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Gestaltung und Vererbung.
Eine Entwickelimgsmechanik der Organismen
Von
Dr. Wilhelm Haacke.
Mit 26 Abbildungen im Text
Leipzig
T. O. Weigel Nachfolger
(Chr. Herrn. Taucliuitz)
1893.
Das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen ist vorbehalten.
Verfasser und Verlagshandlung.
Vorwort.
In seinem Werke „Das Keimplasma" (Jena 1892) glaubt Herr
August "Weismann „förmlich" bewiesen zu haben, dass nur eine
„evolutionistische", besser präformistische, Theorie, eine Lehre, die den
Organismus im Keime auf die eine oder andere Art in allen seinen
Teilen vorgebildet sein lässt, die Vererbung erklären könne, dass da-
gegen eine epigenetische Theorie, also eine solche, die den Organismus
auf einen in allen seinen Teilen gleichen Bildungsstoff zurückführt, un-
möglich sei. Im vorliegenden Werke finden meine Leser den thatsäch-
lichen Beweis vom Gegenteil. Weis mann hält die Vererbung „erwor-
bener" Eigenschaften für unmöglich ; ich weise sie hier als mechanische
Notwendigkeit nach.
Gelegentlich dieser Beweise lege ich den berufsmässigen Forschern
aller Fächer, den denkenden Naturfreunden, den Ärzten, Züchtern, Mathe-
matikern und Philosophen, sowie endlieh allen Gebildeten, die sich für
die von mir behandelten Gegenstände interessieren, eine Gestaltungs- und
Vererbungslehre vor, die im Laufe von zwölf langen Jahren, während
vielfach wechselnder Lebensschicksale, auf den blauen Wogen des Welt-
meeres und den grünen Gefilden Neuseelands, in den düsteren Ur-
wäldern Neuguineas und auf den bunten Korallenriffen der Torresstrasse,
in den schattenlosen Parklandschaften Australiens und den saftigen
Buchenwäldern der deutschen Heimat, auf der Jagd und beim Fischfang,
im Museum und Tiergarten, hinter dem Mikroskop und vor dem Zucht-
behälter, auf Tierausstellungen und im akademischen Hörsaal allmählich
herangereift ist.
Über die vielfachen Wandlungen, die meine Anschauungen erleiden
mussten, ehe ich meinen Lesern etwas Fertiges bieten konnte, darf ich
glücklicherweise schweigen. Es ist Selbstüberschätzung, „Vorarbeit für
eine Theorie" durch den Druck zu verbreiten. Dagegen glaubte ich
meinen Lesern eine leicht verständliche und abgerundete Darstellung
schuldig zu sein. Aus diesem Grunde habe ich das vorliegende Buch
im Juni und Juli dieses Jahres zwei mich abwechselnd besuchenden
Stenographen im Verlaufe von wenigen Wochen in die Feder diktiert.
Was die Darstellung dadurch an Frische gewonnen hat, wird, so hoffe
IV Vorwort.
ich, manche durch diese Art der Niederschrift bedingte Mängel aufwiegen.
Mit dem ermüdenden und vou der Sache ablenkenden schriftstellerischen
Handwerkszeug, mit Anmerkungen, Litteraturbelegen und allen den
störenden Nebendingen, die von manchen Schriftstellern sonderbarerweise
für das Merkmal echter Wissenschaftlichkeit gehalten werden, halte ich
meine Leser su viel wie möglich verschont. Den von mir angewandten
deutsehen Tier- und Pflanzennamen sind im Register die wissenschaft-
lichen Namen hinzugefügt.
Ich glaube Dicht, dass meine Leine an unlösbaren inneren Wider-
sprüchen leidet. Scheinbare Widersprüche und sieh widersprechende
Einzelheiten der Darstellung, die sich beseitigen lassen, aber von mir
übersehen sind, werden in meinem Buche nicht fehlen. Für sie bitteich
den Leser um Nachsicht. Sollte es sieh aber herausstellen, dass meine
Theorie unhaltbar ist, so werde ich mich keinen Augenblick bedenken,
sie in aller Form zu widerrufen.
Ein grosser Teil meiner Ausführungen mussto sieh gegen die Lehren
eines Schriftstellers richten, der, wie ein englischer Forscher, Marcus
Hartog, sagt, während eines zehnjährigen Feldzuges glänzende Erfolge,
die ihn mit seltenem Ansehen umwoben haben, errungen hat. Ich habe
den Mut gefunden, die abenteuerlichen Theorien und heillosen Widersprüche
dieses erfolgreichen Schriftstellers rücksichtslos blosszustellen , und bin
überzeugt, dass die Wissenschaft es mir danken wird. Dass ich dabei
zu unbarmherzig verfahren wäre, wird niemand zu behaupten wagen,
welcher die den ehrlichen Gegner kränkende Geringschätzung, mit <\rv
sich Herr Weismann über die schwerwiegendsten Einwände hinwegsetzt,
an sich selbst oder an anderen erfahren hat.
Weismann nennt seine Lehre eine „Evolutionstheorie'*. Da diese
Bezeichnung, weil man in der englischen Litteratur darunter die moderne
Entwickelungslehre versteht, notwendigerweise zu Missverständnissen
führen mnss, habe ich sie grundsätzlich vermieden.
Es verbleibt mir noch die angenehme Aufgabe, denjenigen, welche
beim Zustandekommen dieses Buches behilflich waren, zu danken. Für
die Umzeichnung meiner rohen Skizzen gebührt mein Dank zweien meiner
Hörer, den Herren Studierenden A. vonHagen und W. Schwarzhaupt.
Meinen beiden Stenographen, den Herren Lern heim und Wilhelm,
habe ich für ihre gewissenhafte Arbeit und grosse Zuverlässigkeit zu
danken.
Da rin Stadt, im < »ktober ls'.),">.
Johann Wilhelm Haacke.
Inhaltsübersicht.
Seile
I. Einleitung- 1
II. Das Wesen der Entwickelung 9
a. Beseitigung des Priiformismus 9
b. Das Wesen der organischen Formbildung 18
1. Epimorphismus und Paramorphismus 19
2. Orthogenesis und Amphigenesis 31
c. Korrelation und Autonomie 35
d. Die Ursachen der Umbildung 43
e. Die Träger der Vererbung 19
f. Die Bedeutung der Eigenschaften 54
1. Bedeutungsvolle und indifferente Eigenschaften 54
2. Direkt und indirekt benutzte Einrichtungen 60
3. Erhaltungsmiissige und nichterhaltungsmässige Eigenschaften G3
g. Die Arten der Auslese 65
1. Ökonomische Auslese und Rückbildung 65
2. Organauslese und Personenauslese 70
3. Konstitutionelle und dotationelle Auslese. Individual- und
Rassenselektion 73
h. Mischung und Entmischung 77
1. Separation und Kongregation 77
2. Amphimixis und Apomixis 80
i. Zusammenfassung. Beweise für die Vererbung erworbener Eigenschaften in 1
III. Gestaltung und Vererbung- 112
a. Die Aufgaben der Theorie 112
b. Die Gemmarienlehro 117
c. Das Wesen der Assimilation 130
d. Die Entstehung der Grundformen 139
e. Die Entstehung der Organe 166
f. Die Entstehung der Ausrüstung 183
g. Die Entstehung der Faunen 193
29420
VI Inhaltsübersicht.
Seite
li. Die Erklärung des Epimorphismus 204
i. Geschlechtliche Fortpflanzung -_'<»7
k. Ungeschlechtliche Fortpflanzung und Regeneration 217
1. Mischung und R ilag 231
in. Generationswechsel und Polymorphismus -7.".
n. Die Vererbung von Verstümmelungen 295
o. Zweifelhafte Vererbungserscheinungen 301
p. Periodisch erworbene Eigenschaften 302
IV. Die Gemmarientheorie und ältere Ansichten .... 308
V. Die Konsequenzen von Irrlehren 322
VI. Die Aufgaben der Biologie 304
Litteraturverzeichnis 330
Ä.utorenregister 331
Sachregister ;i:j-2
Errata 337
-♦••»»-
Gestaltung und Vererbung.
iuilla est praeformatio !
„Da nun das Keimplasma oder die Vererbungssubstanz nach all-
gemeiner heutiger Vorstellung nicht ein Organismus ist im Sinne eines
mikroskopischen Urbildes, das sich nachher nur zu vergrössern hätte, um
als fertiger Organismus dazustehen, da wir sogar bestimmt wissen, dass
dem nicht so ist, so müssen also die gesammten Entwicki odenzon
des Keimes in der eigenthümlichen Zusammensetzung, gewissermaasscu
dem Aufbau aus kleinsten Theilchen, vielleicht auch in chemischen
snthümlichkeiten jenes Kcimplasma gegeben sein."
.\n-l~i W'l tSM \NN. 1888.
I. Einleitung.
Der Versuch einer Lösung des Yererbungsproblems und aller
anderen von ihm berührten Fragen, den ich in dem vorliegenden Werke
den Biologen aller Richtungen biete, fällt in eine ungünstige Zeit. Das
En.de des neunzehnten Jahrhunderts sieht die "Wissenschaft von den
Lebewesen in einer Zerfahrenheit, wie sie noch nie zuvor bestand, und,
das müssen wir leider hinzufügen, wie sie keiner anderen Wissenschaft
eigen ist. Bezeichnend dafür ist, dass nicht einmal über den Kamen.
den man der Wissenschaft von den Organismen zu geben hat, Einigkeit
herrscht. Während eine Anzahl ihrer Vertreter sie mit dem Namen
der Biologie belegt, wird von einer vielleicht ebenso grossen Anzahl
von Biologen mit diesem Namen nur ein kleiner Zweig der Wissen-
schaft bezeichnet. Und diese Unsicherheit über das, was man alles
unter dem Begriffe der Biologie zusammenzufassen hat, ist typisch für
alle Zweige unserer Wissenschaft.
Auch darüber herrscht keine Einigkeit, welche Wertschätzung man
den einzelnen Zweigen der Biologie angedeihen lassen soll. Man kann
diese Zweige im allgemeinen in morphologische und physiologische
sondern, in solche, welche die Formen der Organismen, und in die,
welche ihre Lebensäusseruugen zum Gegenstände haben. Allein sowohl
die Morphologie, wie sie heute entwickelt ist, als auch die Physiologie
lassen grosse biologische Thatsachengebiete abseits liegen, und rechnen
diejenigen Forscher, welche sich dieser Gebiete angenommen haben,
kaum noch zu den ihrigen. Noch immer giebt es eine grosse Anzahl
von Morphologen, die keine Verständigung mit den sogenannten Syste-
matikern suchen, derjenigen gar nicht zu gedenken, die sich mit der
Beobachtung des Tieres in der freien Natur beschäftigen.
Haacke, Hestaltung und Vererbung. 1
2 I. Einleitung.
Aber auch manche Systematiker sind sich keineswegs klar darüber,
welche Zwecke ihre Wissenschaft eigentlich verfolgt, denn viele Ver-
treter der Systematik suchen weder unter sich , noch mit der Morpho-
logie und Physiologie Fühlung zu gewinnen. Wer sich mit der Syste-
matik der Vögel beschäftigt, braucht sich leider nicht um die allge-
meinen Ergebnisse, Avelche die Systematik etwa der Insekten oder der
Fische geliefert hat, zu bekümmern. Es ist vielen Systematikern auch
ziemlich gleichgültig, was die Morphologen in Bezug auf die von ihnen
behandelten Tiergruppen erforscht haben. Die Biologie der Zukunft
muss aber eine Wissenschaft werden, die sich mit gleicher Liebe um
die Formen, wie um die Lebensverrichtungen der Organismen kümmert,
welche die Systematik, die Wissenschaft von dem Verhältnisse der
Tiere zu ihrer Umgebung, die geographische Verbreitung und die
Paläontologie gleich hoch stellt und ihnen dieselbe Wertschätzung
angedeihen lässt, wie der Morphologie und der Physiologie.
Wir sind heute noch weit davon entfernt, dieses Ziel erreicht zu
haben, und wenn wir es jemals thun sollen, so ist zunächst die Ein-
sicht nötig, dass die Zustände der Biologie von heute zerfahrene und
unhaltbare sind. Wir müssen uns klar darüber werden, dass wir die
Lösung aller Fragen, welche die organische Natur uns vorlegt, gleich-
zeitig in Angriff nehmen müssen, und dass ein lebendiger Verkehr
zwischen allen Zweigen der Wissenschaft zu jeder Zeit unerlässlich ist.
Wir dürfen nicht das Recht beanspruchen, den Versuch der Lösung
irgend einer biologischen Frage auf spätere Zeiten zu verschieben.
Wenn wir das thun, so werden die Zeiten nie kommen, von welchen
eine Klärung der heutigen verworrenen Verhältnisse der Biologie erhofft
wird. Jede Zeit und jeder Forscher haben die Pflicht, sich ein Gesamt-
bild von der der Forschung zugänglichen Natur zu machen. Nur
dadurch verdient sich die Wissenschaft ihre Existenzberechtigung; denn
mit dem Forschen allein ist es nicht gethan.
Der Forscher ist, sofern er nicht auf jede mündliche oder schrift-
liche Äusserung verzichtet, immer auch Lehrer, ob er nun etwa an
einer Hochschule wirkt, oder dem öffentlichen Leben durchaus fem
steht, ob er die Früchte seiner Forschungsthätigkeit weiteren Kreisen
oder nur dun engen Kreise seiner speziellen Fachgenossen zugänglich
macht Wer irgend eine Thatsache entdeckt hat. der hat auch die
Pflicht, diese Thatsache der Allgemeinheit in einer solchen Form zu
bieten, da>s sie von der Wissenschaft ohne weiteres verwertet und
I. Einleitung. 3
dem Lehrgebäude ohne Schwierigkeit eingefügt werden kann. Denn
eine Thatsache, welche in unbrauchbarer Form geboten wird, ist
nicht nur nutzloser, sondern erschwerender und deshalb schädlicher
Ballast.
Die Biologie besitzt aber noch nicht in allen ihren Vertretern
Forscher, welche die Notwendigkeit begreifen, dass das, was sie er-
forscht haben, sich auch ohne Umstände in den Gesamtbau der "Wissen-
schaft einschieben lassen muss. Mancher Biologe häuft Baumaterial an,
unbekümmert darum, ob er damit Bausteine liefert, die für das von der
Wissenschaft aufzuführende Gebäude in die passende Form gebracht
sind oder nicht. Auf diese Weise sammelt sich nicht nur eine grosse
Menge von Haufen nicht zu einander passender Bausteine an, sondern
um diese immerhin nicht allzu grosse Fülle brauchbaren wissenschaft-
lichen Materials sind noch Berge von Schutt, bestehend aus dem Ab-
falle, der sich bei der Bearbeitung der Bausteine ergeben hat, auf-
getürmt.
Durch diesen völlig unbrauchbaren und hinderlichen Schutt hat
sich derjenige hindurchzuarbeiten, der nach Material für ein wissen-
schaftliches Lehrgebäude sucht; denn die Art und Weise, wie manche
auf dem Felde der Biologie arbeitenden Forscher ihre Forschungsergeb-
nisse der Allgemeinheit darbieten, ist nicht dazu angethan, das Suchen
nach geeignetem Material zur Lösung einer allgemeinen Frage zu er-
leichtern.
Unsere wissenschaftlichen Publikationen wimmeln von Nebensäch-
lichkeiten, von Prioritätsstreitigkeiten, von überflüssigen Citaten und
voluminösen Literaturbelegen, nicht minder auch von weitläufigen Aus-
einandersetzungen über die Technik des Untersuchungsverfahrens, so dass
man von vornherein darauf verzichten muss, all dieses zum Teil völlig
wertlose Material nach brauchbaren Thatsachen zu durchwühlen, wenn
man an der Lösung irgend einer allgemeinen Frage, sei sie auch noch
so beschränkten Umfanges, arbeitet. Man muss sich gewöhnlich mit
dem begnügen, was einem selbst von allen einschlägigen Thatsachen
gegenwärtig ist, und dass das nicht allzu viel sein wird, ist von vorn-
herein klar bei der Ungeheuern Ausdehnung des Gebietes biologischer
Forschung.
Besser würde es um unsere Wissenschaft stehen, wenn jeder Forscher
sich bemühen wollte, mit wenig Worten alles das hervorzuheben, was
I. Kim. i:ni NG.
eine von ihm veröffentlichte Arbeit an neuen Thatsachen bringt, und in
welcher Weise die einzelnen Thatsachen für die einzelnen Zweige der
allgemeinen Biologie zu verwerthen sind, in welche Fächer des grossen
biologischen Magazins sie hineinpassen, welche Thatsachen nur in ein
einziges Fach, und welche von ihnen in mehreren zugleich ihren Platz
rinden müssen; denn es wird selten eine neue biologische Thatsache geben,
die nicht für eine grosse Reihe allgemeiner biologischer Forschungs-
zweige von Bedeutung wäre. Allein, wenn dies geschehen sollte, so
müsste wenigstens über die allgemeinsten Gesichtspunkte der biologischen
Wissenschaft Einigkeit herrschen; aber das ist keineswegs der Fall. Es
giebt keine Wissenschaft, in welcher die Stellungnahme zu den Grund-
prinzipien so gleichgültig wäre, wie in der Biologie. Ob sich etwa
erworbene Eigenschaften vererben oder nicht, ist eine Frage, um
welche sich der Forscher nicht zu kümmern braucht, falls er nur tleis-
sig an der Aufhäufung der von ihm gefundenen unbehauenen Bau-
steine arbeitet.
Keine Wissenschaft bedarf so sehr der Universalität wie die Biologie;
gleichwohl giebt es keine andere Wissenschaft, in welcher Einseitigkeit
sich so breit machte, wie in der unserigen. Und das ist nicht zu ver-
wundern, denn bei der herrschenden Gleichgültigkeit gegen allgemeine
Fragen findet oft nur derjenige noch Anerkennung, der dickleibige
Folianten, die man nicht zu lesen braucht, mit zahlreichen schönen
Tafeln, die man gelegentlich einmal durchblättert, verfasst. Die Scheu
vor der Beschäftigung mit allgemeinen Fragen ist deshalb wohl zu
begreifen.
Ebenso charakteristisch für unsere heutigen Zustände wie diese Angst
vor Verallgemeinerungen ist das Verhältnis der Theoretiker zu den
Praktikern. Wer etwa als Züchter thätig ist, hat meistens von der Theorie
der Züchtung keine Ahnung, und er brauchl sie auch nicht zu haben,
weil er mit seinen praktischen Erfahrungen viel weiter kommt als mit
der Theorie; denn so wenig wie die Praktiker auf die Theorie Rücksicht
nehmen, haben sich die Theoretiker um das, was den Praktikern längst
in Fleisch und Blut übelgegangen ist. bekümmert.
Man seilte meinen, dass derjenige, welcher über Vererbung schreibt,
-ich gründlich mit der praktischen Tierzucht befassl halten müsste;
allein es genügi heute leider, dass man Darwin's Werke fort und
fort citiert. Die Vererbungstheoretiker bedenken dabei nicht, dass nur
solche Vererbungsversuche Wert haben, die auf Grund einer bis in
I. Einleitung. 5
alle Einzelheiten ausgebauten Theorie angestellt worden sind, die ge-
macht wurden, um allgemeine Prinzipienfragen zu lösen. Das aber ist
bei den meisten Vererbungsversuchen, die bis auf Darwin 's Zeiten
und seit seinem Auftreten bis zur Gegenwart angestellt worden sind,
nicht der Fall gewesen. So stehen wir denn vor der unabweisbaren
Notwendigkeit, aufs neue systematische Züchtungsversuche, die von
ganz bestimmten Prinzipien ausgehen und nach völlig feststehenden Ge-
sichtspunkten hin unternommen werden, anzustellen.
Mit einer Behandlung der Frage nach dem Wesen der Vererbung
lediglich auf Grund solcher Züchtungsversuche ist es aber keineswegs
gethan. Wer heute ein Buch über Vererbung schreiben will, muss zu
gleicher Zeit alle Fragen der Abstammungslehre überhaupt in eingehen-
der Weise behandeln. Meine Beschäftigung mit diesen Fragen reicht zurück
bis in meine Schuljahre; die Vererbungslehre speziell hat mich aber erst
seit etwa zwölf Jahren in Anspruch genommen. Auf meiner Segelschiff-
reise von London nach Neuseeland gelangte ich zu einer ähnlichen Ver-
erbungstheorie, wie sie später von Weismann aufgestellt wurde; sie
gipfelte darin, dass das Keimplasma auf besonderen Bahnen von den
elterlichen Keimdrüsen auf die der Nachkommen übertragen wird. Ich
unterliess es, diese Theorie zu veröffentlichen, weil mich eine, wie es
scheint völlig unbekannt gebliebene, Dissertation meines Freundes Otto
Plärre darüber belehrte, dass Anschauungen, wie sie später Weis mann
entwickelte und wie sie von mir auf meiner Fahrt nach Neuseeland ge-
wonnen waren, durchaus nichts Neues seien.
Ich kann es nur als ein Glück betrachten, dass ich es damals unter-
lassen habe, meine Vererbungstheorie vorzeitig zu veröffentlichen ; denn
fortgesetzte Beschäftigung mit dem Gegenstande und mit den übrigen
Fragen der Abstammungslehre zeigte, dass die inzwischen von Weis-
mann veröffentlichte Lehre von der „Kontinuität des Keimplasmas" in
der Form, die Weis mann ihr gegeben hat, und die sie auch von mir,
wenn auch in viel geringerer Vollendung, erhalten haben würde, unhalt-
bar sei. Die Beobachtung lebendiger höherer Tiere lehrte mich später,
dass das Leugnen der Vererbung erworbener Eigenschaften, zu welchem
auch ich auf Grund meiner unzulänglichen Erstlingslehre geneigt war,
gleichbedeutend sei mit einem Verzicht auf jegliches kausale Verständ-
nis der Welt der Lebewesen.
Ich gewann dadurch die unerschütterliche Überzeugung, dass das
Suchen nach einer Theorie, welche die Vererbung erworbener Eigenschaften
I. Einleitung.
erklärt, von Erfolg gekrönt sein müsse. Unerwarteterweise bot sich
aber die Lösung der dadurch gestellten Aufgabe früher, als ich es er-
hofft hatte, früher noch, als ich eingehend an den Versuch dieser Lösung
herantreten konnte. Ich war nämlich vorerst darauf bedacht, eine Ver-
erbungstheorie ohne Rücksicht auf die Vereinbarkeit erworbener Eigen-
srhaften, an welche ich noch im Jahre 1888 zweifelte, zu finden. Aber
als ich nach erheblichen Mühen endlich zu der in diesem Buche vor-
zutragenden Theorie der Epigenesis gelangt war, zeigte sich, dass ich
damit auch die Erklärung der Vererbung erworbener Eigenschaften ge-
funden hatte. Ja, ich erkannte, dass erworbene Eigenschaften sich mit
Naturnotwendigkeit vererben müssen.
Meine im grossen Massstabe an einem aus vielen erblichen Rassen
bestehenden Material von über oOOO Mäusen angestellten Zà ¼chtungsver-
suche belehrten mich ferner über die Bedeutung eingehender Unter-
suchungen derjenigen Vererbungserscheinungen, die Weismann für
seine Theorie der Amphimixis verwertet hat, und zeigten mir, dass die
„Vermischung der Individuen 1 ' ganz andere Folgen hat, als die, welche
Weismann ihr zuschreibt. Während der Beschäftigung mit diesen ver-
erbungstheoretischen Fragen war ich aber auch fortgesetzt genötigt, mich
um die Systematik, Ökologie und Geographie der Tiere zu kümmern,
und") die dabei gewonnenen Ergebnisse blieben nicht ohne Bedeutung
für meine Vererbungstheorie, so dass ich die letztere nunmehr als
Skizze einer umfassenden Entwicklungslehre, einer allgemeinen Kei-
mes- und Stammesgeschichte der Tiere und Pflanzen mitzuteilen in
der Lage bin.
Die hier entwickelte Theorie steht in ihren Grundzügen schon seit
Jahren fest. Obwohl sie nicht das Ergebnis flüchtiger Laune, sondern
die Frucht langjähriger Beobachtungen und fast ununterbrochenen ein-
gehenden Nachdenkens ist, so hätte ich doch gerne noch einige Jahre
an ihrer Vervollkommnung gearbeitet, wenn nicht die Rücksichtnahme
auf spezielle Arbeiten, die ich vorhabe, mich schon jetzt zu einer Ver-
öffentlichung dieser Theorie zwängen.
Alle Einzelfragen der Tierkunde, die mich in den letzten Jahren
beschäftigt haben und nunmehr ihrer Bearbeitung harren, erwiesen sich
als der Behandlung unzugänglich, wenn ich nicht vorher meine Ent-
wickelungslehre der Öffentlichkeit übergeben wollte, denn meine speziellen
Untersuchungsgebiete und die Gegenstände, mit denen sie sich beschäf-
tigen, gliederten sich ohne mein Zuthun so innig an die allgemeine Theorie
I. Einleitung.
an , dass ich ihre Behandlung nicht ohne Rücksichtnahme auf letztere
unternehmen kann. Es ist somit ein äusserer Grund, der mich schon
jetzt zur Veröffentlichung meiner Lehre veranlasst.
Ich habe mich bemüht, meine Lehre in möglichster Klarheit vor-
zutragen. Um dieses zu erreichen, habe ich sie schon seit Jahren in meinen
akademischen Vorlesungen an der technischen Hochschule zu Darmstadt
vor einem grösseren Kreise allgemein naturwissenschaftlich gebildeter
Hörer behandelt und ausserdem in meiner „Schöpfung der Tierwelt",
die etwa gleichzeitig mit diesem Buche vollendet vorliegen wird, als
das Gerippe benutzt, um welches herum sich in diesem für einen
grösseren Leserkreis bestimmten Werke die speziellen Thatsachen der
Tierkunde gruppieren. Ich wollte gleichzeitig mit der kritischen Dar-
legung meiner Lehre ihre Anwendbarkeit auf alle Zweige der Tierkunde
darthun, und bitte diejenigen meiner Leser, welche die praktische An-
wendung meiner Lehre kennen zu lernen wünschen, zu meiner „Schöpfung
der Tierwelt" zu greifen.
In diesem Werke konnte ich allerdings die in vielen Punkten neue
Lehre nur in ihren allgemeinsten Grundzügen geben, und ich musste auch
dabei auf eine Kritik anderer Theorien verzichten. Eine solche Kritik,
so wenig dankbar sie sein mag, ist aber unerlässlich. Wer ein neues
Gebäude aufführen will, muss den Platz, auf welchem es sich erhebeu
soll, zunächst von Schutt und Gestrüpp säubern. Das vorliegende Werk
hat es also nicht allein mit der Darlegung meiner Lehre zu thun, sondern
ebenso sehr mit einer eingehenden Kritik derjenigen Anschauungen und
Lehren, die sich mit meinen Ansichten nicht vertragen.
Diese Kritik sowohl, als auch meine eigene Theorie machen ein
Eingehen auf alle allgemeinen Fragen der morphologischen Biologie
nötig und erheischen Rücksichtnahme auf alle einzelnen Zweige des
ganzen grossen Baumes der Wissenschaft von den Lebewesen. Nicht
minder unerlässlich erscheint mir dabei eine scharfe Gegenüberstellung
der zur Zeit bestehenden und aller überhaupt möglichen Alternativen
über entwickelungsgeschichtliche Fragen.
Weder die Forderung zulänglicher Fragestellung, noch die aus-
reichende Rücksichtnahme auf alle biologischen Thatsachen, noch auch die
nach scharfer Beleuchtung der strittigen Fragen ist in allen Fällen erfüllt
worden, wo es sich um die Lösung biologischer Probleme gehandelt hat.
Wenn ich nun auch glaube, dass ich diesen Forderungen gerecht ge-
8 I. Kim. Km \...
worden bin, so muss ich doch anderseits mich zu einer verhältnismässig
grossen Unwissenheit auf den Gebieten der Botanik und Pathologie be-
kennen. — Wo es sich um das Anführen von Beispielen handelt, muss
ich mich im grossen und ganzen auf meine Spezialwissenschaft be-
schränken. Ich glaube aber dennoch, dass mein Buch auch für den
Botaniker und den Pathologen, nicht minder auch für den Philosophen
und den praktischen Züchter, kurzum für alle, die sich mit biologischen
Fragen beschäftigen, von einiger Bedeutung sein wird.
II. Das Wesen der Entwickelung.
a. Beseitigung des Präformismus.
Wer die neuesten Untersuchungen über das Vererbungsproblem
kennt, weiss, dass die Entscheidung der allgemeinsten biogenetischen
Frage, die schon die Naturforscher früherer Jahrhunderte beschäftigte,
auch heute noch nicht endgültig getroffen ist. Diese Entscheidung hat fest-
zustellen, ob die Vererbung auf Präformation oder aufEpigenesis
beruht, ob also von den Erzeugern auf die Nachkommen Zeugungsstoffe
übertragen werden, die schon alle Teile des künftigen Lebewesens
vorgebildet enthalten, oder ob sich die Organismen aus Keimen ent-
wickeln, die durchweg aus homogenem, einheitlichem Baustoff be-
stehen und erst nach und nach auf dem Wege der Neubildung alle
die verschiedenen Eigenschaften annehmen, durch welche sich ihre Eltern
auszeichneten.
Wir können, um eine präzise Fragestellung zu ermöglichen, sagen,
dass die Präformationstheorie ein polymiktes Plasma, also einen Bil-
dungsstoff annimmt, der sich aus vielen verschiedenen Substanzen auf-
baut und diese in bestimmter Weise angeordnet enthält, während die
Theorie der Epigenesis ein monotones Plasma als Bildungsstoff vor-
aussetzt, also eine Keimsubstanz, die aus lauter gleichen Elementen zu-
sammengesetzt ist. Die erste Frage, mit der sich jede Vererbungstheorie
abzufinden hat, ist also die, ob das Keimplasma ein monotones oder ein
polymiktes ist.*)
Weismann, Roux, de Vries und andere gehen von einem
polymikten Keimplasma aus. Dreyer dagegen, der neuerdings ausge-
*) Die Ausdrücke „polymikt" und „monoton" verdanke ich Haeckel's „Plankton-
Studien".
1" II. Das Wesen deb Entwickklung.
dehnte Untersuchungen über die Gerüstbildungsmechanik, insbesondere
der niederer Organismen angestellt hat, kommt beispielsweise bei den
Radiolarien zu dem Ergebnis, dass ihre Skelette sieh in einem Waben-
werk von Plasma und Vakuolentlüssigkeit, dessen Konfiguration ledig-
lich durch die Gesetze der Flüssigkeitsmechanik beherrscht und durch
Zufälligkeiten bedingt wird, ablagern. Er stellt sich vor, dass das Plasma
der Radiolarien von einer grossen Anzahl grösserer oder kleinerer Va-
kuolen durchsetzt ist und dass diese bald so, bald anders angeordnet
sein können, je nachdem äussere Verhältnisse hier in dieser, dort in
jener Weise auf ihre Bildung eingewirkt haben. Er vergleicht das Waben-
werk des Radiolarienkörpers mit dem Blasensystem, das beim Ausschenken
einer Flasche Bier in dem entleerten Teile der Flasche zurückbleibt. An
einem solchen kann man beobachten, dass hier und da eine Blase platzt,
und dass sich darauf das Ganze, den Gesetzen der Flüssigkeitsmechanik
gehorchend, neu anordnet.
Demnach wäre also der unendlich mannigfaltige Bau, welchen die
Radiolarienskelette zeigen können, lediglich aus den Gesetzen der Flüssig-
keitsmechanik zu erklären, ohne dass das Plasma der Radiolarienarten
überhaupt artlich unterschieden zu sein brauchte, und das Vererbungs-
problem käme auf die Frage hinaus, ob das Kind seinen Eltern nicht
etwa blos deshalb gleicht, weil sein formloses Plasma ähnlichen äusseren
Lebensbedingungen unterworfen ist, wie sie für die Formbildung des
elterlichen Plasmas bestanden haben. Wir hätten also zwischen Dreyer
einerseits und den genannten Forschern anderseits den denkbar grössten
Gegensatz.
Ich glaube nicht, dass Dreyer vollkommen das Richtige getroffen
hat, dass sich aber die übrigen genannten Forscher im Irrtum befinden,
werde ich nachweisen. Dass sich die Vererbung mehr oder minder auf
die Seite schieben lässt, wie Dreyer es für möglich hält, erscheint mir
ausgeschlossen. Ich stimme vielmehr darin den Präformisten bei, dass
die Annahme eines aus geformten Elementen bestehenden Plasmas un-
erlässlich, dass die Vererbung an bestimmte Träger gebunden ist. Dass
diese aber unter sich ungleich seien, wie es auch 0. Hertwig, der sich
zur Theorie der Epigenesis bekennt, annimmt, hoffeich als den Grundirrtum
der neuesten Vererbungstheorien darthun zu können. Die bis in die
minutiösesten Einzelheiten ausgebaute Präformationstheorie Weismann's
soll uns zeigen, dass die Annahme einer erblichen Präformation verschie-
dener Vererbungsträger hinauslaufen muss auf die gleichzeitige Er-
Beseitigung des Peäformismus. 11
Schaffung aller Individuen einer Organismenart, die bestimmt sind, die
Erde zu bevölkern.
Weis mann denkt sich das Keimplasma aufgebaut aus „Iden" und
jedes Id zusammengesetzt aus „Determinanten", die sich ihrerseits wieder
aus „Biophoren" konstituieren. Jede Determinante soll sich in bestimmter
Weise aus Biophoren zusammensetzen und ebenso jedes Id aus den
Determinanten. Die Determinanten entsprechen den einzelnen Zellen
oder kleinen Zellgruppen des Körpers, und das Id hat deshalb einen
nahezu ebenso komplizierten Bau, wie der entwickelte Tier- oder
Pflanzenorganismus. Bei der Keimesgeschichte soll sich nun das Id in
seine Determinanten zerlegen, während sich die letzteren in ihre Bio-
phoren auflösen. Damit dieser Zerlegungsprozess in der richtigen Reihen-
folge vor sich geht, ist Weismann zu der Annahme gezwungen, dass
das Id einen festgeregelten architektonischen Aufbau hat, etwa so, dass
beispielsweise die Ide bilateral-symmetrischer Tiere gleichfalls bilateral-
symmetrisch sind. Weis mann hat diese Annahme mit Recht als uner-
lässlich erkannt, denn das Id wird während der Keimesentwickelung in
seine Determinanten und Biophoren zerlegt. Die eine feste Architektonik
des polymikten Keimplasmas verwerfende Ansicht aber, wonach sich
die bunte Schar der Biophoren, aus welchen die nächste Generation ent-
stehen soll, erst wieder in den Keimzellen zusammenzufinden hätte, um
durch regelrechte architektonische Aneinanderlagerung den Organismus
zu bilden, stösst auf die grössten Schwierigkeiten. Eine solche Hypothese
hat die Darwinsche Pangenesislehre so unannehmbar gemacht ; aber auch
wenn man mit de Vries annimmt, dass „Pangene" aller Art in sämtlichen
Zellkeimen vorhanden sind, bleibt deren regelrechte Verteilung unbe-
greiflich, und Weis mann bekämpft deshalb mit vollem Recht die bezüg-
lichen Anschauungen von de Vries. Da Weismann dieses mit grossem
Glück thut, so weiss ich nichts Besseres, als seine klaren und sach-
gemässen Ausführungen gegen de Vries hier folgen zu lassen. Weis-
mann sagt von den Schlussfolgerungen des holländischen Botanikers:
„Der Grundgedanke der ganzen Deduktion ist gewiss vollkommen
richtig; als ich vor einem Jahrzehnt zuerst anfing, mich in das Problem
der Vererbung zu vertiefen, glaubte ich noch an die Möglichkeit einer
epigenetischen Theorie, habe sie aber auch längst als unmöglich erkannt,
wie man im Verlauf dieses Buches sehen wird. Auch ich denke mir
die Vererbungssubstanz aus , Anlagen' zusammengesetzt und glaube sogar,
diese Annahme ajs unvermeidlich und als eine völlig gesicherte
12 II. Das Wesen der Entwickeltjng.
Dachweisen zu können. Aber ich meine nicht, dass wir mit ,Pangenem
ausreichen zur Erklärung der A r ererbungserscheinungen. de Vries lässl
die Keimsubstanz aus einer Menge verschiedener Arten von Pangenen
bestehen, von denen so viele vorhanden sein müssen, als , Eigenschaften'
bei der Art vorkommen. Diese Pangene denkt sich nun de Vries nicht
in festem geordneten Verband, sondern frei mischbar, wie es der an-
genommenen ,freien Mischbarkeit der Eigenschaften 1 entspricht. Höhere
Einheiten, die etwa eine bestimmte Zahl Pangene geordnet zusammen-
hielten, bekämpft er als eine überflüssige Annahme, und darin scheint
mir der schwache Punkt seiner Aufstellungen zu liegen.
„In dem Abschnitt über die Beherrschung der Zelle durch die Kern-
substanz werde ich mich dem — wie ich glaube — sehr glücklichen Ge-
danken von de Vries anschliessen, nach welchem materielle Teilchen
aus dem Kern austreten und in den Bau des Zellkörpers eingreifen.
Diese Teilchen entsprechen den , Pangenen', sie sind die ,Eigenschafts-
träger' der Zelle; durch ihre Natur, durch ihre verschiedenen Arten und
durch die Verhältniszahl derselben wird auch nach meiner Ansicht der
Zelle ihr spezifischer Stempel aufgedrückt.
..Aber beruht denn der Charakter einer Art blos auf diesen primären
, Eigenschaften" der Zellen? Giebt es nicht Eigenschaften 1 sehr verschiede-
ner Ordnung? primäre, sekundäre u. s.w.? Die , Pangene 1 sind primäre
Eigenschaftsträger, ihre blosse Anwesenheit in der Vererbungssubstanz
sagt noch gar nichts oder doch sehr wenig über den Charakter einer
Art aus. Wenn z. B. in der Eizelle einer Pflanze ,Chlorophyll-Pangene''
enthalten sind, so können wir daraus keinen weiteren Schluss auf ihre
Artcharaktere machen, als dass sie irgend welche grüne Zellen besitzen
wird; wo dieselben liegen, welche Teile der Pflanze grün, welche etwa
,panaschiert' sein werden, ob grüne, ob weisse oder anderswie gefärbte Blü-
ten an ihr entstehen werden, lässt sich daraus nicht entnehmen. Erst
wenn wir in der Keimsubstanz Gruppen von Pangenen entdeckten, von
welchen die einen für Blätter, die anderen für Blüten bestimmt wären,
kennten wir sagen, ob die letzteren grün oder anderswie ausfallen
werden.
„De Vries erwähnt einmal die Zebrastreif u ng. Wie soll ein
Charakter wie dieser vererbbar sein, wenn im Keim blos verschiedene
Arten von Pangenen lose nebeneinander liegen, ohne zu festen und als
selche vererbbaren Gruppen verbunden zu sein? Zebrapangene
kann es nicht geben, weil die Zebrastreifung keine Zellen-Eigenschaft
Beseitigung des Präfoemismds. 13
ist; es kann vielleicht kurz gesagt , schwarze' oder , weisse' Pangene
gehen, deren Anwesenheit die schwarze oder weisse Färbung einer Zelle
bedingen. Aber die Zebrastreifung beruht nicht auf Entwickelung von
Schwarz und Weiss innerhalb einer Zelle, sondern auf der regel-
mässigen Abwechselung von Tausenden streifenweise augeordneten
schwarzen oder weissen Zellen.
„De Vries bezieht sich auch einmal auf die zuweilen durch Rück-
schlag auf eine weit zurückliegende Stammform entstehende langstenge-
lige Abart der alpinen Primula acaulis. Auch hier kann der Charakter
der Langstengeligkeit nicht auf ,Langstengel-Pangenen' beruhen, denn
die Langstengeligkeit ist keine intracelluläre Eigenschaft. Ebensowenig
die spezifische Form der Blätter u. s. w. Der gesägte Rand eines Blattes
kann nicht auf der Anwesenheit von ,Säge-Pangenem beruhen, sondern
er beruht auf eigentümlicher Anordnung der Zellen des Blattrandes.
Ebenso verhält es sich fast bei allen Charakteren, die wir als
sichtbare Eigenschaften' der Art, Gattung, Familie u. s. w.
bezeichnen, so bei der Grösse, Struktur, Befilzung, Gestalt eines Blattes,
den charakteristischen und oft so durchaus konstanten Farbenflecken auf
Blumenblättern (Orchideen) u. s. w. Alle diese Eigenschaften' kommen
nur durch das ordnungsmässige Zusammenwirken vieler Zellen zu stände.
Oder denke man an Eigenschaften' des Menschen, an seine Schädel-,
seine Nasenform u. s. w. Alle diese so charakteristischen Eigenschaften'
können nicht einfach nur auf der blossen Anwesenheit der Pangene
im Keim beruhen, welche die Hunderte und Tausende verschiedener
Zellen bilden sollen, die die betreffende Eigenschaft' zusammensetzen,
sondern sie müssen auf einer festen und von Generation auf
Generation übertragbaren Gruppenbildung der, Pangene' oder
irgend welcher andern primärer Elemente des Keimes beruhen.
„Das Charakteristische der Art kann nicht blos auf Anzahl und
Verhältnis der Pangene im Keim beruhen. Es Hessen sich ganz wohl
zwei recht verschieden gebaute Arten denken, deren Pangen-Material des
Keimes nach Art und Zahl gleich wäre; der Unterschied würde dann
lediglich in einer Gruppenbildung von Pangenen im Keim liegen.
Allerdings führt de Tri es ,die svstematische Differenz auf den Besitz
verschiedener Arten von Pangenen' zurück und meint ,die Anzahl
der gleichartigen Pangene in zwei Species sei das wirkliche Haass ihrer
Verwandtschaft', allein dieser Ausspruch scheint mir nicht ganz zu stimmen
mit der Grundanschauung, von welcher ausgegangen wird, und nach
14 II. Das Wesen deh Entwickele
welcher .der Charakter jeder einzelnen Art aus zahlreichen erblichen
Eigenschaften zusammengesetzt ist, von denen weitaus die meisten
bei fast unzahligen anderen Arten wiederkehren'. Wird doch
ausdrücklich hervorgehoben, dass die grosse Anzahl verschiedener Pangene,
welche .zum Aufbau einer einzelnen Art: schon gehört, doch nicht zu
einer ganz unfassbaren Menge verschiedener Pangene in der gesamten
Organismenwelt führt, weil zum Aufbau dieser ,eine im Verhältnis zur
Artenzahl geringe Anzahl von einheitlichen erblichen Eigenschaften aus-
reicht. Jede Art erscheint uns als ein äusserst kompliziertes Bild, die
ganze Organismenwelt aber als das Ergebnis unzähliger verschiedener
Kombinationen und Permutationen von relativ wenigen Faktoren 1 .
„Der hier so klar und bestimmt ausgesprochene Gedanke des Auf-
baues zahlloser Arten aus verschiedenen Zusammenstellungen relativ
weniger Pangene zeigt, dass auch vom de Vries 'sehen Standpunkt aus
nicht das den Keim zusammensetzende Material an Pangenen in erster
Linie das Bestimmende für den Charakter der Art sein kann, sondern
in viel höherem Grade die Anordnung desselben, oder wie ich es
später bezeichnen werde: die Architektur des Keimplasma 's.
..Wohl spricht auch de Vries an verschiedenen Stellen von ,Gruppen'
von Pangenen, aber er streift den Gedanken nur und verweist seine
Ausführung auf die noch zu erwartenden weiteren Aufschlüsse über den
Mechanismus der Kernteilung. So wuchtig aber ohne allen Zweifel die
von de Vries vertretene Grundanschauung einer Zusammensetzung der
Keiinsiihstanz aus primären Anlagen ist, so täuscht sie doch leicht über
die Tragweite ihres Erklärungsvermögens; ohne die Annahme einer
Bildung vieler, einander umfassenden Ordnungen von Gruppen solcher
primärer Anlagen kommt man nicht zur Erklärung auch nur der ein-
fachsten Ontogenese, geschweige denn der verwickelten Erscheinungen
des Rückschlags und der amphigonen Vererbung überhaupt. Die Dar-
winsche i'angenesis leistet hier noch mehr als die de Vries'sehe
Abänderung derselben, insofern sie doch wenigstens mit Zellen-Anlagen
operiert, während die blosse Anwesenheit einer bestimmten Pangen-Ge-
sellschaft im Keim nicht einmal Sicherheit dafür gewährt, dass die gleichen
/eilen beim Kinde zu stände kommen, wie sie beim Elter vorhanden
waren: denn der Charakter der einzelnen Zelle wird durch eine bestimmte
Auswahl von Pangenen bestimmt. Wenn freilich angenommen wird,
dass die erforderlichen Pangene überall da beisammen liegen und zur
Verfügung stehen, wo man sie zur Erklärung einer Vererbungserscheinung
Beseitigung des Präformismtjs. 15
braucht, dann ist die Erklärung nicht mehr schwer, aber mir scheint,
dass es eben gerade darauf ankäme, zu zeigen, wieso die Beschaffenheit
des Keimes es bedingen kann, dass die rechten Anlagen immer am rechten
Ort sein müssen.
„DeVries spricht, wie gesagt, gelegentlich von Pangen-Gruppen,
auf der andern Seite aber verwahrt er sich gegen jede , höhere Einheiten'
im Keim als überflüssig. Ich kann diesen Widerspruch nur daraus ver-
stehen, dass er die Eigenschaften' für selbständig und völlig frei misch-
bar hält, somit eines Keim-Mechanismus bedarf, der ihre Trennung in
beliebiger Weise gestattet. Verhielte sich dies wirklich so, wären die
Anlagen nicht im Keim schon zu festen Gruppen verbunden, wie könnten
jemals komplizierte, aus vielen verschiedenartigen Zellen in bestimmter
Anordnung zusammengesetzte Charaktere, z. B. ein Augenfleck auf einer
bestimmten Feder eines Vogels, zum festen Artcharakter geworden sein?
Ich bin der Ansicht, dass die Selbständigkeit und freie Mischbarkeit der
Eigenschaften eine Täuschung ist, hervorgerufen durch die amphigone
Fortpflanzung. Der Abschnitt über amphigone Vererbung, Rückschlag u. s. w.
wird zeigen, wie ich mir das Zustandekommen dieses Scheins einer freien
Mischbarkeit der vereinzelten Eigenschaften vorstelle.
„Es wird im Verlauf dieses Buches noch vielfach hervortreten, in
wie vielen und gerade den wichtigsten Punkten ich mit dem holländischen
Botaniker auf dem gleichen Boden stehe, ich glaube aber allerdings, dass
seine ,Pangene' oder ähnliche kleinste Lebensteilchen allein zum Aufbau
einer Vererbungstheorie noch nicht genügen, dass noch einiges hinzugefügt
werden muss, um die Erscheinungen im Prinzip wenigstens begreifbar
zu machen."
So weit W e i s m a n n. Ich habe diese Ausführungen gegen
deVries, denen ich natürlich nur insofern beistimme, als ich für den
Bestand einer präformistischen Vererbungstheorie die Annahme eines bunt
zusammengesetzten, aber einer bestimmten Architektur folgenden Keim-
plasma's für unerlässlich halte, hier unverkürzt hergesetzt, um nunmehr auf
Grund dieser unwiderlegbaren Einwände zu zeigen, dass Weisman n's
Determinantenlehre ebenfalls unmöglich ist, wenn man nicht ihre Kon-
sequenzen ziehen und ans dem Lager der Wissenschaft in das des theo-
logischen Dogmatismus übergehen will.
Weis mann gelangt zu der Folgerung, dass in jeder Keimzelle
nicht blos ein Id vorhanden ist, sondern deren viele. Ein Teil von
diesen wird während der Keimesgeschichte in Determinanten zerlegt und
16 II. Das Wesen deh Entv «3.
in Biophoren aufgelöst, ein anderer Teil dagegen bleibt ruhig liegen
und aus ihm entstehen die Individuen der folgenden Generationen. Da
aber die Ide allmählich aufgebraucht werden müssten, folgert W eis man n
weiter, dass sich die nicht zur Auflösung in Determinanten und Biophoren
gelangenden Ide durch Teilung fortpflanzen und sich dadurch fort und
fort vermehren, so dass immer Reserve-Ide für künftige Generationen vor-
handen sind. Leider aber kommt die Vermehrung der Ide durch Teilung
auf dasselbe hinaus, wie fortgesetzte Neuschöpfung, denn bei der Teilung
muss das Id notwendigerweise zu Grunde gehen.
AVir könnten, um die Teilung zu verstehen, zunächst annehmen, dass
die einzelnen Determinanten des Ides durch Vermehrung ihrer Biophoren
wachsen. Wenn das der Fall wäre, so müssten die Ide sich auch bei ihrer
Vermehrung in ihre einzelnen Biophoren auflösen; wie diese sich aber
wieder in der durch die Körperarchitektonik der betreffenden Organis-
menart geforderten Weise zusammenfinden sollten, ist, wie Weismann
durch seine Ausführungen gegen de Vries selbst gezeigt hat, nicht ein-
zusehen; aus Unordnung kann keine Ordnung entstehen. Weismann
ist denn auch überhaupt nicht auf die Frage, auf welche Art und Weise
die Ide es fertig bringen, sich durch Teilung zu vermehren, eingegangen.
Die soeben angestellten Betrachtungen zwingen uns also dazu, die
Annahme, dass die Ide sich durch das Wachstum ihrer einzelnen De-
terminanten vermehren, zu verwerfen. Da bleibt denn weiter nichts als
die andere übrig, dass sich ein Teil des Ides ohne vorherige Vergrösserung
seiner Determinanten abspaltet und dass sich beide Teilstücke wieder
zu einem Ganzen vervollständigen. Macht man aber diese Annahme, so
versteht man nicht, wie das Id, das ja dann durch Wachstum nicht
verändert ist, dazu kommen soll, sich völlig willkürlich in zwei oder
mehrere Stücke zu spalten. Eine solche Spaltung kommt einem Dens
ex machina gleich. Wir können deshalb anstatt ihrer ebenso gut eine
Neuschöpfung des Ids durch Gott annehmen. Gesetzt aber auch., die
Zerklüftung des Ids wäre irgendwie auf mechanische Weise verständlich
zu machen, so müssten wir doch daran verzweifeln, die Vervollständi-
gung des zerbröckelten Ids zu einem Ganzen zu begreifen, denn ein Id
ist kein Kristall, sondern besteht aus einer grossen Anzahl von Teilen,
die im hohen Grade voneinander abweichen und sich nach YVeismann's
Annahme unabhängig voneinander verändern können.
Wie sollte nun der Bruchteil eines Ids dazu kommen, sich wieder
in regelrechter Weise zu ergänzen? Man müsste doch annehmen, dass
Beseitigung des Präformismus. 17
die an der Bruchfläche liegenden Determinanten, beziehungsweise die sie
zusammensetzenden Biophoren aus der umgebenden Nährsubstanz durch
Assimilation neue Biophoren und Determinanten bilden. Allein dadurch
würden nur solche Lebensträger und Bestimmungsstücke entstehen können,
wie sie zufälligerweise an der Bruchfläche liegen, und das Id müsste
sich deshalb in einer Weise ergänzen, die nun und nimmermehr zu der-
jenigen Vervollständigung führen könnte, welche von dem architektonischen
Aufbau des Körpers verlangt wird. Das könnte nur dann der Fall sein,
wenn die neu assimilierten Biophoren sich je nach ihrer Lage un-
gleich ausbildeten. Damit aber wäre die Präformation in ihr
Gegenteil, nämlich in Epigenesis verwandelt, und wenn wir
für die Vermehrung der Ide durch Teilung eine epigenetische Theorie
annehmen müssen, so wird sich uns auch für die Erklärung der Ver-
erbung überhaupt eine solche als die einzig zulässige aufdrängen. Ver-
werfen wir aber eine epigenetische Erklärung, so bleibt die Vermehrung
der Ide durch Teilung ein unlösbares Rätsel, und es bleibt dann weiter
nichts übrig, als dafür entweder immer neue Schöpfungsakte Gottes an-
zunehmen, oder die Keime sämtlicher zukünftiger Vertreter einer Or-
e-anismenart in den ersten von Gott erschaffenen Individuen dieser Art
eingeschachtelt sein zu lassen.
Dass aber die Annahme sich fortwährend wiederholender Neu-
schöpfungsakte wenig Befriedigendes für sich hat, haben schon die alten
Präformationstheoretiker gewusst. Sie Hessen deshalb die Keime der
späteren Generationen in die jeweilig lebenden Vertreter der Tier- und
Pflanzenarten eingeschachtelt sein und sagten, dass bei der Erschaffung
der Stammeltern der Tier- und Pflanzenarten auch gleichzeitig Keime
für alle folgenden Generationen erschaffen worden wären. Wenn unsere
neuen Präformationstheoretiker sich nicht zu der Annahme, dass bei jedem
Zeugungsakte eine Neuschöpfung durch Gott stattfindet, bequemen wollen,
was natürlich nur mit einem Verzicht auf die wissenschaftliche Erklärung
der Vererbung geschehen könnte, so bleibt ihnen nichts weiter übrig,
als zu der alten Einschachtelungstheorie zurückzukehren.
Jede Annahme persönlicher Schöpfungsakte ist aber unwissenschaft-
lich, weil sie sich vermisst, die Grenzen des Naturerkennens zu über-
schreiten.
Wir sind also zu dem Ergebnis gelangt, dass die Vererbung nicht
an ein polymiktes Plasma gebunden sein kann. Weismann hat uns
gezeigt, dass die vielfach verschiedenen Vererbungsträger, die der Prä-
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 2
18 II. Das Wesen der Entwickelung.
formismus annehmen muss, nicht angeordnet durcheinander gemischt
sein können. Sind sie aber, wie Weismann annimmt und an-
nehmen muss, architektonisch geordnet, so können die „Ide", welche sie
1 lüden , sich nur auf dem Wege der Epigenesis vermehren.
Die Epigenesis, deren Unmöglichkeit Weis mann „förmlich"' nachgewiesen
zu haben wähnt, erscheint, von Weis mann allerdings unbemerkt, wieder
wohlgemut auf der „Keimbahn", um dafür zu sorgen, dass es Weis-
m an n's Iden nicht an Nachkommen fehlt. Wei s m an n 's Determinanten-
lehre ist ein schönes Spielzeug, dessen Uhrwerk mit grosser Umsicht und
Exaktheit ausgefeilt worden ist; aber ein Perpetuum mobile hat auch
Weismann nicht fertig gebracht. Das Schicksal aller eingebildeten Er-
finder des Perpetuum mobile hat auch ihn ereilt; sein Perpetuum continuum
zerreisst, sobald sich die einen Ide in Determinanten und Biophoren
aufgelöst und die anderen durch den unbesonnenen Versuch, sich zu ver-
mehren, unfreiwilligen Selbstmord begangen haben. „Sterblicher" und
weniger „kontinuierlich" als Weis mann 's „Keimplasma" dürfte nicht
leicht irgend ein anderes Ding im Himmel oder auf Erden sein.
Der Präformismus ist damit endgültig beseitigt. Wir könnten ihn
also ruhig seinem Verfall überlassen, zumal man nach Goethe's Rat nicht
mit dem Irrtum streiten, sondern ihn nur andeuten soll. Aber der
Weismannismus hat schon zu viel Verwüstungen auf den Gefilden der
Biologie angerichtet, als dass wir ihn anseziert begraben dürften. Wir
haben uns also wenigstens mit dieser grössten Leistung präformistischer
Treibhauskultur noch weiter zu befassen.
b. Las Wesen der organischen Fornibildung.
Wer zur Entscheidung der Frage gelangen will, ob eine Vererbungs-
lehre auf Präformismus oder Epigenesis zu begründen ist, der muss
eine richtige Anschauung über das Wesen der organischen Form
zu gewinnen suchen. Das Wesen der Form lässt sich aber nur da-
durch richtig beurteilen, dass man Formen reihen aufzustellen sucht,
ihre Glieder untereinander vergleicht und die Unterschiede hervorhebt,
die gleichwertige Formen von ungleich wertigen trennen. Da die Prä-
tnimationstheorie darauf hinausläuft, alles, was wir am Organismus
beobachten, als gleich gut angepasst darzuthun, so können wir erstens
fragen, was denn den Unterschied zwischen höheren und niederen
Das Wesen der organischen Fortbildung. 19
Tieren, der uns so unverkennbar entgegentritt, bedinge, ob höhere Tiere
besser angepasst sind als niedere oder ob die Entwickelungshöhe nicht
durch die Vollkommenheit der Anpassung bedingt wird. Wir müssen ferner
fragen, ob die Anpassung entarteter Tiere, also etwa der Parasiten, eine
Vervollkommnung bedeute, oder ob wir auch bei jenen zwischen
Entwickelungshöhe einerseits und Anpassungsvollkommenheit anderseits
zu unterscheiden haben. Daran wird sich die weitere Frage schliessen, ob
die Variabilität nur nach einer Richtung oder nach allen Richtungen hin
arbeitet, und ob die einzelnen Teile eines Individuums in Abhängigkeit
voneinander variieren oder nicht, ob sie also durch Korrelation beherrscht
werden, oder ob ihnen Autonomie zukommt. Bei dieser Frage werden
wir zwischen wahrer und falscher Korrelation zu unterscheiden haben,
denn von Korrelation sprechen auch die Präformationstheoretiker. Es
fragt sich aber, ob das, was sie unter Korrelation verstehen, wirklich
solche ist; denn die Annahme echter Korrelation bedingt eine Verwer-
fung jeglicher präformistischer Anschauungen.
1. Epimorphisinus und Paramorphismus.
Der orthodoxe Darwinismus, welcher zur Zeit immer noch Zoologie
und Botanik beherrscht und namentlich von Weismann auf die Spitze
getrieben worden ist, hat die Sucht gezeitigt, in jeder einzelnen Einrich-
tung der Tiere und Pflanzen eine zweckmässige Anpassung zu erblicken.
Eine solche Anschauung verträgt sich freilich gut mit der Präforma-
tionstheorie, die eine Autonomie der im Keimplasma durch distinkte
Keimpartien vorgebildeten Organe annimmt. Weismann lässt, wie wir
gesehen haben, das Id, das einem tierischen oder pflanzlichen Art-
vertreter entsprechen würde, zusammengesetzt sein aus Determinanten,
und er lässt diese letzteren aus selbständig variierenden Biophoren
bestehen. Es herrscht also nach Weismann 's Anschauung volle Auto-
nomie der einzelnen Organe im Körper, denn diese können natürlich
nur dann selbständig variieren, wenn jedes für sich im Keime vor-
gebildet ist. Es fragt sich nur, ob die einzelnen Organe eines tierischen
oder pflanzlichen Individuums auch wirklich selbständig variieren, wie
Weismann stillschweigend voraussetzt. Wenn alle Einrichtungen eines
Organismus sich unabhängig voneinander verändern können, wenn sie
demnach alle in zweckmässiger Weise aneinander und an die Aussen-
welt angepasst sind, dann kann von einer Unterscheidung verschiedener
Entwickelungshöhen nicht die Rede sein, denn die Naturzüchtung würde
20 II. D\> Wesek des Entwickelung.
dann dafür sorgen, dass alle Tier- und Pflanzen-Arten in allen ihren
Eigenschaften so vollständig ihren Lebensbedingungen angepasst sind,
dass sie alle auf gleicher Entwickelungshöhe stehen: es tragt sich aber,
ob das thatsächlicb der Fall ist. Wir haben also darüber zu entschei-
den, ob sich unabhängig von zweckmässigen Einrichtungen höhere und
niedeiv Entwicklungsstufen unterscheiden lassen, oder ob das nicht
angeht, und ob alle Einrichtungen der Organismen gleich vollkommen
den Lebensbedingungen angepasst sind oder nicht.
Die Thatsache, dass hier wie dort eine Abstufung stattfindet, die
höhere und niedere Entwicklungsstufen , vollkommenere und unvoll-
kommenere oder gar fehlende Anpassung unterscheiden lässt, könnten wir
als Epimorphismus bezeichnen. Mit dem Namen Pararnorphismus
winde dagegen ein Verhalten der organischen Natur zu benennen sein,
wonach Entwickelungshöhe und Anpassungsvollkommenheit als gleich-
bedeutend zu betrachten sind und ein Unterschied zwischen vollkomme-
nen und unvollkommenen Einrichtungen nicht besteht.
Wir bekennen uns zur Epigenesis und haben demgemäss zunächst
den Nachweis zu führen, dass es unabhängig von jeglicher Anpassung
an bestimmte äussere Verhältnisse eine Abstufung der organischen
Formen nach ihrer Entwickelungshöhe giebt.
Dabei werden wir zweckmässigerweise zunächst diejenigen tierischen
Individualitäten untereinander vergleichen, die bei den meisten viel-
zelligen Tieren die Art repräsentieren; das sind die tierischen Personen.
An die Vergleichung der Personen hat sich dann eine solche der Organe,
aus welchen die Personen zusammengesetzt sind, und die der Stöcke,
die aus mehreren Personen bestehen, anzuschliessen.
Der Epimorphismus der Tierpersonen in Bezug auf ihre
Entwickelungshöhe, die nichts mit der Anpassungsvollkommenheit
zu'thun hat, ist unverkennbar für alle diejenigen, die nicht durch ein-
ginge Vererbungs- und Umbildungstheorieen an einer unbefangenen
Würdigung der Naturerscheinungen gehindert werden. Vergleichen wir
zunächst die erwachsenen Personen der gegenwärtig lebenden Tiere
miteinander, stellen wir also ein System der Entwickelungsabstufungen
innerhalb zusammengehöriger Gruppen auf, so zeigt es sich schon bei
Vergleichung der Grösse, dass diese unabhängig ist von besonderen
Anpassungen. In allen Tiergruppen ohne Ausnahme läuft neben der
Abstufung der Entwickelungshöhe auch eine solche der Grösse einher;
das ist unzweifelhaft für denjenigen, der die Vergleiche in richtiger Weise
Das Wesen der organischen Foembildtjng. 21
vornimmt, d. h. solche Entwickelungsreihen aufstellt, die einigerrnaassen
wenigstens der Vorfahrenreihe der betreffenden Tiere entsprechen. Man
darf nicht etwa einen Kolkraben und einen Strauss miteinander ver-
gleichen und dann sagen: der Strauss, der ja doch auf viel tieferer Ent-
wickelungsstufe steht als der Kolkrabe, widerlege durch seine Körper-
grösse den Satz, dass Körpergrösse und Entwickelungshöhe gleichbe-
deutend sind. Man muss vielmehr einen Kolkraben mit den übrigen
Arten der Gattung Corvus und diese mit den übrigen Gattungen der
Corviden vergleichen und von hier aus den Vergleich über andere Sing-
vogelgruppen ausdehnen. Es ergiebt sich dann, dass mit zunehmender
Körpergrösse bei den Vorfahren der Raben auch eine Erhöhung der Ent-
wickelungsstufe einherging, und dasselbe sehen wir überall in der Tier-
welt, wo wir die Vergleiche in richtiger Weise anstellen. Vergleichen
wir etwa die Menschenaffen mit den Hundsaffen, so finden wir, dass sie
im Durchschnitt weit grösser sind als diese; wir sehen ferner, dass die
letzteren in ihrer durchschnittlichen Körpergrösse hoch über den auf
tieferer Entwicklungsstufe stehenden Breitnasen stehen, dass diese ihrer-
seits wieder viel grösser sind als die kleinen Krallenaffen, und dass wir
unter den Halbaffen die kleinsten Vertreter der Vierhänder antreffen.
In ähnlicher Weise nimmt die durchschnittliche Körpergrösse in allen
übrigen Tierabteilungen mit zunehmender Entwickelungshöhe gleichfalls
zu. Es ist überflüssig, dafür noch weitere Beispiele anzuführen, denn
jeder, der seine Augen nicht verschliessen muss, um dem Anblick ihm
unangenehmer Dinge zu entgehen, wird leicht die Thatsache feststellen
können, dass das Gesetz zunehmender Körpergrösse das gesamte Tierreich
beherrscht, und ich glaube, dass auch die Botaniker zu ähnlichen Schlüssen
in Bezug auf die Pflanzen gelangen werden.
Dass aber die Körpergrösse gleichbedeutend ist mit Anpassungsvoll-
kommenheit, lässt sich nicht behaupten. Viele Riesentiere der Vorwelt
mussten deshalb zu Grunde gehen, weil ihre Körperdimensionen zu ge-
waltige waren. Wenn allein Anpassungszweckmässigkeit die Entwickelung
der organischen Welt beherrschte, so wäre nicht einzusehen, weshalb es
überhaupt Organismen von so ungleicher Körpergrösse giebt, wie wir sie
thatsächlich antreffen. Wenn, wie Weismann will, Körperplasma und
Keimplasma nichts miteinander zu thun haben, wenn das Körperplasma
nur da ist, um die Ernährung des Keimplasma's zu besorgen, wenn also
etwa der gewaltige Walfisch nur die Bedeutung hat, seine Keimzellen
in der Welt herumzutragen, wie es doch nach Weis mann 'sehen An-
22 II. Das Wesen dek Entwickelitng.
schauungen nicht anders sein kann, so sieht man nicht wohl ein, weshalb
die Natur solcher Riesentiere bedurft hat, um eine geringe Anzahl winziger
mikroskopischer Objekte im Meere spazieren zu führen. Die vielgerühmte
Sparsamkeit der Natur erscheint hierbei in sonderbarem Lichte, und das
vergötterte Selektionsprinzip scheint doch manchmal recht unbrauchbare
Dinge gezeitigt zu haben. Wenn thatsächlich alle einzelnen Einrichtungen
der Tiere und Pflanzen zweckmässige Anpassungen bedeuten, wenn, wie
Weis mann will, an den Walfischen geradezu alles angepasst ist, so kann
man nur staunen über die Mühe, welche es machen muss, etliche win-
zige Keimzellen des Walfisches im Meere fortzubewegen.
Wenn zweckmässige Anpassung allein die Welt beherrschte und alle
einzelnen Teile des Organismus aufs genaueste ihren Aufgaben ent-
sprächen, wenn die Natur unbarmherzig jede unzweckmässige Einrichtung
zerstörte, so dürfte die Körpergrösse der Organismen niemals die Grenze
überschritten haben, die durch die Grösse der Keimzellen bedingt wird.
Eine Schöpfung mehrzelliger Organismen und eine Trennung von Keim-
zellen und Körperzellen könnte niemals stattgefunden haben; denn da
es sich nach den Anschauungen Weismann 's und seiner Anhänger,
welche die Natur lediglich durch ein auf die Spitze getriebenes Selektions-
prinzip beherrscht sein lassen, um nichts weiter handeln kann, als dass
die Tier- und Pflanzenarten thunlichst vor dem Aussterben beschützt
werden, da es ferner lediglich Zellen mit Keimplasma sind, welche die
Portpflanzung besorgen, so sind alle anderen Zellen überflüssig und müssten
deshalb nach orthodoxer darwinistischer Anschauung vom Übel sein.
Die Organismenschöpfung hätte nie über die Bildung etwa von Bakterien
hinauskommen dürfen, und diese zeigen ja auch, dass sie vollkommen
befähigt sind, ihre Art zu erhalten, während grosse Tiere, wie Walfisch
und Elefant, sich nur äusserst langsam fortpflanzen. Die Abstufung der
Grössenverhältnisse im Tier- und Pflanzenreich spricht also durchaus
dagegen, dass alle einzelnen Einrichtungen des Tier- und Pflanzenkörpers
besonderen Anpassungen ihre Entstehung verdanken. Die Grössenver-
hältnisse der Organismen zwingen uns zu der Annahme eines Epimor-
phismus, einer Abstufung in Bezug auf die Entwickelungshöhe, welch'
letztere nichts mit Anpassungsvollkonnnenheit zu thun hat.
Das Gleiche lehren uns die geometrischen Grundformen der
Tiere und Pflanzen. Man kann ohne alle Bedenken behaupten, dass
aus Tieren, deren Grundformen durch gleiche Achsen bedingt werden, sich
solche zu entwickeln trachten, bei welchen die Achsen ungleich sind,
Das Wesen der organischen Formiulduxg. 23
bei welchen die allseitige Symmetrie mehr und mehr abzunehmen bestrebt
ist. Das lehren eine grosse Reihe von Tiergruppen. Die Grundformen
der Medusen nehmen ihren Ausgang von einer regelmässigen Pyramide,
einer geraden Pyramide, die durch gleiche Kreuzachsen bedingt wird.
Solche Formen gehen in die mit zwei ungleichen Kreuzachsen, deren
Grundfläche ein zweischneidiges oder amphithektes Vieleck, in den meisten
Fällen ein Rhombus ist, über. Bei diesen Formen sind die gleichwertigen
Körperstücke einander paarweise symmetrisch-gleich und kongruent. Durch
weitere Abnahme der ursprünglich allseitigen Symmetrie entstehen zwei-
seitig-symmetrische Formen, die nur noch aus spiegelbildlich gleichen,
aber nicht mehr aus kongruenten Hälften zusammengesetzt sind. End-
lich giebt es bei den Medusen auch unsymmetrische Formen, die zwar
aus zwei kongruenten, aber aus unsymmetrischen Hälften zusammen-
gesetzten gleichwertigen Körperstücken bestehen; solche Formen sind die
Velellen. Wir sehen nun, dass die Abnahme der Symmetrie eine Zu-
nahme der Organisationshöhe bedeutet, denn das zeigt sich unverkennbar
bei Vergleichung der sonstigen Organisationsverhältnisse der Medusen,
die sich durch ungleiche Grundformen unterscheiden. Es geht aber aus
einer solchen Vergleichung aufs deutlichste hervor, dass die Grundform
bei den Medusen nichts zu thun hat mit der Anpassungsvollkommenheit.
Eine quadratpyramidenförmige Meduse ist ebenso gut zu leben befähigt
wie eine, deren Grundform einer rhombischen Pyramide entspricht.
Eine ähnliche Grundformenreihe wie bei den Medusen können wir
bei den Korallen aufstellen. Die Aktinien und ihre Verwandten haben
zwei Symmetrieebenen; die Edwardsien stehen in der Mitte zwischen
den Aktinien und den Oktokorallen, welch' letztere nur noch eine einzige
Symmetrieebene besitzen. Ähnliches finden wir bei den Seeigeln. Die
Entwickelung der Grundform hat ihren Ausgang genommen von Arten
mit regelmässig fünfseitiger Pyramidenform, wie wir sie bei den ältesten
Seeigeln finden. Es bildet sich aber nach und nach anstatt der fünf
Symmetrieebenen eine einzige heraus, so dass wir schliesslich bei aus-
gesprochen bilateral-symmetrischen Formen anlangen. In allen Gruppen
der echten Mollusken herrscht das Streben, aus symmetrischen Tieren
unsymmetrische zu machen, und ähnliches lässt sich für andere Tier-
gruppen behaupten. Asymmetrie ist das Ziel der Grundformenent-
wickelung, allseitige Symmetrie bildet ihren Ausgangspunkt. Dass die
Grundformenverhältnisse in allen Tiergruppen zweckmässige Anpassungen
an eigenartige Existenzbedingungen bedeuten, wird nur derjenige zu be-
24 II. Das Wesen der Entwii keli ng.
haupten wagen, der durch unzulängliche Vererbungslehren zu einer sol-
chen Behauptung gezwungen ist. Es ist zwar sicher, dass die symmetrische
Körperform beim Vogel und beim Fisch eine recht zweckmässige ist,
allein was hat die leichte Andeutung einer Asymmetrie bei den Kteno-
phoren oder Kammquallen mit dem Wohl und Wehe dieser Tiere zu
thun ? Weshalb sollten sich Medusen mit einem Tentakel wohler be-
finden, als solche mit vieren ? Weshalb sollten sie weniger leicht dem
Untergange preisgegeben sein? Man kann sogar behaupten, dass solche
Medusen recht unzweckmässig gebaut sind. Es lässt sich also die Ab-
stufung der Grundformen, die uns in vielen Tiergruppen so unver-
kennbar entgegentritt, in keiner Weise mit demjenigen Nützlichkeitsprinzip
in Einklang bringen, das in jeder Einrichtung eine besondere Leistung
der Naturzüchtung erblickt, und was in dieser Beziehung von den Tieren
gilt, gilt auch von den Pflanzen, denn regelmässige Blüten werden so
gut befruchtet wie unregelmässige. Die Grundformen Verhältnisse der
Organismen lassen einen Epimorphismus erkennen, der nichts mit An-
passungsvollkommenheit zu thun hat, sondern sich lediglich auf die Ent-
wickelungshöhe bezieht.
Nichts mit dem Nützlichkeitsprinzip zu thun hat auch die allmäh-
liche Verminderung homologer Organe, die bei den Tieren im
Laufe der Stammesgeschichte stattgefunden hat. Auch durch Vergleichung
der Anzahl homologer Organe in einer Organismenreihe erkennen wir
aufs unzweideutigste einen Epimorphismus. So vermindert sich die
Anzahl der Zehen bei den Säugetieren stetig innerhalb fast aller Ab-
stammungsreihen. Die Anzahl der Wirbel wird in fast allen Reihen der
Wirbeltiere fortwährend vermindert, so dass beispielsweise der Schwanz
der Säugetiere immer kürzer wird und endlich schwindet. Ähnliches
lehren die Gliedertiere, z. B. die Krebse. Die Zahl ihrer Folgestücke
oder Metameren nimmt ab und die ihrer Gliedmaassen wird reduziert.
Man wird vielleicht versucht sein, hierin eine zweckmässige Einrichtung
zu erblicken, weil eine geringere Anzahl von Organen eine bessere An-
passung im einzelnen zulasse. Allein die Asseln und andere niedere
Krebse erfreuen sich ebenso gut ihres Daseins wie die Krabben, und die
Tausendfüsse existieren ebenso gut wie die Insekten. Unter den letzteren
befinden sich die mit vier Flügeln ebenso wohl wie die zweiflügeligen.
Der Mensch, der doch allgemein als das höchstentwickelte Säugetier
betrachtet wird, hat noch an Hand und Füssen die fünf Zehen seiner
ältesten Vorfahren im Stamme der Säugetiere, und eben deswegen
Das Wesen der organischen Formbildung. 25
ist er befalligt, Kunstwerke auszuführen, wie sie kein anderes Tier an-
zufertigen vermag. Vervollkommnung der Anpassung geht also keines-
wegs Hand in Hand mit der Reduktion gleichwertiger Organe. Was
hat mit der Anpassungsvollkommenheit etwa die Verkürzung des Schwanzes
bei den Säugetieren zu thun? Wir gelangen durch diese Betrachtungen
zu dem Satze, dass die Reduktion homologer Organe im Laufe der
stammesgeschichtlichen Entwicklung einen Epimorphismus bedeutet, der
unabhängig ist von zweckmässiger Anpassung im einzelnen.
Ein ähnlicher Epimorphismus ergiebt sich in Bezug auf die relativen
Grössenverhältnisse der einzelnen Gliedmaassen innerhalb einer
Tiergruppe. Bei den Säugetieren nimmt im grossen und ganzen die An-
zahl der Beine stetig ab, die der Arme ebenso stetig zu, und ich werde
demnächst zeigen, dass dieser Epimorphismus nichts zu thun hat mit
der Anpassung, dass sich die Anpassung der Organe im einzelnen viel
mehr nach dieser Abstufung der Entwickelungshöhe zu richten hat. Für
die Zeichnung der Tiere ist der Epimorphismus der Entwickelungshöhe
durch Eimer festgestellt worden. Dieser verdienstvolle, aber leider viel-
fach verkannte Naturforscher hat gezeigt, dass die Verteilung der Far-
ben bei den Tieren nach festen Gesetzen erfolgt. Bei den Säugetieren geht
Fleckenzeichnung aus Längsstreifung und die Querstreifung aus Flecken-
zeichnung hervor, und wenn sich damit auch die Zeichnung der Schmetter-
linge und Vögel vielleicht nicht vergleichen lässt, so zeigt sich doch
überall ein unverkennbarer Epimorphismus. Bei den Vögeln besteht
dieser darin, dass buntgezeichnete Tiere Einfarbigkeit anstreben. Man
braucht, um dieses sofort zu sehen, nur die Raben mit ihren tiefer stehenden
Verwandten, den Paradiesvögeln, zu vergleichen, oder die kleinen überaus
bunten Papageien Australiens neben die Kakadus und Aras zu stellen.
Sowohl unter den Kakadus als auch unter den Aras sind die höchstent-
wickelten Formen, also einerseits der Arara-Kakadu, anderseits der
Hyacinth-Ara, durch Einfarbigkeit ausgezeichnet. Der Epimorphismus
der Entwickelungshöhe zeigt sich in der That nirgends so gut, wie
an der Zeichnung der Tiere, mögen nun die Gesetze, welche Eimer
aufgestellt hat, das Richtige getroffen haben oder anderen Platz machen
müssen. Dass die Entwicklung der Zeichnung durch strenge Gesetz-
mässigkeit beherrscht wird, lässt sich nicht in Abrede stellen, und diese
Gesetzmässigkeit bedeutet keineswegs eine Anpassung an äussere Ver-
hältnisse, sondern bringt lediglich einen Epimorphismus der Entwickelungs-
höhe zum Ausdruck.
26 II. Das Wesen deb Entwickelung.
Der Epimorphismus der Organe lässt sich schwieriger feststellen,
als derjenige ganzer Personen, soweit wenigstens die Entwickelungshöhe
der Organe betroffen wird ; indessen zeigt sich doch auch bei ihnen viel-
fach eine unverkennbare Abstufung der letzteren. Als Beispiel führe
ich das Hirschgeweih an, dessen Entwickelung mit kleinen, kurzen,
bleistiftdicken Stangen begonnen und zu dem stattlichen Kopfschmuck
des Wapiti und dem gewaltigen Geweih des Riesenhirsches geführt hat.
Die Anzahl der Sprosse nimmt stetig in gesetzmässiger Weise zu, und
die Sprosse zeigen das Bestreben, miteinander zu verschmelzen und
Schaufeln zu bilden. Man braucht nur Abbildungen von Hirschen mit-
einander zu vergleichen , um sich von diesem Epimorphismus der Ent-
wickelungshöhe eines Organ es zu überzeugen, und wer lebende Hirsche
beobachtet hat, der kann sich der Einsicht nicht verschliessen, dass grosse
Hirschgeweihe doch recht unzweckmässig sind ; verdankt doch vielleicht
der Riesenhirsch dem gewaltigen Geweih seinen Untergang. Ähnliches
wie für das Geweih der Hirsche gilt für die Hörnerformen der Antilopen
und anderer Wiederkäuer. Bei den Büffeln hat die Entwickelung der
Hörnerform ihren Ausgang genommen von graden, spitzen Hörnern, w r ie
Avir sie noch bei der Anoa von Celebes finden. Den Hörnern der Anoa
gleichen die der jüngeren Büffelkälber; sie biegen sich dann später auf
die Seite und bilden endlich die gewaltigen Hornplatten auf dem Schädel
des Kafferbüffels. Dass dessen Gehörn aber zweckmässiger wäre, als
das der Anoa, lässt sich nicht behaupten; im Gegenteil erscheint das
letztere viel mehr geeignet zu erfolgreicher Bekämpfung von Gegnern,
als das des Büffels. Ein ähnlicher Epimorphismus lässt sich für die
Hörnerform der Gnus und aller anderen Antilopen feststellen; sie hat
nichts zu thun mit zweckmässiger Anpassung. So ergiebt sich auch bei
Organen ein Epimorphismus der Entwickelungshöhe, für welche jeder
Belege zu finden wissen wird.
Dasselbe gilt für den Epimorphismus der Stöcke; auch dieser ist
unverkennbar, zumal bei den Pflanzen; aber auch für die Tiere hat er
Gültigkeit. Solches lehren beispielsweise die Grundformen der Stöcke bei
den Korallen. Wir finden hier eine ähnliche Übergangsreihe von viel-
seitig- zu zweiseitig -symmetrischen Stöcken, wie bei den Personen der
Korallen; wir brauchen nur die Grundformen der Pennatuliden unter-
einander zu vergleichen. Mit zweckmässiger Anpassung haben diese nichts
zu thun; ebensowenig lässt sich das letztere von der zunehmenden Ein-
heitlichkeit der Stöcke bei den Siphonophoren behaupten; diese zeigen
Das Wesen der organisches Formbildung. 27
das unverkennbare Bestreben, ihren schwimmenden Polypenstock einheit-
licher zu gestalten, so dass er mehr und mehr einer einzelnen Person
ähnlich wird.
Nach alledem kommen wir zu dem Ergebnis, dass die Entwickelungs-
höhe der Tiere eine ganz unzweideutige Abstufung zeigt, dass ein un-
verkennbarer Epimorphismus sie beherrscht. In Bezug auf diese Ent-
wickelungshöhe, die nichts mit zweckmässigen Einrichtungen im einzelnen
zu thun hat, sind die Tiere durchaus ungleichwertig. Sehen wir nunmehr
zu, ob sich auch für die mehr oder minder weitgehende Anpassung
ähnliches ergiebt oder nicht!
Die Höhe der Anpassung ist nicht an die der Entwickelung ge-
bunden, und vielleicht könnten deshalb alle Tiere gleich gut angepasst
sein, obwohl sie nicht auf gleicher Entwickelunghöhe stehen. Das ist
aber nicht der Fall; es giebt sicher Tiere, die besser angepasst sind
als andere. Die Wanderratte hätte niemals die Hausratte verdrängen
können, wenn diese ihrem Wohngebiete gut angepasst gewesen wäre.
Obwohl die Wanderratte aus einem anderen Gebiete zu uns nach
Europa kam, hat sie dennoch die Hausratte in verhältnismässig kurzer
Zeit bis auf wenige Reste verdrängt. Das hätte nicht möglich sein können,
wenn die Organe der Tiere unabhängig voneinander variieren, wenn
also für jedes Organ zu jeder Zeit die Möglichkeit gegeben ist, sich
neuen Anforderungen entsprechend umzüchten zu lassen. Wir finden
aber, dass die Organe ungleich gut angepasst sind, dass ein und dasselbe
Tier gut und schlecht angepasste Organe besitzt. Das könnte nicht der
Fall sein, wenn jedes für sich variierte, wenn also präformistische Ver-
erbungstheorien das Rechte getroffen hätten. Epigenetische setzen Wechsel-
wirkung, Korrelation voraus, und wo Korrelation herrscht, sind die Organe
voneinander abhängig und können sich deshalb nicht in beliebiger
Weise an die Aussenwelt anpassen. Neben dem Epimorphismus der
Entwickelungshöhe finden wir also auch einen Epimorphismus der An-
passungsvollkommenheit.
Dieses Gesetz bleibt auch in Geltung, wenn wir nicht nur die heutige
Tierwelt ins Auge fassen , sondern die Faunen der verschiedenen Erd-
perioden miteinander vergleichen. Neben einem unzweideutigen geo-
logischen Epimorphismus, der sich in der Entwickelung aller Tiergruppen
dadurch ausspricht, dass höhere Formen auf niedere folgen, finden wir
ebenso unzweideutig, dass die Anpassungsvollkommenheit unabhängig
von geologischer Stufenfolge ist. Wir finden schon in den ältesten Eid-
28 IL Das Wesen der Entwickelung.
schichten Tiere, die in hochgradiger Weise ihren Lebensbedingungen
angepasst gewesen sein müssen. Eine Präformationstheorie vermag den
geologischen Epimorphismus der Entwickelungshöhe nicht zu erklären,
denn da sie alle Tiere als gleich gut angepasst betrachten muss, so
müsste es möglich gewesen sein, dass die Entwickelüng einer Tiergruppe
bald nach vorwärts und bald nach rückwärts erfolgte. Warum sich die
Tiere unaufhörlich in einer Richtung weiter gebildet haben, ist nach
präformistischer Ansicht nicht einzusehen. Es hätte, wie bereits Nägeli
ausgeführt hat, ein unsicheres Hin- und Herschwanken geben müssen,
denn die Lebensbedingungen haben vielfach gewechselt und sind keines-
wegs nach einer Richtung hin verändert worden. Vögel hätten sich
wieder zu Reptilien umbilden müssen, wenn die Entwickelüng allein von
Zweckmässigkeitsrücksichten in Bezug auf Einzelheiten beherrscht wird.
Aus höheren Säugetieren hätten wieder niedere werden müssen, kurz ein
Epimorphismus hätte nicht eintreten können. Bei Präformation, bei
Autonomie der einzelnen Vererbungsträger des Keimplasma's , ist Vor-
wärts- und Rückwärtsentwickelung möglich. Der Epimorphismus lässt
sich mit ihr nicht vereinigen.
Dasselbe gilt von dem geographischen Epimorphismus, der noch
wenig Beachtung gefunden hat, aber berufen ist, ein entscheidendes
Wort in entwickelungsgeschichtlichen Fragen zu sprechen. Die Ver-
breitungsgebiete der Säugetiere sind in unverkennbarer Weise abgestuft.
Australien, Madagaskar, Afrika und der Norden der alten Welt zeigen
einen geographischen Epimorphismus, wie er schöner nicht gedacht
werden kann. Australien beherbergt Beuteltiere und Ursäuger, Mada-
gaskar niedere Vierhänder, die Halbaffen, und tiefstehende Raubtiere
und Insektenfresser, Afrika eine Reihe höherer Tierformen, wie sie in
Madagaskar noch fehlen, und aus der Säugetiergeschichte des Nordens
der östlichen Erdhalbkugel geht hervor, dass hier die höchsten Formen
gelebt haben müssen, zu welchen es die Säugetiere überhaupt gebracht
haben. Ist doch auch dieses Gebiet die Heimat der höchstentwickelten
Menschenrassen. Ich kann bei diesem geographischen Epimorphismus
der Säugetiere hier nicht länger verweilen und verweise denjenigen,
der Weiteres darüber nachzulesen wünscht, auf meine „Schöpfung der
Tierwelt". Ich will nur noch darauf hinweisen, dass auch für die
Vögel ein ähnlicher faunistischer Epimorphismus gilt. In äusserst auf-
fälliger Weise zeigen das die Hühnervögel. Ihre tiefststehendeu Formen,
die Kiwis und Moas, finden wir in Neuseeland; etwas höher stehen die
Das Wesen der organischen Formbildung. 29
Wallnister, australische Hühnervögel, und die merkwürdigen Hühner
Südamerikas, und je mehr wir uns nach dem Norden hin bewegen, desto
höhere Formen erhalten wir; die höchststehenden sind die Waldhühner
des Nordens. Von den Spechten muss dasselbe gesagt werden; hoch
entwickelte Spechte finden wir im Norden, tiefstehende im Süden, und
ich glaube in meiner „Schöpfung der Tierwelt" den Nachweis geführt
zu haben, dass die Entwickelungshöhe abhängig ist von der Ausdeh-
nung des Wohngebietes, vorausgesetzt dass sich sonst alles andere gleich-
bleibt. In Bezug auf die verschiedenen Faunengebiete der Erde haben
wir also von einem Epimorphismus der Entwicklung zu sprechen.
Dagegen ist ein Paramorphismus der Entwickelungshöhe ebenso
unverkennbar, wenn wir die Tiere eines einzelnen Wohngebietes unter-
einander vergleichen, soweit solches durch die Verbreitungsmöglich-
keiten der verschiedenen Tiergruppen, die ja sehr verschieden sind, er-
laubt wird. Ein Land, das von tiefstehenden Säugetieren bewohnt wird,
beherbergt auch tiefstehende Vögel; wir brauchen nur an das austra-
lische Faunenreich zu erinnern, wo wir neben Beuteltieren und Ur-
säugern Emus und Kasuare, Grossfusshühner, Kiwis und andere tief-
stehende Vogelformen finden. Ähnliches gilt für Südamerika. Geo-
graphischer Epimorphismus der gesamten Tiergebiete muss ja durch
geographischen Paramorphismus in Bezug auf die Bewohner eines ein-
zelnen Gebietes bedingt sein. Wenn man sich näher mit tiergeogra-
phischen Fragen beschäftigen wollte, wozu leider nur geringe Aussicht
vorhanden ist, würde man diesen Satz überall bestätigt finden, sobald
bei den Vergleich ungen die nötige Umsicht beobachtet wird.
Wie der geographische Epimorphismus bei Annahme von Präfor-
mismus zu erklären ist, vermag ich nicht einzusehen, denn Präforniis-
miis setzt gleiche Anpassungsvollkommenheit voraus; für ihn ist
Anpassungsvollkommenheit gleichbedeutend mit Entwickelungshöhe; dann
aber könnte es keine faunistischen Abstufungen geben.
Vergleichen wir die einzelnen Länder der Erde miteinander in Be-
zug auf die Anpassungsvollkommenheit der von ihnen bewohnten
Tiere, so finden wir überall gute und schlechte Anpassungen. Während
die Tiere südlicher Länder allerdings häufig in hohem Grade einseitig
angepasst sind, sind die des Nordens durchweg vielseitiger, aber in
jedem Falle ebenso gut angepasst wie jene. Die Faunen der Erde
zeigen, dass in Bezug auf Anpassungsvollkommenheit sich ein Paramor-
phismus für die Gesamtheit der Faunengebiete feststellen lässt. Der
30 II. Das Wesen deb Entwickelüng.
Präformismus wird das Nebeneinanderbestehen dieses Paramorpliisnnis
und jenes Epimorphisnms schwerlieh erklären können , denn nach ihm
ist Entwickelungshühe und Anpassungsvollkommenheit gleichbedeutend.
Dem geographischen Epimorphisnms und Paramorphismus der Ent-
wickelungshöhe und Anpassungsvollkommenheit wird also nur eine epi-
genetische Theorie gerecht, weil diese Korrelation zur Voraussetzung hat,
Korrelation der einzelnen Zellen des Körpers und nicht minder auch
Abhängigkeit der Bewohner eines Landes von dessen Eigentümlichkeiten.
Jene Korrelation muss bedingen, dass unter übrigens gleichen Umstän-
den die Entwickelungshöhe von der Geschichte, die Anpas-
sung im einzelnen von der Beschaffenheit eines Landes ab-
hängt, wie wir später klar sehen werden.
Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangen wir, wenn wir die Ent-
wickelungsgeschichte des Individuums in Bezug auf die hier
vorliegenden Fragen zu Rate ziehen. Sie lehrt uns, dass die Anpassung
der einzelnen Organe auf gleicher ontogenetischer Stufe ungleich weit
gediehen ist, dass also hier Epimorphismus herrscht, und ferner, dass die
Anpassung des einzelnen Organes auf seinen verschiedenen ontogeneti-
schen Stufen ungleich vollkommen ist, was wiederum Epimorphismus
bedingt. Die Entwickelungshöhe ist auf verschiedenen ontogenetischen
Stufen ungleich für die einzelnen Organe, und die Entwickelungshöhe
der einzelnen Organe verglichen untereinander ist ungleich auf einer
und derselben Stufe; aber die ontogenetische Entwickelungshöhe des
gesamten Körpers nimmt bei Tieren, die nicht infolge von Para-
sitismus oder ähnlicher einseitiger Lebensweise verkümmert sind, im
grossen und ganzen zu.
Wie erklärt die Präformationstheorie diese Thatsachen? Nach ihr
sind die kleinsten Teile des Körpers autonom; es dürfte deshalb einen
Kpimorphismus, wie ihn die Ontogenie aufweist, nicht geben. Alle Teile
des Körpers müssten auf jeder ontogenetischen Stufe gleich gut angepasst
sein, denn sonst hätte das Zweckmässigkeitsprinzip eingreifen und die
weniger oder zu gut angepassten Teile beseitigen müssen. Augen und
Ohren des Menschen dürften sich erst kurz vor dem Gebrauch aus bis
dahin schlummernden Biophoren entwickeln. Aber die einzelnen Teile
des Organismus entwickeln sich, weil Epigenesis die organische Welt
beherrscht, in Abhängigkeit voneinander. Kpigenesis bedeutet Kor-
relation und diese lässt keinen ontogenetischen Paramorphismus der
Anpassungsvollkommenheit auf gleicher Entwickelungsstufe zu, denn
Das Wesen der organischen Formüiijum;. 31
in einem Gesamtsystem haben sich die einzelnen Teile nacheinander
zu richten, und jedes kann sich nicht auf beliebige Weise seiner Um-
gebung anpassen. Wenn die Präformationstheorie die ungleiche An-
passung der Organe während der Keimesentwickelung erklären will, so
muss sie notwendigerweise eine Einschachtelung der Organkeime, also
der Determinanten ineinander vornehmen. W e i s m a n n nimmt ja auch an,
dass Biophoren, Determinanten und Ide so lange latent bleiben, bis ihre
Zeit gekommen ist. Dieses Latentbleiben lässt sich aber auf keine an-
dere Weise erklären, als dass man die betreffenden Gebilde eingeschach-
telt sein lässt in diejenigen, die ihnen in der Entwickelung vorausgehen,
denn andernfalls könnten sie nicht in unthätiger Ruhe verharren, da die
Entwickelung doch auch nach Weismann 's allerdings inkonsequenter
Ansicht von Mechanismus und Chemismus beherrscht wird, da also jeder-
zeit eine Wechselwirkung der nebeneinander liegenden Stoffe nicht nur
möglich ist, sondern überhaupt nicht ausbleiben kann. Der Präformis-
mus muss notwendigerweise die Einschachtelungstheorie auch nach
dieser Seite hin ausdehnen.
2. Ortliogenesis und Amphigenesis.
Im allgemeinen hat die Entwickelung der Organismen nach oben
hin stattgefunden, d. h. es haben sich die höheren Entwicklungsstufen
aus den niedrigeren hervorgebildet. In vielen Fällen ist jedoch das Um-
gekehrte geschehen ; manche Tiere, beispielsweise die Parasiten und viele
Haustiere, sind degenerirt, und dasselbe gilt von vielen Organen auch
bei hochentwickelten Tieren.
Vor allem sind die Parasiten geeignet, das Wesen der Weis-
mann ' sehen Präformationslehre zu beleuchten; sie muss diese Tiere als
ebenso hoch entwickelt ansehen, wie etwa einen Elefanten oder den
Menschen, denn nach Weis mann ist alles nur angepasst, nach ihm
existiert nichts, das nicht zweckmässig wäre. Für Weismann 's Präfor-
mismus giebt es nur Anpassungsvollkommenheit.
Wir werden später Gelegenheit haben zu sehen, auf welche Weise
sich die Theorie der Epigenesis mit der Abstufung der Tierwelt ihrer
Entwickelungshöhe nach und mit der Degeneration der Organe und ganzer
Tiere abfindet, und wie die Präformationstheorie die Entartung zu er-
klären sucht. Im Anschluss an unsere bisherigen Betrachtungen haben
wir aber zunächst zu fragen, ob die Variabilität eine allseitige ist, oder
32 II- Das Wesen der Entwickelung.
ob sie nur nacli vorgeschriebener Richtung hin erfolgt, ob wir Amphi-
genesis oder Orthogenesis feststellen können.
Betrachten wir zunächst ein einzelnes Organ, etwa das Auge, so
sehen wir, dass dieses sich aus einem einfachen Pigmentbecher, der eine
Linse erhält, nach und nach zu jenem hochentwickelten Sinneswerkzeug
entwickelt, wie wir es etwa bei den Raubvögeln antreffen. Ein Hin und
Her in seiner Entwickelung hat es innerhalb einer zusammenhängend''!!
Abstammungslinie nicht gegeben, und wenn es verkümmert, bildet sich
ein Teil mit oder nach dem anderen zurück; ist es geschwunden, so
kann es nie wiederkehren. Es kann vielleicht an seine Stelle ein neues
Organ, etwa ein Taster treten, wie er sich bei den Caecilien findet, aber
ein einmal verschwundenes Organ kommt in der früheren Form nie
wieder zum Vorschein. Das gilt für sämtliche Organe der Tiere und
Pflanzen ; ihre Entwickelung ist, abgesehen von einigen Fällen plötzlichen
Rückschlags, die wir später erörtern werden, eine orthogenetische.
Genau dasselbe muss über den Gesamtkörper der Tiere und
Pflanzen ausgesagt werden. Innerhalb jeder Abstammungslinie ist die
Entwickelung immer nur nach einer Richtung hin vor sich gegangen,
überall hat Orthogenesis stattgefunden. Die Säugetiere sind vielleicht
von Amphibien abzuleiten, diese von tiefstehenden Fischen, wie die letz-
teren von schädellosen Wirbeltieren; aber nie und nirgends ist ein Säuge-
tier wieder zum Amphibium, ein Amphibium wieder zum Fisch geworden.
Das Pferd können wir in ununterbrochener Stufenfolge von fünfzehigen
Vorfahren ableiten. Aber wenn auch gelegentlich durch Rückschlag die
Anzahl seiner Zehen wieder verdoppelt wird, so ist es doch völlig aus-
geschlossen, dass aus den heutigen wild lebenden Pferden dermaleinst
wieder fünfzehige Tiere werden.
Wie will die Präformationslehre diese Thatsachen erklären, die That-
sache, dass die Entwickelung unter allen Umständen stets nach einer
Richtung hin erfolgt, und dass ein einmal geschehener Schritt niemals
wieder rückgängig gemacht worden ist, dass es also keine Amphigenesis
giebt. Im Laufe der Wechsel vollen Geschichte unseres Planeten müsste
eine derartige Rückentwickelung doch oft genug vorteilhaft gewesen sein,
namentlich dann, wenn die Verhältnisse wieder denen ähnlich wurden,
die ehedem geherrscht hatten. Man kann sich sehr wohl vorstellen, dass
es für flugunfähige Laufvögel unter Umständen von grossem Vorteil
gewesen sein müsste, wieder zu fliegenden Vögeln zu werden. Solches
oder ähnliches ist niemals geschehen. Und doch hätte es leicht eintreten
Das Wesen der organischen Formbildung. 33
müssen, wenn die Präformationstheorie mit ihrer Annahme autonomer
Vererbungsträger Recht hat.
Diese von Weis mann sogenannten Biophoren haben ja doch die
Fähigkeit, sich nach allen Richtungen hin umzubilden; sie müssen für
jeden Schritt vorwärts auch einen entsprechenden Schritt rückwärts thun
können. Wenn sie das nicht fertig bringen, dann sind sie eben nicht
autonom. Wenn sie aber geschehene Schritte ungeschehen zu machen
vermögen, so hätte oft genug eine Rückzüchtung stattfinden müssen.
Die Paläontologie zeigt aber, dass solches auch nicht in einem einzigen
Falle geschehen ist. Gewiss, die Parasiten sind degeneriert, aber auch
sie haben sich stets in gerader Richtung umgebildet. Die Vorfahren
der unförmigen Sackkrebse waren keine Tiere, die den letzteren irgend-
wie ähnelten.
Folgen wir aber der Epigenesislehre, so begreifen wir, dass sich die
Tiere wohl oder übel in einer Richtung weiterentwickeln müssen, denn
die Theorie der Epigenesis nimmt ein monotones Keimplasma, also
Abhängigkeit jeder Zelle des Körpers von dem gesamten Keim-
plasma an, und dieses lässt nur Entwickelung nach einer Richtung hin
zu. Verändert sich das Keimplasma durch irgend welche Einflüsse, so
verändern sich sämtliche Organe des Körpers. Wirken weiterhin
dieselben oder andere Umbildungsursachen auf das veränderte Keim-
plasma ein, so treffen sie ein anderes Plasma als zuvor, und dasselbe
geschieht, wenn neue Einflüsse von aussen wieder und wieder Verän-
derungen im Plasma hervorbringen. Alle Umbildungsursachen arbeiten
jedesmal mit einem anderen Plasma und eine Rückentwickelung kann
deshalb nicht stattfinden.
Freilich bleibt dabei noch unerklärt, warum die Höhe der Organi-
sation allmählich zunimmt. Diese Zunahme der Organisationshöhe werden
wir später ursächlich zu begründen haben. Jedenfalls ist die Präforma-
tionstheorie mit der unumstösslichen Thatsache der Entwickelung nach
einer Richtung hin völlig unvereinbar, weil sie nur durch die Annahme
autonomer Biophoren bestehen kann.
Der Satz, dass die Entwickelung nach einer Richtung hin stattfindet,
gilt aber nur für die durch Abstammung in auf- und absteigender Linie
verbundenen Glieder einer Entwickelungsreihe , nur für die gerade Vor-
fahren- und Nachkommenlinie jedes tierischen Individuums. Von einem
Punkte aus, wo sich eine Abstammungslinie in zwei oder mehrere Äste
spaltet, kann die Entwickelung nach mehreren Seiten hin stattfinden;
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 3
34 IL Das Wesen deb Entwickeli v;.
aber auch dann, wenn sich eine Abstammungslinie gegabelt hat, laufen
ihre Zweige oft annähernd parallel. So sehen wir beispielsweise, dass
der Daumen sich sowohl bei den Affen der Alten, als auch bei denen
der Neuen Welt rückzubilden bestrebt ist, und die Nager und Insekten-
fresser bilden zwei Gruppen niederer Säugetiere, deren Entwiekelung in
hohem Grade parallel gelaufen ist. Den Eichhörnchen unter den Nagern
entsprechen die Spitzhörnchen unter den Insektenfressern, die Igel unter
den letzteren finden ihr Gegenstück in den Stachelschweinen und deren
Verwandten unter den Nagern, die Entwiekelung der Spitzmäuse lief
der der Mäuse parallel, und ein solcher Parallelismus lässt sich für fast
alle anderen verwandten Tiergruppen und nicht minder auch bei den
Pflanzen feststellen.
Wie findet sich die Präformationstheorie mit diesen Thatsachen ab?
Sie kann sie nicht erklären, weil sie autonome Vererbungsträger, die in
grosser Anzahl das Keimplasma zusammensetzen, annehmen muss. Das
monotone Keimplasma der Epigenesislehre ermöglicht dagegen Entwicke-
lungsreihen, die zwar von einem Punkte aus divergieren, aber dennoch
in mancher Beziehung parallel laufen.
Dieser Parallelismus ist oft genug ein solcher, mit welchem An-
passungsähnlichkeiten nichts zu thun haben können. In allen Weich-
tiergruppen tritt, wie wir gesehen haben, das Bestreben hervor, unsym-
metrische Tiere zu bilden. Dieses lässt sich nur auf die Eigentümlich-
keiten des monotonen Plasma's der Urweichtiere zurückfuhren, weil das
letztere entweder schon hier die ersten Spuren der Asymmetrie bewirkte,
oder weil es die Fähigkeit hatte, sie in den einzelnen Abstammungsreihen
der Weichtiere hervorzubringen. Dadurch, dass es nicht aus autonomen
Biophoren zusammengesetzt war, sondern einen monotonen Bau hatte,
in welchem Veränderungen, welche die betreffenden Tiere unsymmetrisch
werden Hessen, eintreten konnten, musste es überall eine Umbildung nach
einer Richtung hin bewirken. Wenn man autonome Biophoren annimmt,
so vermag man nicht einzusehen, weshalb Asymmetrie in allen Gruppen
echter Weichtiere einzutreten bestrebt gewesen ist, denn als eine An-
passung an ähnliche Lebensbedingungen kann sie unmöglich aufgefasst
werden.
Korrelation und Autonomie. 35
c. Korrelation und Autonomie.
An der Thatsache der Korrelation muss jede Präformationstheorie
scheitern. Wer sich freilich zur Kettung unhaltbarer Vererbungslehren
einzureden sucht, dass die einzelnen Organe des Tier- und Pflanzen-
körpers unabhängig voneinander variieren, der kann nicht die Über-
zeugung gewinnen, dass alle Zellen des Körpers sich verändern, wenn
eine einzige von ihnen umgebildet wird. Und doch ist dieser Satz, auf
welchen sich die Epigenesistheorie gründet, absolut unanfechtbar,
denn auch die allernächstverwandten Tier- und Pflanzenarten und schwer
voneinander zu trennende Rassen einer Art unterscheiden sich bei ge-
nauem Zusehen in aller und jeder Beziehung voneinander. Das-
selbe gilt von den Individuen einer Art. Wir dürfen mit vollkommener
Sicherheit behaupten, dass zwei Tiere, die in Bezug auf eine einzige
Zelle voneinander abweichen, es auch in allen anderen thun. Der-
jenige Systematiker, welcher diesen Satz umstösst, wird nicht gefunden
werden. Denn, wer nur seine Augen offen hat, kann ihn auf Schritt und
Tritt bestätigt finden. Was aber sagen die Präformationstheoretiker dazu?
Weismann hält sich überhaupt nicht bei dieser Frage auf. Er
betrachtet es von vornherein als ganz selbstverständlich, dass alle Or-
gane des Körpers unabhängig voneinander variieren, und begründet
durch diese völlig unbegreifliche Annahme seinen sogenannten „förm-
lichen Beweis" dafür, dass nur eine Präformationstheorie die Vererbung
zu erklären vermag. Dagegen giebt de Vries sich Mà ¼he, die Behaup-
tung, dass die einzelnen Teile der Organismen unabhängig voneinander
variieren, einigermaassen zu beweisen. Da Weismann den Satz von
der autonomen Variabilität der Organe fast stillschweigend als selbst-
verständlich hinstellt und gar nicht daran denkt, ihn irgendwie zu be-
gründen, so müssen wir uns an de Vries halten, um diese uns un-
begreifliche Behauptung in ihr rechtes Licht zu setzen.
De Vries sagt, dass man früher jede Art als eine Einheit betrach-
tet habe und die Gesamtheit ihrer Artmerkmale als ein einheitliches
Bild, und wundert sich darüber, dass die neuesten Theorien der Verer-
bung dieses Bild als ein der weiteren Zerlegung nicht bedürftiges
hinnehmen. Das Licht der Abstammungslehre zeigte nach de Vries,
dass die Artcharaktere aus einzelnen voneinander mehr oder weniger
unabhängigen Faktoren zusammengesetzt sind. Fast jeden dieser letzte-
ren soll man bei zahlreichen Arten finden, und ihre wechselnde Grup-
36 II. Das Weseb der Entwickeli
pieruüg und Verbindung soll die ausserordentliche Mannigfaltigkeit der
Organismenwert bedingen. Sogar die einfachste Yergleichung der ver-
schieden« 11 Organismen führt Dach de Vries zu der Überzeugung von der
zusammengesetzten Natur der Artmerkmale. Dieselben Blattformen, die-
selben gröberen und feineren Einkerbungen des Blattrandes sollen nach
der Ansicht des holländischen Botanikers bei zahlreichen Arten wieder-
kehren, und schon die gewöhnliche Terminologie soll lehren, dass die
Bilder sämtlicher Blattformen aus einer verhältnismässig geringen Zahl
von einfacheren Eigenschaften zusammengesetzt sind. — Es wäre über-
flüssig, meint de Vries, die Beispiele zu häufen, denn sie seien einem
jeden leicht zugänglich, und es komme nur darauf an, sich in den Gedan-
ken, dass die Natur der Artmerkmale eine zusammengesetzte ist, so
vollständig einzuleben, dass man überall die Zusammensetzung des Bildes
aus seinen Einzelheiten klar durchschaut.
Freilich, darauf kommt es allerdings an! Wer sich nicht in den
Gedanken einer unmöglichen Vererbungstheorie eingelebt hat, der wird
völlig anderer Ansicht sein , dem wird sich niemals zeigen , dass der
Charakter jeder einzelnen Art aus zahlreichen erblichen Eigenschaften
zusammengesetzt ist, von denen weitaus die meisten bei fast unzähligen
anderen Arten wiederkehren, der kann unmöglich glauben, dass die
Faktoren, welche den Charakter der einzelnen Arten zusammensetzen,
von ungleichem Alter sind, wie de Vries behauptet. Keine Über-
legung vermag dem, der sich nicht dem Präformismus in die Arme ge-
worfen hat, zu zeigen, dass die Merkmale einzeln oder in kleinen Gruppen
erlangt worden sind. Ein solcher wird auch parallele Anpassungen in
entfernten Teilen des Stammbaumes nicht zur Begründung einer Autono-
mie der Vererbungsträger heranziehen und die insektenfressenden Pflanzen
nicht zur Aufstellung der Behauptung benutzen, dass das Keimplasma
ein Mosaik ist, weil Pflanzen der verschiedensten natürlichen Familien sich
zu Insektenfressern umgebildet haben und deshalb „Pangene" in ihrem
Keimplasma führen müssen, welche diese Eigenschaft bedingen, sie deshalb
hervorbringen können, weil sie unabhängig von den übrigen Pangenen
des Körpers sind. Auch die "Wüsten- und Ameisenpflanzen wird nur der
Präformationstheoretiker zur Begründung der Autonomie der Pangene
oder Biophoren heranziehen.
Man wird wohl zugeben, meint de Vries, dass eine sehr grosse
Übereinstimmung obwaltet zwischen der Weise, in der sich Organe einer
einzelnen Pflanze voneinander unterscheiden, und den Unterschieden
Korrelation und Autonome. 37
zwischen zwei differenten Arten. Er meint, dass beide offenbar auf
wechselnden Verbindungen und wechselnder Auswahl aus einer grossen
Reihe gegebener Faktoren beruhen, und glaubt, er brauche dafür kein
Beispiel anzuführen. Fälle, wo die JSTatur eines Organes noch nicht ent-
schieden ist, sondern noch durch die äusseren Einflüsse bestimmt werden
kann, führen nach de Vries gleichfalls zu der Schlussfolgerung, dass
sich die Artcharaktere bunt zusammensetzen.
Trotz alledem müssen wir bestreiten, dass jede eingehende Betrachtung
des Artcharakters und jede Vergleichung mit anderen Merkmalen dazu
führt, ersteren als ein zusammengesetztes Bild aufzufassen, dessen Kompo-
nenten in verschiedenster Weise mischbar sind. "Wer wirklich ohne Vorein-
genommenheit eine Tier- oder Pflanzenart eingehend betrachtet und ihre
Merkmale mit denen anderer vergleicht, wird vielmehr zu der ununi-
stösslichen Überzeugung gelangen, dass jede Organismenart ein durch-
aus einheitliches Bild bietet, und dass deshalb das Variieren der einzelnen
erblichen Eigenschaften nicht unabhängig voneinander erfolgen kann.
Alle einzelnen Behauptungen und Beispiele von de Vries, die das
autonome Variieren der Organe beweisen sollen, sind ohne Ausnahme
unhaltbar. Die langgriffelige und kurzgriffelige Form der Primeln und
die drei verschiedenen Blütenformen bei Flachsarten zeigen, dass hier
Korrelation und keine Autonomie der einzelnen Organe besteht; denn
es handelt sich hier nicht um alle möglichen Übergänge, sondern um im
grossen und ganzen feststehende Formen. Diese lassen sich nur auf
ein einheitliches Keimplasma zurückführen, durch welches, etwa bei den
kurzgriffeligen Primeln, alle anderen Eigenschaften der letzteren mit-
bedingt werden. Versuche über Varietätenbildung, die von Pflanzen-
züchtern im grossen angestellt worden seien, sollen nach de Vries
lehren, dass fast jede Eigenschaft unabhängig von der anderen variieren
kann. Zahlreiche Varietäten sollen sich nur in einem Merkmale von
ihren Stammformen unterscheiden.
Obwohl ich kein Botaniker bin, so muss ich mir doch erlauben, die
Begründbarkeit dieser Behauptung auf das allerentschiedenste in Abrede
zu stellen. Man vergleiche doch nur einmal die Varietäten der Stachel-
beere, die lediglich nach der Beschaffenheit der Früchte bewertet werden,
miteinander. Wo man die reifen Beeren unterscheiden kann, wird man
in allen Fällen auch wohl unterschiedene Blätter finden. Ich habe in
diesem Sommer zahlreiche Varietäten von Kirschen miteinander verglichen
38 II. D\^ Weseb deb Entwickelung.
und gefunden, dass verschiedene Früchte auch ebenso ungleiche Stengel
haben. Züchtet man Kirschen der Stengel wegen?
Noch bedenklicher als das Angeführte ist manches andere, was
de Yries über das unabhängige Variieren der einzelnen erblichen Eigen-
schaften sagt. Er führt an, dass zusammengehörige Merkmale oft grupperj -
weise variieren, giebt also zu, dass die Pangene doch nicht so ganz
autonom sind, aber dennoch glaubt er, dass solche Gruppen sich gleich-
zeitig umbildender Pangene keinen Einfluss auf die übrigen Gruppen
ausüben; ich meine, dass es besser gewesen wäre, auch das gruppenweise
Variieren in Abrede zu stellen. Es fördert auch de Vri es' Sache nicht,
wenn er behauptet, dass eine Pflanze, bei welcher eine Vermehrung der
Zahl der Blumenblätter mit blumenblattähnlicher Entwickelung des
Kelches oder der Hochblätter zusammengeht, im übrigen normal
bliebe, und dass sich bei Papaver somniferum polycephalum zahlreiche
Staubgefässe zu Fruchtblättern umbilden , während alles andere an der
Varietät dagegen unverändert bliebe.
Solche Beispiele giebt es, sagt deVries, sowohl im Pflanzenreiche
als auch bei Tieren zahlreiche. Allerdings! Aber die, welche de Vri es
anführt, beweisen eben, dass es ein unabhängiges Variieren nicht giebt.
Auf die Behauptung, dass das Zusammenvariieren mehrerer Merkmale
Ausnahme, unabhängiges Variieren Regel sei, lässt de Vri es gleich das
Zugeständnis folgen, dass es sich in den meisten Fällen nicht entscheiden
lasse, ob das betreffende Merkmal durch eine einzelne oder durch eine
kleine Gruppe von erblichen Eigenschaften bestimmt wird. Ein schönes
Beispiel für die Abhängigkeit der Merkmale voneinander führt de Vri es
in der Primula acaulis var. caulescens an, allerdings ohne dabei zu
merken, wie wenig es einem unabhängigen Variieren der die Merkmale
zusammensetzenden Pangene entspricht. Diese Varietät entsteht von
Zeit zu Zeit unter zahlreichen ungestielten Primeln, hat dann aber eine
ähnliche Infloreszenz, wie die nächstverwandten schirmtragenden Arten.
Das zeigt doch wohl zur Genüge, dass Variation der Merkmale nicht an
autonome Pangene gebunden ist, einerlei ob es sich um Portentwickelung
oder Rückschlag handelt.
De Vries stellt unter anderem fest, dass die erblichen Eigenschaften
ganz gewöhnlich zu kleineren und grösseren Gruppen vereinigt sind, welche
sich wie Kinlieiten benehmen, indem die einzelnen Glieder der Gruppe ge-
wöhnlich zusammen in die Erscheinung treten. Von hier aus ist kein
weiter Schritt mehr bis zur Anerkennung der Thatsache, dass für das
Korrelation und Autonomie. 39
Variieren der einzelnen Eigenschaften des Körpers, für die Abänderung
seiner Zellen, der Satz gilt: ,,Eine mit allen und alle mit einer", und
ich glaube, auch de Yries wird sich zu diesem Satze bekehren lassen,
wenn ihm der Nachweis gebracht wird, dass eine präformistische Ver-
erbungstheorie, und sei sie auch noch so ins einzelne ausgearbeitet, zu
den auf die Dauer unhaltbaren Dingen gehört.
Wir haben es Weismann, der eine sauber ausgearbeitete, wenn
auch nicht die letzten Konsequenzen ziehende Theorie der Präformation
geliefert hat, zu danken, dass wir mit der Zurückweisung des Präfor-
mationsgedankens so leichtes Spiel haben werden. Vorerst aber müssen
wir die Frage, ob Korrelation oder Autonomie die organische Entwicke-
lung beherrscht, noch etwas näher ins Auge fassen.
Unter Korrelation hat man die verschiedensten Dinge zusammen-
geworfen, so dass es unerlässlich ist, klar zu bezeichnen, was darunter
verstanden werden muss.
Sehr vieles, was man als Korrelation auffasst, hat mit ihr nichts zu
thun. Vor allem gilt dieses von der Anpassung eines Organs an andere.
W 7 enn sich bei den Säugetieren die Milchdrüsen dann zur Thätigkeit an-
schicken, wenn das Junge geboren werden soll, wenn sich beim Weib-
chen des Ameisenigels zur Zeit, wo das Ei gelegt werden soll, ein Brut-
beutel bildet, so hat dies nichts mit echter Korrelation zu thun. Das sind
Anpassungen, die zwar in indirekter Abhängigkeit voneinander entstanden
sind, Einrichtungen, von welchen die eine die andere indirekt bedingt
hat, aber für die Geschlechtsorgane sind Milchdrüsen und Brutbeutel
ursprünglich Aussenwelt, und ihre jetzt bestehende Abhängigkeit vonein-
ander hat sich erst allmählich herausgebildet und ist dadurch zu einer
erworbenen Korrelation geworden. Dasselbe gilt von den Einrich-
tungen, die den Hirsch befähigen, ein schweres Geweih zu tragen, und
von vielen anderen Dingen. In Bezug auf solche Abhängigkeitsverhält-
nisse ist jedes Organ für das andere Aussenwelt.
Wahre Korrelation zeigt sich dagegen oft an Teilen , die überhaupt
nichts weiter miteinander zu thun haben, als dass sie demselben Keim-
plasma ihre Entstehung verdanken. Wenn das Keimplasma ein mono-
tones ist, so müssen eben sämtliche Organe des Körpers in Abhängigkeit
voneinander oder vielmehr von diesem monotonen Keimplasma variieren.
Auch Weis mann führt Fälle von wahrer Korrelation an, beispielsweise
die bekannte Thatsache, dass weisse Katzen mit blauen Augen taub sind,
und erklärt das einfach durch die völlig willkürliche Annahme, dass die
40 II. Das Wesen der Entwk keli ng.
betreffenden Biophoren im Keimplasma wohl nebeneinander liegen und
deshalb durch äussere Einflüsse gleichzeitig verändert werden müssen.
Bleiben wir einmal bei diesem Gedanken einen Augenblick stehen !
Nach Weismann variieren die beiden Körperhälften bilateral-sym-
metrischer Tiere unabhängig voneinander, was z. B. durch die unregel-
mässige Scheckung der Haustiere bewiesen werden soll. Wenn Weis-
mann hierin Recht hat, dann liegen also wohl die den symmetrischen
Körperstellen entsprechenden Biophoren im Id nicht nebeneinander? Es
giebt aber zahlreiche Fälle, wo, wie wir gleich sehen werden, Neben-
oder Gegenstücke des Körpers gleichzeitig in dieser oder jener Be-
ziehung variieren, gleichzeitig völlig abnorme Bildungen zeigen; dem-
nach liegen sie also im Keimplasma doch wohl nebeneinander? Ich mu-
es Weis mann überlassen, aus diesem Dilemma einen Ausweg zu finden.
Beispiele für Korrelation anzuführen, ist eigentlich nicht nötig, denn
alle Tier- und Pflanzenarten , die uns die systematische Biologie kennen
gelehrt hat und kennen lehren wird, liefern durch jedes beliebige Paar
einzelner Merkmale einen Beweis dafür, dass Korrelation alles und jedes
Geschehen in der Organismenwelt beherrscht. Trotzdem will ich einige
gelegentlich von mir beobachtete Fälle abnormer Korrelation hier mitteilen.
Ich kenne einen Herrn, bei welchem Mittel- und Goldfinger an beiden
Händen miteinander verwachsen sind, und führe diese Beobachtung hier
an, um es Weismann und anderen Präformationstheoretikern zu über-
lassen, daraus zu schliessen, dass die Determinanten der beiden Körper-
hälften des Menschen in unmittelbarer Nachbarschaft im Id liegen, auch
wenn sie soweit voneinander getrennten Teilen entsprechen, wie es rechte
und linke Hand sind. Wenn sie aber nebeneinander liegen, wie kommt
es dann, dass der rechte Arm und die rechte Hand mehr gebraucht
werden als die linke? Diesem Beispiele reiht sich der von mir beob-
achtete Fall eines kleinen, inzwischen leider verstorbenen Mädchens an,
das an beiden Zeigefingern nur ein einziges Gelenk besass, und auch
der eines Albinos vom Riesensturmvogel, den ich in Australien erhielt,
gehört hierher. Das Tier ist weiss, aber im Schwanz hat jederseits die
zweite Feder von aussen ihre ursprüngliche chokoladenbraune Färbung
bewahrt.
Ähnlich sind die übrigen Fälle, die mir jetzt gerade ins Gedächtnis
kommen. Meerschweinchen erhalten mitunter an den Hinterbeinen eine
vierte Zehe, eine kleine rudimentäre Afterzehe. Gewöhnlich tritt diese
an beiden Beinen auf, manchmal aber auch nur an einem. Wie findet
Korrelation und Autonomie. 41
sich Weis mann mit diesem wechselnden Verhalten ab? Sähe man die
Afterzehe immer an beiden Hinterbeinen auftreten, so würde man sagen,
die Determinanten der Beine liegen nebeneinander in den Iden des Keim-
plasma's. "Würde man immer nur eine Afterzehe bei Meerschweinchen
beobachten , so würde man das gerade Gegenteil behaupten. Ich muss
es wieder Weismann überlassen, aus diesem Dilemma einen Ausweg
zu finden, und werde später zeigen, dass es für die Epigenesislehre, die
ein monotones Keimplasma und universelle Korrelation annimmt, nicht
existiert. Ein weiterer Fall ist der einer Ziege, die meines Wissens
noch heute im zoologischen Garten in Frankfurt lebt, bei welcher eine
beiderseitige Verdoppelung einer Zitze eingetreten ist.
Aus diesen und vielen anderen ähnlichen Fällen geht unzweifelhaft
hervor, dass die beiden Körperhälften zweiseitig-symmetrischer Tiere nicht
unabhängig voneinander variieren, und ganz dasselbe gilt von den gleich-
wertigen Stücken strahlenförmiger Tiere.
Bei Larven einer australischen Meduse, Monorhiza haeckeli, bleiben
gelegentlich vier Sinneskolben hinter den mit ihnen abwechselnden übrigen
vier zurück. Die einen liegen in den Körperradien erster Ordnung, per-
radial, die anderen in denen zweiter, interradial; die vier perradialen
variieren also gleichzeitig miteinander, und ebenso die vier interradialen.
Was sagt Weismann dazu? Liegen die Determinanten gleichnamiger
Radien im Id etwa nebeneinander, obwohl die Perradien und Inter-
radien im erwachsenen Tiere miteinander abwechseln? Wenn das der
Fall ist, dann werden perradiale und interradiale Organe bei den
Medusen jedenfalls durch verschiedene Determinanten des Ids bestimmt,
und die Determinanten der perradialen Organe liegen dann nicht neben
denen der interradialen. Indem ich diesen Hinweis den Präformations-
theoretikern überlasse, will ich nur anführen, dass ich eine Cyanea
muellerianthe gefunden habe, bei welcher sowohl die perradialen Okular-
läppchen als auch die interradialen abnormerweise durch tiefe Ein-
kerbungen von den benachbarten Randlappen getrennt waren. Bei
Cyanea liegen also wohl die Determinanten perradialer und interradialer
Organe im Id nebeneinander, weil sie gleichzeitig variieren ?
An dieser Deutung müssen wir aber wieder irre werden, wenn wir
noch einmal die Monorhiza haeckeli betrachten, die nur an dem einen
Stück ihrer vier Mundarmpaare, und zwar immer an dem linken, ein
langes und dickes dreikantiges Anhängsel, einen sogenannten Terminal-
knopf trägt. Bei dieser Meduse sind also die beiden Hälften des einen
42 II. Das Wesen der Entwickelung.
der vier Nebenstücke oder Parameren des Körpers unsymmetrisch ent-
wickelt, im Gegensatz zu denen der drei übrigen, und die Determinanten
der Parameren müssten demnach als autonom betrachtet werden, obwohl,
wie ich oben gezeigt habe, die perradialen und ebenso die interradialen
Organe zusammen variieren. Die Präformationstheorie weiss aus diesen
sich anscheinend so sehr widersprechenden Thatsachen keinen Ausweg zu
rinden. Wir werden aber zeigen, dass sich auch die eigentümliche, ohne-
gleichen dastehende Grundform der Monorhiza sehr wohl durch die An-
nahme eines monotouen Keimplasma's und einer universellen Korrelation
begreifen lässt.
Diesen Beispielen aus dem Tierreiche lasse ich einige aus. dem
Pflanzenreiche folgen.
Ich habe früher einmal eine Linaria vulgaris beobachtet, die an
sämtlichen Blüten anstatt eines Sporns deren drei hatte. Hier stehen
also sämtliche Blüten miteinander in Korrelation oder sind vielmehr in
gleicher Weise vom Keimplasma abhängig. Ähnliches gilt von den
Blättern aller Pflanzen. Einen besonders lehrreichen Fall verdanke ich
dem ausgezeichneten Beobachtungstalent meines leider zu früh verstor-
benen Freundes und Kollegen Wilhelm Jan nicke. Er hat au Brom-
beeren die Thatsache festgestellt, dass die fünfteiligen Blätter aus drei-
teiligen entstehen, entweder dadurch, dass sich von dem mittleren Blätt-
chen jederseitig zwei neue abspalten, oder dadurch, dass sich jederseits
von den beiden Seitenblättchen nach dem Stiele zu ein neues Blättchen
abtrennt. In allen Fällen aber zeigt der Umstand, dass an einer
und derselben Pflanze sämtliche Blätter dem gleichen Teilungsmodus
folgen, dass sich die Bildungsweise der fünfgeteilten Blätter durch Spal-
tung des mittleren Blättchens nicht mit derjenigen durch Abtrennung
neuer Blättchen von den beiden Seitenblättchen verträgt. Die Tendenz
der Teilung ist an allen Blättern einer und derselben Pflanze dieselbe;
alle Blätter stehen in Korrelation. Selteu scheinen diejenigen Fälle zu
sein, wo sowohl an dem mittleren Blättchen als auch an den Seiten-
blättchen der Anfang zur Bildung neuer Blättchen gemacht worden ist.
• lau nicke hat diesen Fall nicht beobachtet, ich nur einigemale. Die
beginnende Teilung war nur angedeutet und zeigte dadurch, dass Kor-
relation die Bildung der Organismen beherrscht, denn wenn sie das nicht
thäte, dann hätte die Teilung weiter fortschreiten müssen, und Pflanzen,
an denen sich sowohl das mittlere wie die Seitenblättchen völlig geteilt
Kokrelation und Autonomie. 43
haben, dürften keine Seltenheit sein, wenn die Elementarteile der Pflanzen
sich autonom verhalten.
Diesen botanischen Beispielen möge noch eines aus dem Tierreiche
folgen, bei welchem die Korrelation in anderer Weise zum Ausdruck
kommt, als in den vorher genannten Fällen. Es betrifft den Satansaffen
(Pithecia satanas), dessen Haut sich durch eine ausserordentlich weit-
gehende Neigung zur Faltenbildung auszeichnet, was nur durch Kor-
relation erklärt werden kann. Zwischen den Fingern des Affen finden
sich Ansätze von Schwimmhäuten, ringsum vom Halse laufen starke
Falten herunter zum Rumpf. Eine lange Falte zieht sich an der Beuge-
seite des Armes entlang, und Ellenbogen und Knie sind durch eine vom
ersteren sich an dem Körper herunterziehende und bis zum Knie ver-
laufende Falte miteinander verbunden. Eine ähnliche Falte findet sich
zwischen Ober- und Unterschenkel.
Beispiele wie diese Hessen sich tausendweise beibringen. Weis-
mann vermag sie nicht zu erklären, führt er doch sogar die symme-
trische Zeichnung bunter Tiere auf das Nützlichkeitsprinzip zurück, da
nach seiner Ansicht die beiden Körperhälften unabhängig voneinander
variieren. Allein wie vermag das Nützlichkeitsprinzip es zu er-
klären, dass sich auf der einen Seite eines symmetrischen Tieres genau
dieselben Flecke und Streifen finden, wie auf der anderen ? Absolute, aber
nur wenig variierende Unregelmässigkeit wäre doch hier von viel grösse-
rem Vorteile als symmetrische Zeichnung, denn diese verrät das Tier
viel eher als völlige Regellosigkeit der Pigmentverteilung. Es ist eben
unausbleiblich, class die Präformationstheorie überall mit sich selbst in
Widerspruch gerät.
Ich verzichte auf weitere Begründung des Satzes von der univer-
sellen Korrelation, die sämtliche Teile eines Organismus beherrscht, denn
das Angeführte genügt, um eine klare Antwort auf die Frage nach dem
Wesen der Formbildung zu geben. Diese Antwort lautet: Das Wesen
der Form bildung besteht in Korrelation oder, was dasselbe ist,
in Gleichgewicht. Dass der Begriff dieses Gleichgewichts ein rein
mechanischer ist, werden die späteren Teile dieses Buches zeigen.
d. Die Ursachen der Umbildung.
Erkenntnissen, zu welchen wir im v
gelangt sind, können die Ursachen, durch welche die Organismen
Nach den Erkenntnissen, zu welchen wir im vorigen Abschnitte
44 II. Das Wesen der Entwickelttng.
umgebildet werden, nur in physischen bestehen, denn metaphysische sind
völlig ausgeschlossen, insofern sie nicht die allgemeinen Eigenschaften
der gesamten "Weltmaterie betreffen. Wer auf dem Boden der Epigenesis
steht, muss dies unbedingt zugeben. Dagegen könnte leicht gezeigt
wilden, dass eine konsequente Präformationstheorie Unterschiede machen
müsste, nicht nur zwischen den Organismen und anorganischen Natur-
körpern, sondern sogar zwischen den verschiedenen Zuständen der ein-
zelnen Elemente der Chemie. Allein in diesem Abschnitte wollen wir
von der Annahme ausgehen, dass auch die Präformationstheoretiker nach
bewirkenden Ursachen suchen dürfen, wie sie es auch in der That zu
thun vorgeben, und da handelt es sich zunächst um die Frage, ob die
Umbildungsursachen innere, d. h. lediglich innerhalb des Organismus
gelegene sind, oder ob äussere Ursachen die Umformung des Organismus
bewirken.
Diese Frage hängt eng mit der anderen zusammen, ob sich soma-
togene, d. h. vom Körper, nicht aber von den Keimzellen erworbene
Umbildungen vererben können, oder ob nur blastogene Umbildungen,
also solche, welche lediglich die Keimzellen betreffen, dazu befähigt sind.
Weismann und andere Präform isten leugnen das erstere und schreiben
allein den blastogenen Umbildungen Erblichkeit zu. Sie geraten dadurch
in ein merkwürdiges Dilemma, denn da die Keimzellen in den allermeisten
Fällen wohlgeborgen im Körper liegen, so sollte man meinen, dass
gerade der Körper einen Einfluss auf sie gewinnen würde und dass
äussere Ursachen eine geringe oder gar keine Kolle bei ihrer
Umbildung spielen würden. Das geben aber die Präformisten nur inso-
weit zu, als die allgemeinen physikalischen und chemischen Lebens-
bedingungen, welche die Keimzellen im Körper vorfinden, allerdings
Einfluss auf sie haben, während dagegen morphologische Veränderungen
des Körpers keinen Einfluss auf die Keimzellen gewinnen sollen. Es
sind also, da ja der Körper von den chemischen und physikalischen Ein-
flüssen der Aussenwelt abhängt, lediglich direkte äussere Einwirkungen
auf das Keimplasma, durch welches nach Weismann und seinen An-
hängern Umbildung in letzterem bewirkt wird.
Auch nach unserer Anschauung sind alle Umbildungsursachen, von
welchen das Keimplasma betroffen werden kann, in letzter Linie äussere.
Es liesse sich somit eine erfreuliche Übereinstimmung zwischen der neuen
Präformationstheorie und der Epigenesislehre konstatieren, allein es fragt
sich, ob die Annahme Weismann's, dass die Umbildungen der Keim-
Die Ursachen der Umbildung. 45
zellen lediglich durch allgemeine physikalische und chemische Ursachen
bedingt werden, sich mit seinen sonstigen Anschauungen verträgt.
Die vielzelligen Organismen müssen von einzelligen abgeleitet werden
und diese von solchen, deren Plasma aus lauter gleichen Biophoren
zusammengesetzt war. Wie ist es dann gekommen, dass diese im Laufe
der Stammesgeschichte einander immer unähnlicher geworden sind?
Weismann führt dieses auf die verschiedenen Ernährungseinflüsse,
welche die einzelnen Biophoren trafen, zurück, aber es fragt sich denn
doch, ob ein winziges Klümpchen Keimplasma wirklich gross genug ist,
um in seinen einzelnen Teilen ganz verschiedenartige Umbildungen
erleiden zu können. Nach allem, was wir über die direkte Umbildung
der Organismen durch äussere Einflüsse wissen, können wir nicht wohl
annehmen, dass die Einflüsse, welche die unter sich gleichen Biophoren
eines winzigen Klümpchens Keimplasma treffen, so verschiedenartige sind,
dass daraus ein hochorganisiertes Id hätte entstehen können. Wenn wir
etwa Kälteformen von Schmetterlingen züchten, so werden alle die Fär-
bung der Flügel hervorbringenden Plasmateile in hohem Grade gleich-
massig verändert. In diesem Falle hätten wir es mit einer rein physikali-
schen Umbildungsursache zu thun, die allerdings eine Abänderung der bei
der Entwicklung vor sich gehenden chemischen Prozesse zur Folge
hat. Züchten wir Artemia salina, einen kleinen Salzwasserkrebs, in ver-
süsstem Wasser und fahren wir damit und mit der Versüssung einige Ge-
nerationen hindurch fort, so erhalten wir Krebse, die der Gattung Bran-
chipus zugerechnet werden müssen, und diese lehren uns, dass das ge-
samte Plasma eine Umbildung durch die Entziehung des Salzes erfahren
hat. Dasselbe geschieht, wenn wir den Salzgehalt des Wassers, in
welchem die Artemien leben, erhöhen und dadurch aus der Artemia
salina die Artemia milhauseni züchten. Die Süsswasserform des Stich-
lings unterscheidet sich nicht nur in einer, sondern in fast allen Bezie-
hungen von der Seeform. Albinismus und Melanismus betrifft gewöhn-
lich das ganze Tier, und wenn wir Kanarienvögel durch Fütterung mit
Cayennepfeffer färben, so werden nicht bloss einige Feedern in ihrer Fär-
bung verändert. Wenn Schafe , Kälber oder Hähne kastriert werden, so
nimmt der gesamte Körper andere Eigenschaften an, trotzdem die
einen Organe nahe beim Hoden gelegen sind, die anderen aber sich sehr
weit entfernt davon befinden.
Aus diesen Beispielen geht zur Genüge hervor, dass gleiche Plasma-
partien des Körpers durch gleiche äussere Ursachen in gleicher Weise
4(3 II. Das Wesen der Extwtckelung.
beeinflusst weiden, und die Beispiele lassen sich Doch stark vermehren.
Im hohen Norden der Kolonie Südaustralien bekommen die dort leben-
den Europäer sehr gewöhnlich Kinder mit roten Haaren, was jedenfalls
durch das Klima bewirkt wird, und es ergiebt sich daraus zur Evidenz,
dass alle Plasmateile der Keime, aus welchen sieh rothaarige Abkömm-
linge eingewanderter Europäer entwickelt haben, gleichmässig beeinflusst
wurden sind. Dieses Beispiel zeigt, dass blastogene Veränderungen, die
durch irgend welche chemische oder physikalische Einflüsse der Aussen-
welt hervorgerufen worden sind, sich in allen Teilen des Keimplasma's
vollziehen. Wollen wir annehmen, dass die menschlichen Haare durch
einzelne Determinanten im Plasma vorgebildet sind, was wir ja bei
der Annahme der Weismann 'sehen Präformationstheorie doch thun
müssten, da die Haare auf einem und demselben Kopfe thatsächlich
sehr oft voneinander abweichen, z. B. zu sehr verschiedenen Zeiten grau
werden, so müssen wir zu dem Schlüsse gelangen, dass das heisse Klima
Inneraustraliens alle Determinanten der Haare gleichmässig umbildet.
Der Albinismus beruht sieher auf blastogenen Veränderungen, und
dennoch betrifft er gewöhnlich nicht nur das gesamte Pigment der
Haut, sondern auch das der Augen, ja, wir wissen, dass weisse Katzen
mit blauen Augen gewöhnlich taub sind.
Diese und andere Beispiele, welche wir anführen könnten, beweisen,
dass gleiche äussere Einflüsse, die den Keim, sei es direkt, sei es durch
den Körper seines Erzeugers hindurch, treffen, auf gleiche Plasma-
partien gleichmässig einwirken. Es ist also unmöglich, dass die aus
gleichen Biophoren zusammengesetzten Wesen, von welchen nach Weis-
in an n 's Annahme die Tiere und Pflanzen abstammen müssen, ungleiche
Ausbildung der einzelnen Teile ihrer Tde erfahren haben können. Wenn
dem aber so ist, dann ist eine Präformationstheorie, eine Theorie, welche
das Keimplasma aus Iden, die sich aus sehr verschiedenen Determinanten
und Biophoren aufbauen, zusammengesetzt sein lässt, nicht möglich. Es
bleibt deshalb für den Präformismus kein anderer Ausweg übrig, als das
Plasma der ältesten Organismen, welche auf der Erde gelebt haben,
schon aus ungleichen Biophoren zusammengesetzt sein zu lassen, kurz,
in dem Plasma dieser Organismen schon die Sonderexistenz aller Deter-
minanten der Teile, die bei den höheren Tieren und 'Pflanzen verschie-
den sind, anzunehmen: denn wenn der Präformismus die ältesten Lebe-
wesen aus einer oder aus einer geringeren Anzahl ungleicher Biophoren-
arten zusammengesetzt sein lässt, so hätte sich die Anzahl ungleicher
Die Ursachen der Umbildung. 47
Biophoren arten unmöglich vermehren können. Wenigstens konnten die
Biophoren dann nicht die grossen Verschiedenheiten erwerben, die sie
nach "Weismann doch thatsächlich haben sollen. Übrigens steht die
Weis mann 'sehe Annahme, dass gleichzeitige Abänderung verschiedener
Organe auf gleichzeitige Beeinflussung ihrer nebeneinander liegen-
den Deterininate zurückzuführen ist, in vollkommenem Wider-
spruch mit der von Weis mann behaupteten Autonomie der Deter-
minanten.
Es führen uns somit auch diese Betrachtungen mit Notwendig-
keit wieder dahin, dass der Präformismus nicht um die Annahme herum-
kommt, dass die ältesten Lebewesen von Gott geschaffen sind und in
aller und jeder Beziehung so vorgebildet wurden , dass sich aus ihnen
mit Notwendigkeit die Organismenreihen entwickeln mussten, deren 31 it-
glieder später die Erde bewohnen sollten.
Wir aber gelangen wiederum zu der unerschütterlichen Über-
zeugung, dass es lediglich Korrelation sein kann, die das Werden des
Organismus stammesgeschichtlich und keimesgeschichtlich beherrscht, und
dass von einer Independenz seiner einzelnen Teile, von einer Autonomie
der Determinanten und Biophoren keine Rede sein kann, dass es somit
überhaupt keine besonderen Determinanten im Keimplasma giebt.
Es fragt sich jetzt aber auch für uns, ob wir bei Annahme der Epi-
genesis gleichfalls die Möglichkeit der Keimesbeeinflussung durch soma-
togene Umänderungen leugnen müssen, oder ob wir ihre Annahme nicht
umgehen können. Um diese Frage zu beantworten, müssen wir scharf
zwischen solchen somatogenen Einflüssen, die allgemeiner physikalischer
oder chemischer Natur sind, und lokalen somatogenen Umbildungs-
ursachen unterscheiden. Die ersteren würden überhaupt zu allen den-
jenigen physikalischen und chemischen Einwirkungen auf das Keimplasma
gehören, die entweder direkt durch die Aussenwelt oder durch die Ver-
mittelung des die Keimzellen umschliessenden Körpers bewirkt werden ;
sie gehören also nicht zu den eigentlichen somatogenen Umbildungs-
ursachen des Keimplasma's. Es fragt sich also, ob sich Veränderungen,
wie sie etwa durch den Gebrauch und Nichtgebrauch der Or-
gane, durch spezielle Anpassung an die Aussenwelt, denen beispiels-
weise die Gesässschwielen ihr Dasein verdanken, durch psychische Ein-
flüsse im Gehirn und andere Ursachen hervorgebracht worden sind, sich
thatsächlich vererben oder nicht.
48 II. Das Wesen deb Entwickelung.
LamarcE hat auf solche Veränderungea seine Abstammungslehre
aufgebaut, und auch Darwin hat ihre Erblichkeit nicht geleugnet. Viele
seiner heutigen Jünger dagegen, mit Weismann an der Spitze, stellen
die Möglichkeit einer solchen Vererbung entschieden in Abrede, wenig-
stens geben sie nicht zu, dass irgend etwas für die Vereinbarkeit der-
artiger Abänderungen spräche.
Wir werden später sehen, dass sich somatogene Abänderungen mit
absoluter Notwendigkeit vererben müssen; hier haben wir aber zunächst
nur die Frage zu entscheiden, wie sich damit die Epigenesistheorie
verträgt und ob nicht zu der Annahme der Erblichkeit somatogener Ab-
änderungen besser die Präformationstheorie passt.
Wenn z. B. das Haar an der Innenseite der Schwanzspitze eines
mit einem Greifschwanz versehenen Affen durch den Gebrauch geschwun-
den ist und sich eine förmliche Greifrläche, wie wir sie etwa bei den
Klammeraffen finden, gebildet hat, so können wir fragen, ob diese Ver-
änderungen nur einen Teil des Keimplasma's betreffen oder das gesamte
Keimplasma. Hier scheint zunächst die Präformationstheorie den Vor-
zug zu verdienen; denn wir sehen vor der Hand nicht ein, wieso ein
Einfluss auf das gesamte Keimplasma durch lokale Veränderungen an
der Schwanzspitze eines Säugetieres zur Geltung kommen sollte. Wir
werden aber später sehen, dass sich diese Schwierigkeit leicht über-
winden lässt, dass sie überhaupt keine ist.
Dagegen können wir hier schon zeigen, dass die Annahme einer
Präformation der Teile des Körpers im Keimplasma auf noch viel
grössere Schwierigkeiten stösst, sobald wir die Vererbung somatogener
Eigenschaften annehmen. Wie sollen wir uns vorstellen, dass ein durch
Nichtgebrauch verkümmertes Auge seinen mangelhaften Zustand auf die
Augendeterminanten in den Keimiden des betreffenden Tieres überträgt?
Solche Übertragung könnte doch entweder nur durch Keimchentrans-
port, wie ihn Darwin annahm, erfolgen, oder man müsste annehmen,
dass das Auge in geheimnisvoller Weise mit den Augendeterminanten
in den Iden der Keimzellen des betreffenden Tieres zusammenhängt
Im letzteren Falle wäre also die Annahme einer dynamischen Über-
tragung notwendig; es wäre aber dabei nicht einzusehen, weshalb diese
nur die Determinanten des Auges beträfe. Weis mann hat ganz recht,
wenn er sagt, er könne sich eine solche Übertragung nicht vorstellen.
Allein das gilt, wie wir sehen werden, nur bei der Annahme einer Prä-
formationstheorie.
Die Trägeb dee Vererbung. 49
Monotones Keimplasma wird gleichmässig in allen seinen Teilen
umgebildet, sei es, dass es von somatogenen oder von allgemeinen phy-
sikalischen und chemischen Einflüssen betroffen wird, und wir werden
später zu zeigen haben, dass sich daraus sehr wohl die Vererbung jeg-
licher Art von erworbenen Eigenschaften erklärt.
e. Die Träger der Yererbung.
Mit den im vorhergehenden Abschnitte angestellten Betrachtungen
sind wir bei der Frage angelangt, was wir als den oder die Träger
der Vererbung zu betrachten haben. Da wir eine Vererbung soma-
togener Eigenschaften annehmen, so können wir auch nicht umhin, die
Vererbung von lokalen Abänderungen an irgend welchen Körperstellen
zuzugeben. Wir müssen somit die Annahme einer Pangenesis, einer
Vererbung von allen Teilen des Körpers aus machen, müssen uns vor-
stellen, dass das Keimplasma von jeder einzelnen Zelle des Körpers aus
beeinflusst werden kann, und demnach haben wir zunächst die Frage
zu beantworten, ob diese Übertragung auf dynamischem Wege geschieht,
oder ob dazu eine Annahme von Keimchen, die nach den Keimzellen
transportiert und in ihnen abgelagert werden, nötig ist. Die Annahme
bunt durcheinander gewürfelter Keimchen haben wir schon früher durch
Citation der lichtvollen Ausführungen Weismann's gegen de Vries
als unmöglich dargethan. Wenn wir also eine Vererbung somatogener
Abänderungen annehmen, so gelangen wir zu der Anschauung, dass
diese auf dynamischem Wege auf die Keimzellen übertragen werden.
Es ist nicht schwierig, die Notwendigkeit dieser Übertragung ein-
zusehen, wenn wir bedenken, dass alle Teile des Körpers, alle einzel-
nen Zellen miteinander in Korrelation stehen, dass der Körper einen
Gleichgewichtszustand darstellt, der durch alle äusseren Einflüsse geän-
dert werden und demnach eine Umstimmung der Zellen und damit der
Elemente ihres Plasma's gestatten muss.
Die gewonnene Erkenntnis führt uns zu der weiteren Frage, ob es
der Kern oder der Leib der Zelle ist, den wir als Träger der Verer-
bung anzusehen haben. Ist es der Kern, so ist die dynamische Über-
tragung somatogener Formveränderungen auf die Keimzellen nicht ein-
zusehen, denn der Kern liegt im Innern der Zelle und die Zellen be-
rühren sich gegenseitig nur durch ihre Leiber, durch das ausserhalb des
Kernes gelegene Plasma. Wir gelangen deshalb notwendigerweise zu
Haacke, Gestaltung und. Vererbung. _ 4
50 II. Das Wesek dkk Entwickelung.
der Anschauung, dass es in erster Linie das Plasma des Zellleibes
ist, das wir als Träger der Vererbung anzusehen haben, und damit setzen
wir uns in bewussten und scharf ausgesprochenen Gegensatz zu der
heute fast universellen Anschauung, dass lediglich der Kern der Träger
der Vererbung ist.
Ich muss gestehen, dass mir die Herrschaft, welche diese Anschauung
gewonnen hat, völlig unbegreiflich ist, denn thatsächlich wird sowohl
der Kern als auch der Körper des Eies und des Samenfadens auf das zu
zeugende Individuum übertragen, und man hätte doch glauben sollen,
dass die Entdeckung eines organischen Mittelpunktes des Zellleibes, die
Auffindung des Centrosoma, die Alleinherrschaft des Kernes beseitigt hätte.
Solange man freilich, wie Oscar Hertwig es thut, das Centrosoma
zum Kern rechnet, lässt sich schwer über die Frage streiten, ob der Kern
oder der Zellleib der hauptsächliche Träger der Vererbung sei. Es kann
aber nicht lange mehr zweifelhaft bleiben, dass nicht der Kern, sondern
das Centrosoma der organische Mittelpunkt der Zelle ist, denn wer un-
befangen alles das überblickt, was wir neuerdings über die Vorgänge
der Zellteilung und den Bau des Zellkörpers erfahren haben, muss zu
der Ansicht gelangen, dass das Centrosoma und nicht der Kern die
erste Rolle im Aufbau der Zelle spielt,
Weismann, in dessen Vererbungstheorie nur die Annahme, dass
der Kern der Träger der Vererbung sei, hineinpasst, geht über die Frage
nach der Rolle des Centrosoma ziemlich kurz hinweg; er hält sie mit
einem Vergleich für erledigt. Den Kern vergleicht er einem Haufen
Getreide und das Centrosoma mit einem Pferd, das diesen fortzuschaffen
bestimmt ist. Er sagt dann, da das Pferd nicht zugleich Getreide sei,
könne das Centrosoma, das den Kern bewegt, nicht auch Vererbungs-
träger sein. Vergleiche hinken bekanntlich, und dieser Weismann'-
sche thut es recht sehr. Wir wollen einmal einen Augenblick bei ihm
verweilen. Wenn ein Droschkenkutscher auf seinen Sohn ein Pferd nebst
einer Quantität Hafer für letzteres vererbt, so darf man fragen, was das
Wesentliche für den Sohn ist. Wer behaupten wollte, dass es der Hafer
sei, dem würde man einwenden müssen, dass der Sohn den Hafer doch
nicht vor den Wagen spannt, sondern dass für sein Geschäft das Pferd
das Wichtigste ist, und hinzufügen, dass das Pferd sich auch mit anderem
Hafer als dem geerbten begnügen würde. In unserem Vergleich ist das
Centrosoma das Pferd und der Zellkern der Hafer. Allein man wird mir
mit Recht einwenden, dass auch durch diesen Vergleich nichts bewiesen
Die Teägek der Vererbung. 51
sei; ich wollte auch nur das Unzulängliche des Weismann 'sehen
Vergleichs, der weiter nichts ist, als eine petitio prineipii, darthun.
Man wird aber Thatsachen gegen mich vorzubringen suchen und
vor allem auf die Experimente Boveri's hinweisen, der Seeigeleier ihres
Kernes beraubte und nach deren Befruchtung mit Spermatozoon einer
anderen Art Larven dieser letzteren entstehen sah. In Boveri's Ex-
perimenten ist aber jedenfalls mit dem Kern auch das Centrosoma aus
dem Ei entfernt worden, und es braucht deshalb niemanden zu wundern,
dass das Centrosoma des Samenfadens dann allein die Zelle beherrscht.
Es ist also durch den Hinweis auf die Bov er i' sehen Experimente
keineswegs meine Anschauung, dass der formgebende Stoff des Tier-
körpers im Plasma des Zellleibes, vor allem in dessen organischem Mittel-
punkt, dem Centrosoma, zu suchen ist, widerlegt, und mir sind keine
anderen Versuche bekannt, auf welche sich die Anschauung, dass der
Kern allein die Vererbung bewirkt, stützen könnte. Es sind übrigens
auch schon etliche Angriffe auf diese zur Zeit herrschende Ansicht er-
folgt, vor allem von Seiten Bergh's und Verworn's. Ersterer sagt
mit Recht, dass, wo eine Übertragung von Kern und Centrosoma statt-
findet, unmöglich der Kern allein der Träger der Vererbung sein kann,
und Verworn weist darauf hin, dass dasjenige, was wirklich vererbt
wird, der Stoff Wechsel zwischen Kern und Zelle ist. Verworn und
andere haben ja den Kern als ein Stoffwechselorgan der Zelle er-
kannt, und es braucht uns deshalb nicht zu wundern, dass Zellen, die
des Kernes beraubt sind, zu Grunde gehen und dass das pathologisch
gewordene Plasma solcher Zellen bei der Vererbung keine "Wirksamkeit
mehr entfalten kann.
Kommen wir noch einmal auf jenen Weis mann 'sehen Vergleich
mit Getreide und Pferd zurück, so können wir mit Recht sagen, dass
ein Pferd, das der Vater auf seinen Sohn vererbt, dem letzteren nichts
nützen kann, falls der Vater nicht auch dafür sorgt, dass sein Sohn das
Pferd in genügender Weise mit Futter versehen kann. Ein Pferd, das
nicht gefüttert wird, muss Hungers sterben, und ein Centrosoma, das
seines Stoff wechselorgans beraubt wird, muss notwendigerweise zu Grunde
gehen. Wir kommen demnach zu der Entscheidung, dass der Zellleib
mit dem Centrosoma als organischen Mittelpunkt mindestens eine ebenso
grosse Rolle bei der Vererbung spielt wie der Zellkern. Nur diese An-
nahme verträgt sich mit der Vererbung somatogener Eigenschaften,
während deren Verwerfung nur zu der Anschauung stimmt, dass allein
52 IL Das Weseh deb Entwickelung.
der Kern der Träger der Vererbung ist. Wir brauchen uns deshalb auch
nicht darüber zu wundem, dass Weismann, der die Vererbung er-
worbener Eigenschaften nicht zu erklären vermag, das Centrosoma mit
einem hinkenden Vergleich abthut und denjenigen das Recht, in Ver-
erbungsfragen mitzureden, abspricht, die zweierlei Vererbungsträger an-
nehmen.
Weismann, der eine solche Annahme verwirft, lässt die Vererbung
aber an eine ganze Compagnie individuell verschiedener Träger, die
zahlreich in jedem Keimplasma vorhanden sind, gebunden sein. Wir
wollen uns nicht weiter bei der Inkonsequenz dieser Annahme aufhalten,
sondern nur den Beweis führen, dass diese Ide, welche die „Kontinuität
des Keimplasma's" sichern sollen, vermöge der Eigenschaften, die Weis-
mann ihnen andichtet, die Vererbung individueller Eigenschaften,
auf welchen allein nach Weismann die zweckmässige Fortbildung der
Organismen weit beruht, erfolgreich vereiteln.
Bekanntlich zerfällt der Kern der Zelle bei der Teilung der letzteren
in eine Anzahl von Gebilden, die man als Kernstäbe, Kernschleifen und
dergleichen mehr bezeichnet hat und am besten Chromosomen nennt.
Weisinann hat für diese Gebilde den Namen Id ante n eingeführt, weil
in ihnen die Ide stecken gleich Pillen in einer Schachtel. Die Ide sind
aus den Determinanten der Zellen zusammengesetzt, diese aus den
selbständig variierenden Biophoren oder Lebensträgern. Bei der
Zellteilung teilen sich die Chromosomen. Nach Weismann werden
dabei die „Ide" in Gruppen von Determinanten zerlegt, so dass endlich
jede Körperzelle nur du ich eine Determinante bestimmt wird. Die zer-
legten Ide können natürlich ihre Eigenschaft nicht mehr auf die
Individuen der nächsten Generation übertragen, weil ihre Determinanten
sich nicht wieder sammeln lassen. Weismann sorgt deshalb dafür,
dass die noch unzerlegten Ide sich rechtzeitig verdoppeln, damit ein
Teil der aus dieser Verdoppelung hervorgegangenen Ide unzerstückelt
in die nächste Generation hinüberschlummern kann, um erst dort zum
eigentlichen Leben oder vielmehr zum Sterben zu erwachen, d. h. sich
auch zu zerstückeln, um die Individuen der nächsten Generation durch
ihre Bestimmungsstücke zu determinieren und dann im zerlegten Zustande
mit den determinierten Individuen zu sterben. Wir sehen jetzt ab davon,
dass die Verdoppelung der Ide, welch letztere nach Weis mann „im
Kern der befruchteten Keimzelle oder auch schon vorher doppelt vorhanden"
sein müssen, ein Ding der Unmöglichkeit ist, wenn man nicht entweder
Die Tkägek der Vekekuuxg. 53
zur Epigenesis oder zur alten Einschachtelungstheorie zurückkehren will,
sondern nehmen einmal an, die Ide könnten sich wirklich verdoppeln,
um „einmal in aktivem und zerlegbarem und einmal in inaktivem
und gebundenem Zustande" vorhanden zu sein. Die ersteren haben
nach "Weismann die Ontogenese zu leiten, die letzteren sollen passiv
den Urgeschlechtsz eilen zugeführt werden. Im Leben des betreffenden
individuellen Organismus spielen also nur die ersteren eine Rolle. Sind die
Determinanten, aus welchen sie zusammengesetzt sind, gut, haben deren
Biophoren in der erforderlichen Richtung variiert, oder sind sie, falls
Variation schädlich war, in dem von den Lebensbedingungen erheischten
Zustande geblieben, so besteht das betreffende Individuum den Kampf ums
Dasein, andernfalls nicht. Wir nehmen an, die „aktiven und zerlegbaren"
Ide entsprechen den an sie gestellten Anforderungen; werden es dann
auch die „inaktiven und gebundenen", die auf die nächste Generation
übergehen und erst hier „aktiv und zerlegbar" werden, thun ? Werden
sie die Eigenschaften des Elters auf die Nachkommen übertragen ? Das
hängt von der Wohlgewogenheit ihrer autokratischen Biophoren ab, denn
obwohl die inaktiven Ide Zwillingsgeschwister der aktiven sind, so
wachsen sie und teilen sich dabei doch fortwährend, wodurch sie sich
verändern. Hören Avir Weismann über diesen Gegenstand!
„Da das Keimplasma," sagt er, „einem sehr starken Wachstum unter-
worfen ist von der befruchteten Eizelle bis zu den Keimzellen des Nach-
kommen, so werden seine Lebenseinheiten, die Biophoren und Deter-
minanten, fortwährenden kleinsten Schwankungen in ihrer Zusammen-
setzung unterworfen sein."
Da diese kleinsten Schwankungen aber das einzige sind, worauf
nach Weis mann die Anpassung der Organismen beruhen kann, so ist die
Vererbung individueller Eigenschaften, durch welche nach
Weismann doch in letzter Linie alle nützlichen Eigenschaften der Or-
ganismen zu stände gekommen sind, ein Ding des absoluten Zu-
falls, denn die „fortwährenden kleinsten Schwankungen" in der Zusammen-
setzung der Biophoren und Determinanten können in der einen Generation
in dieser, in der nächsten in gerade entgegengesetzter Richtung erfolgen.
Eine Vererbung individueller Eigenschaften giebt es also nicht! Das
Kind kann wohl zufällig die individuellen Eigenschaften des Elters
haben, aber eine N o t w e n d i g k e i t für dieV ererbung dieser Eigenschaften
besteht nicht. Weshalb sie trotzdem vererbt werden, weiss Weismann
also nicht zu erklären. Er ist gezwungen, sich dem Zufall in die
54 IL Das Wesen der E.ntwukki.i ng.
Ahne zu werfen. Will er das nicht, will er etwa „dauernde, sich gleich-
bleibende Einflüsse, z. B. klimatische", während mehrerer Generationen
auf seine Biophoren einwirken lassen, um sie dem Zufall zu entreissen,
so muss er die alles beherrschende Bedeutung, die individuelle
Variationen in seiner Theorie haben, preisgeben, denn „dauernde, sich
gleichbleibende Einflüsse, z. B. klimatische", welche die „kleinsten Schwan-
kungen im Laufe der Zeit und der Generationen summieren", führen
nicht zu individuellen, sondern zu Rasseneigentümlichkeiten, weil
die unter einem und demselben Klima lebenden Organismen alle mitein-
ander von ihnen betroffen werden. Billigerweise lassen wir "Weismann
die Wahl zwischen dem wunderbaren Zufall, der so überaus oft die
Vererbung individueller Eigenschaften bewirkt, und der Preisgabe des
Fundamentes seiner Theorie. Uns geht diese, dem Autor des „Keim-
plasmaV und seiner „Kontinuität" unerlässliche Wahl, die freilich keines-
wegs angenehm ist, da sie für ihn eine Entscheidung für eines von zwei
Übeln bedeutet, nichts an, denn wir wollen mit den Weis mann 'sehen
direktionslosen Vererbungsträgern, den „Biophoren", von vornherein nichts
zu thun haben. Unser Vererbungsträger ist in erster Linie das monotone
Plasma des Zellleibes, insbesondere des Centrosoma, in zweiter die gleich-
falls monotone Substanz der Chromosomen des Kernes. Die Verschieden-
heit der Rollen, die diese beiden Vererbungsträger spielen, werden wir
später kennen lernen.
f. Die Bedeutung der Eigenschaften.
1. Bedeutungsvolle und indifferente Eigenschaften.
Wer die Weismann' sehe Präformationstheorie annimmt, kann alle
Eigenschaften der Organismen nur als nützliche oder wenigstens nur
als bedeutungsvolle, die dem Individuum nützen oder schaden können,
betrachten. Sind sie nützlich, so werden sie durch Naturzüchtung er-
halten; besitzt ein Individuum aber schädliche Eigenschaften, so wird
es, und damit seine Eigenschaften, durch natürliche Zuchtwahl beseitigt.
Alle Eigenschaften der Organismen müssen dem Darwinisten Weis-
mann'scher Richtung von Bedeutung sein, entweder als zu erhaltende
und zu verbessernde, oder als schädliche, mindestens als überflüssige,
unnötigerweise zu ernährende und deshalb zu beseitigende. Bedeutungs-
lose, indifferente Eigenschaften kann es für den, der sich zur Weis-
Die Bedeutung der Eigenschaften. - r >5
mann' sehen Präformationstheorie bekennt, nicht geben, dagegen muss
der, welcher auf dem Boden der Epigenesislehre steht, erwarten, dass
viele Eigenschaften bedeutungslos sind, denn nach der Epigenesis-
lehre stehen alle Teile des Körpers miteinander in Korrelation, keiner
kann unabhängig von den übrigen variieren, und deshalb können nicht
wohl alle Teile eine gleich grosse Bedeutung für den Organismus haben,
sofern diese Bedeutung an ihre besonderen Eigenschaften geknüpft ist.
Die Epigenesislehre muss also notwendigerweise zu dem Schlüsse ge-
langen, dass eine grosse Anzahl mehr oder minder beständiger Merk-
male des Tier- und Pflanzenkörpers bezüglich ihrer besonderen Eigen-
schaften völlig bedeutungslos und nur deshalb vorhanden sind, weil der
Organismus ein Gleichgewichtssystem darstellt, weil jeder seiner Teile
in Abhängigkeit von allen übrigen Teilen variiert. Es fragt sich nun,
was uns die Thatsachen in Bezug auf diese Frage lehren.
Weis mann kann indifferente Eigenschaften nicht gebrauchen, des-
halb leugnet er einfach, dass sie in einem anderen Zustande als dem
hochgradiger Verkümmerung oder des ersten Anfanges existieren, aber
eine unbefangene Betrachtung der Organismen lehrt, dass stark ausge-
bildete indifferente Eigenschaften in grosser Anzahl vorhanden sind.
Zu ihnen gehören zunächst noch viele rudimentäre Organe;
die grosse Zähigkeit, mit welcher diese sich vererben, zeigt, dass sie tief
im Bauplan des Organismus begründet sind, dass sie mit Notwendigkeit
immer wieder hervorgebracht werden müssen, trotzdem sie keine Bedeutung
für den Körper und sein Leben mehr haben. Die rudimentären Organe,
die oft noch von ansehnlicher Grösse sind , sprechen ebenso sehr gegen
Weis mann, wie die indifferenten Eigenschaften, die nicht auf Ver-
kümmerung von Organen beruhen. Rudimentäre Organe giebt es aber
in grosser Menge.
Was kann es für einen Nutzen haben, dass in der Blüte des Sal-
bei neben den zwei thätigen Staubgefässen noch zwei völlig unbrauch-
bare vorhanden sind? Wie kommt es, dass viele Tiere noch wohl ent-
wickelte Afterzehen besitzen, Zehen, die völlig ausser Gebrauch gesetzt
sind und ebenso gut fehlen könnten? Allerdings werden solche Organe
vielfach nicht als indifferent, sondern als schädlich hingestellt; die natür-
liche Zuchtwahl soll auch danach trachten, sie zu beseitigen, eine An-
sicht, die jedenfalls besser zur orthodoxen Zuchtwahltheorie passt, als die
von der Indifferenz der rudimentären Organe. Diese könnten aber nur
deshalb schädlich sein, weil sie anderen Organen Nahrung entziehen und
A
,^V DSA/ 0<3
öt) II. Das Wesen der Entwickelung.
zu ihrem eigenen Aufbau benutzen, der von keiner Bedeutung mehr für
den Körper ist. Wenn wir aber diese Frage näher ins Auge fassen, so
ergiebt sich, dass geringe Unterschiede in der Grösse der meisten rudi-
mentären Organe von keinerlei Bedeutung für ihre Träger sind, und dass
Naturzüchtung auch deshalb nicht bestrebt sein kann, sie zu beseitigen.
Thatsächlich variiert ja oft die Grösse der rudimentären Organe ausserordent-
lich, und diejenigen Organismen, die sie stärker entwickelt haben als
ihre Artgenossen, gedeihen ebenso gut wie diese und widerlegen dadurch
den Satz, dass Naturzüchtung bestrebt ist, Organe zu beseitigen, die keinen
Nutzen mehr haben, sondern schädlich sind, weil sie den übrigen Organen
Nahrung entziehen.
An der Hand des Plumplori sitzt ein rudimentärer Zeigefinger;
er ist völlig nutzlos, wird aber doch mit Zähigkeit vererbt, und wenn
er auch im Schwinden begriffen ist, so kann es sich dabei in jeder Ge-
neration bluss um eine durchschnittliche Gewichtsverminderung von
vielleicht weniger als y i00o Milligramm handeln. Wird jemand ernstlich
behaupten wollen, dass das Wohl und Wehe der Art davon abhängt,
dass ein Milligramm Körpersubstanz dem Zeigefinger entzogen wird und
sich gleichmässig auf die übrigen Organe des im Verhältnis zur Grösse
des Zeigefingers sehr bedeutenden Körpers verteilt? Der Zeigefinger des
Plumplori ist also thatsächlich weder ein schädliches, noch ein nützliches
Organ, sondern ein völlig gleichgültiges, und dasselbe gilt von sehr
vielen anderen Organen.
Viele Säugetiere habeu am Unterkiefer ein Haarbüschel stehen, das
aus einer bestimmten Anzahl von Haaren, in für jede Art charakteristi-
scher Weise zusammengesetzt ist. Bei den grösseren Säugetieren nun,
beispielsweise bei Hirschen, bei der Anoa, bei Hunden und vielen an-
deren, ist dieses Haarbüschel ohne Bedeutung. Wenn man aber den
einzelnen Haaren auch noch einen geringen Grad von Tastsinn zuge-
stehen will, so ist es doch völlig gleichgültig, ob diese Haare mehr oder
weniger regelmässig gestellt sind. Trotzdem ist die Figur, die sie durch
ihre Ansatzstellen bilden, eine ausserordentlich regelmässige und kon-
stante. Es ist völlig unmöglich, der geometrischen Form dieser gewöhn-
lich sehr kleinen Figur, die gewöhnlich nur einen Kaum von wenigen
Quadratmillimetern einnimmt, irgend welchen Zweck zuzuschreiben.
Dasselbe gilt für die Stellung der meisten Haare am Rumpfe der Säugetiere.
Ich habe den Nachweis führen können und werde ihn in späteren Publi-
kationen noch näher zu begründen haben, dass bei manchen Säugetieren,
Die Bedeutung der Eigenschaften. 57
wenn nicht bei vielen oder den meisten, die Haare in Querbänder gestellt
sind, welche den einzelnen Abschnitten der Wirbelsäule entsprechen,
einerlei ob die Haare am Grunde anders gefärbt sind, als an der Spitze,
ob also auf diese Weise die Bänderung sichtbar zum Ausdruck kommt,
oder ob die Haare in ihrer ganzen Länge gleichgefärbt sind. Jedenfalls
giebt es zahlreiche Tiere mit dieser Haarstellung, die sich allerdings
meistens nur bei genauerer Untersuchung und oft nur gelegentlich, ins-
besondere bei günstiger Beleuchtung, zeigen wird. Es geht aus dieser
Bänderung mit Sicherheit hervor, dass es sich dabei um eine Korrela-
tionserscheinung handelt, die im übrigen von keinerlei Bedeutung
ist, die nicht über das Wohl und Wehe der betreffenden Tierarten ent-
scheiden kann.
Ganz dasselbe gilt in sehr vielen Fällen von den Flecken und
Streifen, die wir bei zahlreichen Tieren finden. Man kann so weit
gehen, zu behaupten, dass die Zeichnung, die, wie Eimer gezeigt hat
und wie ich überall bestätigt finde, von einer ausserordentlich hohen
Gesetzmässigkeit beherrscht wird, in den meisten Fällen völlig ohne Be-
deutung ist, und dass es vom Standpunkte des Nützlichkeitsprinzips aus
viel mehr auf die Färbung selbst ankommt, als auf die Verteilung
der Farben über den Körper. Wer nicht so weit gehen will, diese Be-
hauptung zu unterschreiben, der wird doch jedenfalls zugestehen müssen,
dass es viele sehr konstante Eigentümlichkeiten der Zeichnung- giebt,
die nicht wohl von irgend einer Bedeutung sein können, die völlig in-
different sind. Auf dem Schwänze vieler Hundearten finden wir bei-
spielsweise einen schwarzen Fleck, der äusserlich das Vorhandensein
einer Drüse anzeigt. Welchen Unterschied kann es aber machen, ob
die Haare, welche diese Drüse umgeben, dunkel oder hell gefärbt sind,
ob sie sich von der Umgebung unterscheiden oder nicht. Dass sie es
dennoch thun, ist für die Fortexistenz der betreffenden Hundearten
völlig gleichgültig. Keinerlei Nutzen gewährt auch ein sehr beständiges
schwarzes oder dunkles Querband an der Innenseite des Vorderbeines
bei Katzen. Es dürfte bei den allermeisten Katzenarten gefunden
werden und zeigt schon durch seine verborgene Lage, dass es von gar
keiner Bedeutung ist. Man sieht es meist nur dann, wenn man sich
Mühe giebt, es wahrzunehmen; trotzdem hat es sich mit ungewöhn-
licher Zähigkeit bei den allermeisten Katzenarten gehalten. Es muss
tief in der Organisation des Katzenkörpers begründet sein , eine Korre-
lationserscheinung darstellen, die mit Notwendigkeit fast bei allen Katzen
58 II. Da> Wesen der Entwii kelung.
zum Ausdruck kommen muss; aber irgend welche Bedeutung für da<
Fortbestehen des Katzengeschlechts hat es nicht, es kann deshalb auch
unmöglich durch die Natur herangezüchtet worden sein.
Die Zeichnung der Tigerpferde ist ungewöhnlich mannigfaltig, und
ihre Unterschiede können nicht durch die Nützlichkeitstheorie erklärt
werden. Trotzdem ist es möglich , eine Anzahl von Tigerpferdarten zu
unterscheiden. Das echte Zebra ist ganz anders gezeichnet als das
Quagga und der Dauw. Auch der eingefleischteste Darwinist wird nicht
behaupten mögen, dass er eine Erklärung für die Verschiedenartigkeit
der Zeichnung bei diesen und anderen Tieren geben könnte, er wird
sich damit begnügen zu sagen, dass, weil Darwin mit seiner Theorie
im Rechte sei, alles eine Bedeutung haben müsse, und dass also auch
die konstante Zeichnung der Tiere eine nützliche Einrichtung sein müsse."
Wer aber eine derartige Erklärung abgiebt, der verlässt damit den Boden
der Wissenschaft. Die Behauptung, dass alles nützlich sein müsse,
weil es nur durch Züchtung hervorgebracht sein könne, involviert einen
Zirkelschluss.
Die Zuchtwahllehre geht bekanntlich von der Thatsache aus, dass
die Organismen durch eine grosse Anzahl auffälliger nützlicher Einrich-
tungen vor den Anorganismen ausgezeichnet sind. Sie sucht nachzu-
weisen, dass Naturzüchtung diese nützlichen Einrichtungen gesteigert
und zu der hohen Vollendung gebracht habe, die wir thatsächlich an
den Organismen vorfinden. Wer aber sagt, dass das, was thatsächlich
besteht, auch von Bedeutung sein müsse, der macht eben die Folgerung
zur Voraussetzung. Was nützlich ist, muss nach der Zuchtwahllehre
gezüchtet sein, was aber noch nicht als bedeutungsvoll erkannt ist, das
darf man nicht als gezüchtet hinstellen, sonst würde man ja von der
Grundvorstellung ausgehen, dass alles gezüchtet wäre und deshalb von
Bedeutung sein müsse. Zuerst müsste doch durch die Thatsachen der
Nachweis gebracht worden sein, dass alles, was besteht, von Bedeutung
ist. Dieser Nachweis ist aber nicht zu führen.
Zu den angeführten Beispielen kommen die anderer Einrichtungen,
die ebensowenig gezüchtet sein können wie die genannten. Viele
Katzen haben auf dem Ohre einen weissen oder wenigstens hellen Fleck-
einen Nutzen kann dieser nicht wohl haben, denn er verrät den schlei-
chenden Tiger, Jaguar oder Leopard höchstens seiner Beute. Etliche
Antilopen und ebenso der Urbüffel von Celebes haben je zwei weisse
Flecke auf den Wangen, wie wir sie ausser bei der Anoa beispielsweise
Die Bedeutung der Eigenschaften. 59
bei der Nilgauantilope und bei der Schirrantilope finden. Diese Flecke
können nicht wohl von irgend welcher Bedeutung sein. Man könnte
vielleicht daran denken, sie etwa bei der Nilgauantilope als ein Er-
kennungszeichen zu betrachten, aber man wird diese Idee aufgeben
müssen, sobald man einsieht, dass die Flecke auf weite Entfernungen
nicht sichtbar sind, sondern nur auf kurze Strecken hin wirken. In der
Nähe erkennen sich die Tiere aber ohnehin schon und brauchen deshalb
nicht noch zwei kleine weisse Flecke auf den "Wangen als Erkennungs-
mittel. Wenn wir die Flecke aber dennoch als Erkennungszeichen
gelten lassen wollen, weil die Antilopen Steppentiere sind, so stehen wir
den hellen Flecken auf der "Wange der Anoa ratlos gegenüber, denn
dieses Tier lebt in den dichten Urwäldern von Celebes und kann sich
seinen Artgenossen nur durch die Stimme oder den Duft verraten.
Bei den Haustauben sind die Nackenfedern, wie schon Darwin
bemerkt hat, oft etwas nach oben gerichtet, und da solches bei ver-
schiedenen Haustaubenrassen , aber nicht bei deren Stammform, der
wilden Felsentaube, vorkommt, so können wir diese Federstellung nur
als eine Korrelationserscheinung betrachten, die tief im Organismus
des Taubenkörpers begründet ist. Zu diesem Schlüsse werden wir um
so eher gelangen, wenn wir nach oben gerichtete Nackenfedern auch bei
wilden Taubenarten, beispielsweise bei der Zahntaube von Samoa, finden.
"Was von diesen Nackenfedern der Tauben gilt, findet auch auf die
Troddeln, die am Halse domestizierter Ziegen aufzutreten pflegen, An-
wendung. Diese können keinerlei Bedeutung haben, müssen aber tief
im Bau des Ziegenkörpers wurzeln, denn sie vererben sich mit grosser
Zähigkeit und kommen bei verschiedenen Kassen vor. Dass die Blatt-
formen der Pflanzen in manchen Fällen von Bedeutung sind, soll nicht
geleugnet werden, daraus aber den Schluss zu ziehen, dass sie es überall
sein müssen, ist durchaus unwissenschaftlich. Den Brombeersträuchern
kann es völlig gleichgültig sein, ob ihre Blätter dadurch aus dreiteiligen
zu fünfteiligen werden, dass sich von den beiden unteren Blättchen zwei
neue abzweigen, oder dass dieses an dem mittleren Blättchen geschieht.
Die Beispiele, die wir für die ausserordentlich grosse Anzahl in-
differenter Einrichtungen im Tier- und Pflanzenreich anführen könnten,
werden von verschiedenen Ultradarwinisten verschieden beurteilt. "Weis-
niann erblickt in allen Einrichtungen entweder nur nützliche, oder solche,
die sich auf dem Wege zunehmender "Vollendung oder zunehmender Ver-
kümmerung befinden. "Wallace dagegen sagt, dass die Organismen nur
60 II. Das W] ben der Eni v. [< keli
solche Einrichtungen hätten, welche entweder nützlich sind oder mit
nützlichen in Korrelation stehen. Dadurch giebt der Mitbegründer des
Darwinismus das Bestehen einer wirklichen und echten Korrelation zu.
Wie diese aber zu erklären sei, sagt er nicht. Wenn eine solche Kor-
relation besteht, so können die Eigenschaften nicht wohl unabhängig
voneinander variieren, und es dürfte dann der natürlichen Zuchtwahl
schwer sein, jede einzeln zu züchten. AVer annimmt, dass die einzelnen
Eigenschaften gezüchtet werden, der muss notwendigerweise auch un-
abhängiges Variieren jeder Eigenschaft annehmen. Wenn man die Ver-
erbung erworbener Eigenschaften leugnet, so kann man die Entstehung
zweckmässiger Einrichtungen eben nur durch die natürliche Zuchtwahl
erklären, und diese kann nur dann wirksam werden, wenn die Eigen-
schaften sich nicht gegenseitig in ihrer Entwicklung stören , wenn das
Keimplasma ein polymiktes und kein monotones ist. Der auf die Spitze
getriebene Darwinismus steht und fällt mit der Annahme der Präforma-
tionstheorie. Ist diese zu verwerfen, so müssen die Ultradarwinisten ihre
Ansichten stark modifizieren.
2. Direkt und indirekt benutzte Einrichtungen.
Um die Bedeutung der Eigenschaften richtig zu beurteilen und da-
nach die Entscheidung zu treffen, ob Präformation oder Epigenesis die
Entwickelung beherrscht, müssen wir weiter fragen, ob alle Einrichtungen
direkt benutzt werden, oder ob manche nur indirekt ihren Trägern
zu gute kommen. Eigenschaften, die in direkter Beziehung zu dem Ge-
brauch oder Nichtgebrauch der Organe stehen, werden sich als durch
diese Faktoren hervorgebrachte auffassen lassen, falls man die Vererbung
somatogener Eigenschaften anerkennt. Dagegen wird man für zweck-
mässige Einrichtungen, die nicht direkt gebraucht werden, andere Er-
klärungsmittel suchen müssen, und es fragt sich deshalb, ob die grössere
Anzahl der Eigenschaften direkt, oder ob die meisten indirekt benutzt
werden , und ob nicht etwa alle Einrichtungen entweder mittelbar oder
unmittelbar gebraucht werden.
Dass es nur mittelbar benutzte Einrichtungen giebt, muss unbedingt
verneint werden, denn Organe wie die Muskeln, die Sinnesorgane und
viele andere sind [Hinrichtungen, die unmittelbar gebraucht werden. Bei
den Knochen. Schalen und bei vielen Schutzorganen, Stacheln und der-
gleichen sind wir oft im Zweifel, ob sie direkt gebraucht oder nur indirekt
Die Bedeutung der Eigenschaften. 61
benutzt werden. Allerdings werden auch viele dieser Organe direkt ge-
braucht; aber es fragt sich, ob sie alle als durch den Gebrauch erworben
erklärt werden können. Wir hätten also solchen Eigenschaften, die wir
uns als durch den Gebrauch erworben oder durch den Gebrauch ver-
loren gegangen denken können, andere gegenüber zu stellen, bei denen
dieses zweifelhaft ist, obwohl auch sie direkt benutzt werden. Endlich
aber giebt es noch eine grosse Menge von Eigenschaften, die nur indirekt
zur Geltung kommen, und von diesen muss in erster Linie die Färbung
genannt werden. Wenn ein Tier durch seine weisse Farbe den Schnee-
gefilden des Nordens angepasst ist, so kommt ihm diese Eigenschaft nur
indirekt zu gute, entweder dadurch, dass es von seinen Beutetieren nicht
bemerkt wird, oder dadurch, class es sich vor seinen Feinden verbergen
kann. Ähnliches gilt für die Form mancher Eier von Vögeln, die auf
Felsklippen brüten und deren eigentümliche Eiform ein Herunterrollen
der Eier von den Felsen einigermaassen verhütet. Solche Einrichtungen
sind nur von indirektem Nutzen und können deshalb nicht auf den Ge-
brauch oder Nichtgebrauch der Organe zurückgeführt werden.
Zu derartigen Eigenschaften kommen aber noch andere, die zwar
auch direkt gebraucht werden, die aber nicht durch entsprechenden Ge-
brauch hervorgerufen sind. Bei dem Fingertier ist der Mittelfinger stark
verkümmert; er ist, verglichen mit den übrigen, sehr dünn, was ich mir
dadurch erkläre, dass das Tier beim Greifen Daumen und Zeigefinger
gegen den vierten und fünften Finger wirken lässt, wodurch der Mittel-
finger ausser Gebrauch gesetzt wurde und infolgedessen verkümmerte.
Aber das Tier hat es gelernt, ihn in neuer Weise zu gebrauchen; es
benutzt ihn nämlich, um mit seiner Hilfe Insekten und deren Larven aus
engen Baumritzen hervorzuholen. Einen ähnlichen Fall haben wir bei den
Spechten, deren Männchen bekanntlich zur Paarungszeit durch ein eigen-
tümliches Schnarren ihre Gefühle dem Weibchen kundgeben. Sie er-
zeugen dieses Schnarren mit dem Schnabel, den sie gegen einen dürren
Ast oder dergleichen vibrieren lassen. Der Spechtschnabel ist nun in
seiner eigentümlichen Form eine Einrichtung, die man, wenn man die
Vererbung somatogener Eigenschaften annimmt, wohl durch die Wir-
kungen des Gebrauchs erklären kann. Aber die Benutzung des Schna-
bels als Organ der Mitteilung kann erst eingetreten sein, nachdem der
Specht schon in hohem Grade an seine eigentümliche Lebensweise an-
gepasst war. Diese Beispiele Hessen sich noch leicht durch andere ver-
mehren.
62 TL D.\> Wesen des Entwii kelung.
Wir kommen also zu dem Ergebnis, dass es sowohl direkt als auch
indirekt benutzte Einrichtungen giebt, und dass die Bedeutung der Ein-
richtungen ursprünglich eine andere gewesen sein kann, als sie es später
ist, und es fragt sich, wie sich mit diesem. Ergebnis einerseits die Prä-
formation stheorie, andererseits die Epigenesislehre in Einklang bringen lässt.
Die Präformationstheorie lässt sich schwor mit dem Bestehen direkt
benutzter Einrichtungen vereinigen, denn nach ihr variieren ja die einzelnen
Teile des Keimplasma's in beliebiger "Weise, und jede Einrichtung ist
demnach in letzter Linie eine indirekt benutzte. Da aber der Körper
in den allermeisten Fällen durch eine grosse Anzahl einzelner Einrichtun-
gen ausgezeichnet ist, so wäre es schwer zu verstehen, wie die Organismen
dazu gekommen sind, von den zufällig entstandenen brauchbaren Ein-
richtungen auch den rechten Gebrauch zu machen. "Wenn beispielsweise
der Spechtschnabel durch zufälliges Variieren seiner Determinanten die
bekannte Meisselform erhielt, so mussten gleichzeitig auch die Determi-
nanten des Gehirns in günstiger Richtung variieren , um dem Spechte
zu sagen, in welcher Weise er seinen Schnabel zu benutzen hatte. Die
Spechte sind aber nicht bloss durch ihren Schnabel und durch die von
ihm gemachte zweckmässige Verwendung in hohem Grade als Charakter-
vögel gekennzeichnet, sondern noch durch eine ganze Reihe anderer Ein-
richtungen: die lange hervorstreckbare Zunge, die eigentümlichen Beine,
die steifen Schwanzfedern und alles, was damit zusammenhängt. Wie
soll man es sich vorstellen, dass die Vorfahren der Spechte es verstanden
haben, alle diese unabhängig voneinander entstehenden Einrichtungen
in der richtigen Weise zu verwerten? Die Präformationstheorie kämpft
also mit grossen Schwierigkeiten, welche der Epigenesislehre nicht an-
haften, denn nach der Epigenesislehre stehen alle Teile des Körpers mit-
einander in Korrelation, und die direkt benutzten Einrichtungen sind
durch entsprechenden Gebrauch entstanden, und zwar in vielen Fallen
gleichzeitig. Das letztere ist sicher bei den Spechten der Fall gewesen,
die ihre sämtlichen eigentümlichen Einrichtungen gleichzeitig durch den
Gebrauch erworben und alle durch fortgesetzten Gebrauch gleichmässig
und stetig gesteigert haben, so dass sich jede einzelne Einrichtung im
Gleichgewicht mit den anderen befand.
Wie die Vererbung dieser Einrichtungen zu erklären ist, ist eine
Frage, mit welcher wir es in diesem Kapitel noch nicht zu thun haben,
aber soviel ist schon hier sicher, dass die Theorie der Epigenesis eine
viel annehmbarere Erklärung für direkt benutzte Einrichtungen giebt, als
Die Bedeutung der Eigenschaften. 63
die Präformationslehre, und wir werden auch zeigen, dass sie auch in-
direkt benutzte Eigenschaften zu erklären weiss, denn es müssen der
Epigenesistheorie gemäss, da alle Eigenschaften miteinander in Korre-
lation stehen, eine grosse Menge von zunächst bedeutungslosen Einrich-
tungen getroffen werden, die später indirekt dem betreffenden Organis-
mus nützlich oder schädlich werden können. Eine Auslese lässt also
auch die Epigenesislehre zu, nur dass sie ihr keine so ausschliessliche
Bedeutung zugesteht, wie es die Präformationstheorie thun muss, die in
letzter Linie nur indirekt benutzte Einrichtungen kennt.
3. Erhaltungsmässige und uichterhaltungsniässige Eigenschaften
Um über die Auslese, die jedenfalls in der Natur stattgefunden hat,
zu eiuem sicheren Urteil zu gelangen, müssen wir mit Mob ius erhal-
tungsmässige und nichterhaltungsmässige Eigenschaften unter-
scheiden. Wenn die Präformationstheorie im Recht ist, so hätten Einrich-
tungen, die den betreffenden Tieren eine Zeit lang gute Dienste erwiesen
haben, dann aber zu ihrem Untergange führten, gar nicht entstehen können,
sondern die natürliche Zuchtwahl hätte rechtzeitig dafür sorgen müssen,
dass dergleichen Einrichtungen wieder in zweckmässiger Weise abge-
ändert wurden, weil ja nach den Anschauungen der Ultradarwinisten
jedes Tier und jede Pflanze jeder Zeit so weit, wie erforderlich, ihren
Lebensbedürfnissen angepasst ist. Es hätten, wenn diese Theoretiker
recht haben, nicht ganze Tiergruppen aussterben dürfen, wie es die
Trilobiten, die grossen Saurier, die Ammoniten und viele andere gethan
haben. Ist dagegen die Epigenesislehre im Recht, so mussten einerseits
durch fortgesetzten Gebrauch, andererseits durch Korrelationsverhältnisse
Einrichtungen geschaffen werden, die endlich, weil sie eben durch fort-
gesetzte Übung gesteigert wurden und weil eine beständige Korrelation
stattfindet, nicht mehr rückgängig gemacht werden konnten und deshalb
oft das Aussterben ihrer Träger bedingen mussten.
Zu diesen Eigenschaften gehört vor allen Dingen die zu beträchtliche
Grösse. Wir haben gesehen, dass die Grösse im Entwickelungsverlaufe
eines und desselben Tierstammes stetig zuzunehmen bestrebt ist, und
können deshalb verstehen, warum sie in manchen Fällen so enorm wurde,
dass die betreffenden Tiere aussterben mussten. Sie fanden entweder
nicht mehr die nötige Nahrung oder wurden zu unbeholfen oder sonst
irgendwie durch die Grösse zu sehr benachteiligt. Ihrer Körpergrösse
04 II. Das Wesen der Entwickeli
haben die Riesentiere der Vorwelt es zu verdanken gehallt, dass sie
ausgestorben sind, und andere sind der zu starken Ausbildung einzelner
Organe zum Opfer gefallen. So sind die Säbeltiger infeige der enormen
Grösse ihres oberen Eckzahnes, der wohl noch als Waffe gute Dienste
leistete, aber eine entsprechende Entwicklung der Backenzähne verhin-
derte, zu Grunde gegangen, und der Riesenhirsch verdankt seinen Unter-
gang wahrscheinlich seinem übermächtig gewordenen Geweih. Der Hirsch-
eber soll oft dadurch sterben, dass sich seine oberen Eckzähne ins Fleisch
bineinbohren, und bei Mufflons habe ich oft die Beobachtung gemacht,
dass ihre Hörner in den Nacken hineinwachsen, hässliche Wunden
und Eiterungen erzeugen und, wenn sie nicht den Tod des Tieres her-
beiführen sollen, abgesägt werden müssen. Die Mufflons sind aber noch
nicht zu Haustieren geworden, und es ist deshalb sicher, dass auch im
freilebenden Zustande manche durch ihre zu stark ausgebildeten Hörner
getötet werden.
Mit diesen Thatsachen verträgt sich die Präformationstheorie, die
unabhängiges Variieren der einzelnen Biophoren des Keimpläsma's mit
nachfolgender Auslese annimmt, nicht, sondern nur die Epigenesistheorie
lässt sich mit ihnen in Einklang bringen. Wenn die Präformationstheorie
bestehen will, so muss sie es einfach leugnen, dass dergleichen nicht er-
haltungsmässige Eigenschaften überhaupt ausgebildet worden sind. Freilich
wird sie dann den Untergang der betreffenden Tiere nicht wohl erklären
können. Wenn wir nach alledem zur Entscheidung der Frage kommen,
ob die Einrichtungen der Organismen direkter Anpassung oder der Aus-
lese ihren Ursprung verdanken, so werden wir einen grossen Teil, vielleicht
den allergrössten ihrer Eigenschaften, auf direkte Anpassung zurückführen,
dagegen eine Anzahl auch durch Auslese erklären, insofern manche Eigen-
schaften nicht direkt benutzt werden können. Die Epigenesislehre weiss
sich also sowohl mit der direkten Anpassung als auch mit der Auslese
indirekt benutzter Einrichtungen abzufinden, während die Präformations-
theorie nur Auslese kennen darf.
Um zu sehen, welcher Art die Auslese sein darf, falls die Präfor-
mationstheorie oder die Epigenesislehre unsere biogenetischen Anschauungen
beherrschen soll , müssen wir uns nunmehr über die Arten der Auslese
eingehender orientieren.
Die Arten der Auslese. 65
g. Die Arten der Auslese.
1. Ökonomische Auslese und Rückbildung.
Wenn alle Teile des Organismus in der Keimzelle vorgebildet sind,
so wird die Auslese eine ganz andere Bedeutung haben, als wenn sich
der Organismus aus einem monotonen Keimplasma entwickelt, wie es die
hier vorzutragende Epigenesislehre annimmt. Der Präformismus schliesst
die Vererbung erworbener Eigenschaften aus, weil es auf Grund dieser
Lehre nicht einzusehen ist, wie durch äussere Einflüsse oder den Ge-
brauch erworbene Veränderungen eines Organes auf die Determinanten
des betreffenden Organes in den Keimzellen übertragen werden könnten,
denn eine direkte Verbindung des durch äussere Einflüsse oder den Ge-
brauch oder Nichtgebrauch veränderten Organes mit den Determinanten
der Keimzellen , aus welchen die nächste Generation hervorgehen soll, ist
ausgeschlossen , weil diese Determinanten im festen Verbände des „Ids"
liegen und von anderen Determinanten umgeben sind. Ausserdem liegen
ja nach Weismann's präformistischer Ansicht die Ide im Zellkern, und
man müsste schon annehmen, dass durch den Zellkörper hindurch Ver-
bindungsfäden gehen, welche die Determinanten mit den Organen, welche
sie zu determinieren haben, in Kommunikation setzen. Eine solche An-
nahme ist, wie nicht näher ausgeführt zu werden braucht, völlig aus-
geschlossen, und aus diesem Grunde muss der Präformismus die Ver-
erbung erworbener Eigenschaften leugnen. Dagegen kann die Theorie
der Epigenesis nicht ohne sie auskommen.
Man könnte zwar zunächst annehmen wollen, dass auch eine epige-
netische Vererbungstheorie lediglich durch das Überleben des Passendsten
die Organe allmählich heranzüchten und weniger gut angepasste Or-
gane durch Naturzüchtung vollkommener werden lassen könne. Allein
wenn das Keimplasma ein monotones ist, wenn also sämtliche
Zellen des Körpers von diesem monotonen Keimplasma aus bestimmt
werden und deshalb notwendigerweise in Korrelation stehen müssen, so
ist nicht einzusehen, wie die Anfänge eines Organes, die der Selektion
das Material liefern müssen, überhaupt ohne Hilfe direkter Anpassung
entstanden sein sollen. Sie können vielmehr nur dadurch hervorgebracht
worden sein, dass der Körper sich selbst seine Organe bildet und dass
diese auf die Nachkommen vererbt werden. Weil die einzelnen Teile
des Körpers sich direkt an die Aussen weit anpassen, aber zu jeder Zeit
miteinander in Korrelation stehen, können zwar gleichzeitig an verschie-
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 5
66 II. Das Wesen der Entwickeli ng.
denen Stellen des Körpers die verschiedensten Anpassungen stattfinden;
aber alle müssen sich miteinander ins Gleichgewicht setzen, so dass die
durch verschiedenartige Umbildungen veränderte Konstitution des Keim-
plasma's gleichzeitig mit allen Anpassungen des Körpers in Korrelation
steht. Das Keimplasma muss deshalb, wie wir später noch besser be-
greifen werden, notwendigerweise die neu erworbenen Anpassungen in
der nächsten Generation reproduzieren.
Es fragt sich nun, ob der Präformismus oder die letztere Annahme
besser mit den Thatsachen in Einklang zu bringen ist, ob die Auslese
wirklich das leisten konnte, was thatsächlich entstanden ist, oder ob wir
wenigstens die Mehrzahl der zweckmässigen Einrichtungen nicht besser
durch die Vererbung erworbener Eigenschaften erklären können.
Um über diese Frage zu entscheiden, ist eine Betrachtung der Um-
stände, welche zu der Ausbildung von rudimentären Organen ge-
führt haben, erforderlich.
Wenn man eine Yererbung erworbener Eigenschaften annimmt, so
sind die rudimentären Organe ohne weiteres erklärt; es sind Organe,
die durch Nichtgebrauch verkümmert und in der verkümmerten Gestalt
auf die Nachkommen übertragen worden sind. Bei den letzteren ver-
kümmern sie durch fortgesetzten Nichtgebrauch noch mehr und müssen
deshalb endlich verschwinden. Ein Organ, das nicht gebraucht wird,
wird auch nicht genügend ernährt, wenigstens in all den Fällen nicht,
wo dieses Organ aktiv gebraucht wird. Dafür Beweise anzuführen, ist
überflüssig, denn die bezüglichen Thatsachen sind allbekannte. Der Prä-
formismus aber muss sehr weit ausholen, um das Verkümmern nicht ge-
brauchter Organe zu erklären, und er hat es auf zweierlei Weise versucht.
Vor dem Auftreten Weis mann 's, der eine energische Bekämpfung
der Lehre von der Vererbung erworbener Eigenschaften inaugurierte, er-
klärte man das Verkümmern nicht gebrauchter Organe vielfach durch
eine Art der Auslese, die wir, wenn sie existierte, als ökonomische
Auslese bezeichnen könnten. Man sagte, dass Organe, die nutzlos sind,
auch nicht mehr ernährt zu werden brauchen, und dass es nicht gut ist,
wenn sie noch ferner ernährt werden, weil dadurch wichtigen Organen
Nahrung entzogen wird. Es hätte also eine Zuchtwahl stattgefunden,
welche bewirkte, dass diejenigen Tiere, bei welchen nicht gebrauchte Or-
gane zufälligerweise spärlicher, dafür aber die wichtigen Organe besser
ernà ¤hrt wurden als bei anderen Tieren, grössere Erfolge im Kampf ums
Dasein gehabt hätten als diese, dass jene überlebt und ihre etwas zurück-
Die Akten der Auslese. 67
gebildeten unnützen Organe auf ihre Nachkommen vererbt hätten. Bei
den Nachkommen hätte derselbe Selektionsprozess stattgefunden, und auf
diese Weise wären endlich die nicht mehr gebrauchten Organe mehr
oder minder vollständig zurückgebildet worden. .Wir haben aber schon
früher gesehen, dass eine solche Annahme nicht haltbar ist, denn bei
Organen, die im Verhältnis zum Gesamtkörper sehr klein sind, kann die
winzige Menge von Nahrung, welche ihnen entzogen wird, keine irgend-
wie geartete Rolle in dem Haushalt des betreffenden Organismus spielen.
Bei vielen Tieren finden wir Afterzehen, die klein und völlig ausser
Gebrauch gesetzt sind. Die betreffenden Zehen sind bei anderen Tieren
noch gross und in Thätigkeit, bei noch anderen aber völlig geschwunden.
Man kann sich nun leicht vorstellen, dass solche Zehen durch die schäd-
lichen Folgen des Nichtgebrauchs nach und nach verkümmern, weil sie
nicht mehr in genügender Weise ernährt werden. Wenn aber die Er-
nährung nicht vom Gebrauch oder Nichtgebrauch abhängt, sondern wenn
es rein zufällig ist, ob ein Organ besser oder weniger gut ernährt wird,
so ist es schwer zu verstehen, wie dergleichen Zehen völlig geschwunden
sein können. Sie müssen doch durch das Stadium, das heute von den
winzigen Afterzehen repräsentiert wird, hindurchgegangen sein, und man
müsste dann annehmen, dass die mehr oder minder gute Ernährung etwa
der Afterzehe eines Hundes, wie wir sie bei vielen Haushunden finden,
und wie sie die wildlebenden fünfzehigen Vorfahren des Hundes besessen
haben müssen, über das Wohl und Wehe der Art entscheidet. Ein grosser
Teil unserer Haushunde stammt vom Wolf ab ; die Vorfahren des Wolfes
hätten also eine kleine Afterzehe gehabt, und ihre mehr oder weniger
gute Ernährung hätte über das Schicksal der betreffenden Individuen
entschieden. Da es sich bei einem so kleinen Gebilde in jeder Generation
nur um geringe Bruchteile eines Milligramms von Nährsubstanz gehan-
delt haben kann, so müsste man annehmen, dass diese minimalen Ge-
wichtsmengen, die sich auf den Gesamtkörper verteilten, genügt hätten,
um die einen Wölfe überleben, die anderen aber Hungers sterben zu
lassen. Ich glaube kaum, dass die Präformisten zu dieser Annahme ihre
Zuflucht nehmen werden. Das hat auch Weismann gefühlt, und des-
halb hat er seine Theorie der Panmixie erfunden, um die Verkümmerung
nicht gebrauchter Organe zu erklären.
Unter Panmixie versteht Weis mann das Folgende: Er lässt, wie
es ja der Präformismus notwendigerweise thun muss, sämtliche Organe im
Keime vorgebildet sein, nur vom Keim aus variieren und sagt dann, dass
r.s II. Das Wesen der Entwicke luxg.
die natürliche Zuchtwahl darüber entscheidet, ob die Variationen, welche
die Determinanten und ihre Biophorcn erlitten haben, von Bestand sein
sollen oder nicht. Haben sie so variiert, dass sie eine Verkümmerung
eines wichtigen Organes herbeiführen, so muss das betreffende Tier im
Kampf ums Dasein zu Grunde gehen, haben sie dagegen in der erforder-
lichen Weise variiert, oder sind sie, falls keine Veränderung nötig, noch
ebenso gut wie in der vorhergehenden Generation, so überlebt das be-
treffende Individuum. Bei Organen aber, welche nicht mehr gebraucht
werden, kommt es nicht darauf an, ob ihre Biophoren nach der einen
oder nach der anderen Richtung hin variieren; sie können sich nach
allen möglichen Richtungen hin verändern, ohne dass dadurch etwas
über den Fortbestand des betreffenden Individuums entschieden wird.
Da nun die Biophoren nach Weisniann immer bald nach dieser, bald
nach jener Richtung hin abändern, und zwar in dem einen Individuum
hierhin, in dem anderen dorthin, so kommen infolge der geschlechtlichen
Vermischung verschiedener Individuen in den von den Determinanten
bestimmten Organen schlechtere und bessere Biophoren nebeneinander
zu liegen. Das Organ verändert sich, aber die durch allseitige Mischung,
durch Panmixie erzeugte Veränderung ist für die betreffende Art nicht
nachteilig, weil die Organe nicht mehr gebraucht werden. Auf diese
Weise soll ein überflüssiges Organ allmählich völlig rudimentär und
zum Schwinden gebracht werden. Indessen kann man sich auf Grund
der Weismann 'sehen Panmixielehre zwar vorstellen, dass es ver-
schlechtert wird ; dass es aber infolge „Auf hörens der Zuchtwahl" zugleich
verschwinden kann, ist völlig unbegreiflich, ist eine absolut unbegründete
Annahme Weismann 's und seiner Anhänger.
Stellen wir uns einmal vor, -ein Auge wäre überflüssig geworden,
wie es bei Tieren, die in Höhlen eingewandert sind, oft der Fall ge-
wesen ist. Die einzelnen Teile des Auges werden durch verschiedene
Determinanten bestimmt, und die Biophoren, welche diese Determinanten
zusammensetzen, variieren nun nach allen Richtungen hin. Durch die
geschlechtliche Mischung kommen etwa in der Linse des Auges gute
und schlechte Biophoren nebeneinander zu liegen und verändern nun
die Linse in entsprechender Weise. Das können wir uns, wenn wir auf
dem Standpunkte des Präformismus stehen, recht gut vorstellen. Wie
aber kommt es, dass die Linse und die übrigen Organe kleiner werden,
dass sie endlich völlig schwinden? Das ist auch durch Weis-
mann 's Panmixie nicht begreiflich zu machen, denn wenn Variation
Die Arten* der Auslese. 69
nach allen möglichen Richtungen hin stattfinden kann, wenn Panmixie
alle möglichen Biophoren in eine und dieselbe Zelle zusammenbringt,
Biophoren, die ein geringes, und andere, die ein starkes Wachstum
verursachen, so kann das Organ nie und nimmer kleiner werden und
verschwinden, denn neben Biophoren, die sich in Bezug auf ihre Wachs-
tumsenergie gleich bleiben, werden wir immer solche finden, welche eine
starke, und andere, die eine geringe Wachstumsenergie haben. Diese
beiden letzten Gruppen von Biophoren werden sich in ihrer Wirkung
gegenseitig aufheben, und es kann deshalb wohl eine Verschlechterung
des Organes eintreten, aber das Organ kann nie zum Schwinden ge-
bracht werden, es sei denn, dass ökonomische Auslese es hinwegzüchtet
was, wie wir gesehen haben, zu den gewagtesten Annahmen führen
muss.
Es fragt sich allerdings, ob Organe, die verschlechtert worden sind,
dem betreffenden Organismus nicht direkt schädlich und deshalb durch
Naturzüchtung beseitigt werden. Da, wenn wirklich Panmixie besteht,
das überflüssig gewordene Organ, wie wir gesehen haben, nicht kleiner,
sondern nur unbrauchbar werden kann, so könnte man annehmen, dass
dergleichen Organe hinderlich sind und deshalb durch Selektion aus-
gemerzt werden. Man hat nun angenommen, dass solche Organe Krank-
heiten unterworfen sein und deshalb unter Umständen recht nachteilig
werden können. Allein krank kann jedes Organ, kann der gesamte
Tierkörper werden, und wenn die Möglichkeit, dass ein Organ krank
wird und dadurch über den Bestand der betreffenden Art entscheidet,
verhindert werden soll, so müssen eben Tiere gezüchtet werden, die über-
haupt keinen Körper haben und deshalb auch nicht krank werden können.
Schadet also das Vorhandensein eines rudimentären Organes nicht, ob-
wohl es Krankheiten unterworfen sein kann, so bleibt es in den aller-
meisten Fällen nicht einzusehen, weshalb ein indifferentes Organ durch
Naturzüchtung beseitigt werden kann. Was schaden einem Säugetiere
die kleinen Afterzehen? Davon, ob sie vorhanden sind oder nicht, hängt
doch sicher das Wohl und Wehe des betreffenden Tieres nicht ab. Es
lässt sich also auf keine Weise einsehen, wie Organe rudimentär werden
und verschwinden können, wenn man die Vererbung erworbener Eigen-
schaften nicht annehmen will.
Wenn wirklich Panmixie besteht, so müssten die Organe wenigstens
ihre ursprüngliche Grösse behalten. Das thun sie aber, wie die That-
sachen lehren , keineswegs. Es kann also keine Panmixie und folglich
70 II. Das Wesen des Entwickelung.
auch kein polymiktes Keimplasma geben. Damit ist die Unzulässigkeit
des Präformismus dargethan und einzig und allein der Epigenesislehre
die Existenzberechtigung zugewiesen.
Auf das völlig Unzulängliche der Weismann 'sehen Panmixie-
theorie hat man schon oft hingewiesen, aber Weismann hat darauf so
wenig geantwortet, wie auf manche andere Widerlegungen seiner An-
sichten , ein Verfahren , das sich empfiehlt , wenn man unhaltbare Lehren
zu verteidigen hat. Hiervon abgesehen , ist es völlig unbegreiflich, dass
die Theorie der Panmixie Anhänger und gar Verteidiger gefunden hat.
Diese Theorie ist so wunderbar, dass sie dem in entwickelungstheore-
tischen Sachen eine Autorität ersten Ranges beanspruchenden englischen
Philosophen Herbert Spencer durchaus unbegreiflich ist, trotzdem er
ausdrücklich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er Weismann
nicht verstanden habe. Und doch hat Romanes, der ihm sagte, dass
er die Theorie der Panmixie missverstehe, recht, denn aus Spencer 's
neuester Publikation geht hervor, dass er Weis mann 's Panmixie
immer noch nicht begriffen hat. Das ist nicht gerade ein gutes Zeichen
für diese Lehre; denn um sie einzusehen, muss allerdings der an natur-
wissenschaftliches und philosophisches Denken Gewöhnte ein gewagtes
geistiges Salto mortale vornehmen, wie es für ein Gehirn, das noch
nicht allzusehr von falschen Theorien beeinflusst worden ist, nicht leicht
ausführbar sein mag.
2. Organauslese und Personenauslese.
Die rudimentären Organe können uns dazu dienen, weitere Fragen
in Bezug auf die Auslese zu stellen. Wenn überflüssig gewordene Ein-
richtungen durch ökonomische Auslese nach und nach beseitigt werden,
so kommen minimale Unterschiede der einzelnen Organe für die Selek-
tion in Betracht, wie es ja der Darwinismus auch thatsächlich annimmt.
Es fragt sich aber, ob dergleichen geringfügige Unterschiede einzelner
Organe wirklich ausschlaggebend für das Überleben eines Individuums
sind, ob also eine Organauslese, eine Auslese nach der etwas mehr
oder weniger guten Beschaffenheit der einzelnen Organe thatsächlich
existieren kann. Der orthodoxe Darwinismus muss sie annehmen, denn
ohne eine solche Organauslese könnte er nicht bestehen. Diese Organ-
auslese ist aber eine völlig in der Luft schwebende Annahme, weil der
Darwinismus auch nicht ein einziges Beispiel dafür vorbringen kann,
dass geringe Unterschiede in einem einzelnen Organ wirklich über das
Die Arten der Auslese. 71
Bestehen eines Individuums entscheiden. Vielmehr ist nur die Annahme
gestattet, dass es auf die Gesamttüchtigkeit des ganzen Körpers
ankommt, dass die Organe in der richtigen Weise zusammenwirken
müssen, dass der Mangel eines Organes durch die bessere Beschaffenheit
eines anderen kompensiert werden kann.
Dass eine Kompensation wirklich stattfindet, dafür lassen sich viele
Beispiele anführen. In den zoologischen Gärten herrscht oft ein erbit-
terter Kampf ums Dasein unter zahlreichen seiner verschiedenen In-
sassen. Es ist nicht möglich, alle Tiere getrennt zu halten, und man
setzt manche Säugetiere, beispielsweise Affen, und die meisten Vögel in
Gesellschaftskäfige. Dass in diesen ein rücksichtsloser Kampf ums Da-
sein herrscht, wird jeder Tiergärtner, der einige Erfahrung hat, zugeben.
Jeder Vogelwirt, der längere Zeit Vögel in Gesellschaftskäfigen gehalten
hat, wird es bestätigen. Bei in Gesellschaft gehaltenen Tieren beobachtet
man nun leicht, dass es keineswegs darauf ankommt, ob das eine oder
das andere Organ besonders gut entwickelt ist, denn manche Organe
fehlen oft völlig. Häufig tritt der Fall ein, dass ein Vogel ein Auge
verliert, dass er auf einem oder beiden Flügeln lahm wird, dass ihm ein
Bein oder mehrere Zehen fehlen, und dennoch gedeiht er ebenso gut
wie die am besten gedeihenden unter den anderen, obwohl manche Vögel
durch den Kampf ums Dasein, der im Gesellschaftskäfig herrscht, zu
Grunde gerichtet werden. Die Auswahl der Vögel, die man in einem
gemeinsamen Käfig zusammenbringen will, muss immer eine sorgfältige
sein, weil man leicht wertvolle Stücke verliert, was weder dem Lieb-
haber noch dem Tiergärtner angenehm ist. Deshalb wird auf die zweck-
mässigste Zusammenstellung der Bevölkerung eines Gesellschaftskäfigs
grösstmögliche Umsicht verwandt. Trotz alledem gehen manche Vögel
zu Grunde, weil sie dem im Käfige entbrennenden Kampf ums Dasein
nicht gewachsen sind.
Untersucht man nun die gestorbenen Vögel, so zeigt sich nicht
etwa regelmässig, dass diese deshalb zu Grunde gehen , weil das eine
oder das andere ihrer Organe nicht in der richtigen Weise beschaffen
war, sondern man sieht vielmehr, dass es lediglich auf die mehr oder
minder kräftige Konstitution der Tiere ankommt, dass die kleinen
Abweichungen in der Beschaffenheit der einzelnen Organe nichts mit
Leben oder Sterben der Tiere zu thun haben. Ich habe eine grosse
Anzahl verstümmelter Tiere beobachtet und die Bemerkung gemacht, dass
gerade diese nicht leicht zu Grunde gehen, denn wenn sie die Verstüm-
72 II. I)\^ Wesen deb Entwickelung.
melung überleben, so haben sie eben eine kräftige Konstitution, die sie
auch feiner am Leben erhält, und für den Verlust eines Organes wissen
sie sich leicht dadurch schadlos zu halten, dass sie andere Organe aus-
giebiger als vorher gebrauchen. Man kann es in einem Tiergarten oft
genug sehen und selbst erleben, dass gerade verstümmelte Tiere, die
keine Zierde ihrer Behausung bilden, deren Tod man förmlich erhofft,
obwohl man sie nicht gern umbringen oder fortschaffen will, am längsten
leben, während unverstümmelte Exemplare zu Grunde gehen, und man
gewinnt so die Überzeugung, dass kleine Abweichungen in der Beschaffen-
heit des einen oder anderen Organes nicht über die Existenz eines Tieres
und somit auch nicht über die einer Organismenart entscheiden.
"Was uns gefangene Tiere lehren, sehen wir auch an wild lebenden.
Frösche, die ein Hinterbein verloren haben, leben gleichwohl weiter und
springen dann eben mit dem anderen Hinterbein, und angesichts solcher
Thatsachen will man behaupten, dass die natürliche Zuchtwahl Tiere
ausmerzen könne, bei denen ein Hinterbein vielleicht 1 oder 2 Millimeter
kürzer ist als das andere? Die meisten Echinodermen besitzen fünf mehr
oder minder gleichwertige Körperstücke, und bekanntlich ist die Fünf-
zahl für die Echinodermen ausserordentlich charakteristisch, so dass die
Nützlichkeitstheoretiker annehmen müssen, dass sie von höchster Bedeu-
tung für das Bestehen dieser Tierklasse ist. Namentlich müsste das von
solchen Echinodermen gelten, bei welchen, wie bei den Seeigeln, keine
Arten mit vier oder sechs Körperstücken vorkommen. Trotzdem gedeihen
vier- und sechszählige Seeigel, wie sie manchmal vorkommen, ebenso
gut wie die normalen fünfzähligen. Man kann also nicht annehmen,
dass Organauslese Abweichungen von der Fünfzahl hätte ausmerzen
können. Ähnliches gilt bei den Medusen. Die Mehrzahl der Quallen
ist vierzählig, d. h. der Körper wird aus vier gleichwertigen Stücken ge-
bildet. Es kommen aber bei der Ohrenqualle unserer Ostsee häufig drei-,
fünf- und sechszählige vor, und solche Individuen sind oft auffallend gross
und sehr fruchtbar, wie ich vielfach feststellen konnte. Es hat also die
grössere oder geringere Anzahl gleichwertiger Körperstücke nichts mit
dem Bestehen der betreffenden Arten zu schaffen.
p]in Gleiches lehrt das Hirschgeweih. Die Anzahl seiner Sprosse
hat im Laufe der Stammesgeschichte erheblich zugenommen, und die
Präformisten müssen annehmen, dass Naturzüchtung diese Zunahme be-
dingt hat. Wie aber kommt es dann, dass die Anzahl der Sprosse sich
ontogenetisch so langsam vermehrt? Bei dem Edelhirsch und seinen
Die Arten dee Auslese. 73
Verwandten nimmt sie an einer einzelnen Geweihstange jährlich nur um
ein oder wenige Stücke zu, und trotzdem pflanzen sich auch diese
Hirsche fort, trotzdem überleben auch sie im Kampf ums Dasein!
Kleine Schwankungen eines einzelnen Organes können also unmöglich
über den Bestand einer Organismenart entscheiden; es kann nur Per-
sonenauslese, d. h. Auslese solcher Personen, die im Durchschnitt
ihrer Organe tüchtig sind, stattfinden. Dagegen entscheiden Schwankungen
eines einzelnen Organes nicht über den Fortbestand eines Individuums.
Die Organe leben ja nicht für sich allein, sondern sie bilden Be-
standteile eines vielfach zusammengesetzten Körpers, und dennoch
können die Präformisten nicht um die Annahme herumkommen, dass
ungenügende Beschaffenheit eines einzelnen Organes schon das Aussterben
des betreffenden Organismus zur Folge haben muss, denn sonst könnte
keine Steigerung eintreten in Bezug auf die weitere Ausbildung der
einzelnen Organe. Wenn das eine Tier überlebt, weil es vielleicht sehr
gute Augen hat und dadurch seine minder gut entwickelten Gehörorgane
kompensiert, so überlebt das andere vielleicht, weil es bei ihm gerade
umgekehrt ist. Es kann nun gar nicht fehlen, dass sich häufig Indi-
viduen, von denen das eine nur dieses, das andere nur jenes Organ gut
ausgebildet hat, geschlechtlich miteinander verbinden; bei ihren Nach-
kommen müssen also die Abweichungen von der Norm wieder ausge-
glichen werden; und das geschieht auch thatsächlich, wie jeder Tier-
züchter weiss. Es kann also durch Organauslese unmöglich eine Stei-
gerung der Anpassungshöhe hervorgebracht werden, oder höchstens nur
dann, wenn nur solche Tiere überleben, die in Bezug auf alle Organe
das erforderliche Verhalten zeigen. Dass das für den Fortbestand des
Individuums aber keineswegs nötig ist, haben unsere obigen Beispiele
gezeigt, und damit ist die Möglichkeit, dass Variationen eines Organes über
das Wohl und Wehe der Art bestimmen können, ausgeschlossen. Da aber
die Präformationstheorie nicht ohne die Annahme einer Auslese nach
einzelnen Organen auskommen kann, so ist sie wiederum als unhaltbar
nachgewiesen und die Epigenesislehre allein als berechtigt dargethan.
3. Konstitutionelle und dotationelle Auslese. In di vi dual- und
Kassenselektion.
Wenn es nur Personenauslese giebt, so ist die weitere Frage zu
beantworten, ob diese nach der Konstitution oder nach der Ausstattung
ihre Wahl trifft.
74 II. Das Wesen der Entwickelung.
Unter Konstitution verstehen wir das Verhalten des Körpers zu
den allgemeinen chemischen und physikalischen Einflüssen der Aussen-
welt. Ein Tier, das Hunger ertragen, das grosse Hitze und grosse Kälte
aushalten, das ebenso gut in stark salzigem wie in schwach salzigem
Wasser leben kann , besitzt eine gute Konstitution. Gute Konstitution
beruht auf Unempfindlichkeit gegen schädigende Einflüsse, wie sie durch
Mangel an Nahrung, durch das Klima und durch viele andere Einflüsse
allgemeiner Natur bedingt werden , mangelhafte Konstitution auf dem
Gegenteil. Unter Ausstattung ist dagegegen die mehr oder minder
gute Gliederung, das leichtere oder schwierigere Zusammenwirken der
einzelnen Organe, also der glatte Gang der Körpermaschine, ausserdem
aber auch die Anpassung, die sich in Einrichtungen wie die Schutzfär-
bung und dergleichen ausspricht, zu verstehen. Wir können also vun
einem Überleben des Gutkonstituierten oder, wie ich mich anders-
wo ausgedrückt habe, des Bestgefügten, und von einem Überleben
des Gutausgestatteten, also entweder des Gutgegliederten oder
des Gutgerüsteten sprechen.
Dass es eine Auslese, welche die Ausstattung betrifft, giebt, ist
nicht zu bezweifeln. Wüstentiere sind mit einem sandfarbigen, Schnee-
tiere mit einem weissen Kleide ausgestattet, und solche Kleider können
in den meisten Fällen nicht durch direkte Anpassung der Organe her-
vorgebracht worden, sie müssen gezüchtet sein. Die Wanderratte, die
unsere Hausratte verdrängt hat, hat vielleicht durch ihre Konstitution,
wahrscheinlich aber auch durch ihre bessere Ausstattung, durch ihre be-
trächtlichere Körpergrösse und ihr starkes Gebiss gesiegt. Flugunfähige
Inselvögel sind nicht gut ausgestattet, sie sind deshalb auch viel schneller
ausgerottet worden als die flugbegabten Vögel derselben Inseln.
Aber neben der Ausstattung entscheidet immer noch die Konsti-
tution und in manchen Fällen entscheidet diese ausschliesslich; das
können wir in zoologischen und botanischen Gärten leicht feststellen.
Es handelt sich dort nicht darum, ob das eine oder das andere Organ
der betreffenden Tiere und Pflanzen mehr oder minder gut entwickelt
ist, sondern darum, ob die in Betracht kommenden Individuen eine gute
oder schlechte Konstitution haben, und in den allermeisten Fällen wird
die Konstitution in erster Linie darüber entscheiden, ob ein Organismus
überleben soll oder nicht. Viele Organismen gehen schon als Keimzellen
oder als junge Tiere infolge ihrer schlechten Konstitution zu Grunde.
Wir haben also zu unterscheiden zwischen konstitutioneller und
Die Arten der Auslese. 75
dotatio neiler Auslese, und zu untersuchen, welche Ergebnisse die
eine und welche die andere Art der Auslese zeitigt.
Für die Auslese innerhalb einer Art, für den Kampf ums Dasein
unter den Individuen einer und derselben Tier- oder Pflanzenspecies,
kann die Dotation nur in seltenen Fällen ausschlaggebend sein, und
zwar deshalb nicht, weil die Unterschiede zwischen den einzelnen In-
dividuen meist so gering sind, dass sie beim Kampf ums Dasein nicht
in Betracht kommen. Der Weismann 'sehe Präformismus leugnet aber
einfach die Bedeutungslosigkeit der geringen Unterschiede, die man
thatsächlich feststellen kann, und behauptet, dass sie von ausschlag-
gebender Bedeutung sind. Leider steht diese Behauptung auf schwachen
Füssen; sie wird auch nicht durch eine einzige thatsächliche Beobach-
tung begründet.
Ich habe bei Tieren, die zu Grunde gegangen waren, Untersuchungen
darüber angestellt, ob sie sich wohl in dem einen oder anderen Punkte
von ihren Artgenossen, die leben geblieben waren, unterschieden, und
zwar nicht etwa bei gefangenen Tieren, sondern bei freilebenden.
An den Strand geworfene Seeigel habe ich mit ihren von mir selbst
gefangenen überlebenden Artgenossen veiglichen, und ich habe auch
nicht in einem einzigen Fall einen Unterschied gefunden. An der
Südküste Australiens habe ich beobachtet, dass die dort unter den zur
Ebbezeit blossgelegten Steinen lebenden Asseln häufig von einem Stein
zum anderen laufen und dabei den zwischen den Steinen liegenden
Sandboden überschreiten müssen. Diese Asseln haben ein sandfarbenes
Kleid, sind also durch ihre sympathische Färbung geschützt. Ich habe
nun einmal mit dem Feldstecher einen Fischreiher beobachtet, der ruhig
zwischen den Steinen stehend nach den von einem Stein zum andern
laufenden Asseln stiess und viele von ihnen erbeutete. Diesen Reiher
habe ich geschossen und die in seinem Magen befindlichen Asseln in
Bezug auf ihre Färbung mit von mir gefangenen verglichen; ich habe
auch nicht den leisesten Unterschied dabei feststellen können.
"Wir können also nicht annehmen, dass es dotationeile Auslese
von Individuen giebt, und wenn sie wirklich bestände, so würde sie
nicht zur Fortbildung der Organismenarten beitragen können. Die
geschlechtliche Mischung würde dann jede Art nur auf derselben Aus-
stattungsstufe halten.
In sehr vielen Fällen entscheidet der Zufall über den Fortbestand
eines Individuums. Die südaustralischen vom Reiher erbeuteten Asseln
7<5 II. Das Wesen der Entwickelung.
sind sieher nur deshalb gefangen worden, weil sie zufällig nicht ruhig
unter den Steinen verharrten.
Es fragt sich aber, wie sich die Konstitution zu dem zufälligen
Überleben der Individuen einer Organismenart verhält, und da müssen
wir sagen, dass die Konstitution unter allen Umständen eine grosse
Rolle spielt, insofern als Individuen mit einer guten Konstitution in
allen Lebenslagen grössere Aussicht auf Fortbestand haben, als solche
mit schlechter. Es herrscht also sicher eine konstitutionelle Indi-
vidualselektion innerhalb einer Organismenart, dagegen herrscht inner-
halb einer und derselben Tier- und Pflanzenrasse keine dotationeile In-
dividualseloktion. Wir haben aber gesehen, dass sympathische Färbung
und andere zweckmässige Einrichtungen nur durch dotationelle Zucht-
wahl erklärt werden können, und müssen deshalb fragen, ob es neben
der individuellen Auslese noch eine andere Art der Auslese giebt,
und diese Frage ist ohne weiteres zu bejahen.
Es giebt Auslese zwischen verschiedenen Rassen und auch zwischen
verschiedenen Arten. Bei der Vertreibung der Haus- durch die Wander-
ratte handelte es sich um Auslese der Angehörigen zweier verschiedener
Arten. Es wurden nur die Individuen der Wanderratte erhalten, und
die meisten Hausratten gingen zu Grunde. Es ist nun klar, dass bei
dieser Rassenselektion, welche wir der Individualselektion gegenüber-
stellen müssen, sowohl die konstitutionelle als auch die dotationelle Aus-
lese in Betracht kommen kann. Wir können uns also sympathische Fär-
bung und dergleichen durch eine dotationelle Rassenauslese erklären.
Dieses Ergebnis, dass ausser Individualselektion auch eine Rassen-
auslese stattfindet, verträgt sich nicht mit der Präformationstheorie, wohl
aber mit der der Epigenesis, denn die erstere muss ausser Rassenselektion
dotationelle Individualselektion annehmen, weil sie sonst die Entstehung
der Arten und ihre Erhaltung nicht erklären kann, und weil viele Or-
ganismenarten, insbesondere unter den Tieren, nur ein sehr enges Ver-
breitungsgebiet besitzen, in welchem von Rassenauslese überhaupt nicht
die Rede sein kann. Es giebt Kolibriarten, die auf einen einzigen Berg-
kegel der Anden beschränkt sind, und Forellenarten, die nur einen ein-
zigen kleinen See bewohnen. In so eng begrenzten Gebieten ist oft wenig-
stens keine Rassenauslese möglich, und die Erhaltung der Art könnte
hier nur durch dotationelle Individualselektion erfolgen, wenn anders
die Charakter»', durch welche sich die betreffende Art von ihren Ver-
wandten unterscheidet, nützlich für die Art sind, was ja die Präforma-
Mischung und Entmischixg. 77
tionstheorie annehmen muss. Nun haben wir aber gesehen, dass die
Individualselektion nur die Konstitution, nicht aber die Ausstattung
betreffen kann, dass sie deshalb auch nicht geeignet ist, Ausstattungs-
charaktere zu züchten. Individualselektion züchtet nur gute Konstitu-
tionen, und deshalb ist auf Grund der Epigenesistheorie nur die Annahme
einer dotationellen Rassen Zuchtwahl möglich. Wenn nun aber Rassen-
selektion stattfinden soll, so setzt sie die Entstehung der Rassen auf
anderem Wege als durch dotationeile Individualselektion voraus. Wir
werden später diesen Weg der Entstehung von neuen Rassen aus vor-
handenen Arten kennen lernen. Es handelt sich aber zunächst um die
Frage, ob auf einem und demselben Gebiete zwei oder mehrere neue
Rassen aus einer aus mehr oder minder gleichen Individuen bestehenden
Art entstehen können, ob die Rassenselektion also von vornherein ein-
setzen kann, oder ob sich unterschiedene Rassen nur auf getrennten Ge-
bieten entwickeln können.
Diese Frage hängt nahe zusammen mit der anderen, ob die Mi-
schung der Individuen, die notwendigerweise in einem und dem-
selben Gebiete stattfinden muss, und welche nach Weismann eine so
grosse Rolle spielt, wirklich das zu leisten vermag, was das derzeitige Haupt
der Präformationstheorie ihr zuschreibt. Im folgenden Abschnitte werden
wir uns demgemäss mit den Fragen der Individuen- und Rassenmischung
zu beschäftigen haben.
h. Mischung und Entmischung.
1. Separatio« und Kongregation.
Eine grosse Rolle bei Entscheidung entwickelungstheoretischer Fragen
spielt die Frage, ob sich eine Tierart auf einem und demselben Ge-
biete in mehrere neue Arten spalten kann oder nicht. Bekanntlich
ist das erstere von Moritz Wagner entschieden bestritten worden, und
wenn seine Ausführungen mehr Beachtung gefunden hätten, wenn die
modernen Entwickelungstheoretiker sich überhaupt mehr um die ein-
zelnen Tier- und Pflanzenarten kümmern wollten, so hätte Wagner
längst die Zustimmung finden müssen, die er in der That verdient.
Wenn auch nicht alles, was er gesagt hat, haltbar ist, so hat er doch
darin recht, dass auf einem beschränkten Verbreitungsgebiet sich kaum
jemals zwei oder mehr Arten aus einer Stammart entwickeln können,
fö
II. Das Wesen des Entwickelung.
vorausgesetzt, dass allseitige Mischung der Individuen der betreffenden
Art möglich ist.
Zu dieser Entscheidung gelangen wir, wenn wir die Folgen einer
solchen Mischung ins Auge fassen. Dass die Individuen der Organismen-
arten, d. h. die einzelnen Vertreter der Art, unabhängig voneinander
variieren, lässt sich nicht leugnen. Aber die Variationen sind, wie wir
gesehen haben, niemals so ausgiebig, dass dotationeile Individualselektion
daraufhin ihre Wirksamkeit entfalten könnte. Gesetzt aber, sie thäte es
dennoch, was wäre alsdann die Folge? Ohne Zweifel keine andere als
die, dass in dem einen Individuum dieses, in dem anderen jenes Organ
das Überleben bedingen würde, und das müsste des weiteren zur Folge
haben, dass sich Individuen, die nach ungleichen Richtungen hin ab-
geändert sind, miteinander fortpflanzen und somit ihre Ungleichheiten in
ihren Nachkommen wieder ausgleichen. Die Art könnte also nicht vom
Flecke kommen, wenn sie nicht durch andere Mittel umgebildet wird,
und sie könnte sich auch nicht in mehrere Arten spalten, denn wenn
auch dotationelle Individualselektion das Überleben nach bestimmter
Richtung abgeänderter Individuen bewirken würde, so würden doch
sicher die einen nach dieser, die anderen nach jener Richtung abgeän-
dert sein, und wer wollte dafür garantieren, dass sich in gleicher Rich-
tung abgeänderte Individuen miteinander paaren und deshalb ihre Ab-
änderungen auf die Nachkommen vererben? Ist das letztere aber nicht
möglich, so können aus einer Art auf beschränktem Verbreitungsgebiete,
wo eine Mischung nach allen Seiten hin möglich ist, nicht zwei oder
mehrere Arten werden.
Anders ist es dagegen, wenn eine Art über ein weites Gebiet ver-
breitet und allseitige Mischung deshalb ausgeschlossen ist. Wenn sich
immer oder vorwiegend nur diejenigen Individuen miteinander paaren,
die innerhalb eines der untergeordneten Bezirke des Gesamtgebietes der
Art wohnen, dann muss sich in jedem Teilgebiet eine neue Rasse und
oft auch eine neue Art heranbilden, weil die Konstitution der be-
treffenden Individuen nicht in allen Gebieten in gleicher Weise ab-
geändert ist, und weil deshalb in dem einen eine andere Mischung zu
stände kommt, als in dem anderen. Auf diese Weise können aus einer
weit verbreiteten Art leicht eine grosse Anzahl neuer Rassen entstehen.
Mit diesen kann aber die Präformationstheorie nichts anfangen, denn sie
kann ohne dotationelle Individualselektion nicht auskommen; dass aber
diese zu nichts führt, haben wir bereits gesehen. Dagegen stimmt die
Mischung und Entmischung. 79
Epigenesislehre gut zu diesen Schlussfolgerungen, weil sie ausser der
konstitutionellen Auslese, die zum Überleben der bestgefügten Individuen
führt, noch eine direkte Anpassung durch den Gebrauch und Nicht-
gebrauch der Organe in jedem einzelnen Gebiete annimmt. Diese be-
dingt, dass eine Umbildung der Arten zu stände kommen muss, weil alle
Individuen sich in gleicher Weise den Lebensverhältnissen ihres Wohn-
gebietes und denjenigen Veränderungen, die durch konstitutionelle Zucht-
wahl mit nachheriger Mischung zu stände gekommen sind, anpassen müssen.
Vergleichen wir mit diesen Schlussfolgerungen dieThatsachen, so finden
wir sie wenigstens auf dem Gebiete der Zoologie vollkommen bestätigt.
Nächstverwandte Arten bewohnen nicht dieselben Gebiete, und wenn
sich ihre Verbreitungsgebiete auch oft miteinander decken, so geschieht
das letztere doch nur teilweise. Es giebt keine nächstverwandten Tier-
arten oder Tierrassen, von denen mit Sicherheit nachgewiesen ist, dass
ihre Verbreitungsgebiete sich vollständig decken, vielmehr finden wir,
und es ist ein grosses Verdienst Moritz Wagner's, uns darauf auf-
merksam gemacht zu haben, dass sich die Verbreitungsgebiete der nächst-
verwandten Tierarten im grossen und ganzen wie die Maschen eines
Netzes aneinanderreihen. Wenn auch an den Rändern der Verbreitungs-
bezirke teilweise Deckung eintreten kann, so ist doch diese keine ur-
sprüngliche.
Es sollte eigentlich überflüssig sein, Belege für diese Thatsachen
anzuführen, denn wer systematische Monographien durchsehen will, wird
finden, dass Wagner im Recht ist. An unsern deutschen Dompfaffen
schliesst sich im Osten der grosse russische, dem Gebiete unserer Nach-
tigall reiht sich dort das des Sprossers an. Die Elbe bildet die Grenze
der Verbreitungsgebiete zwischen Raben- und Nebelkrähe. Es giebt eine
Südwest- und eine nordostdeutsche Unkenart. Unsere deutsche Sumpfmeise
wird auf den Alpen durch die Alpensumpfmeise, in Skandinavien durch die
nordische, vertreten, und mit dieser Aufzählung könnten wir so lange
fortfahren, bis wir jede einzelne Tierart namhaft gemacht haben. Zwar
hat Nägeli vom botanischen Standpunkte aus die Lehre Wagner's
heftig bekämpft, allein für die Pflanzen gelten andere Verbreitungs-
bedingungen als für die Tiere; aber ich bin überzeugt, dass dennoch
schliesslich der Satz, dass sich eine Art in einer und derselben Gegend
nur zu einer einzigen neuen Art umbilden kann, auch für die Pflanzen
Gültigkeit hat, denn eine Trennung einer Art in mehrere neue Arten
ist bei der Möglichkeit allseitiger Mischung der Individuen auf keine
8n II. Das Wesen der Entwickeli
amlcre Weise denkbar. Übrigens giebt auch Nägeli schliesslich zu,
dass der letzte Grund, weshalb sich auf einem und demselben Gebiete.
wie es bei Pflanzen vorkommen soll, also „gesellschaftlich", wie Nägeli
sagt, neue Arten bilden, dadurch gegeben ist, dass die Vorfahren der
betreffenden gesellschaftlich entstandenen Arten verschiedene Verbreitungs-
gebiete innegehabt haben. Dann aber waren die, wenn vielleicht auch
äusserlich kaum zu unterscheidenden Vorfahren der „gesellschaftlich"'
entstandenen Arten schon innerlich ungleich, und die Anschauungen
Wagner 's finden somit auch auf botanischem Gebiete ihre Bestätigung.
Die Spaltung der Arten findet auf dem Wege der Separation, nicht
aber bei Kongregation statt.
2. Amphimixis und Apomixis.
Bewohnt eine Organismenart ein begrenztes Gebiet, so muss durch
die geschlechtliche Mischung jede grössere Ungleichheit unter den ein-
zelnen Individuen wieder beseitigt werden. Die Mischung hätte also zur
Folge, dass die Individuen sich im grossen und ganzen immer gleich
bleiben. Weismann lässt aber gerade diese Mischung, für die er den
Namen Amphimixis erfunden hat, eine grosse Rolle bei der Umbildung
der Arten spielen. Er meint, dass durch sie der Naturzüchtung genügen-
des Material zur Auswahl geboten würde.
Wenn sich die Plasmen zweier verschiedener Individuen miteinander
mischen, so gleichen sie nach Weisman n nicht etwa ihre Verschieden-
heiten aus, sondern sie behalten ihre Eigenschaften bei. Es sind also
durch die Mischung polyplasma tische Keimzellen gebildet worden.
Die ältesten, sich noch ungeschlechtlich vermehrenden Vorfahren
der Organismen wurden nach Weismann direkt durch die Lebens-
bedingungen umgebildet, und dadurch, dass geschlechtliche Fortpflanzung
bei ihren Nachkommen eingeführt wurde, entstand durch die Ver-
mischung zweier Individuen, deren Vorfahren sich bis dahin lediglich
durch Teilung fortgepflanzt hatten, ein neues Individuum mit zwei
Plasmaarten. Dieses konnte sich mit einem ebenfalls aus zwei Plasmen
zusammengesetzten Individuum wieder geschlechtlich mischen, und so
entstanden nach und nach Organismen, die aus 4, 8, IG, 32 und endlich
aus einer grossen Anzahl verschiedener „Ahnenplasmen" zusammen-
gesetzt waren. Die Anzahl der Ahnenplasmen wurde nach Weismann
endlich so gross, dass sie nicht mehr wachsen konnte, weil in den Keim-
zellen kein genügender Raum mehr war. Es hätte darauf also entweder
Mischung und Entmischung. 81
die geschlechtliche Mischung aufhören müssen, oder es musste eine Ein-
richtung geschaffen werden, durch welche die Zahl der Ahnenplasmen
auf die Hälfte reduziert wurde, ehe sich die Keimzellen miteinander
verbanden; das soll durch die Reduktionsteilung, welcher das Ei
und ebenso auch die Samenzelle bei der Keimzellenreifung unterworfen
ist, geschehen. Indem nun bei dieser Reduktionsteilung bald die eine,
bald die andere Kombination yon Ahnenplasmen ausgestossen wird , sollen
die in den Zellen zurückbleibenden, die sich wieder mit denen der Keim-
zelle des entgegengesetzten Geschlechtes mischen, in immer neuer Weise
kombiniert werden, so dass die natürliche Zuchtwahl stets ein ausgiebiges
Material vorfindet.
Es stammen also nach dieser Anschauung die Unterschiede der
verschiedenen Ahnenplasmen, die Weis mann jetzt „Ide" nennt, von
den noch nicht sich geschlechtlich fortpflanzenden Vorfahren
der heutigen Organismen her, und Weis mann sagt ausdrücklich auf
Seite 85 seines Keimplasmabuches: „Gäbe es Tiere, in deren Vorfahren-
reihe geschlechtliche Fortpflanzung niemals hineingespielt hätte, so müssten
diese Ide untereinander völlig gleich sein." Die Ide sind nach ihm in
den Kernstäbchen oder Chromosomen, die Weis mann „Idanten" nennt,
aufgestapelt und pflanzen sich durch Teilung fort. Dem Einwände, der
Weismann gemacht wurde, dass aus dem Plasma einfachster Urwesen
doch nicht das eines Menschen oder eines anderen hochentwickelten Or-
ganismus durch blosse Mischung entstehen könne, begegnet Weismann
neuerdings dadurch, dass er sagt, dass diese Ide durch äussere Einflüsse
verändert wurden und dass sich ihr Plasma deshalb im Laufe der Genera-
tionen geändert hätte. Theoretisch würde also eines dieser Ide für die
Keimesentwickelung genügen. Ich habe aber schon im Jahre 1888 ge-
zeigt, dass die Anzahl der Ahnenplasmen, die von den einzelligen Vor-
fahren der vielzelligen Tiere und Pflanzen, bei welchen noch individuelle
Unterschiede direkt durch äussere Einflüsse hervorgebracht werden konnten,
herrühren sollen, immer geringer werden musste, dass die Verschiedenheit
der Ide und damit die Verschiedenartigkeit der Individuen im Laufe der
Generationen notwendigerweise abnehmen muss. Weis mann hat
diesen Einwand, der seiner ursprünglichen Ahnenplasmentheorie verderblich
ist, unbeachtet gelassen, ich aber muss ihn wiederholen, weil Weismann
auf Seite 85 des „Keimplasma" noch derselben Ahnenplasmentheorie wie
früher folgt und deshalb vielleicht zu ihr zurückkehren möchte, falls seine
neue Theorie als unhaltbar nachgewiesen wird.
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 6
82 II. Das Wesen deb Entwickelung.
Wir wollen von dem Satze Weismann's, dass die Ide eines Tieres,
in dessen Vorfahrenreihe niemals geschlechtliehe Fortpflanzung hinein-
gespielt hat, untereinander gleich sein müssen, ausgehen. Diese Behaup-
tung "Weismann's scheint sich zwar auf die einzelnen Individuen
solcher Tierarten zu beziehen. Wenn Weis mann aber annimmt, dass
auch in den Individuen dieser Arten eine Vervielfachung der Ide, etwa
auf dem Wege der Teilung, stattgefunden hat, so müssten die Ide auch
in jedem Individuum verschieden untereinander werden können, sind
doch nach Weismann sogar die Determinanten innerhalb eines
und desselben Ides verschieden geworden! Weismann's Determi-
nantenlehre hat nur dann einen Sinn, wenn aus den gleichen Bio-
phoren eines Urides ungleiche Lebensträger und somit Determinanten
für besondere Organe werden konnten. War aber dieses möglich, so
mussten auch die verschiedenen Ide eines Keimplasma's ungleich werden
können, und zwar noch viel leichter als die Biophoren eines und des-
selben Ides, denn die Ide sind relativ weit voneinander getrennt, während
die Biophoren eines Ides viel dichter beisammen liegen. Konnten die Ide
eines Individuums aber trotzdem nicht ungleich werden, so mussten sie
auch bei allen Nachkommen eines und desselben Indivi-
duums einander gleich bleiben, denn dann musste das Ungleich werden
der Ide durch irgend eine geheimnisvolle Eigenschaft verhindert werden,
die aber dem Ungleichwerden der Biophoren innerhalb eines und des-
selben Ides nichts in den Weg legte. Besteht Weismann's Behauptung
auf Seite 85 zu Recht, dann muss Weis mann auch zugeben, dass sich
bei Tieren, deren Vorfahren sich niemals geschlechtlich fortpflanzten, die
Ide in allen Nachkommen eines Individuums gleich bleiben mussten,
denn anzunehmen, dass die Ide bei verschiedenen Nachkommen eines
Individuums ungleich werden, bei einem und demselben Individuum
aber gleich bleiben müssen, würde allzu willkürlich sein. Auf alle Fälle
müsste Weismann, falls er die Ide in verschiedenen Individuen ver-
schieden werden lässt, einräumen, dass eine geringe Verschiedenheit in
der Ausbildung der Ide eines und desselben Keimplasma's auch bei
Tieren, in deren Fortpflanzung geschlechtliche Mischung niemals hinein-
u>'spielt hat, möglich ist. Das aber leugnet Weismann auf Seite 85 aus-
drücklich und damit leugnet er die Möglichkeit einer ungleichen Aus-
bildung der Ide bei Tieren, die von einem Individuum herstammen.
Alle Ide, die von einem sich noch nicht geschlechtlich fortpflanzenden
Urwesen herstammen, müssen also einander völlig gleich sein, und
Mischung und Entmischung. 83
das entspricht auch Weismann's früheren Ansichten über die Bedeutung
der Keduktionsteilungen, Ansichten, die auf Seite 85 vom „Keimplasma"
wieder zum Durchbruch gelangen. Wir nehmen also an, der citierte
Satz auf Seite 85 bringe die Weismann 'sehe Ansicht, deren Konsequenz
wir oben gezogen haben, zum Ausdruck. Dann aber könnte auch bei
solchen Arten, die mehrere Ide in ihren Zellen besitzen, individuelle
Variabilität nur durch geschlechtliche Fortpflanzung, nur durch ver-
schiedenartige Mischung der von verschiedenen Urindividuen her-
stammenden Ide eintreten, und die natürliche Zuchtwahl würde immer
diejenigen Mischungen auslesen, die jeweilig am besten sind.
Wir wollen jetzt einmal, wie ich es schon im Jahre 1888 gethan
habe, untersuchen, in wie hohem Grade es wahrscheinlich ist, dass die
in einer Generation einer Tier- oder Pflanzenart enthaltenen Ide auch
noch in der nächsten vorhanden sind, nachdem natürliche Zuchtwahl ihre
Wirksamkeit entfaltet hat, und ich lasse meine früheren Ausführungen
hier ziemlich unverändert folgen.
Weismann hat bei seiner Theorie nicht in Betracht gezogen, dass
die Anzahl der Individuen jeder Tier- und Pflanzenart im Durchschnitt
jahraus jahrein dieselbe bleibt. Jedes Tierpärchen hat durchschnittlich
nur zwei Kinder, die wieder zur Fortpflanzung gelangen ; hätte es etwa
deren drei, so müsste die Anzahl der Individuen einer Art schon nach
wenigen Generationen ins Ungeheuerliche gestiegen sein. Auf jedes Tier-
männchen und jedes Tierweibchen kommen indessen durchschnittlich zwei
wieder zur Fortpflanzung gelangende Kinder, weil bei geschlechtlich diffe-
renzierten Tieren jedes Individuum zwei Eltern hat. Dasselbe gilt für
diöcische Pflanzen. Hermaphroditische Tier- und Pflanzenindividuen haben
durchschnittlich nur einen überlebenden Nachkommen.
Wenden wir nun, nachdem wir uns diese von Weis mann unbe-
rücksichtigt gelassene, aber nichtsdestoweniger unumstössliche Thatsache
ins Gedächtnis zurückgerufen haben, die Weis mann 'sehe Reduktions-
und Mischungstheorie der Ahnenplasmen auf die beiden überlebenden
Kinder einer Mutter aus irgend einer Tierart an!
Wir wollen annehmen, dass die Anzahl der Ahnenplasmen, aus
welchen das mütterliche Keimplasma zusammengesetzt ist , 4 beträgt.
Diese 4 Ahnenplasmen wollen wir mit v, x, y und z bezeichnen. Die
Anzahl der möglichen Kombinationen von Ahnenplasmen in den durch
Ausstossung der Richtnngskörper befruchtungsfähig gewordenen Eizellen
unseres Individuums muss, da nur zwei Ahnenplasmen in der Keimzelle
84 II. Das Wesen der Ent Wickelung.
4 3
zurückbleiben, = y" =6 sein, und diese 6 Keimplasmahälften sind
die folgenden: vx, vy, vz, xy, xz, yz. Da unser Mutterindividuum
zwei wieder zu Eltern werdende Kinder hat, so sind in diesen beiden zu-
sammengenommen 6 2 = 36 Kombinationen von mütterlichen Keimplasma-
hälften möglich, und zwar:
1) vx, vx. 7) vy, vx. 13) vz, vx. 19) xy, vx. 25) xz, vx. 31) yz, vx.
2) vx, vy. 8) vy, vy. 14) vz, vy. 20) xy, vy. 26) xz, vy. 32) yz, vy.
3)vx,vz. 9)vy,vz. lb)vz,vz. 21) xy, vz. 21)xz,vz. 33)yz,vz.
4)vx,xy. 10) vy,xy. 16) vz,xy. 22) xy, xy. 28) xz, xy. 34)yz,xy.
h)vx,xz. \\)vy,xz. Yl)vz,xz. 23)xy,xz. 29)xz,xz. 3b)yz,xz.
6)vx,yz. 12) vy,yz. 18) vz, yz. 24) xy, yz. 30)xz,yz. S6)yz,yz.
Durch Worte erläutert, bedeutet beispielsweise die erste Kombination,
dass sowohl in dem ersten als auch in dem zweiten der beiden Kinder
die von der Mutter stammende Ahnenplasmenkombination vx enthalten
sein kann. In dem zweiten Kinde kann anstatt vx auch yz sich vor-
finden, in dem ersten Kinde auch yz und in dem zweiten vx usw.
Die Anzahl der Kombinationen, in welchen die in der Mutter enthaltenen
Ahnenplasmen, von denen jedes Kind zwei erhält, in dem überlebenden
Kinderpaar fortbestehen können, ist allgemein ausgedrückt a 2 , denn es
handelt sich hierbei um „Variationen mit Wiederholung", wobei a die
Anzahl der möglichen „Elemente", hier der Keimplasmahälften, und 2
die „Klasse", zu welcher die Elemente kombiniert sind, bedeutet. Die
Anzahl der möglichen Keimplasmahälften beträgt aber, allgemein aus-
,..i_, n(n — 1) (n- 2) . . . (n - ra+ 1) , . , ,, . . ,. , .
gedruckt, . a ' — — — ! — -, denn es handelt sich hierbei
G 1 . 2 .fi . . . m
um „Kombinationen ohne Wiederholung". Für n Elemente, die zur
ten Klasse kombiniert werden, gilt also die Formel
W (n -!)(»- 2)... (\n- ^ +l)
n 7
1.2.3...—
2
4 3
woraus sich in unserem Falle die Formel -^r ergiebt, und diese An-
zahl wollen wir a nennen, a bedeutet also die Anzahl der möglichen
Ahnenplasmenhälften der Mutter und a 2 die ihrer möglichen Kombinatio-
nen in beiden Kindern zusammengenommen.
Da nun jede Keimplasmahälfte nur durch eine bestimmte andere
Keimplasmahälfte, in unserem Falle beispielsweise vx nur durch yz er-
Mischung und Entmischung. 85
gäuzt wird, da also die Anzahl der möglichen Fälle, in welchen in dem
Kinderpaar der Mutter wieder sämtliche Ahnenplasmen der letzteren
enthalten sind, nur eine beschränkte ist, so lässt sich die Wahrschein-
lichkeit berechnen, mit welcher alle Ahnenplasmen der Mutter in dem
Kinderpaar erhalten bleiben.
Es sind in unserem obigen Falle 6 in der Möglichkeit liegende
mütterliche Keimplasmahälften vorhanden, und unter den obigen 36 Kom-
binationen dieser Keimplasmahälften finden wir wieder 6, in welchen sämt-
liche mütterliche Ahnenplasmen enthalten sind. Bei 8 Keimplasmahälften
würden wir 8 finden, und bei a wieder a, denn jede Hälfte wird eben
nur durch eine bestimmte andere zum mütterlichen Ahnenbestand er-
gänzt, vx in unserem obigen Falle nur durch yz, vy nur durch xz, vz
nur durch xy. Da aber 'vx, vy, vz sowohl im ersten als auch im
zweiten Kinde enthalten sein können, so ist eben die Anzahl der alle
mütterlichen Ahnenplasmen enthaltenden Kombinationen von Keimplasma-
hälften ebenso gross wie die Anzahl der möglichen Keimplasmahälften
selbst, in unserem Falle also = 6 oder, allgemein ausgedrückt, = a,
während a 2 , wie wir gesehen haben, die Anzahl der Kombinationen von
mütterlichen Keimplasmahälften bedeutet, welche überhaupt möglich
sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass sämtliche mütterliche Ahnen plasmen
in dem überlebenden Kinderpaar enthalten sind, ist also — 2 - = - - = .
Wenn in unserem Beispiele die Wahrscheinlichkeit, dass sämtliche
Ahnenplasmen eines Individuums erhalten werden, auch noch 1 / 6 be-
trägt, so ist dieselbe Wahrscheinlichkeit für 2 Individuen schon auf Y36
gesunken, denn nach den Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung müssen
wir die beiden Wahrscheinlichkeiten miteinander multiplizieren. Für 3 In-
dividuen beträgt die Wahrscheinlichkeit nur noch Y2161 f ur 1000 endlich
-x^oöö °der, allgemein ausgedrückt, —^00. Die meisten Organismenarten
bestehen aber aus vielen Millionen von Individuen, unter denen jedes
einzelne nach Weismann zahlreiche Ahnenplasmen enthalten kann, durch
welch letzteren Umstand natürlich Weismann's Sache noch unhaltbarer
wird. Noch geringer aber erscheint die Möglichkeit der Erhaltung sämt-
licher Ahnenplasmen, wenn wir uns erinnern, dass die natürliche Zucht-
wahl eifrig an der Yernichtung ungünstiger Ahnenplasmen-Kombinationen
und somit, da die gleichzeitig lebenden Individuen einer Art sich durch-
weg gleich bleiben, der Ahnenplasmen selbst mitarbeiten würde. Ja, es
würde wahrscheinlich sein, dass die natürliche Zuchtwahl dafür sorgt,
-r, II. Das Wesen des Entwickelüng.
dass jedes der beiden überlebenden Kinder eines Elternpaares eine gleiche
oder nahezu gleiche Kombination von Ahnenplasmen erhielte, dass also,
falls wir annehmen, dass die Anzahl der Ahnenplasmen in einer Ge-
neration einer Organismenart n beträgt, und dass diese Ahnenplasmen
und somit ihre Träger sämtlich untereinander verschieden sind, in der
Tb
nächsten Generation wahrscheinlich nur noch Ahnenplasmen wären,
während ihre Träger, die Individuen dieser Generation, sich teilweise
gleichen würden. Wenn aber die Verhältnisse auch nicht so einfach
lägen, wie wir es hier angenommen haben, wenn immer auch einige
ungünstige Ahnenplasmen in jedem Keimplasma erhalten blieben, so
müsste deren Anzahl doch von Geneiation zu Generation abnehmen,
denn von allen erzeugten Organismen gehen die allermeisten ohne Nach-
kommen zu Grunde.
Aus diesen Betrachtungen ergiebt sich die unabweisbare Folgerung,
dass, falls die oben citierte Weis mann 'sehe Ansicht richtig ist, die
heutige Nachkommenschaft der ältesten sich ungeschlechtlich fortpflan-
zenden Organismenarten viel weniger Ahnenplasmen enthalten müssen,
als die ersten Organismen mit geschlechtlicher Fortpflanzung, bei denen
sich die in einer Keimzelle mögliche Anzahl von Ahnenplasmen ja sehr
bald erreichen Hess. Wenn aber die verschiedenen Ahnenplasmen einer
Organismenart im Laufe der Stammesgeschichte bedeutend an Anzahl
abgenommen haben, so müssten die höheren Tiere weniger variieren
als die niederen. Das stimmt aber nicht zu den Thatsachen, denn
wir sehen, dass gerade die höchststehenden Tiere und Pflanzen am aus-
giebigsten variieren. Man denke nur an den Menschen, an den Hund
und alle hoch organisierten Geschöpfe.
Die konsequente Durchführung der alten Weis mann 'sehen Ahnen-
plasmentheorie stösst also auf Widerspruch mit den Thatsachen und
zeigt deshalb, dass die Theorie in dieser ursprünglichen Form falsch ist.
Indessen hat Weismann sie im weiteren Verlaufe des Keimplasma-
buches nicht in dieser Form beibehalten. Liest man Seite 85, welcher
wir den oben citierten Satz entnommen haben, so muss man allerdings
meinen, dass er die alte Ahnenplasmen theorie trotz meines ihr verhäng-
nisvoll werdenden Einwandes noch unverändert beibehält; aber in der
zweiten Hälfte seines Buches, und zwar in dem Abschnitte, welcher
über das Abändern der Arten handelt, nimmt er, wie er es ja auch kon-
sequenterweise thun muss, an, dass die Ide für sich variieren, dass also
Mischung und Entmischung. 87
auch diejenigen Ide voneinander verschieden werden können, welche von
einem einzigen Urid abstammen. Das ist mit Sicherheit aus Weis-
mann 's Ausführungen zu entnehmen.
Es steht also dieser Teil des Buches in vollkommenem Widerspruch
mit dem citierten Satze auf Seite 85. Wir wollen aber auf diese Nebensache
kein Gewicht legen, sondern annehmen, dass Weis mann der Satz auf
Seite 85 aus Versehen aus der Feder geflossen ist, und dass seine in-
zwischen gewonnene bessere Einsicht, wonach jedes Id für sich variieren
kann, eine Berücksichtigung meines Einwandes vom Jahre 1888 unnötig
machte. Aber dann muss ich leider den Einwand in einer an-
deren Form wiederholen , und es wird sich zeigen , dass dadurch die
aus der alten Ahnenplasmentheorie hervorgegangene Theorie der Am-
phimixis als durchaus unhaltbar nachgewiesen wird.
Um darzuthun, dass Weismann 's Theorie der Amphimixis auch
dann unhaltbar ist, wenn die Mannigfaltigkeit der von den Urwesen her-
stammenden Ide nicht durch natürliche Zuchtwahl vermindert wird, wollen
wir annehmen, dass das Plasma einer befruchtungsbedürftigen
Zelle, also eines Eies oder Samenfadens, in welchem durch die Reduktions-
teilung die Anzahl der Kernstäbchen auf die Hälfte herabgesetzt ist, a Ide
enthält, dass demnach jede Körperzelle der betreffenden Organismenart aus
2 a verschiedenen Biophorenstämmen zusammengesetzt, bezw. durch 2 a
verschiedene Determinanten bestimmt wird. Wir wollen ferner anneh-
men, dass die von dem Erzeuger unserer befruchtungsbedürftigen Keim-
zelle herstammenden Ide alle aus gleich guten Determinanten zusammen-
gesetzt waren, dass aber in den in diesem Elter erzeugten Keimzellen
jede Determinante in jedem Id anfängt, in irgend einer der überhaupt
möglichen Richtungen zu variieren, dass die zu befruchtende Keimzelle
demgemäss schon mehr oder minder abgeänderte Ide enthält.
Jede Determinante soll nach b verschiedenen Richtungen variieren
können. Dass die Anzahl dieser Richtungen sehr gross ist, darf als
sicher angenommen werden, denn wenn man bedenkt, wie gross etwa
die Anzahl der Säugetierarten ist, und in Betracht zieht, dass beispiels-
weise die Haare jeder Säugetierart von denen jeder anderen Art ver-
schieden sind, ja dass sie an einem und demselben Säugetierkörper in
hohem Grade voneinander abweichen können, sowohl was ihre Grösse
und Form, als auch was ihre Färbung und Zeichnung anbelangt, so muss
man, wenn man einmal auf dem Boden der Präformationstheorie steht,
88 II. I).\-> Wesen deb Entwii kki.i ng.
zu der Einsicht gelangen, dass die Anzahl der Richtungen, in welcher
die Determinanten der einzelnen Zellen variieren können, eine ausser-
ordentlich grosse ist. Da wir aber ferner sehen, dass bei wild-
lebenden Tieren die Beschaffenheit der Haare äusserst konstant bleibt,
so müssen wir zu der weiteren Folgerung gelangen, dass unter allen
möglichen Richtungen, in welchen die Determinanten der einzelnen
Zellen variieren können, nur einige wenige gute sind, ja dass eigentlich
nur eine einzige den jeweiligen Bedürfnissen der betreffenden Art
am besten entspricht.
Wir wollen, wie Weismann es thut, des weiteren annehmen, dass
jede Zelle, die aus unserer Keimzelle hervorgeht, nur durch eine einzige
Determinante aus jedem Id und ferner, dass sie nur durch eine Art von
Biophoren bestimmt wird. Wenn also 2a Ide die Organismenart charak-
terisieren und jede der 2a Determinanten für jede einzelne Zelle in b
verschiedenen Richtungen variieren kann, so ist die Anzahl der Varia-
tionsmöglichkeiten für die Hälfte der Determinantengruppe jeder Körper-
zelle, die aus unserer noch zu befruchtenden Keimzelle entsteht, gleich b".
Das ergiebt sich, wenn wir folgende Betrachtung anstellen.
Würden etwa in der betreffenden Keimzelle nur 2 Ide vorhanden
sein, würde also jede Zelle des Körpers, der sich aus dieser Keimzelle
entwickelt, nur durch 4 homologe Determinanten bestimmt werden, und
könnte jede der beiden aus den in der reduzierten Keimzelle noch vor-
handenen Iden des Elters stammenden Determinanten einer Körperzelle
nur nach zwei Richtungen hin variieren, so könnte, wenn wir die eine
elterliche Determinante mit x und die andere mit ?/, und wenn wir
die beiden Variationsmöglichkeiten mit p bezw. mit q bezeichnen, x
sowohl in der Richtung nach p, als auch in der nach q variieren, und
dasselbe würde für y gelten. Wir könnten also eine Zelle erhalten, in
der sowohl x als auch y in der Richtung nach p abgeändert sind; wir
könnten aber auch eine Zelle erhalten, in welcher x nach p, y nach q
hin verändert ist, oder auch eine solche, in welcher x nach q und y
nach p hin variiert hat, endlich eine, in welcher sowohl x als auch y
nach der Richtung q abgeändert worden sind. Es giebt also im ganzen
bei 2 Iden in der reduzierten Keimzolle und bei 2 Variationsmög-
lichkeiten für jedes Stück eines Paares homologer Determinanten der
beiden Ide 4 Fälle , und wer mit den Anfangsgründen der Kombinations-
lehre vertraut ist, wird ohne weiteres sehen, dass es sich in unserem
Falle um diejenige Art von Kombinationen handelt, die mau „Variationen
Mischung und Entmischung. 89
mit Wiederholung" nennt. Für diese gilt aber die Formel n" : , wobei n
die Anzahl der „Elemente" angiebt und m die „Klasse" bezeichnet, also
angiebt, wie viele von den n Elementen eine Kombination zusammen-
setzen sollen. Bei a Iden in unserer unbefruchteten Keimzelle und bei
b Variationsmöglichkeiten lautet also die Formel der möglichen Fälle,
welche die Abänderungen für die Hälfte der Determinanten einer Körper-
zelle bezeichnet, wie oben angegeben, b a , denn b ist die Anzahl der
Elemente, der Variationsmöglichkeiten, zwischen denen gewählt werden
kann, und a bezeichnet die Klasse und giebt an, wieviel der Elemente,
zwischen denen eine Wahl möglich ist, in die Kombination eintreten.
Die Klasse hängt ja von der Anzahl der Ide in der zu befruchtenden
Keimzelle ab, und die Anzahl der verschiedenen Elemente, zwischen denen
gewählt werden kann, wird durch die Zahl der Variationsmöglichkeiten
der Determinanten einer Zelle im Keimplasma bestimmt.
Wir können nun ferner annehmen, dass, wie es ja der Wirklichkeit
in den meisten Fällen entsprechen wird, die Anzahl der Richtungen, welche
zu einer günstigen Umbildung der Determinanten führt, nur gleich 1 ist.
Man könnte allerdings auch wohl annehmen, dass unter xb Variations-
möglichkeiten vielleicht b günstige wären. Es ist aber für die Rechnung
einfacher und ändert am Resultate nichts, wenn wir nur b Variations-
möglichkeiten, unter denen nur eine günstige ist, annehmen. Wenn
also eine durch 2 a homologe Determinanten bestimmte Körperzelle in
günstiger Weise abändern soll, so muss mindestens die Anzahl der
in vorteilhafter Richtung abgeänderten Determinanten 1 mehr als die
Hälfte der Gesamtzahl , also in unserem Falle a -+- 1 betragen. Wir
wollen nunmehr die Wahrscheinlichkeit berechnen, mit der dieser Fall
eintritt.
Wir können zunächst annehmen, dass sich alle a homologen mütter-
lichen oder väterlichen Determinanten der betreffenden Zelle günstig ver-
halten, sei es, dass sie in günstiger Richtung abändern, oder dass sie
ebenso gut bleiben, wie sie waren , was ja dasselbe sein würde. Wenn
unter den b verschiedenen Variationsmöglichkeiten nur eine günstig
ist, so ist die Anzahl der Fälle, in welcher sich alle a Determinan-
ten des einen Elters günstig verhalten, nur gleich 1, wie ja leicht ein-
zusehen.
Wenn sich nur 1 der a Determinanten ungünstig verhält, so er-
halten wir a Gruppen von Fällen, da jede der a Determinanten eine
ungünstige Richtung einschlagen, oder, wie wir uns ausdrücken wollen,
90 IL Das Wesen der Entwk kklun<..
ein Nichttreffer sein kann. Der Nichttreffer kann aber, da er ja, wie
sein Name sagt, nicht in der einen vorteilhaften Richtung abgeändert
ist, nur noch in 6 — 1 beliebigen Richtungen variieren. Die Gesamt-
zahl der Fälle, in welchen nur je 1 der aus einem Elter stammenden Deter-
minanten einer bestimmten Körperzelle in ungünstiger Richtung abge-
ändert ist, beträgt also «(6—1). Diese Fälle sind dem Falle, in welchem
sich Determinanten ungünstig verhalten, zu addieren.
Die Anzahl der Fälle, in welchen sich 2 Determinanten ungün-
stig verhalten, ergiebt, da diese beispielsweise die erste und zweite,
oder die zweite und dritte, oder auch die erste und vierte, die fünfte und
siebente, die sechste und achte usw. sein können, --•=— i> Gruppen von
Kombinationen, da es sich hierbei, wie leicht einzusehen, um „Kombi-
nationen im engeren Sinne ohne Wiederholung" handelt, für welche die
Formel VixL r j ; ~~" ^ n ~ — gilt, wobei n die Anzahl der Ele-
1.2.6 m ° '
mente und m die Klasse bedeutet. In unserem Falle, wo sich 2 De-
terminanten ungünstig verhalten, handelt es sich also um a Elemente
zur 2ten Klasse, und daraus ergiebt sich die obige Formel. Da nun
jeder der 2 Nichttreffer wieder in b — 1 Richtungen abweichen kann,
ergeben sich folgende Möglichkeiten: Der erste der beiden Nichttreffer
kann, wenn die erste der b Richtungen eine günstige Abänderung be-
deutet, also für Nichttreffer nicht in Betracht kommt, etwa nach der
Richtung 2, der zweite etwa ebenfalls nach der Richtung 2 oder auch
nach der Richtung 3, der erste aber auch nach der Richtung 4 und
der zweite nach der Richtung 5, oder auch der erste nach der Richtung
7 und der zweite nach der Richtung 4 abgeändert sein usw. Es ergeben
sich mit anderen Worten so viele Möglichkeiten, wie durch diese Ver-
hältnisse bedingt werden, also (b — l) 2 , weil es sich hier wiederum um
„Variationen mit Wiederholung" handelt, wobei die Anzahl der Elemente
gleich b — 1 und die Klasse gleich 2 ist. b — 1 Variationsmöglichkeiten
sind für jeden der beiden Nichttreffer gegeben, und da es sich nur um
2 Nichttreffer handelt, so ist (b — l) 2 die Anzahl der Variationsmög-
lichkeiten, die für unsere beiden nicht günstig abändernden homologen
Determinanten einer Zelle gegeben ist. Wir haben also die Zahl
mit (b — l) 2 zu multiplizieren, um die Anzahl der Fälle zu er-
halten, welche bei zwei ungünstig abändernden unter a homologen De-
terminanten möglich sind.
Mischung und Entmischung. 91
Bei 3 Nichttreffern würde diese Anzahl, wie nunmehr leicht einzu-
sehen, ~^~ -~— -. (b — l) 3 sein, und bei a Nichttreffern würden wir
a(a-i(a-2)(a-3).....l {lb _ 1)a mie erbalten _
1.2.3 a v ;
Aus diesen Erwägungen geht hervor, dass die Gesamtheit aller
möglichen von einem Elter stammenden Determinanten-Kombinationen
in einer Zelle auszudrücken ist durch die aus a + 1 Gliedern beste-
hende Formel:
1+a(& _ 1)+ ^a( 6 _i) 2+ ^^|zi^ {& _i ) 3....
a(a-l)(a-2)...2 h . aja- 1) (q-2) . . . 1 „ ])a
+ "I.2.Ö-...(Ö^ TT [ ° ~ L > + " 1.2.3.. . a 1° — ^ •
Ebenso gross würde die Anzahl der von dem zweiten Elter stammenden
Kombinationen sein, und diese würden genau dieselben Einzelfälle auf-
weisen.
Uns wird dadurch ermöglicht, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen,
mit welcher eine Körperzelle in günstiger Richtung abändern wird. Es
können beispielsweise sämtliche a Determinanten väterlicher und sämt-
liche a Determinanten mütterlicher Seite in günstiger Richtung variieren,
was 1 Fall giebt. Es können sich aber auch zwar sämtliche väter-
liche Determinanten günstig, sämtliche mütterliche aber ungünstig
verhalten, was 1 . - ~~ i o~ (b — l) a -Fälle geben würde. Auch
1.2.3...« v ' °
das Umgekehrte könnte stattfinden, wodurch man dieselbe Anzahl von
Fällen erhalten würde. Aus diesen Beispielen ersehen wir, dass die
Gesamtzahl der möglichen Fälle auszudrücken ist durch die Formel:
i.[i + «(t-i).- a(a T. 1 , ) ? a ." , ^ -' t - 1 )-l
+ a(t-l).[l+«(t-l).... a - ^/»;7^ a - :-'(t-l)'].-
+ - "7. 1 , ) . ( ;~ , i- 1 o-i)'-[i+''(ft-i)- * ( '-' 1 ) . ( r. ,) ( ;- -' (ft-D-}
Diese lange Formel, von der wir hier nur drei Glieder niedergeschrieben
haben, wird uns gleich weitere Dienste thun ; sie lässt sich aber viel kürzer
ausdrücken durch die Formel (b a ) 2 = 6 2a , denn für die aus einem Elter
stammenden Determinanten einer Zelle ist die Anzahl verschiedener
Variationsmöglichkeiten = & a , weil wir b Yariationsrichtungen haben, die
zur aten Klasse kombiniert sind. Da aber jede Variationenkombination der
die Zelle bestimmenden homologen Determinanten des einen Elters mit
jeder Variationenkombination der homologen Zelldeterminanten des zweiten
92 II. Das Wesen des Entwickeltjng.
Elters zusammentreffen kann , so müssen wir b" mit b" multiplizieren,
wodurch wir die obige Anzahl aller möglichen Fälle, nämlich b 2a erhalten.
Unter allen möglichen Fällen sind aber nur diejenigen günstig, in
welchen mindestens a 4- 1 Determinanten in der erforderlichen Richtung-
abgeändert sind, denn sonst würde die Zelle nicht in dieser Richtung
variieren können, und die natürliche Zuchtwahl müsste sie beseitigen.
Zu der Anzahl der günstigen Fälle gelangen wir aber durch die Auf-
stellung derjenigen Kombinationen, welche a -\- 1 in günstiger Richtung ab-
geänderte Determinanten enthalten, und zwar in folgender Weise : Der eine
Fall, in welchem alle a Zelldeterminanten des einen Elters in günstiger
Weise abgeändert sind, darf sich mit den 1 4- a {b — 1) 4- — — '-—' (b — l) 2
4- "i 23 ( a _i) ß — 1 )° -1 Fällen, in welchen sich a, bezieh-
ungsweise a — 1, a — 2 . . . . 3, 2, 1 Determinanten vom anderen Elter günstig
verhalten, verbinden, ebenso dürfen sich die a (b — 1) Fälle, in welchen
sich nur 1 Determinante des einen Elters ungünstig verhält, mit den
1 + a {h _ !) + «i«JTl) (*_])*. . . . + ■(•- » *~fc± (6-1)-
Fällen, in welchen a, beziehungsweise a — 1, a — 2, a — 3. ..4, 3, 2 Deter-
minanten des anderen Elters in der erforderlichen Weise abgeändert sind,
kombinieren. Setzen wir unsere Ueberlegungen in dieser Weise fort,
so erhalten wir für die Anzahl der Fälle, in welchen mehr als die Hälfte
der 2a Determinanten einer Zelle abgeändert sind, die Formel:
i.[i + .p-D+ afe^a fr^iy... + •» ^-;y P-lH]
+a(&_l)[l+o(i-l) + 5^^(6-1)»...
Diese Anzahl der günstigen Fälle durch die Anzahl aller möglichen,
welche b 2a betrug, dividiert, giebt die Wahrscheinlichkeit, mit welcher
eine Körperzelle, die durch 2a Determinanten, von denen jede in b Rich-
tungen, und zwar in b — 1 ungünstigen und 1 günstigen abändern kann,
in günstiger Weise variiert.
Einige Beispiele werden schnell darthun , was unsere Formel zu
lehren im stände ist.
Gesetzt, es handelte sich für eine Körperzelle nur um eine Variations-
möglichkeit, d. h. sie würde seitens jedes Elters nur durch 1 Deter-
minante bestimmt, und diese könnte sich nur in einer sich stets gleich-
Mischung und Entmischung. 93
bleibenden Weise verhalten, so würde die Wahrscheinlichkeit, dass dieses
Verhalten eintritt, gleich 1 sein, also Gewissheit bedeuten. Wenn die
Anzahl der Determinanten eines Elters, also a in unserer Formel, gleich
2 ist, und wenn jede sich nur in einer Weise verhalten könnte, wenn
also die Anzahl der Yariationsmöglichkeiten b unserer Formel gleich 1
ist, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich alle Determinanten auch so
verhalten , wieder gleich 1 , oder wieder Gewissheit. Wenn aber a = 1
und b = 2 ist, so ist die Wahrscheinlichkeit W nur gleich . Ist a = 2
5 1
und b = 2, so ist W = jg^jrr,; a = 3 und b = 2 giebt, wie man
leicht mit unserer Formel ausrechnen kann, W = ^— , und bei a = 2 und
b = 3 ist W = . a = 3 und b = 3 giebt W ==-——; ist aber a = 4
577 1
und 6 = 3, so ist W nur = ^r— r = 7— r. Das gilt schon für eine ein-
6561 ll,ö °
zige Zelle des Körpers. Besteht dieser aber aus vielen Zellen, die alle
durch vier nach drei Richtungen variierende Determinanten seitens jeden
Elters bestimmt werden, so müssen wir diesen Wahrscheinlichkeitsbruch
so oft miteinander muliplizieren, wie die Anzahl der Zellen angiebt.
Wir wollen einmal annehmen, dass unser Wahrscheinlichkeitsbruch
nur — betrüge, dann wäre die Wahrscheinlichkeit, dass bei einem aus
zwei Zellen zusammengesetzten Körper beide in gleicher Richtung variieren,
gleich — . — = — ; bei drei Zellen wäre sie — ^. Bestände aber der
Körper aus 1000 Zellen, was ja immer noch eine sehr geringe An-
zahl sein würde, so wäre die Wahrscheinlichkeit, dass alle 1000 Zellen
sich günstig verhalten, gleich einem Bruche, dessen Zähler gleich 1 ist
und dessen Nenner durch eine Zahl ausgedrückt wird, die vorn mit
einer 1 und darauf mit 1000 Nullen geschrieben wird, d. h. jedes Indi-
viduum einer Tierart, deren Vertreter aus je 1000 Zellen bestehet),
müsste in unserem Falle so viele Nachkommen haben, wie durch jene
gewaltige Zahl angegeben wird, falls die Möglichkeit gegeben sein soll,
dass ein einziger von diesen nur aus guten Zellen besteht.
Ich überlasse es Weismann und seinen Anhängern, sich die mit
1000 Nullen zu schreibende Zahl vorzustellen und sie in Worten aus-
zusprechen. Um ihnen dabei zu Hülfe zu kommen, will ich nur die
bekannte Anekdote vom Schachbrett anführen: „Ein König in Indien,
namens Sheran, verlangte nach dem Berichte des arabischen Schrift-
'.4 II. Da- Wesen deb Entwickelung.
stellers Asephat, dass Sessa, der Erfinder des Schachspiels, sich
selbst eine Belohnung wählen sollte. Dieser erbat sich hierauf die
Summe der Weizenkörner, die herauskommt, wenn 1 fürs erste Feld
des Schachbrettes, 2 fürs zweite, 4 fürs dritte und so immer für jedes
der 64 Felder doppelt so viele Körner als für das vorhergehende ge-
rechnet werden." Durch die Rechnung fand man zum Erstaunen des
Königs die ungeheure Summe von 18 446 744 073 709 551615 Weizen-
körnern, eine Summe, die, verglichen mit derjenigen, welche der Nenner
unseres Wahrscheinlichkeitsbruches angiebt, verschwindend klein ist, da
sie nur 20 Stellen zählt. Die Menge Weizen aber, welche dieser win-
zigen Summe entspricht, kann nach massiger Berechnung erst in mehr
als 70 Jahren gewonnen werden , auch wenn man alles feste Land auf
der ganzen Erde zum Anbau von Weizen benutzte.
Ist die Natur wirklich so produktiv, wie sie es sein müsste, wenn
Weismann 's Theorie der Amphimixis richtig wäre? Ich glaube kaum!
Weismann dürfte diesen Auseinandersetzungen allerdings entgegen-
halten, dass es nicht nötig ist, dass sich a 4- 1 Ide günstig verhalten; auch
a oder noch weniger würden, so könnte Weis mann sagen, genügen,
ja schon 2 günstig variierende Ide würden der Zelle den Charakter auf-
drücken können, falls diese sich nur lauter in Bezug auf die betreffende
Determinante untereinander verschiedenen ungünstigen Iden gegen-
über befänden.
Dieser Einwand würde aber unstatthaft sein. Zwei identische
Zwillingsbrüder richten nicht mehr gegen ein Dutzend gleichstarker
Knaben aus, als zwei ebenso starke, aber ungleiche Knaben. Handelt es
sich aber nicht um sich balgende Knaben, sondern um Determinanten aus
verschiedenen Iden, die gleichzeitig in einer Zelle in ihre Biophoren
zerfallen, so ist das Verhältnis nicht anders. Gesetzt, wir hätten 2 gleiche
Biophoren, die zusammen mit 12 ungleichen eine Zelle zu bestimmen
haben, und alle Biophoren verdoppelten sich durch Teilung, so stün-
den 4 gleiche Biophoren 24 ungleichen, aber ebenso starken gegenüber,
und das Verhältnis von 1 : 6 bliebe auch bei ferneren Verdoppelungen
dasselbe.
Die Annahme, dass die zwei gleichen Biophoren schneller assimilieren,
sich schneller vermehren und dadurch die Überhand gewinnen würden,
würde eine völlig willkürliche und durchaus unzulässige sein. Wollte
man sie machen, so könnte man ebenso gut annehmen, dass 2 gleiche
Hunde 12 gleichstarken Hunden anderer und unter sich verschiedener
Mischung und Entmischung. 95
Rassen das Futter wegfressen würden, weil sie beide derselben Rasse an-
gehörten, die übrigen aber alle unter sich verschieden wären.
Soll "Weismann 's Amphimixis überhaupt einen Sinn haben, so
muss er allen Biophoren, die sich in einer Zelle treffen können, gleiche
Assimilationskraft zuschreiben. Will man, wozu Weismann allerdings
sehr geneigt zu sein scheint, ungleiche Assimilationskraft für Biophoren
aus verschiedenen Iden annehmen, so kann ja leicht der Fall eintreten,
dass eine einzige Biophorenart alle anderen an Assimilationskraft über-
trifft. Diese Biophorenart kann aber im übrigen recht ungünstig sein,
beispielsweise eine rote Zelle anstatt einer grünen erzeugen. Was wäre
also dann mit Amphimixis gewonnen? Bei Amphimixis kommen nur
diejenigen Biophoren in Betracht, die gleiche Assimilationskraft haben.
Sind sie darin ungleich, so ist Amphimixis ebenso schädlich wie nützlich,
denn dann bestimmt entweder nur ein Id durch die betreffende Deter-
minante die Zelle, oder höchstens deren wenige, nämlich die, deren Bio-
phoren am schnellsten assimilieren. Da diese Biophoren aber sonst recht
ungünstige sein können, so kann dadurch leicht eine schädliche Yariation
bedingt werden. Man muss also entweder gleiche Assimilationskraft für
alle in einer Zelle zusammentreffenden Biophoren annehmen, und dann
bestimmen die „homodynamen", die gleichwertigen, nach Massgabe ihrer
Anzahl die Zelle, und unsere Formel besteht zu Recht, oder man lässt
die Assimilationskraft ungleich sein; und dann wird durch Amphimixis
die Wahrscheinlichkeit, dass die betreffende Zelle in günstiger Richtung
abändert, nicht erhöht.
Wir haben also recht daran gethan, zu verlangen, dass sich mindestens
a+1 Ide in Bezug auf die Bestimmung einer Zelle günstig verhalten,
ja wir hätten sogar annehmen dürfen , dass alle a Ide jedes Elters die
in der erforderlichen Richtung abgeänderten Biophoren in die Zelle ent-
senden, denn nur diejenigen Zellen sind die besten, die ausschliess-
lich von der einzigen brauchbaren Art von Biophoren aufgebaut
werden; nur sie haben die grösste Aussicht im Kampfe ums Dasein.
. Unsere Berechnung der Wahrscheinlichkeit günstigen Yariierens eines
aus 1000 Zellen bestehenden Individuums, dessen einzelne Zellen nur
durch 2 mal 4 Determinanten mit je 3 Yariationsmöglichkeiten, von denen
eine günstig ist, bestimmt werden, ist richtig. Dasselbe gilt aber auch
von ihren Prämissen, weil die Anzahl der günstigen Yariations-
richtungen immer viel geringer sein wird, als die der ungünstigen.
Um aber keinen Zweifel darüber aufkommen zu lassen, dass, abgesehen
96 N. Das Wesen der Entwickelung.
von der unerlässlichen Forderung, dass sich mindestens a -f- 1 Ide günstig
verhalten müssen, unsere Prämissen in der That die Weismann'-
schen sind, lassen wir hier folgenden Passus aus Weismann 's „Keim-
plasma" abdrucken, wobei wir uns diejenigen Stellen, aufweiche wir
die Leser aufmerksam machen möchten, durch gesperrten Druck hervor-
zuheben erlauben. Weismann sagt in einer Zusammenfassung auf
Seite 566 ff. seines Werkes:
..Fassen wir das bisher Gesagte kurz zusammen, so ist der Beginn
einer Variation unabhängig von Selektion wie von Amphimixis;
er beruht auf den unaufhörlich wiederkehrenden kleinen Unregel-
mässigkeiten der Ernährung des Keimplasma's, von welchen jede Deter-
minante getroffen wird , bald in dieser, bald in jener Weise,
verschieden nicht nur bei verschiedenen Individuen, sondern auch
in den verschiedenen Regionen des einzelnen Keimplasma-
Baues. Diese Abweichungen sind zuerst minimal, können sich aber
summieren und müssen dies thun, sobald die Ernährungs-Modifikationen,
welche sie hervorriefen, durch mehrere Generationen hindurch fortdauern.
Auf diese Weise können Abweichungen im Bau einzelner Determinanten
und Determinantengruppen entstehen, vielleicht zwar nie in allen Iden,
aber doch in mehreren oder vielen zugleich. Auf dieselbe Weise
kann Verdoppelung gewisser Determinanten des Keimplasma's entstehen.
Amphimixis wird bei der Summierung solcher abgeänderter Determinanten
eine bedeutsame Rolle spielen, indem sie die bisherige Minorität derselben
in den beiden Eltern durch Kombination ihrer Keimplasma-Hälften zur
Majorität erheben kann. Dann erst beginnt Selektion einzugreifen.
„Die ausserordentliche Bedeutung der geschlechtlichen Fortpflanzung
für die Umwandlungsprozesse wird aber erst in ihrem vollen Umfange
ersichtlich, wenn man sich klar macht, dass es sich in der Natur selten
oder nie nur um eine einzelne Abänderung handelt, vielmehr
meist um viele zugleich. Nur durch Amphimixis war es
möglich, den Selektionsprozessen stets so mannigfaltige
Kombinationen aller Charaktere darzubieten, dass die rich-
tige Auswahl getroffen werden konnte. Wenn meine seit lange
schon festgehaltene Ansicht richtig ist, so kommt es überhaupt nie vor,
dass nur ein Charakter gezüchtet wird, sondern der gesamte Kom-
plex sämtlicher Charaktere einer Art unterliegt unaus-
gesetzt der Kontrolle der Naturzüchtung, und sowohl die Kon-
stanz der augenblicklichen Artcharaktere, als die Beseitigung überflüssig
Mischung und Entmischung. 97
gewordener, als schliesslich die Umwandlung vorhandener und Hervor-
rufung neuer Charaktere beruht auf der nie rastenden oder aussetzen-
den Kontrolle der Auslese. Dies ist nur denkbar bei fortwährender
Vermischung aller vorkommenden Modalitäten dieser Charaktere
und diese kann nur durch Amphimixis bewirkt werden. Wenn deshalb
Amphimixis auch nicht die tiefste "Wurzel der individuellen Variation
sein kann, so ist sie doch für die Selektion eine un erlässliche Vor-
aussetzung, denn sie allein kombiniert erst das Material an
Variationen derart, dass Selektion damit operieren kann.
„Die hier vorgetragene Theorie der Variation giebt noch nach einer
anderen Seite hin befriedigendere Auskunft, als sie von anderer Basis
aus möglich ist. Wer die unbegrenzte Menge der Anpassungen
der Organismen an ihre Lebensbedingungen überblickt, der
ist immer wieder von neuem überrascht von der wunderbarenPlasti-
zität der Arten. Man hat den Eindruck, als könne jede, auch noch so
unerwartete Abänderung von einer Art hervorgebracht werden, sobald
sie nur der Art von Nutzen sein kann. Denkt man allein an die Nach-
ahmungen von Pflanzen und Pflanzenteilen durch Tiere in Farbe, Gestalt
und Zeichnung, oder an die anderer Tiere, so möchte man glauben, dass
jeder Teil eines Tieres je nach Bedürfnis in diese oder jene Form ge-
bracht, in beliebiger Weise gefärbt und gezeichnet werden könnte.
„Gewiss ist dies nicht wörtlich zu nehmen; nicht alles ist möglich,
aber doch so vieles, dass man diese unzähligen Anpassungen un-
möglich auf seltene, zufällig einmal vorkommende Variationen
beziehen kann. Die nötigen Variationen, aus denen Selektion ihre Um-
wandlungen zusammensetzt, müssen immer und an vielen Indi-
viduen wieder und wieder sich darbieten.
,Ein solches immer fluktuierendes Material primärer Variationen geht
••â–
aber aus der hier vorgetragenen Theorie von selbst hervor. Es muss
darnach ein jeder Teil einer Art, jede ,Determinante', im Laufe der
Generationen j e d e überhaupt mögliche Variante darbieten, immer
wieder in anderen Individuen, und bald durch eine grössere, bald
durch eine kleinere Majorität von abgeänderten Iden gestützt.
Da absolut gleiche Ernährung der homologen Determinanten weder in
den verschiedenen Individuen, noch in den verschiedenen Iden
desselben Keimplasma's überhaupt denkbar ist, und da jede noch
so kleine Variation einer Determinante nicht von selbst und auch nicht
mit ihrem Träger, dem Individuum, wieder verschwindet, sondern direkt
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 7
98 II. Das Wesen der Entwickeldng.
in das Keimplasma der nächsten Generation übergeht, so kann es nie
an Variationen jeder Determinante fehlen, und das geforderte
Material an allen möglichen Variationen aller Teile erscheint theo-
retisch begründet.
„Ehe ich auf die Veränderungen eingehe, welche das Keimplasma als
Ganzes bei der Artuniwandlung erleiden muss, möchte ich einem Ein-
wurf begegnen, der gemacht werden könnte. Wenn alle Determi-
nanten unausgesetzt kleinen Ernährungsdifferenzen und damit klei-
nen Variationen unterworfen sind, woher kommt dann die so
überaus grosse Hartnäckigkeit, mit welcher die Species sich erhält, ohne
ihren Typus zu verändern? woher die Konstanz der Species? Man
sollte denken, dass dann alle organischen Formen sich in einem fort-
währenden Flusse befinden müssten, dass keine Form und kein Organ
lauge Bestand haben könnte.
„Ich glaube, man vergisst dabei mehrerlei. Einmal steht jede Art
unter unausgesetzter Kontrolle der Naturzüchtung, wie man
am besten aus dem Verkümmern bedeutungslos gewordener Teile sieht.
Nachdem, wie mir scheint, die alte Annahme von der Vererbung soma-
togen er Abänderungen endgültig aufgegeben werden muss, bleibt zur Er-
klärung dieser Rückbildung nichts übrig, als Panmixie, d. h.
Aufhören der Kontrolle der Naturzüchtung bei dem nicht mehr nütz-
lichen Teil. Daraus aber, dass diese Rückbildung immer eintritt, dürfen
wir schliessen, dass Schwankungen in den Determinanten immer
und überall vorkommen; daraus aber, dass die Rückbildung immer
sehr langsam vor sich geht, schliesse ich weiter, dass trotz ihrer Häufig-
keit diese Schwankungen nur sehr allmählich zu sichtbaren Variationen
sich häufen.
„Wie gleich anfangs gesagt wurde, müssen wir uns die einzelnen
Schwankungen der Determinanten ungemein klein vorstellen. Direkt
könnte Naturzüchtung nichts mit der einzelnen Variation anfangen;
sie könnte sie nicht summieren; die Summierung kann lediglich durch
Amphimixis bewirkt werden, und ich möchte annehmen, dass darin
die eine Hälfte ihrer Bedeutung liegt. Sie kann Minoritäten abgeän-
derter Determinanten zu Majoritäten summieren, indem sie die Keim-
plasma-Hälften zweier Individuen mischt Sie kann aber auch
nivellieren und ausgleichen, indem sie je nach Zufall die gleich-
sinnig abgeänderten Determinanten eines Individuums wieder zer-
streut mittelst der Reduktionsteilung.
Mischung und Entmischung. 99
„Man darf auch nicht vergessen, dass die kleinen primären Ab-
änderungen einer Determinante durchaus nicht immer in der-
selben Kichtung weiter gehen müssen; entgegengesetzte Ernährungs-
einflüsse Averden sie häufig wieder zurück bilden. Erst wenn sie
durch längere Zeit anhaltende gleiche Einflüsse 1 ) einen stärkeren Betrag
von Abänderung erreicht und wenn zugleich die homologen Determi-
nanten mehrerer Ide gleichsinnig abgeändert 1 ) haben, wird die Variation
durch Amphimixis summiert sichtbar werden können. Und auch dann
bildet sie noch keineswegs einen dauernden Besitz der Art, sondern dar-
über, ob sie dies werden soll, entscheidet nun Naturzüchtung."
Im Anschluss an diese Ausführungen Weismann 's weise ich noch
einmal darauf hin, dass die Vererbung in Weismann 's Theorie
schliesslich auf den krassesten Zufall hinauskommt und thatsächlich
überhaupt nicht existiert. Weismann ist sich überhaupt nicht
klar darüber, was Vererbung eigentlich ist. Das geht aus dem
wunderbaren Passus hervor, durch den er seine Ahnenplasmentheorie
gegenüber etlichen gegen sie vorgebrachten Einwänden zu schützen
vermeint :
„Wir finden nirgends," sagt Weis mann, „einen Zustand, in welchem
noch sämtliche Ide gleich angenommen werden könnten, es verhält
sich vielmehr so, wie ich schon früher einmal darlegte, die Ungleich-
heit der Individuen datiert von den Urwesen her, von der
Zeit, in welcher noch keine Amphimixis und noch kein Idioplasma be-
stand, in welcher aber der individuelle Stempel jedem Einzel-Bion direkt
durch die ungleichen äusseren Einflüsse aufgeprägt werden musste. Von
diesen übertrug er sich auf die Einzelligen, da diese doch nicht aus
einem einzigen Einzel-Bion von Urwesen entstanden sein können, son-
dern polyphyletisch, jede Art aus einer grossen Menge gleichsinnig 2 ) ab-
1) „Längere Zeit anhaltende gleiche Einflüsse' 1 und „gleichsinnig abgeänderte
homologe Determinanten mehrerer Ide" sind Annahmen, die sich der Amphimixis-
theorie nur bei Anwendung von Gewalt fügen. H.
2) Wenn die eine Protozoenart bildenden Urwesen „gleichsinnig" abänderten, woher
kommt dann die „Ungleichheit der Individuen"? Oder liegt hier ein Druckfehler vor?
Soll es heissen „ungleichsinnig"? Aber die natürliche Zuchtwahl wählte doch wohl
immer die zweckentsprechendsten Urwesen, also, da jede Art aufs genaueste den Le-
bensbedingungen angepasst ist, gleichsinnig abändernde aus? Die Einzelligen ent-
standen also doch wohl durch Zusammenfügung gleicher Plasmen? "Wer errettet uns
aus diesem Labyrinth von Widersprüchen? H.
im» II. Das Wesen deh Entwickelung.
ändernder Bionten. Man hat dies oft falsch verstanden 1 ) und unter an-
derem gefragt, wie ich denn Anpassungen von Blumen, Früchten oder
Samen, wie sie bei Phanerogamen vorkommen, von der Kombination von
< harakteren ableiten wolle, die bei ihren formlosen Urvorfahren erwor-
ben wurden. Aber nicht die Charaktere erbten sich von den
1) Weis mann irrt sich! Nicht diejenigen, welche vom "Weis mann 'sehen
Standpunkte aus die Notwendigkeit der Ableitung von Blumen , Früchten und
anderen Charakteren der höheren Organismen von der Kombination der von form-
losen Urvorfahren erworbenen Charaktere erkannten, haben Weismann's Ahnen-
plasmentheorie falsch verstanden , sondern er selbst versteht seine eigene Theorie
nicht! In seiner Schrift über „Die Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung für die
Selektions - Theorie â– ' (Jena 1886), in welcher Weismann seine Ahnenplasmen-
theorie aufgestellt hat, sagt "Weismann: „Ohne das "Vorkommen solcher direkt
die Keime verändernder Einflüsse ganz in Abrede zu stellen, muss ich doch
glauben, dass sie am Zustandekommen erblicher individueller Charaktere keinen
Anteil haben. " Weismann führte also die Verschiedenheit der Individuen auf die
Urwesen zurück. "Wenn es ihm trotzdem beliebte, eine Veränderung der von den l'r-
wesen herstammenden Ahnenplasmen durch äussere Einflüsse zu stände kommen zu
lassen, so standen ihm nur zwei Wege offen. Entweder musste er annehmen, dass
die Nachkommen eines individuellen Ahuenplasma's, die natürlich auf sehr viele Or-
ganismen verteilt sein konnten, trotz aller durch äussere Einflüsse an ihnen hervor-
gebrachten Veränderungen einander völlig gleich blieben, oder er musste sie infolge
verschiedener äusserer Einflüsse ungleich werden lassen. That er das letztere, so
wurde er sich selbst untreu, wie ein Blick auf den in dieser Anmerkung citierten Satz
lehrt; Weismann's Gegner konnten aber nicht annehmen, dass Weismann die
Absicht hatte, diesen Satz sofort wieder zu negieren. Wollte Weis mann aber das
erstere thun , so wurde er wiederum sich selbst untreu , denn die Annahme einer erb-
lichen Abänderung der von den Urwesen herstammenden Ahnenplasmen hätte das
Zugeständnis enthalten, dass auch die Nachkommen eines und desselben Ahuenplasma's
infolge äusserer Einflüsse ungleich werden mussten; oder will Weis mann allen
Ernstes behaupten, dass sie sich zwar verändern, aber nicht ungleich werden konnten ? !
Will Weis mann uns glauben machen, dass aus dem Plasma eines Urwesens das
komplizierte Id eines Menschen werden kann infolge von äusseren Einflüssen, dass die
gleichen Biophoren eines Urwesens infolge der letzteren ungleich werden können, dass
sich aber alle von diesem Urwesen herstammenden Ide, die auf die verschiedensten
Individuen verteilt sein konnten, trotz der Notwendigkeit, die Biophoren eines Urids
infolge verschiedenartiger äusserer Einflüsse ungleich werden zu lassen, vollständig-
gleich blieben? Dadurch würde Weismann in einem Atemzuge die Veränderlichkeit
und die Un Veränderlichkeit der Biophoren behaupten! Wer logisch denkt, konnte zu
gar keiner anderen Schlussfolgerung gelangen, als der, dass die Veränderlichkeit der
Weis mann' sehen Ahnenplasmen bei den mehrzelligen Nachkommen der einzelligen
urwesen nach Weismann's Ansicht aufgehört hätte, dass also Blumen, Früchte usw.
von der Kombination der von formlosen Urvorfahren erworbenen Charaktere herzuleiten
seien. Wenn Weismann sich also darüber beklagen will, dass mau seine alte Ahnen-
theorie missverstanden habe, so richte er seine Beschwerde dorthin, wohin sie gehört,
an den Urheber dieser Theorie, an Herrn A ugust Weismann in Freiburg i. Br. ! — In
Mischung und Entmischung. 101
Urwesen her fort, sondern die Variabilität, die Ungleich-
heit der Individuen!" 1 )
Es war bisher in der Entwicklungslehre üblich, Vererbung und
Variabilität als zwei Dinge zu betrachten, die sich in jedem Einzelfalle
wechselweise ausschliessen. Eine Eigenschaft, die von dem Elter auf
das Kind vererbt wird, hat in diesem Falle nicht variiert, ein
Organ, das beim Kinde andere Eigenschaften zeigt als beim Elter, hat
seine Eigenschaften nicht vom Elter auf das Kind vererbt, es hat
variiert, es hat sich verändert. Vererbung einer Eigenschaft
ist Nichtveränderung dieser Eigenschaft, Nichtvererbung einer
Eigenschaft ist Veränderung dieser Eigenschaft. Vererbung und
Nichtvererbung, Veränderung und Nichtveränderung, Vererbung und
Veränderung, Nichtvererbung und Nichtveränderung sind kontra-
diktorische Gegensätze. Weismann aber ist es vorbehalten
geblieben, eine Vererbung der Nichtvererbung festzustellen!
Dass er dabei auch noch „Variabilität" und „Ungleichheit der Indivi-
duen" miteinander verwechselt, ist nicht weiter zu verwundern!
Offenbar ist nur zweierlei möglich: Entweder lässt man die Un-
einer Anmerkung zu dem oben citierten Aufsatz, die Weismann im Jahre 1892
gelegentlich dessen Wiederabdruckes hinzufügte, sagt er, man braucht nicht, wie er-
es in diesem Aufsatze gethan hätte, „die Wurzel der individuellen Verschiedenheit in
den niedersten Organismen zu suchen, sondern wird sie in den wechselnden Einflüssen
erkennen, welche die Elemente des Keimplasma's unausgesetzt treffen müssen." Damit
giebt Weismann seine Ahnenplasmentheorie preis! Aber in seinem Werke: „Das Keim-
plasma", das ganz kurze Zeit nach den gesammelten „Aufsätzen über Vererbung und ver-
wandte biologische Fragen", denen wir den eben citierten Satz entnommen haben, erschien,
steht der im Texte citierte Satz: „Die Ungleichheit der Individuen datiert von den
Urwesen her!" — Ich beneide Weismann! Es muss ein tröstliches Gefühl sein, sich
bald auf diese, bald auf jene von zwei gleichzeitig geäusserten, aber sich gegenseitig
absolut widersprechenden Ansichten berufen zu können! Aber Weis mann möge be-
denken , dass er es seinen Gegnern , die nicht wissen , an welche der gleichzeitig ge-
äusserten sich gegenseitig abschliessenden Weismannn 'sehen Ansichten sie sich zu
halten haben, schwer macht, mit ihm zu kämpfen. Meine Leser mögen es mir deshalb
verzeihen, dass ich sie durch diese nachträgliche Anmerkung aufhalte. Ich habe das
Gefühl, dass es mir nur schlecht gelungen ist, sie in dem Labyrinthe des Weismannismus
herumzuführen. Sollte der letztere neue Freunde gewinnen, so werden uns hoffentlich
unter diesen auch einige Weismannforscher erstehen. Haben wir doch auch Goetheforscher!
Die Aufgabe dieser Weismannforscher würde es dann sein, in jedem Einzelfalle zu unter-
suchen, was Weismanu gesagt hat und gemeint haben könnte, und nicht geäussert hat
und nicht gedacht haben kann! Ich selbst bin weit davon entfernt, auch nur eine
halbwegs vollständige Blumenlese Weismaun' scher Widersprüche gegeben zu haben.
H.
1) Siehe Anmerkung 2 auf Seite 99.
102 II. D\s Wesen der Entwickelung.
Gleichheit der Individuen von den sich ungeschlechtlich fortpflanzen-
den Urwesen herstammen. Wenn man das thun will, dann darf man
die Veränderungen der Individuen bei Organismen mit geschlechtlicher
Fortpflanzung nur durch „Amphimixis" zu stände kommen lassen; denn
wenn man eine Veränderlichkeit der von den Urwesen herstammenden
„Ide" oder „Ahnenplasmen" auch noch bei den geschlechtlich sich fort-
pflanzenden Organismen annimmt, dann braucht man die „Ungleichheit
der Individuen" nicht auf die „Urwesen" zurückzuführen. Thut man
aber das letztere, dann muss man auch „Anpassungen von Blumen,
Früchten oder Samen, wie sie bei Phanerogamen vorkommen, von der
Kombination von Charakteren ableiten", „die bei ihren formlosen Vr-
Vorfahren erworben wurden". Entweder führt man also die „Un-
gleichheit der Individuen" auf die variabeln Urwesen zurück und zieht
die sich daraus ergebenden wunderbaren Konsequenzen, wonach bei-
spielsweise der Mensch ein Konglomerat von „Urwesen" ist, oder man
lässt „Urwesen" Urwesen sein, gesteht auch den sich geschlechtlich fort-
pflanzenden Organismen „Variabilität", d. h. nicht ererbte Ver-
änderlichkeit (man gestatte uns angesichts der Begriffsverwirrung bei
"Weismann diese Tautologie!) zu und giebt damit den „Ahnenplasmen",
den „Iden", der „Amphimixis" und, da ohne diese der Präformismus
nicht bestehen kann, auch dem letzteren den Abschied. Ein Drittes
giebt es nicht! Der Präformist und Amphimixistheoretiker hat zwi-
schen zwei Dingen, deren jedes für ihn ein Übel bedeutet, zu wählen!
Weismann möge mit gutem Beispiele vorangehen!
Weis mann 's Theorie der Amphimixis muss unter allen Umstän-
den fallen. Indessen giebt es wirklich Organismen, die aus polyplas-
matischen Zellen aufgebaut sind; das sind die Bastarde zwischen ver-
schiedenen Arten und die Blendlinge zwischen verschiedenen Rassen
einer Art. Es fragt sich aber, ob die Keimzellen, die von Bastarden
und Blendlingen erzeugt werden, auch ihre Zusammensetzung aus zwei
Plasmaarten bewahren. Die Züchtungsversuche, die ich zur Entschei-
dung dieser Frage angestellt habe, lehren, dass sie es nicht thun. Die
Xiichtungsergebnisse früherer Forscher sind, wo sie meinen Resultaten
zu widersprechen scheinen, mit Zweifel aufzunehmen, denn die früheren
Experimentatoren, die ja durchweg Züchtungsversuche mit Pflanzen
anstellten, haben keine genügend langen Stammbäume über die von ihnen
gezüchteten Individuen geführt und ihre Versuche nicht auf Grund einer
leitenden Idee angestellt. Mir dagegen stehen lange Stammbäume von
Mischung und Entmischung. 103
über 3000 Mäusen in vielen verschiedenen Eassen zur Verfügung, und
aus diesen geht hervor, dass polyplasmatische Individuen wieder mono-
plasmatische Keimzellen erzeugen, und zwar, wie ich glaube, auf dem
Wege der Reduktionsteilung.
Ich habe japanische Tanz mause, scharf charakterisierte Tiere, die
sich dadurch auszeichnen, dass sie unsicheren Schrittes hin- und her-
laufen und oft auf einem Flecke im Kreise herumwirbeln, mit anderen
Mäusen gepaart, die ich, da sie besser klettern können als jene, Kletter-
mäuse nennen will, und Kreuzungsmäuse erhalten, die nicht tanzten.
Meine Versuche ergeben nun, dass in den von diesen Tieren erzeugten
befruchtungsfähigen Keimzellen nur eine Art von Keimplasma enthalten
ist, entweder Tanzmausplasma, das wir mitT bezeichnen wollen, oder Kletter-
mausplasma, das wir K nennen wollen. Wenn man zwei solcher Kreu-
zungsmäuse miteinander paart, so sind demnach folgende Fälle möglich :
1) Ein Spermatozoon, das nur T enthält, kann sich mit einer Eizelle
verbinden, die auch nur T enthält; wir erhalten dadurch wieder eine
reine Tanzmaus. 2) Ein Spermatozoon aus T verbindet sich mit einer
Eizelle aus K, wodurch wieder eine Kreuzungsmaus entsteht. 3) Wenn
sich ein Spermatozoon aus K mit einer Eizelle aus T verbindet, entsteht
ebenfalls wieder eine Kreuzungsmaus. 4) Dagegen entsteht wieder eine
reine Klettermaus, wenn ein Spermatozoon aus K in eine Eizelle aus K
eindringt. Nun gleichen zwar die Kreuzungsmäuse in Bezug auf ihr
Verhalten den Klettermäusen; allein fortgesetzte Züchtungsversuche
zeigen, dass aus Kreuzungsmäusen wieder reine Tanz- und reine Kletter-
mäuse gezüchtet werden können, während das bei anderen, ihnen äusser-
lich gleichenden, die nur Klettermausplasma enthalten, nicht möglich ist.
Hat man auf dem Wege des Rückschlags wieder reine Tanzmäuse er-
halten, so kann man die Züchtung so lange fortsetzen, wie man Lust
hat, ohne jemals wieder Klettermäuse zu erhalten, obwohl diese Tanzmäuse
unter ihren Vorfahren Klettermäuse haben. Das Gleiche gilt mutatis
mutandis von Klettermäusen. Die Reduktionsteilung bewirkt also keines-
wegs Amphimixis, Mischung verschiedener Plasmen, sondern vielmehr
Apomixis, Entmischung zweier nicht zusammengehöriger
Keimplasmen, wobei freilich nicht ausgeschlossen zu sein braucht,
dass kleine Mengen fremden Plasma's dem Plasma einer im übrigen
monoplasmatischen Keimzelle beigemischt sind.
Meine Versuche zeigen ausserdem, dass jedesmal, wenn zwei un-
gleiche Plasmen aufeinander einwirken, jedes der beiden etwas verändert
1 () 4 II. 1)\- Wesen deb Entwickelung.
wird, und zwar besteht die Veränderung in einer Ausgleichung von
Ungleichheiten. 80 haben gescheckte Tanzmäuse oft Enkel, die zwar
reine Tanzmäuse, im übrigen aber einfarbig sind. Da nun, wie sich
später zeigen wird, die Scheckung eine Störung des plasmatischen Gleich-
gewichts bedeutet, so ist bei diesen Tanzmäusen eine Wiederher-
stellung des Gleichgewichts eingetreten. Geschlechtliche Fort-
pflanzung bewirkt also auch in dieser Beziehung die Ausgleichung
ungleich abgeänderter Plasmen; sie arbeitet also auf Apomixis, nicht
auf Amphimixis hin.
Es bleibt gewiss ein grosses Verdienst Weismann 's, auf die
Reduktionsteilung der Keimzellen als einen bedeutungsvollen Vorgang
hingewiesen zu haben, aber die Bedeutung der Reduktionsteilung ist
Entmischung, Apomixis, und nicht Vermischung zahlreicher Individuen
oder Amphimixis. Letztere wird durch die Reduktionsteilung verhindert.
Die Präformationstheorie kann aber, wie Weismann so schön aus-
geführt hat, ohne die Annahme einer Amphimixis nicht bestehen, denn
nach ihr ist jede Determinante jedes Ides für sich variabel, und da sie
viel leichter in ungünstiger Weise als in günstiger Richtung abändern
kann, so kann günstige Variation einer Zelle nur durch Zusammenhäufung
einer Majorität günstig veränderter, aus verschiedenen Weismann'schen
Iden stammender Biophoren zu stände kommen. Ohne Amphimixis
kein Präformismus. Dementsprechend ist mit dem von uns in
strengster Form geführten Nachweise, dass Amphimixis zum Untergange
der Organismenarten führen niüsste, wenn sie plötzlich eingeführt würde,
dass es also keine Amphimixis geben kann, auch der Präformismus
beseitigt.
So ergiebt sich denn aus der Gesamtheit unserer bisherigen Aus-
führungen, dass der Präformismus auf der ganzen Linie geschlagen ist.
Um uns diese Thatsache noch einmal in eindringlicher Weise vor Augen
zu führen, wollen wir die Ergebnisse, zu denen wir gelangt sind, kurz
zusammenfassen.
h. Zusammenfassung — Beweise für die Vererbung erworbener
Eigenschaften.
Ein Rückblick auf unsere bisherigen Betrachtungen, durch welche
wir etliche Konsequenzen des Präformismus gezogen haben, was von
-einem Hauptvertreter Weis mann unterlassen worden ist, zeigt, dass
ZüSAJM M ENFASSUN« i. 105
der Präformismus nicht bestehen kann, ohne einen Dualismus zwischen
Schöpfer und Geschaffenem und gleichzeitig die Endlichkeit des Ge-
schaffenen anzunehmen. Er gerät dadurch in Widerspruch mit den Gesetzen
wissenschaftlicher Forschung, der es verboten ist, die Grenzen des Natur-
erkennens zu überschreiten. Die Epigenesislehre hingegen bleibt den
Prinzipien der Naturforschung treu.
Aber gesetzt auch, die Präformationslehre wäre wissenschaftlich zu-
lässig, so würde ihre Durchführung doch fortwährend mit den Thatsachen
in Widerspruch geraten. Der Präformismus kann ohne die Annahme
eines Paramorphismus, d.h. einer Gleichwertigkeit aller Formen, nicht
auskommen, weil diese nach Ansicht des Präformismus nur durch den
Kampf ums Dasein gezüchtet worden sind, während die Epigenesislehre
nicht alles durch die gefärbte Brille des Nützlichkeitsprinzips anzusehen
braucht, sondern einen Epimorphismus, wie er thatsächlich in der
Natur besteht, anerkennt. Dieser Epimorphismus bezieht sich sowohl
auf die ungleiche Höhe der Entwickelungsstufe, gänzlich abgesehen von
der Bedeutung der Einrichtungen für die Organismen, als auch auf die
ungleich gute Anpassung einzelner Organe und ganzer Organismen. Nur
dieser doppelte Epimorphismus lässt sich mit den Thatsachen vereinigen.
Damit im Zusammenhange steht, dass die Epigenesislehre die Ent-
wickelung nach bestimmten Richtungen hin feststellt, wonach
die variierenden Organismen und Organe sich nicht durch ungewisses
Hin- und Herschwauken umbilden, sondern den einmal eingeschlagenen
Weg fortsetzen, sei es durch Erklimmen einer höheren Formenstufe, sei
es durch Vollendung ihrer Anpassung oder durch von Generation zu
Generation zunehmende Entartung. Die Präformationstheorie kommt
dagegen nur mit der Annahme einer Entwickelung nach zahllosen Seiten
hin aus, da sie sonst nicht genügende Auswahl für die Selektion zu
schaffen weiss. Eine Variabilität nach allen Seiten hin steht aber in
Widerspruch mit den Thatsachen, weil die einzelnen Teile eines Organis-
mus nicht unabhängig voneinander variieren , sondern weil jeder Teil
mit allen anderen in Korrelation steht. Diese Korrelation, die notwendiger-
weise zur Epigenesistheorie führen muss, wird von den Präformisten
rundweg geleugnet. Nach dem Präformismus variiert jeder kleine Teil
des Keimplasma's unabhängig von allen übrigen, und diese Annahme ist
notwendig, weil die natürliche Zuchtwahl, die nach Ansicht der Präfor-
misten allein die Einrichtungen vervollkommnet, mit den einzelnen Teilen
des Plasma's zu rechnen hat. Soll jedes Organ immer vollkommen an
106 IL Das Wesen der Entwk ki ung.
die Aussenwelt angepasst sein, solange es noch erforderlich ist, so muss
es auch für sich variieren können, denn ohne diese Annahme hätte die
Vollkommenheit der einzelnen Organe nie erreicht werden können, falls,
wie der Präformismus behauptet, keine Vererbung erworbener Eigen-
schaften stattfindet.
Prüft man aber die Eigenschaften der Organismen im einzelnen, so
findet man, dass neben bedeutungsvollen Eigenschaften auch eine grosse
Anzahl von indifferenten bestehen, und dass es unter den bedeutungs-
vollen auch eine grosse Anzahl von solchen giebt, die mit zunehmender Ver-
vollkommnung im einzelnen immer unzweckmässiger für den Gesamtorga-
nismus geworden sind. Dass Organismen mit solchen Organen aussterben
mussten, spricht gegen die Präformationstheorie, denn wenn ihre Prä-
missen richtig sind, so hätte natürliche Zuchtwahl leicht ein Zuviel der
Anpassung in bestimmter Richtung verhindern können. Da das aber
nicht geschehen ist, da einseitig angepasste Tiere thatsächlich in grosser
Anzahl ausgestorben sind, so sind eben andere Faktoren als die natür-
liche Zuchtwahl thätig, um die Anpassung der Organe zu bewirken.
Der Präformismus muss aber mit der Annahme einer alles beherrschenden
Auslese allein auskommen und bei dieser der dotationeilen Individual-
selektion die erste Rolle zuschreiben. Diese Art der Auslese hat wiederum
zur Voraussetzung, dass das Keimplasma aus „iden" gebildet wird,
wie Weis mann konsequenterweise annimmt, dass jedes Id aus vielen
die einzelnen Zellen bestimmenden „Determinanten" aufgebaut ist, und
dass sich jede Determinante aus „Biophoren" zusammensetzt, die den
Charakter der einzelnen Zellen bestimmen. Diese Biophoren können
nach allen möglichen Richtungen hin unabhängig voneinander variieren,
und demnach wird es nötig, dass viele Ide im Keimplasma sind, weil
die Determinanten immer nur bei einem Bruchteil in günstiger Richtung
abändern, weil also durch Amphimixis eine möglichst grosse Anzahl von
in günstiger Weise abgeänderten Biophoren in einer Zelle zusammen-
treffen muss. Zu welch ungeheuerlichen Konsequenzen diese Annahme
führt, haben wir in unwiderleglicher Weise dargethan.
Wir haben weiterhin durch Anführung unserer Züchtungsergebnisse
gezeigt, dass die Theorie der Amphimixis mit den Thatsachen in direktem
Widerspruche steht, dass gemischtes Keimplasma durch Ampomixis, durch
Entmischung wieder einheitlich wird.
Aus alledem ergiebt sich, dass die Präformationslehre nicht nur an
und für sich unwissenschaftlich ist, sondern dass sie überall mit den
Beweise für die Vererbung erworbener Eigenschaften. 107
Thatsachen in Konflikt gerät und nur dann ein eingebildetes Schein-
leben führen kann , wenn sie widerstrebende Thatsachen rücksichtslos
beiseite schiebt. "Wir haben also in bündiger Weise nachgewiesen, dass
allein die Theorie der Epigenesis eine wissenschaftliche Erklärung der
Gestaltung und Vererbung zulässt. Sie hat aber die Vererbung erwor-
bener Eigenschaften zur notwendigen Voraussetzung; die unerlässliche
Vorbedingung ihrer Herrschaft besteht in der Anerkennung der Thatsachen,
Avelche die Wissenschaft in Bezug auf die Vererbung erworbener Eigen-
schaften beigebracht hat.
Diese Thatsachen sind so zahlreich, wie der Sand am Meer. Wo wir
irgend ein kleines selbstthätiges Organ, ein Organ, das durch seine aktiven
Leistungen Bedeutung für den Organismus hat, antreffen, haben wir es
mit einer Erwerbung zu thun, die durch Vererbung im Laufe der Ge-
nerationen befestigt und durch fortgesetzten Gebrauch erhalten und ver-
vollkommnet worden ist. Die Eigenschaften, die wir, wenn wir die Weis -
mann 'sehe Begriffsbestimmung annehmen, nicht als erworbene betrachten
dürfen, sind, verglichen mit den erworbenen, ausserordentlich gering an
Anzahl, und die allergrösste Mehrzahl von ihnen bezieht sich nur auf
Eigenschaften wie die Färbung und andere nicht direkt bedeutungsvolle
Einrichtungen, die es ja überall auch in der anorganischen Natur giebt.
Was den Organismus zum Organismus macht, ist der Besitz
erworbener Eigenschaften.
Derjenige ist also sicher im Irrtum, der da glaubt, dass man nach
Beweisen für die Vererbung erworbener Eigenschaften suchen müsste.
Wer nicht durch unzulängliche Vererbungstheorien an dem freien Ge-
brauch seiner gesunden Sinnesorgane und seines korrekt arbeitenden Ge-
hirns gehindert ist, der braucht nur irgend ein Tier oder eine Pflanze
zu betrachten, um sich davon zu überzeugen, dass die Organismen
der Hauptsache nach Eigenschaften besitzen, die ihre Vorfahren durch
die Thätigkeit ihrer Organe erworben haben. Ich Aveiss aber wohl,
dass manche Naturforscher fragen werden, wo der „experimentelle" Be-
weis für diese „Behauptung" sei. Meine Antwort ist die, dass die
gesamte Organismen weit das Ergebnis eines grossartigen
Vererbungsexperimentes ist, das die Natur angestellt hat. Von der
Natur zu verlangen, dass sie ihre Züchtungsexperimente so einrichte,
dass sie ohne weiteres von grübelnden Laboratoriumsgelehrten nach-
gemacht werden können, scheint mir über die Grenzen berechtigter For-
derungen hinauszugehen. In der That steht die Forderung, man solle die
1"- II. Das Wesen deb Extwickelttng.
Vererbung erworbener Eigenschaften experimentell beweisen, auf gleicher
Stufe mit der, ich weiss nicht mehr von welchem Laien in der Descen-
denztheorie aufgestellten, man solle doch erst einmal einen Hund aus
einer Katze züchten.
Welch ein ungeheuerliches Ansinnen an die Natur gestellt wird,
wenn man etwa verlangt, dass Nachkommen von weissen Mäusen, denen
man die Schwänze abschneidet, mit verkürzten Schwänzen geboren werden
sollen, geht am besten aus einem Beispiel hervor. Ich habe oben von
dem verkümmerten Zeigefinger an der Hand des Plumplori gesprochen
und den Nachweis geführt, dass er durch Nichtgebrauch zurückgebildet
worden ist. Dieser Finger ist einige Millimeter lang, und er mag
nach Maassgabe des besonders stark ausgebildeten Mittelfingers früher
etwa 1 — iy 2 cm lang gewesen sein. Heute ist seine Länge auf etwas
mehr als 1 / 2 cm reduziert. Wenn man nun etwa annimmt, dass der
Plumplori 10 Jahre alt werden muss, um sich fortzupflanzen, und die
Kückbilclung seines Zeigefingers im Laufe von 10000 Jahren erfolgt sein
lässt, so dass die Vorfahren des heutigen Plumplori noch in jüngstver-
gangener geologischer Zeit vollkommene Zeigefinger gehabt hätten, An-
nahmen, die doch wohl nicht günstiger gemacht werden können, so
würden wir zu dem Ergebnis gelangen, dass mindestens 1000 Genera-
tionen dazu nötig gewesen wären, den Zeigefinger durch die vererbten
Folgen des Nichtgebrauches auf seine heutige Länge zu reduzieren. Wir
wollen nun ferner annehmen, dass er um einen vollen Centimeter zurück-
gebildet sei ; dann wäre er also in jeder Generation um y i00 mm kürzer
geworden, und angesichts dieses Ergebnisses verlangt man, dass weisse
Mäuse, die man in jeder Generation durch Abschneiden des Schwanzes
an dessen Gebrauch verhindert, schon nach 20 oder 30 Generationen
merklich kürzere Schwänze haben müssten, falls erworbene Eigenschaften
vererbt werden?
"Wozu die Natur wahrscheinlich Jahrmillionen gebraucht hat, das
glaubt man im zoologischen Institut zu Freiburg i. Br. während des
Direktorates eines einzigen präformistischen Professors fertig bringen zu
können, und da das nicht wohl angeht, so leugnet man einfach die Ver-
erbung erworbener Eigenschaften ! Ich würde behaupten, dass die Nach-
kommen der entschwänzten Freiburger Mäusealbinos thatsächlich schon
kürzere Schwänze bekommen haben, dass deren Schwänze vielleicht schon
durchschnittlich Viooo mm kürzer sind, als die ihrer beschwänzten Vor-
fahren es waren, wenn ich es nicht für ebenso wahrscheinlich hielte, dass
Beweis?: füe die Vererbung erworbener Eigenschaften. 10 l J
die Schwänze infolge fortgesetzten, durch die Abschneidung bewirkten
Keizes durchschnittlich y i000 mm länger geworden sind! Wie dem aber
auch sei, das Beispiel vom Zeigefinger des Plumplori hat uns gelehrt,
dass derjenige Betrag, um welchen ein Organ durchschnittlich im
Laufe einer Generation infolge von Nichtgebrauch verkleinert wird,
weit innerhalb der normalen Variationsamplitude liegen muss und des-
halb nicht festgestellt werden kann. Der etwa durch Nichtgebrauch im
Laufe von 100 Generationen hervorgebrachte Betrag von Reduktion der
Schwanzlänge bei Mäusen, die man durch Abschneiden des Schwanzes
an dessen normalen Gebrauch verhindert hat, müsste weit innerhalb der
Beobachtungsfehlergrenzen liegen.
Mir ist der Gedanke, meine Züchtungsversuche mit Mäusen auch
auf die Vererbung der Folgen von Verstümmelungen auszudehnen, gar
nicht in den Sinn gekommen, obwohl solches leicht hätte geschehen
können, da ich ohnehin die Mäuse halten musste. Meine Mäuse behielten
ihre Schwänze, und trotzdem wurden merkwürdig viele geboren, die nur
2 / 3 oder y 2 der normalen Schwanzlänge ihrer Eltern besassen. Das zeigt,
wie unsicher Züchtungsexperimente über die Vererbung erworbener
Eigenschaften sein müssen, wenn man sie nicht von der Natur selbst
anstellen lässt, und wenn man der Natur nicht erlaubt, ihren eigenen Ge-
setzen zu folgen, sondern wenn man sie zwingen will, sich Vorschriften
von den Präformisten machen zu lassen. Diejenigen, welche die Ver-
erbung erworbener Eigenschaften leugnen, begehen, indem sie die Natur
den einseitigen Anschauungen, zu welchen sie gelangt sind, entsprechend
umwandeln, einen zwar verzeihlichen Denkfehler, der aber
dennoch nicht unenthüllt bleiben darf. Wenn man verlangt,
dass die Wirkungen des Gebrauchs und Nichtgebrauchs der Organe schon
nach ein paar Generationen sichtbar werden sollen, so vergisst man, dass
die Natur viele Jahrmillionen dazu gebraucht hat, um Unterschiede her-
vorzubringen, die unserm blöden Auge sichtbar sind.
Übrigens wird der gerügte logische Fehler, den die Leugner der Ver-
erbung erworbener Eigenschaften machen, nicht immer deshalb begangen,
weil die Wissenschaft, die ohne die Anerkennung der Vererbung er-
worbener Eigenschaften nicht auskommt, nicht die unbillige Forde-
rung erfüllen kann, das, wozu die Natur Jahrmillionen gebraucht hat,
in ein paar Jahren im Laboratorium nachzuexperimentieren , sondern
auch deshalb, weil einige zunächst den Fehler gemacht haben, die
Möglichkeit einer Vererbung erworbener Eigenschaften zu bestreiten,
HO II. Das Wesen der Entwickelung.
weil sie selbst diese Vererbung nicht erklären können. Wenn Weis-
mann nicht den rechten Weg gefunden hat, um die Vererbung erwor-
bener Eigenschaften auf Grund einer epigenetischen Theorie zu erklären,
so beweist das doch nicht, dass der Weg, den er nach langem Hin- und
Herschwanken, wie es scheint, endlich eingeschlagen hat, und der ihn
bei konsequenter Fortsetzung in das Lager der alten Einschachtelungs-
theoretiker führt, der richtige ist, und dass es ausser diesem und den
übrigen von Weismann eingeschlagenen Irrwegen keinen von Weis-
mann unentdeckten Weg giebt, um die Vererbung erworbener Eigen-
schaften auf dem Boden einer epigenetischen Theorie zu erklären.
Weismann verlangt von anderen Naturforschern, sie sollen zu keinen
besseren Theorien gelangen, als es sein Präformismus ist; denn dass eine
epigenetische Theorie von vornherein besser ist als eine präformistische,
wird Weismann um so weniger leugnen wollen, als er ja zugesteht,
dass er lange Zeit hindurch nach einer epigenetischen Theorie gesucht
hat, und dass die zweckmässige Einrichtung der Organismen sich viel
einfacher durch die Annahme einer Vererbung erworbener Eigenschaften
erklärt.
Wenn also der Nachweis geführt werden kann, dass erworbene
Eigenschaften sich nicht nur vererben können, sondern vererben müssen,
wenn gezeigt werden kann, dass die durch den Gebrauch oder äussere
Einflüsse besvirkte Veränderung eines Organes sich notwendigerweise auf
die Nachkommen übertragen rnuss, und zwar auf dasselbe Organ, in
entsprechender Beschaffenheit, wenn ferner die komplizierten Einrich-
tungen eines hochentwickelten Organismus auf ein monotones Keimplasma
zurückgeführt werden können, so wird auch Weismann zugeben, dass
eine solche Vererbungstheorie in der That besser ist als die Aufführung
eines noch so grossartigen und sorgfältig einstudierten Zaubermärchens,
in welchem die Rollen an ein Corps ungleicher Ide und Idanten, Bio-
phoren und Determinanten verteilt sind.
Ich werde den Nachweis, dass Epigenesis die Entwickelung der
Organismen beherrscht und dass erworbene Eigenschaften sich mit Natur-
notwendigkeit vererben müssen, im nächsten Hauptabschnitt dieses Buches
führen. Dass ich dies kann, habe ich der Berücksichtigung des gesamten
Thatsachengebietes der organischen Natur zu verdanken. Dass ich aber
im gegenwärtigen Hauptabschnitt in der Lage gewesen bin, die völlige
Haltlosigkeit des Präformismus blosszustellen, verdanke ich der Lektüre des
im vorigen Jahre erschienenen Werkes von August Weismann: „Das
Beweise für die Vererbung erworbener Eigenschaften. 111
Keimplasma. Eine Theorie der Vererbung". Weismann hat endlich
seinen vielen „Aufsätzen über Vererbung und verwandte biologische
Fragen", deren Anzahl und stets wechselnder Standpunkt das Studium
des Weismannismus zu einem so mühsamen machte, dass sich nur selten
jemand an dessen Bekämpfung heranwagte, ein umfangreiches Werk über
die notwendigen Konsequenzen der „Kontinuität des Keimplasma's" folgen
lassen, ohne freilich die letzten, aber ebenso unvermeidlichen Konsequenzen
zu ziehen. Durch den minutiösen, überaus eingehenden, greif- und an-
greifbaren Ausbau seiner Präformationstheorie hat Weismann es mir
leicht gemacht, die Unmöglichkeit des Präformismus nachzuweisen, und
dafür, dass er die allerletzten Konsequenzen dieser Irrlehre nicht gezogen
hat, bin ich ihm zu aufrichtigem Danke verpflichtet. Die Wissenschaft
aber wird es Weismann danken, dass er den Präformismus so ein-
gehend geschildert hat, dass das von W e i s m a n n aufgeführte Phantasie-
gebäude unter der kleinsten von anderen hinzugefügten Belastung zu-
sammenbrechen musste. Mit Recht glaubt Weis mann nicht, „vergeblich
gearbeitet zu haben ; denn auch der Irrtum, wofern er nur auf richtigen
Schlüssen beruht, muss zur Wahrheit führen". Wie wir gesehen haben,
wird Weis mann früher, als er es vielleicht zu hoffen gewagt hat, die Ge-
nugtuung zu teil, dass er nicht umsonst gearbeitet und dass sein Irr-
tum zur Wahrheit geführt hat, obwohl dieser Irrtum wenigstens nicht
ausnahmslos auf richtigen Schlüssen beruhte!
III. Gestaltung und Vererbung.
a. Die Aufgaben der Theorie.
Das Problem der Vererbung ist im Grunde genommen ein höchst
einfaches, da die Erblichkeit einen Teil der aller Materie zukommenden
Eigenschaften bildet. Sie ist nichts weiter als eine Form der Trägheit,
des Beharrungsvermögens. Das Trägheitsgesetz, das als eines der
physikalischen Grundgesetze keiner Erklärung bedarf, besagt, dass ein
Körper so lange in dem einmal eingenommenen Zustande verharrt, als er
nicht darin gestört wird. Dieses Gesetz gilt selbstverständlich für die
Elemente des Plasma's sowohl wie für jeden anderen Körper. Die Plasma-
elemente sind aber die letzten Träger der Vererbung. Sie werden von
dem Zeugenden auf das Gezeugte übertragen und behalten ihre Eigen-
schaften so lange bei, als diese nicht durch äussere Einflüsse verändert
werden. Freilich ist eine solche Veränderung unausbleiblich, sobald die
Aussenwelt überhaupt einen Einfluss auf das Plasma hat. "Wer diesen
nicht leugnen will, der gelangt zu der Schlussfolgerung, dass sich das
Plasma in langsamer, aber stetiger Umbildung befindet. Schon das
älteste Plasma, das auf der Erde entstand, wurde von äusseren Einflüssen
getroffen. Diese bildeten es etwas um und sahen sich dann einem
etwas anders gearteten Plasma gegenüber, auf welches sie wieder ein-
wirken konnten. Auch wenn die äusseren Bedingungen sich gleich
blieben, musste dennoch eine stetige Umbildung stattfinden, weil sie sich
fortwährend neuen Plasmamodifikationen gegenüber befanden. Eine
Vererbung im strengsten Sinne des Wortes giebt es also überhaupt nicht;
es giebt nur furtwährende Gestaltung. Wir dürfen von dieser immer
und überall stattfindenden langsamen Umbildung des Plasma's aber ab-
sehen, weil, wie die Tiere, die sich seit den ältesten Zeiten der Erd-
Die Aufgaben der Theorie. 113
geschichte fast unverändert bis auf unsere Tage erhalten haben, z. B. Lin-
gula, zeigen, diese stetige Umbildung nicht messbar ist. Das Vererbungs-
problem kommt also auf die Frage hinaus, auf welche Weise aus den
vom Erzeugenden auf das Erzeugte übertragenen Plasmaelementen wieder
die Körperform des Erzeugers zu stände komme. Das Vererbungs-
problem fällt demnach mit dem Problem der keimesgeschichtlichen
Gestaltung zusammen. Aus der Form der Plasmaelemente in
der befruchteten Keimzelle muss die Form des Organis-
mus zu erklären sein.
Die Form dieser Plasmaelemente muss aber veränderlich sein, denn
sonst wäre eine Umbildung der Organismen nicht möglich. Die Fragen,
welche Eigenschaften dieser Form ihre Veränderung ermöglichen und
welche Einflüsse die Veränderung bewirken, bilden das stammesge-
schichtliche Gestaltungsproblem, das zwar nicht mit dem Vererbungs-
problem zusammenfällt, aber zugleich mit ihm gelöst werden muss. Wir
können es das Gestaltungsproblem schlechthin nennen.
Ehe wir an den Versuch einer epigenetischen Lösung unserer beiden
Probleme herantreten, haben wir die Bedingungen dieser Lösung zu
prüfen und die berechtigten Anforderungen an eine Theorie der Vererbung
und Gestaltung festzustellen.
Eine rein physikalische Lehre hat beispielsweise Haeckel aufgestellt,
der sich die Vererbung als eine Wellenbewegung denkt ; die Moleküle
des Plasma's, die Plastidule, sollen sich nach Haeckel in einer schwin-
genden Bewegung befinden, und diese Bewegung soll von einer Genera-
tion auf die folgende übertragen werden. Wird diese Wellenbewegung
durch äussere Einflüsse gestört, so wird sie abgeändert und überträgt
sich nun in der abgeänderten Form auf die Nachkommen.
in letzter Linie muss sich ja auch die Vererbung, wie alles andere,
rein physikalisch erklären lassen ; allein vorderhand sind wir noch
nicht so weit, und vor allem lässt sich die Mathematik noch nicht für
die Zwecke der Biologie dienstbar machen. Eine kurze Betrachtung
lehrt, dass wir mit einer rein physikalischen Vererbungstheorie noch
nicht auskommen. Wenn wir uns den Lebensprozess mit Haeckel als
eine Wellenbewegung vorstellen, so müssen wir annehmen , dass in den
Keimdrüsen, in den Eierstöcken und in den Hoden die Übertragung
der Wellenbewegung der Plastidule des elterlichen Individuums auf die
der Keimzellen erfolgt und dass die Plastidule der Keimzellen diese
Bewegung fortsetzen. Eine solche Vorstellung wäre immerhin möglich,
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 8
114 III. GrESTALTl SG DND VERERBUNG.
wenn die Körperhälften zweiseitiger Tiere immer symmetrisch oder die Teil-
stücke aller strahligen Tiere absolut kongruent wären. Dann würde
von jedem einem Eierstocke oder einem Hoden entsprechenden Körper-
segmente die gleiche Bewegungsform auf die Elemente der Keimzellen
übertragen werden. Allein viele Tiere sind unsymmetrisch; die linke
Körperhälfte des Menschen ist anders beschaffen als die rechte; das
Gleiche gilt von vielen anderen Tieren, und es würde auch von den
Staubgefässen bei Pflanzen mit sogenannten unregelmässigen Blüten
gelteu. Von den zwei unteren Staubgefässen eines Lippenblüters würden
andere Bewegungsformen ausgehen müssen, als von den zwei oberen,
und von dem rechten Eierstock und Hoden des Menschen müssten
andere ausgehen, als von den Keimdrüsen der linken Seite. Trotzdem
finden wir, dass das Herz beim Menschen, von einzelnen Ausnahmefällen
abgesehen, immer auf der linken Seite liegt, dass die Schnecken, soweit
wenigstens die meisten Arten in Betracht kommen, immer dieselbe
Abweichung von der Symmetrie zeigen. Es giebt zwar Ausnahmen ; aber
diese treten weit zurück gegenüber der Kegel, dass die Abweichungen
von der Symmetrie erblich sind.
Man könnte sich nun etwa vorstellen , dass beispielsweise beim
Menschen nur dann eine Befruchtung erfolge, wenn ein Ei aus dem
rechten Eierstock von einem Spermatozoon aus dem linken Hoden be-
fruchtet wird , oder wenn umgekehrt ein Spermatozoon der rechten
Seite in ein Ei aus dem linken Eierstock eindringt. Wenn dem so
wäre, dann müssten die Eier der Yögel, welch letztere nur einen linken
Eierstock haben, nur von Spermatozoon der rechten Seite befruchtet
werden können, eine Vorstellung, die wohl niemand adoptieren möchte.
Wir halten durch diese Betrachtungen die Unmöglichkeit einer rein
physikalischen Vererbungstheorie dargethan, weil es ja klar ist, dass,
falls der ganze Lebensprozess eine verzweigte Wellenbewegung darstellt,
diese Bewegung auf der rechten Seite unsymmetrischer Tiere eine andere
sein müsste, als auf der linken, und weil die Übertragung der Bewegung
nicht von der Mittelebene des Körpers aus erfolgt, sondern von den
beiden Seiten aus. Die Wellenbewegung müsste von jeder Seite aus
in verschiedener Weise übertragen werden, und dann sähe man
nicht ein, weshalb die Abweichung von der Symmetrie eine erbliche ist
Durch dieselben Betrachtungen scheint mir der Nachweis geführt
zu sein, dass auch eine rein chemische Vererbungstheorie nicht mög-
lich ist. Plasmamolekülen, in welchen die Atome unsymmetrisch ge-
Die Aufgaben der Theorie. 115
lagert sind, könnten bei zweiseitig -symmetrischen Tieren zwar andere
entsprechen, in welchen die Atomlagerung der in den ersteren spiegel-
bildlich gleich ist. Dergleichen Moleküle giebt es allerdings; aber eine
rein chemische Theorie erklärt nicht, weshalb die Abweichungen von
der Symmetrie erblich sind. Was wir gegen eine rein physikalische
Theorie angeführt haben, gilt auch hier.
Da die Abweichungen von der Symmetrie sich mit grosser Zähigkeit
vererben, so kommen wir nur mit einem Keimplasma aus, dessen Ele-
mente schon einen bestimmten morphologischen Bau haben.
Dieser muss notwendigerweise eine Vererbung der Symmetrieverhält-
nisse bewirken, und ich darf hier wohl anführen, dass es Betrachtungen
wie die obigen gewesen sind, welche mich auf meine Vererbungstheorie
gebracht haben. Keine der verschiedenen rein physikalischen und rein
chemischen Vererbungstheorien, die ich aufzustellen suchte, erklärten die
Symmetrieverhältnisse. Ein glücklicher Gedanke führte mich endlich
auf die morphologische Vererbungstheorie, die ich in diesem Buche
vortragen werde.
Wer diese Theorie beurteilen will, muss sich zunächst klar darüber
sein, was überhaupt von einer Vererbungstheorie verlangt werden kann.
Nägeli sagt, dass die Lösung des grössten Rätsels der Abstammungs-
lehre gewonnen wäre, wenn wir die Konfiguration der Plasmaelemente zu
erkennen vermöchten. Er bestreitet aber, dass dies möglich sei, und meint
auch merkwürdigerweise, dass es unnütz und unfruchtbar wäre, eine
Gesamtanordnung der Plasmaelemente auszudenken, die den wichtigsten
Anforderungen Genüge leistet. Er setzt hinzu, dass die Erforschung der
Konfiguration des Plasma's keine geometrische, sondern eine stammes-
geschichtliche Aufgabe wäre, dass die richtige Anordnung der Plasma-
elemente nur auf dem Wege erkannt und konstruiert werden könnte, auf
dem der Organismus dazu gelangt sei.
Diese Anschauung muss ich bekämpfen. Die Feststellung der Kon-
figuration des Plasma's ist ganz sicher eine geometrische Aufgabe;
eine mechanische Aufgabe aber ist es, den Weg zu erkennen, auf
welchem der Organismus diese Konfiguration gewonnen hat. Um das
letztere zu thun, müssten wir, wie Nägeli sagt, die ganze Ahnenreihe
einer Sippe von dem primordialen Plasmatropfen an, mit welchem die
organische Entwicklung begonnen hat, kennen; davon sind wir, meint
Nägeli, noch weit entfernt. Das gilt gewiss für irgend eine bestimmte
Pflanze oder irgend ein bestimmtes Tier ; allein es ist sehr wohl möglich,
8*
116 EIL Gestai/tüng und Vererbung.
sich eine allen allgemeinen Verhältnissen entsprechende Vorstellung von
der Art und Weise zu machen, wie die Konfiguration des Plasma's der
heute lebenden Organismen zu stände gekommen ist, und auch von der
Art und Weise, auf welche durch die Form der Plasmaelemente die Ge-
samtform des vollendeten Organismus bedingt wird. Wer überhaupt eine
Vererbungstheorie aufstellen will, muss der Forderung Genüge leisten,
die Form des entwickelten Körpers aus der Form seiner Plasmaelemente
zu erklären. Das hat auch Weismann gefühlt, als er ein Keimplasma
annahm, das nach ihm zwar nicht so kompliziert ist, wie der fertige
Organismus, sicherlich aber einen noch viel verwickeiteren Bau haben
müsste, weil es allen Keimesstufen gerecht werden muss. Weismann
übersieht, dass damit überhaupt nichts erklärt ist; denn wenn er das zu
Erklärende einfach auf den Keim überträgt, so ist das keine Erklärung.
Man muss vielmehr verlangen, dass sich die Form des fertigen Körpers
aus einer für alle Elemente des Keimplasma's gleich angenommenen ein-
fachen Form ergiebt. Das ist die erste Leistung, die unumgänglich von
einer Vererbungstheorie gefordert werden muss. Eine brauchbare Theorie
muss ferner die Übertragung erworbener Eigenschaften erklären, muss
darthun können, warum ein bestimmter Körperteil, der infolge veränderten
Gebrauches oder durch Nichtgebrauch umgebildet ist, seine veränderte Form
auf die Nachkommen vererbt.
Die Vererbung muss also durch die Annahme bestimmt geformter
Plasmaelemente erklärt werden, wenn anders die Theorie das leisten soll,
was von ihr berechtigter Weise verlangt werden darf. Eine diesen An-
forderungen entsprechende Erklärung wird unsere Theorie geben: aber
man darf nicht von ihr verlangen, dass sie auch zeigen soll, warum die
einzelnen Bausteine des Plasma's diejenige bestimmte Gestalt haben, die
wir ihr zuschreiben werden. Weshalb das Gold im regulären und der
kohlensaure Kalk bald im hexagonalen und bald im rhombischen System
kristallisiert, wissen wir ebensowenig, als wir nachweisen können, wes-
halb die Plasmaelemente eine bestimmte Form haben, durch deren ver-
schiedenartige Aneinanderlagerung der Formenaufbau des fertigen Organis-
mus zu erklären ist. Abgesehen aber von dieser unerfüllbaren Forderung
wird, wie ich glaube, unsere Vererbungstheorie jene ebenso berechtigten
wie unerlässlichen Forderungen im Prinzip erfüllen.
Die Gemmaeienlehre. 117
b. Die Gemmarienlehre.
Das Problem der Gestaltung und Vererbung bei den Organismen
ist ein morphologisches. Es betrifft die Formen Verhältnisse des
Körpers. Wollen wir diese verstehen, so müssen wir verschiedene Stufen
der Individualität unterscheiden und die Grundformen der einzel-
nen Individuen bestimme«. Es ist eines der grössten Verdienste
Haeckel's, dass er in seiner „Generellen Morphologie" die Individua-
litäts- und Grundformenlehre eingehend begründet hat, und die meisten
seiner darauf bezüglichen Auseinandersetzungen haben noch heute volle
Gültigkeit.
Beschränken wir uns auf die Betrachtung der Tiere, so überzeugen
wir uns bald, dass sich mit Sicherheit drei Individualitätsstufen unter-
scheiden lassen, die des Stockes, 'der Person und der Zelle, und
diesen Stufen der tierischen Individualität entsprechen ähnliche Stufen
im Pflanzenreiche. Wir sehen nun, dass allen drei Kategorien von
tierischen Individuen bestimmte Grundformen zukommen können. So
finden wir unter den Korallen bei den Pennatuliden Stöcke von streng
bilateral-symmetrischem Bau. Dass die Personen der Tiere, also diejenigen
Individualitätsstufen, welche etwa dem Individuum beim Menschen ent-
sprechen, einen festen geometrischen Bau haben, brauche ich nicht weiter
hervorzuheben, aber es ist nötig, zu betonen, dass ein solcher Bau auch
sehr vielen Zellen zukommt. Wir finden ihn bei einzelligen Tieren, wo
beispielweise unter den Radiolarien alle im Tierreich nur möglichen Grund-
formen von einer Zelle dargestellt werden, und neuerdings hat man
sich auch überzeugt, dass den Eiern der Tiere schon in vielen Fällen
dieselben Grundformen zukommen, wie den erwachsenen Personen, die
sich aus ihnen entwickeln. Das Ei der Insekten beispielsweise ist streng
bilateral- symmetrisch gebaut, und diese Symmetrie tritt nicht etwa am
Kern, sondern am Plasma des Zellleibes in die Erscheinung.
Ich glaube, man würde in der Vererbungslehre weiter gekommen
sein, wenn man Haeckel's Individualitäts- und Grundformenlehre zum
Ausgangspunkte der Betrachtungen gemacht hätte, und ich werde zeigen,
dass sich auf dem Boden der Individualitäts- und Grundformenverhält-
nisse eine befriedigende Vererbungslehre errichten lässt.
Die Eizellen mit bestimmten Grundformen müssen, da diese Grund-
formen an das Plasma und nicht an den Kern gebunden sind, ihre Erklärung
in der Annahme finden, dass das Plasma der Zelle aus untergeordneten
118 III. Gestaltung onu Vererbung.
Individualitäten zusammengesetzt wird, und dass diese Individuen eine
bestimmte Form haben, die ihren Lagerungsbeziehungen eine bestimmte
Richtung giebt und dadurch die Grundform der Zelle bedingt. Es ist
ohne weiteres klar, dass kleine aneinander gefügte Kugeln ein anderes
Bild geben müssen , als laug gezogene Ellipsoide oder als Eielemente
mit einem sehr stumpfen und einem verhältnismässig spitzen Pole. Es
werden sich also die Formenverhältnisse der Eizellen aus der Annahme
erklären lassen, dass ihr Plasma aus Individuen mit bestimmter Form
zusammengesetzt ist. Wir wollen diese Individuen Gemmarien nennen,
um gleich dadurch unsere Vererbungslehre von anderen, die gleichfalls
mit Plasmaelementen operieren, zu unterscheiden. Wir hätten also, um
die erblich geregelten Grundformenverhältnisse der Eizelle zu erklären,
diesen Gemmarien eine bestimmte Form zuzuschreiben. In einer streng
kugeligen Eizelle müssten Gemmarien von anderer Form sein, als in
einer bilateral-symmetrischen. Wir würden also zu dem Schluss gelangen,
dass die verschiedenen Formen der Tiere und Pflanzen sich unterscheiden
durch die Form ihrer Gemmarien.
Dass mit dieser Erklärung zunächst noch nichts gewonnen ist, leuchtet
ohne weiteres ein; denn wenn wir bei den Gemmarien stehen bleiben
wollten, so würde unsere Vererbungstheorie nicht viel besser sein, als
diejenige Weismann's, der ja seinen Iden auch einen festen architek-
tonischen Bau zuschreibt, ohne den letzteren irgendwie zu erklären.
Wir müssen ausserdem auch zeigen, dass sich zweiseitig -symmetrische
Tiere aus strahlenförmigen entwickeln konnten, und eine Theorie der Form-
bildung und Vererbung muss auch nachweisen können , auf welchen
Wegen das geschehen ist. Wir dürfen also nicht bei den Gemmarien
stehen bleiben und wähnen, dass wir dadurch, dass wir ihnen eine be-
stimmte Gestalt geben, die Gestaltung und Vererbung erklärt hätten,
sondern wir müssen die verschiedenen Formen der Gemmarien auf eine
einzige Urform zurückführen und zeigen, dass sich alle Formen-
verhältnisse der Tiere und Pflanzen auf Grund der Annahme, dass die
letzten Elemente des Plasma's überall im wesentlichen dieselbe Form
haben, im Prinzip vorstehen lassen. Da aber die Gemmarien eine den
Arten nach verschiedene Form haben müssen, so können sie nicht die
letzten morphologischen Elemente des Plasma's sein, und wir nehmen
deshalb an, dass sie zusammengesetzt sind aus untergeordneten Indivi-
dualitäten, die wir Gemmen nennen wollen, die aber nicht mit den
„Gemmulae" Darwin 's zu verwechseln sind.
Die Gemmarienleiirk. 119
Wir haben den Namen Gemmen gewählt, weil wir durch diesen
Namen ausdrücken wollen, dass diese Gemmen eine regelmässige
Form haben, und es hat sich gezeigt, dass eine gerade rhombische
Säule, als Form aller Gemmen angenommen, alle Grundformverhältnisse
des Tierkörpers erklärt. Ein Botaniker wird sie auch leicht als geeignet
zur Erklärung der Formverhältnisse der Pflanzen nachweisen können.
Wodurch aber die Form der Gemmen selbst bedingt wird, wissen wir
nicht, so wenig wie wir erklären können, weshalb das Wasser im hexa-
gonalen System kristallisiert. Die Form der Gemmen muss bedingt
werden durch die chemische Zusammensetzung ihrer Moleküle, aus denen
wir uns die Gemmen in ähnlicher Weise zusammengesetzt denken, wie
wir uns einen Kalkspatkristall aus Molekülen des kohlensauren Kalks,
an welche Kristall wasser gebunden ist, aufgebaut denken. Es ist damit
noch nicht gesagt, dass die Gemmen ohne weiteres als Kristalle bezeichnet
werden können; indessen werden sie ihrer Natur nach wenig von diesen
abweichen und vielleicht nur dadurch von ihnen unterschieden sein, dass
sie eine wechselnde Menge von Kristallwasser aufnehmen können.
Aus solchen Gemmen denken wir uns die Gemmarien zusammen-
gesetzt. Die Gemmen können sich auf zweierlei W r eise aneinander lagern,
nämlich erstens mit ihren rhombischen Grundflächen aneinander treten
und dadurch gerade rhombische Gemmensäulen bilden, und sich
zweitens mit einer ihrer Seitenflächen aneinander lagern, wodurch schiefe
Säulen mit rechteckigen Grundflächen zu stände kommen. Säulen der
ersten Art denken wir uns nun ferner der Länge nach aneinander gelagert,
wodurch es möglich wird, eine grosse Anzahl verschiedener Gemmarien-
formen zu konstruieren. Die Grösse der Gemmen darf ja als ausser-
ordentlich gering angenommen werden, ihre Anzahl in einem Gemmarium
überaus gross sein , so dass eine unübersehbare Mannigfaltigkeit von
Gemmarienformen möglich ist. Denken wir uns nun, das diese Gemmarien
sich gegenseitig anziehen, so müssen sie sich nach Massgabe ihrer Form
in bestimmter Weise in der Zelle anordnen, und die Beobachtung
lehrt, dass es das Centrosoma der Zelle ist, das hierbei den orga-
nischen Mittelpunkt der letzteren bildet. Vom Centrosoma gehen
Plasmastrahlungen aus, die entweder, wie es bei manchen Pigment-
zellen der Fall zu sein scheint, von Beständigkeit sind, oder wenigstens
dann gebildet werden, wenn die Zelle in Teilung begriffen ist. Auch in
den Eizellen der Tiere werden die Plasmaelemente in bestimmter Weise
um das Centrosoma herum angeordnet sein , sonst könnte es beispiels-
120 III. Gestaltung und Vererbung.
weise keine bilateral -symmetrischen p]izellen geben. Wir werden dem-
nächst nachzuweisen haben, dass sich in der That die Grundformenver-
hältnisse der Tiere leicht und bequem auf die Form ihrer Gemmarien
zurückführen lassen, falls wir diesen eine bestimmte Zusammensetzung
aus kleinen rhombischen Säulen geben. Diese rhombischen Säulen der
Keimzelle können wir als morphologisch und chemisch identisch be-
trachten und ebenso die Gemmarien, welche sie zusammsetzen.
Wir werden zu zeigen haben, dass die Assimilation in der Weise
erfolgen muss, dass die Anzahl der gleichen Gemmen und Gemmarien
im Organismus stetig vermehrt wird, und nehmen zunächst an, dass
dieser Nachweis, der, wie sich ergeben wird, unschwer zu führen ist,
schon erbracht wäre, und ebenso der nicht weniger schwer zu führende,
dass die Grundform des Tierkörpers durch die Form der Gemmarien
und diese durch ihre Zusammensetzung aus Gemmen zu erklären ist.
Wir werden dadurch zu der Anschauung gelangen, dass das Keimplasma
eines Organismus ein monotones ist, dass die Plasmaelemente der Keimzelle
einander völlig gleich sind. Es wäre also dadurch gezeigt, dass eine
Theorie der Epigenesis im stände ist, die Gestaltungs- und Vererbungs-
erscheinungen zu erklären, denn die Gestaltung müsste ja durch die
Form der Gemmarien, die Vererbung durch die Übertragung der Gem-
marien von einer Generation auf die nächstfolgende bedingt werden.
Dass eine solche Theorie alles im Prinzip erklärt, werden wir im fer-
neren Verlaufe dieses Buches zeigen. Hier können- wir zunächst davon
absehen, um die Skizze der Gemmarienlehre und der auf ihr begrün-
deten Theorie zu vollenden.
Aus der Form der Gemmarien muss also der Aufbau des Organismus
erklärt werden, und damit wäre eine Erklärung der Vererbung über-
kommener Eigenschaften gegeben.
Der Nachweis ferner, dass sich auch erworbene Eigenschaften mit
Notwendigkeit vererben müssen, ist leicht zu führen. Wenn die Gem-
marien eine bestimmte Gestalt haben, die durch die Form der Anein-
anderlagerung ihrer Gemmen bedingt wird, wenn aber, wie wir ja
annehmen müssen, die letztere eine wechselnde ist, weil sonst die Mög-
lichkeit einer Entwicklung ausgeschlossen wäre, wenn sich demnach
die Gemmen und Gemmenreihen innerhalb der Genimarien gegenein-
ander verschieben können, so muss durch äussere Einwirkungen
auf den Organismus die Form der Gemmarien eine andere werden.
In den Gemmarien bilden die Gemmen ein Gleichgewichtssystem,
Die Gemm limenuehre. 121
und da sich die Gemmarien gegenseitig anziehen, so bilden auch die
Gemmarien der Eizelle ein solches, und dasselbe gilt für alle Zellen,
welche den Organismus zusammensetzen. Dieses Gleichgewichtssystem
wird bedingt durch die Form der Gemmarien, die von einer Generation
auf die andere übertragen werden. Ändert sich in den äusseren Ver-
hältnissen der betreffenden Abstammungsreihe nichts, so bleibt dieses
Gleichgewichtssystem dasselbe, wird dagegen aus irgend welchen Ursachen
der Organismus in einer ihm bis dahin fremden Weise beeinflusst, so
muss sich die Form seiner Gemmarien ändern, und das gilt nicht nur
von Einwirkungen der Wärme, der Nahrung und anderer den gesamten
Körper treffender physikalischer und chemischer Umbildungsursachen,
sondern insbesondere auch von den Wirkungen des Gebrauchs und Nicht-
gebrauchs der Organe. Die äusseren Einflüsse wirken aber den inneren
Gestaltungskräften entgegen.
Wir wollen annehmen, dass die Tiere einer bestimmten Art durch
irgend welche Lebensbedingungen gezwungen werden, eines ihrer Organe
in neuer Weise zu gebrauchen. Es könnte beispielsweise eine süd-
amerikanische Affenart sich veranlasst sehen, mit der Schwanzspitze
Greif bewegungen auszuführen. Dadurch, dass dei Schwanz mit seiner
unteren Fläche mit Baumästen und dergleichen in häufige Berührung
kommt, würden hier die Haare abgenutzt werden und die Epidermis
würde sich etwas anders ausbilden. Im Inneren des Schwanzes würde
die Form der Gelenke anders werden und die Muskeln sich der neuen
Aufgabe anpassen. Da aber alle ursprüngliche Formenverhältnisse des
Schwanzes erblich waren, d. h. bedingt durch die überkommene Form
der Gemmarien, da die letzteren mit Notwendigkeit die Gestaltung des
Schwanzes, ehe dieser sich der neuen Aufgabe anpasste, bedingen mussten
und solches fort und fort zu thun bestrebt sind, so wirken sie der Um-
gestaltung durch den veränderten Gebrauch, die also lediglich auf äussere
Einflüsse, auf die veränderte Art und Weise, mit welcher nunmehr der
Schwanz in Berührung mit Baumästen und dergleichen kommt, zurück-
zuführen ist, bis zu einem gewissen Grade entgegen. Es arbeitet also
der äussere Bildimgstrieb, wie wir mit Goethe die Gesamtheit der Ein-
flüsse, welche auf den Organismus einwirken, nennen können, dem
inneren Bildungstrieb entgegen.
Der innere Bildungstrieb ist durch die Form der Gemmarien und
durch die Anziehung, welche sie aufeinander ausüben, gegeben. Er
muss eine bestimmte Gestaltung der Zellen des Körpers und die Form
\22 III. Gbstai/tüng und Vererbung.
ihrer gegenseitigen Anordnung bedingen. Beides wird aber gestört durch
den äusseren Bildungstrieb, durch die neue Anwendung, welche in
unserem Falle die Individuen der betreffenden Affenart von ihrem
Schwänze machen.
Um uns die Art und Weise vorzustellen, wie äusserer und innerer
Bildungstrieb gegeneinander wirken, können wir etwa die Form von
Seifenblasen, die wir in ruhiger Luft hervorbringen können, und die eine
kugelige sein wird, vergleichen, mit ihrer Form, wenn ein Windhauch
sie nach der Seite hin verzerrt, oder wenn ein schwerer Flüssigkeits-
tropfen sie in die Länge zieht. Stellen wir uns vor, dass ihre ursprüng-
liche Form durch Gebilde ähnlich unseren Gemmarien bedingt werden
könnte, und lassen wir die Form, welche die letzteren hervorbringen,
durch äussere Einflüsse gestört werden, so müssen die Gemmarien in
einer ihrer Gestaltung und den Richtungen ihrer Anziehungspole widrigen
Weise gegeneinander verschoben werden, und es könnte dabei nicht
fehlen, dass sich auch die Gemmen innerhalb der Gemmarien gegen-
einander verschieben müssten, dass die Form der Gemmarien eine andere
würde.
Nehmen wir nun ferner an, dass es sich nicht um eine einzelne
Blase handelte, sondern um ein System von Blasen, wie es etwa bei der
Entleerung einer Bierflasche in letzterer zurückzubleiben pflegt, und
lassen wir dieses System bedingt sein durch die Gestalt von gemmarien-
ähnlichen Gebilden, so haben wir einen Vergleich mit dem aus Zellen
aufgebauten Körper gewonnen. Wir könnten ja etwa noch voraussetzen,
dass es sich dabei nicht um hohle Blasen, sonderm um solide kugelige
Gebilde handelte, die im Inneren einen strahligen Bau besitzen, wie man
es bei einer sich teilenden Zelle beobachtet; wir wollen aber zunächst
einmal den Vergleich mit den Blasen in einer Bierflasche weiter verfolgen.
Denken wir uns zunächst einmal die Flasche fort, so wird dieses Blasen-
system, falls es durch seine inneren Gleichgewichtsverhältnisse bedingt
wird, die Entfernung der Flasche äusserlich zum Ausdruck bringen. Wir
stellen uns nun vor, dass sich ein solches ungestörtes Blasenwerk in
einer Flasche allmählich heranbildet, und sehen dann sofort, dass seine
Form durch die Form der Flasche beeinflusst werden muss, sobald die
Blasen die Flasche berühren, dass also wechselnde Flaschenform das
Blasenwerk in wechselnder Weise beeinflussen muss.
Die Anordnung der Blasen in einer Bierflasche wird freilich ledig-
lich durch die Gesetze der Flüssigkeitsmechanik geregelt, würde sie aber,
Die Gemmartenlekre. 123
wie wir annehmen, durch die Form der die Blasen zusammensetzenden
elementaren Gebilde bedingt, so hätten wir einen Vergleich mit den Ver-
hältnissen im Organismus. Die Anordnung der Zellen in einem Organismus
folgt dem inneren Bildungstriebe, d. h. wird ursächlich hervorgebracht
durch die Form der Elemente des betreffenden Stoffes, durch die Gestalt
der Gemmarien des Plasma's. Wird diese Anordnung aber gleich der
Anordnung der Blasen in der Bierflasche durch äussere Einflüsse gestört,
so muss sie eine andere werden, ob nun äussere Umbildungsursachen
von allen Seiten auf sie einwirken oder nur von einer einzigen. Wenn
in einer Bierflasche eine Blase infolge störender Einflüsse platzt, so ordnet
sich, wie man leicht beobachten kann, das Blasenwerk neu an, und ent-
sprechendes muss im Organismus geschehen, wenn eine Zelle oder ein
Zellkomplex in der Entwicklung gestört wird.
Dass eine solche Neuanordnung thatsächlich erfolgt, ist ja leicht
durch die Beobachtung festzustellen ; Verwundungen bedingen eine andere
Anordnung der Zellen als die, welche zuvor bestand, und (Jmstimmungen
von Zellen finden statt, wenn Stücke eines Tieres sich zu einem voll-
ständigen Tiere regenerieren. Eine Neuanordnung der Zellen muss aber,
da die ursprüngliche durch die Gemmarien bedingt wurde, einen stören-
den Einfluss auf die Form der letzteren haben, denn diese können die
Zelle nicht mehr in der Weise ausgestalten, wie es ohne die störenden
Einflüsse möglich gewesen wäre. Ihre Anziehungspole werden gegen-
einander verlagert; in der gestörten Zelle entsteht ein neues Gleich-
gewichtssystem, und da das ursprüngliche durch die Form der Gemma-
rien bedingt wurde, so muss sich die Form der Gemmarien infolge der
Einwirkungen von aussen ändern. Die Gemmen verschieben sich inner-
halb der Gemmarien gegeneinander; an dieser Stelle eines Gemmariums
bröckeln Gemmen ab, an jener setzen sich andere an, und es bilden sich
auf diese Weise neue Anziehungspole, die der neuen Form der Zelle
entsprechen. Da aber der Gesamtorganismus durch ein monotones Keim-
plasma bedingt wurde, da er nur der Ausdruck des Gleichgewichts-
verhältnisses seines Plasma's ist, so entsteht nicht nur in den von
äusseren Einflüssen umgestalteten Zellen ein neues Gleichgewichts-
verhältnis, sondern es muss sich im ganzen Organismus ein solches
bilden. Gleich allen anderen Zellen werden auch die Keimzellen von
diesem Gleichgewichtssystem betroffen werden , denn sie hängen ja mit
den übrigen Zellen des Körpers zusammen. Sie werden von diesen er-
nährt; zwischen ihnen und den anderen Zellen, ebenso zwischen allen
124 III. Gestaltung und Vererbung.
aneinanderstossenden Zellen bestehen plasmatische Verbindungen, was
heute wohl kein Zoologe oder Botaniker mehr zu bezweifeln wagt, da in
vielen Fällen diese Verbindungen bereits durch die Beobachtung nach-
gewiesen sind. Wenn aber jede Zelle des Organismus direkt oder in-
direkt mit allen übrigen durch Plasmabrücken verbunden ist, und wenn
auch die Keimzellen hiervon nicht ausgeschlossen sind, so muss eine
Veränderung des Gleichgewichts in einer einzigen Körperzelle das Gleich-
gewicht in allen anderen Zellen gleichfalls verändern. Durch äussere
Beeinflussung irgend einer Zelle wird also auch die Keimzelle verändert.
Bezeichnen wir das Gleichgewichtssystem in einer somatischen oder
Körperzelle mit S und das ihm entsprechende in einer Keimzelle mit K,
so stehen diese beiden Gleichgewichtsverhältnisse der einzelnen Zellen
ihrerseits miteinander im Gleichgewicht, d. h. eine Keimzelle mit dem
Gleichgewichte K bedingt eine Körperzelle mit dem Gleichgewichte S.
Bleibt das Gleichgewicht K ungestört, so ist dasselbe bei dem Gleich-
gewichte S der Fall. Wird aber eine befruchtete Keimzelle in ihrem
Gleichgewichtsverhältnisse gestört, nimmt sie also etwa das Gleich-
gewichtsverhältnis K 1 an , so muss auch in der Körperzelle ein neuer
Gleichgewichtszustand S 1 eintreten. Wenn die Zelle K die Körperzelle S
hervorgebracht hat, so bringt die in ihrem Gleichgewichte veränderte
Keimzelle K 1 die Körperzelle S 1 hervor.
Es muss sich aber auch umgekehrt das Gleichgewicht der Keim-
zelle ändern, wenn nicht sie, sondern eine Körperzelle in ihrem Gleich-
gewichtsverhältnisse gestört wird. Wird durch irgend welche äussere
Einflüsse, etwa durch den Gebrauch der Organe, aus dem Gleichgewichte
S einer somatischen Zelle das Gleichgewicht S 1 , so wird aus dem Gleich-
gewichtsverhältnis K der in diesem Körper befindlichen oder von ihm
noch zu erzeugenden Keimzelle das Gleichgewichtsverhältnis K 1 . Diese
Keimzelle trennt sich später von dem Körper und behält dabei ihr ver-
ändertes Gleichgewicht bei, denn dass die Keimzelle das Gleichgewicht,
das sie im Körper hatte, bewahren muss, wenigstens in der W^eise, dass
durch ihre Isolierung bei einem vorherigen Gleichgewichte K ein der
isolierten Keimzelle entsprechendes Gleichgewicht Ki eintreten muss, ist
ohne weiteres klar. Hat nun das Gleichgewichtsverhältnis der somati-
schen Zelle S dem der in Verbindung mit dem Körper befindlichen Keim-
zelle entsprechenden Gleichgewichte K die Wage gehalten, und hat das
Gleichgewichtsverhältnis Ki der isolierten Keimzelle wieder das Gleich-
gewichtsverhältnis 8 der somatischen Zelle in der folgenden Generation
Die Gem.marienlehre. 125
hervorgebracht, so muss das durch äussere Einflüsse veränderte Gleich-
gewichtsverhältnis S 1 der somatischen Zelle das Gleichgewicht der in
Verbindung mit den übrigen Zellen des Körpers befindlichen Keimzelle
verändern; aus K wird K 1 , und aus dem Gleichgewichtsverhältnis Ki der
isolierten Keimzelle wird das Gleichgewichtsverhältnis Ki 1 . "Wenn nun
S und K sich das Gleichgewicht gehalten haben, und wenn Ki wieder
S hervorbrachte, wenn sich S 1 und K 1 gegenseitig balanzieren , so mnss
Ki 1 auch wieder S 1 hervorbringen.
Damit ist die Vererbung erworbener Eigenschaften als ein Vorgang
nachgewiesen, der mit absoluter Notwendigkeit stattfinden muss. Die
Vererbung erworbener Eigenschaften leugnen, heisst das Gesetz von der
Erhaltung der Kraft negieren. Wenn sich, um wieder auf unsern Affen
zurückzukommen, durch fortgesetzten Gebrauch eine Greiffläche an der
Unterseite seiner Schwanzspitze gebildet hat, so muss diese mit Notwen-
digkeit wieder bei seinen Nachkommen auftreten, vorausgesetzt, dass auch
das Individuum, mit welchem es sich paarte, in derselben Weise ab-
geändert war.
Aus dem von uns geschilderten Bau der Gemmarien geht hervor,
dass diese von sehr verschiedener Festigkeit sein müssen. Je nachdem
die Gemmeu lockerer oder fester aneinandergefügt sind und der gesamte
Verband mehr oder weniger leicht durch äussere Einflüsse verändert
werden kann, werden die Gemmarien und die Organismen, deren Plasma
sie aufbauen , leichter oder schwieriger durch schädigende Einflüsse
verändert werden können. Bei manchen Organismen wird der Bau der
Gemmarien ein derartiger sein, dass sie nur schwer schädigenden äusseren
Einflüssen zu widerstehen vermögen, und sie werden infolgedessen
zu Grunde gehen. Dieses gilt natürlich nicht für Rassen oder Arten,
solange diese nicht von erheblichen Veränderungen betroffen werden,
sondern es gilt zunächst für die Individuen einer Art oder Rasse.
Wir wissen, dass von den Individuen, welche erzeugt werden, eine
grosse Anzahl zu Grunde geht, dass im grossen und ganzen nur so
viele übrig bleiben, dass die Anzahl der Individuen in jeder Generation
ungefähr dieselbe ist, solange wenigstens, als die Art kein grösseres
A^erbreitungsgebiet erobert. Es findet demnach fortwährend eine Indi-
vidualselektion statt. Die Individuen, deren Gemmariengefüge ein
lockeres ist, gehen zu Grunde, während die mit festerem Gefüge über-
leben. Auf diese Weise muss allmählich das Gefüge immer mehr be-
festigt werden, und dadurch müssen die Organismenarten sich verändern.
126
III. Gestaltung dnd Vererbung.
Da eine Tier- oder Pflanzenart ihr Plasmagefüge immer ins Gleich-
gewicht mit den Bedingungen, unter welchen sie lebt, setzen muss, so
ist schon hierdurch eine grosse Übereinstimmung der Individuen ge-
geben. Sie werden sich auf einem Gebiete, wo Kreuzung nach allen
.Seiten möglich ist, nur wenig voneinander unterscheiden, denn wenn
auch sehr viele verschiedene Gemmarien in Bezug auf ihre Festigkeit
gegenüber äusseren Einflüssen gleich gut beschaffen sind, so wird doch
durch die Mischung der Individuen das Gefüge in seinem wesentlichen
Bau ausgeglichen werden. Da das Gefüge aber fortwährend an Festig-
keit zunehmen muss, so ist dadurch eine Entwickelung nach einer
Richtung hin gegeben. Diese Entwickelung muss auch dann ihren
Fortgang nehmen, wenn sich die Lebensbedingungen der Art nicht
ändern, also bis zu einem gewissen Grade unabhängig vom Wechsel
derjenigen äusseren Einflüsse sein, welche alle Individuen der Art
in gleicher Weise treffen, weil, auch wenn diese sich durch viele
Generationen hindurch vollständig gleich bleiben, dennoch eine stets zu-
nehmende Festigung des Gefüges von Vorteil für die Erhaltung der Art
sein wird.
Die Gefügefestigung durch Individualselektion ist aber deshalb mög-
lich, weil die Individuen der betreffenden Art durch die geringen Unter-
schiede in der Art und Weise, wie sie mit der Aussenwelt in Berührung
kommen, auch in ihrem Gefüge voneinander verschieden werden müssen.
Bei etlichen wird das Gefüge lockerer werden, bei anderen fester, und
da der Kampf ums Dasein fortgesetzt die allermeisten Individuen, welche
geboren werden, wieder vernichtet, da die grosse Mehrzahl der Vertreter
einer Art direkt vertilgt werden, da also eine konstitutionelle
Individualselektion stattfindet, so muss das Gemmariengefüge in der be-
treffenden Art fortgesetzt an Festigkeit zunehmen. Die Gefügefestigung
ist also keineswegs von äusseren Einflüssen unabhängig und darf nicht
verwechselt werden mit einer Entwickelung aus inneren Ursachen, wie
sie Nägeli angenommen hat, denn sie beruht auf Veränderung der
Gemmarien, und die Ursachen, durch welche diese in ihrem Aufbau
aus Gemmen verändert werden, sind für sie rein äussere, auch wenn
sie, wie es ja selbstverständlich ist, durch den Körper des Organismus
hierdurch verändert werden.
Dadurch, dass jede Organismenart gezwungen ist, sich in einer be-
stimmten Richtung weiter zu entwickeln, weil die nie aussetzende kon-
stitutionelle Individualselektion immer die Individuen mit dem festesten
Die Gemm.vrienlehre. 127
Genimariengefüge ausliest, werden diese in ihrer Körperform und ihren
chemischen Eigenschaften verändert werden. Es ist z. B. möglich, dass
die Vorderbeine bei einer Tierart infolge von Gefügefestigung durch
Individualselektion fort und fort verlängert, dass die Hinterbeine in jeder
Generation etwas verkürzt werden. Dadurch werden die Tiere gezwungen
werden, sich diesen neuen Verhältnissen in der relativen Grösse ihrer
Gliedmaassen anzupassen, d. h. die Art und Weise, mit welcher die Glied-
maassen mit ihrer Umgebung in Berührung kommen, muss eine andere
werden. Notwendigerweise wird dadurch eine neue Anpassung bewirkt.
Aus einer Tierart, für welche lange, zum Springen eingerichtete Hinter-
beine charakteristisch sind, kann eine solche werden, bei welcher die
Hinterbeine erheblich verkürzt, die Vorderbeine dagegen verlängert sind.
Geschieht das, so müssen die Individuen dieser Art sich daran gewöhnen,
mehr zu laufen als zu springen. Selbstverständlich erfolgt dies ganz
unmerklich, so dass unmittelbar in jeder Generation eine Anpassung an
die geringen Veränderungen, welche die Art durch Gefügefestigung er-
litten hat, erfolgt.
Aus diesen Betrachtungen geht hervor, dass es nicht bloss An-
passungen an äussere Verhältnisse giebt, sondern auch an solche, die durch
die Veränderungen, welche die Gefügefestigung im Bau der Tiere her-
vorbringt, bedingt werden. Es können sich die Organismen also auch
weiter entwickeln, ohne dass die äusseren Lebensverhältnisse sich ändern.
Der Gang dieser Entwickelung ist der, dass die überall wechselnden
äusseren Einflüsse kleineren Betrages zunächst die einzelnen Individuen
in verschiedener Weise treffen und dadurch ihren Gemmarienbau abändern,
dass dann diejenigen ausgewählt werden, die den festesten Gemmarien-
bau haben, wodurch eine Veränderung des Gesamtbaues im Körper
gezüchtet wird, und dass sich endlich die Organe der Tiere diesen Ver-
änderungen anpassen.
Da aber die Verbreitungsgebiete der einzelnen Tierarten sehr ver-
schieden gross sind, so muss die Umbildung einer Tierart, die ein weites
Verbreitungsgebiet einnimmt, schneller sein, als die einer Tierart, welche
ein enges Verbreitungsgebiet bewohnt; denn auf einem weiten Gebiete
können mehr Individuen leben als auf einem engen, und die Individual-
selektion findet deshalb auf dem ersteren ein reichlicheres Material zur
Auswahl vor. Allein es ist fraglich, ob unmittelbar hierdurch eine
schnellere Umbildung der Arten in einem weiten Gebiete bewirkt wird.
Die meisten Organismenarten sind mehr oder weniger sesshaft; ihre In-
128 III. Gestaltung im, Veberbung.
dividuen schweifen nicht weit umher, und es findet Kreuzung deshalb
immer nur unter den Individuen eines verhältnismässig kleinen Gebietes
statt. Immerhin wird der Grössenunterschied solcher Gebiete, in welchen
freie Kreuzung nach allen Seiten hin stattfinden kann, zur Folge haben,
dass in den grösseren die Individuen einer Art etwas fester gefügt sind
als in den kleineren ; sie werden deshalb im Kampfe ums Dasein auch
grössere Aussichten haben und sich somit leichter über benachbarte < Ge-
biete verbreiten können. Dadurch wird eine Rassenselektion er-
möglicht; die Rassen mit festerem Gefüge verbreiten sich schneller und
kommen dadurch in Wettbewerb mit den Rassen mit weniger festem
Gefüge, wobei die letzteren unterliegen müssen.
Hat sich nun eine Rasse mit festgefügtem Plasma über das ganze
von der Stammart eingenommene Areal verbreitet und sind die übrigen
Rassen im Wettbewerb mit dieser unterlegen, so kann in jedem Teil-
gebiete des von ihr bewohnten Areals die Individualselektion von neuem
einsetzen und wieder zur Bildung einer grossen Anzahl von einzelnen
Rassen führen, wodurch dann abermals die Verbreitung der Rasse mit
bestgefügtem Plasma über das ganze Gebiet herbeigeführt wird, so dass
auch wiederum eine Rassenselektion stattfinden kann. *■Dadurch müss
eine Art, die ein grosses Gebiet, etwa ein Land von der Grösse Sibiriens
bewohnt, viel schneller umgebildet werden, als eine, die auf eine kleine
Insel beschränkt ist.
Während sich aber die Individualselektion bloss auf die Gefügefestig-
keit des Körpers erstreckt, wird die Rassenselektion nicht unter allen
Umständen das Gefüge begünstigen, sondern es kann auch die Aus-
rüstung, die D o t a t i o n , für das tj berieben einer Rasse ausschlaggebend
sein. Wenn eine Tierart ein Wüstengebiet bewohnt, so werden immer
diejenigen Rassen die grösste Aussicht haben, sich über das ganze Ge-
biet verbreiten zu können, die in ihrer Farbe am besten der Wüste an-
gepasst sind. Freilich wird unter Rassen, welche sich in Bezug auf die
Farbe gleichen, immer noch eine Auslese stattfinden können, die zum
Überleben derjenigen Rasse führt, welche das festeste Gefüge besitzt.
Eis kann also zwar die dotation eile Rassenauslese der konstitutio-
nellen entgegenwirken, insofern als Rassen mit guter Ausrüstung unter
Umständen überleben können, auch wenn ihr Gefüge nicht ganz so fest
ist als dasjenige, bei welchem die Ausrüstung nicht so gut ist; allein
die konstitutionelle Rassenselektion wird immer das ihrige thun, Arten
zu züchten, die in Bezug auf ihr Gefüge den Lebensbedingungen einiger-
Die (rEMMAkiKM.Kiim:. 120
massen entsprechen, und nur in Ausnahmefällen wird die dotationeile
Rassenauslese die Überhand über die konstitutionelle gewinnen, nament-
lich in allen den Fällen, wo eine besonders vorteilhafte Ausrüstung von
einer Easse erworben worden ist.
Auch die Ausrüstung ist selbstverständlich ein Werk der konstitutio-
nellen Individualselektion, sofern sie nicht auf direkte äussere Einwir-
kungen zurückzuführen ist. Die Individualselektion kann bei einer weit
verbreiteten Tierart in diesem Gebiete schwarze, in jenem graue, in einem
dritten gelbe Tiere heranzüchten, ohne dass dotationeile Individualselektion
etwas zur Auswahl dieser Farben beiträgt. Es kann auf diese Weise
der Fall eintreten, dass in einem W T üstengebiete eine schwarze Tierrasse
entsteht, und diese wird keine grosse Aussicht auf Fortbestand haben.
Entsteht in einem anderen Teile desselben Gebietes eine gelbe Rasse, und
kommen beide Rassen später dadurch, dass sie sich über ihr engeres
Verbreitungsgebiet ausbreiten, in Wettbewerb, treten nunmehr viele Feinde
auf, die den Tieren beider Rassen nachstellen, so wird die mit gelbem
Kleide grössere Aussicht haben, zu überleben und dadurch ihre Rassen-
eigentümlichkeiten zu erhalten. Es kann so weit kommen, dass die Indi-
viduen der schwarzen Rasse alle vertilgt werden, so dass nunmehr die
gelbe das ganze Gebiet beherrscht. Bei ihr kann der Selektionsprozess
abermals beginnen, so dass die Art immer mehr durch ihre Farbe dem
Wohnorte angepasst ist. Wir müssen dabei annehmen, dass die Rassen,
die in einem Teilgebiete eines grossen Verbreitungsgebietes entstanden
sind, sich schon so weit voneinander unterscheiden, dass sie sich erstens
nicht mehr miteinander mischen, und dass zweitens ihre Ausrüstung schon
so sehr voneinander abweicht, dass die dotationeile Auslese die Möglichkeit
einer Auswahl vorfindet.
Durch diese Ausführungen werden die Schwierigkeiten beseitigt, mit
welchen die Selektionstheorie Darwin's zu kämpfen hatte. Wenn wir
in jedem kleinen Verbreitungsgebiete nur die konstitutionelle Individual-
selektion als ausschlaggebend erkannt haben, so gelangen wir zu der
Einsicht, dass in der That eine dotationeile Auslese zwischen den in den
einzelnen Gebieten durch konstitutionelle Individualselektion erzeugten
neuen Rassen, die später miteinander in Berührung kommen, möglich ist.
Wir wissen aber, dass sich eine Tier- oder eine Pflanzenart unter Um-
ständen leicht ein ausserordentlich grosses Gebiet erobern kann, und sind
deshalb nie in Verlegenheit, wenn wir das nötige Material für die Ent-
faltung einer wirksamen Rassenzuchtwahl nachweisen sollen. Eine Tier-
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 9
130 III. Gestaltung und Vererbung.
art, die sich weit über die Erde verbreitet und in ihren einzelnen Wohn-
gebieten zu neuen Rassen umgebildet hat, ist beispielsweise die Schleier-
eule. Man hat die Schleiereulen der Erde zwar in verschiedene Arten
trennen wollen, indessen unterscheiden sich diese nur durch unter-
geordnete Merkmale voneinander, so dass wir sie als Rassen einer Art
betrachten können. Da sich die Vorfahren dieser Rassen leicht über die
ganze Erde verbreiten konnten, so wird es auch eine der neu entstan-
denen Rassen unschwer thun können, und dadurch müssen die Indi-
viduen dieser Rasse mit denen der übrigen Rassen in Wettbewerb
gebracht werden. Die Rassenauslese wird dann darüber zu entscheiden
haben, welche der miteinander in Berührung kommenden Rassen über-
leben soll.
Durch die vorhergehenden Betrachtungen ist eine vollständige Skizze
der Gemmarientheorie gegeben. Diese Lehre erklärt nicht nur die Ver-
erbung der überkommenen, sondern auch die der erworbenen Eigen-
schaften. Sie zeigt, warum eine konstitutionelle Zuchtwahl die Fortbil-
dung der Art bewirken muss und wie durch diese Fortbildung die Or-
ganismen gezwungen werden, sich fortwährend ihrer Umgebung neu an-
zupassen. Die Gemmarienlehre erklärt aber nicht allein die Entstehung
zweckmässiger Einrichtungen durch direkte Anpassung, sondern sie zeigt,
dass auch Erwerbungen, welche mit dem direkten Gebrauch oder Nicht-
gebrauch der Organe nichts zu thun haben, wie beispielsweise die Fär-
bung eine ist, gezüchtet werden können, weil unsere Lehre einen Unter-
schied zwischen konstitutioneller und dotationeller Zuchtwahl, zwischen
Iudividual- und Rassenselektion macht. In den folgenden Kapiteln dieses
Hauptabschnittes werden wir des näheren darlegen, dass die Gemma-
rienlehre in der That die Erscheinungen der organischen Entwickelung
zu erklären berufen ist.
c. Das Wesen der Assimilation.
Eine Gestaltungs- und Vererbungslehre der Organismen würde un-
vollständig sein, wenn sie das Wesen der Assimilation unberührt
lassen wollte. In der That ist eine Einsicht in das Wesen der chemi-
schen Vorgänge, welche die Assimilation, d. h. die Verarbeitung der
Nahrung zu Plasma und anderen in der Zelle enthaltenen Stoffen, bedingen,
eine notwendige Voraussetzung der morphologischen Erforschung der
Das Wesen des Assimilation. 131
Organismen. Es genügt aber, wenn wir einen allgemeinen Einblick in
das Wesen der Assimilation thun können, da von einer eingehenden
chemischen Erklärung der Verarbeitung der Nahrung zu den Bestand-
teilen des lebenden Körpers wohl noch lange nicht die Rede sein kann.
Wenn ich es unternehme, hier eine Art provisorischer Theorie der
Assimilation zu entwickeln, so habe ich die Möglichkeit dazu nicht
eigenem Nachdenken, sondern der Benutzung der Ideen zweier anderer
Forscher zu verdanken. Hatschek hat in geistreicher Weise eine Hy-
pothese über das Wesen der Assimilation aufgestellt, und diese ist es,
die ich meinen Betrachtungen zu Grunde lege. Yerworn aber hat mit
grossem Glück, wie ich glaube, versucht, die Bewegungen der lebenden
Materie auf die Assimilation, auf den Stoffwechsel zurückzuführen,
und seinen Anregungen verdanke ich es ebenfalls, dass ich die hier vor-
zutragenden Anschauungen gewinnen konnte. Ehe ich diese darlege,
muss ich aber einige Worte über die Bedeutung des Zellkernes und
anderer Zelleinschlüsse vorausschicken.
Ich habe auf den bisherigen Seiten dieses Buches immer nur von
Plasma schlechtweg gesprochen. Es ist aber jetzt an der Zeit, dass
ich den Begriff des Plasma's, wie ich ihn verstehe, näher definiere. Ich
verstehe darunter diejenige Substanz, aus welcher die Gemmarien des
Zellleibes zusammengesetzt sind, und glaube, dass das Plasma in den
Gemmen der Keimzellen einer Organismenart überall mehr oder weniger
dieselbe chemische Beschaffenheit hat. Es ist dieser Stoff, den die Mo-
leküle, aus welchen sich die Gemmen aufbauen, darstellen; er ist
der Träger der morphologischen Eigenschaften der Organismen, aller
jener Eigenschaften, welche die Form des Tierkörpers bedingen. Diese
Form kann insofern durch die chemischen Eigenschaften des Plasma's
beinflusst werden, als diese sich ändern können und als dadurch die
Form der Plasmamoleküle und damit auch die Form der Gemmen,
welche die Gemmarien zusammensetzen, eine andere werden muss.
Allein auf die Anordnung der Gemmen innerhalb der Gemmarien hat,
wie ich glaube, die chemische Beschaffenheit des Plasma's nur insofern
Einfluss, als diese Anordnung etwas anders werden muss, wenn die
Winkel der rhombischen Prismen, aus welchen sich die Gemmarien
aufbauen, etwas andere werden. Die Verschiebung der Gemmen
innerhalb der Gemmarien ist dagegen unabhängig von der chemischen
Beschaffenheit der Plasmamoleküle; sie ist keine chemische, sondern
eine rein morphologische Eigentümlichkeit der Organismen. Den
132 III. Gestaltung und Vererbung.
Stoff aber, aus welchem sich die einzelnen Geramen der Gemmarien zu-
sammensetzen, wollen wir kurzweg Plasma nennen, und was ich von
dem monotonen Plasma, das nach der Theorie der Epigenesis den Bil-
dimgsstoff der Organismen darstellt, gesagt habe, bezieht sich lediglich
auf das Plasma der Gemmen.
Es wird übrigens auch wohl keiner meiner Leser angenommen
haben, dass ich neben diesem Plasma nicht noch andere Bestandteile in
den Zellen anerkenne; aber allen diesen kann ich für den Formen-
aufbau des Organismus nur insofern eine Kolle zuschreiben, als durch
den Stoffwechsel, welchen sie beeinflussen, die Form der Gemmen, d. h.
die chemische Beschaffenheit der Moleküle, aus welchen die Gemmen
y.u-aninienkristallisieren, bedingt wird. Ich will mich nicht damit aut-
halten, die Zelleinschlüsse, die namentlich bei Pflanzen in grösserer
Anzahl vorhanden sein können, aufzuzählen, sondern will mich darauf
beschränken, die Bedeutung des Zellkernes für den Mechanismus der
Assimilation darzulegen.
Ich spreche dem Stoffe des Zellkernes keineswegs das Gestaltungs-
vermögen ab, aber ich glaube, dass er auf die Form des Organismus so
wenig Einfluss hat, wie die einzelligen Algen, welche in der Hydra leben,
auf die Form der letzteren. Dagegen werden die Kern Stoffe, von
denen wir ausschliesslich diejenigen ins Auge fassen wollen, welche die
Chromosomen zusammensetzen, die Form des Kernes bedingen, oder
wenigstens die seiner Chromosomen , die ja in hohem Grade charakte-
ristisch ist.
Diese Chromosomen sind, wie es scheint, in allen Fällen zusammen-
gesetzt aus den Mikrosomen, den ,,Iden" Weismann's, und in den
Mikrosomen haben wir vielleicht Wesen gleich den Zellen oder möglicher-
weise gleich den Bakterien zu erblicken. In der That ist nach meiner
Anschauung die Zelle als ein gleich dem der Flechten zusammen-
gesetzter Organismus zu betrachten, als eine Lebensgenossen-
schaft oder Symbiose zwischen dem Kern, insbesondere seineu Mikro-
somen. und dem Plasma der Zelle, dessen wesentlichster Bestandteil und
organischer Mittelpunkt der Polkörper oder das Centrosoma ist.
Ich bin überzeugt, dass diejenigen , welche sich mit diesem Gedanken
befreunden, dadurch in überraschender Weise ein Verständnis für manche
Vorgänge im /«Hieben gewinnen werden, das uns bis dahin verschlossen
war. Ich muss mich aber dagegen verwahren, dass die ältesten Zellen etwa
dadurch entstanden seien, dass bakterienartige Wesen in kernlose Moneren
Das Wkskx i>kk Assimilation. 133
einwanderten, sondern habe vielmehr die Ansicht, dass Kern und Plasma
der Zelle sich gleichzeitig in steter Wechselbeziehung bildeten und
sich, um mit Yerworn zu sprechen, in lückenloser Deszendenz von
Stoffen herleiten, die in lebhafter chemischer Umbildung begriffen waren.
Allerdings wäre es auch wohl möglich, dass bakterienartige "Wesen eine
Hülle von Plasma erzeugt hätten, und dass diese endlich die Haupt-
bedeutung gewonnen hätte. Indessen ist es müssig, auf derartige Speku-
lationen näher einzugehen, da wir noch zu wenig über die Umstände
unterrichtet sind, die ein Hervorgehen des Organischen aus dem Un-
organischen und von Zellen aus Wesen, die in der Hauptsache nur aus
Kernstoff bestanden, veranlasst haben. Genug, dass wir es zur Zeit, von
einigen zweifelhaften Fällen abgesehen, durchweg nur mit Symbiosen
zwischen Zellkernen und Plasma zu thun haben.
Wir wissen namentlich durch die schönen Untersuchungen Ver-
worn's, dass weder der Kern ohne das Plasma, noch das letztere ohne
den ersteren leben kann, dass es sich in der That um eine erbliche
Symbiose zwischen beiden handelt, und über die Eigenart dieser
Symbiose wollen wir im nachfolgenden eine Torstellung zu gewinnen
suchen.
Um einen Einblick in das Wesen der Assimilation zu thun,
wollen wir das Plasma einer in lebhaftem Stoffwechsel befindlichen Zelle
P und ihre Kernstoffe K nennen; die Nahrung, welche von aussen in
die Zelle aufgenommen wird, wollen wir mit IS" bezeichnen und den zum
Leben der Zelle nötigen Sauerstoff mit 0. Ausser dem Plasma unter-
scheiden wir im Zellleibe aber noch die Sarkode S, die wir als einen
ungeformten Stoff betrachten wollen. Wir nehmen an, dass mit dieser
Sarkode auch Plasmamoleküle oder Molekülgruppen von Plasma gemischt
sind, und dass diese es sind, die sich vor allem am Stoffwechsel der
Zelle beteiligen; dass dagegen das Plasma, welches die Gemmen und
Gemmarien zusammensetzt, mehr oder weniger lange in Kühe befindlich
ist, aber durch den Assimilationsprozess im Körper fortwährend vermehrt
wird. Diese Vermehrung stellen wir uns nun folgendermassen vor:
Dadurch, dass Nahrungsstoff IS" in die Sarkode S gelangt, wird diese
chemisch verändert. Es wird daraus die labile Sarkode S'. Wir dürfen
uns in Anlehnung an Hatschek's geistreiche Hypothese vorstellen,
dass die Moleküle von S' bedeutend grösser sind als die von S, so dass
sie, wenn sie auf einen Reiz hin zerfallen, zwei Moleküle S liefern und
ausserdem noch andere Produkte, die mit N' bezeichnet werden mögen
134 III. Gestaltung dnb Vererbung.
und eine Modifikation der Nahrung vorstellen. Die aus S durch Nahrungs-
aufnahme hervorgegangenen Moleküle S' müssen wir als im hohen Grade
labil oder explosiv betrachten, so dass sie auf die geringsten Reize hin
in zwei oder mehrere Moleküle von S und in die mit N' bezeichneten
Produkte zerfallen. Wir wollen nun ferner annehmen, die letzteren be-
ständen aus Nährstoffen, wie sie der Kern gebrauchen kann, dass also
durch den Zerfall der Moleküle S' nicht bloss neue Sarkode gebildet wird.
sondern dass dadurch auch Nährstoffe für das Kernplasma K gebildet
werden. Für den Kern müssen wir Ähnliches annehmen, wie für die
Sarkode. In ihn hinein gelangt durch die Kernmembran der durch den
geschilderten Assimilationsvorgang im Zellleibe gebildete Nährstoff N', und
ebenso wie wir uns die Sarkodemoleküle S durch die chemischen Um-
setzungen, welche sie in Verbindung mit den Nahrungsstoffen N einge-
gangen sind, in grosse, im hohen Grade explosive Moleküle umgebildet
denken, können wir auch annehmen, dass die Moleküle der Kernstoffe,
die wir K genannt haben, durch eine chemische Verbindung mit den
Nährstoffen N' zu sehr labilen Molekülen K' umgebildet werden. Wir
dürfen auch in analoger Weise wie beim Plasma annehmen, dass durch
den Zerfall der Moleküle K' zwei oder mehrere Moleküle K nebst einer
abermaligen Modifikation von Nährstoffen, die wir N" nennen wollen,
gebildet werden. Diese durch den Zerfall der gesättigten Kernmoleküle
K' gebildeten Nährstoffe N" dienen nun dazu, die Moleküle des Plasma's P
zu ernähren, d. h. sie umzuwandeln in die neuen Moleküle P'. Die
veränderten Plasmamoleküle P' denken wir uns als wahlverwandt, als
chemotropisch zum Sauerstoff der Umgebung, und sie mögen es sein,
die bei den Wurzelfüssern die Bewegung des Plasma's verursachen, indem
sie, wie Verworn so schön auseinandergesetzt hat, durch den Sauerstoff
gewissermassen aus dem Körper herausgezogen werden. Diese Moleküle
nehmen Sauerstoff auf, werden dadurch zu übersättigten Molekülen P",
die auf geringe Reize explodieren, wobei sie in zwei Moleküle des
Plasma's P zerfallen und ausserdem noch Exkrete E, die nach aussen
geschafft werden, liefern.
Durch den geschilderten Stoffwechselprozess , der in Wirklichkeit
viel komplizierter sein mag, als wir ihn der Anschaulichkeit wegen an-
nehmen, wird also die Menge des Plasma's, die der Kernstoffe und die
der Sarkode vermehrt, solange nur Nahrung und Sauerstoff in ge-
nügender Menge vorhanden sind. Um diesen Stoffwechselvorgang uns noch
einmal vor Augen zu führen, wollen wir ihn in folgende Formeln bringen:
Das Wesen der Assimilation. 135
N + S =S' = 2S + N';
N' + K = K' = 2K-f-N";
N"+P = P;
F + = P"=2P + E.
Durch die geschilderten Vorgänge wird die Anzahl der zum Aufbau
der Gemmen und Mikrosomen nötigen Moleküle vermehrt, ebenso die
Masse der zum Stoffwechsel nötigen Sarkode. Wir können uns nun
vorstellen, dass infolge des in der Zelle bestehenden Chemismus und
ihrer physikalischen Verhältnisse die Plasmamoleküle durch Aneinander-
lagerung stets Gemmen von gleicher Gestalt bilden, und für diese An-
schauung haben wir in der anorganischen Natur Analoga.
Wenn an einem windstillen Wintertage einzelne Schneesterne lang-
sam aus der Luft auf die Erde herabfallen und von uns auf einer dunkeln
Unterlage aufgefangen werden, so gewahren wir, dass sie alle gleiche
Form haben. Das zeigt, dass es die an dem betreffenden Tage herr-
schenden physikalischen und chemischen Bedingungen in der Atmosphäre
sind, welche die Form der Schneesterne bedingen. Schon der nächste
Wintertag kann Schneesterne von anderer Form bringen; aber auch
diese sind alle wieder untereinander gleich. Die Vorstellung, dass die
physikalischen und chemischen Verhältnisse in den Zellen die Gestalt
der Gemmen bedingen, stösst also keineswegs auf Schwierigkeiten, denn
sie ist ebenso leicht oder ebenso schwer zu gewinnen, wie eine Vor-
stellung von der Entstehung der Schneesterne in ruhiger Luft; diese
zeigen zu einer und derselben Zeit alle die gleiche Form, die lediglich
durch die gerade in der Atmosphäre herrschenden chemischen und phy-
sikalischen Zustände bedingt sein kann.
Auch das Wachstum und die Vermehrung der Gemmarien lässt
sich unschwer vorstellen. Die Gemmarien sind ja von Gemmen aufge-
baut, die sich zunächst mit ihren Grundflächen aneinanderlagern und
dadurch längere Säulen, als sie selbst sind, bilden. Diese Säulen legen
sich wieder aneinander und bilden dadurch die Gemmarien. Da nun
die Gemmen in den die Gemmarien bildenden Gemmenreihen durch
kleine Zwischenräume, die wir uns mit Wasser angefüllt denken können,
getrennt sind, so können wir uns auch vorstellen, dass in die die Gem-
men umgebende Flüssigkeit neugebildete Plasmamoleküle hineingelangen
und hier zu Gemmen zusammenkristallisieren. Dafür, dass die Gemmen
die richtige Lage erhalten, sorgen die sie umgebenden fertigen Gemmen,
von denen wir annehmen dürfen, dass sie die neu sich bildenden Gemmen
L36
III. Gesi vltung i nd Vererbung.
schon, solange diese noch klein sind, in die richtige Lage hineindrängen.
Durch diesen Wachstumsprozess müssen die Gemmarien verlängert werden ;
sie werden aber auch verdickt, indem sich zwischen den Gemmensäulen
neue Gemmen bilden, welche die Gemmensäulen auseinanderdrängen
und den Platz, den die letzteren einnehmen, erobern. Sowohl beim Längen-
Fiff. 1.
1 VIT
B . H , H
Ö
rrr
i~w
ö
Schemata zur Erläuterung des Gemmaricnwachst ums.
a) Wachstum innerhalb eines regelmässigen Gemmarieuquerschnittes.
b) Wachstum innerhalb eines unregelmässigen Gemmarieuquerschnittes.
c) Wachstum innerhalb eines Gemmarienlängsschnittes.
als auch beim Dicken Wachstum bilden sich fortgesetzt neue Gemmen in
den durch die Vergrösserung der vorhergebildeten Gemmen entstehenden
Zwischenräumen. Notwendigerweise werden durch das Wachstum der Gem-
marien die alten Gemmen teilweise, sowohl in der Längs-, als auch in
den beiden Querrichtungen des Gemmariums, nach aussen gedrängt, wo-
bei, wie ein Blick auf obige Figuren zeigt, die Konfiguration des Quer-
schnittes seinen äusseren Umrissen nach dieselbe bleiben muss und auch
die Anordnung der Gemmen in Längsreihen nicht gestört wird. An der
Oberfläche angelangt, werden die Gemmen, falls die Grösse, welche den
Gemmarien zukommt, durch Lebenseigentümlichkeit der betreffenden Zelle
bedingt ist, ganz oder stückweise abbröckeln und sich mit der Sarkode
der Zelle mischen. Hier können sie, aus dem Verbände des Gemmariums
befreit und in den Stoffwechsel der Zelle hineingerissen, in ihre Moleküle
zerfallen. Nahrung assimilieren und auf diese Weise wieder neues Plasma
bilden, das. aufgelöst in der Zellenflüssigkeit, wieder in die Zwischen-
Das Wesen der Assimilation. 137
räume der die Gemmarien bildenden Gemmen hineingelangt und hier
aufs neue einen "VVachstumsprozess einleitet. Diesen Wachsturnsprozess
müssen wir uns, solange die Zelle lebt, als einen ununterbrochenen vor-
stellen.
Zur Erklärung der Gemmarien Vermehrung dürfen wir an-
nehmen , dass die Gemmarien durch das Längenwachstum so lang werden,
dass sie endlich in der Mitte auseinanderbrechen. Aus einem Gemma-
rium entstehen auf diese "Weise zwei, die sich an den Bruchenden zu
ganzen Gemmarien vervollständigen. Es werden also auch neue Gem-
marien gebildet, welche die Gestalt der alten, aus deren Teilung sie
hervorgegangen sind, haben müssen. Dadurch wird die Anzahl der
Gemmarien in der Zelle beträchtlich vermehrt, so dass diese sich teilen
kann.
Ähnliche Prozesse wie im Leibe der Zelle werden im Kern vor
sich gehen. Die Anzahl seiner geformten und nicht geformten Elemente
wird vergrössert und auch er wird dadurch zur Teilung genötigt; dass
diese, d. h. der Zerfall seiner Mikrosomen und Chromosomen in doppelt
so viel Stücke in mehr oder minder grosser Unabhängigkeit von der
Teilung des Zellkörpers vor sich geht, wissen wir durch die Beobachtung.
Die sich auseinanderschiebenden Polkörper einer sich teilenden Zelle
können zwar die durch die Teilungsvorgänge im Kern gebildeten Teil-
stücke der Mikrosomen und Chromosomen auseinanderziehen, nicht aber
leiten sie deren Teilung ein.
Durch die geschilderten Vorgänge wird, wie ich glaube, in anschau-
licher Weise die Assimilation, die in letzter Linie zur Bildung neuer
Zellen führt, erläutert. Diese Prozesse gewähren uns aber auch noch
einen Einblick in die Bedeutung des Zellkernes als Träger etlicher
erblicher Eigenschaften.
Die Anschauung, dass im Zellkern, d. h. in seinen Chromosomen,
bezw. in deren Mikrosomen , die Träger der Gestaltungsvorgänge im
Organismus zu suchen sind, muss ich verwerfen. Dagegen ist es sicher,
dass dem Kern eine grosse Bedeutung als Organ des Stoffwechsels
zukommt. Das ist durch viele Untersuchungen, in letzter Zeit namentlich
durch die bedeutenden Arbeiten Yerworn's, unzweifelhaft dargethnn.
Dass der Kern indirekt durch seine chemischen Eigenschaften, mittelst
deren er in den Stoffwechsel der Zelle eingreift , die Form der Gemmen
uud dadurch die der Gemmarien der Zelle und des Gesamtorganismus
beeinflusst, bezweifle auch ich nicht; allein dass er, wie Weismann
L38
III. Gestaltung im. Vererbung.
und andere wollen, geformte Bausteine in die Zelle hineinsendet, ist
eine Anschauung, der ich nach allem bisher Gesagten nicht zustimmen
kann. Diese Anschauung gründet sich auch auf keinerlei Beobachtungen,
führend wir unter dem Mikroskop ohne weiteres erkennen, dass das
Centrosoma die gestaltenden Vorgänge im Zellleben beherrscht.
Aber ebenso wichtig, wie das Centrosoma für den morphologischen
Aufbau des Körpers, ist der Kern für den chemischen. Er giebt
Stoffe an die Sarkode ab, die, wie wir gesehen haben, auch im Stoff-
wechsel des Gemmenplasma's eine Rolle spielen. Ausser diesen Stoffen
wird er aber, worauf wir oben keine Rücksicht genommen haben, auch
Exkrete erzeugen, die wir uns als Lösungen oder auch als kleine feste
Massen vorstellen können. Zu diesen Exkreten mögen alle die vielen
Stoffwechselprodukte, die wir bei Tieren und Pflanzen kennen, gehören.
Bei den Pflanzen gehören dahin der Honig, die ätherischen Öle, die
Farbstoffe und viele andere; bei den Tieren der Speichel, die Milch,
der Schweiss und die unzähligen anderen Ausscheidungsprodukte. Diesen
möchte ich vor allem auch die Farbstoffe der Vogelfeder, des Säugetier-
haares, der Pigmentzellen und viele andere beigezählt wissen, sei es, dass
diese Farbstoffe und die übrigen Exkrete direkt durch den Kern,
oder erst durch die Wirkung von dessen Stoffwechselprodukten in der
Sarkode des Zellleibes gebildet werden. Der Kern ist mithin allerdings
der Träger sehr wichtiger erblicher Eigenschaften; aber mit den Gestal-
tungsvorgängen im Organismus hat er direkt gar nichts und indirekt
nicht eben viel zu thun.
Ich hatte deshalb wohl recht, wenn ich in meiner „Schöpfung der
Tierwelt'' den Satz niederschrieb, dass im Plasma selbst der haupt-
sächlichste Träger der Vererbung gesucht werden müsse, denn unter
dem Problem der Vererbung versteht man vor allem die Lösung der
Frage, durch welche Bestandteile der Zelle die erbliche Übertragung der
Körperform bewirkt wird, und ich glaube die Leser dieses Werkes
davon zu überzeugen, dass diese nur durch die Gemmarien des Plasma's
bewirkt werden kann. Wenn man aber, wie es ja eigentlich geschehen
muss, den Chemismus des Organismus als ebenso wichtig betrachtet, wie
seine Gestaltungsvorgänge, obwohl diese allein bis jetzt Gegenstand der
Vererbungstheorie gewesen sind, so gelangt man zu dem von Verworn
aufgestellten Satz, dass dasjenige, was vererbt wird, der Stoffwechsel
zwischen Kern und Plasma sei.
•Die Entstehung der Grundformen. 139
"Wir können diesem Satze nur beistimmen, müssen aber doch betonen,
dass das Problem der Vererbung vorderhand ein morphologisches,
kein physiologisches ist, und dass zwei Organismen, in welchen der
Chemismus fast identisch ist, sich ihrer Form nach sehr wesentlich von-
einander unterscheiden können. Dadurch wird die Bedeutung des Zell-
kernes für die Vererbung auf ihr richtiges Mass zurückgeführt. Er ist
ein Organ des Stoffwechsels und dieses Stoffwechsel organ wird direkt auf
die Nachkommen übertragen.
d. Die Entstehung der Grundformen.
Eine Gestaltungs- und Vererbungslehre hat in erster Linie die Grund-
formen der Organismen zu erklären. Diese Erkenntnis würde eine all-
gemeinere sein, wenn die Grundformenlehre oder Promorphologie nicht
in auffälliger Weise vernachlässigt würde. Man kennt nicht einmal den
Begriff des Wortes „Grundform" ; in sehr vielen Fällen wird er mit dem
des Wortes Urform oder Stammform verwechselt und anstatt dieses ge-
braucht. Man spricht von den „Grundformen" der AVirbeltiere, der
Hydrozoen usw. und meint damit deren Stamm- oder Urformen, die
gemeinsamen Vorfahren , von denen man die betreffenden Tiere ableitet.
Unter der Bezeichnung Grundform sind aber nicht diese, sondern die
stereometrischen Formen der Organismen zu verstehen, die durch
die Symmetrieverhältnisse des Körpers bedingt werden.
Wenn ich, wie ich glaube, ein Verständnis für diese gewonnen habe,
so habe ich das in erster Linie dem eingehenden Studium der Pro-
morphologie in Haeckel's „Genereller Morphologie" zu verdanken.
Schon in meiner Erstlingsarbeit habe ich auf die hohe Bedeutung der
Grundformenlehre hingewiesen, und ich bin auch heute noch von ihr
durchdrungen. Unter dem vielen, was ich meinem Lehrer Ernst Haeckel
zu verdanken habe, halte ich seine Grundformenlehre für das Beste.
Ich vermag es deshalb nicht zu verstehen, dass Driesch die Haeckel'-
sche Promorphologie, die er selbst zu den wenigen positiven Leistungen
zählt, welche die Biologie zu Tage gefördert haben soll, als unfruchtbar
erklärt. Das thut er, indem er sagt, dass sie nicht die Vorläuferin ur-
sächlichen mechanischen Erkennens der Organismenformen geworden wäre.
Ich glaube, auch Driesch hätte sich von ihrer grossen Leistungs-
fähigkeit überzeugen können, wenn er versucht hätte, die äusseren For-
140
III. Gestaltung und Vererbung.
men der Organismen auf die Formen ihrer Plasma demente zurück-
zuführen, denn es kann keinem Zweifel unterliegen, dass der
stereometrische Aufbau des Körpers nur zu begreifen ist,
wenn seine Bausteine, also die Elemente des Plasma'-.
eine feste Form haben. Aus unbehauenen Bausteinen, die regellos
durcheinander geworfen werden, kann kein Gebäude mit wohlgeordneten
Symmetrieverhältnissen entstehen. Auch Dreyer würde bei seiner Er-
klärung der Radiolarienskelette weiter gekommen sein, wenn er von der
Notwendigkeit durchdrungen gewesen wäre, den Elementen des Plasma's
eine bestimmte Form zuzuschreiben. Was Dreyer geliefert hat, ist der
Nachweis, dass die Form der Skelette lediglich eine Art Versteinerung
des Blasengerüstes, das vom Plasma gebildet wird, bedeutet. Wie aber
dieses Blasengerüst selbst zu stände kommt, das hat Dreyer nicht ge-
zeigt und nicht zeigen können, weil er annimmt, dass es ein mehr oder
minder zufälliges sei und lediglich von den Gesetzen der Flüssigkeits-
mechanik beherrscht werde. Wie die Flüssigkeitsmechanik so regel-
rechte Formen hervorbringen kann, wie es die Radiolarien sind, ist mir
unbegreiflich. Es ist wohl mit grosser Vorsicht möglich, Seifenblasen
regelmässig anzuordnen; bläst man aber durch ein Glasrohr in eine
Schüssel mit Seifenwasser hinein, so wird man niemals eine regelmässige
Anordnung der Blasen erhalten. Das Plasma ist eben kein Seifen-
schaum, und in den Wänden des vom Plasma der Radiolarien gebildeten
Wabenwerkes haben die Plasmaelemente oder Gemmarien, wie ich sie
nenne, eine feste Anordnung, und zwar die, welche ihnen vermöge ihrer
stereometrischen Form zukommt. Die Gemmarien aber werden von Ge-
neration auf Generation vererbt; sie erzeugen ihresgleichen durch Assi-
milation und bewirken dadurch, dass die Nachkommen wieder dieselbe
Form haben wie ihre Eltern.
Es ist nun möglich, aus der sichtbaren Form des Organismus
Schlüsse auf die Form der Gemmarien, welche sein 'Plasma zusammen-
setzen, zu ziehen, und es ist weiterhin möglich, sich die Gemmarien
aufgebaut zu denken aus Elementen, welche eine bestimmte und im un-
differenzierten Plasma gleiche Gestalt haben. Diese Elemente hatten wir
Gemmen genannt und als eine Art kleiner organischer Kristalle be-
trachtet, deren Form selbstverständlich auf die der sie zusammensetzen-
den Moleküle, die uns freilich unbekannt ist, zurückgeführt werden rnuss.
l'ber die Form, welche wir diesen Gemmen zuschreiben, müssen wir
uns etwas näher aussprechen.
Die Entstehung des Grundformen. 141
Ich bin darauf verfallen, den Gemmen die Form einer geraden
rhombischen Säule zu geben, weil diese mir am besten geeignet
erscheint, die Grundformenverhältnisse der Organismen zu erklären.
Gründe dafür, dass dies die wirkliche Form ist, habe ich mich sonst
nicht aufzufinden bemüht, weil ich nicht hoffen konnte, dass sich aus
mikroskopischen Befunden die Gestalt der Gemmen ableiten Hesse. Ich
liess mich also von Zweckmässigkeitsrücksichten leiten, als ich den Gem-
men die Form einer geraden rhombischen Säule zuschrieb. Wenn sich
der Nachweis führen liesse, dass nur diese Form die Grundformen-
verhältnisse der Organismen zu erklären im stände ist, so würde die
Wahrscheinlichkeit, dass diese Form eine reale ist, bedeutend zunehmen.
Noch mehr müsste sie das thun, wenn wir unter dem Mikroskop Ge-
staltungsverhältnisse beobachten könnten, die sich am einfachsten durch
die Annahme, dass die Form der Gemmen ein gerades rhombisches
Prisma ist, erklären lassen, und ich glaube, dafür lassen sich Beob-
achtungen ins Feld führen. Solche Beobachtungen gewinnen eine um
so grössere Bedeutung, wenn sie unabhängig von jeglicher Theorie über
die Formenverhältnisse der Tiere angestellt worden sind und dennoch
mit einer Theorie übereinstimmen, die unabhängig von dergleichen Be-
obachtungen aufgestellt wurde. In diesem gegenseitigen Verhältnisse
steht zu meiner Gemmarientheorie das berühmte Bild, das Max Schultze
von den Pseudopodien der Gromia oviformis gegeben hat. Dieses Bild
habe ich auf S. 142 reproduzieren lassen, wobei ich einzelne Stellen der
Pseudopodien mit Buchstaben bezeichnet habe, um auf solche Stellen be-
sonders aufmerksam zu machen.
Wenn wir das Bild ansehen, so fällt uns sofort auf, dass die Pseudo-
podien sich unter Winkeln verzweigen, die im hohen Grade konstant
sind ; sie mögen etwa 20 ° betragen. Wie ist dieses konstante Verhalten
der Pseudopodien von Gromia zu erklären? In den Scheinfüsschen
schieben sich Plasmaelemente in derKichtung, welche durch die Pseudo-
podien angegeben werden, entlang, und zwar bewegen sich die einen
vom Körper weg, die anderen auf den Körper zu; es werden also die
Elemente des Plasmaleibes fortwährend gegeneinander verschoben, sie
werden durch die Aussenwelt stark beeinflusst, wie es beispielsweise
bei a durch eine Diatomee, die mit den Pseudopodien in Berührung
gekommen war, geschehen ist. Trotz alledem bewahren sie ihre Ver-
zweigungsverhältnisse, wie am besten aus den Stellen fr, c und ä, wo
verschiedene Pseudopodien durch Verschmelzung zu einer grösseren
142
III. Gestaltung und Vererbung.
Ansammlung- von Plasma geführt haben, hervorgeht. Besonders lehr-
reich ist die Plasmaansammlung bei c. weil sie annähernd die Gestalt
/ Fig- 2.
iL :
Gro.mia oviformis (aus 0. Hertwig, nach M. Schultzo) nebst Scbematen
zur Erläuterung der Pseudopodienverzweigung bei Gromia.
eines Rhombus besitzt. Aber auch die unregelmässigen Plasmaklumpen
bei b und d und ebenso die Plasmaansammlung , welche die Diatomee
Die Entstehung der Grundformen - . 143
bei a umgiebt, sind an ihren Ecken durch Winkel begrenzt, die im
hohen Grade mit den Verzweigungswinkeln der Pseudopodien, deren Öff-
nungsweite für Gromia typisch ist, übereinstimmen.
Diese äusserst konstanten Verzweigungsverhältnisse lassen sich am
einfachsten durch die Annahme erklären, dass die Elemente des Plasma's
der Gromien zusammengesetzt sind aus Elementen, welche die Form
kleiner rhombischer Säulen haben, mit einer Grundfläche, deren spitze
Winkel ungefähr 10° betragen. Solche kleine rhombische Säulen könnten
sich zu grösseren zusammenlagern, wie Fig. 2' zeigt, die eine von der
Grundfläche gesehene grössere Säule darstellt. Auch diese grösseren
rhombischen Säulen, die wir als die Gemmarien des Plasma's von Gromia
betrachten können, müssen spitze Winkel von 10° Weite haben. Legen
sich nun zwei solcher Gemmarien in der in Fig. 2" dargestellten Weise
aneinander, so entstehen dadurch Winkel von 20° Weite, wie sie den
Verzweigungen der Pseudopodien bei Gromia entsprechen. Es lassen sich
also diese Verzweigungen zurückführen auf die Form, die wir aus ihnen
für die Elemente des Plasma's erschlossen haben.
Dass diese Form die reale Form der Gemmarien des Gromienplasma's
ist, wird uns noch wahrscheinlicher, wenn wir die Verzweigungsverhält-
nisse der Pseudopodien an verschiedenen Stellen des Körpers etwas näher
ins Auge fassen, und insbesondere die Winkel betrachten, welche die
Pseudopodien mit der Gromienschale bilden. Bei e betragen diese Winkel
bedeutend mehr als 20°; dasselbe gilt von den Winkeln bei /' und g.
An diesen drei Stellen nähern sich die Winkel, unter denen sich die
Pseudopodien von der Gromienschale erheben, einem rechten Winkel,
und das wird uns begreiflich, wenn wir bedenken, dass sich ein Geinina-
rium des Plasma's nach zwei verschiedenen Richtungen hin an die
Schale anlegen kann, wie es Fig. 2'" zeigt. Wo solches eintritt, müssen
notwendigerweise die Winkel, unter denen sich die Pseudopodien von
der Schale abzweigen, andere werden, als an Stellen, wo, wie bei Ä, die
Gemmarien in gleicher Richtung der Schale anliegen, wie es durch Fig. 2'"
veranschaulicht wird.
Wo aber die Anordnung der Gemmarien nicht gestört ist, nament-
lich also bei den freien Verzweigungen der Pseudopodien, im umgebenden
Wasser, müssen die Verzweigungsverhältnisse allein durch die Form der
Gemmarien bedingt werden. Deshalb nähern sich auch die Verzwei-
gungswinkel desto mehr einer Konstanten, je entfernter sie von der Schale
sind. Wo allerdings Plasmabrücken, wie bei i, entstanden sind, kann
144 III. Gestaltung dnd Vererbung.
die regelmässige Anordnung der Pseudopodien gestört werden, aber auch
in solchen Fällen deutet sie auf eine bestimmte Form der Plasmaelemente
hin, wie es z. B. die Stelle c und andere thun.
In den Verzweigungsverhältnissen der Pseudopodien von Gromia
darf ich also wohl eine ziemlich direkte Bestätigung für die Richtigkeit
meiner Ansicht erblicken, dass die Form der Geinmarien bei den Organis-
men die eines geraden rhombischen Prisma's ist, und wir werden nun-
mehr sehen, dass sich aus dieser Form die gesamten Grundformenvii-
hältnisae der Tiere erklären lassen.
Die Grundformen der Tiere, auf welch letztere wir uns beschränken
müssen, lassen sich nach ihren Symm etrieverhältnissen unterscheiden.
Demnach wird eine Kugel durch einen Mittelpunkt gekennzeichnet,
durch welchen unendlich viele Symmetrieebenen gelegt werden können.
Verlängern wir einen Durchmesser der Kugel über deren Oberfläche hinaus,
oder verkürzen wir ihn an beiden Enden gleichmässig, so geht die Kugel
über in das Ellipsoid, das nicht mehr durch einen Mittelpunkt, sondern
durch eine Mittelachse gekennzeichnet wird. Eine Ebene, welche durch
den Mittelpunkt dieser Achse geht und senkrecht zu ihr steht, teilt das
Ellipsoid in zwei Hälften, die sowohl kongruent, als auch symmetrisch
gleich sind. In der Richtung dieser Achse und senkrecht zu der eben
genannten Symmetrieebene lassen sich unendlich viele Ebenen legen, von
denen gleichfalls jede das Ellipsoid in kongruente und symmetrische
Hälften teilt. Lassen wir nun den einen Pol des Ellipsoids verschieden
von dem anderen werden, so geht das Ellipsoid über in das Ovoid,
das ebenfalls durch eine Mittelachse und unendlich viele Halbierungs-
ebenen, welche so durch die Achse gelegt werden können, dass diese
in die Ebenen hineinfällt, gekennzeichnet wird. Aber das Ovoid unter-
scheidet sich dadurch vom Ellipsoid. dass sich in seiner Achse kein
Punkt mehr befindet, durch welchen senkrecht zur Achse eine Ebene
gelegt werden könnte, die das Ovoid in kongruente und symmetrische
Hälften teilte. Das Charakteristische des Ovoids ist also eine ungleich -
polige Hauptachse, während das Ellipsoid durch eine gleichpolige Haupt-
achse gekennzeichnet wird. Beide besitzen unendlich viele Nebenachsen.
Lassen wir eine dieser Nebenachsen sich an beiden Enden gleichmässig
verlängern oder verkürzen, so geht das Ovoid über in ein flachgedrücktes
Ovoid, das durch eine ungleichpolige Hauptachse und zwei zueinander
und zu der Hauptachse senkrecht stehende Nebenachsen charakterisiert
wird. Vir können ein solches flachgedrücktes Ovoid auch ein zwei-
Die Entstehung dee Grundformen. 145
schneidiges Ovoid nennen. Wird in diesem zweischneidigen Ovoid
auch noch eine der Nebenachsen ungleichpolig, so erhalten wir die
zweiseitig-symmetrische Grundform, wie sie den meisten Tieren
eigen ist. Die zweiseitig - symmetrische Grundform ist demnach charak-
terisiert durch eine ungleichpolige Hauptachse, eine gleichpolige und eine
ungleichpolige Nebenachse. Ihr Zentrum ist nicht mehr eine Achse,
sondern eine Ebene, die Symmetrieebene, und diese teilt die zweiseitig-
symmetrische Grundform nicht mehr in kongruente, sondern nur noch
in spiegelbildlich -gleiche Hälften. Wird endlich auch noch die gleich-
polige Nebenachse der zweiseitig-symmetrischen Grundform ungleichpolig,
so geht die letztere über in die unsymmetrische Grundform,
die durch drei ungleiche Achsen gekennzeichnet ist.
Wir sind bei diesen Betrachtungen von der Kugel ausgegangen,
hätten aber auch ebenso gut vom regulären Polyeder ausgehen können, um
aus dieser Grundform die regelmässige Doppelpyramide und daraus nach-
einander die regelmässige einfache Pyramide, die zweischneidige, die
bilateral- symmetrische und die unsymmetrische Pyramide zu erhalten.
Ausser diesen von der Kugel oder von dem regelmässigen Vielflächner
ausgehenden Formen giebt es aber bei den Tieren noch andere, die wir
als Schiefstrahler bezeichnen können. Ein aus zwei Strahlen be-
stehender Schiefstrahler würde etwa die Form eines lateinischen S haben.
Die Anzahl der Strahlen ist aber mehr oder minder unbeschränkt.
Das wären die einfachen Grundformen, die wir bei den Tieren
antreffen können. Wir finden aber auch häufig gemischte Grund-
formen. Sehr oft ist die zweiseitig-symmetrische mit der unsymmetrischen
Grundform verbunden, wie es beispielsweise beim Menschen der Fall ist,
dessen Herz auf der linken Seite liegt. Bei den Kammquallen ist der
schiefe Zweistrahler kombiniert mit der zweischneidigen Pyramide, und bei
einer von mir an der südaustralischen Küste entdeckten Qualle ist die
Quadratpyramide mit der unsymmetrischen Grundform verbunden.
Nach diesem für unsere Zwecke genügenden Ueberblick über die
Grundformen, welche wir bei den Tieren antreffen, wollen wir unsere
Aufgabe etwas scharfer ins Auge fassen.
Wir haben von einer Gestaltungs- und Vererbungslehre verlangt,
dass sie die Grundformenverhältnisse der Organismen erklärt. Die bis-
herigen Lehren sind dieser unerlässlichen Forderung geflissentlich aus
dem Wege gegangen, falls man nicht etwa Weismann 's Erklärung
llaacke, Gestaltung und Vererbung. 10
146 III. Gestaltung und Vererbung.
adoptieren, die Grundformen als nützliche Einrichtungen bezeichnen und
sie in den Iden vorgebildet sein lassen will. Allein mit solchen Er-
klärungen ist nichts gewonnen, und wir haben nunmehr die Aufgabe,
die Grundformen mit Hilfe der Gemmarienlehre zu erklären. Unsere
nächste Obliegenheit ist die, zu versuchen, die keimesgeschichtliche Ent-
wickelung der Grundform aus den Formenverhältnissen des befruchteten
Eies abzuleiten, ebenso wie wir diese aus der Gestalt der das Keimplasma
zusammensetzenden Gemmarien erklären müssen. Dabei kommen uns
die schönen Entdeckungen zu Hilfe, die neuerdings über die Bedeutung
der ersten Furchungsebene des tierischen Eies gemacht worden sind.
Wir haben diese Entdeckungen den ausgezeichneten Untersuchungen
und Anregungen von Roux zu verdanken. Roux weist in, wie ich
glaube, unwiderleglicherWeise nach, dass die erste Furchungsebene des
Froscheies mit der späteren Symmetrieebene des Froschkörpers zu-
sammenfällt. Höchstens kann die erste Furchungsebene Vorn und Hinten
voneinander trennen, wie es bei vielen Tieren normalerweise der Fall
ist, und erst die zweite Rechts und Links voneinander scheiden. Viele
andere Autoren haben die Untersuchungen Roux 's an anderen Tieren
bestätigt. „So haben," sagt Roux, „ausser mir selbständig Newport
und Pflüger für den Frosch erwiesen, dass die erste Furche normaler-
weise schon die Medianebene des Embryo darstellt; ebenso konnten
Seeliger, sowie van Beneden und Julin bestimmen, dass auch bei
Ascidien die erste Furche der Medianebene des Embryo entspricht und
dass die dritte Furche das Ekto- und Entodermmaterial voneinander
scheidet, welch letzteres von M. v. Davidoff für das von ihm untersuchte
Objekt, Distaplia, bestätigt wird. Für die Achordaten liegt gleichfalls
eine grosse Anzahl entsprechender Beobachtungen vor, welche die festen
Beziehungen zwischen den Hauptrichtungen des Embryo und den ersten
Furchungsebenen darthun : Bei den Coelenteraten stellt die Durchschnitts-
linie der beiden ersten Furchungsebenen des Eies zugleich die Hauptachse
des Tieres, die Verbindung des oralen und aboralen Poles dar; und die
dritte dazu rechtwinkelig stehende Furche scheidet Ektodermmaterial von
Entodermmaterial. Bei den Ktenophoren entsprechen ausserdem die beiden
ersten Fiuvhungsebenen den beiden gekreuzten Symmetrieebenen des
Embryo. Bei den Polykladen entstehen durch die beiden ersten Furchen
zwei kleine dem aboralen und zwei grosse dem oralen Pole entsprechende
Zellen; und von den beiden letzteren entspricht die grössere dem Hinter-
ende, die kleinere dem Vorderende des Tieres. Bei den Orthonectiden
Die Entstehung der Grundformen. 147
und Dycyeniiden ist gleichfalls Vorn und Hinten gleich anfangs zu unter-
scheiden. Bei den Nematoden scheidet die erste Furche den Ektoderm-
teil des Eies vom Meso- und Entodermteile, und bei Rhabditis nigro-
venosa ist nach Götte zu dieser Zeit auch schon die ventrale und dorsale
Seite, sowie das Vorder- und Hinterende des Embryo charakterisiert.
Bei den Rotatorien sind nach der zweiten Furchung schon alle drei Rich-
tungen des Embryo als bestimmt erkennbar: und die grösste der vier
Zellen liefert das Ento- und Mesoderm. Bei den Polychäten liefern die
nach der dritten Furchung vorhandenen oberen kleineren Zellen das
Ektoderm, die unteren, grösseren das Entoderm. Bei den Oligochäten
sind nach der dritten Furchung schon alle Hauptrichtungen des Embryo
kenntlich. Die Eier der Hirudineen haben eine Achse mit kennt-
lichem animalen Pol, und schon nach der ersten Furchung sind alle
Hauptrichtungen normiert. Bei Baianus (Krustaceen) entsteht an dem
länglichen Ei zuerst eine Furche, welche eine vordere protoplasma-
tische, den Ektoblast liefernde Zelle, von der hintern, dotterkörner-
haltigen , dem Entoblast entsprechenden Zelle scheidet. Bei Cirrhipeden
(Policipes) entspricht nach Nussbaum das Kopfende des Nauplius dem
stumpfen Eipole, das Schwanzende dem spitzen oder Befruchtungspole.
Das Insektenei lässt schon vor der Befruchtung an seiner Gestalt drei
Hauprrichtungen erkennen, welche der dorsalen und ventralen Seite,
sowie dem Kopfende und Hinterende und den lateralen Seiten ent-
sprechen, so dass alle Hauptebenen des Embryo schon vor der Befrach-
tung bestimmt sind."
Durch diese Ergebnisse embryologischer Untersuchungen ist un-
zweifelhaft dargethan, dass entweder schon das Ei, oder doch wenigstens
der sehr junge Embryo dieselben Symmetrieverhältnisse zeigt, wie das
erwachsene Tier. Man hat nun diese Ergebnisse für die Präformations-
theorie auszubeuten gesucht, und es lässt sich auch nicht leugnen, dass
die Präformationstheorie, wenn sie überhaupt möglich wäre, in ihnen eine
grosse Stütze finden würde; indessen ebensosehr und vielleicht in noch
höherem Grade wird die Epigenesislehre durch jene Ergebnisse gestützt.
Sie ermöglichen es uns geradezu, uns eine konkrete Vorstellung über
die Form der Plasmaelemente, welche die befruchteten und auch schon
die unbefruchteten Eier der Tiere zusammensetzen, zu bilden. Wir wollen
dabei ausgehen von der zweiseitig-symmetrischen Grundform,
Der organische Mittelpunkt der Zelle ist das Polkörperchen oder
Centrosoma. Um dieses herum gruppiert sich das Plasma der Zelle in
10*
148
III. Gestaltung und Vererbung.
Strahlen, wie wir es an so vielen Zellen beobachten können. Die
Anordnung dieser Strahlen muss n otwendiger weise von der
Art abhängen, wie die PI asm ae lernen te aus Genimarien auf-
gebaut sind. Die Form der Gemmarien kommt dadurch zu stände,
dass sich die Gemmen mit ihren Grundflächen aneinauderlegen und
längere oder kürzere rhombische Säulen bilden, die sich wiederum mit
den Längsseiten aneinanderlagern. Der Querschnitt dieser Säulen wird
demnach gebildet durch eine Figur , die sich aus Rhomben zusammen-
setzt. Da die Gemmen ausserordentlich klein gedacht werden müssen,
so ist eine grosse Mannigfaltigkeit von Gemmarien-Querschnitten (s. Fig. 3)
möglich, und von der Form dieser Querschnitte hängt die
Form der Zelle ab, denn wir müssen uns vorstellen, dass schon die
Fig. 3.
Gemmarienquerschnitt.
Zwei zweiseitig-symmetrische Gemmarien.
Die Lage der Symmetrieebenen der Gemmarien ist durch
* angegeben.
Form des Centrosoma, das aus Gemmarien zusammengesetzt ist, durch die
Form seiner Gemmarien bedingt wird. Die Form der letzteren kann etwa
eine solche sein, wie sie Fig. 4 zeigt, die zwei zweiseitig -symmetrische
Gemmarien, zwei Gemmarien, davon jedes nur durch eine einzige Mittel-
ebene in zwei symmetrische Hälften zerlegt werden kann, darstellt. Diese
zweiseitig-symmetrischen Gemmarien können sich in verschiedener Weise
aneinanderlegen , je nachdem ihre Hauptanziehungsrichtung in die eine
oder in die andere ihrer drei Achsen fällt. Die Anziehungsrichtung wird
aber wahrscheinlich durch die Form der Gemmarien selbst bedingt.
lallt sie etwa bei den beiden in Fig. 4 abgebildeten Gemmarien mit
der Längsachse der letzteren zusammen, so werden sich zwei derartige
Gemmarien mit je einem Ende aneinander fügen, und zwar müssen
sie dabei wieder symmetrisch zu liegen kommen, weil sie sonst keinen
Gleichgewichtszustand darstellen. Ausser den Endpunkten der Hauptachse
• kr Gemmarien müssen sich beispielsweise auch die Funkte a und a,
b und b, c und c usw. anziehen, und dadurch werden eben die Gemmarien
in eine symmetrische Lage zu einander gebracht.
Die Entstkih'nu der Grundformen.
141)
Schema einer zweiseitig; -symmetrischen Zelle.
a Aufriss. b Grundriss. c Seitenansicht.
Nachdem aber zwei derartige Gemmarien den organischen Mittel-
punkt der Zelle, den Kern ihres Centrosoma's, gebildet haben, müssen
sich die anderen Gemmarien in entsprechender Weise anfügen, so dass
durch ihre Orientierung ein bilateral -symmetrisches Strahlensystem zu
stände kommt, wie es Fig. 5 im Grundriss, im Aufriss und in der
Seitenansicht zeigt. Etwa
so, wie in dieser Figur,
werden die Plasmaele-
mente in dem Froschei
orientiert sein. Teilt sich
ein solches Ei, so zer-
fällt dabei das Centro-
soma in zwei Polkörper,
wodurch zwei Anzie-
ziehungsmittelpunkte gebildet werden und zwei Strahlen Systeme ent-
stehen, die sich durch Verlängerung der Strahlen voneinander entfernen.
Würde die Trennung eine vollkommene sein, so würden wir anstatt
einer zwei bilateral-symmetrische Zellen erhalten. Die Furchungskugeln
der Eier mehrzelliger Tiere bleiben aber miteinander in Verbindung,
und zwar, wie wir uns vorstellen können, infolge starker gegenseitiger
Anziehung. Es bleiben Plasm abrücken zwischen den Zellen bestehen,
und letztere halten einander das Gleichgewicht
Es ist nun unschwer zu verstehen, dass das durch die erste Furchung
entstandene Gebilde seinerseits bilateral -symmetrisch sein muss,
etwa so, wie es Fig. 6 dar-
stellt. Da die beiden ersten
Furchungszellen sich genau das
Gleichgewicht halten müssen,
so ist es selbstverständlich,
dass die weiteren Furchungen
nach einem bestimmten Plane
erfolgen. Die Zellen können
sich nur in ganz bestimmten Richtungen teilen, je nachdem ihre
Gemmarienstrahlen so oder anders angeordnet sind. Solches sehen
wir denn auch in der That eintreten, wie es beispielsweise die sche-
matische Darstellung eines nach Oscar Hertwig kopierten Frosch-
eies (Fig. 7) zeigt und ja übrigens genügend bekannt ist. Sind die
Gemmarien der Eizelle vollkommen bilateral - symmetrisch , so muss
Fig. 6.
Schema eines zweiseitig-symmetrischen Zweizellen-
stadiums,
a Aufriss. b Grundriss. c Seitenansicht.
150
III. Gestaltung im> Vererbi ng.
Pi& 7.
endlich bei dem erwachsenen Tier jede Zelle auf der rechten Körper-
seite einer ganz bestimmten Zelle auf der linken Körperseite ent-
sprechen, und zwar mit absoluter Notwendigkeit. Zu dieser
vollkommenen Symmetrie führt die Gestalt der Gemmarien unfehl-
bar hin, und dass es so ist, ist nicht schwer zu ver-
stehen. Es ist in der That nicht leicht zu begreifen,
weshalb man nicht schon früher darauf gekommen
ist, die Formen Verhältnisse des Körpers aus der Ge-
stalt seiner Plasmaelemente zu erklären.
Ebenso leicht, wie sich die zweiseitig- symmetri-
sche Grundform eines erwachsenen Tieres aus der-
jenigen seiner Eizelle und zuletzt aus der Form der
Gemmarien herleiten lässt, lassen sich die übrigen
Grundformen erklären. Es ist nicht nötig, dass wir
eine nach der anderen der Reihe nach vornehmen,
denn einige wenige Beispiele werden genügen, um
zu zeigen, dass unsere Gemmarienlehre in der That
geeignet ist, dasjenige allgemeine Verständnis des
Formenaufbaues der Organismen zu geben, das bei
dem gegenwärtigen Zustande der Biologie, der Che-
mie, Physik und Mathematik überhaupt möglich ist. In der That
werden wir, wie ein mathematischer Freund mich belehrt hat, ein tieferes
Verständnis für die Formen Verhältnisse der Organismen erst von einein
noch zu schaffenden neuen System der Mathematik erwarten dürfen.
Die unsymmetrische Grundform eines Tieres ist aus unsym-
metrischen Gemmarien herzuleiten. Ich habe mir diese in meiner
„Schöpfung der Tierwelt' 1 so vorgestellt, dass in ihre Zusammensetzung
Gemmensäulen eingetreten sind, deren einzelne Gemmen sich mit einer
ihrer Seitenflächen aneinander gelagert hatten. Es ist zwar nicht un-
wahrscheinlich, dass solches geschieht, es lässt sich aber auch leicht zei-
gen, dass es genügt, wenn wir nur eine Art und Weise der Aneinander-
lagerung von Gemmen bei der Säulenbildung annehmen. Wir brauchen
uns nur vorzustellen, dass in einem bilateral-symmetrischen Gemmarium
eine oder mehrere Gemmensäulen nach der einen oder andern Seite hin
verschoben sind, so dass sie über das Ende des Gemmariums heraus-
ragen, wie es in Fig. 8 dargestellt ist. Biese Figur zeigt uns nun,
dass zwei Gemmarien, die der Hauptsache nach bilateral - symmetrisch
sind, aber durch eine oder wenige Gemmenreihen von der bilateralen
Schema der Teilung
des Frosehfies (nach
U. Jleit wig).
Die Entstehung der Grundformen.
151
Symmetrie abweichen, sich so anordnen müssen, dass daraus ein un-
symmetrisches Strahlensystem entsteht, wie es in Fig. 9 in drei
Ansichten dargestellt ist. Die Teilung einer solchen Zelle giebt not-
wendigerweise zwei Furchungszellen, die in ihrer Grösse und in ihren
Formenverhältnissen von-
einander abweichen müs-
sen. Blieben diese beiden
Furchungszellen nicht mit-
einander in Verbindung,
so würden wir allerdings
zwei Zellen erhalten, die
dieselbe Form haben wür-
den wie die ursprüngliche
Eizelle. Dergleichen Zellen werden beispielsweise gebildet durch ein
sich teilendes, unsymmetrisch gebautes Infusorium, etwa einen Stentor,
aber bei den Eiern viel-
zelliger Tiere bleiben die
beiden Zellen in Zusam-
menhang, wodurch not-
wendigerweise ein un-
symmetrischer Körper ent-
stehen muss. Fig. 10
Zwei im wesentlichen zweiseitig-symmetrische Gemma-
rien mit unsymmetrischer Verschiebung etlicher Gemmen-
reihen.
Schema einer unsymmetrischen Eizelle,
a Aufriss. b Grundriss. c Seitenansicht.
zeigt uns die ersten bei-
den Furchungszellen einer
unsymmetrischen Eizelle in drei Ansichten. Es ist nicht schwer zu be-
greifen, dass aus diesen beiden Furchungszellen, die zwar im grossen
und ganzen symmetrisch sind,
aber etwas von der Symmetrie
abweichen, ein Organismus ent-
stehen muss, der gleichfalls der
Hauptsache nach durch eine
Medianebene gekennzeichnet ist,
aber eine ungleiche Ausbildung
seiner beiden Körperhälften zeigt. Die Notwendigkeit, dass sich ein
solcher Organismus aus einer unsymmetrischen Eizelle entwickeln muss,
leuchtet sofort ein, wenn wir bedenken, dass die beiden Seiten unserer
unsymmetrischen Eizelle etwas voneinander abweichen und dass sich die
beiden Furchungszellen ebenso verhalten müssen. Die rechte Seite
Schema eines unsymmetrischen Zweizellenstadiums,
a Aufriss. b Grundriss. c Seitenansicht.
152 III. Gestaltung und Vererbung.
der linken Furchungszelle ist mit der ihr unsymmetrischen linken
Seite der rechten Furchungszelle verwachsen, und die dadurch bedingte
Asymmetrie des Ganzen muss sich durch den gesamten Körper hindurch
fortsetzen.
Xicht schwieriger als die Zurückführung einer unsymmetrischen
Grundform auf die Gestalt der ihr Plasma zusammensetzenden Gemma-
rien ist die Erklärung eines Schiefstrahlers, wie er sich beispiels-
weise bei den Segelquallen (Velella usw.) findet. Die Form dieser Tiere
lässt sich einigermassen vergleichen mit einem lateinischen S. Die beiden
Hilden der Hauptperson von Velella sind einander kongruent, aber
nicht symmetrisch gleich, gerade so, wie es beim S der Fall ist. Den-
ken wir uns Gemmarien mit bilateral - symmetrischem Querschnitt, in
welchen Gemmensäulen auf der einen Seite dieses Querschnittes über
das eine Ende des Gemmariums hinausgeschoben sind, mit ihren geraden
Abschnittsenden aneinandergelegt,
so resultiert daraus durch Anfü-
gung neuer Gemmarien und Strah-
lenbildung eine Zelle, wie sie
Fig. IIa im Durchschnitt zeigt.
Wenn sich diese Zelle teilt, so er-
Entetehung eines Schiefstrahlers. halten *il Fi g- llb und weiterhin
a Einzellenstadium. 1) Zweizellenstadium. JV J1 C un( J es j s t mm n i c i lt
c Vicrzellenstadium.
mehr schwer einzusehen, dass
durch fortgesetzte Zellteilung ein schiefstrahliger Körper entstehen muss.
Es lässt sich somit auch die Form des Schiefstrahlers auf die seiner Gem-
marien zurückführen.
Dagegen scheint eine Grundform, wie sie die in Fig. 12a und b ab-
gebildete Qualle zeigt, zunächst jedes Erklärungsversuches spotten zu
wollen. Wir haben es hier mit einem Tiere zu thun, dessen Grundform
die einer regulären Quadratpyramide ist. In jedem Quadranten der Py-
ramide liegen zwei Mundarme, die zu einem Paare vereinigt sind, und
nur in einem Quadranten trägt dieses Mundarmpaar ein langes An-
hängsel, den sogenannten Terminalknopf, aber auch nur an einem, und
zwar an dem linken seiner beiden Arme. Davon, dass es immer der
linke ist, habe ich mich an vielen Exemplaren der Monorhiza überzeugt.
Diese Qualle lässt sich weder in kongruente, noch in symmetrische
Hälften zerlegen. Indessen lässt auch ihre Grundform sich durch An-
nahme einer bestimmten Form von Gemmarien erklären.
Die Entstehung der Grundformen.
153
Im wesentlichen hat die Qualle die Form einer Quadratpyramide,
und hieraus ergiebt sich eine Gemmarienform, wie sie der symmetrische Teil
des Querschnittes von Fig. 13 zeigt. Legen sich vier Gemmarien mit einem
Fig. 12.
Monorhiza haeckeli.
a Von unten.
b Von der Seite.
(Nach Haacke. Der
Terminalknopf in
Fig. 12 a ist irrtüm-
licherweise dem
rechten Mundarm des
betreffenden Quadran-
ten angefügt worden.)
derartigen Querschnitt mit den Enden aneinander, wobei sie infolge gegen-
seitiger Anziehung gleiche Abstände bewahren müssen, so resultiert daraus
eine Zelle, die durch die beiden ersten Furchungsebenen in vier kongruente
Zellen zerfallen würde. Allein „. i0
-Clg. lo.
unsere Qualle ist nur der Haupt-
sache nach quadratpyramidal.
In der Stellung, wie Fig. 12a
uns die Meduse zeigt, haben
wir ein oberes und ein unteres
Quadrantenpaar. Das obere
unterscheidet sich etwas von
dem unteren, und zwar durch
_. . , tm,. Hypothetische Gemmarienform von Monorhiza.
den Besitz des dreikantigen Jl
Terminalknopfes. In dieser Stellung ergiebt sich also für die Me-
duse, wenn wir zunächst absehen von der Asymmetrie der Anhef-
1Ö4 III. Gestaltung und Vererbung.
tungsstelle des Terminalknopfes, eine zweiseitig-symmetrische Grundform,
denn wir können ein Oben und Unten, ein Vorn und Hinten und ein
Rechts und Links an der Qualle unterscheiden. Ihre Grundform rnuss
also nicht durch nur quadratbestimmende, sondern durch gleichzeitig bila-
teralitätbestimmende Gemmarien bedingt werden. Wir hätten also an
den Gemmarienquerschnitt noch einige Gemmarienreihen anzufügen , die
zweiseitige Symmetrie bedingen würden. Sie würden es erklären, w r arum
das Ei der Meduse sich in zwei symmetrisch zu einander gelegene
Zellen teilt. Aber die beiden oberen Quadranten der Meduse weichen
dadurch voneinander ab, dass nur dem einen von ihnen der Terminal-
knopf zukommt. Es müssen also in den Gemmarien der Meduse auch einige
Gemmenreihen liegen, welche Asymmetrie bedingen, und diese könuen zu-
gleich die, welche wir uns vorher als die symmetriebestimmenden dachten,
unterstützen. Beide werden, da die Abweichung der Meduse von der
regulären Quadratpyramidenform ja nur eine sehr geringe ist, an Anzahl
sehr hinter den Gemmenreihen zurückstehen, welche die Quadratpyramide
bedingen , so dass ein Gemmarium der Meduse etwa aussehen würde,
wie es die Fig. 13, von der wir vorher nur den einen Teil ins Auge ge-
fasst haben, zeigt. Das Ei der Meduse würde ein System von Plasma-
strahlungen erhalten, wie es Fig. 14a veranschaulichen soll. Symme-
trisch zu der punktierten Linie in dieser Figur stehen Strahlen, die
Plasmastrahlen darstellen sollen. Sie sind aus Gemmarien zusammen-
gesetzt, die neben der regulären Pyramidenform gleichzeitig Symmetrie
und Asymmetrie bedingen, Gemmarien, wie eines in Fig. 13 abgebildet
ist. Der zweiseitig -symmetrische Teil des Querschnittes dieser Gem-
marien bedingt die reguläre Pyramidenform ; die unteren vorderen und die
verschobenen Gemmenreihen aber bedingen die symmetrische An-
ordnung der unsymmetrischen Plasmastrahlen aus diesen Geinmarion.
Unsymmetrisch müssen diese Plasmastrahlen deshalb sein, weil die Geni-
marien zwei ungleiche Enden haben. Dagegen unterstützt eben der-
selbe Teil der Gemmarien, der diese Ungleichheit der Enden bedingt,
die symmetrische Anordnung der Gemmarienstrahlen. Die verschobenen
Gemmenreihen nehmen infolge gegenseitiger Anziehung eine symme-
trische Lage zu der durch die punktirte Linie dargestellten Mittelebene
der Zelle ein, aber in den rechts von dieser Mittelebene gelegenen
Strahlen muss der überstehende Teil der Gemmarien nach aussen,
nach der Peripherie, gerichtet sein, wenn er in den Strahlen auf der
linken Seite nach innen gerichtet ist, oder umgekehrt. Durch ein
Die Entstehung der Grundformen.
155
Modell würde dieses ohne weiteres klar werden. In Fig. 14 habe ich
die symmetrische Anordnung der Gemmarienstrahlen durch die
senkrecht zu den Strahlen stehenden Strichelchen, die Asymmetrie
der Strahlen selbst durch die schrägen Strichelchen auf der andern
Seite jeden Strahles anzudeuten gesucht. Einfacher wäre es gewesen,
die senkrechten Strichelchen fortzulassen. Die Figur soll zeigen, dass
die Gemmarien , aus welchen wir uns die Strahlen zusammengesetzt
Fig. 14.
Hypothetisches Schema der Eifurchung von Monorhiza.
a Einzellenstadium, h Zweizellenstadium, c Vierzellenstadium, d Achtzellenstadium.
denken, kongruent sind und durch ihre Form die beschriebene Anord-
nung bedingen müssen.
Wer sich in diese schwierigen Formenverhältnisse hineindenkt und
sich dessen erinnert, was wir oben über die Furchung symmetrischer
und unsymmetrischer Eier gesagt haben, wird verstehen, dass aus dem
durch Fig. 14a symbolisch dargestellten Medusenei zwei Furchungs-
zellen, wie wir sie in Fig. 14b sehen, und dass aus diesen weiterhin
vier und acht mit der durch Fig. 14 c und d ausgedrückten Anordnung
der Plasmastrahlen entstehen müssen. Die Notwendigkeit der un-
gleichen Form dieser Zellen geht aus einem genauen Studium der Fi-
guren hervor.
Es ist zwar nicht wahrscheinlich, dass das gefurchte Ei der Mono-
rhiza in Wirklichkeit beträchtliche Unterschiede zwischen den einzelnen
Furchungszellen erkennen lässt, und die Furchung mag in ganz anderer
L56 III. Gestaltung und Vererbung.
Weise verlaufen, als wir es hier hypothetisch annehmen. Auf alle Fallt'
in uss aber die Anordnung der Zellen sich nach der Form der Gemnia-
rien richten, und unsere hypothetischen Figuren lehren deutlich, dass die
Zellen ungleich werden müssen. Diese Ungleichheit muss im ferneren
Verlauf der Entwicklungsgeschichte von Monorhiza beibehalten werden.
Da die Gemmarienform eine bestimmte ist, so muss die Aufeinander-
folge der ungleichen Zellen bei jeder Keimesentwickelung eines Indi-
viduums von Monorhiza dieselbe sein , und wir begreifen deshalb,
warum der Terminalknopf immer nur in einem Quadranten und immer
nur an dem linken Stücke des in diesem Quadranten liegenden Mund-
annpaares entsteht.
Die Abweichung der Monorhizagemmarien von der Symmetrie braucht
durchaus keine bedeutende zu sein , denn es ist nichts weiter nötig,
als dass die Anfänge des Terminalknopfes gebildet werden. Dieser
bildet sich dann durch den Gebrauch von selbst weiter aus, denn junge,
durch die Teilung des Scyphostoma entstandene Quallen sind ja ausser-
ordentlich klein, und man kann sich recht gut vorstellen, dass ihre
Weiterentwickelung zum grossen Teile davon abhängt, dass sie sich
schwimmend im Meere umherbewegen und auf Nahrung ausgehen.
Die Monorhiza ist nicht nur deshalb von grosser Wichtigkeit für
uns, weil sie die allseitige Anwendung unserer Gemmarienlehre auf die
Grundformenverhältnisse der Tiere in schönster Weise darthut, sondern
auch deshalb, weil sie uns verstehen lehrt, warum an einer
kleinen Stelle des Körpers eine unbedeutendeAb weichung
von der Umgebung und von der Symmetrie entstehen und
vererbt werden kann. Weismann kann sich nicht vorstellen, wie
auf Grund einer epigenetischen Vererbungstheorie die Übertragung eines
kleinen Muttermales verständlich werden kann; aber unsere Monorhiza
lehrt uns, dass solches nicht nur möglich, sondern auch vorstellbar ist.
Ein unsymmetrisch gelegener Leberfleck verdankt seine Entstehung einer
minimalen Vergrösserung der Abweichung von der Symmetrie, welche
die Gemniarien des Menschen ohnehin haben müssen, weil ja etliche
Organe des Menschen, wie das Herz, eine unsymmetrische Lageruni;
haben. Werden ausser den wahrscheinlich ziemlich zahlreichen Gemmen-
reihen, welche diese normale Abweichung von der Symmetrie be-
dingen, noch eine oder einige wenige unsymmetrisch gelegene Gemmen-
reihen dem Gemmarium angefügt, so müssen diese die Asymmetrie des
menschlichen Körpers allerdings vergrössern, aber sie sind nicht im
Die Entstehung der Grundformen.
157
Fig. II
stände, es in so hochgradiger Weise zu thun, dass es äusserlich sichtbar
würde. Nur an der einen oder der anderen Seite des Körpers, nur an
einer besonders geeigneten Stelle, wird endlich diese verstärkte Abwei-
chung von der Symmetrie zum Ausdruck kommen, wie sie es durch
Bildung eines Muttermales oder eines Leberfleckes thut. Eine derartige
minimale Abweichung von der Symmetrie kann nur an den Zweig-
spitzen des Zellenstammbaumes sichtbar werden, der durch den
menschlichen Körper dargestellt wird. Das können wir uns an der Hand
der beifolgenden Abbildung klar machen.
Fig. 15b veranschaulicht einen Zellenstammbaum, der aus einer
in geringem Grade von der Symmetrie abweichenden, im übrigen aber
zweiseitig- symmetrischen Zelle hervorgeht. "Wäre
die Zelle vollkommen symmetrisch, so würde sie
sich in der Weise verzweigen, wie es Fig. 15a
zeigt. Durch die punktierte Linie, welche den Win-
kel, den die beiden ersten Aste des Stammbaumes
a bilden, halbiert, soll ausgedrückt sein, dass diese
Äste einander vollkommen symmetrisch gleich sind.
Dagegen ist der Winkel, den in Figur b der rechts
gelegene erste Ast des Zellenstammbaumes eines
aus einer etwas unsymmetrischen Zelle hervor-
gegangenen Körpers mit der punktierten Linie
bildet, ein wenig grösser als der neben ihm lie-
gende. Aber diese Abweichung von der Symmetrie
ist so gering, dass sie unserem Auge kaum wahr-
nehmbar ist. Die weiteren Zweige des Zellen-
stammbaumes sind in Figur a immer symmetrisch
zueinander gelegen, so dass sie mit dem vorher-
gehenden Zweige immer gleiche Winkel bilden,
während diese Winkel in Figur b immer um ein
weniges voneinander verschieden sein sollen. Aus
unserer mit grosser Sorgfalt angefertigten Zeich-
nung ist nun leicht zu ersehen, dass die Asvm- a ) eincs . re ' n z â„¢?. lsC)t1 ?-
p symmetrischen Korpers,
metrie des Zellenstammbaumes b mit jeder neu b ) eines zwc iseitig-sym-
hinzukommenden Zweigbildung deutlicher wird, metrischen Körpers mit
° ° geringer Abweichung von
und ganz ähnlich muss es sich im Tierkörper der Symmetrie,
verhalten, falls eine Eizelle durch Gemmarien auf-
gebaut wird, die eine minimale Abweichung von der die bilaterale Sym-
Symbole für Zellenstamm-
bäume
1")^ III. Gestaltung im» Vererbung.
raetrie des Körpers bedingenden Grundform haben. Solche Abweichungen
werden gelegentlich zu Tage treten, sei es durch Ablagerung von Pig-
ment an besonders dazu geeigneten Stellen, sei es in etwas gröberer
"Weise, und es ist klar, dass sie sich vererben müssen, falls sie einer
Abweichung der Gemmarien von der Symmetrie ihre Entstehung ver-
danken. Es ist also die Vererbung von Muttermalen u. dgl. auf Grund
unserer epigenetischen Vererbungstheorie sehr wohl verständlich.
Die von uns gegebenen Figuren sind gewiss im hohen Grade sche-
matisch und veranschaulichen nur in höchst roher Weise die Notwendig-
keit, mit welcher eine bestimmte Grundform des Körpers aus einer be-
stimmten Gemmarienform resultiert. Allein, dass sie es thun muss, geht,
glaube ich, mit vollkommener Sicherheit aus unseren Auseinandersetzungen
hervor. Wenn die Gemmarien eine bestimmte Form haben, wenn sie
sich, wie wir früher gezeigt haben, durch Assimilation vermehren können,
und wenn sie sich gegenseitig anziehen, so müssen sie sich in jeder
Zelle in ganz bestimmter Weise zusammenlagern, und zwar geschieht
dieses um einen gemeinsamen Mittelpunkt, das Centrosoma, herum. Ist
die Zelle isoliert, so erhält sie dadurch diejenige Grundform, die ihr ver-
möge der Form ihrer Gemmarien mit Notwendigkeit zukommt. Steht
sie aber mit anderen Zellen in körperlichem Verbände, so wird ihre
Form selbstverständlich durch die Form der benachbarten Zellen beein-
flusst, und der ganze Körper erhält dann die Grundform, die seiner Ei-
zelle durch die Gestalt ihrer Gemmarien zukam.
Diese Gestalt bedingt es auch, dass die Plasmastrahlungen sich nicht
ganz gleichmässsig um das Centrosoma herum verteilen, sondern dass
sie je nach dem Orte, welchen sie einnehmen, dichter oder weniger nahe
bei einander stehen. Wo sie weniger dicht stehen, wird sich ungeformte
Substanz, Nahrungsdotter, ansammeln können, und dieser macht es be-
greiflich, dass eine Sonderung von verschieden grossen Zellen eintreten
muss. Aus der Teilung einer nahrungsdotterhaltigeii Zelle muss ein
Keim hervorgehen, dessen eine Hälfte kleinere und plasmareichere Zellen
enthält als die andere, in welcher grössere Zellen, die reicher an Nah-
rungsdotter sind, liegen, und dadurch wird, wie wir später sehen werden,
die Entstehung eines zweischichtigen Keimes, einer Gastrula, begreiflich,
und weiterhin die fortgesetzte Faltenbildung im Körper, wie sie besonders
schön in der Keimesgeschichte und in dem Körperbau des Amphioxus
zum Ausdruck gelangt. Die Gemmarienlehre erklärt also nicht allein
die Vererbung der Grundform, sondern auch die der Organe, und ge-
Die Entstehung der Grundformen. 159
nügt deshalb allen Ansprüchen, die an eine Theorie der Formbildung zu
stellen sind.
Dass sie auch auf die Entstehung der Formen bei den Pflanzen
anwendbar ist, wird nach allem Vorhergehenden nur der bezweifeln, der
sich noch nicht völlig in die allerdings äusserst schwierigen stereometrischen
Vorstellungen hineingefunden hat, die zum Verständnis unserer Gemma-
rienlehre unerlässlich sind. Nur wer ein genügend ausgebildetes
stereometrisches Vorstellungsvermögen, wie es leider nicht allzu häufig
ist, besitzt und die Mühe intensiven Nachdenkens nicht scheut, wird in
das Verständnis der Gemmarienlehre eindringen und sich auch mit Hilfe
von Zeichnungen und Modellen in der Ableitung der Grundformen der
Organismen von den Formen ihrer Gemmarien zurechtfinden. Er wird
auch einsehen, dass der Kern in den verschiedenen Zellen des Körpers
immer eine bestimmte Lage einnehmen muss, dass er sich wahrscheinlich
dort finden wird, wo er den geringsten Widerstand findet.
Die Anordnung der Gemmarien in bestimmter architektonischer
Weise ist natürlich dort nicht möglich, wo eine lebhafte Plasmaströmung
stattfindet, wie wir sie bei den Pflanzen sehen. Aber in dem Urmeristem
der Pflanzen lässt sich eine solche Plasmaströmung nicht nachweisen,
denn was man als solche gedeutet hat, lässt sich sehr wohl durch die
Annahme erklären, dass diese Zellen wachsen und dabei ja natürlich ihre
Plasmaelemente etwas gegeneinander verschieben müssen. Im grossen
und ganzen bleibt die Anordnung der letzteren in den Meristemzellen
dieselbe, und diese müssen sich deshalb in bestimmter Weise gruppieren
und dadurch zu dem architektonischen Aufbau führen, der uns an den
Pflanzen in so greifbarer Weise entgegentritt.
Was wir vom Kern gesagt haben, gilt auch für die anderen Zell-
einschlüsse, so auch für die Vakuolen. Dass diese beispielsweise bei
den Infusorien einen festen Platz haben, wissen wir bestimmt; aber auch
bei den Kadiolarien müssen sie in einer regelmässigen, durch die Form
der Gemmarien bedingten Weise angeordnet sein. Sie bilden sich da,
wo sie den geringsten Widerstand finden, und dasselbe muss von den
viel kleineren Vakuolen, die nach Bütschli eine wabenförmige An-
ordnung des Plasma's bedingen, gleichfalls gelten. Eine solche schaum-
förmige Verteilung der kleinen Vakuolen mag immerhin in den meisten
Zellen bestehen; allein es ist nicht richtig, in diesem AVabenwerk die
Struktur des Plasma's zu erblicken, denn aus Plasma bestehen nur die
Wände der Vakuolen und nicht der Inhalt der einzelnen Hohlräume.
160 III. Gestaltung und Vererbung.
In den Wänden der Vakuolen kann sich aber das Plasma der Form
seiner Gemmarien entsprechend anordnen, und diese Anordnung braucht
nicht durch die Vakuolen gestört zu werden, solange keine Plasma-
strömung, wie in den Pflanzenzellen, eintritt. Ich habe also keine Ver-
anlassung, Bütschli zu widersprechen, wenn er für das Plasma einen
wabenförmigen Bau annimmt, aber die Struktur der plasmatischen
Wände dieses Wabenwerkes hängt lediglich von der Gestalt
der Gemmarien ab.
Wir haben in einer, wie ich hoffe, verständlichen Weise nunmehr
die Ontogonie der Grundformen erklärt, sie auf die Gestalt der Gemmarien
der befruchteten Eizelle zurückgeführt. Die Gemmarienform ist aber
eine erworbene, eine Gestalt, welche sich im Laufe der stammesgeschicht-
lichen Entwickeluug verändert hat; und wir haben nunmehr zu zeigen,
wie wir uns diese Veränderung zu denken haben.
Die Stammesgeschichte der tierischen Grundformen
bewegt sich, wie wir gesehen haben, in einer ganz bestimmten Richtung.
Bei den niedersten Urtieren, z. B. bei den Amöben, ist die Grundform
durchaus unregelmässig, dass aber die Gemmarien des Plasma's bei ihnen
schon eine bestimmte Gestalt haben, lässt sich folgern aus der charakteri-
stischen Form der Scheinfüsschen bei diesen und anderen Urtieren. Bei
den Sonnentieren hat das Plasma schon eine bestimmtere Form ange-
nommen, insofern als hier die Kugel die herrschende Grundform ist, und
die Sonnentiere leiten hinüber zu den Radiolarien, bei welchen wir alle
Grundformen, die überhaupt im Tierreich vorkommen, vertreten finden;
hier muss die erbliche Form der Gemmarien in jeder einzelnen Art eine
sehr bestimmte sein. Die Kammertiere weisen gleichfalls Reihen auf, in
welchen die Grundform mit dem Fortschreiten von unten nach oben an
Bestimmtheit gewinnt, und dasselbe ist bei den Flagellaten und Infusorien
der Fall; unter diesen beiden Gruppen haben wir schon unsymmetrische
Tiere. Wir haben also schon bei den Urtieren sämtliche Hauptformen,
die wir bei den Darmtieren wiederfinden, durch einzelne Zellen ver-
wirklicht, und daraus geht hervor, dass auch die Eizelle der Darmtiere
dieselben Grundformverhältnisse zeigen kann, wie der einzellige Leib der
Urtiere.
Unter den Darmtieren finden wir ähnliche Stufenfolgen wie bei den
Urtieren. Von den Schwämmen angefangen nimmt die Grundform an
Bestimmtheit zu, je weiter wir uns von diesem Ausgangspunkt entfernen.
Unter den Schwämmen sind noch viele mehr oder minder formlos, inso-
Die Entstehung der Grundformen. 161
fern wenigstens, als die erwachsenen Stücke in Betracht kommen, während
allerdings die Eizelle der meisten Schwämme eine eiförmige sein mag,
was auch von der Gastrula der Schwämme gilt. Das heranwachsende
Schwammindividuum büsst dagegen mehr und mehr seine ursprüngliche
Grundform ein, d. h. es wird durch die Aussenwelt so beeinflusst, dass
es bald in dieser, bald in jener Richtung wächst. Nur verhältnismässig
wenige Schwämme haben eine feste erbliche Grundform auch für die
erwachsenen Individuen gewonnen; zu ihnen gehört beispielsweise der
bekannte Yenusblumenkorb.
Bei den Nesseltieren ist die Grundform viel bestimmter als bei den
Schwämmen, selbst schon bei den tiefststehenden unter ihnen, beispiels-
weise bei der Hydra unserer süssen Gewässer. Allerdings ist bei ihr
die Anzahl der Tentakel noch nicht erblich fixiert, und dasselbe gilt von
vielen anderen Hydroidpolypen ; aber bei manchen der letzteren ist die
Anzahl der Tentakel schon mehr oder minder konstant geworden, so
dass wir auch hier eine zunehmende Bestimmtheit der Grundformen
konstatieren können.
Bei den Hydromedusen finden wir ähnliches. Sie nehmen ihren
Ausgang von regulär-quadratpyramidalen Formen, die in die Grundform
einer zweischneidigen und einer zweiseitig-symmetrischen Pyramide über-
gehen. Bei den Ktenophoren und Siphonophoren finden wir dann auch
Formen, bei welchen die Ausbildung eines Schiefstrahlers angebahnt ist.
Die Scyphomedusen haben zwar fast alle die reguläre Quadratpyramiden-
form, indessen haben wir in der Monorhiza, die jedenfalls auf einer sehr
hohen Entwickelungsstufe steht und zu der höchststehenden Abteilung
der Scheibenquallen gehört, eine auffällige Abweichung von der strahligen
Symmetrie, und ähnliches finden wir bei Aurelia, die einen Übergang
von der Quadratpyramide zu einem vierzähligen Schiefstrahler darstellt.
Bei sämtlichen übrigen Tierstämmen ist die Grundform ursprünglich
die bilateral-symmetrische. Diese geht bei den Echinodermen wieder in
die fünfstrahlige über, aus Ursachen, auf welche wir hier nicht näher
eingehen wollen. Allein diese fünfstrahlige Grundform nähert sich mehr
und mehr der zweiseitig -symmetrischen, je weiter wir die Reihen der
Echinodermen nach oben hin verfolgen. Wir sind bei diesen Tieren in
der glücklichen Lage, die Entwickelung der Grundform paläontologisch
begründen zu können, was wenigstens bei den Seeigeln möglich ist.
Diese nehmen ihren Ausgangspunkt von einer beinahe völlig regulären
fünfstrahligen Form und langen bei einer nahezu völlig zweiseitig-sym-
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 11
162 III. Gestaltung und Vererbung.
metrischen Grundform an. Die erstere würden wir beispielsweise bei den
Palechiniden, die letztere bei der Gattung Pourtalesia finden. Eine
ähnliche Formenreihe wie die Seeigel weisen die Seegurken auf, wenn
sich die Stammesgeschichte ihrer Grundformen auch nicht paläontologisch
begründen lässt.
"Wenden wir uns von den Echinnderrnen zu den "Weichtieren, so
haben wir hier viele Beispiele dafür, dass die zweiseitige Grundform in
die unsymmetrische überzugehen bestrebt ist. Mit alleiniger Ausnahme der
Käferschnecken bekunden sämtliche Gruppen der "Weichtiere das Bestreben,
unsymmetrisch zu werden, und ähnliches ist bei den meisten "Wirbeltieren
der Fall. Die Lage der Baucheingeweide ist bei fast allen Wirbeltieren
eine unsymmetrische, aber keine beliebige, sondern sie bekundet, dass die
Grundform in ganz bestimmter Richtung von der symmetrischen abweicht.
Äusserlich freilich scheinen die meisten "Wirbeltiere noch zweiseitig ee-
baut zu sein; aber es giebt doch Gruppen, wie die Plattfische, die auch
äusserlich völlig unsymmetrisch geworden sind. Am wenigsten wird mau
bei den Säugetieren und Vögeln von vornherein unsymmetrische Grund-
formen zu erwarten geneigt sein, und doch ist nicht nur der innere
Leibesbau dieser Tiere ein mehr oder minder unsymmetrischer, sondern
es zeigen sich in vielen Fällen auch äusserlich starke Abweichungen von
der Symmetrie. Ich will nur daran erinnern, dass beim Haushund der
Schwanz in den allermeisten Fällen nach der linken Seite hin von der
Mittelebene abweicht; beim Menschen ist die rechte Hand erblich stärker
als die linke; der Schädel vieler Wale ist unsymmetrisch, und beim Nar-
wal ist nur an einer Seite ein Stosszahn ausgebildet; ebenso pflegt beim
Renntier der Augenspross an der einen Geweihstange stärker zu sein,
als an der anderen.
Man sollte meinen, dass es äusserlich unsymmetrische Vögel über-
haupt nicht geben könnte, und doch fand man auf Neuseeland einen
Vogel, dessen Schnabel nach einer Seite hin umgeknickt war. Man
hielt dies anfänglich für eine Missbildung, bis man fand, dass diese Ab-
weichung von der Symmetrie eine für die betreffende Art charakteristi-
sche ist.
Auch unter den Gliederfüssern kommen unsymmetrische Formen vor,
namentlich bei den höheren Krebsen. Manche Krabben haben auf der
einen Seite eine grössere Scheere als auf der anderen, und die Ein-
siedlerkrebse haben einen stark unsymmetrischen Bau; indessen ist es
möglich, dass dieser auf Anpassung an die Lebensweise zurückzuführen
Die Entstehung der Grundformen. 163
ist, während sonst die Entstehung unsymmetrischer Formen aus sym-
metrischen, die Entwickelung dieser aus strahligen und das Hervorgehen
der letzteren aus unbestimmten weder durch direkte Anpassung an
eigenartige Existenzbedingungen, noch durch das Zweckmässigkeitsprinzip
zu erklären ist; durch das letztere wenigstens nicht, soweit dabei die
dotationeile Auslese in Betracht kommt.
Die Umwandlung der Grundformen, die überall, wo direkte An-
passung an die Umgebung nicht störend eingegriffen hat, einen fest vor-
gezeichneten Gang innehält, ist vielmehr durch Gefügefestigung zu
erklären.
Durch äussere Einflüsse kann das Gemmariengefüge eines Organis-
mus gefestigt und gelockert werden. Die Individuen mit gelockertem
Plasmagefüge können äusseren Einflüssen nicht so leicht widerstehen
wie die mit festerem. Diese werden durch konstitutionelle Zuchtwahl
ausgelesen und können ihre durch äussere Einwirkungen erworbene Ge-
fügefestigkeit auf ihre Nachkommen vererben, wodurch das Gefüge
innerhalb der Stammesreihe mehr und mehr an Festigkeit gewinnt,
während selbstverständlich die Formen der Gemmarien fort und fort an
Bestimmtheit zunehmen müssen. Den unbestimmten Formen einer Amöbe
oder eines Süsswasserschwammes müssen auch Genimarien mit leicht
wechselnder Form entsprechen. Bei diesen Gemmarien sind die ein-
zelnen Gemmen noch leicht gegeneinander verschiebbar; deshalb wird
die Körperform dieser Tiere, wie es ja namentlich die Schwämme in
ausgezeichneter Weise zeigen, durch äussere Einflüsse leicht verändert.
Bei den Hydroidpolypen ist das schon weniger leicht möglich, weil hier
die Gestalt der Gemmarien an Bestimmtheit gewonnen hat. Sie wird
Hand in Hand mit der zunehmenden Gefügefestigung eine immer
charakteristischere.
Es lässt sich nun, wie ich glaube, unschwer zeigen, dass wechsei-
förmige Gemmarien, wie sie bei den Amöben und Schleimpilzen vor-
kommen mögen, zunächst übergehen mussten in solche, die eine etwas
bestimmtere Grundform als die der genannten bedingten, etwa eine
solche, wie wir sie bei manchen Flagellaten und Hydroidpolypen finden.
Die Gemmarien, welche die Grundform dieser Tiere bedingen, dürften
etwa die Form eines Stabes haben, an welchem die beiden Enden und
ebenso die rechte und linke Seite einander gleich sind, während die obere
von der unteren abweicht. Ein solcher Stab bietet an seinen Enden
einer-, seinen beiden gleichen Seiten anderseits gleich günstige Angriffs-
11*
164 III. Gestaltung dnd Vererbung.
punkte für schädigende äussere Einflüsse. Wird dagegen die rechte
von der linken Seite verschieden, so geht die Form des Stabes dadurch
in die eines zweiseitig-symmetrischen Gebildes über. Die beiden Enden
dieser Gemmarienform bieten noch gleich günstige Angriffspunkte für
Störungen von aussen, dagegen werden sich die obere von der unteren
Seite und die vordere von der hinteren durch den Grad ihrer Wider-
standsfähigkeit gegen schädigende äussere Einflüsse unterscheiden. Ein
solcher Gemmarienstab bietet also nur noch vier günstigste Angriffs-
punkte, nämlich an jedem der beiden Enden einen, an den beiden Längs-
seiten, die sich ja in Bezug auf die Widerstandskraft gegen äussere
Einflüsse unterscheiden müssen, zusammen einen und ebenso an der
Ober- und Unterseite zusammen einen, während der vorher betrachtete
Stab noch fünf günstigste Angriffspunkte bot, nämlich an den beiden
Enden und an den beiden Längsseiten je zwei und an der oberen und
unteren Seite zusammen einen. Bei einem runden Stabe, oder einem
Stabe, dessen Querschnitt ein regelmässig vielseitiger ist, ist die Zahl
der Angriffspunkte natürlich bedeutend grösser. Noch zahlreicher müssen
die Angriffspunkte sein bei locker gefügten Gebilden, wie es die Gem-
marien der Amöben sein mögen. Dagegen bietet ein Gemmarienstab r
der eine von der zweiseitigen Symmetrie abweichende Grundform be-
dingen würde, nur noch drei günstigste Angriffspunkte für schädigende
äussere Einflüsse, nämlich an den beiden Längsseiten zusammen einen,
an Ober- und Unterseite zusammen einen und an den beiden Enden
zusammen einen.
Aus alledem geht hervor, dass nach und nach aus lockeren Gem-
marien solche gezüchtet werden müssen, die der Reihe nach einen runden
oder polygonalen, einen zweischneidigen, einen zweiseitig-symmetrischen
und einen unsymmetrischen Querschnitt haben. Die Gemmarien mit
unregelmässigem Querschnitt unterscheiden sich dann weiterhin dadurch,
dass ihre Enden einander svmmetrisch gleich oder unsvmmetrisch sein
können. Solchen Gemmarienstäben entspricht aber notwendigerweise die
Grundform des entwickelten Tieres, denn die genanuten Gemmarien -
formen bedingen der Reihe nach wechseiförmige Tiere, wie die Amöben,
eiförmige, wie manche Radiolarien, Flagellaten und Hydroidpolypen,
zweischneidige, wie manche Medusen, zweiseitig -symmetrische, wie eine
grosse Anzahl von Darmtieren, und unsymmetrische, wie es die Schnecken
und Plattfische sind. Diese Grundformen sind also durch die konstitu-
tionelle Individiuilselektion herangezüchtet worden, und daraus erklärt
Die Entstehung der Grundformen. 165
sich, weshalb der Schein einer nach einer bestimmten Richtung zielenden
Entwickelungsbewegung zu stände kommen rnuss.
Yon einer „Zielstrebigkeit", einer Vervollkommnung aus „inneren"
Ursachen kann für den Naturforscher selbstverständlich nicht die Rede
sein; dagegen verstehen wir ohne weiteres, dass festes Gefüge Bestand
hat, während lockeres dem Untergange geweiht ist, sei es, dass es sich
dabei um Tiere, um Pflanzen, um Kristalle oder um irgend welche
andere unorganische Gebilde handle, sei es, dass wir es mit Natur-
objekten oder mit Erzeugnissen der menschlichen Kunstfertigkeit zu thun
haben, sei es, dass es sich um Gleichgewichtszustände auf der Erde oder
am Sternenhimmel handelt. Je stabiler ein Gleichgewichtssystem ist,
desto längeren Bestand hat es.
Da nun, wie wir gezeigt haben, der Festigkeit der Gemmarien be-
stimmte Formenverhältnisse zu Grunde liegen, da sich diese nach der
Seite der abnehmenden Symmetrie hinbewegen, so musste die Ent-
wicklung der Grundformen im Tierreich so vor sich gehen, wie sie es
thatsächlich gethan hat. Wo allerdings störende Einflüsse der Gefüge-
festiguug durch konstitutionelle Zuchtwahl entgegenarbeiteten, wo die
Grundformen vorwiegend durch äussere Einflüsse bedingt waren, wie bei
den Schwämmen, wurde der konstitutionelle Selektionsprozess verlang-
samt. Er konnte gelegentlich auch wohl aufgehoben werden. Beides
konnte namentlich bei festsitzenden Tieren geschehen, wie es die Korallen
und viele Echinodermen sind. Gleichwohl finden wir auch bei den Ko-
rallen Formen, die wenigstens in Bezug auf ihre inneren Organe nur zwei,
häufig auch nur eine Symmetrieebene haben. Dagegen geht aus der
vergleichenden Ontogenie und der Paläontologie der Echinodermen her-
vor, dass bei ihnen die ursprüngliche zweiseitige Symmetrie nach und
nach einer fünfstrahligen Grundform gewichen ist, weil diese Tiere ein
festsitzendes Leben führten und deshalb von allen Seiten mit der Aussen-
welt in gleiche Berührung kamen. Es hat also hier die direkte An-
passung an die Aussenwelt die Wirkung der Gefügezuchtwahl aufge-
hoben, und wenn auch beispielsweise die Seesterne wieder zur kriechenden
Lebensweise übergegangen sind, so war die Ausbildung der Arme ihrer
festsitzenden Yorfahren doch schon so weit gediehen, und die Arme waren
sich schon so gleich geworden, dass die Seesterne in der Richtung jedes
beliebigen Armes weiterkriechen konnten, wodurch bald dieser, bald jener
Arm in Anspruch genommen wurde, was eine gleichmässige Einwirkung
der Aussenwelt auf alle Arme bedingte. Deshalb sind die Seesterne nicht
166 III. Gestaltung und Vererbung.
wieder zur zweiseitigen Grundform zurückgekehrt. Dagegen ist das der
Fall gewesen bei den Seeigeln und bei den Seegurken ; bei beiden ist der
Körper nicht wie bei den Seesternen in Arme aufgelöst, und sobald die
Vorfahren dieser Tiere ihre festsitzende Lebensweise wieder aufgegeben
hatten, konnte die Gefügezuehtwahl wieder zur Geltung kommen, die den
Körper wieder etwas zweiseitig- symmetrisch machte. Xachdem das ge-
schehen war, konnten sich die betreffenden Tiere nur noch nach einer
Richtung hin leicht bewegen, und dadurch musste die Anpassung an die
Umgebung, die nunmehr nicht mehr nach allen Seiten hin die gleiche
war, mit der Gefügefestigung durch konstitutionelle Zuchtwahl Hand in
Hand arbeiten, so dass dadurch eine stets zunehmende bilaterale Symmetrie
gewährleistet war.
Ich glaube, dass durch die obigen Auseinandersetzungen die Lei-
stungsfähigkeit der Gemmarienlehre als erklärendes Prinzip in ein helles
Licht gesetzt worden ist, und dass sie unsere Berechtigung darthun, unsere
Theorie wenigstens als den Versuch einer allgemeinen Entwickelungs-
mechanik der Organismen zu bezeichnen.
e. Die Entstehung der Organe.
Wir haben im vorigen Abschnitte das Problem der Formentstehung
ohne Rücksicht auf die verschiedenen Qualitäten der einzelnen Zellen,
die sowohl bei der Keimes - wie bei der Stammesgeschichte der Organis-
men entstehen, behandelt. Eine epigenetische Vererbungstheorie muss
aber notwendigerweise auch diese erklären, wenn sie nicht den Vorwurf
auf sich laden will, dass sie gerade das unerklärt lässt, was in erster
Linie von ihr gefordert werden müsse. Wir glauben aber zeigen zu
können, dass auch die Entstehung qualitativ verschiedener Zellen durch
eine epigenetische Theorie erklärt werden kann, dass also eine Präfor-
niationstheorie von vornherein überhaupt keine Berechtigung hat.
Es empfiehlt sich, die Entstehung der Organe zunächst an der Hand
ihrer mutmasslichen Stammesgeschichte zu betrachten, um darauf
die Vererbung durch den Gebrauch veränderter Organe zu veran-
schaulichen und die keimesgeschichtliche Sonderung der Organe ins
Auge zu fassen. Wir müssen uns bei alledem auf die Tiere beschrän-
ken, zumal diese ja eine viel weitergehende Sonderung der Organe be-
sitzen, als die Pflanzen.
Die Entstehung der Organe^ 167
Es kann keinem Zweifel unterliegen, dass sich die vielzelligen Tiere
nicht aus solchen Urtieren entwickelt haben, die gleich den Radiolarien
und Infusorien aus einer hochentwickelten Zelle bestehen, sondern aus
Urtieren, die gleich den Amöben noch auf einer sehr tiefen Entwicklungs-
stufe stehen. Die Amöben haben einen formenwechselnden Körper, und
der erste Schritt zur Entstehung vielzelliger Tiere war vielleicht der,
dass dieser Körper eine mehr oder minder beständige kugelförmige Grund-
form annahm, wie sie den Sonnentieren bereits zukommt. Aus einem
derartigen, aus einer einzigen kugelförmigen Zelle bestehenden Tiere
konnten sich dann mehrzellige dadurch entwickeln, dass die durch die
Teilung des einzelligen Urtieres entstehenden Zellen im Zusammenhang
miteinander blieben. Das letztere wird begreiflich durch die Überlegung,
dass die Gefügezuchtwahl Tiere schaffen musste, deren plasmatischer
Bau schon dermassen gefestigt war, dass die einzelnen Zellen, die aus
der Teilung der Zelle hervorgingen und im Zusammenhang miteinander
blieben, sich so stark anzogen, dass sie sich nicht mehr voneinander
trennen konnten. Aus einzelligen Tieren werden zunächst zweizeilige
und aus diesen solche vierzellige entstanden sein, bei welchen die vier
Zellen in einer Ebene nebeneinander lagen. Dadurch, dass sich auch
diese vier Zellen teilten, entstanden achtzellige Tiere, deren acht Zellen
den Ecken eines Würfels entsprachen. Gingen nun aus solchen acht-
zelligen Tieren 16-, 32-, 64zellige hervor, so konnten die einzelnen Zellen
dieser mehrzellig gewordenen Tiere nicht mehr einen soliden Haufen
bilden, sondern mussten, da jede von ihnen nur mit den benachbarten
in Verbindung bleiben konnte, eine einschichtige Zellenblase formen.
Die einzelnen Zellen dieser Hohlkugel werden so lange im Zu-
sammenhange geblieben sein, wie es die konstitutionelle Gefügefestigkeit
dieses auf der Grenze zwischen Ur- und Darmtieren stehenden Tieres
zuliess, d. h. so lange die schädigenden äusseren Einflüsse, welche das
Tier während seines Lebens erlitt, noch nicht lockernd auf den Zellen-
verband dieser Hohlkugel eingewirkt hatte. War aber der Punkt erreicht,
wo die Gefügefestigkeit des Tieres den äusseren Einflüssen nicht mehr
widerstand, so konnte es in die einzelnen Zellen zerfallen. Diese konn-
ten sich durch die Verbindung mit den Zellen eines anderen Tieres
wieder auf eine Weise, die wir später kennen lernen werden, festigen,
und aus zwei kopulierten und zu einer einzigen verschmolzenen Zelle
konnte sich das Tier wieder entwickeln.
Wir wollen uns nun vorstellen, dass die kugelförmige Eizelle eines
168 III. Gestaltung und Vererbung.
solchen Hohlkugeltieres allmählich infolge von konstitutioneller Zuchtwahl
überging in eine ovale, dass also die Gemmarien eine derartige Gestalt
annahmen, dass die Plasmastrahlen nicht mehr gleichmässig um den
Mittelpunkt der Zelle verteilt waren, sondern dass sie an einem nunmehr
hervortretenden Pole dichter standen, als an dem gegenüberliegenden.
An dem letzteren sammelte sich infolgedessen Nahrungsdotter an,
d. h. hier ging die Assimilation der Nahrung zu Plasma nicht so schnell
von statten wie an dem gegenüberliegenden Pole, wo die Gemmarien-
strahlen dichter standen und das Plasma in innigere Berührung mit den
Nährsubstanzen kam. Teilte sich eine solche Zelle in zwei miteinander
in Zusammenhang bleibende Zellen, so konnte die Teilungsebene ent-
weder durch die Hauptachse der eiförmigen Zelle gehen, oder sie konnte
quer zu dieser Hauptachse erfolgen. Im ersteren Falle entstanden zwei
gleiche und mit ihren Polen gleich orientierte Zellen, im letzteren eine
kleinere Zelle mit mehr Plasma und eine grössere mit mehr Nahrungs-
dotter.
Wir wollen den ersten Fall, wo zwei gleiche Furchungszellen ent-
standen, weiter verfolgen. Hier konnten durch die zweite Zellteilung ein
Paar kleinerer Zellen mit viel Plasma und ein Paar grösserer mit viel
Nahrungsdotter voneinander getrennt werden. Wir nehmen aber au, dass
die zweite Zellteilung derartig erfolgte, dass aus ihr vier gleiche und
gleich orientierte Zellen hervorgingen, vier Zellen mit je einem plasma-
reichen und je einem nahrungsdotterreichen Pole. Die dritte Zellteilung
konnte dann diese vier Zellen sondern in vier kleinere plasmareiche und
vier grössere nahrungsdotterreiche. Durch fortgesetzte Zellteilungen znusste
aus diesen acht Zellen eine Hohlkugel entstehen mit einer Sonderung
der sie zusammensetzenden Zellen in zwei Gruppen, nämlich in eine, die
aus kleinen plasmareichen, und eine andere, die aus grossen nahrungs-
dotterreichen Zellen bestand.
Eine ähnliche Hohlkugel musste entstehen, wenn die erste Zellteilung
schon eine kleine plasmareiche von einer grossen nahrungsdotterreichen
Zelle geschieden hatte, denn auch in diesem Falle musste das End-
ergebnis dasselbe sein.
Etwas ähnliches musste auch herauskommen, wenn die Sonderung
des dotterreichen Teiles der Zelle von dem plasmareichen erst sehr spät
erfolgte, wenn zunächst eine grosse Anzahl von Zellteilungen stattfand,
aus welchen immer gleiche Zellen hervorgingen. Man hätte sich
freilich vorstellen können, dass die Zellen sich, solange die dotterreichen
Die Entstehung der Organe.
1(39
Zellen nicht von den plasmareicben geschieden wurden, in einer Ebene
ausbreiten mussten. Allein die vier ersten Furchungszellen der Eizelle
blieben in körperlichem Zusammenhange miteinander. Die folgenden
Zellteilungen konnten aus diesem Grunde nicht mehr parallel zu einer
der beiden ersten erfolgen, sondern mussten die beiden ersten Teilungs-
ebenen unter einem Winkel schneiden, wie unsere Fig. 16c es ver-
anschaulicht. Es ist leicht zu begreifen, dass durch fortgesetzte Zell-
teilungen, die immer gleiche Teilungsprodukte lieferten, eine Kugel ent-
Fig. 16.
e f g
Schematische Darstellung der Entstehung einer Gastrula delaminata.
a Eizelle. b Zweizellenstadium. c Achtzellenstadium (nur vier Zellen sind sichtbar).
d Vielzellenstadium. e Einschichtiges Hohlkugelstadium. f Zweischichtiges Hohlkugel-
stadium, g Fertige Gastrula. Die punktierten Stellen bezeichnen den Nahrungsdotter.
stehen musste, wie sie in unserer Fig. 16 d im Durchschnitt dargestellt
ist. In dem Innern dieser Kugel konnte sich Flüssigkeit ansammeln,
wodurch eine Hohlkugel entstand. Erfolgte endlich gleichzeitig eine
Teilung sämtlicher Zellen dieser Hohlkugel, welche den plasmareichen
von dem dotterreichen Teile der Zelle trennte, so entstand eine zweischich-
tige Hohlkugel, die sich an dem einen Pole, wo, wie Fig. 16 c zeigt, die
Zellen ursprünglich auseinanderklafften, wieder öffnete. Auf diese Weise
können wir uns die Entstehung eines Urdarmtieres, einer „Gasträa", an-
schaulich vor Augen führen.
Dem geschilderten Vorgange entsprechen noch heute die Keimes-
geschichten mancher Tiere, die durch eine sogenannte Gastrula delaminata,
durch eine durch Abblätterung entstandene Darmlarve charakterisiert
sind. Eine Gastrula entsteht aber nicht bloss durch Abblätterung, sondern
auch durch Einstülpung, und zwar vollzieht sich diese an einer
Hohlkugel, wie wir sie vorhin beschrieben haben.
17u
III. GrESTALTl NQ DKD VERERBUNG.
Bei dieser bildeten sich zwei verschiedene Gruppen von Zellen aus,
aber die Scheidung der kleinen plasmareichen und der grossen dotter-
reichen Zellen konnte nicht zur Entstehung von Zellen führen, die ent-
weder ausschliesslich aus Plasma oder ausschliesslich aus Xah-
rungsdotter bestanden. Vielmehr mussten auch die plasmareichen Zellen
noch etwas Xahrungsdotter und die dotterreichen noch etwas Plasma er-
halten. Dieses Plasma musste aber nach einer und derselben Richtung hin
orientiert sein, wie es aus unseren schematischen Bildern in Fig. 17
Fig. 17.
e f g
Entstehung der Gastrula durch Einstülpung.
a Eizelle. b Zweizellenstadium. c Achtzellenstadium (nur vier Zellen sind sichtbar).
d Vielzellenstadium. e Hohlkugelstadium. f Einst iilpungsstadium. g Fertige Gastrula.
hervorgeht. Wo der (punktierte) Dotter angehäuft war, war die Zelle nach-
giebiger, während sie an dem plasmareichen Pole widerstandsfähiger war.
Da nun, wie unsere Abbildung zeigt, das Plasma an dem einen Pole der
aus der Einfurchung hervorgegangenen Hohlkugel nahe an der Peripherie
liegt, während es am anderen Pole dem inneren Hohlraum zugewendet ist,
so müssen sich diese beiden Pole auch verschieden verhalten. Der Pol
der plasmareichen Zellen, den man gewöhnlich den an i malen nennt,
muss an der Peripherie der Hohlkugel stärker wachsen, während der
Pol der dotterreichen Zellen sich an der inneren Begrenzungsfläche des
Binnenraumes stärker ausdehnen muss, als an der entgegengesetzten
Seite der betreffenden Zellschicht; denn sowohl in den dotterreichen,
wie in den dotterarmen Zellen wird der Dotter allmählich assimiliert,
zu Plasma verarbeitet. Da nun die Assimilation so erfolgen muss, dass
der um den organischen Mittelpunkt jeder Zelle gelegene plasmareiche
Teil am stärksten wächst, denn um das Centrosoma herum ist ja das
Die Entstehung der Organe. 171
Plasma am dichtesten angehäuft, so muss sich der Pol der dotterreichen
Zellen mit dem Verschwinden des Dotters durch Assimilation allmählich
abflachen, weil die einzelnen Zellen hier die Unterschiede ihrer äusseren
und ihrer inneren Pole mehr und mehr ausgleichen.
Ähnliche Vorgänge müssen auch bei den Zellen des plasmareichen
Poles stattfinden; aber hier ist die Veränderung der beiden Pole der
einzelnen Zellen von einem entgegengesetzten Effekt begleitet, weil diese
Zellen an der Peripherie sehr viel Plasma haben. Eine Abflachung kann
also nur am Pole der ursprünglich dotterreichen Zellen stattfinden und
muss endlich, da die einzelnen Zellen in ihrem plasmareichen Teile durch
Assimilation des Nahrungsdotters wachsen, während sie im ursprünglich
dotterreichen an Masse abnehmen, in eine Einstülpung übergehen. Wir
hätten somit die Entstehung des Urdarmtieres und der Gastrula auch in
diesem Falle mechanisch aus unserer Gemmarienlehre erklärt.
Diese Erklärung habe ich ohne Rücksichtnahme auf irgend welche
speziellen Fälle versucht, weil erst ein Fundament zu gewinnen war für
die phylogenetische Entstehung der Gasträa und die ontogenetische Aus-
bildung der Gastrula. Die letztere kann ja auf anscheinend sehr ver-
schiedene Weise gebildet werden. Ich glaube aber, dass ihre Entstehung
sich in allen Fällen aus ähnlichen mechanischen Gesichtspunkten heraus
begreifen lässt, w T ie wir sie bei der vorhergehenden Schilderung angenom-
men haben, und ich hoffe demnächst an einem anderen Orte darthun zu
können, dass sich in der That alle Formen der Gastrula auf eine der
beiden ursprünglich möglichen Entstehungsarten zurückführen und da-
durch mechanisch erklären lassen. Hier möchte ich noch darauf hin-
weisen, dass die durch Einstülpung entstandene Darmlarve, die „Gastrula
invaginata", nicht von der durch Abblätterung entstandenen, der „Gastrula
delaminata", verschieden ist, denn es geht aus unserer Schilderung klar
hervor, dass der Urdarm der Gastrula, sei es, dass sie durch Einstülpung,
sei es, dass sie durch Abblätterung entsteht, in beiden Fällen der-
selbe ist.
Man darf den Hohlraum, der bei der durch Einstülpung entstehenden
Gastrula durch Auseinanderweichen der Zellen und durch Bildung einer
dadurch hervorgebrachten Hohlkugel entstanden ist, nicht vergleichen
mit dem Hohlraum, der bei einer durch Abblätterung entstehenden Ga-
strula schon vor der Teilung der aus der Eifurchung hervorgegangenen
Zellen in eine plasmareiche und eine dotterreiche Zelle besteht. Die
Urdarmhöhle der einen Gastrula so gut wie die der anderen liegt von
172 III. Gestaltung ond Vererbung.
vornherein an der Aussenseite der dotterreichen Zellen und behalt
ihre Lage in beiden Larvenformen bei, nur dass sie bei der durch Al>-
blätterung entstehenden Gastrula von vornherein konkav , bei der durch
Einstülpung entstehenden aber zunächst konvex war. Es ist also falsch,
wenn man, wie es noch jüngst Kennel in seinem „Lehrbuch der Zoologie''
gethan hat, sagt, dass mau den Urdarm der durch Einstülpung ent-
standenen Gastrula nicht mit dem von einer durch Abblätterung ent-
standenen Gastrula umschlossenen Hohlraum vergleichen könne, dass
der Hohlraum im letzteren Falle eine Furchungshöhle sei, während diese
bei der durch Einstülpung entstandenen Gastrula verschwunden wäre.
Die Sache liegt vielmehr so, dass bei der durch Einstülpung entstandenen
Gastrula zunächst eine Furchungshöhle gebildet wird, während dieses bei
der durch Abblätterung entstandenen erst sehr spät geschieht. Eine
Furchungshöhle kommt dadurch zu stände, dass Zellen, die an einem
Pole plasma- und am anderen dotterreich sind, sich früher oder später in
plasmareiche und dotterreiche Zellen teilen. Bei der durch Einstülpung
entstehenden Gastrula kann sich die Trennungsebene sehr bald zu einer
Furchungshöhle umbilden, während das bei der durch Abblätterung ent-
stehenden Gastrula zunächst nicht möglich ist. Später freilich trennen
sich auch bei dieser die Zellen, welche den Körper nach aussen, und
die, welche den Urdarm begrenzen. Es entsteht also bei der Gastrula
delaminata die „Furchungshöhle", die hier nur eine trennende Grenze
benachbarter Zellen darstellt, erst nachdem die Gastrula schon fertig ist,
während sie bei der durch Einstülpung entstandenen schon lange vor
der Einstülpung da war. In beiden Fällen ist diese „Furchungshöhle"
aber homolog.
Es besteht also kein wesentlicher Unterschied zwischen einer Gastrula
invaginata und einer Gastrula delaminata. Der einzige Unterschied ist
der, dass bei der letzteren die Bildung der nur durch eine Zellgrenze
angedeuteten Furchungshöhle auf ein spätes Stadium verschoben worden
ist. Die Trennung der Zellen des äusseren und des inneren „Keimblattes"
erfolgt bei der durch Abblätterung entstandenen Gastrula sehr spät,
während sie bei der durch Einstülpung entstandenen sehr früh statt-
findet.
Wir sind auf diese Verhältnisse etwas näher eingegangen, weil sie
uns lehren, dass wir uns die Entstehung des Urdarmtieres auf beide
Arten gleich gut erklären können; dass in der That beide Wege nicht
nur zu demselben Ziele führen, sondern auch von demselben Funkte
Die Entstehung der Organe. 173
ausgehen, und dass die mechanischen Ursachen in dem einen wie in
dem anderen Falle dieselben sind. Diese mechanischen Ursachen sind
zu suchen in dem Übergange der kugelförmigen Eizelle eines aus lauter
gleichen Zellen zusammengesetzten hohlkugelförmigen Tieres in eine ei-
förmige, deren Entstehungsursache die Gefügefestigung durch konstitu-
tionelle Zuchtwahl ist. Aus den dargelegten mechanischen Entwicke-
lungs Vorgängen, welche die Entstehung der Gasträa beziehungsweise der
Gastrula bewirkt haben, geht aber ausserdem hervor, dass sich auch
andere Einfaltungsvorgänge aus der Form der Eizelle und ihrer Gem-
marien mechanisch begreifen lassen werden. Wir werden sie wenig-
stens im Prinzip verstehen können und haben damit eine Direktive für
den weiteren Ausbau der Entwickelungsmechanik gewonnen.
Bekanntlich ist es His gewesen, der mit Erfolg die Keimesgescbichte
der Tiere auf Einfaltungs- und Verwachsungsprozesse zurückgeführt hat,
und wenn auch manches von ihm Geäusserte keinen Bestand gehabt hat,
so haben doch die neueren Untersuchungen über die Entwicklungs-
geschichte der Tiere gezeigt, dass Einfaltungsvorgänge und Verwachsungs-
prozesse die Hauptrolle bei der Entwickelung der Tiere gespielt haben.
Nur muss man sie, wie wir es gethan haben, auf die Form der Eizelle
oder vielmehr auf die der die letztere zusammensetzenden Gemmarien,
von deren Form ja die der Eizelle abhängt, zurückführen. "Wer unbe-
fangen die Thatsachen, die durch die ontogenetischen Untersuchungen zu
Tage gefördert worden sind, überblickt, wird sich der Überzeugung nicht
verschliessen können, dass die Erklärung dieser Vorgänge mechanisch zu
begründen sein muss und vielleicht über kurz oder lang mechanisch be-
gründet werden wird.
Die Entwickelungsgeschichte des Lanzettfischchens, das eigentlich
nichts weiter ist, als eine zusammenhängende, vielfach eingefaltete Zell-
schicht, berechtigt zu der Anschauung, dass alle Tiere hervorgegangen sind
aus Hohlkugeln, deren Zellwände sich eingefaltet haben. Daneben
kommen allerdings eine Reihe anderer Entwickelungsprozesse , wie die,
welche durch die Auswanderung von Zellen dargestellt werden, in Be-
tracht. Allein auch alle diese sind im Prinzip uicht schwer zu begreifen.
Vorderhand freilich ist es unmöglich, im einzelnen den weiteren Entwicke-
ln ngsvorgängen nachzugehen, welche jene Hohlkugel und die aus ihr
entstandene Gasträa in der Umbildung zu den verschiedenen Stämmen
der Darmtiere durchlaufen hat. Es wird aber wahrscheinlich in nicht
allzu ferner Zukunft möglich sein , auch über diese Vorgänge Licht zu
174 III. Gestaltung und Vererbung.
verbreiten durch das Studium der Keimesgeschichte, das auf die uns hier
beschäftigende Frage ein besonderes Augenmerk zu richten haben wird.
Dass erneute Bestrebungen von Erfolg gekrönt sein müssen, mag noch an
dem Beispiel der Entstehung einer zweiseitig -symmetrischen Tierform
aus einer eiförmigen dargethan werden.
Wir haben die Entstehung der Gastrula invaginata dadurch zu er-
klären versucht, dass wir annahmen, die Eizelle eines einer vollkommenen
Hohlkugel gleichenden Tieres wäre infolge von Gefügefestigung durch
konstitutionelle Individualselektion in eine eiförmige übergeführt worden,
und zwar dadurch, dass sich an den Gemmarien dieser Eizelle Ver-
änderungen vollzogen, die notwendigerweise ihre kugelförmige Form
in eine eiförmige überführen mussten. Nehmen wir nun an, dass weitere
Gemmenreihen den Gemmarien einer eiförmigen Eizelle angefügt werden,
Avodurch die Grundform der Eizelle in eine zweiseitig-symmetrische über-
geführt wird, so kann die Einstülpung der Gastrula nicht mehr in der
Richtung der Hauptachse erfolgen, d. h. die Einstülpungsachse kann nicht
mehr zusammenfallen mit der Hauptachse der ehemaligen Eizelle, sondern
die Einstülpungsachse wird zwar noch in dieselbe Ebene fallen, wie die
Hauptachse der bilateral -symmetrisch gewordenen Eizelle, aber einen
"Winkel mit ihr bilden, so dass dadurch die Gastrula eine zweiseitig-
symmetrische wird. Unsere Fig. 18 — 23 zeigen bei genauem Studium,
dass dieses nicht anders sein kann. Sie thun dar, dass die Lage des
Nahrungsdotters, der in keiner bilateral-symmetrischen Eizelle fehlt, wenn
er auch oft nicht nachgewiesen werden kann, die Modifikation der Ein-
stülpung bedingt. Wir haben gesehen, dass bei der Bildung der Ga-
strula durch Einstülpung die letztere dort erfolgt, wo der Nahrungs-
dotter, der in unseren Figuren punktiert ist, zunächst der Peripherie
des Keimes liegt. Aus einer zweiseitig- symmetrischen Eizelle, wie sie
in Fig. 18 im Aufriss (a), im Grundriss (b) und in der Seitenansicht (c)
dargestellt ist, muss auf dem Wege, wie ihn die Fig. 19—21 zeigen,
durch fortgesetzte Zellteilungen ein blasenförmiger Keim hervorgehen,
wie er in Fig. 22 in einem den Keim in zwei symmetrische Hälften
teilenden Durchschnitt dargestellt ist. Die Lage des Nahrungsdotters in
den Zellen dieses Keimes bewirkt die zu einer bilateral -symmetrischen
Gastrula führende Einstülpung (Fig. 23). Zweiseitig-symmetrische Darm-
larven finden wir bei vielen Tieren, beispielsweise beim Frosch; aber
die Verfolgung der weiteren Entwickelungsvorgänge an solchen zwei-
seitig-symmetrischen Keimformen und ihre mechanische Begründung stösst
Die Entstehung der Organe.
175
auf Schwierigkeiten, deren Beseitigung eingehenden Untersuchungen über-
lassen werden muss. Indessen glauben wir zur Genüge dargethan zu
haben, dass es die Form der Gemmarien ist, von welcher alle morpholo-
gischen Veränderungen im Tierkörper bedingt werden.
Fig. 22.
Fig. 20.
b
Fig. 23.
V *
m)
Fig. 21.
b
w
( £•
â– 's*
Schematische Darstellung der Entstehung einer zweiseitig-symmetrischen Gastrula.
Durch diese morphologischen Veränderungen sind Gebilde entstanden,
die sich infolge eigener Thätigkeit und direkter Anpassung zu den
Organen des Körpers umbilden konnten, und die stammesgeschichtliche
Entstehung der Organe ist keineswegs schwierig zu begreifen, wenn wir
bedenken, dass durch die infolge von Gefügefestigung eingetretenen und
von Verwachsungsvorgängen begleiteten Einfaltungsprozesse die Lage der
einzelnen Zellen des Körpers gegenüber den anderen und in Beziehung
zur Aussenwelt eine sehr verschiedene wurde. Bei der aus einer Zellen-
176 III. Gestaltung und Vererbung.
sohicht bestehenden blasenförmigen Urform, aus welcher die Darratiere
wahrscheinlich hervorgegangen sind und welcher eine regelmässige kugel-
förmige Grundform zukam, verhielt sich jede Zelle sowohl der Aussen-
welt als auch den übrigen Zellen gegenüber in derselben Weise. Deshalb
war es unmöglich, dass sich bei einem derartigen Tiere aus verschieden-
artigen Zellen bestehende Organe herausbilden konnten, denn die Zellen
eines solchen Hohlkugeltieres kamen fortwährend mit der Umgebung in
gleiche Berührung und konnten sich deshalb gar nicht verschiedenartig
ausbilden; wenn auch jede einzelne sich verändert haben mag, so waren
diese Veränderungen doch nur solche, wie sie auch in allen übrigen
Zellen der einschichtigen Blase vorkamen. Aber schon durch die Ein-
stülpung dieser Blase zu einem zweischichtigen eiförmigen Tiere wurden
die beiden Zellenschichten, die dadurch entstanden, in sehr verschieden-
artige Berührung mit der Umgebung gebracht. Die Zellen des äusseren
Keimblattes, wie wir die nach aussen liegende Zellenschicht jetzt nennen
können, kamen mit der Aussenwelt in völlig anderer "Weise in Berührung,
als die des inneren Keimblattes. Während bei dem vollkommen kugel-
förmigen Blasentiere alle Zellen sowohl an der Nahrungsaufnahme wie
an dem Schutze des Tieres beteiligt waren, konnte sich bei der Gasträa
eine Arbeitsteilung vollziehen ; die Zellen des äusseren Keimblattes kamen
häufig mit der Umgebung in unsanfte Berührung, und sie allein konnten
Organe bilden, die zur Fortbewegung des ganzen Körpers und zu seinem
Schutze gegen äussere Unbilden dienen konnten. Die Zellen des inneren
Keimblattes dagegen, die mit der Aussenwelt weniger häufig in Be-
rührung kamen, konnten weicher bleiben und wurden infolgedessen ge-
eigneter. Nahrung aufzunehmen und zu verarbeiten. Sie passten sich
dabei direkt der Nahrungsaufnahme an, während die Zellen des äusseren
Keimblattes sich der Fortbewegung und dem Schutze des Körpers an-
passten.
Die Vorgänge, die hierbei im Innern der Zellen stattfanden, sind
noch in völliges Dunkel gehüllt; es wird sich aber vielleicht Licht dar-
über verbreiten lassen, wenn man die während des Lebens stattfindenden
Anpassungen mikroskopisch auf die Umänderungen, welche die einzelnen
Zellen dabei erleiden, untersucht. Genug, dass wir erkannt haben, dass
die verschiedene Lage der Zellen im Körper zu verschiedener Aus-
bildung der letzteren führen musste.
Nachdem die Gasträa zweiseitig geworden war, bewegte sie sich
vorwiegend nur noch nach einer Richtung hin, und dadurch waren
Die Entstehung dee Organe. 177
weitere Anlässe zur Bildung von Organen gegeben. Dasjenige Körper-
ende, welches sich nach vorn bewegte, kam in anderer Weise mit der
Umgebung in Berührung als das hintere. Die Oberseite erlitt andere
Einflüsse als die Unterseite. Nervöse Organe werden sich infolgedessen
an solchen Stellen ausgebildet haben, die mit der Aussenwelt in beson-
ders häufige Berührung gekommen sind, und deshalb finden wir das
Gehirn oder den oberen Schlundknoten der Darmtiere in der Nähe seines
vorderen Körperendes. Dadurch, dass vorwiegend gewisse Zellen von
äusseren Reizen, die Empfindung erzeugten, getroffen wurden, dadurch,
dass sich diese Heize wiederum ungleichmässig durch den Körper ver-
teilten, nämlich vor allem auf diejenigen Zellen fortpflanzten, welche ver-
möge ihrer Lagerung im Körper besonders leicht zu reizleitenden Organen
werden konnten, entstanden Sinnesorgane und die zu ihnen gehörigen
Nerven aus besonderen Zellen und Zellenreihen der Oberfläche, beziehungs-
weise der inneren Teile des Körpers. Ähnlich musste es sich mit den
Muskeln verhalten. Nicht alle Zellen in dem durch Einfaltung verwickelt
gewordenen Bau des Körpers konnten sich in gleich guter Weise be-
wegen, sondern nur die, die vermöge ihrer Lage besonders dazu geeignet
waren. Aus diesen haben sich Muskelzellen gebildet. Schutz- und Stütz-
organe entstanden dagegen an solchen Orten, wo die Zellen weder zur
Ernährung des Körpers, noch zur Aufnahme und zur Leitung von Reizen,
noch auch zur Ausführung von Bewegungen veranlasst wurden. In
derartigen Zellen konnte sich feste organische oder anorganische Substanz
ablagern und dadurch zur Bildung von inneren und äusseren Skeletten
führen. Der Zusammenhang der einzelnen Zellen im Körper musste an
verschiedenen Stellen ein sehr ungleich fester werden, so dass Körper-
stellen entstehen konnten, bei welchen leicht einzelne Zellen aus dem
Verband der übrigen austreten konnten, und solche konnten dann zu
Fortpflanzungszellen werden. Derartige Zellen werden sich vor allem an
Körperstellen gebildet haben, die den Einflüssen der Aussenwelt mehr
oder weniger entzogen waren und sich deshalb nicht zu Organen der
Empfindung, der Bewegung oder des Schutzes umbilden konnten. Die
Lage der Fortpflanzungsorgane, die so oft eine versteckte ist und nicht
selten dazu dienen musste, ein Argument gegen die Vererbung erworbener
Eigenschaften zu bilden, ist also nicht darauf zurückzuführen, dass natür-
liche Zuchtwahl die Lage der Eierstöcke und Hoden den Unbilden der
Aussenwelt, durch welche Vererbung erworbener Eigenschaften bewirkt
worden sein könnte, entzogen hätte, sondern sie erklärt sich einfach da-
Haacke, Gestaltung und Vererbung. 12
1.- III. Gestaltung ; und Vkkkrbun
durch, dass sich am ehesten an versteckten Körperstellen, wo die Zellen
nicht anderweitig in Anspruch genommen waren, Zellen aus dem gemein-
samen Yerband loslösen und dadurch zu Keimzellen werden konnten.
Aus den obigen Betrachtungen geht hervor, dass die Zellen sich in
sehr verschiedener Weise an die Aussenwelt und an ihre Nachbarn an-
passen mussten, je nachdem sie diese oder jene Lage hatten; dadurch
wurden sie sowohl morphologisch als auch chemisch verändert. Die
morphologischen Veränderungen betreffen die Anordnung der Gemmarien,
welche auf die Anordnung der einzelnen Gemmen innerhalb der Gem-
marien zurückwirken musste; die chemischen Veränderungen aber sind
zu verstehen als solche, welche den chemischen Aufbau der Organe, die
sich aus der Zelle entwickelten, betreffen. Wo Zellen von Sinnesreizen
getroffen wurden, sei es, dass diese in Druck, in akustischen, optischen,
thermischen oder endlich auch in chemischen Einflüssen der Aussenwelt
ihre Ursache hatten, musste der Chemismus ein anderer werden; da-
durch wurden die Stoffwechselvorgänge in den betreffenden Zellen ver-
ändert, es bildeten sich hier solche Verbindungen, welche den betreffen-
den Sinnesreizen widerstanden. Wir haben ja den Stoffwechsel zurück-
geführt auf den Zerfall von gesättigten Molekülen, d. h. von solchen, deren
atomistische Zusammensetzung eine derartige geworden ist, dass sie
leicht auf irgend welche äusseren Heize zerfallen müssen und dadurch
zu weniger gesättigten, aber stabileren Molekülen werden. Es ist nun
nicht schwer, sich vorzustellen, dass, um ein Beispiel zu nennen, intensive
Lichteinwirkung einen andersartigen Zerfall der Moleküle bewirken musste,
als etwa schwache Wärmereize. In dem einen Falle entstanden also
andere chemische Verbindungen, andere Moleküle als in dem anderen.
Auch diese Moleküle konnten sich zu Gebilden höherer Einheit, zu
Gemmen der Nerven, der Muskeln usw. anordnen, und auch diese Gemmen
konnten in ihrer Weise spezifische Gewebegemmarien bilden. Freilich
sind dabei wohl niemals alle Gemmen des ursprünglichen Keimplasma's
zu spezifischen Gemmen umgeändert worden, denn wir finden ja in fast
allen Zellen Reste des ursprünglichen Plasma's, und es scheint, dass diese
Reste es sind, die nicht nur manches Zellen niederer Tiere die Ent-
wickelung zu einem vollkommenen Tiere gestatten, sondern dass sie auch
die Anordnung der Zellen im Körper regeln und erbliche Übertragung
erworbener Eigenschaften bewirken.
Die stammesgeschichtliche Entstehung der Organe ist nach allem
Vorhergehenden also keineswegs schwierig zu begreifen. Wir haben aber
Die Entstehung der Organe. 179
hier unter stanimesgeschichtlicher Organbildung- diejenige verstanden,
welche durch äussere Einflüsse hervorgebracht, durch diese im einzelnen
Tierkörper und seinen Zellen bewirkt wird, und haben uns nunmehr mit
der Frage zu beschäftigen, wie die von den Individuen erworbenen An-
passungen auf die Keimzellen übertragen werden konnten. Ich glaube nicht,
dass diese Übertragung schwer zu begreifen ist, wenn man bedenkt, dass
alle Zellen des Körpers in direktem oder indirektem Verbände miteinan-
der stehen. Abgesehen von Waiiderzellen giebt es wohl keine, die nicht
in irgend einer plasmatischen Verbindung mit einer oder mehreren be-
nachbarten Zellen ständen, und auch die Wanderzellen werden zeitweilig
in eine solche Verbindung mit dem Körper treten, und dasselbe gilt von
den Eizellen und den Samenmutterzellen. Haben doch viele Keimzellen
geradezu Vorrichtungen, durch welche sie in Verbindung mit den Zellen
des benachbarten Gewebes gesetzt werden, wie wir es beispielsweise bei
manchen Korallen finden, bei denen ein Zapfen von Zellen in das Plasma
der Eizelle eingreift. Bei anderen Eizellen, z. B. bei denen der Säuge-
tiere, ist die Zellhaut von feinen Kanälen durchsetzt, und es ist wohl
nicht zu bezweifeln, dass durch diese Kanäle hindurch plasmatische Ver-
bindungen den Leib der Eizelle mit dem Plasma der umgebenden Zellen
des Eierstocks in Verbindung setzen. Auf welche Weise es also ver-
hindert werden soll, dass keine Beeinflussung der Keimzellen seitens der
Körperzellen stattfindet, ist angesichts solcher Einrichtungen schlechter-
dings nicht zu begreifen. Die Zellen müssen ja doch ernährt werden
und können ihre Nahrung doch nicht wohl anderswoher beziehen, als
aus den sie umgebenden Zellen. Es ist also für jeden, der keine unzu-
länglichen Vererbungstheorien zu vertreten hat, von vornherein wahr-
scheinlich, dass sich erworbene Eigenschaften übertragen müssen. Dass
dies mit Notwendigkeit geschehen muss, werden wir aber sofort ein-
sehen, wenn wir uns auf den Boden unserer Gemmarienlehre stellen.
Wir haben gesehen, dass aus einer bestimmten Form der Gemmarien
eine bestimmte Anordnung der Zellen im Körper resultieren muss.
Sämtliche Zellen des Körpers stehen fortwährend miteinander im Gleich-
gewicht; wo das Gleichgewicht in einer einzigen Zelle gestört wird, muss
auch eine Gleichgewichtsveränderung in sämtlichen übrigen Zellen ein-
treten. Das Gleichgewicht kann aber dauernd nur dadurch gestört
werden, dass die Form der Gemmarien sich ändert, d. h. dass ihre
Gemmen sich gegeneinander verschieben, dass sich neue Gemmenreihen
bilden und andere verschwinden, dass die einen Gemmenreihen kürzer,
12*
ISO
III. Gestaltung und Vererbung.
die anderen Länger werden , dass also die Anordnung der Gemmen
innerhalb der Gemmarien anders wird; denn wenn sie so bleibt, wie sie
vordem war, so muss notwendigerweise das ursprüngliche Gleichgewicht
und damit die ererbte Körperforrn wieder hergestellt werden. Wird aber
eine Zelle dauernd etwa durch äusseren Druck oder durch beständigen
Lichtreiz beeinflus-t. <u muss sie sich in ihrem plasmatischen Gleich-
gewicht mit diesen äusseren Einflüssen abfinden ; das kann sie aber
nicht anders als dadurch, dass sie die Form ihrer Gemmarien ändert,
denn es sind ja diese, in welchen die Anordnung der Gemmen durch
die äusseren Einflüsse verändert wird. Diese Anordnung kann unmög-
lich dieselbe bleiben, wenn die Anordnung der Gemmarien, welche durch
die gegenseitige Anziehung der letzteren und durch ihre Form bedingt
wird, gewaltsam geändert wird. Dann kommen die Anziehungspole der
Gemmarien in andere gegenseitige Berührung als vordem; die Kräfte-
verteilungen innerhalb der Gemmarien werden andere, und die Folge
davon ist, dass alte Gemmarienreihen verschwinden und neue sich an
anderen Stellen ansetzen.
Dass solches eintreten muss, kann man sich leicht an einigen sche-
matischen Abbildungen klar machen. Gesetzt, die beiden Rhomben in
Figur 24a seien zwei sich anziehende Gemmarien, deren Lage durch
Fig. 24.
a b c
Schemata zur Erläuterung der Geniniarienumtbrmung.
die ihnen vermöge der Anordnung ihrer Gemmen zukommenden An-
/.ichungspole bestimmt Avird; es soll dadurch die in unserer Figur an-
gegebene gegenseitige Lagerung bewirkt werden. Diese Gemmarien sollen
nun infolge äusseren Drucks gegeneinander dauernd verschoben werden,
so dass ihre Anziehungspunkte zum Teil ausser Thätigkeit gesetzt, zum
Teil in anderer Weise in Auspruch genommen werden, wie es in
Figur 24b dargestellt ist. Dadurch werden die einzelnen Teile der
Gemmarien in anderer Weise mit dem sie umgebenden und das ganze
Plasma durchsetzenden ungeformten Nährstoff, den wir als Sarkode be-
zeichnet haben, in Berührung gebracht. Ihr Stoffwechsel wird ein
anderer, manche ihrer Gemmen , die früher dem Stoffwechsel mehr ent-
Die Entstehung der Organe.
181
zogen waren, werden in diesen hineingebracht, sie zerfallen, und an
anderer Stelle der Gemmarien können neue Gemmen ankri stall isiren,
so dass die Form der Gemmarien vielleicht die wird, die wir in Figur 24 c
sehen. Diese Veränderungen müssen sich natürlich durch den ganzen
Körper hindurch fortsetzen und auch die Gemmarienform der Keimzellen
beeinflussen, und schwer zu verstehen ist diese Beeinflussung nicht.
Stellen wir uns vor, dass durch Kz in Figur 25 a zwei symmetrische
Keimzellen im Inneren eines vielzelligen Tieres bezeichnet würden, durch
Oz dagegen zwei Organ-
zellen, die durch äussere
Einflüsse , etwa durch
fortwährenden Reiz oder
durch veränderten Ge-
brauch in ihrem Gefüge
verändert werden. Neh-
men wir ferner an, dass
durch die Strahlenfiguren,
die wir den Symbolen un-
serer Keim- und Organ-
zellen gegeben haben, die
Anordnung der Gemma-
rien in ihnen und die der Gemmen in den einzelnen Gemmarien
ausgedrückt werde, so werden die beiden Keimzellen Kz nach ihrer
Ablösung wieder einen Tierkörper hervorbringen, wie er durch unsere
symbolische Fig. 25a dargestellt ist und sowohl mit den Keimzellen .E>
als auch mit den Organzellen Oz im Gleichgewichte steht. Dieser Tier-
körper soll nun durch äussere Einflüsse, die seine beiden Organzellen
Oz treffen, umgeändert werden. Dadurch wird das Gefüge in diesen Zellen
ein anderes, und diese Veränderung setzt sich durch den ganzen Körper
fort und überträgt sich auch auf die Keimzellen Kz. Die Veränderung,
die der Körper und die Keimzellen erleiden, soll durch die Konfiguration
der Zellen in Figur 25 b angegeben werden. Es stehen also in dem
durch die symbolische Figur 25 a dargestellten Körper die Keimzellen Kz
mit den Körperzellen Oz im Gleichgewicht und in dem durch die sym-
bolische Figur 25 b wiedergegebenen, durch äussere Einflüsse veränderten
Körper die Keimzellen Kz' mit den Organzellen Oz'. Hat nun Kz wieder
den Körper a und also auch die Organzellen Oz erzeugen können, so
muss Kz' auch wieder den Körper b und die Organzellen Oz' hervorbringen
Symbole zur Erläuterung der Vererbung.
182 III. Gestaltung und Vererbung.
können. Wenn Kz mit Oz im Gleichgewichte steht und Kz' mit Oz', so
heisst es das Gesetz von der Erhaltung der Kraft leugnen, wenn man zu-
giebt, dass Kz zwar Oz erzeugt, aber bestreitet, dass die Keimzelle Kz'
die Organzelle Oz hervorbringen kann. Diejenigen Naturforscher, welche
die Vererbung erworbener Eigenschaften bezweifeln, bezweifeln damit die
allgemeine Gültigkeit des obersten Naturgesetzes.
Fast ebenso leicht, wie sich die Vererbung einer durch äussere
Einflüsse hervorgebrachten morphologischen Umwandlung der Zellen da-
durch erklärt, dass sich Verschiebungen innerhalb der Gemmarien einer
Zelle durch den ganzen Körper bis zu den Keimzellen hindurch fort-
setzen müssen, ist es zu begreifen, warum auch die durch äussere
Einflüsse hervorgebrachten chemischen Umwandlungen der Zellen ver-
erbt werden. Zum Verständnis dieser Art der Vererbung führen dieselben
Überlegungen, die die Übertragung der Gemmenanordnung erklären, denn
der Körper bildet nicht nur in Bezug auf die Lage seiner einzelnen
Zellen ein Gleichgewichtssystem, sondern auch in Bezug auf deren
chemische Zusammensetzung. Durch äussere Einflüsse wird nicht nur
der morphologische Aufbau des Körpers erblich verändert, sondern
auch dessen Chemismus, und in Bezug auf diesen besteht gleichfalls
ein Gleichgewichtsverhältnis zwischen den einzelnen Zellen des Körpers.
"Wenn der Stoffwechsel in einer Körperzelle durch Einflüsse von aussen
verändert wird, so nmss auch der Stoffaustausch zwischen dieser Zelle
und den benachbarten ein anderer werden, und mit derselben Notwen-
digkeit, mit der sich morphologische Veränderungen durch den Körper
hindurch bis zu den Keimzellen fortpflanzen, müssen es auch chemische
thun. Wenn demnach eine Körperzelle im chemischen Gleichgewichte
mit dem gesamten Körper und folglich auch mit seinen Keimzellen steht,
und der Stoffwechsel der betreffenden Körperzelle ändert sich, so muss
es auch der des Gesamtkörpers thun und damit auch der der Keimzelle.
"Wenn also die Keimzelle Kz nicht nur in morphologischer, sondern auch
in chemischer Beziehung die Organzelle Oz hervorgebracht hat, so muss
durch Umwandlung der Organzelle Oz in Oz' auch die Keimzelle Kz
in Kz' übergehen, und Kz' muss wieder Oz' reproduzieren, denn der Ort,
welchen die durch fortgesetzte Teilung der befruchteten Eizelle ent-
erbenden Organzellen im Körper erhalten, muss auf den Chemismus der
Körperzellen einen grossen Einfluss ausüben und ihr Plasma chemisch
umändern, und ebenso wie sich bei der durch äussere Einflüsse be-
wirkten stammesgeschichtlichen Umbildung der Zellen ein grosser Teil
Die Entstehung der Organe. 183
des ursprünglichen Plasma's in andere Plasmaarten, wie es beispielsweise
Nerven- und Muskelmasse sind, umsetzte, muss dieselbe Umsetzung auch
bei der Ontogenie der Organe wiederholt werden.
Ein noch besseres Verständnis der Vererbung chemischer Umände-
rungen im Körper werden wir gewinnen, wenn wir später die periodischen
Schöpfungsmittel näher ins Auge fassen. Hier haben wir zunächst noch
das Verhältnis zu besprechen, in welchem der Gang der Keimesgeschichte
zu dem der Stammesgeschichte steht, und vor allem den Parallelismus
zwischen Ontogenie und Phylogenie zu erklären.
Bekanntlich hat Haeckel ein „Grundgesetz der organischen Ent-
wicklung" aufgestellt, sein „biogenetisches Grundgesetz", wonach die
Keimesgeschichte eine kurze und gedrängte "Wiederholung der Stammes-
geschichte ist, und wir müssen zugeben, dass, obwohl die Keimesgeschichte
manche Züge aufweist, die der Stammesgeschichte fremd waren, doch
im grossen und ganzen ein auffälliger Parallelismus zwischen Ontogenie
und Phylogenie besteht. Es ist die Aufgabe einer Vererbungs- und
Formbildungslehre, diesen Parallelismus ursächlich zu erklären. Der
Präformationslehre in ihrem neuesten, durch Weismann herbeigeführten
Stadium ist das nicht möglich. Nach ihr besteht die Ontogenie darin,
dass die Ide der befruchteten Keimzellen in ihre Determinanten zerlegt
werden, und dass, sobald eine Determinante isoliert ist, die sie zusammen-
setzenden Biophoren aus dem Kern der betreffenden Zelle in das um-
gebende Plasma eintreten, sich hier vermehren und so den Charakter
der Zelle bestimmen. Wie die natürliche Zuchtwahl dazu gekommen
sein sollte, bei dieser Zerlegung eine so grosse Umständlichkeit, wie sie
wegen der bedeutenden Komplikation der keimesgeschichtlichen Vorgänge
doch thatsächlich angenommen werden müsste, bestehen zu lassen, ist
schlechterdings nicht einzusehen, um so weniger, als Weismann und
seine Anhänger das krasseste Selektionsprinzip vertreten.
Die Zerlegung eines aus ungleichen Teilen bestehenden Körpers,
wie es ein Id ist, in seine einzelnen Qualitäten, ist auf ausserordentlich
verschiedene Weise möglich. Trotzdem finden wir, dass die Keimes-
geschichte im grossen und ganzen eine Wiederholung der Stammes-
geschichte ist, und dieser Umstand ist es, der die Präformationstheorie
Weismann's unfähig macht, Licht über die Keimesgeschichte zu ver-
breiten. Wenn es bei der Keimesgeschichte lediglich darauf ankommt,
die Determinanten des Ids auf die Zellen des sich entwickelnden Körpers
zu verteilen, so müsste die Keimesgeschichte einen viel schnelleren Gang
184 III. Gestaltixh und Vkrkrbun«..
nehmen, als sie es thatsächlich thut, um so mehr, als ein Tier, das
schnell zur Ausbildung gelangt, grosse Vorteile im Kampf ums Dasein
haben müsste, und wenn man die Berechtigung dieser Schlussfolge-
rung anerkennen will, so wird man des weiteren nicht begreifen,
warum bei allen Tieren ein mehr oder minder ausgesprochener Paral-
lelismus zwischen Ontogenie und Phylogenie besteht, denn die natür-
liche Zuchtwahl müsste darauf hinarbeiten , in jeder Tiergruppe den-
jenigen Gang der Keimesgeschichte, d. h. diejenige Zerlegung der Ide
in Determinanten herbeizuführen, die für die betreffende Tiergruppe am
schnellsten zum Ziele führt. Es müsste also, wie gesagt, eine grosse
Verschiedenheit in Bezug auf den Gang der Keimesgeschichte in ver-
schiedenen Tiergruppen eingeführt worden sein , was bekanntlich nicht
der Fall ist; denn darüber sind sich nachgerade alle Zoologen einig, dass
Haeckel mit seinem biogenetischen Grundgesetze im grossen und
ganzen das Richtige getroffen hat. Da also ein Verständnis für die On-
togenie nicht auf dem Wege einer präformistischen Vererbungstheorie
zu gewinnen ist, müssen wir uns zu unserer epigenetischen Anschauung
wenden, um von ihr eine Erklärung der Keimesgeschichte zu fordern,
und diese Erklärung ergiebt sich aus unserer Lehre in einfachster Weise.
Die Veränderungen, die durch äussere Einflüsse, sei es, dass diese
in den allgemeinen physikalischen und chemischen Verhältnissen der
Umgebung oder in dem veränderten Gebrauche der Organe bestehen, zu
stände kommen, vollziehen sich an einem Körper, dessen Zellenzahl
nicht in allen Generationen dieselbe ist, sondern von Generation zu Ge-
neration zunimmt, solange die Gefügezuchtwahl ihre Wirksamkeit ent-
falten kann. Das Körpergefüge wird immer mehr befestigt, so dass
immer mehr Zellen gebildet werden und in Zusammenhang mit den
schon vorhandenen bleiben können. Der Zellenstammbaum, welchen der
Körper darstellt, erhält also immer neue Äste und Zweige, und die vor-
handenen Zweige werden immer stärker und dadurch zu Hauptzellen-
bahnen, während sich an sie fortwährend neuere kleinere Zweige an-
setzen. Die wahrend der Ontogenie zuerst gebildeten Zweige müssen
also notwendigerweise auch den stammesgeschichtlich zuerst entstande-
nen Abzweigungen des Zellenstammbaumes entsprechen, denn die Ver-
erbung bewirkt, dass sieh zunächst in jeder Ontogenie diejenigen Zellen-
reihen wieder bilden, die schon bei den Eltern des betreffenden Orga-
nismus bestanden. Wenn sich aber an den Spitzen dieser Zellenreihen
neue Zellen entwickeln und dadurch die Länge der einzelnen Zweige
Die Entstehung der Organe. 185
des Zellenstammbaumes vergrössern, so rauss neben der keimesgeschicht-
lichen Reproduktion des ererbten Zellenstammbaumes der Eltern ein
"Wachstum über das ererbte Mass hinaus stattfinden, und Eimer hat
das Richtige getroffen, wenn er die stammesgeschichtliche Entwicklung
mit einem Wachstumsprozesse vergleicht. Dieser Prozess wird zwar in
jeder neuen Ontogenese durchbrochen, aber wenn eine Organismenart
sich in Umbildung befindet, so wird auch bei jeder Keimesentwickelung
die Zweiglänge des Zellenbaumes etwas vergrössert, die Äste und Zweige
dieses Baumes laufen deshalb nur bis zu dem Punkte, von welchem an
diese Verlängerung erfolgt, mit den Zellenbäumen der Eltern des be-
treffenden Organismus parallel ; hier werden die während der Ontogenese
dieser Tiere neu hinzugefügten Zellen angesetzt.
Es ist klar, dass dieser Parallelismus ein immer geringerer wird, je
weiter wir von einer heute lebenden Generation auf ihre Vorfahren
zurückgehen. Während die heute lebenden Organismen sich vielleicht
nur in Bezug auf die Länge einzelner äusserster Zweigspitzen des Zellen-
baumes von ihren nächsten Vorfahren unterscheiden, fehlen bei weiter
zurückliegenden Vorfahren die kleinsten Verzweigungen im Zellenstamm-
baume der heutigen Organismen schon gänzlich. Gehen wir noch weiter
zurück, so sehen wir auch Äste von beträchtlicher Grösse schwinden,
und auch diese nehmen an Anzahl und Länge ab, wenn wir uns aber-
mals weiter in der Stammesgeschichte zurückversetzen. Zuletzt besteht
der ontogenetische Zellenstammbaum nur noch aus einigen wenigen
Ästen, und endlich schwinden auch diese. Unsere Epigenesislehre, welche
die stammesgeschichtliche Fortbildung der Hauptsache nach durch die
Annahme einer konstitutionellen Zuchtwahl erklärt, begründet also in
einer Weise, wie es bisher nicht möglich war, den ursächlichen Zu-
sammenhang zwischen Keimes- und Stammesgeschichte, den Parallelis-
mus der ontogenetischen und phylogenetischen Entwickelung, und sie
erklärt auch, warum, wie es von Eimer mit solchem Nachdrucke be-
tont worden ist, das organische Wachsen ein gesetzmässiges sein muss.
Dieses organische Wachsen kann nämlich im Laufe der Stammes-
geschichte dadurch abgeändert werden, dass sich einzelne Äste des onto-
genetischen Zellenstammbaumes verkürzen, und dass sich andere verlängern
und stärker werden, dass sich endlich hier und da neue Verzweigungen
bilden. Die letzteren müssen an ganz bestimmten Stellen entstehen,
nämlich dort, wo die Lage der betreffenden Zellen eine neue Verzweigung
zulässt. Bei verwandten Tieren wird das an korrespondierenden Körper-
186 III. Gestaltung und Vererbung.
stellen der Fall sein und deshalb werden solche Tiere unabhängig von-
einander dieselben neuen Entwickelungsbahnen einschlagen. Daraus er-
klärt sich aber die gesetzmässige Umbildung beispielsweise der Zeich-
nung, wie sie durch Eimer 's schöne Untersuchungen bekannt geworden
ist. Während aber Eimer diese gesetz massige Umbildung zunächst nur
empirisch feststellen konnte, ist es nunmehr möglich geworden, die Ur-
sachen des sich nach einer Richtung hin bewegenden phylogenetischen
Entwicklungsganges zu verstehen. Diese Ursache ist durch die Ge-
fügefestigung gegeben. Durch äussere Einflüsse wird das plasma-
tische Gefüge eines Körpers verändert, entweder gestärkt oder geschwächt,
und die konstitutionelle Zuchtwahl bewirkt, dass immer nur die Indivi-
duen mit dem festesten Gefüge überleben. Dadurch kommt die in so
hohem Grade gesetzmässige und nach bestimmten Eichtungen hin er-
folgende Entwickelung der Organismen zu stände, die Karl Ernst von
Baer und andere Naturforscher nur durch die Annahme einer Ziel-
strebigkeit erklären zu können glaubten, während Nägeli dafür einen
Mechanismus der Entwickelung seines Idioplasma's ersann , wie er that-
sächlich nicht bestehen kann, denn die Anstösse zur Fortentwickelung
einer Organismenart kommen in allen Fällen von aussen und nicht von
innen heraus. Bleiben die äusseren Lebensbedingungen dieselben, so
setzt sich das Plasma mit ihnen ins Gleichgewicht, und die betreffende
Organismenart bildet sich desto langsamer um, je mehr dieser Gleich-
gewichtszustand erreicht ist. Thatsächlich aber sind die Einflüsse, von
denen die verschiedenen Individuen einer Art betroffen werden, ver-
schieden, so dass immer eine Auswahl unter Individuen mit verschieden
festem Gefüge möglich ist. Freilich wird sich zu einer solchen Auswahl
in grossen Umbildungsgebieten viel ausgiebigere Gelegenheit bieten, als
in kleineu, wodurch es denn zu erklären ist, dass in den letzteren eine
verhältnismässig langsame Umbildung stattfindet.
Die hier vorgetragene Lehre bahnt also ein wirkliches mechanisches
Verständnis für die Entstehung der Körperformen bei phylogenetischer
und ontogenetischer Entwickelung-, für die Vererbung erworbener Eigen-
schaften und den Parallelismus von Keimes- und Stammesgeschichte
an. während frühere Vererbungs- und Formbildungsiehren nur empirische
Gesetzmässigkeit feststellen konnten, ohne dafür die wahren Ursachen
beibringen zu können, und der Präformismus sich überhaupt unfähig er-
weist, irgend etwas wirklich zu erklären. Wir dürfen deshalb für unsere
Lehre prinzipiell die Bezeichnung einer Entwickelungsmechanik in An-
Die Entstehung der Organe. 187
spruch nehmen; sie macht uns die Gleichgewichtsverhältnisse der or-
ganischen Körper mechanisch begreiflich.
Aus der Gemmarienlehre geht auch ohne weiteres hervor, warum
die Ontogenie auch bei solchen Tieren keine vollkommene "Wiederholung
der Phylogenie sein kann, welche nicht durch embryonale Anpassungen
in ihrer keimesgeschichtlichen Entwickelung beeinflusst worden sind. "Wo
das letztere der Fall ist, wo das sich entwickelnde Tier sich an eigen-
artige Lebensverhältnisse, beispielsweise an den Aufenthalt in dem Frucht-
behälter seiner Mutter, angepasst hat, ist es von vornherein verständlich,
dass diese Anpassung eine Einwirkung auf den Gang der keimes-
geschichtlichen Entwickelung haben musste. Allein viele Tiere sind nicht
an solche Verhältnisse angepasst; beispielsweise kann man bei den
Scheibenquallen, die sich aus einem Becherpolypen durch Teilung des
letzteren entwickeln, nicht von weitgehender Anpassung an das Keim-
lingsleben sprechen. Gleichwohl ist auch bei diesen Tieren der onto-
genetische Entwickelungsgang abgeändert. Die einzelnen aufeinander-
folgenden Entwickelungsstnfen der Scheiben quallen gleichen zwar noch
annähernd, aber "doch nicht mehr vollkommen ihren phylogenetischen
Vorfahrenstufen, und sie können es deshalb nicht, weil das Plasma, aus
welchem sie sich entwickeln, eben dasjenige ihrer eignen Art und kein
anderes ist. Deshalb müssen sie auch schon auf der Stufe der befruch-
teten Eizelle verschieden sein, auch wenn ihre Verschiedenheiten für
uns nicht wahrnehmbar sind. Die Verschiedenheiten treten aber bald
genug hervor, so dass es für den Geübten nicht schwer sein wird, auf
tiefer ontogenetischer Entwickelungsstufe stehende Scheibenquallen von-
einander artlich zu unterscheiden, und dasselbe gilt von allen übrigen
Tieren und auch von den Pflanzen. Die Unterschiede des Plasma's sind
in den Keimzellen der Organismen ebenso gross wie die der erwachse-
nen Tiere und Pflanzen, und deshalb kann die keimesgeschichtliche
Entwickelung sich nicht mehr volkommen mit der stammesgeschichtlichen
decken. "Wenn demnach das Haeckel'sche biogenetische Grundgesetz,
wie wir oben gezeigt haben, eine Stütze in unserer Gemmarienlehre
findet, so findet es anderseits auch eine notwendige Einschränkung
durch eben diese Lehre, und dadurch, wie mir scheint, eine nur um
so festere Begründung. Unsere Lehre erklärt, warum beispielsweise die
Keimesgeschichte des Säugetieres in viel höherem Grade von der des
Amphioxus abweichen muss, als die der Amphibien, warum sich der Polyp
der Becherquallen viel weiter von der Hydra entfernt hat, als der Polyp
]— III. Gestaltung und Vkrerbung.
der Schleierquallen. Diese Unterschiede Hessen sich früher keineswegs
ohne weiteres verstehen. Die Gemraarienlehre , welche ein monotones
Keimplasma annimmt, begründet zu gleicher Zeit die notwendigen Über-
einstimmungen und Verschiedenheiten der Keimesgeschichte verschiedener
Organismenarten und erweist sich dadurch als ein mechanisches Ei-
kiarungsprinzip. Dass sie auch die Erklärung für die Anpassung des
sich entwickelnden Organismus an seine besonderen Lebensbedingungen
giebt, werden wir in dem Abschnitte über die Entstehung der periodischen
Entwickelungsvorgänge sehen.
f. Die Entstehung der Ausrüstung 1 .
Wir haben in dem vorhergehenden Abschnitt dargethan, dass ver-
änderte Lebensbedingungen notwendigerweise auf den Organismus ein-
wirken und neue Anpassungen herbeiführen, und dass diese vererbt
werden müssen. Durch direkte äussere Einflüsse kann erstens die Form
der Gemmarien eine andere werden, und zwar dadurch, dass sie ent-
weder fester oder lockerer wird. Die Individuen mit dem festesten
Gemmariengefiige überleben, während die übrigen zu Grunde gehen.
Es wird also dadurch eine stammesgeschichtliche Umgestaltung bewirkt,
die unabhängig ist von Anpassungen der einzelnen Organe an neue
Lebensbedingungen.
Wir müssen aber auch zweitens solche Anpassungen unterschei-
den, welche direkt durch den veränderten Gebrauch der Organe
infolge von auf Gefügefestigung beruhenden Formveränderuugen des
Körpers herbeigeführt und vererbt werden. Ob diese Veränderungen
zweckmässig sind, d. h. ob sie geeignet sind, der betreffenden Organis-
menart eine lange Existenz zu sichern, hängt von den sonstigen Lebens-
bedingungen der Art und von dem in Zukunft eintretenden Wechsel der
letzteren ab. Denn die Anpassungen, welche durch den Gebrauch oder
Nichtgebrauch der Organe entstehen, brauchen keineswegs immer er-
haltungsmässige zu sein, und dasselbe gilt von der Grundform, die, wie
wir gesehen haben, durch Gefügefestigung im Laufe der Stammesgeschichte
der Tiere abgeändert wird. Die Gefügefestigung kann aber drittens noch
weitere Veränderungen mit sich bringen, sie kann beispielsweise die
Färbung beeinflussen, und das Gleiche gilt von den Abänderungen der
einzelnen Organe, denn wenn eine einzige Zelle sich ändert, so müssen alle
Die Entstehung der Ausrüstung. 189
anderen Zellen sich gleichfalls verändern und dadurch den gesamten
Organismus in allen seinen Teilen umbilden. Auf diese Weise entstehen
neue Eigenschaften, die erhaltungsmässig oder nichterhaltungsmässig oder
endlich auch indifferent sein können, und die Lebensbedingungen einer
abgeänderten Organismenart haben darüber zu entscheiden, ob die Neben-
erzeugnisse, wie wir die durch Gefügefestigung und Organumbildung
auf korrelativem Wege hervorgebrachten Abänderungen nennen können,
zum Besten oder zum Nachteil der betreffenden Art ausfallen oder end-
lich für das Fortbestehen der Art gleichgültig sind. Es wird also leicht
eine Auslese zwischen verschiedenen nächstverwandten
Arten oder Rassen, deren Verbreitungsgebiete sich so verschieben,
dass sie teilweise zur Deckung gelangen, eine Rassen Zuchtwahl zu
stände kommen können, welche die Ausrüstung, die Dotation der
Organismen betrifft.
Wir nehmen also mit Darwin eine Zuchtwahl an, aber, sofern die
Ausrüstung und nicht das Gefüge betroffen wird, nur zwischen ver-
wandten Rassen einer Art oder verwandten Arten einer Gattung. Durch
solche dotationelle Rassenselektion kann man sich beispielsweise
die Entstehung der Schutzfärbung erklären, und dass unsere Lehre auch
geeignet ist, die Entstehung hochgradiger Mimikry zu erklären, will ich
an dem folgenden von Seitz mitgeteilten Beispiel darzuthun versuchen.
„Weit verbreitet über Indien und die angrenzenden Länder," sagt
Seitz, „findet sich eine nachweisbar geschützte Danaide; nachweisbar
geschützt, denn ihre Raupe lebt an Giftpflanzen (Asclepiadeen). Auf
Ceylon fliegt sie in einer sehr lebhaft gelbroten (plexippus) Form, auf
Java ist sie düsterer (melanippus) u. s. f. Mit ihr zusammen fliegt eine
nicht geschützte Satyride (Elymnias undularis, Raupe an Palmen), die
im weiblichen Geschlechte jene Danaide aufs genaueste nachahmt und
auf Java düsterer, auf Ceylon heller ist (= var. fraterna). Das Männ-
chen dieser Elymnias ist vorwiegend schwarz und blau und hat weder
mit seinem Weibchen, noch mit der Danaide die geringste Ähnlichkeit.
Es gelang mir nun, auf der Insel Singapur einen Ort aufzufinden, wo
die braune Danaide fehlt, oder richtiger gesagt, wo sie infolge eines
Albinismus einen vollständig anderen Habitus angenommen hat (= var.
hegesippus); auch auf dieser Insel kommt die Elymnias undularis vor,
hier aber — und damit ist die Probe auf die Mimikry - Theorie gemacht —
ist das Weibchen genau wie das Männchen gefärbt (= var. nigrescens
Btlr.). Wir sehen also, dass nicht etwa eine ,zufällige Gleichheit der
190 III. Gestaltung und Vererbung.
klimatischen oder physikalischen Verhältnisse' den Grund zur mime-
tischen Färbung liefert, sondern dass es sich in der That bei der Mimikry
um eine ,Nachahmung' handelt/'
Während ich Seitz in Bezug auf diesen letzten Satz beistimme,
vermag ich es nicht anzuerkennen, dass dadurch, dass auf Singapur im
Bezirke der durch Albinismus abgeänderten braunen Danaide das Weib-
chen der Elymnias dem Männchen gleicht, die Probe auf die Mimikry-
Theorie gemacht sein soll; ich glaube vielmehr, dass dadurch die Mi-
mikry-Theorie in ihrer jetzigen Form widerlegt wird. Um aber meine
Anschauung darüber zu entwickeln, muss ich etwas weiter ausholen.
Schmetterlinge giebt es schon seit alten Zeiten, und sehr viele Arten,
beispielsweise der Distelfalter, haben Gelegenheit gehabt, sich über einen
grossen Teil der Erde zu verbreiten. In früheren Zeiten , als auch bei
uns im Norden noch ein wärmeres Klima herrschte, muss solches noch
viel eher möglich gewesen sein, und es wird oft vorgekommen sein, dass
eine durch schlechten Geschmack oder Geruch geschützte Art über ein
weites Gebiet zusammen mit anderen verbreitet war, welche nicht ge-
schützt waren. Es ist nun möglich, dass in irgend einem engeren Be-
zirke dieses weiten Gebietes zufällig eine Kasse einer nicht geschützten
Art entstand, die der geschützten Art mehr oder weniger ähnelte. Die
Individuen dieser Basse werden grössere Aussichten im Kampf ums Da-
sein gehabt haben, als die Individuen der anderen Rassen derselben Art,
die der geschützten Art unähnlich blieben. Die nachahmende Rasse
konnte sich deshalb über das ganze grosse Gebiet verbreiten, während
die übrigen Rassen zum Teil wenigstens im Kampf ums Dasein unter-
liegen mussten, und nachdem die durch Nachahmung begünstigte Rasse
sich so weit wie möglich ausgebreitet hatte, konnte sie selbst innerhalb
der kleineren Bezirke ihres gesamten Verbreitungsgebietes wiederum
irgendwo eine Rasse bilden , die noch mehr als sie der durch schlechten
Geschmack geschützten fremden Art ähnelte. Dieser Prozess konnte
sich öfters wiederholen, so dass endlich eine hochgradige Ähnlichkeit
zwischen der geschützten und nachahmenden Art entstand. Es ist aber
wohl möglich, dass bei diesem Prozesse der Rassenzuchtwahl Rassen
unterlagen, welche an und für sich besser zum Leben befähigt waren,
als die nachahmende Rasse, dass die letztere ihre weite Verbreitung und
ihr Fortbestehen auf Kosten ihrer Konstitution eingetauscht hatte. Solches
ist, wie es scheint, oft der Fall gewesen, und deshalb sind nachahmende
Tnie, Tiere, die in hohem Grade durch Mimikry ausgezeichnet sind, oft
Die Entstehung der Ausrüstung. 191
recht individuenarm, während man nach dem Darwinismus das Gegen-
teil erwarten sollte.
Der von Seitz mitgeteilte Fall scheint gegen unsere Theorie der
Rassenzuchtwahl, welche weite Gebiete gebraucht, zu sprechen; es
scheint, dass auf Ceylon, Java usw. ein individueller Zucht wahl-
prozess stattgefunden hat, welcher die Ausrüstung einer Schmetter-
lingsart betraf, während er auf Singapur nicht stattfand. Der Fall ist
aber anders zu erklären. Wir dürfen annehmen, dass sowohl die ge-
schützte als auch die nachahmende Art ursprünglich sehr weit verbreitet
war, dass sich aber in verschiedenen Gebieten besondere Rassen der
geschützten Art heranbildeten. Zunächst mag die Danaide die auf Java
herrschende Färbung angenommen haben. Diese wurde in irgend einem
Bezirke von der Satyride nachgeahmt; die betreffende Rasse der letzteren
wurde die herrschende, verbreitete sich über das Gesamtgebiet der Da-
naide und gelangte auch nach Java. Aber die Danaide veränderte sich
im grössten Teile des von ihm bewohnten Gebietes; sie nahm vielleicht die
jetzt auf Ceylon gefundene Färbung an, und auch diese wurde von irgend
einer Rasse der sich gleichfalls verändernden Satyride nachgeahmt. Nun-
mehr wurde diese die herrschende Rasse der geschützten Art und ge-
langte unter anderm auch nach Ceylon. Beide Arten konnten sich noch
weiter verändern, aber auf Java und Ceylon behielten sie ihre Eigen-
tümlichkeiten bei, weil sich auf diesen kleinen Gebieten die Verände-
rungen äusserst langsam vollziehen, eine Eigentümlichkeit der Insel-
faunen, die wir im nächsten Abschnitte verstehen lernen werden. Die
jetzt auf Singapur vorkommende Rasse der Danaide erlitt aber infolge
äusserer Einflüsse Abänderungen, die Seitz als Albinismus deutet.
Sicher sind doch nun auch die auf Singapur lebenden Individuen dieser
Danaide geschützt; auch ihre Raupen werden sich von Giftpflanzen
nähren, und es ist nach der üblichen Theorie der Mimikry nicht ein-
zusehen, weshalb nicht auch auf Singapur die Satyride schützende Ähn-
lichkeit beim Weibchen aufweisen sollte. Wenn sich nach der herrschen-
den Ansicht auf Java und Ceylon ein Prozess dotationeller Individual-
selektion an der Satyride vollziehen konnte, so konnte er es doch auch
wohl auf Singapur. Warum also giebt es hier keine Mimikry bei der
Satyride? Die Probe auf die Richtigkeit der herrschenden Mimikry-Theorie
wäre zwar auch noch nicht gemacht, wenn auch auf Singapur das Weib-
chen der Satyride ebenfalls der Danaide gliche, aber die Theorie erlitte
dann wenigstens keinen Stoss. Dieser Fall zeigt eben, dass Mimikry
192 III. Gestaltung und Vererbung.
nicht durch dotationelle Individualselektion entstanden sein kann, dass
es sich dabei vielmehr um Rassenzuchtwahl handelt. Ich weiss
nicht, wie weit die Unterart der Satyride, in welcher das Weibchen dem
Männchen gleicht (var. nigrescens), verbreitet ist, möchte aber annehmen,
dass sie kein grosses Gebiet bewohnt und dass in diesem, vielleicht in
einzelne Bezirke zerrissenen Gebiete die Danaide entweder fehlt oder,
wie auf Singapur, einen völlig veränderten Habitus zeigt. In solchen
Bezirken hätte sich dann eine Rasse der Satyride, die ihre Färbung in
beiden Geschlechtern lediglich der konstitutionellen Individualselektion
verdankt, halten können.
Unsere Ausführungen zeigen, dass hochgradige Mimikry nur da-
durch zu stände kommen konnte, dass von vornherein mindestens in
einem Gebiete sämtliche Individuen der dort lebenden Rasse einer un-
geschützten Art Ähnlichkeiten mit einer geschützten Art hatten, denn
wie durch Individualselektion hochgradige Ähnlichkeit zweier ursprüng-
lich völlig verschiedener Rassen zu Wege gebracht 'werden kann, ist
nicht einzusehen, w r eil die konstitutionelle Zuchtwahl unter Individuen
einer Rasse jedenfalls über dotationelle Individualselektion, die ja
nur geringe individuelle Unterschiede betreffen könnte, die Ober-
hand behalten muss. Dagegen kann eine Rasse, die durch konstitutionelle
Individualselektion zufällig einer geschützten fremden Art ähnlich ge-
worden ist, möglicherweise im Wettbewerb mit anderen Rassen überleben,
auch wenn die letzteren besser konstituiert sind. Wir ersehen daraus,
dass die verschiedenen Arten der Zuchtwahl nicht immer Hand in Hand
zu arbeiten brauchen, sondern auch gegeneinander wirken können, und
dass es nicht immer das Überleben des Bestausgestatteten, des Best-
gerüsteten ist, das die Fortentwickelung der Arten bedingt hat. Die
Ausstattung wird zunächst ohne Rücksicht auf Zweckmässigkeit durch
die Individualselektion herangezüchtet oder direkt durch äussere Ein-
flüsse oder durch den Gebrauch und Nichtgebrauch der Organe hervor-
gebracht, aber darüber, ob sie bestehen bleiben soll, entscheidet nicht
die Individualselektion, sondern die Rassenauslese. Auf Grund der Unter-
scheidung dieser beiden Arten der Auslese wird auch, wie wir bereits
gesehen haben und im nächsten Abschnitt noch des näheren sehen
werden, die Entstehung der Faunen verständlich.
Dte Entstehung deb EVunen. 193
g. Die Entstehung der Tannen.
In meiner „Schöpfung der Tierwelt" habe ich den Nachweis geführt,
dass die Landfaunengebiete, die wir auf der Erde unterscheiden können,
eine auffällige Stufenfolge darstellen. Auf der tiefsten Stufe steht Neu-
seeland, auf einer etwas höheren Australien; es folgen Madagaskar und
die grossen Antillen, Südamerika,. Afrika und Indien, dann Nordamerika,
bis wir endlich in Europa und Nordasien die höchstentwickelte Landfauna
antreffen. Solches gilt für die Säugetiere, und ähnliches lässt sich für die
Yögel und für manche andere Tiere feststellen. Australien steht noch
heute in Bezug auf seine Säugetierfauna auf einer Entwickelungsstufe,
die der Norden der Erde während der Sekundärzeit durchlaufen hat, und
die Fauna Madagaskars mag einer alttertiären Säugetierfauna unserer Ge-
genden entsprechen. Wo wir altertümliche Tiere oder Tiergruppen an-
treffen, finden wir sie meistens im Süden der Erde. Ein Blick auf eine
Erdkarte zeigt uns, dass die Entwickelungshöhe der Faunen Hand in
Hand geht mit der Isolierung und der mehr oder minder grossen Aus-
dehnung der Faunengebiete, und wenn wir bedenken, dass aller Wahr-
scheinlichkeit nach die Konfiguration der grossen Kontinentalmassen der
Erde im grossen und ganzen vor alter geologischer Zeit dieselbe war
wie heute, so gelangen wir zur Aufstellung des Satzes, dass die Ent-
wickelungshöhe der Tiere eines Faunengebietes ceteris paribus propor-
tional ist der Ausdehnung des letzteren, vorausgesetzt, dass das betref-
fende Gebiet nicht leicht einer Einwanderung von aussen zugänglich,
also wirklich ein für sich bestehendes Gebiet ist.
Schon im Jahre 1886 habe ich den Satz aufgestellt, dass sich alle
grösseren Gruppen der Landtiere, etwa schon alle Gruppen von der Be-
deutung einer Ordnung, von dem in der nördlichen Erdhalbkugel gelegenen
Kontinentalkomplex aus, dessen Mittelpunkt der Nordpol ist, über die Erde
verbreitet haben, und ich habe diesen Satz folgendermassen zu begründen
gesucht: „Solche Erdregionen, welche neben ausgedehnten Landmassen
eine im Laufe der Zeiten wechselnde Verteilung von Land und Wasser
und damit eine ausgedehnte Verschiebung der klimatischen und fauni-
stischen Verhältnisse aufweisen, würden meiner Ansicht nach in ganz
hervorragender Weise befähigt gewesen sein, neue Tiergruppen ins Da-
sein zu rufen." Ich gelangte dann zu dem Ergebnis, „dass etwa die
nördlichen zwei Dritteile der Nordhemisphäre das einzige grössere Kon-
Haacke, Gestaltung und Vererbung 13
194 III. Gestaltung und Verkrbi -..,.
tineutalgebiet der Erde bilden, in welchem während früherer Erdperioden
grössere Landmassen bald miteinander verbunden, bald voneinander ge-
trennt waren, dass also nur dieses Gebiet, dessen Mittelpunkt der Nordpol
ist, den Schauplatz für die Entstehung grösserer Systemgruppen des Tier-
reiches abgeben konnte. Ist dieses aber der Fall gewesen," fuhr ich fort,
v dann müssen die neu entstandenen Tiergruppen die älteren mehr und
mehr nach Süden bis in die entferntesten Erdenwinkel gedrängt haben.
Ist unsere Schlussfolgerung richtig, dann müssen wir in südlichen ent-
fernten Erdenwinkeln heute die letzten überlebenden Vertreter alter
und grösstenteils ausgestorbener Tiergruppen finden, während die Reste
ihrer früher lebenden Vorfahren und Anverwandten auch in den Erd-
schichten der nördlichen Hemisphäre abgelagert sein müssen." Ich konnte
behaupten, dass beides der Fall sei, und habe seitdem in meiner „Schöpfung
der Tierwelt" gezeigt, dass sich nicht bloss die früher von mir namhaft
gemachten Tiere, nämlich die straussartigen Vögel, die Ursäuger, Beutel-
tiere, Halbaffen, Zahnarmen und Insektenfresser, den Forderungen meiner
Verbreitungstheorie fügen, sondern dass der Satz, dass dort, wo seit
langer Zeit die grössten Landmassen angehäuft sind, auch die lebhafteste
Fortentwickelung der Landtiere stattfindet, allgemeine Gültigkeit hat und
mutatis mutandis auch für die Bewohner des Meeres und des süssen
Wassers gilt. Ich habe aber auch gelernt, diesen Satz durch meine
Gemmarienlehre mechanisch zu begründen.
Gewiss sind die Einwirkungen, die in einem grossen Landergebiete
durch wechselnde klimatische Verhältnisse, durch Bildung von Meeres-
armen, von Inseln und dergleichen mehr auf die Tierwelt ausgeübt werden,
von grosser Bedeutung; allein auch wo sie fehlen, muss sich die Tier-
welt eines grossen Gebietes schneller umbilden, als die eines kleinen,
das im übrigen dieselben Existenzbedingungen gewährt, denn auf einem
grossen Gebiete kann die Gefügezuchtwahl viel ausgiebiger eingreifen, als
in einem kleinen, weil sie mehr Material hat, um ihre Auswahl zu treffen.
Je grösser das Gebiet ist, desto mehr wird es auch in seinen einzelnen
Teilen geringe Verschiedenheiten zeigen und desto mehr Faunengrenzen
von untergeordneter Bedeutung werden sich in ihm finden. Es kann
«sich also in jedem einzelnen Teilgebiete des grossen Uesamtgebietes aus
einer ursprünglich über das ganze Gebiet verbreiteten Tierart eine neue
Rasse entwickeln, und unter den neuen Rassen, in welche die früher über
das ganze Gebiet verbreitete Tierart zerfallen ist, wird diejenige, welche
in Bezug auf Gefügefestigkeit und Ausstattung am vorteilhaftesten um-
Die Entstehung der Faunen. 195
gebildet worden ist, sich über das Gesamtgebiet verbreiten und die
anderen Rassen verdrängen können, und dieser Prozess kann sich, wie
schon im vorigen Abschnitt ausgeführt, oft wiederholen, was in einem
kleinen Gebiete nicht möglich ist. Es ist deshalb kein Wunder, dass
die Fortbildung der Tierwelt in grossen Gebieten unter übrigens gleichen
Umständen viel schneller stattfindet, als in kleinen; dagegen kann direkte
Anpassung an die äusseren Lebensverhältnisse viel eher in kleinen Ge-
bieten zu stände kommen, weil hier die Gefügefestigung der Anpassung
nicht entgegenarbeitet, weil in kleineren Gebieten deshalb eher eine Ver-
schiebung der Zellen des Körpers und der Gemmen innerhalb der Gem-
marien möglich ist, weil hier das Gefüge der Tiere weniger fest ist, als
in grossen Gebieten. Und in der That finden wir in manchen südlichen
Gebieten weitgehende Anpassungen an einseitige Lebensweise, und das-
selbe gilt von isolierten Inseln. Ich erinnere an die flügellosen Vögel
Neuseelands, an die einseitige Ausbildung des Känguruhfusses, an die
eigentümliche Umbildung der Kiefer bei den Ursäugern , an die Greif-
schwänze vieler Säugetiere Südamerikas und Australiens, an die flug-
unfähigen Käfer von Madeira und an die schwerfälligen ausgestorbenen
Taubenvögel von den Maskarenen. Beispiele für einseitige Anpassung
Hessen sich noch in grosser Menge aufführen, und man würde finden,
dass sie hauptsächlich in südlichen Gebieten angetroffen werden. Das
findet seine Erklärung in unserer Gemmarienlehre, während mir keine
andere Lehre bekannt ist, die zur Begründung dieser auffälligen tier-
geographischen Befunde dienen könnte.
Allerdings ist die Anschauung, dass die hauptsächlichste Umbildung
der Landtiere in Europa und im Norden von Asien stattgefunden hat,
nicht neu. Ich habe schon in meinem oben citierten Aufsatze darauf
hingewiesen, dass sie im wesentlichen diejenige des bedeutendsten Tier-
geographen der Gegenwart, Wallace's, ist. Seit der Veröffentlichung
meines Aufsatzes hat dann der englische Geistliche und Ornithologe
Tristram gleichfalls den Satz aufgestellt, dass die Tiere sich vom Norden
aus über die Eide verbreitet haben; aber er begründet diesen Satz
anders, als ich es gethan habe. Tristram knüpft an die Vögel an und
sagt, dass dort die Heimat eines Vogels zu suchen sei, wo er brüte, dass
beispielsweise unsere Zugvögel früher jahraus, jahrein bei uns im Norden
lebten. Er meint nun, dass sich von hier aus die Erde bevölkert
habe, und dass die abweichenden Formen der südlichen Vertreter nor-
discher Tiere darauf zurückzuführen seien, dass sie sich mehr von dem
13*
196 III. Gestalti \'. i m> Vererbi
gemeinsamen [Trsprung entfernt hätten, als diejenigen, die im Norden
^blieben sind.
Diesem Satze kann ich nicht zustimmen, da ich im Gegenteil der
Ansicht bin, dass die Umbildung der Tiere im Norden viel rascher erfolgt
ist, als im Süden. Allerdings weichen südliche Tiere oft in hochgradiger
Weise von ihren nordischen Verwandten ab; allein nicht diese sind es,
diu auf der ursprünglichen Entwickelungsstufe stehen geblieben sind,
sondern die des Südens. Die letzteren sind zwar oft in einseitiger Weise
den Lebensverhältnissen der südlichen Länder angepasst und weichen
dadurch von den typischen, im Norden wohnenden Vertretern ihrer Gruppe
ab, aber trotz alledem sind letztere weiter entwickelt, wie sie es ja nach
unserer Gemmarienlehre sein müssen, falls die grossen Landmassen,
welche wir heute im Norden finden, schon seit langer Zeit bestanden
haben, falls die grossen Kontinentalsockel seit uralten geologischen Zeiten
dieselben geblieben sind. Und gerade diejenige Tiergruppe, welche
Tristram in erster Linie zur Begründung seiner Ansichten heranzieht,
nämlich die der Spechte, stimmt viel besser zu meiner Theorie, obwohl
sie dieser auf den ersten Blick teilweise zu widersprechen scheint.
Im Norden der Erde finden wir typische Spechte, beispielsweise
unseren Schwarzspecht und den Herrenspecht Nordamerikas. Je weiter
wir uns vom Norden aus nach dem Süden zu entfernen , desto mehr
Vögel treffen wir an, die noch nicht zu so vollkommenen Spechten ge-
worden sind, wie die hochentwickelten nordischen Vertreter der Gruppe.
Nun sind diese allerdings einseitiger angepasst als beispielsweise die
kleinen Weichschwanzspechte des Südens, aber bei unserer Vogelgruppe
kommen besondere Verhältnisse in Betracht. Die einseitigen Anpassungen
der Spechte beruhen auf der eigentümlichen meisselartigen Umbildung
des Schnabels, auf dem Kletterfuss, den starren Schwanzfedern und der
langen hervorstreckbaren Zunge. Da aber die grosse Mehrzahl der Spechte
Waldvögel sind, und da wir uns den Specht nur in Waldgebieten
entstanden denken können, so leben sie sowohl im Norden als auch im
Süden der Erde unter denselben Lebensbedingungen. Im Norden konnte
nun eine intensive Gefügezucht wähl stattfinden, und dadurch wurde die
Büörpergrösse der nordischen Spechte allmählich viel beträchtlicher, als sie
es ursprünglich gewesen ist und als wir sie bei vielen südlichen Spechten
heute noch finden. Die fortgesetzte Anpassung an das Baumleben musste
aber sowohl im Norden als auch im Süden in derselben Richtung
Die Entstehung dee Faunen. 197
wirken, und deshalb konnte auch die Gefügezuchtwahl im Norden nicht
viel gegen die direkte Anpassung auslichten.
Da die nordischen Spechte mit der Zeit durch Gefügezuchtwahl viel
grösser geworden waren, als die südlichen, so konnten die einseitigen
Umbildungen, die der Specht infolge von Anpassung an seine eigenartige
Lebensweise erlitten hat, im Norden viel auffälliger werden. Die
mächtigen Hammerschläge, die der Schwarzspecht mit seinem Schnabel
ausführen kann, müssen stärker umbildend auf den letzteren einwirken,
als es bei den winzigen Zwergspechten des Südens möglich ist- der
Druck, den die grossen nordischen Spechte auf ihre Schwanzfedern da-
durch, dass sie sich auf diese stützen, ausüben, ist gleichfalls ein viel
stärkerer als bei den kleinen Spechten des Südens. Aus diesen Gründen
nmssten die nordischen Spechte viel typischere Vertreter ihrer Gruppe
werden, als die südlichen, sofern diese nicht erst neuerdings aus dem
Norden gekommen sind. Und wenn die nordischen Spechte auch ein-
seitiger angepasst sind, als viele südliche, so sind sie doch immerhin
vermöge ihrer Körpergrösse und sonstiger Eigentümlichkeiten, die nicht
auf direkter Anpassung beruhen, beispielsweise in Bezug auf Färbung
und Zeichnung die höchstentwickelten Vertreter ihrer Familie.
Ähnliches finden wir auch bei anderen Tieren, die nicht so einseitig
angepasst sind wie die Spechte. Typische Raben, Hirsche, Marder, um
nur einige Beispiele zu nennen, finden wir vor allem im Norden, und
dasselbe gilt von allen anderen Landtieren, sofern deren Verbreitungs-
gebiet nicht allzusehr von klimatischen Verhältnissen abhängig ist. Wo,
wie es etwa bei den Schmetterlingen, ferner bei den Kriechtieren und
Lurchen geschehen ist, eine Verschiebung des Hauptverbreitungsgebietes
vom Norden nach den Tropen zu stattfand, weil im Norden ein unwirt-
liches Klima eintrat, da ist allerdings der Norden neuerdings in der Ent-
wickelung zurückgeblieben. Aber zu einer Zeit, in welcher noch über-
all auf der Erde warmes Klima herrschte, muss der Norden auch die
höchststehenden Vertreter dieser Tiergruppen beherbergt haben, wenn that-
sächlich im Norden immer die meisten Landmassen angesammelt gewesen
sind. Es haben sich also nicht die Tiere des Südens, wie Tristram
meint, von den nordischen entfernt, sondern das Umgekehrte hat statt-
gefunden : die nordischen Tiere haben sich infolge der grossen Ausdehnung
ihres Heimatsgebietes von ihren ursprünglichen Vorfahren entfernt,
während Verwandte der letzteren, die nach dem Süden der Erde hinge-
langt waren im grossen und ganzen auf derselben Stufe stehen geblieben
198 III. Gestaltung und Vererbung.
sind, die ihre Vorfahren einnahmen, als sie in ihr heutiges südliches
Verbreitungsgebiet einwanderten.
Ich habe in meiner früheren kleinen Abhandlung allerdings nicht
genug betont, dass die Umbildung der Landtiere im Norden der Erde
eine viel schnellere sein musste, als im Süden, was ich aber bereits in
meiner „Schöpfung der Tierwelt" gethan habe. Aber schon im Jahre
1886 habe ich die höhere Entwickelung der nordischen Tiere mit ihrem
grossen Verbreitungsgebiete in Zusammenhang gebracht, und jetzt bin
ich in der Lage, die Abhängigkeit der Entwickelungshöhe der Tiere eines
Faunengebietes von dessen Ausdehnung mechanisch durch die Gemma-
rienlehre zu begründen, wie ich es auf den vorhergehenden Seiten ge-
than habe. Meine Ansicht ist deshalb eine wesentlich andere als die
des englischen Ornithologen.
Übrigens hat schon lange vor uns beiden Gustav Jäger in einer
kleinen, ziemlich unbeachtet gebliebenen Abhandlung gleichfalls den Satz
vertreten, dass sich die Tiere des Landes vom Norden aus über die
Erde verbreitet haben; aber er hat diesen Satz weder empirisch, noch
auch theoretisch in genügender Weise begründet. Jäger 's Begründung
seiner Anschauungen war die folgende: Er dachte sich, dass sich früher
um den Nordpol der Erde herum ein im grossen und ganzen kreis-
förmiges offenes Meer befand, und dass sich an den Ufern dieses Meeres
eine circumpolare Tierwelt entwickelt hatte, die sich nach und nach von
hier aus über die Erde verbreitete. Nachdem dann die im Norden zurück-
gebliebenen Tiere weiter umgebildet waren, konnten sich neue Tierringe
von den Gestaden des kreisförmigen Polarmeeres aus über die Erde
ausdehnen, und auf diese Weise, meint Jäger, seien die Übereinstim-
mungen zu stände gekommen, die wir in denselben Zonen verschiedener
Kontinente finden. Beispiele dafür würden die Verbreitung der Beutel-
tiere in Australien und Südamerika, die der straussartigen Vögel in
Neuseeland, Australien, Madagaskar, Afrika und Südamerika, und die
Verbreitung der Papageien, deren Hauptmasse südlich vom Äquator ge-
funden wird, bilden. Jäger hat dagegen nicht dargethan, dass die Tiere
des Nordens sich schneller umbilden mussten, als die des Südens, und
er hat auch nicht betont, dass die grossen Landmassen hauptsächlich im
Norden der Erde angehäuft sind. Was er zu zeigen versucht*', war die
annähernd sternförmige Anordnung der Kontinente, wie sie uns auf der
äusserst brauchbaren, von Jäger erfundenen und seiner Abhandlung
beigegebenen Karte in Sternprojektion entgegentritt. Der flüchtigste
Die Entstehung der Faunen. 199
Blick auf eine solche Karte zeigt ja, dass allerdings die Übereinstimmungen
in den faunistischen Verhältnissen südlicher Länder am besten dadurch
erklärt werden, dass man zurückgeht auf eine nordische Fauna, weil
diese sich am ehesten über die Erde verbreiten konnte. Allein die An-
nahme, dass ein kreisförmiges Nordpolarmeer dazu gehörte, um die
heutige Verteilung der Tierwelt herbeizuführen, scheint mir im hohen
Grade gesucht.
Auch ich habe in meiner Abhandlung über den „Nordpol als
Schöpfungszentrum der Landfauna" den Pol zu sehr in den Vordergrund
gestellt, wenn ich auch hervorgehoben habe, dass das Gebiet, welches
ich als einen Hauptumbildungsherd der Landfauna betrachte, etwa bis
zum 40. Grade nördlicher Breite hinunterreicht. Andere Natur-
forscher haben auf das Wort „Nordpol" in dem Titel meiner Abhand-
lung ein grösseres Gewicht gelegt, als ich selbst ihm beigemessen
habe. Wenn auch die Wirkungen der klimatischen Verhältnisse der
Erde eine grosse Rolle in der Verbreitung der Tiere spielen, so sind
diese doch wohl zu unterscheiden von dem Einflüsse, den grosse Land-
massen auf die Umbildung der Tierwelt gehabt haben. Ich glaube des-
halb auch, dass man die Erde nicht in eine nördliche und südliche Halb-
kugel teilen muss, wenn man die faunistischen Verhältnisse verstehen
will, sondern in eine Land- und in eine Wasserhalbkugel. Nicht der
Nordpol ist demnach das Schöpfungszentrum der Landfauna, sondern der
Mittelpunkt der Landmassen. Man darf aber nicht annehmen, wie es
von etlichen Seiten nach Lektüre meines Aufsatzes in Bezug auf den Nord-
pol geschehen ist, dass die Umbildung der Tierwelt gerade in unmittel-
barster Nähe des Mittelpunktes der Landhemisphäre stattgefunden hätte,
sondern man muss als das Hauptumbildungsgebiet der Landtiere den
grossen Kontinentalkomplex betrachten, der diesem Mittelpunkte benachbart
ist. In der That habe ich auch nichts anderes gewollt, und ich habe
auch gesagt, dass sich alle grà ¶sseren Gruppen der Landtiere von dem in
der nördlichen Erdhalbkugel gelegenen Kontinentalkomplex aus, dessen
Mittelpunkt der Nordpol ist, über die Erde verbreitet haben. Heute würde
ich anstatt Nordpol Mittelpunkt von Centralasien sagen. Mittelasien
scheint wirklich seit alten Zeiten der Hauptumbildungsherd der Tierwelt
des Landes gewesen zu sein. Von hier aus haben Europa und, so oft es
anging, auch Nordamerika, Einwandererschübe erhalten. Dass die Um-
bildung der Tierwelt im Osten von Europa schneller vor sich gehen
muss als im Westen, lehren beispielsweise schon manche unserer deutschen
200 HI. < rESTALTUNG i ND VeRERBI
jel. Der Dompfaff, der Raubwürger, die Nachtigall, der Uhu und
manche andere haben im Osten grössere und höherstehende Vertri
und hier haben ja auch noch in jüngstvergangener geologischer Zeit
Riesentiere wie das Mammut gelebt.
Wer unbefangen die Verbreitungsverhältnisse der Tiere überblickt,
der wird zu dem Satze gelangen, ilass die Entwickelungshöhe eines Tieres
unter übrigens gleichen Umständen bedeutender ist, je mehr sich dessen
Verbreitungsgebiet dem Mittelpunkte von Centralasien nähert, und ich
kann auch mit Genugthuung konstatieren, dass die von mir entwickelten
Anschauungen, meines Wissens wenigstens, mehr Zustimmung als Wider-
spruch gefunden haben. Ich hoffe, dass meine Ausführungen noch mehr
Beachtung finden werden, nachdem ich im vorliegenden Werke die Fau-
nistik mechanisch durch meine Gemmarienlehre begründet habe, und
nachdem ich in der „Schöpfung der Tierwelt" viele Beweise für die
Richtigkeit meiner Verbreitungslehre beigebracht habe. Ich glaube auch,
dass die Fortbildung, welche ich mit den Ideen von Moritz Wagner
vorgenommen habe, der Beachtung wert ist.
In der Form, in welcher dieser ausgezeichnete Tiergeograph seine
Anschauungen vorbrachte, mussten sie viel Widerspruch erfahren. Ich
glaube aber den Nachweis führen zu können, und werde es in einem
voraussichtlich im nächsten Frühjahr erscheinenden Werke thun, dass
Wagner mit dem Satze recht hatte, dass nächstverwandte Tierarten
netz- oder kettenförmig über die Erde verbreitet sind. In der Begrün-
dung dieses Satzes, die von Wagner schon viel besser vorgenommen
ist, als ich es jemals zu thun im stände sein werde, liegt das grosse
Verdienst des leider viel zu wenig beachteten und ohne grosse An-
erkennung verstorbenen Begründers eines der wichtigsten Sätze nicht
nur der Tiergeographie, sondern der Entwicklungslehre überhaupt. Ich
kann nicht umhin, meiner Genugthuung darüber Ausdruck zu geben,
dass ich die Thatsachen, auf welchen Wagner fusst, kausal durch die
Gemmarienlehre begründen konnte.
Dass in manchen Faunengebieten die Tiere in der Entwicklung
zurückgelilieben sind, hat auch, freilich eist im Jahre 1888, Eimer her-
vorgehoben, wobei er insbesondere darauf hinwies, dass die Säugetiere
Australiens auf einer tiefen Stute der Entwickelung stehen geblieben
sind. Allerdings vermag ich ihm nicht beizustimmen, wenn er meint,
dass die Gleichförmigkeit des australischen Gebietes für die Einförmig-
keit der dortigen Tier- und Pflanzenwelt mit verantwortlich gemacht
Die Entstehung deb Faunen. -'»1
werden niuss. Allerdings hat sie eine untergeordnete Kelle gespielt;
allein die Hauptursache des Zurückbleibens der australischen Säugetiere
liegt in der Kleinheit des australischen Kontinents. Aber Eimer hat recht,
wenn er die einseitigen Anpassungen mancher australischer Beuteltiere, die
gewissermassen die Nagetiere, Wiederkäuer und andere Säugergr