus, dem seine Gemahlin 
bald folgte. Nachdem sie der Kaiserin, die jetzt alle Fassung 
verloren hatte '), die Hilfe geleistet hatten, nach der sie verlangte, ließ 

Sie hatte ihn durch einen Boten rufen lassen, als er im Begriff war 
ins Palais zu fahren. 

Die Chronologie (d. h. in diesem Fall die Stunden), macht hier Schwierig- 
keiten. Daß Miloradowitsch gegen 6 Uhr im Anitschkowpalais eintraf, steht 
fest Willamow hatte erst nach 8 Uhr seinen fkief erhalten; bis er Maria 
Feodorowna Mitteilung machte, muß es mindestens 9 Uhr, wahrscheinlich 
später geworden sein, weil Maria Feodorowna, nachdem sie ihn entlassen hatte» 
noch einen Besuch beim Prinzen Eugen machte. Da Nikolai erst danach im 
Winterpalais eintraf, mußten drei Stunden zwischen seinem Gespräch mit 
Miloradowitsch und seiner Ankunft im Palais liegen. Die Fahrt konnte nur 
wenige Minuten beanspruchen. Das legt den Schluß nahe, daß die Unter- 
redung mit Miloradowitsch von läugerer Dauer war, als unsere Quellen zeigen. 

2) Maria Feodorowna las Zschokkes Stunden der Andacht, conf. Willa- 
mow passim. 

^) Prinz Eugen 1. 1. S. 117 „Der Zustand der Kaiserin war auffallend 
und ihr Bestreben, nun, wo sie den ganzen Umfang der Gefahr kannte, mit 



10 Kapitel I. Das Interregnum. 

Nikolaus sie alleinN--Miloradowitsch und Woinow, vielleicht auch 
Lopuchin waren eingetroffen, und mit ihnen fand eine Beratung 
darüber statt, welche Maßregein zu ergreifen seien, wenn die Nach- 
richt vom Tode Alexanders eintreffen sollte. Es kann nun nach 
den uns erhaltenen Zeugnissen nicht zweifelhaft sein, daß der 
Großfürst Nikolaus unter Berufung auf die Abdankung Konstantins 
und auf das Testament Alexanders, das auch die Zustimmung seiner 
Mutter gefunden habe, seine Ansprüche auf die Nachfolge im Reich 
geltend machte. Aber Miloradowitsch widersprach mit großem 
Nachdruck. Er verwies den Großfürsten auf die Reichsgesetze, 
d. h. auf die vom Kaiser Paul promulgierte Thronfolgeordnung, die 
keine andere Nachfolge als die Konstantins zulasse. Auch sei das 
Testament Alexanders nie bekannt gemacht worden, und nur wenige 
Personen wüßten von ihm. Endlich könne durch testamentarische 
Anordnungen ein Reichsgesetz nicht aufgehoben w erden. Es scheint, 
daß Miloradowitsch zugleich auf die dem Großfürsten abgeneigte 
Stimmung der Garden aufmerksam gemacht hat. Weder das Volk 
noch die Armee werde die Abdankung Konstantins verstehen *)• 
Man werde an einen Verrat glauben, und zwar um so mehr, als 
weder der Zar noch der durch das Erstgeburtrecht bestimmte 
Thronfolger in der Stadt seien; endlich werde die Garde sich be- 
stimmt weigern\|inter solchen Umständen Nikolai zu huldigen, und 
die Folge werde ganz sicher ein Aufstand sein. Komme die 
Nachricht vom Tode Alexanders, so sei Konstantin der rechte 
Herrscher und ihm müsse dann sofort gehuldigt werden. Wenn 
aber der Kaiser Konstantin freiwillig und öffentlich der Krone4«nt- 
sage, könne die Thronbesteigung Nikolais sich in aller Ordnung 
und Gesetzmäßigkeit vollziehen. 



der ihr eigenen Würde die vom Anstände geforderte Fassung zu zeigen, über- 
stieg ihre Kräfte**. 

^) Eiu merkwürdiges Zeugnis dafür, daß Konstantin in weiten Kreisen 
der Petersburger Gesellschaft nicht unbeliebt war, Anden wir in einem Schreiben 
Puschkins au Kantemir vom 4. Dezember 1825. (Westnik Jewropy 1895, lieft V. 
S. 754 zitiert von Pypin) „Ais getreuer Untertan muß ich natürlich über den 
Tod des Kaisers trauern, aber als Dichter freue ich mich auf die Thron- 
besteigung Konstantins 1.: in ihm steckt viel Romantik, seine stürmische 
Jugend, die Feldzüge mit Ssuworow, die Feindschaft gegen den Deutschen 
Barklay de Tolly erinnern au Heinrich IV. — mit einem Wort, ich erwarte 
von ihm viel Gutes." 



Kapitel I. Das Interregnum. 11 

Auf den Großfürsteri Nikolaus machten diese Einwendungen 
einen tiefen Eindruck. Sie entsprachen im Grunde seinen eigenen 
Wünschen. Er wußte sehr wohl, daß die Truppen, und die kamen 
doch vor allem in Betracht, ihn nicht liebten..^Vurde Konstantin 
proklamiert und kam er dann, wie Nikolai voraussetzte, persönlich 
nach Petersburg, um feierlich die Krone auf ihn zu übertragen, so 
schien jede Schwierigkeit beseitigt. Ohne weiter auf seinen An- 
spruch zu bestehen, erklärte er, daß er als erster dem Kaiser 
Konstantin huldigen wolle und daß die Garnison auf Konstantins 
Namen zu vereidigen sei, sobald die Nachricht vom Tode Alexanders 
eintreffe./^ Dabei blieb es, und von dem gefaßten Beschluß wurde 
auch Willamow Mitteilung gemacht. 

Die Nacht vom 25. auf den 26. ging ganz in der Sorge um 
Maria Feodorowna hin. Sie ließ nicht nur ihren Hofmeister Baron 
Albedyll, Willamow und Rühl die Nacht über in ihren Gemächern yL^ 
bleiben, auch der Großfürst Nikolaus mit seinem Jugendfreunde 
und Adjutanten Adlerberg verbrachten die ganze Nacht in der 
Nähe ihres Schlafgemaches, im Zimmer des Kammerdieners.^i^ie 
war wie stets nur mit sich beschäftigt, ihr Zustand „schreck- 
lich^, was wohl so auszulegen ist, daß sie in hysterischen %iße- 
rungen ihres Schmerzes sich würdelos gehen ließ. So war nun 
einmal ihre Art. Das dauerte bis 6 Uhr morgens. In der Nacht 
aber hatte sie mehrmals den Großfürsten an ihr Bett gerufen, um 
sich von ihm tröstet^ zu lassen. Es ist schwer glaubhaft, aber 
immerhin möglich, daß dabei die Frage des Thronwechsels mit 
keinem Worte zwischen ihnen zur Sprache gekommen sein sollte. 

Die schlimmen Nachrichten waren trotz der von Miloradowitsch, 
Woinow, Potapow und Neidhardt getroffenen Vereinbarung schon 
am 25. in Petersburg allgemein bekannt geworden. „Wie ein Lauf- 
feuer verbreitete sich die Kunde in der Stadt — schreibt Prinz 
Eugen — und es herrschte bald ein Treiben^im Palaste, wie ich 
es mir noch nie zu erinnern wußte. Es wurden alsbald daselbst 
Messen gelesen und für die Erhaltung des Kaisers gebetet. Von 
allen Seiten strömte die Menge nach den Kirchen zu gleichem Zwecke; 
alle Gedanken schienen nur auf den einen Gegenstand gerichtet, 
und es verschwand jedes Gefühl der Persönlichkeit in der allge- 
meinen Spannung." Das war auch das Bild am 26. November, der 
bessere Nachrichten brachte, nur daß an die Stelle der Fürbitten 
Dankgebete traten. Nun hätte der Großfürst Nikolaus alle Ge- 



12 Kapitel I. Das Interregnum. 

legenheit gehabt mit der Mutter zu reden, und ebenso Maria 
Feodorowna die Initiative ergreifen können, um in die Frage der 
Nachfolge Klarheit zu bringen. Aber gerade über den Verlauf 
dieses Tages gehen die Quellen rasch hinweg, und die späteren 
Darstellungen, die den Zusammenhang geflissentlich!^ verwischen 
bemüht sind, schweigen ebenfalls. 

Am Abend des 26. erhielt Rühl ein Schreiben Wylies welches 
zeigte, daß der Kaiser am 16. im Sterben lag, aber da man bereits 
wußte, daß am 17. eine Besserung eingetreten war, legte man kein 
Gewicht darauf, und namentlich Maria Feodorowna ging wie gewöhn- 
lich ihren Beschäftigungen nach. Da traf am 27. früh um 7 Uhr die 
Nachricht vom Tode des Kaisers ein*); sie ist von Miloradowitsch, 



So nach dem einmütigen Zeugnis der ausländischen Diplomaten, die stets 
über das Eintreffen der Kuriere ^t unterrichtet waren. Der sächsische Gesandte 
Rosenzweig gibtß Uhr alsStunde der Ankunft des Kuriers an. Auch ausWiilamows 
Aufzeichnungen ergibt sich, daß der Kurier geraume Zeit vor der Mitteilung an 
den Großfürsten Nikolaus angelangt sein muß. Er erzählt, wie er morgens, 
nach einem Besuch bei Nesselrode, im großen Empfangssaal des Winterpalais 
eine Menge Leute getroffen: ,,man sagte, ein Kurier sei eingetroffen. Fürst 
Chilkow (zweiter Sekretär der Kaiserin Maria Feodorowna) kam aus der Kirche 
und bestätigte mir dasselbe, wobei er sich auf den Fürsten Dmitri Lobanow 
(den Justizminister) berief. Endlich traf Miloradowitsch ein, er ergriff meine 
Hand, umarmte mich und sagte: „nun, jetzt gilt es Festigkeit zu zeigen*'. 
Seine Augen standen in Thränen. Ich verstand endlich, daß das Unglück ge- 
schehen war. Er sagte mir, ich würde Potapow in den Gemächern des Groß- 
fürsten finden; man müsse sich bemühen ihn (den Großfürsten) von dem, was 
geschehen sei, zu benachrichtigen. Ich fand Potapow im Gespräch mit dem 
Kriegsminister, danach schloß Rühl sich uns an. Wir wußten nicht, wie diese 
schreckliche Nachricht der Kaiserin beizubringen sei. Rühl schlug vor, es zu 
tun, solange die Kaiserin noch in der Kirche sei, weil sie dort, wo sie ihre 
Seele zu Gott erhebe, eher die Kraft finden werde, den Schlag zu ertragen. 
Den Weg zur Kirche nahmen wir in zwei Gruppen: Graf Miloradowitsch Tu- 
tischtschew und Potapow gingen durch den Vorsaal, Rühl und ich durch die 
Gemächer der Kaiserin. In ihrem Kabinett fanden wir den Großfürsten in Er- 
wartung der schrecklichen Nachricht. Wir bestätigten sie ihm. Der Großfürst 
verlangte, daß ihm die Originalnachricht vorgelegt werde. Ich antwortete, sie 
sei bei Potapow. Da sagte der Großfürst zu Rühl, er solle gehen die Kaiserin 
zu benachrichtigen, er sei selbst nicht imstande es zu tun. Darauf ging Rühl 
uns voraus in das an den Altar stoßende Zimmer der Kirche, wo die Kaiserin 
sich während der Messe befand; dann hörten wir einen Schrei der Kaiserin 
und erkannten daraus, daß sie die Trauerkunde erfahren hatte. Sie verlor 
die Besinnung. Als sie zu sich gekommen war, näherte sie sich, während ihr 
Beichtiger voranging, dem Altar. Die Großfürstin Alexandra stützte sie. Der 



K&pitel I. Das Interregnum. 13 

offenbar um die Vorbereitungen für die Vereidigung zu treffen, 
mehrere Stunden lang geheimgehalten worden. Die Vereidigungs- 
formulare mußten fertiggestellt werden, auch war dafür zu sorgen, 
daß die Spitzen der Reichsregierung und Verwaltung, Senat, Reichs- 
rat, Generalität leicht erreichbar waren. Ihnen allen ging früh am 
27. der Befehl zu, in den Kirchen an Messe und Fürbitte für die 
Gesundheit des Kaisers teilzunehmen. Die Kaiserliche Familie, das 
ist Maria Feodorowna, der Großfürst Nikolaus und Gemahlin sowie 
der Prinz Eugen waren gegen 11 Uhr in der Hofkapelle des Winter- 
palais in einer kleinen Parterreloge in der Nähe des Altars bei- 
sammen. Eine Glastür führte auf den Korridor, der die Gemächer 
des Palastes mit der Loge verband. An dieser Glastür, mit dem 
Gesicht zum Innern der Loge gewandt, stand der Großfürst, ihm 
gegenüber, so daß er den Korridor überschauen konnte, Prinz 
Eugen. Der Großfürst hatte mit dem Kammerdiener Grimm ver- 



GroUförst verließ die Kirche, um dem Kaiser Konstantin den Eid zu leisten: 
ihm folgten die Generale; Potapow aber bändigte mir drei Briefe ein: von 
der Kaiserin Elisabeth, von Wolkonski, von Diebitscb. Die Kaiserin kehrte 
von uns allen begleitet in ihre Gemächer zurück, wobei sie von Zeit zu Zeit 
sich in einem der Sessel erholte. Wir ließen sie im Kabinett zurück, und 
als wir in den großen Empfangssaal zurückkehrten, fanden wir dort die Garde, 
die den Eid leistete. Da wir erfuhren, daß dasselbe in der großen Kirche ge- 
schehe, gingen wir auch bin und unterschrieben das Vereidigungsformular.* 

Willamow erzählt hier als durchaus unverdächtiger und einzig gleich- 
zeitiger Zeuge. Nur für die Szene in der Kirche und die Eidesleistung des 
Großfürsten ist er nicht Zeuge gewesen. 

Sein Bericht ist zu ergänzen durch die Aufzeichnung Nikolais für Kon- 
stantin vom 3./15. Dezember, die eine bestimmte Tendenz zeigt, die auf Korft 
übergegangen ist, und durch den Bericht des Prinzen Eugen (beides gedruckt in 
meinem Buche: die Thronbesteigung Nikolais) den Schilder nicht berücksichtigt 
und nur in der Helldorfschen Fassung kannte. Der bekannte Brief Shukowskis 
ist 1848 geschrieben, also 23 Jahre nach dem Ereignis, und gibt eine Version, 
die sich ihm im Laufe der Zeit als ein verschobenes Bild der Wirklichkeit 
festgesetzt hat. Sie ist unvereinbar mit zweifellosen Tatsachen. Auch eine 
spätere Aufzeichnung Nikolais ist erhalten, die Korff benutzt hat und Schilder 
im Wortlaut zitiert. Sie eliminiert durchweg alles, was auf den Prinzen Eugen 
Bezug hat, und fälscht dadurch den Zusammenhang, während sie andererseits 
die Richtigkeit der Darstellung Eugens bestätigt. Endlich ist der schon er- 
wähnte Brief Neidhardts heranzuziehen, der gleichfalls als Augenzeuge schreibt. 

Aus dem Tagebuch Diwows R. St. 1897, I, S. 459 ergibt sich, daß die 
Nachricht vom Tode Alexanders um 11 Uhr 50 Minuten dem Großfürsten mit- 
geteilt wurde und daß die Vereidigung des Militärs um 3V2 Uhr beendet war. 



14 K&pitel I. Das Interregnum. 

einbart, daß dieser ihm Nachricht geben würde, wenii ein Kurier 
aus Taganrog eintreffen sollte. Ob nun Grimm, Prinz Eugen oder 
Miloradowitsch den 6roßfursten>U>ewogen, die Loge zu verlassen, 
steht nicht unbedingt fest. Der Großfürst selbst widerspricht sich. 
Aber Prinz Eugen erzählt mit großer Bestimmtheit, daß er auf 
einen Wink Miloradowitschs Nikolai leise berührte, dieser dann 
sich umblickte und, als er Miloradowitsch sah, sofort die Loge 
verließ und mit ihm in das Kabinett der Kaiserin ging. Der Prinz 
folgte langsam. Im Kabinett fand er den Großfürsten, Milorado- 
witsch und den Feldjäger, auch Rühl und Willamow traten gleich 
danach ein. Nikolai verlor anfangs alle Fassung, entschloß sich 
aber endlich Rühl zu folgen, der der Kaiserin die Nachricht vom 
Tode Alexanders bringen solltev. Auf ein Zeichen des Großfürsten 
brach die gottesdienstliche Handlung plötzlich ab; die Kaiserin- 
Mutter verstand, was geschehen war, als der Großfürst mit ver- 
störtem Gesicht in die Loge trat. Sie verlor die\|Besinnung und 
wurde, als sie wieder zu sich gekommen war, in ihre Gemächer 
zurückgeführt. Auch der Großfürst verließ die Kirche und ging 
mit dem Prinzen Eugen und den Herren, die gefolgt waren, an das 
andere Ende des Palastes „wo er in der zweiten Hofkapelle, nach 
dem kurzen Vortrag eines Geistlichen, seinen Namen in ein großes 
Buch unter die in der Eile darin aufgezeichnete Eidesformel für 
den Kaiser Konstantin niederschrieb". Der Prinz Eugen unter- 
zeichnete als zweiter, darauf alle^wesenden höheren Beamten. Eine 
Kompagnie des Preobrashenski- Leibgarderegiments, das die innere 
Wache hatte, sprach der Großfürst persönlich an und ließ sie da- 
nach, ohne daß ein Widerspruch'4aut geworden wäre, schwören. 
General Potapow wurde beauftragt, die Hauptwache und die übrigen 
Wachen schwören zu lassen, General Neidhardt in das Alexander- 
Newsky-Kloster geschickt, wo sämtliche Generale der Garde zum 
Gottesdienst versammelt waren. Er sollte dem General Woinow 
den Befehl überbringen, alle Garderegimenter zu vereidigen. Den 
übrigen Kommandos und Regimentern in und um Petersburg gingen 
gleiche Befehle zu. Um 37:« Uhr hatte das gesamte Militär dem 
Kaiser Konstantin den Treueid geleistet. 

So war eine tatsächliche Entscheidung über die Nachfolge im 
Reich getroffen, die sich kaum rückgängig machen ließ, die aber 
unter allen Umständen schwerevVerwicklungen nach sich ziehen 
mußte. Weder Miloradowitsch noch der Großfürst Nikolaus waren 



Kapitel I. Das Interregnum. 15 

berechtigt gewesen, die Befehle zu erlasäen, die die Vereidigung 
der Truppen auf den Namen des Kaisers Konstantin zur Folge ge- 
habt hatten. Die Iniative gehörte den drei obersten Körperschaften 
des Reiches, dem Reichsrat, dem Senat und dem heiligen Synod. 
In ihren Archiven waren die>^versiegelten Pakete niedergelegt, 
welche die Abschriften des Testaments Alexanders I. enthielten, und 
die eigenhändige Aufschrift des verstorbenen Kaisers sagte aus- 
drücklich, daß auf die Nachricht von seinem Tode, „ehe zu irgend 
einer anderen Handlung geschritten werde" — also auch vor der 
Eidesleistung an den Thronerben — jene Pakete zu öffnen seien. 
Aber weder der Justizminister Fürst Lobanow Rostowskijdem im 
Senat diese Pflicht zufiel, noch der Oberprokurator des heiligen 
Synods Fürst Meschtscherski, fanden Entschluß und Mut zu tun, 
was ihre Amtsstellung verlangte. Trotzdem hätte noch alles zum 
Besten gekehrt und die Thronbesteigung Nikolais vor vollzogener 
Vereidigung der Truppen proklamiert werden können, wenn dem 
Reichsrat, den der alte Präsident Fürst Lopuchin rechtzeitig be- 
rufen hatte, ge^ttet worden wäre, seine richtig erkannte Pflicht 
zu tun und mif^bergehung Konstantins den Großfürsten Nikolaus 
als den rechtmäßigen Thronerben der Nation vorzustellen. Aber 
auch hier setzte man sich schließlich gegen besseres Wissen über 
das klare Recht hinweg, um den Impulsen zu folgen, die Milorado- 
witsch gegeben hatte. Der Reichsrat war eine Stunde nach der 
offiziellen Kundgebung der Todesnachricht im Winterpalais zu- 
sammengetreten, um 12 Uhr Ö5 Minuten, und es ist doch höchst 
charakteristisch, daß, nachdem die versiegelten Papiere von dem 
Reichssekretär Olenin in die Versammlung gebracht worden waren, 
der Justizminister(:vorschlagen konnte, sich um das versiegelte 
Paket nicht weiter zu kümmern. Es sei doch alles dummes Zeug 
(wsdor), nachdem einmal der Großfürst Nikolai Pawlowitsch dem 
Kaiser Konstantin gehuldigt habe. Daß er damit nicht durchdrang, 
war das Verdienst des alten Freundes Alexanders, des Fürsten 
A. Nik. Golitzyn und Olenins, denen sich nach einigem Schwanken 
auch Lopuchin anschloß. Aber es verging noch geraume Zeit im 
Hin- und Herreden, weil man den feierlichen Akt der Öffnung 
des letzten Willens Alexanders in Gegenwart Miloradowitschs vor- 
nehmen wollte, dieser aber auf sich warten ließ. Als er endlich 
erschien, suchte er noch im letzten Augenblick das Öffnen des 
Testaments zu verhindern. „Ich habe die Ehre," sagte er. 



16 Kapitel I. Das Interregnum. 

„dem Reichsrat zu melden, daß Se. Kaiserliche Hoheit, der Groß- 
fürst Nikolai Pawlowitsch geruht ^at, seinem älteren Bruder, dem 
Kaiser Konstantin Pawlowitsch, deV-Untertaneneid zu leisten." Er, 
der Generalgouverneur und die Truppen hätten seiner Majestät be- 
reits geschworen. Er rate den Herren diesem Beispiel zu folgen; 
nach geleistetem Eide stehe ihnen frei zu tun, was ihnen beliebe. 
Aber der Graf drang nicht durch. Das versiegelte i^aket wurde 
geöffnet und unter tiefem Schweigen, das zeitweilig vom Schluchzen 
der Zuhörer unterbrochen wurde, verlas Olenin den letzten Willen 
Alexanders. Es konnte nun nicht mehr zweifelhaft sein, daß 
Konstantin auf den Thron^erzichtet hatte und Nikolai Pawlowitsch 
der rechtmäßige Kaiser war .J Als trotzdem Miloradowitsch die Ver- 
sammlung nochmals aufforoerte, dem „Kaiser" Konstantin zu 
schwören, verständigte man sich schließlich dahin, den Großfürsten 
durch den Grafen Miloradowitsch zu bitten, den Reichsrat mit seinem 
Besuch zu beehren, damit man aus seinem Munde höre, daß er wirklich 
fest entschlossen sei, die Krone nicht anzunehmen. Aber Nikolai, der 
sich eben erst so eigenmächtig über alles geltende Recht hinweg- 
gesetzt hatte, wurde jetzt seMlfeinfühlend. Er ließ durch Milorado- 
witsch erklären, daß er sich nicht füf^berechtigt halte, an einer 
Sitzung des Reichsrats teilzunehmen, und daher auch den Sitzungs- 
saal nicht betreten könne, dagegen war er auf eine neue Anfrage 
hin bereit, die Herren in corpore zu empfangen.^Nun gingen alle, 
von dem alten Fürsten Lopuchin geführt, zum Großfürsten, der 
schnellen Schrittes an sie herantrat und gleich zu reden begann. 
„Er blieb" — so schildert Olenin die Szene — „in unserer Mitte 
stehen, die rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigeflngcr über seinen 
Kopf emporhebend, als wollte er Gott zum Zeugen seiner Auf- 
richtigkeit anrufen, er war bleich und die Spuren der Tränen, die er ver- 
gossen hatte, noch sichtbar. „Meine Herren," sagte er, „ich bitte Sie 
und flehe Sie an, um der Ruhe des Reiches willen, sofort meinem 
Beispiele und dem des Heeres folgend, dem Herrn und Kaiser 
Konstantin Pawlowitsch den Treueid zu leisten. Ich werde keinen 
anderen Vorschlag annehmen und will nichts anderes hören." Hier 
unterbrach ihn das Schluchzen der Anwesenden und man hörte 
einige Stimmen sagen: welche großmütige Tat. „Hier ist nichts 
großmütig," rief der Großfürst. „Meine Handlung entspringt keinem 
anderen Antrieb, als dem, die heilige Pflicht zu erfüllen, die ich 
meinem älteren Bruder schulde. KeineClirdische Macht kann meine 



Kapitel I. Das Interregnum. 17 

Gedanken in dieser Frage und über diese Angelegenheit wandeln. 
Ich werde mit niemandem beraten und sehe nichts, was Lob ver- 
dient. Ich erfülle meine Pflicht, weiter nichts, und es wäre mir 
sehr schmerzlich, wenn einer von Ihnen, meine Herren, denken 
könnte, daß ich auch nur einen Augenblick bei einem anderen 
Gedanken stehen bleiben könnte, als bei dem, Konstantin Pawlo- 
witsch Treue zu schwören, der nach dem Tode meines Bruders 
und Wohltäters Alexander mein angestammter Kaiser ist wie der 
Ihrige.^L^ Hier drängten alle auf den Großfürsten zu, um ihm 
nach russischer Sitte Rock und Ärmel zu küssen. VAber er kam 
ihnen zuvor, umarmte und küßte die einen, drückte anderen die 
Hand und wiederholte dabei immer aufs neue, was er vorhin ge- 
sagt hatte. Nur mit vieler Mühe konnte er bewogen werden, den 
letzten Willen Alexanders und die Thronentsagung Konstantins zu 
lesen. „Er wisse bereits alles, diese Sache sei ihm nicht ver- 
borgen geblieben, aber er habe sich schon damals geschworen, 
wenn das Unglück eintreten sollte, zu handeln wie er jetzt getan. 
\^iemand könne seinen Willen brechen, und seine erhabene Mutter, 
der diese Sache ebenso vollständig bekannt gewesen sei wie ihm, 
billige seine Handlungsweise durchaus.^ Schließlich nahm er dann 
die Dokumente aus Olenins Händen und las sie leise für sich, wo- 
bei er durch den Ausdruck seines Gesichts und durch seine Be- 
wegungen erkennen ließ, wo er mit dem Manifest nicht über- 
einstimmte, und ebenso sein Bedauern über die Abdankung 
Konstantins zeigte. Dann bat er die Anwesenden nochmals, den 
Eid zu leisten, und erbot sich, sie zur Kirche zu führen. 

Nun erklärten die Herren sich einstimmig bereit, den Eid zu 
leisten, und so haben sie in Gegenwart des Großfürsten in der 
großen Palastkirche geschworen.^ 

>^Der Empfang der Reichsratsmitglieder durch die Kaiserin- 
Mutter, der gleich danach erfolgte, trug einen ähnlich dramatischen, 
fast möchte man sagen, theatralischen Charakter. Maria Feodorowna 
saß „in völliger, aber majestätischer Verzweiflung^ auf ihrem Sessel. 
Auch sie hielt eine Ansprache, dieVon demASchluchzen der An- 
wesenden begleitet wurde, und auch hier bildeten Küsse, Tränen 
und lautes StöhneifYden Abschluß. Dann kehrten die Herren in 
ihren Sitzungssaal zurück und vertagten sich, um das inzwischen vom 
Reichssekretär fertigzustellende Protokoll zu unterzeichnen. Olenins 
Protokoll ist um 7 Uhr abends verlesen und gutgeheißen worden wor- 

Schiemann, Geschichte Rußlands. II. 2 



18 Kapitel I. Das luterregnum. 

auf die Reinschrift von sämtlichen Reichsräten, mit Ausnahme des 
Grafen Miloradowitsch, der nicht erschienen war, unterzeichnet wurde. 

Nachträglich ließ auch der Großfürst sich das Protokoll vor- 
legen. Es ist für seine Geistesart charakteristisch, daß er sich be- 
rechtigt glaubte, den Satz zu streichen, der von seinem „groß- 
mütigen Entschluß" sprach. Es mußte daher eine neue Rein- 
schrift angefertigt werden, die an Stelle der anstößigen Worte 
„seinen unerschütterlichen Willen" setzte. In dieser Fassung wurde 
am anderen Morgen das Protokoll nochmals unterzeichnet und nun- 
mehr vom Großfürsten ausdrücklich gutgeheißen. 

Diese endgültige Formulierung aber enthielt den Satz: „dort 
geruhte Se. Kaiserliche HoheiÄ^vor dem versammelten Reichsrat 
selbst mündlich zu bekräftigen, daß er von keinem anderen Vor- 
schlage hören wolle, als von dem, Sr. Kaiserlichen Majestät dem 
Herrn und Kaiser Konstantin Pawlowitsch den Eid zu leisten, wie 
er solchen schon selbst^bgelegt habe; daß die im Reichs rate 
vorgelesenen Papiere ihm längst bekannt seien, seinen Ent- 
schluß aber nicht hätten ei^schüttern können." 

Die Eidesleistung aller Zivilbeamten machte nun weiter keinerlei 
Schwierigkeiten; für Petersburg war die endgültige Entscheidung 
gefallen, so mußte man wenigstens glauben. Senat und heiliger Synod 
erfuhren zunächst überhaupt nichts von der Existenz des Testaments, 
aber es konnte doch zweifelhaft sein, wie Konstantin sich verhalten 
werde, und ob in Moskau, wo das Original des kaiserlichen 
Testamentes lag, die mit Öffnung desselben betrauten Personen, 
das ist der Metropolit und der Generalgouverneur, nicht, wie es 
ihre Pflicht war, auf die erste Nachricht vom Tode des Kaisers 
ihrerseits digH^ldigung für Nikolai würden vornehmen lassen? 

Dem Großfürsten und dem Grafen Miloradowitsch wäre es wohl 
das Liebste gewesen, wenn die versiegelten Pakete mit dem letzten 
Willen Alexanders bis auf weiteres uneröffnet liegen geblieben 
wären. Beide rechneten darauf, daß Constantin nach Petersburg 
kommen und dort die Regierung in aller Feierlichkeit von sich aus 
und aus kaiserlicher Machtvollkommenheit auf den Bruder über- 
tragen werde. Geschah das, so war an eine Opposition der Garden, 
wie man sie fürchtete, nicht weiter zu denken, und der Regierungs- 
wechsel konnte sich in aller Ruhe vollziehen. 

Prinz Eugen von Württemberg, der von den eigentlichen 
Motiven Nikolais ebensowenig wußte wie die übrige Welt, sie 



Kapitel I. Das Interregnum. 19 

aber mit richtigem Instinkt an iliren Symptomen erkannte, wies 
die Hauptschuld an den Wirren dem Kaiser Alexander zu. Eine 
Neuregelung der Thronfolge hätte sogleich zu öftentlicher Kenntnis 
gebracht werden müssen. ^Man^^chaltet mit der Sukzession der 
Regenten nicht wie mitPrivattestaraenten.\^r konnte nicht wissen, 
daß der Kaiser ursprünglich die Veröffentlichung schon 1823 hatte 
vornehmen wollen, und nur auf Bitten Nikolaus davon vorläufig 
Abstand genommen hatte.*) Da nun aber Alexanders Mißgrift* ein- 
mal Tatsache war, hätte man nach Meinung des Prinzen folgender- 
maßen verfahren müssen: „Der Reichsrat legt die Abdikations- 
urkunde Konstantins dem Großfürsten Nikolaus vor und dieser 
übernimmt die Regierung mit dem Vorbehalt erneuter Anfrage an 
den rechtmäßigen Thronerben und mit der Bitte, dieser letztere 
möge seinen früheren Entschluß widerrufen und seinen ihm ge- 
bührenden Platz einnehmen. Bis zur Entscheidung führt Großfürst 
Nikolaus den Vorsitz«im Reichsrat und sorgt für Erhaltung der 
Ruhe und für die vülTlge Publizität der sich auf die Thronfolge 
beziehenden Aktenstücke." Das war gewiß richtig gedacht und 
hätte aller Wahrscheinlichkeit nach dem Großfürsten eine ruhige 
Thronbesteigung gesichert und dem Reich eine Erschütterung 
erspart, die von lange nachwirkenden Folgen sein sollte. Der Groß- 
fürst Nikolaus hatte sich in eiuQ^iderspruchsvolle und, wie ihm 
selbst wohl bewußt war, unhaltbare Lage versetzt. Während er 
sein positives, legitir^erworbenes Recht auf den Thron verleugnete, i — 
usurpierte er zugleich Machtvollkommenheiten, die ihm ohne Zweifel 
nicht zukamen. Er war weder berechtigt, selbst den Bruder zu 
proklamieren und ihm zu schwören, noch von Reichsrat und Senat 
den Eid zu verlangen, zu dem er sie schließlich fortriß und den 
sie aus Charakterlosigkeit leisteten, noch auch die Truppen ver- 
eidigen zu lassen. Da Alexander so plötzlich gestorben war, 
Konstantin als präsumtiver Erbe des Thrones in Warschau weilte, 
Nikolai als designierter Erbe sich weigerte, die Krone anzunehmen, 
hatten nur Reichsrat und Senat das Recht, die Maßregeln zu er- 
greifen und die Befehle zu erteilen, durch welche Rußland 
wiederum in geordnete und allgemein anerkannte staatsrechtliche 
Verhältnisse zurückgeführt werden konnte. So urteilt der fran- 



conf. unten den Bericht des Generals Baron Toll. 

2^ 



20 Kapitel I. Das Interregnum. 

zösische Botschafter Graf La Ferronnays ') durchaus zutreffend, und 
das wird auch das geschichtliche Urteil bleiben. 
Vsl Nun war aber die Entwicklung bereits in falsche Bahnen ge- 
idnkt und die Kurzsichtigkeit und Eigenwilligkeit Konstantins mußten 
die Verwirrung und Unsicherheit der Lage noch steigern. 

Schon am 27. gingen Feldjäger und Kuriere an alle Spitzen 
der Verwaltungen und an die militärischen Autoritäten des Reichs 
ab, um sie von der in Petersburg gefallenen Entscheidung zu unter- 
richten. Die Vereidigung auf den Namen Konstantins sollte im 
j- größten Teil des Reiches als vollendete Tatsache dem Cäsarewitsch 
^^ntgegengetragen werden und ihm dadurch, wenn er bei seinem 
Entschluß beharrte und die Krone ablehnte — wie sowohl Milorado- 
witsch als Nikolai annahmen — die Notwendigkeit^Vauferlegen, 
feierlich und öffentlich seinen Ansprüchen oder vielmehr der ihm 
oktroyierten Stellung zu entsagen. Auch schien anfanglich alles 



') Depesche vom 5./17. Dezember 1825 Nr. 6 durch französischen Kurier 
conf. auch die Depesche vom 2./10. Dezember, welche die wichtige Nachricht 
enthält, daB der Kurier mit der Nachricht vom Tode Alexanders am 27. No- 
vember um 6 Uhr morgens in Petersburg eingetroffen sei. Ebenso der öster- 
reichische Botschafter Lubzeltern d. d. Petersb. 18./1. Dezember durch preußischen 
Kurier «le 27 Novembre, jour oü le funeste evenement fut appris ici ä 7 heures 
du matin par le Feldjäger Vimer, expedie de Taganrog le 19 Novembre le 
matin." Beide Berichte bestätigen, daß Nikolai im Reichsrat erklärt habe, daß 
ihm der Inhalt der Akten bekannt sei. Daß Nikolai auch von Alexander selbst über 
das Manifest unterrichtet worden war, hat der Großfürst Michail am 9. Dezember 
dem General Toll folgendermaßen erzählt: „Als der Kaiser davon (von der 
Abfassung des Manifests und der Ernennung Nikolais zum Thronerben) dem 
Großfürsten Nikolai Pawlowitsch Mitteilung machte, bat seine Hoheit ihn 
dringend, dieses Testament zu vernichten, da nach dem Naturrecht die Nach- 
folge seinem Bruder Konstantin gehöre, aber der Kaiser achtete nicht auf seine 
Worte und wollte das Manifest sofort veröffentlichen und ihn als 
Nachfolger proklamieren. Nikolais und der Großfürstin Alexandra Feodorowna 
wiederholte Bitten bewogen den Kaiser endlich, das Testament dahin zu 
modifizieren, daß es erst nach dem Tode Alexanders zur Ausfuhrung gebracht 
werden sollte.^ Aufzeichnung Tolls vom 22. Dezember 1825 in 60 Exemplaren 
als Manuskript gedruckt in der Typographie des Kriegsministeriums 1898. 
Dieser Zusammenhang läßt Nikolais Verfahren noch bedenklicher erscheinen. 
Auch kann nicht zweifelhaft sein, daß Konstantin, vor dem Michail keine Ge- 
heimnisse hatte, diese Tatsachen kannte. Korff (Die Thronbesteigung des Kaisers 
Nikolaus I. Frankfurt a. M. 1857), dem das ToIIsche Manuskript vorgelegen 
hat, unterschlug die Wahrheit, um die Fabel von der Unkenntnis Nikolais auf- 
recht zu erhalten. 



Kapitel I. Das Interregnum. 21 

nach Wunsch zu gehen. Petersburg blieb ruhig. Die Militär- 
kolonien, um deren Verhalten man nicht ohne Sorge war, huldigten 
ohne Zögern, dann folgte die Nachricht, daß die finnländischen 
Stande geschworen hätten, ohne auf^-^rherige Bestätigung ihrer 
Privilegien zu dringen, am 3. Dezember endlich ^fuhr man, daß 
auch in Moskau sich alles nach Wunsch vollzogen hatte. Die 
Nachricht vom Tode Alexanders war in der alten Residenz am 
28. November zunächst als Gerücht verbreitet, beunruhigte den 
Metropoliten Philaret jedoch so sehr, daß er am 29. zum General- 
gouverneur Fürsten Dmitri Wladimirowitsch Golitzyn ging und 
ihm von den in der Himmelfahrtskathedrale liegenden Dokumenten 
Mitteilung machte. Dabei stellte sich heraus, daß Golitzyn, der 
dem Prälaten bestätigte, daß der Kaiser allerdings gestorben sei, 
von der Xgüfägung Alexanders über die Thronfolge und von der 
Existenz des Testamentes nichts wußte. Das Ergebnis ihrer Ver- 
handlungen war, auf jede eigene Initiative zu verzichten. Die 
vom verstorbenen Kaiser deponierten Papiere ließ mau ruhig im 
Kirchenschrein weiter ruhen. Sollte ein 'Manifest aus Warschau 
eintreffen, so wollte man es zunächst geheim halten und sich unter 
allen Umständen der Entscheidung anschließen, die in Petersburg 
getroffen wurde. Auch hier bestätigte sich derErfahrungssatz, daß 
man in Rußland gewohnt ist, weit eh^ die Verantwortung für 
eine Unterlassung, als für eine selbständige Handlung auf sich zu 
nehmen. Offenbar abdizjerte Moskau damit politisch, und das trat 
noch deutlicher zutage^y^ls am 29. abends — so rasch war 
Miloradowitschs Kurier gefahren — die sehr bestimmte Anordnung 
des Petersburger Kriegsgouverneurs eintraf, der zufolge Moskau 
dem Kaiser Konstantin huldigen, das Testament Alexanders aber 
nicht erbrochen werden sollte. So wolle es der Großfürst Nikolai, 
der dem Kaiser Konstantin bereits gehuldigt habe. Philaret hat 
nur noch einige schwächliche Versuche gemacht, den General- 
gouverneur von einer übereilten Entscheidung zurückzuhalten, in- 
dem er darauf hinwies, daß das Schreiben Miloradowitschs 
nicht den Charakter einer Staatsurkunde trage. Golitzyn 
bestand jedoch auf seinem Willen. Das Äußerste, wozu er sich 
bereit fand, war, den Moskauer Senat für den nächsten Morgen 
zu berufen, ihm den Brief Miloradowitschs vorzulegen und einen 
Beschluß der Senatoren herbeizuführen. Philaret versprach da- 
gegen, sich dieser Entscheidung zu fügen. Und so ist dann auch 



22 Kapitel I. Das Interregoum. 

der schließliche Verlauf gewesen. Die Senatoren — denen von 
den in der Ilimmelfahrtskathedrale liegenden Papieren keinerlei 
Mitteilung gemacht wurde, — einigten sich dahin, dem Beispiele 
Petersburgs Folge zu leisten. Am 30. vormittags hat ganz Moskau 
dem neuen Kaiser geschworen, aber erst am Abend dieses Tages 
traf der Senatsukas aus Petersburg ein, der die Vereidigung in 
offizieller Weise anordnete. So haben auch hier politische Feigheit 
un(l4^ewissenlosigkeit den Ausschlag gegeben. Aber Golitzyn ist 
dafür später mit dem Andreasorden und Philaret mit einem 
Diamant-Brustkreuz belohnt worden. Sie hatten beide den Zwecken 
gedient, die man in Petersburg verfolgte. Daß damit der unzwei- 
deutige Befehl des verstorbenen Kaisers umgangen, und durch die 
Huldigung vor Eintreffen des Senatsukases eine durchaus ungesetz- 
liche Handlung begangen wurde, die unter anderen Verhältnissen 
als ein Staatsverbrechen geahndet worden wäre, kam dem gegen- 
über nicht in Betracht. Wie in Petersburg, ließ man die Mittel 
durch den Zweck heiligen. 

Weit korrekter und jedenfalls ehrlich, wenn auch nicht ohne 
Anllug von Donquichotterie, die all seinem Tun anhaftet, ist der 
Großfürst Konstantin Pawlowitsch verfahren. 

Er war seit dem 19. November durch fast täglich eintreffende 
Briefe des Generals Diebitsch erst von der Erkrankung des Kaisers, 
dann von der gefährlichen Wendung unterrichtet worden, die das 
.^tückische Fiebergenommen hatte, dasam Leben Alexanderszehrte. Seine 
steigende Sorge hatte der Großfürst zunächst für sich behalten. Als er 
am 25. um 7 Uhr abends die Nachricht vom Tode des Bruders erhielt 
und seinen ersten Schmerz mit der Fürstin Lowicz und Michail 
Pawlowitsch geteilt hatte, berief er zum Morgen des 26. seine 
nächsten Vertrauten: General Kuruta, den Adjutanten Kolsakow 
und Nowossilzew, weniger um Rats zu pflegen als um ihnen seine 
Entschlüsse mitzuteilen. Den Titel Majestät, mit dem sie ihn auf 
die Kunde vom Tode Alexanders anredeten;^wies er mit leiden- 
schaftlicher Heftigkeit zurück^). Er befahl, den Tod Alexanders 
bis auf weiteres geheim zu halten. Was er selbst zu tun 
hatte, wußte er. Seiner Meinung nach gebührte Maria Feodo- 
rowna in Petersburg die formelle Leitung des Übergangs der Re- 



^) Er hat Kolsakow deshalb sogar arretieren lassen, ihm aber bald danach 
seineu Degen wieder zurückgegeben. 



Kapitel I. Das Interregnum. 23 

gierung auf Nikolai. An sie richtete er ein offizielles Schreiben, 
in dem er, unter Berufung auf das Reskript Alexanders vom 
2. Februar 1822, welches ihn von seinem Recht auf die Thronfolge 
entband, ausdrücklich dieses sein Anrecht dem Großfürsten Nikolai 
Pawlowitsch und dessen Erben abtrat. jJJugleich bat er die Kaiserin, 
sein Schreiben gehörigen Orts (das kann nur heißen im Reichsrat) 
bekannt zu machen und in Ausführung bringen zu lassen. Ein 
zweites, an Nikolai gerichtetes Schreiben, das ebenfalls für die 
Öffentlichkeit bestimmt war, wiederholte den Verzicht und brachte 
dem Bruder zugleich den Untertaneneid des Großfürsten. Endlich 
schrieb der Großfürst noch einen herzlich gehaltenen Privatbrief an 
den Bruder, und forderte ihn nochmals auf, den Willen Alexanders 
zu ehren und genau zu erfüllen. 

Die Oberbringung dieser Briefe nahm der Großfürst Michail 
Pawlowitsch auf sich. Am 26., bald nach Mittag, verließ er 
Warschau. Gleichzeitig benachrichtigte Konstantin Diebitsch und 
W'olkonski von dem, was geschehen war. Er selbst bleibe als 
ihr Dienstkamerad auf seinem „bisherigen Platze". Befehle 
habe er ihnen nicht zu erteilen, die seien aus Petersburg zu er- 
warten. 

A Damit meinte Konstantin getan zu haben, was von ihm abhing, 

das weitere mußte von Petersburg her geschehen. Wie groß war 
aber das Erstaunen und die Entrüstung des Großfürsten, als am 
2. Dezember ihm Lasarew den uns bekannten Brief Nikolais, das 
Protokoll des Reichsrats und Begleitschreiben von Olenin und Lo- 
puchin überbrachte, die an ihn als an den Kaiser gerichtet waren. 
Er war außer sich und expedierte sofort einen Feldjäger an Lo- 
pucbin. Der Reichsrat sei dem Eide untreu geworden, den er dem 
verstorbenen Kaiser geleistet, auch habe er keinerlei Recht gehabt, 
ihn, den Großfürsten, ohne sein Wissen und ohne seine Zustimmung 
zu proklamieren. Der Eid, den man ihm geschworen und zu dem 
der Reicbsrat andere verführt habe, sei unrechtmäßig und ungesetz- 
lich, er müsse daher annulliert und statt dessen ein neuer Eid dem 
Kaiser Nikolaus geleistet werden. Dem Bruder aber schrieb Kon- 
stantin durch Lasarew, der erst am 3. Dezember Warschau verließ, 
daß er von seinem Entschluß nicht abstehen, auch nicht nach 
Petersburg kommen werde, vielmehr, wenn nicht alles geordnet 
werde, wie Alexander bestimmt habe, sich ohne Zögerung „noch 
weiter" entfernen werde. 



24 Kapitel I. Das Intorregnum. 

An eben diesem 3. Dezember, um ö Uhr') morgens, traf Mi- 
chail, der schon unterwegs erfahren hatte was inzwischen geschehen 
war^ in Petersburg ein. ^Mit ihm jener General Opotschinin, den 
man am 27. nach Warschau geschickt hatte, um Konstantin zur 
Annahme der Krone zu bewegen, und den Michail, weil er von 
der Fruchtlosigkeit dieser Bemühungen überzeugt war, veranlaßt 
hatte, umzukehren. Er stieg in seinem Palais ab, wo ihn Nikolai 
und Miloradowitsch, „der in diesen Tagen überall und fast ununter- 
brochen sich beim Großfürsten befand^, sofort aufsuchten-^^ber 
Miloradowitsch wurde bald abgerufen, weil Feuer in den Gebäuden 
des Alexander-Newskiklosters ausgebrochen war, und beide Groß- 
fürsten fuhren nun zusammen ins Winterpalai§. Michail mußte 
einige Zeit warten, ehe er von Maria Feodorowna^Iempfangen wurde, 
da sie schlief. Dann fand eine lange Unterredung zwischen ihnen 
unter vier Augen statt'). Zu einem bestimmten Rat wußte die 
Kaiserin sich nicht zu erheben und auch Michail schwankte.^Beide 
neigten der Meinung zu, daß mit der entschiedenen Erklärung 
Konstantins, daß er den Thron an Nikolai abtrete und diesem 
seinen Treueid übersende, die Frage entschieden sei, und gewiß 
hatten sie Recht. Fand man den Mut, diese Schreiben und dazu 
das Testament Alexanders zu veröffentlichen, so ließ der Fehler, 
der mit den^bereilten Huldigung begangen war, sich wieder gut 
machen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte es wohl scharfe 
Kritik, aber keinerlei Widersetzlichkeit gegeben. Als aber der 
Großfürst Nikolaus, der in einem Nebenzimmer wartete, heran- 
gezogen wurde, zeigte sich dieser durch die Botschaft Konstantins 
wie durch die mündliche Botschaft Michails aufs tiefste enttäuscht. *^' 
Er hatte mit Sicherheit erwartet, daß Konstantin persönlich nach 
Petersburg kommen und die Regierung förmlich auf ihn übertragen 
werde. Die beiden offiziellen Schreiben, die Michail -ittb^rbracht 
hatte, schienen ihm nicht ausreichend, um eine neue Vereidigung 
vorzunehmen. Er fürchtete, daß Unruhen zum Ausbruch kommen 
könnten, und hoffte noch immer, daß es möglich sein werde, den 

*) So Potapow in seinem Brief an Diebitscb vom 3. Dezember. Willamow 
gibt 6 Uhr morgens als Stunde des Eintreffens an. 

^) So nach der eigenhändigen Aufzeichnung des Großfürsten Michail 
Pawlowitsch. Original im Petersb. Reichsarchiv. Der Großfürst setzt die 
Unterredung irrtümlich auf den 1. statt auf den 3. Dezember. Er war damals 
noch unterwegs. 



Kapitel I. Das Interregnum. 25 

Bruder zu bewegen, durch sein persönliches Erscheinen in Peters- 
bürg den schweren Übergang zu erleichtern./ Dazu scheint gerade 
damals Miloradowitsch ihn mit der unsicheren und unzufriedenen 
Stimmung der 6arder\geängstigt zu haben. Auch konnte Michail 
sich der Tatsache nicht verschließen, daß seit der Vereidigung der 
Truppen auf den Namen Konstantins, die Lage eine andere 
geworden war^ als an jenem 26. November, da er mit den Briefen 
des Großfürsten Warachau verlassen hatte. Aber er hielt mit seiner 
^lißbilligung der Handlungsweise Nikolaus nicht zurück. Als er 
mit dem Bruder allein war, fragte er ihn, weshalb hast du das 
alles getan, da dir doch der Verzicht des Zesarewitsch und die 
Akten (akty) des verstorbenen Kaisers bekannt waren ?4-Die Antwort 
Nikolais war ein Hinweis auf die Schwierigkeiten seiner Lage und 
auf seine Hoffnung, daß Konstantin nach Petersburg kommen werde. 
Und damit mußte Michail sich zufrieden geben. Vielleicht spielte 
bei Michail auch der still -gehegte Wunsch mit, daß Konstantin 
trotz allem bereit sein könnte, die Last der Krone auf sich zu 
nehmen*). Jedenfalls stimmte auch er zu, als Nikolai und Maria 
Feodorowna sich dahin verständigten, im Hinblick auf die inzwischen 
erfolgten Eidesleistungen dem Zesarewitsch noch einmal zu schreiben, 
und ihm, nach Darstellung der Verhältnisse, nahe zu legen, durch 
sein Erscheinen in Petersburg oder durch Erlaß eines Manifestes 
die Krisis zu günstigem Ausgang zu führen. Der Großfürst Niko- 
laus verfaßte nun ohne allen Zeitverlust eine umfassende Denk- 
schrift in russischer Sprache, welche die Ereignisse vom 25. No- 
vember bis zum 3. Dezember in historischer Folge erzählt und 
mit der Nachricht schließt, daß die Militärkolonien, Finnland und 
MoskaudemKaiser Konstantin gehuldigt hätten. Diese Denkschrift, die 
eine Reihe kleinerUnwahrheiten enthält und Wesentliches verschweigt, "^ 
war sehr geschickt abgefaßt und gibt eine nicht geringe Vorstellung 
von den Fähigkeiteir^des Großfürsten '). Der französisch geschriebene 
Privatbrief ist überaus leidenschaftlich im Ton und darauf berechnet, 
das Verhalten Nikolais zu entschuldigen. Er habe zwar vorher- 
gewußt, daß Konstantin an seiner Entsagung festhalten 

1) Das glaubte z. B. die Gräfin Nesselrode. Das oben angeführte Gespräch 
ist in einer Yon Nikolai ausdrücklich bestätigten Aufzeichnung Michails ent- 
halten. 

3) Zum erstenmal gedruckt in meinem Buch: Die Thronbesteigung Niko- 
laus I. Berlin 1902. 



\ 



26 Kapitel I. Das Interregnum. 

werde, aber, um den Staat nicht zu geHihrden, nicht anders 
handeln können. Sein Pflichtgefühl sei das entscheidende Motiv 
gewesen, aber er werde sich dem Willen Konstantins unterwerfen 
und gehorchen, das schwöre er vor Gott, so schwer es ihm auch 
falle 0. 1 

Dagegen sagtNikolai in keineinder beiden Schreiben, daß er Kon- 
stantin in Petersburg erwarte, und ebensowenig ist von dem Manifest 
die Rede, das in zweiter Reihe als Mittel ins Auge gefaßt war, um 
den Regierungswechsel zu erleichtern. Opotschinin, den man nun 
zum zweitenmal nach Warschau schickte, sollte mündlich mit diesen 
Vorschlägen hervortreten. Die Kaiserin-Mutter soll ihm bei seiner 
Verabschiedung gesagt haben: Führen Sie uns Konstantin her'). 

Noch am 3. abends gingen die Briefe Nikolais nach Warschau 
ab. Michail blieb vorläufig in Petersburg, aber seine Lage wurde 
peinlich. Man wußte bereits in Petersburg von dem Verlauf der 
Reichsratssitzung und zog aus der Tatsache, daß Michail dem 
Kaiser Konstantin nicht gehuldigt hatte, naheliegende Schlüsse. 
Jedenfalls schien die endgültige Entscheidung über das künftige 
Schicksal Rußlands noch nicht getroflen zu sein.\/iline Partei, die 
für Nikolai war, und eine andere, die zu Konstantin hielt, begann 
sich zu bilden. Überhaupt wurde die Stimmung unsicher. iNachdem 
die ersten Tage der Trauer über den Tod Alexanders dahingegangen 
wareu^regte sich die Kritik. Als der Minister des Innern, Lanskoi, 
in der Plenarversammlung des Senats am 4. Dezember den Antrag 
stellte, eine Subskription zu einem Denkmal zu veranstalten, das 
die Unterschrift tragen solle: „Alexander I. dem Gesegneten das 
Volk", verharrte die Versammlung in so eisigem Schweigen, daß 
er die Sitzung verließ. Der Antrag wurde danach, wie es anders 
nicht möglich war, zwar einstimmig angenommen, aber der Senat 
strich die Worte „der Gesegnete" und setzte dagegen^ Alexander dem 
Ersten. Rußland". Es bedurfte des Eingreifens der offenbar tief ver- 
letzten Kaiserin-Mutter, um den ursprünglichen Wortlaut herzustellen. 
Unzweifelhaft gärte es auch in den Kreisen, die der Regierung 
am nächsten standen. Es kam daher darauf an, die Entscheidung 
nach Möglichkeit zu beschleuniget^^ So entschloß man sich denn 



') Das Wort „ich habe meine Pflicht erfüllt* kehrt regelmäßig wieder, 
wo Nikolai von den Ereignissen des 27. November spricht. 

^) „amenez moi Constantin" Gräfin Nesselrode d. 6. Dez. 1. I. 



Kapitel I. Das Interregnum. 27 

am 5. Dezember nachmittags, den Großfürsten Michail wieder nach 
Warschau abzufertigen, und zwar mit einem ganzen Stabe von 
Beamten, damit er für den Fall, daß Konstantin nach Petersburg 
kommen sollte, ihn inzwischen vertreten könne'). Auch drei Feld- 
jäger wurden ihm mitgegeben und die Vollmacht, alle von Kon- 
stantin einlaufenden an die Adresse Maria Feodorownas gerichteten 
Schreiben den Kurieren, die ihm etwa unterwegs begegnen könnten, 
abzunehmen und zu öffnen. 

In einem Brief vom 6. Dezember*) wird uns die Stimmung, die 
damals in den Kreisen herrschte, die Konstantins drohende Re- 
gierung fürchteten, sehr anschaulich folgendermaßen geschildert: 
„Unbegreiflich ist es, daß diese ganze so überaus wichtige Angelegen- 
heit im Schoß der Kaiserlichen Familie verhandelt wird, und daß 
man niemanden um Rat fragt, obgleich es der Mühe wohl wert 
wäre. Der einzige, dem ein gewisses Vertrauen zuteil wird, ist 
— ich schäme mich, es zu sagen — Miloradowitsch! Sein Einfluß 
geht offenbar darauf zurück, daß man ihm die Ruhe zu danken 
glaubt, die jetzt herrscht. Man hat aber dafür jedem einzelnen 
dankbar zu sein und nicht diesem herzlosen Polichinel. Wahr- 
scheinlich hält er ihnen stets vor, daß alles die Herrschaft Kon- 
stantins wünsche, und vielleicht schreckt er sie mit den Gefahren 
einer neuen Vereidigung, welche drohen, wenn Konstantin dabei 
bleibt, daß er nicht regieren wolle. Das ergibt sich aus einigen 
Äußerungen des Großfürsten Nikolaus, die man mit Sicherheit aus 
dem Palais erfahren hat. Und so wird dieser Prinz, den der 
Kaiser Alexander in seiner Weisheit von dem Regiment ausschloß, 
von der Familie und der öffentlichen Meinung gerufen. Man 
fragt, woraufhin? Auf nichts hin, behaupte ich. Er ist seit zwölf 
Jahren fern, man wünscht ihn, weil es heißt, daß er sich ver- 
ändert habe; ich aber bin fest überzeugt, daß er der alte geblieben 
ist, und ich zittere vor dem Gedanken, daß er dem süßen Reiz, 
sich gekrönt zu sehen, nachgeben könnte. Ganz abgesehen davon, 
daß schon seine Persönlichkeit eine ungeheuere Ungelegenheit be- 
deutet, braucht man nur an die Fürstin Lowicz und deren Um- 



') Relation des preußischen Geschäftsträgers Küster vom 12./24. De- 
zember 1825. 

-) Von der Gräfin Nesselrode an ihren Bruder Nikolai Graf Guriew. 
ReicbsarcbiY III Nr. 43. Sie gehörte zu den Gegnern der Partei Konstantins. 



28 Kapitel I. Das Interregnum. 

gebung zu denkeD, die aus Lumpen besteht (crapuleux). Eben die 
Leute, die ihn wünschen, werden blutige Tränen vergießen. Man 
wird ihn nicht im ersten Monat kennen lernen, aber vor Ablauf 
eines Jahres wird man es bitter bereuen, und um den verstorbenen 
Kaiser noch heißere Tränen vergießen als jetzt, denn es wird die 
Regierung des Mißtrauens, der Spionage und tausend kleiner, er- 
bitternder Quälereien sein. ^Es ist traurig, daß der Großfürst Niko- 
laus sich so töricht verhalten" hat. Die Truppen verabscheuen ihn, 
es heißt, daß er heftig, streng, nachtragend und geizig sei. Man 
fürchtet, für den Fall, daß er regieren sollte, seinen Mangel an 
Erfahrung, eine starke Neigung zum Kriegführen, und gewiß möchte 
er sich einen großen Namen verdienen. Er sagt oft, daß es eine 
i Schande sei, eine ruhmgekrönte Armee zu befehligen, wenn man 
selbst kein Pulver gerochen habe. Aber er ist 29 Jahre alt; viel- 
leicht hätte er als Kaiser die militärischen Kleinlichkeiten aufgegeben, 
vielleicht sich als Regent ausgezeichnet, den Rat erfahrener Männer 
gehört, und ich behaupte, daß man unter seinem Regiment freier geatmet 
und mehr sein eigener Herr gewesen wäre, als unter dem Prinzen, 
den wir bald den Thron besteigen sehen werden, und den man nur 
einem despotischen Orkan vergleichen kann. Er liebt den Groß- 
fürsten Nikolaus nicht, und ich bezweifle sehr, daß sich das Ver- 
hältnis dadurch bessert, daß er ihm den Thron zu danken hat . . .^ 
Es kommen hier nicht alle Sorgen zum Ausdruck, die sich an 
den Namen Konstantins knüpften. ^\^uch seine Vorliebe für die Polen 
wurde gefürchtet^), während andererseits die Besorgnis bestand, 
daß, wenn Nikolaus Kaiser werden sollte, ein selbständiges Polen 
unter Konstantin als König die Folge sein könnte. So schwankten 
die Stimmungen hin und her. Der Justizminister und der 
General du jour Potapow waren entschieden für Konstantin, ebenso 
Willamow, der, wie er sagte, Konstantins Thronbesteigung wünschte, 
damit Nikolai Zeit finde auszureifen, in der Armee alles, was in 
Beziehung zu Nikolaus getreten war, und so ist es begreiflich, 
daß die gut bezeugte Tatsache, daß Miloradowitsch die Stimmung 
der Garden benutzte, um auf Nikolaus zu drücken, ihre einschüch- 
ternde Wirkung nicht verfehlte*). So ging der 6. Dezember, der 

*) Dewows Tagebuch 1. 1. 

^) Gespräch des Prinzen Eugen mit Miloradowitsch. Noch am 10. De- 
zember, als es bereits wahrscheinlich war, daß die Krone Nikolai zufallen mußte, 
flüsterte Miloradowitsch dem Prinzen zu: Ich fürchte für den Erfolg, denn die 



Kapitel I. Das Interregnum. 29 

Namenstag Nikolais,v traurig hin, am 7. brachte ein Feldjäger aus 
Warschau die Nachricht, daß Konstantin die Vereidigung der littaui- 
schen Armee, trotz des ihm zugesandten Senatsukases, nicht gestattet 
habe. Ohne Rücksicht darauf wurden von Petersburg aus noch immer 
alle auf den Namen des Kaisers adressierten Papiere nach Warschau 
geschickt, doch hatte der Großfürst Befehl gegeben, daß alle aus 
Warschau eintreffenden Feldjäger direkt zu ihm ins Winterpalais 
dirigiert werden sollten. Privatbriefe aus Warschau ließ er von 
den Adressaten in seineivGegenwart öffnen. So unruhig wartete 
man auf jedes Symptom der bevorstehenden Entscheidung. Auch 
Araktschejew hatte es nicht ertragen, länger dem Schauplatz der 
Ereignisse fernzubleiben. In der Nacht vom 6. auf den 7. war er 
in Petersburg eingetroffen und in seiner Wohnung abgestiegen. 
Aber er ließ niemanden bei sich vor, und es schien sich auch 
niemand weiter um ihn zu kümmern, worüber er sich bei Milo- 
radowitsch schriftlich bitter beklagte. Offenbar waren die Tage 
seiner Allmacht dahin, weder zu Nikolai noch zu Konstantin stand 
er in erträglichen Beziehungen. 

Am 8. langte auch der Stabschef der ersten Armee, Baron 
Toll, in Petersburg an. Der Graf Osten-Sacken, der sein Haupt- 
quartier in Mohilew hatte, wo die Vereidigung auf den Namen 
Konstantins am 2. Dezember geschehen war, hatte ihn beauftragt, 
dem Kaiser Konstantin davon Meldung zu erstattem^Da man Kon- 
stantin in Petersburg vermutete, sollte er dahin reisen, sich aber 
so einrichten, daß er erst zwei Tage nach Eintreffen des Kaisers 
anlange. Toll verfuhr danach, erhielt aber am 7. Dezember, als 
er in Woronitschi, 240 Werst von Petersburg, war, von Sacken den 
Befehl, nicht länger zu zögern, vsondern möglichst rasch nach 
Petersburg zu reisen und, wenn Konstantin nicht dort sein sollte 
den Kaiser in Warschau, oder wo sonst immer er sei, aufzusuchen. 
Toll traf am 8. um 4 Uhr nachmittags in Petersburg ein, und 
stattete dort dem Großfürsten Nikolaus über den Inhalt seines 
Auftrages Bericht ab. Der Großfürst sowohl wie Maria Feodorowna 
fertigten ihn mit einigen nichtssagenden Worten ab, so daß er 

Garden lieben Nikolaus nicht! Und auf des Prinzen Entgegnung, daß die 
Garden doch nicht mitzusprechen hätten: „Ganz recht, sie sollten nicht mit- 
sprechen; haben sie es aber bei Katharina iL und bei Alexander I. nicht 
getan? Die Lust dazu fehlt diesen Prätorianern nie." Schiemann: Thron- 
besteigung Nikolaus L S. 123 u. 124. 



30 Kapitel I. Das Interregnum. 

schon nach drei Stunden aufbrach, um seine Reise nach Warschau 
wieder aufzunehmen. So gelangte er am 9. Dezember nach Jewe 
und erfuhr dort, daß der Großfürst Michail schon seit einigen 
Tagen auf der benachbarten, auf seinem Wege liegenden Station 
Nennal (in Estland) sei. Dort traf Toll um 9 ühr abends ein, 
und der Großfürst überreichte ihm sofort ein Schreiben Nikolais, 
daß durch einen unmittelbar nach Tolls Abreise aus Petersburg 
expedierten Feldjäger vof ihm in Nennal abgeliefert worden war. 
Der Inhalt sagte, daß die^Veiterfahrt nach Warschau gegenstandslos 
sei. Der Großfürst Michail werde ihm alles nötige mitteilen. Das 
geschah denn auch, und wir danken diesem Umstände einen ganz 
unverdächtigen Bericht über die Petersburger und Warschauer Er- 
eignisse, der eine unserer wichtigsten Quellen geworden ist. 

Michail hatte am 8. Dezember glücklich den Feldjäger getroffen, 
der die fulminante Antwort Konstantins auf das Schreiben des 
Präsidenten des Reichsrats Lopuchin brachte, und schon aus dem 
Vermerk auf dem Kuvert „von Sr. Kaiserlichen Hoheit dem Ze- 
sarewitsch'^ erkannt, daß Konstantin in seinen Entschlüssen nicht 
wankend geworden wart^In Nennal war er dann mit dem zurück- 
kehrenden Lasarew zusammengetroffen und hatte, wie es ihm seine 
Vollmacht gestattet^ das Antwortschreiben Konstantins an Niko- 
laus geöffnet. Es war der Brief vom 2. Dezember, dessen Inhalt 
wir bereits kennen, eine Ablehnung, aber keine Entscheidung. 

So entschloß sich denn Michail, in Nennal zu bleiben und 
entweder die Antwort auf die Schreiben Nikolais vom 3. Dezember 
abzuwarten, oder aber, wenn Nikolai es befehlen sollte, nach Peters- 
burg zurückzukehren. In diesem Sinne schrieb er dem Bruder. 
Er mußte noch vier volle Tage warten. Erst am 12., um 4 Uhr 
nachmittags, traf ein Feldjäger mit dem Befehl ein, daß Michail 
und Toll sofort nach Petersburg j^isen sollten. „Endlich ist alles 
entschieden, und ich muß dieM^ürde des Kaisertums auf mich 
nehmen", das waren die Worte Nikolais. 

Im Grunde war man schon am 10. in Petersburg völlig darüber 
im klaren, wie die Entscheidung fallen werde, und des'^Vartens 
herzlich müde geworden^). Auch hatte Nikolai durch Miloradowitsch 
in aller Stille die Vorbereitungen für eine neue Vereidigung treffen 



„II est temps que ces honnetet^s finissent^ schreibt die Gräfin 
Nesselrode am 10. Dezember. 



Kapitel I. Das Interregoum. 31 

lassen. Die Manifeste, durch welche Nikolai seinen Regierungs- 
antritt ankündigen wollte, waren bereits fertiggestellt. Man wartete 
nur noch auf die ofüzielle Beantwortung der Briefe vom 3. Dezember 
und hoffte zugleich, ein von Konstantin unterzeichnetes Manifest 
zu erbalten, das seine Abdankung feierlich bestätigte. Nikolai 
sprach bereits davon, wie er als Kaiser handeln wolle. Er wisse, 
daß er ein unangenehmer Brigadegeneral und ein unerträglicher 
Divisionär gewesen sei. Damals habe er so handeln müssen. Jetzt 
aber sei seine Stellung eine andere, und er werde sich anders ver- 
halten *). Dem Grafen Nesselrode aber hatte er gesagt, in der aus- 
wärtigen Politik sei er entschlossen, sich aller Einmischung in die 
inneren Angelegenheiten anderer Staaten zu enthalten.^ Er werde 
weniger Ratschläge erteilen als Alexander, und so viel wie irgend 
möglich für die Erhaltung des Friedens eintreten. So gingen in 
Sorgen und Spannung die Tage hin. 

Da, am 12. Dezember um 7 Uhr morgens, wurde der Groß- 
fürst mit der Meldung geweckt, daß der Kommandant von Taganrog, 
Oberst Frederiks vom Ismailowschen Regiment, mit einem Paket 
„höchst bringender" Depeschen eingetroll'en sei. Sie waren zwar 
zu eigenen Händen Sr. Majestät des Kaisers adressiert, aber Fre- 
deriks war ausdrücklich beauftragt, wenn Konstantin nicht in Peters- 
burg sein sollte, sie dem Großfürsten zu übergeben. Es war, von 
General Diebitsch übersandt, der Bericht, den der Unteroffizier des 
3. Bugschen Ulanenregiments, Sherwood, über den Zusammenhang 
der von ihm entdeckten Verschwörung eingesandt hatte'), eine 
zweite gegen die Verschwörer gerichtete Denunziation, die vom 
Kapitän des Wjatkaschen Infanterieregiments, Maiboroda, verfaßt 
war, drittens endlich Angaben über die Verschwörung, welche auf 
den General Grafen Witt zurückgingen, der das Oberkommando 
über die Kolonien im Süden hatte. Alexander hatte, wie wir ge- 
sehen haben, auf die Angaben hin, die ihm Sherwood und Graf 
Witt gemacht hatten, weitere Untersuchungen anstellen lassen, und 
das Resultat lag nunmehr vor. Maiborodas Enthüllungen waren ganz 
neuen Datums und betrafen vornehmlich Pestel und Nikita Mu- 
rawjew, auch meinte er angeben zu können, wo der Pestelsche 
Verfassungsentwurf, die sogenannte „Russkaja Prawda", liege. Die 



Die Gräfin Nesselrode 1. 1. 
^) conf. Bd. I S. 503 ff. 



32 Kapitel I. Das Interregnum. 

Summe dieser Nachrichten gab ein allerdings sehr beunruhigendes 
Bild von den Gefahren, die dem Staat und der kaiserlichen Familie 
drohten, und es ist begreiflich, daß der Großfürst erschrak.^ Es 
lag auf der Hand, daß er handeln mußte. Auch hat er nunmehr, 
was an ihm lag, getan. Er berief Miloradowitsch, „der als General- 
Kriegsgouverneur hier alles macht" — wie Nikolai noch am 12. 
dem General Diebitsch schrieb — , den Fürsten Golitzyn und den 
Grafen Benkendorif, um mit ihnen Rats zu pflegen. Da Arak- 
tschejew, den der Großfürst am 10. zum erstenmal gesprochen hatte, 
im Verlauf des Gesprächs^uch auf das Bestehen einer Verschwörung 
hingewiesen hatte, wurde Miloradowitsch zu ihm geschickt, um Näheres 
zu erfahren. Aber Araktschejew Weigerte sich, ihn zu empfangen, 
obgleich Miloradowitsch ausdrücklich sagen ließ, daß er im Auftrage 
des Großfürsten komme, „weil er sich zur Regel gesetzt hatte, nie- 
manden, weder bei sich noch sonstwo, zu sehen, selbst nicht in 
dienstlichen Angelegenheiten". Unzweifelhaft hä^tte Miloradowitsch, 
sobald er seine volle Autorität einsetzte, sich den2utritt erzwingen 
können, wie es unter den vorliegenden Verhältnissen seine Pflicht 
war, aber gerade in diesen Tagen äußerster Spannung hat er es 
an Energie und Umsicht fehlen lassen. 

Aus den von Diebitsch eingesandten Berichten ergibt sich, 
daß die Namen der Hauptführer fast sämtlich bekannt waren: 
Pestel, Rylejew, Ssergej Murawjew, Bestushew-Rjumin, Michail 
Orlow.\J}riff man rasch und entschlossen zu, so war es durch- 
aus möglich, das ganze Nest der Petersburger Verschwörer auf- 
zuheben und damit jeden Versuch einer Erhebung und jede 
wirkliche oder<j^ermeintliche Gefahr im Keime zu ersticken. 
Aber Miloradowitsch begnügte sich damit, auf die in Peters- 
burg nicht anwesenden Personen Jagd zu machen, auf die An- 
wesenden wollte er „seine besondere Aufmerksamkeit richten" '). 
In Wirklichkeit geschah nichts, obgleich Rylejew ihm persönlich 
wohlbekannt war und er in dessen Wohnung fast den ganzen 
Petersburger Kreis der Verschworenen beisammen gefunden hätte. 
Während er bisher Nikolai mit der Stimmung der Garden für Kon- 
stantin geängstigt hatte, wiegte er ihn jetzt in trügerische Sicher- 
heit. „Ich halte es für meine Pflicht" — schrieb Nikolai in dem 
oben erwähnten Briefe an Diebitsch — „zur Ehre unserer Garde zu 



^) Schreiben Nikolais an Diebitsch vom 12. Dezember, das unsere zu- 
verlässigste Quelle für diese Frage ist. 



Kapitel I. Das Interregnum. 33 

sagen, daß ich fest überzeugt bin, daß hier sehr wenig Teilnehmer 
an dem Verbrechen,';!. vielleicht gar keine, vorhanden sind. Das be- 
weist anwiderleglich> die musterhafte und einzigartige Ordnung, die 
hier überall seit dem schrecklichen 27. November eingehalten wurde. 
Man kann vielleicht sagen, daß bei Lebzeiten des Kaisers hier nie 
gleiche Ordnung herrschte; ich würde vor Gott und mir selber 
^sündigen, wenn ich anders reden wollte. Aber Gott vertrauen und 
selbst nichts unterlassen, das war und wird bis ans Ende unser 
Wahlspruch sein — und, wir legen die Hände nicht in den Schoß." 
Diese erstaunliche Selbsttäuschung wird noch unfaßbarer, wenn 
man sich erinnert, daß Nikolais intimster Freund Benkendorif, den 
der Großfürst mit Tierangezogen hatte, der Verfasser jener Denk- 
schrift von 1821. war, die dem Kaiser Alexander den Zusammen- 
bang der Verschwörung bis in das Detail hinein enthüllt hatte, und 
die zum Teil dieselben Personen als verdächtig bezeichnete, die 
Diebitsch genannt hatte. 

Auch mußte Nikolai die Illusion, daß er von Petei*sburg nichts 
zu fürchten habe, bald fahren lassen. Am Abend jenes ereignis- 
reichen 12. Dezember teilte ihm der Adjutant des Generals Bistramb 
von der Gardeinfanterie, Sekondeleutnant Jakob Rostowzew, erst 
brieflich, dann mündlich mit, daß bei der neuen Eidesleistung eine 
Empörung ausbrechen werde, und daß Grusien, ßessarabien, Finn- 
land und Polen, vielleicht auch Littauen, sie nutzen würden, um 
sich von Rußland loszureißen. Er nannte, weil er kein Denunziant 
sein könne, keine Namen, aber seine Angaben waren, so weit es 
sich um den in Petersburg drohenden Aufstand handelter^o bestimmt, 
daß ein Zweifel nicht möglich war. Es hat dann zwischen Nikolai 
und Rostowzew eine pathetische Szene mit Küssen und Freund- 
schaftsbeteuerungen gegeben, einen realen Nutzen brachten jene 
halben Enthüllungen nur indirekt: weder hat Rostowzew seine 
Freunde und Bekannten dadurch gerettet, noch den Ausbruch des 
Aufstandes verhindert. Das Verhängnis nahm seinen Lauf, weil 
Nikolai und Miloradowitsch nicht zu den Maßregeln zu greifen ver- 
standen, die allein helfen konnten. Und doch hätte Nikolai jetzt 
mit ganz anderer Autorität einschreiten können als ihm bisher, 
wegen der Schranken, die er sich selbst gesetzt hatte, möglich ge- 
wesen war. Wenige Stunden vor Rostowzews Enthüllungen war 
endlich die Antwort auf die Briefe vom 3. Dezember eingetroffen. Der 
Kurier, der sie überbrachte, hatte seinen Weg von Warschau aus nicht 

Schicmann, Geschieht« Rußlands. IL 3 



34 Kapitel I. Das Interregnum. 

über Riga und Estland genommen, wo er notwendig mit dem Groß- 
fürsten Michail zusammengetroffen wäre, sondern über Brest — Litowsk. 
Was er brachte, war die nochmalige feierliche Entsagung Konstantins 
and das heiß ersehnte Manifest, in dem er „seinen geliebten Lands- 
leuten** die Geschichte seiner Verzichtleistung auf den Thron zu- 
gunsten Nikolais als ein persönlich von ihm in Rücksicht auf die 
Ruhe und Wohlfahrt Rußlands gebrachtes Opfer ausführlich dar- 
legte. Auch die Aktenstücke, die den Zusammenhang seiner Dar- 
stellung belegten, waren dem Manifest angeschlossen. Das Ganze 
würdig gehalten, im Vollgefühl, daß er während der ganzen Krisis 
als einziger von Anfang bis zu Ende korrekt gehandelt habe. 

So war endlich aller Zweifel beseitigt; Nikolai war Kaiser von 
Rußland, und es handelte sich jetzt nur noch um die Frage, wie 
der Übergang zum neuen Regiment zu vollziehen sei. Auch Nikolai 
mußte mit einem Manifest an die Öffentlichkeit treten. Es ist, 
nachdem er selbst den historischen Teil an Benkendorif diktiert 
hatte und ein erster Entwurf Karamsins verworfen worden war, 
von Speranski redigiert worden.'J Zu Mitwissern der nun unmittelbar 
bevorstehenden Proklamierung waren außer den schon genannten 
Personen und Milorado witsch noch der Metropolit Seraphim, Fürst 
Lopuchin und General Woinow herangezogen worden*^ Man fand 
es nicht möglich, schon am 13. den feierlichen Akt vorzunehmen. 
Nikolai wollte, da Konstantin nochmals auf das bestimmteste er- 
klärt hatte, daß er nicht kommen werde, wenigstens Michail an 
seiner Seite sehen. Auch wurde sofort ein Kurier nach Nennal 
expediert, um ihn und Toll nach Petersburg zurückzurufen. Man 
berechnete, daß er am 13. etwa um 8 Uhr eintreffen könne, und 
berief auf diese Stande den Reichsrat. Infolge der von Rostowzew 
angekündigten Revolte setzte Nikolai nachträglich fest, daß die 
Vereidigung von Senat und Synod am 14. schon um 7 Uhr morgens 
stattfinden solle. Gleichzeitig sollten auch alle Zivilbehörden den 
Huldigungseid schwören, das Militär um 6 Uhr morgens zum 
Schwur bereit sein, die Offiziere sich um 7 Uhr bei ihren Regiments- 
kommandeuren versammeln, und um 12 Uhr vor dem Winterpalais 
eine Parade abgehalten werden. Für 2 Uhr mittags war dann der 
Empfang der Glückwünsche durch das Kaiserpaar angesetzt. 

Das war das Programm, das zum Teil erst am 13. festgestellt 
wurde. Dieser Tag war ein Sonntag, und Nikolai hätte auch jetzt 
noch alle Zeit gehabt, durch rechtzeitiges Eingreifen den erwarteten 



Kapitel I. Das Interregnum. 35 

Aufstand im Keim zu ersticken. Aber unbegreiflicherweise konnte 
er den Entschluß dazu nicht finden, obgleich der Kriegsminister 
Tatischtschew, dem er nun auch von der entdeckten Verschwörung 
Mitteilung machte, ihn um die Erlaubnis bat, die Verdächtigen zu 
verhaften. „Nein,** antwortete er ihm, „ich will nicht, daß der Ver- 
eidigung Arretierungen vorausgehen, das würde auf alle einen 
schlechten Eindruck machen.^ Komme es zu Unordnungen, dann 
sei der rechte Augenblick, und man werde ihm dann nicht Unge- 
rechtigkeit oder Willkür vorwerfen können. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß auch hier die falsche Weis- 
heit und Leichtfertigkeit Miloradowitschs aus Nikolai spricht. Aber 
selbst dann trifft die Verantwortung ihn. Daß die Lage ernst war, 
und daß er einer Entscheidung auf Leben und Tod entgegenging, 
wußte er wohl. Der Gedanke kommt in den Briefen zum Aus- 
druck, die er am 12. und IB. schrieb. Auch hat er gleich damals 
sein Testament gemacht. Im übrigen aber blieb es bei Worten. 
Als, wie verabredet war, um 8 Uhr der Reichsrat sich zu einer 
außerordentlichen Sitzung versammelte, war Michail noch nicht 
eingetroffen. Man wartete bis 12 Uhr nachts, da endlich entschloß 
sich Nikolai, die Sitzung eröffnen zu lassen. Sie nahm einen 
würdigen und feierlichen Verlauf. Nikolai begann mit Verlesung 
des Manifestes, das Speranski verfaßt hatte; danach ließ er nur 
noch das Schreiben Konstantins an Lopuchin vortragen, in welchem 
das Verhalten des Reichsrats am 27. November so rücksichtslos und 
scharf verurteilt wurde. Dann schloß er die Sitzung. Das Inter- 
regnum hatte seinen Abschluß gefunden, Nikolai Pawlowitschs 
Regierung begonnen. 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung der 

Revolntion. 

Es war keineswegs eine notwendige Folge der Tätigkeit der 
geheimen Gesellschaften, daß die Regierung des neuen Herrschers 
durch eine Militärrevolte^-eingeleitet wurde. Vielmehr spricht alle 
Wahrscheinlichkeit dafür^ daß, selbst wenn die Regierung keinerlei 
Kunde von den Plänen der Verschworenen gehabt und sie sich 
selber überlassen hätte, ihre ganze Organisation über kurz oder 
lang tatenlos zusammengebrochen wäre. Denken wir uns, daß der 

3* 



3ß Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

27. November nach vorausgegangener Veröffentlichung der letzwilligen 
Bestimmungen Alexanders über die Thronfolge statt mit der Pro- 
klamierung Konstantins mit dem Treueid für den Kaiser Nikolaus 
seinen Abschluß gefunden hätte, so war nicht zu erwarten, daß die 
schlecht organisierten Verschwörer die Neigung gezeigt hätten, sich 
wider ihn zu erhebeniJ Auch lag es im Interesse der Regierung, das 
durch die Enthüllungen, welche Diebitsch ihr zutrug, gesammelte 
Material geheim zu halten und sich mit Beobachtung der Verdäch- 
tigen zu begnügen. Es genügte, die Führer unschädlich zu machen, 
etwa Pestel, Obolenski und Rylejew, und das ließ sich sehr wohl 
ohne jedes Aufsehen erreichen. \^\Venn dann Nikolai, der Stimme 
der öffentlichen Meinung folgend, sein Regiment mit der Entlassung 
Araktschejews und der Aufhebung der Militärkolonien begann, so 
daß sich die Hoffnung auf bessere Tage als unter Alexander richten 
konnte, läßt sich voraussehen, daß ihm die Herzen ebenso enthu- 
siastisch zugefallen «wären, wie vor einem Vierteljahrhundert dem 
jungen Alexander, ^^exander hatte den Schleier der Vergebung 
über einen vollzogenen Kaisermord decken und mit den Mord- 
genossen und zahlreichen Mitwissern des Anschlages leben und 
regieren müssen bis ans Ende. Sie saßen, zum Teil noch mit Ehren 
und Würden geschmückt,j^m Reichsrat — Nikolai brauchte nur 
über Pläne und freche Reden vornehm hinwegzusehen, deren Wurzel 
irregeleitete und verbitterte Vaterlandsliebe war. Daß Pläne und 
Worte in den Versuch ausmündeten, mit schlechten Mitteln eine 
Staatsrevolution herbeizuführen, ist vornehmlich seine Schuld und 
die der Männer gewesen, die ihn beraten haben. 

Am 27. November traf die Nachricht vom Tode Alexanders 
die Petersburger Verschworenen völlig fassungslos und ohnmächtig. 
Die Truppen ließen sich, wie wir gesehen haben, ohne jeden Wider- 
spruch vereidigenA^lle Mitglieder der Gesellschaft haben den Treu- 
eid geleistet, und genau so hätten sie auch Nikolai ohne Schwanken 
geschworen. Das hat uns einer ihrer besten Männer ausdrücklich 
bezeugt'). Daß sie aber nach geleistetem Eide sich zu einer Er- 
hebung gegen ihn entschlossen hätten, darf schwerlich angenommen 
werden. Unter allen Umständen hätte man gewartet, wahrschein- 
lich sogar gesucht, sich dem neuen Herrscher zu nähern und ihn 
für den idealen Kern, der den Bestrebungen der Verschworeneu 



') Der ßaron Rosen. Russische Ausgabe seiner Denkwürdigkeiten S. 82. 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 37 

zugrunde lag, zu gewinnen 0- Die Verzweiflung darüber, daß es 
unmöglich war, einen Einfluß auf Alexander zu gewinnen, hatte 
die geheimen Gesellschaften ins Leben gerufen und bestimmte bis 
zuletzt ihr Tun. Gegen seine Person und gegen sein System waren 
alle Anschläge gerichtet gewesen. Mit dem Augenblick seines Todes 
verloren die Verschworenen ihr nächstes Ziel, und die Illusion mußte 
schwinden, daß mit der Beseitigung Alexanders jene Tage des 
Glücks angebrochen seien, die man für Rußland erträumt hatte. 
Rylejew, der erst zu Anfang 1825, kurz bevor der Fürst Tru- 
betzkoi nach Kiew fuhr, um mit der südlichen Gesellschaft Fühlung 
zu finden, in die oberste Leitung des Petei*sburger Verschworenen- 
kreises gewählt worden war, erhielt die erste Nachricht vom Tode 
des Kaisers durch Nikolai Bestushew. Er mußte diesem gestehen, 
daß nichts vorbereitet sei, um jetzt mit einer politischen Aktion 
hervorzutreten, von der man eine Verfassungsänderung erwarten 
könne. Die tätigsten Mitglieder waren nicht in Petersburg und 
die geheime Gesellschaft überhaupt wenig zahlreich. -<Er habe sich 
selbst getäuscht, auch keinen Plan, aber vielleicht finde sich am 
Abend, wenn man wieder zusammentreffe, ein Ausweg. Von den 
Verschworenen waren inzwischen noch der Kapitänleutnant Torson, 
Batenkow und Alexander Bestushew hinzugekommen. Aber man 
gelangte zu keinem Entschluß. Erst als Rylejew und die beiden 
Brüder Bestushew aliein waren, einigten sie sich dahin, die Sol- 
daten aufzuwiegeln. VSie sind in der Nacht auf den 28. und in 
der nachfolgenden Nacht durch die Straßen Petersburgs gezogen, 
haben jeden Soldaten, dem sie begegneten, angehalten und jede 
Wache angesprochen.4^ Man habe sie betrogen und ihnen das Testa- 
ment des verstorbenen Zaren vorenthalteövdas den Bauern die 
Freiheit und den Soldaten die*Verkürzung oer Dienstzeit um zehn 
Jahre zugesichert hatte. Die Soldaten hätten diese Versicherungen 
mit unbeschreiblicher Gier aufgenommen. Es scheint nicht, daß 
das geringste moralische Bedenken wegen dieses schändlichen Be- 
truges sich unter den drei Genossen geregt hätte. Die Vorstellung, 

^) Einer tod ihnen, Sawalyschin, bat es später versucht und hätte wahr- 
scheinlich eine große Karriere gemacht, wenn nicht schließlich erdrückende 
Beweise seiner Mitschuld ihn mit den übrigen dem Verderben geweiht hätten. 

Alexander Bestushew hat später vor der Untersuchungskommission aus- 
gesagt, man habe beschlossen, jedes aktive Vorgehen auf mindestens zwei 
Jahre zu verschieben. 



38 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

daß nicht das Mittel, sondern das Ziel den sittlichen Wert einer 
Handlung bestimme, ließ keine Zweifel aufkommen, und erst später, 
als die Richter, denen sie gegenübergestellt wurden, auf denselben 
Boden traten und wegen des Zieles, dem sie nachgestrebt hatten, 
ihr hartesvJürteil sprachen, mag ihnen ein Zweifel an ihrer 
Theorie aufgekommen sein. Auch erreichten sie insoweit ihren 
Zweck, als es nunmehr unter den Soldaten zu gären begann. 

^^Doch ging noch einige Zeit hin, ehe sich die Wirkungen fühlbar 
machten. Erst als allmählich bekannt wurde, daß die Thronfolge 
noch keineswegs gesichert sei, kam neues Leben in den Kreis der 
Petersburger Verschworenen. A^rch die Mitglieder, die den Hof- 
kreisen angehörten, wie den Fürsten Trubetzkoi, erfuhr man 
alles, was im Palais vorging; was im Reichsrat geschehen war, 
ist nur wenige Tage geheim gehalten worden. Die Rückkehr 
Michails und danach seine Abreise, ohne daß er vorher dem 
Kaiser Konstantin geschworen hatte, ließ es beinaheVals Ge- 
wißheit erscheinen, daß eine neue Vereidigung auf den Namen 
Nikolais bevorstehe; die Unsicherheit in der Haltung der Regierung 
und die Untätigkeit Miloradowitschs steigerten die Hoffnung auf 
den möglichen Erfolg einer militärischen Erhebung.V^eit dem 
6. Dezember etwa läßt sich eine regere Tätigkeit der Ver- 
schworenen verfolgen, die durch den Obersten Glinka, der der ge- 
heimen Kanzlei Miloradowitschs vorstand, von allem unterrichtet 
wurden, was in den Regierungskreisen geschah. Weit deutlicher 
als bisher trat zutage, daß Rylejew der eigentliche Mittelpunkt 
derjenigen war, die einen Umsturz der Staatsordnung erstrebten. 

4t^Es fanden täglich Versammlungen in seiner Wohnung statt. Die 
Kreise der Agitation wurden weiter; zahlreiche junge Offiziere, aus 
der Marine wie aus fast allen Garderegimentern, wurden heran- 
gezogen, und die Stimmung erhitzte sich nun von Tag zu Tage. Unter 
den zu einer entschlossenen Aktion Drängenden traten drei Offiziere 
des finnländischen Leibgarderegiments in den Vordergrund, der Fürst 
E. P. Obolenski, Leutnant und Adjutant des Generals Bistramb, dazu 
Stabskapitän Repin und Leutnant Baron Rosen. Von ihnen, dem 
Stabskapitän im Moskauer Leibgarderegiment Fürsten Schtschepin- 
Rostowski und den drei Brüdern Bestushew, Alexander, Michail 
und Nikolai, von denen die beiden ersten Stabskapitäne im Leib- 
gardedragoner-, bzw. Moskauer Leibgarderegiment waren, Nikolai 
als Kapitänleutnant in der Marine-Equipage diente, ist am 10. De- 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 39 

zember in der WohnuDg Rylejews der Plan des Aufstandes in seinen 
Umrissen festgestellt worden. 

Die eigentliche Entscheidung erfolgte aber erst am 12. De- 
zember in zwei Versammlungen, von denen eine im Quartier des 
Fürsten Obolenski stattfand, die zweite, an welcher fast alle Führer 
teilnahmen, bei Ryiejew. \ Man war nicht mehr im Zweifel darüber, 
daß Konstantin die Krone^ablehnen werde, und verständigte sich 
dahin, daß die neue Vereidigung auf den Kaiser Nikolaus den Vor- 
wand für eine Militärrevolution geben solle/\^uch dabei scheute 
man vor einer gröblichen Täuschung der Soldaten nicht zurück. 

^^ie sollten im Glauben, die Rechte Konstantins zu vertreten, be- 
wogen werden, den Eid zu verweigern; was danach zu tun sei, 
war der Gegenstand heißer Erwägungerfl^ Der Fürst Trubetzkoi 
stellte den Antrag, daß das erste Regiment, das sich weigere zu 
schwören, unter Trommelschlag seine Kaserne verlassen, zur nächst- 
gelegenen Kaserne ziehen und das dort liegende Regiment zum 
Anschluß bewegen solle.^So hoffte er, durch die anwachsenden 
Scharen fast die gesamte Garde zu gewinnen.\Auch die außerhalb 
der Stadt quartierenden Bataillone würden sich anschließen. \J Das 
Leibgrenadierregiment solle das Arsenal, das finnländische Leib- 
garderegiment die Peter-Pauls-Festung besetzen. Der Reichsrat 
werde, wie einige seiner Mitglieder versprochen hätten, dann im 
Sinne der Verschworenen wirken, wenn das Heer, nachdem es sich 
vereinigt habe, zur Verhütung von Unordnungen die Stadt verlasse. 

Jßf) hat Trubetzkoi selbst in seinen Denkwürdigkeiten seine Ab- 
sichten erläutert. J Es steht aber fest, daß er einen Druck auf den 
Senat auszuüben oachte und durch dessen Vermittelung ein Mani- 
fest erlassen wollte, das aus allen Gouvernements des Reiches 
ständische Vertreter nach Petersburg berief, um über die künftige 
Verfassung Rußlands zu entscheiden. Bis dahin aber solle eine 
provisorische Regierung walten. Als Anführer der militärischen 
Emeute\^atte er den General Michail Feodorowitsch Orlow ins 
Auge gefaßt, ihm auch nach Moskau, wo er sich aulhielt^^e- 
schrieben. Die Versammlung hat sich jedoch nur zum Teil seinem 
Programm angeschlossen>\ Man vereinigte sich dahin, die Truppen 
auf den Senatsplatz zu führen; dort solle, wenn General Orlow nicht 
komme, Trubetzkoi den Oberbefehl übernehmen. War die Über- 
macht auf ihrer Seite, so wollten sie den Thron für\rledigt erklären 
und sofort eine provisorische Regierung von fünf Personen einsetzen, 



40 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

deren Wahl dem Reichsrat und dem Senat überlassen sein sollte. 
> Daß diese höchsten Körperschaften des Reiches ein solches Ansinnen 
mit Entrüstung zurückweisen könnten, scheint niemandem in den 
Sinn gekommen zu sein. So gering war die Achtung, die man 
ihnen entgegentrug.^^uch glaubte man drei Namen der proviso- 
rischen Regenten bereits nennen zu können: den Admiral Grafen 
Mordwinow, Speranski und Pestel, auch den General Jermolow scheint 
man genannt zu haben. Das definitive Bestimmungsrecht über 
die künftige Verfassung Rußlands wurde dagegen jener allgemeinen 
Volksvertretung des Trubetzkoischen Antrages vorbehalten.>jJ)anach 
einigte man sich über einige Detailbestimmungen: das Palais, die 
Banken und die Post sollten besetzt werden, um*^'nordnungen zu 
verhüten. Auf wieviel Truppen mit Sicherheit gerechnet werden 
könne, wußte niemand; im Notfalle gedachte man in die Nowgo- 
roder Militärkolonien abzumarschieren, deren gegen die Regierung 
erbitterte Stimmung allbekannt war. 

Es ist sehr merkwürdig, daß eine genaue Durcbberatung des 
doch sehr komplizierten, von tausend Zufälligkeiten abhängigen 
Planes nicht durchzusetzen war. Der Fürst Obolenski und der 
Oberst Bulatow bemerkten höhnisch, man könne doch nicht eine 
Generalprobe abhalten. 

Im Grunde war wenig Zuversicht bei den beiden Persönlich- 
keiten, die zumeist in Betracht kamen: Rylejew machte seinen 
Vertrauten gegenüber kein Hehl daraus, daß er an einen Erfolg 
nicht glaube; Trubetzkoi war innerlich bereits schwankend gewor- 
den, hatte aber nicht den Mut, es sich selbst zu gestehen, und 
noch weniger seinen Kameraden rechtzeitig zu erklären, daß er^die 
ihm zugedachte Führerstellung nicht auf sich nehmen könne^_Sie 
waren alle, abgesehen von einigen Feuerköpfen unter den jüngsten 
Leutnants, nicht Männer selbständiger Tatkraft, sondern Schön- 
redner, die sich an den eigenen Wörter^ berauschten und in der 
Großartigkeit der Ziele bespiegelten, die sie gern verwirklicht hätten. 
Passive, nicht aktive Naturen, ohne Ausnahme tapfere Soldaten, 
fast alle Schwärmer für das Schöne und Gute, einige von ihnen 
Dichter von hohenr^chwung, keiner ein kühler, das Mögliche 
richtig erkennender Staatsmann. 

An eben jenem 12. Dezember hatte Rostowzew dem künftigen 
Kaiser die uns bekanntc^Anzeige gemacht, aus der Nikolai erfuhr, 
daß seine Proklaraierung zum Zaren die Meuterei eines Teiles 



Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 41 

seiuer Garden zur Folge haben werde. Man hat Rostowzew 
diesen Schritl als einen Verrat bitter vorgeworfen. Gewiß mit Un- 
recht. Er tat seine Pflicht und folgte seinem Gewissen.!;^ Daß seine 
Weigerung, die Namen der ihm bekannten Verschworenen zu nennen, 
nicht ohne Gefahr war, liegt zudem auf der Hand. Es ist höchst 
unbillig, bei ihm nach niedrigen Motiven zu suchen, er hoffte viel- 
mehr durch sein Vorgehen auch seine verblendeten Kameraden zu 
retten. Daß Nikolai gewarnt sei, teilte er am anderen Morgen, 
Sonntag d6n 13., duroii einen Brief, den er noch am Abend vorher 
geschrieben hatte, und der die ausführliche Wiedergabe seines Ge- 
sprächs mit Nikolai enthielt, in aller Frühe Rylejew mit, und zwar 
indem er persönlich diesen Brief zu Rylejew trug: ^jtat jetzt mit 
mir, was ihr wollt!, sagte er ihm dabei. Auch das war nicht ohne 
Gefahr, und Rylejew hat allen Ernstes daran gedacht, ihn zu töten, 
aber auf den^uspruch Steinheils, eines der merkwürdigsten Männer 
in den Reihen der Verschworenen, ist er bewogen worden davon 
abzustehen. Ob das Unternehmen nicht aufzugeben sei, hat man 
bei alledem keinen Augenblick erwogen, obgleich Männern, wie der 
Fürst Obolenski einer war, vorübergehend Zweifel an der moralischen 
Berechtigung des geplanten Umsturzes auftauchten^ebensowenig 
aber daran gedacht, die Ausführung zu beschleunigen, wie es die 
Umstände gebieterisch verlangten. Es scheint, daß die Führer sich 
durch ein Versprechen gebunden fühlten, das sie Pestel gegeben 
hatten: einen Regierungswechsel oder jedes andere wichtige politi- 
sche Ereignis nicht ungenützt vorüberziehen zu lassen. Dieses 
Versprechen wollte man einlösenJ Aber es fehlte an Einsicht und 
Klarheit des Urteils. Rylejew begnügte sich damit, Steinheil mit 
der Abfassung eines Manifestes zu betrauen, das im Namen der zu 
gemeinsamer Sitzung versammelten Körperschaften des Senats und 
des heiligen Synods darauf hinwies, daß, da sowohl Konstantin wie 
Nikolai dem Thron entsagt hätten, das Volk sich einen Herrscher 
wählen müsse. Bis zum Eintreffen von Deputierten, die man zu 
diesem Zweck berufen werde, ernenne der Senat eine provisorische 
Regierung, der alle Treue zu schwören hätten. Innerhalb dreier 
Monate seien aus jedem Gouvernement zwei Vertreter jeden Standes 
zu wählen, bis dahin aber solle jedermann der Obrigkeit gehorchen 
und seinem Berufe nachgehen. Die so gefaßte Proklamation wurde 
jedoch erst am Morgen des 14. fertig, als es bereits zu spät war, 
und sie ist dann als nutzlos von Steinheil vernichtet worden. 



42 Kapitel II. Der 14./26. Dezember uud die Niederwerfung usw. 

Am Abend des 13. aber fand noch eine letzte stürmische 
Versammlung der Verschworenen bei Rylejew statt, ' in der viel 
und leidenschaftlich „wie in der iErregung eines hitzigen Fie- 
bers" geredet, aber nichts beschlosseoLwurde, was über die Ab- 
machungen des 12. hinausgegangen wäre. Man wollte die Truppen 
davon abhalten, Nikolai zu schwören, und sie auf den Senats- 
platz führen. Die Kompagnie, die zuerst dort anlangte, war nach 
einer vereinzelt stehenden Nachricht bestimmt, sofort gegen das 
Winterpalais vorzugehen. Ergriff dann Nikolai und mit ihm die 
kaiserliche Familie die Flucht, so stieg die Wahrscheinlichkeit, 
daß die gesamte Garde zu den Meuterern übergehen werde. Es 
ist auch der Vorschlag gemacht worden, sich durch einen nächt- 
lichen Anschlag des Winterpalais zu bemächtigen, endlich steht 
fest, daß Rylejew bemüht gewesen ist, K'achowski zu bewegen, 
Nikolai zu ermorden. Er sah in dem Leidenschaftlichen einen 
russischen Sand und erkannte nicht den Untergrund dieser nie- 
drigen Seele. 

Michail Alexandrowitsch Bestushew hat uns in seinen Denk- 
würdigkeiten den faszinierenden Eindruck geschildert, den Rylejew 
an jenem Abend auf ihn und wohl ebenso auf die anderen Ver- 
schworenen machte: „Wie herrlich war Rylejew an jenem Abend. 
Er war nicht schön, er sprach einfach und nicht fließend; wenn 
er aber auf sein Lieblingsthema kam, auf die Liebe zum Vater- 
lande — dann belebte sich sein Gesicht.sySeine pechschwarzen 
Augen leuchteten in überirdischem Glanz und seine Rede floß wie 
feurige Lava, dann konnte man nicht anders, als sich an ihm be- 
geistern. So war es auch an jenem Schicksalsabend, der über das 
„to be or not to be" entschied. Sein Gesicht war bleich wie der 
Mond, aber von mehr als natürlichem Licht verklärt; so sah man 
ihn in den stürmischen Wellen dieses Meeres, das von den ver- 
schiedensten Leidenschaften und Antrieben kochte, bald auftauchen, 
bald verschwinden!" Gewiß, an Begeisterung fehlte es nicht und 
auch nicht an dem Willen, die eigene Person für den Anschlag 
einzusetzen, den man nun einmal in törichter Verblendung für not- 
wendig, für groß gedacht und für patriotisch hielt. \ Aber es hat 
allen Teilnehmern an organisatorischer Kraft gefehlt, und wenn nicht 
völlige Unfähigkeit von seiten der Regierung gezeigt wurde, mußten 
sie kläglich zugrunde gehen. Mit ihnen die betrogenen Soldaten 
und auch jene patriotischen Pläne, durch deren gewaltsame Durch- 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die NiederwerfUDg usw. 43 

führuDg sie Rußland einer neuen, besseren Entwicklung zuführen 
wollten. 

Nicht auf solchen Wegen und nicht durch solche Männer voll- 
zieht sich der Fortschritt der Menschheit. 

Es hat aber wenig daran gefehlt, daß trotz aller Halbheiten 
und Unklarheiten in der Anlage ihrer Pläne die Verschworenen 
ihr nächstes Ziel erreicht und eine allgemeine militärische Erhe- 
bung herbeigeführt hätten. Was dann weiter geschehen konnte, 
und ob die Verschworenen nach^Entfesselung der wilden Instinkte 
der Massen der Bewegung noch Herr geblieben und sie in die von 
ihnen vorgedachten Bahnen zu lenken stark genug gewesen wären, 
entzieht sich aller Kombination, "f Die Wahrscheinlichkeit spricht 
für das Eintreten eines Chaos, sobald Nikolai fiel. Polen hätte 
sich ohne Zweifel erhoben, die Militärkolonie, die nur Furcht vor Strafe 
zusammenhielt, das verhaßte Joch abgeworfen, das sie drückte, die 
Militärrevolte im Süden ihr Haupt erjioben, der alte Groll der 
Bauern eine Agrarrevolution gezeitigt, und Konstantin, wenn er 
auch der ihm drohenden Gefahr entrann, war die Persönlichkeit 
gewiß nicht, um ein zerfallenes Reich mit kraftvoller Hand wieder 
zu staatlichem Rechts- und Einheitsleben zurückzuführen J Auch 
er schöpfte seine Macht nur aus der Autorität des Selbstherrschers 
an der Spitze des Staates. Der 14. Dezember mußte eine Ent- 
scheidung von ungeheuerer Tragweite bringen; daß es nicht ein 
Tag unermeßlichen Unheils wurde, lag im wesentlichen daran, 
daß den Verschworenen die Anordnungen nicht bekannt wurden, 
die nach der Anzeige Rostowzews Nikolai am Abend des 12. und 
am Morgen des 13. getroffen hatte: die Eidesleistung von Senat 
und Synod um 7 Uhr morgens und die Konsignierung der Truppen 
in ihren Kasernen von 6 Uhr ab, um sie für die Vereidigung bereit 
zu halten, sobald der Kaiser Generale und Regimentskommandeure 
damit beauftragte. 

Der 14. Dezember war ein Montag, nach allgemeinem Aber- 
glauben in Rußland ein Unglückstag, ^ber zunächst ließ sich^ 
alles glücklich an. General Woinow meldete dem Kaiser, gleich 
nachdem dieser aufgestanden war, daß Generale und Regiments- 
kommandeure seiner Befehle harrten. Nikolai trat in den Saal, 
in dem sie versammelt waren. Es folgte eine sehr bestimmt 
gehaltene Ansprache: erst die Darlegung der Tatsachen, die 
ihn nunmehr bewogen hätten, die Krone anzunehmen, dann 



44 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

die Erklärung, daß sie ihm mit ihrem Kopi für die Ruhe der 
Residenz einzustehen hätten'). Dann kam die Nachricht, daß 
Senat und Synod, wie befohlen, um 7 Uhr zusammengetreten wären 
und ihren Treueid geleistet hätten und danach auseinandergegangen 
wären. Uamit war der Plan der Verschworenen, sich durch die 
Autorität dieser Körperschaft zu decken, gescheitert, ^^'icht mehr, 
wie sie gern gewollt hätten, im Namen Rußlands, sondern im 
eigenen Namen und auf eigene Gefahr mußten sie handeln. Es 
ist aber nicht unwahrscheinlich, daß gerade dieser Umstand den 
Fürsten Trubetzkoi bewog, sich den Genossen zu entziehen, so daß 
von Anfang an jede Leitung und jeder Zusammenhang fehlte. 

Im Palais aber ordnete der Kaiser an, daß alles, was hoffähig 
war, um II Uhr zum Gottesdienst in der Hauptkirche des Winter- 
palais zu erscheinen habe. Gleich danach traf Miloradowitsch ein. Er 
war bester Zuversicht, die Stadt sei ruhig,* auch habe er für alle 
Fälle die erforderlichen Anordnungen getroffen.J^Er fühlte sich 
seiner Sache so sicher, daß er direkt vom Kaiser zum Theater- 
direktor Markow fuhr, der seinen Namenstag feierte und eine 
lustige Gesellschaft um sich gesammelt hatte*). Die Tatsache ist 
um so erstaunlicher, als Miloradowitsch wußte, daß die Vereidigung 
der reitenden Artillerie auf Schwierigkeiten gestoßen/^ war! Aber 
dergleichen entsprach seinem leichtfertigen Wesen. Das sei, meinte 
er, nur eine Bagatelle. Er hatte sich aber noch andere verhängnis- 
voll^Versäumnisse zuschulden kommen lassen. Das Manifest, wel- 
ches die Thronbesteigung Nikolais verkündete und erklärte, war 
in einer ganz ungenügenden Zahl von Exemplaren gedruckt und 
der Geistlichkeit nicht einmal^mitgeteilt worden. In den Kirchen 
wurde daher bei der Fürbitte für die kaiserliche Familie, ohne 
jede Tlrläuterung, nur der Name Nikolai an die Stelle von Kon- 
stantin gesetzt, für den man in den letzten 17 Tagen gebetet hatte. 
Kein Wunder, daß im Volk die Stimmung unruhig und unsicher 



') Hauptquelle für das folgende ist eine eigenhändige Aufzeichnung des 
Kaisers. Nur zum Teil veröffentlicht von Schilder: Nikolai Bd. I; vollständig 
in der Zeitschrift Byloje, Oktober li>07. 

^) Die Tatsache ist von verschiedenen Seiten bezeugt, die in keiner Ab- 
hängigkeit voneinander stehen: von SJartechensko, Sotow und Michailowski- 
Danilewski, bei letzterem mit der Variante, dali es sich um den Namenstag 
der Tänzerin Teleschewa gehandelt habe. Michailowskis Quelle ist der Adjutant 
von Miloradowitsch, Baschutzki. 



Kapitel JI. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 45 

wurde, zumal man auf den Straßen nur die neue Eidesformel, nicht 
das Manifest verteilte. 

Inzwischen ging dem Kaiser Botschaft auf Botschaft über die 
Fortschritte in der Vereidigung der Truppen zu. Als erster konnte 
General Alexander Orlow dem Kaiser melden, daß die Garde-Ka- 
vallerie geschworen habe. Schon die zweite Meldung war beun- 
ruhigend. General Suchosanet konnte zwar berichten, daß die 
Garde-Artillerie ihren Ei<if geleistet habe, doch in der Garde zu 
Pferde hatte er alle Offiziere arretieren müssen, weil sie die Authen- 
tizität des Manifestes bezweifelten.S-Zum Glück sei der Groß- 
fürst Michail eben eingetroffen und habe durch sein persönliches 
Eingreifen alles wieder in Ordnung gebracht. Eine Hiobspost brachte 
darauf der General Neidthard: das Regiment Moskau sei in ofi'ener 
Revolte, die Generale Frederiks und Schenschin waren verwundet, 
Oberst Chwoschtschinsky mißhandelt worden. Von den Leutnants 
Michail und Alexander ßestushew und dem Fürsten Schtschepin 
Rostowski geführt, waren die Moskauer als erste auf dem Senatsplatz 
erschienen und hatten sich dort zum Karree formiert in Erwartung 
des Anmarsches der übrigen Regimenter. Rylejew, der hinzukam, 
blieb nur wenige Augenblicke auf dem Platze; er eilte hinweg, um 
den fehlenden Oberbefehlshaber, den Fürsten Trubetzkoi, aufzu- 
suchen. Es muß gegen 11 Uhr gewesen sein, als diese Dinge ge- 
schahen, denn die zu Hof eilenden Equipagen begannen bereits 
sich auf dem Schloßplatz zu drängen.\^Sie sind zum Teil über 
den Senatsplatz an den Moskauern vorbeigefahren und fast bis 
zuletzt ließen die Aufrührer für den Verkehr der Wagen einen 
Raum frei. Der Kaiser befahl, das erste Bataillon der Preobra- 
shensker gegen sie zu führen und die Garde zu Pferde satteln zu 
lassen, dann führte er selbst die erste Schützenkompagnie des 
Finnländischen Garderegiments, das bei der Schloßhauptwache stand, 
an die Haupteinfahrt des Palais. Erst in diesem Augenblick traf 
Miloradowitsch ein. Der Polizeiagent Vogel hatte ihn vom Früh- 
stück stisch seiner Theaterfreunde weggerufen. ^Cela va mal, ils 
marchent au Senat" sagte er dem Kaiser, „mais je veux leur parier"; 
das ist die Erinnerung Nikolais, so wie sie ihm nach 10 Jahren 
noch lebendig war. Wahrscheinlicher ist eine andere Version ') 

') Micbailowski Danilewski, nach der Erzählung von Miloradowitschs 
Adjutanten Bascbutzki, in dem Tagebuch v. 1826. Rußkaja Starina 18U0 
Novemberheft S. 505 ff. 



46 Kapitel II. Der 14./2(). Dezember und die Niederwerfvmg usw. 

Danach sei Miloradowitsch von Markow aus gleich zum Senatsplatz 
geeilt, um die Empörer zum Gehorsam zurückzuführen, sie hätten 
ihn aber zurückgedrängt und einer ihn sogar am Kragen gepackt. 
£rst danach sei er zum Kaiser gekommen und habe ihn auf dem 
Schloßplatz getroffen, vom Volke umringt. „Miloradowitsch meldete, 
daß man zu strengen Maßregeln greifen müsse, und fügte hinzu: 
voyez dans quel etat ils m'ont mis. Darauf antwortete ihm der 
Kaiser, daß der Generalgouverneur für die Ruhe der Stadt}^erant- 
wortlich sei, und befahl ihm, mit der Garde zu Pferde gegen die 
Moskauer Grenadiere vorzugehen. Graf Miloradowitsch fuhr in 
einem Mietschlitten zu den Kasernen der Garde zu Pferde und 
befahl die Pferde zu satteln, aber es verging mehr als eine halbe 
Stunde, und die Kürassiere erschienen immer noch nicht.J Wie man 
später erfuhr, hatte einer der Offiziere, Fürst Odojewski, der zur 
Verschwörung gehörte, den Soldaten in den Ställen gesagt, es sei 
falscher Lärm, sie sollten nicht satteln. Schließlich verlor Graf 
Miloradowitsch die Geduld! Er ließ sich ein Pferd geben, um zu 
den Empörern zu reiten. Unterwegs sagte er seinem Adjutanten, 
er sei im Grunde froh, daß die Gardereiter sich nicht mit ihrem 
Ausritt beeilten: ich werde ohne sie die Moskauer bereden, das 
können nur polissons sein, auch soll kein Blut am Tage der Thron- 
besteigung des Kaisers fließen. Da die Meuterer salutierten und 
Hurra riefen, zog der Graf seinen Degen, zeigte ihn und sagte, 
diesen Degen habe der Zesarewitsch Konstantin Pawlowitsch ihm 
zum Zeichen seiner Freundschaft geschenkt. Er gebe ihnen die 
Versicherung, daß der Zesarewitsch entsagt habe und durchaus 
nicht regieren wolle. „Glaubt ihr," so schloß er, „daß ich meinen 
Freund verraten kannP^A^ber alles war vergeblich. „Gibt es denn 
unter euch keine alten Soldaten, die mit mir gedient haben und 
mich kennen?" Und als alles still blieb: „Ich sehe, das sind nur 
Jungen!" Und nun befahl er und bat sie zugleich, die Waffen nieder- 
zulegen und um Vergebung zu bitten, er versicherte, daß man 
ihnen verzeihen werde. Die Soldaten schienen doch schwankend 
zu werden, da rief einer aus ihrer Mitte: „Das ist dummes 
Zeug", und „man soll ihm nicht glauben"; gleichzeitig hörte 
man einen Pistolenschuß, und von einer Kugel getroffen fiel 
der Graf vom Pferde in die Arme Baschutzkis; in der Verwirrung, 
die nun folgte, hat er noch einen Stich mit dem Bajonett er- 
halten. 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 47 

Man wollte ihn in seine Wohnung tragen, aber er sagte, daß 
er sich zum Tode verwundet fühle, und ließ sich auf einer Sol- 
datenpritsche in die nahe gelegene Kaserne der Garde-Kürassiere 
tragen, .^icht ohne Entrüstung notiert Michailowski, daß, während 
man ihn an dem schon aufgestellten Regiment vorübertrug, keiner 
der Generale und Offiziere an den verwundeten Helden herantrat, 
obgleich Leute darunter waren, „die sich seine Freunde nannten.^ 
Er erwähnt noch die empörende Tatsache, daß, während Miloradowitsch 
entkleidet wurde, man ihm seine Uhr stahl, dazu einen Ring, den 
die Kaiserin-Mutter ihm vor wenigen Tagen geschenkt hatte.*) 

Etwa eine Stunde mag so hingegangen sein. Für den Kaiser 
eine überaus peinvolle langsam ^bleichende Zeit, die ihm mit 
Verlesung und Erläuterung des Manifestes vor den sich um ihn 
drängenden Volkshaufen hinging. „Ich gestehe,^ schreibt er, „daß 
mir das Herz erstarrte, Gott allein hat mich aufrechterhalten^, 
li^ugenzengen berichten übereinstimmend, er sei totenbleich gewesen, 
aber äußerlich vollkommen ruhig. Gewiß ein Zeichen großer 
Selbstbeherrschung, wenn man sich erinnert, wie nervös er von 
Natur war. Unter der Menge war viel betrunkenes Volk, obgleich 
der Finanzminister Cankrin schon am 13. dafür gesorgt hatte, daß 
die Branntweinläden geschlossen waren. Die Lage war ohne Zweifel 
höchst kritisch. Der Kaiser, ursprünglich zu Fuß, wurde erst vom 
Prinzen Eugen bewogen, zu Pferde zu steigenJ^Er beauftragte den 
Prinzen, für die Sicherheit von Frau und Mutter zu sorgen; den 
Thronfolger und die kleinen Großfürstinnen ließ er aus dem Anitschkow- 
Palais in den Winterpalast überführen. Als endlich das erste 
Bataillon der Preobrashensker marschfähig war, stellte der Kaiser 
sich an die Spitze und führte sie langsam durch die trotz aller 
Befehle drängende Masse bis zum Admiralitatsboulevard. Erst 
dort erfuhr er, daß die Gewehre'Wicht geladen seien. Das brachte 
neuen Aufenthalt, und der Kaiser gab nun auch den Gardekürassieren 
den Befehl, sich auf dem Senatsplatz mit ihm zu vereinigen. In 
diesem Augenblicke hörte man Schüsse, und gleich danach wurde 
dem Kaiser der tragische Ausgang Miloradowitschs gemeldet. vDas 
Volk drängte in immer größeren Massen, so daß Schützen vorgeschickt 

') Nikolai bat ihn nicht mehr gesehen. Er schickte den Prinzen Eugen 
zum Sterbenden, und dieser hat uns ein ergreifendes Bild von den letzten Augen- 
blicken Miloradowitschs hinterlassen. Auch Michailowski-Danilewski berichtet 
über sein Ende. 



48 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

werden mußten, um rechts und links den Preobrashenskern Platz 
zu machen. So erreichte man die Ecke der Himmelfahrtsstraße^) 
von der aus der Senatsplatz sich übersehen ließ. Die Garde zu 
Pferde war noch immer nicht da, die Lage entschieden ^^efährlich. 
Man hörte deutlich vom Platze her „Hurra Konstantin'' rufen 
und sah, daß eine Schützenkette weiterab den Zugang sperrte. Die 
Aufrührer waren um diese Zeit nur etwa 500 Mann stark und 
standen zwischen der berühmten Statue Peters des Großen und dem 
Senat, mit der Front zum Admiralitätsgebäude. In ihrer Mitte 
waren einige Zivilisten bemerkbar ,\^er ganze Jsaaksplatz von 
einer wogenden Volksmasse besetzt, die auch die in den Platz aus- 
mündenden Straßen füllte. Wahrscheinlich hätte ein entschlossener 
Angriff der Preobrashensker genügt, das alles auseinanderzu- 
sprengen. Aber eben dazu fehlte der Entschluß. Man wollte sicher 
gehen und mit erdrückender Übermacht die Meuterenzum Nieder- 
legen der Waffen zwingen. Ebensowenig aber dachten die Moskauer 
daran anzugreifen, auch sie warteten auf Verstärkung. 

Das war die Lage, als sich an den Kaiser ein Mann in 
Tscherkessenuniform drängte, ein schwarzes Tuch um die Stirn; er 
sah mit seinen großen schwarzen Augen und dem schwarzen 
Schnauzbart wild und, wie Nikolai in seiner Aufzeichnung sagt, 
abschreckend aus. Es war Jacubowitsch. Am 13. abends hatte er 
sich erboten, mit dem Bataillonschef der Garde-Marine, Arbusow, 
das Palais zu besetzen, seine eigentliche Aufgabe, auf deren Aus- 
führung mit Bestimmtheit gerechnet wurde, ging dahin, das Ismai- 
lowsche Regiment den Aufständischen zuzuführen. Am Morgen 
des 14., früh um 6 Uhr, aber war er bei Rylejew erschienen und 
hatte ihm erklärt, er habe sich anders besonnen^(und werde sich 
nicht beteiligen. Trotzdem schloß er sich den Moskauern an, als 
sie an seiner Wohnung in der Erbsenstraße *)/yorüberzogen und 
ihn anriefen. Er blieb aber nur kurze Zeit auf dem Platz, und 
als die Preobrashensker angerückt waren, meldete er sich dem 
General du jour Potapow. Offenbar suchte er sich nach beiden 
Seiten zu sichern, sein Verhalten und seine Erscheinung waren jedoch 
so auffallend, daß der Kaiser ihn heranwinkte und fragte, was er 
wolle. Er antwortete frech: ich war mit jenen, als ich aberhörte, 

^) Wosnessenskaja. 
-) Ciorochowaja. 



Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 49 

daß sie für Konstantin seien, verließ ich sie und kam zu Ihnen'). 
Nikolai reichte ihm darauf die Hand und dankte: „wSie wissen was 
Ihre Pflicht ist." Erst von Jacubowitsch erfuhr er, daß jetzt fast 
das ganze moskausche Regiment auf dem Platze sei. Das Gespräch 
mündete in den Auftrag aus, die Meuterer durch Überredung zur 
Ordnung zurückzuführen. jDer Prinz Eugen, der in diesem Augen- 
blick an den Kaiser heranritt, hörte noch, wie Jacubowitsch sagte: 
^Ich will es versuchen, aber sie werden mich umbringen." Damit 
ritt er auf den Senatsplatz zu, ein weißes Tuch an seinem Säbel 
sollte ihn gleichsam als Parlamentär bezeichnen. ^Is er das Karree 
der Moskauer erreicht hatte, rief er ihnen nur zu: „Haltet aus! 
man fürchtet sich gründlich vor euch!" Damit verschwand er. 
Der Mann hat weiter keinerlei Anteil an den Ereignissen gehabt. 
Er ritt nach Hause, und ist am anderen Morgen verhaftet worden. 
Er war eine gemeine Seele, worüber seine späteren Bekenntnisse 
keinen Zweifel lassen. Er rühmte sich, daß gerade sein Verhalten 
am meisten dazu beigetragen habe, die Pläne seiner Genossen zum 
Scheitern zu bringen! Und das sei sein eigentliches Ziel gewesen'). 
Gewiß war aber an Nikolai ein Augenblick großer persönlicher 
Gefahr glücklich vorübergegangen. In Jacubowitsch steckte ein 
Mörder, und die Impulse, die ihn trieben, hätten leicht die Richtung 
zum Kaisermorde nehmen können. Und noch eine andere Hand 
ist damals gegen den Kaiser gerichtet gewesen. Der Oberst Bulatow, 
vom Armee-Jägerregiment, derselbe, dem man neben Trubetzkoi das 
Kommando auf dem Senatsplatz angetragen hatte, ein ausgezeichnet 
kühner und unerschrockener Soldat, der früher bei den Leib- 
Grenadieren gestanden hatte, und dessen wohlbegründeter militärischer 
Ruf aus den Freiheitskriegen stammte, stand zwei Stunden lang in 
der Nähe des Kaisers, fest entschlossen, ihn niederzuschießen, f Er 
hat es später selbst dem Kaiser ins Gesicht bekannt, „aber," fügte 
er hinzu, „jedesmal wenn ich nach der Pistole griff, versagte mein 
Herz." Der Prinz Eugen') merkte die Gefahr wohl, es war jedoch 

') Aufzeichnung Nikolais. 

') Aussagen Jacubowitschs vor der Untersuchungskommission. 

') Die ganze sehr bedeutsame Tätigkeit des Prinzen ist nicht nur aus allen 
offiziellen Darstellungen eliminiert worden, sondern sogar in den Aufzeichnungen 
Nikolais unerwähnt geblieben, als ob er gar nicht dagewesen sei. Das Miß- 
tranen, das Alexander in Krinnerung an die Ereignisse von 1801 gegen ihn 
hegte, lebte in Nikolai fort, der kurze Zeit nach den von uns geschilderten 
Schiemann, Geschichte Rußlands. II. 4 



50 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

unmöglich, Nikolai zu bewegen, sich auf einen sicheren Posten 
zurückzuziehen. Sein kaiserliches und militärisches Ehrgefühl sträubte 
sich dagegen, klüger wäre es sicher gewesen, wenn er vom Schloß- 
platze aus die Meldungen entgegengenommen und den Angriff geleitet 
hätte. Da es nun an Infanterie in ausreichender Stärke fehlte und 
die Artillerie noch gar nicht herangezogen war, riet der Prinz, die 
Reiterei angreifen zu lassen. Sein Gedanke war, daß die Pöbel- 
massen, von der Brücke und von den rückliegenden Ausgängen ab- 
geschnitten, infolge eines Angriffs auf die Meuterer drängen und sie 
in Unordnung bringen würden. Aber man hörte ihn nicht. Inzwischen 
hatte die Zahl der Meuterer sich erheblich durch den^Anschluß der 
Garde-Equipage vermehrt, die ein zweites Karree bildete. Das 
Kommando über diese Masse war in Ermangelung höherer Offiziere 
fast gewaltsam dem Leutnant Fürsten Obolenski aufgenötigt worden, 
eine einheitliche Leitung hat während der ganzen Dauer des Auf- 
standes nicht bestanden, und vor allem kam es nicht zu einem 
Angriff von Seiten der Meuterer. Sie blieben bis zuletzt des 
Glaubens, daß die gegen sie ^fgebotenen Truppen Gesinnungs- 
genossen seien, die nur eines günstigen Anlasses harrten, um zu 
ihnen überzugehen. Das zeigte sich, als endlich die Garde zu 
Pferde unter Führung des Generals Orlow eintraf; sie konnte sich 
fast unbehelligt in nächster Nähe beider Karrees, ihnen direkt 
gegenüber, aufstellen, wobei sie im Anmarsch einen Augenblick 
nur 10 — 12 Schritte von ihnen entfernt war, fast wehrlos, denn 
als einzige Wafl'e trugen sie die alten, durch häufiges Putzen kurz 
gewordenen, stumpfen Pallasche. Aber nur einige Reiter und der 
Oberst Velho wurden verwundet. Die Meuterer schössen meist 
über die Köpfe der Reiter hinweg, ohne anzulegen. Es klingt kaum 
glaublich, daß die Kürassiere nun etwa eine Stunde den Meuterern 



Ereii^nissen durch Diebitsch erfuhr, daß der Württemberger ein Konkurrent 
der (lOttorpcr hätte werden können. Die folgende Darstellung schließt sich 
an die Aufi^eichnunf^en des Prinzen an und ergänzt sich aus den Aufzeichnungen 
Nikolais und dem gegen die Korffsche Darstellunfr gerichteten Aufsatz des 
Harons Kaulbars, (Schiemann, Thronbesteigung Nikolais S. 148 ff.) die auf ein 
gleichzeitig geführtes Tajrcbuch zurückgeht. Puschtschin und die anderen 
Memoirenschreiber unter den Dekabristen, haben ihre Aufzeichnungen erst Jahr- 
zehnte nach diesem Ereignis niedergeschrieben, so daß sie, auch wo sie von 
eigenen Erlebnissen erzählen, unter dem Eindruck einer legendariscben Um- 
bildung stehen, wie die Jahre sie zu bringen pflegen. 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 51 

gegeauberstanden, ohne daß von beiden Seiten das geringste ge- 
schehen wäre. Nur der Pöbel amüsierte sich vom Dach des Senates 
aus mit Holzscheiten die „Kaiserlichen^^ zu bombardieren und hatte 
seine Freude daran, wenn hie und da einer der Kürassiere plötzlich 
mit seinem Pferde stürzte. Denn es war eine Kälte von 7 — 8 
Grad und infolge des Glatteises glitten die Pferde, die keine Stollen 
am Hufeisen hatten, bei der geringsten Bewegung aus. Als dann 
endlich der Befehl zur Attacke kam — sie ist auf eine Entfernung 
von 20 bis 30 Schritt dreimal versucht worden — fiel sie kläglich 
genug ans; die Reiter mußten, ohne ihr Ziel erreichen zu können, 
in Unordnung kehrt machen. Ähnlich giug es den inzwischen ein- 
getroffenen Pionieren zu Pferde, nur daß gegen sie wirksamer ge- 
schossen wurde, während die Meuterer nicht einen Verwundeten 
hatten. Der Umzingelungsplan^es Kaisers hätte bei der Lang- 
samkeit und Ungeschicklichkeit der Ausführung in ein Desaster 
ausmünden können, wenn ein entschlossener Kopf mit militärischer 
Einsicht die Aufständischen zum Angriff geführt hätte. Es kann 
gar nicht zweifelhaft sein, daß der Pöbel mit seinen Sympathien 
auf ihrer Seite stand, und eben jetzt kam neue Hilfe. Die 
8 Kompagnien der Leibgrenadiere waren unter Führung der Leut- 
nants Suthof und Panow, mitten durch die Festung, deren sie sich 
ohne jede Mühe hatten bemächtigen können, in zwei Abteilungen 
auf das Winterpalais zu marschiert, das ihnen gleichfalls keinen 
irgend erheblichen Widerstand hatte entgegensetzen können, und 
dessen Besetzung alle Dispositionen des Kaisers zuschandeu machen 
mußte. Aber sie ließen sich ablenken. „Eure Kameraden," rief 
man ihnen zu, „sind auf dem Senatsplatz,'' und so zogen sie weiter 
die Newa entlang dem Sammelpunkt zu'). Ihr tapferer Hegiments- 



1) Das ist die Tradition der Dekabristeu. Der Kaiser erzählt den Hergang 
anders: ,die Barmherzigkeit Gottes zeigte sich noch deutlicher, als ein lluufe 
Leibgrenadiere, von dem Offizier Panow geführt, herankam, um sich des Palais 
zu bemächtigen und, wenn Widerstand geleistet werden sollte, unsere ganze 
Familie umzubringen. Sie gelangten zur Ilauptpforte des Palais in einiger 
Ordnung, so daß der Kommandeur glaubte, ich hätte sie geschickt das Palais 
zu besetzen. Da bemerkte Panow das eben eingetroffene Bataillon der Leib- 
garde-Sappeure, das sich im Schloßhof in Kolonnen richtete, und rief: das sind 
ja nicht unsere Leute! Damit ließ er die bereits Einrückenden kehrt machen, 
und führte sie auf den Schloßplatz zurück. Hätten die Sappeure sich um 
wenige Minuten verspätet, so wäre der Palast und unsere ganze Familie in 

4* 



52 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

kommandeur Stürler lief ihnen zur Seite, vergeblich bemüht, sie 
zur Umkehr zu bewegen. Diese ganze wild erregte Schar sah der 
Kaiser, und im Glauben, daß sie auf seinen Befehl zur Bekämpfung 
der Meuterer erschienen seien, ritt er an sie heran, um sie halten 
zu lassen und zu ordnen. Auf sein: Halt! antwortete man ihm 
aber: wir sind für Konstantin! „Darauf,^ so erzählt Nikolai in seinen 
Aufzeichnungen, „wies ich sie zum Senatsplatz hin und sagte: wenn 
es so steht, so führt euer Weg dahin, und nun zog dieser ganze 
Haufe an mir vorüber, mitten durch alle Truppen konnte er sich 
unbehelligt seinen betörten Kameraden anschließen!^ Stürler wurde, 
als er auch auf dem Senatsplatz seine Bemühungen fortsetzte, von 
Kachowski durch einen Pistolenschuß niedergestreckt. Um diese 
Zeit erschienen völlig unerwartet einige Seekadetten und Kadetten 
des ersten Kadettenkorps bei den Aufrührern, für sich und ihre 
Kameraden um die Erlaubnis zu bitten, gegen die Truppen des neuen 
Kaisers z^u kämpfen'); man war menschlich genug, es ihnen abzu- 
schlagen.^J)enn nun mußte endlich eine Entscheidung fallen. Wenn 
auch nicht überall ohne Schwierigkeiten, waren die treu gebliebenen 
Regimenter in Bewegung gesetzt worden. Die Bataillone der 
Ismailower, mit denen der Großfürst Michail Pawlowitsch war, 
und der Garde-Jäger hatten den Platz von der Himmelfahrtsstraße 
bis zur blauen Brücke eingenommen. Die Gorochowaja (Erbsen- 
straße) hielten die Semenower, hinter den Preobrashenskern, bei 
denen noch immer hoch zu Roß der Kaiser stand, war die Chevalier- 
Garde in Reserve aufgestellt, die Sappeure deckten das Winterpalais, 
endlich standen im Rücken der beiden Karrees die Pawlowsker.') 
Dazu hatte der Kaiser Befehl gegeben, die Garde-Artillerie heran- 
zuziehen. Er hielt den Augenblick für geeignet,yum nochmals die 
Meuterer zu bewegen die Waffen zu strecken, und schickte den 

die Hände der Meuterer gefallen, während ich, mit dem beschäftigt, was auf 
dem Senatsplatze geschah und ohne jede Kenntnis Yon der im Röcken dro- 
henden weit größeren Gefahr, gar nicht in der Lage war, etwas dagegen 
zu tun/ £ine andere Überlieferung, nach der Oberst Moller durch seine Geistes- 
gegenwart das Palais gerettet haben soll, Russ. Starina 1890. II S. 332. 

^) Diese Nachricht findet sich nur in den Aufzeichnungen von Michail 
Bestushew, ist aber gewiß nicht erfunden. 

^) Das finnländische Leibgarderegiment war auf der Newabrucke stehen 
geblieben, auf Kommando eines der Verschworenen, des Barons Rosen, der 
die Kompagnie führte, die die Spitze bildete, und dadurch das ganze Regiment 
zurückhielt. 



Kapital IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfaog usw. 53 

Metropoliten von Petersburg und Nowgorod, Sseraphira, zu ihnen. 
Der Prälat, dem der Metropolit von Kiew und einige Priester 
beigegeben waren, hat keinerlei Erfolg gehabt. „Sein Auftreten 
zeugte von Mangel an Entschiedenheit und Mut, was mit dem 
Kreuz des Erlösers in der Hand wohl überaus traurig war." So 
schildert ein Augenzeuge den Eindruck, den er gewann'). Weit 
mutiger, aber gleich wirkungslos, war das Eingreifen des Großfürsten 
Michail Pawlo witsch; auch wäre er fast ein Opfer seiner Kühnheit 
geworden.'^Der Leutnant Küchelbecker fürchtete, daß Michail die 
Soldaten zu sich hinüberziehen könnte, und zielte mit der Pistole 
nach ihm, aber sie wurde ihm zur Seite geschlagen'), der Großfürst 
mußte unverrichteter Sache umkehren. Nun war inzwischen auch 
eine Batterie Garde-Artillerie unter Führung des Obersten Nestorowski 
eingetroffen, jedoch — man sollte es nicht für möglich halten — 
ohne Kartätschen! Zum Glück war ihm unterwegs der General 
Baron Toll begegnet, der den Befehl gab, sie sofort holen zu lassen. 
Aber es ging noch geraume Zeit hin, ehe die Kartätschen eintrafen ; 
denn die Kasernen der Artillerie waren fünf Werst entfernt. Auch 
war der Kaiser schwankend geworden. Es gab in seiner Umgebung 
Leute, welche rieten, nichts zu tun. Die Aufrührer würden bis 
zum nächsten Morgen von selbst auseinanderlaufen und in ihre 
Kasernen zurückkehren. Wirklich schickte er auch den General 
der Artillerie Ssuchosanet vor, um die Empörer zum letzten Male 
aufzufordern, sich zu ergeben. Man empGng ihn mit: Hurra, 
Konstantin! Nun schrie ihnen Ssuchosanet entgegen: „So sollt ihr 
den Nikolai kennen lernen 1^ Auch Toll riet dringend, nicht länger 
zu zögern'). Der Pöbel an dem Gerüst, das die Isaakskirche umgab, 
die gerade repariert wurde, gebärdete sich immer frecher, und unter 



') Rskadronschef von Grünewaldt. Der Metropolit war nach der ersten 
Salve umgekehrt, aber der Kaiser zwang ihn, seinen Auftrag auszuführen. 
Darauf setzte er sich in seinen Wagen und fuhr auf den Senatsplatz. Aussage 
des Platzadjutanten Tunzelmann. Russki Archiv 1905 S. 310 ff. 

^ Rosen berichtet: durch Peter Bestushew, die Aufzeichnung des Kaisers 
sagt, es seien drei Matrosen gewesen. 

*) Aufzeichnungen eines der Dekabristen, SuthofT, behaupten, Ssuchosanet 
sei mit dem Ruf „Podletz*, d. i. Schuft, empfangen worden. (Byloje. April 1907.) 
Nach Nikolais Erinnerungen hat General Wassiltschikow ihm zuerst geraten, 
das Geschütz wirken zu lassen. „Yous voulez que je verse le sang de mes 
Sujets }e Premier jour de mon regne,'' antwortete ich Wassiltschikow. „Pour 
sauver votre empire/ sagte er mir. 



54 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

den Soldaten auf dem Senatsplatz herrschte Trunkenheit Es war 
unerläßlich, endlich zu handeln^). Von den vier vorhandenen Kanonen 
schickte der Kaiser eine seinem Bruder, die drei anderen wurden vor 
den Preobraschenskern aufgestellt und mit den inzwischen herbei- 
geschafTten Kartätschen geladen, so daß die Meuterer deutlich die 
Vorbereitungen sehen konnten. Aber auch das machte keinen 
Eindruck, sie wurden nur noch lärmender, aber sie taten nichts, 
der Gefahr vorzubeugen, die ihnen drohte, üa gab der Kaiser das 
Kommando Feuer. Der erste Schuß ging über die Köpfe hinweg 
und wurde mit einer Salve beantwortet, aber drei darauf folgende 
Schüsse trafen mitten in die Haufen hinein, und nun stob, ohne 
jeden weiteren Versuch des Widerstandes, alles, das Volk wie die 
Meuterer, in blindem Schrecken auseinander. Die meisten flohen, 
die Reihen der Garde-Pioniere durchbrechend, der Newa zu; während 
Ismailower und Preobrashensker den Senatsplatz besetzten, nahmen 
die Garde zu Pferde, die Garde-Pioniere und Chevaliergardisten die 
Verfolgung auf. Es steht fest, daß auch die Artillerie den Fliehenden 

General Toll, dessen Aufzeichnung vom 22. Dezember 1825 datiert, schreibt 
dagegen, daß, als er an den Kaiser herantrat, dieser ihm sagte: „Voyez ce 
qui se passe ici. Voilä un joli commencement de regne. Un trone teint de 
sang. Je crois mettre fin a ce desordre en faisant mitrailler.'' »Sire,'' antwortete 
ich, „dans la supposition que cela devra avoir Heu, j'ai demande au colonel 
Nestorowski, sUl avait des cartouches a mitraille, il m*a dit que non, je lui 
ai conseille d'en faire chercher." Darauf wurde der Befehl von Sr. Majestät 
wiederholt. Der Kaiser ritt selbst zur Batterie Nestorowskis, die am Boulevard 
in Kolonne stand. Der neben mir reitende General Wassiltschikow sagte mir: 
„Mon eher general, vous venez de conseiller la mitraille, pensons un moment, 
si cela vaut la peine d'employer le canon." — „General," antwortete ich, „vous 
verrez que dans l'espace d'un quart d'heure tout sera acheve." 

Baron Rosen in den „Memoiren eines Dekabristen" wiederum erzählt: „Der 
Kaiser konnte sich lange nicht zu der ultima ratio regum entschließen. Da 
sagte ihm . . . Toll . . .: „Sire, faites balayer la place par la mitraille, ou 
renoncez au trone.* Der Kaiser habe ihm das nie verzeihen können." 

OiTenbar gibt die ganz unverdächtige gleichzeitige Aufzeichnung Tolls 
den wirklichen Hergang. 

Daß die Meuterer trunken waren, ergibt sich aus den Berichten der 
Platzmajore, die im Russki Archiv 1905 S. 310 ff. veröffentlicht sind. Auch ist 
es kein Wunder, wenn man bedenkt, daß die Leute seit dem frühen Morgen in 
der Kälte ohne Nahrung gestanden hatten. Offenbar wurde ihnen vom Volk 
Branntwein zugetragen. Der Platzadjutant Leonti Meyer bezeugt zudem, daß 
Toll gegen den Plan aufgetreten sei, die Meuterer mit Feuerspritzen auseinander 
zu sprengen. L. c. S. 321. 



Kapitel II. Der 14./2G. Dezember und die Niederwerfung usw. 5Ö 

uoch einige EartätschenladuDgen nachsandte, und daß das Eis der 
Newa infolgedessen zusammenbrach *). Michail Bestushew, der 
überhaupt in den Reihen der Verschworenen der Entschlossenste 
und Kaltblütigste war, ist dadurch verhindert worden, seine Leute 
zur Peterpaulsfestung zu führen. „Gefeng es," — so schreibt er 
in seinen Erinnerungen — „so hatten wir einen vortrefflichen ,point 
d'appui^, von dem aus wir durch die Kanonen, die auf sein Palais 
gerichtet waren, mit Nikolai unterhandeln konnten." In der Tat 
drohte hier noch eine ungeheure Gefahr, und unverständlich ist nur 
das eine, daß die Meuterer nicht von vornherein die Festung zum 
Ausgangspunkt ihrer Aktion machten, statt auf dem Senatsplatz 
nutzlos zu demonstrieren. Aber man war auf beiden Seiten gleich 
kopflos, und der Zufall entschied. Durch eine ungeheure Eisspalte 
von der Festung abgeschnitten, retteten die Flüchtigen sich auf das 
linke Ufer der Newa, gerade gegenüber der Akademie der Künste. 
Der Versuch, hinter ihren festen Mauern Schutz zu finden, mißglückte. 
Als dann eine Eskadron Chevalier-Garde erschien, hat ein Teil sich 
ergeben, anderen gelang es, zu entkommen, unter ihnen auch 
Bestushew. Auf dem Senatsplatz lagen 56 Tote'), darunter keiner 
der Offiziere. Sie sind, infolge eines merkwürdigen Zufalls, sogar 
alle unverwundet geblieben. Die Entscheidung ist so noch kurz 
vor Einbrechen der Dunkelheit gefallen. Um 6 Uhr') konnte der 



*) Baron Kaulbars bestreitet es zwar, aber die Aufzeichnungen Tolls und 
Michail ßestushews stimmen darin öberein. Der sehr gut unterrichtete französische 
Botschafter Graf Laferronnays schildert in seiner „Relation des troubles qui ont 
eclate a St. Petersbourg" den Schlußakt folgendermaßen: L'Rmpereur ordonna 
a la cavalerie de demasquer les pieces et commanda 1e feu. Mais les artilleurs 
se montrerent irresolus, ils approcherent ä 3 ou 4 reprises la meche avant de 
mettre feu ä la premiere picce qui, comme on s'en apercut a Tinstant, etait 
dirigee sur le toit du palais du st'nat, et non contre les revoltes qui, enbardis 
par cela, se disposerent a l'attaque. Les officiers de la suite de l'empereur 
se pr^cipiterent sur les canons et en changereut la direction et alors commen^a 
un feu meurtrier a 80 pas de distance. Les revoltes tinrent ferme jusqu'au 
sixicme coup, mais ils se precipiterent ensuite vers le lieu occupe par le 
grand-duc qui les re^ut ä mitraille et les repoussa vers la place oü Tartillerie 
ne cessait de tonner. Les grenadiers de Paul, arrives sur les derrieres des 
insurges, firent sur eux avec le plus grand efl'et un feu ä 40 pas, et la cavalerie 
les chargea de nouveau, et cette fois avec un plein succes. 

*) Die Zahl der Opfer war jedenfalls großer. Viele der Leichen wurden 
in die Eislöcher der Newa geworfen. 

*) Die Stunde gibt Willamow in seinem Tagebuche an. 



56 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

Kaiser, nach allen Aufregungen des Tages, ins Winterpalais zurück- 
kehren. Die Generale Benckendorff und Wassiltschikow erhielten 
den Auftrag, für die Ruhe der Stadt Sorge zu tragen; der erste 
in VVassili-Ostrow, der andere diesseit der Newa. Der Senatsplatz 
wurde gereinigt, man entfernte die Blutspuren, schüttete neuen 
Schnee auf und walzte ihn. 

Auf dem Schloßplatz und auf dem Senatsplatz biwakierten 
Truppen und war Artillerie aufgefahren, überall brannten große 
Scheiterhaufen, an denen die Soldaten sich in der kalten Winter- 
nacht wärmen konnten. „Wir waren", schreibt ein Augenzeuge, „wie 
im Belagerungszustände; ein Anblick, der Entsetzen erregte. Aus 
diesen Feuern erhob sich majestätisch die Statue des großen Urhebers 
der russischen Macht. Konnte sein Geist herabschauen auf die 
Ereignisse dieses Tages, so war er zugleich Zeuge eines Verbrechens, 
das seiner Schöpfung mit dem Umsturz drohte, und Beobachter 
der Seelengröße eines Urenkels, dessen heroischem Benehmen das 
Reich seine Rettung aus einem unübersehbaren Meere von Trübsalen 
dankte." So urteilte damals der Prinz Eugen, und gewiß hat er 
darin recht, daß Nikolai an jenem Tage bewies, daß er sich furchtlos 
auszusetzen und in gefährlichen Augenblicken feste Haltung zu 
zeigen vermochte. Aber auch die Schwächen seiner Natur waren 
zutage getreten: Mangel an Übersicht und Langsamkeit im Finden 
des rechten Entschlusses. Schon au seinem Verhalten vor dem 
Senatsplatz hätte man erkennen müssen, daß er kein Feldherr sein 
werde. An der Art, wie er nun, da der Erfolg für ihn entschieden 
hatte, von seiner Strafgewalt Gebrauch machte, trat ein anderer, 
noch weit bedenklicherer Mangel zutage: er hatte, wie wir schon 
bemerkten, zwar Gerechtigkeitsgefühl, aber keine Vorstellung vom 
Begriff des Rechts. Mit dem 24. Dezember 1825 beginnt ein neues 
Regiment der Willkür. 

Die nächste Aufgabe war natürlich, der Meuterer habhaft zu 
werden. Sie ist schnell und energisch gelöst w^orden. Von allen 
Seiten her wurden eingefangene Soldaten eingebracht und in Arrest 
geführt. Die Stimmung war unsicher; im Grunde wußten Sieger 
und Besiegte nur, auf wessen Seite der Erfolg war, nicht, wem das 
Recht gehörte. Den Ismailowern w^urde nicht ohne Bitterkeit 
vorgeworfen, daß sie trotz ihres Versprechens sich auf dem Senats- 
platz den Moskauern nicht angeschlossen hatten. Aber bei alledem 
war die Gefahr überwunden, und es entsprach der tatsächlichen 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 57 

Lage, daß Nikolai um 7 Uhr einen Dankgottesdienst begehen ließ. 
Der Ausgang hätte ein anderer sein können. 

Bald wurden auch die ersten gefangenen Offiziere dem Kaiser 
vorgeführt. Die Generale Baron Toll und Lewaschew waren be- 
auftragt, das erste Verhör vorzunehmen. Der Kommandant von 
Petersburg, General-Adjutant Baschutzki, führte sie unter starker 
Bedeckung ihnen zu. Allen waren die Hände auf den Rücken 
gebunden. Als Erster wurde der Fürst Schtschepin-Rostowski vor- 
geführt, danach SuthoflF'), als dritter Rylejew. Am Abend, nachdem 
der Aufstand als endgültig gescheitert gelten mußte, war Rylejew voll 
trüber Ahnungen in seine Wohnung zurückgekehrt. Puschtschin, Stein- 
heil und noch einige der Verschworenen hatten, in kaum verständlicher 
Sorglosigkeit sich bei ihm eingefunden, um über die Ereignisse des 
Tages zu reden. Er verbrannte seine Papiere und legte sich schlafen. 
Gegen 11 Thr wurde er vom Oberpol izeimeister verhaftet und 
sofort in das Winterpalais geführt. Eine halbe Stunde später stand 
er vor dem Zaren. Es ist nichts von dem Verhör bekannt geworden, 
dem der Kaiser ihn unterzog. Wir wissen nur, daß er über den 
Fang hoch erfreut w^ar, und daß die Offenheit Rylejews ihm nicht 
mißfiel. Aber gewiß ist ihm keinen Augenblick der Gedanke ge- 
kommen, diesen Führer der Aufständischen zu schonen. Daß 
Rylejew, der nun bis zu seiner Todesstunde in der Kasematte 
Kr. 17 des sogen. Alexander-Ravelins der Peterpaulsfestung blieb, 
sich dennoch fast bis zuletzt mit der Hoffnung tragen konnte, begna- 
digt zu werden, zeigt wohl, daß Nikolai, ebenso wie Alexander, es 
verstand, seine Gedanken zu verbergen. Dann folgte ein Unschuldiger, 
der Sohn des berühmten Professors Storch, dem wir die Materialien 
zur Geschichte des russischen Reiches und die Zeitschrift Rußland 
unter Alexander I. zu danken haben. Als Fünfter wurde Sherebzow 



') Ich folge den Angaben des Generals Toll in seinem als Manuskript ge- 
druckten Tagebucbe, dessen Aufzeichnungen Yom 22. Dezember datieren. Der 
Prinz Eugen gibt eine andere Reihenfolge an. Er nennt als zweiten Gorski. Das 
ist aber, wie sich aus dem Schreiben Nikolais an Konstantin (Ermordung 
Pauls usw. S. 104) ergibt, bestimmt ein Irrtum. Toll war besser unterrichtet, 
er hat alle Gefangenen, bevor sie dem Zaren vorgeführt wurden, verhört. 
Wahrscheinlich hat Toll seine Aufzeichnungen auf Grund des Berichts oder 
zum Zweck des Berichts gemacht, den er seinem Chef, dem späteren Feld- 
marschall Sacken, abstatten mußte. Toll verließ Petersburg am 15./27. Dezember 
und traf am 19./31. Dezember in Mobile w bei Sacken ein. 



58 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

vorgeführt, dann Bodisko, Küchelbecker, Jacubowitsch, Kornilowitsch, 
Swetschin und so weiter, zuletzt der Fürst Trubetzkoi. Das Verhör 
geschah in der Weise, daß die Generale Toll und Lewaschew in 
Gegenwart des Kommandanten Baschutzki die Aussagen der ein- 
gebrachten Gefangenen zu Protokoll nahmen und unterzeichnen 
ließen. Dann ging Toll zum Kaiser und las ihm die Aussagen vor. 
Dieser bestimmte, wo die Gefangenen interniert werden sollten, und 
ließ sie sich zu einem zweiten, von ihm persönlich geführten Verhör 
vorführen. Diese Verhöre begannen am 14./26. Dezember um 7 Uhr 
abends, sie gingen durch die ganze Nacht und dauerten bis 12 Uhr 
mittags am 15. Es ist daher kein Wunder, daß der Kaiser nach 
den furchtbaren Aufregungen, die ihm der Tag gebracht hatte, in 
hohem Grade nervös war. Das \Vesentlichsto aber war doch, daß 
ihm jede Vorstellung von einem regelmäßigen gerichtlichen Ver- 
fahren und alle juristische Bildung abging. Er trat an die ihm 
vorgeführten Gefangenen mit dem Ansinnen heran, daß sie ihm 
in voller Aufrichtigkeit und in vollem Umfang ihre Schuld bekennen 
sollten, und ebenso verlangte er rückhaltlose Angabe der Mit- 
schuldigen. Jedes Leugnen und jedes Verschweigen erschien ihm 
als höchst verächtliche Unwahrhaftigkeit und zugleich als eine ihm 
persönlich angetane Beleidigung*). Er pflegte mit freundlichen 
Fragen, meist unter Betonung seiner persönlichen Teilnahme, zu 
beginnen, und wo er dann auf vorsichtiges Verschweigen, auf Halb- 
wahrheiten oder auf direkte Unwahrheiten stieß oder zu stoßen 
meinte, mit Drohungen zu schließen. Noch bedenklicher war, daß 
von vornherein nicht nur nach strafbaren Handlungen, sondern nach 
der politischen Gesinnung jedes einzelnen inquiriert wurde und daß 
diese vom Kaiser eingeschlagene Inquisitionsmethode von der Unter- 
suchungskommission, mit deren Organisation er den Kriegsminister 



^) Eine Charakteristik Nikolais während der Dauer der Verhöre gibt 
Scbtschegolew in seiner lehrreichen Studie über Peter Grigorjewitsch Eachowski 
in der Zeitschrift ßyloje, Januar und Februar 1906. Gewiß bat er darin recht, 
dali das große Schauspielertalent des Kaisers auch bei diesen Verhören zur 
Geltung kam. Aber während Scbtschegolew ohne jede Billigkeit an Nikolai 
alles verurteilt und jede menschliche Regung in ihm als Heuchelei brandmarkt, 
urteilt er über Kachowski entschieden zu milde. Es sind von diesem Mann 
Denunziationen ausgegangen, für die es keine Entschuldigung gibt, und die 
in ihrer Gewissenlosigkeit sich nur durch die Todesangst und die üoffnung 
Kachowskis erklären, daß er vielleicht doch sein Leben retten könnte. 



Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 59 

Tatischtschew am 15./27. Dezember beauftragte, aufgenommen 
wurde'). 

Durch einen als geheim bezeichneten Ukas vom 17./29- 
Dezember ernannte der Kaiser zu Mitgliedern dieser Kommission 
den General -Feldzeugmeister Golitzyn, die General -Adjutanten 
Golenitschew-Kutusow, Benckendorft' und Lewaschow, zum Ge- 
schäftsführer den Kriegsrat Borowkow, zu denen dann später noch 
die Generale Potapow, Diebitsch, Tatischtschew, Tschernyschew 
und der Großfürst Michail Pawiowitsch als Vorsitzender traten. Es 
waren also lauter höhere Ofliziere, kein einziger Jurist in dieser 
Cntersuchungskommission, so daß es wohl begreiflich ist, daß bei 
dem Bildungsstande dieser Herren alle rechtlichen Schranken, die 
den Angeklagten zum Schutze hätten dienen müssen, rücksichtslos 
beiseite geschoben wurden. Es soll damit keineswegs der Vorwurf 
erhöben werden, als hätten die Mitglieder der Kommission wider 
bessere Überzeugung gehandelt, sie wußten es nicht besser; aber 
unzweifelhaft war es eine geistige Tortur, durch welche die Aussagen 
der Dekabristen erpreßt wurden. 

Gleich die ersten Verhöre hatten bestätigt, w^as durch Diebitschs 
Bericht und Rostowzews Bekenntnisse dem Zaren bereits bekannt 
war: sowohl in Moskau, wie namentlfch in der zweiten Armee, gab es 
Teilnehmer an der Verschwörung, und da man durchaus nicht 
wußte, wie dort die Führer den Thronwechsel für ihre Zw^ecke 
nutzbar gemacht hatten, ist es begreiflich, daß Nikolai das Schlimmste 
fürchtete. Auch hier lag ein Versäumnis seinerseits vor. Schon 
am 12. hätte er die Autoritäten in Moskau auf den unmittelbar 
bevorstehenden Thronwechsel und auf die Gefahr einer Erhebung 
der Verschworenen aufmerksam machen können. Aber erst am 15. 
wurde der General-Adjutant Graf Komarowski nach Moskau ab- 



^) conf. Alexander Dmitrijewitsch Borowkow und seine autobiographischen 
Aufzeichnungen. Petersburg 1899. Russisch. Wir verzichten auch hier um des 
Raumes willen auf näheres Eingehen in das Detail. Eine ausführliche Dar- 
legung, die aber trotzdem keineswegs als vollständig bezeichnet werden kann, 
bringt Schilder, Nikolai Bd. I. Eine sehr wertvolle Publikation haben die 
Herren W. J. Ssemewski, W. Bogutscharski und P. J. Schtschegolew unter 
dem Titel: Die gesellschaftliche Bewegung Rußlands in der ersten Hälfte des 
XIX. Jahrhunderts, begonnen. Bd. I, Petersburg 1905, 4. Kap. behandelt die 
Dekabristen von Wisin, Obolenski und Steinheil. 

Die Bezeichnung war ursprünglich „Comite,** erst 5./17. Januar 1826 
wird die Bezeichnung „Untersuchungskommission" gebraucht. 



60 Kapitel II. Der 14./2G. Dezember und die Niederwerfung usw. 

gefertigt, wo er am Abend des 17. eintraf. Überholt hatte ihn 
ein Kurier, der dem Erzbischof Philaret den Befehl brachte, da« 
auf dem Sucharewturm befindliche Marinekommaudo zu vereidigen, 
dessen Kommandant ein gedrucktes Manifest über den Thronwechsel 
erhalten habe. Dann war am Morgen des 17. ein eigenhändiges 
Reskript des Kaisers an den General-Gouverneur, Fürsten Dmitri 
Wladimirowitsch Golitzyn eingetroffen, das aber einen ganz per- 
sönlichen, nicht offiziellen Charakter trug, so daß Golitzyn sich nicht 
berechtigt glaubte, daraufhin eine Vereidigung vorzunehmen. Erst 
die Ankunft Komarowskis löste die Zweifel, und am 18. früh wurde, 
nachdem in der Nacht das Manifest Nikolais mit seinen Anlagen 
gedruckt worden war, der Senat versammelt und von dem unterrich- 
tet, was geschehen war, danach ward die Vereidigung von Zivil- und 
Militärautoritäten in der Himmel fahrtskathedrale vorgenommen. 
Die Vereidigung des Volkes erfolgte auf dem Kremlplatz. Der 
Erzbischof öffnete unter großer Feierlichkeit das versiegelte Paket 
mit dem Testament Alexanders, verlas den letzten Willen des 
Zaren und die Abdankungsurkunde Konstantins, danach das Manifest 
Nikolais. Dann sprach er den neuen üntertaneneid vor, der mit 
den Worten begann: „Nachdem Kraft und Wirkung des früheren 
Eides durch Verzicht desjenigen nichtig geworden, dem er geleistet 
worden, schwöre ich, der sündige usw." Es schloß sich daran ein 
Gebet und der Gesang der Hymne, die dem neuen Herrscher ein 
langes Leben und eine glückliche Regierung wünscht (die 
mnogoletije). Als Komarowski am 22. Dezember wieder in Peters- 
burg eintraf, konnte er berichten, daß in Moskau alles in bester 
Ordnung sich der neuen Regierung angeschlossen habe. Die Nachricht 
von den Ereignissen, die sich am 14. auf dem Senat^platz abgespielt 
hatten, war von der Moskauer Bevölkerung mit Erbitterung auf- 
genommen worden. Man gab dem Adel die Schuld, und ähnliche 
Nachrichten liefen aus den Provinzen ein. Und doch hatte auch 
Moskau vor der Gefahr eines Aufstandes gestanden. 

Die Nachricht vom Tode Alexanders war den Moskauer Ver- 
schworenen durch den Kapitän Jakuschkin am 8. Dezember gebracht 
worden. Es fanden Versammlungen bei dem Generalmajor von 
Wisin und dem Obersten Mitkdw statt, und der eben damals aus 
dem Süden eintreffende Oberst Naryschkin vom Tarutinschen 
Infanterieregiment brachte übertriebene Nachrichten von dem Um- 
fang und der militärischen Macht des Südbundes. Dann liefen 



£apitel II. Der 14./^6. Dezember und die Niederwerfung usw. 61 

weitere Nachrichten aus Petersburg ein. Man staud in Erwartung 
großer Ereignisse, wollte aber die eigenen Entschlüsse in Ab- 
hängigkeit von den Entscheidungen der Petersburger Verschworenen 
stellen, die, wie man glaubte, über die Mehrzahl der Garderegimenter 
verfügen konnten. In der Nacht auf den 17. Dezember*) wurde 
durch einen Brief aus Petersburg bekannt, daß Konstantin abdanken 
und Nikolai die Regierung übernehmen werde, daß die Verschworenen 
die Eidesleistung der Garderegimenter verhindern und auch selbst 
nicht schwören würden, man rechne auf die Hilfe Moskaus. 
Jakuschkin hat darauf versucht, seine Gesinnungsgenossen zu einem 
kräftigen Entschluß fortzureißen. Von Wisin, der bereits außer 
Dienst stand, sollte seine Generalsuniform anlegen und die Garnison- 
truppen unter irgendeinem Verwände zum Aufstande bewegen, 
den Oberst Ilurko, Stabschef des 5. Korps, früheres Mitglied des 
„Tugendbundes", hoffte man ebenfalls zu gewinnen; dann wollte 
man den Korpsgeneral Grafen Tolstoi und den General-Gouverneur 
Fürsten Golitzyn sowie andere Offiziere verhaften, die nicht zu 
gewinnen waren. Durch den Grafen Scheremetjew, den Oberst 
Naryschkin und andere ehemalige Ssemenower hofl'te man die 
außerhalb Moskaus stehenden Truppen zu sich herüberzuziehen. 
Traf dann, wie erwartet werden konnte, günstige Nachricht aus 
Petersburg ein, so mußte die Erhebung Moskaus die dort gewonnene 
Stellung der Verschworenen stärken, andernfalls war man bereit, 
die Folgen auf sich zu nehmen. Über diesen Plan haben Jakuschkin, 
Scheremetjew, von Wisin und Mitkow bis 4 Uhr morgens zu Rat 
gesessen — schließlich aber die Entscheidung auf eine neue Be- 
ratung am folgenden Abend verschoben. 

Das Eintreffen Komarowskis — den die Verschworenen im 
ersten Schrecken für Nikolai hielten — , die Nachricht von der 
Niederlage der Petersburger und die danach folgende Eidesleistung 
machten all diese Pläne unausführbar, zumal der General Michail 
Feodorowitsch Orlow, auf den die Verschworenen gleichfalls ge- 
rechnet hatten, keinerlei Neigung zeigte, sich für das aussichtslose 
Unternehmen zu opfern. Ein Antrag des aus Petersburg ein- 
getroft'enen Stabskapitäns Muchanow, nach Petersburg zu ziehen 
und Nikolai zu ermorden, wurde unter diesen Umständen nicht 



^) Jakuschkin, dessen Memoiren hier unsere Quelle sind, verschiebt die 
Daten um einen Tag. 



62 Kapitel II. Der 14./*26. Dezember uQd die Niederwerfung usw. 

ernst genommen. Es war ein verlorenes Spiel, man ging ratlos 
auseinander, gefaßt, hinzunehmen, was das Verhängnis bringen 
werde. Bald danach begannen auch in Moskau die Verhaftungen. 
Als Ersten trafen sie den General Michail Orlow, Von Wisin hatte 
am 20. dem Kaiser Nikolaus gehuldigt. Er und Jakuschkin wurden 
aber mit anderen Vej-dächtigon in den folgenden Tagen ebenfalls 
verhaftet, ohne daß auch nur einer versucht hätte, sich zu retten. 
Ebenso ruhmlos war damals bereits das eigentliche Haupt der 
gesamten Verschwörung, Oberst Paul Pestel, in die Hände der 
Regierung gefallen. 

Wir erinnern uns, daß der Fürst Trubetzkoi, der Anfang 
November nach Petersburg zurückkehrte'), nachdem er vorher mit 
den Führern des Südbundes in Beziehung getreten war, dem Norden 
einen Aktionsplan mitbrachte, der verwirklicht werden sollte, wenn 
die Petersburger Verschworenen sich bereit fanden, ihn anzunehmen. 
Der Gedanke war, den Kaiser Alexander auf der angesagten In- 
spektion des 3. Armeekorps in Bjelozerkow^ im Mai 1826 zu ermorden, 
was durch Vertrauensmänner, welche die südliche Gesellschaft zu 
stellen übernahm, geschehen sollte. An diesem Tage, dessen Datum 
auch in Petersburg rechtzeitig bekannt sein mußte, sollte die 
Revolution des Nordbundes dort zum Ausbruch kommen, und zwar 
dachte man die Garde und die Flotte zu gewinnen, die kaiserliche 
Familie ins Ausland zu verschicken, und durch den Senat, an dessen 
Willfährigkeit nicht gezweifelt wurde, zwei Proklamationen: an das 
Heer und an das Volk, zu erlassen und so die Notwendigkeit einer 
Änderung der Regierungsform zu rechtfertigen. Gleichzeitig sollte 
dann das 3. Armeekorps gegen Moskau marschieren und dort den 
Senat zu gleichen Kundgebungen nötigen, während der Rest der 
Verschworenen im Süden ein Lager bei Kiew aufzuschlagen, die 
Militärkolonien im Charkowschen zu gewinnen und das Hauptquartier 
in Tultschin aufzuheben bestimmt war. Aber das waren eben nur 
Pläne, und ehe eine Antwort aus Petersburg erfolgte, erhielt alles 
durch die Nachricht vom Tode Alexanders ein anderes Ansehen. 
Auch war Pestel schon seit geraumer Zeit mißtrauisch geworden. 
Er hatte in Umany eine Zusammenkunft mit dem Fürsten Wolkonski 
und dem Gutsbesitzer Dawidow, einem der tätigsten Mitglieder des 
Südbundes, gehabt. Durch einen der Agenten des Generals Witt, 



») conf. Bd. I S. 485 und 505. 



Kapitel H. Der 14./26. Dezember und die NiederwerfuDg usw. 63 

den Kollegienassessor Boschnjak, der sich in ihr Vertrauen ein- 
geschlichen hatte, aber Spionendienste leistete, war ihnen zugetragen 
worden, daß der geplante Anschlag gegen das Leben Alexanders 
von der Regierung entdeckt sei^). 

Die zwischen Tagaurog und Peteraburg hin und her gehenden 
Feldjäger steigerten den Verdacht, und daraufhin wurde beschlossen, 
daß im Fall der Not, auch ohne vorausgegangene Zustimmung 
Petersburgs, Pestel handeln und sich des Hauptquartiers in Tultschin 
bemächtigen solle. Damit kehrte Pestel nach Linzy, dem Standort 
seines Regiments, südlich von Kiew, zurück. Kier erhielt er am 
28. oder 29. November die Nachricht vom Tode Alexanders, Sie 
hat auf ihn geradezu lähmend gewirkt. Der Vereidigung seiner 
Trappen für den Kaiser Konstantin, die am 2. Dezember erfolgte, 
setzte er keinerlei Widerstand entgegen, auch machte er keinen 
Versuch, sein Regiment für später eintretende Möglichkeiten vor- 
zubereiten. Inzwischen aber nahte das Verhängnis. Am 11. Dezember 
traf aus Taganrog der General-Adjutant Tschernyschew in Tultschin 
ein. Er brachte im Auftrage Diebitschs dem Grafen Wittgenstein 
die Nachrichten, die ihm über die in der 2. Armee bestehende 
Verschwörung zugegangen waren. Im wesentlichen war es das 
von Maiboroda gelieferte Material. Der Stabschef der 2. Armee 
General Kisselew und der Uberkommandierende Feldmarschall 
Graf Wittgenstein haben dann sofort eine erste Untersuchung 
vorgenommen, am 13. Dezember fuhren Tschernyschew und 
Kisselew') nach Linzy. Pesteis Papiere wurden durchsucht, aber 
man fand nichts Wesentliches, da er schon im November alles 
belastende Material fortgeschafft oder verbrannt hatte. Aber das 
Verhör, das mit ihm angestellt wurde, führte zu seiner Verhaftung, 
an die sich bald die Verhaftung mehrerer anderer Mitglieder 
des Südbundes anschloß. Am 25. Dezember leistete die ge- 
samte 2. Armee dem Kaiser Nikolaus den Treueid, am 27. wurde 
Pestel unter großen Vorsichtsmaßregeln nach Petersburg geschaift. 
Dort verfiel er der Untereuchungskommission und einem Inquisitions- 
system, das ihn, wie so viele andere, zur Verleugnung der ße- 



>) Es ist nicht unwahrscheinlich, daß Witt ihnen diese Nachricht zugehen 
ließ, um sie zur beschleunigten Ausführung ihrer Pläne zu veranlassen. 

^) Daß Kisselew ein heimlicher Gönner des Südbundes gewesen sei, ist 
ohne Zweifel falsch. Aber er urteilte menschlich frei und war mit mehreren 
der Dekabristen in den besten gesellschaftlichen und dienstlichen Beziehungen. 



64 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

strebungen seines Lebens und zu einer Offenheit in seinen 
Bekenntnissen führte, die hart an Denunziation streift. Sein 
theoretischer Republik anismus ging in volle Anerkennung der höheren 
Mission des Absolutismus auf, und wenn er schließlich als Märtyrer 
der Freiheit sein Ende am Galgen fand, so war er doch nur der 
Märtyrer einer verleugneten Freiheit. 

Mannhafter als Pestel hat Ssergej Murawjew Apostel versucht, 
die im Norden gescheiterte Erhebung durch eine Erhebung des 
Südens zu retten. Auch hätte der von ihm geplante und nur 
teilweise verwirklichte Aufstand in der Tat zu einer Gefahr für 
die Dynastie werden können. Denn im Süden hatten die der 
Verschwörung zugefallenen Offiziere auch Fühlung mit den Soldaten 
gefunden und die eigene revolutionäre Gesinnung unter ihnen ver- 
breitet. Namentlich unter den vereinigten Slaven war die Stimmung 
der Regierung feindselig, und die Führer Andrejewitsch, Borissow, 
Gorbatschewski, alle drei Leutnants in der 8. Artilleriebrigade, 
waren entschlossene Männer. Es ist nur einer Reihe glücklicher 
Zufälligkeiten zu danken, daß die überall bestehende Unzufriedenheit 
hier nicht einen tatkräftigen Mittelpunkt fand. Die für eine Er- 
hebung in Aussicht genommenen Regimenter des 3. Armeekorps 
hatten zudem ihre Standquartiere ziemlich nahe beieinander auf 
dem rechten Ufer des Dnjepr. Es waren die 8. und 9. Artillerie- 
brigade und die Infanterie-Regimenter Pensa, Tschernigow und 
Ssaratow. Aber man rechnete auch auf die Regimenter Wjätka, 
Tambow und Pultawa, auf die Achtyrschen und die Alexander- 
Husaren und die Jäger zu Pferde. Setzte sich diese ganze Masse 
in Bewegung, so lag jedenfalls die Gefahr eines Bürgerkriegs vor, 
in welchem ein großer Erfolg der Aufständischen von unberechen- 
barer Tragweite sein konnte. 

In Wirklichkeit hat es auch hier nicht mehr als eine Emeute 
gegeben, die schnell niedergeworfen wurde, und die nur einen 
geringen Bruchteil derjenigen Truppen umfaßte, auf welche ursprüng- 
lich gerechnet worden war. Denn hier, wie überall, fehlte im entschei- 
denden Augenblick jede einheitliche Leitung. Der Mann, auf den in 
diesen Kreisen alles blickte, der Oberstleutnant des Tschernigower In- 
fanterie-Regiment«, Ssergej Murawjew Apostel war, als am 23. De- 
zember die Nachricht von dem Verlauf des Petersburger Aufstandes in 
Wassilkow eintraf — wo sein Regiment stand — , ohne jeden Zeit- 
verlust nach Shitomir gereist. Er wollte für seinen Freund und 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember uud die Niederwerfung usw. 65 

Gesinnangsgenossen Bestushew Rjumin vom Eorpskommandeur 
General Roth einen Urlaub nach Petersburg erwirken, um in 
Fühlung mit dem Norden zu bleiben. Als daher am 24. Dezember 
die Vereidigung aller Truppen auf den Namen des Kaisers Nikolaus 
angeordnet wurde, war er nicht am Platz, und alle Regimenter 
leisteten am 25. den Treueid; auch das Tschernigower Regiment, 
obgleich der Regimentskommandeur Oberstleutnant Goebel verhaßt 
war und die Offiziere fast ausnahmslos der Verschwörung an- 
gehörten. 

Der Gedanke zu handeln, ohne Murawjews Rückkehr abzu- 
warten und durch eine Erhebung des Südens die in Petersburg 
gescheiterte Revolution zu retten, ist von ihnen allerdings erwogen, 
aber schließlich aufgegeben worden. Ohne Murawjew meinten sie 
es nicht wagen zu dürfen. Als am Abend des 25. Goebel zu Ehren 
der Thronbesteigung Nikolais einen Ball gab, sind sie alle seine 
Gäste gewesen, und der äußere Schein konnte an der Loyalität 
dieser Offiziere keinen Zweifel aufkommen lassen. Da trafen, 
während noch die Gesellschaft beisammen war, zwei Gendarmerie- 
offiziere ein. Sie brachten Goebel den Befehl, Murawjew zu ver- 
haften. Es wurden nun, ohne Zeitverlust, Murawjews Papiere mit 
Beschlag belegt; dann machte sich Goebel in Begleitung der 
Gendarmen auf, um ihn auf seinem Rückwege nach Wassilkow zu 
verhaften. Bestushew Rjumin, der davon erfahren hatte, jagte 
ihm nach, um den Freund zu warnen. 

Inzwischen hatte Murawjew durch den General Roth, bei dem 
er in Shitomir zu Gast gewesen war, ausführlich von den Peters- 
burger Ereignissen erfahren. Er zog daraus den richtigen Schluß, 
daß die ganze Verschwörung entdeckt sei, aber sein erster Gedanke 
war nun keineswegs, einen Aufstand zu organisieren, auch er wollte vor 
allem die Mitverschworenen im Süden warnen. Offenbar glaubte er 
noch Zeit zu haben. Die Shitomir zunächst stehenden Alexander- 
Husaren erreichte er noch an demselben Nachmittag, dann fuhr 
er nach Ljubar, wo sein Bruder, der Oberstleutnant Matwej Mu- 
rawjew Apostel, ein Bataillon der Achtyrschen Husaren kommandierte 
und der Regimentskommandeur Oberst Artamon Murawjew Mitglied 
des Südbundes war. Hier erreichte ihn Bestushew mit der Nachricht, 
daß Goebel ihm unmittelbar folge, und gewiß charakterisiertes diese 
Männer und die Zeit, daß Matwej den Vorschlag machte, Champagner 
kommen zu lassen und sich dann „fröhlich^ zu erschießen. Ssergej, 

Schiemann, Geschichte Kußlands. IL 5 



66 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

der weder sich noch sein Ziel so leicht verloren geben wollte, 
dachte durch schnelles Handeln noch alles zu retten. Ihm stand 
das Bild des weiten Zusammenhanges der Verschwörung lebendig 
vor Augen. Wohin er blickte fand er Gesinnungsgenossen unter 
den Offizieren. So hat er denn eilig eine Reihe von Briefen ge- 
schrieben und dann alle Überredung daran gesetzt, um Artaraon 
Mnrawjew mit seinen Husaren zu sofortigem Aufstand zu bewegen. 
Aber Artamon lehnte jede Beteiligung ab, so daß Ssergej sich ent- 
schloß, nach Wassilkow zurückzukehren, wo er seiner Tschernigower 
sicher zu sein glaubte. Er kam aber nur bis Trilesi und nächtigte 
dort, um die Ankunft einiger Tschernigower Offiziere, die er ge- 
rufen hatte, abzuwarten. In kaum begreiflicher Sorglosigkeit ließ 
er sich hier von Goebel überraschen und verhaften, der seinerseits 
wiederum versäumte, die beiden Brüder Murawjew sofort nach 
Wassilkow zu führen. Er streckte sich auf eine Bank, um nun 
ebenfalls der Nachtruhe zu pflegen. So haben ihn die jetzt ein- 
treffenden, von Ssergej gerufenen vier Tschernigower Offiziere ge- 
funden. Nach kurzem und heftigem Wortwechsel wurde Goebel 
überwältigt, grausam mißhandelt und schließlich für tot auf der 
Straße liegen gelassen. Wie durch ein Wunder ist der tapfere 
Mann schließlich doch gerettet worden und genesen'). 

Nach der blutigen Szene in Trilesi gab es für Murawjew und 
die anderen Beteiligten keine Wahl. Sollte nicht alles für sie 
verloren sein, so mußte jetzt ohne jede Zögerung entschlossen ge- 
handelt werden. Murawjew schickte Boten an die Regimenter, auf 
deren Teilnahme er rechnete, und gewann durch sein persönliches 
Eingreifen eine Kompagnie Grenadiere, die in der Nähe von Tri- 
lesi kantoniert waren. Aber seine Boten kamen nicht an ihr 
Ziel. Sie versäumten die rechte Zeit, sie konnten sich nicht ent- 
schließen, ein begonnenes Kartenspiel abzubrechen'). Das wurde 
verhängnisvoll, weil dadurch der Anschluß der 17. Jäger 



^) Goebel wurde durch einen Soldaten gerettet, der ihn aufnahm. Nach 
▼iermonatiger Pflege war die Gefahr für sein Leben überwunden. Ihm 
fehlten an jeder Iland mehrere Finger, die Ssergej Murawjew ihm mit dem 
Kolben abgeschlagen hatte, dazu hatte er 30 schwere Stichwunden. Nach 
anderer Quelle gar 160. Memoiren eines Unbekannten. R. Arch. 1882 I. 
Thronbesteigung Nikolais S. 210. 

'^ Es waren der Hauptmann Fuhrmann und der Leutnant Baschmakow 
vom Tschernigower Regiment. Beide wurden 25 Werst von Wassilkow arretiert 



Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 67 

versäumt wurde. Von Trilesi marschierte Murawjew mit den zu 
ihm stehenden Truppen nach Kowalewka, das er erst am 
30. morgens verließ, um das noch 35 Werst entfernte VVassilkow, 
sein nächstes Ziel, zu erreichen. Als seine Avantgarde hier um 
3 Uhr nachmittags eintraf, versuchte der Major Truchin mit der 
4. Musketierkompagnie sich ihr entgegenzuwerfen. Aber er wurde 
arretiert, und Murawjew konnte sich zum Herrn der Stadt machen. 
Er ließ sofort aus Goebels Hause die Fahnen und die Regiments- 
kasse holen und traf in der Nacht zum Hl. die Vorbereitungen 
zum Feldzug, der nun folgen sollte. Im ganzen war es ihm ge- 
lungen hier sechs Kompagnien zu gewinnen, mit Musketieren und 
Musikanten zusammen 970 Mann, darunter jedoch weder Kavallerie 
noch Artillerie. Er versammelte diese doch recht schwache Truppe 
am 31. früh auf dem Marktplatze der Stadt und ließ dort von 
einem Geistlichen den von ihm verfaßten Revolutionskatechismus 
vorlesen, der an der Hand der Heiligen Schrift (l.Sam. 8) zu be- 
weisen suchte, daß die monarchische Regierung wider Gott sei, und 
mit der Aufforderung schloß, sich gegen die Tyrannei zu erheben 
und Glauben und Freiheit wiederherzustellen^). Danach hielt 
Murawjew noch selbst eine Ansprache an die Soldaten: wer ihm 
nicht folgen wolle, könne noch jetzt zurücktreten, er wolle nie- 
mand hindern! Aber die Suggestion des Augenblicks war zu 
stark fiir diese einfältigen Gemüter. Sie sind alle geblieben und 
haben danach andächtig an dem Gottesdienst teilgenommen, den 
der Pope abhielt. In diesem Augenblick traf Hippolit Murawjew 
Apostel, der jüngste der drei Brüder, ein. Er hatte Petersburg 
am 13. verlassen und brachte die Nachricht von der bevorstehenden 
Erhebung der Petersburger, und daß die Moskauer versprochen 
hätten zu helfen. Erst unterwegs hatte er von der Tragödie auf dem 
Senatsplatze erfahren, aber er wollte sein Schicksal von dem der 
Brüder nicht trennen. Als die Brüder sich umarmten, sahen die 
Soldaten wohl, daß ihre Offiziere auf Leben und Tod zu ihnen 
stehen würden. Unter lauten Hurrarufen erfolgte der Ausmarsch 
aus Wassilkow. Murawjew hatte gleichzeitig den Leutnant Mosa- 
lewski, der Zivilkleider anlegte, an die Gesinnungsgenossen in Kiew 
abgefertigt; als dieser dort eintraf, war jedoch die gesamte Garnison 



1) Thronbesteigung Nikolais S. 256 ff. Der Geistliche hatte 200 Rubel 
^fnr seine Frau" erhalten. 



68 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

bereits alarmiert worden, um gegen Wassilkow geführt zu werden. 
Mosalewski, dem es noch glückte, aus der Stadt wieder zu ent- 
kommen, wurde verfolgt und eingeholt. 

Inzwischen erlebte Murawjew Enttäuschung auf Enttäuschung. 
In Motilowka, das er am 31. erreichte, marschierten die dort 
stehenden Kompagnien Musketiere und Grenadiere ab, ohne sich 
ihm anzuschließen. Der 1. Januar war ein Rasttag. Er wartete 
auf die 17. Jäger; am 2., als er den Marsch fortsetzte, und seine 
Avantgarde Bjelaja Zerkow, das Gut der reichen Gräfin Branicka und 
Kantonnement der Jäger erreichte, während er selbst in dem nahen 
Pologi lag, erfuhr er, daß sie seit zwei Tagen, man wisse nicht 
wohin, ausmarschiert seien. Nun änderte Murawjew seinen Plan. 
Er verließ am 3. Januar Pologi, um über Kowalewka und Trilesi 
nach Powolotsch zu marschieren und die dort stehende fünfte 
Kavallcrieschwadron an sich zu ziehen; so verstärkt wollte er Shi- 
tomir erreichen, wo, wie er bestimmt erwartete, die „vereinigten 
Slaven" ihm zufallen mußten. 

Aber es gab bereits keine Rettung mehr für ihn. Schon am 
2. Januar hatte der kommandierende General des vierten Armee- 
korps, Fürst Schtscherbatow, den Befehl erhalten, die Meuterer zu 
verfolgen, auch hatte der Kaiser dem Großfürsten Konstantin Paw- 
lowitsch den Oberbefehl über das dritte Armeekorps übertragen. 
Nikolai hielt die Lage für so ernst, daß er den Bruder ausdrück- 
lich bevollmächtigte^ wenn nötig, auch alle Truppen seiner beiden 
polnischen Armeekorps marschieren zu lassen. Er fürchtete nicht 
mit Unrecht den Anschluß des Regiments Poltawa, der Achtyr- 
schen Husaren und einer reitenden Batterie. Es sei möglich, daß 
die Zahl der Aufrührer auf 6000 bis 7000 Mann steige 0- Daß 
es nicht dahin kam, ist vornehmlich das Verdienst des Generals 
Roth gewesen, der schneller als Schtscherbatow*) ohne jede Zöge- 



Nikolai an Konstantin. Petersburg, 5. Januar 1825. Archiv des 
Reichsrats. Die offizielle Korrespondenz über den Aufstand Murawjews. Russ- 
kaja Starina Mai 1905, S. 375 bis 391. 

') Nikolai war über die Haltung des Fürsten Schtscherbatow sehr auf- 
gebracht, wie es scheint nicht mit Unrecht. Als der Bote Murawjews, Mosa- 
lewski, dem Fürsten gefangen vorgeführt wurde, nahm er ihn in sein Kabinett 
und sagte ihm mit trauriger Stimme: „Ihr habt zu früh angefangen zu ban- 
deln; ich kenne Ssergej Murawjew, achte ihn und bedaure von Herzen, daß 
ein solcher Mann untergehen muß mit allen, die an seinem nutzlosen Unter- 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember uod die Niederwerfung usw. 69 

rung die zweckmäßigen Maßregeln getrofien hatte. Schon am 3. 
um 3 Uhr morgens hatte er den General-Major Geismar mit zwei 
Geschützen und drei Schwadronen nach Ustimowka geschickt, wäh- 
rend er selbst mit fünf Schwadronen und sechs Geschützen durch 
Fastow marschierte, um Murawjew den Rückzug abzuschneiden, 
und zwölf Kompagnien mit vier Geschützen gegen ßjelaga Zerkow 
dirigierte. Die Aufständischen waren dadurch von allen Seiten 
umschlossen und konnten bei der ungeheueren Übermacht, die gegen 
sie aufgeboten war, ihrem Verderben nicht entrinnen. Um 1 Uhr mittags 
erreichte sie General Geismar bei Ustimowka und hier fiel die Ent- 
scheidung. Murawjew hatte seine Mannschaft im Karree aufgestellt 
und erwartete, ganz wie die Moskauer auf dem Senatsplatz, den 
Angriff der anderen^). Auf dieses Karree richtete sich nun das 
Feuer der Kartätschen Geismars. Gleich der zweite Schuß verwun- 
dete Ssergej Murawjew am Kopfe und da nun einmal alles an 
seiner Person hing, warf die erste Reihe des Karrees die Flinten 
fort und versuchte zu fliehen, ebenso die zweite Reihe; als die an- 
deren Miene machten sich trotzdem zu behaupten, folgten neue 
wohlgezielte Kartätschenlagen und gleichzeitig fielen die Husaren 
ein — es waren die Husaren, auf deren Hilfe Murawjew so sicher 
gerechnet hatte — und nun war bald alles verloren. Hippolit Mu- 
rawjew erschoß sich, Matwej wurde gefangen, ebenso die anderen Offi- 
ziere, soweit sie nicht gefallen waren. Der schwer verwundete Ssergej 
Murawjew war wie verstört. Einer seiner Soldaten trat auf ihn zu 



nehmen teilnahmen. Ich bedaure Sic sehr, Sie sind jung und müssen 
untergehen." Erst danach verhörte er ihn in Gegenwart von Zeugen. So die 
ausgezeichnet unterrichteten „Memoiren eines Unbekannten''. Russki Ar- 
chiv 1882. 

*) Anders stellt Michailowski-Danilewski den Hergang dar: „Als das 
Tschernigower Regiment die Notwendigkeit erkannte, sich durch die Husaren 
durchzuschlagen, bildete es ein Karree und griff sie mit vorbildlichem Mut 
an. Die Offiziere hatten vorne Stellung genommen. Ich habe das von dem 
Oberstleutnant gehört, der die gegen Murawjew vorgeschickte Schwadron kom- 
mandierte; er fügte hinzu, er habe die Tapferkeit der Tschernigower bewun- 
dert und sogar befürchtet, daß sie die gegen sie wirkenden Geschütze nehmen 
könnten, denn sie hatten sich ihnen auf eine ganz geringe Entfernung ge- 
n&hert* Die Entscheidung sei nicht durch die Artillerie, sondern durch den 
völlig unerwarteten Angriff der Husaren gegeben worden, auf deren Anschluß 
sie gerechnet hatten. Als die Husaren zum Angriff schritten, warfen sie so- 
fort die Flinten weg und ergaben sich. 



70 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die NiederwerfuDg usw. 

und nannte ihn Betrüger! Murawjew hätte ihn beinah erstochen, so 
fest glaubte er auch jetzt noch an die Gerechtigkeit der Sache, der 
sein Leben gehörte. Aber schwerlich wird er verkannt haben, daß 
sie nunmehr endgültig verloren war. 60 Mann und 12 Bauern 
vom Train Murawjews waren gefallen, alle übrigen hatten die 
Waffen gestreckt. Die Truppen Goismars hatten nicht einen Toten. 
Man brachte die Gefangenen erst nach Trilesi, am 4. nach Bjelaja 
Zerkow, und dort fand am 5. das erste Verhör statt, worauf die 
Gefangenen in Ketten nach Mohilew geschafft wurden. Hier stellte 
man alle Offiziere vor ein Kriegsgericht, auch die Gefallenen 
sollten kein christliches Begräbnis erhalten und ihre Namen an 
den Galgen geschlagen werden; drei wurden zum Tode durch 
Erschießen, einer zur Zwangsarbeit in Sibirien, die übrigen zu ge- 
ringeren Strafen verurteilt. Nikolai setzte an Stelle des Todes- 
urteils ewige Zwangsarbeit, im übrigen ließ er den Spruch des 
Kriegsgerichts bestehen. Nur die Brüder Murawjew Apostol, Be- 
stushew Rjumin und Fuhrmann wurden nach Petersburg geschickt, 
um dort gleich den Petersburger Dekabristen der Untersuchungs- 
kommission überwiesen zu werden. Sie trafen bereits am 14. Ja- 
nuar in Petersburg ein, in den nächstfolgenden Tagen auch die 
nicht mit den Waffen in der Hand verhafteten Angehörigen der 
südlichen Verschwörung. Es hat sich ein vom Kommandanten 
der Peter-Paulsfestung, Generaladjutanten Ssukin, geführtes Register 
erhalten, in welches er die eigenhändigen Verfügungen Nikolais 
über die Behandlung, die den Gefangenen zuteil werden sollte, ein- 
trugt). Diese Aufzeichnungen sind überaus charakteristisch. Sie 
lassen das System erkennen, nach dem der Kaiser verfuhr, um 
möglichst vollständige Aussagen von den Gefangenen zu erhalten. 
Diejenigen, die willig bekannten, wurden in besseren Räumen unter- 
gebracht und milder behandelt, auch durch kleine Vergünstigungen 
zu weiteren Geständnissen ermutigt. Nur dieses Motiv entschied, 
die Größe der Schuld spielte dabei keine Rolle. Kachowski z. B. 
erhielt den Vermerk: Man soll ihn besser halten als sonst üblich 
ist, und ihm Thee und was er sonst wünscht geben, aber mit nötiger 
Vorsicht; die Kosten seines Unterhalts werde ich selbst tragen. 
Auch Pestel und Rylejew genossen Vergünstigungen, ebenso Ssergej 
Murawjew. Solche dagegen, die schwiegen und sich weigerten ihre 

Veröffentlicht von Schtschegolew in der Zeitschrift Byloje. Mai 1906, 
S. 195 ff. 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 71 

Mitschuldigen zu nennen, erhielten Hand- und Fußschellen, schlech- 
tere Nahrung und dunklere Kasematten. So ging es lakuschkin, 
Artamon Murawjew und anderen, die sich scheuten, ihre Kame- 
raden zu kompromittieren. Nach Niederwerfung des Aufstandes 
der Tschernigower aber steigerte sich die Zahl der Verhaftungen; 
was irgend in Beziehungen zu den kompromittierten Persönlich- 
keiten gestanden hatte, wurde eingezogen und nach I^etersburg ge- 
schafft; da die Aussagen von Pestel und Bestushew bald dahin 
führten, daß der Zusammenhang des Südbundes mit der polnischen 
Geheimorganisation sich erkennen ließ, dehnte die Untersuchung sich 
auch auf die Machtsphäre des Großfürsten Konstantin aus. Nikolai 
war unermüdlich in Verfolgung der Verdächtigen. Nach Berlin, 
Dresden, Wien gingen seine Gesuche um Auslieferung der Affi- 
liierten, und er war fest überzeugt, daß auch das Ausland, speziell 
die Revolutionspartei in Italien, Posen und Ungarn, eine Mitschuld 
an der Verschwörung trage. Verdächtig war ihm der in Paris 
lebende Graf Bobrinski, der angeblich die Verschworenen durch 
große Geldmittel unterstützt haben sollte, verdächtig der im Kau- 
kasus kommandierende General Jermolow, er fürchtete, daß die 
kaukasische Armee ein Werkzeug der Revolution werden könnte, 
und beruhigte sich erst, als die Nachricht eintraf, daß der Kau- 
kasus ohne alle Zwischenfälle den Treueid geleistet habe. In 
diesen abgelegenen Gebieten erfuhr man von der Quasiregierung 
des Kaisers Konstantin erst nachträglich. 

Höchst verdächtig erschienen dem Kaiser auch Speranski und 
der Graf Mordwinow, w^eil nach den Aussagen der Gefangenen in 
der Peter- Panlsfestung nach den phantastischen Plänen der „Gesell- 
schaft'^ beide bestimmt waren, als Mitglieder der provisorischen 
Regierung zu fungieren, die man nach dem Sturz der Romanows 
einzusetzen dachte. Da jedoch nichts darauf hinwies, daß sie von 
diesen Plänen etwas gewußt hatten^), begnügte sich der Kaiser, sie 
zu Mitgliedern des Obersten Gerichtshofes zu machen, der das 
Urteil über die von der Untersuchungskommission nicht freigegebe- 

*) In Betreff Speranskis ist es nicht unbedingt sieber. Sawalischin erzählt in 
Memoiren I 374, Komilowitsch sei zu Speranski geführt worden, um ihn vom 
bevorstehenden Umsturz zu unterrichten und von ihm die Annahme einer 
Stellung in der geplanten Regentschaft zu erlangen. „Ihr seid wohl von 
Sinnen", antwortete Speranski. „Macht man vorzeitig solche Vorschläge? 
Siegt erst, dann wird alles zu Euch stehen.*' 



72 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

nea Verhafteten zu sprechen hatte. Jermolow aber, von dem 
Nikolai glaubte, daß er bestimmt war, Begründer einer neuen 
Dynastie zu werden, wurde unter dem Verwände militärischer 
Unzulänglichkeit, wie wir in anderem Zusammenhange noch aus- 
führlicher erzählen werden, aus Amt und Stellung gedrängt und 
bis an sein Lebensende von aller Teilnahme am öffentlichen Leben 
ferngehalten. Erfolglos blieben die Bemühungen, sich der Person 
Nikolai Turgenjews zu bemächtigen'), der im Auslande weilte. 
Eine Auslieferung war nicht zu erlangen, und den Geleitbrief, den 
Turgenjew forderte, wenn er sich freiwillig der Untersuchungs- 
kommission stellen solle, wollte der Kaiser ihm nicht gewähren. 
So ist er denn jenseit der russischen Grenzen geblieben in Eng- 
land, Frankreich, Deutschland, jedoch ohne sich der Heimat zu ent- 
fremden: der erste Russe, der als Emigrant durch seine politisch- 
literarische Tätigkeit auf die inneren Verhältnisse Rußlands einzu- 
wirken versucht hat. Aber er ist allezeit auf dem Boden der 
Wirklichkeit und des Möglichen geblieben, kein Utopist und kein 
Revolutionär, wie die große Mehrzahl der späteren russischen 
Emigranten, sondern ein Staatsmann, der unter anderen Verhältnissen 
der Reformator Rußlands hätte werden können. 

Die Untersuchungskommission hat fünf Monate lang ihres Amtes 
gewaltet, und diese ganze Zeit über haben die Gefangenen in den 
Kasematten der Peter-Paulsfestung, die meist kompromittierten im so- 
genannten Alexejewschen Ravelin, einer Festung in der Festung, ver- 
bracht. Das Verfahren war, wie bei den ersten Verhören im Winter- 
palais, teils ein schriftliches, teils ein mündliches. Beide Verfahren 
widersprachen allen Grundsätzen einer geordneten Rechtspflege. Die 
schriftlich zu beantwortenden Fragen waren darauf angelegt, die Ange- 
klagten zur Selbstbeschuldigung und zur Denunziation ihrer Mitschul- 
digen zu veranlassen, das mündliche Verhör legte ihnen Fallstricke 
durch die Art der Fragestellung und durch die Vorspiegelung oft will- 
kürlich erfundener angeblicher Geständnisse ihrer Genossen. Um Mitter- 
nacht, ohne vorherige Ansage, öffneten sich den Gefangenen die Tore 
ihres Kerkers. Man verdeckte ihnen das Gesicht und führte sie über 
die Fallbrücke des Alexejewschen Ravelin und dann schweigend 
durch die Treppen, Korridore und Höfe der Festung, bis sie 
endlich im Sitzungssaal der Untersuchungskommission sich befanden. 



*) Auch Jacob Tolstoi, der in Paris weilte, entging dem Gericht. 



Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 73 

Nahm man ihnen nun die Binde von den Augen, so standen sie 
geblendet vor der Versammlung jener Würdenträger, die ihren 
Eifer durch listige Überrumpelung der Angeklagten zu betätigen 
suchten. Die Fragen, die ihnen vorgelegt wurden, gingen um Leben 
und Tod. Man mußte sofort und mit größter Umständlichkeit 
antworten. Die Richter stellten die Gnade des Kaisers bei voller 
Aufrichtigkeit in Aussicht, ganz wie Nikolai selbst es getan hatte, 
dasselbe versicherte der Priester, den man ihnen in den Kerker 
schickte und dessen Aussagen dann in den Protokollen der Kom- 
mission als schweres Belastungsmaterial dienten. Man schrie sie 
an, kurz, es wurde nichts unterlassen, um Belastung anderer und 
Preisgebung des eigenen Geheimnisses zu erreichen. Wer schwieg, 
weil er nichts zu gestehen hatte oder nicht Angeber sein wollte, 
wurde in seiner Kasematte mit Entziehung des Lichts oder Minderung 
der Nahrung bestraft. Man ängstigte sie durch ärztliche Unter- 
suchungen, die scheinbar bestimmt waren festzustellen, ob sie eine 
schwere körperliche Züchtigung ertragen könnten. Namentlich 
scheint die Aussicht auf die verheißene kaiserliche Gnade für die 
rückhaltlos Aufrichtigen verwirrend gewirkt zu haben. Lange 
Unterredungen, die vor vielen Jahren stattgefunden hatten, wurden 
ausführlich wiedererzählt, und aus der naturgemäß unzuverlässigen 
Wiedergabe dieser Gespräche das Material zu neuen Verhören und 
neuen Quälereien genommen. Viele konnten diese psychische 
Marter nicht ertragen und verloren darüber den Verstand, wie 
Andrejewitsch, Fuhrmann, Fahlenberg, Branitzky, Vogt; andere 
starben, wie Bulatow, der freiwillig verhungerte, und Poliwanow. 
Dagegen mußte die Kommission aus dem Munde der Gefangenen 
oft bittere Wahrheiten hören. Nicht nur wurden von ihnen 
mit rücksichtsloser Schärfe die Schäden des alexandrinischen Re- 
giments bloßgelegt, sie scheuten sich nicht darauf hinzuweisen, 
daß unter jenen Untersuchungsrichtern Personen waren, die am 
Untergange Peters IIL und Pauls mitgewirkt hatten^). Aber das 
trug natürlich nur dazu bei, das Schicksal der Angeklagten zu 



*) So Sawalischin Memoiren II 37. Von welchem seiner Richter er glaubte, 
daß er an dem Untergang Peters III. teil hatte, habe ich nicht feststellen 
können. Die Tatsache scheint zweifelhaft. Alexandre Murawjew: Mon Jour- 
nal S. 175. An der Ermordung Pauls waren Tatischtschew und Kutusow 
beteiligt. 



74 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

verschlimmeru. Wo widersprechende Aussagen einander gegenüber- 
standen, erfolgten Konfrontationen, doch kam es auch vor, daß sie 
verweigert wurden. Überhaupt ist der Gesamteindruck der regel- 
loser Willkür, juristischer Unbildung und, wie namentlich im Ver- 
halten des Generals Tschernyschew, offener Niedertracht'). Unter 
den Dekabristen hat es freilich auch nicht an kläglicher moralischer 
Schwäche gefehlt. Die Angst um das liebe Leben ließ alle an- 
deren Regungen zurücktreten. Das gilt zumal von den drei haupt- 
sächlichsten Leitern der Verschwörung: Trubetzkoi, Rylejew, 
Pestel, dazu von Obolenski und von Kachowski. Man kann 
es erklären und entschuldigen, aber diese Männer verherrlichen 
kann nur blinde Voreingenommenheit'). Im Grunde war das 



') Alex. Murawjew 1. 1. S. 175. In der Verdammung des Verhaltens 
You Tschernyschew stimmen alle näheren Berichte überein. Kr betrieb die 
Verurteilung seines Vetters Sachar Tschernyschew, um dessen Majorat an 
sich zu reißen. Bilbassow: Mordwiuow Archiv Bd. VIL S. VI — VII. 

') Wir besitzen einen Brief Pesteis, geschrieben in den Kasematten am 
31. Januar 1826 an den Generaladjutanten Tschernyschew. Der Unglückliche 
glaubte noch damals nicht nur sein Leben, sondern seine Freiheit zu erhalten. 
Man fühlt beim Lesen die Todesangst nach, die ihn erfüllte. „Voila dix-huit 
jours de passes, depuis que j'ai eu Thonneur de vous voir pour la derniere 
füis et en voila ciuquante que je suis arrete. Ce temps a ete pour moi une 
t'ternite. J'ai compte les heures, j*ai compte les minutes. Vous n^avez pas 
dMdoe comme elles sont terribles les angoisses de la prison, et comme eile est 
horrible Tincertitude de son sort. Sa Majeste TEmpereur a voulu que je dise 
tout avec la plus grande franchise: je Tai fait avec une plenitude entiere et 
complete. Je n'ai rien cache, mais absolument rien. J^ai non seulement 
repondu avec la plus stricte et la plus exacte verite u toutes les questions, 
mais encore j*ai de moi-meme annonce tout ce que j*ai seulement pu rappeler 
a ma memoire. J'ose me flatter que Sa Majeste TEmpereur aura ete contento 
de moi sous ce rapport. J'ai voulu roontrer par la a Sa Majeste toute la 
sinci'rite de mes sentiments actuels. C'est le seul moyen que j^avais de lui 
prouver le chagrin cuisant et profond que jVprouve d^avoir appartenu ä la 
societti secrete. Croyez, mon general, que ce chagrin me navre de douleurs 
et de soufTrances continuelles: heureux du moins de n'avoir pris part ä 
aucune action. . . . Je ne puis pas me justifier devant Sa Majeste, aussi je 
ne cherche pas a le faire : je ne demande que griice. . . . Chaque moment de 
mon existence sera consacre a Une reconnaissance et un attachement sans 
bornes pour sa personne sacree et son auguste famille. Je sens bien que je 
ne puis pas rester au Service, mais du moins si Ton me rendait la liberte." . . . 
Mir liegt auch die erste schriftliche Aussage Pesteis vor. Er hat 
schonungslos alle seine Kameraden preisgegeben. 



Kapitel II. Der IA./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 75 

Schicksal aller bereits mit Abschluß der Arbeiten der Unter- 
suchungskommission entschieden. Das oberste Kriminalgericht, dem 
der Kaiser durch einen Ukas vom 1. Juni 1826 die Aufgabe 
zuwies, auf Grund dieses Materials Schuld und Strafe der einzelnen 
zu fixieren, war, recht betrachtet, eine große Schaustellung, die 
dem unregelmäßigen Vorverfahren nachträglich den Charakter einer 
unparteiischen Gerechtigkeit verleihen sollte. 

Zum Vorsitzenden dieses Gerichts hatte der Kaiser den Wirkl. 
Geheimen Rat Fürsten Lopuchin, zu seinem Stellvertreter den 
Fürsten Kurakin ernannt. Der Justizminister sollte die Obliegen- 
heiten eines Generalstaatsanwaltes übernehmen. 

Als Richter fungierten sämtliche Mitglieder des Reichsrats, des 
Senats, des heiligen Synod und eine Reihe von Würdenträgern, 
die der Kaiser ad hoc ernannt hatte: der Wirkl. Geheime Rat 
Graf Golowkin, General Graf Langeron, Baron Stroganow, General- 
adjutant Woinow, Ingenieur General Opperraan, die Generaladju- 
tanten Graf de Lambert, Senjawin, Borosdin, Paskiewitsch, General- 
leutnant Emanuel, Generaladjutanten Graf Komarowski, Baschutski, 
Zakrewski, Bistramb und der Senator des Moskauer Departements 
Geheimer Rat Kuschnikow, im ganzen 72 Personen, unter denen 
wir als Mitglied des Reichsrats auch Sperauski finden, der vor 
15 Jahren die Verfassung ausgearbeitet hatte, mit der damals 
Alexander ganz Rußland zu beglücken dachte! Den Mitgliedern des 
hohen Gerichts war eine von dem Generalstabschef Baron Diebitsch 
verfaßte Geschäftsordnung vorgeschrieben worden, die höchst 
charakteristisch ist und deren Kenntnis zu richtigem Verständnis 
des Ausganges unerläßlich ist. Die im Senat stattfindenden Sitzun- 
gen sollten mit Verlesung des Allerhöchsten Manifests über Ein- 
setzung des „obersten Kriminalgerichts'^ und der anschließenden 
Ukase an Senat und Justizminister eröffnet werden. Danach hatte 
der Justizminister die Akten der Untersuchungskommission in ihrem 
vollen Umfange verlesen zu lassen, ohne daß dabei irgendwelche 
Unterbrechung erlaubt war. War das geschehen, so hatte das 
Gericht auf die Frage zu antworten, in welcher W^eise die vom 
Gesetz verlangte Beglaubigung der erfolgten Untersuchung vor sich 
gehen solle. Werde nach früherem Gebrauch eine Revisionskom- 
mission für notwendig erachtet, so sei sie aus der Zahl der Mit- 
glieder zu wählen. Endlich sollten Fragen, welche der Vorsitzende 
an das Gericht stellte, entweder einstimmig oder mit einfacher 



76 Kapitel II. Der 14./*26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

Majorität beantwortet werden, wobei abweichende Vota auf Verlangen 
protokolliert werden durften. Die Sitzungen dieses hohen Gerichts 
wurden mit Verlesung der für Maj es täts verbrechen und Meuterei 
geltenden Gesetze eröffnet. Sie beginnen mit der Uloshenije des 
Zaren Alexei Michailowitsch vom Jahre 1649, die eine andere als 
die Todesstrafe für derartige Verbrechen nicht kennt und deren 
Paragraphen eintönig in den Refrain ausmünden: und einen 
solchen Verräter soll man hinrichten ohne jede Barmherzigkeit. 
Dann folgt der Artikel 19 eines Ustaws Peter I. vom Jahre 
1716, der, den besonderen Liebhabereien des großen Tyrannen 
Rechnung tragend, Vierteilung der Verbrecher und Einziehung 
ihres Vermögens befiehlt und dazu ausdrücklich bestimmt, daß 
die gleiche Strafe auch alle diejenigen treffen soll, „die zwar 
ein solches Verbrechen nicht ausgeführt, aber den Willen 
oder die Absicht dazu gehabt oder davon gewußt und es nicht 
angezeigt haben^. Auch solle die gleiche Strafe alle diejenigen 
treffen, welche die kaiserliche Familie (Kaiserin und Thronerben) 
mit ihren Anschlägen bedrohen. Beleidigende und tadelnde Worte 
oder Schriften sind mit dem Tode zu bestrafen, jede Art Meuterei 
mit dem Galgen. Der Marine-Ustaw vom Jahre 1720 wiederholt 
dieselben Strafandrohungen; das geistliche „Reglement* vom 
25. Januar 1721 verpflichtet die Beichtväter zur Anzeige und be- 
droht sie im Falle der Unterlassung mit Todesstrafe und Güter- 
einziehung. 

Der Ukas vom 10. April 1730 setzt wieder, ohne des Vier- 
teilens zu erwähnen, als Strafe: den Tod ohne jedes Erbarmen; 
die Kaiserin Elisabeth beseitigte dann in praxi die Todesstrafe und 
setzte statt dessen „starke Bestrafung mit der Knute, Ausschneiden 
der Nasenflügel, Brandmarkung und Verschickung in die Berg- 
werke". 

Das sich in der Reihenfolge nunmehr anschließende Manifest 
Peters III. vom 21. Februar 1762 bedeutet insofern eine AVendung 
in der Praxis des russischen Kriminalrechts und der Ilochverrats- 
prozesse im besonderen, als es die berüchtigte „Geheime Kanzlei 
in Kriminalsachen" aufhob und damit tatsächlich die Folter be- 
seitigte^), auch die Denunziationen auf Hochverrat, wie sie bisher 



Formell ist sie von Katharina IT. durch die ükase vom 15. Januar 1763 
und vom 11. November 1767 erst in den Gerichten der Kreisstädte aufgehoben» 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 77 

durch die furchtbaren Worte: slowo i djelo (Wort und Tat) von 
jedermann erhoben werden konnten, ausdrücklich beseitigte. Die 
guten Absichten Peters und die scheinbare Weichherzigkeit der 
Kaiserin Elisabeth wurden jedoch von Katharina II. wieder un- 
wirksam gemacht. 

Den Mitgliedern des „hohen Gerichts^ lagen Manifeste und 
Sentenzen der Kaiserin vor, aus denen sich ergibt, daß sie die 
Gesetze Peters des Großen als noch in voller Kraft bestehend ansah. 
Am 24. Oktober 1762 begnadigte sie den Leutnant Peter Chruscht- 
schow, „obgleich nach allen Staatsgesetzen man ihn . . . vierteilen und 
ihm danach das Haupt abschlagen müßte^, zur Verbannung nach 
Kamtschatka, am 19. September 1764 den Unterleutnant Wassili 
Mironitsch (der den unglücklichen Zaren Iwan Antonowitsch be- 
freien wollte), „obgleich man ihn wegen der Wichtigkeit seines 
Verbrechens hätte vierteilen müssen", zur Enthauptung. 

Die volle Barbarei des russischen Strafrechts aber kam in der 
Sentenz vom 10. Januar 1775 gegen Pugatschew und seine Ge- 
nossen zur Anwendung, ohne daß die Kaiserin Gnade hätte walten 
lassen. Auch diese Sentenz war dem „hohen Gericht" zur Richt- 
schnur und als geltendes Recht vorgelegt worden: Pugatschew ge- 
vierteilt, sein Haupt auf den Pfahl gesteckt, die zerrissenen Glieder 
in vier Stadtteilen aufs Rad geflochten und danach dort verbrannt, 
sein Hauptvertrauter Perfiljew in Moskau gevierteilt, sein Liebling, 
der falsche Graf Tschernyschew, enthauptet, danach der Kopf ge- 
pfählt, der Körper mit dem Schafott verbrannt, drei andere gehängt, 
fünf geknutet, die Nasenflügel aufgerissen, Stirn und Backen ge- 
brandmarkt und endlich in die Bergwerke verschickt, wieder drei 
gestraft wie die vorigen ohne Brandmarkung, und so fort, wobei 
noch in Betracht zu ziehen ist, daß alle diese Leute während der 
Untersuchung gefoltert worden sind. Der nun folgende Entwurf 
der Kaiserin für eine neue Krimiualordnung (20. Juli 1767) ist 
nie verwirklicht worden und verlor schon dadurch an Bedeu- 
tung, daß er älter war als die Sentenz über Pugatschew und 
Genossen. Die humanen Grundsätze, die Katharina hier ausspricht, 
konnten demnach nur geringen Eindruck machen. Auch hier hielt 



dann in den Qouvernementsgerichten erschwert worden. Die „unglückliche 
Notwendigkeit^, sie in besonderen Fällen anzuwenden, hat sie ausdrücklich 
anerkannt 



78 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

jedoch die Kaiserin an der Notwendigkeit der Todesstrafe ent- 
schieden fest. 

Von Katharina wird dann nur noch der dem russischen Adel 
verliehene Gnadenbrief vom 21. April 1785 aufgeführt, der die Ver- 
brechen herzählt, welche den Verlust des Adels nach sich ziehen, 
und ausdrücklich betont, daß der Adel keiner Körperstrafe verfällt 
und daß Erbgüter auf den rechtmäßigeo Erben des Verurteilten 
übergehen. Es berührt alledem gegenüber überraschend, wenn 
sich an die Reihe dieser Ukase ein Ukas Kaiser Pauls I. vom 
20. April 1799 anschließt, der die auf Grund der allgemeinen 
Reichsgesetze bestehende Aufhebung der Todesstrafe auch auf die- 
jenigen Gouvernements ausdehnt, in denen Kraft alter Privilegien 
anderes R«cht galt. 

Diese gewiß merkwürdige Sammlung der in Anwendung zu 
bringeoden Gesetze schließt mit einem Auszuge aus dem Journal 
des Reichsrates vom 16. November 1814, durch welches bestimmt 
wird, daß das vom Kaiser aus Anlaß des Friedensschlusses er- 
lassene Gnadenmanifest Verbrechern, die zum Tode verurteilt seien, 
nur insofern zugute kommen dürfe, als ihnen die der Hinrichtung 
vorausgehende Körperstrafe zu erlassen sei!^) 

Man kann wohl die Frage aufwerfen, welchen Schluß die Mit- 
gieder der Kommission aus den schreienden Widersprüchen dieser 
Gesetzesstellen ziehen sollten. Galt die Todesstrafe zu recht? Und 
wenn das der Fall war, welche Form der Todesstrafe durfte in An- 
wendung kommen? Vierteilen, Hängen, Köpfen oder, wo es sich 
um Militärs handelte, das Standrecht? Alles war möglich, und die 
Entscheidung hing ab von der Umsicht oder, sagen wir besser, von 
der Willkür jener Richter, deren ungeheuere Mehrzahl ohne jede 
juristische Bildung war, und deren Phantasie durch die Aufzählung 
der entsetzlichen Sentenzen früherer Jahre vergiftet sein mußte! 

Nach Beendigung dieser Rechtsbelehrung wurde dem hohen 
Gericht der Bericht der Revisionskommission vorgelegt. Man hatte 
sich aber nicht bemüht, eine besondere Ausarbeitung fertigzustellen, 
sondern, da der Kaiser drängte, die zur Publikation in den Zei- 
tungen von einem Beamten des Auswärtigen Amtes, dem Wirkl. 

*) Das Gericht erhielt noch auf besonderem Blatt eine Ergänzung lu 
jenen Gesetzen, die wesentlich Deserteure und Meuterer betrifft und die Kriegs- 
artikel von) 12. Januar 1812 für die aktive Armee enthält, die selbshrerständ- 
lich überall mit der Todesstrafe operieren. 



Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 79 

Staatsrat Bludow, ausgearbeitete Darstellung vorgelegt. Sie war 
darauf berechnet, im Publikum und im Auslande die Vorstellung 
von der Ruchlosigkeit der Vei*schworenen und zugleich von dem 
Unsinnigen ihres Unternehmens recht lebendig hervoi-zurufen, und 
überging natürlich alles, was sie zu ihrer Verteidigung vorgebracht 
hatten, vor allem die Motive ihres Handelns und die Zeichnung der 
Zustände, die sie hatten beseitigen w^ollen. Wo unlösbare AVider- 
sprüche der Aussagen einander gegenübergestanden hatten, war die 
Hand des Redaktors ausgleichend und verwischend über sie hinweg- 
gegangen, so daß das eigentliche Bild des historischen Zusammen- 
hanges sich kurzweg als gefälscht bezeichnen läßt. Auch über den 
Umfang der Verschwörung gewann man eine falsche V^orstellung; 
denn das Interesse der Regierung verlangte, die Zahl der Ver- 
schworenen möglichst geringfügig erscheinen zu lassen. Wir kenneu 
weder genau die Zahl der wirklichen Mitglieder der beiden großen 
Geheimbünde, noch auch die Zahl derjenigen, die im Laufe jener 
fünf Monate zur Untersuchung ihres Verhaltens herangezogen worden 
sind. Jedenfalls war sie weit größer als die der Verurteilten, noch 
größer aber die Zahl der überhaupt nicht offiziell verdächtigton, 
aber heimlich unter Aufsicht der Polizei stehenden Offiziere*). 

Vor den „hohen Gerichtshof" wurden nur 121 Personen ge- 
stellt und in erstaunlich summarischer Weise in der Zeit vom 3. Juni 
bis zum 12. Juli 1826 ist das Verfahren zum endgültigen Abschluß 
gebracht worden. Nach Verlesung des Bludowschen Berichts und 
der Aussagen der Angeklagten erklärte der Gerichtshof, daß es un- 
möglich sei, die Arbeit der Untersuchungskommi^^sion vor dem Plenum 
zu verifizieren. So begnügte man sich, eine Revisionskommission 
von neun Personen zu wählen (drei Mitglieder des Reichsrats, drei 
Senatoren und drei von den übrigen Mitgliedern des Gerichts). Diesen 
wurden die Akten der Untersuchungskommission zur Nachprüfung 
überwiesen. Sie wiederum gaben sich damit zufrieden, festzustellen, 
daß die Unterschriften unter den Protokollen der Untersuchungs- 

^) Der Dekabrist Sawalischin, dessen Angaben weit mehr Beachtung ver- 
dienen, als ihnen bisher zuteil geworden ist, sagt, es seien 2500 Mann wegen Be- 
teiligung am Aufstande des 14. Dezember oder an der Erhebung der Tscber- 
nigower in Untersuchung gezogen worden. Tatsache ist, daD eine lange Reihe 
administrativer Maßregelungen stattgefunden und noch während des Türken- 
kriegs 1828/29 ein sehr beträchtlicher Prozentsatz der aktiven Offiziere unter 
Aufsicht der geheimen Feldpolizei stand. 



80 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

kommission authentisch und freiwillig abgegeben waren, und rich- 
teten dann noch die Frage an die Angeklagten, ob Konfrontationen 
stattgefunden hätten. Es fand weder ein Verhör noch eine Ver- 
handlung statt. Verteidiger gab es nicht, und selbst der Hinweis 
der Angeklagten darauf, daß ihre Aussagen nicht vollständig auf- 
genommen seien und daß in den Akten wichtige Dokumente 
fehlten, blieb ohne jede Berücksichtigung^). 

Die üngenauigkeiten und Fehler der Untersuchungskommission 
wurden unverändert übernommen. Es war eine leere Formalität, 
der Schein einer Revision, und zwei Tage reichten aus, das ganze 
Geschäft zu erledigen. Dann wurde eine neue Kommission von 
neun Mitgliedern gewählt, um die Angeklagten nach dem Grad 
ihrer Verschuldung zu verschiedenen Kategorien zusammenzufassen. 
Es waren die Mitglieder des Reichsrats General der Infanterie Graf 
P. A. Tolstoi, der Generaladjutant I. W. AVassiltschikow und Spe- 
ranski, die Senatoren General Kutaissow, Baranow und Engel, 
endlich der Moskauer Senator Kuschnikow, Baron G. A. Stroganow 
und der Generaladjutant Graf Komorowski. Von ihnen standen 
Speranski und Baranow unter geheimer polizeilicher Aufsicht. Ni- 
kolai wollte sie offenbar nötigen, sich recht nachdrücklich von den 
ihnen zugeschriebenen liberalen Anschauungen loszusagen. In 
dieser Kommission, die bis zum 28. getagt hat, ist nun in der 
Tat um das Schicksal jedes einzelnen, wie um da^ Strafmaß über- 
haupt, lebhaft gestritten worden. Da die Angeklagten sämtlich 
dem russischen Adel angehörten, viele den ersten Familien des 
Landes, machten sich Einflüsse geltend, um einzelneu ihr Los 
möglichst erträglich zu gestalten. Wie immer in Rußland, haben 
Geld und Protektion auch hier einen großen Einfluß ausgeübt, sie 
haben zu Verschiebungen geführt, die nur möglich waren, wenn 
mit zweierlei Maß gemessen wurde. 

Die Verteilung der Angeklagten in die verschiedenen Katego- 
rien war in zahlreichen Fällen eine durchaus willkürliche, wobei 
unzweifelhaft die den Kommissaren bekannten Ansichten und Ab- 
sichten des Kaisers sehr wesentlich mitgespielt haben; nur so läßt 
es sich erklären, daß die Fürsten Trubetzkoi und Obolenski nicht 
der Kategorie der Meistschuldigen zugezählt wurden. Die Klassi- 
fizierung und die Festsetzung des Strafmaßes der Angeklagten ergab, 



») Sawalischin 1. 1. II S. 53. 



Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 81 

daß von den 121 PersoDon, die dem hohen Gerichtshof überwiesen 
waren, nach den geltenden Gesetzen alle mit dem Tode zu be- 
strafen seien '), da jedoch Abstufungen der Schuld unverkennbar 
beständen, erlaubte sich das Gericht, dem Kaiser für den Fall, daß 
er einigen, trotz der Klarheit der gesetzlichen Bestimmungen, das 
Leben schenken wolle, auch für die Minderschuldigen andere 
Strafen in Vorschlag zu bringen. Als Meistschuldige aber wurden 
fünf, Pestel, Rylejew, Ssergej Murawjew, Bestushew Rjumin und 
Kachowsky, außerhalb aller Kategorien gestellt und lür sie Vierteilung 
beantragt. Das hohe Gericht empfahl ferner 31 Personen, an ihrer 
Spitze Trubetzkoi und Obolenski, zum Tode durch Enthauptung, 17 
zum politischen Tode und ewiger Zwangsarbeit, 2 zu ewiger Zwangs- 
arbeit, 38 Personen zum Verlust aller Standesrechte, zu zeitlich 
begrenzter Zwangsarbeit und danach zur Ansiedlung in Sibirien, 15 
Personen zum Verlust der Standesrechte und zu ewiger Ansiedlung 
3 zur ewigen Verbannung nach Sibirien, 1 zum Verlust der Standes- 
rechte und zur Degradierung zum Gemeinen, mit dem Recht des 
Avancements, endlich 11 zu derselben Strafe, ohne Verlust ihres 
Adels. 

\ Der Admiral Mordwinow hatte weit mildere Strafen in Vor- 
schlag gebracht. Auch er war dafür, die fünf erstgenannten und 
außerdem als Gleichschuldige die Fürsten Trubetzkoi') und Obo- 
lenski, also die eigentlichen Führer, außerhalb aller Kategorien zu 
stellen, was wohl so zu verstehen ist, daß er ein Todesurteil 
als die ihnerijfLgebnhrende Strafe für gerecht empfand. Die dann 
folgende erste Kategorie wollte er mit Verlust von Rang und Adel 
und ewigem Gefängnis in Sibirien bestraft wissen, die zur zweiten 
Kategorie Gezählten mit Verlust von Rang und Adel nach Sibirien 
verschicken, die Schuldigen dritter Kategorie nach Sibirien ver- 
bannen, die übrigen teils zu Soldaten degradieren, teils auf ihre 
Güter verschicken, die Mindestschuldigen mit drei bis einem Jahr 
Festung bestrafen. 



^) Bei der Abstimmung hatten die Geistlichen (es waren die hinzugezo- 
genen Mitglieder des heiligen Synod) kein Votum abgegeben. 

') In den Papieren des späteren Feldmarschalls Paskiewitsch, der gleich- 
falls als Richter fungierte, findet sich die Notiz, daß nur ^ß Stimmen für 
die Todesstrafe Trubetzkois abgegeben wurden, es müssen also sechs Mitglieder 
dagegen gestimmt haben, conf. Schtscherbatow: Generalfeldmarschall Paskie- 
witsch, Bd. I, S. 391. 

Schiemann, Geschichte RaßUnds. ü. 6 



S2 Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

Damit wäre gewiß genug geschehen, und ein solches Urteil 
hätte auch die Billigung der öffentlichen Meinung des Landes um 
so mehr gefunden, als jedermann wußte, daß die Regierung ab- 
sichtlich zahlreichen Gleichschuldigen gegenüber beide Augen ge- 
schlossen und sich mit ihrer heimlichen Beaufsichtigung begnügt 
hatte. Aber Mordwinow drang nicht durch, und es blieb beim 
Spruch der Majorität des hohen Gerichts. Die Formulierung und 
Rechtfertigung dieses Urteils war Speransky übertragen worden, 
von dem wir nicht wissen, wie er gestimmt hat, der aber seiner 
ganzen politischen Vergangenheit nach das Urteil nicht billigen 
konnte. Aber wir kennen die Charakterschwäche des Mannes: 
wie er sich bereit gefunden die Araktschej ewschen Militärkolonien 
zu preisen, so nahm er jetzt auch keinen Anstand, die harte 
Verurteilung von Männern zu vertreten, deren Schuld zum Teil 
nur in Worten und Gedanken bestand, wie er sie selbst oft genug 
ausgesprochen und gehegt hatte. 

Als der Spruch des hohen Gerichts dem Kaiser vorgelegt 
wurde, hat niemand daran gedacht, daß er in vollem Umfange 
ausgeführt werden könnte. Die Strafe des Vierteilens konnte un- 
möglich im 10. Jahrhundert in Anwendung kommen. Es war eine 
Schmach, daß sie überhaupt in Vorschlag gebracht wurde. Man 
rechnete darauf, daß Nikolai milde sein werde, und in der Tat 
hat er Gnade geübt. An die Stelle des Vierteilens wurde der Tod 
am Galgen gesetzt*), den 31 zum Tode Verurteilten schenkte er 
das Leben, sie wurden zu ewiger Zwangsarbeit in den sibirischen 
Bergwerken verurteilt, und entsprechend wurden auch die Strafen 
in den meisten der anderen Kategorien gemildert. Am 12. Juli 
begaben alle Mitglieder des hohen Gerichts sich in die Peter-Pauls- 
festung, und dort, in der Wohnung des Kommandanten, wurde 
das Urteil erst den fünf, dann den übrigen mitgeteilt. Sie haben 
es bis auf einen, der, wie sich herausstellte, wahnsinnig geworden 



1) Es ist neuerdings ein Schreiben Diebitschs vom 10. Juli 1826 an den 
Fürsten Lopuchin veröffentlicht worden (Byloje, Februar 1906, S. 212), das 
keinen Zweifel darüber läßt, daß der Kaiser diese Todesstrafe von sich aus 
bestimmt hat, aber die Verbäugung derselben, dem Gericht zuwies, dem er 
ausdrücklich die Vollmacht erteilte, über die fünf endgültig zu entscheiden, 
ohne daß eine Bestätigung durch ihn selbst weiter erforderlich sein sollte. 
Zugleich erklärte er aber, daß er weder das Vierteilen, noch Erschießen oder 
Köpfen gestatte. So blieb nur das Erhängen übrig. 



Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 83 

war, ruhig hingeDoramen. Arzt und Geistliche, die man vorsorg- 
lich bereit gehalten hatte, wurden nicht in Anspruch genommen. 
Und doch hatte keiner der Verurteilten eine Ahnung davon gehabt, 
daß bereits der Spruch über sie gefällt sei*). Sie wußten nicht 
einmal von der Einsetzung des hohen Gerichtshofes und hatten ge- 
meint, daß die letzten Verhöre, denen man sie unterzogen hatte, 
nur weitere Ausläufer jener Untersuchungskommission waren, vor 
der sie schon so oft gestanden hatten. 

Die Degradierung der Verurteilten fand in der Peter-Pauls- 
festung auf dem Wall des Kronwerks statt, im Angesicht der be- 
reits aufgerichteten Galgen unter großen Vorsichtsmaßregeln. Ein 
aus Finnland verschriebener Henker riß ihnen die Epauletten und 
Uniformen ab und zerbrach darauf den Degen über ihrem Kopfe. 
Dann wurden sie zur Peter-Paulsfestung zurückgeführt, und erst 
danach fand die Hinrichtung der fünf statt. Pestel und Kachowsky 
waren sofort tot. Dagegen rissen die Stricke, welche Rylejew, Mu- 
rawjew und Bestushew trugen, und die durch den Sturz schwer 
Verletzten mußten den Todeskampf zum zweitenmal erdulden. Erst 
in der darauffolgenden Nacht wurden die Leichen vom Galgen ab- 
genommen und auf einer der anliegenden Newainseln (wahrschein- 
lich auf Golodai) verscharrt. 

*d^Dio Degradation der verurteilten Marineoffiziere wurde in 
Kronstadt vollzogen, und als alles vollendet war, wurden die nun- 
mehrigen Sträflinge durch Feldjäger, in Abteilungen von je vier 
Mann, an ihren Bestimmungsort geschafft. Auch hier fanden Will- 
kürlichkeiten statt. Norow, Batenkow, W. Küchelbecker und Diwow 
wurden nicht, wie ihr Spruch lautete, verschickt, sondern in die 
Festung, in Einzelhaft, gesperrt. Dort hat Batenkow 15 Jahre 
lang gesessen, und Norow ist im Gefängnis gestorben. Ihr 
Los war zweifellos härter, als das der zu Arbeit in den Berg- 
werken und zur Ansiedlung in Sibirien Verurteilten. Wir wissen 



*) Das ist vielfach bezeugt, unter anderem in der vortrefflichen Publi- 
kation: Soziale Bewegungen in Rußland in der ersten Hälfte des 19. Jahr- 
hunderts, Bd. I, die Dekabristen von Wisin, Obolenski, Steinheil. ed. Sseraew- 
«ki, Bogutscharski. Schtschegolew 1. 1. 4®, Petersburg 1905, S. 416 (Steinheil 
^Ich versichere eidlich, daß ich bis zur Verkündigung der Sentenz weder wußte 
noch ahnte, daß über uns zu Gericht gesessen wurde"). Auch er glaubte, daß 
es sich um Fortsetzung der Untersuchung handele. Das gleiche bezeugen 
auch Rosens Memoiren, russische Ausgabe S. 140. 



84 Kapitel II. Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 

jetzt ^), daß das Schicksal der letzteren verhältnismäßig güustig sich 
gestaltete. Einzelne von ihnen verfügten über große Geldmittel, und 
das half ihnen über die Strenge der gesetzlichen Bestimmungen und die 
Ungunst der Verhältnisse hinweg. Vielen folgten ihre Frauen, ob- 
gleich der Kaiser auf jede Weise bemüht war, sie davon abzu- 
bringen, und die in Sibirien geborenen Kinder für illegitim erklären 
ließ. Sie sind erst nach Jahrzehnten legalisiert worden. Im all- 
gemeinen galt nach russischem Gesetz die Ehe durch die Verurtei- 
lung des Mannes für gelöst. Aber nur drei der Dekabristenfrauen 
haben davon Gebrauch gemacht und sich wieder verheiratet'). 

Für die Geistesrichtung der Dekabristen ist ungemein bezeich- 
nend, daß sie fast ausnahmslos tief religiös gestimmt waren. Aber 
diese Religiosität trug einen ^eigentümlichen, man könnte sagen 
sektiererischen Charakter spezifisch russischer Art, der in anderer 
Färbung in der revolutionären Bewegung Rußlands bis in die Ge- 
genwart hinein wiederkehrt. Es ist die Rechtfertigung der ver- 
brecherischen Tat durch das ideale Ziel, um dessentwillen die Tat 
begangen wurde, also im letzten Ende das Bekenntnis zum Satz, 
daß der Zweck die Mittel heilige. Ssergej Murawjew Apostel kann 



I) Das beweisen die doch sehr merkwürdigen Angaben in den Memoiren von 
Sawalischin Bd. II, S. 83ff., 101 IT. Truhetzkoi und Wolkonski hatten je 25 
leibeigene Bediente; an Geld fehlte es nie. In eine einzige Kasematte in 
Tschita flössen gegen 400000 Rubel jährlich. Die Arbeit wurde durch be- 
zahlte Arbeiter besorgt. Viele verschrieben sich aus Rußland ihre Bibliotheken, 
80 daß in Petrosawodsk schließlich gegen 500000 Bände beisammen waren!! 
Darunter waren fast alle in Rußland verbotenen Bucher zu finden, auch an 
Zeitungen fehlte es nicht. Die Sträflingskolonie hatte sich nicht weniger als 
acht Fortepianos aus Rußland kommen lassen usw. Wirklich schwer waren 
die vier ersten Jahre und das Schicksal einzelner Unbemittelter. 

*-; Wir verfolgen die Geschichte der Dekabristen nicht weiter. Es hängt 
viel verherrlichende Legende an ihr. So hohe Anerkennung das Verhalten 
einzelner von ihnen in den Jahren der Gefangenschaft und der sibirischen 
Nöte verdient, der menschlichen Schwäche haben die meisten ihren vollen 
Tribut gezollt. Was sie aufrecht erhielt, war das sich steigernde Bewußtsein, 
als Märtyrer eines politisch-idealen Gedankens eine unzweifelhaft in ihrer 
beabsichtigten Härte ungerechte Strafe zu tragen. Aus dieser Oberzeugung 
heraus sind die Memoiren der Dekabri^iteu geschrieben. Sie sind nur mit 
Vorsicht zu benutzen. Erst durch Sawalischin haben wir die außerordentlich 
günstigen äußeren Bedingungen kennen gelernt, unter denen sie lebten. Alle 
übrigen Memoirenschreiber haben diese doch sehr wichtige Tatsache ver- 
schwiegen. 



Kapitel IL Der 14./26. Dezember und die Niederwerfung usw. 85 

in dieser Hinsicht als Typus gelten. Es hat sich eine Eintragung 
erhalten, die er, nachdeih ihm das Todesurteil verkündigt war, in 
seiner Bibel machte. Sie lautet: „Die Absicht allein bedingt 
die Schuld. Taten, soweit sie bloß Taten sind, beweisen nichts, 
denn man kann mit den reinsten Absichten viel Böses tun, und 
andererseits mit den perversesten Absichten das Beste schaffen. 
Daraus folgt unzweifelhaft, daß alle Urteile der Menschen dem 
Irrtum unterworfen, schwankend und nur bedingt richtig sind, und 
daß, je entschiedener sie auftreten, sie um so mehr als Frucht der 
Flüchtigkeit und Faulheit und dem Irrtum verwandt erscheinen, 
Das Evangelium kündigt ein großes Gericht an, das alle anderen 
Gerichte zurechtstellen wird. Es kündigt uns an, daJ3 unser gött- 
licher Erlöser (der einzige unfehlbare Richter, weil er die Herzen 
prüft und die Tat nach der Absicht beurteilt), umstrahlt von aller 
Glorie, kommen wird, um jedem nach seinen Werken zu vergelten 
aber es kündigt ihn uns an als nachsichtig in seiner Allmacht, 
voller Liebe und Barmherzigkeit, und nur unerbittlich gegen ün- 
wahrhaftigkeit (mauvaise foi) und Egoismus. Diesen Tag wollen 
wir erhoffen und fürchten, er wird die Absichten jedes einzeloen 
offenbaren***). 



V Kapitel III. Reforrn^edanken nnd Reformanlänfe. 

In den zahlreichen Aufzeichnungen, welche die Dekabristen 
während der Zeit ihrer Untersuchungshaft in der Peter-Paulsfeslung 
machten und in ihren protokollierten Aussagen vor der 
Kommission, war ein ungeheures Anklagematerial gegen die russische 
Verwaltung der Tage Alexanders I. zusammengetragen und 
ebenso eine Reihe notwendiger Reformen in Vorschlag gebracht 
worden ')* Der Kaiser hat sich darüber regelmäßig referieren lassen 




^) Russki Archiv 1887, I, französisch geschrieben, wie denn einem großen 
Teil der Dekabristen das Französische geläufiger war als das Russische. Da- 
selbst auch der Brief von Ssergej Murawjew an seinen Vater. Nikolai hatte 
ihm und seinem Bruder Matwej gesagt, der Vater habe sie verflucht! Wenn 
das ^ahr sein, und Nikolai nicht von den Brüdern Murawjew mißverstanden 
sein sollte, läge hier eine wirkliche Niedertracht vor. 

*) conf. Schtschegolew, Byloje S. 205 ff., der drastische Beispiele anführt. 
Der Dekabrist Komilowitsch hat jahrelang aus der Peter-Paulsfestung seine 
Gutachten über Fragen der inneren Verwaltung Rußlands abgegeben, ebenso 
Batenkow. 



86 Kapitel III. Heformgedanken und Reformanläufe. 

und es steht fest, daß dieses Material und die Kritik der Regierung 
des Bruders, der er bisher völlig kritiklos und nur bewundernd 
gegenübergestanden hatte, auf ihn einen tiefen Eindruck machten. 
Die Dekabristen sind so die Ersten gewesen, die ihm einen Einblick 
in die russische Wirklichkeit gewährten ^). Der Kaiser hat sich 
von dem Geheimrat Borowkow aus diesen Äußerungen und Denk- 
schriften seiner „Freunde vom 14. Dezember", wie er sie nannte, 
ein zusammenfassendes Memoir fertigstellen lassen, das stets in 
seinem Kabinett liegen mußte und von dem er Abschriften dem 
Zesarewitsch Konstantin Pawlowitsch und dem Präsidenten des 
Reichsrats Grafen Kotschubej zuschickte. Es ist das nicht ausge- 
führte Programm seiner Reformpolitik und das verwirklichte Pro- 
gramm seiner Irrtümer. Als solches verdient es besondere Be- 
achtung. 

Der nachfolgende Satz dieser Denkschrift, der seine Schatten 
auf den ganzen Verlauf der Regierung des Kaisers warf, ist aber 
gewiß nicht Eigentum der Dekabristen gewesen, sondern gehört 
Borowkow an, der ihn an die Spitze seiner Ausführungen stellte: 
Die liberale Erziehung der Jugend habe, von der Regierung und 
der Gesellschaft gefördert, zu allgemeiner republikanischer Frei- 
geisterei geführt und diese an den tatsächlichev^chäden der herr- 
schenden Zustände Nahrung und neue Vorwände gefunden. V^ar 
dann an Mißständen hergezählt wird, entspricht dem Bilde russischer 
Mißwirtschaft, das wir kennen gelernt haben. Das Fehlen einer 
klaren Gesetzgebung, die Mängel des Gerichtswesens, die veraltete, 
seit den Tagen Katharinas nicht reformierte Gouvernementsver- 
fassung, die Herabdrückung der Bedeutung des Senats, die schlechte 
Organisation der Ministerien, die ohne rechten Zusammenhang mit 
den Gouvernementsregierungen von diesen behindert werden und 
sie wiederum lähmen, endlich die Einrichtung des Ministerkomitees, 
das gleichsam erdacht sei, um alle Unordnungen zu vertuschen 
und dem Volke als den allein für alles Übel verantwortlichen, den 
Kaiser, preiszugeben. Die ganze Geschäftsführung sei geheim ge- 
wesen, und durch Formalitäten habe man alle Unterlassungen und 
Willkürlichkeiten verdeckt. In Wirklichkeit habe die Kanzlei des 



') Das belegen u. a. die beiden merkwürdigen Briefe Steinbeils an den 
Kaiser Nikolaus vom 1. und 29. Januar 1826. ..Soziale Bewegungen in 
Rußland^ 1. 1. S. 475 ff. 



Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 87 

Komitees getan, was ihr gat schien, und an die Stelle der verheißenen 
Verantwortlichkeit jedes einzelnen sei eine Gesamtverantwortlichkeit 
getreten, die sich mit dem^chirm einer allerhöchsten Willens- 
äußerung deckte, so daß wiederum der Person des Kaisers die 
Last und die Vorwürfe aller Mißgriffe zufielen. Das hatte, so 
fährt die Denkschrift fort, drei wichtige Folgen: eine Masse Baga- 
tellsachen gingen durch das Komitee an den Kaiser, jeder Ministerial- 
direktor konnte seine Fehler leicht verbergen und, ohne sich einer 
Gefahr auszusetzen, seinem persönlichen Vorteil nachgehen, endlich, 
die allerhöchsten Befehle verloren ihre Kraft und Bedeutung. Dazu 
kam, daß für besondere Fälle innerhalb des Ministerkomitees Komitees 
mit gleicher Machtvollkommenheit eingesetzt wurden, daß ein 
Komitee das andere behinderte, und häufig in ein und derselben 
Angelegenheit einander widersprechende allerhöchste Befehle erlassen 
wurden. In den letzten Regierungsjahren Alexanders hatte die 
höchste Regierungsinstanz sich daher sozusagen lyerzettelt und 
alle Einheit verloren. Es war ein völliges Chaos. Überhaupt 
war die Zivilverwaltung, die doch den Eckstein eines wohlgeord- 
neten Staatswesens bilden sollte, gleichsam geächtet. Der Kaiser 
sah das Übel, aber er hielt es für unheilbar und beschränkte 
sich darauf, seine Mißachtung nicht zu verbergen. Es fehlte ihm 
an Männern in seiner Umgebung, mit denen er an eine Reform 
hätte schreiten können. 

Als weiteres Übel wurden dann die gänzlich ungleichen Ge- 
hälter der Beamten bezeichnet. Ein Zivilgouverneur, der doch der 
eigentliche Herr im Gouvernement sein solle, beziehe weniger als 
der Vizegouverneur, der nur der Gouvernementsrentei vorstehe^und 
alle Beamten eines ganzen Kreises zusammengenommen weniger 
als ein einziger Akzisedirektor. In einzelnen Händen häuften sich 
die Ämter, die ungeheure Mehrzahl der Beamten aber sei mit 
Arbeit überbürdet und leide dabei die äußerste Not. Bemit- 
leidenswert sei namentlich die Stellung der Kanzleibeamten, die 
30—40 Rubel Banko jährlich beziehen, vom Morgen bis zum 
Abend arbeiten müssen und in den Gouvernements in Elend ver- 
gehen. 

Es folgt ein Hinweis auf die Ungleichheit und Willkür bei 
Verteilung der Abgaben^ zumal der landschaftlichen, die ohne 
jede Kontrolle von den Lokalobrigkeiten auferlegt würden und 
steten Anlaß zu Mißbräuchen gäben, auf die drückende Last der 



88 Kapitel III. Reform gedanken und Reformanläufe. 

WegeausbesseruDg, die ganz auf die Rauern falle und so geordnet 
oder vielmehr absichtlich so systemlos verteilt werde, daß sie 
Gelegenheit biete, von den Bauern Geld zu erpressen. Die Wege 
aber seien nach wie vor unfahrbar. So erklärten sich die Steuer- 
räckstände, deren rücksichtslose Beitreibung die Bauern vollends zu- 
grunde richte. Der Ausdruck Röckstände l „herausschlagen" sei 
ganz buchstäblich zu nehmen. In den inneren Gouvernements sei 
zudem kein bares Geld zu haben, da alles Kapital in der Residenz 
zusammenfließe. Die Reichsfmanzen aber seien auf ein Svstem von 
Monopolen gegründet: das Branntweinmonopol habe den Adel 
r ruiniert, die Akzisebearaten bereichert und das Volk systematisch 
^korrumpiert und zum Trünke erzogen; das Salzmonopol zumeist 
die ärmsten Volksklassen getroffen und den Preis des Salzes so 
erhöht, daß der Bauer kaum Salz für seine dürftige Nahrung, ge- 
schweige denn für sein Vieh erschwingen könne. Die vom Finanz- 
ministerium beliebten erbarmungslosen Beitreibungen von den 
Monopolpächtern und Lieferanten aber ruinierten nicht nur die an- 
gesehensten Kaufleute, sondern auch deren Kreditoren und Bärgen, 
und von einer geregelten Volks- und Finanzwirtschaft könne über- 
haupt nicht die Rede sein. Der Handel Rußlands liege darnieder, 
seit der Tarif von 1819 zur Überschwemmung des Landes mit 
ausländischen Waren gefuhrt habe, er sei auch durch den Schutz- 
tarif von 1823 nicht gehoben worden; eine russische Flotte gebe 
es nicht, der Marquis de Traverse habe zwar alljährlich Schiffe 
gebaut, aber sie faulten im Hafen von Kronstadt, ohne auch nur 
eine Kampagne gemacht zu haben. Die Einrichtung der^ Militär- 
kolonien habe das Volk mit Erstaunen und Murren aufgenommen. 
Erst nachträglich habe man erfahren, daß das Ziel sei, die Bauern 
von der Militärlast zu befreien. Aber weit zweckmäßiger wäre es 
gewesen, die Dienstpflicht auf zwölf Jahre herabzusetzen, auch hätte 
man dann in ganz Rußland einen kräftigen militärischen Geist 
entwickeln können. Denn der Bauer werde bei verkürzter Dienst- 
zeit sich ebenso leicht von seinen Kindern trennen wie der Edel- 
mann; der zu seiner Familie heimkehrende Soldat könnte heiraten, 
Ackerbauer werden, seine Kinder früh zu Soldaten erziehen und 
selbst als Landwehrmann dienen. Wenn ein solches System in 
Widerspruch mit der geltenden Leibeigenschaft stehe, so werde ein 
Ausweg sich doch finden lassen. Auch sei es nicht wahr, daß die 
Anlage der Militärkolonien einen finanziellen Vorteil für die Krone 



Kapitel IIL Kcformgedanken und Reformanläufe. 89 

bedeute^). Weder die Barauslagen, noch der Wert von Land, Wald 
und Arbeit seien dabei in Anschlag gebracht worden. Stelle man 
eine richtige Schätzung an, so ergebe sich vielmehr, daß das bisher 
aufgewandte Kapital bei fünfprozentiger Anlage genügen würde, um 
ein beliebiges Regiment der 1. Grenadierdivision durch die Zinsen 
für ewige Zeiten zu unterhalten. 

Hieran schließt sich eine kurze Charakteristik der einzelnen 
Stände. Der besitzliche Adel gehe in unverantwortlicher Weise mit 
seinen Bauern um. Es gelte für kein Vergehen, einzelne Glieder 
einer Bauernfamilie zu verkaufen, die Unschuld zu verführen und 
Frauen zu mißbrauchen; das geschehe vielmehr offenkundig und ebenso 
die übermäßige Belastung mit Frondienst und Geldleistungen'T^Die 
schlimmsten seien die kleinen Gutsbesitzer, die über ihre Mittel 
leben, die Bauern erbarmungslos aussaugen und dazu stets unzu- 
frieden seien. Die persönlichen Edelleute ohne Grundbesitz ent- 
sprächen der polnischen Schlachta und nehmen an Zahl stetig zu, 
da sie jede Arbeit und jedes Gewerbe für schimpflich hielten, lebten 
sie von allerlei Schlichen. - Sie bildeten eine Klasse von Menschen, 
die nichts zu verlieren haben und bei jedem Umsturz zu gewinnen 
hoffen. Elend sei der Zustand der Landgeistlichen. Da sie kein 
festes Gehalt bezögen, hingen sie von der Gnade der Bauern ab 
und seien genötigt, ihnen den Willen zu tun. Sie verfielen daher 
in Laster, besonders ergäben sie sich dem Trunk in dem Maße, 
daß die Regierung durch die Zivilgouverneure einen Ukas ver- 
öffentlichen mußte, der den Bauern untei^sagte, die Geistlichen 
trunken zu machen. Während aber die Dorfgeistlichkeit bettelarm 
sei, habe der Ukas über die Kleidung der Frauen von Geistlichen 
unter der reichen städtischen Geistlichkeit Murren und Aufregung 
hervorgerufen. 

Die von den Gilden geschädigte und in ihrem Erwerb be- 
drängte Kaufmannschaft habe durch das Jahr 1812 eine schwere 
Einbuße erlitten. Viele Kapitalisten seien umgekommen, andere 
ruiniert worden. Die schweren Geldverhältnisse hätten das Übrige 
getan. So sei der reiche ehrliche Kaufmann ohne eigene Schuld 
herabgekommen, und die Regierung habe, statt ihm aufzuhelfen, 
ihn in eine niedrigere Kategorie versetzt. Der unredliche und 



Ober die Zustände in den Militärkolonien ist der Bericht Laferronays 
vom 22. April 1827 in der Anlage zu vergleichen. 



90 Kapitel III. Reformgedanken und Reforroanläufe. 

reiche erhalte dagegen Rechte, die ihn dem angesehensten Adel 
gleichstellten. Einen eigentlichen Bärgerstand, wie in anderen 
Staaten, gebe es nicht. Die Kronsbauern wurden durch die 
Gouvernementsverwaltungen und Kronsrenteien zugrunde gerichtet. 
Um ihr Gedeihen kümmere sich niemand. Es gäbe zwar eine 
ökonomische Abteilung im Kameralhof, aber Landschaftspolizei, 
Kreisgericht und Gouvernementsverwaltung hätten gleiche Rechte 
und größeren Einfluß. Von den Beamten der Behörden gehe die 
Plünderung dieser Bauern aus. Besser stehe es mit den Apanage- 
bauern, da sie Schutz vor der Gewalttätigkeit der Landpolizei und 
der übrigen Beamten fänden. 

Fasse man das alles zusammen, so seien die folgenden Maß- 
nahmen nicht zu umgehen: „Erlaß klarer und bestimmter Gesetze, 
Einführung einer gerechten und schnellen Justiz, Hebung der sittlichen 
Bildung der Geistlichkeit, Kräftigung des Adels, der durch Anleihen 
bei den Kreditinstitutionen völlig ruiniert ist, Wiederbelebung von 
Handel und Gewerbe durch feste Tarife, Anpassung des ünterrichts- 
wesens an die Bedürfnisse der einzelnen Stände, V^erbesserung der 
Lage der Landwirte, Abschaffung des unwürdigen Verkaufs von 
Menschen, Erneuerung der Flotte, endlich Beseitigung der zahllosen 
Unordnungen und Mißbräuche." 

Nun gibt diese Borowkowsche Denkschrift gewiß nur einen 
Teil der von den Dekabristen gerügten Mißstände und vorgeschla- 
genen Reformen wieder, und einige Sätze stehen ohne Zweifel in 
offenem Widerspruch zu ihren Anschauungen. Daß aber gerade 
diese im Grunde doch recht oberflächlichen Grundstriche dem 
Kaiser gleichsam als Leitfaden dienten, ist ebenso charakteristisch 
wie wichtig. W^as ihm einleuchtete, war die Notwendigkeit einer 
Kodifikation der geltenden Gesetze, die völlige Neugestaltung der 
russischen Flotte, die Besserung der Straßen innerhalb des Reiches 
und eine Prüfung der Reformpläne, die in den Jahren der Re- 
gierung des „Engels" zurückgestellt waren. 

Es ist nun ungemein interessant, die Gesetzgebung Nikolais 
in den beiden ersten Jahren seiner Regierung zu verfolgen, da die 
Eindrücke noch frisch waren, die ihm der Aufstand des 18. Dezem- 
ber und die sich daran schließenden Ereignisse gebracht hatten. 
Unzweifelhaft war es ihm ernst, mit denjenigen Mißbräuchen der 
Regierungszeit Alexanders aufzuräumen, die er als solche erkannte, 
und die ihm angeborene und anerzogene Ordnungsliebe bedeutete 



Kapitel IIL Reformgedanken und Reformanläafe. 91 

für den Staat, an dessen Regierung er nun herantreten mußte, 
ebenso sicher eine Wohltat; auch läßt sich ihm der Vorwurf nicht 
machen, daß er es an Fleiß habe fehlen lassen. / Er war vielmehr 
redlich bemüht, zu tun, was er als Pflicht betriichtete, und in 
dieser Hinsicht stand er hoch über der großen Mehrzahl seiner 
Mitarbeiter, mit denen er nun einmal zu rechnen hatte. Aber die 
ungeheuren Lücken seiner Bildung machten sich überall geltend. 
Er war, um ein Beispiel anzuführen, in seinem Kursus des russischen 
Staatsrechts nicht über die Tage Peters des Großen hinausgekom- 
men und verfiel darüber in die wunderlichsten Irrtümer ^).^[\Va8 
ihn an den inneren Angelegenheiten interessierte, waren nächst 
dem Prozeß der Dekabristen, der bis in das Frühjahr 1826 den 
größten Teil seiner Zeit in Anspruch nahm, Äußerlichkeiten, denen 
er jedoch eine große Bedeutung beilegtey^ Vor allem die Frage der 
üniformierung der Zivilbeamten, der Studenten, Schüler, Lehrer 
und Professoren, wobei, wie beim Militär, die Uniform anzeigen 
sollte, wen man vor sich habe, v^r meinte, und das Ministerkomitee, 
dem schon im September 1825, also zu Lebzeiten Alexanders, 
der alte reaktionäre Minister der Volksaufklärung, Schischkow, 
einen entsprechenden Antrag vorgelegt hatte, bekräftigte ihn 
darin, daß die Einführung einiger militärischer Formen und mili- 
tärischer Disziplin in den Zivillehranstalten, die Erziehung der 
Zöglinge erleichtern und überhaupt diesen Anstalten einen Charakter 
der Ordnung und des Anstandes verleihen werde, der schwer zu 
erreichen sei, wenn Zöglinge und Beamte sich nach eigenem Er- 
messen kleideten. ^Das beständige Tragen der Uniform und eine 
strenge Beobachtung vorgeschriebener Ordnungen sei ein wesent- 
liches Mittel, eine gute staatliche Gesinnung zu erzielen '). Im 
Mai des folgenden Jahres schloß sich hieran ein Reskript des Kaisers 
an Schischkow, das darauf hinwies, daß in der Einrichtung von 
Lehranstalten nicht die unerläßliche Gleichförmigkeit herrsche. 
Unter dem Vorsitz des Ministers wurde daher ein Komitee von sieben 
Personen eingesetzt, dessen Aufgabe es sein sollte, alle Statuten 
und Lehrpläne von den Kirchenschulen bis zu den Universitäten, 

J) Tagebuch des Staatssekretärs Diwow. R. Starina 1897, 1, S. 459 ff. Ein- 
tragung vom 14. März 1826. 

^) Volle Sammlung russischer Gesetze, Ukas vom 29. Dezember 1825. 
dazu die Sammlung der Verordnungen des Ministeriums der Volksaufklärung. 
Petersburg 1866. 






92 Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 

sowie die in den Lehranstalten benutzten Schulbücher zu revidieren 
und dafür Sorge zu tragen, daß überall die gleichen Ordnungen, 
die gleichen Lehrmethoden und die gleichen Lehrmittel in Anwen- 
dung kämen./ Nur für den Dorpater und Wilnaer Lehrbezirk 
wurden Abweichungen gestattet. Beide Verfügungen sind ungemein 
charakteristisch und für die Entwicklung der russischen Schulen 
und Universitäten um so verhängnisvoller geworden, als die äußer- 
liche „Ordnung^ nach den Anschauungen militärischer Disziplin 
und Uniformität je länger je mehr jeden anderen Gesichtspunkt 
zurückdrängte.\pie am 8. Dezember 1828 allerhöchst bestätigten 
Arbeiten der Scnischkowschen Kommission haben, wie nicht anders 
möglich war, diesen Ausführungen Rechnung getragen. Es kam 
hinzu, daß der Kaiser die höhere Bildung im wesentlichen dem 
Adel vorbehalten und die anderen Stände nicht aus dem Berufs- 
kreise ihrer Eltern hinausheben wollte. Namentlich war er gegen das 
Eindringen bäuerlicher Elemente in die Gymnasien und in die anderen 
höheren Lehranstalten, obgleich Persönlichkeiten wie Speranski, 
oder, wenn er weiter zurückblickte, wie Menschikow, der Günst- 
ling Peter des Großen, oder wie das Universalgenie Lomonossow 
ihn eines besseren hätten belehren müssen. Die Gleichförmigkeit, 
die er schließlich erzielte, wurde zur Eintönigkeit und führte zu 
einer oberflächlichen und mangelhaften Bildung, zugleich aber 
dahin, daß höher strebende Jünglinge zu Autotidakten wurden und 
in die Fehler verfielen, die nur zu leicht einem ungeregelten, nach 
dem Verbotenen mit Begierde strebenden Bildungsgang eigen 
sind.v^ine der Wurzeln späterer politischer Krankheiten läßt sich 
hier erkennen, wobei dann freilich die wesentlichste Schuld die 
Männer trifft, die an dem Werk dieser einseitigen und verfinsternden 4« 
Maßregelung des Bildungswesens gearbeitet haben. Auch hier finden 
wir den Namen Speranskis, der, wie bei dem Dekabristengericht, 
keinen Anstand nahm, seine ganze Vergangenheit zu verleugnen. W 
Dagegen bat der Kaiser in einer Hinsicht die Sünden Alexanders L 
an dem russischen Schul- und Bildungswesen gut zu machen gesucht. 
Ihm lagen die religiösen Anschauungen des Bruders durchaus fern, 
und die pietistischen und mystischen Kegungen, welche in der 
Mitte der zwanziger Jahre nach dem Beispiel Alexanders die 
Gemüter zu beherrschen schienen, waren ihm nicht mit Unrecht ver- 
dächtig. Den großen Intriganten und Heuchler Magnitzki, den 
Kurator des Kasaner Lehrbezirks, hatte er schon während des 



Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 93 

InterregDums eioraal aus Petersburg fortgeschickt. Jetzt ließ er 
durch den Generalmajor Sheltuchin den Lehrbezirk revidieren, 
und auf dessen Bericht hin wurde Magnitzki durch einen höchst 
ungnädigen Ukas vom 6. Mai 1826 seiner Stellung enthoben^ Als 
er trotzdem in Kasan blieb und durch den Einfluß, den er sich 
auf einzelne Professoren erworben hatte, weiter intrigierte, hat 
der Kaiser ihn durch einen Feldjäger nach Reval schaffen lassen. 
In der protestantisch-deutschen Welt der Grenzmarken schien er 
unschädlich.i^Auch der stellvertretende Kurator des Petersburger 
Lehrbezirks, Runitsch, ein Obskurant aus Überzeugung, wurde ab- 
gesetzt, und damit hörte das offizielle Frömmeln endgültig auf. Es 
brachte keinen Vorteil mehr und war bald nicht mehr Mode der 
vornehmsten Kreise. Von einem Einfluß des Archimandriten Photi 
konnte weiter keine Rede sein*), und im April 1826 sistierte der 
Kaiser auf einen Bericht des Metropoliten Eugenius hin die weitere 
Tätigkeit der Bibelgesellschaft, „in AnbetracW ihrer schädlichen 
Wirkungen", wie es in dem Reskript an den Metropoliten in Now- 
gorod und Petersburg heißt. Nur die bereits gedruckten Bibeln 
durften weiter verkauft werden. Auch ward das bewegliche und 
unbewegliche Vermögen der Gesellschaft aufgenommen; offenbar 
war der Kaiser entschlossen, ein Ende zu machen; wenige Monate 
danach übertrug er die Verwaltung dem heiligen Synod (15. Juli). 
Daß religiöse Stimmungen nicht gegen politische Ketzereien 
und Versuchungen schützen, hatten die Bekenntnisse der Deka- 
bristen deutlich gezeigt, es schien zweckmäßiger, die Wurzeln dieser 
Übel an anderer Stelle abzugraben. Am 10. Juni 1826 bestätigte 
der Kaiser ein neues Zensurstatut, das ihm der Minister der Volks- 
aufklärung Schischkow vorlegte, dessen eigentlicher Verfasser aber 
der Fürst Schirinsky-Schichmatow war. Es ist im Geiste äußerster 
Unduldsamkeit abgefaßt und darauf berechnet, jede freie Meinungs- 
äußerung zu unterdrücken, die dem neuen, dem Minister verhaßten 
Zeitgeist Rechnung trug, und führte allerdings zu ganz unerträg- 
lichen Zuständen. Alles Gedruckte, Typographierte, Gezeichnete, 
Gemalte und in Noten Gesetzte, was innerhalb des russischen 
Reiches erschien, unterlag der Zensur, deren Pflicht es war, die 

*) Russkaja Starina 1895, II 431 — 38, Brief Photis an den Kaiser 
Nikolaus vom 4. Februar 1826. Es ist ein Versuch, die Revolution durch 
den schädlichen Einfluß der protestantischen Mystiker zu e|;klären. Nikolaus 
hat das Schreiben, soviel wir wissen, ganz unberücksichtigt gelassen. 



94 Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 

Heiligtümer, den Thron, die von ihm gesetzte Obrigkeit, die vater- 
ländischen Gesetze, die Sitten und die Ehre des Volkes und jedes 
einzelnen zu schützen, nicht nur vor böswilliger und verbreche- 
rischer, sondern auch vor unbeabsichtigter Schädigung, wobei natür- 
lich alles auf die Interpretation ankam, die diese Begriffe fanden. 
Schischkow hatte aber Sorge getragen, daß seine Auffassung auch 
die aller Organe der Zensur wurde. Die Hauptverwaltung der 
Zensur ruhte in Händen des Ministers der Volksaufklärung. Ein 
Oberzensurkomitee, zu dem nur noch die Minister des Innern und 
des Auswärtigen gehörten, stand ihm helfend zur Seite, und unter 
diesem die vier Abteilungen, welche die eigentliche Arbeit besorgten. 
Es waren das Ilauptzensurkomitee in Petei*sburg und die Zensur- 
komitees in Moskau, Dorpat und Wilna^). Diese Komitees standen 
unter den Kuratoren der Lehrbezirke, während der Vorsitzende des 
Hauptzensurkomitees auf Vorschlag des Ministers der Volksauf- 
klärung vom Kaiser direkt ernannt und entlassen wurde.^VSo hoch 
wurde die Bedeutung dieses Postens eingeschätzt. Hat doch der 
Kaiser gelegentlich selbst die Funktionen eines Zensors auf sich 
genommen. Auch die Instruktionen, die alljährlich vom Ober- 
zensurkomitee den Komitees zugingen, bedurften seiner Bestätigung. 
Diese Komitees hatten jeden Monat durch den Kurator ihre Be- 
richte dem Minister einzusenden, der wiederum monatlich dem 
Oberzensurkomitee einen zusammenfassenden Bericht vorlegte. 
Ein Verzeichnis verbotener Bücher wurde alljährlich der Polizei 
und allen Buchhändlern und Bibliotheken mitgeteilt, endlich be- 
stimmt, daß Schriftsteller ihre Manuskripte vor dem Druck dem 
Zensor vorzulegen hätten. Nur die von der Akademie der Wissen- 
schaften und dem Ministerium des Auswärtigen veröffentlichten 
Schriften unterlagen keiner Zensur. So wurde für eine sorgfaltige 
Filtrierung aller für die Öffentlichkeit bestimmten Gedanken gesorgt, 
es war kaum möglich, daß dem lesenden Publikum Anschau- 
ungen zugetragen wurden, die im Widerspruch zu der Weltan- 
schauung standen, die den Hütern der Ordnung notwendig und 
allein heilsam erschien. Da selbstverständlich alle Zeitungen einer 

') Das Ilauptzensurkomitee bestand aus sechs Personen und hatte seine 
eigene Kanzlei, die Zensurkomitees in Moskau, Dorpat, Wilna aus je drei Zen- 
soren. Einer der Wilnaer Zensoren mußte vollkommen die hebräische und 
rabbinische sowie die jüdisch-deutsche Sprache beherrschen, denn Nikolai 
war voll Mißtrauen und Verachtunff gegen seine jüdischen Untertanen. 



Kapitel III. Reformgedauken und Reformanläufe. 95 

Zensur im Manuskript unterlagen und außerdem über den Geist 
der erlaubten Zeitungsnummern allwöchentlich referiert werden 
mußte, konnte von einer politischen Bedeutung der Presse natur- 
gemäß keine Rede sein '). Das Tollste aber war, daß der Zensur 
nicht nur das Recht erteilt wurde, Worte der Verfasser durch 
andere zu ersetzen und einzelne Ausdrücke zu streichen, sondern 
daß die Fürsorge sich auch auf den Stil und die Reinheit der 
Sprache erstreckte, Dinge, über welche der Admiral Schischkow 
seine besonderen Ansichten hattey Er war Archaist und Purist. 
Zum Glück behauptete er sich nur bis zum April 1828. An seine 
Stelle trat der frühere Kurator des Dorpater Lehrbezirks, General 
der Infanterie Fürst Lieven, ein zwar nicht gelehrter, aber gerechter 
und einsichtiger Mann von tief religiöser Gesinnung, aber freier 
nnd duldsamer Weltanschauung. Das Schischkowsche Zensurstatut 
wurde von ihm beseitigt, das Oberzensurkomitee aufgehoben und 
durch eine aus Fachmännern bestehende Hauptverwaltung ersetzt, 
der die Lokalzensoren unterstellt waren. Aufgabe der Zensoren 
aber sollte nur sein, darüber zu entscheiden, ob ein Buch oder ein 
Artikel schädlich sei oder nicht. Nur im ersten Falle griff die 
Zensur ein, und Lieven dachte groß genug, um dem geistigen Leben 
ausreichenden Spielraum zu freier Entfaltung zu lassen. Von 
1828 bis 1830 konnte die russische Zensur als liberal gelten, jeden- 
falls war sie es weit mehr als die österreichische. Aber die Juli- 
revolution änderte danach alles zum Schlimmeren, und zwar für die 
ganze fernere Dauer der Regierung Nikolais L 

Kann es zweifelhaft erscheinen, wie weit der Zar eine Mitschuld 
an dem Zensurstatut Schischkows trägt'), und wie weit ihm ein Ver- 



^) Nach diesem Statut — schreibt der Zensor Glinka — hätte man auch 
das Vaterunser als jakobinisch verbieten können. Alle Artikel oder Bücher, 
welche Fragen der Staatsverwaltung berührten, durften nur nach eingeholter 
Genehmigung des Ressortministers gedruckt werden. Direkt verboten waren 
alle Vorschläge auf Änderung bestehender Ordnungen, alles, was den von 
der heiligen Allianz proklamierten Grundsätzen widersprach, usw. Ganz uner- 
träglich waren die Beschränkungen wissenschaftlicher Freiheit, sie erinnern 
lebhaft an die von Magnitzki in Kasan eingeführte Praxis. Jetzt aber wurde 
Prinzip und geltendes Recht, was früher Willkür gewesen war. Im Lehrfach 
wie in der Presse herrschte fortan die gleiche „Ordnung". 

^ Russkaja Starina 1901 3 und 1905 Iff. Die anonymen Aufsätze 
über die Zensur unter Nikolaus I. Die betreffenden Gesetze in der V. S. R. G. 
2. Serie Bd. I und folgende zu den betreffenden Jahren. 



96 Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 

dienst an der Haltung Lievens beizumessen ist, so kann die Einführung 
des Instituts der geheimen Polizei als sein eigenstes Werk bezeichnet 
werden. Unter Alexander I. hatte acht Jahre lang ') ein Polizei- 
ministerium bestanden, dem ungeheure Befugnisse zugewiesen 
waren, unter anderem auch die Beaufsichtigung und die Exekutive 
in allen Ministerien, die Vornahme aller Untersuchungen und eine 
Polizeigerichtsbarkeit, die so unsicher begrenzt war, daß nach allen 
Richtungen hin Konflikte und Kompetenzstreitigkeiten entstanden. 
Das war der Grund, der 1819 zur Aufhebung des Polizeiministeri- 
ums führte und den Kaiser veranlaßte, das Ministerium des Innern 
zur Zentralinstanz aller Polizeiorgane zu machen. Es bestand zn 
diesem Zweck im Ministerium eine besondere Kanzlei für Polizei- 
angelegenheiten. Trotzdem aber wurde eine einheitliche Leitung 
nicht erreicht, weil Alexander es allezeit liebte, durch ein System 
der Spionage und Gegenspionage sogar seine nächststehenden Ver- 
trauensmänner zu kontrollieren, die eigentliche Geheimpolizei aber 
von ihm selbst durch ad hoc benutzte Persönlichkeiten geführt 
wurde. Nur Araktschejew, und auch er nicht immer, konnte auf 
unbedingtes Vertrauen rechnen. 

Nun hatte die Untersuchungskommission das unleugbare Er- 
gebnis gebracht, daß trotz aller Feinheit Alexanders und aller Bru- 
talität und Rücksichtslosigkeit Araktschejews die weitverzweigten 
Verschwörungen des Nord- und Südbundes, der Vereinigten Slaven 
und der Polen dem Spürsinn der Polizei völlig entgangen waren. 
Die Tatsache, daß nach Verurteilung der 121 in Petersburg vor 
Gericht Gezogenen und der Tschernigower ungezählte Mitwisser und 
Verdächtige ungestraft geblieben waren, machte es für den Kaiser 
zur Notwendigkeit, das Treiben eben dieser Leute zu überwachen. 
Er wandte sich an Benckendorff, denselben, der, wie er Jetzt wußte, 
bereits 1821 dem Kaiser Alexander die Mitglieder der Verschwörung 
genannt und ihre Ziele dargelegt hatte, und beauftragte ihn, die 
Grundzüge für eine Organisation der Geheimpolizei zu entwerfen. 
Im Januar 1826 legte Benckendorff eine Denkschrift vor, die seine 
Gedanken dahin zusammenfaßte, daß eine eigentliche Geheimpolizei 
(wie Alexander sie gehabt hatte) nicht zum Ziele führe. Man 
habe bereits eine wirksame Gegenspionage an der Post, welche die 
Briefe perlustriere, es komme nur darauf an, geeignete Personen 



') Begründet am 26. Juni 1811, aufgehoben 1819. 



Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 97 

an die Spitze der hauptsächlichsten Postämter, also in Petersburg, 
Moskau, Kiew, Wilna, Riga, Charkow, Odessa und Tobolsk, zu stellen ^). 
Die hohe Polizei selbst müsse sich über das ganze Reich erstrecken 
und kein geheimes, sondern ein bekanntes Zentrum haben, das 
sowohl Furcht als Ächtung einflöße. An die Spitze sei ein 
Polizeiminister zu stellen, der zugleich die Oberaufsicht über Militär- 
und Provinzialgendarmen haben müsse'). Die politische Polizei 
solle besonders uniformiert, gut bezahlt und für ihre Dienst- 
leistungen reichlich durch Orden und Titel ausgezeichnet werden, 
damit die Karriere anziehe. Vor allem komme es darauf an, daß 
diese Polizei ein hohes moralisches Ansehen genieße; man werde 
daher in der Wahl der Persönlichkeit des Ministers besonders vor- 
sichtig sein müssen, »^on seiner Person und von der Organi- 
sation dieses Ministeriums wird der Anstoß abhängen, den diese 
Polizei erhält, und darauf, sowie auf das Ansehen, das sie im Publi- 
kum genießt, kommt es vornehmlich an.^ Der Kaiser hat dieses 
Memoire dem Grafen P. A. Tolstoi*) mit dem Befehl übergeben, 
ihm persönlich ein Gutachten darüber einzureichen. Offenbar lehnte 
Tolstois Gutachten den Polizeimiuister ab, denn am 3. Juli erschien 
ein Ukas, der die dritte Abteilung der Kanzlei des Ministers 
des Innern aufhob und ihre Funktionen einer neubegründeten 
dritten Abteilung der höchsteigenen Kanzlei des Kaisers zuwies. 



>) Warschau wird nicht genannt, weil in Kongreßpolen der Großfürst 
Konstantin die Korrespondenzen sorgsam kontrollieren ließ, was freilich den 
Polen wohlbekannt war und zu gleich sorgsamen Vorsichtsmaßregeln führte. 

^) Das Korps der Gendarmen bestand aus dem Regiment Gendarmen, 
das den Polizeidienst bei den Truppen besorgte, und aus den Gendarmen der 
inneren Wache. In der Armee war die Gendarmerie 1815 von Harclay de 
Tolly eingeführt worden, und zwar hatte er je einen Offizier und fünf Gemeine 
aus jedem Kavallerieregiment dazu bestimmt. Aber schon nach zwei Monaten 
wurde das Borissoglebsche Dragonerregiment zum Regiment Gendarmen um- 
benannt und mit dem Polizeidienst in der Armee betraut. Das Korps der 
inneren Wache war 1810 gebildet worden. Es hatte die Reserverekruten ein- 
zuüben und der Polizei behilflich zu sein, speziell beim Eintreiben von Ab- 
gaben und Rückständen. Jeder Gouverneur hatte ein Polizeidragoner-Kom- 
mando, das zur inneren Wache zählte. Geschichte des Ministerium des Innern 
Petersburg 1902. 

') General der Infanterie und Mitglied des Reichsrats, damals 65 Jahre 
alt. Das Memoire BenkendorfTs und die noch zu erwähnende Instruktion für 
Bibikowist in der postbumen Geschichte Nikolais, von Schilder, gedruckt, jedoch 
ohne die dazugehörigen Kanzleivermerke und die Randglossen Nikolais. 
Schiemann, Geschichte Rußlands. II. 7 



98 Kapitel IIL Reformgedanken und Reformanläufe. 

Sie bestand anfangs aus vier Expeditionen, deren erste die eigent- 
liche hohe Polizei besorgte und bei der sich die aus den Provinzen 
einlaufenden Nachrichten konzentrierten. Die zweite umfaßte das 
Sekteuwesen, den Raskol *), Falschmünzer, Fälscher von Dokumenten 
und hatte die Orte zu kontrollieren, in denen politische Gefangene 
interniert waren. Die dritte Sektion beaufsichtigte die in Rußland 
lebenden Ausländer; der vierten endlich gingen Korrespondenzen 
aus allen Teilen des Reiches zu, die bestimmt waren, den Kaiser 
über alles zu orientieren, was im Reiche geschah. Sämtliche Be- 
richte mußten den Vermerk tragen „zu eigenen Händen des 
Kaisers". 

Die Leitung dieser dritten Abteilung wurde Benkendorff über- 
tragen, den der Kaiser schon vorher, am 25. Juni, zum Chef der 
gesamten Gendarmerie gemacht hatte. Sein nächster Untergebener, 
auf dem die eigentliche Last der Arbeit ruhte, war der General 
von Fock*), neben ihm zählte die Kanzlei nur noch zehn Beamte, 
lauter Persönlichkeiten, auf deren unbedingte Diskretion gerechnet 
werden konnte'). 

Unzweifelhaft hat Benkendorff gemeint, durch die Organisation 
der hohen Polizei eine Maßregel staatsmännischer Weisheit zu voll- 
ziehen. Er war auf sein Werk stolz und hat dafür Sorge getragen, 
daß die Instruktion, die er dem Chef der Gendarmerie in Moskau, 
dem Obersten Bibikow, erteilte*), bekannt wurde. Es kam 
ihm darauf an, die „dritte Abteilung" womöglich populär zu machen 
und ihr freiwillige Mitarbeiter zu werben. „Die edlen Gefühle und 
Prinzipien, die Ihnen eigen sind" — so heißt es in dieser Instruk- 
tion — „müssen Ihnen ohne allen Zweifel die Achtung aller Stände 
erwerben, so daß dann Ihr Amt, durch das allgemeine Vertrauen 
gehoben, sein wahres Ziel erreichen und dem Staat wirklichen 



*) Der Raskol wurde nicht als Sekte oder besondere Religion anerkannt. 
Seine Anbänger galten als Abtrünnige von der rechtgläubigen Kirche und 
unterlagen den Krirainalgesetzen. 

^) Maxim Maximowitsch. 

3) 1829 stieg die Zahl auf 20, 1841 auf 28, 1842 kam eine fünfte Ex- 
pedition hinzu, beim Tode Nikolais zählte die dritte Abteilung bereits 40 Be- 
amte. Ober die ungeheure Zahl ihrer Agenten gibt es keine Statistik. 

*) Eine Abschrift dieser handschriftlich in Moskau zirkulierenden In- 
struktion wurde dem Kaiser am 6. Dezember aus Moskau zugeschickt Er 
notierte dazu eigenhändig: „Je ne me souviens pas si c'est la note qu*il a 
ete permis de faire circuler?** 



Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 9<) 

Nutzen bringen wird. In Ihnen wird jedermann einen Beamten er- 
kennen, der durch meine Vermittlung die Stimme der duldenden 
Menschheit dem Throne vernehmlich macht und den wehrlosen und 
stummen Bürger unmittelbar unter den allerhöchsten Schutz des 
Herrn und Kaisers stellt. ^^Wie viele ungesetzliche und endlose 
Beschwerden können durch Ihr Eingreifen erledigt, wieviel böse 
Menschen verhindert werden, ihre schändlichen Anschläge gegen das 
Eigentum anderer auszuführen, wenn sie wissen, daß den unschul- 
digen Opfern ihrer Habsucht ein direkter, kürzester Weg offen steht, 
um den Schutz des Kaisers zu ßnden. Auf dieser Grundlage 
werden Sie in kürzester Zeit zahlreiche Mitarbeiter und Helfer 
finden, denn jeder Staatsbürger, der sein Vaterland und die Ge- 
rechtigkeit liebt und der wünscht, daß überall Stille und Ruhe 
herrsche, wird es sich zur Ehre machen, Sie bei jedem Schritte zu 
schützen, Ihnen mit seinen nützlichen Ratschlägen beizustehen und 
so zum Mitarbeiter bei Ausführung der edlen Ansichten seines 
Kaisers werden. Sie werden ohne Zweifel, schon aus dem 
eigenen Antrieb Ihres Herzens, sich bemühen, zu erkennen, wo arme 
oder schutzlose Beamte sind, die in Uneigennützigkeit schlicht und 
recht dienen und doch von ihrem Gehalt allein nicht leben 
können; von solchen vornehmlich sollen Sie mir ausführlich be- 
richten, damit ihnen geholfen und so der heilige Wille Sr. Maje- 
stät erfüllt werden kann, der die treuuntertänigen, bescheidenen 
Diener aufsuchen und auszeichnen will.^ 

Natürlich machte das pathetisch Gekünstelte dieses Aufrufes 
überall den schlechtesten Eindruck. Jedermann wußte, daß die un- 
eigennützigen Helfer, auf die Benkendorff hoffte, nicht zu finden 
waren. Was man erkannte und täglich spürte, war eine lästige Be- 
aufsichtigung, und da die Vorteile, welche die neue Karriere bot, 
gerade zweideutige Elemente lockten, die in der Zugehörigkeit zu der 
patriotischen Gemeinschaft der Gendarmerie und in ihren Beziehungen 
zu der bald fast allmächtigen dritten Abteilung einen starken Schutz 
und ein offizielles Ansehen fanden, wurde schließlich das Gegenteil 
von dem erreicht, was die Benkendorffsche Instruktion bezweckte. 
Die dritte Abteilung wurde weder geliebt noch geachtet, wohl aber 
fürchtete man sie, und so hat sie mehr als alles übrige dazu bei- 
getragen, der Regierung des Kaisers Nikolaus den Charakter des 
harten Despotismus zu geben, der sie kennzeichnet. Sie wurde 
SU einer politischen Inquisitionsbehörde, die sich über alle Formen 






100 Kapitel III. Refonngedanken und Reformanläufe. 

des geltendeu Rechts hinwegsetzte, willkürlich und gewalttätig ein- 
griff und, je länger je mehr, sich zum schrecklichsten Werkzeug 
einer mit Edelmut drapierten Tyrannei umbildete, die von der 
Nation getragen ward wie ein Fatum, das man hinnimmt, weil es 
keine Möglichkeit gibt, ihm zu entrinnen. 

Es gehört zu den merkwürdigen Widersprüchen im russischen 
Staatsleben jener Tage, daß, während die Organisation der neuen 
Geheimpolizei mit Ostentation der Öffentlichkeit preisgegeben wurde, 
gleichzeitig im tiefsten Geheimnis eine Kommission tagte^der der 
Kaiser die Aufgabe gestellt hatte, alle Keformprojekte früherer Zeit 
durchzusehen. Die Entstehung der berühmten Kommission vom 
6. Dezember 1826 ist darauf zurückzuführen, daß im Kabinett 
Alexanders I. eine lange Reihe von Entwürfen gefunden wurde, die 
wohl als die Summe seiner gescheiterten Lebenspläne, soweit die 
Umbilduüg der Verfassung und Verwaltung Rußlands zu ihnen ge- 
hörte, betrachtet werden muß. Es ist eine der ersten Beschäfti- 
gungen des Kaisers Nikolaus gewesen, an die Durchsicht dieser Papiere 
zu gehen, und man darf wohl mit Bestimmtheit annehmen, daß 
er einen Teil sekretierte. Von den historischen Aufzeichnungen, 
wie den Memoiren Poniatowskis und der Kaiserin Katharina^ 
sowie von den Tagebüchern Kaiser Alexanders, die in einer Reihe 
von Bänden vorlagen, wissen wir es, da er sie dem Zesarewitsch 
Konstantin Pawlowitsch auf dessen Bitte zur Durchsicht schickte. 
Ebenso bestimmt wissen wir aber, daß der bedeutsamste der Re- 
formpläne Alexanders, die sogenannte Nowossilzewsche Verfassung, 
der Kommission nicht vorgelegt worden ist, obgleich der Kaiser^ 
wie nicht zweifelhaft sein kann, auch über diese Pläne des Bruders 
aus den Papieren des Kabinetts unterrichtet war. Nur war unter 
den gegenwärtigen Verhältnissen, da jeder Gedanke an eine Ver- 
fassung als Hochverrat verfolgt wurde, nicht daran zu denken, sie 
zur Diskussion zu stellen. Aber indirekt hat die Kommission, 
wahrscheinlich ohne es zu ahnen, auch darüber ihr Gutachten ab- 
gegeben. Was ihre Aufgabe sein sollte, darüber hatte der Kaiser 
Nikolaus eine eigenhändige Aufzeichnung gemacht, auf welche hin 
Graf Kotschubej, der Präsident des Komitees, ihm am 30. No- 
vember 1826 eine Denkschrift einreichte, die den Geschäftsgang der 
Kommission genauer zu formulieren bestimmt war. Die Auf- 
zeichnung des Kaisers verlangte: Durchsicht und Prüfung der im 
Kabinett Alexanders gefundenen Papiere, Prüfung der bestehenden 



Kapitel III. Reformgedanken und Reformanlaufe. 101 

Reichs Verfassung, Gutachten über das, was an Reformen „beabsichtigt 
wurde, über das, was ist, und was zu vollenden wäre". Es soll, wieder- 
holt er etwavS ausfuhrlicher, \dargelegt werden, was heute gut ist, was 
nicht fortbestehen darf und wodurch es ersetzt werden soll. Außer 
den im Kabinett vorgefundenen Papieren sollte dazu als Material 
dienen, „was Herrn Balaschow aufgetragen ist", und Vorschläge, die 
aus dem Schoß der Kommission selbst hervorgingen. J Anträge auf 
Veränderung des Bestehenden waren jedoch nur nach voraiTsgegangener 
Befragung der Fachminister gestattet, namentlich wo es sich um 
Finanzfragen handelte. Endlich will der Kaiser wöchentlich „bei 
unseren Zusammenkünften" von dem Gang der Arbeiten unterrichtet 
werden. „Ich werde das" — schließt er — „für eine meiner wichtigsten 
Pflichten und Beschäftigungen halten. Der Erfolg wird der beste Lohn 
für die Arbeitenden und mir eine Beruhigung meiner Seele sein." 
Es folgt wohl daraus, daß es dem Kaiser mit dieser Arbeit voller 
Ernst war, und daß er nicht geringe Hoffnungen auf sie setzte. Sie 
ist trotzdem fast ganz unfruchtbar gewesen, obgleich die Kommission 
fleißig und einsichtig und, wie sich nicht verkennen läßt, soweit 
möglich, auch in liberalem Geist gearbeitet hat. Sie bestand außer 
dem Vorsitzenden Grafen Viktor Pawlowitsch Kotschubej, aus dem 
General der Infanterie P. A Tolstoi, dem Generaladjutanten I. \V. 
Wassiltschikow, dem Fürsten G. A. Golitzyn, dem Chef des General- 
stabes Baron Diebitsch und Speranski; Geschäftsführer wurden 
nacheinander die Staatssekretäre A. Bludow und D. W. Daschkow, 
seit 1831 der Baron Modeste Korif. 

Die Arbeit begann, wie der Graf Kotschubej vorgeschlagen 
hatte, mit einer Durchsicht und Prüfung der sich auf Reform der 
drei Zentralbehörden, Ministerkomitee, Reichsrat und Senat, be- 
ziehenden Projekte, und ging dann auf die Organisation der Gou- 
vemementsverwaltungen über. Das alles wurde sehr gründlich 
bearbeitet, so daß zunächst von der Geschichte dieser Reichsinsti- 
tutionen ausgegangen und dann in eingehenden Memoires die vor-» 
zunehmenden Änderungen dargelegt wurden. Das Komitee konsta- 
tierte vor allem, daß Verwaltung und Justiz nicht scharf genug 
geschieden seien, Justizsachen kämen an Ministerkomitee und 
Reichsrat, Verwaltungsangelegenheiten an den Senat. Namentlich 
werde die Tätigkeit des Senats durch das Ministerkomitee beein- 
trächtigt, das doch ursprünglich nur eine Beratung der Minister 
über gemeinsame Angelegenheiten darstellen sollte. Man müsse, 



102 Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 

um Klarheit uod Ordnang zu schaffen, den Senat zur obersten 
Justizinstanz machen, die in das erste Departement des Senats 
fallenden Verwaltungsangelegenheiten abtrennen und sie einem 
besonderen „dirigierenden Senat** übertragen, der aus den Direk- 
toren der verschiedenen Verwaltungszweige und aus Personen be- 
stehen solle, die der Kaiser dazu ernenne. Über alle diese vor- 
läufigen Beschlüsse der Kommission wurden dem Kaiser Protokolle 
vorgelegt, die er bestätigte. Sie sind aber nie dem Reichsrat vor- 
gelegt worden, dem der Kaiser die Durchsicht zur endgültigen For- 
mulierung zuweisen wollte. Sie blieben daher „schätzbares Material", 
das nur die eine, freilich sehr wesentliche, Bedeutung hatte, den 
Kaiser mit der Verfassung seines Reiches gründlich bekannt zu 
machen. Eine Lücke seiner Erziehung ist so ausgefüllt worden, 
und es muß ausdrücklich anerkannt werden, daß er es seinerseits 
an Fleiß nicht fehlen ließ. 

^^_ Danach schritt das Komitee an die Prüfung der Gouvernements- 
verwaltung, wobei die vom Kaiser erwähnten Balaschowschen Pa- 
piere durchgesehen und von Balaschow selbst erläutert wurden. 
^Lßalaschow ist der frühere Polizeirainister Alexanders I., der an dem 
\ Sturz Speranskis so regen Anteil genommen hatte; seit dem 4. No- 
vember 1819 bekleidete er den Posten eines Generalgouverneurs 
in den fünf Gouvernements Rjäsan, Tula, Orol, Tambow und Woro- 
nesch. Der Kaiser hatte ihm diese Gouvernements übertragen, um 
an ihnen zu prüfen, wie die in der Nowossilzewschen Verfassung 
geplanten Statthalterschaften (Lieutenances) in der praktischen An- 
wendung funktionierten. Aber offenbar war Balaschow in die weiteren 
Pläne des Kaisers nicht eingeweiht. VEr konnte niemals eine schrift- 
liche Instruktion erhalten, sondern nur gelegentliche Befehle, die 
zudem meist mündlich erteilt wurden. Dennoch läßt sich erkennen^ 
daß es sich in der Tat um die Nowossilzewsche Verfassung in ihren 
vorbereitenden Stadien handelte. iJJalaschow mußte die dort vor- 
gesehenen conseils d'administration für die Gouvernements und 
Kreise einführen, dazu Vorsitzende der Gouvernementsverwaltungen 
und Gouvernementspolizeimeister. Die Vereinigung der fünf Gou- 
vernements zu einer Verwaltungseinheit war von Alexander ursprüng- 
lich nur auf drei Monate als Versuch angeordnet worden; er ließ 
aber diesen Versuch volle fünf Jahre fortdauern, ohne je das ent- 
scheidende Wort zu sprechen und die gleichfalls geplanten Kreis-, 
Gouvernements- und Statthalterschaftsversammlungen ins Leben zu 



Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 103 

rufen. Vor dem Komitee fand der Gedanke, das System der Statt- 
hai tei^schaften auf ganz Rußland auszudehnen,^wenig Gnade und 
keinen einzigen Vertreter. Balaschow selbst verleugnete seine 
Schöpfung. 

Er habe die von Alexander verlangten Änderungen, erklärte 
er, nur ganz äußerlich eingeführt, sie ließen sich mit einem Feder- 
strich beseitigen j^Es genüge, die conseils aufzuheben und den Prä- 
sidenten der Gouvernementsverwaltung, sowie die Gouvernements- 
polizeimeister zu versetzen, so sei alles wieder beim alten. Das 
aber wünschte sowohl das Komitee wie der Kaiser. Nur für Sibirien, 
Orenburg, den Kaukasus, Neurußland und die Ostseeprovinzen 
sollten Generalgouvernements'^eibehalten, die fünf Balaschowschen 
Gouvernements aber nach den Verwaltungsprinzipien, die vor 1819 
bestanden, verwaltet werden^ Dabei ist es denn auch geblieben, 
da der Kaiser zustimmte, so daß von den weitangelegten Plänen 
Alexanders bis auf weiteres nur das Institut der Militärkolonien 
übrig blieb. 

Die Aufgabe jedoch, auf welche das Komitee das eingehendste 
Studium und die meiste Arbeit verwendete, war die Ausarbeitung 
eines neuen Ständerechts. Das Ziel ging dahin, vor allem dem 
Adel, als erblichem>lStand, seine besondere Stellung im Reiche zu 
sichern und das Eindringen heterogener Elemente in den Kreis der 
Adelsgeschlechter nach Möglichkeit zu verhindern.VDie mechanische 
Wirkung der Rangordnung Peters des Großen sollte durchbrochen 
und in Zukunft ein Dienstrang (Tschin) stets nur mit der faktischen 
Ausübung einer bestimmten Amtstätigkeit verbunden sein, der 
Adel, der persönliche wie der erbliche, nicht wie bisher durch 
lange Dienstzeit ersessen, sondern, wo er nicht bereits als Erb- 
adel bestand, nur durch ausdrückliche\^erleihung im Zivil- wie 
im Militärdienst auf Grund besonderer Verdienste erworben werden. 
Auf diesem Wege hoffte man, daß der russische Adel wieder den 
tatsächlich edelsten, ehrenhaftesten und auserwählten Teil der 
Nation darstellen und seine frühere „Reinheit" wiedergewinnen 
werde. 

Die Geistlichkeit, die an dem Emporsteigen der übrigen Stände 
nicht gleichen Anteil genommen habe, sollte materiell und geistig 
gehoben werden, der Bürgerstand nach oben wie nach unten fester 
abgegrenzt, der Bauernstand durch bessere Verwaltung auf den 
Kronsgütern und schärfere Kontrolle der Gutsherrn geschützt 



104 Kapitel III. Reformgedanken und Reform anlaufe. 

werden. Man dachte an Regelang\(der Frone, genaue Bestimmung 
der Pflichten und Rechte der Hofbauern, Verbot des Verkaufs 
einzelner Bauern und überhaupt von Bauern ohne Land. 

Das waren die hier nur in den allerwesentlichsten Zügen 
skizzierten Hauptgesichtspunkte, deren zum Teil retrograde Ten- 
denz nicht zu verkennen ist, und in den Einzelbestimmungen der 
verschiedenen Entwürfe noch deutlicher zum Ausdruck kommt, 
wenn auch nicht zweifelhaft sein kann, daU die Gesetzgeber sich 
dabei von humanen Gedanken leiten ließen. 

Die Absicht des Kaisers, die Lage der Bauern, speziell der 
sogenannten Hofbauern, zu erleichtern/^ hat in einer eigenhändigen 
Aufzeichnung Nikolais, die am 31. August 1827 im Journal des 
Komitees erwähnt wird, Ausdruck gefunden. Man solle, schreibt 
er, 1. verbieten, Güter mit Angabe der Seelenzahl zu ver- 
kaufen, sondern die Zahl der Deßjätinen und Appertinentien an- 
geben. 2. Die Banken sollen Güter nicht auf Grund ihrer Seelen- 
zahl in Pfand nehmen, sondern ebenfalls nach Maßgabe der Zahl 
der Deßjätinen und anderen Zugehörigkeiten, ohne daß die Seelen 
erwähnt werden. 3. Über die Hofleute sind besondere Revisionslisten 
zu führen. 4. Nach Aufstellung dieser Listen soll ein Ukas erlassen 
werden, durch den verboten wird, Bauern zu Hofleuten zu machen. 
5. Von Hofleuten ist die dreifache Kopfsteuer zu entrichten. 

Dieser auf Minderung des Hofgesindes berechnete Befehl ist 
auch tatsächlich ausgeführt worden, aber das ist auch der einzige 
praktische Erfolg der Arbeiten der Kommission vom 26. Dezember 
1826. Als zu Anfang des Jahres 1830 die Entwürfe des neuen 
Ständerechts dem Reichsrat zur Durchsicht vorgelegt wurden und 
von diesem bis Ende Juni 1830 einer gründlichen Prüfung unter- 
zogen worden waren, so daß nur noch die Unterschrift des Kaisers 
fehlte, um den Entwurf zum Gesetz zu machen, hielt der Kaiser es 
für notwendig, vor entgültiger Bestätigung die Meinung des Groß- 
fürsten Konstantin Pawlowitsch einzuholen, und daran ist schließlich 
alles gescheitertoDer Großfürst erschrak vor allem vor dem Ge- 
danken, daß das neue Ständerecht als ein zusammenhängendes 
Ganzes auf einmal eingeführt werden sollte. Zwischen ihm und 
dem Grafen Kotschubej kam es darüber zum Austausch zahlreicher 
Denkschriften. Der Graf suchte das Werk der Kommission zu 
verteidigen, aber der Großfürst versteifte sich je länger je mehr 
auf seinen Widerspruch. Und nun wurde auch der Kaiser bedenk- 



Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 105 

lieh. Schon der Ausbruch der Julirevolution ließ ihm die Ein- 
führung von Neuerangen als unzeitgemäß erscheinen, die polnische 
Revolution aber hat entgültig alle Reformarbeit zum Stillstand ge- 
bracht. Die Kommission vegetierte noch eine Zeitlang, dann geriet 
sie gleichsam in Vergessenheit. Sie ist formell niemals aufgelöst 
worden. Die langjährigen Arbeiten blieben völlig ergebnislos, sogar 
der Einzelverkauf der Bauern dauerte fort^). 

^ Ähnlich ist es mit der Wirksamkeit anderer Kommissionen 
gewesen, die der erste Eifer ins Leben rief. i/Von wirklicher Be- 
deutung wurde nur die Kommission, der die Aufgabe zufiel, die 
unter Alexander ganz in Verfall geratene Flotte neuzubilden*), und 
die Arbeiten der neubegründeten Abteilung der eigenen Kanzlei 
des Kaisers zur Kodifikation der Reichsgesetze ').\/ Da diese Arbeit 
dem Geheimrat Speranski übertragen wurde und der Kaiser, bei 
dem der Ordnungssinn außerordentlich lebendig war, sich für die 
möglichst schleunig^ Beendigung der Kodifikation lebhaft inter- 
essierte, ist hier in der Tat eine ungeheure Arbeit zur Zufrieden- 
heit aller Teile beendigt worden (1830), wenn auch nicht ohne 
Willkür bei der Auswahl verfahren wurde. Der Titel „Vollständige 
Sammlung russischer Gesetze" sagt mehr als der Wirklichkeit ent- 
spricht*). Aber was nicht aufgenommen war, galt als nicht exi- 
stierend, und es bedeutete einen ungeheueren Fortflehritt, daß fortan 

Sbornik Bd. 74 und 90, wo das gesamte Arbeitsmaterial und die Jour- 
nale der Kommission mit den zugehörigen Denkschriften wiedergeben wird. 

-) Ukas yom 31. Dezember 1825, 23. Januar und vom 11. März 1826. 
Mitglieder waren die Vizeadmirale Ssenjawiu, Pustoschkin, Greigh, der Kontre- 
admiral Roshnow und die Kapitänkommandeure Krusenstern, Hatmanow, 
Dellingsbausen. Ihre Instruktion ging dahin, die Flotte so groß und so stark 
wie die der übrigen Großmächte zu gestalten, Zahl und Größe der Schiffe 
zu bestimmen, die Etats festzusetzen und die Reglements etc. zu entwerfen, 
wobei die Gesetzgebung Peters des Großen znm Vorbild dienen sollte. Auch 
die Marine-ßildungsanstalten waren der Prüfung der Kommission zugewiesen. 

') Ukas yom 31. Januar 1826. Die bisher unter dem Fürsten Lopuchin 
stehende ,,Kommission zur Sammlung der Gesetze** wurde gleichzeitig auf- 
gehoben. 

*) Auch die jedem Bande beigegebenen Inhaltsverzeichnisse sind zwar 
mit großem Fleiß gearbeitet, aber nicht immer zuverlässig. Für die Zeit bis 
zum Regierungsantritt Nikolais existiert ein zusammenfassendes Generalregister. 
Das nächste umfaßt die Jahre 1825 bis 1879 in vier Bänden. 

Das Reskript, das dem Justizminister die Beendigung der Arbeit ankün- 
digte, datiert vom 5. April 1830. 



106 Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 

die geltenden Gesetze für jedermann zugänglich waren. Auch das 
war eine Wohltat, daß der Kaiser darauf drang, daß die vom Senat 
ausgegangenen Ukase nunmehr tatsächlich Gehorsam fanden. Es hatte 
sich nämlich auf eine Anfrage des Justizministers an den Senat 
herausgestellt, daß bis 1824 inklusive nicht weniger als 2749 Senats- 
akase unausgeführt geblieben waren. Gewiß ein Beweis für die 
entsetzliche Unordnung, die in den letzten Lebensjahren Alexanders 
in allen Zweigen der Verwaltung eingerissen war. Der Kaiser 
stellte zur Ausführung der Ukase einen dreimonatigen Termin und 
drohte bei Wiederholung ähnlicher Unordnungen die Gouverneure 
unter Gericht zu stellen*). \ Ebenso energisch räumte der Kaiser 
mit den nichterledigten Sacl^n auf, so daß in dieser Hinsicht in 
der Tat eine neue Zeit anzubrechen schien. Wenn nur der Eifer 
nicht so bald erkaltet wäre und die Hand des Kaisers weiter ge- 
reicht hätte! Die Routine und die Trägheit der Beamten wußten 
sich nur zu bald wieder der Kontrolle zu entziehen. 

Können diese Bestrebungen, denen noch die nicht nachlassenden 
Bemühungen des Zaren, den trostlosen Stand der W^ege und des Post- 
wesens zu verbessern,\ngereiht werden müssen, in Zusammenhang 
mit den Eindrücken gebracht werden, welche die Aussagen der Deka- 
bristen über die Schäden der Regierung Alexanders in ihm hervorriefen, 
so machten seine besonderen Neigungen und Anlagen sich auf einem 
anderen Gebiete, das mit den Reformfragen nichts zu tun hatte, 
von vornherein in charakteristischer Weise geltend. Schon wenige 
Tage nach seinem Regierungantritt begann er an die Uniformierung 
seiner Beamten und an die Umänderung der Uniformen der Truppen 
zu schreiten. Welche Folgen damit für die Schulen und Universi- 
täten verknüpft waren, haben uns dieSchischkowschen Erlasse gezeigt. 

Gleichzeitig wurde die Neuuniformierung der Truppen und Be- 
hörden fast zum Abschluß geführt^). Der Kaiser hat sich mit 

1) Ukas vom 31 März 1826. Nicht ausgeführt waren 660 Ukase im Goa- 
vernement Kursk, 239 in Moskau, 192 in Woronescb usw. In zahlreichen Fällen 
hatten die Gouverneure überhaupt nicht angeben können, weshalb sie die Be- 
fehle nicht erfüllt hatten. In der Bittschriftenkommission lagen 4000 uner- 
ledigte Bittschriften. Der Kaiser ordnete am 21. Dezember 1826 an, daB die 
Mitglieder der Kommission sich während der beyorstebenden Feiertage täglich 
zu versammeln hätten, um diese Restanzen zu erledigen, was nicht wenig 
Arger verursacht haben mag, aber zum Ziel fährte. 

''^) Schon am 30. Dezember 1825 bestimmte der Kaiser, daß die Generale 
der Marinelinie und Marineartillerie die Uniform der Armeegenerale anzulegen 



Kapitel III. Reform gedanken und Reformanläufe. 107 

außerordentlichem Eifer dieser Aufgabe hingegeben und im wesent- 
lichen für das Militär zwei durchschlagende Veränderungen vorge- 
nommen: mit Ausnahme der Kavallerie erhielten alle Waffengattungen 
lange Beinkleider^rdie über die Stiefel gezogen wurden, und statt 
der zwei Reihen von je sechs Knöpfen an der Uniform wurden 
eine Reihe von je neun Knöpfen eingeführt. Der Kaiser meinte 
dadurch große Ersparnisse zu machen, und verwahrte sich seinem 
Schwiegervater, König Friedrich Wilhelm III., gegenüber ausdrück- 
lich dagegen, durch eine Manie für Neuerungen dazu getrieben 
worden zu sein. Einen großen Teil der von ihm vorgenommenen 
Veränderungen habe bereits Kaiser Alexander einzuführen beab- 

bätten, und zwar, was eine der wesentlichsten Neuerungen war, mit nur einer 
Reihe von neun Knöpfen. Am 14. Januar 1826 erhielten die Beamten der 
eigenen Kanzlei des Kaisers Uniformen, dunkelgrün mit bellblauem Kragen 
und Umschlägen. Von diesen Uniformen gab es vier Variauten, je nach dem 
Rang des Trägers. Am 15. Januar folgten neue Bestimmungen über die Uni- 
form der Adjutanten in der Marine, am 27. der strenge Befehl, daB Flotten- 
offiziere nie in Zivil gehen sollten, am 18. Februar ein Erlaß, der in gleichem 
Sinne den verabschiedeten Offizieren Vorschriften erteilt, am 10. Februar er- 
hielten die Beamten der Kanzlei des Ministerkomitees Uniformen, die Stabs- 
offiziere zu besonderen Aufträgen bei den Kommandierenden die Uniformen 
der du jour-Offiziere, aber ohne Achselbänder. Der llaupterlaß erschien 
am 11. Februar. Durch ihn wurde mit der Uniformierung Alexanders I. end- 
gültig gebrochen. Er beseitigte die kurzen Hosen und Lederkragen bei der 
Garde, der Infanterie, den Jägern, bei allen Garnisonregimentern, der Fuß- 
artillerie, den Pionieren, den Militär Arbeiter-Kompagnien, den mobilen In- 
validenkompaguien und den Etappenkommandos. An die Stelle traten lange 
Beinkleider von der Farbe der Uniform mit roter Seitennabt (bei der Marine 
weiß, bei den littauischen Regimentern gelb, bei den mobilen invaliden fiel die 
Naht weg), die innere Wache, und was sonst graue Uniform trug, erhielt graue 
Hosen mit gelber Naht usw. Der 13. Februar brachte der Gardemarine, den 
Marinekadetten, allen Kadettenkorps und den Flottenoffizieren neue Uniformen, 
der 26. Februar den Generalen, Stabs- und Oberoffizieren eine neue Form von 
Litzen, dazu den Generalstabsoffizieren drei Knöpfe mehr als früher. 

Am 11. April erließ der Kaiser eine Verordnung über die Farbe des 
Tuches unter den Epauletten der Oberoffiziere des Kadettenkorps, am 12. wurde 
die Uniform der Gendarmerie modifiziert, am 14. erhielten die Beamten des 
Marineministeriums ebenfalls lange Beinkleider und eine Reihe von neun 
Knöpfen, am 15. die Uralische Leib-Ssotnja weiße Pompons und weiße Riemen, 
am 28. wurden die sogenannten Tschechly, eine Art Wetterkappe, eingeführt. 
Dann folgte am 17. Mai eine Uniformierung der Zivilmitglieder des Reichsrats, 
am 24. eine neue Vizeuniform für die Beamten des Ministeriums der Volks- 
aufklärung. Am 25. Juni wurden für die Stabs- und Oberoffiziere der Flotten- 



108 Kapitel III. Reformgedanken und Reformanläufe. 

sichtigt*). Das letztere wird wohl auf eine gelegentliche Äußerung 
Alexanders zurückzuführen sein, nicht auf bereits formulierte An- 
ordnungen, von denen, so viel sich erkennen läßt, keine Spur er- 
halten isti Auch spricht die Erbitterung dagegen, mit der der 
Groiifttrst Konstantin den Absichten des Bruders entgegentrat. In 
der polnischen Armee durfte, abgesehen von den langen Bein- 
kleidern, von irgendwelchen Neuerungen keine Rede sein, und daß 
trotz seines Widerspruches die Reform in den littauischen Korps 
durchgeführt wurde, hat der Großfürst außerordentlich übel ge- 
nommen'). Die Uniformierung aller Zivilbeamten der verschiedenen 
Ressorts aber entsprach dem Ordnungssinn des Kaisere. Er wollte 
auf den ersten Blick erkennen, wen er vor sich habe, und verband 
mit der Uniform auch den Begriff einer militärischen Disziplin, 
von der er sich die heilsamsten Folgen versprach. Daß er Zivil- 
beamte für kleine Vergehen auf die Hauptwache zu schicken pflegte 
und sie dort oft mehrere Tage in Arrest hielt, ist eines der Sym- 
ptome jenes besonderen „nikolaitischen" Geistes, der fortan die 
Äußerlichkeiten des russischen Staatslebens bestimmte und gleichsam 
durchtränkte. Eine Wandlung in der Gesinnung der Beamtenschaft 
konnte natürlich durch solche Mittel nicht erreicht werden. Man 
fürchtete den neuen Herrn und begnügte sich damit, ihm den 
Schein von Ordnung und Eifer zu zeigen, den er verlangte. Auch 
unter den neuen Uniformen behauptete sich die hergebrachte Rou- 



und Marineartillerie Kiever eingeführt und die Leibkürassiere neu uniformiert, 
am 1. Juli das Wattieren der Marineuniformen und am 14. das Tragen von 
Achselbändern den verabschiedeten Offizieren yerboten. Ebenfalls am 14. 
wurde den Beamten der ßittschriftenkommission eine Uniform verliehen, am 
26. begrenzte der Kaiser das Recht, im Sommer weiße Leinwandbeinkleider 
zu tragen, am 30. wurde angeordnet, den Mantel gerollt über dem Ranzen zu 
tragen, am 10. August erhielten in der ganzen Armee die Kiever Überzüge 
(Tschechly). Damit war im wesentlichen erreicht, was der Kaiser bezweckte. 
Eine neue Periode der Uniform -Variierungen begann nach Beendiguog des 
polnischen Aufstandes. 

^) Nikolai an Friedrich Wilhelm IlL, 10. April 1826. Original im Haus- 
archiv zu Charlottenburg. 

^) Brief Konstantins an Nikolai vom 15. Februar 1826 „j'oserai simplement 
Yous supplier de nous laisser tels que nous sommes dans le corps de 
Lithuanie*. Dazu die Berichte des Generalkonsuls Schmidt ans Warschau im 
Berliner Geh. Staatsarchiv, passim. Nikolai berechnete seine Ersparnisse an 
der Uniformierung auf 640000 Rubel. Brief an Konstantin vom 10./22. Fe- 
bruar 1826. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 109 

tine. Man paßte sich in erstaunlich kurzer Zeit dem System der 
neuen Ära an, befriedigte den Ordnungssinn des Zaren durch eine 
papierene Geschäftigkeit und ging im übrigen in den alten Bahnen 
weiter. Es waren im Grunde die alten Potemkinschen Kulissen, 
die wieder hervorgeholt und sorgsam so aufgestellt wurden, daß 
sie die Wirklichkeit mit all ihren Schäden verdeckten. Der Anlauf 
des Zaren, zu einer wirklichen Reform zu gelangen, konnte schon 
nach wenigen Monaten als abgeschlagen gelten. Der Kern des 
alexandrinischen Rußland blieb unverändert der alte. 



Wäl 

)erall 1 



Kapitel lY. Innere nnd auswärtige Schwierigkeiten. 

Die orientalisctie Frage. 

ährend im Innern Rußlands die Hand des neuen Herrn sich 
überall fühlbar machte, aber im wesentlichen doch nur äußerliche 
Modifikationen althergebrachter und schwer getragener Verhältnisse 
herbeizuführen vermochte, war die Stellung Rußlands in seinen 
Beziehungen zu den Mächten der großen Allianz und zu den bisher 
in der Schwebe erhaltenen Problemen der europäischen Politik seit 
dem Tode Alexanders eine durchaus andere geworden. Gerade 
weil die Politik des so unerwartet gestorbenen Herrschers eine aus- 
schließlich persönliche war, mußte sein Ausscheiden aus der Reihe 
der rivalisierenden Mächte von entscheidender Bedeutung werden. 
Alles kam darauf an, wie sein Nachfolger den Zusammenhang der 
russischen und der europäischen Interessen verstand, und deshalb 
bedeutete die Zeit des Interregnums eine Periode größter Verlegen- 
heit für alle europäischen Höfe. 

s^^^A)ie Nachricht vom Tode Alexanders war zunächst in Frank- 
furt a. M. bekannt geworden. Fünf Kuriere hatten sie Rothschild 
zugetragen — so vortrefflich'^ar für alle denkbaren Eventualitäten 
der Nachrichtendienst der emporstrebenden^finanziellen Großmacht 
organisiert. Sie hat sich dann auch ihren Vorsprung^iiutzbar zu 
machen verstanden. Auch in Berlin war die Finanz der Diplo- 
matie voraus; der Schwiegersohn des Warschauer Bankiers Fränkel 
erhielt die erste Meldung, obgleich der Generalkonsul Schmidt 
keinen Augenblick versäumt hatte, um König Friedrich Wilhelm III. 
aus Warschau die folgenschwere Nachricht zu übersenden. Aus un- 
aufgeklärten Gründen blieb Schmidts Stafette in Posen liegen und 
traf erst am 12. Dezember abends in Berlin ein. Am 13. früh 



110 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

brachte Bernstorflf dem Könige die Trauerbotschaft. Der Nachricht 
vom Tode Alexanders folgte dann die andere von der Vereidigung 
der Truppen in Petersburg auf den Namen des Kaisers Konstantin. 
Dann wurde der sogenannte „Großmutsstreit" der beiden Brüder 
bekannt, und das gab eine zunächst völlig undurchsichtige Lage, 
die noch dadurch kompliziert wurde, daß der Großfürst Konstantin 
den Tod Alexanders immer noch verheimlichte und in seinen 
Schreiben an Alopäus, den russischen Gesandten in Berlin, die 
Fiktion aufrecht erhielt, daß die Regierung Alexanders fortdauere, 
auch seine Briefe nicht schwarz, sondern rot siegelte, ^an wußte, 
daß er am 29. Dezember einer polnischen Dame befahl, die 
Trauergewänder abzulegen, die sie angetan hatte. Noch am 
1. Januar 1826 war man in Berlin ohne entscheidende Nach- 
richt; es konnte weder ein Kreditiv für den Gesandten Schöler 
ausgefertigt werden, noch auch, wie beabsichtigt war, Prinz 
Wilhelm seine Reise zur Begrüßung des neuen Kaisers antreten. 
\ Erst am 2. Januar brachte ein aus Petersburg eintreffender Kurier 
durch einen eigenhändigen Brief des Kaisers die endgültig ge- 
fallene Entscheidung^). Die Freude war um so größer, als der 
König, der schon seit zwei Jahren wußte, daß Konstantin auf 
sein Erbrecht verzichtet hatte, mit anderen die Befürchtung 
teilte, daß der Großfürst schließlich sich der vollzogenen Tatsache 
der ihm geleisteten Huldigung fügen und die Krone annehmen 
könnte. Bei seiner entschiedenen Abneigung gegen Preußen hätte 

') Er datierte Petersburg vom 14. Dezember und war offenbar früh 
morgens geschrieben und expediert worden. Er lautet: „Sire. La nouvelle 
Position ou il a plu ä la Provideuce et a mes freres de me placer, ne peut 
cbanger les seutiments que vos bontes pour moi mWt toujours inspires pour 
vous. C'est a vos bons conseils, ä votre tendre amitie que j'ose me recom- 
mander, daignez uc jamais me les refuser et croire que je serai toujours pour 
vous le meme fils tendre et respectueux, que je me suis efforce d'etre jus- 
quMci. C^est avec ce sentiment la que j^ai Thonneur de me nommer pour le 
reste de mes jours, Sire, de Votre Majeste le tres respectueux et tendrement 
attacbe beau-fils Nicolas.* Der Brief trug einen Trauerrand. Gedruckt bei 
Bailleu. Briefwechsel Kaiser Alexanders p. 144 Nr. 443. Die Antwort 
des Königs (nach eigenhändigem Konzept) ist sehr herzlich empfunden und weist 
auf das große Vorbild hin, das Alexanders Regierung biete. Es ist schwer zu 
sagen, ob der Konig wirklich geglaubt hat, daß Alexanders Regierung ein Segen 
fär dasrussische Volk gewesen sei. Wahrscheinlich dachte er an die großen 
Jahre des Freiheitskampfes, und in jenen Jahren war Alexander allerdings „b^ni 
par (ses) peuples et par Thumanite entiere". 



Kapitel IV'. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. Hl 

das mindestens eine große Verlegenheit bedeutet, die unter 
anderem auch eine gesteigerte Abhängigkeit von der öster- 
reichischen Politik zur Folge haben mußte. Das alles schwand 
nun, und der Ton des ersten Briefes des Zaren ließ das Beste er- 
warten. Am 3. früh kam dann die Nachricht von den blutigen 
Ereignissen auf dem Seuatsplatz, die trotz des glücklichen Aus- 
gangs erschreckten. Es war doch eine furchtbare Gefahr an geliebten 
Häuptern vorübergezogen. Prinz Wilhelm wurde beauftragt, die 
Glückwünsche Preußens dem Kaiser zu überbringen. Am 6. Januar 
hat er Berlin verlassen, um über Warschau nachPeteraburgzu reisen. 
Sein Adjutant Leopold von Gerlach und General Thile begleiteten ihn. 
In Wien waren die russischen Ereignisse weit später 
bekannt geworden. Vom Tode Alexanders erfuhr Metternich 
um Mitternacht vom 13. auf den 14. Aber er wollte die nicht 
genügend beglaubigte Nachricht nicht wahr haben.v l^i^st am 18. 
schwand ihm jeder Zweifel, dann aber folgte bis zum 6. Januar 
auch für ihn eine Zeit peinlichster Ungewißheit. In Österreich 
waren alle Sympathien für Konstantin. Metternich rühmte die 
Korrektheit der politischen Prinzipien des Großfürsten, dessen Ver- 
achtung der Griechen und unbedingteLFriedensliebe ihm wohlbekannt 
war. \Er rechnete außerdem darauf, in ihm einen Bundesgenossen 
gegen alle die umstürzenden liberalen und revolutionären Elemente 
zu linden. Von dem Geheimnis seiner Thronentsagung war ihm 
nichts bekannt; um so schmerzlicher wurde die spätere Wendung 
empfunden, und nur die Tatsache, daß der junge Zar gleich am 
ersten Tage seiner Regierung mit der Revolution hatte kämpfen 
müssen, gab dem Fürsten Metternich neue Hoffnung. Er hatte 
ursprünglich den Erzherzog Ferdinand Este, den Vetter des Kaisers, 
denselben, der in den ünglücksjahren 1805 und 1809 eine nicht 
unrühmliche Rolle spielte, bestimmt, Österreichs Glückwünsche 
dem Kaiser Konstantin zu überbringen. Als die Haltung Konstan- 
tins den Ausgang zweifelhaft erscheinen ließ, wurde die Reise des 
Erzherzogs natürlich verschoben. Metternich fand Nikolais Hal- 
tung höchst korrekt, so lange sie auf dem Boden der Thronfolge- 
ordnung Kaiser Pauls blieb ^), später, als die Entscheidung zugunsten 
Nikolais gefallen war, hatte er nur Hohn für den Großmutsstreit 



1) „Weisung^ Metternichs an Lebzeltem vom 2. Januar 1826 und die 
reservierte Depesche vom 10. Januar. 



112 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

^dieser beiden Brüder, die sich nicht selbst zu helfen und zu raten 
wüßten". Aber er hielt es doch für geboten, dem neuen Kaiser 
das geflissentlichste Entgegenkommen zu zeigen und den Erzherzog 
direkt nach Petersburg reisen zu lassen, a Er sollte Warschau gar 
nicht berühren und dadurch gleichsam die" auf die Wahl Konstan- 
tins gesetzten Hoffnungen ofßziell verleugnen. ^.Das schien um 
so notwendiger, als in Petersburg die Verstimmung über den durch 
seinen Schwager, den Fürsten Trubetzkoi, auf das schwerste kom- 
promittierten österreichischen Botschafter Grafen Lebzeltern, sehr 
groß war. Schon am 1./13. Januar mußte der Botschafter berichten, 
daß der Graf Nesselrode ihm nicht als Staatssekretär, sondern als 
Freund geraten habe, Petersburg zu verlassen; auch der schwedische 
Gesandte Graf Blome gab ihm im Auftrage Nikolais denselben Rat. 
Metternich, der den Wink nicht übersehen durfte, auch selbst über 
,^ebzeltern wegen seiner irreführenden Relationen ärgerlich war, 
ließ ihn nur anstandshalber noch einige Monate auf seinem Posten. 

Erst am ^-^^^ 1826 hat er Petersburg für immer verlassen. 

Der Erzherzog Ferdinand wurde am 11. Januar aus Wien 
mit einer Instruktion abgefertigt, die ihn beauftragte, eine mög- 
lichst klare Vorstellung von dem Charakter und den Prinzipien des 
Zaren zu gewinnen; acht Tage danach wurde eine andere Gesand- 
schaft nach Warschau geschickt. Sie war dem Grafen Bombelles 
übertragen worden und erregte viel böses Blut, weil man allgemein 
annahm, daß Bombelies beauftragt sei, dem Großfürsten die Unter- 
stützung Österreichs für den Fall zu versprechen, daß er sich, trotz 
allem geneigt zeigen sollte, die Regierung zu übernehmen.'4H3as 
war natürlich falsch, weil es außerhalb des Bereichs des Möglichen 
lag. Aber noch 1829 wurde es mit großer Bestimmtheit in Peters- 
burg kolportiert*). In W'irklichkeit ging Bombellos' Auftrag dahin. 



>) Relation Schüler vom 27./15. Febniar 1829 durch Baron Vitzthum 
uberbracht: „Und vor kurzem habe ich in Erfahrung gebracht, daß Graf Bom- 
belles im Jahre 1825 bei der Durchreise durch Warschau den Auftrag gehabt 
hat, den Cäsarewitsch zur Beibehaltung des Thrones dringend aufzufordern 
und sogar Österreichs Unterstützung erforderlichenfalls ihm hierzu anzubieten. 
Graf Bombelles hat sich dahin bringen lassen, am Endo diesen Antrag schrift- 
lich zu machen, und der Großfürst hat nicht verfehlt, dies Dokument seinem 
Bruder mitzuteilen, der hochherzig genug gewesen ist, sich damit zu begnügen, 
den Erzherzog Ferdinand, bei dessen Hiersein, von dem ganzen Hergang in 
Kenntnis zu setzen.'' Die Quelle Schülers ist wahrscheinlich Diwow, der 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 113 

dem Großfürsten die österreichische Auffassung der orientalischen 
Frage darzulegen und ihn zu ersuchen, im Sinne der Prinzipien, 
die Österreich mit dem Kaiser Alexander gemein gehabt habe, 
auf den jungen Kaiser, seinen Bruder, einzuwirken. Zugleich wurde 
ihm ein neuer Vertreter des Generalkonsulats in Aussicht gestellt, 
der dem diplomatischen Dienst angehören sollte und daher besser in 
der Lage sein werde, den Großfürsten auf dem Laufenden der 
wichtigen politischen Fragen zu erhalten. Konstantin, der dieses 
Vertrauen der österreichischen Regierung sehr gut aufzunehmen 
schien und sich Bombelies gegenüber äußerst gnädig zeigte, schickte 
jedoch einen ausführlichenVneun Seiten langen Bericht über seine 
Unterredungen mit dem Grafen nach Petersburg, und die Wirkung 
führte germu zu dem den Wünschen Metternichs entgegengesetzten 
Resultat, was Mißtrauen gegen die Haltung Österreichs, das schon 
bei Lebzeiten Alexanders durch eine aufgefangene Depesche des 
Internuntius Guilleminot lebhaft erregt war *), setzte sich noch tiefer 
fest. Als nun der Bericht Konstantins einlief, gab ihn der Kaiser 
dem Erzherzog Ferdinand, den er vorher und auch danach mit größter 
Auszeichnung behandelte, zu lesen, und ließ dabei deutlich merken, 
daß er sich durch das Mißtrauen verletzt fühle, das in der Sendung 
Bombelles' seinen Ausdruck gefunden habe. Noch weit schärfer 
aber sprach, offenbar im Auftrage des Kaisers, sich Nesselrode dem 
Grafen Lebzeltern gegenüber aus*). 

^Als die Gäste des Kaisers, seine beiden Schwäger, Prinz Wilhelm 
von Preußen, Prinz Wilhelm von Oranien, sein Neffe Paul Friedrich 
von Mecklenburg-Schwerin, sein Oheim Markgraf Leopold von Baden 
und als einziger Nichtverwandter Erzherzog Ferdinand von Modena- 
Este in Petersburg eintrafen, fanden sie eine Lage vor, die bereits 
erkennen ließ, daß der neue Herrscher selbst zu regieren ent- 
schlossen war. Nahm die Untersuchung der Militärverschwörung 
auch die Zeit des Kaisers noch immer sehr stark in Anspruch, so 



Stelhertreter Nesselrodes. Wir geben den wahren Sachverhalt an der Hand 
der Instruktion und der Berichte Bombelles', sowie der Korrespondenz Kon- 
stantins mit dem Zaren. Bombelles blieb vom 23. bis 27. Januar in Warschau. 
*) Depesche Lebzelterns vom 19. Oktober 1825. Guilleminot habe ge- 
schrieben „pourvu que Ton enchainät TOurs du Nord, il r^pondait du reste''. 
Man hatte keinen Anstand genommen, dem österreichischen Botschafter davon 
Hitteilung zu machen, und Nesselrode hatte lebhafte Vorwurfe daran geknüpft 
') Bericht des Erzherzogs vom 5. Februar 1826 in der Anlage. 
Schiemann, Geschichte Rußlands U. 8 



114 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

hatte er doch auch begonnen, sich mit großem Fleiß in die Zu- 
sammenhänge der äußeren und inneren Politik einzuarbeiten. Er 
hatte ein sehr lebhaftes Gefühl für die Lücken seiner Bildung, 
aber zugleich ein hohes Selbstgefühl, das ihn keinen Augenblick an 
den eigenoA^ähigkeiten zweifeln ließ. Dazu .kam die Freude an 
seiner oratorischen und dialektischen Begabung und sein fester 
Glaube an die Lauterkeit und Unanfechtbarkeit der von ihm ver- 
tretenen Prinzipien. In religiöser Beziehung lagen ihm zwar, wie 
wir wissen, alle pietistischen Regungen fern, aber er fühlte sich in 
seinem Glauben sicher und wurde nicht durch Zweifel beunruhigt. 
Gerlach berichtet, daß der Zar sowohl wie der Großfürst Michael 
abends regelmäßig in der Bibel zu lesen pflegten, wasf^beiläufig 
bemerkt, an die Vorliebe Nikolais für protestantische Auffassungen 
erinnert. Die Erfüllung aller rituellen Bräuche der griechischen 
Kirche fiel für ihn in den Kreis der Pflichten, denen er gerecht 
wurde, und seine -.äußere Stellung vertrat er mit Würde und 
Liebenswürdigkeit. ^^ war, wie Alexander, ein „Charmeur", be- 
müht, durch den persönlichen Eindruck, den er machte, zu 
gewinnen, oder wo er es für nützlich hielt, zii\imponieren und zu 
schrecken. Aber unter vier Augen liebte er sich gehen zu lassen, 
ohne jedoch das Ziel, das er verfolgte, darüber aus den Augen zu 
verlieren. ^^Er weinte leicht und pflegte, wenn er etwas nachdrück- 
lich- betonen und jeden Widerspruch zum Schweigen bringen wollte, 
sein Ehrenwort zu geben, womit dann jede fernere Diskussion zur 
oft nicht geringen Verlegenheit der mit ihm verhandelnden Diplomaten 
abgeschnitten wurde. 

Gleich die erste Ansprache, die er dem versammelten diplo- 
matischen Corps am Neujahrstage neuen Stils hielt, imponierte durch 
die Geläufigkeit und Sicherheit, mit der er den ganzen Verlauf und 
die bisher bekannt gewordenen Ziele der großen Verschwörung dar- 
legte'). Der Kaiser Alexander, so sagte er, habe mit ihm oft von den 
drohenden Gefahren gesprochen, aber er gestehe, nicht recht daran 
geglaubt zu haben. Hieran knüpfte er die Darlegung der Ereig- 

Relatiou Lebzeltern vom ;,t-t. — ^^ — *-^..i überbracht durch Ribeau- 

22. Dezember 1825^ 

pierre. „11 nous tint uu discours, dont j'espere que ma memoire me retracera 
fidelement les paroles, mais auquel il m'est impossible d'imprimer la noblesse, 
la candeur, et le ton touchant, qu^y a mis TEmpereur. Ses expressions et Tordre 
meme dans lequel il les a dolivrees nous prouverent bien que c'etait 8on coeur 
qui les dictait avec abandon.^ 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 115 

nisse, deren Zeugen die Herrn Gesandten gewesen seien, und die 
Erklärung, daß er milde gegen die Verirrten, aber streng gegen 
die Urheber des Aufstandes — er nannte Trubetzkoi und Obolenski 
— sein werde. VJIan habe in Petersburg die Ereignisse von Turin 
und Spanien wieolerholen wollen, aber er habe an sich die große 
Wahrheit erfahren, daß man bei entschlossener Erfüllung der von 
Gott gesetzten Pflichten der Bösewichter Herr werden könne. j^j)ie 
Richtschnur seiner Regierung werde das Vorbild sein, das Alexander 
ihm hinterlassen habe, und er bitte sie, das ihren Regierungen mit- 
zuteilen, ^ann nahm er den französischen Botschafer Grafen La 
Ferronnays unter den Arm und führte ihn in sein Kabinett, wo er 
eine Stunde lang sich mit ihm in einem intimen Gespräch erging, 
das dem Grafen wichtig genug schien, um es durch einen Kurier 
nach Paris mitzuteilen ^). Und in der Tat, es ist von außerordent- 
licher Wichtigkeit und gibt besser als was wir sonst von diesen Tagen 
wissen, ein treues Bild vom Wesen des Kaisers. C/Ich hatte, erzählt 
La Ferronnays, kaum die Tür des Kabinetts geschlossen, als seine 
Majestät mich kräftigl^ umarmte und unter Tränen sagte: „Wie 
glücklich bin ich, mit Ihnen allein zu sein und einem Freunde, der 
mich versteht, mein Herz auszuschütten, i^ Haben Sie eine Vorstellung 
von den Aufregungen und Empfindungen, die mich seit einem 
Monat drücken: jung und ohne Erfahrung, ohne je die höchste Stellung 
gewünscht oder nur von ihr geträumt zu haben'), mußte ich unter 
solchenXyorzeichen den Thron besteigen — , urteilen Sie über den 
Zustand meiner Seele! Ich spreche in voller Aufrichtigkeit und 
Offenheit. Unsere Stellung zueinander hat sich verändert, aber meine 
Achtung und meine Freundschaft für Sie werden sich immer gleich- 
bleiben. Ich weiß ja nicht und kann auch nicht vorhersehen, 
welche Beziehungen die Politik zwischen dem Kaiser von Rußland 
und dem Botschafter des Königs von Frankreich schaffen wird, 
aber ich kann Ihnen mein Ehrenwort geben, daß Nikolai für den 
Grafen La Ferronnays immer derselbe bleiben wird. Sie haben ja 
gesehen, was eben geschehen ist, und nun stellen Sie sich vor, was 
ich empfand, als ich verurteilt Vwar, bevor der erste Tag meiner 
Regierung zu Ende ging, das Blut meiner Untertanen zu vergießen. 
Niemand, außer vielleicht meine Frau, kann das verstehen. Vor- 

*) Relation La Ferronnays. Petersburg, 5. Januar 1826 No. 14. Paris 
Depot des affaires etrangeres Russie 1826. 

^ Wohl eine Gefühlstäuschung Nikolais! 

8* 



116 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

über sind meine glücklichsten Tage, lieber La Ferronuays. Ich 
wußte vorher, wie drückend die Last einer Krone sein kann, und 
Gott ist mein Zeuge, daß alle meine Wünsche dahin gingen, die 
Krone abzulehnen, die mir durch unerhörte LTmstände aufgezwungen 
worden ist. ^Aber die Elenden, die dies abscheuliche Komplott 
geschmiedet haben, nötigen mich, so zu handeln, als hätte ich sie 
dem entreißen wollen, dem sie gehörte, ^ch weiß, daß viele die 
Überstürzung tadeln werden, die ich in dem Augenblick zeigte, 
da ich die Nachricht vom Tode des Kaisers erhielt. Und in der 
Tat schienen die Ereignisse die Eile zu verdammen, mit der ich 
meinen Bruder Konstantin anerkannte und ihm huldigte, d^ünd 
doch würde ich in gleicher Lage auch jetzt nicht anders handeln, 
und ich mache Sie zum Richter meiner Lage. Ich war allein in 
Petersburg, als der Kaiser starb; konnte und durfte ich die Rechte 
geltend machen, die mir ein Schreiben verlieEh^ das, abgesehen von 
wenigen Personen, Isiemand im Reich kannte? Nein, ich durfte es 
nicht, namentlich nicht in Abwesenheit meines Bruders .... Ich 
rufe den Himmel zum Zeugen und schwöre es Ihnen bei meiner 
Ehre, daß ich nur die Stimme meines Gewissens gehört und nur 
die Empfindungen zu Rat gezogen habe, die stets in meiner Seele 
leben werden *). 4lch glaubte und glaube noch jetzt, daß, wenn 
mein Bruder Konstantin meinen dringenden Bitten Gehör geschenkt 
hätte und nach Petersburg gekommen wäre, wir die furchtbaren 
Szenen vermieden hätten, deren Zeuge Sie gewesen sind.VEr hat 
nicht geglaubt, meinen Bitten nachgeben zu können. Die Unmög- 
lichkeit, sofort bekannt zu machen, was sich zwischen uns beiden 
abspielte, die Notwendigkeit, die lange und gefährliche Ungewißheit 
des Publikums zu beseitigen, haben mich gezwuugeiv^den Thron 
anzunehmen. Aber die Verschwörer glaubten, daß sie die. Gelegen- 
heit und die Mittel zum Handeln gefunden hätten. Sie 'sprengten 
geschickt aus, daß zwischen mir und meinem Bruder Feindschaft 
herrsche, sie haben meine Handlungsweise mit den abscheulichsten 
Farben gezeichnet. Nur durch Verleumdungen, und indem sie den 
Soldaten einredeten, daß der Herrscher, an den ihr erster Eid sie 
band, gefangen sei und von ihnen gerächt sein wolle, vermochte 
man es, einige von ihnen zu verführen. Und das war es, was am 



Auch hier liegt eine Geföhlstäuschung vor, zugleich aber das Bekennt- 
nis Nikolais, daß er das Testament des Bruders kannte. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 117 

vorigen Montag meine Lage tausendmal schwerer machte, als ich 
sagen kann. Die Notwendigkeit trieb mich, und um die Haupt- 
stadt, vielleicht das Reich, vor einer schweren Katastrophe zu retten, 
mußte das Blut von Unglücklichen fließen, die meist gerade durch 
ihre Rebellion bewiesen, daß sie ihrem Eide und ihrem Herrn treu 
waren." 

Als der Kaiser dies sagte, flössen seine Tränen reichlich, und 
Schluchzen erstickte fast seine Stimme. Nach einer kleinen Pause 
fuhr er fort. „Verzeihen Sie, lieber Graf, ich weiß, daß meinem 
Freunde gegenüber meine Seele sich ergehen und alle ihre Leiden 
zeigen darf, ohne mißverstanden zu werden" .... Übrigens sei er 
nur traurig, nicht gebeugt. C Auch werde er nicht mißtrauisch 
werden. „Ich weiß, daß nichts mich vor einem Mörder schützen 
kann und daß ein Herrscher dieser Gefahr Trotz bieten muß. Auch 
fürchte ich nicht Verschwörungen .... Aber ich habe ein Vor- 
gefühl von meinen Pflichten, ich werde sie rasch kennen lernen 
und sie zu erfüllen wissen. "^ Mit 29 Jahren darf man, zumal in 
Verhältnissen wie den jetzigen, vor der Aufgabe erschrecken, von 
der ich niemals glaubte, daß sie mir zufallen werde und für die 
ich mich infolgedessen auch nicht vorbereitet halte ^). Ich habe 
den Himmel nie inbrünstiger um etwas gebeten, als mir diese 
Prüfung zu ersparen. Da er andere bestimmt hat, werde ich mich 
bemühen, nicht unter den Pflichten zu stehen, die mir auferlegt 
sind. Ich werde sie zu erfüllen wissen.^ Ich werde milde, sehr 
milde, man wird vielleicht sagen zu milde sein. Aber die Führer 
und Anstifter des Komplotts werden ohne Mitleid und ohne Er- 
barmen behandelt werden .... Ich werde unerbittlich sein, das 
bin ich Rußland und Europa schuldig. Mein Herz aber ist zerrissen, 
und ich habe das schreckliche Schauspiel des ersten Tages meiner 
Regierung stets vor Augen." La Ferronnays sagt, die Erregung des 
Kaisers sei außerordentlich gewesen '). Er versuchte ihn zu beruhigen, 
und das Gespräch wandte sich nun dem Detail der Verschwörung 
zu. Der General Graf Michail Woronzow habe nach seiner Rück- 
kehr aus Frankreich, wo er die Okkupationstruppen kommandierte, 
auf den gefährlichen Geist, der unter den Offizieren herrschte, durch 
eine Denkschrift aufmerksam gemacht, die mit großer Offenheit 



1) Das letztere nur ist wahr. 

^) 1. 1. yL'emotion de l'Empereur etait extreme''. 



u 



113 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

und Energie geschrieben war. Aber der damals noch in liberalen 
Ideen befangene Kaiser habe diese Denkschrift sehr übel aufge- 
nommen und ihn lange seine Ungnade fühlen lassen. Und nun 
kam der Zar auf den eigentlich praktischen Zweck dieser merk- 
würdigen Unterredung. Er glaube nicht, daß Ausländer an der 
V^erschwörung beteiligt seien; sollten unglücklicherweise Franzosen 
sich als Mitschuldige erweisen, so werde er La Ferronnays sofort 
benachrichtigen, er hoffe, daU Frankreich ihm den Gegendienst 
leisten werde, ihn über die Russen, die auf französischem Boden 
lebten und am Komplott, wahrscheinlich als Leiter, beteiligt seien, 
die für die Ruhe Europas und Rußlands unerläßlichen Auskünfte 
zu erteilen*). Beim Abschied küßte der Kaiser den Grafen und 
bat ihn, er möge sich jederzeit an ihn wenden, wenn er etwas 
mitzuteilen habe, wie er denn hoft'e, sich häufig mit ihm zu unter- 
halten. Nesselrode wisse bereits davon. 

>^^ Es ist begreiflich, daß La Ferronays durch den ganz unge- 
wöhnlichen Charakter dieser Unterredung lebhaft angeregt wurde. 
Er glaubte bereits mit der Möglichkeit einer französisch-russischen 
Allianz rechnen zu müssen und schrieb dem französischen Minister 
des Auswärtigen, Baron Damas, daß er unter diesen Umständen 
nicht weiter auf seine Bitte um Abberufung aus Petersburg bestehe'). 
Er hielt die innere Lage Rußlands keineswegs für unbedenklich^ 
denn auch jetzt noch könne man sich keine Vorstellung von der 
Kühnheit der Äußerungen und der Extravaganz der Ansichten der 
Gardeoffiziere machen. Sie alle rühmten sich „Söhne der Minerva" 
zu sein und lebten in Bewunderung der französischen Revolution 



') I« 1* »j'espere en retour, que si la poIice de France decouvrait que 
parmi les Russes etablis chez vous, il s^en trouvait qui fussent lies au complot, 
comme probablemeut ils en seraient les directeurs, j'espere que Votre Gou- 
vernement nous les ferait connaitre et nous foumira des renseignements qui 
importent autant a la tranquillite de TEurope qu'a celle de la Russie." Nikolai 
dachte dabei vornehmlich an den Grafen Bobrinski, wie spätere Relationen La 
Ferronnays' beweisen I 

^) I. I. „Si Ton pense que mes relations avec lui, en supposant qu'elles 
pussent se maintenir sur le memo pied, doivent me donner les moyens d'etre 
utile, ce qui ne pourrait jamais etre que dans le cas oü Ton voudrait se 
rapprocher de la Russie et pm^voir eventuellement la possibüite d^une 
alliance avec eile, alors, Monsieur le Baron, toutes les demandes que j^avais 
cru pouvoir prendre la liberte de faire ä votre Excellence, restent non avenues. 
Je resterai ici, j'y resterai seul . . . .* 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 119 

und Bonapartes. ^Törichterweise werde jetzt die Verschwörung auf 
Rechnung der Österreicher gesetzt*). Er riet, zur Begrüßung des 
Kaisers eine Persönlichkeit „de haute distinction^ zu senden, etwa 
den Herzog von Mortemart. Da dieser Botschafter wahrscheinlich 
eine Einladung zur Krönung erhalten werde, empfehle es sich, es 
ihm möglich zu macheu, mit großem Prunk aufzutreten. 

Nikolaus nahm es sehr hoch auf, daß La Ferronuays ihm als erster 
seine neuen Krcditiveüberreichen konnte. Die französische Regierung 
war so klug gewesen, für alle Eventualitäten ihren Botschafter mit 
Kreditiven für Kikolai wie für Koustantin zu verseheu. Am 9./21. 
ließ der „Großfürst Nikolas" den „Grafen La Ferrounays", also 
nicht der „Kaiser" den „Botschafter", zu einer zweiten Unter- 
redung „en frac", nicht in Uniform, bitten. Er kam nochmals auf 
die weitenJ^Verzweigungen der Verschwörung zurück, die nach 
Dresden, vielleicht auch nach Paris') und Italien hineinreichten, 
aber er gab sein Ehrenwort, daß er weiter keinerlei Befürchtungen 
hege. Die ausländischen Gäste freilich haften andere Eindrücke. 
Dem Adjutanten des Prinzen Wilhelm, Leopold von Gerlach, fiel 
der wilde Fremden- und speziell der Deutschenhaß der Gesellschaft 
auf, der sich sogar gegen das Kaiserhaus richte. „In welcher 
schwankenden Lage befindet sich der arme Kaiser mit seiner 
^ glühenden Kaiserkrone auf dem Kopfe, von Verrätern umgeben; nicht 
alle Übeltäter seien in der Festung, hat jemand neulich dem General 
Thile gesagt, einige von ihnen sind alle Tage mit uns im Vor- 
zimmer des Kaisers, und er hat die Beweise dafür in Händen". 
Ein andermal vergleicht ^r die Stellung Nikolais mit der eines 
Mannes, der auf einer dünnen hohen Säule stehe, an der jeder 
Unzufriedene rüttele, „um entweder den Herrn von oben herabzu- 
stürzen und einen anderen hinaufzusetzen, oder, wie das jetzt hat 
geschehen sollen, die Säule selbst und für immer über den Haufen 
zu werfen". Die kaiserliche Familie, schreibt der hannoversche 
Gesandte von Reden, ist gleichsam von aller Gesellschaft sequestriert, 
sie sieht, von den Garden beschützt, nur was zum inneren Kreis 

*) Auch Gerlach, Denkwürdigkeiten J, 17 weiß davon zu berichten: »Die 
Russen hier glauben zum Teil, daß die Verschworung von Metternich hier 
angezettelt worden, um die russische Macht zu sprengen und Rußland dann 
durch die Jesuiten der romischen Kirche zu unterwerfen". 

■-') Nikolai glaubte irrtümlicherweise, daß Benjamin Constant den Ver- 
schwörern ihre „Verfassung" entworfen habe. 



]20 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

der Familie gehört. Das Palais ist wie eine belagerte Fcstuog von 
Truppen umringt, stets erwartet man neue Unruhen. Die Festung 
und die Gefängnisse sind voll Gefangener, deren Zahl täglich zu- 
nimmt." In der Stadt kursierte das Gerücht, daß in dem Keller- 
raume der Isaakskirche ein Faß voll Pulver gefunden^) sei, offenbar 
um die kaiserliche Familie in die Luft zu sprengen, und die Vor- 
sichtsmaßregeln, die von dem Mißtranen des Kaisers gegen die 
eigenen Truppen zeugten, delen allgemein auf. ^uch machte die 
Medisance der Petersburger Gesellschaft sich allen Maßregeln des 
neuen Kaisers gegenüber geltend, was ja bei der Sorge und Er- 
bitterung begreiflich ist, die die zahlreichen Verhaftungen in den 
Kreisen, die zur „Gesellschaft" gehörten, hervorgerufen hatten. So 
lange das Los der Inhaftierten ungewiß war und sich auf Gnade 
hoffen ließ, hatte man geschwiegen; nach gesprochenem Urteil ließ 
die Erbitterung sich nur durch die Furcht zügeln, welche die neue 
Geheimpolizei erregte, vor der sich niemand sicher fühlte. Schon 
im August berichtete der zuverlässigste der Agenten Benkendorffs, 
daß die Stimmung von Tag zu Tag schlechter werde'). An eine 
Reformära glaubte bereits nach wenigen Monaten niemand mehr; 
die Neuuniformierungen wurden scharf kritisiert und ebenso die zahl- 
reichen Ernennungen von Generaladjutanten. Am 15./27. Dezember 
waren nicht weniger als 13 neue (ieneraladjutanten kreiert worden, 
meist Offiziere, die sich am 14. Dezember in irgendwelcher Weise 
hervorgetan hatten und deren sonstige Verdienste zweifelhaft er- 
schienen. Man war von den Zeiten Alexanders her daran gewöhnt, 
daß diese Stellungen nur ganz besonders hervorragenden Persönlich- 
keiten verliehen wurden. Die einzige Ernennung Nikolais, die 
ungeteilten Beifall fand, war die des Admirals Ssenjawin, den 
Alexander aus nicht klargelegten Gründen von jeder praktischen 
Tätigkeit ferngehalten hatte. Auch die Gunst, die der Kaiser in 
der ersten Zeit dem Grafen Araktschejew zuteil werden ließ, wurde 
sehr mißgünstig aufgenommen. Ein Reskript vom 20. Dezember 
1825 hatte der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß der Graf auch 

Tagebuch Divows zum 11. Februar. 

^ Berichte von M. M. Fock an den Grafen Benkendorff. Russ. Starina 
XXXII. 183—94, 305—336, 519—560. Diese Berichte reichen leider nur vom 
17. Juli bis 25. September 1826. Fock war Direktor der Kanzlei Benken- 
dorffs. Es ist nicht ohne Humor, daß Fock seinerseits von der stadtischen 
Polizei beaufsichtigt wurde, weil sie in ihm einen Konkurrenten sah. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 121 

ferner seine dem Kaiser und dem Vaterlande so notwendigen 
Dienste nicht versagen werde, den Grafen aber auf seine Bitte 
von der Stellung als Leiter der eigenen Kanzlei des Kaisers') und 
von der Direktion der Kanzlei des Ministerkomitees entbanden; 
seine Stellung in den Militärkolonien war ihm gelassen worden. 
Man schloß daraus, daß das verhaßte System der Militärkolonien 
fortbestehen werde, und iu der Tat war das die Absicht Nikolais. 
Er konservierte den Grafen nur vorläufig, weil er wußte, wie 
gefürchtet der Mann war, und weil er sich scheute, nach den un- 
ruhigen Anfängen seiner Regierung Anzeichen von Schwäche und 
Nachgiebigkeit zu geben. Aber er zog sich in der Person des 
Vertrauten und Stabschefs von Araktschejew, in General Klein- 
michel einen Nachfolger heran, der in häufigen Audienzen dem 
Kaiser die Sünden Araktschejews rücksichtslos bloßlegte. Auch 
verbreitete sich schon Ende Januar in Petersburg das Gerücht, daß 
„der Drache" nach Karlsbad, vielleicht nach Italien reisen werde. 
Man hoffte auf Nimmerwiederkehr. ^Erfüllt hat sich nur der erste 
Wunsch, und auch dieser später als man hoffte; denn erst am 30. April 
hat der Kaiser ihm den erbetenen Urlaub gewährt und Klein- 
michel mit der Stellvertretung Araktschejews betraut'). Kurz 
vorher hatte Araktschejew dem Kaiser noch den Dienst geleistet, 
ihm einen Landstreicher auszuliefern, der in den Kolonien die 
Bauern-Soldaten durch seine Reden aufgewiegelt haberf— In Wirklich- 
keit war der Mann nicht von den Leuten Araktschejews, sondern 
vom Gouverneur von Nowgorod gefangen und verhört worden. Aber 
Araktschejew schickte einen Feldjäger an den Kaiser und gab den 
Fang als sein Werk aus. Später wußte er, aus Furcht, von ihm 
verraten zu werden, den Gouverneur so zu verleumden, daß 
er seinen Abschied erhielt. Jener Mann war offenbar ein 
Altgläubiger, der die Kolonisten bewegen wollte, von der Obrigkeit 
die Erlaubnis zu erwirken, Barte zu tragen und zu leben wie iu 
früheren Zeiten. Er demonstrierte ihnen das an der Apokalypse 
und las ihnen die Stellen über die Nikolaiten vor. Der Kaiser 
legte der Sache große Wichtigkeit bei, und in der Tat konnte bei 
der Erregung, die sich damals der Bauernschaft bemächtigt 
hatte, jede Agitation, die an den religiösen Sinn und die Leicht- 



*) „Sie wird von mir selbst geleitet werden," schrieb der Kaiser. 
^ Wojenno Utschennij Archiv 1048. 



122 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

gläubigkeit der Massen appellierte, gefährlich werden. Der 
„Prophet" aber war gekleidet wie die griechischen Heiligenbilder 
Christus darstellen. In seidenem Überwurf, grauen Safianschuhcn, 
und da es im März, als er auftrat, kalt war, mit einem Fuchspelz 
von feinem blauen Tuch. Er hatte zudem ein Heiligenbild in 
Brillanten und ein Exemplar der Apokalypse. Der „Prophet" ist 
danach in den russischen Gefangnissen verschollen. Woher er ge- 
kommen war, ist bis heute nicht klargelegt worden *). Vor seiner 
Abreise konnte Araktschejew dem Kaiser als Fond der Militär- 
kolonien ein Kapital von über 32 Millionen Rubel bar überweisen '). 
Wer konnte die Tränen und das Blut schätzen, die an diesem 
Gelde hingen? Aber unzweifelhaft kam die Thesaurierungspolitik 
des Grafen Araktschejew dem Kaiser sehr erwünscht. 

Es gab noch vielerlei Stoff für die Petersburger Gesellschaft 
zum räsonnieren: Die unerträgliche Pedanterie und Härte, mit der 
sich der Großfürst Michail zur Qual der Garde seinen militärischen 
Liebhabereien hingab, die Krankheit und bald danach der Tod des 
Historikers Karamsin, von dem man gehofft hatte, daß sein Einfluß 
den Kaiser zur Ausführung der von Alexander geplanten Reformen 
führen werde*), die Catalani, die trotz ihrer 46 Jahre noch immer 
sang wie eine Nachtigall, der Tod des 81jährigen Grafen Peter 
Pahlen, einst der mächtigste Mann im Reiche, seit einem Viertel- 
jahrhundert wie vergessen — der Mann, an den sich die schwerste 
Erinnerung Alexanders knüpfte^), endlich, und das hätte doch die 
größte aller Sensationen sein sollen, am 25. Februar traf die Leiche 
Alexanders in Zarskoje Sselo ein!^) Die Kaiserin Elisabeth war 



») Schreiben Nikolais an Araktschejew vom 6./20. April 1826. W. T. A. 1048. 
2) Rus8. Starina XXXVI S. 187 ff. 

') Er starb am 24. Mai 1826. K. Bulgakow meint, die Strafen, welche 
die Dekabristen trafen, wären weniger schrecklich ausgefallen, wenn Karamsin 
am Leben geblieben wäre (Brief vom 28. Juni). Die letzte Korrespondenz 
Nikolais mit Karamsin ist im Russki Archiv 1906 I S. 126 ff. gedruckt. 

^) Er starb am 13./25. Februar in Mitau. Konstantin Bulgakow schreibt 
darüber seinem Bruder: „also wieder ein Andreasritter weniger!* Als ob 
darin die historische Bedeutung des Mannes gelegen hätte. 

^) Die letzte Marschroute Alexanders war folgendermaßen angeordnet: 
Dezember 26. Ausfahrt aus Taganrog. 

„ 31. Ankunft in Bachmut. 
Januar 2. „ „ Isjum. 
„ 6. „ , Charkow. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 123 

zunächst in Taganrog zurückgeblieben. Aber mit Unwillen hatte 
sie verfolgt, wie wenig liebende Fürsorge sich in den Anordnungen 
zeigte, die für die Überführung der Leiche des verstorbenen Kaisers 
— dessen Namen man doch stets im Munde führte — getroffen 
waren, ^'e hat sich darüber recht rückhaltlos ihrer Mutter, der 
Markgräfin von Baden, gegenüber ausgesprochen. „Die Verwirrung 
und die geringe Sorge für die Erfüllung der Pflichten gegen den 
verstorbenen Kaiser war so groß, daß man niemand mit Führung 
des Leichenkondukts betraut hatte, denn der dazu bestimmte Fürst 
Trubetzkoi wurde augenblicklich krank, was ihn nicht verhinderte, 
alsbald die Notifikation (des Regierungsantritts Nikolais) nach 
Berlin zu bringen. So kamen zwar eine Anzahl Flügeladjutanten 
in Taganrog an, aber keine mit der Führung betraute Persönlich- 
keit.^ Auf Veranlassung der Kaiserin ersuchte deshalb der Fürst 
Wolkonski, der der Kaiserin als Chef de Maison beigegeben war, 
den in der Nähe von Taganrog stationierten General-Adjutanten 
Grafen Orlow-Denissow, dem feierlichen Kondukt der Leiche des 
Kaisers von Taganrog nach Petersburg vorzustehen. Und Orlow 
hat dann das ehrenvolle Amt „mit heiliger Freude'', wie die 
Kaiserin schreibt, auf sich genommen *). 

Dieser Leichenzug, zu dem das Volk von allen Seiten drängte, 
wurde von wunderbaren Gerüchten geleitet, die unter den Bauern, 



Januar 13. Ankunft in Kursk. 



» 


20. 


» 


„ Mzensk. 


» 


26. 


» 


n Tula. 


» 


31. 






bruai 


1. 


n 


„ Moskau. 


» 


2. 






n 


8. 


n 


„ Twer. 


» 


20. 


n 


„ Nowgorod. 


» 


25. 


» 


„ Zarskoje Sselo. 



') Schreiben aus Taganrog begonnen den 10./22. Februar, beendigt den 
20. Februar 



1826. 



4. März 

„Je Yous dis tout cela sans amertume, ma bonne Maman, mais pour 
vous faire Toir Tetat des choses. II y a plus d^une cbose de ce genre, et il y en 
aura encore journellement, non par mauvaise intention, mais par absence de 
ce tact de cceur qui guido toujours bien, et dont I'absence fait faire les 
maladresses et les indelicatesses." Dazu gehört wohl auch, daß, als in Preußen 
bereits die Armee um Alexander Trauer angelegt hatte, in Rußland darüber 
noch keinerlei Verfugungen erlassen waren! 



124 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

aber auch in Moskau und Petersburg Entsetzen erregtenr Es hieß, 
Alexander sei gar nicht gestorben, der Sarg sei leer. Dann wieder 
hieß es, daß, sobald die Leiche eine bestimmte Stadt erreiche 
(und man nannte verschiedene Namen) ein Aufstand ausbrechen 
werde. Als die Leiche in Moskau eintraf, hielt man es für 
nötig, die Truppen scharf laden, die Wirtschaften schließen 
und von der Polizei alle Vorkehrungen treffen zu lassen, um den 
befürchteten Aufstand zu erstickenA Dem General Kwinetzki, der 
mit seiner Brigade dem Leichenzuge von Orel bis Sserpuchow das 
Geleite gab, vertraute der in Tula kommandierende General Chrapo- 
wicki, als man sich der Stadt näherte, im tiefsten Geheimnis an, 
daß man in Tula und in Moskau Verbrechern auf die Spur ge- 
kommen sei, die entschlossen seien in einem der Nachtquartiere 
den Leichnam des Kaisers zu verbrennen! Graf Orlow Denissow 
traf daher die größten Vorsichtsmaßregeln. \-Man marschierte wie 
in Feindesland, mit Vorhut und Nachhut, Rekognoszierungen und 
Patrouillen an den Flanken. Auch in Petersburg war die Sorge 
groß.JDie Ankunft des Leichenzuges in Zarskoje verzögerte sich 
bis zum 1. März. Der Kaiser, Maria Feodorowna und die übrigen 
Glieder der kaiserlichen Familie, sowie der Hof waren hingefahren, 
um dem Leichnam die ersten Ehren zu erweisen. Es war ein 
kleiner Zug. Alexanders alter Leibkutscher fuhr den sechsspännigen 
Leichenwagen. Kosaken vom Don, die von Taganrog mitgekommen 
waren, „ausgezeichnet schöne Leute", setzten den Sarg, an dem 
alle Generaladjutanten mit anfaßten, unter den Chorgesängen der 
Hofsänger auf den in der Kirche aufgerichteten bunten Katafalk. 
Während des Heraufhebens legte der alte Ostermann seinen einen 
Arm auf die Krone, den anderen hatte er bei Kulm verloren. Es 
fiel unangenehm auf, daß Konstantin und die Kaiserin Elisabeth 
fehlten*). Als der Sarg geöffnet wurde, küßte Maria Feodorowna 
dem Sohne mehrmals die Hand: „Ja, das ist mein lieber Sohn. 



^) Gerlach, Denkwürdigkeiten I, 19 ff. Diwows Tagebuch 1. 1. 476 ff. 
Korrespondenz der Brüder Bulgakow 1826. Russ. Archiv 1903, II, S. 424ff. 
Über die Oberführung der Leiche zur Kasanschen Kathedrale schreibt Diwow: 
,Es ließ sich kein Ausdruck der Trauer auf den Gesichtern erkennen, die 
Prozession glich eher einem Triumphzuge . . ." Die Angaben Diwows über 
die Ordensträger sind falsch. Die richtigen Angaben linden sich Russkaja 
Starina XXXVI, S. 186. Es waren unerquickliche Eifersüchteleien voraus- 
gegangen. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 125 

mein lieber Alexander, ach, wie mager er geworden ist." Sie 
sagte es auf französisch, und dreimal kehrte sie um, noch einen 
letzten Blick auf ihn zu werfen. Auch Prinz Wilhelm von Preußen 
war tief ergriflfon von diesem letzten Wiedersehen. 

\üie Beisetzung in der Kasanschen Kirche fand am 18. März 
statt, unter ungeheurem Gedränge des Volkes. Auf ausdrücklichen 
Befehl Nikolais wurde der Sarg wider den Landesbrauch nicht 
geöffnet, weil das Gesicht zu sehr entstellt und ganz schwarz 
geworden war*). Aber es ging alles ohne Störung hin; am 26. 
folgte dann die meistgefiirchtete Überführung in die Peterpauls- 
kirche; man hatte die Truppen so verteilt und gemischt, daß sie 
sich gegenseitig im Zaum hielten. \§o hat denn auch hier kein 
störender Zwischenfall stattgefunden, und der Sarg konnte zur 
letzten Ruhe in die schwarz ausgeschlageneVenge Gruft eingesenkt 
werden. Kanonenschüsse verkündeten der Residenz, daß nunmehr 
alles vorüber war. Die Uhr schlug 2, und wie bei jeder neuen 
Stunde spielte das Glockenspiel der Festungskirche sein: „God save 
the king!" Den ganzen Vormittag über war heftiges Schneewehen 
gewesen. Erst am 7./19. April, fand auch in Warschau eine 
Trauerfeierlichkeit statt. Sie galt dem Mann, der den Polen die 
Verfassung des Jahres 1815 geschenkt hatte. 

W^enig über ein Vierteljahr danach wurde auch die Kaiserin 
Elisabeth in der Peterpaulsfestung an der Seite ihres Gatten bei- 
gesetzt. Sie war auf der Heimkehr von Taganrog am 4./10. Mai 
in Bjelew') sanft entschlafen. Die Kaiserin Mutter, die ihr nach 
Kaluga entgegengefahren war, traf sie nicht mehr unter den 
Lebenden und begab sich nunmehr direkt nach Moskau, um dort die 

Ol 1 * 

Krönung zu erwarten. Die Beisetzung erfolgte am ' , .. 1826. 

D. Juli 

Ein Hofbauer Fedor Fedorow hat die Gerfichte aufgezeichnet, 
die in jenen Tagen im Volke umliefen/). Diese Auswüchse der 



') Der Brief des Fürsten Wolkonski an Willamow aus Taganrog vom 
7./ 19. Dezember 1825 bezeugt diese Veränderung. Er schreibt sie dem Einfluß 
des Klimas in Taganrog zu. Zitiert von Schilder. Russkaja Starina 1897, 
II, S. 17. 

^ Gouvernement Tula. 

') Es wird genügen, von seinen Aufzeichnungen eine herzusetzen: „Als 
Alexander Pawlowitsch in Taganrog war und dort für Jelissaweta Alexejewna 
der Palast gebaut wurde, fuhr der Kaiser an der Hintertreppe vor. Da sagte 



126 Kapitel lY. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

Volksphantasie aber wucherten weiter und leben noch heute in der 
Legende von dem Knecht Gottes Feodor Kusniitsch fort, der am 
20. Januar 1864 in Tomsk starb, ohne daß seine Herkunft und 
sein wirklicher Name bekannt geworden wäre. Das Volk aber 
glaubte, er sei der büßende Alexander gewesen. 

Während so Alexander und seine Kaiserin zur ewigen Ruhe 
versenkt wurden und die Erinnerung an sie im Volke als Legende, 
im Kaiserhause im Licht einer künstlichen, aber anempfundenen 
Verklärung fortlebte, hatte der Kaiser Nikolaus seine erste große 
politische Aktion mit Gluck und Geschick durchgeführt. 

Am ^^j^^^T^ war Lord Wellington in Petersburg eingetroffen. 

Wie die übrigen außerordentlichen Gesandten mit dem ostensibelen 
Auftrage, den neuen Kaiser zu seiner Thronbesteigung zu beglück- 



ihm der dort auf Wache stehende Soldat: Geruhen Sie diese Treppe nicht 
hinaufzugehen, man wird Sie dort mit einer Pistole erschießen. Und der 
Kaiser sagte: Willst Du, Soldat, für mich sterben? Du wirst beerdigt werden, 
wie man mich beerdigen muß, und Dein ganzes Geschlecht wird belohnt 
werden. Der Soldat ging darauf ein und kleidete sich um; der Kaiser zog 
die Soldatcnuniform an und stand auf der Wache; der Soldat aber legte des 
Zaren Uniform, Mantel und Hut an und ging in den abliegenden Palast und 
bedeckte sein Gesicht mit dem Mantel. Wie er aber in das erste Zimmer 
trat, schoß plötzlich ein Herr aus der Pistole auf ihn, traf aber nicht und fiel 
selbst iD Ohnmacht; da kehrte der Soldat um, weil er zurückgehen wollte, 
aber ein zweiter schoß auf ihn und traf, und plötzlich ergriff man ihn und 
trug ihn in den Palast, wo seine Gemahlin lebte, und meldete ihr, daß der 
Kaiser sehr krank sei, und danach ist er später gestorben als Kaiser. Der 
wirkliche Kaiser aber warf die Flinte weg und lief von der Wache fort, man 
weiß aber nicht wohin. Und er schrieb an Jelissaweta Alexejewna, sie solle den 
Soldaten beerdigen „wie mich**. 

Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sich aus dieser Yolksphantasie die 
Legende von Feodor Kusmitsch aufgebaut hat. 

Schilder hat die Legende ausführlich wiedererzählt. Sie ist 1891 in Peters- 
burg im Ton eines Heiligenlebens gedruckt worden. Es gibt über Kusmitsch 
nach Aufzeichnungen des Bischofs Peter. Russ. Starina ßd. LXXII, LXXIII, 
LXXXIV. Ein Bild von ihm 1. 1. Bd. LXXIV. Eine ungemein interessante 
und die ganze Frage erschöpfende Abhandlung: »Die Legende vom Tode 
Kaiser Alexanders in Sibirien in der Gestalt des Einsiedlers Feodor Kusmitsch* 
hat der Großfürst Nikolai Michailowitsch von Rußland neuerdings in den 
mir gewidmeten „Beiträgen zur russischen Geschichte^ veröffentlicht. Berlin, 
Verlag von A. Dunker, 1907. Noch weiter ergänzt und mit einem Bildnis 
Kusmitschs, sowie mit einem facsimile seiner Handschrift vom Großfürsten 
auch in russischer Sonderausgabe, Petersburg 1907 veröffentlicht 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 127 

wünschen, in Wirklichkeit als Träger einer hochpolitischen Mission, 
deren Ziel kein geringeres war, als Rußland von der Allianz zu 
lösen und es unter Benutzung der griechischen Frage in die Gefolg- Ah 
schalt der englischen Politik zu führen. Der Gegenstand meiner 
Verhandlung, so schrieb Wellington in einem Memorandum vom 
26. Januar 1826 an George Canning, ist, den Kaiser von Kußland zu 
veranlassen, sich in unsere Hände zu begeben *). Wie das ge- 
schehen solle, ist zwischen ihm und Canning sehr eingehend er- 
wogen worden. ^Irrtümlicherweise meinten beide Staatsmänner, 
daß die griechische Frage die eigentliche Hauptsache sei, und an 
ihr dachten sie Rußland zu fassen. Wenn, wie wahrscheinlich 
sei, Wellington beim Kaiser auf kriegerische Absichten stoße, solle er 
entweder die englische Intervention anbieten, oder, wenn diese abge- 
lehnt werde, eine gemeinsame englisch-russische Intervention, voraus- 
gesetzt, daß die Türkei willig sei, sie anzunehmen. Auf das letztere 
müsse bestanden werden, damit der Kaiser nicht die türkische Ableh- 
nung zu einem Kriegsgrund aufbausche^n beidenFällen, der einzelnen 
wie der gemeinsamen Intervention, solle Wellington nicht zugeben, 
daß das Scheitern zu einem Kriegsgrund werde. %inen Krieg 
aber, der nicht die griechische Frage betreffe, werde England als 
einen Krieg, der aus Ehrgeiz und Eroberungslust unternommen 
sei, ansehen'). Den KonTereuzgedanken wieder aufzunehmen sei 
aussichtslos, um so vorteilhafter dagegen eine geheime Verständi- 
gung zwischen Rußland und England, durch welche, als einziges 
Mittel die kriegerischen Absichten Rußlands zu zügeln,M)eide 
Mächte sich zu aktivem Vorgehen gegen die Pforte verpflichten, 
um sie zu zwingen, die Ausschreitungen des gegenwärtigen Krieges 
mit Griechenland zu beschränken. Durch eine vertrauliche Mit- 
teilung Lievens vom letzten Oktober wisse er, Canning, daß Ruß- 
land mit der Haltung der Alliierten unzufrieden sei und daß die 
Pforte sich mit der Absicht trage, die Griechen ganz aus Morea 

^) „The object of my negociation will be to induce the Emperor of Russia 
to put himself in our hands*^. Wellington, Despatches etc. Bd. 3 
unter dem angeführten Datum. Der Satz wird dann nochmals wiederholt in 
dem Memorandum Wellingtons vom 29. Januar über die zweite eingehende 
Unterredung, die er in dieser Frage mit Canning gehabt hat. Punkt 8 
des Memorandums. Ober die Verhandlungen zwischen Canning und Wellington 
ist namentlich die Denkschrift Cannings vom 10. Februar 1826 zu vergleichen, 
die den Charakter einer Instruktion trägt. 

^ LI. «a war of ambition and conquest^. 



\ 



128 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

ZU vertreiben, um sie als Sklaven nach Afrika zu verpflanzen 
und Mohammedaner an ihre Stelle zu setzen. Sei das wahr, so 
könnten christliche Völker eine solche Kriegführung nicht dulden, 
und England müsse einschreiten, um russisches Einschreiten zu 
verhinderiMfc Auch werde man in solchem Falle die öffentliche 
Meinung und das Parlament hinter sich haben. Die der Pforte 
aufzunötigende Verständigung mit Griechenland könne außer von 
Rußland auch von Österreich, Preußen und Frankreich garantiert 
werden. Wellington solle erklären, daß England weder darauf 
ausgehe, das Territorium der jonischen Inseln zu vergrößern, noch 
auch seinen politischen Einfluß zu steigern. Man wolle nur mit 
dem russischen Einfluß auf die Griechen den englischen verbinden 
und durch ihr Zusammenwirken erreichen, daß die Griechen an- 
nehmen, was der Sultan ihnen biete*). Gleichzeitig wurde Stratford 
Canning^enachrichtigt, daß für die Zeit von Wellingtons Aufent- 
halt in Rußland die gesamte Verhandlung über die orientalische 
Frage in Händen des Herzogs ruhen solle. Diesem war zudem 
eine französische Denkschrift mit auf den Weg gegeben, die Lord 
Granville übersandt hatte und die nun benutzt werden sollte, um 
das Mißtrauen Rußlands gegen Frankreich wachzurufen. ^Es war 
das französische Projekt einer englisch- französischen Allianz, als 
Gegengewicht gegen die erschreckende Macht Rußlands^). Die 
Denkschrift wies auf die Gefahr einer Invasion Europas durch die 
russische Übermacht und darauf hin, daß der Dauphin im Hinblick 
auf diese Gefahr jenem englisch-französischen Bündnis geneigt sei. 
Die griechische Frage sei so zu regeln, daß der zweite 
Sohn des Herzogs von Orleans König von Griechenland werde, 
England aber für die Dauer seiner Minderjährigkeit die Regent- 
schaft führen solle. 

Es liegt keinerlei Anzeichen dafür vor, daß Cauning und 
Wellington auch nur einen Augenblick diese Phantasien der fran- 
zösischen Politiker ernst genommen hatten. Wohl aber boten sie 



') Dies ist der wesentliche Inhalt der sehr ausführlichen Instruktion, 
von der alles nicht absolut Notwendige hier übergangen ist. 

') Es ist erstaunlich, wie sehr die Franzosen die Kriegsmacht Rußlands 
überschätzten. Der Verfasser der Denkschrift gibt sie auf 850000 Mann 
aktiver Truppen und 1 200000 Soldaten in den Militärkolonien an, die dem 
Staat nichts kosteten. Wir werden sehen, daß Nikolaus mit denselben fiktiven 
Zahlen agierte. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 129 

ein kostbares Material, um den russischen Hof von Frankreich 
fernzuhalten. Nach wie vor hielt die englische Politik daran fest, 
daß Griechenland Vasall der Türkei bleiben müsse. In einem 
Königreich Griechenland erblickte man einen lästigen Konkurrenten, 
und Wellington machte kein Hehl daraus, daß die Lage im Mittel- 
meer, so wie sie augenblicklich sei, für England die bestdenkbare 
Kombination darstelle. Halte die Pforte die Meerengen geschlossen, 
so bleibe England Herr des Mittelmeeres'). Unter allen Um- 
ständen wollte man eben deshalb ein Festsetzen der Ägypter in 
Morea verhindern, um nicht eine zweite mohammedanische Seemacht, 
deren Unternehmungslust man nicht mit Unrecht fürchtete, in 
diesen Gewässern aufkommen zu lassen. Das waren ^ die eigent- 
lichen Gründe der geplanten Annäherung an Rußland.^n Rußland 
war man über die Ziele der Mission Wellingtons durch den Grafen 
Lieven aufgeklärt worden, der diese Dinge, soweit es ihm möglich 
war, verfolgte, das Wesentliche an Tatsachen von Canning selbst 
erfahren und die Motive der englischen Politik richtig kombiniert 
hatte. Man wußte außerdem durch ihn, daß 'Canning gerade 
Wellington gewählt hatte, um in kritischer Zeit nicht durch ihn 
in seiner inneren Politik behindert zu werden*); auch daß der 
Vorschlag einer gemeinsamen Aktion Rußlands und Englands in 
der griechischen Frage bevorstand, war wohlbekannt, ebenso, daß 
der Botschafter Lord Strangford mit seinem Antrage auf eine 
Kollektivaktion der Mächte die ihm erteilten Instruktionen über- 
schritten habe. Nebenher war Lieven bemüht gewesen, möglichst 
nachdrücklich auf die Identität der russischen und englischen 
Interessen in den griechischen Angelegenheiten hinzuweisen und 
das gegen Canning bestehende Vorurteil zu beseitigen*). y 

Von einer Überraschung konnte also keine Rede sein. Viel- 
mehr fand Kaiser Nikolaus alle Muße, sich auf die politische 

«we are in fact the masters of itä (des Mittelmeeres) navigation**. 

^) Canning hatte ursprünglich Wellington für die Zeit von 5 Monaten 
in Rußland festhalten wollen, wozu die bevorstehende Krönung einen guten 
Vorwand geboten hätte, aber der Feldmarschall hatte die Absicht durchschaut 
und bedang sich aus, den Tag seiner Rückreise selbst zu bestimmen. 

*} In Betracht kommt namentlich der als sekret bezeichnete Privatbrief 
Lievens an Nesselrode aus London, i)./21. Januar 1826, und ein zweiter 

Privatbrief Lievens vom ii v brua * Petersburg. Archiv der auswärtigen Ange- 
legenheiten. 

SchiemanD, Geschichte RuBlands. II. 9 



130 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

Gegenaktion, die er plante, vorzubereiten. Durch eine ausführliche 
Denkschrift Nesselrodes über den historisch-politischen Zusammen- 
hang der orientalischen Frage genau unterrichtet, kannte er auch 
die Absicht Alexanders, im Frühjahr 1826 in die Donaufürstentümer 
einzurücken, um die Pforte zu nötigen, den Ansprüchen endlich 
gerecht zu werden, die Rußland auf Grund des Bukarester Friedens 
geltend machte. Diese Absicht Alexanders machte der Kaiser sich 
zu eigen, und noch bevor Wellington eintraf, war der Text eines 
Ultimatums festgestellt worden, dessen Ablehnung durch die Türkei 
als casus belli gelten sollte. 

Der Kaiser war fest entschlossen, diese russisch-türkischen 
Diifereuzen allein zu regeln. Als wahrscheinlich nahm er ein 
Nachgeben der Türkei an, aber er fürchtete den Krieg nicht und 
traf auch dazu seine Vorbereitungen. Der damals noch in Peters- 
burg weilende Prinz Eugen von Württemberg erhielt den Auftrag, 
einen Operationsplan auszuarbeiten, ebenso der Generalstabschef 
Baron Diebitsch. Beide waren darin einig, daß es sich im wesent- 
lichen um die Okkupation der Fürstentümer handeln werde, und 
der Prinz Eugen sollte, um den dadurch in Konstantinopel erregten 
Schreck zu steigern, bei Ismail mit vier Divisionen die Donau 
überschreiten und einen Vorstoß nach Süden unternehmen. Wenn, 
wie erwartet wurde, der alte General von Sacken seinen Abschied 
nahm, sollte Graf Wittgenstein das Kommando der 1., Prinz Eugen 
das der 2. Armee erhalten *). Alle diese Dinge wurden, wie selbst- 
verständlich ist, im tiefsten Geheimnis betrieben. Wenn Wellington 
darauf rechnete, den jungen Herrscher zu veranlassen, sich mit 
gebundenen Händen den englischen Interessen hinzugeben, stand 
ihm eine ungeheuere Enttäuschung bevor, '«^an führte in Peters- 
burg eine wohleinstudierte Komödie auf, in welcher er, ohne es 
zu ahnen, die komische Figur spielen mußte. Der Generalfeld- 
marschall war mit allen ihm gebührenden Ehrenbezeugungen 
empfangen worden '). Als er am 2. März mittags in Petersburg 
eintraf, wurde ihm Quartier in einem Palais angewiesen, das der 
frühere Finanzminister Graf Guriew als Dienstwohnung benutzt 

^) Nachgelassene Korrespondenz zwischen dem Herzog Eugen von 
Württemberg und dem General von Hofmann. Cannstadt 1883. Die Briefe 
des Prinzen vom 4. Juli 1826 und vom 11. April 1829. 

*) •ITo yCTany* ganz nach Vorschrift, schreibt der Kaiser dem Groß- 
fürsten Konstantin. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 131 

hatte und in dem eben damals der Markgraf Leopold von Baden 
untergebracht war. Noch an demselben Abend machte Nesselrode 
seinen Besuch, am 3. früh wurde Wellington sehr gnädig vom 
Kaiser empfangen; aber gleich diese erste, zweiständige Unter- 
redung*) verdarb dem Herzoge völlig sein Konzept. Der Kaiser 
wollte von den griechischen Angelegenheiten überhaupt nichts 
wissen. Die Griechen seien Rebellen gegen ihren rechtmäßigen 
Herrn, den Sultan, und er, der eben eine Meuterei niedergeworfen 
habe, könne unmöglich für sie eintreten'). 

Zwischen Rußland und der Türkei sei die Verletzung des 
Friedens von Bukarest der einzige Streitpunkt, und den sei er ent- 
schlossen allein zu erledigen, j^ Das einzige Tröstliche, was 
Wellington zu hören bekam, war, daß Nikolai erklärte, es sei 
ihm eine Ehrensache, in den orientalischen Angelegenheiten mit 
seinen Alliierten auf dem Kontinent in keinerlei Verhandlung zu 
treten'). Das schien die Möglichkeit einer besonderen Verständi- 
gung mit England offenzulassen. 

Wie der Zar selbst diese einleitende Verhandlung ansah und 
welches Vergnügen es ihm gemacht hat, den Herzog außer Fassung 
zu bringen, erzählt er selbst in einem Briefe an den Großfürsten 
Konstantin*): „Seit Donnerstag ist Wellington hier, sehr alt und 
zusammengefallen (cassc). Gleich bei der ersten Zusammenkunft 
sagte er mir unter anderem, er sei ausdrücklich von seiner 
Regierung beauftragt, mir Vorschläge zu machen, damit wir — 
England und Rußland — zu zweien die griechische Sache (histoire) 
ordnen. Ich spielte den Überraschten, ließ ihn reden und 
sagte darauf, ich könne, was er vorbringe, nur als etwas völlig 



Nikolai liebte es überhaupt, den Diplomaten stundenlange Audienzen 
zu gewähren. Er freute sich seiner eigenen überlegenen Konversationskunst 
und Scblagfertigkeit und des Eindrucks, den er machte. Auch Wellington 
nahm einen großen Eindruck „of his Majestys talents" mit. 

') „I confess I should have doubtet that I had perfectly understood him*^ 
schreibt Wellington, aber der Kaiser habe dem Erzherzog Ferdinand und dem 
französischen Botschafter dasselbe gesagt. 

*) „that he considered it a point of honour to have nothing more to da 
with his Continental allies upon this subject, on the way of consultation.** 
Despatches III, 108 ff. 

*) Petersburg, 20. Februar 1826. Neuerdings auch gedruckt bei Schilder. 
Nikolaus I., Band 2. Franzosisch, wie denn die Brüder niemals russisch 
korrespondiert haben. 



132 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

Neues auffassen. Deun was die Interessen Rußlands in der Türkei 
angehe, d. h. unsere Beschwerden, so habe S. M. der Kaiser 
(Alexander) alle Mitteilungen oder Verhandlungen mit den anderen 
Höfen in dieser Angelegenheit abgebrochen, und ich würde der 
letzte sein, daran etwas zu ändern und dem Gedächtnis unseres 
Engels ein Unrecht zu tun oder mein Wort zu brechen und von 
der Politik abzuweichen, die er mir gleichsam vermacht habe. 
Das werde also meine besondere Angelegenheit sein, die ich mit 
Gottes Hilfe allein zu Ende zu führen hoifte. Bei alledem handele 
es sich nicht um die Griechen; solange das türkische R^ich be- 
stehe, seien sie für mich rebellische Untertauen. 
w'" Er antwortete, er verstehe mich vollkommen und gestehe mir 
das Recht zu, mit jenen Herren ein Ende zu machen^), er sei 
aber nur in der griechischen Angelegenheit beauftragt und werde 
mich nach einigen Tagen eingehend über seine Instruktionen und 
Vorschläge unterrichten; er gehe aber davon aus, daß wir der 
Türkei befreundete Mächte seien, von denen keine Beschwerden 
gegen sie zu erheben habe. Darauf antwortete ich ihm, er müßte 
schlecht unterrichtet sein, unsere Beschwerden seien keineswegs 
erledigt, sondern genau in dem Stande, wie vor vier Jahren. Er 
schien darüber erstaunt und brach kurz ab." 

Der weitere sehr merkwürdige Gang der Verhandlungen*) ist 
nun der gewesen, daß Wellington Schritt für Schritt über seine 
Instruktion hinaus zu Konzessionen gedrängt wurde. Sein Versuch, 
Nesselrode gegen den Kaiser auszuspielen, mißglückte völlig, im 
Zaren selbst aber fand er einen ihm in den Künsten der Diplomatie 
weit überlegenen Gegner. Das angeborene Talent Nikolais machte 
sich gerade auf diesem Boden geltend, und von der Erhabenheit 
seiner Prinzipien prallten alle Angriffe und Überredungskünste des 
alten Herzogs ab. Vergebens bat er, die Absendung des Ultimatums 
an die Pforte aufzugeben oder doch wenigstens den Wortlaut') 
abzuschwächen. Der Kaiser bestand auf seinem guten Recht der 



*) ^d'en linir avec ces Messieurs.* 

2) Despatches usw. III, 3; Nr. 527, 531, 533, 535, 536, 537, 538, 539, 
542, 545, 547. 

') Wellington lernte ihn am 10. März kennen. Der Kaiser selbst hat 
ihm die Note vorgelesen, die Minciaky der Pforte überreichen sollte, und sie 
noch an demselben Tage nach Konstantinopel expediert, wo sie am 5. April 
von Minciaky überreicht wurde. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 133 

Pforte gegenüber und versicherte, daß er nichts anderes wolle, als 
dieses Recht zur Geltung bringen. Um das zu erreichen aber 
müßte er drohen; wirke das nicht, so werde er die Donaufursten- 
tömer besetzen, aber nichts liege ihm ferner, als auch nur ein 
türkisches Dorf sich zu eigen zu machen ^). Schon am 10. März 
hatte Wellington so viel Boden verloren, daß er die Berechtigung 
der russischen Forderungen in betreff der Donaufürstentümor, aus 
denen die türkischen Truppen zurückzuziehen seien, und in betreff 
der Befreiung gefangener serbischer Deputierter, zugeben mußte. 
Dabei ängstigte ihn der Kaiser durch das phantastische Bild, das 
er von seiner ungeheueren militärischen Überlegenheit entwarf. 
Sein Heer sei 1004000 Mann stark. 75000 Mann ständen im 
Kaukasus, 15000 in Finland, 50000 Mann Garden und andere 
Truppen in Petersburg, je 40000 in Polen und in russischen Gar- 
nisonen und so fort, er wolle nicht alles herzählen; zum Felddienst 
seien 600 — 700000 Mann disponibel. Erst am 23. März erhielt 
Wellington ein Schreiben Nesselrodes, das für den Kriegsfall eine 
Uneigennützigkeitserklärung bot '), allerdings nur in betreff der 
europäischen Besitzungen der Türkei. Von den Griechen aber 
wollte der Kaiser nach wie vor nichts hören^ so daß die Mission 
W^ellingtons definitiv in einen Mißerfolg auszumünden schien. Am 
2. April war er entschlossen, unverrichteter Sache nach England 
zurückzureisen. -Damals war aber in Petersburg eine politische 
Schwenkung vollzogen worden, die es dem Herzog schließlich doch 
möglich machte, mit dem Schein eines Erfolges heimzukehren, in 
Wirklichkeit aber die englische Politik auf geraume Zeit in völlige 



1) ^to add even a Zulage to bis dominions or to augment bis influence 
by any political arrangement.** Aber erst am 23. März konnte Wellington 
erreichen, daB ihm darüber eine schriftliche Versicherung versprochen wurde, 
dieses Versprechen aber wurde nicht erfüllt. 

^ Der Kaiser habe nichts dagegen zu erklären, „que si la Porte Ottomane 
se refusait k faire droit aux reclamations qui vout lui etre presentees par 
Tordre de TEmpereur, Sa Majeste Imperiale, qui dans ce cas se yerrait forcee, ä son 
plus yif regret, d'adopter contre eile des mesures coercitives, n'hesite point 
ä assurer qu'en declarant alors la guerre ä la Porte, eile ne nourrirait ni des 
Yues de conquete, ni Tintention de mettre au retablissement de la paix avec 
TEmpire Ottoman des conditions dont le resultat düt etre d'accroitre les 
possessions de la Russie en Europe." 

Zunächst hatte diese Erklärung natürlich noch keinerlei bindende Kraft. 
Sie war ein Angebot, mehr nicht. 



134 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

Abhängigkeit von den Orientplänen Rußlands setzte. Das ist 
folgendermaßen geschehen. 

Am 21. März war der russische Botschafter am englischen Hof, 
Graf Lieven, auf Geheiß des Kaisers*) in Petersburg eingetroffen. 
Er verstand es nun, Nikolai davon zu überzeugen, daß es für 
Rußland vorteilhaft sei, der selbständigen Aktion auf Grundlage des 
Bukarester Friedens eine andere zu kombinieren, durch welche 
Rußland in Gemeinschaft mit England auch die griechische Frage 
zu einer gedeihlichen Lösung fähren und sie damit der ausschließ- 
lichen Einwirkung Englands entziehen könne. So wurde Wellington 
durch die unerwartete Mitteilung überrascht, daß er augenschein- 
lich den Kaiser mißverstanden haben müsse. Wenn dieser auch 
prinzipiell eine Revolte nicht unterstützen wolle, so habe er doch 
ein menschliches Interesse für die Griechen. Und als danach 
Wellington vertraulich mitteilte, daß England durch Stratford Canning 
mit den griechischen Deputierten, dem Staatssekretär Maurokordatos 
und dem Abgeordneten Zographos, Verhandlungen angeknüpft habe, 
legte ihm Nesselrode am 25. März den Entwurf zu einer eventuellen 
Vereinbarung vor'). Der Kaiser werde, wenn er der Pforte gegen- 
über zu Zwangsmaßregeln greifen müßte, nicht darauf ausgehen, 
die russischen Grenzen in Europa zu erweitern, wohl aber werde 
er dann seinen anderen Forderungen die einer Kriegsentschädigung 
hinzufügen. England solle auf die Pforte drücken, ^m sie zum Nach- 
geben zu bewegen, und so den Ausbruch eines Krieges verhindern. 
Komme es trotzdem zum Kriege, so sei Rußland bereit, unter Mit- 
wirkung Englands seine Stellung zu benutzen, um die Pforte zur 
Annahme von Bedingungen zu nötigen, die den Griechen des Fest- 
landes wie der Inseln einen glücklichen Frieden sicherten. 

Gebe dagegen die Pforte nach und komme es nicht zum Kriege, 
so sollten beide Mächte sich zusammentun, um durch gemeinsame 
Mediation die griechischen Angelegenheiten in Ordnung zu bringen, 
und der Pforte erklären, daß sie unter keinen Umständen die 
Festsetzung einer neuen mohammedanischen Macht im Mittelmeere 
dulden würden'). Einer solchen Mediation sei Rußland unter 

^) Das ergibt sich aus dem Tagebuch Diwows, der es wissen mußte. 
Russ. Starina 1897. Zum 14. März 1826. 

^) „Points sommaires d'un arrangement eventuel.*' 

^) Wellington hatte, wie wir wissen im Auftrage Cannings, in den vor- 
ausgegangenen Verhandlungen darauf hingewiesen, daß die Pforte sich mit 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 135 

allen Umständen bereit, sich zu Dienst zu stellen. Als Basis 
könnten die Vorschläge dienen, welche die griechischen Depu- 
tierten Stratford Canning gemacht hatten. Rußland und Eng- 
land würden also darin übereinstimmen, daß die Griechen der 
Pforte einen jährlichen Tribut zahlen, die Besitzungen der Musel- 
männer in Griechenland käuflich erwerben und endlich volle Ge- 
wissens-, Verwaltungs- und Handelsfreiheit erlangen. Ihre Stellung 
werde dann derjenigen gleich sein, deren sich die ehemalige Repu- 
blik Ragusa erfreue. Die Grenzrichtung und alles weitere könne 
späterer Vereinbarung überlassen bleiben. Dieser Eventual -Vertrag 
sei den übrigen Alliierten mitzuteilen und von den ihm beitretenden 
Mächten zu garantieren. 

Wellington legte seine Einwendungen in einem Memorandum 
vom 26. März vor. Er protestierte gegen die Kriegsentschädigung 
und erklärte sich nur in dem Fall bereit, über die griechische 
Frage zu verhandeln, wenn die Suzeränität des Sultans nicht an- 
getastet werde. Vornehmlich aber sträubte er sich gegen ein Ein- 
greifen Rußlands in die Angelegenheiten des Pascha von Ägypten. 
Er nahm dabei den eigentümlichen Standpunkt ein, daß der Pascha 
zwar von England als eine selbständige Macht behandelt werden 
könne wie der Dey von Algier, der Pascha von Tripolis und der 
Bey von Tunis, weil das von alters her geschehen sei, für Ruß- 
land aber seien diese Machthaber Ofßziere des Sultans. Er 
wünschte, daß ein eventueller Vertrag Ibrahims gar nicht Erwäh- 
nung tue. 

Es folgte nun eine Pause in den Verhandlungen, die von den 
russischen Diplomaten zu erneuter Erwägung des Problems ge- 
nutzt wurde. 

Endlich, am 31. März abends, legten Lieven und Nesselrode 
zwei Protokollentwürfe vor, den ersten in acht, den anderen in 
zwei Punkten '). 

Aber beide schienen Wellington in Widerspruch zu den 
Instruktionen zu stehen, die er zu vertreten hatte. Die Haupt- 
schwierigkeit lag darin, daß Rußland nicht die Verpflichtung über- 
nehmen wollte, einen Gesandten nach Ronstantinopel zu schicken, 
wenn die Pforte sich dem Ultimatum füge. Lieven und Nessel- 

der Absicht trage, die Griechen nach Asien zu verschicken und Ägypter an 
ihre Stelle zu setzen. 

') Der Text in den Despatches 1. 1. Nr. 547. 



136 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

rode erklärten, der Kaiser werde es zwar tun, übernehme aber 
keine formellen Verpflichtungen*). Wellington dagegen erwiderte, 
er könne die „guten Dienste" Englands weder für die Verhinderung 
des Krieges, noch für die Begrenzung und Kürzung der Dauer der 
Feindseligkeiten versprechen, wenn Rußland diese Verpflichtung 
nicht auf sich nehme'). Es war unmöglich, in dieser Frage zu 
einer Verständigung zu gelangen. Nun schlug Wellington vor, 
alles fallen zu lassen, was die guten Dienste des einen Teiles und 
die Herstellung der diplomatischen Beziehungen durch den anderen 
beträfe. Er wolle sich zufrieden geben, wenn man ihm schriftlich 
verbürge, was ihm der Kaiser mündlich versprochen habe, daß er 
nämlich im Kriegsfall nicht ein türkisches Dorf beanspruchen werde *). 
Aber die russischen Vertreter verlangten eine entsprechende Er- 
klärung von Georg IV., und an Wellingtons Widerspruch scheiterte 
darauf jede weitere Verhandlung*). Man ging ohne Resultat aus- 
einander, und Wellington wollte, wie wir gesehen haben, am 
2. April bereits abreisen, als der Kaiser ihn zu Mittag befahl und 
in ihn drang, doch gegen seine, Nikolais, schriftliche Erklärung, 
daß er im Kriegsfall nichts fordern werde, wenigstens den Schein 
einer entsprechenden Verpflichtung zu übernehmen. Wellington 
verstand sich darauf zu einem Brief an Nesselrode, in welchem 
er erklärte, daß der König die Pforte und Ägypten von ihren völker- 
rechtswidrigen Absichten zurückhalten wolle, aber, nicht weiter 
gehen werde, als die Umstände geböten. Sollte er aber zu weitereu 
Maßregeln genötigt werden, so werde er vorher seine Absichten 
den Bundesgenossen kundtun. „In solchem Fall" — so schloß der 
Brief — „kann ich es auf mich nehmen, Ew. Exzellenz die Ver- 
sicherung zu geben, daß der König nicht darauf ausgehen wird, 
einen Zuwachs an Einfluß oder Land im Mittelmeer zu erlangen."^ 

^) Der Grund liegt auf der Hand; Rußland hätte den Engländern damit 
tatsächlich einen Einfluß auf die mit dem Bukarester Frieden in Zusammen- 
hang stehenden Fragen gestattet. Das aber sollte unter allen Umständen nicht 
geduldet werden. 

^ Unless I should receive a positive assurance that tbe compliance with 
specific terms would be followed by tbe restauration of peace and its usual 
relations. 

•) „In case of war would not ask for a village". Wellington übergeht 
dabei, daß der Kaiser seine Zusage auf die europäische Türkei beschränkt hatte* 

^) Er sagte ,»that such a declaration on our part, would render the whole 
proceeding ridiculous*". 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 137 

Aber diese Zusage wurde nicht als ausreichend anerkannt. 
Nesselrode und Lieven wollten die schriftliche Verpflichtung des 
Kaisers nur geben, wenn England, wie sie schon am 31. März 
verlangt hatten, seine „good offices** verspreche, worauf dann 
Wellington seinerseits die alte Forderung: Herstellung der 
diplomatischen Beziehungen, wieder aufnahm. Beide Teile 
wurden heftig'). Eine Rücksprache mit dem Kaiser löste die 
Schwierigkeit nicht, er erklärte, an seinem früheren Entschluß 
nichts ändern zu können. So schien wiederum jede Aussicht auf 
eine Verständigung geschwunden. Aber Wellington war müde 
geworden; auch wissen wir, daß der Prinz von Oranien eifrig auf 
den Herzog einredete. Er verzichtete jetzt darauf, in der türkischen 
Frage weiter zu verhandeln, und schlug vor, an die Diskussion der 
griechischen Frage, ohne jeden Bezug auf das andere Problem, 
zu treten. 

Und nun verständigte man sich bald. Am 4. April, nach 
russischem Stil am 23. März, wurde das Protokoll unterzeichnet, 
durch welches beide Mächte sich verpflichteten, auf der Basis der 
von Stratford Canning und den griechischen Delegierten formu- 
lierten Forderungen') für eine Regelung der griechisch-türkischen 
Beziehungen einzutreten. Sollte die Pforte ihre Vermittelung ab- 
lehnen, so würden sie doch die einmal festgesetzten Grundlagen 
als Basis einer künftigen Versöhnung betrachten und gemeinsam 
oder einzeln jede Gelegenheit benutzen, um ihren Einfluß auf die 
Pforte in diesem Sinne geltend zu machen. Den alliierten Mächten 
sollte das Protokoll vertraulich mitgeteilt und ihnen vorgeschlagen 
werden, die schließliche Übereinkunft, wenn sie zwischen OrFechen 
und Türken perfekt geworden sei, in Gemeinschaft mit Rußland zu 
garantieren, da Se. Großbritannische Majestät an der Garantie nicht 
teilnehmen könne. 

Auf Bitten der Kaiserin-Mutter hat Wellington seinen Aufent- 
halt in Petersburg noch bis zum 6. April morgens ausgedehnt. 
Am 5. abends machte ihm der Kaiser seinen Abschiedsbesuch und 



•) ,Count Nesselrode was very violent, as indeed was Count Lieven.* 
2) Suzerinität der Pforte, fester Jabrestribut der Griecben. Regierung 
durch frei von ihnen gewählte Autoritäten griechischer Nationalität, Gewissens- 
freiheit, Freiheit des Handels und eigene Selbstverwaltung. Ankauf der tür- 
kischen Ländereien auf dem griechischen Festlande und den Inseln. Es ist 
im wesentlichen der 2. Teil des englischen Vorschlages vom 25. März. 



138 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

versicherte nochmals, daß er alles halten werde, was er versprochen 
habe. Überhaupt war der Herzog in jeder nur möglichen Weise 
gefeiert^) und ausgezeichnet worden, aber er kehrte doch in etwas 
gedrückter Stimmung zurück. Der Versuch, die auf Nichterfüllung 
des Friedens von Bukarest gegründeten Beschwerden Rußlands als 
nichtexistent beiseite zu schieben, war völlig mißglückt. Die von 
ihm verweigerten „guten Dienste", um die Pforte zum Nachgeben 
zu bewegen, mußte England im eigensten Interesse freiwillig leisten, 
wenn anders es einen Krieg verhindern wollte; und ganz in der- 
selben Lage befanden sich nach Absendung des Ultimatums die 
übrigen Mächte. 

Eine schriftliche Verpflichtung des Kaisers, keine Eroberungen 
zu machen, hatte er nicht erhalten, das Abkommen über die Zu- 
kunft der Griechen aber gab Rußland eine Handhabe, die englische 
Politik auf einem Felde zu kontrollieren, auf welchem sie bisher 
unfaßbar gewesen war. 

Auch fühlte Nikolai sich durchaus als der Sieger in dem diplo- 
matischen Zweikampfe mit Wellington. Er hat dem Schwieger- 
vater in Berlin, dem französischen Botschafter und dem öster- 
reichischen Hofe die bündige Erklärung gegeben, daß er nur im 
Interesse der Allianz England an sich gefesselt habe'). In gleichem 
Sinne sprach er sich La Ferronnays gegenüber aus, nur noch 
drastischer und unter Entwicklung eines Planes, der aller Wahr- 
scheinlichkeit nach die Eventualität einer Teilung der Türkei und 



Es fiel allerdings auf, daß der Herzog gelegentlich recht taktlos sein 
konnte. So fragte er den Kaiser: „Quels etaient les sentiments de Yotre 
Majeste pendant la journee du 14 decembre?" Er erhielt Tom Kaiser die 
schlagfertige Antwort: „Ceux que je vous suppose avoir eus ä Waterloo, a^ant 
Parrivee du marechal Blücher.^ Yarsovie: Correspondance avec Mr. Schmidt. 
Berlin. Geh. Staatsarchiv A. A. I. R. I, Polen Nr. 16. Relation v. 20. Mai 
1826. Offenbar nach einer Erzählung des Prinzen von Oranien an den Groß- 
fürsten Kons tan tiU' 

2) Brief Nikolais an Friedrich Wilhelm IIL d. d. Petersburg, ' ■ 

1826. Charlottenburg, Hausarchiv. ,Votre Majesto verra par le protocole 
arrete entre nous, combien est importante notre Convention actuelle, combien 
Tengagement formant le dernier point entre la Russie et PAngleterre est fait 
pour rassurer le reste de l'Europe sur les vues que l'on suppose ä cette der- 
niere dans tout arrangement pour la Grece, en un mot, quel enorme pas de 
fait pour achever ensemble Paffaire, que l'Angleterre jusquMci n'a jamais 
voulu traiter avec les Ailles** (sie!). 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 139 

damit verbanden eine radikale Umgestaltung der Karte Europas ins 
Auge faßte ^). Der Gedanke des Kaisei*s war dabei^ sich für die 
Zukunft die Allianz Frankreichs zu sichern, und an diesem Plan 
hat er bis zum Juli 1830 festgehalten. 

Es war vereinbart worden, den Text der Konvention bis zum 
Eintreffen der türkischen Antwort auf das russische Ultimatum 
geheim zu halten. Aber der Kaiser machte gleich nach Wellingtons 
Abreise den Vertretern der alliierten Mächte vertrauliche Mit- 
teilung. Man war in England sehr aufgebracht, als dann in Paris 
der Inhalt der Konvention sehr bald bekannt wurde. In Rußland 
glaubte man, daß diese Indiskretion von England selbst, und zwar 
vom Könige ausgehe. Canning wiederum war überzeugt, daß Ruß- 
land das Geheimnis enthüllt habe. In Wirklichkeit war Christoph 
Wilhelm Hufeland der Schuldige. Er hat, wir wissen nicht wie, 
davon erfahren und darüber nach Paris geschrieben '), wo die Presse 
sich der Sache bemächtigte. 

Metternich, der sich den Anschein gab, als habe er alles vor- 
hergesehen, sprach sich dahin aus, daß das Protokoll nicht nur ein 
Verbrechen, sondern ein Fehler sei. Aber die Nachricht vom Fall 
Missolunghis (23. April), von der Vernichtung des Fabierschen 
Korps und von der, wie er annahm, endgültigen Auflösung der 
griechischen Marine richtete seinen Mut wieder auf. Er zweifelte 
nicht daran, daß nunmehr der griechische Aufstand von der 
Pforte endgültig in der Tat werden würde. Ibrahim werde nicht 
auf seinen Lorbeeren ruhen'). Aber noch ehe dieser Jubelruf 
Metternichs in Petersburg dem österreichischen Botschafter zuging, 
traf ein Kurier Minciakys ein^), der dem Zaren die frohe Nach- 



•) Vertraulicher Bericht La Ferronnays' ▼om 19. Mai 1826 itK der An- 
lage. Die hier entwickelten Gedanken scheinen in dem berühmten Polignac- 
sehen Projekt vom September 1829 ihre franzosische Fassung gefunden zu 
haben. Yergl. meinen Aufsatz „Einige Gedanken über die Benutzung und 
Publikation diplomatischer Depeschen''. Historische Zeitschrift. Neue Folge 
Bd. 47, S. 243—54. 

^ Erlaß Bemstorffs an Schöler vom 9. Juni 1826. Durch den Prinzen 

Karl fiberbracht. Berlin 1. 1. Bericht Scholers vom ?^^ 1828, durch 

11. April 

eigenen Kurier. Er erzählt die Geschichte der Entstehung des Protokolls, nicht 

ohne Irrtümer. 

*) Metternich an Lebzeltem. Wien, den 19. Mai 1826, geheime Depesche. 

*) Am 21. Mai. Ober die Rolle Minciakys vergleiche Band 1, Kap. Vlll. 



140 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

rieht brachte, daß die Pforte in allen Punkien nachgegeben habe. 
Der Sultan hatte seinen Polizei trappen den Befehl erteilt, die 
Fürstentümer zu räumen und in Moldau und Walachei die Ord- 
nungen herzustellen, die bis 1821 bestanden hatten. Die serbischen 
Deputierten hatten ihre Freiheit wiedererhalten und Minciaky die 
Versicherung bekommen, daß mit einer neuen Deputation die ser- 
bischen Privilegien geregelt werden sollten. Drittens endlich hatte 
die Pforte erklärt, daß sie Bevollmächtigte nach Akkerman gesandt 
habe. Es waren von türkischer Seite Seid Mehmed Hadi Efendi, 
Defterdar von Anatolien (controleur general d'Anatolie), als erster, 
und Seid Ibrahim Yffet Efendi, Kadi von Sofia ^), als zweiter Be- 
vollmächtigter, während Rußland durch den Generaladjutanten 
General der Infanterie Grafen Michel Woronzow und den außer- 
ordentlichen Gesandten bei der Pforte, Alexander von Ribeaupierre, 
vertreten war. Am 6. August wurden die Verhandlungen eröffnet, 
in denen die türkischen Delegierten nicht w^enig von dem hoch- 
fahrenden Wesen Woronzows zu leiden gehabt haben. In neun 
Sitzungen gelangte man zum Abschluß, nachdem die Bevollmäch- 
tigten bis zum 25. September (7. Oktober) getagt hatten, und das 
Ergebnis war, daß die Pforte alle russischen Forderungen ohne 
jede Einschränkung bewilligte. Die russischen Bevollmächtigten 
hatten einen fertigen Konventionsentwurf mitgebracht, und es war 
ihnen ausdrücklich verboten worden, das geringste sachliche Zu- 
geständnis zu machen. Es sind auch in der Tat nur einige unbe- 
deutende Worte an der russischen Vorlage geändert worden. Noch 
nie hatte die Pforte so völlig nachgeben und fremdem Willen sich 
beugen müssen. Mit Akkerman beginnen für sie die Tage des 
Niederganges '). Der einmütige Eifer aller Großmächte, auf den 
Sultan im Interesse des Friedens einzuwirken, die drohende Hal- 
tung, welche die Wittgensteinsehe Armee an der türkischen Grenze 
einnahm, und die Fama, daß der neue Zar nicht nur kriegslustig 
sei, sondern auch alle Eigenschaften eines großen Feldherrn zeige, 
hatten ihren Eindruck auf den Sultan nicht verfehlt. Das ent- 
scheidende Motiv für ihn aber war doch ein anderes. Er hatte. 



^) Mit dem Rang eines Moliah von Skutari. 

^) Naradounghian : Recueil d'actes internationaux de l'Empire Otto- 
inan. Vol. IL Paris 1900. Nr. 38, 39, 40. Die beiden letzten Nummern geben 
den Text der Spezialkonveution über die Donaufürstentümer und die Serbien 
betreffenden Separatartikel. 



Kapitel IV. Inoere und auswärtige Schwierigkeiten. 141 

wenige Tage nachdem er seine Zustimmung zu den Verhandlungen 
von Akkerman erteilt hatte, eine schon lange geplante Reorgani- 
sation seiner Armee durch Ilattischerif vom 26. Mai 1826 ange- 
ordnet*). Sein Ziel war, sich der unbotmäßigen Janitscharen durch 
allmähliche Umbildung dieses Korps oder, wenn es nicht anders 
sein sollte, durch Gewalt zu entledigen. Im Kampf mit europäischen 
Gegnern war diese Truppe nicht zu brauchen, und die Möglichkeit 
eines europäischen Krieges trat, trotz aller Friedensbeteuerungen 
und Friedensbemühungen, immer deutlicher am politischen Horizont 
hervor. Zunächst also brauchte der Sultan Frieden. Man wird 
bei Würdigung dieser Tatsachen und bei richtiger Schätzung des 
gewaltsam despotischen Herrscherwillens Sultan Mahmuds den 
Entschluß nicht ohne weiteres verurteilen können. Mit den 
Janitscharen einen russischen Krieg aufzunehmen, war in der Tat 
gefährlich — und deshalb schickte er seine Delegierten nach 
Akkerman. Als nun jener Hattischerif bestimmte, daß jede der 
51 Ortas oder Bataillone der Janitscharen 150 Mann für die neu- 
zuorganisierenden Truppen abzugeben habe, konnte zwar die Maß- 
regel zunächst wirklich ausgeführt werden, aber in der Nacht vom 
14. auf den 15. Juni kam ein furchtbarer Aufstand zum Ausbruch. 
Er ist mit unbarmherziger Härte niedergeschlagen worden, bei nur 
geringen Verlusten der kaiserlichen Truppen, und mündete erst in 
die rechtliche und danach in die tatsächliche Ausrottung des ganzen 
Janitscharenkorps durch den Seraskier Hussein aus. Sogar ihr 
Name sollte für ewige Zeiten vertilgt bleiben. Was nicht am 15. 
den Kartätschen zum Opfer gefallen war, ist nachträglich umge- 
bracht worden. Neben den Janitscharen auch andere, die dem 
Sultan verdächtig erschienen. Gegen 4000 Mann wurden in den 
ersten Tagen nach jenem Blutgericht erdrosselt und ins Meer ge- 
worfen, denn Mahmud wollte die Gelegenheit nützen, um auch 
seiner übrigen Gegner ledig zu werden. Er lebte dem Bewußt- 
sein, eine notwendige und heilsame Tat zu glücklichem Ende 
geführt zu haben. Erst jetzt konnte er die Reorganisation der 
Wehrkraft des Reiches zum Abschluß führen. Ging es nach ihm, 
so sollte ein europäisch geschultes Heer dem künftigen Gegner der 

Rosen, Geschichte der Türkei, Bd. I, Leipzig 1866, S. Uff. Die 
offizielle türkische DarstelluDg bringt der „Precis historique de la dostruction 
du Corps des Janissaires par Assad Effendi**. Französisch von Coussin de 
Perceval. Paris 1833. 



142 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

Türkei gegenüberstehen. Und wenn er in Akkerman zurückweichen 
mußte, so geschah es in dem Entschluß, sobald seine Stunde komme, 
und er glaubte fest, daß sie kommen werde, die Scharte mit ge- 
schärftem Schwert wieder auszuwetzen. 

Auch in Rußland war der erste Gedanke auf Krieg gerichtet, 
als die gänzlich unerwartete Kunde einlief, daß der Sultan, um 
seine Armee zu reorganisieren, die Janitscharen vernichtet habe. 
„Man kann^, sagte einer der Generaladjutanten des Kaisers dem 
französischen Botschafter, „einen schwachen und entwaffneten Feind 
leben lassen; wenn er aber erstarkt und schaden kann, wäre es 
Schwachheit und Torheit, ihn nicht zu zermalmen. Da nun 
die Türken das Exerzieren lernen wollen, haben wir ihnen den 
ersten Unterricht zu erteilen *)." Der Kaiser war zurück- 
haltender. Er wollte eine Zeitlang Ruhe haben, um die inneren 
Angelegenheiten in Ordnung zu bringen. Eine Reihe von Bauern- 
unruhen') war ausgebrochen, weil das Gerücht allgemein verbreitet 
war, daß Alexanders Testament allen Leibeigenen die Freiheit 
geschenkt habe. Dieses Testament aber sei unterschlagen worden. 
Ein anderes Gerücht wollte wissen, daß den Bauern alle Abgaben 
«riassen seien. Sie wandten sich zunächst gutgläubig an den 
Zafen, aber er befahl, die Bittsteller vor Gericht zu stellen, und 
hat die Aufstände unbarmherzig niederschlagen lassen. Nebenher 
begannen die polnischen Angelegenheiten ihm immer ernstere 
Sorgen zu machen. Daß Polen Mitwisser der Dezemberverschwörung 
waren, hatte die Untersuchung in Petersburg so klärlich erwiesen, 



*) La Ferronnays. 23. Juli 1826. Die Nachricht war am 22. in Petersburg 
eingelaufen. Auch Lebzeltern berichtet, daß Petersburg kriegerisch ge- 
stimmt sei. Wenn er im Gegensatz dazu betont, daß „il n'y a aucun motif 
pour croire que l'Empereur partage cette maniere de voir^, so ist das nur 
halb wahr. Nikolai fürchtete im ersten Augenblick, daß die Verhandlungen in 
Akkerman dadurch ins Stocken kommen konnten, wie wir aus seiner Korre- 
spondenz mit Konstantin wissen, und wollte für den Augenblick keinen Krieg. 
Seine Lust zu einem Türkenkriege hat er aber keinen Augenblick fallen lassen, 
wenn er sie auch nach Abschluß des Friedens Ton Akkerman so ostentativ 
wie irgend möglich verleugnete. 

^0 V. S. R. G. 1826, Nr. 300, 30. April. Nr. 330, 20. Mai. Nr. 399, 
8. Juni. Nr. 515, 9. August. Alle fremden Gesandten berichten von diesen 
Aufständen, deren Gefahr sie jedoch meist überschätzten. Diese Gerüchte 
lebten noch lange fort und konnten während der ganzen Regierung Nikolais 
nicht zum Verstummen gebracht werden. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 143 

daß schließlich auch dem Großfürsten Koustantin nichts übrig blieb, 
als es zuzugeben. Ausschlaggebend wurde die Verhaftung des 
Fürsten Anton Jablonowski, der von Pestel, Bestushew und 
Ssergej Murawjew rücksichtslos preisgegeben worden war, und der 
nun seinerseits dem Zaren alle erwünschte Auskunft über die Pläne 
der polnischen .Verschworenen gab, auch eine Reihe seiner Mit- 
verschworenen nannte. Unter diesen war der Obristleutnant des 
polnischen 6eneralstabes, Pradzinski, den der Großfürst Konstantin 
nach Warschau kommen ließ, um ihn persönlich zu verhören. Er 
wurde geständig, als Konstantin ihm sein Ehrenwort gab, daß er 
bereits durch Jablonowski von allem unterrichtet sei, doch behielt 
Pradzinski die eigentlich gravierenden Tatsachen für sich, so daß 
der Großfürst bei der Fiktion bleiben konnte, daß es sich im 
wesentlichen um eine aus edler Regung entsprossene, von Alexander 
selbst gepflegte patriotische Verirrung handele. 

Nach einigen Tagen wurde dann Pr{\dzinski verhaftet und 
noch in derselben Nacht der Major Severin Krzyzanowski, der 
Kastellan Stanislaus Soltyk, Roman Zaluski, ein früherer Adjutant 
des Großfürsten, der Referendar Woicech Grzymala, der Sekretär 
A. Plychta, Cichowski, Ludwig Sobanski und viele andere. Noch 
zahlreicher waren die Verhaftungen in Wolhynien und Podolien. Nach 
einer Aufstellung, die 1826 gemacht worden ist, berechnete man 
die Zahl der bekannt gewordenen Mitglieder der geheimen Gesell- 
schaften auf 228^). Die angesehensten Familien des Landes, die 
Sobanski, Tarnowski, Moszczinski, Worcel, Ossolinski, Chotkiewicz, 
wurden durch die Verhaftung eines oder mehrerer ihrer Angehörigen 
getroffen. Die französische Regierung lieferte den General Uminski, 
Matheus Melszinski und Joseph Krzyzanowski aus'). Ein blinder 
Schrecken ging durch das Land, zumal diejenigen der Verhafteten, 
die nicht im Königreich Polen ansässig oder angestellt waren, nach 



*) CnncoK'b MJieHOB-b TaftHWX'b iio.ibCKiiX'b oömecTBT) (Verzeichnis 
der Mitglieder der geheimen polnischen Gesellschaften), darunter 149 An- 
gehörige der „Gesellschaft des Patriotenbundes^. Petersburg, Archiv des 
Reichsrats, nach einer Abschrift, die ich der Liebenswürdigkeit des kurzlich 
verstorbenen Professors ßilbassow danke. Sehr interessantes Material für die 
Geschichte der polnischen Bewegung im Jahre 1826 geben die Memoiren von 
Kolaczkowski: Wspomnenija generala Klementa Kolaczkowskiego. Krakow 1900. 

^) Sie wurden als preußische Untertanen in Thorn interniert und dort 
verhört, später aber zur Konfrontation nach Warschau geschickt. 



144 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

Petersburg geschickt wurden und russischer, nicht polnischer Justiz 
entgegensehen mußten. Das 1. Departement des Petersburger 
Senats war dazu bestimmt worden. 

Die öffentliche Meinung in Polen war aufs äußerste erregt, sie 
stand mit all ihren Sympathien auf Seiten der Verhafteten, sie 
nahm zugleich leidenschaftlich Partei gegen diejenigen, deren Aus- 
sagen andere kompromittiert hatten. Namentlich hart war das 
Urteil über Jablonowski, aber auch Pr^dzinskis Geständnis wurde 
sehr übel aufgenommen, was diesen gewiß nicht lauen polnischen 
Patrioten auf das tiefste verletzte. Zunächst wollte er sich aus 
Verzweiflung darüber das Leben nehmen, und nur auf die Zu- 
spräche des Großfürsten stand er davon ab. Um ihn zu trösten 
und ihm seine persönliche Achtung zu bezeugen, beauftragte ihn 
Konstantin, einen Feldzugsplan gegen Österreich in seinem Arrest- 

Ml 

lokal auszuarbeiten. Übrigens verstanden die Polen es bald, der 
ganzen Angelegenheit eine möglichst harmlose Wendung zu geben 
und ihre Aussagen vor der Untersuchuugskommission auf Grund 
vorausgegangener Vereinbarung in Einklang zu bringen*). Immer- 
hin fand man es nützlich, eine Deputation, an deren Spitze der 
Finanzminister Graf Lubecki stand, nach Petersburg zu schicken, 
um dem neuen Herrscher die Versicherung der unverbrüchlichen 
Treue seiner polnischen Untertanen zu überbringen. Der „konsti- 
tutionelle König^ hat sie denn auch gnädig empfangen und seine 
tiefe Abneigung gegen das polnische Wesen wohl zu verbergen ver- 
standen. Er war entschlossen, sich in aller Form in Warschau zum 
Könige von Polen krönen zu lassen, und hatte auch die Verfassung 
Alexanders bereits beschworen. Die Verhandlungen über die 
Krönung haben schon im Sommer 1826 ihren Anfang genommen*), 



^) Dafür sorgten die polnischen Damen, speziell die Gräfin Ljubenska 
geb. Ossolinska und die Fürstin Zajonczek, die Gattin des Yizekönigs. Sie 
bestachen die Wärter, so daß die Arretierten nichts entbehrten, Bücher, Zei- 
tungen, Briefe erhielten, ihre Frauen, Schwestern und Freunde empfingen und 
miteinander verkehren konnten. Die russischen Wachtsoldaten waren ihre 
eifrigen Diener. Verdächtiger Besuch wurde durch eine Glocke gemeldet, so 
daß alles rechtzeitig in Ordnung gebracht werden konnte. Das blieb so während 
der ganzen Dauer der Untersuchung, so daß in der Tat ein himmelweiter 
Unterschied zwischen der Petersburger und der Warschauer Untersuchungs- 
methode bestand, conf. Kolaczkowski. 1. 1. 

^) Es ist fast unbegreiflich, daß Nowossilzew, der die Vorlagen zu ent- 
werfen hatte, den Antrag stellen konnte, daß Nikolai sich auf dem Felde von 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 145 

und Nikolai war bereit, alles zu leisten, was die Verfassung ihm 
vorschrieb, mehr aber nicht, und dabei ist es geblieben. Auf die 
polnische Delegation aber machte es außerordentlichen Eindruck, 
als die junge Kaiserin sie dem Thronfolger vorstellte und dabei sagte: 
„Er lernt schon Polnisch!"^) Die Polen sind in der Oberzeugung 
heimgekehrt, daß von Nikolai keine Gefahr drohe; was aber den 
Zusammenhang zwischen der russischen und der. polnischen Ver- 
schwörung betraf, so rechnete man einerseits auf den Einfluß des 
Großfürsten Konstantin, der mit voller Naivität an der Überzeugung 
festhielt, daß es sich nur um entschuldbare Verirrungen einzelner 
Persönlichkeiten handeln könne, und die Nation als Ganzes treu 
und zuverlässig sei, anderseits auf die beruhigende Wirkung 
der Zeit. Es war nicht zweifelhaft, daß die Untersuchung sich 
lange hinziehen werde, war sie aber beendigt, so fiel der Spruch 
einem obersten polnischen Gerichtshof zu, der, soweit es über- 
haupt möglich war, alles zum besten kehren werde. 

Dem Kaiser aber lagen jetzt andere Dinge am Herzen. Er 
hatte den Generaladjutanten Fürsten Alexander Ssergejewitsch 
Menschikow nach Persien geschickt, um die noch von Alexanders 
Zeiten her schwebenden Grenzstreitigkeiten endgültig beizulegen. 
Die Instruktionen lauteten außerordentlich versöhnlich. Der Zar 
war bereit, einen Teil des strittigen Khanats Taliche auszuliefern, 
und schickte reiche Geschenke. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß 
er damit die Nebenabsicht verband, den Oberkommandierenden 
General Jermolow abzurufen, wenn Friede und Eintracht her- 



Wola zum Könige wälilen lassen solle. Natürlich wollten weder Nikolai noch 
Konstantin davon wissen. Siehe den Brief Nikolais an Konstantin vom 
3. August 1826 d. d. Moskau und den vorausgegangenen Brief Konstantins 
vom 21. Juli. Nikolai schreibt: „Le memoire de Nowossilzeff m^a bien etonn^; 
j'ai trouve vos remarques parfaitement justes et ne puis m'expliquer, comment 
il est possible qu\in homme d'csprit puisse me faire la proposition de faire 
le Quirogo ou le Pepe sur la plaine de Wola! C'est par trop fort." 

^) «II apprend d<^ja le Polonais.'' Bericht Schmidts. Die Tatsache ist 
aller Beachtung wert, da sie als Beweis dafür dienen kann, daß Nikolai in 
der Tat die Sonderstellung Polens als etwas dauerndes ansah. Erst das Jahr 
1830 brachte die verhängnisvolle Wandlung. In den polnischen Angelegen- 
heiten wurden die Punkte, über welche die Meinungen der Brüder auseinander- 
gingen, meist nicht direkt, sondern durch die Vermittlung Opotschinins ver- 
handelt, dem Konstantin in voller Offenheit schrieb und der dann die mündlichen 
Entgegnungen Nikolais dem Grol^fürsten brieflich mitteilte. 

Schiemann, Geschichte Rußlands. U. 10 



146 Kapitel IV. Innere und auswärtige Sebwierigkeiten. 

gestellt wären. Denn der Mann war ihm verdächtig, seit die 
Dekabristen ihn als einen der künftigen Regenten Rußlands in 
Aussicht genommen hatten, und zugleich verhaßt vom Jahre 181Ö 
her*). Er verzieh aber nie eine Beleidigung. Dann kam die Kot- 
wendigkeit, die Militärkolonien in andere Hände übergehen zu 
lassen, da Araktschejew den Dienst endgültig quittierte und ins 
Ausland reiste, um sich der ihm neuen und ungünstigen politischen 
Atmosphäre zu entziehen, die ihn umgab und deren Wirkung er 
wohl spürte, obgleich der Kaiser ihm äußerlich keine Ehren- 
bezeugung versagte'). Aber der einst Allmächtige war machtlos 
geworden und mochte den Triumph seiner Feinde nicht mit an- 
sehen. Er hatte vor seiner Abreise noch gesucht, durch eine 
reiche Stiftung für die Institute der Kaiserin Maria Feodorowna 
die Gunst der Kaiserin-Mutter zu erwerben. Aber sie hatte so 
gut wie keinen Einfluß und mußte, wie in den Tagen Alexanders, 
sich damit zufrieden geben, daß ihr mit höchster Ehrerbietung be- 
gegnet wurde, ohne daß sie ihren Willen in Regierungs- oder — 
was ihr meist näher lag — in Personalfragen hatte geltend machen 
können '). 

Auch die Notwendigkeit, in den Fragen auswärtiger Politik 
Stellung zu nehmen, ließ sich nicht abweisen. Doch schien hier der 

Der Kaiser Alexander hatte damals bei einer Parade in Paris einige 
Regimentskommandeure wegen schlecht ausgeführten Parademarsches arretieren 
lassen und als Arrestlokal die englische Hauptwache bestimmt. Jermolow, der 
darüber auf das äußerste entrüstet war» traf am Abend dieses Tages mit den 
Großfürsten Nikolai und Michail zusammen und sagte ihnen: „Glauben Euere 
Kaiserlichen Hoheiteui daß die russischen Soldaten dem Kaiser und nicht dem 
Vaterlando dienen? Sie sind nach Paris gezogen, um Rußland zu verteidigen, 
nicht um zu paradieren. Mit derartigen Torheiten kann man die Anhänglichkeit 
der Armee nicht gewinnen." 

Aus den Tagebüchern Michailowski Danilewskis, mitgeteilt von Schilder: 
Alexander. 111.« S. 330. 

^) Nikolai gab ihm einen Brief an König Friedrich Wilhelm III. mit, in 
dem es u. a. heißt : «Je demande les bontes de Votre Majeste pour le porteur 
de la präsente. Le cri de la haine publique sera probablement parvenu a ses 
oreillcs — co u'est pas k moi a elre le juge du passe — je ne puis voir dans 
Pindividu qu'uu otre ({ui fut aimc et estimo par notre ange.** 

*> «11 ne regne point encore un accord amical entre flmperatrice mere 
et son auguste tils; je crois qu'elle aurait touIu etre plus consultee, etre plus 
intluente, et que ce quelle excusait dans PEmpereur defunt est regarde ou 
pris eu mauvaise part de celui-ci. Sur tous les points il regne entre eux une 



Kapitel iV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 147 

Kaiser ernstlich bemüht, in AngelegenheiteD, welche die rassischen 
Interessen nicht direkt berührten, keinerlei Verpflichtungen auf 
sich zu nehmen. Als in Portugal die große Wandlung eintrat, 
die sich an die Abdankung Dom Pedros knüpfte, wurden die 
russischen Vertreter beauftragt, zu erklären, daß nach der Ansicht 
des Kaisers Dom Pedro als legitimer Souverän von Portugal durch- 
aus berechtigt gewesen sei, der Krone zu entsagen. Wenn er sie 
auf seine Tochter Donna Maria da Gloria übertrug und deren Ver- 
mählung mit dem Infanten Don Miguel ins Auge faßte, habe er 
nur getan, was allgemein als ersprießlich angesehen werde; durch 
Verleihung der Verfassung aber habe er von einem Recht Ge- 
brauch gemacht, das ihm nicht abgesprochen werden könne. Die 
russischen Gesandten in Portugal und Spanien erhielten die 
Weisung, über diesen letzteren Punkt möglichst zurückhaltend zu 
sein. Man wollte abwarten und sich nicht engagieren *). 

Am meisten aber lag ihm doch an der bevorstehenden Krönung 
in Moskau. Um den Augenblick zu beschleunigen, war von ihm so 
sehr auf den Abschluß des Dekabristen prozesses gedrungen worden. 
Am 18./25. Juli hatte die Hinrichtung der fünf stattgefunden, am 16. 
verließ der Kaiser Petersburg, am 21. traf er vor Moskau ein'); 
aber es gingen noch vier Tage hin, ehe er seinen Einzug in die alte 
Residenz hielt. Das geschah am 25., unter Aufwendung unge- 
heuerer Pracht und militärischen Prunkes. Auch die fremden 
Höfe hatten durch Wahl und Ausstattung ihrer Vertreter das 
möglichste getan, um dem neuen Beherrscher Rußlands zu 
zeigen , welchen W^ert sie auf gute Beziehungen zu ihm legten. 
Frankreich hatte den Marschall Marmont, Herzog von Ragusa, 
(Österreich den Prinzen Philipp von Hessen-Homburg, Preußen den 
Bruder der Kaiserin, Prinz Karl von Preußen, England den Herzog 

^rande contradiction, ce qui fatigue le monarque qui a Tesprit constammeDt 
occupe de choses serieuses. 11 fallait prevoir ce genre de discussion, ce peu 
d^accord par le manque de tact de la mere. Avec des qualites angeliques, 
«lle manque totalement d'esprit de conduite, c'est le 4^« regne oü ce defaut 
perce. . . .^ Das gilt für die voiie Dauer ihrer letzten I^bensjahre. Brief 
der Gräfin Nesselrode an ihren Bruder, den Grafen Nikolas Guriew. 
19. März 1826. 

Relation La Ferronnays vom 16. August 1826. 

^) Er logierte inzwischen im sogenannten Petrowski- Palais. Dies sind 
die richtigen Daten. Journal der Allerhöchsten Reisen in den Jahren 1826 
und 1827. Wojenno-Ütschenny-Archiv, Abt. I, Nr. 619; russisch. 

10* 



148 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

von Devonshire geschickt. Von den Vertretern der kleinen Höfe 
fiel der Schwede Baron Stedingk auf, den Nikolai durch besondere 
Gunst auszeichnete; Papst Leo XII. hatte den Kardinal Monsignore 
Bernoulli gesandt, der keinen Anstand nahm, sich den geistlichen 
Feierlichkeiten anzuschließen, die einen Teil des Festprogrammes 
bildeten. 

Dazu kamen die Vertretungen der einzelnen Gouvernements, 
Adel, Bauerschaft, Kaufleute und Prachtexemplare der verschie- 
denen halb oder ganz barbarischen Völkerschaften, die in den Kreis 
der russischen Herrschaft bei ihrem Vorrücken nach Süd und Ost 
hineingezogen worden waren. 

Die Bevölkerung Moskaus war in der ersten Zeit etwas zurück- 
haltend. Eine Unpäßlichkeit der Kaiserin bot den vielleicht er- 
wünschten Anlaß, den Kreml zu verlassen und nach Xeskutschnoje, 
dem prachtvoll gelegenen Sommersitz der frommen Fürstin Anna 
Orlow Tschesmenskaja'), überzusiedeln. Hier wahrscheinlich fand 
die merkwürdige Begegnung zwischen Nikolai und dem Grafen 
Wladimir Grigorjewitsch Orlow statt, dem Schwiegervater jenes 
Grafen Panin, der in der Vorgeschichte der gegen Paul I. gerich- 
teten Verschwörung einen so verhängnisvollen Einfluß geübt hat. 
Orlow, ein 83jähriger Greis, imponierend durch Gestalt und Größe, 
warf sich dem Kaiser zu Füßen und bat um Aufhebung der Strafe, 
die Alexander I. vor mehr als 20 Jahren über Panin verhängt 
hatte'). Das geschah so leidenschaftlich, das Nikolai erst erschreckt, 
dann gerührt wurde. Aber er konnte die Bitte nicht bewilligen. 
Das einzige Versprechen, das seine Mutter ihm vor der Thron- 
besteigung abgenommen hattie, war, Panin nicht zu begnadigen. 
Ebensowenig Gehör fanden die Bitten derjenigen, die für die Deka- 



^) Es ist die bekannte Freundin des Archimandriten Photi, der in den 
letzten Jahren durch seinen unduldsamen Fanatismus einen so verhängnis- 
vollen Einfluß auf Alexander I. ausgeübt hatte. Neskutschnoje bedeutet „nicht 
langweilig*', und in der Tat waren sowohl das Palais wie die Landschaft von 
außerordentlicher Schönheit. Kaiser Nikolaus schreibt dem Schwiegervater in 
enthusiastischen Ausdrücken davon. 

'') Die endgültige Ungnade Panins datiert vom 19. Februar 1805. Er 
wurde seiner Ämter enthoben und durfte Petersburg nicht betreten. Auch 
duldete Alexander ihn in keiner üfTentlichen Stellung. Am meisten aber haßte 
ihn Maria Feodorowna, die durch Alexander vom Anteil Panins an den ersten 
Anschlägen zum Sturze Pauls wußte. Brückner: Nikita Petro witsch Panin, Bd. VI 
und YII; passim, sowie mein Buch: Die Thronbesteigung Nikolaus' I, S. 7» 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 149 

bristen eiuzutreteu versuchten. Da handelte es sich um Prinzipien, 
und des Kaisers ganzer Stolz richtete sich darauf, unerschütterlich 
in seinen Prinzipien zu sein. 

Auch in Moskau war der Kaiser arbeitsam und beschäftigt 
wie immer. In den ersten Wochen gab es keinerlei Festlichkeiten; 
die Fastenzeit, das Befinden der Kaiserin Alexandra diente als 
Vorwand. Dann begannen die endlosen Revuen und militärischen 
Exerzitien, welche die Mannschaften ermüdeten, aber den Zweck 
verfolgten, sie in Atem zu halten. Denn noch traute der 
Kaiser der Stimmung seiner Truppen keineswegs^). Die nach 
Moskau zur Krönung herangezogenen Garden wurden sorg- 
fältigst beobachtet, und auch über das Gerede der Mann- 
schaften ließ sich der Kaiser Bericht erstatten. Es ist be- 
greiflich, wenn er mit Spannung und Bitterkeit seine Gedanken 
nach Warschau richtete; das Fernbleiben des Großfürsten Konstantin 
konnte den glücklichen Ausgang der Krönung gefährden. Wegen 
der Bauernaufstände erschien die Teilnahme des Zesarewitsch fast 
wie eine Notwendigkeit. Aber Nikolai, der die Hartnäckigkeit 
kannte, mit der auch der Bruder an einmal gefaßten Entschlüssen 
festhielt, hatte die Hoffnung fast aufgegeben. Völlig unerwartet 
traf der Ersehnte dann am 14./26. August spät abends in Moskau 
ein. Es war der Fürstin Lowicz gelungen, die Abneigung des 
Zesarewitsch gegen die Fahrt zu überwinden, und wie notwendig 
das war, zeigte der Umschlag in den Massen des Volkes, als sie 
beide Brüder nebeneinander sahen. Erst jetzt glaubten sie daran, 
daß Konstantin freiwillig zurückgetreten sei. Die eigentliche Gunst 
gehörte aber dem Großfürsten. 

Es haben dann alltäglich militärische Schaustücke stattgefunden. 
Die verschiedenen Truppenteile wurden revidiert und exerziert, 
am 17. und 18. auch manövriert, am 22. August (3. September 
n. St.) aber fand der feierliche Krönungsakt statt. Der Kaiser und 
die Kaiserin hatten wenige Tage vorher wieder den Kreml bezogen. 
Alle Teilnehmer sind darin einig, daß es eine überaus eindrucks- 
volle und imponierende Handlung war. „Die Zeremonie," — schreibt 
der Prinz Philipp von Hessen — „von einer, ich möchte sagen 
afrikanischen Sonne beleuchtet^ bot einen unbeschreiblich herrlichen 



^) Über einen Versuch, die Truppen während der Krönung zu einem 
Aufstand zu verleiten, Russkaja Starina 1897, Bd. II, S. 37. 



150 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

Anblick dar. Das Lokal zu diesem Zwecke ist wohl einzig in der 
Welt. Vier nahe aneinander stehende, zum Schloß gehörige, außen 
mit vergoldeten Dächern, inwendig verschwenderisch mit Gold, 
Silber und Edelsteinen versehene Kirchen waren durch rot drapierte 
Gerüste en amphitheätre verbunden. Rund herum, über den Boden 
erhaben, eine für den Zug bestimmte Galerie ... 5 bis 6000 
gatgekleidete Personen, die Frauen häufig mit Edelsteinen geziert, 
füllten das Amphitheater. Die Kaiserin-Mutter begab sich zuerst 
en cortege zur Kirche und nahm ihren Thron ein." Später folgten 
Kaiser und Kaiserin mit den Reichsinsignien und großem Zuge. 
Sie nahmen in der Mitte der Kirche auf erhöhtem Throne Platz, 
und nun waltete die Geistlichkeit ihres Amtes. Der Metropolit 
von Nowgorod, Seraphim, unter Assistenz des Metropoliten von 
Kiew, Jewgeni, und des Erzbischofs von Moskau, vollzogen die 
kirchlichen Kaiser Riten, währepd dem seine beiden Brüder die 
Adjutantendienste leisteten. 

Nach der eindrucksvollen Rede Seraphims wurde unter Gebeten 
und wunderbar schönem liturgischem Gesang dem Kaiser der 
Krönungsmantel umgehängt, dann reichte der Metropolit ihm die 
Krone, die der Kaiser sich selbst aufs Haupt setzte. Zepter und 
Reichsapfel ergriff er einen Augenblick, um sie darauf wieder 
niederzulegen und mit der Reichskrone der vor ihm niederknienden 
Kaiserin leise das Haupt zu berühren und ihr eine andere kleinere 
Krone aufzusetzen. So kehrte sie zu ihrem Thron zurück. Zu 
allgemeiner Überraschung schloß sich hieran eine im Krönungs- 
programm nicht vorhergesehene pathetische Szene. Die alte Kaiserin 
hatte den kleinen Thronfolger Alexander Nikolajewitsch zu sich 
gerufen und führte ihn nun an der Hand in den Raum zwischen 
Kaiser und Kaiserin, hier beugte sie sich vor ihnen. Der über- 
raschte Kaiser kniete nieder und bat um den Segen der Mutter, 
ebenso die Kaiserin mit dem Thronfolger, und nun erteilte Maria 
Feodorowna „mit großer Rührung und Würde" auch den beiden 
Großfürsten Konstantin und Michail ihren mütterlichen Segen. 

„Dieser Vorgang," erzählt der Prinz Philipp von Hessen^), „war 
von unbeschreiblicher Wirkung auf Einheimische und Fremde, ohne 
Unterschied". Es folgte noch ein zweites Tedeum, und damit schloß 
die offizielle Feier. Der Kaiser und die Kaiserin kehrten in ihre 



^) Relation vom 7. September 1826. Wien, K. K. Staatsarchiv. 



Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 151 

Gemächer zurück und zeigten sich noch einmal der jubelnden, viel- 
tansendköpfigen Menge von der roten Treppe aus. Die Krisis des 
Thronwechsels war jetzt tatsächlich überwunden. 

Eine Reihe kaiserlicher Manifeste') folgte. Das erste and 
wichtigste regelte die Thronfolge „mit dem Segen unserer geliebten 
Mutter nach vorausgegangener Billigung unseres geliebten Bruders, 
des Zesarewitsch Großfürsten Konstantin Pawlowitsch" und setzte 
für den Fall, daß der Kaiser vor erfolgter Mündigkeit des Großfürsten 
Thronfolgers sterben sollte, den Großfürsten Michail zum Regenten 
und die Kaiserin Alexandra zur Vormünderin ein. 

Das Krönungsmanifest gewährte eine Reihe von Straferlassen 
und Strafmilderungen, die den Hoflnungen, die an diesen Tag ge- 
knüpft waren, nicht entsprachen. Es waren in der Tat verhältnis- 
mäßig magere Gnaden. Speziell die Strafmilderung für die Deka- 
bristen enttäuschte. Der Kaiser hatte den zu lebenslänglicher 
Strafarbeit Verurteilten die Zeit auf 20 Jahre herabgesetzt, auf welche 
dann dauernde Ansiedlung in Sibirien ohne Herstellung ihrer 
Standesrechte folgen sollte. Ähnlich war mit den anderen Kate- 
gorien der Dekabristen verfahren worden. Aus 20 Jahren Zwangs- 
arbeit wurden 15, aus 15 wurden 10 und so fort^ Es war keine 
einzige volle Begnadigung darunter. Auch war das Manifest so 
nachlässig formuliert, daß an einigen der Dekabristen, wie z. B. 
an dem unglücklichen Batenkow, dieser Gnadenerlaß ganz wirkungs- 
los vorüberging. Am meisten befriedigten noch die Vergünstigungen, 
welche Geldangelegenheiten betrafen: Klagesachen, welche Schädi- 
gungen des fiskalischen Interesses in sich schlössen, oder Kriminal- 
klagen, die seit zehn Jahren anhängig waren, wurden annulliert, 
außerdem alle pekuniären Benachteiligungen der Krone, die einen 
Wert von 2000 Rubel nicht überstiegen, sowie gewisse Kategorien 
von Steuerrückständen. 

Außer zahlreichen Ordensverleihungen und Beförderungen, unter 
welchen die Ernennung Sackens und Wittgensteins zu General- 
Feldmarschällen, und Diebitschs zum General der Infanterie, das 
meiste Aufsehen erregten, fand auch eine Reihe von Standes- 
erhöhungen statt. Die alte Gräfin Charlotte Lieven mit ihrer Des- 
zendenz wurde in den Fürstenstand erhoben, Tatischtschew, 



>) V. S. Ruß. Gesetze. 2. Folge, Nr. 537 bis 549. Sie datieren sämtlich 
▼om 22. August russischen Stils. 



152 Kapitel IV. Innere und auswärtige Schwierigkeiten. 

Tscheroyschew, Konstantins Freund und Günstling Kuruta^ Stro- 
ganow and Pozzo di Borgo zu Grafen gemacht. Graf Nesselrode 
erhielt einen schönen Besitz im Tambowschen, Fürst Peter Michai- 
lowitsch Wolkonski 50000 Rubel geschenkt. Endlich wurde der 
General Klein michel, bisher die rechte Hand Araktschejews, zum 
Generaladjutanten ernannt. Es war der Lohn dafür, daß er die 
Geheimnisse seines Protektors dem Kaiser bloßgelegt hatte. Niko- 
lai konnte ihn nicht achten, aber er hatte sich davon überzeugt, 
daß der41ann brauchbar war: ein unbedingt gefügiges Instrument, 
wie Araktschejew es heranzubilden verstand. 

Schon am Tage vor der Krönung war in Ausführung eines 
Lieblingsplanes des Kaisers das Ministerium des kaiserlichen 
Hofes unter dem Fürsten P. M. Wolkonski als Minister begründet 
worden. Es umfaßte außer den speziellen Hofangelegenheiten das 
Departement der Apanagen und das Kabinett des Kaisers, war nur 
ihm verantwortlich und hatte ausschließlich von ihm Befehle ent- 
gegenzunehmen. Den Direktor der Kanzlei dieses Ministeriums er- 
nannte der Kaiser selbst, alle übrigen Beamten der Minister^). 
Die Bedeutung dieses Ministeriums aber ist stetig gewachsen. Die 
kaiserlichen Theater, Schloß und Schloßgebiet von Gatschina, die 
Akademie der Künste, das Palais in Bialystok, der Petersburger 
botanische Garten, gewisse Zensurbefugnisse usw., schließlich auch 
noch sehr ausgedehnte Polizeifunktionen fielen ihm zu. Dadurch, 
daß dieses Ministerium jeder Kontrolle durch den Senat entbehrte 
und auch nicht unter dem Einflüsse des Ministerkomitees stand, 
dessen Aufgabe es war, das Verhältnis der Reichsinteressen aus- 
zugleichen, mußte es allerdings ein singuläres Instrument des Abso- 
lutismus werden, ähnlich wie die BenkendoriTsche Geheimpolizei, zwar 
unschädlicher als diese^ aber ganz außerordentlich kostspielig. Von 
den mit dem Krönungstage in Zusammenhang stehenden Ereignissen 
der inneren Politik ist die Errichtung dieses Ministeriums un- 
zweifelhaft das bedeutendste. Nicht etwa, weil an sich die Er- 
richtung eines Hofministeriums bedenklich gewesen wäre, sondern 
als Symptom jenes besonderen nikolaitischen Absolutismus, der sich 
im Laufe der Jahre so charakteristisch ausbilden sollte. 

Die Festlichkeiten, die sich an die „heilige^ Krönung schlössen, 
dauerten noch bis zum 4. Oktober; trotz der Aussicht auf weitere 



1) S. R. G. 541. Der Etat der Kanzlei Nr. 542, er betrug 19350 Rubel. 



Kapitel IV. lonere und auswärtige Schwierigkeiten. 153 

Revuen und andere Schaustellungen militärischen Charakters ver- 
ließ Großfürst Konstantin schon am 22. August, also am Tage 
nach der Krönung, Moskau. Er war, während ihn der Kaiser in 
jeder denkbaren Weise ausgezeichnet und das Volk ihn überall 
stürmisch begrüßt hatte, die ganze Zeit hindurch außerordentlich sar- 
kastisch gestimmt gewesen. Sein liebster Wunsch sei, so sagte er, mög- 
lichst bald seinen Abschied zu nehmen und etwa als Platzmajor in 
Mainz oder als russischer Vertrete*' in Frankfurt a. M. sein Leben zu be- 
schließen. Die den Großfürsten genauer kannten, urteilten anders. 
Der Bruder Nikolaus war ihm keineswegs sympathisch, seine Re- 
gierungsanfänge und seine politischen Anschauungen schienen ihm 
wenig Keife zu beweisen. Daß das Volk von Moskau mehr an 
ihm, dem Großfürsten, hing, als an dem Kaiser, hatte der Augen- 
schein erwiesen. Wäre es da nicht vielleicht doch klüger ge- 
wesen, zuzugreifen, als die Krone ihm immer wieder geboten wurde? 
Als der Zesarewitsch wieder in Warschau war, sagte er seinem 
Freunde Opotschinin: „Nun hat man meine Seelenmesse gefeiert!** 

In Moskau aber gingen die eigentlichen Vergnügungen, die 
Bälle, Feuerwerke und militärischen Schaustellungen erst nach der 
Abreise des Zesarewitsch an. Die Festlichkeiten, welche der Fürst 
Jussupow und danach die Gräfin Anna Orlow ') dem Kaiserpaar 
gaben, waren ganz im Stil der unter Alexander I. verklungenen 
Tage Katharinas; „Feenmärchen ähnlich", schreibt der Prinz von 
Hessen dem Fürsten Mctternich. Es war nicht daran zu denken^ 
daß die fremden Botschafter mit dieser Pracht rivalisierten; nur 
auf dem Boden der Leibeigenschaft konnte sie erstehen, und nur 
dort konnte man Millionen vergeuden, ohne für die Zukunft zu 
sorgen. Es waren doch immer nur Zinsen des stetig anwachsen- 
den Kapitals der Leibeigenen, die man verausgabte. 

Während die meisten der Gäste bereits am 5. Oktober Moskau 
verlassen hatten, blieb der Kaiser noch bis zum 12. Oktober. Erst 
hatte er, der frommen Sitte alter Zeiten folgend, dem Troitzky 



1) «La fete du prince Jussupow a ete charmante et a üclipse Celles des am- 
hassadeurs de France et d'Angleterre, celle de la princesse Orlow a ecrase toutes 
les fetes par sa magnificence et son bon gont. G'est la plus belle qu'on ait 
Jamals donnee; les proportions depassaient meme celles d^un particulier; le 
local et les omements appartenaient au luxe d'un souverain.* Benkendorf an 
Woronzow. Moskau, 19. September 1826. Archiv Woronzow XXXV. Moskau 
1889. 



154 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

Sergijew-KIoster seinen Resüch gemacht, danach einen Besuch in 
der Gewehrfabrik zu Tnia, der drei Tage in Anspruch nahm, dann 
aber drängten die Regierungssorgen. 

Während der Tage des Krönungsjubels war Rußland wider 
Willen und Erwarten durch einen treulosen Anfall der Perser auf 
russisches Grenzgebiet in einen Krieg verwickelt worden, der um 
so mehr Sorge machte, als die Verhandlungen von Akkerman da- 
mals noch nicht ihren Abschluß gefunden hatten und der Kaiser, 
wie wir wissen, dem General Jermolow kein Vertrauen entgegen- 
brachte. Aber die glückliche Lösung der türkischen Schwierigkeiten 
bedeutete nur den Abschluß eines Vorstadiums des sich immer 
mehr in den Vordergrund drängenden orientalischen Problems. 



Kapitel V. Der Perserkrieg.*) 

Die persische Frage hatte den Kaiser Alexander während der 
ganzen Dauer seiner Regierung beschäftigt, wenn sie auch weniger 
au die Oberfläche seiner politischen Bestrebungen getreten war, als 
die gegen die Türken gerichtete Aktion. Aber der Friede von 
Gulistan vom 12./24. Oktober 1813*) enthielt ebenso strittige 
Punkte wie der Friede von Bukarest, und die Lage wurde noch 
dadurch kompliziert, daß Persien im Bündnis mit England stand. 
Unmittelbar nach Abschluß des Friedens war es zwischen Rußland 
und dem Statthalter von Aderbeidschan, Abbas Mirza, dem Sohn 
und Thronfolger des alten Schah Fet Ali Khan, zu Grenzstreitig- 
keiten gekommen, in welchen England bemüht war, für die 
persischen Ansprüche einzutreten. Das wurde nun freilich von 
Alexander mit Entschiedenheit zurückgewiesen, aber er beauftragte 
den Oberkommandierenden im Kaukasus, General Jermolow, über 
die Grenzrichtung in Verhandlung zu treten, und hoffte dabei durch 
Eintausch der von ihm okkupierten Gebiete jenseit des Araxes 
gegen die Khanate Eriwan und Nachitschewan Vorteile zu er- 
reichen, die dem Handel von Astrachan zugute kommen sollten. 

') Fürst Schtscherbatow: Generalfeldmarschall Fürst Paskiewitsch. Sein 
Leben und seine Tätigkeit.. Nach ungedruckten Quellen des Generalstabes. 
Band I u. II. Petersburg 1888—1890. Russisch. 

2) Jusefowitsch: |,Die Verträge Rußlands mit dem Orient*. Petersburg 
1869. S. 208—214. Russisch. 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 155 

Es spielte auch die Frage der Thronfolge in Persien mit. Der von 
einer freien Kadscharin geborene Abbas Mirza hatte zwei ältere 
Brüder, deren Mütter Sklavinnen des Harems gewesen waren. Er 
wünschte, zur Sicherung seines Erbrechts, Anerkennung und Gewähr- 
leistung desselben durch Rußland. Zur Anerkennung war Rußland 
bereit, aber es lehnte jede Bürgschaft ab, und das hatte die Folge, 
daß Abbas Mirza ganz dem englischen Einfluß verfiel und Jermolow 
sich fortan bemühte, dem älteren Bruder, M^hmed Ali, die Nach- 
folge zu sichern. Schon im Jahre 1817 schien ein russisch-persischer 
Krieg bevorzustehen. Aber der Kaiser wollte nicht. Darüber ist 
Mehmed Ali im Jahre 1822 gestorben, und Jermolow warf sich 
nun zum Beschützer des zweiten, noch lebenden Bruders Abbas 
Mirzas auf, des gänzlich unfähigen Mehmed Yali Mirza, der eben- 
falls zahlreiche Anhänger fand. So dauerten die Gegensätze fort, 
ohne daß Jermolow sein Ziel, den Krieg, erreicht hätte. Nach 
wie vor traten dem Zaren die persischen Angelegenheiten hinter 
den türkischen zurück. Jermolow war so erbittert, daß er am 
12./24. Juli 1825 seine Entlassung anbot, um, wie er sein Ge- 
such begründete, als Privatmann während des unmittelbar bevor- 
stehenden Krieges die Züchtigung der Perser mit anzusehen. 
Aber der Kaiser lehnte sein Gesuch ab. Er glaubte nicht an die 
Notwendigkeit eines Krieges und beauftragte Jermolow, alles, was 
an ihm liege, zu tun, um den Frieden aufrecht zu erhalten. 

Nun hatte Jermolow gewiß recht, wenn er kriegerische Ver- 
wicklungen für bevorstehend hielt* aber es läßt sich nicht übersehen, 
daß er selbst wesentlich dazu beigetragen hatte, die Spannung zu 
steigern. Er hatte in den Grenzprovinzen eine rücksichtslose Russi- 
iizierungspolitik verfolgt, die Khane, die sich Rußland unterworfen 
hatten, abgesetzt und unfähigen und begehrlichen Beamten die Ver- 
waltung übertragen. Namentlich die Mißwirtschaft des Generals 
Madatow hatte die Erbitterang so geschärft, daß die Bevölkerung nichts 
sehnlicher wünschte, als die Rückkehr der persischen Oberherrlich- 
keit. Dazu kam, daß Abbas Mirza das russische Militär, das von 
den Generalen mehr für den eigenen Vorteil genützt, als für den 
Krieg ausgebildet wurde, nur gering schätzte und voll Vertrauen 
auf seine eigenen Truppen blickte, die von englischen Instruktoren 
sorgfältig geschult waren. Die übertriebenen Nachrichten, die nach 
Persien über den Dezemberaufstand drangen, hoben die Zu- 
versicht. Abbas Mirza setzte seinen ganzen Einfluß daran, um den 



156 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

alten Schah zu bewegen, Rußland den Krieg zu erklären. Auch 
eine Hofintrige spielte mit. Der erste Minister, Alla Jar Khan 
Assefudoule, war Schwiegersohn des Schah, und seine Schwester 
Gemahlin des Thronfolgers. Trotzdem war damals seine Stellung 
schwer bedroht, und er hoffte durch einen glücklichen Krieg sie 
wieder zu befestigen. Endlich war in Teheran ein Scheik aus 
Kerbala erschienen, der den heiligen Krieg predigte und dem 
Schah eine Bittschrift überbrachte, die von der Mehrheit der 
mohammedanischen Geistlichen der Grenzprovinzen unterzeichnet 
war, und ebenfalls den Krieg verlangte. Der Summe dieser Ein- 
flüsse konnte Fet Ali nicht widerstehen. Der Krieg war bereits 
beschlossen, bevor Menschikow aufbrach, und nur die Hab- 
sucht und Neugier des Schah hielt den Bruch noch einige Zeit 
auf, weil er sich die Geschenke des Zaren, darunter ein kostbares 
Bett aus Kristall, nicht wollte entgehen lassen '). So konnte 
Menschikow in scheinbarem Frieden am 1./13. Juli nach langen, 
vorausgegangenen Verhandlungen über das Zeremoniell, seine Audienz 
in Sultanie, der Soramerresidenz des Schah, erlangen. Aber schon 
während des Empfanges kam es zu Mißhelligkeiten, und bald 
konnte Menschikow sich nicht mehr darüber täuschen, daß die 
Perser sich zu einem Einfall in das russische Gebiet vorbereiteten. 
Die diplomatischen Verhandlungen wurden von den Persern trotz- 
dem fortgesetzt; sie wollten den Schein einer gütlichen Verständi- 
gung erreichen, um die Geschenke des Zaren zu erhalten. Als 
schließlich kein Zweifel mehr über die feindseligen Absichten 
Persiens bestehen konnte und der Schah nach Ardebil zog, um 
dem Schauplatz der bevorstehenden Kämpfe näher zu sein, hatte 
er noch die Schamlosigkeit, zu versichern, daß er seinen Frieden 
mit dem großen Kaiser nicht breche, es handele sich nur um einen 
Streit zwischen Abbas Mirza und General Jermolow, den könnten 
diese beiden miteinander ausfechten, ohne daß darum Schah oder 

*) Es sind neuerdings zwei interessante Tagebucher zur Geschichte des 
Perserkrieges veröffentlicht worden. Das eine von dem englischen Arzt 
Willich war schon 1828 in der »London Literary Gazette" (Nr. vom 5. bis 
12. April) publiziert worden, und ist danach in russischer Übersetzung nebst 
Einleitung von J. A. Ssinowjew, Russkaja Starina 1897, Oktober, wiederholt 
worden. Es reicht vom 24. Oktober bis 5. November 1827. Das andere ist 
das Tagebuch des Generalleutnants F. F. Bartholomei, eines der Begleiter 
Menschikows, und reicht vom 16. Februar 1826 bis zum 20. Oktober des 
Jahres. Russkaja Starina 1904, April-Mai. 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 157 

Kaiser einzugreifen brauchten. Die Russen ihrerseits setzten die 
Verhandlangen fort, ohne sich Illusionen über den Ausgang hinzu- 
geben. Die persischen Unterhändler erhoben Ansprüche auf das 
Khanat Schugarei, obgleich es nach dem nicht mißverständlichen 
Wortlaut des Traktats von Gulistan Rußland abgetreten worden war^). 

Am 12./24. Juli brach endlich Menschikow mit seinem Ge- 
folge auf, ohne daß irgend bindende Vereinbarungen getroffen waren. 
Den Austausch der Geschenke aber hatte der Schah dadurch er- 
zwungen, daß er seine verhältnismäßig geringen Gaben Menschikow 
zustellen ließ. Nur unter steter Lebensgefahr erfolgte dann der 
Rückzug der Gesandtschaft nach Tiflis, das erst am 5./17. September 
erreicht w^urde. Kurz vor der Stadt aber traf Menschikow den 
Generaladjutanten Paskiewitsch, der im Begriff war, nach Jelissa- 
wetpol zu reiten. 

Inzwischen war nämlich das Folgende geschehen: Abbas Mirza 
hatte, ohne auf Widerstand zu stoßen, sich Jelissawetpols und des 
ganzen Khanats Karabag bemächtigt. Am 20. Juli, das ist am 
Tage, nachdem Menschikow in Tabris eingetroffen war, hatten die 
Perser Schuscha umschlossen, und nun fielen ihnen alle die ehemals 
persischen Khanate zu, die seit 1813 unter russischer Herrschaft 
standen. Der erste Bericht des Generals Jermolow, datiert vom 
22., traf in Moskau während der Krönung ein. Er erzählte von 
diesen Erfolgen der Perser und schrieb, es sei nur geschehen, was 
er längst vorhergesagt habe. Was aus Menschikow geworden sei 
wisse er nicht, auch sei er (Jermolow) für einen Krieg nicht vorbereitet, 
da unmöglich eine solche Verräterei erwartet werden konnte während 
eine russische Gesandtschaft in Persien weilte. Ein zweiter Brief 
vom 30. meldete neue Erfolge der Pei-ser, der Oberst Reut werde 
in Schuscha belagert, das nur schlecht verproviantiert sei ; es bleibe 
nichts übrig, als auch die Khanate Talyschin und Schirwan zu 



») Jusefowitsch 1. 1. S. 210 Artikel III des Vertrages. „S. Majestät der 
Schah .... erkennt hiermit feierlich für sich und seine Nachfolger an ... . 
daß dem russischen Reiche zu eigen gehören die Khanate .... dazu ganz 
Daghistan, Gnisien mit der Provinz Schugarei...." 

Es haben hier bestimmt englische Intrigen mitgespielt. Persien bezog 
Yon der Ostindischen Kompagnie eine jährliche Zahlung von 800000 Rubel, 
die Kompagnie aber hatte gedroht, diese Pension einzustellen, wenn Persien 
die Russen nicht sofort angreife. Das bezeugen die Aussagen Ogurlu Khans 
von Jelissawetpol vom 15./27. September 1826. Bei Schtscherbatow 1. 1. 1. Anlage. 



158 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

räumeu und Verstärkungen abzuwarten. Ein Aufstand aller Musel- 
männer sei wahrscheinlich, selbst Grusien nicht mehr sicher. Diese 
Berichte, die dem Kaiser durch den Chef des Generaistabs Diebitsch, 
der kein Freund Jermolows war, vorgelegt wurden, erregten den 
höchsten Zorn Nikolais. Er schickte dem General zwar eine Divi- 
sion Infanterie und eine Ulanen-Division, befahl aber zugleich noch 
vor ihrem Eintreffen offensiv vorzugehen und teilte Jermolow mit, 
daß der General Paskiewitsch beauftragt sei, die militärischen Opera- 
tionen unter der Oberleitung Jermolows zu führen, während Jermo- 
low selbst dafür sorgen solle, Unruhen im Innern der russisch-kau- 
kasischen Gebiete zu verhindern. 

Es war damit für Jermolow eine unhaltbare Lage ge- 
schaffen, und das tritt noch deutlicher zutage, wenn man die 
geheimen Aufträge kennt, die Paskiewitsch mündlich und 
schriftlich vom Kaiser erhielt. Das Tagebuch Paskiewitschs gibt 
uns über die ersteren zuverlässige Auskunft. „Ich meldete mich 
beim Kaiser" — notiert Paskiewitsch — , „er empfing mich unter vier 
Augen in seinem Kabinett. Ich weiU, sagte mir Seine Majestät, daß 
du nicht in den Kaukasus ziehen willst, Diebitsch hat mir alles 
erzählt. Aber ich bitte dich, tue es für mich. Als ich dann wieder- 
holte, was ich schon Diebitsch gesagt hatte, und hinzufügte, ich 
würde Jermolow untergeordnet sein und deshalb keinerlei Anordnun- 
gen treffen und auch keine Verantwortung für die Ausführung über- 
nehmen können, da sagte der Kaiser: ,Bin ich wirklich so unglücklich, 
daß, da ich eben erst gekrönt wurde, die Perser mir schon einige 
unserer Provinzen entrissen haben sollen; gibt es denn in Rußland 
keine Männer, die die Würde des Reiches aufrechterhalten können? 
Ich bitte dich, ziehe hin, für mich und für Rußland. Sieh — ich 
habe hier vierzig Generale — , zeige mir nur einen, dem ich diesen 
Auftrag anvertrauen und auf den ich mich ganz verlassen könnte. 
Ich weiß, du hast meinen Bruder geliebt, sein Schatten steht 
zwischen uns, er bittet dich aufzubrechen. Du sprichst von 
Schwierigkeiten, die Jermolow machen werde! Das alles ist richtig, 
aber ich schicke ihm Ukase, daß er nichts ohne Beratung mit dir 
unternehmen solle, weder in militärischen, noch in Zivil-Angelegen- 
heiten. Dir aber werde ich einen besonderen Ukas geben, ihn 
abzusetzen, wenn Unordnungen entstehen, oder wenn er absichtlich 
Schwierigkeiten machen und meine Ukase nicht erfüllen sollte, die 
ihn verpflichten in Gemeinschaft mit dir zu handeln.' Diesen 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 159 

Ukas schrieb der Kaiser eigenhändig nieder und übergab ihn mir 
persönlich*). „Von einer Ablehnung des Kommandos konnte natür- 
lich weiter die Rede nicht sein." 

So ausgerüstet traf Paskiewitsch am 29. August (st. v.) in 
Tiflis ein, und trotz der Schwierigkeiten, die der auf das tiefste 
gekränkte Jermolow ihm zunächst machte, gelang es ihm durchzu- 
setzen, daß die ihm übertragene Führung der Truppen durch einen 
Armeebefehl bekannt gegeben wurde. Aber er mußte sich darin 
finden, daß Jermolow ihm für seine Operationen Instruktionen 
erteilte, und die gingen dahin, daß er den Aras nicht überschreiten 
solle. Da die Perser wider Erwarten die Belagerung von Schuscha 
aufgegeben hatten, das der Oberst Reut hartnäckig und heldenmütig 
anderthalb Monate behauptete, richteten sich die Operationen der 
Russen auf Jelissawetpol, das der große Dieb General Madatow 
besetzt hielt, das aber nur für 15 Tage Proviant hatte, und von 
Abbas Mirza, der mit 40000 Mann im Anmarsch war, sehr ernst- 
lich bedroht wurde. Gleich hier rechtfertigte Paskiewitsch die Wahl 
des Kaisers. £r kam durch Eilmärsche den Persern zuvor und 
erreichte am 10./22. September die Stadt, fast unmittelbar vor dem 
Eintreffen des Feindes. Die Truppen von Madatow waren in 
so schlechtem Stande, daß Paskiewitsch sie fast im Angesicht des 
Feindes exerzieren lassen mußte, um wenigstens zu erreichen, daß 
sie Kolonnen und Karree formieren lernten. In der Nacht auf den 
13. erfuhr er, daß Abbas Mirza ihn angreifen wolle und zugleich, 
daß der Khan von Eriwan aufgebrochen sei, um ihm während der 
Schlacht in den Rücken zu fallen. Allein Paskiewitsch war ent- 
schlossen, seinerseits die Offensive zu ergreifen. Am 15. um 7 Uhr 
morgens verließ er mit den 7000 Mann, über die er verfügen konnte, 
seine Wagenburg, um 9 Uhr begann die Schlacht. Die Perser 
hatten achtzehn Bataillone Sarbasen — das ist reguläre Infanterie 
— in der Frontlinie aufgestellt, in den Intervallen Batterien von 
drei und vier Geschützen, während hinter ihnen die von Kamelen 
getragene Bergartillerie geordnet war. Die Kavallerie, gegen 25000 

Generalfeldmarscball Fürst Paskiewitsch. Sein Leben und seine 
Tätigkeit. Nach imedierten Quellen vom Generalmajor des Generalstabes 
Fürsten Schtscherbatow. Petersburg 1888. Russisch. Bd. I S. 394 und 395. 
Das Tagebuch Paskiewitscbs vom 1. August bis 1. September (russ. Stils) 182G 
Bd. II Anlagen S. 46 ff. Zu vergleichen sind die Memoiren von Murawjew- 
Karski, Russki Archiv 1889 August. 



160 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

Pferde, hielt beide Flanken, in der Reserve hinter der ersten Linie 
standen zwei Bataillone der Garde des Schahs und 40UO Mann 
regulärer Infanterie. So standen sie länger als eine Stunde der 
kleinen russischen Heeresmacht gegenüber, bis Paskiewitsch den 
Augenblick für den Angriff geeignet fand. Er ließ seine Infanterie 
in drei Linien vorgehen, verstärkt durch Artillerie, Schützen und 
Jäger, und hatte zwischen die zweite und dritte Linie sechs Schwa- 
dronen Dragoner geschoben. Jede Linie war etwa 200 Schritt von 
der anderen entfernt. Die rechte Flanke bildeten vier Sotnien 
Kosaken, die linke die grusinische Miliz. Das Kommando über 
die Infanterie hatte General Madatow, während General Weljaminow 
die Infanterie kommandierte. Die Entscheidung ist dann in wenigen 
Stunden gefallen. Die Perser hielten dem russischen Artilleriefeuer, 
das den Kampf einleitete, nicht übel stand und brachten sogar die 
erste Linie der russischen Infanterie durch ihre Inianteriesalven 
ins Schwanken, während gleichzeitig ihre Kavallerie, durch 
eine Schlucht gedeckt, sich auf die grusinische Miliz stürzte und 
sie in wilder Flucht auf die vor Jelissawetpol liegende russische 
Wagenburg zurückwarf. Als aber Paskiewitsch jetzt seine gesamte 
Artillerie gegen das persische Zentrum richtete und dann durch 
Madatow einen Bajonettangrilf gegen die schon stark erschütterte 
persische Aufstellung ausführen ließ, gerieten die Feinde in Verwirrung 
die Infanterie wich fechtend zurück, und die gesamte Kavallerie 
ergriff die Flucht. Die von dem feindlichen linken Flügel ange- 
griffene rechte Flanke der Russen (drei Kompagnien des Chersonschen 
Infanterieregiments und zwei Schwadronen Nischegoroder Dragoner 
mit zwei Geschützen) verstärkte Paskiewitsch rechtzeitig durch sechs 
Kompagnien des 7. Karabinerregiments, so daß auch hier die per- 
sische Kavallerie vor dem russischen Feuer die Flucht ergriff. Die 
ganze große Masse dieser ersten nach den Regeln europäischer 
Kriegskunst ausgebildeten orientalischen Armee stob schließlich in 
wilder Flucht auseinander, erst von den Russen, dann von den 
eigenen Glaubensgenossen, den Tataren von Dscharsk verfolgt; wie 
einst die Beduinen, die wie Raubvögel die Kämpfe Napoleons in 
Ägypten begleitet hatten, witterten auch sie die ihnen unter allen 
Umständen sichere Beute. Sobald sie erkannten, daß die Schlacht 
für die Perser verloren war, warfen ihre Haufen sich auf die 
Fliehenden. Sie plünderten sie aus und brachten ihre Gefangenen 
in das russische Lager. Die Räuberinstinkte dieser halbwilden 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 161 

Stämme kamen zum Durchbrach, und gewiß hätten sie sich gegen 
die Truppen Paskiewitschs gewandt, wenn diese unterlagen. Vier 
Fahnen, 80 Pulverkasten, aber nur ein Geschütz fielen den Russen 
zur Beute, dazu 1000 Gefangene; sie selbst hatten gegen 300 
Tote und Verwundete, darunter 11 Offiziere. Das Wesentliche aber 
war doch der moralische Erfolg, und als solchen hat ihn auch der 
Kaiser empfunden. Obgleich Paskiewitsch in seinem Bericht nur 
der Verdienste Madatows und Weljaminows gedacht hatte, schrieb 
er den Sieg doch ausschließlich ihm zu. In einem überaus gnädigen 
Briefe verlieh er ihm einen Ehrensäbel mit Diamanten und zugleich 
forderte er ihn auf, nunmehr den Persern ihren Einfall in russisches 
Gebiet durch eine „Gegenvisite^ zu erwidern. Er dachte an einen 
Angriff auf Eriwan, es erwies sich aber als unmöglich diesen an sich 
richtigen Gedanken zu verwirklichen. Hatte Madatow in der Schlacht 
seine Pflicht getan, so versagte er infolge einer Kombination von 
Eigennutz und Neid vollständig, als es sich darum handelte, die 
Verproviantierung der Armee zu besorgen. Paskiewitsch blieb nichts 
übrig, als die Aufgabe einem geriebenen Armenier, Kargauow, zu 
überlassen, der, von Madatow geflissentlich behindert, das Notwen- 
digste zusammenbrachte, aber die Schwierigkeiten blieben auch 
dann noch groß. Trotzdem entschloß er sich auf die Nachricht, 
daß die Perser über den Aras zurückgewichen seien, nun auch 
seinerseits den Fluß zu überschreiten und einen Vorstoß nach 
Persien hinein zu unternehmen. Aber es war mehr eine starke 
Rekognoszierung als ein Feldzug. Paskiewitsch konnte feststellen, 
daß Abbas seine Infanterie entlassen hatte; in Persien Fuß zu 
fassen war ihm nicht möglich. Eine* reiche Beute an Vieh und ein 
heilsamer Schrecken in den persischen Grenzlandschaften war die 
Folge, mehr nicht; unbehindert von den Russen konnte Abbas daran 
gehen, seine Truppen für die nächste Kampagne zu reorganisieren. 
Daß keine größeren Erfolge erzielt wurden und auch nicht erlangt 
werden konnten, lag ohne Zweifel an der Haltung Jermolows. Der 
General war der Meinung, daß Paskiewitsch die Tragweite seines 
Sieges überschätze. Er hielt sich daran, daß die Perser nur ein 
Geschütz verloren hatten, und war der Überzeugung, daß jeder 
Versuch, sich einer der persischen Festungen zu bemächtigen, nur 
zu einem Mißerfolge führen könne. Die kühnen Pläne Paskiewitschs, 
der sofort mit ganzer Macht in Persien eindringen und den Frieden 
erzwingen wollte, scheiterten an seinem Widerspruch und an der 

Schiemann, Geschichte KuBIands. II. H 



1(52 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

überaus kläglichen und überall lähmenden Leitung des Verprovian- 
tieruugswesens durch den General Madatow. Sogar der Angriff auf 
Tabris mußte aus solchen Gründen aufgegeben werden. So blieb 
Paskiewitsch nichts übrig, als Anfang November über den Aras 
zurückzugehen. Jermolow . hatte sieb damit begnügt, die aufstän- 
digen Chanate wieder zum Gehorsam zurückzuführen, und schickte, 
als Paskiewitsch mit seinen Truppen zurückkehrte, den General 
Madatow gegen die persischen Nomaden in die Mugansche Steppe. 
Das war ein Raubzug ohne jede Bedeutung für die weitere Krieg- 
führung, den Paskiewitsch um so mehr mißbilligte, als Madatow 
jene Nomaden erst den Untertaneneid leisten ließ und sie danach 
unbarmherzig ausplünderte. Von der Muganschen Expedition aber 
war Paskiewitsch nicht einmal Mitteilung gemacht worden. Er war 
aufs tiefste erbittert. „Die Kampagne dieses Jahres^, schrieb er 
dem Kaiser, „ist beendigt und ist verdorben^. Er knüpfte daran die 
Bitte, ihn seiner Stellung zu entheben und aus dem Kaukausus 
abzuberufen. Es sei ihm unmöglich, mit Jermolow zu dienen. Am 
5. Januar 1827 wiederholte er diese Bitte. 

Es ist noch nicht klargestellt, weshalb Paskiewitsch nicht von 
den Vollmachten Gebrauch machte, die der Kaiser ihm erteilt hatte. 
Es lag ja in seiner Hand, Jermolow abzusetzen, und gewiß hätte 
der Kaiser ihn nicht desavouiert. Soweit sich aus dem bisher 
zugänglichen Material erkennen läßt, hat Paskiewitsch wahrscheinlich 
seine Stellung im Kaukasus nicht für ausreichend gefestigt gehalten, 
um es zu wagen. Er war von Anhängern Jermolows umringt und, 
obgleich der Sieg bei Jelisawetpol auch eine Partei Paskiewitsch 
geschaffen hatte, fühlte er sich doch nicht sicher genug, um den 
entscheidenden Schritt wagen zu können. Seine Abschiedsgesuche 
verfolgten wahrscheinlich den Zweck, den Kaiser zu einer neuen 
Initiative zu veranlassen, und darin sollte er sich nicht täuschen. 

Nikolais Absicht, Jermolow zu beseitigen, hatte von vornherein 
festgestanden. In den schweren Tagen des Dezembers hatte der 
Kaiser ihn und seine Armee meist gefürchtet. Sein Stolz bäumte 
sich dagegen auf, daß ein Untertan ihm überhaupt gefährlich 
werden könne. Wie einem persönlichen Feinde stand er ihm gegen- 
über. Als daher das zweite Abschiedsgesuch Paskiewitschs eintraf, 
war sein Entschluß bereits fertig. Am ^^^'/^^ar ^^^^ kündigte er 
in einem eigenhändigen Briefe Paskiewitsch an, daß Diebitsch in 
Grusien eintreffen werde. Jermolow solle davon nichts erfahren, 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 163 

sondern überrascht werden. Diebitsch aber hatte den Auftrag, die 
zwischen den beiden Rivalen bestehenden Gegensätze zu prüfen und, 
wenn er sich von der „Unfähigkeit oder von dem bösen Willen*' 
Jermolows überzeugen sollte, ihn abzusetzen. Daß der Kaiser 
diesen Ausgang wünschte, konnte Diebitsch keinen Augenblick 
zweifelhaft sein. Er hat aber diese Mission nur sehr ungern 
übernommen. Wenn er sich auf längere Zeit aus Petersburg ent- 
fernte, mußte inzwischen ein anderer seine Stellung als Chef des 
Stabes des Kaisers übernehmen. Der Kaiser hatte dazu inter- 
imistisch den Grafen P. A. Tolstoi bestimmt und ihm als Gehilfen 
den Grafen A. J. Tschernyschew beigegeben. Diebitsch traute keinem 
von beiden *) und war der Überzeugung, daß es sich um eine feine 
Intrigue handele, die einerseits darauf angelegt sei, den Kaiser 
davon zu überzeugen, daß Diebitsch entbehrlich sei, andererseits 
wenn er Jermolow absetze, ihm diesen und dessen Anhänger zu 
Feinden zu machen, wenn er ihn aber verteidige, ihm die Un- 
gnade des Kaisers zuzuziehen*). 

Die Dinge nahmen nun einen sehr merkwürdigen Verlauf. 

^^s ®^ ^^ ^4 Mft'r' in Tiflis eintraf, hat Diebitsch ohne Zögern 
erst mit Jermolow, dann mit Paskiewitsch über die Beschwerden 
verhandelt, die beide gegeneinander geltend machten, auch zwischen 
ihnen zu vermitteln gesucht. Aber er stieß bei Paskiewitsch, der 
sich der Unterstützung des Kaisers sicher wußte, auf den ent- 
schiedenen Willen, unter keinen Umständen weiter mit Jermolow 
zu dienen. Es scheint nun, daß Paskiewitschs bestimmte und rück- 
sichtslose Ali;, die Verhandlungen zu führen und auf seinem Recht 
zu bestehen, Diebitsch verletzte. Jermolow hatte ihn dagegen mit 
außerordentlichem Geschick anzufassen verstanden. Er gab von 
vornherein zu, daß er sein Verhalten nach der Schlacht bei Jeli- 
sawetpol nur dadurch entschuldigen könne, daß er sich in der 
Beurteilung der Lage getäuscht habe, nunmehr aber sei er durch- 
aus für energisches Vorgehen. Auf die Gedanken Diebitschs ging 
er eifrig ein, er sprach ihm von seinem Einfluß auf die benach- 
barten türkischen Paschas und stellte ihre Mitwirkung bei Fort- 



Die überaus herzliche Korrespondenz, die zwischen ihnen (Diebitsch, 
Tolstoi, Tschernyschew) hin und hergegangen ist (Wojenno Utschenny 
ArchiT 1048) darf darüber nicht täuschen. 

*) Mündliche Erzählung Diebitschs an Tiesenhausen. Russkaja Starina 1891* 



164 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

setzang des Krieges gegen Persien io Aussicht; die Härten, die 
man ihm zum Vorwurf machte (er hatte einen Räuber mit dem 
Kopf nach unten hängen lassen), entschuldigte er mit der Not- 
wendigkeit, die wilden Bergvölker in Schrecken zu halten, vor 
allem aber verstand er durch seine persönliche Liebenswürdigkeit 
Diebitsch ganz für sich zu gewinnen. Die Berichte, die Diebitsch 
dem Kaiser schickte, wurden immer günstiger für Jermolow, und 
im gleichen Verhältnis ungünstiger für Paskiewitsch. Schon am 
28. Februar erklärte er, daß Paskiewitsch für ein Oberkommando 
jedenfalls noch nicht reif genug sei. Müsse Jermolow ersetzt 
werden, so sei ein älterer öeneral, etwa der Feldmarschall Wittgen- 
stein, besser dazu geeignet. Sein Gedanke scheint gewesen zu sein, 
Paskiewitsch zu opfern und selbst, durch einige rasche Schläge als 
Stabschef Jermolows, den Perserkrieg zu beendigen. 

Aber der Kaiser war mit der Auffassung Diebitschs keines- 
wegs einverstanden. An eben jenem 28. Februar, an dem Diebitsch 
sich so entschieden gegen Paskiewitsch ausgesprochen, hatte Nikolai 
dem Grafen Tschernyschew gesagt, daß, wenn Diebitsch seine Auf- 
gabe nicht zu lösen verstehe, ihm nichts übrig bleiben werde, als 
selbst nach Grusien zu reisen ^). Dazu ist es nun freilich nicht 
gekommen, aber der Kaiser schickte ihm seinen Jugendfreund, den 
Generaladjutanten Konstantin von Benkendorif, „zu Hilfe^, den 
Bruder seines intimsten Vertrauten, des Chefs der 3. Abteilung der 
höchsteigenen Kanzlei, und das bedeutete ohne Zweifel, daß 
Diebitsch über den eigentlichen Zweck seiner Sendung nach- 
drücklich aufgeklärt werden sollte. 

Auch von anderer Seite gingen ihm Winke und Warnungen 
zu. Der Graf Suchtelen'), gleichfalls Generaladjutant und Ver- 
trauter Diebitschs, schrieb ihm am 14./26. Februar, daß die Ab- 



^) Tschernyschew an Diebitsch. 28. Februar 1827. „que si yous ne par- 
venez pas k y inettre fin, et si la mesure de votre envoi ne suffisait poiot, i\ 
paraitrait quMl o'y aurait plus d'autre moyen a prendre, que d*y aller soi- 
raeme.« W. U. A. 1048. 

»\\ m'est revenu par voies que je crois sures, que S. M. TEmpereur 
aurait temoigne de plus en plus son mecontentement a T^gard du Genera) 
Jermolow .... Ton espere de Vous, mon General, un parti decisif. . . . oq 
parait redouter de Vous Yoir mettre un exces de chevalerie dans vos rapports 
avec rhomme qui Vous regarde comme son ennemi personel ... la desti- 
tution est la cbose indispensable autant que desiree, tout terme moyen ezigerait 
un vrai plaidoy^r pour etre agre4 ici.** W. ü. A. 1. 1. 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 165 

setzQDg ebenso unerläßlich wie erwünscht sei, schließlich aber hat 
der Kaiser selbst in einer Reihe von Briefen mit steigender 
Deutlichkeit seine Absichten kundgetan. Diebitsch hatte seinen 
Auftrag oflfenbar mißverstanden und nicht begriffen, daß es sich 
weniger um eine Untersuchung und um eine unparteiische Ent- 
scheidung, als um die möglichst geschickte, in der Form schonende 
Ausführung eines feststehenden Entschlusses des Kaisers handele. 
Das Urteil war schon lange vor der Sendung Paskiewitschs ge- 
sprochen, der Perserkrieg aber hatte einen erwünschten, auch nach 
außen hin präsentabelen Vorwand gegeben: eine zehnjährige schlechte 
Verwaltung, Unentschlossenheit, der Haß der Indigenen gegen den 
Prokonsul — so nannte ihn der Zesarewitsch — , seine schlechten 
Beziehungen zur persischen Dynastie, das alles mache ihn zu einem 
schädlichen Diener, so formuliert Tschernyschew in einem Brief 
vom 26. März, oflfenbar nach einer Unterredung mit dem Kaiser^ 
die Gründe, welche die Absetzung Jermolows zur Notwendigkeit 
machten. Er fügt hinzu: auch raubt er dem Kaiser die Gemüts- 
ruhe ^). Die Entscheidung ist am 27. März erfolgt und am 28. 
unterzeichnete der Kaiser den Ukas, der Paskiewitsch zum Ober- 
kommandierenden und den General Ssipjagin zum Militärgouverneur 
von Tiflis ernannte. An demselben Tage aber hatte bereits Die- 
bitsch, nach einem nicht mißverständlichen Briefe des Kaisers, den 
entscheidenden Schritt getan, Jermolow') die Genehmigung seines 
Abschiedsgesuches und Paskiewitsch seine Ernennung mitgeteilt. 
Auch die Generale Madatow und Weljaminow wurden verabschiedet, 
der letztere wegen Krankheit. So hatte Paskiewitsch gesiegt und 
der glänzende Feldzug, der nunmehr folgte, rechtfertigte vor der 
Welt die Entscheidung des Kaisers. Am 30. April verließ auch 
Diebitsch Tiflis, trotz des gnädigen Schreibens, durch das der 
Kaiser ihn zurückrief, etwas beunruhigt. Aber es waren unnötige 
Sorgen, seine Stellung als Chef des Stabes blieb ihm gewahrt und 



^) „nuisible pour le bien du service et meme pour la tranquillite de 
r£mpereur.'' 

^) Jermolow wurde mit einer Pension von 14000 Rubel verabschiedet 
und zog auf das kleine Gut seines Vaters, aber weder Nikolaus noch Alexander II. 
haben ihm je ihre Gunst wieder zugewandt. Nikolai hat ihn zwar 1837 in den 
Reichsrat berufen, aber diese Tätigkeit widerte ihn so an, daD er den Kaiser 
im März 1839 bat, ihn „wegen Unfähigkeit'' seiner Stellung zu entheben. Das 
wurde ihm in höchstem Zorn bewilligt. Jermolow ist erst 1861 gestorben. 



166 Kapitel Y. Der Perserkrieg. 

ebenso das weitere Vertrauen des Kaisers, der ihn zum Dank för 
die Erledigung der kaukasischen Mission in den Grafenstand erhob. 
Nachdem einmal Jermolow ohne den vom Kaiser bis zuletzt be* 
fürchteten Eklat beseitigt war, mochten ihm die Zögerungen Die- 
bitschs schon deshalb im günstigen Licht erscheinen, weil sie den 
Eindruck eines unparteiischen, sorgPältig abgewogenen Vorgehens 
erweckten. 

Der nunmehr von Paskiewitsch in voller Selbständigkeit ge- 
führte Feldzug, entsprach in seinen Anfangen einem noch von 
Diebitsch und Jermolow aufgestellten Plan, wurde aber wesentlich 
modifiziert, da sich bald herausstellte, daß die Wirklichkeit den 
Voraussetzungen dieses Planes nicht entsprach. Auch mußte 
Madatow durch den Generalmajor Pankratjew ersetzt*) und eine 
Reihe anderer Personalveränderungen vorgenommen werden. An 
Weljaminows Stelle trat General Krassowski, zum Generalquartier- 
meister wurde Generalleutnant Graf Suchtelen ernannt'). 

Der Plan der Perser ging dahin, den Russen das Vordringen 
durch Verwüstung der Gebiete von Nachitschewan und Eriwan 
unmöglich zu machen. Sie zwangen die Bevölkerung, den Aras 
zu überschreiten und ließen den Russen ein gänzlich verödetes 
und menschenleeres Land. Bei den ungeheueren Schwierigkeiten, 
welche die Verpflegung eines Heeres in diesen Bergländern bietet, 
bedeutete das allerdings ein Hindernis, das nur durch gewissenhafte 
Umsicht und durch einen eisernen Willen überwunden werden 
konnte. Nach beiden Richtungen hin erwies Paskiewitsch sich seiner 
Aufgabe gewachsen. 

Sein Ziel war die Einnahme von Eriwan. Die Absicht des 
Zaren ging nicht auf größere Eroberungen. Was er wünschte, war, 
den Aras als Grenze und einen sicheren Frieden mit Persien zu 
gewinnen. Schon der Ausblick auf den aller Wahrscheinlichkeit 
nach bald bevorstehenden Türkenkrieg, schloß weitere Kombinatio- 
nen aus. Aber gewiß haben auch hier Alexanders ursprüngliche 
Pläne dem Willen des Kaisers die Richtung gegeben. 

Der diplomatische Agent, der Paskiewitsch zugeordnet wurde, 
( Jbreskow, als dessen Gehilfe der Dichter Gribojedow fungierte, war 
beauftragt, keine günstige Gelegenheit zu versäumen, die sich für 

\) Das geschab erst am 19. April, als Madatow bereits über 14 Tage im 
Vormarscb war. 

2) Am 14. Juli. 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 167 

einen Frieden bot. Nebenher sollte er aber jede Einmischung der 
Engländer in etwaige Friedensverhandlungen zurückweisen. Man 
hatte guten Grund^ diesen halben Verbündeten zu naißtrauen, da 
der Engländer Macdonald als vertrauter Ratgeber Fet-Ali Shahs in 
diesem Kriege fungierte und fortdauernd bemüht war, den Mut 
der Perser aufrechtzuerhalten *). 

Der wesentliche Verlauf des Krieges ist nun der gewesen, daß 
zunächst General Constantin v. Benkendorif beauftragt wurde, das 
Kloster Etschmiadzin zu besetzen. In der Zeit vom 2. bis zum 13. April 
wurde diese Aufgabe gelöst. Kampflos zwar, aber doch insofern 
nicht mit dem erhofften Erfolge, als es sich ihm bei dem völligen 
Mangel an Proviant unmöglich erwies, das Kloster zum Stützpunkt 
weiterer Operationen zu machen. Er mußte sich daher damit be- 
gnügen, eine kleine Besatzung und seine Kranken im Kloster zurück- 
zulassen und versuchte selbst die Festung Sardar Abad zu nehmen, 
was ihm wegen fehlenden Belagerungsgeschützes nicht glückte. Da- 
gegen gelang es ihm, der persischen Reiterei, die Hassan Chan, 
ein Verwandter Fet-Alis, kommandierte, eine empfindliche Schlappe 
beizubringen und sich dann, trotz allem, bei Etschmiadzin zu 
behaupten. 

Inzwischen war Paskie witsch mit seiner Vorbereitung soweit 
gediehen, daß er Anfang Mai sich in Bewegung setzen konnte. 
Sein Heer bestand aus der vom Generalleutnant Krassowski kom- 
mandierten Eriwanschen Armee (8 Bataillone Infanterie, 4 Kom- 
pagnien Pioniere, 26 Geschützen und 12 Sotnien Kosaken) und den 
zwei Divisionen der Hauptarmee (1. Division Generalmajor Fürst 
Wadboljski, 2. Division Generalleutnant Fürst Eristow), die zu- 
sammen 4800 Mann Infanterie, 800 Mann reguläre und 3000 Mann 
irreguläre Kavallerie mit 26 Geschützen zählten. Die Perser waren 
an Zahl weit überlegen, die Angaben über die gleichzeitig zusammen- 
gezogenen Truppen schwanken zwischen 40 und 50000 Mann, sind 
aber wahrscheinlich noch höher zu setzen. Ihre Kavallerie war 
weit besser beritten als die russische, die Infanterie zum Teil von 



^) Auf die Kriegsoperationen genauer einzugehen, wird hier nicht beab- 
sichtigt. Sie sind mit großer Ausführlichkeit von dem Fürsten Schtscherbatow 
im 2. Bande seiner Biographie Paskiewitschs nach den Akten des russischen 
Generalstabes erzählt worden. Interessantes, wenn auch oft parteiisch dar- 
gestelltes Detail, bieten die Memoiren von Murawjew-Karski in dem Russki 
Archiv, Jahrgang 1889. Pläne und Karten bei Schtscherbatow. 



168 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

eDglischeo Instrukteuren geschult, die Festungen nach orientalischen 
Vorstellungen, mit ihren drei- und vierfachen Mauern, uneinnehmbar 
und reichlich versorgt. Da das russische Belagerungsgeschütz erst 
in den letzten Stadien des Kampfes eintraf, waren sie anfänglich 
auch hier den Russen überlegen, aber ihre Artillerie ist nirgends 
wirksam verwendet worden, während die russische Artillerie 
ihren sehr wesentlichen Anteil an der schließlichen Entschei- 
dung hat. 

Als nun Paskiewitsch am 13. Mai vor Etschmiadzin eintraf, 
hatte Benkendorif das Kloster wieder verlassen, um Eriwan zu 
blockieren. Er hatte die Stadt am 25. erreicht und ein erfolg- 
reiches Gefecht mit Hassan Chan gehabt, der sich ihm hier zum 
zweiten Male mit seinen Reitern entgegenwarf. Aber die furchtbare 
Sommerhitze dezimierte Benkendorffs Truppen und auf Befehl Pas- 
kiewitschs hob er am 9. Juni die Blockade auf. Seine Truppen 
beobachteten fortan von den nächsten Bergen aus die Stadt und 
wurden später durch die Armee Krassowskis ersetzt, der von 
Etschmiadzin aus verproviantiert wurde. Das Hauptheer führte 
Piiskiewitsch nach Nachitschewan, wo er reichliche Verpflegung 
durch die Nomadenstämme fand, die alle die russische Ober- 
hoheit anerkannten. 

Paskiewitsch griff aber nicht die Festung Nachitschewan an, 
sondern das 10 Werst von ihr entfernte Abbas Abad, am linken 
Ufer des Aras. Diese von europäischen Ingenieuren erbaute Festung 
wurde von Mahmed Emin Khan verteidigt und konnte zudem auf 
Entsatz durch Abbas Mirza rechnen, der, wie man bereits wußte, 
mit 40000 Mann im Anmarsch war. Das aber gerade hatte den 
Entschluß von Paskiewitsch bestimmt, fir hoffte, den Feind zu 
einer Schlacht zu bewegen und so mit einem Streich die Ent- 
scheidung herbeizuführen. Am 1. Juli hatte er die Belagerungs- 
arbeiten begonnen und die Höhen besetzt, welche die Stadt 
beherrschten. Am 3. zeigten sich die ersten Reiter des persischen 
Entsatzheeres. Seine Späher meldeten, daß Abbas Mirza mit 
26000 Mann und 40 Geschützen bei Tschors stand, und daß etwas 
über 6 Meilen hinter ihm, in Choi, Fet-Ali mit einem gleich starken 
Heere Aufstellung genommen habe. Gleichzeitig gehe Hassan Chan 
gegen Nachitschewan vor. Bald danach folgte die Nachricht, daß 
Fet-Ali dem Sohne erhebliche Verstärkungen geschickt habe, und 
daß ein Angriff der Perser unmittelbar bevorstehe. 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 169 

Paskiewitsch überschritt nun mit seinen Truppen durch eine 
Furt den Araxes. Er selbst führte die Infanterie und die Artillerie^ 
Benkendorff die Kavallerie, Eristow den linken Flügel. 

Der Feind hatte 15 Werst vom Fluß seine Stellung auf den 
Höhen in gekrümmtem Bogen genommen, der ein steiniges Tal 
umschloß. Während nun Paskiewitsch den Persern entgegen- 
marschierte, wurde die Benkendorflfsche Kavallerie zeitweilig von 
dem stärkeren Feinde arg bedrängt. Dann aber folgte die Ent- 
scheidung überraschend schnell: dem vereinigten Angriff der 
Infanterie Paskiewitschs und Eristows, die sich durch das Feuer 
des Feindes nicht aufhalten ließ, hielten die Perser nicht stand. 
Sie stoben in wilder Flucht auseinander und wurden von der 
russischen Kavallerie und von der ihr nachrückenden Infanterie 
8 Werst weit, bis zum Dorfe Chumler am Flusse Dshewan-Bulat 
verfolgt. Nach diesem Fluß erhielt die Schlacht ihren Namen. 
Von Seiten der Perser hat nur die Kavallerie, 16000 Mann stark, 
an der Schlacht teilgenommen. Die Infanterie stand 4 Meilen 
hinter Dshewan-Bulat; die Verluste auf beiden Seiten waren gering. 
Die Perser verloren 400 Tote, 100 Gefangene und 2 Fahnen, die 
Russen 9 Tote, 29 Verwundete und 3 Vermißte. 

Eine beiläufige Bemerkung der aus dem Bericht Paskiewitschs 
geschöpften russischen Darstellung der Schlacht ^) läßt es aber 
zweifelhaft erscheinen, ob die Schlacht bei Dschewan-Bulat über- 
haupt als eine ernste Niederlage der Perser betrachtet werden darf. 
Abbas Mirza hoffte, so heißt es, die ganze Armee Paskiewitschs bis 
nach Karasiadin, wo seine Infanterie in bergiger, befestigter Stellung 
stand, zu locken. Es liegt daher die Vermutung nahe, daß die 
Flucht der Perser, die allerdings, wie die russischen Berichte be- 
haupten, den Charakter einer Panik trug, in der Absicht Abbas 
Mirzas eine Kriegslist nach Parther Art sein sollte. Daß die 
Russen ihre Verfolgung so zeitig aufgaben, verdarb ihm seinen Plan. 

Trotz alledem hat der moralische Erfolg des an sich wenig 
bedeutenden Sieges die Kampagne für die Russen entschieden. 
Nach kurzer Beschießung kapitulierte am 8. Juli die Festung Abbas 
Abad mit der ganzen Garnison, soweit sie nicht schon vorher die 
Flucht ergriffen hatte; 18 Geschütze, Pulver und, was besonders 
wichtig war, 500 Tschetwert Getreide fielen in die Hände der 



Bei Schtscbcrbatow 1. 1. II, 284. 



170 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

Russen, und das ganze Bataillon Nachitschewan sowie ein Teil des 
Bataillons Tabris trat in russische Kriegsdienste. Dennoch blieb die 
Lage kritisch. Paskiewitsch hatte nur 6000 Mann im Lager vor Abbas 
Abad, und etwa 18 Meilen weiter stand Fet Ali mit angeblich 50000 
Mann bei Choi, während bei Tschors, in einer Entfernung von nur 
acht Meilen, Abbas Mirza mit seiner immer noch 10000 Kopie 
zählenden Infanterie seine Stellung behauptete. Vereinigten sich beide 
zu einem Angriff auf die Russen, so schien ein Ruckzug un- 
vermeidlich. 

Aber gerade jetzt zeigte sich die Wirkung des Erfolges von 
Dschewan-Bulat. Die von den Persern vertriebene Bevölkerung 
kehrte wieder über den Araxes in das Eriwansche zurück, Paskie- 
witsch setzte Abbas Abad in Verteidigungsstand und ernannte den 
tapferen Generalmajor Baron Sacken zum Kommandanten der 
Festung. Auch entschlossen sich die Perser nicht zum AngrilT; sie 
hofften, daß die Rusyn vor den Mauern der Festungen Sardar 
Abad und Eriwan sich erschöpfen würden, zumal ein erster 
Versuch des Generals Krassowski, Eriwan zur Kapitulation zu 
nötigen, bereits mißglückt war. Dabei hielt Paskiewitsch den Schah 
durch die Friedensverhandlungen hin, zu denen ihn seine Instruktion 
verpflichtete. Daß sie scheitern würden, ließ sich vorhersehen, 
aber die Russen gewannen Zeit, um von Tiflis her ihre Belagerungs- 
artillerie heranzuziehen. Auch die Perser waren nicht ganz untätig. 
Abbas Mirza hatte Verstärkungen erhalten; er rückte mit 25000 
Mann und 28 Geschützen gegen den General Krassowski, der sein 
Lager vor Etschmiadzin hatte und nur über 6000 Mann verfugte. 
Aber Krassowski war so kühn, mit nur 2000 Mann dem Feinde 
entgegenzurücken, und auf den bergigen Höhen von Uschagan kam 
es am 17. August zu einer blutigen Schlacht, die von 7 ühr 
morgens bis 4 ühr nachmittags währte, in der die Russen 700 Tote 
und 300 Verwundete, also jeden zweiten Mann, die Perser gegen 
3000 Mann verloren. Beide Teile behaupteten schließlich ihre 
Stellung, aber die Russen hatten ihr wesentliches Ziel erreicht 
Der Feind wagte nicht weiter vorzugehen, sondern befestigte sein 
Lager in Uschagan. Inzwischen wurde jedoch Etschmiadzin glucklich 
verproviantiert und das Belagerungsgeschütz wirklich herangezogen. 
Immerhin blieb bei der ungeheuren Übermacht des Feindes die 
Lage Krassowskis gefährdet, und Paskiewitsch hatte sich bereits ent- 
schlossen, ihm zu Hilfe zu ziehen, als Abbas Mirza plötzlich sein 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 171 

befestigtes Lager aufgab und auf Eriwan zu marschierte. Unter- 
wegs aber machte er in der Nähe der Festung Sardar Abad Halt, 
und nun entschloß sich Paskiewitsch, dessen Ziel immer die Ein- 
nähme von Eriwan blieb, vorher Sardar Abad zur Übergabe zu 
zwingen. Er rechnete zudem darauf, daß die sehr reichlich ver- 
proviantierte Festung ihn von der lähmenden Sorge für den Unter- 
halt seines Heeres befreien werde'). Die mit außerordentlicher 
Energie angegriffene und durchgeführte Belagerung hat dann wirklich 
am Abend des 19. September, nachdem die Russen eine Bresche 
geschossen hatten'), die Übergabe der Festung zur Folge gehabt. 
Die Perser hatten der Wirkung des schweren russischen Geschützes 
nicht standhalten können; die letzte Entscheidung h^itte ein 
Sturm der Infanterie gegeben, der in dem Augenblick erfolgte, als 
die Garnison aus der Festung zu fliehen begann. Sie wurde 
von der russischen Kavallerie verfolgt und zum Teil nieder- 
gemacht. Das Wesentlichste aber war, daß in der Festung 14000 
Tschetwert Getreide gefunden wurden. „Das ist" — notiert Pas- 
kiewitsch in seinem Kriegstagebuch — „ein wahrhaft kostbarer 
Gewinn"; es ist sehr fraglich, ob ohne ihn eine Belagerung von 
Eriwan hätte unternommen werden können. Abbas Mirza hat 
nichts getan, um die Festung zu retten. Sobald feststand, daß 
Paskiewitsch nahe, war er aufgebrochen, um in die Provinz Nachi- 
tschewan einzufallen. Er hoiTte offenbar, die Russen dadurch von 
Sardar Abad abzulenken und nach sich zu ziehen. Aber auch das 
mißglückte. Paskiewitsch hatte sich nicht beirren lassen, und aus 
Nachitschewan schlug der General Eristow die Perser hinaus. 
Ebenso fruchtlos waren Abbas Mirzas Bemühungen, durch Gefähr- 
dung der russischen Kommunikationslinien die jetzt drohende Be- 
lagerung von Eriwan zu verhindern. Schon am 23. September lag 
das Heer Paskiewitschs zwei Weist vor Eriwan, und am 3. Oktober 
konnte er dem Kaiser melden: „Die Fahne Ew. Majestät weht von 



') Beriebt Paskiewitschs an den Kaiser aus dem Lager yon Sardar 
Abad, den 14. September 1827. Anlage I zu Band II, Kapitel VII, bei 
Schtscherbatow. 

*) „Die Festung Sardar Abad" — berichtet Paskiewitsch dem Kaiser — 
«ist nach asiatischem Geschmack ausgezeichnet gebaut. Sie hat an drei Seiten 
doppelte Verteidigungsmauern, nur an der Südseite, welche wir angriffen, ist 
eine einzige Mauer. Der Umfang des länglichen Karrees ist sehr bedeutend.'* 
Bericht vom 21. September. Festung Sardar Abad. 1. 1. Nr. 3. 



172 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

den Mauern Eriwans. Die Schlüssel dieser berühmten Festung, die 
ganze Garnison, alle Hauptanführer mit eingeschlossen, sind in un- 
seren Händen, auch Hassan Khan, der diesmal weder fliehen, noch 
sich durchschlagen konnte; dazu als Trophäen: 4 P'ahnen, 37 Kanonen, 
2 Haubitzen, 9 Mörser, gegen 50 Falkonette, endlich die üntertan- 
schaft und die Dankbarkeit aller Einwohner, die wir von ihren an- 
geblichen Beschützern, in Wirklichkeit von ihren grausamen Be- 
drängern, befreit haben. Das alles lege ich Ew. Majestät zu 
gnädiger Berücksichtigung vor. Das Heer Ew. Majestät ist wiederum 
durch den Glanz eines Sieges gekrönt worden. Die schnelle Erobe- 
rung von Sardar Abad entsetzte den Feind und das mußte genutzt 
werden." 

Auch diesmal entschied die Überlegenheit der russischen Artillerie. 
Dazu war eine Revolte der städtischen Bevölkerung und die Meuterei 
eines Teils der Sarbasen gekommen. Fast ohne Opfer sind die Russen 
Herren dieser stärksten persischen Festung geworden, „unser Verlust" 
-^ schreibt Paskiewitsch in dem bereits angezogenen Berichte — „ist 
infolge eines Zusammenwirkens vieler glücklicher Zufalle äußerst 
gering. Das berühmte Eriwan, dessen Erwerbung, wie man glaubte ^), 
Ströme Blutes kosten sollte, ist vor den siegreichen russischen 
Waffen ohne große Opfer unserseits gefallen. Jetzt werden die 
Lesghier, Dagestaner und alle Aufrührer in den kaukasischen 
Bergen durch die Unterwerfung der Stadt, die ihnen stets als 
Zufluchtsort diente, in Schrecken gesetzt sein. Von dorther er- 
hielten sie Unterstützung an Geld, Waffen und durch alle Tücken 
persischer Politik. Der Ruhm Eriwans in der Türkei und in 
Persien ist unglaublich groß, noch unglaublicher aber erscheint ihnen 
der Fall der Stadt nach sechstägiger Belagerung. 1^000 Mann 
kriegsgefangener Garnison habe ich bereits nach Grusien ab- 
gefertigt" '). 

Die Antwort des Kaisers datiert aus Reval, den 29. Oktober 
1827. Er hatte die Nachricht in Riga erhalten und in seiner 
Freude sogleich seinen zweitgeborenen Sohn Konstantin Nikola- 
jewitsch') zum Chef des grusischen Grenadier-Regiments ernannt. 

^) Eine nicht mißzuverstehende Hindeutung auf Jermolow. 

''^) Scbtscherbatow ]. 1. Auch Schilder zitiert diesen Brief. 

3) Geboren den 9./21. September. Da der Großfürst Konstantin Pawlo- 
witscb sich nicht hatte entschließen können, seine Patenpflicht persönlich zu 
erfüllen, vertrat ihn der damals neunjährige Großfürst Thronfolger Alexander 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 173 

Den Dolch und die Lanze Hassan Khans aber schenkte er dem 
Generalgouverneur von Livland, Marquis Paulucci. Sein Schreiben 
an Paskiewitsch war überaus herzlich und traf gleichzeitig mit den 
Insignien des Großkreuzes des Georgordens 2. Klasse ein. 

Die Anerkennung war wohlverdient. Es konnte einen Augen- 
blick sogar scheinen, als werde der Fall von Eriwan das Ende des 
Feldzuges zur Folge haben. Fet Ali hatte schon nach der Einnahme 
von Sardar Abad den Thronfolger beauftragt, sofort Frieden zu 
schließen, aber keinen Gehorsam gefunden, da Abbas Mii-za auf 
den Widerstand Eriwans und auf eine Erhebung der Kaukasier im 
Kucken Paskiewitschs rechnete. Weil sich das alles als trügerisch 
erwiesen hatte, erneuerte der Schah seine Anträge; sie scheiterten 
aber von vornherein, als Paskiewitsch eine Kriegsentschädigung von 
10 Kurur, das ist 20 Millionen Rubel Silber, verlangte. 

Fet Ali hätte sich ohne viele Einwendungen zu großen Land- 
abtretungen bereit gefunden, denn das schädigte weniger ihn als 
die Khane, denen die Verwaltung der einzelnen Provinzen über- 
geben war und die zum Teil nur in scheinbarer Abhängigkeit von 
ihm standen. Der Schatz dagegen war sein eigen, und da es in 
Persien keinen Unterschied zwischen Staatskasse und Schatz des 
Schah gab, entsetzte ihn die Forderung der Russen. Sie war ihm 
unannehmbar. So mußte der Krieg wieder aufgenommen werden, 
und das geschah von Seiten Paskiewitschs mit ebenso großer Um- 
sicht wie Energie, während die Perser nach wie vor überall ver- 
sagten. Das Zusammenwirken von Eristow, der die Vorhut führte, 
mit Benkendorff und Paskiewitsch, während General Krassowski ') 
mit der vorläufigen Verwaltung der Provinz Eriwan betraut war 
und Generaladjutant Ssipjagin die türkische Grenze beobachtete, 
um im Fall von Feindseligkeiten, die schon damals gefürchtet 
wurden, entsprechende Gegenmaßregeln zu treffen, brachte Erfolge, 
die dem General Paskiewitsch bald nicht geringe Verlegenheiten 
bereiteten. Die ganze Provinz Aderbeidjan, das ist der Nordwesten 
des Reiches südlich vom Aras, machte Anstalten, sich von der 
Oberherrschaft der Kadscharen zu befreien und die russische Ober- 
herrlichkeit anzuerkennen. Die Khanate Marag, Ahar, Ardebil, 
Chol boten ihre Unterwerfung an, und fast alle Nomadenstämme 



Nikolajewitsch. Konstanstin Nikolajewitsch wurde sofort der polnischen Armee 
eingereiht. 

>) Er wurde bald danach durch Osten-Sacken ersetzt 



174 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

der Provinz standen in offenem Aufruhr. Es wäre für Paskiewitsch 
ein leichtes gewesen, unter diesen Umständen das ganze Ader- 
beidjan zu gewinnen. Auch wäre das seiner Meinung nach das 
Richtige gewesen. Ging Aderbeidjan in russische Hände über, so 
schien der Zerfall des persischen Reiches nur eine Frage naher 
Zukunft zu sein, und der russische Einfluß hatte alle Aussicht, 
unter überaus günstigen Voraussetzungen nach Osten hin vorzu- 
dringen. Paskiewitsch hat damals bereits eine Zukunft ins Auge 
gefaßt, die den Weg nach Indien erschloß. Wie die Verhältnisse 
lagen, war er leichter über Persien und Afghanistan zu gewinnen, 
als durch die Turkmenensteppen, die Sandwüsten Turkestans und 
die Pässe des Pamir. Rußland sollte noch dreiviertel Jahrhundert 
brauchen, um sich die Straße dahin zu bahnen. 

Aber solche Pläne waren unausführbar, weil sich ihnen der 
dynastisch-legitimistische Standpunkt des Kaisers entgegenstemmte. 
Die Dynastie der Kadscharen war ihm die Vertreterin des Legiti- 
mitätsprinzips auf persischem Boden '), und den Gedanken, empörte 
Untertanen gegen den rechtmäßigen Landesherrn zu unterstützen, 
lehnte er mit aller Entschiedenheit ab. Auch er stand ganz auf 
dem Boden der Prinzipien politik Kaiser Pauls. Die Integrität 
Persiens sollte gewahrt bleiben, doch hielt er sich für berechtigt, 
infolge des Angriffs der Perser die persischen Provinzen Eriwan 
und Nachitschewan, die jetzt tatsächlich in russischen Händen 
waren, für sich zu behalten, so daß in Zukunft der Aras die Grenze 
beider Reiche bilden sollte. Endlich verlangte er unter Berufung 
auf den Frieden von Gulistan die Rückgabe des Khanats Talischin, 
das ihm die Meeresküste und den Hafen von Lenkoran südlich von 
der Mündung des Aras am K aspischen Meere sicherte, dazu eine 
Kriegsentschädigung. Danach also hatte Paskiewitsch sich zu richten, 
und darum ist der Krieg weitergeführt worden. Er hatte zudem 
noch mit zwei wichtigen Faktoren zu rechnen: mit der W^ahr- 
scheinlichkeit eines Türkenkrieges und mit der Sorge der Engländer 
um die Wahrung ihres überwiegenden Einflusses in Persien. Schon 
als am 13./25. Oktober 1827 Eristow, ohne auf Widerstand zu 
stoßen, seinen Einzug in Tabris halten konnte, versuchten sie zu 
vermitteln, aber Paskiewitsch bestand auf direkter Verhandlung mit 
Abbas Mirza. Als dieser dann am ^^:J^}^L einen Unterhändler 

2. November 

Das war vom persischen Standpunkte nicht einmal richtig, da die 
allen Schuten als Usurpatoren galten. 




Kapitel V. Der Perserkrieg. 175 

schickte, zeigte sich aber, daß dieser Standpunkt sich nicht be- 
haupten lasse. Die von dem Geheimrat Obreskow, dem Diplomaten, 
der dem Hauptquartier zugewiesen war, geführten Verhandlungen 
zeigen uns bereits den englischen Gesandten Macdonald an der 
Seite der Perser, und wohl dessen Einfluß ist es zu danken, daß 
sich nunmehr Abbas Mirza dazu bequemte, in direkte und persön- 
liche Beziehungen zu Paskiewitsch zu treten. Er traf am 6./18. 
November mit kleinem Gefolge in Dei Kargan ein und zeigte sich, 
obgleich Paskiewitsch inzwischen die von ihm geforderte Kriegs- 
entschädigung auf 15 Kurur (30 Millionen Rubel Silber) erhöht 
hatte, bereit, alle russischen Forderungen zu bewilligen. Nur solle 
man dem englischen Gesandten gestatten, nach Teheran zu reisen, 
damit auch Fet Ali zum Nachgeben bewogen werde. Da Paskie- 
witsch zustimmte, schienen sich für den Abschluß des Friedens die 
besten Aussichten zu eröffnen, denn England fürchtete nicht mit 
Unrecht den Zerfall Persiens, wenn die Russen in Teheran ein- 
rücken sollten. Daran aber hätte nichts sie verhindern können, 
sobald sie entschlossen vordrangen. Trotzdem sind noch über zwei 
Monate hingegangen, ehe 'der Krieg zu endgültigem Abschluß kam*). 
Fet Ali konnte den Entschluß nicht finden, seine Millionen her- 
zugeben. Lieber werde er, sagte einer der persischen Unterhändler, 
drei Aderbeidjans abtreten. 

Erst als Paskiewitsch trotz des harten Winters die Kriegs- 
operationen wieder aufnahm, konnte am 10./22. Dezember ein 
Waffenstillstand abgeschlosseu werden; da er am 2./14. Januar 
1828 ablief, ohne daß die von Abbas Mirza im Namen des Vaters 
versprochenen Gelder aus Teheran eintrafen, gingen am 10./22. 



*) Ober den Gang der Verbandlungen, die Intrigen am Hof des Schah 
und den Einfluß, den die drohenden Kriegsgerüchte aus der Türkei auf beide 
Teile ausübten, berichtet Schtscherbatow ausführlich an der Hand der Akten 
des russischen Kriegsministeriums. 1. 1. III, Kap. II und Anlagen. 

Die Relation Schölers vom 16./28. Februar 1828, durch französischen 
Kurier, sagt: soeben habe der Kaiser die Nachricht vom Wiederausbruch 
der Feindseligkeiten in Persien erhalten. Vorstellungen aus Konstantinopel 
und die Intrigen eines jüngeren Sohnes des Schah, des Statthalters von Cho- 
rassan, hätten sie veranlaßt (gemeint ist Hassan Ali Mirza, der dritte Sohn 
Fet Alis). Hassan habe Abbas Mirza des Verrats beschuldigt und versprochen, 
die verlorenen Provinzen wiederzuerobem. Darauf seien die bereits im Beisein 
eines russischen Beamten verladenen Millionen zurückgehalten und die Friedens- 
verhandlungen abgebrochen worden. Berlin G.St.A. A. A. I Rep. I Turquie 1828. 



176 Kapitel V. Der Perserkrieg. 

Januar die Mitglieder der Friedenskonferenz von Dei Kargan un- 
verrichteter Dinge auseinander. In wenigen Tagen fielen darauf 
Urmia, das Khanat Marag, Ardebil in die Hände der Russen, und 
im ganzen südwestlichen Aderbeidjan gab es bald keinen einzigen 
persischen Soldaten mehr. Da endlich, am 1./13. Februar, wurden 
den russischen Vorposten die ersten drei Kurur abgeliefert, und 
Abbas Mirza meldete, daß er vom Schah beauftragt sei, den 
Definitivfrieden auf die Bedingungen hin abzuschließen, die in Dei 
Kargan vereinbart waren. Da Paskiewitsch sichere Nachricht hatte, 
daß der Schah in der Tat nicht mehr als zehn bis elf Kurur auf- 
bringen könne, setzte er seine Forderungen auf zehn Kurur herab, 
und das gab den Ausschlag für den Frieden. Auch dazu verstand 
er sich, die englische Vermittlung nunmehr anzunehmen. Fast 
alle Räte und Minister Fet Alis standen im Sold der Engländer, und 
ebenso beherrschte ihr Einfluß den Thronfolger Abbas Mirza. Es 
war unmöglich, sie zu umgehen. So kam um Mitternacht^) vom 
9. auf den 10./22. Februar in Turkmantschai der Friede zustande. 
Außer Abbas Mirza waren als Vertreter Fet Alis der Minister des 
Auswärtigen, Abul Hassan Khan, und der Ober-Eunuch und Schatz- 
meister Manutscher Khan zugegen, von russischer Seite führten 
Obreskow und Paskiewitsch die Verhandlungen. Das wesentliche 
Ergebnis war, daß die Khanate Eriwan und Nachitschewan in 
genau bestimmten Grenzen, wie sie gegen Persien noch heute be- 
stehen, für ewige Zeiten mit Rußland vereinigt wurden, daß Ruß- 
land das ausschließliche Recht erhielt, Kriegsschiffe auf dem 
Kaspischen Meere zu halten und daß russische Konsulate in Persien 
eingeführt wurden. Die Kriegsentschädigung wurde auf zehn Kurur') 
festgestellt und vereinbart, daß nach erfolgter Zahlung von sieben 
Kurur die russischen Truppen Aderbaidjar bis auf zwei feste Plätze') 
räumen sollten, die nach Zahlung der letzten drei Kurur ebenfalls den 
Persern auszuliefern waren. Kaiser Nikolaus erkannte Abbas Mirza 
als den allein berechtigten Nachfolger des Schahs an, und beide 
Herrscher versprachen einander, für sich und ihre Nachfolger gute 
Nachbarschaft und Freundschaft zu halten. 



^) Diese Stunde war vom persischen Astrologen als die günstigste be- 
zeichnet worden. 

') 20 Millionen Rubel Silber, nach dem damaligen Stand des Rubel- 
kurses 70 Millionen Rubel Papier. 

') Choi und Urmia. 



Kapitel V. Der Perserkrieg. 177 

]Nächst den Gebietsabtretungen fällt der Schwerpunkt des 
Friedensschlusses auf die Einführung der Konsulargerichtsbarkeit, 
sowie auf die den Handel betreffenden Bestimmungen. Sie haben 
allen späteren Verträgen Rußlands mit dem Orient zum Vorbild 
gedient *). Es charakterisiert den Schah und die Politik des Orients, 
daß Fet Ali sich schließlich noch ein Geschenk von 5000 russischen 
Dukaten in Gold, womöglich neuer Prägung erbat Die russischen 
Abgeordneten, die nach Teheran geschickt wurden, um ihn zum 
Abschluß des Friedens zu beglückwünschen, haben ihm am moham- 
medanischen Neujahrstage, dem 10. März, dieses erbettelte Geschenk 
zu seiner lebhaften Freude überreicht. 

Vierzehn Tage danach traf Paskiewitsch in Tiflis ein. Der 
Dank des Kaisera, der Titel Graf Paskiewitsch-Eriwanski und eine 
Dotation von einer Million Rubel zeigten ihm, daß er trotz aller 
Anfeindungen, die während des ganzen Verlaufs der Kampagne 
gegen ihn am Werke gewesen waren, sich der Gunst seines Herrn 
sicher fühlen durfte. Daß er Anlaß zu Beschwerden gegeben habe, 
wußte Paskiewitsch selbst sehr wohl. In einem Brief an den Groß- 
fürsten Michail Pawlowitsch hat er sich darüber — was ihm 
nur zur Ehre gereichen kann — ganz rückhaltlos ausgesprochen'): 
„Wenn ich jemals gewürdigt werde, wieder vor Ew. Hoheit zu er- 
scheinen, wird es Ihr schwer fallen, mich wiederzuerkennen. Schlaf- 
lose Nächte durch lange Zeiträume hindurch, die fehlende Ruhe, 
der stete Wechsel der Ereignisse, Unannehmlichkeiten aller Art, 
die durch keine menschliche Voraussicht abzuwenden waren, ein 
Klima, in welchem auf unerträgliche Hitze Schneestürme folgten 
wie in Rußland, das alles hat mich völlig gewandelt, und ich bin 
vorzeitig alt geworden. Auch mein Charakter hat sich völlig ver- 
ändert. Wenn man von Menschen und Verhältnissen oft das Un- 
mögliche fordert, läßt sich das Gleichgewicht der Seele nicht 
bewahren. Der Wunsch mehr zu tun, als die Pflicht gebietet, 
treibt zur Maßlosigkeit. Die Hindernisse erbittern, man straft oft 
und viel, und das gefällt niemandem. . .^ In Petersburg war man 
durch die in Moskau perlustrierten Briefe der kaukasischen Oiiiziere 
über die Härten Paskiewitschs wohl orientiert. Auch der Kaiser 
wußte von ihnen. Aber das machte ihn an dem Manne, dem er 

^) Siehe die Anlage, die den Wortlaut des Vertrages in deutscher Ober- 
setzung bringt. 

») Bei Schtscherbatow 1.1.111,8.96—97. Schreiben vom 11./23. Februar 1828. 
Schiemann, Geschichte Rußlands. U. 12 



178 Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 

einmal sein Vertrauen geschenkt hatte, nicht irre. Das ist, im 
Gegensatz zu Alexander, ein großer Zug im Charakter Nikolais, 
der freilich, wie die Folge zeigen sollte, durch Mißbrauch zur 
Schwäche werden konnte. Gerade die schlimmsten Schäden in der 
Verwaltung des Reiches sind auf den Mißbrauch des kaiserlichen 
Vertrauens zurückzuführen. Damals aber war es sicher wohl- 
berechtigt, wenn Nikolai den siegreichen Feldherru stützte und 
hielt. Er hatte in entscheidender Stunde ihm den Rücken gesichert. 
Der Türkenkrieg stand unmittelbar bevor. Was unter diesen Um- 
ständen der günstige Frieden mit Persien zu bedeuten hatte, zeigt 
uns ein Brief Alexander Benkendorffs an M. S. Woronzow vom 
16./28. März 1828. „Endlich ist sichere Nachricht vom Abschluß 
des Friedens eingetroffen. . . Man muß gestehen, daß die Musel- 
männer den rechten Augenblick zu wählen verstehen. Anno 1812 
beeilten sich die Türken, den Frieden gerade in dem Augenblick 
zu unterzeichnen, da Napoleon und ganz Europa in das Reich ein- 
drangen: jetzt folgen die Perser ihrem Beispiel, um uns zu helfen, 
ihre Glaubensgenossen zu zermalmen. . . .^ ^) 

Das war ganz richtig, denn in den Tagen zwischen dem 9. 
und 14. Februar 1828 (r. St.) hatte Kaiser Nikolaus sich endgültig 
entschlossen, ohne weitere Zögerung seine Heeresmacht gegen die 
Türkei zu führen'). 



Kapitel Tl. Torstadien des Tfirkenkrieges. Navarino. 

Der Gedanke, daß ein Krieg gegen die Türkei für ihn zur 
Notwendigkeit werden könne, hat den Kaiser Nikolaus von den 
ersten Tagen seiner Regierung her lebhaft beschäftigt. Er liegt 
nur wenig verhüllt sowohl den Vereinbarungen vom 4. April 1826 
mit England, wie den Verhandlungen zu Akkerman zugrunde, 
wenn auch hier wie dort das sichtbare Ziel die Gewinnung eines 
dauerhaften Friedens sein sollte. Das war der notwendige Schein. 
Schon im Frühling des Jahres haben, wie wir sahen, sowohl der 
Prinz Eugen, wie General Diebitsch dem Kaiser Feldzugspläne 
ausarbeiten müssen. Der Prinz war bestimmt, die vier Divisionen 
zu führen, welche bei Ismail die Donau überschreiten sollten, 

^) Woronzow Archiv, Bd. 35, Nr. 114. Schtscberbatow III, Anlage zu 
Kapitel II, Nr. 12. 

2) Relation Schöler, 10./22. März 1828 (durch die Post). 



Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 179 

«ventuell sogar das Kommando der 2. Armee zu übernehmen. 
Das Zurückweichen der Türken hatte diese Pläne vertagt, aber 
nicht beseitigt, und der Kaiser zweifelte nicht daran, daß trotz 
allem die Verhältnisse den im Grunde aus Erwägungen der inneren 
wie der äußeren Politik hocherwünscbten KonQikt herbeiführen 
würden. So hat er dann mit großem Geschick in zäher Verfolgung 
seines Zieles eine diplomatische Aktion eingeleitet, deren Grund- 
gedanke zunächst dahin ging, in Erfüllung lange gehegter Pläne 
Alexanders I., als Mandatar Europas die Exekution an der Türkei 
zu vollziehen und die übrigen Großmächte zum Anschluß an die 
Konvention vom 4. April 1826 zu bewegen. Aber diese Be- 
mühungen fanden unter dem Schutz des Geheimnisses der Kanz- 
leien statt; die Petersburger „Gescdlschaft^, d. b. die OfiGziere des 
Gardekorps und der kleine Kreis derjenigen, die in direkter oder 
indirekter Beziehung zum Hofe standen und von ihm den Stoff 
für ihre Gedankenwelt zu empfangen gewohnt waren, erfuhren da- 
von nichts. Die Aufmerksamkeit richtete sich auf den unruhigen 
Tätigkeitsdrang des Kaisers, der in überraschenden Revisionen der 
öffentlichen Institute, in Paraden und Inspektionen, in seiner 
hastigen gesetzgeberischen Tätigkeit und in dem Bestreben seinen 
Ausdruck fand, durch sein persönliches Eingreifen den Augiasstall 
bureaukratischer Gewissenlosigkeit und Trägheit gleichsam über 
Nacht zu reinigen. Da er dabei naturgemäß nur oberflächliche 
Einsicht gewinnen konnte, waren seine stets impulsiven Entschei- 
dungen oft hart und ungerecht, weil sie auch Unmögliches verlangten 
und noch häufiger nicht die eigentlich Schuldigen trafen *). Aber 
unverkennbar war der Kaiser bemüht, seine Leidenschaften nieder- 
zuhalten, namentlich wahrte er sich bei Paraden und anderen 
militärischen Schaustellungen seine kaiserliche Würde. Um so 
rücksichtsloser ließ der Großfürst Michail Pawlowitsch seinem 
hitzigen Temperament freien Lauf, und die übertriebene Wert- 
schätzung, die er den formellen Seiten militärischer Ausbildung 
und militärischer Disziplin beilegte, wurden nachgerade zu einer 



^) Am 10. Januar 1827 setzte der Kaiser den Zivilgouverneur von Peters- 
burg Schtscherbinin ab, weil ihn eine Kevision der beiden groBen städtischen 
Hospitäler (Obuchow und Kalinkin) nicht befriedigt hatte. Am 23. September 
1827 wurde der kuHändiscbe Landbotenmarscball ßaron Rönne abgesetzt, weil 
«r eine Beschwerde des kurländischen Landtags über den Generalgouverneur 
Marquis Paulucci durch Staffette direkt an den Kaiser hatte gelangen lassen etc. 

12* 



180 Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Kavarinö. 

Kalamität. Er war im November 1826 an Stelle des alten Generals 
Woinow zum Kommandeur des Gardekorps ernannt worden und 
widmete sich seinen neuen Aufgaben mit einem Eifer, der Soldaten 
wie Offiziere zur Verzweiflung brachte. Michail wollte das Vorbild, 
das ihm Konstantin in Warschau stellte, nicht nur erreichen, 
sondern womöglich übertreffen. Das führte zu so unerträglichen 
Quälereien, daß schließlich der Kaiser sich genötigt sah, e nzu- 
greifen und durch Benkendorff dem Bruder ernste Vorstellungen 
zu machen, die dann für einige Zeit halfen. Aber während der 
Großfürst von den unter ihm stehenden Truppen eine fast über- 
menschliche Selbstbeherrschung verlaugte, war er selbst ganz un- 
fähig, den Impulsen des Augenblicks zu widerstehen. Die auf drei 
Tage angelegten großen Manöver in Krasnoje Sselo im Sommer 
1827, in denen der bald danach zum Kriegsminister ernannte 
General Tschernyschew gegen Michail Pawlowitsch operierte, 
wurden von diesem in einer Stunde zum Abschluß gebracht* 
Er errang einen glänzenden Sieg, und das mochte genial erscheinen, 
aber es verdarb die Manöver und spottete aller Voraussetzungen, 
die den Operationen zugrunde lagen*). Über solche Dinge wurde 
gelacht; anderes, w^ie namentlich die Art, wie der Kaiser seine 
Vorstellung von Ordnung zur Geltung brachte, erbitterte. Den 
fremden Beobachtern fiel die Schärfe auf, mit der in den Kreisea 
der Gardeoffiziere über den Kaiser geurteilt wurde. 

Von dem ersten Schrecken, den das über die Dekabristen er- 
gangene Strafgericht hervorrief, hatte sich die „Gesellschaft^ bereits 
erholt, und man begann in den Verurteilten Helden zu bewundern, 
die für die „Freiheit'' aller gekämpft hatten. Nikolai wurde um 
jene Zeit vom russischen Adel nicht geliebt, und seine Geheim- 
polizei, die ihm regelmäßig ihre Berichte über das Gerede der 
Salons in beiden Residenzen zugehen ließ, machte alle Selbst- 
täuschung darüber unmöglich. Er suchte deshalb auf jede 



*) Relation La Ferronnays, Petersburg, 31. Juli. 

,Les grandes manoeuvres de Crasooje Selo, sont termines depuis le 27; 
elles devaient durer plus longtemps, mais un mouvement bien combioe execute 
sous les ordres du G. D. Michel, qui commendait les troupes opposees au 
general Czernichew a fini dans uue heure la bataille qui devait durer trois 
jours. On a eu a dt'plorer plusieurs gräves accidents ..." Dieser Bericht 
wurde durch die Post expediert, war also darauf berechnet, in Rußland gelesen 
zu werden. 



Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 181 

Weise die Soldaten an sich zu fesseln und verstand es in der 
Tat ihre enthusiastische Bewunderung zu gewinnen*). Das Ge- 
schwätz der „Gesellschaft^ verachtete er, er wußte wohl, daß es 
in diesen Kreisen beim Heden bleiben werde, und daß eine Initia- 
tive, die zur Tat fuhren könnte, von ihnen nicht zu fürchten war. 
Aber er sorgte für genaue Überwachung der Unzufriedenen. Auch 
gab ihm das Bewußtsein, daß er das Beste wollte: Ordnung, Be- 
seitigung der Mißbräuche, Gerechtigkeit, Erhöhung der Macht Ruß- 
lands, ein Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit diesen Kritikern 
gegenüber. Sie machten ihn an seinem „System'' nicht irre, und 
er war entschlossen, es nach innen wie nach außen hin zu be- 
haupten. Nur überschätzte er nach beiden Seiten hin seine tat- 
sächliche Macht Im Innern dauerten die alten Mißstände fort*^), 
weil er die Menschen nicht umwandeln konnte und ihnen keine 
Ideale zu bieten hatte; nach außen hin aber wurde, wie es allezeit 
der Fall gewesen ist, das Gewicht der russischen Macht höher ver- 
anschlagt, als nachträglich die Wirklichkeit rechtfertigte. 

Die russische Diplomatie arbeitete mit diesem Schein wie 
mit einer Realität und wurde darin durch den Kaiser unter- 
stützt, der in seinen Vorstellungen stets mit den Machtmitteln 



^) „Le jeune empereur n'a rien neglige pour s^attacher cette importante 
portion de ses sujets; il est impossible de s^etre montre ä son armee sous 
des debors plus seduisants, et je pense qu'il pourrait compter sur Tenthou- 
siasme quUI a su inspirer a ses sold&ts.'' Relation La Ferronnays. Peters- 
burg, 18. Oktober 1826. Paris, depot des off. etrangeres. Russie, vol. 171, no. 80 

'"^ Die Gräfin Nesselrode charakterisiert in einem Brief vom 8. November 
1827 die Strömung folgendermaßen: ,11 serait k dt^sirer que Tinterieur du 
pays marchät comme Texterieur, mais cette administration ne bat que d'une 
aile; ce sont tonjours les memes mächoires qui sont ministres, on ne peut 
point manier la jeunesse, le complot qui a eclate le 14 a deroute sur la con- 
duite quMl fallait avoir. On les exaspere et depuis les pages jusqu'ä TUni- 
versite il est constamment question d'insubordination et au Heu d^etoufTer ces 
germes, ce sont des jeunes gens des premiers noms que Ton fait soldats, ce 
qui mecontente les parents, les aigrit. . . C'est dommage de voir des gen^- 
rations entieres se detruire et puis Ton s*^tonne que les hommes comme il 
faut disparaissent. C'est la parade, Texercice oü tend tout le but des combi- 
naisons qui detruit chez nous les Vi de la jeunesse. Jugez que toute cette 
jeunesse est pervertie tellement que la bouche se refuse de citer ce quMls 
fönt, et c'est k toutes les institutions publiques que cela s'apprend, y compris 
le lycee. Malheureusement il n*y a aucune exageration dans tout ce que 
je vous dis.* 



182 Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 

rechnete, über die Rußland hätte verfügen können, wenn die 
Maschinerie der Staatsverwaltung in Ordnung gewesen und jeder- 
mann seinen Pflichten gegen den Staat nachgekommen wäre. Das 
ist aber während des ganzen Verlaufs seiner Regierung niemals 
auch nur annähernd der Fall gewesen. Vielmehr haben die Miß- 
bräuche, die wir als charakteristisch für das Rußland Alexanders I. 
kennen lernten, sich entweder behauptet oder eine neue, nicht 
minder verderbliche Gestalt angenommen. Der Typus der Beamten 
Alexanders I. erhielt sich auch unter Nikolaus I., nur die Uniformen 
wurden andere, nicht die Menschen. Die Jugend aber wurde 
gedankenärmer und verdorbener. Auch erschwerte ihr der Kaiser 
die Bildung, indem er Gesuche um Bildungsreisen abschlägig zu 
bescheiden pflegte. Die jungen Leute, sagte er, kommen voll 
kritischen Geistes zurück und finden — vielleicht mit Recht — 
die Institutionen ihres Vaterlandes mangelhaft. Nun hatte der 
Kaiser allerdings einige der meistverhaßten Werkzeuge Alexanders 
beseitigt. Die Kuratoren von Kasan und Petersburg, der falsche 
Finsterling Magnitzky und der ehrliche Mystiker Runitsch waren, 
wie wir sahen, abgesetzt worden, Araktschejew lebte seit seiner 
Rückkehr aus dem Auslande von den Geschäften fem in Grusino, 
geriet aber in völlige Ungnade, als er im Januar 1827, ohne vor- 
her die Genehmigung des Kaisers eingeholt zu haben, die Briefe 
veröff'entlichte, die im Lauf der Jahre der verstorbene Kaiser an 
ihn gerichtet hatte. Er hatte, als er offiziell über die Entstehung 
dieser Publikation befragt wurde, die Stirn zu behaupten, daß sie 
ohne sein Wissen erfolgt sei, und mußte durch eine danach ange- 
stellte Untersuchung erst überführt werden, ehe er sich dazu be- 
quemte, die Wahrheit zu gestehen und die vorhandenen Exemplare 
auszuliefern^). Der Kaiser hat ihn nicht weiter bestraft, aber ihn 
auch nicht mehr wiedergesehen. 

An der Organisation der Militärkolonien wurde zunächst nur 
die Änderung vorgenommen, daß sie dem Generalstabe des Kaisers 
unterstellt wurden. Die Leitung aber lag tatsächlich in Händen 
des Generals Kleinmichel. Er war es, der das ihm von Arak- 
tschejew geschenkte Exemplar der Briefe Alexanders dem Kaiser 

^) Es waren achtzehn, die bis auf zwei vernichtet wurden. Araktschejew 
hatte aber zwölf weitere Exemplare unter dem Glockenturm Yon Qrusino ver- 
mauern lassen. Nikolai war über die „infame Lüge" Araktschejews entrüstet» 
aber er schonte in ihm den Freund Alexanders. 



Kapitel VI. Vorstadien des Torkenkrieges. Navarino. 183 

auslieferte, worauf dann der Zesarewitsch Konstantin mit der ihm 
eigenen Derbheit in einem Schreiben an den Kaiser seiner Ver- 
achtung unzweideutigen Ausdruck gab. Nikolai suchte Klein- 
michel zu entschuldigen, schloß jedoch mit der Bemerkung, als 
Kaiser sei er nun einmal in der Lage, auch Leute von un- 
lauterer Gesinnung zu brauchen. Kleinmichel hat Nikolais be- 
sonderes Vertrauen genossen, war aber nicht minder hart und 
nicht minder verhaßt als Araktschejew. In das Präsidium des 
Reichsrats trat nach dem Tode Lopuchins der bisherige Vorsitzende 
des Ministerrats, Graf Viktor Kotschubej ^), gleichfalls ein alter 
Herr. Im Oktober 1827 wurde Fürst Alexej Dolgorukow an 
Lobanow-Rostowskis Stelle Justizminister und kurz vorher zu 
Tatisch tsche WS Nachfolger der Generaladjutant Graf Alexander 
Tschernyschew ernannt. Minister des Innern wurde der kluge 
aber harte Generalgouverneur von Finland, Sakrewski*). In ihren 
Stellungen behaupteten sich der wegen seiner Sachkenntnis und 
Redlichkeit unentbehrliche Finanzminister Graf) Cancrin und der 
zum Vizekanzler erhobene Minister des Auswärtigen, der Graf 
Nesselrode, der durch Fleiß, Geschmeidigkeit und Formgewandtheit 
sich die Gunst seines Herrn zu erhalten verstand. Gerade, 
daß er nicht mit eigenen Ideen auftrat, machte ihn dem 
Kaiser genehm, der seinen Stolz darin setzte, die auswärtige 
Politik selbst zu leiten. Die Vertretungen Rußlands im Auslande 
blieben bestehen, wie Alexander sie dem Bruder hinterlassen hatte. 
Die wichtigste und wie es schien erfolgreichste Veränderung 
war jedoch die Neuorganisation des Marineministeriums, mit der 
der Kaiser den nach seiner Rückkehr aus Persien zum General- 
adjutanten ernannten Fürsten Alexander Menschikow betraute, ob- 
gleich dieser niemals Seemann gewesen war. Aber er hatte einen 
scharfen Verstand, eine ungewöhnliche Arbeitskraft, den Ehrgeiz 
seiner Stellung und war Bestechungen unzugänglich. Mit dem See- 
wesen hatte er sich aus Liebhaberei beschäftigt und von den in 
der russischen Marine herrschenden Schäden eine sehr deutliche 
Vorstellung gewonnen. Seit den Tagen Peters des Großen war alles, 



1) Den ^^^ 1827. Kotschubej war schon 1802 Minister des Innern 

gewesen. Er ist 1768 geboren. 
V) I^lAptII 1828. 

^ L Mai 
3) Er wurde 1829 nach Beendigung des Torkenkrieges Graf. 



184 Kapitel VI. Vorstadien des Tärkenkrieges. Navarino. 

was mit der Marine in Zusammenhang stand, dem sogen. Admira- 
litätskollegium unterstellt Alexander I. hatte daraus ein Marine- 
ministerium gemacht und in den ersten Jahren seines Regiments 
auch der Flotte ein gewisses Interesse zugewandt. Nach Tilsit, 
als Rußland dem System der Kontinentalsperre beitrat und seine 
Flotte der Übermacht Englands nicht entgegenzutreten wagte, 
schwand das Interesse für die fast nutzlos gewordene Waffe, und 
auch nach den Freiheitskriegen wurde es nicht wieder lebendig. 
Obgleich noch aus den Tagen Katharinas II. und Pauls einige 
tüchtige Seeleute übrig waren, begann die Flotte zu verfallen. Sie 
stand seit 1811 unter der Leitung eines ehemaligen französischen 
Emigranten, des Marineministers de Traverse '), der seinerseits nichts 
getan hat, um dem Niedergang der russischen Seemacht entgegen- 
zuwirken, so daß sie bald zum Spott der seekundigen Ausländer 
wurde, die in Kronstadt die nutzlos verkommenden und buch- 
stäblich verfaulenden Kriegsschiffe sahen. Sie dienten nur zur 
Bereicherung der Marinemannschaften^ vom Minister bis hinab zum 
Matrosen, und wurden im vollen Sinne des Wortes kapp und kahl 
gestohlen*). Der Zustand dieser Flotte war ein so kläglicher, daß 
in der medisierenden russischen Gesellschaft die Rede ging, England 
habe die russische Regierung gezwungen, ihre Kriegsmarine zu ver- 
nichten, und nur mit Mühe sei das Zugeständnis erlangt worden, 
daß diese Vernichtung der Flotte allmählich und in einer Weise 
stattfinden dürfe, die der Nation den darüber geschlossenen 



*) Prevost de Santac, Marquis de Traverse. Siehe die historische Über- 
sicht über Entwicklung und Tätigkeit des Kriegs ministeri ums 1802 — 1902 
von Agorodnikow. Petersburg 1902. Russisch. 

2) „Wenn die schlauen und treulosen Vorgesetzten sich das Ziel gesteckt 
hätten, unter Ausnützung der Schwäche der Regierung und der geringen Auf- 
merksamkeit, die sie dem Ileil des Vaterlandes zuwendet, auf Antrieb und unter 
Unterstützung unserer Feinde und zum eigenen Vorteil unsere Flotte bis zur 
äußersten Nichtigkeit herabzudrücken, so hätten sie ihr auch dann eine ver- 
ächtlichere und schwächere Lage nicht schaffen können als die ist, in der sie 
sich befindet. Die verfaulten Schiffe sind schlecht und ärmlich bewaffnet und 
noch schlechter und ärmlicher ausgerüstet, die Anführer der Flotte Greise, 
kränklich, unwissend, Kapitäne und Offiziere ohne Erfahrung, die Matrosen 
Bauern, die' man Seeleute nennt! Wenn das eine Flotte macht, ja, dann 
haben wir eine Flotte I" 

Denkschrift eines alten Seeoffiziers vom 31. Dezember 1824. Manuskript. 
Russisch. 



Kapitel VI. Vorstadien des Turkenkrieges. Navarino. 185 

Vertrag verbarg! Glaubte doch selbst der GeneralleutDant 
GoIovüLu, daß die Regierung einen geheimen politischen Zweck 
verfolgen müsse, wenn sie einen Teil ihrer Wehrkraft so systema- 
tisch zugrunde richte^). Das war natürlich leeres Geschwätz, 
aber die Tatsache bleibt bestehen, daß allerdings von Jahr zu Jahr 
der Bestand der gesamten Kriegsmarine für Kriegszwecke unver- 
wendbarer wurde. 

Nun war der alte Marineminister Marquis de Traverse im 
Jahre 1821 schwer erkrankt und Alexander hatte infolgedessen die 
Geschäfte auf den Chef des Admiralstabes von Moller übertragen, 
so daß nunmehr alle Marineangelegenheiten in einer Hand konzen- 
triert wurden. Es wurde aber dadurch uicht besser, sondern noch 
schlimmer, und vollends ward infolge der großen Überschwemmung 
vom 7./19. November 1824 der Bestand der Flotte auf das empfind- 
lichste geschwächt. Vier Linienschiffe, eine Fregatte und drei 
kleinere Schiffe wurden auf eine Sandbank geworfen, von den 50 
Kanonenbooten der größte Teil schwer beschädigt, so daß zu An- 
fang der Regierung Nikolais die baltische Flotte aus nur fünf 
Linienschiffen, zehn Fregatten und 10 bis 12 kleinen Schiffen 
bestand. 

Hier nun griff der Kaiser mit Energie ein. Er ließ zwar 
Moller im Amt, aber schon am 31. Dezember 1825 setzte er ein 
Komitee zur Begründung einer Flotte ein, zu dem die Vizeadmirale 
Ssenjawin, Pustoshkin und Greigh, der Kontreadmiral Koshnow 
und die Kapitänkommandeure Krusenstiern, Ratmanow und Dellings- 
hausen befohlen wurden. Ihre Aufgabe war, die verschiedenen 
Zweige der Marineverwaltung genau abzugrenzen, alles Überflüssige 
auszuscheiden, das Nützliche beizubehalten, Unzureichendes zu ver- 
vollständigen, den Geschäftsgang zu beschleunigen und die Be- 
ziehungen der Expeditionen zum Admiralitätskollegium und zum 
Admiralitätsdepartement klar zu legen. Da der Kaiser selbst an 
den Sitzungen regen Anteil nahm, wurde auch wirklich mit 
Erfolg gearbeitet. Aber erst nachdem Fürst Menschikow hinzuge- 
zogen wurde, schritt die Arbeit energisch und mit außerordentlicher 
Schnelligkeit fort. Am 27. August 1827 bestätigte der Kaiser die 
vorläufige Organisation des Marineministeriums. Es ist geradezu 
erstaunlich, was Menschikow in dieser kurzen Zeit geleistet hat. 



>) Aus der oben erwähnten „Denkschrift". 



186 Kapitel VI. Yorstadien des Türkenkrieges. Nayarino. 

Als der Kaiser am 10. JuDi eine Musterung der zur Ausfahrt 
bestimmten Flotte hielt, bestand die Avantgarde unter dem Vize- 
admiral Lotuchin aus drei Linienschiffen und drei Fregatten, das 
Corps de bataille unter Admiral Ssenjawin aus drei Linienschiffen 
drei Fregatten, einer Brigg und einer Korvette, die Arrieregarde 
unter Kontreadmiral Graf Heyden aus zwei Linienschiffen und vier 
Fregatten. Wie es schien, war alles in bestem Stand. V^on den 
Linienschiffen hatte der Gangut 84 Kanonen, die übrigen 74, die 
Fregatten 64, 48, 36 resp. 20 Geschütze. Der Kaiser gab seiner 
Zufriedenheit lebhaften Ausdruck, lobte die Offiziere und beschenkte 
die Mannschaften. Er glaubte an die ruhmvolle Zukunft seiner 
Flotte. Auch der preußische Gesandte berichtet, daß alles vor- 
trefflich verlaufen sei und von diesem Tage wohl eine neue Ära 
der russischen Marine datieren werde. Wer die Geschichte der 
russischen Flotte kannte, mochte weniger optimistisch urteilen. Es 
war doch alles Hastarbeit gewesen, was man geschaffen hatte, und 
vor allem mußte es von vornherein als ausgeschlossen gelten, daß 
die zum Teil ganz unerfahrenen Offiziere und die des Meeres unge- 
wohnten Mannschaften ihren Aufgaben gewachsen sein könnten')« 
Auch mußte der Kaiser sehr bald eine böse Erfahrung über die 
Leistungsfähigkeit seiner neuen Schiffe machen. Er stellte kurz 
danach dem alten Präsidenten des Reichsrats, Kotschubej, der im 
Sommer mit seiner Familie in Reval baden wollte, die für den 
Revaler Hafen bestimmte Fregatte Westowoj zur Verfügung. Der 
Kapitän war aber seines Schiffes so wenig Herr, daß er 11 Tage 
vor Reval kreuzte, ohne in den Hafen einfahren zu können, so daß 
Kotschubej bat und schließlich befahl, ihn wieder nach Kronstadt 
zurückzufahren. Er kam auch glücklich dort an und fuhr nun zu 
Lande nach Reval, während der Westowoj noch einmal sein Glück 
versuchte. Aber die Fregatte scheiterte an der estländischen Küste, 
und nur mit großer Mühe gelang es die fast ganz aus Neulingen 
bestehende Mannschaft zu retten. Da mochte der Kaiser wohl mit 



') Durch Ukas vom 18. September 1827 (V. S. R. G. No. 1874) wurde die 
baltische Flotte in Divisionen und Geschwader geteilt und am U. März 1828 
bestimmt, daß die Kommandeure der Geflchwader auch Brigadekommandeure 
der drei Equipagen sein sollten, aus denen jedes Geschwader bestand. Das 
ergab die folgende Ordnung: drei Divisionen (der blauen, weißen und roten 
Flagge) mit je drei Geschwadern zu je neun Equipagen. Man zählte also 
Equipage 1—27. 



Kapitel VI. Vorstadieo des Türkenkrieges. Nayarino. 187 

Sorge au das große Geschwader denken, das unter Ssenjawins 
Kommando auf dem Wege nach England war. Es war bestimmt, 
eine politische Aufgabe zu lösen, an deren Ausführung der Kaiser 
seinen Ehrgeiz und sein diplomatisches Geschick gesetzt hatte. 
Seit dem 6. Juli 1827 bestand eine englisch-russisch-französische 
Tripelallianz, die aus dem Protokoll vom 4. April 1826 erwachsen, der 
orientalischen Frage eine Wendung geben sollte, an welche der Kaiser 
die Hoffnung knüpfte, daß sie vor allem den russischen Interessen 
forderlich sein werde. Der Kaiser hatte gleich nach dem Austausch 
der Ratifikationen von Akkerman alles, was an ihm lag, getan, 
um den Beziehungen zur Türkei eine günstige Wendung zu geben. 
Erst Minciaky und danach Kibeaupierre, der mit dem neuen Jahr 
1827 nach Konstantinopel aufbrach, wurden beauftragt, in diesem 
Sinne zu handeln, zugleich aber aufs genaueste darauf zu achten, 
daß die Stipulationen von Akkerman auch wirklich ausgeführt 
würden. Auch zeigte die Pforte zunächst guten Willen. Sie 
stand noch unter den Nachwirkungen der Krisis, die durch Ver- 
nichtung des Janitscharenkorps bedingt war, und hatte vollauf zu 
tun,, wenn sie die Reorganisation ihrer Armee zur Wirklichkeit 
machen wollte. In der Moldau und Wallachei begannen nach der 
Zurückziehung der türkischen Polizeitruppen die Mißbräuche zu 
schwinden und die Hospodare richteten, durch den Erfolg der 
russischen Politik belehrt, ihre Blicke weit mehr nach Petersburg, 
als nach Konstantinopel '). Auch in Serbien wurden die Zustände 
erträglich und, was besondere Befriedigung erregte, der Handel 
von Odessa begann wieder aufzublühen, auch war während des 
persischen Krieges die Haltung der Pforte durchaus korrekt gewesen. 
Aber der Kaiser glaubte nicht an die Lebensfähigkeit der Türkei 
und hatte sogar von seinem Stabschef, dem General Diebitsch, einen 
Teilungsplan für den Fall des Zusammenbruches der Türkei aus- 
arbeiten lassen. Doch das lag noch in weiter Ferne, und das 
nächste Ziel war, aus dem Protokoll vom 4. April den möglichsten 



>) Jorga, Rapoarto consulare. Margotti an Kreuchel 9. Januar 1827. 
„Le consul de Russie est le despote de son Altesse, 11 n'a qu'ä ouvrir la 
bouche pour etre aveuglement obei/ Man behauptete, daß der Uospodar 
Gbika, um sich auf dem Thron zn behaupten, vier Millionen Piaster nach 
Rußland geschickt habe! Ribeaupierre traf am 7. Januar 1827 in Jassy, am 18. 
in Bukarest ein. Unter den Bajoren gab es neben der russischen eine 
türkische und eine österreichische Partei. 



188 Kapitel VI. Vorstadien des Tärkenkrieges. Navarino. 

Nutzen zu ziehen. Obgleich mit Wellington vereinbart war, daß 
das Protokoll erst nach Lievens Rückkehr den übrigen Mächten 
mitgeteilt werden sollte, hatte mau es in Rußland für nützlich be* 
funden, sich darüber hinwegzusetzen. Die Kabinette von Berlin, 
Wien und Paris wurden vertraulich ins Geheimnis der englisch- 
russischen Vereinbarungen gezogen. Sehr erbaut war man über 
dieses selbständige Vorgehen des jungen Zaren an keinem der drei 
Höfe. Während Friedrich Wilhelm trotz mancher Bedenken 
keinen Widerspruch erhob, hielten Frankreich und Österreich mit 
ihren prinzipiellen Einwendungen nicht zurück. Mettemich klagte 
über den Bruch Rußlands mit den Maximen der großen Allianz, 
Frankreich fühlte sich verletzt, weil es in einer Angelegenheit von 
allgemeinem europäischen Interesse nicht befragt worden war. Die 
besondere Stellung, welche Nikolai dem Grafen La Ferronnays ein- 
geräumt hatte, machte die schließliche Überraschung durch ein 
fait accompli um so empfindlicher. Es scheint nun, daß der 
Kaiser es verstand, durch Aussichten, die er dem französischen 
Kabinett für den Fall eines Zusammenbruchs der Türkei eröffnete, 
jene Empfindlichkeit zu überwinden. Die österreichischen Ein- 
wendungen aber konnte er durch den Hinweis auf die Verträge 
von 1814, 15 und 18 abwehren. Sie enthalten in der Tat nichts, 
was den Schluß berechtigt hätte, daß die türkischen oder griechi- 
schen Angelegenheiten als gemeinsame Interessen der Allianz auch 
gemeinschaftlich zu behandeln wären. 

Der Schwerpunkt der Aktion aber mußte naturgemäß nach 
London fallen. Sollte das Protokoll vom 4. April die Vorteile 
bringen, die Nikolai erwartete, so mußte England bestimmt werden, 
sich mit Rußland womöglich zu gemeinsamen Zwangsmaßregeln zu- 
sammenzutun, wenn die Pforte die vereinbarte Mediation beider 
Mächte nicht annahm. Es kam dem Fürsten Lieven, dem die Ver- 
handlungen zufielen, zu gut, daß Canning entschlossen war, unter 
keinen Umständen die griechische Frage den Russen allein zu über- 
lassen. Da nun um jene Zeit der Ausgang der Verhandlungen von 
Akkerman noch unsicher war, ein russisch-türkischer Krieg demnach 
in den Kreis der politischen Wahrscheinlichkeitsrechnung gezogen 
wurde, verlangte Englands Interesse eine weitere Festigung und Aus- 
dehnung des Protokolls. Canning unterrichtete daher Lieven über den 
augenblicklichen Stand der englisch-griechischen Beziehungen. Strat- 
fort Canning, der englische Botschafter in Konstantinopel, habe der 



Kapitel VI. Vorstadieo des Türkeokrieges. Nayarino. 189 

Pforte bereits kundgegeben, daß England „und die übrigen Mächte^ die 
Fortdauer des Unwesens der Piraten im Archipel nicht länger dulden 
könnten, und daß England durch seine Flotte jeden Versuch ver- 
hindern werde, die christliche Bevölkerung Griechenlands auszu- 
rotten. Das solle Kußland nicht nur den übrigen Mächten mit- 
teilen, sondern sie auch in Gemeinsamkeit mit England auffordern, 
dem Protokoll in aller Form beizutreten. Für den Fall aber, daß 
die Verhandlungen in Akkerman zum Ziel führten, werde es nütz- 
lich sein, sofort die griechische Frage anzugreifen und der Pforte 
mit einer Annäherung der Mächte an Griechenland zu drohen. 
Gebe sie auch dann nicht nach, so solle man die Botschafter aus 
Konstantinopel abrufen. Canning legte dieser Frage so große 
Wichtigkeit bei, daß er am 18. September 1826 nach Paris ging, um 
mit dem Minister des Auswärtigen, Damas, zu verhandeln. Dort 
war inzwischen der Bericht La Ferronnays über seine Unterredung 
mit Nikolai eingelaufen und von dem Fürsten Polignac, dem franzö- 
sischen Botschafter in London, bereits der Gedanke angeregt worden, 
das Protokoll in einen Vertrag zu verwandeln, dem dann mit den 
übrigen Mächten auch Frankreich beitreten werde*). Man hoffte, 
Paris zum Sitz der Verhandlungen machen zu können. In diesem 
Sinn ist, dank dem Druck, den nunmehr auch Canning ausübte, 
La Ferronnays am 22. Dezember 1826 instruiert worden. In 
Petersburg war man im Prinzip mit den englischen Vorschlägen 
wohl zufrieden, aber sie schienen dem Kaiser keine ausreichende 
Bürgschaft für einen durchgreifenden Erfolg zu bieten. Schon im 
Juni, als Österreich eine Neutralitätserklärung erließ, die bestimmt 
war, den österreichischen Handel vor Griechen und Türken zu 
schützen, und sich erbot, den Schutz seiner Flotte auch den russi- 
schen Kauffahrern zu gewähren, hatte Nikolai erklärt, daß er ein 
eigenes Geschwader in den Archipel schicken werde, und der Eifer, 
mit dem er an der Erneuerung seiner Flotte arbeitete, bewies, daß 
es ihm ernst damit war, möglichst bald die russische Flagge in 



*) Instruktion für La Ferronnays 22. Dezember 1826: ,Sa Majeste a 
donne son adhesion aux propositions faites par les cabinets de Londres et 
de St. P^tersbourg, en y ajoutant deux restrictions relatives, Tune au rappel 
des ambassadeurs, et Tautre k l'exercice de la garantie; mais que dans la 
conviction oü eile est de l'impossibilite d'atteindre le but sans Paccord 
unanime et la siroultaneite des demarcbes de toutes les puissances. Elle 
propose de convertir en un traitu entre les cinq Cours les bases du protocole*\ 



190 Kapitel VI. Vorstadien des Törkenkrieges. Nayarino. 

den türkischen Gewässern zu zeigen. Jetzt schlug er Canning vor, 
von Türken und Griechen einen Waffenstillstand zu verlangen 
wenn aber die Piorte sich dazu nicht bereit finden und ihren Aus- 
rottuugskrieg gegen die Griechen fortsetzen sollte, zu Zwangsmaß- 
regeln zu schreiten, deren Ausführung er den im Archipel zu 
konzentrierenden Flotten der alliierten Mächte übertragen wissen 
wollte. 

Dieser russische Antrag traf in London fast gleichzeitig mit 
der Nachricht ein, daß die Türken in Akkerman in allen Stücken 
sich den russischen Forderungen gefügt hätten. Schon das wirkte 
insofern ernüchternd, als die Wahrscheinlichkeit eines russisch- 
türkischen Krieges bis auf weiteres beseitigt schien, und damit 
auch das Interesse Englands an einem Mitwirken Rußsands an der 
Faziftkation Griechenlands schwand. Dazu kam, daß in den spanisch- 
portugiesischen Differenzen England und Frankreich divergierende 
Interessen vertraten, so daß nach einer drohenden Rede, die 
Canning am 11. Dezember im Unterhause gehalten hatte, zeitweilig 
die Befürchtung bestand, daß der Ausgang zu einem französisch- 
englischen Kriege führen könnte*). Endlich wurde im Februar 
1827 Lord Liverpool vom Schlage getroffen, und vor der Frage der 
Rekonstruktion des Kabinetts traten nunmehr alle anderen Inter- 
essen in den Hintergrund. Sowohl England wie Frankreich wurden 
zurückhaltend. Preußen, das der Kaiser am 6. Februar aufgefordert 
hatte, dem Protokoll beizutreten und die Umwandlung der Verein- 
barungen vom 4. April in einen Vertrag auf einer Londoner Konferenz 
den Vertretern der fünf Mächte zu übertragen, stellte seine Zu- 
stimmung in Abhängigkeit von der Beteiligung aller Mächte an der 
Konferenz, oder mit anderen Worten, es stellte seine Politik in 
Abhängigkeit von der Haltung Österreichs. Metternich aber wollte 
dem Vertrage nur beitreten wenn vorher vereinbart wurde, daß 



') Compte rendu pour 1826. Petersburg, Minist, des Ausw. „L'Angleterre 
exprimait rintention de soatenir la Charte de D. Pedro. L^EspagDe cessa de 
l*attaquer. Quel devait etre dans cette conjoncture le role de la France dont 
les troupes occupaient encore une partie de la Peninsule? ne pouvait-elle pas 
se trouver tout d*un coup en collision avec la puissance Britannique, et oü 
s^arreteraient les suites de ce cboc fatal ? Le danger d'une guerre europeenne 
planait evidemment sur le monde.*^ Siehe auch die Memoires du chancelier 
Pasquier. Bd. VI. Rußland nahm für sich das Verdienst in Anspruch, die 
Gefahr beseitigt zu haben. 



Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 191 

vor der Anwendung von Zwangsmitteln gegen die Pforte neue Be- 
ratungen der Mächte stattfänden. Es war klar, daß er die türkisch- 
griechische Frage in die Bahnen zurückführen wollte, in die er sie 
seit 1821 gebannt hatte. Für den Kaiser war es endlich eine große 
Enttäuschung, als La Ferronnays ihm jetzt erklären mußte, daß 
er über seine Instruktionen hinausgegangen sei, wenn er den An- 
schluß Frankreichs an einen Vertrag auf Grund des Protokolls 
versprochen habe. Seine Regierung müßte auf einheitliches Ver- 
halten aller Mächte bestehen; damit schien auch Frankreich in das 
österreichische Fahrwasser einzulenken. Aber Nikolai hielt an 
seinen Plänen fest. Er gab sich den Anschein, als ob ein Aus- 
scheiden des französischen Einflusses der russischen Politik größere 
Aussichten für die Zukunft eröffne, unterließ auch nicht mitzuteilen, 
daß Metternich ihm für den Fall eines Zusammenbruchs der Türkei 
Andeutungen über eine Teilung der Beute gemacht habe, unter 
allen Umständen aber werde er die einmal übernommenen Ver- 
pflichtungen auch erfüllen, mit England oder auf eigene Hand. 
Dazu ist es zum Glück für ihn nun nicht gekommen. Ein 
selbständiges Eingreifen der russischen Flotte hätte aller Wahr- 
scheinlichkeit nach zu einer Katastrophe geführt. Der weit über- 
legeneren und seetüchtigeren Flotte Ibrahims war sie ohne Zweifel 
nicht gewachsen. 

Der Sieg Cannings über seine Gegner und seine Übernahme 
der leitenden Stellung im Ministerium (10. April 1827) änderte 
die Lage und führte auch in Frankreich zu einem Umschwung. 
Zwischen Lord Dudley, dem Freunde Cannings, jetzt Staatssekretär 
der auswärtigen Angelegenheiten, Lieven und Polignac fanden Ver- 
handlungen statt, die immer mehr einer Verständigung entgegen- 
führten. Die Erfolge der Wafi'en Ibrahims, der in der Tat die 
Griechen mit Vernichtung bedrohte, und die hochmütige Sprache 
der Pforte beschleunigten diese Wendung. Der Reis-Effendi hatte 
das Protokoll vom 4. April „un papier blanc" genannt und war 
offenbar entschlossen, sein Verhalten dementsprechend zu regeln. Auch 
waren weitere Verstärkungen für Ibrahim Pascha angekündigt, so 
daß, wenn nicht bald eingegriffen wurde, ein ägyptisch-türkisches 
Griechenland zur Wirklichkeit werden konnte. Daß England und 
Frankreich dem geplanten Vertrage beitreten würden, schien nun 
immer wahrscheinlicher, während andererseits kein Zweifel mehr 
darüber bestand, daß Preußen und Österreich sich nicht beteiligen 



192 Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 

würden. MetterDich, der in Petersburg erklären ließ, daß er an 
den Verhandlungen in London teilnehmen werde und sogar den 
geplanten Vertrag mitunterzeichnen wolle, instruierte im März den 
Fürsten Esterhazy, die russischen Vorschläge unter der Hand zu 
bekämpfen und den Gegenantrag zu stellen, sofort mit der Pforte 
zu brechen, wenn sie den gemeinsamen Vorstellungen der Mächte 
nicht nachgeben sollte, was, wie er wußte, sowohl den englischen 
wie den französischen Absichten widersprach und keine Aussicht 
hatte durchzudringen. Da diese Instruktion bekannt wurde, war 
in Petersburg die Erbitterung groß. Man wußte zu genau, daß die 
österreichische Politik durch ihre Vorschläge nur Zwietracht zwischen 
den Mächten säen wollte und daß sie weit davon entfernt war, 
direkt oder indirekt an einer Aktion teilzunehmen, welche die 
Türkei demütigen und schwächen und wahrscheinlich einen Krieg 
zur Folge haben mußte. Auch hatte dieser österreichische Schach- 
zug nur die Folge, daß Rußland zw^ar den immer noch höchst 
vorsichtig gehaltenen englischen Vorschlägen im Prinzip zustimmte, 
sie aber durch eine Reihe sehr wesentlicher Anträge in ein Fahr- 
wasser zu leiten bemüht war, das, wie sich vorhersehen ließ, zu 
einer entschlossenen Lösung des griechischen Problems führen mußte. 
Wenn dann die Konsequenzen zu einem Kriege mit der Türkei 
führten, war der diplomatische Sieg Rußlands vollkommen, und es 
standen nur noch die militärischen Maßnahmen aus, au deren 
Erfolg der Kaiser keinen Augenblick gezweifelt hat. Diese Anträge 
verlangten 1. Annäherung an Griechenland, sobald es die von der 
Pforte abgelehnte Mediation der Mächte annehme; 2. Unterstützung 
Griechenlands durch Geld und durch Entsendung von Agenten, 
deren Aufgabe es sein solle, die Neuorganisation des Landes in die 
rechten Wege zu leiten; 3. kombinierte Operationen der ver- 
einigten Flotten, um Sendungen von Truppen und Kriegsmaterial 
zu verhindern und so tatsächlich den türkisch-griechischen Feind- 
seligkeiten zu Wasser ein Ziel zu setzen; 4. endlich, Vereinbarung 
von Maßregeln für den Fall, daß trotzdem die Bestimmungen des 
bevorstehenden Vertrages nicht die erwünschte Wirkung haben 
sollten. 

Gleichzeitig aber hatte Rußland einen anderen Schritt von 
großer Tragweite getan. Am 24. Mai 1827 traf nach fünfjähriger Ab- 
wesenheit Graf Capo d'Istria in Petersburg ein. Die Nationalver- 
sammlung der Griechen in Trözen hatte ihn am 11. April zum 



Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 193 

xußepvTjTTjc auf sieben Jahre gewählt, offenbar nach dem sie vorher 
Fühlung mit ihm genommen hatte. Aber erst in Petersburg erfuhr er 
von der Tatsache der erfolgten Wahl. Von der Entscheidung Nikolais 
sollte es nunmehr abhängen, ob er sie annehme oder nicht; denn 
noch stand Capo d' Istria in russischen Diensten, wenn auch in 
zeitlich unbegrenztem Urlaub. Nichts konnte, wie die Verhältnisse 
lagen, dem Kaiser genehmer sein, als Capo d' Istrias Anerbieten, 
als Organ des Willens der Mächte, etwas Ordnung und Zusammen- 
hang in die Politik der unsicher tastenden griechischen National- 
regierung zu bringen. Es ließ sich darauf rechnen, daß er den 
russischen Interessen unter keinen Umständen entgegenwirken werde. 
Aber der Kaiser erkannte ganz richtig, daß eben darin eine 
Schwierigkeit liege, und daß Capo d' Istrias politische Vergangenheit 
in Paris und London Mißtrauen erregen werde. Wenn er ihm daher 
den erbetenen Abschied in Gnaden bewilligte, hütete er sich sorgfaltig, 
ihm vor der politischen Öffentlichkeit bestimmte Direktiven auf den 
Weg zu geben; das geschah zwar, aber — im tiefsten Geheimnis. Es 
war nützlicher, wenn er sich seine Instruktionen in Frankreich und Eng- 
land holte. Soeben war ein vom 20. Mai datierter Bericht des Fürsten 
Lieven eingetroffen, der nach schwierigen Verhandlungen, auf deren 
Verlauf einzugehen wir verzichten, den schließlich vereinbarten Text 
eines französisch-russisch-englischen Vertrages zur Ausführung des 
Protokolls vom 4. April 1826 enthielt. Es stand also nur noch die Ge- 
nehmigung des Textes durch die drei llegierungen aus und danach die 
endgültige Redaktion in London. Preußen und Österreich, an deren 
Anschluß niemand mehr glaubte, sollten nachträglich Mitteilung 
erhalten und ihnen freigestellt werden, wenn es ihnen so gefalle, 
auch dann noch beizutreten. Kaiser Nikolaus stimmte ohne Verzug 
den getroffenen Vereinbarungen zu, aber er erklärte zugleich, daß, 
da der Erfolg der gegen die Pforte vereinbarten Zwangsmaßregeln 
nicht sicher sei, er nur unterzeichnen werde, wenn eine geheime 
Klausel oder eine besondere Deklaration die Maßregeln festsetze, 
zu denen in solchem Fall geschritten werden solle. In Anlaß der 
Vorschläge, die er daran knüpfte, haben sich dann doch noch neue 
Schwierigkeiten gezeigt'). Sie gingen namentlich auf den franzö- 
sischen Botschafter in London, Fürsten Polignac, zurück, der Frank- 



Nesselrode an Lieven. Petersburg, 9./21. Juni 1827. Bei Wellington, 
Despatches IV. 

SchiemanD, Geschichte Uoßlands. IL 13 



194 Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 

reich für den Kriegsfall möglichst wenig zu verpflichteu bemüht war. 
So mußten noch einige Textänderungen im Hauptvertrage vorge- 
nommen werden. Er ist am 6. Juni unterzeichnet worden. Über 
den angeschlossenen Geheimartikel aber dauerten die Verhandlungen 
noch bis zum 13. Juli, erst um zwei Uhr morgens setzten Dudley 
und die beiden Botschafter Siegel und Unterschrift unter das denk- 
würdige Dokument. Uaß das Datum auf den 6. Juli zurückgesetzt 
wurde, geschah wohl, um der Welt keinen Einblick in die über- 
wundenen Schwierigkeiten zu geben'). 

Der V^ertrag'), oder genauer bezeichnet die Konvention, ging von 
der auf den Inseln des Archipels herrschenden Anarchie und der da- 
durch bedingten Schädigung des europäischen Handels aus, gedachte 
der dringenden Bitte der Griechen um Mediation und sprach den festen 
Entschluß der drei Mächte aus, weiterem Blutvergießen Einhalt zu tun. 
Sie werden daher der Pforte ihre Mediation durch eine Kollektiv- 
note anbieten, die ihre Vertreter in Konstantinopel überreichen 
sollen, und gleichzeitig von den Griechen wie von der Türkei den 
Abschluß eines Waffenstillstandes fordern. Es schließen sich hieran 
die Grundzüge der künftigen Organisation Griechenlands. Der 
Sultan wird als Suzerän einen bestimmten jährlichen Tribut er- 
halten, Griechenland durch Wahl, aber unter Mitwirkung der 
Pforte, sich eine Obrigkeit setzen, der türkische Grundbesitz gegen 
Entschädigung der Eigentümer oder gegen Zuschlag zum Jahres- 
tribut den Griechen zufallen. Die endgültige Grenzrichtung wird 
späterer Vereinbarung vorbehalten. Den Vertretern der Mächte 
sollen ohne Verzug Instruktionen zugehen, wie sie zur Durchführung 
der getroffenen Vereinbarungen notwendig sind. Endlich verpflichten 
sich die Mächte, keinerlei Sondervorteile zu suchen und stellen die 
Garantie des zwischen Griechenland und der Pforte herzustellenden 
Friedens denjenigen Mächten frei, die diese Verpflichtung auf sich 
nehmen wollen. 

Der angeschlossene Geheimartikel bestimmte in drei Punkten, 
im wesentlichen nach den russischen Anträgen, was geschehen solle, 



Privatbrief des Fürsten Lieven an Nesselrode d. d. Londrea 1./13. 
juillet 1827 in der Anlage. Dieser Brief ist offenbar erst am Abend des 13. 
geschrieben. 

^) Martens, Recueil des traites et Conventions etc. XI, No. 433 
Convention und traite wird merkwürdigerweise im Vertragsinstrument promiscue 
gebraucht. 



Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 195 

wenn Türken oder Griechen die Mediation nicht annehmen sollten. 
Weigere sich die Pforte, so werde man ihr erklären, daß, da sie 
in sechs Jahren die bestehenden Übeistände nicht beseitigt habe, 
die drei Mächte sich genötigt sähen, sofort Maßregeln zu ergreifen, 
um sich den Griechen zu nähern. Gedacht wurde dabei an die 
Anknüpfung von Handelsbeziehungen und an die Einrichtung von 
Konsulaten. Nehme die Pforte binnen eines Monats den Waffenstill- 
stand nicht an, oder weigerten sich die Griechen, ihn auszuführen, so 
würden die Mächte zu Zwangsmaßregeln greifen, um fernere 
Zusammenstöße zwischen den Gegnern zu verhindern, ohne jedoch 
an den Feindseligkeiten beider gegeneinander teilzunehmen. Sollten 
auch diese Maßregeln nicht genügen, um dem Willen der Mächte 
Anerkennung zu verschaffen, oder sollten die Griechen auf die zu 
ihren Gunsten gestellten Bedingungen verzichten, so werden die 
Mächte trotzdem ihr Pazifikationswerk fortsetzen. Sie bevollmäch- 
tigen schon jetzt ihre Londoner Vertreter, über alles weitere zu 
beraten und zu bestimmen. 

Canning hat nun gleich nach der Unterzeichnung des 
Geheimartikels, aus Rücksicht auf die öffentliche Meinung Eng- 
lands, die er beruhigen wollte, den vollen Text in der Times 
veröffentlichen lassen, zur ungeheuren Entrüstung aller Diplo- 
maten, die ihm mit Recht nicht Glauben schenkten, als er jeden 
Anteil an dieser Indiskretion ablehnte. Das wesentliche war, 
daß in der Tat die Stimmung in England umschlug; so lange 
Canning am Ruder blieb, konnte er sicher sein, daß die Nation 
sich ihm nicht versagen werde. Sich selbst aber traute er Kraft 
und Klugheit zu, die Dinge so zu leiten, daß sie schließlich den 
Interessen Englands dienen wurden. Denn das, keinerlei senti- 
mentale Erwägung, ist seine Triebfeder gewesen. Ein böses Schicksal 
griff dazwischen. Nach kurzer Krankheit^ am 8. August 1827, ist 
Canning gestorben, und damit ging die Leitung des orientalischen 
Problems in Rußlands Hände über. Kaiser Nikolaus hatte sich 
seines Erfolges so sicher gefühlt, daß er schon am 13. Juli dem 
Kontreadmiral Heyden die Instruktion gab, an die er sich bei der 
Kooperation mit dem englisch-französischen Geschwader zu halten 
habe. Er legte dabei den Hauptnachdruck auf den Geheimartikel 
und verschärfte seinen Inhalt sehr wesentlich durch den Hinweis 
auf den Geist, in dem der Vertrag geschlossen sei, d. h. auf die 
russische Seite der Frage. Der Kaiser hielt es für wahrscheinlich, 

13* 



196 Kapitel VI. Yorstadien des Tarkenkrieges. Navarino. 

daß Bosporus und Dardanellen von den Mächten, wie er vor- 
geschlagen habe, blockiert werden würden. Seine Nachrichten aus 
Konsiantinopel ließen einen hartnäckigen Widei*stand der Pforte 
vorhersehen, so daß die Anwendung von Gewalt nicht zu ver- 
meiden sein werde. Ausdrücklich wurde Heyden angewiesen, Capo 
d' Istria eine Brigg zu freier Verfügung zu stellen, und ihm jede 
Hilfeleistung zu gewähren, die er erbitte. Im übrigen habe der 
Admiral in steter Übereinstimmung mit den Alliierten zu handeln, 
das Oberkommando aber solle dem rangältesten Admiral der ver- 
einigten Flotten gehören ^). 

Die Ausfahrt der vereinigten Geschwader von Ssenjawin und 
Heyden aus Kronstadt erfolgte am 10./22. Juni, 5 Uhr morgens, in 
Gegenwart des Kaisers, der seit Mitternacht an Bord war. Seit 
den Tagen des Kaisei*s Paul wehte zum erstenmal wieder die 
Kaiserstandarte von einem russischen Admiralsschiff. Nachdem 
dann die beiden Geschwader in wenig geschicktem Manöver sich 
voneinander gesondert hatten, kehrte Nikolai auf seiner Jacht 
„Freundschaft" (drushba) nach Zarskoje zurück. Die Würfel waren 
gefallen und voller Hoffnung blickte er in die Zukunft. 

Die Flotte, die in Reval und Kopenhagen Station gemacht 
hatte, gelangte erst am 8. August, am Todestage Cannings, in 
Portsmouth an, und zwar in kläglichem Zustande. Segel und Rahen, 
fast die gesamte Takelage mußten erneuert werden. Die englischen 
Schiffszimmerleute haben acht Tage gebraucht, um alles wieder 
instand zu setzen. Am 20. August endlich war man so weit, 
wieder in See zu stechen. Am 4. Oktober wurde Messina erreicht, 
wo Admiral Heyden die erwarteten weiteren Instruktionen vorfand. 
Von einer Blockierung der Meerengen war in ihnen keine Rede, 
weder England noch Frankreich hatten ihre Zustimmung dazu geben 

^) Zwei Erlasse Nikolais aus Zarskoje Sselo, 1. Juli (r. St.) 1827. Ge- 
druckt in den Anlagen zu Kytschakow: Das Jahr der Kampagne von Navarino. 
Russisch. Kronstadt 1877. Daß Heyden, nicht der erfahrenere Ssenjawin das 
Kommando des russischen Mittelmeergeschwaders erhielt, geschah wahrschein- 
lich, um dem jüngeren englischen Admiral Codrington das Oberkommando za 
lassen. Die gleiche Rücksicht wird auch die Wahl des franzosischen Admirals 
bestimmt haben. Die Instruktion für Heyden maß vordatiert sein. Am 
1. 13. Juli schwamm sein Geschwader zwischen Reval und Bomholm. Das 
Geheimnis der Bestimmung der Flotte wurde so gut gewahrt, daß die Offiziere 
erst in Portsmouth erfuhren, daß es nicht den spanisch-amerikanischen Kolo- 
nien, sondern den Türken gelte. 



Kapitel VI. Voretadien des Türkenkrieges. Navarino. 197 

wollen. Die Versuchuug, die an ein vor Konstantinopel liegendes 
Geschwader herantrat, schien ihnen allzu groß zu sein. Aber der 
Kaiser war entschlossen, bei günstiger Gelegenheit darauf zurück- 
zukommen. Am 14. Oktober endlich vereinigten sich die Russen 
mit den schon lange im Mittelmeer kreuzenden Engländern und 
Franzosen ') vor dem Hafen von Navarino. 

Capo d^ Istria war um diese Zeit noch in England. Er hatte auf 
russischen Rat die Annahme der ihm gebotenen Präsidentschaft von 
der Zustimmung Englands und Frankreichs abhängig gemacht, und 
Canning hatte diesen Gedanken mit großer Genugtuung aufgenommen. 
Er erleichterte ihm die Verteidigung seiner Politik vor dem Parlament. 
Zwischen ihm und Lieven hat darüber eine Verständigung statt- 
gefunden. Als aber Capo d' Istria in London eintraf, war Canning 
nicht mehr unter den Lebenden. Sein Nachfolger, Lord Goderich, 
hielt sich zwar an die getroffenen Vereinbarungen, war aber ohne 
jede Initiative. Dagegen machte der Herzog von Wellington aus seiner 
Erbitterung kein Hehl. Er hat sich geweigert, Capo d^ Istria zu 
empfangen, und als dieser sich schriftlich von ihm verabschiedete 
und dabei einflocht, daß der Vertrag vom 6. Juli eine wahre 
Wohltat für Griechenland und für Europa sei, antwortete ihm der 
alte Herzog mit großer Schärfe, daß der Zweck des Protokolls 
vom 4. April der Friede gewesen sei, der Vertrag vom 6. Juli aber 
werde in einen Krieg ausmünden. Er protestiere dagegen, daß 
„dieser Krieg oder seine Folgen^ die natürliche Konsequenz des 
von ihm unterzeichneten Protokolls sei'). In Paris ist Capo 
d' Istria eine bessere Aufnahme zuteil geworden. Man war dort 
von Petersburg aus in günstigem Sinne für ihn beeinflußt worden. 
Aber eine Anleihe ist ihm auch in Frankreich nicht bewilligt 
worden, und so ging er nach Italien, um aus der Nähe die offenbar 
bevorstehende Krisis zu beobachten und im günstigen Moment 
einzugreifen. 

Als am 14. Oktober die Russen sich endlich dem englisch- 
französischen Geschwader anschlössen, war es fast als ein Zufall 
zu bezeichnen, daß die Entscheidung jener Krisis nicht bereits er- 
folgt war. Codrington hatte, in richtiger Schätzung des damit 
begangenen Fehlers, der kombiniert türkisch -ägyptischen Flotte 
gestattet, in den Hafen von Navarino einzulaufen. Dann war er 

^) Rigay hatte sich mit Codrington am 21. September vereinigt. 
^ Wellington, Despatches IV. 12. Oktober 1827. 



198 Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 

am 24. September selbst im Hafen von Navarino eingetroffen*), 
um mit Ibrahim zu verbandeln, und das bedeutete, daß er ihm 
den Willen der Mächte kund tun wollte. Am 25. um 10 Uhr 
früh hat Ibrahim ihn und den Kommandeur des französischen 
Geschwaders, 'Admiral Kigny, empfangen. Kapitän Carzon von der 
„Asia" nebst einigen Offizieren^ dazu das Gefolge Rignys, begleiteten 
die Admirale. Die türkischen und ägyptischen Offiziere, mit Aus- 
nahme des kranken Tahir Pascha, hatten auf einer Seite des Ge- 
maches Platz genommen, in dem Ibrahim die unlieben Gäste 
erwartete, auf der anderen die Engländer und Franzosen*). Sie 
fanden in dem Pascha eine eindrucksvolle Erscheinung. Zwar kurz 
und wohlbeleibt, aber mit großen blauen Augen, hoher Stirn und 
braunrotem Bart. Die scharfgeschnittenen Züge des pockennarbigen 
Gesichts ließen einen klugen, unternehmenden, wißbegierigen Mann 
erkennen, der guten und bösen Entschlüssen gleich,"zugänglich war'). 
Nach Austausch der üblichen Komplimente teilte Codrington dem 
Ägypter mit, daß infolge eines von England, Frankreich und Ruß- 
land unterzeichneten Vertrages sie verpflichtet seien, zu verhindern, 
daß über See der gegen die Griechen gerichtete Angriff durch 
Mannschaft, Waffen oder dergleichen unterstützt werde. Er verlas 
die entsprechenden Abschnitte seiner Instruktion. Danach würden 
sie handeln. Ibrahim antwortete, er sei Soldat wie sie und müsse 
seinen Ordres gehorchen. Er habe Befehl, Hydra anzugreifen und 
müsse das ausführen. Es sei seine Aufgabe zu handeln, nicht zu 
unterhandeln. Sie möchten sich an den Großherrn wenden. Die 
Admirale entgegneten, sie seien so stark, daß jeder Widerstand 
unmöglich sei. Steche er trotz ihrer freundschaftlichen Warnung 
in See, so müßten sie ihre Instruktionen ausführen und die völlige 
Zerstörung der Flotte werde die Folge sein. Sie wollten keinen 
Bruch, sondern seien gekommen, ihm die Augen zu öffnen. Ibrahim 
erkannte das Gewicht dieser Mitteilungen voll an. Er gab auch 
zu, daß ihm seine Instruktion unter Verhältnissen erteilt sei, 
die andere gewesen. Er wolle es daher auf sich nehmen, alle 



Wellington, Despatchei V, S. 1—37. 

^ Ibrahim hatte sich geweigert, die Admirale anders als in Gegenwart 
seines Harinestabes zu empfangen. Miltitz* Bericht Tom 5. November 1827. 
Berlin, Geheimes Staatsarchiv, Ä. A. I Rep. I. Turquie. 

') Nach einem Brief Stratford Cannings vom 5. September bei Staple- 
ton I, 469. 



Kapitel VI. Vorstadien des Tarkenkrieges. NaTarino. 199 

Operationen der aus Alexandria gekommenen Land- und Seemacht 
einzustellen, bis er aus Konstantinopel und Alexandria, wohin er 
sogleich Kuriere absenden wolle, Antwort erhalten habe. Bis zu 
ihrer Rückkehr wolle er mit seiner Flotte vor Navarino bleiben. 
Er bat sodann um die Genehmigung, sofort je ein Schiff nach 
Alexandria und Prevesa abzufertigen, und das wurde ihm ohne 
alle Schwierigkeit gewährt. Das Anerbieten der Admirale, diese 
Schiffe geleiten zu lassen, aber wies er stolz zurück: er wolle die 
türkische Flagge nicht kompromittieren. Man vereinbarte einen 
Stillstand von 20 Tagen. Bis dahin müsse eine endgültige Antwort 
den Admiralen erteilt werden. Die so getroffenen Abmachungen 
getreulich einzuhalten, verpflichteten sich beide Teile mit Ehren- 
wort. Ibrahim hatte schließlich noch den Wunsch geäußert, daß 
nunmehr auch den Griechen alle Feindseligkeiten untersagt würden; 
das aber wurde abgelehnt, weil die Griechen die Mediation der 
Mächte angenommen, die »Türken sie abgelehnt hätten, und dabei 
blieb es, so erstaunlich auch diese Logik war. Der Ägypter konnte 
nur das Versprechen erhalten, daß Lord Cochrane veranlaßt werden 
würde, die von ihm organisierte Insurrektion der Griechen 
nicht über den augenblicklichen Kriegsschauplatz hinaus auszu- 
dehnen. 

Damit trennte man sich. Ibrahim hat später behauptet, es 
sei versprochen worden, daß er nicht an der Proviantierung von 
Patras gehindert werden solle*), und das scheint richtig zu sein. 
Denn schon am 26. kam ein Dolmetscher Ibrahims, Abro, an Bord 
der „Asia^, um Codrington mitzuteilen, daß, wie Ibrahim erfahren 
habe, Cochrane mittlerweile vor Patras gelandet sei. Sein erster Impuls 
sei gewesen, den Stillstand zu brechen und ohne weitere Rücksprache 
hinzusegeln; jetzt bitte er um die Erlaubnis, einen Teil seiner Flotte 
nach Patras schicken zu dürfen. Das wurde ihm mit größter Bestimmt- 
heit verboten, und Ibrahim mußte sich überzeugen, daß er wie in 
einer Falle gefangen sei. Eine Rettung aus der demütigenden Lage, 
in der er sich befand, gab es für ihn nur, wenn er den Entschluß 
fand, die feindlichen Flotten anzugreifen und zu vernichten, bevor 
sich das russische Geschwader mit ihnen vereinigt hatte. Et fühlte 



^) Bericht des Kapitäns Pujol, Kommandanten der Goelette «La Fleche^, 
über seine Unterredung mit Ibrahim, d. d. Navarino, den 29. Oktober 1827 
bei Wellington, Despatches IV. Dazu die Relationen von Miltitz (Pera, den 
5. November). 



200 Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 

sich jedoch durch sein Wort gebunden, vielleicht auch zu schwach 
dazu, und wollte die Entscheidung der Pforte abwarten. Das 
englisch-französische Geschwader hatte sich mittlerweile vor Zante 
gelegt, um die türkische Flotte zu überwachen. Nun schickte am 
1. Oktober Ibrahim seinen Konvoi unter dem Schutz einiger Kriegs- 
schiffe nach Patras, um, wie vereinbart war, die Stadt zu ver- 
proviantieren, und als er kurz danach die Bestätigung erhielt, daß 
Cochrane, der inzwischen die zerstreuten griechischen Schiffe zu 
einer Flotte gesammelt hatte, Patras ernstlich bedrohe, brach er, 
trotz des drohenden Bescheides, den er am 26. September erhalten 
hatte, von 15 Fregatten begleitet selbst auf, um die Ankunft 
seines Konvoi zu sichern; so stellte er den Tatbestand dar. In 
Wirklichkeit ging seine Absicht dahin, Cochrane anzugreifen, der 
vor Missolunghi lag. Aber schon beim Eingang in den Kanal von 
Zante stieß er auf seinen heimkehrenden Konvoi. Die Engländer 
hatten ihn durch Kanonenschüsse zur Umkehr genötigt. Es fand 
nun ein Kriegsrat der ägyptisch-türkischen Offiziere statt, der zu 
dem Ergebnis führte, es trotz allem mit der Fahrt nach Patras zu 
versuchen. Als aber die englische Flotte sich ihm drohend ent- 
gegenstellte und ihn aufforderte, Kehrt zu machen, wagte er nicht 
zu widerstehen und segelte nach Navarino zurück^). 

Die Folge war ein tatsächlicher Stillstand zur See. Die englisch- 
französische Flotte kreuzte in den Gewässern von Zante, Ibrahim 
operierte gegen die Griechen in Morea und verwüstete das Land 
überall, wo ihm Widerstand entgegentrat. 

So lagen die Dinge, als am 14. Oktober die Vereinigung der 
russischen Flotte mit der englischen erfolgte*). Am folgenden 
Tage begann die Blockade der Bucht von Navarino, weil die Zeit 
abgelaufen war, die Codrington als Termin für die Antwort der 
Türken auf das Angebot der Mächte gesetzt hatte. Zwei öster- 
reichische Kriegsschiffe, die nach Navarino wollten, mußten nnver- 
richteter Sache wieder umkehren, ebenso einige Kauffahrer. Der 
Admiral Heyden erklärte schon damals seinen Kapitänen, daß 
Codrington entschlossen sei, die Türken in der Bai von Navarino 

1) Erzählung Ibrahims nach Pujol I. I. 

^ Das Folgende nach den Tagebüchern des russischen Leutnants 
A. P. Rytschakow, geführt auf dem aOanguf^, einem Linienschiff Yon 84 Kanonen 
im Geschwader des Admirals Login Petrowitsch Heyden. Gedruckt unter dem 
Titel: Das Jahr der Kampagne von Navarino. Kronstadt 1877. Russisch. 



Kapitel VI. Vorstadien des Tärkenkrieges. Navarino. .201 

aDzagreifen, weno sie hartnäckig blieben. Die Aufgabe sei zwar 
schwierig, aber deshalb um so rahmvoller. 

Die Entscheidung möglichst bald herbeizuführen, wurde nun 
der kanalartige Eingang in den Hafen stark besetzt und von den 
Admiralen am 17. ein Schreiben an Ibrahim Pascha gerichtet, das 
einem Ultimatum gleichkam. Sie hätten sichere Kunde, daß Morea 
barbarisch verwüstet, und eine Expedition in die Maina vorbereitet 
werde. Das geschehe vor ihren Augen unter Mißachtung des Still- 
standes, dem allein Ibrahim es zu danken habe, daß er am 26. 
seine Flotte nach Navarino habe zurückfahren können. Sein Ver- 
halten setze ihn außerhalb des Völkerrechtes und entziehe ihm 
den Schutz der Verträge, auch den Interessen seines Herrn, des 
Sultans, entspreche es nicht; er laufe Gefahr, die Vorteile einzu- 
büßen, die ihm der Londoner Vertrag sichere. 

Die unterzeichneten Admirale verlangten auf diese Notifikation 
„eine schleunige und kategorische Antwort^, bleibe sie aus, oder 
erfolgten Ausfluchte, so würden die Konsequenzen daraus sofort 
gezogen werden *). 

Die englische Fregatte, die dieses Schreiben überbrachte, kehrte 
spät abends ohne Antwort zurück. Sie hatte Ibrahim in Navarino 
nicht vorgefunden; er hatte am 9. den Befehl erhalten, sich mit 
dem Seraskier Reschid Pascha in Einvernehmen zu setzen, und 
alles aufzubieten, um Morea zu unterwerfen. Ibrahim war nun 
sogleich nach Modon geeilt, hatte Kolonnen nach Kalamata und 
Azkadhia geschickt, und sich selbst an die Spitze einer dritten 
Kolonne gestellt. Seine Generale hatten Befehl, jeden Widerstand 
mit völliger Verwüstung des Landes zu strafen. Immerhin bleibt 
es schwer verständlich, wie er in so kritischer Zeit die Flotte im 
Stich lassen konnte; sein Stellvertreter, Mukarem Bey, fand den 
Entschluß nicht, die. Verantwortung auf sich zu nehmen und dieses 
Ultimatum zu beantworten. Die Alliirten trafen nun alle Vor- 
bereitungen zum Kampf. Der 18. ging in Manövern am Eingang 
der Bucht und in Beratungen der Admirale hin. Am 19. früh war 
man so nahe herangerückt, daß die Schiffe der Feinde gezählt 
werden konnten. Sie waren in 3 Reihen halbkreisförmig so auf- 



^) „Les soussignes demaDdent a Votre Excellence une reponse prompte 
et cat^gorique a la presente notification et lui laissent ä prevoir les conse- 
quences immediates d'nn refus ou d*une tergiTersation." 



202. Kapitel VI. Vorstadien des Türkenkrieges. Navarino. 

gestellt, daß der eine Flügel sich auf die Befestigungen von Nava* 
rioo, der andere auf die Batterien von Sphakteria stutzte. Die 
Linienschiffe und großen Fregatten bildeten den vorderen Halbkreis, 
die kleineren Fahrzeuge den zweiten und dritten. Man wußte, daß zahl- 
reiche Brander unter ihnen waren. Eine türkische Brigg, die aus 
Alexandria kam, wurde von Codrington durchgelassen. Er be- 
auftragte sie, in Navarino wissen zu lassen, daß die Flotten der 
Alliierten in den Hafen von^ Navarino eindringen würden, um 
Ibrahim nunmehr zu zwingen, die verlangte Antwort zu geben. 
Dann versammelten die Admirale ihre Kapitäne und bestimmten 
genau, welche Stellung jedes einzelne Schiif einzunehmen habe. 

Die Ordre de bataille lautete: „Asia". Vor Navarino, den 19. Ok- 
tober 1827. „Es ist bekannt, daß die ägyptischen Schiffe, aufweichen 
sich französische Offiziere befinden, mehr gegen SO. liegen, ich wünsche 
deshalb, daß seine Exzellenz der Konteradmiral und Ritter de Rigny 
sein Geschwader ihnen gegenüber stellt. Da das folgende ein 
Linienschiff mit der Flagge an der Großbramstange ist, so will 
ich mich mit den Linienschiffen „Genua^ und „Albion^ ihm gegen- 
überlegen. 

In betreff des russischen Geschwaders ist mir erwünscht, daß 
Konteradmiral Graf Heyden es unmittelbar neben die englischen 
Linienschiffe legt. Die russischen Fregatten können in solchem 
Fall die übrig bleibenden türkischen Schiffe beschäftigen. Die 
englischen Fregatten werden die türkischen Fahrzeuge beschäftigen, 
die sich auf der westlichen, den englischen Linienschiffen gegen- 
überliegenden Seite der Bucht befinden, die französischen Fregatten 
aber werden die ihren Linienschiffen gegenüberliegenden türkischen 
Fregatten und anderen Fahrzeuge zum Ziel nehmen. 

Wenn die Zeit es gestattet, soll, bevor die türkische Flotte 
etwas Feindseliges unternimmt, das vereinigte. Geschwader sich vor 
Anker legen, mit Springtauen an den Riemen jedes Ankers. Kein Ge- 
schütz darf vor gegebenem Signal von der vereinigten Flotte gelöst 
werden, es sei denn, daß die Türken das Feuer eröffnen. Die 
türkischen Schiffe, die das Feuer eröffnen, sollen sofort vernichtet 
werden. 

Die Korvetten und Briggs werden unter Befehl des Kapitäns 
Feilos, Kommandeur der Fregatte „Dartmouth^, stehen. Seine Auf- 
gabe ist, die Brander soweit fortzuschaffen, daß sie keinem Schiff 
der vereinigten Flotte schaden können. 



Kapitel VI. Vorstadien des Tärkenkrieges. Navarino. 203 

Für den Fall einer wirklichea Schlacht und möglicher Unregel- 
mäßigkeiten, rate ich die Worte Nelsons im Gedächtnis zu be- 
halten: Je näher dem Feinde, um so besser.^ 

Am 20. Oktober um 12 Uhr gab die ,,Asia^ das Signal zum Auf- 
bruch. Die drei Geschwader ordneten sich und setzten sich in Be- 
wegung. Voran die ,,Dartmouth" mit den kleinen Fahrzeugen, dann die 
„Asia^ mit den übrigen Engländern, die Russen und die Franzosen 
folgten. Als um 1 7, Uhr die Engländer in den Kanal einliefen und 
die Festungswerke von Navarino passierten, wurde von der Festung 
ein blinder Schuß abgegeben, der aber weiter nicht beachtet wurde. 
Dagegen trafen I^ute auf der „ Asia^ ein, die Mukarem Bey abgesandt 
hatte, um Codrington zu sagen, daß Ibrahim nicht in Navarino 
sei, sondern in Modon, und keinerlei Befehle hinterlassen habe. 
Ein Teil des Geschwaders könne, wenn man es wünsche oder 
wenn die Alliierten etwas brauchten, einfahren, aber er könne 
nicht dulden, daß in Ibrahims Abwesenheit eine so große Flotte 
in die Bucht einlaufe. Codrington antwortete, er sei nicht gekommen, 
um Ratschläge entgegenzunehmen, sondern um Befehle zu erteilen, 
und setzte seine Fahrt auf Navarino zu fort. Dort fuhr er um 
2 Uhr ein und näherte sich sofort auf Pistolenschußweite der tür- 
kischen Flotte. Inzwischen hatte die „Dartmouth^ sich von der 
Flotte abgetrennt und schräg vor zwei Brandern Anker geworfen, 
die am Eingang des Hafens lagen, während Franzosen und Russen 
dem englischen Admiral folgten und die vereinbarten Manöver 
ausführten. Mukarem Bey schickte nun neue Boten aus, um zu 
fragen, was diese feindseligen Maßnahmen zu bedeuten hätten, und 
in diesem Augenblick sandte die vor den Brandern liegende 
Fregatte eine Schaluppe aus, um sich der Brander zu bemächtigen. 
Dann begannen Flintenschüsse, die wahrscheinlich von einem der 
Brander ausgingen und lebhaft beantwortet wurden. Der Leutnant, 
der die Schaluppe kommandierte, wurde erschossen, und dies war 
das Signal zum allgemeinen Kampfe, an dem dann auch die 
Kanonen der Festung und die Batterien von Sphakteria, die jedoch 
bald zum Schweigen gebracht wurden, teilnahmen. Aber in weniger 
als vier Stunden war die Entscheidung gefallen. Die Türken sind — 
was nach allem, was vorausgegangen war, kaum glaublich scheint — 
durch den wohldurchdachten Angriff Codringtons völlig überrascht 
worden. Trotzdem haben sie tapfer gefochten, aber Geschütz, 
Führung und Kaltblütigkeit der Alliierten zeigten sich ihnen über- 



204 Kapitel VI. Vorstadien des Tiirkenkrieges. Navarino. 

legen. Eines der türkisch-ägyptischen Schiffe nach dem andern 
wurde in Brand geschossen und flog in die Luft. Ein Augenzeuge 
und Mitkämpfer, der Leutnant Rytschakow vom ^^Gangut", schildert 
den Höhepunkt der Schlacht in seinem Tagebuch folgendermaßen: 
„Wir lagen vor Anker und kämpften mit den Batterien unseres 
Steuerbords gegen drei türkische Fregatten, von denen eine ein Zwei- 
decker war. Wir litten schwer durch das Feuer der sich hinziehenden 
feindlichen Linie, bis der neben uns liegende „Jesekiil^ die quer vor 
uns liegenden Schiffe angriff. Darauf hatten wir nur noch mit zwei 
Fregatten und den Korvetten der zweiten Linie zu schaffen. Dichter 
Rauch machte es unmöglich, die Operationen der alliierten Flotten 
genau zu verfolgen. Die französische Admirals-Fregatte „Sirene" 
hatte stark gelitten, aber das mit ihr kämpfende ägyptische Linien- 
schiff stand bereits in Flammen. Die englischen Linienschiffe 
„Albion" und „Genua" feuerten mit entsetzlicher Wirkung auf 
zwei sinkende türkische Linienschiffe und eine Fregatte (Zweidecker). 
Das Admiralsschiff „Asia" unterstützte sie mit den Geschützen 
seines Steuerbords und beschoß aus der linken einen ägyptischen 
Zweidecker. Unser „Asow" beschoß mit einem Teil der Batterien 
des Backbords die schon erwähnten Schiffe, während zugleich seine 
Fernschüsse in ein türkisches Linienschiff von 80 Kanonen schlugen, 
das mit der „Albion" kämpfte und nach Verlust seines Ankers aus 
der Linie gefallen war. Gleichzeitig setzte die „Asow" ihr Feuer 
gegen die Fregatte Tahir Paschas fort, wobei sie bis zu unserer 
Ankunft stark von den Schüssen des ganzen türkischen Halbkreises 
zu leiden hatte. Die übrigen Schiffe der französischen Linie hatten 
ihre Gegner bezwungen. Ein Linienschiff, „Breslau", da.8 während 
des Pulverdampfes mitten im Kanal Anker geworfen hatte, kappte 
die Taue, fuhr am Steuer unseres Admiralsschiffes vorüber und 
brachte den Korvetten der zweiten und dritten Linie schwere Ver- 
luste bei, während es mit den Geschützen, die vorn lagen, ein 
türkisches Linienschiff beschoß. Gegen 4 Uhr sahen wir einen 
Brander, der direkt auf uns los kam. Wir wehrten ihn durch 
Kappen des Hintertaues ab und bohrten ihn mit einigen wohl- 
gezielten Schüssen in den Grund. Eine halbe Stunde danach ver- 
sank die mit uns kämpfende Fregatte ohne die Flagge zu senken. 
Bald danach flog auch die andere mit ihren 64 Kanonen in die 
Luft. Ein lautes Hurra auf unserer ganzen Linie zeigte, daß der 
Sieg offenbar uns zufallen werde. Ich gestehe, daß schwerlich 



Kapitel VI. Vorstadien des Turkenkrieges. Navarino. 205 

einer von uns dieses Auffliegen der türkischen Fregatte sein Leben 
lang vergessen wird. Von der Lufterscbütterung erzitterte unser 
Schiff in allen Fugen. Wir wurden mit Geschossen und Feuer- 
bränden überschüttet, an zwei Stellen geriet unser Schiff in Brand, 
es gelang aber bald, das Feuer zu löschen. Nachdem so unser 
nächster Gegner in die Luft geflogen war, setzten wir den Kampf 
gegen die Korvetten, die hinter den Fregatten der zweiten Linie 
lagen, mit Pelotonfeuer fort. Diese Fahrzeuge zerhieben die Anker- 
taue und strebten dem Ufer zu, sie versanken aber, bevor sie es 
erreichten. Die Mannschaften retteten sich durch Schwimmen. 
Um diese Zeit flog auch ein türkisches Linienschiff von 80 Kanonen 
auf, das mit der „Asia^ kämpfte. 

Damit war die Schlacht ganz gewonnen. Alles ringsum brannte. 
Die fortwährenden Explosionen auf den türkischen Schiffen illumi- 
nierten die triumphierende alliierte Flotte, und um 6 Uhr wurde 
es auf der ganzen Linie still. Es ergaben sich uns zwei Linien- 
schiffe von 90 Geschützen und drei große Fregatten, tlin Linien- 
schiff und elf Fregatten flogen auf. Die übrigen Fahrzeuge der 
herrlichen Flotte des Ptischas von Ägypten waren teils versunken, 
teils aufs Ufer geworfen; mit einem Wort: Ibrahims Flotte war 
vernichtet" 

Was übrig geblieben war, haben die Türken in Wut und 
Verzweiflung selbst in die Luft gesprengt. Rytschakow, der 
von 7 Uhr abends bis Mitternacht auf Wacht stand, zählte in 
dieser Zeit sieben aufeinander folgende Explosionen. Eine türkische 
Fregatte machte noch den Versuch, unter dem Schutze der dun- 
kelen Nacht die „Asow" zu überrumpeln; die Absicht war, sich 
mit ihr in die Luft zu sprengen, was mit Mühe vereitelt wurde. 
Auch die in der Bucht treibenden ßrander drohten stete Gefahr. 
Erst um 6 Uhr morgens, als die Sonne aufging, ließ sich genau 
erkennen, was noch übrig war. Heil waren nur zwei türkische 
Fregatten und zwanzig Korvetten und Briggs, die am Ufer lagen, 
dazu siebzig Kauffahrer und Transportschiffe, die dem Kampf fern 
geblieben waren. 

Die englischen Linienschiffe „Asia" und „Genua^ hatten 
den Besanmast und alle Rahen eingebüßt, ebenso die „Sirene". 
Die russischen Linienschiffe waren so zerschossen, daß sie 
Mastwangen setzen mußten, etwas weniger gelitten hatten die 
Fregatten. 



^ 



206 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

Ibrahim gab seinen Verlust auf drei Linienschiffe und fünfzehn 
Fregatten an, der kleineren Fahrzeuge nicht zu gedenken'). Die 
Alliierten hätten zehn Linienschiffe und auch an Fregatten die 
Übermacht gehabt. Wie könne man ihm die Schuld an der Schlacht 
zuweisen? Er, Ibrahim, werde, wenn es nötig sei, nach Paris und 
London gehen, um für die Wahrheit zu zeugen. 

Das war die weltberühmte Schlacht bei Navarino, die in ihren 
Folgen wichtiger war, als die Schlachten bei Lepanto und bei Tschesme. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Kriegs. 

Es hieße dem politischen Genius von Canning unrecht tun, 
wollte man annehmen, daß ihm die am Tage von Navarino 
gefallene Entscheidung eine Überraschung gewesen wäre, wenn er 
sie noch erlebt hätte. Daß das Londoner Protokoll in einen Krieg 
mit der Türkei ausmünden werde, erkannte er ebenso richtig wie 
der Zar, der sich darüber um so weniger täuschte, als ja all sein 
Streben dahin ging, gerade diesen Ausgang herbeizuführen. Canning 
wollte aber Rußland weder, wie Nikolai es wünschte, als den Be- 
vollmächtigten Europas allein handeln lassen, noch überhaupt einen 
russisch-türkischen Krieg dulden, an dem die beiden anderen 
Unterzeichner des Londoner Vertrages nicht teilnahmen. Aller 
W^ahrscheinlichkeit nach hätte er nach Navarino die Unabhängigkeit 
Griechenlands anerkannt, Morea okkupiert und in die von Nikolai 



^) In dem Memorial Codringtons d. d. Malta, den 9. Dezember 1827, das 
an den Großadmiral William Herzog von Clarence gerichtet ist, wird gegen 
alle Wahrheit angegeben, daß die in die Bucht von Navarino einfahrende 
Flotte keinerlei feindselige Absiebten gehabt habe. Nur der Angriff der 
Türken auf die ^Dartmouth" habe die Schlacht erzwungen. Die Verluste der 
Türken gibt er folgendermaßen an: 3 Linienschiffe, 5 ägyptische und 15 tür- 
1(ische Fregatten, 26 Korvetten, 11 Briggs, 5 Brander, 51 bewaffnete Transport- 
schiffe mit 2082 Kanonen. Außer einer ägyptischen Fregatte sei alles Ter- 
nichtet worden. Von den 18575 Köpfen der Mannschaft seien mindestens 
6000 umgekommen. Die Verluste der Verbündeten betrugen nach Miltitz 
170 Tote, 478 Verwundete. Die beschädigten Schiffe der Engländer und 
Russen gingen nach Malta, die französischen nach Toulon, nur einige Fre- 
gatten blieben zurück, um vor Morea zu kreuzen. Codringtons erster Bericht 
vom 21. Oktober 1827, bei Prokesch-Osten, S. 128 ff., entstellt gleichfalls den 
Ursprung des Kampfes. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 207 

beantragte Blockade von Bosporus und Dardanellen gewilligt, die 
den Sultan zum Nachgeben führen mußte, und eben dadurch Rußland 
auf den Boden der Abmachungen von Akkerman zurückwarft). Die 
Befreiung Griechenlands aber wäre dann sein Werk gewesen, und 
mit einer anerkannten griechischen Regierung hätte sich auch das 
überaus lästige Piratenwesen der Griechen endgültig beseitigen lassen. 
Diese Piraten aber hatten als wesentliches Argument dienen müssen, 
um diejenigen zur Politik Cannings hinüberzuziehen, denen das 
sentimentale philhellenische Argument nicht genügte. 

Was Canning tun wollte, wenn es ihm nicht gelingen sollte, 
einen Krieg Rußlands gegen die Türkei zu verhindern, wußte man 
in Frankreich aus einem Brief, den er 1824 einem der englischen 
Botschafter schrieb und den man in Frankreich geöffnet hatte. 
„Können wir**, schrieb er damals, „diesen Krieg nicht mehr ver- 
hindern, über dessen Ausgang keine Illusionen möglich sind, so ist 
unser Glaubensbekenntnis das folgende: Vorausgesetzt, daß Rußland 
keinen Fuß am Mittelmeer faßt, daß den Franzosen keinerlei Ent- 
schädigung gewährt wird und Österreich beträchtlich an Land und 
Bevölkerung gewinnt, so können wir unter diesen Bedingungen die 
Zerstörung des Osmanischen Reiches zulassen; wir sind dann in 
der Lage zu nehmen, was uns beliebt').^ 

Mit dem Tode Cannings änderte sich die ganze Tendenz der 
englischen Politik. Sie wurde in der Tat „schüchtern, springend 
und schleppend^. Als die Schlacht von Navarino geschlagen wurde, 



1) Etwas anders, aber im Grundgedanken mit mir übereinstimmend, 
urteilt Finley (A bistory of Oreece etc.) „Englisb interests and credit, as 
well as tbe cause of Oreece, had sufferd a disastrous loss in the deatb of 
George Canning. The firm band and clear eye had deserted the Foreign 
Office, and the measures adopted to coerce the Sultan were timid, desultory 
and dilatory. A bold and prompt declaration of the concessions which the 
Allies were determined to exact in favour oi the Greeks would have been 
tbe most effectual mediation. Wben Russia d clared war with Turkey, Eng. 
land ought instantly have recognized the independence of Greece and 
proceeded to carry tbe Treaty of tbe 6 July into execution by force. As France 
would in all probability have acted in the same manner, the consent of the 
Sultan would have been gained, and a check might have been placed on the 
ambition of Russia by occupying the Black Sea with an English and French 
fleet" Stanley Lane-Poole. The life of Stratford Canning I, 467. 

') Privatbrief La Ferronnays* an Hortemart den 9. Juni 1828. Paris 
Russie Vol 174 f. 235, durch La Ferronnays' Sohn Charles überbracht. 



208 Kapitel Vil. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

ruhten die Zügel in den unsicheren Händen Lord Goderichs, aber 
die Blicke richteten sich bereits auf Wellington, der die ganze 
Orientpolitik der letzten Zeit rückhaltlos verurteilte und keinen 
Anstand genommen hatte, den König zu bitten, Codrington die 
Auszeichnung zu versagen, zu der ihn der Lord Großadmiral vor- 
geschlagen hatte. Wenn Codrington nicht ausdrückliche Instruktionen 
für sein Verhalten nachweisen könne, werde man ihn vielmehr 
zur Rechenschaft ziehen müssen^). 

In Rußland war die Stimmung der leitenden Kreise wie der 
Gesellschaft begreiflicherweise ganz anders gerichtet. Der Kaiser 
ist in den Tagen, da die große Entscheidung fiel, zwar in Petersburg 
gewesen, aber noch war keine Kunde zu ihm gelangt, als er die Stadt 
am 31. Oktober verließ'). Am 3. November war er in Dünaburg 
eingetroffen, um Festung und Truppen zu inspizieren und dann 
nach Livland und Estland gereist, wo er von den baltischen Ritter- 
schaften und Städten enthusiastisch begrüßt wurde. Auf diesem 
Boden trug die Loyalität der deutschen Bevölkerung einen ausge- 
sprochen persönlichen Charakter; was man dem Kaiser entgegentrug 
war Vasallentreue, und gerade dafür hatte er ein starkes Ver- 
ständnis. Man fühlte sich als ein Besonderes in dem großen Zu- 
sammenhange des russischen Reiches, und der Kaiser nahm keinen 
Anstand die Tatsache anzuerkennen. Er blieb vom 6. bis zum 8. in 
Riga. Von dort fuhr er über Pernau nach Reval, wo er Hafeubauten, 
Festungswerke, die Garnison und die städtischen Anstalten inspizierte 
und im ganzen zwei Tage blieb, was bei seiner hastigen Art zu reisen 
auffallend lange war. Seine besondere Vorliebe für alles, was die 
Marine betraf, hielt ihn hier fest. Erst am 13. November traf er 
wieder in Petersburg ein. Die Stimmung die er in der Residenz 
vorfand, war kritisch und wenig freundlich. Man murrte über 
die rücksichtslos despotische Art des Kaisers. Er hatte vor 
seiner Abreise den piemontesischen Gesandten de Salles seine 
Ungnade fühlen lassen, weil dieser bei einem feierlichen Tedeum 
in der Kirche nicht niedergekniet war. Es war sogar die Rede 
davon gewesen, die Abberufung de Salles^ zu verlangen, und 



Wellington Despatches IV 763 13. November 1827. „The Admiral 
will be held responsible unless instructed by your Majestys ministers.*' Der 
König bat Codrington trotzdem den ßatborden verlieben. 

^) Journal der allerbocbsten Reisen. Woj. Utscbenny Archiv I Nr. 619. 
Russiscb. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 209 

Nesselrode hatte alle Mühe gehabt, die Sache glücklich beizulegen '). 
Unmittelbar danach aber war ein zweiter schlimmer Ausjbruch der 
Willkür des Kaisers gefolgt. Die Zöglinge eines vornehmen Pensionats 
waren mit ihrem Lehrer in die Kirche geschickt worden, und gegen den 
Brauch des griechischen Ritus hatte der Lehrer sich während des 
Gottesdienstes gesetzt. Der Militärgouverneur hielt es für nötig, 
dem Kaiser darüber Bericht zu erstatten, und dieser ließ den Un- 
glücklichen in das sogenannte gelbe Haus, die Petersburger Irren- 
anstalt, sperren. Erst nach 24 Stunden, die er, wie behauptet 
wurde, in der Zwangsjacke verbrachte, ließ man ihn frei. Aber 
er mußte Petersburg und Rußland verlassen'). Dergleichen hatte 
man selbst nicht unter Alexander in seinen mystischen Jahren er- 
lebt! Auch wurde die Strenge viel getadelt, mit der der Kaiser 
verhältnismäßig unbedeutende Ruhestörungen unter den Moskauer 
Studenten strafte — es ist das erste Symptom der später so be- 
deutsam gewordenen russischen Studentenbewegung — kompromit- 
tiert waren ganz junge Leute von 17 bis 21 Jahren. Mit wahrer 
Barbarei, aber wurde die Strafe des Spießrutenlaufens gehandhabt. 
Ein Soldat, der einen Zettel eines der verhafteten Moskauer Stu- 
denten weiterbefördert hatte, mußte viermal durch 1000 Spießruten 
laufen, und zwei unglückliche Juden, die den Pestcordon am Pruth 
überschritten hatten, und die der stellvertretende Generalgouverneur 
am Leben strafen wollte, begnadigte der Kaiser zu 12mal tausend 
Ruten. Er fügte dieser Resolution eigenhändig hinzu: Es gibt, Gott 
sei Dank, bei uns keine Todesstrafe, und ich werde sie nicht ein- 
führen'). Daß seine Gnade die schrecklichste Form der Todes- 
strafe bedeutete, ist ihm olTenbar nicht in den Sinn gekommen; 
fast schlimmer noch ist es wohl, daß sich niemand fand, ihn darauf 
aufmerksam zu machen. Aber seit seiner Krönung hatte der Kaiser 
sich gleichsam isoliert. Von dieser Zeit ab wurden, mit geringen 
Ausnahmen, die Immediatvorträge der Minister und Ministerial- 
direktoren, die der Kaiser bis dahin regelmäßig entgegenzunehmen 
pflegte, immer seltener, so daß in der Zeit, von der wir reden, 



') La Ferronnays, 14. September 1827. 

'^) Die Gräfin Nesselrode an ihren Bruder Nikolas Gurjew. Petersburg, 
9./21. September 1827. „Ne trouvez-vous pas que c'etait du despotisme 
tout pur?" 

') Russkaja Starina 1883 IV. 660. Cber die Moskauer , sötte et infame 
farce'' vergl. den Brief Nikolais an Konstantin vom 27. September 1827. 
Schiern an n, Gescbichte Kußlands. IL 14 



210 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

seia Verkehr in Regierungsangelegenheiten sich bereits auf nur 
wenige Personen beschränkte*). Weiteren Stoff zur Unzufrieden- 
heit gab dann die immer aufdringlicher werdende Geheim- 
polizei Benkendorfs, die auch in der Armee ihre Vertreter 
hatte, denn noch wirkten die Eindrücke des 26. Dezember 
1825 nach. Es steht fest, daß unter den Motiven, die den Kaiser 
einen Krieg mit der Türkei wünschen ließen, die politischen Ge- 
sinnungen seines Offizierkorps eine wesentliche Rolle spielten. Er 
wußte besser als alle andern, daß der Geist der Dekabristen keines- 
wegs ausgestorben war'). Nebenher mußten ihm auch Zweifel 
über die Leistungsfähigkeit seiner Marine kommen, wenn er, auch 
abgesehen von dem Abenteuer des Westowoj, der Nachrichten 
gedachte, die ihm aus Portsmouth zugegangen waren. Er hatte, 
als sich herausstellte, daß das Segelwerk und die Takelage der 
Flotte in England völlig erneuert werden mußte, in Kronstadt 
eine Untersuchung angestellt, die die ungeheuerlichsten Unter- 
schleife nachwies. „In der Flotte**, schrieb er unter dem ersten 
Eindruck dem Bruder Konstantin, „ist nichts als Diebstahl und 
Infamie zu finden. Täglich mache ich neue Entdeckungen. Es 
wird eine Herkulesarbeit, hier Ordnung zu schaffen"'). Das Ein- 
laufen der türkischen Flotte in den Hafen von Navarino wurde in 
Petersburg zudem als grober Mißgriff der Admiräle bezeichnet, ein 
Urteil, das wahrscheinlich auf den Kaiser selbst zurückging. End- 
lich machte die Haltung ()sterreichs dem Kaiser die größten Sorgen. 
Der Hospodar der Walachei hatte Ribeaupierre, dem russischen 
Botschafter in Konstantinopel, Abschriften seiner gesamten Korre- 
spondenz mit dem Wiener Kabinett gegeben, der Sohn des Hospodars 
der ebenfalls um die Gunst Rußlands buhlte, hatte danach im 
Oktober dem Vater einen Teil der Originale entwendet und sie 
nach Petersburg geschickt. Sie waren alle von der Hand Friedrichs 
von Gentz, ein Schreiben sogar von Metternich, und ließen keinen 
Zweifel an der Rußland feindseligen Haltung der österreichischen 
Politik. Nikolai aber war um so tiefer verletzt und entrüstet, als 
er die emphatischsten Versicherungen von der Loyalität der öster- 

Korflf Denkwürdigkeiten ad 1830. 

*) Noch am 27. August 1827 wurde eine Anzahl Offiziere verhaftet wegen 
Verbreitung von Gedichten „revolutionären" Inhalts und des Briefes, den 
Rylejew vor seiner Hinrichtung an seine Frau geschrieben hatte. 

») Schreiben vom 18. Juli 1827. 



Kapitel Vif. Von Navarino bis zum Ausbrach des Krieges. 211 

reichischen Politik ebea erst aus dem Munde des neuen öster- 
reichischen Botschafters, Grafen Zichy, entgegengenommen hatte 
und dringend um eine Zusammenkunft mit Kaiser Franz gebeten 
worden war. Er sah in diesem Verhalten eine unehrenhafte Hand- 
lung Metternichs und einen Verrat. In diesem Sinne schrieb er 
seinem Schwiegervater Friedrich Wilhelm*), er werde zwar äußerlich 
sein Verhalten Österreich gegenüber nicht ändern, seine Antwort sei 
Verachtung; aber Vertrauen könne er diesem „gouvernement fourbe** 
nicht mehr schenken. Dabei ist es bis in den Sommer 1830 
geblieben, als die Julirevolution die Interessen Rußlands und 
Österreichs wieder verband. Man muß diese Tatsache kennen, 
um das Mißtrauen zu verstehen, mit dem der Kaiser jeden Schritt 
der österreichischen Politik begleitete. 

Auch in den Nachrichten, die ihm aus Polen zugingen, 
glaubte er die Spur österreichischer Intrigen zu erkennen, 
und darin wurde er noch durch den Großfürsten Konstantin 
bestärkt. Die alten napoleonischen Sympathien der Polen 
würden von Galizien aus gepflegt, und der Prinz Napoleon sei 
bereits 16 Jahre alt. Der Großfürst schickte dem Kaiser eine 
Lithographie zu, welche den Statthalter von Galizien, Fürsten 
F^obkowitz, in polnischer Nationaltracht darstellte, und bald danach 
meldete er, daß vier neue Jesuit^nkollegien von Metternich in 
Galizien zugelassen worden seien. Die Beziehungen der polnischen 
Patrioten zum Jesuitismus aber wurden in Rußland von jeher miß- 
trauischen Auges verfolgt. Der Kaiser war auf das Äußerste gereizt') 
und eben deshalb keineswegs geneigt, den polnischen Wünschen 
Rechnung zu tragen, die durch die Vermittelung des Großfürsten an 
ihn gelangten. Denn in ihrer Beurteilung der polnischen Ange- 
legenheiten gingen beide nach wie vor weit auseinander. Kon- 
stantin, dessen stärkste Abneigung immer gegen Preußen gerichtet 



Charlottenburg. Hausarchiv. Schreiben Nikolais an den König vom 
30. Oktober: Die Antwort Friedrich Wilhelms datiert^vom 29. November und 
war darauf angelegt, Metternich zu entschuldigen; um sein Ziel, den Frieden 
zu erreichen, scheue er vor keinem Mittel zurück. Das Ziel aber lag dem 
Könige, der einen europäischen Krieg um jeden Preis verhindern wollte, 
ebensosehr am Herzen, wie dem österreichischen Staatskanzler. 

^) »im übrigen . . ich auf sie^ schreibt er am 27. September dem Groß- 
fürsten Konstantin. 



212 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

war, hielt an der Fiktion fest, daß der Kern der polnischen Be- 
wegung in Posen und in Krakau Hege, und daß die Verschwörung, 
über welche man zu Gericht saß, dort ihren Ursprung gehabt habe, 
daß sie auch nicht über den kleinen Kreis der Verhafteten hinaus- 
gehe; die übrigen Polen des Königreichs seien loyale Untertanen 
ihres konstitutionellen Königs, und wenn sie eine Vereinigung 
von Polen und Littauen erstrebten, so dürfe man ihnen das nicht 
verdenken, da Alexander selbst ihnen dieses Ziel gesetzt habe. Be- 
sonders war er bemüht, den Geist der polnischen Armee als muster- 
haft darzustellen, obgleich er eben damals die größten Unannehm- 
lichkeiten mit den Generälen Krasinski und Osharowski hatte und 
den letzteren sogar seiner Stellung entheben mußte ') Das tat aber 
seinem günstigen Urteil über die Gesamtheit der polnischen Offiziere 
keinen Eintrag, und da das littauische Korps unter seinem Ober- 
kommando stand, erschien ihm die Verbindung Littauens mit Polen 
zu einer Verwaltungseinheit nicht nur natürlich, sondern durchaus 
wünschenswert. Der Kaiser dagegen ist, so sehr er sich bemühte 
in polnischen Angelegenheiten den Ansichten des Bruders Rechnung 
zu tragen, allezeit mißtrauisch gegen die polnische Nation geblieben 
und war fest entschlossen, unter keinen Umständen die Vereinigung 
Polens und Littauens zu dulden. Er hat es Konstantin auf das 
nachdrücklichste erklärt'), Littauen sei eine russische Provinz, die 
Verbindung dieses Gebietes mit Polen würde eine Verletzung der 
Integrität Kußlands sein. Der Gegensatz der Meinungen wurde 
noch schärfer, als der Kaiser vorschlug, bei der nächsten Rekruten- 
aushebung die littauischen Rekruten in russische Gouvernements 
und Russen nach Littauen zu versetzen. Es hat darüber schließlich 
eine sehr gereizte Korrespondenz zwischen den Brüdern gegeben, 
die zur großen Erbitterung Konstantins damit abschloß, daß der 
Kaiser seine Absichten doch durchführte'). Einen weiteren Anlaß 
zu gegenseitigen Unzufriedenheiten gab der Verlauf des langsam 
sich dem Abschluß nähernden polnischen Hoch Verratsprozesses. 
Fast zwei Jahre waren mit der Untersuchung hingegangen, ehe 
endlich die Anklageakte fertig wurde, die dem hohen Gerichtshof 
in Warschau zur Unterlage für sein Urteil dienen sollte. Der 



^) Er wurde durch den General Baron Rosen ersetzt. 

'■^) Schreiben Nikolais an Konstantin vom 9. November 1827. 

*) Siehe die Briefe vom 8, 12, 14, 17, 24. November 1827. 



Kapitel Vif. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 213 

Kaiser war mit dieser Anklageakte^) sehr anzafriedeD, weil sie nur 
von einer ^tentative eloignee^ der Verschwörer sprach, während doch 
feststehe, daß sie um die Mordpläne der Dekabristen gewußt hätten. 
Konstantin war dagegen mit dieser Formulierung durchaus einver- 
standen und wies darauf hin, daß die Kaiserin Katharina Polen nicht er- 
obert, sondern geraubt habe'). Die Wünsche und Hoffnungen der 
Polen seien daher wohl verständlich und zu entschuldigen. An 
den Anschlägen gegen Alexander und das kaiserliche Haus aber 
hätten sie niemals einen Anteil gehabt. Und dabei blieb er, trotz 
aller Entgegnungen des Kaisers. Es ließ sich vorhersehen, daß 
diese Gegensätze sich noch steigern, nicht mildern wurden. 

Daß dies in der Tat geschah, dazu hat die Katastrophe von 
Navarino und der sich daran schließende Türkenkrieg sehr wesent- 
lich beigetragen. 

Die Nachricht von der Zerstörung der türkischen Flotte war 
über Paris am 18. November in Petersburg bekannt geworden. Die 
offizielle Bestätigung traf am 20. ein, gleichzeitig mit der Sieges- 
kunde von der Einnahme Eriwans. Sie wurde mit ungeheurem 
Jubel aufgenommen und lenkte sowohl die Gedanken des Kaisers 
wie der „Gesellschaft^ in Petersburg in eine neue Richtung. Man 
hielt den sofortigen Ausbruch eines Krieges für möglich und erwog 
die politischen und militärischen Aussichten. Wurde auch von 
Nesselrode zunächst an der Vorstellung festgehalten, daß England 
und Frankreich mit Rußland gemeinsame Sache machen würden, so 
wurde doch auch nicht ohne Behagen die W^ahrscheinlichkeit einer 
ausschließlich russischen Aktion gegen die Türkei erwogen, denn 
wenn die beiden Westmächte Rußland allein die Last eines türki- 
schen Krieges tragen ließen, so glaubte man die lästigen Ver- 
pflichtungen abschütteln zu können, die Eroberungen auf Kosten 
der Türkei ausschlössen. In diesem Sinne schrieb Nesselrode schon 
am 18. November dem Feldmarschall Wittgenstein, der als Kom- 
mandierender der zweiten Armee zunächst berufen war, die mili- 
tärischen Operationen zu leiten, und dem der Kaiser auch das 

^) Sie war vom Senator ßielinski abgefaßt, unter dem Druck der ge- 
heimen Gesellschaften, deren Proklamation die schlechten Patrioten mit der 
Rache des Volkes bedrohten. 

') „leur pays a ete spolie et non conquis par Plmporatrice Catherine* 
er fügt ^inzu, die Mittel, die sie angewandt habe, seien „les plus honteux 
et dont chaque äme honnete aurait repugn^^ 1. 1. 12. Dezember 1827. 



214 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

Oberkommando in dem bevorstehenden Feldzuge zugedacht hatte'). 
Für den Fall eines Bruchs mit der Türkei sollte ohne jeden Zeit- 
verlust der Pruth überschritten werden, damit Rußland die Donau- 
Fürstentümer besetzen könne, bevor die Österreicher ihrerseits die 
Okkupation der Walachei vorgenommen hätten. Ihre Truppen^ 
30000 Mann stark, ständen schon an der Grenze. Sollte Wittgen- 
stein wider Erwarten bei seinem Einrücken die Österreicher be- 
reits in der Walachei vorfinden, so solle er ihre Generäle auf- 
fordern abzuziehen und ihnen im Weigerungsfalle sagen, daß er 
den Auftrag habe zu protestieren, und dem Kaiser dann sofort 
Mitteilung machen. Inzwischen aber sollte er okkupieren was 
noch frei sei, die Österreicher jedoch so behandeln, daß sie den 
Eindruck gewinnen, Rußland wolle trotz allem gute nachbarliche 
Beziehungen aufrechterhalten. 

Der Feldmarschall war von dieser Instruktion keineswegs er- 
baut; er wies darauf hin, daß es eine Partei moldauischer und 
walachischer Bojaren gebe, denen eine österreichische Schutzherrschaft 
hocherwünscht wäre. Wenn auf seinen Protest hin die Österreicher 
nicht wichen, werde seine Lage so schwierig werden, daß ihm 
nichts übrig bleibe, als entweder sie zu bekämpfen oder selbst 
zurückzugehen. Seiner Meinung nach wäre das Richtige, den 
Österreichern zu erklären, daß ein Einrücken ihrer Truppen in die 
Fürstentümer als Kriegserklärung gelten werde. In Petersburg 
wurde diesen Einwürfen und Vorschlägen des Feldmarschalls wenig 
Aufmerksamkeit geschenkt. Trotz alles Mißtrauens gegen die 
Politik des Fürsten Metternich glaubte man nicht, daß er kühner 
Entschlüsse fähig wäre. Er sei kein Bonaparte; auch rechnete 
Nesselrode auf den Erfolg der Verhandlungen, die im Gange waren 
und deren Ziel es war, nach allen Richtungen hin Rußland mög- 
lichst freie Hand zu sichern. Die sich drängenden Nachrichten 
aus Konstantinopel ließen keinen Zweifel mehr, daß der Krieg, 
und zwar der Krieg mit Rußland, dem Sultan Mahmud als eine 
politische und religiöse Ehrenpflicht erschien. 

Seit dem 30. Oktober wußten auch die türkischen Staatsmänner 
von den Ereignissen von Navarino, aber erst am 2. November wagten 
sie, dem Sultan davon Mitteilung zu machen. Der brauste auf in 



^) Werki, Wittgensteinsches, jetzt fürstlich Hohenlohesche% Archiv. 
Korrespondenz Wittgensteins mit Diebitsch und Nesselrode. 1827 — 29. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 215 

wildem Zorn*). Durch den Reis-Efendi ließ er den Internunzias 
Ottenfels wissen, unter welchen Bedingungen er geneigt sei, zu ver- 
zeihen. Er verlange binnen 24 Stunden Entschuldigung von den 
drei Mächten, die Zusage einer entsprechenden Entschädigung für 
die bei Navarino erlittenen Verluste, einen Verzicht auf jedes Ein- 
greifen in die griechischen Angelegenheiten, und das ausdrückliche 
Aussprechen ihres Wunsches, fortan in Frieden mit der Pforte zu 
leben. Ottenfels hat es nicht möglich gefunden, die zweite und 
dritte dieser Forderungen den Gesandten mitzuteilen. Als dann die 
Vertreter der Mächte durch ihre Dragomans die direkte Frage an 
den Keis-Efendi richteten, ob die hohe Pforte, in Übereinstimmung 
mit den Mächten geneigt sei, die Wiederkehr von Ereignissen zu 
verhindern, welche sie hätte vermeiden können, die aber von den 
Vertretern der Mächte tief beklagt (deplorer) würden, und zugleich 
eine direkte Antwort verlangten, ob der Sultan, wie sie es täten, 
den Frieden erhalten wolle*), entschied Mahmud folgendermaßen: 
Es gäbe zwischen der Türkei und den Mächten keine .Beziehungen 
mehr, seit sie mitten im Frieden, unter der Maske der Freund- 
schaft, ihm einen tödlichen Schlag beigebracht hätten. Weder 
Freundschafts- noch Handelsvertrag, noch die Konvention von Akker- 
man bestehe mehr zu Recht. Er erkläre nicht den Krieg, aber er 
werde ihn mit aller Kraft führen, wenn man ihn angreife. Er sei 
auf alles vorbereitet, und keine Gefahr werde ihn zurückweichen 
lassen. Die Botschafter wolle er nicht wiedersehen, sie könnten fort- 
ziehen, wann ea ihnen beliebe. Auch werde er niemand belei- 
digen, aber er wolle auch nicht dulden, daß man ihn ferner be- 
schimpfe, und werde zeigen, daß er nicht gesonnen sei, sich zum 
Narren halten zu lassen. 

Der Reis-Efendi gab dann den Dragomaus eine etwas abge- 
schwächte offizielle Antwort; am 5. November aber trat an der Pforte 
ein großer Rat zusammen, zu dem die Ulemas, Ridgeals und alle Mi- 
nister berufen wurden. Es blieb dabei, daß die Pforte auf Er- 
füllung der vier Forderungen bestehen müsse, die sie dem Inter- 
nunzius formuliert hatte. Den Mächten wurde eine Frist von vier 



*) Für das Folgende vergl. Prokesch Osten: Geschichte des Abfalls der 
Griechen etc. Bd. V, S. 130 ff. Die dort mitgeteilten Aktenstücke sind aber 
keineswegs vollständig. Sie werden hier ergänzt durch die Relationen Ton 
Miltitz. Berlin G. StA. A. A. I Rep. I Turquie 1827, 28. 

^) Instruktion an die Dragomans vom 4. November, Prokesch S. 130. 



216 Kapitel YII. Von Navarino bis zum Aasbruch des Krieges. 

Wochen zur Beantwortung gesetzt; bis dahin sollten alle Beziehungen 
zu ihnen ruhen, der Handelsverkehr ins Schwarze Meer hinein so- 
fort abgebrochen werden. 

Es ist nun sicher, daß die Pforte einerseits auf Unterstützung 
von Seiten Österreichs, andererseits auf eine Abwendung Englands 
von der Allianz rechnete; sie hat daher eine Kollektivnote der Mächte 
vom 10. November, welche die Forderungen der Pforte kategorisch ab- 
lehnte und umgehende Rücknahme ihrer den Verträgen widersprechen- 
den Maßregeln verlangte, zunächst, in Erwartung günstiger Nach- 
richten aus Wien, unbeantwortet gelassen und am 14. den mageren 
Bescheid gegeben, sie wolle das, über die Schiffe der Mächte verhängte 
Embargo teilweise aufheben. Die Verhandlungen zogen sich danach 
noch acht Tage hin; schließlich blieb kein Zweifel mehr möglich, daß 
an ein Nachgeben der Pforte nicht zu denken sei. Schon wurden 
die Anstalten zur Abreise der Botschafter getroffen, und eine ge- 
meinschaftliche Konferenz, die sie vom Reis-Efendi erwirkten, führte 
gleichfalls nicht zu greifbaren Ergebnissen. Immerhin gaben die 
Friedensfreunde nicht alle Hoffnung auf, da die Botschafter sich be- 
reit gefunden hatten, noch einige Tage auf eine endgültige Antwort 
Mahmuds zu warten. Der Sultan, der eben jetzt Tahir Pascha em- 
pfangen und von diesem eine aufregende Schilderung der schmerz- 
lichen Ereignisse von Navarino gehört hatte, ließ am 27. November 
den Dragomans der drei Mächte erklären, daß seine Beschlüsse un- 
wandelbar seien, und daß, bevor die Griechen sich ihm unterworfen 
hätten, von einer Aufnahme der Beziehungen zu den Mächten 
keine Rede sein könne. Wie dann am 28. die Gesandten ihre 
Pässe verlangten, machte der Großvezier noch einen letzten Versuch, 
Mahmud umzustimmen. Als der Sultan vom Serail in das Winter- 
palais übersiedelte, warf er sich ihm zu Füßen und bat ihn aus 
Rücksicht auf die Bitten der drei Botschafter zu sagen, was er den 
Griechen gewähren könne. Die Autwort konnte unmöglich be- 
friedigen. Er wolle, sagte der Sultan, den Griechen den Karatsch 
erlassen, den sie ihm für die letzten sechs Jahre schuldig geblieben 
seien, dazu noch die Abgaben für das nächste Jahr, auch keine 
Entschädigung für seine Kriegskosten verlangen. Mehr aber werde 
er nicht gewähren. Diese Antwort wurde den Botschaftern mitge- 
teilt, die noch immer vergeblich auf ihre Pässe warteten. Ihre 
Lage war um so peinlicher, als sie von ihren Regierungen seit 
Navarino keine Instruktionen erhalten hatten und auf eigene Ver- 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 217 

antwortung handeln mußten. Die nächstfolgenden Tage gingen in 
Konferenzen hin, und die Wiederherstellung des Embargo für die 
Schiffe, die in das Schwarze Meer wollten, bestätigte die Meinung, 
daß der Sultan es allerdings auf einen Bruch werde ankommen 
lassen. Die letzte Entscheidung ist dann von der Pforte, am 2. 
Dezember 1827, auf einer außerordentlichen Ratsversammlung ge- 
troffen worden. Alle Minister, Veziere, Paschas, die Spitzen der 
Behörden und 160 Individuen, die aus den Ulemas, Ridgeals und 
Kodgeakians') gewählt waren, sollten ihr Urteil über die Lage 
abgeben. 3000 Zuschauer hatten sich im Hof versammelt. Der 
Sultan selbst aber hörte die Verhandlungen aus einem Kabinett 
an, das an das Beratungszimmer stieß. Man trennte sich erst 
gegen Abend, nachdem der folgende einstimmig gefaßte Beschluß 
vom Sultan bestätigt worden war: da die Bitten der drei Bot- 
schafter, sofern die künftige Stellung der Griechen in Frage komme, 
unannehmbar seien, da ferner die drei Höfe den Freundschafts- 
bund gebrochen und das Blut der Osmanen vergossen hätten, solle 
das muselmännische Volk sich zur Verteidigung des Thrones, der 
Religion und der nationalen Ehre zusammenscharen! 

Dieser Beschluß ist beschleunigt und wesentlich mitbestimmt 
worden durch eine Botschaft, die von den drei Dragomans in 
währender Sitzung überbracht wurde. Das Verhalten der Pforte, 
ließen die Botschafter sagen, berechtige sie schon jetzt, Konstantinopel 
zu verlassen. Sie hofften aber immer noch, daß der Divan sein poli- 
tisches System ändere, und um ihnen möglich zu machen, auf ihrem 
Posten zu bleiben, die folgenden Beschlüsse fassen werde: Herstellung 
aller Privilegien, Immunitäten und Freiheiten, auf denen die Stellung 
der Diplomaten an der Pforte ruhe, sofortigen Erlaß eines Hatti Sheriff, 
der einen Waffenstillstand zu Wasser und zu Lande verkündigte, 
endlich Gewährung der durch den Julivertrag für die Griechen 
geforderten Stellung. Im Fall einer abschlägigen Antwort müßten 
sie nochmals ihre Pässe fördern, um abzureisen. Der niederländische 
Gesandte werde den Schutz der französischen, englischen und russi- 
schen Untertanen übernehmen '). Die Antwort, die den Dragomans 



^) Das ist: die Vertreter der Armee und der Korporationen, die der 
Sultan nach einer ihm Torg^elef^ten Liste bezeichnet hatte. 

^ Relationen von Miltitz Tom 10. November bis 10. Dezember 1327, 
Berlin, Geb. Staatsarchiv. 1. 1. Stanley Lane-Poole: The life of Stratford 



218 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

erteilt wurde, war höhoisch genug: Da die Konzessionen des Sultans 
zurückgewiesen worden seien, nehme er sie nunmehr auch selbst 
zurück; für den Schutz der fremden Untertanen aber werde er 
selbst Sorge tragen und ebenso für den Schutz der katholischen 
Kirchen und Klöster, die der Botschafter Frankreichs dem Inter- 
nunzius überweisen wollte. 

Den Reisefirman erhielten die Botschafter nicht; erst wenn 
sie einen ausdrücklichen Befehl ihrer Regierungen vorweisen könnten, 
werde ihnen der Firman zugestellt werden. Der englische Bot- 
schafter Stratford Canning hat in seinen Briefen die peinliche 
Lage geschildert, in der er und seine beiden Kollegen sich befanden: 
„Wir handelten unter schwerer Verantwortlichkeit vor unseren Re- 
gierungen. Wir mußten für den Schutz der Kaufleute, für Be- 
förderung der Korrespondenz und für die Sicherheit des zurück- 
bleibenden Eigentums der Krone Sorge tragen. Wir konnten nicht 
vorhersehen, wohin die fanatische Erregung des muselmännischen 
Pöbels bei unserer Abreise treiben werde. Zwar hatten wir guten 
Grund zur Annahme, daß im letzten Augenblick die Pforte nach- 
geben werde, aber wir mußten uns doch auch auf den Fall vorbereiten, 
daß es nicht geschehe. Am 8. Dezember schiffte ich mich an Bord 
eines kleinen, vorher gemieteten Kauffahrers ein. Meine Frau be- 
gleitete mich. Wir hatten zahlreiche Gefährten: Sekretäre, Attaches, 
Konsuln, die Dolmetscher und die Dienerschaft. Ein weiter Vfeg 
mußte durch die Straßen der Stadt zurückgelegt werden. Es war 
schon dunkel, als wir aufbrachen, ein starker Nordwind und heftiger 
Regen hielt uns die Straßen frei und so konnten wir unbehindert 
abfahren. Der WMnd war stark aber günstig. Der französische 
Botschafter, der ein oder zwei Stunden vor uns die Anker gelichtet 
hatte, wurde von uns überholt und wir passierten als erste die 
Dardanellen." 

Ribeaupierre hat mit Gefolge und zahlreichen Russen erst am 
16. Dezember Konstantinopel verlassen; er nahm seinen Kurs nach 
Triest, weil widrige Winde ihm den Weg nach Odessa ver- 
sperrten. Er vereinigte sich später auf Befehl von Petersburg her 
mit seinen französischen und englischen Kollegen in Korfu. Die 
Pfortesetzte nach Abreise der Botschafter eine Kommission unter Vorsitz 



Canning Cap. XII, wo die letzten Tage der Knsis sehr anschaulich geschilderl 
werden. 



Kapitel Yil. Von Navarino bis zum Ausbrach des Krieges. 219 

des Reis-Efendi zum Schutz der Fremden eia, nahm aber zugleich 
zahlreiche Ausweisungen vor. Namentlich die ihr verdächtigen 
„Jonier" mußten die Stadt verlassen und wurden auf vier dazu 
gemieteten Schiffen nach dem Archipel geschafft. Daß der Ver- 
dacht der Pforte gegen die Griechen nicht unbegründet war, zeigten 
zwei glücklich vereitelte Versuche, die türkischen Kriegsschiffe durch 
Brander im Hafen von Eonstantinopel in Flammen zu setzen. 

Am 15. Dezember führte die Pforte bei den drei Höfen Be- 
schwerde über die Botschafter, weil diese unzulässige Forderungen 
gestellt und, anstatt die Gegenvorstellungen des Divans zur Kennt- 
nis ihrer Höfe zu bringen, Konstantinopel verlassen hätten. Einen 
ausdrücklichen Befehl, diesen Schritt zu tun, hätten sie nicht vor- 
bringen können. Daher ließe es sich bezweifeln, ob sie wirklich 
im Auftrag ihrer Höfe handelten. Dieser Brief habe den Zweck, 
die wahre Sachlage den Höfen bekannt zu geben. 

Schon vorher aber war eine Kundgebung der Pforte an die 
Ajans von Rumili und Natoli ergangen, die der russischen Regie- 
rung den äußeren Anlaß bot, mit der Pforte zu brechen. 

Es war ein Reskript (Bayan-Nehme) des Sultans, das in der 
Tat einer Herausforderung gleichkam. Es begann mit der folgen- 
den allgemeinen Betrachtung: „Wenn es wahr ist, daß, wie jeder- 
mann zugestehen muß der mit Vernunft begabt ist, die Musel- 
männer von Natur die Ungläubigen hassen, so ist es nicht weniger 
gewiß, daß jene die geborenen Feinde der Muselmänner sind. 
Namentlich aber gilt das von den Russen, deren Reich der Haupt- 
feind der hohen Pforte ist')." Das Charakteristische dieser Kund- 
gebung liegt wohl vornehmlich darin, daß sie alle Zugeständnisse, 
die seit 1821 den christlichen Mächten von der Pforte gemacht 
worden seien, namentlich aber die Vereinbarungen von Akkerman, 
als eine politische List bezeichnete, deren Zweck dahin ging, Zeit 
zu gewinnen, um sich zum Kampf gegen die Ungläubigen vorzu- 
bereiten. Auch nach dem verräterischen Überfall von Navarino 
habe der Sultan an sich gehalten und sich damit begnügt, von den 
Vertretern der drei Mächte zu verlangen, daß sie endlich aufhören 
sollten, für die Griechen einzutreten. Er habe sogar, um Zeit bis zum 



') Nach der DberseUung von Miltitz, ein etwas abweichender Text, 
der die Schärfen zu mildern sucht, bei Prokesch-Osten 1. 1. Vlll. 44, Bd. V 
S. 140 fiF. 



220 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

Sommer zu gewinnen, mit ihnen noch verhandelt, und versprochen, 
den Griechen, wenn sie um Gnade bäten, erhebliche Vorteile zu 
gewähren. Aber alles sei vergeblich gewesen, und schließlich 
hätten alle drei Gesandten angezeigt, daß sie fortziehen würden. 

Hätte er, der Sultan, ihnen nachgegeben und den Griechen 
wirklich die Freiheit geschenkt, so wäre ein Aufstand der Griechen 
in Rumili und Natoli die sichere Folge gewesen, und nach einem 
Jahre oder zwei würden sie dann das großmütige muselmännische 
Volk unterjocht haben. Das solle nimmermehr geschehen. Alle 
Ungläubigen seien, wie der Koran sage, nur ein Volk, aber wenn 
sie sich gleich alle zusammentun sollten, um ihre Forderungen 
durchzusetzen, so würden die Moslems, ohne die Zahl der Feinde 
zu achten, sich alle erheben, um geschart um die Fahne des 
Propheten für ihren Glauben zu kämpfen. Denn es sei kein Krieg 
um die Grenzen des Reiches. Die Ungläubigen hätten (wovor Gott 
in Gnaden bewahre) den Plan gefaßt, die Nation der Muselmänner 
von dem Antlitz der Erde zu vertilgen, und die Religion Moham- 
meds mit F'üßen zu treten^). Dieser Krieg werde ein National- 
und Religionskrieg sein und daraus folge die Pflicht für jeden 
Muselmann, ohne Anspruch auf Sold und Gewinn, für Recht und 
Glauben zu kämpfen bis zum jüngsten Tage! „So liegen die Dinge. 
Wer von Euch noch einen Funken von Eifer für seinen Glauben, 
für sein Heil in dieser und jener Welt hat, der schließe sich uns 
an mit Herz und Seele und entziehe sich keiner Pflicht des Krieges. 
Gebt ihr Euch ganz dem Besten des Reichs und der Religion hin, 
so kommt die Hilfe von Gott*"). 



^) Im österreichischen Translat weit schwächer: „tendraient a renyerser 
notre religioa et notre empire."^ 

3) Text von Miltitz: Äctuellement qu'on yous a expose la Situation des 
choses, que tous ceux qui ont quelque ^tincelle de zele pour la foi et pour 
leur. salut dans ce monde-ci et dans Tautre, s^unissent ensemble de coeur et 
d*äme, ne se refuseut a aucun Service, et se devouent entierement pour lo bien 
de Tempire et de la religion. Et Paide vient de Dieu. 

Text von Prokesch-Osten: Tel ctant Tetat v^ritable des choses, il est 
certain que tout homme qui a conserve dans son äme la moindre trace de 
sentiment religieux confirmera de cocur et d'äme le pacte qui le lie a la de- 
fense de tout ce qui doit lui etre eher, et consacrera a cette defense les forces 
et les moyens dont il dispose. Dieu est notre soutien. Neben dem Stilgefühl 
der Dragomans spielt auch die politische Tendenz in den Obersetzungen 
türkischer Aktenstücke eine sehr merkliche Rolle. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 221 

AU später der preußische DragomanBosgiowitsch deinReis-Efendi 
wegen dieser Kundgebung Vorstellungen machte, soll seine Antwort 
gewesen sein: „Dieses Dokument gehe die fremden Mächte nichts 
an, so müsse man zu dem türkischen Volke sprechen.'^ Das 
war vom türkischen Standpunkte aus gewiß richtig und der Auf- 
ruf eine. Notwendigkeit, wenn Sultan Mahmud, wie es in der Tat 
der Fall war, an dem Entschluß festhielt, das Londoner Protokoll 
nicht zur Richtschnur seiner Politik den Griechen gegenüber zu 
nehmen. 

Daß aber Rußland als der eigentliche Gegner bezeichnet wurde, 
war fast selbstverständlich. Nach allem was vorhergegangen war, 
hatte die Vorstellung, daß die Gefahr von dieser Seite drohe, in 
der europäischen wie in der asiatischen Türkei auch im Volke 
Fuß gefaßt und selbst Navarino erschien vornehmlich als der Aus- 
druck russischer Feindseligkeit. Den Russen schrieb man die Er- 
regung des griechischen Freiheitskampfes und überhaupt alles Un- 
heil zu, das die Türkei seit bald einem Dezennium zu tragen 
hatte. Das war nicht nur die Meinung des Sultans und seiner 
Staatsmänner, sondern auch das instinktive Gefühl der Massen. 
Sultan Mahmud aber trug den Haß gegen den russischen Gegner 
in rachsüchtigem Herzen. Wenn er 1826 in Akkerman hatte nach- 
geben müssen, so war es geschehen, weil er nicht anders konnte, 
und weil die große Frage der Umbildung des osmanischen Kriegs- 
wesens ihm für die Zukunft des Islam wichtiger schien, als alles 
übrige. Er hatte gehofft, Zeit zu gewinnen. Zehn Jahre Ruhe 
sollten die schmerzlichen Zugeständnisse, die er widerwillig ge- 
macht hatte, ihm eintragen. Bis dahin wollte er die Griechen 
unterworfen oder vernichtet, sein Heer nach dem Muster, das die 
Gegner ihm boten, umgebildet haben und dann die Verträge, die 
sie ihm aufgenötigt hatten, ihnen zerrissen vor die Füße werfen. 
Die Ereignisse von Navarino hatten ihm diesen Plan zerstört, 
und er stand nunmehr vor der Notwendigkeit, den Krieg, den 
er ganz richtig als unvermeidlich erkannte und dem er ohne Preis- 
gebung seiner Autorität im Reich und seiner Selbständigkeit dem 
Auslande gegenüber nicht entrinnen konnte, auf sich zu nehmen. 
Aus dieser Einsicht erklären sich alle Schritte des Sultans nach 



Übrigens bemerkt Miltitz ansdrücklich, daß das im diplomatischen Korps 
zirkulierende Exemplar des Aufrufes nicht einmal vollständig gewesen sei. 



222 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbrach des Krieges. 

Navarino. Er hoflfte dabei von Österreich, das ja seit 1821 stets 
die Rolle des besten Freundes und Ratgebers der Türkei gespielt 
hatte, Unterstützung zu finden, und rechnete anderseits darauf, 
England von Rußland und Frankreich zu trennen. Auch sind 
diese Hoffnungen nicht als chimärisch zu bezeichnen. Am 8. Januar 
1828 hatte Wellington, der seit dem Vertrage vom 6. Juli 1827 als 
ein entschiedener Widersacher der russischen Politik gegenüberstand 
und mit dem Botschafter Fürsten Lieven und seiner Gemahlin ver- 
feindet war, ein Ministerium mit Lord Aberdeen als Minister des 
Auswärtigen gebildet, aus dem die alten Freunde Cannings aus- 
scheiden mußten, and die Rede, mit der er sein erstes Parlament 
eröffnete, hatte die Politik, die zur Schlacht bei Navarino führte, 
ausdrücklich verleugnet. 

Aber die Nachwehen der großen wirtschaftlichen Krisis der 
Jahre 1825 und 1826') machten sich immer noch drückend fühl- 
bar und zudem wurde das Interesse Wellingtons durch innere 
Probleme, speziell von der wiederauftauchenden Frage der Katho- 
likenemanzipation ') so stark in Anspruch genommen, daß ihm 
große auswärtige Verwicklungen im höchsten Grade unerwünscht 
sein mußten. Dazu kamen dann die portugiesischen Schwierig- 
keiten. Die Haltung Englands während der ganzen orienta- 
lischen Krisis ist dadurch beeinflußt worden. Wellington hat 
mit der Feder, nicht mit den Machtmitteln Englands die Pforte 
zu stützen versucht, so daß alle Hoffnungen, welche die Pforte auf 
ihn setzte, zuschanden wurden*). Ungünstig für die Türkei war 
es ferner, daß in Frankreich am 4. Januar 1828 das Ministerium 
Villele zusammenbrach und durch das liberale Kabinett Mar- 
tignac ersetzt wurde, in dem La Ferronnays, der Freund Nikolais, 



') Tugan ßaranowski: Studien zur Theorie und Geschichte der Handels- 
krisen in England. Jena 1901 S. 84. Schöler in seinen Relationen weist 
mehrfach auf diese inneren Schwierigkeiten Englands hin. 

') Die Katholikenemanzipations-Bill war zwar im Unterhause durchge- 
gangen, stieß aber bei den Lords auf heftigen Widerstand. 

') Brief der Fürstin Lieven an ihren Bruder Alexander Benkendorf von 
16./28. März 1828. „England is a coward, and nothing less. She is afraid to 
go with US, afraid to go against us, and she thinks herseif safe by holding 
mid-way between her two fears. The attitude is not very dignified for her, 
but it is not harmfull to us, and that is the essential matter.* Letters of Do- 
rothea Princess Lieven. London 1902, S. 125. 



Kapitel VII. V^on Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 223 

das Ministeriutn des Auswärtigen übernahm. Österreich endlich 
stand zwar nach wie vor mit all seinen Sympathien auf 
türkischer Seite, aber direkte Hilfe konnte und wollte es nicht 
bieten. Metternich hat durch eine Depesche, die er am 6. Januar 
1828 an den Großvezier richtete, noch einmal versucht, die Pforte 
zu Zugeständnissen zu bewegen, um weiteren Maßregeln der Ver- 
bündeten vorzubeugen und wenn irgend möglich einen Krieg zu 
verhüten; aber schon Ende des Monats stand fest, daß diese Be- 
mühungen keinen Erfolg haben würden. Alle Wahrscheinlichkeit 
sprach dafür, daß die Pforte nur auf die eigenen Machtmittel im 
Kampf gegen ihre Feinde werde rechnen können. Auch zögerte 
sie nicht mit ihren Vorbereitungen. 

Schon vor der Abreise der Gesandten hatten die Rüstungen 
begonnen und die Versammlung der Ajans hatte nur bestätigt, was 
schon lange dem Sultan feststand: daß nunmehr der Krieg den 
Streit zwischen den Europäern und der Pforte entscheiden solle. 
Selbst wenn alle Mächte gegen ihn zusammenständen, werde 
er nicht nachgeben'). Es kann aber nicht zweifelhaft sein, 
daß trotz des Hasses, mit dem man auf Rußland blickte, weder 
religiöser Fanatismus noch Kriegsbegeisterung bei der Bevölkerung 
vorhanden waren. Sie fügte sich dem harten Despotismus des 
Großherrn und zog ins Feld, weil es kein Entrinnen gab. 
Es war, abgesehen von den regulären Truppen, elendes bettel- 
haftes Volk, das jetzt zusammenströmte; die Provinzialjanitscharen 
zeigten sich unbotmäßig und unzuverlässig, zumal zum Seraskier 
eben jener Hussein Pascha ernannt wurde, der ihre Brüder 1826 
so erbarmungslos niedergemetzelt hatte. Der Sultan selbst aber 
war ihnen verhaßt als ein gottloser Neuerer. Trotzdem mußten 
sie seinen Fahnen folgen. Als Mitte Mai die Pforte ihre Ausrüstung 
beendet hatte, rückten aus dem Lager von Daud Pascha mit dem 
Seraskier 10000 Reiter und 40 Geschütze, während Halil Pascha 
6000 Mann regulärer Infanterie führte. An europäischen Milizen 
und von der waffenfähigen Bevölkerung Bulgariens wurden gegen 
20000 Mann aufgebracht, an asiatischen Milizen zu Fuß und zu 
Pferde gegen 15000 Mann. Die Albaner hatten jede Leistung ver- 
weigert. Das gab für den europäischen Kriegsschauplatz in Summa 



^) Bericht des franzosischen Botschaftssekretärs Degranges vom 22. Januar 
1828. Paris, Depot des Äff. etr. Uussie. 



224 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

etwa ÖOOOO Mann, die alle die Direktion auf Schumla erhielten. 
Außerdem standen 15000 Mann in Widdin und ebenso viele in den 
Donaufestungen '). Mit diesen Truppen, die nach den Erfahrungen 
früherer Kriege ausreichend erschienen, wollte man die 90 deutsche 
Meilen lange Linie Varna, Schumla, Tirnowo, Widdin, Oreowa 
verteidigen. Die Stellung der Türken war eine rein defensive. 
Moldau und Walachei überließ man dem Feinde, wobei einerseits 
auf die Eifersucht Österreichs gegen Kußland gerechnet wurde, an- 
dererseits die Erwägung mitgespielt zu haben scheint, daß die 
Aufstellung des linken türkischen Flügels bei Widdin die Russen 
nötigen werde, die ganze Walachei zu besetzen und dadurch ihre 
Kräfte »u zersplittern. Die Pforte hatte außerdem eine Flotille 
fast unbrauchbarer Kanonenboote auf der Donau und die Reste der 
türkisch-ägyptischen Flotte, 61 Fahrzeuge, darunter nur zwei Li- 
nienschiffe und vier Fregatten, sowie 28 ägyptische Transportschiffe. 
Admiral Rigny konnte mit Leichtigkeit diese geringe Macht ver- 
hindern, irgend welche Operationen vorzunehmen; in das Schwarze 
Meer aber durfte sie sich nicht hinauswagen, so daß sie so gut 
wie nicht existent war. Sie lag in der Bucht von Bujukdere, ein 
kümmerlicher Schutz der Hauptstadt. Auch vom Pascha von 
Ägypten war Hilfe nicht zu erwarten. Zwar Ibrahim Pascha mit 
seinem Heere war nach wie vor in Morea, aber es war nur eine 
Frage der Zeit, wann er die Halbinsel würde räumen müssen. 

Schon am 9. Februar 1828 warMehemed Ali aufgefordert worden, 
ihn abzurufen, und am 3. März hatte der Lord-Kommissar der 
Jonischen Inseln, Sir Frederik Adam, eine englische Fregatte nach 
Navarino geschickt, um Ibrahim mitzuteilen, daß er Morea zu ver- 
lassen habe. Der aber erwiderte, daß er nur nach den Befehlen 
Mehemed Alis handeln könne. Er ist erst später, als die Fran- 
zosen unter Admiral Maison in Morea landeten, abgezogen. 

Über die Erwägungen, die in Rußland zur Feststellung eines 
Feldzugsplanes führten, sind wir nur schlecht unterrichtet. Der 

') Moltke, Der russisch-türkische Feldzug in der europäischen Türkei. 
II. Aufl. Berlin, G. Reimer 1877, gibt die gesamte disponible Kriegsmacht der 
Türkei auf zirka 180000 Mann an. Unsere Zahlen berechnen die zu Anfang 
der Kampagne disponiblen Truppen. Das Werk Moltkes wurde 1876 Tom 
Obersten Schilder ins Kussische übersetzt und mit wertvollen Anmerkungen 
versehen, die auf das Archiv des russischen Generalstabes fundiert sind und 
stets Berücksichtigung verdienen. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 225 

General Diebitsch hatte 1821 dem Kaiser Alexander einen Entwurf 
vorgelegt, der Konstautinopel zum Ziel nahm und außerordentlich 
kühn gedacht war. Er wollte in einem Feldzuge vom März bis 
zum 1. August KoDstantinopel unter Mitwirkung der Flotte nehmeo, 
während gleichzeitig Jermolow Erzerum und Trapezunt bewältigen 
sollte. Als 1826 infolge des russischen Ultimatums die Gefahr 
eines Krieges wieder drohte, hatte der Prinz Eugen von Württem- 
berg*) einen Operationsplau auf Wunsch des Kaisers ausgearbeitet, 
bei dessen Überreichung er ausdrucklich bemerkte, „daß Zeit und 
Umstände manche Bestimmungen verändern könnten und demnach, 
was heute gut sei, morgen nichts mehr tauge, überhaupt aber in 
einem Kriege, in dem man nicht erobern, sondern nur einen 
wesentlichen Zweck erreichen wollte, alles auf schnelle Entschei- 
dung, Imponieren und Zuvorkommen fremder Einsprache durch 
rasche Erfüllung des vorgesetzten Zweckes ankomme. Diese An- 
sichten" — so fährt der Prinz fort — „und zumal die von mir 
vorgeschlagenen Mittel fanden sich in vollkommener Überein- 
stimmung mit denen, welche der Chef des kaiserlichen General- 
stabes, General Diebitsch, ohne mein Vorwissen auch von seiner 
Seite vorgelegt hatte; da mir aber die Truppenzahl von selten des 
Kaisers bereits deünitiv bestimmt war, so hatte ich hierauf meine 
Berechnungen gefußt, Diebitsch dagegen, wie ich das ganz ver- 
nünftig fand, beinah ein Drittel mehr gefordert. . . . Mir war bei 
dem bevorstehenden Feldzuge das Kommando der vier Divisionen 
bestimmt, welche bei Ismail über die Donau gehen und von dort 
aus den ersten Schlag zu einer Zeit ausführen sollten, wo die 
Türken durchaus noch keine Verteidigungsmaßregeln getroffen 
haben konnten. Im Fall Graf Wittgenstein durch den damals 
vermuteten Abgang des Generals Sacken zum Kommando der 
ersten Armee berufen worden wäre, sollte mir überdies das der 
zweiten zufallen." Auch 1828 wurde Prinz Eugen nach Petersburg 
berufen, aber von einem Kommando für ihn war weiter nicht die 
Rede, seine Anstellung war in eine Begleitung des Kaisers umge- 
wandelt und um die Feststellung des Kriegsplanes wurde er nicht 
weiter befragt. Dagegen erfuhr er, daß statt der früher bezeich- 
neten Truppenzahl „unendlich weniger" aufgeboten werden sollte. 



^) Nachgelassene Korrespouilenz zwischen Herzog Eugen von Württem- 
berg und General von HoiTmann. Kannstadt 1883. Brief vom 11. April 1829. 

ScbiemanD, Geschichte KuBIands. II. 15 



226 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

und daß von seinen Vorschlägen nur „das Tadelhafteste", auf die 
veränderten Verhältnisse nicht mehr Anwendbare, übernommen 
worden war. Der neue Feldzugsplan aber ging auf Diebitsch zu- 
rück, der, um sich den Anschauungen des Kaisers anzupassen, die 
kühnen Pläne, mit denen er sich 1821 trug, völlig aufgegeben 
hatte. „Euere Majestät wissen," — schrieb er am 23. März 1828 
dem Kaiser — „daß ich eine weitere Vergrößerung Kußlands nie- 
mals für nützlich gehalten habe.^ 

Schließlich ist der endgültige Feldzugsplan durch einen Kom- 
promiß zwischen den Anschauungen Wittgensteins,, dessen Er- 
nennung zum Oberkommandierenden definitiv beschlossen wurde, 
und denen Diebitschs festgesetzt worden. Im Grunde ist es 
der Kaiser gewesen, der in allen entscheidenden Fragen den 
Ausschlag gab. Wittgensteins Generalstabschef, General Kisselew, 
der in Petersburg mit Diebitsch verhandelte, hat ohne Zweifel 
gleichfalls auf die Feststellung des Feldzugsplanes eingewirkt, 
aber nicht den Einfluß besessen, die Gedanken des Feldmarschalls 
durchzusetzen. Wittgenstein war der Meinung, daß es eine halbe 
Maßregel sei, wenn man sich zunächst nur auf die Besetzung der 
Donaufürstentümer beschränke. Man müsse energisch, nicht tastend 
vorgehen und daher erstens die Truppen so aufstellen,, daß Pruth 
und Donau gleichzeitig überschritten werden könnten, zweitens 
Tultscha und Isaktschi nehmen, Braila belagern und das Land bis 
zum Trajanswall besetzen; drittens rasch gegen Bukarest marschieren 
und es okkupieren, weil sonst die Türken die Donau überschreiten 
und das Land verwüsten würden; viertens starke Reserven bereit 
halten, um die aktive Armee zu unterstützen. Solle endlich fünftens 
das alles gleichzeitig geschehen, so könne er mit seinen Operationen 
nicht vor dem 13./25. Mai beginnen, er werde aber trotzdem in 
den ersten Junitagen am Fuße des Balkans stehen, was ganz un- 
erläßlich sei *). Kisselew war außerdem beauftragt, die Aufstellung 



^) Kisselew war Tom 23. März bis zum 13. April in Petersburg und 
arbeitete yorDehmlich mit Diebitsch, aber auch einigemal mit dem Kaiser 
und mit Nesselrode. Sablotzki-Dessjätkowski: Graf Kisselew und seine 
Zeit. Bd. 1. Petersburg 1882. Die Korrespondenz Wittgensteins benutze 
ich nach den Originalen, die Fürst Chlodwig Hohenlohe aus Werki in sein 
Privatarchiv überführte. Diebitschs Feldzugsplan hat außerdem dem General- 
major Berg vorgelegen, der darauf hinwies, daß der späteste Termin für die 
Überschreitung der Donau der 10. Mai sei. Beginne man den Krieg am 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 227 

einer Armee von 160000 Mann zu verlangen, da 30 bis 40000 
Mann zur Besetzung von Moldau und Walachei unerläßlich seien; 
aber der Kaiser und Diebitsch bestanden darauf, daß 106000 Mann 
ausreichen müßten und dabei ist es geblieben*). Das Schlimmste 
aber war, daß der Kaiser beschlossen hatte, den Feldzug mitzu- 
machen, ohne zugleich das Oberkommando zu übernehmen, und 
Während Wittgenstein mit seinem Generalstabschef Kisselew die 
nominelle Leitung und die tatsächliche Verantwortung für die bevor- 
stehenden Operationen tragen sollte, sich in dem Grafen Diebitsch 
als Chef des kaiserlichen Generalstabes einen Berater an die Seite 
zu setzen, der ihm als Autorität galt, der aber in Wirklichkeit 
sich geschmeidig den Absichten und Anschauungen des Kaisers an- 
zupassen verstand, und dessen Ehrgeiz, durch den Namen des 
Kaisers gedeckt, von dem bedenklichsten Einfluß auf den Gang 
der militärischen Operationen werden konnte und auch tatsächlich 
wurde'). Eine Einheitlichkeit des Kommandos war damit im 
Prinzip ausgeschlossen. Überhaupt gewinnen wir den Eindruck, 
daß den wichtigen Entscheidungen, die bis zur russischen Kriegs- 
erklärung am 26. April getroffen wurden, ein Intrigenspiel neben- 
hergeht, das namentlich in allen Personalfragen seine schädlichen Wir- 
kungen zeigte. Am kaiserlichen Hof bekämpften sicheine „russische^ ') 
und eine „deutsche'' Partei, wobei die letztere, die keineswegs aus- 
schließlich aus Deutschen bestand, die stärkere war, weil ihre Ver- 
treter dem Kaiser zunächst standen. Man bekommt eine Vorstellung 
von den herrschenden Stimmungen und Verstimmungen, wenn man 



1./13. April und überschreite man die Donau am 10./22. Mai, so lasse sich 
der Krieg 1828 beendigen. 

>) Schilder gibt nach den Akten des Generalstabes einen nominellen Be- 
stand von 113920 Mann mit 884 Geschützen an. Kisselew 106000 Mann mit 
468 Geschützen, darunter 48 Belagerungsgeschütze, Moltke rund 100000 Mann. 
Die Flotte im Schwarzen Meer bestand aus 16 Linienschiffen mit 1254 Ge- 
schützen, 6 Fregatten mit 286 und 7 Korvetten mit 139 Geschützen. Sie er- 
hielt unter Admiral Menschikow den Befehl, Anapa zu nehmen. 

^ Prinz Eugen erteilt Auskunft darüber in dem bereits iangezogenen Briefe 
an General von Hoffmann : n Von da ab (d. h. vom Beginn des Feldzuges) bis Ende 
des Monats Juli bei Schumla geschah nun nichts, als das widersinnigste Zeug, 
und niemand war darüber anzuklagen, als immer Diebitsch, der jeden bei der 
Armee Geltenden zu verdrängen suchte.*' 

') Über die Stimmung dieser .russischen Partei* vergl. in der Anlage 
den Brief La Ferronays' an Mortemart vom 7. Juli 1828. 

15* 



228 Kapitel Yll. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

im Tagebuch des Geheimrats Divow, der im MiDisterium des Aus- 
wärtigen der Stellvertreter Nesselrodes während dessen Abwesenheit 
zu sein pflegte, unter dem 12. April die folgende Aufzeichnung liest: 
„Wer umgibt -den Kaiser? Der anständige, aber charakterlose 
Nesselrode, den Alexander zur Passivität erzogen hat. Einfluß auf 
Nesselrode haben: seine Frau als Diktator, der Direktor des asiati- 
schen Departements Rodofinikin, der Nesselrodes persönliche An- 
gelegenheiten leitet, Senator Poletika, der ihm das Geklatsch in 
Stadt und Hof sammelt. Der Kaiser ist ihm nicht wegen seiner 
Fähigkeiten geneigt, sondern wegen der Freundschaft Alexander 
Golitzyns, der dem Kaiser der Liebste ist, seit der berühmten Szene 
im Reichsrat nach dem Tode Kaiser Alexanders. Seit Graf 
Kotschubej zum Vorsitzenden des Reichsrats ernannt ist, hat sich 
Graf Nesselrode ganz seinem Einfluß ergeben. . . . Kotschubej ist 
keineswegs von Natur besonders begabt, aber er hat im Lauf der 
Zeit die verschiedensten Stellungen bekleidet und dadurch große 
Geschäftskunde erworben. Er ist höchst ehrgeizig, und die Er- 
nennung zum Präsidenten des Reichsrats hat ihm vollends den 
Kopf verdreht. Aber er ist von großem Einfluß auf den Kaiser. 
Die Funken von Geist und Einsicht, die er gelegentlich zeigt, sind 
auf Rechnung seines Verwandten, des Generals Jlarion Wassiljewitsch 
Wassiltschikow, zu setzen, der auch den Petersburger General- 
gouverneur Kutusow beherrscht. 

Der Chef der Gendarmerie und der Geheimpolizei, Benkendorf, 
ist auch in den Augen des Kaisers von großem Gewicht. Man 
hält ihn für einen anständigen Menschen: ich wünsche von 
ganzem Herzen, um des allgemeinen Bestens willen, daß es wahr 
sein möge. 

Der Chef des Generalstabes, Diebitsch, genießt mit vollem 
Recht das Vertrauen des Monarchen. Man wollte ihn beseitigen 
und an seine Stelle den Grafen Peter Alexandrowitsch Tolstoi 
setzen, der, als die Truppen Petersburg verließen und während 
Diebitschs Abwesenheit in Persien, ihn vertreten hat. 

Der Kriegsminister, Graf Tschernyschew, ist höchst einfluß- 
reich, seit er am Prozeß in der Sache der Verschworenen vom 
14. Dezember so tätigen Anteil genommen hat. Er ist sehr be- 
fähigt, aber man liebt ihn nur wenig und man hat alle denkbaren 
Anstrengungen daran gesetzt, um seinen Einfluß zu paralysieren. 
Da Diebitsch sich als Chef des Generalstabes in seiner Stellung 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 229 

behauptet hat, so hat Tschernyschew sein Ministerium mit den- 
selben Beschränkungen übernommen, wie sein Vorgänger. 

Das sind die einflußreichsten Personen. Der Kaiser sieht 
täglich den Fürsten Wolkonski '), den Füraten Golitzyn, den Grafen 
Diebitsch, den Petersburger Gouverneur und den Ober- Polizeimeister.*' 

Von diesen Persönlichkeiten gehörten Alexander Iwanowitsch 
Tschernyschew und Graf Peter Alexandrowitsch Tolstoi, der Chef 
des Stabes der Militärkolonien und während der Abwesenheit des 
Kaisers 1828 Kommandant von Petersburg und Kronstadt, dessen 
Trägheit sprichwörtlich wurde'), zur russischen Partei, die zudem 
eine wesentliche Stütze im Minister des Innern, Sakrewski, fand, 
der mit seiner Stellung zugleich die eines Generalgouverneurs von 
Finland einnahm. Er war ein ehrgeiziger Nationalist, der erste, 
der den Versuch machte, Finland zu russifizieren. Auch kannte 
er nur eine Sprache und seine Bildung war wenig ausreichend. 
Aber er war ein großer Arbeiter und ein tüchtiger Beamter. Auch 
Kisselew ist dieser Gruppe anzuschließen, die in Jermolow ihren 
bedeutendsten Kopf verloren hatte. Außerhalb beider Gruppen stand 
der allgemein gehaßte Nachfolger Araktschejews in der Leitung der 
Militärkolonien, General Kleinmichel, den die Überzeugung des 
Kaisera hielt, daß er ein zuverlässiges und gefürchtetes Werkzeug 
seines auf Erhaltung der Militärkolonien gerichteten Willens sei. 
Aber dem Mann fehlte jeder große Zug und seine nächsten Unter- 
gebenen, wie General W' itt, der Chef der Militärkolonien des Südens, 
hatten unter seiner Herrschsucht, die sich mit nicht ausreichender 
Sachkenntnis kombinierte, viel zu leiden'). Dagegen hielt der 
Kaiser einen so bedeutenden Mann, wie der Admiral Mordwinow 
es war, von sich fern. An ihm haftete die Erinnerung, daß die 
Dekabristen ihn auf den Schild hatten heben wollen, und das wurde 
ihm ebensowenig verziehen wie dem General Jermolow. Nur eine 
so geschmeidige und im Grunde charakterlose Natur wie Speranski, 



') Peter Michailowitsch, Minister des kaiserlichen Hofes. Auch der General 
Adlerberg ist hier anzuschließen. 

^) Er pflegte alles Geschäftliche mit der Motivierung liegen zu lassen: 
3to, öaTTOiiiKa, n-icBoe Ji'hjio n uoprb an uto oho nponesKHTb JiHiiiuift 
M'bCHUb, d. b. „Auf diese Sache, mein Freund, kann man spucken, es kommt 
den Teufel darauf an, daß sie noch einen Monat liegen bleibt (Korff, Memoiren 
ad. 1844. 

') Vgl. dafür die Korrespondenz zwischen Diebitsch und Witt. 



230 Kapitel YII. Von XaTarino bis zum Ausbrach des Krieges. 

verstand das Mißtrauen des Kaisers zu überwinden. Die Charaktere 
mußten weichen und die biegsamen aber formgewandten Mittel- 
mäßigkeiten ruckten in den Vordergrund. 

Zu alledem kam noch der Einfluß iu Personenfragen, der vom 
Großfürsten Michail und von der Kaiserin-Mutter ausging, endlich 
die gelegentliche Einwirkung der zahlreichen jungen Fingeladjutanten, 
die den Kaiser umgaben. Das waren Elemente, mit denen immer 
gerechnet werden mußte, wenn es auch dabei blieb, daß die Haupt- 
ratgeber Nesselrode, Diebitsch, Menschikow, Kotschubej und Benken- 
dorff, und in allen finanziellen Fragen Cancrin, waren. Auch auf 
die schließliche Feststellung des Feldzugsplanes hat Nesselrode 
wesentlichen Einfluß gehabt, gewiß nicht zum Vorteil der Sache. 
Um so größer war sein Verdienst bei Durchführung der diplomati- 
schen Kampagne des Kaisers. 

Die Bemühungen des russischen Kabinetts gingen dahin, von 
den Höfen von London, Paris, Wien und Berlin eine formelle Er- 
klärung zu erlangen, daß Rußland berechtigt sei, der Pforte den 
Krieg zu erklären. Das ist denn auch von allen Mächten geschehen. 
Am zufriedensten war man mit der Antwort Frankreichs. Der 
Kaiser hatte sich direkt an Karl X. gewandt und die Zusage er- 
halten, daß Frankreich nicht nur nach wie vor auf dem Boden 
des Londoner Vertrages stehe, sondern auch guten Grund habe zu 
glauben, daß es ihm gelingen werde, das von Nikolai gefürchtete 
Zusammengehen Englands mit der Pforte zu verhindern. Sollte 
aber ein Zusammenbruch der Türkei die Folge des russisch- 
türkischen Krieges sein, so sei der König entschlossen, seine 
Politik in Einklang mit der russischen zu halten^). Preußen er- 
kannte das Recht Rußlands rückhaltlos an und versprach, für den 
Fall von Verwickelungen eine Haltung einzunehmen, die den russi- 
schen Interessen in steigendem Maße forderlich sein werde. Aber 
das Angebot einer Allianz hatte der König „verdrießlich'' abgelehnt, 
auch dem Prinzen Wilhelm nicht gestattet, am Kriege teilzunehmen. 
Er glaubte die Verantwortung nicht auf sich nehmen zu dürfen, 
wenn dem Prinzen in einem nichtpreußischen Kriege etwas zu- 
stoßen sollte. Österreich machte noch einen letzten Versuch, durch 
den Hinweis auf die von den revolutionären Elementen im Kriegs- 
fall drohenden Gefahren, den Kaiser zu schrecken, erhielt aber die 

Siehe in der Anlage das Schreiben Nikolais Tom 28. März und die 
Antwort Karls X. Tom 30. April. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 231 

Antwort, daß Rußland trotz des Krieges immer Truppen bereit 
haben werde, um seine Alliierten, namentlich aber Österreich, gegen 
die Revolution zu schützen'). Daraufhin erklärte dann Zichy, 
daß seiner Regierung nichts ferner liege, als das Recht Rußlands, 
zu den Waffen zu greifen, bestreiten zu wollen. Aber erst einige 
Zeit danach folgte die offizielle Erklärung, daß Österreich strikteste 
Neutralität einhalten würde. So blieb nach dieser Seite das Miß- 
trauen lebendig. Die Antwort Englands, das bisher die meisten 
Schwierigkeiten gemacht hatte und noch Ende März erklärte, daß 
die Überschreitung der Donau durch russische Truppen einer Kriegs- 
erklärung an England gleichkäme, auch die Besetzung Moreas durch 
die Franzosen nicht hatte dulden wollen, lautete schließlich über- 
raschend günstig: Die guten Gründe und das gute Recht Rußlands, 
zum Schwert zu greifen, ließen sich nicht verkennen, aber es werde 
schwierig sein, für den Fall des Krieges zusammenzugehen, obgleich 
England seinerseits entschlossen sei, nicht vom Londoner Traktat 
abzuweichen. 

Trotz der merklichen Verschiedenheit in der Haltung der 
Mächte, konnte der Kaiser mit dem Ergebnis zufrieden sein. Er 
hatte freie Hand und brauchte nicht zu fürchten, daß die Tatsache 
des Krieges zum Verwand genommen werde, um einen Koalitions- 
krieg gegen Rußland zu organisieren. Erst jetzt erfolgte am 
26. April die Kriegserklärung, die der Pforte durch ein offizielles 
Schreiben an den Großvezier zugestellt wurde'). Dieses Dokument, 
das gleichzeitig allen Höfen zuging, zählte die Gründe auf, 
die Rußland nötigten, sich sein Recht gewaltsam zu holen und 
war von einer Deklaration begleitet, welche die Vorschriften mit- 
teilte, die das russische Mittelmeergeschwader erhalten hatte. Ruß- 
land werde die Prinzipien der Neutralität zur See aufrecht erhalten 
und bemüht sein, dem europäischen Handel in der Levante allen 
Schutz zu gew^ähren. Die befreundeten Mächte und die Neutralen 
wurden aufgefordert, diese maßvolle und wohlwollende Politik Ruß- 
lands nach Möglichkeit zu fördern. 



Relation Schoelers vom 6. Mai 1828 über die Audienz von Zichy 
am 21. April. Kaiser Nikolaus lieB aber den Verlauf der Audienz sofort 
eine Aufzeichnung machen, die auch durch Alopäus offiziell dem preußi- 
schen Kabinett mitgeteilt wurde. Zichys Bericht findet sich in Metternichs 
nachgelassenen Papieren Bd. II, Nr. 896. 

2) V.S.R.Ges. 1947, 1948, 1949. 



232 Kapitel VH. Von Navarino bis zum Ausbrach des Krieges. 

Der englischen und französischen Regierung gegenüber aber 
erbot sich Rußland, im Mittelmeer seine Rechte als kriegführende 
Macht unter der Bedingung ruhen zu lassen, daß die zwischen den 
drei alliierten Mächten zur Ausführung des Vertrages vom 6. Juli 
1827 vereinbarten Maßregeln dadurch nicht beeinträchtigt werden 
sollten. Es wurde damit ein Plan zunichte gemacht, der von Eng- 
land und Österreich ausging und der dahin zielte, Rußland von jeder 
Teilnahme an der Ausführung des Londoner Vertrages auszuschließen. 
Vielmehr wurden die seit Abreise der Gesandten aus Konstantinopel 
ruhenden Konferenzverhandlungen wieder aufgenommen, die Instruk- 
tionen für die Operationen zur See gemeinsam festgestellt und nicht 
nur den Admiralen, sondern auch den in Korfu residierenden Ge- 
sandten mitgeteilt. Endlich scheiterte auch ein letzter Versuch 
Metternichs ^), den drohenden Krieg dadurch zum Stehen zu bringen, 
daß die Pforte durch die Vertragsmächte zur öffentlichen Zurück- 
nahme des Hattischerifs vom 20. Dezember und der darauf folgenden 
Gewaltsamkeiten aufgefordert, und im Fall der Ablehnung dieser 
kategorisch zu stellenden Forderung, die volle Unabhängigkeit 
Griechenlands anerkannt werden sollte. Aber davon wollte England 
nichts wissen, so daß ein russischer Widerspruch nicht einmal not- 
wendig wurde. So blieb in allen wesentlichen Fragen die diplomatische 
Aktion Rußlands siegreich. Mißlungen war es ihr, den Feldzug im 
Namen und als Mandatar der Allianz aufzunehmen'), dagegen blieb 
der russische Einfluß auf die Entwicklung der griechischen An- 
gelegenheiten gewahrt, während der Einmischung der Mächte in 
den jetzt um Aufrechterhaltung der von der Pforte in Akkerman 
übernommenen Verpflichtungen zu führenden Krieg glücklich vor- 
gebeugt war. Nach wie vor hatte der Kaiser die Uneigennützigkeit 
seiner Absichten beteuert und die Versicherungen wiederholt, die 
dem Vertrag vom 4. April vorhergegangen waren. In Europa 
werde er keine Eroberungen machen und es liege ihm fern, den 

') Wellington, Despatches IV. Eszterhazy an Wellington, 9. April 1828. 

') Bericht Bülows aus London, 11. Januar 1828, über seine Unterredung 
mit Lord Dudley. „Le prince de Lieven avait mis a la disposition de Palliance 
toutes les armees Russes reunies sur les bords du Pruth afin de s^en servir 
pour briser la resistance de la Porte Ottomane. Mais comme cette offre avait 
^te declinee, les armees n^avanceraient pas — et dans tous les cas TAngleterre 
n^y consentirait jamais comme mesure d'alliance.*' Berlin, Geh. Staatsarchiv, 
Kep. 81, England. I, 114. Es kann übrigens zweifelhaft sein, ob dieser rus- 
sische Vorschlag ernst gemeint war. 



Kapitel VII. Von NaTarino bis zum Ausbruch des Krieges. 233 

Sturz des türkischen Reiches herbeiführen zu wollen. Aber es 
konnte kaum zweifelhaft sein, daß große Erfolge ihn über dieses 
Programm hinausfuhren würden*). Offiziell sollte der Krieg um 
die Verwirklichung und Aufrechterhaltung der Stipulationen von 
Akkerman geführt werden, ganz wie Alexander den Türkenkrieg, 
den zu führen er sich entschlossen hatte, durch die Notwendigkeit 
rechtfertigte, den Friedensschluß von Bukarest, den die Türkei ge- 
brochen habe, zu verteidigen. Im Grunde war der Kaiser überzeugt, 
daß das bloße Erscheinen eines russischen Heeres auf türkischem 
Boden genügen werde, um ein Nachgeben der Pforte zu bewirken. 
Hatte mau doch in Akkerman mit Aufwendung eines weit ge- 
ringeren Apparates das Ziel erreicht. Und nun, da er selbst 
an der Spitze eines Heeres in die Türkei einzudringen im Begriff war, 
sollte der Sultan es wagen, sich seinem Willen zu widersetzen? Es 
schien ihm undenkbar; sollte es aber dennoch geschehen, so zweifelte 
er nicht an einem schnellen und glänzenden Erfolge, und die Vor- 
stellung blieb ihm lebendig, daß dann der völlige Zusammenbruch 
der Türkenherrschaft unvermeidlich sein werde. Er hatte seinen 
Botschafter in London beauftragt, wenn der Anlaß von englischer 
Seite dazu geboten werden sollte, einer Verhandlung nicht aus dem 
Wege zu gehen'), Frankreich gegenüber aber, dem der Kaiser 
größeres Vertrauen entgegentrug, war in immer deutlicheren An- 
spielungen und zuletzt ganz unverblümt in einem Schreiben an König 
Karl X. das Problem so nahe gelegt worden, daß es die politische 
Phantasie der französischen Staatsmänner ganz gefangen nahm. 
Auch vom österreichischen Botschafter suchte der Kaiser zu er- 
fahren, welches die Gedanken seiner Regierung seien, falls jene 
Katastrophe eintreten sollte'). Zu Leopold von Gerlach, der 1828 bis 



^) In diesem Sinne hat sich auch Diebitscb Gerlach gegenüber aus- 
gesprochen. 

2) Martens, Recueil Bd. XI, S. 372. Instruktion Nesselrodes Yom 

ö^ezern^ er^^27 Lj^y^^ ^^j^ nicht in die Lage, diesen Auftrag auszufahren. 
6. JtQoar li<28 

') Im Verlauf der schon erwähnten Audienz Zichya am 21. April. Der 
betreffende Passus lautet nach der russischen Aufzeichnung: »L'Empereur 
aborda Thypothese de la chute de TEmpire Ottoman, reprcsentee par le cabinet 
Autrichien comme une consequence immanquable de la guerre actuelle. Sa 
Majeste declara que jamais eile n'^tait entree dans ses vues, et qu'elle regar- 
dait m(*me une si grande catastrophe comme nuisible aux vrais iuterets de 
son Empire. Comme cependant il serait impossible de l'exclure entierement 



234 Kapitel VIT. Von NaTarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

zum Mai als Adjutant des Prinzen Wilhelm von Preußen in Peters- 
burg weilte, sagte der Kaiser, wenn man den Türken Zeit ließe, 
wärde Konstantinopel sehr fest werden, die Belagerung müsse ein 
Bombardement sein. Am 11. November 1827 aber hatte Nikolai 
dem Fürsten Menschikow gesagt, daß er sich für den Fall eines 
Türkenkrieges bereit halten solle, um nach Nikolajew zum Admiral 
Greigh zu reisen, den er, der Kaiser, beauftragen werde, in den 
Bosporus einzufahren und Konstantinopei zu verbrennen^). 

Mit diesem Schweifen in reizvolle Möglichkeiten kombinierte 
sich aber in seltsamem Widerspruch eine durch die Prinzipien des 
Kaisers gebotene Selbstbeschränkung, die die Erreichung des Zieles 
so gut wie unmöglich machte. Er hatte versprochen, in Europa 
keine Eroberungen zu machen, und war entschlossen, sein Wort 
zu halten. Was er zu fordern für berechtigt hielt, war die volle 
Herstellung seiner Vertragsrechte, Ersatz seiner Rustungs- und 
Kriegskosten und in Asien die Erwerbung von Anapa und Poti. 
Dagegen galt es ihm als völlig ausgeschlossen, daß er die christ- 
lichen Untertanen der Türkei gegen den Sultan gebrauchen könnte, 
was um so auffallender ist, als er diese prinzipiellen Bedenken, 
soweit die Griechen in Betracht kamen, bereits preisgegeben hatte. 
Der Gedanke, einen Befreiungskrieg zu führen, hat ihm durchaus 
ferngelegen, obgleich dadurch der Krieg in Rußland populär ge- 
worden und die gesamte Rajah in der Türkei ihm zugefallen wäre. 
Die Serben wünschten nichts sehnlicher^ als sich ihm anzuschließen, 
und ebenso Montenegriner und Bulgaren, während in Moldau und 
Walachei der österreichische Einfluß dem russischen entgegenwirkte. 
Statt die Hoffnungen dieser geknechteten christlichen Völkerschaften 
zu ermutigen, hat der Kaiser sie vielmehr niedergehalten. Er 
wäre sich wie ein Bundesgenosse der Revolution erschienen, wenn 
er anders gehandelt hätte. Es sollte ein Krieg um das gute Recht 
Rußlands sein, nicht mehr und nicht weniger. W'enn dabei die 
Vorsehung ihm unerwartete Vorteile in die Hand spielte, dann 
freilich wollte er zugreifen und sich den „decrets de la Provi- 
dence'' beugen. 



des chances que les decrets de la ProTidence pourraient faire naitre, TEmpe-, 
reur t^moigna au Comte Zichy le desir de savoir: si sa cour avait arrete ses 
pensees sur cette hypotbese et de connaitre ses intentions dans le cas ou 
contre toute attente, eile de?rait se r^aliser.* 

I) Schilder, Nikolai Bd. 11, S. 122. Ohne Angabe der Quelle. 



Kapitel VII. Vod Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 235 

Der Kriegserklärung waren die Vorbereitungen für den Krieg 
naturgemäß geraume Zeit vorausgegangen. Die Anstalten, die 
bereits 1826 in Hinblick auf die Möglichkeit eines Ttirkenkrieges 
getroffen worden waren, sind nur insoweit ruckgängig gemacht 
worden, als die nach Bessarabien vorgeschobenen Truppenteile der 
zweiten Armee wieder in ihre bequemeren Standquartiere zurück- 
geführt wurden. Die Korrespondenz, die nach Diebitschs Ruckkehr 
aus Persien zwischen ihm und Kisselew geführt worden ist, betrifft 
ausschließlich die Vorbereitung zum Kriege. Admiral Greigh wurde 
beauftragt, eine Pontonbrücke zum Übergang über die Donau an- 
zufertigen ^), Kisselew überzeugte sich durch eine Reise nach Reni, 
daß der Übergang nur drei Werst unterhalb Isaktschi möglich sei, 
und vertrat die Ansicht, daß man sich dieser wenig bedeutenden 
Festung durch einen Handstreich werde bemächtigen können. Auch 
die Frage des Transports von Truppen und Lebensmitteln zur See 
wurde erwogen, und der Oberst S. P. Liprandi mit der Aufgabe betraut, 
in Moldau und Walachai Nachrichten über die Vorbereitungen der 
Türkei und Österreichs zu sammeln. Man war gleichsam stets auf 
dem Sprung, wurde aber allmählich müde, da Monat auf Monat 
hinging und der Friede erhalten blieb. Eine neue Periode der 
militärischen Vorbereitung begann gleich nach der Schlacht bei 
Navarino. Mitte Dezember 1827 erhielt Kisselew die offizielle 
Mitteilung, daß die Donaufürstentümer besetzt werden würden und 
daß der Senator Awakumow ') das gesamte Proviantwesen in seine 
Hände nehmen werde. General Witt sollte aus den Siedelungen 
der kolonisierten Kavallerie für Furage sorgen und wurde zum 
Chef des Reservekorps der zweiten Armee ernannt. Kisselew trug 
darauf an, eine große Zahl alter und unfähiger Offiziere abzurufen '). 
Ende Januar 1828 bereits wußte man, daß die Türken sich an 
der Donau verstärkten und die Ungeduld über das stete Hinaus- 
schieben des geplanten Feldzuges stieg. 

Wir haben gesehen, wie die Entscheidung während der An- 
wesenheit Kisselews in Petersburg fiel. Vom 7. Mai ab sollte 
Wittgenstein mit seinen Operationen beginnen. Die aktive Armee 

Sie sollte spätestens im November 1827 vor Ismail bereit liegen, ein 
Befehl, der aus nicht kontrollierbaren Gründen nie ausgeführt worden ist. 

^ Die offizielle Ernennung erfolgte erst am 24. April. 

*) Sablotzki-Dessjätkowski, Graf Kisselew und seine Zeit. Bd. I, Kap. 
XI und XII. 



236 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

bestand aus dem dritten, sechsten und siebenten Infanterie-Armee- 
korps und dem vierten Kavallerie-Reservekorps unter den Generalen 
Rudzewitsch, Roth, Woinow und Borosdin. Erstaunlicherweise war 
diesen Truppen nur ein Belagerungspark angeschlossen worden, 
obgleich nach dem Feldzugsplan die Belagerung und Einnahme der 
Donaufestungen die Voraussetzung des Erfolges sein sollte'). Man 
bewegte sich immer noch in den erstaunlichsten Illusionen. Nessel- 
rode sagte dem französischen Geschäftsträger Fontenay, es werde 
ein Feldzug werden, wie der der Franzosen in Spanien oder der 
Österreicher in Neapel, und der Kaiser erklärte dem Prinzen 
von Oranien noch am 18. April: „Im Augenblick, da die türkischen 
Bevollmächtigten kommen, mache ich Halt! und wenn ich mitten 
auf der Donau sein sollte, werde ich den Ruderern sagen: 
ich will die türkischen Bevollmächtigten anhören!^ Also ein 
militärischer Spaziergang wurde vorgesehen. Der Abmarsch der 
Garden begann am 13. April und war darauf berechnet, sie 
in 97 Tagen, d. h. bis zum 6. August, in Feindes Land 
zu führen. Früher glaubte man ihrer nicht zu bedürfen. Mit 
Karten des mutmaßlichen Kriegsschauplatzes war man leidlich ver- 
sorgt, da die diplomatische Korrespondenz Rußlands mit der Pforte 
seit dem Regierungsantritt des Kaisers durch Kuriere besorgt wurde, 
in deren Begleitung sich OiTiziere befanden, die beauftragt waren, 
Terrainaufuahmen zu machen und die vorhandenen Karten und 
Pläne zu verifizieren. So waren namentlich die Balkanpässe genau 
studiert worden*). Das Pferdematerial der Leibgarde- Pioniere 
wurde erneuert und verbessert, d. h. sie erhielten schwerere Pferde, 
was sich später bei ihnen wie bei der gesamten russischen Kavallerie 
den leichten türkischen Reitern gegenüber um so mehr als ein Mangel 
erwies, als die der Heu- und Grünfütterung ungew^ohnten Tiere sehr 
bald von Kräften kamen. Nur mit vieler Mühe setzte Kisselew 
durch, daß bei den Armeeparks Gewehre und Gewehrteile in Reserve 
bereit gehalten wurden. Die Kommission, der die Beurteilung 
dieser Frage zufiel, war der Ansicht, daß Beschädigungen der Ge- 
wehre nicht vorkommen dürften, wenn man sie sorgfältig halte, 
aber der Kaiser hatte für Kisselew entschieden. Im letzten Augenblick 



1) ükas vom 24. Februar 1828. V. S. R. G. 1826. 

2) Für das Folgende die ükase in der V. S. R. G. No. 1845, 66, 74, 
89, 1931, 38, 45, 49, 50, 51, 59, 89, 2039 und 2117. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 237 

(6. Mai) befahl Nikolai, in allen Infanterie-Regimentern Kiwer (Helme) 
einzuführen, wie bei der Kavallerie, eine Maßregel, die grx)ße Un- 
zufriedenheit bei den Soldaten erregte, die während des Feldzuges 
mit Neid auf die leichte Kopfbekleidung der Türken blickten, die 
zudem durch ihren bequemen Feldsack den schweren russischen 
Ranzen gegenüber im Vorteil waren. Für die Einrichtung von 

25« Mftrz 

Kriegshospitalern war zwar durch ein Statut vom ^ . ^.^ in nicht 
weniger als 536 Paragraphen, die alles denkbare Detail zu er- 
schöpfen suchten, scheinbar die beste Fürsorge getroffen, in Wirklich- 
keit erwiesen sich alle Vorbereitungen als ganz unzureichend, und 
namentlich die ungenügende Zahl der Ärzte sollte während des 
Feldzuges zu einer der schlimmsten Kalamitäten werden. Es war 
die Bestätigung der alten Wahrheit, daß, was in den Verordnungen 
der Regierung wie ein Muster landesväterlicher Fürsorge erschien, 
in der praktischen Ausführung ein Bild wahrhaft unerhörter Ver- 
nachlässigung der Pflichten zeigte, die auf dem Papier so nach- 
drücklich und so pathetisch gepredigt wurden. Die Musterlazarette, 
die von der Verordnung des 6. April geboten waren, sind stets nur 
vorhanden gewesen, wo der Kaiser persönlich inspizierte und so 
lange er zugegen war. Man darf wohl sagen, daß das gleiche von 
allen übrigen Zweigen der Verwaltung gilt, die für die Versorgung 
der Armee in Tätigkeit gesetzt wurden. Für die Zeit der Okku- 
pation der Fürstentümer war eine Extrapost mit dreimal wöchent- 
licher Expedition von Shitomir nach Dubassar am Dnjestr und 
nach Odessa eingerichtet worden, und sie funktionierte nicht übel, 
dazu eine Feldpost, welche die Briefe der Soldaten kostenlos beior- 
derte. Aber es war allbekannt, daß sämtliche Briefe von der 
Polizei geöffnet wurden, und selbst dabei war die Nachlässigkeit so 
groß, daß die Soldaten Klage erhoben, weil die Spuren der Öffnung 
allzu kenntlich waren. Die fremden Diplomaten und militärischen 
Begleiter des Hauptquartiers richteten ihre Korrespondenz stets 
darauf ein, daß sie dem Kaiser vorgelegt werden konnte'). Die 
„Perlustration" der Privatkorrespondenz der Soldaten und Ofliziere 
aber erschien unerläßlich, weil der Kaiser voller Mißtrauen wegen 
der politischen Gesinnung der Armee war. Er hat einen unge- 
heueren Apparat politischer Polizei mit ins Feld genommen, ob- 

1) Daher der ungeheuere Unterschied zwischen den durch die Post und 
den durch Kurier oder sichere Gelegenheit beforderten Briefen. Alle Archive 
Europas bieten dafür die drastischsten Beispiele. 



23d Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

gleich, wie jede nüchterne Betrachtung ergibt, auch von den unzu- 
friedensten Elementen nichts zu fürchten war. Es handelte sich 
schlimmstenfalls um unehrerbietige Reden über die Vorgesetzten 
bis zum Kaiser hinauf. Aber derartiges hätte er auch in der 
Privatkorrespondenz seiner Minister und seines Bruders, des Groß- 
fürsten Konstantin, finden können. Das Medisieren gehörte 
zu den althergebrachten Gewohnheiten der Armee wie der Gesell- 
schaft, und sowohl die Kaiserin Katharina wie Alexander hatten 
getan, als ob sie nichts davon wüßten. 

Am 26. April war dann durch kaiserliches Manifest eine 
Rekrutenaushebung angeordnet worden, die sich auf das ganze Reich 
erstreckte, mit Ausnahme von Grusien, Bessarabien und den sechs 
Gouvernements, die dem Kriegsschauplatz zunächst lagen: 
Cherson, Jekaterinoslaw, Poltawa, Slobodo-Ukrainsk, Kiew und 
Podolien. Hier sollte auch ein Teil der Abgaben durch Natural- 
leistungen ersetzt werden. Es wurden von je 500 Seelen zwei 
Rekruten ausgehoben, wobei, was charakteristisch ist, der Kaiser 
bestimmte, daß die jüdischen Rekruten in die Marine überzuführen 
seien, offenbar weil er so Desertionen zu erschweren hoffte. Die 
vier angesiedelten Kavalleriedivisionen wurden mit herangezogen, 
weil sie nach den für die Militärkolonien geltenden Bestimmungen 
in üblicher Weise ihre Reihen zu komplettieren hatten. 

Diese Anordnungen und dazu die zahllosen Befehle, und In- 
struktionen, die erforderlich waren, um die Kriegsmaschine in Be- 
wegung zu setzen, sind meist unter direkter Mitwirkung des Kaisers 
zustande gekommen. Er war täglich sieben bis neun Stunden in 
seinem Kabinett an der Arbeit^) und dabei von peinlicher Gewissen- 
haftigkeit und Ordnungsliebe. Was ihm von Geschäften zuging, 
wurde auch erledigt. Dazu kamen dann die täglichen Wacht- 
paraden und Besichtigungen und die Festlichkeiten, denen er sich 
nicht entziehen konnte, zumal die Kaiserin ihre Freude daran 



^) Gerlach 1. I. ßd. I.: „Der Kaiser steht vor 8 Uhr auf, arbeitet bis 12, 
dann abends von 9—12, 1 — 2 Uhr, so daß er täglich 7 — 9 Stunden arbeitet.** 
Micbailowski-Danilewski detailliert die Tagesarbeit Nikolais noch genauer; 
8 — 9^3 Uhr Empfang der Minister. Bis 12 Lesen amtlicher Berichte, um 12 
Empfang yon Militärgouverneur und Kommandanten, Parade, ungemeldeter 
Besuch irgend einer Anstalt, um 3 Uhr Mittag. Zweimal wöchentlich Diner 
von 12 Personen, nachmittags einige Zeit in der Familie, darauf bis zur Nacht 
Arbeit im Kabinett. 



Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 239 

hatte. Es fiel auf, daß beide Majestäten viel in Privatkreisen ver- 
kehrten und in dieser Hinsicht dem Beispiel folgten, das Alexander 
gegeben hatte. Die strenge Etikette lebte nach wie vor nur am 
Hofe von Maria Feodorowna. Zwei Todesfälle haben in dieser 
Zeit politischer Spannung die Kaiserfamilie getroffen. Am 24. 
Februar st. v. starb die Fürstin Charlotte Lieven, die Freundin 
der alten Kaiserin und wohl diejenige Person, die seit einem halben 
Jahrhundert alle Geheimnisse des Kaiserhauses, auch die intimsten, 
kannte. Gewiß eine bedeutende und vortreffliche Frau, die ihren 
großen Einfluß nie zum Schaden anderer mißbraucht hatte. Aber die 
„russische Partei" sah in ihr die Deutsche und warf ihr vor, daß 
sie Livländer und Deutsche begünstige. Die kaiserliche Familie 
verehrte in ihr eine unbedingt zuverlässige, erfahrene Freundin 
und behandelte sie wie eine Verwandte^). Es war ein echter 
Kummer, als sie starb. Weniger echt war Nikolais Trauer, als einen 
Monat danach auch der Graf Lambsdorff, sein Lehrer und Erzieher, 
verschied. Er hatte ihm seine Strenge nie vergessen können. Aber 
er nahm an der Beerdigung teil. Beide, die Füratin Lieven und 
Graf Lambsdorff, starben als Lutheraner. Der Tod des letzteren 

^) Diwow entwirft folgende recht gehässige Charakteristik von ihr: Am 
24. Februar 7 Uhr abends ist die Fürstin Lieven gestorben. Am Abend vor- 
her hatte sich die ganze kaiserliche Familie an ihrem Bette versammelt, um 
Abschied zu nehmen von dieser ältesten Dienerin des Hofes. Da sie gegen 
50 Jahre am Hofe gelebt hatte, war sie dem Zarenhause wie verwandt. Unter 
Katharina war sie Erzieherin der Großfürstinnen. Der Kaiser Paul schenkte 
ihr große Güter und ebenso Alexander, er verlieh außerdem ihr und ihren 
Kindern den Grafentitel, Kaiser Nikolaus machte sie zur Fürstin. Unter 
Katharina hatte die Lieven keine besondere Geltung, unter Paul wurde sie 
die Vertraute Maria Feodorownas, die jeden Kummer mit ihr teilte. Unter 
Alezander war sie der Mittelpunkt aller Intrigen, und das Schicksal der 
Staatsdiener hing von ihr ab. Unter dem Schein der Güte und Aufrichtigkeit 
verbarg sich ihr klarer Verstand, der Wunder tun konnte, wenn ihre persön- 
lichen Interessen oder der Vorteil ihrer Freunde es verlangte. Ihr hohes 
Alter und daß sie für alle Glieder des kaiserlichen Hauses von ihrer frühesten 
Jugend an gesorgt hatte, gaben ihr einen Einfluß, den nichts erschüttern 
konnte, und sie nahm schließlich im Zarenhause eine Stellung ein, als wäre 
sie die Großmutter. Die Hofintrigen hatten ein Nest in ihren Gemächern, 
in denen sich täglich die Hofleute begegneten, was von den fremden Gesandten 
bei ihren Besuchen ausgenutzt wurde, besonders vom Grafen Blome, dem 
dänischen Gesandten. Sie protegierte fast ausschließlich Livländer und 
Deutsche, die in den russischen Untertanenverband getreten waren. Russ. 
Starina 1898 I, S. 500. 



240 Kapitel VII. Von Navarino bis zum Ausbruch des Krieges. 

fiel in die Osterzeit, die einen ungewöhnlich reichen Ordenssegen 
und dem Grafen Nesselrode seine Ernennung zum Vizekanzler 
brachte. Dann begann der Ausmarsch der Garden, ein prächtiges 
Schauspiel, bei welchem den fremden Beobachtern der ungeheure 
Luxus auffiel, den die Gardeofdziere entfalteten. Eine große 
Parade auf dem Schloßplatz zeigte sie dem Kaiser noch einmal 
in all ihrer Pracht. Auch das Kaiserhaus rüstete zum Aufbruch. 
Die Großfürstin Helene, die Gemahlin Michails, fuhr nach Ems, 
während der Großfürst auf den Kriegsschauplatz nach Ismail eilte, 
die Kaiserin Alexandra sollte nach Odessa, während die alte 
Kaiserin mit den kaiserlichen Kindern, dem zehnjährigen Thron- 
folger und den Großfürstinnen Maria, Olga und Alexandra, in 
Petersburg blieb. Der Kaiser übertrug ihr keinerlei Regierungs- 
befugnisse. Für die Reichsregierung während seiner Abwesen- 
heit hatte er einen besonderen Rat gebildet, zu dessen Mit- 
gliedern der Graf Kotschubej, Fürst Alexander Golitzyn und Graf 
Peter Alexandrowitsch Tolstoi ernannt wurde. Auch sein Testament 
hatte der Kaiser gemacht*). Für den Fall seines Todes sollte der 
Großfürst Michail Pawlowitsch die Regentschaft für Alexander 
Nikolajewitsch führen. Endlich in der Nacht vom 7. auf den 
8. Mai erfolgte die Abreise des Kaisers, den bis nach Witebsk der 
Prinz von Oranien begleitete. Am Tage vorher hatte die ganze 
kaiserliche Familie in der Kasanschen Kathedrale an einem feier- 
lichen Gottesdienste teilgenommen. An ebendiesem Tage über- 
schritt Wittgenstein mit seiner gesamten Armee an drei Punkten 
gleichzeitig den Pruth. Die Kampagne hatte begonnen. 



Kapitel VIII. Der Tflrkenkrieg'), Kampagne von 1838. 

I. Der Feldzug in Europa. 

Der Feldmarschall Wittgenstein hatte die nächsten der ihm 
gestellten Aufgaben mit Geschick und ohne Zeitverlust ausgeführt. 

^) Es wurde am Tage Dach seiner Versammlung in feierlicher Plenar- 
versammlung des Senats verlesen, olTenbar um Irrungen vorzubeugen, wie sie 
nach Alexanders Tode entstanden waren, da ja sehr wohl denkbar war, daß 
Konstantin als der zur Regentschaft näher berechtigte angesehen werden 
konnte. 

2) Eine ausführliche Darstellung der Operationen wird nicht beabsichtigt 
Läßt sich auch die klassische Moltkesche Geschichte des Krieges durch das 



Kapitel VIIl. Der Turkenkrieg, Kampagne von 1828. 241 

Das 6. and 7. Korps unter den Generalen Roth und Woinow 
konnten sich unbehindert der Moldau und Walachai bemächtigen, 
Jassy, Galacz, Bukarest und als westlichster Punkt Krajowa wurden 
besetzt und die gesamte Verwaltung beider Fürstentümer sofort 
dem Geheimrat Fahlen übertragen, der den Titel „bevollmächtigter 
Präsident der Divans von Moldau und Walachai^ annahm. Er 
war instruiert, die beiden Hospodare Fürsten Sturdza und Ghika^ 
die Rußland verdächtig waren, von der Regierung zu entfernen, 
ihnen aber zu gestatten, zu leben, wo immer es ihnen gefallen 
sollte. An der Verfassung der Fürstentümer sollte nichts geändert 
und die Einkünfte der Regierung, wie bisher üblich gewesen war^ 
beigetrieben, auch alle Beamten in ihren Stellungen belassen werden. 
Pahlens Auftrag ging außerdem dahin, für die Ruhe des Landes 
Sorge zu tragen, und seine Hilfsmittel, vor allem Mehl, Korn, 
Futter und V^orspann, der Armee zu Dienst zu stellen, soweit 
möglich aber aller Willkür entgegenzuwirken. Die Anlage von 
Magazinen und Uospitälern, Korrespondenz mit dem Feldmarschall 
und mit dem Geheimrat Fonton, so weit es sich um politische An- 
gelegenheiten handelte, Beseitigung der Mißbräuche im Polizei- und 
Abgabendienst, das waren die wesentlichsten Pflichten, die ihm auf- 
erlegt wurden'). Die Schwierigkeit, ihnen gerecht zu werden, 



weitschichtige Material, das teils gedruckt Yorliegt, teils yon mir aus den 
Archiyen von Paris, Wien, Petersburg und Berlin zusammengetragen 
wurde, nicht unwesentlich ergänzen, so wird in allen entscheidenden Fragen 
sein Urteil doch bestehen bleiben. Es kommt für unsere Zwecke vornehmlich 
darauf an, die für die Charakteristik russischer Zustände und für die Psycho- 
logie des Kaisers wichtigen Tatsachen in das rechte Licht zu setzen Von 
den Quellen Moltkes liegen mir die Berichte von Küster, die handschriftliche 
Geschichte der Kriegsereignisse bis zur Schlacht bei Kulewtschi vom Obersten 
Staff und die wichtigen Tagebücher des Majors Panzer vom großen General- 
slabe vor. Eine interessante Quelle ist außerdem in den seit 1896 veröffent- 
lichten Memoiren Alexander Benkendorffs erhalten. Sie waren 1832 fran- 
zösisch geschrieben, sind aber in russischer Übersetzung publiziert. Der Kaiser, 
dem sie vorlaugen, hat Anmerkungen (die in der russischen Ausgabe nur zum 
Teil wiedergegeben sind) daran geknüpft. BenkendorfT ist während des 
Feldzuges von 1828 dem Kaiser nicht von der Seite gewichen und bekannt- 
lich auch später in seinem engsten Vertrauen gehlieben. Ich habe den unge- 
druckten Teil der Memoiren bis 1834 inkl. kopieren können. Sie tragen 
Tagebuchcbarakter und begleiten die Ereignisse. 

*) Ukas an Wittgenstein vom 28. Februar st. v. und die darangeschlossene 
Instruktion für Pahlen. Russkaja Starina 1897, Bd. 4, S. 628—630. 
Schiemann, Geschichte Rußlands. II. 16 



242 Kapitel VIII. Der Turkenkrieg, Kampagne von 1828. 

lag vornehmlich in der Korruption der französisch gebildeten höhereu 
Stände und in dem elenden Zustande des Landes, das, an Knecht- 
schaft und Vergewaltigung gewöhnt, kein Mittel scheute, sich seinen 
Bedrängern zu entziehen, mochten es nun die eigenen Landsleute, 
Türken oder Russen sein. Es war nicht daran zu denken, Moldauer 
und VValachen gegen die Türken zu verwenden, das Volk war ganz 
unkriegerisch, auch hatte der Sultan niemals Soldaten aus den 
Fürstentümern gezogen. Dagegen hatten die Türken im Laufe des 
Jahres 1827 bereits große Lieferungen erpreßt, um die Donau- 
festungen zu verproviantieren, und schon vor dem Einrücken der 
russischen Truppen war das Land von einem kontagiösen Fieber 
infiziert, das erfahrungsmäßig in Pest auszuarten pflegte. Diese 
Krankheiten haben sich dann sehr bald einerseits bis in die kau- 
kasischen Steppen, andererseits durch Podolien bis in die Pripet- 
sümpfe verbreitet, all der primitiven Vorsichtsmaßregeln spottend, 
durch die man ihren Fortschritt aufzuhalten bemüht war'). 

Den Übergang über die Donau sollte das 3. Korps Rudsewitsch 
vollziehen, und es lag in der Absicht des Kaisers, durch seine Gegen- 
wart dem Einrücken seiner Armee auf direkt türkischen Boden noch 
eine besondere Bedeutung zu geben. Noch niemals war ein russischer 
Herrscher so weit vorgedrungen, uud in der Tat haben die Türken 
aus seiner persönlichen Teilnahme am Kriege den Schluß gezogen, 
daß es sich dieses Mal um einen Kampf auf Leben und Tod 
handele. Der Kaiser war am 11. Mai*) in Mohilew eingetrofl'en, wo 
der Feldmarschall Graf Sacken sein Hauptquartier hatte, am 15. 
in Jelissawetgrad, am 19. in Belgrad, wo ihn das Hauptquartier 
des 3. Korps empfing, zu Mittag desselben Tages überschritt er 
die russische Grenze bei Wodolui Isaktschi, auf einer Brücke, 
die über den Pruth geschlagen war. Es fiel auf, daß er sich von 



^) Anhang zu Moltkes „russisch-türkischem Feldzug*' mit dem Motto': 
„Gluckselig, dem der Tod im Siegesglanze den blut'gen Lorbeer um die Stime 
windet." Nach den Aufsätzen der Doktoren Seydiitz und Petersen, sowie des 
Kollegienassessors Rinck in den medizinisch- praktischen Abhandlungen. 
Hamburg 1835. Alle drei haben die Pest 1828 und 1829 auf dem Kriegsschau- 
platz bekämpft. Die von ihnen mitgeteilten Tatsachen sind erschütternd und 
empörend. 

^) Nach dem Journal der «Allerhöchsten Reisen des Kaisers Nikolai in 
den Jahren 1826—1828«. Wojenno Utschenny Archiv Abt. 1 Nr. 619. Dieses 
Journal gibt den zuverlässigsten Anhalt für alle Daten des Feldzuges, soweit 
der Kaiser Anteil an den Ereignissen hat. 



Kapitel VIII. Der Tärkenkrieg, Kampagne von 1828. 243 

Moldauern eskortieren ließ, von Feinden im Feindeslande. Sie 
führten ihn nach Brailow, und dort nahm er um Mitternacht 
Quartier in dem weitläufigen Schloß des Pascha, das fast mitten 
im Lager vor der seit dem 19. Mai bereits blockierten Festung 
lag. Der Großfürst Michail, dem die Einnahme der Festung über- 
tragen war, der Chef seines Stabes General Ssuchosanet, Feld- 
marschall Graf Wittgenstein, General Woinow und der ganze Stab 
der 2. Armee erwarteten den Kaiser bei seinem Einzüge. Es war 
bereits vorher ein Teil des kaiserlichen Hauptquartiers hier einge- 
troffen; der Rest und das Gefolge an Diplomaten und fremden 
Offizieren folgte bald. Schließlich war es ein ungeheurer Hofstaat 
vornehmlich militärischen Charakters, 300 Personen mit gegen 500 
Pferden, ein vornehmer Troß der eine nicht geringe Last bedeutete und 
dessen Verpflegung und Beschäftigung, zumal die Ansprüche hoch 
waren, während des ganzen Verlaufs des Feldzuges eine stete Sorge 
des Hauptquartiers war. Die Aufgabe des Ober-Zeremonienmeisters 
Grafen Potocki, der für Marstall, Zelte, Küche und Bagage zu 
sorgen hatte, war gewiß keine Sinekure, und der Troß an Bedien- 
ten, der sich diesem kaiserlichen Hauptquartier anschloß, eine 
Quelle vou Mißbräuchen, die keinem der fremden Beobachter ent- 
gangen sind. Von den russischen Diplomaten, die den Vizekanzler 
Nesselrode begleiteten, war Graf Matuszewic der vornehmste, dazu 
Sacken, Panin, Stroganow, Godenius, Müller, Struve, Kudrjawski ^). 
Man hat dann später einige dieser Herren nach Bukarest abge- 
schoben. Dem Grafen Wittgenstein waren ebenfalls zwei diplo- 
matische Handlanger zugeordnet, Sturdza und Handjeri; Jomini 
und Prinz Eugen von Württemberg standen im Gefolge des Kaisers 
ohne besondere Funktionen. Der Prinz wurde erst später und stets 
in kritischen und unglücklichen Momenten verwandt. Dazu kamen 
dann die Vertieter der fremden Mächte, Diplomaten wie Offiziere, 
denen gestattet worden war, an der Kampagne teilzunehmen. 
Graf Mortemart und Baron Bourgoing für Frankreich, mit ihnen 
einige glänzende junge Offiziere aus den ersten französischen Fa- 
milien, für England Lord Heytesbury, „der Herkules der britischen 
Diplomatie, schlau und falsch wie Ulysses", so charakterisiert ihn 
der damalige französische Minister des Auswärtigen La Ferronnays; 
der Hannovraner General Dörnberg war vom Kaiser ausdrücklich 



1) Bulgakow 1. I. 21. AprU 1828 st. ▼. 

16^ 



244 Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 

mitgenommea worden, um ein Gegengewicht gegen Heytesbury zur 
Hand zu haben, wenn die englische Politik eine feindselige Richtung 
einschlagen sollte. Österreich war durch den Prinzen Philipp von 
Hessen vertreten, der für den Fall eines russisch-österreichischen 
Krieges als der wahrscheinliche Oberkommandierende galt*). Er 
traf erst Ende Juni im Hauptquartier ein und war den Russen 
gewissermaßen eine Geisel für das Wohlverhalten des mißtrauisch 
beobachteten österreichischen Nachbars. Preußen hatte den Stell- 
vertreter des Gesandten General von Schöler, Baron Küster, ge- 
schickt, dazu waren dem Hauptquartier des Kaisers Oberstleutnant 
von Thun, Generalmajor von Nostitz und Rittmeister Moliere vom 
Generalstabe der Garde angeschlossen. Dänemark endlich hatte 
seinen Gesandten Grafen Blome geschickt. 

Nächst dem Kaiser aber war unzweifelhaft die Hauptperson 
sein Generalstabschef Graf Diebitsch, und ihn, dessen Ratschlägen 
der Kaiser unbedingt folgte, trifft die Verantwortung für den Ver- 
lauf des Feldzuges, nicht den Feldmarschall Wittgenstein und 
Kisselew, denen nur in der ersten Zeit der Schein der Leitung 
überlassen wurde. In seiner Summe gab das ein merkwürdiges 
Netz sich durchkreuzender Intrigen, deren Gegenstand der Wille 
des Kaisers war und unter deren Wirkung und Gegenwirkung 
die Klarheit und Einheit der militärischen wie der parallel laufenden 
diplomatischen Kampagne auf das schwerste geschädigt worden ist. 

„Der Kaiser Nikolai Pawlowitsch^, erzählt einer der Offiziere, 
die ihn vor Brailow sahen'), „war damals 32 Jahre alt, von hohem 
Wuchs, hager, mit breiter Brust. Die Hände waren etwas lang, 
das Gesicht oval und rein, die Stirne offen, der Mund proportioniert 
Sein Blick war rasch, die Stimme tönend, in der Klangfarbe fast 
ein Tenor, aber er sprach etwas zu rasch. Im ganzen war er 
ebenmäßig gebaut und gewandt. In seinen Bewegungen sah man 
weder anmaßliche Gewichtigkeit, noch leichtfertige Eile, wohl aber 
eine ungemachte Strenge. Die Frische des Gesichtes und sein 
ganzes Wesen zeugten von eiserner Gesundheit und bewiesen, daß er 



1) J'oubliais de Vous dire que l'Empereur Fran^ois vient de me faire 
demander si je ne desirais pas avoir pres de moi pour le temps de la 
guerre an göneral autrichien? J'ai demande le Prince Philippe de Hombourg. 
Nikolai an Konstanstin. Odessa, 16./28. Mai 1828. 

^) Memoiren von Josif Dubecki. 2. Teil. Russkaja Starina 1895, 
Maiheft. 1855 geschrieben. 



Kapitel VIII. Der Tarkenkrieg, Kampagne Ton 1828. 245 

in der Jugend nicht verzärtelt worden war und daß er nüchtern 
und mäßig gelebt hatte. In physischer Hinsicht übertraf er alle 
Generale und Offiziere, die ich je in der Armee gesehen habe, und 
ich kann in Wahrheit sagen, daß man in unserer aufgeklärten 
Zeit äußerst selten in den Kreisen der Aristokratie einen solchen 
Mann sieht." 

Aber gleich der erste Befehl, den der Kaiser gab, befremdete. Er 
schickte alle Türken, die bei derBIockierungBrailows gefangen worden 
waren, reich beschenkt in die Festung zurück. Er wollte dadurch einen 
Eindruck auf die türkische Besatzung machen; die heimkehrenden 
sollten erzählen, daß sie wirklich den Kaiser gesehen hätten und wie 
unermeßlich seine Macht und sein Reichtum sei. Er war nach wie vor 
der Überzeugung, daß es nur eine Frage nächster Zukunft sei, wann 
die Türkei um Frieden bitten werde. Aber gerade Brailow hat die 
erste Enttäuschung gebracht. Zunächst gingen noch zwei Wochen 
hin, ehe überhaupt die wirkliche Belagerung in Angriff genommen 
wurde. Während dieser Zeit lag der Kaiser drei Tage lang am 
Fieber zu Bett, aber seine kräftige Natur überwand den Anfall, 
und seither ist er während der ganzen Dauer des Feldzuges gesund 
geblieben. Erst am 21. trafen Belagerungstrain und Geschütze ein, 
und als am 24. ein türkischer Parlamentär im Hauptquartier er- 
schien, um für die Rücksendung der Gefangenen im Namen Soliman 
Paschas, des Festungskommandanten, zu danken, blieb die drohende 
Aufforderung des Kaisers, spätestens bis um 3 Uhr nachmittags 
am nächsten Tage zu kapitulieren, widrigenfalls er keinerlei Gnade 
üben werde, ohne jeden Erfolg. Die Türken, welche bisher die 
russischen Arbeiten am Bau der Redouten und Parallelen nur 
wenig gestört hatten, begannen in der Nacht auf den 25. ihr 
Artilleriefeuer gegen die russischen Befestigungen zu richten, und 
die Antwort der russischen Geschütze vermochte weder ihren Mut 
noch die Werke der Festung zu erschüttern. Der Kaiser, der sich 
zur Verzweiflung seiner Umgebung mehrmals rücksichtslos exponiert 
hatte und von den feindlichen Geschützen, wo er sich mit seiner 
stets zahlreichen Suite zeigte, zum Ziel genommen wurde, mußte 
erkennen, daß eine längere Belagerung bevorstehe. So entschloß 
er sich, Brailow zu verlassen und die Kaiserin, die zwei Tage nach 
ihm aus Petersburg aufgebrochen war, in Bender zu begrüßen und 
persönlich nach Odessa zu geleiten. Hier erhielt er die Nachricht, 
daß es dem Admiral Greigh glücklich gelungen war, einen türkischen 



246 Kapitel Vni. Der Türkenkrieg, Kampagne von 182a 

Transport abzufangen, der, aus Trapezunt abgegangen, Anapa ver- 
stärken sollte. Es waren 940 Mann, 2 Paschas und 6 Fahnen, ein 
Erfolg, der große Freude hervorrief. Dagegen verstimmte es den Kaiser 
aufs tiefste, als ihm eben damals der Großfürst Konstantin den Spruch 
des Warschauer Hochverratsgerichts schickte. Fast alle Angeklagten 
waren freigesprochen worden, nur wenigezu Gefängnisstrafen verurteilt. 
„Ich habe^, schrieb Nikolai dem Bruder, „wahrhaften Kummer 
empfunden, als ich den unerhörten Ausgang unseres infamen 
Prozesses kennen lernte.^ ') Er hielt damit die Sache noch 
nicht für entschiedisn und dachte sie weiter zu verfolgen. Aber 
zurzeit gingen ihm die türkischen Angelegenheiten vor. So 
kehrte er über Ismail zur Armee zurück, um in Belgrad, wo die 
3. Armee ihr Lager hatte, die Truppen zu inspizieren. Die 7., 
8., 9. und 10. Infanteriedivision und die 5. Grenadierdivision mit ihrer 
Artillerie zogen im Parademarsch an ihm vorüber. Er war mit 
dem Zustande der Truppen im höchsten Grade zufrieden, aber 
diese Paraden, die der Kaiser im Felde überall wiederholte, wurden 
zu einer wahren Plage der Armee und haben, wie wir noch sehen 
werden, in kritischen Stunden ganz direkt schädigend auf den 
Verlauf der militärischen Operationen eingewirkt. Am 5. Juni traf 
er vor Satuno wo ein, das inzwischen zum Übergangspunkt aus- 
ersehen war. Der gunstige Zeitpunkt zum Überschreiten des 
Stromes war aber bereits versäumt und die Donau weit über ihre 
Ufer ausgetreten. Auch beherrschten die Kanonen der Festung 
Isaktschi und eine Reihe geschickt angelegter kleiner Redouten 
und Schanzen den Strom. Man hatte unter Überwindung großer 
Schwierigkeiten durch Sumpf und Schilf einen Damm von 7000 
Schritt Länge ziehen müssen, um an die Stelle zu gelangen, die 
für das Schlagen der Brücke bestimmt war. Der Kaiser hatte 
Wittgenstein und Kisselew, die immer noch vor Brailow lagen, 
nach Satunowo „eingeladen^, damit sie den Übergang mit „ansehen^ 
sollten. In Wirklichkeit sind die entscheidenden letzten Vor- 
bereitungen jedoch von Kisselew getroffen worden. Die ganze 
Unnatur der geltenden militärischen Ordnungen aber wurde noch 
dadurch gekrönt, daß am 5. Juni ein Armeebefehl des Kaisers 
kund tat, daß trotz seiner Anwesenheit Macht und Verantwortung 
des Höchstkommandierenden dem Feldmarschall Wittgenstein ge- 



I) Nicolai an Konstantin 16./28. Mai. Odessa. 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 247 

hören sollten. Trotzdem ist der Übergang über die Donau nach 
einer eigenhändig vom Kaiser geschriebenen Disposition und gegen 
die bessere Überzeugung seiner Generale geschehen. Es war in 
der Tat ein ungeheuer gewagtes unternehmen, das bei einiger 
Entschlossenheit und Umsicht der Türken mit der Vernichtung 
der russischen Truppen hätte enden müssen, auch den Kaiser per- 
sönlich den größten Gefahren aussetzte. 

Bevor die Brücke zum Übergang geschlagen werden konnte, 
mußte ein türkisches Fort auf dem rechten Donauufer genommen 
werden, das die Position beherrschte. Ein glücklicher Zufall half 
über diese Schwierigkeit hinweg. Saporogische Kosaken, die seit 
den Tagen der Kaiserin Katharina in die türkische Untertanenschaft 
übergetreten waren, um der Gewalttätigkeit Potemkins zu entgehen, 
hatten, als der russische Zar türkischen Boden betrat, sich ihm in Ismail 
wieder unterworfen und waren in Gnaden angenommen worden. 
Diesen Leuten, die ihren frischen Patriotismus beweisen wollten, 
gelang es, auf dem rechten Ufer der Donau einen Platz ausfindig 
zu machen, der geeignet war, unbemerkt vom Feinde Landungs- 
truppen aufzunehmen. Die russische Donauflottille ward beauftragt, 
diese Stelle vor den türkischen Fahrzeugen zu schützen und mit 
ihrem Feuer, wenn nötig, die russischen Batterien des linken Donau- 
ufers zu unterstützen. Am 8. Juni früh morgens ist das Aben- 
teuer — denn das war es — gewagt worden. Auf 42 Booten der 
Saporoger wurde glücklich eine Brigade Jäger hinübergebracht, die 
dann ohne jeden Zeitverlust unter Musik und Trommelschlag gegen 
die den Übergang beherrschende Befestigung der Türken anstürmte 
und sie fast ohne Widerstand nahm. Um 11 Uhr vormittags war 
alles entschieden. Der Kaiser hatte nicht die Geduld, den Über- 
gang seiner Truppen über die jetzt in aller Eile geschlagene Floß- 
brücke abzuwarten, und ließ sich am anderen Morgen von dem 
Hetmann der Saporoger, Ossip Miohailowitsch Gladki, auf das 
türkische Ufer übersetzen'). Hier erwarteten ihn Wittgenstein 
und Kisselew. Er war sehr gnädig und kehrte bald auf das linke 
Ufer zurück, wohl ohne sich Rechenschaft darüber zu geben, daß 
er sich einer ungeheuren Gefahr ausgesetzt hatte. In Isaktschi 
lagen 10 — 12000 Mann, und unter einem entschlossenen Führer 



') Die Biographie Gladkis von seiDem Sohn, Russkaja Starina, XXX, 
S. 381, l&ßt den Kaiser bereits am 8. Juni das türkische Ufer betreten und 
dort die Kapitulation von Isaktschi entgegennehmen. Das ist Kosakenlegende. 



248 Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne Ton 1828. 

hätten sie die „Handvoll'^ Russen und mit ihnen den Kaiser leicht 
in ihre Gewalt bringen können. Aber es war ein Schrecken über 
sie gekommen. Am 11. Juni kapitulierte die Festung, die sofort 
von den Russen besetzt wurde; doch durfte auf Befehl des Kaisers die 
russische Flagge in Isaktschi nicht gehißt werden, die Stadt sei nur 
okkupiert und gehöre ihm nicht. Ebenso verbot er die Errichtung einer 
Kapelle auf dem rechten Ufer der Donau. Der Offizier, der den 
Vorschlag gemacht hatte, erhielt einen öffentlichen Verweis. Doch 
wurden hier die ersten Hospitäler eingerichtet. Man hatte 85 Ge- 
schütze und 18 Fahnen erbeutet, aber keine Gefangenen gemacht, 
sondern die Besatzung unbehindert abziehen lassen, ein verhängnis- 
voller Präzedenzfall, der auf dem europäischen Kriegsschauplatz 
zum schweren Nachteil der Russen überall Nachahmung finden 
sollte. Der Kaiser glaubte, daß diese „Großmut^ die Türken nach- 
giebig stimmen werde, woran natürlich nicht zu denken war; vielmehr 
ließ der Sultan den Festungskommandanten und den Pascha, die an 
der Kapitulation von Isaktschi teilgenommen hatten, in Konstantinopel 
köpfen. Ebenso charakteristisch war es, daß der Kaiser russischen 
Kolonisten, den sogenannten Nekrasowzen, die im Jahre 1708 
vor den zornigen Augen Peters des Großen in die Dobrudscha 
geflüchtet waren und sich ihm gleichfalls unterwerfen wollten, erklärte, 
daß sie nur durch Übersiedelung auf russischen Boden seine Unter- 
tanen werden könnten, denn er wolle keinen fußbreit türkischen 
Landes erobern! 

Am 13. Juni setzte die 3. Armee mit dem Hauptquartier sich 
in Marsch. Aber gleich anfangs wurden die Verbindungen unter- 
brochen, da man vergessen hatte, für Kurierpferde zu sorgen. 
Ebenso hatte man vergessen, Salz mitzunehmen und auch an 
Fleisch fehlte es bald. So wurde unter Entbehrungen aller Art 
über Babadagh am 18. der Trajanswall erreicht und das Haupt- 
quartier erst in Karatai, dann in Karain aufgeschlagen, wo es bis 
zum 6. Juli blieb. Inzwischen war am 17. Brailow gefallen, nach- 
dem die Türken am 15. einen ungeschickt ausgeführten Sturm der 
Russen mit großen Verlusten für die Angreifer zurückgeschlagen 
hatten. Sie kapitulierten, weil sie, durch die Explosion von Minen 
erschreckt, fürchteten, daß die Russen die ganze Festung in die 
Luft sprengen könnten, und weil ihnen, nach längeren Verhandlungen, 
ihre Forderung, freier Abzug mit Hab und Gut, bewilligt wurde. 
Sie sind unter russischem Geleit, nachdem man ihnen zehn Tage 



Kapitel VIII. Der Törkenkrieg, Kampagne Ton 1828. 249 

Zeit gelassen hatte, sich zum Abmarsch vorzubereiten, nach Silistria 
gezogen und haben durch ihren tapferen Widerstand wesentlich 
dazu beigetragen, daß diese Festung während der ersten Kampagne 
nicht genommen werden konnte. Die Schuld an den großen 
russischen Verlusten^) trifft den Großfürsten Michail, und es ist 
gewiß kein Zufall, daß der Kaiser ihm während des ganzen 
weiteren Verlaufs des Feldzuges kein Kommando mehr anvertraute*). 
Am 18. kapitulierte unter gleichen Bedingungen wie Brailow die 
kleine Festung Matschin, am 23. Hirsowa, am 24. Küstendje, am 
1. JuliTuItscha, und überall haben die türkischen Truppen frei abziehen 
können. Silistria, das zu Beginn des Feldzuges in dürftigstem Zu- 
stande war, ist so in wenigen Tagen um gegen 17000 Mann verstärkt 
worden. Die fremden Diplomaten und Militärs, die im Haupt- 
quartier mit ihrer Kritik vorsichtig zurückhielten, gaben ihrem 
Erstaunen über diese „Großmut^ des Kaisers in ihren Berichten 
recht drastischen Ausdruck. Auch auf eine andere Eigentümlich- 
keit des Kaisers machten sie aufmerksam: er wolle möglichst jedes 
Blutvergießen vermeiden und instruiere in diesem Sinn seine 
Generale. Endlich hielt es der Kaiser für seine Pflicht, mit den 
Truppen auch im Felde Parade abzuhalten. In der Zeit vom 21. 
bis 27. Juni fanden drei große Paraden statt und am 30. sogar ein 
Manöver, in welchem die 1. Division Jäger zu Pferde gegen das 
3. Infanteriekorps operieren mußte. Solche Manöver und Paraden 
in der glühenden Hitze der Dobrudscha, bei dem schon jetzt 



^) Sie verloren gegen 3000 Mann. Die Sturmleitern waren zu kurz, und 
der Sturm wurde an falscher Stelle unternommen, statt da, wo die russischen 
Geschütze eine Bresche geschlagen hatten. 

') Konstantin gegenüber hat Nikolai den Bruder entschuldigt, Brief 
Tom 21. Juni: „Je veux vous faire partager mon bonheur des succ^s de 
notre eher Michel: Brailow s^est rendu enfin. En cette occasion la bonte 
Divine s^est prononcee d'une mani^re visible sur nous par une circonstance 
irappante. Avant-hier soir, revenant de Kistendji, j'ai re^u par Dolgorouki, 
aide de camp de Michel, la fäcbeuse nouvelle que I'assaut donne k la breche 
a manque avec une perte tres considerable et par suite de dispositions tres 
bien faites, mais fort mal executees par trop de zele, de bravoure et de 
precipitation, Ton a escalad^ sans echelles lä oü il n*y avait pas de breche, 
tandis qu'elle existait a cote et que personne n'a pu la distinguer dans la 
fumee et la poussiere .... Et hier juste 24 heures apres cette triste nouvelle, 
ßibikow m^est arrive porteur de la premiore clef de la ville.^ Er gibt die 
Verluste auf „plus de 1600 blesses et 80 officiers tues et blesses" an. Darunter 
die Generale Wolflf und Pimrot. 



250 Kapitel VIII. Der Turkenkrieg, Kampagne von 1828. 

vielfach fühlbaren Mangel an gutem Wasser, bei dem Putzen von 
Waffen und Knöpfen und all den kleinen Quälereien, die mit 
einer Parade in den Tagen Nikolais verbunden waren, machten 
die Truppen mehr müde als der angestrengteste Marschtag. Dieses 
Nebeneinander von Krieg und Kriegspielen wurde nachgerade 
unerträglich. 

Eine glückliche Nachricht brachte der 2. Juli. Anapa war 
gefallen^) und damit die Flotte des Schwarzen Meeres frei ge- 
worden, so daß sie fortan mit der russischen Invasionsarmee 
kooperieren konnte. Anapa war der letzte Stützpunkt der Pforte 
an der nordöstlichen Küste des Schwarzen Meeres, und nur von 
dort aus stand sie noch in unmittelbarem Verkehr mit den unab- 
hängigen und kriegerischen Völkerschaften des westlichen Kaukasus. 
Die Türken hatten hier eine Besatzung von 6 — 7000 Mann, 
während die Russen unter Perowski nicht über 4500 Mann geboten 
und erst nach dem Eintreffen Menschikows durch das schwere Ge- 
schütz der Flotte ein Übergewicht erhielten, das dann am 12. Juni 
zur Kapitulation der Festung führte. Die Besatzung betrug noch 
4000 Mann, und von diesen wurden die verheirateten Offiziere und 
Mannschaften in die Berge entlassen, die übrigen kriegsgefangen 
in die Krim geführt; die Donquichotterie von Brailow wurde also 
nicht in vollem Umfange wiederholt. 

Das W^esentliche aber war, daß jetzt ein Angriff gegen Varna 
gleichzeitig zu Wasser und zu Lande unternommen werden konnte, 
und das ist denn auch die ursprüngliche Absicht der russischen 
Heeresleitung gewesen. Vor Mangalia sollte sich die Flotte mit 
der Armee in Fühlung setzen. Aber erst am 7. Juli war das 
Hauptquartier aus Karain aufgebrochen, um über Bazardschik nach 
Varna zu marschieren. Es waren 54 Bataillone, 48 Eskadrons und etwas 
über 250 Geschütze. Gleichzeitig marschierte der General Swetschin 
mit einer Brigade Infanterie und 6 Eskadrons von Mangalia auf 
Varna zu, während der Generaladjutant Benkendorffll detachiert 
wurde, um eineStellungzwischenSilistria, dessen Blockierung begonnen 
hatte, und dem Hauptquartier einzunehmen. Er sollte das 6. Korps 
unter General Roth, das bei Hirsowa seinen Übergang über die 
Donau vollzogen hatte, erwarten. Der General Witt aber, der in- 
zwischen 60 Bataillone Reserven organisiert hatte, wurde beauftra|2:t, 



*) Hansen, G. v.t Zwei Kriegsjabre. Berlin 1881. 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 251 

die eingenommenen türkischen Festungen zu besetzen und so eine 
weitere Division Infanterie für das Hauptquartier freizumachen. 
Endlich wurde Generaladjutant Graf Suchtelen Swetschin nach- 
geschickt, um ihn mit einer Brigade Infanterie und 6 Eskadrons 
(unter General Akinfiew) zu verstärken und den Versuch zu 
machen, Varna zu überraschen. Die Flotte war bereits von 
Mangalia dahin abgesegelt. Gelang die Überrumpelung nicht, so 
sollte die Hauptarmee ihr Werk tun. 

Dieser Plan ist jedoch nicht ausgeführt worden. Zunächst 
hatte ein Kosakenpikett der Vorhut der in Eilmärschen nahenden 
Hauptarmee in der Nähe von Bazardschik ein ungünstiges Gefecht, 
das schließlich dank herbeieilender Verstärkungen zwar mit dem 
Rückzug der Türken endete, aber doch zeigte, daß man einen 
tapferen Feind vor sich habe. Als dann General Rüdiger am 
12. Juli in das von den Einwohnern verlassene Kosludji einrückte, 
kam es auf der Straße, die nach Jenibazar fährte, zu einem 
zweiten Gefecht, das ebenfalls mit dem Rückzuge der Türken 
endete,- aber noch empfindlichere Verluste brachte als das erste 
Treffen. Das gegen Varna vordringende russische Heer zählte nach 
den Detachierungen, die der Kaiser angeordnet hatte ^), nur noch 
24000 Mann, davon gegen 2500 Reiter. Das war allerdings sehr 
wenig, wenn man bedenkt, daß der Seraskier Hussein Pascha mit 
über 30000 Mann und 100 Geschützen in Schumla lag und weitere 
Verstärkungen erwartete. Der Kaiser wurde bedenklich und 
erinnerte sich eines Vorschlages, den der Großfürst Konstantin 
ihm vor Beginn der Kampagne gemacht hatte, die polnischen 
Reserven und die Hälfte der polnischen Armee aller Waffen 
am Bug aufzustellen, damit dadurch bei den Polen die Vor- 
stellung erweckt werde, daß sie bestimmt seien die russische 
Armee zu verstärken. Der Kaiser schrieb nun in den Ausdrücken 
emphatischer Verehrung, die seine Korrespondenz mit dem Bruder 
charakterisiert, daß er sich alle Tage mehr davon überzeuge, daß 
Verstärkungen für seine Armee unerläßlich seien. Das 7. Korps 



*) Siehe Moltke pag. 110 und 111. Dazu die Relationen Rüsters vom 
7., 11. 15. und 22. Juli. Es lagen 11750 Mann in der Walachei, 10750 vor 
Silistria, 5500 auf Eskorte, auf der Flotte und auf Etappen rückwärts; 5100 
Mann vor Varna, 6000 als Avantgarde in Kosludji, 2000 vor Anapa. Vgl. 
auch die Korrespondenz Nikolais mit Konstantin, die Briefe vom 1S„ 21., 
27. Juni 1828. Petersburg. Archiv des Reichsrats. 



252 Kapitel VIII. Der Tarkenkrieg, Kampagpie Ton 1828. 

habe vor Brailow über 5000 Mann eingebüßt, das Verteidigungs- 
system der Türken, die jedes armselige Nest zu behaupten suchten, 
habe ihn zu Blockaden und Belagerungen genötigt, durch welche 
zwei Brigaden der 7. Division gefesselt würden; mit zwei Brigaden 
der 10. Division blockiere er Küstendje und beschütze er die Zufuhr 
der über das Meer kommenden Lebensbedürfnisse. In Summa 
gebe das einen Ausfall von 10000 Mann und noch habe er Silistria, 
Rustschuk, Giurgewo und Varna zu blockieren oder zu belagern. 
Schon habe er dem 2. Korps, das auf Friedensfuß stehe, befehlen 
müssen, ohne Zeitverlust das 6. Korps in der Moldau, vielleicht 
auch in der Walachei zu ersetzen, um wenigstens im August 
sechs Divisionen bei der Hauptarmee zu haben. Aber das alles 
sei sehr spät, und er bitte ihn daher, ob er ihm nicht je eine 
Division Infanterie und Kavallerie schicken könne, die als Feld- 
reserve dienen sollten *). Die Antwort, die er von Konstantin 
erhielt'), brachte eine bittere Enttäuschung. Der Großfürst erklärte, 
er habe seinen Vorschlag nur gemacht, um die polnischen Truppen 
zu beschäftigen. Es sei ihm unmöglich, vor Ende September oder 
Anfang Oktober zu kommen. Auch könne Rußland unmöglich 
seine westliche und südwestliche Grenze entblößen. Jedenfalls 
werde er einen direkten Befehl abwarten, auch um die Truppen, 
wie er vorgeschlagen, an den Bug zu verlegen. Endlich könne er 
die polnischen Truppen doch nur marschieren lassen, wenn er 
selbst an ihre Spitze trete, das aber schien ihm ausgeschlossen 
zu sein. Einige bittere Bemerkungen über das unnütze Stürmen 
leiteten den Brief ein. Damit war auch entschieden, daß die polnische 
Armee am Türkenkriege nicht teilnehmen werde. Der Kaiser') 
machte, so tief ihn die Antwort verletzen mußte, dem 
Großfürsten seine Entschuldigung und sagte ihm seinen Dank 
für die Übersendung einiger polnischer Flügeladjutanten und 
Offiziere*). Diese Frage sei jetzt für ihn endgültig erledigt. Er 



^) Mainteoant c'est ä yous a decider, eher Constantin, si vous croyez 
pouvoir nous envoyer une division d^infanterie et ane de cavallerie polonaise 
pour former de suite notre reserve de campagne. 

3) Aus Warschau« den 27. Juni. Dem Großfürsten erschien sogar die 
Haltung Preußens verdächtig! 

') Nikolai an Konstantin aus Bazardschik. den 10. Juli 1828. 

*) £s waren im ganzen 18 Offiziere die unter Führung des General- 
quartiermeisters Obersten Hauke sich Diebitsch zur Verfügung stellten. 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 2Ö3 

hatte Die vermocht, dem Bruder gegenüber den Kaiser auszuspielen, 
und wagte es auch jetzt nicht, obgleich die bittere Ver- 
legenheit, in der er sich befand, und das Interesse des Reiches ihn 
wohl verpflichtet hätten, es zu tun. Wir wissen, daß der Großfürst 
um jene Zeit äußerst gereizt war. Er sprach mit höchster Leiden- 
schaft gegen den Türkenkrieg, den er für gefahrbringend und un- 
gerecht hielt. Nichts lag ihm ferner, als sich seine schöne polnische 
Armee durch ihn verderben zu lassen. „In den letzten 14 Jahren^, 
schreibt der deutsche Generalkonsul Schmidt^), „ist keine Epoche 
so langen bitteren Grimmes eingetreten. Die Äußerungen über 
den Kaiser und über den General Diebitsch sind wahrhaft er- 
schreckend.^ Von einer Verschiebung der polnischen Armee näher 
zum Kriegsschau platze hin durfte weiter nicht die Rede sein, sie 
bezog ihr gewöhnliches Lager in der Nähe von Warschau. 

Nun hätte man annehmen sollen, daß diese Absage Konstantins 
eine beschleunigte Durchführung der gegen Varna gerichteten Pläne 
zur Folge haben mußte, zumal die Festung noch nicht die er- 
warteten Verstärkungen erhalten hatte. Aber der General Diebitsch 
verstand es, trotz Wittgensteins Widerspruch und obgleich der 
Preuße Nostitz und der Herzog von Mortemart auf die Gefahren 
des Unternehmens aufmerksam machten, den Kaiser für den Ge* 
danken zu gewinnen, den Marsch gegen Varna aufzugeben und 
statt dessen mit der Hauptarmee gegen Schumla zu rücken. Sein 
Gedanke scheint gewesen zu sein, daß es gelingen werde, 
Hussein Pascha zu offener Feldschlacht zu verlocken und ihm eine 
vernichtende Niederlage beizubringen. Schumla und Varna, so 
konnte man hoffen, würden dann kapitulieren. Aber auch die 
Aussichten einer Belagerung ohne vorausgegangene Niederlage der 
Türken hielt Diebitsch für günstig, während Wittgenstein meinte, 
sie könne ein ganzes Jahr lang dauern. Der Kaiser entschied lür 
Diebitsch *). Es blieb dabei, daß sich Suchtelens schwache 
Abteilung mit der Beobachtung Varnas begnügen solle, während 



Wojenno Utscbenny Arch. Nr. 2597. Nikolai hatte den Bruder bereits am 
14. Mai gebeten, ihm einige polnische Offiziere zu schicken. 

^) Warschau, den 26. Mai, also bereits einen Monat, bevor der Kaiser 
um Unterstützung durch die polnische Armee bat Berlin, Geh. St. A. A. A. I. 
Rep. I Nr. 20. Pologne n. 27 I. 

^ Die Details bei Schilder und in der Biographie Kisselews gehen auf 
den ganz unzuverlässigen Lacroix zurück und verdienen keine Beachtung. 



254 Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 

das Hauptquartier am 15. Juli aus Bazardschik aufbrach und unter 
steten Gefechten der von General Rüdiger geführten Vorhut, am 18. 
in Jenibazar anlangte, 15 Werst von Schumla, während Benken- 
dorf weiter sudlich Pravodi besetzte, ohne auf erheblichen Wider- 
stand zu stoßen. 

Am 20. erreichte die Armee Schumla. Das Korps Rudzewitsch 
mit dem Kaiser und Wittgenstein marschierte auf dem geraden 
Wege auf das befestigte Lager von Schumla zu, das Korps Woinow 
mit dem General Diebitsch längs dem Gebirge, um der türkischen 
Stellung in die Flanke zu kommen. Hier ist es, als die Russen 
unter dem persönlichen Kommando des Kaisers die Höhen vor 
Schumla besetzten, an den Ufern des Balanlyk zu lebhaften 
Kämpfen mit der türkischen Kavallerie gekommen, wobei 
die Türken geworfen wurden und sich in die Verschanzungen 
von Schumla zurückzogen^). „WMr haben", schrieb der Kaiser 
am 30. dem Großfürsten Konstantin, „eine sehr schöne 
Affäre mit gegen 10000 Pferden gehabt. Es war nach Disposition 
und Ausführung wirklich ein schönes Manöver. Wir haben hier 
unsere Position eingenommen und nur 16 Tote und einige 50 Ver- 
wundete verloren." Er war in bester Laune. Paskiewitsch hatte 
ihm die Einnahme von Kars gemeldet, die russische Flotte war 
vor Varna eingetroffen, Ibrahim durch die bei Navarin vereinigten 
Truppen genötigt worden, Morea zu räumen'). Hussein Pascha 
schien sich ruhig verhalten zu wollen, und die Russen rückten mit 
der Anlage ihrer Redouten Schumla immer näher. Aber die Lage 
war weniger günstig, als Nikolai glauben wollte. Die Besetzung der 
in zu großer Zahl und in zu großer Nähe vom Feinde angelegten 
Redouten schwächte den Bestand der Bataillone; die Kavallerie, 
deren Pferde bereits schlaff wurden, mußte sich die Furage aus 
großer Entfernung holen, jeder Transport erforderte militärische 
Deckung, und die ungemein rührige und vorzüglich berittene tür- 
kische Kavallerie brachte durch AufTangen der russischen Kuriere, 

^) Eine sehr lebendige Schilderung dieser Kämpfe gibt der Herzog von 
Mortemart, Relation vom 24. Juli 1828 aus dem Lager vor Schumla. Weniger 
ausfahrlicb Käster. Auch: Graf Kisselew und seine Zeit ist heranzuziehen. 
Kisselew schlug die Brücken ober den Balanlyk. Der Kaiser verlieh ihm einen 
Degen mit Brillanten und der Aufschrift «Für Tapferkeit*. Bd. I, S. 279. 

') Eine «m 6. August von Codrington und Mehemed Ali in Kairo abge- 
schlossene Konvention regelte die Räumung Moreas. 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 2ÖÖ 

durch Plünderung der Transporte, Überfälle der an Redouten und 
Trancheen arbeitenden Soldaten den Russen die empfindlichsten 
Verluste bei. Dazu kam, daß die Krankheiten in immer bedenk- 
licherem Maße zunahmen, und die Transportochsen zu Hunderten 
fielen, so daß die regelmäßige Verproviantierung des russischen Lagers 
in Frage gestellt wurde. 

„Mit einem Wort, als wir daran gingen, Schumla zu belagern, 
boten wir vielmehr selbst das Bild eines belagerten Platzes.^ So 
urteilt Benkendorf ^), der am 2. August den Kaiser begleitete, als 
dieser das Lager von Schumla verließ, um nach Varna zu fahren, 
wo er den Stand der Belagerung in Augenschein nehmen und die 
Flotte besichtigen wollte, die er überhaupt noch nicht gesehen hatte. 
Von dort wollte er nach Odessa zur Kaiserin, denn im Grunde war 
er des Krieges bereits müde'). Auch den Großfürsten Michail, die 
Generaladjutanten Wassiltschikow, Nesselrode und Potockl nahm der 
Kaiser mit sich. 

Den Convoi bildeten ein wenig vollzähliges Regiment Jäger zu 
Pferde, zwei Bataillone Infanterie, eine Batterie reitender Artillerie 
und drei Eskadrons Leibkosaken'). Die letzteren ritten als Vor- 
hut. Der Kaiser hatte bereits befohlen, daß Infanterie und Artillerie, 
die mit seiner vorwärts drängenden Ungeduld nicht Schritt halten 
konnten, nach Schumla zurückkehren sollten, als die Kosaken mel- 
deten, daß bei Jenibazar türkische Reiterei im Hinterhalt liege. 
Wie der Feind sah, daß die Russen sich zum Kampf ordneten, wich 
er zwar zurück, aber bei Kosludji erschlug er die Fuhrleute des 
Trains und trieb die Zugtiere fort. Mit vieler Mühe wurde Nikolai 
bewogen, in Kosludji Halt zu machen, um den General Dellings- 
hausen abzuwarten, der dem bei Kovarna gelandeten Fürsten 
Menschikow entgegengeschickt war und Befehl hatte, die Verbin- 
dung zwischen Kosludji und Varna zu sichern. Schon am 23. verlor 
der Kaiser jedoch die Geduld, er hob, ohne Dellingshausen abzuwarten, 
das Lager von Kosludji auf und ritt auf Varna zu in den 
Wald hinein. Unter nicht geringen Fährlichkeiten wurde das Ufer 
des Schwarzen Meeres erreicht. Dellingshausen hatte sich schließ- 
lich mit Menschikow vereinigt, nachdem er vorher einen heftigen 

^) Tagebücher. Russkaja Starina Juni 1896, S. 488. 
^ Relation Küsters vom 12./24. August durch sicheren Kurier. 
') In Summa 700 Mann Infanterie und 600 Pferde, dazu ein Train, der 
den Reisepro viant fährte. 



256 Kapitel VIII. Der Törkenkrieg, Kampagne von 1828. 

Kampf mit den Türken bestaDden hatte, die aus Varna ausgefallen 
waren. So lief das Abenteuer des Kaisers, denn so ist dieser Ritt zu 
beurteilen, noch glücklich ab. Zeugt es von seinem persönlichen Mut, 
so doch nicht minder von unbesonnener Unterschätzung wirklicherGe- 
fahren. Er schien zu vergessen, daß er in Feindesland sei. Andererseits 
aber scheute er vor Unternehmungen zurück, die einen Erfolg ver- 
sprachen, sobald ihm die Möglichkeit oder Wahrscheinlichkeit großer 
Opfer an Menschen vor die Seele trat. Als ihm Menschikow vorschlug, 
mit Hilfe der aus Anapa angelangten Truppen, der 1300 Mann, 
die den Kaiser begleitet hatten, und unter Assistenz der Flotte 
Varna mit Sturm zu nehmen, lehnte er ab. Die Festung werde 
in spätestens acht Tagen kapitulieren ^), man solle zu einer regel- 
rechten Belagerung schreiten. Dann inspizierte er die Flotte und 
segelte') auf der Fregatte „Flora'' nach Odessa ab, wo er nach 
dreitägiger glücklicher Fahrt anlangte und bis zum 2. September 
blieb. Auch der ganze Stab der Diplomaten, Hofleute, Beamten 
und fremden Bevollmächtigten folgte ihm nach. Mit ihnen zogen 
die Intrigen der europäischen Politik in Odessa ein. Prinz Philipp 
von Hessen war beauftragt, den Kaiser gegen die französische 
Politik mißtrauisch zu machen. General Maison hatte unter lautem 
Jubel der öffentlichen Meinung Frankreichs am 19. August die 
Fahrt angetreten, die seine Truppen, zum Teil auf englischen 
Schiffen, nach Morea führen sollte, was Metternich im höchsten 
Grade beunruhigte. Aus den Betrachtungen der Pariser Presse 
gehe deutlich hervor, daß das Unternehmen gegen Morea von den 
revolutionären Parteien in Frankreich als erster Schritt betrachtet 
werde, der sie zu dem System zurückführen solle, das 1813 und 
1814 von den Mächten erdrückt wurde. Die Befreiung Griechen- 
lands werde zu einer französischen Tat gestempelt werden, was 
doch umöglich den Russen lieb sein könne'). Ebenso mißtrauisch 
waren, obgleich sie der Morea-Expedition schließlich zugestimmt 
hatten, Wellington und Aberdeen. Die Franzosen, meinte Aberdeen^), 

1) Denkschrift des Fürsten Menschikow. Woj. Utsch. Archiv. Zitiert von 
Schilder. Nikolai, Bd. II, Anm. 221. 

^) «Um nicht Zeuge einer zweiten erfolglosen Unternehmung sein zu 
müssen", sagt Moltke S. 144. 

') Privatschreiben des Fürsten Metternich an den Prinzen von Hessen- 
Homburg d. d. Woltersdorf, den 14. August 1828 in der Anlage. 

^) An Wellington, den 30. August: „The french will surely uever be 
happy unless tbey can manufacture divers touchiug paragraphs about the white 



Kapitel YIII. Der TärkeDkrieg, Kampagne von 1828. 257 

werden gewiß nicht glücklich sein, bevor sie einige rahrsame Artikel 
über die weiße Fahne, die auf den Türmen der Akropolis von Athen 
weht, schreiben können. 

In der Tat trug das französische Kabinett sich mit großen 
Plänen und Hoffnungen. „Ich bin sicher," schrieb La Ferronnays 
am 30. Juli dem Herzog von Mortemart, „daß Frankreich in weniger 
als drei Jahren wieder das erste Land der Welt werden kann').^ 
Man wünschte in Paris leidenschaftlich die Trennung der griechischen 
Frage von der russisch-türkischen, aber gleichzeitig auch die Be- 
seitigung des englischen Einflusses aus Morea wie aus Ägypten. 
Dazu begannen sich die französischen Blicke auf Algier zu richten, 
und nach wie vor wurde der Gedanke einer besonderen französisch- 
russischen Allianz gepflegt, an die sich die ausschweifendsten Pläne 
knüpften. Seit den Tagen Napoleons hatte der französische Ehrgeiz 
keinen höheren Flug genommen. Mortemart war angewiesen, mit allen 
Mitteln dem Einfluß Lord Heytesburys entgegenzuarbeiten, der in 
Odessa schnell das Vertrauen des Kaisers, oder doch wenigstens 
den Schein, eines Vertrauens, zu gewinnen verstand. In Wirklich- 
keit hatten nur die geringen Erfolge Rußlands England zeitweilig 
beruhigt. Die Sympathien der britischen Politik galten den Türken 
und Österreichern'), während Nesselrode — der kleine Minister, 
wie ihn Metternich nannte — und der Kaiser sich, je länger je mehr, 
in der Überzeugung festigten, daß Österreich der heimliche Ver- 
bündete der Türken sei'). Es ist dann ein Moment ernster poli- 



flag floating on the towers of tbe Akropolis of Athens.'' Wellington, Des- 
patches V. 

^) Particuliere. 

^ ^Malgre ies dispositions personnelles tres conciliantes de Lord Heytes- 
bury, et malgre la nature assez satisfaisante, k certains egards, des explications 
transmises par le prince de Lieven, il etait ais^ de pen^trer que la politique 
du ministere an^lais . . . se rapprochait de plus en plus de celle de rAutricbe.** 
Compte rendu du Ministere des affaires etrangeres pour Ies annees 1827 
et 1828. Petersburg. Ministerium des Auswärtigen. Ebendort die Klagen 
über die Intrigen Österreichs. 

*) Entzifferung der Depesche 28 Küsters d. d. Odessa, 14./26. September 
1828. Durch sichere Gelegenheit. 

La meüance et l'animosite, qui regnent ici contre rAutriche, ont, pendant 
Ies derniers moments du sejour de TEmpereur ä Odessa, augmente ä un degre, 
qui, dans d^autres circonstances, donnerait Heu aux plus justes alarmes. Heu- 
reusement la positition des deux cours, dont Tune ne parait pas en ^tat de 
soutenir actuellement une guerre et dont Tautre sent trop Ies embarras de 
Seh lern ann, Geschichte Kußlands. IT. 17 



258 Kapitel VIH. Der Türkenkrieg, Kampagne Ton 1828. 

tiscber Krisis eingetreten, als Rußland seine Absicht kundtat, den 
Bosporus und die Dardanellen zu blockieren; die Verhandlungen, 
die damals im englischen Kabinett stattfanden, trugen einen direkt 
feindseligen Charakter. Man erwog, ob nicht d«r Vertrag vom 
6. Jnli gekündigt werden solle, und sprach es unverblümt aus, 
daß die Minderung der russischen Macht das wahre und legitime 
Ziel der englischen Politik sei *). Wellington aber gab in der 

Celle qui pese sur eile, pour entreprendre une nouTelle sans des motifs pressants, 
doit pour le inoment rassurer sur les consequences de cet etat des choses .... 
Le cabinet de Vienne a cru que des protestations et quelques demonstrations 
d^apparence suffiraient pour lui regagner la confiance de la cour de Russie, .... 
mais le gouvernement de Russie pretend aToir acquis la certitude (je crois quMl 
a en partie ä cet egard des preuves iirecusables eutre ses mains) que la cour 
d*Autriche, peudant qu*elle protestait de sa ferme intention de 
maintenir la plus stricte neutralite, a con^u et enroye a Con- 
stantinople un plan de campagne, que les Turcs ont suivi jusqu^ici: 
que des officiers de genie autrichiens eoactivite de Service et en- 
Toy^s ad hoc ontaide de leursconseils Hussein Pascha, et que quel- 
ques uns d'entre eux dirigent encore aujourd^hui en personne les travaux entrepris 
pres de Daoud Pascha*. . . . Dazu komme die Nachricht von der Verstärkung der 
österreichischen Truppen an der Grenze. Man habe dem Kaiser gemeldet, 
„qu^une armee autrichienne de 160000 h. sera incessament reunie**, es würden 
vier Korps sein und als Generale wurden Ginlay, Hadik und der Prinz von 
Hessen-Homburg genannt. Gewiß seien diese Nachrichten falsch. Küster 
hat in diesem Sinne auf Nesselrode einzuwirken gesucht. 

Diese Gerüchte hätten den Anlaß zur Ungnade des Prinzen 
von Hessen gegeben. „Ce prince avait ete, k son arrivee au quartier general, 
invite par PEmp. a Taccompagner et ä s'em barquer avec lui lorsque S. M. se 
rendait de Schoumla ä Odessa, traversee, pendant laquelle aucun autre etranger 
ne se trouvait dans sa suite. Mais au dernier retour du Monarque k Tarmee, 
il n'a plus et^ question du Prince et l'Emp. a seul emmene avec lui le 
general (Nostitz) que Votre M. a envoye ici. Le Prince n*a pas meme ete 
averti du retard mis dans le depart des diplomates et militaires etrangers, 
et la communication faite tout recemmeot a ce sujet par le C^ de Ness. 
a l'Ambas. de France et au Corps diplomatique ne lui a point ete adressee*. Der 
Prinz habe das sehr wohl empfunden, habe sich aber begnügt, Nesselrode zu 
schreiben: »qu'il avait ^te envoye au quartier general dans le but d^accompagner 
l'Emp. dans la guerre de Turquie et que comme S. M. avait agr^e cette 
mission, il esperait qu^on lui permettrait de la remplir. II n'a pas encore 
re^u de reponse a cette lettre". . . . 

*) „The true and legitimate object of our policy.* Memorandum by Lord 
Ellenborough, 14. September 1828. Wellington, Despatches V. Auch gegen 
Preußen war die Erbitterung in London groß. Das englische Kabinett besaß 
die preußische Chiffre und interzipierte die Depeschen Hernstorffs an Bülow. 



Kapitel VIIL Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 259 

Londoner Konferenz der Botschafter zu Protokoll, daß, falls die 
dem Admiral Ileyden erteilten Befehle nicht suspendiert werden 
könnten, der König es als seine Pflicht ansehe, der Pforte, seinen 
Untertanen und der Welt zu verkünden, daß das Mittelmeer nicht 
mehr neutral sei. Nesselrode meinte, daß nur die guten Dienste 
Frankreichs einen völligen Bruch verhindert hätten. 

Es ist begreiflich, daß alle diese Dinge den Kaiser erregten. 
Ging ihm auch der Tag in Paraden und Revuen und jeder Art 
von Besichtigungen, in Gesprächen mit den Diplomaten und Mili- 
tärs und in der Arbeit in seinem Kabinett hin, der Abend am 
Teetisch der Kaiserin, an dem er Scharpie zupfte *), so verzehrte 
ihn doch die Unruhe über den weiteren Verlauf des Feldzuges. 
Denn statt der erwarteten Siegesnachrichten traf eine Hiobspost 
nach der anderen ein, und die Türken zeigten nicht die geringste 
Neigung, die Initiative zu den vom Kaiser heiß ersehnten Friedens- 
verhandlungen zu ergreifen. Alle Berichte, die uns aus dieser Zeit 
erhalten sind, stimmen darin überein, daß der Wunsch des Kaisers, 
möglichst Menschenleben zu schonen, auf den bisherigen Verlauf 
des Feldzuges lähmend eingewirkt habe. „Wenn dadurch^ — 
schreibt der Baron Küster — „vielleicht auch hier und da ein 
kleiner Vorteil unbenutzt geblieben ist, so kann Europa wenigstens 
daraus die Beruhigung schöpfen, daß es in dem Kaiser Nikolaus 
nie einen Eroberer zu fürchten haben wird')." 

Auf dem Kriegsschauplatze hatte inzwischen die Lage sich 
folgendermaßen gestaltet. 

Zur Ei&schließung von Silistria war General Roth am 21. Juli 
geschritten, aber mit unzureichenden Mitteln. Er hatte noch kein 
Belagerungsgeschütz und wagte deshalb nicht, in den Bereich der 

In Anlaß der entschieden russenfreundlicben Haltung des Berliner Kabinetts, 
die sich aus der Einsicht in diese Papiere ergab, schrieb Aberdeen an Wellington: 
,1 have always been afraid of expecting anything of Prussia, beeing of opinion 
that it is tbe most rascally government in Europe, the most selfish and ra- 
pacious. Tbe same reason which induced them to make peace with regicide 
France, before any other power, would make them willingly to deliver over 
the independence of Europe to Russia, if anything could be obtained by it. 
The Short possession of Hanover is not forgotten!*' 

Rapports du Prince de Hesse-Homburg. Odessa, 2. September 1828. 
Wien, Staatsarchiv. 

>) Relation Kästers aus Odessa, den 12./ 24. August 1828. Durch den 
Major von Dieskau. 

IT 



260 Kapitel VIIL Der Tärkenkrieg« Kampagne Ton 1838. 

türkischeD Kanonen zu kommen. Die durch den Zuzug aas Brailow 
und aus den anderen kleinen Festungen wesentlich verstärkte Garnison 
von Silistria aber machte einen Ausfall nach dem anderen, und 
ihre Reiterei war der russischen entschieden überlegen *). Am 10. 
August legte sich die russische Donauflottille vor die Festung'), 
aber sie richtete wenig ans und vermochte nicht einmal die elenden 
zwölf Donauboote der Türken zu verjagen, auch die Verbindung 
der Festung mit Kustschuk und Turtukai konnte nicht verhindert 
werden. Den 23000 Mann der Türken standen nur 10000 Russen 
gegenüber, zwar wohlverschanzt, aber tatsachlich in der Defensive. 
Roth meinte bereits damals, daß die Kampagne schwerlich in einem 
Jahre beendigt werden könne, und sprach sich bitter über die 
fehlende Einheit der Heeresleitung aus. Die Hoffnung richtete sich 
hier, wie in Odessa, auf das Eintreffen der Garden, deren Vorhut 
endlich am 30. Juli die Donau erreicht hatte. Man berechnete, daß 
sie zwischen dem 12. und 20. August vor Schumla eintreffeu 
würden '). Aber man hatte falsch gerechnet. So lagen die Russen 
ziemlich untatig bis zum 15. September vor der Festung; an diesem 
Tage traf der General Schtscherbatow mit der zweiten Armee ein, 
um die Fortfuhrung der Belagerung zu übernehmen, so daß nun 
auch die numerische Übermacht auf russischer Seite war. Trotzdem 
und in Mißachtung wiederholter Befehle blieb er untatig, »weil er 
ohne Grund seine Mittel für unzureichend hielt, z. B. statt 20000 
Kugeln, die er hatte, 60000 verlangte'' ^). Als Schtscherbatow bald 



1) Paul de Bourgoing an Mortemart. Au camp de Siiistrie 23 juillet 
18iS. ^Cette caTalerie etait d^uoe plus l>elie apparenc« quaucune de oelles 
qui se soient montrees depuis TouTerture de la campagne. La beaute des 
chevaux, IVtat des armes et des costumes couverts d*or et d^argent nous fait 
penser qae ce corps est IVlite de la garnison de Siiistrie.' Paris, Depot dea 
äff. etraog. Rassie vol. 176 fol. 111. Der Bericht gibt eine sehr eingehende 
Schilderung der Kämpfe, die bei der Investierung Ton Silistria durch Roth 
stattfanden. 

^ 36 Fahrzeuge, darunter 16 mit je drei Geschützen schweren Kalibers. 
Moltke 1. 1. 

'y Bourgoing an Mortemart, 4. August, kontidentiell. Bourgoing hat sich 
um die Anlage der russischen Investieningsarbeiten sehr Terdient gemacht. 

^) Relation Scbölers d. d. Petersburg, 28. Januar 1829. Sie enthält eine 
sehr t>eacbtenswerte Kritik des Feldzuges Ton 1828. Befördert durch den 
Bruder des engliscben Botschafters^ Capitain a Court. Berlin, A. A. I, Rep. I, 
Rußland Nr. 9i». Auch Moltke 1. 1. S. 213. 



Kapitel YIII. Der Törkenkrieg, Kampagne von 1828. 261 

darauf erkrankte, trat General Langeron an seine Stelle, der seit 
Beginn der Kampagne mit 13000 Mann die Walachei gegen die 
Türken gedeckt hatte, wobei namentlich General Geismar, der mit 
etwa 4000 Mann vor Krajowa lag, die wirksamste Hilfe leistete. 
Aber bei einiger Initiative hätten die Türken leicht bis nach 
Bukarest dringen können. Sie begnügten sich jedoch, ihre Stellung 
hinter den Werken der Donaufestungen zu behaupten '). Am be- 
drohlichsten erschien ihre Stellung Widdin-Kalafat, aber auch 
Rnstschuk und Giurgewo machten Sorge. Das Schlimmste 
war, daß Skorbut und Krätze, vor allem aber die Pest in uner- 
hörtem Maße unter den russischen Truppen in der Walachei um 
sich griffen und von dort aus überallhin verschleppt wurden, wo 
russische Truppen standen. So wurde auch die Belagerungsarmee 
vor Schumla von diesen Plagen getroffen und ihre ohnehin schwierige 
Lage dadurch noch mehr gefährdet. 

Der Kaiser hatte, als er am 3. August Schumla verließ, den Prinzen 
Eugen zum Chef des VIL Korps und den General Woinow zum Befehls- 
haber der gesamten Kavallerie ernannt, während der Oberbefehl nach 
wie vor bei Wittgenstein blieb. Aber Diebitsch stand ihm als Berater 
zur Seite und war von Nikolai ausdrücklich angewiesen, in Meinungs- 
verschiedenheiten mit Wittgenstein rücksichtslos die kaiserliche 
Autorität geltend zu machen. Es ist kein Wunder, daß Wittgen- 
stein unsicher wurde und schwer an der Verantwortung trug, die 
trotz allem auf ihm ruhte. Er hat mehrfach versucht, 
den Türken ihre Verbindung mit Konstantinopel abzuschneiden, 
ohne daß man dabei zum Ziel gelangte*), aber jedesmal sind be- 
trächtliche Verluste damit verbunden gewesen. Das lag zum Teil 
an der Überlegenheit der türkischen Gewehre über die russischen. 
Die Türken schössen sehr gut und waren mit gezogenen Gewehren, 
allerdings verschiedendsten Kalibers, bewaffnet. Die russischen 
Flinten, teils neue, teils alte, taugten dagegen alle nichts. Die 



Der Chevalier Bourgoing, der Ende September mit LaDgeron die 
wichtigsten Punkte besichtigte, sagt, daß die Türken: „ont, depuis la demiere 
guerre remplace partout dans leurs forteresses d^Europe, les murailles flanquees 
de tours par des remparts en terre a bastions bien proportionnes; mais ils 
ne fönt encore que peu d'emploi des ouvrages exterieurs et presque toutes 
les courtines de leurs fronts sont ä decouvert.^ An Mortemart. Bukarest, 
25. September. Moltke S. 218—227. 

2) Für das Detail vgl. Moltke 1. i. 



262 Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 

Läufe waren durch das häufige gewaltsame Putzen und Reiben 
abgebraucht und verbogen, alle Beschläge, sogar das Bajonett, ab- 
sichtlich gelockert, damit beim Exerzieren jedes Tempo und jeder 
Griff recht klangvoll hervortrete . . . ., es war ganz unmöglich, mit 
diesen Gewehren einen richtigen Schuß abzugeben. Dabei wurde 
das Scheibenschießen vernachlässigt. Erst aus der Praxis des 
Feldzuges lernten die Soldaten allmählich die Fehler ihrer Gewehre 
kennen. Die besten waren noch einige französische Gewehre aus 
dem Feldzuge von 1812'). Dazu kam, daß das Mustern und Exerzieren, 
nach dem Beispiel, das von allerhöchster Stelle gegeben wurde, 
auch im Lager vor Schumla eine wesentliche Beschäftigung der 
Truppen bildete. Als am 26. September Hussein Pascha völlig 
unerwartet um Mitternacht gleichzeitig die rechte und die linke 
Flanke des 7. Korps überfiel*), hatte zwei Tage vorher Eisselew 
dem Brigadegeneral Wrede einen scharfen Verweis erteilt, weil die 
Flinten nicht rein waren und die Leute durch den Nachtdienst zu 
sehr ermüdet würden. Man hatte danach zwei Tage lang die Ge- 
wehre geputzt, und als der Überfall stattfand, waren die Gewehre 
zwar blank, aber nicht geladen, und sorgfaltig in ihren 
Überzügen eingeknöpft, die Leute schliefen mit Ausnahme 
der spärlichen Wachtposten. Die Wachen aber wurden durch 
Nekrasowzen getäuscht, die russische Soldatenmäntel angelegt 
hatten und die Gräben mit Faschinen füllten, um den türkischen 
Truppen das Eindringen in die Redoute 5 zu erleichtern. Während 
auf dem linken Flügel Hussein Pascha schließlich mit nicht allzu- 
großen Opfern abgeschlagen wurde '), führte der Angriff des tapferen 
Halil Pascha auf Redoute 5 zu einer schweren Niederlage. Die 
Türken machten die ganze Besatzung, ein Bataillon Infanterie, den 
General Wrede und alle Stabs- und Oberoffiziere nieder, erbeuteten 



') Hansen: Zwei Kriegsjahre. Berlin 1881, S. 56. 

^) Es bestand aus den Infanteriedivisionen 18 und 19, aber alle Regi- 
menter der Division 19 waren nach Varna detachiert worden. In den von 
Hussein angegriffenen Tranchen bei Morasch lagen nur die vier Regimenter 
der 18. Division, ein Bataillon Sappeure und zwei Batterien. Vgl. die Auf- 
zeichnungen von Dubecki, der bei dieser Affäre Divisionsadjutant der 18. 
Infanteriedivision war. Die 120 Nekrasowzen, von denen er erzählt, bildeten 
einen Teil jener emigrierten Russen, deren Unterwerfung der Kaiser abgelehnt 
hatte ! 

*) Die Russen verloren 117 Tote und 132 Verwundete und ein leichtes 
Geschütz. 



Kapitel VIII. Der TürkeDkrieg, Kampagne von 1828. 263 

fünf BelageruDgs- und vier Feldgeschütze, scheiterten aber schließlich 
unter beiderseitig großen Verlusten bei dem Versuch, noch eine 
zweite Redoute zu nehmen. Aber volle 12 Stunden blieben sie 
Herren der Redoute 5. 

Der Kaiser erhielt die Nachricht von dieser unglücklichen Über- 
raschung am 2. September in Odessa, unmittelbar vor seiner Abreise 
nach Varna. Er war außer sich und hat seinem Zorn in einem 
Briefe an Diebitsch schneidenden Ausdruck gegeben. Ob denn der 
Feldmarschall wisse, daß er eine russische Armee kommandiere. 
Auch ängstigte ihn ein Bericht des Senators Abakumow, der, wie 
wir uns erinnern, an der Spitze des Verpflegungswesens der Armee 
stand. „Alles kann noch gut werden, aber was fangen wir an, 
wenn wir die Armee nicht ernähren können? Wir werden so 
schnell wie möglich nach Hause marschieren müssen, und das gibt 
ein schönes Resultat nach all den Opfern, die wir gebracht haben." 
Er ordnete an, daß Wittgenstein mit seinem Stabe bei dem in 
Jenibazar stehenden Korps bleiben solle, er werde in Varna, wohin 
er am Nachmittag fahre, ohne ihn auskommen. Es schloß sich 
daran der Befehl für Diebitsch, mit dem Rest des 3. Korps und 
den 20. Jägern in Varna zu ihm zu stoßen *). In Varna aber 
schienen die Dinge eine nicht minder bedenkliche Wendung nehmen 
zu wollen. Das erste Unglück war, daß bei einem Ausfall der 
Türken am 21. August der Fürst Menschikow schwer verwundet 
wurde. Das Oberkommando übernahm danach interimistisch der 



^) Der Brief des Kaisers an Diebitsch ist gedruckt bei Schilder: Nikolai, 
Bd. II S. 539. Wir fügen hier aus dem Briefe Wittgensteins (Wojenno 
Utschenny Arch. 5322) einen Abschnitt an, der charakteristisch genug ist: „Lager 
vor Schumla, den 27. August (8. September) 1828 (russisch). Mit großer 
Betrübnis habe ich aus dem Briefe Ew. Kais. Majestät an den Grafen Diebitsch 
gesehen, daJß ich das Unglück gehabt habe, die Unzufriedenheit und den Zorn 
Ew. Majestät auf mich zu ziehen wegen der Af^ren vom 14. bis 20. dieses 
Monats. Ich wage zu meiner Rechtfertigung nichts anzuführen, als daß die 
Ursache des Mißerfolges die Nachlässigkeit der in der Redoute befindlichen 
Tnippen war. Sie hatten ihre Flinten in den Zelten, und zwar mit Ober- 
zügen, denn eine Besichtigung der Flinten war vom Regimentskommandeur 
auf den nächsten Tag angesagt, wie Ew. Majestät aus den Akten der Unter- 
suchung sehen können, die General von Dellingshausen angestellt hat ....** 
Übrigens habe er nichts getan, ohne sich mit Graf Diebitsch zu beraten, wie 
dieser bezeugen werde. Der Schluß des Briefes mündete in ein Abschieds- 
gesuch aus, das der Kaiser ablehnte. 



264 Kapitel VIII. Der Tärkenkrieg, Kampagne Ton 183S. 

General Perowski, bis am 27. Graf Woronzow aus Odessa eintraf. 
Er fand bereits eine schwierige Lage vor. 

Am 5. AagQst hatte Sultan Mahmud dem Großwesir Mehemed 
Selim den Befehl erteilt, zum Heere abzugehen. Es wurde sogleich 
seine Fahne vor dem Pfortenpalast aufgepflanzt, aber der Aufbruch 
nach Adrianopel, wo sich mit seinem Heer, das 10 — 12000 Mann 
zählte, eine gleich starkeTruppe unter TschapanOglu vereinigen sollte, 
wurde verschoben, um das Ende des UnglucksmonatsSefer abzuwarten. 
Da es nicht für schicklich galt, daß der Großwesir an einem nur 
defensiven Kriege teilnahm, mußte angenommen werden, daß die 
Türken eine Hauptschlacht zu schlagen entschlossen waren. Am 
20. erfolgte der Aufbruch nach Adrianopel. Die plötzliche Abreise 
des Kaisers nach Odessa sowie die Nachrichten aus Schumla, 
Silistria, den Fürstentümern, hatten die Zuversicht der Türken er- 
heblich gesteigert. Anfang September waren mehrere Hundert 
russische Gefangene, darunter sieben bis acht Offiziere, nach Kon- 
stantinopei gebracht worden ; über die französische Expedition nach 
Morea schien man sich keine Sorgen zu machen; man hoiTte, des 
eigentlichen Feindes, der Russen, Herr zu werden. Seit dem Beginn 
des Feldzuges hatten die Streitkräfte der Türken sich zudem etwa ver- 
doppelt. Die böse Seuche, welche die russischen Reihen lichtete, 
hat sie kaum getroffen. Sie waren den Beschwerden des Klimas 
besser gewachsen und wurden besser genährt. Namentlich aber 
war ihr Pferdematerial dem russischen weit überlegen. Auch in 
Varna machte sich mehr Initiative geltend. In der Nacht auf 
den 30. August gelang es den Türken, sich einer Redoute zu be- 
mächtigen, und obgleich sie schließlich wieder verdrängt wurden, 
blieben sie doch den folgenden Tag vor der Festung liegen, ohne 
daß Woronzow es gewagt hätte, sie anzugreifen. Weder das Be- 
lagerungsgeschütz noch die heiß ersehnte Verstärkung durch die 
Garden war eingetroffen. Auch am 3. und 5. September ist es zum 
Kampf Mann gegen Mann gekommen. Im ganzen rückten aber 
die russischen Belagerungsarbeiten der Festung immer näher. 
Endlich, am 8. September, traf der Kaiser vor Varna ein*). Er 
hatte auch diesmal allerlei Fährlichkeiten bestehen müssen. Erst 



1) Korrespondenz zwischen dem Kaiser und Diebitsch R. St XXXII. 
Es ist nicht ohne Interesse, wie dec Kaiser Diebitsch gegenüber sein Er- 
scheinen Yor Varna motiviert. Er sei gekommen, «pour eviter tonte collision^ 
zwischen Michail und Woronzow: ,c'est moi qui commande ici, et tous 



Kapitel VIII. Der T&rkenkrieg, Kampagne von 1828. 265 

war es ein furchtbarer Sturm, der die Fregatte, die ihn trug, 
nötigte, nach Odessa zurückzufahren, wollte sie nicht an das türkische 
Ufer geworfen werden *). Er entschloß sich darauf, zu Lande nach 
Varna zu fahren, obgleich er durch unsichere und von der Pest 
verseuchte Gegenden mußte. An der Brücke von Satunowo hatte 
er über Nacht halten müssen, weil sie zum Teil unter Wasser lag. 
Nur zwei Feldjäger dienten als Begleitung. Auch die weiteren 
Eindrücke waren schwer. In Babadagh fand er im Hospital fast 
alle Ärzte krank, die Sterblichkeit entsetzlich hoch. Tn Eosludji 
wo er gleichfalls in der Nacht eintraf, sah es ebenso aus, aber vor 
der Stadt stieß er auf das Lager der endlich eingetroffenen, nach 
Varna, nicht, wie ursprünglich beabsichtigt war, nach Schumla 
marschierenden Garden, denen der Großfürst Michail entgegengereist 
war. Natürlich brachte der andere Morgen eine Parade, dann eine 
Besichtigung der Hospitäler und Magazine; endlich ging es über 
Mangalia und Kowarna, die das gleiche trübe Bild boten, nach 
Varna. Am 9. trafen die 2., 3. und 4. Brigade der Gardeinfanterie 
mit ihrer Artillerie ein. Das Belagerungsgeschütz langte jedoch 
erst am 15. September an. Es ist dann von beiden Seiten mit 
außerordentlicher Hartnäckigkeit gekämpft worden '), und die Aus- 
sichten, der Festung bald Herr zu werden, schwanden sichtlich, 
als die Türken endlich Anstalten machten, Varna zu entsetzen. 
Wie vor Silistria und Schumla waren sie auch bald vor Varna in 
der Überzahl. Der Großwesir war über Aidos vorgerückt und 
hatte aus Schumla Omer Vrione, berüchtigten Andenkens von 
Morea her, an sich gezogen, so daß er im ganzen über ungefähr 
30000 Mann gebot. Auf ausdrücklichen Befehl des Kaisers 
beauftragte darauf General Golowin, der zum Korps des Prinzen 
Eugen gehörte, den Obristen Grafen Zaiuski, einen der polnischen 
Offiziere, die Konstantin geschickt hatte, die Stellung Omer Vriones 
zu rekognoszieren. Er gab ihm das Regiment Gardejäger, zwei 
Kanonen der Artillerie zu Pferde und ein Detachement Infanterie. Der 



commandez labas, et tenez tete ä votre vieux Marechal et employezmon 
Dom quand on ne vous ob^it pas." Brief vom 27. August abends, ä bord 
du Paris. 

Nikolai an Konstantin 21. Oktober (2. November): „tempete ... qui 
a failli nous faire le voyage de Constantinople^. 

^ Moltke, Abschnitt 8, der das technische Detail dieser Belagerungs- 
kämpfe gibt, deren Darstellung nicht in unsere Aufgabe f&llt. 



266 Kapitel YIII. Der TürkeDkrieg, Kampagne von 1828. 

General Härtung, dem als älteremOffizier das Kommando gehörte, wurde 
dabei übergangen. Ein junger Offizier, der die Affäre mitmachte, 
erzählt den weiteren Verlauf folgendermaßen'): „Ohne eine Avant- 
garde auf hinreichende Entfernung vorauszasenden, ohne die not- 
wendigen Vorsichtsmaßregeln, zog das unglückliche Regiment auf 
einem schmalen Wege durch das kupierte, dicht bewaldete 
Terrain und stieß, nachdem es zwölf Werst zurückgelegt hatte, 
ganz unvorbereitet auf die bedeutend überlegene Vorhut Omer 
Vriones, welche auf einer von dichtem Gehölz umgebenen Fläche, 
in nächster Entfernung vor dem sorglos heranmarschierenden 
Regiment ihr Lager aufgeschlagen und sich bereits verschanzt hatte 
Der ebenso sorglos ohne Vorposten lagernde Feind, durch das un- 
erwartete Erscheinen unserer Truppen alarmiert, warf sich auf 
seine gesattelten Pferde, brach in großen Massen aus seinem Lager 
hervor, umfaßte die von Zaluski unbegreiflicherweise aus dem 
schützenden Walde in die offene Fläche vorgeschobenen Kolonnen, 
die kaum Zeit hatten, Karree zu formieren, brachte sie durch 
wiederholte ungestüme Angriffe in Unordnung, und das überraschte, 
von allen Seiten bedrängte Regiment, gleich zu Anfang seiner hohen 
Offiziere beraubt, trat seinen verhängnisvollen Rückzug an, der bald 
unter dem Anstürmen der feindlichen Kavallerie in eine völlige 
Auflösung und regellose Flucht einzelner Teile des Regiments aus- 
artete. W^as nicht gleich im Kampfe fiel, wurde abgeschnitten und 
später niedergemetzelt. Nur einer geringen Schal* gelang es, unter 
dem Schutz des bewaldeten Terrains sich der Verfolgung der Türken 
zu entziehen. Vollständig erschöpft, zum Teil verwundet und ohne 
Waffen, erreichten sie die vor wenigen Stunden verlassene Position. 
Als Oberst Zaluski die verzweifelte Lage erkannte, in die er das 
Detachement gebracht hatte, das ihm anvertraut war, war er zu 
kleinmütig, das Schicksal seiner Truppen zu teilen. Er zog sich, 
noch ehe das Regiment vom Feinde angegriffen und umzingelt 
war, mit den ihm beigegebenen zwei Geschützen der Donschen 
Artillerie und mit zwei Kompagnien zu ihrer Deckung, die er dem 
Regiment entnahm, eilig zurück und erreichte mit dieser kleinen 
Abteilung, die übrigen ihrem Schicksal überlassend, wohlbehalten 
unsere Aufstellung." General Härtung übernahm den Befehl über 
das Regiment erst, nachdem Zaluski sich Rettung suchend entfernt 



') Bei Hansen, Zwei Kriegsjahre, S. 117 fr. 



Kapitel YlII. Der Tärkenkrieg, Kampagne von 1828. 267 

hatte. Härtung fiel als einer der Ersten. Außer ihm verlor das 
Regiment zwei Obersten, 15 Offiziere und gegen 500 Unteroffiziere 
und Mannschaften, auch die Fahne des 2. Bataillons wurde ver- 
mißt. Wenn man bedenkt, daß das Regiment Gardejäger eines 
der vornehmsten Regimenter war, dessen Offiziere fast ausnahmslos 
der russischen Hofaristokratie angehörten, ist das ungeheure Auf- 
sehen verständlich, das diese klägliche Niederlage machte. Man 
warf dem Obersten Zaluski nicht nur Feigheit, sondern Yerräterei 
vor, und der alte Haß zwischen Russen und Polen wurde wieder 
lebendig. 

Der Zorn des Kaisers richtete sich wie immer gegen Wittgen- 
stein, und Diebitsch, der dem Feldmarschall davon Nachricht gab, 
kam jetzt endlich zur Einsicht, daß es nicht möglich sein werde, 
gleichzeitig gegen Schumla und Varna zu operieren und daß Varna 
vor allem genommen werden müsse'). So entmutigend die 
Niederlage der Gardejäger auf die Russen wirkte, so sehr hob sie 
die Zuversicht der Türken. Die Besatzung von Varna verteidigte sich 
trotz des Minenkrieges, der gegen sie geführt wurde, und trotz der 
jetzt mit furchtbarer Wirkung spielenden Belagerungsartillerie, mit 
bewunderungswürdigem Heldenmut. Der Großwesir aber verstärkte 
das Korps Omer Vriones, der sich nach einer Reihe für ihn günstiger 
Gefechte schließlich südwestlich von Varna bei Kurtepe, d. h. Wolfs- 
berg, in drei Lagern verschanzte. Der Kaiser, der von der Fregatte 
„Paris'' aus die Kriegsereignisse verfolgte und zu leiten versuchte, 
mußte von Wittgenstein hören, daß seine Stellung vor Schumla 
sich nicht mehr behaupten lasse, es fehle an Fourage, Brot und 
Fleisch, auch bereite ihm Omer Vrione Sorge, der jetzt sogar in 
seiner starken Stellung die Einnahme Varnas zweifelhaft mache. 
Die Antwort Nikolais war, daß Wittgenstein sich trotz allem bis 
aufs äußerste behaupten solle; der Prinz Eugen aber erhielt den 
Befehl, mit den 6000 Mann und 46 Geschützen über die er ver- 
fügte, Omer Vrione über den Kamtschyk zurückzuwerfen. Der Prinz, 
dem dieser Befehl am 29. September zuging, beschloß, um die nötigen 
Vorbereitungen zu treffen, den Angriff an diesem Tage noch nicht 
vorzunehmen und bat den Kaiser um Verstärkung durch die in Pra- 
vody zurückgebliebene Brigade Madatow, sowie durch die vor 



Vgl. in der Anlage die Briefe Diebitscbs vom 12. und 13. September 1828 
und die Autwort Wittgensteins vom 13. September. 



26S Kapitel VIII. Der Törkenkrieg, Kampagae Ton 1828. 

Varna stehende 1. Gardebrigade; als er auch verlangte, daß General 
Bistram b, mit dem er kooperieren sollte, seinem Oberbefehl unter- 
stellt werde, ließ der Kaiser, der schon einmal angefragt hatte, 
weshalb seine Befehle nicht sofort erfüllt würden, ihm am 30. 
früh durch den General Diebitsch sagen, daß der Angriff „unver- 
züglich^ erfolgen solle. Die erbetenen Verstärkungen aber versagte 
er, und dem Prinzen, der inzwischen durch eine Rekonoszierung 
sich davon überzeugt hatte, daß er es mit 20 — 30000 Türken zu 
tun haben werde, blieb nun nichts übrig, als zu gehorchen und 
sofort zum Angriff zu schreiten. Auf ausdrückliche Anfrage hatte 
er dem Kaiser sagen lassen, daß er um 2 Uhr vor dem Feinde 
stehen werde. Seine Operationen hatten bereits begonnen, als ein 
Billett des Kaisers eintraf, das nochmals zu kräftigem Angriff auf- 
forderte und Unterstützung durch Bistramb versprach. Es unter- 
liegt keinem Zweifel, daß Diebitsch und Suchosanet in unerhörter 
Weise gegen den Prinzen intrigirt und ihn im Stich gelassen 
haben ^). Das Regiment Asow griff eigenmächtig an ungünstiger 
Stelle und zu unrechter Zeit das türkische Lager an und wurde 
trotz seiner glänzenden Bravour und trotz des Sukkurses, den der 
Prinz schickte, unter ungeheueren Verlusten geworfen. Der Versuch, 
in die türkischen Verschanzungen einzudringen und des übermäch- 
tigen Feindes Herr zu werden, mißglückte, die vom Kaiser ver- 
sprochene Unterstützung von Galata aus kam nicht, und schließ- 
lich mußte der Prinz, um einer völligen Niederlage zu entgehen, 
den Kampf abbrechen, was er mit bewunderungswürdiger Umsicht 
ausführte. Er hatte 1400 Mann verloren, darunter den Brigade- 
general Dnrnowo und den Obersten des Regiments Asow. Moltke 
hat den Angriff auf Kurtepe gewiß mit Recht „eine der glänzendsten 
Waffenhandlungen dieser Kampagne" genannt'). Dem Prinzen 
Eugen, der selbst durch einen Streifschuß am Arm verwundet 
war, brachte sie keinen Dank. Der Stratege an Bord der „Paris" 



*) Eine klassische Schilderung der Schlacht findet sich in den Memoiren 
des Prinzen. Vgl. auch die Anlage. 

^ Moltke 1. 1. S. 196: „wider seinen Willen zu einer Unternehmung ge- 
zwungen, deren Erfolg er bezweifeln mußte, fahrte der Prinz, als ihm nur das 
blinde Gehorchen übrig blieb, die gegebenen Befehle mit allem Nachdruck 
aus. Nur zwei Bataillone blieben in Reserve, alle übrigen bestanden ein 
blutiges Gefecht, wobei die Infanterie, der Unterstützung der Kavallerie und 
Artillerie fast gänzlich entbehrend und gleichzeitig im Dunkeln tappend, mit 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 269 

sah nur das Scheitern seiner Absichten, und das erschien ihm als 
Schuld desjenigen, der das Unmögliche nicht möglich gemacht hatte. 
Die Lage war nunmehr allerdings von höchster Gefahr für die 
Russen. Wäre der Großwesir ein Mann gewesen, so hätte er die 
ganze Kampagne zugunsten der Türkei entscheiden können. Omer 
Yrione konnte in Varna eindringen, er konnte den Prinzen Eugen, 
der auch jetzt vergebens um Verstärkungen gebeten hatte, verfolgen 
und erdrücken und dann im Rücken der vor Varna stehenden Be- 
lagerungsarmee — die damals kaum lOüOO Mann zählte — auch 
ihr das Verderben bringen. Das ganze Kartenhaus des Scheins 
russischer Übermacht mußte zusammenbrechen — in Schumla, 
Silistria, vielleicht gar in den beiden Fürstentümern, die eben erst 
durch die Umsicht des Generals Geismar (am 26. September durch 
seinen Sieg bei Bojeleschti über Ibrahim Pascha, den Seraskier von 
Widdin^)) von einer Invasion befreit worden waren, welche Bukarest 
bedrohte. Aber von alledem geschah nichts. Omer Vrione blieb 
in seinem Lager elf Tage lang. Varna ward nicht entsetzt, gegen 
Schumla wurde nichts unternommen, und die Russen konnten unge- 
achtet ihrer Schwäche die Belagerung von Varna mit aller Energie 
fortsetzen. Am 6. Oktober fand auf Befehl des Kaisers ein Sturm 
gegen die Festung statt, aber er wurde von der tapferen Besatzung 
abgeschlagen, was ihr jedoch schwerlich gelungen wäre, wenn nicht 
im kritischen Augenblicke ein allerhöchster Befehl die Einstellung 
des Sturmes befohlen hätte. Der Kaiser konnte das viele Blut- 
vergießen nicht ansehen. Er bedachte dabei nicht, daß jeder Tag, 
den seine Truppen länger vor Varna lagen, die Hospitäler füllte, 
und daß die Opfer, die er durch seine langsame und schlecht vor- 
bereitete Kriegführung den Dämonen der Pest und ihren Begleitern 



wahrem Löwenmute focht. Uöheren Orts scheint man allerdings den Zweck 
ohne die Mittel gewollt zu haben." Auch General y. Nostitz, der die 20. Jäger 
und einige Schwadronen Ulanen ins Feuer führte, focht mit hoher Aus- 
zeichnung. 

1) Ober diese nicht unwichtigen, aber nicht entscheidenden Ereignisse 
siehe Moltke 1. I. Abschnitt 11 S. 218 if. und die Biographie Geismars, Russ- 
kaja Starina 1881 ßd. XXXII S. 736 ff. Eine der Folgen des nächtlichen 
Überfalls des türkischen Lagers war der Fall von Kalafat. Ibrahim war vom 
Sultan beauftragt, die russischen Truppen in Moldau und Walachei zu schlagen, 
alle Garnisonen der Donau festun gen zusammenzuziehen und die Rückzugslinie 
der Russen abzuschneiden. Der Kaiser ernannte Geismar zum Generaladju- 
tanten. 



270 Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 

Fieber, Dysenterie, Skorbut zuführte, weit zahlreicher waren, als 
alles, was Schwert und Geschoß niedergestreckt hatten ^). So schlich 
die Belagerung weiter, und die Stimmung des Kaisers, der von seiner 
optimistischen Beurteilung der Lage in das entgegengesetzte Extrem 
verfiel, wurde immer trüber, denn Omer Vrione lag noch immer 
im Walde von Kurtepe und konnte, wenn er nur wollte, jeder- 
zeit die belagernde Armee in die äußerste Bedrängnis bringen. 
Noch am 8. Oktober lehnte der Kommandant von Varna die ihm 
angetragene Kapitulation ab. 

Da geschah etwas völlig Unerwartetes. In der Nacht vom^S. 
auf den 9. Oktober fand in Varna „eine Art Aufstand^ statt. 
Jussuf Pascha, der Kommandant, hatte, wir wissen nicht wie, in 
Erfahrung gebracht, daß der Sultan beschlossen habe, ihn abzu- 
setzen und seine Guter zu konfiszieren. Eine Intrige des Serail 
hatte sich gegen ihn gewandt, und es scheint, daß er Rache nehmen 
wollte. Er verlangte mit dem größten Teil der Einwohner, daß 
der Kapudan-Pascha, Izzet Mehmed, die Stadt den Russen äbergebe. 
Es ist nicht sicher, ob ihm der Kapudan-Pascha die Genehmigung 
erteilte, in Kapitulationsverhandlungen mit den Russen zu treten'), 
wahrscheinlich ist es nicht. Doch wie dem auch sei, am 10. 
abends erschien Jussuf Pascha im Lager Woronzows, um die L^ber- 
gäbe der Stadt anzubieten. Man bewilligte ihm einen Stillstand von 
sechs Stunden '). Der Kapudan-Pascha weigerte sich aber, die von 
Jussuf Pascha angenommenen Kapitulationsbedingungen anzuer- 

>) 1828 starben während der Monate September, Oktober, November in 
den stehenden Hospitälern von 100 Kranken je 18,9, 22,3, 23,4! Seydlitz 1. 1. 
S. 47. Moltke S. 410 kommt zu folgendem Schluß: «Man darf ohne Über- 
treibung annehmen, daß die Russen der erste Feldzug fast die Hälfte ihrer 
ganzen Effektivstärke an wirklichen Kombattanten kostete.* 

^ Nikolai in seinem Brief an Konstantin vom l./ld. Oktober behauptet 
es. „Jussuf Pascha est venu lui-meme au nom du Capitaine-Pascha*, aber 
dieses Schreiben enthält auch andere Unrichtigkeiten, wie z. B., daß Izzet Pascha 
in Kriegsgefangenschaft geraten sei: ,.le capitaine Pascha se rendit prisonnier 
de guerre avec tout ce qui lui restait**, was notorisch falsch ist Daß Jussuf 
am Abend im russischen Lager erschien, bezeugt außer Nikolai auch Küster. 
Relation vom 11. Oktober. 

*) Auch das wird vom Kaiser falsch wiedergegeben. Er schreibt 1. 1^ daß 
die Feindseligkeiten nicht eingestellt worden wären: „les hostilites durant, ce 
qui expressement avait ete stipule.** Gewiß ein merkwürdiges Beispiel dafür, 
wie sich ihm die Wirklichkeit schon 48 Stunden nach den Ereignissen ver- 
schieben konnte. 



Kapitel VIIL Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 271 

kennen. Jussuf blieb nun im russischen Lager und ergab sich für 
seine Person der Gnade des Kaisers. Seinen Truppen aber ließ 
er den Befehl zugeben, ihm zu folgen ; das ist dann auch geschehen, 
und eine große Zahl anderer Truppen schloß sich ihnen an. Es 
waren in Summa 2 — 3000 Mann. Da Izzet Pascha trotzdem von 
einer Kapitulation nichts wissen wollte, wurde die Kanonade gegen 
Varna sofort von allen Seiten mit großer Heftigkeit wieder aufge- 
nommen, nur ließ der Kaiser auf Bitten Jussufs die schon gefüllten 
Minen nicht sprengen. Der Kapudan-Pascha aber schloß sich in 
der Zitadelle ein, einem alten Bau aus den Tagen Justinians, den 
die Genuesen wieder instand gesetzt hatten, und drohte, sich mit 
seinen Leuten und der Stadt in die Luft zu sprengen, wenn ihm 
nicht freier Abzug gewährt werde. Das ist ihm dann schließlich 
bewilligt worden, und mit BOO seiner Helden zog er, wenngleich 
ohne Waffen, dem Großwesir zu. Dann folgte der Einzug der 
Russen in die verwüstete Stadt. Sie hatte sich 89 Tage lang be- 
hauptet. „Es ist^, schreibt der Baron Bourgoing dem Herzog von 
Mortemart am 12. als Augenzeuge, „es ist unmöglich, eine schönere, 
längere und unbegreiflichere Belagerung in einem schlechteren Platz 
zu bestehen. Man würde ihn bei uns für unhaltbar erklären.'^ 

Moltke aber urteilt, daß die Verteidigung von Yarna wohl 
verdiene, unter den ruhmreichsten genannt zu werden, welche die 
Geschichte kenne. 

Er hat auch reiches Lob für die Tapferkeit der Russen. Die 
höchste Anerkennung, sagt er, gebührt den Generalen Menschikow 
und Woronzow, den Ingenieurgeneralen Trousson und Schilder, den 
tapferen Soldaten der Marine und des Landheeres. 

über die Schuld, die der Kaiser an den Fehlern und Ver- 
lusten des Feldzuges hat, geht er leise andeutend hinweg ^). Omer 
Vrione verließ am 12. seine Stellung in Kurtepe in höchster Eile, 
um nach Burgos zurückzugehen. Die Möglichkeit war damit ge- 
geben, über ihn mit den vor Varna freigewordenen Truppen auf 
dem Marsch herzufallen. Aber der Kaiser begnügte sich damit. 



*) Im Jahre 1845, als Moltkes Russisch-türkischer Feldzng erscbieo, war 
es undenkbar, daß in einem Werk, das von einem preußischen Generalstabs- 
offizier verfaßt und gezeichnet war, offener Tadel gegen den Kaiser 
Nikolaus ausgesprochen wurde. Die Ausgabe von 1877 bringt einige nicht 
unwesentliche Änderungen, auf welche Schilder in seiner russischen Ausgabe 
1876 — 1883 gelegentlich aufmerksam macht. 



272 Kapitel VIII. Der Turkenkrieg, Kampagne yoq 1828. 

den Prinzen Eugen zu beauftragen, mit seinem schwachen Korps 
Omers Rückzug zu belästigen, und das ist, so weit es möglich war, 
geschehen. Es war jedoch eher eine Demonstration als eine wirkliche 
Gefährdung der Türken, der Prinz Eugen hatte die Mittel nicht, 
um ihnen dauernd an den Fersen zu bleiben; mit verhältnismäßig 
kleinen Verlusten brachte der Pascha sein Heer in Sicherheit^). 
Es wurde nun ein feierlicher Dankgottesdienst im russischen Lager 
abgehalten. Am 13. Oktober ritt der Kaiser in das verwüstete 
Varna ein. 

Damit hatte die Kampagne von 1828 ihr Ende gefunden. Es' 
wurden in aller Eile Anordnungen getroifen, um die russischen 
Truppen in ihre Winterquartiere zu bringen. Man beschloß, die 
Blockade von Schumla aufzugeben, und die Truppen teils bei 
Satunowo über die Brücke, auf der die Russen so voller 
Illusionen ihren Einmarsch in die Türkei vollzogen hatten, 
teils bei Silistria, das man noch zu nehmen hoffte, bevor 
die Donau sich mit Eis bedeckte, in die Fürstentümer 
zu führen. Die Garde sollte gleichfalls unter Führung des 
Großfürsten Michail die Donau überschreiten und in der Umgegeud 
von Tultschin, wo in Friedenszeiten das Hauptquartier der zweiten 
Armee war, überwintern, in Varna eine starke Garnison gelegt 
und in Bulgarien Pravodi, Basardschik, Küstendsche und die kleinen 
Festungen an der Donau besetzt werden. Für das Hauptquaiiier 
wurde Bukarest bestimmt, es ist jedoch nach Jassy verlegt worden, 
da Bukarest durch die Pest allzusehr verseucht war. Diebitsch 
wurde beauftragt, beim Feldmarschall Wittgenstein zu bleiben. 
Den Kaiser drängte es, möglichst bald nach Petersburg zurückzu- 
reisen. Am 15. Oktober segelte er auf dem Linienschiff „Kaiserin 
Maria^ nach Odessa. Wiederum hätte ein furchtbarer Sturm, der 
26 Stunden andauerte und die „Kaiserin Maria" 10 Meilen von 
ihrem Kurs abführte, ihn beinahe auf das türkische Ufer ge- 



BourgoiDg besichtigte noch Tor dem 14. Oktober die Lager von 
Kurtepe und schreibt darüber: „L'infection de ce camp ne peut se decrire, et 
dans la terreur de sa retraite precipitee, Omer avait abandonne toutes 
les tetes Russes que j'ai rencontrees en grand nombre dans les bois; on les 
reconnaissait ä la chevelure blonde. J^ai trouve aussi des malades turcs 
morts ou expirants, ce qui prouve mieux que tout la crainte dont ils ont ete 
saisis.^ Er vergrub im russischen wie im türkischen Lager zu ewigem Andenken 
Münzen mit dem Bildnis Karls X. 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 182a 273 

worfen *), aber schließlich erreichte er doch sein Ziel. Am 20. Okto- 
ber verließ er Odessa, am 26. endlich traf er in Petersburg ein. 

Der Abmarsch der Rassen in ihre Winterquartiere vollzog sich 
unter großen Schwierigkeiten. General Rudzewitsch, der bestimmt 
war, den Teil der Armee von Schumla, der nach Silistria sollte, 
also das 3. Korps, zu decken, wurde von Hussein Pascha an- 
gegriffen und erlitt empfindliche Verluste, dagegen gelangten die 
Trümmer des 6. und 7. Korps unbehelligt nach Varna, wo sie die 
entsetzlichsten Quartiere fanden. Graf Langeron, der den Ober- 
befehl über die Belagerungstruppen von Silistria fährte und die 
Festung zu Fall bringen sollte, hielt es schon am 2. Oktober für 
wahrscheinlich, daß er sich nicht werde behaupten können. Vom 
3. bis 5. fielen dann wolkenbruchartige Regengüsse, die den Auf- 
enthalt im Lager fast zur Unmöglichkeit machten. Langeron mußte 
eine Kanonenschaluppe zu seinem Hauptquartier machen. Als der 
Regen aufhörte, folgte ein Schneesturm, danach eisige Kälte. Alles 
Schlachtvieh kam um, und die unglücklichen Soldaten mußten sich 
von den Kadavern der gefallenen Tiere nähren. Da ordnete Lan- 
geron die Aufhebung der Belagerung und den Abmarsch an. Am 
7. November überschritten die ersten drei Divisionen die Donau. 
Aber in welchem Zustande! Ermattet und entmutigt, fast völlig 
abgestumpft; denn es gibt einen Grad von Unglück, bei dem 
schließlich Denk- und Empfindungsvermögen versagen. Das 
Schlimmste war das Fehlen fast jeder ärztlichen Hilfe und der 
unerhörte Zustand der Feldlazarette und Hospitäler. Selbst in 
Odessa, wo doch das Auge von Kaiser und Kaiserin hinreichte, 
waren die Mißstände in den Hospitälern ganz unerträglich'), aber 
der Zustand der dort liegenden Kranken war beneidenswert 

*) Fast noch schlimmer erging es der militärischen und diplomatischen 

Suite des Kaisers, die auf dem „Panteleimon^ nach Odessa geführt wurde. Der 

'Herzog von Mortemart bat darüber einen höchst drastischen Bericht (vom 

19. Oktober) nach Paris geschickt, der von der unerhörten Unfähigkeit des 

russischen Kapitäns zeugt. 

^) „Les fievreux, les blesses, les amputes meme n^ont pas de matelats, 
pas de draps, pas de paillasses; ils sont couches sur des lits de camp 
immenses sur lesquels le Chirurgien doit grimper pour faire ses pansements, 
un tres petit nombre seulement a des couvertures, le linge ä pansement, la 
charpie, les medicaments manquent tres souvent etc." Relation Chassage aus 
Odessa, den 17. November. Paris Depot des äff. etrang, Russie vol. 176 
fol. 250. 

Schiemanii, Geschichte Rußlands IL 18 



274 Kapitel VIH. Der Türkeokrieg, Kampagne von 1828. 

im Vergleich zu dem, was die Kranken in den Hospitälern Bul- 
gariens und der Fürstentümer ertragen mußten. Es spottet jeder 
Beschreibung. In Jassy^) trafen z .B. Mitte November aus Silistria 
500 Kranke und Verwundete ein, die nur von einem Feldscher 
geleitet wurden, darunter Soldaten, die vor 14 Tagen amputiert 
waren und noch ihren ersten Verband trugen, während andere 
überhaupt noch nicht verbunden waren. 

Wittgenstein, Kisselew und Diebitsch trafen am 19. November 
in Jassy ein; dort blieb Wittgenstein mit der Verantwortung für 
die in den Winterquartieren liegenden Truppen zurück, während erst 
Kisselew, dann auch Diebitsch nach Petersburg berufen wurden, 
wo große Entscheidungen zu treffen waren. 

Benkendorff faßt die Resultate der Kampagne folgendermaßen 
zusammen. Wir haben gewonnen in der Türkei: „Die Moldau, die 
große und kleine Walachei, einen bedeutenden Teil von Bulgarien, 
8 Festungen, 957 Kanonen, 180 Fahnen, 9 Paschas und über 
22000 Kriegsgefangene'). 

In der asiatischen Türkei: 6 Festungen, 3 Befestigungen, 
313 Kanonen, 195 Fahnen, 8 Paschas und über 8000 Ge- 
fangene . . . 

Aber Krankheit, Kälte und der Feldzug in einem verwüsteten 
Lande haben die Reihen der Truppen stark gelichtet. Die Kavallerie 
hat fast alle ihre Pferde verloren. Die Artillerie, die weniger ge- 
litten hat, konnte sich gleichfalls nicht mehr im Felde behaupten. 
Alle Teile der Armee sind völlig desorganisiert. Zum Glück haben 
die Türken es nicht verstanden, unsere traurige Lage auszu- 
nutzen." 

Die Pforte hatte die Nachricht von der Einnahme Varnas 
einige Tage geheim gehalten. Als sie bekannt wurde, war die 
Aufregung groß, aber dem Sultan steigerte sie nur den Kriegseifer. 
Er schickte den Bostandji-Baschi, den Chef seiner Leibgarde, in 
das Lager des Großwesirs, ließ ihm die Reichssiegel abnehmen 
und verbannte ihn vorläufig nach Gallipoli*). An seine Stelle 
trat der tapfere Izzet Pascha, der in Varna die Ehre der Türken 

») Relation Lugan. Jassy, 20. November 1828. Paris 1. 1. fol. 254. 

3) Diese unglucklicben türkischen Gefangenen sind zum großen Teil auf 
dem Marsch in die ihnen bestimmten Quartiere umgekommen, was gewiß eine 
der schmählichsten Tatsachen dieses elenden Krieges war. 

') Die Absetzung des Großwesirs wurde am 27* Oktober bekannt gegeben. 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne Ton 1828. 275 

bis zuletzt behauptet hatte, zum Kapudan-Pascba wurde Ahmed 
Bey ernanot. Gleichzeitig wurden große Aushebungen in Asien 
befohlen und in Konstantinopel 30000 Rekruten der Bevölkerung 
abgezwungen. Sie sollten nach Adrianopel geführt werden. Ein 
Regiment Kavallerie und drei Regimenter regulärer Infanterie 
wurden in das Lager von Kara Bunar^) geschickt. Der Sultan 
selbst dachte sich an die Spitze seiner Truppen zu stellen, wurde 
aber durch die Ratschläge ') seiner Minister und der Ulemas zurück- 
gehalten. Dieser kriegerische Eifer erlahmte auch bald, man kam 
bei der Pforte zur Erkenntnis, daß ein Winterfeldzug nicht möglich 
sei. Die schwachen russischen Besatzungen in ihren bösen 
Quartieren blieben unbelästigt. Übrigens wurden die Truppen gut 
verpflegt. Die Offiziere, denen der Kaiser bei seinem Erscheinen 
auf dem Kriegsschauplatz das Kartenspielen verboten hatte, ent- 
schädigten sich jetzt nach der langen Entbehrung. Der Divisions- 
adjutant Joseph Dubecki, der in Basardschik lag, schreibt darüber: 
„Die gewöhnliche Beschäftigung in unserem Kreise war: Karten- 
spielen, Mittagessen, Wein; Kartenspielen, Abendessen, W^ein; 
Karten überall, Tag und Nacht, Karten und wieder Karten — und 
selten, sehr selten hie und da ein Buch oder ein Briefe ^). Es wurde 
sehr stark getrunken, noch mehr freilich während des Feldzuges, als die 
Karten fehlten. Trunkenheit der Offiziere, sogar der Generale, wird 
mehrfach bezeugt. In den Winterlagern in der Moldau und Walachei 
wurden mit den galanten Frauen, die in W^agenladungen zugeführt 
wurden, wüste Orgien gefeiert. DieAufgabe, Disziplin und Ordnung auf- 
recht zuerhalten und die Truppen für den bevorstehenden Feldzug vor- 
zubereiten, war unter diesen Umständen ganz außerordentlich 
schwierig. Ein wahres Glück, daß die Türken stille hielten. „Aber 
— schreibt Dubecki — „die Türken lieben den Winterfeldzug 
ebensowenig wie wir sündige Menschen.^ Sie taten nichts, um 
die Russen aus ihrem leichtfertigen Treiben aufzurütteln. Die 
Türkei schien in Apathie zu verfallen, und nur auf dem Felde 
der Diplomatie zeigte sie die alte Entschlossenheit, von ihren An- 
sprüchen und Rechten kein Titelchen aufzugeben. 

1) An der Maritza südlich von Adrianopel. 

2) Tatischtschew an Wittgenstein. Wien, 8./20. November 1828. Wojenno 
ü. Arch. 2714. 

«) Russkaja, Starina 1895 II S. 100. 

18* 



276 



Kapitel VIII. Der Tarkenkrieg, Kampagne von 1828. 



2. Der Feldzug Paskiewitschs in Asien.^) 
Während in der europäischen Türkei der Feldzug der Russen 
nur dank der Unfähigkeit der Türkei nicht in eine völlige 
Katastrophe ausgemündet war, hatte in der asiatischen Türkei Pas- 
kiewitsch in der Zeit von 2 7s Monaten eine Reihe glänzender 
Erfolge errungen, die durch keinen Fehlgriff getrübt wurden. 



^Kutaä 




Erovurv 
o 



^BSERUM 



Maßstab 1.3000000. 

'^ff I ■ ■ I y 



HB» 



'; Fürst Schtscherbatow, Generalleutnant im Oeneralstabe: Generalfeld- 
marschall Fürst Paskiewitsch, sein Leben und seine Tätigkeit. Nach unge- 
druckten Quellen. Bd. III, Petersburg 1891. Russisch. Wir begnügen uns 
mit einem raschen Oberblick über die [wesentlichsten Kriegsereignisse. Auf 
den Krieg in der europäischen Türkei ist dieser asiatische Feldzug fast ohne 
EinfluB gewesen. 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 277 

Das Charakteristische des zwischen Russen und Türken in 
Asien damals möglichen Kriegsschauplatzes ist, daß alle Straßen, 
die aus dem russischen Georgien in das türkische Territorium 
führen, in Erzerum zusammentreffen, während umgekehrt alle 
Straßen die aus Tärkisch-Asien nach Georgien hineinführen, in 
Tiflis zusammentreffen. So mußten Tiflis und Erzerum die Objekte 
der beiderseitigen Kriegführung werden. Verbunden waren sie 
durch drei Straßen, von denen die nördlichste durch das Tal des 
Kur über Achalzych führt, die südliche über Eriwan und Topra 
Kaie, die mittlere in zwei Verzweigungen in Kars zusammentraf: 
Tiflis — Gumri und Tschalka — Achalkalaki. Diese mittlere Straße, 
die Paskewitsch wählte, war auf türkischem Boden durch Kars 
und in einer Verzweigung durch Achalkalaki gedeckt, auf russischem 
durch das befestigte Dorf Gumri und das Fort Tschalka. Der 
einzig mögliche Stützpunkt für eine russische Armee war^ Eriwan, 
während die Türken zwei solcher Punkte in Kars und Achalzych 
hatten. Bei Beginn des Feldzuges lagen alle strategischen Vorteile 
auf Seiten der Türken, und auch an Truppenzahl waren sie den 
Russen weit überlegen, da auf den ersten Ruf jederStadtbewohner völlig 
bewaffnet in die Reihen der Truppen eintreten mußte. Er wurde 
dafür von allen Abgaben befreit. Brach ein Krieg aus, so wurden die 
Beys mit der ihnen untergebenen Mannschaft aufgeboten, so daß 
das ganze Volk am Kriege teilnehmen mußte. Ein manövrier- 
fähiges Heer ergab sich daraus freilich nicht, und das bedingte die 
große Überlegenheit der Russen'). 

Als die russische Kriegserklärung an die Türkei erfolgte, 
hatten die Türken in Kars, Achalzych und Erzerum gegen 
40000 Mann. Ihre gesamte Kriegsmacht in den vier in Betracht 
kommenden Paschaliks Kars, Bagdad, Erzerum, Trapezunt läßt 
sich auf zirka 100000 Mann schätzen. Am 18. April rückten 
weitere 10000 Mann in Achalzych, 6000 in Kars ein. Der Seras- 
kier von Erzerum, Galib Pascha, mehr Administrator als Militär, 
sorgte dafür, daß diese Festungen für 6 — 8 Monate verproviantiert 
wurden. Den Oberbefehl übertrug er dem tapferen Kios Mahmud 
Pascha, der alle zu den nächsten russischen Festungen führenden 
Straßen durch seine Kavallerie besetzen ließ. 

') Baeyer, Der Feldzug der Russen in Asien 1828/29. Manuskript im 
Archiv des preußischen Generalstabs. Ausgeführt ist nur der Abschnitt über 
den Feldzug von 1829. 



278 Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne yon 1828. 

Paskiewitsch, in dessen Absicht es lag, sich zunächst gegen Kars 
zu wenden und eine Konzentrierung der Türken zwischen Kars 
und Achalzych zu verhindern, war entschlossen seinen Feldzug 
nicht vor Anfang Juni zu beginnen. Die aus Persien zurück- 
kehrenden Truppen sollten sich erholen und neu ausgerüstet 
werden, auch wollte er eine Militärstraße nach Gumri*) fertig- 
stellen, wo er seine Proviantmagazine, die Hospitäler und 
Artillerieparks konzentrierte. Mitte April war die russische Grenze 
gegen Überraschungen gesichert. In Imeretien und Guriel stand 
Generalmajor Hesse, in Karthalinien General Popow, der General- 
leutnant Fürst Wadbolski, auf der Linie Zulki, Sardarabad, Talyn; 
in Eriwan der Fürst Tschawtschawadse. Es wurden außerdem 
14000 Mann Infanterie, 2000 Pferde und 42 Geschütze diesseits des 
Kaukasus zurückgelassen, weil die Stimmung der mohammedanischen 
Bevölkerung Aufstände befürchten ließ. Da in Teheran ein 
türkischer Pascha erschienen war und Paskiewitsch englische Intrigen 
fürchtete, legte er auch einige Bataillone nach Urmia und Nahi- 
tschewan. Damit meinte er allen Überraschungen vorgebeugt zu 
haben. Für die aktive Armee blieben ihm freilich nur 14000 Mann. *) 
Aber sie lagen in seiner Hand, und er hatte nicht zu befürchten, 
daß ihm jemand seine Zirkel stören werde. Am 22. Juni traf er 
in Gumri ein, mit Generalmajor Baron Osten-Sacken, einem un- 
gewöhnlich tüchtigen Offizier als Stabschef, und am 26. wurde die 
Grenze überschritten. Paskiewitsch schlug die Straße gegen Kars 
ein. In dieser Festung lagen 6000 Mann Infanterie und 7000 Mann 
vorzüglicher Kavallerie, auch wußte Paskiewitsch, daß Kios Mahmud 
Pascha mit 15000 Mann im Anmarsch war. Aber er vertraute 
seinen Truppen und der Überlegenheit seiner Kriegskunst. 16 Werst 
vor Kars hatte er die erste Fühlung mit der Vorhut des Feindes. 
Als er darauf eine forzierte Rekognoszierung unternahm, wurde er 
von 5 — 6000 Reitern angegriffen; das brachte ihm seinen ersten 
wichtigen Erfolg. Paskiewitsch ließ sein Zentrum zurückweichen, 
umklammerte darauf den Feind mit beiden Flügeln und warf ihn 
schließlich in die Flucht. Die Türken ließen 300 Tote und Ver- 

') Hart an der russischen Grenze, östlich von Kars. 

^) Die Gesamtstärke der Russen berechnet Major ßaeyer, Hauptmann im 
preußischen Generalstabe, in seiner Arbeit die wahrscheinlich gleich nach dem 
Kriege entstand folgendermaßen: Infanterie 38250 Mann, Kavallerie 7150 
Mann, Artillerie 12 Batterien = 144 Geschütze. 



Kapitel VIII. Der Törkenkrieg, Eampagae Ton 1828. 279 

ivundete zurück, während die rassischen Verlaste nur ganz gering- 
fügig waren. Das geschah am 30. Juni, und die Russen schlagen 
nun ihr Lager drei Werst von Kars auf der Straße nach Erzerum 
auf. Da diese Festung, die den Orientalen für unüberwindlich galt, 
nach Süden nur schwache Befestigungen hatte, beschloß Paskie witsch 
seinen Angriff dahin zu richten. Er besetzte am 1. Juli eine 
Position gegenüber den die Festung beherrschenden Höhen von 
Scharach, ließ Batterien herstellen, und nach längerem Geschütz- 
kampf nahm er schließlich die Höhen, auf denen die ganze Garnison 
von Kars stand, mit Sturm, ohne daß ein Schuß abgegeben wurde; 
auch Karadagh, die äußerste türkische Befestigung auf den Höhen 
östlich von Kars, fiel in gleicher Weise in seine Hände. Als nun 
die Truppen auch in die Stadt zu dringen begannen, wurde eine 
weiße Fahne über der Festung gehißt, und nach zweistündigen 
Verhandlungen, in deren Verlauf Paskiewitsch alle seine Geschütze 
gegen die Zitadelle richten ließ, kapitulierte die Festung, und der 
Kommandant Mahmud Pascha mit der ganzen Garnison gab sich 
kriegsgefangen. 

Während des Sturmes der Russen hatte Kios Mahmud Pascha 
80 Werst von der Festung gestanden. Es war seine Absicht ge- 
wesen, die Höhen von Scharach zu besetzen, aber er war 24 Stunden 
zu spät aufgebrochen, und Kars blieb den Türken verloren. Auch 
traf sie ein anderer empfindlicher Schlag. Schon vorher, am 
27. Juni, hatte Generalmajor Hesse die Küstenfestung Poti ohne 
jeden Kampf eingenommen und besetzt. Die Garnison wurde in 
die Heimatsdörfer entlassen. Schon jetzt war dadurch der türkische 
Feldzugsplan unausführbar geworden. 

Die Absicht des SeraskiersGalib war ursprünglich mit zwei Heeren 
in russisches Gebiet einzudringen: aus Achaizych in Imeretien 
und aus Bajazet in das Eriwansche. Aber übertriebene Gerüchte 
von der in Gumri konzentrierten russichen Macht hatten ihn ver- 
anlaßt sich auf die Verteidigung von Kars zu beschränken, die, wie 
wir wissen, ein so klägliches Ende nahm. Aus Erzerum waren 15000 
Mann mit 18 Geschützen unter Kios Mahmud und hinter ihm Mustafa 
Aga mit 12000 Reitern aufgebrochen. Auf die Nachricht vom Fall 
von Kars blieb nun Kios Pascha bei Ardahan stehen, um seine 
Vereinigung mit Mustafa zu vollziehen. Das wurde auch glücklich 
erreicht, und die Türken nahmen darauf bei Hassan Kaleh 30 Werst 
vor Erzerum Stellung. 



280 Kapitel VIII. Der Tärkenkrieg, Kampagne Ton 1828. 

Paskiewitsch ließ in Kars den General Bergmann mit 1500 Mann 
zurück and wollte am 8. Juli gegen Achalkalaki, Achalzych und 
Ardahan vorgehen. Da zeigten sich am 7. Pestfälle unter den 
gefangenen Türken, am 8. auch unter den Russen. Es wurde nun 
sofort eine strenge Quarantäne gegen Kars verordnet, und das 
russische Heer bezog ein Lager bei Tykma in der Nähe der Stadt, 
das völlig von ihr abgeschieden war. Dort lag es 20 Tage lang. Aber 
zum Glück nahm die Seuche bald ab, und endlich erlosch sie ganz. 
Den Türken kam dieser gebotene Stillstand zustatten. Kios Pascha 
verstärkte sich in Hassan Kaleh auf 20000 Mann, und in Achalzych 
konzentrierte sich ein Heer von 10000 Mann. Trotzdem, und ob- 
gleich jetzt die Pest im Eriwanschen ausbrach, gab Paskiewitsch 
seinen Kriegsplan nicht auf Er beauftragte Bergmann im Fall 
eines Angriffs auf Kars, sich auf die Höhen und in die Zitadelle 
zurückzuziehen und dort Entsatz abzuwarten, dagegen die Stadt 
und die im Tal liegenden Befestigungen nicht zu verteidigen, und 
rückte selbst gegen das zirka 100 Werst entfernte Achalkalaki vor. 
Dort stieß er anfangs auf entschlossenen Widerstand; als aber 
eine Bresche in die Mauer geschossen war und Oberst Borodin 
und Baron Osten-Sacken in die Stadt eindrangen, kapitulierte der 
Kommandant Forchat Bey mit den noch übrigen 300 Mann. Auch 
hier kamen türkische Entsatztruppen zu spät. Am 6. August 
mußten sie kehrt machen. Nun wandte sich Paskiewitsch am 
13. August gegen Achalzych, unter dessen Mauern Kios und 
Mustafa mit 30000 Mann standen, dazu kam noch die 
Festnngsgarnison von 10000 Mann. Am 17. August näherten sich 
ihnen die Russen. Sie legten sofort ein befestigtes Lager an. 
Paskiewitsch wollte den Feind in seinem Lager aufsuchen und 
gleichzeitig gegen die Ostseite von Achalzych stark demonstrieren. 
Aber dieses nicht unbedenkliche Wagnis blieb ihm erspart. Kios 
Pascha hatte beschlossen, seinerseits das russische Lager anzu- 
greifen. Er rückte von der Festung ab, verließ sein Lager, und 
marschierte direkt auf die russische Position zu. Sobald Paskie- 
witsch die Absicht des Feindes erkannte, besetzte er in ungemein 
günstiger Stellung ein Hochplateau, dessen eine Seite durch den 
Kur gedeckt wurde. Es war der 21. August. Als nun die Türken 
anstürmten, wurden sie unter großen Verlusten zurückgeschlagen. 
Aber Kios Pascha brachte den Rückzug seiner Leute zum Stehen 
und führte sie noch einmal gegen den Feind; sie fochten, wie es 



Kapitel VIII. Der Türkenkrieg, Kampagne von 1828. 281 

im Kriegsjournal von Paskiewitsch heißt, „mit rasender Tapfer- 
keit^, aber das Kreuzfeuer der russischen Artillerie zermalmte 
ihre Reihen, und schließlich löste sich alles auf in wilder, regel- 
loser Flucht. Paskiewitsch ersparte seinen ermüdeten Truppen zunächst 
eine längere Verfolgung. Als er nach einigen Stunden der Er- 
holung gegen das türkische Hauptlager vorging, dessen Redouten 
von nur 1500 Mann verteidigt wurden, konnte es mit geringer Mühe 
genommen werden, ebenso drei andere Lager, zwischen denen die 
türkische Reiterei sich zu behaupten versuchte. Die Türken waren 
durch die Schnelligkeit des russischen Vorgehens so verwirrt, daß 
sie sich in keiner der von ihnen sorgfältig befestigten Positionen 
zu geschlossener Verteidigung zusammenzufinden vermochten. Nur 
5000 Mann retteten sich in die Festung, unter ihnen auch Kios 
Pascha, der am Fuß verwundet war, alles übrige stob auseinander 
und wurde jetzt noch 30 Werst weit von der russischen Kavallerie 
verfolgt. Es war in der Tat ein glänzender Erfolg. 10 Fahnen, 
10 Geschütze, die vier Lager mit all ihrem Bedarf fielen den 
Russen zur Beute. Sie hatten den General Koroljkow und 7 Ober- 
offiziere an Toten, 22 an Verwundeten verloren. Von der Mann- 
schaft waren nur 80 gefallen und 375 verwundet. 

Die Lage von Achalzych war trotzdem keineswegs verzweifelt. 
Die Festung hatte 70 Geschütze und jetzt 15000 Mann Besatzung, 
dazu stand 50 Werst von Achalzvch der Pascha von Meidan mit 
einem Heere von 10000 Mann. Paskiewitsch aber hatte nur noch 
für sieben Tage Proviant, und es war fast unmöglich, aus Georgien 
Zufuhr zu erhalten. Es charakterisiert diesen Mann, daß er unter 
solchen Umständen beschloß, die Festung zu stürmen. Noch am 
Abend des Schlachttages wurden die ersten Vorbereitungen dazu 
getroffen. In der Nacht vom 26. auf den 27. August begann die 
Beschießung der Festung, und nachdem eine Bresche geschossen 
war, um Mittagszeit ein wilder Sturm. Die Russen drangen in 
die Stadt, die von Straße zu Straße in schrecklichem Gemetzel 
erobert werden mußte. Aber mit furchtbarer Erbitterung wehrten 
sich die Türken. Da ließ um 7 Uhr abends Paskiewitsch die Stadt 
in Brand stecken. „Das Feuer nahm bald einen solchen Umfang 
an, daß die Verteidiger sich zurückziehen mußten. Die Nacht bot 
das schrecklichste Schauspiel. Die Flammen verschlangen den 
sudlichen und westlichen Stadtteil, der verzweifelte Feind setzte 
das Feuergefecht fort, rettete sich in die Zitadelle oder suchte 



282 Kapitel VIII. Der Turkenkrieg, Kampagne Ton 1828. 

eine Zuflucht in den Häusern und fand dort den Tod in den 
Flammen. Granaten aus den Mörsern und Raketen steigerten das 
Entsetzen der Verteidiger von Achalzych. Die Bewohner in großer 
Zahl, vornehmlich die Frauen, verließen die Stadt und flohen zum 
Lager hin, ein Teil der Garnison ergriff die Flucht". So lautet 
die Aufzeichnung in Paskiewitschs Kriegsjournal*). Trotzdem hielt 
sich der Feind noch in der östlichen Vorstadt. Sie wurde vom 
grusinischen Regiment erobert und unter anderem zwei Einhörner 
erbeutet, die vor 18 Jahren General Tormasow hier verloren hatte. 
Der Straßenkampf dauerte noch durch die ganze Nacht. Der 
Überrest der Garnison hatte sich in die Zitadelle zurückgezogen, 
es waren nur noch 4000 Mann. Als sie am Morgen des 22. um 
Anknüpfung von Verhandlungen baten, gewährte ihnen Paskiewutsch 
freien Abzug, nicht nur aus Anerkennung der tapferen Verteidigung, 
auch das eigene Interesse trieb ihn dazu. Er konnte unmöglich 
lange vor der Zitadelle liegen, und es ließ sich nicht vorhersehen, 
wie lange sie von den Verzweifelten noch gehalten werden 
konnte. 

Der Erfolg, der moralische wie der materielle, war zudem un- 
geheuer. Er erbeutete 52 Fahnen, 70 Geschütze, alle Vorräte an 
Kriegsmaterial und Proviant, soweit sie nicht von den Flammen 
vernichtet waren. Seine Verluste betrugen 600 Gemeine 40 Ober- 
offiziere und 2 Stabsoffiziere. 

Da auf diesen Höhen der Winter früh einbricht, ließ sich an 
ein Vorgehen gegen Erzerum nicht mehr denken. Paskiewitsch 
begnügte sich, Achalzych sorgfältig zu befestigen, um es gegen 
einen Überfall zu sichern. Bald danach kapitulierte ohne Kampf 
Azkur, danach ergaben sich ebenfalls kampflos auch Bajazet, 
Diadin und Topra-Kale dem Fürsten Tschawtschawadse. Der um 
Erzerum besorgte Seraskier hatte diese kleinen Festungen fast ohne 
Garnison gelassen. 

Am 5. Oktober konnte Paskiewitsch dem Kaiser melden: daß 
die Fahnen Sr. Majestät von den Höhen des Euphrat wehen. 

Die letzte Tat Paskiewitschs war die Vertreibung der Fürstin 
Sophie von Gurien, die des Einverständnisses mit dem Pascha von 
Trapezunt beschuldigt wurde. Ihr Gebiet wurde dem russischen 
Reiche einverleibt. 



') Schtscherbatow 1. 1. Ill, 135. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 283 

So endete für Asien die Kampagne des Jahres 1828. 
Aber mit wieviel größerer Genugtuung konnte Paskiewitsch auf 
sein Werk blicken als die unglücklichen russischen Feldherren in 
der europäischen Türkei. Auch sie wären wahrscheinlich glück- 
licher gewesen, wenn nicht der Kaiser durch sein Erscheinen und 
sein stetes Eingreifen jede Einheitlichkeit der Kriegführung zerstört 
hätte. Mit dem Prinzen Eugen als Oberbefehlshaber hätte es wohl 
einen anderen Ausgang gegeben ! Die Verluste Paskewitschs waren 
unvergleichlich geringer, trotz seines steten Stürmens, als die der 
europäischen Armee. Fast unversehrt konnte er sein kleines Heer 
in die Winterquartiere führen und die Vorbereitungen zu einem 
zweiten Feldzuge treffen, der auch hier unzweifelhaft bevorstand. 

Sultan Mahmud setzte auf die Nachricht von dem Fall von 
Achalzych den Seraskier Gälib Pascha ab und ernannte den Pascha 
von Meidan, Saleh, zu seinem Nachfolger. Der richtete all seine 
Energie auf die Befestigung von Erzerum und auf die Ausbildung 
seiner Truppen. Im Januar 1829 mußte er 50000 Mann bei- 
sammen haben. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

Kaiser Nikolaus traf nach sechstägiger beschwerlicher Fahrt 
auf den vom Herbstregen fast uufahrbar gewordenen russischen 
Wegen am 26. Oktober, frühmorgens, in Zarskoje Sselo ein. Er 
hatte noch rechtzeitig zum Geburtstag der Mutter in Petersburg 
sein wollen und liebte es, zu überraschen. Es mag noch ein an- 
deres Motiv mitgespielt haben. Ihm war der Einblick in die 
erbarmungslose Wirklichkeit des Krieges, die alle Illusionen zer- 
störte, in denen er sich zu bewegen gewohnt war, schließlich ganz 
unerträglich geworden. In Petersburg umgab ihn eine andere 
Atmosphäre; nicht Blut, Gestöhne der Verwundeten und Kranken, 
nicht die Unordnung, die die Reihen seiner schönsten Regimenter 
aufgelöst hatte; die Wirklichkeit widerlegte nicht so rücksichtslos 
und so unmittelbar die Zweckmäßigkeit der Verfugungen, durch 
die er persönlich in den Gang der Ereignisse eingriff. Der Feld- 
zug, der hinter ihm lag, hatte sein Selbstgefühl schwer getroffen. 
Ihm war zu Mute, wie Alexander nach der Schlacht bei Austerlitz. 
Er konnte sich nicht verhehlen und hat es auch mehrfach aus- 
gesprochen, daß seine Anwesenheit nicht günstig gewirkt hatte. 



284 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

Erst in Petersburg war er wieder der allmächtige unumschränkte 
Herr, hinter dem die gemeinen Sorgen im „wesenlosen Scheine^ 
lagen und der von hoher Warte aus, ohne seine Prinzipien preis- 
geben zu müssen, die Geschicke Rußlands und den Gang der großen 
Politik in die Bahnen leiten konnte, die zu seinen Zielen führten. 
Er hielt sich in Zarskoje nur so lange auf, als unerläßlich war, um 
die Spuren der angestrengten Reise zu beseitigen, dann brach er 
nach Petersburg auf. Er wollte die beiden Kaiserinnen bei dem 
Morgengottesdienst überraschen, wenn der ganze Hof in all seinem 
Glänze sie umgab. Als er sich dem Winterpalais näherte, erkannten 
ihn die Soldaten der Chevalier-Garde, die am Ufer der Newa in 
zwei Eskadrons aufgestellt standen, um die Trophäen von Varua 
zu empfangen und sie im Triumph durch die Straßen der Residenz 
z\x führen. Das war doch ein anderes Bild, als das der todmüden 
Truppen, die er über Leichen und Trümmer in das verwüstete 
Varna gefuhrt hatte. Aber im Winterpalais empfing ihn die Nach- 
richt, daß statt der erwarteten Festfeier alles in banger Sorge war 
um seine Mutter, die alte Kaiserin Maria Feodorowna. 

Sie hatte die Illusionen geteilt, mit denen ganz Rußland den 
Beginn des Türkenkrieges begleitete, und war, als schließlich 
immer ungünstigere Nachrichten einliefen, in einen Zustand tiefer 
Erregung geraten. Die Freude über den Fall von Varua zerrüttete 
dann vollends ihr Nervensystem, auch hatte sie sich während des 
Dankgottesdienstes, mit dem die Nachricht gefeiert wurde, erkältet. 
Drei Tage vor dem Eintreffen des Kaisers erkrankte sie. Es scheint 
nun, daß die Ärzte nicht rechtzeitig die Natur ihres Leidens er- 
kannten. Es war ein Schlaganfall, und bald konnte kein Zweifel 
sein, daß sie an ihrer letzten Krankheit darniederlag. Sie hat noch 
einige Tage, teils delirierend, teils in klarem Bewußtsein gekämpft, 
schließlich ist sie, nachdem sie sich von den Ihrigen verabschiedet 
hatte, am 2. November, 7»^ Uhr nachts, sanft entschlafen. Der 
Kaiser, die Kaiserin und ihre Enkelkinder umstanden ihr Lager, 
als sie verschied*). Sie hatte eben ihr 69. Lebensjahr vollendet, 



*) Die Gräfin Nesselrode an ihren Bruder Nikolai Gurjew. Petersburg, 

•»•^ Oktober 

~ r — 1828. .J'apprends que dans la soiree du lundi au mardi, S. M. avait 

4. November >» ri- t 

eu une Irritation inquietante, qu^a 1 1 heures on avait ete forcö de 1a saigner, que la 

langue avait ete embarrass^e, son menton etait tomb^, et que le delire s'em- 

parait souvent d'Elle. La nuit apres la saignee avait et^ assez calme, cepen- 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 285 

immer noch eine schöne Frau. Sie war niemals in ihrem Leben 
krank gewesen. Unzweifelhaft war ihr Tod ein Ereignis von tief- 
greifender Bedeutung. Hatte sie auch nie in ihrem Leben einen 
politischen Einfluß ausgeübt, so war sie doch seit dem Tode Pauls 
das Haupt der Familie; sowohl Alexander wie Nikolaus hatten ihr 
die Entscheidung in allen Familienangelegenheiten überlassen, und 
sie hat, speziell in allen Ehefragen, schließlich den Ausschlag ge- 
geben. Wo es sich um wirklich ernste Entscheidungen handelte, 
versagte sie jedoch regelmäßig, und beide, Alexander wie Nikolaus, 
haben es verstanden, unter den Formen der Ehrerbietung sie von 
den Geschäften fernzuhalten. Dagegen war ihre Protektion von 
großem Gewicht, und unzweifelhafte Verdienste hatte sie sich um 
das Erziehungswesen, vornehmlich der aristokratischen weiblichen 
Jugend Rußlands erworben. Die „Institute der Kaiserin Maria^, 
Erziehungsanstalten, Hospitäler, Findelhäuser usw. sind dank der 
ernsten und gewissenhaften Fürsorge, die sie ihnen seit 1796 ge- 
widmet hatte, die besten gewesen, die Rußland aufweisen konnte. 
Ihr war die Wohltätigkeit nicht nur treu erfüllte Pflicht, sondern 
Herzenssache, und sie kannte nicht nur die Leiter all dieser An- 
stalten persönlich, sondern, wenngleich nicht alle, so doch die 
meisten Zöglinge. Ihr Testament vom 21. Januar 1827*) gibt da- 

dant hier, mardi, Tinquietude allait croissant; oa appliqua beaucoup de remedes, 
tardifs, malheureusement .... ä 7 h. du soir on d^clara Tauguste malade 
Sans espoir, la paralysie s'etait declaree daos les boyaux et avait gagne la 
gorge. . . . L'Empereur jugeant l'etat tres alarmant se decide ä Pentretenir 
du devoir de tout chretien, eile voujut le remettre au leodemain pour s'y pre- 
parer, mais S. Bl. . . la decida ä le faire a l'instant, ce qu'elle fit dans un 
moment tres lucide; apres eile voulut voir les enfants, on les lui amena, ce 
qui etait une scene tr^s touchante; comme il etait tres tard, les petits enfants 
sur les bras ä moiti^ endormis, eile ne reconnut que l'h^ritier, le benit. . . . 
Elle termina son existence toute vertueuse la nuit passee ä 2 Vi h- tranquille- 
ment, comme c'est le cas dans les paralysies . . . c'etait bien la femme de 
Tevangile; une bonte, une charite plus etendue est sans exemple, sa vie etait 
bien necessaire encore pour toute la famille. ... Je suis persuadee, et c'est 
Topinion generale que Ruhl . . aura meconnu la maladie. C'est un sort que 
notre famille imperiale s'entoure de medecins d^testables et les aiment (siel) 
tellement qu'elle n'en vcuille pas d'autres, et ce Ruhl a meconnu la maladie.** 
Petersburg. Reichsarchiv III, Nr. 43. 

1) Aus dem Nachlaß Storchs veröffentlicht Russ. St. Bd. XXXIV, S. 319 
bis 388. Es ist nebenher interessant, als Inventar ihres Schmuckes und der 
in ihrem Besitz befindlichen Gemälde. Erwähnt mag werden, daO sie die 



286 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

von Zeuguis. Seit dem März 1801 hat nichts sie mehr in Anspruch 
genommen, als diese segensreiche Tätigkeit. Nebenher ging dann 
eine unglaublich ausgedehnte Korrespondenz, die nicht nur ihre 
Kinder und Enkel sowie ihre weite Verwandtschaft betraf, sondern 
zahlreiche Privatpersonen, an deren Geschick sie Anteil nahm*). 
Sie hat auch Tagebücher geführt, aber sie wurden auf ihre testa- 
mentarische Verfügung hin vom Kaiser verbrannt'). Sie war die 
Hüterin der Etikette des 18. Jahrhunderts, wie die Kaiserin Katha- 
rina sie so imponierend vertreten hatte. Wenn sie in ihrer ver- 
goldeten, von acht Pferden gezogenen Equipage ausfuhr, geleitet 
von ihren Husaren, hatte das Volk eine Vorstellung von der Er- 
habenheit der Inhaber des Thrones über dem Profanum vulgus. 
Aber trotz allem war sie nie populär geworden. Sie verließ nur 
selten Petersburg und kannte außer Moskau nur wenig von Ruß- 
land. Auch hat sie niemals die Sprache ganz beherrschen gelernt. 
Sie schrieb französisch und deutsch, und an ihrem Hofe wurde fast 
ausschließlich französisch gesprochen. 

Mit ihrem Scheiden tritt die Generation der Tage Katharinas 
endgültig von der historischen Schaubühne. Man sprach wohl von 
der Bourgeoisie-imperiale*) Alexanders und Nikolais. Beiden war 



Bibel Alexanders I., in der der Kaiser seine Lieblingsstellen angestrichen 
hatte, der Großfürstin Maria Pawlowna vermachte. Diese Bibel muß in Weimar 
liegen. 1. 1. S. 329. Die betreffende Stelle lautet: „Je donne a ma chere Fille 
la Grande-Duchesse Marie la Bible de feu l'Empereur: Notre Ange y a trace 
de sa main les passages qui Tont frappe davantage.** 

Mir liegt ihre Korrespondenz mit der Familie des Feldmarschalls 
Wittgenstein vor, die als typisch gelten kann. Die Kaiserin ist die Vertraute 
der intimsten Familienangelegenheiten. Während der Feldzüge von 1812 — 14 
schickte ihr Wittgenstein zudem regelmäßig Berichte über seine militärischen 
Operationen. Archiv des Fürsten Hohenlohe, früher in Werki. 

-) Am 26. Januar 1829 schickte der Kaiser dem Großfürsten Constantin 
Papiere der Mutter. Eine Reihe von Bänden, die eine Art Tagebuch von 1770—1800 
enthielten, habe er auf Wunsch der Mutter verbrannt. „J'avoue que cela m'a 
fait beaucoup de peine.^ Es sei unbegreiflich, wie sie Zeit gefunden habe, 
so viel zu schreiben. Es ist jedoch nicht unwahrscheinlich, daß Tagebücher 
aus späteren Jahren noch existieren. 

2) Brief des Moskauers Bulgakow an seinen Bruder, den Postdirektor in 
Petersburg, vom 29. Oktober 1828. Russki Archiv 1901, Bd. 3, S. 191. 
Diwow notiert in seinem Tagebuch, einer der [Hofleute habe ihm gesagt, 
man werde in Zukunft das Wort „consideration" aus der Hofetikette streichen 
müssen. 



; Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bi:^ zum Juli 1829. 287 

die Etikette lästig, aber Nikolai liebte es, bei besonderen Gelegen- 
heiten sich mit all ihrem Prunk zu umgeben, und es läßt sich 
verfolgen, daß es seit dem Tode der Mutter häufiger geschah 
als vorher. 

Es gingen nun sofort Kuriere nach Weimar, Brüssel, Berlin, 
Stuttgart, Oldenburg. Am 15. November traf der Großfürst Kon- 
stantin in Petersburg ein, am 17. Michail. Am 25. November 
endlich fand die Beerdigung statt, mit allem Aufwand, den die Ver- 
storbene hätte wünschen können. Der Kaiser hatte ursprünglich 
die Absicht, für die Leitung der „Institute der Kaiserin Maria 
Feodorowna" ein besonderes Ministerium zu begründen, mit Willa- 
mow als Staatssekretär; es wurde jedoch für rationeller befunden, 
eine „4. Abteilung der eigenen Kanzlei^ des Kaisers mit dieser 
Aufgabe zu betrauen und der Kaiserin Alexandra sowie der Groß- 
fürstin Helene die oberste Aufsicht zu übertragen. Das Komitee 
vom 1. Dezember 1825 wurde mit der Ausarbeitung der Geschäfts- 
ordnung betraut. 

Diese Dinge haben mehr äußerlich als innerlich die Auf- 
merksamkeit des Kaisers in Anspruch genommen. Es drängte 
sich eine Reihe von Entscheidungen von höchster Wichtigkeit an 
ihn heran, und die nahenden Feste der Weihnachtszeit und des 
Neujahrs ließen bald rauschende Vergnügungen an die Stelle der 
stillen Trauer treten. Schon am 30. Oktober hatte der Kaiser sich 
vom Senat sein Testament zurückgeben lassen und das Komitee 
aufgelöst, dem er die Verwaltung des Reiches übertragen hatte. 
Auch machte die Hand des Kaisers sich sofort fühlbar; einige 
Gouverneure wurden ihrer Stellung enthoben, andere in Anklage- 
stand versetzt. Auch das Militär spürte die Rückkehr des 
Herrn, schon im November wurden die täglichen Paraden, ganz 
wie vor Ausbruch des Krieges, wieder aufgenommen. 

Das Wesentliche aber war die Feststellung des Kriegsplanes 
für die nächste Kampagne und damit zusammenhängend die Ent- 
scheidung der Frage, ob das Oberkommando bei Wittgenstein bleiben 
solle, von dem der Kaiser noch Ende August 1828 geschrieben 
hatte: „En general la betise et l'inconsequence du Marechal se 
fait voir en tout" und über dessen „ineptie** er nicht genug Worte 
finden konnte, oder aber, was danach selbstverständlich schien, ob 
ein anderer, und wer, an seine Stelle zu setzen sei. In Petersburg 
ging die Meinung dahin, daß die Hauptschuld an dem Mißerfolg 



288 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

den Kaiser treffe, der kein Blut sehen könne, und das wurde recht 
drastisch ausgedrückt^). Man fürchtete nichts mehr, als daß der 
Zar nochmals selbst ins Feld ziehen könnte. 

Nun hatte Wittgenstein bereits am 17. Oktober sein Abschieds- 
gesuch wiederholt. Wenige Tage danach erhielt der Kaiser einen 
von Diebitsch und Kisselew gemeinsam ausgearbeiteten Feldzugs- 
plan, der im wesentlichen ausführte, daß die Armee schwach und 
erschöpft sei, daß große Mittel und längere Zeit unerläßlich seien, 
um sie wieder aktionsfahig zu machen. An eine ernstgemeinte 
Invasion jenseit des Balkans sei nicht zu denken, möglich sei da- 
gegen zweierlei, entweder längs der Küste bis Burgas vorzudringen, 
oder aber die Donau entlang zu ziehen und sich mit den Serben 
zu vereinigen. Sie empfahlen das letztere. 

Es steht wohl im Zusammenhang damit, daß der Kaiser 
Wittgensteins Abschiedsgesuch ablehnte'). Für einen so vorsichtig 
gedachten Feldzug schien ihm das Genie des Feldmarschalls aus- 
zureichen. Doch machten sich bald andere Einflüsse geltend. Am 
1. Dezember, abends, berief der Kaiser auf den ausdrücklichen Antrag 
des Generaladjutanten Fürsten Wassiltschikow den Grafen W. P. Kot- 
schubej, den Vorsitzenden des Reichsrats, den Kriegsminister Grafen 
A. J. Tschernyschew und die Generaladjutanten Baron Toll und 
Fürsten Wassiltschikow zu sich, um mit ihnen über die Frage des 
Feldzugsplanes zu Rat zu sitzen'). Hier wurde zunächst ein zu- 
sammenfassender Bericht über den Verlauf des Feldzuges verlesen, 
danach eine Berechnung der an Mannschaft und Material erlittenen 
Verluste, ein Anschlag über die zur Verproviantierung der Armee 



») Brief der Grafin Nesselrode 1. 1. vom 13. Februar 1829. 

„L'on raconte k quel point un blesse faisait efTet sur TEmpereur; il en 
pulissait, frissonnait, et ce Vama qui etait tout ebranle, etait pret ä etre 
abandonne, rien que parce qu'on perdait du monde, et que Toti n'avait pas 
le courage de faire avancer la garde, et de livrer un assaut; c'est ä D. que 
Ton doit de s'y etre maintenu; quelle honte si Ton avait fait autrement, j'en 
aurais fait une maladie. Je me demande de quo! est petri un homme qui 
sacrifie sa gloire plutot que voir couler du sang; vaut-il mieux qu'il reste^ 
ce serait un malheur que la phantaisie lui vienne de reprendre le quartier 
general.'^ Korrespondenz der Gräfin Nesselrode 1. 1. 

^ Am 22. November. 

•) Memoire sur les discussions du 19 november 1828. Von der Hand 
Tschernyschews mit dem Datum 26. November 1828 (9. Dezember). Wojenno 
ütschenny Archiv Nr. 44, 45. Das Memoir wurde dem Kaiser eingereicht. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 289 

unerläßlichen Hilfsmittel and endlich eine Darlegung der augen- 
blicklichen militärischen Lage. Dann ergriiT der Kaiser das Wort 
und erinnerte daran, daß weder die Eroberung Konstantinopels 
noch der Sturz des Sultans sein Ziel gewesen sei, sondern die Not- 
wendigkeit, die Türkei zum Frieden zu zwingen. Deshalb und im 
Hinblick auf die politische Lage Europas, glaube er nicht für die 
nächste Kampagne mehr als 110 bis 120000 Mann höchstens auf- 
wenden zu dürfen. Er stellte dann die direkte Frage, wie dem- 
nach das Ziel, das er bei der Kriegserklärung an die Türkei ver- 
folgt habe, am besten zu erreichen sei. Die (vielleicht schon vor- 
her vereinbarte) Antwort, deren Wortführer Toll war, lautete: daß 
weder die Einnahme der Donaufestungen, noch die Erfolge Paskie- 
witschs in Asien den Sultan zum Nachgeben zwingen könnten. 
Man müßte suchen ihm empfindliche, starke und unerwartete 
Schläge beizubringen, die dafür gebrachten Opfer würden durch die 
Beendigung des Krieges mehr als aufgewogen werden, während ein 
Kampf, der noch mehrere Jahre dauern sollte, das Reich erschöpfen 
und es Europa gegenüber in eine schwere Laga versetzen würde. 
Man müsse daher für den nächsten Feldzug 200000 oder mindestens 
170000 Mann aufbringen. Der Kaiser wandte ein, daß es fast 
unmöglich sei, ein so großes Heer jenseits der Donau zu ernähren, 
man solle daher die Frage diskutieren, wie ein Heer von 120000 
Mann am besten zu verwenden sei. Diese Diskussion ergab dann 
das folgende Resultat, dem der Kaiser zusustimmen schien: In den 
ersten Tagen des März solle General Roth mit etwa 30000 Mann 
Schumla überfallen und einnehmen. Sollte, was unwahrscheinlich 
sei, Roth zurückgeschlagen werden, so könne er sich auf seine 
jetzigen Positionen: Varna, Bazardjik, Pravody, Hirsowa, Babadagh 
zurückziehen. Zweitens müsse während der neuen Kampagne jede 
Zersplitterung der Kräfte vermieden werden. Von den elf Divisionen 
Infanterie und sechs Divisionen Kavallerie, über die man verfügen 
könne, würden zwei Divisionen Infanterie und eine Division Kavallerie 
genügen, die große und kleine Walachei zu decken und die Donau 
zu beobachten. Mit dem Rest, der möglichst durch Kosaken zu 
verstärken sei, solle man auf dem rechten Ufer operieren. Die 
Belagerung von Silistria müsse früh unternommen werden, damit sie 
vor Eintreten der Hitze beendet werden könne. Seien beide Festungen, 
Silistria und Schumla, gefallen, so sollen die russischen Streitkräfte 
sich auf einer inneren Linie zwischen Schumla und Varna ver- 

Schiemanu, Geschichte Rußlands. II. 1 9 



290 Kapitel IX. Diplomatie uod Krieg bis zum Juli 1829. 

einigen, so daß sie von der See aus versorgt werden und nach Be- 
darf überall hingeworfen werden können, wo die Umstände es er- 
heischen. Die Flotte solle vornehmlich der Sicherung russischer 
Transporte dienen und nicht zu entfernten asiatischen Expeditionen 
verwandt werden, damit sie, wenn es nötig werde, mit der 
Armee kooperieren könne. Als letztes Ziel wurde die Einnahme 
von Burgas, Abydos und Karnabat hingestellt Seien diese drei 
Punkte genommen, so müsse man sich dort festsetzen und nicht 
weitergehen *). Der dadurch erregte Schrecken werde in Konstanti- 
nopel zur Annahme der russischen Forderungen führen und zugleich 
den europäischen Mächten beweisen, daß nur die Hartnäckigkeit 
des Sultans, nicht Blutdurst, Rußlands Vorgehen bestimmt habe. 
Gebe aber der Sultan nicht nach, so sei eine letzte große An- 
strengung zu machen, zu der die für die Besetzung Schumlas be- 
stimmten 10000 Mann herangezogen werden könnten. 

Auf eine Unterstützung der Serben endlich wurde zunächst 
verzichtet, um nicht die Eifersucht Österreichs zu erregen. Sei der 
Feldzug von Erfolg gekrönt und die Pforte trotzdem nicht zum 
Frieden geneigt, so könne dieses Zwangsmittel benutzt werden, 
ohne daß jemand berechtigt wäre, dagegen zu protestieren. 

Diese Verhandlung hat eine endgültige Entscheidung nicht 
gebracht. Doch gestattete der Kaiser auf Kotschubejs Bitte den 
Herren, ihm nochmals schriftlich ihre Meinung dai-zulegen. 

So entstand die Denkschrift Wassiltschikows über die Ursachen 
des geringen Erfolges der Kampagne von 1828'), die mit großem 
Nachdruck darauf hinwies, daß die Gegenwart des Kaisers und 
die dadurch bedingte Zwiespältigkeit im Oberkommando an den 
Fehlern der Kampagne die Hauptschuld trage. Allerdings formu- 
lierte er es so, als liege der Fehler in der Ernennung eines Mar- 
schalls, da doch der Kaiser in Person als oberster Kriegsherr zugegen 
war. Aber es ist unmöglich, Wassiltschikows eigentlichen Gedanken 
zu verkennen. Dazu kritisierte er unbarmherzig die Wahl der 
Divisionsgenerale und Stabschefs. Weshalb sei Toll nicht berufen 
worden, weshalb habe Pahlen die Kavallerie nicht erhalten? An 
tüchtigen Männern habe es nicht gefehlt, aber es sei nur nach der 
Anciennität gewählt worden, und das habe einen Kreis von Gene- 



*) ,et ne point s'aventurer au dela." 

') Apercu sur la campagne de Tannee 1828. Gedruckt bei Schilder 
Nikolai, Bd. 11, S. 544—548. Die Denkschrift ist undatiert. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 291 

raien ergeben, deren Fähigkeiten sich gleich Null erwiesen ^). Geradezu 
vernichtend war sein Urteil über die Unfähigkeit derer, welchen man 
die Administration der Armee anvertraut hatte. Der Stabschef 
unerfahren, der Generalquartiermeister nicht nur noch unerfahrener, 
sondern träge und ohne Überblick; der General vom Dienst unter 
mittelmäßig, unordentlich, ohne Eifer und ohne jede Voraussicht; 
der Generalintendant unwissend, großer Kombinationen unfähig, 
ohne Umsicht und ohne jede Idee vom Kriege. Gewiß hat diese 
freimütige Denkschrift auf den Kaiser einen großen Eindruck ge- 
macht, zumal Wassiltschikow den schließlichen Fall von Varna 
ausschließlich der Energie Nikolais zuschrieb, was, wie wir wissen, 
der Wahrheit nicht entsprach, aber den Schein der Wahrheit für 
sich hatte. Auch war der Gedanke dem Kaiser nicht unsympathisch, 
dem nächsten Feldzuge fern zu bleiben. Damit aber stellte sich 
sofort die Frage ein, wer das Oberkommando führen werde, und die 
Entscheidung mußte davon abhängen, ob der Krieg zu einer kühnen 
Offensive führen oder einen rein defensiven Charakter tragen solle. 
In den jetzt allmählich einlaufenden Feldzugsplänen sind beide An- 
sichten vertreten gewesen. Kotschubej und der Finanzminister 
Caucrin, der merkwürdigerweise auch befragt wurde, erklärten 
sich für bloße Defensive (3. Dezember), General Baron Toll') 
wiederholte, was er bereits im Komitee ausgeführt hatte. Mit nur 
100000 Mann sei ein entscheidender Erfolg nicht möglich, man 
müsse mindestens 150000 jenseits der Donau haben. Es bleibe 
nach den Beschlüssen des Komitees demnach nichts übrig, als 
Schumla und Silistria zu nehmen, den Vorstoß bis Karnabat zu 
richten und dann stehen zu bleiben und das W^eitere abzuwarten. 
Diebitschs Feldzugsplan (aus Jassy, den 4. Dezember) war der klein- 
mütigste von allen. Er erschöpft sich durch den erten Satz, in 
dem es heißt: „Unser Ziel ist, uns des mittleren Laufes der Donau 
bis Rustschuk und Nikopolis zu bemächtigen. Besonders günstige 
Umstände könnten noch zur Einnahme von Schumla führen, un- 
günstige dagegen uns auf die Einnahme von Rustschuk und Silistria 
beschränken." Das stimmte genau mit den Gedanken, die ihm der 
Kaiser kurz vorher brieflich entwickelt hatte. „Dieser Plan**, so er- 
läuterte der Kaiser sein eigenes, rein defensives Projekt, „wird der Welt 



*) „une reunion d'hommes d'une capacite aussi nuUe.^ 
3) Siehe die Anlage: St. Petersbourg, le 28 novembre 1828. 

19» 



292 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

beweisen, daß wir den Krieg nicht als Eroberer führen, sondern 
wie kluge und vorsichtige Leute, die einen Plan ver- 
folgen, der nicht zu großen Resultaten führen kann.^ 
Es ist das vielleicht die ungeheuerlichste Ansicht, die je von einem 
Feldherm ausgesprochen worden ist. 

Aber nach der Beratung im Komitee und nach der Denkschrift 
Wassiitschikows war der Kaiser doch an der Weisheit dieser 
Doktrin irre geworden. Als Diebitsch^) auf Befehl des Kaisers in 
Petersburg eintraf, fand er bereits eine ganz andere Stimmung 
vor, der er sich schnell anzupassen verstand. Der Kaiser hatte 
den Gedanken, die nächste Kampagne selbst zu leiten, aufgegeben. 
Es sei, sagte er, nicht Gottes Wille, daß er sich an der Spitze 
seiner Truppen auszeichne. Als er jetzt von Diebitsch einen neuen 
Feldzugsplan verlangte, mündete dieser dahin aus, daß man Silistria 
nehmen, die Fürstentümer säubern, dann über den Balkan bis 
nach Aidos dringen könne, um dort zu überwintern, doch sei es 
auch denkbar, daß große Erfolge bis nach Karnabat führen könnten. 
E3 liegen noch Pläne von W'assiltschikow (27. Januar) und vom 
General Witt vor, die beide für eine kühne Kriegführung eintreten, 
aber während Wassiltschikow von der Einnahme von Silistria absah, 
dagegen die Eroberung Schumlas für unerläßlich hielt und erst 
danach den Balkan überschreiten wollte, riet Witt zu prinzipieller 
Aufgabe des Festungskrieges. Man solle vielmehr gleich über den 
Balkan ziehen und die Entscheidung in den Ebenen von Rumili 
suchen*). Aber bereits hing die Entscheidung über den endgültigen 
Feldzugsplan von einer anderen Frage ab. Wurde der Gedanke 
eines bloß defensiven Feldzuges aufgegeben und nahm der Kaiser 
an der Kampagne nicht teil, und beides stand nunmehr wohl fest, 
so lag keinerlei Grund mehr vor, dem Feldmarscball Grafen W' ittgen- 
stein, dem Sünden bock des Jahres 1828 das Oberkommando zu lassen, 
es bot sich jetzt die Aussicht auf große Erfolge, und Diebitsch, dessen 
ganzer Ehrgeiz dahin ging, nunmehr das Kommando zu erhalten, hat 
ilm durch eine etwas plumpe Intrige tatsächlich, wie man wohl 
sagt, herausgebissen. Von den übrigen in Betracht kommenden 



') Er verließ Jassy am 25. Dezember und traf am 4. Januar in Peters- 
burg ein. 

-) Ich übergehe die Feldzugspläne von Kisselew, d'Auvray, einem An- 
onymus und Nesselrode! Der letztere sprach sich für eine Winterkampagne in 
Verbindung mit den Serben aus. 



Kapitel IX. Diplomatie and Krieg bis zum Juli 1829. 293 

Kandidaten wurde an den alten Feldmarschall Sacken zwac die 
Anfrage gestellt, ob er bereit sei, das Kommando zu übernehmen, 
auf seine bestimmte Zusage aber bald der Verwand gefunden von 
ihm abzusehen. Paskiewitsch wollte den Schauplatz seiner Erfolge 
nicht verlassen, fürchtete außerdem auf europäischem Boden nicht 
gleich selbstherrlich schalten und walten zu können, wie in Asien. 
Der General Graf Woronzow war dem Kaiser persönlich unangenehm 
und wurde übergangen, obgleich die „russische Partei" alles daran- 
setzte, um die Wahl des Kaisers auf ihn zu lenken, vom Grafen 
Tolstoi aber wollteNikolai sich nicht trennen, und so istschließlichnur 
Diebitsch übrig geblieben. Er wurde, nachdem vorher Toll sich bereit 
gefunden hatte, sein Stabschef zu werden und die alten Gegensätze, die 
zwischen ihnen bestanden; ruhen zu lassen, am 21. Februar zum 
Oberkommandierenden ernannt und gleichzeitig Wittgenstein „wegen 
völlig zerrütteter Gesundheit" auf seine Bitte in Gnaden seinerStellung 
enthoben^). Kisselewwurdezum Kommandeur de84. Reservekavallerie- 
korps ernannt. General Langeron, der im Dienst älter war, nahm seineu 
Abschied und wurde durch Pahlen ersetzt. Aus einem Brief 
Diebitschs an Kisselew vom 10. Januar 1828 kennen wir die 
großen Züge des Feldzugsplanes, der demnach zwischen dem 4. und 

10. Januar definitiv festgestellt wurde. Die später eingelaufenen 
Entwürfe haben daran nichts geändert. Sie wurden als schätzbares 
Material Diebitsch mit auf den Weg gegeben. Der endgültige Beschluß 
aber ging dahin, daß die Armee bis Mitte März 20000 Rekruten 
an Infanterie und 20 komplette Eskadrons Kavallerie erhalten solle. 
Die Ankäufe von Pferden, die außerdem notwendig wären, sollten von 
der Armee selbst, nach Anordnung Wittgensteins geschehen. Von 
den sechs Gouvernements, die zum Kriegsrayon gehörten, war je 
ein fliegendes Lazarett mit Bedarf für 14 Tage zu stellen. Der 
Kaiser gestatte unter keinen Umständen die Reservebataillone über 
die russischen Grenzen hinauszuführen, dafür sollte jedoch die 

11. Infanteriedivision der Armee einverleibt werden, damit sie die 
festen Plätze und das eroberte (conquis!) Gebiet besetze. Der Kaiser 
ist überzeugt, daß diese Vermehrung der Streitkräfte genügen 
werde, um erstens Silistria und danach Ginrgewo zu nehmen, 

^) Siehe die Anlage. Wittgensteiu hatte durch Schreiben vom 13./25 
Januar 1829 ausdrücklich erklärt, daß er sich gesund und kräftig fühle, aber 
da der Feldzug über den Balkan führen solle, um Verstärkung der Armee 
bitte. Man fand ihn mit einer Pension von 70000 Rubel ab. 



294 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

zweitens Schumla zu beobachten and die Streitkräfte Roths, die, 
wenn nötig, durch zwei Divisionen vermehrt werden sollen, über 
den Balkan zu fahren, damit sie Burgas, Aidos, Karnabat nehmen. 
Die Einnahme von Schumla ist zu versuchen, wenn der Feind sich 
solche Blößen' gibt, daß Roth die Festung durch einen Handstreich 
nehmen kann, oder wenn sie während des Feldzuges so schwach 
besetzt sein sollte, daß gute Aussicht sei, ihrer Herr zu werden. 

Es mußte sich nun entscheiden, wieweit die Wirklichkeit 
sich diesen Absichten günstig erweisen werde. Diebitsch verließ 
Petersburg ohne jeden Zeitverlust und traf am 25. Februar in 
Jassy ein. 

„Die neuen Vorgesetzten sind eingetroffen '^ , so schreibt ein 
Augenzeuge^), „zuerst vor vier Tagen der Chef des Generalstabes, 
Baron Toll. Ein stämmiger Mann von mittlerer Größe mit breitem, 
vollem Gesicht und klarem, hartem Blick. Man sieht ihm an, daß 
er sich nicht beugen lassen und die Augen vor niemandem nieder- 
schlagen wird. Der gesamte Stab hatte sich beim General Kisselew 
versammelt, um ihm vorgestellt zu werden. .General Kisselew nannte 
jeden von uns mit Namen. Als das geschehen war, dachten alle, 
daß der neue Chef einige Worte sagen werde. Es kam aber 
anders. Er stand am Ende des Saales und sagte mit fester 
Stimme: Ja, was soll ich Ihnen sagen? Wir wollen uns kennen 
lernen. Adieu. 

Gestern war ein Schauspiel anderer Art. Wir gingen zum 
Feldmarschall Wittgenstein, uns dem neuen Oberkommandierenden 
vorzustellen. Ich habe Dir den Grafen Iwan Iwanowitsch 
(Diebitsch) schon beschrieben. Aber ich habe Dir noch nicht 
gesagt, daß er zwar aufbrausend, aber voll Gefühl und Herz ist. 
Er sprach warm und lange, war aber schwer zu hören. Wir ver- 
standen mehr aus seinen Gesten als durch seine Worte, daß er von 
seiner Ergebenheit für seinen ruhmvollen Vorgesetzten sprach 
(Diebitsch war 1812 Stabschef von Wittgenstein gewesen), wie 
schwer es sei, ihn zu ersetzen usw. Darauf küßten sie sich usw. 

,Und doch hat er den Alten gründlich geprellt!* sagte jemand 
mit leiser Stimme. Das war alles.^ 

Gewiß war Toll der bedeutendere von beiden, als Mensch wie 
als Feldherr, aber der bevorstehende Feldzug sollte Eigenschaften 

Fonton. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 295 

verlangen, in denen Diebitschs besondere Gaben zu glänzender 
Geltung kamen; denn nie ist ein Feldzug mehr durch alle Kunst* 
griffe einer fein berechnenden, niemals beirrten, aber alle Welt 
täuschenden Diplomatie zu glucklichem Ende geführt worden, als 
Diebitschs berühmte Kampagne von 1829. 

Es ist unerläßlich, den Zusammenhang der diplomatischen 
Aktion nachzutragen, die seit dem Herbst 1828 dem Feldzuge der 
Russen parallel gegangen war. 

Die Besetzung Moreas durch die Franzosen war von den 
Türken ziemlich apathisch hingenommen worden. Sie fügten sich 
der vollendeten Tatsache, zumal ihre Hoffnung sich immer noch 
darauf richtete, daß der Gegensatz der Interessen, denen die 
Alliierten nachgingen, Rußland isolieren werde. Nun hatten 
schon aniang August die Vertreter Frankreichs und Englands von 
ihrem interimistischen Sitz, Porös, aus, die Pforte aufge- 
fordert, über ihren Beitritt zum Londoner Vertrag in Verhandlung 
zu treten, vorläufig die Mediation der drei Mächte anzuerkennen 
und den Griechen einen Stillstand zu gewähren. Der Sultan, der 
damals bereits von der bevorstehenden französischen Expedition 
wußte, ließ eine ausweichende Antwort erteilen, forderte jedoch 
die Botschafter von England und Frankreich auf nach Konstantinopel 
zurückzukehren. An einer Verhandlung, von der Rußland nicht 
ausgeschlossen sei, könne er aber unter keinen Umständen teil-* 
nehmen. Das war in Porös als eine Ablehnung aufgefaßt worden und 
unbeantwortet geblieben. Anders faßten die Kabinette von England 
und Frankreich, von (Österreich dazu angespornt, die Sach- 
lage auf. Die Antwort der Pforte schien ihnen trotz allem 
die Möglichkeit einer Verständigung zu bieten. Sie dachten 
sich der Pforte zu nähern, zwischen ihr und Rußland zu inter- 
venieren und dadurch dem Kriege, der weder in Euglaud noch 
in Frankreich populär war, ein Ende zu bereiten. Nachdem General 
Maison sich, ohne auf Widerstand zu stoßen, Moreas bemächtigt 
hatte, beschloß am 16. November die Londoner Konferenz, 
der Pforte in aller Form zu erklären, daß nunmehr Morea und 
die Zykladen unter gemeinsamer Garantie der drei Mächte 
ständen, und daß sie nochmals aufgefordert werden solle, dem 
Vertrage vom 6. Juli 1827 beizutreten. Unmittelbar danach 
und ehe noch eine Antwort aus Konstantinopel eingetroffen war, 
zeigten England und Frankreich dem russischen Kabinett an. 



296 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zam Juli 1829. 

daß sie die diplomatischen Beziehungen zur Pforte wieder auf- 
nehmen würden. Rußland solle seine Vollmachten ihren Vertretern 
delegieren. Zugleich wurde angedeutet, daß eine Intervention der 
Mächte den Frieden zwischen Rußland und der Pforte herstellen 
könnte. Das gab einen Augenblick ernster Krisis. Man glaubte 
im Hauptquartier des Kaisers mit Recht zu erkennen, daß Rußland 
von der Regelung der griechischen Frage ausgeschlossen werden 
solle, und daß die geplante Mediation sich das Ziel setze, die 
Friedensbedingungen, die Rußland der Pforte schon bei der Kriegs- 
erklärung kundgetan hatte, nach dem Interesse der anderen 
Mächte zu modifizieren. Auch hatte England nicht nur gegen die 
im August verkündete Blokierung von Bosporus und Dardanellen 
protestiert, sondern dazu verlangt, daß alle von Rußland zur Be- 
freiung Kretas getroffenen Maßregeln rückgängig gemacht würden *), 
und Mehemet Ali nicht verhindeii; werden solle, dem Sultan Hilfe 
zu leisten. Der Kaiser, der den Ausbruch eines europäischen Krieges 
fürchtete, wenn er die von England ausgegangenen, von Frankreich und 
Osterreich unterstützten Forderungen verwarf, und mit Sicher- 
heit nur auf Preußens Unterstützung rechnen konnte, hat von Peters- 
burg aus*) mit großem Geschick diesen Angriff abgeschlagen. In 
der Frage der Blockade hatte er sich bereits vorher zu einem Kom- 
promiß bereit gefunden, indem er das Zugeständnis machte, daß die 
Blockade für diejenigen Schiffe unter englischer und französischer 
Flagge nicht gelten solle, die vor dem 1./13. resp. vor dem 

Lieferungen nach Konstantinopel oder für die türkischen 



11. November 

Häfen des Mittelmeeres übernommen hätten. Fahrzeugen mit 
Kolonialwaren aber solle die Durchfahrt durch die Dardanellen 
überhaupt nicht verwehrt werden. Die Blockade von Kandia 
wurde aufgehoben*). Was aber die Rückkehr der Botschafter 
betraf, so befand sich der Kaiser sowohl bereit ihr zuzustimmen, 

^) Wellington an Aberdeen, 2. September 1828. „It was never intended 
tbat the Allies sbould conquer a Greece for tbe Greeks *" Am 14. September 
schrieb Wellington, daß die Blockade als „a breach of treaty*' angesehen 
werden müsse, conf. oben S. 258. Am 23. Oktober schreibt Aberdeen an 
Wellington, die Frage von Kandia sei wichtiger als die griechische. 

^ Am 22. Dezember 1828. 

') Auch für Saros, Enos und Contessa, die ebenfalls von Rußland 
blokiert wurden, sind dieselben Erleichterungen zugestanden worden, wie für 
die Dardanellen. Mehemet Ali wurde durch ein Abkommen beschwichtigt, das 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 297 

als auch seine Vollmachten auf sie zu delegieren. Doch stellte er 
die Bedingung, daß man sich vorher über folgende Punkte ver- 
ständige: erstens, welche Grenzen Griechenland erhalten solle, 
zweitens, welches die künftige Regierungsform und drittens, welches 
die künftigen Beziehungen Griechenlands zur Türkei sein sollten. 
Habe man sich in der Londoner Konferenz darüber geeinigt, so 
sei auch Österreichs und Preußens Zustimmung zu erwirken. 

Das war ohne Zweifel außerordentlich geschickt, d^is Gegen- 
spiel zu der Politik der Verhandlungen, durch welche Metternich 
vier Jahre lang den Kaiser Alexander düpiert hatte. Kußland 
wollte Zeit gewinnen, bis es seine neue Kampagne aufgenommen habe. 

Kurz vorher hatte der Reis-Efendi sich an den dänischen 
Gesandten in Konstantinopel, Baron Hübsch, gewandt und ihm sagen 
lassen, daß die Pforte bereit sei, in direkte Verhandlungen mit 
Rußland zu treten, daß sie aber vorher wissen müsse, ob die Be- 
vollmächtigten, die sie schicken wolle, angenommen werden würden, 
und ob der Kaiser während der Verhandlungen alle Feindseligkeiten 
einstellen werde. Die schlecht verhüllte Absicht war, ebenfalls Zeit 
zu gewinnen, denn in Wirklichkeit dachte Sultan Mahmud weniger 
als je an Frieden. Auch hier aber zeigte sich der Kaiser entgegen- 
kommend. Er wünsche, ließ er antworten, dem Baron Hübsch besten 
Erfolg und sei bereit, vom Eintreffen der Gesandten bis zum Februar alle 
militärischen Operationen ruhen zu lassen. Das war dieZeit,in welcher 
sich jedes militärische Vorgehen Rußlands von selbst verbot, und 
da so beide Teile es auf Täuschung des Gegners abgesehen hatten, 
zerging dieser Anfang einer Verhandlung in nichts. Die Pforte 
erklärte, sie könne keinen Schritt tun, bevor sie die Basis kenne, 
die Rußland den Unterhandlungen zugrunde legen wolle, Rußland, 
daß diese Basis seit dem 26. April 1828 durch das Schreiben an 
den Großwesir, das die Kriegserklärung begleitete, allbekannt sei. 
Von einer Sendung türkischer Bevollmächtigter war danach weiter 
keine Rede. Nun hatte inzwischen die Botschafterkonfereuz in Porös 
gerade die Fragen im Prinzip beantwortet, die das russische Gegen- 
projekt vom 22. Dezember zur Diskussion gestellt hatte: die 
Grenzen Griechenlands sollten vom Golf von Arta bis zum Golf 
von Volo gehen, Euböa einschließen und alle Kykläden umfassen, 

ihm die Rückgabe der von Rußland genommenen SchifTe sicherte und die 
Mannschaften sofort freigab. Diese Dinge fallen bereits in das Frühjahr 1829 
und können hier nicht näher erörtert werden. 



298 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

mit Ausnahme von Samos und Kandia, die jedoch dem besonderen 
Wohlwollen der Mächte zu empfehlen seien. Die Zentralgewalt sei 
erblich in die Hände eines Mannes zu legen. Die Pforte solle 
einen Tribut von IVj Millionen Piaster erhalten, und die türkischen 
Grundbesitzer in Griechenland enteignet und entschädigt werden. 
Diesen Vorschlägen stimmte Rußland ruckhaltlos zu, und auch die 
Londoner Konferenz nahm sie gunstig auf, aber England blieb 
feindselig gestimmt, und im Januar erkrankte der Graf La Ferronnays 
so ernstlich, daß er sein Amt niederlegen mußte, was in Petersburg 
um so lebhafter bedauert wurde, als nun der feindselige Einfluß 
Polignacs in London wie in Paris unter dem schwachen, Karl X. 
nicht genehmen Kabinett, Martignac sich noch mehr geltend 
machte. Am 21. Januar meldete Lieven, daß England und Frank- 
reich ihre Botschafter nach Konstantinopel schicken würden, ohne 
eine andere Bedingung daran zu knüpfen, als daß der Sultan den 
Waffenstillstand mit den Griechen annehme, was nach englischer 
Anschauung bereits geschehen war. Lieven glaubte infolgedessen 
von seiner Instruktion keinen Gebrauch machen und überhaupt in 
den griechischen Angelegenheiten nicht verhandeln zu können^). 
Es kam dazu, daß zwischen den Lievens, dem Füraten und zumal der 
Fürstin, und dem Herzog von Wellington bittere Feindschaft bestand. 
Der Herzog war fest überzeugt, daß die Fürstin mit dem Herzog 
von Cumberland zu seinem Sturz verschworen sei, und verfolgte 
auch mißtrauisch ihren Verkehr mit dem Könige') und allen 
Freunden Cannings, speziell mit Huskisson. So entschloß sich 
Nikolai Anfang Januar einen seiner tüchtigsten Diplomaten, den 
ersten Sekretär Nesselrodes, Grafen Matusewicz, zur Unterstützung 
Lievens nach London zu schicken. 

Diese Sendung erwies sich als höchst erfolgreich und 
kam zu günstiger Zeit. Schon Ende Januar 1829 stand fest, 
daß Wellington eine Katholikenemanzipationsbill einbringen 

Vergl. für das Detail der Verhandlungen, die hier nicht erschöpft 
werden können, Prokesch-Osten 1. 1., Metternicbs nachgelassene Schriften, 
Wellington Despatches IV. und Martens Recueil des traitt'S Bd. XI Nr. 436. 
Dazu den Compte rendu von Nesselrode für 1829. 

^ Der König stand während des Türkenkrieges mit seinen Sympathien auf 
russischer Seite und der Kaiser pflegte diese Stimmung durch stete Auf- 
merksamkeiten und Geschenke. Vergl. die überaus lehrreiche Korrespondenz 
der Fürstin Lieven mit ihrem Bruder Alexander. Robinson; Lettres of 
Dorothea Princess Lieven. London 1902. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 299 

werde, und vor dieser Frage traten alle übrigen politischen 
Probleme zurück^). Die russischen Diplomaten stießen auf einen 
erheblich geschwächten Widerstand. Am 30. Januar wurde ihnen 
zugestanden, daß die Ruckkehr der Botschafter erst nach einer 
Entscheidung der Konferenz erfolgen solle, und daß unter keiner 
Voraussetzung die griechische Frage vor vorausgegangener Ver- 
ständigung und ohne direkten Anteil Rußlands an den Ver- 
handlungen angegriiTen werden solle. Dagegen fand das Programm 
von Porös lebhaften Widerspruch, man wollte den Griechen als 
Maximum die Grenze bis zum Golf von Korinth gewähren. Auch 
Polignac machte seinen Einfluß in diesem Sinne geltend. Dennoch 
gelang es nach peinlichen und schleppenden Verhandlungen am 
22. März einen Konferenzbeschluß zu Protokoll zu bringen, der in 
der Hauptsache dem russischen Interesse entsprach. Die Bot- 
schafter von England und Frankreich sollten nunmehr wirklich 
nach Konstantinopel zurück und dort im Namen der drei alliierten 
Mächte der Pforte das Programm von Porös zur Annahme vorlegen, 
dabei aber begründeten Einwendungen der Pforte Rechnung tragen '), 
auch solle ihnen freistehen, andere Vorschläge zu vereinbaren. Außer- 
dem wurde den Griechen vorgeschrieben, ihre Truppen auf das 
Gebiet zurückzuziehen, das das Protokoll vom 11. November ihnen 
garantiert hatte, also auf die südlich vom Golf von Korinth liegen- 
den Territorien. 

Im wesentlichen war damit erreicht, was Rußland wollte. Die 
Allianz war trotz der Neigung Wellingtons, sie zu lösen '), bestehen 

,Ttls impossible to describe tbe excitement and agitation in London. 
Tbere is no longer any thought of Europe, sbe is at tbe bottom of tbe sea, 
and for a long spell.^ Lettres of D. Lieven S. 180 (vom 6. Februar 1829). 

^ Siebe den Text bei Härtens, Recueil des trait^s, yoI. XI Nr. 466. „II 
reste bien entendu toute fois que chacune des Cours alliees se reserve le 
droit de peser le merite des objections que ferait la Porte Ottomane aux 
propositions qui lui seront communiquees en vertu du present Protocole, et 
que, dans le cas oü ces objections s'eleyeraient, il pourrait etre concerte entre 
les trois Puissances d'autres propositions fondees sur le desir qui les animera 
toujours de terminer promptement la question dont elles s'occupent en ce 
moment.^ 

Polignac lag zur Freude der russischen Unterhändler an den Röteln 
krank. Ein Mr. de Roth vertrat ihn. Auch war es günstig, daß nicht 
Polignac, sondern Portalis Minister des Auswärtigen geworden war. 

') Schon am 13. September hatte Aberdeen diese Frage aufgeworfen. 
Well. Desp. V. 



300 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis mm Juli 1829. 

geblieben, das Recht Rußlands, an den Verhandlangen über das 
Schicksal Griechenlands teilzunehmen, war ausdrücklich an- 
erkannt worden, und schließlich ließ sich darauf rechnen, daß die 
Türkei sich wiederum unnachgiebig zeigen werde. Dann aber 
konnte, wenn das Glück günstig war, die letzte Entscheidung den 
russischen Waffen zufallen. 

So war das Ergebnis der mit großem Geschick und in feiner 
psychologischer Beurteilung der für die Entscheidung ins Gewicht 
fallenden Persönlichkeiten geführten Verhandlungen, in der Haupt- 
sache erreicht. Rußland hatte Zeit gewonnen und brauchte zunächst 
nicht zu fürchten, daß seine Alliierten ihm in den Arm fallen 
könnten ^), wenn es, wie jetzt geschehen sollte, zum entscheidenden 
Schlage gegen die Türkei ausholte. Der Kaiser konnte daran denken, 
jetzt eineandere Frageanzufassen, die ihn aufdas lebhafteste beschäftigte 
und die durchaus nicht länger ruhen durfte, das war die polnische. 

Wir haben sie schon mehrfach streifen müssen und der Unter- 
suchung gedacht, welche gegen die Polen eingeleitet wurde, die durch 
die Aussagen der Dekabristen kompromittiert waren, auch gesehen, 
(laß schließlich der ganze Zusammenhang der Verschwörung auf- 
gedeckt worden war. Man hatte diejenigen der Angeklagten, die 
russische Untertanen waren, das ist aus den ehemals polnischen Provinzen 
Rußlands, nicht aus dem Königreich, stammten, nach Petersburg ge- 
schafft, um dort nach russischem Gesetz und nach den Methoden, die 
beim Dekabristenprozeß angewandt waren, mit ihnen zu verfahren. 

Am 3. Januar 1827 hatte nun die Warachauer Untersuchungs- 
kommission ihren Bericht fertiggestellt und nach Petersburg ein- 
gesandt. Dort fand man es erforderlich, zur Vervollständigung 
der Prozeßakten und bevor ein endgültiges Urteil gefallt werde, 
jene russischen Polen nach Warschau zurückzusenden und sie mit 
ihren polnischen Leidensgenossen zu konfrontieren. In Warschau 
aber sollte das Urteil, wie die Verfassung es für Hochverratsprozesse 
verlangte, von dem als haute cour konstituierten Senat gefällt 
werden. Der Kaiser, der in diesen Angelegenheiten von seinem 
Staatssekretär für Polen, Grabowski, beraten wurde, hatte einen 
Vorschlag Konstantins, ein Kriegsgericht fungieren zu lassen, ab- 
gelehnt. Er wollte durchaus korrekt und „konstitutionell" vorgehen. 



Nesselrode an Diebitsch. Petersburg, 9./21. April 1829: „Nous avons 
acquis une securite complete pour la campagne qui va s'ouvrir." W. U. A. 5329. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 301 

Das Projekt, das Lubecki, der Finanzminister des Königreichs, über 
die OrgaDisatioQ dieses Gerichtshofes ausgearbeitet hatte, billigte 
Nikolai^). Sämtliche Senatoren, mit Ausnahme derjenigen, die 
in naher Verwandtschaft zu den Angeklagten standen, sollten ais 
Richter fungieren, Verhör und Verteidigung öffentlich, die Rede- 
freiheit unverkürzt sein. Ein himmelweiter Unterschied trennte so 
die polnische Praxis von der russischen. In Wai*schau schien der 
Absolutismus seine Schranke gefunden zu haben. Als jedoch im 
September eine Delegation russischer Senatoren in Warschau eintraf, 
um bei der Konfrontation der Angeklagten zugegen zu sein und 
im Zusammenhang damit zur Feststellung des Tatbestandes auch 
Verhöre anzustellen, bestritt ihnen der inzwischen als Gerichtshof 
konstituierte Senat das Recht, die Angeklagten polnischer Unter- 
tanenschafc zu vernehmen. Der Vorsitzende der russischen Dele- 
gation, Senator Fürst Trubetzkoi, hatte verlangt, daß ihm der 
Oberstleutnant Krzyzanowski zur Konfrontation gestellt werde, der 
Großfürst Konstantin dementsprechend verfügt und den Präsidenten 
des polnischen Gerichtshofes, den alten Woiwoden Bielinski, auf- 
gefordert, einen polnischen Senator zu beauftragen, als Zeuge 
dieser Konfrontation beizuwohnen. Allein Bielinski lehnte in einer 
für den Großfürsten beleidigenden Form die Delegation eines pol- 
nischen Senators ab und blieb dabei, obgleich Konstantin ihm dreimal, 
und zuletzt in drohender Form, den Befehl wiederholte. Nun wurde 
Krzyzanowski trotzdem von Trubetzkoi verhört, aber er verweigerte 
jede Antwort, auch als der Großfürst durch Absendung seines 
Stabschefs und nächsten Vertrauten, des Generals Grafen Kuruta, 
ihn zur Nachgiebigkeit zu bewegen suchte. Erst nachdem Kon- 
stantin mit ausdrücklicher Zustimmung des Kaisers den Senatoren 
einen Verweis erteilt hatte, erkannten sie, daß sie nachgeben 
müßten, und Bielinski machte reuig dem Großfürsten seine Ent- 
schuldigung. Mitte November war endlich der Tatbestand fest- 
gestellt und die Anklageakte formuliert worden. Sie warf den 
Beschuldigten vor, daß sie Kenntnis von einem Komplott gehabt 
hätten, das den Umsturz der Reichsverfassung und die Ermordung 
des Herrscherhauses zum Ziele nahm. Das sei eine „tentative 
eloignee", an diesem Verbrechen teilzunehmen. Der Kaiser, der 
über diese gelinde Bezeichnung nicht wenig entrüstet war, sich 



') Ende April 1827. 



302 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

aber durch KoDstantin beruhigen ließ, hat nun zunächst nicht 
weiter in den Lauf des Prozesses eingegriffen. Die „haute cour^ 
konnte darangehen, ihr Urteil zu sprechen. Nun hatte sich 
inzwischen die patriotische Erregung der Polen stetig gesteigert. 
Die Angeklagten erschienen gleichsam als die Vertreter der Ge- 
sinnungen und der Wünsche der Nation, d. h. der polnischen 
Aristokratie, denn sie aliein dachte im Königreich politisch, da.« 
Bürgertum, soweit es vorhanden war, und vollends die in dumpfer 
Armut vegetierende. polnische Bauernschaft standen allen politischen 
Fragen in vollkommener Gleichgültigkeit gegenüber. Mit dem neuen 
Jahre 1828 begannen die Sitzungen des hohen Gerichtshofes. Die 
Senatoren waren — ein seltener Fall — vollzählig beisammen, 
sogar der Fürst Adam Czartoryski war mit Kurierpferden ad hoc 
aus Italien nach Warschau zurückgekehrt Im Juni endlich erfolgte 
der Spruch. Der Bischof von Sendomir Werzinski hatte als erster 
zu stimmen. Mit lauter Stimme, das Kreuz, das ihm über der 
Brust hing, hoch emporhebend, rief er: Ich schwöre im Namen des 
gekreuzigten Gottes: Sie sind unschuldig. Diesem Votum haben 
sich dann alle Senatoren mit Ausnahme Vinzent Krassinskis an- 
geschlossen. Mit kaum zu beschreibendem Jubel ist das Urteil in 
Warschau aufgenommen worden '). „Alle, selbst Unbekannte, um- 
armten einander und beglückwünschten sich, als seien sie von einer 
großen Gefahr befreit worden, man konnte die Senatoren nicht 
genug rühmen und war einmütig in der Verurteilung Krassinskis.'' 
Um so größer war die Entrüstung des Großfürsten, und sie wurde 
noch gesteigert durch die vom Präsidenten Bielinski ihm über- 
reichte Motivierung des Urteils. Hier wurde deutlich ausgesprochen, 
daß die Verletzung der Verfassung durch Alexander die ganze 
Bewegung hervorgerufen habe, und daß die Treue der Polen zu 
ihrem „ Könige '^ in Abhängigkeit stehe von der Aufrechterhaltung 
ihrer Charte. 

Der Großfürst hat darauf die Publikation des Urteils und die 
Freilassung der Angeklagten untersagt. Es sei zunächst die Be- 



') Vergl. Kolaczkowski ErinneruDgen. Diese sehr anschaulichen Me- 
moiren bedürfen steter Kontrolle. Dem Verfasser haben die Daten und Zu- 
sammenhänge sich Tielfach verschoben. Eine sichere chronologische Grundlage 
gibt die Korrespondenz des Großfürsten mit dem Kaiser. 

Noch im Februar 1829 schreibt Konstantin, daß „ces messieurs du Senat** 
triumphieren und durch Bälle und Feste ihrer Freude Ausdruck geben. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Jali 1829. 303 

statigung durch den Kaiser abzuwarten. Am 24. Juni schickte er 
ihm das Dekret des Senats und die aus dem Polnischen ins 
Französische übersetzten Akten des Prozesses. In dem Schreiben, 
das diese Sendung begleitete, wies er darauf hin, daß eine Änderung 
der polnischen Verfassung unerläßlich sein werde'). 

Der Kaiser hat mit der Antwort lange gezögert; sie erfolgte 
erst am 23. September aus Odessa. Er bestätigte das Urteil nicht, 
sondern beauftragte den Warschauer Verwaltungsrat'), zu dem 
außer den fünf polnischen Ministern auch der kaiserliche Kommissar 
Nowossilzew gehörte, den Prozeß nochmals zu prüfen und fest- 
zustellen, ob das Urteil des Senats den geltenden Gesetzen ent- 
spreche'). Im Oktober trat dieser Verwaltungsrat an die Durch- 
sicht des Prozesses. Aber hier kam es zu den heftigsten Aus- 
einandersetzungen zwischen dem Finanzminister Fürsten Lubecki und 
Nowossilzew'), und da das schiießliche Ergebnis^) weder den 



1) II est de toute urgence que ce pays soit considere non comme inde- 
pendant, mais inherent ä la Russie et regi simplement par d^autres institutions 
que le souyerain se platt ä accorder, jusqu'ä ce quUl (le pays) n^en abuse pas. 

^) Oder Staatsrat, „Conseil d^administration". 

^) conf. die Anlage. 

^) Nowossilzew benutzte den Anlaß, um die Finanzpolitik Lubeckis leiden- 
schaftlich anzugreifen. Merkwürdigerweise schützte der Kaiser Lubecki, er 
könne den Mann nicht entbehren und könne niemanden an seine Stelle setzen. 
Konstantin dagegen trat für Nowossilzew ein. Auch die literarische Bewegung 
begann mitzuspielen. Nowossilzew schickte dem Kaiser einen sehr eingehenden 
Bericht über den „Wallenrod*' von Mizkiewicz und bemühte sich nachzuweisen, 
daß die Spitze nicht gegen Preußen, wie man in Warschau behaupte, sondern 
gegen Rußland gerichtet sei. Aber die Polenfreunde in Petersburg, speziell 
der damals noch ganz im polnischen Lager stehende Bulgarin, legten aus- 
führlich dar, daß es sich überhaupt um keine Tendenz, sondern um ein 
poetisches Problem handle, und der Kaiser hat darauf die weitere Verfolgung 
der Sache unterdrückt. In Wirklichkeit richtet sich der «Wallenrod'* ebenso 
gegen die Deutschen, wie gegen die Russen, auch ist er in Posen anders aus- 
gelegt worden, wie in Warschau. Es war ein zweischneidiges Schwert, be- 
stimmt, hier wie dort zu verwunden und die Lehre zu predigen, daß Verrat 
und schnödeste Undankbarkeit dort erlaubt seien, wo die Ideale des polnischen 
Patriotismus in Frage kommen. Vergleiche die Korrespondenz Nowossilzews 
mit Kuruta und den Bericht Konstantins über Mizkiewicz« Russki Archiv, 
Jan. 1908, S. 64 ff. 

^) Die Resolution sagte: »Daß der Urteilsspruch des Nationalgerichtshofes 
zwar nicht völlig der Sache gemäß ausgefallen, der Grund hiervon jedoch 
keineswegs in der üblen Gesinnung jenes Gerichtshofes zu finden sei, sondern 



304 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

Wünschen des Kaisers noch des Großfürsten entsprach, wurde Mitte 
Januar 1829 eine nochmalige Prüfung der Akten in Petersburg durch 
ein Komitee vorgenommen, das aus Kotschubej, Tolstoi, Golitzyn, 
Wassiltschikow, Speranski, Nesselrode und Diebitsch bestand, und 
dem der Staatssekretär Grabowski assistierte. Es war beauftragt, 
die Stnafen der Polen möglichst denen gleich zu setzen, welche die 
russischen Teilnehmer an der Verschwörung getroffen hatten. Zu- 
gleich sollte es den Entwurf eines Verweises für die Mitglieder des 
polnischen Gerichts ausarbeiten. Nun hatte das fünfte Departement 
des Senats die russischen Polen Anfang März in corpore zu Zwangs- 
arbeit verurteilt und der Kaiser im Reichsrat die Strafe auf Degra- 
dation und Verbannung herabsetzen lassen. Dieser Entscheidung, 
die bestätigt wurde, paßte die Kommission auch das Urteil über 
den polnischen Prozeß an'). Am 7. März unterzeichnete Nikolai 
alle Papiere des nunmehr glücklich beendigten Prozesses. Jablo- 
nowski wurde in Hinblick auf sein ofl^enes Geständnis völlig be- 
gnadigt. Er warf sich, als ihm der Freispruch verkündigt wurde, 
vor dem Bilde des Kaisers auf die Knie und küßte es inbrünstig. 
Dagegen erklärte der gleichfalls begnadigte Sobanski, daß er sein 
Recht, keine Gnade haben wolle; der Kaiser, dem er in diesem 
Sinne schrieb, erklärte ihn für irrsinnig und schickte ihm einen 
Arzt ins Haus. Krzyzanowski und Majewski wurden aus den 
Reihen der polnischen Armee gestrichen, und da der erstere aus 
Wolhynien, der andere aus Russisch-Galizien stammte, den russi- 
schen Polen gleichgestellt; die übrigen Angeklagten erhielten ver- 
hältnismäßig leichte Strafen. Diese Entscheidung wurde am 



lediglich durch die Unregelmäßigkeit der Arbeiten des früheren Untersuchungs- 
komitees und der unzweckmäßigen Abfassung der kaiserlichen Instruktion 
für den Nationalgerichtshof erklärt werden müßte.^ 

Relation Schmidt: Warschau, den 21. Dezember 1828. Berlin, G. St. A 
A. A. I. Varsovie correspond. de Mr. Schmidt. Rep. I, Nr. 20. 

1) ^La grande afTaire Polonaise est enfin terminee, premierement jugee 
au s«.'nat oü eile Ta ete avec haine, injustice. L'empereur pen^tre de cette 
Idee, a forme un comite, le meme qui se rassemble pour Forganisation du pays; 
il a ajouti'i mon mari, ils se sont rassembles souvent. Apres leur decision on 
a portö cette affaire au conseil: comme il a ete d'accord avec le comite^ 
c'est fini.** Die Gräfin Nesselrode an Nikolai Gurjew. Petersburg, 13./25. 
Februar 1829. Archiv des Reichsrats III, Nr. 43. 

Die Polen sahen in dem Eingreifen des Kaisers in ihre Angelegenheiten 
eine Verletzung der Verfassung. Schmidt 1. 1. 23. Februar 1829. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 305 

18. März 1829 in Warschaa publiziert und sofort in Kraft gesetzt. 
Gleich danach warde auch der Oberstleutnant Prondzinski, der 
vier Jahre lang in einem Karmeliterkloster in Haft gelegen hatte, 
freigegeben. Ebenso Soltyk, Sobanski I und Cichowski. Die Sena- 
toren erhielten vor versammeltem Staatsrat einen scharfen Verweis, 
von dem jedem einzelnen eine beglaubigte Kopie eingehändigt 
wurde, dann wurde noch ein Protokoll aufgenommen, und damit 
war diese aufregende und peinliche Angelegenheit endgültig erledigt. 
Ganz gewiß ist die verhältnismäßig nachsichtige Haltung des 
Kaisers mit dadurch bestimmt worden, daß er im BegrUT war nach 
Warschau zu reisen und sich dort zum König von Polen krönen 
zu lassen. Es haben über die Krönungsfrage langwierige und ein- 
gehende Verhandlungen stattgefunden, deren Widerhall sich in der 
Korrespondenz des Kaisers mit dem Großfürsten verfolgen läßt. 
Im wesentlichen vermochte der Kaiser schließlich seinen Willen 
durchzusetzen. Das Resultat war, daß die Krönung vor dem Zu- 
sammentritt des damals falligen polnischen Reichstages stattfinden 
solle. Nikolai hätte am liebsten dieses Trugbild von Krönung^) 
umgangen. Sein Standpunkt war, daß er bei seinem Regierungs- 
antritt die polnische Verfassung bereits beschworen habe, und die 
Kaiserkrönung in Moskau die Krönung zum Könige von Polen in 
sich schließe; auch widerstrebte ihm der Gedanke, das bei der 
Krönung schwer zu umgehende katholische Ritual an sich vollziehen 
zu lassen. In diesen beiden Punkten kam es zu einem Kompromiß. 
Die Krönung sollte stattfinden, aber mit einer in Petersburg 
angefertigten neuen Krone, und die Geistlichkeit nicht mehr 
hervortreten, als unbedingt notwendig wäre. Auch der Großfürst 
liebte die polnische Geistlichkeit keineswegs. Redete er ihr in 
dogmatischen Fragen nicht darein, so hatte er um so mehr gegen 
die einzelnen Persönlichkeiten einzuwenden. „Ich finde sie" — 
schrieb er bald danach — „so interessiert und in betreff der Tem- 
poralien so habgierig, daß sie mir keinerlei Vertrauen einflößen." 
Er hat sogar gemeint, daß, wenn sie in weltlichen Dingen der 
Regierung opponierten, es nützlich sein könnte, wenn man gelegent- 
lich einige Bischofssitze vakant ließe oder gar die Zahl der Bischofs- 
stühle vermindere. Bei einer Bevölkerung von 37, Millionen Köpfen 

1) „Ce simulacre de corouation" lasse sich vielleicht umgehen „en se 
seryant du pretexte que la couronne n^existait pas". Nikolai an Konstantin, 
den '28. Januar 1829. 

Schiemann, Gecbicbtc Kußlands II. 20 



306 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

aller Konfessionen gebe es acht Bischöfe, von denen sechs je 
50000 Gulden, einer 65000 und einer gar 100000 Gulden beziehe. 
Wenn man die russischen Verhältnisse damit vergleiche, ergebe 
sich der Schluß, der daraus zu ziehen sei, von selbst. 

Aber auf diese Gedanken ging der Kaiser nicht ein. Die 
schließliche Verständigung erfolgte dahin, daß Nikolai am 5. Mai 
Petersburg verlassen werde, um zur Krönung nach Warschau zu 
fahren, mit ihm die Kaiserin und der Großfürst-Thronfolger. Fremde 
Diplomaten sollten nicht mitgenommen werden, wohl aber Nessel- 
rode mit seinem Stabe an Beamten. 

Man wollte dem Auslande keinen Einblick in die Warschauer 
Stimmungen gewähren^). Die Krone werde der Kaiser sich selbst 
aufs Haupt setzen und dann seiner Gemahlin die Kette des Weißen 
Adlerordens um den Hals legen*), das sollte aber nicht, wie der 
Großfürst gewünscht hatte, in der katholischen Kathedrale, sondern 
im Prunksaale des Senats geschehen und mit einem Tedeum seinen 
Abschluß finden. Danach war ein großes Diner und am anderen Tage 
ein Ball für die polnischen Damen vorgesehen. Die Reichstagsabge- 
ordneten sollten einzeln, nicht als Körperschaft eingeladen werden. So 
ist das Programm der Hauptaktion geregelt worden. Im ganzen sollte 
der Aufenthalt der kaiserlichen Familie vierzehn Tage dauern, der 
Reichstag aber erst vier Monate nach ihrer Abreise, am 1. Oktober, 
zusammentreten*). Das Wesentliche war für den Kaiser, einen 



»Die Entfremdung zwischen Russen und Polen kann hier nicht mehr 
wachsen, sie ist größer als 1813. Jede Spur von Geselligkeit ist seit drei 
Jahren verschwunden, und es dürfte schwer sein, einen traurigeren Aufent- 
haltsort zu finden als Warschau.^ So charakterisiert der preußische General- 
konsul Schmidt die Lage in seinem Bericht vom 21. November 1828. Der Groß- 
fürst klagte über die jeunesse oiseuse, speziell über die Insolenz der Studenten 
seit Erledigung des Prozesses. Der schlimmste Einfluß komme aus Kaiisch 
und aus Posen. Konstantin an Nikolai, 21. März 1829. Kolaczkowski 
erzählt, daß damals die geheimen Gesellschaften ihre Tätigkeit wieder auf- 
genommen hätten. Man dachte daran, die kaiserliche Familie während der 
Krönung zu überfallen, die Garde zu entwaffnen und einen Aufstand zu machen. 
Konstantin scheint davon gewußt zu haben. 1. 1. S. 554. 

^ Auch diese Kette war in Petersburg ad hoc verfertigt worden. Sie 
bestand alternierend aus polnischen und russischen Reichsadlern. 

^) Detail; 20. Mai: Ankunft. 24. Mai: Krönung. 25. Mai: Bai part*. 
27. Mai: Beglückwünschung durch die Herren um 1 Uhr, durch die Damen um 
7 Uhr abends. 28. Mai, um l Uhr: Volksfest; abends: Ball der Stadt. 29. Mai: 
Ball des Senats, der Nunzien und Deputierten. 30. Mai: Ball des Senats- 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 307 

Einblick in diese polnische Welt zu erhalten und sich unter allen 
Umständen korrekt und konstitutionell zu zeigen, damit das 
moralische Recht auf seiner Seite bleibe. Aber er hatte wohl die 
Empfindung, daß er sich auf vulkanischem Boden bewegen werde, 
und nichts wäre ihm lieber gewesen, als rücksichtslos, wie er es 
in Rußland zu tun pflegte, mit den Schäden aufzuräumen, die er zu 
erkennen glaubte. 

Alexander Benkendorff, der seine Gedanken kannte wie nur 
wenige, meinte, die nächste Notwendigkeit sei, Nowossilzew und 
Lubecki zu beseitigen und durch andere geeignete Persönlichkeiten 
zu ersetzen, in den polnischen Provinzen des Reiches überall die 
für Rußland geltenden Ordnungen einzuführen und endlich dafür 
Sorge zu tragen, daß im Königreich Polen ohne willkürliche Er- 
schütterung regiert werde *). Aber wie schwer war es, diese au 
sich durchaus vernünftigen Absichten durchzuführen? Möglich 
war es nur, wenn der Kaiser sich entschloß, mit dem Bruder 
zu brechen, und daran war durchaus nicht zu denken. Seit 
dem Tode des Vizekönigs Zajonczek hatte der Großfürst den 
Umkreis seines Einflusses im Königreich, wie in den sogenannten 
polnischen Provinzen, in denen ihm das militärische Oberkommando 
gehörte, immer mehr erweitert, so daß sich schließlich kein Zweig 
der Verwaltung ihm ganz entziehen konnte. Dabei empfanden die 
Polen die Willkür seines Vorgehens, die Russen dagegen fühlten 
sich hintangesetzt, so daß beide murrten. Auch in der 
Armee wiederholte sich dieselbe Erscheinung, und dem Kaiser 
war es durch die Aussagen der Dekabristen wohlbekannt, wie 
wesentlich die Polenpolitik Alexanders, die in Konstantin fort- 
lebte, dazu beigetragen hatte, die Verschwörung großzuziehen, die 
er auf dem Senatsplatz niederschlagen mußte. Er hatte aber seit 
seinem Regierungsantritt die stets erneute Erfahrung gemacht, daß 
jeder Versuch, an den polnischen Dingen zu rühren, den höchsten 
Zorn Konstantins erregte, der in solchen Fällen mehr oder minder 
deutlich mit Niederlegung seiner Ämter drohte. Ob die Ausfuhrung 
dieser Absicht nicht einen geheimen Wunsch des Kaisers erfüllt 
hätte, mag dahingestellt bleiben. Tatsache ist, daß die Drohung 



Präsidenten. «31. Mai: Diner für die Nunzieo und Deputierten. I.Juni: Hof- 
ball. 2. Juni: Abreise der Majestäten. Schmidt 1. I. 

1) Korrespondenz Benkendorffs mit Diebitscb. Wojenuo Utschenuy Archiv 
1048. Der Brief vom 13./25. April 1829. 

20» 



308 Kapitel IX. Diplomatie uod Krieg bis zum Juli 1829. 

fast immer ihren Zweck erreichte und daß der Kaiser dem Bruder 
gegenüber nie nachgiebiger gewesen ist, als während der beiden 
Kampagnen des Türkenkrieges. 

Nun ließ sich der Aasgang, den der Feldzug Diebitschs nehmen 
werde, im Mai 1829 noch keineswegs vorhersehen. Der Winter 
1829 war ungewöhnlich streng und anhaltend. In den sudrassischen 
Steppen, in Bessarabien und in den Fürstentümern gingen durch 
furchtbare Schneewehen und orkanartige Stürme die Zugochsen der 
Proviantkolonnen und der Viehbestand der Bewohner zugrunde. 
Diebitsch erklärte gleich nach seinem Eintreffen, daß es schwer 
sein werde, den Feldzug noch im Lauf des April zu eröffnen. Die 
Sorge für die Verproviantierung der Armee, die Ordnung der Personal- 
fragen, der Kampf mit der wiederausgebrochenen Pest und die 
Vorbereitungen für die Belagerung von Silistria nahmen zunächst 
seine und seines Stabes Arbeitskraft voll in Anspruch. Zur großen 
Freude des Kaisers gestalteten sich die Beziehungen zwischen Toll 
und Diebitsch auf das günstigste. Dagegen reichte der General 
Langeron sofort nach Diebitschs Ernennung seinen Abschied ein, was 
eine Reihe von Verschiebungen in den Spitzen zur Folge hatte. 
Der provisorische Oberbefehl in Bukarest wurde dem Grafen Pahlen, 
dem Kommandierenden des zweiten Infanteriekorps, übertragen, je- 
doch mit der Bestimmung, daß, wenn er zur Belagerung Silistrias 
vorgehe, Kisselew, der das Kommando des vierten Reservekorps 
erhalten hatte, die Truppen in der großen und kleinen Walachei 
übernehmen solle. Obreskow wurde zum General du jour des 
Hauptquartiers, Sheltuchin zum Chef der Zivilverwaltung in den 
Fürstentümern ernannt. Das siebente Armeekorps wurde dem 
Generalleutnant Rüdiger gegeben, von einer nochmaligen Verwendung 
des Prinzen Eugen ist überhaupt nicht die Rede gewesen. Der 
Kaiser konnte ihm nicht verzeihen, daß die Niederlage bei Kur- 
tepe durch seine, des Kaisers, Schuld erfolgt w^ar. Proprium est 
humani generis odisse quem laeseris! An die Stelle von Rudze- 
witsch erhielt General Krassowski das Kommando des dritten Korps 
mit General Berg als Stabschef, während Generalmajor Buturlin 
Generalquartiermeister der zweiten Armee wurde. Die Türken, die 
unter der Härte des Winters noch mehr litten als die Russen, 
hatten sich, wahrscheinlich wegen Futtermangels, an der oberen 
Donau konzentriert, wo sie von Österreich her verproviantiert 
wurden. Eine wesentliche Besserung bedeutete für Diebitschs 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 309 

materielle Lage Anfang März das Eintreffen von sechzig rassischen 
Lastschiffen mit 40000 Tschetwert Getreide und 20000 Päd Heu. 
Sie waren von Odessa her in den kleinen bulgarischen Häfen gelandet 
worden, und General Roth hatte die hocherwünschte Ladung durch 
die Pferde seiner Offiziere nach Bazardschik geschafft, das er sonst 
hätte aufgeben müssen. Die Einnahme von Sizeboli^) durch den 
Admiral Kumani, dem Roth zu diesem Zweck neun schwache Kom- 
pagnien überließ, hatte die Fahrt der Transporte gesichert. 
Übrigens war Sizeboli schon am 28. Februar gefallen; Diebitsch 
erhielt erst am 7. März die Schlüssel der Stadt. Es war der erste 
Punkt jenseit des Balkans, der in russische Hände fiel, und Die- 
bitsch ließ sofort die Festungswerke erneuern, ein Fort anlegen, 
die Besatzung verstärken und die Stadt mit türkischen Geschützen 
und mit Munition versehen. Kumani hat dann noch zwei kleine 
türkische Fahrzeuge genommen und durch Wegnahme eines großen 
Prahms, der über die Bucht von Foros fährte, den Angriff auf 
Sizeboli sehr erschwert. Dagegen blieb der Versuch, Achialos 
durch ein Bombardement zu nehmen, erfolglos. 

Die ungewöhnlich weitgreifende Überschwemmung der Donau 
hemmte die Anstalten zur Belagerung Silistrias; auch das gegen- 
überliegende Kalarasch war überschwemmt, ebenso Hirsowa, so daß 
Diebitsch den von ihm in Sicht genommenen Angriffspunkt gegen 
Silistria verlegen mußte. Dazu gab es in den ersten Tagen des 
April noch kein Gras. Unter diesen Umständen dachte Diebitsch 
sein Hauptquartier nach Galacz zu verlegen. Er ließ, um die 
Türken über seinen Operationsplan zu täuschen, das Gerücht aus- 
sprengen, daß er nach Bukarest und von dort wahrscheinlich nach 
Krajowa, also in die westliche Walachei, ziehen werde'). Als 
aber Diebitsch den Kaiser um die Erlaubnis bat, die 11. Division 



1) 1090 Albaner, die in der Festung lagen, ergrifTen während des Bom- 
bardements die Flucht. 

^ Diebitsch an den Kaiser. Jassy, den ^^~ 1829. Die gesamte Kor- 

öm April 

respondenz Diebitschs mit dem Kaiser ist in der Russkaja Starina Bd. XXX 
und folgende veröfTentlicht. Die Briefe Diebitschs leider in russischer Ober- 
setzung. Die Korrespondenz ging französisch. Auf diese Quelle ist meine 
Darstellung vornehmlich gegründet, dazu benutze ich die noch ungednickte 
Korrespondenz Diebitschs mit Nesselrode, BenkendoriT und den russischen 
Generalen. Für das technisch -militärische Detail, das übergangen wird, ist 
überall Moltkes russisch-türkischer Feldzug zu Rate zu ziehen. 



310 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

zur VerstärkuDg der aktiven Armee heranzuziehen, erhielt er einen 
ablehnenden Bescheid, und noch weniger war Nikolai bereit zu 
gestatten, daß die Reserven schon im Juni in das dann wahr- 
scheinlich eroberte Gebiet einrückten. 

So ging die Zeit hin. Von wesentlicher Bedeutung war nun, 
daß es dem Ingenieur-Oberst Schilder glückte, aus dem Ardzis das 
Material für einen Brückenbau an die Donau zu schaffen und ober- 
halb Ralarasch in Sicherheit zu bringen, so daß sich darauf rechnen 
ließ, daß hier die Brücke zum Übergang über die Donau recht- 
zeitig fertig werden könne. Auch war es dem General Wachten, 
dem Stabschef des sechsten Korps, gelungen, einen Angriff abzu- 
schlagen, den Hussein Pascha von Rustschuk aus gegen Kalarascb 
unternommen hatte. Das war alles, was der Kaiser an Tatsachen 
kannte, als er am ö. Mai seine Reise nach Warschau antrat. Er 
wußte außerdem, daß entscheidende Aktionen bald bevorstanden. 
Die provisorische Avantgarde unter General Krassowski und die 
Donauflotille waren im Begriff, gegen Silistria vorzugehen, und 
Diebitsch dachte, sobald sich sichere Aussicht auf Erfolg bot, das 
Gros der Armee mit Roth zu vereinigen, um womöglich den Großw^esir 
zu schlagen, wenn dieser eine Schlacht anbiete, anderenfalls aber, 
von der Flotte und Landungstruppen unterstützt, den Übergang 
über das Gebirge bei Pravody zu forcieren*). Von der Stärke des 
Feindes hatte auch Diebitsch damals noch keine sichere Kunde. 
Aus Persien aber hatte der Kaiser die schlimme Nachricht erhalten, 
daß am 15./27. Februar der außerordentliche russische Gesandte 
Gribojedow, der bekannte und mit Recht gefeierte russische Dra- 
matiker, in Teheran vom Pöbel erschlagen worden war. Glücklicher^ 
weise diskulpierte sich die persische Regierung, und da man die 
bündigste Ursache hatte gläubig zu scheinen, begnügte sich Pas- 
kiewitsch, der die Verhandlungen führte, mit der Forderung, daß 
eine Sühnegesandtschaft nach Petersburg abgefertigt werden solle. 
Da ein Sohn des Schahs bestimmt war, die Botschaft zu über- 
bringen, gewann Rußland dadurch gleichsam eine Geisel für das 
Wohlverhalten Persiens. Der Feldzug gegen die Türken in Asien 
aber konnte erst Anfang Juni beginnen. Auch hier standen alle 
Entscheidungen noch bevor. Es ist daher begreiflich, daß der Kaiser 



*) Kaiser Nikolaus an König Friedrich Wilhelm. Petersburg, den ' J^[ 
1829. Cbarlottenburg, Hausarchiy. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 311 

in nervöser Spannung seine Reise antrat. Er wollte damit einen 
Besuch in Berlin verbinden, das er seit dem Februar 1825 nicht 
wiedergesehen hatte, und bat in seiner faszinierend liebenswürdigen 
Art den König, ihn „wie einen alten preußischen Diener^ zu 
empfangen. Nebenher verband sich damit der Wunsch, die preu- 
ßische Hilfe anzurufen, um einen Druck auf den Sultan auszuüben 
und ihn zu baldigem Friedensschluß zu bewegen. Denn nach 
Frieden sehnte er sich und ebenso nach einer Stütze in seinen 
Beziehungen zu den europäischen Mächten. Hatte er doch, un- 
mittelbar vor seiner Abreise, dem französischen Botschafter Grafen 
Mortemart Anträge machen lassen, die von diesem als das Angebot 
einer russisch-französischen Allianz ausgelegt wurden^), was offenbar 
in der Absicht geschah, den König von der immer noch möglichen 
Anschließung Frankreichs an die feindselige Politik Englands ab- 
zulenken. 

Endlich kam zu alledem eine steigende Beunruhigung über die 
Entwicklung der inneren Verhältnisse Frankreichs. Nikolai fürchtete 
schon damals, daß sie zu gefahrlichen Erschütterungen führen werde, 
und war in dieser Überzeugung durch den ihm sympathischen, 
kürzlich eingetroffenen neuen österreichischen Botschafter Grafen 
Fiquelmont noch bestärkt worden. Dagegen war ihm die Sorge, 
daß Österreich etwa zugunsten der Türken eingreifen könne, ge- 
schwunden, aber er glaubte an die Fortdauer der politischen 
Intrigen Metternichs, und seit Wellington die Emanzipation der 
Katholiken durchgesetzt hatte'), ließ sich vorhersehen, daß ihm von 
England dabei sekundiert werden würde. 

So ist er gleich nach Schluß der Festlichkeiten, welche die 
Osterzeit mit sich brachte, und nachdem er am 2. Mai noch eine 
große Parade abgenommen hatte, am 5. Mai aus Petersburg auf- 

^) Petersburg, den 2. Mai. Chiffre. „Le laugage de TEmpereur et des 
personnes influeDtes qui Tentoureut, devient chaque jour plus amical pour 
la France. Sa Majeste a discut^ avec moi les avantages et les dangers d^une 
alliance avec un Gouvernement representatif, comme une personne qui songerait 
a en former une. Enfin le mot: une alliance entre nous, a ete dit par une per- 
sonne qui a toute la confiance du souverain.** Relation Mortemart. Russie 177. 
Siehe in der Anlage den Brief Nikolais an König Karl X. 

^ Am 5. April nach dreitägiger Debatte mit 217 gegen 112 Stimmen. 
^Parliament will give him an absnlutely free hand in tbose questions of foreign 
policy which he now proposes to take up and push forward vigorously'^ schreibt 
die Fürstin Lieven am 7. April aus London. 



312 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

gebrochen. Der Oberzeremonienmeister Potocki war ihm voraus- 
geeilt, um die neue polnische Königskrone nach Kowno zu bringen, 
wo sie vom Zeremonien meister des polnischen Hofes und von 
einem Detachement der polnischen Gardejägerkavallerie abgeholt 
und nach Warschau gebracht wurde. Die Kaiserin und der Groß- 
fürst-Thronfolger reisten gleichfalls über Kowno, der Kaiser über 
Dünaburg, Grodno, Wilna, Bialystok. Bei Tykotschin erreichte er 
die polnische Grenze, und in Pultusk traf er mit der Kaiserin 
wieder zusammen, um mit ihr gemeinsam in Warschau einzuziehen. 
Der Kaiser war mit unerhörter Schnelligkeit gereist, eine deutsche 
Meile in 20 Minuten, und hatte in allen Städten, die er passierte, 
Trnppenbesichtigungen vorgenommen und die öiTentlichen Anstalten 
besucht. ,Das heißt^ schreibt Benkendorff, der wie stets mit dem 
Kaiser fuhr, ,wir sahen nichts.' Aber es wurde alles gelobt, der 
Kaiser wollte nicht sehen, um nicht tadeln zu müssen. Es sollte 
ihm ein gutes Gerücht vorhergehen. Am 18. Mai traf er in 
Warschau ein. Der Großfürst war ihm mit der Fürstin Lowicz bis 
Sablonna, einem Poniatowskischen Besitz zwei Meileu vor War- 
schau, entgegengefahren. Mit ungeheuerem Prunk ist dann das 
Programm der Festlichkeiten durchgeführt worden. Die Krönung 
im Senatssaale fand am 24. Mai statt^), es war alles so angeordnet 
worden, daß der polnische Klerus dabei doch eine größere Rolle 
spielte, als dem Kaiser lieb war. Trotz allen offiziellen Apparats 
zeigte der polnische Adel eine eisige Kälte. Als der Primas nach 
vollzogener Krönung sein dreimaliges Vivat Rex in aeternum rief, 
stimmten nur die anwesenden Russen in den Ruf ein. Der Primas 
und der Hofstaat verloren darüber alle Fassung. Später schien die 
Stimmung sich etwas zu heben. Es gefiel den Polen, daß der 
Kaiser und die Kaiserin sich so furchtlos ohne Begleitung in den 
Straßen derStadt bewegten, auch schmeichelte das sichtliche Bestreben 
Nikolais zu gefallen der nationalen Eitelkeit. Aber es wurden 
überspannte Erwartungen daran geknüpft. In der Krönung sahen 



Vergl. die eingehenden Berichte der Vossischen und Spenerschen Zeitung. 
Überhaupt verdienen die Beriiner Zeitungen für diese Zeit Beachtung. Sie 
dienten, da ihre Berichte schnell einliefen, vielfach in Petersburg zur In- 
formation. Auch dem Kaiser. Besonders beachtenswert sind die Korre- 
spondenzen der Vossischen vom Kriegsschauplatz und der Spenerschen von der 
türkischen Grenze. Beide Blätter hatten Korrespondenten in Petersburg und 
Warschan. Die Tendenz allem Russischen gegenüber war panegyrisch. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 313 

die Polen eine ihrer Verfassung dargebrachte Huldigung. Sie er- 
warteten eine Ära streng konstitutionellen Regiments und hielten 
sich nach wie vor berufen, den Kern eines künftigen, selbständigen 
Polens zu bilden')* Aber die geflissentliche Zurücksetzung der 
Landboten und Deputierten, die von jedem Anteil an der Krönungs- 
zeremonie ausgeschlossen und nicht einmal zur Tafel an den Hof ge- 
laden wurden, verstimmte sichtlich. Die Ordensverleihungen trafen 
lauter mißliebige Persönlichkeiten, und als später durch zahlreiche 
neue Verleihungen der Fehler ausgeglichen werden sollte, wußte 
man dem Kaiser dafür keinen Dank. Die Amnestie, die verliehen wurde, 
erschien höchst dürftig, und der Erlaß der aus den Tagen des 
ödtereichischen Besitzes von Westgalizien stammenden Steuerröck- 
stände machte niemandem Freude, man hätte sie doch nicht gezahlt. 
Ebensowenig dankte man dem Kaiser die Ernennung von elf neuen 
Senatoren, weil nach der Verfassung die Ernennung der Senatoren 
dem Reichstage vorbehalten war'). 

Der Großfürst war die ganze Zeit über ernst und konnte seine 
Mißstimmung nur wenig verbergen'). Ihn drückte die Gegenwart 



1) Memoire des Grafen Raczynski. Anlage zur Instruktion für Küster. 
Raczynski schildert die Zustände in Galizien und bemerkt dazu, die Galizier 
wurden eine Vereinigung mit dem Königreich gern sehen: La le^on yient 
de Varsovie, eile a ete comprise partout, et eile porte Tavis: qu'avant tout 
il faut chercher a se reunir pour etre en mesure de profiter des chances 
favorables au retablissement d'une Pologne ind^pendante. On ne peut pas 
mieux parier dans Tinteret de la Russie. On disäit que le Royaume de Pologne 
donne a la Russie le droit d^alluvion. Le nom est la qui etablit le prinicpe 
et le droit. 

^ Wiener Staatsarchiv. Warschau. Bericht des Generalkonsuls Oechsner 
vom 5. Juni 1829. Auch Schmidt, der anfänglich optimistisch urteilt, schreibt 
am 13. Juni: Der Enthusiasmus hat sich beträchtlich abgekühlt, indem eigent- 
lich keine von den sehnlichst erwünschten Veränderungen eingetreten ist 

') Es ist möglich, daß ein kleiner Unfall dazu beigetragen hat Als 
beim Einzüge der Kaiser die Brücke, die von Praga nach Warschau führt, 
betrat, machte das Pferd des Großfürsten plötzlich kehrt und war trotz aller 
Anstrengungen des Reiters nicht zum Gehorsam zu bringen. Der Großfürst 
sah sich genötigt, abzusteigen und zu Fuß über die Brücke und durch einen 
Teil der Stadt zu gehen. Selbst als ihm ein anderes Pferd vorgeführt wurde, 
und er nun die Parade kommandierte, die dem Kaiser die glänzenden und 
unvergleichlich gedrillten polnischen Truppen vorführte, konnte er seine 
Fassung nicht wiedergewinnen. „Die Züge seines Gesichts hatten sich völlig 
verändert, und die an seinen Jähzorn gewöhnten Untergebenen des Großfürsten 



314 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

des Bruders, der sichtlich unter diesen Launen litt. Es war nicht 
zu verkennen, daß hier zwei grundverschiedene Naturen einander 
gegenüberstanden, und daß für beide gleichzeitig in Warschau keine 
dauernde Stätte war. Den Kaiser verfolgten zudem seine militärischen 
Sorgen. Er hatte schon am 19. Mai einen Brief von Diebitsch erhalten 

der vom ^' ^^! aus Tschernowody datiert war, wo Krassowski seine 

Truppen konzentriert hatte. Diebitsch klagte über die Zunahme der 
Pest und über den kläglichen Zustand der Hospitäler. Die Belagerung 
von Silistria sollte mit 25 — 27000 Mann begonnen werden und Pahlen 
seine 12 — 13000 Mann ihnen anschließen. Am 13. Mai wollte Diebitsch 
selbst marschieren. Das Land bis zur Straße, die nach Schumla 
und Rasgrad führe, sei ganz leer, die Garnison von Silistria solle 
schon vor zwei Monaten Verstärkung erhalten haben. Die Mehrzahl 
der türkischen Truppen, die bei Aidos und Burgas standen, hätte 
am Kamtschyk Fuß gefaßt. In Schumla lägen 30 — 50000 Mann, 
10 — 12000 zwischen Rasgrad und Tirnowa, ebensoviele in Rust- 
schuk, wo Hussein, und in Nikopolis, wo Halil Pascha kommandiere. 
In Silistria ständen 15000 unter Achmet Pascha. Die Reserve 
bilde sich in Adrianopel, wo der Sultan erwartet werde, auch aus 
Bosnien und Albanien rechneten die Türken auf Zuzug, und diese 
Truppen seien bestimmt, über Sophia nach Schumla, Rustschuk 
und Silistria zu ziehen. In Rumili aber sei alles aufgeboten, was 
Waffen tragen könne '). Diebitsch wollte sich für die Zuverlässig- 
keit dieser Angaben nicht verbürgen, richtig sei jedoch, daß die 
Türken eifrig und erfolgreich rüsteten. General Roth, der mit ihm 
die Truppen in Tschernowody besichtigte, habe mit 24 Bataillonen'), 
mit der Kavallerie und den meisten Kosaken sein Lager bei Turk- 
Arnautlar aufgeschlagen. GeheReschidMehmed Pascha, derneueGroß- 
wesir, gegen Silistria vor, so werde Roth die Garnison in Pravody ver- 
stärken, und sich über Konary und Aflotar mit dem Hauptheer 
vereinigen. Sollte dagegen der W^esir sich gegen ihn wenden, so 
werde Roth trotzdem die Garnisonen von Pravody und Varna ver- 
stärken und sich in der Richtung auf Konary zurückziehen. 

konnten leicht erraten, was ihnen bevorstand.^ So berichtet Renkendorf! in 
seinen vom Kaiser durchgesehenen Memoiren. Die Zeitungen und die Berichte 
der Ausländer haben den Vorfall verschwiegen. 

^) Das gab, Bosnier, Albaner und Rumelioten nicht gerechnet, ino 
Minimum 75000, im Maximum 101000 Mann. 

^) Die Bataillone waren sehr schwach, 14 bis 24 Reihen. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 315 

Diebitsch wollte ihm dann mit der Kavallerie und dem 3. Korps 
zu Hilfe eileo und die Türken von Schumla abschneiden. 

Also eine Schlacht schien bevorzustehen. Am Mittwoch, 
28. Mai, erhielt aber der Kaiser einen zweiten Brief, der 
seine Unruhe in ernste Besorgnis verwandelte. Am 17. Mai, als 
Diebitsch eben vor Silistria eingetroffen war, hatte Roth bei Eski- 
Arnautlar, wo er in Verschanzungen lag, statt wie vereinbart war, 
dem Feinde auszuweichen, zwar mehrfache Angriffe des Großwesirs 
abgeschlagen, auch bereits die Verfolgung des weichenden Feindes 
aufgenommen, aber das Regiment Ochotsk und das 32. Jäger- 
regiment unter General Rynden, denen die Verfolgung übertragen 
war, gerieten dabei im Felstal von Pravody in eine Art Falle. 
Die türkischen Reserven mit 10 Geschützen fielen über sie her. 
Die Russen, deren 6 Geschütze gleich zu Anfang ihre Bedienung 
verloren, wären ganz vernichtet worden, hätte sie nicht der Oberst 
Fiischin durch einen Bajonettangriff der 32. Jäger gerettet. Erst 
danach, um 8 Uhr abends, hatte der Großwesir den Rückzug 
mit seinem Heere angetreten. Diebitsch schätzte das Heer Reschid 
Mehmeds auf 20000 Mann meist regulärer Infanterie, 8000 Reiter 
und 10 Geschütze. Aber Roth hatte unverhältnismäßig schwere Ver- 
luste erlitten. General Rynden, 14 Offiziere und 480 Unteroffiziere und 
Gemeine waren gefallen, 28 Offiziere und gegen 600 Unteroffiziere und 
Gemeine meist schwer verwundet, auch waren 4 Geschütze ver- 
loren gegangen '). Diebitsch bedauerte, daß Roth nicht dem Kampf 
ausgewichen war. Am Tage nach dem Treffen stießen 3 Regimenter 
der 18. Infanteriedivision und die 38. Jäger zu ihm. Diebitsch meinte, 
es habe Nachlässigkeit beim Vorpostendienst vorgelegen'). Nun 
konnte er freilich auch einige günstige Nachrichten geben. Roth 
hatte zwei Fahnen erobert, ein Angriff, den der Großwesir gleich- 
zeitig mit dem Treffen bei Eski-Arnautlar gegen Pravody hatte 
unternehmen lassen, war tapfer abgeschlagen worden. Bei Silistria 
war die Brücke über die Donau glücklich fertiggestellt worden, und 
in 3 — 4 Tagen sollten die Trancheen eröffnet werden, morgen, den 
21., werde die Batterie der falschen Attacke ihr Feuer beginnen. 
Seine Vorposten ständen auf den Straßen nach Bazardschik, 

') Die etwas abweichenden Angaben bei Mohke geben wohl auf den 
offizielleD russischen Bericht zurück. 

^) Siehe die Anlage. Das Schreiben Roths an Diebitsch unmittelbar 
nach dem Treffen. 



316 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

Schumla, Rasgrad, Rustschuk. Vom Feinde sei nichts zu sehen. 
General Kreuz (4. Ulanendivision) habe sich am 19. in Jenibazar 
mit Roth in Verbindung gesetzt. Der Großwesir setze seinen 
Marsch nach Schumla fort. Der Brief schloß mit der Ankündigung, 
daß der nächste Kurier erst in acht Tagen abgehen werde. 

Der Kaiser war erschreckt und bekümmert, er fürchtete den 
Eindruck, den diese Nachrichten im Auslande machen würden *). 
und glaubte, daß der Großwesir sich gegen Diebitsch wenden werde. 
Die acht Tage, die nun ohne Nachricht vergehen sollten, erschienen 
ihm fast unerträglich. Am 30. Mai traf Prinz Wilhelm von Preußen 
in Warschau ein. Er brachte die Nachricht, daß der König infolge 
leichter Erkrankung nicht, wie vereinbart war, in Sibyllenort mit 
dem Kaiser zusammentreffen könne. Die Reise der Kaiserin nach Berlin 
wurde dadurch nicht getroifen, sie verließ Warschau am 31. Mai. 
Aber auch den Kaiser duldete es bei seiner inneren Unruhe nicht 
länger in seiner polnischen Umgebung. Am 2. Juni in aller Frühe 
verließ er mit kleinem Gefolge die Stadt. Er wollte den Schwieger- 
vater überraschen und dann in Berlin sich frei über die Sorgen 
aussprechen die ihn bedrückten. Mehr als je verlangte ihn nach 
einem baldigen Frieden. Vielleicht konnte Friedrich Wilhelm helfen. 

Am ß. Juni in Frankfurt a. 0. holte der Kaiser seine Gemahlin 
ein, die schon zwei Tage vor ihm Warschau verlassen hatte; in 
Friedrichsfelde begrüßte sie der durch den Besuch Nikolais völlig 
überraschte König'), um 7 7, Uhr abends hielten sie unter dem 
Jubel der Bevölkerung ihren Einzug in Berlin. Man kann sich 
schwer eine Vorstellung von der schwärmerischen Verehrung 
machen, die dem russischen Kaiserpaar in der preußischen Haupt- 
stadt entgegengetragen wurde. An der „Prinzessin Charlotte^ hatte 
von jeher das Herz der Berliner gehangen. Den Kaiser be- 
wunderte alles. Man fand den schönen Mann etwas gealtert und 
abgemagert. Die Stirn war höher geworden, die Züge schärfer. 
Aber man kannte seine Vorliebe für die Preußen und gab ihm die 



1) „Sur nos amis a retranger.** Brief an Diebitsch vom 29. Mai aus 
Warschau. Der Brief schließt mit den Worten: ,,Redoublez dVtention et de 
vigueur, et que le Christ vous guide." 

^) Nikolai an Diebitsch. Berlin („du eher Berlin''), den 7. Juni. »Je 
suis venu tellement inattendu, que je me tenais derriere le Roi, qui ne me 
Yoyait pas et qui ne s'en doutait pas encore; il est presque tombe ä la 
renverse en m'apercevant." 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 317 

gleiche Zuneigung wieder. Vor allem galt das vom preußischen 
Militär. Der Kaiser hatte sich auch für den Feldzug von 1829 
preußische Offiziere für sein Hauptquartier gewünscht und um den 
General Grolmann gebeten'). Den hatte der König ihm abge- 
schlagen, aber er schickte ihm drei hervorragende Generalstabs- 
offiziere, Panzer'), Wildermeth und Staff von Reitzenstein, von 
denen die ersteren leider in Adrianopel starben, * Staff dagegen die 
ganze Kampagne mitmachte. Panzer notiert in seinem Tagebuche, 
das von Abschnitt zu Abschnitt durch Kurier dem Könige zu- 
geschickt wurde, über den Empfang, der ihm am 19. Mai zu 
Warschau vom Kaiser zuteil wurde, daß er und seine Gefährten 
nach der Parade dem Kaiser vorgestellt und von ihm aufs Schloß 
beschieden wurden. „Dann kamen wir ins Arbeitszimmer des 
Kaisers, der uns merkwürdig empfing: „Dort draußen war ich König 
von Polen, hier bin ich nur Kamerad und freue mich herzlich, 
Euch zu begrüßen.^ Er gab uns die Hand, fragte nach unserem 
National und erzählte uns dann den Hergang der vorigen Kampagne, 
wobei er sich des Passus bediente: „Dann machten wir hier bei 
Schumla die Dummheiten.^ Von dem bevorstehenden Feldzuge 
sagte er uns, daß 140000 Mann dazu bestimmt wären, von denen 
nach Abzug der. Kranken und Detachierten jedoch nur 60 — 80000 
Mann zur Operation übrig blie'ben, die aber hinreichen würden, 
den beabsichtigten Zweck zu erreichen. Ferner meinte er, daß 
wir in einigen Monaten den größten Teil der Armee in den 
Lazaretten haben und die Kavallerie um ihre Pferde gebracht sein 
werde.^ Das zeigt an einem typischen Beispiel die Art, wie der 
Kaiser mit den preußischen Offizieren zu verkehren pflegte, und 
erklärt den Widerhall enthusiastischer Verehrung, der ihm aus den 
Reihen der preußischen Armee entgegen klang. Aber wir finden 
hier auch die Sorgen wieder, die ihm die Ruhe raubten und die 
ihn nach Berlin geführt hatten. Unter all den Festlichkeiten die 
ihm nun während der Pfingstwoche in Berlin bereitet wurden 
oder der Vermählung seines Schwagers, des Prinzen Wilhelm, 



*) Nesselrode an Diebitsch den 9./21. April 1829. 

^ Von Panzer ist ein höchst interessantes Tagebuch erhalten, das vom 
14. Mai bis 18. August 1829 reicht. Er starb am 17. November. Sein Tagebuch 
ist eine der vornehmsten Quellen Moltkes geworden, speziell in betreff des 
Übergangs über den Balkan. Staff reiste in besonderer politischer Mission. 
Vergl. die Anlage, die zum erstenmal über diese Dinge Auskunft gibt 



318 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

mit der Prinzessin Aagusta von Weimar galten, verlor er sein 
Ziel, durch Preußens Hilfe den Sultan zum Abschluß eines 
baldigen Friedens zu bewegen^ keinen Augenblick aus den 
Augen. So reifte in den vertrauten Unterredungen mit König 
Friedrich Wilhelm III. der Gedanke, den Chef des preußischen 
Generalstabes, Generalleutnant von Müffling, nach Eonstantinopel 
zu senden und durch ihn die Hohe Pforte wissen zu lassen, daß 
es weder in den Absichten noch in den Wünschen des Kaisers 
liege, Eroberungen zu machen oder gar der Selbständigkeit des 
osmanischen Reiches zu nahe zu treten, daß er vielmehr gern 
durch einen baldigen Frieden den jetzigen Krieg beenden wolle. 
Sei der Sultan anders gesinnt, so werde Rußland dagegen 
den Krieg mit aller Kraft bis zum letzten Ende fuhren. Für die 
Pforte aber sei der gegenwärtige Augenblick günstig, um den Krieg 
„auf eine mit ihrer Ehre und Selbständigkeit bestehende und ihre 
wahren Interessen nicht gefährdende Weise zu Ende zu bringen *)**. 
Müfflings Sendung bezwecke, dieser Überzeugung, die die des Königs 
sei, „bei dem Divan Eingang zu verschaffen und in dem Sinne 
derselben die Pforte zu einem annähernden Schritt gegen Rußland 
zu bewegen.^ Das Eingreifen Preußens sollte durchaus nicht den 
Charakter einer versuchten Mediation tragen, sondern als der Aus- 
druck des freundschaftlichen Interesses gelten, das der König 
persönlich für die Pforte hege. Nesselrode'), der über die Mission 
Müfflings nicht zu Rat gezogen wurde, ist, wie sich aus seiner 
Korrespondenz mit Diebitsch ergibt, nachher voll Mißtrauen und 
Eifersucht gegen Müffling gewesen. Diebitsch erhielt erst später 
Nachricht von der Mission Müfflings. 

Der Kaiser war bester Stimmung als er Berlin verließ um nach 
Wai*schau zurückzukehren. Er hatte sich, wie er schrieb, nach vier 
Sorgenjahren einmal erholt. Den Rückweg, auf dem nur Orlow und 

1) Instruktion Müfflings, Konzept ohne Datum, in der Anlage. Sie kann 
spätestens am 13. Juni entstanden sein. 

') In dem Compte rendu von Nesselrode findet sich über die Mission 
Müfflings die folgende Darstellung: „Durant son sejour a Berlin, Votre Majeste 
Imperiale avait eu Toccasion d^exposer de nouveau les vues qui seules La 
dirigeaieut dans la guerre de Turquie, et le but qu'Elle poursuivait invariable- 
ment. La mission du Gent'ral Müffling fut une consequence de ces explications. 
II etait specialement cbarge d'attester aupres de la Porte les dispositions 
personnelles de Votre Majeste et d^exhorter le sultan ä s^en prevaloir et a 
solliciter la paix par des plenipotentiaires envoyes au quartier general russe.^ 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 319 

Benkendorff ihn begleiteten, nahm er über Schlesien. In Sibyllenort 
ward ihm der Genuß einer Parade des Kürassierregiments Kaiser 
Nikolaus zuteil. Am 16. Juni um 4 7, Uhr nachmittags traf er 
wieder in Warschau ein. 

Wahrscheinlich unterwegs war ihm eine Depesche Diebitschs 
vom 4. Juni zugegangen, durch welche der General, der vor 
Silistria lag, ankündigte, daß er sich Roth nähere und daß dadurch 
die Einnahme von Silistria um 8 bis 14 Tage verzögert werden 
könne. Sein Vormarsch sei ein Fehler, wenn Roth in seinen Be- 
richten über die wahrscheinlichen Absichten des Großwesirs sich 
getäuscht haben sollte. Sei es aber, wie Roth sage, und ziehe der 
Großwesir wirklich mit ganzer Macht aus Schumla heran, um 
ihn anzugreifen, so könnten entscheidende Resultate erreicht werden, 
wenn es zur Schlacht komme, und die Aussichten seien zu günstig, 
als daß er sie versäumen dürfe. Am 5. werde er nach Kutschuk — 
Kainardschi marschieren. General Madatow habe sich mit Roth 
vereinigt, und die 3. Brigade der 11. Division sei beauftragt, auf 
Bazardschik loszugehen, von wo sie nur 30 W^erst entfernt sei. 
Diebitsch meldete zugleich, daß er die Instruktion erhalten habe, 
die ihm Xesselrode für den Fall geschickt hatte, daß Friedens- 
verhandlungen angeknöpft werden könnten. Es waren drei Ent- 
würfe, die das Maximum und Minimum der russischen Forderungen 
formulierten. *) 

Es stand also, darüber war kaum ein Zweifel möglich, eine 
große Entscheidung vor, und aller Wahrscheinlichkeit nach war sie 
bereits gefallen. Der Kaiser harrte in Sorgen der Boten, die ihm 
Gewißheit bringen mußten und wurde durch den Großfürsten Kon- 
stantin noch nervöser gemacht, der „unablässig riet, den Frieden 
auf jede nur mögliche Weise herbeizuführen und dabei sogar alle 
Rücksichten auf das point d'honneur beiseite zu lassen^*). Die 
Spannung war fast unerträglich geworden, da traf am 19. gegen 
Mittag ein Adjutant Diebitschs, der Fürst Trubetzkoi, mit einem 
Brief Diebitschs ein, der die Siegesnachricht von einer großen am 
11. Juni bei Kulewtschi gewonnenen Schlacht enthielt. Dieser 
denkwürdige Brief lautete: ,,Lager bei Madara bei Schumla, den 



^) Sie waren schon am Tage vor der Abreise des Kaisers aus Petersburg 
genehmigt worden. Ich habe nicht feststellen können, woran es liegt, daß sie 
80 spät in Diebitschs Hände gelangten. 

^ Relation Schmidt. Warschau, den 19. Juni. 



320 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

31. Mai (12. Juni). Der Allerhöchste hat gestern die heroischen 
Anstrengungen Ew. Majestät siegreichen Truppen gesegnet. Der 
Großwesir ist aufs Haupt geschlagen; er hat seine ganze Artillerie 
verloren, dazu alle Bagage, und seine vollkommen demoralisierte 
Armeer wird ohne Train und Kanonen nur mühsam (wie ich 
hofTe) auf Feldwegen Schumla erreichen. Ich gehe noch heute 
mit dem Korps von Roth und zwei Kavalleriedivisionen in der 
Richtung nach Eski-Stambul vor, um zerstreute Trümmer des 
Heeres abzuschneiden. Graf Pahlen ist dem Feinde auf den Fersen 
gefolgt, jetzt ist er zurückgekehrt und hat, nachdem er 40 Kanonen 
erbeutete, die Fortsetzung (der Verfolgung) dem General Kuprejanow 
überlassen. Unser Verlust ist auch groß, obgleich, nach Aussage 
aller Gefangenen, er höchstens ein Drittel des Verlustes beträgt, 
den der Feind erlitten hat. Er ließ 2000 Tote auf dem Schlachtfelde. 
Wir haben über 2000 Mann verloren, davon zwei Drittel an Toten. 
So stark hat fast nur die 6. Division gelitten, dazu die Irkutsker 
Husaren. Die ersten Bataillone der 12. Jäger und des Muromscheu 
Regiments fielen bis auf den letzten Mann, ihre Fahnen verteidigend. 
Die Menge türkischer Leichen, die zwischen ihnen liegen, zeugt 
flafür, daß sie ihr Leben teuer verkauft haben. Die Fahnen des 
12. Jägerregiments wurden dem Feinde in Stücken entrissen, man riß 
sie in dem Augenblick von der Stange, als diese in die Hände der 
Türken fiel. Die Fahne des Muromschen Regiments ist bisher noch 
nicht aufgefunden, aber ich wage E. M. zu bitten, dem zu bildenden 
Bataillon eine neue Fahne zu schenken, denn dieses ausgezeichnete 
Regiment hat es vollauf verdient. Die Regimenter Newsky und 
12. Jäger haben gleichfalls bei der Abwehr der rasenden Angriffe 
der Türken die Hälfte ihrer Mannschaft verloren, aber dieser Ver- 
lust verteilt sich gleichmäßiger auf die Bataillone. Die 19. reitende 
Batterie gab die Entscheidung und war die Veranlassung, daß der 
Feind den größten Teil seiner Artillerie verlor. Ich wage für sie 
bei E. M. als Auszeichnung (Kiver) Helme und für die Offiziere 
Litzen zu erbitten. Wenn ich mir persönlich eine Gnade erbitten 
dürfte, wäre es die Erhebung meines ausgezeichneten würdigen 
Gehilfen Toll in den Grafenstand, zur Erinnerung an diesen denk- 
würdigen Tag; ich weiß, daß es ihn sehr beglücken würde, und 
wegen seiner ausgezeichneten Dienste ist er dessen würdig. Ich 
wage ferner zu erbitten: das Wladimirband für Pahlen, das Annen- 
band für die Generale Arnoldi und Obrutschew nnd den Wladimir 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 321 

zweiter Klasse für Buturlin. Es ist Toll selbst, der der ersten Ver- 
folgung des Feindes eine so große Energie gab. Graf Pahlen hat 
sich während des Kampfes durch die glänzendste Haltung ausge- 
zeichnet, den Feind 15 Werst weit getrieben und ihm in den 
Defileen des Gebirges den Rest der Artillerie und des Trains ge- 
nommen. Mit diesem Briefe und zwei dem Feinde abgenommenen 
Fahnen (die eine gehört der regulären Kavallerie, die andere der 
regulären Infanterie) schicke ich meinen Adjutanten, den Fürsten 
Trubetzkoi. Er dient stets mit größtem Eifer. 

Ich erdreiste mich, E. M. zu bitten, mich Ihrer Majestät der 
Kaiserin zu Füßen zu legen. ^ 

Der Eindruck, den auf den Kaiser der plötzliche Übergang 
von quälenden Befürchtungen zu höchster Siegesfreude machte, ist 
schwer zu beschreiben. Er umarmte und küßte Trubetzkoi. 
w*arf sich dann auf die Knie, um Gott zu danken, und gratulierte 
darauf Trubetzkoi zu seiner Ernennung zum Flügeladjutanten und 
Oberst, dann führte er ihn, ohne einen Augenblick zu verlieren, 
in seinem Wagen zum Großfürsten, in dessen Gegenwart Trubetzkoi 
den Verlauf der Schlacht ausführlich erzählen mußte.') 

Es ist nicht ohne Interesse, aus Diebitschs eigenem Munde 
zu hören, welches der Verlauf dieses folgenreichen Schlachttages 
gewesen ist'). „Nachdem ich Silistria eingeschlossen und ziemlich 
lange unter den Mauern dieser Festung gestanden hatte, erhielt 
ich vom General Roth die Meldung, daß die Türken in großen 
Massen Schumla verlassen hätten und durch den Balkan gegen ihn 
anmarschierten. Ich berechnete die Entfernung zwischen Schumla 
und dem Feinde und überzeugte mich, daß durch eine schnelle 
Bewegung der Hauptmacht unseres vor Silistria liegenden Heeres 
ich auf der kürzesten Linie zum Balkan hin eine Position ein- 
nehmen könnte, die den Wesir veranlassen werde sich einer Schlacht 
diesseit des Balkans nicht zu entziehen, denn er mußte voraussetzen, 
daß er nicht unsere ganze Armee vor sich habe. Auch hielt ich 
es für möglich, ihm in den Rücken zu kommen und mich auf der 



Vergl. die Anlage. 

^ Nach den Aufzeichnungen des Generals von Tiesenbausen, den der 
Kaiser im März 1830 nach ßurgas zu Diebitscb schickte, dessen nächster Ver- 
wandter Tieseuhausen war. Am 13./25. März war Diebitschs Gemahlin in 
Petersburg gestorben, und Tiesenbausen sollte Diebitscb trösten und zerstreuen. 
Vgl. Russ. Stariua Bd. LXIX, S. 519ff. 

Schiemann, Geschichte Rußlands. IL 21 



322 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

Straße, die nach Schumla führt, aufzustellen. Iq beiden Fällen 
glaubte ich einen Vorteil und, wenn meine strategischen Berech- 
nungen von Zeit und Entfernung richtig waren, einen völligen 
Erfolg zu erringen. Nachdem ich mich nun überzeugt hatte, daß 
diese Rechnung stimmte, befahl ich der Armee ohne den geringsten 
Zeitverlust in möglichster Stille aufzubrechen, zugleich aber ließ 
ich so viel Truppen vor Silistria zurück, daß die Belagerten den 
Abmarsch der übrigen nicht bemerken konnten. Dem General 
Roth aber befahl ich, alle nur möglichen Kriegsmittel anzuwenden, 
um den Wesir immer mehr auf sich heranzuziehen; wenn es not- 
wendig sei, solle er sogar einen für uns ungünstigen Kampf an- 
nehmen, damit ich mich inzwischen nähern oder auf der Straße 
nach Schumla Stellung nehmen könne. Unsere Tapferen erreichten 
in größter Stille in forciertem Marsch, voll Kampfeslust und Hoffnung, 
fast ohne Hindernis das ihnen gestellte Ziel. General Buturlin 
machte dabei einen unverzeilichen Fehler^), aber der Erfolg der 
Schlacht bei Kulewtschi gab mir den angenehmen Vorwand, diesen 
Fehler ohne strenge Strafe hingehen' zu lassen. 

Unsere Armee umging am Abend vor der Schlacht auf unserem 
rechten Flügel die Vorposten des Feindes in solcher Nähe, daß 
ich fürchtete, daß sie unseren Abmarsch entdecken könnten. Die 
Reihenfolge unserer Kolonnen hatte ich vorher bestimmt. Die 
Hauptaufgabe fiel dem Korps des Grafen Peter Fahlen zu: er sollte 
auf unserer rechten Flanke stehen und den linken Flügel der feind- 
lichen Armee umfassen, um ihren Rückzug auf der Straße nach 
Schumla zu verhindern. Durch diesen Auftrag zeigte ich mein 
schrankenloses Vertrauen zu seinen militärischen Fähigkeiten. Die 
übrigen Kolonnen standen in festbestimmter Entfernung vonein- 
ander, jedoch so, daß sie unmittelbar miteinander kommunizieren 
konnten. Sie hatten Befehl nach verschiedenen Richtungen so 
vorzugehen, daß sie, sobald sie ihre Position erreichten, einen 
Halbkreis um den Feind bildeten, der den Diameter oder die Chorde 
dieses Halbkreises einnahm. 

Die erste Position dieser Kolonnen lag so weit ab, daß der 
Feind ihre Annäherung nicht früher bemerken konnte, als bis Graf 
Pahlen mit seinem Korps in seine Position einrückte. Um dies zu 
erreichen, mußte ich den Feind durch ein Vorpostengefecht 



») Vgl. Moltke 1. 1. S. 316. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Jali 1829. 323 

beschäftigen und zugleich die Stärke und die Stellung seiner Armee 
rekognoszieren, um, sobald die Nachricht vom Eintreffen aller 
Kolonnen mich erreichte, den entscheidenden Kampf aufzunehmen. 

Die Stellung der feindlichen Armee in ihren Positionen war 
in taktischer Hinsicht fast unangreifbar, obgleich die Berge des 
Balkan in ihrem Rücken lagen. Aber sie hatte keine geeigneten 
Pässe zum Rückzug. Die Schlachtordnung war in einer weiten 
Ebene am Abhang oder an den Vorbergen des Balkans aufgestellt. 
Vor dem rechten Flügel lagen steile Felsen und tiefe unzugängliche 
Abgründe, das Zentrum und ein Teil des rechten Flügels hatte 
einen ziemlich abschüssigen Abhang vor sich, .der zu uns ins Tal 
führte, das widerum sich an eine umfangreiche amphitheatralische 
Terrasse lehnte. Von dieser Terrasse führte ebenfalls ein Abhang 
wie der erste ins Tal. Hier war meine Vorhut aufgestellt, und 
von hier aus sollte im entscheidenden Augenblick der Angriff 
unserer Kolonnen stattfinden. Die linke Flanke des Feindes aber 
stützte sich auf einen sehr steilen Abhang, der ins Tal nach der 
Richtung der Straße von Schumla abfiel. Auf der Ebene vor 
diesem ersten Abhang mußte von der Avantgarde die Schlacht 
begonnen und so lange gehalten werden, bis die Ankunft des 
Pahlenschen Korps auf seiner Position, im Angesicht des Feindes 
das Signal zum allgemeinen Angriff gab. Daß Pahlen auf der 
Straße nach Schumla gleichzeitig mit unseren Kolonnen erschien, 
sollte, wie ich berechnete, Entsetzen und Verzweiflung beim Feinde 
erregen und ihm die Niederlage früher bringen als die tödlichen 
Geschosse unserer vortrefflichen Artillerie. 

Der schwache Strahl von Hoffnung auf Erfolg bei der er- 
warteten Niederlage*) verschwand aus dem Antlitz der mich um- 
gebenden Generale meiner Suite, als bei der von der Avantgarde 
begonnenen Schlacht neue türkische Scharen sich unaufhörlich, wie 
ein Wasserfall, oben von der ungeheuren Ebene hinab ins Tal des 
Schlachtfeldes stürzten, die Karrees unserer Infanterie sprengend 
und fast vernichtend, wobei wir einige Kanonen verloren. Das 
Blut strömte mir zum Herzen, als ich unsere Verluste sah. Durch 
eine krampfhafte Bewegung suchte ich meine Gefühle zu verbergen 
und mit unbeschreiblicher Ungeduld erwartete ich die Meldung 
vom Eintreffen des Grafen Pahlen und ermunterte die kleine Schar 



*) se. beim Kampf der Vorhut. 

2V 



324 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

der weichenden Avantgarde durch Hoffnung auf baldigen Erfolg. 
Der Kampf im ersten Tal hörte auf, der Feind zog die Truppen, 
die im Kampf gewesen waren, zu sich auf das obere Plateau. 

Nach Beendigung der Hauptschlacht erfuhr ich von einigen 
Türken, daß der Wesir um diese Zeit einen Kriegsrat versammelt«, 
• um darüber zu entscheiden, ob er eine Schlacht mit uns auf- 
nehmen solle oder nicht. Denn das Gerücht war zu ihm gedrungen, 
daß unsere ganze Armee von Silistria her hier erschienen sei. Aber 
er wollte es nicht glauben und entschloß sich deshalb nicht zum 
Rückzug, der noch möglich war. Da trafen neue Eilboten bei 
ihm ein, welche die Richtigkeit der früheren Meldungen bestätigten, 
und schließlich sah er selbst an mehreren Stellen unsere Kolonnen, die 
von verschiedenen Richtungen her einem Mittelpunkt zustrebten. 
Erstaunen und ein Vorgefühl seines Unglücks bewältigten ihn nun, 
wie die gefangenen Offiziere erzählten, vollständig. Er verstummte 
einige Augenblicke, dann gab er den Befehl sich zu verteidigen. 
Verwirrung und Unordnung übertrugen sich auf das ganze türkische 
Heer, das, in dichten Scharen im Zentrum zusammengedrängt, 
unseren AngriiT erwartete. Gerade um die Zeit erhielt ich vom 
Grafen Pahlen die lange erwartete Nachricht, und da ich sah, daß 
meine übrigen Kolonnen sich näherten, gab ich sofort den Befehl das 
Feld zu besetzen, auf dem die Avantgarde ihre Schlacht geschlagen 
hatte. General Arnoldi bat ihm die Disposition und Wirkung 
unserer Artillerie anzuvertrauen. 

Durch das Fernrohr ließ sich erkennen, daß unter den Türken 
Unentschlossenheit und Verwirrung herrschte; die ersten Granaten, 
die General Arnoldi warf, ließen mehrere Pulverkasten mitten im 
dichten Haufen der Muselmänner explodieren. Diese glücklichen 
Schüsse und die Nachricht, daß ein Korps unserer Truppen die 
Straße nach Schumla auf der linken Flanke des Feindes besetzt 
habe, führte zu völliger Bestürzung und Verwirrung; weitere gleich 
glückliche Kanonenschüsse und Granaten, das laute Hurra unserer 
tapferen Truppen, von dem an verschiedenen Stellen des Tales die 
Luft erdröhnte, bewirkten, daß jeder Widerstand der Türken 
aufhörte. Entsetzen ergriff sie alle. Einige Schüsse, die ohne 
Schaden anzurichten g^en uns gerichtet wurden, waren die letzten 
Zeichen ihres Widerstandes. Die ganze Armee ergriff ohne jede 
Ordnung die Flucht. Das Knattern unseres Gewehrfeuers aus dem 
Gebüsch, das die Stellung des Feindes umgab, die Siegesrufe unserer 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 325 

Soldaten, das Auftaachen der Massen unserer Kolonnen an den 
flachen Abhängen unseres linken Flügels mit fliegenden Fahnen 
und Musik um das obere Plateau zu besetzen, verdoppelte die 
Eile der Türken aus ihrer Position zu entkommen. Sie ließen 
alles zurück: Kanonen, Munitionskasten, Zelte, Waffen aller Art, 
den ganzen Train. Die Türken wandten ihre Flucht in die Wälder 
des Balkans, die hinter ihnen lagen, in einer halben Stunde war 
das obere Plateau von unseren Truppen besetzt, die im Halbdunkel 
des Abends die dort zurückgebliebenen Türken niederhieben, bis 
endlich die Nacht dem entsetzlichen Blutvergießen ein Ende machte. 
So wurde der glänzendste Sieg, dessen ich Zeuge gewesen bin, dank 
meiner strategischen Berechnungen gewonnen. Dieser Sieg, der 
uns, abgesehen von den Verlusten der Avantgarde, fast kein einziges 
Opfer kostete, gewann mir das Vertrauen meiner Generale und 
meiner Soldaten zurück . . . ." ^). 

Ziehen wir auch in Betracht, daß wir hier nur ein Idealbild 
der Schlacht haben, deren strategischen Grundgedanken Diebitsch 

Vergleiche Moltke S. 321 if., der die hier von Diebitsch dargelegten 
strategischen Gedanken seines Schlachtenplanes trefflich kombiniert hat. 
Diebitsch gibt gleichsam ein Idealbild. Wie die Schlacht einem Teilnehmer 
erschien, zeigt die Anlage, die namentlich die in der Erzählung Diebitschs 
übergangenen Verdienste Tolls sehr nachdrücklich hervorhebt. Für die Vor- 
geschichte ist der Bericht Staffs in der Anlage zu vergleichen. An der Schlacht 
bei Kulewtschi nahmen teil: 

Die Avantgarde unter Generalmajor Omtroschtscbenko 

3. Brigade der 6. Infanteriedivision 2002 Mann 

Irkutsker Ilusarenregiment 550 „ 

Leichte 3. Kompagnie der 9. Artilleriebrigade 114 „ 

Reitende 3. Kompagnie mit 4 Geschützen 84 „ 

Corps de Bataille: 
1. und 2. Brigade der 5. Infanteriedivision • • • 4<'759 „ 

1. Brigade und Koporsches Infanterieregiment der 6. Division . 3,127 „ 

2. Husarendivision 1,851 „ 

Batterie Nr. 1 und leichte Nr. 2 Kompagnie der 5. Artilleriebrigade 279 „ 
Batterie Nr. 1 und leichte Nr. 2 Kompagnie der 9. Artilleriebrigade 235 „ 
Reitende Batterie Nr. 19 Kompagnie 199 „ 

4 Geschütze der reitenden Batterie Nr. 3 84 „ 

Summa 18,767 Mann, 52 Geschütze. 
Reserve der Schlachtlinie: 
16. und 18. Infanteriedivision mit Artillerie 9,215 Mann 

3. Husarendivision mit reitender Artilleriekompagnie Nr. 6 . . 2270 „ 

Summa 1 1 ,485 Mann. 



326 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

mit so UDvergleichlicher Klarheit exponiert, so wird doch auch die 
schärfste an der Ausführang geübte Kritik — und allerdings haben 
allerlei Menschlichkeiten mitgaspielt — die Bedeutung des Tages von 
Kulewtschi nicht herabsetzen können. Es war das entscheidende 
Ereignis des Feldzuges, und alles was folgte, eine notwendige Kon- 
sequenz, wenn man die besonderen Eigentümlichkeiten der krieg- 
führenden Parteien mit in Anschlag bringt. Die Niederlage traf 
zumeist den Sultan; sein Stolz und seine Hoffnung, die regulären 
Truppen, an deren Heranbildung er so ungeheure Opfer gesetzt 
hatte, waren zur Hälfte, wenn auch nicht vernichtet, so doch zer- 
sprengt und demoralisiert, und dem gebotenen Fatalismus der 
Türken mußte der Gedanke nahe treten, daß vielleicht zur Strafe 
der Sünden ihres Herrn, der von dem alten Herkommen abgefallen 
war und die vielhundertjährige sicherste Stütze der Türkei, das 
Korps der Janitscharen, auf grausame Weise vernichtet hatte, Allah 
dem Feinde den Sieg beschieden habe. Dann aber war ja jeder 
Widerstand Torheit. Schon am Tage nach der Schlacht brachte 
General Roth, der unterwegs nach Marasch war, einer Abteilung 
türkischer Kavallerie, die 1500 — 2000 Mann stark war, eine völlige 
Niederlage bei, die für die Türken mit dem Verlust von 12 Fahnen 
und 16 Geschützen verbunden war, der Großwesir aber, dem 
Diebitsch gestattete, die in Kulewtschi Gefallenen zu begraben, 
benutzte die Gelegenheit, um durch seinen Sekretär Andeutungen 
zu machen, die den Wunsch erkennen ließen, Verhandlungen über 
einen möglichen Friedensschluß anzuknüpfen. Aber obgleich Die- 
bitsch den Geheimrat Fonton mit einem höchst liebenswürdig ge- 
haltenen Brief nach Schumla schickte und die Türken durch Fonton 
von den Bedingungen unterrichtet wurden, unter denen Rußland 
bereit sei, Frieden zu schließen *), erfolgte weiter keine Antwort. 
Offenbar waren aus Konstantinopel Nachrichten über die Stimmung 
des Sultans eingelaufen, die den Beginn von Verhandlungen nicht 



Nach den Daten des Stabes von Toll. 

Ein interessanter summarischer Bericht von der Schlacht bei Kulewtschi 
aus der Feder Bolotows, der beim Stabe des Generalquartiermeisters erst bei 
Krassowski vor Silistria war, am 11. Juni aber in gleicher Stellung unter 
Pahlen stand, findet sich in der Zeitschrift „Altes und neues Rußland'' 1877 
Nr. 9. Brief an seine Eltern vom 18. Juni, also unmittelbar nach der Schlacht. 
Beim Obergang über den Balkan wurde er zu Roth kommandiert 

') Siehe die Anlage. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 327 

ratsam erscheinen ließen. Dagegen trafen von General Geismar 
günstige Nachrichten ein. Er hatte im Laufe des Winters aus 
Walachen und Griechen sieben Bataillone Infaoterie und 350 Mann 
Kavallerie formiert und mit ihnen die wichtigsten Punkte an der 
Denan besetzt. Am 9. Juni überschritt er auf einer schwimmen- 
den Brücke den Strom und umlagerte Rahowa, das er erst beschoß 
und dann mit Sturm unter verhältnismäßig geringen Verlusten 
nahm. Damit war die Verbindung zw^ischen Widdin und Nikopoli 
für die Türken unterbrochen, was von großer Wichtigkeit war. 
Silistria hoflfte Diebitsch etwas optimistisch am 22. Juni spätestens 
zu Fall zu bringen, und danach wollte er gleich den Übergang über 
den Balkan vorbereiten. Die Kapitulation erfolgte jedoch erst am 
30., als Krassowski sich anschickte, die Festung zu stürmen. 
Mehmed Pascha von Adrianopel, der die eigentliche Seele der 
hartnäckigen Verteidigung Silistrias gewesen war, und drei an- 
gesehene Bürger der Stadt wurden den Russen bis zum Einzug ihrer 
Truppen als Geiseln übergeben. Dieser Einzug fand am 1. Juli 
statt. 10000 Gefangene, 220 Geschütze und 80 Fahnen wurden 
Krassowski übergeben. Auch dieser bedeutsame Erfolg war der 
Schlacht von Kulewtschi zu danken. Am 7. Juli schickte Diebitsch, 
der seit dem 21. Juni vor Schumla lag, dem Kaiser die Schlüssel von 
Silistria. Das Schreiben, das diese Sendung begleitete, legte auch 
den Plan dar, den Diebitsch und Toll für den Übergang über den 
Balkan ausgearbeitet hatten. Diebitsch mußte den Beginn des 
Ausmarsches etwas verzögern, weil Krassowski erklärte, erst am 
10. Juli von Silistria abziehen zu können. Er sollte die Beobach- 
tung Schumlas übernehmen und dadurch Diebitsch die Möglichkeit 
bieten, unbemerkt vom Großwesir seinen Abmarsch von Schumla 
zu vollziehen. Reschid Pascha war nämlich der festen Überzeugung, 
daß das nächste Unternehmen des Feindes die Umschließung und 
Belagerung von Schumla sein werde, und zog von allen Seiten her 
Truppen heran, auch aus Burgas und Aldos, was die Ausführung 
des Überganges über den Balkan ungemein erleichtern mußte. 

Diebitschs Dispositionen waren nun die folgenden: Sobald die 
sehnlichst erwartete 3. Husarendivision eintrifft, marschiert General 
Roth mit der 16. Infanteriedivision nach Dewno und zieht dort die 
Regimenter der 7. Division an sich. Mit der 4. Division Ulanen 
bildet diese Abteilung das 6. Armeekorps und den linken Flügel des 
zum Balkanübergang bestimmten Heeres. 



328 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

Den rechten Flügel, der aus der 18. Infanteriedivision, den 
Jägern der 19. Division und drei Kosakenregimentern zusammen- 
gesetzt wird, führt General Rüdiger über Markowitschi nach Pravody. 
Beide, Roth und Rüdiger, beginnen ihren Abmarsch in der 
Nacht. 

Nach der Ankunft Krassowskis (dem er noch eine Husaren- 
brigade abgibt) zieht Graf Pahlen, ebenfalls nachts, nach Jenibazar 
und bildet dort die Reserve, um jeden gefährdeten Punkt, sobald 
die Umstände es verlangen, zu unterstützen. Dieser Reserve schließt 
sich der Oberkommandierende zunächst an. 

Krassowskis Aufgabe ist, mit fünf Infanteriebrigaden des 
3. Korps und mit fünf Brigaden Kavallerie (Husaren und Ulanen) 
einen bis zwei Tage vor Schumla zu bleiben, d. b. bis Roth den 
Paß von Derwisch Kioi und Rüdiger den Paß von Köprikioi besetzt 
haben. Wenn an diesem Tage der Großwesir nichts unternimmt, 
soll Pahlen am folgenden Tage nach Dewno, und wenn möglich, 
nach Hassansaklar gehen, in derselben Nacht aber Krassowski nach 
Jenibazar abmarschieren und dort eine ihm angegebene Position 
einnehmen. 

Bei Köprikioi läßt Rüdiger die Jäger der 19. Division in ver- 
schanzter Stellung zurück und geht selbst über Derwisch Kioi nach 
Aiwadschik vor. Roth eilt möglichst rasch der Küste zu und kann 
am 20. Juli bei Monastyr Kioi am südlichen Fuß des Balkans 
stehen. Dort soll er sich befestigen, oder mit Hilfe der Flotte 
Misiwri nehmen. 

Sollte wider Erwarten der Großwesir hinter Krassowski her- 
ziehen, so eilt Diebitsch mit dem 2. Korps zur Unterstützung heran; 
wenn dagegen Reschid Pascha gleichfalls den Balkan überschreitet, 
um vor den Russen in Aidos einzutreflfen, so folgt das 2. Korps 
ohne Zögerung den Kolonnen von Roth und Rüdiger, so daß sich 
jenseit des Balkans 40000 Mann, davon 28000 Infanterie, ver- 
einigen. Krassowski aber zieht inzwischen gegen Schumla, um 
womöglich dem Großwesir die Straße durch Eski Stambul zu 
sperren oder aber ihn zu nötigen, beträchtliche Streitkräfte in 
Schumla zurückzulassen. 

Das war der sorgfältig durchdachte Plan Diebitschs. Den 
Gedanken Truppen in Burgas zu landen hatte er aufgegeben; ein- 
mal, weil die bulgarischen Häfen, die man zur Einschiflfung hätte 
benutzen müssen, von der Pest verseucht waren, dann aber, weil 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 329 

er es für bedeDklich hielt, Greigh von der BeobachtuDg der türki- 
schen Flotte abzuziehen 0* 

Aber der Aufbrach -der russischen Armee verzögerte sich, weil 
Krassowski bis zum 15. Juli in Silistria blieb und dann immer 
größere Scharen regulärer Truppen dem Großwesir zuzogen. So 
blieb Diebitsch bis zum 18. Juli abends mit Krassowski vor Schumla 
liegen, dann aber marschierte er mit dem Pahlenschen Keservekorps 
direkt auf Dewno zu, da der starke Zuzug, den der Großwesir aus 
dem südöstlichen Bulgarien erhalten hatte, es unwahrscheinlich 
machte, daß Roth und Rüdiger auf erheblichen Widerstand stoßen 
könnten. Es war, abgesehen von der Verspätung Krassowskis und 
von der furchtbar zunehmenden Pest, die aber zunächst die aktive 
Armee nicht traf, alles nach Wunsch gegangen. Am 11. Juli hatte 
Rüdiger noch ein erfolgreiches Kavalleriegefecht bei Marasch gegen 
3000 türkische Reiter bestanden, die erwarteten Reserven trafen 
glücklich ein, am 14. war Roth, am 15. in aller Frühe Rüdiger 
aufgebrochen, ohne daß in Schumla das geringste geargwöhnt wurde. 
Der Großwesir war nach wie vor der Überzeugung, daß er die 
russische Hauptarmee vor sich habe. Auch daß Krassowski sich 
auf Jenibazar zurückzog, machte ihn nicht irre. 

Unter den günstigsten Auspizien wurde so der Übergang über 
den Balkan begonnen. 

Wir halten hier einen Augenblick inne, um uns über die 
wesentlichen Ereignisse zu orientieren, die sich inzwischen auf dem 
asiatischen Kriegsschauplatze abgespielt hatten'). 

Paskiewitsch hatte durch die Erfolge seiner Kampagne gegen 
die Perser und durch die Schnelligkeit und Energie, mit der er 
den Feldzug des Jahres 1828 gegen die Türken geführt hatte, im 
Kaukasus und sogar in den anstoßenden türkischen und peraischen 
Gebieten, die von tatsächlich unabhängigen Stämmen bewohnt 
wurden, nicht nur großen Ruhm, sondern auch eine gewisse 
Popularität erworben. Es war entschieden vorteilhaft, mit dem 
„rassischen Serdar" in Freundschaft oder gar in Bündnis zu stehen, 
denn Sieg und Beute lockten unter seine Fahnen. Schon am 



Brief Diebitscbs au den Kaiser aus dem Lager von Schumla, den 



l.m^ »829. 



^) Schtscherbatow: Geoeralfeldmarschall Graf Paskiewitsch Bd. III, Kap. 
4—6, und Baeyer, Hauptmauu im Generalstabe: Feldzug der Russen in Asien, 
1828—29. Manuskript. Archiv des Generalstabes in Berlin. 



330 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

8. Januar 1829 hatten die letzten russi^ichen Truppen den persischen 
Boden geräumt, und es schien, daß von Persien nichts zu furchten 
sei, als die Ermordung Gribojedows in Teheran plötzlich eine neue 
höchst unbequeme Krisis heraufbeschwor. Es ist gewiß der festen 
Haltung Paskiewitschs zu danken, daß, wie wir bereits gesehen 
haben, Fet Ali sich bereit fand, die von ihm verlangte Sühne zu 
leisten'). Zum Kommandanten der Truppen an der persischen 
Linie wurde Generalmajor Fürst Tschawtschawadse ernannt, der 
zugleich stellvertretender Gebietsbefehlshaber in Armenien war. 
Diese Territorien blieben während des Jahres 1829 friedfertig. 
Noch wichtiger aber war es, daß der General der Kavallerie Emanuel 
es vermochte, nicht nur die an Anapa grenzenden Stämme zur 
Stellung von Geiseln zu bewegen, sondern auch Daghestaner und 
Lesghier zur Anerkennung der russischen Oberhoheit, die letzteren 
sogar zur Stellung eines kleinen Hilfskorps gegen die Türken zu 
veranlassen. Überhaupt hat Paskiewitsch 1829 auch mit musel- 
männischen Truppen operieren können'), was sich wohl aus alten 
Stammesfeindschaften und daraus erklärt, daß der Sultan seit Ver- 
nichtung der Janitscharen als Neuerer verrufen war. Wie im vorigen 
Jahre sollte auch diesmal Gumri der Punkt sein, von dem die 
russischen Operationen ausgingen. Paskiewitsch schätzte die türki- 
schen Truppen, die ihm gegenübertreten würden, auf 80 — 100000 
Mann, auch erwartete er, daß ein Versuch zur Wiedereroberung 
von Kars erfolgen werde. 

Wie es seiner Natur entsprach, war er entschlossen den Türken 
zuvorzukommen und durch schnelle und nachdrückliche Schläge 
dem Feinde seine Feldzugspläne zunichte zu machen. Dennoch 
ist es den Türken gelungen, ihn zu überraschen. In den ersten 
Tagen des März erhielt Paskiewitsch die Meldung, daß Achaizych 
von türkischen Truppen belagert werde. Achmed Beg von Adschar, 
dem für den Erfolg das Paschalik von Achaizych versprochen worden 

') Nesselrode war mit der stolzen Haltung des Generals keineswegs ein- 
verstanden und fürchtete, daß ein persisch- türkisches Bündnis die Folge sein 
werde. Auch haben persisch -türkische Verhandlungen über Abschluß eines 
Bündnisses allerdings stattgefunden, aber gerade die Festigkeit des russischen 
Feldherrn hat die Verwirklichung dieser Plane unmöglich gemacht Schreiben 
Nesselrodes aus Warschau, 11. Mai 1829. Schtscherbatow 1. I. Anlage 2 zu 
Kapitel 4. 

^) Aus Karabagh wurden vier Reiterregimenter organisiert, in ganz 
Guryan eine muselmännische Landwehr, die sich gut bewährte. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 331 

war, hatte sich in der Nacht auf den 4. März der Vorstädte der 
Festung bemächtigt und auch gleich den Versuch gemacht, die 
Zitadelle mit Sturm zu nehmen. Als das dank der tapferen Ver- 
teidigung des Fürsten Bebutow mißglückte, begann er eine mit 
großer Energie geführte reguläre Belagerung. Nun hatte Paskiewitsch 
zwar, sobald er von diesen Dingen erfuhr, den General Murawjew 
beauftragt, Bebutow zu entsetzen; es vergingen aber gegen 14 Tage, 
ehe er eintreffen konnte. Achmed bedrängte inzwischen die Festung 
durch ein starkes Bombardement, versuchte ihr das Wasser abzu- 
schneiden und legte drei Minen an, deren Sprengung einem erneuten 
Sturm vorhergehen sollte. Am 13. und danach peremptorisch am 
14. forderte er die Russen auf, zu kapitulieren, teilte ihnen aber 
dabei mit, daß sein Bruder die russischen Entsatztruppen in den 
Klüften von Borshom geschlagen habe. Aber gerade das ermutigte 
Bebutow, obgleich die Pest in Achalzych ausgebrochen war, zum 
Ausharren. Er hatte bisher daran gezweifelt, daß Paskiewitsch 
von seiner Not erfahren habe, daß aber russische Truppen vor 
Türken zurückweichen könnten, glaubte niemand. So wies er jede 
Verhandlung ab, die Türken aber stürmten nicht, und in der Nacht 
vom 16. auf den 17. merkte Bebutow, daß sie eilig ihr Lager ab- 
brachen. Er richtete sofort alle Geschütze der Festung auf die 
Weichenden und machte am 17. in aller Frühe einen Ausfall mit 
fünf Kompagnien Infanterie und zwei Kanonen. Doch schon zwei Werst 
hinter der Stadt kehrte er um. Er hatte zwei Kanonen erobert 
und 75 Gefangene gemacht, war aber zu schwach, um sich weiter 
zu wagen. Wenige Stunden später rückte die Vorhut Murawjews 
in Achalzych ein. Sie hatte sich unter steten Kämpfen den Weg 
durch den tiefen Schnee der Berge bahnen müssen. Auch der 
Pascha von Trapezunt hatte an der Wiedereroberung von Achalzych 
teilnehmen wollen, aber der General Hesse erstürmte nach heftigem 
Kampf sein Lager und überließ die gesamte Beute den Milizen 
aus Guriel, die mehr als die Hälfte seines kleinen Heeres bildeten; 
als dann Anfang Mai Achmed von Adschar abermals einen Versuch 
machte, in das von den Russen okkupierte Gebiet einzudringen, 
wurden die 5000 Mann, über die er gebot, von Oberst Burzow 
geschlagen und zerstreut. Das war der rühmliche Anfang der 
Kampagne von 1829. 

Paskiewitsch war um diese Zeit noch in Tiflis; er wollte das 
Ende der Frühlingsstürme abwarten und den durch die Schnee- 



332 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

schmelze zu reißenden Strömen angeschwollenen Gebirgsbäcben 
Zeit lassen^ in ihr gewohntes Bett zurückzukehren. Auch war 
er, wie immer, mit größter Sorgfalt bemüht, die Verproviantierung 
des Heeres zu sichern. Am 28. Mai war er so weit, seine AngrilTs- 
bewegung beginnen zu können. Er traf am 31. Mai aus Tiflis 
im Lager der Brigade Murawjew ein und am 3. Juni marschierte 
er mit ihr auf Ardahan zu. Als seine Rekognoszierungen ergaben, 
daß der Feind in den Adscharischen Bergen ein festes Lager bezogen 
hatte, beauftragte er den Generalmajor Burzow, sich dem Feinde 
80 zu nähern, daß dieser die verhältnismäßig schwache russische 
Abteilung angriflf, die Burzows Vorhut bildete, während inzwischen 
General Murawjew den Feind von Ardahan aus umgehen und ihm 
in den Rücken fallen sollte. Dieser Plan, der ähnlich fast in allen 
Schlachten dieses Feldzuges wiederkehrt, ist dann auch glücklich 
ausgeführt worden. Die Türkon stiegen von ihren Höhen ins Tal 
hinab und kämpften fünf Stunden lang gegen die drei Kompagnien 
und vier Geschütze, die ihnen als Vorhut Burzows beim Engpaß 
von Pozchan gegenüberstanden. Als aber gegen Abend Burzow 
mit seinem ganzen Detachement in den Kampf eingriff und 
Murawjew im Rücken der Türken erschien, zogen sie sich eilig 
auf ihr Lager zurück. Aber die Russen ließen ihnen keine Zeit 
zu ruhiger Überlegung. Noch in der Nacht vom 14. auf den 
15. Juni erstürmten die nunmehr vereinigten Truppen von Burzow 
und Murawjew das Lager und sprengten den Feind nach allen 
Richtungen auseinander. Er hatte 1200 Verwundete und Tote, 
400 Gefangene und das Lager mit vier Geschützen, dem Kamel- 
transport und großen Vorräten an Proviant verloren ^). 

Dieser Erfolg war um so bedeutsamer, als die Niederlage den 
Stabschef des Seraskiers, Kegia Beg getroffen hatte*). Paskiewitsch, 
der inzwischen gegen Kars vorrückte, befahl Murawjew und Burzow 
sich sofort wieder mit ihm zu vereinigen. Am 23. Juni hatte er 
12700 Mann Infanterie, 6000 Reiter und 60 Geschütze beisammen. 
Er hatte die Nachricht erhalten, daß der Seraskier von Erzerum 



Bericht Paskiewitscbs an den Kaiser. 6./18. Juni 1829. Schtscher- 
batow III, S. 181. 

'0 In dem erbeuteten Lager waren Papiere gefunden worden, welche die 
Verhandlungen zwischen Persern und Türken betrafen, und Briefe, die Achmet 
Beg des Verrats beschuldigten. Paskiewitsch schickte sie Achmet zu. Schtscher- 
batow 1. 1. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 3^3 

mit 30000 Mann und 52 Geschützen gegen ihn anrücke. Am 26. 
brach nun Paskiewitsch sein Lager ab *), am 28. entdeckten seine 
Patrouillen ein großes türkisches Lager. Eine forcierte Rekogno- 
szierung, die Oberst Fredericks mit Glück und Geschick ausführte, 
zeigte, daß es unmöglich war, das Lager in der Front und auf dem 
linken Flügel anzugreifen, und so entschloß sich Paskiewitsch zu 
einer überaus beschwerlichen und kühnen Umgehung des Feindes. 
Das türkische Lager, in dem Hagki Pascha den Oberbefehl führte, 
war 8 Werst von seinen Kommunikationen entfernt, er selbst 
aber mußte sich 30 Werst von ihnen entfernen, im ganzen einen 
Marsch von 50 Werst zurücklegen und dabei einen Troß von 3000 
Wagen mit sich führen, auf schlechtesten Wegen, über zwei Berg- 
rücken, die von tiefen Schluchten durchschnitten waren, immer in 
der Gefahr, daß Kücken und Flanke ihm vom Feinde bedroht 
würden. Aber auch diesmal glückte das Wagestück. Er lenkte 
die Aufmerksamkeit Hagki Paschas auf den von General Pankrat- 
jew geführten linken Flügel ab, überschritt ohne bemerkt und be- 
hindert zu werden, am 1. Juli den Hauptabhang des Bergrückens, 
und nachdem gegen Mittag Pankratjew sich wieder mit ihm ver- 
einigt hatte, befand sich die ganze Streitmacht Paskiewitschs in dem 
welligen Tal von Kain-Li, das sich etwa fünf Werst weit aus- 
dehnte und durch eine am Fuß eines Berges abfallende Schlucht 
begrenzt wurde. Um 1 Uhr traf Paskiewitsch seine Dispositionen: 
Die Verteidigung des Gepäcks wurde General Pankratjew zugewiesen, 
der zugleich den Feind beobachten und ihn verhindern sollte, die 
linke Flanke der Russen anzugreifen. Zu dem Zweck sollte er den 
Generalmajor Burzow mit zwei Bataillonen Infanterie, zwei Regimen- 
tern Kavallerie und 12 Geschützen so weit vorschicken, daß er den 
linken Flügel der Armee bildete. Im ganzen gebot Pankratjew über 
7 Bataillone Infanterie, drei Regimenter Kavallerie und 24 Geschütze. 
General Murawjew wurde im Tal aufgestellt mit sechs Ba- 
taillonen Infanterie, zwei Regimentern Kosaken und 20 Geschützen. 
Zu seiner Unterstützung waren drei Bataillone Jäger, das achte 
Pionierbataillon, vier Regimenter Kosaken und 20 Kanonen be- 
stimmt '). 



>) Eine Schlacht unter dem Schutz der Mauern von Kars anzunehmen 
war nicht möglich, weil die Pest in der Stadt wütete. Paskiewitsch hatte sein 
Lager bei Kotanli, 25 Werst von Kars, aufgeschlagen. 

^) Nach Baeyer. Schtscherbatow berichtet summarisch. 



334 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

Als nun Paskiewitsch una 1 Uhr gegen den Feind vorging, 
wartete dieser den Angriff nicht ab, sondern stürzte sich auf den 
rechten Flügel der Russen, und obgleich einmal durch das furcht- 
bare Feuer der russischen Batterien zurückgeworfen, drangen immer 
neue Scharen türkischer Reiter vor, so daß sie schließlich einen 
Halbkreis um die russische Stellung bildeten und sich besonders 
ihrem linken Flügel näherten. Sie suchten den Generalmajor Burzow 
zu umgehen und ihm in den Rücken zu fallen. Es wurde von 
ihnen mit bewunderungswürdiger Tapferkeit gefochten, und nur müh- 
sam konnten die Karrees der russischen Bataillone sie abwehren. 
Ihre Stellung begann bereits kritisch zu werden, als Paskiewitsch 
durch ein geniales Manöver mit einem Schlage eine neue Wendung 
herbeiführte'). Er ließ vier halbe Bataillone Infanterie und acht 
Kanonen seines Zentrums eine halbe Schwenkung rechts machen 
und durch die so entstandene Öffnung von seiner gesamten Ar- 
tillerie ein furchtbares Feuer gegen das türkische Zentrum eröffnen. 
Er wollte den Feind gleichsam spalten und die eine Hälfte links 
über die steilen Berge und Schluchten nach dem acht Werst weiter 
aufwärts liegenden Lager Hagki Paschas treiben, die andern auf 
die Höhen rechts jagen. Trotz aller Tapferkeit der Türken mußten 
sie schließlich vor dem entsetzlichen Feuer, wie Paskiewitsch wollte, 
rechts und links weichen, und nun warf er ihnen in zwei Abtei- 
lungen, von denen General Rajewski den linken Flügel, General 
Osten -Sacken den rechten angriflf, seine gesamte Kavallerie auf 
die Fersen. Dem stark bedrängten Generalmajor Burzow wurden 
der General Murawjew und der von Pankratjew detachierte General- 
major Ssergejew zu Hilfe geschickt. Ein durchschlagender Erfolg 
wurde jedoch nicht erreicht, da Sacken wegen der Moräste und 
Schluchten, die er passieren mußte, nicht rechtzeitig eingreifen 
konnte, und so begannen die Türken sich wieder zu sammeln. Die 
einen kehrten links in ihr Lager zurück, die anderen fanden sich 
auf einer Höhe gegenüber dem russischen Zentrum zusammen und 
verschanzten sich dort. Um diese Zeit — es war 4 Uhr nach- 
mittags — erfuhr Paskiewitsch durch einen gefangenen türkischen 
Offizier, daß auf eben dieser Höhe der Seraskier sich befinde; er 
sei mit seiner Avantgarde tags zuvor eingetroffen und habe sein 
Lager, 12-15000 Mann stark, in der Nähe. Seine übrigen Truppen 



*) Baeyer 1. 1. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 335 

träfen rasch Dacheioander ein. Auch erwarte er noch eine Ver- 
stärkung von 20000 Mann aus Erzerum. 

Um die drohende Vereinigung des Seraskiers mit Hagki Pascha 
zu verhindern, beschloß Paskiewitsch nun sofort anzugreifen. „Ich 
darf", schreibt er in dem von diesem Tage datierten Bericht 
dem Kaiser, „nicht zögern. Denn lasse ich einen Tag hingehen, 
so stiehlt sich der Seraskier fort, vereinigt sich mit Ilagki Pascha 
und ich werde von einer Armee von 50000 Mann in der Front, 
von der Flanke her und im Rücken angegriffen" '). Kaum hatte 
der Kiaja sein Lager erreicht, so ließ Paskiewitsch die verfolgenden 
Truppen zurückrufen und bildete in der Schlucht eine Kolonne 
von 8 Bataillonen Infanterie, 8 Regimentern Kavallerie und 40 Ge- 
schützen. 

Auf den Höhen gegenüber dem Lager ließ er den Generalmajor 
Pankratjew mit 6 Bataillonen Infanterie, 2 Kosakenregimentern 
und 16 leichten Geschützen zurück. Er war beauftragt, während 
des 30. Juni den Feind in der Vorstellung zu erhalten, daß er ihn 
angreifen wolle. Paskiewitsch aber marschierte mittlerweile mit der 
ganzen Armee auf das Lager des Seraskiers zu. Hagki Pascha 
wurde völlig getäuscht, er blieb ohne etwas zu unternehmen in 
seinem Lager. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli verließ 
auch Pankratjew seine Stellung. Er hatte, um den Feind zu tauschen, 
weithin Lagerfeuer brennen lassen und konnte sich unbehindert am 
1. gegen Mittag mit der Hauptarmee vereinigen. In drei Kolonnen 
erfolgte nun der Angriff auf das Lager des Seraskiers, der völlig 
überrascht wurde und dessen Truppen, sobald sie sich umgangen 
sahen, in die Berge zurückzuweichen begannen. Als die Russen 
die Höhen erstiegen hattten, war in kurzer Zeit der lahme Wider- 
stand des Feindes gebrochen. Paskiewitsch hatte seine Infanterie 
selbst unter Trommelschlag zum Sturm geführt. In wilder Flucht 
gaben die Türken ihr Lager preis, von der russischen Kavallerie 
bis 9 IThr abends, 30 Werst weit, verfolgt. Die Armee des Seras- 
kiers war damit zersprengt. 300 Gefangene, 12 Kanonen, 3 Fahnen 
fielen in die Hände Paskiewitschs. Es wird ihm stets zum Ruhm 
gereichen, daß er sich mit diesem Erfolge nicht begnügte, sondern 
die Gunst der Stunde, trotz der ungeheuren Anstrengungen, die er 
seinen Truppen zugemutet hatte, zu nützen verstand. Er schlug 



') Schtscherbatow I. 1. 187. 



336 Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 

sein Biwak an der Stelle auf, wo die Straßen sich vereinigen, die 
vom Lager Hagki Paschas in das Dorf Zewina führten. Dieser 
Punkt lag nur 15 Werst vom Lager Hagki Paschas entfernt, und 
die Russen standen durch Okkupierung des Tales von Zewina 
bereits im Rücken des Feindes. Mit dem ersten Morgengrauen auf- 
brechend, erreichte Paskiewitsch am 2. Juli bereits um 9 Uhr früh 
die Höhen im Rücken des Lagers von Hagki Pascha. Als dieser 
den Feind in Schlachtordnung sah, schien er zunächst entschlossen 
den Kampf aufzunehmen. Mit einer Batterie von 3 Kanonen be- 
schoß er die russische Stellung. Während nun Paskiewitsch noch 
auf das Eintreflfen von Burzow wartete, um seinen Angriff zu be- 
ginnen, erfuhr er von einem gefangenen türkischen Offizier, daß 
Hagki Pascha noch nichts von der Niederlage des Seraskiers wußte. 
Man gab dem Manne die Freiheit, und von ihm erfuhr nun der 
Pascha, daß Paskiewitschs ganzes Heer in seinem Rücken stand, 
und daß auf Verstärkungen nach der Niederlage des Seraskiers 
nicht mehr zu rechnen sei. Das nahm ihm den Mut. Er sah 
weder die Möglichkeit zum Rückzuge noch zum Widerstände und 
ließ durch denselben Offizier Paskiewitsch erklären, daß er bereit 
sei, sich mit seinem Korps zu ergeben. Das wurde ihm bewilligt, 
vorausgesetzt, daß alle Truppen ihre Waffen niederlegten und 
aus dem Lager ins Tal hinabstiegen. Aber bevor noch diese 
Autwort ins türkische Lager gelangte, hatte dort eine Sinnes- 
änderung stattgefunden. Die türkischen Geschütze erneuerten ihr 
Feuer auf die russische Stellung, und nun rückte Paskiewitsch 
ohne Zögern zum Angriff vor, in fünf Kolonnen, wobei er selbst 
unter Trommelschlag die Hauptkolonne gegen das feindliche Lager 
führte. Pankratjew führte die zweite Kolonne mit dem Auftrage die 
linke Flanke des Feindes zu umgehen, um ihm den schon von einigen 
Truppenteilen begonnenen Rückzug durch den Wald und die Berge 
abzuschneiden; drei andere Kolonnen, unter Sacken, Murawjew und 
Leonow, besetzten die Straßen die einen Ausweg bieten konnten, 
und drangen von dort in die Verschanzungen der Türken. Pas- 
kiewitschs Heerestoil erreichte zuerst das Lager und bemächtigte 
sich der noch rauchenden Geschütze. Hagki Pascha mit seinem 
ganzen Stabe wurde gefangengenommen*). Die Türken verloren 
19 Geschütze, 16 Fahnen, das Lager mit allen Vorräten und sämt- 
lichem Kriegsmaterial, gegen 3000 Tote, 1500 Verwundete, der 

') Vom Oberstleutuant Werselin. 



Kapitel IX. Diplomatie und Krieg bis zum Juli 1829. 337 

Rest war in wilder Flucht auseinander gestoben. Es war ein un- 
geheurer Erfolg. Binnen 24 Stunden hatte Paskiewitsch bei 
Kain Li den Seraskier, bei Millehdusu (russisch Milidjus) Hagki 
Pascha geschlagen. Zunächst hatten die Türken ihm keine weitere 
Armee entgegenzustellen. Er konnte daran denken, die Fruchte 
seiner Siege zu pflücken. 

Die bei Hassan Kaleh stehenden Truppen liefen, als Paskiewitsch 
sich am 4. Juli der Stadt näherte, auseinander, und der Pascha der 
Festung ergriflf mit seinen Schätzen die Flucht in das nahegelegene 
Erzerum; Paskiewitsch fand die Tore von Hassan Kaleh offen als 
er um 9 Uhr abends dort eintraf. 29 Geschütze, ein Pulvermagazin 
und große Vorräte fielen ihm zu. Bei der sofort aufgenommenen 
Verfolgung des Paschas wurden ihm noch 50 armenische Familien 
und 2000 Stück Vieh abgejagt. Das für uneinnehmbar gehaltene 
Erzerum mit seinen 150 Geschützen kapitulierte am 7. Juli nach 
kurzem Geschützkampf, als Paskiewitsch Anstalten traf, die 
Festung zu stürmen. Der Seraskier und vier Paschas wurden 
seine Gefangenen, nur einer Abteilung von 7000 Reitern gelang es, 
sich durch die Flucht zu retten. 

Es waren in der Tat glänzende Erfolge, und man durfte 
sie wohl denen Diebitschs mindestens an die Seite stellen, bei 
Abwägung der Leistung des Feldherrn sie wohl noch höher 
einschätzen. Paskiewitsch hatte keinen Mißgriff gemacht, keine 
Stunde verloren, keine Gunst, die der Augenblick bot, unbe- 
nutzt gelassen. Die Schrecknisse des Balkanüberganges waren 
Phantome gewesen, die Abgründe und Bergriesen in den Quell- 
gebieten des Aras und Euphrat Realitäten, die von der eisernen 
Energie Paskiewitschs überwunden wurden. Auch ihm war in 
der Pest der gefährlichste aller Feinde erstanden — aber er hatte 
durch kluge Vorsichtsmaßregeln seine Truppen ihr fast ganz zu 
entziehen verstanden. Vor allem aber, er war auch sein eigener 
Stabschef gewesen, soweit das überhaupt möglich ist. Seine Kom- 
binationen sind alle sein Eigentum; wir w^erden aber wohl niemals 
feststellen können, wie groß der Anteil ist, der Toll an den Er- 
folgen Diebitschs zukommt. Trotz alledem treten aber Paskiewitschs 
Erfolge an historisch-politischer Bedeutung weit hinter denen 
Diebitschs zurück. Die Entscheidung des F^eldzugs lag nicht in 
Asien, sondern in Europa, nicht vor Erzerum, sondern vor den 
Toren Konstantinopels. 

Schiemann, Geschichte Rußlands. II. 22 



338 Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 

Kapitel X. Der Übergang über den Balkan und der Friede 

von AdrianopeL 

Kurz Dachdein der Kaiser aus Berlin nach Warschau zurück- 
gekehrt war, traf auch Major Staflf vonReitzenstein aus dem Hauptquar- 
tier Diebitschs dort ein. Er war Träger eines mündlichen Auftrags 
des Grafen an den Kaiser, der in der offiziellen Korrespondenz 
keinen Ausdruck gefunden hat, aber uns zeigt, wie hoch der Flug 
war, den der politische und militärische Ehrgeiz Diebitschs ge- 
nommen hatte, und wie unbefangen er, ohne jede Rücksicht auf 
alle politischen Tugendprinzipien, mit denen der Türkenkrieg ein- 
geleitet worden war, die Gunst der Lage zu benutzen wünschte. 
Sein Gedanke war, sich mit Mustafa Pascha von Skodra von Al- 
banien^), der mit 30000 Mann in Nissa stand, zu verbinden. 
Vereinigte sich Mustafa mit einem Teil der russischen Avantgarde 
und half er mit dem Rest seiner Truppen Schumla blockieren, 
schloß sich die christliche Bevölkerung in Serbien und Bulgarien, 
die nur der Erlaubnis harrte, den Russen au, und wurde Diebitsch 
ermächtigt, ihnen eine Garantie gegen die spätere Räche der Türken 
zu geben, so könne er „dem Skandal der Türkenherrschaft" endlich 
ein Ende machen. Von England sei nichts zu fürchten, die englische 
Botschaft in Konstantiuopel sei mit dem allmächtigen Chosrew 
Pascha') brouilliert, und England habe bestimmt erklärt, es könne im 
Lauf dieses Jahres nichts für die Pforte tun. Canitz und Guilleminot 
seien zwar plötzlich türkisch gesinnt geworden, aber Diebitsch 
schätzte ihren Einfluß nur gering ein. Major von StafT solle ihm 
die Genehmigung des Kaisers bringen, ungehindert zu agieren, dann 
wolle er den Balkan überschreiten und StaflT könne ihn noch vor 
Adrianopel einholen, um mit ihm in Stambul einzurücken! 

Als StaiT mit diesen Aufträgen in Warschau eintraf, war die 
Siegesnachricht von Kulewtschi noch nicht bekannt. Der Kaiser 
war in Berlin auf die von Frankreich drohenden Gefahren auf- 
merksam gemacht worden und zu kühnen Unternehmungen wenig 
geneigt. Er wiederholte, daß er selbst im Falle der Vernichtung 
des türkischen Reiches nicht eine Spanne breit Landes für sich 

') „Ein alter Janitschar und eifriger Gegner der Reform, (er) stand in 
naher Verbindung mit den aufrührerischen ßosniaken.*' Moltke 1. I. 372. 
Die Mission Staflfs von Reitzenstein ist ihm nicht bekannt geworden. Auch 
Panzer und Wildermeth wurden nicht in das Geheimnis eingeweiht. 

^) Dem Günstling des Sultans. 



Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 339 

habeu wolle, und daß Konstaniinopel eine freie Handelsstadt unter 
gemeinsamem Schutze werden solle. Alles übrige solle ein Kongreß 
bestimmen, der die früheren Verträge zur Basis behalten könne. 
Auf die Frage der Revolutionierung der Slaven und Albaner ging 
er nicht ein. Der Großfürst Konstantin aber meinte, Diebitsch 
müßte ganz verrückt geworden sein, wenn er den Balkan über- 
schreiten wollte. Er freute sich, daß „seine Polen'' dieser Tollheit 
nicht zum Opfer gebracht würden. Auch in Berlin haben Diebitschs 
Gedanken nur erschreckt, vor allem BernstorfT, der mehr als je 
sich im Metternichschen Fahrwasser bewegte. Staff wurde nicht 
in das russische Hauptquartier zurückgeschickt, und damit waren 
auch Diebitschs Pläne gescheitert'). Es blieb bei der Mission 
Müfflings, der doch die kleinmutige Stimmung der ersten Warschauer 
und der Berliner Tage zugrunde lag. 

Aber, wie Nessolrode dem Grafen Diebitsch schrieb, seit 
Kulewtschi und Silistria hatte sich die Gesamtlage geändert, die 
Haltung der Mächte, die Gemütsstimmung des Kaisers, der nun- 
mehr den kühnsten Plänen zugänglich wurde und zeitweilig die 
noch zu überwindenden großen Schwierigkeiten kaum zu beachten 
schien, war günstig, auch der ängstliche Nesselrode wurde kühn und 
gab Diebitsch völlig freie Hand. Bei ihm liege die Entscheidung'). 

Der Kaiser aber' reiste nach Tultschin, wo der Großfürst 
Michail mit den Garden stand, und hatte die Freude, daß die 
Musterung erwies, wie völlig diese Elite- und Paradetruppe sich 
von den Beschwerden des letzten Feldzuges erholt hatte. Er war 
fest entschlossen, sie nicht zum zweitenmal der demoralisierenden 
Wirkung des Krieges auszusetzen, wohl aber sollte Diebitsch an 
Reservetruppen erhalten, was sich sonst irgend aufbringen ließ. 
In Kiew, Koscelsk, Bobriusk besichtigte er die für die Kampagne 
bestimmten Truppen; wie immer unermüdlich tätig, aber ohne sich 

^) Staff I. I. „Wie mir befohlen war, meldete ich Diebitsch bloß mit 
russischer Kuriergelegenheit, daß die Verhältnisse mir nicht gestatteten zu 
ihm zurückzukehren. Ich woßte, daß er daraus lesen maßte, man wolle nichts 
für seine Pläne tun. Weiteres zu schreiben hätte aber meine Dienstpflicht 
verletzt". Siehe die Anlage. 

^ Nesselrode an Diebitsch, 3. August 1829. Wojenno Utschenny Archiv 
5329. «Toutes les questions sont entre vos mains, vous resoudrez seul celle 
de la Grece, comme vous imposerez ä la Porte les conditions que reclament 
nos interets directs .... Depuis la bataille de Eoulevtscha et la prise de 
Silistria les choses ont chang4 de tout en tout ....'* 

22» 



340 Kapitel X. Der_ObergaDg über den Balkan usw. 

die Zeit zu gönDen, die für einen Einblick in die ungeschminkte 
Wirklichkeit nun einmal unerläßlich ist. In Kiew, wo er sich 
(den Abend der Ankunft als vollen Tag angerechnet) drei Tage 
aufhielt, musterte er die Reservebataillone und was sonst an 
Truppen in der Stadt war, besuchte zweimal das Uöhlenkloster, 
die bedeutendsten Kirchen, die städtischen und sonstigen öffent- 
lichen Institute, das Arsenal, die Festungsarbeiten, endlich die 
türkischen Gefangenen, über deren Verhältnisse er genaue Er- 
kundigungen einzog und die er beschenkte. „Für alle diese Be- 
sichtigungen", schreibt Benkendorff*), „bei denen doch viele Be- 
fehle über Veränderungen und Verbesserungen erteilt wurden, ge- 
nügten ihm bei seiner stets gleichen Tätigkeit zwei Tage, obgleich 
er die laufenden Geschäfte dabei nicht im geringsten aufhielt. 
Die während der Reise des Kaisers täglich aus Petersburg oder 
von der Armee eintreflfenden Kuriere wurden in derselben Nacht 
wieder abgefertigt. Der Kaiser ging nicht vor 3 Uhr nachts zu 
Bett, um alle eingelaufenen Papiere ohne jede Ausnahme erledigen 
zu können. So wurden die Berichte des Reichsrats, des iMinister- 
komitees, der Ministerien des Auswärtigen, des Krieges und der 
Finanzen so pünktlich erledigt, als ob er in Petersburg wäre und 
frei über seine Zeit verfügen könne. Außerdem schrieb er täglich 
der Kaiserin lange Brieie, las die Bericht^ über die Gesundheit 
und über den Unterricht der Kinder, durchblätterte die Zeitungen 
und durchflog dazu häufig noch die neu erschienenen Bücher in 
russischer und französischer Sprache." Es liegt auf der Hand, 
daß dabei ein wirkliches Eindringen in die Fragen, die seiner 
Entscheidung vorgelegt wurden, nicht möglich war. Wie schreck- 
liche Dinge trotz dieser redlichen Absicht, alles persönlich zum 
Rechten zu führen, ohne sein Wissen geschehen konnten, hatte 
kurz vorher ein Aufstand in den Tschugujewschen Militärkolouien 
gezeigt, der infolge der Unfähigkeit der nächst berufenen Autoritäten 
vom Militär blutig niedergeschlagen werden mußte und die in 
solchen Fällen üblichen Exekutionen durch Knutenstrafen nach sich 
gezogen hatte'). Man verstand es jedoch diese böse Sache so 
geheim zu halten, daß in den Berichten der ausländischen Ge- 
sandten, die sich dergleichen schwer entgehen ließen, keine Spur 

1) Russkaja Starina, 1896 Juliheft S. 19. 

^ Siehe deu untertänigen Bericht des Grafen Tscbernyschew an den 
Kaiser d. d. Petersb. 9./21. Juni 1829. W. U. A. Nr. 649. 



Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 341 

voD ihr zu findea ist. Wir wissen aber'), daß der Kaiser gleich 
nach seiner Rückkehr in die Residenz eine Reihe von Maßregeln 
traf, um das Schicksal der Militärkolonisten einigermaßen zu er- 
leichtern. Zur Aufhebung der Kolonien aber vermochte er sich 
nicht zu entschließen, weil das in die Bauten gesteckte Kapital 
eine ungeheuere Summe darstellte, auch der Zeitpunkt ihm nicht 
geeignet erscheinen mochte; erst spätere und weit schwerere Er- 
fahrungen sollten ihn dazu führen. Am 25. Juli kehrte er nach 
Petersburg zurück. Er hatte kurz vorher, bei Narva die aus 
Berlin heimkehrende Kaiserin überraschen können. Wenige Tage 
danach erfuhr er, daß Diebitsch in der Nacht auf den 16. mit 
Krassowski von Enshikioi hatte aufbrechen wollen'), dann blieb er 
bis zum 16. August ohne alle Nachrichten vom europäischen Kriegs- 
schauplatze. Für ihn waren es Tage höchster Sorge und Unruhe; 
in kritischen Zeiten pflegte seine Phantasie zu arbeiten und ihm 
erschreckende Möglichkeiten vorzuführen, während anderseits der 
errungene Erfolg ihn leicht in Überschätzung des Möglichen über 
die Grenzen des Erreichbaren hinausführte. In diesen Extremen 
hat der Kaiser sich während des ganzen Verlaufs seiner Regierung 
bewegt. 

Mittlerweile waren auf dem Kriegsschau platze die Operationen 
in Angriff genommen worden, welche die Entscheidung bringen 
sollten. Wir erinnern uns der Dispositionen, die Graf Diebitsch 
getroffen hatte, um den Übergang über den Balkan zu forcieren. 
Das erste ernste Hindernis, das überwunden werden mußte, war 
der Übergang über den reißenden nur auf seltenen Furten 
zu passierenden Kamtschyk. General Rüdiger, der den rechten 
Flügel der Vorhut bildete, wurde gegen Kiöprikioi dirigiert, Roth 
war beauftragt den unteren Lauf des Flußes zu überschreiten. 

Sie waren unbemerkt aufgebrochen, und ihre freigewordenen 
Lagerstätten vor Schumla hatten die Krassowskischen Truppen in 
aller Stille besetzt. Erst in der Nacht vom 17. auf den 18. Juli 
marschierten auch das Krassowskische Korps und die Reserve Pahlens 
nach Jenibazar ab, ohne dabei vom Großwesir belästigt zu werden; 
er begnügte sich, die Vorposten der Kosaken im Auge zu behalten. 
Roth und Rüdiger erreichten inzwischen den Kamtschyk, dessen 
rechtes Ufer die Türken befestigt und mit Geschütz besetzt hatten. 

») Benkendorff 1. 1. S. 21 und 22. 
^) Es geschah erst am 17. 



342 Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 

Rüdiger umgiDg diese Position bei Tschalamaly, warf eine dort 
im Lager liegende türkische Abteilung von 1000 Mann und über- 
schritt in der Nacht auf den 18. den Fluß, so daß er am 19. im 
Rücken der Hauptposition der Türken, Kiöprikioi, stand. Der 
Kommandant Jussuf, Pascha von zwei Roßschweifen, stellte sich 
zwar in Schlachtordnung den Russen gegenüber, ergriff aber die 
Flucht, als sie unter Trommelschlag ohne einen Schuß abzu- 
geben gegen ihn anruckten. Rüdiger verlor nicht einen Mann 
und nahm nicht nur das Lager des Feindes ein, sondern gewann 
bei der Verfolgung Jussufs noch vier Kanonen. Dann ließ er in 
Kiöprikioi eine kleine Besatzung zurück und führte seine Kolonnen 
das rechte Ufer des Kamtschyk entlang, um, wenn nötig, Roth zu 
unterstützen. Nun hatte der von Roth kommandierte linke Flügel 
den Kamtschyk an der Stelle erreicht, wo die Straße von Varna 
nach Burgas ihn schneidet. Die Türken hatten, wie vor Kiöprikioi, 
ihre Befestigungen am rechten Ufer errichtet. Es kam zu einer 
heftigen Kanonade, und Roth entschloß sich, da ein Frontangriff 
bedeutende Opfer gekostet hätte, wie Rüdiger es getan hatte, 
die Stellung des Feindes zu umgehen. Er ließ einen Teil seiner 
Truppen dem Feinde gegenüber auf dem linken Ufer und führte 
selbst vierzehn Bataillone etwa eine Meile stromaufwärts nach 
Dnlgnew, wo er zwar ebenfalls auf türkische Verschanzungen stieß, 
aber ohne Geschütz. Der Übergang über den Fluß konnte wegen 
der schlechten Wege und weil vier Brücken über die Arme des 
Kamtschyk geschlagen werden mußten, erst am 19. früh erfolgen. 
Auch hier ergriff der Feind sofort die Flucht, und Roth ging nun 
ohne weiteren Zeitverlust gegen Derwisch Jowan, das Hauptlager 
der Türken, vor. Sie rückten ihm zwar entgegen, wurden aber 
geworfen und ihre Verschanzungen mit stürmender Hand genommen. 
Erst jetzt begann der eigentliche Balkanübergang, während das 
Hauptquartier mit der Reservearmee Pahlens über Hassanlar und 
Derwisch Jowan nachrückte. 

Die Türken waren durch das überraschende Erscheinen der 
Russen und durch ihre Niederlagen am Kamtschyk von solcher 
Panik ergriffen, daß weder Roth noch Rüdiger in den Bergen auf 
Widerstand stießen. Sie haben den Russen nur einmal einen der 
Pässe streitig zu machen gesucht. Es war dieser Balkanübergang 
ein militärischer Spaziergang durch Eichen- und Ahornwälder auf 
meist breiten Straßen; weder durch Engen noch durch Schluchten 



Kapitel X. Der Cbergaog über den Balkan usw. 343 

oder durch besonders jähe Abgründe behindert, erreichte dielnvasions- 
armee den Kamm des Emineh Balkan, und von hier aus sahen die 
Küssen die fruchtbaren Ebenen von Rumili vor sich liegen. In der Ferne 
das Meer, auf dem die russische Flotte sich wiegte, drei Linienschiffe, 
mehrere Fregatten und zahlreiche schwer beladene Transport- 
schiffe. Admiral Greigh richtete, wie sich deutlich erkennen ließ, 
seine Geschütze gegen Misivri. Auch Sizeboli am Horizont 
und näher Burgas und Achiolos waren sichtbar. Das Zusammen- 
wirken von Flotte und Armee war damit gesichert und alle Sorge 
um eine reguläre Verpflegung beseitigt. 

Es ging nun rasch bergab, Rüdiger auf Erketsch, General 
Roth auf das Kap Emineh zu, am 21. Juli hatte auch das Haupt- 
quartier Aruautlar erreicht. Wir verfolgen den Abstieg nicht 
weiter, er ist zu glücklichem Ende geführt worden. Als die Russen 
aber die Ebene erreicht hatten, schien ihnen ein ernsterer Kampf 
bevorzustehen. Der Seraskier Abdul Rahman, Pascha von drei 
Roßschweifen, dessen Truppen unter Ali und Jussuf am Kamtschyk 
auseinander gelaufen waren, hatte die Flüchtlinge an sich heran- 
gezogen und sich durch die Garnisonen von Misivri, Achiolos 
und Burgas, sowie durch das Observationskorps vor Sizeboli ver- 
stärkt, etwa 7000 Mann stark am Ufer des Nadir aufgestellt, um 
die Russen, wenn sie bei Monastyrkur debouchierten, zurückzu- 
werfen. Als aber General Roth sofort zum Angriff überging, 
dauerte der Widerstand des Seraskiers nur wenige Augenblicke. 
Roth ließ ihn von seinen Kosaken, den Ulanen und der reitenden 
Artillerie 10 Werst weit verfolgen und richtete seine Operationen gegen 
Misivri, wohin ein Teil der Türken geflohen war, während die 
anderen sich, so viel ihrer übrig waren, nach Burgas gerettet hatten. 
Misivri kapitulierte^), dann fielen mehrere kleine Ortschaften dem 
General Rüdiger mit reichen Vorräten in d ie Hände. Achiolos und Burgas 
ereilte ruhmlos das gleiche Schicksal. Am 24. konnte Diebitsch 
dem Admiral Greigh auf seinem Flagschiff Paris einen Besuch ab- 
statten. Es war dasselbe Linienschiff, von dem aus der Kaiser im 
Oktober 1828 den Fall von Varna mit angesehen hatte. Am25.Julischlug 
Diebitsch überRumelikioi den Wog nach Aidos ein; hier endlich machte 
sich der Großwesir fühlbar. Er hatte vom Übergang der Russen über 



') Die Russen erbeuteten dabei eine Korvette von 22 Kanonen, die ganz 
fertig auf dem Stapel gelassen war. Panzer 1. 1. 



344 Kapitel X. Der Übergaog über den Balkaa usw. 

den Kamtschyk erst erfahreo, als er bereits vollzogen war. . Sein 
Hochmut hatte ihm vorgespiegelt, daß Diebitsch and Krassowski 
ihre beobachtende Stellung vor Schumla aufgegeben hätten, weil 
sie daran verzweifelten dieStadt zu nehmen, und daß sie beabsichtigten 
zwischen Jenibazar, Pravodi und Varna zu kantonieren. Wie dann 
die Wirklichkeit sich nicht mehr verkennen ließ, schickte er Ibrahim 
Pascha mit 9 Regimentern regulärer Infanterie und je 1500 Mann 
regulärer und irregulärer Kavallerie gegen Kiöprikioi. Als 
aber Ibrahim sich davon überzeugen mußte^ daß der Ort gefallen 
sei, blieb er erst auf der Straße nach Aidos stehen und ging dann 
gegen den kleinen Ort vor. Da traf ihn die neue Hiobspost von 
den Niederlagen am Kamtschyk und vom Fall der Festungen am 
Golf von Burgas, die der Seraskier Abdurrahman hatte behaupten 
sollen. Jede Aussicht auf Verstärkung war ihm damit genommen. 
Es war immerhin noch ein Rest von Selbstvertrauen, daß er Aidos 
zu retten versuchte. Aber seine 10000 Mann zeigten sich der 
weit schwächeren Abteilung Rüdigers nicht gewachsen ^). Eine 
Niederlage, die in wilde Flucht ausartete, führte die Trümmer des 
türkischen Heeres erst nach Karnabad, dann weiter auf die Straße, 
die nach Adrianopel führte. So wurde auch Aidos russisch, und 
Diebitsch konnte nunmehr alle Vorbereitungen treffen, um in 
Adrianopel, wie er hoffte, den entscheidenden Schlag zu führen. 
Die Verproviantierung der Armee war für 45 Tage gesichert. 2000 
Kamele folgten dem Heer, ein ungeheurer Troß, dazu Herden von 
Hornvieh und Hammeln und die fliegenden Magazine, die durch 
W^oronzow aus Odessa versorgt wurden. Häufige Regenfalle 
hatten zudem der Kavallerie das Grünfutter gesichert. Schon am 
30. Juli war das zweite Korps nach Karnabad aufgebrochen, die 
Hauptbewegung war auf Kirkilissa gerichtet. Diebitsch setzte 
voraus, daß der Feind sich in Adrianopel befestigen werde, und 
glaubte, daß sich dort die Trümmer der geschlagenen türkischen 
Heere, vielleicht auch die Garde des Sultans zusammenfinden 
würden. Verließ, wie er hoffte, der Feind Adrianopel, um ihm in 
Lule-Burgas zuvorzukommen, so wollte er ihn in offener Feldschlacht 
vernichten. 



') Rüdiger hatte 8 schwache Bataillone mit 20 Geschützen, 2 Brigaden 
der 4. Ulanendivision und 2 schwache Kosakenregimenter. Diebitschs Brief 
an den Kaiser vom 18./30. Juli. 1. 1. 



Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 345 

Die Dinge sind aber doch Dicht so einfach verlaufen. Diebitsch 
war in Sorge, weil die letzterwarteten Reserven noch immer nicht 
eingetroffen waren, und verzettelte seine kaum 25000 Mann starke 
kleine Armee durch Entsendungen. Als er sein Hauptquartier in 
Aidos hatte, okkupierte er gleichzeitig die 100 Werst weite Strecke 
von Sisepolis bis Jamboli und die fast gleichlange Strecke von 
Tschenge bis Faki. Es war ein Glück, daß die Türken nicht 
wußten, wie schwach der Feind war, der ihnen gegenübei-stand *). 
Sie schätzten Diebitschs Macht auf 80- bis 100000 Mann, und die 
geschlagenen Paschas bestärkten den Sultan in dieser Vorstellung, 
um ihre Köpfe zu retten. So konstruierten sie selbst das Phantom, 
vor dessen eingebildeter Übermacht ihre Truppen die Flucht er- 
griffen. Einmal aber hätte die zur Tollkühnheit gesteigerte Ver- 
achtung, mit der die Russen ihren türkischen Gegner angriffen, 
ohne seiner Zahl zu achten, fast eine Katastrophe herbeigeführt. 
Am 31. Juli wurde General Scheremetjew aus dem vom Feinde 
besetzten Jamboli hinausgeworfen, er hatte mit 800 Mann ein Korps 
von 15000 Türken angegriffen, die von Krassowski unbemerkt aus 
Schumla eingetroffen waren. Nur die Nacht entzog ihn einer Ver- 
folgung, der er unweigerlich hätte erliegen müssen*). Aber die 
Türken gaben, offenbar in der Vorstellung, daß hinter Scheremet- 
jew jene russische Übermacht herziehe, die nur in ihrer Vor- 
stellung lebte, in eben dieser Nacht Jamboli mit all seinen unge- 
heuren Vorräten auf. Die Reiterei jagte nach Schumla zurück, 
und die Infanterie schlug die Straße nach Adrianopel ein. Es ist 
kein Wunder, daß die Russen von Erfolg zu Erfolg schritten. 
Jamboli wurde von Kosaken besetzt, Tschalikawak im Norden und 
Kirkilissa östlich von Adrianopel waren von den Türken bereits 
geräumt, als Diebitsch diese Orte durch schwache Abteilungen 
besetzen ließ. General Krassowski schlug einen Ausfall des Groß- 
wesirs aus Schumla siegreich bei Eski Stambul ab, und Diebitsch 
dachte nun daran, seine Macht wieder zu konzentrieren. Er zog 



^) „Wenn die Türken nicht ungeheure Ochsen wären und nicht von unserer 
Stärke eine ganz falsche Vorstellung hätten, so würde unsere jetzige Lage uns 
teuer zu stehen kommen.^' Panzers Tagebuch 1. August 1829. Archiv des 
Generalstabes. 

O Diebitsch hat dem Kaiser den Hergang so dargestellt, daß dieser für 
Scheremetjew nur Lob übrig hatte, wie denn die Korrespondenz des Ober- 
kommandierenden mehrfach bemüht ist, kleine Mißgriffe zu verdecken. 



346 Kapitel X. Der C bergaog über den Balkan usw. 

alle Truppen des 6. and 7. Korps sowie die 5. Division und drei 
Husarenregimenter unter Pahlen an sich und marschierte am 
10. August 4 Uhr morgens von Karnabat auf Sliwno los, wohin, 
wie er erfahren hatte, der Sohn des Großwesirs Hussein, Pascha 
von drei Koßschweifen, mit einigen tausend Albanern im Anmarsch 
war. AVährend seine Truppen nach anstrengendem Marsch ihre 
Mittagsrast hielten, traf um 1 Uhr von Krassowski ein Kurier ein, 
der einen Brief des Großwesirs brachte. Es war die Antwort auf 
den Friedensantrag, den Diebitsch ihm gleich nach der Schlacht 
bei Kulewtschi gemacht hatte. Der Inhalt sagte, daß, da die Bot- 
schafter von England und Frankreich nach Konstantinopel zurück- 
gekehrt, die Frage von „Morea^ fast erledigt und damit der 
schwierigste Punkt der russischen Forderungen erfüllt sei, er, der 
Großwesir, es für seine Pflicht halte, einen Waffenstillstand vorzu- 
schlagen. Zugleich bat er, ihm anzugeben, wohin die Kommissare, 
die für die Verhandlung bestimmt seien, sich begeben sollten. 
Obgleich nun im russischen Hauptquartier, wo alles des Krieges 
herzlich satt war^), die lebhafteste Neigung bestand, dem Groß- 
wesir entgegenzukommen, wies Diebitsch doch den Gedanken, 
jetzt mit seinem Vormarsch innezuhalten, mit Entschiedenheit 
zurück. Es war, wie er wohl wußte, für ihn eine Lebensfrage, 
die Türken nicht zu ruhiger Besinnung kommen zu lassen. So 
antwortete er denn, daß, da er erst jetzt auf sein Schreiben 
eine Antwort erhalte, er sich für das vergossene und vielleicht 
noch zu vergießende Blut nicht verantwortlich fühle. Das 
Schweigen der Türken habe ihn genötigt, den Balkan zu über- 
schreiten; jetzt seien alle Festungen am Meere in seiner Hand, seine 
Vorposten ständen vor Adrianopel. Seine Pflicht gestatte ihm 
nicht, stehen zu bleiben, bevor er Garantien in Händen habe. Er 
werde also seinen Marsch fortsetzen. Doch sei er bereit, in Burgas, 
Achiolos oder in einer anderen von seinen Truppen besetzten Stadt 
die gewünschten Verhandlungen aufzunehmen. 

Diese Antwort wurde durch einen russischen Offizier nach 
Sliwno gebracht, und am 13. August in der Frühe brach Diebitsch gegen 
diese Stadt auf. Er schnitt dadurch dem Feinde den Weg nach 
Kasan ab, während Rüdiger mit der gesamten Kavallerie und 28. 
Geschützen der Feldartillerie, gegen Jamboli und Jenisagra vor- 



') Panzer 1. I. 



Kapitel X. Der Übergang aber den Balkan usw. 347 

ging, um so dem Feinde alle Stra&en mit Ausnahme des von un- 
zugänglichen Bergen umgebenen Tales von Kasanlyk zu sperren. 
Auch hier ist die Niederlage der Türken bald entschieden worden. 
Einige Kanonenschüsse Rüdigers warfen die feindliche Kavallerie, 
die schnell hinter die verschanzte Infanterie zurückwich. Gegen diese 
Verschanzungen richtete sich darauf das Feuer der russischen Feld- 
artillerie, während gleichzeitig Diebitsch seine Infanterie <;egen 
die Stadt vorgehen ließ. Es waren die 18. Division und die 
13. Jäger, die am Tage vorher 50 Werst zurückgelegt und in drei 
Tagen zweimal den Hauptkamm des Balkans überschritten hatten. 
Jetzt rückten sie im Laufschritt an, und der schon durch das 
Geschützfeuer in Unordnung geratene Feind verlor nun allen Halt. 
Die Paschas gaben selbst das Signal zur Flucht, und alles drängte 
auf die Bergstraße nach Kasanlyk zu, verfolgt von Roths Infanterie, 
die ihre Ranzen abgeworfen hatte, sowie von Kosaken und Ulanen 
in wilder Jagd. Inzwischen aber stürzte sich die ganze christliche 
Bevölkerung von Sliwno, von den Russen nicht gestört, auf das 
türkische Lager, um es zu plündern. Diebitsch hat, als er in 
Sliwno einrückte, dort einen feierlichen Gottesdienst abgehalten, 
der mit einer Weihe des Wassers verbunden wurde, eine Zeremonie, 
die, wie die Bulgaren versicherten, seit 400 Jahren bei ihnen nicht 
stattgefunden hatte. 

So waren im Laufe von wenig über 14 Tagen alle Truppen 
geschlagen und auseinandergesprengt worden, die Reschid Mehmed 
aufgeboten hatte, um den Vormarsch der Russen gegen Adrianopel 
aufzuhalten. Er hatte weiter kein Heer ihnen entgegenzuwerfen ^) 
und war in Schumla bis auf weiteres vornehmlich auf die bewaff- 
nete Bevölkerung der Stadt angewiesen. Diebitsch konnte jetzt 
gegen Adrianopel, diese älteste Residenz der Türken auf europä- 
ischem Boden, fast unbehindert vorgehen'). 

Schon in Sliwno war ihm bekannt geworden, daß Ibrahim und 
Halil Pascha den Auftrag erhalten hatten, die Trümmer ihrer 
Heeresabteilungen nach Adrianopel zu ziehen. Einige Regimenter 
und 12 Feldgeschütze waren bereits dort, und wie es hieß, wurde 

•) Vgl. Moltke, S. 361. 

') Die Korrespondenz Diebitscbs mit dem Kaiser ist für die Zeit vom 
1)./:21. August ab in der Zeitschrift „Altes und neues Rußland" (Nowaja i 
drewnaja Rossija) Jabrgang 1879 Dez. iF. abgedruckt Sie ist auch für den 
folgenden Abschnitt unsere vornehmste Quelle. 



348 Kapitel X. Der Übergang über den Balkan nsw. 

• 

aD den Befestigaogen der Stadt gearbeitet. Aach wurde Osman 
Pascha mit 6—8000 Mann erwartet, und die Einwohner hatten 
Befehl, sich zu bewaffnen, was weitere 10000 Mann ergeben konnte. 
Das alles drängte zu beschleunigter Aktion. Obgleich von den 
Reserven nur die Bataillone der 18. Division den Regimentern 
hatten eingereiht werden können, zögerte Diebitsch nicht länger. 
Er verließ Jamboli am 16. August und erreichte nach einem Marsch 
von 60 Werst auf Wegen, die beschwerlicher waren als die des 
Balkan^), Bujuk Derbent. Seit dem 7. August war eine furchtbare 
Hitze eingetreten, die zahlreiche Erkrankungen zur Folge hatte, 
namentlich aber im Hauptquartier. Am 18. gab es einen Ruhetag, 
am 19. endlich standen die Russen vor Adrianopel. Es war nur 
eine geringe Macht, die dieses nächste Ziel erreicht hatte, unter 
normalen Verhältnissen viel zu schwach für eine Unternehmung, 
wie die Notwendigkeit sie Diebitsch jetzt zuwies. Es galt für ihn 
nunmehr, entweder die Türken einzuschüchtern und zu einem 
Frieden nach dem Willen Rußlands zu bestimmen, oder aber unter- 
zugehen. Denn die Machtmittel, den Frieden zu erzwingen, hatte 
er nicht mehr. Ein Augenblick klarer Einsicht in Konstantinopel, 
und er war verloren. Schon jedes längere Festliegen an einem Ort 
mußte ihm verderblich werden, denn von Tag zu Tag lichteten 
sich die Reihen seiner Regimenter mehr, die doch schon allzu große 
Lücken aufwiesen. Am 19. August zählte das 2. Korps noch 
1000 Pferde, 4000 Mann Infanterie und 36 Geschütze, das 6. In- 
fanteriekorps 2000 Pferde, 3000 Mann Infanterie und 42 Geschütze, 
das 7. Korps 1500 Pferde, 5200 Mann Infanterie und 32 Geschütze. 
Das Regiment Kamtschatka hatte als pestverdächtig zurückgelassen 
werden müssen. Erwartet wurden noch die 35. Jäger und acht 
Geschütze vom Balkan her. Zur Hand hatte Diebitsch nur 4500 
Pferde, 12200 Infanteristen und 100 Geschütze, gewiß viel zu 
wenig, um eine Stadt von über 800000 Seelen, wie Konstantinopel, 
zu Fall zu bringen. Es war unerläßlich, daß durch die Einnahme 
von Adrianopel ein neuer noch stärkerer Druck auf die Pforte aus- 
geübt werde, damit sie freiwillig zugestand, was nicht erzwungen 
werden konnte. Am 19. abends rekognoszierten mit nur kleinem 



^} Das bestätigt auch Panzer 1. I. Sein Tagebuch bricht mit dem 
18. August, mitten in einem Satz ab — auch er erkrankte und starb in 
Adrianopel. 



Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 349 

Gefolge Diebitsch und Toll, der sich von den Fieberanfällen, die 
ihn quälten, einigermaßen erholt hatte und seit seiner Krankheit 
zum erstenmal wieder zu Pferde saß, persönlich die Umgegend von 
Adrianopel. Es wurden sofort die Dispositionen zum Angriff ge- 
troffen, dann aber schickte Diebitsch einen Parlamentär zum Eaimakam 
von Adrianopel, Mehmed Pascha, der in Abwesenheit von Ali Pascha, 
dem Stellvertreter des Seraskiers, das Überkommando führte; er 
verlangte Übergabe der Stadt und bot dagegen freien Abzug der 
Truppen, wenn sie vorher die Waffen niedergelegt hätten. Am 
20. um 4 Uhr morgens spätestens müsse er eine bestimmte Antwort 
haben. Der Kaimakam suchte eine Gnadenfrist zu erhalten. Er 
bat erst um eine Woche, dann um drei Tage Zeit. Er sei über- 
zeugt, daß bis dahin der Friede, um den der Großwesir gebeten 
habe, abgeschlossen sein werde, auch müsse er auf Befehle aus 
Konstantinopel warten. Aber gerade das wollte Diebitsch ver- 
hindern. Weil er seine Truppen nicht früher zum Angriff führen 
konnte, fand er sich bereit, die Frist bis um 9 Uhr morgens zu 
verlängern, danach aber werde er sich nicht eine Minute länger 
aufhalten lassen. Schon um ö Uhr setzten die russischen Kolonnen 
sich in Bewegung, die Infanterie, von Diebitsch geführt, ging 
geradezu auf die Stadt los, die Kavallerie unter Toll zog links 
über einen Bergrücken und durch Weinberge nach der Maritza hin- 
unter, um die Straße von Konstantinopel nach Kirkilissa zu besetzen 
und jede dahin gerichtete Flucht zu verhindern. Da um ö*/^ Uhr 
erschienen türkische Parlamentäre! Sie seien bereit, die Bedingungen 
Diebitschs anzunehmen, und bäten nur, daß den Paschas und den 
vornehmsten Offizieren gestattet werde, ihre Waffen zu behalten. 
Das wurde ihnen bewilligt, und sie fanden sich nun bereit, um 
8 Uhr die Kasernen zu räumen, die für 8000 Mann Infanterie 
bequeme Unterkunft boten, und auch die Schlüssel der Zitadelle 
und des alten Serail, des Eski Serai, in dem von den Tagen 
Murads I. bis 1453 die türkischen Sultane residiert hatten, auszu- 
liefern. Das Schloß lag auf einer Insel der Maritza, zu der zwei 
steinerne und eine hölzerne Brücke hinüberführten, unter dem 
Schatten uralter Platanen. Hier nahmen später Diebitsch und Toll 
ihr Quartier, und an diesem historisch so denkwürdigen Orte sollten 
all die entscheidenden Verhandlungen stattfinden, die schließlich 
den heiß ersehnten Frieden herbeiführten. Aber bevor Diebitsch 
seinen Einzug in die Stadt halten konnte, hat es in Adrianopel 



HoO Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 

noch Aagenblicke des Schwankens gegeben. Um 7 Uhr brachte der 
Pascha-Kommandant persönlich') ein Paket, das Schreiben des Bot- 
schafters Guillemlnot und Sir Robert Gordons enthielt. Durch ein Be- 
gleitschreiben wurde Diebitsch gebeten, zwei Pakete an den eng- 
lischen und an den französischen Botschafter in Petersburg zu befördern, 
zugleich wurde ihm gemeldet, daß General von Müffling bald in 
Konstantinopel eintreffen werde, üa der Kurier den Türken mit- 
geteilt hatte, daß Bevollmächtigte des Sultans unterwegs seien, um 
mit Diebitsch über den Abschluß eines Friedens zu verhandeln, 
glaubten sie, daß die Russen auf die Besetzung der Stadt ver- 
zichten würden. Aber Diebitsch gab seiner Infanterie sofort Befehl, 
sich auf Flintenschußweite der Stadt zu nähern, und damit hörte 
jeder Widerstand auf. Um 10 Uhr erfolgte die Übergabe. Der 
Seraskier Halil und Ibrahim, der Pascha von Tultscha, überlieferten 
die Waffen von 3 — 4000 Mann regulärer Truppen. Sie versuchten 
dann auf der Straße nach Konstantinopel abzumarschieren, fielen 
aber in die Hände des Generals Kreutz, der sie ganz entwaffnete, 
einige Stunden aufhielt und sie danach nötigte, die südlich nach 
Demotika führende Straße einzuschlagen. 

Kaum hatte Diebitsch seinen Einzug in Adrianopel gehalten, 
so erhielt er durch den Leutnant Clor vom preußischen General- 
stabe ein offizielles Schreiben und einen Privatbrief von Müffling, 
der inzwischen eingetroffen war, sowie Briefe von Guilleminot und 
Sir Robert. Es war ihnen ein Memorandum*) angeschlossen, 
welches die Voraussetzungen enthielt, unter denen die Pforte bereit 
war, über einen Friedensschluß zu verhandeln. Sie waren, da weder 
Abtretungen an Land in Europa und Asien, noch eine Kriegs- 
entschädigung in Aussicht genommen wurden, für Diebitsch völlig 
unannehmbar, und in diesem Sinne hat er am 23. auch seine 



*) So in dem Schreiben Diebitscbs an Nesselrode, wäbrend in dem Be- 
richt an den Kaiser nur von einem „Parlamentär*' die Rede ist. Oberhaupt 
ist die Korrespondenz Diebitschs mit Nessel rode stets heranzuziehen. Sie 
ergänzt und korrigiert vielfach die Korrespondenz Diebitschs mit dem Kaiser, 
in der z. ß. die heikle Frage der Erregung eines Aufstandes nur leise an- 
deutend gestreift wird, während sie mit dem Vizekanzler ganz unverblümt 
diskutiert wurde. Diebitschs Korrespondenz mit Nesselrode ist noch unge- 
druckt. Sie liegt im Petersburger Archiv der historischen Abteilung des 
GeneralsUbes (W. U. A. Nr. 5329). 

^ Vgl. die Anlage. 



Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 351 

Antwort beiden Botschaftern zugehen lassen^). Weit genehmer 
war ihm dagegen, was Müifling ihm in einem vom 17. Augast aus 
Pera datierten Schreiben in Vorschlag brachte. Es gäbe, schrieb 
MüfTling, für üiebitsch zwei Wege, zum Abschluß des Friedens zu 
gelangen. Der eine könne durch endlose Verhandlungen und Un- 
annehmlichkeiten zu Zugeständnissen führen, die der Mühe nicht 
wert seien und nur um der Ehre willen gefordert würden. Der 
andere Weg aber wäre, ihm zu schreiben, daß er, Diebitsch, bereit 
sei, Friedenspräliminarien zu unterzeichnen, wenn die Pforte den 
fünf von ihr vorgeschlagenen Punkten als sechsten hinzufüge: 
Als Entschädigung für die Kriegskosten werden Rußland die festen 
Plätze Anapa und Poti abgetreten, dazu sechs Linienschiffe und 
Bauholz, um sechs weitere Schiffe ersten Ranges zu bauen. 

Sei Diebitsch bereit, darauf einzugehen, so hoffe er alles in 
Ordnung zu bringen *), und in wenigen Tagen könnten dann die 
Verhandlungen ihren Abschluß finden. Fordere Rußland dagegen 
mehr, so könne er weder für Diebitsch verhandeln, noch irgend- 
einen Erfolg garantieren. 

Die gleichfalls vom 23. August datierte Antwort von Diebitsch 
war entgegenkommend, aber nicht ohne Vorbehalt und nicht ver- 
pflichtend. Müfflings Vorschlag, schrieb er, gebe eines der Mittel 
an, die Sache endgültig zu erledigen, und er werde sein Vertrauen 
nicht mißbrauchen. 

Es kam jetzt alles darauf an, welche Haltung der Sultan ein- 
nehmen werde. 

Wir wissen bereits, daß der mächtigste Mann in Konstantinopel 
der Vertraute des Sultans, der Seraskier Chosrew Pascha war, ein 
Kaukasier wie der Großwesir Reschid und wie Halil, die ebenfalls 
einst Sklaven gewesen waren. Was die Pforte bisher an Energie 
entwickelt hatte, ist wesentlich sein Werk gewesen. Die Nieder- 
lage bei Kulewtschi hatte ihn nicht entmutigt; er glaubte, wie 
Reschid, an die Widerstandskraft von Schumla und an den Gegen- 
satz der Interessen der europäischen Mächte, der schließlich doch 
der Pforte zugute kommen müsse. Auf Slaven und Griechen sah 
er mit stolzem Hochmut herab, und das Reformprogramm des 
Sultans war von ihm mit aller Energie gestützt und gefördert 



^) Vgl. die Anlage 

-) „Alors je crois que je serais ä mesure d'arranger Votre affaire.*' 



352 Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 

worden. Aber die Bevölkerung empfand anders. Der Mufti, mit 
dem was an Janitscharen der Vernichtung entgangen war, hatte 
sich bald nach der Schlacht — das Datum ist nicht festzustellen — 
zum Sultan begeben, um ihn für einen Friedensschluß und für die 
Abschaffung der verhaßten Neuerungen zu gewinnen. Die Gefahr 
einer Revolution schien dadurch so nahe gerückt, daß der Sultan 
seinen Sohn zu ermorden beschloß, um dadurch seine Stellung zu 
sichern, denn die Erhaltung der Dynastie Osmans war so sehr 
eine religiöse und politische Notwendigkeit, daß, wenn sie nur auf 
seinen Augen ruhte, kein Moslem gewagt hätte, ihn anzutasten. 
Zu diesem Äußersten aber ist es doch nicht gekommen ; der Thron- 
folger blieb am Leben, aber es kennzeichnet die Lage, daß Keschid 
bereits im Begriff war, Schumla zu verlassen, um seinem Herrn 
zu Hilfe zu kommen, als er die Botschaft erhielt, daß die Gefahr 
— wir wissen nicht wie — gehoben und der Sultan seiner Feinde 
mächtig geworden sei'). Es gärte indessen fort. In der Nacht vom 
26. auf den 27. Juni fand eine furchtbare Feuersbrunst in Pera statt, 
die wohl auf Brandstiftung zurückging und als Symptom kommender 
Gefahren erschreckte. Aber der Sultan blieb bei seinem Programm. 
Er ließ am 28. Juli in seiner Gegenwart eine Sitzung des Divau 
abhalten, die in eine Reihe kriegerischer Beschlüsse ausmündete. 
Mahmud war, dem Drängen der Mächte nachgebend, zwar bereit zu 
dulden, daß die Griechen einen Fürsten zum Oberhaupt erhielten, 
aber unter keinen Umständen wollte er auf seine Festungen in 
Morea verzichten. Der Gedanke an einen Friedensschluß mit 
Rußland wurde weit zurückgewiesen. Wer ihn wolle, wolle auch 
den völligen Untergang der Türkei'). 

Aber mit dem weiteren Vordringen der Russen nahm die 
Unruhe zu. Man sprach laut davon, daß, wenn das Korps der 
Janitscharen noch bestände, die Russen nimmermehr den Balkan 
überschritten hätten; der Haß und die Erbitterung schienen sich 
gegen alle Fremden wenden zu wollen. Man war in den Kreisen 
der Diplomaten froh, daß die Fregatten, die Gordon und Guille- 
minot nach Konstautinopel geführt hatten, noch im Goldenen Hörn 
vor Anker lagen. Im äußersten Falle boten sie eine Zuflucht. 



') Tagebuch von Panzer: Die Nachricht geht auf den russischen Stabs- 
kapitän du Ilamel zurück, der in Schumla gefaugen gelegen hatte, und Mitte 
August vom Großwesir freigelassen wurde. 

^ Berichte des preußischen Gesandten Royer l. 1. 



Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 353 

Am 4. August, als die Russen bereits Achiolos bedrohten, fand 
wiederum eine Sitzung des Üivan in Therapia statt. Auch jetzt 
noch war die Stimmung höchst kriegerisch. Unter dem Einfluß 
des Seraskiers wurde ein allgemeines Aufgebot beschlossen. Man 
glaubte allein aus Konstantinopel 80000 Mann aufbringen za 
können und wollte 4000() von ihnen unter die Waffen rufen. 
Chosrew Pascha selbst erbot sich, sie in Kara Burnu, auf der 
europäischen Seite des Bosporus, zu organisieren. 10000 wurden 
zur Verteidigung Konstantinopels bestimmt, die übrigen dachte 
man gegen den Feind zu führen. Diese tapferen Entschlüsse er- 
wiesen sich aber bald als unausführbar. Als die Nachricht von 
der Einnahme von Adrianopel in der Hauptstadt einlief, ward alles 
von blindem Entsetzen ergriffen. Wilde Gerüchte liefen um. Die 
Franken, die einen Aufstand fürchteten, ergriffen die Flucht nach 
Pera und suchten Schiffe zu mieten, um ihre Familien und ihr 
Eigentum zu sichern. Auch Angehörige der fremden Gesandt- 
schaften begannen die gleichen Vorsichtsmaßregeln zu ergreifed, 
was die allgemeine Panik noch steigerte. In Bujukdere und in 
Pera waren alle christlichen Läden geschlossen. Ein Ausbruch der 
Volkswut schien unmittelbar bevorzustehen. Da aber griff der 
Sultan ein. Er sah sehr wohl, daß es sich auch um seine per- 
sönliche Sicherheit handelte, und zeigte nun dieselbe furchtbare 
Energie wie bei Vernichtung der Janitscharen. Der Kommandant 
der Schlösser am Bosporus, Achmed Aga, der im Verdacht stand, 
die Erregung zu schüren, wurde verhaftet und auf der Flotte des 
Kapudan-Pascha hingerichtet. Sein Kopf (la peau de sa tete) 
wurde am Serail mit einer bezeichnenden Inschrift ausgestellt. 
Dann wurde eine Reihe zweckmäßiger Maßregeln ergriffen, um zu 
verhindern, daß die Scharen der fliehenden Truppen in Konstanti- 
nopel eindrangen. Alle Asiaten wurden, sobald sie einen Hafen 
erreichten, nach Asien hinübergeschafft, die Irregulären bei ihrem 
Eintreffen sofort entlassen. Sie waren glücklich, in ihre lleimats- 
dörfer zurückzuziehen. Die regulären Truppen aber reorganisierte 
man, so gut es eben ging, in den großen Lagern, die bestimmt 
waren, Konstantinopel zu decken; durch die Straßen der Stadt 
zogen Patrouillen, und reguläre Truppen waren beauftragt, überall 
nach Waffen zu fahnden und sie zu vernichten. Es war jetzt 
weniger die Rede davon, Konstantinopel gegen die Russen, als 
gegen die inneren Feinde, die Janitscharen, zu verteidigen. Dana 

Scliiemann, Geschichte KuBlands. II. 23 



354 Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 

folgten masseohafte Hiarichtungen von Verschwörern. „Man kennt 
die Zahl der nächtlichen Hinrichtungen nicht, einige schätzen sie 
sehr hoch. Aber es ist sicher, daß heute in verschiedenen Stadt- 
vierteln sieben Hinrichtungen stattgefunden haben. Man köpfte 
die Unruhestifter, wo sie ergriffen wurden, und stellte die Leichen 
am Platz der Hinrichtung aus. Das Cafe, in dem die Unzufriedenen 
sich zu versammeln pflegten, aber wurde heute morgen dem Erd- 
boden gleichgemacht." So berichtet der preußische Gesandte Royer 
am 29. August. Wie sollte da von einem allgemeinen Aufgebot 
noch die Rede sein. Der Sultan fürchtete seine Soldaten und die 
„getreue" Bevölkerung seiner Residenz mehr als den Feind. 

Dieser Stimmung kam dann die Aktion der europäischen Di- 
plomatie entgegen, und die Festigkeit Diebitschs tat das Übrige. Es 
konnte nicht mehr zweifelhaft sein, daß, wie Nesselrode gesagt hatte, 
das Schicksal der Türkei in seinen Händen lag. 

Als MüfHing am 4. August in Konstantinopel eintraf, fand er 
den Boden zwar vorbereitet, aber die Erwartungen, die sich an 
seine Mission knüpften, außerordentlich hoch gespannt*). Durch 
Guilleminot wußte die Pforte von einem Gespräch, das der 
Kaiser in Berlin mit dem französischen Gesandten, Grafen 
d'Agont gehabt hatte, wonach die Pforte darauf rechnen könne, 
einen Frieden zu erhalten, wenn sie Anapa abtrete. Geldentschä- 
digungen werde Rußland nicht fordern, oder doch nur ganz gering- 
fügige. Es ist begreiflich, daß der Reis-Efendi sich höchst enttäuscht 
zeigte, als Müffling, den er am 6. August empfing, andere Töne 
anschlug und auf das russische Kriegsmanifest und die der Pforte 
bekannten Forderungen Rußlands hinwies, auch erklären mußte, 
daß er keineswegs zum Abschluß eines Friedens bevollmächtigt 
sei. Der Reis-Efendi wollte durchaus nicht glauben, daß Müffling 
nicht noch geheime Aufträge habe, mit denen er nur vorläufig zu- 
rückhalte. Die Bedingungen, an deren Erfüllung Rußland die Ge- 
währung eines Friedensschlusses knüpfte, konnte man in Konstan- 
tinopel schon durch die Verhandlnugen, die nach der Schlacht bei 
Kulewtschi Fonton geführt hatte, und trotz der großen Erfolge, die 

') Vergl. die kurze aber vortreffliche Ausführung bei Heinrich von Treitschke: 
Deutsche Geschichte, Bd. III S. 743 ff. Nach den Akten des Geheimen Staats- 
archivs. Eine wesentliche Ergänzung bietet die Korrespondenz Diebitschs mit 
dem Kaiser, Nesselrode und Royer. Die letztere liegt teils im Archiv des Peters- 
burger Generalstabes (W. ü. A. 5330), teils im Archiv des Reichsrats Nr. 690. 



Kapitel X. Der Cbergang über den Balkan ubw. 355 

Kußland seither zugefallen waren, glaubte man, auf Guilleminots 
Mitteilungen fußend, noch weitere Zugeständnisse erlangen zu 
können. Offenbar bewegte sich die Pforte in Illusionen. So 
ging eine Reihe von Tagen nutzlos hin. Aber am 15. Augast 
gelang es, die Pforte zur Anerkennung des Londoner Traktats zu 
bewegen. Sie trat ihm, wenngleich unter Vorbehalten, formlich bei 
und meinte dadurch sich der Unterstützung der Mächte gegen die 
russischen Forderungen zu versichern und ihre Mediation zu er* 
langen; Müffling mußte ihr erst, unter Beihilfe der englischen, 
österreichischen und französischen Botschafter, begreiflich machen, 
daß sein Auftrag nur dahin gehe, die Anknüpfung von Verhand- 
lungen zu vermitteln, nicht selbst zu verhandeln. Schließlich hat 
der Reis-Efendi doch den möglichen Nutzen einleitender Schritte 
von Seiten Müfllings erkannt und den Auftrag gebilligt, der den 
Leutnant Cler in das russische Hauptquartier führte. Als darauf am 
22. August die Nachricht vom Einzug der Russen in Adrianopel 
eintraf und die Stimmung in der Hauptstadt die größten Besorg- 
nisse erregte, fand eine Versammlung des Divan statt, die zur Folge 
hatte, daß der Reis-Efendi Müffling und die Botschafter von Eng- 
land und Frankreich einlud, sich bei ihm zu einer Konferenz ein- 
zufinden. Diese Konferenz fand am 24. statt, da aber Müffling 
erkrankt war, beauftragte er den preußischen Gesandten Küster, 
ihn zu vertreten '). 

Der Reis-Efendi eröffnete die Sitzung mit der Mitteilung, daß 
er Bevollmächtigte zu Diebitsch zu schicken bereit sei, auch be- 
reits den Finanzminister Sadik Efendi und den Überrichter von 
Konstantinopel und Asien Abdul Kador Bey*) dazu bestimmt habe. 
Beide waren zugegen und nahmen mit Genehmigung der Botschafter 
und Küsters an der Sitzung teil. 

Er habe, fuhr dann der Reis-Efendi fort, Nachricht vom Ein- 
rücken der Russen in Adrianopel und wünsche daher, den Ab- 
schluß des Friedens, nachdem die ersten Schritte dazu geschehen 
seien, nach Möglichkeit zu beschleunigen. Sadik und Kador hätten 
den Auftrag, sobald wie irgend möglich die Präliminarien zu unter- 
zeichnen. Er bitte die Bevollmächtigten der drei Mächte um ihren 



') Relation Küsters an den Grafen Bernstorff d. d. Eski Serai zu Adria- 
nopel, den 29. August 1829. Dabei der Vermerk: sorgßiltig zu sekretieren. 
') Küster nennt ihn falschlich Gadir. 

23* 



356 Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 

weiteren Rat. Es ist wohl das wesentlichste Verdienst Mufflings, 
daß er schon vor der Sitzung ein vollkommenes Einverständnis mit 
den Vertretern Frankreichs und Englands zu gewinnen vermochte. Sie 
hatten, ebenso wie er selbst, keine Vorstellung davon, daß die Russen 
des Friedens mindestens ebenso bedürftig waren wie die Türken. 
So konnte es geschehen, daß Sir Robert als Wortführer der übrigen 
erwiderte, das beste wäre, daß die Pforte bestimmt und klar aus- 
spreche, was sie tun wolle, um den Frieden zu erlangen, und als 
der Reis-Efendi sich auf die früheren fünf Punkte beziehen wollte, 
hinzufugte: es scheine dabei der Punkt zu fehlen, ohne welchen 
Rußland voraussichtlich nicht bereit sein werde, den Frieden ab- 
zuschließen: die Entschädigung wegen der. Rriegskosten. Der Kaiser 
Nikolaus habe allen Mächten die bestimmtesten Versicherungen ge- 
geben, nur mäßige Kriegskosten zu fordern, so daß die Pforte wohl 
nichts Besseres tun könne, als die Bestimmung darüber der Groß- 
mut (magnanimite) des Zaren zu überlassen. Der Reis-Efendi ver- 
sprach, seine beiden Bevollmächtigten in diesem Sinne zu instru- 
ieren, und bat die drei Gesandten, auch ihrerseits Diebitsch zu be- 
schicken, damit der Friede ohne jeden Zeitverlust geschlossen 
werden könne. Küster erklärte darauf, daß Müffling einen Offizier 
zu Diebitsch senden werde, was sehr dankbar aufgenommen wurde, 
aber die Türken baten, daß Küster selbst, als Zeuge und Teil- 
nehmer, die Mission auf sich nehme. Die beiden Botschafter be- 
gnügten sich, durch kurze Schreiben das Anliegen der türkischen 
Bevollmächtigten zu empfehlen, Müffling aber fand sich bereit, 
nachdem er über den A^erlauf der Sitzung unterrichtet worden war, 
Küster ins russische Hauptquartier zu senden, und gab ihm ein 
Beglaubigungsschreiben an den Grafen Diebitsch mit; in der Nacht 
vom 24. auf den 25. schiffte sich Küster mit Sadik Efendi und 
Kador Bey, einem türkischen Sekretär und dem Pforteodolmetscher 
auf einem Dampfer des Sultans nach Rodosto (Tekirdagh) ein. Sir 
Robert Gordon hatte ihm außerdem eine englische Kriegsbrigg zur 
Verfügung gestellt, um seine Rückehr von Rodosto nach Konstanti- 
nopel unter allen Umständen zu sichern. So wenig zuversichtlich 
blickte man der Zukunft entgegen. 

Am 27. abends traf Küster in Adrianopel ein, etwas früher 
als die beiden türkischen Minister, die absichtlich auf der letzten 
Station vor Adrianopel zurückgeblieben waren. Sie laugten erst am 
anderen Morgen im russischen Hauptquartier an. 



Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 357 

Uiebiisch war zunächst von Müfflings Vorgehen keineswegs er- 
baut^). Es wäre ihm lieber gewesen, wenn er sich begnügt hätte, die 
Absendung türkischer Bevollmächtigter zu bewirken, ohne auf den 
Inhalt der Verhandlungen einzugehen, und ohne ihm einen immer 
lästigen Zeugen in das Hauptquartier zu schicken. Er hatte 
allen Grund, vor jedermann die tatsächlichen Zustände im Haupt- 
quartier wie in der Armee zu verbergen. „Einen wahrhaft trau- 
rigen Anblick bot in dieser Zeit unser Hauptquartier,^ — so 
schrieb damals einer von Tolls Adjutanten — „außer dem 
Grafen Diebitsch und einigen wenigen Personen war alles krank, 
vom Bedienten bis zum höchsten Herrn. Wie Geister schlichen 
wir umher, täglich wählte sich das Fieber neue Gegenstände seiner 
Wut, und so manchen führte es unbarmherzig in eine neue Welt. 
Von den 4000 Kranken im Hospital starben täglich vierzig. Zu- 
letzt hatte die Artillerie so wenig Leute, daß Infanteristen die 
Kanonen bewachten . . .'"). Aber Diebitsch verstand es meister- 
haft, das alles zu verbergen; man sah weder die Schwäche seiner 
Heeresmacht, noch die Sorgen, die ihn quälten, noch endlich ver- 
riet er die Eifersucht, die er gegen Müffling hegte. Er empfing 
Küster nicht nur mit Freundlichkeit, sondern auf das herzlichste 
und zeigte „die besten Dispositionen^. Als Küster ihm die Lage 
in Konstantinopel darlegte und darauf hinwies, daß ein weiteres 
Vorrücken der Russen eine Revolution und den Zusammenbruch 
des Reiches zur Folge haben könnte, erklärte er sofort, daß es 

^) Diebitsch an Nesselrode, den 25. August. y,Je n^arreterai pas Votre 
attention sur le desir quMl montre de s'^riger en m^diateur pour la paix.* 
Petersburg, Archiv des Ministeriums des Auswärtigen, 12969. 

Ganz ähnlich urteilte Nesselrode in seinem Antwortschreiben vom 
9. September (W. U. A. 5329). »Je crains bien que Müffling n'ait abus^ des 
confidences que l'Empereur a faites au roi, en faisant esp^rer a la Porte des 
conditions plus favorables que Celles que nous pouvons et devons lui accorder 
Au reste daus ces confideDces S. M. n^est entree dans aucun detail, et il n*a 
M au fond question que de Tarticle de Tindemnite snr lesquelles (sie I) le Roi 
temoignait de vives inquietudes, et alors PEmpereur a parle d'une somme de 
150 millions roubles en papier et de cessions territoriales en Asie quMl serait 
pret ä recevoir en compensation, si la Porte etait hors dVtat d'acquitter en 
argent la totalite de cette somme. Or c*est lä le pivot sur lequel doit rouler 
toute la ni'gociation.^ Dem Kaiser gegenüber wagte Diebitsch nicht, mit 
seinem Ärger hervorzutreten. Er hat vielmehr die Verdienste von Müffling 
und danach von Royer rühmend heiTorgehoben. 

') Aus den Tagebüchern Wildermeths. Bernhardischer Nachlaß. 



358 Kapitel X. Der Übergang über den Balkan nsw. 

auch seiner Überzeugung nach notwendig sei, dem Kriege schleu- 
nigst ein Ende zu machen. Obgleich Graf Orlow und Graf Pahlen, 
der Bruder des Generals, die für die Führung der Friedensverhand- 
lungen von Petersburg her bestimmt waren und Instruktionen über 
einige minder wichtige Punkte bringen sollten, noch nicht ein- 
getroffen waren, ernannte er den General Fürsten Gortschakow und 
den Staatsrat Anton Fonton zu Unterhändlern. Er versprach, nicht 
weiter gegen Konstantinopel vorzurücken, doch sei es zu spät, um 
zu verhindern, daß Admiral Greigh, der eben Inada und Samokowo 
genommen habe, nicht auch Midia besetze. Als aber Küster der 
Hoffnung der Türken Ausdruck gab, daß Rußland in seinen Forde- 
rungen mäßig sein werde, antwortete er, daß die Hartnäckigkeit, 
mit der die Türken bisher alle Friedensanträge zurückgewiesen 
hätten, den Befehl zur Folge gehabt habe, eine höhere Kriegs- 
entschädigung zu fordern, als ursprünglich geplant wurde. Die 
Friedensbedingungen, die er vertraulich mitteilte, gaben das Maxi- 
mum der Nessel rodeschen Instruktion, im übrigen verwies er auf 
die Gnade des Kaisers, die vielleicht nachträglich dieses oder jenes 
Zugeständnis machen werde. Er war weit entfernt, dem Preußen 
mit wirklichem Vertrauen entgegenzukommen, sondern wollte 
ihn benutzen, um einen weiteren Druck sowohl auf die Pforte, 
wie auf die Botschafter Englands und Frankreichs auszuüben. Das 
letztere zeigte sich namentlich in der Art, wie er die griechische 
Frage anfaßte. Der Beitritt der Pforte zum Juli -Traktat genüge 
nicht, sie müsse auch das Protokoll vom 22. März 1829 anerkennen, 
und er werde gerade diesen Punkt als einen integrierenden Teil 
des Friedenstraktats ansehen und darauf bestehen, daß die noch 
nicht erledigte Grenzfrage dahin entschieden werde, daß die künf- 
tige Grenze Griechenlands vom Golf von Volo bis zu dem von 
Arta reiche. 

Den Befehl zum sofortigen Einstellen der Feindseligkeiten er- 
teilte Diebitsch noch am 28. August, auch versprach er, Kuriere 
an Paskiewitsch abzufertigen, um in Asien gleichfalls einen Still- 
stand herbeizuführen. Am 29. hatten die beiden türkischen Be- 
vollmächtigten ihre erste Zusammenkunft mit dem siegreichen 
Feldherrn, der bald eine zweite folgte. Die wirklichen Verhand- 
lungen begannen erst nach dem Eintreffen von Orlow und Pahlen 
am 2. September. In den meisten Fragen zeigten sich die türkischen 
Delegierten sofort nachgiebig, auch in betreff der Abtretungen auf 



Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 359 

asiatischem Boden erhoben sie keinerlei Einwendungen. Erst als 
die Frage der Kriegsentschädigung zur Verhandlung kam, wurden 
sie hartnäckig. Sie dürften, erklärten sie, trotz ihrer Vollmachten 
der Türkei nicht Verpflichtungen auflegen, die der Sultan unmög- 
lich erfüllen könne. Schließlich baten sie um eine Frist von zehn 
Tagen, um nach Konstantinopel, speziell wegen der Kriegsentschädi- 
gungen, zu schreiben. 

Diebitsch gestand diesen Aufschub zu, erklärte aber mit großer 
Bestimmtheit, daß seine Truppen sofort nach Ablauf der Frist, 
wenn keine oder eine unbefriedigende Antwort einlaufe, sich 
gegen Konstantinopel in Marsch setzen würden und daß dann 
keiner der bisher gemachten Vorschläge weiter Geltung haben sollte. 
Bis dahin aber würde er natürlich seine Operationen fortsetzen, 
jedoch nicht weiter als bis Silivri, das ist bis 70 VS^erst vor Konstan- 
tinopel, vorrücken. Auch unterblieb nun die Absendung der Kuriere 
an Paskiewitsch. Da der türkische Kurier am 5. abreiste, mußte 
die Entscheidung am 13. September fallen. 

Es waren auch für Diebitsch Tage der Spannung und Auf- 
regung. Er erwog die Möglichkeiten, die sich ihm boten. Konnte 
die Pforte in der Tat nicht zahlen, so hätte er am liebsten die 
Donaufürstentümer*) an Zahlungsstatt genommen, und allerdings 
wäre dies ein Opfer gewesen, das die Pforte verschmerzen konnte. 
Man gab in Konstantinopel Moldau und Walachei ohnehin verloren, 
wußte auch sehr wohl, daß durch diesen Gewinn Rußland in 
dauernden Gegensatz zu Österreich geraten werde. Was in Peters- 
burg gegen diese Erwerbung sprach, war das Versprechen des 
Kaisers, in Europa keine Eroberungen zu machen; aber es hätte 
sich immer ein Ausweg finden lassen, darüber hinwegzukommen. 
Wurden die Fürstentümer russisch, so bot sich eine völlig 
neue Lage für Rußland, im Orient wie in Europa. Der Traum, 
den vor bald 900 Jahren Swjatoslaw geträumt hatte, wäre in Er- 
füllung gegangen, und was Alexander I. so heiß ersehnt hatte, 
verwirklicht worden. Aber Diebitsch glaubte selbst nicht daran, 
daß es möglich sein werde, den Kaiser dafür zu gewinnen; sein 
Wort war zu feierlich, zu häufig und zu öffentlich abgegeben 
worden. Nach anderer Richtung hin glaubte Diebitsch freiere 



^) Korrespondenz zwischen Diebitsch und Nesselrode. Er kommt mehr- 
fach auf diesen Gedanken zurück. 



360 Kapitel X. Der Obergang über den Balkan osw. 

Hand zu haben. Schon im Juni hatte der Kaiser ihm gestattet, 
die Bulgaren, wenn es unbemerkt geschehen könne, zu bewaffnen. 
Davon hatte er zunächst abgesehen, aber er war durch Milosch von 
Serbien in Beziehung zum Pascha von Skodra getreten, und eben 
jetzt war ein neuer Brief von Milosch eingelaufen, der ihm meldete, 
daß Albanien und Bosnien nur seines Rufes harrten, um sich gegen 
den Sultan zu wenden. Von den Grenzen Serbiens bis nach 
Philippopel hin werde sich keine Hand für die Rettung Mahmuds 
erheben. Mustafa Pascha von Skodra, der gegen Widdin nur 
zum Schein demonstriert habe, sei, als Diebitsch in Adrianopel 
einzog, mit seinem Heere nach Sofia vorgedrungen, nicht um 
Diebitsch zu bedrohen, sondern um ihm näher zu sein und 
sich mit ihm darüber zu verständigen, ob er in Sophia bleiben 
oder nach Albanien zurückkehren solle. 

Für die Aufrichtigkeit und Zuverlässigkeit des Paschas ver- 
bürgte sich Milosch. Die 2000 Albaner, die in Widdin zurück- 
blieben, seien bestimmt, zu verhindern, daß Ibrahim Pascha diese 
Festung und Orsowa den Österreichern übergebe, wenn Diebitsch 
in Konstantinopel einziehe. Falle der Thron, so wolle Mustafa 
beide Städte (Widdin und Orsowa) den Serben überlassen, dazu 
Nissa und Sofia, und sich selbst zum Beherrscher Albaniens 
machen. Auch wolle er dann dem Zaren tributpflichtig sein '). 

Für Diebitsch waren diese Anerbietungen insofern wichtig, als 
er sich völlig klar darüber war, daß seine Streitkräfte nicht hin- 
reichten, um Konstantinopel zu nehmen. Lehnte aber die Pforte die 
russischen Forderungen ab und mußte er den Frieden erzwingen, 
80 war es für ihn ein Gebot der Selbsterhaltung, auch vor diesem 
Äußersten nicht zurückzuschrecken. Dann allerdings brach die 
Türken herrschaft in Europa zusammen, und der Raum wurde frei 
für all die ehrgeizigen Kombinationen, die bereits an diese t-eils 
gefürchtete, teils ersehnte Katastrophe sowohl von Rußland wie 
von anderen Mächten geknüpft wurden. 

So weit aber sollte es nicht kommen. Zwei Tage vor Ablauf 
der Frist erhielt Diebitsch ein vom 9. September datiertes Schreiben 
der Botschafter von England und Frankreich'). Es war die fast 



') Petersburg, Archiv d. M. d. A. 13053. Der Brief von Milosch datiert 
vom 20. August r. St. und ist russisch geschrieben. 

^ In deutscher Obersetzung veröffentlicht von Rosen: Geschichte der 
Türkei I, 114. Der französische Text in der Anlage. 



Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 361 

fleheode Bitte, nicht gegen Eonstantinopel zu marschieren, da sonst, 
wie die Pforte ihnen offiziell erklärt habe, and wie sie bestätigen 
müßten, das türkische Reich aufhören werde, zu existieren. Nun 
ließ sich annehmen, daß die türkischen Bevollmächtigten auf 
jede Forderung eingehen würden, die Diebitsch stellte. Seine 
Kampagne, die politische wie die militärische, war damit wirklich 
gewonnen. 

„Ich bin glücklich, Herr Graf," schrieb Diebitsch dem Vize- 
kanzler, „daß ich durch die Festigkeit meiner ersten Antwort den 
Herren Botschaftern gezeigt habe, daß sie über eine unwiderruflich 
gesetzte Grenze nicht hinausgehen dürfen, und daß sie dadurch in 
die Notwendigkeit versetzt worden sind, selbst als Bittende zu er- 
scheinen, um von der Güte unseres erhabenen Herrn Gnade und 
Kettung für das Osmanische Reich zu erflehen. Dies, Herr Graf, 
ist in meinen Augen die größte und wichtigste Errungenschaft 
dieser Kampagne, und für mein Herz die schönste und glorreichste 
Belohnung.'' ') 

Diebitschs Haltung in den Tagen, die bis zum 9. September hin- 
gegangen waren, hatte wesentlich dazu beigetragen, den Botschaftern 
die Vorstellung zu erwecken, daß er in der Tat entschlossen sei, 
im Fall der Ablehnung seiner Forderungen gegen Konstantinopel 
vorzugehen. Fahlen war beauftragt worden, Wisa und Sarai zu 
besetzen, die von den türkischen Truppen geräumt waren, General 
Sievers war mit 1000 Mann Kavallerie und vier Kanonen nach 
Enos geschickt worden, um durch Einnahme der Stadt die Ver- 
bindung der Armee mit der Mittelmeerflotte zu sichern. Auch 
Ipsala und Lule-Burgas sollten besetzt und die Kosaken gegen 
Tschurla vorgeschickt werden. Krassowski endlich führte, mit 
größerer Energie als bisher, den Bau der Redouten und Trancheen 
fort, die sich immer mehr den Befestigungen von Schumla näherten. 

»Je m'estime heureux, M. le comte, qiie la fermete de ma premiere 
reponse aux Ambassadeur^, ait pu leur montrer comme tracee d'one mani^re 
irnWocable la ligne de reserve sur laquelle ils devaient se tenir, et que ce 
laogage les ait mis dans la necessitö de se präsenter eux-memes en suppliants 
aün d'implorer de la clemence de notre Auguste Maitre la gräce et le salut 
de PEmpirc Ottoman. Ce r^sultat, M. le comte, est a mes yeux le plus grand, 
le plus precieux de la campagne actuelle; il est pour mon coeur la plus belle 
et la plus glorieuse des recompenses.** 

Im gleichen Sinne schrieb Diebitsch dem Kaiser. Altes und neues Ruß- 
land 1. 1. S. 555. 



362 Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 

Man mußte anoehmen, daß er im Begriff sei, einen Sturm auf die 
Festung zu unternehmen. Als dann die Türken in der Nacht vom 
5. auf den 6. September einen Ausfall machten, wurden sie zwar 
zurückgeschlagen, aber die Russen, die bei der Verfolgung zu weit 
vorgedrungen waren, erlitten gleichfalls so empfindliche Verluste, 
daß die Türken bald danach einen zweiten Ausfall wagten, der 
diesmal für sie sehr unglücklich auslief, aber noch keine Entschei- 
dung brachte. 

Das alles hatte eine weitere- Spannung der Lage zur Folge, 
die in Konstantinopel zu beschleunigtem Abschluß drängen mußte. 
Es kam hinzu, daß Müffling, der seit dem Eintreffen der türkischen 
Bevollmächtigten in Adrianopel seine Mission als beendigt ansah 
und am 3. September seine Abschiedsaudienz beim Sultan gehabt 
hatte, Konstantinopel verließ, nachdem er kurz vorher noch ärger- 
liche Verhandlungen mit den Engländern gehabt hatte, die darüber 
erbittert waren, daß er mit Nachdruck die russische Forderung 
einer Kriegsentschädigung befürwortete. Damit dem Sultan, den 
diese Forderung meist schreckte, ein Schimmer von Hoffnung bleibe, 
war dann vom Reis-Efendi beantragt worden^), eine besondere 
Gesandtschaft nach Petersburg zu schicken, um dadurch eine Herab- 
setzung der geforderten Summen zu erreichen. Der Sultan ging 
sofort auf den Gedanken ein, aber die Krisis dauerte noch bis zum 
9. September, und die Entscheidung fiel zugunsten rückhaltsloser 
Annahme der russischen Forderungen, wahrscheinlich') infolge 
neuer Unruhen in Konstantinopel. Royer, der jetzt zugleich als 
Vertrauensmann Rußlands wie der Türkei in den Vordergrund tritt, 
traf mit den türkischen Bevollmächtigten in Adrianopel ein. Die 
Verhandlungen wurden nun sofort aufgenommen und führten am 
Abend des 14. September zu glücklichem Abschluß. 

„Der Friede von Adrianopel" — schrieb Diebitsch dem Kriegs- 
minister Tschernyschew — „ist heute unterzeichnet worden, siebzehn 

^) So sagt ausdrücklich Müfflings geheimer 'Bericht vom 5. September 
1829. In Petersburg glaubte man, daß Müffling selbst den Gedanken angeregt 
habe, und war keineswegs erbaut davon. Auch ist dieser Verdacht wohl nicht 
unbegründet, da Royer in einem Schreiben an Diebitsch vom 24. September 
▼on dem „conseil du general Müffling relatif ä Tambassade ^ envoyer ä Votre 
Auguste Maitre' spricht. Petersburg, W. U. A. Nr. 5330. 

^) Schreiben Müfflings an den Grafen Bernstorif d. d. Spezzia, den 
9. Oktober 1829. Am 8. September sei in Konstantinopel der große Alarm 
erfolgt, der vorauszusehen gewesen. Berlin, A. A. I G. St Russie I, Nr. 44. 



Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 363 

Jahre nach dem Einzüge der Franzosen in Moskau, und fünf Monate 
nach Aufbruch des Hauptquartiers der zweiten Armee aus Jassy. 
Das Maximum der Bedingungen, die mir als Grundlage für die 
Friedensverhandlungen mitgegeben wurden, ist das Resultat, und 
gewiß wird ganz Europa darin ein Übermaß der Großmut unseres 
geliebten Herrn erkennen. Denn nichts hätte seine siegreichen 
Armeen verhindern können, sich Eonstantinopels und des Bosporus 
.zu bemächtigen. Die Pforte aber hat durch den Mund der fremden 
Botschafter zugestanden, daß sie aufhören würde zu existieren, 
wenn wir unseren Marsch fortsetzten. Die Einzelheiten finden 
Sie in meinen Berichten an den Kaiser und an Nesselrode, es ist 
mir unmöglich, heute mehr zu schreiben. Die Preußen haben 
als wahre und treue Freunde an uns gehandelt. Sie werden 
verstehen, wie glücklich mich das macht. ^ 

Mit der denkwürdigen Urkunde des Friedensinstruments schickte 
Diebitsch den Flugeladjutanten Tschewkin nach Petersburg, wo er 
am 23. September eintraf. 

Der Kaiser empfing die Nachricht vom Friedensschluß mit 
aller denkbaren Freude. Er ließ sogleich die Kaiserin rufen, die 
mit dem Thronfolger, den jungen Großfürstinnen und sogar mit 
dem kleinen Großfürsten Konstantin eiligen Schrittes herbeikam. 
Es folgte eine Szene schwer zu beschreibender gegenseitiger Beglück- 
wünschungen, Liebkosungen und allseitigen Entzückens. Danach 
erst vertiefte sich der Kaiser in das Studium des Friedensinstruments. 
Es waren drei an demselben Tage unterzeichnete Verträge^), die 
der Ratifikation des Kaisers und des Sultans harrten, von denen 
der zweite und dritte als actes separes bezeichnet waren. 

Der erste, der die spezifisch russischen Interessen regelte, be- 
stand aus 15 Artikeln. 

Artikel 1 bestimmte, daß für ewige Zeiten zwischen dem 
Kaiser und Padischah aller Reußen und dem Kaiser und Padischah 
der Osmanen, ihren Nachfolgern und Staaten Friede und Freund- 
schaft bestehen und der gegenwärtige Vertrag gehalten und weder 
direkt noch indirekt verletzt werden solle. Artikel 2 gab den 
Türken alle Eroberungen wieder zurück, die Rußland auf türkischem 

') Gedruckt bei Naradoungbian 1. 1. 11, Nr. 53 und 54. Die dort fehlende 
Konvention über die Entschädigungen bei Sturdza, Acte si Documente I, 
Nr. 64, und bei Prokesch Osten VI, 116 ff. Die russischen Texte bei Jusefo- 
witsch: Verträge Rußlands mit dem Orient. 



364 Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 

Bodeo gemacht hatte: die Fürstentümer Moldau und Walachei und 
das Banat Krajowa, ohae jede Mindernng, Bulgarien und das Land 
Dobrudscha von der Donau zum Meer, dazu die Städte Silistria, 
Hirsowo, Matschin, Isaktschi, Tultscha, Babadagh, Bazardschik, 
Varna, Pravody') und die anderen Städte, Ortschaften und Siede- 
lungen des Landes, das ganze Gebiet am Kamm des Balkan, \'on 
Emine-Burnu bis Kasan und vom Balkan zum Meer, dazu Selimno, 
Jamboli, Aidos, Karnabat, Misimbria, Achiolos, Burgas, Sisepol,« 
Kirkilissa, Adrianopel, Lule-Burgas, sowie alles, was die russischen 
Truppen in Rumelien besetzt hatten. 

Artikel 3 konstatierte, daß der Pruth von der Stelle aus, wo 
er die Moldau berühre, bis zu seiner Mündung in die Donau der 
Grenzfluß beider Reiche bleiben solle. Diese Grenze führte weiter 
zum St.-Georgs-Arm der Donau '), wobei alle links davon liegenden 
Inseln des Donaudeltas zu Rußland gehören, aber soweit sie 
zwischen der Sulina- und der St.-Georgs-Mündung lagen, zwei Meilen 
Wegs vom Ufer unbesiedelt bleiben sollten, auch keinerlei Anlagen 
und Befestigungen, mit Ausnahme der Quarantänegebäude, errichtet 
werden durften. Die Schiffahrt auf der Donau wurde beiden Teilen 
freigegeben, doch sollten russische Kriegsschiffe nicht über die 
Pruthmündung hinausdringen. 

Artikel 4 zog die Grenze der asiatischen Besitzungen beider 
Mächte so, daß sie von der alten Grenze Gurions am Schwarzen 
Meer bis zur Grenze von Imeretien und von da in möglichst gerader 
Linie bis zu dem Punkt führen sollte, wo die Grenzen der Paschaliks 
Achalzych und Kars an Grusien stoßen, und zwar so, daß die Stadt 
Achalzych und die Festung Achalkalaki nicht mehr als zwei Stunden 
nördlich von dieser Linie bleiben. 

Alles Land südlich und westlich von dieser Grenzlinie in der 
Richtung zu den Paschaliks Kars und Trapezunt mit dem größten 
Teil des Paschaliks Trapezunt bleibt für ewige Zeiten bei der 
Hohen Pforte; was aber nördlich und östlich davon gegen Grusien, 



1) Sie waren, wie schon Napoleon zu tun pflegte, wohl ausdrücklich her- 
gezählt worden, um die Großmut Rußlands recht nachdrücklich zu betonen. 

*) Das war ein Gewinn. Der Friede von Bukarest hatte die Kiliamündung 
als Grenze bestimmt. Vgl. Bd. I S. 278. Durch die Sulinamündung aber ging 
der eigentliche Verkehr, der jetzt unter russischer Kontrolle stand, was 
namentlich in Osterreich schmerzlich empfunden wurde. Schreiben des Inter- 
nuntius an Metternich d. d. 25. September 1829. Prokesch - Osten VI. 147. 



Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 3GÖ 

Imeretien uud Gurien liegt, dazu das gaoze Ufer des Schwarzen 
Meeres von der Mündung des Kuban bis zum Posten St. Nikolai 
inkl. soll zu ewigem Besitz Rußland gehören. Rußland gibt danach 
der Pforte den übrigen Teil der Paschaliks Achalzych, Kars, Bajasid 
und Erzerum zurück, nebst den gleichnamigen Paschaliks 
und dem, was Rußland außerhalb der ihm zugefallenen Zone be- 
setzt hat. 

Artikel ö sichert den Fürstentumern Moldau und Walachei 
alle ihre Privilegien und Freiheiten. In betreff Serbiens bestimmt 
Artikel 6, daß die Pforte die zu Akkerman übernommenen Ver- 
pflichtungen ohne Zeitverlust ausführen und namentlich den Serben 
die ihnen 1813 entrissenen sechs Bezirke wiedergeben werde. 

Es folgte ein sehr ausführlich gehaltener Artikel 7 '), der dem 
russischen Handel die weiteste Freiheit auf türkischem Boden, die 
Durchfahrt durch Bosporus und Dardanellen und die unbehinderte 
Fahrt durch das Schwarze Meer sicherte. Die Meerengen wurden 
gleichzeitig allen Mächten erschlossen, mit denen die Pforte nicht 
im Kriege lag. 

Die Entschädigung für die Verluste, die der russische Handel 
seit 1806 und namentlich während des letzten Krieges erlitten 
hatte, wurde durch Artikel 8 auf IV, Millionen holländischer 
Dukaten festgestellt, und sollte in bestimmten Fristen im Lauf von 
18 Monaten befriedigt werden. 

In Artikel 9 erkennt die Pforte an, daß sie eine den großen 
Ausgaben Rußlands entsprechende Kriegsentschädigung zu zahlen 
habe, wogegen Rußland sich bereit zeigt, die geringe Landabtretung 
in Asien mit in Anrechnung zu bringen. Was die Türkei außer- 
dem zu zahlen habe, wird gegenseitiger Vereinbarung vorbehalten. 

Artikel 10 brachte die Regelung der griechischen Frage. Die 
Pforte verpflichtete sich, dem Londoner Vertrag vom 6. Juli 1827 
und dem Protokoll vom 22. März 1829 beizutreten. Sie wird un* 
mittelbar nach Ratifikation des Vertrages Bevollmächtigte ernennen, 
um mit den Bevollmächtigten von Rußland, England und Frank- 
reich sich über die Ausführung der durch Vertrag und Protokoll 
gefaßten Beschlüsse zu verständigen. 

') „celui de tous qui renferme le plus de matiere ä des chicanes et des 
discussioQS*' Otteufels 1. I. Daß die Rechte der Großmächte ohne ihr Zutun 
durch diesen Artikel erweitert wurden, empfand man in Östereich wie eine 
Beleidigung. Prokesch Osten VI. 149. 



36G Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 

Die folgenden Artikel 11 bis 14 betrafen die alimähliche 
Räumung der Türkei und vereinbarten eine Amnestie, sowie Frei- 
heit der Auswanderung für die beiderseitigen Untertanen. 

Endlich wurden alle früheren russisch-türkischen Verträge im 
Schlußartikel (15) ausdrücklich bestätigt. 

Von den beiden Nebenverträgen ordnete der erste die Ver- 
hältnisse von Moldau und Walachei. Das Wesentlichste war, ab- 
gesehen von der in den Hauptvertrag aufgenommenen Bestätigung 
der früheren Verträge, die Ernennung der Hospodare auf Lebens- 
zeit und die Bestimmung, daß allen Mohammedanern der Aufenthalt 
in beiden Fürstentümern endgültig untersagt wurde *), endlich daß 
alle Befestigungen auf dem linken Donauufer geschleift und niemals 
wieder hergestellt werden sollten. Der zweite Separatvertrag 
ordnete die Räumung Giurgewos und die Schleifung seiner Festungs- 
werke an und gab die Bestimmungen über den Abmarsch der 
türkischen Truppen an. Danach wurde genau fixiert, in welcher 
Weise die Zahlung der Entschädigungssumme von 1 500000 hollän- 
dischen Dukaten erfolgen solle. Die auf Wunsch der Türken in 
den Hauptvertrag nicht aufgenommene Höhe der Kriegsentschädigung 
wurde auf 10 Millionen holländische Dukaten festgesetzt, wobei 
ausdrücklich bemerkt wurde, daß in betreff des Zahlungsmodus 
die Pforte an die Großmut und Hochherzigkeit des Kaisers appelliere. 
Auch sei vereinbart worden, daß, um die Schwierigkeit der Zahlung 
in Gold zu erleichtern, Rußland sich bereit finden werde, Kompen- 
sationen in natura anzunehmen, die dann von der Hauptsnmme in 
Abzug gebracht werden könnten. Der Schlußartikel gab die genauen 
Bedingungen an, nach welchen die russischen Truppen das türkische 
Territorium in Europa und Asien räumen sollten. 

Der Kaiser ist mit diesen von ihm sofort in der Hauptsache 
als Definitivum anerkannten Verträgen überaus zufrieden gewesen. 
Das Wesentliche war ihm die Beendigung des Krieges, dessen Er- 
gebnisse doch weit über das hinausgingen, was ihm noch vor 
wenigen Monaten bestenfalls erreichbar schien. Später freilich 
waren seine Wünsche weiter gegangen. Aber die in Aussicht ge- 

') „II est invariablement arrete que .... dans la grande et petite Valacbie 
comme aussi en Moldavie, aucun Mohametan ne pourra jamais avoir son domicile." 
Wie Rußland diese Zugeständnisse benutzte, um eine völlige Neuordnung der 
inneren Verhältnisse der Fürstentümer herbeizuführen, zeigt die Biographie 
Kisselews ßd. I. 



Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 367 

nommenen KompeosatioDen schienen doch noch die Möglichkeit zu 
einem weiteren Landerwerb auf asiatischem Boden zu bieten, wobei 
er an Batum und Kars dachte'). Alles übrige entsprach seinen 
Wünschen. Der Gedanke, den Zusammenbruch der Türkei herbei- 
zuführen, war endgiltig von ihm aufgegeben worden. Er hatte in 
den Tagen, die der Entscheidung unmittelbar vorausgingen, ein 
Komitee eingesetzt, das über die wichtige Frage entscheiden sollte, 
ob die Erhaltung oder der Zusammenbruch der Türkei für Rußland 
vorteilhafter sei. Der Graf Kotschubej, Fürst Alexander Golitzyn, 
Graf Peter Tolstoi, also die Männer, denen der Kaiser während 
seiner Abwesenheit die Reichs Verwaltung übertragen hatte, dazu 
Nesselrode, Dmitri W. Daschkow und Tschernyschew, der Kriegs- 
minister, die Quintessenz des Reichsrats '), waren unter Vorsitz des 
Kaisers am 16. September zusammengetreten, um ihm ihre Meinung 
vorzutragen. Nesselrode und Daschkow verlasen Denkschriften, die 
sie verfaßt hatten und die den Nachweis erbrachten, daß die Er- 
haltung des Osmanischen Reiches für Rußland vorteilhafter sei, 
als ein Zusammenbruch, dessen Folgen unberechenbare Verwicke- 
lungen und Schwierigkeiten bringen könnten'), wenn auch im 
Augenblick der Schein eines glorreichen Erfolges sich damit ver- 
binde und alle Kabinette zunächst überrascht seien. Dieser An- 
schauung schloß sich das Komitee einmütig an, und auch der 
Kaiser machte sie sich zu eigen. Aber die Sitzungen des Komitees 
dauerten noch fort, als die Nachricht vom Abschluß des Friedens 
eintraf; man hatte bis zum letzten Augenblick das Eintreten einer 
Katastrophe für möglich gehalten und sich mit der Frage be- 
schäftigt, was dann geschehen solle ^). Um so größer war der 
Jubel über den Frieden und nicht minder über die politische 
Niederlage Englands, Frankreichs und Österreichs. Nesselrode war 
namentlich glücklich darüber, daß die letzte Entscheidung in der 

„ezigez absolument d'abord Batoum, et meme Kars si cela est possible.^ 
Nicolai an Diebitsch. Alexandria 12./24. September 1829. 

') So charakterisiert Nesselrode in einem Brief an Diebitsch das Komitee. 

^) «plus on medite Timmense question de la chute de TEmpire Ottoman, 
plus on s'enfonce dans un labyrinthe de difficultes et de complications ....** 
Nesselrode an Diebitsch 7./19. September 1829. 

*) Die Protokolle des Komitees sind mir nicht zugänglich gewesen. Be- 
kannt geworden sind zwei Briefe vom 7./19. September, in denen Nesselrode 
und Tschernyschew Diebitsch in Kurze über den Verlauf der ersten Sitzung 
unterrichten. Gedruckt bei Schilder Nikolai Bd. II. S. 548 und 549. 



368 Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 

griechischeD Grenzfrage nun doch Rußland gedankt werden 
mußte ^). Der reellste Vorteil aber lag darin, daß der Artikel, der 
dem russischen Handel die ganze Türkei erschloß, in der Tat das 
Maximum der russischen Erwartungen erfüllte. Damit, meinte der 
Vizekanzler, würden sich die Kriegskosten zehnfach bezahlt machen, 
auch freute er sich, daß die Öffnung der Dardanellen für die Fahr- 
zeuge alier Nationen den Schein uneigennütziger Großmut trug, 
während sie in Wirklichkeit einen ungeheuren Vorteil für den 
russischen Exporthandel bedeutete. Aber auf diesen Schein kam 
es dem Kaiser sehr wesentlich an. Er wurde nach allen Seiten 
hin gewahrt und stellte die russische Politik um so mehr in ein 
glänzendes Licht, als sich nicht verkennen ließ, daß die Politik 
der Verbündeten vom 6. Juli unsicher, schwankend und von Eifer- 
sucht bestimmt gewesen war'). Von dem diplomatischen Spiel 
zwischen den Kulissen ahnte die Welt nichts. Daß Paskiewitsch 
heimlich die Janitscharen unterstützt und den Armeniern Ver- 
heißungen gemacht hatte, die er nicht halten konnte und nicht 
halten wollte, daß Diebitsch die Bulgaren bewaffnete und durch 
Milosch von Serbien mit dem Pascha von Skodra über dessen Ab- 
fall von der Türkei in Verhandlung getreten war, blieb glücklich 
verborgen und ebenso die ungeheure Gefahr, in der 3ich Diebitsch 
während seines Aufenthalts in Adrianopel befunden hatte. Was 
die W^elt sah, war, daß die halbe Türkei dem Sultan großmütig 
zurückgegeben wurde, daß Rußland der Versuchung widerstand 
den Sultan zu stürzen, und daß es in der Tat, wie der 
Kaiser versprochen hatte, in der europäischen Türkei keine Er- 

1) ,,]e fameux article X, pour lequel .... je vous baise les pieds et les 
mains, malgre ce que pourront en dire les Gordou et les Wellington.'^ 
Nesselrode an Diebitsch 23. September st v. W. U. A. 5329. Schon in Porös 
hatte Ribeaupierre, sehr gegen Wellingtons Absichten, Stratford Canning be- 
wogen, auf die Grenze Arta-Volo einzugehen, aber bei der Abneigung des 
englischen Kabinetts gegen ein lebensfähiges Griechenland war es zweifelhaft, 
ob die Stipulationen von Porös Wirklichkeit werden wurden. Jetzt, da die 
Pforte sie als einen integrierenden Teil des Friedens von Adrianopel anerkannt 
hatte, ließ sich nicht mehr daran rütteln. So schien es wenigstens. 

') „Que la politique de nos allies est mesquine au milieu de ces grands 
4venementsl Gordon et Guilleminot qui se contentent d^une promesse si 
vague quand ils pouvaient tout obtenir et tout finir. Mais c'est 
eucore Dieu qui a voulu que leur pauvre Jalousie fut confondue et que la 
Grece düt son salut exciusivement ä un Empereur de Russie.'' Nesselrode 
an Diebitsch 12./24. September 1. 1. 



Kapitel X. Der Obergang Aber den Balkan usw. 369 

oberungen machte. Yod den meDSchenleeren Inseln an den 
Donaumündungen, die niemanden zu interessieren schienen, die aber 
doch die ganze Mundung des größten europäischen Stromes in 
russische Hände spielten, ist vor der Öffentlichkeit weiter keine 
Rede gewesen. 

Mit der Unterzeichnung des Friedenstraktats waren freilich 
noch keineswegs alle Schwierigkeiten beseitigt. Vielmehr hat 
Diebitsch noch bis zum Schluß des Jahras unter überaus schwierigen 
politischen und militärischen Verhältnissen alle Hilfsmittel seines 
zugleich geschmeidigen und energischen Geistes daransetzen müssen, 
um die Ausführung der Bestimmungen des Friedens von Adrianopel 
von der Pforte zu erlangen. Diese Schwierigkeiten kamen von 
verschiedenen Seiten. 

Zunächst mußte geraume Zeit vergehen, ehe die im Felde und 
in den Festungen liegenden Paschas vom Abschluß des Friedens 
Nachricht erhalten konnten. Das aber war um so peinlicher, als 
die russischen Truppen, sofern sie nicht um Adrianopel konzentriert 
waren, meist in schwachen Abteilungen im Lande verstreut lagen 
So ist, um ein Beispiel anzuführen, Ali Pascha, der mit 8000 
Mann und 1500 Reitern bei Silivri stand, nur durch das Eingreifen 
des preußischen Gesandtschaftssekretärs ßrassier verhindert worden, 
über die wenigen hundert Kosaken herzufallen, die bei Tschorln 
standen '). 

Dazu war ganz Konstantinopel voller Gerächte in Folge der 
schließlich eingetroffenen Nachricht über die ersten türkischen Erfolge 
vor Schumla. Auch wußte Diebitsch durch Royer, daß die Bot- 
schafter von England' und Frankreich für den Fall, daß der Friede 
im letzten Augenblick noch scheiterte, ihre Flotten nach Konstanti- 
nopel rufen wollten. Die Marineoffiziere, welche den Admiralen 
die Befehle überbringen sollten, warteten bereits in Pera auf Ordre. 
Wurden diese Schwierigkeiten, nachdem die Nachricht vom Abschluß 
des Friedens bekannt geworden war, rasch beseitigt, so brachte 
der Entschluß des Sultans Halil Pascha, den Adoptivsohn seines 
Günstlings, des Seraskiers Chosrew Pascha, in außerordentlicher 

^) Brassier war von Royer mit der Meldung nach Konstantinopel geschickt 
worden, daß der Friede eben unterzeichnet sei, und hatte seineu Weg über 
Silivri genommen. Er fand den Pascha im Begriff aufzubrechen und brachte 
ihn nur dadurch von diesem Entschluß ab, daß er ihm sagte, der Friede 
würde in allernächster Zeit unterzeichnet sein. 

Schiemann, Geschichte Rußlands. IL 24 



370 Kapitel X. Der Cbergang über den Balkan usw. 

Gesandtschaft, wie der Reis-Efendi und Müffling geraten hatten, 
nach Petersburg zu senden, neue Verlegenheiten. Dem Sultan war 
von allen Seiten her so dringend vorgestellt worden, daß er sein 
Heil nur in der Gnade des Kaisers finden könne, daß ihm die Ent- 
sendung Halils den rettenden Ausweg zu bieten schien, um der 
unerschwinglichen Forderung der Kriegsentschädigung zu entgehen, 
zu der er sich hatte bekennen müssen, an deren Aufbringung aber 
sowohl er, wie seine Staatsmänner verzweifelten. Er rechnete mit 
Bestimmtheit darauf, daß der Zar sie erheblich ermäßigen, vielleicht 
sogar zum größten Teil erlassen werde, und war daher auf das 
äußerste bestürzt, als ihm Diebitsch durch Royer, der auch in 
dieser heikelen Angelegeoheit die Vermittelung übernahm, von der 
Entsendung Halils abraten ließ. Dem Kaiser sowohl wie Nessel- 
rode war der neu angekündigte Besuch nicht genehm. Abgesehen 
von den großen Ausgaben, welche notwendig mit dem Empfang 
eines Abgesandten des Sultans ^) verbunden waren, war der moralische 
Druck unbequem, den ein so ofienkundiges Anrufen der Großmut 
des Kaisers in sich schloß. Man hätte es vorgezogen, die ganze 
lästige Angelegenheit in Konstantinopel zu erledigen. Der General- 
adjutant Graf Orlow, der als außerordentlicher Gesandter nach 
Konstantinopel geschickt wurde, um die Pforte davon zu überzeugen, 
daß ihr Heil im engsten Anschluß an Rußland liege, sollte auch 
diejenigen Ermäßigungen der Bedingungen des Friedenstraktats 
überbringen, die der „Großmut^ des Kaisers mit den Interessen 
Rußlands vereinbar schienen. Er war bereit, die Räumung der 
Donaufürstentümer schon nach 18 Monaten zu vollziehen und sich 
mit der Besetzung von Silistria, Kars und Satunowo als Garantien 
für die Erfüllung der Friedensbedingungen zufrieden zu geben. 
Nach zwei Jahren könne der Tribut der Donaufurstentümer, auf 
den die Pforte für diesen Zeitraum hatte verzichten müssen, direkt 
an Rußland entrichtet und von der Summe der Kriegsentschädigung 
in Abzug gebracht werden. Außerdem wollte der Kaiser zwei 
Millionen Dukaten ganz erlassen und für weitere zwei Millionen 
Batum, vier Linienschiffe und vier Fregatten entgegennehmen. 
Der Rest von sechs Millionen Dukaten sollte in sechs Jahres- 



^) Es war das erstemal, daß ein Sultan sich dazu bequemte, Abgesandte 
an einen auswärtigen Herrscher zu schicken. Mahmud hatte die Vorstellung, 
damit dem Zaren eine ganz ungewöhnliche Ehrung zu erweisen. 




Kapitel X. Der Obergang über den Balkan usw. 371 

terminen vom 1. April 1832 ab entrichtet werden^). Diese der 
Pforte noch nicht bekannten Zugeständnisse gewährten weit weniger, 
als sie zn erlangen hoffte, und das Bemühen Diebitschs, die Sendung 
Haliis') zu verhindern oder doch aufzuschieben, bis sie durch das 
Eintreffen Orlows unnötig geworden sein werde, steigerte das immer 
noch lebendige Mißtrauen des Sultans. Er zögerte mit der Rati- 
fikation, und es bedurfte eines erneuten starken Druckes von 
Diebitsch, um die Unterschrift Mahmuds zu erlangen. In der Nacht 
vom 26./27. September wurde die Reinschrift der Ratifikations- 
urkunde fertiggestellt und diese Tatsache am 27. vom Reis-Efendi 
den fremden Botschaftern mündlich und Royer schriftlich mitgeteilt. 
Gleich danach gingen zwei russische Offiziere auf verschiedenen 
Wegen mit Briefen von Royer an Paskiewitsch ab, um auch in 
Asien die Einstellung der Feindseligkeiten zu veranlassen. 

Zwei Tage vorher, am 25. September, hatte jedoch der Reis-Efendi 
den Botschaftern von England und Frankreich eine Note übergeben, 
die nicht anders als ein Protest gegen den Frieden von Adria- 
nopel betrachtet werden konnte. Sie wurde von den Botschaftern 
zunächst geheim gehalten, aber sie hatten die Note doch ange- 
nommen und übersandten sie später der Londoner Konferenz. Dort 
ist sie unter den inzwischen veränderten Verhältnissen als non 
avenue betrachtet, das heißt ignoriert worden. Aber es kann nicht 
zweifelhaft sein '), daß die von der Pforte entwickelten Anschau- 
ungen denen der beiden Kabinette entsprachen. Der Schwerpunkt 
des Protestes fiel dahin, daß, während das Protokoll von Porös in 
betreff der Grenzen Griechenlands Bestimmungen getroffen hatte, 
die noch immer Verhandlungen unterzogen werden konnten, der 
Friede von Adrianopel ein Definitivum schuf, durch welches 
die Interessen der Pforte wie der Mächte auf das schwerste ge- 
schädigt würden. Ebenso standen alle Sympathien des Internunzius 
auf Seiten der Pforte. Die bittere Kritik, der er, ebenfalls am 
25. September, die Friedensbedingungen unterzog, läßt erkennen. 



Nesselrode an Diebitsch. Petersburg, den 23. September 1829. W. 
U. A. 5329. „Teiles sont ä peu pr^s les idees de l'Empereur^. 

>) Die Instruktion Halil Paschas mit den später an ihr vorgenommenen 
Änderungen, bei Prokesch-Osten I. 1. VI. S. 154 ff. 

3) Ottenfels an Metternich. Prokescb -Osten 1. 1. 150. „II semblerait que 

«et Article (X) ne saurait etre considere comme obligatoire pour les deux Cours 

alliees." 

24» 



372 Kapitel X. Der Obergang über den BalkaD usw. 

in welchem Sinne er die Pforte beraten hat und wie sehr Österreich 
die Niederlage der Türkei als eigene Niederlage empfand^). Dem- 
gegenüber war die Hilfe Preußens für Diebitsch von unschätzbarem 
Wert, und es ist wohl nicht zu viel gesagt, wenn wir Royer ein 
Hauptverdienst an der für Rußland günstigen Wendung zuschreiben, 
welche die lange Reihe der schwierigen Verhandlungen nahm, die 
sich bis Anfang Dezember hinzogen. Erst danach sind die russisch- 
türkischen Beziehungen von Regierung zu Regierung durch den 
Generaladjutanten Orlow ohne fremde Yermittelung in normale 
Bahnen geleitet worden. 

Eine weitere sehr ernste Schwierigkeit bereitete das Ver- 
halten des Paschas von Skodra den Russen. Schon vor der 
Ratifikation des Friedensinstrumentes hatte Diebitsch sichere Nach- 
richt erhalten, daß der Albaner öffentlich angekündigt habe, er 
werde seine Winterquartiere in Adrianopel nehmen, und dieser 
Entschluß schien um so verdächtiger, als Diebitsch sich sagen 
konnte, daß Mustafa sich durch den Abschluß des Friedens 
tief enttäuscht fühlen mußte. Die durch Milosch von Serbien 
geführten Verhandlungen hatten ihn im Glauben bestärkt, daß er 
in den Russen geheime Verbündete habe, und daß seine ehrgeizigen 
Pläne nicht in Widerspruch mit ihren Interessen ständen. Durch 
sein Verhalten vor Widdin war er in den Augen des Sultans 
kompromittiert, und da er sich von Diebitsch im Stich gelassen 
sah, bot sich ihm die Möglichkeit, ein großes Verdienst um die 
Pforte zu erwerben, wenn er mit seinem intakten Heer den Russen, 
über deren Schwäche er wahrscheinlich orientiert war, in den 
Rücken fiel'), und so eine Entscheidung zugunsten des Islam 
herbeiführte, die, wenn der Erfolg für ihn sprach, mit einem 
Schlage alles gut gemacht hätte, was bisher an Ruhm und Ansehen 
verloren gegangen war. Reichte der Sultan ihm die Hand, so war 



*) Ottenfels an Metternicb 1. 1. 146 — 154. „Dire que ce Traite est le 
plus dur, le plus humiliant qui ait jamais ete dicte par le vainqueur a ud eonemi 
faible, est une verite qui saute aux yeux k la premiere lecture de ce document . . . 
La Russie peut trouver dans ce Traite tout ce qu'elle veut qu'il y soit; si la 
destruction de la Porte entre dans ses vues, eile s^en est assure les preteztes 
et les moyens.** Hieran schließt sich die bittere Kritik der einzelnen 
Artikel. 

^ Vgl. die gut orientierte knappe Darstellung dieser Episode in Rosens 
Geschichte der Türkei S. 120. 



Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 373 

der Anschlag keineswegs aussichtslos und im Fall des Erfolges 
auch nicht undenkbar, daß dem Sieger der Thron Mahmuds 
zufiel. Denn es war bekannt, daß Mustafa und seine Albaner 
Anhänger des Alten waren, sie mußten in den immer noch zahl- 
reichen Janitscharen der Hauptstadt Freunde und Helfer finden. 
Das aber gerade gab Diebitsch einen Ausgangspunkt, um auf den 
Sultan einzuwirken. £r ließ durch Pablen und Orlow zwei Noten 
an die Pforte richten, durch welche der Sultan in gebietendem Ton 
aufgefordert wurde, dem Pascha von Skodra ein weiteres Vor- 
rücken zu untersagen, widrigenfalls Diebitsch seine militärischen 
Operationen sofort wieder aufnehmen und den Frieden von Adria- 
nopel als von der Türkei gebrochen und deshalb als unverbindlich 
ansehen werde. Zugleich verlangte er umgehenden Austausch der 
Ratifikationen und die Zahlung der ersten Rate von 100000 Du- 
katen, eine beglaubigte Abschrift des Firmans, der die Über- 
gabe von Giurgewo anordnete, und ebenso eine Abschrift von 
Firman und Hat-i-Scherif, durch welche die Ausführung der für 
Serbien ausbedungenen Vorteile befohlen wurde. Die Kopien beider 
Dokumente mußten vidimiert sein. Geschehe das alles, so werde 
er mit der Räumung des türkischen Gebietes noch vor Ablauf des 
festgesetzten Termines beginnen ^). An Royer aber schrieb Diebitsch, 
daß hinter Mustafa die Janitscharenpartei stecke, die, indem sie 
sich der zweiten Hauptstadt der Türkei zu bemächtigen suche, 
das osmanische Reich zu Fall bringen und die Trümmer unter 
sich verteilen wolle. Er bat ihn zugleich, dieses Schreiben dem 
englischen Botschafter vorzulegen und ihn darauf hinzuweisen, daß 
es jetzt darauf ankomme, hier im barbarischen Orient dieselbe 
revolutionäre Partei zu bekämpfen, die sich in Europa die liberale 
nenne, und in der Türkei und in Indien die gleichen Ziele 
verfolge wie in Rußland und England. Aus dem „dummen Ge- 
schwätz'^ der französischen Zeitungen ließe diese Tendenz sich 
leicht erkennen. Er könne nicht glauben, daß Gordon, der Bruder 
Lord Aberdeens, in den Tagen eines Ministeriums, das der Herzog von 
Wellington leite, nicht als aufrichtiger Royalist die Prinzipien 
teile, in denen Kaiser Nikolaus und Friedrich Wilhelm eines 
Sinnes seien. 



>) Drei Depeschen Diebitschs an Royer vom ^^ ^q^^^^ 1829. W. ü. A. 
5330. Die dritte Depesche ist in der Anlage gedruckt. 



374 Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 

Royer hat dann jenen Brief Diebitschs im Original dem eng- 
lischen Botschafter vorgelegt, auf den Diebitschs Bekenntnis za 
Prinzipien, die mit denen der Torys identisch waren, einen ebenso 
tiefen Eindruck machte wie seine Drohungen. Sir Robert stellte sich 
ganz auf den Boden der russischen oder, wie er glaubte, der allge- 
mein konservativen Interessen und setzte seinen ganzen Einfluß 
daran, um den Reis-Efendi zu gewinnen. Er verhandelte ohne 
Vermittelung eines Dragomans persönlich mit ihm und berichtete 
jedesmal über den Verlauf seiner Verhandlungen an Royer. Die 
Rivalitäten im Orient kamen so zeitweilig zur Ruhe, und Royer 
konnte nach Adrianopel melden, daß sich von Gordon jetzt nur 
Gutes erwarten lasse'). 

Die Folgen zeigten sich sofort. Die beiden Firmans trafen in 
Adrianopel ein, und Diebitsch erhielt die Anzeige, daß 6000 Beutel 
(gleich 100000 Dukaten) bereits abgesandt seien*), um die erste 
Anzahlung, wie der Friedenstraktat es verlangte, zu entrichten. 
Dagegen konnte Diebitsch anzeigen, daß der Kaiser den Vertrag 
gebilligt habe und daß die Ratifikation bald eintreffen werde. 
Gleich nach Austausch der Ratifikationen werde der Generaladjutant 
Alexei Orlow nach Konstantinopel kommen und dort bleiben, bis 
der Botschafter Ribeaüpierre wieder seinen Posten antrete. Im 
übrigen werde er Adrianopel und Kirklissa nicht verlassen, bevor 
er die Anzeige erhalten habe, daß Giurgewo geräumt und in 
russische Hände übergegangen sei. In betreff des Pascha von 
Skodra, der „das lächerliche Gerücht^ von seinem Marsch gegen 
Adrianopel aufrechterhielt, waren Befehle an Geismar und Kisselew 
ergangen, ihm den Weg zu verlegen. 

Geismar hatte am 10. Oktober von den Absichten Mustafas 
erfahren und war sofort aufgebrochen und ihm auf der Straße von 
Wratza nach Sophia gefolgt'). Nach einem beschwerlichen Marsch 

^) Darin täuschte er sich, gleich nach Beseitigung der ^von Mustafa 
drohenden Gefahr trat die feindselige Haltung der englischen Politik wieder 
deutlich zutage. 

^) Sie trafen am 22. Oktober in Adrianopel ein. Petersburg Reicbs- 
rat 690. 

') Auszug aus dem Bericht Geismars in einem Briefe Diebitschs an 
Royer vom 24. Oktober. Hierher gehört auch der Brief Diebitschs an den 
Kaiser vom 15./27. und 16./28. Oktober. R. Starina XXXVII 397. Für die 
Vorgeschichte der Aktion Mustafas Sablotzki-Dessjätowski : Graf Kisselew und 
seine Zeit. Bd. I Kap. XIII. 



Kapitel X. Der Übergang über den Balkan usw. 375 

über den Balkan, bei dem von russischen Truppen zum erstenmal 
der Schipkapaß besetzt wurde, erreichte er am 16. das Defilee von 
Arnaut Kalesi, wo er 1700 Albaner mit drei Geschützen in starker 
Stellung fand« Dreimal forderte er sie vergeblich auf, ihm 
freien Durchmarsch zu gewähren, aber die Albaner wichen nichts 
vielmehr trafen sie Anstalten ihn anzugreifen und begannen die 
Vorposten Geismars zu beschießen; da richtete der General das 
Feuer seiner sechs Geschütze gegen ihre Redouten und ließ den 
Geschützkampf durch die ganze Nacht bis in den Morgen hinein 
fortsetzen, während gleichzeitig ein Teil der russischen Truppen die 
Stellung der Albaner umging, um ihnen in den Rücken zu fallen. 
Diese mit großer Präzision ausgeführte Umgehung brachte dann die 
Entscheidung. Die Albaner wurden durch den unerwarteten Angriff 
im Rücken ihrer Position so überrascht, daß sie unter Zurücklassung 
der Geschütze eilig den Rückzug nach Sophia antraten. Geismar 
verbot seinen Truppen, die Flüchtigen zu verfolgen und ließ sogar 
den Train der Türken unbehindert nach Sophia abziehen. Noch 
großmütiger zeigte sich Diebitsch. Er ließ auch die drei Kanonen den 
Türken zurückgeben, hatte aber Kisselew bis Gobrowa vorgehen 
lassen, von wo aus er Reschid Pascha, der noch immer in 
Schumla lag, und dessen Beziehungen zu Mustafa verdächtig 
schienen, die Zufuhr wesentlich erschweren konnte, und General 
Rüdiger dem Hauptkorps Mustafas entgegengestellt. Da gleichzeitig 
dem Pascha die bündigsten Befehle aus Eonstantinopel zugingen, 
alle Feindseligkeiten zu unterlassen, erklärte jetzt Mustafa, daß es 
niemals seine Absicht gewesen sei, Diebitsch anzugreifen, und daß 
offenbar Mißverständnisse zu falscher Deutung seiner friedlichen 
Absichten geführt haben müßten. 

Damit war diese ganze sorgenvolle Episode erledigt. Die 
Kanonen Geismars haben die letzten Schüsse im russisch-türkischen 
Kriege abgegeben. Acht Tage vorher war von Paskiewitsch, fast 
einen Monat nach Unterzeichnung des Friedens, ein türkisches 
Heer in offener Feldschlacht bei ßeiburt geschlagen worden. Ein 
neuer Kampf schien bevorzustehen, als am 11. Oktober der Haupt- 
mann des russischen Generalstabes Duhamel die ofßzielle Nach- 
richt vom Abschluß des Friedens brachte, und nun auch dort zur 
Freude beider Gegner die Waffen endgiltig niedergelegt werden 
konnten. Die Nachricht von der Übergabe Giurgewos erhielt 
Diebitsch am 4./16. November. Schon vorher hatte der Sultan in 



376 . Kapitel X. Der Übergang aber den Balkan usw. 

Folge eiaes Beschlusses, der in voller Versammlung des Divaa 
gefaßt worden war, trotz des russischen Widerspruches Halil Pascha 
nach Odessa abgefertigt, von wo aus dieser seine Fahrt nach Peters- 
burg antreten sollte. So stand man einer Tatsache gegenüber, und 
es blieb nichts übrig, als sich ihr zu fügen. Diebitsch glaubte zu 
wissen, daß Sir Robert die Pforte zu diesem ungewöhnlichen 
Schritt bewogen habe'). Er schickte jedoch sofort einen Kurier 
an Woronzow, um „diese Herren" unter dem plausiblen Verwände 
einer Quarantäne möglichst lange in Odessa aufzuhalten. Der 
Abmarsch der russischen Truppen hatte damals bereits begonnen. 
Diebitsch lud die türkischen Bevollmächtigten noch zu einem 
Manöver vor den Toren Adrianopels. Dann ließ er ein großartiges 
Feuerwerk zur Feier des Friedensschlusses abbrennen, das die ver- 
schlungenen Nameuszüge des Kaisers und desSultans zeigte, ein Symbol 
der Freundschaft, die nunmehr beide Herrscher verband. Es sollte 
der Türkei schwer werden, der liebenden Fürsorge zu entrinnen, mit 
der der neue Freund alle ihre Schritte zu leiten bemüht war. 

Am 20. November verließ Diebitsch Adrianopel. Er hatte auf 
Wunsch des Sultans vorher noch eine Proklamation an die christ- 
liche Bevölkerung der Türkei erlassen, in der er sie aufforderte, 
Frieden zu halten und in Ruhe zu ihren Beschäftigungen zurückzu- 
kehren. Orlow traf am 27. November in Bujukdere ein und wurde 
am 5. Dezember in feierlicher Audienz empfangen. Sein Auftrug 
war, das Detail der Ausführungen des Friedenstraktates festzustellen 
und zu überwachen und zugleich alles zu tun, um dem Sultan 
Vertrauen zur Person des Kaisers einzuflößen. Er solle, sagte 
Orlows Instruktion, dem Sultan die Freundschaft Nikolais antragen. 
Am 8. Dezember begannen die offiziellen Verhandlungen, am 18. 
wurde in einer Sitzung des Divan die wichtige Frage des Durchzugs 
russischer Handelsschiffe durch die Meerengen zu vorläufigem Ab- 
Schluß gebracht'). Während die Übereinkunft sich ursprünglich 

1) Der Kaiser bemerkte dazu: „L'aimable Sir Arthur agit d'une maniere 
plus infame que jamais, dupe par Polignac, sur lequel il comptait, il en est 
furieux. Cependant nous avons buit mois devant nous, pendant lesquels il ne 
pourra rien entreprendre de serieux, si la fantaisie lui en Tenait, ce que 
je ne regarderai pas comme impossible, si les embarras du parlement ne Pen 
empechent. Petersburg, 29. Oktober st v. — an Diebitsch. Altes und neues 
Rußland 1879 III, S. 582. 

'■^) Orlow an Diebitsch 14./26. Dezember 1829. Petersburger Archiv des 
M. d. Ausw. 14049. 



Kapitel X, Der Obergang über den Balkan usw. 377 

Dur auf Getreideschiffe beschränkte, erreichte Orlow, daß die 6e- 
nehmiguDg auch auf Schiffe, die andere Waren führten, ausgedehnt 
wurde. Wie hier hat aber die Pforte schließlich in allen anderen 
strittigen Fragen nachgeben müssen. 

Was sie in Wirklichkeit dabei empfand, zeigte eine zweite 
Instruktion, die Halil nachgeschickt worden war, und die Orlow 
vom Reis-Efendi selbst sich zu verschaffen wußte. Sie atmete Haß 
und Erbitterung'). Um so mehr ist die Geschicklichkeit anzu- 
erkennen, mit der Orlow es verstand, in Konstantinopel Fuß zu 
fassen. Er gewann die mächtige Unterstützung von Chosrew 
Pascha, der seit 30 Jahren sich in seiner einflußreichen Stellung 
behauptet hatte. Ein listiger Greis und als Gegner des unter 
englischem Einfluß stehenden Reis-Efendi durchaus geneigt, die 
neue Politik der Pforte in einem Rußland günstigen Sinne zu 
orientieren. 

Als nun Orlow dem Reis-Efendi jene Instruktionen für Halil 
zurückschickte und ihm dabei schriftlich mitteilte, daß, wenn Halil 
sich nach, solchen Instruktionen richten sollte, die Pforte seine 
Mission als gescheitert betrachten könne, Portew Reis-Efendi aber 
phlegmatisch erwiderte: „Die Instruktionen sind abgesandt — die 
Padischahs werden sich verständigen'', begann Orlow energisch 
auf den Sturz Portews hinzuarbeiten. Er knüpfte Verbindungen 
mit Ahmed Bey, einem der Adjutanten des Sultans, an, der als 
Vermittler zwischen dem Sultan und den Ministern diente, die von 
ihrem Herrn fast niemals e