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Full text of "Geschichte Schlesiens"

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Geschichte Schlesiens. 

ii. 



Ex Libris 
C. K. OGDEN 



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csiciis 



von 



Dr. C. Grunhagen, 

Geheimei' Archivrat uirI Professor an der Cniversitat Breslau. 



Zweiter Band: 

Bis zur VcreiniguBg mit Preufsen (1527 bis 1740). 



Mit einem Bandcheu Quellennachweisungen. 




Gotha. 

Fried rich Andreas Perthes. 
1886. 






Alle Rechte vorbehalten. 



Of " ' 



LIBRARY 

UNIVERSITY OF CALIFORNIA 

SANTA BARBARA 



^ 






I n h a 1 1. 

Seite 

Erstes Buch. 

Die Umgestultung der kirchlichen Verhalt- 
nisse in Schlesien bis zu deren Anerkennung 
durch deu Majes tatsbrief 1609. 1 

Einleitung. Die Einfuhrung kirchlicher Reformen durch 



die Laiengewalten bis 1527 



Erster Abschnitt. 

Schlesien unter Ferdinand I. 1527— 15G4. Seine Stellung 
zur Reformation. Friedrich II. von Liegnitz und die 
Schwenkfelder. Tiirkeugefakr 1529. Bischof Balthasar 
1539—1562. Die Oppelnsche Erbschaft. Friedrichs II. 
Erbverbriiderung mit Brandenburg, aufgehoben 1546. 
Der Schmalkaldische Krieg. Die Piasten Friedrich III. 
und Georg II. Innere Verwaltung, Stande 35 

Zweiter Abschnitt. 

Schlesien unter Maximilian II. 1564—1576 97 

Dritter Abschnitt. 

Rudolf II 1574—1609. Heinrich XL von Liegnitz. Die 
Schlacht bei Pitschen 1588. Innere Entwickeluug. Kirch- 
liche Reaktionsbestrebungen. Der Majestatsbrief ... 107 

Zweites Buch. 

Die Zeiten des Dreifsigjahr igen Krieges . . 143 

Er3ter Abschnitt. 

Schlesien unter Kaiser Matthias 1612 — 1619. Die Errich- 

tung einer schlesischen Provinzialregierung 145 



vi Inhalt. 

Seite 
Zweiter Abschnitt. 

Der bcihmische Aufstaud unci die Teilnahme der Schlesier 
daran. Die Konigswahl von 1619. Der Dresdener Ac- 
cord. Die Pacifikation des Laudes uuter Ferdinand II. 
(1619—1637) 162 

Dritter Abschnitt. 

Der Zug Mausfelds. Kircliliche Reaktion. Die Lichten- 

steiner (1626-1631 202 

Vierter Abschnitt. 

Die Schlcsier im Bunde mit den protestantischen Miichten 
1631 — 1635. Die Schweden und ihre Verbiindeten. Die 
Kriegsfiihrung nach dem Tode Gustav Adolfs. Wallen- 
steins Plane und die Konjunktion der Schlesier. Die 
Katastrophe des Generals Schaffgotscb. Das Treffen bei 
Lindenbusch 1634 und seine Folgen. Der Prager Friede 
1635 231 

Funfter Abschnitt. 



Vom Prager bis zum WestphalischenFricden. Ferdinand III. 
1637 — 1G57. Neue Kriegsnote von 1639 an. Torstenson 
in Schlesien 1642—1645. Der Ausgang des Krieges . 275 



Drittes Buch. 

Schlesien in den Zeiten kirchlicber Reaktion. 
1649—1740. 

Erster Abschnitt. 

Die Friedensbedingungen und der Zustand nach dem 

Kriege 305 

Zweiter Abschnitt. 

Die kirchlichen Verhaltnisse. Die grofsen Kirchenreduk- 
tionen. Die Jesuiten. Neue Kloster, Bekehrungen, My- 
stikcr. Willkiirlicbe Behandlung des katholiscben Klerus. 
Hexenaberglaube. Die Juden 317 

Dritter Abschnitt. 

Leopold 1. 1(')17 — 1705. Der Ausgang der Lieguitz-Bricger 

Piasten. Der Sclnviebuscr Kreis 348 

Vierter Abschnitt. 

Kirchlicbe Mafsregeln in den 1674 heimgefallenen Fiirsten- 
tiiinern. Die Griindung der Leoiioldina zu Breslau 
1702 370 



Inhalt. Vii 

Seito 
3?unfter Abschnitt. 

Schlesien am Ausgang des 17. Jahrhunderts. Matevielle 
Zustiiude. Pflege der Geschichte und Naturkunde. Die 
beiden schlesisehen Dichterschulen. Bildende KUuste . 383 

Sechster Abschnitt. 

Schlesien unter Joseph I. 1705—1711. Karl VI. 1711 — 1740. 
Der Altranstadter Vertrag. Der Pietismus und die 
Schwenkfelder. Politische Verfassung, Stande. Handel 
und Industrie. Geistiges Leben, Poesie, Kunst . . . 396 

Register 433 



Erstes Such. 

Die Umgestaltung der kirchlichen Ver- 

haltnisse in Schlesien bis zu deren An- 

erkennung (lurch den Majestatsbrief 

1609. 



Griinhagen, Gesch. Schlesiens. II. 



Einleitung. 

Die Eiiifiihrung kirchlicher Reformen (lurch die 
Laieiiffewalten bis 1527. 



Mit dem Jahre 1526, wo Schlesien unter das Scepter 
des deutschen Furstenhauses der Habsburger kommt, er- 
scheint die nationale Frage, welche die gesamte mittelalter- 
liche Geschichte dieses Landes beherrscht, zugunsten des 
Deutschtums entschieden. Jetzt erst wendet Schlesien sein 
Antlitz definitiv gegen Westen. Ohne mit dern deutschen 
Reiche rechtlich verbunden zu sein, empfangt es doch von 
dessen Schicksalen die bestimmenden Einfliisse seiner Ent- 
wickelung; und wie der grofse Zeitraum der deutschen Ge- 
schichte von 1526 bis 1740 wesentlich erfullt ist von den 
schweren Kampfen, unter denen die beiden grolsen Religions- 
gemeinschaften , in welche das 16. Jahrhundert die abend- 
landische Christenheit zerspaltete, zu einander Stellung nahmen, 
so bildet auch fur die schlesische Geschichte dieses Zeitraums 
die in reformatorischem Sinne erfolgte Umgestaltung der 
kirchlichen Verhaltnisse , zu welcher sich auch hier der bei 
weitem liber wiegende Teil der Bevolkerung bekennt, das 
Moment, welches der Geschichte Schlesiens im Gegensatze 
gerade zu den andern osterreichischen Erblanden ihr be- 
sonderes Geprage verleiht. 

Jene grofse reformatorische Umgestaltung vornehmlich in 
der Landeshauptstadt war nun bereits erfolgt, als, wie wir 
bald naher erzahlen werden, im Jahre 1527 die Schlesier 
dem Konige von Ungarn und Bohmen, Ferdinand, dem 
Bruder Kaiser Karls, als Erben seines Schwagers Ludwig 
Huldigung leisteten. 

Auch hier in Schlesien waren, wie eigentlich allerorten 
in den deutschen Landen, die Geister vielfach ergriften von 

1 



Erstes Buch. Einleitunrj. 



B" 



einer gewissen Unzufriedenheit mit den iiberlieferten Forraen 
des kirchlichen Lebens, bedriingt von Zweifeln an der Zu- 
verlassigkeit der Gnadenmittel , welche ihnen die Kirche 
in ihrer damaligen Gestalt zum Heile ihrer Seele bot; die 
unter den Gebildeteren immer mehr sich ausbreitende huma- 
nistische Aufklarung fiihlte sich abgestofsen durch das ent- 
artete und mit den Lehren der Kirche selbst in Widerspruch 
geratene, haufig auf blofse finanzielle Ausbeutung hinaus- 
laufende Ablafswesen, die Sitten der Geistlichkeit erregten 
vielerorten Argernis, der Glaube an die Verdienstlichkeit der 
Monchsgeliibde war erschiittert, die von einer Generation auf 
die andere vererbte und immer unerfiillt gebliebene Forde- 
rung einer Reform auf kirchlichem Gebiete war zu neuer 
Starke erwacht. 

Diese Stimmung der Geister war es vor allem, welche 
das erste Auftreten Luthers als so ungemein bedeutungsvoll 
und folgenreich erscheinen liefs. Es ist in der That staunens- 
wert, wie die 95 Thesen, welche Luther am 31. Oktober 
1517 an die Schlofskirche in Wittenberg anschlagen liefs, 
sofort ins Deutsche iibertragen, in wenigen Wochen ihren 
Weg durch ganz Deutschland gefunden haben, und wahrend 
sonst die Laien, auch die Gebildeten, sich wenig um die in 
einer Universitatsstadt von einem Professor aufgestcllten 
Streitsatze zu kiimmern pflegten, so war nun wie mit einem 
Schlage die Welt von dem erfullt, was Luther auszusprechen 
gewagt hatte. Auch hier in Breslau wurden schon von 1518 
an die Schriften Luthers und ebenso auch die des Schwei- 
zers Zwingli von den Druckern Lybisch und Dyon nach- 
gedruckt und massenhaft verkauft. Die neuen Ideen durch- 
dringen fast mit gleicher Lebendigkeit alle Schichten des 
Volkes. Aber obwohl auch die Massen von ihnen erfullt 
erscheinen, so erfolgt doch nirgends aus diesen heraus ein 
revolutionarer Ausbruch, und die Ziigel entschliipfen wah- 
rend der Bewegung eigentlich nirgends in Schlesien den 
Handen der Obrigkeit, ja die Obrigkeiten sind es fast tiberall, 
welche die Umwandlung herbeifiihren, indera sie Prediger, 
welche der neuen Lehre anhangen, berufen oder zulassen, 
dafs bereits hierher Berufene nun in diesem Geiste wirken. 
Der Wirksamkeit dieser Prediger bleibt es dann iiberlassen, 
die Umgestaltung der kirchlichen Verhiiltnisse Schritt fur 
Schritt durchzufilhren. Es geschieht das, ohne dafs wir 
irgendwo aus der Gemeiue von einem Widerspruche horten, 
ebenso wenig aus den unteren Volksklassen wie aus dem 
Burgerstande oder aus den hochsten Schichten, welche in 
den Furstentagen ihre Vertretung fanden. Die gesamte 



Gegensatz zwischen Geistlichkeit und Laien. 5 

Laienwelt scheint uns aufseite der neuen Bewegung zu stehen, 
oder wenigstens einverstanden zu sein mit den Veranderungen, 
welche deren Anfang bezeichnen, so dafs die Gegnerschaft 
und der Widerspruch einzig und allein der Geistlichkeit uber- 
lassen bleibt. 

Nicht anders scheint das Verhaltnis Konig Ferdinand I. 
angesehn zu haben. In der ersten Aufserung, die wir von 
ihm iiber die religiosen Verhilltnisse haben, vom 14. Januar, 
1527, also zu einer Zeit, wo bereits in dem grofseren Teile 
Schlesiens Prediger, die der neuen Lehre anhangig und 
mehrenteils verheiratet waren, fungierten, bezeichnet er diese 
gewaltige Umgestaltung der kirchlichen Verhaltnisse einfach 
als einen „Zwiespalt zwischen Geistlichen und Weltlichen" und, 
wie wir bald naher erfahren werden, behandeln auch die 
ersten Ausgleichversuche in den religiosen Dingen nur die 
Frage, wie die Geistlichkeit mit den Forderungen der Laien- 
welt ausgesohnt werden konnte. 

Dafs die Interessen der ersteren in raehr als einem Punkte 
durch die Bewegung geschadigt wurden, lag auf der Hand. 
Sie erlitten Einbufse an Vermogen und Einkiinften, an Wiirde 
und Ansehen. Eine Tendenz dieser Art lag in der ganzen 
Stromung der Zeit und hat sich fiihlbar gemacht, ehe noch 
die kirchlichen Uragestaltungen ins Leben traten, und die 
Konsequenzen der letzteren haben dann auch nach derselben 
Seite hin gewirkt, oft sogar mehr, als die Leiter der Be- 
wegung je beabsichtigten , wie wir das im einzelnen noch 
sehen werden. Aber auf der andern Seite wird man zuge- 
stehen mussen, dafs die Geistlichkeit hier fort und fort in 
ungleich giinstigerer Lage gewesen ist als in den meisten 
andern Landen, wo die Reformation Eingang geiunden hat. 
Von Sakularisationen der Kirchengiiter, wie sie anderwiirts 
so vielfach vorkommen, ist hier kaum zu sprechen; das 
Bistum, das Domkapitel, die grofsen fundierten Stifter be- 
halten ihre Giiter, eigentlich nur halb oder ganz Abgestor- 
benes ist der Bewegung zum Opfer gefallen. Viel hat zu 
diesem Resultate der Schutz des Landesherrn mitgewirkt, 
aber manches doch auch der Charakter, den die Reformation 
gerade in Schlesien zeigt, wo von einem gewaltsamen Um- 
sturz des Bestehenden nicht gesprochen werden kann, son- 
dern die Obrigkeiten allein die Neuerungen langsam und mit 
einer gewissen Vorsicht einfiihren. So hat es kommen konnen, 
dafs die Breslauer Bischofe noch geraume Zeit nach der Ein- 
fiihrung der Reformation als die geistlichen Oberhirten auch 
der zu der neuen Lehre sich Bekennenden angesehn und 
anerkannt wurden, und dafs alle die verschiedenen Bischofe, 



6 Erstes Bueh. Einleitung 



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welche bis tief in die zweite Halfte des 16. Jahrhunderts 
hinein die schlesische Diozese geleitet haben, weit davon 
entfernt gewesen sind ? die der neuen Lehre Anhangenden 
als Abgefallene anzusehen, soudern dafs sie nieht gezweifelt 
haben, mit diesen innerhalb der Kirche einen modus vivendi 
iinden zu konnen. 

Wer wollte diese ubereinstimmende Haltung einer ganzen 
Anzahl von Kirchenfursten kurzweg als Charakterschwache 
abthun? Dieselbe bringt vielmehr eine auch sonst verbiirgte 
Thatsache zum Ausdruck, dais unter den Wlirdentragern 
der Kirche, wie ja iiberhaupt unter dem Klerus, auch bei 
solchen, die sehr weit entfernt davon waren, sich als An- 
hanger Luthers oder Zwinglis zu bekennen, die Ideen der 
Reform doch vielfache Sympathien fanden, und dafs man 
im Schofse der Kirche viele Jahrzehnte hindurch zweifelhaft 
geblieben ist, ob man nicht durch gewisse Konzessionen, 
unter denen das Abendmahl unter beiderlei Gestalt und die 
Priesterehe obenan standen, die Andersglaubigen festzu- 
halten und die Einheit der Kirche zu retten versuchen solle. 
Erst als diese Frage defmitiv verneint und auf dieser Seite 
die unerlafslichen Reformen auf ganz anderem Wege und 
durch eine Versarnmlung, welche jede Mitwirkung des Laien- 
elements grundsatzlich ausschlofs, durch das Tridentinische 
Konzil vorgenommen wurde, war die Kirchentrennung wirk- 
lich zur Thatsache geworden. 

Wer aber einen Augenblick bei dem Gedanken an die 
Moglichkeit verweilt, dafs die Eutscheidung auch hatte an- 
ders fallen konnen ; und vielleicht auch gefallen ware, wenn 
es sich nur urn Deutschland gehandelt hatte, der wird dann 
leichter die Forderung des Historikers verstehen, man solle 
nicht die Anschauungen unserer Tage in jene Zeit hinein- 
tragen und mit dem Mafsstabe der heutigen Anschauungen 
an jene vortridentinische Kirche herantreten, in der doch 
manches noch im Flusse war, was jetzt bestimmt normiert 
erscheint, und manches immerhin als moglich gait, was jetzt 
als ganz undenkbar zuriickgewiesen werden miifste. Man 
wird es sich im Bewufstsein halten miissen, dafs es damals 
in den ersten Zeiten der Reformation nicht Katholiken und 
Protestanten gab, sondern dafs die kirchlichen Uberzeugungen 
innerhalb einer von reformatorischerStromungdurchdrungenen 
Generation in unzahligen Niiancen und Ubergangen von 
rechts nach links sich abstuften und erst eine spatere Zeit 
die definitive Scheidung ausgesprochen hat. 

Diese verhangnisvolle Trennung zu anticipieren und mit 
der Schuld einer bewufsten Urheberschaft davon alle die zu 



Reformatoriscke Strom img der Zeit. 7 

belasten, welche in jener gakrenden Zeit die von der offent- 
lichen Meinung geforderten Reformen ins Leben zu rufen 
wiinschten oder strebten, ist nicht wohlgethan, nicht histo- 
risch gerechtfertigt, und selbst ein strenger Katholik unserer 
Tage hat, um auch in der Beurteilung jener Vergangenheit 
seinen konfessionellen Standpunkt zu wahren, jenes ebenso 
wenig notig, wie dafs er die Reformation auf die Lustern- 
heit der weltlichen Obrigkeiten nach Kirchengut und die 
Unenthaltsamkeit einiger Priester zuruckfiihrt, was beides auf 
die schlesischen Verhaltnisse sich am allerwenigsten an wen- 
den lafst. Ihm bleibt es unbenommen, bei jenen Reform- 
bestrebungen die Eigenmachtigkeit und das Hinwegschreiten 
iiber verbriefte Rechte der Geistlichkeit zu tadeln und schliefs- 
lich nur die Reformen als gerechtfertigt anzuerkennen, welche 
von den berufenen Organen der Kirche eben in dem Tri- 
dentinischen Konzil vorgenommen wurden, ein Standpunkt, 
dem seine Berechtigung kaum bestritten werden diirfte. 

Der Historiker aber als solcher wiinscht weder diesen, 
noch uberhaupt einen konfessionellen Standpunkt zu ver- 
treten; er kann es nicht als seines Amtes ansehen, die Ideen, 
welche eine Zeit bewegen, auf ihren objektiven Wert hin 
zu priifen, er strebt mehr danach, in der Darstellung des 
Geschehenen die Bedingungen des Werdeprozesses zu er- 
klaren, als sie zu beurteilen, und er wird wohl thun die 
Ausiibung des historischen Richteramtes auf jene selteneren 
Falle zu beschranken, wo besonders schwere Thaten durch 
eine Verletzung der allgemein anerkannten ethischen Grund- 
satze es herausfordern und der Leser einen Ausdruck der 
moralischen Entriistung, die sich ihm unwillkurlich aufdrangt, 
in dem Geschichtswerke wiederzuiinden ; mit Recht verlangen 
darf. 



Nachdem dieses vorausgeschickt ist, mogen wir daran 
gehen, die Umstande kennen zu lernen, unter denen hier, 
und zwar zunachst in der Landeshauptstadt Schlesiens, die 
weltlichen Gewalten es unternommen haben, kirchliche Re- 
formen ins Leben zu rufen. 

Der Rat von Breslau hatte bereits wiederholt, noch ehe 
Luthers 95 Thesen angeschlagen wurden, bei dem Bischofe 
und dem Domkapitel sich iiber die allzu haufigen Bewilli- 
gungen von Ablassen, die durch Geld erlangt werden konn- 



8 Erstes Buch. Einleitung. 

ten, beschwert, und am 3. Marz 1518 vielleicht eben bereits 
unter dem Drucke der durch den beginnenden Ablafsstreit 
schon erregten offentlichen Meinung beschliefst nun das 
Breslauer Domkapitel, der Bischof moge keine weiteren In- 
dulgenzen hier in Breslau mehr zulassen, da das Volk solche 
auf das hochste Uberdriissig babe und seinen Spott mit 
ihnen triebe, zugleich audi mit Riicksicht auf die Armut 
des Volkes, welche die vielen Miinzveranderungen noch 
steigerten. 

Als dann aber doch bald darauf wieder papstliche In- 
dulgenzprivilegien fiir schlesische Kloster erteilt und zur Aus- 
iibung gerade in Breslau bestimmt ans Licht kamen, noch 
dazu unter Androhung des Bannes fiir alle ; welche denselben 
in den Weg treten wiirden, da sehen wir das Kapitel sich 
an den Breslauer Rat wenden, damit dieser, der sich vor 
den geistlichen Strafen minder furchte, die betretFenden 
Monche von der Verkiindigung der Ablafsbriefe abschrecke. 

Von unverdachtigster Seite her, aus einer Korperschaft, 
welche wir kurze Zeit darauf den entschiedensten Wider- 
stand gegen die neue Lehre leisten sehen, finden wir hier 
die Lage der Dinge auf kirchlichem Gebiete mit ihren Mifs- 
brauchen bezeichnet, die Entartung des Ablafswesens , wel- 
ches, nicht im Einklange mit den Lehren der Kirche, bei 
der Art und Weise, wie es damals gehandhabt wurde, nur 
als eine Finanzmafsregel erschien und dabei dem Volke 
selbst, das seiner uberdriissig geworden, nur noch zum Ge- 
spotte diente. Das Breslauer Domkapitel mifsbilligt dieses 
Wesen und nicht minder auch den Schutz, den demselben 
die papstliche Kurie angedeihen liefs; doch durch die an- 
gedrohten kirchlichen Strafen geschreckt, regt es lieber den 
Breslauer Rat an, von dem es voraussetzt, dafs derselbe sich 
um die geistlichen Zensuren wenig kummern werde, gegen 
jene Mifsbrauche einzuschreiten und begehrt von ihm ganz 
bestimmt, dais er die betreffenden Monche von der Aus- 
iibung der ihnen durch den Papst verliehenen Privilegien mit 
weltlicher Gewalt zuriickschrecke. 

Die Monche nun, gegen welche bei dieser Gelegenheit 
der Breslauer Rat einzuschreiten von dem Domkapitel auf- 
gefordert ward, waren Bettelmonche, und diese sind denn 
iiberhaupt von der Ungunst der Zeit am nachsten betroffen 
worden. Auf Almosen angewiesen fanden sie jetzt, wo die 
allgemeine Stromung der Geister sich von dem Monchswesen 
mehr und mehr feindlich abwendete, schwieriger offene Hande, 
und wenn sie schon lange ziemlich allerorten nicht eben in 
grolser Achtung gestanden, wie dies die zahllosen nicht 



Die Bettelmonche. 9 

immer sauberen Geschichtchen ; die im 15. Jahrhundert in 
aller Herren Landen liber sie unter dem Volke umliefen, 
sattsam bezeugen, so ward das im 16. Jahrhundert nur noch 
schlimmer. Selbst die hohere Geistlichkeit, zum gi'ofsen 
Teile von humanistisch - aufgeklarter Gesinnung erlullt und 
hoherem geistigen Leben zustrebend, blickte mit wenig ver- 
hehlter Verachtung auf sie herab und zeigte wenig Neigung, 
aus allgemein kirchlichem Interesse ihnen wirksamere Unter- 
stiitzung zu gewahren. Dabei blieben gerade sie schon 
wegen der fortwahrenden Beriihrung mit dem Volke von 
den in diesem gahrenden neuen Ideen nicht unberiihrt; sie 
wurden vielfach irre an sich und der Verdienstlichkeit ihres 
Berufes; viele verliefsen die Kloster, andere streiften in den 
Klostern die Fesseln der Ordensregeln ab und vermehrten 
so den bosen Leumund, der sie ohnehin schon traf ; ein nicht 
geringer Teil wandte sich nachmals often der neuen 
Lehre zu. 

Es mag nun wohl richtig sein, dafs von diesen Erschei- 
nungen die beiden grofsen Parteien, in welche sich der Orden 
des hi. Franziskus gespalten hatte, nicht in gleichem Mafse 
betroffen wurden, und dafs die von der strikten Observanz 
(daher Observanten oder auch Bernhardiner genannt), fur 
welche um die Mitte des 16. Jahrhunderts Johann Kapistrano 
zahlreiche Kloster auch in Schlesien ins Leben gerufen hatte, 
in ihrer strengeren Ordensregel einen grofseren Halt fanden 
als die alteren Bruderschaften der sogen. Reformaten, aber 
ebenso gewifs ist, dafs der erbitterte, oft zu skandalosen 
Auftritten fiihrende immerwahrende Hader der beiden Monchs- 
fraktionen ihr Ansehen nur noch weiter herabsetzte. Im 
Grunde hielt sich eigentlich niemand fur verpflichtet ; mit 
diesen Bettelmonchen besonders viel Umstande zu machen, 
und geistliche wie weltliche Behorden haben damals ohne 
viel Rucksicht auf die Ordensprivilegien sich die Hiinde 
gereicht zu Mafsregelungen gegen sie, zur gewaltsamen Ver- 
einigung der streitenden Kloster, so lange wenigstens ; bis 
dann die erwachten konfessionellen Gegensatze auch hier 
hineinspielten. 

Zunachst haben ; so iiberraschend das klingt, fortifika- 
torische Grunde zu einem Einschreiten nach dieser Seite hin 
gefiihrt. Im 16. Jahrhundert erneuern und verbessern die 
meisten schlesischen Stadte infolge einer durch das sieg- 
reiche Vorschreiten der Tiirken entspringenden Besorgnis ihre 
Befestigungen ; und 1505 wiederholt der Rat von Breslau 
in einer Eingabe an Konig Wladyslaw seinen bereits 1463 
ausgesprochenen Wunsch, das Pramonstratenserkloster zu 



10 Erstea Buch. Eiuleitung. 

St. Vincenz auf dem Elbing abbrechen zu diirfen, weil dessen 
massive und dabei aufserhalb der Befestigungen liegende 
Bauliclikeiten einem auswartigen Feinde einen bequemen 
und fur die Stadt hochgefahrlichen Stiitzpunkt gewahren 
konnten, und schliigt vor, den Pramonstratensern innerhalb 
<ler Mauern eins der beiden hier existierenden Franziskaner- 
kloster einzuraumen und die Monehe dieses Ordens, fur 
die ein Kloster hinlanglich sei, in einem Hause zu ver- 
einigren. Aus deniselben Grunde hatte auch im Jahre 
1510 Papst Julius II. den Bischof Johann V. von Breslau 
ermachtigt, das Observantenkloster vor Oppeln abbrechen 
zu lassen und die Briider in das Reforniatenkloster in der 
Stadt zu fiihren, ein gleiches war in Naraslau damals wirk- 
lich ausgefuhrt worden. Im Jahr 1516 gewahrt Papst Leo X. 
auf die vereinten Gesuche des Bischofs sowie der Herzoge 
von Oppeln und Liegnitz dieselbe Ermachtigung beziiglich 
der Stadte Neifse, Oppeln (wo also das erste Mandat nicht 
ausgefuhrt worden war) und Liegnitz. Natiirlich wider- 
strebten die Monehe der angesonnenen Paarung so feind- 
seliger Elemente aufs aufterste, und erst nach mancherlei 
Zogerungen sind in Oppeln und Neifse (hier erst 1524) jene 
Mafsregeln zur Ausfiihrung gekommen, und zwar an beiden 
•Orten, ebenso wie fruher schon zu Namslau, in der Weise ; dafs 
die Observanten, die schon an Zahl die anderen iibertrafen, 
<lie Oberhand behielten; anders in Breslau. Hier hatte es 
doch beunruhigend gewirkt, als im Jahre 1520 auf das Be- 
treiben der bohmischen Stande, dem auch Konig Ludwig 
zugestimmt hatte, eine Vereinigung samtlicher schlesischer 
Franziskanerkloster mit der bohmischen Ordensprovinz in 
Aussicht genommen wurde ; wahrend bisher die Custodien 
Breslau und Goldberg, welche wiederum raehrere einzelne 
Konvente umfafsten, seit dem 13. Jahrhundert (der Zeit 
Heinrichs IV.) der sachsischen Ordensprovinz angehort 
hatten. Auch dagegen widerstrebten die Reformaten, und 
da man in Breslau eine tief begriindete Abneigung gegen 
alle nahere Verbindung und Abhangigkeit von Bohmen 
empfand, so hatten die Reformaten den Breslauer Rat auf 
ihrer Seite, welcher im Jahre 1521 sehr entschieden erklart, 
das Breslauer Jakobskloster werde zur deutschen Nation ge- 
rechnet, und der Rat konnte nicht zugeben, dafs die Custo- 
die zu Breslau auf irgendeine Weise unterdriickt und den 
Ausliindern unterworten werde. Es hatten sich aber die 
Zeiten sehr geandert. Jene Bernhardinerkloster, welche einst 
einer ihrem innersten Wesennach czechenfeindlichen Bewegung 
ihren Ursprung verdankten, hatten jetzt ihre Hauptbeschiitzer 



Die Bernhardiuer in Breslau. 11 

in den Reihen der czechischen Aristokratie gefunden, aber 
damit zugleich die Gunst der Breslauer eingebufst. 

Zudem hatten sich hier die Bernhardiner durch eine Un- 
nachgiebigkeit in baulichen Angelegenheiten dem Rate mifs- 
liebig gemacht, und schliefslich erschienen bei den nun ein- 
mal herrschenden Meinungen die achtzig Bernhardiner diese 
„Menge von Leuten, die miissig gingen, und dabei durch 
Almosen erhalten werden mufsten ", als etwas ganz Unertrag- 
liches. Als der Rat eine derartige Meinung dem Ordens- 
general Franz Lichota bei dessen Anwesenheit in Breslau 
1520 vortrug, soil dieser erwidert haben, wenn die Bres- 
lauer zuviel Monche hatten, so mochten sie ihnen nur nichts 
niehr zu essen geben, dann wiirden sie von selbst fort- 
gehen. Endlich sprach ; da die neuen Lehren doch auch 
bereits bei dem Breslauer Rate Eingang gefunden hatten, 
wohl auch der Umstand, dafs unter den Reformaten zu 
St. Jakob sich eine Hinneigung nach dieser Seite wahrnehmen 
liefs, zugunsten dieser mit. 

So war denn, als 1522 der Rat die hier wie an andern 
Orten erstrebte Verschmelzung der beiden Kloster in eins 
in die Hand nahm, dabei seine Absicht, nicht wie anderwarts 
die Reformaten in den Observanten aufgehn zu lassen, son- 
dern umgekehrt diese dem Regimente des sachsischen Ordens- 
meisters zu unterwerfen, und schwerlich ohne den Hinter- 
gedanken, die mifsliebigen Gaste, falls sie sich dessen wei- 
gerten, auf gute Manier ganz los zu werden. Doch suchte 
man jeder Gewaltthatigkeit aus dem AVege zu gehen, und 
wir horen nicht, dafs der Rat Einspruch erhoben hat, als 
der Orden die Sache in die Hand nimmt und zum Austrag 
des Streites 1522 ein Kommissar in der Person des gelehrten 
Monches Benedikt Benkowitz hier erscheint. Derselbe hat 
nun aber von seiner Befugnis, die Sache endgiiltig zu ent- 
scheiden, keinen Gebrauch gemacht, sondern in Erkenntnis, 
dafs ein den Bernhardinern giinstiges Urteil, wie er es seiner 
Gesinnung nach nur hatte fallen konnen, dem Rate im hoch- 
sten Mafse widerwartig gewesen sein wiirde, es vorgezogen, 
das Mifsliebige eines solchen Spruches einer hoheren Instanz, 
dem bohmischen Konige, zu iiberlassen, an den bereits Boten 
der Bernhardiner unterwegs waren. Er war jedoch dabei 
unvorsichtig genug, dem Breslauer Rate auf dessen Drangen 
einen Revers auszustellen , infolge dessen er dem letzteren 
iiberliefs, falls er, der Kommissar, nicht binnen 14 Tagen 
ein Urteil gefallt haben wiirde, die Sache nach eigenem Er- 
messen zu entscheiden. Als nun in dieser Frist seine 
Boten aus Prag nicht, wie er gehofft, eine Entscheidung, 



12 Erstes Buch. Einleitung. 

sondern nur eine neue Citation heimbrachten , konnte er 
audi jetzt sich nicht zu einem selbstandigen Urteile ent- 
schliefsen, sondern liefs in der HofFnung, der Rat werde 
doch, angesichts der neuen Ladung nach Prag ein eigen- 
miichtiges Vorgehen nicht wagen, die Frist verstreichen. 

Der Rat aber nahm es ernst mit seinem Scliein und er- 
offnete am 21. Juni 1522 den Bernhardinern, dafs sie nach 
dem Jakobskloster tibersiedeln und dort in Gemeinschaft 
mit den Reformaten fortan zu leben haben wiirden, und da 
dies abgelehnt ward, blieb den Bernhardinern nichts iibrig, 
als mit dem Kloster zugleich Breslau zu raumen, was sie 
in feierlicher Prozession durch die Stadt auch ausfuhrten. 

Das Klostergebaude verwandte der Rat zu Hospital- 
zwecken, indem er das Barbarahospital hierhinein verlegte, 
nachdem ein im Jahre 1522 unternommener neuer Versuch, 
die Pramonstratenser zu St. Vincenz in eins der nun frei- 
gewordenen Kloster hiniiberzufuhren, und so den aus forti- 
fikatorischen Grunden erwiinschten Abbruch des Vincenz- 
stiftes zu ermoglichen, gescheitert war. Konigliche Mandate 
zugunsten der Bernhardiner, die naehtraglich von diesen noch 
erwirkt wurden, blieben wirkungslos. 

In Breslau hat sich der Rat ehrlich Miihe gegeben, das 
Jakobskloster zu erhalten; noch 1524 schreibt er an das 
damals zu Dresden abgehaltene Generalkapitel der Refor- 
maten, man moge einige Briider hierher senden, um die voll- 
standige Autlosung des Konvents zu verhiiten, doch ohne 
Erlolg. 1529 steht das Kloster leer. Das Dominikaner- 
kloster zu St. Adelbert, das frtiher an achtzig Monche ge- 
zahlt hatte, war bis auf acht herabgegangen. In dem 
Kloster der Augustiner-Eremiten zu St. Dorothea war bereits 
1517 der Verfall so weit gediehen, dafs der Bischof mit dem 
Rate gemeinsam einzuschreiten beschlofs und der letztere 
sich genotigt sah, um nur die Baulichkeiten vor dem Ein- 
sturz zu behiiten, einen Teil des Kirchenschatzes zu Gelde 
zu machen und auszugeben. 

Aber nicht nur die von Almosen lebenden Kloster, son- 
dern auch die alt fundierten waren infolge der Ungunst der 
Zeit, namentlich der stockenden Zinszahlungen sowie der 
seit geraumer Zeit schon ausbleibenden Zuwendungen und 
Stiftungen in drlickende Verhiiltnisse gekommen, und bei 
den beiden Breslauer Klostern, welche zugleich fiir Hospi- 
taler zu sorgen hatten, dem Matthias- und dem Sandstitte 
mufsten die Insassen der Hospitaler dies emphnden, und auf 
die Klage des Rates liber die schlechte Versorgung der 
Hospitaliten verfi'igt 1523 Konig Ludwig als oberster Patron 



Einschreiteu des Breslauer Rats in kircklichen Dingen. 13 

aller geistlichen Stiftungen, dafs die beiden genannten Kloster 
beziiglich ihrer Verwaltung fortan unter die Aufsicht und 
Kontrolle des Rates gestellt werden sollten. 

So wurde von den verschiedensten Seiten und zum Teil 
auf direkte Veranlassung der geistlichen Behorden der Rat 
von Breslau zum Eingreifen in kirchliche Verhaltnisse ge- 
drangt, und es war daher sehr wenig zu verwundern, dafs 
derselbe nun auch in dem Punkte, an dem die Stadt und 
die Biirgerschaft naturgemafs den allerlebendigsten Anteil 
nahm, namlich in der Frage der Wahl der Geistlichen an 
den stitdtischen Hauptkirchen, fur deren Erhaltung Rat und 
Biirgerschaft doch immer das Beste gethan batten, eine ge- 
wisse Mitwirkung beanspruchte. Wir haben friiher bereits 
darauf hingewiesen, wie in den grofseren Stadten des Lan- 
des die Kirchen, indem sie durch Stiftungen von Biirgern 
beschenkt, mit Kapellen, welche als Familien- oder als Zunft- 
heiligtumer galten, geziert, rait Altaren von Privaten aus- 
gestattet wurden, dadurch eben in eine so enge Verbindung 
mit dem stadtischen Leben kamen, dafs ihre Zusammen- 
gehorigkeit mit der grofsen allgemeinen Kirche dagegen not- 
wendig etwas zurucktreten mufste. 

Auch hier gait es, offenkundige Mifsbrauche zu beseitigen. 
Die Magdalenenkirche, deren Besetzung dem Bischof zustand, 
hatte seit 1517 keinen eigenen Pfarrer mehr, die Einktinfte 
derselben waren geradezu verpachtet worden und, wie die 
Breslauer 1523 klagen, seit 1517 bereits in der sechsten 
Hand. Der Rat hatte diese Not dem Bischofe Jakob von 
Salza geklagt und hatte diesen nicht nur seinem Wunsche, 
die Kollation des Pfarramtes an sich zu bringen, geneigt 
gefunden, sondern war auch durch ihn aui den Kanonikus 
zum hi. Kreuz, Johann Hefs, als einen fur diese Stelle be- 
sonders geeigneten Mann aufmerksam gemacht worden. 

Dieser fiir die Geschichte Schlesiens so bedeutsam ge- 
wordene Mann, urn 1590 in Niirnberg geboren, hatte zu 
Wittenberg bei Luther und Melanchthon, denen er schon 
friih nahegetreten war, studiert, und war dann, nachdem 
er dort die Magisterwiirde erlangt, wahrscheinlich auf Em- 
pfehlung des in Breslau hochangesehenen Generalvikars und 
Domherrn Johann Scheurlein (oder Scheurl) , dessen Familie 
ja aus Niirnberg stammte, 1513 einer Berufung als Sekretar 
des Bischofs Johann Thurzo nach Breslau gefolgt. Derselbe 
verlieh ihm em Kanonikat an dem Neifser Kollegiatstift und 
bald auch eins an dem Breslauer Kreuzstifte und verwen- 
dete ihn auch als Notar. Zugleich war auch seiner Erzie- 
hung anvertraut der fur den geistlichen Stand besimmte 



14 Erstes Bucli. Eiuleitung. 

junge Herzog von Miinsterberg - Ols , Joachim, der alteste 
Solin Herzog Karls. Als dessen Begleiter verliefs er aus 
Besorgnis vor einer in Schlesien herrschenden Seuche im 
August 1516 den Hof des Bischofs, und nach Reisen durch 
Bohmen und Schlesien finden wir ihn 1517 auf dern 
Schlosse zu Ols verweilend, rait eifrigen theologischen Studien 
beschaftigt, bis ihn 1519 der Wunsch des Bischofs zu einer 
Reise nach Rom bestimmte und ausstattete, urn sich dort 
durch genauere Kenntnis der kirchlichen Verhaltnisse und 
der Formen ihrer Verwaltung fiir hohere Amter noch ge- 
schickter zu machen. Doch Hefs kehrte aus Italien iiber 
Wittenberg zuriick, wohin ihn schon immer ebenso religiose 
Uberzeugung wie gelehrte Neigung gezogen hatte, in seiner 
Freundschaft fiir Luther und Melanchthon nur noch mehr 
gestiirkt und befestigt. Sein Bischof ziirnte ihm deshalb 
nicht. 

Es ist wohl zu viel gesagt, wenn man Johann Thurzo 
fiir einen Anhanger der Reformation ausgegeben hat; er 
wurde schwerlich den Konsequenzen des Lutherschen Be- 
kenntnisses zugestimmt haben, doch er war ein aufgeklarter 
Kirchenfurst , der schon 1517 mit grofser Energie gegen 
einen Unfug im Breslauer Dorotheenkloster eingeschritten 
war, wo die betriigliche Beweglichkeit eines Marienbildes 
der aberglaubischen Menge den Schein von Wunderthatigkeit 
hatte gewahren miissen. Er war ein eifriger Humanist, ein 
warmer Verehrer des Erasmus von Rotterdam, und wie er 
die Gelehrsamkeit des Wittenberger Kreises zu schatzen 
wufste, so empfand er auch eine gewisse Sympathie fiir den 
mutigen Angriff auf die Mifsbrauche der Kirche, wie ihn 
Luther begonnen; er hatte noch 1520 einen seiner ihm be- 
sonders nahestehenden Kanoniker, Dominik Schleupner nach 
Wittenberg gesandt und Freundlichkeiten, die er durch diesen 
an Luther und Melanchthon hatte bestellen lassen 2 ), bewogen 
diese letzteren, ihm Briefe zuzusenden, welche dann freilich 
den Bischof, den am 2. August 1520 der Tod hinweggerafft 
hatte, nicht mehr unter den Lebenden trafen. 

An seine Stelle ward der Breslauer Domscholastikus 
Jakob von Salza gewahlt. Es gait damals, die dem Kapitel 
unerwiinschte , aber von Rom aus begiinstigte Kandidatur 
eiaes Bruders des Markgrafen Georg abzuwehren. Um 
da mit einem Gegenkandidaten durchdringen zu konnen, 
mufste man eine Personlichkeit suchen, die auf weltlicher 
Seite wichtige Fiirsprecher besafs, und dann fiir diese mit 
vollster Einmiitigkeit eintreten. So kam es, dafs Jakob ein- 
stimmig gewahlt wurde, obwohl sicherlich ein Teil der Dom- 



Johann Hefs der erste protestantische Geistliche in Breslau. 15 

herren manche Beclenken gegen ihn gehabt hat, vornehm- 
lich weil er fur allzu nachgiebig der neuen Bewegung gegen- 
iiber gait unci nicht standhaft und lest genug im Verkehr 
mit den weltlichen Gewalten, namentlich dem Breslauer Rate. 
Der neue Bischof, aus schlesischem Adel stammend, juristisch 
gebildet, Avar Landeshauptmann des Fiirstentums Glogau ge- 
wesen und dann mit plotzlichem Entschlusse in den geist- 
lichen Stand getreten. Aber trotz dieser plotzlichen Um- 
kehr haben bei ihm die innerlichen Impulse religioser Uber- 
zeugung keineswegs ganz sein Wesen und sein Handeln 
bestimmt, und schon deshalb scheint es bedenklicb in ihm 
einen heimlichen Anhanger Luthers zu erblicken; als ein 
aufgeklarter Mann hat er sicher fur vieles in der neuen 
Lehre, namentlich beziiglich der Bekampfung offenkundiger 
Mifsbrauche Sympathie gehegt, ohne duch die dogmatischen 
Uberzeugungen Luthers sich aneignen zu konnen, geschweige 
denn diesen die bestehende kirchliche Verfassung zum Opfer 
bringen zu wollen. Er war und blieb ein wohlmeinender, 
versohnlich denkender Pralat, der sich bemiihte, das Schiff- 
lein der schlesischen Kirche vorsichtig durch die Stiirme 
jener Zeit zu fuhren. Offenbar imponierte ihm die Gewalt 
der Bewegung, die er ura sich allerorten auflodern sah ; und 
er suchte das Heil nicht in einem kuhnen Kampf gegen die- 
selbe, sondern darin, mit den gemafsigten Elementen des- 
selben zu paktieren und so viel als moglich aus den Stiir- 
men zu retten und zu bergen. Wie sehr er selbst auf weit- 
gehende Veranderungen gefafst war, erhellt am besten aus 
der einen Thatsache, dafs er 1524 sich von Konig Ludwig 
verbriefen lafst, er, der Bischof, solle Zeit seines Lebens die 
Einkiinfte des Bistums genielsen, „wie auch sonst gemeiner 
geistlicher stende sachen ausgang gewinnen mochten". 

In Hefs, der nach seiner Riickkehr aus Italien als Ka- 
nonikus des Kreuzstiftes zu Breslau lebte, glaubte der Bischof 
einen jener gemafsigten Manner zu linden, und er iibertrug 
ihm das Amt eines Dompredigers. Aber wenngleich Hefs 
bei Austibung dieses Amtes seitens der schlesischen An- 
hanger der Reformation dem Vorwurf der Lauheit und Zag- 
haftigkeit nicht entging, ward er doch anderseits von vielen 
strengglaubigen Gliedern des Domkapitels wegen seiner Pre- 
digten auf das Schwerste angefeindet, und angesichts des da- 
maligen allgemeinen Anlaufes zur Unterdrlickung ,,der luthe- 
rischen Ketzerei" mochte ihn doch auch der Bischof nicht 
schiitzen, sondern schalt sogar sein eigenmachtiges Auftreten. 
So ging denn Hefs etwa 1521 nach Ols zu seinem alten 
Gonner ; dem Herzoge Karl von Miinsterberg. Dieser hatte 



[(') Erstes Buch. Einleitung. 

ganz besondere Beziehnngen zu der neuen Lehre. Als 
Enkel Georg Podiebrads empfand er es doch sehr iibel, dafs 
noch immer alljahrlich um Karfreitag dieser zu Rom in 
feierlicher Zeremonie als Erzketzer verflucht wurde. Der 
Fluch, bis auf das vierte Glied ausgedehnt, hatte urspriing- 
lich ihn mit betroffen, und erst nach manchen Bemiihungen 
hatte er 1507 vora Papste die Absolution fur sich und seine 
Gesehwister erlangt. Fiir den Grofsvater selbst dagegen 
hatte er keine Gnade erlangen konnen. Schon diese Sorge 
machte ihn einigermafsen oppositionell. Er entnahm nicht 
ohne Befriedigung aus den Lehren der Neuerer, dafs das 
Abendmahl unter beiderlei Gestalt, um dessentwillen haupt- 
sachlich der Fluch der Kirche seinen Ahn getroffen hat ; in 
der hi. Schrif't begriindet sei. Noch 1522 hat er briel'lich 
Luther angegangen, fiir jene Lehre vom Abendmahle unter 
beiderlei Gestalt einzutreten, doch ohne zu verraten, dafs er, 
der Herzog , dazu angereizt habe. Ubrigens trug der 
Herzog trotz seiner einfachen Sympathie fiir die neue Lehre 
doch seiner Stellung als bohmischer Landesverweser viel zu 
viel Rechnung, um sich fiir die Wittenberger Ansichten zu 
erklaren, und so sah sich Hefs auch in Ols zu grofser Vor- 
sicht genotigt, und wenn es ihm gleich gelungen ist, 1522 
die Berufung des entschieden evangelisch gesinnten A. Ar- 
nold, eines Freundes von Schwenkfeld, nach Ols durchzu- 
setzen, so fiihlte er sich doch selbst nicht mehr recht wohl 
dort und ging im Anfange des Jahres 1523, ohne dafs dabei 
seine dienstliche Stellung zu Herzog Karl ganz gelost wor- 
den ware, nach seiner Vaterstadt Nurnberg zuriick. Hier 
traf ihn dann in demselben Jahre das Schreiben des Bres- 
lauer Rates, welches ihn als Pfarrer an die Magdalenenkirche 
berief und gleichzeitig den auch in Nurnberg verweilenden 
Breslauer Kanonikus Dominik Schleupner an die zweite Bres- 
lauer Pfarrkirche zu St. Elisabeth Der letztere lehnte ab, Hefs 
bot, ohne sogleich zuzusagen, doch schon dadurch, dafs er nach 
Schlesienreiste, zuweiterenVei'handlungenbequemeGelegenheit. 
Dafs bei der Gesinnung des Rates und der Gemeine zu 
Breslau die Berufung des neuen Pfarrers bei der Magda- 
lenenkirche einen reformatorisch gesinnten Mann treffen 
wiirde, dariiber hat sich der Bischof am wenigsten getiiuscht ; 
doch gedachte er hieraus ebenso wenig wie aus der dem 
ganzen Schritte ofFenbar anhaftenden Eigenmachtigkeit einen 
Grund zu entschiedener Opposition herzuleiten. Er begniigte 
sich vielmehr, die Wahl auf einen moglichst gemafsigten 
Mann zu lenken, und wies eben deshalb den Breslauer Rat 
an Johann Hefs. 



Predigerwahl von Job. Hefs. 17 



'o 



Um Hefs iiber die letzten Bedenken hinwegzuhelfen, 
entschlofs er sich sogar, an ihn einen Brief zu schreiben 
unter dem 28. August 1523, welcher denselben zur Annahrae 
der Berufung bestimmt auffordert, um durch seine Predigt 
den falschen und friedenstoi'enden Lehren entgegenzutreten. 

Man sollte die Becleutung dieses Briefes nicht unberech- 
tigterweise herabsetzen. So viel scheint doch gewifs, dafs 
derselbe mit seiner bestimmten Aufforderung an Hefs, das 
Predigeramt in der Stadt Breslau, zu dem er vociert sei, 
anzunehmen , diesem eine Vollmacht zur Annahme gegeben 
hat, welche das nachmalige Ausbleiben der Investitur nicht 
mehr wohl erschiittern konnte. Denn in der That erklarte 
das Domkapitel, als der Bischof ihm mitteilte, er halte es 
fur geraten, Hefs zu investieren, damit nicht der Breslauer 
Rat, wie zu furchten stehe, sonst ihn selbst aus eigener 
Machtvollkommenheit einsetze zu iiblem Beispiele fiir andere 
Stadte, sich einstimmig dagegen, allerdings nur weil man 
dem Rate ein Recht zu der ganzen Berufung nicht zuge- 
stehen zu konnen glaubte und ohne gegen Hefs' Personlich- 
keit o r ler Lehrmeinung etwas einzuwenden. Der Rat priisen- 
tierte inzwischen seinen Erwiihlten, dem dann auch Herzog 
Karl eine allerdings widerrufliche Dienstentlassung erteilt 
hatte. 

Da der Bischof aber, wenngleich ihm, wie er selbst er- 
klarte, Hefs genehm war, die Investitur zu erteilen Anstand 
nahm mit Rucksicht auf den Widerspruch seines Kapitels, 
geht der Rat selbstandig vor und setzt Johann Hefs in die 
Pfarrei zu Maria Magdalena ein unter Ausweisung des bis- 
herigen Inhabers derselben. Sein Verfahren rechtfertigt er 
dann in einer besonderen Schutzschrift und giebt auch auf 
dem nachsten Fiirstentage zu Grottkau noch weitere Er- 
klarungen, wo er zugleich auch geltend macht, wie es doch 
billig erscheinen miisse, wenn der Rat, der die Pfarrkirchen 
und Schulhauser baue, auch Pfarrer und Schulmeister selbst 
kiese. Am 25. Oktober hielt Hefs seine Antrittspredigt. 
Das Entscheidendste aber war das, was im September 1524 
erfolgte, dafs namlich der Rat alle Prediger der Stadt vor 
sich berief und ihnen aufgab , nach dem Beispiele des Hefs 
und des andem Pfarrers zu St. Elisabeth nur das zu pre- 
digen, was in der hi. Schrift stehe, unter Weglassung mensch- 
licher Uberlieferungen und der Erklarungen der alten Kirchen- 
vater, welche ja leicht hatten irren konnen. Dieser Weisung 
gelobten alle Anwesenden Folge leisten zu wollen, rait allei- 
niger Ausnahme des Dominikanerpriors von St. Adalbert, 

Gri'inbagen , Gescli. Schlesiens. If. ^ 



18 Erstes Buch. Einleitung. 

Sporn, der infolge dessen audi aus der Stadt verwiesen 
wurde. 

Insofern bei dieser Gelegenheit der Rat von Breslau in 
gewisser Weise allgemeinere Normen einer kirchlichen Lehr- 
reform gab, konnte man wohl mit einigem Rechte von die- 
sem Akte im Jahre 1524 die Einfiihrung der Re- 
formation in Breslau datieren. Die Durchfuhrung der- 
selben im einzelnen konnen wir an dieser Stelle nicht ver- 
folgen, sondern nur kurz berichten , dais dann 1525, nach- 
dem der bisherige Patron der Elisabethkirche, das Matthias- 
stift, das Patronat dem Rate abgetreten, der Rat fur diese 
zweite Stadtkirche einen in Wittenberg gebildeten Breslauer 
Geistlichen Ambrosius Moiban vocierte, dem auch der Bischof 
ohne Bedenken die Investitur erteilte, und dafs 1526 der 
Rat ftir das Hospital zum hi. Geist, clessen Verwaltung er 
]a schon fruher hatte iibernehmen miissen, und dessen Kirche 
sehr verfallen war, einen Prediger in der Person des ehe- 
maligen Franziskaners Franz Nadus berief, dem nun die 
leerstehende Bernhardinerkirche eingeraumt ward. Nachdem 
etwas spater (vielleicht erst 1537) auch die vorstadtische 
Kirche zu 11000 Jungfrauen in der Person des Valentin 
Geroldi einen evangelischen Pfarrer erhalten hatte, war, so- 
weit das eigentliche Gebiet der Stadt reichte, keine Pfarr- 
kirche mehr in katholischen Handen, und so ist es dann 
Jahrhunderte lang geblieben. 

Auch die Schulamter wurden neu besetzt durch Manner, 
bei denen humanistische Gelehrsamkeit mit reformatorischem 
Eiier Hand in Hand ging. Ambrosius Moiban, der schon 
erwahnte erste protestantische Geistliche an der Elisabeth- 
kirche, vorher Rektor der Magdalenenschule, blirgerte zuerst 
das Studium des Griechischen an den Breslauer Schulen ein, 
und Johann Hefs selbst hielt in lateinischer Sprache Vor- 
lesungen iiber die heilige Schrift, welche zahlreich auch von 
Erwachsenen besucht waren. Bei der noch naher zu be- 
sprechenden Disputation von Joh. Hefs 1524 waren zur 
Interpretation des Grundtextes der Bibel vom Rate bestimmt 
worden der damals im Schuldienste der Stadt stehende, 
als humanistischer Dichter beriihmte Antonius Niger fur 
das Griechische, und der nachmals als Padagog so gefeierte 
Valent. Trotzendorf fur das Hebriiische. Die Breslauer Schul- 
rektoren Andr. Winkler (bei Elis.) und Johann Rullus (bei 
Mar. Magdal.) genossen des besten Rufes, und wir haben 
guten Grund zu der Annahme, dafs das Breslauer Schul- 
wesen in dieser Zeit einen gewissen Aufschwung genommen 
hat und nicht mehr jenem klaglichen Bilde entsprach, wel- 



Das hohere Schulwesen. 19 

dies cler Scliweizer Th. Platter Jahrzehnte frtiher von ihm 
entworfen. Allerdings hat es unter den Predigern der 
neuen Lehre manche gegeben, welche in mifsverstandlichem 
kirchlichem Eifer humanistischen Studien, der Beschaftigung 
rait den alten heidnischen Schriftstellern widerstrebten und 
am liebsten alles Studium auf die Bibel beschrankt wissen 
wollten. Doeh traten ihnen gerade die angesehensten unter 
den geistlichen Vertretern der neuen Lehre, vor alien der 
Pastor Moibanus rait Entschiedenlieit entgegen, und der 
Breslauer Rat stand ebenso entschieden auf dieser Seite. 
So lange bei diesem Manner wie der damalige Stadtschreiber 
Lor. Rabe (Corvinus), einer der beruhmtesten Poeten des 
Humanismus, und der angesehene Patrizier Joh. Metzler, 
ein hervorragender Kenner des Griechischen , ihren Einflufs 
austibten, war von jenen Eiferern wenig . Schaden zu 
furchten. 

Jedenfalls verdient es hervorgehoben zu werden, dafs 
jetzt ; und zwar vornehmlich in Niederschlesien, in zahlreichen 
Stadten, welche die neue Lehre angenommen hatten, auch 
sogleieh gelehrte Schulen ins Leben gerufen wurden, geleitet 
von akademisch gebilcleten Lehrern. Wir nennen Freistadt, 
wo der gelehrte schlesische Historiker Joachim Curaeus seine 
Bildung erupting; Liegnitz, wo ja, wie wir noch sehen wer- 
den, Herzog Friedrich II. 1526 eine Universitat zu griinden 
beabsichtigt hat; Hirschberg, Lowenberg, Bunzlau und das 
hoherem Ruhme entgegengehende Goldberg, wahrend auf der 
anderen Seite, insofern die einst beriihmte Breslauer Dom- 
schule damals mehr zuriickgetreten zu sein scheint, eigent- 
lich nur die Neifser Pfarrschule sich eines gewissen Rufes 
erfreute, auf der ja auch einst der gelehrte Moibanus eine 
hohere Bildung, als ihm die Breslauer Magdalenenschule hatte 
geben konnen, gesucht hatte. Allerdings hatte sie mit man- 
nigfachen Schwierigkeiten zu kampfen, um das Eindringen 
der neuen Lehren auf die Dauer fernzuhalten. 

Zu den Breslauer Verhaltnissen zuriickkehrend berichten 
wir, dafs hier auch das Armenwesen neu geregelt ward, und 
zwar ganz besonders unter dem Einflusse der reformatori- 
schen Bestrebungen und unter eifriger Mitwirkung von 
Johann Hefs, anscheinend im Anschlusse an Niirnberger 
Einrichtungen. Wenn bisher die Sorge fur die Armen und 
Hilflosen fast ausschliefslich den Klostern iiberlassen word en 
war, filr die das Almosenspenden eine Ordenspflicht war, so 
handelte es sich jetzt darum, fur den Ausfall an Almosen, 
den das aus den Zeitverhaltnissen sich ergebende wirtschaft- 
liche Zuriickgehen der Kloster herbeifuhrte, einen Ersatz zu 

2* 



20 Erstes Buch. Eiuleitung. 



&■ 



schaffen und dabei nun audi, wofern die Stadt die Sache 
in die Hand nahm, eine gewisse Priifung der Hilfsbediirftig- 
keit, deren sich die froramen Briider meistens zu entschlagen 
pfiegten, eintreten zu lassen. So wurden denn jetzt die nur 
simulierenden arbeitsscheuen Bettler zur Arbeit getrieben 
oder aus der Stadt gescheucht, zur Pflege und Unterstiitzung 
der Hilflosen aber eine besondere Behorde, „das gemeine 
Almosen " und zwar von Ratswegen eingerichtet, deren Biicher 
in der That vom Jahre 1523 an erhalten sind. 1526 ward 
dann zu dem grofsen neuen Krankenhause -zu Allerheiligen 
(die Walil des Namens spricht zugleich fur die Weitherzig- 
keit der Breslauer Reformation) der Grundstein gelegt. 

Diese neue Ordnung der Dinge zu Breslau in kircblichen 
Beziehungen wollte jedoch keineswegs als im Anschlusse an 
die Lehrmeinungen Luthers angesehen sein ; vielmehr erklarte 
der Rat, naclidem ein papstliches Breve vom 23. Juli 1523, 
sowie wiederholte Mandate des Konigs Ludwig von 1521 
und 1523 die Lutherischen Ketzereien auf das scharfste ver- 
dammt und Konig Sigismund von Polen sogar mit dem 
Abbruche aller polnisehen Handelsverbindungen gedroht hatte 
wegen der in Breslau herrschenden ;; Lutherischen Pest", 
sie hatten mit Martini Lutheri Schriften nichts zu schaffen, 
sondern wennLutherus oder ein anderer dem Evangelio gemafs 
schriebe, so wiirde das von ilmen angenommen nicht als dessen 
Wort, sondern als Gottes Wort, und Avenn Schriften Luthers 
Schmahungen gegen etliche Stande und Personen enthielten, 
sollte der Verkauf solcher in Breslau nicht gestattet werden. 

Und in der That wird es doch als wesentlich anerkannt 
werden miissen, dafs, wahrend Luther sich bereits seit 1520 von 
dem Papste und dessen Obedienz losgesagt hatte, die Breslauer 
noch 1523 von dem Papste die Ermachtigung zur Wahl ihrer 
Pfarrer erbitten und sich in ihrer Schutzschrift von jenem 
Jahre hierauf, und dafs sie auf ihre demutige Bitte noch keine 
Ant wort erhalten hatten, berufen, wenn sie gleich einer Er- 
kliirung, sich eventuell einer Entscheidung des Papstes fiigen 
zu wollen, vorsichtig ausweichen, ja sogar bei anderer Ge- 
legenheit als hochste Instanz, der sie gehorsamen wiirden, 
„ein gemeines Conzilium" bezeichnen. Mit dem Breslauer 
Bischofe glauben sie in der Hauptsache in bestem Einver- 
nelnnen zu stehen. Offenbar sind sie nicht gcmeint aus der 
bestehenden Kirche herauszutreten. Was sie an dieser Stelle 
anstreben, ist nach ihrer Auffassung die Sicherheit, dafs 
ilmen nicht die gottliche Lehre in mannigfaltigen und w r ider- 
sprechenden Deutungen gepredigt, also, wie sie in ihrer 
Schutzschrift sagen, Thomas Scotus oder Aristoteles vor- 



Konservatives in der Breslauer Reformation. 21 

getragen werde, wodurch sie in grofsen Zweifel und Irrtum 
gefiihrt wiirden, sondern einzig und allein das Evangelium 
Unseres Herrn Jesu Christi. Indem sie so die heilige Schrift 
fortan als die alleinige Quelle der Lehre fur ihre Prediger 
gelten lassen wollen, hoffen sie, wie sie es in ihrem Prasen- 
tationsschreiben fur Hefs an den Bischof aussprechen, „die 
heilige christliche Kirche, so durch mannigfaltigen Mifsbrauch 
und Unglauben in ein Abnehmen gekommen, wiederum zu 
bauen und aufzurichten ". 

IJber dera Festhalten an dieser rechtglaubigen Lehre 
gedenken sie zu wachen, und in dem 1525 eingefuhrten 
Kirchengebete rufen sie Gott an, er wolle zur rechten Er- 
kenntnis seines gottlichen Willens durch das Wort seines 
lieben Sohnes bringen „alle Heiden, Tiirken, falsche Christen 
und Ketzer, die seinen Namen nnrecht und vergeblich an- 
rufen". 

Die retbnnatorischen Einrichtungen der Breslauer sind 
nun erfolgt, ohne dafs wir von einem Widerspruche dagegen 
aus der Mitte der Biirgerschaft das mindeste erfahren, ob- 
wohl doch die letztere bei vielen friiheren Gelegenheiten ge- 
zeigt hat, dafs sie mifsliebigen Anordnungen des Rates sehr 
kraftigen Widerstand zu leisten vermoge. Und diese That- 
sache erscheint iragrunde sehr erklarlich, denn wenn man 
auch einraumt, dafs das Vorgehen des Breslauer Rates etwas 
Eigenmiichtiges und in gewisser Weise Revolutionares hatte, 
so wird doch ein Historiker, der nicht vom konfessionellen 
Standpunkte aus urteilt, einerseits die Art und Weise der 
Ausfuhruns; als mafsvoll und besonnen anerkennen und 
anderseits gestehen miissen, dafs die Folgen jenes immerhin 
revolutioniiren Vorgehens nicht Auflosung und Zerrixttung 
sondern im Gegenteil eine Wiederherstellung geordneter Ver- 
haltnisse auf alien Gebieten des kirchlichen Lebens in Gottes- 
dienst, Seelsorge, Unterricht, Armenpflege Avaren. Hier hatte 
niemand sagen konnen, dafs dera Volke seine alte Religion 
genommen werden sollte. Mit grufster Vorsicht wahrte man 
die iiberkommenen Formen des Gottesdienstes. Wenn dabei 
mehr und mehr die deutsche Predigt in den Vordergrund 
trat, so konnte es nur auf Belebung des kirchlichen Inter- 
esses wirken, wenn hier die Gemeine geachtete, von ihrer 
Uberzeugung durchdrungene, des Wortes machtige Manner 
die Lehren fromraen christlichen Glaubens im engen An- 
schlusse an die heilige Sehrift vortragen hiirte, Lehren, aus 
denen ketzerische Abweichungen herauszuhoren sicherlich 
nur sehr wenigen aus der Menge der Glliubigen gegeben war. 

Direkte Nachteile aus der neuen Ordnung der Dinge er- 



22 Erstes Buch. Einleitung. 



&• 



wuchsen eigentlicli nur der Geistlichkeit, welche neb en einer 
allerorten zutage tretenden Vermin derung ihres Ansehens, 
ihrer gesellschaftlichen Stellung audi materielle Schadigungen 
ilirer Einkunfte nach vielen Seiten hin zu beklagen hatte. 
Aber eben fur sie fanden sich in dem Volke wenig Freunde 
und Verteidiger. Schon seit geraumer Zeit und lange vor 
Luthers Auftreten hatte sich in der Meinung des Volkes und 
gerade der bessern und gebildeten Schichten desselben eine 
geringschiitzige Feindschaft gegen die Geistlichkeit ausgebildet, 
welche, wie manche streng katholische Zeitgenossen unum- 
wunden einraumen, durch die immer zunehmende Entartung 
der Sitten des Klerus selbst zum grofsen Teil verschuldet 
war, und die ja der ganzen reformatorischen Bewegung den 
allerwesentlichsten Vorschub geleistet hat. 

Es Avar unter solchen Umstanden wenig gi'mstig, dafs 
der Widerstand gegen die neue Lehre thatsachlich einzig 
und allein der Geistlichkeit iiberlassen blieb. Denn die Bres- 
lauer standen mit ihren Gesinnungen keineswegs allein und 
waren nicht einmal die ersten, welche sie bethatigt batten. 
Wenn es gleich nur eine unbegriindete Tradition ist, dafs 
bereits 1518 der Freiherr von Zedlitz auf Neukirch einen 
Anhanger Luthers bei sich angestellt babe und auch die 
Einfiihrung der Reformation in Kammelwitz bei Hteinau im 
Jahr 1520 nicht hinreichend beglaubigt ist, so ist dagegen 
nicht daran zu zweifeln, dafs der angesehene Freiherr Hans 
von Rechenberg auf Windisch-Bohrau und Freistadt, ein 
Freund und Verehrer Melanchthons, 1522 einen evangeli- 
schen Prediger nach Freistadt gebracht, und sogar hier die 
Kommunion unter beiderlei Gestalt eingefuhrt hat. 

Von grofster Bedeutung ward es ferner, dafs der am 
Hofe Konig Ludwigs so hochst einflufsreiche Markgraf Georg 
von Brandenburg, dessen Eingreifen in die schlesischen Ver- 
haltnisse wir bereits an anderer Stelle eingehender geschildert 
haben, sich schon friih der neuen Lehre zuwandte. Dafs 
er in seinen unmittelbaren Besitzungen (seit 1523 Jagern- 
dorf und Leobschiitz) sogleich nach seinem Regierungsantritte 
der Reformation Eingang gestattete, wie denn dieselbe in 
Leobschiitz schon vom Jahr 1524 an datiert wird, fiel dabei 
weniger ins Gewicht, schon weil in Oberschlesien iiberhaupt 
die starke Beimischunar des slavischen Elementes der Aus- 
breitung der neuen Lehren hindernd im Wege stand, urn so 
wichtiger dagegen war es, dafs des Markgrafen Einflufs am 
Hofe eine gewisse Biirgschaft dafiir leistete, dafs die vom 
Konig ausgehenden scharfen Edikte gegen die lutherische 
Ketzerei eine milde Auslegung and Anwendung finden wiir- 



Herzog Friedrich II. von Liegnitz. 23 

den. Georg war es, dessen Wanning wahrend der Kronungs- 
feierlichkeit zn Prag 1522 den Breslauer Abgesandten Hein- 
rich Rybisch bewog, sich noch zu rechter Zeit dem Unwillen 
der durch die Vertreibung der Bernbardiner gereizten boh- 
miscben Magnaten zn entziehen; er hat iiberhaupt in dieser 
Angelegenbeit die Breslauer vor den schweren Strafen ge- 
schutzt, mit welchen der Zorn der Prager Regierung sie 
bedrohte, und seine langere Anwesenheit zu Breslau im 
Jabre 1522 bat sicherlich viel dazu beigetragen, den dor- 
tigen Rat zu dem kiibnen Vorgehen im Jahr 1523 zu ver- 
anlassen. 

Dais er aucb auf seinen Sch wager, den Herzog von Lieg- 
nitz eingewirkt babe, ist sebr wabrscbeinlicb. Friedrich II. 
von Liegnitz erscheint uns unter den schlesischen Piasten 
jener Zeit als weitaus der bedeutendste. Gliicklicke Anlagen 
hatte eine sorgfaltige Erziehung wohl entwickelt, er hatte 
die Welt gesehen, einige Jahre am Hole Konig Wladyslaws' 
geweilt, dann 1507 mit einer Anzahl schlesischer Ritter eine 
WalUabrt nach dem gelobten Lande unternommen; sein auf- 
strebender Sinn liefs sich in dem engen lnteressenkreise, der 
sonst den schlesischen Teilfiirsten eigen, nicht iesthalten; 
seine Vermahlung mit Elisabeth, der Tochter des Polenkonigs 
Kasimir, einer Schwester Wladyslaws, 1515, schaffte ihm 
machtige Familienverbindungen und bald auch die Wiirde 
eines Hauptmannes in Niederschlesien. Nachdem ihm der 
Tod 1517 seine erste Gemahlin entrissen, kniipfte er 1519 
einen neuen Ehebund mit Sophia, der Schwester des Mark- 
grafen Georg. Zu dem Herzogtum Liegnitz bracbte ihm 
1521 der Tod seines Bruders Georg das Herzogtum Brieg, 
wozu dann nachmals (1524) Woblau kam, so dais er auch 
nach seinem Landbesitze als der reichste Fiirst Schlesiens 
angesehen werden mufste. 

Wie er in seiner Schutzschrift von 1527 selbst ver- 
sichert, hat das erste Auftreten Luthers ihn eher abgestofsen 
„als eine neue fremde Lehre, der wir nicht gehorchen soil- 
ten" — „dieweil wir besorgten, dafs in Zulassung derselben 
was wider Gott und die heilige christliche Kirche mochte 
gehandelt werden. u Er hat sich dann mittlerweile „bei 
verstandigen Gelehrten, auch denen, so von Gewissen sein, in 
manigfeltigen Wegen um die Sache befragt". „Derhalben 
wir nicht in kleinem Bekummernifs und Beysorge gestanden, 
worm wir recht thaten und beyderseits vor Gott auch vor 
der Welt bestehen mochten." Da hat ihn Gott „nach ge- 
haltenem ettlichen Unterricht und Erforschung der Schrift" 
erkennen lassen, wie er bisher „ durch gewaltige Irrung 



24 Erstes Buch. Einleitung. 

Betrug unci Zusatz vom gottlichen Worte unci rechtgeschaf- 
enen Gottesdienst abgefuhrt" worden. 

Als ihn darauf seine Unterthanen gebeten, „ihnen Pre- 
diger zu gonnen, die eines frommen ehrbaren Wandels waren, 
und die das reine lautere Wort Gottes .ohne alien mensch- 
lichen Zusatz, ohne frenide Lehr unci widerwertige Opinion 
zu ihrer Seelen Heil unci Seligkeit fiirtrugen" hat er nach 
vielen Unterredungen „mit seinen Pralaten aus der heiligen 
Schrift sich unterweisen lassen, dafs er bei Vermeidung gott- 
lichen Zornes in dem, so der Seelen Heil belanget, schuldig 
ware, — alien Fleils aufzuwenden ", auf dafs seine „ Unter- 
thanen mit dem reinen Worte des h. Evangelii — christlich 
nach dem Befehl unseres Herrn Jesu Christi versorget wiir- 
den." Und an sein Alter und . .die mogliche Nahe seines 
Todes denkend, hat er mit der Anderung nicht bis auf ein 
allgemeines Conzilium warten mogen, um seine Unterthanen 
„von der unertraglichen Biirde menschlicher Satzungen frei 
zu rnachen", dieweil nach dem Willen Christi „das Gewissen 
allein dem gottlichen Worte unterworfen ist." Was er ab- 
geschafft habe, beziiglich dessen beruft er sich auf „das 
Wort des h. Bischofs Cypriani, dafs die Gewohnheit, sie sei 
so alt und gemein als sie wolle, allewege der gottlichen 
Wahrheit weichen mufs". Dagegen erbietet er sich, „wo sich 
jemand bedimken liefse, dafs was Irriges, Ketzerisches oder 
Aufriihrerisches dem gottlichen Worte und der h. Schrift 
entgegen in seinem Lande geprediget und furgenommen 
wtlrde' v 7 solches abzustellen. 

Unter den Mannern ? deren Rat der Herzog horte, hat 
sich audi ein junger schlesischer Edelmann, Kaspar Schwenk- 
feld befunden. Dieser, 1489 geboren und akademisch ge- 
bilclet, hatte auf das vaterliche Gut Ossig bei Liegnitz zu- 
gunsten seines jiingeren Bruders Hans verzichtet und von 
1509 bis 1516 an den Fiirstenhofen von Ols und Brieg, 
und seit 1516 an dem Friedrichs von Liegnitz gelebt, der 
ihn zu seinem Rat ernannte und mit den Einkiinften einer 
Liegnitzer Pfrlinde beschenkt. Auf das gewaltigste er- 
griffen ihn die ersten Lehren Luthers, dessen Schriften ja, 
wie wir wissen, bereits seit 1516 in Breslau nachgedruckt 
wurden. Ernstlich vertiefte er sich in das Studium der 
Bibel und ward ein eifriges Glied der schnell wachsenden 
Gemeinde von Anhiingern des Wittenberger Professors. Da 
war \ T alentin Krautwald, ein Notar der bischoflichen Kanzlei, 
ferner der Pfarrer von Ossig, Andreas Arnold, ixnd der eif- 
rige Ambrosius Creising aus Wohlau. Im Dezember 1521 
ritt Schwenkfeld selbst von Ossig nach Wittenberg, um die 



Reformation in Liegnitz, Schwenkfeld. 25 

neuen Lehren unci ihren Urheber personlich kennen zu 
lernen. Jener Kreis wandte auch schon die Blicke auf Hefs, 
und in wiederholten Briefen mahnt Schwenkfeld diesen zu 
entschiedenerem Auftreten im [Sinne Luthers. Anders frei- 
lich dachte der Herzog Friedrich trotz aller Freundschaft 
fiir Schwenkfeld. Ihm, der sich selbst mannigfacher Riick- 
sichtnahme nicht entschlagen konnte, sagte Hefs vorsichtigere 
Haltung wohl zu, und er beklagte es lebhaft, als dieser einem 
Rule nach Liegnitz 1522 sich versagte. Auf Hefs' Empfeh- 
lung berief dann der Herzog Fabian Eckel an die Nieder- 
oder Marienkirche nach Liegnitz , der dann also zuerst 
(1522) reformatorische Lehren hier predigte; bald that das- 
selbe an der Johannis- oder Schlofskirche ein ehemaliger 
Monch, Sebastian Schubert. Eine vollstandige Neuerung in 
protestantischem Sinne erfolgte erst im Jahre 1524, wo Fabian 
Eckel am Osterfeste das Abendmahl unter beiderlei Gestalt 
austeilte. Ein „6ffentliches Mandat" des Herzogs gebot jetzt 
alien Predigern in seinen Landen das Wort Gottes auf Grund 
der heiligen Schrift und ohne alien menschlichen Zusatz zu 
predigen. Jetzt wurden auch die Bernhardiner unter 
Fiihrung des die neue Lehre eifrig bekampfenden Peter 
Antonius, da sie der Verschmelzung mit den Reformaten 
sich weigerten, aus Liegnitz vertrieben. Ihr Kloster vor 
der Stadt ward aus Riicksichten auf die Befestigung voll- 
standig geschleift. Dem Beispiele von Liegnitz folgte bald 
die zweite Residenz des Herzogs, Brieg, nach; nach Gold- 
berg war bereits 1523 ein evangelischer Geistlicher berufen 
worden. 

Fiir die Sache der Reformation war Friedrichs Ubertritt 
von der allergrofsten Bedeutung; ein eifriger Katholik ver- 
gleicht denselben mit dem Sturze eines miichtigen Baumes, 
der eine Menge kleinerer Stamme in seinem Falle mit lort- 
reifst. 

Wenn wir daneben nun erwiigen, dafs fiir jene Zeit we- 
nigstens Herzog Karl von Miinsterberg, der standhafte Be- 
schiitzer von Hefs, gleichfalls fiir einen Freund der neuen 
Lehre gelten darl, dafs daher in den Stadten seiner Lande, 
wie Ols und Trebnitz, bereits evangelisch gepredigt werden 
durfte, dafs ferner, dem Beispiel Breslaus folgend, bereits 
viele Stadte der Furstentiimer Schweidnitz - Jauer in den 
Jahren 1523 bis 1525 reformatorisch gesinnte Prediger be- 
rufen hatten, so Hirschberg, Jauer, Bunzlau, Striegau, Lowen- 
berg, wie ja denn auch der hoch angesehene Johannes 
Henkel, der langjahrige Hofprediger der Konigin- Witwe 
Maria, dem diese, als sie ihn bei ihrer Berufung zur Statt- 



26 Erstes Buch. Einleitung. 

halterin der Niederlande 1530 entlassen mufste, natiirlich 
unter voller Zustiramung des Bischofs, die Pfarrstelle zu 
Schweidnitz verschafft batte , bei aller Mafsigung fiir einen 
Anhanger der neuen Lehren gelten durfte, dafs auch in 
die Fiirstentiimer Glogau-Sagan die Reformation Eingang 
gefunden batte, so zeigt sich uns in Nieder- und Mittelscblesien 
die Bewegung bereits damals im siegreichsten Fortscbreiten. 
In der That ist es bereits 1524 so weit, dafs bei den da- 
maligen Verhandlungen des Biscbofs und Kapitels die Ge- 
samtheit der weltliehen Ftirsten und Stande sich in der 
Opposition befindet und der Geistlichkeit die einmutige For- 
derung entgegenbringt, „dafs man das h. Evangelium frei 
und ungehindert predigen lasse nach Deutung der h. Schrift, 
und demselben irei nachlebe unangesehen aller Menscben ". 
Die Protokolle des Domkapitels aus jener Zeit enthalten 
nicht die kleinste Erwahnung einer ermutigenden Zustim- 
mung, die der Geistlichkeit bei ihren Anstrengungen zur 
Verteidigung des Bestehenden aus dem Kreise der Laien 
entgegengeklungen ware. Wohl aber begann bereits auch 
in den Reihen des Klerus der Abfall. Schon liatten die 
Franziskaner eigentlich aufgegeben werden mtissen, ihre Kon- 
vente galten ziemlich iiberall als Pflegestatten der neuen Lehre, 
aber auch in andere Stifter batte dieselbe Eingang gefunden, 
fast alle schlesischen Kloster beklagten die Austritte von Ge- 
nossen; im Saganer Stifte batte der 1522 erwahlte Abt Paul 
Lemberg sich zur Reformation bekannt und den ganzen 
Konvent bis auf vier oder fiinf mit sich fortgerissen , auch 
in der Stadtkirche den evangelischen Gottesdienst eingefiihrt. 
Den Monchen riet er selbst den Austritt aus dem Kloster 
als clurch das Gewissen geboten an und stattete sie daim 
in gewisser Weise aus fiir ihren Riicktritt ins weltliche 
Leben. Ihm selbst ermoglichte die Gunst der stadtischen 
und herzoglichen Behurden, trotz der feindlichen Gesinnung 
des Landesherrn Herzog Georg von Sachsen gegen die Re- 
formation, die Behauptung seiner Wurde bis 1525, wo er 
dann, nachdem er geheiratet, bei Herzog Friedrich von 
Liegnitz eine Zuflucht tindet. In Brieg begann der Dechant 
des dortigen Kollegienstift zur hi. Hod wig 1524 den Gottes- 
dienst nach der neuen Lehre, und der dortige Komtur der 
Johanniter zu Lossen, denen das Patronat der Stadtpfarr- 
kirche zustand, vermahlte sich 1526 bier selbst. Der Propst 
der Cisterzienser zu Warmbrunn hatte seinen Konvent ver- 
lassen, ein Weib genommen und lebte in Hirschberg. Aus 
der Umgebung des Biscbofs waren bereits mehrere iiber- 
getreten, neben Hefs Dominik Schleupner, Valentin Krautwald, 



Die Stellung des Breslauer Biscliofs. 27 

der Neifser Kanonikus Wittiger (derselbe war Pfarrer auf 
einem Dorfe geworden). Die Domherren Wittwer und der 
gelehrte Saner galten wenigstens fur Freunde der neuen 
Lehre. 

Der Bischof selbst hatte offenbar keine voile Zuversicht 
in den Sieg der von ihm verteidigten Sache, die Gewalt 
der Bewegung imponierte ihm und liefs ihn in starkem Zweifel, 
wo dieselbe ihre Grenzen linden wiirde; wir erwahnten ja 
bereits, wie er es sich gerade eben 1524 hat von dem Konig 
Ludwig verbriefen lassen, dafs er zeitlebens im Besitze des 
Bischofslandes und seiner Einkiinfte bleiben solle, „welchen 
Ausgang auch sonst gemeiner geistlicher Stande Sache ge- 
winnen wiirde". Im Jahre 1522 hat er es einmal mit 
Strenge versucht und den Pfarrer zu Wohlau, Ambrosius 
Creising, der dort im Sinne Luthers gepredigt, unvermutet 
aufheben und nach Ottmachar in Gewahrsam bringen lassen. 
Bischof und Domkapitel beabsichtigten ihn wieder loszu- 
lassen, sowie er durch eigenes Gelobnis und Stellung von 
Biirgen fur die Zukunft Garantieen gegeben haben wiirde; 
doch ehe es noch dazu kam, befreiten ihn Freunde, miter 
denen wir vielleicht den Freiherrn Hans von Rechenberg 
vermuten dtirfen, der Creising naehmals als Hofprediger an- 
stellte, mit gewaffneter Hand aus dem Gefangnisse. 

Man mag es dann ferner auch als eine Mafsregel des 
Bischofs gegen die neue Lehre ansehen, wenn er, wie be- 
reits oben erwahnt wurde, zu Neifse die hier wie allerorten 
dieser anhangenden Reformaten aus ihrem Kloster vertrieb, 
um dieses den Observanten zu iibergeben. Im ganzen ging 
der Bischof jeder Gewaltsamkeit aus dem Wege und er- 
klarte sogar vor einem im April 1524 nach Breslau berufenen 
Synodaikonvente , nachdem er die Geistlichkeit zu stand- 
haftem Festhalten ermahnt, er halte eine gewisse Einigung 
mit den Andersglaubigen fur notwendig, um den Untergang 
des Avahren Glaubens abzuwenden. Darauf wurden dann 
von der Versammlung eine Anzahl von Deputierten gewahlt, 
welche dem Bischofe bei den Verhandlungen mit den Fursten 
und Standen zur Seite stehen sollten. Als diese Verhand- 
lungen aber am 11. April stattfanden, geschah es eben, 
dafs, wie schon erwahnt, dem Bischofe, jene einmutige For- 
derung entgegengehalten ward, die freie Predigt des Evan- 
geliums „nach Deutung der hi. Schrift und unangesehen 
aller Menschen ". Der Bischof wollte in seiner Antwort auch 
die Autoritat der heiligen Vater gewahrt Avissen, welche ^ ja 
auch bei ihrer Deutung der Schrift von gottlichem Geiste 
inspiriert gewesen, die dies auch durch die Heiligkeit ihres 



28 Erstes Buch. Einleitung. 

Lebens unci endlich durch ihren Tod bekraftigt hatten, vmd 
die doch mehr Glauben verdienten als ein beliebiger Pre- 
diger und Pseudo-Evangelist, doch es fielen da wenig ver- 
hiillte Aufserungen dahin gehend, dafs die weltlichen Ge- 
walten sich um die Eintreibung der Zehnten und geistlichen 
Einkiinfte nicht mehr kiimmern wiirden, wolern nicht jene 
Forderung einfach zugestanden wiirde. Darauf gab der 
Bischof nach und brachte durch freundliche Zusicherungen 
die Verhandlungen zu einem giitlichen Abschlusse. 

Auch einige besondere Forderungen des Breslauer Rates, 
vornehmlich bcziiglich des Rechtes, die Geistlichen der bei- 
den Stadtkirchen ein- und absetzen und desgleichen die seiner 
Kollation unterstehenden Altarstiftungen zura Besten der 
beiden Kirchenkassen einziehen zu diirfen, wies der Bischof 
wenigstens nicht von der Hand. 

Mehr beschaftigte ihn schon eine andere Angelegenheit. 
Als er jenen geistlichen Konvent berief, hatte er bereits in 
seinen Handen die Thesen zu einer Disputation, welche Hefs 
in seiner Eigenschaft als Doktor zu Breslau unter Zustim- 
raung des Rates fur den 20. April 1524 angekiindigt hatte. 
Der Bischof mochte furchten, dafs bei dieser Gelegenheit die 
ketzerischen Grundsatze noch scharfer heraustreten wiirden; 
er und das Domkapitel hatten die Beteiligung an derselben 
abgelehnt, da ja kein kompetenter Schiedsrichter, der die 
Resultate feststellen konne, vorhanden sei. Der Erzbischof 
von Gnesen hatte sogar bei dem Rate gegen die Disputation 
protestiert und zugleich erklart, wolle Hefs an einem andern 
Orte, wo die Wut des Pobels weniger zu furchten sei, dis- 
putieren, so sei der Erzbischof geneigt, auch gelehrte und 
glaubige Manner dazu abzusenden. 

Die Thesen betrafen die Hauptpunkte, das Wort Go t- 
tes (abgelost von menschlichen Satzungen), das Pri ester- 
turn Ohristi, der sich einst fur die Menschen dahingegeben 
habe, vmd dessen Opfer nicht sich in der Messe immer wieder- 
holen konne, und endlich die Ehe als gottliche Institution^ 
der man nicht entgegentreten dtirfe. 

Bei der Disputation, welche am 20. April 1524 in dem 
von seinen Bewohnern verlassenen Dorotheenkloster zu Bres- 
lau begann, war es dann fast allein der Breslauer Domini- 
kaner Czipser, welcher Hefs angriff. Die Disputation dauerte 
zwei Tage, beriihrte jedoch nur den ersten Punkt, wo dann 
die Forderung von Hefs, nur diejenigen Institutionen der 
Kirche gelten zu lassen, welche sich aus der Schritt erweisen 
liel'sen, z. B. bezilglich des Rechtes zur Auslegung der hi. 
Schrift, der Fastengebote, der Feststellung der Lehren liber- 



Disputation von Hefs, Abendmahl unter beiderlei Gestalt. 2\) 

haupt u. s. w. in schroffen Gegensatz trat zu der von Czipser 
verteidigten hergebrachten Autoritat der Kirche und der von 
ihr eingesetzten Gewalten. 

Es ist bemerkt worden, dafs bei den Thesen und der 
Disputation das eigentliche Hauptprinzip der Reformation, 
die Rechtfertigung durch den Glauben, gar nicht zur Sprache 
gekommen ist. Es entsprach dies wohl der mehr auf das 
Praktische abzielenden Art von Hefs, aber auch was den 
Bischof anbetrifft, so gewinnt man den Eindruck, als ob ihn 
mehr als alle dogmatischen Fragen die Sorge beschaftigt 
hatte, mbglichst vorzubeugen, dafs nicht direkte und fur alle 
"Welt augenfallige Neuerungen die vorhandene Spaltung be- 
sonders kundbar und dann urn so schwerer heilbar machten. 
Nach dieser Seite beschaftigten ihn ungleich mehr als alle 
sonstigen Anderungen in der Form des Gottesdienstes , wie 
z. B. das Weglassen der auf die Idee eines Opfers beziig- 
lichen Stelle im Mefskanon, die Abschaffung der Prozessionen 
mit den Sakramenten, der Seelenmessen u. dgl. vornehmlich 
zwei Punkte. Der eine war die Frage des Abendmahls 
unter beiderlei Gestalt, die ja schon durch Erinnerungen an 
die Hussitenzeiten nahe genug gelegt war. 

Bei jener erwahnten Besprechung mit den der neuen 
Lehre zustimmenden Laien 1524 fragte der Bischof sogleich 
danach, ob aus ihrer Forderung des schriftgemafsen Evan- 
geliums auch jenes Postulat des Kelches abgeleitet werden 
solle, worauf sich dann eben der Freiherr Hans von Rechen- 
berg zu dem Abendmahl unter beiderlei Gestalt bekennt, 
ohne anscheinend einem Widerspruche aus der Reihe der 
versammelten Fursten und Herren zu begegnen, von denen 
ja allerdings Herzog Friedrich von Liegnitz schon vorher 
die gleiche Neuerung in Liegnitz eingefiihrt hatte. Auch an 
den Freistadter Ratsherrn Petzold, den man an Bischof 
Jakob deputiert hatte, richtet dieser eine auf die Form des 
Abendmahls beziigliche Frage, und sagt auf die bejahende 
Antwort des Ratsherrn : „ dann seid ihr ja schon halbe Luthe- 
raner" soil aber dann fast mit Humor die kulme Gegen- 
rede desselben ertragen haben: „darum wird auch unser 
neuer Prediger bei uns nur halbe Arbeit haben ". Wie hatte 
es dem Bischof gelingen mogen, eine Neuerung aufzuhalten, 
w^elche sich so mit Notwendigkeit aus dem von den An- 
hangern der Bewegung aufgestellten Prinzipien ergabV Fur 
gewohnlich bezeichnete die Austeilung des Abendmahls unter 
beiderlei Gestalt den Beginn der Reformation, wenngleich 
dieselbe zunachst nur fakultativ erfolgen mochte, d. h. an die, 
welche es begehrten und so, dafs auch denen, welche an der 



30 Erstes Buch. Einleitung. 

friiheren Weise festhielten, dazu Gelegenheit gegeben ward, 
wie solches uns z. B. aus Neumarkt noch vom Jalire 1538 
ausdriicklick berichtet wird, und wie dies auch fiir Breslau 
angenommen werden dart'. 

Noch ungleich eingreifender erscheint ein zweiter Punkt, 
die Priesterehe betreffend; der um so wichtiger war, als 
es sich dabei um ein Mittel zur Beseitigung allgemein em- 
pfundener Mifsstande handelte. Es wird von den unver- 
dachtigsten Zeugen, von entschiedenen Gegnern der Refor- 
mation allgemein zugegeben, dais zu jener Zeit die Sitten 
der Geistlichkeit verderbt waren und dieGeliibde der Keusch- 
heit von ihnen selir wenig beobachtet wurden. Bischof 
Jakob hatte bereits im Oktober 1522, als er von seinem 
Kapitel gedrangt ein Abmahnungsschreiben gegen die Luthe- 
raner erliefs, gleichzeitig ein anderes gegen die sittenlosen 
Priester ausgehen lassen. Die Folgen des thatsiichlichen 
Verfalls der Sitten mufsten sich besonders in den Stadten um 
so mehr fuhlbar machen, da die Zahl der Kleriker, auch 
der Weltgeistlichen, schon wegen der immer wachsenden 
Altarstiftungen sich so sehr vermehrt hatte. In einer Stadt 
wie Breslau, wo auf vierzig Einwolmer ein Geistlicher ge- 
rechnet werden mufste, drohten von soldier Menge zur Ehe- 
losigkeit verurteilten Personen mannlichen Geschlechtes, denen 
ihr Stand Zutritt in die Familien sicherte, wofern sie nicht 
eine rigorose Zucht oder ein die Begierden des einzelnen 
zuriickdrangender Standesgeist in Schranken hielt, den Fa- 
milien und der allgemeinen Moralitat ernste Gefahren, und 
dafs es damals hier libel ausgesehen habe, beweist uns vor 
allem jene Instruktion des Breslauer Rates fur den Grott- 
kauer Fiirstentag (im Januar 1524), im Punkte der Ehelosig- 
keit der Geistlichkeit. Von einer Seite, von der man sonst 
nur sehr sorgfaltig abgewogene und iiberlegte Aufserungen 
ausgehen zu sehen gewohnt ist, werden hier der damaligen 
Geistlichkeit so anstolsige und schlimme Dinge vorgeworfen, 
dais wir gern auf ihre nahere Ausfiihrung verzichten. Es 
wirft auch ein iibles Licht auf die damaligen Zustilnde, wenn 
wir erfahren, dafs bereits im Sommer 1523 ein Geistlicher, 
zugleich Organist bei St. Elisabeth, Joh. Schnabel, vor dem 
bischoflichen Konsistorium erschien und von dem Oftizial 
die Ermachtigung verlangte, eine Person, mit der er friiher 
in vertrautem Umgange gelebt, als seine rechtmafsige Gattin 
heimzufiihren, da er des anstofsigen Verhiiltnisses iiberdriissig 
sei. Solches war doch nur moglich, Avenn das Gefiihl von 
der bindenden Kraft des Geliibdes ganz abhanden ge- 
kommen war und die Ehe als das einzige Mittel erschien, 



Die Priesterehe. 31 

um aus diesen verwerflichen Verhaltnissen herauszu- 
kommen. 

Der Bischof wagte schon 1523 nicht mehr gegen jenen 
dreisten Priester vorzugehen, der iibrigens mit seiner neuen 
Ehefrau nach Polen auswanderte ; ebenso wenig gegen den 
Breslauer Priester, der damals die Ehe einer Begine mit 
einem Laienbruder von St. Jakob eingesegnet hatte. Schon 
erfolgten ja vielfache Austritte von Nonnen und Monchen 
aus den verschiedensten Klostern, von denen dann viele in 
den Ehestand traten. Dera Breslauer Magistrate aber ward 
die Zulassung solcher Ehen zum Vorwurf geraacht. Der- 
selbe verwahrt sich in jenen bereits erwahnten Instruktionen 
aus dem Ende des Jahres 1523 gegen jene Vorwtirfe. Er 
habe keinen Monch und keine Nonne veranlafst zur Ehe zu 
schreiten und konne es nicht als ein Unrecht ansehen, wenn 
er zwei Laienbruder , die ihre Kloster verlassen und dann 
zwei Beginen der vierten Regel zur Ehe genommen, wasja 
auch nach papstlichem Rechte gestattet sei, den einen als 
Backer bei dem Armenwesen, den andern als Baumeister 
angenommen habe. Allerdings wird auch hier schon die 
gottliche Einsetzung der Ehe ausdrucklich hervorgehoben und 
die Berechtigung des Colibats bestritten, wenn man gleich 
noch zogert, es fur ungiiltig zu erklaren. Einen Schritt 
weiter bezeichnen dann die Thesen der Hefsschen Dispu- 
tation, von denen ja ein Hauptstiick von der Ehe handelt, 
und wo an den Grundsatz, dafs Gott die Ehe eingesetzt 
habe, die Patriarchen und Propheten, Christus und die 
Apostel, so auch die hi. Schrift selbiges gewilligt und „kein 
Geschlecht der Menschen davon ausgeschlossen wissen woll- 
ten", die Folgerung geknupt't, dais, wer hiergegen handle 
und die Ehe verbote, Gott verschmiihe, seinem Wort nicht 
folge und „ nimmer teilhaftig werden konne des himmlischen 
Erbfalls". Schon diese These, welche ja doch in gewisser 
Weise unter Billigung des Breslauer Magistrates aufgestellt 
war, enthielt einen Bruch mit dem von der alten Kirche 
festgehaltenen Colibate. Die praktische Anwendung dieser 
Uberzeugung zu machen, hat den immer vorsichtigen, zuriick- 
haltenden Hefs anscheinend erst Luthers Beispiel 1525 be- 
wogen, wenn gleich schon friiher manche von dessen An- 
hangern sich verheiratet hatten. Im September 1525 trat 
Joh. Hefs in den Ehestand, 1526 folgte ihm darin sein Amts- 
bruder Moiban, und bald gab es an alien den Orten, wo 
die neue Lehre Eingang gef'unden, vermahlte Priester. Wie 
wir wissen, hatte Hefs ja bereits in seiner Disputation von 
1524 die Ehe als eine gottliche Institution verteidigt, die 



32 Erstes Buch. Eiuleitung. 

niemandem verwehrt werden diirfe. In einer Unterhaltung 
noit Sendboten der bohmischen Bruder ist er dann audi iibeif 
diese Angelegenheit befragt worden und hat damals das Ein- 
gehen einer Ehe als eine schwere und verantwortliche Sache 
bezeichnet iiir jeden, gleichviel ob er Laie sei oder Priester, 
aber anderseits daran festhalten zu miissen erklart, dafs es 
viel vorzuziehen sei, reehtschaffen mit seiner Gemahlin zu 
leben, als durch Unsittlichkeiten Argernis zu geben, wie ja 
auch der Apostel gesagt habe: „es ist besser zu heiraten 
als zu brennen". 

Dafs diese Neuerung Aufregung oder Argernis erregt 
habe, wird uns nicht berichtet; wenn jene Besclmldigungen 
der Breslauer begrl'indet sind, wenn die damalige Geistlich- 
keit wirklich zum grofsen Teile einen ihren Geliibden wenig 
entsprechenden Lebenswandel gefiihrt hat, dann konnte in 
der Freigebung der Eheschliefsung fur die Geistlichkeit ein 
Mittel zur Herbeifiihrung geordneter Verhaltnisse wohl er- 
blickt werden. 

Obwohl nun diese beiden Stiicke, das Abendmahl unter 
beiderlei Gestalt und die Priesterehe, offenbar die augen- 
i'alligsten Neuerungen waren und auch noch spater so an- 
gesehen wurde, so finden wir doch nicht, dafs in den Jahren 
1525 und 152G Bischof und Kapitel hiergegen auftraten. 
Es macht den Eindruck, als ob sie in hohem Grade ein- 
geschiichtert seien. iUs der Rat sich bei dem erstereri 
beschwert, dafs Leonhard Czipser, der Gegner von Hefs 
bei dessen Disputation, diesen letzteren und den Magistrat 
von Breslau in einem Biichlein geschmaht habe, notigt der 
Bischof denselben zu der Erklarung, dafs er keine belei- 
digende Absicht gehabt, sondern vielmehr von „ einem ehr- 
baren Rate und Doktor Hessen nichts anderes denn Ehre 
und Gutes zu sagen wisse", was der Bischof dann dem 
Rate selbst mitteilt (1525, Januar). Wohl straubte sich die 
Geistlichkeit noch beharrlich gegen eine Anerkennung jener 
erwahnten Forderungen der Breslauer, aber die Hauptsache 
bleibt, dafs sie unter der Hand am Hofe Konig Ludwigs 
bittere Klagen fiihren iiber die ganzliche Wirkungslosigkeit 
der koniglichen Edikte und die Ausbreitung der lutherischen 
Ketzerei, und gelegentlich wohl auch am polnischen Hofe. 
Freilich wurden sie dafur von dem Breslauer Rate mit 
Vorwiirfen und versteckten Drohungen heimgesucht. Das 
Schlimmste Avar, dafs sie in Ofen so gar keine Erfolge er- 
zielten. Der papstliche Orator sagte dort dem Gesandten 
des Kapitels, bei der Schwachheit des Konigs und der 
Schwierigkeit, Exekutionstruppen von Ungarn nach Schlesien 



Rechtfertigung der Neuerungen durch den Breslauer Rat. oo 

zu schicken, werde das ganze Kirchenwesen zugrunde gehenj' 
das einzige Mittel sei, dafs die benachbarten Bischofe mit 
den etwa gut gesinnten schlesischen Fiirsten sich zu ener- 
gischem Handeln verbiinden. 

Unter den schlesischen Fiirsten hoffte man auf Karl von 
Mtinsterberg, der ja allerdings 1525 als koniglicher Statt- 
halter in Boh men Verpflichtungen zum Widerstande gegen 
die neue Lehre iibernommen hatte, und Herzog Georg run 
Sachsen, den HeiTn von Sagan. Doch das alles hatte keinen 
Erfolg. Konig Luclwig bedurfte der Unterstiitzung der 
Schlesier fiir die Turkenkriege und stand doch auch unter 
dem Einflusse des reformatorisch gesinnten Markgrafen 
Georg, und die Breslauer erklarten dem Oberlandeshaupt- 
mann Karl von Mtinsterberg und den bohmischen Standen, 
sie seien vom Glauben und Gehorsam christlicher Kirche nie 
abgewichen, sondern hatten sich es viel Mtihe und Geld 
kosten lassen, dafs ihnen das ewige Wort Gottes durch ge- 
lehrte Leute vorgetragen werde, und so sie jemand aus der 
Schrift eines Irrtums, der sich bei ihnen eingeschlichen, 
uberfiihrte, wollten sie das dem danken und Abhilfe schaffen. 
Der Kirche Gut hatten sie nicht an sich gerissen, sondern 
Kirchenkleinodien nur in Verwahrung genommen, um zu 
verhiiten, dafs nicht Geistliche und Monche, wie dies mehr- 
fach vorgekommen, solche „ in ihrem Eigennutz verwendeten." 
Neuerungen rielen ihnen nicht zur Last, wenn man nicht die 
Werke der Barmherzigkeit, die sie gethan, dafiir reclmen 
wolle. Sie verpflegten an 800 Menschen in ihren Spitalern, 
sie hatten es dahin gebracht, dafs niemand mehr bei ihnen 
zu betteln brauche, auch f'tir die Hausarmen sorge >; das ge- 
meine Almosen". 

So standen nach dieser Seite hin die Sachen in Schle- 
sien zu der Zeit, als der Tod Konig Ludwigs in der Schlacht 
bei Mohacs dem Geschicke des Ostens eine neue Wendung 
gab. In Schlesien hatte die Reformation in der Landes 
hauptstadt einen vollkommenen Sieg erlangt, und vielfach 
war sie auch in andern Stadten zur Einftihrung gekommen, 
die machtigsten Fiirsten des Landes hatten sich fiir sie er- 
klart, auf den Fiirstentagen hatten ihre Anhanger eine an 
Einstimmigkeit grenzende Mehrheit, die dem alten Glauben 
treu gebliebene Geistlichkeit wagte entmutigt kaum noch 
Widerstand. Dabei war jedoch von einer Kirchenspaltung 
noch keine Rede; die Kirchengiiter waren kaum angetastet 
worden, und wenn wir von einer zu Breslau 1522 in der 
Fastnachtszeit vorgefallenen Verhohnung von Monchen und 
Nonnen absehen, beugte die Autoritat des Rates alien Un- 

Griinliagen, Gesch. S:hlesiens. II. 3 



S3 



34 Erstes Buch. Einleitung. 

ordnungen vor und suchte auch der Geistlichkeit ihre regel- 
malsigen Einki'mfte zu sichern, die Autoritat des Bischofs ward 
nicht bestritten. Der letztere lebte, ohne die vorgenommenen 
Anderungen zu billigen, doch in gutem Einvemehmen mit den 
Anhangern der neuen Lehre, vornehmlich dem Breslauer Rate. 
Das alles waren Resultate von der grofsten, folgenschwersten 
Bedeutung. 

Der Historiker vermag den Standpunkt wohl zu begreifen, 
von dem aus man jenes Resultat, schon insofern es zu einer 
Kirchenspaltung fiihrte, beklagt, aber er mufs auf Grand 
einer unparteiischen Prufung der Thatsachen fiir die bei der 
Reformation in Schlesien wenigstens thatigen Personen einen 
gewissen guten Glauben, in dem sie gehandelt, in Anspruch 
nehmen. Wer jene Schutzschrift des Herzogs von Liegnitz 
liest 7 wer das Vorgehen des Breslauer Rates Schritt fiir Schritt 
an der Hand der authentischen Quellen verfolgt, der wird 
hier nicht von aufserlichen frivolen Beweggrunden sprechen, 
er wird anerkennen, dafs man hier ebrlich versucht hat, allge- 
mein anerkannten Mifsstanden wirksame Abhilfe zu schaffen. 
]\Ian kann von einem konfessionellen Standpunkte den Weg, den 
jene Manner eingeschlagen ; mifsbilligen, man kann die Eigen- 
machtigkeit, mit der sie vorgegangen ; tadeln, aber man em- 
pfangt aus den Quellen kaum ein Recht ? ihnen eigenniitzige 
und kleinliche Motive unterzuschieben, und man wird nament- 
lich ? wenn man gerade Breslau ins Auge fafst ; auch zugestehn 
miissen, dafs ? so einschneidend die hier vorgenommenen Ande- 
rungen auch waren ; dieselben doch nicht einen Umsturz des 
Bestehenden ; sondern Reformen herbeigefiihrt haben, die schliefs- 
lich uns das Bild von geordneten Zustanden in einem Mafse 
zeigen ; wie solche vor der Reformation nicht bestanden haben. 



Erster Abschnitt. 

Schlesien unter Ferdinand I. 1537—1564. Seine Stel- 
lung zur Reformation. Friedrich II. von Liegnitz 
mid die Selnvenki'elder. Tiirkengefahr 1529. Bischof 
Balthasar 1539 — 1562. Die Oppelnsclie Erbschaft. 
Friedrichs II. Erbverbriiderung mit Brandenburg, 
aiifgehoben 1546. Der Sebnialkaldische Krieg. Die 
Piasten Friedrich III. mid Oeorg II. Innere Ver- 

waltung, Stande. 



Als die Nachricht von dem Tode des Konigs Ludwig 
am 29. August 1526 nach Schlesien kam, diirfte bei den 
Fiirsten nnd Standen daruber kaum ein Zweifel obgewaltet 
haben, dafs die alte Verbindung mit der Krone Bohmen auf- 
recht zu erlialten sei, und das Gerucht, die Breslauer batten 
sich bemiiht unter das Scepter des Kurfiirsten Jobann von 
Sachsen, des Beschutzers von Luther, zu kommen, ist schwer- 
lich etwas anderes als eine Erfindung zu dem Zwecke, Konig 
Ferdinand die gefahrlichen Konsequenzen der neuen Lehre 
vor die Augen zu ttihren. Zwischen den Landen des Kur- 
fursten und Schlesien lagen die Grebiete der Albertinischen 
Linie von Sachsen, deren Haupt Ilerzog Georg ein eif'riger 
Feind der Reformation war. Nach dieser Seite bin einen 
Anschlufs zu suchen, wiirde den klugen Herren von Breslau 
sicherlich hoffnungslos erschienen sein. 

Blieb man aber bei der Krone Bohmen, so traten audi 
sofort alle jene Schwierigkeiten in den Vordergrund, welche 
bei friiheren Erledigungen des bohmischen Konigthrons sich 
geltend gemacht hatten. Noch bestand jene Bestimmung des 
Olmiitzer Vertrages zu recht, nach welcher die Losung Schle- 
siens von der ungarischen Krone nur um den Preis von 
400 000 Goldgulden zulassig erschien. Allerdings konnte 
wie bisher dieser Streitpunkt noch weiter auf sich beruhen, 
wenn sich wiederum die Kronen von Bohmen und Ungarn 
auf demselben Haupte vereinigten. Bedenklicher noch war 
der zweite Umstand, dafs die Schlesier das lebhafteste 
lnteresse daran hatten, gegeniiber den Wahlpratensionen der 

3* 



36 Erstes Buck Erster Abschnitt. 

bohmischen Stande an der Erblichkeit der Wenzelskrone 
festzuhalten. Beide Erwagungen wiesen sie an den Habs- 
burger Fursten Ferdinand von Osterreich, Gemahl der 
Schwester des bei Mohacs geiallenen Konigs Ludwig, und 
es gab fur die Schlesier kauni eine andere Moglichkeit des 
Anschlusses; wenngleich daiier der Eat von Breslau wie 
Markgraf Georg und Herzog Friedricli wonl nicht ohne Be- 
sorgnis mogen daran gedaelit haben, dais Ferdinand als 
Gegner der neuen Lehre bekannt war, so baben sie doeli 
scbwerlicb geschwank^ wohin sie sicb zu wenden batten. 

Aut' der andern Seite ist aucli nur vori'ibergehend unter 
der eifrig altglaubigen Umgebung des Breslauer Bischofs die 
Hoffnung geniihrt worden, Konig Sigismund von Polen, der 
sich als entschiedenen Gegner der neuen Lebre gezeigt hatte, 
moge auf Grund seiner naben Verwandtsebait mit dem ver- 
storbenen Konige Ludwig selbst AnsprUche auf den bohini- 
scben Thron machen. Wir wissen iiber diese Bestrebungen 
nur so viel ; dafs auf einen Briei des Polenkonigs an die 
scblesiscben Stande vom 9. Oktober 1526, in welcbem der- 
selbe die Meinung ausspricht, man werde dern siegreicben 
Erbfeinde der Christenheit , dem Turken, nur mit verein- 
ten Kral'ten erfolgreich widerstehen konnen, der Biscbof 
namens der zu Neustadt in Oberscblesien vereinigten Fursten 
und Stande unter dem 14. Oktober eine Antwort schreibt r 
in welcher sich folgende (allerdings vielleicbt erst durch den 
bischoflichen Kanzler Mattbaus von Logau eigenmachtig in 
die lateinische Ubersetzung bineingebracbte) verfanglich genug 
lautende Stelle belaud, der Konig von Polen moge urn seiner 
koniglicben Tugend und des gebuhrenden Eecbtes der Ver- 
wandtscbaft mit seinem verstorbenen Neffen, ibrem Konige,. 
willen, nicht unterlassen, daiiir Sorge zu tragen, dafs sie so* 
bald als moglicb einen christlichen und gerechten Konig er- 
hielten. Wirklich hat der Konig insoweit auf die eingefiW 
sene Mahnung reagiert, dafs er wenige Tage spater unter 
dem 19. Oktober den Breslauern von seinem auf die goidene 
Bulle (namUcb das bohmisehe Erbfolgegesetz Kaiis IV.) ge- 
griindeten Erbfolgeansprucbe auf das Konigreicb Bobmen. 
scbreibt, welchen er geltend machen wolle nicht aus Begierde 
nach einer Erweiterung seines Reiches, sondern um der all- 
gemeinen Sache der Christenheit willen, in welehem Sinne 
er dann aucb an die scblesiscben Fursten und Stande zu 
scbreiben beabsichtige. Dock da wir sonst absolut nichts inebr 
von der ganzen Sache boron, diirfen wir wobl annehmen,, 
dafs er bald wiedor den ganzen Flan iallen gelussen bat. 
Jedes Erfolges entbebrte auch die Botschait des von einer 



Anerkennung Konig Ferdinands. 37 

nicht unmiichtigen Partei in Ungarn zum Konige ausge- 
rufenen Woiwoden von Siebenbiirgen, Johann Zapolya, der 
die Schlesier an der Verbindung mit der ungarischen Krone 
festhalten wollte. Den bohmischen Standen gegeniiber er- 
klart man sich zwar bereit bei der Verbindung mit Bohmen 
zu bleiben, betont jedoch die Privilegien des Landes und die 
Erblichkeit der Krone. 

Zu Neustadt in Oberschlesien wurden im Herbst 1526 
Beratungen unter den schlesischen Standen gepflogen , auch 
unter der Hand Gesandte an den Erzherzog Ferdinand nach 
Wien geschiekt, um dessen Gesinnung zu erkunden. Offen- 
bar haben dieselben gunstige Kunde heimgebracht, und nach- 
dem inzwiscben am 8. Oktober die Wabl Ferdinands in Prag 
erfolgt Avar, und zwar abermals im Widerspruche mit der 
Wahlordnung Karls IV. , olme dafs Vertreter der Neben- 
lander dazu eingeJaden worden waren, ward jetzt auch von- 
seiten des Erzherzogs an den Anfang Dezember 1526 zu 
Leobschiitz tagenden schlesischen Fiirstentag eine Gesandt- 
schaft ; bestehend aus dem Grafen Hardegg von Glatz, dem 
Freiherrn von Roggendorf und dem Herrn von Aursperg, 
angeordnet, um nun auch hier Anerkennung und Huldigung 
zu begehren. Auf den Vortrag dieser Gesandtschaft am 
5. Dezember beschlofs die Versammlung einstimmig, den 
Erzherzog Ferdinand als ihren Erbherrn anzunehmen, und 
zwar, Avie man hervorhob, unabhiingig von der Wahl zu 
Prag und der Anerkennung der Mahrer „aus freiem Willen" 
und unter den nachfolgenden Bedingungen: dais der neue 
Herrscher die schlesischen Landesprrvilegien bestatige und 
sich zu nichts verpflichte, was denselben zuwiderlaufe, dafs 
er ferner sie vor den Anmafsungen der Bohmen schiitze, 
welche den Rechten der Schlesier zuwider die Kcinigswahl 
ganz allein an sich reifsen wollten, und dafs er endlich es 
auf sich nahme, die Anspriiche der Krone Ungarn abzulosen, 
da sie sonst ihren friiheren Verpflichtungen wurden nach- 
kommen miissen. 

Es war gegen die Erwartungen der katholischen Partei, 
dafs dieser Beschlufs seitens der evangelischen Majoritat so 
ganz olme Schwierigkeiten und ohne eine Erwahnung der 
religiosen Gegensatze erfolgte. Offenbar batten die der neuen 
Lehre anhangenden Hiiupter sich irgenclwie vorher gesichert, 
sei es dafs sie beruhigende Versicherungen von dem Konige 
selbst unter der Hand erhalten hatten, sei es dafs sie der 
milden und versohnlichen Gesinnung des Bischofs Jakob 
versichert sein zu konnen glaubten. In der That gab der 
letztere einen gewissen Beweis dieser Gesinnung dadurch, 



38 Erstes Bach. Erster Abschnitt. 

dafs er im Januar 1527 an der Spitze einer Gesandtschaft, 
an welcher dann auch Markgraf Georg von Jagerndorf und 
Herzog Friedrich teilnahmen, eine Reihe von Wiinschen der 
Schlesier ihrem neuen Herrscher vorlegte, unter denen sich 
auch der befand, es moge, da sich jetzt bei ihnen wie an- 
derswo „zwischen Geistlichen und Weltlichen etlicher Zweifel 
versptiret " — „ eine christliche Ordnung den heiligen Evan- 
gelien gemafs aufgerichtet werden", wahrend allerdings in 
derselben Vorlage auch die Bitte enthalten war, der Konig 
wolle dafiir eintreten, dafs dem Bischofe und der Geistlich- 
keit ihre Zehnten und sonstigen Einkiinfte regelmafsig ent- 
richtet wiirden. Weitere Punkte dieser Antrage betrafen 
dann neben den ; wie oben erwahnt, bereits in Leobschiitz 
angeregten Punkten einige mehr praktische Interessen: Wieder- 
eroffnung des neuerdings gesperrten Handels nach Polen, 
Befreiung der Schlesier von der Niederlage zu Wien, Schiff- 
barmachung der Oder, Schutz der Stadte in den Fiirsten- 
tiimern Schweidnitz - Jauer und Glogau gegen die Willkiir 
der dortigen Ritterschaft, Errichtung eines allgemeinen Land- 
friedens, gemeinsame Miinze in Bohmen, Mahren und Schle- 
sien u. dgl. 

Die Ernennung Ferdinands zum Oberlandesherrn von 
Schlesien war in Breslau mit Jubel und Freudenfeuern be- 
griifst worden, und derselbe zeigte sich auch aufserst gnadig, 
beantwortete die Denkschrift der Schlesier in entgegen- 
kommendster Weise, erklarte die Anspriiche Ungarns an 
Schlesien dadurch, dafs er rechtmafsig gewahlter Konig auch 
von Ungarn sei, fur abgethan und riet beziiglich der reli- 
giosen Streitpunkte zu einer giAtlichen Vereinigung zwischen 
Geistlichen und Weltlichen, die ihm dann vorgelegt werden 
sollte. 

Ferdinands Stellung zur Reformation in Schlesien. 

Den ersten Sturm in der Religion ssache hatten die Bres- 
lauer Gesandten, welche zur Kronungsfeier nach Prag ab- 
gesendet worden waren, zu bestehen. Ihnen eroffnete am 
5. Marz 1527 der osterreichische Kanzler Ulrich Harrach, 
es sei dem Konig berichtet worden, die Breslau er waren 
von der Ordnung der christlichen Kirche gevvichen, hatten 
Zeremonien abgethan, fuhrten ein unchristlich Leben und 
hatten lutherisch gesinnte Prediger; er konne dies nicht dul- 
den ; Mifsbrauche abzuthun , stiinde nur einem allgemeinen 
Konzile zu, die Breslauer sollten ihre lutherischen Prediger 
abschaffen, der Bischof werde ihnen andere gute Prediger 
einsetzen. Die Gesandten mochten bei der vielfach feind- 



Ferdinands erste Aufserungen iiber die Religionssachen. 39 

lichen Stimmung, die sie in Prag getroffen, auf derartiges 
gefafst gewesen sein ; sie hatten auch bereits bei dem Bischof 
um Fiirsprache gebeten und freundliche Zusagen von ibm 
empi'angen. Als sie demselben erklart hatten, die Breslauer 
hatten ihm doch keine Ursache zur Unzufriedenheit gegeben, 
hatte er lackelnd erwidert, wo ihm der Stadt Freundschaft 
nicht so lieb ware, wiirde er leichtlich Ursachen suchen und 
finden konnen. 

Jetzt halfen sich die Gesandten mit der Erklarung, ihre 
Instruktion erstrecke sich nur auf die Begliickwunschung 
Seiner Majestat, iibrigens lebten die Breslauer mit dem Bischofe 
in guter Einigkeit und waren zu der vom Konige gewunsch- 
ten allgemeinen Verstandigung durchaus bereit. Sie bitten 
nur den Konig, Einfliisterungen ihrer Feinde kein Gehor 
zu geben, bevor er die Verteidigung des Rates angehort 
hatte. 

Dabei hat sich dann auch der Konig keruhigt schon im 
Hinblick auf seine bevorstehende Anwesenheit in Breslau 
und mit dem Bemerken, Bischof Jakob habe ihm mitgeteilt, 
dafs die Breslauer von alien schlesischen Stadten am wenig- 
sten sich in die Neuerungen eingelassen hatten und auch am 
leichtesten abzuwenden sein wiirden. Er selbst trat dann 
an die Gesandten heran und sagte ihnen : „ seid fromm, fromme 
Christen auf dem alten Glauben/' 

Bei Gelegenheit eines auf den Anfang April nach Grott- 
kau berufenen Fiirstentages wurden dann auch die in Aus- 
sicht genommenen neuen Verhandlungen zwischen dem Bischof 
und dem Domkapitel einer- und den Anhangern der neuen 
Lehre, vor allem den Breslauern anderseits vorgenommen, 
doch olme Erfolg, da der Bischof, vermutlich durch sein 
Kapitel gedrangt, die gegen die Lehre Luthers ergangenen 
Edikte einfach ausgefiihrt wissen wollte. 

Am l. Mai zog Konig Ferdinand mit seiner Gemahlin 
und stattlichem Gefolge in Breslau ein. Uber eine Meile 
weit war ihm zu seiner Begriifsung eine stattliche Schar von 
300 Reitern, ganz in Blau-weifs gekleidet, entgegengezogen, 
an ihrer Spitze Achatius Haunold, der Ratsalteste und Haupt- 
mann des Fiirstentums Breslau, mit den Herren vom Rate. 
Auf einem Felde unweit Grofs - Tschansch (auf der Strafse 
von Ohlau her) ward zu seiner Begriifsung ein Turnier ver- 
anstaltet, und zwei Breslauer Patrizier, Sebastian Uthmann 
und Hans Bockwitz, trafen einander hier in scharfem Rennen 
zur grofsen Kurzweil fiir den Konig. Auf der westlichen 
Ringseite war dem Konigspaare in zwei neben einander 
liegenden Patrizierhausern, deren Zwischenwande man durch- 



40 Erstes Buch. Erster Absclmitt. 

brochen hatte, Quartier bereitet, davor aber ein holzernes 
Palas errichtet, mit kostbaren Teppichen geziert, wo dann 
am 11. Mai der Rat und die Biirgerschaft huldigten, die 
Stande Schlesiens aber drinnen in der koniglicken Behausung. 

Der Konig liatte bei dieser Gelegenheit sein Hauptaugen- 
merk darauf gerichtet , fur den ihm bevorstehenden Krieg 
zur Bezwingung seines Nebenbuhlers in Ungarn sowie zur 
Abwehr der Tiirken eine grofsere Geldsumme von den schle- 
sischen Standen zu erlangen. Was im Anfang dieses Jahres 
(1527) das Reichsregiment dem deutschen Reichstage vor- 
geschlagen liatte , auf Grund einer Selbstschatzung aller 
Stande eine Ttirkenhilfe fur Ferdinand zu bewilligen, das 
ward jetzt hier von den Schlesiern begehrt, und wirklich 
mit Erfolg. Auf die Versicherung hin, dafs die Gewahrung v 
„ einer gutwilligen Hilfe — wider den Tiirken und zur Be- 
kommung unserer Gerechtigkeit an der Krone Hungarn" 
den Privilegien der Fiirsten und Stande in Schlesien zu 
keinem Abbruch etc. gereichen solle, bewilligten die letzteren 
am 17. Marz ihrem neuen Herrscher die Surarae von 100 000 
ungar. Gulden (150 000 Thaler schlesisch, 1 Thaler schle- 
sisch = Mark 4,50 unseres Geldes), und mit dem Entschlusse, 
die Erhebung dieser Summe durch eine Schatzung alles Er- 
trag gewahrenden Vermogensbesitzes und Einkommens in 
Schlesien herbeizufiihren. Die Einschatzung ging urn so 
glatter von statten, als die Meinung allgemein war ? dais es 
sich hier nur um eine einmalige Bewilligung handle, und ergab 
die Totalsumme von etwas liber 11 \ Millionen Thaler schle- 
sisch ; wo von auf den einzelnen nicht ganz 1,3 Prozent 
kamen. Thatsachlich ist allerdings diese erste Einschatzung 
(Indiktion) dann fort und fort die Grundlage der schlesischen 
Steuerverfassung geblieben. 

Die Gegner der reformatorischen BeAvegung batten sehr 
ernstlich daran gedacht, die Anwesenheit Ferdinands in 
Breslau zu einem vernichtenden Schlage gegen die Neue- 
rungen zu benutzen, und das Breslauer Domkapitel, welches 
nach dieser Seite scharfer, als es wohl dem Bisohofe lieb 
war, vorgehen wollte, durfte hier auf die einflufsreiche Fiir- 
sprache der deutschen Fiirsten zahlen, die sich damals in 
1 fereslau eingefunden hatten ; da war neben Georg von Sach- 
sen, der fur Sagan zu huldigen kam, noch Joachim von Branden- 
burg, der ja gleichfalls bohmische Lehne in der Niederlausitz 
besafs, und dann noch dessen zukiinftiger Schwiegersohn, 
der alte Erich von Braunschweig, unter den weltlichen Fiirsten 
Deutschlands die drei Ilauptfeinde der Reformation. Der 
papstliche Nuntius, und Ferdinands eifriger Rat, der 



Ferdinand in Breslau. 41 

Bischof Johann Faber, mochten dann audi das ihrige 
than; 

Der Konig zogerte mit Mafsregeln nach dieser Seite hin, 
urn zunachst die Steuerbewilligung sicker zu haben, hat aber 
dann doch noch vor der letzten Abstimmung in der Steuer- 
sache (am 17. Mai) ein scharfes Mandat ergehen lassen, 
welches u. a. auch die Forderung enthielt, dais alle abge- 
fallenen und die bevveibten geistlichen Personen des Landes 
verwiesen werden sollten. Der Herzog Friedrich antwortete 
(am 16. Mai) darauf mit einer respektvollen, aber kurzen 
Erklarung, es sei ihm unmoglich, das Mandat auszufiihren. 
Der Rat von Breslau verhehlte in seiner Antwort vom 
18. Mai nicht, dais er von einer Ausfiihrung des Mandates 
Unruhen befurchten miisse, und der Hauptmann Achatius 
Haunold eroffnete namens seiner Kollegen dazu noch mund- 
lich dem Konig, derselbe sei tibel unterrichtet , wenn er 
meine, dafs die jetzigen Prediger in Breslau Aufruhr und 
Emporung predigten, nie vorher hatte hier die Gemeine so 
eintrachtiglich mit dem Rate gelebt als eben jetzt. Derselben 
nun ihre Prediger zu nehmen, sei der Rat ganz und gar 
aufserstande , soviel Macht hatten die zwanzig Manner, die 
den Rat bildeten, nicht-, sie wollten da lieber die iStadt 
raumen. Darauf begniigte sich dann Ferdinand, die Zuver- 
sicht auszusprechen, die Breslauer wiirden seiner Willens- 
meinung nachleben, ohne Aveiter auf bestimmte Anderungen 
ihrer Institutionen zu drangen. 

Am ^0. Mai verliels Ferdinand Breslau und zog liber 
Schweidnitz , wo er, den Sonderprivilegien dieser Fiirsten- 
tiimer entsprechend, die Huldigung der iritiinde von Schweid- 
nitz-Jauer entgegennahm, und Braunau nach Bohmen zuriick. 

Offenbar war der Konig schon im Hinblick auf die Ge- 
fahren, mit denen ihn sein Rival in Ungarn und die Macht 
der Tiirken bedrohten, wenig geneigt, den religiosen Eiferern 
in seiner Umgebung zuliebe sich durch schroftes Auftreten 
die Herzen seiner neuen Unterthanen zu entfremden, und 
er glaubte genug zu thun, wenn er die mit der neuen Be- 
wegung verkntipften revolutionaren Elemente, wie solche 
anderwarts, in dem Bauernkriege und den Unruhen der 
Wiedertaufer zutage getreten waren, bekampfte. 



Friedrich II von Liegnitz und die Schwenkfelder. 

Auch nach Schlesien hatten sich wiedertauferische Ideen 
verpflanzt. Im Glogauischen Ftirstentum haben, wie uns 
erziihlt wird, grofse Scharen Volkes, vornehmlich Bauern, 



42 Erstes Buch. Erster Abschuitt. 

unter dem Einflusse solcher Lehren ihren Besitz verkauft 
und sind nach Mahren ausgewandert. In Stolz bei Franken- 
stein war die halbe Bauernschaft wiedertauferisch geworden, 
und liber sie verhangte Herzog Karl ein strenges Strafgericht. 
Ihre Haupter wurden zu Frankenstein am Pranger mit Ruten 
gestrichen und dann, nachdem man ihnen die Ohren abge- 
schnitten, aus dem Lande gejagt. 

In einen kaum minder iiblen Geruch waren die in Lieg- 
nitz zur Herrschaft gelangten Lehren gekommen. Hier hatte 
jener Edelmann Kaspar von Schwenkleld mit seinem rast- 
losen Forschungstriebe, mit seiner warmherzigen religiosen 
Begeisterung , der Lauterkeit seiner Gesinnung und der be- 
redten Lebhaftigkeit seines Geistes den Herzog Friedrich 
machtig fur sich einzunehmen vermocht, ein gewisser schwar- 
merischer Zug in ihm traf in des Herzogs Seele eine ver- 
wandte Richtung. Schwenkfeld nun hatte sich mehr und 
mehr von Luther entfernt, namentlich im Punkte der Abend- 
mahlslehre, hatte die lutherische Deutung der Einsetzungs- 
worte, die Annahme des wirklichen Genusses von Christi 
Fleisch und Blut fiir Abgotterei erklart und nur eine sym- 
bolische Bedeutung gelten lassen wollen. Luther hatte die 
Bedenken Schwenkfelds, die dieser ihm 1525 personlich in 
Wittenberg vorgetragen, nicht eben freundlich aufgenommen 
und diesem geraten, bei solcher Gesinnung lieber sich vom 
Abendmahle fernzuhalten, einen Rat, den Schwenkleld, der 
es mit der Frage der Wiirdigkeit zum Genusse des Abend- 
mahls sehr ernst nahm , wirklich befolgte. Bei dem niach- 
tigen Einflusse, den er auf die Geistlichen in Liegnitz aus- 
iibte, folgte man ihm hier in jener Enthaltung, und es trat 
hier von 1526 an der sogenannte Stillstand ein, die Suspen- 
sion der Spendung des Abendmahls. Herzog Friedrich selbst 
war geneigt, die ganze Frage des Abendmahls als eine offene 
Frage anzusehen, iiber welche die Manner der Wissenschaft 
sich auseinandersetzen sollten. Eben damals und im Zu- 
sammenhange mit dieser Angelegenheit gedachte er ja in 
Liegnitz eine Universitat zu griinden, an der 24 Prolessoren, 
deren jeder ein Gehalt von 50 Goldgulden beziehen sollte, 
zu docieren hatten. Aber der Plan stiefs auf grofse Schwierig- 
keiten; die aus dem Wittenberger Kreise berufenen Gelehrten 
mochten nicht annehmen , die DifFerenz der Lehrmeinungen 
und der grofse Einflufs Schwenkfelds schreckte zuriick, es 
ist bei einigen Vorlesungen, welche Konrad Cordatus, Valen- 
tin Krautwald, der Freund Schwenkfelds, und sein Gegner, 
der gelehrte Trotzendorf, gehalten haben, geblieben ; aus warts 
fanden die Lehrmeinungen Schwenkfelds lebhaften Wider- 



Die Scuwenkfelder in Liegnitz. 43 

spruch, selbst bei den sonst so mild gesinnten Breslauer 
Theologen, wie Hefs und Moiban, obwohl auch diese Luthers 
Abendmahlslehre nicht ganz strikt sich angeeignet batten, 
und die Spaltung, welcbe durch die Liegnitzer in die evan- 
gelische Sache hineinkam, ward allgemein beklagt. 

Die Gegner der Reformation aber wufsten die Liegnitzer 
Vorkommnisse geschickt auszubeuten, um der ganzen Sache 
den Makel aufruhrerischer Tendenzen und Umsturzideen an- 
zuhiingen. Die Enthaltung der Liegnitzer vom Abendmahl 
ward, wenngleich mit Unrecht, als eine Verachtung des 
Sakraments angesehen. Die Unterredungen Schwenkfelds mit 
Hauptern von Wiedertaufern auf seiner Reise, die Zuflucht, 
welche Herzog Friedrich auf Schwenkfelds Rat einzelnen 
Fliichtlingen Jener Sekte in seinem Lande gewahrt hatte, 
wurden mit Aufserungen des letzteren iiber die Kindertaufe, 
dafs diese nur ein aufscrlicher Gebrauch sei, insofern den 
Kindern doch der lebendige Glaube naturgemafs fehle, zu- 
sammengebracht und allerlei Geschichtchen, zum Teil iiber- 
trieben oder ganz erfunden, in Kurs gesetzt, darauf hinaus- 
laufend, dafs man in Liegnitz an unmittelbare Eingebungen 
des heiligen Geistes glaube, die einzelnen Gemeindemitgliedern 
zuteil wurden. Kurz, die Liegnitzer kamen allmablich in 
den Ruf einer sektiererischen, wiedertauferischen Gesinnung, 
wie solche als Feindin nicht nur der kirchlichen, sondern 
auch der staatlichen Ordnung allgemein gefiirchtet und ver- 
abscheut wurde. 

Als Ferdinand 1527 nach Schlesien kam 7 schiitzte zwar 
das Ansehen Herzog Friedrichs II. diesen vor direkten An- 
griffen, wie jedoch der Konig gegen die Schwenkfelder, als 
deren Beschiitzer der Herzog gait, gesinnt war, erfuhr man 
mit Schrecken daraus, dafs derselbe, als er iiber Schweidnitz 
nach Bohmen zuriickging, dort den Prediger von Striegau, 
Johann Reichel, genannt Eilffinger, wegen dessen Schwenk- 
feldischer Ansicht vom Abendmahl, ohne weiteres an einem 
Baume atdfkniipfen liefs, und zwar in besonders schimpflicher 
Weise mit dem Kopfe nach unten, „in der Juden Weise", 
wie der Chronist sagt. 

Die ganze Schwenkfelder -Angelegenheit aber diente den 
Breslauern in gewisser Weise als Folie. Auf dem dunklen 
Hintergrund dieser iibel beleumdeten Lehrmeinungen war 
auch dem neuen Landesherm die Loyalitat der Breslauer 
als besonders schatzenswert erschienen, und diese gewannen 
ein gewisses Recht, die scharfen Mandate gegen die Neue- 
rungen, wie ein solches schon 1527 bei Ferdinands Riick- 
kehr aus Braunau erlassen ward , vorausgehend einem 



44 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

noch schiirferen vom Jahre 1528, als sie nicht eigent- 
lich angehend anzusehen, urn so mehr, da das letzte 
Edikt sicli ganz besonders gegen „die unerhorte verdammte 
und greuliche Ketzerei wider das hochwiirdige Sakrament" 
wendete and die Breslauer ausdriicklich belobt wurden, dafs 
sie solche Ketzereien ,,Wiedertaufe 7 Konventikel und der- 
gleichen " nicht gestattet hatten. Als dann aber dock noch 
die Absetzung ihrer Prediger angeregt ward, erklarten sie 
entschieden genug, sie wollten dem Kcinig gehorsam sein, so 
weit Leib, Gut und Leben reiche; aber kein Mensch diirfe 
„ zu ihren Seelen sprechen : Jch habe dich in meiner Macht, 
dich in die ewige Verdammnis zu stofsen.-' Das stehe allein 
bei Gott. 

Unmittelbar nach des Konigs Abreise hatten sie die Ver- 
handiungen mit dem Bischofe wieder aufgenommen. Der 
entschieden versohnlich gesinnte Kirchenfurst ging auf ihren 
Antrag, durch eine Synode seines Sprengels den Zustand 
der Dinge, wie er sich in Breslau entwickelt, legalisieren zu 
lassen, zwar nicht ein, weil er zur Anerkennung so 
wesentlicher Reformen nicht befugt sei, machte ihnen aber 
Hoffnung, es kcinnten durch den Erzbischof von Gnesen, 
der als papstlicher Legat weitergehende Machtvollkommen- 
heiten habe, gewisse Zugestiindnisse bis auf ein allgemeines 
Konzil gemacht werden , wie ahnliches fur das Bistum Ku- 
jawien wirklich schon erfolgt sei. Als solche mogliche und 
nach dem Kujawischen Vorgange wirklich zu erlangende 
Zugestandnisse bezeichnete der Bischof den Laienkelch, 
die Priesterehe und die Abstellung einer Anzahl von 
Feiertagen resp. deren Verlegung auf den niichsten Sonntag. 
Der Rat zeigte sich damit einverstanden und begehrte nur 
noch, der Bischot moge die Schmahungen der neuen Lehre 
von den Kanzeln verbieten, wie auch der Rat auf seiner 
tSeite das gleiche zusichere. 

Die Unterhandlungen wurden dann nuch im Jahre 1528 
furtgesetzt, ohne jedoch zu deiimtiven Resultaten zu filhren. 
Der friedliebende Bischof war offenbar in bedrangter Lage, 
er mufste jene Verstandigungsversuche mit dem Rate that- 
sachlich hinter dem Riicken seines Kapitels betreiben, dessen 
Majoritat vielmehr darauf hoffte, die strengen Mandate des 
Konigs wider die retormatorischen Neuerungen, welche in vielen 
hunderten von Exemplaren im Lande verbreitet wurden, im 
vollsten Umfange zur Ausiuhrung gebracht zu sehn. 

Solehen Planen waren nun allerdings die Zeitumstande 
wenig gi'instig. Konig Ferdinand hatte zwar im Sommer 
1527, von den Schlesiern treulich unterstiitzt, sidgreich gegen 



Yermittelungsversuche. Tiirkennot. 45 

Joh. Zapolya in Ungarn gekampft und war am 28. Oktober 
in Stuhlweifsenburg gekront worden; doch war die gegner- 
ische Partei noch imraer machtig, und die Macht der Tiirken, 
welche durch den Sieg bei Mohacs nur noch ubermutiger 
geworden waren, drohte die schwersten Gefahren. 

Von seinem Bruder dem Kaiser Karl V. und dem deut- 
schen Reiche war wenig Hilfe zu hoffen, so lange der reli- 
giose Zwiespalt die Mehrzahl der Fiirsten ihrem Haupte 
entfremdete. Ferdinand meinte offenbar dem Drangen der 
Geistlichkeit insoweit genug nachgegeben zu haben, dafs er 
jene scharfen Mandate ergehen liefs, daran aber, deren Durch- 
fiihrung mit Gewalt zu erzwingen, konnte er kaum clenken: 
ein eifriger Protestant, Markgraf Kasimir, ein Bruder Georgs 
von Jagerndorf, war einer der Plauptfuhrer seiner Heere, 
und des guten Willens der Schlesier bedurfte er fan Punkte 
der Geldbewilligung immer aufs neue. 1528 bewilligten ihm 
die schlesischen Stande gleichsam zum Dank fiir die kurz 
vorher erfolgte riickhaltslose Bestatigung der Landesprivi- 
legien und zugleich als Ersatz fiir die Stellung von Mann- 
schaften, auf welche der Konig verziehtete, fiir drei Jahre 
von 1529 — 1531 eine ansehnliche Auflage auf alle Cerealien, 
auf Salz, Bier ; Wein ; Wolle etc., nicht ohne dafs der Konig 
auch diesmal wieder diese Auflage als eine aus freiem Willen 
der Fiirsten und Stande erfolgte hatte bezeichnen miissen. 

Tiirkengefahr 1529. 

Im Jahre 1529 ward die Gefahr noch grofser. Zapolya 
riistete von neuem und warf sich endlich ganz den Tiirken 
in die Arme. Sultan Soliman fiihrte ein gewaltiges Heer die 
Donau aufwarts, eroberte Ende August Ofen und wandte 
sich nun im September gegen die osterreichische Hauptstadt, 
um auch diese zu gewinnen. Der Schrecken war grofs, auch 
in Schlesien, wo man sich alien Ernstes auf einen Anfall 
der Tiirken gefafst machte. Hier hatte bereits im April 
1529 ein Fiirstentag den Beschlufs gefafst, eine Landes- 
verteidigungsordnung aufzurichten , derzufolge Schlesien in 
vier Kreise geteilt ward, deren jeder einen besonderen Haupt- 
mann haben sollte, namlich Niederschlesien (die Fiirstentiimer 
Glogau, Sagan, Liegnitz und Jauer) unter Herzog Friedrich 
von Liegnitz, 2) Mittelschlesien (die Fiirstentiimer Breslau, 
Wohlau, Ols und Brieg mit Aasnahme des Weichbildes von 
Strehlen , und dazu noch die Standesherrschaften Militsch, 
Trachenberg und Polnisch-Wartenberg) unter dem Breslauer 
Hauptmann Achatius Haunold , 3) das Bischofsland Neisse, 



46 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

wozu noch die Fiirstentumer Miinsterberg und Schweidnitz 
und das Weichbild von Strehlen geschlagen waren, unter 
Fiihrung des Bischofs, endlich 4) ganz Oberschlesien unter 
Herzog Johann von Oppeln, dem jedoch, weil hier die grofste 
Gefahr zu besorgen sei, in der Person Heinrichs von Freuden- 
thal ein kundiger Kriegsmann beigegeben ward. Jeder 
Hauptmann hatte zwei Kriegsrate zur Seite, einen aus dem 
Adel, einen aus den Stadten seines Kreises, und dem Ober- 
landeshauptmann blieb es vorbehalten, nach den anzustellen- 
den Erhebungen der angesessenen Wirte je den 20., den 10., 
oder gar den 5. Mann auszuheben. Jedes Landgut, das auf 
3000 Gulden geschatzt war, hatte einen geriisteten Reiter zu 
stellen; das ganze Aufgebot sollte dann zusammen ein schle- 
sisches Heer bilden, wie es noch nicht ins Feld gezogen 
war, unter einem gemeinsamen Banner mit dem Landes- 
wappen. 

Aufserdem bemiihten sich die Schlesier auch um Beistand 
von ihren Nachbarn und erlangten von Kurfurst Joachim 
von Brandenburg das Versprechen, ihnen fur den Fall eines 
Einfalls der Tilrken in Schlesien in eigner Person aufs 
starkste zuhilfe ziehen zu wollen, und in demselben Sinne 
aufserten sich auch die Vertreter der Ober-Lausitz. 

Um jene Zeit und bereits vorher hatten die Breslauer 
begonnen die Festungswerke ihrer Stadt auszubessern und 
zu erneuern. Natiirlich tauchte nun wiederum die Frage 
wegen des Vincenzstiites auf dem Elbing auf; es war dies 
ein massives Gebaude, welches allerdings, wenn es nicht 
mit in die Befestigungswerke hineingezogen werden konnte, 
der Stadt die schwersten Gefahren drohte, da ein Feind, 
der diese belagern wollte, sich in diesem festen Gemauer 
den erwiinschten Stiitzpunkt fiir alle weiteren Operationen 
sichern konnte. Wiederholt hatten deshalb die Breslauer 
fruher bei dem Oberlandesherrn, und zwar bereits vor Ein- 
fiihrung der Reformation um die Ermachtigung gebeten, 
das Kloster schleifen zu diirfen, in welchem Falle sie den 
Mbnchen innerhalb der Stadt ausreichendes anderweitiges 
Quartier schaffen wollten. Immer abgewiesen, beschlossen 
sie jetzt, wo dringende Gefahr vorhanden zu sein schien, 
auf eigene Hand vorzugehn. Sie notigten am 14. Oktober 
1529 die Bewohner des Stiftes, dasselbe zu verlassen und in 
das Jakobskloster an der Sandbrucke (das heutige Ober- 
landesgericht) iiberzusiedeln und girigen mit grofstem Eifer 
an die Demolierung des Gebiiudes. Einige Skulpturen wur- 
den in die Stadt kinubergeschafft, das kunstreiche ehemalige 
Hauptportal des Stiftes ziert noch heute die Siidseite der 



Tiirkengefahr. Abbruch des Vinceuzstiftes. 47 



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Magclalenenkirche. Gleichzeitig warden auch die aufserhalb 
der Stadt gelegenen Kirchen zvi St. Michael, Allerheiligen 
und Elftausend Jungfraueu eingerissen. Die wenigen Monche, 
die sich noch im Jakobskloster vorfanden, hatte man in das 
Dorotheenkloster auf der Schweidnitzer Strafse iibergefiihrt, 
dessen zwei oder drei Insassen gegeniiber in dem Hospital 
zu St. Hieronymus untergebracbt worden waren. Konig 
Ferdinand hat die Schleifung des Vincenzstiftes im Hinbliek 
auf die gute Absicht dabei nachtraglich gebilligt und nur 
die Eigenmachtigkeit geriigt; die Intervention des Ftirsten- 
tages hat schlielslich noch durchgesetzt, dafs der Eat an der 
Stelle des geschleiften Stiftes eine holzerne Kirche und eine 
Propstei fur drei bis vier Briider errichten mufste. 

Ubrigens ist in der That nicht zu zweifeln, dafs die 
Furcht vor den Tiirken fur den Rat das wirkliche Motiv 
zur Demolierung des Vincenzstiftes gewesen ist. Eben da- 
mals hatte der Rat von Olmiitz nach Breslau schreckliche 
Nachrichten iiber die Grausamkeit der Tiirken und ihr Vor- 
dringen gesendet, und auch der Konigliche Rat Heinrich 
Rybisch hatte brieflich zur Beschleunigung der Sicherheits- 
mafsregeln gemahnt. Dafs dann bei dieser Gelegenheit die 
in der Zeit liegende Abneigung gegen das Monchstum iiber- 
haupt hier und da zum Ausdruck gekommen sein mag, ist 
erklarlich genug, der Rat von Breslau aber wurde sich von 
solchen Einfliissen nimmermehr zu einem Schritte derart haben 
hinreifsen lassen. 

Auch die Dominsel sollte 1529 in die Befestigungen hin- 
eingezogen werden ; und die Herren vom Kapitel zeigten sich 
aufserst willig, aus Furcht, es konnte sonst die Gebaude 
der Insel dasselbe Schicksal treffen, wie es das Vincenzstift 
erfahren, und wie urn dieselbe Zeit Herzog Friedrich dem 
Liegnitzer Dome, dem alten Kollegiatstifte zum hi. Grabe, 
gleichfalls aus fortifikatorischen Riicksichten bereitete. Aller- 
dings verlangten die umfanglichen neuen Werke der Dom- 
insel grofse Summen, und von mehr als einer Seite dachte 
man jetzt daran, die Kleinodien der Kirche fur diese Zwecke 
in Anspruch zu nehmen. Bischof Jakob hatte sich vom 
papstlichen Stuhle die Ermachtigung verschafft, ein silbernes 
Bild des hi. Johannes, das 167 Mark wog, einschmelzen zu 
lassen. Die Breslauer ihrerseits hatten bereits 1522 begon- 
nen, aus einigen arg heruntergekommenen Klostern der 
Stadt die Kirchenkleinodien auf das Rathaus in Verwahrung 
zu nehmen, schon um zu hindern, dafs dieselben bei der 
beginnenden Auflosung der Stifter, wie solches schon hier 
und da vorgekommen, in eigennlitzigem Interesse verschleppt 



48 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

unci veraufsert wiirden. Der Rat hatte aueh bereits einzelne 
dieser Kleinodien angegriffen, um die Gebaude der betreffen- 
den Stifter in baulichem Zustande zu erhalten. Nachmals 
1 525/1 52G hatte man diese Mafsregeln aut alle stadtischen 
Kirchen, fiir welche ja der Rat samtliehe Ausgaben bestritt, 
und aueh noch auf einige Stifter, namlich das Matthiasstift, 
das gleichfalls unter stiidtischer Aufsicht stand, ferner auf 
die Johanniter-Commende und das Dominikanerkloster zu 
St. Adalbert ausgedehnt, allerdings ohne die Kirchen der 
zurn gottesdienstlichen Gebrauche dienenden Gerate zu be- 
rauben, wiihrend gerade die reicheren Kloster, die Stifter zu 
St. Vincenz und auf dem Sande, sowie die Nonnenkonvente 
zu St. Katharina und St. Klara ebenso wie der Dom un- 
beriihrt blieben. Von jenen Kirehenschatzen, die in Summa 
einen Wert von 12 796 Gulden reprasentierten, wobeijedoch 
die gesauiten Kloster nur etwa den fiinften Teil beigetragen 
batten , ward unter dem Eindruck des Schreckens , den die 
Schlacht bei Mohacs verursacht hatte, die grofsere Halfte, 
soweit sie aus Gold oder Silber bestanden, 152G einge- 
schmolzen und einiges zur Befestigung, Bewahrung und Ver- 
proviantierung der Stadt verwendet. 

Die Frage wegen der Kirchenkleinodien ist spater noch 
mehrfach aufgetaucht, noch 1544 zieht der Abt von Hein- 
richau als Koniglicher Kommissar in gleicher Sache die 
Stadte Schweidnitz, Namslau und Neumarkt zur Verant- 
wortung, doch begniigt man sich schliefslich aueh hier mit 
der Angabe, man habe das aus den Kirchenkleinodien ge- 
wonnene Geld zu den durch den Fiirstentag anbefohlenen 
Betestigungen der Stadte verwendet. 

Konig Ferdinand hatte die Malsregeln des Rates voll- 
kommen gutgeheifsen und keinen Augenblick Bedenken ge- 
tragen, eine Verwendung aueh des Restes dieser Kleinodien 
im offentlichen Interesse zu begehren ; nach seinem Wunsche 
sollten dieselben zur Herstellung einer einheitlichen Miinze 
in Schlesien verwendet werden, doch batten die Breslauer 
dies Verlangen abgelehnt. Als nun die Turkengefahr di'O- 
hender ward, befahl Ferdinand, der ja damals aueh in Oster- 
reich den dritten Teil der samtlichen Kirchenkleinodien zur 
Hilfe gegen den Erbfeind heischte, unter dem 31. August 
1529 die Breslauer Kirchenschatze auszuliefern, doch konnte 
der Rat sich mit der Ablehnung der schlesischen Fiirsten 
und Stande entschuldigen, welche diese Kleinodien der Pro- 
vinz zu deren Verteidigung fiir den Notfall gewahrt wissen 
wollten. 

Endlich hat sich der Konig 1531 damit einverstanden 



Die Kirchenkleinoclien. Schwenkfeld. 41) 

erkliirt, dais der Erlos aus den noch vorhandenen Klei- 
nodien zur Hiilfte zur Befestigung des Domes verwendet, 
die andere Halfte aber ihm ausgehandigt werden sollte, 
wo dann auch die bisher noch nicht in Anspruch genom- 
menen Kloster einen Teil ihrer Kirchenschatze opfern sollten. 
Doch ist schliefslich , da die letzteren sich weigerten und 
niemand Gewalt brauchen wollte, anch die Tiirkengefahr fiir 
den Augenblick naehliefs, die Sache liberhaupt nicht zur 
Vollziehung gekommen. 

Am 16. Oktober 1529 hatte dor Sultan die Belagerung 
von Wien aufgehoben, und am 21. erging an den schlesischen 
Oberlandeshauptmann von Linz aus die Benachrichtigung, 
dais der Zuzug gegen den Tiirken flir diesmal nicht weiter 
vonnoten sei. Aber Konig Ferdinand hatte sich des Eifers 
der Schlesier aufrichtig gefreut und war um so bereitwilliger, 
dem Beschlufs des Reichstages zu Speier, dafs sich jeder 
Reichstand im Punkte der Religion so verhalten moge, wie 
er es gegen Gott und den Kaiser verantworten konne, auch 
fiir die osterreichisch - bohmischen Erblande stillschweigend 
gelten zu lassen. Nur gegen die Wiedertaufer erliefs er 
in diesem Jahre unter dem 12. Juli ein scharfes Mandat. 
Doch das traf die Breslauer nicht; dieselben haben zwar 
nicht, wie ihnen nachgesagt worden ist, damals fiinf Wieder- 
taufer hinrichten, wohl aber die Bekenner solcher Lehren 
aus ihren Mauern weisen lassen; auch Herzog Friedrich 
hatte bereits im Friihling dieses Jahres Caspar Schwenk- 
feld, der nun einmal fur den hauptsachlichsten Stein des 
Anstofses gait, in das freiwillige Exil, das sich derselbe ge- 
wahlt, nach Strafsburg im Elsafs ziehen lassen, wenn es ihm 
vielleicht auch ein schweres Opfer gekostet, sich von dem 
Freunde, dessen lauteren Charakter, dessen milde Gesinnung 
und wahre Frommigkeit er hochschatzte , zu trennen. Der 
Historiker mag das bereitwilligst anerkennen und auch zu- 
geben, dafs gar manches in Schwenktelds Lehren sehr wohl 
anmuten konnte, und wird doch daran festhalten, dafs fiir 
eine Zeit, wo eine neue Welt von Ideen gahrend nach Ge- 
staltung rang, und wo so viel darauf ankam, machtigen 
Gegnern in geschlossener Phalanx und unter einem Banner 
geeinigt entgegenzutreten, Geister wie Schwenkfeld, welcher 
vor allem wider „die Seelentyrannei ebenso wohl im Papst- 
tum wie im Luthertum und im Zwinglitum" eiferte und die 
voile christliche Freiheit „nicht des Fleisches, sondern des 
Geistes und Gewissens a in Anspruch nahrn, mit den Konse- 
quenzen solcher Lehren leicht zersetzend und auflosend wirken 
konnten. 

Griinhagen, Gesth. Solilesieni?. II. 4 



50 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

Als 1530 zu Augsburg dem Kaiser die Konfessionsschrift 
von den protestierenden Standen tiberreicht wurde, war Mark- 
graf Georg von Jagerndorf anwesend, mit ihm der Sohn des 
Herzogs Karl von Miinsterberg, Prinz Georg und eine An- 
zahl schlesischer Edelleute. Der Markgraf, dessen Namen 
mit unter der Bekenntnisschrift steht, war es, der damals 
dem Kaiser erklarte, er wlirde lieber sein Haupt auf den 
Block legen, als von Gottes Wort ablassen. Der Kaiser 
hat ihn damals freundlich beruhigt: „ lieber Fiirst, nicht 
Kopfe ab", und in der That scheint wenigstens auf Ferdi- 
nand mehr noeh als auf den Kaiser und die katholische 
Majoritat des Reiehstages der Inhalt der Augsburger Kon- 
fession, welche ja Melanchthon sehr vorsichtig im Sinne einer 
moglichsten Annaherung an die alte Kirche abgefafst hatte, 
einen eher beruhigenden Eindruck gemacht zu haben. 

Jedenfalls zeigt sich eben damals 1530 Konig Ferdinand 
als den Schlesiern, und speziell der Stadt Breslau, ganz be- 
sonders gnadig gesinnt. Dieser letzteren erteilt er nicht nur 
unter dem 12. M&rz 1530 einen neuen Wappenbrief, son- 
dern erwirkt auch fur dieselbe von seinem Bruder Kaiser 
Karl V. unter dem 10. Juli 1530 eine umfangliche Besta- 
tigung ihrer Privilegien, darunter auch des Rechtes ; andere 
umliegende Landschaften an sich zu bringen und von den 
dort ansassigen Pralaten, Herren und Rittern etc. Erbhuldi- 
gung zu fordern, ohne dafs deren Standesvorrechte fiir ge- 
schadigt gelten sollten, und zugleich eine neue Feststellung 
des Stadtwappens. 

Von jetzt an sehen wir auch Ferdinand seine Mandate 
hauptsachlich allein gegen die Schwenkfelder und Wieder- 
tauf'er richten und gegen die Protestanten nur dann, wenn 
besonders gravierende Beschuldigungen ihm zu Ohren kom- 
men, wie 1511 die Striegauer sich u. a. gegen die schlimme 
und schwerlich begriindete Beschuldigung zu rechtfertigen 
haben, sie hatten die geistlichen Stiftungen einfach eingezogen 
und unter sich geteilt. 

Es war nicht zu verwundern, dais in jener Zeit die neue 
Lehre immer weitere Fortschritte machte und bald in dem 
grofsten Teile von Schlesien Eingang gefunden hatte, selbst 
in Oberschlesien, wo nach dem Tode des letzten Herzogs 
von Oppeln 1532 der eifrig protestantische Markgraf Georg 
bei weitem der angesehenste Fiirst war, und auch Johann 
von Pernstein, der seit 1528 fiir den umniindigen Herzog 
von Teschen die Vormundschaft fiihrte, die neue Lehre be- 
gi'mstigte, der sich auch das unter unmittelbarer Herrschaft 
des Oberlandesherrn stehende Fiirstentum Troppau auf die 



Die Gestaltung der kirchlichen VerLiiltnisse. 51 

Liinge nicht verschliefsen konnte. Uberall zeigt es sich, 
dafs, wo nicLt direkt der Wille des Grundherrn, wie bei 
einigen geistlichen Besitzungen, mit Gewalt abwehrte, die 
neue Lehre erobemd fortschritt; die gesamte Laienwelt, mit 
Ausnahme des Herzogs Georg von Sachsen, dessen Eifer 
sich im Herzogtum Sagan noch geltend machte, in alien 
ihren Schichten schien dem neuen Bekenntnis Synipathien 
entgegenzutragen oder zum wenigsten an den Veranderungen 
kein Argernis zu nehmen. Allerdings wurden nicht iiber- 
all Unordnungen und Gewaltsamkeiten so gewissenhaft ab- 
gewehrt, wie dies in Breslau geschah, und namentlich auf 
dem Lande gab es manche iibelgesirmte Gutsbesitzer, welche 
den Verfall der Autoritat der geistlichen Gewalten und die 
allgemeinen Umwalzungen dazu benutzten, um von geist- 
lichen Einkilnften und Besitztumern moglichst viel an sich 
zu reifsen. Beweglich klagt daruber der wurdige Breslauer 
Geistliche Moiban (1541): „So wird alles benagt und ver- 
schluckt, wo von ein guter Prediger und armer Diener 
des EvaDgelii Christi sollte unterhalten werden, die elende 
Plarre steht verlassen da wie eine gerupfte Krahe und er- 
regt Lachen." Auch war unter dem Einflusse mifsverstan- 
dener Schwenkfeldischer Lehren von der evangelischen Frei- 
heit an manchen Orten eine schlimme Sektiererei eingerissen^ 
so dafs man hier und da uberhaupt der Pfarrer entraten zu 
konnen meinte. 1529 richteten Wiedertaufer in Schlesien 
ein Gesuch an die Fiirsten und Stande, um Gehor zur Ver- 
teidigung ihrer Lehre zu erbitten. Es war Zeit, dafs Herzog 
Friedrich von Liegnitz energischer eingriff. Nach Schvvenk- 
felds Weggange wurden seine entschiedenenGesinnungsgenossen 
Rosenhayn und Eckel aus Liegnitz entlassen und auch im 
Punkte des Abendmahls eine der lutherischen Lehre sich 
nahernde, wenn auch der strengen Augsburger Konfession 
nicht ganz gleichlautende Glaubensform festgesetzt, zu der 
dann 1534 auf einem Konvente zu Strehlen auch die Geist- 
lichkeit des Fiirstentums Bries; sich bekannte. 

Ubrigens haben auch die Breslauer es verraieden ; im 
Punkte der Abendmahlslehre der exklusiv lutherischen Rich- 
tung zu folgen. Hier war ja von vornherein mehr der Geist 
Melanchthons herrschend gewesen, und getreu dessen Mah- 
nung, die Pflege der Wissenschaft nicht zu vernachlassigen, 
hatte man die Verbindung der neuen Lehre mit dem Hu- 
manismus hier besser gepflegt und gewahrt, als dies an sehr 
vielen anderen Orten gelungen war. Die ersten protestan- 
tischen Geistlichen ; Hefs und Moiban, waren bei milder 
Gesinnung erfiillt von humanistischem Geiste, und Manner, 



52 Erstes Buck. Erster Abschnitt. 

wie der leider schon 1527 gestorbene beriihmte Stadtschreiber 
Laurentius Corvinus, dessen Nachfolger Johann Scharf, der 
Dichter Antonius Niger und vor alien der gelehrte Metzler, 
1532 Ratsherr, 1534 Hauptmann des Fiirstentums Breslau, 
wtirden sich auch nicht so leicht haben beiseite drangen 
lassen. Die ersten Zeiten der Reformation in Breslau zeigen 
eine gewisse vornehme Haltung und Gesinnung, welche die 
iiblen theologischen Ztinkereien, wie sie namentlich die Frage 
des Abendmahls sehr zum Schaden der Reformation an vielen 
Orten entztindete, nicht aufkommen liefsen. Mit gutem 
Grunde preist Melanchthon die Friedlichkeit der Breslauer 
und mahnt sie, diesen Segen weiter zu bewahren. Fast 
dreifsig Jahre hindurch hat die Stadt sich die Abendmahls- 
streitigkeiten fernzuhalten vermocht. 

Bischof Balthasar 1539—1562. 

Dabei blieb man fort und fort in einem guten Einver- 
nehmen mit dem Bischofe, dessen geistliche Wiirde man 
durchaus anerkannte, ein Verhaltnis, welches sich noch freund- 
licher gestaltete, als 1539 nach dem Tode des Bischofs Jakob, 
nicht ohne die eifrigen Bemiihungen des Breslauer Rates, 
der Archidiakon Balthasar von Promnitz, ein scblesischer 
Edelmann, angesehen durch Alter der Familie und reichen 
Besitz, zum Bischof von Breslau gewahlt ward. Auf ihn war 
es doch nicht ohne Einfluis, dafs er einst als Student in 
Wittenberg zu den Fiifsen Luthers und Melanchthons ge- 
sessen; wie denn audi der letztere und ebenso Moiban ihm 
zu seinem Amtsantritte herzliche Gliickwunschschreiben sen- 
den. In der That hat er sich wie kein anderer Breslauer 
Bischof der neuen Bewegung gegeniiber freundlich und ver- 
sohnlich gezeigt. 

In katholischen Kreisen ist man weiter gegangen und 
hat ihn direkter Sympathien fiir den Protestantismus beziich- 
tigt. Papt Paul IV. hielt ihn fiir hochst verdachtig beziiglich 
seines Glaubens und giebt ihm geradezu schuld, unter Zu- 
riickdrangung der Katholiken die Ketzer offen begiinstigt 
zu haben. Ihm wurde es zur Last gelegt, dafs auch in der 
Bischofsstadt Neisse der Protestantismus hat Wurzeln schlagen 
krmnen, sollte er doch die eigene Schwester zu Sagan im 
protestantischen Glauben haben erziehen lassen. Eifrige 
Katholiken Aviinschen lebhaft Zeugnisse gegen ihn gesammelt 
zu haben, urn seine Verurteilung herbeifiihren zu konnen. 
Diese Verdachtigungen schiefsen offenbar weit iiber das Ziel 
hinaus, und Konig Ferdinand hat, so gut katholisch er war, 



Bischof Balthasar von Promnitz. 53 

an der kirchlichen Gesinnung cles Bischofs nie gezweifelt, 
unci was uns von seiner Korrespondenz mit diesem erhalten 
ist, zeigt denselben doch in anderem Lichte als jene Zeugnisse, 
ja wir werden im Verlauf unserer Darstellung noch einige 
Falle anzufiihren haben, wo der Bischof, gedrangt durch 
seine Umgebung, so weitgehende Mafsregeln gegen die Pro- 
testanten vorschlagt, dafs selbst der Konig Bedenken tragt, 
sie durchzusetzen. Im grofsen und ganzen freilich liat er den 
Eifrigen seiner Partei nicht genug zu thun vermocht, und 
ebenso gewifs ist, dafs es z. B. den Breslauern seine Milde leicht 
gemacht hat, ihn weiter als geistliehe Obrigkeit anzuerkennen. 

Die festgehaltene Unterordnung auch der protestantischen 
Geistlichkeit unter den Bischof bringt dann aufs neue ein 
Mandat zum Ausdruck, welches Konig Ferdinand unter dein 
30. Dezember 1541 erliefs, und welches sich an erster Stelle 
gegen die, wie schon erwahnt, vielfach vorgekoramenen 
Schadigungen der kirchlichen Einktinfte und Besitztiimer 
richtete. Der Kcinig befahl hierin alien Patronen und Kol- 
latoren von Kirchenlehen die vakanten Stellen schleunigst 
wieder zu besetzen, auch die Angestellten von dem Bischofe 
investieren zu lassen, und falls dies aus Mangel an quali- 
fizierten Kandidaten nicht sogleich anginge, die Kirchen- 
einkunfte unter Vorbehalt genauerer Rechnungslegung zu 
verwalten. Der Wortlaut des Ecliktes gestattet die Annahme, 
dafs die Kandidaten auch „ Pradikanten, so der protestan- 
tischen Religion anhangig", wie solche in der Verfugung 
genannt werden , sein konnten. Das Edikt hat wohl Herzog 
Friedrich Veranlassung gegeben, der neuen Kirche in seinen 
Landen eine bestimmte Organisation zu verleihen. 

Es war die Zeit, wo auch in Wittenberg eine Konsistorial- 
ordnung vorbereitet ward und Kurfurst Joachim II. von 
Brandenburg, mit dem Friedrich eben damals, wie wir noch 
sehen werden, in engere Verbindung getreten war, nachdem 
er 1539 die Reformation in seinem Lande eingefuhrt, 1540 
eine Kirchenordnung erliefs, die doch noch auf dem Ge- 
danken eines friedlichen Zusammenlebens der beiden Kon- 
fessionen, ja einer moglichen Wiedervereinigung derselben 
basierte, wobei ja auch Luther sich sehr nachgiebig im Punkte 
der moglichsten Konservierung der alten Gebrauche gezeigt hatte. 

So war denn auch Herzog Friedrich eifrig beflissen, mog- 
lichst in Frieden mit den Altglaubigen und im vollen Ein- 
klang mit dem Augsburger Bekenntnisse die kirchlichen 
Verhaltnisse in seinen Landen zu ordnen ; als der Liegnitzer 
Pastor Siegmund Werner, der noch manche Schwenkfeldsche 
Sympathien hegte, sich mit Melanchthon iiber die Fassung 



54 Erstes Buch. Erster Abschuitt. 

des projektierten Gesetzes niclit einigen konnte, entliefs ihn 
der Herzog 1539, and die herzogliehe Kirchenordnung, die 
dann 1542 erlassen ward, enthielt einfach den Beitritt zur 
Augsburger Konfession und verwarf auf das entschiedenste 
alle Sektiererei, bedrohte im Sinne des koniglichen Mandates 
jede Schmalerung des Kirchengutes, verlangte die Besetzung 
der vakanten Stellen binnen drei Monaten und stellte die 
Einsetzung von Senioren fiir einzelne Weichbilder und von 
Superintendenten fiir die einzelnen Furstentiimer in Aussicht. 
Natiirlich fehlte auch, una den provisorischen Charakter zu 
kennzeichnen, nicht die Hinweisung auf das allgemeine Konzil, 
von dem damals doch noch die Beendigung der kirchlichen 
Spaltungen erwartet ward. Dagegen sollte die neue Kirchen- 
ordnung fiir die Furstentiimer Liegnitz, Brieg, Wohlau nun 
auch alleinige Geltung haben, und einige Pfarrer, welche die 
Neuerungen zuriickwiesen, wurden ihrer A niter entsetzt zum 
iiblen Vorbild fiir spjitere Zeiten, wenn gleich hier, so viel 
wir erfahren, die betreffenden Gemeinden gegen die Mafs- 
regeln nichts einzuwenden gehabt haben. Selbst in den un- 
mittelbar unter der Krone stehenden Ftirstentiimern Schweid- 
nitz-Jauer ward die neue Lehre bald allein herrschend, und 
in den Stadten verwandte man nach dem Vorbilde der 
Breslauer die geistlichen Benefizien und Altarstiftungen grcifs- 
tenteils zur Instandhaltung der kirchlichen Gebaude und zur 
Besoldung der Geistlichkeit. 

Bischof Balthasar ging noch mehr als sein Vorganger 
jedem Konfiikt mit den Protestanten aus dem Wege, und 
Konig Ferdinand zeigte sich geneigt, imraer freilich in Er- 
wartung des kommenden Konzils, die neuen Lehren zu dul- 
den; als er!538 wiederum Breslau besuchte, begniigte er sich, 
den Rat zur Strenge gegen die Wiedertaufer und Schwarmer 
zu mahnen und anderseits zu wohlwollendem Schutz und Fiir- 
sorge fiir die katholische Gei.stlichkeit auch in den Klostern. 

Zu solcher Milde mochte den Konig auch mahnen die 
immer noch fortdauernde Turkengefahr. 1532 fiihrte wie- 
derum Sultan Soliman ein gewaltiges Heer gegen die Grenzen 
von Steiermark. In Schlesien ward jetzt vom Fiirstentage 
eine neue Geldbewilligung fiir drei Jahre auf Grund der 
Schatzung von 1527 gemacht und 4 vom Tausend gegeben, 
in Summa 72 000 Gulden (damals zu 32 Groschen weifs oder 
4 Mark jetzigen Geldes). Aufserdem aber sandte man noch 
zu des Konigs Heere 250 geriistete Reiter nebst Zubehor 
und 1000 reisige Knechte, von denen das Fiirstentum Breslau 
fiir sich allein 39 Reiter und 155 Knechte stellte. Die 
Schlesier trugen das ihrige zur tapfern Abwehr des Feindes 



Kirchliche Organisation. Die Tiirkenkriege. 55 



bei, unci der Standemerr von Militsch und Trachenberg, 
Freiherr Heinrich von Kurzbach, fand ira Kampfe gegen 
den Erbfeind einen rilhinlichen Tod. Audi die Defensions- 
ordnung von 1529 lebte von neuem auf, und die Hauptleute 
ergriffen die notwendigen Mafsregeln, um, wenn der Feind 
ihren Grenzen nahe kame, geriUtet zu sein. 

Ahnliches hat sich dann noch niehrmals wiederholt; in 
den Jaliren 1537, 1541, 1542 mufsten neue Bewilligungen 
von 4 resp. 5 vom Tausend der Gesamtschatzung von den 
Schlesiern gemacht werden, Q.uoten, die im Verlaufe der 
Zeit immer holier stiegen, und bei denen nun auch die 
Flirstentage sich iminer mehr als standische Vertretung von 
Schlesien ftthlen lemten. 1537 ward dann auch das schle- 
sische Kontingent in die unriihmliche Niederlage verwickelt, 
welche der ungarische General Katzianer in dieseni Jahr 
gegen die Tiirken erlitt. 

Ubrigens befand sich Ferdinand bei seinen fortwahren- 
den Kriegen trotz der ansehnlichen Summen, die er aus 
seinen Landern zog, fortwahrend in Geldnoten und er griff 
wiederholt zu dem Mittel von Verpfandungen, so ward von 
ihm das Herzogtum Glogau 1537 an Hieronymus von Biber- 
stein verpfandet, und auch Oppeln, Ratibor kam auf diese 
Weise, wie wir noch naher sehen werden, an den Mark- 
grafen Georg von Brandenburg. Ferdinand nahm bei diesen 
Verpfandungen keinen Anstand, auch geistliches Gut in An- 
spruch zu nehmen; wie er denn z. B. 1540 die Commende 
der Johanniter zu Breslau dem Breslauer Rate verpfandete 
und ebenso 1545 das dem Sandstifte gehorige Stadtchen 
Zobten um G000 Goldgulden. 

Die Erbschaft des letzten Herzogs von Oppeln 1531. 

Die Geldfrage spielte dann auch in der ja bereits seit 
langer Zeit viel ventilierten Oppelner Erbschaftssache ihre 
grofse Rolle, wenn gleich hier doch auch noch andere Mo- 
mente bedeutsam hineingriffen. Wie wir an frLiherer Stelle 
eingehender entwickelt haben, hatte in dem Wettlaufe um 
die Erbschaft des kinderlosen Herzogs Johann von Oppeln- 
Ratibor Markgraf Georg von Brandenburg, vermoge seines 
unermiidlichen Eifers und der Liebenswiirdigkeit seines Na- 
turels, welche ihm in gleicher Weise die Gunst der fruheren 
Herrscher Wladyslaw und Ludwig und die Zuneigung der 
Herzoge Johann und Valentin eingetragen hatte, alien Neben- 
buhlern den Rang abgelaufen. Die letzteren hatte er ab- 
gefunden und konnte ihre Verzichtsurkunde aufweisen, zu- 



56 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

gleich aber auch einen regularen, von dem Oberlandesherm 
bestatigten Erbvertrag mit dem Oppelner Fiirsten, der ihn 
als den einzigen Erben erkliirte. So stand diese Angelegen- 
lieit bei der Thronbesteigung Ferdinands. Dieser nun aber 
empfand es aufserst schwer, dafs die ausgedehnten Land- 
schaften des oberschlesischen Herzogs und die reichen Schatze, 
welche derselbe, wie das Geriicht erziihlte, im Schlosse zu 
Oppeln aufgesammelt hatte, nicbt ihm zuiallen sollten, und 
doppelt unerwiinscht war es ihm, dafs der gliickliche Erbe 
nun gerade ein eifrig protestantisclier Furst war, den reli- 
giose Differenzen leicht zu seinem Feinde machen konnten. 
Noch dazu war Markgraf Georg, vermoge seiner Besitzungen 
in Franken mehr als alle anderen schlesischen Fiirsten in 
die Angelegenheiten des Reichs verflochten, eng befreundet 
mit den Hauptern der protestantischen Reichsfiirsten. Eine 
gebietende Stellung Georgs in Oberschlesien konnte leicht 
die Briicke werden zu einer engeren Verbindung der unzu- 
friedenen deutschen Protestanten mit Ferdinands Rivalen in 
Ungarn, Johann Zapolya, wie dieser es immer erstrebt hatte. 
Botschaften waren da schon hin und her gegangen, und just 
einer, der eine solche von dem Landgrafen Philipp iiber 
Breslau und Krakau nach Tarnow zu Zapolya getragen 
hatte, Dr. Pack, ein ehemaliger Beamter des Herzogs Georg 
von Sachsen, trat dann im Friihling 1528 mit sehr merk- 
wiirdigen Enthiillungen auf inbetreff eines Komplottes der 
katholischen deutschen Fiirsten gegen die Anhiinger der neuen 
Lehre, als dessen Teilnehmer nun auch vor alien Konig 
Ferdinand bezeichnet ward. Des letzteren Zusammenkunft 
im Jahre 1527 bei Gelegenheit seiner Anwesenheit in Breslau 
mit den Hauptfeinden der Reformation, Joachim von Branden- 
burg, Georg von Sachsen, Erich von Braunschweig, ward 
als der Ausgangspunkt des Ganzen angesehen. Niemand 
zeigte sich nun von dem Liigengewebe Packs so alarmiert 
als eben Georg, der jetzt eifrigst sich bemiihte, auch den 
Kurfiirsten von Sachsen zu ernstlichen Verteidigungsmafs- 
regeln zu bewegen. Seit dem Tode seines Bruders Kasimir 
(September 1527), der in hoher Gunst bei Konig Ferdinand 
und selbst staatsmannisch vorsichtig auch den ungestiimeren 
Bruder zuriickzuhalten gewufst hatte, war Georg mehr und 
mehr zerfallen ebenso mit seinen Vettern, den Kurfiirsten 
Joachim von Brandenburg und Albrecht von Mainz, wie mit 
dem romischen Konig. 

Der letztere suchte nun anscheinend wesentlich unter dem 
Eindruck von Georgs feindlicher Haltung bei den Packschen 
Handeln nach einein Vorwande, urn Georgs Anspriichen auf 



Die Oppelusche Erbscbaft. 57 

die oberschlesischen Fiirstentiimer entgegenzutreten. Einen 
solchen boten die Pratensionen der Bohmen, welche behaup- 
teten, die Erbverbriiderung Johanns mit Georg laufe wider 
ihre Privilegien. Obwohl es nun in der That schwer war, 
den bohmischen Standen ein Einspruclisrecht dagegen einzu- 
raumen, dafs ein schlesischer Fiirst, noch dazu auf ein aus- 
drucklichesPrivileg gestiitzt, einem anclern schlesischen Fiirsten 
seine Lande auf den Todesfall vermachte, wie ja denn auch 
ganz ahnliche Erbverbrltderungen wiederholt und noch unter 
Ferdinand unbeanstandet geblieben waren, so trug doch Ferdi- 
nand kein Bedenken, auf Grund jener Einreden im Sominer 
1528 dem Markgrafen die Bestatigung seiner Anspriiche auf 
Oppeln-Ratibor zu weigern, ja er lud sogar Herzog Johann 
vor sich nach Prag, urn sich wegen der rait Georg geschlos- 
senen Erbverbriiderung zu verantworten und schiichterte 
bier den alten Mann so ein, dafs derselbe jene widerrief und 
in einer zweiten Urkunde den Anfall seiner Lander an die 
Krone festsetzte. Zugleich sandte er den Hauptmann von 
Schweidnitz-Jauer, Kaspar Schaffgotsch, den die dem Adel 
dieser Landschaften eigene Zuneigang zu Bohmen ebenso wie 
die von dem Schweidnitzer Miinzaufstande von 1522 zuriick- 
gebliebene Feindschaft gegen den Markgrafen zu solcheni 
Geschaft besonders geeignet machte, nach Oppeln, um gleich 
bereit zu sein ; beim Ableben des Herzogs die Erbschaft mit 
Beschlag zu belegen. Die Amtleute in den beiden Fiirsten- 
tiimern, welche dem Markgrafen bereits den Huldigungseid 
geleistet hatten, wurden abgesetzt und die neuen fur Ferdi- 
nand verpflichtet. Gegen das ganze Verfahren war dem 
Markgrafen ein Eechtsweg nur insoweit vorbehalten ; dafs ihm 
die Anrufung richterlicher Entscheidung freistehen sollte, je- 
doch nicht vor dem Fiirstenrechte ; wie es nach dem Privi- 
legium Wladyslaws von 1498 geboten gewesen ware, sondern 
vor dem Breslauer Hofgerichte. 

Umsonst waren alle Protestationen Georgs, umsonst alle 
Verwendungen auf den Reichstag-en zu Speier 1529 und 
Augsburg 1530, wo dann doch auch die beiden hohenzollern- 
schen Kurfiirsten, Joachim und Albrecht, und aufserdem die 
Schwagerin Ferdinands, Konigin Maria, Markgraf Ernst von 
Baden und auch die schlesischen Fiirsten und Stande fur 
den beliebten Fiirsten eintraten. Als zu Augsburg Kaiser 
Karl V. ihm seine machtige Fiirsprache zusagte , wenn er 
von der neuen Lehre abstehe, wies das der Markgraf stand- 
haft von sich, wie sehr auch sein Vetter Joachim deshalb 
in ihn drang, er habe die neue Lehre an sich erprobt> 
und wenn es selbst sich erfiille, was man sage, dafs er 



58 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

aus dera Lande gejagt werden solle, er miisse das Gott be- 
fehlen. 

Aber was alle Verwendungen niclit hatten erreichen 
konnen, setzte die Not der Zeit, die Tiirkenbedrangnis dureh. 
Ferdinands Nebenbuhler, Johann Zapolya, behauptete sich 
noch immer in dem grufsten Teile von Ungarn, und hatte 
bei Friedensunterhandlungen, wie sie unter Vermittelung des 
Konigs von Polen, seines Schwagers, gegen Ende des Jahres 
lf> 30 zuerst zu Breslau und danach zu Posen 'gepflogen wor- 
den, und wo audi noch einraal jene Pfandsumme der Krone 
Ungarn auf Schlesien zur Sprache gekommen war, sich so 
selbstvertrauend gezeigt,' dais der romische Konig lieber noch 
einmal das Glttck der Waffen zu versuchen unternahm; aber 
nachdem ein ira Friihling des Jahres 1531 unternommener 
Zug gegen die noch in Zapolyas Handen befindliche Haupt- 
stadt Ofen vollkommen gescheitert war, sah sich der Konig 
dazu genotigt, am 17. Mai einen einjahrigen WafFenstillstand 
auf der Grundlage des status quo abzuschlieisen, und nun, 
wo seine Lage nach aufsen hin so zweifelhaft schien, trug 
•er doch Bedenken, den Angehorigen eines so machtigen 
deutschen Ftirstenhauses, wie die Hohenzollern waren, durch 
allzu grofse Harte sich ganz zu entfremden und schlofs unter 
dera 1.7. Juni 1531 in Prag einen Vergleich mit dera Mark- 
grafen, demzufolge zwar Konig Ferdinand nach dera Tode 
des Herzogs von Oppeln die Erbschaft antreten, aber an 
Georg und seine Erben die beiden Herzogtumer Oppeln 
und liatibor pfandweise bis zur Zahlung einer Summe von 
183 333 Gulden tlberlassen sollte; aufserdem ward demselben 
die Herrschaft Oderberg auf drei mannliche Leibeserben ver- 
reicht; das Herzogtum Jiigerndorf, dessen Besitz ihm nie 
bestritten worden war, erhielt er dann nachtraglich noch 
besonders bestatigt, audi die Herrschaft Beuthen ward ihm 
noch weiter auf zwei mannliche Leibeserben gelassen. 

Der Konig erklart in jener Urkunde, sich zu der Be- 
willigung entschlossen zu haben mit Rilcksicht auf die viel- 
fachen von dem Markgrafen und dera Hause Brandenburg 
ihm und seinen Vorfahren, Konigen von Ungarn und Boh- 
men, geleisteten treuen und unverdrossenen Dienste und zu- 
gleich auf Verwendung seines Bruders des Kaisers, des 
Konigs von Polen, der Kurfursten, Fiirsten und Stande des 
Reichs und auch der bohmischen Stande. 

Der Vertrag enthielt dann noch eine fur Ferdinand recht 
schatzbare Klausel, dafs er namlich Stadt und Schlofs Oppeln 
zunachst fur sich behalten diirfe und selbiges erst nach 
Jahresfrist, wenn bis dahin die Wiedereinlosung nicht erfolgt 



Der Tod des letzten Herzogs von Oppelu. 59 

sei, zu der Pfandschaft abzutreten habe, wobei naturlich die 
Hauptsache war, dafs es dera Konig freistand, in aller Mufse 
zunachst das eigentliche Nest auszuraumen und des Her- 
zogs Schatz zu heben. JCr hatte bereits 1530 durcb den 
Breslauer Hauptmann Achatius Haunold eine Schar von 
1000 Kriegsleuten werben und Schlofs Oppeln besetzen lassen, 
auch von den unraittelbaren schlesischen Stadten sich Artil- 
lerie zusagen lassen, um einen etwaigen Handstreich des 
Markgrafen auf Oppeln abweisen zu konnen. Jetzt nach 
dem Abschlusse des Vertrages sandte er Kommissare, an 
ihrer Spitze Bischof Jakob von Breslau, nach Oppeln, um 
dem greisen Fiirsten iiber den Vertrag zu berichten und 
zugleich auch, dafs der Konig gewillt sei, was Johann hinter- 
lassen werde, zur Abfindung des Markgrafen zu verwenden, 
wo er dann gern auch noch das Seine hinzuthun wolle, 
damit nicht die Herzogtumer in fremde Hande kamen „und 
die verfuhrerischen neuen Sekten auch in des Herzogs Lan- 
den Wurzel fafsten, was diesem sonst zur Beschwerung vor 
Gott gereichen miifste". 

Das gelang alles nach Wunsch; auch ohne dafs, wie 
Ferdinand es eigentlich gewiinscht hatte, die Tonnen, welche 
den Schatz enthielten, versiegelt wurden, machte niemand 
den Versuch denselben zu berauben, und als Johann von 
Oppeln am 27. Marz 1532 das Zeitliche segnete, fanden die 
Kommissare (Haunold war inzwischen gestorben), dafs die 
Erbschaft wohl einige Anstrengungen lohnte. So viel wir 
aus dem uns noch erhaltenen Inventar zu erkennen ver- 
mogen, betrug das in den Tonnen des Turmgewolbes ge- 
fundene bare Geld, abgesehen von den vielen Kleinodien, 
nach unserem Gelde etwa 300 000 Mark. 

Die gewaltige Summe verschwand in des Konigs grofsem 
Seckel, den • die Tiirkenkriege ewig leek erhielten ; der guten 
Vorsatze, dieselbe zur Abfindang des Markgrafen zu ver- 
wenden, ward nicht weiter gedacht, der letztere trat in den 
Pfandbesitz der Herrschaften und regierte dieselben bis an 
seinen Tod, allerdings nicht ohne dafs der eigentliche Landes- 
herr sich ab und zu hineinmischte, Beschwerden gegen den 
Pfandherrn anhorte und weiter verfolgte. Georg hat sich 
deshalb diesen schlesischen Landen zumeist fern gehalten, 
und das Regiment seinem Hauptmann Johann von Posa- 
dowski iiberlassen. Doch bekunden aufserst zahlreiche Briefe, 
wie lebhaft er sich auch aus der Feme (von Anspach aus) 
fur alle hiesigen Vorkommnisse interessierte, und von seinem 
Bestreben, hier staatliche Ordnung zu schaffen, zeugt das 
bereits 1532 begonnene grofse und umfangreiche , uns noch 



(50 Erstes Buch. Erster Abscbuitt. 

erhaltene Urbar cler boiden Fiirstentiimer samt der Herr- 
schal't Beuthen. Allerclings hat er auch der neuen Lehre in 
den Fiirstentiimern Eingang verschafFt. 

Schon um dieser Ursache willen jsah Ferdinand die Fiirsten- 
tiinier ungern in den Handen des Markgrafen und zeigte 
dies auch dadurch, dafs er fiir dessen wiederholt ausge- 
sprochenes Begehren besonderer Zusicherungen resp. einer 
Erhohung des Pfandschillings, wenn er die im Interesse der 
Landesverteidigung ihm zugerauteten kostspieligen Neu- 
befestigungen einiger Grenzburgen ins Werk setzen solle, 
nur taube Ohren, oder hochstens die Ausflucht hatte, die 
Zustiminung der bohmischen Stande werde fiir derartiges nie 
zu erlangen sein. Den letzteren zeigte er endlich an, der 
Markgraf habe ihm selbst angeboten die Herzogtiimer gegen 
die Pfandsumme wieder einzulosen, und der Bischofsverweser 
von Passau, Herzog Ernst von Baiern, ein eifrig katholischer 
Fiirst, wolle ihm das Geld dazu leihen. Wirklich ward dem 
Markgrafen far den 18. April 1536 die Pfandschaft gekiin- 
digt; aber schliefslich ist das Geschaft, das noch im Jahre 
1537 betrieben wird, nicht zum Vollzug gekommen, und 
zwar schwerlich wegen der vom Markgrafen dabei erhobenen 
Schwierigkeiten , sondern vielmehr weil Herzog Ernst das 
Geld am Ende doch nicht hergegeben hat. 

Die Liegnitzer Erbverbruderung mit Brandenburg und ihre 

Aufhebung 1546. 

Der Markgraf konnte sich nach diesen Vorgangen liber 
Ferdinands feindliche Gesinnung gegen ihn und deren eigent- 
liche Quelle kaum mehr tauschen und ebenso wenig Georgs 
Sch wager und vertrauter Freund Herzog Friedrich von Lieg- 
nitz. Dieser, obwohl stiller und weniger ungestum als der 
3Iarkgraf, teilte mit diesem die warme Begeisterung fiir die 
neue Lehre und im Zusammenhange damit dann auch das 
Interesse fiir den hohenzollernschen Stamm, von dessen 
steigender Macht er Schutz fiir das reformatorische Be- 
kenntnis und ein Gegengewicht gegen die Ubermacht des 
Hauses Habsburg hoffte. Er war im Dienste des Markgrafen 
schon eifrig thatig gewesen, hatte die letzten Traktate, welche 
zwischen den Gliedern der friinkischen Linie den Erbgang 
regeln sollten, selbst vennittelt und aufgesetzt. Durch seine 
Hand vornehmlich waren die Unterhandlungen gegangen, 
welche 1525 seinen Schwager Albrecht zum weltlichen Her- 
zoge von Preufsen gemacht hatten. 1535 bot dann der Re- 
gierungsantritt des Kurfilrsten Joachims II. von Brandenburg, 



Friedrich von Liegnitz und seine Beziehungen zu Brandenburg. 61 

in dem man trotz der Gelobnisse, welche derselbe seinem 
streng altglaubigen Vater hatte machen miissen, einen Freund 
der neuen Lehre erblickte, giinstigere Aussichten als bisher. 
Bei einem Familientage der Hohenzollern zu Frankfurt a. O. 
im Oktober 1536, wo aufser dem Erzbischofe von Mainz 
alle Glieder des machtigen Hauses sich zusammengefunden 
hatten, fehlte auch der Herzog Friedrich nicht, und hier 
wurden dann ganz im geheimen die ersten Besprechungen 
iiber einen Plan gepflogen, dem es bestimmt war, nocli nach 
Jahrhunderten seine Wirkungen zu aufsern. 

Zwischen Markgraf Georg und seinem Stamme einer- 
und dem piastischen Herzoge von Liegnitz anderseits be- 
stand schon seit dem Jahre 1522 eine gegenseitige Erbver- 
briiderung, und es hatte eigentlich Markgraf Georg, als 
1531 die Pfandschaft von Oppeln-Ratibor ihm und seinen 
Erben iibertragen ward, auch fur alle Eventualitaten den 
Liegnitzer Herzog mit darin einschliefsen lassen miissen. 
Doch hatte man , wohl um nicht neue Schwierigkeiten zu 
bereiten, da von ganz geschwiegen, dagegen hatte Friedrich 
gemeinsam mit Markgraf Georg einen Plan ausgedacht, wel- 
cher die Schicksale der Lande, in denen er gebot, fur den 
Fall des Erloschens der beiden Linien an die Kurlinie von 
Brandenburg knupfen sollte. Nach jener Zusammenkunft 
zu Frankfurt a. O. 1536 erschien Joachim von Brandenburg 
am herzoglichen Hoflager zu Liegnitz, und bei einer Wieder- 
holung dieses Besuches ein Jahr spater, im Oktober 1537, 
ward nun zunachst eine Doppelheirat verabredet zwischen 
dem Kurprinzen von Brandenburg und der einzigen Tochter 
Friedrichs, Sophie, einer- sowie zwischen Friedrichs zweitem 
Sohne, Georg, mit Barbara von Brandenburg anderseits. 
Daran schlofs sich eine Erbverbriiderung, der zufolge bei 
einem Aussterben des Mannsstammes der Herzoge von Lieg- 
nitz-Brieg das Erbrecht der Prinzessin Sophie resp. ihrer 
Erben in Kraft treten und die Lande Liegnitz-Brieg- Wohlau 
nebst den Pfandschaften Trebnitz und Konstadt an die Kur : 
linie in Brandenburg resp. deren eventuelle Erben, die fran- 
kische Linie fallen sollten. Soweit erschien der Vertrag 
eigentlich nur als eine Art Testament oder Erbfolgeordnung 
im Sinne des dem Herzoge von weiland Konig Wladyslaw 
erteilten und von dessen Nachfolgern Ludwig und Ferdinand 
bestatigten Privilegiums freier Verfugung iiber seine Lande, 
unter der einzigen Bedingung, dafs der eingesetzte Erbe seine 
Lehnspflichten in gewohnter Weise erfiille. Indessen sollte 
der Vertrag von 1537 den Charakter einer Erbverbriiderung 
tragen, und so ward denn auch von brandenburgischer Seite 



02 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

fur den Fall des Aussterbens der Kurlinie, d. h. der Leibes- 
erben der jetzt regierenden beiden Briider Joachim und 
Johann, etwas ausgesetzt, niimlich jene zum Teil altschlesischen 
brandenburgischen Besitzungen in der Niederlausitz : Krossen, 
Ziillichau, Sommerfeld, Kottbus, Peitz und Zubehor. Aller- 
dings konnte diese Gegengabe weder ihrem Werte nach den 
schlesischen Herzogtumern verglichen werden, noch stand 
auch die Disposition dariiber dem Kurfiirsten so uneinge- 
scbrankt zu ; wie dies beziiglich jener bei Friedrich II. der 
Fall war. Jene Besitzungen gehorten nicht Joachim , son- 
dern dessen Bruder Johann von der Neumark, der sich 
lange sehr sprode zn dem ganzen Vertrage stellte, es hai'tete 
an den Landen ein Erbanspruch der Miinsterberger Herzoge 
und auch noch ein Riickkauf'srecht seitens der Krone Bohmen, 
und von der letzteren mufste, da jene Besitzungen bohmische 
Lehen waren, zu dem Vertrage ein ausdriicklicher Konsens 
eingeholt werden, der bei der Gesinnung Ferdinands sicher- 
lich nicht leicht zu erreichen war. 

Friedrich hatte sich hieriiber keinen Augenblick getauscht 
und deshalb auch vollkommen resigniert in den Vertrag 
setzen lassen, seine Verschreibung solle Geltung haben, wenn- 
gleich die Gegenverschreibung Schwierigkeiten fiinde. Aber 
Ferdinand beziihmte lange die erklarliche Unzufriedenheit 
uber den Vertrag, der daraut hinauslief, schlesische Lande 
einem Herrscher in die Hande spielen zu wollen, der, wenn 
er gleich als Herr von Krossen mit unter den schlesischen 
Fiirsten zahlte, doch von ihm nur als ein auswartiger ange- 
sehen ward. Noch drohte immer von neuem die Tiirken- 
gefahr, und Joachim zeigte die besten patriotischen Gesin- 
nungen und vermochte sogar auf die protestantischen Fiirsten 
giinstig einzuwirken. So kam man ihm denn in gewisser 
Weise entgegen, Ferdinand begab sich seines Riickkaufs- 
rechtes beziiglich der Lausitzer Lehen und erweckte selbst 
wegen des Konsenses Hoffnungen, wenn er nur erst die be- 
treffenden Privilegien eingehender gepriilt haben wiirde. Ja 
selbst die Religionsveranderung in der Mark vom Jahre 
1539 schien in den giinstigen Gesinnungen der Habsburger 
nichts andern zu sollen, 1541 erlangte der Kurfurst vom 
Kaiser die Bestatigung seiner Kirchenordnung. 1540 ward 
auch dem Liegnitzer Herzog noch der Pl'andbesitz des Herzog- 
tums Glogau gewahrt, allerdings gegen die ansehnliche Summe 
von 62473 Goldgulden. 1541 erneute sich dann nach der 
Niederlage der koniglichen Waffen in Ungarn wiederum die 
Tiirkengeiahr, so dafs man in Schlesien sich von alien um- 
wohnenden Reichsfursten Beistand versprechen Hefs und auch 



Erbverbriiderung 1537. 65 

selbst unter dem kriegserprobten Standesherrn von Warten- 
berg, Joachim Maltzan als Feldhauptmann, und Ritter Hein- 
rich Schaffgotseh als Feldmarschall ein Heer ausrlistete. 
Ja man beschlofs sogar auf dem Fiirstentage liber die Grenzen 
hinaus den Mahrern zuhilfe zu ziehen, und am 23. September 
entsanclte die Stadt Breslau 700 tapfere Fufsknechte unter 
der Fiihrung von Balthasar Penzig und Erasmus Uthmann 
gen Troppau; wohl schvvand die Gefahr wiederum mit dem 
Riickzug der Tiirken im Herbst 1541, doch erneuerte sie 
sich im nachsten Jahre, und Kurfiirst Joachim durfte da- 
mals seinen Patriotismus in hellem Lichte zeigen, insofern 
er als Reichsfeldherr gegen die Tiirken zog, wo er dann in 
prachtigem Aufzuge, von seiner Gemahlin begleitet und 900- 
Panzerreiter mit sich fiihrend am 26. Mai 1542 in Breslau 
einzog. Doch als er ; ohne Erfolg erzielt zu haben, heim- 
gekehrt war ; sah auch er sich beiseite geschoben. Je mehr 
bei dem Kaiser der Plan sich festsetzte ; die Haupter des 
schmalkaldischen Bundes notigenfalls mit Gewalt zur Unter- 
werfung zu notigen, desto weniger fragte man nach dem 
weichmiitigen Flirsten, von dem man sich keines ernsten 
Widerstandes versah. Und zugleich anderte sich auch die 
Lage der Dinge in Schlesien sehr wesentlich dadurch, dafs 
der Markgraf Georg von Jagerndorf am 7. Dezember 1543 
starb mit Hinterlassung eines erst fiurfjahrigen Knaben, und 
nachdem er auch in seinem Testamente nach Ausgang der 
frankischen Linie die Kurfursten von Brandenburg zu Erben 
aller seiner Lande, auch der Pfandschaften, eingesetzt hatte. 
Dieser Todesfall befreite den Konig von manchen Sorgen; 
nicht nur die Macht und der Landbesitz des Markgrafen in 
Schlesien, sondern auch seine vielf'achen Verbindungen nach 
Deutschland hin und mit den Hauptern der Protestanten im 
Reiche batten ihm eine Stellung gesichert, die auch Ferdi- 
nand immerhin respektieren mufste, und speziell in Schlesien 
hatte er im engsten Einverstandnisse mit seinem Schwager 
Friedrich von Liegnitz auf die politische Haltung der Fiirsten 
und Stande einen geradezu bestimmenden Einflufs geiibt. 
Das ward jetzt sehr anders; um die vormundschaftliche 
Regierung, die fiir den jungen Markgrafen Georg Friedrich 
sein Vetter Albrecht Alcibiadcs von Anspach ausfuhrte r 
klimmerte sich niemand, und mit der behutsamen Riick- 
sichtnahme auf Friedrich II. von Liegnitz war es jetzt vor- 
bei. 1543 bei einem Besuche in Prag bekam er von den 
verschiedensten Seiten spitzige Reden zu horen, als habe er 
mit jener Erbverbriiderung geradezu eine Verraterei be- 
gangen, 1544 nahm ihm Ferdinand die Pi'andschaft Glogau 



04 Erstes Bach. Erster Absclmitt. 

wieder, zu eleven Ablosung allerdings die Glogauischen Stande 
gegen das Versprechen, das Fiirstentum nicht weiter ver- 
pfanden zu wollen, ansehnliche Summen beigesteuert hatten, 
und als 1 545 dann die verabredeten Doppelheiraten zwischen 
den Hausern der Piasten und Hohenzollern zu Berlin statt- 
fanden , hielt es der Konig an der Zeit , gegen die Erbver- 
brliderung einzuschreiten. Die "YYaffen dazu wahlte er in 
ganz gleicher Weise, wie einst dera Markgrafen gegeniiber 
in der Sache der oberschlesischen Fiirstenturner , er iuhrte 
auch hier die Beschwerden der bohmischen Stande ins Feld, 
und die leichtfertige Gefugigkeit, mit der weiland Konig 
Wladvslaw so vielfach direkt widersprechende Privilegien 
alien moglichen Parteien erteilt hatte, rachte sich jetzt. Von 
diesera Konige wiesen die bohmischen Stande ein Privileg 
vom Jahre 1510 auf, welches in seinem Inhalte ebenso dem 
grofsen schlesischen Landesfreiheitsbriefe von 1498 in dessen 
Hauptteilen widersprach, als es ira voraus jeder Art von 
Erbverbruderung schlesischer Fiirsten unter einander, d. h. 
jeder Moglichkeit, dafs ein schlesischer Herzog fur den Fall 
des Ausgangs seines Stammes Verfugungen treffen konnte, 
einen Riegel vorschob. Nun hatte Ferdinand nicht nur den 
Schlesiern ihren grofsen Freiheitsbriet' von 1498 bestiitigt, 
sondern auch den Bohmen seiner Zeit (1527) das Prajudi- 
zierliche ihrer Anspriiche far die Bewohner des Nebenlandes 
vor Augen gefiihrt, hatte auch den Liegnitzer Herzogen das 
Privileg Konigs Wladyslaw, welches ihnen voile Dispositions- 
freiheit iiber ihre Lande zusprach, 1529 gleichfalls kontir- 
miert, nichtsdestoweniger liefs er jetzt die bohmischen Stande 
ihre Einsprache gegen die schlesischen Freiheitsbriefe in 
vollstem Umfange vor seinem Richterstuhle vorbringen und 
berief sie dazu zum 4. Mai 1546 nach Breslau. Es sollten 
die Schlesier durch den Angriff auf ihre gesamten Landes- 
privilegien in heilsamen Schrecken gesetzt werden, damit sie 
es dann dankbar hinnahmen, wenn den Beschwerden der 
Bohmen nor in einem einzelnen Punkte, beziiglich der un- 
liebsamen Erbverbriiderung stattgegeben wiirde. 

Das Spiel, das Ferdinand hier begann, konnte wohl als 
gewagt erscheinen. Der, dem eine Verwerfung der Erbver- 
briiderung Schaden zufugte, war Kurflirst Joachim II. von 
Brandenburg; und es geschah dies zu einer Zeit, wo der 
Kaiser zum Kriege riistete gegen die im Schmalkaldischen 
Bunde vereinigten Haupter der Protestanten. Joachim war 
selbst Protestant; allerdings hatte er die Bestatigung seiner 
reformierenden Kirchenordnung von 1541 durch das Ver- 
sprechen erkauft, dem Schmalkaldener Bunde nicht beizu- 



Die schlesischen Landesprivilegien von den Bohmen angefocliteu. 65 

treten. Wie aber, wenn er durch die Feindseligkeit , rait 
der man jetzt seine allzeit reichspatriotische Gesinnung libel 
lohnte, sich dazu bewegen liefs, nun doch die Hill'e des 
Bundes zu suchen, wenn er gleichzeitig den Schlesiern Schutz 
fur ihre bedrohten Privilegien zusagte? Jeder Schritt nach 
dieser Seite hin hatte dem Kaiser die schwersten Verlegen- 
heiten bereitet; vor allem ware Moritz von Sachsen, den 
derselbe zu einem verraterischen Einfalle in die Lande seines 
Vetters, des sachsisehen Kurfiirsten Johann Friedrich, ver- 
leitet hatte, in sehr iible Lage gekorumen, und seine Diver- 
sion, die dann fur den ganzen Verlauf des Krieges entschei- 
dend geworden ist, hatte kaum stattfinden konnen. 

Aber Konig Ferdinand wufste sehr wohl, mit welchem 
Charakter er es zu thun hatte, und dafs dieser Hohenzoller 
zu energisehen Entschliissen nicht geschaffen war. In der 
That scheint die Moglichkeit ernstlichen Widerstandes von 
Joachim kaum ins Auge gefafst worden zu sein, er liefs es 
sich im Gegenteil angelegen sein, Herzog Friedrich von 
etwaigen kuhneren Schritten zuriickzuhalten. Damit hatte 
es nun auch keine Not. 

Der alte Herzog Friedrich war seit dem Tode des Mark- 
grafen Georg sehr vereinsamt. Es lebte auch damals aufser 
dem ohnmachtigen Heinrich II. von Miinsterberg, der seit 
1536 seinem Vater Karl in der Regierung gefolgt war, aber 
den grofsten Teil seiner Miinsterberg - ( Jlsnischen Lande an 
Herzog Friedrich von Liegnitz verpfandet hatte, kein welt- 
licher Fiirst weiter in Schlesien, den ein Gefiihl verletzter 
Standesehre in Sachen der Erbverbriiderung hatte auf" die 
Seite Herzog Friedrichs fiihren konnen; in Oppeln-Ratibor 
ebenso wie im Fiirstentum Teschen gab es nur minderjahrige 
Regenten und machtlose Vormundschaften. Die Breslauer 
aber hatten fur die ganze Kombination des Herzogs, welche 
dem Hause Brandenburg eine Art von Protektorat iiber die 
schlesischen Protestanten hatte in die Hande spielen sollen, 
kaum jemals rechte Sympathien gehabt, wie hatten sie daran 
denken sollen, noch dazu bei ihrer prekaren Situation in 
kirchlichen Dingen, urn der Erbverbriiderung willen den 
Zorn des Konigs herauszufordern'? Die Anfechtung der Lan- 
des-Privilegien durch die Bohmen war zwar ihnen wie alien 
Schlesiern im hochsten Grade widerwartig, doch war ihnen 
kund gethan worden, dafs nur von einer „giitlichen Unter- 
handlung mit den Abgesandten der Krone Bohmen" die 
Rede sei, und der Oberlandeshauptmann Bischof Balthasar, 
der iibrigens bei dieser wie bei anderen Gelegenheiten sich 
der Sache seiner Landsleute warm annahm, mochte doch 

G Hi nh a gen, Gesch. Sclilesiens. it. O 



66 Erstes Buch. Erster Abschuitt. 

von den eigentlichen Absichten des Konigs genug wissen, um 
wegen der allgemeinen Landesprivilegien einigermafsen be- 
ruhigen zu konnen. So konnte denn Konig Ferdinand alles 
ungestort nach Wunsch zur Ausftthrung bringen. 

Am 12. April 1546 zog derselbe in Breslau ein in Be- 
gleitung seiner Gemahlin Anna, seiner Kinder Max, Anna 
tind Katharina, des Herzogs August von Sachsen, des jungen 
Herzogs von Teschen, des Bischofs von Olmlitz und zahl- 
reicher bobmiscber und mahrischer Herren und Rate. Ehren- 
voll empfangen nabm er in der koniglichen Burg (an der 
Stelle der heutigen Universitat) Quartier. Einige Tage nach 
ihm stellte sich die prachtig aufgeputzte bohmische Gesandtschaft 
ein, der gleichfalls ein „ ansehnlicher Empfang " nicbt versagt 
wurde. Am 20. April machten die scblesischen Fiirsten eine 
betrachtliche Geldbewilligung, 1 2 vom Tausend der Schatzung, 
was dann immerhin eine Summe von 1 00 000 Thalern schle- 
sisch abwarf. Die Bewilligung ward unter den iiblicben 
Vorbebalten gemacht, dafs sie eine durcbaus freiwillige sei 
und nicht auf Verpflicbtungen der Sehlesier berube, und 
diesmal zugleicb auch in der Erwartung, dafs der Konig in 
eine Scbmiilerung ibrer althergebracbten Freibeiten auf keine 
Weise willigen werde. Der urspriingliche Bescblufs batte 
sogar die Drohung entbalten, von der Bewilligung zuriick- 
zutreten ? falls der Konig eine Schmalerung der Landes-Privi- 
legien zuliefse, doch batte der Landesbauptmann Biscbof 
Balthasar nocb in der letzten Stunde diesen Passus zu ent- 
fernen gewufst. 

Tags darauf ward die Privilegiensacbe vorgenommen, 
um dann wiihrend der Osterfeiertage, die hier kircblich ge- 
feiert wurden, vertagt zu werden. Es lief bier alles auf ein 
Wortgefecbt hinaus zwiscben dem Liegnitzer Kanzler. Wolf 
von Bock, der auch in dieser Sache die schlesischen Inter- 
essen zu vertreten hatte und sich durch seine bei dieser 
Gelegenheit bezeigte Beredsamkeit den Namen des schlesi- 
schen Perikles erworben bat, und dem Sprecber der Bobmen, 
Dr. Philipp Gundel aus Wien. Der Konig horte mit ge- 
duldiger Teilnahme zu, ein Urteil ward nicht gefallt, eine 
Einigung konnte natiirlich nicht zustande kommen; als der 
4. Mai, auf den die Liegnitzer Herzoge vorgeladen waren, 
herannahte, wurden jene Unterbandlungen einfach abge- 
brocben. 

Nach dem entscheidungslosen Geplankel folgte jetzt der 
eigentliche ernste Angriff, der seines Zieles und Erfolges 
sicher war. Hier war nicht mebr von einer gutlichen Unter- 
handlung die Rede. Herzog Friedrich war vorgeladen, sich 



Die Erbverbriiderung fur ungiiltig erklart 1546. 67 

vor dem Richterstuhle des Konigs auf die Klage der boh- 
mischen Stande wegen der Erbverbruderung zu verantworten. 
Ganz umsonst wandte er nicht ohne Grund ein, nach einem 
Privileg, das seine Vorfahren von weiland Konig Johann 
von Bohmen erbalten, sei fiir den Fall, dafs Personen nicbt 
furstlichen Standes einen Liegnitzer Herzog gerichtlicb be- 
langen wollten, die Versammlung der Liegnitzer Vasallen 
das allein kompetente Forum. Ferdinands Antwort schritt 
mit der Berufung auf die Praeminenz des personlich an- 
wesenden Konigs liber alle Privilegien binweg. Dem alten 
Herzog ging die Sache ungemein nabe. Nicbt nur dafs ibn 
die Vereitelung seines liebsten Planes auf das tiefste scbmerzte, 
er sab zugleich darin, dafs man ibn auf die Anklagebank 7 
nocb dazu bohmischen Edelleuten gegenuber, schleppte, eine 
ihm angetbane personlicbe Scbmacb. So wollte er denn 
wenigstens ein personliches Erscbeinen durch den Hinweis 
auf seine Leibesscbwacbbeit und seinen Kummer iiber den 
kiirzlich erfolgten Tod seiner Tochter, der Gemahlin des 
brandenburgiscben Kurprinzen, die im Kindbette nach Ge- 
burt eines Knaben gestorben war, abwenden. Docb Ferdi- 
nand blieb bei seinem Willen ; am ersten Tage der Verhand- 
lungen wenigstens mufste Friedrich personlich erscbeinen, 
dann ward eine Vertretung durch seine Sonne zugelassen. 
Dieselben hatten dann viele Tage lang den Reden und Gegen- 
reden Gundels und des Liegnitzer Kanzlers von Bock in der 
Breslauer Burg zuzuhoren. Nattirlich war aller Scharfsinn 
und alle Beredsamkeit des letzteren ganz umsonst. Des 
Konigs Urteil stand bereits test, lange ehe er nach Breslau 
kam. Als es dann am 18. Mai veroffentlicht ward, lautete 
es dahin, dafs der Herzog nicht befugt gewesen sei, die Erb- 
verbruderung abzuschliefsen, dafs deshalb dieser Vertrag fiir 
nicbtig und unkraftig erklart werde, dafs der Herzog Fried- 
rich und seine Sohne von demselben zurlickzutreten, die be- 
treffenden Urkunden binnen secbs Wochen einzufordern und 
kassiert dem Konige zu iiberantworten, aucb ihre Stande von 
dem bereits geleisteten Eventualhuldigungseide loszusprecben 
hatten. Ferdinand behalte sich aufserdem vor, die Herzoge 
wegen jenes Scbrittes noch besonders zur Strafe zu ziehen. 
Als der Spruch publiziert war, erbob sich aus dem Pubbkum 
Christof von der Strafsen, Professor der Jurisprudenz aus Frank- 
furt a, O., um im Namen seines Landesherrn des Kurfiirsten 
Joachim von Brandenburg Einspruch gegen alles Prajudi- 
zielle zu thun, welches die geborte Verhandlung fiir diesen 
haben konne, da selbiger, obwobl so nahe bei der Sacbe be- 
teiligt, doch nicht mit geladen worden sei, ein Zwischenfall, 

5* 



68 Erstes Bucb. Erster Abschnitt. 

der keine Entgegnung fand, da der Konig darauf ; ohne 
etwas zu sagen sich erhob ; und damit das Zeichen gab zur 
Tafel zu gehen. 

Wenn wir die ganze Angelegenheit unparteiisch iiber- 
blicken, so miissen wir anerkennen, dafs von Ferdinands 
Standpunkte aus dem Oberlandesherrn von Schlesien ein 
Vertrag wie die Erbverbriiderung, audi ganz abgesehen von 
den konfessionellen Gesichtspunkten, sehr unwillkommen sein 
mufste, da dieselbe einen ansehnlichen Teil des Landes even- 
tuell einem Kurfursten des Reichs, der allerdings als Herzog 
von Krossen den Anspruch machte, als schlesischer Fiirst 
angesehen zu werden, in die Hande spielen sollte, und es 
kann uns niclit allzusehr iiberraschen, wenn wir erfahren, 
dafs er, da er die Macht dazu hatte, jenen Vertrag einfach 
umgestofsen hat. Nur eins wird nicht zuzugeben sein ; dais 
hierbei von einem Rechtsspruche die Rede sein konnte, oder 
auch nur, dafs die Art von Ferdinands Vorgehen die Kas- 
sierung der Erbverbriiderung wenigstens mit dem Scheine 
eines rechtlichen Yerfahrens zu umkleiden vermocht hatte. 
Herzog Friedrich hatte seinen Vertrag abgeschlossen auf 
Grund eines ganz unzweifelhaft lautenden, ihm vom Konig 
Wladyslaw erteilten, von dessen Nachfolger und auch von 
Ferdinand selbst bestatigten Privilegs, und die einzige Be- 
dingung, welche dieses letztere fiir den Fall einer Vergebung 
der Lande festsetzte, dafs namlich auch der kiinftige Erbe 
seine Lehnspflichten gegeniiber dem Konige von Bohmen 
erfiille, war durch jenen Vertrag in keiner Weise verletzt. 
Jemanden wegen der Ausiibung wohlerworbener und ver- 
briefter Befugnisse zu verklagen und zu verurteilen, lief ein- 
fach wider das klare Recht, und die Sache ward noch 
schlimmer dadurch, dafs man hier eine Klage der bohmi- 
schen Stande zugelassen hatte. Die bohmischen Stiinde batten 
in Schlesien nicht das mindeste zu suchen, mit ihnen standen 
die Fiirsten dieses Landes durchaus in keinem Verhaltnisse ; 
keiner der Lehns-Vertrage , durch welche einst die schlesi- 
schen Herzoge dem Konige von Bohmen ihre Lander auf- 
getragen hatten, gedenkt der bohmischen Stande ; wenn diese 
nachmals im Laufe der Zeit die Souveranetat ihres Konigs 
zu beschranken vermocht hatten, so hatte dies Verhaltnis 
auf die Nebenlande keine Wirkung. Fanden die bohmischen 
Stande, dafs ihre Herrscher den Fursten der Nebenlande 
mehr Rechte eingeriiumt hatten, als mit dem Wohle der 
Monarchic vereinbar sei, so mochten sie dariiber auf dem 
Prager Landtage mit dem Konige verhandeln, die schlesi- 
schen Fursten ging das nichts an; diese hatten in Bohmen 



Der Rechtspunkt. Friedrichs II. Tod 1547. 69 

immer nur mit ihrem Oberlehnsherrn, dem Trager der Krone, 
zu verhandeln. Uber die Rechtsfrage konnte in der That 
kein Zweifel obwalten, aber der Konig hatte die Macht und 
den Willen, diese zu gebrauchen, und vor seinem Herrscher- 
spruche sank der Vertrag, den die Staatskunst des Herzogs 
Friedrich sich schon ausgedacht hatte, in den Staub. 

Der alte Herzog hat die Vereitelung seines Lieblings- 
wunsches und die Schmach der Anklagebank nicht lange 
iiberlebt, am 17. September 1547 ist er gestorben, und schon 
Zeitgenossen erklarten die Vorgange in der Breslauer Burg 
als die Nagel zu seinem Sarge. Sein im Angesichte des 
Todes abgefafstes Codizill von 1547 andert an jenen Be- 
stimmungen seines fruheren Testamentes nichts, und an 
Joachim so.ll er geschrieben haben, was ihm die Gewalt ab- 
gedrungen, konne dem Kurfiirsten sein Recht nicht nehmen, 
die Zeit verandere alles, und was jetzt nicht angehe, konne 
vielleicht Spateren zustatten kommen. Die Brandenburger 
haben die Urkunden der Erbverbriiderung nicht heraus- 
gegeben, und Ferdinand hat es nicht der Miihe wert ge- 
halten, einen starkeren Druck nach dieser Seite hin auszu- 
iiben. Es hat ja in der That auch fast zwei Jahrhunderte 
gedauert, bis ein grolser Hohenzoller eine giinstige Gelegen- 
heit wahrnahm, urn die Erbrechte seines Hauses auf Schlesien 
mit Energie und Erfolg geltend zu machen. 

In der Privilegiensache ward die Entscheidung durch 
koniglichen Spruch vom 20. Mai bis auf weiteres vertagt, 
d. h. man liefs das Damoklesschwert liber dem Haupte der 
Schlesier, um ihres Wohlverhaltens desto sicherer zu sein. 
Aber die Sache ward noch ungleich schlimmer dadurch, dafs 
der Konig bereits friiher, am 9. Mai, gleichsam vertraulich 
den Breslauern eroffnet hatte, gewisse Punkte des schlesi- 
schen Freiheitsbriefes von 1498 konne er nicht unter alien 
Umstanden zu halten sich verpflichten , so z. B. beziiglich 
der Wahl des Oberlandeshauptmanns ausschliefslich aus der 
Zahl der schlesischen Fiirsten, denn da es gegenwartig, ab- 
gesehen von dem Bischofe, nur noch drei schlesische Fiirsten- 
geschlechter gabe, welche mciglicherweise noch mehr zu- 
sammenschmelzen konnten, milfste er fiirchten, nicht die 
notige Auswahl zu haben, um wirklich einen zu solcheni 
Amte ganz Tauglichen bestellen zu konnen. Ebenso wenig 
vermoge er es, mit seinem Gewissen zu verantworten , dafs 
von einem Spruche des Oberrechtes keine Appellation zu- 
lassig sei und er also auch einer wohlgegriindeten Suppli- 
kation nicht stattgeben diirfen solle, und endlich sei es nicht 
zu dulden, dafs die schlesischen Fiirsten und Stande nicht 



70 Erstes Buch. Erster Absclmitt. 

liber die Grenze hinaus Kriegsclienste zu leisten noch audi 
dem Landeshemi eine Geldbeisteuer zu geben schuldig sein 
wollten ; denn wenn der Ruin des Vaterlandes abgewendet 
werden sollte, mttfste im Faile der Bedrangnis durch aufsere 
Feinde durchaus eins der Kronlande dem andern Hilfe und 
Beistand leisten. Wenn man in diesen Punkten sich nach- 
giebig zeige , wolle er, obwohl es sich um ein nicht eben 
altes und dazu „unbillig impetriertes" Privilegium handle, 
dessen andere Artikel „bei Wiirden" lassen. Es geht ein 
gewisser Zug wohlmeinender landesvaterlicher Gesinnung 
durch diese Eroffnungen, und Ferdinand beruft sich audi 
wiederholt darauf, dafs er in den zwanzig Jahren seiner Re- 
gierung genug Beweise von seiner Loyalitat gegeben, aber 
die Breslauer mufsten doch aus jenen Eroffnungen. vor allem 
das eine heraushoren, dafs der Konig die schlesischcn , von 
ihm bestatigten Landesprivilegien nur soweit zu halten ge- 
meint sei, als dies ihm selbst nicht unbequem erschien. 



Der Schmalkaldische Krieg und seine Einwirkungen auf 

Schlesien 

Als am 23. Mai 1546 Konig Ferdinand Breslau verliefs, 
das er niemals wiedersehen sollte, durfte er mit seinem hier 
erreichten Erfolge sehr zufrieden sein. Hatte das Spiel, das 
er hier begonnen, anfangs gewagt scheinen konnen, so war 
jetzt entschieden, dafs er es glanzend gewonnen hatte. Der 
machtigste Fiirst Schlesiens war tief gedemtitigt, die stolze 
Stadt Breslau aufs hochste eingeschiichtert, jede Moglichkeit 
einer Verbindung der nicht unbedeutenden protestantischen 
Partei in Bohmen mit den Schlesiern infolge des kurzsich- 
tigen Verhaltens der bohmischen Stande beseitigt; nie seit 
den Zeiten von vveiland Konig Matthias hatten die Schlesier 
sich unter das Scepter des Oberlandesherrn so tiet beugen 
mtissen als eben jetzt. 

Ferdinand zog von Breslau nach Regensburg zu seinem 
kaiserlichen Bruder und mit diesem in dem Kampf gegen 
die Haupter der Protestanten in Deutschland. Die Breslauer 
konnten sich kaum dariiber tauschen, dafs eine Unterwerfung 
ihrer Glaubensgenossen im Reiche auch auf die schlesischen 
Zustiinde schwer zuriickwirken mufste. Allerdings hatte 
gerade die Stadt Breslau nahere Fiihlung mit den Schmal- 
kaldener Verbiindeten nicht gesucht; so wenig dies die 
schlesischcn Stande, an deren Spitze als Oberlandeshaupt- 
mann der Bischof stand, thun konnten, so wenig hatte es 
der Rat gewagt, der ja vielmehr immer gehofft hatte, sein 



Beziehungen der Schlesier zu den protestantischen Reichsfiirsten. 71 

so behutsam reforniiertes Kirchenwesen mit Loyalitat unci 
Mafsigung durch die Stiirme hindurch retten zu konnen. 
So hatte es geschehen konnen, dafs, als 1539 die deutschen 
Protestanten vom Kaiser definitive Sicherheit fur ihr Be- 
kenntnis torderten, sie in dieselbe von Landen aufserhalb 
des Reiches neben dem Konig von Danemark und dem 
Herzoge von Preufsen zwar die baltischen Stlidte Riga 
und Reval, aber aus Schlesien nur eben den Herzog 
von Liegnitz mit eingeschlossen sehen zu wollen erklarten. 
Aber als die schlesischen Ftirsten und Stande 1541 ange- 
sichts der neuen Turkengefahr an die Reichsfiirsten wiederum 
unter Erinnerung an die 1529 erhaltenen Zusagen wegen 
eventueller Hilfe schrieben, setzte ihnen Kurfiirst Johann 
Friedrich von Sachsen in einem langeren Briefe vom 18. Sep- 
tember auseinander, dafs die protestantischeu Reichsfiirsten, 
so lange man ihnen eine definitive Sicherung ihres Bekennt- 
nisses verweigere, wie sehr sie auch sonst das Vorschreiten 
der Tiirken beklagten, doch Bedenken tragen miifsten, zum 
Zwecke wirksamen Beistandes gegen die Tiirken ihre Lande 
von Truppen zu entblofsen auf die Gefahr hin, inzwischen 
selbst von den katholischen Potentaten mit Krieg iiberzogen 
zu werden. Wenn er nun trotzdem seine Hilfe zusichere, 
so begehre er aber nun auch zugleich im Namen seiner Ver- 
biindeten, dafs die Schlesier auch ihrerseits eine Erklarung 
abgaben, ob, falls einmal er und die andern protestantischen 
Reichsfiirsten der Religion wegen mit Krieg sollten iiber- 
zogen werden, sie auf Beistand von den Schlesiern rechnen 
diirften. 

In Verfolg clieser Angelegenheit werden dann Fiirsten 
und Stande auf die bevorstehende Versammlung des Sckmal- 
kaldischen Bundes zu Naumburg a. S. verwiesen, der sie 
selbst ihre Wiinsche vortragen mochten. Dies geschieht nun 
auch im Oktober 1541, nachdem man dem Konige davon 
Mitteilung gemacht, und die Gesandten der Schlesier werden 
bei dieser Gelegenheit zu der Erklarung ennachtigt, man 
sei bereit, in dem Tiirkenkriege das schlesische Kriegsvolk 
unter den Reichsfeldherrn zu stellen und auch im Falle einer 
Bekriegung des Bundes um des Glaubens willen Beistand 
zu leisten, notabene nachdem der Bund den Schlesiern in 
Tiirkennoten thatsachlich beigesprungen sei. Doch kann diese 
Z usage in nicht allzu bindender Weise abgegeben worden 
sein, da sonst das Bundeshaupt Joh. Georg von Sachsen es 
sicherlich nicht unterlassen haben wiirde, als er 1546 und 
1547 die Unterstiitzung der Schlesier erbat, sich dabei auf 
jene friiheren Verpflichtungen derselben zu berufen, wo von 



72 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

wir in der Korrespondenz doch niehts lesen. Auch Konig 
Ferdinand, der, wie wir noch sehen werden, von jenen Zu- 
sagen Kenntnis hatte, wiirde dieselben nicht so leicht ge- 
nommen haben, wie er dies thatsachlich gethan hat. 

Inzwischen war nun die Gefahr fur die protestantischen 
Reichsfiirsten, welche Kurfiirst Johann Friedrich immer schon 
geiurchtet hatte, naher herangeriickt. Seit 1545 hatte sich 
der Entschlnfs des Kaisers, gegen sie notigenfalls mit ge- 
waffneter Hand vorzugehen, mehr und mehr befestigt. War 
der Wunsch des Kaisers, den ihm kriegsgeriistet gegeniiber- 
stehenden Bund niederzuwerfen, erklarlich, so war doch auf 
der andern Seite auch nicht zu verkennen, dais die Schmal- 
kaldener Fiirsten nur durch die immer erneute Weigerung 
des Kaisers, ihrem Bekenntnisse eine definitive Sicherheit 
zuzugestehen, gezwungen wurden, die Waffen nicht aus der 
Hand zu legen. 1546 war der Krieg entschieden, und wiih- 
rend in Trient italienische und spanische Bischofe zu dem 
Konzil zusammentraten , welches der Papst dorthin berufen, 
und von dem die protestantischen Reichsfiirsten die Refor- 
mation der Kirche zu erwarten verschmaht hatten, zogen 
spanische und italienische Soldner, grofstenteils durch piipst- 
liches Geld geworben, zur Bezwingung der der neuen Lehre 
Anhangenden heran. Die hierarchischen Machte, zu denen 
ja auch das Kaisertum ziihlte, erhoben sich noch einmal mit 
Macht, um die sie bedrohende, aus der Mitte der deutschen 
Nation entsprungene Bewegung niederzuwerfen. Lind doch 
hatten die protestantischen Fiirsten den Angriff bestehen 
mogen, hatte derselbe sie geeint gefunden. Aber die Diplo- 
matic des Kaisers hatte sie zu trennen vermocht. 

Gerade die Schlesier hatten besondere Gelegenheit, die 
Resultate dieser diplomatischen Thatigkeit des Kaisers zu 
beobachten. Alle ihre Nachbarn, samtlich Protestanten, blie- 
ben dem Schmalkaldischen Bunde fern, von den Hohenzollern 
nicht nur der ewig vermittelnde, jedem Wagnisse ausweichende 
Kurfiirst Joachim, sondern auch sein viel energischerer Bru- 
der Hans von Kiistrin, der Herr des Krossener Landes, und 
ebenso auch der albertinische Herzog von Sachsen, Moritz, 
der Neffe des eifrig katholischen Herzogs Georgs (stirbt 
1539), selbst der Markgraf Albrecht Alcibiades, der fiir den 
minderjahrigen Sohn Georgs von Jagerndorf als Vormund 
in Oberschlesien herrschte, stand auf der Seite des Kaisers. 
I'm so weniger trat an die Schlesier auch nur die Ver- 
suchung heran, aus Hingebung fiir die Sache der Refor- 
mation irgendwie fiir die Verbiindeten von Schmalkalden 
einzutreten, trotz ihrer allerdings eingeschrankten Zusage 



Der Schmalkaldische Krieg. 73 



to- 



vom Jahre 1541. Der von Wittenberg ausgegangene , von 
Bugenhagen, dem eifrigen Freunde Luthers verfafste Aufruf 
an die Bohmen, Lausitzer und Schlesier, sich nicht zum 
Kriege gegen den Kurfiirsten gebrauchen zu lassen, blieb 
ganz wirkungslos. Es war kaum notig, dafs Konig Ferdi- 
nand dem Bischof Balthasar von Breslau anbefahl, auf et- 
waige Praktiken des Herzogs Friedrich von Liegnitz ein 
wachsaraes Auge zu haben. Der alte Herzog war ein ge- 
brochener Mann, und von seinen beiden Sohnen hatte keiner 
den Zug grofserer Politik, der dein Vater eignete. Die 
Breslauer aber antworteten dem Kurfiirsten von Sachsen, 
als dieser unter dem 27. Juni von ihnen verlangte, sie moch- 
ten kein zum Kampfe gegen ihn bestimmtes Kriegsvolk bei 
ihnen durchpassieren lassen, sie konnten ohne Wissen ihres 
Herrn und Konigs auf sein Begehr nicht eingehen, ja sie 
sandten sogar das Schreiben und ihre Ant wort an Ferdinand 
ein. Sie schlugen auch gehorsam die Achtserklarung iiber 
Kurfiirst Johann Friedrich von Sachsen und Landgraf Phi- 
lipp von Hessen (datiert vom 20. Juli 1546) an ihre Rat- 
haus- und Kirchenthiiren an, doch als der Konig Ferdinand 
von den Schlesiern die Stellung eines nicht unansehnlichen 
Heeres und von den Stadten noch besonders die Lieferung 
von Pulver und Kugeln und die leihweise Zusendung von 
Geschlitzen begehrte, entschuldigte man sich mit dem Hin- 
weis auf die bereits bewilligte ansehnliche Geldsumme an 
Schatzungs- und Biergeld und auf die Notwendigkeit, selbst 
das Land vor einem eventuellen Angriff der Turken, den 
allerdings Ferdinand als moglich angezeigt hatte, zu schiitzen. 
So blieb es denn fiir das erste dabei, dais der Bischof und 
Herzog Moritz von Sachsen in Schlesien auf des Konigs Kosten 
Kriegsvolk warben. 

Im Anfange des nachsten Jahres, als der Kriegsschau- 
platz durch Moritz' Einfall in das Land seines Vetters aus 
Oberdeutschland nach Sachsen sich hinuberspielt, werden die 
Aufforderungen Konig Ferdinands unter Hinweis darauf, 
dafs Johann Friedrich bereits eins der bohmischen Erblande, 
die Lausitz, bedrohe, dringender und drohender, und die 
Schlesier beginnen, wenn auch zcigemd, zu rlisten. Der 
abenteuerlustige alteste Sohn Herzog Friedrichs II. tritt so- 
gar, wenngleich gegen den Willen des Vaters, in den Sold 
Kunig Ferdinands als Hauptmann uher 40 Reiter mit monat- 
lich 350 Gulden Sold. Die schlesischen Stadte, unter ihnen 
auch Breslau, schiitzten vor, zunachst auf den Beschlufs 
eines Fiirstentags warten zu miissen, und wenn schliefslich 
wenigstens Breslau doch etwas thun zu miissen glaubte, so 



74 Erstes Bucli. Erster Abschnitt. 

war dies nicht mehr als die Sendung einer bescheidenen 
Geldsumme. Herzog Friedrich, den einer der Rate Ferdi- 
nands warnend daran geraahnt hatte, da er wegeu friiherer 
Irrungen mit dem Konige noch nicht gesiihnt und verglichen 
sei, beizeiten dazu zu thun, schickte seinen Sohn Friedrich 
jetzt nach des Konigs Feldlager. 

Als die Schlacht bei Miihlberg geschlagen war und der 
Kaiser die Haupter der Protestanten gefangen mit sich 
herumfiihrte, darunter auch den Kurfiirsten Johann Fried- 
rich, in dem man den standhaften Beschtitzer Luthers ver- 
ehrte, da empfand es dann wohl auch die protestantische 
Bevolkerung in Schlesien, dafs die Folgen dieser Siege leicht 
auch ihnen Gefahr bringen konnten, man trauerte liber die 
Siege der koniglichen Waffen, und es fehlte an lasternden 
und schmahenden Reden ebenso wenig wie an Ohren, die 
solchen begierig lauschten, urn sie an geeignetem Orte als 
Waffen gegen die verhafsten Neuerungen verwerten zu 
konnen. 

Jedoch daran war nicht zu denken, dafs die Schlesier, 
wie es Johann Friedrich begehrt hatte , nun etwa mit den 
Bohmen, von denen eine ansehnliche Partei im Bunde mit 
dem Kurfiirsten bis an die Grenze bewaffneten Aufstandes 
gegangen war, gemeinsame Sache hatten machen wollen. 
Wie hatten es die Schlesier vergessen mogen, dafs diese 
kurzsichtige bohmische Aristokratie das Jahr vorher ihre 
Landesprivilegien auf das feindseligste angegriffen und sie 
in ihrer Breslauer Burg die dreisten Worte hatten horen 
lassen, die Glieder des bohmischen Landtages stiinden iiber 
den schlesischen Fiirsten ? Wie unverbesserlich diese Leute 
in ihrer Kurzsichtigkeit waren, zeigten sie eben jetzt recht 
deutlich dadurch ; dafs sie an die Breslauer, deren nationale 
Empfindlichkeit man cloch in Prag sattsam kennen gelernt 
hatte, eine Beglaubigung fiir ihren Gesanclten Melchior Rohr 
von Rohrau in czechischer Sprache sandten. Ehe noch 
des Konigs Warming , sich mit den Bohmen irgendwie ein- 
zulassen, in den Hiinden der Breslauer war, hatten diese 
bereits ganz loyal von dem Schreiben der bohmischen Stande 
und des Kurfiirsten sowie ihren Antworten an Konig Fer- 
dinand Mitteilung gemacht. Ebenso wenig half es den 
Bohmen, Avenn sie jetzt Herzog Friedrich anboten, jene Erb- 
verbruderung mit Brandenburg, die zu Falle zu bringen 
gerade sie das Jahr vorher das Beste gethan hatten, nun 
doch noch durchzusetzen. Es war zu spilt. Friedrich er- 
klarte sich zur Verbindung mt den Bohmen bereit, sofern 
ihm keine Untreue gegen den Konig zugemutet werden solle. 



Folgeu des Kriegs fiir die Schlesier. 75 

Im September 1548 benutzte dann Konig Ferdinand die liber 
die Stadt Magdeburg vom Kaiser ausgesprochene Acht, um 
den Schlesiern alle ferneren Appellationen an den dortigen 
SchofFenstuhl zu verbieten, bei welcher Gelegenheit der 
Rechtszug auch an andere Schoffenstiihle oder Universitaten 
aufgehoben ward. Die Berufungen von den schlesischen Ge- 
richten sollten fortan an die 1548 in Prag neuerrichtete 
Appellationskammer gehen. Es loste sich damit der letzte 
Zusammenhang rait der Stadt, auf deren Recht sie einst im 
13. Jahrhundert ihre deutsche Kolonisation begriindet batten, 
und die Schlesier, vor allem die Breslauer, beklagten die 
Anderung, scbon weil sie jede Verstarkung der Abhangig- 
keit von Prag ungern sahen, ganz abgesehen von dem kon- 
fessionellen Bedenken, auf das lebhafteste. Sie haben es 
auch an wiederholten Vorstellungen nach dieser Seite hin 
nicht fehlen lassen. Sie bezogen sich dabei auf eine Aufse- 
rung des Konigs, als kame es ihm weniger auf die Appel- 
lation, als aut die Supplikation an, d. h. darauf, dafs dem 
Oberlandesherrn das Recht gewahrt werde, auf eine an ihn 
gerichtete und wohlbegriindete Supplik hin auch einmal eine 
von den Gerichten gefallte Sentenz zu andern. Dieses Recht 
wollte man gern dem Konig lassen, wofern nur die eigent- 
liche Appellation dem aus den Standen konstituierten Ober- 
rechte gewahrt bliebe. Aber Ferdinand lehnte diese Vor- 
schlage rund ab. Die besondere Idee Herzog Friedrichs III. 
von Liegnitz, den juristischen Professoren der Universitat, 
zu welcher er die beruhmte Goldberger Schule Trotzendorfs 
umgestalten wollte, die Appellationssentenzen zuzuweisen, ist 
gar nicht erst zur Erorterung gekommen, da aus dem ganzen 
Plane einer solchen Universitat nichts geworden ist. 

Wenn aber die schlesischen Fiirsten und Stande den 
Vorschlag bezuglich des Oberrechtes als Appellationsinstanz 
allerdings gegen den Widerspruch der allzeit partikularistisch 
gesinnten Schweidnitzer und Troppauer, welche „ sich ihres 
eigenen Rechtes zu halten vermeinten a , 1554 wiederum und dann 
noch einmal 1559 an den Konig gebracht haben, und zwar 
mit der besonderen Motivierung, dafs die Schlesier sich des 
sachsischen Rechtes und nur subsidiar des romischen Rechtes 
bedienten, und aufserdem auch „sonderliche Willkiiren und 
Gebrauche hatten, von denen die Bohmen nichts wiifsten", 
so hat der Konig beide Male ablehnend geantwortet und 
er hatte wohl anzuftihren vermocht, dafs sein Reskript 
vom 20. Januar 1548 tiber die Errichtung der Prager 
Appellationskammer fiir die Rate ausdrucklich die Kennt- 
nis auch des sachsischen Rechtes verlangt und die- 



7G Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

selben anweist, sie sollten bei ihren Appellationssentenzen, 
„ wie sich dais ein jeglich Gericht (niimlich der ersten Instanz) 
des Rechtens, es sei Kaiserlich, Sachsisch oder Magdeburgisch, 
gebraucht, urteln und sprechen, und darin sollen unsere 
Rat keine Veranderung machen". 

Den sachsischen Besitz auf schlesischem Boden, das Her- 
zogtum Sagan, gewann Ferdinand jetzt auch zuritck (1548). 
Der neue Kurfiirst Moritz mufste es abtreten, nm sich das 
bohmische Lehn Eulenburg, das sein Gebiet unterbrach, zu 
retten. 

Aus Bohmen heriiber kamen den Schlesiern im Spiit- 
sommer 1547 die Achtserklarungen der utraquistischen Edel- 
leute, welche es rnit Johann Friedricli gehalten hatten und 
die Nachrichten von dem blutigen Landtage, den Konig 
Ferdinand im August zu Prag gehalten, von grausamen 
Gefangnissen, korperlichen Ziichtigungen, Hinrichtungen, rait 
denen er seine Gegner heimgesucht, und von Entziehungen 
von Privilegien und Besitztiimern, welche die Stadte getroffen, 
bald verlautete auch von einem harten Vorgehen gegen die 
oberlausitzer Sechsstadte wegen saumiger Hilfeleistung ira 
Schmalkaldischen Kriege ; ftir Ferdinand ein Beweis von 
Untreue, kaum minder strafwiirdig als bei den Bohmen, 
wenngleich nicht so offen hervorgetreten wie bei diesen. 
Der Adel der Oberlausitz, immer eifersiichtig auf die Macht 
der Sechsstadte, hatte eifrig mitgewirkt, den Zorn des Konigs 
noch mehr zu enttiammen, und der ungewohnlich harte 
Urteilsspruch iiber den „Ponfall" hat thatsachlich fur lange 
Zeit hinaus den Wohlstand jener Stadte geknickt, und in- 
dem er die Handhabung der Ordnung vornehmlich in die 
Hande einiger Edelleute von zweifelhaften Grundsatzen legte, 
die offentliche Sicherheit und die Herrschaft der Gesetze 
schwer gefahrdet. 

Die Schlesier mochten wohl davor bangen, dais auch an 
sie die Reihe kommen konne. Anklagepunkte liefsen sich 
auch gegen sie zusammenstellen , und an Feinden, welche 
den Konig gegen sie reizten, fehlte es nicht. Doch dauerte 
es geraume Zeit, ehe auch iiber sie ein Ungewitter aufzog. 
Von dem sogenannten Augsburger Interim, jener Glaubens- 
formel, welche urspriinglich zur Vereinigung der beiden ge- 
trennten Konfessionen in Aussicht genommen, nachmals, als 
die Katholiken sie zuriickgewiesen, nur noch eine den Pro- 
testanten durch den siegreichen Kaiser oktroyierte Beschran- 
kung bedeutete, und die im Reiche so gewaltige Aufregung 
verursachte, erfahren wir nur soviel, dafs Ferdinand im Jahre 
1548 den Bresfauern befohlen hat, sich nach dem Interim 



Das Interim. Geldbufsen der Stadte. 77 

zu richten, dock auch, dafs der Rat in einer langeren Denk- 
schrift den Konig gebeten hat, ihre Stadt mit einem In- 
stitute zu verschonen, das iiberall, wo es exsequiert worden, 
„merklich Abgunst, Ungehorsam gegen die Obrigkeit und 
andere viele Weitlaufigkeiten " hervorgerufen habe, um so 
mehr, da die Breslauer ja, wie er selbst wiederholt anerkannt 
habe, auch in Religionssachen die grofste Mafsigung und 
Schonung der alten Einrichtungen bewiesen und jede Sek- 
tiererei streng von sich abgewehrt hatten. Es scheint dann 
auch nicht, dafs Ferdinand auf seinem Willen bestanden 
habe, und wir horen auch a us dem ubrigen Schlesien nichts 
weiter von dem Interim. 

Dagegen fanden die Schlesier in dieser Zeit eine neue 
Gelegenheit ihre Loyalitat zu zeigen, als im Marz 1549 die 
bohmischen Stande den altesten Sohn Ferdinands, Maximilian, 
als Erben der Wenzelskrone proklamiert hatten und dessen 
Anerkennung nun auch von den Schlesiern begehrt wurde. 
In dem beziiglichen Beschlufs der schlesischen Stande ward 
darauf zwar aufs neue Beschwerde dariiber erhoben, dafs 
abermals von den bohmischen Standen eine Konigswahl ohne 
die in den Privilegien Karls IV. verordnete Zuziehung von 
Vertretern der Nebenlander vorgenommen worden sei, doch 
das Resultat acceptiert und die Proklamierung des kiinftigen 
Konigs in Breslau und Schweidnitz, und wahrscheinlich auch 
in anderen schlesischen Stadten durch Volksfeste gefeiert. 
Beziiglich der aus dieser Veranlassung von Ferdinand ge- 
forderten Beisteuer zur Verheiratung seines Sohnes erklaren 
zwar die Fiirsten und Stande, von der Entrichtung von 
Heiratssteuern von alters her immer befreit gewesen zu sein, 
bewilligen jedoch aus gutem Willen eine Summe in soldier 
Hohe, „ dafs sie fast mit den bewilligten Summen der Stande 
zu Bohmen vergleicht ". 

Trotzdem entschlofs sich Ferdinand sehr nachtraglich noch 
(namlich im Herbst 1549) aus Anlafs des Schmalkaldischen 
Krieges in Schlesien ein gewisses Strafgericht zu vollstrecken, 
welches sich nun aber einzig und allein gegen die Stadte 
der Erbfurstentiimer, also der Furstentumer Breslau, Schweid- 
nitz-Jauer (hier wird allein die Stadt Landeshut ausgenommen) 
und Glogau richtete. Dieselben wurden verschiedener Aufse- 
rungen von Sympathien fiir den Kurtursten Johann Fried- 
rich, eigenmachtiger Verhandlungen mit dem Schmalkaldischen 
Bunde, sowie gewisser Zusagen an denselben, und aufserdem 
der Verweigerung der von ihnen begehrten Kriegshilfe (letz- 
teres bei Breslau nicht) beschuldigt. Die Stadte mochten 
wohl erschrecken, als ihnen der Befehl zukam, ihre Rats- 



78 Erstes Bucli. Erster Abschnitt. 

herren hatten sich sofort in Prag zu stellen zu personlicher 
Verantwortung vor dem Kcinige; denn in den namlichen 
Formen hatte der fur die Betreffenden so libel ausgelaufene 
Pcinfall der Oberlausitzer begonnen, und auch in Schlesien, 
wenigstens in den Fiirstentiimern Schweidnitz- Jauer, beeilte 
sich, wie dies dort geschehen war, der hier mit den Stadten 
seit lange verfeindete Adel als Anklager derselben aufzu- 
treten. Dennoch nahm die Sache hier einen glimpflicheren 
Verlauf ; die Stadte kamen mit der Ubernahme einer ewigen 
Abgabe, eines Biergeldes (vom Scheffel Weizen oder Gerste 
einen buhmischen Groschen) und Strafgeldern weg, die sich 
bei den Stadten der Fiirstentiimer Schweidnitz - Jauer auf 
54000 Thaler (die Stadt Schweidnitz allein 21000 Thaler), 
bei denen des Fiirstentums Glogau auf 35 000 Thaler (Glogau 
allein 11 666 Thaler), bei der Stadt Breslau auf 80000 Thaler, 
wozu dann noch Neumarkt und Namslau mit je 1000 Thaler 
traten, beliefen. Aufserdem mufsten die koniglichen Rate 
noch mit sehr ansehnlichen Douceurs bedacht werden, da 
z. B. die Fiirsprache des koniglichen Kanzlers Heinrich von 
Plauen die Breslauer Forderung von 300 000 Thaler auf 
80 000 heruntergebracht hatte. In den Stadten der Fiirsten- 
tiimer Schweidnitz - Jauer wurden diejenigen Biirgermeister, 
welche bereits 1547 amtiert hatten, fur abgesetzt erklart, und 
iiberall in den Stadten ward eine Zuziehung der Gemeinde 
zur Stadtregierung von vorheriger Anfrage bei dem Konige 
abhangig gemacht. 

Die Hauptsache war nun allerdings, ob man versuchen 
wiirde, den Sieg der habsburgischen Waffen zu einer Re- 
aktion auf kirchlichem Gebiete auszunutzen. Dafs die Wiinsche 
der eifrigen Altglaubigen dahin gingen, war sehr natixrlich, 
und wir wurden iiber die darauf gerichteten Bestrebungen 
wahrscheinlich viel klarer sehn, wenn uns nicht gerade fur 
die Zeit von 1546 bis 1555 die Protokolle des Breslauer 
Domkapitels, als der Korperschaft, in welch er der Widerstand 
gegen die neue Lehre sich am meisten konzentrierte , ver- 
loren wiiren. 

Als eine weitgehende Mafsregel darf es ja allerdings be- 
zeichnet werden, wenn wir erfahren, dafs Ferdinand kurz 
nach der Schlacht bei Miihlberg mit einem Schlage alle 
Druckereien in Schlesien wie in der Ober- und Niederlausitz 
aufhebt mit Ausnahme einer einzigen in Breslau, welche letztere 
dann aber gehalten sein sollte fur alles, was sie an die Offent- 
lichkeit bringen wollte, vorher die Approbation des Bischofs 
Balthasar, als des obersten Hauptmanns von Schlesien und zu- 
gleich der zustandigen „geistlichen Obrigkeit", einzuholen. 



Versucbe einer kirchlichen Reaktion. 79 

Unter dem 28. November 1550 erschien claim ein Edikt 
des Konigs, welches, von der Kunde ausgehend, dafs an vielen 
Orten in Schlesien ungeweihte Personen, auch bose, leicht- 
fertige Leute Pfarramter mnebatten, deren Abschatfung an- 
befahl, damit nicht ferner vermessene, untiichtige Personen 
sich in den Dienst Gottes drangten und die hochwiirdigen 
Sakramente reichten, sondern dergleichen erschreckliche Mifs- 
brauche, so in heiliger Schrift verboten, verhiitet warden. 
Obwohl ja nun diese Verordmmg als Waffe gegen die Pro- 
testanten hatte benutzt werden konnen, insofern von denKatho- 
liken bestritten werden konnte, dafs die grofsere Zahl der 
evangelischen Geistlichen als geweihte Priester zu gelten 
batten, so scheint es doch, als sei das Edikt als vornehmlich 
gegen Schwenkfelder und Wiedertaufer , die ja in manchen 
Gegenden Schlesiens und besonders, wie es scheint, in der 
Grafschaft Glatz noch viele Anhanger und ganze Gemeinden 
batten, gemiinzt angesehen worden, um so mehr, da alle 
protestantischen Prediger die Ausiibungen von Mifsbrauchen, 
welche die heilige Schrift verbote, weit von sich weisen 
konnten, und Bischof Balthasar wiirde sich ja bei seiner 
Gesinnung unzweifelhaft dieser Meinung zugewendet haben. 

Nichtsdestoweniger herrschte in dieser Zeit unter den 
Protestanten vielfach Besorgnis und eine gewisse Spannung. 
Der Breslauer Rat enthielt sich bis nach dem Passauer Ver- 
trage aller Anderungen in Kirchen- und Schulsachen, jeder 
Vermehrung der Amter, ja selbst der Neuanstellungen , und 
wie aufgeregt das Volk damals war, zeigte sich recht deut- 
lich, als im Jahre 1550 in Breslau das Gerucht entstand, 
es sei ein papstlicher Legat hier angekommen, der die Ver- 
treibung der protestantischen Prediger ins Werk setzen sollte. 
Wie ungegriindet auch das Gerucht war, so konnte doch 
die Menge nur mit Miihe abgehalten werden, den Dom zu 
sturmen und Leben und Eigentum der Geistlichkeit zu be- 
drohen. 

Dafs Konig Ferdinand allzu eifrigen Ratschlagen wenig 
zuganglich war, zeigte er schon dadurch, dafs, als er 1551 
eine Kommission ernannte, um die Geistlichkeit (vor allem 
die katholische in iiberwiegend protestantischen Orten) vor 
Bedriickungen durch Weltliche zu schutzen , und sie „ bei 
dem Ihren zu erhalten", er mit diesem Amte neben dem 
Bischofe zwei Protestanten, den Herzog Georg von Brieg 
und einen Putter Schaffgotsch ernannte, wo dann allerdings 
man auf katholischer Seite mit der Wirksamkeit dieser 
Kommission nicht besonders zufrieden sich zeigte. Noch 
wichtiger war, dafs, als Bischof Balthasar 1551, jedenfalls 



80 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

auf Andriingen seines Domkapitels, den weitgehenden Antrag 
stellte ; der Konig moge den Magistraten aller Stadte der 
schlesischen Erbfiirstentiimer befehlen, bei Verlust ihrer Wahl- 
rechte kiinftig nur solche Manner, die der alten Religion 
anhingen, in den Rat zu wahlen, der Konig sich zwar per- 
sonlich dem Vorschlage geneigt erklarte, aber docb Bedenken 
trug, seine Zustimmung zu geben und sich 'schliefslich darait 
begniigte, die Sache seinem Sohn und dessen Raten zur 
Priifung zu iibergeben, wo dann nichts weiter davon ver- 
lautet. 

Der Passauer Vertrag und dann der Augsburger Reli- 
gionsfriede von 1555 sind nun auch den Schlesiern zugute 
gekommen, und der Protestantismus hat hier immer weitere 
Fortschritte gemacht, nicht nur in Nieder- und Mittelschlesien, 
sondern auch in dem weniger germanisierten Oberschlesien, 
in den Fiirstentumern Oppeln-Ratibor unter der hohenzollern- 
schen Herrschaft, im Fiirstentum Teschen, wo Herzog Wenzel 
Adam, seit er grofsjahrig geworden (1545) und selbst die 
Regierung iibernommen, sich der neuen Lehre sogleich 
zuwendete, und auch im Fiirstentum Troppau, wo in 
der Landeshauptstadt der dortige Komtur der Johanniter in 
finanzieller Bedriingnis 1540 das Patronat der Pfarrkirche 
der Stadt iiberlassen hatte, vermochten weder die Edikte 
Konig Ferdinands noch der Widerstand des Bischofs von 
Olmiitz die Ausbreitung der neuen Lehren zu hindern. 

In Sagan, wo in der letzten Zeit des sachsischen Regi- 
ments die neue Lehre herrschend geworden war, hatte der 
Abt Georg Kracker, ein geborener Pole, den sich die katho- 
lische Majoritat wegen seines kirchlichen Eifers aus dem 
Breslauer Augustinerstifte geholt hatte, zwar die Riickgabe 
der Pfarrkirche und die Verweisung der Protestanten nach 
der Kirche des seit 1539 leer stehenden Franziskanerklosters 
erreicht, als er es sich aber eine Reise nach Wien kosten 
liefs, um von Konig Ferdinand die Ermiichtigung zum Ver- 
bote des protestantischen Gottesdienstes zu erlangen, und 
bereits die Ziegeln herangeschafft und den Maurer gedungen 
hatte zur Vermauerung des Eingangs zu der Franziskaner- 
kirche, erkliirte ihm der Saganer Hauptmann Fabian von 
Schonaich, wenn er das zugabe, wiirden ihm die Weiber mit 
ihren Schuhen zuleibe gehen, und die Furcht vor einem 
Aufstande der Biirgerschaft zwang dazu, von jenem Vorhaben 
abzustehen. 

In der Grafschaft Glatz, wo 1548 der eifrig katholische 
Herzog Ernst von Baiern Pfandesherr geworden war, unter- 
nahm derselbe zwar 1558 unter Zuziehung koniglicher Kom- 



Reaktionsversuche. Milderc Praxis des Konigs. 81 

missarien eine Untersuchung des kirchlichen Zustandes des 
Landes, aber betroffen wurden eigentlich doch hauptsachlieh 
nur die Schwenkfelder, mid selbst die verheirateten Priester, 
welche urspriinglich den Kommissarien besonderen Anstofs 
gegeben hatten, duldete man schliefslich noch weiter. 

Man liefs sich eben herbei ein Auge zuzudriicken, und 
Konig Ferdinand hat melirfach selbst dazu die Anregung 
nnd Anleitung gegeben. Als ihm, nachdem er 1551 das 
Herzogtum Miinsterberg aus den Handen des protestantischen 
Herzogs vou Liegnitz eingelost hatte, sein dortiger Haupt- 
mann, der eifrig katholische Hans von Oppersdorf beriehtet, 
dafs in den Kirchen der beiden Hauptstadte der Fursten- 
tvimer, Miinsterberg und Frankenstein, der lutherische Gottes- 
dienst eingefuhrt sei, beklagt zwar der Konig die Thatsache 
und befiehlt auch, der Hauptmann solle im Vereine mit dem 
Abte von Heinrichau und notigenfalls mit Zuziehung des 
Bischofs, die Kirchen im Fiirstentum mit wirklich katho- 
lischen Pfarrern versehen, doch „auf das allerglimpflichste", 
und falls fiir jetzt solche dazu geeignete Personen nicht zu 
bekominen seien, sollc er die jetzigen Pfarrer und Seelsorger 
wenigstens verpflichten , ;? soviel immer moglich" sich den 
alten christlichen Zeremonien gemafs zu verhalten. Als der 
Landeshauptraann 1556 dann wirklich in Miinsterberg den 
durch die Reformation removierten katholischen Pfarrer zu- 
riickrief; ist es hier zu stiirmischen Auftritten gekommen, 
doch hat der Protestantismus die Oberhand behalten, schon 
weil ja 1559 das Land in den Besitz des protestantischen 
Herzogs Karl Christoph von Ols zuriickkehrte. 

Im grofsen und ganzen hat der Konig, ein so guter 
Katholik er auch immer gewesen ist, doch mehr und mehr 
darauf verzichtet, im Wege von Mandaten die neue Lehre 
zu bekampfen, sondern das lieber der Wirksamkeit eifriger 
Priester des alten Glaubens iiberlassen, wie er denn z. B. 
1556 das Breslauer Domkapitel anregt, zwolf fahige junge 
Leute nach Rom zu senden, urn dort zu Glaubensstreitern 
ausgebildet zu werden, und dann in seinem letzten Regie- 
rungsjahre sich urn die Einfiihrung von Jesuiten in Schlesien 
zunachst in Neisse, dann auch in Breslau bemiiht, letzteres 
allerdings fiir jetzt noch olme Erfolg. 

Und wahrend inzwischen das Tridentiner Konzil die 
Glaubenssatze der katholischen Kirche in strenger Folge- 
richtigrkeit festsetzte, suchte Ferdinand durch direkte Unter- 
handlungen mit dem Papst Pius IV. sich wenigstens eine 
Konzession auszuwirken, die ihm wohl besonders mit Riick- 
sicht auf die in Bohmen noch immer lebenden Traditionen 

Griinhagen, Gesch. Sclilesiens. II. t> 



82 Erstes Buch. Erster Absclmitt. 

niiher am Herzen lag, namlich die des Laienkelches fiir alle, 
welclie in den bolimisch-iisterreichisch-ungarischen Erblanden 
denselben begehren wiirden. Wirklich gab der Papst dem 
unabliissigen Drangen nach, aber Ferdinand war bereits tot, 
als die Publikation des Breves von 1564 erfolgte. Es blieb 
ihm erspart, zu beobachten, wie geringen Erfolg das so 
schwer erlangte Zugestiindnis dann schliefslich hatte; die 
Trennung der Kirche hat es wenigstens auf keine Weise 
verhindern konnen, den Altglaubigen war es ein Argernis 
und den Protestanten eine unzulangliche Konzession. 



Geldnote Ferdinands. Oppeln - Ratibor an Konigin Isabella. 

Kiinig Ferdinand hatte 1556 die Herrschaft iiber das 
heilige ronrische Reich deutscher Nation gleichsam aus den 
Handen seines Bruders Karl iibernommen , da dieser sich 
dazu nicht verstehen raochte, durch den von alien Seiten 
geforderten Religionsfrieden die Thatsaehe der Kirchenspal- 
tung gesetzlich zu bestatigen. Karl V. hat lieber der Kaiser- 
krone entsagt als seiner Auffassung von der kaiserlichen 
Gewalt, hngrunde keiner andern als der, welche das Mittel- 
alter herausgebildet hatte. Konig Ferdinand stand ungleich 
weniger unter dem Banne dieser Anschauungen; man wiirde 
ihn eher als einen Landesfiirsten im Sinne der beginnenden 
neuen Zeit ansehen konnen, und wesentlich von diesem Ge- 
sichtspunkte aus nimmt er in seinen Erblanden und speziell 
in Schlesien Stellung zu der rel'ormatorisehen Bewegung. 
Urspriinglich sieht er in derselben etwas Revolutionares, die 
staatliche Ordnung Bedrohendes und glaubt ihr deshalb auf 
das entschiedenste entgegentreten zu mussen. Infolge der 
Mafsigung, mit der man in Schlesien und besonders in der 
Landeshauptstadt Breslau vorgeht, lalst jene Feindschaft nach 
und wendet schliefslich ihre Schiirfe nur noch gegen die 
sektiererischen Auswiichse der Bewegung. 

Allerdings mag es dahingestellt bleiben, ob er bei seiner 
festen Anhanglichkeit an den alten Glauben den immer er- 
neuten Klagen der katholischen Geistlichkeit nicht doch noch 
mehr nachgegeben und energischer noch eine gewisse Ein- 
dammung der Bewegung versucht haben wiirde, hatten ihn 
nicht die unablassigen Kriege, namentlich in Ungarn gegen 
die Tiirken, in einen Zustand dauernder Geldklemme ver- 
setzt, der ihm nach den verschiedensten Seiten hin Ruck- 
sichtnahmen auferlegte, deren er sich seiner Gesinnung und 
seinen Prinzipien nach wahrscheinlich sonst entschlagen 
haben wiirde. 



Oppeln-Ratibor kommt an die Konigin Isabella. 83 

Diese Geldnote drangten dann deu Konig auch zu im- 
mer wiederholten und seiner Wiirde ebenso wenig wie dem 
Lande dienlichen Verpfiindungen, und in unerfreulicher Weise 
wurden so die schlesischen Herzogtlimer " zu Tausch- und 
Pfandobjekten fur die ungarischen Handel verwendet. Seit 
1550 war Ferdinand darauf aus, Siebenbllrgen, welches der 
Witwe seines Nebenbuhlers Johann Zapolya, der Konigin 
Isabella resp. deren Sohne Johann Sigismund zugesichert 
war, der ungarischen Krone zuzufiigen. Johann Sigismund 
sollte durch schlesische Besitztumer Sagan, Priebus, Naum- 
burg, die man zu drei Herzogtiimern aufbauschte, unter 
Zuzahlungen abgefunden werden und Isabella fur ihr Leib- 
gedinge noch aufserdem das Herzogtum Miinsterberg, dessen 
Pfandbesitz Ferdinand 1551 mit Vorschiissen seitens des 
Abtes von Heinrichau und des eifrig katholischen Hans von 
Oppersdorf von dem liederlichen Liegnitzer Herzoge Fried- 
rich III. zuriickgelost hatte, als Unterpfand erhalten. Nicht 
ohne Widerstreben liefs sich Isabella ihr siebenbiirgisches 
Land abdiingen, und ihr Gesandter Lobetzky machte kein 
Hehl daraus, dafs nach seinem Ermessen seine Herrin be- 
zuglich ihrer Einkilnfte arg verkiirzt werde. Wirklich fand 
auch Ferdinand eine andere Kombination. Er notigte sein 
Mundel, den Sohn des Markgrafen Georg, den ererbten 
Pfandbesitz der Herzogtlimer Oppeln-Ratibor in sehr unvor- 
teilhaftem Tausche gegen Sagan 7 Priebus, Naumburg und 
die Niederlausitzer Herrschaften Sorau und Triebel herzu- 
geben und iiberliefs nun jene oberschlesischen Fiirstentiimer 
der Konigin Isabella, der dann wirklich 1552 in Oppeln wie 
in Miinsterberg, in Ratibor erst 1553, gehuldigt worden ist, 
wenngleich der Vertrag mit dem jungen Markgrafen erst 
vom 20. Dezember 1552 datiert. 

Die Konigin hatte die Lande widerwillig angenommen, 
wie hatte sie ein Herz fur sie haben sollen? Sie hat auf 
den Domanen rucksicktslos die Waldungen niederschlagen 
lassen und zu Gelde gemacht, und auch die Kirchenkleino- 
dien zu verwerten verstanden. In religioser Hinsicht hat sie 
die Erwartungen des Bischofs insoweit getauscht, als sie dem 
Eindringen der neuen Lehre nicht wehrte. Die Hauptsache 
aber war, dafs sie Siebenbiirgen nicht vergessen konnte und 
durch fortdauernde Konspirationen mit den Feinden Ferdinands 
diesen notigte, ihr bereits 1555 die Herzogtlimer wieder abzu- 
sprechen, wo dann auch der Versuch von Isabellas Mutter, 
Bona, der Konigin- Witwe von Polen, dieselben dadurch zu ret- 
ten, dafs sie den Besitztitel auf sich ubertragen liefs, keinen dau- 
ernden Erfolg hatte, wenngleich Ferdinand zuerst darauf einging. 

6* 



84 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

Von 1556 an erscheinen die beiden Fiirstentumer wieder 
als unmittelbarer Besitz der bohmischen Krone, mid vom 
Jahre 1562 datiert dann als ein bedeutungsvolles Denkmal 
landesvaterlicher Fiirsorge fur die wiedergewonnenen Lande 
eine unter Zustimmung aller Landsassen, Pralaten und Ritter 
der beiden Fiirstentumer erlassene sehr umfangliche Landes- 
ordnung, welche, insofern sie das hier geltende offentliche 
und Privatrecht feststellte, zur Konsolidierung aller Verhalt- 
nisse viel beigetragen hat. In dieser verpflichtet sich der 
Konig unter anderem, den Landeshauptmann aus der Zahl 
der ira Furstentum ansassigen Herren oder Rittern zu wahlen, 
und dieser darf dann auf des Konigs Befehl oder aucli aus 
eigener Machtvollkommenheit resp. auf den Antrag der Land- 
schoffen in dringenden Fallen Landtage aus den „Mitwohnern 
und Standen" berufen.. 

Das Herzogtum Miinsterberg durfte der Podiebradsche 
Stamm nun sich wieder einlosen (1559). Fiir die Grafschaft 
Glatz kiindigte der Konig, nachdem der baierische Herzog 
Ernst 1560 gestorben war, 1561 dessen Erben den Pfand- 
besitz, doch blieb das Land, da Ferdinand die Pfandsurnme 
nicht aufzubringen verraochte, furs erste noch in der Hand 
von Ernsts Neffen Albrecht. Abgesehen von diesem aber 
und dem Herrn von Neifse, Bischof Balthasar, hat es, als 
Konig Ferdinand 1564 die Augen schlofs, in Schlesien nur 
protestantische Fiirsten gegeben. Es waren dies folgende: 
Herzog Wenzel III. von Teschen (f 1579), Markgraf Georg 
Friedrich Herzog von Jagerndorf, Herr zu Beuthen-Oderberg, 
der die 1552 fiir Oppeln-Ratibor erhaltenen Lande (Sagan, 
Sorau, Triebel, Muskau, Friedland) 1558 nach Empfang der 
Pfandsurnme hatte zuri'ickgeben mussen, Johann von Miinster- 
berg-Ols (stirbt 1565) und sein Neffe Heinrich III. von Bernstadt, 
und endlich die beiden Liegnitzer Piasten Georg II. von 
Brieg und Friedrich III. von Liegnitz. 



Die Liegnitz-Brieger Piasten Friedrich III. und Georg II. 

Der letzteren beiden werden wir noch mit wenigen 
Worten gedenken mussen. Herzog Friedrich II. hatte bei 
seinem Tode 1547 seine Lande zwei Sohnen hinterlassen, 
die von ihm selbst ebenso verschieden wie sie es unter ein- 
ander waren. Beide hatten nichts geerbt von jenem ge- 
wissen idealen Zuge, der dem Vater eignete, der ihn einst 
nach dem gelobten Lande gefiihrt, ihn dann die Sache der 
Reformation als Herzenssache aulnehmen und im grofsen 



Die schleslschen Fursten. 85 

Zusammenhange der fiir diese interessierten Fursten sich ein 
politisches System hatte ausbiiden lassen. 

Alles das lag imgrunde den Sohnen fern, die deshalb 
auch leichteren Herzens vor ihrer Belehnung auf die Erb- 
verbriiderung mit Brandenburg verzichteten. Bei der Teilung 
1547 erhielt der altere Solm Friedrich III. das Hauptland 
Liegnitz mit der Mtinsterberger Pfandschaft, der jfingere 
Georg II. Brieg and Wohlau. Fi-iedrichs Hauptcharakterzug 
war ein unsteter, stets nach Abenteuern lvisterner Sinn, deni 
keine Riicksicht auf Pflicht und Recht Schranken setzte. 
Fine sehr i'riihzeitige Heirat hatte ihn nicht an die Heimat 
fesseln, nocli die Strenge des Vaters den gewaltthatigen Sinn 
ihni beugen konnen. Konig Ferdinand hatte er gegen die 
Tiirken , dem Kaiser gegen die Franzosen gedient , und ais 
ihn 1547 des Vaters Tod zur Ubernahme der Herrschaft 
zuriickrief, fanden ihn die Boten zu Torgau im Heerlager 
des Kaisers. Ein so gearteter Fiirst mufste fiir ein kleines 
Land, dessen Krafte bereits der Vater bei seinem Streben, 
unter Beniitzung der Geldverlegenheiten des Oberlandesherrn 
seine Herrschaft auszudehnen, sehr angestrengt hatte, zum 
grofsten Unsegen werden. Die armen Liegnitzer wurden 
mit immer erneuten Geldfbrderungen heimgesucht und dabei 
mit einer iiber alle verbrieiten Rechte sich hinwegsetzenden 
Willkiir behandelt, so dafs man doch endlich aufserhalb des 
Landes auf diese Milsregierung, die ja auch Friedrichs Bruder 
Georg nicht aus den Augen liefs, aufmerksam wurde. Den 
Anlafs zu direkter Eimnischung des Oberlandesherrn gaben 
dann noch politische Verhaltnisse. 

Bereits im Jahre 1550 war an die beiden Bruder von 
Liegnitz-Brieg , wahrscheinlich durch Markgraf Johann von 
der Neumark, eine noch sehr geheim gehaltene Aufforderung 
gekommen, zum Zweck der Erhaltung des protestantischen 
Glaubens an einem neuen Verbiindnisse, zu dem sich aufser 
mehreren Reichsfiirsten auch auswartige Potentaten zusammen- 
gethan hatten, teilzunehmen, und zugleich waren im Sommer 
dieses Jahres hier im Lande Werber fiir Markgraf Albrecht 
Alcibiades erschienen. Georg II. hatte jede Teilnahme aus 
Loyalitatsgi'iinden abgelelmt, ja von der ganzen Sache an 
den bohmischen Kanzler Mitteilung gemacht, bei Friedrich III. 
hat vielleicht weniger noch der Eifer fiir die protestantische 
Sache, als die erwiinschte Gelegenheit zu neuen Abenteuern 
den Vorschlagen Eingang verschafft; er scheint selbst ge- 
worben zu haben, es machen wieder in Liegnitz die schwarz 
bekiirafsten Reiter von sich reden, die Friedrich als Kriegs- 
gefolge liebte, und deren Treiben und Reden im Anfange 



86 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

des Jahres 1551 den Argwohn Konig Ferdinands erregt. 
Jm Mai dieses Jakres verschwindet der Herzog, nachdem 
er soviel als ihm irgend moglich von Geld zusammengebracht, 
aus Liegnitz, ura danu im August am. Hofe des Konigs von 
Frankreich aufzutauchen , moglicherweise auf Antrieb des 
Markgrafen Johann von der Neumark. Obwohl nnn der 
Konig, als er seinem Gesandten in Frankreich Erkundigungen 
nach dem dortigen Treiben des Herzogs auftrug, die ganze 
Fahrt als den Streich eines durch iibermafsiges Trinken im 
Gehirn zerriitteten Mannes bezeichnete, so nahm er dock 
daraus Veranlassung, das Herzogtum Liegnitz fur den jungen 
►Sohn des Herzogs durch den BischofBalthasar undHerzogGeorg 
sequestrieren zu lassen. Aber Friedrich kehrte zuriick,tand Zu- 
flucht bei dem ihm verwandten polnischen Konigshofe, und seit- 
dem fiihlten sich die Liegnitzer keinen Augenblick vor einem 
Uberfalle ihres ehemahgen Herrn sicher und zitterten selbst 
davor, dais dieser ihnen den gefiirchteten Markgrafen Albrecht 
Alcibiades, auf den Hals hetzte, der eben in Franken ge- 
zeigt hatte, wie wohl er sich aufs Brandschatzen verstehe. 
Noch einmal gelang es Friedrich den Konig zu versohnen 
und 1557 sein Herzogtum zuriickzuerlangen, doch schon die 
Geldnot schaffte neuen Unfrieden, und das Ende war, dafs 
1559 der Herzog durch den Spruch einer kaiserlichen Kom- 
mission des Landes entsetzt und im Breslau gefangen gehalten 
ward, welche Haft er nur mit der im Schlosse zu Liegnitz 
vertauschte. Hier ist er dann unter der Bewachung seines 
Sohnes nach vielen vergeblichen Bemuhungen freizukommen 
erst im Jahre 1570 gestorben. Wie er sich dort getrostet hat, 
berichtet uns der wackere Memoirenschreiber Hans von 
SchAveinichen, der ihn als Page in der Kustodie zu bedienen 
und den Widerstrebenden miihselig zu Bett zu bringen hatte, 
wenn tiirstliche Gnaden einen Eausch hatten. Auch der Sohn 
besuchte zuweilen den gefangenen Vater, und wenn sie ein- 
ander genug gescholten hatten, tranken sie wehmiitig beide 
sich einen guten Rausch. 

Das Herzogtum hatte Heinrich XI. 1559 erhalten, doch 
sich verpflichten miissen, in Kirchenzeremonien und Gottes- 
dienst keine weiteren Veriinderungen vorzunehmen und auch, 
wenn er an den kaiserlichen Hof kame, bei der heiligen 
Messe und anderen Zeremonien gleich den anderen Fiirsten 
gehorsamlich aufzuwarten, eine Bestimmung, welche sich aut 
einen Vorfall bezog, bei dem Heinrich die Gnade des Konigs 
fur eine Weile sich verscherzt hatte, dadurch, dafs er am 
Hofe von der Fronleichnamsprozession sich ausgeschlossen. 
Fiir die Liegnitzer hatte der Eegierungswechsel wenig Nutzen, 



Die Liegnitzer Herzoge. V Trotzendorf. 87 

der Sohn, dessen wir nocb spater zu gedenken haben wer- 
den, schlug nur allzusehr nach dem Vater. 

Und wahrend das Liegnitzer Land so unter der Mifs- 
regierung mehrerer aufeinander folgender liederliclier Fiirsten 
seufzte, hat doch in einem der Stadtchen dieses Fiirstentums, 
in dem einst durch seine damals bereits langst erloschene 
Goldgewinnungberiihmten Goldberg, eineSchule gebluht, deren 
Ruhm weit iiber die Grenzen Schlesiens hinaus ging ; und die 
Schiller von weit her aus Polen, Ungarn, Bohmen aufzu- 
suchen pflegten. 

Der Schopfer dieses Ruhms Avar Valentin Trotzen- 
dorf, eines schlichten Bauers Sohn aus dem Dorfe Troitschen- 
dorf bei Gorlitz, nach dem er dann genannt ward. Als 
Hirtenknabe hatte er auf Birkenrinde mit Ofenrufs fiir sick 
die ersten Schreibversuche gemacht, und nur unter Entbeh- 
rungen aller Art die gelehrte Laufbahn, zu der er schon friih 
lebhafte Neigung zeigte, durch den Besuch des Gorlitzer 
Gymnasiums durchfiihren konnen Auf der Universitat Leip- 
zig wart' er sich mit Eifer auf das neu auflebende Studium 
des Griechischen und Hebraischen, das erst den^Urtext der 
heiligen Schrift neuer Forschung erschlofs, suchte aber bald 
hohere geistige Anregung in Wittenberg, wo Melanchthon, 
dem er sich fur das ganze Leben eng anschlofs, bereits 
Trotzendorf s padagogischen Beruf mit den Worten anerkannte, 
er sei zum Schulmanne geboren, wie Scipio zum Feldherrn. 
Nach der Heimat zuriickgekehrt, fand er zunachst in Lieg- 
nitz und bei einer ersten Lehrstellung in Goldberg vielfache 
Gelegenheit, die Wittenberger Lehre gegen die Abweichungen 
Schwenkfelds zu verteidigen, bedeutend wurde aber seine 
Thatigkeit erst seit seiner zweiten Berufung nach Goldberg 
als Rektor des dortigen Gymnasiums (1531), das er dann 
in laager Wirksamkeit bis 1556, die lockendsten Rufe nach 
auswarts verschmahendjin eine bewundernswerte Bliite brachte, 
er 7 der auffallend kleine, durftige Mann, der es sehr wohl 
verstand, einer grofsen Strenge doch wieder aufrichtiges 
Wohlwollen fur seine Schiiler beizumischen. Die Pest und 
ein Brand, der mit dem grofsten Teile der Stadt auch das 
Schulgebaude einascherte, trieb ihn mit seinen Schulern 1554 
nach Liegnitz, und ehe noch das neue Schulgebaude in Gold- 
berg wieder erstanden war, traf ihn 1556 mitten im Unter- 
richte ein Schlagflufs. „Nun werde ich an eine andere Schule 
gerufen". waren seine letzten Worte. Der Ruhm der Anstalt 
verblich nach seinem Tode, wahrend wir gerade in dieser 
Zeit aus verschiedenen Orten von erneuten Anstrengungen 
zur Hebung des Schulwesens horen, als wollte man wett- 



S8 Erstes Buch. Erster Abschuitt. 

eilernd versuchen, wer jetzt nach der durch den Hingang 
Trotzendorfs offen gewordenen hochsten Stelle in der schle- 
sischen Padagogik streben diirfe. 

1556 berufen die Griinberger zu ihrem Schulrektor 
Abraham Buchholzer, einen der hervoi'ragendsten Schiller 
Melanchthons , den Verfasser des verbreitetsten historisch- 
chronologischen Handbuches. 1561 wird die Schweidnitzer 
gelehrte Schule erweitert und durch neue Beruf'ungen ge- 
hoben. Vom Jahre 1563 und der Berufung Christoph Schil- 
lings datiert ein neuer Aufschwung fur die Hirschberger 
gelehrte Schule. In Brieg latst um dieselbe Zeit Herzog 
Georg II. aus den Einkiinften des von ihm eingezogenen 
Hedwigsstif'tes das schnell auibliihende Brieger Gymnasium 
erstehen, das 1569 eingeweiht wird. 

Vor allem aber ging man jetzt in Breslau eifrig vor ; um 
friiher Versaumtes nachzuholen. 1558 erfolgte hier der Um- 
bau der Magdalenenschule 7 wo jezt wenigstens die erste 
Klasse einen Saal fur sich allein erhielt, 1562 ward die zum 
Gymnasium erhobene Elisabethschule in einem neuen Ge- 
baude mit fiinf Siilen untergebracht und erhielt auch bald 
1568 in Petrus Vincentius einen ausgezeichneten Direktor. 
Der Wirksamkeit dieses Mannes, der gleichzeitig zum In- 
spektor der stadtischen Schulen ernannt wurde 7 verdankte 
Breslau einen ganz staunenswerten Aufschwung seines Schul- 
Avesens, die Schulordnung, welche er 1570 entwarf, wird von 
Sachverstandigen zu den hervorragendsten Erzeugnissen des 
16. Jahrhunderts auf diesem Gebiete gerechnet, selbst der 
des beriihmten Strafsburgers Sturm noch vorzuziehen. 

Herzog Friedrich III. hatte einmal daran gedacht die beruhmte 
Anstalt zu Goldberg zu einer Universitat umzugestalten, aber 
wie hatte diesem unbestiindigen, ewig mit schlimmster Geldnot 
ringenden Fiirsten etwas gelingen konnen, was sein viel 
bedeutenderer Vater mit seiner Hauptstadt vergebens versucht 
hatte V Es war im Grunde genug ; dafs er sich gar nicht 
in die Goldberger Verhaltnisse einmischte. 

Ihm nach alien Seiten unahnlich war der andere Bruder 
Georg II. von Brieg. Ohne besondere Neigung fur die 
Politik suchte er semen Ruhm in strengster Loyalitat gegen 
den Landesherrn, dem er ja z. B. , wie wir bereits sahen, 
jene Auftbrderung zu der Furstenvereinigung von 1550/51 
sot'ort mitteilte, und erwarb auch dessen Vertrauen in ge- 
wissem Grade trotz seines Festhaltens an dem protestantischen 
Bekenntnisse, und obwohl er z. B. die Giiter des sehr her- 
untergekommenen und 1548 ganz abgebrannten Nonnen- 
klosters zu Strehlen f'tir sich einzog und die des Brieger 



o 



Herzog Georg II. von Brieg. 89 

Kollegiatstiftes zur Dotierung des von ihra 1564 dort ge- 
jmindeten Gymnasiums verwendete. Doch war Ferdinands 
Abneigung gegen jede Ausdehnung protestantischer Fiirsten- 
gewalt in Schlesien immer noch stark genug ; urn Georgs 
Absichten auf Erlangung des Fiirstentums Oppeln in irgend- 
welcher Form (1563) sich zu versageu. Aber hat dieser aucli 
seinem Landbesitze keine Erweiterung gewahren konnen, so 
hat er dafiir demselben ein Mafs von landesvaterlicher Fiir- 
sorge zuteil werden lassen, die seine lange, vierzigjahrige 
Regierung, die noch dazu in eine Periode fast ungestorten 
Friedens fiel, zum grofsen Segen hat werden lassen. Er ist 
als Regent unermudlich thatig, sucht durch Verordnungen 
der verschiedensten Art neue verstiindige Organisationen ins 
Leben zu rufen, die Lasten der Unterthanen zu mildern 
und Ubelstanden entgegenzuarbeiten , Arbeit und Verdienst 
zu schaffen, den Gesetzen strenge Geltung zu verschaffen, 
aber aucli durch Gnade und Milde sich die Herzen zu gewinnen. 
Die geordneten Zustande seines Landes liefern ihm dann die 
Mittel seine Domanen zu vergrbfsern, wie er denn fur mehr 
als 150 000 Thaler Guter, darunter die ansehnliche Herr- 
schaft Ketzerndorf (Karlsmarkt) mit sechs Dorfern, denselben 
hinzuzufiigen vermocht hat. Deren sorgfaltige Bewirtschaf- 
tung, die Erhohung ihrer Ertrage, ihre Verschonerung durch 
den Bau von Schlbssern und Anlage von Garten, in denen 
dann auslandische Gewachse mit Kunst gezogen, auch Avohl 
fur jene Zeit seltenere Tiere, wie z. B. Schwane und Fasanen ; 
gehegt wurden, die Zucht von Rossen der verschiedensten 
Rassen, die er aus aller Herren Landern sich zusammen- 
brachte, und vor allem das ? was zur Pflege des von ihm 
sehr hochgehaltenen Waidwerks gehorte, das waren ihm 
Gegenstande besonderer Liebhaberei. Nicht mit Unrecht 
erklart der geistliche Lobredner an seinem Grabe: , 7 !Seineii 
Erben hinterliefs er das Land mit Gebauden , Schlossern, 
Festungen und Lebensbequemlichkeiten so geschmiickt und 
erweitert, dafs man das alte Herzogtum kaum erkennt, das 
neue nicht ohne Bewunderung ansehen kann." In seiner 
Residenzstadt Brieg fuhrt bei weitem das meiste, was von 
monumentalen Bauten erlialten ist, auf die Zeit Georgs II. 
zuruck ; vor allem zieht unsern Blick hier auf sich das pracht- 
volle Schlofs, das bereits unter Friedrich II. 1544 begonnen, 
erst unter Georg seine eigentliche Gestalt erhielt, und ob- 
wohl durch die preufsische Belagerung von 1741 leider zur 
Ruine geworden, doch mit seinem wohlerhaltenen Haupt- 
portale sich als das schonste zeigt, was die Renaissance in 
Schlesien geschaffen, ein ehrenvolles Denkmal fur seinen Er- 



90 Erstes Buch. Erster Abschnitt 

bauer, den Meister Jakob Bahr aus Mailand. In charak- 
teristischer Wiirde schaut Georgs Gestalt von dem Portale 
auf uns hernieder an der Seite seiner ihm durch ein langes 
Leben in treuer Liebe verbundenen Gemahlin, der hohen- 
zollernschen Prinzessin Barbara, die kiinstlerische Darstellung 
jener Vereinigung, in der einst die Staatskunst Herzog 
Friedrichs II. die Gewahr des einstmaligen Anfalls der 
schlesischen Piastenlande an das Kurhaus Brandenburg er- 
blickte, wie solchen trotz des Urteilsspruchs Ferdinands von 
1546 zwei Jahrhunderte spater ein anderer Friedrieh II. 
doch zur Wahrheit gemacht. 



Innere Verwaltung. Fiirsten und Stande. 

Die Regierung Georgs II. greift bereits weit liber die 
Zeit Ferdinands hinweg, und doch diirfen wir von dieser 
letzteren nicht scheiden, obne noch einen Blick auf die innere 
Politik dieses Herrschers geworfen zu haben. Die Regenten 
des Habsburger Hauses haben nach dieser Richtung sonst 
nicht allzu viel gethan und sich wenig darum bemttht, durch 
eine weise angepafste Gesetzgebung die verschiedenen, ihrem 
Scepter unterworfenen Lande ira Sinne der modernen Zeit 
zu einem einheitlichen Staate zu verschmelzen und ein ge- 
Avisses Mafs von landesvaterlicher Fiirsorge an sie zu Aven- 
den. Wer eine unserer schlesischen Geschichten aufschlagt, 
erfahrt aus dieser Epoche von der Thatigkeit der Landes- 
herren eigentlich nur, wie viel sie zur Bekampfung des 
Protestantismus gethan haben. Macht in der letzten Be- 
ziehung die allerdings ja sehr kurze Regierung Konig Maxi- 
milians II. eine Ausnahme, so verdient doch auch Ferdinand 
es nachgeruhmt zu werden, dafs er Sinn und Verstandnis 
fiir die Autgaben der inneren Politik hatte und auf diesem 
Gebiete immerhin Bemerkenswertes geschaffen hat. 

AA ir mogen hier zunachst das vorausnehraen , was Fer- 
dinand in der Zeit durchsetzte, wo er eigentlich auf dem 
Gipfel seiner Macht Schlesien gegentiber gestanden hat ? nam- 
lich zur Zeit des Schmalkaldischen Krieges. Hierher gehort 
z. B. des Konigs Versuch, fiir Schlesien 1546 eine einheit- 
liche, der bohmischen konforme Miinze zu schaffen unter 
Ausschluls aller anderen bisher kursierenden , welche fortan 
samtlich nach einer knapp bemessenen Pi-iiklusivfrist bei der 
koniglichen im Breslauer Schlosse eingerichteten und einem 
„Miinzjuden u unterstellten Miinzstiitte zur Urnpragung ab- 
gegeben Averden sollten. Unvermeidlich trafen bei diesem 
Wechsel jeden einzelnen Verluste, und auch der schlesische 



Ferdinands organisatorische Thatigkeit. 91 

Handel mufste solche, namentlich bei dem regen mid be- 
deutenden Verkehre rait Polen, erleiden. Daher protestiertcn 
1547 die Stande dagegen, und in Breslau zeigte sich unter 
dem Volke grofse Unzufriedenheit, so dafs der Jude auf 
dem koniglichen Schlosse sich kaum seines Lebens sicher 
fiihlte. Zwar blieb der Konig bei seinem Willen, die Miinz- 
edikte mufsten veroffentlicht, die bisherigen Miinzen verrufen 
werden, aber die ganze Mafsregel war doch nicht streng 
durchzufiihren, und als die Stadt Breslau nach dem Schrnal- 
kaldiscben Kriege von ihrem Oberherrn, wie wir oben er- 
sahen, in eine hohe Geldstrafe genommen wurde, bildete das 
Verhalten der Biirgerschaft in der Miinzfrage einen Teil des 
Sundenregisters, das ihr damals (1549) vorgehalten wurde. 
Ferdinand hat dann noch einmal im Anschlusse an die von 
ihm 1559 fur das Reich erlassene neue Mtinzordnung eine 
solche audi fur seine Erblande erlassen 1562 , ohne damit 
jedoch die „bosen alten Miinzen" ausrotten zu konnen. 

Der andern wichtigen Anderung jener Zeit (1547), welche 
unter Abschaffung des bisherigen althergebrachten Rechts- 
ganges an den Schoffenstuhl von Magdeburg, klinftig fiir alle 
in iSchlesien ergehenden Erkenntnisse eine Berutung nur 
noch an die Appellationskammer zu Prag zuliefs, gedachten 
wir bereits. 

Von nicht geringer Tragweite war dann auch das Vor- 
gehen des Kunigs in der Sache der Ritterdienste in den 
schlesischen Erbiurstentiimern, wozu vermutlich die Sauraig- 
keit bei der zum Schmalkaldischen Kriege geforderten Kriegs- 
hilfe den Anstols gegeben haben mochte. Konighche Kom- 
missare wurden damals beaui'tragt, allerorten in den Erb- 
iurstentiimern festzustellen , wer von den dortigen Grund- 
besitzern verpflichtet sei, vermcige der Lehnsqualitat seines 
Gutes dem Oberlandesherrn im Kriegsl'alle mit einera ge- 
riisteten Streitrosse nebst Begleitung, eventuell durch Teil- 
nahrae an der Ausrustung eines solchen im Verein rait einem 
andern oder auch wohl mit mehreren anderen zu dienen. 
Eine Feststellung dieser Art mufste nicht nur die dem Konig 
aus Schlesien zugebote stehende Streitinacht anselmlich er- 
hohen , sondern auch noch nach einer andern Seite hin 
wesentliche Vorteile in Aussicht stellen, insofern bei dieser 
Gelegenheit die Qualitat der einzelnen Giiter zu untersuchen 
war, wo dann bei vielen Giitern, die ganz stillschweigend 
als Allodialgiiter angesehen und als solche auch auf weib- 
liche Nachkommenschaft vererbt worden waren, durch Prii- 
fung der Beweisurkunden sich herausstellen liefs, dafs sie 
thatsachlich Lelragiiter seien, bei denen also im Falle des 



1)2 Erstes Buch. Erster Abschuitt. 

Abgangs mannlicher Erben ein Heimiall der Giiter an 
die Krone von dieser beansprucht werden konnte. Nach 
der Seite hin knxipften diese Feststellungen an die ganz 
ahnlich gearteten an, welche weiland der staatskluge Konig 
Matthias Corvinus, wie wir an anderer Stelle ausfilhrlicher 
erzahlten, in der letzten Zeit seiner Regiernng hatte vor- 
nehmen lassen. 

Melir als Kuriosum mag dann hier noch eingeschaltet 
werden, dais 155G Ferdinand anordnet, es solle fortan an 
den zura Tode verurteilten Verbrechem die Todesstrafe nicht 
mehr vollstrcckt werden, sondern es sollten, einem Vor- 
schlage des kaiserlichen Admirals Andreas Doria entspre- 
ckend, dieselben nach Genua spediert werden, um als Straf- 
linge dort auf den Galeeren zu dienen. Diese Bestimmung 
ist nicht strikt ausgefuhrt worden, da wir in den i'olgenden 
Zeiten noch recht oft von vollzogenen Hinrichtungen horen, 
doch erlafst noch 1724 der Kaiser ein Edikt, welches be- 
zLiglich der zu Staupenschlag und Ausweisung Verurteilten 
anordnet, dais diese in genau vorgeschriebener Weise ge- 
fesselt nach Wien abgeliet'ert werden sollten, um ihre Strafe 
durch Arbeit auf den Galeeren abzubuisen. 

Von besonderer Bedeutung erscheint dann, was Konig 
Ferdinand auf dem Gebiete der Finanz- und Steuerverwal- 
tung ins Leben gerufen hat. Wir sahen schon, wie er es 
vermocht, einen der grofsen Hebel des modernen Staates, 
eine regelmiifsige Besteuerung, auch in Schlesien einzufilhren 
und zwar in doppelter Gestalt, als indirekte und direkte 
Steuer. Als indirekte Steuer ist das Biergeld zu bezeichnen, 
eine Abgabe von einigen Groschen (sie wechselt zwischen 
1 und 6 Groschen) von jedem Fasse Bier, Avelche seit 1546 
eingefuhrt und bald permanent wurde, dazu kam dann seit 
155G ein allgemeiner Grenzzoll, und die Hauptsache war 
jene direkte Vermogens- resp. Einkommensteuer, fiir welche, 
wie wir bereits ausflihrten, 1527 eine allgemeine Schatzung 
im ganzen Lande ausgeschrieben ward, auf die dann die 
Fursten und Stande Schlesiens immer wieder zurtickgriffen, 
um bestimmte Prozente von der allgemeinen Schatzung dem 
Konige auf ein oder mehrere Jahi-e zu bewilligen. Wohl 
ward die Bewilligung ursprlinglich als eine freiwillige, auf 
keiner Verpflichtung beruhencle und nur aus Veranlassung 
eines besonderen Notstandes, zunachst der Turkengefahr ge- 
wahrte Beisteuer angesehn , und es ist in der ersten Zeit 
wohl, wie z. B. in den Jahren 1534 bis 153G und 1547 
bis 1551, weil damals gerade Bedriingnisse von aufsen nicht 
vorlagen, von einer Bewilligung dieser direkten Steuer ganz 



Besteuerung. Landfriede. 93 

Abstand genommen worden, doch seit 1552 hat man sich 
darein gefunden, alljahrlich eine Bewilligung zu machen, 
wenngleich deren Hohe noch schwankte. So war die 
Grundlage einer regelmafsigen Beisteuerung des Landes ge- 
funden. 

Nicht ohne Schwierigkeit ward dieses Resultat erreicht. 
Die Lasten, die dadurch dem Lande erwuchsen, waren nicht 
gering und wurden besonders schwer empfunden , weil sie 
ungewohnt waren. Der Konig hatte aus eigener Macht- 
vollhommenheit diese Steuern ohne Zwangsmafsregeln, fur 
deren Durchfuhrung es ihm an Organen fehlte, iiberhaupt 
nicht erlangen konnen, er bedurite dazu durchaus der Ver- 
mittelung der provinzialen und lokalen anerkannten Autori- 
taten, denen dann Ferdinand auch sehr bereitwillig die Um- 
lage und Erhebung der Steuern iiberliefs. So karaen denn 
die schlesischen Stande gerade unter Konig Ferdinand und 
infolge der von diesem eingeschlagenen Politik zu einer her- 
rorragenden Stellung. 

Bereits der grofse Landfriede von 1528, mit welchem 
Ferdinand seine gesetzgeberische Thatigkeit liir Schlesien 
eroffnete, forderte die stand ische Entwickelung, insofern er 
neben ausgiebigen Mafsregeln gegen Rauber und Friedens- 
brecher doch auch Ausfiihrungsbestimmungen iiber das nach 
dem grofsen Landesprivilegium Konig Wladyslaws von den 
Standen zu besetzende Oberrecht brachte und dessen reich- 
lich bemessene Kompetenzen festsetzte. Jenem Privilegium 
entspreehend behielt Uberschlesien sein besonderes Oberrecht, 
und for das zu Breslau ward das Deutsch als ol'fizielle 
Landessprache statuiert, eine Bestimmung, welche, so selbst- 
verstandlich sie auch uns scheinen mag, doch ihren Wert 
haben mochte fur ein Nebenland der czechisierten Wenzels- 
krone. 

Diesen Landfrieden untersiegelten neben demKonige die 
Fiirsten Schlesiens, namlich Bischof Jakob als Herzog von 
Neifse-Grottkau , Karl von Miinsterberg, (Jls und Glatz, 
Friedrich von Liegnitz - Brieg , Johann von Oppeln, Ober- 
Glogau und Ratibor und Markgraf Georg, Herr zu Jagern- 
dori und Leobschtitz, desgleichen die Pralaten, Herren, 
Ritterschaften und Stadte der Furstentilmer Schweidnitz- 
Jauer, Glogau und Troppau, sowie die freien Standesherren 
Zdenko Lew von Polnisch-Wartenberg, Hans und Heinrich 
Kurzbach von Trachenberg und Militsch, Hans Turzo von 
Plefs. 

Hier linden wir bereits in denen, welche zur Be- 
siegelung dieser wichtigen Urkunde herangezogen werden, 



94 Erstes Bucli. Erster Abschnitt. 

die Elemente, welche dann, so lange es iiberhaupt eine schle- 
sische Stiindeversarnmlung gegeben hat, dieselbe gebildet 
haben, wenngleich und zwar anscheinend noch in Ferdinands 
Zeit sich eine besondere Gruppierung der Stande vollzogen 
hat und zwar in der Weise, dais sich drei Kurien leststell- 
ten, die zwar gesondert berieten, aber mit fortlaufender 
Zahlung der Stimmen votierten, und zwar traten hier zu 
der ersten Kurie der regierenden Fiirsten, deren jeder eine 
Stimme fiihrte, die Standesherren mit einer Kollektivstimme 
hinzu, wahrend dann in der zweiten Kurie die vier Ver- 
treter der Ritterschaften in den der Krone unmittelbar unter- 
stehenden, den sogenannten Erbi'iirstentiimern: Sehweidnitz, 
Jauer, Glogau, Breslau safsen, und neben ihnen noch mit 
einer funften Stimme die Stadt Breslau allein, weil deren 
Rat die Hauptmannschaft des Fiirstentums verwaltete, und 
schliefslich als dritte Kurie vier stadtische Abgeordnete, deren 
erster neben Sehweidnitz auch die iibrigen Stadte des gleich- 
namigen Fiirstentums vertrat, ebenso wie der zweite die 
von Jauer und der dritte die von Glogau; die vierte Stimme 
fuhrten abwechselnd die beiden Stadte des Fiirstentums Bres- 
lau, Neumarkt und Namslau. Dieser Versammlung, welche 
prinzipiell nur aut' Berufung des Landesherrn zusammentrat 
fabgesehen von besonderen Notfallen), priisidierte der Ober- 
landeshauptmann und hatte ein gewisses Veto, insofern er 
unter Umstanden das Schlufsvotum , das er allein zu geben 
das Recht hatte, abzugeben sich weigern konnte. 

Dieser Oberlandeshauptmann war nun zugleich das Organ, 
an welches alle Weisungen des Konigs gingen, gleichsam 
dessen Statthalter. Da nun dieser nach clem grofsen Landes- 
privilegium Konig Wladyslaws von 1498 selbst aus der Reihe 
der schlesischen Fiirsten genommen werden mulste, so fiel 
thatsachlich auch die Regierung der Hauptsache nach in die 
Sphare der Fiirsten und Stande, welche ohnehin nicht nur 
die Steuerbewilligung, sondern auch deren Umlage und Ver- 
waltung, kurz eben die gesamte Finanzverwaltung in den 
Hiinden hatten. Eigentliche Beamte im Sinne der Neuzeit 
hatte der Konig so gut wie gar nicht aufzuweisen, da die 
Edelleute, welche die Hauptmannschaften in den einzelnen 
Erbfiirstentiimern verwalteten, kaum fiir solche gelten konn- 
ten , und selbst die spezifisch liskalischen Interessen der 
Krone fanden doch nicht die geniigende Vertretung. 

Es war eine sehr verstandliche Politik, wenn Konig Fer- 
dinand die Wiirde des Oberlandeshauptmanns in die Hande 
der Breslauer Bischofe legte, indem er von der Annahme 
ausging, dafs diese, durch das Vordringen der Reformation 



Die Stande. Errichtung der schlesischen Kammev. 95 

bedrangt, ihren Riickhalt iramer an dem Oberlandesherrn 
suchen und deshalb dessen Tnteresse nicht leicht hinter dem 
standischen zuriicktreten lassen wiirden. Aber es zeigte sich 
doch, dafs z. B. bei Bischof Balthasar, bei dessen resignierter 
Auffassung der kirchlichen Dinge, jene Berechnung nicht 
ganz zutraf. So hat derselbe denn 1553 nicht verhindert, 
dais die Fiirsten und Stande damals ihre Schatzung als auf 
schlesische Thaler nicht auf ungarische Gulden bemessen 
erklarten, wodurch sich fiir die Krone ein Ausfall von S3 ^3 
Prozent herausstellte, den zu reparieren selbst die Vermitte- 
lung des Prinzen Ferdinand nicht vermochte. 

Urn derartigem ins ktinftige vorzubeugen, ernannte Fer- 
dinand als Vertreter der fiskalischen Interessen einen beson- 
deren Vitztum (vice-dominus), in der Person seines bisherigen 
Rates Friedrich von Rederm der auch im koniglichen Schlosse 
zu Breslau Wohnung haben sollte. Doch war das nur eben 
ein Interimistikuni, und so wie nach dem Abschlusse des 
Religionsfriedens 1555 der Konig wiederum einige Mufse 
fand, sich naher mit seinen Erblanden zu beschaftigen, unter- 
nahm er es 1557 eine besondere schlesische Kammer zu er- 
richten, zu deren Prasidenten er eben jenen Friedrich von 
Redern ernannte, dem dann noch zwei Kammerrate bei- 
gegeben waren. Aus dem Entwurfe einer lnstruktion fiir 
dieselbe, an dem der Konig personlich einen nicht geringen 
Anteil hatte, sehen wir dann mit Erstaunen, wie weit der- 
selbe deren Aufgaben falste, wie er dieselbe zu einer Staats- 
behorde im weitesten Sinne des Wortes zu gestalten dachte. 
Denn nicht nur wurden der Kammer die samtlichen irgend- 
welche Ertriignisse abwerfenden fiskalischen Besitztiimer, 
also neben den Domanen ; , alle Hauptmannschaften, Amter, 
Burglehen, Pfandschaften, Miinzgeld, Geschosser 7 Lehngefalle, 
Landgerichte, Zolle, Renten, Giilten " etc. in den Erbf iirsten- 
tiimern unterstellt, sondern es wurde dieselbe zugleich unter 
dem Deckmantel der Wahrung fiskalischer Interessen mit 
einer Aufsicht iiber die Gerichte betraut, „damit nichts 
Parteiisches, Verdachtiges oder Eigenniitziges furgenommen, 
der Koniglichen Majestat nichts verschwiegen oder vertuscht 
werde"; ebenso sollte die Kammer auf die Bergwerke in 
Schlesien ihr Augenmerk richten, uni zu verhiiten, dafs nicht 
dieselben ? wie es bisher so vielfach geschehen, „ ohne alle 
Ordnung, auf Raub und Eigennutz gebaut" wurden, ferner 
die Miinze und den Verkauf der edlen Metalle iiberwachen, 
den Witwen und Waisen allerorten Schutz gewahren, Vor- 
schliige iiber Angelegenheiten machen, die im Interesse des 
Konigs an die Landtage zu bringen waren, und endlich sich 



96 Erstes Buch. Erster Abschnitt. 

auch „der geistlichen Personen und sonderlich der Kloster- 
leute'' annehmen, doch so, dafs nicht nur unrechtmafsigen 
Beschwerungen derselben vorgebeugt, sondern auch eine bei 
ihnen etwa eingerissene iible Wirtschaft durch Vermittelung 
des Breslauer Bischofs abgestellt werde. 

Es wiirde sehr schwer sein im einzelnen zu erforschen, 
inwieweit die schlesische Rammer den mannigfaltigen und 
grofsen Aufgaben, welche ihr der Konig gestellt hatte, hat 
gerecht werden konnen. 

Wenn wir aus dem Zorn, mit welchem die Breslauer 
und ihr Vertreter der Stadtschreiber Franz Faber auf den 
Kammerprasidenten von Redern blicken, als einen, der die 
Privilegien „am liebsten in einen Haufen gestofsen" hatte, 
schliefsen diirfen, so mufs der letztere die fiskalischen Inter- 
essen seines Herrn mit grofsem Eifer geltend zu machen 
sich bemiiht haben. Aufserdem wollen wir hier noch mit 
kurzen "Worten des grofsen Prozesses gedenken, welchen 
eben in fiskalischem Interesse um 1560 die Kammer gegen 
den Markgrafen Georg Friedrich anstrengte, wesenflieh um 
die guten Ertrag gewahrenden Bleibergwerke von Tarnowitz 
auf dessen Beuthener Herrschaft. Da bei der Verleihung 
von Beuthen seiner Zeit dieser Bergwerke nicht besonders 
Erwahnung gethan worden war, beanspruchte die Kammer 
dieselben als konigliches Regal, wogegen der Markgraf durch 
Gutachten verschiedener Universitaten den Grundsatz erwies, 
dafs als Regal nur die edlen Metalle angesehen werden 
konnten, nicht aber Blei, um das es sich hier handle. So 
vermochte denn die Kammer in dem zehn Jahre hindurch 
bis 1570 gefuhrten Prozesse mit ihren Anspriichen nicht 
durchzudringen , und der Markgraf blieb im ruhigen Besitz 
der Bergwerke. 

Im grofsen und ganzen aber wird man iiberhaupt aus- 
sprechen miissen, dafs, was in der habsburgischen Zeit lur 
die Organisation der Verwaltung in Schlesien geschehen ist, 
auf Ferdinand zuriickreicht, dafs dessen Nachfolger eigent- 
lich ganz allein davon gezehrt haben. Die Steuereinrichtung 
bestand im wesentlichen 1740 noch so, wie sie Ferdinand 
geschaffen, und auch die Regierung durch die konigliche 
Kammer hat seitdem wohl ihren Namen nicht aber ihr Wesen 
verandert, nur auf dem religiosen Gebiete sind die Nachfolger 
erfinderisch und energisch in Mafsregeln zur Bekampfung 
des Protestantismus gewesen. 

Wie schon bemerkt wurde, erscheint das Bild Ferdinands 
als eines hervorragenden Regenten, wio ihn Schlesien scit 
der Zeit Karls IV. nicht mehr gesehen, getriibt durch zwei 



Gesamturteil iiber Ferdinand I. Thronbesteigung Maximilians II. 1)7 

Umstande, einmal die konfessionellen Gegensatze und zwei- 
tens die bestandigen Geldn5te, mit denen er zu kampfen 
hatte, doch werden wir immerhin anerkennen miissen, dafs 
man an ihm auch eben in religioser Hinsicht in Vergleich 
mit manchen Herrschern, die nach ihm kamen ; seine Mafsi- 
gung zu riihmen hat, wobei wir allerdings nicht verschweigen 
diirfen, dafs seine Geldnote allzeit viel dazu beigetragen 
.haben, seinem konfessionellen Eifer Schranken zu setzen. 



Zweiter Abschnitt. 

Schlesien unter Maximilian II. 1564—1570. 



Der erstgeborene Sohn und Erbe der Lande Konig Fer- 
dinands I., Maximilian , hatte bereits, ehe sich die Augen 
seines Vaters zur ewigen Ruhe geschlossen, im Dezember 
1563 als klinftiger Herrscher die Huldigungen der Schlesier 
empfangen und zugleich eine aufserordentliche „Verehrung a 
von 1500 Thalern. Die Breslauer haben bei seinem Ein- 
zuge ein aufsergewohnliches Mais von Feierlichkeit aufge- 
wendet, haben in den Strafsen, durch die er zog, zwangs- 
weise die Hauser neu anstreichen und renovieren lassen und 
durch zahlreiche Ehrenpforten ihre Ergebenheit und Freude 
auszudriicken sich bemiiht. Und wenn die am alten Mar- 
stall auf der Schweidnitzer Strafse uber ihren mit Epheu und 
rauschendem Flittergolde ausgeputzten Saulen eine Inschrift 
aufweist des Inhalts, die Thore der Stadt hatten vielen 
Konigen sich geoffnet, lieber aber keinem als Maximilian, 
so war das vielleicht mehr als eine Schmeichelei. Der neue 
Herrscher gait fiir mild und wohlgesinnt und, was bei den 
protestantischen Breslauern besonders schwer ins Gewicht 
liel, fiir einen wohlwollenden Freund der neuen Lehre. So 
durften denn auch am 'J 7. Dezember 1563 die evangelischen 
Geistlichen der Stadt sich dem Konige vorstellen und ihm 
versichern, sie hielten an der heiligen Schrift, dem Niciii- 
schen und Athanasianischen Glaubensbekenntnis, den Be- 
schliissen aller frommen Synoden und der Angsburgischen 

Griinliagen, Gescli. Sclilesiens. II. 7 



98 Erstes Bucb. Zweiter Abschnitt. 

Konfession fest, waren einig in ihrer Lehre, unbefleckt durch 
fanatische Meinungen, ermahnten ihre Zuhorer unablassig 
zum Gehorsam gegen ihre hochste Obrigkeit und beteten 
fiir das Wohl der kaiserlichen und koniglichen Majestat, 
der Konig mcige ein Beschiitzer der evangelischen Lehr- 
meinung und der Sakramente sein. Ja sie wagten es in 
dieser Anrede dem Konige zu berichten, sie behielten alle 
Zereraonien der alten Kirche bei, ,,welche ohne Gotzendienst 
beobachtet und beibehalten werden konnten". 

Konis: Maximilian hatte ilmen hierauf durch seinen Vize- 
kanzler Zasius antworten lassen, er nehme gem ihre Treu- 
versicherungen und Gliickwiinsche entgegen und billige auch, 
was sie ihm liber den Zustand der Kirche und die Mafsi- 
gung, der sie sich befleifsigten, berichteten, mahne auch dazu, 
in dieser fortzufahren und der Ketzerei, besonders der 
Schwenkfeldischen und anderen verabscheuungswiirdigen Sek- 
ten entgegenzutreten ; wogegen der Konig sie und ihre Kirche 
als sich empfohlen ansehen und in seinen Schutz nehmen 
wolle. 

Es mochte das immerhin von Bedeutung sein, insofern 
es eine Anerkennung der herrschenden kirchlichen Verhalt- 
nisse in sich schlofs, bedingungsloser als es bei Ferdinand 
Sitte gewesen war. Wenn aber die Schlesier wohl noch 
weitergehende Hoffnungen daran kniipften und an eine voll- 
standige Gewinnung des neuen Herrschers fiir den Protestan- 
tisms dachten, so waren diese damals wenigstens bereits 
hinfallig geworden. Maximilian war eine milde Natur, ein 
Feind durchgreifender Mafsregeln, dabei aufgeklart und in 
manchen Punkten, wie z. B. beziiglich des Abendmahls, den 
neuen Lehren zugeneigt, aber doch viel zu sehr Weltkind, 
um aus religiosem Drange die schweren Konsequenzen eines 
Ubertritts zum Protestantismus auf sich zu nehmen. Wenn 
er lange Zeit mit Vorliebe den Umgang protestantischer 
Geistlichen sich gegonnt hatte, so geniigten doch nachmals, 
als er selbst mehr thatig in die hohe Politik eingriff und 
durch seine Heirat mit der spanischen Linie in naliere Ver- 
bindung trat, Vorstellungen aus dem beredten Munde des 
Ermlander Bischofs Hosius, um ihn zu iiberzeugen, dafs ein 
Abweichen von der durch das Tridentiner Konzil neu er- 
starkten katholischen Kirche zugunsten der in sich gespal- 
tenen reformatorischen Lehre ihm auch in seiner Politik 
schwere Gefahren bereiten , sein Reich vielleicht zerriitten 
und ihm unter alien Umstanden Schwierigkeiten bereiten 
werde, die zu bestehen er keineswegs mit der hinreichenden 
Energie geriistet war. Es war auch in der That damals 



Maximilians II. kirchliclie Stellung. 99 

die protestantische Bewegung aus der ersten Bliitezeit heraus, 
wo sie in kiihnem, tapferen Schwunge auch schwachere 
Geister mit sich fortreifsen und zu kiihnen Entschliissen 
stahlen konnte. 

Der Protestantismus war damals in jene zweite Periode ein- 
getreten ; wo er als besondere Kirche anerkannt unter schweren 
Kampfen entgegenstehender Lehrmeinungen die eigene innere 
Ausbildung verfolgte. Diese Kampfe, die sich ganz beson- 
ders um die Abend mahlslehre drehten, entzlindeten sich nun 
auch in Schlesien und speziell in Breslau, das lange von 
ihnen sich freigehalten hatte. 

Man wiirde unrecht thun, diese Kampfe leichthin mit 
der Bezeichnung theologische Schulzankereien abzuthun; 
dieselben gingen tief in das Herz des Volkes, und viele 
Manner, die sehr entfernt von theologischer Einseitigkeit vol! 
und ganz im praktischen Leben mitten inne standen, haben 
sich auf das lebhafteste an diesen Kampfen beteiligt, wie 
z. B. der treffliche Herzog Georg II. von Brieg. 

Nicht umsonst kniipfte sich dieser Gegensatz gerade an 
die Lehre vom Abendmahl an. Man wird vielleicht die 
Wirkung der Reformation auf das Volk im grofsen und 
ganzen mit einem kurzen Worte dadurch erklaren ktinnen, 
dafs man es ausspricht, es habe die neue Lehre ein Gefiihl 
der Heilssicherheit in den Gemiitern erzeugt 7 wie es fruher 
nicht in dem Mafse da war. Wahrend vordem der Himmels- 
schliissel sich in den Handen der Kirche oder gar des Statt- 
halters Christi zu befinden schien, durfte jetzt jeder einzelne 
sich getrcisten, seinen besonderen Himmelsschliissel in seiner 
Hand zu haben, in dem Glauben an Christum. Das Symbol 
dieser heilbringenden Verbindung mit dem Erloser war nun 
aber in dem Abendmahle gegeben ; indem man den Leib 
und das Blut Christi glaubig erupting, gewann man einen 
Anteil an Christo, der eben die Biirgschaft der Seligkeit in 
sich schlofs. So ergab sich fur protestantische Gemuter eine 
Bedeutung des Abendmahls, die man sich kaum hoch genug 
vorstellen kann. Und wenn zugestanden werden mufs, dafs 
eine neu auftretende Lehrmeinung, um in breite Schichten 
des Volkes eindringen und begeisterte Anhanger finden zu 
kcinnen, immer des Zusatzes eines gewissen schwarmerischen 
um nicht zu sagen mystischen Momentes bedarf, so schien 
hier die Abendmahlslehre diese Stelle vertreten zu sollen, 
und gerade eben die strenge lutherische Fassung von der 
realen Gegenwart des Leibes und Blutes Christi hatte nach 
dieser Seite hin den meisten Inhalt, vermochte dem nach 
Wunderbarem dtirstenden Sinn am meisten Geniige zu thun. 

7* 



lliO Erstes Buch. Zweiter Abschuitt. 

Begreiflich genug, weun man dann jede Schmalerung dieses 
wunderbar geheimnisvollen Inhaltes auf das iibelste empfand 
und sich z. B. von den Schwenkfeldern mit Unwillen ab- 
wendete, die fur Verachter des Sakramentes galten, und 
schliefslicli auch jeden, der jene Bedeutung des Abendmahles 
abschwachen zu wollen schien, z. B. durch eine mehr sym- 
bolische Auffassung desselben, wie sie in den Lehrbegriffen 
Zwinglis und seiner Anhanger lag, iibel ansah, so dafs 
es dann einem eifrigen Prediger leicht ward, auch die Menge 
gegen solche einzunehmen. 

Auf der andern Seite niocliten doch aber auch viele urn 
keinen Preis jene Anschauung von der realen Gegenwart 
des Leibes und Blutes Christi im Abendmahl sich zu eigen 
machen, da ihnen Vernunft und Gefiihl sich dagegen zu strau- 
ben schien und sie eine mehr oder weniger symbolische 
Auffassung unter alien Umstanden vorzogen. 

Es mischte sich in diese Gegensatze dann der Unter- 
schied zweier Stromungen, die je langer je mehr unter den 
Anhangern der neuen Lehre sich geltend machten. Auf der 
einen Seite war die Meinung gewesen, einem verweltlichten 
in Aulserlichkeiten aufgehenden Kirchentume aufs neue den 
wirklichen Inhalt ernstglaubiger Religiositat zu geben und 
das durch den Erloser ofFenbarte Evangelium in voller Rein- 
heit wiederherzustellen, wo dann auf das Positive der grofste 
Nachdruck gelegt ward. Im Gegensatze dazu ging die an- 
dere Richtung davon aus, dafs die Reformation mit der 
Kritik des Bestehenden begonnen und einem starren Kirchen- 
tum gegeniiber dem Geiste der Freiheit wieder zu seinem 
Rechte verholfen habe. In diesem Geiste der Freiheit miisse 
die Reformation eine neue Kirche sich erbauen. Hielt jene 
Richtung sich der alten Kirche noch immer nahe, so machte 
diese von ihrem vollen Bruche mit derselben kaum noch ein 
Hehl und erntete auch von dieser einen noch ungleich in- 
tensiveren Hafs, als der die Anhanger des Augsburgischen 
Bekenntnisses traf. Und wenn die letzteren an der Starke 
ihres Glaubens, der ihnen hoher erschien „ denn alles Wissen" 
sich vullig geniigen liefsen, pflegten jene die alten gelehrten Tra- 
ditionen des Humanismus, dessen Erbschaft sie auch inso- 
fern antraten, als sie wesentlich das internationale Moment 
der reformatorischen BeweguDg aufrecht erhielten und leb- 
hafte Verbindimgen hier vom Osten Deutschlands an bis 
ins Herz von Frankreich hinein und von ihrer Hauptburg 
in der Pfalz aus nach der Schweiz ebenso wie nach den 
Niederlanden und nach Schottland hin eifrig pflogen, wah- 
rend die strengere lutherische Richtung sich mehr und mehr 



Abendmahlsstreitigkeiten. 101 

in Landeskirchen zusammenschlofs, der Verbindung nach 
aufsen hin nicht begehrend, ja soldier eher mifstrauisch aus 
dem Wege gehend. 

Man braucht dem hier Ausgesproclienen gegeniiber nicht 
daran erinnert zu werden , wie wenig auch auf der Seite 
der reformierten Partei der Geist der evangelischen Freiheit 
imraer als Richtschnur festgehalten worden ist, und wie Hand- 
lungen arger Unduldsamkeit, starren einseitigen Glaubens- 
eifers auch hier vorgekoramen sind, und man wird doch dabei 
zugestehen konnen, dafs fur die Zeit, von der wir hier 
sprechen, namlieh die zweite Halfte des 16. Jahrhunderts im 
srofsen und ganzen die grofsere Freisinnigkeit , der hohere 
Grad von wissenschaftlichem lnteresse, der weitere Bhck fur 
die allgemeinen Gesichtspunkte der reformatorischen Ideen 
auf der Seite zu finden war, welche von den strengen Luthe- 
ranern als krypto - calvinistisch gesinnt verfolgt und ange- 
feindet ward. 

Im Osten Deutschlands gehorte das Feld offenbar ganz 
der streng lutherischen Richtung. Der Religionsfriede von 
1555 sollte ja streng genommen nur den Bekennern der 
Augsburger Konfession zugute kommen, und auf diese war 
auch in Breslau die Duldung, welche man der neuen Lehre 
gewahrte 7 beschrankt geblieben. Selbst Maximilian II. hat 
sich ja noch offen genug dahin ausgesprochen , er habe da- 
durch, dafs er die Ubung der Augsburgischen Konfession 
in seinen Erblanden freigegeben, aus vielen Ubeln eins er- 
wahlt, wobei fur die romisch-katholische Religion am wenig- 
sten zu befahren sei, sintemal diese Konfession in vielen 
Stiicken mit der romischen Kirche iiberein komme und viel- 
leicht auf diese Weise die Lutheraner, „vornehmlich da sie 
die katholischen Zeremonien mehrenteils behalten sollten, 
wieder mit der Kirche vereinigt werden konnten." 

Auf diese Verhitltnisse war doch auch der Breslauer Rat 
genotigt Riicksicht zu nehmen, von dem Augenblick an, 
wo die Geistlichkeit der Stadt die Streitpunkte selbst ans 
Licht zog. Dies war lange Zeit vermieden worden. Die 
ersten evangelischen Geistlichen, Hefs und Moiban, waren 
milddenkende, mehr an den vermittelnden Melanchthon sich 
anlehnende Manner. Doch der erstere war bereits 1546 
heimgegangen, und nach dem Tode des letzteren, 1559, ent- 
brannte auch hier der Abendmahlsstreit; Amtsentlassungen 
von Geistlichen, haufiger Wechsel derselben, heftige Polemik 
traten an die Stelle des bisherigen Friedens, und die Gegen- 
satze drangen bis in die hohe Korperschalt des Rates dieser 
aristokratischen Stadt, wie sie Melanchthon wiederholt nannte, 

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102 Erstes Buch. Zweiter Abschuitt. 

ein. Derm in den Reihen des Patriziats hatte auch die 
freiere Partei ihre Anhanger; ihrem Kreise gehorte vor all em 
an der gelehrte Arzt Crato, nachmals als von CrafFtheim 
geadelt. Geboren 1519 zu Breslau, hatte er seit 1534 zu 
Wittenberg sich dem Studium der klassischen Sprachen und 
der Philosophic gewidmet und dort des Vorzugs, Haus- und 
Tischgenosse Luthers zu sein, sich erfreut. Dessen Rat hatte 
ihn dann seiner zum Lehr- und Predigtamt zu schwachlich 
scheinenden Korperbeschaffenheit wegen fur das Studium der 
Medizin bestimmt. Als er dann 1550 von den italienischen 
Universitaten zuriickkehrte, ernannte der Breslauer Rat ; der 
Crato bei seinen Studien vielfach unterstiitzt hatte ; den be- 
reits zu einem gewissen Rufe gediehenen jungen Mann zum 
Physikus und Stadtarzte; er selbst trat durch seine Ver- 
mahlung mit der Tochter des allgemein geachteten Stadt- 
schreibers Joh. Scharf von Werd und durch seine Ver- 
schwagerung mit dem Patriziergeschlechte der Uthmanns 
in die besten Kreise der hiesigen Gesellschaft. Bald mehrte 
seinen Ruhm seine Wirksamkeit in den Zeiten der Pest, 
deren kontagiose Natur er zuerst erkannte und durch pro- 
phylaktische Mafsregeln abzuwehren suchte. Bald als der 
beruhmteste Arzt seiner Zeit gefeiert, ward er 1560 zum 
kaiserlichen Leibarzte ernannt und zu dauerndem Aufent- 
halte am Hoflager genotigt. Unter seinem christlichen Zu- 
spruche starb am 25. Juli 15G4 Konig Ferdinaud, und sein 
Sohn, der das Vertrauen des Vaters in Crato geerbt, hielt 
ihn bald in gleicher Stellung fest, ihn mit Ehren und Wiir- 
den, dem Titel eines kaiserlicher Rates, dem erblichen Adel- 
stand, der Wiirde eines Pfalzgrafen uberhaufend, wie sehr 
auch der Hof gegen den ketzerischen Fremden intrigierte. 
Noch Rudolf II. hat er als Leibarzt dienen miissen und erst 
1581 die oft erbetene Entlassung erhalten, die er dann nur 
noch vier Jahre, grofstenteils in der landlichen Einsamkeit 
seines Landguts Rlickerts unweit von Glatz iiberlebte. 
Hier hat er unter besonderer Genehmigung des Kaisers eine 
reformierte Kirche gebaut, denn sein Leben lang hat er an 
theologischen Interessen festgehalten, zugleich aber an einer 
etwas freieren Fassung der Lehrbegriffe. Was ihn auf dieser 
Seite fesselte, war vielleicht weniger das eigentlich Dogma- 
tische, denn sein eigenes Bekenntnis zeigt ihn in solchem 
Grade gemafsigt, dais nur ein sehr strenger Lutheraner dem 
gegentiber noch die ubliche Beschuldigung des Kryptocalvi- 
nismus aufrecht erhalten konnte, als vielmehr die Abneigung 
dagegen, sich gleich der Mehrzahl der Augsburgischen Kon- 
fessionsverwandten in ein selbstgeniigsames Landeskirchen- 



Die Kryptocalvinisten. Crato von Crafftkeim. 103 

turn einzuspinuen , anstatt, wie es seine Seele ersehnte, in 
Verbindung mit hervorragenden Geistern die durch den ganzen 
Erdteil sich lbrtpflanzenden Regungen des evangelischen 
Geistes gegeniiber der zu neuera Kampfe allerorten sich auf- 
raffenden Macht der alten Kirche im Auge zu behalten und 
an ihnen einen gewissen Anteil zu nehmen. Da waren es Ge- 
lehrte von Ruf wie der Theologe Ursinus und der grofse 
Philologe Camerarius , der wahrhaft christliche Humanist 
J. Monau, deneben der Schweizer Reformator Calvin, der 
polnische Evangelist Lalius Socinus 7 der burgundische Ritter 
Hubert Languet, der Reiseapostel der Hugenotten, mit denen 
alien Crato in enger Verbindung stand, ebenso wie mit Me- 
lanchthon bis an dessen Tod. An Crato schlossen sich dann 
auch mehrere Breslauer Patrizier an, namentlich solche, die 
auf weiten Reisen nach dem Westen hohere Bildung und 
personlichen Verkehr mit hervorragenden Mannern suchten, 
wie z. B. Abraham Jenkwitz und einige Glieder des schnell 
zu besonderem Ansehen und Reichtum gelangten Geschlechtes 
der Rhediger, so Johannes und vor allem jener Thomas 
Rhediger, welcher sein kurzes Leben (geb. 1540, gest. 1576) 
und seine grofsen Reichtiimer dazu angewendet hat, um auf 
umfassenden Reisen jene unvergleichlichen litterarischen Schatze 
zu sammeln, die dem Rate seiner Vaterstadt vermacht, noch 
heute den Stolz und die Zierde der hiesigen stiidtischen 
Bibliothek bilden. 

Diese Kreise mit ihren auswartigen Verbindungen wurden 
dann von den strenger Glaubigen als Kryptocalviuisten ge- 
brandmarkt, wahrend von ihnen als Erwiderung eine ge- 
wisse geringschatzige Meinung liber die Beschranktheit 
der Gegner ausging, die sie im Lichte von Philistern er- 
scheinen liefs, wie denn z. B. Gottfried Scharl' 1570 in einem 
Briefe an Thomas Rhediger die daheim in Breslau herr- 
schende Rusticitat der dortigen Onophagen (Eselsfresser, ein 
alter Spitzname der Schlesier, der hier vielleicht zum ersten- 
male uns entgegentritt) beklagt. 

Im Grunde aber bheb jene Richtung nur auf einige 
exklusive Kreise in der Landeshauptstadt beschrankt; wo 
sonst in der Provinz sich ahnliche Gesinnungen spiiren 
liefsen, war die eifrige Geistlichkeit mit inquisitorischen Mafs- 
regeln schnell bei der Hand, wie das 1562 Abel Birkenhan 
in Neumarkt erfuhr, der sein Amt aufgeben, die Stadt 
riiumen mufste. Wenig half es dem gelehrten Schulrektor 
Christoph Schilling zu Hirschberg, dafs er die dortige ge- 
lehrte Schule schnell in Flor gebracht hatte, 1566 ward er 
wegen mangelnder Rechtglaubigkeit im Punkte der Abend- 



104 Erstes Buch. Zweiter Abschnitt. 

mahlslehre abgesetzt und verbannt. Und Herzog Georg II. 
dachte selbst nicht daran, dera gelehrten Ferinarius, den er 
sich an sein neu aufbliihendes Brieger Gymnasium berufen 
hatte, beizustehen, als der Makel des Kryptocalvinismus 
denselben traf, und seinen Hofprediger Paul Franz hat er 
ebenso wie den Pastor Martin Zimmermann aus diesem 
Grunde entsetzt, ja noch 1584 den Kektor des Brieger 
Gymnasiums, Lorenz Cirkler, mit vier seiner Kollegen wegen 
des gleichen Verdacbtes aus ihren Stellungen und dem Lande 
getrieben. 

Verdachtigungen nach dieser Seite hin haben dem schle- 
sischen Historiker Curaus in Glogau das Luben schwer ge- 
macht ebenso wie dem grofsen Padagogen Petrus Vincentius 
sein Schulinspektorenamt zu Breslau. 

Wer wollte zweifeln, dafs diese Streitigkeiten, diese gegen- 
seitigen Verketzerungen im Schofse des Protestantismus fur 
diesen selbst ein Ungliick, ein Verhangnis waren ? Zunachst 
allerdings breitete sich die neue Lehre immer noch weiter 
aus, und jene Konzession des Papstes beziiglich des Abend- 
mahls unter beiderlei Gestalt, welche, wie oben bereits er- 
wahnt ward, nach dem Tode Ferdinands zur Publikation 
kam, erleichterte doch an manchen Orten den Ubergang zu 
der neuen Lehre oder erschwerte wenigstens auch da, wo die 
katholische Geistlichkeit grofseren Einflufs hatte, den Wider- 
stand gegen das neue Bekenntnis, insofern die sonst so bedenk- 
lich erscheinende Neuerung bei dem Abendmahle durch den 
Papst selbst zugelassen erschien. Bischof Caspar von Logau 
(1562 — 1574) ist wiederholt unter Berufung auf jene papstliche 
Erlaubnis fur Geistliche eingetreten, wclche der Ketzerei be- 
schuldigt wurden. So wurde in Jauer, in Sprottau, wo die 
Magdalenerinnen das Patronat der Plarrkirche besafsen, so 
in Glogau und auch in dem eigentlichen bischot'lichen Terri- 
torium, dem Gebiete von Grottkau wie in der bischoflichen 
Enklave Canth die freie Ubung des evangelischen Bekennt- 
nisses durchgesetzt ; in dem Nonnenkloster Trebnitz waltete, 
wie man klagte, eine nicht nur lutherisch sondern geradezu 
schwenkfeldisch gesinnte Abtissin, und ins Clarenkloster zu 
Breslau, hiefs es, fanden nicht nur Lutheranerinnen, sondern 
sogar Frauen von Pradikanten ganz ungestort Eintritt 
und Gelegenheit, ketzerische Scbriften dort zu verbreiten. 
Und wenn das Breslauer Domkapitel, welches fort und fort 
sich #- am meisten gegen die Bewegung stemmte, wenigstens 
das Argernis der beweibten Priester abgewendet wissen wollte, 
so stand ihm doch auch da die weit verbreitete Meinung 
entgegen, dafs Konig Maximilian in diesem Punkte sehr 



Bischof Caspar vou Logau 1562 — 1574. 105 

tolerant denke; und auch der Breslauer Bischof vermochte 
nicht im entferntesten dera Eif'er seiner Domherren genug- 
zuthun ; dieselben sahen es von ihm als eine Art von Pflicht- 
verletzung an, wenn er auch im Bischofslande die Kinder 
beweibter Priester beziiglich ihres Erbrechtes als legitim an- 
sah. Es war hier namlich im Jahre 1562 Caspar von Logau 
auf dem bischof lichen Stuhle gefolgt. Ihm hatte die Ghmst 
dcr Herrscher, die er als Erzieher Maximilians II. erlangt, 
das Bistum Wienerisch-Neustadt verschafft, und bei der Er- 
ledigung des Breslauer Stuhles hatte dann der Einflufs seines 
Vaters, des Landeshauptmanns von Schweidnitz- Jauer, und 
der Einflufs schlesischer Fiirsten* ebenso wie der Ruf sei- 
ner Gelehrsamkeit das Breslauer Domkapitel bewogen, seine 
Versetzung von dem osterreichischen Sitze bei dem Papste zu 
erbitten. Allerdings ist dann seine Regierung (bis 1574) 
seitens seiner Glaubensgenossen schweren Vorwui'fen nicht 
entgangen, man fand ihn allzusehr beflissen Reichtiimer 
zu sammeln, energielos in Verteidigung der Rechte der Kirche, 
zu nachgiebig gegen seine Verwandten, welche, wie man 
behauptete, thatsachlich im Neifser Fiirstentum die Herren 
spielten. 

Auch das ward dem Bischof wiederholt zura Vorwurf 
gemacht, dais er in Sachen der Griindung einer besonderen 
Anstalt zur Heranbildung tiichtiger katholischer Geistlichen 
nicht den notigen Eif'er zeige. In der That lag nach dieser 
Richtung hin ein direktes Bedlirtnis vor, welches auch das 
Tridentiner Konzil sehr beschaltigt hatte. Es war ja aller- 
orten ein emptindlicher Mangel an Geistlichen, welche von 
den Neuerungen unberiihrt die katholischen Lehrmeinungen 7 
wie solche jetzt durch das Konzil neu festgestellt worden 
waren, predigten und mit wahrer Hingebung ihre x\mts- 
pflichten erf'iillten. So wie die Entartimg des Klerus seiner 
Zeit der Ausbreitung der neuen Lehre den grofsten Vor- 
schub geleistet, so ward es jetzt zur direkten Lebensfrage 
tiir die Altglaubigen . ob es gelange, einen Klerus heranzu- 
bilden, der es ernster und strenger mit seinen priesterlichen 
Pflichten nahme, als das friiher der Fall gewesen war. Dafs 
dies Problem wirklich gelcist worden ist ; dart" als ein welt- 
historisches Ereignis angesehen worden, und es ist auch nicht 
wegzuleugnen, dafs an diesem Resultate der Jesuitenorden, 
welcher im Punkte selbstverleugnenden Pflichteifers fur die 
Interessen der katholischen Kirche alien voranleuchtete, einen 
grofsen Anteil hat. Allerdings weckte zunachst die schnell 
erlangte Gunst, deren sich der neue Orden seitens der geist- 
lichen und weltlichen Gewalten erfreute, auch in den Kreisen 



lOtj Erstes Bucb. Zweiter Abschnitt. 

der katholischen Geistlickkeit vielfach Xeid und Eifersuckt, 
deskalb fanden die ersten Versuche der Jesuiten, sich audi in 
Schlesien festzusetzen, weleke nock in die letzten Jakre Konig 
Ferdinands fallen, kier nur geringes Entgegenkommen, und 
die Regierungszeit Maximilians II. war iiberhaupt den Be- 
strebungen einer kirehliehen Reaktion wenig giinstig. Nach- 
dem jedoch im Jahre 1574 Bisckot Caspar von Logau das Zeit- 
lielie gesegnet und dann 157G Maximilian II. seine kurze 
Regentenlaufbakn beseklossen katte. ward der Kampf gegen 
den Protestantismus mit grofstem Ernste aul'genommen. 

Die Seklesier baben Maximilian II. als einem milden Herr- 
seker ein dankbares Andenken bewakrt, und in der Tkat 
wissen wir aus seiner ganzen Regierungszeit von einem 
harten oder aueh nur strengen Eingreifen eigentlieh nur in 
einem einzigen Falle zu berichten, der die Stadt Sekweidnitz 
betroffen hat. Hier hatte namlick im Jakre 1572 Franz 
Freund, ein Sehweidnitzer Patrizier. der Sohn des Biirger- 
meisters mit einem Edelmanne Kaspar von Sparrenberg ge- 
nannt Taufsdorf, der zur Zeit in Bokmen ansassig aus dem 
Sckweidnitziscken stammte, naek einem Zechgelage auf dem 
Wege zur Sckiefsstiitte Handel bekommen und war von 
seinem Gegner im Zweikampfe erstocken worden. Taufsdorf 
katte sick nack Bokmen fllickten wollen, war aber von den 
ikm nackgesandten Ausreitern der Stadt in dem grat'kck 
Hoekbergiscben Dorfe Salzbrunn eingebolt und trotz des Pro- 
testes der dortigen Ortsbeborden naek Sekweidnitz zuriick- 
gefukrt worden, um dort sofort vor Gerickt gestellt zu werden. 
Obwokl nun die Aussage des Duellanten, sein Gegner habe 
ikn okne Grund auf das sekwerste beleidigt, durck die Tkat- 
sacke, dafs derselbe sckon friiker sick als ein arger Rautbold 
gezeigt katte, wakrsckeinlick werden konnte, obwokl Taufs- 
dorf die Kompetenz der Sckweidnitzer Sckoffen bestritt und 
Berufung einlegte und seine Ergreifung auf fremdem Terri- 
torium bedenklick scheinen konnte, so ward dock am Tage 
nack der Gefangennakme das Todesurteil iiber ikn gesprocken 
und auck zugleick an ikm vollstreckt. Es war natiirlick, 
dafs der Adel des Landes, der sckon seit langer Zeit mit 
den Stiidten und vornekmkck der Hauptstadt Sekweidnitz 
im Streite war, iiber diesen Akt eigemnachtiger und eilfertiger 
Recktspfiege schwere Klage fiikrte, und kierauf erliefs der 
Kaiser 1575 von Prag aus den Spruck, dafs die Stadt 
Sekweidnitz, weil ikr Rat in der Taufsdorfscken Sacke einen 
Eingriff in die Regalien sick erlaubt und dem Inkulpaten die 
Appellation versagt kabe, die Ausiibung der Obergerickte 
und die freie Recktswahl einbiifsen, auck das Land- und 



Der Taufsdorfsche Fall. Maximilians Tod. 107 

Mannrecht von Schweidnitz nach Jauer verlegt werden solle. 
Erst 1580 hat Maximilians Nachfolger durch einen Gnaden- 
akt, den die Stadt Schweidnitz allerdings mit 1 2 000 Gulden 
hat bezahlen iniissen ; derselben das, was ihr 1575 entzogen 
war, zuriickgegeben. 



Dritter Abschnitt. 

Rudolf 11.1574— 1609. HeiurichXI. von Liegnitz. Die 
Schlacht bei Pintscheu 1588. Innere Entwickelung. 
Kirchlicke Reaktionsbestrebungen. Der Majestatsbrief. 



Nicht ohne Besorgnis sahen die schlesischen Protestanten 
das Scepter aus der Hand des mild gesinnten Maximilian in 
die seines Sohnes Rudolf ubergehen, von dem man erzahlte, 
dafs er wahrend seines langen Aufenthalts in Spanien strengere 
religiose oder konfessionelle Grundsatze eingesogen habe. 
Nur mit gemischten Gefiihlen ward er willkommen geheifsen, 
als er am 24. Mai 1577 zum Empfange der Huldigung 
samt seinen Briidern, den Erzherzogen Matthias und Maxi- 
milian in Breslau einzog, und wenn es auch sonst nicht un- 
bedenklich erscheinen mag die offiziellen BegrUfsungsinschrif- 
ten als Ausdruck der Volksmeinung anzusehn, so zeigt doch 
eine Vergleichung der von 1577 mit den zum Willkomm 
fur weiland Maximilian II. angewendeten einen wesentlichen 
Unterschied, rnehr fromme Wiinsche als gute Hoffnungen. 
Doch der Anblick des blassen und mild blickenden konig- 
lichen Jiinglings mochte die Gemiiter einigermafsen beruhi- 
gen, insofern man ihm wenigstens Harte und Gewaltsamkeit 
nicht zutrauen konnte, eine Beobachtung, die allerdings die 
Befiirchtung nicht ausschlofs, dafs die fremden Einfliisse, 
denen sein Wesen sehr ausgesetzt erschien, sich in einem 
von Milde und Toleranz sehr entfernten Geiste geltend machen 
konnten. Bevor wir aber nun darzustellen versuchen ; in 
wie weit sich diese Befiirchtungen bewahrheiteten , miissen 
wir zunachst unsern Blick darauf richten, wie im Anfange 
von Rudolfs Regierung noch einmal die polnischen Verhalt- 
nisse auf die Geschicke Schlesiens nach verschiedenen Seiten 
hin Einflufs iibten. 



108 Erstes Bucb. Dritter Absclmitt. 

1574 war Bischof Kaspar von Logau gestorben und an 
seiner Statt der Breslauer Domdechant Martin Gerstmanu 
zum Oberhirten der schlesischen Diozese gewahlt worden 
trotz seiner biirgerlichen Herkunft (Sohn des Bilrgermeisters 
von Bunzlau). Diesem Mangel beeilte sich der Kaiser durch 
die Erhebung in den Adelstand abzuhelfen, um der Un- 
zufriedenheit der schlesischen Fiirsten zu begegnen, deren 
Haupt ja der Bischof, wenn ihm wie seinen Vorgangern die 
Wiirde der Oberlandeshauptmannschaft anvertraut wurde, 
darzustellen hatte. 

Ihm gegeniiber versuchle es der Gnesener Erzbischof die 
thatsachlich seit mehr als hundert Jahren aulser Brauch ge- 
kommenen Oberrechte der polnischen Kirchenmetropole wie- 
der aufs neue in Ubung zu bringen, indem er ihn 1577 
dringend zu der nach Petrikau zusammenberufenen Synode 
einlud, welche iiber die Veroffentlichung der Schliisse des 
Tridentiner Konzils beschliefsen sollte. Aber Bischof Martin 
wich unter Berufung auf sein Amt als Oberhauptmann rait 
vorsichtiger Hoflichkeit aus und liefs die Synode unbeschickt, 
um nachher selbst 1580 auf einer eiffenen Dit'izesansv'node 
zu Breslau jene Konzilsbeschltisse, allerdings nicht ohiie ge- 
wisse Einschrankungen, zu veroffentlichen. Aufserdem hatte 
Bischof Martin bei dieser Gelegenheit audi gewisse Zu- 
rautungen abzuwehren gehabt, sich als polnischer Kirchen- 
filrst bei Geschenken an den Polenkonig zu beteiligen, wo 
er dann sich sehr entschieden als unter der Krone Bohmen 
stehend bekannt hatte. 



Herzog Heinrich XI. von Liegnitz. 

Es war dies die Zeit ; wo in Polen zuerst die Einrich- 
tung eines Wahlkonigturas sich ausgebildet hatte. 1572 
erlosch der auf den alten piastischen Konigsstamm gepfropfte 
Zweig der Jagellonen mit dera Tode des kinderlosen Sigis- 
mund August. Noch einmal hatte sich daraals und schon 
vorher in einem der schlesischen Fiirsten ein Geliist geregt ; 
das piastische Blut, das in ihren Adern rollte, zur Geltung 
zu bringen, und zwar war es jener wunderliche abenteuernde 
Liegnitzer Herzog Heinrich XL, dessen Irriahrten uns sein 
treuer Begleiter, der schlesische Ritter Hans von Schweinichen, 
mit so treuherziger Anschaulichkeit geschildert hat. Im Jahre 
1569 reiste Heinrich mit so viel Geld, als ihm irgend aufzu- 
borgen moglich ward, zum Lubliner Peichstag mit einem Ge- 
folge, das in !Summa 150Rosse zilhlte, entfaltete dort einen mafs- 
losen Aufwand, gab iippige Gelage und raachte dem Konige 



Heinrich XI. von Liegnitz. 109 

reiche Geschenke, zwei Lowen in holzernen Kafigen, einen 
rait Diamanten und Smaragden besetzten kristallenen Trink- 
becher, einen kostbaren Sabel in einer rait Edelsteinen 
besetzten Scheide, auserlesene Schufswaffen rait vergoldeten 
Laufen u. dgl. Alles in der Hoffnung, zura Erben des 
Polenreiches eingesetzt zu werden. Verlorene Miihe! Nicht 
dais Heinrich Protestant war, stand ihm zumeist entgegen. 
Einmal hatte auch in Polen die neue Lehre zahlreiche An- 
hanger, und dann hatte man ja noch immer auf eine Be- 
kehrung hoffen konnen, wenngleich der Herzog trotz aller 
sonstigen Charakterlosigkeit naehmals auch unter den be- 
drangtesten Umstanden alien Versuchungen , die an ihn 
herangetreten sind, durch einen Glaubenswechsel Vorteile zu 
gewinnen, standhalt widerstanden hat. 

Aber wie hatte der kleine Fiirst hier bestehen sollen, 
wo der Bruder des Kiinigs von Frankreich und ein Sohn 
des romischen Kaisers als Thronbewerber in die Schranken 
traten? Vereitelte Hoffnungen, die kaiserliche Ungnade und 
eine durch die 24000 Goldgulden, welche der polnische Zug 
gekostet, noch wesentlich driickender gemachte Schuldenlast, 
waren alles, was er heimbrachte, und weitere verschwen- 
derische Thorheiten raachten sein Regiment immer unertrag- 
licher ; wie er denn 1571 seine ganze Ritterschai't , als die- 
selbe sich wenig geneigt zeigte, „einige 100000 Thaler" 
zur Bezahlung seiner Schulden herbeizuschaffen, einsperrte 
und durch Hunger williger zu machen versuchte. Daraut" 
Klagen der Stiinde bei dem Oberlandesherrn, notduritige 
Verstandigung, dann wieder einmal (1574) ein neuer Anlauf 
auf den polnischen Thron, als diesen der Weggang Hein- 
richs von Anjou nach Frankreich zur Erledigung gebracht 
hatte, wieder mit keinem andern Erfolge, als dafs man ihm, 
wie Schweinichen berichtet, „Honig ums Maul schmierte 
und dabei Galle zu trinken gab". Daneben chronische Geld- 
note, Zerwiirfnisse mit seiner Gemahlin, grofse Reisen durch 
das Reich, bei denen die i'urstliche Wtirde wenig gewahrt 
blieb, zwischendurch einmal Projekte als Bewerber urn die 
Hand der englischen Konigin Elisabeth aufzutreten , endlich 
Kriegsdienste in Frankreich im Solde des Prinzen Conde. 
Es war kein Wunder ; dafs schliefslich doch der Oberlandes- 
herr gegen die Mifsregierung , welche das Liegnitzer Land 
an den Bettelstab zu bringen drohte, einschritt. 

Vom Jahre 1576 an war immer aufs neue durch kaiser- 
liche Kommissare auf Andrangen von Heinrichs Bruder, 
Friedrich, verhandelt und zeitweise eine Teilung des Landes 
herbeigefuhrt worden, aber 1581 kam es endlich doch zur 



110 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

Exekution. Die Geldnot hatte allmahlich auch die Nach- 
barn in Mitleidenschaft gezogen, die Beitrage zu den allge- 
meinen Lasten des Landes blieben aus, am kaiserlichen 
Hofe ziirnte man, dafs Heinrich sich geweigert hatte den 
Huldigungseid in die Hande des Oberlandeshauptmann Bischof 
Martin zu schworen, da dieser kein geborener schlesischer 
Fiirst sei, und vermerkte auch des Herzogs Verbindungen 
mit Polen, „ die Praktiken ", die derselbe dort anspinne, sehr 
libel. Anfang Juni setzte sich von Breslau aus ein Heer- 
haufe aus kleinen Kontingenten , zu denen ganz Schlesien 
beigesteuert, zusammengesetzt resp. zusaminengewiirfelt ; unter 
des Bischofs Oberbefehl gegen Liegnitz hin in Bewegung. 
Doch der Plan, die Stadt zu iiberrumpeln, mifslang, Herzog 
Heinrich zeigte sich zur Gegenwehr entschlossen und hatte 
die Liegnitzer Burgerschaft , die immer in eineni gewissen 
Gegensatze zu dem Adel des Landes gestanden hatte ; nicht 
ohne Erfolg zu standhaftem Ausharren zu begeistern gesucht. 
Im Lager der Belagerer bei Beckern herrschte die Besorgnis, 
der Herzog habe reichlichen Zuzug aus Polen erhalten, und 
recht wenig kriegerischer Eifer, sodafs auf das Geriicht hin, 
„ der Pauker" (wie man den Herzog wegen seiner Neigung, 
seine Ankunft iiberall durch Trommelschall kundzugeben, 
benamset hatte) unternehme einen AusfalL das Belagerungs- 
heer schon in wilde Flucht sich aufzulosen begann. Trotz- 
dem wandte sich schnell das Blatt. Heinrich mochte sich 
doch nicht ganz giitlichen Verhandlungen versagen ; als dann 
die kaiserlichen Kommissare der Burgerschaft mit Ver- 
sprechungen und Drohungen zusetzten, ward diese schwan- 
kend, und ohne Blutvergiefsen endete schliefslich der soge- 
nannte „ Liegnitzer Butterkrieg" damit, dafs Heinrich sich 
unterwarf und dem Kaiser zu stellen gelobte. Als er dies 
that, ward er im Januar 1582 zu Prag in Haft genommen, 
urn dann nach Breslau gefiihrt zu werden. Dort fand er 
nun Mufse in der kaiserlichen Burg ganz wie weiland sein 
Vater iiber den Wechsel der irdischen Dinge langere Zeit 
nachzudenken. 1585 wufste er zu entkommen, indem er 
zur Pestzeit seinem Wachter als Priiservativ gegen die Krank- 
heit iibermafsig zu trinken gab, und gelangte iiber die Oder 
nach Polen, wo er dann noch einige Jahre abenteuerte, 
bis er 1587 in Krakau seinen Tod fand. Dem Ketzer 
weigerte die dortige Geistlichkeit einen Ruheplatz in ge- 
weihter Erde , aber die Zunft der Weifsgerber , unter 
denen sich viele Deutsche und speziell auch einige 
Liegnitzer befanden, bewogen durch eine Geldsumme Bettel- 
monche, dem Sarge des viel umhergetriebenen Fiirsten 



Heinrichs XI. Ende. Polnischer Thronfolgestreit. ] 1 1 

einen Platz in einer Kapelle ihrer Kirche einzuraumen , die 
nachmals vermauert ward. 



Die Schlacht bei Pitschen. 

Wie schon erwahnt, hatte bei den polnischen Thronwirren 
jener Zeit doch auch das Haus Habsburg Wiinsche und 
Hoffnungen. Als 1574 Heinrich von Valois seine polnische 
Krone im Stiche liefs, urn die Frankreichs zu erlangen, 
machte Konig Maximilian II. Anstrengungen, urn seinen 
Sohn Ernst auf den Thron zu bringen, aber wenngleich die 
osterreichische Partei in Polen ansehnlich genug war, so 
zersplitterten sich doch die Stimmen namentlich dadurch, 
dafs z. B. die Litauer den Kaiser Max selbst aufstellten, so 
dafs schliefslich die Gegenpartei mit ihrem Kandidaten, dem 
Grofsfiirsten von Siebenbiirgen, Stephan Bathory, durchdrang. 
Aber als 1586 dieser starb ; erneuerten die Habsburger ihre 
Bewerbung und stellten vier Erzherzoge, namlich neben den 
drei Sohnen Maximilians II. Ernst, Matthias, Maximilian 
auch seinen Bruder Ferdinand , den polnischen Grofsen zur 
beliebigen Wahl, wenngleich sich bald herausstellte , dafs 
vornehmlich Erzherzog Maximilian in Betracht kommen 
wiirde. An der Spitze der Gesandtschaft, welche Konig 
Rudolf 1587 in dieser Angelegenheit nach Polen sandte, 
stand neben dem Bischofe von Olmiitz ein schlesischer Fiirst, 
Karl II. von Miinsterberg. Mit grofser Freigebigkeit spen- 
dete man Geld an die polnischen Magnaten, 800 000 Gold- 
gulden verhiefs man vornehmlich zum Zwecke des Tiirken- 
krieges an die polnische Staatskasse zu zahlen. Die hoch 
angesehene Familie der Zborowskis und ihr machtiger An- 
hang stand ganz auf osterreichischer Seite, und der papst- 
liche Legat unterstiitzte die Kandidatur Maximilians. 

Doch dem Legaten fiigte sich keineswegs der Klerus. 
In ihm und vielfach doch auch im Adel regten sich natio- 
nale Antipathien gegen den deutschen Fiirstensohn, dem Ein- 
flusse der Zborowskis hielt das jenen in alter Feindschaft 
gegeniiberstehende Haupt der Gegenpartei, der gelehrte Grofs- 
kanzler Johann Zamojski die Wage, da ihm neben mach- 
tigem Anhange unter den Grofsen des Landes auch noch 
hervorragende personlicheEigenschaften, diplomatische Schlau- 
heit und Entschlossenheit zur Seite standen. Im Einver- 
standnisse mit der Konigin-Witwe lenkte er die Blicke der 
Polen auf den schwedischen Prinzen Sigismund, den seine 
Mutter, eine Jagellonische Prinzessin, schon in Aussicht auf 
diese Eventualitat heimlich im katholischen Glauben erzogen 



112 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

hatte. Beide Parteien umlagerten mit ansehnliclien Gefolg- 
schaften und zahlreichem Kriegsvolke drohend die Stadt 
Warschau, die Statte der Wahl. Im Lager Zamojskis pro- 
klaraierte am 19. August 1587 der Erzbischof von Gnesen 
den Prinzen Sigismund als Konig von Polen, wahrend drei 
Tage spater bei den Zborowskis der Bischof von Kiew den 
Erzherzog Maximilian als den rechtmafsig gewahlten Herr- 
sclier ausrief. 

Am 27. September beschwor derselbe zu Olmiitz die pol- 
nische Wahlkapit illation, aber bald zeigte sich, dafs das 
Aufgebot der Schlesier und Lausitzer nicht, wie es Konig 
Rudolf urspriinglich ausgesprochen hatte, nur zur Erhohung 
der Feierlichkeiten den Gewahlten in sein neues Reich zur 
Kronung zu geleiten haben wiirde, sondern dafs diese Krone 
erst einem wachsamen und kriegstiichtigen Gegner mit den 
Waffen abgerungen werden miisse. Wohl zog Maximilian 
gegen die alte Konigsstadt Krakau mit Heeresmacht heran, 
land aber zu entschlossenem Angriff, der vielleicht Erfolg 
gehabt hatte, nieht den Mut, sondern wich nach einzelnen 
Verlusten zurtick, bis er auf schlesischem Boden in dem 
Winkel des Kreuzburg-Pitschener Landes sich sicher glaubte, 
da er den Gegnern nicht eine Verletzung des Gebietes der 
osterreichischen Erblande zutraute. Doch Zamojski, der sehon 
friiher den Bischof von Breslau als Landeshauptmann auf 
den Fall, dafs die Schlesier den Einfall ins polnische Gebiet 
unterstiitzten, fiir alle daraus entspringenden Folgen verant- 
wortlich gemacht hatte, war weit entfernt, Riicksichten der- 
art zu nehraen und riickte im Januar 1588 gegen Pit- 
schen vor. 

Maximilian verstand es weder die Gunst der Ortlichkeit 
zu beniitzen, die Niederungen der Prosna und ein System 
von Daramen dem Feinde gegeniiber als Verteidigung zu 
vervverten, noch dachte er daran, nachdem er diese Linien 
preisgegeben , nun wenigstens durch eine Anlehnung an die 
Stadt der Stellung, in der er den Angriff der Polen zu er- 
warten gedachte, grofsere Festigkeit zu verleihen. Mit un- 
gleich schwacheren Streitkraften, als der Gegner sie besafs, 
begann er am 24. Januar 1588 auf freiem Felde vor Pit- 
schen die Schlacht, welche die unriihmliche Haltung der 
unter Andreas Zborowski auf seinem linken Fliigel fechten- 
den Polen bald zu seinem Nachteile entschied. Der sieg- 
reiche Kanzler beeilte sich, dem in die Stadt Pitschen zuriick- 
gefliichteten Erzherzoge die Riickzugslinie nach Breslau ver- 
legen zu lassen und ihn so zur Ergebung zu notigen. Erst 
nach zwei Jahren kam derselbe aus der polnischen Haft frei, 



Schlacht bei Pitscheu. Tiirkennote. 113 

In welcher er tibrigens eine ritterliche unci standesgemafse 
Behandlung gefunden hatte, wiihrend dagegen Maximilians 
schlesischer Zufluchtsort Pitschen Schreckliches zu erdulden 
hatte; die Polen haben hier nnd in der Unigegend mit un- 
erhorter Barbarei gehaust und das Stadtchen in einen Aschen- 
baufen verwandelt, obwohl doch giitliches Abkommen die 
Ubergabe der Stadt ohne eigentliche Belagerung herbei- 
gefiihrt hatte. 



Innere Entwickelung in den Zeiten Maximilians und Rudolfs. 

Diese polnischen Thronhandel waren riur eine voriiber- 
gehende und nur in einem Grenzdistrikte empfundene Sto- 
ning des Friedens; sonst durften ja die Zeiten Maximilians 
und Rudolfs flir friedlich gelten; die Tiirkenkriege , welche 
fort und fort in Ungarn gefuhrt werden mulsten und nicht 
immer mit besonderem Gliick und Ruhm 7 kosteten zwar 
dem Lande Geld und unter Umstanden auch Mannschaften, 
bedrohten aber doch nicht unmittelbar das Land. Nur ein- 
mal hatte die Sache ein ernsteres Ansehen gehabt ; als 1566 
der greise Sultan Soliman II. einen Zug, gewaltiger als alle 
frtiheren, iiber die Donau fiihrte. Damals sandten die Schle- 
sier unter Herzog Georg II. von Brieg dem Kaiser sieben 
Fahnlein, bei denen allein 2500 gertistete Reiter waren ; ohne 
dafs ilmen allerdings der kaiserliche Oberbefehlshaber Ge- 
legenheit gegeben hiitte 7 Lorbeeren zu pfllicken. Mehr aber 
als dufch diese Rustungen wurden die Schlesier durch die 
damals erfolgte Einrichtung der sogenannten Tiirkenglocke 
alarmiert, deren Klang alle Morgen zum Gebete flir sieg- 
reiche Bekampfung des Erbfeindes mahnte. Streng ward 
namentlich in den Stadten darauf gehalten, dafs in dieser 
Zeit auch wirklich alle Arbeit ruhte, aller Handels- und 
Marktverkehr unterbroshen Avard. Aber der Schrecken ging 
voriiber, der Sultan starb vor der durch den Grafen Zrini 
so heldenmiitig verteidigten Festung Szigeth ; und als 1570 
der Friede zustande kam ; schwieg auch die Tiirkenglocke ; 
um erst 1593 wieder in Bewegung gesetzt zu werden. 

Die Zeit der Turkenangste hat dann auch an vielen 
Orten in Schlesien die eigentlichen Schiitzengilden ins Leben 
gerufen, oder es datieren wenigstens, wenngleich viele der- 
selben ihre Existenz in friiherer Zeit nachweisen konnen, 
ihre offiziellen Anerkennungen und Privilegien vorzugsweise 
aus dieser Zeit, weil man damals solche Versuche der Burger 
zu grofserer Wehrhaftigkeit zu gelangen vorzugsweise be- 
giinstigte, wie denn Maximilian eben in jenem Tiirkenjahre 

Griinhagen, Gesch. Schlesiens. II. 8 



114 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

1566 ein besonderes Edikt erliefs, welches die festlichen 
Scheiben- und Vogelschiefsen als notwendige Waffeniibungen 
den Biirgern geradezu zur Pflicht machte. Allerdings wurde 
fur die Wehrhaftmachung damit nicht allzu viel erzielt, 
wohl aber gestalteten sich die Fest- und Konigsschiefsen zu 
Volksfesten , an denen die stadtischen Bevolkerungen eine 
behagliche Freude fanden. 

Uberhaupt gestatteten die friedlichen, einem gedeihlichen 
Aufschwung giinstigen Zeiten den Biirgern einen gewissen 
Luxus, und die urspriinglich von welschen Baumeistern aus- 
geiibte und gelehrte Kunst der Renaissance trieb auch hier 
mannigfache Bliiten. In den schlesischen Stadten erstanden 
in grofser Anzahl Privathauser, deren Giebel, Portale und 
Simse jene Meister mit ihren kunstreichen und originellen 
Zieraten verschonten, und von denen, wie vieles auch dera 
Zahne der Zeit erlegen ist, hier und da, vornehmlich in 
Breslau noch mancher Rest den Wanderer uberrascht. Nir- 
gends, sagt ein neuerer Kunsthistoriker, selbst in Augsburg 
nicht, sind so viele charakteristische Facaden der Friih- 
renaissance vorhanden wie in Schlesien. Noch stehen als 
Denkmiiler jener Zeit das Rathaus in Brieg, das schon ge- 
giebelte Waghaus in Neifse, wahrend das originelle Reichen- 
bacher Rathaus klirzlich einem Neubau Platz machen mufste. 
In den Jahren 1558/59 errichtete in Breslau der Schweid- 
nitzer Stadtbaumeister Andreas Stellauf die als ein tadel- 
loses Denkmal der Renaissance bewunderte Spitze des Rats- 
turms. Als der Breslauer Rat damals die Betestigungen der 
Stadt erneuerte und verstiirkte, liefs er die Thore kiinstlerisch 
gestalten und verzieren. Noch kennen wir die Meister, 
welche das Ohlauer, das Ziegelthor gebaut haben, und 
der Entwurf zum Sandthore riihrte von keinem Geringe- 
ren her als dem gefeierten Erbauer des hohen Thores 
zu Danzig, Hans Schneider aus Lindau, den der Breslauer 
Rat nach langen Verhandlungen und rait grofsen Oplern 
1591 in seinen Dienst gezogen hatte. Schon gedachten wir 
des noch als Ruine so schunen Schlosses zu Brieg, der 
Schopfung des Herzogs Georgs II. von Brieg, des grofsten 
Bauherrn seiner Zeit in Schlesien, der iiberall in seinen zahl- 
reichen Residenzen Ohlau, Strehlen, Rothschlofs, Wohlau, 
Nimptsch Neubauten erstehen liefs, von denen allerdings 
wenig mehr erhalten ist. Dagegen erfreut uns noch jetzt 
das von Georgs Schwiegersohne Herzog Karl II. vom Jahre 
1585 an erbaute Schlois zu Ols mit seinen charakteristischen 
Giebeln und Altanen. Das besonders schone Ostportal stammt 
aus dem Jahre 1603. Der Meister des Baues war ein ge- 



Architektur und bildende Kiinste. 115 

borener Liegnitzer, Hans Lucas, nachmals Hofbaunieister des 
Herzogs Johann Christian, fur welchen er noch die Oder- 
rniihle bei Ohlau und ein Haus in Liegnitz baute. Die 
Schonaichs errichteten die Schlosser Parchwitz und Carolath. 

Nicht in gleichem Mafse vermogen wir die Leistungen 
der Schlesier auf den anderen Gebieten der bildenden Kunst 
zu riihmen, doch lassen schon die in tiberaus grofser Zahl 
aus jener Zeit uns erhaltenen Grabfiguren und Grabdenk- 
maler, wenn sie gleich nicht den Grad von Vollendung 
haben wie die von italienischen Meistern gefertigten Hoch- 
graber des Bischofs Johann Thurzo im Breslauer Dome und 
des Patriziers Heinrich Rybisch in der Elisabethkirche ; oft 
ganz prachtvoll charakteristische Gestalten sehen, so die 
Grabmaler der Uthmann und Rhediger sowie des Crato von 
KrafFtheim in der Elisabethkirche zu Breslau. Das Grofs- 
artigste nach dieser Seite zeigen einerseits das etwa um 
1580 entstandene schon aufgebaute Altarwerk in der Kirche 
zu Klitschdorf bei Hirschberg, wo die Familie des Stifters 
(von Rechenberg), lebensgrofse trefflich in Holz geschnitzte 
und bemalte Figuren, vor dem Bilde des Gekreuzigten knien 
und anderseits das zu Breslau von dem Meister Gerhard 
Heinrich von Amsterdam gefertigte und 1 6 1 . in der Kirche 
zu Bohmisch-Friedland aufgestellte Grabdenkmal des Feld- 
marschalls Melchior von Redera, das in prachtvollem Aufbau 
(die Kosten betrugen an 40 000 Thaler) neben verschiedenen 
Reliefs die lebensgrofsen Gestalten des Marschalls, seiner 
Gemahlin und seines Sohnes zeigt. Kunstsinn und Kunstfertig- 
keit verraten auch manche namentlich im Besitze der In- 
nungen erhaltenen Kleinodien, die schonen Chorstiihle der 
Breslauer Magdalenenkirche, die prachtigen Holzschnitzereien 
im Rathause (Zimmer des Oberbiirgermeisters), die geschmack- 
voll gearbeiteten Gitter um den Taufstein in der Magdalenen- 
kirche und um den „ schonen Brunnen" zu Neifse, die 
figurengeschmiickte aus verschiedenfarbigem Marmor zusam- 
mengestellte Kanzel der Magdalenenkirche, ein Werk des 
Bildhauers Friedrich Grofs um 1580, neben vielen anderen. 
Die erste Karte von Schlesien, entworfen von dem Breslauer 
Lehrer M. Hellwig, merkwiirdig durch die Umkehrung der 
Himmelsgegenden , welche Norden an den untern Rand der 
Tafel setzt, schnitt 1561 H. Kien in Holz. 1571 erschienen 
aus der Feder des gelehrten Arztes Joachim Curaus, eines 
Schulers von Trotzendorf, die „Annales gentis Silesiae", an 
deren protestantischer Tendenz allerdings das Breslauer Dom- 
kapitel so schweren Anstofs nahm, dafs es sich bei dem 
Bischof und dem papstlichen Legaten Commendone ernstlich 



116 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

urn ein Verbot und eine Unterdruckung des Buches bemiihte. 
Diese hat danu der Biirgermeister von Sagan, Heinrich Ratel, 
„dem geraeinen Manne zu gut" verdeutscht und fortgesetzt 
(1585), ein Werk, das noch vier weitere Aunagen erlebt 
hat. An Curaus kniipft dann auch, ihn vielt'ach ganz direkt 
ausschreibend, Jakob von Schickfus mit seiner „ neu ver- 
mehrten schlesischen Chronika" (Jena 1625) an. Gegeniiber 
dieser protestantischen Geschicbischreibung den entgegen- 
gesetzten Standpunkt in einem grofseren Werke zu vertreten, 
hatte Bischof Martin Gerstmann den Neifser Gelehrten und 
nachmaligen bischoflichen Rat und Kanzler Wenzel Cromer 
von Krippendorf ausersehn und ihm auch noch in seinem 
Testamente ein ansehnliches Legat ausgesetzt. Doch ist 
Cromer nur bis auf die Zeit Bischof Konrads gekommen, 
und das ganze Manuskript ist dann bei der Pliinderung 
des Doms durch die Schweden zugrunde gegangen. 

Auch auf dem G ebiete der Dichtkunst sind in jener Zeit 
Fortschritte zu verzeichnen. Wenn, wie oben erwahnt ward, 
es einst der treffliche Lorenz Rabe (Corvinus) vermocht 
hatte, neben dem an Arbeit und Verantwortung so reichen 
Amte eines Breslauer Stadtschreibers noch Zeit fur eine 
ruhmreiche poetische Thatigkeit zu finden, so eiferte ihm 
einer seiner Amtsnachfolger nach, Franz von Kockritz ge- 
nannt Faber (Stadtschreiber 1542 — 1565), der zugleich als 
Archival* und Chronist geschatzt in einem lateinischen Ge- 
dichte von 1243 Versen unter dem Titel „Sabothus" (Zob- 
ten), wie es in seiner Grabschrift heifst, zugleich als der 
erste die alten Lygier zu besingen und die schlesischen 
Fliisse und Berge poetisch zu verherrlichen unternahm. 

Von ungleich grofserer Bedeutung aber noch war der 
Aufschwung, den die populare Dichtung in dieser Zeit 
nahm, und zwar kam der Hauptimpuls, wie es in diesem 
so wesentlich religios gesinnten Jahrhundert naturlich war, 
von kirchlicher Seite. Das allzeit sangesfreudige deutsche 
Volk hatte es ja iiberall mit Freuden begrufst, als bei 
der Neugestaltung des offentlichen Gottesdienstes die von 
der ganzen Gemeinde zu singenden geistlichen Lieder 
in deutscher Sprache eine so ansehnliche Vertretung fan- 
den. Sammlungen solcher Lieder, Gesangbticher , deren 
erstes zu Breslau 1525 erschien, um dann 1555, 1591, 
1618 stets vermehrt neu aufgelegt zu werden, fehlten in 
keiner Familie, und mit einem Liede daraus das Tage- 
werk zu beginnen und zu schliefsen gebot die fromme Sitte 
der Zeit. Bei dem Gottesdienste mufsten die Lieder aus 
dem Gedachtnisse gesungen werden, und das herrschende 



Geschichtsschreibung. Dichtkunst. 117 

Vorurteil, welches einem Mitbringen der Gesangbiicher in 
die Kirche and deren Gebrauch daselbst entgegenstand, hat 
erst Kaspar Neumann am Anfange des 18. Jahrhunderts be- 
kampft. Den Ton dieser Lieder anzustimmen flihlten sich 
dann bald auch Schlesier berufen, von denen manche wie 
Joachim Speeht, vor allem Johann Heermann (Pastor zu 
Koben, f 1647) eine bleibende Stelle in den geistlichen 
Liederbuchern erhalten haben. Aber auch von einer andern 
Seite kam die Anregung. Hatte die Reformation das Lesen 
der Bibel eigentlich jedem zur Pflicht gemacht und Luther 
durch seine klassische Ubersetzung, die schnell ein Gemein- 
gut des deutschen Volkes geworden war, dazu bequemste 
Gelegenheit geboten, so ward dadurch eine Flille neuen 
Stoffes, lyrischen wie episch-erziihlenden, dem Volke zuge- 
fiihrt, dessen Kenntnis als allgemein bekannt und interessant 
vorausgesetzt werclen durfte. So wurden die Psalmen Da- 
vids wiederholt in deutsche Reime gebracht, aber auch Er- 
zahlungen des Alten und Neuen Testamentes in gebundener 
Rede dem Leserkreise vorgeflihrt. Vor allem aber lockten 
diese biblischen Stoffe zu dramatischer Darstellung. So ent- 
standen jene zahlreichen Schulkomodien , kleine Dramen, 
haufig von Lehrern verfafst und immer von Schiilern aus- 
gefuhrt, die vom Ende des 16. Jahrhunderts an bis ins 
18. Jahrhundert ganz besonders eben in Schlesien die Schul- 
feierlichkeiten zierten, wenngleich daneben auch populare 
Dichter wie der Freund von Hans Sachs und Schuster wie 
dieser, Adam Puschmann aus Gorlitz, solche Stoffe, die in 
alterer Zeit fast ausschliefslich biblischen Inhalts waren 
(Adam und Eva, der verlorene Sohn, der arme Lazarus 
u. dgl), dem grofsen Publikum vorfiihrten. Bereits 1576 
ist auf dem Bischofshofe zu Breslau die Geschichte von 
Adam und Eva von Studenten und Handwerkern dargestellt 
worden. 

Diese Poesien und namentlich jene vorerwahnten Lieder 
wurden nun vielfach ganz vereinzelt als Flugblatter oder in 
kleineren Broschiiren in einer der zahlreichen Druckereien 
gedruckt, denen das Verbot von 1547 wenig hatte anhaben 
konnen. Wir fmden solche nicht nur in den grofseren 
schlesischen Stadten wie Breslau, Liegnitz, Brieg, Troppau, 
Glogau, Neifse, Schweidnitz, Ols, Glatz, sondern auch in 
kleineren Stadten wie Frankenstein, Steinau, Hundsfeld, 
Dyhrnfurth. Sie allesamt waren in den Handen der Pro- 
testanten, selbst die von Neifse hatte Bischof Balthasar 1555 
dem zur neuen Lehre neigenden dortigen Magistrate ge- 
schenkt, und aus diesen Druckereien gingen dann oft genug 



1 18 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

audi polemische und Spottschriften hervor, die in dem der- 
ben Tone jener Zeit den Gegnern wohl Argernis geben 
konnten. Aber auch auf die Kanzeln fand die geistliche 
Poesie ihren Weg, wie denn uberhaupt die durch die Re- 
formation in den Mittelpunkt des Gottesdienstes geriickte 
Predigt der Beredsamkeit ein weites und kaum begrenztes 
Feld eroffnete. Was damals der fromme Pastor Katschker 
(Aelurius) der Glatzer Chronist in seiner treuherzigen Art 
ausgesprochen hat: „wenn ein Theologus f'ein schicklich und 
fiiglich zu der Zeit, da er seinen Zuhorern einen Sermon 
thut, weifs annehmliche Historien zugleich mit einzufuhren, 
ist es sehr anmutig und zierlich" ; beherzigten sehr viele 
seiner Amtsbriider. Ein gelehrter und beliebter Prediger 
war zugleich der Lehrer seiner Gemeine, die sich damals 
allsonntaglich in bewundernswiirdiger Vollzahligkeit urn ihn 
scharte. Nicht nur die biblischen Stoffe sondern auch die 
durch das Wiederaufleben der klassischen Wissenschaften 
aufs neue nahe geriickten reichen Erzahlungen der Griechen 
und Romer mochten mit Nutzanwendungen versehen wohl 
eine christliche Predigt zieren, in der ja selbst die Tages- 
ereignisse haufig genug ihre Stelle fanden, und wie von der 
Kanzel herab die bedeutsameren Ereignisse des Familien- 
lebens zugleich verkiindet und geweiht wurden, so durften 
ebenso wohl neue Einrichtungen der Stadt von dieser Stelle 
herab angekiindigt und daneben auch gewiirdigt werden. 
So ward denn auch die epochemachende Veranderung 
der Uhr von der Kanzel zuerst besprochen. Es handelte 
sich dabei darum, die althergebrachte sogenannte ganze Uhr, 
welche nach italienischer Sitte die 24 Stunden eines Tages 
von einem Sonnenuntergang bis zum andern fortlaufend 
zahlte, gegen den halben Zeiger oder die halbe Uhr zu ver- 
tauschen, welche nach der uns allein gelaufigen Weise von 
Mitternacht bis Mittag 12 Stunden zahlt, um dann denselben 
Turnus noch einmal zu wiederholen. Diese Anderung war 
im westlichen Deutschland schon im 15. Jahrhundert viel- 
fach vorgenommen worden, und auch in Breslau wufste 
man um diese Zeit davon. Hier ward, wie uns berichtet 
wird, zuerst 1535 am Rathause ein kleines Tiirmlein mit 
einer halben Uhr aufgerichtet , doch scheint die Neuerung 
damals noch wenig Anklang gemnden zu haben, und 
wir erfahren, dafs die Uhr bald wieder in Unordnung ge- 
riet, ohne dafs sich jemand um sie kummerte. Allmahlich 
erhoben sich allerdings Stimmen, welche geltend machten, 
dafs der ganze Zeiger infolge der wechselnden Zeit des 
Sonnenunterganges „bei dem Kirchenregiment und den 



Verandcrung der Uhr und des Kalenders. 119 

Schulen Unordnungen herbeifiihre ", und so wurde denn fur 
Breslau 1580 durch ein Ratsdekret die halbe Uhr einge- 
fiihrt; einige schlesische Stadte wie Goldberg, Liegnitz, Glatz 
waren hier bereits vorgegangen, doch die ansehnlichen Stadte 
der Furstentumer Sehweidnitz-Jauer haben sich erst in den 
Jahren 1593 — 1595 zu der Neuerung bequemt. 

Um dieselbe Zeit ward auch der neue Kale n der hier 
eingefiihrt , in welchem bekanntlich auf Papst Gregors XIII. 
Veranlassung die von dem alten Julianischen Kalender unter- 
lassene Berechnung der bei der Zahl von 365 Tagen 
6 Stunden sich ergebenden Differenz von 12 Minuten und 
12 Sekunden nachgeholt und urn eine Ausgleichung herbei- 
zufiihren 10 Tage ubersprungen werden mufsten. Die An- 
ordnung des Papstes hatte das Jahr 1582 ausersehen, und 
bald folgten die katholischen Staaten der Weisung ihres 
geistlichen Oberhauptes, wahrend die protestantische Welt 
unter mancherlei Vorwanden, in Wahrheit allerdings wohl 
vornehmlich um der papstlichen Urheberschaft willen, sich 
noch ablehnend verhielten. Fiir Bohmen und dessen Neben- 
lander fiihrte ein kaiserliches Dekret von 1584 den neuen 
Kalender ein, die Auslassung der zehn Tage dagegen ist in 
den einzelnen schlesischen Stadten nicht ganz iibereinstini- 
mend erfolgt, so in Liegnitz zwischen dem 6. und 16. Januar, 
in Schweidnitz zwischen dem 12. und 22., in Breslau zwischen 
dem 19. und 29. Januar 1584. 

Als kulturgeschichtlich bedeutungsvoll und zugleich als 
Beleg dafiir, dafs gerade die stadtische Verwaltung von 
Breslau mit einer fiir jene Zeit ganz ungewohnlichen Sorg- 
samkeit und Genauigkeit gehandhabt ward, mag dann hier 
noch angefuhrt werden, dafs diese Stadt vom Jahre 1585 
an genau gefuhrte, nach Kalenderjahren und Monaten sowie 
nach Alter, Geschlecht und Todesursachen der Gestorbenen 
geordnete Sterberegister aufzuweisen vermag, wie solche in 
dieser Vollstandigkeit und Genauigkeit aus so friiher Zeit 
von keiner andern Stadt der Welt, selbst nicht von den 
europaischen Grofsstadten Paris und London nachzuweisen 
sind. 

Reaktionsbestrebungen gegen den Protestantismus. 

Nur mit Widerstreben wenden wir den Blick von der 
Kulturentwickelung wiederum auf die Vorgange, welche nur 
zu sehr die ganze Epoche beherrschen, die Kampfe der beiden 
Religionsparteien. Von zwei Religionsparteien konnte man 
in der eigentlichen Reformationszeit wenigstens in Schlesien 
kaum sprechen. Was uns da entgegentritt, erscheint nur 



120 Erstes Buck. Dvitter Abscknitt. 

als der Gegensatz zwischen der Laienwelt und der Geist- 
lichkeit, welche letztere gegen die von jener eigenmachtig 
vorgenommenen Reformen Widerstand leistet, urn so mehr 
da ihre Interessen dabei vielfach geschiidigt und verletzt 
erscheinen. Wir gewahren, wie ohne dais von Protesten 
einer unterdriickten Minoritat etwas verlautete, sich die neue 
Lehre iiberallhin verbreitet, wo nieht ein direkter aufserer 
Zwang ihr den Eingang versperrt. An eine Kirchentrennung 
wurde dabei in keiner Weise gedacht, die Kirche, hoffte 
man auf der Seite der Laien, solle eben in der neuen Form, 
welche hier als eine gelauterte, den Forderungen der hei- 
ligen Schrift mehr angepafste angesehen ward, weiter be- 
stehen, und selbst von der altglaubigen Geistlichkeit erwar- 
tete man, dafs sie allmahlich sich mit den neuen Gestal- 
tungen aussohnen werde, urn so eher, da auch in ihren 
Reihen reformatorische Ideen vielfach Eingang gefunden 
hatten, so dafs selbst viele Wiirdentrager der Hierarchie 
zu einem Kampfe gegen die Neuerungen wenig Neigung 
zeigten. 

Aber die Bewegung biifste den besten Teil ihrer un- 
widerstehlich vordringenden Gewalt ein, seitdem auch in 
ihr sich zwei Heerlager gebildet hatten, die sich grimmig 
unter einander anfeindeten und verfolgten, und auf der an- 
dern Seite gewannen auch die prinzipiellen Gegner der Re- 
formation erneuten Mut und verstarkte Widerstandskraft, 
seit die alte Kirche durch das Tridentiner Konzil sich gleich- 
sam neu konstituiert, auch unabweisliche Reformen durch- 
gefiihrt hatte und zwar auf einem Wege, der deni der neuen 
Lehre schnurstracks entgegenlief. Jeder Gedanke an eine 
giitliche Verstiindigung der auf einheitlich - hierarchischer 
Grundlage neu konstituierten katholischen Kirche mit den 
kirchlichen Schopfungen der reformatorischen Bewegung mufste 
jetzt aufgegeben werden, die Kirchentrennung war da, aber 
der Gedanke an die Herstellung eines friedlichen Zusammen- 
lebens der beiden durch ein verschiedenes Bekenntnis ge- 
trennten Parteien lebte damals kaum in einigen wenigen 
besonders erleuchteten Kopfen, die Priesterschal't auf beiden 
Seiten wufste da von nichts, ebenso wenig die protestantischen 
Eiferer, welche auf den Kanzeln gegen „die papistischen 
Greuel" donnerten, wie die katholischen Wiirdentrager, fur 
welche die Anhiinger der neuen Lehre nur verirrte Schafe 
waien, die auf jede Weise auf den rechten Weg zuriickzu- 
fiihren ihnen als Gewissenspflicht erschien. In erneutem 
G efiihle ihrer Macht riisteten sie sich allerorten zura Kampfe 
gegen die neue Lehre. 



Neuer Feldzug gegen den Protestantismus. 121 

Ein solcher Wiedereroberungskampf entbehrte in Schle- 
sien keineswegs aller Chancen, wennschon die weit iiber- 
wiegende Mehrheit der Einwohnersehaft der neuen Lehre 
anhing. Die Gesinnungen und Intentionen des Oberlandes- 
nerrn mufsten naturgernafs schwer ins Gewicht fallen, in den 
Handen des katholischen Klerus befand sich ein hier durch 
Sakularisation kaum wesentlich verminderter sehr ansehn- 
licher Grundbesitz, mit dem doch auch ein nicht geringer 
Einflufs auf die Bewohner verbunden war, ja der Bischof 
besafs ein schlesisches Fiirstentum, in welchem er als Landes- 
herr gebot, und aufserdem noch an verschiedenen Stellen 
Schlesiens sogenannte bischof liche Halte, Giiterkomplexe, 
die fast ebenso angesehen werden mufsten wie das Neifse- 
Grottkauer Land. Dazu waren die Bischofe als Oberlandes- 
hauptleute in gewisser Weise Statthalter von Schlesien. 
Allerdings wirkte gerade diese Stellung doch nach anderer 
Seite auch wieder mafsigend auf die Haltung der schlesischen 
Kirchenliirsten ein. Als Vorsitzende der Flirstentage be- 
fanclen sie sich in bestandigem personlichen Verkehr rait 
den protestantischen schlesischen Fiirsten, und dadurch zu 
einer gewissen Riicksichtnahme auf die Ketzer und doch 
auch auf die Ketzerei gendtigt, mufsten sie sich vor schroffem 
Auftreten in konfessioneller Hinsicht hiiten, urn nicht cleren 
Geneigtheit zu den vom Kaiser geforderten Bewilligungen 
zu raindern. So Avar denn das Breslauer Domkapitel, das 
als der eigentliche Mittelpunkt der Bestrebungen fur eine 
Reaktion auf kirchlichem Gebiet angesehen werden kann, 
mit der ganzen Reihe von Bischofen, welche im 16. Jahr- 
hundert den Breslauer Bischofsstuhl innehatten, im Punkte 
des kirchlichen Eifers nur maisig zufrieden. Dasselbe hat 
dann auch sogleich die Zeit der Sedisvakanz 1574 eiligst 
dazu benutzt, urn einige strengere Verordnungen, wie z. B. 
fur das ganze Bischofsland ein Verbot von Beerdigungen 
an katholisch geweihten Stellen fur Anhanger der neuen 
Lehre zu erlassen und anderseits den Magistrat des in einer 
bischollichen Enklave liegenden Stadtchens Canth, welcher 
sich zu der protestantischen Kirche in dem nahen Schosnitz 
gehalten hatte ; durch Bedrohungen zum alten Glauben zu- 
riickzufiihren gewufst, um so nach dieser Richtung hin 
wenigstens den neuen Oberhirten vollendete Thatsachen vor- 
finden zu lassen. In der Stadt Neifse das Abendmahl unter 
beiderlei Gestalt wieder abzuschaffen, schien selbst den Herren 
vom Kapitel gefahrlich. Wohl kamen , seit Rudolf II. zur 
Herrschaft gelangte, nun auch wohl vom Hole Weisungen 
an den Bischof, wenigstens in den Fiirstentumern Oppeln- 



122 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

Ratibor, die ja jetzt wieder unter der unmittelbaren Herr- 
schaft des Kaisers standen, und in denen der Protestantismus 
weniger eingewurzelt Avar, auf den Johannitercommenden 
und uberall, wo landesherrliches Patronat bestand, die evan- 
gelischen Geistlichen zu vertreiben und durch katholische 
zu ersetzen, doch vermied man es Gewalt anzuwenden, und 
die Bischofe druckten lange die Augen zu. Erst 1594 ver- 
mochte es der glaubenseifrige Johanniterkomtur Hans Met- 
tich trotz alles Widerstandes seiner Unterthanen und der 
Proteste der Brieger Herzoge, auf den Commenden Lossen, 
Grofs-Tinz und Klein -Ols die lutherischen Geistlichen zu 
vertreiben. Es war dies die Zeit, wo auch Abraham von 
Dohna, der Vater des noch vielfach zu erwalmenden Grafen 
Hannibal, auf seiner Herrschaft Polnisch-Wartenberg, Go- 
schiitz und Bralin den Kampf gegen die neue Lehre begann 
und (1601) auch die Stadtkirche zu Polnisch-Wartenberg 
den Protestanten wieder wegnahm. Ein langdauernder Kampf 
ward um die Ausiibung des protestantischen Bekenntnisses 
in Glogau gefiihrt, wo, als in der Hauptstadt eines dem 
Kaiser unmittelbar unterstehenden Fiirstentums, dessen Be- 
amte grofsen Einflufs ausiibten und auch das dortige Kol- 
legiatstift sich eifrigst gegen die neue Lehre wehrte. 

Es war hier erst 1564 den Anhangern der neuen Lehre, 
von denen hier 1077 Burger nur 140 Katholiken gegen- 
iiberstanden, gelungen, in der Person des Magisters Joa- 
chim Specht, eines Stadtkindes, einen evangelischen Geist- 
lichen zu erlangen, der aber dann auch nicht in der Stadt 
selbst, sondern in dem benachbarten Brostau Gottesdienst 
abhalten durfte. Da indessen die Brostauer Kirche unter 
landesherrlichem Patronate stand, so ward sie 1579 den 
Protestanten wieder genommen, und dieselben mufsten 
nun einige Jahre lang sich damit begniigen, auf benach- 
barten Dorfern, meist unter freiem Himmel, die Predigt 
eines aus der Nachbarschaft herkommenden Geistlichen zu 
horen, wozu besonders das jenseits der Oder liegende Dorf 
Weidisch ausersehen ward. Als jedoch am Dreikonigstage 
1581 Glogauer bei der Heimkehr auf dem Eise der Oder 
eingebrochen und in Lebensgefahr gekommen waren, erhob 
sich auf die iibertriebene Nachricht von diesen Vorgangen 
in der Stadt eine Bewegung, die immer anschwellend, schliefs- 
lich zur gewaltsamen Besitzergreifung der Pfarrkirche durch 
die iibervviegend protestantische Blirgerschaft fiihrte, ohne dafs 
dagegen dieBemuhungen des Landeshauptmanns und derGeist- 
lichkeit das mindeste fruchteten; eine standische Kommission, 
an der neben dem mild gesinnten Bischof Martin auch der 



Kirchliche Verhaltnisse in Glogau und Troppau. 123 

HerzogGeorgll. vonBrieg teilnahm, hat dann ein U bereinkom- 
rnen wegen abwechselnder Benutzung der Stadtpfarrkirche 
durch beide Konfessionen zuwege gebracht, und dabei ist es 
auch infolge der grofsen Standhaftigkeit der dortigen Protestan- 
ten bis auf weiteres geblieben, obwohl es an immer erneuten 
Bedrohungen und Bedrangnissen nicht gefehlt hat und z. B. 
1603 die acht Kirchenvater der evangelischen Gerneinde nach 
Prag gefordert und dort fast ein Jahr in Haft gehalten wor- 
dcn sind. 

Das erste Beispiel einer gewaltsarnen kirchlichen Reaktion, 
sogar unter dem Beistande militarischer Macht, hat jedoch 
das Furstentum Troppau gegeben, eine Landschaft, welche 
urspriinglich zu Mahren gehorig, dann unter eigenen Fiirsten 
aus dem Stamme der Premysliden , schon weil dieselben 
aueh das Furstentum Ratibor erworben hatten , im Laufe 
des 15. Jahrhunderts in einen naheren Zusammenhang mit 
Schlesien gekommen war. Seitdem es aber im Anfange des 
16. Jahrhunderts ein unmittelbar unter den Konigen von 
Bohmen stehendes Besitztum geworden war, sperrte sich 
namentlich der Landadel gegen die Verbindung mit Schle- 
sien , da ihm die Zugehorigkeit zu Mahren grofsere Frei- 
heiten und geringere Lasten zu verheifsen schien, wobei es 
ihnen noch zustatten kam , dafs kirchlich Troppau nicht zu 
der schlesischen Diozese, sondern zu der von Olmiitz ge- 
horte. Wahrend nun die Frage nach der politischen Zu- 
gehorigkeit nach lange streitig blieb, machte sich die der 
kirchlichen in der zweiten Halfte des 16. Jahrhunderts sehr 
fiihlbar, und jene andere Frage spielte dann insoweit auch 
mit hinein, als es die Landeshauptstadt hierbei sehr zu 
empfinden hatte, dafs sie eben in jenen Streitigkeiten mit 
den schlesischen Standen nicht ganz und gar aufseite des zu 
Mahren neigenden Adels gestanden hatte. 

In der Stadt Troppau hatte im Jahre 1540 der Magistrat 
der dortigen Deutschordenscommende das Patronat der Stadt- 
pfarrkirche abgekauft, doch hatte Konig Ferdinand 1542 den 
Vertrag nur mit der sehr prajudizierlichen Klausel bestatigt, 
dafs jeder neue Pfarrer die Bestatigung des Bischofs von 
Olmiitz beizubringen habe ; und dafs er rechten Glaubens 
sein miisse, also z. B. das Abendmahl nur unter einerlei 
Gestalt, wie es von altersher gewesen, reichen diirfe. Wenn 
diese Bedingung erfiillt werden sollte, so hing ; da nun ein- 
mal die Biirgerschaft und der Rat ihrer iiberwiegenden 
Mehrheit nach protestantisch gesinnt waren, alles davon ab ; 
dafs der vom Olmiitzer Bischofe approbierte katholische 
Pfarrer neben sich evangelische Prediger duldete, die in 



124 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

seiner Pfarrkirche die neue Lehre verkiindeten. Dennoch 
gelang das schwierige Stuck, wemi auch nicht ohne Rei- 
bungen, Beschwerden und Gesandtschaften an den Hot' lange 
Zeit hindurch; zwei Prediger, ein deutscher und ein boh- 
mischer, hielten unter den Augen des katholischen Pfarrers 
und gleichsam als Kaplane desselben evangelischen Gottes- 
dienst. Ja die Sache vereinfachte sich noch dadurch, dafs 
1569 der Pfarrer Siebenlot selbst zum Protestantismus uber- 
trat. So lange Maximilian II. regierte, waren Gewaltmafs- 
regeln schwer durchzusetzen , und als dieser gestorben war, 
mochte man zuniichst den Tod des bejahrten Pfarrers ab- 
warten wollen , auch konnte es doch schwer ins Gewicht 
fallen, dafs, wie ein gleichzeitiger Bericht meldet, im Jahre 
1580 nur noch 18 katholische Burger in der ganzen Stadt 
Troppau gezahlt wurden. Nach Siebenlots Tode 1580 pra- 
sentiert der Bat zwar wiederum einen katholischen Pfarrer 
dem Bischofe, zeigt sich aber zugleich entschlossen , auch 
die beiden protestantischen Diakonen in ihren Amtern zu 
schiitzen, und vermag alien Einreden des Bischofs von 01- 
miitz die Sachen in diesem Zustancle zu erhalten, bis 1599 
in der Person des Kardinals Franz von Dietrichstein ein 
Mann den mahrischen Bischofsstuhl bestieg, der in Madrid 
geboren, als Sohn des kaiserlichen Gesandten, unci zu Rom 
im Jesuitenkollegium gebildet, mit jugendlichem Eifer den 
Gedanken erfafste, das Land, in das er als Oberhirte ge- 
sendet ward, neu far den Katholicismus zu erobern und die 
Ketzer zu vertilgen, wie er denn gleich von Anfang an im 
mahrischen Landrechte ungeirrt durch den heftigsten Wider- 
spruch sich zu dem Grundsatze bekannte, in Mahren miisse 
die katholische Religion allein herrschen. Als ein Gunstling 
zugleich des Kaisers und des Papstes, gestiitzt durch weh> 
reichende Verbindungen unter der hochsten Aristokratie, 
hatte er Mittel in seiner Hand, fur seine Zwecke zu wirken, 
und die Troppauer bekamen dies bald zu empfinden. 

Auf sein Betreiben ward 1602 von den Troppauern die 
genaue Erfiillung des Vorbehalts von 1542 und damit die 
Abstellung der „ irrglaubigen " Prediger verlangt, ohne RiAck- 
sicht auf die besorglichen Vorstellungen des Rates, es moch- 
ten, woi'ern die bis auf eine verschwindende Minderheit 
protestantischen Einwohner jedes Gottesdienstes ihres Be- 
kenntnisses beraubt wurden, diese sich nach giinstiger situ- 
ierten Xachbarorten ziehen und die iStadt so herunterkommen, 
ja es wurden 1603 sogar die aus dem Rate und der Biirger- 
schaft nach Prag gesandten Vertreter des Rats und der Ge- 
meine gewaltsam zuriickgehalten und unter den schwersten 



Die Stadt Troppau in die Acht erklart. 125 

Strafen dem Rate die Schliefsung der Kirche und Entfernung 
der protestantischen Prediger aufgegeben. Dei' Rat gehorcht, 
aber die erregte Biirgerschaft eroffnet die Kirche wiederuui 
gewaltsam, und bald wird auch der sich furchtlos in die 
Stadt wagende Kardinal hier durch Schmahungen und Stein- 
wiirfe bedroht. 

Darauf wird am 20. Oktober in der bohmischen Kanzlei 
die Acht iiber Troppau verhangt und die Burger wegen 
Landfriedensbruch.es und Majestatsbeleidigung jedes Schutzes 
der Gesetze fur verlustig erklart, aller Verkehr mit der 
Stadt den Umwohnern untersagt, die Markte fur aufge- 
hoben, die Freiheiten der Ziinfte fiir nichtig, die Meister, 
Gesellen und Lehrjungen fiir unehrlich erklart. Noch wird 
allerdings die harte Sentenz nicht verkiindet, und die kaiser- 
lichen Kommissare vermitteln die Unterwerfung der Stadt 
um so leichter, als sie, da das kaiserliche Manclat von 1542 
nur von der Pfarrkirche spreche, zwei kleinere leerstehende 
Kirchen den Protestanten offnen lassen. Als jedoch 1604 
auch diese auf des Kardinals Veranlassung gesperrt werden, 
erhebt sich ein Tumult in der Stadt, das Volk nimmt sich 
aufs neue die Piarrkirche mit Gewalt, und nun wird die 
Acht iiber Troppau in aller Form publiziert, ohne dafs der 
Verwendungen der schlesischen Fiirsten und Stande weiter 
geachtet wurde. Die Durchfiihrung derselben verzogert jedoch 
der gefahrdrohende Aufstand Stephan Boczkais in Ungarn, 
und erst nachdem der Friede geschlossen 1607, ergeht an das 
zu entlassende Regiment des Obersten von Geifsberg der 
Betehl, nach Troppau zu marschieren, angeblich um dort 
ausgezahlt und abgedankt zu werden, thatsachlich um die 
Unterwerfung der Stadt zu erzwingen. 

In wilder Angst erhebt sich jetzt die Biirgerschaft, vor 
dem Gedanken zitternd, den ziigellosen Soldnerhaufen, der 
iiberall seinen Weg durch Plundemngen bezeichnet hatte, 
in seine Mauern aufzunehmen; durch das Beispiel der Be- 
wohner von Neutitschein , welche Stadt Geilsberg vergebens 
zu stiirmen versucht, angefeuert, seitens der schlesischen 
Nachbarn mit Hoffnungen auf thatlichen Beistand erfiillt, 
riisten sie sich zur Gegenwehr, und im August 1607 fliefst 
das erste Blut vor den Mauern der Stadt. Aber aus Schle- 
sien kommt statt der erwarteten Hilfe schliefslich nur ein 
zur Unterwerfung mahnendes Schreiben des Bischofs von 
Breslau als Oberlandeshauptmanns , und da sich der Oberst 
sowohl fiir die Disziplin seiner Truppen wie dafiir, dafs die 
Troppauer fiir ihre Religion nichts zu fiirchten batten, ver- 
biirgte, so kapitulierte die Stadt, und Geifsberg riickte nach 



126 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

sechswochentlicher Belagerung am 22. September 1607 in 
Troppau ein. 

Wenn cler Oberst den guten Willen hatte seine Ver- 
sprechungen zu erfullen, so gebrach ihm doch die Macht 
dazu ; die Soldaten, ohne Sold gelassen, haben acht Monate 
lang thatsachlich vom Marke der Stadt gezehrt, und dafiir, 
dafs die Gegenreformation grilndlich durchgeftthrt ward, 
sorgte der Kardinal und der ganz in seinem Sinne wirkende 
kaiserliche Kommissar Ferdinand von Dohna. Es ward in 
der That nach hartem Strafgerichte liber die an dem Wider- 
stande Schuldigen und Landesverweisung der protestantischen 
Prediger jede Spur des evangelischen Gottesdienstes getilgt, 
den Biirgern bei harter Strafe der Besuch auswartiger Kir- 
chen verboten und ihnen die Haltung der katholischen Feier- 
tage, die Teilnahme an der Fronleiehnamsprozession geboten, 
ja thatsachlich der Betrieb ihrer biirgerliehen Nahrung ihnen, 
wofern sie nicht zum Katholicismus iibertreten wollten, aufs 
aufserste erschwert und natiirlich auch in den Schulen nur 
noch katholischer Unterricht gestattet. Bald lag alle Ge- 
walt in der fast ganz protestantisch gewesenen Stadt aus- 
schliefslich in den Handen unduldsamer Eiferer, und es bil- 
deten sich Verhaltnisse, unter denen doch auch der Wohl- 
stand der Stadt schwer litt, bis endlich der Majestiltsbrief 
wieder Erleichterung schaffte. 

Dagegen hat man in der Landeshauptstadt Breslau gliick- 
licher gegen die beginnende Reaktion Widerstand zu leisten 
vermocht. Es handelte sich an erster Stelle um die Ein- 
fiihrung von Jesuiten. Das Auftreten dieses Ordens ist in 
der That epochemachend fur die Geschichte der katholischen 
Kirche geworden und zwar nach doppelter Seite hin. Wenn 
es fur den Katholicismus eine Lebensfrage war, dafs es 
gelang, dem in der eigentlichen Reformationszeit bei der 
damaligen weitgehenden Entartung des Klerus so verhang- 
nisvoll fiihlbar gewordenen Mangel an tiichtig gebildeten und 
zu hingebender Thiitigkeit fiir ihren Glauben bereiten Geist- 
lichen abzuhelfen, so gewahrte der Orden gleich bei seinem 
Auftreten und durch seine schnelle Verbreitung eine gewisse 
Sicherheit, dafs dies gelingen konne und wiirde, und gab 
ein Beispiel , das von der grofsten Bedeutung sein mufste. 
Aber auf der andern Seite gab er auch zugleich das Bei- 
spiel einer zeitgemafsen Reform des geistlichen Ordenswesens. 
Er setzte dem verfallenden Monchtum neue grofsere Ziele, 
die ja nun wohl ein neues Leben erwecken, zu neuen An- 
strengungen locken und reizen konnten und durch ener- 
gischen Kampf gegen die neue Lehre die Wiedergewinnung 



Die ersten Jesuiten in Breslau. 127 

der friiheren Macht und des friiheren Einflusses fur die 
Kirche verhiefsen. Die zweckbewufste Energie dieser Ordens- 
manner errang schnell Erfolge und fand begreifliclierweise 
hohe Gunst bei den geistlichen Obern, aber sie rifs auch 
die grofse Mehrheit des katholischen Klerus, alle die Elemente, 
welche, wenn auch nur aus Bequemlichkeit mit ihren kirch- 
lichen Gegnern zu transigieren sich gewohnt hatten, in ihre 
Bahnen fort, und die Protestanten gewahrten bald die Ge- 
fahrlichkeit eines Feindes, der von so unversohnlichem Hasse 
gegen ihre Interessen erfiillt, so unermiidlich thatig, so wenig 
wahlerisch in seinen Mitteln, so blind den Befehlen der 
Obern gehorsam war, und suchten daher mit der grofsten 
Energie vor diesem gefahrlichen Feinde mit argwohnischer 
Sorgsamkeit ihre Thore und ihre Mauern zu schliefsen. 

Sie hatten es nun allerdings nicht verhindern konnen. 
dafs 1581 zwei Jesuitenpatres auf dem Dome zu Breslau 
sich einfanden, um dort zu predigen und zu lehren, doch 
als auf den ubereinstimmenden Wunsch des Bischofs Martin 
Gerstmann sowie des papstlichen Legaten die Errichtung 
eines Jesuiten- Kollegiums in Schlesien betrieben ward, am 
liebsten in Breslau, wo man das nur noch schwach besetzte 
Dominikanerkloster zu St. Adalbert fiir sie ausersehen hatte, 
eventuell auch in Glogau ocler Neifse, erhob sich doch ein 
gewaltiger Sturm gegen den Plan. Die Fiirsten und Stande 
remonstrierten und erklarten eine Storung des Friedens 
daraus entstehen zu sehen, Herzog Georg II. von Brieg 
wandte seinen ganzen Einflufs dafiir auf, den Plan zu ver- 
eiteln , der Rat von Breslau wufste einzelne argerliche Vor- 
komranisse, welche der Bekehrungseifer der hier wirkenden 
Patres hervorgerufen hatte, sehr energisch nach oben hin 
geltend zu machen, und schliefslich war selbst bei der eifrigst 
katholischen Korperschaft, dem Breslauer Domkapitel, die 
Meinung iiber den Orden doch nicht ganz ungeteilt, da der- 
selbe zuweilen allzu selbstbewufst aufgetreten war; kurz das 
Resultat war, dafs vor dem Dreifsigjahrigen Kriege es zu 
einer grofseren Niederlassung der Jesuiten in Schlesien nicht 
gekommen ist und selbst die zwei Stellen der auf dem Dome 
wirkenden Patres zeitweilig leer geblieben sind. 

Der Majestatsbrief. 

Die im Vorstehenden naher dargestellten Ereignisse in 
Troppau hatten die schlesischen Fiirsten und Stande doch 
vielfach beschaitigt, und in deren Verhandlungen bilden 
Klagen iiber das Geifsbergsche Kriegsvolk einen immer 



128 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

wiederkehrenden Punkt, wie auch die harte Behandlung der 
Troppauer Protestanten unter die Gravamina gerechnet wird, 
welche die Schlesier gegen die Regierung Rudolfs II. geltend 
zu machen fanden. Diesen Abhilfe zu verschaffen boten nun 
mit einemraale die Streitigkeiten in dem Habsburgiscben 
Herrscherbause gute Gelegenbeit. Bei Kaiser Rudolf II. 
hatte sicb ein Hang zum Triibsinn in innner bedenklicherer 
Weise entwickelt. Infolge einer krankhaften Furcbt vor dem 
Dolcbe eines Meucbelmorders scblofs er sicb mebr und mehr 
von jedem Verkelir mit der Aufsenwelt ab, und seit 1600 
stellten sicb doeh aucb bereits Anfalle von direkter Geistes- 
storung und Tobsucbt ein, welcbe seine Umgebung bedrobten. 
Dabei aber gerat er, als er von einem Plane, ibm eine Art 
von Coadjutor zur Seite zu stellen, vernabm, in den grofsten 
Zorn und fafst sogar^ gegen seinen Bruder Matthias, den er 
zum Stattbalter von Osterreich gemacht hatte, einen immer 
steigenden Hafs, gegrundet auf den Argwobn, dafs dieser 
ihn vom Throne verdriingen wolle, ja er geht damit um, nicbt 
dem Bruder, sondern seinem Vetter Leopold von der stei- 
rischen Linie die Thronfolge zuzuwenden. 

1604 trieb dann seine Harte gegen die Protestanten 
Ungarn zu einem Aufstande, der um so gefahrlicher ward, 
als die Turken denselben unterstutzten und gleichzeitig zu 
neuen Einfallen beniitzten. Als dann Matthias gliicklich 
einen Frieden zu vermitteln begonnen hatte, machte der 
Kaiser immer neue Schwierigkeiten , und ein im Dezember 
1605 unternommener Versuch der drei Erzherzoge Matthias, 
Maximilian und Ferdinand, fur den ersteren ausgedelmtere 
Vollmachten zur selbstiindigen Regelung der ungarischen 
Verhaltnisse zu erlangen, scheiterte vollstandig an Rudolfs 
Starrsinn. Nun schlossen die beiden erzherzoglichen Bruder 
von der osterreichischen Linie, Ferdinand und Maximilian 
Ernst, am 25. April 1606 zu Wien einen Vertrag, der mit 
Riicksicht daraut", dafs der Kaiser durch seine Krankheit 
und Gemutsverstimmung zeitweilig zur Regierung minder 
tauglich sei, namens des Familienrates dem altesten Bruder 
Matthias die Vollmacht zur Fiihrung von Ilnterhandlungen, 
d. h zu selbstandigem Vorgehen erteilte. Doch der fried- 
fertige Matthias zogerte lange, von dieser Vollmacht Ge- 
brauch zu machen. Als aber Rudolf seinen Hafs gegen den 
Bruder ganz unverhohlen zeigte und auf dem Regensburger 
Reichstage gegen Ende des Jahres 1607 denselben geradezu 
anklagte und fiir die Verwirrung der ungarischen Ange- 
legenheiten allein verantwortlicb machte und dabei die immer 
noch ausbleibende Bestatigung der von Matthias abgeschlos- 



Zwiste im Hause Habsburg. 129 

senen ungarischen Friedensvertrage das Land in neue Kriegs- 
note zu stiirzen drohte, entschlofs sich Matthias zu ener- 
gischera Auftreten und schlofs am 1. Februar 1608 zu Prefs- 
burg mit den Hauptern der ungarischen und osterreichischen 
Stande eine Konfoderation, welche die Teilnehmer verpflichtete, 
die ungarischen Vertrage notigenfalls mit bewaffheter Macht 
gegen alle Widersacher derselben zur Durchfuhrung zu 
bringen. Bald traten diesem Bunde auch die Mahrer bei 7 
welche durch manche Akte der Willkiir gereizt, doch auch 
ihrerseits die oben geschilderten Vorgange in Troppau, das 
sie ihrem Lande zuzahlten, schwer empfunden hatten. 

In merkwiirdiger Weise wirkten bei dem ganzen Bunde 
der Kronlande sehr entgegengesetzte Stromungen zusammen. 
Unzweifelhaft bildeten die Protestanten dabei vielfach das 
treibende Element, aber Hand in Hand mit ihnen gingen 
hierbei eifrige Katholiken, und derselbe Erzherzog Matthias, 
den die Verbtindeten auf den Schild erhoben, war der Be- 
schiitzer des Bischofs Klesl, dem sehr harte Mafsregeln gegen 
die Protestanten in Osterreich zur Last fielen. Was sie ver- 
einigte, war im Grunde das Bestreben, Reiner thatsachlich 
bestehenden Mifsregierung abzuhelfen und zugleich die 
standischen Freiheiten zu schiitzen, unter denen dann aller- 
dings auch die Freiheit des religiosen Bekenntnisses eine 
Rolle spielte. 

Indem die Verbiindeten nun im Frlihling 1608 auch Ge- 
sandtschaften an die Schlesier abgehen liefsen, ward dies 
Land vor die grofse Frage gestellt, ob es an der revolutio- 
naren Erhebung der drei unierten Kronlande sich unmittelbar 
beteiligen wolle. Es Avar natiirlich, dafs eine Regierung, wie 
die Rudolfs II. war, sich auch hier nicht allzuviel Freunde* 
zu erwerben vermocht hatte, wenngleich soldi riicksichtslose 
und gewaltsame Eingriffe, wie sie in Ungarn und Mahren 
veriibt worden, hier weniger vorgekommen waren. Unter alien 
Umstanden aber blieb es bei dem eingewurzelten Respekte 
vor der kaiserlichen Wiirde ein bedeutungsvoller und nicht 
so leicht zu thuender Schritt, sich entschieden einem Bunde 
anzuschliefsen, der in offenbarer Emporung ein Heer gegen 
die kaiserliche Residenz Prag heranftlhrte, um den Kaiser zu 
seinem Willen zu zwingen. 

Zu solchem kiihnen Schritte die Stande fortzureifsen hatte 
in Ungarn die drangende Gewalt unleidlich gewordener 
Zustande vermocht, in (Jsterreich zugleich die Autoritiit des 
Statthalters Erzherzog Matthias, in Mahren der eminente 
Einflufs eines Parteihauptes in der Person Karls von Zierotin, 
in Schlesien aber fehlte es gerade damals durchaus an einer 

Giiinhagen, Gesch. Scblesiens. IT. <J 



130 Erstes Buch. Drifter Abschnitt. 

Personlichkeit, welche zu einer ausschlaggebenden Thatigkeit 
geeignet gewesen ware. Eben in cler entscheidenclsten Zeit, 
am 25. April 1608, starb der Oberlandeshauptmann der 
Bischof Johann von Sitsch; es war also die Stelle, von der 
aus rechtlich die Leitung der Fiirsten und Stande zu er- 
warten gewesen ware, thatsachlich erledigt, und gleichzeitig 
bestand eine Vakanz in dem piastischen Fiirstenhause von 
Liegnitz-Brieg-Wohlau, das sonst weitaus zu dem grofsten 
Einflusse auf die scblesisehen Verhiiltnisse berufen war, in- 
folge der Minderjahrigkeit der Sohne Herzog Joachims 
Friedrich (f 1 603), welcher wiederum alle drei Furstentumer r 
Liegnitz, Brieg und Wohlau, in einer Hand vereinigt hatte. 
Die Vormundschaft iiber dessen Erben Johann Christian und 
Georg Rudolf fiihrte Karl II. von Ols-Miinsterberg, ein wohl- 
gesinnter Mann, aber nicht eben von grofser Thatkraft, den 
nur in Ermangelung eines Besseren der Kaiser eben damals 
zum Landeshauptmann bestellte. 

Es blieben da noch zwei oberschlesische Fiirsten: zu- 
nachst Adam Wenzel von Teschen, der etwa seit 1596 die 
Regierung iibernommen, eine Personlichkeit, die in etwas 
an die damaligen liederlichen Liegnitzer Piasten erinnert, 
abenteuerlustig und prachtliebend viel mehr, als fiir sein nicht 
eben reiches Landchen zutraglich war, in seinem Protestan- 
tismus eifrig bis zur Unduldsamkeit , so dafs er in seinem 
Furstentume kein anderes Bekenntnis als das Augsburgische 
dulden wollte, dabei aber doch nach oben hin vielfach ge- 
bunden dem Kaiser gegenliber, dem er als Kriegshauptmann 
wiederholt gedient, und vor allem durch seine immerwahren- 
den Geldnote. Mit seinen Bemtihungen una die Herzog- 
tiimer Troppau und Jagerndorf spielt er in den nun folgen- 
den Zeiten eine dunkele und zweideutige Rolle. Es ware 
nicht zu denken gewesen, dafs ihm die Leitung der schle- 
sischen Angelegenheiten hatte zufallen sollen. 

So war noch iibrig der Hohenzoller, der in Jagerndorf 
und als Pfandherr in Oderberg und Beuthen gebot. Nach 
dem kinderlosen Hingange von Georg Friedrich, dem ein- 
zigen Sohne Markgraf Georgs des Frommen, 1603 hatte nach 
dessen letztwilliger Verfiigung der Kurfiirst von Brandenburg 
Joachim Friedrich die Erbschaft angetreten und 1606 seinem 
zweiten Sohne Johann Georg diese schlesischen Lande uber- 
lassen, und dieser hatte auch thatsachlich die Regierung an- 
getreten, wenngleich der Kaiser die Giiltigkeit des Testa- 
mentes von Georg Friedrich bestritt, da weiland Markgraf 
Georg der Fromme das Herzogtum Jagerndorf nur auf seine 
direkten Descendenten und eventuell auf die frankische Linie 



Schlesien gegeniiber den unierteu Erblanden. 131 

hatte vererben diirfen, eine Meinung, die alierdings aus den 
Verleihungsurkunden nicht hinreichend sich stiitzen liefs. 
Die Auffassung des kaiserlichen Hofes hatte zwar die that- 
sachliche Besitzergreifung durcli den Markgrafen nicht ver- 
hindert, da die definitive Entscheidung „ auf dem gebiihrenden 
Rechtswege" erfolgen sollte, doch batte derselbe die Zu- 
lassung zn den Fiirstentagen noch nicht durchsetzen konnen, 
so dafs er schon deshalb aufserstande war, in diesen Kreisen 
den Einflufs zu uben, den ihm sonst seine Gesinnung und 
die Energie seines Charakters hiitte verschaffen konnen. 
Immerhin war es erklarlich, wenn er damals im Beginne 
des Jahres 1608 mit grofsem Interesse die sich vorbereiten- 
den Umwiilzungen verfolgte und einen eignen Agenten in 
Mahren bei dem dortigen Parteihaupte Karl von Zierotin 
hielt, um naher von den Vorgangen unterrichtet zu werden, 
wie solches alierdings auch von Herzog Karl II. von Miinster- 
berg berichtet wird. 

Kaiser Rudolf, der das Ungewitter heraufkommen sah, 
hatte Anfang April 1608 fiir den 14. dieses Monats einen 
Generallandtag aller Kronliinder nach Prag berufen, doch 
inzwischen hatte Matthias ein ansehnliches Heer gesannnelt 
und rlickte, nicht aufgehalten durch wiederholte Sendungen 
seines Bruders, die immer nur unzulanglich scheinende An- 
erbietungen brachten, gegen Bohmen vor, nachdem er auch 
Gesandte der noch aufserhalb der Verbindung stehenden 
Kronlande, d. h. Bohmens, Schlesiens und der Lausitz zuni 
4. Mai nach Czaslau eingeladen. Offenbar war alles auf 
eine Anderung des Regiments , d. h. auf die Entthronung 
Rudolfs abgesehen 7 wo man dann von dem neuen Herrscher 
durch eine Art von Wahlkapitulation die notigen Garantien 
beziiglich der Landesprivilegien und speziell auch der reli- 
giosen Freiheit zu begehren nicht unterlassen haben wiirde. 
Man wird kaum zweifeln cliirfen, dafs wenn die Bohmen 
sich einfach der Bewegung angeschlossen hatten ; die Schlesier 
schwerlich eine Veranlassung gefunden haben wiirden, nun 
ihrerseits in die Bresche zu treten und Leib und Leben fur 
einen Herrscher wie Rudolf einzusetzen. Doch das kaum 
Vorauszusetzende geschah, die Bohmen versagten sich dem 
Bunde der anderen Kronlande und hielten zu Rudolf, aus 
nicht ganz durchsichtigen Beweggriinden , wenn sich gleich 
vermuten lafst, dafs auf der einen Seite der bohmische Stolz 
sich dagegen straubte, sich von den Ungarn und Mahren 
einfach ins Schlepptau nehmen zu lassen 7 und dafs ander- 
seits solche Regungen zu nahren im Interesse der starken 
Protestantenpartei unter den bohmischen Grofsen lag, welche 

9* 



132 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

mit den Protestanten ira Reiche dock darin ubereinstimmen 
niochten, dafs erne Teilung der habsburgischen Macht in 
zwei einander argwohnisch und mifstrauisch beobachtende 
Halften dem Protestantismus wohl zugute komraen konne. 

Sowie aber die Verhaltnisse diese Wendung nahmen, 
ward die Entscheidung fur die Schlesier schwer genug. Be- 
sonderen Grand zu den Bohmen zu halten batten sie ent- 
schieden nicht, aber docb kaum mehr Sympathien fur die 
Mahrer, bei denen das Slaventum nicht minder vorwog als 
bei den Bohmen, und mit denen sie schon urn des Tropp- 
auer Landes willen in DifFerenzen standen. Das protestan- 
tische Interesse aber liefs sich auf beiden Seiten wahren, 
ob man die Garantien der Glaubensfreiheit als Preis des 
Festhaltens an dem legitimen Herrscher oder aber als 
Lohn fur den Anschlufs an den Pratendenten verlangte und 
empfing. 

Die Schwierigkeit der Entscheidung und der Mangel 
eines entschlossenen ausschlaggebenden Hauptes zeigt sich 
nun auch in dem ganzen Verhalten der Schlesier, in ihrem 
zogernden Vorgehen. Wahrend Matthias mit seinem Heere 
bereits Ende April in Bohmen vorriiekt, lassen die Schlesier, 
dem Beispiel der Bohmen folgend, den von ihm zum 4. Mai 
nach Czaslau geladenen Landtag unbeschickt, und als der 
Erzherzog durch die schnell auf einander folgenden Bot- 
schaften des Kaisers nicht aufgehalten, von Czaslau nach 
Kolin zieht, beruft der neu ernannte Oberlandeshauptmann 
von Schlesien, Karl II., erst zum 20. Mai einen Furstentag, 
und erst hier finden nun gegen Ende Mai die Gesandten 
der Verbiindeten Gelegenheit, ihre Botschaften auszurichten. 
Die Fiirsten und Stande nehmen dieselben sehr freundlich 
auf, erklaren im wesentlichen ihre Zustimmung dazu, die 
Bestatigung des ungarischen Friedens und die Abstellung 
der Gravamina durchzusetzen , weichen aber der Forderung 
eines direkten Anschlusses vorsichtig aus ebenso wie der 
Zusage kriegerischen Beistandes. Indem sie ihr Interesse 
fur den osterreichischen Staat beteuern, wagen sie die weit- 
gehende Behauptung, „es sei in diesen Landen (Schlesien 
namlich) kein adlich Geschlecht, aus welchem nicht viel der* 
ihrigen zu Schutz und Rettung der Hungarischen und Oster- 
reichischen Grenzen ihr Blut vergossen, auch Leib und Leben 
gelassen hatten. Doch hatten die jetzo cntstandenen Diffe- 
renzen das Ansehn, wo denselben durch ertriigliche glimpf- 
liche Mittel absque armis mit Ehestem nicht abgeholfen wer- 
den sollte, dafs hieraus leicht ein so schadliches einheimisches 
Feuer aufgehen mochte, durch welches nicht allein das lob- 



Verspiitetc Entschliefsungen der Schlesier. 133 

liche Haus Ostreich in Verterb gesetzt, sondern auch die 
Kron Hungarn, diese und andre benachbarte Konigreich und 
Land bei so gefahrlicher Nachbarschaft der Tiirken und 
Tartaren zu entlicher Verwiistung, auch wohl gar unter ihr 
barbarisches unertragliches Joch gebracht werden mochten." 
Deswegen raten sie unter Vermittelung der Kurfursten Frie- 
den zu schliefsen, da ja aufserdem der Kaiser sich bereits 
ihnen gegeniiber verpfiichtet habe, den ungarischen Frieden 
unverziiglich zu bestatigen. 

Es war im Grunde erklarlich, dafs die Gesandten der 
verbiindeten Kronlande mit dieser Erklarung nicht zufrieden 
waren , und wirklich brachten sie es dahin, dafs die Schle- 
sier einen Schritt weiter gingen und sich dahin resolvierten, 
sie wollten eine Gesandtschaft an den Kaiser absenden, und 
falls dieselbe nicht eine Erledigung ihrer Gravamina erlangte 
insoweit, dafs dem Lande Schlesien ein Geniige geschehe, 
dafs die Privilegien renoviert und ins kiinftige auch wirk- 
lich iiber denselben gehalten wiirde, wiirden sich Ftirsten 
und Stande als ihrer Pnicht ipso facto entlassen ansehen und 
sich an den Erbherzog Matthias ziehen als Intercessor und 
Successor der Krone Bohmen und gleich mit den anderen 
unierten Landen unter dessen Protektion sich zu begeben 
fur befugt erachten. 

Wer wollte in Abrede stellen, dafs sich mit diesem Be- 
schlusse, der Drohung des Abfalls zu Matthias, fiir die Schle- 
sier von dem Kaiser manches, ja vieles hatte erreichen lassen, 
wenn er rechtzeitig 7 d. h. zu der Zeit ; wo in dem Feldlager 
Matthias' vor Prag (Ende Juni 1608) die Verhandlungen 
mit Rudolf und den Hauptern der Bohmen schwebten, and 
dabei mit riicksichtsloser Energie geltend gemacht worclen 
ware. Doch nach der einen wie nach der andern Seite 
liefsen es die Schlesier an sich fehlen; ihre Gesandten trafen 
zu spat ein und wurden dann von dem Appellationsprasi- 
denten und den andern kaiserlichen Kommissaren hingezogen 
und mit freundlichen Worten vertrostet, bis das Abkommen 
mit Matthias fertig war. Bei den Verhandlungen selbst 
hatten zwar die Verbiindeten auch Schlesien und die Lau- 
sitzen fiir Matthias begehrt, doch die Bohmen hatten erklart, 
dafs sie sich eher in Stiicke hauen lassen wiirden, ehe sie 
das zugaben und aufserdem geltend gemacht, dafs ja die 
Schlesier selbst noch menials eine Anderung des Regiments 
gefordert hatten. So ward denn thatsiichlich ganz ohne 
Teilnahme der Schlesier und iiber deren Kopfe hinweg 
am 25. Juni 1608 der denkwiirdige Vertrag zwischen Mat- 
thias und dem Kaiser abgeschlossen , durch welchen dieser 



134 Erstes Buch. Drittter Abschnitt. 

Ungarn, Osterreich und Mahren seinem Bruder iiberliefs, 
den er aufserdem auch zu seinem Nachfolger erklarte. Nack- 
dem dies geschehen und Matthias rait seinem Heere abge- 
zogen war, war es nicht zu verwundern, wenn die Fiirsten 
und Stande unter dem 18. Juli vom Kaiser wegen ihrer 
versteckten Drohungen und ihrer Verhandlungen mit Mat- 
thias einen Verweis und auf ihre Gravamina einen bis aui 
geringfiigige Einzelheiten ablehnenden Entscheid erhielten. 

Bei der ganzen Bewegung, welche den Erzherzog Mat- 
thias so grofse Erfolge hatte erringen lassen, hatten sehr 
verschiedene Momente zusammengewirkt : neben dem Eifer 
fur Erlangung eines hoheren Mafses von religioser Freiheit 
hatte die urn Matthias gescharten osterreichischen und mah- 
rischen Grofsen doch auch der Wunsch geleitet, dera stan- 
dischen resp. aristokratischen Elemente in der Verwaltung 
und Regierung ihrer Heimatlander eine grofsere Geltung zu 
verschaffen und bei dieser Gelegenheit auch das driickende 
Ubergewicht von Bohmen als des Hauptlandes der Wenzels- 
krone abzuschiitteln. Nur diese letzteren Wiinsche hatte 
auch der Vertrag vom 25. Juni zu erfullen vermocht, da- 
gegen hat Matthias nur mit grofsem Widerstreben sich be- 
wegen lassen, im Punkte der Religionsfreiheit eine geniigende 
Zusicherung zu erteilen. Nach langen Verhandlungen, welche 
sich bis in das Jahr 1609 hinein fortziehen, und entspre- 
chend dem aristokratischen Zuge, der durch diese ganze 
Bewegung geht, erfolgte schliefslich auch die Bewilligung der 
Religionsfreiheit in einer Form, welche der Aristokratie den 
besten Teil derselben zuwendete. 

Sehr anders standen ja nun die Dinge bei den Schle- 
siern ; hier ware an die Griindung einer Adelsherrschaft, 
wie solche namentlich in Mahren sehr ernstlich ins Auge 
gefafst wurde, nicht zu denken gewesen; schon das Vor- 
handensein einer Anzahl von Fiirsten mit ihrer iiberragenden 
Stellung wiirde da entgegengestanden haben, und ebenso- 
wenig wiirde sich die Landeshauptstadt mit ihrer anerkann- 
ten Macht und ihrem Einflusse auf das Niveau der mahri- 
schen Stadte haben herabdriicken lassen. Die Eifersucht 
auf Bohmen dagegen war auch hier vorhanden, und es 
hatten daher auch Forderungen wie die, dafs niemand vor 
Gericht nach Prag gezogen werden solle, und dafs die Schle- 
sier den Ordnungen Karls IV. entsprechend an der Wahl 
eines bohmischen Konigs ins kiinftige teilnahmen, in den 
dem Kaiser Rudolf iiberreichten Gravaminas ihre Stelle ge- 
funden, aber thatslichlich trat auch dies Moment zuriick 
gegeniiber den religiosen resp. konfessionellen Wiinschen, 



Die besondereu Iuteressen der Schlesier. 135 

welche doch hier die Hauptsache bildeten. Es handelte sich 
dabei zunachst allgemein um die Forderung freier Religions- 
ubung- fur das Augsburger Bekenntnis, dessen Anhanger 
iiberall ihrem Glauben nach leben, ihren Gottesdienst iiben, 
sich Kirchen bauen, Schulen errichten diirfen und um ihres 
Bekenntnisses willen in keiner Weise zurlickgesetzt oder von 
irgendwelchen Amtern und Stellungen ausgeschlossen sein 
sollten, wobei natiirlich auf die oben geschilderten Vorkomm- 
nisse in Troppau sehr ernstlich hingewiesen wurde, dann 
aber auch speziell um die Stellung des Biscliofs von Breslau, 
und zwar nach zwei Seiten bin: insofern die schlesischen 
Fiirsten und Stande jetzt verlangten, dafs die Stelle des 
grofsen Freiheitsbriefes von Konig Wladislaw, welche die 
Ernennung eines Oberlandeshauptmannes aus der Reihe der 
schlesischen Fiirsten anbefahl, als nur auf einen weltlichen 
Fiirsten gehend interpretiert werde, so dafs die Bestellung des 
Breslauer Bischofs zu dieser Wlirde fortan unmoglich werde, 
und dafs ferner dem Anspruch des Bischofs, in den Landen, 
wo er auch weltliche Herrschaft iibe, nur das katholische 
Bekenntnis zu dulden, entgegenzutreten sei. Der 1(308 ver- 
storbene Johann VI. von Sitsch, Bischof von Breslau 1600 
bis 1G08, der eigentlich zuerst wieder die konfessionellen 
Interessen schroffer betonte und namentlich gegen die Pro- 
testanten seines Gebietes streng vorgegangen Avar, hatte zu 
diesen Forderungen den niichsten Anlafs gegeben, und als 
jetzt im Juli 1608 das Breslauer Domkapitel einen Vetter 
des Kaisers aus der steirischen Linie, den strengglaubigen 
Erzherzog Karl zum Bischofe erwahlte resp. postulierte, da 
durfte den Protestanten wohl davor bangen, dafs dieser nach 
derselben Seite hin um so eifriger und erfolgreicher thatig 
sein wiirde, als ihm Geburt, Verwandtschaft und Rang ein 
ganz besonderes Mafs an Einflufs sichern mufsten. Jetzt 
gerade Sicherheitsmafsregeln fur die Zukunft zu schaffen, 
konnte wohl geboten erscheinen, und da man eben damals, 
was seit langer als einem Jahrhundert nicht vorgekommen 
war, als Oberlandeshauptmann und Leiter der Stiindever- 
sammlung nicht einen Bischof, sondern einen weltlichen und 
zwar einen protestantischen Fiirsten in der Person des Her- 
zogs Karl von Munsterberg hatte, also in den religiosen 
Fragen ungehinderter Beschliisse zu fassen vermochte und 
aufserdem mit dem bedrangten und gedemiitigten Kaiser 
leichteres Spiel zu haben, ja von demselben als Lohn fur 
die bewiesene Anhiinglichkeit grofsere Zugestandnisse for- 
dern zu konnen glaubte, so sehen wir die schlesischen Fiir- 
sten und Stande sehr energisch und beharrlich ihr Ziel ver- 



136 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

folgen, ohne dafs wir Aufklarung daruber erhielten, wer in 
der Versammlung eigentlich besonders das treibende Element 
fur eine Thatigkeit gewesen ist ; welche der Initiative des 
sonst wenig bedeutenden Karl von Mimsterberg zuzuschreiben 
schwer fallen mufs. 

Herzog Karl hatte nach Breslau zura 26. August 1608 
einen Fiirstentag ausgesehrieben , urn dort den Bericht der 
im Juni nach Prag geschickten Gesandtschaft zu vernehmen, 
und zwar hatte er das aus eigener Machtvollkommenheit 
gethan, wenngleich nicht ohne dem Kaiser davon Mitteilung 
zu raachen. Diese Eigenmachtigkeit hatte Rudolf zwar ge- 
rtigt, jedoch zu diesem Fiirstentage selbst nachtraglich noch 
Kommissarien gesandt, deren Eroffnungen aber so wenig zu 
befriedigen vermochten, dafs vielmehr eben dieser Fiirsten- 
tag eine neue Deputation an den Kaiser abzusenden be- 
schliefst, die dann in sehr ausfuhrlicher Instruktion den 
Auttrag erhalt, auf das ernstliehste die Abstellung der 
schlesischen Gravamina dem Kaiser ans Herz zu legen. 
Hier wird es mit einfachen Worten ausgesprochen, der 
Schutz der Landesfreiheiten und Privilegien seitens der 
Obrigkeit, und Pflicht und Gehorsam seitens des Unterthanen 
seien Correlativa, und das eine fiele mit dem andern. Und 
indem die schlesischen Stande voile Glaubensfreiheit fordern, 
berufen sie sich darauf, es sei „doch auch den Standen in 
Bohmen die Religion freigelassen, die geschlossenen Kirchen 
eroffnet und noch ferner also versichert worden, dafs wenn 
auf nachstkiinftigem Landtage ihre Specialia dieses Punktes 
eroffnet wiirden, die Stande nicht schuldig sein sollten ? 
zu einiger Proposition zu schreiten, nicht zuzugeben noch 
zu bewilligen, es ware denn diesem Punkte zuvor abge- 
holfen, und solchem nach sollen mittlerweile alle drei Stande 
in der Religion ungehindert bleiben, es erfolgten auch geist- 
liche und weltliche Befehle." Da nun die Schlesier doch 
nicht schlechter gestellt (deterioris conditionis) als die Boh- 
men sein wollten 7 so wiirde es ihnen nicht zu verdenken 
sein, wenn sie jenem Beispiele folgten, ;? mafsen denn die 
gehors. Fiirsten und Stande in diesem Punkte , so ihr Ge- 
wissen, daruber Gott allein zu herrschen hat ; concerniret, 
gar nicht abweichen konnten". 

Es kann uns in dieser Beschwerdeschrift vor allem die 
Anspielung auf die Bohmen interessieren, welche in ihrer 
thatsachlichen Unrichtigkeit, insofern dieselben dam als noch 
weit davon entfernt waren ; die Religionsfreiheit ihrerseits 
durchgesetzt zu haben ; den besten Beweis dafiir liefert, dafs 
damals noch keinerlei Verbindung zwischen den Standen der 



Oppositionelle Stellung gegen den Kaiser, Streit mit dem Bischofe. 137 

beiden Nachbarlander stattfand, sondern die Schlesier ganz 
auf eigene Hand vorgingen. Jenen Irrtum hebt audi die 
kaiserliche Antwort vom 16. Dezember 1608 hervor, welche 
sonst in sehr mildem Tone gehalten zwar in einigen un- 
wesentlichen Punkten nachgiebt, in den Hauptsachen aber 
keine Zusicherungen macht, insofern sie im Punkte der 
Giaubensfreiheifc den Schlesiern keinerlei Grund zu einer 
Beschwerde einraumt und beziiglich der Wahl von Bischofen 
zu Oberlandesbauptleuten es kurzweg beim alten lassen will. 

Darauf aber antworten die schlesischen Stande in ihrer 
um Pfingsten 1609 gehaltenen Zusammenkunft ganz einfach 
mit einer Verweigerung der vom Kaiser begehrten Steuer- 
resp. Biergelcler. 

Zu diesem Landtage nun schickte auch der neue Bischof 
Karl Gesandte, und deren Eroffnungen, sowie die Antworten 
daraut enthalten so interessante Angaben iiber die Stellung 
der beiden Religionsparteien in Schlesien zu einander, dafs 
wir etwas naher darauf eingehen miissen. Der Bischof ver- 
sichert in seiner „ Instruktion " fur die Gesandten vom 
29. Mai 1608 zunachst seine Bereitwilligkeit, an der Ver- 
teidigung der Landesprivilegien teilnehmen zu wollen, erhebt 
aber dann, wenngleich in sehr milder Form, Einspruch gegen 
die zwei Punkte, welche ihn betrafen, namlich einmal die 
geforderte Ausschliefsung der Bischofe von der Wiirde des 
Oberlandeshauptmanns ais nur weltlichen Fursten zukom- 
mend, und vor allem gegen die ihm aufzuerlegende Be- 
schrankung seines Strebens, an dem Orte, wo er zugleich 
als Landesherr gebot, das katholische Bekenntnis allein herr- 
schen zu lassen. Er fuhrt hierzu thatsachlich an, es seien 
im ganzen Lande Schlesien in den protestantisehen Fursten 
erbeignen Stadten, Flecken und Dorfern kein einziger ka- 
tholischer Burger oder Bauer zu linden, ja selbst in Seiner 
Majestat Erbfurstentumern gabe es keine Stadt noch Dorf 
aufser vier oder etliche mehr Stadte und nur eine geringe 
Anzahl von Dorfern, wo nicht die Kirchen ganz und gar 
mit protestantisehen Pradikanten besetzt seien, und wenn in 
den protestantisehen Landen ein Begrabnis, em Taufen oder 
eine Trauung sollte gehalten werden, so setzten sich, wenn- 
gleich die weltliche Obrigkeit es gestatte, doch die Pradi- 
kanten auf alle Weise dagegen. Um so unbilliger miisse 
es dem gegeniiber scheinen, wenn man dem Bischofe, dem 
doch eigentlich vermoge der ihm iibertragenen Religions- 
inspektion im ganzen Lande die Pfarrherren vorgestellt 
werden miifsten, nicht einmal da, wo er zugleich Landes- 
herr sei, gestatten wolle, darauf zu halten, dafs die Geist- 



138 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

lichen hier in Glaubenssachen nicht anderer Meinung seien 
als er. 

Darauf erwidern Fiirsten und Stande unter dem 6. Juni ; 
es sei seit dem Antritt von Konig Rudolfs Regierung von 
den protestantischen Fiirsten und Standen allzeit so gehalten 
worden, dafs sie die der katholischen Religion Zugethanen 
hohen und niedern Standes und die ihrer Herrschaft unter- 
worfenen Stifter ganz ruhig bei ihrer Religion hatten bleiben 
lassen, ihnen Begrabnisse, Trauungen und Taufen verstattet. 
Dieselben hatten auch in etlichen Stadten Kirchen unh Kirch- 
hole fur sich, und das angefiihrte Beispiel von der Stadt 
Glogau treffe nicht zu, da dort die protestantische Btirger- 
schaft, erst nachdem man ihr die Kirche zu Brostau, mit der 
sie sich bisher begniigt, weggenommen 7 nach der Pfarrkirche 
in der Stadt gegriffen habe. Fiirsten und Stande wiinschten 
nichts mehr, als dafs zwischen den Anhangern beider Be- 
kenntnisse Liebe und Freundschaft herrsche und beide sich 
als Glieder eines Korpers ansehen. Wenn jetzt der Bischof 
fiirchten lasse, er wolle in seinem Lande die Augsburger 
Kontessionsverwandten zur katholischen Religion mit Gewalt 
bekehren oder aus dem Lande treiben, so sei das eine be- 
denkliche Neuerung, deren Konsequenzen er selbst am meisten 
fiirchten miisse, sie stehe zugleich im Gegensatze mit der 
von dem Kaiser in Bohmen erteilten Resolution, und man 
hoffe, dafs er bei diesen Grundsatzen nicht beharren werde. 
Ebenso bemiihen sie sich, ihre Forderung inbetreff der Be- 
schrankung der Oberhauptmannswiirde auf die weltlichen 
Fiirsten zu rechtfertigen. 

Jener schlesische Plingstlandtag von 1609 schickt dann 
wieclerum die Gesandtschaft ab, die nun schon zum dritten- 
male ihren Weg nach Prag fand, bestehend aus dem Frei- 
herrn Weighard von Promnitz, Standesherr von Plefs, Hans 
Georg von Zedlitz auf Stroppen, Siegmund von Burghaus 
auf Stolz, Dr. Andr. Geifsler, Fiirstlich Liegnitzscher Rat, 
und Wenzel Otto vom Rate zu Schweidnitz. Als diese am 
15. Juni 1609 in Prag sich zusammengefunden hatten, zeigte 
es sich fur sie sehr schwierig, eine Audienz beim Kaiser zu 
erlangen, und sie wurden wochenlang von Tag zu Tag mit 
immer neuen Entschuldigungen hingehalten, dahingegen wur- 
den sie sogleich nach ihrer Ankunft von den Stimmfuhrern 
der Protestanten in dem bohmischen Landtage, welche eben 
in jenen Tagen sich bewaffnet und geradezu in Kriegsriistung 
gesetzt hatten, aufgefordert , mit ihnen ein Biindnis einzu- 
gehen zum Zwecke gegenseitigen festen Zusammenstehens 
gegen jeden Angreifer ihrer religiosen Freiheit, allein die 



Anstrenguugen zur Erlangung eiaes Majestatsbriefes. 139 

Person des Kaisers ausgenommen. Die schlesischen Ge- 
sandten gingen bereitwillig darauf ein unter Vorbehalt einer 
nochmaligen Riickfrage bei den Fiirsten und Standen be- 
ziiglich der Spezialitaten. Nachdem diese neue Vollmacht 
eingetroffen, ward zwischen den schlesischen und bohmischen 
Standen am 13. Juli „ein Defensionswerk " aufgericktet, die 
gegenseitige Verpflichtung enthaltend, es solle fur den Fall, 
dafs in einem der beiden Lande irgendwer, wer es sei (nur 
des Kaisers Person ausgenommen), gleichviel ob in des Kai- 
sers Namen, die christliche Religion, Kirchen, Schulen, Kon- 
sistorien unter irgendwelchem Vorwande turbieren wollte, 
der andere Teil auf die erste Forderung hin'mit 1000 Mann 
geworbenen Kriegsvolkes und 2000 geworbenen Knechten 
auf seine Kosten, innerhalb eines Monats mit ebenso viel und 
endlich im aufsersten Notfalle mit aller ihrer aufsersten Macht 
zuhilfe kommen, „also wie sie zuforderst ihren Konig, sich 
selbst, ihr Weib und Kind und daz ganze Vaterland zu 
beschtitzen vermeinen", was dann von beiden Seiten mit 
feierlichen Eiden bekrilftigt wird. 

Als dieses Biindnis wirklich abgeschlossen ward, hatten 
die Bohmen bereits die mit so grofsen Anstrengungen er- 
strebte Gewahrleistung ihrer Religionsfreiheit, den sogenannten 
Majestatsbrief, erlangt, unter den Kaiser Rudolf am 9. Juli 
seine Unterschrift gesetzt hatte, und der am 12. in Beglei- 
tung einer jubelnden Menge auf das Altstadter Rathaus ge- 
bracht worden war. Einige von den protestantischen Standen 
gewahlte und vom Kaiser bestatigte Defensoren hatten iiber 
die Ausfiihrung des Majestatsbriefes zu wachen, und ein 
gleichfalls am 9. Juni vollzogener Vertrag zwischen den 
protestantischen und den katholischen Standen war bestimmt, 
noch etwaige Liicken jener Urkunde oder Unklarheiten der- 
selben authentisch zu erkliiren. 

Es lag nun auf der Hand, dafs die schlesischen Gesandten 
gleiche Zugestandnisse auch fur ihr Land zu erstreben suchen 
wiirden. Sie fanden dabei die voile bundesmafsige Unter- 
stiitzung bei den Bohmen , welche dem Kaiser rund heraus 
erklarten, sie wiirden ihr geworbenes Kriegsvolk nicht eher 
entlassen, bis die Forderungen der ihnen verbiindeten Schle- 
sier erfiillt seien. Die Gesandten erlangten nun wirklich 
am 31. Juli eine Audienz bei dem Kaiser und trugen diesem 
vor, die letzte wesentlich ablehnend lautende Entscheidung 
und namentlich auch das Schreiben des Breslauer Fiirst- 
bischofs, welcher darauf bestanden habe, in seinen und der 
Geistlichkeit Landen nur die katholische Religion zu dulden, 
hatte die schlesischen Fiirsten und Stande so bestiirzt ge- 



140 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

inacht, dafs sie wesentlich infolge dessen die vom Kaiser 
begehrte „Hilfe" abgelelmt und ihnen, den Gesandten, auf- 
getragen hiitten, urn so dringender ein Zusicherung der Re- 
ligionsfreiheit einerseits und anderseits die Beschriinkung der 
Hauptmannswiirde auf einen der weltlichen Fiirsten zu er- 
bitten. Sehr eindringliche Verwendung zugunsten der so 
libel liehandelten Troppauer und der Belassung der Glogauer 
bei ihrer einen „ innehabenden " protestantischen Kirche bil- 
den den Schlufs dieser Vorstellungen, welche Kaiser Rudolf, 
an noch schlimmeres von den Bohmen bereits gewohnt, ruhig 
hinnahm und in Erwagung zu ziehen versprach. Seitdem 
ward nun fast Tag fiir Tag mit den kaiserlichen Raten liber 
diese verlangten Konzessionen verhandelt unter Beistand der 
bohmischen Protestanten. Als endlich die Religionsfreiheit 
im Prinzipe zugestanden war, klammerte sich der Wider- 
spruch nocb an den sogenannten „ Oberamtspunkt " und ver- 
suchte wenigstens die Hauptmannswiirde fur die Bischofe zu 
retten. Dock die Gesandten blieben fest, halfen am geeigneten 
Orte auch wohl mit Geschenken nach, und am 20. August 1609 
hatten sie die Hauptsache durchgesetzt, einen Majestatsbrief 
fiir die Schlesier nach Art des bohmischen, eine Zusicherung 
wegen der Wahl der Landeshauptleute aus der Reihe der 
weltlichen Fiirsten , ja schliefslich noch kaiserliche Mandate 
nach Troppau und Glogau, Bewilligungen, welche sie mit einer 
Geldbewilligung von 100000 Thalern nicht zu teuer erkauft 
zu haben meinen durften, um so weniger, da thatsachlich 
diese Summe an Kaiser Rudolf wegen der bald nachher be- 
ginnenden Zerwiirfnisse nie gezahlt worden ist. 

Dieser Majestatsbrief fiir die Schlesier ist nun ein hochst 
merkwiirdiges Aktenstiick. Auch vor dem bohmischen, der 
verwickeltere Verhaltnisse mehr historisch darlegt, zeichnet 
er sich aus, indem er in klaren und einfachen Ziigen die 
vollstandige paritatische Gleichberechtigung der beiden Reli- 
gionsparteien festsetzt mit einer Freiheit und Konsequenz, fiir 
die man sich im 17. Jahrhundert vergebens nach Beispielen 
umsieht. Denn in der That geht die Urkunde, welche die pro- 
testantischen Fiirsten und Sttinde Schlesiens unter dem Bei- 
stande der Bohmen dem widerstrebenden Habsburger abge- 
rungen hatten, nicht einen Schritt weiter, als den Protestan- 
tismus, oder richtiger gesagt, das Augsburgische Bekenntnis 
vollstandig gleichberechtigt neben den Katholicismus zu stellem 
Dem letzteren wird sein gesamter Besitzstand mit alien Giitern 
und Herrschaften gewiihrleistet, und mit vollstandig gleicher 
Wage wird jedem der beiden Bekenntnisse das Recht, Kirchen 
und Schulen zu bauen, ihren Gottesdienst nach ihrer Weise 



Der schlesische Majestatsbrief 1609. 141 

zu halten, die Sakramente zu spenden, zugewogen. Diese 
voile Paritat sollte dann zu einem Zustande fiihren, bei dem 
die beiden Religionsparteien „nunmehr als Glieder zu einem 
Corpore gehorig, einander lieben, fordern und beiderseits fur 
einen Mann in alien Unsern (des Kaisers) und des Vater- 

landes Nothdurften und Angelegenheiten beisammen als 

treue Freunde stehen" sollten, Worte, welcbe im wesentlichen 
aus der Eingabe der sclilesischen Stande in den Majestats- 
brief hinubergekommen waren und so der Gesinnung der 
Schlesier urn so mehr Ehre machen, als sie weder erzwungen 
noch trugerisch erscheinen. 

Aber wie hatte dieser schone Traum in Erfiillung gehen 
mogen? Mit Anstrengung aller Krafte batten die Schlesier 
gleichzeitig mit dem Majestatsbrief die Zusicherung erlangt, 
dafs die Wahlbarkeit zum Oberlandeshauptmann fortan auf 
die weltlichen Fiirsten beschrankt sein sollte, eine Mafsregel, 
die um so schwerer von den Bischofen empfunden ward, da 
sie ihnen eine Wiirde und Machtvollkommenheit entzog, auf 
welche ihnen langer Gebrauch ein gewisses Anrecht gegeben 
zu haben schien, und doppelt lebhaft von dem damaligen 
Inhaber des Breslauer Bischofstuhles, dem stolzen Erzherzoge 
Karl, dem Vetter des Kaisers. Und noch nach einer andern 
Seite brachte der Majestatsbrief Abbruch an der Wiirde des 
Bischofs. Im 16. Jahrhundert, wenigstens unter Ferdinand I., 
hatte man immer noch daran festgehalten , dem Breslauer 
Kirchenfiirsten fur seine ganze Diozese die geistliche Aufsicht, 
die bischofliche Gewalt, im Prinzipe wenigstens auch den 
Protestanten gegeniiber, zu wahren. Mochte das Recht zur 
Zeit auch thatsachlich ruhen, es bestand doch noch, mit dem 
Majestatsbriefe aber fiel es, und schliefslich war, obgleich 
auch in dem neuen Religionsprivilege jene gewisse Beschran- 
kung, durch die man im 16. Jahrhundert die Gewissen be- 
ruhigt hatte, insoweit nicht fehlte , als die erteilten Kon- 
zessionen streng genommen nur interimistisch, namlich ,,bis 
zu einer christlichen, vollkommenlichen und endlichen Ver- 
einigung wegen der Religion im heil. romischen Reiche" 
gelten sollten, doch immerhin die in der Urkunde der neuen 
Lehre zugestandene Paritat und Gleichwertigkeit mehr, als 
die katholische Kirche jemals einem andern Bekenntnisse 
zugestehen zu konnen gemeint hatte. Der Breslauer Bischof 
Erzherzog Karl protestierte gegen den Majestatsbrief, indem 
er denselben fur erschlichen und ihm selbst unverbindlich 
erklarte und sich getrostete, der Kaiser werde diese „ubel 
impetrierte Konzession wiederum kassieren." 

In den schlesischen Stadten aber ward allerorten das 



142 Erstes Buch. Dritter Abschnitt. 

; ,theure Kleinod" der erlangten Glaubensfreiheit mit grofsem 
Jubel proklamiert, in den protestantischen Kirchen wurden 
Dankgottesclienste gefeiert, von den Tiirmen Musik gemacht ; 
in den gelehrten Schulen Redeakte gehalten und zahlreiche 
Lobgedichte zum Preise des grofsen Ereignisses verfafst. 

Und in der That schien Grofses erreicht. Jene mach- 
tige Bewegung der Geister, welche das 1G. Jahrhundert ent- 
ziindet, die eine Reform der gesamten kirchlichen Verhalt- 
nisse unternommen und in dem weitaus grofsten Teile von 
Schlesien Zustimmung gefunden hatte, sie war jetzt von dem 
Landesherrn riickhaltlos anerkannt und als gleichberechtigt 
neben den alten Glauben hingestellt worden. Es kam jetzt 
nur darauf an, ob diese neu gewonnene Stellung auch fur 
die Folgezeit zu behaupten sein wtirde. 



Zweites Buch. 

Die Zeiten des Dreifsigjahrigen Krieges. 



Erster Abschnitt. 

Schlesien unter Kaiser Matthias 1612—1619. Die Ein- 
richtuns einer schlesischen Provinzialregieruiig. 



Zu der Zeit, als in dem Majestatsbriefe der Schlesier die 
Erwartung ausgesprochen ward, dais fortan die beiden reli- 
giosen Bekenntnisse in Frieden und Einigkeit neben einander 
leben wiirden, standen in schroffem Gegensatze hierzu im 
Deutschen Reiche die Katholiken und Protestanten bis an 
die Zahne bewaffnet, in die beiden Heerlager der Union und 
Liga gespalten einander gegen liber, und jeden Augenblick 
schien ein erbitterter Kampf zwischen ihnen entbrennen zu 
sollen. Umsonst hatte Fiirst Christian von Anhalt, der un- 
eriniidlich eifrige Anhanger der protestantisehen Union, der 
wahrend der bohmischen Verwickelungen der letzten Jahre 
vielfach seine Hande im Spiel gehabt hatte, sich bemiiht, die 
Protestanten der Erblande speziell aueh die Schlesier enger 
mit der Union zu verknupfen. Es war ihm nicht gelungen ; 
der schlesische Majestatsbrief wahrte den Konzessionen einen 
eng landschaftlichen Charakter und vermied sogar jede Aus- 
dehnung derselben auf andere als die strengen Bekenner der 
Augsburger Konfession, so dafs die Reformierten, die in der 
Union die Oberhand hatten, eigentlich ausgeschlossen er- 
schienen. 

Aber auf der andern Seite gelang es nicht, die Krafte 
der katholischen Welt zu vereinen zur Herbeifiihrung einer 
Reaktion gegen die Resultate der Bewegung in den habs- 
burgischen Erblanden, die ja allerdings hier sich zu einera 
Siege des Protestantismus gestaltet hatte. An ein Unter- 
nehmen derart dachte wohl der junge streitbare Bischof von 
Passau, Erzherzog Leopold, als er 1611 mit einem urspriing- 
lich fur die Sequestration der jiilich-clevischen Erbschaft ge- 

Griinliagon, Gescli. Schlesiens. II. 10 



146 Zweites Bach. Erster Abschnitt. 

worbenen Heere in Bohmen einfiel und gegen Prag an- 
riickte. 

Sein Vetter Kaiser Rudolf wollte ihm wohl und hatte ihm 
ja sogar die Nachfolge im Reiche zugedacht, aber seine Ab- 
sichten gingen doch nach anderer Seite hin. Wie wenig 
ihm auch der Protestantismus sympathisch war, so fiillte 
doch seine Seele vornehmlich der Hafs gegen seinen Bruder 
Matthias nebst dem Wunsche, diesem die abgetretenen Herr- 
schaften wieder zu entreifsen, und urn diesen Preis hatte er 
auch protestantische Hilfe nicht verschmaht; aber wahrend 
umgekehrt die ausschlaggebende Macht der katholischen 
Welt Spanien gerade mit Matthias in gutem Einvernehmen 
stand und von einem Unternehmen , das gegen diesen min- 
destens ebenso sehr als gegen den Protestantismus gerichtet 
war, sich entschieden abwandte, mochte auch die Liga 
der katholischen Fiirsten sich fiir eine Restitution Rudolfs 
in alien Erblanden nicht verpiiichten. 

So scheiterte dann das Unternehmen, wenn es gleich dem 
Passauer Kriegsvolke gelungen war, sich des auf dem linken 
Moldauufer gelegenen Stadtteiles von Prag, der Kleinseite, 
zu bemachtigen. Die bohmischen Stande beeilten sich, die 
Schlesier auf Grund ihres Btindnisses von 1609 zuhilfe zu 
rufen, und diese zweifelten keinen Augenblick daran, dafs 
der casus foederis, die Voraussetzung ihrer bundesmafsigen 
Hilfe, ein Angriff urn des Glaubens willen, in dem Unter- 
nehmen Erzherzog Leopolds gegeben sei. Sie riisteten eifrig, 
warben Kriegsvolk, ja die Stiidte bewehrten ihre Mauern; 
man war nicht ohne Besorgnis, dafs im eigenen Lande die 
katholische Partei eine Erhebung versuchen konne. Der 
Dechant von Troppau Sarkander, den sein ubermafsiger Eifer 
dort sehr mifsliebig gemacht hatte, gait fiir einen eifrigen 
Agenten des Passauer Bisehofs, und der tief verschuldete Herzog 
Adam Wenzel von Teschen, der ja dann auch bald daraufzum 
Katholicismus iibergetreten ist, warb, wie es hiefs, Truppen, 
die den Passauern zuhilfe kommen sollten; ihm sollte, wenn 
das Unternehmen gelange, das Herzogtum Troppau zufallen. 

Ehe die schlesische Hilfe herankam, war das abenteuer- 
liche Unternehmen in Bohmen bereits gescheitert, aber Kaiser 
Rudolf kostete sein halbes Einverstandnis mit dem Passauer 
Vetter seine Krone. Die Bohmen, die 1609 seinen wanken- 
den Thron noch gehalten, wandten sich jetzt 1611 gleich- 
falls von ihm ab. Matthias eilte selbst herbei und zog, 
jubelnd empfangen, in Prag ein; die schlesische Gesandt- 
schait, welche in aufserst stattlicher Ausriistung, 150 Pferde 
stark dort erschien, hatte nur noch die Aufgabe, die Rechte 



Eutsetzung Rudolfs II. 147 

der Schlesier bei der neuen Wahl, welche jetzt nach der 
erzwungenen Verzichtleistung Rudolfs vorgenommen werden 
mufste, geltend zu machen. 

Wohl macht damals im Naraen des Kaisers Herzog Julius 
von Braunschweig noch den Versuch, an den Schlesiern und 
den mit diesen zusammenhaltenden Lausitzern Rudolf erne 
Stiitze zu schaffen gegen die auf seine Abdankung dringen- 
den Bohmen, doch die Schlesier mogen sich von den andern 
Erblanden nicht trennen, wahrend sie allerdings ebensowohl 
wie die Lausitzer den Bohmen gegeniiber Einspruch da- 
gegen erheben, dais dieselben sich als das Haupt der Erb- 
lander angesehen und ilmen die Wahl des neuen Konigs 
Matthias als fertigen Beschlufs mitgeteilt hatten. Schlesien 
sei nicht durch Eroberung sondern durch freiwilligen An- 
schlufs an die Krone Bohmen gekommen und durch Ver- 
einigung mit dieser resp. Einverleibung neben den Bohmen 
Mitglied geworden. Die schlesischen Fiirsten, die selbst mit 
den bohmischen Konigen vielfach verschwiigert seien, konnten 
sich nicht als Lehnsleute der bohmischen Stande ansehen 
lassen. Sie batten erwarten miissen, durch die Einladung 
zu dem gemeinsamen Landtage zur Beratung der Proposition, 
vermoge deren Rudolf bei seinen Lebtagen die Krone seinem 
Bruder Matthias abtreten zu wollen erklarte, berufen zu 
werden, nicht aber einen bereits gefafsten Beschlufs vorzu- 
finden, dem sie sich einfach zu fiigen hatten, wie ja durch 
die goldene Bulle Karls IV. von 1348 die Vertreter der 
Nebenlande zur Teilnahme an der Wahl eines bohmischen 
Konigs ausdriicklich berufen seien. 

Die Bohmen beriefen sich dem gegeniiber hauptsachlich 
auf das Herkommen und schlugen vor, die Streitfrage wegen 
der schlesischen Pratensionen der Entscheidung eines aus 
beiden Liindern zu besetzenden Gerichtes zu iiberlassen. Da 
im iibrigen die schlesischen Gesandten sich bereit erklarten, 
falls sie von Rudolf ihres geleisteten Unterthaneneides ent- 
bunden wiirden und von Matthias Bestiitigung ihrer Privi- 
legien und Majestatsbriefe sowie Ubernahme der Landes- 
schulden zugesagt erhielten, den letzteren als Konig und 
obersten Herzog in Ober- und Niederschlesien anzusehen, 
so nalun die ganze Angelegenheit ihren ruhigen Verlauf. 
Kaiser Rudolf entband die Schlesier ihres Eides, und Matthias 
empfing 1611 die Zusage, in Breslau die Huldigung des 
Landes und seiner Stande zu empfangen. Den Bohmen 
gegeniiber begniigten sich die Gesandten mit einer Rechts- 
verwahrung, olme dafs weder von schlesischer noch von 
lausitzer Seite der Vorschlag einer rechtlichen Entscheidung 

10* 



148 Zweites Bucb. Erster Abscbnitt. 

durch einen fur diesen Fall zu berufenden Gerichtshof weiter 
verfolgt worden ware. 

Allerdings sind damals Fragen, die fur das Verhaltnis 
Schlesiens zu Bohmen von noch hoherer Bedeutung waren, 
seitens der Gesandten angeregt und darauf beziigliche For- 
derungen mit grofsem Nachdrucke verfochten worden. Es 
hat sich darum gehandelt, die Schlesier von der bohmischen 
Kanzlei, die vornehmlich seit Ferdinand I. die oberste Re- 
gierungsbehorde bildete, freizumachen und eine eigene schle- 
sische Kanzlei durchzusetzen, auch ira Zusammenhange da- 
mit die 1548 nach Prag gelenkte Rechtssprechung hochster 
Instanz fiir Schlesien zuriickzuerobern, wenn auch nur inso- 
weit, dafs die iiber schlesische Rechtshandel urteilenden 
Richter von den Fiirsten und Standen dieses Landes g-ewahlt 
wiirden und endlich die Verbindlichkeit der sogenanuten 
bohmischen Generallandtage auch fiir Schlesien von einer 
Bestatiguug der dort gefafsten Beschliisse durch die schlesi- 
schen Fiirstentage abhiingig zu machen. 

Die Bohmen haben diesen Forderungen, welche aller- 
dings ini wesentlichen darauf hinausliefen , das staatsrecht- 
liche Verhaltnis Schlesiens zu seinem Nachbarlande als eine 
blofse Personalunion hinzustellen, mit Hilfe der von ihnen 
gewonnenen Mahrer einen entschiedenen Widerstand entgegen- 
gesetzt und auch wirklich soviel erreicht, dafs die Schlesier 
darauf angewiesen blieben, iiber diese Fragen unmittelbar 
mit dem neuen Konige zu verhandeln. 

Ubrigens wurden diese Gegensatze doch in gewisser Weise 
gedampft durch das nie ganz aufser Augen gesetzte Bewufst- 
sein eines gemeinsamen Interesses an der Behauptung der 
neuerdings erlangten Religionsfreiheit, und so wenig, wie wir 
sehen ; die Schlesier sich durch die Lockungen Rudolfs, der 
bis zum letzten Augenblicke dem Ubergang der Herrschaft 
auf seinen von ihm so gehafsten Bruder Hindernisse zu be- 
reiten bestrebt war, hatten bewegen lassen, ihre Sache von 
der der Bohmen zu trennen, ebenso wenig zeigten sich die 
Bohmen geneigt, an ihrem 1G09 mit den Schlesiern zur 
Verteidigung ihres Glaubens geschlossenen Biindnisse riitteln 
zu lassen ; vielmehr setzten dieselben 1611 bei ihrem neuen 
Herrscher das Versprechen durch, jenes Biindnis ausdriick- 
lich bestittigen zu wollen, was dann allerdings nichts anderes 
bedeutete, als dais der neue Herrscher seinen Standen in 
beiden Landen im voraus die Ermachtigung gab, jedem 
Versuche , die Bewilligungen der beiden Majestiitsbriefe zu 
beschranken oder zuriickzunehmen , notigenfalls mit bewaff- 
neter Hand sich widersetzen zu diirfen. 



Neue Verbindungeu mit den Bohmen. 149 



"6 



Beziiglich ihrer besonderen Landesgravamina behielten 
sich die Schlesier vor, bei Gelegenheit des bevorstehenden 
Erscheinens des neuen Herrschers in Breslau die von ibnen 
ersehnten Bewilligungen durchzusetzen. Am 23. Mai 1611 
empfing Matthias im Prager Dome die bohmische Krone. 
Bei dem darauf folgenden Gastmahle teilte ein Vertreter der 
schlesischen Fiirsten, der junge, erst 1609 zur Regierung 
gekommene Herzog Johann Christian von Brieg mit sechs 
andern Auserwahlten , namlich dem Bischofe von Breslau, 
dem Kardinal Dietrichstein, der die Kronung vollzogen hatte, 
dem papstlichen Nuntius sowie dem spanischen und dem 
florentinischen Gesandten die Ehre, am Tische des Konigs 
selbst zu tafeln, eine Auszeichnung, welche der in Schlesien 
allein von den Erblanden vertretenen herzoglichen Wlirde 
vielleicht eine Entschadigurig daftir bieten sollte, dafs das 
beanspruchte Vorrecht der schlesischen Herzoge, die Reichs- 
kleinodien im Kronungszuge voranzutragen ; wie es scheint, 
nicht zur Geltung zu bringen gewesen war. 

Gegen Ende August 1611 brach Konig Matthias von 
Prag auf, und als er zu Bautzen und Sorau die Hul- 
digung der beiden Lausitzen entgegengenommen, traf er am 
18. September in Breslau ein, von wo er, nachdem ihm der 
junge Herzog von Brieg, Johann Christian, mit glanzendem 
Geiblge bis Liegnitz entgegengezogen war, hier mit einem 
ganz aufsergewohnlichem Pompe empfangen ward, so dafs 
die Beschreibung der Feierlichkeit ein kleines Biichlein fiillt. 
Aber es lag ein gewisses Selbstbewufstsein in diesen Ehren- 
bezeugungen, und wenn sich Matthias die Zeit genommen 
hat, die zahlreichenlnschriften der aufserst prunkvollen Ehren- 
pforte, welche am Eingange der Albrechtsstrafse errichtet 
war, niiher anzusehen, so hat ihm mancherlei auifallen konnen 
als charakteristisch fur die Gesinnung, die man hier dem 
neuen Herrscher entgegenbrachte. So ward er hier als 
Matthias der Zweite gefeicrt, von dem man nach dem 
kriegerischen Matthias I. die Segnungen des Friedens erhoffe, 
eine Zahlung, welche die Selbstandigkeit des Landes Bohmen 
gegenuber so recht zum Ausdruck brachte, da das letztere 
Konigreich den ersten Matthias (Corvinus) nicht unter seinen 
Regenten zahlte. So ward ihm hier versichert, besseres gabe 
es nicht als die Freiheit, welche Schlesien hofFe, aus dem 
Gedeihen des Volkes miisse sich das Ansehen des Herrschers 
erheben, und Gott moge den Konig lehren, nach seinem 
Gesetze zu herrschen. Das bewafFnete Volk, das er mit- 
gebracht, ward in den Vorstadten untergebracht , in der 
eigentlichen Stadt bewegte sich der feierliche Zug zwischen 



150 Zweites Buch. Erster Abschnitt. 

Spalieren reichgeschmiickter aber auch bewaffneter Burger, 
nur von der Dombrticke bis zur Kathedrale abgelost durch 
Reihen von Klerikern, durch welche Matthias dem Tedeum 
laudamus und dera Segen entgegenritt, mit welchem ihn im 
Dom sein Vetter, der stolze Kirchenfurst Erzherzog Karl 
begriifste. 



Die Einrichtung einer schlesischen Provinzialregierung. 

Nach all dera Pompe aber erwarteten ihn in seinera 
Quartiere, dem Uthinannschen Hause am Ringe (Sieben- 
kurfiirstenseite) , ernstere Sorgen. Denn wenn er gemeint 
hatte, mit ktirzerem Aufenthalte in Breslan sieh abzufinden 
und hier, wie es ihm in der Lausitz gelungen war, nur eben 
wie eine noch zu erfiillende Formalitat die Huldigung der 
Schlesier abzunehmen, so zeigte es sich bald, dafs diese 
Huldigung ihm ganz entschieden geweigert ward, bis er die 
in Prag unerledigt gebliebenen Forderungen der Fiirsten 
und Stande, die selbstandige Verwaltung des Landes be- 
treffend, erfiillt haben werde, wobei nun auch die Lausitzer 
ihre Forderungen mit denen der Schlesier vereinigten. Aller- 
dings ergab sich Matthias nicht ohne weiteres; an ziihes und 
schlaues Unterhandeln Avohl gewohnt, erklarte er sich zwar 
zur Bestatigung der Landesprivilegien einschliefslich des 
Majestatsbriefes bereit, bat aber wegen der sonstigen Grava- 
mina, da sich so wichtige Sachen nicht in soldier Eile er- 
ledigen liefsen, die Huldigung nicht aufzuschieben, sondern 
seinem in Prag aufgestellten Reverse zu vertrauen. Doch 
die Schlesier hielten fest, der durch den September bis in 
den Oktober fortgesetzte Schriftenaustausch zwischen Konig 
und Stiinden fiihrte die Sache nicht weiter, und wahrend 
der buhmische Kanzler Zdenko von Lobkowitz, der Matthias 
begleitete, den von den Schlesiern und Lausitzern gewiinsch- 
ten Konzessionen auf das heftigste widerstrebte , blieben die 
schlesischen Fiirsten bei ihrer Weigerung der Huldigung. 

Auch der Versuch , den greisen Karl von Miinsterberg, 
den man in seiner Wtirde als Oberlandeshauptmann aula 
neue zu bestiitigen immer noch gezogert hatte, durch Dro- 
hungen einzuschiichtern, scheint mifslungen zu sein, da hinter 
diesem doch zwei energischere junge Fiirsten, Johann Chri- 
stian von Brieg und der Markgraf Johann Georg standen, 
deren eindringliche Vorstellungen dann endlich unter dem 
7. Oktober 1611 die so lange erstrebten Bewilligungen seitens 
des Kunigs erwirkten. 

Diese Bewilligungen gingen dahin, dafs eine neue von 



Neue Regieruugsbehorde ia Breslau. 151 

der bohmischen Kanzlei unabhangige sogenannte „deutsche 
Kanzlei" gebildet werden sollte, welche nun die schlesischen 
nnd lausitzischen Angelegenheiten als oberste Regierungs- 
behorde zu bearbeiten und zu entscheiden haben wiirde. Zu 
diesem neuen besonderen Ministerium fur Schlesien und die 
Lausitzen, wie wir es etwa mit einem modernen Ausdruck 
nennen wiirden, sollten die Fiirsten und Stande Schlesiens 
im Verein mit den Lausitzern ein Vorschlagsrecht liaben 
und zur Besetzung der Stellen eines Vizekanzlers und eines 
Sekretars geeignete Personlichkeiten denominieren diirfen. 

Aufserdem stand denselben dann noch die Denomination 
zu fur vier Rate (zwei von den Schlesiern, einen aus der 
Ober- und einen aus der Niederlausitz), von denen nach des 
Konigs Entscheidung zwei zu der deutschen Kanzlei als 
Heifer des Vizekanzlers deputiert werden, die andern beiden 
aber bei der Prager Appellationskammer die aus den be- 
treffenden Landen einlaufenden Rechtsberufungen zu erledigen 
haben sollten, so dais darait nun auch jene von den Schle- 
siern allzeit so schmerzlich empfundene, durch Konig Fer- 
dinand I. 1547/48 erfolgte Verweisung des Rechtsganges an 
bohmische Richter ihre Abhilfe fend. 

Es ist nicht ganz korrekt, wenn gesagt worden ist, die 
„eigene Kanzlei" sei den Schlesiern nur „ad interim" ge- 
geben worden, es konnte dies hochstens beziiglich der Frage 
gelten, ob das Haupt dieser neu errichteten deutschen Kanzlei, 
der Vizekanzler von dem eigentlichen bohmischen Kanzler 
unabhangig sein sollte, insofern es hier in dem koniglichen 
Schriftstiicke hiefs, derselbe solle „weilen er ohne das der 
Rom. Kgl. Majestat die Eidespflicht zu leisten schuldig, von 
Niemandem andern als von der Kgl. Maj. bis zu endlicher 
dieser Sachen zwisehen den Standen in Boheimb und den 
Fiirsten und Standen in Schlesien Erorterung mit seinen 
Pflicht und Respekt dependiren ". 

Die Manner, welche nun zuerst in diese neue deutsche 
Kanzlei eintraten, waren der Vizekanzler Greorg von Schon- 
aich, Freiherr auf Carolath und Beuthen, dessen Sekretar 
Ad. Rofsler und die vier Rate Otto von Nostitz, Dr. Me- 
lander, Friedrich von Minkwitz und Heinrich Stange von 
Stonsdorf. Auch die kaiserliche (Domanen-) Kammer zu 
Breslau ward im Einverstandnisse mit den Standen neu be- 
setzt und Nikolaus Burghaus ihr Prasident. 

Nachdem die Bestatigung der Privilegien und des Maje- 
statsbriefes erfolgt war, und nachdem der Kaiser den vier 
anwesenden Fiirsten, den Herzogen von Miinsterberg, Brieg, 
Jiigerndorf und Teschen auf die Evangelien geschworen 



152 Zweites Buch. Erster Abscbnitt. 

hatte, die politisclien und religiosen Freiheiten des Landes 
zu beschiitzen, huldigten ihm am 9. Oktober Fiirsten und 
Stiinde, am 10. der Rat und die Biirgerschaft Breslaus und 
bevvilligten ihm zum Zeichen ihrer Dankbarkeit eine aufser- 
ordentliche Steuer, ein Donativ in der Hohe von einer Tonne 
Goldes, womit dann, wie es den Anschein hat, erst jetzt 
die weiland Kaiser Rudolf zum Danke fur den Majestats- 
brief versprochenen 100 000 Thaler zur Zahlung gekommen 
sind. 

Mit Banketten und Turnieren schlofs der Aufenthalt des 
Konigs in Breslau ab, der den Schlesiern so erwiinschte Zu- 
sicherungen gebracht hatte. Fiir dieselben, wie schwer sie 
auch zu erlangen gewesen, wufste man hier dem Konige auf- 
richtigen Dank, und die nie aufgegebenen Versuche Kaiser 
Rudolfs, sich fiir eine Riickgangigmachung seiner erzwungenen 
Thronentsagung in Schlesien eine Partei zu schafFen, bei 
denen ja selbst die Moglichkeit, dafs Rudolf zum Protestan- 
tismus iibertrete, zur Sprache gekommen war, fanden hier 
keinen Boden. 

Und in der That schien, als Fabian von Schonaich nun 
hier in Breslau seine Kanzlei aufschlug, als also der Sitz 
der obersten koniglichen Behorde hierher verlegt und von 
Personen ausgeiibt wurde, welche die schlesischen Fiirsten 
und Stande dem Oberlandesherrn bezeichnet hatten, Gewal- 
tiges erreicht zu sein. Rechnen wir dasu, dafs auch gleich- 
zeitig die oberste Instanz der Rechtsprechung einheimischer 
Richter gewonnen ward, dafs die Wiirde des Oberlandes- 
hauptmanns mit Ausschlufs der Bischofe einem der schle- 
sischen Fiirsten gesichert war, und dafs dabei die riiekhalt- 
lose Anerkennung der protestantischen Kirche in dem Maje- 
statsbriefe ausgesprochen und von dem neuen Herrscher eben 
beschworen worden war, so werden wir zugestehen miissen, 
dafs das Schlesierland damals eine so glinstige Position, ein 
solches Mafs freiheitlicher Selbstbestimmung erlangt hat, wie 
kaum jemals im ganzen Laufe der Geschichte. 

Nicht war es wie weiland in den herzoglichen Zeiten in 
seiner Zersplitterung den Angriffen der Nachbarn preisgegeben, 
sondern Teil eines grofseren Staates und unter dessen Sehutze 
stehend, durch organische Einrichtungen zu einem einheit- 
lichen Ganzen zusammengefafst und dabei doeh in alien 
wesentlichen Stiicken auf eigenen Fiifsen stehend und in der 
Lage sich selbst zu rcgieren. 

Man hatte crwarten konnen, es miisse eine Ara hochster 
Zufriedenheit von dieser Zeit datieren. Aber es sind alte 
A\ T ahrheiten, dafs manche Zusicherungen, die auf dem Papiere 



Uuabhangige Stellung Schlesiens. 153 

oder Pergamente sich gut ausnehmen, auf dem Wege der 
Ausfiihrung, des In-die-Wirklichkeit-tretens ein anderes An- 
sehen erhalten, und dais es oft noch schwerer fallt die Frei- 
heit zu behaupten als sie zu erringen. 

Zunachst stellte es sich heraus, wie eitel die in dem 
Majestatsbriefe ausgesprochene Hoffnung war, als werde jetzt 
erne Ara des Friedeiis auf koufessionellem Gebiete ihren 
Anfang nehmen. Vielmehr entbraunte der Kampf heftiger 
als jemals. 

Zunachst allerdings verschaffte der kaiserliche Freibrief 
der neuen Lehre an manchem bisher bestrittenen Orte den 
Sieg. Die Glogauer Protestanten durften ihre Pfarrkirche 
behalten und die in Troppau nach der langen Unterdriickung 
ihren Gottesdienst halten. Auf den Majestatsbrief sich stiitzend 
konnte es die Abtissin des Stiftes Trebnitz, Marie von Luck, 
1610 wagen, mit ihrem Austritt aus dem Kloster sich zu 
dem protestantischen Glauben zu bekennen, dem sie ; wie sie 
in einem Memoriale an die Fiirsten und Stande versichert, 
schon langst im stillen angehangen habe ; sie vermahlte sich 
auch bald danach mit einem Herrn von Seidlitz, einem Be- 
amten des Stiftes. Es war ein Vorgang, der in katholischen 
Kreisen um so grofseres Argernis erregte, als man kurz vor- 
her bei demAbte von Leubus, Franz Ursinus, der bei der 
Wahl jener Abtissin prasidiert hatte, gleichfalls eine offen- 
bare Hinneigung zum protestantischen Glauben wahrgenom- 
men, wo dann nur der Tod des Abtes grofserem Arger- 
nisse vorgebeugt hatte. 

Streit init dem Bischofe. 

Dagegen fand eine Durchfuhrung der Grundprinzipien 
des Majestatsbriefes den allerhartnackigsten Widerstand bei 
dem Bischofe von Breslau, den schon seine vornehme Ab- 
kunft, seine nahe Verwandtschaft mit dem Oberlandesherrn 
zu kuhnerem Auftreten den schlesischen Fiirsten gegeniiber 
locken konnte. Als die Protestanten, welche notorisch auch 
in Neifse bei weitem die Mehrzahl der Einwohnerschaft bil- 
deten, gestiitzt auf den Majestatsbrief doit sich eine Kirche 
bauen wollten, wehrte das der Bischof auf das entschiedenste. 
Gegeniiber dem Majestatsbriefe, den er nie anerkannt habe, 
berief er sich auf seine Pechte als Landesfiirst und seinen 
dem Begehren der Neifser entgegenstehenden bischuflichen 
Eid. So wie weiland Rudolf 11. den bischoflichen Protest 
gegen den Majestatsbrief ruhig hingenommen hatte, so gab 
auch Matthias bei seiner Anwesenheit in Breslau die Er- 



154 Zweites Buch. Erster Abschnitt. 

klarung, dafs der Bischof sein Fiirstentum Neifse von den 
Neuerungen frei erhalten wolle. Trotz alles Anhaltens der 
Fiirsten war der Kaiser zu keinem Einschreiten gegen den 
Bischof zu bewegen, und er ist abgereist, ohne in dieser 
Sache zur Aufrechterhaltung des Majestiitsbriefes etwas ge- 
than zu haben. Dieselbe schleppte sich nun von Jakr zu 
Jahr fort; alle Versuche der Fiirsten und Stande und des 
koniglichen Kanzlers Georg von Schonaich, in Giite den 
Erzherzog Karl zur Nachgiebigkeit zu bewegen, blieben 
fruchtlos. Man kann das Verhalten des Bischofs von seinem 
Standpunkte aus sehr erklarlich und begreiflich fmden, 
namentlich da er wahrnahm, dafs der Kaiser ira stillen auf 
seiner Seite stand und auch gelegentlich in diesem Sinne 
die Schlesier ermahnte, nicht gar so hart auf den Buch- 
staben zu dringen. Das Entscheidende war, dafs die schle- 
sischen Fiirsten und Stande, wenn sie gleich den Majestats- 
brief als Landesgesetz durchgefiihrt wissen wollten, doch 
nicht den Mut zu linden vermocht haben, den Bischof durch 
Zwangsmafsregeln zur Anerkennung desselben zu notigen, 
und so nahmen die Dinge hier einen immer iibleren Ver- 
lauf. Einige Jahre lang hatte man sich so geholfen, dafs 
die Neifser Protestanten ihren Gottesdienst auf dem etwas 
iiber eine halbe Meile von der Stadt entfernten stadtischen 
Hospitalgute Senkwitz hielten, was der Bischof stillschwei- 
gend geschehen liefs, doch erschien schliefslich den Neifsern, 
welche sich ja bewufst waren, den Wortlaut des Majestats- 
briefes fur sich zu haben, die Entfernung bis zu ihrem 
Gotteshause namentlich im Winter zu weit, es ereigneten 
sich Fiille, dafs Kinder, die dorthin zur Taufe gebracht 
wurden, vor Kiilte umkamen, kurz im Jahre 1616 rifs ein 
Volkshaufe die protestantische Bethutte in Senkwitz ein, 
nachdem vorher die heiligen Geratschaften in das bisher zur 
Schule gebrauchte Gebaude in der Neifser Altstadt iiber- 
gefiihrt worden, das jetzt zur Kirche gemacht werden sollte, 
und vor dem eine an einem Tannenstamm angebrachte Tafel 
verkiindete, dafs dieses Werk zur Forderung der einzig 
wahren Verehrung und Lehre Jesu Cliristi und auf Grund 
einer von den Kaisern Rudolf II. und Matthias erteilten Be- 
Avilligung unternommen sei. 

Die Eigenmachtigkeit dieses Verfahrens gab dem Bischof 
eine Handhabe gegen die Anstifter als Rebellen einzuschreiten, 
um so mehr als noch in demselben Jahre tumultuarische 
Regungen unter den Neifser Handwerkern, bei denen vor- 
nehmlich die Ziechner beteiligt waren, hinzutraten. Waren 
diese auch urspriinglich ziinftischer Art, so traten sie doch, 



Widerstand des Bisckofs gegeu den Majestatsbrief. 155 

insofern der Bischof grundsatzlich den Protestanten die Er- 
langung des Meisterrechtes in seinem Lande zu verschriinken 
sich bemiihte, auch das konfessionelle Gebiet. 

Schliefslich Kefs derselbe zwei Hiiupter der Unzufriedenen 
auf ihrer Riickreise von Breslau , wo sie sich beschwerde- 
liihrend an das Oberamt gewendet hatten, aufgreifen und, 
nachdem sie zuerst giitlich, dann aber peinlich befragt wor- 
den waren , den einen derselben , einen Ziechner Namens . 
Bockwitz, durch einen aus Bohmen verschriebenen Scharf- 
richter entbanpten. Obwohl nun der Erzberzog versicherte, 
dais diese Bestrafung eines gefahrlichen Rebellen weder mit 
der Religion noch mit der Beschvverde bei dem Oberamte 
etwas zu thun babe, so erregte diese That doch die Fiirsten 
und Stande in hohera Grade, und da gleichzeitig ein fast 
drohendes Schreiben des Polenkonigs Sigisraund einlief, in 
welchem dieser erklarte, dais er eine Bedrangung seines Ver- 
wandten, des Erzherzogs Karl nicht dulden konne, so fai'ste 
man im November 1616 auf dem schlesischen Fiirstentage 
den Beschlufs, die dem Kaiser bewilligten Steuern, da man 
selbige mciglicherweise zum Schutze des Landes gegen die 
drohende Intervention Polens anwenden miisse, zuriickzubehal- 
ten, , ; bis man sahe, wie sich diese Religions- und Gewissens- 
sache ferner anlassen und ihre Erorterung erlangen wollte". 

Doch hat diese gespannte Lage der Dinge nicht lange 
angehalten. Seitens des Polenkonigs blieb es bei einigen 
stolzen und gereizten Schreiben, die schlesischen Stande 
liefsen sich herbei, nachdem im Jahre 1617 des Kaisers 
Vetter Ferdinand von ihnen unter der Beclino-uno- einer Be- 
statigung ihrer Privilegien zum kiinftigen Herrscher anerkannt 
worden war, die Zahlung der Steuern wieder aufzunehmen. 
Der Bischof aber gab nicht nach, sondern duldete nur still- 
schweigend die weitere Ubung des Gottesdienstes in Senk- 
witz und die protestantische Schule in der Stadt Neifse. Der 
ganze Streit verlor bald seine Bedeutung, als der ausbrechende 
grofse Krieg anderes und grofseres in Frage und auf die 
Schneide des Schwertes stellte. 

Uberhaupt war nicht daran zu denken, dafs die durch 
den Majestatsbrief gewahrten Freiheiten nun auch iiberall 
in Schlesien Geltung zu erlangen vermocht hatten; gerade 
in der Zeit ; von der wir hier sprechen, sehen wir den Pro- 
testantismus im grofsen und ganzen zuriickgehen, und nament- 
lich in ( )berschlesien kam eben damals der Katholicismus an 
vielen Orten aufs neue zur Herrschaft. In den beiden grofsen 
oberschlesischen Fiirstentumern Oppeln und Ratibor, welche 
nach erneuter Verpfandung an den Grofsfiirsten von Sieben- 



156 Zweites Buch. Erster Abschnitt. 

biirgen, Sigismund Bathori, 1598 wieder an die Krone ge- 
fallen waren, wehrten die Hauptleute, welche auch in den 
Stadten die Magistrate in ihrem Sinne besetzten, vor wie 
nach dem Majestatsbriefe erfolgreich einer Ausbreitung der 
neuen Lehre, indem sie deren Anhanger als Unruhstifter 
verfolgten, und speziell in der Herrschaft Oberglogau waren 
die Pfandherren derselben aus dem Geschleclite der Oppers- 
durf eifrige Kampfer gegen denProtestantismus. Das Fiirsten- 
tuni Troppau verlieh der Kaiser 1613 an Karl von Liechten- 
stein trotz des fortgesetzten Widerspruchs der Stande, welche 
sich aut' fruhere Zusagen, dafs sie zu alien Zeiten unmittel- 
bar unter der Krone stehen sollten, beriefen, und der neue 
Herzog brachte den ganzen Eifer eines Konvertiten in seine 
Herrschaft mit. Um dieselbe Zeit (1613) trat der Herzog 
von Teschen, Adam Wenzel, zur katholischen Konfession 
iiber und bedriickte fortan die Protestanten mit der gleichen 
Unduldsamkeit, mit der er vordem die Katholiken verfolgt 
hatte. Der Kaiser selbst verhehlte seine Gesinnung nicht im 
mindesten, in der Verleihungsurkunde des Kurfiirstentums 
Troppau ward das katholische Bekenntnis als Bedingung 
der Erbfolge festgesetzt, und als 1617 der greise Herzog 
Karl II. von Miinsterberg starb, trug Matthias kein Bedenken, 
dem Herzoge von Teschen die Wiirde eines Oberlandes- 
hauptmamis zu erteilen trotz des iiblen Leumunds, den der- 
selbe nach alien Seiten bin genofs. Allerdings starb Wen- 
zel III. noch im Jakrel617, und der Brieger Herzog Johann 
Christian erhielt nun die Hauptmannsehait, jedoch nur 
unter der Bedingung, den Bischoi' in der Sache wegen der 
Neifser Protestanten nicht bedrangen zu wollen. 

Infolge dieser Veranderungen fanden sich im Rate der 
schlesischen Fursten bereits drei katholische Stimmen, niim- 
lich neben dem Bischof die Herzoge von Teschen und Troppau, 
zu ihnen hielten sich unter den Standesherren der Graf Dohna 
auf Wartenberg und ebenso die kaiserlichen Hauptleute der 
Erbiurstentumer. Es war eine sehr beachtenswerte Mino- 
ritat, mit der gereclmet werden mufste, und deren Bedeutung 
kaum dadurch herabgesetzt ward, dafs man ihr vorhielt, in- 
sofern „ offentlichen am Tage, dafs 'die Neifsischen, Tesch- 
nischen, Troppauischen, Wartenbergischen, Oppelischen, Rati- 
borischen von Land und Stadten mehrenteils evangelisch 
seyn ", so konne von den Vertretei n dieser Stande nicht mit 
Recht ihr Votum in einem dem Majestatsbriefe feindlichen 
Sinne abgegeben werden. Es war eine Minoritat, die bei 
der Riihrigkeit der fur sie wirkenden, von jesuitischen Ein- 
rllissen geleiteten Priesterschaft, bei den ihr zugebote stehen- 



Anzeichen eines Riickgangs in der Sache des Protestantismus. 157 

den Kraften, bei der Forderung, die sie vonseite des Ober- 
landesherrn genofs, recht wolil daran denken konnte, iiber 
kurz oder lang zur Majoritat zu werden. 

tibertritte zum reformierten Bekenntnisse. 

Der protestantischen Sache zugethan waren von den in 
Schlesien regierenden Ftirsten noch vier, namlich einmal der 
schon mehrfach genannte hochbejahrte Oberlandeshauptmann 
Herzog Karl II. von Munsterberg-Ols, aus dem Geschlechte 
Konig Georg Podiebrads, ferner die beiden Liegnitz-Brieger 
Piasten Johann Christian von Brieg (seit 1609) und sein 
Bruder Herzog Rudolf von Liegnitz und Wohlau (seit 1613). 
Johann Christian, der 1610 mit der trefflichen Dorothea 
Sibylla von Hohenzollern , einer Tochter des Kurfiirsten 
Johann Georg, einen iiberaus gliicklichen Ehebund geschlossen, 
wiirde wie weiland Georg II. sein Landehen in Frieden be- 
gliickt haben, hatte nicht der furchtbare Krieg, der bald 
iiber Schlesien hereinbrechen sollte, auf ihn als Ober- 
landeshauptmann Lasten gelegt, denen er nicht gewachsen 
war. Auch far Liegnitz brachte die Regierung Georg Ru- 
dolfs bis zum Ausbruche des Religionskrieges friedliche und 
gesegnete Zeiten, und auch das Elend des Krieges hat er 
treulich mit seinem Lande getragen. Seine milde und ide- 
alen Interessen zugewendete Gesinnung charakterisiert hin- 
reichend die Thatsache, dafs er, dem Kindersegen versagt 
geblieben war, eine an die Liegnitzer Johanneskirche an- 
kniipfende Kirchen- und Schulstiftung gleichsam zur Tjni- 
versalerbin seines gesamten Privatvermogens gemacht hat. 

Der dritte der schlesischen protestantischen Ftirsten war 
ein Hohenzoller, Markgraf Johann Georg, der thatsachliche 
aber vom Kaiser nicht anerkannte Herzog von Jagerndorf, 
iiber dessen Haupt fort und fort das Damoklesschwert eines 
gegen ihn anzustrengenden Prozesses schwebte, ein Umstand, 
der um so bedenklicher sein mufste, als ein eifrig protestan- 
tischer Fiirst von der Gunst des Kaiserhofes wenig zu hoffen 
hatte. Die meist unter besonderen Bedingungen verliehenen 
Herrschaften Beuthen-Oderberg mit den ertragreichen Berg- 
werken von Tarnowitz durfte er ohnehin zu behaupten kaum 
hoffen, da ihretwegen aufs neue von der kaiserlichen Ka miner 
ein Prozefs angestrengt war und der Kaiser sie bereits als 
Pfand fur verschiedene Darlehen dem Freiherrn Lazarus 
Henckel verschrieben hatte. 

Von diesen letztgenannten Herzogen, die Schlesien da- 
mals noch aufzuweisen hatte, haben wir nun iibereinstimmend 



158 Zweites Bnch. Erster Abschnitt. 

zu berichten, dafs sie alle in dem 2. Jahrzehnt des 17. Jahr- 
hunderts zu dem reformierten Bekenntnis iibergetreten sind 
und fur ihre Person resp. ihre nachste Umgebung Gottes- 
dienst in dieser bekanntlich namentlich im Punkte des Abend- 
mahls von der lutherischen abweichenden Form eingefiihrt 
haben, ohne damit jedoch das Bekenntnis ihrer Unterthanen 
zu beeinllussen, ein Beispiel, welches dann auch unter dem 
hohen schlesischen Adel Nachahmer land, wie z. B. bei dem 
hochangesehenen Herrn von Carolath-Beuthen, wie wir wissen 
dem ersten schlesischen Vizekanzler, clemselben, der mit 
grofser Freigebigkeit in seiner Stadt Beuthen a. 0. ein unter 
der Leitung des grofsen Gelehrten Caspar Dornavius von 
Dornau weit und breit beriihmtes und namentlich von jungen 
Edelleuten des Ostens viel besuchtes Gymnasium gestiftet 
hat, wenn man es so nennen darf ; da es eigentlich iiber die 
Ziele eines solchen hmausging. 

Jene vielfachen Ubertritte zum reformierten Bekenntnisse 
lassen sich schwerlich, wie man es wohl versucht hat, allein 
auf den Einflufs der Gemahlinnen derLiegnitz-Brieger Fiirsten 
zuriickfiihren , noch auch im Hinblick auf ahnliche gleich- 
zeitige Vorkommnisse anderwarts wie z. B. am Branden- 
burgischen Hofe dadurch erklaren, dafs die Annahme des 
reformierten Bekenntnisses damals bei den protestantischen 
Fiirsten gleichsam „ Mode" gewesen sei. 

Man wird die Ursachen tiefer suchen miissen. Wir 
haben bei fruherer Gelegenheit darauf hingewiesen, wie in 
dem immer heftiger entbrennenden Kampfe zwischen dem 
strengen Luthertume und dem freieren, an die schweizerischen 
Reformatoren sich anlehnenden calvinistischen Bekenntnisse 
die grofsere Schroffheit aufseiten der Lutheraner war, und 
dafs wenn deren Prediger die Menge des Volkes wenigstens 
in Schlesien fur sich hatten, die vornehmeren Kreise an 
vielen Orten sich mehr zu ihren Gegnern hingezogen iiihlten. 
Je mehr bei jenen strengen Dienern des Wortes die Recht- 
glaubigkeit zur Hauptsache ward, desto weiter entfernten 
sie sich von alien Traditionen des Humanismus, ja sie wiesen 
eine allgemeinere Geistesbildung als ihrer Glaubigkeit gefahr- 
drohend grundsiitzlich von sich und gefielen sich nur zu 
haufig darin, bei ihren Predigten mit der Unduldsamkeit, 
die ihnen das Bewufstsein ihrer alleinigen Rechtglaubigkeit 
gab, nicht minder die „Papisten" wie die „ Calvinisten " in 
der an Kraftworten so reichen Sprache jener Zeit iibel genug 
zu behandeln. Wohl waren diese lutherischen Priidikanten 
zum allergrofsten Teile Manner von aufrichtiger Frommigkeit, 
personlich achtungswert, von lauteren Herzen und reinem 



Ubertrit-te zum reformierten Bekenntnis. 150 

Wandel, aber meist mit beschranktem Gesichtskreise, feiner 
und liebenswiirdiger Formen entbehrend, streitsiichtig und 
selbst in ihrer Beredsamkeit haufig einen gewissen plebejischen 
Zug nicht verleugnend. Wenn dann die von ihnen erzoge- 
nen Ftirstensohne auf den iiblichen Keisen nach dem Westen 
die Hofe der daheim so verketzerten calvinistischen Fiir- 
sten besuchten, dort sehr andere weiterblickende Anschau- 
ungsweisen und zuerst jene allgemeinen Gesichtspunkte, 
von denen aus bier auch die protestantischen Interessen 
nach Lage der europaischen Konstellation beurteilt wur- 
den, und ebenso auch Geistliche kennen lernten, die auf 
den Verkehr mit den hervorragenden Theologen Frank- 
reichs, der Schweiz, Englands, Schottlands und Hollands 
angewiesen, doch einen ganz anders ausgiebigen geistigen 
Verkehr gestatteten als die schlesischen Pastoren, so mochte 
ihnen wohl das enge Landeskirchentum der Heimat ver- 
leidet werden, und das konnte sie locken, nach einem 
andern Bekenntnisse zu greifen, welches ihnen einen gewissen 
Zusammenhang mit der protestantischen Welt da draulsen 
zu verburgen schien. 

So erklarlich das alles nun auch war, so hatten diese 
Ubertritte doch auch ihre bedenkliche Seite. Sie entfrem- 
deten die Fiirsten ihren Unterthanen, deren geistliche Fiihrer 
es doch nur sehr schwer uber sich gewannen, aus Rlicksicht 
fiir ihre Landesherren, wie man es im 17. Jahrhundert wohl 
ausgedriickt hat, nun „dem hi. Geiste das Maul zu ver- 
binden" und mit der Gewohnheit, die Calvinisten dem Anti- 
christ zu uberantworten etwas innezuhalten. Und auch von 
der machtigen Landeshauptstadt Breslau, in der doch nun 
einmal die Lehrmeinung Luthers herrschend blieb , schied 
die Fiirsten in gewisser Weise das neue Bekenntnis. 

So viel wenigstens war gewifs : wenn in dem zersplitterten 
Schlesien es allzeit schwer geworden war, ein eintrtichtiges 
Handeln, eine gemeinsame Politik herbeizufiihren und fest- 
zuhalten, so mufste diese Schwierigkeit infolge jener Wand- 
lungen noch wachsen. 



Neue Reibungen mit den Bohmen. 

Die Konsequenzen von dem alien trafen naturgemafs vor 
allem den Protestantismus, der ja olmehin schon in die Defen- 
sive zuriickgedrangt schien. Und fiir diesen gerade geriet 
um dieselbe Zeit noch eine andere Schutzwehr ins Wanken. 
Seit den Zeiten des Majestatsbriefes bestand, wie wir sahen, 
zwischen den Protestanten diesseits und jenseits der boh- 



160 Zweites Buch. Erster Abschnitt. 

mischen Berge ein Schutz- und Trutzbundnis. Dasselbe war 
damals zustande gekommen ungeachtet der keineswegs aus- 
geglichenen nationalen Differenzpunkte zwischen Schlesien 
und Bohmen, und es war dasselbe noch in dem Streite mit 
dem Bischofe wegen der Neifser Protestanten angerufen 
und dabei nicht verleugnet worden, wenn es gleich damals 
nicht thatsachlich auf die Probe gestellt worden war. 

Jene nationalen Differenzen machten sich aber imraer 
von neuem wieder geltend. Als 1 G 15 Gesandte aus den 
verschiedenen Landen der Monarchie im Interesse der Landes- 
verteidigung zu einem Generallandtage nach Prag berufen 
wurden, hielten die Schlesier und Lausitzer an ihrera schon 
frtiher geltend gemachten Prinzipe, dafs sie zu diesen General- 
landtagen zu erscheinen nicht verpflichtet seien, konsequent 
fest und liefsen sich, als sie nun doch erschienen, einen ihre 
Rechte wahrenden Revers vom Kaiser ausstellen, zum grofsen 
Mifsvergniigen der Bohmen, welche den Schlesiern und Lau- 
sitzern einen Grad von Unabhangigkeit, wie ihn die Un- 
garn thatsachlich geltend machten, nimmermehr zugestehen 
mochten. 

Auf der andern Seite aber zeigten sich die Bohmen ent- 
schlossen, in keinem der Punkte, welche zwischen ihnen und 
ihren schlesischen Nachbarn streitig waren, irgendeine Kon- 
zession zu machen. Wiederum batten sie 1617 eine Konigs- 
wahl vorgenommen, Erzherzog Ferdinand zum Nachfolger 
in der Regierung erkoren ohne Zuziehung der Schlesier, 
und unablassig trachteten sie danach, deren grofste nationale 
Errungenschaft, die eigene Landeskanzlei, die iSonderregierung 
in Breslau zu erschuttern oder wenigstens in eine ausge- 
sprochene Abhangigkeit von der bohmischen Kanzlei zu 
bringen. 

Bereits 1614 hatte Matthias schlesische Deputierte zu dem 
bohmischen Landtage nach Budweis berufen zur definitiven 
Regelung dieser, wie er sich nicht ganz korrekt ausdriickte, 
1611 nur provisorisch erledigten Sache, aber die Schlesier 
batten die Absendung von Gesandten urn „der anmal'slichen 
Beschwerde der Bohmen" willen verweigert. Der Kaiser 
hatte jedoch 1616 die Bildung einer Kommission in dieser 
Sache verfiigt, zu der nun auch schlesische und lausitz- 
ische Gesandte kommen mufsten. Dafs hierbei die konfes- 
sionellen Gesichtspunkte zuriicktraten, wird einleuchtend, 
wenn wir an der Spitze der schlesischen Gesandtschaft den 
katholischen Eiferer Karl Hannibal von Dohna erblicken. 

Eine Einigung war jedoch im Schofse dieser Kommission 
auf keine Weise zu erreichen schon wegen der ungemessenen 



Neuer Streit urn die schlesisihe Kanzlei. 161 

Anspriiche der Bohmen, welclie nicht nur die vollkommen 
unterordnende Verschmelzung der schlesischen Behorde mit 
der bohinischen, sondern dazu nocb fur sich das Recht ver- 
langten, bei einer Neubesetzung jener Stelle ebenso viel Per- 
sonen vorzuscblagen wie die Schlesier, aus denen dann der 
Kaiser freie Wahl haben sollte, natiirlich ohne nur im ent- 
ferntesten diesen ein gleiches Recht bei der Ernennung des 
bohinischen Kanzlers zugestehen zu wollen. Entriistet pro- 
testierten die Schlesier gegen die Anspriiche der Bohmen, 
die gar nichts in dieser Sache zu sagen hiitten, insofern der 
Herzog von Schlesien sich die Regierung dieses Landes ganz 
unabhangig von den bohmischen Standen zu gestalten das 
Recht habe. 

Kaiser Matthias entschied schliefslich, nachdem ein Ver- 
such den Streit durch richterliches Erkenntnis zu schlichten, 
an der Schwierigkeit einen geeigneten Gerichtshof zu bilden 
gescheitert war, im Hochsommer 1616 dahin, dafs er die 
schlesische Kanzlei wiederum mit der bohmischen vereinigte, 
also thatsachlich die kaiserliche Regierung von Breslau nach 
Prag zurlickverlegte. Insofern aufserdem nach der neuen 
Instruktion der vereinigten Behorden nun auch alle wich- 
tigeren schlesischen oder lausitzischen Angelegenheiten unter 
Vorsitz der bohmischen Landesbeamten, wenngleich unter 
Beirat des Vizekanzlers und seiner Rate entschieden wurden, 
so ward thatsachlich die grofse Errungenschaft von .1611 
aufgehoben, welcher allerdings, wenn man einzelnen Aufse- 
rungen Glauben schenken dart", seitens der Stadte eine ge- 
wisse Begiinstigung der Interessen des Adels und der Fiirsten 
nachgesagt wurde. Es ist sehr wahrscheinlich, dafs die Un- 
gunst dieser Entscheidung dann auf den schon erwahnten 
Steuerverweigerungsbeschlufs der schlesischen Stande aus 
Anlafs der Neifser Angelegenheit 1616 sehr mit eingewirkt 
hat. Auch haben sich dieselben bei dem Beschlusse nicht 
beruhigt, und wir horen von neuen Verhandlungen in dieser 
Sache unter dem Vorsitze des Kardinals Klesl zu Prag im 
Sommer 1617, die mit grofser Leidenschaftlichkeit gefiihrt 
werden und nicht weniger als 22 Sitzungen erfordert haben, 
bei denen jedoch, obwohl sich der Kardinal selbst in ge- 
wisser Weise der Schlesier annimmt, von den letzteren eine 
Anderung der 1616 in dieser Angelegenheit getroffenen 
Mafsnahmen nicht erreicht werden kann. In dem Sturme, 
der 1618 losbrach, wird dann die Sache begraben. 

Wie wundersam batten sich seit dem Jahre 1609 die 
Verhaltnisse gestaltet! Nachdem der Majestatsbrief die riick- 
haltsloseste Anerkennung des Protestantismus ausgesprochen, 

Griinliagen, Gescli. Schlesiens. II. 11 



102 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

war dieser thatsachlich in Schlesien zuriickgegangen. Vor* 
den sechs Landesfiirsten, die in Schlesien regierten, waren 
fast die Halite Katholiken, und drei derselben batten sich 
inzwischen von dem Augsburger Bekenntnis, zu dessen 
Gunsten allein jenes Privileg erlassen worden war, losgesagt j 
es gab 1616 nur einen einzigen lutherischen Fursten noch 
in Schlesien. Der Kaiser, in kaum verhehlter Abneigung den 
protestantiscken Schlesiern gegenuberstehend, cleren Fursten 
von ihren lutherischen Unterthanen wie von den grofseren 
stadtischen Mittelpunkten des Landes durch ilir neues Be- 
kenntnis entfremclet, das Biindnis mit den Protestanten in 
Bohmen durch die nationalen Pratensionen derselben ge- 
lockert, in solcher Lage traf die Schlesier der Ausbruch des 
bohmischen Aufstandes, welcher sie dazu rief, Schulter an 
Schulter mit den Bohmen in eintrachtigster Gemeinsamkeit 
fiir die bedrohten Interessen des Glaubens Gut und Blut in 
die Schanze zu schlagen. 



Zweiter Abschnitt. 

Der uohmisclie Aufstand und die Teilnahme der Schle- 
sier daran. Die Konigswahl von 1619. Der Dresdener 
Accord. Die Pacifikation des Landes nnter Ferdi- 
nand II. (1619—1637). 



Die fortwahrenden nationalen Reibungen zwischen Schle- 
siern und Bohmen, deren wir bereits gedachten, hatten die 
notwendige Folge gehabt, dais auch in dem Punkte, wo die 
Interessen beider Lande zusammengingen , in der Vertei- 
digung der durch den Majestatsbrief erlangten religioscn 
Freiheit eine gemeinsame Politik, ein gemeinsames Vorgehen 
wo nicht ausgeschlossen, so doch ungemein erschwert war. 
So finden wir denn an den Verhandlungen, durch welche 
der bohmische Aufstand von 1618 vorbereitet ward, die 
Schlesier nicht beteiligt. Wenn die leitenden Personlich- 
keiten in Bohmen hier in der That sehon ganz vorbedacht 
eine Losreifsung Bbhmens von der habsburgischen Heir- 
schaft als ihr Ziel ins Auge gefafst haben, so haben sie fiir 



Die Schlesier olme Kenntnis von den Anscklagen der Bohmen. 163 

solche Plane einen eventuellen Ruckhalt nach ganz anderer 
Seite gesucht als der schlesischen , namlich bei der Union 
der protestantischen Fiirsten im Deutschen Reiche. An der 
Spitze der Union stand der junge Kurfurst Friedrich V. von 
der Pfalz, und sein einflufsreichster Ratgeber war Fiirst Chri- 
stian von Anhalt, der erbittertste Feind der Habsburger, 
deren Macht zu zertriimmern und ihre protestantische Ein- 
wohnerschaft naher an die Union zu ketten derselbe be- 
reits bei den Wirren von 1609 bis 1611 getraumt hatte. 
Von dieser Seite kamen den Bohmen Ermutigungen zu weit- 
gehenden und gewaltsamen Schritten, wie solche die im Grunde 
loyalen Schlesier trotz aller Mifsliebigkeit der Regierung 
Kaisers Matthias, der bestandig die selbstgegebenen Zusiche- 
rungen, die konfessionellen ebenso wie die politischen, schnode 
verletzte, nie gewagt haben wiirden. 

So viel wir aus den Quellen ersehen konnen, waren die 
Schlesier ohne jede nahere Kunde von dem Unwetter, das 
in Bohmen heraufzog, wenn sie gleich von der wachsenden 
Unzufriedenheit Kunde hatten 7 welche namentlich die in 
Klostergrab und nahe der schlesischen Grenze in Braunau 
unter Verletzung des Majestatsbrieles vorgekommenen Gewalt- 
samkeiten erregt und sogar eine Aufforderung seitens der 
bohmischen Protestanten empfangen hatten, auch ihrerseits 
dem Kaiser wegen Abhilfe jener Beschwerden Vorstellungen 
zu machen. 

Auf dem schlesischen Fiirstentage, welcher im Mai 1618 
zu Breslau tagte, ward denn nun auch noch in ganz ge- 
wohnter Weise verhandelt. Mit strengster Loyalitat priifte 
ein Ausschufs der Stande, das sogenannte Oberrecht, eine 
alte Streitsache zwischen dem Kaiser und dem Markgrafen 
Johann Georg von Jagerndorf inbetrefF der Herrschaft Beu- 
then und entschied dieselbe in einer fiir den letzteren, eine 
der Hauptstiitzen der protestantischen Partei, sehr uner- 
wiinschten Weise ; indem er die Ablosbarkeit der Herrschaft 
gegen Zahlung bestimmter Geldsummen festsetzte. Beziiglich 
der von den Bohmen gswiinschten Verwendung beschlofs 
man eine eindringliche Mahnung an den Kaiser, sich nicht 
durch wenige ,,der Religion Aufsetzige" zur Verletzung der 
Fundamental-Privilegien der Lande verleiten zu lassen 7 wo- 
bei man auch einfliefsen liefs, dafs nicht nur in Bohmen, 
sondern ebenso wohl auch in Schlesien an unterschiedenen 
Orten dem Majestatsbriefe zuwider gehandelt worden sei. 
Von dieser „ Intercession " sollte dann auch den Bohmen Nach- 
richt gegeben werden. 

Als nach diesem Beschlusse am 23. Mai 1618 der Fiirsten- 

11* 



164 Zweites Buch. Zweiter Absclinitt. 

tag auseinander ging, ahnte noch niemand, dafs zu derselben 
Stunde, wo man hier iu friedlichen Beratungen zusammen- 
gesessen hatte, in Prag eine furchtbare That geschehen war, 
die mit ihren Folgen unsagbares Elend iiber Schlesien wie 
iiber das ganze deutsche Vaterland bringen sollte. Am 
Vormittage jenes 23. Mai waren aus dem Fenster des 
Sitzungssaales in der kaiserlichen Burg auf dem Hradschin 
zwei besonders mifsliebige Statthaiter, Martinitz und Slavata, 
und ihr Sekretar Fabricius kopfiiber in den 28 Ellen tief 
darunter befindlichen Graben gestiirzt worden, wobei aller- 
dings die drei Opfer in fast wunderbar zu nennender Weise 
mit dem Leben davon kamen. Es war eine brutale Gewalt- 
that, die noch schlimmer erscheint dadurch, dafs sie veriibt 
ward nicht von einem rohen Volkshaufen, sondern von einer 
Schar von Edelleuten. Beziiglich der Form der Exekution 
hatte man sich dabei auf altbohmisches Herkommen, auf 
einen Gewaltakt aus der Hussitenzeit berufen, und etwas 
von jenem hussitisch-czechischen Eifer lebte in der Partei, die 
jetzt mit dem Aufstande ans Ruder kam. In der dem Auf- 
stande vorangehenden Protestantenversamniluug hatte man 
beziiglich des an den Kaiser zu richtenden Schreibens de- 
battiert, ob man dem in czechischer Sprache abgefafsten 
Schreiben eine zweite. deutsch geschriebene Originalausferti- 
gung oder nur eine Ubersetzung beifiigen sollte, und sich 
fur das letztere entschieden. War es nun aber die czechische 
Adelspartei, dieselbe, welche die deutschen Schlesier als ihre 
gefahrlichsten Feinde ansahen, die ihnen unzahlige Kriinkungen 
zugefiigt, ihre Selbstandigkeit noch jiingst in hartnackigster 
Weise bekampft hatte, die jetzt durch eine unerhorte Gewalt- 
that, wie eine solche von dem schlesischen protestantischen 
Adel nicht wohl denkbar gewesen ware, die Falme des be- 
waffneten Aufstandes entrollte, so war fur die Schlesier die 
Entscheiduug recht schwer, ob sie um der konfessionellen 
Gemeinsamkeit willen fur solche Bundesgenossen Gut und 
Blut in die Schanze schlagen sollten. 

Und unverziiglich wurden sie vor eine erste Entschei- 
dung in dieser Sache gestellt. Denn ehe noch der interi- 
mistische Landeshauptmann Herzog Johann Christian von 
Brieg die beschlossenen Antworten auf die bohmischen Re- 
quisitionen in seiner Kanzlei hatte expedieren konnen, er- 
hielt er durch einen Privatbrief Nachricht von dem furcht- 
baren Ereignisse in Prag und ward nun unschliissig, ob 
man jetzt noch dem Beschlusse Folge geben und die beiden 
Schreiben an den Kaiser und die Buhmen abgehen lassen 
konne, ohne in den Verdacht bei dem Kaiser zu kommen, 



Der Fenstersturz zu Prag und seine Folgen. 165 

als billige man die inzwischen erfolgten „ Thatlichkeiten " 
und ohne bei den Bohmen clen Anschein zu erregen, als 
wolle man sie zu weiterem Fortschreiten auf der von ihnen 
betretenen Balm „animieren" wahrend er auf der andern 
Seite nicht verkannte, dafs es bedenklich scheme, sich von 
den Bohmen zu trennen, mit denen vereint man die Religions- 
beschwerden „durch und zurecht zu bringen" trachten 
miisse. 

Uber diese Frage holte der Herzog zunachst die Mei- 
nungen der Nachstangesessenen oder richtiger gesagt der 
einflulsreichsten unter den Fiirsten und Standen ein, und 
der erste, der seine Stimme schriftlich abgab, war der Mark- 
graf Johann Georg von Jagerndorf, offenbar der entschie- 
denste unter den schlesischen Fiirsten, der lange schon in 
Briefvvechsel stand mit den Hauptern der protestantischen 
Union in Deutschland und speziell mit dem Leiter der pfal- 
zischen Politik, Christian von Anhalt, und der es sich sagen 
mufste, dafs eine Erstarkung der habsburgischen Herrscher- 
gewalt ihra unfehlbar sein schlesisches Herzogtum ; in dessen 
Besitz er von Prag aus nie anerkannt worden war, auch 
thatsachlich kosten wiirde. 

Wie bedeutungsvoll wurde es jetzt, dafs er nicht nur 
selbst das calvinische Bekenntnis angenommen, sondern 
dafs ihm darin die herzoglichen Brtider von Liegnitz - Brieg 
gefolgt waren, deren einer als Landeshauptmann ganz offi- 
ziell die Interessen cler schlesischen standischen Politik in 
seiner Hand hatte. Wohl hatte die Entwickelung der Dinge 
sich anders gestalten mogen, hatte das fruhere Augsburger 
Bekenntnis die mafsgebenden schlesischen Fiirsten an den 
lutherischen, der Union fernstehenden iiberaus friedfertig ver- 
mittelnden Kurfiirsten von Sachsen gewiesen ; wahrend sie 
jetzt Fiihlung mit den lleformierten in Oberdeutschland, mit 
der vorwartstreibenden pfalzischen Politik zu suchen schon 
durch die religiosen Uberzeugungen getrieben wurden. 

War es bezeichnend fiir die Situation, dafs der Landes- 
hauptmann den Markgrafen zu allererst zu einer Aufserung 
veranlafste, so war dies in noch hoherem Grade dann der 
Inhalt dieses Votums, das olme das Bedenkliche des Vor- 
habens zu verkennen doch dahin ging, man miisse hoher als 
; , die Offension, so etwa daraus geschopft werden mochte", 
die Erhaltung des Majestatsbriefes und die Konjunktion der 
beiden Lander, deren kernes das andere in seinen Noten ver- 
lassen dlirfe, anschlagen, ; , sintemal ein Jeder in der Gefahr 
stehet und besorgen mufs, rem suam agi, paries cum proxi- 
mus ardet." Dem Votum des Markgrafen schlossen sich 



166 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

der Herzog von Ols sowie die Stadt Breslau schleunigst an, 
und selbst in Liegnitz, wo der Herzog zufallig abwesend 
war, trugen Landeshauptmann und Rate kein Bedenken, in 
Vertretung jenes ihre Zustimnmng zu erteilen. 

Bald wurden die Sachen noch ernster, als eine Gesandt- 
schaft der Bohmen eintraf und unter Berufung auf das 1609 
geschlossene Verteidigungsbiindnis die schleunige Hilfe der 
Schlesier anrief, da sie jetzt ihres Glaubens wegen bedrangt 
wurden. Dieses Biindnis hatte Kaiser Matthias selbst be- 
statigt, die Schlesier batten ein Recht und wie die protestan- 
tische Mehrheit der Stande annahra, auch eine Pflicht daran 
festzuhalten ; die Frage war nur, ob die Bohmen wirklich 
gegriindete Ursache hatten, sich auf jenen Vertrag zu berufen, 
ob die dort festgesetzte Bedingung bundesmafsiger Hilfe, 
die Bedrangung des einen Teils urn des Glaubens willen 
vorlag. 

Das war die Frage, welche auf dem Anfang Juli 1618 
zu Breslau versammelten Fiirstentage alle Gemiiter bewegte, 
wenngleich die Vorlagen dieselbe nicht so scharf zugespitzt 
hinstellten. Die katholischen Fursten und Stande (vornehm- 
lich der Fiirstbischof sowie die Herzoge von Teschen und 
Troppau) berieten bier gemeinsam niit den Protestanten, 
und alle stimmten darin iiberein, dafs man rtisten miisse, 
was schliefslich auch der Kaiser begehrte. Dariiber hinaus 
aber war zwischen beiden kaum eine Verstiindigung denk- 
bar, da jene kein Hehl daraus machten, dafs sie von dem 
Majestatsbriefe und dessen Folgen nichts wissen wollten, 
wahrend doch eben dessen Aufrechterhaltung der Mehrheit 
der Stande an erster Stelle am Herzen lag. 

In der That wird man es nach gewissenhafter Priifung 
des vorhandenen historischen Materials als den damaligen 
Standpunkt der schlesischen Protestanten bezeichnen diirfen, 
dafs sie, ohne irgendwie einen Abl'all von dem Kaiser zu 
planen und ohne fur das gewaltthatige Verfahren eintreten 
zu wollen, selbst einer energischen \Viederherstellung der 
durch den Fenstersturz zu Prag schwer geschadigten staat- 
lichen Autoritat nicht widerstrebt haben wurden, wofern sie 
nur hinreichende Biirgschaften dafiir empfingen, dafs den 
Bohmen ebenso wie den Schlesiern ihre religiosen Freiheiten 
gewahrt blieben. Denn die Uberzeugung drang allerdings 
mehr und mehr durch, dafs wenn in Bohmen der jetzige 
Aufstand einfach mit Waffengewalt niedergeworfen wiirde, 
ohne jede Garantie fur gleichzeitige Abhilfe der vorhandenen 
Religionsbeschwerden, auch in Schlesien es mit der konfes- 
sionellen Freiheit schnell zu Ende gehen wiirde. Wohl ver- 



Gemafsigte Haltung der Sclilesier. 1G7 



'6 



-sicherte Matthias wiederholt, die bohmische Rebellion babe 
durchaus nichts mit der Religion zu thun, aber indera er 
gleichzeitig daran festhielt, seinerseits sei der Majestatsbrief 
weder in Bohmen noch in Schlesien verletzt worden und 
demgemafs eine Anderung seiner Politik von ihm billiger- 
weise nicbt zu verlangen, drangte er zu dem Schlusse, dafs, 
wofern er die Oberhand gewonne, den Protestanten beider 
Lander im giinstigsten Falle die Fortdauer eines Zustandes 
beschieden sein wiirde, der die Bohmen bereits zu bewaff- 
netem Aufstande getrieben und in Schlesien eine solche Masse 
von Klagen und Beschwerden „ Augsburgischer Konfes- 
sions-Verwandten " iiber Verletzungen des Majestatsbriefes 
sich hatte ansammeln lassen, dafs die schlesischen Stande sel- 
bige in ihren „ Gravaminibus " auf 233 Punkte bezifferten, 
Es waren sehr wenig lockende Perspektiven, die sich darait 
eroffneten, und es lag nahe, daran zu denken, dafs, wenn 
der Kaiser in dem wichtigen Punkte der konfessionellen 
Paritat, gegenwartig in seiner Bedrangnis so wenig nach- 
giebig sich zeigte, sicherlich kein hoheres Mafs von Konni- 
venz von ihm zu erwarten stand, wenn es ihm gelungen 
sein wiirde, den bohmischen Aufstand siegreich niederzu- 
werfen. 

Am Hofe des Kaisers vertrat die entschiedenste und fort- 
geschrittenste Richtung der kiinitige Thronfolger Erzherzog 
Ferdinand, der seine Meinung auch in einer uns erhaltenen 
an den spanischen Hof gerichteten Denkschrift offen ausge- 
sprochen hat: man miisse den bohmischen Aufstand als eine 
Avillkommene Gelegenheit benutzen, den Kaiser aus seiner 
jetzigen Sklaverei zu befreien und, unterstLitzt durch be- 
freundete Machte, vornehmlich aber Spanien, unter riick- 
sichtsloser Anwendung der Waflfengewalt den Aufstand nieder- 
werten und die auts aufserste heruntergebrachte Autoritat 
des Landesfursten wieder zur Geltung bringen. Der reli- 
giose Eifer, von dem Ferdinand bekanntlich beseelt war, 
erscheint hier mehr verdeckt durch ein politisches Interesse, 
das ihn in den zum Schutze des protestantischen Bekennt- 
nisses erwirkten Garantien nur unwixrdige Beschrankungen 
der hochsten Gewalt erblicken machte, wenn er gleich kaum 
einen Zweifel dariiber liefs, dafs die absolute Herrscher- 
gewalt, wie er sie ersehnte, sich auch an die konfessionellen 
Zugestandnisse nicht mehr binden wiirde. 

Von ihm unterschied sich die Auffassung des Kardinals 
Klesl nicht eben sehr in den zu erstrebenden Zielen und 
kaum merklich in der tief innerlichen Abneigung gegen 
alles protestantische Wesen, sondern eigentlich nur in dem 



168 Zweites Bucb. Zweiter Abschnitt. 

Vertrauen auf das Gelingen einer klilm durchgreifenden 
Politik, zu der dagegen der spanische Gesandte sich aus 
vollem Herzen bekannte, zugleich der Geneigtheit seines Konigs 
dazu hilfreiche Hand zu bieten vollkommen sicker. Wenn 
in der Zeit der Bedrangnis Klesls Kleinmut sich zu zeit- 
weiligen Zugestandnissen hatte bequemen wollen, so ward 
das anders, seit im Juli Ferdinand von Presburg nach Wien 
zuriickgekehrt seinen ganzen Einflufs fur eine energischere 
Politik in die Wagschale warf. Am 20. Juli 1618 liefsen 
er und Erzherzog Max auf eigene Hand den Kardinal Klesl 
gefangen nebmen und nach Insbruck fiihren, durch diese 
gewaltsame That zugleich deutlich offenbarend, dafs sie wei- 
terer Rttcksicht auf den alten kranken Kaiser sich begeben 
zu konnen meinten, und Ende Juli riickten die ersten kaiser- 
lichen Truppen unter General Dampierre in Bohmen ein, und 
das erste Blut in dem nun entzundeten iurchtbaren Kriege 
ward vergossen. 

Wie auf der Seite des Kaisers Spanien Beistand ver- 
heifsend die Kriegsflamme schiirte, so drangte auf der boh- 
mischen Seite der Kurftirst von der Pfalz resp. dessen ein- 
flufsreichster Ratgeber Christian von Anhalt die Diiektoren 
der Landesregierung zu energischem Vorgehen, und wenn 
driiben als Siegespreis die Einrichtung einer absoluten Herr- 
schergewalt winkte, vor der alle verfassungsmafsigen politi- 
tischen wie religiosen Beschriinkungen in den Staub sinken 
mufsten, so ward hier audi wohl als ein mcigliches letztes 
Ziel siegreichen Kampfes die Losreifsung von den Habs- 
burgern ins Auge gefafst. 

Zwischen den beiden feindlich und kamplbereit einander 
gegeniiberstehenden Gewalten batten die vermittelnden Machte 
ein schweres Spiel, obschon fur alle diese vermittelnden Be- 
strebungen, die von sehr verschiedenen Seiten auftauchten, 
ein im wesentlichen ubereinstimmendes Programm sich schnell 
hatte finden lassen. Unmittelbar nach dem Prager Fenster- 
sturze hatten die drei durch den Aufstand nicht geschadigten 
bohmischen Statthalter einen Ausgleich auf der Grundlage 
empfohlen, dafs der Kaiser vor allem die Behandlung der 
Protestanten - und Kirchengiiterfrage „nach dem Gesetze" 
vorzunehmen verspreche, ein Ratschlag, der zugleich von 
kompetenter Seite das Zugestandnis einschlofs ; dafs bisher 
nicht „nach dem Gesetze" verfahren worden sei. Zu der- 
selben Meinung war dann der Freiherr von Khiien, des 
Kardinals Schwager ; gekommen, den der Kaiser zuerst als 
seinen Kommissar nach Bohmen iresandt hatte. Auch er 
legte das Hauptgewicht darauf, dafs der Kaiser in seinem 



Vermittelungsversucbe. 109 

zu erlassenden Patente sich vor der Behauptung hiite, er 
habe bisher die Gesetze stets beobachtet. Wesentlich in 
gleichem Sinne sprach sich Karl von Zierotin aus ; der Staats- 
maim, der ; wie man behaupten darf ; damals ganz Mahren 
hinter sich hatte. Der Friede, urteilte er ; ware leicht mog- 
lich ; wenn man auf beiden Seiten mit Ernst dazu thiite, 
,,denn einmal nicht geleugnet werden kann ; dafs auf dieser 
Seite man ziemlich in den Majestatsbrief gegriffen, aut der 
andern aber man denselben mit gar ungewohnlichen Mitteln 
zu schiitzen sich unterstanden ". Und ebenso hatte sich der 
Kurfurst von Sachsen auf die an ilm vom Kaiser ergangene 
Bitte um Rat und Unterstiitzung unter dem 28. Juni 1618 
geaufsert, indem er geltend machte, man miisse vor alien 
Dingen dahin trachten, dafs die bei den protestantischen 
Bohmen ebenso wie in den inkorporierten Landen und 
auch in den Nachbarlanden vielfach verbreitete „ Einbil- 
dung — — „als wolle man ihnen den Majestatsbrief wo 
nicht ganzlichen entziehen, doch dermafsen limitieren, dafs 
dadurch die in Religionssachen erlangte Freiheit nicht wenig 
Gefahr empfmden mochte, — — manniglichen benommen 
und das Konigreieh Bohmen des Majestatsbriefes versichert 
werden mochte ". Man sieht, es kehrt iiberall das auch von 
den Schlesiern verfochtene Programm wieder, nur dafs die 
letzteren bei der ganzen Sache doch ungleich mehr interes- 
siert waren, insofern sie sich sagen mufsten, dafs ihr Maje- 
statsbrief kaum noch aufrecht zu erhalten sein werde, wenn 
es gelange, den der Bohmen zu Falle zu bringen und sie 
deshalb wohl Ursache hatten, auch zur Verteidigung des 
bohmischen Majestatsbriefes im Sinne des Bundnisses von 
1609 die Hand zu bieten und selbst vor der Anwendung 
von Waffengewalt nicht zuriickzuschrecken. 

Der Landeshauptmann Herzog Johann Christian hatte im 
August . von einer Reise zum Kaiser zwar fur sich die defi- 
nitive Ubertragung seiner bisher nur interministisch verwal- 
teten Wiirde, aber fur die Sache der Vermittelung so gut 
wie nichts heimgebracht. Von den Truppen, welche die 
Schlesier geworben, 4000 Mann zu Fufs und 2000 Reiter, 
stand ein Teil zur Abwehr eines drohenden Einbruchs von 
Polen her an der dortigen Grenze , die ubrigen unter Fiih- 
rung des Markgrafen von Jagerndorf hart an der Grenze 
der Grafschaft Glatz, welche noch fur bohmisches Land gait. 
Eben um jene Zeit bemuhten sich Gesandte des Markgrafen 
in Wien um die Erhaltung seiner Beuthener Pfandschaft. 
Er aber dachte kaum mehr daran und zeigte sich durchaus 
geneigt ; dem Drangen der Bohmen auf schnelle Hilfe ent- 



170 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

sprechend, seine Truppen einriicken zu lassen (September 
1618). Schon waren die Marschkommissare der Bohmen 
ihm entgegengesendet — aber als er von seinem Vorhaben 
dera Landeshauptmann Mitteilung machte, verbot dieser den 
Einmarsch, da die Entscheidung hieriiber erst der fur den 
Oktober zusammenberufene Fiirstentag treffen miisse. Joliann 
Christian hat nachmals erklart, wenn der Markgraf auf 
eigene Faust den Zug unternominen hatte, wiirde man sick 
wohl die Sache gefallen gelassen haben, da er jedoch vorher 
noch einmal angefragt, habe er nicht anders als gescliehen 
antworten konnen. 

Herrschte hieriiber in Bohmen anfjinglich grofse Nieder- 
geschlagenheit, so hoben sich doch die Hoffnungen wieder, 
als der schlesische Fiirstentag im Oktober nun doch die 
Absendung eines kleinen Hilfscorps (der Halfte der gewor- 
benen Mannschaft, wahrend die andere Halfte die polnische 
Grenze schiitzen sollte) nach Bohmen beschlofs, nachdem 
die aus Wien eingetroffene Antwort jede Hoffnung auf eine 
giitliche Beilegung des Streites vereitelt hatte, insofern sie 
alle Beschwerden iiber bisher vorgekommene Verletzungen 
des Majestatsbriefes fiir unbegriindet erklarte und seitens 
der Bohmen einfach Niederlegung der Waffen und Unter- 
werfung begehrte. Die kleine Schar der Schlesier. urspriing- 
lich 2000 Mann zu Fuls und 1160 Reiter, welche ein sach- 
sischer Bericht als „ auserlesen schon und gut Volk " riihmt, 
welche aber eine im bohmischen Heere wiitende ansteckende 
Krankheit so reduzierte, dafs im Marz 1619 nur noch 500 
Mann dienstfahig waren ; folgte dem bohmischen Heere bis 
Osterreich hinein auf jenem Zuge, der den Grafen Thurn bis 
an die Donau fiihrte, ohne dafs es ihm dabei gelungen ware, 
die Osterreicher trotz der auch hier vorherrschenden prote- 
stantischen Sympathien zum Anschlusse an die Sache der 
Bohmen fortzureifsen ; dieser Versuch mifslang wesentlich in- 
folge davon, dafs Mahren derselben Versuchung widerstand, 
nachdem trotz der zahlreichen Stimmen, die hier fiir den 
Anschlufs an Bohmen sich erhoben, Karl von Zierotin mit 
der ganzen Wucht seines tibermachtigen Einflusses sich da- 
gegengestemmt hatte. Nach menschlichem Ermessen ware 
ohne ihn Habsburg verloren gewesen, ehe Hilfe von aufsen- 
her Rettung zu bringen vennocht hatte. 

Wohl aber hatten die siegreichen Fortschritte der boh- 
mischen Waffen den Erfolg, dafs der Kaiser im Winter 
1618 zu 1619 sich zu billigeren Bedingungen einer Ver- 
mittelung herbeiliefs , welche der Herzog von Bayern, die 
Kurfiirsten von der Pfalz, von Mainz und Sachsen in die 



Die schlesischen Hilfstruppen. Weitere Vermittelungen. 171 

Hand genommen hatten. Von dem letzteren wird man sagen 
konnen, dafs er mit unermiidetem Eifer und redlichem AVillen 
die Vermittelung betrieb ; aber eigentlich nur von ihm allein, denn 
was die iibrigen anbetraf, so folgte Mainz blind der Leitung des 
Herzogs von Bayern, und dieser seinerseits batte sich lange 
jeder Teilnahme an der „ Interposition " versagt, da, wie er 
aufserte, sein katholisches Gewissen es ihm verbiete, zu 
einer Verhandlung die Hand zu bieten ; die schliefslich doch 
nur darauf hinauslaufen konne, die ohnehin schon unertrag- 
lich weitgehenden Zugestandnisse fiir die Ketzer in den 
osterreichischen Erblanden noch zu erweitern. Er hatte 
seinen Widerstand erst aufgegeben, als ihn Ferdinand ver- 
sichert hatte, „er wolle eher sterben und verderben, als den 
Bohmen etwas iiber den Majestatsbrief hinaus bewilligen ". 
Da nun selbst die der Vermittelung mehr zugeneigten Schle- 
sier an einer Garantie fur eine gewissenhaftere Handhabung 
des Majestatsbriefes als wesentlichste Bedingung des Friedens 
festhielten, so war eigentlich mit jenem von mafsgebender 
Stelle ausgesprochenem Entschlusse schon die Erfolglosigkeit 
der Vermittelung besiegelt. 

Die Bohmen ihrerseits tauschten sich iiber Ferdinands 
Gesinnung nicht und waren, ohne sich allzusehr um den 
dem Grabe entgegenwankenden Kaiser zu kiimmern, iiber- 
zeugt 7 dafs von jenem nach der Art, wie er in seinen Erb- 
landen gegen die Protestanten verfahren war, eine ehrliche 
Aufrechterhaltung der Paritat nimmermehr zu erwarten sei, 
sie hatten ja bereits im November 1618 dem jungen Kur- 
fiirsten von der Pfalz, Friedrich V., die Krone angeboten 
und rechneten ungeachtet dessen anfanglicher Bedenken auf 
eine Annahme derselben. 

So waren denn die Aussichten fur eine Vermittelung 
trotz alien Eifers des sachsischen Kurfiirsten von vornherein 
sehr ungiinstig. Es wiirde fiir uns nun von besonderem 
lnteresse sein, die Gesinnungen der Schlesier in dieser kri- 
tischen Zeit naher kennen zu lernen; leider aber entbehren 
wir hier der Korrespondenzen, und die offiziellen Fiirsten- 
tagsverhandlungen geben doch nur ein unvollkommenes 
Bild der Gesinnungen, welche die mafsgebenden Personlich- 
keiten beseelten. 

Am Kaiserhofe hatte man von Anfang an den Mark- 
grafen von Jagerndorf als den eigentlichen Urheber der 
oppositionellen Haltung der Schlesier angesehen, und obwohl 
wir gerade ihn und seinen in den Verhandlungen jener Zeit 
einflufsreich thatigen Ratgeber Hartwich von Stieten in eif- 
rigem Briefwechsel mit dem so sehr friedfertigen Karl von 



172 Zweites Buch. Zweitei* Abschuitt. 

Zierotin stehen sehen , so diirlen wir doch kaum zweifeln, 
clafs er, namentlieh seit er im bohmischen Feldlager weilte, 
mit den weitgehenden Absichten der Leiter des bohmischen 
Aufstandes sich mehr und mehr befreundet hatte. Schwer- 
lich aber wurden diese Gesinnungen Und namentlieh auch 
die wie wir sahen in Bohmen schon friih gehegten Vorsatze, 
die Krone von Bohmen an einen auswartigen Fiirsten, wo- 
bei neben Pfalz auch der Herzog von Savoyen und der 
Kurfiirst von Sachsen in Frage kamen, zu iibertragen, in 
Schlesien allgemein geteilt oder auch nur gekannt. 

In der That haben sich hier im Jahre 1619 die Ver- 
hiiltnisse in einer geradezu tiberraschenden Weise entwickelt. 
Ehe noch die schlesischen Gesandten den Ort, wo die von 
Sachsen so eifrig betriebenen Vermittelungsverhandlungen 
stattfinden sollten, die Stadt Eger erreicht hatten, war Kaiser 
Matthias am 10. Marz 1619 gestorben; unverziiglich hatte 
nun sein Vetter Ferdinand die Ziigel der Regierung er- 
griffen und entsprechend der ihm auch in Schlesien bereits 
1617 geleisteten Eventualhuldigung von den Schlesiern An- 
erkennung nnd definitive Huldigung begehrt, nicht ohne 
gleichzeitig eine unumwundene Bestatigung aller Privilegien 
und Freiheiten des Landes gleich vollzogen einzusenden und 
auiserdem sein Festhalten an der eingeleiteten Vermittelung 
zu erklaren. Hierauf nun erklart der im April zu Breslau 
tagende Fiirstentag, obwohl man den wahrend der fortdau- 
ernden Zerriittung des Landes erfblgten Tod des Kaisers 
lebhat't beklagte, so sei doch Gott hochlich zu danken, dafs 
Konig Ferdinand schon bei Lebzeiten des Kaisers die Krone 
erlangt habe ; und zu wiinschen, dafs er seine Regierung 
glucklich antreten und ruhig vollftihren moge ; man dankt 
tur die Bestatigung der Privilegien und bedauert, durch die 
Union mit den Bohmen gehindert zu sein, jetzt schon die 
Huldigung zu leisten, ehe den Religionsbeschwerden abge- 
holfen sei, ura so mehr 7 da es dem Herkommen zuwider 
sein wiirde, wenn Schlesien vor den anderen Kronlanden 
Huldigung leiste. Die im Werke seiende „ Interposition*^ 
werde ja hoffentlich bald alle Hindernisse beseitigen. 

Das klang nun einerseits durchaus friedlich und stimmt 
anderseits vollkommen mit dem bisher lestgehaltenen Pro- 
gramme der Schlesier iiberein ; insofern man, ohne die Hul- 
digung prinzipiell abzulehnen, ebenso wie es 1611 geschehen, 
nur die Vornahme derselben von gewissen zu erftlllenden 
Bedingungen abhilngig machte, namlich der Auswirkung 
starkerer Garantien fiir eine gewissenhat'te Beobachtung des. 
Majestatsbriefes. 



Thronbesteigung Ferdinands II. 173 

Noch starker als in der Fiirstenkurie sprach sich das prin- 
zipielle Festhalten an Ferdinand in den Voten der Erbfursten- 
tihner, wo ja die stimmf'uhrenden Landeshauptleute grofsten- 
teils katholische Edelleute waren, und ebenso in denen der 
Stadte aus. Auch lautete Ferdinands Antwort gniidig genug. 
Gerade damals im Mai 1619 durch Thurns Fortschritte in 
Niederostei'reich und den nun doch erfolgten Abfall Mahrens 
zur Sache der Bohmen besonders bedrangt betonte er leb- 
liaft seine friedliche Gesinnung und forderte Gesandte der 
Schlesier zu den in Wien ibrtzusetzenden Ausgleichsver- 
handlungen. 

Dazu war man nun auch in Schlesien bereit, und auf 
einem neuen Fiirstentage im Juni 1 G 1 9 beschaftigte die 
protestantischen Stand e neben Mafsregeln zur thatsachlichen 
Abhilfe derReligionsbeschwerden derProtestanten im Ftirsten- 
tume Teschen, in Oppeln-Ratibor 7 Oberglogau, Striegau und 
Liebenthal sowie zur Ausschliefsung der Jesuiten aus Schle- 
sien „bei Leibes- und Lebensstrafe " vorzugsweise die Ab- 
fassung einer Instruktion fur die nach Wien abzuschickenden 
Gesandten. Und bei dieser richtete sich nun die ganze Auf- 
merksamkeit darauf, moglichst ausgiebige Sicherheit dafiir 
zu erlangen, dais unter dem neuen Regiment die Glaubens- 
freiheit und die Selbstandigkeit des Landes hinreichend ge- 
wahrt bliebe, alles das doch immer unter der stillschweigen- 
den Voraussetzung, dafs die Nachfolge Ferdinands im Prinzip 
nichi angelbchten wlirde. 

Wahrenddessen aber und in direktem Gegensatze hierzu 
machte sich noch eine sehr andere Strbmung geltend. Es 
hatte wunderbar zugehen miissen, wenn die laugjahrigen 
nationalen Reibungen der Schlesier mit den Bohmen, die 
ja, wie wir sahen, noch kurz vor dem Ausbruche des Auf- 
standes mit grofser Erbitterung sich bemerkbar gemacht, nicht 
bei den Schlesiern ein gewisses Gefuhl hatten zuriicklassen 
sollen, welches von einer allzu engen Verbindung mit den 
Bohmen abmalmte. Erzherzog Karl, der Breslauer Bischof, 
wufste recht wo hi was er that, als er in seinem gegen die 
Beanstandung der Huldigung an Ferdinand gerichteten Vo- 
tum den schlesischen Fiirsten vorstellte, dais sie sich durch 
den Anschlufs an die Bohmen ganz in Abhangigkeit von 
den dortigen Edelleuten brachten, von deren Anmafsung 
und Hochmut sie doch schon so viel zu leiden gehabt 
hatten. 

Da mufste es nun hochst bedeutungsvoll erscheinen, als 
nach so vielen frtiheren fehlgeschlagenen Versuchen jetzt 
im Friihling 1619 die aus Prag zurtickkehrenden Gesandten 



174 Zweites Buch. Zweiter Abschuitt. 

den Fursten und Standen eine vom 22. April datierte un- 
umwundene Gewahrung der schlesischen Forderungen heim- 
brachten, unter anderm die Verpfiichtung der Bohmen, dafs 
kiinftig bei besonders wichtigen Angelegenheiten, namentlich 
der Wahl eines Herrschers, ohne Zuziehung der schlesischen 
Fursten und Stande in keiner Weise endgiiltig vorgegangen 
werden, dafs die Angelegenheit der schlesischen Kanzlei 
d. h. eine selbstandige Verwaltung Schlesiens durch von 
den dortigen Standen erwahlte Rate dem Wunsche der 
Schlesier entsprechend geordnet werden, und auch die Zu- 
gehorigkeit Troppaus zu Schlesien nicht mehr in Frage ge- 
stellt werden solle. 

Es ist nicht zu bezweifeln ; dafs diese Konzessionen bei 
den Schlesiern einen grofsen Eindruck hervorgerufen und 
dieselben dem bohmischen Biindnisse geneigt gemacht haben. 
Nach derselben Seite hin mufsten dann auch die Nachrichten 
von dem Anschlusse der ubrigen Erblande an die bohmische 
Sache wirken. Noch wahrend die schlesische Gesandtschaft 
in Prag weilte, hatten die Lausitzer ihren Beitritt erklart, 
auch in Mahren hatte im Anfang Mai infolge des Einmarsches 
der Thurnschen Scharen die Sache des Aufstandes gesiegt 
trotz Zierotins Widerstreben, in Oberosterreich gleichfalls, 
und audi von Niederosterreich stand der Anschlufs bevor. 
Wie hatte nicht diese Verstarkung der oppositionellen Partei, 
diese Ausbreitung des Aufstandes iiber das ganze Habs- 
burgische Landergebiet auch die Zaghaften unter den schle- 
sischen Standen ermutigen und dazu bewegen sollen, mit 
grofserer Zuversicht sich von der Bewegung treiben zu lassen? 

Die neue Konigswahl zu Prag 1614. 

In Prag hatten nun auch die schlesischen Gesandten 
vielfach die Moglichkeit erortern horen, dafs man sich ganz 
von Ferdinand ab und einem deutschen Fursten zuwenden, 
diesem die bohmische Krone antragen konne. Es war da 
von dem Pfalzer die Rede 7 aber auch von dem Kurfiirsten 
von Sachsen und eventuell auch von dessen Sohne, der aller- 
dings noch minderjahrig war, fur den dann etwa einer der 
schlesischen Fursten als dem Range nach der vornehmste, 
so z. B. der in Prag als Gesandter verweilende Olser Herzog 
Heinrich Wenzel, ein direkter Nachkomme Konig Georg 
Podiebrads, die Regentschaft iiihren konnte. Verschwiegene 
Wunsche nach dieser Richtung hin hegten sicherlich viele 
Schlesier. Schon litngst standen sie im Rule nach Deutsch- 
land hin zu liebaugeln, eine Verbindung mit einem deut- 



Die schlesischen Gesandten in Prag. 175 

schen Fiirstenhause hatte hier neben dem religiosen Inter- 
esse auch noch ein politisch-nationales, es gewabrte eine dem 
deutsch gesinnten Schlesien besonders erwiinschte Biirgschaft 
dafiir, dafs in Bohmen nicht das verhafste czechische Wesen 
ganz zur Herrschaft kame. 

Offiziell ist ; soweit wir es tibersehen konnen, die wich- 
tigste Frage, namlich die der eventuellen Lossagung von 
dem Hause Habsburg gar nicht auf einem schlesischen 
Fiirstentage verhandelt worden, und die zehn schlesischen 
Gesandten, welche aus alien drei Kurien der Stande gewahlt 
unter der Fiihrung des Olser Herzogs Heinrich Wenzel Ende 
Juni 1619 zum zweitenmale in diesem Jahre den Weg nach 
Prag antra ten, sollten dort eigentlich nur auf dem General- 
landtage den unierten Landen eine neue Verfassung geben 
und ihre gegenseitigen Rechte begrenzen, ohne dafs ihnen eine 
besondere Instruktion fur den moglicherweise anzuregenden 
Fall eines Wechsels der Dvnastie mitgegeben worden ware. 

Die Angelegenheit der Konfoderation beschaftigte sie nun 
auch den ganzen Monat Juli hindurch, und am 31. Juli 
ward dieselbe in feierlicher Weise proklamiert und von den 
Gesandten der einzelnen Staaten beschworen. Es war eine 
Bundesverfassung der fiinf unierten Lande Bohmen, Mahren, 
Schlesien, Ober- und Niederlausitz, gegriindet auf die unum- 
wundene Anerkennung voller Selbstandigkeit der vereinigten 
Lander, welche eigentlich nur durch eine Personalunion ver- 
bunden waren. Sie setzte der koniglichen Gewalt, der in 
den einzelnen Landern die Organ e der Regierung durch die 
Landesvertretungen zugeordnet wurden, sehr enge Schranken 
und begiinstigte, wie sehr auch sonst vollstandige konfessio- 
nelle Freiheit durchgeiuhrt schien , doch das protestantische 
Bekenntnis erheblich, insoweit den Bekeimern desselben auch 
in Schlesien die hochsten Landesamter ausschliefslich vor- 
behalten bleiben sollten. Bei der Wahl eines Herrschers 
sollte jedes der fiinf Lande eine Stimme, Bohmen aber als 
das weitaus grofste zwei Stimmen haben. Dem Konige ver- 
spricht man Gehorsam, so lange er die Privilegien halten, 
alien Landen in Religion und Rechtspflege gleichen Schutz 
gewahren und keine Jesuiten um sich dulden werde. 

Als die Beratungen iiber die Konfoderation sich zu Ende 
neigten, hatten die bohmischen Direktoren bereits die zweite 
Proposition iiber die kiinftige Stellung der unierten Lande 
zu Ferdinand angeregt, doch waren es diesmal die Schlesier, 
welche erst die Konfoderation zum Abschlusse gebracht zu 
sehen verlangten, und als die Frage einige Tage spater, 
wenn auch fiirs erste nur vertraulich, von neuem angeregt 



176 Zweites Bucb. Zweiter Abscbnitt. 

wurde, und zwar in einer Form, welche die Wahl des kiinf- 
tigen Herrschers noch als ungewifs erscheinen liefs, erklarten 
die Oberlausitzer , fur eine Entscheidung nach dieser Seite 
hin ohne Instruktion zu sein, da sie bestiramt vorausgesetzt 
hatten, dafs die beschlossene Konioderationsakte Ferdinand 
vorgelegt werden sollte und erst, wenn dieser sie verwerfe, 
weitere Beschliisse in Frage batten komraen sollen, eine An- 
sicht, welche wabrscbeinlicb audi von den Schlesiern geteilt 
worden ist und im ganzen recbt deutlicb zeigt, wie vorsich- 
tig die Bolnnen bisher mit ihren letzten Absichten binter dem 
Berge gebalten batten. 

Nach dem daraufhin von den Direktoren nur um so 
mehr bescbleunigten Abscblusse der Konfoderation wurde 
aber nun am 2. August aufs neue ein Ausschufs der Ge- 
sandten zu einer vertraulichen Besprechung mit den Direk- 
toren eingeladen um dartiber zu beraten, ob und was dem 
Konig Ferdinand zu schreiben sein wurde. Uber diese Frage 
aber erklarten die mahrischen Gesandten ohne Instruktion 
zu sein, worauf ihnen Frist bis zum 14. August gewahrt 
wird. Der uns erhaltene schlesische Gesandtschaftsbericht 
erwahnt den gewahrten Aufschub, schweigt aber von dem 
eigentlichen Grunde desselben, was uns sehr erklarlich wird, 
wenn wir wahrnebmen, dafs die schlesischen Gesandten diese 
Frist vorbeigehen lassen, ohne, wie es die Mahrer und die 
Oberlausitzer thaten, iiber diesen bevorstehenden folgen- 
schweren Schritt erst die Gesinnung ihrer Auftraggeber zu 
erforschen. Man erhalt in der That fast den Eindruck, als 
ob die Gesandten unsicher, welchen Erfolg eine Riickfrage 
haben konnte, beabsichtigt hatten, diese Sache den schle- 
sischen Standen gleichsam uber den Kopf zu nehmen, eine 
Handlungsweise, zu der sie sicher durch einen Einllufs von 
aufsen bestimmt worden sind, rauglicherweise durch den 
Markgrafen von Jagerndorf, der damals aus dem Kriegslager 
nach Prag zu den entscheidenden Beratungen herbeigekommen 
war und, wie die Gesandten ausdrucklich hervorhoben, an 
denselben teilgenommen hat. Er gerade hatte ja, wie wir 
bereits berichteten, schon im Vorjahre direkte Erfahrungen 
gesammelt, wie mifslich in heiklen Angelegenheiten allzuviel 
Kiickfragen ausschlagen konnten. 

In der Zwischenzeit bis zum 14. August gab es genug 
zu thun, einen Oberbefehlshaber in der Person Christians 
von Anhalt zu erwahlen und eine Gesandtschaft an die Kur- 
fiirsten nach Frankfurt abzusenden, vor allem aber die Kon- 
foderation nun auch auf die Lande Ober- und Niederoster- 
reich auszudelmen. 



Konig Ferdinand des Thrones verlustig erklart. 177 

Am 19. August ward den Gesandten die grofse Frage 
Konig Ferdinand betreffend vorgelegt und zugleich mit- 
geteilt, die drei evangelischen Stande der Krone Bohmen 
hatten sich dahin schliissig gemacht, Konig Ferdinand zum 
Regimente nielit zuzulassen, da er sich „selber desselbten 
Konigreiches in viel Wege verlustig und unfahig gemacht." 
Die Schlesier sollten nun nach den Mahrern ihre Entschei- 
dung in dieser Sache fallen. Schon tags darauf kam ihnen 
das Votum der Mahrer zu. Dasselbe lautete einfach zu- 
stimmend zu dem Beschlusse der Bohmen. 

Hierauf haben dann die Gesandten „dieses schwere Thema 
hinc inde (unter sich) ventiliret und nach alien Umstanden 
bestes Verstandes und Moglichkeit erwogen" und sind unter 
Zuziehung des gerade in Prag anwesenden Markgrafen 
Johann Georg von Jagerndorf zu folgendem Resultat ge- 
kommen : obwohl sie voraussiihen , dafs die Ausschliefsung 
Konig Ferdinands den konfoderierten Landen schwere Drang- 
sale vom Hause Osterreich, der Krone Spanien und an- 
dern Orten bringen konne, so hatten sie doch auf der an- 
dern Seite die Gerechtigkeit ihrer Sache und auch das in 
Erwagung ziehen miissen, dafs der Hauptzweck der Kon- 
foderation Herstellung einer gerechten Regierung, die Siche- 
rung der Landest'reiheiten und die Aufrechterhaltung freier 
tlbung der evangelischen Religion dem Majestatsbriefe ent- 
sprechend nimmermehr unter der Herrschaft Konig Ferdinands 
zu erreichen sein werde, von dem man im Gegenteile sich 
gleich von vornherein auf eine Umsturzung aller Grundgesetze 
der Lander und die Errichtung einer absoluten Regierungs- 
gewalt gefafst machen miisse. Ferner habe man iiberlegt, 
dafs nachdem Bohmen und JMahren schon einig seien und 
auch die beiden Lausitzen trotz ihres erklarten Mangels be- 
stimmter Instruktion datiir stimmten, eine Trennung Schle- 
siens von cleren Sache , nachdem man sich eben erst 
durch neue Eidschwiire zu treuem Zusammenhalten ver- 
pflichtet, wahrscheinlich nichts anderes zur Folge haben 
wiirde, als dafs gerade auf Schlesien die Hauptlast des Krieges 
gewalzt wiirde. Ihre Instruktion habe ihnen die Riicksicht 
auf das offentliche Wohl als hochstes Gebot hingestellt olme 
besonders zu Ruckfragen zu verpflichten, und so gut wie 
die schlesischen Gesandten einst im Jahre 1611 bei der Los- 
sagung von weiland Kaiser Rudolf, obwohl gegen diesen lange 
nicht so starke Beschwerden vorgelegen, ohne Spezial- 
instruktion dem Votum der andern Lander sich angeschlossen 
hatten, so hatten sie denn in Gottes Namen auch hier ihre 
Stimme im Sinne der andern Staaten abgegeben (den 21. Aug. 

Grunhasen, Gesch. Sclilesiens. II. la 



178 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

1619). Die schlesischen Gesandten haben dabei eine kleine 
Anderung herbeigefiihrt, insofern sie in der Gesamterklarung 
den Ausdruck vermieden wissen wollten, dais Konig Ferdi- 
nand von den Landen vervvorfen worden sei, sie setzten 
durch, dafs es hiefs, „er habe sich selber der Regierung liber 
die Lander begeben und entsetzt". Anderseits hat einer von 
ihnen, Dr. Geisler, sich sehr lebhaft und auch mit Erfolg 
bemiiht, die Oberlausitzer Gesandten zur Zustimmung zu 
bewegen, obwohl ihre Riicktrage bei den Standen ihres Lan- 
des noch unbeantwortet geblieben war. Als die ersehnte 
Antwort dann am 23. August eintraf, wies sie die Gesandten 
an Ferdinand, und wiederum hatten die schlesischen Ge- 
sandten im Verein mit den Bohmen grofse Miihe, jene ab- 
zuhalten durch offentliche Vorlesung dieser Instruktion einen 
argen Mifston in die Verhandlungen zu bringen. 

So war der verhangnisvolle Schritt geschehen und, wie 
man einraumen mufs, nicht ohne dafs die Gesandten einer 
gewissen Eigenmachtigkeit und Willkiir geziehen werden 
mufsten, wenngleich wie die Sachen nun einmal lagen, es 
sehr zweifelhaft bleibt, ob eine Riicktrage bei den schle- 
sischen Fiirsten und Standen zu einem andern Resultate ge- 
fiihrt haben wiirde. Jedenfalls wird man bei der Beurtei- 
lung des ganzen Vorganges sich immer im Gedachtnis halten 
mtissen, was hier vorausgegangen war seit dem Jahre 1609, wie 
sich seitdem die Bande des Gehorsams immer mehr gelockert, 
die standischen Vertretungen immer grofsere Macht erlangt 
hatten, wie dann 1611 ein Abfall von dem legitimen Herr- 
scher erfolgt und schliefslich sanktioniert worden war. Ja 
man wird sogar sagen mtissen, dais in der That, wenn man 
nun einmal entschlossen war den Majestatsbrief mit alien 
Konsequenzen aut'rechtzuerhalten , der Abfall von Ferdinand 
eine Notwendigkeit war, und dafs die Gesandten nicht so 
unrecht hatten, von vornherein anzunehmen, dafs die neue 
Konfoderationsverfassung, die sich die vereinten Lande jetzt 
eben gegeben, von einem Herrscher wie jener war, nimmer 
acceptiert oder wenigstens nicht gehalten worden ware. 

Die nachste Folge des Ausschliefsungsvotums war nun 
die Wahl eines neuen Hauptes, die am 27. August erfolgte, 
und bei welcher schliefslich fast alle Stimmen auf den jungen 
Kurfiirsten Friedrich von der Pfalz sich vereinigten, an dem 
man ebenso wohl seine trefflichen personlichen Eigenschaften 
als seine Verwandtschaft mit hohen gekronten Hauptern und 
anderseits auch seine Stellung an der Spitze der Union der 
deutschen protestantischen Fiirsten hervorzuheben belh'ssen 
gewesen war. Wiederum ging Bohmen und Mahren voraus, 



Friedrich von der Pfalz zum Konig gewiihlt. 179 

Schlesien, dessen Gesandten wiederum den Markgrafen von 
Jagerndorf mit zur Beratung zogen, schlofs sich an, die Lau- 
sitzen folgten. 

Die durch diese Wahl geschaffene Lage der Dinge hat 
bekanntlich nicht Zeit gehabt sich zu entwickeln und ihre 
Folgen zu aufsern; ein solcher Anschlufs Bohmens und 
seiner Nebenliinder nach Deutschland hin, seine Krone auf 
dem Haupte eines deutschen Kurfursten — es wttrde das, 
hatte es sich aufrecht erhalten lassen, die Geschicke Deutsch- 
lands in andere Batmen gelenkt und wahrscheinlich auch 
die nationalen Verhaltnisse Bohmens zu anderer Entwicke- 
lung gebracht haben. Fur die Schlesier war bei den hier 
obwaltenden Stimmungen eine niihere Verbindung nach 
Deutschland hin im Grunde erwiinscht. Wohl hatte man 
hier den sachsischen Nachbar dem Pfalzer vorgezogen um 
so mehr, da ihn sein lutheriscb.es Bekenntnis der schlesischen 
Bevolkerung mehr empfahl, doch in Prag hatte Johann Georgs 
Unentschlossenheit der pfalzischen Partei, zu der ubrigens 
auch der fur die Haltung der schlesischen Gesandtschaft so 
einflulsreiche Markgraf von Jagerndorf sich bekannte, leichtes 
Spiel gemacht; und nun die Entscheidung gefallen war, ac- 
ceptierte man sie, proklamierte die Wahl, ernannte (im Ok- 
tober 1619) zur Landesregierung eine Anzahl von Defen- 
soren, an ihrer Spitze den Landeshauptmann Herzog Johann 
Christian sowie den Markgrafen Johann Georg von Jagern- 
dorf, letzteren als Feldobersten, und begehrte nun auch von 
dem Domkapitel sowie von der katholischen Geistlichkeit 
iiberhaupt ein Treugelobnis, dem gegeniiber kein stillschwei- 
gender Vorbehalt oder eine papstliche Eidesentbindung Gel- 
tung haben sollte. Es wnrde ohne Weigerung geleistet, nur 
der Bischof Erzherzog Karl hatte bereits im September 
Schlesien verlassen und am Hofe des ihm verschwagerten 
Polenkonigs eine Zuflucht gesucht. 

Natiirlich schrieb man es seinen Aufreizungen zu, als 
Anfang Oktober eine polnische Raubschar die schlesische 
Grenze iiberschritt, das Stiidtchen Medzibor verbrannt^und 
auch sonst manche Verwiistungen angerichtet hatte. Ubri- 
gens hatte man nach dem gereizten Briefwechsel , der seit 
dem Ausbruch der bohmischen Unruhen zwischen dem pol- 
nischen Hofe und den Schlesiern gefuhrt worden war, auf 
noch schlimmeres gefafst sein milssen, und nachdem man 
polnischerseits immer darauf hingewiesen hatte, dafs man 
vertragsmafsig dem Kaiser werde Hilfe leisten miissen, haben 
dann auch im Februar 1620 polnische irregulare Truppen, 
angeblich 8000 an der Zahl, in der Nahe von Tarnowitz die 

12* 



180 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

schlesische Grenze iiberschritten, unter argen Verwiistungen 
ihren Weg durch Schlesien nach Mahren genommeu und 
gliicklich das kaiserliche Heer erreicht. 

In Schlesien ward unter der neu gegriindeten Herrschaft 
allerorten den bisherigen Beschwerden der Protestanten ab- 
geholfen, so in den Fiirstentumern Teschen und Troppau, 
in Ratibor, Oberglogau, Oppeln, auch in der Bischofsstadt 
Neiise der evangelische Gottesdienst freigegeben. An den 
Orten, wo bisher der Magistrat ganz aus Katholiken be- 
standen, wurden jetzt beide Religionsparteien zu gleichen 
Teilen mit den Stadtamtern bedacht. An den Kurfursten 
Friedrich von der Pfalz, der nach anfanglichem Schwanken 
angeblich auf die Vorstellungen seiner ehrgeizigen Gemahlin, 
einer Tochter Jakobs I. von England, und seines Hofpredi- 
gers Abr. Scultelus (eines Schlesiers aus Griinberg gebiirtig) 
die Wahl angenonnnen hatte, schickten die Schlesier eine 
Gesandtschaft , an deren Spitze der Herzog von Ols stand, 
welche dann auch die Z usage empfing, der Konig werde 
baldigst in Person die Huldigungen seiner getreuen Schlesier 
entgegenzunehmen in Breslau sich einfinclen. Dies geschah 
im Februar 1620, wo Friedrich durch Mahren nach Schle- 
sien kani , bereits zu Sternberg von den Gebrudern Herzog 
Heinrich Wenzel und Karl Friedrich von Ols und zu Jagern- 
dorf von dem Markgrafen erapfangen. Uber Neifse und 
Grottkau zog er nach Ohlau, wo er am 22. Februar sein 
Nachtlager hielt um dann am folgenden Tage seinen Einzug 
in Breslau zu halten, welcher um so prachtvoller gefeiert 
ward, als es der erste protestantische Landesherr war, den 
man in Breslaus Mauern begriifste. Hier empfing er auch, 
nachdem er geschworen, alle insgemein und einen jeden in- 
sonderheit bei ihren wohlhergebrachten Freiheiten und alten 
Gewohnheiten zu erhalten, die Huldigung der verschiedenen 
Fiirsten und Stiinde, der sich auch die katholische Geistlich- 
keit nicht entzog. Eine ansehnliche Steuer ward ihm be- 
willigt. Von den Erbfiirstentumern hielten Schweidnitz-Jauer, 
Oppeln-Ratibor und Glogau an ihren alten Privilegien test, 
in ihren betrefienden Fiirstentumern die Huldigung abzu- 
leisten. Die Leutseligkeit des neuen Herrschers erfreute die 
Herzen, wahrend dagegen die dem ret'ormierten Bekenntnis 
erwiesene Gunst, die Einraumung eines Saales der konig- 
lichen Burg zum Gottesdienst bei der wenig toleranten luthe- 
rischen Bevolkerung Argernis erregte. 

Wenn die schone Ehrenpforte, welche auf dem Ringe 
vor dem Rathause errichtet war, den neuen Herrscher vor- 
nehmlich als den Bringer des Friedens feierte, so ist es 



Friedrich V. in Breslau. Ferdinands Kaiserwahl. 181 

immerhin moglich, dafs die Breslauer es als ganz unzweifel- 
haft angesehen haben, derselbe werde seine Krone ohne be- 
sondere Schwierigkeiten zu behaupten vermogen. Die enge 
Vereinigung der fiinf Erblande, zu denen ja seitdem noch 
die beiden cisterreichischen Provinzen und neuerdings auch 
Ungarn unter der Fiihrung des Fiirsten von Siebenbiirgen 
Bethlen Gabor getreten waren, die Hoffnung auf den Bei- 
stand des protestantischen Deutschlands und die Hilfe Eng- 
lands und Hollands schien das verbiirgen zu konnen. Auf 
der andern Seite aber hatte die fast gleichzeitig mit der 
Prager Wahl erfolgte Wahl Ferdinands zura deutschen Kaiser 
wohl zeigen konnen, dafs auch dieser machtige Freunde 
habe, die zu dem neuen Kaiser stehen mufsten, wenn dieser 
alles daran setzte ; seine angestammten Erblande wiederum 
seiner Herrschaft zu unterwerfen. 

In der That gewann sich Ferdinand schnell Verbiin- 
dete; unter dem Eindrucke der dem ganzen Katholizismus 
drohenden Gefahr erstand die Liga deutscher katholischer 
Fiirsten von neuem, durch Spanien und den Papst unter- 
stiitzt und erhielt in dem energischen und kriegstiichtigen 
Herzog Maximilian von Bayern ein sehr geeignetes Haupt. 
Auf der andern Seite herrschte unter den Protestanten nicht 
im entferntesten Einigkeit. Im Reiche fand der Kurfiirst 
von der Pfalz nur aufserst laue Unterstiitzung, und Sachsen, 
wo der einflufsreiche Ratgeber Johann Georgs, sein Hof- 
prediger Hoe von Hoeneck ganz aufser sich geriet bei dem 
Gedanken, dafs „so viele edle Lander dem Calvinismo in 
den Rachen gesteckt werden sollten", in welchem er ein 
Werk des Antichristes nicht besser als den Glauben der 
Tiirken erblickt, schlofs sich bald auf das engste an Ferdi- 
nand an unter dem Versprechen der Verpfandung der Lau- 
sitzen fur die aufzuwendenden Kriegskosten. 

Von diesen Abmachungen erfuhren bald auch die Schle- 
sier etwas, als ihnen ein vom 22. April 1620 datiertes Schrei- 
ben Ferdinands zugestellt ward, welches sie zwar wegen 
ihres Abfalls und ihrer Rebellion, in die sie sich trotz Hirer 
vorher geleisteten Huldigung eingelassen, streng tadelte, ihnen 
indes mit Riicksicht darauf, dafs die rebellische Erklarung 
in Prag nur von wenigen, die auch richtiger Vollmacht ent- 
behrt hatten, ausgegangen sei, Gnade und Erhaltung ihrer 
Privilegien versprach, wofern sie jetzt noch dem von ihm 
zu seinem Kommissar ernannten Kurfiirsten von Sachsen 
Unterwerfung und Gehorsam gelobten. Das blieb nun aller- 
dings ohne Wirkung 7 eben damals erkliirten die Schlesier 
nach dem Vorgang der Bohmen den jungen pfalzischen 



182 Zweites Bucb. Zweiter Abschiiitt. 

Prinzen zum designierten kiinftigen Landesherrn, riisteten 
auch von neuem, gleichzeitig zur Abwehr polnischer Einfalle, 
nachdeni ein zweiter Kosakenschwarm, der im April durch 
das Namslauische Gebiet eingedrungen, quer durch Schlesien 
hindurcli unter argen Verwiistungeu seinen Weg gesucht 
hatte, am 22. April unweit Jagerndorf durch ein schlesisches 
Aufgebot, das Friedrich von Herrenberg befehligte, voll- 
standig aufgerieben worden war. Jetzt wurden auch die 
Lande der Stande, welche bisher noch die Huldigung an 
den neuen Konig geweigert hatten, wie der Fiirstbischof, der 
Fiirst Liechtenstein als Herzog von Troppau und Graf Hanni- 
bal von Dohna, Herr auf Polnisch Wartenberg, eingezogen 
und unter Sequester gestellt. 

Die Kriegsereignisse, Schlacht am Weifsen Berge 1620. 

Von dem Eriegsvolke, das die Schlesier geworben, be- 
fanden sich nur wenige Fahnlein bei dem bohmischen Haupt- 
heere ; was man nicht daheim zur Abwehr der Polen brauchte, 
vereinigte im September Markgraf Johann Georg von Jagern- 
dorf zur Unterstiitzung der Lausitzer, gegen welche der 
Kurfiirst von Sachsen, um sie von dem bohmischen Bunde 
zu trennen und zum Gehorsam gegen Ferdinand zuriick- 
zufiihren, damals herangezogen kam. 

In Bautzen, wo die Burgerschaft wie uberhaupt in den 
Stadten der bohmischen Bewegung ungleich weniger zuge- 
than war als der Adel, fanden die giinstigen Vorschlage, 
welche des Kurfiirsten von Sachsen Abgesandter Griinthal 
beziiglich einer Aussohnung mit dem Kaiser machte ; im Grunde 
vielen Anklang, aber auf die Nachricht hiervon beeilte sich 
der Markgraf von Jagerndorf, der mit dem schlesischen 
geworbenen Kriegsvolke bis Zittau herangenickt war, auf 
Wagen eine kleine Schar unter dem entschlossenen Haupt- 
mann Karnitzky in die Stadt fahren zu lassen. Der Biirger- 
schaft kam der Succurs keineswegs erwiinscht, und nur mit 
Anwendung gelinder Gewalt und mit Uberrumpelung gelangte 
Karnitzky in die Mauern. Dann aber ergriff er hier die 
Ziigel der Gewalt, setzte auf Befehl des Markgrafen den 
sachsischen Unterhiindler gefaugen (7. September), um den- 
selben darauf diesem zuzusenden und liefs die Stadt dem 
Konig Friedrich aufs neue Treue schworen. Am 19. Sep- 
tember fand auch noch eine aus dem bei Gorlitz aufge- 
schlagenen markgriiflichen Lager gesandte Verstarkung unter 
Fiihrung des tapfern Obersten Leger, genannt Spee, ihren 
Weg in die Stadt, doch alle Tapferkeit des neuen Komman- 



Der Krieg in der Oberlausitz. 183 

danten konute nicht verhiiten, dafs Bautzen, durch anhaltende 
Beschiefsung geangstigt, nach fast vierwochentlicher Belagerung, 
und nachdem jede Hoffnung auf einen Eutsatz durch den 
Markgrafen von Jagerndorf, der sicli zu solchem Unter- 
nehmen nicht stark genug fuhlte, geschwunden war, am 
5. Oktober auf freien Abzug der Besatzung kapitulierte. 

Die abziehenden schlesischen Verteidiger der Stadt riick- 
ten hierauf ohne ihre Offiziere eigenmachtig requirierend bis 
vor Breslau, klagten meuternd itber nicht erfiillte Ver- 
sprechungen und begehrten drohend Sold und Abdankung. 
Erst durch Aufbietung gewaffneter Macht und nachdem 
mannigfacher Schaden angerichtet, konnten sie wieder zur 
Unterwerfung gebracht werden. 

Des Markgrafen Lage ward immer ungiinstiger. Die 
Nachricht von der Niederlage der Bohmen am Weifsen Berge 
brachte allgemeine Mutlosigkeit hervor. Seine Soldaten, 
ohne Sold gelassen, meuterten, von den ausgehobenen Mann- 
schaften gingen viele einfach nachhause, ein Versuch, von 
dem Kurfiirsten einen Waffenstillstand zu erlangen, scheiterte, 
am 27. November fiel auch Lobau, der Markgraf, dem es 
offenbar an keck wagendem Mute gebrach, wiinschte selbst 
nichts mehr als seine Truppen zurtickfiihren zu diirfen. 
Aber in Schlesien wollte man davon nichts horen, man wollte 
wenigstens Gorlitz und Zittau als Grenzbollwerke Schlesiens 
erhalten wissen, und noch am 20. Januar 1621 schrieb dem 
Markgrafen der Landeshauptmann Johann Christian in diesem 
Sinne, ihm zugleich Verstarkungen in Aussicht stellend, iiber 
die man noch nicht verfiigt habe. Doch kann dieser Brief 
den Markgrafen nicht mehr in Gorlitz gefunden haben. 
Derselbe war abgezogen, nachdem es sich herausgestellt hatte, 
dafs der Kurfurst, weil heftiger Schneefall den Transport 
der Belagerungsgeschutze hinderte, um die Weihnachtszeit 
den Feldzug beendigt und seine Truppen zuriickgefuhrt 
hatte. 

Auf das alles kam jetzt wenig mehr an, seitdem auf dem 
grofsen Kriegstheater die Entscheidung gefallen war. Der 
bohmische Oberbefehlshaber Christian von Anhalt hatte mit 
seinen unzulanglichen Streitkraften die Vereinigung des ka- 
tholischen und des ligistischen Heeres, das Herzog Maximilian 
von Bayern fiihrte, nicht hindern konnen; jetzt mufste er 
zur Rettung von Prag, gegen das die vereinigte feindliche 
Armee heranzog, eine Schlacht wagen, welche am 8. November 
1620 auf dem Weifsen Berge westlich von der bohmischen 
Hauptstadt geschlagen ward. Der Heldenmut der Hussiten- 
kriege schien nicht mehr in den Enkeln zu leben. Trotz 



184 Zweites Bucb. Zweiter Abscbnitt. 

aller Gunst ihrer festen Stellung fuhrte die schlechte Haltung 
der bohmischen Truppen Thurns auf ihrem linken Fliigel 
und die schmahliche Flucht der Ungarn eine totale Nieder- 
lage herbei. Ungleich besser hatten sich auf dem rechten 
Fliigel die Mahrer geschlagen, wo auch den wenigen hun- 
dert Mann, welche Schlesien hierher gesendet, eine leidliche 
Haltung zugesprochen wird. 

Den unkriegerischen Konig Friedrich traf die furchtbare 
Nachricht von dem Zusammenbruch seiner neuen Herrschaft 
in seiner bohmischen Hauptstadt, deren Befestigungen seine 
Generale bei der immer mehr einreifsenden Mutlosigkeit. 
nicht zu halten sich getrauten. Am 17. November erschien 
Friedrich in Breslau mit seiner Gemahlin und zahlreichem 
Gefolge, aber gebeugt und entmutigt. Die Ehrenpforten, 
welche ihn im Februar d. J. hier begriifst hatten, tehlten 
jetzt, doch die Bevolkerung war noch immer bereit an ihm 
zu halten. Denn wenn man auch hier von seiner Person- 
lichkeit nicht mehr Grofses erwartete und an seiner cal- 
vinistischen Denkungsart vielfach Anstofs nahm, und obschon 
sein entschiedenster Anhanger, der Markgraf von Jagerndorf 
durch den Lauf der Kriegsereignisse viel von seinem Kre- 
dite verloren hatte, so blieb doch auch der im Grunde be- 
liebte Oberlandeshauptmann Johann Christian von Brieg 
Friedrich treu ; noch schien ein festes Zusammenstehen der 
verbundenen Lande und das Eingreifen der Ungarn eine 
giinstigere Wendung der Dinge herbeiftihren zu konnen, 
wahrend auf der andern Seite schwere Strafen und religiose 
Unterdriickung zu furchten waren. So schopfte hier in Breslau 
auch Friedrich neue Hofinungen, und angestachelt durch 
die Vorwurfe Bethlens von Siebenbiirgen, der sich ganz ent- 
riistet daruber zeigte, dafs der Konig sein Spiel verloren 
geben wolle, wahrend jetzt gerade eine ungarische Armee 
gegen Wien marschiere und auch die Tiirken den Krieg 
zu beginnen Miene machten, verzogerte er die schon ange- 
ktindigte Absendung eines Gesandten an den Kurfiirsten von 
Sachsen und erkliirte dem schlesischen Furstentage, den er 
im Dezember hier in Person abhielt, seinen Entschlufs, alles 
fur die Erhaltung des endlichen Sieges einzusetzen unter 
Benutzung des ihm von den verschiedensten Seiten her in 
sichere Aussicht gestellten Beistandes, wogegen nun auch die 
Schlesier grofsere Opfer zu bringen sich bereit linden lassen 
soil ten. Gleichzeitig liefs der Konig um die eifrig luthe- 
rische Bevolkerung der schlesischen Hauptstadt sich gun- 
stiger zu stimmen sich bereitfinden, die bei seinem Iriiheren 
Aufenthalte hier angeordnete Griindung einer retormierten 



Die Schlacht am Weifseu Berge. 185 



« ■ 



Gemeinde mit Gottesdienst in der koniglichen Burg und eigner 
Schule wieder fallen zu lasaen. 

Schon im November hatte man neue hohe Kriegssteuern 
ausgeschrieben , die allerdings schlecht eingingen, jetzt be- 
schlofs man, wenn auch nicht, wie es der Konig Friedrich 
begehrt hatte, 50 Prozent von der allgemeinen Schatzung, 
so doch wenigstens 12 Prozent zur Fortsetzung des Krieges 
zu bewilligen, konfiszierte aber den Widerstrebenden, was 
zu koniiszieren war, und brandschatzte die katholische Geist- 
lichkeit nach Kraften. 

Doch die Stimmung schlug vollstandig um, als inzwischen 
die Nachricht eintraf, die Mahrer suchten jetzt um jeden 
Preis Aussohnung mit dem Kaiser. Jetzt gewann das An- 
erbieten des Kurfiirsten von Sachsen, der durch seine Ver- 
mittelung Aussohnung mit dem Kaiser und Sicherung der 
Landesfreiheiten in Aussicht gestellt hatte, neuen Wert. 
Selbst Konig Friedrich sandte jetzt an diesen den Grafen 
Hohenlohe mit dem Erbieten eines eventuellen Verzichtes 
auf die bohmische Krone und ermachtigte auch die Schlesier 
zu Traktaten mit Sachsen, allerdings vorbehaltlich seiner 
Kenntnis und Zustimmung. Doch wollte das kaum noch 
etwas besagen, thatsachlich hat er, wie die Umstande hier 
lagen, dadurch, dafs er am 23. Dezember, mit einem Reise- 
geld von 60000 Gulden von den Standen versehen, Breslau 
verliefs, um bei seinem Schwager in Berlin eine Zuflucht zu 
suchen, seine Sache aufgegeben. 

Der Dresdener Accord. 

Hier wandten sich jetzt aller Augen auf die Unterhand- 
lungen mit Sachsen. Es war die hochste Zeit, wenn schlim- 
meres verhiitet werden sollte. 

Nach der Schlacht am Weifsen Berge mit ihren so iiber- 
aus weitreichenden und durchschlagenden Folgen durfte Kaiser 
Ferdinand mit ziemlicher Sicherheit auf den Sieg seiner 
Sache, die vollstandige Unterwerfung der emporten Lande 
rechnen, und es ist ihm sicherlich nicht einen Augenblick 
zweifelhaft gewesen, dafs das Regiment, welches er nun wie- 
der aufzurichten kam, ein sehr anderes Ansehen haben miisse, 
als das, welches unter weiland Kaiser Matthias bestanden. 
Sein Eiferftir die katholische Lehre, welche nach seiner 
innersten Uberzeugung die allein seligmachende war, liefs 
ihn nach Mitteln suchen, derselben eine wii'klich herrschende 
Stellung zuriickzugeben ; die in den Erblanden unzweifelhaft 
sehr hoch gestiegenen Befngnisse und Anspriiche der Stande 



186 Zweites Buch. Zweiter Abscbnitt. 

sollten wieder vor cler monarchischen Gewalt zuriicktreten, 
der leere Staatssiickel sollte gefiillt, treue Anhanger sollten 
belohnt, Ubelwollende gestraft werden. Zu dem allem war 
die Gelegenheit wunderbar giinstig. Die Erblande waren 
in vollem Aufruhr gewesen und mit den Waffen in der 
Hand niedergeworfen worden ; der schwer beleidigte Landes- 
lierr mochte sich wohl fur befugt halten, iiber alle friiberen 
Landesprivilegien riicksichtslos hinwegschreitend die Bedin- 
gungen der zu gewahrenden Verzeihung, die Grundlagen 
des ktinftigen Verhaltnisses zwiscben Herrscher und Unter- 
thanen selbst zu diktieren. 

Es fehlte nicbt an Leuten in seiner Umgebung, welche 
ibm Vorschlage unterbreiteten , wie jene lntentionen sich 
durchfuhren liefsen, und es ist bekannt, mit wie furchtbarer, 
riicksichtsloser Harte Ferdinand in den Erblanden und ganz 
besonders an dem eigentlichen Herde des Aufstandes, Bob- 
men, einen neuen Staat aufrichtete, eine absolute Monarchic, 
fur welche das katholische Bekenntnis die allein herrschende 
Staatsreligion war. 

Wie mochte es den Kaiser locken, das gleiche Verfahren 
auch Schlesien gegeniiber anzuwenden, die Haupter der re- 
bellischen Protestanten durch Hinrichtung oder Verbannung 
beiseite zu schaffen, ihre Giiter einzuziehen! Hier wo es 
wie nirgends sonst mehr in den Erblanden noch Herzoge 
gab, angesehene, iiber weite Landgebiete herrschende Fiirsten 
mufste die Vertreibung und Ersetzung durch katholische 
treue Anhanger des habsburgischen Hauses erhohte Bedeu- 
tung erlangen. Der Anfang wurde auch wirklich damit 
gemacht, dafs unter dem 20. Januar 1621 in Gemein- 
schaft mit dem Konig Friedrich, Christian von Anhalt und 
dem Grafen von Hohenlohe auch iiber den Markgrafen von 
Jagerndorf des Reiches Acht und Aberacht ausgesprochen 
wurde, und zwar iiber ihn, weil er, nachdem Ferdinand be- 
reits ziim Kaiser gewiihlt gewesen, dessen schlesische Unter- 
thanen in ihrer Rebellion gestarkt, sie durch List und Ge- 
walt vom Gehorsam abgehalten, von ihnen Kontributionen 
und Geld erprefst, des Kaisers Kommissar, dem Kurfiirsten 
von Sachsen rait gewaffneter Hand sich widersetzt, demselben 
vielfaltigen Despekt erwiesen, seine Subdelegierten gelanglich 
einziehen lassen und uberhaupt einer der fiirnehmsten Radels- 
fiihrer gewesen. Doch einer weiteren Forttiihrung solcher 
durchgreifender Mafsregeln stand hier die Vollmacht ent- 
gegen, welche der Kaiser in bedrangter Zeit dem Kurfiirsten 
von Sachsen erteilt, Schlesien auf eigene Hand zu pazifizieren 
und die sich Unterwertenden zu begnadigen, ihnen Erhaltung 



Die Schlesier suchen Versoknung rnit Ferdinand. 187 

ihres Lebens und Besitzes, clem Lande Bestatigung seiner 
Freiheiten zu bieten. 

Die Schlesier allerdings waren weit davon entfernt, ihre 
Lage als so schlimm anzusehen, als sie es thatsachlich war. 
Der Landeshauptmann Johann Christian war sogar bereit, 
die Kriegsoperation ernstlich fortzusetzen, wofern der Konig 
Friedrich nach Schlesien zurlickkehren und sich an die 
Spitze stellen zu wollte. Anderseits machte es einen gewissen 
Eindruck, als eine Gesandtschaft nach Warschau (November 
1620) ihnen zeigte, dafs man dort sich fur verpflichtet halte, 
den Kaiser auch ferner zu unterstiitzen, dafs man daher vor 
weiteren Durchziigen von Kosaken keineswegs sicher sei. 
Ferner mufste der Landeshauptmann auch wahrnehmen, dafs 
die andern Stande sich doch nicht unbedingt seiner Fuhrung 
liberliefsen ; die Fiirstentiimer Schweidnitz - Jauer erklarten 
im Verein mit Miinsterberg, eventuell auf eigene Hand mit 
Sachsen in Unterhandlungen treten zu wollen, ja die Graf- 
schaft Glatz, bei der ja allerdings die Zugehorigkeit zu Schle- 
sien sehr bestritten war, schickte einen eigenen Gesandten 
nach Dresden, und ebenso bot das Furstentum Troppau in 
Wien seine Unterwerfung an. Konig Friedrich hatte selbst 
unter dem 15. Januar 1621 auf eine Anfrage der ober- 
lausitzischen Stande geantwortet, er hoffe, dafs sie mit den 
schlesischen Stiinden durch eine Gesandtschaft an den Kur- 
fursten von Sachsen einen gutlichen Vergleich suchen wiirden. 
Aber die Schlesier glaubten jetzt keine Zeit mehr verlieren 
zu diirfen, und ohne vorherige Verstandigung mit den Ober- 
lausitzern, die dieses ihrer Konfoderation so sehr zuwider- 
laufende Verhalten sehr ubel empfanden, ordneten sie in der 
zweiten Hiilfte des Januar 1621 eine sehr gliinzend ausge- 
stattete Gesandtschaft nach Dresden ab, bestehend aus dem 
Herzoge Karl Friedrich von Miinsterberg und Ols, Adam 
von Stange, Liegnitzschen Rate, Sigismund von Bock fur 
Schweidnitz-Jauer, Dr. Rosa von Breslau und Johann Wirth 
Ratsherrn aus Schweidnitz, welche allerdings eine Vollmacht 
zum Abschlusse nicht mit erhielten. Dr. Rosa, welcher die 
Verhandlungen vorzugsweise fiihrte, glaubte mit Riicksicht 
darauf, dafs Schlesien doch nicht wie Bohmen mit Waffen- 
gewalt bezwungen sei, wohl verklausulierte Friedensbedin- 
gungen verlangen zu konnen, in welche man dann auch 
sogar den Konig Friedrich einschliefsen zu konnen meinte, 
aber die Verhandlungen in Dresden liefsen den Gesandten 
doch keinen Zweifel dariiber, dafs hier nicht von Friedens- 
verhandlungen , sondern von einer Unterwerfung unter den 
rechtmafsigen Herrscher, der sich dagegen zu einer Amnestie 



188 Zweites Buch. Zweiter Abschaitt. 

unci Bestiitigung der Landesprivilegien herbeilassen wollte, 
die Rede sein konne, auch an der Forderung, dafs Bohrnen 
oder wenigstens das Herzogtum Schlesien als ein Wahlreich 
anzusehen sei, gestattete man ihnen nicht festzuhalten. Schon 
ward ja damals die Achtung des Konigs Friedrich, der aller- 
dings auch der Kurfufst von Sachsen sich vergebens vvider- 
setzt hatte, bekannt, und dais das gleiche Schicksal auch den 
Markgrafen von Jagerndorf betroffen habe. Die Forderung 
des Kaisers, auch noch einige andere Radelsliihrer von der 
Amnestie auszuschliefsen , trat ihnen jetzt wiederholt ent- 
gegen und konnte nur durch die Ubernahme einer ansehn- 
iichen Geldsumme abgewendet werden. Die Hauptsache war 
und blieb, dafs die Gesandten dem im Februar 1021 nach 
Liegnitz berufenen Fiirstentage als das Resultat der mit dem 
Kurflirsten gepflogenen Verhandlungen eine von diesem nach 
mehrmaligem Schriitenaustausch gleichsam als Ultimatum 
hingestellte Ubereinkunft vorlegten des Inhaltes, dafs die 
Schlesier wegen ihrer Auflehnung gegen den Kaiser um Ver- 
zeihung bitten ; aufs neue demselben als ihrem rechtmafsigen 
Landesherrn Gehorsam und den Katholischen in Schlesien 
Schutz und Sicherheit geloben, auch dem Kaiser zur Be- 
zahlung des Kriegsvolkes 500 000 Goldgulden zahlen sollten, 
wogegen sich der Kurfurst anheischig machte, ihnen einen 
Generalpardon und Wiederaufnahme zu Gnaden sowie auch 
Erneuerung ihrer Privilegien, Freiheiten und Majestatsbriefe, 
desgleichen Verschonung mit kaiserlichem Kriegsvolk nach 
Abdankung des eignen geworbenen auszuwirken, und falls 
sie wegen ihrer Anhanglichkeit an die Augsburgische Kon- 
fession bekriegt werden sollten, Schutz und Verteidigung 
angelobte. 

Zu Liegnitz erhoben gegen die Propositionen eigentlich 
nur die Jagerndorfischen Gesandten ihre Stimme , indem sie 
auf den an Konig Friedrich geleisteten Eid und die von 
Ungarn drohende Gefahr hinwiesen. Doch die iibrigen hatten 
keinen Zweifel, dafs der Kaiser mit viel schwererer Gefahr 
drohe, und dafs Konig Friedrich, nachdem er Bohmen und 
Mahren verloren, dadurch dafs er aus dem Lande gegangen 
und selbst an den Kurflirsten von Sachsen Unterhandler 
gesandt habe, die Schlesier ipso facto ihrer Prlicht entlassen 
habe. Nur der Landeshauptmann Joh. Christian bestand 
darauf, erst durch Friedrich seines Eides entbunden zu wer- 
den, und auf seine Veranlassung begehrten Fiirsten und Stande 
von ihm ein gleiches, allerdings ohne sich durch ein Ab- 
warten der Antwort von dem Abschlusse mit Sachsen abhalten 
zu lassen. 



Der Dresdener Accord. 189 

Dor unter dem Namen des Dresdener Accordes bekannte 
hochwichtige Akt ward am 28. Februar 1621 abgeschlossen 
und enthielt unter den bereits erwahnten Bedingungen die 
erneute Verpfliclitung fur Kaiser Ferdinand als den rechten 
erwahlten, gekronten und gesalbten Konig und Herrn. Die 
zu zahlende Geldsumrae war schliefslich auf 300 000 Gulden 
festgesetzt und den Standen gestattet worden, bis zu voll- 
standiger Stillung der Unruhen noch 1000 Reiter und 3000 
Mann zu Fufs in Sold zu behalten. Von dem General- 
pardon blieb nur der bereits geachtete Markgraf von Jagern- 
dorf ausgeschlossen, Johann Christian von Brieg beeilte sich 
die ihm gestellte Frist zu benutzen urn auch in den Accord 
mit aufgenommen zu werden. 

Der Umfang der Zugestandnisse an die Schlesier ent- 
sprach keineswegs ganz den Absichten des Kaisers, der z. B. 
freie Verfugung liber Leib und Gut der „Radelsfuhrer" auch 
in Schlesien sich vorbehalten zu sehen gewiinscht hatte und 
die Vollmachten des Kurfursten als nicht recht mehr giiltig 
ansehen wollte, nachdem die Entscheidung der Waffen am 
YVeifsen Berge erfolgt war. Indessen erklarte Johann Georg 
dahingehende Weisungen, welche ihm der Burggraf von 
Dohna gerade um die Zeit der Unterzeiclmung des Accords 
iiberbrachte, als zu spat kommend und bat den Kaiser um 
einfache Bestatigung des Accordes, indem er darauf hinwies, 
wie viel daraut ankomme, dafs Schlesien, dessen Kriegsvolk 
in der Starke von 5000 Mann zu Fufs und 3500 Reitern 
doch noch unbezwungen sei, gerade jetzt, wo Bethlen Gab or 
von den Tiirken unterstiitzt mit neuen Gefahren drohe, sich 
ohne Blutvergiefsen unterwerfe, um so mehr da mit Schlesien 
auch die Oberlausitz gewonnen werde. Der Kaiser, der 
mit dem Kurfursten nicht brechen mochte, gab nach und 
bestatigte den Accord. 

Wenn wir an das Schicksal denken, das Ferdinand den 
Nachbarlandern Bohmen und Mahren bereitete, miissen wir 
die Intervention Johann Georgs preisen, die Schlesien vor 
Gleichem behiitet hat. Gewifs ist, dafs er den Protestantis- 
mus in Schlesien gerade in einem ganz besonders kritischen 
Augenblicke gerettet hat. 

Dagegen vermochte trotz der nun abgeschlossenen Uber- 
einkunft das Land nicht zur Ruhe zu kommen. Die hoch- 
geschraubten Steuern liefsen sich nicht eintreiben, die Aus- 
zahlung und Abdankung des geworbenen Kriegsvolkes nicht 
ausfuhren. Der Landeshauptmann Johann Christian, der 
ohnehin die Wendung der politischen Verhaltnisse sehr bitter 
empfand, verzweifelte bald daran, in diese verwickelten Ver- 



190 Zweites Buch. Zweiter Abscbuitt. 

haltnisse Ordnung zu bringen; ira April 1621 legte er sein 
Amt nieder und folgte seiner Gemahlin Dorothea Sybilla 
nach Frankfurt a. O. in das Gebiet seines Schwagers, des 
Kurfiirsten von Brandenburg. Die Landeshauptmannschaft 
iibernahm nicht ohne Widerstreben sein Bruder Herzog Georg 
Rudolf von Liegnitz. 

Die Geldklemrae ward urn so schwerer empfunden, als 
je langer je mehr die betriiblichen Folgen der damals iiber- 
all eingerissenen Miinzverschlechterung, welche man mit dem 
Naraen der Kipper- und Wipperzeit zu bezeichnen pflegt, sich 
geltend machten. Die schon vor dem Ausbruche des Krieges 
begonnene iible Gewohnheit der Miinzberechtigten, den Ge- 
halt der Miinzen mehr und mehr herabzusetzen, hatte unter 
dem Drucke der Kriegsnot, wo die Einnahmen den Fiirsten 
sich minderten und die Ausgaben stiegen, ins ungemessene 
um sich gegriffen. Wir erfahren, dafs in den Jahren 1621 
bis 1623 selbst der Landeshauptmann, der Herzog von Lieg- 
nitz, Miinzen pragen liefs, die kaum den zwanzigsten Teil 
ihres angeblichen Wertes enthielten. Hatte man eine Weile 
das schlechte Geld gutwillig genommen, so reagierte doch 
dann das einmal erwachte Mifstrauen auf das heftigste da- 
gegen und erhohte nun die Werte aller Lebensbediirfnisse, 
die in dem neuen Gelde bezahlt wurden, so dafs beispielsweise 
der Preis eines Scheffels Weizen binnen Jahresfrist von 
9 Thalern auf 42 steigen konnte, der eines Paares Schuhe 
von 7 Groschen auf 7 Thaler. Versuche der Fiirsten, durch 
Zwangskurse der Entwertung ihres Geldes entgegenzutreten 
steigerten nur die Verwirrung und die thatsachliche Geldnot, 
bei der Unzahlige in Mangel und Armut kamen und die 
erst 1624 durch energische Mafsregeln des Kaisers, welcher 
die schlesischen Fiirsten geradezu zwang, sich zeitweise der 
Ausiibung ihres Miinzrechtes zu enthalten, allmahlich beseitigt 
werden kounte. 

Es ist viel Nationalkapital in diesen Jahren verloren, in 
Ranch aufgegangen, und was vielleicht noch mehr besagen 
will, es hatten sich bei dieser Schwindelzeit nur zu haufig 
Biirger und Landmann aus ihrer redlichen Tagesarbeit heraus- 
reifsen lassen um grofserem und miiheloserera Gewinn nach- 
zujagen, die dann nicht leicht den Weg zuriickzufinden ver- 
mocht haben. Es war, wie man treffend von dieser Periode 
gesagt hat, als hatten die zerstorenden Gewalten des Krieges 
einen ihrer Geister vorausgesandt, das feste Gefiige der biirger- 
lichen Gesellschaft zu lockern und ein friedliches, arbeitsames 
und ehrliches Volk zu gewohnen an das Heer von Leiden und 
Verbrechen, welches kurz darauf iiber Deutschland hereinbrach. 



Kipper und Wipper. Meutei-eien des Kriegsvolkes. 191 

Die Geldnot spielte nun auch eine grofse Rolle, als es 
sich darum handelte, dem Kriegsvolk den riickstandigen 
Sold auszuzahlen. Da waren die aus Bautzen abgezogenen 
Kriegsleute, ferner das unter dem Befehl des Markgrafen von 
Jagerndorf stehende schlesische Volk und endlich die Triim- 
mer des koniglichen Heeres, welche Friedrich auf seiner 
Flucht von Prag nach Schlesien gefolgt waren. Alle diese 
verlangten Ablohnung von den schlesischen Standen. Es 
waren an Soldresten nahezu eine Million Thaler aufzubringen, 
welche Summe sich eben durch die Miinzverschlechterung, 
und da die Soldaten mit dem unterwertigen Gelde nicht zu- 
frieden waren, noch erheblich steigerte. 

Zunachst hielten sich die unzufriedenen Soldaten an ihren 
Oberanfiihrer, den Markgrafen Johann Georg ; Herzog von 
Jagerndorf, dem sie das Versprechen abnotigten, bei ihnen 
ausharren und ihre Anspruche mit verfechten zu wollen, und 
den sie mifstrauisch iiberwachten, auf dafs er ihnen sich 
nicht entzoge. Der Markgraf liefs sich vielleicht nicht so 
ungern zwingen. Geachtet und vom Generalpardon allein 
ausgeschlossen , wie er war, konnte er sein Heil nur darin 
suchen, an der Spitze seines Heeres entweder eine Wendung 
der Dinge herbeizufiihren oder wenigstens ein giinstigeres 
Abkommen mit dem Kaiser zu erzielen. Die schlesischen 
Fiirsten und Stande wiederum hatten mannigfache Griinde, 
glimptlich mit ihm umzugehn. In ihrem Auftrage hatte er 
ja eigentlich die Feindseligkeiten gegen den Kaiser begangen, 
die seine Achtung herbeigefiihrt hatten; wahrend sie jetzt 
sich salviert hatten, biifste ihr General die allgemeine Schuld 
mit dem Verlust von Land und Leuten und der schweren 
Strafe der Achtung. So ward denn hin und her verhandelt 
scheinbar nur iiber die Befriedigung der Soldaten, und der 
Markgraf nahm nun auch die angebotenen zwei Drittel 
der Soldreste, welche immer noch iiber 700 000 Thaler be- 
trugen, ruhig entgegen, dann aber warf er die Maske ab, 
entliefs das Kriegsvolk nicht, sondern erklarte auf Grund 
einer von ihm vorgewiesenen neuen Bestallung des Kcinigs 
Friedrich, im Bunde mit Bethlen Gabor fiir die Sache jenes 
Herrschers weiterkampfen zu wollen. Bald fullte sich das 
Gebiet langs des Gebirges bis nach Mahren hinein mit neuem 
Kriegstreiben, das Land des Bischofs ward auf das schwerste 
heimgesucht. Glatz mit seiner Bergfeste wahlte sich der 
Markgraf als Hauptstutzpunkt, entsandte im Juli 1621 dort- 
hin aus Neifse Geschiitz, Munition und Proviant, und ein 
niederlandischer Ingenieur, der aus dem Gefolge Konig Fried- 
richs zurlickgeblieben, war im Verein mit dem entschlossenen 



192 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

Hauptmarm von Lohe, der in Glatz koramandierte, eifrig 
thatig, um die Stadt verteidigungsfahig zu machen. Die 
Absendung der Deputation nach Wien, welche entspre- 
chend dem im Februar mit Sachsen getrofFenen Ab- 
komraen die Unterwerfung der Glatzer bezeugen sollte, 
ward verhindert, das Landvolk, dainals ganz und gar pro- 
testantisch, leistete wesentliche Dienste, besetzte die in das 
Glatzer Land fuhrenden Passe, und ein Bauernbund speziell 
aus den im Schutze der Festung liegenden Dorfern be- 
teiligte sich unmittelbar an der Verteidigung der Stadt. 

Aber Glatz ward sehr bald ein verlorener Posten. Des 
Markgrafen Versuch, den Kampf in Schlesien fortzusetzen, 
biilste die letzten Aussichten auf Erfolg ein, als gegen Ende 
des Jahres 1621 Bethlen Gabor Frieden mit dem Kaiser 
schlofs, der ihm gegen Verzichtleistung auf die Krone von 
Ungarn neben sieben Gespannschaften dieses Konigreichs 
und einer Jahresrente von 50 000 Gulden auch die Fiirsten- 
tiimer Oppeln-Ratibor iiberwies, welche nun einmal dazu 
verurteilt schienen, zu Abfindungen fur ungarische Praten- 
denten verwendet zu werden. Der Markgraf gab jetzt seine 
Sache selbst verloren und iiberliefs es seinen Offizieren, sich 
mit ihren Gegnern, dem unter dem Kommando des Burg- 
grafen von Dohna stehenden, von den schlesischen Standen 
neugeworbenen Kriegsvolke und den sachsischen Truppen 
unter dem Obersten von Budenhausen moglichst gut ausein- 
anderzusetzen. Es gelang das auch wirklich (Ende Januar 
1622), doch rettete sich aus der Auflosung des markgraf- 
lichen Heeres der als tapfere Kriegsmann bekannte junge 
Graf Bernhard Thurn mit einem Hauflein Getreuer durch 
einen kuhnen Ritt iiber die Abhange des Schneeberges ins 
Glatzische, wo er am 1. Februar 1622 von der Glatzer 
Besatzung mit jubelndem Zuruf empfangen bier die schon 
zur Unterwerfung sich neigenden Gemiiter wieder zu erneu- 
tem Widerstande entflammte und in der Hoffnung auf einen 
Umschwung auf dem grofsen Kriegstheater diesen festen Platz 
zu behaupten beschlofs. Mit grofser Tapferkeit hat er dann 
mit etwa 1300 Mann Soldaten und 500 bewaffneten Biirgern 
Glatz gegen eine kaiserliche Armee, die sich schliefslich auf 
20 000 Mann verstarkte, verteidigt, und als endlich die Stadt 
nicht mehr zu halten war, am 25. Oktober 1622 noch eine 
hochst ehrenvolle Kapitulation erlangt, welche ihm und den 
Seinen freien Abzug mit militarischen Ehren unter der Ver- 
pllichtung, sechs Monate lang nicht wider den Kaiser zu 
dienen gewahrte. 

Damit erlosch fur jetzt in Schlesien der Krieg, wenn- 



Fall von Grlatz. Ausgang des Markgrafen Johann Georg. 193 

gleich in diesen Jahren wiederholt Einfalle polnischer Scharen, 
die zum Teil ganz auf eigene Hand das Land verwiisteten, 
den Stiinden viele Sorge und Kuramer machten. 

Des Markgrafen von Jagerndorf Rolle erscheint nun aus- 
gespielt. Obwohl die Jagerndorfer Stande, denen er offen- 
bar sich beliebt zu machen verstanden hatte, auch ini Un- 
gliicke treu zu ihm hielten, so war dock des Kaisers Zorn 
unversohnlich, er ist 1624 in der Verbannung gestorben. 
Sein scblesisches Besitztum ging seinem Stamme verloren, 
denn wenngleich seine Agnaten, vor allem sein Bruder 
Christian Wilhelm ihre Anspriiche zugleich auch fur Johann 
Georgs unmiindiges Sohnlein unter Hinweis darauf, dafs von den 
Erbberechtigten niemand an der Schuld des Geachteten einen 
Anteil hatte, bei dem Kaiser geltend machten, so ward ihnen 
doch entgegengehalten, dafs der kaiserliche Hof niemals das 
Anrecht Johann Georgs auf Jagerndorf anerkannt habe, dafs 
dessen Besitz vielmehr immer nur ein usurpierter gewesen. 
1622 verleiht der Kaiser Jagerndorf dem Fiirsten Karl von 
Liechtenstein, dem seine Huld bereits friiher Troppau zuge- 
wendet hatte. Die Anspriiche der brandenburgischen Kur- 
linie auf Jagerndorf bilden dann fort und fort einen stehen- 
den Punkt in den Verhandlungen dieses Hauses mit dem 
kaiserliehen Hofe. 

Nachdem inzwischen eine Gesandtschaft der Schlesier, 
an deren Spitze der Burggraf von Dohna und der Breslauer 
Syndikus Dr. Rosa standen, dem Kurfiirsten von Sachsen 
in Dresden die Konfoderationsakte ausgeliefert hatte zum 
Zeichen des definitiven Verzichtes auf jedes Biindnis mit 
den anderen Erblanden, begab sich dieselbe tiber Prag nach 
Wien und empfing dort am 24. Juli aus dem Munde des 
Kaisers die Versicherung , dafs derselbe alles , was vorge- 
gangen, „vom Grund seines Herzens verzeihe und der 
Fiirsten und Stitnde in Schlesien gnadigster Kaiser, Konig 
und Herr, so lang er lebe, sein und bleiben werde". 

Zustande nach der Pacifikation 1621 — 1625. 

Im Oktober 1621 nahm in Breslau und danach auch 
in Schweidnitz der Kurfiirst von iSachsen fiir den Kaiser 
die erneute Huldigung ab, und das Regiment des gefiirch- 
teten Herrschers begann unter Formen, die allerdings, ver- 
glichen mit der Behandlung Bohmens und Mahrens, um 
vieles giinstiger sich zeigten. Doch erwog man im Rate des 
Kaisers sehr ernstlich, wie man auch hier die Verfassung 
des Landes entsprechend den Intentionen des Herrschers 

Griinhagen, Gescli. Sclilesiens. II. 13 



194 Zweites Buck. Zweiter Abschnitt. 

umgestalten konne, und es ist uns eine darauf abzielende 
Denkschrift, verfafst vielleicht von einem der eifrigsten An- 
hanger der dynastisch-katholischen Reaktion, Otto von Nostiz, 
erkalten, welche ein um so grofseres Interesse fur uns hat, 
als die darin geraachten Vorschlage in der Hauptsache auch 
zur Durchfiihrung gekoramen sind. Zunachst sollte die 
konigliche Gewalt wieder zu ihrem Rechte kommen gegen- 
iiber der standischen. Die letztere miisse die Rechte, die 
sie an sich gerissen, wieder herausgeben, darauf verzichten, 
wie bisher Deputierte an auswlirtige Machte zu senden, mit 
solchen Btindnisse zu schliefsen, zu Landesverteidigungs- 
zwecken aaf eigene Hand Truppen zu werben ; das Erb- 
recht des habsburgischen Hauses miisse aufser Zweifel ge- 
stellt und die Macht des standischen Gberhauptes schon 
dadurch beschriinkt werden, dais man ihm zuverlassige Rate, 
deren Bestellung sich der Kaiser unter alien Umstanden 
vorzubehalten habe, zur Seite gebe, ein Recht zu eigen- 
machtiger Berufung der Stiinde diirfe ihm nicht belassen 
werden. Der durch das grofse Landesprivileg von 1498 
eingesetzte standische Gerichtshof, das sogenannte Oberrecht, 
werde sich in seiner Wirksamkeit dadurch einschranken 
lassen, dafs man einmal in der kaiserlichen Hofkanzlei die 
Justiz wohl bestelle und claim die Behandlung der einzelnen 
Fragen vor clern Oberrechte von der Genehmigung des 
Landesherrn abhangig mache. Alle diese Forderungen sind 
in den nachsten Jahren nach dem Dresdener Accord erfiillt 
worden; die Macht des Landesherrn stieg in demselben 
Mafse, als die der Stande sank. 1G34 klagten die schlesi- 
schen Stiinde, wie seit der Herrschaft Ferdinands der Landes- 
hauptmann, umgeben von ausschliefslich katholischen Raten, 
alles Ansehn, alle Macht eingebiifst habe, das Oberrecht sei 
bald nur ein Schatten des alten vorigen geworden, kaum 
noch der Erhaltung wert. 

Wenn dann jene Denkschrift die Notwendigkeit fur den 
Kaiser hervorhebt, in der Standeversammlung selbst mehr 
Stimmen zu gewinnen, da gegenwartig der Graf Dohna im 
Herrenstande der einzige Katholik sei, und „in den fiir- 
nehmbsten Erbfiirstentiimern Schweidnitz - Jauer, Glogau, 
Sagan, Breslau iiber drei oder vier vom Adel oder Herren- 
stand aufser den Geistlichen nicht zu finden, so der katho- 
lischen Religion zugethan", so behielt das der Kaiser sehr 
wohl im Auge, und wenn er gleich, nachdem er den General- 
pardon erlassen, Bedenken tragen mufste, wie es die Denk- 
schrift vorschlug, besonders begiiterten schlesischen Grofsen 
wie z. B. den Maltzan und Schaffgotsch als Rebellen ihre 



Verfassuugsanderungen. 195 

Herrschaften zu konfiszieren unci selbige „mit Katholiken 
zu besetzen", so fanden sich doch andere Mittel fur jenen 
Zweck, und nachdem das eingezogene Herzogtum Jagerndorf 
dem Fursten von Liechtenstein gegeben und dann Schweid- 
nitz-Jauer nebst Oppeln-Ratibor 1625 dem kaiserlichen Prinzen 
Ferdinand verliehen war. iiberwogen in der vornehmsten, der 
Furstenkurie die flinf katholischen Stimmen Troppau-Jagern- 
dorf, Teschen, Schweidnitz-Jauer, Oppeln-Eatibor (der kaiser- 
liclie Prinz nahm fur die vier Furstentiimer zwei Stimmen 
in Anspruch) und Neifse die vier protestantischen der beiden 
Liegnitz-Brieger Piasten und der beiden Herzoge von Miinster- 
berg-Ols aus dem Stamme der Podiebrads ran so mehr, als 
die Kollektivstimme der Standesherren in ihrer damaligen 
Zusammensetzung durch den Einfluis des Wartenberger 
Standesherrn , des gefiirchteten Kammerprasidenten Grafen 
Dohna, ganz beherrscht ward. 

Noch ungiinstiger fur die Protestanten ward dies Ver- 
haltnis, als der Kaiser im September 1627 den Fursten und 
Standen anzeigte, er habe „seinem obersten Feldhauptmann 
Albrecht Wenzel Eusebio Regierer des Hauses Waldstein 
und Herzog von Friedland in Abschlag seiner bei ihm dem 
Kaiser habenden starken Anforderungen " das Fiirstentum 
Sagan kauflich und erbeigentiimlich iiberlassen. 

Der Erbfurstentumer sich zu versichern hielt nicht schwer ; 
indem man hier, abgesehen von Breslau, wo der Rat die 
Hauptmannschaft verwaltete, fortan nur katholische Edelleute 
zu Hauptleuten setzte, welche dann auch die Stimmen fuhr- 
ten; aufserdem mufste die offenkundige Begiinstigung der 
Katholiken seitens der Regierung schnell genug dahin fuhren, 
dais sich Edelleute dieses Bekenntnisses hier ankauften und 
so jenes fruhere ungiinstige Verhaltnis des katholischen zum 
evangelischen Landadel bald anderten. Beztiglich der Stadte 
sicherte man an den Orten, wo man, wie z. B. in den 
ganz protestantischen Fiirstentiimern Schweidnitz - Jauer 
nicht ohne weiteres katholische Magistrate einsetzen mochte, 
dem Landesherrn einen grofseren Einflufs cladurch, dafs man 
ganz dem Vorschlage der Denkschrift entsprechend das In- 
stitut der Konigsrichter als ernannter Vertreter der landes- 
herrlichen Interessen in den verschiedenen Stitdten aus Bohmen 
nach Schlesien verpflanzte, denen dann ganz von selbst eine 
grofse Macht zufiel, so dafs dadurch thatsachlich das von 
den Stadten im Mittelalter mit so grofsem Geldaufwande ab- 
geloste Institut der Vogte wiederauflebte. 

Im Punkte der Steuern war der Kaiser nicht so raffi- 
niert gewesen, wie die Denkschrift vorschlug, die in der 

13* 



196 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

Kriegsnot von 1620/21, also fur Konig Friedrich, gemachten 
ungewohnlich hohen Bewilligungen als Mafsstab fiir die 
Beisteuer, die er als rechtmafsiger Herrscher um soviel eher 
verlangen konne, anzusehen, doch sind die Steuern im Wachsen 
geblieben, und die Stiinde, die mebr und mehr an ihrer 
Widerstandskraft einbiifsten, verlernten zwar nicht das Klagen 
und Beteuern ihres Unvermogens, aber wohl ein entschie- 
denes Versagen und begniigten sich mehr und mehr mit einer 
Politik des Abhandelns. 

Eine aufserst wichtige Frage war und blieb es, in wie 
weit es gelingen werde, den Intentionen des Kaisers ent- 
sprechend die grofse Menge des Volkes in Schlesien zum 
Katholicismus zuriickzufuhren. Die Denkschrift gestekt zu, 
dafs „aufser in Neifse, Oppeln, Ratibor, Glogau, Grottkau 
und etzlichen wenig Orten fast keine katholischen Leute 
mehr vorhanden" seien, halt aber iiber 26 Vorschlage bereit, 
bei deren Anwendung zu hoffen sei, dafs „die Katholischen 
zu dem Ihrigen leicht wiirden gelangen konnen ". Man hat 
nun zwar diese vielfach sehr einschneidenden Mittel zur An- 
wendung zu bringen fiirs erste noch Bedenken getragen, 
doch aber von dem fur den Landesherrn in Anspruch ge- 
nommenen Rechte, den Majestatsbrief durch eine geeignete 
Interpretation unschadlich zu machen den ausgiebigsten Ge- 
brauch gemacht. 

Die Grafschaft Glatz sah man als nicht zu Schlesien ge- 
horig und deshalb auch durch den Dresdener Accord nicht 
gedeckt an und machte hier kurzen Prozefs. Nachdem 
der grofste Teil des landbesitzenden und fast ausnahmslos 
protestantischen Adels als an der Rebellion mitschuldig im 
Jahre 1625 zum Verluste ihrer Giiter (ganz oder zum Teil) 
verurteilt worden war , wurde dann durch Dekret vom 
14. September 1626 ihnen Begnadigung in Aussicht gestellt, 
falls sie zum Katholicismus iibertraten, wo dann die meisten 
diesen Preis zu zahlen sich haben bereitfinden lassen. Die 
evangelischen Geistlichen in der Stadt Glatz selbst wurden 
unmittelbar nach der Kapitulation der Festung aus der Stadt 
gewiesen, und Erzherzog Karl, dem 1623 die Grafschaft 
von seinem Bruder iiberwiesen ward, vertrieb noch in 
demselben Jahre alle protestantischen Prediger, 60 an der 
Zahl, daraus, die siimtlichen Beamtenstellen Avurden mit Ka- 
tholiken besetzt, und das sogleich wiederhergestellte und neu 
dotierte Jesuitenkollegium in Glatz sorgte mit gewohntem 
Eifer und durchschlagendem Erfolge fur die Katholisierung 
des Landes. 

Was Schlesien anbetraf, so benutzte man zuniichst nicht 



Reaktion in Glatz. Die Reduktionskommission. 197 

ohne Geschicklichkeit die Handhaben ; welche der Dresdener 
Accord selbst darbot. Durch diesen war die Konfoderation 
mit den Bohmen nebst alien Konsequenzen derselben abge- 
schafft worden, man hatte also einen gewissen Grand, etwaige 
in den Jahren 1618 — 1620 vorgenommene Anderungen auf 
religiosem Gebiete als Folgen der Konfoderation riickgangig 
zu machen. Zur Priifung der nach dieser Seite erhobenen 
Anspriiche ward 1623 unter Mitwirkung des Kurfiirsten von 
Sachsen als Friedensvermittlers vom Landeshauptmann eine 
Kommission gebildet, welche, nachdem ihr designiertes Haupt 
der Herzog von Ols abgelehnt hatte, wesentlich aui den 
Schultern der beiden Landeshauptleute von Schweidnitz-Jauer 
und Frankenstein, Kaspar von Warnsdorf und Siegmund von 
Bock beruhte, wenngleich diesen noch einige andere Edel- 
leute beigesellt waren. 

Diese Kommission erwirkte zuerst die Restitution des 
Dominikanerklosters zu Schweidnitz, welches der Ordens- 
vikar, da es zudem fast ausgestorben war, und der dortige 
Prior sich mit der Ordnung der Dinge zur Zeit des boh- 
mischen Aufstandes nicht befreunden konnte, dem Schweid- 
nitzer Magistrate verkauft hatte. Jetzt mufste das mit nicht 
geringen Opfern seitens des letzteren riickgiingig gemacht 
werden. Ungleich einschneidender war die Sache in Neifse, 
wo wahrend der letzten Jahre die Protestanten nicht nur die 
alte Kirche des Kreuzstiftes in der Altstadt zu S. Maria in Rosis 
in Besitz genommen, sondern sich aufserdem noch eine in der 
Stadt aus eigenen Mitteln erbaut hatten. Als jetzt die Kom- 
mission ihr Werk begann, waren die Protestanten sofort 
zur Riickgabe der ersteren bereit, bemiihten sich aber urn 
so eifriger, die letztere zu retten, doch ohne Erfolg, obwohl 
hierfiir auch der Kurfurst von Sachsen bei dem Bischofe 
Erzherzog Karl eintrat, welcher letztere bei dieser Gelegen- 
heit jenen nicht ohne Scharfe fragte, wie es ihm denn ge- 
fallen werde, wenn in seinem Lande die Katholiken freie Reli- 
gionsubung verlangten. 

Obwohl in Neifse die Protestanten noch immer in grofser 
Mehrheit waren, mufsten sie sich doch fugen und es als be- 
sondere Gnade ansehen, wenn der Bischof den evangelischen 
Gottesdienst in Senkwitz, wo jetzt erst fur eine neue Kirche 
zu sorgen war, fiirs erste noch duldete. In Ziegenhals und 
in der bischoflichen Enklave zu Canth bei Breslau ward 1622 
gleichfalls der evangelische Gottesdienst abgestellt. 

Bald griff man auch zu strengeren Mafsregeln. Jener 
papstliche Erlafs von 1564, der den Genufs des Abend- 
mahles unter beiderlei Gestalt erlaubte, und von dem man 



198 Zweites Buch. Zweiter Abschuitt. 

gerade in Neifse einen sehr ausgiebigen Gebrauch gemacht 
hatte, ward 1624 ganzaufser Kraft gesetzt, und die streng durch- 
gefiihrte Bestimmung von 1624, dafs hinfiiro von dem Bischofe 
in seinem Bistume und. Lande niemand, der nicht der ka- 
tholischen Religion zugethan und das Abendmahl unter einer 
Gestalt genosse, zum Burgerrechte angenommen oder zur 
Kopulation zugelassen werden solle, mufste dem Protestan- 
tismus die Lebensadern unterbinden, und man hatte das 
weitere ruhig den Jesuiten iiberlassen konnen, welchen Erz- 
herzog Karl im Jahre 1622 in seiner furstlichen Residenz- 
stadt eine Universitat aufzurichten und zu dotieren und das 
friiher gegrvindete Seminar zu erhalten und durch ein Kon- 
vikt zu vermehren versprach. Zu der Universitat ist es 
dann allerdings nicht gekommen, doch hat das Neifser Kol- 
legium der Jesuiten von ihrem eifrigen Gonner sehr ansehn- 
liche Giiterschenkungen erhalten , darunter die grofse Herr- 
schaft Olbersdorf bei Jagerndorf. 

Die gewaltsame Reaktion auf kirchlichem Gebiete hatte 
ftir Neifse zunachst die Folge, dafs von 1624 an die reichen 
Kautleute aus Neifse fortzogen und auch die Leinenindustrie, 
welche hier gebliiht hatte, ungemein zurtickging, so dafs der 
Rat klagte, die Stadt drohe zu einem Dorfe herabzusinken, 
aber obwohl Erzherzog Karl bereits 1624 auf einer Reise 
nach Spanien seinen Tod fand, so wurden jene Mafsregeln 
durch das Domkapitel auch unter seinem Nachfolger aufrecht 
erhalten, wie wenig man auch diesen selbst, den polnischen 
Prinzen Karl Ferdinand (Bischof von 1628 bis 1655) dafur 
verantwortlich machen konnte. Karl Ferdinand war noch 
nicht 1 1 Jahre alt ; als ihn diplomatische Riicksichten auf den 
Wunsch seines Vaters ; des Konigs Sigismund, dem wider- 
strebenden Kapitel als Koadjutor und dann als Bischof auf- 
notigten, und hat auch nachmals sich urn die Leitung des 
Bistums kaum gekummert. 

Doch die Administratoren, der energische Weihbischof 
Lisch von Hornau (1626 bis 1661) und der Dechant von 
Breiner sind womoglich noch scharfer als weiland Erzherzog 
Karl gegen die Andersglaubigen vorgegangen. Breiner liefs 
1626 feststellen, wie viele unter den Burgern der Stadt Neifse 
noch als Protestanten angesehen werden mufsten, wo sich 
dann noch 363 fanden. Diesen ward nun die Wahl ge- 
lassen auszuwandern oder katholisch zu werden. Auch der 
evangelische Gottesdienst zu Senkwitz horte nattirlich jetzt 
auf. Zwei Jahre spater ward dann auch in dem Kreise 
Grottkau oder wie man damals sagte dem Herzogtum Grott- 
kau, wo die Landkirchen zum grofsen Teile protestantisch 



Kirchliche Reaktion im Neifseschen und in Oberschlesien. 199 

waren, die Gegenreformation durchgefiihrt, die evangelischen 
Geistliehen vertrieben und die Kirchen aufs neue katholisch 
geweiht; den Beschwerden der Landleute, unter welchen wir 
die Vertreter alter schlesischer Geschlechter linden, Gellhorn, 
Rothkirch, Wiese, Wachtel, Biebritz, Hund u. s. w. ; und 
ihrer Berufung auf den Majestatsbrief antwortete man mit 
der Benierkung, dafs der Majestatsbrief von den Bischofen 
als Landesherren niemals anerkannt worden sei. Das ge- 
samte Bischofsland ist seitdem bis zur preufsischen Zeit dem 
protestantischen Bekenntnisse verschlossen geblieben einschliefs- 
lich der zerstreuten bischoflichen Enklaven. 

Auch in Oberschlesien ward der Protestantismus mit Er- 
folg bekampft. In den Furstentiimern Oppeln und Ratibor 
gewiihrte zwar zunachst demselben die Herrschaft Bethlen 
Gabors bereitwillige Duldung; doch als diesem bereits 1623 
die Fiirstentumer wegen Friedensbruchs abgesprochen und 
Erzherzog Karl und nach dessen Tode 1624 des Kaisers 
Sohne Ferdinand iibergeben wurden, ging man auch hier 
riicksichtslos vor. Bereits 1624 wircl in Ratibor bei Be- 
grabnissen von Protestanten die Begleitung eines Priesters 
und der Schuljugend sowie das Leuten der Glocken ver- 
boten, und als 1625 der als religioser Eiferer bekannte Graf 
Friedrich von Oppersdorf Landeshauptmann der beiden 
Fiirstentumer wird, erlafst er unmittelbar nach seinem Amts- 
antritte ein Edikt, welches die Vertreibung aller evangelischen 
Prediger und die Restitution aller Kirchen an die Katholiken 
gebietet. In seiner Stadt Ober-Glogau liefs derselbe 1626 
die von den Protestanten erbaute Kirche und Schule nieder- 
reifsen und nahm der Stadt als Ersatz flir den angeblich 
ihm zugeRigten Schaden die stadtischen Teiche und das Erlen- 
waldchen. Im ganzen Fiirstentume durfte seitdem offent- 
licher Gottesdienst seitens der Protestanten nicht mehr ab- 
gehalten werden. Nur in Privatwohnungen kamen die An- 
hanger dieses Bekenntnisses noch zu religiosen Zwecken 
zusammen. In Neustadt haben die Bemiihungen des stand- 
haften Ratmanns Jakob Treptow durch eine Deputation nach 
"Wien einen besondern Gnadenerlafs erwirkt, der dem Pro- 
testantismus noch eine Frist gewahrte. 

Nicht ganz so durchgreifend ist man in den Herzogtumern 
Teschen, Troppau und Jagerndorf vorgegangen. ]\Ian hat 
sich hier fur jetzt noch begnugt, das zuruckzufordern , was 
in den letzten Jahren von den Protestanten erlangt war, 
wie die Kirchen in den Hauptstadten nebst den Schulen, 
ohne dabei zu allgemeinen Verboten zu greifen. 

In Mittel- und Niedersehlesien hat man sich damals noch 



200 Zweites Buch. Zweiter Abschnitt. 

hauptsachlich clarauf beschrankt, durchzusetzen, dafs fiir die 
Besitzungen der geistlichen Orden namentlich auch die Com- 
mendegiiter, auch wenn dieselben mitten in den Herrschaften 
protestantischer Fiirsten lagen, das Patronats- und Besetzungs- 
recht der betreffenden Pfarreien den geistlichen Gewalten 
vorbehalten blieb. 

War der eigentliche Anlafs der damaligen Reaktion, wie 
wir anfiihrten , die aus dem Dresdener Accorde abgeleitete 
Befugnis gewesen, etwaige mit der bohmischen Konfoderation 
zusammenhangende Einrichtungen abzustellen, so hat man 
diesen Grundsatz auch zum Vorwande genommen , die in 
in demselben Jahre mit der Konfoderation ans Licht ge- 
kommenen grofsen Privilegien, namlich einerseits den Maje- 
statsbrief und anderseits die Zusicherung, dafs fortan nur 
weltliche Fiirsten zu Oberlandeshauptleuten gewahlt werden 
sollten, aus der Welt zu schaffen. Ausgesprochen hat man das 
damals offiziell nicht, aber wir gewahren doch ; dafs der 
Kaiser sich nicht mehr an den Majestatsbrief gebunden hielt, 
und anderseits auch ; dafs derselbe, als er im Jahre 1664 
zum erstenmale wiederum einen Bischof zum Landeshaupt- 
mann ernennt und die Stande dagegen Widerspruch erheben, 
den letzteren bemerkbar macht ; diese Zusicherung sei ebenso 
wie der Majestatsbrief wegen ihres Zusammenhangs mit der 
abgeschafften bohmischen Konfoderation ungiiltig geworden. 



Martin Opitz. 

Im grofsen und ganzen mochten die Schlesier sich wohl 
gllicklicli preisen, aus den fiir die protestantische Partei so 
libel ausgeschlagenen Kriegswirren der letzten Jahre noch 
so guten Kaufes herausgekommen zu sein. 

Ob sie auch in gewisser Weise von dem fremden Kriegs- 
volk gelitten hatten 7 am raeisten unzweifelhaft von den immer 
erneuten Raubzugen der polnischen Reiter, der sogenannten 
Kosaken, so Avar doch das Mark des Landes noch nicht ge- 
troffen. Bei dessen reichen natiirlichen Hilfsquellen mochten 
die Wunden, wenn ihnen einige Jahre des Friedens gegonnt 
waren ; schnell wieder vernarben. Selbst auf religiosem Ge- 
biete standen damals die Dinge noch ertraglich. Eine gewisse 
Riicksicht auf die gegebenen Zusagen hielt immer noch die 
Wiinsche der Eiferer zuriick. Damals konnte noch ein Pro- 
testant, Dr. Jakob Schickfus, der als Rektor das Brieger 
Gymnasium zur Bliite gebracht hatte und dann des dortigen 
Herzogs Rat geworden war 7 1624 in den kaiserlichen Dienst 



Martin Opitz. 201 

treten und clort den Adelsstand, den Charakter eines kaiser- 
lichen Rates und das wichtige Arat eines Oberfiskals fur ganz 
Schlesien erlangen. Wie weit er dabei entfernt war, seinen 
Glauben zu verleugnen, zeigt seine vielverbreitete schlesische 
Chronik, welche er im Jahre 1625 den schlesischen Standen 
iiberreichte. In ihr erregten mehrere Stellen liber die Bres- 
lauer Bischofe doch insoweit Anstofs bei den katholischen 
Behorden, dafs die betreffenden Blatter umgedruckt werden 
mufsten. Selbst jener gefurchtete Mann, der Graf Karl 
Hannibal von Dobna, dem das unbegrenzte Vertrauen des 
Kaisers und sein Amt als Kammerprasident auch neben dem 
Landeshauptmann ein solches Ansehen gab, dafs man ihn 
als den eigentlichen Regenten Schlesiens ansehen durfte, hielt 
damals noch Ireundlichen Verkehr mit den Hauptern der 
Protestanten aufrecht. Allerdings war gerade er, wenngleich 
sein Name mit den spateren schlimmsten Ausschreitungen 
der kirchlichen Reaktion untrennbar verkniipft ist, nichts 
weniger als ein finsterer Fanatiker. Die Katholisierung 
Schlesiens war ein Ausflufs seiner, wie man jetzt vielleicht 
sagen wiirde, streng absolutistisch gefarbten politischen Uber- 
zeugung, er selbst personlich war eher indifferent, wohl aber 
fur litterarische und wissenschaftliche Dinge voller Interesse 
und sonst ein Lebemann und Streber. Eben in der Zeit, 
von welcher wir jetzt sprechen, 1626, gewahrte er einem 
beriihmten Landsmanne, dem Dichter Martin Opitz (geb. zu 
Bunzlau 1597), fur den die gelclbediirftigen schlesischen 
Ftirsten zwar Ehren und Wiirden, z. B. den Titel eines 
filrstlichen Rates, aber nicht, worauf es doch am meisten 
ankam, ein lohnendes Amt iibrig batten, in seinem Hause 
eine unabhiingige und angesehene Stellung ausgezeichnet 
durch lebendigen personlichen Verkehr mit dem Gonner, und 
in seiner Residenz der kaiserlichen Burg zu Breslau ward 
das Museum eingerichtet, von dem aus die ganze deutsche 
Litteratur jene neuen Impulse empfing, welche den Namen 
Martin Opitz unsterblich gemacht hahen. Denn wie gering 
wir auch sein eigentliches poetisches Genie anschlagen mogen, 
es bleibt ihm doch das Verdienst, der deutschen Poesie, deren 
Pflege mehr und mehr den unteren Schichten des Volkes 
anheimgefallen war, wahrend die Gebildeteren seit den Zeiten 
des Humanismus gewohnt waren, nur die Sprache Virgils 
fiir den Ausdruck gehobener Empfindung, beredter Weisheit 
wiirdig zu erachten, nun auch in diesen Kreisen ein schnell 
anerkanntes Biirgerrecht verschafft zu haben ; sein Buch 
von der deutschen Poeterei, das von 1624 bis 1688 
zehnmal aufgelegt ward, gab der deutschen Dichtkunst 



202 Zweites Buck Zweiter Abschnitt. 

das ihr fiir alle Folgezeit eigentumlich gebliebene Gesetz, 
das nach dem Sprachaccente den Wechsel zwischen Hebung 
und Senkung, langen und kurzen Silben regelt, zuerst von 
ihm geschickt angewendet in mannigfaltigen Nachbildungen 
frerader Muster. Die Verwendung seines Gonners Dohna 
hat Opitz 1627 vom Kaiser den adelnden Zusatz von Bober- 
feld verschafft. Im Hause seines von ihm hoch gepriesenen 
Miicens hat ihm jesuitischer Bekehrungseifer wohl zuweilen 
das Leben sauer gemacht, doch ist er seinem Glauben nicht 
untreu geworden. Mutig fiir denselben einzutreten hatte 
seiner schmiegsamen Hoflingsnatur nicht entsprochen, und 
nicht ohne Einbufse fiir die Schatzung seines Charakters hat 
er seine Stellung bei Dohna auch in der Zeit noch festge- 
halten, wo dieser der Haupturheber einer argen Verfolgung 
der Glaubensgenossen des Dichters ward. Als Dohna vor 
den einbrechenden Schweden fliehen mufste, fand Opitz noch 
eine Zeit lang Dienst bei den schlesischen Fiirsten, nach- 
mals hat ihn vor driickenclem Mangel die schnell erlangte 
Gunst des fiir deutsche Bildung interessierten Polenkonigs 
Wlady slaws IV. geschiitzt, der ihn 1636 als Sekretar und 
Historiograph zu sich berief. Auf polnischem Boden zu 
Danzig ist er dann 1639 von der Pest hingerafft worden. 



Dritter Abschnitt. 

Der Zug Mansfeltls. Kirchliche Reaktion, die Lichten- 

steiner. 1636—1631. 



Es war natiirlich ; wenn in Schlesien bei der iiberwiegend 
protestantischen Bevolkerung eine bange und gedriickte 
Stimmung herrschte, die aber keineswegs den Wunsch ein- 
schlofs, in neuen Kampfen eine Abschiittelung der jetzigen 
Herrschaft zu versuchen. Die grofse Mehrheit erselmte 
damals aufrichtig den Frieden, ohne zu ahuen, welche neue 
schweren Kriegsnote dem Lande bevorstanden. In Deutsch- 
land hatte der Krieg nie aufgehurt; es handelte sich doch 
eben nicht blofs um einen Aufstand innerhalb der kaiser- 



Anschlage zur Fortfiihrung des Krieges. 203 

lichen Erblande, mit dessen Niederwerfung die Saclie hatte 
zu Ende sein konnen. Hatte die Wahl des Pfalzgrafeu zum 
bohmischen Konig schon das iibrige Deutschland in Mit- 
leidenschaft gezogen, so war dann auch dessen Besiegung 
wesentlich durch ein von der Liga katholischer Fiirsten ge- 
stelltes Heer bewirkt worden, die Hilfe des Bayernherzogs 
ward durch die Ubertragung der pfalzischen Kurwiirde auf 
Bayern belohnt, ein Kurfiirst des Reichs ward geachtet, die 
protestantischen Interessen nicht nur im Reiche sondern 
auch dariiber hinaus schienen bedroht, und religiose wie po- 
litische Rlicksichten liefsen den fliichtigen Pfalzgrafen an 
verschiedenen Hofen von Tag zu Tag mehr die Sympathien 
finden, die er so lange entbehrt hatte. 

Im Dezember 1625 vereinigten sich im Haag England, 
Holland und Danemark zur Aufstellung neuer Heere, die 
dem Kurfursten von der Pfalz seine Lande wieder erobern 
und die Ubermacht des Kaisers brechen sollten. Damals 
erschien im Haag auch ein Gesandter des Grofsfiirsten von 
Siebenbiirgen, Bethlen Gabor, der die Bereitwilligkeit seines 
Herrn an dem Kampie gegen den Kaiser teilzunehmen, wo- 
fern man ihn durch deutsche Truppen unterstiitzen wolle, 
versicherte. 

Wollten nun diesem Antrage entsprechend die Haager 
Verbiindeten Bethlen die Hand reichen, so mufste ein Ein- 
fall in Schlesien sich als das geeignetste Mittel dazu in erster 
Linie darbieten. Doch nicht erst damals und nicht erst aus 
dieser Veranlassung wandte man die Augen auf Schlesien. 
Im Lager der Gegner des Kaisers wiesen schon seit Jahren 
die verschiedensten Stimmen : die Rate des Konigs Friedrich 7 
Graf Mansfeld, Christian von Danemark und der Konig von 
Schweden ubereinstimmend auf Schlesien hin als den Punkt, 
wo man den Kaiser anzugreifen habe, und zwar lockte nach 
dieser Seite hin nicht nur die bequeme Zuganglichkeit dieses 
Landes nach Norden hin durch das breite flache Oderthal, 
sondern auch die Hoffnung, die protestantische Bevolkerung 
zum Aufstande gegen den ihnen nur durch die Kriegsereig- 
nisse aufgedrangten Herrscher mit fortreifsen zu konnen, hier 
Sympathie und thatliche Unterstiitzung durch Geld und Mann- 
schaft zu finden. 

Bereits im Jahre 1623 war man am kaiserlichen Hofe in 
nicht geringer Sorge, der Graf Ernst von Mansfeld, einer 
der vornehmsten unter den Soldnerftihrern, welche nach dem 
verungliickten bohmischen Feldzuge ihre Dienste den Feinden 
des Kaisers zur Verfiigung zu stellen bereit waren, konne 
mit seinem Heerhaufen von Ostfriesland aus einen Zug nach 



204 Zweites Buch. Dritter • Abschnitt. 

Schlesien unternehmen. Damals ging die Gefahr, die recht 
ernstlich kaum gedroht hatte ; voriiber, aber 1625, wo im 
Lager der Gegner neue Riistungen begannen, erwachten die 
Besorgnisse wieder, und auch der kaiserliche General "Wallen- 
stein, der im Mansfelder Lager seine Korrespondenten hatte, 
warnte wiederholt und mahnte dazu, Schlesien in wirksamen 
Verteidigungszustand zu setzen. Mit Bethlen Gabor hatte 
der Kaiser zwar 1G24 aufs neue Frieden geschlossen, aber 
wer mochte dem unbestandigen Fiirsten trauen? Als der- 
selbe 1625 um die Sch wester des brandenburgischen Kur- 
liirsten anhielt und die Braat mit einem stattlichen Geleit 
von einigen Hundert Berittenen durch Schlesien ihrer neuen 
Heimat zugeffihrt werden sollte, bangte man in Wien, ob 
nicht dieser Zug zu geheimen Planen der Gegner benutzt 
werden und bei dieser Gelegenheit eine Emporung ausbrechen 
konne. 

Wallenstein schrieb damals : „ Man avisirt mich, dafs der 
Bethlehem gar stark um seine Braut will schicken, der von 
Brieg und von Redern sollen stark mit dem Bethlehem prak- 
ticiren, wie auch Andere in ihrer Majestat Landern, inson- 
serheit dieweil man in den Stadten die (Gegen)Reformation 
hat angefangen". Es waren Befiirchtungen, die, wenngleich 
thatsachlich unbegriindet, doch das tiefgewurzelte Mifstrauen 
bezeugten, mit Avelchen der Kaiser und seine Generale die 
protestantischen Schlesier betrachteten. 

Die Heimfiihrung der siebenbtirgischen Braut ging im 
Februar 1.626 ohne jede Aufregung des Landes vonstatten; 
doch die Besorgnis vor dem Mansfelder Einl'alle blieb, und 
des Kaisers Gebot drangte seit Anfang des Jahres 1626 die 
Schlesier eifrig zu Riistungen. Der Lancleshauptmann Herzog 
Georg Rudolf von Liegnitz hatte unzweifelhaft den besten 
Willen, und die schlesischen Stande waren sehr weit davon 
entfernt, etwa aus Sympathien mit dem zu crwartenden Feinde 
sich ihrem Landesherrn zu versagen. Wenn sie eine ge- 
wisse Lassigkeit bei den Kriegsriistungen zeigen, so ist dies 
nur dieselbe Erscheinung, die in dem zerstiickelten Lande 
eigentlich zu alien Zeiten Brauch gewesen ist, und wenn 
sie fur den Vorschlag des Herzogs Georg Rudolf, an die 
Stelle des iiblichen Aufgebotes des sound sovielten Mamies, 
wobei wenig brauchbares Material geliefert worden, gesteigerte 
Geldbeitrage zur Werbung treten zu lassen, taube Ohren 
haben, so ist vor allem die herrschende Geldnot daran schuld. 
Indessen ward doch geriistet, und auch der Kaiser lieis 
werben; im April 1626 hatte man an 6000 Mann beisam- 
men, deren Kriegstiichtigkeitzum Teil wenigstens vonKundigen 



Besorgnisse vor einera Eiufalle Mansfelds. 205 

geriihmt ward. Aber als der Kaiser von dem im Mai dieses 
Jahres zusanmientretenden Fiirstentage verlangte, das Kriegs- 
volk Boch drei weitere Monate zu unterhalten, so beteuerte 
man in beweglichster Form, dafs, wenn das verlangt wiirde, 
ihnen „jede mensch- und mogliche Occasion enttalle", des 
Kaisers sonstige Geldforderungen zu erfiillen. Man begelirt 
vielmehr, „da sich die Gefahr fur die schlesische Grenze 
ziemlich verzogen habe, dafs das gemusterte Volk abgedankt, 
das noch ungemusterte aufser Landes gefiihrt werde", und 
der Kaiser giebt zur Freude des Landes unter dem 18. Mai 
wirklich dieser Forderung nach. 

Es konnte nun wirklich so scheinen, als habe sich die Kriegs- 
gefahr fur ISchlesien verzogen. Im Februar dieses Jahres 
hatte Mansfeld durch seine Niederlage an der Dessauer Brticke 
zwei Dritteile seines Heeres eingeblifst, und seitdem drangen 
die Heere Wallensteins und Tillys immer weiter in Nieder- 
deutschland vor. Aber gerade diese Gefahr, von einer Ver- 
einigung der beiden fur des Kaisers Sache kamplenden Heere 
erdriickt zu werden, liefs die verbiindeten Gegner in einer 
Diversion nach des Kaisers Erblanden, welche Wallenstein 
aus Norddeutschland abrufen mufste, und durch welche man 
aufserdeni den versprochenen Beistand Bethlen Gabors ge- 
winnen konnte, die einzige Rettung erblicken. Der Ent- 
schlufs dazu ward von dem Danenkonig sehr schnell gefafst, 
nachdem die noch immer gehegte Hoffnung, Gustav Adolf 
von Schweden zu einer Diversion im Osten zu bewegen 
gescheitert war. Ende Juni 162 6 war Mansfeld in Eil- 
marschen von der Havel nach der Gegend von Frankfurt a. O. 
gezogen, und sein Heer, noch verstarkt durch ein zweites, 
von Herzog Johann Ernst von Sachsen- Weimar befehligtes, 
in Summa etwa 20 000 Mann, standen mit einemmale an 
den Grenzen Schlesiens. 

Sie trafen das Land so gut wie wehrlos. Wie wir wissen, 
hatte der Kaiser nach der Niederlage Mansfelds bei Dessau 
die Meinung gefafst, dafs dessen „ feindselige Anschlage ziem- 
lichermafsen gedampft und von den Grenzen unseres Landes 
Schlesien die Gelahr abgewendet sei", und die Schlesier hatten 
mit grofserer Schnelligkeit, als sie je bei Riistungen an den 
Tag gelegt, die Abriistung besorgt. Im Juni ward dann 
Graf Dohna an den Kurfiirsten von Brandenburg, Georg 
Wilhelm, geschickt, am auch diesen zu kriegerischem Auf- 
treten gegen die Haager Verbnndeten zu bewegen, wahrend 
doch der schwache Fiirst von den entgegengesetzten Stro- 
mungen an seinem Hofe bald hierhin, bald dorthin getrieben, 
weder den Mat noch die Mittel land, um entschieden Stel- 



206 Zweites Buch. Dritter Abschnitt. 

lung zu nehmen unci schliefslich in einer Neutralist blieb, 
die keine Partei respektierte. 

In Schlesien hatte erst als die Mansfeldischen Truppen 
bereits eingertickt waren, ein Patent des Landeshauptmanns 
aufs neue Rtistungen angeordnet, die dann nicht schneller 
vor sich gingen als gewohnlich. Was Dohna und der Oberst 
Pechmann von kaiserlichen Volke zusammenraffte , konnte 
hochstens dazu hinreichen, einige teste Platze, vor allem den 
wichtigen Oderiibergang bei Grlogau besetzt jzu halten, das 
Land stand den Feinden offen. Doch diese schienen vor 
allem nach Oberschlesien zu streben um dort dem ungari- 
schen Verbtindeten die Hand reichen zu konnen, und wenn 
sie zuerst Miene machten ; zu beiden Seiten der Oder vor- 
zuriicken, so zogen sich dann doch die Heere bald wieder 
ganz auf das rechte Ufer, und iiber Guhrau und Winzig 
marschierend standen sie gegen Ende Juli unweit Trebnitz 
also in der Nahe der Hauptstadt. Die Landbesitzer wurden 
zur Lieferung von Proviant, die Stadte wohl auch zur Ent- 
richtung gewisser Abtindungssummen gezwungen. Im Ver- 
gleich mit anderen Heeren des Dreifsigjahrigen Krieges war 
die Kriegszucht leidlich, die in der Mark zusammengeraubten 
Vorrate hielten noch vor, und die Absicht die Schlesier zu 
gewinnen that das ihrige. 

Aus Zirkwitz bei Trebnitz entsandte dann Herzog Johann 
Ernst durch einen Trompeter ein Schreiben an den Rat von 
Breslau, welches das Begehren enthielt 7 die Stadt werde sich 
um der „ ansehnlichen Freiheiten und Privilegia willen, die 
man in diesen Landen bei vergangenen Unruhen verloren" 
dem Unternehmen des Konigs von Diinemark, der ubrigens 
auch die katholische Religion zu schutzen gemeint sei, an- 
schliefsen und zum Zeichen dessen eine Anleihe von 25 000 
bis 30 000 Thaler gewahren ; auch Proviant den Truppen 
liel'ern und einigen von seinem Heere in die Stadt zu kommen 
verstatten, wogegen der Herren Amter und Dorfschaften ge- 
schont werden sollten. Der Rat erupting und bewirtete den 
Boten freundlich, erkliirte aber in seinem Verhalten von dem 
Oberlandeshauptmann abzuhangen und beeilte sich, von dem 
Schrii'tenwechsel dem Kaiser Mitteilung zu machen. Die 
Stadt war zur Abwehr geriistet. Auch Herzog Heinrich 
Wenzel von 01s ; vor dessen Residenz der feindliche Heer- 
fiihrer noch am 30. Juli erschien, erwiderte eine gleiche Auf- 
forderung desselben ablehnend* unter Hinweis auf seinen Eid, 
liels sich jedoch, um schlimmeres zu verhiiten, zu Proviant- 
lieferungen herbei. 

Die Heere marschierten nun immer auf dem rechten 



Mansfeld in Schlesien. 207 

Oderufer eileuds weiter, um im Siidosten des Landes die 
Verbindung mit Ungarn zu gewinnen. Am 12. August 
riickt Mansfeld ins Herzogtum Teschen em, wo die wehr- 
lose Kegentin, die Herzogin-Witwe Elisabeth Lukretia, das 
Schlols Teschen iibergeben mufs. Man versichert sich cler 
Jablunkaschanze und besetzt das ganze Land, natiirlich unter 
schwerer Schadigung derEinwohnerschaft. Noch am 12. August 
erschien der Mansfeld nachziehende Herzog von Weimar in 
Oderberg, wo er den Fluisubergang besetzte und verschanzte 
und dann am 19. August vor Troppau riickte, das gegen 
seine Ubermacht und bei dem geringen Eifer, den die Biirger- 
schaft zur Verteidigung zeigte, die kaiserliche Besatzung nicht 
zu halten sich getraute. Durch Handschlag nahm der Herzog 
die Stadtobrigkeiten fur den Konig von Danemark in Pflicht. 
Es geschah das nicht nach dem Willen Mansfelds, der das 
ganze weimarische Corps nach Mahren hinein beordert hatte ; 
wohin er von Teschen aus nach kurzem Aufenthalte mar- 
schiert war. Aber der Herzog brach nach gehaltenem Kriegs- 
rate nur mit einem Teile des Heeres dahin auf gegen Ende 
August, wahrend der andere Teil in Schlesien zuruckblieb 
zur Behauptung und weiteren Ausdehnung der dortigen Er- 
oberungen. 

In dieser ganzen Zeit war den eindringenden Kriegs- 
volkern abgesehen von einem Ausfalle aus Oppeln am 
6. August, wo Dohna von Johann Ernst zuriickgeworfen und 
bei dieser Gelegenheit selbst vervvundet worden war, nie- 
mand im offenen Felde entgegengetreten. Wallenstein war 
mit seinem nahe an 30 000 Mann zahlenden Heere erst am 
31. Juli aus den anhaltschen Landen aufgebrochen. Am 
14. August war er dem Heere vorauseilend in Sagan. Uber 
Bunzlau, Goldberg, Jauer, Schweidnitz, Strehlen, Neifse ging 
dann der Zug anscheinend auf dem nachsten Wege nach 
Mahren hinein auf Olmutz zu, wo Wallenstein Anfang Sep- 
tember eintrifft. Ungleich schlimmer als die Mansfeldischen 
Truppen hausten die Soldaten des Landesherrn, das Land 
zur Wiiste machend, wo sie zogen ; alles Vieh ward hinweg- 
getrieben, die Einwohner gepliindert und durch Martern zur 
Herausgabe des etwa verborgen Gehaltenen gezwungen, auch 
die Kirchen, evangelische wie katholische, nicht geschont. 

Die Verteidigung Schlesiens blieb bei diesen Dispositionen 
den kleineren Abteilungen Dohnas und des Obersten Pech- 
mann iiberlassen, welche sich mit den lassig wie gewohn- 
lich eintreffenden Aufgeboten der schlesischen Stande behelfen 
mufsten; sie waren den Feinden nicht gewachsen, die, wah- 
rend das Hauptheer in Mahren und Ungarn gegen Wallen- 



208 Zweites Buch. Dritter Abschnitt. 

stein stand, sich in den Strichen langs des mahrischen Grenz- 
gebirges ausdehnten, ihre Macht durch Werbungen noch ver- 
mehrend. 

Von Troppau aus unternimmt der Unterfeldherr des Her- 
zogs von Weimar, Baudissin, noch ira August einen kiihnen 
Streifzug, erobert Jagerndorf, brandschatzt das Bischofsland 
weit und breit und pliindert Hotzenplotz; davon, dafs die 
Wallensteinsche Hauptarmee, welche im Herbste 1626, wie wir 
anfiihrten, iiber Neifse nach Mahren zog, mit den weimar- 
schen Truppen handgemein geworden sei, lesen wir nichts, 
dieselbe mufs also die grofse Strafse iiber Troppau vermei- 
dend von Neifse durch Ziegenhals und Zuckmantel iiber das 
Gebirge gegangen sein. Im November erstiirmen die wei- 
marschen Volker Leobschiitz. 

Inzwiscben waren die vereinigten Heere Mansfelds und 
Weimars nach Ungarn geruckt, wo sie Mitte Oktobersich 
zwar mit Bethlen Gabor vereinigten, aber bald die Uber- 
zeugung gewannen, dafs dieser zu ernstlichem Kampfe gegeD 
die Kaiserlichen nicht geneigt sei. Man mufste sich hier 
mit einer Zusage fiir nachstes Friihjahr begniigen, und nach- 
dem Mansfeld das Heer verlassen hatte und der Herzog von 
Weimar am 2. Dezember in Ungarn gestorben war, blieb 
den Triimmern des Heeres kaum etwas anderes iibrig als 
nach Scblesien zuriickzumarschieren , um sich dort noch so 
lange als moglich zu behaupten, und wirklich hat ihnen im 
Anfange des Jahres 1627 das ganze ausgedehnte Gebiet 
Oberschlesiens often gestanden. Hier breiteten sie nun 
auch sich nach Gefallen aus, kleinere Abteilungen der Kaiser- 
lichen, die sie etwa hier fanden, ohne Miihe zerstreuend. Noch 
im Februar brandschatzen sie Oberglogau, berennen Neu- 
stadt und streifen bis in die Gegend von Neifse, wo man 
eine Belagerung fiirchtet und eiligst den Oberst Pechmann 
herbeiruft. Auf dem rechten Oderufer nehmen sie Sohrau, 
Plefs, Rybnik, verbrennen die Vorstiidte von Gleiwitz, pliin- 
dern am 27. Februar Beuthen, wo sie auch die Kirchen 
nicht schonen und im Franziskanerkloster barbarisch hausen, 
erobern die bischofliche Stadt Ujest, brandschatzen das 
Kloster Rauden. In der ersten Halfte des Marz bemach- 
tigen sie sich auch des wichtigen Punktes an der Oder, 
Kosel, wahrend sie Oppeln vergebens zur Ubergabe auffor- 
dern, dann besetzen sie Grofs-Strehlitz und Tost, nehmen 
noch im Mai Rosenberg und machen, wenngleich erfolglos, 
einen Angriff auf Kreuzburg. 

Und wahrend nun so Oberschlesien ganz und gar dem 
Feinde iiberlassen blieb, nahm das aus Mahren und Ungarn 



In Oberschlesien die Mansfelder, iu Niederschlesien die Walleusteiner. 209 

zuriickkekrende Wallensteinsche Heer, etwa 12 000 Mann 
stark (nach der niedrigsten Zaklung) in Mittel- und Nieder- 
schlesien vom Ende des Jalires 1626 an Winterquartiere, 
die sich dann alien Bitten, Vorstellungen , Protesten seitens 
der Scklesier, alien Berufungen auf die kaiserlichen Ver- 
sprechen zum Trotz auf nahezu sieben Monate ausgedehnt 
und recht klar gezeigt haben, wie entsetzlich landverderbend 
gerade die Wallensteinsche Art der Kriegfiihrung war, und 
dies sogar, wie man bekaupten darf, in nock ungleich koke- 
rem Mafse, als dies von anderen Befehlshabern , wie kart 
auck diese zuzugreifen gewohnt waren, gesagt werden mufs. 
Von Wallenstein ward die Aussaugung des Landes durck 
das Heer mit einer systematischen Schonungslosigkeit be- 
trieben, die kaum ihresgleicken hat. Es war in der That 
nicht zu verwundern, wenn die Schlesier voller Entrtistung 
fragten, wo man es je vernommen habe, dafs das Land den 
Soldaten den vollen Unterhalt und dazu auch den Sold schaffen 
solle? Und so war es hier in der That, ftir die landes- 
herrliche Feldarmee wird den Bewohnern des ungliicklicken 
Landstricks, welcken das Heer gerade besetzt halt, aufge- 
biirdet die voile reichliche Verpflegung, Proviant, Futter, 
Naturalienlieferungen von Sckuhwerk und Kleiderstoff und 
aufserdem das erforderliche Geld zur Soldzahlung und 
zur Erganzung der Armatur. Und das alles nach willkiir- 
lich bestimmten unerhort hochgegriffenen Satzen, wie man 
das aus dem einzigen Beispiele ersehen mag, dafs das Weick- 
bild der Stadt Sckweidnitz wockentlick 8400Pfund Fleisch, 
ebenso viel Brot, ebenso viel Mafs Bier, 200 Scheffel Hafer, 
1400 Bund Heu, 400 Bund Stroh zu liefern hatte. Das 
Geld zur Soldzahlung und Armatur war durchschnittlich 
auf wochentlich 100 000 fl. (Goldgulden oder Dukaten) 
festgesetzt, und nebenher gingen nun noch sehr hoch ge- 
griffene Lieferungen extra fur die Tafeln der hoheren Offi- 
ziere, welche dann auch noch besondere „ Donative oder 
Ergotzlichkeiten " erwarteten und anseknliche Summen schon 
dadurch mit Sicherheit erzielten, dafs sie die Forderungen 
in Geld und Natura immer auf vollzahlige Compagnien be- 
mafsen, wahrend doch uberall zur Vollzahligkeit viel feklte, 
und dann den Ubersckufs einfack ihrern Seek el zukommen 
kefsen^ so dafs z. B. Oberst Strozzi in Ols einmal blofs aus 
dem Uberschufs an Hafer 3000 fl. gewann. 

Eine derartige Behandlung fast sieben Monate hindurch 
fortgesetzt mufste unvermeidlich den Ruin des Landes her- 
beifiihren. Die ]\fittel des Landes erschopften sich schnell. 
Als das bare Geld aufgebraucht war, griff man nach gol- 

Griinhagen, Gesch. Schlesiens. II. 14 



210 Zweites Buch. Dritter Abschnitt. 

denen und silbernen Gefafsen, und endlich zwang die Not 
Zinngefafse, Tuch, Leinwand, Leder, Kleider, Mobilien, Rind- 
und Schafvieh als Zahlung anzubieten, und schliefslich nah- 
men die Exekutionen gar kein Ende mehr, alles zum grofsen 
Unwillen der Oftiziere, welcke nur sehr widerstrebend sich 
iiberzeugen liefsen, dafs diese Quelle allmahlich doch ver- 
siege und schliefslich der Moment kommen mtisse, wo keine 
Drohung und Gevvaltthat ihr weiteres zu entlocken vermoge. 
Den Wohlstand Schlesiens haben diese siebenraonatlichen 
Winterquartiere seiner Landesverteidiger geradezu zerriittet. 
Der damalige Landeshauptmann berechnet den dem Lande 
zugefiigten Schaden auf nicht weniger als funf Millionen 
Goldgulden. 

Seitens der Schlesier hat man es an Bemiihungen zur 
Abwendung dicser Drangsale nicht fehlen lassen; aber in 
Wien sagte man ihnen, der Herzog von Friedland setze 
durch, was er wolle, ihm Widerstand zu leisten sei vergeb- 
lich, und als der kunftige Thronfolger, der nachmalige Fer- 
dinand III., dem sein Vater die Herzogtiimer Schweidnitz- 
Jauer 1626 besonders uberwiesen hatte, zu deren Gunsten 
sich verwendete, hat Wallenstein geaufsert: „der junge Konig 
mufs gedenken, dais er soil Monarcha der Welt werden und 
nicht vor sein Patrimonium allein Schweidnitz und Jauer 
haben." Als man eine Beschwerde gegen einen Obersten 
wegen Erpressung von 500 Rthl. an ihn richtete, zeigte er sich 
sehr erzurnt, dafs man urn soldier Summe wegen einen 
Obersten „vor den Kopf stofsen solle". „Denn die gute 
Affection der Officiere ist einzig und allein, so den Kaiser 
erhalt." 

So war das System Wallensteins. Das Recht von seinen 
Untergebenen, Oftizieren wie Soldaten, das Hochste verlangen, 
von ihnen unbedingten Gehorsam notigenfalls durch die 
furchtbarste Strenge erzwingen zu durfen ohne deren An- 
hanglichkeit einzubufsen, erkaufte er mit dem Marke des 
Landes, in welchem er hauste, dadurch, dafs er den Seinen 
alle Einwohner mit dem, was sie besafsen, rucksichtslos preis- 
gab. Was sich sonst ein libel diszipliniertes Heer unter 
einem rohen Kriegsobersten im Feincleslande erlaubt, das 
ward hier systematisch ausgedacht von dem Feldherrn des 
Kaisers in dessen eigenen Erblanden und ohne jede Scheu ins 
Werk gesetzt. Und es dart' behauptet werden, dafs von 
alien den Kriegsscharen , welche im Laufe dieses unseligen 
Krieges Schlesiens Fluren verheert haben, Mansfelder, Schwe- 
den, Danen, Sachsen, Brandenburger, keine so auf den Grand 
verderbend gewirkt hat als diese Einlagerung der Truppen 



Aussaugung des Landes. 211 

Wallensteins, an dessen Namen sich hier das schliinmste 
Andenken immer gekniipft hat, ohne dafs der Historiker im 
Stande ware, aus einer Erwagung der Motive, die ilm lei- 
teten, der Zwecke, die er verfolgte, mildernde Umstande fur 
ihn gewinnen zu konnen. 

In bitterer Klage wendet sich im Marz 1627 der Landes- 
hauptmann Herzog Georg Rudolf an den Kaiser, schildert 
ihm, wie sein Heer in Niederschlesien durch Erpressungen, 
Pliinderungen, Verwundungen und Totungen unschuldiger 
armer Leute die Einwohnerschaft zur Verzweiflung bringe, 
so dafs es kein W under sei, wenn es dem Feinde, den 
ohnehin niemand hindere, sich „ gleichsam ohne Widerstand " 
eines Ortes nach dem andern zu bemachtigen, gelange, das 
Volk „ durch adsciscirte Gelind- und Sanftmuthigkeit an 
sich zu locken", die Soldaten kiimmerten sich um die kaiser- 
lichen Verordnungen nicht, und die Einwohner seien aufser- 
stande, die von ihnen verlangten Kontributions- und Proviant- 
leistungen auszufiihren, er sehe sich genotigt sein Amt nieder- 
zulegen. Allerdings hat sich der Herzog damals noch zum 
Bleiben bewegen lassen und ist erst bei noch fortschreiten- 
der Verschlimmerung der offentlichen Zustande 1628 defini- 
tiv zuriickgetreten , wo ihm dann in der Landeshauptmann- 
schaft Herzog Heinrich Wenzel gefolgt ist, der nicht mehr 
ausrichtete als sein Vorganger, aber es sich weniger zu 
Herzen nahm als der ehrliche Liegnitzer Fiirst. 

Es sah in der That libel genug aus in Schlesien. In 
Niederschlesien zehrten die Wallensteiner mit ihrem Nach- 
schube ununterbrochen am Marke des Landes, uud in Ober- 
schlesien bedrohten die kaiserlichen Behorden von den 
sicheren Wallen von Ratibor und Oppeln aus die Einwohner- 
schaft mit den schwersten Strafen, wenn sie mit dem Feinde 
in irgendwelchen Verkehr traten oder demselben Forderung 
zuteil werden liefsen, wahrend doch dieser Feind thatsach- 
lich iiberall die Macht hatte und niemand da war das Land 
vor ihm zu schiitzen. Es war kein Wunder, wenn die Ein- 
wohner unter solcheu Umstanden sich mit den Feinden giit- 
lich zu stellen such ten, viele trieb geradezu die Not unter 
seine Fahnen; auch die Religion kam wohl mit ins Spiel, 
die mansfeldisch - danischen Truppen gaben die den Prote- 
stanten weggenommenen Kirchen denselben wieder und ver- 
sprachen die Wiederherstellung der Glaubensfreiheit. Auch 
Ziigellosigkeiten liefen unter, wie denn Blirger von Grofs- 
Strehlitz an einer Pliinderung des oberschlesischen Klosters 
Himmelwitz teilgenommen haben sollen. 

Der Kaiser hatte auf jenen Klagebrief Herzog Georg 

14* 



212 Zweites Bucli. Dritter Abschnitt. 

Rudolfs vom 20. Marz geantwortet, er habe die vom Kriegs- 
volke in Sclilesien veriibten Insolenzen sehr ungern ver- 
nommen und werde seinen obersten Kriegshauptmann den 
Herzog von Friedland, dessen Ankunft in Wien er stiindlich 
erwarte, anweisen, unverziiglich den- Feind aus dem Lande 
zu treiben, damit seine gehorsamen Unterthanen ihrer „Drang- 
seligkeit" enthoben wiirden. Im Sommer 1G27 wurden nun 
auch endlich die Wallensteinschen Kriegsvolker urn Neifse 
konzentriert und durch sie die von den Danen besetzten 
Platze einer nach dem andern wieder gewonnen nicht ohne 
standhafte Verteidigung hier und da, und grofstenteils durch 
Kapitulationen, welche der fremden Besatzung freien Abzug 
gewahrten. Vielfach liefsen sich die als Soldaten sehr ge- 
schittzten Danen auch zum Eintritte in die kaiserliche Arraee 
bewegen. Nachdera es damals dem Kaiser gelungen war, 
den schwankenden Kurfiirsten von Brandenburg aufs neue 
an sich zu fesseln, waren die danischen Truppen abgeschnit- 
ten. Ihr jetziger Befehlshaber Mitzlaf versuchte sich nach 
Polen durchzuschlagen. An der schlesischen Grenze bei 
Pitschen iiberfiel er das grofstenteils aus Rekruten bestehende 
Regiment des Herzogs von Holstein, vernichtete dasselbe 
und liefs Pitschen auspliindern. In der Neumark ist dann 
das ganze Heer auseinandergesprengt worden. 

Im Herbst war Schlesien von den Feinden befreit, aber 
freilich nicht der Drangsale iiberhoben, denn die Wallen- 
steinschen Soldaten nahmen jetzt das, was die Mansfelder 
und Weimaraner noch iibrig gelassen hatten. In Troppau 
z. B. liefs Wallenstein den Rat, die angesehensten Burger 
und so viel er von den Landstanden erreichen konnte im 
Rathause gefangen setzen und verlangte fur die unterlassene 
Pliinderung 100 000 Thaler, welche Summe nur bis auf 
60 000 Thaler ermafsigt wurde. Freilich konnten, obwohl 
einige Compagnien bis zur vollen Zahlung dieser Summe 
zuruckblieben, doch nur 22 000 Thaler aufgetrieben werden. 
Wenn es dabei als etwas Unerhortes erscheinen mochte, dafs 
ein Feldherr des Kaisers eine Stadt seines Landesherrn, die 
er dem Feinde endlich wieder abnimmt, dann zur Zahlung 
einer ungeheuren Summe notigt dafiir, dafs er sie nicht der 
Pliinderung preisgegeben, so ward dies seitens des Generals 
hier wie an vielen andern Orten damals dadurch beschonigt, 
dafs die Stadt eigentlich durch das geheime Einverstandnis, 
das sie mit dem occupierenden Feinde gepflogen, die Pliin- 
derung verdient hatte, eine Beschuldigung, die nun damals 
noch an manchen Orten laut wurd, und fiir welche sich 
jedenfalls doch das eine anfiihren liefs, dafs die Burger der 



Ausgang unci Nachwirkungen des Mansfelder Kriegszuges. 213 

verschiedenen oberschlesischen Stadte sich nirgends so recht 
beeifert batten, Gut mid Blut dafiir einzusetzen, urn ibre 
danisch-mansfeldischen Besatzungen gegen "Wallensteinsches 
Kriegsvolk zu vertauschen. 



Kirchliche Reaktion in Oberschlesien. 

Wohl war es aufserst bart ; die Oberscblesier im ganzen 
dafiir verantwortlicb zu machen, dafs in der Zeit, wo die 
kaiserlichen Heere das Land zum grofsten Teile den Feinden 
preisgaben, bier an manchen Orten den letzteren seitens der 
Einwobner eine gewisse Willfahrigkeit gezeigt worden ist. 

Doch es inufste ja damals der Krieg den Krieg ernahren, 
zur Bezablung der Soldaten war kein Geld vorbanden, am 
kaiserlicben Hofe berrscbte trotz der spaniscben Hilfsgelder 
bestiindige Geldnot, und Ferdinands Anbanger und Diener 
waren vielfacb auf das angewiesen, was aus Konfiskationen 
einkam. In Bohinen und Mabren war diese Quelle einst 
uberreich geflossen, Schlesien in gleicher Weise anzuzapfen 
batte 1G21 der Dresdener Accord verhindert, jetzt scbien es 
moglich, das damals Versaumte nachzuholen, man beeilte 
sich, Ferdinand vorzustellen, es batten sicb sebr viele Scble- 
sier bei dem Durchzuge der Mansfelder zum Feinde ge- 
scblagen, und der Kaiser verfugte sogleich im September 
1626 eine Untersuchung nach dieser Seite bin. In Mittel- 
und Niederscblesien scheint dieselbe kein wesentlicbes Re- 
sultat gebabt zu haben ; wie denn der Rat von Breslau als 
Verweser der Hauptmannscbaft des Breslauer Fiirstentums 
unter dem 5. Januar 1627 an den Kaiser bericbtet, trotz 
eifriger Nacbforschung babe sich kein Scbuldiger ermitteln 
lassen als ein Barbiersohn aus dem Neamarktischen, dessen 
man nicbt babe habhaft werden konnen 7 der librigens 
keinerlei Vermugen besitze. Anders in Oberscblesien ; welches 
so lange Zeit dem Feinde preisgegeben gewesen. Hier wur- 
den von den fur die einzelnen Furstentumer resp. Herr- 
scbaften eingesetzten Kommissionen eine Anzabl von Personen, 
unter denen wir Vertreter der angesehensten oberschlesischen 
Adelsfamilien wie Kochtitzki, Schimonski, Larisch, Jordan, 
Scbeliha, Donat, Praschma, Sedlnitzki, Geraltowsky, Krawarz, 
Licbnowsky 7 Zwole und andere linden, in Anklagezustand 
versetzt. Ausftihrliche Verhandlungen iiber die Prozesse haben 
sicb nur aus dem Troppauischen erhalten, aus denen wir zu 
ersehen vermogen, dafs manche besehuldigt wurden, bei den 
Feinden direkt Kriegsdienste genommen zu haben, dafs aber 
bei vielen auch Vergehen unter Anklage gestellt wurden, die 



214 Zweites Buck. Drifter Abschnitt. 

recht wohl mit dem Zwange cler Not entschuldigt werden 
konnten, wie dafs die betreffenden eine Schutzwache vom 
Feinde sich erwirkt oder dessen Weisungen beziiglich der 
Lieferungen gehorsamt hatten. In Fallen dieser Art konnte 
man sich dann auch mit Geldbufsen abfinden, wie denn 
iiberhaupt nicht im entferntesten mit der blutigen Strenge 
vorgegangen ward, mit der man einst die Bohmen getroffen 
hatte, so dafs auch schwerere Verschuldung durch Geld gesiihnt 
werden konnte. Wie sehr bei diesen iibrigens durch mehrere 
Jahre fortgeschleppten Prozessen das fiskalische Moment 
vorwog, mogen wir aus einem Patente von 1630, 26. August, 
entnehmen, durch welches President und Kammerrate die- 
jenigen, welche sich bei dem Mansfeldischen Einfalle „zu 
dem Feinde geschlagen", oder sonst sich „ der daselbst ent- 
standenen Rebellion theilhaftig gemacht", benachrichtigten, 
dafs „mit ihnen eine giitliche Handlung versucht werden 
solle", ob sie namlich „solches ihres Verbrechens halber um 
ein Gewisses sich mit dem koniglichen Fisco abfinden oder 
Urteil und Recht, wie solches erkannt, erwarten wollen". 
Die Angeklagten waren meist Protestanten , sonst gait , wie 
die Akten zeigen, das katholische Bekenntnis als mildernder 
Umstand. Nicht wenige haben dann sich durch den Uber- 
tritt zum Katholicismus Begnadigung oder Strafmilderung 
gesucht. Die am meisten Belasteten sind allerdings mit den 
Mansfeldern fortgezogen oder sonst fliichtig geworden, und 
die Namen von 65 wurden schliefslich an den Galgen ge- 
schlagen, ihre Giiter konfisziert, ihre Personen geachtet. 

Jedenfalls stellen die Prozesse das heraus, dafs nur ein- 
zelne kompromittiert erscheinen, von denen viele noch dazu 
den Zwang der Umstande fur sich anfuhren konnten. In 
den Stadten hatte man, bis die Feinde das Land occu- 
pierten, gutwillig Steuern gezahlt und Werbungen an- 
gestellt, von keinem Stande war ein Akt erfolgt, der ein 
Einverstandnis mit dem Feinde bezeugt hatte. Nichts desto- 
weniger strafte man das ganze Land dafur, indem man das- 
selbe als der Wohlthaten des Dresdener Accordes verlustig 
ansah und in Oberschlesien vielfach die letzten Spuren des 
Protestantismus tilgte, die Prediger vertrieb, die Kirchen den 
Katholiken iibergab. Nur Oderberg-Beuthen blieb einem 
protestantischen Herren, dem Grafen Lazarus Henkel, einem 
aus Ungarn stammenden reichen Kauf herrn, dem der Kaiser 
1623 die Herrschaft als Pfand fur verschiedene ihm vorge- 
streckte Summen verliehen hatte. Nachdem eine Einlosung, 
zu der Ferdinand den Grafen Harrach, den Schwieger- 
vater Wallensteins, bevollmachtigt hatte, dann doch nicht zu- 



Strafmandate in Oberschlesien 215 

stande gekommen war, ward die Herrschaft 16 '2 9 oder eigent- 
lich erst 1632 dem jlingeren Grafen Lazarus Henkel zu erb- 
lichem Besitze iibergeben, dessen Nachkommen dieselben 
nocli besitzen. Der Graf konnte nicht verhindern, dafs auch 
in seiner Herrschaft alle Kirchen an katholische Priester 
iibergeben warden, dock hatte er den Mut, als 1631 ihm 
angesonnen wnrde, sich zu verpflichten, „in den Stadten keine 
Biirgermeister oder Personen in den Rat oder Schoffenstuhl 
zu setzen, auch keinen Amtmann oder andern Einwohner 
anzunehmen oder zu halten, der nicht der uralten katho- 
lischen Religion zugethan sein mochte", sich dessen, wie es 
in den Akten heiist, „totaliter zu weigern", wobei man 
sich dann doch beruhigt zu haben scheint. 

Die Mafsregelung der Oberschlesier stand im Widerspruche 
mit einer Erklarung, welche der Kaiser erst kiirzlich in 
einem an den schlesischen Oberlandeshauptinann Herzog 
Georg Rudolf von Liegnitz unter dem 3. Dezember 1626 
gerichteten Schreiben abgegeben hatte. Ferdinand verwahrte 
sich hier gegen „die vom Feinde ausgesprengten Geriichte", 
als beabsichtige er „binnen kurzen eine Anderung der Re- 
ligion in Schlesien vorzunehmen", er sei nicht gemeint, 
„ seine gehorsamen und getreuen Unterthanen dem sachsi- 
schen Accord zuwider irgendwie zu beschworen". Dem 
gegeniiber land der Kaiser einen Rechtsgrund zu dem ge- 
waltsamen Vorgehen gegen die Oberschlesier darin, dafs die 
letzteren es mit den Landesfeinden gehalten, und dafs er 
diese Gebiete mit „kostbarer Kriegsrtistung" aus Feindeshand 
habe zurilckerobern miissen. Doch miissen wir diese Moti- 
vierung gelegentlichen Aufserungen des Kaisers entnehmen, 
einem direkten Erlasse etwa derart, dafs die Oberschlesier 
durch landesverraterisches Verhalten die Wohlthaten des 
Majestatsbriefes und des Dresdener Accordes verwirkt batten, 
ging man aus dem Wege; einerseits mochte man wohl em- 
pfinden, dafs der Vorwurf in soldier Allgemeinheit nicht 
zu erweisen sei, und dann vermied man auch, je mehr mit 
den kriegerischen Erfolgen die Neigung zu einer kirchlichen 
Reaktion wuchs, desto mehr jenen Hindernissen in Gestalt 
des Majestatsbriefes und des Dresdener Accords durch eine 
Erwahnung derselben in gewisser Weise eine neue Bestatigung 
zu verleihen. 

Denn die Hauptsache war eben doch, dafs fiir Ferdinand, 
dem der Glaubenskampf eine wirkliche Herzenssache war, 
eben darnals die entscheidenden Siege seiner Waffen im ganzen 
Reiche eine Zuriickfiihrung des gesamten deutschen Volkes 
zu dem alten Glauben in Aussicht stellten und das Re- 



216 Zweites Buch. Dritter Abschuitt. 

stitutionsedikt von 1629, in deni er die Zuriickforderung 
aller seit dem Passauer Vertrage eingezogenen geistlichen 
Benefizien forderte, in sehr durchgreifender Weise damit den 
Anfang zu machen schien. Es ware wunderbar gewesen,. 
wenn sich nicht diese Tendenz auch in Schlesien fiihlbar 
hatte machen sollen, nainentlich seit eine so kluge und ener- 
gische Personlichkeit wie der papstliche Legat Caraffa die 
Durchfiihrung einer kirchliehen Reaktion in Schlesien eifrig 
ins Auge gefafst hatte. Derselbe ruachte gar kein Hehl 
daraus, dafs nach seiner Uberzeugung der Kaiser, nachdem 
er sich durch den Dresdener Accord habe die Hande binden 
lassen, jede sich ihm darbietende Gelegenheit benutzen niiisse, 
urn iiber diesen hinwegzukomrnen und die Schlesier zuni 
wahren Glauben zuruckzufiihren. 

Der neue Legat veranstaltete 1626/27 eine allgemeine 
Visitation der katholischen Kirchen, bei welcher sich nun 
noch manche Spuren der einst so gewaltig iiberall bin vor- 
gedrungenen protestantischen Lehre zu tilgen fanden. Manche 
katholische Pfarrer bedienten sich, ohne ein Arg darin zu 
finden, der Postille Luthers, und auch in den Schulen fan- 
den sich noch Biicher protestantischer Verfasser eingefiihrt. 
Zugleich wurden danials die katholischen Geistlichen ange- 
wiesen, ein aufmerksames Auge darauf zu haben 7 ob sich 
etwa Besitztiimer ihrer Kirche fanden die, fruher entfremdet, 
jetzt zuriickgefordert werden konnten. 

Zu einer Restitutionspolitik in grofsem Stile war aller- 
dings in Schlesien kerne rechte Gelegenheit, denn hier waren 
ja die Giiter des Bistums und des Domkapitels sowie die 
der alten reich ausgestatteten Stifter auch wahrend der Re- 
formationszeit unberiihrt geblieben, und es handelte sich 
neben den beiden nicht besonders begiitert gewesenen Kol- 
legiatstiftern zu Brieg und Liegnitz, deren Einkiinfte zu 
Schulzwecken verwendet worden waren, eigentlich nur urn 
einige heruntergekommene Kloster der Bettelorden. An die 
Lande, wo noch besondere Landesfiirsten herrschten, mochte 
man fiir jetzt noch nicht ruhren, man begniigte sich hier 
damit, dafs die geistlichen Stifter, die hier Giiter besafsen, 
fiir die Kirchen derselben das Patronat beanspruchten und 
auf Grund dessen an diesen Orten nur katholische Geist- 
liche duldeten, und auch in der schlesischen Hauptstadt 
fiihlte man sich bewogen, vorsichtiger aufzutreten, man liefs 
hochstens durch das Domkapitel in der Stille nachforschen, ob 
man hier nicht die Magdalenenkirche, deren Patronat ja fruher 
dem Bischofe zugestanden hatte, zuruckfordern konne, nahm 
aber doch von direkten Schritten nach dieser Seite bin Abstand. 



Anfange einer Eestitutionspolitik. 217 

Dagegen ward jetzt in Schvveidnitz das Franziskaner- 
kloster dem Magistrate wieder abgenommen ebenso wie dem 
von Frankenstein das dortige Dominikanerkloster, die Ab- 
tissin des Clarenstiftes zu Breslau erneuerte jetzt ihre An- 
sprtiche auf das Patronat der Schweidnitzer Pfarrkirche, dessen 
sie sich nur bedingt und zeitweise entaufsert zu haben 
glaubte. 

Die Lichtensteiner. 

Im Grunde waren dies strittige Angelegenheiten , die in 
einer Zeit kerrschender kirchlicher Reaktion zu Ungunsten 
der Protestanten entschieden zu sehen man sich kaum wun- 
dern darf. Ernstliche Besorgnisse aber mufsten die Vorgange 
erwecken, deren Schauplatz damals die Grafschaft Glatz 
wurde, und iiber welche wir nacb Aufzeichnungen aus den 
dortigen Pfarrarcbiven zu berichten in der Lage sind. Da es 
sich herausgestellt hatte, dafs trotz der 1623 vorgenommenen 
Mafsregeln und der Ausweisung aller protestantischen Geist- 
lichen die grofse Menge des Volkes noch immer an ihrem 
Bekenntnisse lesthielt, erging unter dem 3. Januar 1628 
eine am 20. Marz von alien Kanzeln des Landes verkiindete 
kaiserliche Verordnung des Inhalts, dais alle Einwohner der 
Grafschaft den katholischen Glauben anzunehmen oder das 
Land zu verlassen hatten. Doch traute man den abgege- 
benen Erklarungen der Bereitwilligkeit zum Ubertritte nicht, 
sondern zog es vor, sich dadurch, dafs man aus den ver- 
schiedenen Orten einige der angesehensten Burger als Gei- 
seln nach Prag fuhrte, der wirklichen Ausfiihruug jener 
Vorsatze zu versichern. Als ein Symbol der wirklichen Be- 
kehrung scheint man das Niederknien bei dem Mefsopfer 
augesehen zu haben, wenigstens wird uns aus Habelschwerdt 
von einem Zeitgenossen berichtet, dafs man dort in der 
Osterzeit 1628 iSoldaten in der Kirche postiert habe, welche 
beaultragt waren, diese Kniebeugungen notigenfalls mit Ge- 
wait zu erzwingen. 

Die kaiserlichen Behorden konnten sich bei ihrem Ver- 
fahren wohl darauf berufen, dafs die Grafschaft Glatz als 
nicht zu Schlesien sondern zu Bohmen gehorig der Vorteile 
des Dresdener Accordes nicht teilhaftig geworden sei, doch 
auch in Schlesien sollte man bald erfahren, wie wenig jener 
Vertrag auf die Lange Schutz zu gewahren vermochte. 

Der Legat Caraffa verfugte damals gerade in Schlesien 
zum Zwecke der Gegenreformation iiber einen Generalstab, 
wie er sich ihn beziiglich seiner Energie und seines riick- 
sichtslosen Eifers kaum besser wiinschen konnte. An der 



218 Zweites Buck Dritter Abscbnitt. 

Spitze stand der Kammerprasident Graf Hannibal von Dolma, 
fur den die Katholisierung Schlesiens eine politische Maxime 
war, bei deren Durchfiihrung ihm infolge der eigenen fri- 
volen Gesinnung Riicksichten auf bestehende Vertrage und 
Rechte ebenso wenig Skrupel machten als die Scheu vor 
Gewissensbedrangungen anderer, an die er kaum glaubte. 
Daneben der Hauptmann von Glogau, Georg von Oppers- 
dorf, ein eifriger Zogling der Jesuiten, iiberzeugt von der 
Gottgefalligkeit einer Bekehrung dor Ketzer, ferner der 1627 
iiber die Fiirstentumer Schweidnitz - Jauer gesetzte Freiherr 
Heinrich von Bibran, der den ganzen Eifer eines Konver- 
titen zu dem Werke der Reaktion mitbrachte. Mit kaum 
minderer Entschlossenheit stand diesen der Hauptmann von 
Sagan Grabus (Gervasius?) von Nechern zur Seite. 

Trotz dieser bei den hochsten Beamten der Erb fursten- 
tumer vorhandenen Disposition scheint es nicht unzweifel- 
haft, ob die Mafsregeln, welche nun in diesen letzteren zur 
Ausfuhrung gekommen jsind, vorher in ihrem ganzen Um- 
fange geplant waren, oder ob man nicht vielmehr sich von 
einem Schritt zum andern hat treiben und verieiten lassen, 
moglicherweise sogarolmebestimmteGenehmigung des Kaisers, 
wie denn dessen Schreiben an den Landeshauptmann vom 
27. Oktober 1627 in einem Tone gehalten ist ; der die Ge- 
waltsamkeiten der Lichtensteiner auf keine Weise recht- 
fertigte, wenngleich naehtraglich das Vorgefallene gutgeheifsen 
worden ist. Gewifs ist soviel, dafs eigentlich von keiner 
Seite behauptet worden ist, in Mittel- und Niedersehlesien 
hatte die Haltung der Bevolkerung wahrend des Mansfelder 
Einfalls einen Vorwand abgeben konnen, den Dresdener 
Accord mit seinen ZugestJindnissen als verwirkt zu betrach- 
ten. Weder die Fiirsten und Stande noch die Einzelnen 
batten hier Sympathie fiir die Feinde gezeigt. Einen schle- 
sischen Edelmann Dietrich von Falkenstein, der den Ver- 
such gemacht hatte fiir Mansfeld Truppen zu werben , batten 
die Stande gefangen setzen und ohne weiteres enthaupten 
lassen. Thatsachlich waren ja auch gerade die nachmals 
von den Lichtensteinern heimgesuchten Landesteile nicht 
einmal in Versuchung gefiihrt worden, die Fiirstentumer 
Schweidnitz-Jauer hatte kein Mansfeldischer Soldat betreten. 

Der erste Anlafs zu den beklagenswerten Gewaltthaten, 
die wir nun zu schildern haben, ward in Glogau gemacht. 
In diesem Fiirstentuine hatte seit den Zeiten des Majestats- 
briefes der Protestantismus sich ganz ungehindert ausgebreitet. 
Jetzt unter der Hauptmannschaft des glaubenseifrigen Grafen 
Oppersdorf ward 1626 zunachst in dem Dorfe Brostau bei 



Streit um die Pfarrkirche in Glogau. 219 



6" 



Glogau, wo ein strittiges Patronat bestand, der evangelische 
Geistliche vertrieben. Als man aber weitergehend protestan- 
tische Einwohner des Dorfes durch Gefangnis zum Ubertritt 
zu notigen suchte, schritt auf deren Beschwerde das Ober- 
amt unter Berufung auf den Majestatsbrief ein. Dagegen 
ward jetzt von den Katholiken die Pfarrkirche zu Glogau, 
um deren Besitz ja, wie bereits friiher erwahnt ward, seit dem 
Ende des 1G. Jahrhunderts lebhaft gestritten worden war, bei 
dem Kaiser als ihnen gebiihrend verlangt, wogegen die Biirger- 
schaft ebenso entschiedeu protestierte. Der Kaiser ernannte 
zur Schlichtung des Streites eine Kommission, gebildet aus 
dem Herzoge Georg Rudolf, dem Grafen Dohna und dem 
Glogauer Landeshauptmann Georg von Oppersdorf. Es war 
erklarlich, wenn der Herzog durch das undankbare Geschaft 
wenig gelockt sich demselben versagte, klug war es schwer- 
lich; die Anwesenheit eines protestantischen Fiirsten in der 
Kommission hatte dock vielleicht der schlimmsten Gewalt- 
samkeit Schranken zu setzen vermocht. Doch audi Dohna 
erklarte, durch eine Reise nach Wien an der Teilnahme 
gehindert zu sein, und so lag die Sache ganz allein in der 
Hand des Glogauer Hauptmanns, des Grafen Oppersdorf, und 
der Anwalt der auf Restitution klagenden Glogauer Katho- 
liken, also der Hauptklager, ward zugleich Richter. 

Gegen ihn, den Beschtitzer der Jesuiten, deren einige er 
auch im Schlosse zu Glogau installierte , wandte sich der 
Unwille der zum allergrofsten Teile protestantischen Biirger- 
schaft, und als er nun durch den von ihm im Miirz 1628 ok- 
troyierten gefugigen neuen Rat namens des Kaisers die Uber- 
gabe der Pfarrkirche an die Katholiken verlangte (September 
1626), umdrangte eine aufgeregte IMenge das Gotteshaus und 
wehrte, wenngleich waffenlos, der Obrigkeit den Eintritt, 
Aufschub einiger Wochen begehrend, bis man die Entschei- 
dung des Kaisers durch eine Deputation eingeholt habe. 
Wie es scheint, hat man damals audi die von dem Rate 
verschlossene Kirchthiir erbrochen und den protestantischen 
Prediger bewogen, ein Gebet in der Kirche zu sprechen, 
auch sollen namentlich Weiber Steine, Holz und Asche bei 
sich gehabt haben, um sich dieser Dinge zur eventuellen 
Verteidigung zu bedienen; schlimmere Ausschreitungen der 
erregten Bevolkerung scheinen nicht vorgekommen zu sein, 
wie man am besten aus den Motiven der nachmals ergange- 
nen Strafsentenzen abzusehen vermag. 

Doch was geschehen war, geniigte fiir Oppersdorf, um 
die Klage einer Rebellion seitens der Burgerschaft Glogaus, 
eines Widerstandes gegen die Befehle des Kaisers zu be- 



220 Zweites Buch. Dritter Abschnitt. 

grtinden. In aller Stille rief man, vielleicht auf Dolmas Rat, 
jedeufalls mit seiner Zustimmung, aus Bohmen das Regiment 
der Lichtensteinschen Dragoner, 3000 Mann stark, als Exe- 
kutionstruppen herbei, welcke nun am 29. Oktober des Nachts 
die Stadt besetzten, die Burger zur Ablieferung ihrer Wehr 
und Waffen zwangen und dann sich bei ihnen einquartierten, 
wobei nattirlicli vorzugsweise die Haupter der Protestanten 
bedacht wurden. Hatten die Exekutionsmannschaften nun 
sich damit begmigt, wenn audi mit Strenge den Beschlufs 
des kaiserlichen Kommissars zur Ausluhrung zu bringen, 
also die Katholiken in den Besitz der Pfarrkirche zu setzen 
und die, welche Miene zur Widersetzlichkeit gemacht, auf- 
ruhrerische Reden gefuhrt und dergleichen an Leib und 
Gut zu strafen, so wiirde ein objektiv urteilender Historiker 
die Thatsache einfach berichten und es hochstens als Harte 
bezeiclmen, dafs man aucli die Mitwirkung an der dem 
Kaiser zugesandten „ Supplikation " als Vergehen bestraft 
batte; die Zeit war hart und die Sieger niclit gewohnt, die 
Unterlegenen zart anzulassen. Was aber hier erfolgte, war 
unerhort und so beschafFen, dafs es niemand zu entschuldigen 
oder zu bemanteln versuchen sollte. 

Die Soldaten angstigten und qualten ihre Quartiergeber 
durch ungemessene Forderungen bezliglich der Verpflegung, 
schmahten, bedrobten und mifshandelten sie und liefsen ihnen 
dabei keinen Zweifel, dafs ihnen urn aller weiteren Pein zu 
entgehen, ein Mittel freistiinde, sich namlich als Zeugnis 
ihres Ubertrittes zum katholischen Bekenntnisse einen soge- 
nannten Beichtzettel vom nachsten Pater zu holen, ein Mittel, 
von welchem dann auch gleich ein so ausgiebiger Gebrauch 
gemacht wurde, dafs bald kaum noch zwei oder drei Biirger 
in Glogau blieben, die sich zum Protestantismus bekannten, 
nachdem allerdings viele ausgewandert waren. ^'enn es 
wahr ist ; was ein Zeitgenosse berichtet, dafs die Lichtensteiner 
hier in Glogau Wochnerinnen ihre Kinder genommen haben 
mit der Drohung, dieselben verschmachten zu lassen, wofern 
jene nicht iibertraten, so war hier allerdings ein schwer zu 
ubertreftender Grad von brutaler Gewaltthat erreicht wor- 
den, und man wird zweifelhaft, ob man hier eine entstellende 
Ubertreibung annehmen soil, wenn man erfahrt, dafs ein sehr 
unverdachtiger Zeuge, der Jesuit Kerlich, in einem Gutachten 
liber die Abfiihrung der Lichtensteiner von Glogau das „harte 
und grausame Procedere gegen so viele arme Leute" als 
einen „groben Excefs", als J; Sunden die zum Himmel schreien" 
bezeichnet. 

Und doch erscheint das ; was jetzt folgte ; vielleicht noch 



Die Lichtensteiner im Furstentum Glogau. 221 



schlimmer. Uber Glogau war die militarische Exekution 
als Strafe fur angeblich geleisteten Widerstand gegen kaiser- 
liche Verfiigungen verhangt worden, und was hier geschehen, 
konnte allenfalls auf Rechnung der Soldaten gesetzt werden, 
denen vieles nachzusehn man doch einmal gewohnt war. 
Doch jetzt schienen die Bekehrungserfolge in Glogau die 
Behbrden gelockt zu haben, Ahnliches auch anderswo ohne 
jeden besonderen Anlafs und Rechtstitel zu versuchen, und 
so wurden denn, nachdem man noch den Glogauer Stadt- 
behbrden ein sogenanntes Religionsstatut auferlegt hatte, 
die Versicherung enthaltend, bei dem allein seligmacbenden 
rbmisch katholischen Glauben fiir alle Zeiten auszuharren 
und niemanden in der Stadt und den Stadtgiitern zu dul- 
den, der dieser Konfession nicht zugethan ware, Compagnien 
der Lichtensteiner auch in die iibrigen Stadte des Fiirsten- 
tums: Glogau, Freistadt, Guhrau, Griinberg, Schwiebus, 
Sprottau gelegt, wo dieselben dann, ohne sich auf nahere Er- 
orterungen einzulassen, in hoherem Auftrage die evangelischen 
Kirchen fur den alten Glauben zuriickforderten, die Prediger 
vertrieben und die Einwohner durch die in Glogau bewahr- 
ten Mittel zum Ubertritte drangten. Umsonst berief man 
sich auf die allgemeinen Landesprivilegien oder auf beson- 
dere wohlerworbene und durch kaiserliche Briefe sanktio- 
nierte Rechtstitel, umsonst rief man die Fiirsten und Stande, 
umsonst den Kurfiirsten von Sachsen an, der in dem Dres- 
dener Accorde seine Intervention bei etwaigen religiosen 
Bedrangnissen zugesagt hatte. Ja auf die Nachricht, dafs 
dieses letztere Mittel von den beiden Stadten Griinberg und 
Schwiebus versucht worden sei, erhielten dieselben im Som- 
mer 1629 einen erneuten Besuch der gefiirchteten Dranger, 
der Lichtensteiner. Erschienen diese Burger doch jetzt als 
Apostaten, nachdem alle die Stadte des Glogauer Fiirsten- 
tums mit allerdings sehr fragwiirdiger Freiwilligkeit im No- 
vember 1628 ein von dem Kaiser eiligst bestatigtes Religions- 
statut aufgerichtet hatten, welches fur ewige Zeiten alien, 
die „ sich nicht der allein seligmacbenden katholischen Kirche 
accommodiren wollten'^, den Aufenthalt in den Stadten des 
Furstentums versagte resp. den „aus Eigensinnigkeit und 
Hartnackigkeit in ihrem falschen Wahn und Ketzerei" Ver- 
harrenden, weil solche „die neubekehrten Katholischen in 
ihrem Sinn und Gedanken zweifelhaft machen konnten", 
^ine Frist von sechs Wochen setzte, um das Ihrige zu ver- 
kaufen und auszuwandern. Nur in einigen kleinen Markt- 
flecken wie Kbben, Tschirna, Primkenau blieben fiir jetzt 
noch die evangelischen Geistlichen. 



222 Zweites Buch. Dritter Abschnitt. 

Der augenblickliche Erfolg war hiernach em sehr grofser, 
und der frivole Graf Dohna durfte spottend sagen, der hei- 
lige Petrus habe seiner Zeit durch seine Predigt 2000 Seelen 
bekehrt, er aber olme Predigt viel tausendmal mehr ; die 
Liclitensteiner nannten sich selbst die. Seligmacher. 

Nach Glogau kam das Furstentum Sagan an die Reihe, 
wo dann auch, und zwar nicht nur, wie dies bei Glogau der 
Fall gewesen war, nur in den Stadten, sondern auch mehr- 
fach auf dem platten Lande die protestantischen Prediger 
vertrieben und die Kirchen den Katholiken iibergeben wur- 
den. Wenngleich hier, wie uns ausdriicklich geraeldet wird, 
die Liclitensteiner viel weniger gewaltsam bausten als in 
dem Glogauischen, vielleicht aus Respekt vor dem gefiirch- 
teten Landesherrn Wallenstein, der die gewaltsamen Bekeh- 
rungen mit wenig giinstigen Augen ansah, und sogar an 
zwei Grten, in Naumburg a. B. und in dem Dorfe Leuthen, 
den Protestanten Kirchen gelassen wurden, so herrschte da- 
fiir gerade hier schon arge Not, welche die militarische Ein- 
quartierung nun noch gewaltig steigerte. Gerade dieses 
Furstentum hatte bereits in den Jahren 1623 bis 1627 von 
Truppendurchziigen und Einquartierungen furchtbar gelitten, 
und das Tiefenbachische Regiment hatte allein 1627 sechs 
Monate hindurch verpflegt werden miissen, so dafs die Stadt 
Sagan ihre Unkosten ftir sich auf 83 082 Gulden berechnete, 
ganz abgesehen von den Aufwendungen der einzelnen Burger. 
Dann war seit 1627, wo Wallenstein das Herzogtum er- 
halten, dessen Lage noch viel schlimmer geworden, da der 
Herzog eine in der That arge Tyrannei ausubte, wie er denn 
z. B. der Stadt Sagan ihre Giiter und ihre wesentlichsten 
Einnahmequellen, den Brau- und Branntweinurbar, nahm 
resp. abkaufte, aber zu Preisen, die er einerseits selbst 
festsetzte, anderseits nur zum allergeringsten Teile bezahlte, 
dann als er sich 1630 ein neues Schlofs in Sagan erbaute, 
75 Hauser in Sagan niederreifsen liefs, um dem neuen 
Schlosse eine freiere Umgebung und schonere Aussicht zu 
sichern, ohne dafs die Eigentumer die ihnen versprochene 
Entschiidigung hatten erlangen konnen, wiihrend er die 
Fuhren zu dem Schlofsbau von den verarmten Grundbesitzern 
des Furstentums, denen die Soldaten meistens alles Vieh ge- 
nommen, mit entsetzlicher Hiirte forderte, wie er denn end- 
lich im Grunde vielleicht in wohlwollender Absicht alle ad- 
ligen Ji'mglinge unter 20 Jahren, die ihren Vater verloren, 
auf seine neuerrichtete Schule nach Gitschin forderte, dazu 
auch Blirgerliche aus der Stadt Sagan. 

Mit dem Beginne des neuen Jahres ward die Abstellung 



Die Lichtensteiner in Sagan und Schweidnitz-Jauer. 223 

des protestantischen Gottesdienstes darm fur die Stadte der 
Fiirstentiimer Schweidnitz-Jauer in Aussicht genommen, deren 
Landeshauptmann Heinrich Bibran dem Glogauer Oppers- 
dorf an religiosem Eiler nichts nachgab. Hier land man in 
den Stadten bereits gewisse zuverlassige Werkzeuge, inso- 
fern man hier, wie schon erwahnt wurde, an mehreren Orten 
nnter dem Namen von Kcinigsrichtern landesherrliche Kom- 
missarien den protestantischen Magistraten beigegeben hatte. 
Aufserdem versicherte man sich der bewahrten Hilte der 
Lichtensteiner, indcm man diesem Regiment nach dem Siid- 
osten Schlesiens Marschordre gab, so dais sie im Jannar 
1629 gleichsam zulallig auf dem Durchmarsche zur Hand 
waren. 

Die Sache nahm hier doch einen etwas andern Verlauf 
als im Glogauischen. Nicht die Lichtensteiner vollzogen hier 
die Gegenreformation sondern der Landeshauptmann ver- 
fiigte sie d. h. zuniichst nur die Entlassung der evangeli- 
schen Pfarrer imd Lehrer sowie die Ubergabe der Kirchen 
an den katholischen Klerus, und in manchen Stadten ge- 
niigte schon die Drohung mit einem Besuche der Lichten- 
steiner, um jene Forderung zum Vollzug zu bringen. Wo 
aber wie in den grofseren Stadten der Furstentumer die 
Lichtensteiner gleich von vornherein mit erschienen, um den 
Befehlen des Landeshauptmanns mehr Nachdruck zu geben, 
da ward dann audi das Bekehrungswerk griindlicher voll- 
zogen. So in Jauer, welches am friihesten an die Reihe 
kam, insofern hier bereits am 17. Januar des Landeshaupt- 
mann in Begleitung eines Jesuitenpaters und einer Com- 
pagnie Lichtensteiner erschien. Die Entlassung der Geist- 
lichen, die Zurllckgabe der Kirche ward sofort ins Werk 
gesetzt, schon am 18. Januar 1629 fand wiederum der erste 
katholische Gottesdienst statt, vmd wahrend indessen die sol- 
datischen Apostel dadurch, dafs sie den Einwohnern nur die 
Wahl liefsen zwischen dem Beichtzettel oder den iirgsten 
Mifshandlungen , mannigfache Bekehrungseriblge erzielten, 
beschied Bibran einen Ausschufs der Burgerschalt auf das 
Rathaus und zog in dessen grofsem Saale auf dem Fufs- 
boden einen Kreidestrich mit dem Verlangen, die Burger 
sollten durch dessen Uberschreitung ihre Geneigtheit zu 
einem Wechsel ihres Bekenntnisses bekunden, wofern sie 
nicht die Stadt raumen wollten ; und als sie dann noch durch 
einen Revers an Eidesstatt bekennen sollten, dafs sie unge- 
zwungen aus freiem Antriebe iibergetreten seien, da rief 
unter allgemeiner Zustimmung ein Reihekramer: „Ja Herr, 
Avir wollen schworen, aber erst nachdem Ihr geschworen ; 



224 Zweites Buck Dritter Abschnitt. 

dafs Ihr uns nicht gezwungen habt." — Das Verlangen 
machte den Landeshauptmann stutzig, und der Revers blieb 
unausgeflillt in den Handen der Burger, die ihn dann nach- 
mals als Beleg ihrer Beschwerde nach Wien einsandten — 
freilich obne Erfolg. 

Am 20. Januar besetzte eine Compagnie Lichtensteiner 
Bunzlau, wo dann gleichfalls die protestantischen Geistlichen 
und Lehrer vertrieben wurden, nicht ohne dafs man sie vor- 
her ausgepliindert hatte; den Anfuhrer der Dragoner, Vincenz 
de Solis, einen ehemaligen Hechelmacher, nennt ein Zeit- 
genosse einen lebendigen Teufel. Der Rat, dem Zwange 
gehorchend, ging zur Beichte und empfing das Abendmahl 
nach katholischem Ritus, doch unter beiderlei Gestalt, nur 
dafs man den Kelch nicht segnete. 

Das Gros der Lichtensteiner wandte sich inzwischen nach 
der Hauptstadt der Fiirstentumer Schweidnitz , wo am 
19. Januar ihr Quartiermacher zum 20. ein Friihstuck far 
den Obersten von Goes verlangte. Als dieser selbst anlangte, 
erklarte er den ihm entgegengesandten Ratsmannern, man 
konne dem kaiserlichen Kriegsvolke nicht den Despekt an- 
thun, dasselbe, wie der Rat es begehrt, urn die Stadt herum 
marschieren zulassen, namentlichin Anbetrachtder winterlichen 
Zeit, er verbiirge sich dafur, dafs niemanden ein Leid wider- 
fahren, sondern die Soldaten stracks weitermarschieren wiir- 
den. Diesen Versicherungen zum Trotz nahmen die Soldaten, 
sowie sie in die Mauern hinein kamen, von der Stadt Besitz, 
und bald erschien auch der General Graf Dohna selbst hier, 
um ganz in gewohnter Weise das Werk der Seligmachung 
zu beginnen, das dann, wie es scheint, hier ganz besonders 
brutal ausgefuhrt wurde. Dem Btirgermeister legte man 
100 Mann ins Quartier; in der Wohnung des ersten Pastoren 
Bartsch gefielen sich die Soldaten darin, den alten Herrn 
und die Seinen durch Mifshandlungen dazu zu zwingen, vor 
ihnen zu tanzen, an dem Diakonus Johann Beer zerschlug 
man mehrere Musketengabeln. Den evangelischen Blirgern 
liefs man zuerst die Freiheit, sich von der Einquartierung 
durch Geldsummen loszukaufen, dann schickte man ihnen 
der Abkommen spottend doch neue Einquartierung, deren 
Qualereien erst der von den Dominikanern geholte Beicht- 
zettel ein Ziel setzte. Beschwerden von der Oberamts-Gesandt- 
schaft an den Kaiser blieben erfolglos, und beinahe ein ganzes 
Jahr, namlich bis zum 4. Januar 1630, haben die Lichten- 
steiner hier gehaust. 

Bei den anderen Stadten des Furstentums geniigte viel- 
fach ein Befehl des Landeshauptmanns. Die Bevolkerung 



Die Lichtensteiner i. d. Stadten der Furstentiimer Schweiduitz- Jaucr. 225 

fiigte sich in die verlangte Vertreibung der Geistlichen und 
Lehrer scbon um den gefiirchteten Heimsuchungen der Lichten- 
steiner zu entgehen. So geschah es auch in Lowenberg, 
aber als nachmals die Konsequenzen gezogen wurden, als 
der katholische Gottesdienst wieder allein zur Herrschaft 
kam, zeigte sich das Volk unwillig. Man suckte den pro- 
testantischen Gottesdienst in den benachbarten Landkirchen 
auf, und der katholische Geistliche sah sich Verwiinschungen 
und Verhohnungen ausgesetzt, so dafs er fiir liingere Zeit 
aus der Stadt verschwand. Die Burgerschaft gewann schliefs- 
lich wieder den Mut, bei dera Landeshauptraann um Zuriick- 
berufung der protestantischen Geistlichen einzukommen, auch 
eine Gesandtschaft an den kaiserlichen Hof in dieseni Sinne 
ward gemeinsam von den drei Stadten Bunzlau, Hirschberg 
und Lowenberg ins Werk gesetzt. Gegeniiber diesen als 
Apostasie angesehenen Versuchen schritt nun aber der Landes- 
hauptmann mit Strenge ein, der Biir germeister von Lowen- 
berg ward gefangen gesetzt und ein zum Katholicismus uber- 
getretener Advokat zum Konigsrichter ernannt, der dann 
bald das bestimmte Verlangen stellte, die Burger, welche 
noch nicht katholisch kommuniciert hatten, sollten binnen 
vier Wochen die Stadt raumen. Als der Befehl unausgefiihrt 
blieb, erschien der Landeshauptmann selbst in Lowenberg, 
land sich hier aber einer erregten Menge gegeniiber, deren 
Haltung ihn fiir seine Sicherheit fiirchten liefs und zur Flucht 
durch ein Hinterpfortchen veranlalste. Wohl erhielt eine 
Deputation des Rates von dem Landeshauptmann das Ver- 
sprechen, das Vorgefallene die Stadt nicht entgelten lassen 
zu wollen, doch schon die Thatsache, dafs die Burgerschaft 
sich aufs neue bei dem Breslauer Oberamt und dem Kur- 
fiirsten von Sachsen um Erhaltung der Iieligionsfreiheit ver- 
wandte, machte sie aufs neue mifsliebig, und am 19. Sep- 
tember 1629 traf hier die Schreckensnachricht ein, ein Kom- 
mando von Lichtensteinern sei bereits in Bunzlau eingeriickt, 
auf dem Wege nach Lowenberg. Nun dachte alles an eilige 
Flucht, zu der ihnen der plotzlich angeschwollene Bober, das 
Anriicken der Dranger hindernd, noch einen Tag Frist ver- 
schaffte. Tag und Nacht walzte sich der Strom der Fliich- 
tigen zu den Thoren hinaus, und als die Lichtensteiner am 
15. September ankamen, fanden sie die Stadt verlassen, nur 
4 Ratsherren und 22 Burger waren zuriickgeblieben. Wohl 
setzte man den Fllichtigen nach und brachte ihrer viele ein, 
die verlassenen Hiiuser aber wurden von den erbitterten 
Kriegsleuten verwiistet, Ofen und Fenster eingeschlagen, 
aller Hausrat bis auf die Schlosser und Thurbeschlage herab 

GriinbageQ, Gesc>. SchlesieLS. IF. 15 



226 Zweites Buch. Dritter Abschnitt. 

vim Spottpreise verkauft, was brennen wollte, verbrannt. 
Viele der Geflohenen trieb allmahlich die Not in die Stadt 
zuriick, wo clann die liblichen durch den Beichtzettel abzu- 
kaufenden Drangsale ihrer harrten, doch blieben viele Woh- 
nungen leer, 1630 fehlten noch 2 50. Burger, und auf der 
Westseite des Marktplatzes, wo alle Hauser unbewohnt stan- 
den, schofs bald das Gras so hoch auf, dais man das Vieh 
dorthin zur Weide trieb. Die einst namentlich durch die 
Tuchweberei bliihende Stadt verodete seitdem. „ Der 15. Sep- 
tember 1629", so schreibt der Chronist von Lowenberg, 
„ war der ungliickliche Tag, an welchem der Grundstein zu 
Lowenbergs Untergang gelegt wurde, und welcher noch 
itzo die Urenkel hindert, sich zu der ehemaligen gliick- 
lichen Lage ihrer Vorfahren wieder emporzusckwingen." 

Uberall in den Stadten der beiden Furstentlimer sollten 
jetzt katholische Magistrate eiugesetzt werden, doch fanden 
sich an vielen Orten nicht geeignete Leute, und manche 
Mifsgriffe hierbei vermehrten die Verwirrung und das Mifs- 
behagen. Die mit der Lichtensteiner Exekution verbundene 
materielle Schadigung traf hier ura so schwerer, als gerade 
die beiden Fiirstentiimer von den Wallensteinern besonders 
schwer gelitten hatten, so dafs, wie ein Chronist bemerkt, 
„bereits 1627 dasBraunevon den Furstentiimern weggenommen 
worden sei". Ansteckende Krankheiten und Hungersnot bil- 
deten, wie so oft, die Begleiter der Kriegsnote. 

Im Februar 1629 ward dann wiederum mit Beihilfe der 
Lichtensteiner in den Stadten des Furstentums Miinsterberg 
die „ Reformation a , wie man es nannte, durchgefuhrt, unter 
denselben Erscheinungen wie an andern Orten, wie denn 
z. B. aus der Stadt Frankenstein damals eine allgemeine 
Auswanderung erfolgte, so dafs nur 12 Burger neben dem 
Rate zuriickgeblieben sein sollen. Endlich kamen noch Neu- 
stadt in Oberschlesien und die Hauptstadt der Dohnaschen 
Herrschaft Polnisch-Wartenberg an die Reihe. An dem letz- 
teren Orte konnten die Einwohner beziiglich des ungestorten 
Gebrauches der ihnen gelassenen kleinen Michaeliskirche die 
biindigsten Versicherungen seitens des Grafen Hannibal und 
seines Vaters des Grafen Abraham aufweisen, iiber die sich 
hinwegzusetzen die allgemeine Weisung des Kaisers jetzt den 
Vorwand gab. In Neustadt hatte bei der schon fruher im 
Fiirstentum Oppeln vorgenommenen Gegenreformation der 
Einflufs des hoch angesehenen Biirgermeisters Jakob Trep- 
tow, der erst kurzlich noch bei der Verteidigung der Stadt 
gegen die Mansfelder sich neue Verdienste erworben, bisher 
noch die Fortdauer des protestantischen Gottesdienstes zu 



Kirchenreduktioneni. Mimsterbg.,Frankenstem,Wartenbg., Neustadt. 227 

erhalten vermocht, und die dortigen Protestanten fiihlten 
sich ura so sicherer, als sie sich mit einem Begrabniskirch- 
lein behalfen, auf das die Katholiken keinerlei Anspriiche 
machen konnten, das sie vielmehr selbst durch allgemeine 
Beisteuern von Grund aus neu errichtet batten. Als nun 
jetzt auch bier am 11. Februar 1629 die Licbtensteiner sich ein- 
quartierten und Abstellung des evangelischen Gottesdienstes 
forderten, entschlofs sich Jakob Treptow selbst nach Wien 
zu gehen um von dem Kaiser Gnade fur seine Stadt zu er- 
flehen. Nicht ohne Scbwierigkeit vermocbte er durch den 
Thronfolger Prinzen Ferdinand seine Bittschrift an den Kaiser 
gelangen zu lassen, und der Bescheid, den er erhielt, ist 
charakteristisch genug. Er hatte in seiner Vorstellung gel- 
tend gemacht, dafs der gezwungene plotzliehe Religionswechsel 
schon wiederholt Menschen zur Verzweiflung und zum Aufser- 
sten getrieben habe und mufste sich nun tadelnd bemerken 
lassen, dafs der Kaiser als ein katholischer Potentat die An- 
nahme der Moglichkeit, dafs die Riickkehr zu dem allein 
seligmachenden katholischen Glauben jemanden zur Ver- 
zweiflung treiben konne, sehr ungnadig vermerkt habe, solches 
aber ihm fur diesmal zu Gnaden halten wolle. Obwohl es 
Seiner Majestat nie in den Sinn gekommen ; Menschen zur 
Religion zu zwingen, so wiinsche er doch, dafs alle seine 
Unterthanen gutwillig zum katholischen Glauben sich wen- 
deten, und wenn auch Treptow das thate, sollte die Neu- 
stadter Ratswahl bestatigt und die Einquartieruug entfernt 
werden. Geeignete Biicher und geistliche Ratgeber zu seiner 
besseren Belehrung wurden ihm zur Verftigung gestellt. 

Damit war die Sache entschieden, der protestantische 
Gottesdienst horte auch zu Neustadt auf, die Geistlichen 
samt ihren Familien wurden vertrieben, und die Burgerschaft 
stellte unter dem 18. Februar 1629 den ublichen Re vers 
aus, dafs sie den katholischen Glauben „freiwillig amplek- 
tiret" und fortan niemanden in der Stadt zum Burger noch 
in den Stadtdorfern zum Unterthanen annehmen wollen, er 
sei denn dieser Religion zugethan. 

So war denn die Bekehrung in den Erbfurstentiimern 
mit alleiniger Ausnahme des Fiirstentums Breslau vollzogen, 
doch war dieselbe auf die Stadte beschrankt geblieben, und 
nur auf den zu den Stildten gekorenden Giitern und einigen 
anderen, wo es sich gelegentlich thun liefs und die Guts- 
herren als Patrone nicht Widerspruch erhoben, hatte die 
Wegnahme der Kirchen stattgefunden. 

Allerdings wurden auch die Stadte begreiflicherweise 
haufig riicklallig, sie besuchten die protestantisch gebliebenen 

15* 



228 Zweites Buch. Dritter Abschuitt. 

Landkirchen, kommunicierten dort, liefsen auch Kinder dort 
taufen. Deshalb verhangte Strafen machten boses Blut, hin- 
derten aber ahnliche Vorkommnisse urn so weniger, als die 
Zwangsbestimmungen doch nur den Mannern galten, nicht 
aber zugleich den Frauen, welche letztere sich vielerorten 
ganz besonders obstinat zeigten und wohl auch ihren Mannern 
wegen ihres Mangels an Standhaftigkeit Vorwiirfe machten. 
Noch 1631 ist in Lowenberg ein Versuch des dortigen ka- 
tholischen Geistlichen, auch die Weiber zu bekehren, sehr 
erfolglos geblieben. Aufs Rathaus gefordert kamen diese in 
hellen Haufen, mehrere Hundert, unter der Fiihrung der 
eigenen Gattin des kaiserlichen Kommissars, der Konigs- 
richterin, und die Sprache, die sie fiihrten, war weder re- 
spektvoll noch zu Bekehrungsversuchen ermutigend. Der 
Geistliche und die Spitzen der Stadt zogen es daher vor, 
durch ein Hinterpfortchen sich zu entfernen, worauf sie von 
aufsen die Thiiren des Rathauses schliefsen liefsen. Doch 
die Haft, welche lange auszudehnen man doch nicht wagte, 
schiichterte die Frauen nicht ein , und nachdem noch ein 
weiterer Versuch giitlicher Uberzeugung sehr entscheidender 
Ablehnung begegnet war, scheint man die Sache als hoff- 
nungslos aufgegeben zu haben. 

Als die Nachrichten von dem, was in andern Erbfursten- 
tiimern vorgegangen, nach Breslau kamen, regte sich naturlieh 
auch hier die Besorgnis, Ahnlichem ausgesetzt sein zu konnen, 
und die Gemeinde bestiirmte den Rat, Sicherheitsmafsregeln 
gegen die Lichtensteiner zu ergreifen, aber es blieb fur dies- 
mal nicht nur die Stadt, sondern auch das ganze Fiirsten- 
tum verschont, wahrscheinlich deshalb, weil die Hauptmann- 
schaft iiber dieses durch den Rat von Breslau verwaltet ward, 
nachdem sie erst wieder von neuem 1585 demselben als 
Pfand fur ein Darlehn von 15 000 Reichsthalern der Stadt 
uberlassen worden war. Noch neuerdings, 1624, nach dem 
Tode ihres langjahrigen Verwalters, des Ratsaltesten Adam 
Dobschutz, hatte ein Teil des Landadels, dem es hart an- 
kam, bei den Biirgern Breslaus ihr Recht zu suchen, eine 
Ablosung angeregt, doch bei der damaligen bestandigen 
Geldnot fiel die Aufbringung der Pfandsumme schwer, und 
mit Gewalt scheute man sich gegen die loyale Stadt vorzu- 
gehen. So lange jedoch die Hauptmannschaft in den Handen 
der Stadt war, durfte Dohna fur seine Plane hier wenig 
Entgegenkommen erwarten. Die vielfach angewendeten Mittel, 
Durchzug durch die Stadt fur die Lichtensteiner zu begehren, 
fand bei dem Rate eine sehr entschiedene Ablehnung, und 
so verschob man denn hier weiteres auf giinstigere Gelegen- 



Die Lowenberger Frauen. Lage der Dinge in Breslau. 229 

heit, ebenso wie man von den Herzogen den Durchzug der 
Lichtensteiner durch Liegnitz und Brieg zwar gefordert, 
doch dann die Ablehnung rubig hingenommen hatte. 

Etwas freilich von den Umgestaltungen jener Zeit bekam 
auch Breslau zu spiiren. Hier residierte wie eine Art Vize- 
konig der geftirchtete Feind der Protestanten, der Kainmer- 
prasident Graf Karl Hannibal von Dohna, dessen Einflufs 
und Anseben den eigentlicben Landeshauptmann mehr und 
mehr in den Schatten stellte. Derselbe sagte, als in der 
letzteren Wiirde 1628 der gefiigigere Heinrich Wenzel 
von Ols dem Liegnitzer Herzoge nachfolgte, dernselben mit 
deutlichen Worten, der Kaiser wolle, wie im ganzen romi- 
schen Reiche, so auch in Schlesien eine voile Herrschaft 
(absolutum dominium) haben und empfinde es iibel, dafs die 
Fiirsten und Stande, wenn er etwas von ihnen fordere, sich 
erst auf ihre Privilegien beriefen und auf ihren Fiirstentagen 
dariiber berieten: der Herzog moge seine Wiirde als ein 
Ehrenamt ansehen, das er so lange geniefsen moge, bis der 
Kaiser den letzten Schritt thun und das Land einfach durch 
einen Gouverneur nach seinem Willen regieren lassen wiirde. 
Vorlaufig gab der Kaiser dem neuen Landeshauptmann eine 
Anzahl Rate bei, und da das Kollegium des Oberamts mit 
Stimmenmehrheit abstiminte, war hier an die Stelle der stan- 
dischen Regierung thatsachlich eine kaiserliche getreten, bei 
welcher der aus der Reihe der schlesischen Fiirsten genom- 
mene Prases nur noch eine Art . von Ehrenvorsitz hatte. Als 
die Stande in der Zeit der Lichtensteiner sich fur die Be- 
driickten verwendeten, ward ihnen bedeutet, dafs sie nur 
um die Bewilligung der Steuern sich zu kiimmern hatten. 

Bei alledem aber blieb es von grofser Bedeutung, dafs 
bei der damals hereinbrechenden Hochflut der kirchlichen 
Reaktion die Landeshauptstadt mit dem ganzen Fiirstentum, 
dem sie angehorte, unberiihrt blieb, eine sichere Zuflucht fiir 
die anderwarts Bedrangten. 

Blicken wir noch einmal auf die ganze Epoche der 
Lichtensteiner zuriick , so werden wir doch uns kaum ent- 
halten konnen offen auszusprechen , dafs dieselbe als das 
schwarzeste Blatt der schlesischen Geschichte erscheint, als 
der schlimmste Flecken, der auf der Herrschaft der Habs- 
burger liegt. Wohl werden wir noch weiter zu erzahlen 
haben, wie nach dem Westfalischen Frieden jene massen- 
hafte Wegnahme der protestantischen Kirchen erfolgte, aber 
es war doch etwas anderes, die wenngleich als intolerante 
Harte zu mifsbilligende Durchfiihrung eines formellen Rech- 
tes, die sich immerhin in gesetzlichen Formen vollzog, wie 



230 Zweites Buch. Drittcr Absclmitt. 

die 1628/29 vorgenommene Loslassung einer Meute ziigel- 
loser Kriegsvolker auf schuldlose Burger, die den Drangsalen 
und Mifshandlungen der Soldaten ihres Landesherrn nur da- 
durcli entgehen konnten, dafs sie ihren Glauben wechselten. 
Hire Gewaltthatigkeiten sind vielleicht iiberboten worden 
durch die Greuel, die in den letzten Zeiten des unseligen 
Kampfes Kriegsvolker von der einen wie der andern Partei 
veriibt haben, aber da war es eben der Krieg ; der vieles 
begreifen und entscbuldigen lafst, es haftete daran nicht der 
jedes menschliche Gefuhl emporende Gedanke, dafs bier mitten 
im Frieden ein Landesfurst seine Untertbanen von seinen 
Soldaten ungestraft auf das Grausamste mifshandeln liefs, 
blofs zu dem Zwecke, dieselben zu einem Wechsel ihres 
Bekenntnisses zu drangen. 

Und was man mit jenen Gewaltsamkeiten erreichen wollte, 
es ist mifslungen. Den Protestantismus hat man nicht zu 
verdrangen vermocht, wohl aber die Herzen der Schlesier 
dem habsburgischen Herrscherhause fur immer entfremdet. 
Nirgends in Schlesien hat nachmals die Bevolkerung so 
leichten ja freudigen Herzens sich dem eindringenden Preufsen- 
konige angeschlossen, als gerade in diesen von den Lichten- 
steinern heimgesuchten Stadten, wo eine Generation der an- 
deren die Kunde uberlieferte von den Zeiten der Verfol- 
gungen, als bier die beriichtigten Dragoner die traurige 
Kolle der Seligmacher spielten. 



231 



Vierter Abschnitt. 

Die Schlesicr im Bunde mit den protestantisclien 
Machten 1631-1035. Die Schweden und ihre Ver- 
Mndeten. Die Kriegfiihrung nach dem Tode Gust ay 
Adolfs. Wallensteins Plane und die Konjunktion der 
Schlesier. Die Eata strophe des Graftal Schaffgotscli. 
Das Treffen bei Lindenbusch 1634 und seine Folgen. 
Der Prager Friede 1635. 



In der Zeit der Drangsal hatten die Einwolmer der heim- 
gesuchten Stadte nirgends Schutz und Beistand gefunden, 
wie sehr auch das, was geschehen war, den vora Kaiser selbst 
bestatigten Landesfreiheiten zuwiderlief. Einen Protest der 
gesamten Stande herbeizufiihren ware bei deren damaliger 
Zusammensetzung, wo in der vornehmsten, der Fiirstenkurie 
die katholischen Stimmen die liber wiegenden waren, unmog- 
lich gewesen. Als nach der Reaktion in Oberschlesien und 
nachdem Georg Rudolf 1628 namens der evangelischen Stande 
eine Verwendung wagte, erhielt er das seinem Inhalte nach be- 
reits angefuhrte kaiserliche Schreiben vora 17. November 1628, 
welches das Geschehene fur eine gerechte Strafe rebellischen 
und ungehorsamen Betragens erklarte. Georg Rudolfs Nach- 
folger Heinrich Wenzel von Ols lehnte es 1629 geradezu 
ab, bei seiner Anwesenheit in Wien die Gravamina der 
schlesischen evangelischen Stande dem Kaiser vorzutragen, 
er wufste nur zu wohl, wie ungnadig derartiges aufgenom- 
men ward. Als die Ritterschaft von Schweidnitz - Jauer in 
dieser Sache an den Kaiser ging, erhielt sie zur Antwort, 
was hier geschen, gehe nur die Stadte an, die Niederschle- 
sische Ritterschaft solle nicht bedrangt werden. In Wien 
aber fand man den Mut, geltend zu machen, die Ubertritte 
zum Katholicismus seien mit der Leute gutem Willen und 
ungezwungen vor sich gegangen, und wie wenig man das 
Geschehene einem von den Lichtensteinern geubten Zwange 
zuschreiben diirfe, zeige sich am besten daraus, dafs an man- 
chen Orten die Ubertritte erfolgt seien, ehe noch die Lichten- 
steiner die Mauern betreten hatten. 

Allerdings blieb noch die Moglichkeit, die Vermittelung 
des Kurfiirsten von Sachsen anzurufen, der im Dresdener 



232 Zweites Buch. Vierter Abscbnitt. 

Accorde sich fiir die Erhaltung der Religionsfreiheit verbiirgt. 
und schlimrasten Falls fiir diesen Zweck sogar bewaffneten 
Beistand zugesagt hatte. Doch auch dies Mittel war be- 
denklich anzuwenden, man durfte sicher sein, dais die An- 
rufung eines fremden Fiirsten in Wien wie eine Art von 
Landesverrat angesehen werden wiirde. Trotzdem wagten 
die Stande von Glogau den Schritt, und 1629 sandten die 
beiden Herzoge an Liegnitz und Brieg Abraham von Se- 
bottendorf in gleicher Sache nach Dresden. Aber Johann 
Georg von Sachsen hatte vor allem Besorgnis, den Zorn des 
ubermachtigen Kaisers sich zuzuziehen, er begniigte sich mit 
sehr schiichternen, natiirlich ganz wirkungslosen Vorstellun- 
gen, und selbst als der Erlafs des Restitutionsediktes des 
Kaisers Absichten vollstandig enthiillte, liefs er sich durch 
sehr unbestimmte Zusagen 7 dafs das Edikt auf Sachsen nicht 
Anwendung finden solle, von jeder Gemeinsamkeit mit den 
bedrangten Glaubensbriidern zuriickhalten. In der Sache der 
schlesischen Protestanten korrespondierte er mit dem schwach- 
herzigen Landeshauptmann und wiederholte dessen Ausfliichte,. 
er habe keine offiziellen Nahrichten von gewaltsamen Be- 
kehrungen in Schlesien, vor dem Gesandten der schlesischen 
Herzoge. Erst als die Erfolge Gustav Adolfs die Lage der 
Dinge verandert hatten, land er den Mut ; dem Kaiser vor- 
zustellen ; wie schmerzlich es ihm sei, so immer von neuem 
an sein gegebenes kuriiirstliches Wort gemahnt zu werden. 

Anders dachte man im Lager Gustav Adolfs. Der scharf- 
sinnige Herrscher hatte das, was in Schlesien geschehen, auf- 
merksam verfolgt und wohl erkannt, dafs hier ZtindstoflT 
aufgehauft lag, dafs eine tiefgehende Unzufriedenheit mit 
dem unduldsamen Landesherrn hier die Gemiiter beherrsche 
und die Einwohner wohl dahin flihren konne, ein von 
aufsen eindringendes Heer als Befreiung von unertriiglicher 
Last versprechend willkommen zu heifsen. Als er in Pom- 
mern gelandet 1630 seinen Kriegszug begann , bildete 
Schlesien das urspriingliche Ziel, wo er den Feind anzu- 
greifen gedachte. Nachdem er urn Weilmachten 1630 die 
Kaiserlichen bei Greifenhagen und Garz geschlagen und 
diese iiber den Pafs von Kiistrin entkommen waren, mufsten 
die brandenburgischen Gesandten im schwedischen Lager 
bittere Worte horen : „ Hatte uns der Kurliirst den Pafs bei 
Kiistrin gewahrt, so waren die Feinde vernichtet und wir 
standen in Schlesien. " Die Unentschlossenheit der Kurfursten 
von Brandenburg und Sachsen und der dadurch vcrschul- 
dete Fall von Magdeburg anderten den Plan des Schweden- 
konigs. Erst am 15. Sept 1631 vereinigte sich das sach- 



Gustav Aclolfs Eingreifen. 233 

sische Heer mit den Schweden, und am 17. September er- 
folgte der glanzende Sieg Gustav Adolfs liber Tilly bei 
Breitenfeld. Wahrend der Konig seinen siegreicheu Zug in 
das Reich begann, blieb die immer noch geplante Eroberung 
der Lausitz, Schlesiens, Bohmens seinen Verbiindeten Bran- 
denburg und Sachsen iiberlassen. Doch nur zogernd gingen 
diese daran ; zuerst wagten es die Brandenburger, die wieder- 
um auf besondere Anregung Gustav Adolfs, im Mai 1632 
unter Kurt von Burgsdorf Krossen, Griinberg, Freistadt ein- 
nahmen, doch hier zuriickgeschlagen , nach Krossen um- 
kehrten, schwedischen Succurs oder die Mitwirkung der Sachsen 
erwartend. 

Diese letzteren waren im Friihling 1632 unter Fiihrung 
Arnims in Bohmen eingedrungen , aber ohne Schwierigkeit 
durch Wallenstein, der um diese Zeit durch einen ihm vollste 
Selbstandigkeit sichernden Vertrag aufs neue an die Spitze 
der kaiserlichen Armee gestellt war, zuriickgetrieben worden. 
Als Arnim inne ward, dafs Wallensteins Hauptmacht gegen 
Gustav Adolf sich nach Bayern wandte, drang er in die 
Lausitz und durch diese nach Schlesien vor, wo er auch sich 
an der Oder festsetzte, die Stadt Glogau mit sturmender 
Hand nahm, die auf die dortige Dominsel retirierende kaiser- 
liche Besatzung zur Kapitulation notigte und auch weiter 
auf dem rechten Ufer die Schanzen von Steinau besetzte. 

Inzwischen hatte man kaiserlicherseits Herzog Georg 
Rudolf bestiirmt, im Interesse der Verteidigung seinen festen 
Platz Liegnitz den kaiserlichen Truppen zu offnen. Ein 
Versuch Dohnas, in listiger Weise durch Uberrumpelung 
dies herbeizufiihren , ward durch die Wachsamkeit der Be- 
satzung vereitelt, doch der Herzog gab insoweit dem hart- 
nackigen Drangen nach, als er iiir den iiufsersten Notfall 
die Einnahme der Truppen in Aussicht stellte. Diesen 
aufsersten Fall erklarte jetzt der kaiserliche General Illow 
als eingetreten, seit die sachsische Kriegsmacht von Glogau 
gegen Liegnitz vordrang, aber Georg Rudolf blieb, nachdem 
er die zur Besatzung bestimmten 12 Compagnien besichtigt 
und lauter frisch eingestellte Rekruten mit ganz unzuliing- 
licher Ausrlistung gefunden hatte, bei seiner friiheren Wei- 
gerung, da ihm mit Verteidigern dieser Art nicht gedient 
sei, und er da lieber vorziehe, die Zahl der von ihm gewor- 
benen Soldaten zu vermehren, so dafs er mit denen und seiner 
Burgerschaft die Stadt wohl selbst zu verteidigen sich getraue. 

Bald ward er von anderer Seite in Anspruch genommen; 
der sachsische Oberst Kalkstein, der die Steinauer Schanzen 
erobert und unter den Mauern von Liegnitz an der Gold- 



234 Zweites Buch. Vierter Abschuitt. 

berger Hohe dem kaiserlichen Kriegsvolke eine Sclilappe 
bereitet, suchte den Herzog zur Einnahme kurfiirstlicher 
Besatzung zu bewegen, und diese Forderung wurde mit noch 
ungleich grofserem Ernste erneuert, als das Gros des sach- 
sischen Heeres nachriickte und Arnim mit etwa 9000 Mann 
die Stadt umlagerte. Dessen Abgesandter, der Herzog von 
Altenburg, erklarte jetzt, der Kurfurst sende sein Heer, um, 
wie er es in dem Dresdener Accorde versprochen, „dem an 
Leib und Seele gekrankten Schlesien zu succuriren", erwarte 
aber nun aucb, dafs die Schlesier die dargebotene Hand er- 
griffen, und als Georg Rudolf die dem Kaiser geleistete De- 
votion geltend machte, hiefs es, man mtisse Gott mehr ge- 
horcben als den Menschen. Eine Frist zur Erzielung eines 
gemeinsamen Schrittes seitens der evangeiischen Stande 
Schlesiens, welche der Herzog begehrte, ward abgelebnt und 
sclmelle Entscheidung verlangt, im Weigerungsfalle mit 
Waffengewalt gedrobt. Dock Georg Rudolf, der nicht fur 
sich allein einen Schritt thun mocbte, der ilim und seinem 
Lande das schwerste Verderben bringen konnte, blieb test, 
und in Liegnitz zitterte man vor den von Arnim angedrohten 
Gewaltmafsregeln. Diese aber blieben aus. Ohne etwas 
gegen die Stadt zu unternehmen, zog Arnim an ibr vorbei 
gegen Goldberg. Die Erklarungen, die er dem Liegnitzer 
Herzoge gegeniiber abgegeben, kamen von ilim, nicht von 
dem Kurilirsten, den er ganz vergeblich zum Erlafs eines 
Aufrufes an die Schlesier gedrangt hatte. Nimmermehr hatte 
derselbe Zwangsmafsregeln zugegeben, um die Schlesier zum 
Abfalle von dem Kaiser zu bewegen ; selbst jetzt, wo er mit 
gewaffneter Hand dessen Erblande angriff, scheute er sich 
mit diesem entschieden zu brechen. 

Ubrigens fand der Siegeslauf der Sachsen ein schnelles 
Ende ; vor dem von Bohmen her uber Lowenberg anriicken- 
den kaiserlichen Heere unter Maradas wich Arnim, selbst 
die Steinauer Schanzen aufgebend, nach Glogau zurilck, das 
mit Eifer befestigt wurde, und wo er Zuzug von den Bran- 
denburgern und Schweden erwarten durfte. In der That 
hatte Georg Wilhelm von Brandenburg mit Sorge und Eifer - 
sucht gesehen, wie sich die Sachsen in Orten wie Sagan und 
Beuthen, welche „ Orte dergestalt an unserm Lande liegen, 
dafs sie dieselben gleichsam gegen Schlesien verschliefsen , u 
festsetzten • eifrig bemuhte er sich, seine schwachen Truppen 
durch eine schwedische Truppenabteilung, die unter Duval 
an der Wartha stand, zu verstarken 7 um an dem Zuge nach 
Schlesien und eventuell an der schlesischen Beute einen Teil 
zu baben. Nachdem Duval eingewilligt, setzte man sicb 



Die Kaiserlichen aus den Steinauer Sehanzen vertrieben. 235 

eiligst in Bewegung, und bei Glogau vereinten sich am 
27. August 12 000 Brandenburger und Schweden mit den 
9000 Sachsen zu entschlossenem Vorgehen gegen die Feinde, 
deren Macht man an den Steinauer Sehanzen vor sich land. 
Am 29. August ward zunachst von Duval die Stadt Steinau 
erstiirmt, welche dabei ganz und gar in Flammen aufging. 
Nun auch auf die Sehanzen, iiber denen die Kaiserlichen noch 
immer arbeiteten, mutig loszugehen, wie Duval dringend be- 
furwortete, schien Arnim allzu verwegen, und da bei den 
von Tag zu Tag durch unablassige Arbeit immer starker 
werdenden Verschanzungen ein direkter Angriff zu viel 
Menschenleben gekostet haben wiirde, so ergriff er das 
Mittel, oberhalb Steinau eine Briicke iiber die Oder zu 
schlagen, urn durch Festsetzung auf dem rechten Ufer den 
Feinden den Riickzug abzuschneiden. Nur unter blutigen 
Kampfen konnte diese Absicht am 3. September ausgetiihrt 
werden ; und als die Kaiserlichen daran verzweifelten , den 
Briickenkopf der Verbiindeten auf dem rechten Ufer, welcher 
unter dem Geschiitzfeuer von dem hoheren linken Ufer lag, 
zu iiberwaltigen, sahen sie sich auch zu eiligstem Riickzuge 
genotigt, wobei sie, ihre Briicke abbrennend, noch eine Schar 
der Ihrigen der Gefangenschaft preisgeben mufsten. 

Der Riickzug der Kaiserlichen ging nicht, wie es die 
Mehrzahl der kaiserlichen Heerfiihrer, Graf Schaffgotsch, 
Illow, Mansfeld, anrieten, nach dem Gebirge auf Glatz zu, 
sondern auf besonderen Befehl des Oberfeldherrn Maradas 
auf dem rechten Oderufer nach Breslau. Es geschah dies 
infolge eines Briefes von Dohna, welcher sich anheischig ge- 
macht hatte, mindestens die Halite der Armee in die Stadt 
zu bringen. In der That hatte Dohna hier dem Rate so- 
gleich auf die erste Nachricht von dem Einmarsch der Sachsen 
auf das eifrigste zugesetzt, dem Heere des Landesherrn die 
Thore zu offnen, und wenn er nach dem Riickzuge der 
Sachsen etwas minder dringend geworden, so hatte er, nach- 
dem sich die Gefahr erneuert hatte, urn so ernstlicher die 
Forderung gestellt, der kaiserlichen Armee im Falle der Not 
Durchzug durch die Stadt und Proviant zu gewahren. Es 
ist sehr wahrscheinlich , dais Dohnas Drohungen manchen 
der Ratsherren eingeschtichtert haben , aber die Mehrheit 
blieb doch , die Stimmung der Bevolkerung kennend und 
furchtend, dabei, sich neutral zu verhalten. Dagegen ward 
die Befestigung der nicht unter stadtischer Gewalt stehenden 
Dominsel trotz des Widerstandes der Domherren, deren 
Garten und Baulichkeiten vielfach geschadigt werden mufsten, 
in Angriff genommen, war aber allerdings noch keineswegs 



23G Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

zu Ende gefiihrt, als am 5. September die geschlagenen Kaiser- 
lichen vor den Mauern erschienen. Dieselben zogen nun liber 
den Dom und die noch seit Konig Matthias Corvinus' Zeit 
hier vorhandene Schiffbriicke nach der aufserhalb der Befesti- 
gung liegenden Neustadt und nahmen dort zwischen Oder 
und Ohlau, im Osten durch das sumptige Terrain einigermafsen 
geschiitzt, Stellung, wahrend inzwischen auch das evangelische 
Heer, nachdem es Neumarkt und Canth eingenommen, am 
7. September sich im Siiden der Stadt zeigte. Nun legte 
Arnim aueh hier wie vorher in Liegnitz dem Rate seine 
Mission zur Wiederherstellung der Religionsfreiheit dar und 
begehrte den Anschlufs der Stadt ; allerdings ohne Erfolg, 
schon weil in der Stadt der Landeshauptmann und Graf 
Dohna eit'rig entgegenwirkten. Der letztere wagte es sogar, 
nachdem alle seine Versuche, die Stadt zur Einnahme kaiser- 
licher Besatzung zu bewegen, gescheitert waren, ein Geschutz 
auf dem Walle nach dem siichsischen Lager hin abzufeuern 
in der Hoffnung, dadurch einen Konflikt heraufzuschworen, 
infolge dessen dann die Burger die Hilfe der Kaiserlichen 
selbst ersehnt haben wlirden. Doch erzielte er durch diese 
Keckheit nur einen so heitigen Ausbruch des allgemeinen 
Unwillens, dafs sein Leben in Gei'ahr kam und er nur mit 
Mtihe aus der Stadt gebracht werden konnte, von Verwiin- 
schungen und Schmahungen vertblgt. 

Auch hielten sich die Kaiserlichen vor den iiberlegenen 
Scharen der Feinde nicht sicher in ihrer Stellung und zogen 
bald wiederum auf der rechten Oderseite liber die Brticke 
zuriick, welche sie in Brand steckten, und dann in flucht- 
ahnlicher Auflosung weiter nach Oberschlesien ; ohne dais 
die Breslauer mehr als einige Geschiitze und etwas Munition 
zur Aufbewahrung angenommen hiitten. Die evangelischen 
Truppen ergossen sich jetzt iiber die unbesetzte Dom- und 
Sandinsel und hausten daselbst libel, selbst der Heiligtiimer 
nicht schonend, die alte Dombibliuthek erlitt schwere Ver- 
luste, wahrend das Archiv des Kapitels gliicklicherweise bei- 
zeiten in der Stadt geborgen worden war. 

Aufs neue ward nun der Stadt heftig zugesetzt, sich der 
Sache der Verbiindeten anzuschliefsen, und namentlich am 
22. September 1632 waren die Verhandlungen aufserst leb- 
hal't. Da der Rat seine Sympathien fur die evangelische 
Sache wiederholt beteuerte, so verlangte man von ihm eine 
Bethiitigung dieser Gesinnung in der Weise, dafs er zwei 
schwedische Fahnlein in die Stadt nahme und daftir zwei 
Fahnlein seiner Stadtmiliz den Verbiindeten iiberlasse. „Haltet 
uns nicht so lange auf", sagte ein schwedischer hoherer 



Schlesien von den Verbiindeten erobert, Breslau bleibt neutral. 237 

Offizier in der damaligen gehobenenen Siegerstimtnung, „un- 
ser Konig mochte sonst ziirnen, bedenkt, wir haben noch 
viel vor, wir sind nach Osterreich zur Weinlese geladen, 
wenn wir zu spat kamen und die Beeren inzwischen ver- 
dlirben, nur Breslau hatte es zu verantworten." 

In der Stadt wufste man gedruckte Zettel ausstreuen zu 
lassen, dazu bestimmt, die Biirgerschaft im protestantisclien 
Interesse zu einer Pression auf den Rat zu bestimmen, diesem 
erklarte man schliefslich, es standen bereits die Feuermorser 
bereit, um durch ein Bombardement grofsere Nachgiebigkeit zu 
erzwingen. Doch der Rat unter Fiihrung der beiden Syndici 
Dr. Pein und Dr. Rosa blieb standhaft und hielt unter steter 
Versicherung der freundlichen Gesinnung der Breslauer gegen 
die Glaubensgenossen an der Neutralitat test, so dafs man 
sich nach langen Verhandlungen , die erst im Oktober zu 
einem Abschlufs kamen, endlich damit begniigte, dafs die 
Stadt die Verpflegung einiger Hundert sachsischer Soldaten 
auf dera Dome und einer Schar von Schweden auf dem Sande 
ubernahm, ohne dafs sie jedoch damit „aus des Kaisers 
Pflicht genommen sein" sollte. Bei diesem vorsichtigen 
Lavieren war auch der Landeshauptmann Herzog Heinrich 
Wenzel thatig, und man hat behauptet, er habe in person- 
licher Unterhandlung mit dem schwedischen Fiihrer Duval 
diesen dadurch nachgiebiger gestimmt, dafs er ihm ein Rofs 
zu ungewohnlich hohem Preise abgekauft habe. Der Herzog 
hat damals auch die von mehreren Seiten gewmischte Be- 
rufung der Stande beharrlich hinausgeschoben , weil er Be- 
schliisse eines Abfalls von dem Kaiser fiirchtete, bis er end- 
lich noch vor Ende des Jahres 1632 Schlesien ganz verliefs 
und auf seine Giiter nach Miihren ging, das Land ohne Haupt 
zurucklassend. 

Inzwischen wurden die Kaiserlichen, nachdem ihre Rei- 
terei noch einmal bei Ketzerdorf im Briegischen eine em- 
pfindliche Schlappe erlitten, immer weiter zuriickgedrangt ; seit 
Neifse (am 19. September) und bald nachher auch Oppeln und 
Ratibor gefallen, hielten sie^ sich nur noch in den Grenz- 
gebirgen des Neifser Landes. Uberall in den Stadten beeilte man 
sich jetzt wieder, protestantische Prediger zuriickzurufen und, 
wie uns berichtet wird, empfingen die Einwohner vielfach 
unter Thranen der Riihrung das Abendmahl wiederum in 
der gewohnten Form; in Neifse ward in der Kirche der 
Jesuiten evangelischer Gottesdienst abgehalten, wahrend in 
der Kirche des Kreuzstiftes der katholische fortdauern durfte. 
In Reichenbach wandte sich der Unwille des Volkes gegen 
den allgemein verhafsten Konigsrichter Reiprich, ein zu- 



238 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

sammengerotteter Volkshaufe fand cles Gefliichteten Versteck 
unci ermordete ihn. 

So war Schlesien von einem evangelischen Heere erobert 
worclen, ohne clafs die Schlesier selbst oder ibre Vertreter 
irgendeinen Anted daran genommen hatten. Und doch stan- 
den die Dinge sehr anders , als sie einst bei dem Einfalle 
der Mansfelder gestanden. Auf der einen Seite hatten die 
Waffenerfolge Gustav Adolfs die HofFnung auf einen Sieg 
der evangelischen Sache neu belebt, und die jetztige Kon- 
stellation mochte eher die scblesischen Protestanten zu 
dem Wagnisse eines offenen Anschlusses an ibre Glaubens- 
genossen ermutigen, auch konnten die Ereignisse der 
letzten Jahre hier sehr wohl der Neigung, das Joch eines 
so unduldsamen Herrscbers abzuschiitteln, Vorschub leisten, 
und auf der andern Seite in jedem protestantischen Schlesier 
die Meinung hervorrufen, ein Sieg der kaiserlichen Waffen 
miisse, wenn man gleich selbst die loyalste Haltung be- 
obachtete, doch mit Notwendigkeit zur vollstandigen Aus- 
rottung des evangelischen Bekenntnisses fiihren, so gut wie 
derartiges nacb dem Mansfelder Einfall ins Werk gesetzt 
worden war. 

Wenn jetzt der Furst, der sich im Dresdener Accorde 
ausdriicklich verpflichtet hatte ; notigenfalls mit den Waffen 
in der Hand Beistand zu leisten gegeniiber einer Bedrohung 
der Glaubensfreiheit, nacbdem seine Truppen eingeriickt 
waren, die Schlesier aufrief, sich um ihn zu scharen zum 
Kampfe fur ihren durch die Unduldsamkeit des Herrschers 
schwer bedrilngten Glauben, so durfte er hoffen, dafs trotz 
aller Zersplitterung des Landes die protestantische Mebrheit 
ihm zufallen wiirde. Aber auch nicbt der Versuch einer Zu- 
sammenberufung der protestantischen Stande ward gemacht; 
wenn Arnim bei einzelnen Stiinden den Anschlufs begehrte, 
so vermocbte er zu solchem Vorgehen keine Vollmacbt seines 
Kurfursten aufzuweisen, und wenn er dann darauf hinwies, 
sein auf scblesischem Boden stehendes Heer sei die beste 
Vollmacbt , so konnte solcbe Tirade nicht verbindern, 
dafs der betreffende scblesische Herzog Bedenken trug, sich 
auf Zureden eines fremden Feldherrn einzeln fiir sich in 
einen Kampf gegen den Landesherrn hineinzulassen ; wo er 
seine Krone und Herrschaft aufs Spiel setzte, ohne dafs ihm 
der Kurfiirst irgendwelche bestimmte Zusagen und Garantien 
gewiihrte. Ein derartiges Wort auszusprecben hat in der 
That der Kurfiirst nie bewogen werden konnen. Obwohl 
im Kriege mit dem Kaiser scheute er vor der Verantwortung 
zuriick, dessen Unterthanen zum bewaffneten Aufstande zu 



Die Haltung der Schlesier, Gustav Adolfs Gesandter. 239 

entflammen, Gewissensbedenken, die wenig zu dera sonstigen 
erbarmungslosen Charakter dieses ganzen furchtbaren Krieges 
pafsten. 

Da erschien hier im Oktober 1G32 ein Gesandter Gustav 
Adolfs, der Reiteroberst Andreas Kochtitzky, mit sehr be- 
stimmt formulierten Auftragen seines koniglichen Herrn be- 
ziiglich der Gestaltung der Dinge in Schlesien, und zwar auf 
der Grundlage einer selbstthatigen Mitwirkung der Schlesier. 

Der Konig verlangte, sein Befehlshaber Duval solle durch 
neue Werbungen das schwedische Kriegsvolk in Schlesien 
moglichst anwachsen lassen, aber recht strenge Kriegszucht 
halten „und also die Gemiiter der Einwohner mit guter 
Traktation und andern Lockmitteln gewinnen." Insonderheit 
aber solle Kochtitzky mit Aufwendung aller irgend zweck- 
dienlichen Mittel darauf ausgehen, die Fiirsten und Stande 
zu einem engeren Biindnis mit der Krone Schweden zu 
bringen, zu welchem Ende dieselben allerdings riisten mlifsten, 
der Gesandte moge ihnen klar machen, „dafs es ihnen viel 
reputirlicher und niitzlicher, dafs sie ihre Freiheit selbst 
mainteniren, als Jedes, der sie iiberzeucht, arbitrio leben". 

Zeigten sich die Schlesier dazu geneigt, so kame es dar- 
auf an, sie dazu zu bestimmen, dafs sie ohne von irgendwem 
anderem sich abhangig zu machen, sich ganz dem Konige 
in die Arme wiirfen und unter dessen „ Direktorium sich 
selbst defendirten". Der Konig habe Mittel dazu genug, und 
wegen Sachsens diirfte man nicht bange sein, das werde sich 
mit Geld abfinden lassen. Der Konig wolle auch, falls es 
daran etwa fehle, den Schlesiern ,,ein qualificirtes Haupt" 
fur ihre Verteidigung stellen, und falls die Fiirsten und 
Stande so weit gehen wollten, direkt den Konig von Schwe- 
den als ihren Fiirsten und Herrn anzuerkennen, dann sollte 
der Gesandte die Gelegenheit nicht aus der Acht lassen, 
sondern mit ihnen abschliefsen und ihnen ihre Privilegien 
aufs kraftigste versichern. Lnd selbst wenn er mit dem 
ganzen corpus nicht zum Abschlusse kiime, solle er wenig- 
stens die Stadt Breslau und den Herzog von Brieg zu einem 
Biindnis und zur Einnahme einer schwedischen Garnison zu 
bewegen suchen, damit der Konig einen festen Fufs in Sche- 
sien bekomme. 

Es mochte nicht schwer sein, den Schlesiern klarzulegen, 
wie demiitigend ihre jetzige Lage sei, wo sie ohne eigene 
Waffenmacht der Willkiir eines jeden, der in ihr Land ein- 
drang, preisgegeben waren; aber nicht leicht war es, diese 
Lage zu andern, sich selbst eine achtunggebietende Truppen- 
macht zu schaffen, und auch der Gesandte wurde bald inne ; 



240 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

wie schwer es war, seinen Auftrag auszufiihren, ohne 
mit dem eifersiichtigen Arnim , den er moglichst schonen 
sollte, in Konflikt zu geraten. Kaum regte Kochtitzky den 
Gedanken an, nur zura Zwecke einer geordneten Ver- 
pflegung der Truppen die schlesischen Stande zusammenzu- 
rufen, als Arnim schon widersprach und Schwierigkeiten 
machte, und ehe jener dann auf eigene Hand das Terrain 
zu Sonderunterhandlungen recht zu sondieren vermocht hatte, 
da traf schon die furchtbare Nachricht ein, dais am 16. No- 
vember bei Liitzen die schwedische Armee zwar gesiegt, 
aber den Sieg mit dem Verlust ihres Konigs bezahlt habe. 
Nun stockte eine Zeit lang alles, und als der Gesandte zu 
neuen Bemiihungen wieder den Mut fand, geschah dies vor- 
sichtiger und minder kiihn als vorher. 



Die Kriegfuhrung in Schlesien nach Gustav Adolfs Tode. 

Herzog Georg Rudolf von Liegnitz hatte den Schweden 
bereits nach dem Siege von Steinau sein Land offnen, 4000 
Mann darin Quartier anweisen mtissen, jedoch seine Residenz 
Liegnitz sich frei erhalten und war einem eigentlichen Biindnis 
noch ausgewichen, so dafs der Kaiser ihm nock gnadig fur 
seine bewiesene Treue dankte. 

Auch Johann Christian von Brieg hielt sich noch vor- 
sichtig zuriick, und Kochtitzky richtete mit seinen Antragen 
nichts aus. Ihn loste bald von der entgegengesetzten Seite 
her der kaiserliche General Hans Ulrich Graf Schaffgotsch 
ab und machte mit der vertraulichen Dringlichkeit, die ihm 
als dem Gemahl der Schwester des Herzogs gestattet war, alle 
Griinde geltend, die fur ein Festhalten an dem Kaiser, fur 
die Einnahme kaiserlicher Besatzung in des Herzogs Resi- 
denz Brieg sprechen konnten. Wahrend der Herzog noch 
mit ihm verhandelte, riickte die sachsische Armee unter 
Herzog Franz Albrecht von Lauenburg, nachdem sie Ohlau 
erobert, drohend vor Brieg, und nun gab der Herzog im 
Bewufstsein , dafs seine nicht sehr feste Residenz einer Be- 
lagerung nicht gewachsen sein wurde, nach und nahm eine 
Besatzung der verbiindeten Truppen ein (Januar 1633). 
Wallenstein hat nachtraglich den Versuch von Schaffgotsch 
sehr entschieden gemifsbilligt und ahnliches fur die Zukunft 
verboten. Schaffgotsch habe den Herzog nur den Feinden 
in die Arme getrieben. In seiner schneidenden Art urteilte 
Wallenstein, diese Fiirsten waren doch zu nichts rechtem 
zu bringen, bis man sie vollstandig unterworfen hatte, und 
habe man es erst so weit gebracht, dann seien Abmachungen 



Ubergewicht der Sachsen. 241 



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mit ihnen nur eine lastige Fessel fiir den Kaiser, nicht die- 
sem, sondern nur den Herzogen zum Vorteil. 

Die Plane, welche Gustav Adolf einst beziiglich der 
•Schlesier gehegt hatte, durften als mit dem Gesandten Koch- 
titzky, welcher am 7. Februar hier in Schlesien starb, be- 
graben angesehen werden, und Sachsen hatte wieder ganz 
die Fiihrung. Als im Spatherbst Sachsen schwer von den 
Kaiserlichen bedrangt wurde, hatte der Kurfiirst sein Heer 
aus Schlesien zuriickgerufen, aber Arnim hatte nicht gehorcht, 
sondern war allein zu seinem Herren gegangen, um ihm dar- 
zalegen, dafs er ohne die empfindlichsten Nachteile seine 
Truppen nicht aus Schlesien zuriickziehen konne. Der Sieg 
der Schweden bei Liitzen hatte Sachsen, wenngleich um einen 
nur allzu hohen Preis, gerettet, und da die Gefahr voriiber 
war, konnte Arnim Ende Januar mit neu geworbenen Kriegs- 
volkern nach Schlesien zuriickkehren, zuversichtlicher als 
vorher, um so mehr als in Berlin der schwedische Gesandte 
selbst zugestanden hatte, dafs die brandenburgischen Truppen 
in Schlesien unter sachsischen Befehl treten und nur im 
aufsersten Notfalle, wenn die eigenen Lande vom Feinde an- 
gegriffen wiirden, zuriickgerufen werden sollten. 

Jetzt drangte Arnim den Liegnitzer Herzog zu einem 
Vertrag, in welchem sich dieser verpflichtete , im Falle der 
Not auch seine Residenzstadt den Verbtindeten zu offnen 
und sein Kriegsvolk denselben schworen zu lassen gegen das 
Versprechen, so lange es aus militarischen Riicksichten an- 
ginge, Liegnitz mit fremder Besatzung zu verschonen. 

Inzwischen aber sammelte auch Wallenstein ein Heer 
bei Koniggratz, um Schlesien wiederzuerobern , wo er ja 
seine eigenen Lande dem Feinde wieder abzugewinnen hatte, 
nachdem inzwischen zu Sagan auch noch das Fiirstentum 
Glogau gekommen war, welches ihm der Kaiser gleichsam 
als Entschadigung fiir das vom Feinde besetzte Mecklenburg 
1632 pfandweise iiberlassen hatte. 

Schon im Winter waren hier die Kaiserlichen wieder 
vorgedrungen , hatten Neifse am 29. November 1632 zur 
U bergabe genotigt, und von diesem festen Punkte aus hatte 
dann Mitte Januar der unternehmendste der kaiserlichen 
Feldherren, der schlesische Graf Schaffgotsch, wie schon er- 
wiihnt wurde, nachdem er bei Ohlau iiber die sachsische 
Reiterei einen Vorteil davongetragen, den Streifzug nach Brieg 
unternommen, um dort den Herzog, seinen Schwager, zur 
Einnahme kaiserlicher Besatzung zu bewegen ; doch bei dem 
schnellen Anriicken des verbtindeten Heeres war er selbst 
kaum der Gefangenschaft entgangen und hatte nun wenig- 

Griinliagen, Gescb. Schlesiens. II. 16 



242 Zweites Bucb. Vierter Abschnitt. 

stens Strehlen besetzen lassen. Aber bald warden die Kaiser-* 
lichen auch hier bedrangt, als die Hauptarmee der Verbiin- 
deten vorriickte; dieselbe stiefs am 8. Februar vor Strehlen 
auf Schwarme von Kroaten und Polen, welche eilends die 
Flucht teils in die Stadt hmein, . grofstenteils aber auf 
Grottkau zu ergriffen; deren wurden dann in einem 
Defilee bei Tiirpitz an der dortigen Briicke viele eingeholt 
und niedergemacht; doch auch die Besatzung von Strehlen 
wagte gegen den starkeren Feind keinen nachhaltigen Wider- 
stand und raumte eilig die Stadt ; nicht ohne auf dem eiligen 
Riickzuge auf Neifse zu noch einige Hundert Mann einzu- 
biifsen. Die Verbiindeten, welche inzwischen auch Nimptsch, 
wo sich gleichfalls eine Abteilung Kaiserlicher festgesetzt, 
erobert hatte um sich dort zu verschanzen, folgten dem reti- 
rierenden Feinde, und die Besatzung von 800 Mann, welche 
dieser um seinen Rtickzug zu decken in Grottkau zuriick- 
gelassen, ward eilends zur Ubergabe auf Gnade und Un- 
gnade genotigt ; erst das teste Neifse gebot den Siegern Halt, 
die nun in die Munsterberg-Strehlener Gegend zuriickgingen. 
In dem Landshuter Pafs, den die Kaiserlichen am 7. Februar 
besetzt hatten, um einem von ihnen immer gefiirchteten Ein- 
falle der Sachsen in Bohmen zu wehren, scheinen sie sich 
behauptet zu haben, und ganz besonders schlimme Tage 
bereitete der Stadt Reichenbach eine Schar unter den Gene- 
ralen Gotz und Ulow, welche am 2. Februar vor der Stadt 
erschienen. Hier hatten sich die Burger wegen der Ermor- 
dung des Konigsrichters Strafe furchtend und in der Hoff- 
nung auf Ersatz von Schweidnitz her mit der kleinen sach- 
sischen Besatzung zu entschlossener Gegenwehr verbunden 
und wehrten sich verzweifelt gegen die sofort zura Sturme 
schreitenden Feinde, die aber doch noch in der ersten Nacht 
die Mauern erstiegen , wo dann die Sachsen bis auf den 
letzten Mann niedergehauen wurden und die Stadt den ganzen 
3. Februar der Plunderung prcisgegeben ward. Den Biirgern 
verkiindigte General Gotz das schwere UrteiL dafs ihre Thore 
verbrannt, ihre Mauern von ihnen selbst niedergerissen wer- 
den, und wenn sie nicht im Laufe eines Tages 12000 Thaler 
erlegten, die Stadt bis auf den Grund zerstort werden sollte. 
Da alles was sich in der Stadt noch an Geld und Kleinodien 
befand, jene Summe bei weitem nicht erreichte, so drohte 
der Stadt dasfurchtbarsteSchicksal; dochEntsatz von Schweid- 
nitz verscheuchte die Feinde und unterbrach das begonnene 
Zerstorungswerk , worauf dann eine Besatzung der Verbun- 
deten aufs neue die Stadt mit noch starkeren Wallen als 
friiher zu umgeben sich bemiihte. 



Kriegflihrung im Jahre 1633. 243 

Im April 1633 vermochten die Kaiserlichen, welchen 
Wallenstein von Bohmen aus Verstarkungen zugesendet hatte, 
wieder vorzugehen, und Gallas, der jetzt den Oberbefehl 
hatte, ward nur durch strenge Befehle des Hochstkomman- 
dierenden bei Mtinsterberg zuriickgehalten , bis wohin er 
wieder vorgeriickt war, wahrend Arnim ebenso wie der 
Herzog von Lauenburg immer vergeblich in Dresden urn 
Verstarkungen und bessere Ausrtistung des Heeres sich be- 
mtihte und dabei mit dem neuen Oberbefehlshaber der Schwe- 
den, dem alten Grafen Thurn, welchen der schwedische 
Kanzler Anfang Marz nach Schlesien gesendet hatte, irn 
schlechtesten Einvernehmen lebte. 

In der zweiten Halfte des Mai 1633 erschien Wallenstein, 
von den Seinen schon lange ungeduldig erwartet, mit dem 
Rest seines Heeres in Schlesien; liber Glatz marschierend 
tiberschritt er bei Patschkau die Neifse und vereinigte sich 
dann am 31. Mai 1633 bei Mtinsterberg mit Gallas, Trup- 
pen in der Richtung auf Schweidnitz vorschiebend, zu dessen 
Sicherung die Verbtindeten eine Stellung am Zobten nahmen, 
nur mit etwa 24 000 Mann, wovon ein Dritteil Schweden 
waren , dem an 40 000 Mann starken kaiserlichen Heere 
gegentiberstehend. 

Aber auch jetzt noch zogerte Wallenstein, zu einer ent- 
schiedenen Offensive tiberzugehen , und nur kleinere Schar- 
miitzel erfolgten; am 4. Juni ersttirmten die Kaiserlichen 
Nimptsch, wo sich die kleine sachsische Besatzung tapfer 
wehrte und, nachdem sie die Stadt aufgeben mufste, noch 
in dem hochgelegenen Schlosse eine Zeit lang den Wider- 
stand fortsetzte. Sie btifste ihre Standhaftigkeit mit dem 
Tode, und die ungluckliche Einwohnerschaft , von der viele 
in den Kellern des Schlosses erstickten, ward mit entsetz- 
licher Barbarei behandelt. Ein Augenzeuge erzahlt uns, wie 
man die Manner, nachdem man sie all des Ihrigen beraubt, 
nackt zu den Hausern herausgestofsen , die Frauen und 
Madchen fortgeschleppt und wochenlang im Lager behalten 
habe, dem Kriegsvolke zum Spiel seiner Liiste. Bei der 
Pltinderung Magdeburgs sei es kaum tibler zugegangen als 
hier in Nimptsch, schreibt damals der alte Thurn. 

Den Kaiserlichen gegeniiber vermochten die an Zahl un- 
gleich schwacheren sachsisch - schwedischen Truppen kaum 
noch das Feld zu behaupten ; auch am Dresdener Hofe schien 
man jetzt den Grundsatz befolgen zu wollen, den Wallen- 
stein zum Verderben der deutschen Lande durchzufuhren 
suchte, dafs der Krieg den Krieg emahren mtifste, und auf 
das beweglichste klagt Arnim, wie seine Leute ohne Sold 

16* 



244 Zweites Buck. Vierter Abschuitt. 

gelassen schwierig wiirden und massenhaft zum Feinde iiber- 
liefen. 

Wallensteins Plane und die Konjunktion der Schlesier. 

Wenn trotz der geschilderten Verhaltnisse die kaiserliche 
Arraee im Grunde unthatig blieb ; so lag der Hauptgrund 
darin, dais Wallenstein damals und schon von Bohmen aus 
Unterhandlungen mit den Feinden wieder aufgenommen hatte, 
welche er, wie wir nun wissen, bereits 1630 und 1631, da- 
mals mit Gustav Adolf, angesponnen, und welche auf eine 
allgemeine, eventuell dem Kaiser liber den Kopf zunehmende 
Pacifikation hinausliefen , bei der die Forderungen der Pro- 
testanten im grofsen und ganzen erfiillt und der Zustand 
vor dem Kriege wieder hergestellt werden sollte. Wenn bei 
diesen Planen Wallenstein nie sich selbst ganz vergessen 
hatte, so waren diese Gedanken jetzt zu. bestimmten Urn- 
rissen gekommen, insofern er daran dachte, sich zum Konig 
von Bohmen zu machen. Den zahlreichen vertriebenen boh- 
mischen Edelleuten, denen es an Verbindungen mit der 
Heimat nicht fehlte, konnte ein derartiger Plan wohl an- 
nehmbar scheinen. Fiir sie war ein Friede mit dem Hause 
Habsburg nicht denkbar, nach ihrer Meinung konnten alle 
Vertrage und feierlichen Zusicherungen sie nicht davor 
schutzen ; dafs jesuitische Einfliisse bei giinstiger Gelegenheit 
alles wieder riickgangig machten. Bei Wallenstein schien 
man vor Unduldsamkeit auf religiosem Gebiete sicher sein 
zu konnen; die Jesuiten betrachtete er als seine todlichsten 
Feinde. Bohmen ward als ein Wahlreich angesehen, die 
Wahl eines bohmischen Edelmanns zum Konig war nicht 
ohne Beispiel, und wenn jetzt der bewahrte und gefiirchtete 
Feldherr im Einverstandnisse und unter dem Beistande 
Schwedens und der deutschen protestantischen Fiirsten das 
bohmische Eeich, das die Schlacht am Weifsen Berge zer- 
triimmert hatte, wieder herstellte, auch dessen Freiheiten zu 
halten gelobte, so mochte man ihm die Krone wohl gonnen, 
um so lieber, da, wie man hervorhob, er alt und kriinklich 
sei und ohne Sohne, so dafs nach seinem Tode man ja immer 
noch freie Disposition haben mufste. Der Plan ward zu- 
nachst in tiefem Geheimnisse verfolgt, namentlich von dem 
Grafen Thurn, dem alten Verschworer von 1618, und dessen 
Freund, dem Herrn von Bubna; keine Spur ist vorhanden, 
dafs die schlesischen Fiirsten irgendeine Kenntnis davon 
hatten, dagegen stimmte der schwedische Kanzler demselben 
unumwunden zu. Anders stand es mit dem sachsischen 
Kurfiirsten, der in direktem Gegensatze zu Oxenstjerna sich 



Wallensteins Plane. 245 

noch imraer von den daraals unter diinischer Vermittelung 
mit dem Kaiser gepfiogenen Friedensunterhandlungen Erfolge 
versprach und in seiner schwachmiitigen und unentschiedenen 
Weise ja iiberhaupt schwer zu energischen Entschliissen zu 
bringen war. Sein Feldherr in Schlesien, Arnini, wurde, 
wenngleich fortwahrend mit ihm unterhandelt ward, doch 
keineswegs von vornherein in das ganze Geheimnis und 
namentlich nicht in die letzten Ziele der bohmischen Exu- 
lanten eingeweiht. Im ganzen wurden ja die Unterhand- 
lungen nicht eben geheim gefiihrt; bei den Besprechungen 
mit Arnim erschien in Heidersdorf am 6. Juni 1633 neben 
Wallenstein z. B. auch General Gallas, welcher sonst nicht 
zu den eigentlichen Anhangern Wallensteins zahlt, und der 
letztere berichtet sogar ganz offiziell iiber die Unterhand- 
lungen an den Kaiser. Es ging das urn so leichter an, 
weil eben damals, wie bereits erwahnt, untcr danischer Ver- 
mittelung zu Breslau Friedensverhandlungi n zwischen den 
kriegfiihrenden Parteien in Aussicht genommen waren, auf 
deren Rechnung dann auch jene Besprechungen mit Arnim 
sich setzen liefsen. Die geheimen Abmachungen waren hier 
allein dem Grafen Trczka anvertraut. 

Arnim war sehr bereit, auf die Verhandlungen einzu- 
gehen und zunachst einen Waffenstillstand abzuschliefsen ; 
schon urn Wallenstein abzuhalten, von seiner militarischen 
Ubermacht ihm gegeniiber Gebrauch zu machen. Am 6. Juni 
ward in einer Zusammenkunft zu Heidersdorf bei Strehlen 
ein Waffenstillstand vom 7. Juni ab auf 14 Tage verabredet, 
und Arnim beeilte sich, Wallensteins Vorschlage, die im 
wesentlichen auf eine Vereinigung der beiderseitigen Streit- 
krafte zum Zwecke der Herbeiiiihrung eines allgemeinen 
Friedens auf der Grundlage des status quo von 1618 hin- 
ausliefen, seinem Kurfiirsten vorzutragen, der • ihm in tiefstem 
Geheimnisse bis Schlofs Chmelen bei Ortrand entgegen- 
reiste. Doch war es ihm nach mehrtagigen Besprechun- 
gen nicht gelungen , die kurfiirstlichen Rate zu einem 
thatkraftigen Eingehen auf die Wallensteinschen Pliine zu 
bewegen, wogegen er Georg Wilhelm von Brandenburg, den 
er am 14. Juni zu Peitz aufsuchte, dieser Politik geneigter 
fand. 

Wahrend seiner Abwesenheit war zwischen Wallenstein 
und den bohmischen Emigranten eifrig weiter unterhandelt 
worden. Am 21. Juni kam Trczka mit Thurn und Bubna 
zu Striegau zusammen. Thurn suchte selbst Wallenstein auf 
und fand die freundlichste Aufnahme. Da Arnim noch nicht 
zuruckgekehrt war, ward der Waffenstillstand noch um 



246 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

weitere vier Tage verlangert. Aber als jetzt von dem Ober- 
feldherrn ein entgegenkoramender Schritt verlangt ward, 
schon um gleichsam fiir die Redlichkeit seiner Absichten 
eine gewisse Garantie zu bieten, erklarte dieser iiberraschen- 
derweise, es sei noch nicht Zeit dazu. Es ist hier nicht der 
Ort ; die Motive zu untersuchen, weshalb Wallenstein sich 
damals versagt hat, aber es ist doch nicht unmoglich, dafs, 
wie sein Vertrauter Trczka versichert hat, in dem entschei- 
denden Augenblicke, wo es sich darum handelte, ob er dem 
schon mifstrauisch gewordenen Kaiser gegeniiber sich durch 
einen Schritt weiter ganz kompromittieren sollte, bei seinen 
astrologischen Neigungen Riicksichten auf eine minder giinstige 
Konstellation der Gestirne ihn zuriickgehalten haben. In 
seiner Umgebung wollte man wissen, er habe damals seinen 
Astrologen Seni nach Breslau gesandt, um mit einem dor- 
tigen beriihmten Sterndeuter, von dem wir leider sonst nichts 
wissen, tiber die Aspekten fiir sein grofses Pacifikationswerk 
zu konferieren, und sei sehr mifsvergntigt gewesen ; als Seni 
einen wenig giinstigen Bescheid heimgebracht habe. 

Die Sache endigte damit, dais auf einer neuen Zusam- 
menkunft in Strehlen am 2. Juli die kaiserlichen Befehls- 
haber als Bedingung einer Verlangerung des Waftenstillstands 
zuerst das ganze linke Oderufer und dann wenigstens die 
Einraumung der Furstentumer Schweidnitz und Jauer ver- 
langten, wahrend Arnim jeder der beiden Armeen das ge- 
wahrt wissen wollte, was sie gerade inne hatten. Da man 
sich hieriiber nicht einigen konnte, ward der Waffenstillstand 
aufgehoben, und Wallenstein versuchte, schon um der stei- 
genden Unzufriedenheit iiber seine Unthatigkeit nicht weitere 
Nahrung zu geben, eiligst einen Handstreich auf Schweid- 
nitz. Aber obwohl er die Stadt am 4. und 5. Juli auf das 
heftigste beschofs und mit seinen Feuerkugeln grofsen Scha- 
den anrichtete, so wehrte sich doch die brandenburgisch- 
sachsische Besatzung unter den Obersten Burgsdorf und 
Schonfelser aufs tapferste, „sie haben sich gehalten wie die 
Romer", schreibt Graf Thurn von ihnen. Als am Abend 
des 5. Juli der Vortrab des sachsisch - schwedischen Heeres 
zum Entsatze erschien, gab Wallenstein die Unternehmung 
auf und hielt sich wiederum in verschanztem Lager im Stid- 
Westen von Schweidnitz, wahrend die Verbundeten auf der 
entgegengesetzten Seite lagerten. 

Deren Befehlshaber Arnim luhlte sich fort und fort in 
bedrangtester Lage einem ubermachtigen Feinde gegeniiber, 
und dabei hinsichtlich aller Erfurdernisse des Heeres von 
seinem Herrn im Stich gelassen. " „ ]\Ian giebt mir gegen 



Die Schlesier zu eugerem Anschlusse au die Verbiindeten gedrangt. 247 

der grofsen Menge des Feindes eine handvoll Volkes, kein 
Brot, kein Geld, keine Munition — und doch soil man viel 
thun, und wenn's ungliicklich ergehet, alles verantworten ", 
schreibt er verzweiflungsvoll an seinen Kurfursten, der immer 
noch von der danischen Vermittelung Frieden erhofft und 
von den Unterhandlungen mit Wallenstein nichts horen will. 



Die Konjunktion der Schlesier. 

In seiner Not versuchte Arnim die Schlesier jetzt raehr her- 
anzuziehen. Offenbar waren inzwischen die Herzoge von Lieg- 
nitz und Brieg in gewisser Weise wenigstens in das Ge- 
heimnis der Unterhandlungen mit Wallenstein schon durch 
den vielfach in Liegnitz verweilenden und nie sehr zuriick- 
haltenden Grafen Thurn eingeweiht worden, jetzt nach dem 
Abbruch der Verhandlung beschwort derselbe den Liegnitzer 
Herzog, eiligst zu riisten und Proviant zu schaffen, „bis dat 
qui cito dat" schreibt er. 

Arnim seinerseits setzte dem Rate von Breslau zu. Schon 
im Mai hatte sich die Stadt des Drangens der Schweden und 
Sachsen, die dicht vor ihren Thoren auf der Sand- und 
Dominsel standen, schwer erwehren konnen, wenigstens Na- 
turallieferungen von Proviant hatte man ihr abgenotigt. 
Arnim setzte dann noch weiter durch, dafs man ihm auf 
Abreclmung einer von ihm nachgewiesenen Forderung an 
die kaiserliche Kammer 2000 Thaler aus den kaiserlichen 
Zollgefallen iiberwies, worauf dann allerdings der schwedische 
Oberst Duval, der auf dem Sande kommandierte, gleichfalls 
1000 Thaler herausprefste. 

Bald wufste Arnim aber auch noch mehr zu erlangen. 
Die armen Schlesier, die jetzt schon so lange Zeit zwei 
Heere zu ernahren hatten, litten auf das furchtbarste, und 
in der langen Zeit, wo die Armeen sich unthatig gegentiber- 
standen, iiberschwemmten namentlich die Kaiserlichen, welche 
eine Uberzahl von leichten Truppen hatten, mit diesen weit 
und breit das Land, und deren Streifpartien, die sich auch 
bis auf das rechte Oderufer vorwagten, plunderten und 
brandschatzten iiberall in rucksichtsloser Weise. Uber Mittel 
zur Abwehr dieser ; ,Krabaten u (Kroaten), wie man sie kurzweg 
nannte, hatte im Juni und Juli eine aus den Standen von Mittel- 
schlesien gewahlte Kom mission Beratungen gepflogen, und 
ihre Anwesenheit zu Breslau benutzte nun Arnim, um zu- 
nitchst vor Vertretern des Rats und der Biirgerschaft und 
dann noch einmal vor jenen standischen Vertretern bei ge- 
offneten Thiiren, so dafs alles Volk zuhoren konnte, eine 



248 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

ernstliche Teilnahme der Schlesier an dem Befreiungswerke, 
das sein Kurfiirst im Bunde mit Schweden und Brandenburg 
zugunsten der Glaubensfreiheit der Schlesier unternommen r 
mit jener ihm eigenen ziindenden Beredsamkeit zu erlangen^ 
wofern man nicht wiinsche, dafs er fortziehe und die Schle- 
sier ihrem Schicksale iiberlasse. Diese hatten nur zu lange 
schon „auf beiden Hiiften gehinkt". 

Diese Rede, am 1. August zuerst gehalten, dann am 
3. August wiederholt, ging von Munde zu Munde, nam en t- 
lich wirkte es gewaltig, als Arnim bei seiner Seelen Seligkeit 
versicherte, aus dem Munde Wallensteins gehbrt zu haben r 
dais bereits alle die schlesischen Fiirstentumer, Herrschaften, 
adlige Giiter, ja selbst die vornehmsten Hauser Breslaus zu 
Wien vom Kaiser zur Belohnung an verdiente Offiziere des 
kaiserlichen Heeres verschenkt seien. Das klang nur zu 
glaubhaft, es war bekannt, wie viele der hohen Offiziere grofse 
Forderungen an den Kaiser hatten, die dieser nicht zu be- 
friedigen vermochte, und so gut wie Sagan und Glogau an 
Wallenstein als Entgelt fur kaiserliche Schulden gegeben 
worden waren, konnten auch andere schlesische Fiirstentumer 
oder Herrschaften solchem wenig beneidenswerten Lose ver- 
fallen. Man wufste sehr wohl, dais der Kaiser weit entfernt 
war, die bisherige Haltung der Schlesier unter Beriicksich- 
tigung ihrer Zwangslage fur loyal gelten zu lassen, und be- 
sonders die Breslauer hatten sicherlich erfahren, wie Ferdinand 
ihnen zurnte, weil sie 1632 ihre Thore der bei Steinau ge- 
schlagenen kaiserlichen Armee verschlossen hatten, und dafs 
er aus diesem Grunde es wiederholt abgelehnt hatte, seine 
Gesandten zum Zwecke der danischen Friedensvermittelung 
nach dieser Stadt zu senden. Und was sollte aus Schlesien 
werden, wenn der Kurfiirst von Sachsen Arnims Drohung 
wahr machte, sein Heer zuriickzog und Schlesien der Rache 
des erziirnten Kaisers preisgab? 

In Breslau war die allgemeine Meinung fur den Anschlufs 
an Sachsen, der Rat gab nach, und die evangelischen Her- 
zoge, welche ja ohnehin schon mit den schwedisch-sachsischen 
Befehlshabern hatten paktieren miissen, fugten sich ohne 
Schwierigkeit, obwohl Arnim auch jetzt noch keine beson- 
dere Vollmacht seines Herrn fur sein Unternehmen vorweisen 
konnte. 

So ward nach kurzer Riickfrage der standischen Kom- 
missare auf Arnims Driingen am 9. August 1633 eine Kon- 
junktion, wie man es nannte, abgeschlossen zwischen den 
sachsisch-schwedisch-brandenburgischen Befehlshabern einer- 
und einigen schlesischen Stiinden anderseits, niimlich den 



Konjunktion mit den Verbiindeten. 249 

Herzogen von Liegnitz, Brieg und Ols, der Stadt und dem 
Fiirstentume Breslau, in welcher die letzteren erklarten, zum 
Schutz ihrer 1621 durch den Dresdener Accord garantierten, 
seitdem aber vielfach angegriffenen Religionsfreiheit den Schutz 
des Kurfiirsten von Sachsen und , seiner Verbiindeten dank- 
bar annehmen zu wollen in der Uberzeugung, dafs solches 
ohne Verletzung des Gewissens und der Pflichten, worait 
das Land der kaiserlichen Majestat verbunden sei, geschehen 
konne. Scblesische Gesandte wurden an die Kurfiirsten von 
Sachsen und Brandenburg sowie an den schwedischen Reichs- 
kanzler abgeordnet. 

Der kiihnste der schlesischen Fiirsten, Georg Rudolf von 
Liegnitz, hat damals daran gedacht, um Brandenburg fester 
an sich zu ketten, jene bekanntlich 1546 durch Ferdinands I. 
Machtspruch aufgehobene Erbverbriiderung der schlesischen 
Piasten mit dem Hause Brandenburg zu erneuern, doch hat 
ihn sein vorsichtigerer Bruder Johann Christian von Brieg 
bewogen, dies noch zu verschieben. 

Die Bevollmachtigten der Schlesier bei dem Bunde hatten 
dann viel zu thun, die Geldforderungen der Verbiindeten an 
das allerdings iibel ausgesogene Land moglichst herabzu- 
mindern, und als bald aufs neue von Unterhandlungen Ar- 
nims mit Wallenstein verlautete (Mitte August), angstigte 
sie das strenge Geheimnis, in das dieselben gehiillt wurden, 
und sie freuten sich wenig des neuen Waffenstillstandes, 
der am 22. August zwischen Arnim und dem Herzog von 
Friedland auf 14 Tage vereinbart ward, um dann auf 4 
Wochen verlangert zu werden. Was die Schlesier wunschen 
mufsten, war eine entschiedene Kriegfiihrung, welche wo- 
moglich den Feind aus dem erschopften Lande herausschliige, 
nicht aber neue Waftenruhe, bei der beide Heere wetteifernd 
an dem Ruine des Landes arbeiteten, und selbst eine von 
Wallenstein zu erwartende Pacifikation liefs sie bei dessen 
Gesinnung immer besorgen, dafs sie in irgendwelcher Form 
die Zeche zu zahlen haben wurden. Es wird sie schwerlich 
vollkommen beruhigt haben, wenn ihnen Arnim am 25. August, 
ehe er seine Rundreise zu seinen Machtgebern, den beiden 
Kurfiirsten und dem schwedischen Kanzler, antrat, feierlich 
beziiglich seiner tjnterredungen mit Wallenstein versicherte, 
es solle kein Friede geschlossen" werden, dafern nicht die 
Stande allerseits in den vorigen Stand gesetzt und ihre Pri- 
vilegien aufs neue bestatigt waren. 

In der That schien jetzt Wallenstein mit einem An- 
schlusse seiner Streitkriifte an die ihm gegeniiberstehenden, 
also mit seinem direkten Abfalle vom Kaiser Ernst machen 



250 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

zu wollen, und Arnim brachte von alien Seiten Zustim- 
mungen heim , wenngleich Johaxm Georg noch Schwie- 
rigkeiten machte und immer noch an die danischen 
Friedensvermittelungen HofFnungen kniipfte. Doch er fand 
bei seiner Riickkehr Wallenstein ganz umgewandelt. Es 
schien, als ob derselbe aul beunruhigende Nachrichten aus Wien, 
die ihm einen Sieg seiner zahlreichen dortigen Gegner und 
seinen Sturz furchten lieisen, ehe er noch in dem Bunde 
mit seinen bisherigen Gegnern hinreichende Sicherheit finden 
konnte, gesonnen war, noch einmal dem Kaiser ein Unter- 
pfand seiner Ergebenheit zu bieten, seine Unterhandlungen 
mit Arnim zu einem im kaiserlichen Interesse unternommenen 
Versuch umzustempeln, die beiden Kurfiirsten von der schwe- 
dischen Bundesgenossenschaft loszumachen und eventuell 
durch einen kriegerischen Erfolg den Kaiser aufs neue sich 
zu verpflichten und den Gegnern zugleich zu zeigen , wie 
sehr sie Ursache batten, seine Freunclschaft zu suchen. Kurz, 
er verlangte jetzt, gegen Ende September 1633, rund heraus 
von Arnim : Sachsen und Brandenburg sollten sich mit ihm 
verbiinden, urn zunachst die Schweden „herauszuschmeiisen". 
Fiir die Verbundeten bedeutete solche Forderung in die- 
sem Augenblicke ebenso viel wie den Abbruch der Verhand- 
lungen und die Wiederaufnahme der Kriegsoperationen. Als 
Wallenstein eine Bewegung gegen Zittau hin machte, beeilte 
sich Arnim, froh, das ausgesogene Land verlassen zu konnen, 
gleichfalls nach Sachsen zu marschieren, ura die Elbpiisse 
vor jenem zu erreichen, indem er den Schlesiern ankiindigte, 
wie jetzt endlich ihr Land authoren wiirde, den Kriegsschau- 
platz abzugeben. Etwa 1000 Schweden unter Graf Thurn 
liefs er zur Bewachung der Oderpasse zurlick. Aber Wallen- 
stein hatte es nur auf eine Tauschung des Gegners abge- 
sehen, und sowie diese gelungen war, marschierte er in Eii- 
marschen nach Schlesien zuriick, und wahrend das Haupt- 
heer aut* Liegnitz und Liiben zu riickte, erschienen am 4. Ok- 
tober 1633 grolsere Abteilungen vor den Thoren von Gold- 
berg. Die Stadt dachte so wenig an Widerstand, dafs sie 
vielmehr bereits von General Isolani eine Salva Guardia sich 
erkauft hatte, nun aber wurde der Rat vor die Thore be- 
fohlen, da, wie ihm gemeldet ward, der General Wallenstein 
in der Stadt das Mittagsmahl halten wolle. Als die Abge- 
sandten aber herauskamen, wurden sie iiberfallen, ihrer 
Kleider beraubt, mit Stricken um den Hals an die Pferde 
gekuppelt und unter den argsten Milshandlungen auf die 
Stadt zugeschleppt. Als man das von den Wallen aus sah, 
warfen die verzweifelten Burger die Thore zu und zogen die 



Scheitern der Unterhandlungen, trauriges Schicksal Goldbergs. 251 

Brucken auf, nicht urn Gegenwehr zu versuchen, sondern 
um einige Zeit zur Flucht zu gewinnen. Naturlich wurden 
die gar nicht verteidigten Thore bald getiffnet, und die ein- 
dringenden Soldaten sahen nun die Stadt als mit Sturm ge- 
nomraen an und pliinderten nacli Herzenslust; und zwar 
dauerte diese Pliinderung zwei Tage und eine Nacht, weil 
immer ein Kriegshaufen dem andern folgte. Als dann die 
spater Kommenden naturlich schon leere Kasten fanden, so 
griffen sie zu den ausgesuchtesten Martern, um die unglllck- 
lichen Einwohner der Stadt, in welche sich noch viele vom 
Lande gefliichtet, zur Angabe etwa verborgener Wertstiicke 
zu notigen. In einer kurz nach diesen Vorfallen gedruckten 
Beschreibung derselben heifst es u. a.: Es wurden „ vielen 
die Kopfe mit knottigen Strangen geriittelt und gedrehet, 
dais ihnen die Augen aus dem Kopfe gegangen, vielen bren- 
nende Schwefellichter unter die Nagel und auf die nackte 
Haut des Leibes an alle Orte geworfen und gesteckt, vielen 
mit Pistolstecken die Daumen eingeschraubet, zerbrochene 
spitzige Stocke in die Halse gestofsen, dafs das Blut heraus- 
gelaufen, vielen von den Mistpfutzen und anderer Unsauber- 
keit der Leib angefiillet, andere vom Fufs auf gepriigelt, 
Arme 7 Beine und die Rippen im Leibe vielmal entzweige- 
schmissen und getreten 7 viele in die Brunnen geworfen, viele 
an den Dachriimen gewippt und aufgehenkt, viele mit den 
Haaren und Barten ganz nackt auf den Steinen herumge- 
schleppt und zerfleischt, viele in Backofen und andere 
Ofen eingesteckt, teils tot verbrannt, teils halb gebraten und 
iibel zugerichtet, dafs sie doch das Leben lassen miissen, vielen 
das Maul bis an die Ohren aut- ? andern die Nasen, Ohren 
oder andere Glieder abgesclmitten — — also gar dafs die 
verteuffelten Hunde der Kranken, Gichtbriichigen, halb Toten 
und Sterbenden, der Sechswochnerinnen und Prefshaften nicht 
verschonet, sondern ebenmafsig sie geriittelt, gemartert und 
gequalet und die Kindlein aus den Arinen und von den 
Briisten gerissen und wider die Erde und Wande geworfen 
haben." 

Madchen und Frauen audi aus den hochsten Stanclen 
der Stadt, versichert unser Bericht, batten die Soldaten, nach- 
dem sie ihnen Gewalt angethan, halb oder ganz nackt an 
die Pferde gebunden, und schwer beladen mit geplunderten 
Sachen, welche sie ihren Peinigern tragen mufsten, nach den 
nachsten Quartieren geschleppt und dort nach Belieben bei 
sich behalten, bis sie ihrer uberdriissig waxen. 

Nehmen wir nun auch an, dafs der Autor mit zu schwarzen 
Farben gemalt hat, so bleibt immer noch mehr als genug, 



252 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

um unser Geflihl zu emporen, und wir miissen gestehen,. 
dafs alles, was uns selbst aus der letzten Zeit des Krieges 
von Greuelthaten der Schweden und ihren Verbiindeten in 
Schlesien berichtet wird, nicht entf'ernt an solche Greuel 
heranreicht, wie sie hier die Wallensteiner, des Kaisers Sol- 
daten, an dessen Unterthanen veriibt haben. 

Das Hauptheer hatte inzwischen den Groditzberg erobert 
und sich gegen Luben gewendet. Oberhalb Koben setzto 
Schaffgotsch iiber die Oder, schlug die schwedische Reiterei, 
und das schnell nachriickende Corps notigte am ll.Oktober 
mit erdruckender Ubermacht die schwedische Abteilung, 
deren Anfuhrer Thurn und Duval in straflieher Sorglosigkeit 
sich hatten iiberraschen lassen, in den Steinauer Schanzen 
die Waffen zu strecken. Den gefangenen Fuhrern, denen 
man die Freilassung verbiirgt hatte, notigte man schriftliche 
Weisungen zur Kapitulation an die sonstigen Befehlshaber 
der festen Pliitze in Schlesien ab, bald fielen auch Liegnitz 
und Glogau, die schlesischen Herzoge fliichteten nach Polen. 
Wallenstein liefs, wahrend er selbst nord warts gegen die 
Mark zog, Schaffgotsch zuriick, um die Unterwerfung Schle- 
siens zu Ende zu fuhren. Breslau, das die aus der Steinauer 
Niederlage entkommenen schwedischen Reiter nicht hatte 
aufnehmen mogen, weigerte sich auch jenem erzwunge- 
nen Schreiben Thurns gegeniiber , sich an Schaffgotsch 
zu ergeben, dagegen eroberte derselbe Ohlau, wo er zum 
warnenden Beispiel den einzigen Ratsherrn, der die herr- 
schende Pest iiberlebt hatte, samt dem Stadtschreiber auf- 
knlipfen liefs. 

So Avar mit einem Schlage ganz Schlesien bis auf einige 
feste Platze fiir den Kaiser wieder gewonnen, die leichten 
Truppen Wallensteins streiften bis Frankfurt hin. Das Btind- 
nis der Schlesier mit den evangelischen Miichten, das ihnen 
so sauer angekommen war, hatte, kaum geschlossen, die 
bittersten Friiehte getragen. Dabei war das Land in der 
beklagenswertesten Lage. Gerade der beste und fruchtbarste 
Teil war jetzt fast ein Jahr hindurch Sitz des Krieges ge- 
wesen, von zwei feindlichen Armeen um die Wette ausge- 
sogen worden. Der Wohlstand der Stiidte war geknickt r 
auf dem Lande lagen massenhaft die Stellen wust, und die 
Anhiiufung der Heere hatte noch dazu eine entsetzliche 
Geisel im Gefolge, eine pestartige Krankheit, die gegen den 
Herbst hin namentlich auf dem linken Oderufer in ganz un- 
erhorter Weise die Bevolkeruns: decimierte. 

Die Landshuter versichern einige Jahre spiiter in einer 
Eingabe an den Kaiser, es sei nicht der zwanzigste Teil der 



Einnahme der Steinauer Schanzen, Verwiistungen der Pest. 253 

Einwohner iibrig geblieben, Hirschberg zahlte in der Stadt 
allein 2600 Tote, Ober-Schnriedeberg starb bis auf 3 Men- 
schen aus, Friedland bis auf 5, in Braunau starben von 
kaum 3000 Einwohnern 922, in Freiburg lebten am Schlusse 
des Jahres 1633 noch 10 Ehepaare, in den Vorstadten 12, in 
■Strehlen 20, in Schweidnitz 7 Ehepaare, in Nimptsch, das 
allerdings auch wiederholt geplundert worden, blieben von 
163 Biirgern 12 am Leben. Manche Dorfer starben ganz 
.aus, wie Neudorf bei Friedland, Krelkau bei Frankenstein, 
andere zum bei weitem grofsten Teile, wie Zirlau (300 Tote) 
und Kunzendorf bei Freiburg (364 Tote). Bei Neifse schwan- 
ken die Angaben iiber die der Pest Erlegenen zwischen 6000 
und 10 000, bei Schweidnitz zwischen 16 000 und 17 000, 
Zahlen, welche allerdings sehr hoch erscheinen, wenn man 
gleich erwagt, dafs hier wie anderswo die grofse Anzahl der 
Landleute, welche in der Stadt eine Zuflucht vor den Kriegs- 
noten gesucht, ein sehr ansehnliches Kontingent geliefert 
haben. Das verhaltnismafsig kleine Reichenbach zahlte nach 
dem Kirchenbuche 4000 Leichen und das ihm benachbarte 
Peterswaldau gegen 2000, Glatz iiber 4000, in Liegnitz von 
etwa 8600 Seelen aus der eigentlichen Stadt 2027 Grestor- 
bene und die Vorstadte nebst den Stadtdorfern eingerechnet 
4033. An vielen Orten fanden sich nicht Hande genug zum 
Bestatten der Leichen, unbegraben blieben sie liegen zur 
Speise fur die Hunde. In Breslau waren von einer Bevol- 
kerung, die auf 36 000 Seelen veranschlagt war, nach den 
.amtlichen Listen aus den vier Kirchspielen von Elisabeth, 
Maria-Magdalena , Bernhardin und Eilftausend Jungfrauen 
13123 Personen gestorben; hier hatte die Menge derer, die 
von auswarts hier Zuflucht gesucht, der Seuche nur noch 
mehr Nahrung gegeben, die Kirchhofe fafsten bald nicht mehr 
die Menge der Leichen, und die mangelhafte Form der Be- 
stattungen erzeugte neue Krankheitsstoffe. Die grofse Landes- 
kalamitat hat auch politische Folgen gehabt, und so wie 
thatsachlich durch sie die mehrlach erwahnten schon begon- 
nenen Friedensunterhandlungen ihr Ende gefunden haben, 
so sind sie auch speziell auf das Schicksal Breslaus nicht ohne 
Einflufs gewesen. Seit dem 17. Oktober liefs Graf Schaff- 
gotsch nicht ab, auf eine Kapitulation hinzudrangen. 

Noch widerstanden ihm in Schlesien einige feste Platze: 
Oppeln, wo der tapfere sachsische Oberst Schneider kom- 
mandierte, Brieg unter Oberst Dahnes Kommando, und 
auch die sachsisch-schwedische Besatzung, welche dicht bei 
Breslau die Sand- und Dominsel verteidigte, hatte die vor- 
ieilhaftesten Anerbietungen einer Kapitulation mit ehrenvollem 



254 Zweites Buch. Vierter Abschuitt. 

Abzuge stanclhaft zuriickgewiesen, anders aber sail es in cler 
Stadt Breslau selbst aus; hier war die Miliz durch die Pest 
so zusammengeschmolzen , dafs die Posten auf den W alien 
nicht mehr regelmafsig besetzt werden konnten, wahrend 
doch die Burger wenig Neigung zeigten, ihre Stelle zu ver- 
treten, in dem allgemeinen Elend nahm die Mutiosigkeit mehr 
und mehr uberhand; der erprobte Ingenieuroffizier Junger- 
mann, der die Verteidigung hiitte leiten miissen, ward auch 
durch die Krankheit weggerafft, unci als nun Schaffgotsch 
schliefslich drohte, einige Meilen um die Stadt alles niecler- 
zubrennen, wofern diese sich nicht fugte, bestilrmten die in 
die Stadt gefluchteten Landedelleute wetteifernd mit den viel- 
fach auf dem Lande begiiterten Patriziern den Rat, solches 
Schrecknis abzuwenden. So verstand sich denn am 15. No- 
vember 1633 der Rat von Breslau dazu, jeder Verbindung 
mit der sachsisch - schwedischen Besatzung auf dem Dome 
oder den sonstigen Feinden des Kaisers zu entsagen, clenen 
fortan keinerlei Hilfe noch Proviant gewahrt werden sollte, 
wogegen Graf Schaffgotsch, der als Protestant und schlesi- 
scher Edelmann ein gewisses Vertrauen genofs, die Besta- 
tigung der Stadtprivilegien und die Erhaltung der Glaubens- 
freiheit bei clem Kaiser warm zu befiirworten versprach. 

Die Nachricht von diesem Abfalle Breslaus von der Kon- 
junktion ereilte die schlesischen Gesandten, wahrend diese 
noch zu Frankfurt a. M. mit dem schwedischen Reichs- 
kanzler verhandelten, von welchem dieselben auch gute Zu~ 
sicherungen baldiger militarischer Hilfe erhielten. Allerdings 
war cler Kanzler mit dem Vorbehalte der Schlesier beziig- 
lich der fortdauernden Obedienz dem Kaiser gegeniiber un- 
zufrieden, unci der Kurfiirst von Sachsen seinerseits zeigte 
neben cler gewohnten Unentschlossenheit grofse Besorgnis 
vor einem moglichen Wachsen des schwedischen Einflusses 
in Schlesien. 

Das Ansehen dieser Macht war im Herbst 1633 wie- 
derum sehr gestiegen, vornehmlich infolge der gewaltigen 
Erfolge Bernhards von Weimar in Sud-Deutschland, welche 
in der Eroberung von Regensburg gipfelten (14. November 
1633). Nun sah sich auch Wallenstein gezwungen, durch 
Bohmen gegen Bayern hin sich in Bewegung zu setzen, 
wahrend inzwischen Schaffgotsch gegen Ende November 
1633 die Dom- und Sandinsel ernstlich angriff. Dicht an den 
Mauern Breslaus im Osten, da, wo jetzt das Regierungs- 
gebaude sich erhebt, pflanzten die Kaiserlichen Batterien auf 
und eroffneten von dort ein lebhaftes Bombardement auf 
den Dom, indessen zugleich anclere Abteilungen auch von 



Breslau tritt zeitweilig von der Konjunktion zuriick. 255 

dem rechten Oderufer her die kleine Festung bedrangten. 
Doch die Belagerten wehrten sich tapfer, und von den Tiir- 
men herab trafen ihre Scharfschiitzen manchen Mann in den 
feindlichen Verschanzungen. Am 25. November ward ein 
von den Kaiserlichen geplanter Sturm durch einen gliick- 
lichen Ausfall der Belagerten vollstandig vereitelt, die Mann- 
schaiten aus den Batterien verjagt und ein grofser Teil der 
dort befindlichen Geschiitze vernagelt, die Belagerung ward 
aufgehoben, die Truppen von Schaffgotsch zogen sicb in 
Unordnung nach Olilau zuriick. Ein Opfer des Tages ward 
der siidliche der beiden Domtiirme, dessen oberer Teil an- 
geblich intolge unvorsichtigen Gebrauchs der fur den Aus- 
fall dort entziindeten Pechkranze ganz ausbrannte. Die hier 
stattgefundene Restauration ist noch heute sehr deutlich wahr- 
nehmbar, insofern man dem 1660 wiederaufgebauten Turme 
die Steinornamente vorenthielt, welche den nordlichen Turm 
zieren. 

An den Breslauern aber rachten die siegreichen Truppen 
deren Abfall von der gemeinsamen Sache, ihre Streifpartien 
hemmten alien Verkehr auf dem rechten Oderufer und be- 
reiteten den Kaufleuten durch Wegnahme von Waren schweren 
Schaden. Um so leichter liefsen sich die Breslauer, durch 
Briefe des schwedischen Reichskanzlers und das Beispiel der 
anderen Bundesglieder umgestimmt, bereit finden, bald ihre 
Abkunft mit Schaffgotsch, als nur unter dem Eindrucke des 
durch die Pest hervorgerufenen Schreckens geschlossen, zu 
verleugnen und am 1. Februar 1634 einen neuen Vertrag 
mit den auf dem Sand und Dom befindlichen sachsisch- 
schwedischen Obersten abzuschliefsen , der diesen wiederum 
die Verbindung mit der Stadt und Verpflegung von hier 
aus sicherte. 

Eins der schlesischen Bundesglieder ereilte noch vor 
Schlufs des Jahres 1633 ein schweres Schicksal, namlich den 

• • • • 

Herzog Karl Friedrich von Ols. In seiner Residenz Ols, 
fur deren Verteidigung er allerdings so gut wie gar keine 
Vorkehrungen getroffen, von den Kaiserlichen angriffen, 
mufste er ohne weiteres kapitulieren und ward dann, nach- 
dem man ihm das Seinige abgenommen, in einer Art von 
Haft gehalten ; fortwahrend geangstigt durch die wiederholt 
ausgesprochene Drohung, ihn samt seiner Familie nach Wien 
fortzufiihren. 

Mit sehr gemischten Gefiihlen werden die Schlesier dem 
Jahre 1634 entgegengesehen haben, wo die evangelischen 
Machte eine Wiedereroberung ins Werk setzen und das 
schwer heimgesuchte Land aufs neue zum Schauplatz des 



256 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

Krieges machen wollten. Zunachst heramte die Uneinigkeit 
unter den Verbiindeten eine energische Kriegfiihrung. Der 
Kurfiirst von Sachsen ersehnte vor allem Frieden und lieh 
gem sein Ohr den Antragen des Kaisers, welche auf eine 
Trennung der beiden Kurtursten von dem schwedischen 
Biindnis hinausliefen. Aber auch Wallenstein erneuerte seine 
Unterhandlungen, und auch ihm mochte man sich nicht ganz 
versagen, schon weil man seinen Planen eine verstellte Feind- 
seligkeit gegen Schweden anmerkte, die den sachsischen 
Kurtursten mehr anmutete, als er es je eingestehen mochte. 
Allerdings ging eben damals Wallenstein auf die Kunde, dafs 
sein Sturz in Wien beschlossen sei, in verzweifeltem Ent- 
schlusse weiter als je in seinen Antragen, so dafs nicht nur 
Arnim, sondern in letzter Stunde sogar Bernhard von Weimar, 
wenn auch zogernd, das Mifstrauen gegen ihn iiberwanden 
und eine Vereinigung ihrer Truppen mit denen Wallensteins 
jetzt wirklich vorbereiteten. 

Inzwischen sendete der Gesandte der Schlesier, von Langen, 
in den ersten Monaten des Jahres 1634 sehr besorgte Briefe 
in die Heimat. Die Machte, von denen die Schlesier Schutz 
und Rettung hofften, sah er in tiefgehendem Zwiespalt, den 
schwedischen Kanzler voll Mifstrauen gegen den sachsischen 
Kurtursten, dessen kaiserlich gesinnte Rate und vor allem 
den in wenig durchsichtige Unterhandlungen mit Wallen- 
stein verwickelten Oberfeldherrn ; dazwischen dunkle Geriichte 
von sehr bundesfeindlichen Antragen Sachsens in Berlin be- 
ziiglich eines Separatfriedens, wahrend hier der schwache 
Kurfiirst zwischen den Einflussen der schwedisch gesinnten 
Rate und dem des kaiserlich gesinnten Ministers Schwarzen- 
berg hin und her schwankte. 

Da traf die Nachricht von der am 25. Februar 1634 zu 
Eger auf kaiserlichen Befehl erfolgten Ermordung Wcallen- 
steins und seiner Vertrauten ein. Wie Arnim damals seinem 
Kurtursten anriet, die durch die an dem bisher so gefiirch- 
teten Oberfeldherrn vollstreckte blutige Exekution in den 
Reihen der Kaiserlichen unvermeidlich hervorgerufene Ver- 
wirrung zu schnellen Schlitgen zu benutzen, so empfahlen 
auch die schlesischen Herzoge durch ihren Gesandten ihren 
+5chutzmachten recht schleunigen Succurs, urn auch in Schle- 
sien von der Gunst der Lage Vorteil zu ziehen, das eine 
freilich so vergeblich wie das andere. 

In Schlesien hatten im Anfang des Jahres 1634 die Kaiser- 
lichen auf dem rechten Oderufer sich weiter ausgedehnt, 
Namslau, wo jedoch das Schlofs sich hielt, Polnisch-W T arten- 
berg, Kreuzburg und Pitschen eingenommen, tiberall ihren 



Wallensteins Ermordung und die Meuterei Freibergs in Troppau. 257 

Weg durch Verwiistungen bezeichnet ; doch Oppeln und Brieg 
hielten sich , und die befestigten Inseln vor Breslau waren 
jetzt um so schwerer zu bezwingen, seit sie an dem gleichfalls 
festen Breslau wiederum einen sichern Riickhalt gewonnen 
hatten. Eben war auch den Kaiserlichen ein neuer Feind 
erstanden. Der schwedische Oberst Duval, endlich aus 
seiner Gefangenschaft entkommen , hatte einiges Kriegsvolk 
um sich gesammelt und suchte nach einer Gelegenheit, die 
Scharte von Steinau auszuwetzen. Vielleicht hatte er mit 
grofserer Kiihnheit eine merkwiirdige Episode, die sich da- 
mals in Troppau gleichsam als Nachspiel zu Wallensteins 
Katastrophe zutrug, benutzen konnen. 

Freibergs Unternehmen in Troppau und das Ende Hans Ulrichs 

Grafen von Schaffgotsch. 

Von den Unterbefehlshabern Wallensteins , die kurz 
vor dessen jahem Ende sich ihm in den bekannten Ver- 
schreibungen von Pilsen enger verbunden und verpflichtet, 
waren, auch abgesehen von den Vieren, welche ihrem Meister 
in den Tod vorangegangen waren, noch einige andere als 
schwerer graviert verhaftet worden, unter ihnen der schon 
mehrfach genannte Graf Schaffgotsch, der von den in 
Schlesien kommandierenden kaiserlichen Generalen der ein- 
zige Wallenstein naherstehende war, und den ein in letzter 
Zeit aufgefangener Brief noch besonders kompromittiert hatte. 
Sehr unerwartet ereilte ihn sein Schicksal. Am 24. Februar, 
also einen Tag vor der Katastrophe Wallensteins, liefs ihn 
der in Liegnitz kommandierende General Colloredo durch 
seinen Adjutanten verhaften, dem die unter Schaffgotsch 
dienenden Offiziere nach Einsicht des kaiserlichen Befehls 
ohne Zogern Assistenz leisteten. Er ward noch dieselbe 
Nacht zu Rofs nach der Festung Glatz gebracht. 

Als dann aber auch der Befehlshaber des zu Troppau 
garnisonierenden Schaffgotschischen Infanterieregiments Albert 
von Freiberg verhaftet werden sollte, versuchte dieser, recht- 
zeitig gewarnt und noch ohne Almung von des Oberfeldherrn 
Schicksal, Widerstand zu leisten. Er zieht am 1. Marz sein 
Regiment in Troppau zusammen, erklart diesem und der 
Biirgerschaft, wie man ihn, der dem Kaiser 18 Jahre lang 
gedient und das Regiment auf seine Kosten errichtet, nun 
zum Danke gefangen nehmen und strangulieren _wolle, er 
aber nicht zu weichen, sondern sich unter den Schutz des 
Herzogs von Friedland und der Kurfiirsten von Sachsen und 
Brandenburg zu stellen gedenke. Die Offiziere und Soldaten. 

Gruuhaeen, Gescli. Schlesiens. II. 1» 



258 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

fielen ihm bei, ein bohmisches Dragonerregiment unter Oberst 
Engelhard schlofs sich ihnen an. Der widerstrebende, aus 
eifrigen Katholiken bestehende Magistrat ward, weil er sich 
nicht fiigen wollte, eingekerkert, aus den Reihen der Biirger- 
schaft aber erhob sich der Giirtler Hans Ziminermann und 
rief, ihm habe man gewaltsam die katholische Religion auf- 
gezwungen, das kaiserliche Kriegsvolk habe ihm seine ganze 
Habe genommen, jetzt wolle er Leib und Leben fur die 
evangelische Lehre wagen und zu den Truppen halten. Sein 
Wort rifs viele mit fort, voller Freude vernahm man. dafs 
das verhafste intolerante Religionsstatut aufgehoben sein solle. 
Freiberg suchte Leute anzuwerben und verlangte von der 
niichsten siichsisch-schwedischen Garnison in Oppeln einige 
Reiterei und einen entschlossenen Mann als Commandeur. 
Auch nach Jagerndorf und Leobschiitz ward die Fahne cles 
Aufstandes' mit Erfolg getragen. Den Biirgern ward gesagt, 
sie seien nicht mehr kaiserlich, sondern Friedlandisch. 

Obwohl dem ganzen Unternehmen mit der Kunde von 
Wallensteins tragischem Ende das eigentliche Fundament 
entschwinden mufste, so ist doch kaum zu zweifeln , dafs, 
wenn der von den Aufstandischen mehrfach erbetene Succurs 
eingetroffen oder Duvals Heeresabteilung zur Stelle gewesen 
ware, urn den Aufstandischen die Hand zu bieten, diese sich 
wenig besonnen haben wiirden, sich auf die andere Seite 
hiniiberfuhren zu lassen, wo dann hier eine Diversion sich 
hatte ergeben konnen, bedenklich genug fur die im ganzen 
nicht allzu starken Kaiserlichen. So aber kam General Gotz 
den Sachsen zuvor und beeilte sich, den Aufstandischen am 
19. Marz 1634 die Unterwerfung gegen einen Generalpardon 
anzubieten, dessen selbst Freiberg teilhaftig werden sollte. 

Freibergs Kriegskommissar Samuel v. Lilienfeld und einige 
besonders kompromittierte Burger wurden enthauptet und 
die Stadt durch Kontributionen und Einquartierungen aufs 
neue heimgesucht, Freiberg dagegen nur kurze Zeit gefangen 
gehalten, und wenn wir ihn bald wieder auf freiem Fufse 
und sogar im Besitze seiner alten Charge wiederfinden , so 
liegt der Verdacht nahe , dafs er seine Begnadigung durch 
Aussagen erkauf t habe , welche seinem General , dem Grafen 
Schaffgotsch, noch verderblicher waren als sein unbedachtes 
Unternehmen ohnedies schon hatte sein mtissen. 

Dieser letztere war inzwischen, nachdem er in Glatz das 
erste Mai verhort war, nach Wien gebracht worden, dann 
weiter nach Pilsen, wo er, in leidlicher Haft gehalten, mit 
einer Anzahl anderer aus gleicher Ursache gefangen genom- 
mener Generale, unter denen sich auch der Herzog Julius 



Hans Ulrich Graf Schaffgotsch hiugerichtet. 259 

Heinrich von Sachsen-Lauenburg befand, bequemen Verkehr 
pflegen durfte, clem es sogar an Lustbarkeiten und Banketten 
nicht fehlte, ebenso auch in Budweis, wohin man die Ge- 
fangenen aus Besorgnis vor dem Schwedeneinfall brachte. 
Erst im Anfange des Jahres 1635 warden dieselben dann 
in der inzwischen von den Kaiserlichen zuriickeroberten Stadt 
Regensburg vor ein Kriegsgericht gestellt. Im Verlaufe des 
Prozesses ward Schaffgotsch am 4. Juni, um von ihm Gestand- 
nisse liber die Tragweite von Wallensteins Planen zu erpressen, 
drei Stunden lang durch schmerzhaftes Aufziehen an den 
gefesselten Armen, wahrend zentnerschwere Steine an die 
Schenkel angehangt waren, gefoltert, so dafs er drei Wochen 
lang des Gebrauchs seiner Glieder beraubt blieb. 

Wegen Hocliverrats und Majestatsbeleidigung zum Tode 
verurteilt, er allein von seinen Mitangeklagten, ward er am 
23. Juli 1635 zu Regensburg auf dem Markte enthauptet. 
Er ist dem Tode mannhaft und tapfer entgegengegangen, 
sicher seines evangelischen Bekenntnisses, nachdem er jeden 
Versuch einer Bekehrung durch Jesuitenpatres fast unwillig 
abgewehrt. Nicht ohne Bewegung liest man die Aufzeich- 
nungen seines treuen Dieners, jenes Konstantin von Wegrer, 
der seinen Herrn bis auf das Schafott begleitet, ihm dort 
auf dem Richtstuhl den Kragen zuruckschlagt, auch die 
Haare aufbindet fur den Todesstreich und dann, als dieser 
gefallen war, den Leichnam, in ein schwarzes Tuch einge- 
schlagen, forttragt. Er ist felsenfest von cler Unschuld des 
Grafen uberzeugt. 

Doch wird immer zugestanden werden miissen, dafs 
Schaffgotsch um die Plane Wallensteins gewufst hat und 
bereit gewesen ist dieselben zu fordern. Noch am Tage vor 
seiner Verhaftung erkundigt er sich, „wie die Traktaten 
mit dem Kurfursten und den Schweden stehen, denn seind 
wir da richtig, hat es mit den andern keine Not". Und 
wahrend er bei dem miter Colloredo stehenden Kriegsvolk 
der Ergebenheit an Wallenstein nicht ganz sicher ist, glaubt 
er seine Soldaten „in guter Devotion ", zu haben, „die Regi- 
menter will ich schon in der Verfassung halten, dafs man 
auf den Fall sich derer bedienen kann". Und wie weit 
auch sein Unterbefehlshaber , jener Freiberg , in die 
Sachen eingeweiht war, hat dieser doch selbst durch die 
That gezeigt, indem er sich, als man ihn angriff, ohne Be- 
denken unter den Schutz des Herzogs und „ seiner Konfode- 
rierten", der Kurfursten von Sachsen und Brandenburg, stellte. 
Es ist ja wohl moglich, dafs far den Grafen Schaffgotsch als 
eifrigen Protestanten unci gleichzeitig als schlesischen JNIagnaten 

17* 



260 Zweites Buch. Vierter Abscbuitt. 

die Plane Wallensteins viel lockendes gehabt haben, insofern 
dieser im Gegensatze zu der am Hofe Ferdinands herrschen- 
den Partei, welche den kaiserlichen Absolutismus und die 
vollstandige Ausrottung des Protestantismus anstrebte, die 
Zuruckfiikrung des Zustandes von 1618 verhiefs. Wie es 
scheint, war dann auck dein Grafen bei der neuen Ordnung 
der Dinge eine bervorragende Rolle gerade in seinem Hei- 
matslande zugedackt. Wenigstens hat sich unter seinen 
Papieren eine Art von Merkzettel, von seiner eigenen Hand 
geschrieben, vorgefunden, welcker in grofser Kiirze die ver- 
schiedenen Punkte zusammenstellt , auf welche man sein 
Augenmerk zu richten haben werde, was man z. B. von 
der Stadt Breslau und den verschiedenen Fiirsten werde be- 
gehren, wie viel Volk dann noch werde im Lande bleiben 
miissen u. dgl., allerdings insgesamt in Forrnen, die wohl auch in 
einem fiir den Schreiber nicht direkt kompromittierenden Sinne 
gedeutet werden konnten. Aber mag der Graf auch wirklich 
in die Wallensteinschen Plane ernstlich verwickelt erscheinen, 
so werden wir doch uns immer hiiten miissen, mit unsern 
Augen die Begebenheiten jener Zeit anzusehen und unsern 
Mafsstab von Recht und Pnicht an die damaligen Person- 
lickkeiten anzulegen. In den langen Kriegszeiten hatte sich 
manches gelockert, und der Kaiser selbst hatte, als er Wallen- 
stein zum zweitenmale unter so ganz aufserordentlichen Be- 
dingungen mit dem Kommando betraute, sehr abnorme Ver- 
haltnisse geschaffen. Die Offiziere, welche auf des Fried- 
landers Kredit hin aus eigenen Mitteln Regimenter ausgeriistet, 
und die des Kaisers Befehl ganz an diesen wies, mochten 
leicht dahin kommen, des Kaisers iiber dem Feldherrn zu 
vergessen, und wenn von ihnen manche sich hatten bereit- 
finden lassen, an Planen teilzunehmen darauf ausgehend, dem 
Kaiser eine andere Politik aufzuzwingen, als dessen Ratgeber 
wollten, so erschien das damals nicht in dem Mafse ver- 
werf lich ; wie ein ahnliches Unternehmen nach heutigen Be- 
griffen sich darstellen wiirde. 

Auch am kaiserlichen Hofe hat man das so angesehen 
und deshalb es vermieden, aus der ganzen Angelegenheit 
eine eigentliche Rechtssache zu machen, selbst das schuldige 
Haupt nicht vor ein Kriegsgericht gestellt, vielmehr, nach- 
dem man Wallenstein und seine nachsten Vertrauten auf 
sehr summarische Art aus der Welt geschafft, hinsichtlich 
der zahlreichen Offiziere, die ein gut Stuck Weges mit jenem 
gegangen waren, die Augen zuzudriicken und sie einfach 
wieder zu Gnaden aufzunehmen sich bequemt, selbst die mit 
Schaffgotsch zugleich in Haft Genommenen hat man wieder 



Beurteilung des Schaffgotschiscken Falles. 261 

freigelassen. Nur dieser hat rait dem Leben gebiifst. War 
er wirklich um soviel schlimmer graviert als die anderen 
alle? 

Einer der Wallensteiner Generale, der mit dem Grafen 
zu Pilsen, Budweis und Regensburg in Haft gewesen, der 
General-Feldzeugmeister von Sparr, hat es often ausgesprochen, 
wenn er des Schaffgotsch Vermogen und Giiter gehabt, sein 
Kopf stande nicht mehr auf dem Rumpfe, weil er aber nur 
ein armer Kavalier, habe man ihn mit dem Kopfe laufen 
lassen. Dafs Schaffgotsch dabei noch dazu Protestant war, 
hat unzweifelhaft seine Sache noch mehr erschwert. Wenn 
man an die in der oft erwahnten Wiener Denkschrift aus- 
gefiihrten Grundsatze sich erinnert, wird man es im Grunde 
sehr erklarlich finden, dafs die damaligen Machthaber die 
Gelegenheit, einem der reichsten protestantischen Magnaten 
Schlesiens, der neben der ansehnlichen Standesherrschaft 
Trachenberg einen gewaltigen Strich Landes am Riesen- 
gebirge vom Greifenstein an bis fiber Schmiedeberg hinaus 
besafs, unter gutem Vorwand an den Hals zu kommen mit 
Freuden ergriffen haben. Diese Friichte einzuheimsen hat 
man sich so sehr beeilt, dafs man unmittelbar nach Schaff- 
gotschs Verhaftung, also lange, bevor fiber diesen ein Urteil 
gefiillt ward, die Giiter desselben mit Beschlag belegte 
und sofort dann auch die evangelischen Kirchen in deren 
Bereiche schlofs, ja man scheute sich sogar nicht, mit noch 
schreienderer Gewaltthat im September 1634 die Kinder des 
damals einfach in Untersuchungshaft befindlichen Grafen aus 
Schlofs Kemnitz hinwegzufuhren, unter dem Vorwande, 
sie vor Kriegs- und Pestgefahr in Sicherheit zu bringen, 
in Wahrheit aber, um sie in Olmutz den Jesuiten zur 
Erziehung zu tiberliefern. Als deren Lehren angeschlagen 
batten, hat nachmals die von den letzteren angerufene 
Gnade des Kaisers von den konfiszierten Gutern das 
wiedergegeben , was noch heute die Schaffgotschische Herr- 
schaft Kynast bildet ; die Standesherrschaft Trachenberg 
erhielt im Jahre 1641 der kaiserliche General Hatzfeld als 
Entgelt fur mannigfache dem Kaiser geleistete Vorschusse. 
Jedenfalls ward fur den zu Wien immer im Auge behaltenen 
Plan einer kirchlichen Reaktion der Sturz von Schaffgotsch 
und die Koniiszierung seiner Giiter zum grofsten Vorteil; 
mit der Einsetzung von zwei katholischen Grundherren von 
so hervorragender Bedeutung in Trachenberg wie in Greifen- 
berg gewann man zwei wichtige Posten, und zwar an zwei 
Stellen, wo bisher der Protestantismus ganz ausschliefslich 
geherrscht hatte. 



262 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

Das Treffen bei Lindenbusch. 

In Schlesien hatte Duval gerade den Zeitpunkt, wo die 
Kaiserlichen den Aufstand Freibergs in Troppau bekampfen 
mufsten, zu einem Anschlage auf Ols benutzt, an dem dann 
auch die Breslauer Stadtmiliz teilnahm. Die Stadt ward 
erobert, das dort liegende Schaffgotschische Reiterregiment 
fast aufgerieben, der Herzog Karl Friedrich befreit .und im 
Triumph nach Breslau gefiihrt. Der armen Stadt Ols war 
es beschieden, dafs sie in dem Zeitraum eines Jabres fiinf- 
mal erobert worden ist, wo es denn erklarlich war, dais 
ihrem Herzog bald nichts mehr zu leben und der Pest wenig 
mehr zu verderben iibrig blieb. 

Wir konnen bier den kleinen Krieg, der ohne eine Ent- 
scheidung herbeizufiihren nur das Land schwer heimsuchte, 
nicht weiter verfolgen. Das Schlimmste war, dais eine Ret- 
tung fur Schlesien nur von dem Einmarsche einer neuen 
Armee der Schutzmachte erwartet werden konnte, wie furcht- 
bar auch der Gedanke war, das ausgesogene Land wiederum 
zum Schauplatze des Krieges gemacht zu sehen. 

Eifrig betrieben die schlesischen Gesandten die ihnen von 
dem schwedischen Reichskanzler verheifsene Sendung der Armee 
Banners. Mehr und mehr hielten sie sich an Schweden und 
Brandenburg, da es in Dresden, wie dem Liegnitzer Herzog 
sein getreuer Zedlitz schreibt, „gar zu wunderliche consilia" 
gab. Doch als nun im April 1634 sich endlich Banners 
kleines Heer in Bewegung setzte, wo bei dem Feldherrn der 
bekannte Dichter Martin Opitz als Gesandter der verbun- 
deten schlesischen Stande mit Erfolg thatig war, geschah 
das Unerwartete , dafs ein sachsisches Heer unter Arnim 
durch die Oberlausitz mit einer Sclmelligkeit , wie man sie 
nie frixher zu bewundern Gelegenheit gehabt, herbeikam, 
den Schweden gleichsam den Weg nach Schlesien verlegte, 
Glogau blokierte und daruber mit dem schwedischen Feld- 
marschall Banner, der diese Stadt bereits seinerseits hatte 
zur Ubergabe auffordern lassen, in schwere Handel geriet. 
Nur die Riichsicht auf Brandenburg hat hier verhiiten konnen, 
dafs angesichts der belagerten Stadt die beiden Heere, 
welche sie belagern wolltcn, in blutige Handel gerieten. 

Als dann die Kaiserlichen unter Colloredo am 13. Mai 
sich zum Kampfe stellten, griff sie Arnim bei Lindenbusch 
unweit Liegnitz mit grofser Tapferkeit an und schlug sie 
vollstandig aufs Haupt. Es war die gliinzendste Aktion, deren 
Arnim sich riihmen konnte, fiir die Schlesier aber war dieser 
Sieg ihrer angeblichen Schutzmacht kaum ein Gliick zu 



Treffen bei Lindenbuscb. Pliinderung von Reicbenbacb. 263 

nennen. Mit ihren Konsequenzen hat die Schlacht bei Linden- 
busch, ohne die Befreiung des Landes irgendwie zu fordern, 
dasselbe nur urn die schwedische Hilfe gebracht, hat die 
Schlesier mit Gewalt an die sachsische Politik geschmiedet, 
welche dann filr sie nichts weiter hatte als einen schimpf- 
lichen Frieden, der die kirchliche Reaktion im Gefolge hatte, 
und als Preis fur alle Schmach und religiose Verlblgung 
nicht einmal die Sicherheit vor aufseren Feinden und schreck- 
lichen neuen Verwiistungen zu bieten vermocht hat. 

Die geschlagenen Kaiserlichen hatten sich gegen das 
Eulengebirge gezogen, wo sie dann namentlich in den beiden 
grofsen Dorfern Peterswaldau und Langenbielau schrecklich 
gehaust, das Gellhornsche Schlofs in dem erstgenannten Orte 
vollstiindig ausgepliindert , den unglucklichen Bewohnern 
nicht nur alles genommen, sondern dieselben auch vielfach 
gequalt und gemartert haben. Ein gleichzeitiger Bericht 
sagt: „In Summa es ist nicht eine einzige Weibesperson, 
die sie nur ersahen, jung oder alt, in diesen beiden Dorfern 
und allenthalben, wo sie gewohnet, von ihnen ungeschandet 
geblieben." Die Bewohner, die jeden Augenblick aui Er- 
neuerung der Greuelscenen von anclern Kriegshaufen ge- 
fafst sein mufsten, verliefsen samtlich ihre Wohnungen. Der 
gedachte Bericht sagt : „ steken nunmehr die noch iibrigen 
in den hochsten Bergen, tiefen Hohlen und Steinklippen, 
miissen sich mit Wurzeln aus dem Erdboden sattigen und 
konnen dennoch von den ehr-, guts- und blutdiirstigen Hun- 
den, so alle Winkel durchkriechen, unangefochten nicht ge- 
lassen werden". Am 31. traf dann auch Reichenbach ein 
entsetzliches Schicksal. Als an jenem Tage Gotzische Reiter 
vor der Stadt erschienen, wartete ihnen, wie es heifst, „der 
Biirgermeister samt alien BLirgern am Frankensteiner Thore 
auf, ihr Begehreu anzuhoren und mit Glimpf der armen 
Stadt Bestes und Friede zu erhalten". Aber als man Feuer 
auf sie gab, flohen sie zuriick und schlossen nun die Thore, 
ein willkommener Vorwand, um daraufhin die Stadt, deren 
unverteidigte Mauern schnell erstiegen waren, als ersturmt 
zu behandeln. „Was da vor himmelschreiende Siinden ver- 
libt worden, weifs der liebe Gott", schreibt ein Augenzeuge. 
„Des Pliinderns an Geld, Geschmeide, Kleidung und Ge- 
rate etc., gedenke ich gar nicht, es war dieser Verlust der 
geringste, habe auch nicht gehoret, dafs jemand sich umb 
solchen Plunder am wenigsten betriibet, aber das Hauen, 
Stechen, Schlagen, Riitteln, Peitschen, Martern, mit Zangen 
Reifsen, Todten, Schanden "■ etc. gegen alt und jung vertibet, 
will der Berichterstatter lieber nur mundlich erzahlen. — 



264 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

„Ttirken haben es nie arger gemacht als cliese unsere Lands- 
knechte." 

Noch fiinf Tage spater, am 5. Juni 1625, schreibt unser 
Berichterstatter, der selbst gefliichtet war: es sei noch kein 
Aufhoren, alle Tage kamen neue Raubbienen in diesen Stock 
„ und richten das noch hintanstellige wenige und geringste 
Pliinderlein nunmehr ganz zugrunde und also zu, dafs kein 
Tisch noch Thiir, kein Ofen noch Fenster und wie mir einer 
jetzt Bericht bringet, wohl nicht ein Bissen Brot wird iibrig 
gelassen werden". 

Arnim hatte seinen Sieg in keiner Weise verfolgt und 
nicht einraal die Stadt Liegnitz, vor deren Thoren er die 
Schlacht geliefert, einzunehmen sich bemtiht; eilig riickte er 
auf Breslau zu, als kanie ihm alles darauf an, hier seine 
frisch gepfliickten Lorbeeren moglichst gut zu verwerten, 
noch bevor die schwedischen Rivalen hier ihren Ein- 
flufs geltend machen konnten. Allerdings vermochte er da- 
bei durchgreifende Erfolge nicht zu erzielen, namentlich 
eine Aufnahme seiner Truppen in die Stadt oder ein Ver- 
fiigungsrecht iiber die Stadtmiliz erlangte er nicht, wohl aber 
verdarb er den Schweden, in deren Auftrage damals Martin 
Opitz neben dem Obersten von Fels in Breslau erschien, 
ihr Spiel grtindlich, so dafs schliefslich Banner unter dem 
29. Juni an Herzog Karl Friedrich von Ols den Abinarsch 
seines Heeres nach Bohmen raeldete. Bald folgte ihm Arnim, 
nachdem ein gewisses notdiirftiges iiufserliches Einvernehmen 
zwischen den Fiihrern wiederhergestellt worden war. 

Von einer Befreiung Schlesiens war nicht mehr die Rede. 
Die Kaiserlichen hatten trotz der beiclen Heere, die in die- 
sem Jahre 1635 gegen sie herangeriickt waren, und trotz- 
dem sie in offenem Felde eine Niederlage erlitten, von ihren 
grofseren Waftenplatzen in Schlesien aufser Glogau keinen einge- 
blifst ; ihre leichten Truppen streil'ten von Ohlau aus wiederholt 
bis vor die Thore Breslaus, dessen Handel bei der allge- 
meinen Unsicherheit ganz und gar stockte, wahrend dabei 
doch wenige tausend Mann, welchc die Sachsen zuriickliefsen, 
natilrlich auf Kosten der Schlesier ebenso wohl verpflegt 
werden mufsten wie das kaiserliche Kriegsvolk, und der 
Bauer empfand es nicht minder iibel , wenn ihm Sachsen 
sein Getreide wegnahmen oder sein Zugvieh ausspannten, wie 
wenn das die Kaiserlichen thaten. 

In sehr unheilvoller Weise fur die Schlesier verwickelten 
sich inzwischen auch die allgemeinen Verhiiltnisse. lm April 
1634, also zu einer Zeit, wo die Schlesier alles Heil von 
Schweden erwarteten, wo Banners Heer im Begriff stand 



Arnims unheilvoller Einflufs. 265 

in Schlesien einzuriicken, hatten sie Gesandte zu der von 
dem schwedischen Kanzler nach Frankfurt a. M. berufenen 
Zusammenkunft der evangelischen Reichslande geschickt, 
urn Aufnahme in den grofsen Bund nachzusuchen. Voll- 
standige Trennung von der habsburgischen Monarchic, die 
Erhebung Breslaus zur Reichsstadt schwebte ihnen vor. Es 
war dies dem Kaiser gegeniiber der kompromittierendste 
Schritt, den die Schlesier bisher gethan hatten, nicht auf 
dieselbe Stufe zu stellen mit einem Anschlusse an Sachsen, 
das als Garantiemacht fiir Schlesien 1621 von dem Kaiser 
selbst gewissermafsen anerkannt worden war. Und dieser 
kompromittierende Schritt ward nun um alle Aussicht 
auf Erfolg gebracht wesentlich durch jenes unerwartete 
und unerbetene Einriicken des Arnimschen Heeres. Ware 
dieses nicht erfolgt und dagegen ein schwedisch - bran- 
denburgisches Heer hier erschienen, so hatte iiber die Auf- 
nahme der schlesischen Protestanten in den Bund ; iiber eine 
Schutzpfiicht der Schweden ihnen gegeniiber kaum ein Zweifel 
obwalten konnen, und selbst wenn die schwedischen Waff en 
hier ungliicklich gekampft hatten, wiirden die Schlesier bei 
der langsamen Form des Zusammentrittes noch beizeiten mit 
guter Manier sich wieder haben zuruckziehen zu konnen. 

Nun aber war das schwedisch - brandenburgische Heer 
durch die Sachsen geradezu von Schlesien abgedrangt worden, 
und die Reichsstande konnten sehr erklarliche Bedenken 
tragen, noch weitere Verpflichtungen nach dieser Seite 
zu iibernehmen, namentlich nachdem die Niederlage der 
Schweden bei Nordlingen (am 27. August 1634) sehr ein- 
dringlich zur Beschrankung mahnte. So brachten denn die 
Gesandten nach sehr langem Warten nur eine einfache Ab- 
lehnung des angetragenen Biindnisses heim, die Schlesier 
waren mehr als je dem Kaiser gegeniiber kompromittiert, 
mehr als je auf die Gnade Sachsens angewiesen. 

Und nun erfocht Arnim bei Lindenbusch einen voll- 
kommenen Sieg, dessen Trophaen 20 eroberte Fithnlein und 
zahlreiche Gefangene waren, die sich zum grofsten Teil ohne 
Widerstreben in das sachsische Heer einreihen liefsen. Unter 
dem Eindrucke davon fafsten die Schlesier von neuem Ver- 
trauen zu Sachsen, und auf Arnims unablassiges Betreiben 
gingen sie jetzt weiter als sie je gegangen waren, sie liefsen 
die letzte Riicksicht auf den Kaiser schwinden, die Miinzen, 
welche die Verbiindeten jetzt pragen liefsen, trugen kein 
Zeichen an sich, das an die Oberherrlichkeit des Kaisers 
erinnert hatte, in den Verhandlungen mit Arnim fehlte 
jener Vorbehalt der fortdauernden Unterthanenpflicht gegen- 



266 Zweites Buck. Vierter Abschnitt. 

iiber clem Kaiser, der 1633 zu Oxenstjernas Mifsvergniigen 
noch in die Konjunktion gekommen war, wenngleich auch 
jetzt ausbedungen ward, dafs die Verbtindeten zu keiner 
anderweitigen Huldigung gedriingt werden sollten. Die 
kaiserlichen Gefiille und Steuern hielt man em, man berief 
einen neuen Konvent nach Breslau, zu dem auch die nach 
Polen resp. Preufsen gentichteten Herzoge sicli personlich 
einrinden sollten, Joliann Christian ward zum Haupte der 
Verbundeten ausersehen, weitere Vertriige mit den Schutz- 
machten iiber die Verpflegung von deren Truppen, aber 
zugleich auch eigene Werbungen und Steuererhebungen wur- 
den vorbereitet. 

Dem alien gegeniiber erhob Ferdinand II. nach langem 
Schweigen noch einmal warnend seine Stimme. Durch den 
in Mithren weilenden Landeshauptmann Herzog Heinrich 
Wenzel von Bernstadt und auch direkt unter dem 29. Juh 
erinnert er die Schlesier an die ihm schuldige Treue, warnt 
vor bosen wider Gott, Obrigkeit und Gewissen streitenden 
Anschlagen und versichert sie im Falle ihres Gehorsams bei 
ihren hergebrachten Privilegien, Immunitaten und Landes- 
freiheit zu erhalten und zu schiitzen. 

Hatten die Schlesier eine Ahnung gehabt von dem wahren 
Stande ihrer Angelegenheiten, sie hatten eifrigst nach der ihnen 
noch einmal gebotenen Hand des Kaisers greifen und alles thun 
miissen, um von seiner Gnade noch moglichst viel zu retten aus 
dem nahe bevorstehenden Zusammenbruche aller ihrer Hoff- 
nungen. Doch unter dem Einflusse von Arnim und den Linden- 
buscher Siegeshoffnungen antworteten sie auf jene Mahnung des 
Kaisers mit einer Verteidigung ihres Verhaltens, welche mit 
grofser Scharfe und geringer Ehrerbietung gegen den Ober- 
landesherrn das Siindenregister Ferdinands gegeniiber den 
Schlesiern zusammenstellte. Allerdings wie hatten sie sollen 
ahnen konnen, dafs genau zu derselben Zeit, wo der sach- 
sische Oberfeldherr sie auf jede Weise zu kiilmem Vorgehen 
gegen den Kaiser anspornte, die Rate des Kurfiirsten von 
Sachsen mit den kaiserlichen Gesandten iiber einen Separat- 
frieden verhandelten, bei welchem gleich von vornherein 
Schlesien der Gnade des Kaisers iiberlassen blieb? 

Es war nicht eigentlich Treulosigkeit und Hinterlist, was 
Arnim so zum bosen Damon fur Schlesien hat werden 
lassen. Kein Zweifel, er hat dies Land seinem Kurfiirsten 
erwerben zu kcinnen gehofft, zumal nach jenem Siege bei 
Lindenbusch ; auch er hat, wie Wallenstein, wenngleich auf 
minder gefahrlichen Wegen, Politik auf eigene Hand ge- 
trieben, seinem schwachen Herrscher ein kiihneres Streben 



Die Plane Arnims. 267 

gleichsam uber den Kopf nehmen woilen, er hat sein Spiel 
verloren, unci die Schlesier waren es, welche die Zeche zu 
zahlen batten. 

Der Friede zu Prag. 

Von den Unterhandlungen eines Separatfriedeus zwischen 
dem Kaiser und Sachsen, welche am 15. Juni zu Leitmeritz 
begonnen und seit dem 17. Juli in Pirna fortgesetzt worden 
waren, waren die ersten Nachrichten im Hochsommer nach 
Breslau gekommen, und der Konvent der Fiirsten und Stiinde 
hatte, obwohl noch ganz ahnungslos liber das ihnen Bevor- 
stehende, eine Gesandtschaft nach Dresden abgeordnet und, 
um derselben eine erhohte Bedeutung zu geben, an deren 
Spitze den altesten Sohn Herzog Johann Christians, den eben 
erst von einer grofsenReisezuruckgekehrten,damals23jahrigen 
Prinzen Georg gestellt. Am 1. Oktober in Dresden ange- 
langt, hatten sie erst nach 14 Tagen oinzielles uber den 
Stand der Friedensunterhandlungen vernommen und hier nun 
zuerst erfahren, dais der Kaiser die von Sachsen gewisser- 
mafsen als selbstverstiindlich angenommene Erneuerung des 
Dresdener Accordes von 1621 auf das entschiedenste abge- 
lehnt habe. Den Accord hatten die Schlesier verwirkt, da 
sie verschiedene Exzesse begangen, sich ein Haupt gewahlt, 
mit auswilrtigen Machten Konjunktionen gemacht, die Miinze 
an sich gezogen hatten. Ein Pardon werde hochstens fur 
die fiirstlichen Personen und das Fiirstentum Breslau zu 
erlangen sein, die aber alien auswartigen VerbinduDgen zu 
entsagen hatten, widrigenfalls sie Sachsen mit gewaffneter 
Hand zu ihrer Pflicht zuriickzubringen haben wiirde, und 
durch Offnung ihrer Stadte und Platze sich dem Kaiser 
gegeniiber verpnichten mtifsten. Dafur sollte ihnen freie 
Religionsiibung gewahrt bleiben, wahrend dagegen sonst in 
den Erbiurstentumern der Kaiser das mit dem Territorial- 
besitze verbundene jus reformandi, d. h. das Recht, das Be- 
kenntnis der Unterthanen dem des Landesherrn anzupassen, 
sich nicht nehmen lassen wiirde. Die Hauptmannschat't iiber 
das Fiirstentum und die Landeskanzlei wiirde die Stadt 
Breslau an den Kaiser abzugeben haben, ohne einen An- 
spruch beziiglich der darauf haftenden Pfandsumme. 

Die Nachricht wirkte in Breslau wie ein Donnerschlag 
aus heiterem Himmel. Die Gesandten wurden schleunigst 
zuriickgesendet, nachdem man ihnen noch den schon diplo- 
matisch geschulten und beredten Breslauer Syndikus Dr. Rosa 
beigegeben hatte; auch die so unmittelbar in ihrer Glaubens- 
freiheit bedrohten Fiirstentiimer Schweidnitz - Jauer regten 



268 Zweites Buch. Vierter Absclmitt. 

sich jetzt. In diesen ungliicklichen Landschaften , welche 
auszusaugen Wallensteiner, Sachsen, Schweden und Branden- 
burger viele Monate lang gewetteifert hatten, gab es keine 
Stande mehr, die sich hatten versammeln konnen. Die Edel- 
leute hatten auf polnischem Boden eine Zuflucht gesucht; 
hier an der Grenze kamen sie jetzt in Fraustadt zusammen, 
aber zu arm, um einen Gesandten auszuriisten, legten sie in 
riihrendem Schreiben dem Kurfursten ihre Bitte ans Herz, 
sich ihrer als seiner Glaubensbriider anzunehmen. 

In der That hat der Kurfiirst auch selbst lebhaft ge- 
wimscht, dies thun zu konnen; aber die kaiserlichen Ge- 
sandten liefsen in ihren Forderungen den Schlesiern gegen- 
iiber nicht das mindeste nach, sie verscharften vielmehr 
dieselben noch, indera sie die so sehr eingeschrankte Aranestie 
erst noch von einer formlichen Abbitte abhangig machten. 
Selbst die bescheidenen Forderungen, welche er in einer 
besonderen „Notul" zu dem Werke der Friedenspraliminarien 
ei hoben hatte, dafs namlich die den Erbfiirstentumern ange- 
drohte Veranderung des Religionswesens denen erspart bleiben 
mochte, welche strenge Untersuchung als unschuldig an den 
Vergehen dem Kaiser gegeniiber herausstellen wiirde, dafs 
die Landeskanzlei als nicht mit der Hauptmannschaft zu- 
sammen in dem Piandschilling begrifFen, sondern als der Stadt 
Breslau eigentiimlich zustandig, derselben verbleiben, und 
dais endlich die direkte Abbitte in ein schriftliches Ansuchen 
um Vergessenheit fur das Vorgefallene umgewandelt werden 
mochte, fanden keine Berucksichtigung, und der Kurfiirst 
sah es schliefslich als ein hochwillkommenes Auskunftsmittel 
an, die peinliche schlesische Sache fur jetzt ganz fallen zu 
lassen und erst wieder aufzunehmen, wenn im nachsten 
Friihling das jetzige Abkommen zu ratifizieren und als all- 
gemeiner Reichsfriede zu proklamieren sein wiirde. 

Als Johann Georg in dieser Form die ihm peinliche Sorge 
abgeschiittelt hatte, unterzeichnete er bereitwillig am 14. No- 
vember zu Pima die Praliminarien, gliicklich, den den seit 
der Niederlage der Schweden bei Nordlingen doppelt ersehnten 
Frieden erlangt zu haben , der ihm noch dazu ansehnlichen 
Landerwerb, namlich die beiden Lausitzen, wenngleich vor- 
laufig nur in der Form einer Pfandschaft, einbrachte. 

Als die schlesischen Gesandten den Kurfursten am 
24. November ganz besonders aufgeraumt und heiter fanden, 
so dafs er sogar seinen kunstreichen Harfenisten zur Er- 
hohung der Festfreude aufspielen liefs, Avufsten sie nicht, 
was das zu bedeuten habe, und erst bei ihrer Abschieds- 
audienz am 14. Dezember ward ihnen mitgeteilt, der Kur- 



Verhandlungeu zu Pirna, Friede zu Prag. 269 

fiirst habe fur jetzt seine Notul zurtickgezogen , er hoffe 
zuversichtlich ; bei der Ratification des Friedens in einem 
Nebenrezesse die gewiinschten Bewilligungen fur Schlesien 
erlangen zu konnen. Es gelang wirklich, mit dieser Hoff- 
nung die Schlesier ziemlich zu beruhigen, und auch in Breslau 
hielt man es im Grunde fiir unmoglich, dafs der Kurfiirst 
die Schlesier ganz im Stiche lassen konne. Wahrend man 
daher den namentlich von Herzog Heinrich Wenzel warm 
befurworteten Vorschlag, sich demiitig an die Gnade des 
Kaisers zu weuden, unbeachtet liefs, gab man sich grofse 
Miihe klarzustellen, dafs gerade die Handlungen, welche vom 
Kaiser den Schlesiern ganz besonders zum Vorwurfe gemacht 
wurden, von ihnen einzig und allein auf das Drangen des 
sachsischen Oberfeldherrn erfolgt seien. 

Wirklich liefs sich auch Arnim nach einigen Ausfliichten 
herbei, zu bezeugen, dafs er die siichsische Intervention von 
dem Heranziehen der Schweden und Brandenburger abhangig 
gemacht, dafs die eingehaltenen kaiserlichen Einkiinfte zur 
Tilgung von Schulden kaiserlicher Heertiihrer an die Sachsen 
gefordert worden seien, dafs, wenn die Schlesier nicht die 
Munze ausgeiibt hatten, die Schweden solche an sich ge- 
rissen haben wurden, und kurz, dafs er „zu seines Herren 
Nutzen die ehrlichen Leute habe persuadiren, zum Meisten 
aber durch die Waffen zwingen miissen, dariiber sie itzo 
leiden ". 

Ebenso vermochten die Schlesier geltend zu machen, wenn 
es den Kaiser ganz besonders erbittert, und wie dessen Rate 
sagten, „dem Fasse den Boden ausgestofsen " habe, dafs in den 
„Loci communes schlesischer Gravaminum" der Kaiser und 
Konig immer nur ein erzwungener Konig genannt werde, 
die schlesischen Stande an dieser Schrift eines privaten Autors 
auch nicht den kleinsten Anteil batten. 

Natiirlich blieb das alles ganzlich verlorene Miihe. Die 
kaiserlichen Rate batten ihre besondere Form der Betrach- 
tung; sagten sie doch den sachsischen Unterhandlern , der 
Kurfiirst vermoge gar nicht aus dem Dresdener Accorde ein 
Recht der Intervention herzuleiten, denn der dort vorgesehene 
Fall einer Bedrangung der Einwohnerschaft um ihres Glau- 
bens wegen habe nie vorgelegen, die Ubertritte seien Irei- 
willig gewesen , und wollte man bezuglich der Jahre 1627 
bis 1629 (der Zeiten der Lichtensteiner Dragonaden) von 
Zwang reden, so hiefse es doch immer : „auch ein erzwungener 
Wille ist ein Wille (etiam coacta voluntas est voluntas)". 
Was konnte es derartigen Argumentationen gegeniiber helfen, 
wenn die schlesischen Stande dickleibige Ausfiihrungen 



270 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

schrieben und 104 Punkte zusammenstellten , welche ihre 
Beschwerden gegen den Kaiser in Sachen der Religion ent- 
hielten. Die kaiserliclien Rate wufsten sehr wohl, dafs der 
Kurfurst um der Schlesier willen die Friedensverhandlungen 
nicht scheitern lassen werde, und sie wufsten niclit minder 
gut, dafs ihr Herr, dem es eine Gewissenssache schien, seine 
Unterthanen zu dem alten Glauben zuriickzufiihren , soldi 
giinstige Gelegenheit, auf dem Wege der kirchlichen Reak- 
tion wiederum einen gewaltigen Schritt vorwarts zu thun, 
nicht unbenutzt sehen wolle. So blieben sie denn fest bei 
ihren urspriinglichen Forderungen, und es war eigentlich 
die Schulcl der Schlesier, wenn diese noch einige Monate 
hindurch aus dem Schweigen, in das sich der kurfurstliche 
Hof httllte , giinstige Folgerungen fur den Stand ihrer An- 
gelegenheiten zogen. 

Inzwischen hatte nach dem Abfalle Sachsens von dem 
grofsen Bunde der schwedische Kanzler eifrig sich bemtiht, 
wenigstens Brandenburg von dem Beitritte zu dem Separat- 
frieclen abzuhalten, und ganz von selbst richteten sich bei 
dieser Gelegenheit die Blicke wiederum auf Schlesien. Der 
Kanzler erklarte dem Kurfiirsten Georg Wilhelm, die Krone 
Frankreich sei mit ihm darin einverstanden , dafs Branden- 
burg, wenn es dem Bunde treu bleibe, nicht nur die schle- 
sischen Landesteile, auf die es alte Ansprliche habe, namlich 
Jagerndorf und die Anwartschaft auf Liegnitz-Brieg-TVohlau, 
sondern ganz Schlesien haben solle. 

Hatte der Kurfurst zugegriffen und ware ein schwedisch- 
brandenburgisches Heer in Sicht gewesen zu der Zeit, wo 
der Prager Frieden bekannt wurde, die protestantischen 
Schlesier hatten ohne Zweifel in ihrer damaligen Not mit 
hoherem Eifer und grofserer Opferwilligkeit, als sie je Iriiher 
gezeigt, sich ihm in die Arme geworfen; haben die Stande 
doch wiederholt in Beratung gezogen, ob sie nicht die Reste 
schwedischer Besatzungen, die noch in Schlesien standen, in 
ihren Sold nehmen und unter gleichzeitiger Aufbietung der 
eigenen letzten Krafte einen Verzweiflungskampf beginnen 
sollten, doch die vollkommene Aussichtslosigkeit eines mit 
Hilfe dieser versprengten , schlecht disziplinierten schwedi- 
schen Abteilungen zugleich gegen Sachsen und Kaiserliche 
zu fiihrenden Krieges mufste ihnen in die Augen springen. 
Sie haben sogar sich an Polen gewendet, und es mag wohl 
wahr sein, was uns berichtet wird, dafs sie bereit gewesen 
waren, sich selbst der Herrschaft des als sehr tolerant gel- 
tenden Polenkonigs Wladyslaw zu unterwerfen, falls dieser 
ihnen Schutz verheifsen wolle. Der letztere verwandte sich 



Die Schlesier von Sacbsen preisgegeben. 271 

wirklich bei dem Kaiser, wenn auch fruchtlos. Der Kur- 
furst von Brandenburg aber, bei dem Schwarzenbergs Ein- 
flufs damals wieder aufs neue machtig ward, hat an ein so 
kiihnes Unternehmen, wie es ihm hier zugemutet ward, kaum 
ernsthaft gedacht, er trat ja selbst bald dem Prager Frieden 
bei, wenngleich nicht eben leichten Herzens. 

Selbst der Kurflirst von Sachsen hat noch Anfang Mai 
1635 Anwandlungen gehabt, wo er meinte, es moge lieber 
„alles iiber den Haufen gehen", als dafs er von dem Dres- 
dener Accord weiche, und seine Gemahlin hat ihn unter 
Thranen beschworen , standhaft zu bleiben , aber auf der 
andern Seite hat der Landgewinn ebenso sehr gelockt, als 
der Gedanke an eine Erneuerung des Krieges gegen den 
Kaiser geschreckt hat, und so ist denn am 30. Mai auf dem 
Prager Schlosse der Friede unterzeichnet worden. Auch jetzt 
noch haben die kurmrstlichen Gesandten erklart, die Resulution 
Schlesien anlangend vermochten sie nicht mitzuunterzeichnen, 
da ihr Kurfiirst dieser nicht zustimmen konne, sie nahmen 
dieselbe einfach zur Berichterstattung entgegen. Indes ward 
dadurch nur eine kurze Frist gewonnen ; da der Kaiser nicht 
nachgab, blieben doch jene harten Bedingungen bestehen, 
weiche die kaiserlichen Gesandten von vornherein aufgestellt 
batten, und unter denen der schlimmste der war, dais der 
Kaiser zwar den Schlesiern Verzeihung gewahren wolle mit 
Ausschlufs allein derjenigen seiner Erbunterthanen, weiche 
sich nachweislich in diesem Kriege gegen seine Majestat 
batten brauchen lassen, oder die sich „des Friedlandischen 
Tradiments" teilhaftig gemacht (dies eine offenbar auf den 
damals noch nicht verurteilten Grafen Schaffgotsch gemiinzte 
Klausel), im iibrigen ebenso wie den katholischen Fiirsten 
und Standen fur deren Lande, so auch sich fur seine Erb- 
fiirstentumer (es waren dies die Fiirstentiimer Glogau, Sagan, 
Schweidnitz-Jauer, Miinsterberg, Breslau, dieses mit Ausnahme 
der Landeshauptstadt) eine Anderung mit der Religion vor- 
behalten mtisse, in welchem Falle denen, die sich nicht zum 
Ubertritte bequemen wollten, eine Frist von drei Jahren zur 
Veraufserung ihrer Habe und Auswanderung freistehen 
solle. 

Sonst erhielten die an dem Bunde gegen den Kaiser be- 
teiligt gewesenen Fiirsten und die Stadt Breslau gegen Ab- 
bitte Amnestie und Sicherung ihrer Religionsfreiheit, die 
Standesherren nicht. Breslau biifste die ihr verpiandete 
Hauptmannschaft iiber das Fiirstentum ohne Anspruch auf 
die Pfandsumme ein. Nur 14 Tage nach Publikation des 
Friedens ward den betreffenden Standen zur Erbittung des 



272 Zweites Buch. Vierter Abschuitt. 

Pardons Frist gegeben, nach deren Ablauf der Kaiser an 
nichts mehr gebunden sein wollte. 

Natiirlich fehlte es jetzt auf beiden Seiten nicht an bittern 
Worten. Der kursachsische Rat Timaus sagte den schlesi- 
schen Gesandten, es sei eine unbillige Forderung, dafs der 
Dresdener Accord auf Kosten des Verteidigers, nicht der zu 
Verteidigenden hatte aufrecht erhalten werden sollten. Die 
Schlesier aber batten wiederholt erklart, dazu weder Krafte 
noch Mittel zu besitzen. Diese aber mochten wohl daran 
erinnern, wie ihnen 1632 der sachsische Schutz ohne vor- 
herige Verhandlungen entgegengetragen und angeboten wor- 
den sei, jetzt freilich sahen sie ein, wie viel besser es ge- 
wesen ware, „dafs kein Mann von diesem Succurs ins Land 
gekommen ware, ja es wiirde den evangelischen bedrangten 
Fiirsten und Standen viel leichter und ertraglicher gefallen 
sein, von den Religionsfeinden noch ferner, so lange es Gott 
verhangen hatte, alles Ungemach zu gewarten und auszu- 
stehen als von ihren Freunden und Glaubensgenossen sub 
praetextu des evangelischen Wesens dahin veranlafst, ge- 
drungen und gezwungen zu sein, woriiber sie auch nunraehr 
an Ehren, Reputation und gutem Namen nicht wenig ge- 
kranket werden wollen". 

Und noch Scharferes legte der Schmerz der Enttauschung 
den Gesandten auf die Lippen, der Kaiser selbst babe er- 
klart, nichts von dem Kurfiirsten fordern zu wollen, was 
wider dessen Ehre sei, was derselbe aber jetzt den Schle- 
siern auferlegen lasse, das streite wider seine Ehre. 

Dieser Ansicht war auch Arnim, der bis zum letzten 
Augenblicke der Preisgebung der Schlesier entgegenzuarbeiten 
sich beraiiht hatte. Er sandte dem Kurfiirsten seinen Degen 
zuriick : „ ich kann mit keinem guten Herzen mehr dienen", 
schrieb er einem Freunde unter schweren Klagen iiber die 
Preisgebung der Schlesier. Anders dachten die sachsischen 
Befehlshaber in Schlesien, welche keinerlei Bedenken trugen, 
jetzt nachtraglich noch mehrfache Liquidationen aufzustellen 
und sich irgend welche Erfolge, die sie den Kaiserlichen 
gegeniiber errungen, noch besonders bezahlen zu lassen von 
den Schlesiern, die eben jetzt die Erspriefslichkeit dieser 
Erfolge so recht wiirdigen gelernt hatten. Entblodete doch 
sich der Kurfiirst selbst nicht, nachdem er schon die Pirnaer 
Artikel unterzeichnet hatte, noch zwei sachsische Regimenter 
nach Schlesien zu schicken, um auch diese noch von seinen 
ihm so wenig zu Danke verpflichteten Bundesgenossen 
verpflegen zu lassen, wo sie dann oft genug dazu griffen, 
mit Gewalt dem erschopften Lande ihren Bedarf abzupressen. 



Der Friede zu Dresden. 273 

Dafs diese Einquartierungen nach dera Bekanntwerden 
des Friedens doppelt lastig erschienen, wird man begreiflich 
iinden ; um so sprechender ist da die Thatsache , dafs, 
als die siichsischen Garnisonen endlich Miene machten abzu- 
ziehen, allgemeines Jammern entstand, denn furchtbarer als 
alles, was man bisher durchgemacht, schien das ; was jetzt 
kommen wiirde ; die Schlesier hatten gelernt, von den Trup- 
pen ihres Landesherrn das Allerschlimmste zu fiirchten. 

Die Unterwerfung der Herzoge und der Stadt Breslau 
ist dann im September 1635 vor sich gegangen, nicht ohne 
dafs namentlich von den ersteren der Versuch gemacht wor- 
den ware, sich dem eigentlichen Schuldbekenntnis zu ent- 
ziehen und gewisse Klauseln und Bedingungen einzuschmug- 
geln, wahrend der Kaiser streng an dem Wortlaute des 
Friedensrezesses festhielt. Dagegen durfte der Umstand, dafs 
Ferdinand die Landeshauptmannschaft dem schwachen, aber 
wohlmeinenden Herzog Heinrich Wenzel von Bernstadt liefs, 
dem er ja uberhaupt wegen seiner unwandelbaren Treue 
alle Privilegien ohne jede Bedingung bestatigt hatte, in ver- 
sohnlichem Sinne gedeutet werden; und im allgemeinen wird 
man anerkennen miissen, dafs der Kaiser nicht ohne Mafsi- 
gung verfahren ist, namentlich wenn man erwagt, dafs bei 
der damaligen Ohnmacht der Schlesier er ihnen noch ungleich 
hartere Bedingungen hatte auferlegen konnen. 

Allerdings lallt es schwer, von einer Mafsigung des Kai- 
sers zu sprechen, wenn man daran denkt, wie furchtbar 
schweres Leid die unduldsame Verblendung dieses Herr- 
schers, der alien seinen Unterthanen sein religioses Bekennt- 
nis aufzuzwingen sich fur verpnichtet hielt, iiber die Schle- 
sier gebracht. 

Fiir diese aber schliefst mit dem Prager Frieden die 
Periode ab, in der sie selbst in gewisser Weise an dem 
grofsen Religionskriege teilgenommen haben, in der Absicht, 
sich voile Freiheit ihres Glaubens zu erkampfen. 

Nicht eben riihmlich war diese Zeit fur sie gewesen. 
Man wird sagen miissen: hatte die Generation, welche einst 
die Greuel und Frevel der Lichtensteiner iiber sich hatte 
ergehen lassen, bei der ersten dargebotenen Gelegenheit sich 
wie ein Mann erhoben, fest entschlossen, die Herrschaft 
eines Fiirsten, der solches seinen Unterthanen zu bieten 
gewagt, nicht langer zu dulden, wer hatte sie tadeln 
mogen , ob sie nun siegten oder unterlagen ? Aber sehr 
anders hatten sich die Dinge entwickelt. Als die Fortschritte 
der schwedischen "VYaffen der evangelischen Sache neue 
Hoffnungen erweckten, da hat der grofse Moment hier ein 

GriinliaL'd], CJesch. Sclilesiens. II. 18 



274 Zweites Buch. Vierter Abschnitt. 

recht Heines Geschlecht gefunden. Von einer einmiitigen 
Erheocng ist kerne Rede gewesen; obne in festem Aneinander- 
schliefsen die Kraft zu selbstandiger Wahrung ihrer Inter- 
essen zu finden, scheinen Fiirsten und Stande dieselben ganz 
fremder Hilfe tiberlassen zu wollen, und dem Drangen der 
Schutzmacbte weicben die einzelnen nur widerwillig und 
zogernd, in der Vereinzelung doppelt vor Opfern und Risi- 
kos bangend. 

In kleinen wiederbolt sich hier das Schauspiel, das die 
protestantischen Reichsstande wiibrend des grofsen Krieges 
uns darbieten; nachdem man die Zeit vorlibergeben lassen, 
wo man mit kleineren Opfern und geringerer Gefahr die 
eigene Stellung wahren und die Sache, die man verfecbten 
wollte, batte stiitzen konnen, wird man willenlos von fremder 
Willkiir zu unverhaltnismalsig schwereren Opfern gezwungen. 

Zu der eigenen Verschuldung war eine widrige Ver- 
kettung der Umstande gekommen, vmd hier wie dort ward 
es verhangnisvolb dafs den in ihrer Zersplitterung Ohnmach- 
tigen beharrlicb ein Haupt versagt blieb, eine Personlichkeit, 
hochgestellt und bochgeartet genug, urn eine fuhrende Rolle 
zu spielen, und in der eigenen Grofse die Kraft zu finden, 
Getrenntes zu einigen 7 Widerstrebendes mit sich fortzureifsen. 

Jetzt hatte sich fur die Schlesier das Scbicksal erfullt. 
Der ihnen aufgezwungene Frieden war die schwerste Nieder- 
lage, die ihnen batte bereitet werden konnen. Die Fiirsten 
und Stande waren tief gedemiitigt, voll Groll gegen den 
Bundesgenossen, der sie preisgegeben, und dabei von ihrem 
Landesherrn auf das Schlimmste gefafst, vollstandig gebrocben 
und mutlos 7 das Land aus unzahligen Wunden blutend ; die 
Einwohnerscbaft durch den Krieg verarmt und ruiniert und 
in dumpier Verzweif lung neuen Scbrecknissen entgegensehend, 
nachdem der Verlust des letzten Gutes, das ihnen der Krieg 
nocb gelassen, ihres Glaubens, dem einen Teile bereits be- 
stimmt angekiindigt worden war, von dem andern bei der 
ersten besten Gelegcnbeit gefiirchtct ward. 



275 



Fiinfter Abschnitt. 

Tom Prager Ms zum Westfalischen Frieden. Ferdi- 
nand III. 1637—1657. Neue Kriegsnote ron 1639 an. 
Torstenson in Sclilesien 1642 — 1615. Der Ausgang 

des Krieges. 



Von den schlesischen Fiirsten war dem Herzog Karl 
Friedrich von Ols durch seinen Bruder Heinrich Wenzel 
der Riickweg zum Kaiser nach Moglickkeit geebnet worden. 
Schwerer fanden denselben die beiden piastischen Briider 
von Liegnitz - Brieg , Georg Rudolf und Johann Christian, 
zwei edel geartete Fiirsten , wenngleich allzuweicben Stoffes 
fiir die eiserne Zeit. Beide hatten die ganze furcbtbare 
Zeit von 1618 an mit alien ihren Noten und Enttauscbungen 
durchgemacht, nur auf einige Monate 1633 vor der Pest 
nach Thorn entfliehend; Georg Rudolf hatte Jahre lang als 
Oberlandeshauptmann die Leitung der schlesischen Angelegen- 
heiten in der Hand gehabt, Johann Christian hatte jetzt zu- 
letzt 1634 das Haupt des verspiiteten Zusaramenschlusses 
der schlesischen evangelischen IStande abgegeben, und an 
dem redlichen Willen beider, an ihrem Eifer fiir die Sache 
ihrer Glaubensbriider hat es nicht gelegen, wenn jetzt alles 
in einer schweren Niederlage endete, deren Schmach ihr 
protestantisches Herz ebenso bitter empfand wie ihr Fiirsten- 
stolz. Vor der kaiserlichen Friedenskommission mufste in 
der kaiserlichen Burg zu Breslau Georg Rudolf erscheinen 
und ein erneutes Handgelobnis kiinftiger unverbriichlicher 
Treue ablegen, worauf er sogleich das Haus und die Stadt 
wieder verliefs, zum Arger der Kommissare ihrer Einladung 
zur Feier des Friedens sich entziehend. Der Brieger Herzog 
war bereits im Anfange des Jahres aus Schlesien nach 
Osterode in Preufsen gegangen, welchen Ort er als Pfand- 
schaft von dem brandenburgischen Kurfiirsten besafs. Das 
kommende Schrecknis ; was abzuwehren nicht in seiner Macht 
stand, mochte er nicht mit ansehen. Nun konnte er die 
weite Entfernung und Korperschwache geltend machen, urn 
des demiitigenden neuen Gelobnisses iiberhoben zu bleiben, 
das sein Sohn Georg fiir ihn leistete. 

Dieser hat auch bis zu des Vaters Tode 1639 als dessen 
Statthalter in Brieg gewaltet: den alten Herzog hielt von 

18* 



276 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

seiner Residenz schon die unerwiinschte kaiserliche Garnison 
fern, die seit dem Prager Frieden in die festen Stadte der 
Herzogtiimer eingezogen war, wie denn auch Georg Rudolf 
aus dem gleichen Grunde nur sehr voriibergehend einmal 
seine Liegnitzer Residenz besuchte. 

Auch Breslau hatte nur mit grofser Anstrengung die 
Einnahme einer kaiserlichen Besatzung abwenden konnen 
gegen die Zusage, dafs die geworbene Stadt -Guardia dem 
Kaiser schworen solle. Es waren dies vier Compagnien 
oder Fiihnlein in der Gesamtstarke von etwa 1000 Mann, 
welche fur gewohnlich den Wachdienst leisteten, wahrend 
fur den Kriegsfall nabe an 5000 „gemusterte" und waffen- 
geiibte Burger zur Verteidigung der Stadt bereit standen. 
Nachdem die letzteren bei der allgeraeinen Verpflicbtung 
der Biirgerschaft im Oktober 1635 bereits ihre Eide dem 
Kaiser geleistet, ging man am 31. Januar des Jahres 1636 
daran, nun aucb jene Stadt-Miliz schworen zu lassen, stiefs 
jedoch bei den letzten zwei Fahnlein, dem weifsen und 
dem roten, auf unerwarteten Widerstand. Unter den Leuten 
herrschte die Befiirchtung, sie wurden, einmal dem Kaiser 
verpflichtet, so gut wie dessen andere Kriegsleute ins Feld 
gefuhrt werden, und es verlautete, sie wurden bereits in 
Glogau erwartet. So widerstrebten sie denn dem Eide und 
rissen auch die andern beiden Compagnien, welche sich an- 
fanglich gefiigt hatten, mit sich fort. Bald erfiillt arger 
Tumult die Stadt, unter fortwahrendem, wenn auch blindem 
Schiefsen durchziehen die Soldaten, allerdings ohne ihre 
Hauptleute, die Strafsen, pli'mdern gelegentlich auch wohl 
einen Backerladen uud erwahlen sich zum Mittelpunkte den 
Salzring (den heutigen Blucherplatz), dessen Zugange sie 
besetzen, und wo eine in dessen Mitte von der Pestzeit her 
noch stehen gebliebene bretterne Hiitte ihr Hauptquartier 
bildet. Jetzt weigern alle den Eid und verlangen sogar, 
dafs die beiden Compagnien, welche bereits geschworen hatten, 
durch Schwenkung der Fahnen liber ihnen des Eides wie- 
derum entlassen wurden; eine Zeit lang halten sie das Rat- 
haus blokiert, wobei dann mannigfaltige Exzesse veriibt 
werden. 

Der Rat, dem es vor allem am Herzen lag, die schon 
angetragene Intervention kaiserlichen Militars von Ohlau her 
abzuwenden, ging scheinbar auf alle Forderungen ein, ver- 
sprach alien Auszahlung des riickstandigen Soldes und dankte 
die Milizen unter Entbindung von alien Eiden vollstandig 
ab. Wer sich dann von neuem anwerben lassen wollte, 
mufste der Eidesleistung auch fur den Kaiser gewartig sein. 



Meuterei der Breslauer Stadtsoldaten 1636. 277 

Diese Mafsregel hatte die beste Wirkung, infolge der Ab- 
dankung horte die bisherige Einmiitigkeit der Meuterer auf, 
welche die grofste Gefahr gewesen war, und als in jenen 
Tagen ein kaiserlicher Werbeoffizier, der die Gelegenheit 
fur sich hatte ausnutzen wollen, erschlagen ward, wiinschten 
doch viele zu zeigen, dafs sie an der Blutschuld keinen Teil 
batten. Nun fafsten sich auch die Burger wieder ein Herz, 
griffen zu den Waffen und halfen die Ordnung wiederher- 
stellen; man verhaftete die Radelsfuhrer, von denen 13 dann 
mit dem Leben biifsen mufsten. Am 16. April leisteten die 
neu geworbenen Mannschaften den fruher verweigerten Eid, 
und so endete dieser Tumult, der also doch langer als zwei 
Monate die Stadt in Angst und Gefahr versetzt hatte. 

War es der Stadt Breslau gelungen, das wichtige und 
hochgeschatzte jus praesidii, das Recht eigener Besatzung 
glucklich durch jene drang voile Zeit zu retten, so war da- 
gegen der Verlust der Hauptmannschaft liber das Fiirsten- 
tum Breslau, welche der Rat seit den Zeiten Kaiser Karls IV. 
fast ununterbrocken ausgeiibt hatte, nicht abzuwenden ge- 
wesen. Die Folgen hiervon lagen keineswegs blofs in der 
Minderung des Ansehens der stadtischen Behorden, sondern 
es wurden die eigenen Interessen der Biirgerschaft sehr we- 
sentlich davon betroffen, dafs fortan die Hand des Rates 
nicht mehr bis an die Grenzen des FiArstentums reichte und 
derselbe z. B. die Sicherheit und Instandhaltung der Strafsen 
im Interesse des Breslauer Handels nicht mehr selbst iiber- 
wachen und kontrollieren durfte. 

Aber noch ernstere Konsequenzen kniipften sich hieran. 
Wenn fortan statt des Biirgermeisters von Breslau ein kaiser- 
licher Rat als Hauptmann das Fiirstentum regierte, so schien 
auch die Hauptstadt dieses Gebietes sich diesem unterordnen 
,zu mussen, der damit der thatsachliche Regent der Stadt 
geworden ware. Natiirlich stemmte sich der Rat mit alien 
Kraften dagegen, und nach langen Verhandlungen liefs sich 
endlich Kaiser Ferdinand HI. bewegen, nachdem die Stadt 
ihm dafiir 30 000 Thaler bar und ebenso viel noch durch 
Erlafs fruherer Schuldforderungen bewilligt hatte, derselben 
die vollstandige Exemtion von der Gewalt des Hauptmanns in 
politischen, militarischen und Justizsachen zu gewahren (1639). 

Eine weitere Frage betraf die kiinftige Stellung Breslaus 
in der Versammlung der Fiirsten und iStande, wo bisher 
der Rat in der Kurie der Erbfurstentumer das Fiirstentum 
Breslau vertreten hatte. Es mochte wohl allgemein einleuch- 
ten, dafs man eine Stadt von der Bedeutung Breslaus nicht 
gut von jetzt an darauf anweisen konne , sich in der 



278 Zweites Buch. Funfter Abschnitt. 

Stadtekurie mit Neumarkt und Namslau liber ihre Ver- 
tretung auseinanderzusetzen, und man beschlofs daher bereits 
1636 auf einem Fiirstentage, fiir die Landeshauptstadt in 
der Kurie der Erbfiirstentumer eine neue Sonderstimme zu 
schaffen, was dann auch der Kaiser 1637 bestatigt. 

Die so noch gewonnenen Resultate haben es aber nun 
doch nicht hindern konnen, dafs auch Breslau die Folgen 
des Sieges der landesherrlichen Gewalt, welche der Prager 
Frieden besiegelte, vielfach zu empfinden hatte. Wir konnen 
uns der Beobachtung nicht verschliefsen, dafs von da an die 
ganze Physiognomie der Stadt sich allmahlich verandert und 
ein mehr kaiserliches Geprage erhalt, das von der bisherigen 
fast reichsstadtischen Selbstiindigkeit sehr absticht. Neben 
die in die Zeit Ferdinands I. zuriickreichende kaiserliche 
Kammer war das 1630 aus einer standischen in eine landes- 
herrliche Behorde umgewandelte Oberamt getreten, jetzt kam 
dazu die kaiserliche Hauptmannschai't, d. h. die Regierung 
iiber das Furstentum. Allmahlich folgten weitere Behorden, 
Zoll- und Steuer-, Post- und Kommerzienamter, sie alle mit 
einer grofseren Zahl von Raten, die fast samtlich adeliger 
Herkunft waren. Ihnen kam das erhohte Ansehen zugute, 
das gerade damals mehr als friiher alle Organe des Landes- 
herrn umgab, und das sie dann auch geltend zu machen 
wufsten, nicht minder auch die dem Adel so besonders giin- 
stige Zeitstromung. Um die Gunst dieser adeligen Rate 
buhlten die schlesischen Edelleute, vor allem die des Fiirsten- 
tums Breslau, welche die Wegnahme der Hauptmannschaft 
mit Freuden begriifst hatten, insofern sie dadurch der ihnen 
despektierlich diinkenden Abhangigkeit von dem Rate zu 
Breslau enthoben wurden. Unvermeidlich ward durch diese 
Verhaltnisse das Ansehen des Breslauer Rates, der einst 
nicht nur in der Stadt sondern in der ganzen Provinz so 
stolz und machtig dagestanden hatte, mehr und mehr herab- 
gedriickt. Bald begannen die Patrizierfamilien, namentlich 
die, welche Grundbesitz auf dem Lande hatten, nach Adels- 
diplomen zu trachten. Der Rat hat endlich 1656 das 
bisher verponte Fiihren von Adelspradikaten selbst zuge- 
lassen. Der Zug der Zeit war machtiger als die so nahe 
liegende Erwagung, dafs diese Nobilitierungssucht die Patrizier 
dem biirgerlichen Leben entfremden und das Buhlen um 
Hofgunst die Unabhangigkeit des Charakters gefahrden miisse. 
Es waren eben Zeichen der Zeit, die ja allerorten ein Herab- 
gehen des Biirgertums gleichzeitig mit einem Emporkommen 
des Adels und einer Steigerung seiner Vorrechte und An- 
spriiche uns wahrnehmen lafst. 



Die Lage der Dinge nach dem Frieden. 279 

Was Breslau anbetraf, so kara hier noch ein anderes 
Moment in Betracht. Diese Stadt war die eigentliche Hoch- 
burg des Protestantismus, jetzt ward sie fur dieses Bekennt- 
nis die letzte eigentliche Zufluchtsstatte innerhalb der Erb- 
fiirstentumer von dem Augenblicke an, wo der Kaiser die 
bereits offen angekiindigte Absickt, hier die katholische Kon- 
fession allein zur Herrschaft zu bringen, ausftihren wurde. 
Von welcher Bedeutung mufste es nun werden, dafs jetzt in 
dieser Stadt ein von Jahr zu Jahr immer wachsendes Heer 
von fafst ausschliefslich katholischen Beamten wirkte, dar- 
unter die Spitzen der Provinzialbehorden, welche das Gewicht 
eines unter den gegebenen Verhaltnissen noch besonders er- 
hohten Ansehens flir sich in die Wagschale werfen konnten 
und dasselbe zugunsten ihres Bekenntnisses nach Moglichkeit 
geltend zu machen den bekannten Intentionen des Kaisers ent- 
sprechend gern bereit waren! Unter ihrem Schutze regte 
die katholische Geistlichkeit mit ihrem nea entflammten Eifer 
sich bald machtig, die allzeit bereiten Streiter des Katholi- 
cismus, die Jesuiten, spahten bereits langst nach einem 
Pfortchen, durch das sie Eingang finden konnten; die ver- 
schiedenen Kloster in der Stadt, welche bisher sich moglichst 
wenig bemerkbar zu machen fur gut gehalten hatten, spannen 
mit neu gewonnenem Selbstbewulstsein ihre Faden unter der 
Bevolkerung an und lockten durch Almosen und unentgelt- 
lichen Unterricht. Und dem gegenuber die argwohnische 
aufgeregte Biirgerschaft und der eingeschiichterte Rat. Hier 
lagen reiche Keime innerer Zwistigkeiten. 

In den Stadten der Erbfurstentiimer, wo einst die Lichten- 
steiner ihr verderbliches Werk getrieben, hatten wahrend der 
Kriegszeiten Pfarrer und haufig auch Magistrate mit den Be- 
satzungen gewechselt, waren evangelisch gewesen, wenn Schwe- 
den oder Sachsen innerhalb der Mauern geboten, um dann ka- 
tholischen Platz zu machen, wenn kaiserliche Truppen ein- 
zogen. Da jedoch diese letzteren nur durch direkten aufseren 
Zwang gehalten werden konnten und solchen auszuiiben 
selbst die kaiserlichen Offiziere nicht immer Neigung zeigten 
oder Zeit fanden, so war im Grofsen und Ganzen die Be- 
kehrung der Lichtensteiner hier ein wenig in Vergessenheit 
gekommen, bis jetzt nach dem Frieden der Landeshauptmann 
von Bibran, dem das Alter nichts von seinem kirchlichen 
Eifer genommen, wieder eifrig vorging und eine sogenannte 
Schlusselkommission einsetzte, welche in den Stadten die 
protestantischen Kirchen in Besitz nehmen sollte, wahrend 
gleichzeitig auch die katholischen Magistrate zuruckgefiihrt 
wurden. Vergebens wandten sich die Schweidnitzer an das 



280 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

Oberamt, man moge ihnen doch „nur ein Ortlein in der 
Stadt gnadigst vergonnen, darinnen wir mit unsern Seel- 
sorgern zusammenkommen und fur Ihre Kgl. Maj. wie auch 
des glorwiirdigsten Hauses von Osterreich prosperirende 
Successus bitten und Gott loben konnen". Doch nicht uberall 
ward Bibrans Anordnungen gehorsamt; man machte den 
Ein wand, dafs er keine Instruktion von dem Kaiser vor- 
weisen konne, und die Furstentiimer Schweidnitz-Jauer be- 
schlossen den Versuch zu machen, ob sie nicht bei Gelegen- 
heit des Regierungswechsels, den die Krankheit Kaiser Fer- 
dinands II. voraussehen liefs, eine ihren Wiinschen giinstigere 
Entscheidung herbeifiihren konnten. Eine von ihnen im 
Dezember 1636 abgeschickte Deputation, an deren Spitze 
ein Vorfahr der jetzigen Filrsten von Plefs, Hans Heinrich 
von Hochberg, stand, suchte den kiinftigen Landesherrn, den 
bereits zum romischen Konig erwahlten Prinzen Ferdinand 
in Regensburg auf. Dieselbe sollte dem kiinftigen Landes- 
herrn Gliickwiinsche zu seiner neu erlangten Wtirde als 
romischer Konig darbringen, doch gleichzeitig auch darlegen, 
wie verschwindend klein in alien Stadten der Fiirstentiimer 
Schweidnitz-Jauer die Zahl der Katholiken sei (nach den 
Berechnungen Czepkos vom Jahre 1645, die, wo wir es 
kontrollieren konnen, in den Angaben der Magistrate ihre 
Bestatigung finden, ergaben sich in alien Stadten zusammen 
nur 115 miinnliche Einwohner, die Klostergeistlichkeit nicht 
mitgerechnet), und dafs deshalb eine Zulassung des Bekennt- 
nisses, zu dem sich trotz aller Verfolgungen immer noch die 
iiberwiegende Mehrzahl aller Einwohner bekenne, eine For- 
derung der Gerechtigkeit sei. Aber die Deputation land 
zwar bei einer Audienz am 11. Januar wohlwollende Auf- 
nahme, erhielt auch die Versicherung des Schutzes ihrer 
Privilegien, jedoch inbezug auf die Religion liefs Ferdinand 
erklaren, es liige eine ganzliche Wegnahme der evangelischen 
Kirchen nicht in seiner Absicht, er verlange nur, dafs hier 
alles in dem Zustande bleibe, wie er 1631 gewesen. Es 
war das der Zustand, welchen die Gewaltthaten der Lichten- 
steiner geschaffen, die Entscheidung bedeutete also fur die 
schlesischen Protestanten die Ausschliefsung des protestan- 
tischen Bekenntnisses aus alien Stadten der Erbfiirstentumer, 
wahrend fur die Kirchen auf dem platten Lande noch eine 
unbestimmte Frist in Aussicht gestellt war. 

Der schriftliche Bescheid war vom 12. Februar 1637 
datiert; drei Tage spiiter starb Kaiser Ferdinand II., das 
Reich seinem Sohne iiberlassend, der dann als Kaiser Ferdi- 
nand III. bis 1657 regiert hat. Er hat nie Schlesien be- 



Regierungsantritt Kaiser Ferdinands III. 281 

treten; die Zeiten waren nicht dazu angethan, dafs die schle- 
sischen Stande ihr altes Privileg, nur in Breslau respektive 
Schweidnitz zu huldigen, energisch hatten geltend machen 
wollen. Dafs er in dem Punkte, worauf hier das meiste 
ankam, in der Frage religioser Duldsamkeit, die Gesinnungen 
seines Vaters geerbt hatte, zeigt znr Geniige die eben er- 
wahnte Entscheidung, und die Erfahrungen nach dieser Seite 
blieben nicht ans. 

Als 1637 iiber den verhafsten Landeshauptmann von 
Schweidnitz-Jauer, Freiherrn von Bibran, die Amtsentsetzung 
wegen Unregelmafsigkeiten in der finanziellen Verwaltung 
ausgesprochen ward, war die Freude der Einwohner grofs, 
die wenig darauf gefafst waren, dafs noch schlimmere Zeiten 
folgen konnten. Umnittelbar nach dem Regierungsantritte 
Ferdinands III. priisentierte ein kaiserlicher Komniissar, 
Graf Arbogast von Annaberg, den nach Jauer zusanimen- 
gerufenen Standen der Fiirstentiimer als ihren neuen Landes- 
hauptmann den Herrn von Starhemberg (seit 1643 Graf). 
Mit vollem Rechte widersprachen die Stande der Ernennung 
als im Widerspruche stehend mit einem ihrer alten immer 
auts neue bestatigten Privilegien, welches die Wahlbarkeit 
zu dieser Wiirde aut die Landsassen der Fiirstentiimer be- 
schrankte. Natiirlich. ward auf diesen Widerspruch keine 
Rucksicht genommen, und der erwahnte kaiserliche Kom- 
missar benutzte nun seine Vollmacht, um die kirchliche Re- 
aktion in den Stadten namentlich des Fiirstentums Jauer, 
wo man den Anordnungen Bibrans noch nicht nachgekom- 
men war, zur Geltung zu bringen. 

Die Durchfuhrung des sogenannten Religionsstatutes, 
welches nach den gewaltsamen Bekehrungen der Lichten- 
steiner die ausschliefsliche Herrschaft des Katholicismus in 
den Stadten dieser Fiirstentumer hatte besiegeln sollen, er- 
folgte durch ihn mit grofser Harte. Nicht nur dafs die 
. evangelischen Kirchen geschlossen, die evangelischen Prediger 
vertrieben und die Stadtverwaltung in die Hande von Katho- 
liken gelegt wurde unter Beibehaltung zweier protestantischer 
Mitglieder, ,,der Beikatholischen ", wie solche in den Bunz- 
lauer Aufzeichnungen genannt zu werden pflegen. Die 
Burger wurden auch z. B. in Lowenberg und Bunzlau direkt 
mit Landesverweisung bedroht, wenn sie sich nicht einer 
regelmafsigen Teilnahme an dem katholischen sonntiiglichen 
Gottesdienste befleifsigten , des Sonntags wurden die Stadt- 
thore geschlossen gehalten, um die Biirgerschaft am Besuch 
einer evangelischen Kirche auf dem Lande zu hindern, der 
Unterricht der Kinder in katholischen Schulen ward erzwimgen, 



282 Zweites Buch. Funfter Abschnitt. 

die Ablieferung der protestantischen Biicher bei Strafe ge- 
fordert. Militarischer Beistand mufste nachhelfen, wo die 
Befehle nicht piinktlicli genug befolgt wurden. 

Es waren neue Saaten, die wiederum verderblich auf- 
gegangen sind. Die Ausrottung des Protestantisraus haben 
diese von unduldsamem Eifer diktierten Mafsregeln nicht 
herbeizufiihren vermocht, wohl aber haben sie die ungluck- 
lichen Bewohner dieser Stadte, wie z. B. Lowenberg und 
Hirschberg, noch einmal den Schweden in die Arme ge- 
trieben und den Ruin dieser Stadte besiegelt. 

Neue Kriegsnote von 1639 an. 

Wenn man die Hoffnung gehegt hatte, der Separatfrieden, 
den Sachsen und in weiterer Folge auch Brandenburg mit 
dem Kaiser schlossen, werde dem Kriege ein Ende machen, 
so hatte sich diese Hoffnung keineswegs erfullt. Schweden 
land durch den engeren Anschlufs an Frankreich vollauf 
die Mittel, den Krieg iortzusetzen. Eine Weile drang nach 
Schlesien nur von fern her der Larm des Krieges, aber so 
sehr die so schwer heimgesuchten Schlesier sich nach einem 
dauerhaften Frieden sehnten, so war es dock kein Wunder, 
wenn gegeniiber dem Wiederbeginne der religiosen Be- 
driickungen man vielfach, namentlich in den Stadten, eifrig 
nach Nachrichten von dem Kriegstheater ausschaute, fort 
und fort in der stillen Hoffnung, ein vollkommener Sieg der 
Schweden konne ihre klagliche Lage andern und dem schlim- 
meren, das ihnen angedroht war, vorbeugen. Vielfach wur- 
den da die Flugblatter verbreitet, welche der Breslauer 
Buchdrucker Georg Baumann nachdruckte, bis 1638/39 der 
Kaiser gegen diese „ feindseligen Zeitungen" mit grofser 
Strenge einschritt und Baumann ebenso wie den „Zeitungs- 
kramer" Jenisch mit Prozessen wegen Majestatsbeleidigung 
bedrohte, welche die Fiirbitte des Breslauer Rates nur mit 
Miihe abzuwenden vermochte. 

Im Jahre 1638 fiirchtete man einen neuen Einbruch des 
Bannerschen Heeres in Schlesien, und die Fiirsten und Stande 
wurden durch die wenig erfreuliche Ankiindigung iiberrascht, 
der Kaiser sehe sich zu seinem Bedauern genotigt, seinem 
friiheren Versprechen entgegen, zur Sicherung des Landes 
12 Regimenter hierher zu senden, deren Verpflegung zu be- 
schaffen sein wiirde. 

Der Angriff Banners richtete sich nun allerdings nicht 
nach Schlesien, sondern nach Bohmen, doch erfolgten von 
hier aus Einfalle von Streifpartien in Schlesien auf der ganzen 



Erneute Kriegsnote 1639. 283 

Linie des Gebirges von der Lausitz an bis in das raahrische 
Gesenke. Bereits im Mai 1639 erschrecken Trupps schwe- 
discher Reiter das Landvolk der Schonauer Gegend. Anfang 
Juni verscheuchen solche den Prediger von Merkelsdoi'f fort. 
Am 27. Juni pliindern Abteilungen derselben Reinerz und 
Lewin und brandschatzen angeblich 4000 Mann stark (zur 
Halfte Polen, die friiher dem Kaiser gedient, nun sich aber 
von den Schweden anwerben lassen) die Grafschaft, um 
dann, vor Glatz selbst zuriickgewiesen, am 4. Juli durch den 
Warthapafs in das eigentliche Schlesien einzudringen. Hier 
riicken sie dann auf dem rechten Neifseufer vor und er- 
obern nacheinander die bischoflichen Schlosser Ottmachau, 
Johannesberg, Friedberg, wahrend die Stadte Patschkau und 
Neifse Widerstand leisten. Von Johannesberg steigt dann 
ein Teil iiber das Gebirge nach Landeck, um von da aus 
Habelschwerdt und den siidlichen Teil der Grafschaft heim- 
zusuchen. Aber audi der Rest zieht nach einem verlust- 
vollen Gefechte zwischen Weifsbach und Jauernik durch 
die Grafschaft nach Bohmen zuriick (15. Juli 1639). 

Ungleich ernsthafter gestalteten sich aber die weiter nach 
Westen hin erfolgten Einfalle. 

Gegen Ende Juni pliindern die Schweden im westlichen 
Teile des Hirschberger Thales, so dafs die Landbewohner 
hier und selbst aus dem entlegeneren Kauffung iiber den 
Bober in den Bolzenwald fliichten ; d. h. wohl den Wald, 
aus dem noch heute die Triimmer des Bolzenschlosses sich 
erheben, um dort mehrere Monate lang sich versteckt zu 
halten. Es war damals bereits die Zeit gekommen, wo die 
gemifshandelten Einwohner vor einem Trupp von Kriegs- 
leuten, gleichviel welche Farben sie strugen, in die Walder 
entwichen, um dort in Hohlen oder Blockhausern das jammer- 
liche Dasein zu fristen, welches draufsen die mehr und mehr 
verwildernde Soldateska stiindlich bedrohte. Die Bewohner 
von Schmiedeberg hatten fiir solchen Fall sich hoch im Ge- 
birge am Ochsenberge (auf die Grenzbauden zu) die soge- 
nannten Buschhauser erbaut, deren Statte man noch heute 
kennt, und dafs sie diesen Versteck in jenem Jahre aufge- 
sucht haben, ersehen wir aus einem Briefe, den der ehemalige 
graflich Schaffgotschische Amtshauptmann am 26. Dezember 
1639 in diesem ;j seinem Pathmo und wilden wiisten Gebirge", 
wo er nun schon iiber ein Vierteljahr lebe und wohl auch 
den Winter iiber werde bleiben miissen, geschrieben hat. 

Als die Schweden auf ihrem Streifzuge erkannt hatten, 
wie iibel es mit der Verteidigung Schlesiens bestellt sei, ge- 
wannen sie auch zu dauernder Besetzung Mut, und im Juli 



281 Zweites Buch. Funfter Abscbnitt. 

und August 1639 setzten sich Abteilungen derselben in 
Lowenberg, Hirschberg und Bunzlau, zeitweise auch in 
Landshut test, meist in der Form, dafs sie zunachst die be- 
treffenden Stiidte notigten, sich von ihnen eine Salva Guardia 
zur Abwehr weiterer Pliinderungen zu erkaufen, woraus sich 
dann leicht cine dauernde Besetzung entwickelte, wahrend 
dagegen die Kaiserlichen sich in Schweidnitz, Freiburg, Jauer, 
Goldberg, Bolkenhain, Lahnhaus behaupteten. 

Die Schweden suchten, und meist nicht ohne Erfolg, das 
Vertrauen der Burger in gewisser Weise dadurch zu er- 
langen, dais sie gleich bei ihrer Ankunft evangelischen 
Gottesdienst einrichteten , was sich um so leichter bewerk- 
stelligen liefs, da meistens der katholische Pfarrer und die 
katholischen Magistrate gefliichtet waren. 

Auf kaiserlicher Seite hatte man fur Schlesien anstatt 
der in Aussicht genommenen 12 Regimenter deren nur 4 
zusammengebracht nebst einem Regiment Dragoner und etwa 
800 Reitern, welche Truppen man zur Besetzung der festen 
Platze verteilen mufste, so dafs man fiir die Kriegsoperationen 
nichts iibrig hatte und deshalb die kleinen schwedischen 
Posten den ganzen Sommer 1639 hindurch in Schlesien 
schalten lassen mufste. Aber erstaunen miissen wir doch, 
wenn wir erfahren, dafs am 29. Juni 1630 36 Mann von 
dem Hayschen schwedischen Regiment sich unweit des 
kaiserlichen Hauptquartiers in dem neuerdings stark be- 
festigten Liegnitz bis in das Stadtchen Haynau vorwagen 
und sich dort in dem massiven Turm der Pfarrkirche, der 
ja schon in der Hussitenzeit zu militarischen Zwecken ge- 
dient hatte, festsetzen und verproviantieren. Am 2. Juli 
riickt gegen sie eine Abteilung Kaiserlicher aus und notigt 
sie am 3. zu einer Art von Accord. Man bringt sie dann 
nach Liegnitz, reiht diejenigen, welche friiher bei den Kaiser- 
lichen gedient hatten, wiederum in deren Reihen ein, die an- 
deren entlafst man nebst ihrem Hauptmanne. Audi Neu- 
markt wird von den Schweden Anfang Juli, wenngleich ver- 
geblich, berannt. 

Die Lage der Kaiserlichen ward noch schlimmer dadurch, 
dafs inzwischen noch von einer andern Seite her eine feind- 
liche Diversion unternommen ward. Es luhrte namlich der 
schwedische Reitergeneral Dewitz von der in Brandenburg 
und Pommern operierenden Heeresabteilung den grofseren Teil 
am 19. August tiber die schlesische Grenze nach Krossen 
und Beuthen a. O., und seine verwegenen Scharen streiften 
bis dicht vor die Thore des festen Glogaus und dann auch 
weit ins Land hinein, liberfielen sogar bei Ltiben eine kaiser- 



Neue Waffenerfolge der Schweden 1639. 2S5 

liche Abteilung und zersprengten sie. Die ganze Expedition 
schien nun eine hohere Bedeutung gewinnen zu sollen, als 
im Oktober Banner diesem Corps in der Person des General- 
major Stalhansch einen erfahrenen Heerfiihrer und zugleich 
eine weitere Verstarkung an Reiterei sandte, wo dieser dann 
fiber eine Abteilung von ungefahr 7000 Mann mit 8 Ge- 
schutzen gebot. Derselbe setzte sich in Beuthen a. O. fest, 
welche Stadt er eiligst befestigen und durch eine Schiftbriicke 
mit dem reehten Oderufer verbinden liefs. Er schien, um 
die protestantischen Einwohner aut seine Seite zu ziehen, 
den Anschein erwecken zu wollen, als sei es auf eine form- 
liche Besitznahme des Landes fur die Krone Schweden ab- 
gesehen, wie er denn, als am 2. November 1639 der Frei- 
herr von Sprinzenstein , Inhaber der Herrschaft Deutsch- 
Wartenberg, starb, die Herrschaft fur ein der Krone Schweden 
anheimgefallenes Lehn erklarte. 

Auf dem reehten Oderufer besetzt er nun ohne Wider- 
stand Guhrau und Herrnstadt, um dann zur Belagerung des 
festen Schlosses Trachenberg zu schreiten. Da aber kommt 
ihm Nachricht zu, dais der Anfuhrer der kaiserlichen Trup- 
pen in Schlesien, Graf Philipp von Mansfeld, mit der Kriegs- 
macht, die ihm jetzt zusammenzubringen gelungen war, 
seinen militarischen Stiitzpunkt Beuthen bedrohe. Eilig geht 
er nun zuruck und kommt zur Zeit an, um von Carolath 
aus Beuthen zu decken. Jetzt wendet sich Mansfeld zum 
Riickzuge und weicht auch, als Stahlhansch, auf das linke 
Flufsufer iibergegangen , ihm ein Treffen anbietet, iramer 
weiter bis nach Glogau zuruck, worauf dann jener wieder 
oderaufwarts nach Steinau zieht und, da er in der noch von 
der letzten Kriegszeit her fast ganz in Triimmern liegenden 
Stadt sich nicht zu halten vermag, weiter fortschreitend 
Liiben nach dreitagiger Belagerung gewinnt, dann Parchwitz 
samt dem Schlosse und am 9. Dezember das festere Neu- 
markt durch seinen Vortrab zur Ubergabe auffordern lalst. 
Der Kommandant Otto Heinrich von Rhediger wies diese 
Aufforderung sehr entschieden ab, als aber das Gros der 
Schweden nachfolgte und die Stadt von mehreren Seiten be- 
schofs, verstand er sich am 14. Dezember anscheinend etwas 
voreilig zur Kapitulation, worauf die hundert Mann der Be- 
satzung ohne weiteres in das schwedische Heer eingesteckt 
wurden, wahrend die Offiziere sich loskaufen durften. Zwolf 
Soldaten von der Breslauer Garnison sandte Stalhansch samt 
ihrer Bagage ohne Losegeld unter Geleit eines Trommel- 
schlagers nach Breslau mit einem Schreiben, welches daran 
mahnte, die alten Biindnisse mit der Krone Schweden zu 



286 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

erneuern; eine Aufforderung, die der Rat unter Hinweisung 
auf den dem Kaiser geleisteten Eid kurzweg von der Hand 
wies. Rhediger ist nachmals wegen der Kapitulation von 
Neumarkt vor ein Kriegsgericht gestellt und im Juli 1640 
zu Breslau vor dem Rathause enthauptet worden. Hatte 
die Stadt Neumarkt schon an Stalhansch schwere Summen 
zahlen und grofse Lieferungen machen miissen, so ward das 
noch schlimmer, als am Neujahrstage das Konnigsmarkscbe 
Regiment unter Oberst Hammerstein einriickte. Derselbe 
verlangte von Rat und Burgerschaft einen Eid, mit der 
schwedischen Besatzung vereint die Stadt gegen die Kaiser- 
lichen verteidigen zu wollen und 15 000 Thaler Kontribution. 
Und als beides geweigert wurde, schleppte er acht der an- 
gesehensten Burger mit sich fort, dieselben der grausamsten 
Behandlung unterwerfend , dafs sie des Nachts unter freiem 
Himmel vor des Rittmeisters Thitr schlafen und einmal 
14 Tage lang je zu zwei aneinander geschmiedet in Eisen 
liegen mufsten. Erst am 5. Mai ist der Ratsherr Ruprecht, 
der uns seine Erlebnisse geschildert, wieder heimgekommen, 
mehrere seiner Schicksalsgenossen sind der unmenschlichen 
Behandlung erlegen. 

Indessen war Stalhansch mit dem Gros des Heeres nach 
Striegau weitergezogen und hatte dann am 28. Dezember 
Jauer besetzt. Patente von ihm ergingen an alle schlesischen 
Stadte, begehrten Anschlufs an die Krone Schweden und 
verhiefsen den Protestanten Riickgabe der weggenommenen 
Kirchen, gleichzeitig aber auch den Katholiken die vollste 
Freiheit fur ihre Religionsiibung. Doch nur einzelne Per- 
sonlichkeiten aus dem Landadel scheinen sich in gewisser 
Weise den Schweden angeschlossen und so kompromittiert 
zu haben. 

Stalhansch zog im Januar 1640 an Goldberg und Hainau 
vorbei Avieder in die Glogauer Gegend und griff im Februar 
auf dem rechten Oderufer Wohlau an, das auch nach 14 
Tagen kapitulierte. Von hier aus streiften die schwedischen 
Reiter bis Hundsfeld, wo sie auch an der Weide und vorher 
unweit Herrnstadt Schlappen von den Kaiserlichen erlitten, 
die bei Breslau und Brieg unter Mansfeld sich konzentriert 
hatten. Wahrend aber dann Stalhansch im Beuthenschen 
zuriickgehalten ward, da der Eisgang seine Schiffbriicke 
zerstort hatte und Hochwasser den Ubergang wehrte, brach 
Mansfeld inzwischen gegen Striegau und Jauer auf, welches 
letztere er am 5. April erstiirmte und entsetzlicher Pliin- 
derung preisgab. Wie Aufzeichnungen aus jener Zeit be- 
richten, hatten die wiitenden Soldaten sogar die heiligen Orte 



Der Feldzug des Generals Stalhansch 1640. 287 

riicht verschont und wehrlose Burger in der Kirche nieder- 
gehauen. „ Kirchhof und Kirche ", sagen sie, „ahnelten einer 
Mordergrube, und mit den Leichen der Erschlagenen zerr- 
ten sich die Saue auf der Strafse herum ". Im iibrigen drehte 
sich der Feldzug dieses Jahres vorzugsweise um Hirschberg, 
dessen Eroberung den Kaiserlichen ganz besonders am Herzen 
lag. Eine Zeit lang im Fruhling ware ihnen das wohl leicht 
geworden, da hier nur der schwedische Korporal Tilisch 
mit wenig Leuten als Sauvegarde lag, und damals liefs der 
Kommandant von Lahnhaus Davaggi dem Rate sagen, er 
wolle ihnen Verzeihung vom Kaiser auswirken, wenn sie die 
schwedischen Besatzungen abschaffen und kaiserliche ein- 
nehmen wollten. Der Rat antwortete, man wiirde das An- 
erbieten mit Freuden annehmen, aber gutwillig gingen die 
Schweden nicht fort, und Gewalt zu brauchen waren die 
Burger nicht in der Lage. Das gleiche antwortete man dem 
kaiserlichen Fiirstentunis-Kommissar von Zedlitz, der ein 
konigliches Anschreiben iibergab. Davaggi liefs darauf die 
Umgegend ausplilndern, ohne jedoch die Stadt selbst ernst- 
lich anzugreifen. Inzwischen verstarkte sich wiederum die 
schwedische Besatzung und vermochte nun drei Belagerungen 
im Laufe des Jahres 1640 zu widerstehen, so lange bis 
Stalhansch Entsatz sandte oder brachte. Ende April war 
Mansfeld mit einem Teile der kaiserlichen Armee nach Boh- 
men beordert worden, und ehe die zum Ersatze dafiir be- 
stimmten brandenburgischen und sachsischen Volker heran 
waren, hatte Stalhansch sich seinen Vorteil ersehn und drei 
kaiserliche Regimenter mit grofser Ubermacht zwischen Gold- 
berg und Schonau augegriffen, sie vollstandig geschlagen 
und ihnen ihre zwei Geschtitze weggenommen. Als dann 
endlich General Goltz, der Mansfeld im Kommando ersetzte, 
die ersehnte Verstarkung erhalten hatte, beschlofs er noch 
einmal mit Aufbietung aller Kriifte gegen Hirschberg vor- 
zugehn, und die ungluckliche Stadt hatte nun noch eine 
vierte Belagerung zu iiberstehen, die zehn Wochen lang, 
vom 5. September bis zum 10. November 1640 dauernd, 
noch viel grofsere Schrecknisse mit sich brachte als die 
friiheren. 

Die Belagerer hatten Geschiitze grofsten Kalibers mit 
sich und schleuderten Bomben 200 Pfund schwer in die 
Mauern, eroffneten dann die Laufgraben und setzten durch 
Minen der Stadt zu. Als eine derselben am 20. September 
ein Stiick Mauer von 30 Ellen niedergelegt hatte, wagten 
die Kaiserlichen einen Sturm, der aber von den Belagerten 
mit grofster Bravour abgeschlagen ward. Der tapfere Be- 



288 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

fehlshaber von Tschirnhaus hatte die Blirgerschaft allmahlich. 
ganz fiir sich zu gewinnen vermocht, so dafs jung und alt, 
selbst die Weiber nicht ausgeschlossen , mit Hand anlegten, 
um die Vei'schanzungen auszubessern. So fruchteten dann, 
obwohl allmahlich der Hunger in der eingeschlossenen Stadt 
zu wiiten begann, die wiederholten Aufforderungen des 
Generals Goltz nichts. Unter der Blirgerschaft herrschte der 
Glaube, die kaiserlichen Soldaten, durch den hartnackigen 
Widerstand auts Jiufserste erbittert, hiitten geschworen, nie- 
manden in der Stadt Pardon zu geben, ohne sich um einen 
etwa geschlossenen Accord zu kummern. Endlich aber, als 
im November die Not so grofs ward, dafs verschiedene 
Menschen Hunger starben, gedachte der Kommandant selbst 
trotz des fortdauernden Widerstrebens der Blirgerschaft, zu 
kapitulieren , und auf die Nachricht davon fingen die Sol- 
daten an zu pliindern; dann aber brachten feme Kanonen- 
schiisse die Nachricht von einem heranriickenden Entsatze, und 
am 9. November scheuchte das Heer von Stalhansch die 
Belagerer aus einem Teile ihrer Stellungen. Am 11. er- 
schien derselbe in Hirschberg, eroffnete jedoch dem Rate, 
die Verschanzungen seien so ruiniert, dafs er die Stadt auf 
die Liinge nicht zu halten vermoge und sich nur erbieten 
konne , die Einwohnerschaft sicher fortzufiihren. Diesem 
Entscheide unter grofsem Jammer nachkommend, zog dann 
am 12. November die ganze Einwohnerschaft bis auf einige 
wenige unter schwedischem Geleite fort auf Lowenberg und 
Greifenberg zu, und die einruckenden Kaiserlichen fanden 
in der verlassenen Stadt so gut wie keine Objekte mehr fiir 
Pliinderung und Mifshandlung. 

Von einer Bestrafung der Stadt fiir ihre schwedischen 
Sympathien konnte unter solchen Umstanden nicht die Rede 
sein; man bemiihte sich im Gegenteil, die Burger wiederum 
zur Riickkehr zu bewegen. und die spateren Erpressungen 
des kaiserlichen Obersten Fritsch (es wird ausdriicklich be- 
merkt, dafs er reformierter Konfession war), der schliefslich 
den Leuten selbst die Fenster abpfandete, durften kaum als 
Strafe angesehen werden, derartiges ward eben mehr und 
mehr die Regel in dem entsetzlichen Kriege. 

Noch einmal sehen wir dann im Juni 1641 Stalhansch 
offensiv vorgehen und im Juni das 1G40 von den Kaiser- 
lichen wieder eingenommene Stadtchen Liiben samt dem 
Schlosse zurlickerobern und bald darauf auch die etwas 
nordlich davon, auf Polkwitz zu gelegene, durch Siimpfe 
wohl geschiitzte Heinzenburg, bald aber treibt ihn eine der 
seinigen weit iiberlegene Heeresmacht der Kaiserlichen, liber 



Hirschberg viermal belagert, Stalhansch rtiumt Schlesien. 289 

welche in der Mitte des Sommers der in des Kaisers Dienst 
getretene und konvertierte Herzog Franz Albert von Sachsen- 
Lauenburg das Kommando tibernimmt, wieder nach Nieder- 
schlesien zuriick, und er wagt selbst, als dieser, den Bitten 
des Kurfiirsten von Sachsen nachgebend, Gorlitz Ende Juli 
zu belagern beginnt, dieser Stadt keinen Entsatz zu bringen. 
Als dieselbe nach tapferer Verteidigung am 30. September 
kapituliert, wendet sich Franz Albert gegen Stalhansch 
selbst. Jedoch greift er denselben in dessen neuer Stellung 
nicht an, sondern iiberwaltigt am 17. Oktober dessen Haupt- 
stutzpunkt an der Oder, Beuthen, olme dafs auch das auf 
einer Oderinsel errichtete Kastell sich zu halten vermag, und 
beabsichtigt dem Schweden seine Riickzugslinie nach Pom- 
mern zu verlegen, indem er die Oderlinie von Glogau bis 
Griinberg besetzt halt und selbst hinter derselben bei Sommer- 
feld Stellung nimmt. Doch dem schwedischen Heerfuhrer 
gelingt es, bei Beuthen durchzubrechen, den Strom zu iiber- 
schreiten und jenseits oderabwarts Landsberg zu erreichen, 
wo er hinter der Oder und Warthe sich geschlitzt findet. 

Torstenson in Schlesien. 

Nach dem Weggange von Stalhansch fallen allerdings 
noch vor Ablauf des Jahres 1641 die von ihm in Nieder- 
schlesien noch besetzt gehaltenen Punkte Sprottau, Liiben, 
die Heinzenburg und Sagan. Doch bleiben am Schlusse des 
Jahres noch einige feste Punkte in Schlesien in seiner Gewalt, 
Lowenberg und Bunzlau auf dem linken und Wohlau auf 
dem rechten Oderufer. In ihrer Bedrangnis wurden die 
dortigen Garnisonen fiir die Bewohner des Landes ganz be- 
sonders beschwerlich. Die Schweden in Wohlau durch- 
streiften das ganze rechte Oderufer um moglichst grofse 
Vorrate einzuholen und pliinderten am 15. Dezember sogar 
die Nikolaivorstadt von Breslau aus, und in Bunzlau und 
Lowenberg qualten die Kommandanten die Biirgerschaft aufs 
aufserste mit Arbeiten an den Verschanzungen und immer 
erneuten Forderungen von Geld und Lieferungen. 

Fiir beide Stadte war es zunachst eine Befreiung aus 
arger Bedrangnis, als im Februar 1642 der Herzog von 
Lauenburg die schwedischen Besatzungen zur Kapitulation 
und zum Abzuge notigte. Aber als eben der letzte Stiitz- 
punkt der Schweden in Schlesien, Wohlau, gefallen war, 
uberschritt im April 1642 schon eine neue Armada derselben 
die schlesische Grenze, und der geniale Feldherr Torstenson, 
der selbst durch Krankheit an die Sanfte gefesselt, dabei 

Griinhagen, Gesch. Schlesiens. II. U 



290 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

doch die Welt durch die Kuhnheit und Schnelligkeit seiner 
Bewegungen in Erstaunen setzte, begann einen unerhorten 
Siegeslauf durch Schlesien. 

Nachdem derselbe die Kriegsvolker von Stalhansch an 
sich gezogen, zahlte er etwa 18 000 Mann unter seinen 
Fahnen. Mit diesen brach er gegen Ende April in Schlesien 
ein und warf sich sogleich auf die Festung Glogau, den 
wichtigsten Watfenplatz der Kaiserlichen an der Oder, das 
von diesen erst neuerdings noch besonders armiert und ver- 
proviantiert worden war. Vom 1. Mai an schlofs er die 
Festung ein, und nach einem lebhaften Bombardement nament- 
lich des auf einer Oclerinsel gelegenen Domes unternahmen 
am 4. Mai die Schweden einen Sturm, dessen Gelingen an- 
geblich dadurch erleichtert ward, dais die Kaiserlichen einen 
Ausfall gemacht hatten, nach dessen Abwehr die Belagerer 
zugleich mit den fliichtenden Kaiserlichen in die Stadt ge- 
drungen waren. Sehr anselmliche Vorrate an Lebensmit- 
teln und Munition lielen in die Hiinde des kidmen Heer- 
fiihrers. 

Von hier aus zieht Trostenson langs des Flusses auf- 
warts, wahrend seine Reiterei auf dem rechten Ufer streifend 
alle die Stadte dieser Gegend olme Widerstand besetzt und 
brandschatzt, so Guhrau, Herrnstadt, Wohlau (den 19. Mai) 
und selbst das teste Schlofs Trachenberg (den 22. Mai). 
Aber des Feldmarschalls VVeisung ruft sie bald wieder zu- 
riick, in der Niihe von Leubus setzt dieselbe iiber die Oder, 
urn sich bei Parchwitz, welches sich bei der Annaherung 
des schwedischen Hauptheeres am 27. Mai ergiebt, mit die- 
sem wieder zu vereinigen. Noch an demselben Tage sehen 
die Liegnitzer, welche bereits durch schwedische Vortruppen 
blokiert werden, die Hauptarmee des Feindes heranziehen, 
der gegeniiber sie nur noch an Ergebung denken. Schon 
sind die Bedingungen aufgesetzt, unter denen man die Stadt 
zu iibergeben bereit ist, da gewahrt man uberraschender- 
weise den Abzug des feindlichen Heeres, am 29. Mai, nach- 
dem, wie wir vermuten diirfen, Torstenson selbst mit der 
gesamten Reiterei schon am Tage vorher in der Richtung 
auf Jauer fortgeeilt war. Ihm war die Nachricht gekommen, 
dafs inzwischen Herzog Franz Albert mit seiner ganzen Reiterei 
und 300 beritten gemachten Musketieren zum Entsatze von 
Schweidnitz aus seinem Lager bei Breslau (auf dem Elbing) 
ausgezogen sei. Um dieses Unternehmen zu vereiteln, 
brach nun der schwedische Heerfiihrer in Eilmarschen auf 
mit seiner Reiterei und wohl auch einigem beritten gemachten 
Fufsvolke. Jauer offnete ihm olme weiteres die Thore und 



Torsteuson erobert Glogau, siegt bei Schweidnitz. 291 

unmittelbar darauf auch das besser befestigte Striegau. So 
gelang es Trostenson rechtzeitig, am 31. Mai in die Gegend 
von Schweidnitz zu kommen , wo dann sein Unterfeldherr 
Konigsmark vor dem iibermachigen Feinde zuriickweichend 
diesen sich nachlockte, bis derselbe auf Torstensons gro- 
fsere Heeresabteilung stofsend dem Kampfe mit dieser 
nicht mehr ausweichen konnte. Etwa 6000 Mann auf jeder 
Seite, zum allergrofsten Teile Reiter mit einigen wenigen 
Geschiitzen, standen nun bier zwischen Marzdorf und Pil- 
gramshain westlich vom Zobtenberge einander am 31. Mai 
1642 in einem Kampfe gegeniiber, der fiinf Stunden gedauert 
haben soil, bei dem aber von kaiserlicher Seite eigentlich 
nur vier Regimenter an den Feind zu bringen waren. Franz 
Albert erhielt bei dem Versuche, die Weichenden durch 
sein eigenes Beispiel anzufeuern , zwei gefahrliche Wunden, 
denen er als Gefangener der Schweden bald nach der Schlacht 
erlegen ist. Seine Truppen erlitten eine vollkommene Nieder- 
lage. An 2000 Gefangene, 40 Standarten, 4 Geschtttze, die 
Kriegskasse fielen in die Hande des Siegers. Von den ge- 
fli'ichteten Kaiserlichen entkam nur ein kleiner Teil, von 
den Schweden verfolgt, zu den bei Breslau zuriickgebliebenen 
Truppen Fernemonts, welche jetzt nachBrieg sich zuriickzogen. 

Auf die Nachricht von dieser Niederlage und unter dem 
erschreckenden Eindrucke einer heltigen Beschiefsung verlor 
der Kommandant von Schweidnitz ganz den Kopf, er begab 
sich, obwohl der schwedische Befehlshaber, liber den friiher 
gezeigten Trotz erzilrnt, nicht mit ihm, sondern nur mit der 
Biirgerschaft verhandeln zu wollen, erklart hatte, doch in 
das feindliche Lager, aus dem er nicht mehr zuriickkehrte, 
und inzwischen fanden, ohne dafs es zu einem eigentlichen 
Accorde gekommen ware, die Schweden Zugaug in die Stadt, 
die eine ansehnliche Summe zur Abwendung der Pliinderung 
erlegen mufste. 

Torstenson wandte sich inzwischen der Neifse zu; am 
9. Juni ist sein Hauptquartier in No wag bei Neifse, wah- 
rend inzwischen sein General Liljenhoek vom 5. Juni an diese 
letztere Festung belagert. Ein heftiges Bombardement notigt 
die Besatzung, welche der sachsische Oberst Rohnstock kom- 
mandiert, am 1 5. Juni zur Kapitulation, wiihrend der Unter- 
handlungen aber sollen die Kaiserlichen die geschossene 
Bresche wiederum ausgefiillt und auf die Nachricht, dafs ein 
grofser Teil der Belagerungsarmee bereits abgezogen sei, die 
bereits zugestandene Ubergabe wiederum verweigert haben, 
welche erst eine erneuerte Beschiefsung herbeigefiihrt habe. 
Auch hatten infolge dieser vertragswidrigen Handlungsweise 

19* 



292 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

der Neifser zwei der erfahrenen schwedischen Artillerie- 
konstabler ihren Tod gefunden, statt deren Torstenson, wie 
er aufserte, lieber hatte 300 Soldaten verlieren wollen. Der 
durch diese Vorkommnisse erregte Uuwille der Schweden 
hat dann die besonders harte Behandlung der Stadt herbei- 
gefiihrt, welcher abgesehen von dem, was die Soldaten den 
Biirgern abnahmen, und was der Stadt an Lieferungen auferlegt 
ward (an Wert ungefahr 1 1 400 Thaler), fur sich allein ohne 
das Land 28 000 Thaler abgeprefst wurden, zu deren Auf- 
bringung die Gelder der Kirchen, froraraer Stiftungen und 
der Miindel angegriffen werden mufsten. 

Zwei Tage vor Neifse batten sich auch Grottkau und 
Ohlau ergeben. Torstenson selbst hatte die Ubergabe von 
Neifse nicht abgewartet, er war mit der ihm eigenen Schnellig- 
keit auf der grofsen Strafse nach Mahren weitergeriickt und 
hatte, ohne sich mit der Belagerung Troppaus aufzuhalten, 
und nachdem er bei Sternberg ein vereinzeltes kaiserliches 
Regiment nahezu aufgerieben hatte, an demselben Tage, wo 
Neifse iiberging, den 15. Juni Olmiitz nach viertagiger Be- 
lagerung eingenommen , worauf dann Profsnitz , Littau, 
Mahrisch-Neustadt und auch Troppau in seine Haud fielen. 
Doch schon am 17. Juni brach er von Olmiitz wieder auf, 
um zuniichst ganz Schlesien in seine Hand zu bringen. Hier 
war inzwischen Kosel mit stiirmender Hand von den Schwe- 
den genommen worden, und Torstenson riickte von da selbst 
mit seiner Kriegsmacht vor Oppeln, das der kaiserliche Kom- 
mandant, nachdem Bresche geschossen war, am 28. Juni iiber- 
gab. Auf dem rechten Oderufer war indessen Namslau am 
25. Juni iibergegangen , jedoch ohne das Schlofs, in dem 
sich ein tapferer kaiserlicher Hauptmann fortdauernd ge- 
halten hat. 

Der schwedische Feldherr schritt nun zur Belagerung 
von Brieg, das die Bemuhungen der letzten Herzoge zu 
einem der festesten Waffenplatze Schlesiens gemacht hatten, 
und das jetzt zwei kaiserliche Regimenter in der Gesamt- 
stiirke von etwa 1000 Mann unter dem Befehl des tapfern 
Obersten Morder in sich schlofs und aufserdem die drei 
jungen Herzoge, die Sonne des 1(339 verstorbenen Herzogs 
Johann Christian, welche, was immer auch ihre Gesinnung 
dem Kaiser gegeniiber sein moehte, doch sich zu sehr 
auf dessen Gnade angewiesen sahen, als dafs sie sich der 
hier geforderten Bethatigung einer patriotischen Gesinnung 
hatten entziehen mogen, und deren Verbleiben in der 
Festung dann auch die Biirgerschaft zu treuem Ausharren 
anfeuerte. 




Torstensons Riickkehr, vergebliche Belagerung von Brieg. '293 

Mit grofster Energie betrieb Torstenson die Belagerung; 

die Laufgraben waren mit staunenswerter Schnelligkeit bis 

in die Nahe der Mauern vorgetrieben , die Stadt ward mit 

einem Hagel von Steinkugeln und Granaten iiberschiittet, 

und zugleich auch mit Minen geschickt operiert. Am 9. Juli 

gelang es den Schweden nach Sprengung einer Mine das 

westlich vorliegende sogenannte Schlofsravelin zu nehmen 

und so der Festung ganz nahe zu -kommen, ja am 18. Juli 

gewannen dieselben sogar den Briickenkopf auf dem rechten 

Oderufer, die Zollschanze. Gegeniiber diesen Fortschritten 

fruchteten die Ausfalle der Belagerten nur wenig ; von gro- 

fserer Bedeutung aber ward es, als es einigen kiihnen Mannern 

aus der Stadt gelang, das Wachthaus an der Zollschanze, den 

Schlachthof und die Pallisaden der Feinde in Brand zu 

stecken und durch dieses Feuer die Feinde wiederum aus 

der Zollschanze zu vertreiben. Trotzdem ward die Lage 

der Festung von Tag zu Tag bedrangter, die Lebensmittel 

knapper, aus der geangsteten Biirgerschaft begehrten viele 

Stimmen eine Kapitulation, und als dann am 23. Juli es den 

Schweden gelungen war, durch Demolierungen des Wehres, 

welches das Wasser des Stadtgrabens von der Oder ab- 

sperrte , den letzteren fast trocken zu legen , stieg die Ge- 

fahr noch. Trotzdem wies der tapfere Kommandant die ihm 

jetzt noch einmal unter den ehrenvollsten Bedingungen an- 

gebotene Kapitulation zuriick, worauf dann am 24. Juli das 

Bombardement mit grofster Heftigkeit sich erneuerte. Aber 

am Abend schwieg es, und am friihen Morgen des 25. er- 

blickte man den Feind in vollem Abzuge iiber die Oder. 

Die trotz der vollstandigen Absperrung der Stadt von 
dem Kommandanten nie aufgegebene Hoffnung auf Entsatz 
hatte sich nun wirklich erfiilit. Aus Mahren riickte ein 
starkes kaiserliches Heer unter Piccolomini und Erzherzog 
Leopold Wilhelm heran, hatte Troppau zuriickerobert, und 
vor ihm zog sich jetzt der sehwedische Feldherr auf dem 
rechten Oderufer zuriick. Seinem Plane, sich in Schlesien 
einen festen Stiitzpunkt zu ferneren Operationen gegen die 
kaiserlichen Erblande zu sichern, hatte die tapfere Vertei- 
digung Briegs das grofste Hindernis bereitet. 

Torstenson war vor dem iibermachtigen Feinde, dessen 
Starke uns auf 33 000 Mann angegeben wird, zuriickgewichen, 
bis wo ihm unterhalb von Krossen auf dem linken Oderufer 
an der Miindung der Lausitzer Neifse der Ort sicher genug 
schien, um dort die erwarteten Verstarkungen erwarten zu 
konnen. Olmiitz hatte er nicht aufgegeben, auch in Schle- 
sien hielt er auf dem rechten Oderufer Trachenberg und 



294 Zweites Buch. Fiiufter Abschuitt. 

Wohlau, auf dem linken Schweidnitz besetzt und aufserdem 
an der Oder den wichtigen Waffenplatz Glogau. Diesen 
wieclerzuerobern wandte Erzherzog Leopold Wilhelm im 
August 1642 seine ganze Macht an, aber der tapfere Kom- 
mandant, „ der tolle Wrangel u , schlug die wiederholten Stiirme 
tapfer ab, und sobald bei Torstenson der Vortrab des er- 
warteten Succurses eingetroffen war, brach er auf, um dem 
Gegner unter den Mauern Glogaus eine Schlacht anzubieten, 
die dieser jedoch nicht annalnn, sondern nach Liiben zuriick- 
wich. Das schwedische Heer wandte sich nach dem Gebirge 
zu und bereitete am 23. September der Stadt Bunzlau, deren 
a us Kroaten bestehende Besatzung es thorichterweise auf einen 
Sturm hatte ankommen lassen, ein entsetzliches Schicksal. 
Ein Chronist berichtet nach den Aufzeichnungen eines Zeit- 
genossen aus Greifenberg dariiber : die Stadt „ ward bis auf 
ein einziges altes Hauslein, so hinter der Stadtmiihle bei der 
Pfeffermuhle gestanden, ganz und gar ausgebrannt, und was 
der Brand in Kellern und Gewolben nicht erreichen konnte, 
ist alles geraubt und genommen worden. Man hat den 
Leuten nicht das Hemde am Haise gelassen und ist viel 
Volk darniedergeschossen und erstochen worden. Die Pliin- 
derung hat 14 Tage gewahrt, denn die Armee der Schweden 
ging zwar fort, aber sie hinterliefs bis 3 Compagnien Sol- 
daten im Oberzwinger, welche tiiglich und stundlich auf den 
abgebrannten Brandstellen herumstrichen und zuschauten, 
wo noch etwas in Kellern und Gewolben vorhanden, was 
der Brand nicht erreicht hatte, um nur ja alles den armen 
Biirgern zu nehmen. — — Die Pfarrkirche ist saint dem 
Turme ausgebrannt, die Kirchengewolbe sind eingeschlagen 
und stehen die Pfeiler inwendig in der Reihe wie abgebrannte 
Besen." 

Auch in Lowenberg, welches am 25. September das 
gleiche Schicksal erlitt, hatte der Kommandant der kleinen 
kaiserlichen Besatzung thorichterweise den ihm angetragenen 
Accord ausgeschlagen, auf Entsatz durch die in und bei 
Lahn stehenden kaiserlichen Volker hoffend, doch diese wur- 
den zuriickgetrieben und die Stadt nun schrecklicher Ver- 
wiistung preisgegeben. Der Chronist lafst jedoch den Olfi- 
izieren die Gerechtigkeit widerfahren, dais dieselben nicht 
nur die Kirche samt denen, die dort eine Zufiucht gesucht, 
sondern auch einige Burger, die sich ihren Schutz erkauft 
hatten, wirksam geschirmt haben. Zwei Kelche, welche 
Soldaten, die durchs Fenster eingestiegen waren, aus der 
Kirche gestohlon hatten, ersetzte der schwedische Befehls- 
liaber, freilich aber von dem Gelde, mit dem sich die ge- 



Bunzlau und Lowenberg eingeaschert, Feldzug von 1643. 295 

fangenen katholischen Pfarrer hatteu ranzionieren miissen. 
Der durch die Pliinderung angerichtete Schaden war urn so 
grofser, als viele aus der Uragegend init aller Habe in der 
Stadt Zuflucht gesucht hatten. 

Nach der Pliinderung herrschte in der Stadt die ent- 
setzlichste Hungersnot, viele Burger kehrten das aut den 
Strafsen verschiittete Getreide zusammen und versuchten sick 
dam it das Leben zu fristen. 

Riihrend ist es zu horen, dafs in diesem mafslosen Elend 
hier wie in Bunzlau die erste Sorge der Burger war, sich 
des einzigen Vorteils, den die Anwesenheit der Schweden 
ihnen bringen konnte, zu versichern, der Wiedereinfiihrung 
evangelischen Gottesdienstes. Schcin bemerkt ein neuerer 
Geschichtschreiber, hiervon berichtend: „Unter den stiirzen- 
den Triimmern seiner irdischen Habe sucht der Mensch 
Trcistung unter dera Schatten des Kreuzes, und das nagende 
Geiiihl der Verlassenheit zieht den Blick des Geangstigten 
nach der fernen Kiiste hiniiber, von deren ewigem Friihlinge 
wir vernommen haben." 

Von Lowenberg aber wendet sich Torstenson plotzlich 
wieder der Oberlausitz zu, nimmt Lauban und Gorlitz und 
triigt nun den Krieg wieder nach Sachsen , das Heer des 
Erzherzogs sich nachziehend, dern er dann am 2. November 
1642 unweit von Leipzig auf demselben blutgetrankten Ge- 
lilde von Breitenfeld , wo einst Gustav Adolf semen ersten 
grofsen Sieg erfochten , eine furchtbare Niederlage be- 
reitete. Im nachsten Jahre, 1643 suchte der schwedische 
Feldherr wieder Bohmen und Mahren heim, aber am 
3. Oktober erhielt er auf dem von ihm eroberten mahrischen 
Schlosse Eilenburg den Auftrag seiner Konigin, schleunigst 
nach Holstein aufzubrechen , um dort die Danen zu be- 
kriegen. Eilig wandte er sich zuriick ; an Jagerndorf vorbei, 
das er mit einigen Schiissen begriifste, ohne es nehmen zu 
konnen, suchte er seinen Weg durch Schlesien und zog am 
23. Oktober unweit Breslau voruber und bei Dyrhnfurth 
auf einer dort geschlagenen Briicke iiber die Oder und dann 
auf dem rechten Ufer nord warts; seine Truppen nahmen 
alles Getreide ; alles Vieh von den Orten, die sie durchzogen, 
mit sich fort. 

Die Kaiserlichen benutzten die Entfernung des schwedi- 
schen Hauptheeres, um einzelne der von den Feinden be- 
setzten Platze wiederzugewinnen. In Lowenberg erlangte die 
tapfere schwedische Besatzung, welche fast eine Woche hin- 
durch eine furchtbare Beschiefsung standhaft ausgehalten 
hatte, am 8. Dezember 1643 freien Abzug mit alien kriege- 



296 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

risclien Ehren, die Stadt aber war in einen Steinhaufen ver- 
wandelt, und der alte Chronist Ephraim Naso schrieb 1667 
von ihr: „Wer die vorige Zier der Stadt und den jetzigen 
erbarmlichen Zustand in Augenschein gezogen, der mufs sich 
mit thranenden Augen verwundern, dais dieser mit Stein- 
schobern erfiillte Raum vormals die wunderschone Stadt 
Lowenberg gewesen sey." 

Am gleichen Tage wie Lowenberg fiel auch Lauban, von 
den Sachsen erobert. Mit grolserer Heeresmacht liefs der 
neue Kommandierende der kaiserlichen Truppen in Schlesien, 
General von Gotz ; das wichtige Schweidnitz bereits im No- 
vember einschliefsen, doch erst nachdem eine sechsmonatliche 
Belagerung die Not in der Stadt aufs aufserste gesteigert 
hatte, verstand sich der Kommandant am 17. Mai 1644 zur 
Kapitulation ; im Juni ging dann Wohlau, im August Oppeln 
iiber. Und auch verschiedene feste Schlosser im Gebirge 
wurden von den Kaiserlichen zuruckerobert, so Ende 1643 
Roversdorf bei Schonau und Kemnitz, und im Anfange 1644 
zog der schwedische Kommandant von dem Fiirstenstein 
ab 7 nachdem er die Befestigungswerke nach Moglichkeit 
demoliert. Dagegen gelang es schwedischen Truppen von 
der Besatzung Glogaus, das feste Herrnstadt im Januar 1645 
zu iiberwaltigen. 

Als aber urn dieseZeit dergefiirchteteTorstenson dieGallas- 
schen Volker vor sich hertreibend von Norden her, wo er 
Diinemark zum Frieden gezwungen hatte, wieder durch 
Sachsen gegen die osterreichischen Erblande anruckte, zog 
General Gotz alle irgend entbehrlichen Truppen aus Schlesien 
zur Rettung Bohmens, ohne damit allerdings mehr zu errei- 
chen als eine schwere Niederlage bei Jenkau am 6. Marz 
1645, wo dann selbst Wien vor den Waffen des kiihnen 
Schweden zitterte. 

Nach Schlesien hatte Torstenson bereits 1644 einige 
hundert Reiter unter Oberst Reichwald gesendet und aus 
Pommern weitere Verstarkungen vmter Peter Anderson eben- 
dahin designiert. Diese zog dann im Sommer 1645 General 
Konigsmark ; der in der Schnelligkeit seiner Bewegungen 
mit dem Oberfeldherrn wetteiferte, an sich und begann nun 
im September 1645 von der Oberlausitz her mit der Brand- 
schatzung von Kloster Liebenthal, der Besetzung von Hirsch- 
berg und der Bezwingung des Bolzenschlosses einen Streif- 
zug , der ihn langs des Gebirges bis zur aufsersten Spitze 
Schlesiens, dem Jablunkapasse itihrte. Dessen Besatzung unter 
Oberst Reichwald vertrieb er und offnete die Passe wieder 
dem Verkehr der schwedischen Kriegsvolker. Teschen nebst 



Feldziige von 1644 und 1645 unter Torstenson und Konigsmark. 297 

den andern Stadten des Fiirstentums ferner Freudenthal, 
Jagerndorf, Leobschiitz (wo sich General Konigsmark durch 
grausame Behandlung der Ratsherren einen iiblen Namen 
gemacht hat), Patschkau, Frankenstein wurden teils besetzt, 
teils schwer durch Pliinderung und Brandschatzung heim- 
gesucht, wahrend gleichzeitig Oberst Douglas vom 23. Ok- 
tober an die Grafschaft Glatz mit Ausnahme der festen 
Hauptstadt besetzte, sie mit Kontributionen unci Lieferuugen 
hart beschwerte und ganz besonders in Habelschwerdt arg 
hauste. Auf der Riickkebr von diesem Zuge fand Konigs- 
mark die Torstensonsche Hauptarmee in Schlesien vor sich. 
Der Oberfeldherr war aus Mahren nach Bohmen, und von 
da Ende November 1645 tiber Jaromirz, Trautenau und 
den Landshuter Pafs nach Schlesien geganzen. Am 6. De- 
zember hatte er sein Hauptquartier zu Kupferberg. Am 
11. Dezember erobern seine Truppen die Feste Lahnhaus, 
am 13. den Greifenstein , am dann uber Marklissa wieder 
in der Richtung aut Bohmisch-Friedland die bohmische Grenze 
zu gewinnen. Hinter ihm her suchte Konigsmark schon 
aus Verpflegungsriicksichten mehr nordlich ausbiegend seinen 
Weg, besetzte Freiburg und iiberrumpelte Anfang Dezember 
den Fiirstenstein, wo reiche Beute in seine. Hande iiel. 

Beziiglich der Truppen Torstensons riihmt die Aufzeich- 
nung eines alten Kirchenbuch.es zu Meffersdorf deren gute 
Mannszucht sehr im Gegensatze zu dem, was wir sonst tiber 
die Haltung der Schweden in jener Zeit erfahren, mit denen 
allerdings die Kaiserlichen wetteifern, die, wenn sie gleich 
in den offiziellen Erlassen als die Landesverteidiger bezeichnet 
werden, doch in der rucksichtslosen Pliinderung und Rui- 
nierung des Landes den Feinden nicht das mindeste nach- 
gaben. Fiir die unseligen Einwohner war in jener Zelt die 
Nachricht von der Annaherung eines Haufens von Kriegs- 
leuten, gleichgiiltig welche Farben dieselben trugen, das Signal 
zur Flucht in die Walder; doch wurden sie auch in diesen 
von ihren Peinigern aufgesucht, und der dichte Wald, wel- 
cher damals das ganze rechte Ufer des Bober um das Bolzen- 
schlofs bedeckte, die allgemeine Zuflucht der nachstliegenden 
Ortschaften, ward damals zweimal von den beutegierigen Fein- 
den durchsucht, und die beiden uns erhaltenen Tagebiicher 
aus jener Gegend berichten kliiglich, wie ihren Verfassern 
damals noch manches, was sie hier geborgen batten, ge- 
nommen ward. 



298 Zweites Buch. Fiinfter Abschnitt. 

Der Ausgang des Krieges. 

Im Jahre 1646 ward von beiden Parteien mit neuen 
Kraften um den Besitz Schlesiens gekampft, und den von 
der schwedischen Regierung hierher gesendeten General 
Wittenberg, der von Glogau aus auf dem rechten Oderufer 
bis Polnisch - Wartenberg vorgedrungen war ; trieb General 
Montecuculi mit iiberlegenen Streitkraften zuerst bis Guhrau, 
dann aber bis unter die Mauern von Glogau zuriick; 
in dieser Zeit ward im Januar 1646 der F iirsten stein , und 
im Juli Frankenstein von den Kaiserlichen zuriickerobert. 
Fiirstenstein hat seit dieser Eroberung und der Zerstorung 
seiner Mauern aufgehort eine Festung zu sein, und auch 
das Schlofs von Frankenstein ist damals 7 damit sich die 
Feinde nicht wieder hier festsetzen sollten, zu der Ruine ge- 
macht worden, die wir heute noch vor uns sehen. Ganz 
das gleiche geschah mit Schlofs Lahnhaus, das die Kaiser- 
lichen nach langer Belagerung am 6. September 1646 durch 
Accord genommen. Die Stadt ward gepliindert und von 
der Burg zerstort, was den Flammen Nahrung bot. Diese 
vielfach ausgefiihrten Demolierungen der festen Platze konnten 
wohl die Meinuug erwecken, die Kaiserlichen fiihlten sich 
nicht stark genug, dieselben zu behaupten, und in der That 
sehen wir Montecuculi, sowie Wittenberg nach Eintreffen 
der sehnlich erwarteten Verstarkungen gegen den Herbst 
1646 wiederum die Offensive ergriff, vor dem starkeren Gegner 
in die Grenzgebirge zuriickweichen und diesem in Schlesien 
freie Hand lassen. Abermals besetzten die Schweden Parch- 
witz und Jauer zur Beobachtung des von den Kaiserlichen 
dauernd behaupteten festen Postens in Liegnitz. Am 26. Sep- 
tember gewinnt Wittenberg auch das feste Schlofs Bolken- 
hain und beginnt dann einen neuen Zug hinauf nach Ober- 
schlesien bis nach Teschen hin, wo dann auch die bischof- 
liche Burg Ottmachau an der Neifse mit ansehnlichen Vor- 
raten in seine Hand fallt, und gleichzeitig wird auch im 
Oktober 1646 die Grafschaft Glatz von einem aus Bohmen 
kommenden schwedischen Streifcorps sehr heimgesucht; 
Habelschwert z. B. litt furchtbar. Die Schweden hatten es 
barbarisch ausgepliindert, hielten es aber besetzt, und die 
Kaiserlichen von Glatz aus vollendeten den Ruin der Stadt, 
indem sie, um die Schweden zu vertreiben, die Vorstadte 
am 23. Oktober 1646 in Brand steckten. Wahrend die 
Fiirstentumer Oppeln und Ratibor , welche der Kaiser 
1645 an den Konig von Polen verpfandet hatte, aus Riick- 
sicht auf diese Macht von den Schweden geschont werden, 



General Wittenberg in Schlesien 1646. 299 

erwahlt Wittenberg zu seinem eigentliehen Hauptquartier 
Ohlau, das durch die zwei Fliisse Oder und Ohlau sowie 
aufserdem durch sumpfige Niederungen geschiitzt, als ein 
bequeraer Platz erscheint, um gleichzeitig Brieg und Breslau 
irn Schach zu halten, eine Position, welche noch fester ward, 
seitdem es im Dezember 1646 dem schwedischen Hauptmann 
Gunny gelang ; auch die oderuraspulte Wasserburg Jeltsch 
unterhalb von Ohlau zu gewinnen. 

In diesem letzten Stadium des langen Volkerstreites wird 
nun noch einmal die Landeshauptstadt Breslau mehr in Mit- 
leidenschaft gezogen, nachdem dieser es lange Jahre hindurch 
gelungen war, wesentlich infolge ihrer Neutralitat zwar nicht 
Geldopfer una vielfache Einbufse, aber doch die eigentliehen 
Schrecknisse des Krieges, wie sie sonst fast alle schlesischen 
Stadte so schwer kennen gelernt batten, von sich abzuwehren. 
Allerdings war in dem Mafse, wie ganz Schlesien seit dem 
Prager Frieden eine mehr kaiserliche Physiognomie ange- 
nommen hatte, auch die Neutralitat Breslaus nach dieser Seite 
bin nicht mehr so streng wie fruher durchgefiihrt worden. 
In den Mauern dieser Stadt batten nicht nur die kaiserlichen 
Provinzialbehorden , sondern auch zwei kaiserliche Kriegs- 
kommissare ihren Sitz. Die Breslauer beteiligten sich an 
der Verpflegung der kaiserlichen Truppen, diese letzteren 
batten freies Commercium in der Stadt; mehr als einmal 
batten kaiserliche Truppenteile unter den Mauern Breslaus 
in gewisser Weise Schutz und Anlehnung gesucht, hatten 
sogar freien Durchzug durch die Stadt sowie den bequemen 
Ubergang iiber den Strom auf den Breslauer Brucken gefunden. 
Es war sehr natiirlich, dafs die kaiserlichen Befehlshaber den 
Rat schrittweise immer weiter nach dieser Seite zu drangen 
suchten; im Sommer 1646 verlangte Montecuculi 400 — 500 
Mann von der Stadtgarnison zur Hilfe bei einem Unternehmen 
gegen die Schweden, und der Rat wagte es nicht, dies Be- 
gehren im Prinzipe als gegen die Neutralitat streitend ab- 
zulehnen, sondern begriindete die Ablehnung nur damit, dafs, 
seitdem ihnen der Kaiser neuerer Zeit auch die befestigte 
Dominsel unterstellt babe, sie alle ihre Leute zur Besetzung 
der ausgedehnten Werke selbst dringend notig hatten. 

Auf der andern Seite erklarte im J. 1646 der schwedische 
General Wittenberg dem Rate, wenn die Breslauer Schutz 
fur ihren Handel auf Grund einer Neutralitat, wie man sie 
ihnen zuzugestehen bereit sei, begehrten, mufsten sie auch 
dieselbe strikt innehalten und beide Teile mit gleichem Mafe 
messen, es miifste den schwedischen Soldaten gegen ordent- 
liche Passe ebenso gut wie den Kaiserlichen zum Zwecke 



300 Zweites Buck Funfter Abschnitt. 

I'riedlichen Commerciums Pafs und Repafs in die Stadt und 
wieder heraus gewahrt werden. Und als der Rat hierauf 
erwiderte, Breslau sei keine freie Reichsstadt und miisse auf 
ihren Landesherrn Riicksicht nehmen, legten die Schweden 
schwere Zolle, 10 Prozent des Wertes auf alle Breslauer 
Waren, sowohl bei der Ein- wie bei der Ausfuhr, sodafs die 
hiesigen Kaufleute den Ruin ihres Handels vor sich sahen. 
Bald folgten weitere Verwickelungen. Seit dem November 
1646 begannen die kaiserlichen Befehlshaber zeitweise Reiter- 
abteilungen durch die Stadt iiber die Oder gehu und dann 
sich auf dem hier nordlich dicht bei Breslau liegenden Elbing, 
der grofstenteils geistlichen Stiftern gehorte, einquartieren zu 
lassen, trotz aller Vorstellungen des Rates, welcher yoraus- 
sah, dafs die Schweden von ihren Postierungen in Ols und 
Jeltsch aus iiber jene herfallen und fur die Stadt neue Un- 
annehmlichkeiten sich daraus ergeben wiirden. So kam es 
nun auch, und als die Schweden durch nachtlichen Uberfall 
den Kaiserlichen auf den Elbing eine Anzahl Pferde abge- 
nommen hatten, beschwerte sich Erzherzog Leopold Wilhelm 
bitter iiber die Haltung der Breslauer, welche die Truppen 
ihres Landesherrn nicht unterstiitzt hatten. Wohl gelang es 
den Breslauern, selbst den Kaiser zu iiberzeugen, dafs nur 
die strafliche Nachliissigkeit seiner Offiziere den Unfall ver- 
schuldet habe, aber im Februar 1647 wiederholten sich die 
Auftritte; wiederum wurden Reiter auf den Elbing einquartiert 
und dieselben blieben dort nicht blofs zwei Tage, wie es 
ursprunglich geheifsen hatte, sondern lange genug, dafs die 
Schweden aufs neue sie dort iiberfallen und schwer schiidigen 
konnten. Als das nun zum drittenmale am 24. April 1647 
erfolgte, wurden die kaiserlichen Compagnien Hanau und 
Ricardi vollstandiger Aufreibung oder Aufhebung mit ihrer 
gesamten Bagage nicht entgangen sein, wenn nicht jetzt die 
Breslauer thatsiichlich eingegriffen , durch Kanonen- und 
Musketenfeuer dieFeinde von der Verfolgung zuriickgescheucht 
und die Fliichtigen in die schiitzenden Mauern der Stadt 
aufgenommen hatten. 

Dieser Vorfall erbitterte die Schweden aufs aufserste, und 
es half den Breslauern wenig, dafs um diese Zeit General 
Wittenberg durch einen Befehl des Generalissimus Wrangel, 
der an des schwer erkrankten Torstensons Stelle getreten 
war, mit dem grofsten Teil seines Heeres aus Schlesien nach 
dem Reich berufen wurde, von wo er allerdings vor Ende 
des Jahres audi wieder zuriickgekehrt ist. Die von ihm 
zuruckgelassene Besatzung war stark genug, um die Breslauer 
schwer zu schadigen, und Wittenberg veranlafste sogar den 



Breslau von den Schweden blokiert 1647. 001 

Feldmarschall zu einem sehr vorwurfsvollen Briefe an den 
Rat (vom 8. Juni 1647), in welchem derselbe sein Befremden 
ausspricht, „ dafs man von ihnen als einer evangelischen Kora- 
mune dergleichen widriges Comportement verspiiren miissen, 
zumalen man um sie bisher viel ein Besseres verdient. Und 
ist ihnen ja nicht unbewufst, wie treuliehen man sich bei dem 
zu Osnabriick und Miinster vornehmenden Friedenswerk 
ihres Interesses nicht weniger als anderer evangelischen Stande 
und Stadte angenommen und zu dero Bestem die koniglich 
schwedischen Waffen mit emploirt." 

Und gleichzeitig erliefs Wrangel ein uberall in Schlesien 
verbreitetes Patent, welches einen formlichen Blokadezustand 
iiber Breslau verhangte, alle Zufuhr von Waren sperrte und 
abschnitt und alle Kaufleute mit ihren Giitern bis auf weiteres 
nach Glogau oder Ohlau wies, wofern sie ihre Waren nicht ganz 
einbiifsen wollten. Diese Blokade ward, da die Schweden 
rund um die Stadt die Orte Ohlau und Jeltsch, Ols, Traehen- 
berg, Neumarkt besetzt hielten und von da aus noch enger 
den Kreis schlossen, in gewisser Weise wirksam, und die 
Biirgerschaft litt Monate lang schwer darunter. Am 27. August 
sind sogar schwedische Reiter auf hem Schweidnitzer Anger 
erschienen und haben aus mitgefiihrten Feldstiicken die Stadt 
zu beschieisen begonnen, womit sie freilich nicht sowohl grofse 
Wirkungen zu erzielen als vielmehr Schrecken zu verbreiten 
vermochten. 

Die geangsteten Breslauer klagten ihre Not auf das be- 
weglichste dem Kaiser, und dieser hat es schliefslich selbst 
gebilligt, als sie endlich 1648 einen Vertrag mit General 
Wittenberg zustande brachten, der diesem seinem Wunsche 
nach eine Art von Commercium in den Breslauer Vorstadten 
zugestand und gewisse Abgaben fur die von Breslau kom- 
menden und nach Breslau gehenden Waren versprach. 

Diese Ereignisse sowie der Uberfall des in diesen Jahren 
viel genannten kaiserlichen Obersten Dawaggi, der mit sei- 
nem Reiterregimente und zwei Compagnien Dragoner in den 
Vorstadten von Troppau lag, durch den schwedischen Obersten 
Mohr am 11. Mai 1648, wo viel Gefangene, Pferde und so- 
gar die Regimentskasse in die Hande der Feinde fielen, so- 
wie anderseits die Zuriickeroberung von Jauer durch die 
Kaiserliche Besatzung von Liegnitz am 25. Juli 1648, bei 
welcher der kaiserliche Oberstlieutenant Villani, erbittert 
iiber den hartnackigen Widerstand der Schweden, die un- 
gliickliche Stadt dafiir biifsen, sie an 16 Orten anziinden 
und das Loschen verwehren liefs, dies waren die letzten 
Kriegsereignisse in dem Schlesierlande, welches so den Kelch 



302 Zweites Buch. Fiinfter Absclmitt. 

der Leiden bis zur Hefe zu leeren liatte. Am 24. Oktober 
ward zu Miinster und Osnabriick der sogenannte Westfalische 
Friede geschlossen, der diesen furchtbarsten und greuelvollsten 
aller Kriege beendete und auch in Schlesien wenigstens den 
Feindseligkeiten ein Ziel setzte, wenngleich die schwedischen 
Garnisonen in den zahlreiclien Platzen, die sie hier besetzt 
hielten, noch fast voile zwei Jahre haben von den Einwohnern 
verpflegt werden miissen. 



Drittes Buch. 

Schlesien in den Zeiten kirchlicher 
Reaktion 1649—1740. 



Erster Abschnitt. 

Die Friedensbediiigiiiigen und der Zustaud nacli dein 

Kriege. 



Um zu verstehen, wie sich die Lage der Dinge in Schle- 
sien nach dem Frieden gestaltet hat, miissen wir noch ein- 
mal auf die Friedensunterhandlungen zuriickgreifen , welche 
seit dem Jahre 1644 in den westfalischen Stadten Minister 
und Osnabriick gepllogen wurden. Hier verursachte die Ab- 
messung der Entschadigungen an Land und Leuten, welche 
die intervenierenden fremden Machte Frankreich und vor- 
nehmlich Schweden als Entgelt fiir ihre Bemtihungen bean- 
spruchten, die allergrofsten Schwierigkeiten, und es war 
naturlieh, dais in der Zeit, wo die militarischen Triumphe 
Torstensons die Welt in Staunen setzten, die Forderungen 
Schwedens nicht niedrig gegriffen wurden. So befand sich 
denn unter den Entschadigungslanden, welche damals von 
dieser Macht begehrt wurden ; audi Schlesien. Doch wissen 
wir ? dais schon damals, 1645/46, der schwedische Reichs- 
kanzler Oxenstierna seine Blicke auf das allerdings am be- 
quemsten gelegene Pommern gerichtet hatte und deshalb 
bereit war ; wofern Kurbrandenburg seine Rechte auf dies 
letztere Land aufgeben wolle, fiir dessen Entschadigung 
durch Schlesien mit alien Kraften einzutreten. Indessen 
wollte der junge Kurflirst von Brandenburg Friedrich Wil- 
helm von diesem Plane wenig horen, er versiiumte zwar, 
wie das bereits unter seinem Vater geschehen war, keine 
Gelegenheit, um von Schlesien das Herzogtum Jagerndorf 
zu reklamieren, welches seinem Hause seit mehr als zwanzig 
Jahren zu Unrecht vorenthalten werde, da man kein Recht 
gehabt habe, fiir die Schuld des 1621 geachteten Markgrafen 
-Georg Friedrich auch dessen an jenem Vergehen ganz un- 

Grunhagea, Gescli. SchlesieilB. II. ^0 



306 Drittes Buch. Erster Abschnitt. 

schuldigen Erben mitzubestrafen , und war auch bereit, zur 
Entschadigung fur Jagerndorf das Herzogtum Glogau anzu- 
nehmen, doch fiir jene Kompensation hat er sich kaum ernst- 
haft interessiert und es jedenfalls vorgezogen, seinen aner- 
kannten und verbrieften Anspruch auf Pommern aufrecht- 
zuhalten. 

Was nun den Kaiser anbetraf, so zeigte er sich zwar 
beziiglich jener jagerndorfer Anspriiche Brandenburgs, ohne 
dieselben anerkennen zu wollen, einer Entschadigung nicht 
abgeneigt, wollte diese Sache jedoch in keinem Falle bei 
den Friedensunterhandlungen verhandelt sehen, wahrend die 
kurfiirstlichen Gesandten die Restitution der hohenzollern- 
schen Herrschaft in Jagerndorf als eine der Aufgaben des 
Friedenskongresses ansahen, der ja die Zuruckfiihrung des 
Zustandes, wie er bei dem Ausbruche des grofsen Krieges 
1618 gewesen, in erster Linie anzustreben habe. 

Bei solchen prinzipiellen Gegensatzen kamen diese Ver- 
handlungen wenig vorwarts. Vor allem warf der kaiserliche 
Gesandte den Gedanken, die Entschadigung fiir Pommern 
an Brandenburg in Schlesien suchen zu wollen, geradezu 
mit Unwillen von sich , das hiefse von dem Kaiser seinen 
Augapfel fordern. In der That ist auch von Schlesien als 
einem Entschadigungsobjekte bald nicht mehr die Rede, und 
der Verbleib dieses Landes unter habsburgischer Herrschaft 
schien gesichert, wo dann die Frage nach dem weiteren 
Schicksal der schlesischen Protestanten urn so bedeutungs- 
voller werden mufste. Die Frage, ob hier die Bestimmungen 
des Dresdener Accordes von 1621 oder die des Prager 
Friedens von 1635 zur Geltung kommen sollten, der Maje- 
statsbrief mit seiner vollen Glaubensfreiheit oder aber das 
vom Kaiser beanspruchte jus reformandi, d. h. das Recht, 
in den ihm unmittelbar unterstehenden Landen das Bekenntnis 
des Landesherrn zu dem allein herrschenden zu machen. 

Nachdem der grofse Glaubenskrieg den Ausgang genom- 
men, dafs keine Partei ein unzweifelhaftes Ubergewicht davon- 
getragen hatte, wiirde das naturgemafseste ein Friede ge- 
wesen sein, der eine allgemeine Duldung und das Prinzip 
der Gleichberechtigung beider Religionsparteien proklamiert 
hatte, aber derartiges hatte den Anschauungen jener Zeit 
sehr fern gelegen, und die rein evangelischen Lande, wie 
z. B. Sachsen oder Danemark und Schweden, wurden sich 
kaum williger zu einer volligen Freigebung des katholischen 
Bekenntnisses in ihren Landern verstanden haben, als sich 
der Kaiser den Protestanten gegenuber zeigte. Allerdings 
verlautet nichts davon, dafs derartige prinzipielle Gegen^ 



Die Friedensverhancllungen und die schlesischen Protestanten. 807 

forderungen von kaiserlichen Seiten geraacht worden seien, 
als 1647 Schweden namens des Konvents der Evangelischen 
die Glaubensfreiheit fiir die Protestanten in den kaiserlichen 
Erblanden begehrte, und dies Verlangen ging ja auch nur 
dahin, dera im allgemeinen angenommenen Restitutionsprinzipe 
entsprechend die friiher hier verliehenen „ Majestatsbriele, 
Vergleiche und Privilegien" aufs neue in'Kraft treten zu lassen. 
Aber gegeniiber der mit grofster Entschiedenheit vorgebrach- 
ten Ablehnung der kaiserlichen Gesandten scheint man diese 
Forderung bald fallen gelassen zu haben, vielleicht weil man 
einsah, dafs in Bohmen, Mahren, Osterreich die kirchliche 
Reaktion zu griindlich aufgeraumt hatte ; um hier eine Re- 
stitution noch eintreten lassen zu konnen. 

Anders stand die Sache bezuglich der Schlesier, die ja 
noch nach dem bohmischen Aufstande in dem Dresdener 
Accorde eine erneute Zusicherung ihrer Religionsfreiheit er- 
halten hatten. Doch die kaiserlichen Gesandten hatten, wie 
sie erklarten, die gemessene Weisung, fiir die Schlesier nicht 
mehr als die Bestatigung der Festsetzungen des Prager 
Nebenrezesses von 1635 in Aussicht zu stellen, welcher be- 
kanntlich den protestantischen Fiirsten Schlesiens sowie der 
Stadt Breslau Religionsfreiheit zusicherte, bezuglich der Erb- 
fiirstentiimer aber dem Kaiser als unmittelbarem Landesherrn 
das , wie man sagte, von jedem Reichsstande in Anspruch 
genommene Reformationsrecht gewahrt wissen wollte. 

Wohl erfuhren die Schlesier von dieser Ansicht, welche 
die Unterdriickung des Protestantismus in den ganz pro- 
testantischen Erbfurstentiimern Glogau, Sagan ; Schweidnitz- 
Jauer, Breslau in Aussicht stellte, aus der gedruckten „Duplica" 
der kaiserlichen Gesandten, aber fur eine Anderung dieser 
harten Bedingungen irgendwelche Schritte zu thun war ihnen 
auf das aufserste erschwert; die schlesischen Fiirsten waren 
als nicht reichsunmittelbar von aller Teilnahme an den 
Friedensunterhandlungen ausgeschlossen , und in den Erb- 
furstentiimern war jeder Versuch, sich zur Absendung einer 
Gesandtschaft oder schriftlicher Vorstellung zusammenzathun 
auf das strengste verboten. Wohl aber erschien von unbe- 
kannter Hand eine „ Deduction ", betreffend die freie Ubung 
des Augsburgischen Bekenntnisses , welche an die evangeli- 
schen Kurfursten und Fiirsten des Reiches gerichtet, auf 
das Beweglichste dieselben namens der Schlesier anflehte ; 
da diese ,,obwohl ihnen das Wasser nunmehr an die Seelen 
gehet ; doch um Hilfe nicht rufen konnen oder durfen", 
durch ihre Intervention den Genufs des Majestatsbriefes und 
Dresdener Accordes, den die Schlesier durch ihr Thun in 

20* 



308 Drittes Buch. Erster Abschuitt. 

keiuer Weise verwirkt batten, ungekrankt und unverriickt 
zu erhalten. Aber sogleich erschien eine kaiserliche Ver- 
ordnung, welche dem Breslauer Rat sein Mifsfallen dariiber 
aussprack, dafs er den offentlichen Verkauf dieser „unwahr- 
haften, mit vielen Calumndis angefiillten Scharteke " gestattet 
babe, und das Verbot derselben sowie eine strenge Inqui- 
sition wegen des Verfassers anordnete. 

Bereits im Jabre 1645 batte der schlesische Dicbter 
Daniel Czepko, selbst Gutsbesitzer in der Nahe von Schweid- 
nitz, eine Denkschrift verfafst: „ Politisch - unverfangliches 
Bedenken, warum das Exercitium der Augsburgischen Kon- 
fession den Stadten dieser Fiirstentiimer (Schweidnitz-Jauer) 
zuzulassen." Obwobl nun diese Scbrift sicb gerade an die 
kaiserlicben Beborden wandte und dieselben zu iiberzeugen 
suchte, wie ibr eigenstes Interesse es erheische, um den materi- 
ellen Ruin dieser Lande infolge einer immer zunebmenden 
Entvolkerung derselben zu verbilten, mit den Religions- 
verfolgungen innezubalten , so diirfen wir doch sicker sein, 
dafs die Denkscbrift nie an den Kaiser eingesendet worden 
ist, das hat vor allem der scbarfe Ton, in welcbem sie ge- 
balten ist, verbindert. 

Man bat tiberbaupt seitens der kaiserlicben Regierung 
mit Strenge dariiber gewacbt, dais seitens der Schlesier keine 
Schritte in dieser sie docb so peinlicb beriihrenden Ange- 
legenbeit geschaben, und als trotzdem der ebemalige 9yn- 
dikus von Glogau, Lauterbach (der tibrigens in Fraustadt 
Avobnte), als Gesandter der Glogauiscben Stande an die Hofe 
von Dresden und Berlin ging, vermocbte er kaum einer 
geAvaltsamen Aufbebung zu entgehen. Nacb den westfalischen 
Stadten, in denen iiber den Frieden unterbandelt wurde, 
und wobin sicb kein Scblesier batte wagen diirfen, in deren 
Interesse zu gehen iibernabm ein in Polen angesessener 
deutscber Edelmann Hans Georg von Scblicbting, Ober- 
Landricbter des Fraustiidter Kreises. Derselbe hatte scbon 
1630 sicb in Wien, wenn aucb frucbtlos, fur seine bedrangten 
Glaubensbriider in fSchlesien verwendet, 1645 batte er dann 
dicbt an der schlesischen Grenze, 1^ Meilen von Glogau, 
auf seinem Grnnde ein nacb ibm Scblicbtingsheim genanntes 
Stadtcben gegriindet, welcbes auswandernde schlesische Pro- 
testanten scbnell bevolkerten, und dessen Kirche auch fur 
die zuriickgebliebenen eine willkommene Zuilucbtsstatte ge- 
wurden ist. Allerdings hat seine Vermittelung ebenso wenig 
wie die Reisen Lauterbacbs Avirkliche Erfolge gehabt. Die 
besten Zusicberungen hatte aucb dieser letztere seitens der 
beiden Kurfursten beimgebracht, aber gegeniiber der unbeug- 



Festsetzungen iubetreff der schlesischen Protestauten. 309 



"6 



samen Starrheit der kaiserlichen Gesandten war doch nichts 
zu erreichen, Was hier noch erzielt wurde, haben die 
Schlesier scliliefslich vor allem Schweden zu verdanken. 

Auf dessen Fiirbitte hin ward nun auch, wie das in 
Artikel V, § 39 des Friedensinstrumentes ausdrucklich her- 
vorgehoben wird, das was uber die den schlesischen Fiirsten 
Augsburgischer Konfession, namlich den Herzogen zu Brieg, 
Liegnitz, Miinsterberg und Ols, fur ihre Lande so wie fur 
die Stadt Breslau gewahrleistete Religionsfreiheit hinaus den 
im iibrigen dem kaiserlichen Reforraationsrechte preisgegebenen, 
unmittelbar unter der Krone stehenden, sogenannten Erb- 
fur&tentumern zugestanden erscheint, vom Kaiser nachgegeben. 
Es lief das darauf hinaus, dafs deren Einwohner nicht urn 
ihres Glaubens willen zur Auswanderung gezwungen werden, 
sondern sogar befugt sein sollten, aufserhalb der Grenze 
ihren Gottesdienst abzuhalten, mit andern Worten, dais hier 
wohl eine Sperrung und Hinderung des evangelischen Gottes- 
dienstes, nicht aber eine gewaltsame Bekehrung stattnnden 
diirfe, und dafs ferner den Protestanten dieser Furstentiimer 
gestattet sein solle , in den drei Hauptstadten dieser Lande : 
Schweidnitz, Jauer und Glogau, aufserhalb der Ringmauern 
drei Kirchen fur ihren Gottesdienst zu errichten, insgesamt 
Konzessionen, die, so geringiugig sie auch scheinen mochten, 
doch sehr wirksam der Unterdruckung des Protestantismus 
in diesen Gegenden, wie man sie geplant hatte, entgegen- 
gearbeitet haben. 

Der Zustand nach dem Kriege. 

Unzweifelhaft lag eine grofse Harte darin, dafs eben die 
schlesischen Lande, denen jetzt nach dem Frieden so harte 
Mafsregeln in kirchlicher Beziehung angedroht wurden, zu- 
gleich gerade die waren, welche wahrend des Krieges eigent- 
lich am allerschwersten und schlimmsten, und zwar ganz 
besonders durch die Truppen des Kaisers, heimgesucht wor- 
den waren, und welche jetzt wohl von ihrern Landesherrn 
etwas anderes als neue Drangsale zu erwarten berechtigt 
gewesen Avaren. Aber wir diirfen sicher sein, im Augen- 
blicke hat das Gefiihl, von der unerhort langen Kriegsnot, 
der absoluten Unsicherheit fur Leben, Freiheit und jede Art 
von Besitz endlich erlost zu sein alle anderen Erwagungen 
zuriickgedrangt, und die Friedensfeste sind im Dezember 
1G48 mit aufrichtiger und dankbarer Freude gefeiert wor- 
den. Einer der protestantischen Prediger, dem die Friedens- 
bedingungen die Vertreibung aus seinem Amte in nahe Aus- 



310 Drittes Buch. Erster Abschnitt. 

sicht stellten, schreibt doch in sein Tagebuch neben die Er- 
wahnung des geschlossenen Friedens: „Was das fur eine 
grofse Wohlthat des lieben Gottes sei, kann fiirwahr mit 
Menschenzungen nicht ausgesprochen und genugsam verdanket 
werden." 

Freilich kam man jetzt erst dazu, den Umfang des im 
ganzen Lande angerichteten Schadens einigerniafsen zu iiber- 
sehen. Wir konnen uns denselben kaum grofs genug vor- 
stellen. Eine genaue Statistik fehlte jener Zeit, aber was 
man aus einzelnen authentischen Zusammenstellungen ersieht, 
ist schon schrecklich genug, wie wenn wir aus einem Berichte 
iiber die Herrschaft Fiirstenstein, der schon aus den Jahren 
1644 stammt, lesen, dafs hier der grofsere Teil der 
Dorfschaften wiist lag, oder wenn der Herzog von Brieg 
berichtet, in seinem Lande seien an 100 Eittersitze voll- 
standig verwiistet, ein Dritteil der Hufen sei unbebaut. In 
den Furstentumern Schweidnitz- Jauer fand die Reduktions- 
kommission von 1653/54 in den Kirchdcirfern dieser Lande 
498 wiiste Hufen, 26 Dorfer noch vollstandig ode, 20 zum 
grofsten Teile wiist, bei 22 Kirchen die ganze Widmut noch 
unbebaut und verstraucht. Allein im Uhlauischen Kreise 
hat der Krieg drei Dorfer und ein Stadtchen ganz vom 
Erdboden verschwinden lassen , sie waren so griindlich 
ruiniert, dafs sie nie wieder bebaut worden sind, ebenso 
fiinf Dorfer im Neifseschen und das Dorf Kunzendorf im 
Wohlauischen. Um 200 000 Menschen, rechnet man, habe 
sich die Zahl der Einwohner in Schlesien durch den Krieff 
verringert. 

Von den unzahligen in Schlesien wiist liegenden Stellen 
waren die Bewohner verschwunden, die liiitten und Stal- 
lungen waren niedergebrannt , und auch nach dem Frieden 
fragte keiner von den fruheren Besitzern nach dem, was 
niemand hatte fortschleppen konnen, der Scholle Landes, 
die sonst ja bereit war, wie friiher ihren Ertrag dem Men- 
schen darzubieten. Wo waren die Menschen hin"? Viele 
waren in den Verstecken in Waldern, Erdhohlen, alten Stein- 
briichen und Felskliiften, wohin sie vor ihren Peinigern ge- 
fliichtet waren, alien Unbilden des Wetters preisgegeben, in 
Mangel und Elend verkommen, von den Mannern waren 
viele in Verzweiflung unter die Soldaten gegangen, auch 
von den Madchen waren nicht wenige, nachdem sie erst 
den Liisten der Soldaten hatten fronen miissen, schliefslich 
unter dem ungeheuern Trosse, der die Heere begleitete, mit- 
gezogen und hatten irgendwo ein unriihmliches Grab in 
der Frernde gefunden, verdorben, gestorben. 



Entvolkerung des Landes nach dem Kriege. 311 

Und nicht besser als auf dem platten Lande sab. es in 
den Stadten aus, in Glogau gab es schon 1638 von 2500 
ansassigen Biirgern nur noch 122, Freistadt war fast ganz 
verodet, aus Ghihrau waren schon unmittelbar nach den 
Drangsalen der Lichtensteiner an 4000 Einwohner nach 
Lissa in Polen nnd anderen polnischen Stadten ausgewandert, 
so dais zuletzt von 699 Hausern 587 leer standen, in Pribus 
fanden sich noch 11 Burger und 6 Tagelohner, Polkwitz 
stand 10 Jahre lang (1639 — 1649) fast ganz unbewohnt. 
Das einst so bliihende Bunzlau war auf etwa 80 Einwohner 
zusammengeschmolzen, die Fiirstentumshauptstadt Jauer lag 
seit der barbarischen Zerstorung von 1648 in Asche und 
Trummern, ebenso Bolkenhain, Hirschberg, Landshut; von 
Lowenberg, einer besonders gewerbfleifsigen Stadt, welche 
einstmals in der Schatzung unmittelbar nach Breslau und 
Glogau gerechnet worden war, welche 339 Hauser in der 
Stadt 399 in den Vorstadten und mindestens 6500 Ein- 
wohner, und darunter 1700 Burger gehabt, fanden sich beim 
Friedensschlusse noch einige 40 verarmte Burger zusammen, 
von den 700 Tuchmachern waren noch 14 ubrig. „Die 
Stadt ist meistens iiber einem Haufen gefallen", klagt der 
Eat noch 1655. Schonau und Lahn galten fur total ruiniert, 
von Freiburg erfahren wir bereits aus dem Jahre 1641, 
dafs der grofste Teil abgebrannt, die Vorstadte ganz wtist 
seien; von Friedland, dafs ein Dritteil niedergebrannt und 
das Vorwerk sowie die dazu gehorigen Dorfschaften wixst 
lagen; Schweidnitz hatte von 1300 Hausern nur noch 118; 
in Nimptsch fanden sich nach dem Kriege noch 11 Burger, 
in Glogau einige 20, ebenso viel noch in Miinsterberg; in 
Reinerz 25, Habelschwerdt lag fast ganz wiist, Steinau ganz 
und gar, Neumarkt zum dritten Teil. Und sicherlich hat 
es in den oberschlesischen Stadten, von wo uns nahere Nach- 
richten fehlen , nicht besser ausgesehen •, von Kosel erfahren 
wir, dafs es von 4000 Einwohnern auf 1200 gesunken 
war. 

Namentlich die Stadte haben es sehr schwer empfunden, 
aus dieser Verkommenheit sich wieder herauszuarbeiten ; an 
vielen Orten hat man die Bauplate ganz umsonst hingegeben, 
wenn sich nur Bebauer fanden, auch noch Steuerfreiheit fiir 
ein Jahr oder mehrere bewilligt. Es ist riihrend zu lesen, 
welche Anstrengungen der Magistrat von Habelschwerdt 
machen, welche Zusicherungen er geben mufs, um jemanden 
zu dem Wagstiick zu ermutigen, in dem verodeten Stadt- 
chen wiederum einen Gasthof aufzuthun. Lange dauerte es, 
ehe wieder der Gewerbfleifs seine Absatzquellen, der Handel 



312 Drittes Bucb. Enter Abschuitt. 

die gewohnten Wege wiederfand; nur die Flnfsschiffahrt, 

namentlich auf der Oder, hatte einen gewissen Aufschwung 
genommen, in den wilden Kriegszeiten durfte ja der Wasser- 
weg fur den weitaus sichersten gelten. 

In den Furstentumern Liegnitz-Brieg-Wohlau haben die 
Herzoge, die freilich selbst tief in Geldnoten steckten , we- 
nigstens guten Willen gezeigt, ihren Unterthanen aufzuhelfen, 
Privilegien aller Art erteilt, und doch ab und zu einmal 
einen glilcklichen Griff mit der Einbiirgerung neuer Gewerbs- 
zweige gethan, wie denn z. B. die Tabaksindustrie in jener 
Zeit in die Ohlauer Gegend gekommen ist. In den Erb- 
furstentumern war davon kaum die Rede. Derartige landes- 
vaterliehe Fiirsorge war nicht das, was die Habsburger jener 
Zeit auszeichnete. Am allerwenigsten bekam das entlegene 
Schlesien davon etwas zu verspiiren. Ganz im Gegenteil 
ist es hier, und zwar geracle in den Erbfiirstentumern, ge- 
schehen, dafs, als kurz nach dem Frieden die Mafsregelungen 
der Protestanten und die Wegnahme ihrer Kirchen aufs neue 
begannen, gar mancher gewerbfleifsige Mann das Land ver- 
Kefs, wie denn eben in der zweiten Halite des 17. Jahr- 
hunderts zahlreiche Handwerker, vornehmlich Tuch- und 
Leinweber, aus den schlesischen Gebirgsstadten nach der 
nun sachsisch gewordenen Oberlausitz und den kleinen Stiidten 
an der polnischen Grenze ausgewandert sind. 

Es konnte unter diesen Umstanden nur langsam vorwarts 
gehen, und es ist sehr lelirreich, einen Biick auf die Schil- 
derung zu thun , welche der fruchtbare Schriftsteller Daniel 
Czepko, einer der schlesischen Dichter aus Opitz' Schule, 
im Jahre 1697, also fast zwanzig Jahre nach dem Friedens- 
schlusse, von dem damaligen Zustande der Furstentumer 
Schweidnitz-Jauer und namentlich der Stadte in ihnen ent- 
worfen hatte, immer im Riickblicke auf die Zeit vor dem 
Kriege. Danach fanden sich an Biirgern in Schweidnitz 350 
(vor dem Kriege 1800), Jauer 150 (1400), Striegau 100 (500), 
Lowenberg 200 (1700), Bunzlau 200 (600), Hirschberg 200 
(900), Bolkenhain 100 (350), Reichenbach 100 (1500), 
Landshut 200 (650), Freiburg 100. 

IJbel sah es unter solchen Umstanden mit den landes- 
fiirstlichen Steuern aus, und die Reste hauften sich in er- 
schreckender Weise. Infolge der durch den Krieg ange- 
richteten Verwustungen erschien die 1527 aufgerichtete 
Schatzung des Landes in keiner Weise mehr zutreffend, 
und dock wehrten sich die einzelnen Stande gegen Bericli- 
tigungen, bei denen der Ausfall des einen notwendigerweise 
von dem andern mit zu tragen war. Ho mufsten denn die 



Langsame Ei-holung von den Leiden des Krieges. 313 

Stadte, welche am schwersten sich erholten und deshalb von 
der alten Schatzung am iibelsten betroffen wurden, sich da- 
mit begniigen, zeitweise den Erlai's einer Octava, Septima 
oder auch Tertia, d. h. des je achten, siebenten oder dritten 
Teils der eigentlich auf sie fallenden Steuerquote zu er- 
lane'en. Auch im Verkehr der Einwohner unter einander 
mul'sten die bereits wahrend des Krieges erlassenen ,,Mora- 
torien", d. h. die zeitweiligen Aufhebungen der Zahlungs- 
verpfiichtungen fur Schuldner, obwohl damit unvermeidlich 
allerlei Mifsbrauch getrieben ward, 1650 und dann 1658 
noch einmal erneuert vverden. 

Dagegen erkliirten sich die Stande gegen eine vom Landes- 
herrn aaszusprechende summarische Reduzierung der Schulden 
ein sogenanntes Cassatorium, wie solches 1654 vorgeschlagen 
worden zu sein scheint, ja sie widerstrebten selbst der Ein- 
fiihrung der Bestimmuugen des romischen Rechtes liber das 
sogenannte alteram tantum, denenzufolge aufgelaufene Zinsen 
nicht holier als bis zura Betrage des Kapitals selber eingeklagt 
werden diirften, und als der Kaiser in Ausfiihrung einer 
Bestimmung des westfalischen Friedens, der fur das Reich 
Versuche zur Abhill'e der allgemeinen Geldnot in Aussicht 
genommen hatte, die Einfiihrung des alteram tantum vor- 
schlug, holten die Stande Gutachten aus den verschiedensten 
hierfur kompetenten Kreisen ein und uberreichten endlich, 
und zwar erst 1654 eine Denkschrift ; welche den Vorschlag 
ablehnt, weil man befurchten mtisse ; dais dadurch nur bosen 
Schuldnern leichtes JSpiel gemacht, der Kredit geschwiicht 
und „ die christliche Liebe den diirftigen Nachsten zu heli'en 
noch mehr gedampfet werden mochte". Es moge dagegen 
den richterlichen Behorden Vollmacht erteilt werden, in ein- 
zelnen Fallen den Schuldnern „ eine billige Moderation u und 
auch nach Priifung der Sachlage Spezialmoratorien zu ge- 
wahren, wobei es denn nun auch geblieben ist. 

Als sehr schwierig zeigte sich die Wiederurbarmachung 
der ungezahlten wiisten Huten auf dem platten Lande, deren 
viele erst in preufsischer Zeit wieder angebaut worden sind. 
Der Wert der Grundstiicke war eigentlich uberall um mehr 
als das Zehnfache gesunken, man konnte an vielen Orten 
fur wenige Thaler ein ganzes Bauerngut kaufen, ja an ver- 
schiedenen Orten erhielten Ansiedler den Grand und Boden 
ganz umsonst, wenn sie nur die Verpflichtung tibernahmen, 
im Verlaufe einiger Jahie ein Wohnhaus und Scheuern 
wieder aul'zubauen. Sonst war die Regel die, dafs die Guts- 
herrschaft die wiisten Hufen einfach in Besitz nahm, um 
sie entweder selbst zu bewirtschaften oder an Leute auszu- 



314 Drittes Buch. Erster Abschnitt. 

thun, die dafiir ihr rnannigfache hochbemessene Dienste zu 
leisten hatten, ein Verfahren, das unter alien Umstanden die 
noch iibrigen Bauern schwer traf ; insofern fur alle eigent- 
lichen Geraeindelasten Kirchen- und Schulbauteu und was 
sonst dazu gehorte die Zahl derer, welche dieselben unter 
sich zu verteilen hatten, bei dem Eingehen so vieler Bauer- 
wirtschaften sich in empfindlichster Weise verringerte. 

Es war das nur einer der verschiedenen Umstande, welche 
eben in jener Zeit die Lage der Landbewohner so verschlim- 
merten und den ganzlichen Verfall der Bauernfreiheit herbei- 
fuhrten. Allerorten stiegen damals die Anspriiche der Guts- 
herrschaft, die selbst durch den Krieg arg heruntergekommen, 
begierig nach alien Mitteln griffen, ihre Lage auf Kosten 
ihrer landlichen Unterthanen zu verbessern. Es fanden sich 
vielfach Juristen, welche aus dem nun zu grofserer Herr- 
schaft gekommenen romischen Rechte die weitgehendsten 
Befugnisse eines Dominialherren herleiteten und die Dienste, 
Avelche die Hintersassen dem Gutsherrn zu leisten hatten, 
im Grunde als ungemessen ansahen, wolern nicht besondere 
Vertrage hier ein Mafs bestimmt hatten. 

Diesen sich immer steigernden Anspriichen mit Erfolg 
sich zu widersetzen fehlte der durch die langjahrigen Mifshand- 
lungen der Kriegszeit tief gebeugten und niedergedriickten 
Bauernschaft vielfach der Mut, und wo man sich zu wehren 
versuchte, war nicht immer giinstiger Bescheid auf eine Be- 
schwerde zu erhoffen. In den Regierungskreisen war die 
Stimmung durchaus dafiir, dem Adel, in welchem man die 
eigentliche Stiitze des Thrones erblickte, nach Kraften bei- 
zustehen. Man braucht in der That nur einen Blick in eine 
der kurz nach dem Kriege 1652 — 1654 erlassenen Gesinde- 
ordnungen zu thun, in welchen z. B. ein iiberaus niedrig 
gegriffener Lohn fiir landliche Arbeiter mit der Mafsgabe 
festgesetzt ward, dafs jede Erhohung desselben seitens eines 
einzelnen Gutsbesitzers mit schwerer Geldstrafe bedroht wird, 
um die furchtbare Harte zu erkennen, mit der man hier ver- 
fahren ist, wie begriindet audi sonst die in jenen Edikten 
enthaltenen Klagen iiber das Gesinde von damals sein mogen, 
das in den Kriegszeiten wohl auch in Beziehung auf Zucht 
und Arbeitsamkeit vielfach verwildert sein mochte. 

So wie im grofsen und ganzen damals der Bauernstand 
mehr und mehr in Unfreiheit und Armut versank, so ging 
auch der Biirgerstand herab. Schon die durch den Krieg 
bewirkte allgemeine Verarmung driickte die Geister nieder, 
und die armen Stadtbewobner, die jetzt so lange Jahre hin- 
durch gewohnt worden waren, sich von jedem Ottizier, jedem 



Schwinden der Bauernfreiheit, gedriickte Lage der Stiidter. 315 

Fiihrer eines marodierenden Soldatenhaufens ungestraft aufs 
groblichste mifshandeln zu lassen, hatten jede Regung des 
alten Biirgerstolzes verlernt, sie fiigten sich demiitig in die 
neue Zeit, wo der Adel sich seiner Standesvorrechte mehr 
als je bewufst ward und auf den schlichten Burger vornehm 
herabsah, von den herrschenden Gewalten auf jede Weise 
begiinstigt. Wenn vordem in den Stadten die Teilnahme 
an dem Rat als die hochste Ehi*e gegolten hatte, so war das 
wahrend des Krieges sehr anders geworden, da gerade die 
Vertreter der Stadt von dem Kriegsvolke die allerschlimm- 
sten Unbilden zu ertragen hatten. Das wirkte in gewisser 
Weise auch nach dem Frieden fort, besonders da die reli- 
giosen Verhaltnisse sehr ungiinstig hineinspielten. Der einer 
ganz protestantischen Stadt durch Befehl des Kaisers auf- 
gezwungene katholische Rat fand sich meistens in wenig 
beneidenswerter Lage, und da sich haufig die besseren Ele- 
mente unter den Katholiken nicht zu diesen Amtern ge- 
winnen liefsen, wurden ungeeignete Personen mit solchen 
Wurden betraut, welche dann wiederum schwer Gehorsam 
fanden und liber die Biirgerschaft fort und fort zu klagen 
hatten. So gab es iiberall unerquickliche Reibungen zum 
Schaden der Stadte selbst, die aus der durch den Krieg ver- 
schuldeten Verkommenheit nur durch angestrengtes eifriges 
und freudiges Zusammenwirken von Regierenden und Re- 
gierten sich hatten schnell heraufarbeiten konnen. 

Vielfach stiefsen auch die Interessen der Stadte mit den 
immer kiihner sich vorwagenden Anspriichen des Landadels zu- 
sammen, und an den verschiedensten Orten werden hier, 
namentlich iiber Brau- und Branntweinurbare, hettige Streitig- 
heiten zwischen den Magistraten einzelner Stadte und be- 
nachbarten Gutsherrschaften gefiihrt. 

Uberaus haufig aber finden sich auch in dem Breslauer 
Staatsarchive Beschwerden iiber gewaltthatige oder iiber- 
miitige Handlungen, welche einzelne Adelige in der oder 
jener Stadt, meistenteils im Rausch, veriibt, Vorfalle, die zu- 
sammengehalten mit den gleichfalls nicht seltenen Fallen 
von Verwundungen und Totschlagen, deren Edelleute auch 
sonst beschuldigt wurden, veriibt gegen Niedrigerstehende 
oder auch gegen Standesgenossen, ohne dafs bei letzteren die 
Formen eines Duells immer gewahrt wurden, deutlich zeigen, 
dafs die demoralisierende Wirkung der Kriegszeiten sich auch 
auf die Sitten des Adels erstreckt hat. Ganz verwunderliches 
erzahlt uns hieriiber die handschriftliche Chronik eines Herrn 
von Sperer auf Jolmsdort, dafs namlich in den Zeiten nach 
dem Kriege in Schlesien eine Gesellschaft j linger Lente vom 



310 Drittes Buch. Erster Abschnitt. 

Adel, die Siebenundzwanziger genannt, viel von sich reden 
gemacht habe, welche sich zusaramengethan um Unheil zu 
stiften, wo sie hinkamen, Handel, anzufangen, alles zu zer- 
schlagen etc. Schon durch ihr Aufseres hatten sie Schreken 
erregt, da sie es zur Gewohnheit gehabt, sich Haar, Bart 
und Nagel ins Ungemessene wachsen zu lassen u. s. w. Dais 
Unfug, wie er von jenen Leuten veriibt ward, nicht so ganz 
vereinzelt dastand, erhellt schon aus dem besondern kaiser- 
lichen Edikte vom 9. Oktober 1651, gerichtet gegen die 
„Unruhigen und Friedhassigen von Adel und andere mut- 
willige Leute, deren viele in Schlesien sowohl in Stadten als 
auch auf dem Lande herumziehen und gemeiniglich ungebeten 
zu Hochzeiten, Kindtaufen, Begrabnissen, Gastereien etc. ein- 
dringen — gotteslastlich schworen, rluchen und schelten, 
allerlei Schand- und argerliche Zoten und Discourse leicht- 
fertig ausschlitten, allerlei. Tumult anstiften, die Speisen arger 
als viehisch verunehren, (Jfen und Fenster einschlagen, in den 
Zimmern Degen zucken, Biichsen und Pistolen losen u. s. w." 
Wie weit in jener Zeit die Verwilderung der Geister, das 
wiiste Schlemmen und Trinken, die von den Soldaten gelernte 
Unflathigkeit des Tones, die Brutalitat auch dem andern Ge- 
schlechte gegenliber gegangen ; konnen wir uns in der That 
kaum vorstellen, und es war nach dieser Seite hin geradezu 
ein Gewinn, als mehr und mehr von Frankreich her die 
dortigen Formen des geselligen Verkehrs von oben herab 
Eingang fanden und immer mehr Platz griffen. Wie wenig 
uns auch diese Nachaffung der franzosischen Etikette amnuten 
mag, dem verwilderten Geschlechte, das der Krieg heran- 
gezogen hatte, ward dadurch zuerst wieder eine gewisse Zucht, 
ein gehalteneres Benehmen, gebildetere Umgangsformen, An- 
stand und Sitte gelehrt, und der ganze Apparat dieser fran- 
zosischen feinen Gesellschait mit ihren Periicken und Reif- 
rocken, ihren Schaferspielen und franzosischen Floskeln be- 
deutete einen Avirklichen Fortschritt gegeniiber den verwil- 
derten Landsknechtsmanieren , welche der lange Krieg zur 
llerrschaft gebracht hatte. 



317 



Zweiter Abschnitt. 

Die kirchlichen Verkaltnisse. Die grofsen Kirchcn- 
reduktionen. Die Jesuit en. Neue Kloster, Bekeh- 
ruiigcn, Mystiker. Willkiirliche Behandlung' des ka- 
tholischen Klerus. Hexenaherglaube. Die Juden. 



In den letzten Zeiten des Krieges hatten die Religions- 
streitigkeiten etwas geruht , die allgemeine Not lehrte nicbt 
nur beten, sondern audi sich vertragen. In der Zeit der 
schwedischen Besetzung schlossen 1645 in Lowenberg der 
evangeliscbe und der katholische Geistliche einen Vertrag 
liber gemeinsame Benutzung der Stadtkirche zu verschie- 
denen Tagesstunden , und 1G46 erfolgte em gieiches Ab- 
kommen in Hirschberg. In Bolkenhain hatte der katholiscbe 
Erzpriester die Herzen der Biirgerschaft dadurcb fur sich 
gewonnen, dafs er vom Jahre 1642 an aus freien Stiicken 
den Protestanten die Abhaltung ihres Gottesdienstes in der 
Stadtkirche nach Beendigung des katholischen gestattete. 
Er erntete den Lohn seiner Milde 1646, wo der schwedische 
General Wittenberg die Abstellung des katholischen Kultus 
bereits verfugt hatte, aber auf die personliche Fiirbitte des 
protestantischen Geistlichen wieder zuriicknahm. 

Nach dem Frieden verzogerte sich die fiir die Erbfiirsten- 
tiimer in Aussicht genommene Reaktion noch eine Weile 
dadurcb., dafs die schwedischen Besatzungen erst 1650 Schle- 
sien raumten. Die bedrohten Furstentiimer benutzten diese 
Frist, indem sie 1649 eine 'Gesandtschaft an den Kaiser 
schickten mit der Bitte um Erhaltung ihrer Religionsfreiheit. 
Am 5. Marz 1649 erhielt dieselbe nach vielen Bemiihungen 
zu Regensburg eine Audienz bei Kaiser Ferdinand, und 
Wilhelm von Rhediger auf Striese legte in langer beweg- 
licher Rede die Sachlage dar, erhielt aber einige Tage darauf 
durch den Minister Grafen Trautmannsdorf eine durchweg 
abschlagige Antwort, welche in der Versicherung gipfelte, 
dafs des Kaisers Entschlufs wohl iiberlegt sei und nicht aus 
einer feindlichen Gesinnung, sondern aus landesvaterlicher 
Treue herstamme, welche ihn wiinschen lasse, dafs alle 
seine Unterthanen die Seligkeit erlangten. 

Keinen besseren Erfolg hatte die Anrufung der evan- 



318 Drittes Buch. Zweiter Abschnitt. 

gelischen Reichsstilnde , obwohl die Kurfiirsten von Sachsen 
und Brandenburg sich eifrig verwendeten und auch der 
Reichstag von 1653 sich mit der Angelegenheit beschiiftigte. 

In Schlesien hat man bereits seit dem Scheitern der 
ersten Gesandtschaft die Sache im Grunde als entschieden 
angesehen, wie denn auch bereits mit dem Jahre 1650 in 
verschiedenen Stadten die Mafsregelungen der Protestanten 
aufs neue begonnen worden waren. Um so mehr beeilte 
man sich, die Erlaubnis zur Erbauung der drei Friedens- 
kirchen auszuwirken, flir welche allerdings die Beschrankung 
gait, dafs dieselben aufserhalb der Stadtmauern stehen, nicht 
massiv, sondern nur von Bindwerk aufgefiihrt werden und 
keine Ttirme haben diirften. Am friihesten wird die Glogauer 
Kirche „zur Hiitte Gottes" fertig (1652). Doch zeigte sie 
sich als so leicht gebaut, dafs sie 1654 einfiel und von neuem 
errichtet werden mufste; 1655 ward dann die zu Jauer 
„zum hi. Geiste" vollendet und dem Gebrauche iibergeben, 
ohne dafs die Absicht des Landeshauptmanns Otto von Nostitz, 
ihren Besuch nur den Burgern von Jauer zu gestatten, die 
Genehmigung des Kaisers erhielt. Derselbe hatte auch 1652 
bei der Absteckung der Schweidnitzer Kirche den Platz 
ungebiihrlich eng abmessen wollen, wo dann der General von 
Monteverques dazwischengetreten war, man solle doch nicht 
mit ein paar Fufs Erde so geizen. Die verarmte Stadt 
vermochte hier die Mittel zum Kirchenbau nicht allein auf- 
zubringen, und erst Beitrage aus ganz Deutschland und auch 
Schweden gestatteten in den Jahren 1565/57 den Bau der 
Kirche zur hi. Dreifaltigkeit, wie sie noch heute steht. Graf 
Hans Heinrich von Hochberg auf Fiirstenstein schenkte zum 
Baue aus seinen Waldungen eine grofse Menge von Baum- 
stammen. 

Die neuerbauten schmucklosen Gotteshauser vermochten 
bald kaum die Menge der Andachtigen zu fassen, denn als 
sie eroffnet wurden, war jene lang angedrohte harte Mafs- 
regel, die Wegnahme aller protestantischen Kirchen in Schle- 
sien, nicht nur in den Erbfiirstentumern, sondern uberall, 
wo nicht ausdrucklich der Friedenstraktat ihr Fortbestehen 
verbriefte, also mit alleiniger Ausnahme der Fiirstentiimer 
Liegnitz, Brieg, Wohlau und Ols sowie der Stadt Breslau, 
in den Jahren 1653 und 1654 vorgenommen worden. Am 
friihesten waren damit die Jesuiten in der Herrschaft Deutsch- 
Wartenberg vorgegangen, welche sie als Vermachtnis der 
letzten Besitzerin, einer verwitweten Frau von Sprinzenstein, 
erlangt und nach Abzug der Schweden wirklich in Besitz 
genommen hatten. Dieselben begnugten sich jedoch nicht 



Die drei Friedenskirchen und die grofse Kirchenreduktion. 319 

im entferntesten mit der ihnen von clem Landeshauptmann 
gestatteten Abstellung des protestantischen Gottesdienstes, son- 
dern wenn sie es moglich gemacht haben, die ganz und gar 
protestantische Bevolkerung innerhalb von etwa 30 Jahren 
durchaus zu bekehren, so haben sie sich dabei so gewalt- 
samer Mittel bedient, dais noch nach 1740 die preufsischen 
Gerichte auf Klagen der Nachkommen jener Gemafsregelten 
die Patres mehrfach zum Schadenersatze verurteilt haben. 

Die allgemeine Kirchenreduktion war im Jahre 1653 
eingeleitet worden. Noch einmal versuchten im Anfange des 
Jahres die Stande von Schweidnitz - Jauer durch einen Ge- 
sandten Konrad von Sack, der die Hole von Dresden und 
Berlin zu besuchen und dann nach Regensburg zum Reichs- 
tage sich zu begeben hatte, eine Intervention der evangeli- 
schen Reichsstande bei dem Kaiser herbeizufiihrem aber ohne 
Erfolg; es kam nicht einmal zu einem gemeinsamen Schritte 
der protestantichen Reichsstande, da eigentlich nur der Kur- 
fiirst von Brandenburg dazu ernstlich bereit war. Der Kaiser 
liefs Sack sowie andere protestantische Abgeordnete seiner 
Erblande aus Regensburg ausweisen und sah jeden Verkehr 
eines der Gesandten mit einem derselben feindlichen 
Auges an. Er beharrte auf seinem ihm durch den West- 
falischen Frieden gegebenen Rechte. Ebenso war es ganz 
erfolglos, dafs in demselben Jahre der schon mehrfach 
genannte Daniel Czepko im Vertrauen auf die Gunst, welche 
ihm seine poetischen Verherrlichungen Kaiser Ferdinands 
eingetragen, seinen kaiserlichen Gonner in Regensburg auf- 
suchte und dort Fiirbitte that, „dafs doch auch bei den 
andern Weichbildstadten der Furstentumer Schweidnitz-Jauer 
ein Raumichen und Stellichen zu Kirchen und Schulen ver- 
stattet werden moge". 

Das Reaktionsverfahren begann damit, dafs in den ein- 
zelnen Fiirstentumern die evangelischen Prediger vor die 
betreffenden Landeshauptleute citiert wurden, um das Dekret 
ihrer Absetzung zu vernehmen. Da dies jedoch sich als 
unwirksam zeigte, so bildete man fur die einzelneu Landes- 
teile besondere Kommissionen, bei denen einigen Geistlichen 
je ein hoherer Beamter zugesellt wurde ; und welche nun von 
Pfarrdorf zu Pfarrdorf herumzureisen, die Kirchschliissel sich 
einzufordern , die Removierung der Pastoren ins Werk zu 
setzen und die Gotteshiiuser aufs neue nach katholischem 
Ritus zu weihen beauftragt waren. 

Im Dezember 1653 schlofs eine kaiserliche Kommission 
die protestantischen Kirchen in dem Furstentum Miinsterberg 7 
48 an der Zahl, und konnte ihr Werk vollziehen , ohne dafs 



320 Drittes Buch. Zweiter Abscbnitt. 

die Heranziehung bewaffneter Macht notwendig geworden 
ware. Wahrend des ganzen Winters war eine Kommission 
in den Furstentiimern Schweidnitz und Jauer thatig, wo es 
mehr als 200 Kirchen einzuziehen gab, von den en viele aller- 
dings noch vom Kriege her in Triinnnern lagen. Im Friih- 
ling kam dann das Furstentum Glogau an die Reihe sowie 
das Furstentum Breslau und die Herrschaften Polnisch- 
Wartenberg, Militsch, Sulau, Trachenberg. Die Kommissare 
reisten grofstenteils mit militarischer Eskorte, doch ward die 
wirkliche Anwendung von Gewalt eigentlich nur an einem 
Orte notwendig, in Stabelwitz bei Breslau, wo die Bauern 
ernstlich Miene machten, ihre Kirche zu verteidigen und 
erst eine Salve der Musketiere, die mehrere der Bauern 
tutete, der Kommission den Eingang frei machte. Schma- 
hungen freilich mufsten die Kommissare an vielen Orten, 
namentlich von den Weibern, horen. Auch in den Fursten- 
tiimern Teschen, Troppau und Jagerndorf sowie in den bei- 
den Standesherrschaften Plefs und Oderb erg-Be utheii, welche 
letztere im Besitze protestantischer Herren waren (Promnitz 
und Henckel), wurden erst jetzt definitiv alle protestan- 
tischen Kirchen geschlossen und samtliche Prediger und Lehrer 
des Landes verwiesen. In Teschen folgte die Herzogin- 
Witwe Elisabeth Lukretia trotz ihrer streng religiosen Ge- 
sinnung nur widerstrebend den Weisungen des Kaisers und 
nicht ohne diesem wiederholt vorzustellen, wie diese religiosen 
Verfolgungen dem Gedeihen ihres durch den Krieg ohnehin 
schon so heruntergekommenen Landes nicht forderlich sein 
wurden; dagegen benutzte der Herzog von Troppau, Karl 
Eusebius von Lichtenstein, jede Gelegenheit seinen religiosen 
Eifer zu bezeugen und ging sogar so weit, von den Pfarrern 
geradezu zu verlangen, sie sollten in ihren Predigten unab- 
lassig die evangelische Lehre zum Gegenstande ihrer Angriffe 
machen. 

Im Furstentum Breslau waren nicht nur die Kirchen auf 
den Pfandschaften der Stadt, dem Burglelm Namslau und 
der Johanniter - Commende, sondern auch die auf den 
Breslauer Stadtdorfern Domslau, Protsch, Riemberg und 
Schwoitsch, ja sogar schliefslich auch die beiden vorstiidtischen 
Kirchen zu St. Salvator und Elftausend Juno-frauen einge- 
zogen worden, trotz der Vorstellungen des Rates, der alle 
diese in die der Stadt bewilligte Freiheit mit eingeschlossen 
erachtete. Die von den Breslauern in Anspruch genommene 
Intervention der protestantischenReichsstande, insonderheit der 
Konigin von Schweden und des Kurfursten von Sachsen ver- 
mochte Avenigstens die beiden vorstadtischen Kirchen zu retten. 



Bei d. Einziehung d. Kirchen bleibt d. v. Grofsburg protestautisch. 321 

Ein sehr merkwiirdiges Nachspiel aber fand in dera 
kleinen Dorfe Grofsburg statt, an der Grenze des Fiirsten- 
tums Breslau gegen Strehlen hin gelegen. Dieser Besitz, 
einst zum Bistum Lebus gehorig, war mit der Sakularisation 
dieses Stiftes an die Kurfursten von Brandenburg gekonimen. 
Als auch an den dortigen Pastor die Vorladung des Ober- 
amtes gelangte, erklarte Friedrich Wilhelm von Brandenburg, 
er habe demselben verboten, der Citation Folge zu leisten, 
da der Halt Grofsburg nicht gleich dem iibrigen Fiirstentum 
unmittelbar unter der Krone stehe, und befahl, als trotzdem 
durch die Kommission der Pastor vertrieben und durch einen 
katholischen Geistlichen ersetzt ward, seinem Lehnsmanne, 
dem Besitzer von Grofsburg, Hans Sigismund von Kunitz, 
dies wieder riickgangig zu inachen. Es geschah so , doch 
am 21. Juli 1654 erschienen die Kommissare mit einer Ab- 
teilung Soldaten und trieben aufs neue den evangelischen 
Geistlichen fort. Aber der grofse Kurfiirst sandte nun 
den Obersten von Marwitz mit einem Wachtmeister und 
und 12 Dragonern nach Grofsburg, liefs den katholischen 
Pfarrer tiber die Grenze bringen und Kirche und Pfarrhaus 
dem bisherigen Pastor wiederum iibergeben. So gewaltsam 
dieser Akt der Selbsthilfe war, so hielt doch der Kaiser, der 
in den Reichsangelegenheiten der Kurfursten bedurfte, fur 
gut, von der Sache kerne weitere Notiz zu nehmen, die Kirche 
zu Grofsburg blieb in den Handen der Protestanten und 
ward, da die evangelischen Gotteshauser der Umgegend weg- 
genommen waren, eine vielbesuchte Stiitte des protestantischen 
Kultus, so dafs 1705 hier die Anstellung eines zweiten Geist- 
lichen notwendig ward. Dagegen ist es mifslungen, als man 
ein ganz analoges Verhaltnis, das bei Teichenau unweit 
Schweidnitz, einem sachsischen Gute, obwaltete, zu gleichem 
Zwecke zu benutzen versuchte. Als hier der Lehnsmann 
des Kurfursten, Wolf Dietrich von Luck, 1669 den Bau 
einer protestantischen Kirche unternahm, verhinderte kaiser- 
licher Befehl die Weiterfuhrung. 

Bei der grofsen Reaktion dieser Jahre war ein Fursten- 
tum noch verschont geblieben, obwohl es gleichfalls unter 
einem katholischen Herrscher stand, namlich Sagan, welches 
im Jahre 1646 Wenzel Eusebius von Lobkowitz gekauft 
hatte. Wie es heifst, war es der Einflufs seiner protestan- 
tischen Gemahlin, welcher hier diesem Bekenntnis noch 
Duldung verschaffte, doch als 1664 der bekehrungslustige 
Breslauer Generalvikar Sebastian Rostock auf den dortigen 
Bischofsstuhl erhoben ward (regiert bis 1671), drang er 
im Verein mit dem kaum minder eifrigen Abte Kaspar 

Griinhagen, Gesch. Schlesiens. II. 21 



322 Drittes Buch. Zweiter Abschuitt. 

Fabricius von Sagan so lange in den Herzog, bis clieser 
1668 nun auch in seinem Lande alle protestantischen Kirchen 
schlielsen liefs, wobei dann in Naumburg a, B. direkt niili- 
tarische Hilfe gegen die widerspenstigen Einwohner in Anspruch 
genommen werden mufste. 

Es war dies der letzte Akt der summarischen Reaktions- 
proceduren in grofsem Stile, welche damals auf schlesischem 
Boden in Scene gesetzt wurden, leider aber nicht das Ende 
der Mafsregelungen, in denen unduldsamer Eifer sich fort und 
fort erfinderisch und thatig zeigte. Es waren etwa 656 Kirchen, 
welche in den Jahren 1653 und 1654 hier in Schlesien den 
Protestanten weggenomraen wurden, darunter eine nicht 
kleine Zahl soldier, welche notorisch erst von den Protestanten 
erbaut oder neu hergestellt worden waren. 

Das Ganze war ein Vorgang, der kaum seinesgleichen 
in der Geschichte hat. Man wird ihn nicht auf gleiche 
Stufe stellen dilrfen mit den brutalen Gewaltthaten der 
Lichtensteiner, insofern ein gewisses formelles Recht dem 
Kaiser zur Seite stand, und wir werden anderseits kaum 
zweifeln diirfen, dafs dieser uberzeugt gewesen ist, durch 
seine Handlungsweise das Seelenheil seiner Unterthanen zu 
sichern, aber die Interessen seiner Dynastie hat er schwer 
geschadigt. Seitdem durch jene Mafsregelungen bis in die 
kleinste Htitte unseres Landes die Uberzeugung getragen 
ward, dafs der Landesherr darauf aus sei, das Glaubens- 
bekenntnis, zu welchem sich die Mehrzahl der Schlesier hielt, 
zu unterdriicken, ja auszurotten, konnte von einer Anhang- 
lichkeit an das Herrscherhaus nicht mehr die Rede sein; 
um so wenigei*, da gegen die schwer empfunclene Unbill so 
gar kein Gegengewicht in die Wagschale, fiel und diese 
habsburgischen Herrscher es verschmaht haben, durch per- 
sohnliches Erscheinen unter dem Volke, durch Leutseligkeit 
und freundliche landesherrliche Fiirsorge auf die Stimmung 
der Unterthanen zu wirken. Keiner der habsburgischen 
Regenten von den Zeiten der Ferdinande an hat den schle- 
sischen Boden betreten. 

So erschien denn ihre Herrschaft nur als ein Joch, das 
man trug, weil man es abzuschiitteln nicht die Kraft hatte, 
doch mit der immer genahrten Hoffnung, dafs von aufsen 
ein Befreier kommen werde, vielleicht ein zweiter Gustav 
Adolf, der dessen Werk vollenden werde. Als 1656 Karl 
Gustav von Schweden in beispiellosem Siegeslaufe Polen 
nieclerwarf, fingen die Herzen der protestantischen Schlesier 
schon an hoher zu schlagen, und die katholische Geistlich- 
keit verhehlte nicht ihre Entrilstung fiber diese landes- 



Nachwirkungen der Kirchenreduktionen. 323 

verraterischen Sympathien. Als clann, wie wir noch zu er- 
zahlen haben werden, Karl XII. sogar selbst durch Schlesien 
zog und eine machtige und wirksame Intervention zugunsten 
der Protestanten ins Werk setzte, da ist er geradezu ver- 
gottert worden, und als 1740 der junge Konig von Preufsen 
seine Hand nach Schlesien ausstreckt, da macht sich kaum 
irgendwo eine Anhanglichkeit an die alte Dynastie als Hin- 
dernis der Besitzergreifung geltend. 

Fiirwahr sehr teuer ward das Resultat erkauft, dafs in- 
folge jener umfassenden Reaktion die einst sehr tief ge- 
sunkene ZifFer der katholischen Einwohnerschaft in Schlesien 
wieder erheblich zu steigen vermochte. Der eigentliche 
Zweck der ganzen Mafsregel, die Zuruckfuhrurig der unter 
der unmittelbaren Herrschaft des Kaisers stehenden schle- 
sischen Lande zura katholischen Bekenntnis ward nicht im 
entferntesten erreicht ; eben jene Erbfurstentiimer, welche die 
ganze Wucht der Mafsregelung getroffen, wo jene vielen 
Hunderte protestantischer Kirchen weggenommen wurden, 
haben keinen Augenblick ihren Charakter als wesentlich 
protestantische Gebiete eingebiifst; es schien ; als ob gerade 
in den Zeiten der Not und Verfolgung die Religion eine 
ganz besondere Macht iiber die Gemiiter gewonne. Die Schle- 
sier, welchen ihre Geschichte sonst nicht das Zeugnis be- 
sonderer Energie und Standhaftigkeit zu erteilen gestattet, 
haben hier in den Erblurstentiimern wiihrend des fast ein 
Jahrhundert lang gefiihrten Krieges mit den Landesbehorden, 
deren Eifer sich doch vorzugsweise auf dem Gebiete der reli- 
giosen Mafsregelung bethatigt hat, ein ganz staunenswertesMafs 
von Widerstandskraft gezeigt. Mochte hier nun auch Gesetz 
auf Gesetz erlassen were] en im Dienste der kirchlichen Re- 
aktion, mochte dieser das gesamte Beamtentum einschliefs- 
lich der stacltischen Behurden, bei welchen jetzt das katho- 
lische Bekenntnis als Bedingung der Wahlbarkeit streng fest- 
gehalten ward, diesen Bestrebungen zur Verfiigung stehen 
und der Preis der kaiserlichen Gnade vorzugsweise durch 
Eifer nach dieser Richtung verdient werden konnen, mochte 
auch die katholische Geistlichkeit und vor allem das scharfe 
Auge der Jesuiten liber der Erfiillung der Edikte und Man- 
date wachen, das alles zeigte sich nicht wirksam genug 
gegenliber dem passiven Widerstande einer Bevolkerung, 
die einmiitig darin war, alle jene zur Niederdriickung und 
Einschrankung ihres Glaubens gegebenen Gesetze nicht weiter 
zu befolgen, als sie direkt gezwungen war, und die deshalb 
zur Umgehung und Ubertretung jener Vorschriften immer 
willig die Hand bot. 

21* 



324 Drittes Buck. Zweiter Abschnitt. 

Em Krieg dieser Art entziindete sich sofort an der Frage 
des Schicksals der entsetzten evangelischen Pastoren. Es 
wurden hier doch rait einem Schlage nach geringster Schatzung 
an fiinfhundert fast samtlich verheiratete Geistliche ihrer 
Amter entsetzt, und gleichzeitig des Landes verwiesen. Was 
ist aus ihnen alien geworden ? Wenn man den Schicksalen 
der einzelnen nachzugehen sich die Miihe nimmt, gewahrt 
man, dafs viele doch wieder Pfarrstellen gefunden haben in 
den schlesischen Herzogtiimern, in der sachsisch gewordenen 
Lausitz, selbst in den Grenzdistrikten Polens. Einige fan- 
den ein Unterkommen als Erzieher auf den Schlossern des 
protestantischen Adels ; anderen hat man die Mittel geschafft, 
sich irgendwo eine Scholle Landes zu erwerben, wo sie dann 
als Bauern selbst den Pflug haben fuhren miissen, gar manche 
aber dieser „Exulanten" haben mit Frau und Kindern klag- 
lich gedarbt, auf Almosen angewiesen, wie denn die Stadt 
Breslau in jenen Zeiten alljahrlich eine ansehnhche Summe 
nach dieser Seite hin verausgabt hat. 

Fiir alle aber fast ohne Ausnahme war die erste Zeit, 
nachdem das angedrohte Unheil, welches abwenden zu konnen 
man doch iramer noch gehofft hatte, iiber sie hereingebrochen 
war, die schlimmste und schwerste. 

Die Regierung verlangte von alien den „ Pradikanten ", 
dafs sie unverziiglich das Land raumten. Wohin aber sollten 
sie mittellos, wie sie zum grofsten Teile waren, sich wenden ? 
Die durch den Krieg fast durchgiingig ruinierten Gemeinden 
brachten die Mittel nicht auf, fiir sie zu sorgen. So war 
denn der gewohnliche Verlauf der, dafs Frau und Kinder 
in der Gemeinde blieben, ura von dieser mit durchgefiittert 
zu werden und der Geistliche selbst in irgendwelchem Ver- 
stecke im Lande verschwand. Verrater fanden sich nicht 
so leicht, und auch die Behorden driickten wohl mehr als 
ein Auge zu so lange, bis einmal der katholische Geistliche 
Klage fiihrte iiber Amtshandlungen, die der Exulant ver- 
richtet habe. Und diesem wieder ward es nicht leicht, sich 
solcher zu enthalten. Die Bitten seiner Beschutzer und 
Wohlthater, einem Todkranken Zuspruch zu thun, ein Kind 
nach evangelischem Ritus zu taufen, eine Andachtsstunde 
ara Sonntag zu halten, drangten eben dahin, wohin ihn sein 
eigener religioser Eifer machtig zog. Dann gab es ein Ein- 
schreiten der Behorden, eine Jagd auf den Exulanten von 
Dorf zu Dorf, bis man endlich eine halb verfallene Hiitte 
in den Bergen notdiirftig fiir ihn einrichtete als Versteck 
vor seinen Verfolgern. Aber gar mancher unter ihnen ver- 
sammelte dann doch noch Sonntags eine Schar von Beken- 



Schicksale der vertriebenen Geistlichen, die Buschprediger. 325 

nern in den Bergen auf einer Lichtung cles Waldes, ura 
ihnen eine Stelle der Schrift zu erklaren und das Abend- 
mahl unter beiderlei Gestalt zu reichen. Mit grofser Harte r 
mit schwerem langem Kerker bedrohte und strafte die Re- 
gierung diese sogenannten Buschprediger, aber eben weil fur 
sie die Gefahr so grofs war, liei's man es an Vorsichtsmafs- 
regeln zu ihrem Schutze nicht fehlen. Die Landdragoner 
waren gern bereit, sich taub und blind zu stellen gegeniiber 
jenen verbotenen Versammlungen , um nicht bei einer ver- 
suchten Storung derselben von einem der ausgestellten Vor- 
pusten iibel begriifst zu werden, und wenn eiumal ein eif- 
riger katholiclier Geistlicher Anzeige machte und Soldaten 
requirierte, so that er es unter Umstanden auf Gefahr seines 
Lebens. 

Der Schauplatz der Wirksamkeit dieser Buschprediger 
waren natiirlich vorzugsweise die Gebirgsgegenden an den 
Sudeten, aber audi an den Beskiden im Teschenschen, kurz wo 
leichter Verstecke zu nnden waren, und wo anderseits an 
vielen Orten es den Einwohnern allzusehr erschwert war, 
in Kirchen ihres Glaubens jenseits der Grenzen zu gelangen. 
Denn dies war das Auskunftsmittel, welches sich den ihrer 
Kirche beraubten Protestanten in erster Linie darbot. Die 
den Grenzen der Erbfiirstentumer zunachst gelegenen evan- 
gelischen Gotteshauser in den ftirstlichen Territorien, in der 
Oberlausitz, im Brandenburgischen und selbst in Polen wur- • 
den nun neben den drei Friedenskirchen vielbesuchte „Zu- 
fluchtskirchen ", zu denen jetzt die Protestanten auf der an- 
dern Seite der Grenze formlich eingepfarrt wurden. Hier 
und da erwarb eine der Grenze nahegelegene Gemeine auch 
jenseits derselben einen Fleck Land und erbaute sich da 
eine allerdings meist sehr schlichte Statte ihrer Gottes- 
verehrung, mehrfach wurden auch mit Riicksicht auf die be- 
drangten Glaubensbriider neue Kirchen in Grenzdorfern er- 
richtet. An vielen Orten aber gehorten Tagereisen fiir die 
Andiichtigen dazu, eine Kirche ihres Bekenntnisses zu er- 
reichen, ehe z. B. die Schmiedeberger nach Gebhardsdorf 
in der Oberlausitz oder die Schonauer nach Probsthain ge- 
langten. Nach Kreuzburg und Lowen wallfahrtete man aus 
den entlegensten Winkeln Oberschlesiens, nachdem die Bitten 
der Teschener, in der Hauptstadt des Fiirstentums, wie dies 
bei Schweidnitz-Jauer und Glogau geschehen, eine Friedens- 
kirche zu erhalten, abgeschlagen und die Schlofskapelle der 
Freiherren von Promnitz zu Plefs, welche noch eine Zeit lang 
nach dem Friedensschlusse die Protestanten versammelt hatte, 
geschlossen worden war. 



326 Drittes Buck Zweiter Abschnitt. 

Die vielfachen Mandate gegen „das Auslaufen in die 
Grenzkirchen " zeigten sich wirkungslos , aber fiir die von 
der Grenze entfernt liegenden Orte blieb doch bei aller 
Standhaftigkeit die Lage traurig. Man konnte nicht wohl bei 
jeder Jahreszeit Tauflinge viele Meilen weit fahren oder 
Todkranke, die den Zuspruch eines ihrer Geistlichen er- 
sehnten. Da halfen dann Besuche von exulierten Geistlichen 
nach, die alien darait verbundenen Gefahren trotzten, und 
zu deren Schutze sich dann wieder die ganze Gemeinde gegen 
ihre Obrigkeiten verband. 

Bei der grofsen Reaktion von 1654 hatte man sich vor- 
erst um die Schullehrer weniger gekiimmert, und diese hielten 
namentlich in den Orten, wo keine katholischen Pfarrer 
waren, ihren Unterricht weiter und lasen wohl auch Sonn- 
tags aus einer Postille vor oder trosteten durch ein frommes 
Lied Kranke und Trauernde. Doch als der kirchlich sehr 
eifrige Sebastian Rostock 1664 den Bischofsstuhl bestiegen 
hatte, erwirkte er 1666 ein kaiserliches Edikt, welches die 
Absetzung aller protestantischen Schullehrer gebot. Das- 
selbe macht nun aber namentlich in den Ftirstentumern 
Schweidnitz-Jauer bei den Protestanten den erschreckendsten 
Eindruck ; es erscheint ihnen als der Anfang einer zwangs- 
weisen Bekehrung , viele Tausende wandern aus, und wie 
die Stande der Fiirstentumer dem Kaiser klagen: „alle Nah- 
rung und Gewerbe besonders des im Gebirge allhier ge- 
pflogenen Garn-, Leinwand- und Schley erhandels, wodurch 
die vornehmsten Geldmittel zur Kontribution suppeditiert 
werden, bleibt stecken und wird aus dem Lande in andere 
Orter dadurch transferiret werden, die Herrschaften werden 
ihrer Unterthanen ganz entblofset, miissen bei bevorstehender 
Ernte ihrer Dienste entrathen und an ihren Wirtschalten 
den grofsten Verlust und Abgang empfinden." 

Umsonst sucht der Landeshauptmann Graf Schaffgotsch 
zu beruhigen, zu versichern, der Kaiser denke nicht an eine 
zwangsweise Bekehrung seiner Unterthanen, die Aufregung 
bleibt; ein katholischer Edelmann Michael Bohrn von Bohmer- 
feld wendet sich, und zwar wie er schreibt, zugleich im 
Namen vieler „frommer Katholischer" an den bohmischen 
Kanzler: „des Kaisers Sanftmut" konne nicht wollen, dafs 
alle Unkatholischen nur die Wahl hatten, ihre Kinder ent- 
weder katholisch erziehen oder sie ganz des Unterrichtes 
entbehren zu lassen. Das hiefse dieselben ja zur Auswande- 
rung zwingen. Se. Excellenz wolle doch solche Schmach 
von dem lieben Vaterlande abwenden helfen. „Denn wo 
iiber Verhoffen das trostlose Landvolk ferner entweichet 



Weitere Mafsregeln. 327 

nach Polen, Mark, Pommern etc., so wird das Land arger 
als durch die Pest entblofset." Auch Schweden und Sachsen 
mtervenierten aufs neue in dieser Sache, doch blieb alles 
fruchtlos, es ward mit Strenge auch wirklich auf die allge- 
meine Durchfuhrung des Ediktes gehalten. 

Ganz offen erklarte uberhaupt der Kaiser auch den evan- 
gelisehen Machten gegeniiber, dafs er es als seine Pflicht 
erachte, seinen protestantischen Unterthanen Gelegenheit zu 
verschaffen, „sich zu der heiligen katholischen Religion zu 
begeben a , und liefs den kaiserlichen Beaniten, vor allem den 
Landeshauptleuten der Erbfiirstentiimer, keinen Zweifel dar- 
iiber, dafs sie, so viel irgend in ihren Kraften liege, die Aus- 
breitung des katholischen Glaubens zu fordern, bei alien 
Besetzungen von Amtern die diesem Angehcirigen vorzugs- 
weise zu beriicksichtigen, den Ankauf von Giitern durch 
solche, ihre Etablierung in irgend welcher Form zu begiin- 
stigen hatten. Natiirlich aber land em solches Bestreben in 
den Kreisen der Erbfiirstentumer, wo, wie der Kaiser selbst 
klagt, „der Katholiken nur wenig waren", Widerstand, und 
die betretfenden Korporationen benutzten nun ihrerseits jeden 
Vorwand, urn einen Katholiken fernzuhalten. Wenn der 
Kaiser z. B. sehr bereit war einen vermoglichen katholischen 
Burger, der sich in einem der Erbfurstentumer ankaufen 
wollte, in den Adelsstand zu erheben, so weigerte sich 
der Adel des Furstentums, diesen als einen der ihrigen an- 
zuerkennen, und verlangte den Nachweis von vier Schilden, 
wo dann der Kaiser mit einem besondern Edikt nachhelfen 
mufste. Zuweiien aber mufste der Kaiser auch den allzu- 
groisen Eifer der Landeshauptleute ziigeln und z. B. dem 
von Glogau verbieten, gegen die Protestanten , welche liber 
der Grenze Kirchen ihres Bekenntnisses besuchen wollten, 
Landdragoner zu entsenden, welche selbige mit gespanntem 
Karabiner zu bedrohen hatten, oder zu mifsbilligen , dafs 
derselbe Hauptmann den Adel des Glogauer Furstentums 
hatte zwingen wollen, bei der Wahl der Landesaltesten zur 
Halite Katholiken zu wahlen. Uberhaupt wurde den Landes- 
hauptleuten insinuiert, sie sollten, „ura nicht den Uncatho- 
lischen Gelegenheit neuer Beschwerden'^ zu geben, sich mehr 
der allgemeinen Publikationen enthalten und ihre „gute 
Vorsorge umb die Fortpflanzung der hi. cathol. Religion 
mehr de facto betlmtigen". 

Allerdings war auch die Gesetzgebung nach dieser Seite 
hin keineswegs unthatig; so wurde, wahrend jeder wufste, 
dafs der Ubertritt zura Katholicismus Aussicht auf Ehren 
und Wiirden eroffnete, der zum Protestantismus als Apostasie 



328 Drittes Buch. Zweiter Abschnitt. 

mit schweren Strafen bedroht, es wurclen die Protestanten 
den katholischen Ehegesetzen unterworfen, zu der Haltung- 
der katholischen Feiertage, vielfach aueh zur Teilnahme an 
den Zeremonien, z. B. der Fronleichnamsprozession , ge- 
zwuiigen, und evangelischen Waisen durch ein besonderes 
kaiserliches Edikt von 1661 nur katholische Vormiinder ge- 
stattet, resp. zugeordnet. 

Im Grunde war ja das alles nur die Konsequenz jener 
nach Glaubenseinheit trachtenden Staatsraison, und befremd- 
lich kann uns eigentlich nur das vorkormnen, dafs die sonst 
so lahm und schwerfallig erscheinende Exekutive der 
kaiserlichen Regierung in diesem Punkte haufig mit grofser 
Energie und Promtheit eingriff. In der That waren Manner 
wie Dohna, Bibran, Oppersdorf, die einst in der Zeit der 
Lichtensteiner einander in die Hande arbeiteten ; nicht allzu- 
haufig, jener Otto von Nostitz, Landeshauptmann von Breslau 
1642 — 1650 und von Schweidnitz-Jauer 1651 — 1665, der 
in der Niederdriickung der Protestanten eine Freude zu 
finden schien, bildete doch nur eine Ausnahme unter den 
kaiserlichen Beamten, die sonst des bestandigen Krieges mit 
der Mehrheit ihrer Laudsleute lieber iiberhoben gewesen 
waren und zum grofsen Teil gern um des Friedens willen 
ein Auge zugedriickt hatten. Aber sie selbst standen unter 
der Kontrolle der katholischen Geistlichkeit. Wohl gab es 
auch unter ihr friedfertige und tolerante Naturen, doch, im 
grofsen und ganzen herrschte hier die kampf'lustige und 
siegesgewisse Stimmung vor ; die sich aus den grofsen Erfolgen 
jener Zeit wohl erklart, und Manner wie der Breslauer Bischof 
Sebastian Rostock, der Weihbischof Lisch von Hornau, der 
Abt von Sagan Kaspar Fabricius (1660 — 1669) sahen es 
als ihren hochsten Ruhm an, viele Seelen der katholischen 
Religion zurtickgewonnen zu haben; und man hatte damals 
in diesen Kreisen kaum ein Wort des Tadels gewagt gegen 
Personlichkeiten wie jenen Abt von Griissau, Bernhard Rosa 
(1660 — 1666), welcher seinen Unterthanen nur die Wahl liefs 
zwischen Ubertritt oder Auswanderung, so dafs an 800 der- 
selben nach der Lausitz auswanderten und das Dorf Neugers- 
dorf bei Meffersdorf geradezu als eine Griindung dieser 
Griissauischen Emigranten angesehen ward. 

Die Jesuiten und der neue Aufschwung der Kloster. 

Im Volke war man geneigt, fur alle die Drangsale dieser 
Zeit die Jesuiten, deren Ratschlage, ihr Beispiel, ihre ganze 
Wirksamkeit verantwortlich zu machen, und es ist ja wohl 



Fiihrer der kirchlichen Reaktion. Die Jesuiten. 32V) 

auch gewifs, dafs sie an den Erfolgen, welclie fur die Zuriick- 
fiihrung der Schlesier zum alten Glaubeu erzielt worden sind, 
einen wesentlichen Anteil haben. Unzweifelhaft war fxir sie 
der Kampf gegen die Ketzerei der eigentliche Beruf, und in 
der Erfullung desselben haben sie grofse Unerschrockenheit, 
Zahigkeit, einen riicksichtslosen und in der Wahl der Mittel 
nicht wahlerischen Eifer an den Tag gelegt, haben unermiid- 
lich von der Kanzel herab und durch Schriften , im Beicht- 
stuhle wie in den Farnilien, in welche sie oft mit seltener 
Gewandtheit sich Eingang zu erschaffen wufsten, fur die 
Ausbreitung ihres Glaubens gewirkt. Ein Feld ihrer Thatig- 
keit, wie es ihnen in Schlesien geboten ward, mufste sie 
locken, hier vermochten sie, von der Gunst des Kaisers ge- 
tragen und gedeckt, vielfach von eifrigen Katholiken mit 
Stiftungen bedacht, einen regelrechten Feldzug gegen eine 
urspriinglich durch und durch protestantische Bevolkerung 
zu eroffnen. So haben sie denn schon von der Zeit des 
Dreifsigjiihrigen Krieges an das ganze Land mit einem Netze 
von Ansiedelungen iibersponnen, deren sie mehr erworben 
haben. als je ein anderer Monchsorden besessen hat. Sie 
hatten hier neun grofsere Niederlassungen, eigentliche Kolle- 
gien, namlich zu Breslau, Glatz, Glogau, Liegnitz, Neifse, 
Oppeln, Sagan ; Schweidnitz und Troppau, ferner vier soge- 
nannte Residenzen, zum Teil mit grofsem Grundbesitz ver- 
sehen, zu Hirschberg, Deutsch-Piekar, Teschen und Deutsch- 
Wartenberg, und aufserdem noch zwei Missionen zu Brieg 
und Tarnowitz. 

Ohne Argernis und mehrfache Beeintrachtigungen alterer 
Rechte haben sich allerdings so grofse Resultate nicht er- 
zielen lassen, und die Geschadigten waren doch nicht allein 
die Protestanten , sondern der katholische Klerus, selbst die 
Weltgeistlichkeit und andere geistliche Orden hatten mehr- 
fach Ursache iiber das rucksichtslose Vordringen jener ver- 
wohnten Giinstlinge des kaiserlichen Holes sich zu beklagen, 
die ja auch in der Wahl ihrer Mittel nichts weniger als 
skrupalos waren. 

Von derartigen Konflikten erfahren wir auch bei Gelegen- 
heit der Festsetzung der Jesuiten in Breslau, deren an Wechsel- 
fallen reicher Verlauf hier noch in Kiirze geschildert werden 
mag. 

In Breslau war der Rat und die fast ausschliefslich prote- 
stantische Biirgerschaft der Ansicht, dafs die Einfiihrung der 
Jesuiten in die eigentliche Stadt einem Angriffe auf die der 
Stadt zugesicherte Religionsfreiheit gleichzuachten sei, insofern 
von ihnen eine bestandige Storung des konfessionellen Frie- 



330 Drittes Buch. Zweiter Abschnitt. 

dens besorgt werden miisse, und man iiberwachte argwohnisck 
alle Schritte nach dieser Richtung hin. Dennoch vermochte 
der Meister des Matthiasstiftes, Heinrich Hartmann, der selbst 
einKonvertit voll streitbaren Eifers fur seine Kirche war, inGe- 
meinschaft mit dem Kammerprasidenten Freiherrn vonSchellen- 
dorf, 1638 zwei derPatres in desMeisters geschlossener Karosse 
in die Stadt zu bringen, wo sie dann hinter den schiitzenden 
Mauern des Stiftes voile Siclierheit fanden. Der eine der 
beiden, Pater Wazin, erwies sich als einen so ausgezeichneten 
Kanzelredner, dafs die Stiftskirche bald die Menge der Horer 
nicht fassen konnte und die grofsere Kirche der Prarnon- 
stratenser zu St. Vincenz aushelfen mufste, welche letzteren 
jedoch aus Prag Warnungen zugesandt erhielten, sehr auf 
der Hut zu sein, dafs nicht die Jesuiten bei ihrer Art sich 
den etwas herabgekommenen Zustand des Vinzenzstiftes zu- 
nutze machten, um sich ganz darin festzusetzen. 

Der Meister des Matthiasstiftes hatte die Absicht gehabt, 
durch den Einflufs der Jesuiten bei dem Kaiser vielleicht 
die Riickgewinnung der Stadtkirche zu St. Elisabeth, deren 
Patronat ja einst dem Stifte zugestanden, durchsetzen zu 
konnen, doch mochte man in Wien auf eine Unternehmung, 
die so viel unliebsames Aufsehen machen mufste, nicht 
eingehen. Die Patres, welche bald weiteren Zuwachs er- 
hielten, kauften, durch ein Vermachtnis des Grafen Thun 
mit Geldmitteln versehen, 1641 das auf dem Grunde des 
Stiftes, auf der Rittergasse stehende sogenannte Schonaichsche 
Haus (heute Ritterplatz Nr. l), wo sie dann eine katholische 
Schule, wie sie bisher in der innern Stadt ganz fehlte, ein- 
richteten, welche, mit 12 Knaben beginnend, sich bald eines 
starken Besuches erfreute. Wohl erhob der Rat Einspruch 
und und machte in Wien Vorstellungen , von denen er um 
so eher Erfolg hoffte, als gerade in jener Zeit, wo Torsten- 
sons Waffen in Schlesien so siegreich waren, der Wiener 
Hot" sich sonst gefligiger zeigte. Aber obwohl auch hoch- 
gestellte katholische Geistliche, wie die Jesuiten selbst klagen, 
sich ihnen feindlich zeigten, blieben die Patres standhaft, 
gaben die besten und friedfertigsten Zusicherungen, die Sache 
zog sich in die Lange, und die Jesuiten wirkten ruhig weiter. 
Aber 1644 traten sie ganz offen mit der Absicht hervor, 
ein eigenes Kollegium hier zu errichten, den Raum dazu, 
den sie in ihrer bisherigen Wolmung nicht gefunden hatten, 
sollte das sogenannte Zierotinsche Haus aut der heutigen 
Altbiifsergasse an der Ohlau gelegen (das heutige Armen- 
haus) gewahren, welches kein Geringerer als der Kaiser fur 
den Orden erkauft hatte. Auf die Kunde darauf geriet der 



Festsetzung der Jesuiten in Breslau. 331 

Rat in die grofste Aufregung, und wahrend man sich an die 
protestantischen schlesischen Fiirsten und gleichzeitig an den 
Kurfiirsten von Sachsen urn Intervention bittend wandte, 
sandte man die beiden besten Diplomaten, iiber welche die 
Stadt verfiigte, den Freiherrn von Pfortner und den Dr. 
von Pern, an den kaiserlichen Hot" ausgeriistet zugleich mit 
Geldmitteln um dem guten Willen der Rate thatlich beizu- 
springcn. Aber alle Bemiihungen derselben brachten nur 
so viel zuwege, dafs in dem sogenannten Linzer Rezesse 
1645 den Jesuiten fur das Kollegium, welches ihnen, wie 
der Kaiser versicherte, schon von seinen Vorfahren in Breslau 
zugedacht worden, ein Platz auf der Sandinsel, und zwar 
dem Teile derselben, welcher der Stadt gehorte, dem soge- 
nannten Stadtgute, angewiesen werden sollte, so dais der Rat 
hoffen durfte, sie doch aus der Stadt selbst herauszubekommen. 
Aber auf dem Sande wollte der Platz nicht zureichen; 
der Rat ; der immer es noch fiir moglich hielt, die unwill- 
kommenen Giiste ganz abwehren zu ktinnen, zeigte sich wenig 
entgegenkommend, und ebenso wenig das Sandstift, welches 
augenscheinlich so anspruchsvolle Nachbarn auf seiner Insel 
nicht gern sah und nicht nur jede auch die kleinste Ab- 
tretung verweigerte, sondern durch eine Gesandtschaft in Wien 
direkt dem ganzen Plane entgegenarbeitete. Ein Auskunfts- 
mittel glaubte der Kammerprasident gefunden zu haben, 
welches den Jesuiten, wie diese doch immer an erster Stelle 
wiinschten, ein Quartier in der inneren Stadt sichern sollte. 
Eben damals, 1 648, hatte der Prediger des Dorotheenklosters 
zu Breslau, Joh. Samson, sein Kloster verlassen, sich dem 
protestantischen Bekenntnisse zugewendet und noch dazu in 
einer nachmals gedruckten Predigt von der kaiserlichen 
Politik und dem kaiserlichen Kriegsvolke iibel gesprochen. 
Da nun auch die anderen nicht sehr zahlreichen lnsassen des 
Klosters mehr oder weniger im Geruche der Ketzerei standen, 
so ward es nicht schwer, vom Kaiser ein Dekret an die 
kaiserliche Kammer zu erwirken, welches die Einziehung des 
Klosters und danach die Ubergabe an die Jesuiten anordnete. 
Doch die Monche waren auf ihrer Hut ; als ihnen ihr Schicksal 
angekiindigt ward 1648, erhoben sie ein grofses Klagen, 
zogen anhaltend ihre Glocke, Haufen Volkes kamen hinzu, 
und es drohte ein Ausbruch der erregten Biirgerschaft. 
Weniger vielleicht um dieser Erregung willen, als weil man 
am Hofe wohl das Bewufstsein haben mochte, nicht eben 
korrekt vorgegangen zu sein, liefs man schliefslich die ganze 
Sache fallen, und beziiglich der Unterbringung der Jesuiten 
war man wiederum auf dem alten Flecke. 



332 Drittes Buch. Zweiter Absclinitt. 

Endlich entschlofs sich Leopold 7 alien Weiterungen ein 
Ende zu machen dadurch, dafs er 1659 den Jesuiten seine 
kaiserliche Burg in Breslau, an der Stelle der heutigen Uni- 
versitat, schenkte, aus welcher zu diesem Zwecke die Kam- 
mer und das Oberamt hinausgewiesen wurden. Die zuerst 
nur interimistisch ausgesprochene Uberlassung wurde 1670 
definitiv. 

Dagegen war nun wenig mehr einzuwenden. Die kaiser- 
liche Kamraer bezog jetzt das von den Jesuiten geraumte 
Schonaichsche Haus, das Oberamt erwarb fur seine Zwecke 
und vorzugsweise die der kaiserlichen Kammer das soge- 
nannte Kiekebuschsche Haus auf dem Salzringe „an der 
Ecke neben dem Hause der Kaufleute u , also an der Stelle 
der heutigen alten Btirse, und die Jesuiten richteten sich in 
der Burg ein. Ihr Kollegium, ihre Schule, ihre Thatigkeit, 
alles gewann immer mehr an Ausdehnung. Seitens der 
stadtischen Obrigkeiten werden sie fort und fort mit hochstem 
Argwohn beobachtet, und der Rat hat es an Beschwerden 
liber jeden vermeintlichen Ubergriff derselben nicht fehlen 
lassen, so dafs sogar die immer erneuten, oft allerdings in 
Thatlichkeiten ausartenden Reibungen zwischen den Jesuiten- 
schulern und denen der stadtischen hoheren Lehranstalten 
sehr ernst genommen wurden. Das alles vermochte nafiir- 
lich dem unbestreitbar grofsen Erfolge, mit welchem der Orden 
hier fur seine Kirche thatig war, keinen Eintrag zu thun. 

Uberhaupt nahm das im 16. Jahrhundert allerorten so 
sehr verfallene Klosterwesen in der zweiten Halfte des 
17. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung. Zahlreiche Ordens- 
niederlassungen, welche in der Reformationszeit eingegangen 
waren 7 lebten jetzt wieder neu auf. Alte Besitztitel Avurden 
von neuem und mit Erfolg geltend gemacht, und zahlreiche 
Stiftungen und Vermachtnisse von Gliiubigen gaben die Mittel 
zum Wiederaufbau. So erstanden neu oder von neuem zum 
Teil bereits wahrend des grofsen Krieges die Dominikaner- 
kloster zu Frankenstein, Schweidnitz, Bunzlau, Ratibor, Neifse j 
die der Minoritcn resp. Franziskaner zu Breslau, Lowenberg, 
Schweidnitz, Neumarkt, Glatz, Namslau, Neifse, Gleiwitz, Anna- 
berg; die der Augustinereremiten zu Strehlen, und der Augu- 
stiner Chorfrauen zu Breslau (auf dem Sand). Die Karmeliter 
restaurierten ihr zur Ruine gevvordenes Ordenshaus zu Striegau 
wieder, griindeten ein neues zu Fraustadt, und der fromme 
Eifer des Obersten Joh. Adam von Gamier verschaffte ihnen 
dann noch zwei Aveitere Niedorlassungen zu Strenz und 
Wohlau. Die Magdalenerinnen griffen wiederum nach ihren 
alten Klostern zu Sprottau und Naumburg a. 0. und ge- 



Die Jesuiten erlangen die Breslauer Burg. Neue Kloster. 333 

wannen am Anfang des 18. Jahrhunderts ein drittes zu 
Neifse. 

Aber audi neue Orden fanden jetzt den Weg nach 
Schlesien. So bewog der Breslauer Bischof Franz Ludwig 
Ursulinerinnen, deren Niederlassung in Glatz clort auf Hinder- 
nisse gestofsen war , dazu , sicb statt , wie sie es wollten, in 
Neifse, lieber in Breslau 1687 niederzulassen, wo sie dann 
bald in den Besitz des Holsteinschen Hauses (des beutigen 
Polizeiprasidiums) kommen. Auch die Griindung der Kapu- 
zinerkloster zu Neustadt in Oberscblesien ; Neilse, Breslau 
und Schweidnitz fallt in die zweite Halfte des 17. Jahrhun- 
derts. Fur diese Griindungen hat sich vornehmlich der schon 
wiederholt genannte Breslauer Weihbischof Lisch von Hornau 
(f 1661) interessiert, unterstiitzt durch verschiedene Schen- 
kungen froramer Edelleute. 

Wenn nun auch diese Ordensleute nicht samtlich, wie 
man es den Kapuzinern nachsagte, an Bekehrungseifer mit 
den Jesuiten wetteiferten , so trieb sie doch alle nach dieser 
Richtung in gewisser Weise der jene Zeit beherrschende 
aggressive Zug gegeniiber den Protestanten ; und sie waren 
auch mancher Erfolge sicher, ganz besonders gegeniiber den 
unteren Volksklassen, welche sie durch Almosen und unent- 
geltlichen Unterricht an sich zu ziehen verstanden. So er- 
klart es sich wohl, weshalb gerade in der Stadt Breslau, wo 
sonst dem protestantischen Kultus seine Stellung garantiert 
war, vonseiten der kirchlichen Gewalten die Griindung oder 
Neubelebung einer ganz erstaunlichen Menge von Klostern 
so besonders begiinstigt ward, und ebendadurch auch, Aveshalb 
hier die protestantische Bevolkerung so argwohnisch und 
mifsgiinstig, oft in drohender Haltung, die kaum von Gewalt- 
thatigkeiten zuriickgehalten werden lionnte, dem zusah, iiber- 
zeugt, dafs jede dieser Griindungen eine neue Position be- 
deute, von der aus der Feind die schlesische Hochburg des 
Protestantismus bedrohen und angreifen werde. 

Die Breslauer Einwohnerschaft war in der That starr 
protestantisch und geradezu unduldsam gegen Andersglaubige. 
Die stadtische Verwaltung berief zu alien ihrer Amtern 
auch den untersten derselben niemanden, der nicht dem 
evangelisch-lutherischen Bekenntnisse zugethan gewesen ware. 
Die Katholiken hatten innerhalb der Stadt keine Pfarrkirche, 
bis auf die Zeiten der Jesuiten keine eigene Schule, ihre 
Leichenbegiingnisse mufsten ganz in der Stille erfolgen, und 
die kirchlichen Feste blieben auf die Dominsel beschrankt. 
Jetzt ward das anders. Die katholischen Feiertage verpflich- 
teten auch die protestantische Bevolkerung zur Enthaltung 



334 Drittes Bucb. Zweiter Abschnitt. 

von gewerblicher Thatigkeit, die Prozessionen am Fronleich- 
namsieste, die Wallfahrtsgange z. B. nach Trebnitz zum Grabe 
der hi. Hedwig entfalteten mit Fahnen, Musik und Gesang 
in den Strafsen Breslaus einen ungewohnten kirchlichen Pomp. 
Als dies das erste Mai geschah 1662,. fand man an vielen 
Orten Zettel ausgestreut, auf denen die Worte standen: 

„ Dieses Jahr heifst es zusehn, 
Ubers Jahr stillestehn, 
Uber 2 Jahr mittegehn! " 



Bekehrungen (Scultetus und Scheffler). Die Mystiker. 

Es ware wunderbar, wenn alle die in dem vorstehen- 
den angefiihrten nach einem Ziele hinstrebenden Mafsregeln 
wirkungslos geblieben wiiren, und es wiirde von grofsem Inter- 
esse sein, wenn uns statistische Aufzeichnungen zur Hand 
waren, welche uns zeigten, wie sich unter dem Einflusse 
jener Mafsnahmen das Verhaltnis der beiden Konfessionen 
gestaltet und geandert hat. In Ermangelung solcher mussen 
wir uns mit der Bemerkung begniigen, dafs jene von dem 
Landesherrn in Schlesien in Scene gesetzten grofsen Reak- 
tionsbestrebungen des 17. Jahrhunderts die Wirkung gehabt 
haben, dais in Oberschlesien, in der Grafschaft Glatz und 
etwa auch noch in den Kreisen Frankenstein und Miinster- 
berg ; wo die beiden Stifter Heinrichau und Kamenz einen 
grofsen Teil des Grundbesitzes hatten, der Katholicismus 
wiederum zur herrschenden Kirche geworden ist, und dafs 
in Mittel- und Niederschlesien dieses Bekenntnis ; welches am 
Anfange jenes Jahrhunderts nur eine ganz verschwindend 
kleine Zahl von Anhangern aufzuweisen hatte, eine sehr an- 
sehnliche Verbreitung erlangte. In welcher Kopfzahl sich 
am Ende des 17. Jahrhunderts die beiden Konfessionen 
gegeniibergestanden haben, vermugen wir auch nicht an- 
naherungsweise festzustellen. 

Soweit wir es zu iibersehen vermogen, ist es die untere 
Volksklasse der stadtischen Bevolkerung, welche die meisten 
Bekenntniswechsel aufweist, wahrend gerade in den beson- 
ders exponierten Erbfiirstentumern das Landvolk und der 
eigentliche Mittelstand eine besondere Standhaftigkeit bewiesen 
hat. Aber auch aus den Kreisen des Adels sind sehr viele 
Bekehrungen zu verzeichnen, so dafs gerade von den altesten 
schlesischen Adelsfamilien viele ganz und von anderen ein- 
zelne Zweige katholisch geworden sind. Zur Erlangung von 
Staatsamtern war ja im Prinzip das katholische Bekenntnis 
die notwendige Vorbedingung, und in jener nach Titeln und 



Ubertritte zum Katholicismus. Mystiker. 335 

aufseren Ehrenzeichen sehr liisternen Zeit hat die sichere 
Hoffnung, solcher durcli einen Ubertritt teilhaftig zu werden 
gewifs manchen gelockt, aber anderseits hat auch die seit 
1661 gesetzlich festgesetzte und vorzugsweise bei adeligen 
Personen geiibte Praxis, Waisen auch evangelischer Eltern 
von Staatswegen katholische Vorraiinder zu bestellen, sehr 
erheblich mitgewirkt, und bei den Sckaffgotsch , Henkel, 
Reisewitz, Stosch, Uchtritz, Kockritz, Colonna, Skal, Vogten, 
Pannewitz, Dobschiitz, Rothkirch, Lassota, Seidlitz, Proskot- 
schinski, u. s. w. sind diese Mittel angewendet worden. 

Aber bei alledera darf eins nicht iibersehen und ver- 
schwiegen werden. Wir haben kein Recht zu zweifeln, dafs 
unter den Bekehrten doch auch viele waren, die nicht aufserer 
Zwang, noch die Aussicht auf irgendwelche Vorteile, sondern 
die Uberzeugung ihres Herzens in die Arrae der katholischen 
Kirche gefiihrt hat, und auch die Protestanten und ihre 
Geistlichkeit tragen einen Teil der Schuld an ihren damaligen 
grofsen Verlusten. Jene starre immer mehr verknochernde 
lutherische Orthodoxie erzeugte bei vielen, oft gerade den 
tiefer angelegten Naturen ein Gefiihl der Unbefriedigung, 
welches unter geschickter, den Seelenstiinmungen sich teil- 
nehmend anschmiegender Behandlung zur Bekehrung benutzt 
werden mochte. Fiir den in der Zeit liegenden und durch 
die Schrecken des Krieges noch geniihrten Hang zum Mysti- 
cism us hatte die protestantische Orthodoxie nur ein Verdam- 
mungsurteil, wahrend die geschmeidigere Denkart der Jesuiten 
derartigen Geistern auch in der Umfriedung der katholischen 
Kirche Nahrung und BeAvegung zu verschaffen wufste. 

Es hat in Schlesien seit den Zeiten Schwenkfelds zum 
grofsen Kummer der lutherischen Geistlichkeit zahlreiche 
„Schwarmgeister" gegeben, die unter den Gelehrten aber auch 
ebenso wohl auf den Edelhofen sich fanden, wenn es auch 
unter ihnen zur Bildung besonderer Sekten weniger kam. 
Der wunderliche Melchior Elias von Langenau erbaute sich 
an den handschriftlichen Aufsatzen des Tschopauer Predigers 
Weigel, eines Vorgangers von Jakob Bohme, die ihm 1590 
dessen treuester Anhanger, sein Kantor Weigkard nach Jauer 
brachte. 

]\Iystische Ideen verquickten sich dann auch wohl mit dem 
in der Zeit liegenden Aberglauben und trieben dann wun- 
dersame Bliiten. Von jenem erwahnten Melchior von Langenau 
meinten die Leute, er hielt sich fiir den Propheten Elias. 
In Brieg lauschte damals ein aus Oberschlesien vertriebener 
Pastor Gerstenmeier den visionaren Offenbarungen einer epi- 
leptischen Dienstmagd, die ihn zum Oberhaupte eines neuen 



330 Drittes Buch. Zweiter Abschuitt. 

Reiches designiert hatte, und fand dock eine kleine Gemeinde, 
die seine Uberzeugungen teilte, bis mit seinem anscheinend 
obrigkeitlich nicht erzwungenen Weggange aus Brieg 1656 
der ganze Spuk aufhorte. Aus Breslau stammte jener Qui- 
rinus Kuhlmann, dem manclies bessere geistliche Lied ge- 
lungen ist, der aber sonst alien Ernstes darauf aus war, eine 
fiinfte Weltmonarchie zu griinden. Sein Ungliick ward, dafs 
er aus Holland, damals dem gelobten Lande fur alle ab- 
sonderlichen Geister, wegging, um fur seine ldeen Propa- 
ganda zu machen. 1689 liefs ihn zu Moskau der Patriarch 
ohne weiteres verbrennen. 

Der grofste der deutschen Mystiker, der Gorlitzer Schuh- 
niacher Jakob Bohme, hat in Schlesien gerade unter dem Adel 
zahlreiche Anhanger gefunden; bei den Sommerfelds, den 
Schweinichen, den Frankenbergs hat er als hochgeehrter Gast 
verweilt, auf Kosten derselben sind mehrere seiner Schriften 
gedruckt worden, und der wegen seines Charakters und seiner 
Wohlthatigkeit allgemein hochgeschatzte Abraham von Franken- 
berg hat sogar nach Bohmes Tode 1624 das Sammeln seiner 
Werke geradezu zu seiner Lebensaufgabe gemacht. Eine 
Kolonie von Anhangern Bohmes fand sich damals in Brieg 
zusaminen: der Hofprediger des Herzogs Johann Christian 
A. Fuhrmann, der Brieger Landeshauptmann, der treffliche 
Kirchenliederdichter David von Schweidnitz, der Brieger 
Regierungsrat Theodor von Tscheseh und ein gewisser Hein- 
rich Prunius, den Tscheseh aus Padua mitgebracht hatte. 
Offenbar hatte man hier in f3rieg unter der Herrschatt des 
reformierten Bekenntnisses, das selbst von den Lutheranern 
als keineswegs rechtglaubig angesehen ward, grofsere Duld- 
samkeit gegen abweichende Lehrmeinungen , als dies z. B. 
in Breslau denkbar gewesen ware. 

Hier in Breslau waren im Jahre 1642 in der obersten 
Klasse des Elisabethgymnasiums, das unter der Leitung des 
Elias Major, eines grofsen Gelehrten und eifrigen Freundes 
der Dichtkunst, und der Wirksamkeit des als Lobredner von 
Martin Opitz beriihmten Professors Christoph Coler bliihte, 
zwei Jiinglinge, beide aus Bunzlau stammend, die schon da- 
mals Dichtungen schufen, in denen zugleich ein tieferes my- 
stisch angehaucht religioses Emphnden sich aussprach, und 
deren poetische Leistungen wir in einem Programm der 
Anstalt vom Jahre 1642 neben einander hnden. Es waren 
dies jener Andreas Scultetus, dessen Gedichte Lessing neu 
herausgegeben hat, und Johannes Scheffler, der Sohn eines 
polniscben Edelmannes. Von diesen trat der erstere im Jahre 
1644 plotzlich zura Katholicismus tiber und richtete dann in 



Bekehrungen. Scultetus und Angelus Silesius. 337 

die Schule der Jesuiten aufgenommen, auf eigene Hand eine 
Herausforderung an seinen bisherigen Religionslehrer, den 
Licentiaten Etzler, dem er in offentlicher Disputation nach- 
zuweisen sich anheischig machte, dafs alle protestantischen 
Geistlichen Pseudochristen seien. Dieser Schritt erregte ein 
grofses Aufsehen, und auf die Beschwerde des Breslauer 
Rates ward Scultetus ausgewiesen. Sein Freund Scheffler 
aber, der sich dem Studium der Medizin zugewendet, ward, 
nach einem Aufenthalte in Holland und auf der Hochschulezu 
Padua in die Heimat zuriickgekehrt, von dera Herzog von Ols, 
Sylvius Nimrod, zu seinem Leibarzte ernannt. Seine Gesinnung 
hatte sich mehr und mehr dem Mysticismus Bohmes zuge- 
wendet, und ein von ihm zum Ehrengedachtnis fur jenen 
schon genannten Anhanger Bohmes, Abraham von Franken- 
berg, bei dessen Tode 1652 verfafstes Gedicht enthalt eine 
Strophe : 

„\Yer Zeit nirarat ohne Zeit und Sorgen ohne Sorgen, 
Wem gestern war wie heut und heute gilt wie morgen, 
Wer alles gleiche schatzt, der tritt schon in der Zeit 
In den gewiinschten Stand der lieben Ewigkeit", 

welche nur wie die weitere Ausfiihrung eines bekannt ge- 
wordenen Stammbuchblattes von Bohme erscheint. Kurze 
Zeit darauf sehen wir ihn, ohne fiber die naheren Umstande 
unterrichtet zu sein, im Sommer 1653 zu Breslau in der 
Stiftskirche zu St. Matthias zum katholischen Bekenntnisse 
iibertreten, fur das ihn anscheinend jener bereits erwahnte 
Meister Heinrich Hartmann gewonnen hat. Dafs der Mysti- 
cismus die Brucke gewesen, die ihn in den neuen Glauben 
hiniibergefuhrt, zeigte er schon dadurch, dafs er nun nach 
einem alten spanischen Mystiker sich Angelus Silesius nannte. 
Er brachte dem neuen Bekenntnisse einen grofsen Eifer zu; 
im Jahre 1662 sah man ihn der zum erstenmale in Breslau 
veranstalteten offentlichen Wallfahrt nach Trebnitz voran- 
schreiten, ein Kruzifix in der rechten, eine Fackel in der 
linken, eine Dornenkrone auf dem Haupte; 1657 ist das 
seiner Werke erschienen, Avelches eigentlich seinen Ruhm als 
Dichter begriindet hat: „Der cherubinische Wandersmann". 
Die seelenvolle Tiefe dieser Gedichte steht in einem 
schroffen Gegensatze zu der uns wenig anmutenden Scharfe 
des Tones, der in seinen iiberaus zahlreichen konfessionellen 
Streitschriften zutage tritt, allerdings ohne dafs wir ein Recht 
hatten, denselben als etwas Ungewohnliches zu bezeichnen. 
Denn es lag in der That eine starke Spannung in den Gei- 
stern, und der Forscher sucht vergebens in den Zeugnissen 

GriiuhageD, Gesch. Schlesiens. II. £•& 



338 Drittes Buch. Zweiter Abschnitt, 

jener Zeit nach einer Aufserung einer milden und versohn- 
lichen Stimmung, wie sie uns in dem Jahrhundert nachher 
doch oft genug wohlthuend entgegentritt. 



Willkiirliche Behandlung audi der katholischen Geistlichkeit. 

Trotz dera eben Ausgefiihrten werden wir nicht zweifeln 
diirfen, clafs es auch unter den Katholiken manche gegeben 
hat, welche es lieber gesehen haben wiirden, wenn die Politik 
der Regierung mehr ein friedliches und freundliches Zusammen- 
leben der beiden Konfessionen , als eine Unterdriickung der 
einen auf Kosten der andern erstrebt hiitte , aber wie grofs 
die Zahl der so Denkenden gewesen sein mag, dariiber ver- 
mogen wir auch nicht einmal Vermutungen zu hegen. Be- 
safsen wir Zeugnisse, die derartige Gedanken auszusprechen 
wagten, so wiirden wir ohne Zweifel in ihnen auch noch 
etwas anderes finden , namlich den Ausdruck der Unzufrie- 
denheit iiber die Opfer, mit denen doch auch die Katholiken 
den Vorzug, die herrschende Kirche zu sein, zu erkaufen 
batten. 

Es ware in der That merkwiirdig gewesen, wenn eine 
Regierung, welche so ganz ohne Bedenken iiber Rechte und 
Vertrage hinwegzuschreiten gewohnt war, wofern es ihre 
Staatsraison zu verlangen schien, die zahlreichen Privilegien 
der katholischen Kirche und ihrer Organe angstlich und 
gewissenhaft zu beobachten sich zur Pflicht gemacht hiitte. 
Die Regierung hat das letztere in keiner Weise gethan, viel- 
mehr fort und fort auch der katholischen Kirche gegeniiber 
mit unbeschrankter Willkiir geschaltet und gewaltet. 

Auf den verschiedensten Seiten ist das zutage getreten. 
Was die Wahl der schlesischen Bischofe betrifft, so hat, ab- 
gesehen von zwei Fallen (Johann von Sitsch 1600 und 
Sebastian Rostock 1664), wo man dem Domkapitel ge- 
stattete, zwei bewahrte Vorkampfer gegen den Protestan- 
tismus zur bischof lichen Wiirde zu erheben, von 1596 an bis auf 
die preufsische Zeit ausschliefslich die Hofgunst die Bischofe 
ernannt, gleich unbekiimmert um das kanonische Wahlrecht 
des Domkapitels wie um den unter den schlesischen Grund- 
gesetzen figurierenden sogenannten Kolowratschen Vertrag 
von 1504, welcher die Wahlfahigkeit fur den Breslauer 
Bischofsstuhl auf Inlander beschrankte, wie denn unter den 
elf Bischofen, die von 1595 — 1732 regiert haben, nur zwei 
Schlesier waren. Als 1596 das Kapitel in ganz kanonischer 
Form den Kanonikus Bonaventura Halm zum Bischof ge- 
wahlt hatte, setzte Rudolf II., erziirnt dariiber, dafs man 



Die Besetzung; des bischoflichen Stuhles zu Breslau. 339 



'6 



seinen Giinstling, den Scholastikus Paul Albert, ilbergangen 
hatte, bei clem Papste es durch, dafs dieser die Wahl fur 
nichtig erklarte , und zwang darauf geradezu das Kapitel, 
Paul Albert zu Avahlen, dessen kurzer Regierung (bis 1600) 
dann allerdings nicht der beste Leuraund gefolgt ist. 

1608 ist es nicht schwer gefallen , die Domherren zur 
Wahl des Erzherzogs Karl zu bestimmen, obgleich derselbe 
erst 17 Jahre alt Avar. Man konnte sich ftir die damals 
von dem Protestantismus sehr in Schach gehaltene Breslauer 
Kirche nur Vorteile von der Regierung eines Vetters des 
Kaisers versprechen, welchem Vorzuge gegentiber die Ver- 
letzung des Kolowratschen Vertrages wenig ins Gewicht zu 
fallen schien. Bald aber ward die Gefiigigkeit des Kapitels 
auf schwerere Proben gestellt. In der kritischen Zeit von 
1619 schrieb Bischof Karl demselben, man miisse befiirchten, 
dafs die steigende Verwogenheit der Ketzer schliefslich auch 
das Bistum antasten werde. Ein Rettungsmittel sahe er 
darin, dafs es den Sohn des Konigs von Polen zum Koadjutor 
erwahle, Avodurch man des polnischen Beistaudes fur alle 
Falle sicher sein wiirde. Die Domherren hatten gegen dieses 
Rettungsmittel doch ihre Bedenken, da jener Sohn erst sechs 
Jahre alt war, und wahrend sie die Sache verzogerten, 
schwand mit dem Umschwunge der politischen Angelegen- 
heiten die Gefahr, aber der Wunsch des Konigs von Polen 
blieb, seinen Sohn auf den Breslauer Bischofsstuhl erhoben 
zu sehen. Und als dann 1624 unter sehr veranderter Sach- 
lage die Koadjutor Avahl des nunmehr elfjahrigen Prinzen 
jetzt auch vom Kaiser befurwortet aufs neue dem Kapitel 
zugemutet ward, naturlich mit der Hoffnung auf Nachfolge 
als Bischof, da gerieten die Domherren doch in grofste Auf- 
regung, und es bedurfte sehr starker Pression seitens des 
Kaisers, um die Opposition zum Schweigen zu bringen. 
; ,Wer verleiht denn im Reiche, in Spanien und Polen die 
Benefizien?" hatte der Kaiser Ferdinand II. eine Gesandt- 
schaft des Kapitels gefragt, „etwa jemand anderes als die 
hochste Obrigkeit?" Das Kapitel moge darauf bedacht 
sein, dafs es sich selbst keinen Nachteil zuzoge und der 
Wahlfreiheit verlustig ginge. Darauf gab man nach, 1625 
ward das polnische Prinzlein Bischof von Breslau, und die 
Herren vom Kapitel hatten nur noch den Trost, dafs ihre 
Vorbehalte wenigstens die bisher rechtlich noch immer be- 
stehende Abhiingigkeit des Bistums Breslau von dem Gne- 
sener Erzstifte in Frage gestellt hatten. Nach Karl Ferdi- 
nands Tode fanclen sich dann die Kapitularen leichter darein, 
wiederholt noch 1655 und 1662 das Bistum zur Apanage 

22* 



340 Drittes Buck. Zweiter Abschnitt. 

habsburgischer Prinzen verwenden zu lassen, und als sie 
1671 noch einmal eine eigene Meinung zu liaben und die 
Postulation des Bischofs von Olmiitz zu beschliefsen wagten, 
mufsten sie erleben, dafs die schon vor dem Hochaltar pro- 
klamierte Postulation fur nichtig erldart und die Wahl des 
Regierungskandidaten Friedrich von Hessen erzwungen ward. 
Und so ist denn auch noch 1732 der Bischof, welcher das 
Einrticken der Preufsen mit erlebt hat, der Kardinal Philipp 
Ludwig von Sinzendorf gegen den WiUen des Kapitels ledig- 
lich durch „die Fiirbitte" des Kaisers Bischof geworden. 
Sie mochten zehnmal wahlen, sagten die kaiserlichen Kom- 
missarien, es wiirde doch niemand anders als Sinzendorf zur 
Possession des Bistums kommen. 

Natiirlich wurden die verschiedenen Kloster nicht riick- 
sichtsvoller behandelt als das Domkapitel. Der Kaiser be- 
gniigte sich keineswegs mit dem Bestatigungsrechte der Oberen, 
er begehrte schon im 16. Jahrhundert Presentation zweier 
Kandidaten, und seit 1658 die Zuziehung kaiserlicher Kom- 
missare zu den Wahlhandlungen. Ja 1724 hat der Kaiser, 
wie es scheint zuniichst fur die Breslauer Stifter, eine Ord- 
nung erlassen, derzufolge die zur Wahl berechtigten Geistlichen 
zunachst stehend vor den sitzenden Kommissaren eine Er- 
mahnung anzuhoren haben, dahin gehend, dafs sie ihre Stim- 
men im Einklang mit der Instruktion der Kommissare ab- 
geben mochten, darauf dtirfen sie die Wahl unter sich voll- 
ziehen, haben aber dann urn die Gnade zu bitten, dafs der 
Prases den Neugewahlten prlisentieren diirfe u. s. w. Ge- 
wohnlich ward eine dem Kaiser genehme Personlichkeit 
bezeichnet mit der bestimmten Erwartung, dafs solchem 
Wunsche entsprochen wiirde. Ein Beispiel eines sehr ent- 
schiedenen Eingreifens mtige hier noch kurz angefuhrt wer- 
den, da der Fall gerade durch das Hineinspielen nationaler 
Gegensatze ein erhohtes Interesse darbietet. Das Trebnitzer 
Nonnenkloster war seit dem 16. Jahrhundert von Polinnen 
vornehmlich adeligen Standes vielfach aufgesucht worden, 
denen die heilige Hedwig, die eigentliche Griinderin, als eine 
polnische Fiirstin sich darstellte. 

Nachdem dieselben allmiihlich die Wurden des Stiftes in 
ihre Hande bekommen hatten, wufsten sie deutschen Novizen 
durch harte Behandlung den Aufenthalt in diesem Kloster 
zu verleiden und anderseits die Wahlen der Oberinnen um 
so leichter nach ihrem Willen zu gestalten, als sie eigen- 
machtig genug einen indirekten Wahlmodus einf iihrten , bei 
welchem sich, natiirlich unter Zustimmung des Konvents, die 
Wiirde ntragerinnen als Wahlkorper konstituierten. Wenn 



Die Wahlen der Stiftsoberen, nationale Kiimpfe in Kloster Trebnitz. 341 

die kaiserliche Regierung und auch der Biscliof diese zu- 
nehmende Polonisierung ungern sahen, so verstanden es da- 
gegen die Leiterinnen des Stiftes, sich einen Riickhalt an 
den Herzogen von Ols als den Landesherren zu verschaffen, 
indem sie deren vom Kaiser angefochtenen Patronatsanspriichen 
eine gewisse Anerkennung gewahrten. So setzten sie 1589 fur 
eine zur Abtissin gewahlte Polin die ursprunglich von der 
kaiserlichen Regierung verweigerte Anerkennung doch nach- 
traglich noch durch. Allerdings konnte fur dieselbe ange- 
fiihrt werden, dafs sie seit friiher Kindheit, im ganzen 
an 50 Jahre, bereits in den Mauern des Klosters verweilte. 
Nach deren Tode aber zwang der Kaiser dem Kloster eine 
deutsche Abtissin auf, Sabina von NaTs; allein nachdem 
deren Nachfolgerin, die bereits friiher erwahnte Maria von 
Luck, durch ihren Ubertritt zum Protestantismus 1610 die 
deutsche Partei stark diskreditiert hatte, gewannen diePplinnen 
wieder die Oberhand und gaben dem Kloster eine Abtissin 
nach der andern, nur unterbrochen durch eine friiher wenig- 
stens in Polen angesessene und dieser Sprache raachtige 
Jungfrau (Anna von Motschelnitz). Da griff 1649 die kaiser- 
liche Regierung, welcher damals also eine Beforderung des 
deutschen Elementes am Herzen gelegen zu haben scheint, 
mit grofster Entschiedenheit ein und verlangte, dafs fortan 
polnische Novizen nicht eher mehr Aufnahme finden sollten, 
als bis zwei Drittteile des Konvents aus Deutschen bestanden. 
Dariiber grofse Erbitterung unter den Polen, Abt Ludwig von 
Lenbus, der liber die Ausfiihrung dieses Befehls wachen sollte, 
wagt nicht mehr nach Trebnitz zu kommen, gewarnt, dafs Polen 
von der nahen Grenze her ihn aufheben wollten. Bei dem Tode 
der Abtissin Kunigunde von Krawze 1705 wircl nun seitens 
der kaiserlichen Kommissare auf das bestimmteste die Wahl 
einer Deutschen gefordert, aber vergebens, und als die ge- 
wahlte Polin nicht bestatigt ward, ergab eine neue Wahl 
das gleiche Resultat, ohne dafs die Vorstellungen des Abtes 
Ludwig einen Erfolg gehabt hatten, ja die polnischen Nonnen 
gaben selbst nicht nach, als der Abt sie in Ketten legen 
und bei Wasser und Brot einsperren liefs. Erst als kaiser- 
licher Befehl ein Kommando Soldaten zur Blokade des Klo- 
sters herbeirief und den Widerspenstigen eine Uberiiihrung 
in bohmische oder mahrische Kloster in Aussicht gestellt 
ward, auch Bitten urn Verwendung nach einander bei August 
dem Starken und Karl XII. fruchtlos blieben, verstanden 
sie sich 1709 zur Wahl der Susanna Kopidlanska, welche 
als Deutsche angesehen ward. Dafs die deutsche Partei all- 
mahlich die Oberhand bekam, dafiir sprechen zwar nicht 



342 Drittes Bucli. Zweiter Abschnitt. 

die Namen der dann folgenden Abtissinnen (Koryzinska und 
Wostrowska), wohlaber erne Beschwerde despoinischen Reichs- 
kanzlers liber die Ausschliefsung der Polinnen, welche allerdings, 
als datiert vom 4. Mai 1741, die osterreichische Regierung nicht 
mehr in der Lage fand, ihren Wiinsclien zu entsprechen. • 

Aber nicht blofs beziiglich der Walil ihrer Obern beauf- 
sichtigte die Regierung die Stifter, die gesamte Vermogens- 
verwaltung unterlag ihrer genauen Kontrolle, so dafs die 
Ordensvorgesetzten bei ihren Visitationen riur das spirituale 
zu priifen batten. Und der Kaiser verlangte auch einen Teil 
der Einkimfte. 1720 ist die kaiserliche Kamraer angewiesen 
worden, die.Stifter und Kloster „als landesherrliche Kammer- 
giiter" fleifsig zu visitieren, und was sich nach Abzug der 
samtlichen notigen Ausgaben als ein Uberschufs ergabe, unter 
dem Titel eines jahrlichen Deputats zur Unterhaltung der 
Grenzfestungen einzuziehen. Ohnehin lag es den geistlichen 
Gtitern ob, den Artillerietrain zu beschaffen und den^ Kriegs- 
volkern Quartier und Verpflegung zu gewahren. Uber die 
von den Stiftern , welche iibrigens auch sonst der regularen 
Besteuerung ganz und gar unterwori'en waren, begehrten 
und erlangten sehr ansehnlichen Beisteuern zu den Tiirken- 
kriegen, uber die hohen Darlelme derselben an den Kaiser 
besitzt das Breslauer Staatsarchiv sehr umfangreiche Materialien. 
Die Sorge fiir die Pensionierung seiner Beamten suchte der 
Staat zum besten Teil auf die Stifter abzuwalzen. Die- 
selben wurden angehalten, fur diesen Zweck besondere so- 
genannte Laienpfrunden zu fundieren, und die irgendwie 
vermoglichen Kloster hatten immer eine Anzahl vom Kaiser 
iiberwiesener Pfleglinge zu versorgen. Aufserdem forderte der . 
Kaiser fur sich den Nachlafs der Pralaten ganz und auch 
bei der niedern Geistlichkeit einen Anteil ebenso wie die 
wahrend der Erledigung einer Pfriinde eingehenden Renten. 
Ob es infolge dieser angefiihrten Thatsachen unter dem 
katholischen Klerus jener Zeit viele Stimmen gegeben hat ; 
denen diese auch ihnen auferlegten Opfer zu grofs diinkten, 
um damit die Begiinstigungen 7 welche ihnen auf Kosten des 
Protestantismus zuteil wurden, zu erkaufen, wissen wir nicht, 
und noch weniger vermogen wir Zeugnisse dafiir anzufiihren, 
dafs eine derartige Erkenntnis sie als Leidensgenossen den 
Protestanten nahergebracht ha be. Im grofsen und ganzen 
bleibt uns immer der Eindruck, als ob die heftigen Gegen- 
satze jener Zeit den Christen beider Bekenntnisse wenig Ge- 
meinsames gelassen hatten, und gewifs ist, dafs die Zeit nicht 
dazu angethan Avar, um etwa in dem Bewufstsein der gleichen 
Abstammung, der Angehorigkeit zu dem gleichen Staats- 






Eingriffe in die Vermogensverwaltung der Stifter. Aberglaube. 843 

wesen eine solche Gemeinsamkeit zu finden. Von derartigen 
patriotischen oder auch nur landsmannschaftlichen Empfin- 
-dungen wufste jene Zeit iiberraschend wenig. 



Hexenaberglaube. 

In einem Punkte aber finden sich die Anhanger beider 
Konfessionen mit samt ihrer Geistlicbkeit zusammen, leider 
in einem nicht eben ruhm lichen, namlich in dem Glauben an 
Hexerei und Zauberei. Dieser Aberglaube wurzelte sehr 
tief in jener Zeit, und man erschrickt oft geradezu, wenn 
man hervorragende Sehriftsteller von damals sich ganz un- 
umwunden zu ihm bekennen sieht. So wie nun aber die 
Meinung allgemein verbreitet war , dafs manche Menschen 
durch libera atiirliche Mittel und mit Hilfe des Teufels ihren 
Nebenmenschen schweren Schaden an Leib und Gut zuzu- 
fiigen vermochten, ward es erkliirlich, dafs solche als die 
gefahrlichsten Feinde der Menschheit angesehen und erbar- 
mungslos verfolgt wurden. Gegen solche Ungliickliche ist 
dann unter dem Beifalle der gesamten Bevolkerung mit dem 
ganzen Apparat der damaligen grausamen Gerechtigkeits- 
pflege vorgegangen worden, und die Zahl der Opfer dieses 
Wahnes ist in jener Zeit sehr grofs. Man mag es als 
einen Fortschritt ansehen, dafs bei der grofsen Pest von 
1633 niehts mehr von den scheufslichen Morden verlautet, 
welche bei der Epidemic von 1606 an vielen Orten Schlesiens, 
nirgends aber schlimmer als in Frankenstein und Guhrau, 
an solchen , die beschuldigt wurden, durch Ausstreuen von 
Giftpulvern die Pest hervorgerufen zu haben, veriibt wor- 
den sind. Dafs jedoch jener Wahn noch nicht erloschen 
war, sondern durch Uberlieferungen fortlebte, zeigten die 
Frankensteiner dadurch, dafs sie 1673 ihren Totengraber 
unter entsetzlichen Martern als Ausstreuer von Gilftpulvern 
hinrichten liefsen, zugleich mit seiner Frau und Tochter, 
wahrend die Totengraber von Reichenbach und Wartha, 
welche die dortigen Behorden auf die Nachricht von der ein- 
geleiteten Untersuchung gefesselt iibersandt hatten, um bei 
der Gelegenheit mit inquiriert zu werden, anscheinend mit 
dem Leben davongekommen sind. 

Man mag es auch ruhmend hervorheben konnen, dafs 
1651 bei der Brieger Kirchenvisitation, und ebenso 1674 bei 
der Liegnitzer, bei welchen beiden sehr eingehende Nach- 
forschungen nach alien Seiten hiri angestellt wurden, der- 
artige Dmge wie Hexerei u. dergl. m. unter der Rubrik: 
Aberglaube aufgefiihrt werden, und dafs auch die Berichte 



344 Drittes Bucb. Zweiter Abscbnitt. 

nach dieser Seite hin keine Klage zu fiihren haben. 
Aber sonst diirfen wir nicht verschweigen , dafs das Bres- 
lauer Staatsarchiv gerade vornehmlich aus dem 17. Jahr- 
hundert Akten iiber Hexenprozesse aus den verschiedensten 
Gegenden Schlesiens besitzt; und zieralich auf demselben 
Blatte steht doch jene That, welche das Andenken des Lieg- 
nitzer Herzogs Georg Rudolf belastet, der Justizmord an 
dem von Stange auf die Beschuldigung hin, dais er durch 
Zauberkiinste seinem Landesherrn nach dem Leben getrachtet 
habe. Der Chronist Sinapius, seinerseits selbst vom Teufels- 
glauben nicht frei, weifs mancherlei von Hexen im Fiirsten- 
tum Ols zu erzahlen, und in der Stadt Griinberg sind no- 
torisch in dem einen Jahre 1663 zehn Hexen verbrannt 
worden und in der nachsten Umgegend noch weitere drei- 
zehn ; ja es wurden immer mehr Personen hineingezogen, 
und die Zahl der Opfer ware noch viel grofser geworden, 
wenn nicht ein kaiserliches Edikt dazwischengetreten ware. 
Noch schlimmer ist es um jene Zeit in Glatz hergegangen; 
auch im Furstentum Troppau, und am allerschlimmsten im 
Furstentum Neifse. Hier und namentlich in den Gebirgs- 
stadtchen Freienwaldau und Zuckmantel tritt die Hexen- 
riecherei wie eine Art gleichsam epidemisch werdende Manie 
auf, an 200 Personen, vornehmlich Weiber, sollen allein im 
Jahre 1651 den Flammen iiberliefert worden sein, da- 
neben aber auch Kinder von 1 bis 6 Jahren, deren Mutter 
(doch jedenfalls auf der Folterj bekannt hatten, dafs der 
hollische Geist jene gezeugt habe. Welche Ausdehnung da- 
mals der furchtbare Wahn gehabt hat, mogen wir daraus 
schliefsen, dafs in dem Protokolle einer 1651 durch den 
Breslauer Archidiakon abgehaltenen Kirchenvisitation noch 
heute zu lesen ist, es habe sich herausgestellt, dafs in Frei- 
waldau fast die Halite der ganzen Gemeinde der Zauberei 
ergeben sei. Der Landeshauptmann selbst soil den Pfarrer 
Meifsner zu Oppersdorf auf die Menge der Hexen, die sich in 
diesem Dorfe befandeu, aufmerksam gemacht haben. Derselbe 
Pfarrer, versichert man, habe zu inquiriren aufhoren mtissen, 
das Laster habe sich zu hoch, zu weit und zu breit erstreckt, 
und in der That hat auch hier ein kaiserliches Edikt dem 
Unwesen ein Ende gemacht. Sehr treffend sagt der wenig 
spater amtierende Pfarrer von Neifse, Pedewitz, von jenen 
Prozessen : „ ich glaube, wenn die Richter auf die Folter ge- 
legt worden waren, auch sie wurden bekannt haben, dafs 
sie Hexen seien, geschweige denn schwache Weiblein." 



Hexenprozesse. Die Juden. 345 

Die Juden. 

Wenn wir nun am Schlusse dieses den religiosen Ver- 

haltnissen gewidmeten Abschnittes noch ein kurzes Wort 

iiber die Juden und deren Lage unter der osterreichischen 

Herrschaft anreihen, so wird niemand erwauten, dais wir 

hier von einer besonclers grofsen Toleranz gegen dieselben 

zu berichten haben konnten. In der That hat sich fur sie 

der mittelalterliche Zustand, der ihnen reich lohnenden Er- 

werb zusickerte, sie dabei aber fast rechtlos der Willkiir 

der herrschenden Gewalten preisgab, in die neue Zeit fort- 

gesetzt. Fiir Breslau bestand ja noch das Edikt von Konig 

Ladyslaw Posthumus, welches die Juden fiir ewige Zeiten 

aus der Stadt verbannte. Kaiser Ferdinand I. hat 1558 

den schlesischen Fiirsten und Standen vorgeschlagen , die 

Juden aus dem Lande zu jagen, und die Stande sind bereit- 

willigst darauf eingegangen, weil „ die Juden unglaubig, ver- 

stockt und halsstarrig waren und die Christen verfolgten und 

aussaugten", haben aber die Bestimmung des Zeitpunktes 

dem Kaiser iiberlassen. Dieser hat darauf durch ein Edikt 

vom 14. September 1559 „die ganze Judischheit, Manns- 

und Weibspersonen " aus seinen Erblanden verbannt. Aber 

mit der Ausfiihrung dieses Beschlusses scheint erst unter 

Kaiser Rudolf II. in den Jahren 1582—1584 wirklicher 

Ernst gemacht worden zu sein, insofern die Juden jetzt ge- 

notigt werden, Hab und Gut zu verkaufen und fortzuziehen, 

und nur der Gewerbebetrieb auf offenen Jahnnarkten ihnen 

ferner gestattet ist. Doch da diese letztere Bewilligung den 

Juden immer noch den Verkehr im Lande gestattete und 

ihnen Geldmittel zur Verfugung standen, so vermochten sie 

mit diesen ohne besondere Schwierigkeiten da und doit auch 

das, was ihnen versagt sein sollte, das Recht zu dauerndem Aufent- 

halte im Lande, als ausnahmsweises Privileg zu erlangen. 

Es fehlte nicht an Obrigkeiten, welche die iSteuerkrait der 

Juden wohl zu schatzen wufsten und fiir Geld ihnen Schutz 

zu gewahren bereit waren. Der Gutsbesitzer in dem halb 

slavischen Oberschlesien machte bald die Wahrnehmung, dafs 

fiir den Branntweinschank in seinem Dorie ein Jude ihm 

einen ungleich hoheren Pachtzins zahlte als einer seiner 

Leute, und bereits 1656 stellte die schlesische Kammer lest, 

dafs in Oberschlesien an hundert Branntweinurbare in den 

Handen von Juden waren. Die Qualifikation der Juden fiir 

dieses Geschaft scheint sich so bewahrt zu haben, dafs ein 

kaiserliches Edikt vom 27. September 1725, welches die 

Zulassung von Juden zu Pachten aller moglichen landwirt- 



346 Drittes Buch. Zweiter Abschnitt. 

schaftlichen Industriezweige verbietet, ausdriicklich die Brannt- 
weinhauser ausnimmt. Uberhaupt schienen die polnischen 
Schlesier auf die Juden eine besondere Anziehungskraft aus- 
zuiiben, und noch 1787 war in ganz Schlesien das Ver- 
haltnis so, dafs von den 130 Stadten 90 gar keine Juden 
aufzuweisen hatten , und dais von den 40 mit Juden ver- 
sehenen Stadten 3 / 5 in Oberschiesien lagen. 

Aus dem Bischofslande bat man 1656 die Juden samt- 
lich vertrieben (in der Stadt Neifse fanden sich ilirer damals 
sieben), noch 1787 waren in keiner der Stadte dieses Ftirsten- 
tums Juden anzutreffen. Durch Privilegien geschiitzte Juden- 
gemeinden gab es eigentlich nur in zwei schlesischen Stadten, 
namlich in Ziilz, wo ziemlich die Halfte der Bevolkerung 
dieser Nation angehorte, und zu Glogau, wo allerdings der 
Magistrat immer von neuem, aber immer fruchtlos die Juden 
aus den Mauern zu bringen sich bemiihte. Immer von 
neuem verlangte man hier von ihnen den Nachweis, dafs 
sie samtlich von jenem Benedikt abstammten, der einst bei 
der allgemeinen Austreibung von 1582 fur sich, seine Kinder 
und seine zwei Schwestern ein besonderes Privilegium er- 
halten hatte. Jedenfalls mufste sein Geschlecht ganz beson- 
ders gesegnet gewesen sein, denn bei einer Zahlung im Jahre 
1725 fanden sich in Glogau 1564 Juden. 

Wenn die Stadt Breslau eine Zeit lang die Niederlassung 
von Juden abwehrte, so hatte das zur Folge, dafs dieselben, 
um an dem Handel der Landeshauptstadt teilnehmen zu 
konnen, in den kleinen Stadten der nachsten Nachbarschaft 
sich ansiedelten, so in Auras, Hundsfeld, wo noch 1787 
13 Prozent der Einwohnerschaft dem mosaischen Bekenntnis 
angehorig bezeichnet werden mit dem Zusatze : „ die hiesigen 
Einwohner leben meist von den durchreisenden Polen und 
russischen Handelsjuden u , und Dyhernfurt, welches noch 1667 
ein kaiserliches Privileg fur eine judische Druckerei erhielt, 
deren es ubrigens sonst auch in Breslau, Ols, Prausnitz und 
Hundsfeld gegeben hat. 

In Breslau hatte der Rat durch ein Dekret von 1635 
sich vorbehalten, „wegen der Kriegslaufte auch aufserhalb 
der Jahrmarkte hin und wieder einen oder den andern Juden 
zum allgemeinen Besten aus wichtigen Ursachen hereinzulassen." 
Doch wurden, namentlich seitdem die Breslauer Stifter in 
jenen Zeiten der Not aus tinanziellen Grunden die Niederlassung 
von Juden auf ihrem Grund und Boden in den Vorstadten 
von Breslau gestatteten, die Ausnahmen so zahlreich, dafs, 
als gegen Ende des 17. Jahrhunderts (1698) der Rat wieder 
eine Verminderung der Juden anstrebte und sich dabei auf 



Die Juden und ilire Privilegien, besonders in G-logau und Ziilz. 347 

jenes Ausschliefsungspatent von weiland Konig Ladyslaw be- 
lief, er sich von dem kaiserlichen Oberfiskal belehren lassen 
mufste, dafs er kaum noch ein Recht habe, sich auf jenes 
Patent zu berufen, das er selbst so lange ganz unbeachtet 
gelassen habe. Dafs die Juden auch hier in Breslau an 
Zahl schnell wieder zugenommen haben, diirfen wir dar- 
aus schliefsen, dafs im Jahre 1701 nicht weniger als zehn, 
wenn auch zumi Teil kleine Synagogen derselben gezahlt 
warden. 1787 bildeten sie mehr als zwei Prozent der Ge- 
samtbevoikerung Breslaus. 

In der That schienen auch hier in Breslau die Juden 
namentlich fur den hier so hochwichtigen Handel mit Polen 
und Rufsland kaum entbehrlich, und Fiirsten und Edelleute 
pflegten bei Miinz- und Geldgeschaften aller Art sich ihrer 
mit Vorliebe zu bedienen. Wenn einmal eine grofsere Summe 
Geldes aufzubringen war, wandte man sich doch meistens 
an einen jlidischen Vermittler, selbst Steuerpachtungen linden 
sich sehr oft in ihren Handen. Das Brauntweinurbar fur 
das ganze Ftirstentum Wohlau erscheint fort und fort an 
Juden verpachtet, und noch 1737, wo die schlesischen Stande 
das seit 1701 in den osterreichischen Erblanden eingefiihrte 
Tabaksmonopol von dem Kaiser abzulosen sich beniuhen, 
haben sie mit einem spanischen Juden Diego d'Aguilar zu 
verhandeln, der die gesamten Tabaksgefalle in den ostei'- 
reichischen Erblanden gepachtet hatte. 

Alles zusammenfassend diirfen wir aussprechen, dafs nach 
der allgemeinen Vertreibung von 1582 die Juden in Schlesien, 
abgesehen von den beiden IStadten Grofsglogau und Ziilz, 
zu dauernder Niederlassung keine Berechtigung hatten und 
nur stillschweigend geduldet worden sind. Dieser Zustand 
hat gedauert bis zum Jahre 1713, wo durch ein kaiserliches 
Edikt vom 8. Mai jenes Jahres alien Juden ein nach sechs 
Klassen sich abstufendes Toleranzgeld aufgelegt wurde, durch 
dessen Erlegung sie dann doch eine gewisse Berechtigung 
erkauften. Natiirlich wehrten sich gegen dieses Toleranzgeld 
die Juden von Grofsglogau und Ziilz aufs aufserste, da sie 
vermoge ihrer Privilegien keine Toleranz bediirften. 

Aus den Verhandlungen, die in Judensachen gepflogen 
wurden, tritt uns iiberall eine nicht geringe Abneigung der 
Bevolkerung gegen dieselben entgegen; aber daneben doch 
auch immer wieder die Erkenntnis, dafs sie bei der Nake 
der Slavenlander fiir den kaufmannischen Verkehr nicht ohne 
Schaden ganz entbehrt werden konnten. 



348 Drittes Buck Dritter Abschnitt. 



Dritter Abschnitt. 

Leopold I. 1657 — 1705. Dei* Ansgang der Liegnitz- 
Brieger Piasten. Der Schwicbuser Kreis. 



Nach dem Tode Kaiser Ferdinands III. folgte dessen Sohn 
als Leopold I., der an kirchlichem Eifer seinem Vater nicht 
nachstand ohne denselben an geistigen Gaben oder an Energie 
des Charakters zu iibertreffen. 

Nur widerstrebend hatte er dem geistlichen Stande, fiir 
den er erzogen war, entsagt, um die Krone auf sein Haupt 
setzen zu lassen, und zu aller Zeit hat er als die eigentlicne 
Mission des Hauses Habsburg die Befestigung der nach seiner 
innersten Uberzengung allein seligmachenden Kirche ange- 
sehen. Dabei hat er allerdings, wie wir dies ja bereits 
kennen lernten, auch die katholische Geistlichkeit gelegent- 
lich die Willkur seines Regimentes empfinden zu lassen um 
so weniger Bedenken getragen, als er sich eben seines kirch- 
lichen Eif'ers und der Vorteile , welche derselbe der katho- 
lischen Kirche im grofsen und ganzen verschaffte, wohl be- 
wufst war. 

Er hat Schlesien nie selbst betreten, und als am 12. Juli 
1657 die Schlesier seinen Kommissaren Huldigung leisteten, 
haben sie kaum gehofft, dafs das neue Regiment den bis- 
herigen religiosen Drangsalen Abhilfe schaffen werde. Viel- 
leicht haben sie aber auf eine grofsere Berucksichtigung ihrer 
materiellen Interessen gehofft, doch auch dieses vergebens. 
Denn wenn auch vielleicht Leopold guten Ratschlagen nach 
dieser Richtung hin nicht unzuganglich war, so ist doch 
bei der Schwerfalligkeit der Regierung, der bestandigen 
Geldnot und der Unterordnung der politischen Riicksichten 
unter die kirchlichen thatsachlich von landesvaterlicher Fiir~ 
sorge seiner Regierung nur wenig nachzuruhmen. Immer- 
hin war es fiir das durch den Krieg so schwer zerriittete 
Land ein grofses Gliick, dafs ihm im Innern wahrend dieser 
Zeit der Friede gewahrt blieb, denn die damals immer aufs 
neue entfachten Kiimpfe mit den Tiirken kosteten wohl dem 
Lande Geld und auch Mannschaften , es konnte auch wohl 
einmal, wie dies 1663 geschah, ein Streifzug der Tiirken 
nach Mahren in Oberschlesien eine solche Panik hervorrufen, 



Leopold I. Standische Verfassung. 349 

dafs z. B. die Nonnen aus Ratibor und Czarnowanz nach 
Breslau resp. Polen fliichteten und die Stande von Troppau 
ihr Archiv, das sie ursprlinglich hatten einmauern wollen, 
nach Breslau retteten, ja 1683 erfolgte sogar einmal ein 
Einfall ungarischer Rebellen in die Herrschaft Bielitz, aber 
im Grunde blieb Schlesien von den Schrecken des Krieges 
verschont. 

Die nicht geringen, immer gesteigerten Anforderungen 
an die Steuerkraft der Schlesier, zu welchen die Tiirken- 
und Franzosenkriege sowie die wenig rationelle Finanzwirt- 
schaft den Kaiser notigten, wurden von den Fiirsten und 
Standen im grofsen und ganzen unweigerlich erfiillt, doch 
war der Verlauf in der Regel der, dafs auf die kaiserliche 
Forderung eine Erklarung der Stande antwortete, welche 
unter Hinweis auf die notorische Armut des Landes und ver- 
schiedene gegenwartige oder noch nachwirkende Notstande 
und Kalamitaten die Unmoglichkeit der Zahlung einer so 
hohen Summe beteuerten. Nach mehrfachem hin- und her- 
Verhandeln und Feilschen pflegte dann der Kaiser etwas von 
dem Geforderten nachzulassen, und die Stande zahlten dann 
immer gegen Empfang eines Reverses dariiber, dafs diese 
Bewilligungen ihren sonstigen Privilegien unschadlich sein 
sollten. 

Die standische Landesvertretung war nicht mehr der 
Schatten dessen, was sie einst gewesen. Der eigenen Initiative 
beraubt, hatte sie einzig und allein die kaiserlichen Postu- 
late zu beraten, jedes selbstiindige Auftreten selbst in Fallen 
der Not fand strenge Mifsbilligung, wie z. B. als der Landes- 
hauptmann infolge jener schon erwahnten Tiirkenfurcht von 
1663 die schleunige Anwerbung von 7000 Mann zur even- 
tuellen Landesverteicligung angeordnet hatte. Bei den Ab- 
stimmungen der Standeversammlung nahm der Vorsitzende, 
der Landeshauptmann , der aber seinerseits wiederum von 
den Raten des Oberamts abhing, mit dem Rechte, das Votum 
zusammenzufassen zugleich die Befugnis in Anspruch, durch 
seinen Zutritt zu dem Votum einer der drei Kurien dieses 
gegen die dissentierenden zwei anderen Kurien zum Beschlusse 
zu erheben. Die kaiserlichen Erlasse stellten geradezu das 
Oberamt als Behorde audi fiir die Stande hin. 

Was die Besetzung des Amtes eines Oberlandeshaupt- 
manns betraf, so wiirde man sicherlich schon langst wieder 
nach ein em Bischofe von Breslau gegriffen haben, da das 
entgegenstehende Privileg von 1609 als Erganzung zum 
Majestatsbrief so gut wie dieser als nicht mehr zu recht be- 
stehend angesehen ward. Doch weder dem polnischen Prinzen 



350 Drittes Buch. Dritter Absclmitt. 

Karl Ferdinand (Bischof von 1625 — 1635), noch den Erz- 
herzogen Leopold Wilhelm (Bischof von 1655 — 1662) und 
Karl Joseph (Bischof von 1663 — 1664), durfte man es zu- 
muten, sich ernstlicher urn die schlesischen Verhaltnisse zu 
bekiimmern. So liefs man denn nach dem Hintritte Georg 
Rudolfs von Liegnitz 1653 die Oberlandeshauptmannschaft 
dessen Neffen Herzog Georg III., und erst nach dessen Tode 
kam 1664 diese Wiirde wiederum an einen Breslauer Bischof 
Sebastian Rostock. Die Einwendungen eines Teils der schle- 
sischen Stande fanden durch ein besonderes kaiserlichea 
Schreiben vom 17. August 1664 eine ungnlldige Zuriick- 
weisung. Der Kaiser, hiefs es hierin, konne sich in diesem 
Punkte nicht die Hiinde binden lassen, und wenn das Pri- 
vileg Rudolfs II. vom 26. August 1609 die geistlichen Fiirsten 
ausschliefse , so sei dagegen zu erwagen, zu welchem Ende 
dieses Privileg ausgebracht worden sei, und „dafs es nicht 
lang nachher als eine Sache, so dem Union- und Majestats- 
briefe anhangig vor verwerllich gehalten worden und annoch 
zu halten" sei. 

Als Bischof Sebastian starb, 1671, wurde der kaiserliche 
Minister Wenzel von Lobkowitz, der ja zugleich Herzog 
von Sagan war, zum Hauptmann bestellt, und erst nach 
dessen Sturze 1674 (er gait fiir einen Gegner der Jesuiten) 
kam wieder ein Breslauer Bischof, Landgraf Friedrich von 
Hessen, an die Reihe. Nach ihm ward Johann Kaspar von 
Armpringen, Administrator des Hochmeistertums in Preufsen, 
Landeshauptmann, nachdem man ihm, damit er fiir einen 
schlesischen Fiirsten gelten konne, die Herrschaften Eulen- 
burg und Freudenthal als Fiirstentum verliehen hatte. Bei 
seinem Ableben 1684 trat dann wiederum ein Bischof ein, 
jener Pfalzgraf Franz Ludwig von Neuburg, der gegen das 
Ende seiner langen Regierung (bis 1732) zu dem Breslauer 
Bistum noch das von Worms und das Kurfiirstentum Trier 
fiigte, welches er endlich sogar mit dem von Mainz ver- 
tauschte. 

Bei diesem sichtlichen Verfall der ganzen stlindischen 
Institution wird erklarlich, dais die Fiirsten der Versamm- 
lung personlich beizuwohnen nicht mehr Lust batten, sie be- 
gniigten sich, ihre Gesandten zu schicken, und an die Stelle 
der Fiirsten und Stande trat eine Delegiertenversammlung, 
conventus publicus genannt. 

Diese Herabdriickung der Stande machte ja unzweifelhaft 
die Regierung bequemer, aber sie nahm ihnen auch alles An- 
sehen unter der Bevolkerung und beraubte sie der Moglich- 
keit, im Falle einer Not eine Stiitze der Regierung zu sein. 



Oberlaudesbauptleute. Neue schlesische Fiirsten. 351 

Von den schlesischen Fiirsten genossen bald nur noch 
die Piasten von Liegnitz-Brieg- Wohlau , und auch sie nur 
in beschrankterem Umfange, die alten vererbten Hoheits- 
rechte. Was sonst nicht unmittelbarer Besitz der Krone blieb, 
kam im Laufe des 17. Jahrhunderts unter anderen Bedingungen 
in die Hande neuer Geschlechter. 

Die Furstentiimer Oppeln-Ratibor batte nocb Ferdinand III. 
1645 an Polen verpfandet, und Karl Ferdinand, der bis 1655 
den Breslauer Bischofstuhl inne batte, berrschte in seiner 
Eigenscbalt als polniseber Prinz auch in diesen Landschaften. 
Dann hat der Polenkonig Johann Kasimir, des Bischofs 
Bruder, als ihn Karl X. von Schweden aus Polen ver- 
trieben hatte, hier Zuflucht gesucht und eine Zeit lang in 
Oppeln resp. Oberglogau residiert. Von seiner Gemahlin 
Maria Ludovica hat Kaiser Leopold die Fiirstentiimer wieder 
eingelost , indem er die Pfandsumme fur die Kosten eines 
im scbwedisch - polnischen Kriege gestellten Hilfscorps auf- 
rechnete. Bei dieser Verpfandung sollte eigentlich nur die 
Nutzniefsung der Domanen und Gefalle als veriiufsert gelten 
und die Hoheitsrechte dem Kaiser bleiben. Doch sind iiber 
die Ausdehnung dieser Rechte mancherlei Streitigkeiten ent- 
standen, ebenso wie auch die schlesischen Stande grofse 
Schwierigkeiten hatten, von den beiden Furstentiimern in 
dieser Zeit ihre Beitrage zu den Landessteuern und Lasten 
herauszubekommen. 

Wir sahen bereits, wie Troppau und Jagerndorf an die 
Herren von Lichtenstein gekommen und das Furstentum 
Sagan 1646 an Wenzel Eusebius von Lobkowitz verkauft 
ward, die Standesherrschaft Trachenberg verlieh der Kaiser 
1641 seinem Generale dem Grafen von Hatzfeld. Mit dem 
Furstentum Miinsterberg hatte der kaiserliche General Fiirst 
von Amain belehnt werden sollen, doch war dies auf die 
Vorstellungen der Stande unterblieben, dafs ihnen ; nachdem 
sie weiland durch eine von ihnen zusammengebrachte an- 
sehnliche Summe Geldes die Anspruche der Herzoge von 
Ols abgelost hatten, von Kaiser Maximilian die Zusicherung 
verbrieft Avorden Aviire, nie wieder aus dem unmittelbaren 
Besitze der Krone Bohmen kommen zu sollen. 1653 aber 
ward das Furstentum ohne der aufs neue wiederholten Pro- 
testation der Stande zu achten an Johann Weighard von 
Auersberg verliehen. Alle diese osterreichischen Edelleute 
erhielten ihre Herzogtiimer resp. Herrschaften mit wesent- 
lichen Beschrankungen, ohne die Rechte selbstandiger Gesetz- 
gebung, Besteuerung und hoherer Gerichtsbarkeit und ebenso 
der Herzog von Wivrtemberg, Silvius Nimrod, welcher 



352 Drittes Buck. Dritter Abschnitt. 

nach clem Tode des letzten Olser Herzogs Karl Friedrich 
1647 als Gemahl von dessen Tochter hier succedierte. Nach 
seinem Tode 1664 ward das Herzogtum Ols unter seine drei 
Sohne geteilt, und kleine Ortschaften wie Bernstadt und das 
1663 zur Stadt erhobene Dorf Dreske, welches Herzog Julius 
Siegmund in Juliusburg umtaufte (wie genau urn dieselbe 
Zeit die Dyhem aus ihrem Gute Brzig ein Stadtchen Dy- 
hernlurth gemacht haben), wurden zu fiirstlichen Residenzen. 
Immerhin waren diese kleinen Olser Teilfiirsten, welchen auf 
den Fiirstentagen iibrigens nur eine Stimme zustand, dem 
Lande erspriefslicher als die vom Kaiser ernannten neuen 
Herzoge, die Lichtensteins, Auersberg, Lobkowitz, welche 
immer nur fur kurze Zeit ihren Wohnsitz in Schlesien auf- 
schlugen und an den Geschicken dieses Landes wenig Inter- 
esse nahmen. 



Der Ausgang der Liegnitz-Brieger Piasten 1675. 

Von den alten Piastischen Herzogen waren nur noch 
die Fiirsten von Liegnitz , Brieg und Wohlau iibrig , denen 
ihre alten Privilegien von den Oberlandesherren bestatigt zu 
werden pflegten. Diese Fiirsten hatten auch in der That, wenn 
sie gleich durch die ganze Entwickelung der Verfassung und 
die Folgen des Krieges von ihrer friiheren Machtstellung vieles 
eingebiifst hatten und sogar in ihren Residenzen Liegnitz 
und Brieg kaiserliche Besatzungen sich gefallen lassen muls- 
ten, dennoch in Regierung, Verwaltung, Gesetzgebung 
und Rechtsprechung ihre Selbstiindigkeit sich bewahrt. 
Von den beiden Briidern, welche die Fiirstentumer wah- 
rend des Dreifsigjahrigen Krieges regiert hatten, war der 
eine, Johann Christian von Brieg, 1639 fern von der Hei- 
mat in seinem preufsischen Exile, das er sich in tiefer 
Trauer iiber die Niederlage der protestantischen Sache selbst 
gewahlt, gestorben. Auf seiner Nachkommenschaft beruhte, 
da sein Bruder Georg Rudolf kinderlos blieb, die Zukunft 
des Geschlechtes, doch schien diese auf lange Zeit hinaus 
gesichert. Denn von den 13 Kindern, welche ihm seine 
Gemahlin, die mit Recht gepriesene und von ihrem Gemahl 
aufs zartlichste geliebte hohenzollernsche Prinzefs Dorothea 
Sibylla geboren, waren bei deren Tode 1625 neben zwei 
Tochtern noch vier bllihende Sohne am Leben gewesen. 
Mit Riicksicht hierauf hatte Johann Christian, als er 1626 
zu einer zweiten Ehe mit der Tochter des bischoflichen Hof- 
marschalls Friedrich von Sitsch, Anna Hedwig, schritt, in 
den Ebepakten festgesetzt, dafs Sprofslinge dieser neuen Ehe 



Die Herzoge von Liegnitz-Brieg-Wohlau. 353 

den filrstlichen Rang nicht beanspruchen sollten, so lange 
Sonne aus seiner ersten Ehe resp. solche Georg Rudolfs vor- 
handen seien. Von jenen vier Sohnen des Herzogs war 
dann einer, Rudolf, 1633 gestorben, die anderen drei, Georg, 
Ludwig und Christian, lebten, nachdem sie der Sitte der Zeit 
entsprechend Universitaten besucht und die Lander des Westens 
bereist batten, zusamraen in Brieg, wo der alteste, Georg, 
als Stellvertreter seines Vaters regierte. Auch nach dessen 
Tode batten sie gemeinsam eintrachtig regiert und waren 
erst, als nach Georg Rudolfs Tode audi Liegnitz und Wohlau 
an sie gefallen waren, zu einer" Teilung der drei Fiirsten- 
tiinier geschritten, welche sie „um jeder Zwietracht vorzu- 
bauen", im feierlichen Aktus durch drei von einem Knaben 
gezogene Lose 1654 ins Werk setzten. Der Zufall bat es 
gefiigt, dafs der alteste der drei Briider das ansehnlichste 
der Lande, Brieg, das zweite Ludwig, das zweitbeste, Lieg- 
nitz, und der dritte Christian das kleinste, Wohlau, erhielt, 
doch wurden dann noch ausgleichende Zugaben zu den ein- 
zelnen Anteilen vereinbart, namentlich dafiir gesorgt, dafs 
jeder genug an Forsten erhielt zur Ausiibung des Waid- 
werks. Auch die aus der zweiten Ehe Johann Christians 
noch lebenden drei Halbgeschwister wurden bei dieser Gelegen- 
heit ausgestattet. Augustus, der Graf von Liegnitz und sein 
Bruder Sigismund erhielten Herrschaften, der Schwester ward 
eine Mitgift ausgesetzt. Jene drei Prinzen waren gutgeartete 
und wohlwollende Fiirsten von nicht eben hervorragender 
geistiger Bedeutung, alle drei leidenschaftliche Jager, aber 
daneben auch Mitglieder der Niirnberger fruchtbringenden 
Gesellschaft. Dem altesten, Georg III., der, wie wir wissen, 
von 1654 bis an seinen Tod die Oberlandeshauptmannschaft 
verwaltete, ist der Eif er nachzuruhmen, den er in der Auf nahme 
und Unterstiitzung seiner bedrangten Glaubensbriider an den 
Tag gelegt hat; von dem Liegnitzer, Ludwig, ist ein merk- 
wiirdiger Versuch zu melden, in landesvaterlichem Interesse 
dem Handel eine ungehemmte Entwickelung zu schaffen und 
seinen Kaufleuten freien Vertrieb ihrer Waren gleichmafsig 
in alien Stadten des Fiirstentums zu gewahren 1655, wel- 
ches Edikt als dem Geiste der Zeit eigentlich vorauseilend, 
erklarlicherweise nicht iiberall gLinstig aufgenommen ward. 
Den dritten der Bruder, Christian, einen Fiirsten von sehr 
ernstem und in sich gekehrtem Wesen, haben vornehmlich 
die religiosen Fragen beschiiftigt, und sein ausgesprochener 
Eifer fiir das kalvinische Bekenntnis liefs ihn es wagen, 
1665 seinen reformierten Hofprediger zum Superintendenten 
iiber die lutherische Geistlichkeit seines Fiirstentums zu 

Griinhagen, Gesch. Scblesiens. II. 2o 



35-4 Drittes Buch. Dritter Abschnitt. 

setzen; aber er begegnete clem lieftigsten Widerspruche ; 
einer seiner Vasallen, Melchior von Schellendorf, erklarte 
ganz offen, er werde jenen nie als Superintendenten aner- 
kennen. Darauf liefs ihn der Herzog gefangen setzen, doch 
der Oberlandeshauptmann Bisehof Sebastian Rostock, dessen 
Hilfe Schellendorf anrief, gab demselben recht, und ein kaiser- 
licher Befehl notigte Herzog Christian zur Freude seiner 
Unterthanen, Schellendorf freizugeben und jene Ernennung 
riickgangig zu machen. In der Streitsache des Herzogs 
gegen Schellendorf sprach dann ein ans Liegnitzer Edelleuten 
zusannnengesetztes Manngericht gegen den Herzog, den dieser 
Vorfall nur noch raenschenscheuer machte. Bei seiner ganzen 
Gemiitsart konnte es ihn wenig locken, als 1662 bei der 
Thronentsagung des letzten Konigs aus dem Hause Wasa, 
Johann Kasimirs, in Polen viele an ihn dachten, damals den 
letzten noch ubrigen Sprossen aus dem alten Hause der 
Piasten , das einst Polen wie Schlesien seine Ftirsten ge- 
geben. 

Auch in Schlesien war dies Geschleeht sehr zusammen- 
geschmolzen. Herzog Ludwig von Liegnitz hatte 1662 in 
Mecklenburg bei ein em Besuche der Verwandten seiner Ge- 
mahlin Anna Sophia auf einem Turniere einen ungliicklichen 
Fall gethan und sich seitdem nicht wieder erholt; am 24. No- 
vember starb er. Der einzige Sohn, den ihm seine Meeklen- 
burgische Gemahlin geboren, war im zartesten Alter ver- 
schieden, und seitdem hatte, ura mit unserm Chronisten 
Lucae zu sprechen, „der Weinstock der Ehe Herzogs Lud- 
wig keine FriAchte mehr getragen". Auch clem iiltesten der 
Briider, Georg III., hatte seine Gemahlin nur eine Tochter 
geschenkt, Dorothea Elisabeth, und vergeblich hatte er sich 
bemiiht, ihr vom Kaiser die Nachfolge in dem Fiirstentum 
zusichern zu lassen. Ura so mehr hatte er sich bewogen 
gefuhlt, nach dem Tode seiner ersten Gemahlin 1659 zu 
einer neuen Ehe zu schreiten. 1660 fuhrte er die jungePrinzefs 
Charlotte von Pfalz-Simmern heim, die in Krossen bei ihrer 
Tante, der Kurfitrstin-Witwe von Brandenburg, lebte. Die 
Prinzessin ward bei ihrer Einholung schon in Glogau fest- 
lich begriifst, wo ihr zu Ehren eine Festvorstellung stattfand. 
Von den beiden kiinstlich in einander verflochtenen Stiicken 
des Andreas Gryphius, welche hier gegeben wurden, ist das 
eine, ,, Die geliebte Dornrose ", mit Recht beriihmt geworden. 
Leider hat Charlotte die von Gryphius am Schlusse naiv 
genug ausgesprochenen Hoffhungen auf zahlreiche Nach- 
kommenschaft nicht erfiillt, vielmehr bildete sich bei ihr die 
Schwindsucht aus, gegen welche die Heilquellen von Landeck 



Gefalir d. Aussterbens bei d. Piasten, aber aucb bei d. Kaiserhause. 355 

nichts vermochten. Als im Jahre 1664 Herzog Georg seiner 
einzigen Tochter, die er einem Prinzen von Nassau vermahlt 
hatte, trauernden Herzens das Geleit gab, verfiigte er sich von 
da zu den Trauerfeierlichkeiten der Beisetzung seines Bruders 
Ludwig, und von Liegnitz rief ihn nach Breslau die Kunde 
von der schweren Erkrankung seiner Gemahlin, die nach Brieg 
nur zuriickkehrte , urn da zu sterben. Der Herzog ward 
seitdem nie wieder heiter gesehen, acht Wochen spater ist aueh 
er heimgegangen. 

Die ganze Zukunft des Piastischen Geschlechtes beruhte 
seitdem auf dem vierjahrigen Knaben, den Luise von An- 
halt nach zwei Tochtern ihrem Gemahle Herzog Christian 
1662 geboren hatte. Mit aufmerksanien Blicken ist man 
sicherlich am Wiener Hofe dieser Entwickelung der Dinge 
gefolgt, welche ein Erloschen des Stammes und damit einen 
Heimfall dieser Lande an die Krone als sehr moglich er- 
scheinen liefs. Allerdings war auch bei dem kaiserlichen 
Hause die Zukunft des Stammes keineswegs gesichert. Kaiser 
Leopold hatte von seiner spanischen Gemahlin noch keinen 
Erben, und als 1670 der von derselben geborene Prinz un- 
mittelbar nach der Geburt wieder starb , scheint sich die 
Meinung verbreitet zu haben, Leopold habe keinen mann- 
lichen Erben mehr zu hoffen; wenigstens horen wir, dais 
verschiedene Machte schon vertrauliche Verhandlungen liber 
eine eventuelle Teilung des Habsburgischen Erbes begonnen 
haben. Mit besonderem Interesse hatte man hiervon in Berlin 
vernommen. Der grofse Kurfiirst hatte seine schlesischen 
Anspriiche wohl im Auge behalten und vornehmlich an 
Jiigerndorf immer wieder erinnern lassen, er hatte es sehr 
schwer empfunden, als er wahrnahm ; wie man in Wien die 
Zusagen nach dieser Seite hin, mit denen man vor der Konigs- 
wahl von 1653 nicht gekargt, nach erfolgter Wahl ganz und 
gar vergessen hatte und ihn mit sehr geringfugigen Aner- 
bietungen abspeisen wollte, die er dann zuriickwies. Von der 
Erbverbrtiderung mit den Liegnitz-Brieger Piasten des Jahres 
1537 durlte man am kaiserlichen Hofe nicht sprechen, diese 
sah man mit dem Machtspruche Ferdinands I. als abgethan 
an. Nicht so in Schlesien, wo ja, wie wir wissen ; Herzog 
Georg Rudolf bei der Konjunktion mit den protestantischen 
Machten dieselbe wiederum angeregt hatte, und ebenso wenig 
am Berliner Hofe. Als jetzt der grofse Kurfiirst die Mog- 
lichkeit eines Erloschens des habsburgischen Kaiserhauses 
ins Auge fafste, zeigte er sich entschlossen ? beizeiten Vor- 
kehrungen zu treffen, urn, falls jener Fall eintrete, sogleich 
seine Anspriiche geltend machen zu konnen. Seine Plane 

23* 



356 Drittes Buch. Dritter Abschnitt. 

nach dieser Seite hin hat er in einer eigenen neuerdings 
veroffentlichten und um 1671 geschriebenen Denkschrift nieder- 
gelegt. Er glaube, schreibt er hier, eine sich ihm bietende 
giinstige Konjunktur zur Vergrofserung seines Landes nicht 
unbenutzt voriibergelien lassen zu diirfen und sehe es auch 
als eine gottliche Berufung an, seine Glaubensgenossen „aus 
der Drangsal des Papstthurns" zu erretten. Er beabsichtigt 
dann ohne weiteres ganz Schlesien zu besetzen und prin- 
zipiell zu beanspruchen, und in der Denkschrift bespricht er 
eingehend die zu ergreifenden Mafsregeln nach der militari- 
schen wie nach der diplomatischen Seite hin. Den Katho- 
liken soil dann vollstandige Religionsfreiheit und „denen 
Lutterischen , denen die Kirchen abgenommen ", nicht deren 
Riickgabe verheifsen werden, sondern nur das Recht, sich 
solche neu zu bauen, „wo es ihnen gefallig sein wiirde", 
also ganz, wie es sein Urenkel dann wirklich ausgefuhrt hat. 
Falls man nicht ganz Schlesien behaupten konnte, wiirde 
man wenigstens die FiirstentUmer Glogau und Sagan und 
die Anwartschaft auf Liegnitz - Brieg behaupten, „hiebey 
miifste der Evangelischen ihre GeAvissensfreiheit fur alien 
Din gen in der Schlesie ausbedungen werden". 

Sehr anders aber, als hier vorausgesetzt wurde, haben 
die Dinge ihren Lauf genommen. Ein Jahr nachdem der 
grofse Kurfurst dies geschrieben, sah er sich in einen neuen 
Krieg verwickelt, der dann bald sich sehr gefahrlich fur ihn 
gestalten sollte, und in Schlesien starb in demselben Jahre 
1672 Herzog Christian, so dafs der Stamm der Piasten hier 
nur noch auf den zwei Augen seines damals zwolfjahrigen 
Sohnes Georg Wilhelm beruhte. Dessen Vormundschaft fiihrte 
seine Mutter Luise von Anhalt, unterstiitzt von einem Vor- 
mundschaftsrate, gebildet durch drei aus dem Adel der Fiirsten- 
tiimer gewahlte Manner: Hans von Schweinichen fur Liegnitz, 
Hans Adam von Posadowsky fur Brieg, Sigismund Ernst 
von Nostitz fur Wohlau. Die kluge Frau widmete sich trotz 
ihrer Kranklichkeit mit Eifer der Regierung, aber man er- 
sehnte doch das Ende der Regentschaft, und zwar vor allem 
deshalb, weil immer aufs neue unter der Bevolkerung Ge- 
riichte eines beabsichtigten Glaubenswechsels seitens der 
Herzogin auftauchten. Allerdings lag denselben wohl keine 
andere Thatsache zugrunde, als dafs Luise in ihrer etwas 
freisinnig gefarbten Duldsamkeit bei ihrer Residenz in Lieg- 
nitz auch Jesuiten ihr Haus gastlich uffnete und sogar an 
der Unterhaltung mit den zum Teil sehr fein gebildeten 
Patres ein Vergntigen fand. Wenn diese dann nun auch 
ihre stillen Plane verfolgten, so galten dieselben doch nicht 






Herzog Christians Tod, Prinzessin Charlotte konvertiert. 357 

der Herzogin selbst, sondern ihrer altesten Tochter, der 
schonen und geistvollen Prinzefs Charlotte, und nachdem es 
sich einraal herausgestellt hatte, dafs diese in religiosen 
Dingen ihre besonderen Wege ging und in mystisch ange- 
hauchten Meditationen sich gefiel, durfte man hoffen sie zu 
gewinnen. In aulserst geschickter Weise hat man hier ope- 
riert. Ein vornehmer Kavalier von gewinnendem Aufsern 
ward dazu verschrieben ; Herzog Friedrich von Holstein aus 
der katholischen Linie von Sonderburg, Oberst in kaiser- 
lichen Diensten, hatte sich durch die Aussicht auf die Hand 
einer schonen und reichen Prinzessin leicht locken lassen. 
Am Hoflager zu Brieg freundlich aufgenommen, gewann der 
hiibsche gewandte Prinz in seiner kleidsamen Uniform schnell 
die Neigung Charlottens; als er dann mit dem Hofe nach 
Liegnitz iibersiedelte, erleichterte eine langere Krankheit der 
Herzogin Luise sein Spiel, und die doch etwas excentrische 
Charlotte liefs sich verfiihren einzuwilligen, dafs sie in grofster 
Heimlichkeit eines Abends in der Schlofskapelle von einem 
der Liegnitzer Jesuitenpatres getraut wurde. Der Kaiser 
zeigte sich schnell bereit, die Ehe anzuerkennen ; aber die 
Mutter hat sich nicht liberwinden konnen, der Tochter zu 
verzeihen, und im Lande erregte die Nachricht von der 
Vermahlung der Prinzessin mit einem katholischen Gatten 
grofse Unzufriedenheit, die sich noch sehr steigerte, als all- 
mahlich auch das ruchbar wurde, dafs Charlotte um jener 
Ehe willen den Glauben ihrer Vater abgeschworen hatte. 
Sie selbst hat schwer gebiifst, ihre Ehe ist in kurzer Zeit 
eine so ungliickliche geworden, dafs eine Trennung der 
Gatten sich notwendig zeigte. Charlotte hat dann lange Jahre 
vereinsamt in Breslau gelebt, mit Werken der Wohlthatig- 
keit sich beschaftigend. Nach ihrem Tode 1707 ward sie 
ihrem Wunsche gemafs zu den Fiifsen der gefeierten Stamm- 
mutter ihres Geschlechtes, der hi. Hedwig, in der Klosterkirche 
zu Trebnitz beigesetzt, und noch heute sieht man an der untern 
Seite des Sarkophags ein aus Alabaster gearbeitetes Relief- 
medaillon, welches die lebensgrofse Biiste der letzten piasti- 
schen Prinzessin darstellt, und man empfindet den Kontrast 
zwischen der ernsten Pracht des Grabdenkmals und der 
in Toilette und Frisur bis zur Frivolitat modischen Art dieses 
daran geklebten Portrats. 

Es war vermutlich die Nachricht von dem Ubertritte 
Charlottens, welche die Vormundschaftsrate antrieb, in voll- 
ster Ubereinstimmung mit den Stiinden die Miindigkeits- 
erklarung des jungen Herzogs za beschleunigen. Um sie zu 
erlangen, reiste im Februar 1675 Georg Wilhelm mit kleinem 



358 Drittes Buck. Dritter Abschnitt. 

Gefolge nach Wien ab. Freundlich nahm ihn cler Kaiser 
auf, unci cler erst fiinfzelmjahrige Herzog erregte durch seine 
jugendliche Schonheit, die Gewandtheit seiner Unterhaltung, 
seine Beredsamkeit und vornehmlich durch seinen augen- 
scheinlich liber seine Jahre hinaus entwickelten Geist solches 
Auf'sehn am Hofe ; dafs einige Tage, wie cler spanische Bot- 
schafter beriehtet, die ganze Stadt und der Hot von nichts 
als dera jungen Prinzen gesprochen hat. Vorsichtig bewegte 
er sich auf dem schlupfrigen Parkett des Hofes, wo so viele 
Augen ihn lauernd beobachteten; als ihra einst die verfang- 
liche Frage vorgelegt ward, welche Religion er fiir die beste 
halte, antwortete er kurz gefafst : „ Gott und dem Kaiser 
treu zu sein." Von Wien brachte er die kaiserliche Be- 
statigung seiner Volljahrigkeitserklarung nachhause , und 
rauschende Festlichkeiten reihten sich an die Huldigungen 
in den einzelnen Furstentiimern. Der junge Prinz gewann 
sich schnell die Herzen durch eine bezaubernde Freundlich- 
keit und mildes Wohlwollen, wahrend er dabei cloch zum 
Staunen aller, die sein Alter in Betracht zogen, mit grofsem 
Eifer sich der Staatsgeschafte annahm ; iiber alles selbst 
unterrichtet sein wollte und gleich von vornherein Reformen 
der Landesverfassung und Verwaltung in Aussicht nahm, 
Gesetzentwiirfe zu diesem Zwecke und eine neue Instruktion 
fiir die Beamten ausarbeiten liefs. Der Kaiser selbst ernennt 
ihn zu seinem Kommissar fiir den nachsten Fiirstentag. Der 
Dichter Lohenstein hat von ihm gesagt, der Finger des 
Prometheus habe ihn nicht aus gemeinem Lehm, sondern aus 
Golderz gebildet. 

Aber aller dieser Vollkommenheit war keine Dauer be- 
stimmt. Der junge Herzog hatte von seinem Vater, dem er 
sonst so wenig glich, eins geerbt ; die Freude am Waidwerk. 
Schon 1672 hatte der damals zwolfjahrige Knabe, als er den 
ersten Hirsch erlegte 7 seiner Freude durch die Stiftung eines 
Jagdordens, des Ordens vom goldenen Hirsch, Ausdruck ge- 
geben, dessen S.tatuten uns noch erhalten sind. Auch jetzt 
zog es ihn von dem Landtage, den er im September 1G75 
zu Liegnitz personlich abhielt, urn hier eine Verbesserung 
der Wege im Fiirstentum anzubahnen, trotz der mancherlei 
Feste, welche man auch hier ihm wieder bereitete, nach den 
grofsen Jagdrevieren des Brieger Oderwaldes, und nachdem 
er noch seinen Geburtstag in Liegnitz gefeiert, wo ein aufserst 
seltenes Wildpret, ein Elentier, aus der Kotzenauer Haide, 
die Festtafel zierte, brach er nach Brieg auf. Doch mutete 
er seiner Jugendkraft zu viel zu; am 15. November holte 
er sich auf der Jagd eine Erkaltung. Ein Ausschlag, der 



Georg Wilhelm der letzte Piast stirbt 1675. 359 



L 6 



als Kinderpocken sich zeigte 7 nahm vielleicht infolge unge- 
schickter Behandlung einen bosartigen Charakter an , und 
bald erschien sein Zustand hoffnungslos. Am 21. November 
1675 war er eine Leiche, der letzte eines Fiirstenstammes, 
dessen Anfange in die graue Vorzeit zuriickreichen, ein junges 
viel versprechendes Leben im ersten Fruhling geknickt. 

Wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel traf die 
Nachricht alle Gemiiter. Man beklagte in dem so friih Ge- 
storbenen nicht nur einen geliebten Landesfiirsten , sondern 
auch gleichzeitig den Ausgang eines Geschlechtes, das tiefe 
Wurzeln in den Herzen aller Scblesier geschlagen hatte, und 
was vielleicht am allerschwersten ins Gewicht fiel, das Ende 
der selbstandigen scblesischen Fiirstenmacht, an deren Landes- 
grenzen bisher eine unduldsame Politik noch Schranken ge- 
fundcn hatte. Der jahe Tod liefs Gedanken eines begangenen 
Yerbrechens, einer Vergiftung, vielfacli aufkommen. Ver- 
hafste Diener des Verstorbenen kamen in Lebensgefahr. In 
Liegnitz waren die Kommissare des Oberamts, welche die 
Versiegelung vornahmen, frliher da, als die saumigen Boten, 
welche die Hiobspost zu iiberbringen hatten. 

Auf seinem Totenbette hatte Georg Wilhelm noch einen 
riihrenden Brief an den Kaiser geschrieben, in welchem er, 
nachdem er erklart hat, Gottes Ratschlufs, der iiber ihn einen 
friilizeitigen Tod verhange, „mit unerschrockenem und willi- 
gem Gemiite annehmen" zu wollen fortfahrt: „Ehe und 
bevor aber ich solche Schuld der Natur bezahle, lege ich 
hiermit, nebst unsterblichem Dank vor alle meinem Hause 
und mir erzeigten Schutz, fluid und Gnade, dasjenige, was 
Ew. Majestiit die Rechte nach meinem Tode zueignen, 
zu dero Fiisen vor selbte allergehorsamst nieder, dieselbte 
dieses einzige um deroselbtem eigenen kaiserlichen Flor und 
Aufname wegen allerunterthanigst ersuchende, Euer Maje- 
stat geruhe nicht allein meine Frau Mutter und Schwester 
sondern auch meinen Vetter den Grafen August von Liegnitz, 
welchem nicht sowohl einige anderwertige Unfahigkeit als 
vielmehr die unterlassene ausdriickliche Provision seines Herrn 
Vaters anjetzo die vollige Lehnsfolge zweifelhaftig macht, als 
auch meine treuen Diener zu gerechtester Beobachtung um 
Manutenenz emplbhlen sein zu lassen, vornehmlich aber meine 
armen Unterthanen bei ihren Privilegien und bisherigen 
Glaubensiibungen in kaiserlicher Huld und Gnade ferner 
allergnadigst zu erhalten. Der Allerhochste setze Ew. Maje- 
stat diejenigen Jahre, welche sein gottlicher Wille mir ver- 
weigert, hiervor in Gnaden zu und verhange an dero selbem 
hochloblichen Erzhause den anjetzo an dem meinem sich 



360 Drittes Buch. Drifter Abschnitt. 

ereignenden fatalem periodum nimmermehr; er lasse dero- 
selbten mannlichen Nachkommen kein Ende und Ihrer Macht 
und Siege kein Ziel sein, wenn Sie erhoren desjenigen Bitten, 
welcher schwerlich mehr an selbige etwas bitten, sondern er- 
sterben wird 

dero kais. und konigl. Majestiit 
Georg Wilhelm Herzog zu Liegnitz, Brieg und Wohlau. 
An eine Nachfolge des Grafen August von Liegnitz, be- 
kanntlich eines Sohnes von Johann Christian aus dessen 
zweiter Ehe, in den Herzogtiimern ist wohl kaum ernstlich 
gedacht worden, obwohl derselbe zu seinen Gunsten anfiihren 
konnte, dais die in Johann Christians Ehepakten mit Hedwig 
von Sitsch enthaltene, deren Kinder von der fiirstlichen Suc- 
cession ausschliefsende Klausel nur auf den Fall gelautet 
habe, dais seine Briider oder mannliche Nachkommen der- 
selben am Leben waren, wie denn ja auch der erwahnte 
Brief seines jungen Neffen sich bei dem Kaiser fiir ihn ver- 
wendete. Indessen der Graf August, selbst ein alter Mann, 
hegte nach dem Tode seines einzigen Sohnes keinen grofsen 
Ehrgeiz mehr, hatte er doch bereits 1672, als die Herrschaft 
in den drei Furstentiimern an Georg Wilhelm fiel, dem 
Kaiser gelobt, diesen fiir den Fall, dafs der Herzog ohne 
mannliche Leibeserben versttirbe, als seine rechtmafsige Obrig- 
keit anerkennen zu wollen. Wenn er jetzt noch einmal 
seine Ansprtiche gel tend machte, so geschah dies eigentlich 
nur, damit ihm, wie er schreibt, „die kaiserliche Gnaden- 
hand zu ehrlicher Durchbringung seines Lebens ein Stuck 
zuwerfe". Schliefslich war er, der trotz seiner ansehnlichen 
Herrschaft Prieborn und der Kantersdorfer Giiter immer in 
finanziellen Noten steckte, auch mit einer Pension zufrieden, 
die er denn auch durch unablassige Bittgesuche, bei denen 
er seine Wiirde wenig wahrte, 1678 erhielt kurz vor seinem 
1679 erfolgten Tode. 

Die Herzogin-Mutter behielt ihr Wittum, das Amt Ohlau 
und eine ansehnliche Summe aus dem Allodialvermogen. 
Auch sie starb bereits 1680. Als ihre letzte Lebensaufgabe 
hat sie die Errichtung eines Mausoleums, der sogenannten 
Fiirstengruft zu Liegnitz, angesehen, die sich als ein in 
grofsem Stile gedachter Rundbau an die Johanniskirche an- 
fiigte. Italienische Meister fiihrten der Herzogin in den 
Jahren 1677 und 1678 den Bau aus, die Bildhauerarbeiten 
riihren von dem kaiserlichen Hofbildhauer Rauchmuller her, 
den Entwurf zu dem Ganzen schreibt man dem Dichter 
Kaspar von Lohenstein zu, und ihn ehrt aufserdem mehr 
als das lange schwulstige Lobgedicht, das er auf Georg 



Die Erbschaft cler piastischen Herzoge. 361 

"Wilhelm verfafst hat, die sinnige Kiirze mancher hier ange- 
brachten Inschriften, vor allern an den vier Statuen, die das 
Mausoleum schmiicken, der trauernden Herzogin Luise: heu 
mihi soli (wehe mir Einsamen), des trostend auf den Sohn 
zeigenden Gemahls: nescia gnati? (vergifst du des Sohnes?), 
des zuin Himmel voll Ergebung blickenden Prinzen : at sequor 
ipse (ich folge ja selbst), und der sich in Trauer abwenden- 
den Charlotte: ubi spes nostra? (wo ist unsere Hoffnung*?). 

Die Anspriiche der Prinzessin von Nassau - Dillenburg, 
einer Tochter Georgs III., welche letztere 1659 vom Kaiser 
die Zusicherung erhalten hatte, dafs im Fall mangelnder 
mannlicher Nachkommen die Tochter den Niefsbrauck des 
Herzogtums auf Lebenszeit haben solle, ward damit zuriick- 
gewiesen, dafs die Voraussetzung jenes Versprechens als durch 
die Geburt von Georg Wilhelm 1660 weggefallen angesehen 
werden miisse. 

Wir wissen nicht, welchen Eindruck das Schreiben vom 
Sterbelager des jungen Herzogs auf den Kaiser gemacht hat,, 
und ob er bei dem Wunsche, dafs von seinem Hause der 
„ fatalis periodus ", dem das Haus der Piasten entgegenginge,. 
abgewendet bleiben moge , sorgenvoll daran gedacht hat, 
dafs ihm, dem inzwischen zum zweitenmale Vermahlten, aucli 
noch der Stammhalter fehle, aber schwerlich werden der- 
artige Erwiigungen ihn gehindert haben, sich des Gewinnes 
zu freuen, der ihm aus diesem Heimfall erwuchs. Der voile, 
uneingeschrankte Besitz Schlesiens, die freie Disposition iiber 
die ganze Provinz ward ihm erst jetzt zuteil, und fiir die 
ewig an Geldnot leidende kaiserliche Kasse mufste die Erb- 
schaft von der grofsten Bedeutung werden. Vor allem konnte 
jetzt die kaiserliche Kammer in 8chlesien wieder zu Kraften 
kommen. Die Domanen in den schlesischen Fiirstentumern 
erscheinen, abgesehen von Oberschlesien, wo dafur der Er- 
tragswert ein geringerer war, nicht eben bedeutend; im 
Fiirstentum Breslau fehlten sie ganz, im Fiirstentum Glogau 
fast ganz, und auch in den Furstentumern Schweidnitz-Jauer 
waren die alten herzoglichen Giiter allmahhch veraufsert 
worden, eigentlich nur die Grafschaft Glatz hatte noch 
einige Vorwerke und Nutzungen, die etwa einen Ertrag von 
1 1 500 Gulden gewahrten. Dazu kamen nun jetzt die Kammer- 
giiter der drei Fiirstentumer in iiberaus stattlicher Fiille, im 
Furstentum Brieg 7 Stadte, 5 Amter mit zusammen 22 Vor- 
werken und 44 vollstandig zins- und dienstpflichtigen und 
10 teilweise dienstpflichtigen Dorfern, im Furstentum Lieg- 
nitz 5 Stadte und 6 Amter mit zusammen 25 Vorwerken 
und 59 vollstandig und 17 teilweise zins- und dienst- 



362 Drittes Buch. Dritter Abschnitt. 

pflicktigen Dorfern, unci endlich im Furstentum Wohlau 
6 Stadte und 2 Amter mit zusammen 18 Vorwerken und 
17 vollstandig und 8 teilweise zins- und dienstpflichtigcn 
Dorfern. 

Allerdings hat, wie wir gleich kier etwas vorausgreifend 
bemerken mockten, eine rechte Ordnung in diese Verhalt- 
nisse nickt kommen wollen, die kaiserliche Verwaltung, wenn 
sie gleich im Anfange sich ruhmte, hohere Ertriige keraus- 
zuwirtsckaiten, hat sick auf die Lange dock nicht so bewahrt 
wie die kerzoglicke, und das im Anfange des 18. Jakrkun- 
derts zur Anwendung gebrackte Mittel der Vererbpachtung 
hat hier ebenso wie an anderen Orten schliefslick ungiinstige 
Resultate erzielt. Aufserdem drangte die ewige Geldnot am 
Wiener Hofe dazu, nicht nur uberkaupt die Kammergiiter 
mit Schulden zu belasten, sondern auch Teile derselben ganz 
zu veraufsern oder auf langere Zeit zu verpfanden. So sind 
im Jahre 1G84 nach den Zeiten der Tiirkennot der grofste 
Teil der Glatzer Domitnen durch eine besondere Aiienations- 
kommission veraufsert worden, und der Prasident dieser 
Kommission, der Landeshauptmann Graf Althann, der hier 
als der Hauptkaufer ersckeint, hat sick unzweifelhaft bei 
diesem Geschafte in giinstiger Lage befunden. In demselben 
Jahre wurden auck die Amter Teick (jetzt Rotkschlofs) und 
Strehlen an die Prinzessin Ckarlotte, die Sckwester des letzten 
Piasten, versckrieben, 1687 die nack dem Tode des Grafen 
August keimgefallene Herrsckaft Prieborn an die Herren von 
Waffenberg verpfandet, welcke dann wegen Gewaltthatigkeit 
und Hartnackigkeit einen iiblen Namen kinterlassen kaben, 
und 1691 das ganze Weickbild Oklau an den Prinzen Jakob 
Sobieski fur eine Sckuld von 800000 Gulden iibergeben. 

Der Sckwiebuser Kreis. 

Unter den Griinden, welcke im Anfange des Jakres 1675 
dazu gefiikrt katten, den Prinzen Georg Wilkelm trotz seiner 
Jugend bereits die Regierung antreten zu lassen, bat sick 
vielleickt auck die Rucksickt auf die kriegerische Gestaltung 
der Verkaltnisse gemackt. Wahrend die kaiserlicken Truppen 
am Rkein gegen Frankreick kampften ; waren auf Antrieb 
dieser Mackt gegen Ende des Jakres 1674 die Sckweden in 
das Land des bei weitem kriegstiicktigsten Reicksftirsten, des 
Kurfiirsten von Brandenburg eingefallen. Dem von diesem 
seinem Verbiindeten an ikn gerichteten Gesuche urn Beistand 
konnte sich der Kaiser nicht wohl ganz entziehen, und General 
Kop erkielt den Auftrag, in Scklesien ein Heer von 10 000 



Die Anspiiiche des Kurfursten von Braudeuburg auf Schlesien. 

Mann zusammenzuziehen. Bei clem Respekte, den man in 
Wien nocli vom Dreifsigjahrigen Kriege her vor der schwe- 
dischen Kriegsmacht hatte, besorgte man ja auch, dafs ein 
Sieg der Schweden sie zu einem Angriff auf Schlesien f uhren 
kdnne, wo die neuerdings wiederum so bedrangten Prote- 
stanten sie vielleicht willkommen heifsen konnten. General 
Kop empfand es bei den Riistungen sehr iibel, dafs ihm die 
Landeshauptstadt nicht offen stand, und wahrscheinlich ist 
es auf seine Veranlassung geschehen, dafs der Kaiser von 
der Stadt Breslau verlangte, fur den bevorstehenden Krieg 
eine kaiserliche Garnison aufzunehmen. Schon waren aucn 
dem Kaiser Geriichte zu Ohren gekommen von schwedischen 
Sympathien in Schlesien und von heimlicher Korrespondenz 
nach dieser Seite hin, vornehmlich auch seitens der Breslauer. 
Eiligst sandte der Rat im Februar 1675 seinen Syndikus, 
den als Dichter bekannten Kaspar von Lohenstein nach 
Wien, der dann auch von Leopold nicht nur die Versicherung 
erlangte, dafs er jenen Geriichten keinen Glauben schenke, 
sondern auch das thatsachliche Fallenlassen jener fur die 
Breslauer ganz entsetzlichen Forderung der Einnahme einer 
kaiserlichen Besatzung. 

Von der Furcht vor den Schweden befreiten den Kaiser 
die glanzenden Waffenerfolge des grofsen Kurfursten und der 
ruhmreiche Sieg von Fehrbellin; im Jahre 1676 ist auch das 
Kopsche Kriegscorps dem Kurfursten zuhilfe gezogen. Friedrich 
Wilhelm hatte in seinem Kriegslager Ende November 1676 
nun die Nachricht vom Tode des jungen Herzogs Georg 
Wilhelm empfangen. Fort und fort hatten die Hohenzollern 
mit dem ihnen so vielfach verschwagerten Hause der Piasten 
freundliche Beziehungen unterhalten. Friedrich Wilhelm hatte 
in dem argerlichen Ehehandel der Prinzessin Charlotte zu 
vermitteln gesucht ; als Georg W 7 ilhelm die markische Landes- 
universitat Frankfurt besuchte, hatte der Kurfurst fur seine 
hausliche Einrichtung Sorge getragen und ihn aus seinen 
Feldquartieren zum Antritte seiner Regierung begliickwiinscht. 
Fur ihn bestand die alte Erbverbruderung von 1537 noch 
zu vollem Rechte, und er zogerte trotz der Ungunst der 
Zeit keinen Augenblick, dahin gehende Erklarungen abzu- 
geben. 

Er liefs durch seinen Gesandten vom Kaiser fordern, in 
den drei Furstentiimern nichts an dem Status zu andern, 
namentlich auch nichts in Religionsangelegenheiten, da die 
Nachfolge ihm, dem Kurfursten, gebtihre und er auch bereits 
seine Anspriiche formulieren lasse. Doch verzogerte sich 
diese Formulierung, weil, wie es scheint, die kaiserlichen 



364 Drittes Buch. Dritter Abschnitt. 

Minister die Priifung dieser Anspriiche bis nach Beendigung 
der Kriegswirren verschoben sehen wollten. Es ist bekannt, 
wie libel der Kurfiirst in dem Frieden zu Nimwegen 1678 
von dem Kaiser imstiche gelassen worden war. Durch 
dieses Verhalten selbst jeder weiteren Rlicksichtnahme ent- 
bunden, und nachdem die Lage der Dinge auch aufserdem 
sich dadurch geandert hatte, dafs, seitdem am 26. Juli 1678 
dem Kaiser von seiner dritten Gemahlin ein Sohn geboren 
worden, die auf ein Erloschen des Kaiserhauses gebauten Plane 
gegenstandslos ge worden waren, beschlofs der Kurfiirst, ernst- 
licher vorzugehn. Er verschmahte es nicht, bei dem Frieden 
mit Konig Ludwig XIV., zu welchem er sich 1679 gezwungen 
sah, auch seine schlesischen Anspriiche zur Sprache zu bringen 
und erlangte auch wirklich von seinem bisherigen Gegner 
ein Versprechen seiner Verwendung, das allerdings auf Jagern- 
dorf sich beschrankte. Der rechtskundige Frankfurter Pro- 
fessor Rhetz arbeitete eine umfangliche Denkschrift zur Er- 
hartung der brandenburgischen Anspriiche aus und suchte 
die Giiltigkeit der Erbverbriiderung von 1537 trotz des die- 
selbe kassierenden Machtspruches Ferdinands I. nachzuweisen. 
Der Kaiser aber blieb dabei, jener Vertrag sei endgiiltig ab- 
gethan, um so mehr da eine Berufung gegen jene Entscheidung 
von 1546 nie eingelegt worden sei, er begniigte sich, zur 
Abfindung der Jagerndorfer Anspriiche eine Geldsumme von 
200000 Thaler anzubieten; der Kurfiirst antwortete, er wolle 
beziiglich der Jagerndorfschen Anspriiche in eine Geld- 
entschadigung willigen, miisse aber in Sache von Liegnitz- 
Brieg auf einer Abtretung von Land und Leuten bestehen. 

Da hiervon der Kaiser wiederum nichts horen wollte, 
so schleppten sich die Unterhandlungen fort, bis 1683 die 
verwickeltere Situation, welche den Kaiser von zwei Seiten, 
von Frankreich her und gleichzeitig von den Tiirken, bedroht 
zeigte, den Kurfiirsten hoffen liefs, dafs jetzt seine Bundes- 
genossenschaft einen besseren Preis haben werde. Im "Januar 
1683 ging in seinem Auftrage Otto von Schwerin an den 
kaiserlichen Hof, um des Kurfiirsten Beistand anzubieten. 
Unter dem, was er als Entgelt dafiir beanspruchte , befand 
sich wiederum das Herzogtum Jagerndorf, resp. ein Ersatz an 
Land und Leuten, und auch in gewisser Weise die Erbfolge in 
Liegnitz-Brieg-Wohlau. In der Instruktion Schwerins hiefs 
es in diesem Punkte: „Wir wollen zwar bei den gegen- 
wartigen getahrlichen Konjunkturen dieser unserer wohl- 
begriindeten Pratension halber Kais. Maj. nicht beschwerlich 
fallen, bleiben aber daneben der Zuversicht, dafs man uns 
seiner Zeit deshalb gerecht werde." Man verlangte nach 



Vergebliche Bemiihungeii des grofsen Kurfiirsten. 365 

dieser Seite hin nur eine Zusicherung, spater auf die Sache 
eingehen zu wollen. Aber der Kaiser hatte nur dieselben 
Antworteu wie frtiher, hinsichtlich Jagerndorfs eine Geld- 
•entschadigung und bezuglich der Herzogtiimer eine bestimmte 
Ablehnung unter Berufung darauf, dais diese Sache durcb 
Rechtsspruch bereits abgethan sei. 

Schwerin reiste, ohne das mindeste erreicbt zu haben, 
wieder ab; dem Kurfiirsten aber teilte sein Gesandter in 
Wien mit, der Kaiser habe in seiner damaligen brennenden 
Geldnot eins der schlesischen Herzogtiimer einem Ftirsten 
Sehwarzenberg zum Kauf angetragen, und nachdem dieser 
abgelehnt babe, habe der Konig von Polen alle drei Ftirsten- 
tiimer kaufen sollen. Der Gesandte ward (unter dem 3. Juni 
1683) angewiesen, gegen jeden derartigen Verkauf zu pro- 
testieren, aber unter der Hand einfiieisen zu lassen, dafs, 
wofern der Kaiser den Kuriiirsten sein Recht an den Fiirsten- 
tiimern geniefsen lassen wolle, dieser bereit sei, „mit einer 
erklecklichen Summe an die Hand zu gehen". Man sprach 
in Wien von zwei Millionen, die der Kurfiirst angeboten 
habe. 

Doch weder die steigende Not noch lockende Anerbieten 
hatten den Kaiser bewegen konnen, bier nachzugeben , wo 
es sich urn ein Prinzip handelte, dem er sehr vieles zum 
Opfer zu bringen gewohnt war. Der spanische Gesandte 
hatte es offen ausgesprochen , das Haus Osterreich werde 
niemals einen ketzerischen Flirsten in der Mitte seiner 
Erblande Fufs fassen lassen, schon darum nicht, weil alle 
Uberreste des evangelischen Wesens sich an denselben an- 
schliefsen wiirden. 

Als dann im Juli die Tiirken vor Wien riickten, sendet 
Ende des Monats der Kurfiirst aufs neue den Grafen Anhalt 
nach Passau, wohin der Kaiser gefluchtet war, um zu er- 
klaren, da sein Kurfiirst auch nicht den Schein erregen 
wolle, als gedenke er aus der allgemeinen Kalamitat Nutzen 
zu ziehen, so wolle er die Frage wegen der drei schlesischen 
Flirstentiimer zur Zeit ruhen lassen, nur wegen Jagerndorfs 
musse er auf der Herausgabe dieses Herzogtums, eventuell 
auf einer anderweitigen Entschadigung an Land und Leuten 
bestehen. Aber auch in der grofsten Not zogerte man immer- 
fort, die dargebotene Hand zu ergi'eifen; man bangte ge- 
radezu da vor, die Brandenburger Kriegsvolker durch Schle- 
sien ziehen zu lassen, als konnte seitens der schlesischen 
Protestanten etwas unliebsames bei der Gelegenheit vor- 
genommen werden. Kurz man zogerte, bis Wien gerettet 
und man des Lohnes iiberhoben war, den man nieman- 



36(5 Drittes Buch. Dritter Abschuitt. 

dem weniger gegonnt hatte als dem Kurfiirsten von Branden- 
burg. 

Inzwischen veranlafste die kaiserliche Regierung im Jahre 
1684 den Liegnitz-Briegischen Kanzler Friedrich von Roth, 
ein Gutachten iiber die brandenburgischen Anspriiche aus- 
zuarbeiten, hielt dasselbe aber, nachdem es iibergeben war, 
geheim, da der Verfasser, wenn er gleich zu dem gewimsch- 
ten Resultate der Nichtigkeit jener Anspriiche kam, doch 
durch die mitgeteilten Urkunden auch dem Gegner manches 
wertvolle Material zufiihren' zu konnen schien. Doch be- 
nutzte man das Gutachten zu der wiederum rund ablehnen- 
den Antwort, welche Schwerin erhielt, als er auf einer neuen 
Sendung nach Wien im Jahre 1685 abermals die Angelegen- 
heit anregte. Bei so schroffem Auseinandergehen der Mei- 
nungen schien jedes Ubereinkommen hofYnungslos, obwohl 
gleichzeitig mit Schwerin auch der von Wien 1685 in aufser- 
ordentlicher Mission an den brandenburgischen Hof gesandte 
Baron Fridag dort eitrig verhandelte. Denn wahrend dem 
Gesandten als des Kaisers feste Uberzeugung mitgeteilt wor- 
den war, dais er zu einer Abtretung ganzer Fiirstentiimer 
in Schlesien niemals gesinnt gewesen sei, auch solche bei 
seinen Nachkommen kaum wiirde verantworten konnen, er- 
klarte ihm der Kurfurst zu wiederholten Mai en, ihm gehorten 
die drei Furstentiimer unstreitig so zu, „als Gott im Himmel 
ware ". 

In dieses Vernal tnis brachte nun aber das Jahr 1686 
eine bedeutsame Wandlung. Wenn der Kurfurst, der ja 
stets die Ansicht vertreten hatte, in den grofsen Welthandeln 
diirfe man nicht neutral bleiben, sich immer die Moglichkeit 
offen gehalten hatte, bei der sichtlichen feindseligen Haltung 
des Kaisers eine Anlehnung an Frankreich zu suchen, so 
ward ihm das immer schwerer gemacht durch die Uber- 
hebung, mit welch er Ludwig XIV. das ihm zugefallene Uber- 
gewicht nach alien Seiten hin zur Geltung brachte und auch 
ihm Zumutungen machte, gegen die sich seine lurstliche Wiirde 
emporte. Schon vielfach gereizt gegen Ludwig XIV., fand 
er sich dann von dem brutalen Gewaltakt, durch welchen 
der Kcinig mit der Aufhebung des Ediktes von Nantes 
1{ Million Protestanten in seinem Reiche direkt zum Wechsel 
ihres Glaubens zu zwingen gedachte, ohne ihnen auch nur 
das Recht der Auswanderung zu gewahren, emport, und mit 
schnellem Entschlusse beantwortete er die Aufhebung des 
Ediktes von Nantes, die am 18. Oktober erfolgte, mit dem 
Edikte von Potsdam vom 8. November, durch welches er 
den „infolge der Verfolgungen und gewaltsamen Proceduren" 



Neue Bundesverhandlungen zwiseben dem Kaiser u. Brandenburg. o67 

aus Frankreich fliichtenden Reformierten in den liberalsten 
Form en ein Asyl in seinem Lande eroffnete. Es war ein 
Schritt, der seinem Charakter die grofste Ehre machte und 
auch seinem Staate durcli die Aufnahme der mannigfaltigen 
Bildungselemente, welche die mehr als 15 000 Refugies dem- 
selben zufiihrten, Vorteile brachte, aber dariiber tauschte 
er sich nicht, dafs der stolze Konig Ludwig dem deutschen 
Reichsfiirsten die in dem Potsdamer Edikte geiuhrte Sprache, 
die darin iiber die Anordnungen in Frankreich thatsachlich 
ausgesprochene Kritik nimmer verzeihen wurde, dafs zwi- 
schen ihm und Frankreich das Tafeltuch zerschnitten sei. 
Wenn erst diese Konsequenzen sich geltend machten, mufste 
der Kurfurst fiirchten, den Kaiser noch weniger entgegen- 
kommend zu finden als bisher, infolge der Erwagung, daf& 
Friedrich Wilhelm jetzt eben, wenn er nicht isoliert bleiben 
wollte und gleichzeitig der Subsidien entbehren, welche er 
fiir Erhaltung seiner Kriegsmacht bedurfte ; thatsachlich nur 
noch das kaiserliche Biindnis offen stand. Es gait also, ohne 
Zeitverlust dazuzuthun und zu gewinnen, was unter den ge- 
gebenen Umstanden moglich war. 

In denselben Tagen ; in welchen der Kurfurst das Pots- 
damer Edikt abfassen liefs, machte er sich auch iiber die 
neuen Vorschliige dem Kaiser gegeniiber schliissig, iiber 
welche an diesen Baron Fridag unter dem 6. Oktober 1685 
berichten konnte. Diesem hatte der Kurfurst erklaren lassen r 
er konne auf seine so wohl begriindeten schlesischen Anspriiche 
nicht verzichten, ohne ein wenn auch geringes Stiick von 
Schlesien abgetreten zu erhalten. Er forderte nun den 
Schwiebuser Kreis, ein Landchen von 24 Quadratmeilen 
grofs ; welches durch das Krossen - Ziillichauische von dem 
Fiirstentum Glogau, zu dem es rechtlich gehorte, getrennt, 
nur eine rings von fremdem Gebiete umschlossene Enklave 
darstellte. 

Nachdem der Kaiser von dieser besonderen Beschaffen- 
heit sowie von clem nicht eben grofsen Ertragswerte dieses von 
der Natur keineswegs reich ausgestatteten Landchens aus dem 
Berichte erfahren hatte, zu dessen Abstafctung er den Frei- 
herrn von Tan, sofort nachdem der Name Schwiebus zuerst 
genannt worden, beauftragt hatte, ward nun weiter in der 
Sache verhandelt, und am 22. Marz 1686 vermochte Fridag 
dem Kaiser den mit dem Kurfiirsten abgeschlossenen Ver- 
trag vorzulegen. Derselbe sicherte Leopold fiir die voraus- 
zusehenden Rampfe mit Frankreich einen kriegstiichtigen 
Bundesgenossen, welcher letztere nach erfolgter Abtretung 
des Schwiebuser Kreises vollstandig auf alle seine schlesischen 



368 Drittes Buch. Dritter Abschuitt. 

Anspriiche zu verzichten hatte. Mochten nun audi ander- 
weitige Zugestandnisse den Vertrag dem Kurfursten annehm- 
barer scheinen lassen, mochte die Abtretung der Lichten- 
steinischen Forderung an Ostfriesland eine gewisse Anwart- 
schaft aut' dieses Land eroffnen und anderseits die Zusicherung 
von 100000 Gulden (im Kriegsfalle 1 00 000 Thaler) jahrlicher 
Subsidien dem Kurfursten eine Beihilfe zur Erhaltung seiner 
Kriegsmacht gewahren, deren er thatsachlich nicht entbehren 
zu konnen glaubte, so stand doch immer so viel fest, dafs 
er Anspriiche auf vier schlesische Fiirstentiimer , von deren 
Rechtmafsigkeit er vollkomnien iiberzeugt war, aufgegeben 
hatte gegen einen einzigen armen Kreis von Schlesien. 

Wirklich sind, als Ende Juni 1686 der Schwiebuser 
Kreis an die Bevollmachtigten Friedrich Wilhelms iibergeben 
ward, wo dann die fast ausschliefslich protestantische Ein- 
wohnerschaft die neue Herrschaft mit Freuden begriifste, 
die samtlichen urkundlichen Belege der brandenburger An- 
spriiche nach Wien iibersandt worden, und es wiirde von 
preufsischen Anspriichen auf Schlesien kaum noch weiter 
gesprochen werden konnen, hatte nicht eine arglistige In- 
trigue, als deren alleinigen Urheber wir den osterreichischen 
Gesandten in Berlin, Baron Fridag, ansehen miissen, das 
Rechtsverhaltnis aufs neue in Frage gestellt. 

Als namlich die Frage wegen der Abtretung des Schwie- 
buser Kreises zuerst auftauchte, hatte der Kaiser zuforderst 
jede Abtretung eines auch noch so kleinen Teiles seiner 
"Erblande als mit seinen Pflichten gegeniiber der bohmischen 
Krone nicht vereinbar abgelehnt. Wir mogen vielleicht iiber 
diese Gewissensskrupeln bei einem geringfugigen Objekte 
erstaunen, wenn wir uns erinnern, wie unbedenklich einst 
beide Lausitzen an Sachsen weggegeben worden sind, und 
auch daran gedenken, dais der Schwiebuser Kreis so gut 
wie das benachbarte Krossensche Gebiet, mit dem es jetzt 
zusammenschmelzen mufste, ein Lehn der bohmischen Krone 
hat bleiben sollen, und es fallt schwer zu glauben, dafs hier 
Leopold nicht schliefslich nachgegeben haben wiirde, doch 
ward er eigentlich kaum auf die Probe gestellt, denn sein 
Gesandter, der selbst das Zustandekommen des Vertrags 
lebhaft wiinschte, trat sehr bald mit einem Vorschlage her- 
vor, der dem Kaiser die Einwilligung leicht machen sollte. 
Fridag hatte sich namlich mit dem Kurprinzen Friedrich in 
Verbindung gesetzt und demselben vorgestellt, dafs der so 
wiinschenswerte Vertrag mit dem Kaiser, der den Kurfursten 
erst aus den Handen der Franzosischgesinnten befreien werde, 
an der Forderung von Schwiebus zu scheitern drohe, wah- 



Der Schwiebuser Kreis. £69 

rend doch Leopold, ohne sein Gewissen zu beschweren, von 
den bohmischen Kronlanden nichts weggeben konne. Das 
von Fridag vorgeschlagene Auskunftsmittel ; der Kurprinz 
solle sich verpflichten, bei seinem Regierungsantritte Schwiebus 
wieder herauszugeben, hatte dieser, voll Eifer seinen Vater 
definitiv von dem franzosischen Biindnis auf die kaiserliche 
Seite herbeizuzieben , zu ergreifen kein Bedenken getragen 
und einen dahin lautenden Revers am 28. Februar 1686 
unterscbrieben. Natiirlich land infolge davon der ganze 
Vertrag in Wien urn so leicbtere Annahme. 

Diese ganze Intrigue ward auf das Sorgfaltigste vor dem 
greisen Kurfursten geheim gehalten, und als nach dessen Tode 
sein Nachfolger, der inzwisehen den wahren Zusammenhang 
dteser Angelegenheit erkannt hatte, von dem Kaiser an die 
Erfiillung seines Versprechens gemahnt wurde, geriet er in 
die grofste Aufregung ; nach seiner Meinung war jener Re- 
vers durch Vorspiegelung falseher Thatsachen von ihm er- 
schlichen worden, deshalb sei auch die am Schlusse dieses 
Reverses ausgesprochene Versicherung , dafs die Verzieht- 
leistung auf die schlesischen Ansprllche trotz der Riickgabe 
des Schwiebuser Kreis in Kraft bleiben solle, fiir ungiiltig 
anzusehn. Er war deshalb auch nieht zu bewegen, als ihn 
der Kaiser endlich 1695 zilr Riickgabe jenes Kreises notigte, 
jene Verzichtleistung zu wiederholen. 

Und diese Uberzeugung, dafs durch die Riickgabe von 
Schwiebus die schlesischen Anspriiche aufs neue ins Leben 
gerufen worden seien, ist am Berliner Hofe fort und fort 
festgehalten und auch dem Kaiser gegeniiber wiederholt 
z. B. bei den Wahlkapitulationen von 1704 und 1711, wenn- 
gleich erfolglos, geltend gemacht worden. 



Grunhageu, Gesc-li. Sclilesiens. LI. . ^ 



370 Drittes Buch. Vierter Abschnitt. 



Vierter Abschnitt. 

Kirchliche Mafsregeln in den 1675 heimgefallenen 
Fiir stent iimerii. Die Grundung der Lcopoldina zu 

Breslau 1702. 



Wenn nach dem Tode des letzten Piasten die Einwohner- 
schait dor drei Fiirstentumer, welche ja fast ausschliefslich 
dem protestantischen Bekenntnisse anhing, mit grofser Be- 
sorgnis daran dachte, wie sich nun unter kaiserlicher Herr- 
schaft die kirchlichen Verhaltnisse gestalten wiirden, so gab 
es doch auf der andern Seite mehrfache sehr bestimmt lau- 
tende Zusicherungen . welche beruhigend wirken konnten. 
Die Religionsfreiheit der drei Fiirstentumer war durch den 
Artikel V des Westfalischen Friedens verbiirgt, und dais 
diese Freiheit in der That alien Unterthanen der in jenem 
Friedensschlusse genannten Fiirsten zugute kommen sollte, 
hatte weiland Kaiser Ferdinand III. auf Anhalten des siich- 
sischen Kurfursten 1654 in einein besonderen Reskripte er- 
kliirt. Dann weiter hatte Kaiser Leopold nach seinem Re- 
gierungsantritte im Jahre 1657 sich ausdriicklich sowohl zu 
jenen Festsetzungen des Westfalischen Friedens als zu der 
erwahnten Deklaration seines Vaters bekannt, und es war 
nur dem entsprechend, wenn der Kaiser nicht nur sogleich 
bei der Besitzergreifung den protestantischen Standen hatte 
versichern lassen ; es solle in Religions- und Kirchensachen 
alles in statu quo bleiben, sondern auch dann unter dem 
15. Juli 1676 auf eine besondere Eingabe der Stande den- 
selben noch einmal im einzelnen die in dem Prager Neben- 
rezesse, dem Westfalischen Frieden und jenen erwahnten 
kaiserlichen Resolutionen enthaltenen Konzessionen bestatigt 
hatte. 

Als diese kaiserliche Entscheidung den Standen zukara, 
war bereits eine sehr wesentliche Anderung des status quo 
erfolgt. Man hatte namlich kurz nach der Besitzergreifung 
die Schlofskapelle zu Liegnitz sowie in Brieg die mit dem 
Schlosse zusammenhangende Hedwigskirche, die Statten des 
reformierten Gottesdienstes in den Fiirstentumern, versiegelt 
und gesperrt und die Prediger ihrer Amter entlassen, indem 
man geltend machte, Schlofskirchen resp. Kapellen seien als 



Einziehung der Schlofskirchen und -Kapellen. 871 

Zubehorungen der Schlosser selbst Sondereigenfum des Lan- 
desherren, dem es dann freistehen miisse, in solchen Gottes- 
dienst nach seinem Bekenntnisse abhalten zu lassen. 

Als der grofse Kurfiirst in einem sehr beweglich ge- 
schriebenen Briefe fur seine naheren Glaubensgenossen prin- 
zipiell die Erhaltung des status und eventuell wenigstens 
die Anweisung anderer Orte zur Abhaltung ihres Gottes- 
dienstes von der kaiserlichen Clemenz erbat, wich man einer 
bestimmten Antwort ganz aus, der Herzogin Luise aber ge- 
stattete man, als sie ebenmalsige Vorstellungen an den Kaiser 
richtete, nur in ihrem Witwensitze Ohlau reformierten Gottes- 
dienst abzuhalten, vermerkte es aber iibel, als man erfuhr, 
dafs diesen Gottesdienst aufser ihr und ihrem Hoigesinde 
auch andere Reformierte, die ott von weit herkamen, be- 
suchten. Jedenfalls horte mit Luisens Tode 1680 fiir lange 
Zeit die letzte Spur eines reformierten Gottesdienstes in Schle- 
sien auf. Die in dem Herzogtum angestellten Beamten re- 
formierter Konfession liefs man in ihren Amtern, ersetzte 
sie aber 7 sowie eins derselben vakant wurde, durch Katho- 
liken. 

Die lutherischen Geistlichen haben in ihrem kurzsichtigen 
Religionseifer die Ausweisung der Reformierten, mit denen 
sie ja ; wie oben angefuhrt ward, wegen des Eintrittes eines 
reformierten Superintendenten in das Konsistorium kurz vor- 
her in besonders lebhafte Streitigkeiten verwickelt gewesen 
waren, nicht ungern gesehen. Als dann auch bald die Kon- 
sistorien aufgehoben wurden, schufen sie sich zum Ersatze 
Kommissionen, aus einem Landesiiltesten, einem Senior und 
einem stadtischen Ratmanne gebildet, welche mit Zuziehung 
von anderen Geistlichen nach Bediirfnis das Examinieren, 
Konfirmieren, Installieren und Visitieren der Geistlichen be- 
sorgen sollten. Eine nachmals von den drei Fiirstentiimern 
gemeinsam ausgearbeitete neue Kirchenordnung hat nie die 
landesherrliche Bestatigung gefunden. 

In den beiden Schlofskirchen zu Liegnitz und Brieg, und 
ebenso in den Kapellen zu Parchwitz, Liiben und Wohlau 
ward nun sofort der katholische Gottesdienst eingefuhrt. In 
dem Schreiben, in welchem der Kaiser zur Einrichtung des- 
selben die Hilfe des Bischofs in Anspruch nimmt, vom 
27. Juni 1677, heifst es noch, der Kaiser nahme „seine vor- 
nehmste Sorgfalt dahin, damit in den neu uberkommenen 
Furstentumern das Exercitium der katholischen Religion ein- 
gefuhrt und deren Zunehmen, so viel das Friedensinstrument 
und die dariiber erfolgte kaiserliche Resolution es zulassen, 
immer moglichst befordert werde". Man meinte sich also 

24 * 



372 Drittes Buck. Vierter Abschuitt. 

noch an jene Zusicherungen zu halten. Bald aber griff man 
za Mafsregeln, die unmoglich jemand als rait jenen vereinbar 
hatte ansehen konnen. 

Der Kaiser nalim zuniichst fiir sich das Recht in An- 
sprueh, bei alien Kirchen, wo er in seiner Eigenschaft als 
Nachfolger der Herzoge ein Patronat besafs, dies in der Weise 
auszuiiben, dais er einen katholischen Pfarrer dort einsetzte. 
Bei alien diesen, deren es eine grofse Zahl gab, fiihrte jede 
Erledigung des Pfarramtes zur Sperrung und nachtraglich 
zur Katholisierung der Kirche. Spater, gegen Ende des 
17. Jahrhunderts, hat man auch hier und da, ohne erst den 
Tod des Pfarrers abzuwarten, denselben einfach seines Amtes 
entlassen, wie das z. B. in Parch witz, Modelsdorf, Kauern 
geschah. Ein s'ehr unverdachtiger Zeuge, der Konvertit 
Buckisch, fiigt, indem er in seincn handschriftlichen etwa urn 
1690 geschriebenen Religionsakten von diesen Mafsnahmen 
berichtet, hinzu: „Also dafs unter alien Weichbildstadten, 
deren Einwohner docb bis auf etliche wenige durchgehends 
evangelischer Religion, nicht mehr als noch fiinf Kirchen 
das Exercitium Augsburgischer Confession noch haben, und z war 
durfen audi bei diesen die vacant gewordenen Pfarr- und 
Schulstellen nicht wieder ersetzt werden." Jedenfalls hatte 
man so schnell und griindlich aufgeraumt, dais z. B. im 
Fiirstentum Liegnitz 1 704 die letzten protestantischen Kirchen 
auf Kammergutern geschlossen wurden. Beschwerden fiber 
dieses Verfahren und Deputationen an den Kaiser hatten 
keinen andern Erfolg als Tadel wegen der Belastigung und das 
Verbot, ktinftig ohne Erlaubnis der Landeshauptleute Depu- 
tierte nach Wien za senden (1678). 16 81 versprach aller- 
dings der Kaiser „aus pur lauteren Gnaden in jedem der 
drei Erbfiirstentumer auf dero Kammergutern eine, also zu- 
sainmen in allem drei Kirchen rait unkatholischen Worts- 
dienern zu bestellen", doch ist dieses Versprechen einfach 
unerfullt geblieben. 

Aber man begniigte sich auch mit der Einziehung der 
Kirchen landesherrlichen Patronats nicht, sondern die geist- 
lichen Stifter, welche in den drei Fiirstentumern Giiter hatten, 
setzten jetzt, wo das nicht bereits friiher erzielt worden war, 
die Riickgabe der darauf befindlichen Kirchen durch. Ferner 
liefs man zu, dais katholische Privatpersonen, welche Gtiter 
in den Herzogtiimern besafsen oder damals erkauften (etwas 
was eben damals von oben her geradezu gefordert und er- 
leichtert ward), fur die dortigen Kirchen ihr Patronat geltend 
machten in der Weise, dafs sie dort katholische Geistliche 
einsetzten, wenngleich, wie in einer Beschwerdeschrift geklagt 



Anwendung der Patrouatsrechte zur Kirclieneinziehung. 373 

wird, „unter der ganzen Gemeinde entweder gar keine oder 
nur sehr wenige romische Katholiken sich befanden", wie 
das z. B. in Thiemendori, Alt-Raudten, Kaltwasser, Michelau, 
Berndorf, Praufs, Eisenberg u. s. w. geschehen sei. Ein 
anderes in den Stadten hier und da angeordnetes Verfahren 
bestand darin ; dafs man in ihnen katholische Biirgermeister 
resp. Magistrate einsetzte und diese dann in den Kirchdorfern, 
die etwa den betreffenden Stadten gehorten, ihre Patronats- 
rechte durch Einsetzung katholischer Geistlichen ausiiben liefs. 

Was dann noch iibrig blieb, waren Kirchen, deren Patronat 
bei evangelischen Stadtgemeinden oder evangelischen Guts- 
besitzem stand. Von diesen verlangte man jetzt einen strikten 
Nachweis ihrer Rechte, und als dieser nun erfolgte, land man, 
■■.vie bereits in der erwiihnten Eingabe von 1681 vielfach 
geklagt wird, die Rechte seien nicht klar genug dargethan 
worden, und besetzte entweder die betreffenden Kirchen ohne 
weiteres mit katholisehen Priestern, oder man sperrte die- 
selben wenigstens und verbot anderweitige Berufungen. Im 
Jahre 1704 war in acht volkreichen Stadten des Eiirstentums 
Brieg, in denen aufser den Beamten niemand katholisch war, 
nur noch ein einziger protestantischer Geistlicher. In den 
Stadten aber, wo noch evangelische Geistliche amtierten) 
hinderte man wenigstens die Anstellung mehrerer oder die 
Annahme von Hilfsgeistlichen ; so dais die einzelnen der ge- 
hauften Arbeit beinahe erlagen. Die Interventionen der 
.protestantischen Machte Brandenburgs, Sachsens, Schwedens 
haben sich als wirkungslos erwiesen. Jn Summa sind etwa 
110 Kirchen in den drei Fiirstentumern wahrend der Zeit 
von 1675 bis 1707 den Protestanten weggenommen worden. 
Ab und zu vornehmlich in Pitschen, Prieborn und Krummen- 
dorf bei Strehlen ist es wohl zu heftigen Auftritten gekommen, 
zu tumultuarischen Bewegungen der von den Mafsregeln be- 
troffenen Gemeindeglieder, die aber doch leicht zu ersticken 
waren. 

Alles zusammengelafst stellt es sich eben heraus, dafs 
die kaiserliche Politik dasselbe Ziel, was sie in den alten 
Erbfurstentiimern durch einen einmaligen Gewaltakt 1653/54 
erlangt hatte, in den neu erworbenen Landen auf einem 
andern etwas langsaineren Wege angestrebt, und statt der 
gewaltsamen Erstiirmung die Aushungerung angewendet hat. 
Es war nur eine Frage der Zeit, wann bei diesem System 
in Liegnitz-Brieg-Wohlau die protestantischen Kirchen ebenso 
w T ie in den alten Erbfurstentiimern bis auf einige aus Gnaden 
noch etwa gelassene verschwunden sein wiirden, wenn auf 
demselben Wege weitergegangen werden konnte. War 



374 Drittes Buck Vierter Abschnitt. 

die jetzige Methode weniger gewaltsam als die friihere, so 
war sie dafur geeignet, um so mehr die Betroffenen zu ver- 
bittern, insofern sie nur unter Verletzungen bestimmt und 
wiederholt gegebener Zusagen ins Werk gesetzt werden 
konnte. 



Die Grundung einer Jesuitenuniversitat in Breslau. 

Alle die Mafsnakmen, von denen eben berichtet worden 
ist, konnten, wie einschneidend sie audi waren, auf die Er- 
reichung des vom Kaiser fest ins Auge gefafsten Zieles, die 
Bewolmer der neu gewonnenen Fiirstentumer zum alten 
Glauben zuruckzufiihren nur indirekt hinwirken. Denn die 
Sperrung des protestantischen Gottesdienstes trieb die Bevol- 
kerung noch nicht mit Notwendigkeit zum Wechsel ilires 
Glaubens; Gewaltsam keiten wie zu den Zeiten der Lichten- 
steiner scheute man sieh anzuwenden, und man wird sagen 
konnen, dais, wo von iibereifrigen Behorden derartige direkte 
Notigungen zum Ubertritte erfolgt sind, das von oben nicht 
ganz gern gesehen wurde, da man Aufsehen und offent- 
liches Ai'gernis erregende Schritte vermieden sehen wollte. 
Allerdings beobachtete man, dafs, seit 1G83 der Pfalzgrat 
Franz Ludwig, der Bruder der Kaiserin Eleonora, der dritten 
Gemahlin Leopolds, den Breslauer Biscbofsstuhl bestiegen 
hatte (regiert bis 1732), nocli schlimmer als vorher den 
Protestanten zugesetzt ward. Vor allem verkummerte. 
man ilmen die im Friedensschlusse zugesicherte Freiheit, 
sich beziiglich der kirchliclien Akte an die nachsten Geist- 
lichen ihres Glaubens zu wenden, wofern nur den katho- 
lischen Ortspfarrern ihre Gebiihren bezahlt wilrden, auf alle 
Weise ; l6Hb im Juni erliefs Franz Ludwig sogar die Ver- 
ordnung, dafs alle Unkatholischen in den Ortspfarrkirchen 
trauen und tauten lassen sollten. Allerdings wurde zu der- 
ai'tigen Verfiigungen der an sich nichts Aveniger als asketisch 
gesinnte Bischof nur durch Eiferer aus seiner Umgebung, 
denen zu widerstreben er zu schwach war, angetrieben, und 
strikt durcbgefuhrt wurden sie um so weniger, da die Exe- 
kutive der weltlichen Gewalt dock nicht immer zu erlangen 
war. Kurz, die Hauptsache, die eigentliche Gewinnung der 
Seelen erwartete der Kaiser vor allem von der bewahrten 
Kunst der Jesuiten, die dann deshalb auch in jeder Weise 
gefordert wurden, und fur welche der sonst so geldarme 
\Viener Hof immer Geld iibrig hatte. 

Die schlesischen Protestanten glaubten wirklich guten 
Grund zu haben, wenn sie deren Einfuhrung mit alien Kraften 



Die Jesuiten in Schlesien. 375 

widerstrebten , weil sie dieselben als Storer des religiosen 
Friedens ansahen. Die Jesuiten jener Zeit begniigten sich 
in cler That nicht wie andere Ordensbriider damit, in der 
ihnen vorgeschriebenen Form Gott zu dienen und Werke 
christlicher Liebe zu verrichten, sondern sie verfolgten ganz 
bewufst den Zweck, den Protestantismus, den sie einfach 
als Ketzerei ansahen, mit alien ihnen irgend zugebote stehen- 
den Mitteln zu bekampfen. Als sie 1675 zwei neue Mis- 
sionen zu Oberglogau und Tarnowitz grimden, geben sie die 
erstere bereits das folgende Jahr wieder auf, weil die Ober- 
glogauer Gegend bereits vollkommen katholisiert erscheint, 
und die nach Tarnowitz gesandten Patres bezeichnet einer 
der ihrigen als Apostel zur Ausrottung der Ketzerei. 

Hier in Tarnowitz und in der ganzen Beuthener Herr- 
schaft, wo aus den Zeiten der Hohenzollernherrschaft und 
auch der der Grafen Henkel, von denen erst nach dem Tode 
des Grafen Leo Ferdinand 1699 dessen unmiindige Kinder 
infolge kaiserlichen Dekretes katholisch erzogen worden 
waren, noch manche Reste des Protestantismus sich erhalten 
batten, offhete sich in ihnen noch ein geeignetes Feld ihrer 
Thatigkeit. Gab es doch selbst in den angrenzenden Fiirsten- 
tumern Oppeln-Ratibor noch eine Anzahl protestantischer 
Adeliger, welche sich 1684 durch Absendung einiger Depu- 
tierten nach Wien in Sachen ihres Glaubens einen Verweis 
vom Kaiser zuzogen. 

Die Jesuiten haben nun hier in Oberschlesien aufserst 
ertblgreich gewirkt, und ihre Mission in Tarnowitz kam in 
erhohten Flor, als sie die benachbarte Kirche von Deutsch- 
Piekar 1679 an sich brachten und einem dortigen Marien- 
bilde den Ruf der Wunderthatigkeit verschafften. Es ist 
dies ihnen schwer genug gemacht worden; der Bischof von 
Krakau, zu dessen Diocese der Ort gehorte, hat sich durch 
die Erklarung, dafs sie in der Lage waren, den dortigen 
Leuten polnisch zu predigen nicht gewinnen lassen und ist 
ihnen sehr feindlich entgegengetreten, vielleicht um von dem 
Gnadenbilde von Czenstochau eine unerwunschte Konkurrenz 
abzuwehren, und nur die unveriinderliche Gunst des Kaisers 
hat den Streit zugunsten der Jesuiten entschieden. Uber 
die Wunderthatigkeit des Bildes zu Deutsch - Piekar sind 
die Meinungen allerdings geteilt geblieben, 1680 hat es der 
Kaiser zur Zeit der Pest nach Prag kommen lassen, und 
der dortige Erzbischof hat es in einem besonderen Dekrete 
fiir ein wunderthatiges erklart, wahrend um dieselbe Zeit 
der Breslauer Bischof eine gleiche Anerkennung verweigerte. 
Jedenfalls aber hat es den Ruhm gehabt, dafs, nachdem 



376 Drittes Buch. Vierter Abschnitt. 

schon 1683 Johann Sobieski auf seiueni Feldzuge zum Ent- 
satze von Wien hier den Beistand des Himmels erfleht hatte, 
vor ihm Kurfiirst Friedrich August von Sachsen im Jahre 
1697 bei seinem Ubertritte sein katholisches Glaubensbekennt- 
nis abgelegt hat, wie denn auch nachmals sein Sohn 1717 
auf seinem Kronungszuge nach Polen hier sein Glaubens- 
bekenntnis erneuert hat. 

Fur die drei heimgefallenen Ftirstentiimer wurden in den 
beiden Hauptstadten Liegnitz und Brieggrciisere Nieclerlassungen 
der Jesuiten in Aussicht genommen. In Brieg erhielten sie 
1681 ein fiirstliches Haus und haben dann auch bald eine 
Schule errichtet. 1681 wurden hier auch Kapuziner einge- 
filhrt. Aber obwohl diese sonst vielfach als Schildknappen 
der Jesuiten angesehen wurden, so haben sie hier, wo sie 
inmitten einer ganz protestantischen Stadt ausschliefslich auf 
Almosen der Einwohner angewiesen waren, sich sehr vor- 
sichtig zuriickgehalten und ein gutes Einvernehmen mit der 
Bitrgerschaft sorgfaltig zu erhalten gesucht. In Liegnitz hatte 
man die Kapuziner abgewehrt, der Landeshauptmann hatte 
1688 selbst berichtet, dieselben wurden den Biirgern lastig 
werden, und auch die Anspriiche der Karthause zu Pruel 
bei Regensburg auf das in der Reformationszeit eingegangene 
Karthauserkloster zu Liegnitz wurden vom Breslauer Bischofe 
zuriickgewiesen. Dagegen gelangten hier die Jesuiten zu 
einem stattlichen Besitze, indem man ihnen nach mannig- 
faltigen Verhandlungen die Johanniskirche, welche als Hof- 
kirche der verstorbenen Herzoge und deshalb zu unmittcl- 
barer landesherrlicher Verfugung stehend angesehen ward, 
unter Abweisung der vom Breslauer Domkapitel auf dieselbe 
erhobenen Anspriiche, aber mit der Verpflichtung, das daran 
stofsende Mausoleum der Herzoge baustiindig zu erhalten, 
1699 iiberwies, wozu dann die Gesellschaft noch meh- 
rere Hauser kauflich erwarb. Fiir Strehlen begniigte man 
sich mit der Wiederherstellung des Klosters der Augustiner- 
eremiten, Avelchem dann die Gotthardskirche verliehen ward. 

In der Landeshauptstadt Breslau hatten inzwischen die 
Jesuiten in der kaiserlichen Burg, die wir uns als west- 
lich von dem Kaiserthore zu denken haben, eine sehr urn- 
fiingliche Lehrthatigkeit entwickelt. Ihre Schule war sehr 
schnell zu einem vollstandigen Gymnasium im Sinne 
jener Zeit herangereift. Der Besuch derselben war in fort- 
wahrendem Zunehmen, 1659 zahlte sie bereits 402 Sehiiler, 
zum grofsten Teil Oberschlesier, doch auch zahlreiche Aus- 
liinder, Ungarn, Preufsen, Osterreicher, selbst Tataren und 
TValaehen, ab und zu auch einmal einer, hinter dessen Namen 



Die Jesuiten in Lieguitz und Breslau. 377 

im Album die Bezeichnung Haereticus (Ketzer) steht. Aber 
audi iiber die Ziele eines Gymnasiums hinaus fanden die Zog- 
linge, wenigstens fiirdasStudium derTheologie und Philosophic, 
die damals iibliclien Vorlesungen, wie wir denn bereils seit 
1667 von einem hier abgehaltenen dreijahrigen Kursus der 
Theologie erfahren und 1687 audi schon einen Dekan der 
philosophischen Fakultat erwahnt linden. Ja es warden 
sogar hier bereits Promotionen vollzogen, den en allerdings die 
allgemeine Anerkennung gebrach. 

Trotz dieser thatsachlichen Verhaltnisse war der Schritt 
zur Herstellung einei' wirklichen Universitat nocli ein recht 
grofser, insofern dazu ein ganz besonderer umfanglicher Frei- 
brief und aulserdem noch eine besondere neue Dotation not- 
wendig waren. Der es nun mit kiihnem Mute unternahm, 
diesen grofsen Schritt zu thun, war Pater Friedrich Wolf 
von Liidinghausen, ein Livlander, der seit seineni 16. Lebens- 
jahre dem Jesuitenorden angehorend, dessen Ziele mit un- 
gewohnlicher Energie und Scharfshm, aber audi in einem 
gewissen grofsen Stile verfolgte. Als Rektor des Bres- 
lauer Kollegiums liefs er es sich ernstlich angelegen sein, 
mit dem Breslauer Pate in ein moglichst gutes Einver- 
nehmen zu kommen, und der machtigc Einflufs, den er 
als kaiserlicher Kaplan in Wien hatte, stellte sich manchem 
der Senatoren, welche Gnadenbeweise von dort, den Rats- 
titel oder den Add ersehnten ; gefiillig zur Verfiigung und 
machte sich audi geltend, als der Rat 1694 von dem Kaiser 
die Erteilung des Pradikates „ehrenlest a fiir die Ratsglieder 
erbat. 

In einem aufserst gnacligen Patente, welches die Ver- 
dienste der Breslauer und darunter audi das, dais sie den 
zehnten Teil aller Steuern in Schlesien allein aufbrachten, 
ruhmend hervorhob, ward unter dem 24. Dezember 1694 
jene Gnade gewiihrt. Aber Pater Wolf erntete fiir seine 
Fiirsprache wenig Dank, denn eben in jenem Jahre, in wel- 
chem derselbe zum zweiteninale als Rektor iungierte, ver- 
lautete zuerst von seineni Plane, das Breslauer Jesuitenkolleg 
zu einer Universitat zu erheben, ein Plan, der die Breslauer 
Bevolkerung von den hochsten bis in die tiefsten Schichten 
ungemein in Aufregung und Unruhe versetzte. 

Ganz offen hatte Pater Wolf im Anfang des Jahres 1695 
zu Breslau von dem Plane gesprochen und denselben sogar 
als eine im Herzen des Kaisers bereits resolvierte Sadie be- 
zeichnet. Darauf hin sandte der Rat, um beizeiten vorzu- 
bauen, eine vom 2. Marz 1695 datierte Denkschrift bei Hofe 
ein, welche dringend bat, von dem Plane abzustehen, die 



378 Drittes Buch. Vierter Abschnitt. 

Stadt sei nun einmal „ zur Handlung und Kommerzienwesen 
gewidmet", und da sich bekanntermafsen „ Handelsleute und 
Studenten niemals mit einander comportiren, sondern in stetem 
Streit und Widerwartigkeit leben", so sei zu beftirchten, 
dais, wenn „das ungewohnliche und der Stadt hoehst pra- 
judicirliche Werk eingefiihrt" werde, die „besten und ver- 
mogendsten Leute sich von hier in die Lausitz, Polen und 
Mark Brandenburg ziehen und Breslau in den elendesten 
Zustand gerathen wtirde"; gediehe doch selbst in Leipzig 
aufser den Meiszeiten die Handlung' schlecht, und der Ma- 
gistral lebe dort rait der Universitat in bestandigem Hader 
und Mifsverstandnis, wie denn aucli Niirnberg, als ihm Ru- 
dolf II. das Recht der Errichtung einer Akadeinie bewilligt, 
selbige lieber nach Altdorf verlegen lassen, als in jener 
Handelsstadt habe leiden wollen, weil eben Handlung und 
Universitat sich nicht zusamraen schickten. Dera Kaiser 
werde doch wohl an der Konservation seiner treugehorsamen 
Stadt Breslau, aus deren Handlung er ein so hohes Emolu- 
ment ziehe, mehr gelegen sein, als an etlichen hundert pol- 
nischen und schlesischen Studenten, welche ihm nicht einen 
Thaler einbrachten. Der ganze Plan wiirde aulserdem den 
vom Kaiser selbst gegebenen Zusicherungen des Linzer Re- 
zesses von 1645 unci die projektierte Ausdehnung der Jesuiten 
den alten Privilegien, welche die Veraufserung von Grund- 
eigentum an Geistliche verboten, zuwiderlaufen, endlich 
sprachen auch t'ortitikatorische Rlicksichten sehr entschieden 
dagegen, dafs die Jesuiten hier gerade an der wichtigen 
Oderbriicke auf einer Linie von 400 Ellen die Stadtmauer 
innehatten. 

Der Eifer, mit welchem der Breslauer Rat ohne erst eine 
bestimmte Vorlage abzuwarten vorging, gewahrte Pater \\ r olf 
den grofsen Vorteil, in der Eingabe, die er in dieser Sache 
unter dem 11. Mai 1695 an den Kaiser richtet, zugleich die 
Einwande der Breslauer widerlegen zu konnen. Derselbe 
weist darauf hin, wie der Rat weiland I5u5 sich so sehr 
bemuht habe, eine Universitat fiir Breslau zu erlangen, und 
wie bereits des Kaisers Vater Ferdinand III. Breslau zu der 
Statte erwahlt habe, am von hier, als von der Hauptstadt 
aus durch die Bemuhungen des Kollegiums „ gute Lehr und 
Sitten in das gauze Land Schlesien einzuprlanzen"; schon 
1671 habe das Kollegium cler Kardinale ihr Kollegium als 
Universitat bezeichnet, und die Einrichtung desselben sei 
auch in der That so weit gediehen, dais ihm zu einer Uni- 
versitat kaum etwas anderes fehle als die Berechtigung aka- 
demische Wiirden zu erteilen. Die Hauptstadt des Landes 



Plan einer Universitat in Breslau. 37 ( .) 

sei fiir die Universitat cler geeignetste Platz, die hier herr- 
schende gute Ordnung werde auch auf die Studenten segens- 
reich einwirken. Die dem Plane gemachten Schwierigkeiten, 
erklart Pater Wolf, entsprangen eigentlich nur der Abneigung 
mancher Herren Unkatholischen gegen die Jesuiten „wegen 
ihres Eifers, die mit dem Blute Jesu Christi erkauften Seelen 
zu dem wahren katholischen Glauben zu bekehren ". Un- 
zweifelhaft hatte er damit recht, die lebhafte Opposition des 
Rates berulite im wesentlichen darauf, dafs die Breslauer von 
einer Befestigung und Ausdehnung der von den Jesuiten in 
dem protestantisclien Breslau allem Widerstande zum Trotze 
errungenen Position erhohte Gefahren fur ihr Bekenntnis 
fiirchteten, wie man denn z. B. die allerdings nahe genug lie- 
gende Besorgnis hegte, dais, wenn einmal eine Universitat 
in Schlesien vorhanden sein werde, der Besuch der auswar- 
tigen protestantisclien Universitiiten den Sclilesiern verschrankt 
werden mochte. 

Diese Beweisfuhrung konnte sehr nacli dem Sinne Kaiser 
Leopolds sein, der schon bei f'riiheren Yerhandlungen in der 
Jesuitensache wiederholt ausgesproclien hatte, die angebliche 
Aufregung der Breslauer Bevolkerung scheme ihm eine 
kiinstlich gemachte zu sein, hervorgeruien durch Besorgnisse 
des Rats vor der erfolgreichen Thatigkeit der Jesuiten im 
Punkte der Bekehrung zum katholischen Glauben, einer 
Thatigkeit, die Leopold selbst in hochstem Maise sym- 
}iathisch war. 

Pater Wolf hatte tibrigens in seiner Denkschritt bemerkt, 
dais, wenn es sich urn Erganzung der Universitat durch die 
Schaffung einer juristischen und einer medizinischen Fakultat 
handeln werde, er die Mittel dazu niclit sowohl aus der Zu- 
eignuug geistlicher Giiter, als vielmehr „aus einigein vacie- 
renden Lehngut, davon anitzo in Schlesien mehr zu linden", 
erwarte. Der Klugheit des Pater Wolf entging es ja nicht, 
wie wichtig es fiir seinen Plan war, dem schlesisclien Klerus 
jede Besorgnis zu benehmen, es konne bei der neuen Griin- 
dung so wie weiland 1505 vorzugsAveise auf Opfer von seiner 
^eite abgesehen sein. 

Trotzdem schienen Bischof und Domkapitel, deren Gut- 
achten vom Kaiser eingeholt ward, sich nicht so recht fiir 
die Idee der neuen Universitat erwarmen zu konnen, es 
mochten doch wohl Regungen einer gewissen Eifersucht auf 
die neue Rangerhohung des ohnehin schon von oben so sehr 
begiinstigten Jesuitenkollegiums sich geltend machen, auch 
das Oberamt verschleppte die Sache in gewisser Weise, viel- 
leicht auch nur mafsig erfreut von dem Gedanken, fortan 



880 Drittes Bucb. Vierter Abschnitt. 

den weitreichenden Privilegien soldier neuen Schopfung all- 
zeit vorsichtig Rechnung tragen zu miissen. 

Vor allem aber waren die Breslauer eifrig, und der Rat 
vermochte dem Eifer der Biirgerschaft gar nicht genug zu 
thun. Kaufleute und Ziinfte waren ganz einig darin, dais 
man „zurHintertreibung dieser stadtverderblichen Universitat'* 
die aufsersten Mittel anwenden und den Kaiser „fufsfalligst" 
anllehen miisse. Sie drangten auf schleunige Abordnung 
einer Gesandtschaft, deren Kosten sie selbst bestreiten wollten, 
in welcher auch ein Kaufmann und einer aus den Ziinften 
sein sollte, und setzten auch endlich durch, dafs dem Rats- 
herm von Sayler und dem Syndikus Dr. John noch zwei Ver- 
treter der Biirgerschaft beigegeben wurden. Am 15. No- 
vember 1695 reiste die Gesellschaft ab und erhielt am 
14. Januar 1G96 eine Audienz bei dem Kaiser, der ihnen 
aber trotz ihres Fufsfalls nichts weiter versprach als sorg- 
faltige Prufung der Angelegenheit. Mehr und mehr wurden 
sie inne, dafs sie mit einem ubermachtigen Gegner zu thun 
hatten, gegen den weder ihre grofstenteils erst durch Be- 
stechung erkauften Gonner am Wiener Hole, noch die Neben- 
buhler und Neider des gewaltigen Paters etwas vermochten. 
Pater Wolf war 1695 zu dauerndem Aufenthalte nach Wien 
zuriickgekehrt und hatte sich in kiirzester Zeit dem Kaiser 
nach den verschiedensten Seiten hin geradezu unentbehrlich 
gemacht ; der spezielle Patron der Gesandten, der Hofkanzlei- 
referendar von Pein sagte denselben wiederholt, fur die Finan- 
zen. und auch sonst sei Wolf unentbehrlich, und ein anderes 
]\Ial, man diirfe ihn wegen der von ihm erwarteten Antwort 
nicht drangen, so lange man noch immer mit der Mobili- 
sierung der Armee beschaftigt sei. Noch wahrend der An- 
wesenheit der Gesandten im Friihlinge 1696 ward, als im 
Hauptquartier der ungarischen Armee zwischen den Fiihrern 
Zwiespalt ausgebrochen war, zur Schlichtung desselben der 
kaiserliche Kaplan hingesendet, der sich dann auch seines 
Auftrages mit dem besten Erfolge entledigte. Welchc grofse 
Rolle Pater Wolf nachmals bei der Angelegenheit der Schopfung 
der preufsischen Konigswurde gespielt hat, ist bekannt. 

Der Kampf gegen einen solchen Mann, unbezAveifelt den 
einflufsreichsten am ganzen Wiener Hofe, bot wenig Aus- 
sichten. Den Gesandten gegeniiber war der geiiirchtete 
Pater von immer gleicher Freundlichkeit, erklarte sich zu 
alien guten Diensten der Stadt bereit, versicherte sie, dafs 
sie es ihm zu danken hatten, wenn der Kaiser ihnen Audienz 
gegeben, der guten Stadt Breslau, in der er so viel Liebe 
genossen, habe er Verdriefsliehkeiten abwenden wollen. Im 



Die Breslauer widerstreben dem Plane der Universitat. 38 L 

iibrigen riet er, weitere Kosten zu sparen, da cler Kaiser 
fest entschlossen sei, die Universitat zustande zu bringen. 

Die Gesandten glaubten nicht, dafs er recht habe und 
schopiten aus den Worten des Dekretes, welches ihnen auf- 
gab, da die Sache noch nicht hinreichend instruiert sei,beim- 
zukehren und aus den gniidigen aber nichtssagenden Aufse- 
rungen des Kaisers bei der Abschiedsaudienz am 19. Juli 
1696 die Hoffnung, dafs die ganze Sache ins unbestimmte 
vertagt sei. Aber Pater Wolf behielt sein Ziel fest ira Auge, 
und wenn die ganze Angelegenheit eine Weile ruhte, so mag 
dafur nur zum kleineren Teile der Wunsch bestimmend ge- 
wesen sein, die Aufregung in Breslau vorerst sich einiger- 
mafsen legen zu lassen. Die Hauptsache war offenbar die 
Schwierigkeit, eine Dotation zu linden, welche es ermoglicht 
hatte, die Universitat vollstiindig mit alien vier Fakultaten 
ins Leben treten zu lassen. Am Hofe war die Geldnot in 
den damaligen Kriegszeiten schlimmer als je, und von cler 
Geistlichkeit sollte kein Opfer gelbrdert werden. Und da 
in jenen Jahren (1698/99) eben eine andere Unternehmung 
des Ordens, deren wir bereits oben gedachten, die Niecler- 
lassung in Liegnitz nach langen Unterhandlungen zustande 
kam, mochte es geraten seheinen, um nicht zu viel auf ein- 
mal zu betreiben und nicht zu einer Ablenkung des Planes 
auf Liegnitz Gelegenheit zu geben, lieber noch zu warten. 
Doch gewahrte die Gnade des Kaisers bereits 1696 clem 
Breslauer Kollegium fur seine Erweiterung die westlich jen- 
seits des Sperlingsberges liegenden Stallgebaude, und 1698 
konnte die in prachtigem Barokstil erbaute Kirche ostlich 
am" Kaiserthore eingeweiht werden (der Hochaltar in der 
Gestalt, wie wir ihn heute sehen, datiert aus dem Jahre 
1725). 

Im Jahre 1702 erfolgte dann den Breslauern sehr unerwartet 
das kaiserliche Dekret, welches unter dem 21. Oktober die 
Stiftung der Leopoldinischen Universitat zu Breslau verlugte ; 
unter dem 2. November 1702 ward der Rat von des Kaisers 
Entschliefsung in Kenntnis gesetzt durch ein Schreiben, 
welches sonst gleichlautend mit dem an den damaligen Rektor 
Peter Mibes gerichteten, doch von diesem clarin abwich, dafs 
es die in dem letztern als Hauptbeweggrund angegebene 
Hoffnung, „die allein seligmachende katholische Religion" 
durch die neue Universitat gefordert zu sehen ausliefs. Die 
Eroffnungsfeierlichkeit und die ersten akademischen Promo- 
tionen erfolgten am 15. November als am Tage des heiligen 
Leopold und zugleich am Namenstage des Kaisers, nach dem 
sich nennen zu clurfen Pater Wolf fur die neue Universitat 



382 Dvittes Bueh. Vierter Abschnitt. 

erbeten hatte. Allerdings gab es vor der Hand nur zwei 
Fakultaten, die theologische und die philosophische. Der 
Breslauer Rat machte noch einen Jetzten Versuch, durch eine 
neue Gesandtschaft darzulegen, wie der Fiirstbischof von 
Breslau sich sehr dafiir interessiere, die Universitat in seiner 
Landeshauptstadt Neifse zu haben, aber es blieb das ebenso 
erfolglos wie die Schwierigkeiten, welche man nachmals den 
Jesuiten in den Weg legte, als diese die noch innerhalb ihrer 
Baulichkeiten liegenden Wohnungen an und liber dem Kaiser- 
thore zu erwerben sich bemiihten. 

So war die Universitat denn zustande gekommen, aber 
allerdings nicht ganz im Geiste des Pater Wolf, insofern 
man ihre Erganzung durch die Schopfung der noch fehlen- 
den zwei Fakultaten doch schliefslich auf bessere Zeiten hatte 
vertagen miissen. 

Es ist eine Pflicht der Gerechtigkeit, anzuerkennen, dafs 
die trtiben Befurchtungen , welche die Breslauer beziiglich 
der Leopoldina gehegt haben, sich in keiner Weise erfiillt 
haben ; es wiirde kaum nachzuweisen sein , dafs der Handel 
Breslaus durch die neue Griindung gestort und geschmalert 
worden ware, und was den Kampf gegen den Protestan- 
tismus anbetrifft, so will es fast scheinen, als batten die er- 
hohten Anforderungen , welche nun an die Jesuitenpatres 
beziiglich ihrer wissenschaftlichen und padagogischen Thatig- 
keit gestellt wurden, manche Krafte in Anspruch genommen, 
welche sonst in einer dem Protestantismus ungleich schad- 
licheren Richtung sich bewegt haben wurden. Zu einem 
rechten Aufschwung ist freilich die Leopoldina nicht ge- 
kommen. 



Fiinfter Abschnitt. 

Selilesien am Ausgange des 17. Jahrhundcrts. Mate- 
rielle ZustSnde. Pflege der Geschiehte unci Natur- 
kunde. Die beiden schlesisclien Dicliterscliulen. Bil- 

dende Kiinste. 



Wenn wir nun noch einen Blick auf die Kulturverhalt- 
nisse Schlesiens bis zum Ausgange des 17. Jahrhunderts 
werfen wollen, so mogen wir zunachst daran erinnern, wie 
die Einwohnerzahl erheblich verringert, die Stadte entsetzlich 
verwiistet waren, wie eine verkehrte unduldsame Politik eine 
Menge gewerbfleifsiger Burger zur Auswanderung zwang und 
iiberhaupt durch die den Protestanten gezeigte Ungunst und 
Zuriicksetzung ein freudiges Regen der Krafte des Landes 
hinderte, wie dann eine unzweckmafsige und irrationelle Ver- 
teilung der Steuern deren Druck starker, als es sonst notig 
gewesen ware, empfinden lieis. 

Und trotz alledem nehmen wir wahr, dafs diese zweite 
Hiilfte des 17. Jahrhunderts ein gewisses materielles Ge- 
deihen zeigt, oder wir mussen wenigstens anfuhren, dais man 
in etwas spaterer Zeit auf diese Epoche als eine ungleich 
giiustigere zuriicksah. Und es ist doch auch erklarlich, 
dais ohngeachtet aller jener Hemmnisse die Wirkungen der 
Friedensjahre sich segensreich geltend gemacht in einem 
Lande, welches unter alien osterreichischen Provinzen fur 
das gewerbrleifsigste gait und auch am Wiener Hole als „der 
Hauptsitz des Commercii" angesehen ward, weshalb es eben 
Graf Trautmannsdorf bei den westfalischen Friedensverhand- 
lungen als des Kaisers Augapfel bezeichnen konnte. Einer 
der hervorragendsten Publizisten des 17. Jahrhunderts, 
Ph. AV. von Hornigk, schreibt 1684: „Das einige Breslau 
konnte wie in der guten Polizei also im Handel und in 
Manufakturen die Ehre der Erblande im Notfall fur alle be- 
haupten." Schlesien und Breslau haben das grofse Gliick 
gehabt, dafs ihr Handel nicht betroffen worden ist von den 
gewaltigen Umwalzungen, welche gegen das Ende des Mittel- 
alters die Auffindung des SeeAveges nach Ostindien und die 
Entdeckung von Amerika auf diesem Gebiete anderswo her- 
vorgerufen haben. Der Umtausch der Roh waren des Ostens 



384 Drittes Buch. Fiinfter Absclmitt. 

gegen die Kolonialwaren und die Kulturerzeugnisse des 
Westens, welcher sich in Breslau seit uralten Zeiten vollzog, 
ward nicht gehemmt dadurch, dais man fortan die "Waren 
weniger von den Hafen des Mittelmeeres als von den nieder- 
landischen Seepliitzen und Hamburg bezog. Besonders nach 
der letzteren Stadt war der Verkehr sehr lebhaft und ward 
cs nocli mehr, seitdem 1GG8 der Kanal fertiggestellt war, 
welcher von dem grofsen Kurfursten gebaut und nach dem- 
selben benannt die Oder mit der Spree verband. Derselbe 
belebte die Oderschiffahrt, welcher sonst fur die Schlesier 
die Niederlagsanspriiche Prankfurts fort und fort hemmend 
im Wege standen, aufs neue, und nicht mit Unrecht begehrte 
der Kurfurst von den Schlesiern resp. ihrem Landesherrn 
dem Kaiser einen Beitrag zu den Herstellungskosten. Von 
diesem Handel flel nun bei weitem der Lowenanteil der 
Landeshauptstadt zu, welche ]a allerdings audi den zehnten 
Teil der ganzen auf Schlesien fallenden Steuersumtne auf- 
brachte. Nicht nur ihr altiiberkommenes Stapelrecht, son- 
dern auch mehrfache sonstige Privilegien und Zollbefreiungen 
kamen ihr zugute. Wiederholt batten friiher, auch noch 
im 17. Jahrhundert, polnische Stadte, wie Krakau, Thorn, 
Lissa, Fraustadt, versucht, die herrschende Stellung Breslaus 
auf dem Gebiete des ostlichen Handels anzufechten und ftir 
sich auch bis zu gewissem Punkte Niederlagsrechte zu 
erwerben und auszuiiben; aber der Breslauer Rat hatte mit 
grofster Anstrengung seine alten Rechte verteidigt, mit Krakau 
hatte man sich durch einige Konzessionen im Wege eines 
giitlichen Ubereinkommens geeinigt, und auch das 1666 auf 
die Vorstellungen des grofsen osterreichischen Volksvvirts 
Becher zu Wien gegriindete Kommerzienkolleg hatte trotz 
seines allzu schwerfalligen Geschaftsganges sich der Breslauer 
angenommen und dahin gewirkt, dais durch Vorstellungen 
am polnischen Hole namentlich in den Jahren 1677 und 
1681 jene anderen polnischen Stadte mit ihren Niederlags- 
anspriichen zur Iiuhe verwiesen warden. 

Sonst allerdings liefen die Absichten, welche gerade Becher 
am Wiener Hofe vertrat, eigentlich darauf hinaus, nicht all- 
zusehr auf das Interesse der Kauf leute zu sehen , welche, 
wie er sagte, ; ,lieber die rohen W r aren aus dem Lande 
fiihren , in der Fremde verarbeiten lassen und dann wieder 
hereinbringen, also lieber den Fremden als den Inlandern 
das Geld gonnen", sondern mehr die heimische Industrie, 
die Verarbeitung der Rohstoffe im eignen Lande zu befor- 
dern. Es betraf dies ganz besonders die Garn- und Leinen- 
industrie, die neben jenem ostlichen Handel als die zweite 



Handel und Industrie, die schlesische Leinwand. 385 



der Hauptsaulen, auf denen der Wohlstand Schlesiens be- 
ruhte, angesehen ward, „ welche Schlesien als sein von Gott 
und der Natur ihm wahrhaft verliehenes Eigentum zu schiitzen 
hat." 

Mit ganz iiberraschender Schnelligkeit hatte sich in der 
zweiten Halfte des 16. Jahrhunderts die Leinenindustrie in 
Schlesien entwickelt. Es ward sehr viel Flachs gebaut, Garn 
gesponnen, grofse Bleichen fanden sich auf den Bergwiesen 
langs des ganzen Zuges der Sudeten, bald klapperte fast in 
jeder Hi'itte ein Webstuhl, und diese Hausindustrie lieferte 
den Bewohnern eine erwiinschte Zubufse zu dem Ertrage 
des in diesen Gegenden besonders beschwerlichen und karg- 
lich lohnenden Ackerbaus. Schlesien war gerade durch diese 
Leinenindustrie bereits am Encle des 16. Jahrhunderts eins 
der ersten Industrielander der Welt geworden. Der in dem 
Lande so entwickelte Handel verbreitete die schlesische Lein- 
wand uberall hin. Es ward schon frtth Sitte, dafs die Polen 
und Russen, welche ihre Waren nach Breslau brachten, durch- 
schnittlich zwei Dritteile ihres Erloses in schlesische Lein- 
wand umsetzten, und ebenso ging dieselbe in grofsen Mengen 
westwarts nach Spanien, wohin die dynastische Verbindung 
des habsburgischen Fiirstenhauses leicht Handelsverbindungen 
herstellen konnte, nach Frankreich, den Niederlanden, nach 
England und vielfach auch iibers Meer nach dem neuent- 
deckten Weltteile Amerika und den dortigen Kolonien. Hatte 
in der Schreckenszeit des langen Krieges Leinenindustrie 
und Handel daniedergelegen, so bliihten sie doch nach dem 
Frieden von neuem auf. Die englischen und niederlandischen 
Faktoreien, welche ehemals in den grofseren schlesischen 
Stadten den Einkauf der Leinwand besorgt hatten, und die 
durch den Krieg verscheucht worden waren, fanden sich 
allerdings nicht mehr wieder, doch trat statt dessen eine 
Versendung durch schlesische Kaufleute nach den Hafen- 
platzen ein. Auf der andern Seite haben manche Orte die 
Bedeutung, welche sie vor dem Kriege gehabt ; nicht mehr 
wiederzuerlangen vermocht, wie z. B. Jauer, welches im An- 
fang des 17. Jahrhunderts der Hauptsitz der Leinenindustrie 
gewesen war, zu geringer Bedeutung herabgesunken ist. 
Dafiir bliihten die Stadte des hoheren Gebirges auf, weil 
sich die Industrie, den Bleichen folgend, nach den hoheren 
holzreichen Gegenden zog, wo dann jetzt Landeshut, Schmiede- 
berg, Greifenberg hohere Bedeutung erlangen, vor allem 
aber Hirschberg, welches der Hauptsitz der sogenannten 
Schleierweberei wird. Man versteht unter Schleier ein be- 
sonders feines, sorgfaltig appretiertes Leinen, welches mit 

Grunhagea, Gesch. Schlesiots. II. 2,0 



386 Drittes Bucb. Fiinfter Abschnitt. 

kiinstlichen Mustern versehen werclen konnte. Am langsten 
hat gerade die Schleiermanufaktur sich als schlesische Spe- 
zialitiit erhalten. 

Bevor nun noch verschiedene zusammenwirkende Um- 
stande, auf welche wir noch zuriickkommen werden, dieser 
kommerziellen Bliite Schlesiens und namentlich der geradezu 
beherrschenden Stellung, welche die schlesische Leinwand 
auf dem Weltmarkte einnahm, schweren Eintrag thaten, hat 
die verkehrte Politik der Habsburger selbst die Axt an die 
Wurzel ihres Gedeihens gelegt. Die unvefdachtigsten Zeug- 
nisse von Zeitgenossen, welchen es weder an Anhanglichkeit 
an den katholischen Glauben, noch an osterreichischem 
Patriotismus fehlte, stimmen alle darin iiberein, dais die 
bereits erzahlten Mafsregeln gegen die schlesischen Prote- 
stanten speziell die schlesische Leinwandindustrie auf das 
allerempfindlichste getroffen haben. Ein Mann, der 1741 
wegen seiner osterreichischen Gesinnung von Konig Friedrich 
verfolgt worden ist, schrieb 1731 in einem Gutachten wort- 
lich: „Die Leinwand - Handlung war urspriinglich fast das 
vornehmste und starkste Eigentum Schlesiens, und erst als 
im vorigen Saeculo der Religion wegen viele tausend Fabri- 
kanten aulser Landes getreten, ist sie in der Nachbarschaft 
mehr und mehr ausgebreitet worden." Die besten Weber, 
klagt man 1699 im Hirschberger Thale, seien nach der 
Lausitz ausgewandert, und die Breslauer Kaufmannschaft 
bemerkt, zu Polnisch-Lissa, Fraustadt, Rawitsch, Bojanowo, 
Zduny, Krotoschin und anderen polnischen Grenzstadten 
wohnten lauter aus Schlesien gefliichtete deutsche Leute, und 
in der Lausitz, zu Bautzen, Gorlitz, Zittau, Lauban, Liibben 
und in alien Dorfschaften der Lausitz steckte alles voll 
Weber, die mehr produzierten als Schlesien, und die Neifser 
Regierung klagt, wie seit der Zeit dafs die unkatholischen 
Burger und Handelsleute sich von da verzogen, die Stadt, 
die truher von Garn, Zwirn, Leinwand jahrlich viel tausend 
Schock verpackt hiitte, jetzt (1699) kaum noch wenige 
Liigel nach Breslau versenden konne. Es waren nicht die 
schlechtesten und audi nicht die armsten Handwerker, die, 
um dem religiosen Drucke zu entgehen, sich anderswo jen- 
seits der Grenzen niederliefsen , wo sie auch den grofsen 
Vorteil geringerer Besteuerung hatten. 

Allerdings wirkten auch diese Ubelstande nur nach und 
nach, und im grofsen und ganzen gait das 17. Jahrhundert 
noch als eine glinstige Zeit. Noch 1693, behauptet eine 
Denkschrift aus der ersten Halfte des 18. Jahrhunderts, sei 
das Land so im Flor gewesen, dafs man die damalige grofse 



Konkurrenz der Nachbarlander. Landwirtscliaft. 8b7 

Teuerung, wo der Scheffel Korn bis auf vier Thaler ge- 
stiegen sei, ohne erhebliche Steuerausfalle habe tragen konnen. 
Die Zeitgenossen freilich wtirden diesen Flor nicht zugegeben, 
und ganz besonders wtirden die Landwirte dagegen protestiert 
haben, obwohl auch auf diesem Gebiete nach einer Richtung 
wenigstens Schlesien alien andern deutschen Landen voraus 
war, insofern die schlesische Wolle besonders geschatzt wurde, 
so dais, wie ein Zeitgenosse schreibt, „wenn die Benaeh- 
barten ein reeht gut Kerntuch machen wollen, sie schlesische 
Wolle dazu haben mussen". Man wurde dem gegentiber 
auf die steigende Verschuldung der Gtiter hingewiesen 
haben. Das hatte nun auch seine Grtinde. 

Wir sahen bereits oben, wie nach dem Dreifsigjahrigen 
Kriege die Lage der Landbewohner eine abhangigere, ge- 
driicktere und durchgangig schlechtere geworden ist, und 
ganz naturgemafs hat der Verfall der Bauernfreiheit der 
Landwirtschal't im grofsen und ganzen Schaden gebracht, 
urn so mehr, da die thorichte Meinung jener Zeit, die fur 
einen Kavalier die Beschaftigung mit der Landwirtscliaft- als 
unpassend, als dem guten Tone nicht entsprechend ansah 
und von jedem Landedehnanne das anspruchsvolle Leben 
eines Grand Seigneur verlangte, zura Schuldenmachen recht 
eigentlich induzierte. Ebenso wenig war es der Landwirt- 
scliaft forderlich, dafs der Besitz der sogenannten toten Hand, 
der geistlichen Korporationen in jener Zeit wieder sehr urn 
sich griff, und endlich zeigte sich die unvernunftige Art der 
Besteuerung geradezu als verderblich. Eine Schatzung, 
welche die unvermeidlichen Veranderungen von anderthalb 
Jahrhunderten hartnackig ignorierte, mufste die furchtbarsten 
Harten an den Tag bringen und ebenso wohl durch das 
Zuwenig bei den einen wie durch das Zahlungsunlahigkeit 
erzeugende Zuviel bei den andern den Durchschnittsdivisor 
so erhohen, dafs eine Steuerlast, die das wohlhabende Land 
wohl hatte tragen konnen, entsetzlich driickend ward. 

Pflege der Geschichte und Naturkunde. 

Immerhin aber war die Lage Schlesiens doch so, dafs 
dem damals lebenden Geschlechte der Sinn nicht verloren 
ging fur das, was iiber des Leibes Nahrung und Notdurft 
hinaus ein Volk zu seinen idealen Giitern zahlt. Wenn wir 
hier, wie billig, mit der Wissenschaft beginnen, mag es dem 
schlesischen Geschichtschreiber nicht verdacht werden, wenn 
er an erster Stelle mit einem Worte derer gedenkt, die zum 
Frommen spaterer Geschlechter die Kunde der Vergangen- 

25* 



388 Drittes Buch. Fiinfter Abschnitt. 

heit treu und gewissenhaft bewahrt und fortgepflanzt haben, 
jenes Nikolaus Pol, eines Breslauer Diakonus (geb. 1564, 
gest. 1623), des Verfassers reichhaltiger und iiberaus schiitz- 
barer Breslauer „ Zeitbucner ", die bis zum Jahre 1623 fort- 
gefiihrt, thatsachlich die Geschichte nicht nur seiner Vater- 
stadt, sondern die von ganz Schlesien annalistisch uns vor- 
fiihren, oder des Liegnitzer Senators Georg Thebesius 
(geb. 1636, gest. 1688), von dessen zahlreichen Schriften 
sein Hauptwerk, die Liegnitzer Denkwiirdigkeiten, bis etwa 
zum Ausgange des 1 6. Jahrhunderts reichend, allein gedruckt 
vorliegt. Mit bewundernswiirdigem Fleifse gearbeitet, auf 
urkundliche, allzeit mit gesunder Kritik benutzte Qiiellen 
gestiitzt, vermag das Werk den Vergleich mit allem, was 
jene Zeit sonst irgendwo auf dem Gebiete der Lokal- resp. 
Provinzialgeschiehte ans Licht gefordert hat, auszuhalten. 
Sehr streng ist der Liegnitzer Senator ins Gericht gegangen 
mit einem Zeitgenossen, dem Verfasser der schlesischen Fiirsten- 
krone Fr. Lichtstern, unter welchem Namen sich der Brieger 
Hofprediger Luca (geb. 1644, gest. 1708) versteckte, und 
hat die vielfachen leichtfertigen und unbegrimdeten An- 
fuhrungen des „Irrsterns", wie er den Gegner umtauft, ans 
Licht gestellt. Dennoch schlagen wir das spatere Werk, das 
Luca 1689, also lange nachdem ihn die bei dem Tode des 
letzten Piasten eintretende kirchliche Reaktion aus Schlesien 
vertrieben, unter dem Titel „Schlesiens curieuse Denkwiirdig- 
keiten oder vollkommene Chronica" in einem dicken Quart- 
bande veroffenilichte , noch oft als Hauptquelle fiir die Ge- 
schichte der letzten piastischen Herzoge auf, und vor allem 
erfreuen wir uns an seiner hinterlassenen Selbstbiographie, 
welche namentlich von seiner Jugend, von Liebeswerben und 
Ehestand, ein besonders durch das treue Kolorit der Zeit 
ungemein anziehendes Bild entwirft. Auch des Olser Chro- 
nisten Sinapius (geb. 1667, gest. 1726) mogen wir gedenken, 
aber weniger seiner Olsnographia als wegen seiner „ Curiosi- 
taten des schlesischen Adels". Wir diirfen sicher sein, dafs, 
wo immer wir von schlesischer Adelsgeschichte lesen , das 
unendlich fleifsige und im Grunde zuverlassige Werk Sina- 
pius' zugrunde liegt. Ihm an Sammlerfleifs ebenbiirtig ist 
G. F. Buckisch (geb. 1645, gest. 1700), ein schlesischer 
Beamter, welchen 1676 die aussichtslose Lage der Prote- 
stanten zum Ubertritte bewog, und der dann in einem sieben 
Foliobande fiillenden Werke Religionsakten zusammentrug, 
die von der Reformation an Jahr fiir Jahr fortschreitend 
unter vollstandiger Mitteilung der wichtigsten Urkunden die 
kirchlichen Ereignisse verfolgen. Der Kaiser hat seinen 



Schlesiscke Historiker des 17. Jahrhunderts. 389 

katholischen Eifer, den er auch in dem Buche bekundete, 
durch Rang und Titel und Erteilung des Adels belohnt, 
aber dem Werke selbst ward die Druckerlaubnis versagt. 
Denn was wir ihm zum Ruhme anreclmen, dafs er sich 
tendenzioser Auslassungen nicht schuldig macht, das hatte 
zur Folge, dafs die schlesischen geistlichen Behorclen fanden, 
das Buch enthalte mancherlei, was den Katholischen zum 
Argernis gereichen und den Haretikern zum Lastern Anlafs 
geben konnte. Nur das Vorwort ward gedruckt (1685), aber 
die Religionsakten sind in sehr zahlreichen Abschriften auf 
den schlesischen Bibliotheken vorhanden. Noch schulden 
wir ein Wort der Erwahnung dem wackern Syndikus von 
Breslau, Nikolaus Henel von Hennenfeld (geb. 1584, gest. 
1656). Wie seine „ Silesia togata" die erste schlesische Ge- 
lehrtengeschichte war, so bildet seine „ Silesiographia u (1613) 
nach dem noch dem Mittelalter angehorenden Werke des 
Sthenus die erste Beschreibung Schlesiens. Doch kennen 
wir das Werk gemeinhin nur in der vielleicht um das Zehn- 
fache erweiterten und vermehrten Gestalt, in welcher der 
gelehrte Meister des Matthiasstiftes, Fibiger (gest. 1 7 1 2), unter 
Benutzung der von Henel hinterlassenen reichhaltigen t Samra- 
lungen die Schrift als v Silesiographie renovata a 1704 er- 
scheinen liefs. 

In gleicher Weise hier auch die anderen Zweige mensch- 
lichen Wissens durchzugehen und festzustellen, durch welche 
Namen hier Schlesien vertreten ist, wlirde den Rahmen dieses 
kurz zusammenfassenden Werkes tiberschreiten ; wir werden, 
auf Vollstandigkeit verzichtend, uns begniigen miissen, hier 
einzelnes, was von grofserer Bedeutung scheint, herauszu- 
greil'en. So mogen wir verzeichnen, dafs der berlihmte Philo- 
soph Christian Wolf 1689 zu Breslau geboren und hier auch 
erzogen ward, und mogen „der schlesischen Pallas u ein 
Wort gonnen, welche, zu Pitschen geboren und mit ihrem 
irdischen Namen Marie Cunitz genannt, 1650 ein vielbewun- 
dertes Werk ans Licht gebracht hat unter dem Titel „Urania 
propitia" Tabellen zur Berechnung des Planetenlaufs , auch 
das Gedachtnis jenes Breslauer Arztes Gottfried Schulze 
wachrufen, welcher durch seine im Jahre 1692 vorgenom- 
mene und mit grofster Prazision durchgefilhrte Berech- 
nung der magnetischen Deklination Breslaus die bewundernde 
Anerkennung der heutigen Manner der Wissenschait sich 
errungen hat. 

Aber auch sonst haben Breslauer Arzte auf dem Gebiete 
der Medizin wie auf dem der Naturkunde mannigfache Lor- 
beeren gepfliickt. Es waren zwei Breslauer, welche auf der 



390 Drittes Buch. Fiinfter Abschnitt. 

damals beruhmtesten Hoclischule zu Wittenberg die Mediziu 
in dem dort traditionell gewordenen, an Lehrmeinungen des 
Paracelsus sich anlehnenden Geiste vertraten, zuerst Johann 
Jessen, der, 1601 nach Prag berufen, zura Leibarzt Kaiser 
Rudolfs ernannt und als von Jessensky geadelt in den 
politischen Handeln jener Zeit als Kanzler der Prager Uni- 
versitat eine hervorragende Rolle spielte, die ihn jedoch nach 
der Schlacht am Weifsen Berge aufs Schafott fuhrte, 1621. 
Sein Nachfolger in Wittenberg ward Dan. Sennert aus Breslau 
(geb. 1572, gest. 1637), zugleich ein aufserst fruchtbarer 
medizinisclier Schriitsteller. ' So waren es denn audi Bres- 
lauer Arzte, vor allem der beriihmte, 1672 als Breslauer 
Stadtphysikus gestorbene Dr. Philipp Jakob Sachs von 
Lowenstein, welche jene noch heute bestehende sogenannte 
Leopoldinische Akademie eigentlich lebensfahig machten. 
1652 von einigen Schweinfurter Arzten als Academia naturae 
curiosorura gestiftet und spater nach den Kaisern, welche 
sie mit besondern Privilegien begnadeten, Leopoldina - Caro- 
lina genannt, datiert diese Gesellschaft, wie aus ihrer Mitte 
allzeit dankbar anerkannt worden ist, ihren eigentlichen 
Aufschwung erst von ihrer Verlegung nach Breslau und der 
eifrigen Thatigkeit ihrer hiesigen Mitglieder, welche dann 
auch bald regelmiifsige gelehrte Veroffentlichungen ins Leben 
riefen. Neben diesen naturhistorischen Untersuchungen er- 
langten doch audi die eigentlich medizinischen, niimlich die 
Berichte liber die in Breslau beobachteten Krankheitsfalle 
einen solchen Ruf, dafs die urn die Wende des 17. Jahr- 
hunderts erschienenen kein Geringerer als Albrecht von 
Haller fast ein halbes Jahrhundert spater noch einraal ver- 
sehen mit einer warm anerkennenden Vorrede hat abdrucken 
lassen. 

Auch das mag bemerkt werden, wie friih schon in unserer 
Heimat speziell die Pflanzenkunde die eifrige und liebevolle 
Pflege gefunden hat, die ihr noch heute zuteil wird. Wie 
sollten wir nicht jenes Kaspar Schwenkfeld gedenken (geb. 
zu Greifenberg 1563, gest. 16U9 zu Gorlitz), den seine Zeit- 
genossen den schlesischen Plinius nannten, zum Danke da- 
fiir, dafs er seinem engern Vaterlande eine ganz vortreff- 
liche, selbst die seltenen Pflanzen des Riesengebirges ent- 
haltende Flora gab, wie solche damals noch kein anderes 
deutsches Land aufzuweisen vermochte. Bei der Aufzahlung 
der Kulturgewachse vermochte er sich bereits wiederholt auf 
einen in ganz Deutschland bekannten botanischen Garten zu 
berufen, den ein seiner Zeit beriihmter Arzt Lorenz Scholz 
(gest. 1599) zu Breslau (in der heutigen „Stadt Paris" auf 



Pflege der Mediziu und Naturwissenschaften. 391 

der Weidenstrafse) gegriindet hatte. Die Beschreibung des- 
selben ist nach dem 1551 erschienenen Kataloge des bota- 
nischen Gartens zu Konigsberg die erste Arbeit dieser Art 
in Deutschland. Auf den Reichtum an seltenen Pflanzen, 
welche der Scholzsche Garten aufzuweisen vermochte, konnen 
wir daraus schliefsen, dafs hier unter anderen die Agave, 
die erst 1561 nach Europa kam, die Hyazinthe, die Tulpe 
(die erste Tulpe bliihte in Deutschland 1500), der Kurbis, 
der rot- wie der gelbbllihende Tabak, die Kartoffel (1586 
zuerst nach England gebracht, wird noch 1616 in Paris als 
Seltenheit angesehen) u. s. w. gezogen wurde. 

Die Gartenkunst nahm dann nach dem Kriege einen 
neuen Aut'schwung, und die Kunstgartner zu Ohlau und zu 
Korschlitz im Fiirstentum Ols behandelten dieselbe 1670 und 
1692 in eigenen Werken, letztere mit besonderen Planen der 
herzoglichen Garten zu Sibyllenort, Korschlitz und Bernstadt, 
in deren letzterem 1687 die erste Rofskastanie in Schlesien 
gepflanzt ward. 1737 erntete man zu Ols die ersten Fruchte 
des Kaffeebaums. Von herrschaftlichen Garten genossen am 
Anfange des 18. Jahrhunderts eines besondern Rufes der 
bischtifliche in Neifse, der Lobkowitzsche in Sagan, der Gell- 
hornsche zu Peterswaldau, die Nostitzschen in Neuland, Lobris 
und Profen, der Neidhardsche zu Krichen, der Frankenberg- 
sche zu Warthau, der Fernemontsche in Schlawa, der Ho- 
werden-Plenckensche zu Hiinern, der Maltzansche in Grofs- 
Peterwitz, der Seilersche in Lilienthal, der Schonaichsche zu 
Carolath und die herzoglichen zu Sibyllenort, Korschlitz 
und Peuke. 1702 vermochte Dr. Kaltschmidt in Breslau 
die ersten in Schlesien geziichtete Ananas dem Kaiser zu 
iibersenden. Uberhaupt zeichnete sich die Hauptstadt doch 
audi nach dieser Seite vor alien aus, und ein uns noch er- 
haltenes Verzeichnis der Blumen, die in den Breslauer Garten 
in und aufser der Stadt durch kuricise Blumenliebhaber 
1713 — 1715 gezogen wurden" mit 1566 Abbildungen in Folio, 
hat seiner Zeit den grofsen schlesischen Botaniker Goppert 
zu dem Bekenntnis veranlafst, dais wir solchen Reichtum 
heute nicht aufweisen konnen. Ein Gedicht jener Zeit, 
welches diese Breslauer Blumenpracht schildert, beginnt mit 
den Worten: 

„E8 ist die werthe Stadt umschrankt auf alien Seiten 
Mit Garten, welche seynd ein Sammelplatz der Lust." 



.V 



392 Drittes Bucb. Fiinfter Abschnitt. 



Die beiden schlesischen Dichterschulen. 

Wenn wir, von der Wissenschaft zur Kunst iibergehend 7 
uns nun der Pflege der Dichtkunst in jener Zeit zuwenden, 
so konnte es scheinen, als mufste hier viel zu sagen sein 
von einera Jahrhundert, aus welchera jede deutscbe Litte- 
raturgeschichte iiber zwei schlesische Dichterschulen zu be- 
richten genotigt ist ; doch man wird vielleicht das Bedenken 
gerechtfertigt erscheinen lassen, hier eine Reihe von Dichter- 
namen zu nennen, deren Schopiungen doch nur der litte- 
rarische Forscher aus dem Staube der Bibliotheken hervor- 
sucht. Der Leser findet diese Namen trefflich zusammen- 
gestellt in dem Buchlein A. Kahlerts: „Schlesiens Anteil an 
der deutschen Poesie ". Auf die Gei'ahr hin manchen bessern 
Mann unverdient zuriickzusetzen, soil diese kurze Darstellung 
nur einiger besonders hervorragender Manner gedenken. 

Schon oben ward im Zusammenhange der politischen 
Geschichte des Martin Opitz gedacht und der bahnbrechenden 
Wirkung, welche seine Lehren „von der deutschen Poeterei" 
auf die Litteratur nach alien Seiten hin geiibt. Es ist und 
bleibt sein grofses Verdienst, die deutsche Poesie wieder hol- 
laing gemacht zu haben in den hoheren Schichten der Ge- 
sellschaft. Seit seiner Zeit machte alle Welt deutsche Verse, 
die Gelehrten vertauschten die gewohnte lateinische Metrik 
mit deutscher Reimerei, und auch die Edelleute hielten der- 
artige Bestrebungen nicht mehr unter ihrer Wiirde. Nirgends 
aber ward mehr gesungen als in iSchlesien, wo es bald so 
weit kam, dafs keinem wichtigeren Familienereignisse, ernstem 
wie ircudigem, ein Carmen fehlen durfte. Nicht allzu er- 
gotzlich ist es, in diese Flut von Gelegenheitsgedichten zu 
tauchen, und ab und zu ein gliicklicher Gedanke, eine feine 
Wendung entschadigt kaum fur die nichtssagende Ode dieser 
langatmigen Carmina. Solches Empfinden rul't doch die 
Mehrzahl jener Poeten aus der ersten von Opitz begriindeten 
schlesischen Dichterschule hervor, und selbst bei der besten 
einem, Opitz' Landsmann Andreas Tscherning aus Bunzlau 
(lGll bis 1659) werden wir es nicht los. Der eigentiimlichen 
Begabung von Andreas Scultetus und Angelus Silesius ge- 
dachten wir bereits an anderei" Stelle. 

Aus sehr anderem Stofte ist Friedrich von Logau 1605 
bis 1655, wo er als Liegnitzer Regierungsrat starb. Den 
Ruhm, den ihm einst Lessing zuerteilte, einer der ersten 
Meister auf dem Gebiete des Sinngedichtes zu sein, erkennt 
die Gegenwart an, und die Nachwelt wird es bestatigen. 



Die beiden schlesischen Dichterschulen. 893 

Eines seiner Sinngedichte mag ihn charakterisieren und liir 
ihn sprechen: 

„Hoffnung ist ein fester Stab, und Geduld ein Reisekleid, 
Da man mit durch Welt und Grab wandert in die Ewigkeit." 

Auch von dem Glogauer Syndikus Andreas Gryphius 
(1616 bis 1664) sprachen wir bereits bei Gelegenheit der 
Festlichkeit, welche im Jahre 1660 sein treffliches Lustspiel 
„die geliebte Dornrose" zur Auffuhrung brachte. Man hat 
nicht mit Unrecht gesagt, dafs es das beste deutsche Lust- 
spiel sei, das vor Lessing geschrieben ward, und auch seine 
anderen Lustspiele der „ Horribiliscribifax ", der die Art der 
bramarbasierenden Kriegsleute lustig verspottet, und Herr 
Peter Squenz , dessen Zusammenhang mit Shakespeares 
Sommernachtstraum noch unaufgeklart ist, vermogen wohl 
unser Interesse zu erregen. Seine Trauerspiele aber durfen 
wir unbedenklich den Litterarhistorikern uberlassen. 

Dei* Ruf der sogenannten zweiten schlesischen Dichter- 
schule kniipft sich vornehmlich an die beiden Namen des- 
Hoffmann von HofFmannswaldau (gest. 1679) und des Kaspar 
von Lohenstein (gest. 1683), welche beide dem Breslauer 
Patriziat angehdren. Nicht mit dem, was diese Schule er- 
reicht, wohl aber mit dem, was sie erstrebt, bezeichnet sie 
einen Fortschritt in der Entwickelung der deutschen Litte- 
ratur. Ihr Ruhm ist es, erkannt zu haben, dafs die Wieder- 
gabe allgemein giiltiger Gedanken und untadelhafter Empfin- 
dungen in glatt dahinfliefsenden Versen noch keine Poesie 
ist, dafs man von dem Dichter eine schaffende Phantasie, 
eigenartige Wendungen und den Schmuck einer gehobenen r 
durch Bilderschmuck gezierten Sprache verlangen kann. 
Aber die Art, wie sie selbst solchen holier gegriffenen An- 
spriichen gerecht zu werden versucht haben, kann uns wenig 
anmuten. Wir mogen darauf hinweisen, dafs es zwei Schle- 
sier waren, welche der deutschen Poesie den Kothurn wieder- 
gegeben haben, aber gern darauf verzichten, sie selbst auf 
demselben einherschreiten zu sehen. Der Bombast der Lohen- 
steinschen Trauerspiele ist bald sprichwortlich gewordem 
Durch die zwei dicken Quartbande seines Romans „Arminius 
und Thusnelda" mit seinem gelehrten Wust iindet so leicht 
kein Leser unserer Zeit mehr seinen Weg, und an dem 
schwiilstigen und gespreizten Pathos der Hoffmannswaldauschen 
Heldenbriefe sich zu erfreuen wird so leicht niemandem ge- 
lingen, urn so weniger, da die mehr als schliiplrige Art, in 
der er Liebesempfindungen auszudriicken pflegt, seine Dick- 
tungen von der guten Gesellschaft fernzuhalten emphehlt. 



-894 Drittes Buch. Fiiufter Abschuitt. 



Bildende Kiinste. 

Was auf clem Gebiete der bildenden Kiinste in dieser Zeit 
geleistet worden ist, reicht nicht entfernt an die Schopfungen, 
welche die Epoche der Friihrenaissance in Schlesien, und 
zwar ganz besonders in den Baudenkmalen aufzuweisen ver- 
mag. Doch vermogen wir einige stattliche Gebiiude aufzu- 
fiihren, die immerhin durch die Grofse und den Adel der 
Verhaltnisse imponieren. Sie hat vor allem die katholische 
Kirche geschaffen, die jetzt ; wieder zu Kraften gekommen, 
da