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Full text of "Goethe als Naturforscher, Vorlesungen gehalten im Sommer-Semester 1906 an der Universität Heidelberg"

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RUDOLF MAGNUS 




E T H E 

LS NATURFORSCHER 




I 





Der Genius der Poesie entschleiert das Bild der Natur. 

Widmungsbiad zu AI. v. Humboldts Ideen zu einer Ueoicrnphie der Pflanzen 

netMt einem NalurKcmilldc der Tropcnlilndcr. TUbinRcn mri. Qczcichnet von 

Thorwatdttn. Daruntei die Worte: An Oocihc. 



Goethe als Naturforscher 

Vorlesungen 

gehalten im Sommer-Semester 1906 an der 
Universität Heidelberg 

von 

Rudolf Magnus 

ao. Professor für Pharmakologie 

Mit Abbildungen im Text und auf 8 Tafeln 



-.0 " 




Leipzig 

Verlag von Johann Ambrosius Barth 

1906 



Spimcrichc Buchdruckerd In Leipilg-R. 

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Wnted in Uoriuaui 



Meiner Frau 
und treuen Mitarbeiterin 



Vorwort. 

Die in diesem Buche veröffentlichten Vorlesungen 
sind die Frucht mehrjähriger Beschäftigung mit Goethes 
naturwissenschaftlichen Arbeiten. Seit in der Weima- 
rer Ausgabe das gesamte Material an gedruckten und 
handschriftlich erhaltenen Aufzeichnungen der Allge- 
meinheit zugänglich gemacht wurde, ist eine aus- 
führlichere Darstellung dieses Zweiges Goetheschen 
Wirkens nicht versucht worden. Ich selbst ver- 
danke die Anregung zu genauerem Studium einem 
Leseabend mit den Freunden A. v. Domaszewski und 
J. Baron Uexküll, bei welchem wir die Farbenlehre 
durchgingen, und dabei alle zugehörigen Experimente 
selbst anstellten. Unser Erstaunen über die Schön- 
heit der Versuche und die Treue der Beobachtung 
wuchs dabei ständig. Darauf wurde es mir durch 
das freundliche Entgegenkommen des Herrn Geh. 
Hofrat Dr. Ruland in Weimar ermöglicht, im Goethe- 
Hause mit des Dichters eignen, noch wohl erhaltenen 
Apparaten seine Versuche zu wiederholen. 

Diese durch persönliche Anschauung gewonnene 
Kenntnis von Goethes Arbeitsweise war Veranlassung 



VI Vorwort 

zu weiterem Studium seiner Schriften. So wurde es 
mir möglich, im verflossenen Sommer für Hörer aller 
Fakultäten über „Goethe als Naturforscher" zu lesen. 
An der ursprünglichen Fassung der Niederschrift 
ist nachträglich so wenig wie möglich geändert 
worden. Die Form der Vorträge soll andeuten, 
daß eine bis ins Kleinste eingehende Darstellung 
nicht beabsichtigt ist, sondern nur das Wichtigste 
in möglichst allgemeinverständlicher Form heraus- 
gegriffen werden sollte. 

Der Entstehungsgeschichte der Vorträge ent- 
sprechend ist die auch heute immer noch nicht in 
ihrer Bedeutung genügend gewürdigte Farbenlehre 
in den Mittelpunkt gestellt Die biologischen For- 
schungen gehen voran, die geologischen bilden den 
Schluß. Bei der Abfassung dieses letzteren Kapitels 
hat mich Herr Professor Wilhelm Salomon in Heidel- 
berg mit freundlichem Rate unterstützt 

Herr Geh. Hofrat Dr. Suphan hat mir in liebens- 
würdiger Weise die Pforten des Goethe- und Schiller- 
Archivs eröffnet Dem stellvertretenden Direktor des 
Goethe-Nationalmuseums, Herrn Geh. Regierungsrat 
V. Goeckel, bin ich zu großem Danke verpflichtet, 
daß er die Genehmigung zur Wiedergabe der in 
diesem Buche abgebildeten anatomischen und bo- 
tanischen Zeichnungen und der optischen Instru- 
mente erteilt hat Ebenso wie die Reproduktion 
dieses bisher unveröffentlichten Materials wird auch 



Vorwort. VII 

die Abbildung des Kasseler Elefantenschädels und 
das Thorwaldsensche Widmungsblatt „An Goethe" 
manchem willkommen sein. 

Bei der weitverzweigten Goethe -Literatur ist es 
dem Einzelnen, wenn er nicht speziell Goethe- 
Forscher ist und sich mehr aus Liebhaberei in 
dieses so vielfach durchpflügte Feld gewagt hat, 
unmöglich, alle bis jetzt aufgedeckten Beziehungen 
zu berücksichtigen. Ich werde daher allen Lesern, 
die mich auf Irrtümer oder auf Lücken aufmerksam 
machen, zu großem Danke verpflichtet sein. 

Heidelberg, im September 1906. 

Rudolf Magnus. 



Inhalt. 

Seite 

Vorwort V 

Erste Vorlesung: Einleitung 1 

Zweite Vorlesung: Goethes Leben 18 

Dritte Vorlesung: Die botanischen Arbeiten 1 48 

Vierte Vorlesung: Die botanischen Arbeiten II. ... 72 
Fünfte Vorlesung: Die osteologischen und vergleichend 

anatomischen Arbeiten 1 105 

Sechste Vorlesung: Die osteologischen und vergleichend 

anatomischen Arbeiten II 132 

Siebente Vorlesung: Die Farbenlehre I. — Physiologische 

Optik 164 

Achte Vorlesung: Die Farbenlehre II. — Physikalische 

Optik 219 

Neunte Vorlesung: Mineralogie, Geologie, Meteorologie 261 

Zehnte Vorlesung: Goethe als Naturforscher .... 290 

Literatur 323 

Register 327 



Erste Vorlesung. 
Einleitung. 

Meine Herren! 

„Weite Welt und breites Leben, 
Langer Jahre redlich Streben, 
Stets geforscht und stets gegründet, 
Nie geschlossen, oft gerundet. 
Ältestes bewahrt mit Treue, 
Freundlich aufgefaßtes Neue, 
Heitern Sinn und reine Zwecke, 
Nun! man kommt schon eine Strecke.* 

Diese Verse, welche der Dichter selbst der Ab- 
teilung „Gott und Welt" seiner Gedichte voran- 
gesetzt hat, in welcher er seine naturwissenschaft- 
lichen Dichtungen zusammenfaßte, können auch wir 
als Motto für eine Betrachtung von Goethes natur- 
wissenschaftlicher Tätigkeit nehmen. Hat er doch 
von seinen Jünglingsjahren an fast ununterbrochen 
geforscht und gegründet. Nur die Schlußworte „Nun, 
man kommt wohl eine Strecke" werden wir als zu 
bescheiden nicht zu den unsrigen machen: Denn wir 
haben tatsächlich in Goethe einen der hervorragenden 
Naturforscher an der Wende des 18. und 19. Jahr- 
hunderts zu sehen, der auf allen den zahlreichen 
Gebieten, die er bearbeitete, seine Studien mit größter 
Energie betrieb und sich nie mit dilettantischer Tätig- 
keit begnügte, sondern nicht ruhte, bis er sich die 

'Magnus, Goethe als Naturforscher. 1 



2 Erste Vorlesung. 

Kenntnisse und die Selbständigkeit des Fachmanns 
erworben hatte. Es soll gleich hier zu Beginn auf 
das schärfste betont werden, daß derselbe Mann, der 
uns die herrlichsten Dichtungen deutscher Sprache 
geschenkt hat, seine naturwissenschaftlichen Ergeb- 
nisse nicht als gelegentliche Früchte dichterischer 
Phantasie gewonnen hat, sondern stets die sorg- 
fältigsten und mühevollsten Detailstudien anstellte, 
ehe er zu seinen oft grundlegenden Verallgemeine- 
rungen gelangte. Nur ist für Goethe charakteristisch, 
daß er sich nie mit Kleinigkeiten, mit unwichtigen 
Nebensachen abgab, sondern daß ihn stets die grund- 
legenden Hauptfragen der von ihm bearbeiteten Ge- 
biete interessierten. So kommt es, daß von den 
Resultaten, die er in den einzelnen Zweigen der 
Naturwissenschaft zeitigte, viele geradezu die Grund- 
lage für die weitere Fortentwicklung dieser Wissen- 
schaften geworden sind, und daß eine ganze Reihe 
von wichtigen Erkenntnissen direkt auf Goethe zu- 
rückgeführt werden können. 

Müssen wir so die Energie anerkennen, mit der 
er jedesmal bemüht war, in die Tiefe der Erkenntnis 
zu dringen, so ist andrerseits die Breite seiner natur- 
wissenschaftlichen Studien erstaunlich. Es ist heut- 
zutage einem einzelnen Menschen überhaupt nicht 
mehr mOglich, Goethe In allen Zweigen seiner 
wissenschaftlichen Tätigkeit mit vollem Verständnis 
nachzugehen. Ich muß daher auch Ihre Nachsicht 



Einleitung. 3 

erbitten, wenn ich diejenigen Gebiete Goethescher 
Forschung, welche mir persönlich näher liegen, ein- 
gehender vor Ihnen erörtere, während ich z. B. seine 
mineralogischen und geologischen Arbeiten als Nicht- 
fachmann Ihnen nur in kürzerer Übersicht referieren 
kann. 

Goethe hat schon von seiner Studienzeit her 
Chemie getrieben, er hat die Entwicklung dieser 
Wissenschaft sorgfältig verfolgt und selbst gelegent- 
lich chemische Versuche angestellt. Sehr viel ein- 
gehender war seine Beschäftigung mit physikalischen 
Problemen. Dasjenige Werk, das Goethe selbst für 
sein hervorragendstes gehalten hat, ist die Farben- 
lehre, für die er das ganze Gebiet der physikalischen 
Optik aufs exakteste durchexperimentiert hat; auch 
späterhin hat er die optischen Versuche fortgesetzt. 
Die Physik der Atmosphäre beschäftigte ihn lange 
Jahre hindurch und fand ihren Abschluß in einer 
eigenen Schrift über Meteorologie. Auch astrono- 
mische Beobachtungen blieben ihm nicht fremd. Sehr 
eingehend war seine Beschäftigung mit Mineralogie 
und Geologie. Er legte ausgedehnte Sammlungen 
an, verschaffte sich fachmännische Kenntnis des 
geologischen Aufbaus der deutschen Mittelgebirge 
und nahm selbst Stellung zu den sich damals be- 
kämpfenden geologischen Theorien. Sehen wir ihn 
so fast das gesamte Gebiet der anorganischen Natur- 
wissenschaften bearbeiten, so sind ihm fast noch 



4 Erste Vorlesung. 

größere Erfolge bei dem Studium der organischen 
Natur beschieden gewesen. Pflanzenlcunde hat ihn 
durch viele Jahrzehnte seines Lebens beschäftigt; 
die moderne Botanik verdankt das erste Eindringen 
in das Verständnis der Pflanzenform unserem Dichter. 
Eifrige zoologische Studien gehen nebenher, und wir 
haben in Goethe den eigentlichen Schöpfer der 
vergleichenden Anatomie zu sehen: seine Abhand- 
lung über den Zwischenkiefer ist die erste ver- 
gleichend-anatomische Abhandlung. Die Knochen- 
lehre studiert er eifrig und bereichert sie durch 
wichtige Befunde. Auch das Studium der vorsint- 
flutlichen Tiere nach ihren knöchernen Überresten 
gewinnt sein Interesse. Dabei bleiben diese Forschun- 
gen nicht auf die Säugetiere beschränkt, auch Vögel, 
Fische, ja die Wirbellosen werden in den Kreis der 
Beobachtung hineingezogen. Aus all diesen Unter- 
suchungen hat dann Goethe die Lehre von der Ge- 
stalt der organisierten Wesen, die Morphologie, als 
eigene Wissenschaft zusammengefaßt und begründet. 
Doch auch hiermit ist der Kreis seiner Interessen 
nicht erschöpft. Neben der Form interessiert ihn 
das Funktionieren der lebenden Gebilde, die Physio- 
logie. Er studiert das Leben der Insekten, beob- 
achtet Entwicklung und Bewegung der Infusions- 
tiere, experimentiert über den Einfluß der Wärme, 
des Lichts und andrer Bedingungen auf das Pflanzen- 
Wachstum. Einen wichtigen Zweig der Physiologie 



Einleitung. 5 

hat er aber geradezu selbst begründet, das ist die 
physiologische Optik! Ich werde Ihnen später aus- • 
einanderzusetzen haben, daß die grundlegende Be- 
deutung der Goetheschen Farbenlehre weniger in 
ihrem physikalischen als in ihrem physiologischen 
Teil liegt, und daß die physiologische Optik des 
19. Jahrhunderts sich in direktem Anschluß an die 
Goethesche Farbenlehre entwickelt hat. So sehen 
wir Goethes Geist den gewaltigen Umfang der Natur 
ganz umfassen. 

Der Dichter hat auf fast allen Gebieten, die er 
bearbeitete, zunächst seine Forschungen durchaus 
selbständig begonnen; war er aber zu wichtigen Er- 
gebnissen gelangt, so suchte er den Anschluß an 
die gleichzeitigen Fachgelehrten, und es hat ihn nichts 
so sehr gekränkt und erbittert, als daß er fast jedes- 
mal von diesen nicht anerkannt und zurückgewiesen 
wurde. Später drangen dann in den meisten Fällen 
die Goetheschen Ideen durch, und so finden wir ihn 
denn in den letzten Jahrzehnten seines Lebens in 
regem persönlichen und brieflichen Verkehr mit den 
hervorragendsten Gelehrten seiner Zeit. Es kam 
schießlich dazu, daß die Fäden fast der ganzen 
naturwissenschaftlichen Welt in Weimar zusammen- 
liefen und Goethe nach allen Seiten hin in regem 
Gedankenaustausch stand. Mit Alexander v. Hum- 
boldt verbanden ihn schon früh anatomische, später 
botanische Interessen. Der Anatom Loder in Jena 



6 Erste Vorlesung. 

ist anfangs Goethes Lehrer, und auch später nach 
dessen Übersiedlung nach Moskau wird der Ver- 
kehr brieflich fortgesetzt Mit Sömmering, dem her- 
vorragenden Anatomen in Kassel, später am Senken- 
bergschen Institut in Frankfurt, steht Goethe in 
fortgesetzter Verbindung. Seine Beziehungen zu Gall, 
dem Phrenologen und Gehirnanatomen, werden wir 
noch zu erörtern haben. Der Chemiker Döbbereiner 
in Jena, noch heute als der Erfinder des bekannten 
Feuerzeuges genannt, muß Goethe in allen Fort- 
schritten der Chemie durch Mitteilungen und Expe- 
rimente auf dem laufenden erhalten. Von dem 
Meister der modernen Chemie Berzelius sind ver- 
schiedene Briefe an Goethe erhalten. Der Botaniker 
V. Martins in München und eine Reihe von andern 
zeitgenössischen Botanikern stehen in regem Brief- 
wechsel mit Weimar. D'Alton in Bonn und Carus 
in Dresden, beide vergleichende Anatomen, berichten 
regelmäßig über ihre wissenschaftlichen Fortschritte 
an Goethe, und dieser teilt ihnen wieder die eigenen 
Forschungen, Ideen und Zeichnungen mit. Ein um- 
fassender Briefwechsel wurde mit dem Grafen Kaspar 
Sternberg besonders über mineralogische und palä- 
ontologische Probleme geführt, und auch mit Leonhard, 
der später Professor der Mineralogie an der Heidel- 
berger Universität wurde, verbanden Goethe per- 
sonliche und briefliche Beziehungen. Wenn man 
diese zahlreichen uns erhaltenen Briefe durchmustert, 



Einleitung. 7 

SO Spricht aus ihnen allen die tiefe Bewunderung 
und Ehrfurcht nicht nur vor Goethes Persönlichkeit, 
sondern auch vor dem Ernst und der Bedeutung 
seiner wissenschaftlichen Bestrebungen. 

Nun fiel Goethes Leben allerdings auch in eine 
Zeit, in der die Naturwissenschaften eine ganz un- 
geahnte Entwicklung erlebten. Als er geboren wurde, 
befanden sie sich mit wenig Ausnahmen in einem 
ziemlichen Tiefstand; als er starb, hatten sie ihren 
Siegeszug als moderne Naturwissenschaften ange- 
treten, der bis auf den heutigen Tag nicht aufge- 
hört hat. Goethe hat als junger Mann noch alchi- 
mistische Studien getrieben, am Ende seiner Tage 
aber die neuere Chemie bereits als einen stolzen 
Bau aufgeführt gesehen. Als er seine botanischen 
Studien begann, herrschte noch absolut das starre 
System Linnes, als er sie abschloß, war, zum Teil 
auf Grund seiner eigenen Arbeiten, die neuere wissen- 
schaftliche Botanik im Entstehen; und so war es auf 
fast allen Gebieten des Naturganzen. 

Das bisher Besprochene bildet aber nur die eine 
Seite dessen, was uns hier interessiert. Wir haben 
es nicht allein mit der Schilderung eines der großen 
Naturforscher zu tun. Es würde, wie ich glaube, 
niemandem einfallen, eine eigene Vorlesung etwa 
über Cuvier, Faraday oder selbst Helmholtz vor 
einem allgemein gebildeten Hörerkreis zu halten. 
Was uns hier interessiert, ist, daß eben Goethe 



8 Erste Vorlesung. 

dieser Naturforscher gewesen ist, daß in dem Leben 
des Mannes, der uns den Werther, den Faust, den 
Wilhelm Meister geschenkt hat, die Naturwissen- 
schaften eine solche große Rolle gespielt haben. 
Und in der Tat ist die Berücksichtigung dieser 
wissenschaftlichen Beschäftigung Goethes zum Ver- 
ständnis seines Gesamtbildes und seiner Entwick- 
lung unumgänglich notwendig. Es haben daher die 
Goethebiographen auch in neuererZeit immer größeren 
Wert auf diese Seite seines Geistes gelegt. Man muß 
aber im allgemeinen wohl sagen, daß die Kenntnis 
von Goethes wissenschaftlichen Bestrebungen lange 
nicht in dem Maße Gemeingut aller Gebildeten ge- 
worden ist, als es für eine richtige Würdigung des 
Dichters wünschenswert wäre, und wir werden im 
Verlauf dieser Stunden sehen, wie vielfältig die natur- 
wissenschaftlichen Bestrebungen alles, was Goethe 
denkt, tut und dichtet, durchdringen und bedingen. 
Wir wollen in dieser Einleitung die Frage, wie in 
Goethes Persönlichkeit der Dichter und der Natur- 
forscher zusammenhängen, nur kurz streifen, um sie 
dann ein zweites Mal zu erörtern, wenn wir von 
Goethes Forschungen Näheres erfahren haben. Schon 
jetzt aber sei darauf hingewiesen, daß das Zusammen- 
treffen von künstlerischer und naturwissenschaftlicher 
Betätigung bei ein und demselben Individuum gar 
nicht 80 selten vorzukommen scheint. Um mit ge- 
ringeren Beispielen zu beginnen, so erinnere ich Sie 



Einleitung. 9 

nur an den Dichter Chamisso, dessen reizvolle Be- 
schreibung seiner Weltumsegelung, auf der er wich- 
tige zoologische und botanische Untersuchungen vor- 
nahm, Ihnen allen bekannt ist. Von Albrecht v. Haller 
wissen die meisten Menschen nur, daß er ein be- 
schreibendes Gedicht über die Alpen verfaßt hat; 
er war aber außerdem der Begründer der modernen 
experimentellen Physiologie in Deutschland, und seine 
Forschungen sind die Grundlage, auf der auch heute 
noch weiter gearbeitet wird. Schon Goethe hat sich 
mit den Anschauungen und Dogmen Albrecht 
V. Hallers mehrfach in polemischer und scharfer 
Weise auseinanderzusetzen gehabt. Auch unter den 
bildenden Künstlern finden sich nicht selten Natur- 
forscher. Michelangelo hat seine anatomischen 
Studien nicht allein deshalb vorgenommen, um seinen 
Skulpturen und Gemälden höchste Lebenswahrheit 
verleihen zu können, sondern auch aus reinem 
Interesse an der wissenschaftlichen Forschung. Die 
schlagendste Parallele gewährt aber der Mann, in 
dem Art und Geist des italienischen Volkes ihren 
höchsten Ausdruck gefunden haben: Lionardo da 
Vinci. Es ist wohl mehr als ein Zufall, daß gerade 
jetzt, wo man sich Goethes naturwissenschaftlichen 
Bestrebungen wieder mit Interesse zuwendet, auch 
Lionardos gleiche Tätigkeit neu untersucht wird. 
Ich hatte durch die Liebenswürdigkeit eines italie- 
nischen Kollegen Gelegenheit, bei einem diesjähri- 



10 Erste Vorlesung. 

gen Aufenthalt in Florenz einem Vortragszyklus bei- 
zuwohnen, welcher in der Societä Lionardo da Vinci 
über den italienischen Meister gehalten wurde. Wenn 
ich Ihnen nun ganz kurz aufzähle, was da über 
Lionardos Bedeutung als Architekt, Anatom und 
Biologe gesagt wurde, so werden Sie ohne weiteres 
die auffallende Ähnlichkeit in der Betätigung beider 
Männer erkennen. 

Lionardo hat als Baumeister nicht nur neue 
künstlerische Gesichtspunkte entwickelt, sondern 
auch konstruktive und technische Fortschritte an- 
gebahnt. Er legte dem Florentiner Rat einen ge- 
nauen Plan vor, wie man das Baptisterium S. Gio- 
vanni, das ziemlich tief in der Erde steckt, als 
Ganzes, ohne es zu verletzen, heben und auf ein neues 
Fundament stellen könne. Er galt als der erste 
Wasserbaumeister seiner Zeit, und seine Pläne zur 
Kanalisation der Poebene und Toskanas sind Ideale, 
welche bis heute noch nicht erreicht worden sind. 
Von ihm stammt die Idee einer völligen Reform des 
Städtebaus in der Weise, daß jede Stadt zwei von- 
einander unabhängige Systeme von Straßen besitzen 
soll, von denen eine nur für Fußgänger, die andere 
für Wagen und Güterverkehr dient, jedes Haus aber 
von beiden Straßenzügen zugänglich sein soll. Nur 
Edinburgh besitzt meines Wissens Andeutungen 
einer derartigen Bauart. Als Festungsingenieur be- 
saß Lionardo, in ähnlicher Weise übrigens wie auch 



Einleitung. 1 1 

Michelangelo, weitverbreiteten Ruf; die Zitadelle von 
Mailand ist von ihm erbaut worden. Er galt als 
einer der hervorragendsten Artilleristen, der Ge- 
schützkonstruktionen erfand und die Geschoßbahnen 
berechnete. Auch als Mathematiker ist er seiner 
Zeit weit, vorausgeeilt. Erst in neuerer Zeit ist 
bekannt geworden, daß wir in Lionardo den 
eigentlichen Begründer der modernen menschlichen 
Anatomie zu sehen haben. Während bisher Vesal 
diesen Ruhm besaß, hat sich jetzt ergeben, daß 
Lionardo schon mehrere Jahrzehnte früher seine 
Sektionen menschlicher Leichen ausgeführt und 
deren Resultate in wunderbaren Zeichnungen nieder- 
gelegt hat, zu denen er einen eingehenden wissen- 
schaftlichen erklärenden Text gab. Die einzige 
Frage, welche heute noch diskutiert wird, ist, ob 
Vesal von diesen Arbeiten Lionardos Kenntnis hatte, 
und also des Plagiats schuldig ist, oder ob er selb- 
ständig die ganze Anatomie noch einmal entdeckt 
hat. Auch vergleichend anatomische Studien hat 
Lionardo angestellt. Er verglich besonders den 
Aufbau des Menschen mit dem des Pferdes, und 
legte sich die Frage vor, inwieweit durch die ver- 
schiedene Körpergestalt und die verschiedene 
Funktion der Unterschied in der Anordnung von 
Knochen und Muskeln bei beiden Wesen bedingt 
sei. Daneben treffen wir bei Lionardo auf ein- 
gehende Beschäftigung mit physiologischen Pro- 



12 Erste Vorlesung. 

blemen. Er studierte den auch heute noch nicht 
aufgeklärten Vogelflug. Er stellte Untersuchungen 
über die Bewegungen des Blutes an und er scheint 
der Erste gewesen zu sein, der die Probleme des 
tierischen Stoffwechsels klar erkannt und formuliert 
hat. Allgemein bekannt ist, daß er optische Studien 
betrieben und Forschungen zur Farbenlehre an- 
gestellt hat. So finden wir denselben Künstler, der 
die Mona Lisa und das Abendmahl schuf, als 
Techniker, Physiker, Anatom und Physiologe 
tätig. Wenn Sie nun das vergleichen, was ich 
Ihnen vorhin über Goethes naturwissenschaftliche 
Wirksamkeit gesagt habe, werden Sie leicht die 
überraschende Ähnlichkeit in der Geistesart beider 
Männer erkennen. Freilich war Lionardo Bildner, 
Goethe Dichter, aber auch hier ist der Unterschied 
kein so durchgreifender, als es auf den ersten Blick 
scheint Goethe selbst hat in einem kurzen Aufsatz, 
anknüpfend an eine Bemerkung in Heinroths Anthro- 
pologie, ausgeführt, daß für seine Geistesart die 
Fähigkeit zu anschaulichem Denken charakteristisch 
sei, da er das Vermögen besitze, sich alle Dinge, 
alle Vorgänge, alle Menschen, über die er nach- 
denke und die er dichte, in jedem Augenblick so 
plastisch vorzustellen, daß er sie gleichsam vor 
seinem inneren Auge erscheinen sehe. So operiert 
Goethe beim Dichten und beim Forschen immer 
mit optischen Vorstellungen, und es ist ohne weiteres 



Einleitung. 13 

klar, wie ihm das beim wissenschaftlichen Arbeiten, 
wie für die unmittelbare Anschaulichkeit seiner 
Dichtungen zustatten kommen mußte. Sehen wir 
hier den Poeten von der Eigenschaft des Natur- 
forschers Gebrauch machen, so wird auf der 
andern Seite auch der Forscher Goethe durch 
die dichterischen Qualitäten unterstützt. Kein ge- 
ringerer als Helmholtz hat darauf hingewiesen, daß 
jeder Naturforscher, der mehr leisten will, als 
die einfache nackte Aufzählung der von ihm be- 
obachteten Erscheinungen, der die Naturphänomene 
begreifen und zu einem übersichtlichen und ver- 
ständlichen Ganzen zusammenfassen will, etwas von 
der schöpferischen Phantasie des Künstlers nötig 
hat, und so sehen wir, wie sich auch bei Goethe 
diese beiden Eigenschaften gegenseitig ergänzen und 
durchdringen: vom Naturforscher die Fähigkeit 
gegenständlichen Denkens, vom Dichter die schöpfe- 
rische Phantasie; und wir finden daher sowohl in 
den naturwissenschaftlichen Werken immer den 
ganzen Goethe, wie in seinen Dichtungen. So be- 
wundern wir in seinen wissenschaftlichen Abhand- 
lungen neben der Exaktheit der Forschung und der 
Klarheit des Gedankens auch die Schönheit der 
Darstellung, und so finden wir auch in Goethes 
Dichtungen neben der höchsten poetischen Voll- 
endung die außerordentliche Anschaulichkeit der 
dargestellten Menschen und Handlungen und die 



14 Erste Vorlesung. 

Treue in der Wiedergabe der menschlichen Art und 
der Natur. Auch Goethes Dichtungen kann man 
erst ganz würdigen, wenn man den naturwissen- 
schaftlichen Einschlag in ihnen bewußt oder unbe- 
wußt mit in Rechnung zieht 

Bis in die 80 er Jahre des vorigen Jahrhunderts 
war man für die Beurteilung von Goethes natur- 
wissenschaftlicher Tätigkeit im wesentlichen auf 
diejenigen Aufsätze angewiesen, welche er selbst 
in seine Werke, einschließlich der nachgelassenen 
Schriften, aufgenommen hatte, und welche hier ein 
ziemlich wenig beachtetes Dasein fristeten. In Wirk- 
lichkeit ist der Umfang seiner naturwissenschaft- 
lichen Werke ein wesentlich größerer. Schon zu Leb- 
zeiten von Goethes Enkeln haben diese seine natur- 
wissenschaftliche Korrespondenz in einer Reihe von 
Publikationen veröffentlichen lassen. Nach ihrem 
Tode wurde Goethes vollständiger Nachlaß der All- 
gemeinheit zugänglich, und es ist nun auf Grund 
dieses jetzt im Goethe- und Schillerarchiv befind- 
lichen Materials die Gesamtheit von Goethes natur- 
wissenschaftlichen Aufzeichnungen als 2. Abteilung 
der großen Weimarer Goetheausgabe in 13 statt- 
lichen Bänden veröffentlicht worden, welche jetzt 
nahezu vollständig vorliegen. Erst dadurch wurde 
es möglich, einen wirklichen Einblick in Goethes 
Forschungen zu gewinnen. Hier sind nicht nur die- 
jenigen Schriften abgedruckt, welche er selbst ver- 



Einleitung. 15 

öffentlicht hat, sondern eine Fülle noch ungedruckten 
Materials; Aufsätze, Entwürfe, erste, später verworfene 
Fassungen, Notizen, Aufzeichnungen und Versuchs- 
protokolle, hingeworfene Ideen zu späteren Arbeiten, 
kurzum alles, was Goethes Geist in diesen Fragen 
bewegt hat und was er der Aufzeichnung für wert 
erachtete. Dadurch ist die Übersicht über Goethes 
naturwissenschaftliche Forschungen wesentlich ver- 
tieft und erweitert, und wir können erst jetzt die 
Fülle desjenigen ermessen, was ihn alles beschäftigt 
hat. Nicht minder wichtig erscheint aber, daß 
sich aus seinen kurzen Notizen und Protokollen 
ein klarer Einblick in die Art gewinnen läßt, wie 
er wissenschaftlich arbeitete, wie bei ihm die Pro- 
bleme sich entwickelten, angepackt und gelöst wurden, 
wie ihm seine Resultate durchaus nicht spielend 
zufielen, sondern in ernster, mühevoller und oft ent- 
täuschender Arbeit errungen werden mußten. Indem 
wir so in die Werkstätte des Forschers einen Ein- 
blick tun können, wie das vielleicht bei keinem 
andern Naturforscher mit gleicher Deutlichkeit mög- 
lich ist, gewinnen wir zugleich von einer neuen 
Seite her ein persönliches Verhältnis zu Goethe und 
sehen seine reifen Arbeiten aus ihren ersten An- 
fängen her entstehen und sich entwickeln. 

Außer dem handschriftlichen Nachlaß haben 
Goethes Enkel das Haus ihres Großvaters mit 
seinem gesamten Inhalt der Nation vermacht, und 



16 Erste Vorlesung. 

hier findet sich nun noch wohl erhalten neben den 
zahlreichen anderen Sammlungen auch alles, was 
von den naturwissenschaftlichen Studien her von 
Goethe der Aufbewahrung wert erachtet wurde. 
Hier ruht in umfangreichen Schränken seine ge- 
waltige, mehr als 18000 Nummern umfassende Mine- 
raliensammlung, welche Stücke von ganz hervor- 
ragender Schönheit und Seltenheit enthält. Hier 
sieht man Skelette und Schädel, an denen Goethe 
vergleichend anatomische Studien gemacht hat. 
Hier finden sich zahlreiche physikalische, besonders 
elektrische Apparate, mit denen er für sich und 
bei seinen Vorträgen experimentierte. Hier ist vor 
allen Dingen in ganz überraschender Reichhaltigkeit 
alles erhalten, was er zu seinen optischen Studien 
verwendet hat: Prismen, Spiegel, Polarisations- 
apparate, Flintglasstücke, farbige Papiere und 
Seiden, und alle die andern Dinge, welche bei den 
in der Farbenlehre beschriebenen Experimenten zur 
Verwendung kamen, liegen noch heute zum Teil 
in denselben Papieren, in welche Goethe sie ein- 
gewickelt hat, in den Schränken des Goethehauses, 
und es gewährt, wie ich Sie aus eigener Erfahrung ver- 
sichern kann, einen eigentümlichen Reiz, an dieser 
geweihten Stätte mit Goethes eigenen Apparaten seine 
Versuche nachzumachen und sich zu überzeugen, 
mit welcher Exaktheit er beobachtete, mit welcher 
anschaulichen Treue alles, was er bei seinen Ver- 



Einleitung. 1 7 

suchen sah, von ihm geschildert wurde. Auf diese 
Weise läßt sich noch heute die ganze Pracht der von 
Goethe beschriebenen optischen Phänomene wieder 
hervorzaubern. Im Goethehause findet sich ferner 
seine naturwissenschaftliche Bibliothek, die von der 
Reichhaltigkeit seiner Interessen und seiner Studien, 
von dem Ernst, mit dem er sich auf allen Gebieten 
unterrichtete, ein noch heute sprechendes Zeugnis 
ablegt. Außerdem liegen hier noch zahlreiche 
Zeichnungen und graphische Darstellungen, welche 
ein wertvolles Illustrationsmaterial für viele von 
Goethes naturwissenschaftlichen Schriften abgeben, 
Tafeln mit geologischen, anatomischen, botanischen 
und anderen Abbildungen, welche zum Teil noch 
immer der Veröffentlichung harren. 

So ist man heute vielleicht besser als vor 
30 Jahren imstande, Goethes naturwissenschaftliche 
Tätigkeit zu verfolgen und zu würdigen, und ich 
will versuchen, ob es mir gelingt, Ihnen ein an- 
schauliches Bild von dieser Seite des Goetheschen 
Geisteslebens zu entwerfen. 



Magnus, Goethe als Naturforscher. 



Zweite Vorlesung. 
Goethes Leben. 

Meine Herren! Wir wollen jetzt beginnen, den 
Rahmen zu entwerfen, in den wir später Goethes 
naturwissenschaftliche Leistungen in Einzeldarstel- 
lungen einfügen wollen. Wir wollen seinen natur- 
wissenschaftlichen Entwicklungsgang kennen lernen 
und sehen, wie sich die verschiedenartigen Studien 
und Beschäftigungen in seinen Lebenslauf ver- 
flochten haben. Es soll das zunächst nur eine ganz 
oberflächliche Skizze werden, die näheren Details 
werden wir später nachzutragen ausreichend Ge- 
legenheit haben. 

Aus Goethes Kindheit erfahren wir nur wenig 
über Berührung mit naturwissenschaftlichen Dingen 
und er selber hat bei der Schilderung seines Ent- 
wicklungsganges auf diese kindlichen Anfänge nur 
geringen Wert gelegt. In eigentliche Berührung 
kommt er mit der Naturwissenschaft erst auf der 
Universität 1765—68 finden wir ihn als Studiosus 
der Rechte in Leipzig. Aber schon hier beschränkt 
er sich keineswegs auf das Fachstudium. Außer 
den vielen andern Interessen, die er in der Leipziger 



Goethes Leben. 19 

Zeit pflegt, studiert er auch Physik und hört be- 
sonders Elelctrizitätslehre bei Winkler. In näherem 
Verkehr steht er mit mehreren Medizinern, unter 
denen Erhardt Kapp, der später berühmte Arzt, der 
auch Goethe zu seinen Patienten zählte, genannt 
sein möge. Auch bei dem Mittagstisch des Medi- 
ziners und Botanikers Ludwig, an dem er teilnahm, 
mögen zahlreiche Anregungen auf ihn eingewirkt 
haben. Dann erkrankt er an jenem rätselhaften 
Leiden, dessen Natur bis heute noch nicht aufge- 
klärt ist. Er kehrt nach Frankfurt zurück und macht 
ein längeres Krankenlager in seinem Elternhaus 
durch. Hier wird er durch den Einfluß der schönen 
Seele, des Frl. v. Klettenberg, und seines Arztes auf 
alchimistische Studien gebracht. Er studiert und 
experimentiert mit Retorten und Kolben und liest 
auch in jener Zeit neben den Werken des Paracelsus 
das chemische Kompendium und die Aphorismen 
Boerhaves, des berühmten Klinikers, dessen An- 
schauungen und Lehren damals die gesamte medi- 
zinische Wissenschaft beherrschten. Auf jene Studien 
haben wir wohl die alchimistischen Reminiszenzen 
in Fausts Osterspaziergang zurückzuführen, in denen 
die Darstellung der Arzenei in der phantastisch- 
symbolischen Sprache jener Wissenschaft aus dem 
„roten Leu" und der „Lilie" geschildert werden. 

1770 und 71 studiert Goethe in Straßburg und 
er gerät daselbst in den Kreis anregender Männer, 



20 Zweite Vorlesung. 

teilweise wieder Mediziner, die er uns in Wahrheit 
und Dichtung so anschaulich geschildert hat. Er 
erwähnt dabei, daß nach seinen Erfahrungen die 
Mediziner die einzige Klasse von Studierenden seien, 
welche sich für ihr Fach so interessieren, daß sie 
auch außerhalb des Kollegs davon zu sprechen 
pflegen. In dieser „fachsimpelnden" Gesellschaft 
hat nun Goethe nach seiner eigenen Angabe eine 
Menge medizinischer und naturwissenschaftlicher An- 
regungen erfahren. Aber er begnügte sich damit nicht, 
sondern hörte auch eifrig Vorlesungen, so Chemie 
bei Spielmann, der zugleich Professor der Botanik 
und Lehrer am botanischen Garten war, Anatomie 
beim berühmten Anatomen Lobstein, ja, er be- 
suchte die Klinik des älteren Ehrmann und hörte, 
was heutzutage einem Juristen wohl schwerlich er- 
laubt sein dürfte, sogar Geburtshilfe beim jüngeren 
Ehrmann. 

Die Straßburger Zeit geht vorüber; er kehrt nach 
Frankfurt zurück; die Wetzlarer Periode folgt. Wir 
stehen in der Zeit von Goethes Sturm und Drang. 
Werther und Götz werden geschaffen und begründen 
den Ruhm des Dichters. In diesen Jahren hören wir 
von naturwissenschaftlichen Bestrebungen Goethes 
nur wenig. Sie treten hinter den übrigen mächtigen 
Interessen des jungen Genies zurück. Das einzige 
Erwähnenswerte aus jener Zeit ist die Bekanntschaft 
mit Lavater (1774), der damals die physiognomischen 



Goethes Leben. 21 

Fragmente herausgab, für die sich Goethe alsbald 
aufs lebhafteste interessierte. Er hat dann an dem 
Werk mitgearbeitet, einzelne kurze Beschreibungen 
zu Köpfen berühmter Männer und auch zu Tier- 
köpfen gegeben und wurde von Lavater nachdrück- 
lichst auf die knöcherne Grundlage des Gesichtes, 
den Schädel hingewiesen. So knüpfen die Anfänge 
von Goethes osteologischen Studien an die Lehre 
vom Gesichtsausdruck an, an die Frage, wie man 
Art und Charakter eines Menschen aus den Gesichts- 
zügen ablesen könne und durch welche anatomischen 
und psychischen Faktoren die Physiognomie bestimmt 
werde. Daran schloß sich eine eifrige Korrespon- 
denz über osteologische Fragen mit seinem Freund 
Merck in Darmstadt. 

Im November 1775 tritt der Umschwung in 
Goethes Leben ein. Er folgt der Einladung des 
Herzogs von Weimar, und binnen kurzem finden wir 
ihn als Freund Carl Augusts, dann als leitenden 
Minister in dem kleinen mitteldeutschen Herzogtum. 
In die ersten Weimarer Jahre fallen nun die ent- 
scheidenden Anfänge intensiver Beschäftigung Goethes 
mit den Naturwissenschaften, und zwar gingen die 
Anregungen hierzu zu einem gewissen Teil aus von 
den dienstlichen Beziehungen mit den verschiedenen 
Ressorts seines Ministeriums. Durch die Beschäfti- 
gung mit Land- und Forstwissenschaft wurde er auf 
Botanik, durch die Notwendigkeit, den Ilmenauer 



22 Zweite Vorlesung. 

Bergbau wieder zu beleben, auf Mineralogie und 
• Geologie hingewiesen, und schon 1777 finden wir 
ihn auf der Harzreise, 1780 auf der Schweizerreise 
mit eifrigen geologischen Studien beschäftigt. Schon 
damals mußte er sich auch mit den naturwissen- 
schaftlichen Instituten der Universität Jena befassen, 
denen er sein ganzes Leben hindurch von da ab 
sein lebhaftes Interesse und seine Arbeitskraft ge- 
widmet hat. Anfangs stand Goethe mit diesen 
naturwissenschaftlichen Bestrebungen in Weimar 
allein. Nur der Hofapotheker Buchholz hatte ähn- 
liche Neigungen. Von diesem erfuhr Goethe die 
neueren Fortschritte der Physik und Chemie, und 
da Buchholz nach der damaligen Sitte in dem Garten 
seines Hauses sich die offizineilen Pflanzen für 
seine Apotheke selber zog und auch andre Pflanzen 
kultivierte, so lernte Goethe auf diesem Wege 
auch vieles über Botanik und Pflanzenzucht. Erst 
1780 gelang es ihm, den Herzog für die Natur- 
wissenschaften zu interessieren. Er wird ihn ver- 
mutlich bei ihrer gemeinschaftlichen Schweizerreise 
immer wieder auf die interessanten Phänome der 
großartigen Schweizernatur hingewiesen haben. Vier 
Jahre später aber hat er bereits die ganze Weimarer 
Gesellschaft und den Hof in den Bannkreis seiner 
naturwissenschaftlichen Bestrebungen hineingezogen. 
Wie weit das damals ging, ersehen wir aus einem 
an Körner gerichteten Brief Schillers, welcher im 



Goethes Leben. * 23 

Jahre 1787, während Goethe in Italien weilte, nach 
Weimar geicommen war und dort Goethes Einfluß 
fortwirkend vorfand. Hören wir Schiller selbst: 
„Goethes Geist hat alle Menschen, die zu seinem 
Zirkel zählen, gemodelt. Eine stolze philosophische 
Verachtung aller Spekulation und Untersuchung mit 
einem bis zur Affektation getriebenen Attachement 
an die Natur, eine Resignation in seine fünf Sinne, 
kurz eine gewisse kindliche Einfalt der Vernunft be- 
zeichnet ihn und seine ganze hiesige Sekte. Da 
sucht man lieber Kräuter und treibt Mineralogie, als 
daß man sich in leere Demonstrationen verfinge. Die 
Idee kann ganz gesund und gut sein, aber man 
kann auch viel übertreiben." 

1781 beginnt nun Goethe wieder anatomische 
Studien, und zwar läßt er sich von Loder in Jena 
acht Tage lang an zwei Leichen Knochen- und 
Muskellehre demonstrieren. Die hierdurch wieder 
aufgefrischte Kenntnis der menschlichen Anatomie 
macht er dann sofort praktisch nutzbar und hält in 
Weimar für die Schüler der Zeichenschule anato- 
mische Vorlesungen, um sie in das Verständnis der 
menschlichen Form einzuführen. Diese anatomischen 
Studien werden nun zunächst nicht wieder abge- 
brochen und schon drei Jahre später hat Goethe 
seine erste wissenschaftliche Abhandlung vollendet, 
den Aufsatz über den Zwischenkiefer, dessen Be- 
deutung weit darüber hinausgeht, daß er das Vor- 



24 Zweite Vorlesung. 

handensein dieses Knochens auch beim Menschen 
nachwies, der vielmehr als die erste wissenschaft- 
liche vergleichend anatomische Abhandlung anzu- 
sehen ist Trotzdem wurde sie, wie später näher 
zu schildern sein wird, von den Fachgelehrten ab- 
gelehnt und erst allmählich brachen sich die in ihr 
niedergelegten Erkenntnisse Bahn. Goethe wurde 
aber durch diesen Mißerfolg so verstimmt, daß er 
weitere anatomische Publikationen zunächst unter- 
ließ. In jener Zeit setzte er außerdem die geo- 
logischen Studien fort. 1784 auf der dritten Harz- 
reise, 1785 in Karlsbad gewinnt er wichtige neue 
Erfahrungen. 

Im folgenden Jahre schüttelt Goethe die drückende 
Last der Weimarischen Enge mit all ihren beruf- 
lichen und gesellschaftlichen Verpflichtungen von 
sich. Er flieht nach Italien und erlebt in diesem 
Lande eine menschliche und künstlerische Wieder- 
geburt. Auf diesem zweiten Höhepunkt seines dichte- 
rischen Schaffens, als er Egmont vollendet, Iphigenie 
umarbeitet, die bedeutendsten Teile des Tasso dichtet, 
hat er nun interessanterweise auch gleichzeitig einen 
der wichtigsten naturwissenschaftlichen Fortschritte 
gemacht Es wird gelegentlich behauptet, daß Goethe 
seine naturwissenschaftlichen Studien hauptsächlich 
in den Jahren mangelnder poetischer Produktivität 
getrieben habe; für die botanischen Entdeckungen 
der italienischen Reise gilt dies zweifellos nicht Er 



Goethes Leben. 25 

studiert hier auf italienischem Boden die ihm neuen 
südlichen Pflanzenformen, gewinnt neue Erfahrungen 
über die Abhängigkeit des Wachstums von den 
äußeren Bedingungen, wie Licht, Luft und Boden, 
und gelangt schließlich bei der Suche nach einer 
Urpflanze zu jener höchsten Verallgemeinerung über 
den Aufbau der Pflanzenform, die er in seiner 
Pflanzenmetamorphose niedergelegt hat. Damit sind 
aber seine naturwissenschaftlichen Interessen in Ita- 
lien nicht erschöpft. Er wendet sich hier wieder der 
Anatomie zu, studiert den menschlichen Körper, 
besonders die Muskeln, und versucht auf diesem 
Wege in das Verständnis zunächst der Skulpturen 
Michelangelos, dann der Antike einzudringen. Indem 
er die antiken Statuen auf ihre anatomische Natur- 
treue hin prüft, gelangt er zu dem Verständnis, wie 
die alten Künstler auf Grund genauester Kenntnisse 
der menschlichen Form doch zu typischen und all- 
gemeingültigen Einzeldarstellungen gekommen sind. 
Dabei stellt er interessante Parallelen an zwischen 
der Art, wie die Natur und wie der Künstler bei 
der Hervorbringung körperlicher Gestalten schöpfe- 
risch vorgeht. 

Von Italien kehrt er wieder nach Weimar zurück, 
und von nun an bis zu seinem Tode brechen die 
naturwissenschaftlichen Studien nicht wieder ab. Er 
entfaltet eine rastlose Tätigkeit, um alle Gebiete in 
gleicher Weise zu bearbeiten. Als Beispiel für die 



26 Zweite Vorlesung. 

Vielseitigkeit seiner Tätigkeit möge kurz aufgezählt 
werden, was er schon im Jahre 1790 alles getrieben 
hat. Da wurde die Schrift über die Pflanzenmeta- 
morphose vollendet, da brachte er bei der Betrach- 
tung eines gesprengten Schafschädels am Lido die 
Wirbeltheorie des Schädels, über die er schon früher 
nachgedacht hatte, zum Abschluß, da schrieb er, 
während er sich mit den Truppen des Herzogs im 
schlesischen Lager befand, inmitten des militärischen 
Trubels den Versuch über die Gestalt der Tiere, 
und in demselben Jahre begann er, ausgehend von 
einer Untersuchung des malerischen Kolorits, seine 
optischen Studien, und glaubte nach kurzer Zeit ge- 
funden zu haben, Newtons Hypothese von der Zu- 
sammensetzung des weißen Lichtes aus farbigem sei 
falsch. Diese optischen Arbeiten nehmen von da an 
immer mehr sein Interesse gefangen, und 20 Jahre 
lang forscht und experimentiert er, bis im Jahre 1810 
ein vorläufiger Abschluß erzielt ist und seine Farben- 
lehre der Öffentlichkeit übergeben werden kann. In 
demselben Jahre, 1790, ist er wieder in größerem 
Maßstabe für die Universität Jena tätig, deren Museen 
vervollständigt und erweitert werden. Jetzt und in 
späteren Jahren ist es seine Hauptsorge, diese Samm- 
lungen durch Geschenke zu vergrößern und dafür 
zu sorgen, daß auch von andrer Seite reichlich Zu- 
wendungen gemacht werden. Auch die Anlage des 
botanischen Gartens in Jena fällt in diese Zeit 



Goethes Leben. 27 

Zwei Jahre später finden wir Goetlie im Feld. 
Er begleitet die Truppen des Herzogs auf ihren 
Märschen mit der preußischen Armee unter dem 
Befehl des Herzogs von Braunschweig nach Frank- 
reich hinein und erlebt das hoffnungsfreudige Vor- 
dringen, die unrühmliche Kanonade von Valmy und 
den schwierigen und gefährlichen Rückzug des 
Heeres, den er uns in seiner Campagne in Frank- 
reich so anschaulich geschildert hat. Als Reise- 
lektüre in die Strapazen des Feldzuges begleitet ihn 
charakteristischerweise Gehlers physikalisches Lexi- 
kon. Unausgesetzt beobachtet er während des Mar- 
sches die Naturphänomene, studiert Lichtbrechungs- 
erscheinungen in klaren Gewässern, und des Abends 
beim Wachtfeuer, mit dem Prinzen Reuß auf und 
ab gehend, doziert er diesem zu dessen höchstem 
Erstaunen nicht etwa künstlerische oder politische 
Anschauungen, sondern seine neuesten Ergebnisse 
über die Farbenlehre. Diese optischen Studien wer- 
den auch später bei der Belagerung von Mainz fort- 
gesetzt. Nach der Rückkehr aus Frankreich geht 
Goethe den Rhein hinunter und besucht bei Düssel- 
dorf seine Freunde Jacobi in Pempelfort. Bei der 
Schilderung dieses Besuchs tritt uns so recht an- 
schaulich entgegen, was er sein ganzes Leben hin- 
durch immer wieder erfahren mußte, die völlige 
Verständnislosigkeit und das mangelnde Anerkennen 
von Goethes Freunden seinen naturwissenschaft- 



28 Zweite Vorlesung. 

liehen Studien gegenüber. Man wollte immer nur 
den Dichter Goethe gelten lassen, betrachtete die 
naturwissenschaftlichen Forschungen als ein Ab- 
trünnigwerden von seinem eigentlichen Beruf und 
konnte durchaus nicht begreifen, daß für ihn die 
Naturphänomene zeitweise von größerer Anziehungs- 
kraft und Bedeutung waren als alle dichterischen 
Vorwürfe. Dieselbe Bitterkeit, die hier den Freunden 
gegenüber laut wird, hat Goethe auch gegen die 
Zunft der Fachgelehrten gefühlt und ausgesprochen, 
welche gewöhnlich seinen wissenschaftlichen Werken 
bei ihrem Erscheinen ablehnend, ja feindlich gegen- 
überstanden. Zahlreiche harte Worte sind darüber 
aus seinem Munde gefallen, und er hat zweifellos 
unter der mangelnden Anerkennung seiner natur- 
wissenschaftlichen Bestrebungen mehr gelitten als 
unter der Verständnislosigkeit, auf die seine Dicht- 
werke zeitweise stießen. Noch im Jahre 1831 schrieb 
er darüber: „Seit länger als einem halben Jahrhundert 
kennt man mich im Vaterland und auch wohl aus- 
wärts als Dichter und läßt mich allenfalls für einen 
solchen gelten; daß ich aber mit großer Aufmerk- 
samkeit mich um die Natur in ihren allgemeinen 
physischen und organischen Phänomenen emsig be- 
müht und ernstlich angestellte Betrachtungen stetig 
und leidenschaftlich im Stillen verfolgt, dieses ist 
nicht so allgemein bekannt, noch weniger mit Auf- 
merksamkeit bedacht worden." Für jeden, der Goethes 



Goethes Leben. 29 

abgeklärte und oft bewußt ruhige Sprechweise kennt, 
zittert in diesen Worten das Gefühl jahrelangen Ver- 
kanntseins durch. 

Wir kommen jetzt in die Jahre, in denen Wil- 
helm Meister entstand. 1794 und 1795 verweilte 
Goethe besonders viel in Jena und verkehrte dort 
unter andern nahe mit den Brüdern Humboldt. Er 
hörte damals mit Alexander von Humboldt und seinem 
Hausgenossen Heinrich Meyer Loders Vorlesung 
über Bänderlehre. Im Anschluß an diese Demonstra- 
tionen entwickelte Goethe den Freunden näher seine 
Ideen über vergleichende Anatomie. Diese wurden 
mit höchstem Interesse aufgenommen, und Alexan- 
der von Humboldt war von ihrer Bedeutung so 
durchdrungen, daß er nicht nachließ zu drängen, 
bis Goethe sie dem jungen Jacobi diktierte. So 
entstand die allgemeine Einleitung in die ver- 
gleichende Anatomie. In dieselbe Zeit fällt ein 
Ereignis, daß für Goethes ganze geistige Weiter- 
entwicklung von allerhöchster Bedeutung werden 
sollte. Im Anschluß an eine naturwissenschaft- 
liche Sitzung kommen Goethe und Schiller ins Ge- 
spräch, und eine Diskussion über Goethes Pflanzen- 
metamorphose bildet den Ausgangspunkt für den 
Freundschaftsbund, dem die deutsche Literatur so 
viel verdankt. Das Gespräch selbst, das uns 
Goethe aufbewahrt hat, ist für die Eigenart der 
beiden Männer so charakteristisch, daß wir es 



30 Zweite Vorlesung. 

Später noch eingehender zu erörtern haben wer- 
den. Wie die erste Anknüpfung zwischen ihnen 
auf naturwissenschaftlichem Boden stattfand, so 
wurde dieser letztere auch in der Folgezeit nicht 
verlassen, und es erging Schiller selbst so, wie er 
es weniger als ein Jahrzehnt vorher halb ironischer- 
weise von der Weimarschen Gesellschaft an Körner 
berichtet hatte. Er geriet allmählich immer mehr in 
den Bannkreis von Goethes naturwissenschaftlichen 
Ideen, und der Briefwechsel zwischen Goethe und 
Schiller, dieses herrliche Denkmal des Gedanken- 
austausches der beiden Geistesheroen zeigt, wie 
Schiller allmählich an diesen Forschungen immer 
mehr Interesse gewann und schließlich sogar selbst 
Goethe Vorschläge für anzustellende optische Ex- 
perimente machen konnte. Schiller war in diesem 
Bund durchaus nicht nur der Nehmende. Von den 
Dingen, die uns hier interessieren, sei erwähnt, daß 
Goethe von Schiller mit Nachdruck auf die Kant- 
sche Philosophie hingewiesen wurde. Goethe kam 
dem Gedankenkreis des Königsberger Philosophen 
durch das Studium von dessen Werken näher, be- 
sonders aber wurde er durch die Lektüre von 
Schillers Schriften immer wieder auf diese philo- 
sophischen Probleme aufmerksam gemacht. Es mag 
aber gleich hier im Anfang betont werden, daß be- 
sonders die Kantsche Erkenntniskritik eine Lehre war, 
welche Goethes Geist nicht adäquat gewesen ist, 



Goethes Leben. 31 

und die er daher nur unvollständig sich assimilieren 
konnte. Trotz eingehendstem Studium der Kant- 
schen Lehre konnte er sich doch von seinem spino- 
zistischen Standpunkte nicht freimachen. Wir wer- 
den später bei der Besprechung der Farbenlehre 
sehen, daß gerade hier in der Nichtanwendung 
Kantscher Prinzipien der entscheidende Fehler von 
Goethes wissenschaftlichen Schlußfolgerungen liegt, 
und daß es erst Goethes Nachfolgern auf optischem 
Gebiete, besonders Johannes Müller, gelang, die end- 
gültige Klarheit in das damals noch dunkle und 
verworrene Gebiet zu bringen. 

Die Jahre, in denen Hermann und Dorothea ge- 
dichtet wurde, sind ebenfalls reich an naturwissen- 
schaftlicher Betätigung. Goethe wendet sich jetzt 
der Untersuchung der Metamorphose der Insekten 
zu, beobachtet die Umwandlung der Raupe zur 
Puppe und zum Schmetterling, studiert die Be- 
dingungen, durch welche sich dieser Prozeß fördern 
und hemmen läßt und sammelt wichtige physio- 
logische Beobachtungen an diesen Tieren. Neben- 
her gehen astronomische Studien. Er verfolgt in 
seinem Gartenhaus mit dem Teleoskop einen ganzen 
Monat lang den Wechsel des Mondes und lernt 
dabei das Bild der Mondoberfläche so gut kennen, 
daß er in späteren Jahren Schriften über die Ge- 
stalt und Natur des Mondes mit eigener Kritik lesen 
kann. Auch der Saturn wird von ihm beobachtet. 



32 Zweite Vorlesung. 

Die Entwicklung der Chemie, welche in jenen Jahren 
nach' Entdeckung des Sauerstoffes entscheidende 
Fortschritte machte, verfolgt er, und läßt sich be- 
sonders durch Buchholz und Professor Göttling in 
Jena von den neueren Entdeckungen berichten und 
sich die entscheidenden Experimente vormachen. 
Gleichzeitig experimentiert er selbst ununterbrochen 
über Optik, und hat diese Lehre nun schon so weit 
gefördert, daß er Vorträge darüber halten kann. 
Überhaupt fühlt er das Bedürfnis, die Naturwissen- 
schaften zu dozieren und hält in den folgenden 
Jahren Mittwochs Experimentalvorträge für Damen, 
zu denen sich kurze Notizen und Entwürfe in der 
Weimarer Ausgabe finden. Hier trägt er über Magne- 
tismus, Elektrizität, über Raum und Materie, Luft, 
Optik, ja auch über Teile der Chemie vor und seine 
Aufzeichnungen beweisen, daß er sich bemühte, 
die wichtigsten Versuche in einfacher und demon- 
strabler Form seinem Hörerkreise vorzuzeigen. Ap- 
parate, deren er sich vermutlich bei diesen Demon- 
strationen bedient hat, als: Elektrisiermaschinen, 
Batterien von Leidner Flaschen, Elektroskope u. v. a. 
befinden sich noch heute im Goethehaus. Auch 
die Botanik wird in jenen Jahren nicht vernach- 
lässigt Während er seinen früheren Forschungen 
hauptsächlich die höheren Pflanzen, die Phanero- 
gamen, zugrunde gelegt hatte, wendet er sich jetzt 
den Kryptogamen, Moosen, Farnen, Algen usf. zu 



Goethes Leben. 33 

und experimentiert über den Einfluß des Lichtes, 
der Dunkelheit und der verschiedenen Farben auf 
das Pflanzenwachstum. Besonderes Interesse bringt 
er in jenen Jahren auch den Heilungsvorgängen 
entgegen, wie sie sich an abnormem Elfenbein be- 
obachten lassen, das während des Lebens seiner 
Träger auf irgend eine Weise verletzt worden war. 
Er stellt eine ganze Sammlung solcher Stücke zu- 
sammen, die er beschreibt und aus Dankbarkeit 
seinem Lehrer Loder schenkt, mit dem sie dann 
später nach Moskau gewandert sind. 

1803 gehen wichtige Veränderungen in der Je- 
naer Universität vor sich. Nach Loders Weggang 
wird Ackermann Anatom, Schelver bekommt die 
Leitung des botanischen Gartens. Dann brausen 
die Stürme der Napoleonischen Kriege über das 
Land und auch die Universität Jena hat nach der 
unglücklichen Schlacht von Jena und Auerstädt 1806 
schwer zu leiden. Aber schon 3 Jahre später 
kommt es unter Goethes besonders tätiger Mit- 
wirkung zu einer völligen Reform der Hochschule. 
Von Wichtigkeit ist, daß von nun an alle An- 
stalten und Museen unter einer einheitlichen Leitung 
vereinigt werden und daß Goethe hiermit betraut 
wird. Bis dahin war es noch Sitte gewesen, daß 
jeder Professor sich die Sammlungen und Präparate, 
die er zu seinen Vorlesungen brauchte, selbst an- 
fertigte und zusammenbrachte. Wurde dann ein 

Mag/ius, Goethe als Naturforscher. 3 



34 Zweite Vorlesung. 

Hochschullehrer an eine andre Universität berufen, 
so nahm er diese höchst wertvollen Sammlungen 
mit sich und der Nachfolger mußte von frischem 
anfangen. Hier hat Goethe entscheidenden Wandel 
geschaffen. Er bemühte sich und setzte es durch, 
daß jede einzelne naturwissenschaftliche Anstalt ihr 
eigenes Museum bekam. Er hat auf Einrichtung 
und Ausgestaltung dieser Sammlungen große Mühe 
und Sorgfalt verwendet, selbst wertvolle Zuwen- 
dungen gemacht, dafür gesorgt, daß wichtige Funde 
der Universität Jena zugewiesen wurden und seine 
ausgedehnten Beziehungen dazu benutzt, um die 
Jenenser Sammlungen zu bereichern. 1812 wurde 
dann in Schillers Gartenhaus in Jena die Universitäts- 
sternwarte errichtet. So blieb die Hochschule auch 
in jener Zeit eine der ersten Pflegestätten deutscher 
Geisteskultur. 

In diesen Jahren beschäftigt sich Goethe viel 
mit Hirnanatomie. Loder hatte ihm früher den Auf- 
bau des Gehirns demonstriert, indem er dieses der 
Reihe nach in Schnitte zerlegte und beschrieb, was 
auf diese Weise zu sehen war. Ganz anders faßte 
Gall, mit dem Goethe im Jahre 1805 in Berührung 
kam, den Bau dieses Organs auf. Er lernte ihn bei 
einem Besuch beim Philologen Wolf in Halle kennen 
und hörte seine Vorträge. Gall, dessen Name in 
der Gegenwart hauptsächlich durch seine Schädel- 
lehre bekannt Ist, durch die er versuchte, die geistigen 



Goethes Leben. 35 

Eigenschaften eines Menschen aus seiner äußeren 
Schädelform zu erkennen, besitzt eine weit größere 
Bedeutung durch seine Forschungen über den Auf- 
bau des Zentralnervensystems. Goethe folgte seinen 
Ausführungen mit dem größten Interesse, und be- 
richtet, daß Gall die Gehirnanatomie dabei nach 
vergleichend anatomischen Gesichtspunkten vorge- 
tragen habe, eine Behandlungsweise, welche ihm 
schon von vornherein sympathisch sein mußte. Auch 
der Zusammenhang des Gehirns mit dem Rücken- 
mark durch leitende Nervenfaserbahnen wurde schon 
damals erörtert. So sehen wir also Goethe in den 
Jahren, in denen er die Wahlverwandtschaften 
konzipierte und schrieb, fortgesetzt naturwissen- 
schaftliche Bestrebungen verfolgen. Ist doch auch 
der Titel dieses Romans selbst der Chemie ent- 
nommen. Die „Wahlverwandtschaft" der Schwefel- 
säure zum Kalk muß dazu dienen, die unwider- 
stehliche Anziehungskraft, welche zwei Menschen 
triebartig zueinander hinführt, zu symbolisieren. All- 
jährlich führte ihn sein Weg in die böhmischen 
Bäder, und hier wurden mineralogische und geo- 
logische Studien mit höchstem Eifer betrieben. Er 
lernte allmählich die ganze Geologie der Umgebung 
von Karlsbad, Marienbad und Eger kennen, ordnete 
und katalogisierte selbst die reichhaltige Sammlung 
des Mineralienhändlers Müller, publizierte den Kata- 
log und verschaffte dadurch den Gelehrten und 

3* 



36 Zweite Vorlesung. 

den Museen Gelegenheit, ihre Sammlungen zu 
vervollständigen. Mineralogische Interessen ver- 
banden ihn ferner mit dem Polizeirat Grüner in 
Eger und später mit dem Grafen Kaspar Stem- 
berg, mit dem eine ausgiebige mineralogische und 
botanische Korrespondenz durch Jahre hindurch ge- 
führt wurde. 

Im Jahre 1810 wurden die optischen Studien 
zunächst abgeschlossen und die Farbenlehre ver- 
öffentlicht Auch hier wieder wurde Goethe aufs 
lebhafteste enttäuscht durch die Anfeindungen, die 
er deswegen von allen Seiten erfuhr. Aber nichts- 
destoweniger wandte er sich sofort nachher einem 
neuen Forschungsgebiet zu. Er ließ den optischen 
Versuchen solche über eine Tonlehre folgen. Hier 
ist es zu keiner abgeschlossenen Publikation Goethes 
gekommen. Er hat die Versuche etwa durch 5 Jahre 
fortgeführt, und es sind uns Schemata zu einer Ton- 
lehre und Notizen für anzustellende Versuche er- 
halten. Es sollte die Lehre von der menschlichen 
Stimme, die Physiologie des Ohres, die Rythmik 
und der Takt, die Eigenschaften der musikalischen 
Instrumente, die Zahl- und Maßverhältnisse schwin- 
gender Saiten und die Lehre von der musikalischen 
Harmonie behandelt werden. Diese Tatsachen sind 
uns deshalb von ganz besonderem Interesse, weil 
wir etwa 50 Jahre später Helmholtz genau denselben 
Entwicklungsgang nehmen sehen. Kaum hatte dieser 



Goethes Leben. 37 

sein grundlegendes Werk über die physiologische 
Optik abgeschlossen, so wendete auch er sich der 
Akustik zu, nur daß Helmholtz seine Forschungen 
zum Abschluß brachte und in seiner Physiologie 
der Tonempfindungen die Grundlage für die physio- 
logische Akustik legte. Bei Goethe ruhten übrigens 
die optischen Versuche nur kurze Zeit. Schon 1813 
studierte er die Phänomene, die man damals die ent- 
optischen nannte. Nach der heutigen Ausdrucks- 
weise beschäftigte er sich mit dem Auftreten von 
Farbenerscheinungen im polarisierten Licht; er unter- 
suchte die optischen Eigenschaften des Kalkspats, 
des Glimmers, des rasch gekühlten und gepressten 
Glases u. a. m., Versuche, die ihn fast ein Jahrzehnt 
in Anspruch nahmen, und über die er dann zusammen- 
fassend berichtet hat. Von Anfang an stand er in 
lebhaftem Gedankenaustausch hierüber mit dem Phy- 
siker Seebeck, der zuerst in Jena, dann in Nürnberg 
lebte und Goethe dauernd über seine Forschungen 
und Erfolge auf dem gleichen Gebiete auf dem lau- 
fenden erhielt. Seebeck siedelte später nach Berlin 
über, aber es kam dann zu Meinungsverschieden- 
heiten zwischen beiden über optische Fragen, die zu 
einer völligen Entfremdung führten. 

Wir nähern uns jetzt wieder einer Periode höch- 
sten dichterischen Schaffens, den Jahren, in welchen 
der westöstliche Diwan entstand und Goethes Liebe zu 
Marianne von Willemer so herrliche poetische Werke 



38 Zweite Voriesung. 

zeitigte. Goethe stand damals schon in der zweiten 
Hälfte der 60er Jahre, aber wir dürfen an diesen 
Mann nicht den Maßstab des gewöhnlichen Ablaufes 
des menschlichen Lebens legen. Man braucht nur 
eines der zahlreichen Bildnisse aus jener Zeit zu 
betrachten, wie z. B. das herrliche, im Besitz des 
Freiherrn von Bemus befindliche Brustbild, auf dem 
Wilhelm von Kügelgen das Aussehen des 60]ährigen 
festgehalten hat, und das auf der deutschen Jahr- 
hundertausstellung zu sehen war: imponierende Züge, 
frei von jedem Zeichen des Alters, dichtes, dunkles 
Haar und das gewaltig blitzende Auge zeigen uns 
an, daß Goethe in jenen Jahren wie ein jugendliches 
Innere, so auch ein Äußeres, frei von allen Spuren 
der Jahre besessen hat. So verstehen wir, daß auch 
die naturwissenschaftlichen Bestrebungen mit un- 
verminderter Kraft fortgeführt wurden, daß Goethe 
ununterbrochen sich über die Fortschritte auf allen 
Gebieten auf dem laufenden hielt, und daß er rast- 
los selbst weiter arbeitete. Wir erfahren, daß zu 
jener Zeit Döbbereiner ihn in die Stöchiometrie ein- 
führen mußte. Diejenigen von Ihnen, welche sich 
mit Chemie beschäftigt haben, werden wissen, daß 
die chemischen Körper sich nach ganz bestimmten 
und gesetzmäßigen Mengenverhältnissen miteinander 
verbinden. Die damals in ihrem ersten Siegeslauf 
befindliche Chemie hatte schon diese Gesetze ein- 
gehend studiert, und so sehen wir auch Goethe be- 



Goethes Leben. 39 

strebt, sich diese Fortschritte anzueignen. Eigene 
chemische Versuche stellte er in jenen Jahren mit 
Pflanzenextrakten an, deren Färbung er durch Säure 
oder Lauge veränderte. Die Weimarer Ausgabe ent- 
hält sorgfältige Protokolle über diese ausgedehnten 
und wichtigen Versuche, in denen Goethe das stu- 
dierte, was man heute als Indikatoren bezeichnet, -1 
d. h. chemische Substanzen, welche durch ihren 
Farbwechsel anzeigen, wann in einer Lösung saure 
oder alkalische Reaktion auftritt. — Sehr lebhaft 
finden wir Goethe auch mit der Witterungskunde» 
beschäftigt. Er hatte schon in früheren Jahren, so 
z. B. auf der italienischen Reise, Beobachtungen über 
Wolkenform und Wetter angestellt. Doch erst nach 
dem Jahre 1815 begann er sich wieder eingehender 
damit zu befassen, seitdem der Engländer Howard 
die einfache, noch heute gebrauchte Terminologie 
der Wolkenformen (Stratus, Cirrus, Cumulus, Nimbus) 
eingeführt hatte. Er sammelte zahlreiche eigene Be- 
obachtungen, suchte in den schier endlosen Wechsel 
der Witterungserscheinungen Ordnung zu bringen 
und bildete sich eigene, sehr merkwürdige theore- 
tische Anschauungen über die Entstehung der Ba- 
rometerschwankungen. Seiner praktischen Tätigkeit 
auf diesem Gebiete wird später noch zu gedenken 
sein. Auch die botanischen Studien ruhten nicht. 
Er studierte in jenen Jahren eingehend die gleich- 
zeitige wissenschaftliche Literatur und excerpierte sich 



40 Zweite Vorlesung. 

aufs gewissenhafteste alle Stellen, welche zu seiner 
Pflanzenmetamorphose in Beziehung standen. Als 
eine besonders reiche Fundgrube erwies sich Jägers 
Werk über die Mißbildung der Gewächse. Alle 
diese außerordentlich vielfältigen Notizen hat er 
dann geordnet und in kurzen Abschnitten seiner 
Pflanzenmetamorphose beigefügt, so daß in seinen 
Beiträgen zur Morphologie ein stattliches Tatsachen- 
material veröffentlicht werden konnte. 

In ähnlicher Weise arbeitete er in diesen und 
den folgenden Jahren bis zu seinem Tode die Ent- 
wicklung der vergleichenden Anatomie nach, machte 
zahlreiche Auszüge, schrieb Rezensionen, welche 
aber z. T. den Wert von selbständigen wissenschaft- 
lichen Leistungen besaßen, regte Untersuchungen 
andrer an und blieb so stets auf der Höhe auch 
dieses Zweiges der Wissenschaft. Besonderes Inter- 
esse wandte er auch den fossilen Tierformen zu. Es 
wurden damals in Süddeutschland und im Herzogtum 
Weimar Oberreste vom Mammut und von fossilen 
Stieren gefunden. Er interessierte sich lebhaft für 
diese Funde, würdigte in kleineren Aufsätzen deren 
Bedeutung für die vergleichende Anatomie und sorgte 
für gute Aufstellungen in den Sammlungen. 

Die Jahre 1817—1824 sind für Goethes natur- 
wissenschaftliche Tätigkeit besonders ergiebig. Er 
ließ damals die Bände: „Zur Naturwissenschaft" und 
,^ur Morphologie" in Einzelheften erscheinen, in 



Goethes Leben, 41 

denen er seine botanischen, anatomischen, minera- 
logisch-geologischen und allgemein -naturwissen- 
schaftlichen Aufsätze, sowie einiges Optische, zusam- 
mengefaßt veröffentlichte. Dadurch wurde er ver- 
anlaßt, seine aus früheren Jahren fertig daliegenden 
Manuskripte vielfach zu erweitern; er hat aber auch 
in jenen Jahren eine Fülle von Arbeiten neu ge- 
schrieben und auf diese Weise manche jahrzehnte- 
lang fortgeführte Untersuchungen und Gedanken- 
reihen zum Abschluß gebracht. Auch einige kürzere 
Aufsätze von befreundeten Gelehrten: Seebeck, d' Al- 
ton, Carus, Nees van Esenbeck u. a. sind in jenen 
Heften erschienen. Eine eingehende Rezension dieser 
Veröffentlichungen ist in der Jenaischen allgemeinen 
Literaturzeitung, Juni 1823, erschienen, die größten- 
teils von Nees van Esenbeck, in den mineralogischen 
Abschnitten von Nöggerath, herrührt, und deren sehr » 
anerkennende Fassung Goethe hoch erfreut hat: 
„es kam augenblicklich der Friede Gottes über 
mich, der, mich mit mir selbst und der Welt ins 
Gleiche zu setzen, sanft und kräftig genug war". 
Zur Beurteilung, wie Goethes Schriften auf die Zeit- 
genossen gewirkt haben, ist jene Rezension sehr » 
wichtig. 

Inmitten dieser Tätigkeit überschritt Goethe die 
Schwelle des siebenten Lebensjahrzehntes, und nun 
beginnt er auf allen Gebieten die Früchte dessen 
zu ernten, was er selbst in früheren Jahren gesäet 



42 Zweite Vorlesung. 

hatte. Seine anatomischen Untersuchungen waren 
schon längst anerkannt worden. Jetzt wird auch 
seine erste wissenschaftliche Abhandlung über den 
Zwischenkiefer in den Akten der kaiserlich leopol- 
dinisch-karolinischen Akademie der Naturforscher 
mit allen Kupfertafeln abgedruckt. Der Widerstand 
der Botaniker gegenüber der Pflanzenmetamorphose 
hatte ebenfalls aufgehört, und die wissenschaftliche 
Botanik der damaligen Zeit wandelte nunmehr in 
Fortschritt und Irrtum auf Goetheschen Bahnen. Nun 
aber kamen auch die so lange schmerzlich vermißten 
ersten Erfolge seiner Farbenlehre. Freilich die Phy- 
siker blieben, bis auf wenige Ausnahmen, feindlich, 
aber von physiologischer Seite wurde das grund- 
legende von Goethes Werk erkannt und noch zu 
Goethes Lebzeiten in glücklicher Weise fortgebildet. 
Purkinjes „Beiträge zur Kenntnis des Sehens in sub- 
jektiver Hinsicht"* knüpft direkt an seine Farben- 
lehre an, und 1826 erscheint Johannes Müllers „Ver- 
gleichende Physiologie des Gesichtssinns", in wel- 
cher in unmittelbarem Anschluß an Goethes Farben- 
lehre die moderne Sinnesphysiologie begründet und 
das Gesetz von der spezifischen Sinnesenergie auf- 
gestellt wird. So sah Goethe in diesen Jahren die 
Erfolge seiner wissenschaftlichen Tätigkeit heran- 
reifen. Wenn auch noch mancher Stachel früherer 
Verbitterung zurückblieb, so überwiegt doch jetzt in 
diesen Jahren die Freude über den Erfolg. Schon 



Goethes Leben. 43 

1807 hatte ihm A. von Humboldt seine „Ideen zu 
einer Geographie der Pflanzen" mit einem von Thor- 
waldsen gezeichneten Widmungsblatte zugeeignet — 
der Genius der Poesie, Apoll, lüftet den Schleier der 
Göttin der Natur — „durch welches angedeutet 
werden sollte, daß es auch dem Dichter gelingen 
könne, den Schleier der Natur zu heben". Eine Re- 
produktion dieses schwer zugänglichen Stiches findet 
sich am Eingang dieses Buches. Jetzt breitet sich 
Goethes naturwissenschaftliche Korrespondenz fast 
über alle zivilisierten Länder aus. Von allen Seiten 
strömen die Anerkennungen. Gebend und emp- 
fangend nimmt er Anteil an der Fortentwick- 
lung aller der zahlreichen Gebiete, auf denen er 
selbst gearbeitet hat. Erstaunlich sind die vielsei- 
tigen Interessen, welche in dieser naturwissenschaft- 
lichen Korrespondenz berührt werden. Ein schönes 
Denkmal der Empfindungen des alten Goethe den 
jungen Mit- und Nacharbeitern gegenüber findet sich 
in einem Brief, in dem er dem Grafen Sternberg 
über Carus' Werk von den Ur-Teilen des Knochen- 
und Schalengerüstes der Tiere berichtet. Hier schreibt 
er die oft zitierten Worte: „Ein alter Schiffer, der 
sein ganzes Leben auf dem Ozean der Natur mit 
Hin- und Widerfahren von Insel zu Insel zugebracht, 
die seltsamsten Wundergestalten in allen drei Ele- 
menten beobachtet, und ihre geheim -gemeinsamen 
Bildungsgesetze geahnt hat, aber auf sein notwen- 



44 Zweite Vorlesung. 

digstes Ruder-, Segel- und Steuergeschäft aufmerksam, 
sich den anlockenden Betrachtungen nicht widmen 
konnte, der erfährt und schaut nun zuletzt: daß 
der unermeßliche Abgrund durchforscht, die aus 
dem Einfachsten ins Unendliche vermannigfaltigten 
Gestalten in ihren Bezügen ans Tageslicht gehoben 
und ein so großes und unglaubliches Geschäft wirklich 
getan sei. Wie sehr findet er Ursache verwundernd 
sich zu erfreuen, daß seine Sehnsucht verwirklicht 
und sein Hoffen über allen Wunsch erfüllt worden." 
Und noch als Achtzigjähriger setzt er die natur- 
wissenschaftlichen Bestrebungen fort. Den Verhand- 
lungen der Versammlungen deutscher Naturforscher 
und Ärzte, 1827 in München und 1828 in Berlin, 
widmet er das größte Interesse, um so mehr, als hier 
botanische Probleme zur Sprache kamen, die an 
seine Planzenmetamorphose anknüpften. In jenen 
Jahren hatten der Münchner Botaniker v. Martius 
und dessen Schüler, der später berühmt gewordene 
Alexander Braun, Untersuchungen über die Anord- 
nung der Blätter und Sprosse an den Pflanzen 
angestellt und waren zu einfachen Regeln über die 
Blattstellung gelangt. Sofort nahm Goethe diesen 
Fortschritt auf und versuchte in seinem letzen bota- 
nischen Aufsatz über die Spiraltendenz der Vege- 
tation die neueren Tatsachen mit seiner Lehre in 
Einklang zu bringen. Aufs lebhafteste beschäftigte 
ihn aber ein Ereignis^ das er direkt als ein Zeichen 



Goethes Leben. 45 

für das endliche Durchdringen seiner eigenen vor 
Jahrzehnten ausgesprochenen Ideen ansah. Damals 
brach im Schöße der Pariser Akademie jener 
berühmte Streit zwischen Cuvier und Geoffroy 
St. Hilaire aus, in der die alte und die neue Rich- 
tung in der vergleichenden Anatomie aufeinander 
platzten. Damals siegte noch Cuvier, der mit seiner 
ganzen Autorität die ältere Lehre vertrat. Der 
82jährige Goethe griff aber von neuem zur Feder 
und wies seine Landsleute auf dieses bedeutende 
wissenschaftliche Schauspiel hin. Er stellte sich 
dabei rückhaltslos auf die Seite Geoffroy St. Hilaires. 
Mit Rührung liest man aus seinen mit höchster 
Klarheit geschriebenen Sätzen den Stolz heraus, 
mit dem er sich selbst als den Vater der hier 
kämpfenden Ideen fühlte. Das war das letzte was 
Goethe geschrieben hat. Kurze Zeit darauf endete 
ein Leben, das voll von den höchsten Erfolgen, 
aber auch voll von Mühe und Arbeit gewesen war. 
Fast 60 Jahre hindurch hat Goethe ohne Unter- 
brechung aufs emsigste auf allen Gebieten der 
Natur geforscht. Keines der Resultate ist ihm 
mühelos zugefallen. Wenn man die Gesamtheit 
dessen überblickt, was er geleistet hat, so sieht 
man, daß Goethe der letzte naturwissenschaftliche 
Polyhistor gewesen ist, der noch die Gesamtheit 
der Natur in seinem Geiste umfaßte. Wenige Jahr- 
zehnte später war es schon fast unmöglich, daß ein 



46 Zweite Vorlesung. 

einzelner Mensch Teilgebiete, wie etwa Virchow die 
Medizin, umfassen konnte. 

Wie Goetiie seinen ganzen Lebensgang als mit 
der Naturwissenschaft verwachsen ansah, dafür 
mögen zum Schluß noch seine eigenen Worte an- 
geführt werden: „So ruhen meine Naturstudien auf 
der reinen Basis des Erlebten; wer kann mir nehmen, 
daß ich 1749 geboren bin, daß ich (um vieles zu 
überspringen) mich aus Erxlebens Naturlehre 1. Aus- 
gabe treulich unterrichtet, daß ich den Zuwachs 
der übrigen Editionen, die sich durch Lichtenbergs 
Aufmerksamkeit gränzenlos anhäuften, nicht etwa 
im Druck zuerst gesehen, sondern jede neue Ent- 
deckung im Fortschreiten sogleich vernommen und 
erfahren; daß ich Schritt für Schritt folgend, die 
großen Entdeckungen der 2. Hälfte des 18. Jahr- 
Hunderts bis auf den heutigen Tag wie einen 
Wunderstern nach dem andern vor mir aufgehen 
sehe. Wer kann mir die heimliche Freude nehmen, 
wenn ich mir bewußt bin, durch fortwährendes auf- 
merksames Bestreben mancher großen weltüber- 
raschenden Entdeckung selbst so nahe gekommen 
zu sein '), daß ihre Erscheinung gleichsam aus meinem 
eigenen Innern hervorbrach und ich nun die wenigen 

') So z. B. 1783 der Entdeckung des Luftballons. Vgl. 
Naturwissenschaftlicher Entwicidungsgang: „Die Luftballone 
werden entdeckt. Wie nah ich dieser Entdeckung gewesen. 
Einiger Verdrufi, es nicht selbst entdeckt zu haben. Baldige 
TriMmg'" 



Goethes Leben. 47 

Schritte klar vor mir liegen sah, welche zu wagen 
ich in düsterer Forschung versäumt hatte." 

Wir wissen jetzt, daß Goethe nicht nur einzelnen 
Entdeckungen, wie er schreibt, sehr nahe gekommen 
ist, sondern daß er eine Reihe von grundlegenden 
Naturerkenntnissen selbst zutage gefördert hat. 



Dritte Vorlesung. 
Die botanischen Arbeiten I. 

Meine Herrn! Wir haben in der letzten Vor- 
lesung den Lebensgang des Naturforschers Goethe 
kennen gelernt und wollen nun dazu übergehen, 
seine einzelnen Forschungsgebiete gesondert zu be- 
sprechen und das von ihm Geleistete eingehender zu 
würdigen. Wir beginnen dabei mit seinen Arbeiten 
auf dem Gebiet der organischen Naturwissen- 
schaften, zunächst der Zoologie und Botanik. 
Goethe hat die hierher gehörigen Schriften nach 
dem Jahre 1817 zusammenfassend veröffentlicht in 
seinen Heften »zur Morphologie". Dieses Wort 
stammt von Goethe und bezeichnet auch heute noch 
denjenigen Zweig des Wissens, für den er ihn ge- 
prägt hat Als Motto ist diesen Heften ein Spruch 
aus Hiob vorangesetzt: „Siehe er geht vor mir 
über ehe ich's gewahr werde, und verwandelt sich 
ehe ich's merke." Aufs Verwandeln ist dabei der 
größte Nachdruck zu legen, und Goethe definiert 
selbst die Morphologie durch den von ihm ge- 
wählten Untertitel: Bildung und Umbildung 
organischer Naturen. Zeitlich haben auf diesem 



Die botanischen Arbeiten I. 49 

Gebiete Goethes vergleichend anatomische Unter- 
suchungen zuerst zu einem wichtigen Resultate ge- 
führt Wir aber wollen mit den botanischen Studien 
beginnen, weil hier die Probleme einfacher liegen, 
und wir daher leichter eine Vorstellung davon 
gewinnen können, wie Goethe die Morphologie 
auffaßte und wie er Bildung und Umbildung orga- 
nischer Naturen zu erforschen suchte. 

Als Goethe seine botanischen Studien begann, 
herrschte auf diesem Gebiete als Alleinherrscher 
Linn^. Während man noch im 17. Jahrhundert über 
Anatomie und Physiologie der Pflanzen manche 
wertvolle Untersuchungen angestellt und auch den 
Pflanzenbau mikroskopisch studiert hatte, waren alle 
diese Bestrebungen durch Linn^s Einfluß vollständig 
unterbrochen worden. Er hatte die Mikroskopiker 
und Physiologen geradezu als Dilettanten bezeichnet, 
und so kommt es, daß bis gegen Ende des 18. Jahr- 
hunderts das Interesse der damaligen Botaniker sich 
fast ausschließlich der Systematik zuwandte. Linne 
brachte die Bestrebungen seiner Vorgänger, zu einer 
brauchbaren Einteilung des gesamten Pflanzenreichs 
zu kommen, zu einem vorläufigen Abschluß. Sein 
System gehört zu den sogenannten künstlichen, d. h. 
es wird das gesamte Pflanzenreich nach einzelnen 
äußeren Merkmalen eingeteilt. Linn^ benutzte dazu 
die Anordnung und Zahl der Staubwerkzeuge und 
Griffel und gelangte auf diese Weise dazu, ein bis 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 4 



50 Dritte Vorlesung. 

ins feinste durchgearbeitetes System zu liefern, in 
das sich alle Pflanzenformen ohne großen Zwang 
einreihen ließen. Linne selber, und seine nächsten 
Nachfolger sahen nun die Anwendung und Durch- 
führung dieses Systems als die Hauptaufgabe der 
wissenschaftlichen Botanik an. Linn^ erklärte ge- 
radezu denjenigen für den besten Botaniker, der die 
meisten Arten kennen und unterscheiden gelernt habe. 
Das war der Zustand der Botanik, als Goethe 
sich mit ihr zu beschäftigen begann. Wie schon 
erzählt wurde, hatte er als Student botanische Vor- 
lesungen gehört, aber sein eigentliches Interesse für 
die Pflanzenwelt wurde erst in Weimar wach, als 
er auf der Jagd in nähere Berührung mit Wäldern 
und Wiesen kam und sich als leitender Minister 
unter der Mitwirkung von Skell und v. Wedel mit 
Forstkultur zu beschäftigen hatte. So studierte er 
das Wachstum der Bäume, Moose und Wurzeln in 
der freien Natur, wie immer die praktischen Bedürf- 
nisse zum Ausgang nehmend. Er hat uns über- 
liefert, daß das Geschlecht der Enziane deshalb sein 
besonderes Interesse erregt hat, weil aus seinen 
Wurzeln sich so heilsame und so wohlschmeckende 
Tränke bereiten ließen. Praktische Erfahrungen 
sammelte er auch, als er im eigenen Garten, den 
ihm 1776 der Herzog schenkte, selbst eifrig zu 
pflanzen begann. Weitere Fortschritte in der Botanik 
brachte der Verkehr mit Buchholz, der in seinem 



Die botanischen Arbeiten I. 51 

Apothekergarten die offizinellen Gewächse und neue 
seltene Pflanzen zog. Sobald Karl Augusts natur- 
wissenschaftliche Interessen wach geworden waren, 
äußerten sie sich unter andrem auch in der Anlage 
größerer Gärten bei Weimar und Jena. Alle diese 
botanischen Studien wurden unter den Gesichts- 
punkten Linnes vorgenommen. Goethe führte die 
Linneschen Schriften auf seinen Exkursionen bei 
sich und bemühte sich redlich, alles was er fand, 
mit größter Gewissenhaftigkeit nach dem Linneschen 
System zu bestimmen. Dabei fand er Unterstützung 
durch die Botaniker in Jena, mit denen er in näheren 
Verkehr trat. So kam er auch in Berührung mit 
einer interessanten Familie in der Nähe von Jena. 
Die Dietrichs in Ziegenhain hatten schon seit 
mehreren Generationen das Privileg ausgeübt, für 
die botanischen Vorlesungen das Demonstrations- 
material zu besorgen, die Studenten mit den in der 
Vorlesung zu besprechenden Pflanzen zu versehen. 
In jenen Jahren, wo Goethes botanische Neigungen 
erwachten, war besonders ein junger Sohn hierbei 
tätig und dieser hatte sich im Laufe der Jahre eine 
ganz umfassende Kenntnis der Flora des Jenenser 
Gebietes zugelegt. Das ging so weit, daß der ein- 
fache Bauernjunge schließlich alle Pflanzen nicht 
nur mit ihren deutschen, sondern auch mit ihren 
lateinischen Namen nach dem Linneschen System 
zu bezeichnen wußte. Goethe nahm nun diesen 

4* 



52 Dritte Vorlesung. 

jungen Dietrich mit sich nach Karlsbad. Er schil- 
dert uns aufs Anschaulichste, wie er in seinem 
Reisewagen durch die Landschaft fährt und der 
junge Mann, nebenher gehend, alle interessanten 
Pflanzen und Blumen am Wege sammelt und ihm 
mit der richtigen lateinischen Bezeichnung in den 
Wagen reicht In Karlsbad wird diese Tätigkeit 
fortgesetzt Des Morgens, wenn die Kurgäste sich 
am Brunnen versammeln, hat Dietrich gewöhn- 
lich schon einen ganzen Strauß von Pflanzen ge- 
sucht Nach kurzer Zeit nimmt die ganze Brunnen- 
gesellschaft an Goethes Bestrebungen teil, und es 
wird nun eifrig von allen Seiten botanisiert, Diet- 
rich hat nachher den Doktorgrad erworben und ist 
als großherzoglicher Gartendirektor in Eisenach 
gestorben. 

Kam so Goethe allmählich in die praktische An- 
wendung des botanischen Systems hinein, so blieben 
ihm auch theoretische Arbeiten nicht fremd. Das 
Linn^sche System war wie erwähnt ein künstliches, 
in dem ein einzelnes Merkmal der Pflanzen zur 
Unterscheidung benutzt wurde. Schon Linn^ hatte 
demgegenüber die Notwendigkeit eines natürlichen 
Systems betont, in welchem die Gruppierung der 
Pflanzen nach der Gesamtheit ihrer Eigenschaften 
vorgenommen wird, wobei also die Gruppen des 
Systems den natürlichen Pflanzengruppen möglichst 
entsprechen. Diese Bestrebungen waren von fran- 



Die botanischen Arbeiten I. 53 

zösischen Botanikern zunächst fortgesetzt Von 
Goethes Bekannten bemühte sich Doktor Batsch 
ein solches natürliches Pflanzensystem aufzustellen. 
Ähnliche Versuche machte damals Hofrat Büttner 
in Jena, ein Sonderling und Polyhistor, mit dem 
Goethe noch in vielfache Berührung kam. An diesen 
Arbeiten nahm unser Dichter nun den allerlebhaf- 
testen Anteil und konnte sich so ein eigenes Urteil 
über Wert oder Unwert dieser und andrer Systeme 
bilden. In diesen Jahren las er auch die bota- 
nischen Schriften eines andern Dichters, Jean 
Jacques Rousseaus, der bei seinem Bestreben, sich 
an die Natur anzuschließen, auf das Studium der 
Pflanzenwelt gekommen war. Auch diesen Schrif- 
ten verdankt Goethe nach seiner Angabe manche 
Anregungen. 

Je weiter er nun in der Kenntnis der Botanik 
fortschritt, desto größere Bedenken kamen ihm gegen 
die Anwendung des Linneschen Systems. Zunächst 
eine technische Schwierigkeit. Es erwies sich für 
ihn als vollkommen unmöglich, die komplizierte 
Terminologie vollständig zu beherrschen. Es ist 
bekannt, welches vorzügliche Gedächtnis Goethe 
besessen hat, und welche Fülle von Tatsachen er 
in seinem Geiste bewahrte, um sie im Bedarfsfall 
hervorholen zu können. Das waren aber alles 
Dinge, die irgend welchen Bezug für ihn hatten. 
Dagegen die einfach äußerliche Terminologie des 



54 Dritte Vorlesung. 

Systems, bei der sich nichts denken und vorstellen 
ließ, hat er nicht auswendig lernen können. So 
war er denn im Linneschen Sinne kein guter Bota- 
niker. Dazu kam aber noch ein schwerwiegender 
sachlicher Einwand. Linn^ hatte gelehrt und alle 
folgenden hatten ihm darin beigepflichtet, daß die 
verschiedenen Arten seines Systems unabänderlich 
seit der Schöpfung bestehende, in sich abgeschlossene 
und durch keine Übergänge vermittelte Gruppen 
von Pflanzen seien. Goethe wurde durch seine 
Beobachtungen dagegen zu andren Anschauungen 
geführt. Er konnte allerdings feststellen und er hat 
das späterhin noch des Näheren ausgeführt, daß es 
einzelne Geschlechter, wie die Gentianen, gibt, bei denen 
jedes Pflanzenindividuum immer wieder genau die- 
selben äußeren Merkmale besitzt, so daß über seine 
Zugehörigkeit zu einer der Linneschen Arten kein 
Zweifel bestehen kann. Daneben aber gibt es 
Pflanzengruppen, wie z. B. die Rosen, die man nach 
Goethe als charakterlose bezeichnen kann, weil die 
einzelnen Individuen bei ihnen außerordentlich 
große Abweichungen zum Teil auch in den ent- 
scheidenden Merkmalen voneinander zeigen, so daß 
es ganz unmöglich ist, festzustellen, zu welcher 
Art gerade dieses Einzelindividuum gehört. Goethe 
findet also schon damals, daß zwischen den ab- 
geschlossenen Linni^schen Arten alle möglichen 
Obergänge vorkommen können. Er findet eine 



Die botanischen Arbeiten I. 55 

außerordentlich große Variabilität bei einzelnen 
Pflanzenspezies. Dadurch mußte natürlich sein 
Glaube an die Möglichkeit erschüttert werden, über- 
haupt fest begrenzte, unveränderliche Arten bei den 
Pflanzen unterscheiden zu können. 

Dazu kam nun noch etwas Weiteres. Während 
die damaligen Botaniker in der Mehrzahl eine Wissen- 
schaft des Herbariums trieben, d. h. die Pflanzen los- 
gelöst von der Natur bestimmten und aufbewahrten, 
studierte Goethe ihr Wachstum unter freiem Himmel. 
Hier drängte sich ihm immer mehr die Erkenntnis 
auf, daß die Ausbildung der äußeren Form einer be- 
stimmten Pflanze wesentlich mit bedingt werde durch 
äußere Einflüsse. Er fand, daß ein und dieselbe Art 
im Tiefland und auf der Höhe des Gebirges, des 
Harzes, Thüringer Waldes oder der Alpen, ein ganz 
verschiedenes Aussehen hatte. Er beobachtete, daß 
eine Pflanze wesentlich andere Wuchsformen zeigte, 
je nachdem sie im Schatten oder an einer sonnigen 
Stelle stand. Er fand eine starke Abhängigkeit des 
Pflanzenwachstums von der Bewässerung, von der 
Wärme, dem Klima, von Frostschäden u. v. a. Durch 
fortgesetzte Beobachtung wurde es ihm allmählich 
klar, daß durch diesen Wechsel der äußeren Be- 
dingungen sich Varietäten der einzelnen Pflanzen- 
arten schaffen ließen. Er wurde also immer mehr 
dazu gedrängt, die Unveränderlichkeit der Linneschen 
Pflanzenspezies nicht mehr anzuerkennen. 



56 Dritte Vorlesung. 

Das war der Stand seiner botanischen Studien, 
als er den engen Verhältnissen in Weimar entfloh 
und sich südwärts nach Italien wandte. Wenn er 
nun in diesem Lande die endgültigen Fortschritte 
seiner Erkenntnis des Pflanzenwachstums gewann, 
so ist dabei nicht zu vergessen, daß ein zehnjähriges 
genaues Studium in der Heimat vorherging, durch 
das er die Pflanzenwelt kennen gelernt hatte und 
durch das er schon seit längerer Zeit den Linn^schen 
Lehren allmählich entfremdet worden war. „Das 
Gewahrwerden der wesentlichen Form, mit 
der die Natur gleichsam nur immer spielt und spielend 
das mannigfaltige Leben hervorbringt," wie er kurz 
vor der Reise an Frau von Stein schreibt, sollte ihm 
nun gelingen. 

Wie Goethe nun über den Brenner nach Nord- 
Italien herabsteigt, tut sich in überwältigender Fülle 
eine ganz neuartige Vegetation vor seinen Augen 
auf; er selbst schildert uns, daß dieser Eindruck 
am gewaltigsten beim Besuch des botanischen Gar- 
tens in Padua auf ihn gewirkt habe. Hier sah er 
eine Pflanzenpracht und einen Blumenflor, wie er 
ihn in der Heimat niemals erblickt hatte, und es 
gewann so der schon Im Norden, wie wir wissen, 
allmählich entstandene Gedanke, daß das Pflanzen- 
wachstum von äußeren Einflüssen abhängig sei, 
in Padua die endgültige Gewißheit. Hier war unter 
den veränderten Bedingungen des Klimas, der süd- 



Die botanischen Arbeiten I. 57 

liehen Sonne und der milderen Winter eine ganz 
andere Flora entstanden, als sie im rauhen Norden 
wuchs. Dazu kam nun noch eine zweite Beobach- 
tung, die er in Padua machte. An einer Fächer- 
palme, die im botanischen Garten stand, konnte 
er sehen, daß die Blätter von verschiedener Aus- 
bildung ihrer Form waren. Von der einfachsten 
Blattgestalt bis zum vollentwickelten komplizierten 
Fächerblatt waren eine ganze Reihe von Übergängen 
vorhanden. Goethe ließ sie sich vom Gärtner ab- 
schneiden und bewahrte sie auf als Beweisstücke 
für die allmähliche Entwicklung der komplizierten 
Blattform bei ein und derselben Pflanze. Die Palme 
stand gleichzeitig in Blüte. Aber daß sich auch die 
Blume ebenso in den Kreis dieser Betrachtungen 
einbeziehen ließ, war ein Gedanke, der Goethe hier 
noch nicht gekommen ist. So gewann er gleich bei 
seinem Eintritt in Italien die sichere Erkenntnis, daß 
die Pflanzenteile sich unter verschiedenen äußeren 
Bedingungen verschieden ausbilden können, und daß 
es auf diese Weise zur Entstehung verschiedener For- 
men kommen könne. Er gewann aber gleichzeitig die 
Einsicht, daß es möglich sein müsse, auch die aller- 
verschiedensten Pflanzenarten untereinander zu ver- 
gleichen und dadurch zu einer einheitlichen Auf- 
fassung der Pflanzengestalt zu gelangen. Um dies 
durchzuführen, suchte Goethe zunächst eine mög- 
lichst einfache Pflanzenform zu finden, die so ele- 



58 Dritte Vorlesung. 

mentar gebaut sei, daß man alle andern Wuchsformen 
auf sie zurücicführen könne. Er suciite eine „Ur- 
pflanze". Da uns dieser Ausdruck hier zum ersten 
Male entgegentritt, wollen wir uns klar machen, was 
Goethe darunter verstanden hat. Er suchte nämlich 
nicht eine Pflanze, von der alle andern abstammen 
sollten, in dem Sinne, wie man heute davon spricht, 
daß der Mensch vom Affen abstamme, sondern er 
suchte nur eine möglichst übersichtliche, einfache 
und primitiv konstruierte Pflanze, bei der sich die 
Art ihres Aufbaues durch die bloße Anschauung ohne 
weiteres erkennen ließ, und auf die er dann die 
Bauart aller übrigen Pflanzen, mochte sie auch 
noch so kompliziert und unübersichtlich sein, 
schließlich durch Vergleichung zurückführen konnte. 
Diese Idee begleitete ihn nun auf seiner Wanderung 
durch die italienische Halbinsel und sie tauchte in 
konkreter Gestalt wieder auf, als er auf dem süd- 
lichsten Punkt seiner Reise, in Palermo, angelangt 
war. Hier suchte er den Plan einer Nausikaa, zu der 
uns einzelne ausgearbeitete Szenen erhalten sind, 
weiter auszuführen und ging zu diesem Zwecke in 
den öffentlichen Garten: „Die vielen Pflanzen, die 
ich sonst nur in Kübeln und Töpfen, ja die größte 
Zeit des Jahres nur hinter Glasfenstern zu sehen 
gewohnt war, stehen hier froh und frisch unter 
freiem Himmel, und indem sie ihre Bestimmung 
vollkommen erfüllen, werden sie uns deutlicher. Im 



Die botanischen Arbeiten I. 59 

Angesicht so vielerlei neuen und erneuten Gebildes, 
fiel mir die alte Grille wieder ein, ob ich nicht unter 
dieser Schar die Urpflanze entdecken könnte? Eine 
solche muß es denn doch geben: woran würde 
ich sonst erkennen, daß dieses oder jenes Gebilde 
eine Pflanze sei, wenn sie nicht alle nach Einem 
Muster gebildet wären? — Ich bemühte mich, zu unter- 
suchen, worin denn die vielen abweichenden Ge- 
stalten voneinander unterschieden seien. Und ich 
fand sie immer mehr ähnlich als verschieden, und 
wollte ich meine botanische Terminologie anbringen, 
so ging das wohl, aber es fruchtete nicht, es machte 
mich unruhig, ohne daß es mir weiter half. Gestört 
war mein guter poetischer Vorsatz; der Garten des 
Alcinous war verschwunden, ein Weltgarten hatte 
sich aufgethan. Warum sind wir Neueren doch so 
zerstreut! Warum gereizt zu Forderungen, die wir 
nicht erreichen noch erfüllen können!" Von nun 
an lassen ihn die botanischen Gedanken nicht 
mehr los. Noch in Sizilien findet er, daß man das 
Rätsel dadurch lösen könne, daß man alle Pflanzen- 
teile als ursprünglich identisch ansieht. Nun sucht 
er die Urpflanze nicht mehr in der Natur, sondern 
sie ist ihm jetzt nur noch ein Schema, auf das er 
alle in der Natur vorkommenden Pflanzenformen 
ohne Zwang beziehen kann. Vier Wochen später, 
am 17. Mai 1787, ist er bereits so weit, daß er von 
Neapel an Herder schreibt: „Die Urpflanze wird das 



60 Dritte Vorlesung. 

wunderlichste Geschöpf von der Welt, um welches 
mich die Natur selbst beneiden soll. Mit diesem 
Modell und dem Schlüssel dazu kann man alsdann 
noch Pflanzen ins Unendliche erfinden, die konse- 
quent sein müssen, das heißt, die, wenn sie auch 
nicht existieren, doch existieren könnten, und nicht 
etwa mahlerische oder dichterische Schatten und 
Scheine sind, sondern eine innerliche Wahrheit und 
Nothwendigkeit haben. Dasselbe Gesetz wird sich 
auf alles übrige Lebendige anwenden lassen." Jetzt 
glaubt er also, die endgültige Verallgemeinerung 
gefunden zu haben, und ist sich darüber klar, daß 
sich dieselbe dann auch auf das Tierreich übertragen 
lassen müsse. In der Weimarer Goetheausgabe sind 
zum ersten Male die botanischen Notizen und Be- 
obachtungen abgedruckt, welche Goethe auf der 
italienischen Reise gesammelt hat. Hier findet sich 
mitten unter einer Reihe andrer Notizen plötzlich 
bemerkt: „Hypothese Alles ist Blat. und durch diese 
Einfachheit wird die größte Mannigfaltigkeit mög- 
lich." Das ist die entscheidende Konzeption und 
alles fernere, was Goethe noch in Italien und Deutsch- 
land zur Pflanzenmetamorphose geforscht hat, ist nur 
Ausführung dieses einen Gedankens. 

Man bezeichnet diejenige Stelle, wo ein Blatt 
aus der Achse (dem Stamm, dem Zweig oder dem 
Stengel) der Pflanze hervorsprießt, als Knoten, und 
wenn Goethe nun alle Seitenteile der Pflanze mit 



Die botanischen Arbeiten I. 61 

Ausnahme der Achse als Blatt oder blattähnliches 
Gebilde ansieht, so kann er diese Regel auch mit 
den Worten zusammenfassen: „von Knoten zu Knoten 
ist der ganze Kreis der Pflanze im wesentlichen ge- 
endet". Er betrachtet von nun an die Pflanze als 
aufgebaut aus lauter Teilstücken, welche ein Stück 
der Achse von einem Knoten bis zum nächsten, und 
die aus diesem Knoten entspringenden blattähnlichen 
Gebilde tragen. So ist für ihn das entscheidende 
Gesetz jetzt klar geworden und er kann schreiben: 
„Ferner glaubte ich (in Italien) der Natur abgemerkt 
zu haben, wie sie gesetzlich zu Werke gehe, um 
lebendiges Gebild als Muster alles künstlichen 
hervorzubringen." Sein „Versuch, die Metamorphose 
der Pflanzen zu erklären", beruht für ihn darauf, 
„die mannigfaltigen Erscheinungen des herrlichen 
Weltgartens auf ein allgemeines einfaches Prinzip 
zurückzuführen". 

Aus dem Süden Italiens kehrt er nach Rom 
zurück und benutzt seinen zweiten Aufenthalt in 
der ewigen Stadt, um die gewonnene Erkenntnis 
nach Möglichkeit zu vertiefen. Es ist Goethe be- 
sonders von Botanikern zum Vorwurf gemacht wor- 
den, daß seine Lehre von der Pflanzenmetamorphose 
im wesentlichen auf die Betrachtung der fertigen 
Pflanze basiert sei und nicht die Entstehung der 
Pflanzenform berücksichtige. Das ist insofern richtig, 
als er allerdings nur wenige mikroskopische Unter- 



62 Dritte Vorlesung. 

suchungen angestellt hat, aber die jetzt veröffent- 
lichten Papiere aus Italien und der nachfolgenden 
Weimarer Zeit beweisen aufs schlagendste, daß er 
der Entwicklung der Pflanzenform aus den einfach- 
sten Anfängen eingehende Aufmerksamkeit geschenkt 
hat Schon in Rom sehen wir ihn zahlreiche Be- 
obachtungen über das Keimen von Samen machen, 
und er verfolgt das Auswachsen der kleinen Pflänz- 
chen bis zur Ausbildung ihrer entschiedenen Form. 
In Rom und Weimar hat er Notizen und Zeichnungen 
gemacht von der Keimung des Mais, der Bohne, des 
Kürbis, der Wicke, des Nasturtium, der Pinie, Dattel- 
palme, ja selbst des Kaktus, und gewann so einen 
umfassenden Einblick nicht nur in die endgültige 
Pflanzenform, sondern auch in deren allmähliche 
Entstehung. Diese entwicklungsgeschichtlichen Stu- 
dien sind auch für seine spätere Darstellung der 
Pflanzenmetamorphose mit maßgebend gewesen. Auf 
andere Untersuchungen wurde er von dem in Rom 
lebenden Deutschen Reiffenstein hingewiesen. Dieser 
verfocht die These, daß eigentlich jeder abgeschnittene 
Pflanzenteil, in die Erde gesteckt, Wurzel schlage 
und weiter wachse. Er und Goethe stellten außer- 
ordentlich zahlreiche Versuche hierüber an und 
konnten sich in der Tat von der Möglichkeit über- 
zeugen, sehr viele Pflanzen durch Stecklinge weiter 
zu züchten. Für Qoethc resultierte daraus eine er- 
weiterte Kenntnis von der Wachstumsfähigkeit der 



Die botanischen Arbeiten I. 63 

einzelnen Teile. Auch abnorm ausgebildete Pflanzen 
wurden studiert und gezeichnet. Die Beobachtung 
der später zu erwähnenden durchgewachsenen Nelken 
fällt in diese Zeit. So gewinnen seine Anschauungen 
an Umfang und Tiefe. Sein „Pflanzensystem" rundet 
sich immer mehr ab. Im Anschluß an den Versuch, 
seinem Freunde Moritz die neuen Ideen zu dozieren, 
werden die ersten zusammenhängenden Aufzeich- 
nungen in Rom gemacht. 

Dann kehrte Goethe nach Deutschland zurück. 
Aber es dauerte noch über zwei Jahre, bis die bota- 
nischen Entdeckungen, die er in Italien gemacht 
hatte, so weit gereift waren, daß er sie für 
publikationsfähig hielt. Es wurden noch vielfach 
Einzelbeobachtungen angestellt, Notizen gesammelt, 
Zeichnungen angefertigt und das Ganze immer und 
immer wieder durchdacht bis zur ausführlicheren 
schriftlichen Formulierung geschritten wurde. Aber 
auch hier blieb es nicht bei der ersten Form, mannig- 
fach wurde umgeschrieben, Hypothesen wurden auf- 
gestellt und verworfen, bis endlich die Pflanzen- 
metamorphose die uns heute überlieferte Gestalt 
erhielt. 1790 erschien dann: „J. W. v. Goethe Her- 
zoglich Sachsen-Weimarischen Geheimrats Versuch, 
die Metamorphose der Pflanzen zu erklären"; ein 
Heft von 86 Seiten, das die Resultate von Goethes 
Forschungen enthielt. Wir sehen aus der Vorgeschichte 
dieses Werkchens, daß Goethe recht hatte, wenn er 



64 Dritte Vorlesung. 

schrieb: „Nicht also durch eine außerordentliche 
Gabe des Geistes, nicht durch eine momentane In- 
spiration, noch unvermutet und auf einmal, sondern 
durch ein folgerechtes Bemühen bin ich endlich zu 
einem so erfreulichen Resultate gelangt." 

Wir wollen jetzt den Inhalt von Goethes Ab- 
handlung kurz entwickeln, um dann später ihre Be- 
deutung besser würdigen zu können. Die These, 
welche bewiesen werden soll, ist, daß alle Pflanzen- 
teile außer dem Stamm (der Achse) als umgewandelte 
Blätter anzusehen sind. Der Gegenstand, auf den 
sich dieser Goethesche Satz bezieht, sind nicht die 
niedern Pflanzen (Kryptogamen), sondern nur die 
Phanerogamen, also die Blütenpflanzen im eigent- 
lichen Sinn, und auch bei diesen handelt es sich 
für Goethe im wesentlichen nur um die oberirdischen 
Pflanzenteile. Die Wurzel fällt fast ganz aus dem 
Kreis seiner Betrachtungen heraus. Die Methode, 
mit der er nun alle Seitenorgane der Pflanze als 
umgewandelte Blätter nachweist, beruht darauf, daß 
er überall Übergänge zwischen den ausgebildeteren 
Laubblättern und den andern Seitenorganen auf- 
deckt, und zwar findet er solche Übergangsformen 
zunächst bei normalen Pflanzen (normale Metamor- 
phose), dann aber auch zweitens bei abnormen, ja 
sogar bei pathologischen Wuchsformen, wie sie in 
der Natur vorkommen, oder durch künstliche Züch- 
tung erzielt werden, (unregelmäßige oder regressive 



Die botanischen Arbeiten I. 65 

Metamorphose) und drittens bei Pflanzen, die durch 
äußere Ursachen, z. B. Insektenstiche, verändert wor- 
den sind (zufällige Metamorphose). 

Goethes Darstellung beginnt mit den Keim- 
blättern, den Kotyledonen. Er findet diese in der 
Ein- oder Zweizahl von den verschiedensten Formen, 
kann sie aber alle in eine Reihe ordnen, so daß 
von der ungestaltetsten abenteuerlichsten Form bis 
zur einfachen blattähnlichen alle Übergänge vor- 
handen sind. Er findet weiter, daß die Keimblätter 
beim weiteren Wachsen der Pflanze allmählich 
immer mehr eine blattähnliche Form und grüne 
Farbe gewinnen; sie bleiben aber stets einfacher 
gestaltet wie die vollausgebildeten Blätter. Diesen 
wendet sich nun der Autor zu und weist darauf 
hin, daß beim Wachstum vieler Pflanzen zuerst 
nach den Kotyledonen Blätter hervorsprossen, welche 
noch relativ einfach gebaut sind, keinen Stiel haben, 
einen ungezackten Rand besitzen usw. |e mehr die 
Pflanze wächst, desto mehr Blätter werden produ- 
ziert und diese werden bei zahlreichen Pflanzen nun 
stufenweise immer komplizierter, bis die endgültige 
Blattform erreicht ist. Die Mittelrippen werden all- 
mählich länger, Nebenrippen werden ausgebildet, der 
Blattrand gekerbt oder eingeschnitten, der Blattstiel 
immer mehr entwickelt. Goethe weist an dieser Stelle 
auf das Beispiel der Dattelpalme hin. Im Goethe- 
hause fand sich eine Folge von Aquarellen, welche 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 5 



66 Dritte Vorlesung. 

die allmähliche Ausbildung der komplizierten Blatt- 
form veranschaulicht und von Goethe wahrschein- 
lich zur Illustration seines „zweiten Versuchs über 
die Metamorphose der Pflanzen" bestimmt war. 
Fig. 1 gibt die Abbildungen in verkleinertem Maß- 
stabe wieder. Von Wichtigkeit für die Gestaltung 
der Blattform sind ferner äußere Bedingungen, Be- 
lichtung, Luftzug, Höhe des Standortes. Ein Bei- 
spiel sind die Ranunkelblätter, welche verschieden 
gebildet werden, je nachdem sie unter Wasser oder 
in freier Luft auswachsen. So gelangt Goethe 
stufenweise zu der voll ausgebildeten Blattform. 

Daran schließt sich die Erörterung des Blüten- 
standes, der entweder unvermittelt von der Pflanze 
hervorgebracht wird oder durch Übergänge mit 
den Laubblättern verbunden ist. Diese letzteren 
werden nun ausführlich dargelegt. Zwischen Kelch- 
blättern und Laubblättern finden sich zahlreiche 
Zwischenformen; bei einzelnen Pflanzen werden 
unterhalb des Kelches die Laubblätter kleiner und 
vermitteln so den Übergang; der Kelch kann aus 
einzelnen getrennten Blättern bestehen oder ringsum 
verwachsen. Danach wird die Blumenkrone be- 
sprochen. Von dieser zu den Kelchblättern werden 
ebenfalls Zwischenformen beobachtet, z. B. bei der 
Nelke, wo noch grün gefärbte Kronenblätter vor- 
kommen. Bei einzelnen Blumen fehlt der Kelch ganz 
und es kommen dann direkte Übergänge zwischen 




Flg.Z 

Tulpe. Da« mit a bezeichnete Blatt ist zur Htilltc Lniil>- 

bUtt und grün, zur Hallte Blumenblatt und violett (Pllanzcn- 

melamorphoie § 44). Verkleinerte Nnchbildung des im 

Ooethehausc bcllndllchen Originalaquarells. 




Fig. 1. 
Allmähliche Entwicklung einer komplizierten Blattform (9) aus einer ein- 
fachen (1). — Verkleinerte Nachbildung der im Goethehaus befindlichen 
Originalaquarelle. 



Die botanischen Arbeiten I. 67 

Stengelblättern und Kronenblättern vor, wie z. B. 
bei der Tulpe, wo manchmal ein Blumenblatt noch 
zur Hälfte grün sein und die Form eines richtigen 
Stengelblattes zeigen kann (siehe Fig. 2 nach einem im 
Goethehaus befindlichen Aquarell). Das nächste Glied 
in der Reihe bilden die Staubwerkzeuge. Auch bei 
diesen kommen normale und unregelmäßige Über- 
gangsformen vor. Normale z. B. bei der Canna, 
wo ein Blumenblatt direkt den Staubbeutel trägt. 
Unregelmäßige lassen sich zahlreich bei gefüllten 
Blumen, z. B. Rosen auffinden; bei halbgefüllten 
Rosen sieht man einerseits ausgebildete Blumen- 
blätter, andrerseits richtige Staubgefäße, dazwischen 
aber Blumenblätter, welche in der Mitte einen 
Staubbeutel tragen , oder Gebilde , welche zur 
einen Hälfte die Gestalt eines halben Rosenblattes, 
zur andern die eines halben Staubbeutels haben. 
Hieran schließt Goethe die Besprechung der Nek- 
tarien, derjenigen Blütenorgane, die den Honigsaft 
produzieren, welcher die Insekten anlockt. Er gibt 
auch bei diesen zahlreiche Beispiele, welche deren 
Blattähnlichkeit illustrieren. Danach folgt die Be- 
sprechung des Griffels. Normale Übergänge zu den 
Blumenblättern sind zahlreich. Bei gefüllten Blumen 
kann der Griffel geradezu durch solche ersetzt wer- 
den.' Auch die Frucht führt Goethe auf die Blatt- 
form zurück. Er findet Übergänge zwischen den 
Samenkapseln und kelchähnlichen Blättern bei der 

5* 



68 Dritte Voriesung. 

Nelke; er demonstriert die Zusammensetzung aus 
blattähnlichen Gebilden bei Hülsen, Schoten und 
Kapseln, bei denen dies besonders deutlich wird, 
wenn sie aufspringen und so selbst in ihre natür- 
lichen Bestandteile zerfallen. Durch schrittweise 
Stufenfolge der Darstellung gelangt Goethe dazu, 
auch schließlich die eigenartig geformten Früchte, 
wie den Apfel oder die Kastanie, mit der Blattform 
zu vergleichen. Daran schließt sich dann noch eine 
Besprechung der Samenhüllen. 

Die bisherige Darstellung bezog sich haupt- 
sächlich auf einfach gebaute einjährige krautartige 
Pflanzen, bei denen Blätter und Blüte im wesent- 
lichen nur um eine Achse geordnet sind. Das Ver- 
ständnis des Baues bei den vielfach verzweigten 
Sträuchern und Bäumen ergibt sich für Goethe aus 
der Betrachtung der Augen. In vielen Fällen sitzt 
in dem Winkel, in welchem der Blattstiel von der 
Achse entspringt, ein Auge, d. h. ein Vegetations- 
punkt, der im günstigen Falle zu einem neuen Zweig 
auswächst. Diesen betrachtet der Autor einfach als 
eine neue kleine Pflanze, welche auf dem alten 
Stamm wächst und nun ihrerseits wieder Laub- 
biätter, Blume und Frucht produzieren kann. Auf 
diese Weise gelingt es ihm, auch die kompliziertest 
verzweigten Gewächse auf sein einfaches Schema 
zurückzuführen. Es werden dann noch kurz die 
zusammengesetzten Blütenstände diskutiert Dann 



Die botanischen Arbeiten I. 69 

weist Goethe noch auf zwei abnorme Beispiele hin, 
welche er zu beobachten Gelegenheit hatte: eine 
durchgewachsene Rose und eine ebensolche Nelke. 
Es waren das Blüten, welche nicht den Abschluß des 
sie tragenden Stengels bildeten, sondern aus denen 
wieder ein Stengel herauswuchs, der bei der Rose 
zuerst noch gefärbte, dann grüne Blätter trug und 
schließlich an seinem Ende eine zweite Rose ent- 
stehen ließ. Aus der Nelke waren sogar mehrere 
weitere Blüten hervorgesproßt. Diese Fälle sind 
für Goethe ein Beweis dafür, daß der Blütenstand 
nicht notwendigerweise das Ende des Wachstums 
der Achse bedeutet, sondern daß diese wenigstens 
die Möglichkeit besitzt, weiter zu wachsen und wieder 
Blüten hervorzubringen. 

Den ganzen Kreis der Erscheinungen, die im vor- 
stehenden kurz skizziert worden sind, faßt Goethe 
nun in eine einfache Regel zusammen, indem er 
von einem dreifachen Auseinander- und Wieder- 
zusammenziehen spricht. Den kleinen und unschein- 
baren Keimblättern folgen zunächst durch Ausein- 
anderziehen der Form die ausgebildeten Laubblätter, 
dann findet ein Zusammenziehen zum Kelch, eine 
Wiederentfaltung zur Blumenkrone, ein drittes Zu- 
sammenziehen zu Staubgefäßen und Griffel und eine 
endliche letzte Entfaltung in der Frucht statt. Im 
Anschluß hieran legt sich nun der Dichter die Frage 
vor, durch welche Ursachen ein derartiges ab- 



70 Dritte Voriesung. 

wechselndes vollständiges Ausbilden der Seiten- 
organe und Zusammenziehen ihrer Form veranlaßt 
werde, und gibt zur Erklärung dieser Erscheinung 
eine Hypothese, welche für Goethes ganze Auf- 
fassungsweise von größtem Interesse ist. Er nimmt 
an, daß mit dem Wachstum der Pflanze die Säfte 
auch in ihre höheren Teile eindringen und dabei in 
den Saftbahnen allmählich immer feiner filtriert und 
verändert werden. Durch diese veränderten Säfte 
werde dann die Ausbildung der Blattform modifi- 
ziert und deshalb käme es zur Produktion von 
Blumenblättern, Staubwerkzeugen usw. Die fort- 
schreitende Kenntnis der Pflanzenphysiologie hat 
allerdings gezeigt, daß die Stoffwechselvorgänge 
lange nicht so einfach liegen, wie Goethe vor über 
100 Jahren noch voraussetzen konnte. Es ist aber 
von größter Wichtigkeit, daß er schon damals an- 
genommen hat, daß die Formbildungsprozesse bei 
der Pflanze abhängig seien von Stoffwechselvor- 
gängen und daß ein veränderter Chemismus im 
Pflanzeninnern die Ursache sein könne von ver- 
änderter Ausbildung der Blattform. Wir werden das 
prinzipiell Wichtige dieser Annahme noch weiter 
unten zu erörtern haben. 

Das ist in Kürze der Inhalt von Goethes Ver- 
such, die Metamorphose der Pflanzen zu erklären. 
Er hat später daran gedacht, das dem Werke zu- 
grunde liegende Tatsachenmaterial zu einem Teil 



Die botanischen Arbeiten I. 71 

wenigstens zur Anschauung zu bringen, und ließ 
kolorierte Tafeln anfertigen, welche zahlreiche Bei- 
spiele für seine Behauptungen brachten. Die Ver- 
öffentlichung ist aber bis jetzt unterblieben. Die 
Tafeln ruhen heute noch im Goethemuseum. Zwei 
von ihnen konnten zur Illustration dieses Vortrages 
verwendet werden. Wie Prof. Hansen im Goethe- 
jahrbuch mitteilt, wird er demnächst diese Ab- 
bildungen veröffentlichen. 



Vierte Vorlesung. 
Die botanischen Arbeiten II. 

Meine Herren! Wenn ich Ihnen zu Beginn dieser 
Vorlesung den Inhalt der Pflanzenmetamorphose 
wieder kurz ins Gedächtnis zurückrufen soll, so 
kann ich nichts Besseres tun, als dazu die schönen 
Verse zu benutzen, in denen Goethe selbst dem 
Kreis seiner Freundinnen und speziell Christiane 
Vulpius den Inhalt seiner Forschungen in anschau- 
licher und poetischer Form zu vermitteln ver- 
sucht hat 

Dich verwirret, Geliebte, die tausendfältige Mischung 

Dieses BlumengewUhls Ober dem Garten umher; 
Viele Namen hörest du an und immer verdränget, 

Mit barbarischem Klang, einer den andern im Ohr. 
Alle Gestalten sind ähnlich, und keine gleichet der ändern; 

Und So deutet das Chor auf ein geheimes Gesetz, 
Auf ein heiliges Rätsel. O, könnt' ich dir, liebliche Freundin, 

Überliefern sogleich glücklich das lösende Wort! 
Werdend betrachte sie nun, wie nach und nach sich die Pflanze, 

Stufenweise geführt, bildet zu Blüten und Frucht. 
Aus dem Samen entwickelt sie sich, sobald ihn der Frde 

Stille befruchtender Schoß hold in das Leben entläßt. 
Und dem Reize des Lichts, des heiligen, ewig bewegten, 

Oleich den zartesten Bau keimender BläUer empfiehlt. 



Die botanischen Arbeiten IL 73 

Einfach schlief in dem Samen die Kraft; ein beginnendes 

Vorbild 

Lag, verschlossen in sich, unter die Hülle gebeugt, 
Blatt und Wurzel und Keim, nur halb geformet und farblos; 

Trocken erhält so der Kern ruhiges Leben bewahrt, 
Quillet strebend empor, sich milder Feuchte vertrauend, 

Und erhebt sich sogleich aus der umgebenden Nacht. 
Aber einfach bleibt die Gestalt der ersten Erscheinung; 

Und so bezeichnet sich auch unter den Pflanzen das Kind. 
Gleich darauf ein folgender Trieb, sich erhebend, erneuet, 

Knoten auf Knoten getürmt, immer das erste Gebild. 
Zwar nicht immer das gleiche; denn mannichfaltig erzeugt sich. 

Ausgebildet, du siehsfs, immer das folgende Blatt, 
Ausgedehnter, gekerbter, getrennter in Spitzen und Teile, 

Die verwachsen vorher ruhten im untern Organ. 
Und so erreicht es zuerst die höchst bestimmte Vollendung, 

Die bei manchem Geschlecht dich zum Erstaunen bewegt. 
Viel gerippt und gezackt, auf mastig strotzender Fläche, 

Scheinet die Fülle des Triebs frei und unendlich zu sein. 
Doch hier hält die Natur, mit mächtigen Händen, die Bildung 

An und lenket sie sanft in das Vollkommnere hin. 
Mäßiger leitet sie nun den Saft, verengt die Gefäße, 

Und gleich zeigt die Gestalt zartere Wirkungen an. 
Stille zieht sich der Trieb der strebenden Ränder zurücke. 

Und die Rippe des Stiels bildet sich völliger aus. 
Blattlos aber und schnell erhebt sich der zartere Stengel, 

Und ein Wundergebild zieht den Betrachtenden an. 
Rings im Kreise stellet sich nun, gezählet und ohne 

Zahl, das kleinere Blatt neben dem ähnlichen hin. 
Um die Achse gedrängt entscheidet der bergende Kelch sich, 

Der zur höchsten Gestalt farbige Kronen entläßt. 
Also prangt die Natur in hoher voller Erscheinung, 

Und sie zeiget, gereiht, Glieder an Glieder gestuft. 
Immer staunst du aufs neue, sobald sich am Stengel die Blume 

Über dem schlanken Gerüst wechselnder Blätter bewegt. 
Aber die Herrlichkeit wird des neuen Schaffens Verkündung, 

Ja, das farbige Blatt fühlet die göttliche Hand. 
Und zusammen zieht es sich schnell; die zartesten Formen, 

Zwiefach streben sie vor, sich zu vereinen bestimmt. 



74 Vierte Vorlesung. 

Traulich stehen sie nun, die holden Paare, beisammen. 

Zahlreich ordnen sie sich um den geweihten Altar 
Hymen schwebet herbei und herrliche Düfte, gewaltig, 

Strömen süßen Geruch, alles belebend, umher. 
Nun vereinzelt schwellen sogleich unzählige Keime, 

Hold in den Mutterschoß schwellender Früchte gehüllt. 
Und hier schUeßt die Natur den Ring der ewigen Kräfte; 

Doch ein neuer sogleich fasset den vorigen an. 
Daß die Kette sich fort durch alle Zelten verlange, 

Und das Ganze belebt, so wie das Einzelne, sei. 
Wende nun, o Geliebte, den Blick zum bunten Gewimmel, 

Das verwirrend nicht mehr sich vor dem Geiste bewegt. 
Jede Pflanze verkündet dir nun die ew'gen Gesetze, 

Jede Blume, sie spricht lauter und lauter mit dir. 
Aber entzifferst du hier der Göttin heilige Lettern, 

Oberall siehst du sie dann, auch in verändertem Zug. 
Kriechend zaudre die Raupe, der Schmetterling eile geschäftig. 

Bildsam andre der Mensch selbst die bestimmte Gestalt! 
Ol gedenke denn auch, wie aus dem Keim der Bekanntschaft 

Nach und nach in uns holde Gewohnheit entsproß, 
Freundschaft sich mit Macht in unserm Innern enthüllte, 

Und wie Amor zuletzt Blüten und Früchte gezeugt. 
Denke, wie mannigfach bald die, bald jene Gestalten, 

Still entfaltend, Natur unsern Gefühlen geliehn! 
Freue dich auch des heutigen Tags! Die heilige Liebe 

Strebt zu der höchsten Frucht gleicher Gesinnungen auf. 
Gleicher Ansicht der Dinge, damit in harmonischem Anschaun 

Sich verbinde das Paar, finde die höhere Welt. 

Und nun wollen wir versuchen, gleich an dieser 
Stelle, nachdem wir zum ersten Male eine wissen- 
schaftliche Arbeit Goethes näher kennen gelernt 
haben, uns darüber klar zu werden, welches die 
Stellung und die ihrer Zeit vorauseilende Bedeutung 
dieser Schrift ist und wollen sogleich hier die ersten 
Konsequenzen zur Beurteilung von Goethes wissen- 



Die botanischen Arbeiten II, 75 

schaftlicher Methode ziehen, um diese Kenntnis dann 
später schrittweise erweitern und vertiefen zu können. 
Während Linne und seine Schule versucht hatten, 
die Gesamtheit der pflanzlichen Formenwelt dadurch 
für den menschlichen Geist zu bemeistern, daß sie 
möglichst viel einzelne verschiedene Formen und 
Arten aufstellten, daß sie also möglichst bis ins 
kleinste unterschieden und sonderten, beschritt 
Goethe den umgekehrten Weg. Er unternahm es, 
das allen Pflanzenformen Gemeinsame heraus- 
zuschälen und dadurch eine einheitliche Betrach- 
tung der unendlichen Mannigfaltigkeit des Pflanzen- 
wachstums zu ermöglichen. Die Methode, deren er 
sich hierbei bediente, ist im letzten Vortrag schon 
kurz angedeutet worden. Er stellte sich zunächst 
aus alle den verschiedenen Erscheinungen, die er 
untersuchen wollte, eine kontinuierliche Reihe 
her, die er so anordnete, daß sie vom Einfachen 
bis zum Kompliziertesten stufenweise fortschritt Er 
suchte und fand in der Natur zwischen den 
einzelnen Gliedern dieser Reihe dann zahlreiche 
vermittelnde Übergänge, so daß er direkt die kompli- 
zierteren Formen schrittweise auf die einfacheren p 
zurückführen konnte. In diesem Verfahren, sich • 
zunächst aus den zu untersuchenden Phänomenen 
eine kontinuierliche Reihe zu bilden, besteht eigent- 
lich Goethes allerpersönlichste Methode. Er hat 
sie fast bei allen seinen naturwissenschaftlichen 



76 * Vierte Vorlesung. 

Untersuchungen angewendet, bei den botanischen 
und zoologischen nicht nur, sondern auch bei den 
mineralogischen und den optischen. Während er 
auf diese Weise in der Morphologie der Pflanzen 
und Tiere die wichtigsten Resultate zeitigte, werden 
wir sehen, daß der Versuch, diese Betrachtungsweise 
auch für die Farbenlehre anzuwenden, einen der 
wesentlichsten Gründe für Goethes Irrtum in der 
physikalischen Optik darstellt. Für die botanische 
Forschung erwies sie sich dagegen als außerordent- 
lich fruchtbar. Goethe hat hier zwei verschiedene 
Reihen aufgestellt. Einmal versuchte er die Formen 
der verschiedenen Pflanzenarten nebeneinander zu 
stellen und sie durch zahlreiche Obergänge und 
Varietäten zueinander in Beziehung zu setzen. So 
gewann er eine Übersicht über die verschiedenen 
in der Natur vorkommenden Pflanzenformen vom 
einfachsten Kraut bis zum kompliziert gebauten 
Baumriesen. Die zweite Reihe bestand aus der 
Stufenfolge der einzelnen Seitenorgane ein und der- 
selben Pflanze: vom Keimblatt bis zum voll ausge- 
bildeten Laubblatt, von diesem bis zur ausgebildeten 
Blumenkrone und Frucht Sobald nun Goethe diese 
beiden Reihen vor sich hatte, machte er den nächsten 
Schritt und suchte in das Verständnis dieser fort- 
laufenden Formenkette durch die Anwendung der 
vergleichenden Methode einzudringen. Durch Ver- 
gleichung war festzustellen, welche Unterschiede 



Die botanischen Arbeiten II. 77 

zwischen den einzelnen Gliedern der Reihe be- 
standen, welche Ähnlichkeiten sich finden ließen 
und welche einzelnen Teile in den zu vergleichenden 
Objekten unmittelbar aufeinander zu beziehen waren. 
Dabei wird nun von Goethe selbst darauf hin- 
gewiesen, daß man bei Anwendung der vergleichen- 
den Betrachtungsweise vorsichtig darauf achten 
müsse, daß die Gebilde, welche man miteinander 
vergleicht, auch vergleichbar seien. Dieser Hin- 
weis war um so notwendiger, als in der damaligen 
Zeit oft die wildesten Kombinationen gemacht und 
die heterogensten Dinge miteinander in Beziehung 
gesetzt wurden. Linn^ selbst hatte gemeint, den 
Pflanzenkeimling mit dem tierischen Embryo, die 
Keimblätter mit der Plazenta vergleichen zu können, 
und es ließen sich noch zahllose Beispiele derar- 
tiger Phantastereien finden. Dem gegenüber behielt 
Goethe bei seinen Untersuchungen den festen Boden 
stets unter den Füßen, denn er schritt zur Ver- 
gleichung immer erst dann, wenn er sich vorher 
nach dem Prinzip der „Stetigkeit" eine vollständige 
kontinuierliche Reihe gebildet hatte. Dann konnte 
er ohne weitere Spekulation durch direkte An- 
schauung erkennen, welches die vergleichbaren 
Elemente waren, und blieb so vor allen Trug- 
schlüssen bewahrt. So wird es deutlich, wie Goethe 
das sorgfältigste Detailstudium zur Voraussetzung 
seiner schließlichen Verallgemeinerungen nehmen 



78 Vierte Vorlesung. 

mußte, und wie er schrittweise um den Erfolg 
rang. 

An dieser Stelle wollen wir auch gleich eine 
Betrachtungsweise erwähnen, durch welche Goethe 
seiner Zeit um viele Jahrzehnte vorausgeeilt ist. 
Er zog nämlich für die Ergründung der Formbil- 
dung nicht nur die normalen Formen heran, sondern 
stützte sich ganz bewußt und eingehend auch auf 
die abnormen und pathologischen Gebilde. Dieses 
Vorgehen, welches uns heute so selbstverständlich 
erscheint, war für jene Zeit durchaus ungewöhn- 
lich. Man nahm damals noch an, daß die krank- 
haften Zustände gar nichts mit den normalen zu 
tun hätten, daß die Krankheit etwas sei, was den 
normalen Körper von außen befalle, und daß man 
daher die krankhaften Prozesse nicht mit den nor- 
malen in Verbindung setzen könne. Erst der Ver- 
einigung von Medizin und Naturwissenschaft in der 
ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts ist es zu 
danken, daß diese Anschauungen beseitigt worden 
sind. Vor allem war es Rudolf Virchow, der die 
neue Erkenntnis begründete. Wir sehen heute die 
krankhaften Prozesse als Lebensäußerungen des 
Patienten an. Wir wissen, daß sie in vielen Fällen 
die Reaktion des Organismus auf abnorme Be- 
dingungen darstellen, welche in seinem Innern ent- 
stehen, oder von außen, wie die Bakterien, in ihn 
eindringen. Es Ist längst Gemeingut der medi- 



Die botanischen Arbeiten II. 79 

zinischen Forschung geworden, daß man in den 
krankhaften Prozessen sehr oft wichtige Lebens- 
äußerungen des Organismus studieren kann, welche 
im gesunden Zustand nur schwer zu fassen und zu 
ergründen sind. Der gesunde Körper zeigt uns die 
normalen Leistungen, der kranke Körper in vielen 
Fällen dagegen das, was der Organismus außerdem 
noch zu leisten befähigt ist, und so ergänzen sich 
die Kenntnis des normalen und des pathologischen 
erst zu dem vollen Bilde der gesamten Lebens- 
äußerungen. Wir sehen nun Goethe genau dieselben 
Überlegungen für seine Pflanzenmetamorphose an- 
stellen. Auch er ist von der Überzeugung durch- 
drungen, daß man in jedem Abnormen die normale 
Grundlage erkennen müsse, und so zieht er die 
natürlich vorkommenden und die durch Züchtung 
erzielten Abnormitäten in den Kreis seiner Betrach- 
tungen mit hinein. Sie erinnern sich, daß er die 
gefüllten Blumen, die durchgewachsene Rose und 
Nelke und anderes hierher gehörige als vollwertige 
Beweisstücke in die Entwicklungsreihe der Pflanzen- 
form eingefügt hat. Das, was Goethe als regressive 
und als zufällige Metamorphose bezeichnet, sind 
derartige abnorme und pathologische Zustände. 
Er betrachtet auf diese Weise das Normale und 
das Pathologische gleichzeitig und ergänzt die 
Kenntnis des einen durch die des andern. Er hat 
später, als er diese Studien eingehender fortsetzte, 



80 Vierte Vorlesung. 

wiederholt betont, daß man aus den Mißbildungen 
der Pflanzen die normalen Grundlagen oft aufs 
allerschönste erkennen könne. So hat er auf einem 
scheinbar weit abliegenden Gebiete grundlegende An- 
schauungen auch über die Pathologie gewonnen. 

Goethes Schrift nennt sich einen Versuch, die 
Metamorphose der Pflanze zu erklären, und wir 
wollen gleich hier bei den botanischen Studien 
erörtern, was Goethe darunter verstanden hat. Das 
ist um so nötiger, als wir heutzutage den Begriff 
der Metamorphose sehr viel enger fassen, als es 
damals geschah. Der Dichter hat seine zoologischen 
und botanischen Studien unter dem Sammelbegriff 
der Morphologie, den er schuf, zusammengefaßt, und 
er definierte die Morphologie als die Lehre von der 
Bildung und Umbildung organischer Naturen. Wir 
können sagen, daß Goethe unter Metamorphose 
alles das verstanden hat, was sich auf Umbildung 
organischer Naturen bezieht. Diese Bezeichnung 
war der damaligen Zeit durchaus geläufig, sie 
war besonders schon von Linn^ für die Beobach- 
tung der Pflanzenform angewendet worden. Linnö 
wollte nämlich das Verständnis der Pflanze dadurch 
fordern, daß er ihr Wachstum mit der Metamorphose 
der Insekten verglich. Es sollte die Blüte aus ihrer 
Hülle hervorbrechen, wie der Schmetterling aus der 
Puppe, und demgemäß hat Linn^ die Rinde der 
Pflanze direkt mit der Larvenhülle der Insekten ver- 



Die botanischen Arbeiten II. 81 

glichen. Die Blüten sollten nach ihm aus der Rinde, 
speziell die Blumenkrone aus dem Bast, die Staub- 
beutel aus dem Holz, die Narbe aus dem Mark des 
Stammes hervorgehen. Erst wenn man sich diese 
wilden Phantasien vergegenwärtigt, sieht man, wel- 
chen großen Fortschritt Goethes uns heute so selbst- 
verständlich erscheinende Metamorphosenlehre be- 
deutet. Statt unbegründeter Vergleiche ist jetzt ein 
auf zahlreiche Einzelbeobachtungen gestütztes Ver- 
ständnis möglich. Auch das Ei des Columbus 
schien nachher den Zuschauern ein selbstverständ- 
liches Experiment. 

Goethe unterscheidet nun verschiedene Formen 
der Metamorphose und stellt als erste die succes- 
sive Metamorphose auf. So bezeichnet er diejenige 
Art der Umbildung, die wir auch heute noch Meta- 
morphose nennen: die Metamorphose der Insekten, 
der Amphibien u. dgl. Wenn sich die Raupe zur 
Puppe, die Puppe zum Schmetterling umbildet, wenn 
aus dem Froschei die Kaulquappe und aus dieser 
der ausgebildete Frosch entsteht, so sehen wir, wie 
successive ein und dasselbe Individuum als Ganzes 
sich verwandelt und verschiedenartige Gestalten an- 
nimmt. Demgegenüber unterscheidet Goethe eine 
zweite Gruppe von Umbildungen als simultane Meta- 
morphose und begreift darunter Dinge, welche wir 
heute nicht mehr mit diesem Ausdruck bezeichnen. 
Er gibt in seinen Aufzeichnungen dafür die Defini- 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 6 



82 Vierte Vorlesung. 

tion: „Simultane Metamorphose, indem die Teile 
sich voneinander unterscheiden." Was darunter ver- 
standen wird, möchte ich Ihnen an einem einfachen 
Beispiel klar machen. Betrachten wir einen einfach 
gebauten Wurm, wie z. B. den Regenwurm, und sehen 
wir dabei zunächst von Kopf und Schwanzende ab, 
so finden wir den Körper zusammengesetzt aus einer 
Reihe von Ringen, welche aufeinander folgend den 
Wurmkörper bilden und welche bei der näheren 
Untersuchung einander so gut wie vollkommen 
gleichen. Jedes einzelne Teilstück oder, nach der 
heutigen Ausdrucksweise, Metamere besteht aus 
einem Muskelring, in dessen Innerem sich das zu- 
gehörige Nervensystem und die übrigen Organe be- 
finden. Der Regenwurm ist also dadurch ein ein- 
fach gebautes Tier, daß er aus einer fortlaufenden 
Reihe durchaus gleichartig zusammengesetzter Teil- 
stücke besteht. Ganz anders liegen die Verhältnisse, 
wenn wir zu höheren Tieren fortschreiten. Wir 
wollen als Beispiel an dieser Stelle ein auch von 
Goethe mehrfach angeführtes und studiertes be- 
nutzen, nämlich das Rückgrat, die Wirbelsäule eines 
Säugetieres. Betrachten wir die Wirbelsäule eines 
Hundes, Rindes oder Menschen, so finden wir, daß 
dieses Organ aus einer Reihe von gleichwertigen 
Teiistücken besteht, welche alle annähernd nach 
demselben Plan gebaut sind. Sie enthalten einen 
Wirbelkörper, Wirbelbogen und Wirbelfortsätze, 



Vertebrae — die Wirbelbeine. 



Atlas 



Epislropheus 



des Halses 



des Rückens 



der Lenden « 




HK. 3. 
Wirbel des Menschen. Talcl aus der Mappe: .Qoethes 
anatomische Studien in Jena hei Lodcr 1781', imOoethc- 
haus. Vermutlich benutzt zu Goethes anatomischen 
VortrttKcn an der Zcichcnakndcmic in Weimar. Dazu 
Kchörl ein Blatt UmrIUzcichnunKcn mit schriftlichen 
ErldutcrunKcn. 



Die botanischen Arbeiten II. 83 

welche zusammen den Rückenmarkskanal um- 
schließen. Auch hier also wie beim Regenwurm 
ein Gebilde, welches aus einer fortlaufenden Reihe 
von Metameren besteht. Wenn wir aber die Teil- 
stücke genauer betrachten, so finden wir, daß sie 
im einzelnen außerordentlich große Verschieden- 
heiten aufweisen, wie ein Blick auf nebenstehende 
Tafel 3 zeigt, auf der Goethe selbst diese Ver- 
hältnisse verdeutlicht hat. Die zierlichen Halswirbel 
sehen vollständig anders aus wie die plumpen Lenden- 
wirbel. Die Brustwirbel mit ihren charakteristisch 
ausgebildeten Dornfortsätzen haben eine ganz andere 
Form als die einfache Knochenspange des Atlas, des 
ersten Halswirbels. Diese Unterschiede gehen fort 
bis ins einzelne. Goethe selbst hat das für die 
Halswirbel genauer durchgeführt und eingehend die 
Formunterschiede vom 1. bis zum 7. beschrieben 
Wir sehen also, daß bei einem Organ, welches aus 
gleichwertigen Teilstücken besteht, diese einzelnen 
Teile sich sehr stark voneinander unterscheiden. 
Diese Formunterschiede oder diese Umbildung der 
Wirbelform von einem Metameren zum andern be- 
zeichnet Goethe als simultane Metamorphose. 
Wir benutzen heute hierfür den Ausdruck Differen- 
zierung. 

Welche Stellung nimmt nun die Metamorphose 
der Pflanzen in dieser Einteilung ein? Goethe selbst 
weist ihr eine Mittelstellung zwischen der succes- 

6* 



84 Vierte Vorlesung. 

siven und simultanen Metamorphose zu. Betrachtet 
man die ausgebildete Pflanzenform, so findet man 
die einzelnen Seitenorgane der Pflanze, Blätter, Blüte, 
Frucht usw., voneinander unterschieden: simultane 
Metamorphose. Wenn man aber die Pflanze wachsen 
sieht, so entsteht Knoten für Knoten der Reihe nach, 
und jeder Knoten läßt ein oder mehrere Seitenorgane 
hervorsprießen, welche in immer wechselnder und 
immer vollkommenerer Weise ausgebildet werden. 
Die einzelnen Wirbel der Wirbelsäule sind gleich- 
zeitig da. Die einzelnen Knoten der Pflanze mit 
ihren Seitenorganen werden nacheinander ge- 
bildet. So steht die Metamorphose der Pflanzen 
in der Mitte zwischen der successiven und simul- 
tanen Metamorphose und enthält die Elemente von 
beiden. 

Damit ist aber der Kreis dessen, was Goethe 
unter Umbildung organischer Naturen zusammen- 
faßte, noch nicht erschöpft. Es kommt als drittes 
hinzu die Verschiedenheit der Form, welche sich bei 
vergleichender Betrachtung der einzelnen Pflanzen- 
und Tierarten ergibt. Oben wurde auseinander- 
gesetzt, daß Goethe die Verschiedenheit der Pflanzen- 
und Tierwelt dadurch anschaulich und untersuchbar 
machte, daß er die verschiedenen Einzelformen der 
Pflanzen- und Tierspezies in eine vollständige und 
kontinuierliche Reihe einordnete. Der Vergleich ein- 
zelner charakteristischer Vertreter dieser Reihe ergibt 



Die botanischen Arbeiten II. 85 

dann natürlich wesentliche Formunterschiede, eine 
Metamorphose innerhalb des ganzen Tier- und 
Pflanzenreiches. Die Wissenschaft von diesen Form- 
änderungen ist die vergleichende Anatomie. 
Goethe hat als das eigentliche Ziel dieser Wissen- 
schaft die Aufstellung einer Grundform angesehen, 
auf welche sich alle Einzelformen zurückführen lassen 
müssen. Für die Pflanzenwelt hat Goethe zunächst 
nach einer solchen Urpflanze wirklich in der Natur 
gesucht, dann aber erkannt, daß es sich nur um 
ein Schema handeln könne, welche man kon- 
struieren, aber nicht tatsächlich auffinden müsse. 
Er hat danach für Pflanzen- und Tierreich das ge- 
sucht, was er einen Typus nannte, eine einfachste 
Grundform, auf die sich alle tatsächlich vorhandenen 
Formen zurückführen ließen, und er redet später 
direkt von der Aufgabe, einen solchen Typus zu 
konstruieren. Diese dritte Form der Metamor- 
phose von Art zu Art ist also eine Betrachtungs- 
weise, welche schließlich den großen Formenkreis 
der Tier- und Pflanzenwelt in den Bereich ihrer 
Forschung zieht, und stellt so die höchste Verallge- 
meinerung von Goethes morphologischen Forschun- 
gen dar. 

Diese kurze Einteilung der Metamorphosenlehre 
enthält in nuce das ganze Programm von Goethes 
morphologischen Forschungen. Wir haben sie an- 
geknüpft an eine Diskussion der Pflanzenmeta- 



i 



86 Vierte Vorlesung. 

morphose und werden bei den folgenden Be- 
sprechungen sehen, wie Goethe dieses Programm 
der Reihe nach selbst erfüllt hat und wie er so die 
Gesamtheit des organischen Formenwesens Schritt 
für Schritt in den Kreis seiner wissenschaftlichen 
Bemühungen zog. 

Die rein morphologischen Studien bildeten aber 
nur einen, wenn auch den wesentlichsten Teil von 
Goethes biologischen Interessen. Er stellte sich nicht 
nur die Aufgabe, in das Verständnis der Form orga- 
nisierter Gebilde einzudringen, sondern legte sich 
auch die Frage nach den Ursachen der Form- 
bildung vor. Diese Forschungen haben nach Goethes 
Tod lange Zeit geruht, und erst in den letzten Jahr- 
zehnten wendet sich ihnen das Interesse der Natur- 
forscher wieder zu. Die ganze Wissenschaft der Ent- 
wicklungsmechanik und Entwicklungsphysiologie ist 
jüngsten Datums und deshalb muten Goethes Aus- 
einandersetzungen über diese Fragen den Leser als 
ganz besonders modern an. Er unterscheidet in seinen 
botanischen Studien zwei verschiedene Gruppen von 
Ursachen der Formbildung. Die einen sind äußere. 
Wir haben in der letzten Vorlesung schon erfahren, 
daß Goethe den äußeren Bedingungen, wie Licht, 
Luft, Klima, Wärme, Standort, Bewässerung und vielen 
anderen, einen enpchiedenen Einfluß auf die Aus- 
bildung der Pflanzenform zuschrieb. Er stellte dieses 
durch Beobachtung an frei in der Natur wachsenden 



Die botanischen Arbeiten II. 87 

Pflanzen und durch die verschiedenartigsten Experi- 
mente fest, welche in der Folgezeit noch vielfach 
fortgesetzt wurden, und kam so zu seiner Über- 
zeugung, daß die Pflanzenformen von diesen äußeren 
Umständen besonders in der Weise abhängig seien, 
daß die Ausbildung der ganzen Pflanze durch sie 
bedingt wäre. Er nahm also die Wirksamkeit 
äußerer formativer Reize an. Demgegenüber fand 
er nun noch eine zweite Gruppe von Faktoren von 
entschiedenem Einfluß auf die Pflanzenform. Er 
bezog die verschiedene Gestaltung der Seitenorgane 
bei ein und derselben Pflanze auf innere Ursachen; 
wenn ein Gewächs zuerst unvollkommene, dann immer 
vollkommenere Laubblätter hervorbringt, wenn dann 
nach diesen die zarteren Kelch- und Blumenblätter 
und darauf die Befruchtungswerkzeuge entstehen, 
so nahm Goethe, wie Sie sich erinnern, an, daß 
mit dem Pflanzenwachstum die Säfte allmählich in 
den Gefäßen des Stammes immer feiner destilliert 
würden, und daß diese verfeinerten Säfte in den 
höheren Pflanzenteilen Ursache für die Bildung der 
zarteren Seitenorgane (Blüte und Frucht) seien. Diese 
Hypothese ist von prinzipieller und fundamentaler 
Wichtigkeit, denn sie enthält die Vorstellung, daß 
im Stoffwechsel der Pflanzen chemische Substanzen 
gebildet werden können, welche an den Ort ge- 
langen, wo die Seitenorgane ausgebildet werden und 
welche hier deren Formgebung in entscheidender 



88 Vierte Vorlesung. 

Weise beeinflussen. Es werden also den äußeren 
formativen Reizen innere, und zwar chemische gegen- 
übergestellt; die äußeren Reize beeinflussen die Ge- 
samtform der Pflanze, die inneren bedingen die 
spezielle Ausbildung ihrer Organe. Durch diese An- 
schauung entwicklungsphysiologischer Art hat Goethe 
sich zu Problemen erhoben, welche fast 100 Jahre 
später erst wieder aufgenommen worden sind. Es 
ist dabei von Interesse, daß ungefähr gleichzeitig und 
wahrscheinlich unabhängig der Göttinger Anatom 
Blumenbach, wie von Driesch in letzter Zeit betont 
worden ist, ebenfalls entwicklungsphysiologische Be- 
trachtungen und Experimente angestellt hat. Hier- 
mit wollen wir diesen Gegenstand verlassen und 
weitere formphysiologische Ermittlungen Goethes erst 
berühren, wenn wir die zoologischen Arbeiten näher 
gewürdigt haben. 

Wir müssen aber an dieser Stelle noch eine 
andre Frage streifen, welche von Goethe selbst auf- 
geworfen und zu verschiedenen Zeiten seines Lebens 
verschieden beantwortet worden ist Es handelt 
sich um die erkenntnistheoretische Grundlage der 
Metamorphosenlehre. Wir werden auf diesem Wege 
auch gleich einen tiefen Einblick in die persönliche 
Denkweise des Naturforschers Goethe tun. Als 
Ausgang benutzen wir die viel citierte Scene 
seines ersten näheren Zusammentreffens mit Schiller. 
Er hat auf diesen Moment seines Lebens selbst 



Die botanischen Arbeiten II. 89 

solchen Wert gelegt, daß er ihn uns an mehreren 
Stellen seiner Werke und auch in seinen natur- 
wissenschaftlichen Schriften schildert. Er erwähnt, 
daß Schiller ihm anfangs durchaus unsympatisch ge- 
wesen und daß er einer Berührung mit ihm sorg- 
fältig aus dem Wege gegangen sei. Schillers Dramen, 
die Räuber, Fiesko, selbst noch Don Carlos, vom 
Publikum mit Begeisterung aufgenommen, schienen 
Goethes abgeklärter Denkart nur ein Rückfall in 
Stadien zu sein, die er selbst in der Götz- und 
Wertherepoche überwunden hatte. Schiller hatte sich 
dann weiter dem Studium der Kantschen Philosophie 
zugewendet und in seinem Aufsatz über Anmut und 
Würde auch die Stellung des Menschen zur Natur 
berührt. Bei dieser Gegenüberstellung war nun die 
Natur nicht gerade gut weggekommen und für Goethe, 
der die Stellung des Menschen in der Natur be- 
tonte, war die Schillersche Betrachtungsweise keines- 
wegs anziehend. „Gewisse harte Stellen sogar konnte 
ich", so schreibt Goethe später, „direkt auf mich 
deuten, sie zeigten mein Glaubensbekenntnis in einem 
falschen Lichte; dabei fühlte ich, es sei noch schlimmer, 
wenn es ohne Beziehung auf mich gesagt worden; 
denn die ungeheuere Kluft zwischen unseren Denk- 
weisen klaffte nur desto entschiedener. — An keine 
Vereinigung war zu denken. . . . Niemand konnte 
leugnen, daß zwischen zwei Geistesantipoden mehr 
als Ein Erddiameter die Scheidung mache, da sie 



90 Vierte Vorlnsung. 

denn beiderseits als Pole gelten mögen, aber eben 
deswegen in Eins nicht zusammenfallen können. Daß 
aber doch ein Bezug unter ihnen stattfinde, erhellt 
aus Folgendem. Schiller zog nach Jena, wo ich ihn 
ebenfalls nicht sah. Zu gleicher Zeit hatte Batsch 
durch unglaubliche Regsamkeit eine naturforschende 
Gesellschaft in Tätigkeit gesetzt, auf schöne Samm- 
lungen, auf bedeutenden Apparat gegründet. Ihren 
periodischen Sitzungen wohnte ich gewöhnlich bei; 
einstmals fand ich Schillern daselbst, wir gingen zu- 
fällig beide zugleich heraus, ein Gespräch knüpfte 
sich an, er schien an dem Vorgetragenen teilzu- 
nehmen, bemerkte aber sehr verständig und einsich- 
tig und mir sehr willkommen, wie eine so zerstückelte 
Art, die Natur zu behandeln, den Laien, der sich gern 
darauf einließe, keineswegs anmuten könne. — Ich 
erwiderte darauf, daß sie den Eingeweihten selbst 
vielleicht unheimlich bleibe, und daß es doch wohl 
noch eine andre Weise geben könne, die Natur nicht 
gesondert und vereinzelt vorzunehmen, sondern sie 
wirkend und lebendig, aus dem Ganzen in die Teile 
strebend, darzustellen. Er wünschte hierüber auf- 
geklärt zu sein, verbarg aber seine Zweifel nicht; 
er konnte nicht eingestehen, daß ein solches, wie 
ich behauptete, schon aus der Erfahrung hervor- 
gehe. — Wir gelangten zu seinem Hause, das Ge- 
spräch lockte mich hinein; da trug ich die Meta- 
moiphose der Pflanzen lebhaft vor, und ließ, mit 



I 



Die botanischen Arbeiten II. 91 

manchen charakteristischen Federstrichen, eine sym- 
bolische Pflanze vor seinen Augen entstehen. Er 
vernahm und schaute das alles mit großer Teilnahme, 
mit entschiedener Fassungskraft; als ich aber ge- 
endet, schüttelte er den Kopf und sagte: „Das ist 
keine Erfahrung, das ist eine Idee." Ich stutzte, 
verdrießlich einigermaßen; denn der Punkt, der uns 
trennte, war dadurch aufs strengste bezeichnet. Die 
Behauptung aus Anmut und Würde fiel mir wieder 
ein, der alte Groll wollte sich regen; ich nahm mich 
aber zusammen und versetzte: „Das kann mir sehr 
lieb sein, daß ich Ideen habe, ohne es zu wissen, 
und sie sogar mit Augen sehe"." 

Schärfer konnte der Gegensatz der beiden Männer 
nicht veranschaulicht werden als in diesen drama- 
tischen Sätzen, und Goethe konnte in der Tat auch 
nicht schärfer getroffen werden, als durch Schillers 
kurzen Einwand, durch den er beinahe zu sofortigem 
Abbruch des Gesprächs veranlaßt wurde. Goethe 
hatte bis dahin seine Naturstudien tatsächlich „mit 
unbewußter Naivetät" betrieben, vertraute auf seine 
gesunden fünf Sinne, glaubte, daß alle seine Re- 
sultate durch reine Erfahrung gewonnen worden 
seien und unterschätzte die Denkoperationen, die 
zu ihrer Erreichung notwendig gewesen waren. Sein 
Realismus war ja noch vor wenigen Jahren so weit 
gegangen, daß er versucht hatte, die Urpflanze als 
tatsächlich vorhanden in der Natur aufzufinden. Hier 



92 • Vierte Vorlesung. 

wurde er durch Schiller aus seiner Betrachtungs- 
weise unsanft aufgerüttelt. Um was es sich dabei 
handelt, werden Sie gleich noch deutlicher verstehen 
lernen, wenn Sie sich klar machen, wie überhaupt 
menschliche Erkenntnisse zustande kommen. Be- 
denken Sie, wie ein kleines Kind zuerst Sinnes- 
eindrücke empfängt und danach Erfahrungen sam- 
melt Sobald es überhaupt einigermaßen bewußt 
sehen gelernt hat, bemächtigt es sich der Objekte 
der Außenwelt mit lebhaftestem Interesse. Jeder 
Gegenstand, den es sieht, ist eine neue Erscheinung. 
Der blattlose Baum im Winter, derselbe Baum im 
Laubschmuck des Sommers, eine blühende Kastanie, 
eine aufragende Fichte, ein Baum, der vor dem 
blauen Himmel steht, ein andrer im Dickicht des 
Gebüschs, alle diese Bäume werden zunächst für 
unser Kind ebensoviele unzusammenhängende Einzel- 
erscheinungen sein. Jedesmal, wenn es einen neuen 
Baum sieht, macht es eine neue Erfahrung. Nach 
kurzer Zeit aber wird das Kind, natürlich völlig 
unbewußt, beginnen, alle diese verschiedenen Ein- 
drflcke einheitlich zusammenzufassen. Durch fort- 
gesetzte äußere Einflüsse und belehrt durch den 
Zwang der begriffsbildcnden Sprache wird es schließ- 
lich das allen diesen Formen Gemeinsame erkennen 
und 80 den Begriff Baum bilden. In der Er- 
scheinung sind dem Kind nur die einzelnen Elemente 
jedes einzelnen Baumes gegeben. Um aus diesen 



Die botanischen Arbeiten II. 93 

den zusammenfassenden Begriff Baum zu bilden 
und unter diesem Begriff (Idee) nun alle Einzel- 
erscheinungen der Bäume zu subsummieren, dazu 
bedarf es der Denkoperation des Kindes. Ganz 
dasselbe vollführt nun Goethe bei seinem Studium 
der Pflanzenform. Auch er müht sich redlich 10 Jahre 
lang, die Einzelerscheinungen der verschiedenen Pflan- 
zen zu studieren. Dann erst beginnt der Versuch, alle 
diese Erfahrungen einheitlich zusammenzufassen. Daß 
dieses letztere eine reine Denkoperation sei, warGoethe 
damals noch nicht klar und auch, nachdem er die Ur- 
pflanze nicht mehr in der Natur suchte, glaubte er, 
die Pflanzenmetamorphose mit Augen sehen und mit 
Händen greifen zu können. Er wurde erst jetzt durch 
Schiller darauf hingewiesen und erkannte es allmäh- 
lich immer klarer, daß sein Gesetz der Pflanzen- 
metamorphose allerdings von der Erfahrung ausgehe, 
daß aber der Begriff der Urpflanze daraus durch eine 
Denkoperation abstrahiert, daß der von ihm ermittelte 
Zusammenhang aller Pflanzen daher ein ideeller 
sei. So liegt die Wahrheit auch in diesem Fall in der 
Mitte. Erst durch das Zusammenwirken der von 
Goethe allein betonten Erfahrung und der von Schiller 
in den Vordergrund gestellten Idee ist ein Resultat 
von solcher wissenschaftlichen Tragweite wie Goethes 
Metamorphosenlehre möglich geworden. Er fand 
allerdings immer noch „die Schwierigkeit, Idee und 
Erfahrung miteinander zu verbinden, sehr hinderlich 



94 Vierte Vorlesung. 

bei aller Naturforschung: die Idee ist unabhängig 
von Raum und Zeit, die Naturforschung ist in Raum 
und Zeit beschränkt; daher ist in der Idee Simul- 
tanes und Successives innigst verbunden, auf dem 
Standpunkt der Erfahrung hingegen immer getrennt, 
und eine Naturwirkung, die wir der Idee gemäß als 
simultan und successiv zugleich denken sollen, scheint 
uns in eine Art Wahnsinn zu versetzen. Der Verstand 
kann nicht vereinigt denken, was die Sinnlichkeit 
ihm gesondert überliefert, und so bleibt der Wider- 
streit zwischen Aufgefaßtem und Ideirtem immer- 
fort unaufgelöst*. Daß Goethe sich später selbst rück- 
haltlos auf Schillers Standpunkt gestellt hat, sieht 
man aus den Worten, die er 1817 in der Einleitung 
zu seinen morphologischen Heften schrieb: „Daß 
das, was der Idee nach gleich ist, in der Erfahrung 
entweder als gleich oder als ähnlich, ja sogar als 
völlig ungleich oder unähnlich erscheinen kann, 
darin besteht eigentlich das bewegliche Leben der 
Natur, das wir in unsern Blättern zu entwerfen ge- 
denken." Die Urpflanze ist jetzt für Goethe das 
Schema oder, wie er es später nannte, der Typus 
geworden, auf den sich alle Pflanzenformen durch 
Vergleichung zurückführen lassen. Sie ist der allen 
Pflanzen gemeinsame Bauplan. 



Gleich nach Vollendung des Manuskripts über 
die Pfianzenmetamorphosc traten Goethe Schwierig- 



Die botanischen Arbeiten II. 95 

keiten entgegen. Sein Verleger Göschen, bei dem 
die früheren Werke erschienen waren, lehnte den 
Verlag ab, und erst nach Überwindung mehrfacher 
Hemmnisse konnte das Werk bei Ettinger in Gotha 
erscheinen. Das war nur das Vorspiel für die Auf- 
nahme, welche die Arbeit im Publikum fand. Daß 
ein Dichter etwas anderes veröffentlichen könne, wie 
seine poetischen Werke, wollte der damaligen ge- 
bildeten Welt nicht in den Kopf. Man stellte sich 
dem Versuche Goethes gegenüber auf den Stand- 
punkt „Schuster, bleibe bei deinem Leisten", und 
so hatte er fast nur Ärger. Dazu kam nun die 
ziemlich einmütige Ablehnung, die seine Metamor- 
phosenlehre bei den Fachgelehrten fand. Diese 
standen damals fast allgemein auf dem Standpunkt 
der sog. Präformationslehre. Es wurde alles Wachs- 
tum und alle Entwicklung dadurch verständlich zu 
machen gesucht, daß man annahm, jeder Keim 
enthalte alle Organe und Formen, die aus ihm 
später hervorwüchsen, schon im kleinsten Maß- 
stabe in sich eingeschlossen. Die ganze spätere 
Pflanze sollte schon in dem Samen stecken und 
bei der Keimung weiter nichts stattfinden, als ein 
Auswachsen dieser kleinen Anlage. Auch die Ei- 
zelle sollte das ganze spätere Tier mit allen seinen 
Organen gewissermaßen eingeschachtelt enthalten. 
Dieses damals herrschende Dogma trat ihm besonders 
1792 bei dem schon geschilderten Besuche auf 



96 Vierte Vorlesung. 

dem Jacobischen Gute in Pempelfort entgegen, wo 
er der starren Vorstellungsart begegnete: „Nichts 
könne werden, als was schon sei" oder wie Albrecht 
V. Haller dieses Dogma formuliert hatte: „nil noviter 
generari". Goethes Metamorphosenlehre stand natür- 
lich in schneidendem Gegensatz zu einer solchen 
Anschauung, da sie die Umbildung organischer Teile 
zum Gesetz erhob, während die Präformationstheorie 
die Unveränderlichkeit der sich entwickelnden Ge- 
bilde lehrte. So dauerte es Jahre und Jahrzehnte, 
bis die langersehnte Anerkennung wissenschaftlicher 
Kreise unserm Dichter zu Teil wurde. 

In den folgenden Jahren sammelte nun Goethe 
weiteres wissenschaftliches Material zu einem zweiten 
Aufsatz über die Pflanzenmetamorphose. Von diesem 
ist aber nur der Anfang erhalten. Veröffentlicht 
wurde er nie. Dagegen begann Goethe in der Mitte 
der 90 er Jahre wieder in ausgedehnterem Maße an 
Pflanzen zu experimentieren. Wieder sind es die 
Bedingungen, welche die Formbildung der Pflanzen 
beeinflussen und verursachen können, die ihn inter- 
essieren. So läßt er Kressen- und Bohnensamen 
im Licht, im Dunkeln, unter gelben, blauen und vio- 
letten Gläsern keimen und führt täglich genaue uns 
erhaltene Versuchsprotokolle, in denen er die Länge 
der Wurzeln, der Stengel usw. nach sorgfältigen 
Messungen registriert. Er beschäftigt sich dabei unter 
anderm auch mit einem Vorgang, der bis in die 



Die botanischen Arbeiten IL 97 

jüngste Zeit hinein das Interesse der Pflanzenphysio- 
logen erregt: das Etiolement. Darunter versteht man 
die Erscheinungen, welche an Pflanzen auftreten, wenn 
sie im Dunkeln auskeimen. Es wird dann der grüne 
Farbstoff nicht gebildet und die blassen Keimlinge 
zeigen ein ganz exzessives Längenwachstum, gleich- 
sam als wollte die Pflanze möglichst in die Höhe 
streben, um der Dunkelheit zu entrinnen. Dieser Vor- 
gang ist nun keineswegs etwa von Goethe entdeckt 
worden; schon 1700 hat Senebier Untersuchungen 
darüber angestellt. Aber das Studium hatte unter 
dem Druck von Linnes Autorität geruht und erst 
10 Jahre nach den geschilderten Goetheschen Ver- 
suchen hat der berühmte französische Botaniker 
de Candolle wieder eine Arbeit über den Gegen- 
stand veröffentlicht. Goethe machte dann ferner an 
einer Pflanze, die ihn auch in andrer Hinsicht inter- 
essierte, Bryophyllum calycinum, Beobachtungen über 
den Vorgang, den man heute als Heliotropismus be- 
zeichnet. Er stellte fest, daß diese Pflanze, wenn sie 
im Zimmer gezogen wird, sich immer gegen das 
Licht hin krümmt, und machte nun den Versuch, 
diese heliotropische Reaktion dadurch zu über- 
winden, daß er jedes Mal, wenn die Pflanze anfing, 
sich zu krümmen, den Blumentopf drehte. Auf diese 
Weise gelang es ihm, ein gerades Wachstum 
zu erzielen. In dieselbe Zeit fallen auch Versuche 
festzustellen, wie weit Pflanzen nach Verletzungen 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 7 



gß Vierte Vorlesung. 

noch wachstumsfähig bleiben. Er beobachtete, ob 
nach Entfernung der Keimblätter noch eine weitere 
Entwicklung möglich sei, wie die Pflanzen es ver- 
tragen, wenn alle Laubblätter entfernt werden, und 
was aus Blüten wird, die des Kelches beraubt sind. 
Auch der Einfluß der Ernährung auf die Blüten- 
bildung der Gewächse wird von neuem wieder 
studiert und es gelingt ihm, durch Überernährung 
das Blühen seiner Versuchspflanzen zu verhindern. 
An diese Versuche schließt sich nun der Plan, 
eine Pflanzenphysiologie zu schreiben. Auch von 
diesen Bemühungen sind nur die Entwürfe vor- 
handen, aus denen sich aber wenigstens so viel er- 
sehen läßt, daß Goethe allerdings die sämtlichen 
Lebensäußerungen der Pflanze mit berücksichtigen 
wollte, daß aber das, was ihn am meisten dabei 
interessierte, die Physiologie der Formbildung ge- 
wesen ist. So stellt sich die Pflanzenphysiologie 
seinen morphologischen Bestrebungen parallel gegen- 
über, und es ist als ein großer Verlust zu bezeich- 
nen, daß er nie etwas Zusammenfassendes über 
seine pflanzenphysiologischen Vorstellungen publi- 
ziert hat. 

Im Jahre 1812 veröffentlichte der Hallenser Ana- 
tom und Physiologe Meckel die deutsche Über- 
setzung einer zu ihrer Zeit völlig unbeachtet ge- 
bliebenen lateinischen Abhandlung von Caspar 
Friedrich Wolff aus dem Jahre 1768: „De formatione 



Die botanischen Arbeiten II. 99 

intestinorum". Diese Schrift, ebenso wie die berühmte 
„Theoria generationis" von 1759 war in bezug auf 
das Pflanzenwachstum zu ganz identischen Resul- 
taten wie Goethe gekommen. Letzterer, der auf 
Wolffs Schriften schon bald nach Veröffentlichung 
seiner eigenen Pflanzenmetamorphose durch den 
Philologen F. A. Wolf aufmerksam gemacht wurde 
und sie besonders 1807 genauer studiert hatte, er- 
kannte die Wichtigkeit dieser Abhandlung sofort 
und unumwunden an und nahm in seine morpho- 
logischen Hefte ein eigenes Kapitel „Entdeckung 
eines trefflichen Vorarbeiters" auf, in welchem er 
die einschlägigen Stellen aus Wolffs Arbeit z. T. 
wörtlich abdruckte. Daraus ergibt sich nun, daß 
Wolff tatsächlich fast genau dieselben Vorstellungen 
entwickelt hatte. Auch er führt alle Seitenorgane 
der Pflanze auf das Blatt zurück. Bei der Beweis- 
führung für diesen Satz ist Wolff aber noch einen 
Schritt weiter gegangen als Goethe. Er studierte 
nämlich die Form und Entwicklung der ersten An- 
lage aller Blätter und Seitenorgane mikroskopisch 
und konnte so feststellen, daß alle diese Gebilde 
tatsächlich ursprünglich aus gleichen Anlagen her- 
vorgehen. Nur in einem Punkt wich Goethe von 
Wolff ab. Dieser hatte die Blüte als eine Verküm- 
merung der Blattbildung aufgefaßt. Das mußte Goethe 
durchaus unsympathisch sein. Er sah in der Blüte 
vielmehr die höchste Entfaltung des Pflanzenwachs- 

7* 



100 Vierte Voiiesung. 

tums. Dagegen waren beide darin Gesinnungs- 
genossen, daß sie aufs schärfste die Präformations- 
iehre bekämpften. 

In diesen und den folgenden Jahren begann nun 
Goethes Metamorphosenlehre allmählich immer mehr 
durchzudringen. Es kamen eine Reihe von günstigen 
Rezensionen in wissenschaftlichen Zeitschriften. Die 
Lehre wurde mehr und mehr von den Fachleuten 
citiert Schließlich gelangte sie zu völliger An- 
erkennung und ging in den festen Besitzstand der 
wissenschaftlichen Botanik über. Goethe selbst ver- 
folgte in diesen Jahren hauptsächlich die laufende 
Literatur und machte sich sorgfältige Auszüge von 
allem, was auf seine Metamorphosenlehre Bezug 
hatte. Alle diese Bestätigungen und Fortbildungen 
hat er dann anhangsweise seiner eigenen Abhand- 
lung über die Pflanzenmetamorphose beigefügt und 
so sind sie in die Ausgabe letzter Hand über- 
gegangen. Besonders eingehend studiert und be- 
rücksichtigt er dabei Jägers Werk über die Miß- 
bildungen der Gewächse. Seinen Exzerpten fügt 
er hier zahlreiche eigene Beobachtungen bei und 
betont dabei nochmals nachdrücklichst die normale 
Grundlage alles Pathologischen. Dabei wird die 
Frage diskutiert, wie weit diese Abnormitäten auf 
veranlassende Außenbedingungen zurückgeführt wer- 
den können. 

So kommt es schließlich zum endgültigen Sieg 



Die botanischen Arbeiten II. 101 

von Goethes Ideen. Die führenden Botaniker der 
damaligen Zeit ericennen ihn rückhaltlos an. Mit 
Alexander v. Humboldt werden Gedanken und 
Werke ausgetauscht. Der damals höchst geschätzte 
Nees van Esenbeck in Bonn, Präsident der Leopol- 
dinisch-karolinischen Akademie der Naturforscher, 
dem man heute wegen zahlreicher naturphiloso- 
phischer Verirrungen keine so hervorragende Stel- 
lung mehr einräumt, steht in engstem brieflichen 
Verkehr mit Weimar, und ebenso ist der Münchner 
Botaniker v. Martins mit Goethe in wissenschaft- 
lichem Briefwechsel und persönlichem Gedanken- 
austausch. Kurz vor Goethes Tode legt dann 
Geoffroy St. Hilaire der französischen Akademie eine 
von Soret gefertigte Übersetzung der Pflanzenmeta- 
morphose vor und setzt in schönen Worten die 
grundlegende Bedeutung dieses Werkes an der da- 
maligen wissenschaftlichen Zentralstelle auseinander. 
Nur ein Irrtum liege der Abhandlung zugrunde, daß 
sie fast ein halbes Jahrhundert zu früh erschienen 
sei, ehe es noch Botaniker gab, die sie zu studieren 
und verstehen fähig waren. 

Im Auslande fielen Goethes Ideen überhaupt 
auf fruchtbaren Boden. Jussieu, de Candolle, Robert 
Brown entwickelten zum Teil ganz ähnliche Vorstel- 
lungen. Die deutschen Botaniker ergaben sich da- 
gegen vielfach naturphilosophischen Spekulationen. 
Als nun Schieiden, Sachs und andere mit diesen 



102 Vierte Vorlesung. 

Lehren gründlich aufräumten, ziehen sie auch Goethe 
solcher Verirrungen und machten ihn für die Fehler 
seiner Nachfolger verantwortlich. Erst in der letzten 
Zeit dringt auch in den Kreisen der Botaniker die 
volle Würdigung von Goethes wissenschaftlicher 
Leistung immer mehr durch. 

Goethe selbst hat in den späteren Jahren seines 
Lebens nur noch kleinere botanische Aufsätze ver- 
faßt Er schrieb Recensionen über Humboldts Ideen 
zu einer Physiognomie der Gewächse, über eine 
graphische Darstellung der Verteilung organischen 
Lebens in der Natur vonWilbrand und Ritgen u.a. Er 
veröffentlichte einen Aufsatz über den hamburgischen 
Rektor Joachim Jungius, 1587 — 1657, der nicht, wie 
behauptet wurde, die Metamorphose entdeckt hat, 
sondern vielmehr ein Vorläufer Linn^s gewesen ist 
Er übersetzte einige wichtige Stellen aus dem Werke 
des berühmten de Candolle: „Von dem Gesetzlichen 
der Pflanzenbildung", und schrieb einen Aufsatz über 
den Weinbau, in dem er, im Anschluß an ein Buch 
von Kecht, den Knoten des Weinstockes mit Blatt, 
Blüte, Traube und Ranke vom Standpunkt seiner 
Metamorphose aus betrachtet 

Die letzte botanische Schrift Goethes ist die 
viel umstrittene Abhandlung über die Spiraltcndenz 
der Vegetation, welche er 1829 — 31 verfaßt hat 
Damals hatten der Botaniker Schimper und weiter 
v. Martius in München und dessen Schüler Alexander 



Die botanischen Arbeiten II. 103 

Braun eine Reihe von Arbeiten veröffentlicht, in 
denen einfache Gesetze über die Blattstellung der 
Pflanze aufgestellt wurden. Man fand, daß bei ein- 
zelnen Pflanzen die Blätter in spiraliger Anordnung 
um den Stamm oder Stengel gestellt sind, gerade 
so wie auch die Schuppen eines Tannzapfens eine 
durchaus regelmäßige Spirale zeigen. Auch die 
Stellung der Blütenblätter zeigt ähnliche Gesetz- 
mäßigkeiten, und besonders Alexander Braun machte 
den Versuch, diese Anordnungen auf eine Reihe ganz 
einfacher mathematischer Gesetze zurückzuführen. 
Darüber hatte Martins auf den Versammlungen 
deutscher Naturforscher und Ärzte vom Jahre 1828 
und 1829 berichtet, und Goethe griff diese Vorstel- 
lungen auf, um sie mit seiner Metamorphosenlehre 
in Verbindung zu bringen. Hatte er selbst die ein- 
heitliche Auffassung aller Seitenorgane der Pflanze 
angebahnt, so schien ihm jetzt die Möglichkeit ge- 
geben, die Verteilung dieser Seitenorgane an und 
um die Pflanze ebenfalls auf eine einfache Regel 
zu reduzieren. Er leitet daher die genannten Er- 
scheinungen alle ab von einer Spiraltendenz, die 
im Pflanzenreich verbreitet sein soll, und der die 
Vertikaltendenz des senkrecht in die Höhe wachsen- 
den Stammes gegenübergestellt wird. Um nun die 
allgemeine Gültigkeit dieser Spiraltendenz zu er- 
weisen, wird eine Reihe von Vorgängen herangezogen, 
welche offenbar tatsächlich gar nichts miteinander 



104 Vierte Vorlesung. 

gemein haben: die Stellung der Blätter um die 
Achse, das Winden des Hopfens und anderer 
Pflanzen um die Stange, das Herumschlingen von 
Ranken um feste Gegenstände, die Anordnung der 
Spiralgefäße und noch manches andere. Goethe 
ist hier offenbar viel zu weit gegangen und hat 
heterogene Dinge zueinander in Beziehung gesetzt. 
Der alte, kurz vor seinem Tode stehende Dichter 
hatte nicht mehr die Zeit gefunden, seine Theorien 
durch ausgedehnte eigene Beobachtungen und Ver- 
suche zu prüfen. 

Damit schließen wir unsere Betrachtung von 
Goethes botanischen Studien. Wir haben durch 
die eingehende Bekanntschaft mit seinem Forschen 
und Denken über das Pflanzenwachstum schon 
ein gutes Teil von der Persönlichkeit des Natur- 
forschers erfahren. Wir haben seine Gründlichkeit, 
seinen Ernst, die umfassende Breite seiner Ver- 
allgemeinerung und manche seiner grundlegenden 
Vorstellungen kennen gelernt, auf denen sich seine 
Auffassung des Naturganzen aufbaut. Aufgabe der 
ferneren Betrachtung wird es sein, dieses Bild bei 
der Besprechung der anderen Forschungsgebiete zu 
vervollständigen, bis uns schließlich ein volles Ver- 
ständnis für Goethes wissenschaftliche Denkweise 
möglich sein wird. 



Fünfte Vorlesung. 

Die osteologischen und vergleichend anatomischen 
Arbeiten I. 

Meine Herren! Wir wenden uns jetzt zur Be- 
sprechung von Goethes anatomischen und ver- 
gleichend anatomischen Studien. In einer der letzten 
Vorlesungen haben wir schon gehört, wie Goethe an- 
fing, sich mit Anatomie zu beschäftigen, wie er auf 
der Universität bei Lobstein in Straßburg hörte, wie 
er durch Bekanntschaft mit Lavater und durch seine 
Teilnahme an den physiognomischen Fragmenten 
auf die Schädellehre und deren Bedeutung für die 
Physiognomik hingewiesen wurde, wie er in den 
Fragmenten schon eine Reihe von Tierschädeln 
kommentierte, wie er diese Anregung in seiner 
Korrespondenz mit Merck vertiefte und wie er dann 
bei Loder in Jena seine Kenntnis der menschlichen 
Anatomie in kurzer Zeit so weit auffrischte und er- 
weiterte, daß er in Weimar Vorträge für Kunst- 
schüler halten konnte. Von 1781 an werden nun 
diese anatomischen Beschäftigungen, welche sich 
damals überwiegend auf die Knochenlehre, die 
Osteologie, beschränken, mit Loder eifrigst fort- 



106 Fünfte Vorlesung. 

gesetzt Er studiert und zeichnet besonders Schädel 
der allerverschiedensten Tiere. Viele Jahre später 
hat Goethe über diese Studien angegeben, daß er 
schon damals auf einen allgemeinen Typus hin- 
gearbeitet habe; so schreibt er in den Annalen: 
„Ich war völlig überzeugt, ein allgemeiner durch 
Metamorphose sich erhebender Typus gehe durch 
die sämtlichen organischen Geschöpfe durch, lasse 
sich in allen seinen Teilen auf gewissen mittleren 
Stufen gar wohl beachten und müsse auch noch da 
anerkannt werden, wenn er sich auf der höchsten 
Stufe der Menschheit ins Verborgene bescheiden 
zurückzieht." Diese Angabe ist jedoch nur „cum 
grano salis** zu nehmen. Goethe hat tatsächlich 
in diesen Jahren immer mehr die Vorstellung in sich 
befestigt, daß der Mensch und die Säugetiere in 
ihrem Aufbau einander im Prinzip ähnlich seien. Die 
Idee der Metamorphose hat er jedoch erst in 
Italien gewonnen, ihre Anwendung auf die ver- 
gleichende Anatomie und die Entwicklung der Lehre 
vom Typus läßt sich erst nach der Rückkehr nach 
Deutschland nachweisen und erfährt ihre erste Aus- 
gestaltung in den Schriften seit 1790. Bei seinen 
Studien zur Schädellehre gelang es nun Goethe im 
März 1784, den Fund zu tun, der für sein ganzes 
wissenschaftliches Arbeiten und Denken entscheidend 
werden sollte. Er berichtet darüber an Herder: 
„Nach Anleitung des Evangelii muß ich Dich auf 



Osteologische und veigleichend anatomische Arbeiten I. 107 

das eiligste mit einem Glück bekannt machen, das 
mir zugestoßen ist. Ich habe gefunden — weder 
Gold noch Silber, aber was mir unsägliche Freude 
macht, das Os intermaxillare beim Menschen. Ich 
verglich mit Lodern Menschen- und Tierschädel, 
kam auf die Spur, und siehe da ist es ... . es ist 
wie der Schlußstein, fehlt nicht, ist auch da! Aber 
wie! Ich habe mir's auch in Verbindung mit Deinem 
Ganzen gedacht, wie schön es da ist!" Der 
Zwischenkiefer, os intermaxillare, ist ein Knochen, 
der in den Oberkiefer eingelassen ist, und die 
Schneidezähne trägt. Er war damals bei der größten 
Mehrzahl der Säugetiere nachgewiesen und anerkannt, 
wurde von dem berühmtesten Anatomen der dama- 
ligen Zeit, dem Holländer Camper und von Blumen- 
bach in Göttingen auch dem Affen zugeschrieben, 
dagegen sein Vorkommen beim Menschen geleugnet. 
Es sollte gerade das Fehlen dieses Knochens das 
charakteristische Unterscheidungsmerkmal zwischen 
Mensch und Affe abgeben. Diese Vorstellung er- 
schien Goethe schon von vorne herein unwahr- 
scheinlich. Er konnte nicht glauben, daß der Mensch 
in einem einzigen wichtigen Punkt so von der Bau- 
art der Säugetiere abwich. Entscheidend war die 
Überlegung, daß der Mensch doch Schneidezähne 
besitze, während ihm der Knochen fehlen sollte, der 
diese Zähne trägt. 

Nachdem Goethe seinen Fund gemacht hatte. 



108 Fünfte Vorlesung, 

begnügte er sich nicht mit der Registrierung dieser 
Tatsache, sondern ging sofort daran, ihn auf das 
breiteste wissenschaftliche Fundament zu gründen. 
Zu diesem Zwecice machte er, und darin liegt das 
Bahnbrechende seiner Arbeit, in ausgedehntestem 
Maße von der vergleichenden Methode Gebrauch. 
Er verfolgte Lage und Form des Zwischenkiefers 
bei allen Tierschädeln, die er erreichen konnte. 
Selbst Sömmering in Kassel mußte ihm Schädel 
schicken, darunter den eines jungen indischen Ele- 
fanten, nach welchem genaue Zeichnungen gefertigt 
wurden (S. u. Fig. 5). 

So entstand Goethes erste wissenschaftliche Ab- 
handlung: „Versuch aus der vergleichenden Knochen- 
lehre, daß der Zwischenknochen der oberen Kinn- 
lade dem Menschen mit den übrigen Tieren gemein 
sei — Jena 1784." Die Bedeutung dieser Abhand- 
lung geht weit darüber hinaus, daß in ihr der 
Zwischenknochen beim Menschen nachgewiesen 
und dadurch der vermeintliche Unterschied in der 
Bauart des Menschen und der Säugetiere beseitigt 
wird. Wir haben in ihr vielmehr zugleich die erste 
eigentliche vergleichend anatomische Abhandlung 
zu sehen, die geschrieben worden ist, und somit 
bildet sie einen Markstein in der Geschichte dieser 
Wissenschaft. Im allgemeinen wird Cuvier als der 
Begründer der vergleichenden Anatomie angesehen, 
und das mit vollem Recht, denn er vor allen hat in 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 109 

seinem langen arbeitsreichen Leben die ganze riesige 
Masse der Grundtatsachen dieser Wissenschaft fest- 
gelegt. Als aber Goethe seine Arbeit über den 
Zwischenknochen vollendete, war Cuvier, der, in 
Mömpelgart geboren, auf der Karlsschule bei Stutt- 
gart studierte, erst 15 Jahre alt, und hat erst später 
die Anregungen, die er auf der Karlsschule von 
seinem Lehrer Kielmeier empfing, in so großartiger 
Weise zu seinen zoologischen Studien in Paris ver- 
wendet. 

Wir wollen nun den Inhalt von Goethes Schrift 
in aller Kürze kennen lernen. Der Autor geht aus 
von der Beschreibung des Zwischenknochens beim 
Pferd, wo er besonders gut ausgebildet ist und 
leicht erkannt werden kann. Im Anschluß hieran 
wird dann eine ausführliche lateinische Terminologie 
des Knochens gegeben, welche im wesentlichen von 
Loder entworfen worden ist. Jede Kante, jede 
Fläche, jede Öffnung im Knochen erhält ihren Namen, 
so daß es möglich ist, bei vergleichender Betrach- 
tung der verschiedensten Tiere sich sofort an diesem 
Knochen zu orientieren. Die folgende Darstellung 
schließt sich dann ganz eng an die beigegebenen 
Abbildungen an. In der ursprünglichen Arbeit waren 
von Waiz gezeichnete Abbildungen vom Pferd, 
Ochsen, Fuchs, Löwen, dem jungen Walroß, Affen 
und Menschen beigegeben. Später sind dann noch 
Stiche nach dem Schädel des Rehs, Kamels, des auf 



110 Fünfte Vorlesung. 

Celebes lebenden Schweines Babirussa, des Eis- 
bären, Wolfs und erwachsenen Walrosses beigefügt 
worden. Goethe weist nun auf die Formänderungen 
hin, die der Knochen bei diesen verschiedenen 
Säugetieren erleidet. Bei den Wiederkäuern, die das 
Gras abraufen, fehlen die oberen Schneidezähne und 
der Knochen bildet vorn eine flache Platte, gegen 
die die Zähne des Unterkiefers sich legen; bei den 
Raubtieren, welche zur Nahrungsaufnahme von ihren 
Schneidezähnen kräftig Gebrauch machen, ist der 
Zwischenknochen stark entwickelt und an der Vor- 
derseite des Gesichts gut entfaltet. Den Weg zum 
Menschen gewinnt nun Goethe durch die Betrach- 
tung des jungen Walroßschädels. Bei diesem Tier 
ist das OS intermaxillare in den Oberkiefer fast genau 
in der gleichen Weise eingelassen wie beim Men- 
schen, nur daß es noch nicht mit dem Oberkiefer- 
knochen verwachsen ist. Die Gegenüberstellung des 
senkrecht durchschnittenen Oberkiefers vom Walroß 
und vom Menschen dient zur anschaulichen Illustrie- 
rung der Verhältnisse bei letzterem. In dem ur- 
sprünglichen Manuskript sind dabei diezum Zwischen- 
kiefer gehörigen Knochenteile der größeren Deut- 
lichkeit halber durch rote Färbung hervorgehoben. 
Goethe zeigt nun, daß ein kleiner Kanal, der den 
knöchernen Gaumen in der Mitte durchbohrt und 
durch den Gefäße und Nerven hindurchtreten, auch 
beim Menschen die Grenze zwischen Oberkiefer und 




AbbilduHK des menschlichen Oberkieferknochens 
von innen. Aus Goethe, Über den Zwischcn- 
klefer des Menschen und der Tiere. Vcrh. der 
K. Lcopold.-Karol. Akademie der Naturforscher 
Bd. 15. ItUI. 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 1 1 1 

Zwischenkiefer abgibt. (Fig. 4*) zeigt die rechte 
Hälfte des menschlichen Oberkiefers von innen ge- 
sehen. A ist der Zwischenkiefer, dessen hintere 
Grenze durch den erwähnten Kanal gebildet wird. 
Die Schneidezähne fehlen.) In vielen Fällen sieht 
man von der unteren Öffnung dieses Kanals eine 
feine Naht verlaufen, welche zwischen dem Eckzahn 
und dem äußeren Schneidezahn endet. Dagegen 
läßt sich an der Außenseite des Oberkiefers die 
Grenze nicht mehr feststellen. Hier findet in nor- 
malen Fällen schon in sehr frühen embryonalen 
Stadien die völlige Verwachsung statt, und Goethe 
nimmt an, daß der Grund hierfür darin zu suchen 
sei, daß die auf engem Raum entstehenden kräftigen 
Zahnbildungen nur auf diese Weise sicher zusammen 
gefaßt werden können. So findet er die Grenzen 
des Zwischenknochens auf der Unter- und Hinter- 
seite desselben und zeigt durch den Vergleich mit 
dem Walroß, daß es sich hier tatsächlich um das- 
selbe Gebilde handeln müsse. Daß der Knochen 
an der Vorderseite verwächst, ist nichts mit seiner 
Sonderstellung Unvereinbares, weil auch bei Tieren 
gelegentlich Verwachsungen vorkommen. Der Schä- 
del des Kasseler Elefanten (Fig. 5) zeigte den 

^) In der Weimarer Goethe-Ausgabe sind die Abbildungen 
zur Zwischenkieferabhandlung in verkleinertem Maßstabe 
wiedergegeben. Am menschlichen Oberkiefer sind die wich- 
tigsten Details dabei unkenntlich geworden. Es ist deshalb 
diese Figur hier in Originalgröße noch einmal abgedruckt. 



112 Fünfte Voriesung. 

Zwischenkiefer auf der einen Seite frei, auf der 
anderen verwachsen. Goethe begnügt sich aber 
nicht damit, seinen Knochen durch die Säugetier- 
reihe zu verfolgen, sondern führt weiter an, daß er 
ihn auch bei Fischen, Amphibien, bei der Schild- 
kröte und den Vögeln habe nachweisen können. 
Durch die ganze Reihe der Wirbeltiere hindurch ist 
er also, wenn auch in verschiedenster Ausbildung, 
vorhanden. „Welch eine Kluft zwischen dem os 
intermaxillare der Schildkröte und des Elefanten! 
Und doch läßt sich eine Reihe von Formen da- 
zwischen stellen, die beide verbindet." Durch den 
Nachweis, daß der Zwischenknochen allen Säuge- 
tieren zukommt, gelangt Goethe auch zu einer bes- 
seren Definition der Schneidezähne. Obere Schneide- 
zähne sind eben diejenigen, welche im Zwischen- 
knochen sitzen. Dadurch kommt er dazu, auch dem 
Kamel und dem Walroß Schneidezähne zuzuschreiben, 
die bisher geleugnet worden waren. Schließlich 
wird dann noch darauf hingewiesen, daß die Aus- 
bildung dieses Knochens für die Nahrungsaufnahme 
entscheidend ist, und daß auf diese Weise ein naher 
Zusammenhang zwischen seiner Form und seiner 
Funktion sich erkennen lasse. 

Das ist der Inhalt von Goethes erster wissen- 
schaftlicher Arbeit Sie wurde sauber geschrieben, 
eine lateinische Obersetzung aus Loders Feder bei- 
gefügt, und dann wurde sie zusammen mit den 




Fig. 5. 
Schädel des jungen Kasseler Elefanten von vorne. Aus Goethe, Zur ver- 
gleichenden Osteologie (mit Zusätzen und Bemerkungen von Dr. Ed. d'Alton). 
Verhandl. der K. Leopold.-Karol. Akademie der Naturforscher Bd. 12. 1824. 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 113 

Zeichnungen am 19. Dez. 1784 an Merck nach 
Darmstadt geschickt. Dieser sandte sie nach Cassel 
zu Sömmering und von da ging sie zu Camper nach 
Stavoren in Holland, wo sie aber erst nach ^4 Jahren 
eintraf. Das Manuskript und die Tafeln blieben nach 
Campers Tode in Holland und gelangten von dort 
erst 1894 durch Schenkung ins Goethearchiv zurück. 
Sömmering war keineswegs von der Richtigkeit von 
Goethes Ansicht zu überzeugen. Dieser berichtet 
an Merck: „Von Sömmering habe ich einen sehr 
leichten Brief; er will mir gar ausreden, ohe!" Sehr 
viel ernster nahm Camper die Angelegenheit. Er 
prüfte das Behauptete sofort sorgfältig nach, er- 
kannte, wie er an Merck berichtete, die Anwesenheit 
des Knochens beim Walroß, wo er noch nicht be- 
kannt war, rückhaltlos an, erklärte aber nach wie 
vor, beim Menschen sei kein Zwischenknochen vor- 
handen. Goethe hat damals schwer unter diesen 
Enttäuschungen gelitten. Es ist dies der Grund, 
weshalb er lange Jahre nichts Anatomisches wieder 
publiziert hat und die Abhandlung über den Zwischen- 
knochen auch zunächst nicht drucken ließ. Es war 
die erste derartige Erfahrung, die Goethe noch so 
oft machen sollte. Später schreibt er hierüber: „Nun 
zeugt es freilich von einer besonderen Unbekannt- 
schaft mit der Welt, von einem jugendlichen Selbst- 
sinn, wenn ein laienhafter Schüler den Gildemeistern 
zu widersprechen wagt, ja was noch thöriger ist, sie 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 8 



114 Fünfte Vorlesung. 

zu überzeugen gedenkt. Fortgesetzte vieljährige Ver- 
suche haben mich eines andern belehrt, mich belehrt: 
daß immerfort wiederholte Phrasen sich zuletzt zur 
Überzeugung verknöchern und die Organe des An- 
schauens völlig verstumpfen. Indessen ist es heil- 
sam, daß man dergleichen nicht allzu zeitig erfährt, 
weil sonst jugendlicher Frei- und Wahrheitssinn durch 
Mißmut gelähmt würde." 

Trotzdem konnten sich aber auch die Fach- 
gelehrten dem schließlichen Durchdringen der Goethe- 
schen Anschauungen nicht entgegenstellen. Daß 
Loder den Befund im Jahre 1788 in sein anatomi- 
sches Handbuch aufnahm, ist selbstverständlich. 
Aber auch Sömmering erwähnte das Vorhandensein 
des Zwischenkiefers 1791 in seinem Buch vom 
Bau des Menschen. Blumenbach stemmte sich viel 
länger gegen Goethes Entdeckung. Erst nachdem 
er selbst in einigen abnormen Fällen sich von dem 
isolierten Vorkommen des os intermaxillare auch 
beim Menschen überzeugt hatte, bekannte er sich 
zu Goethes Anschauung. Er hatte bei einem wasser- 
köpfigen Kind den Zwischenkiefer gesondert ge- 
funden, studierte dann besonders die Fälle von 
doppelseitiger Hasenscharte und Wolfsrachen, bei 
denen der Zwischenkiefer nicht mit dem Oberkiefer 
verwächst und durch breite Spalten, welche zwischen 
Eckzahn und seitlichem Schneidezahn hindurch- 
gehen, vom Oberkiefer getrennt bleibt. Besonders 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 115 

instruktiv war ihm ein von Langenbeck operierter 
Athlet, bei welchem der Zwischenkiefer stark aus 
dem Gesicht heraustrat. Blumenbach schickte Zeich- 
nungen dieses Mannes vor und nach der Operation 
als interessanten Beitrag zur Zwischenknochenfrage 
an Goethe. So konnte schließlich an der Richtig- 
keit des Befundes ein Zweifel nicht mehr obwalten. 

In den zwei nachfolgenden Jahren hat Goethe 
seine Zwischenkieferstudien noch fortgesetzt und 
genaue Beschreibungen dieses Knochens bei den 
verschiedensten Säugetieren aufgezeichnet. Besonders 
der Casseler Elefant wurde noch eingehend unter- 
sucht. Dabei fand sich, daß der Eckzahn (Stoß- 
zahn), welcher scheinbar im Zwischenknochen sitzt, 
in Wirklichkeit, wie es der osteologischen Regel 
entspricht, dem Oberkiefer angehört, denn eine feine 
Knochenlamelle schlingt sich von diesem um die 
Wurzel des Stoßzahnes herum. 

Goethe hat, wie wir gehört haben, seine Abhand- 
lung zunächst nicht veröffentlicht. Das Resultat 
wurde hauptsächlich durch die Citate in Loders und 
Sömmerings Werken der ganzen Welt bekannt. Ge- 
druckt wurde die Schrift erst 1820, als Goethe sie 
in erweiterter Form in seinen Heften zur Morpho- 
logie erscheinen ließ. Doch war auch diese Publi- 
kation unvollständig, da die Abbildungen fehlten. 
Diese erschienen erst sehr viel später in den Ver- 
handlungen der Kaiserl. Leopoldinisch-Carolinischen 

8* 



116 Fünfte Vorlesung. 

Akademie der Naturforscher. Im Jahre 1824 ließ 
Goethe dort die vier Abbildungen vom Schädel des 
jungen Casseler indischen Elefanten ^) und gleichzeitig 
zwei Schädelbilder eines erwachsenen afrikanischen 
Elefanten aus der Jenaer Sammlung abdrucken; 
d'Alton schrieb den begleitenden Text hierzu. Erst 
1831 wurde dann die Zwischenkieferabhandlung mit 
den dazu gehörigen Figuren im 15. Band dieser 
Zeitschrift veröffentlicht. Jetzt sind die Abbildungen 
mit Ausnahme der Elefantenschädel in der Wei- 
marer Ausgabe in verkleinerter Form reproduziert. 
Auch in der Folgezeit, vor und nach der italie- 
nischen Reise hören wir von fortgesetzten Einzel- 
untersuchungen Goethes. Er studierte unter anderm 
die Anatomie der Halswirbel durch die Säugetier- 
reihe von den einfachsten und gedrungensten Bil- 
dungen beim Walfisch, wo sie zu einem einzigen 
Knochen verwachsen, bis zu ihrer mächtigsten Ent- 
faltung im Halse der Giraffe. Um nun bei diesen 
und ähnlichen Studien die Resultate stets übersicht- 
lich zur Hand zu haben, legte er sich eine Tabelle 
an, für die mehrfache Entwürfe erhalten sind. Die 
Anordnung war derart, daß er vertikal untereinander 
die verschiedenen Knochen vom Schädel und den 
Halswirbeln herunter bis zu den Schwanzwirbeln 
und den Extremitätenknochen der Reihe nach schrieb 



*) Die erste dieser Abbildungen ist oben S. 111 als Fig. 5 
wieder abgedruckt. 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 117 

und horizontal die Namen der verschiedenen von 
ihm studierten Tiere (Löwe, Biber, Dromedar, Büffel, 
Bär, Schwein, Elend) anordnete. Dann fügte er 
seine Einzelbefunde jedesmal an der richtigen Stelle 
ein. So war ihm die Übersicht über den Knochen- 
bau der Säugetiere außerordentlich erleichtert. In 
jeder Horizontalreihe fand sich die Form irgend eines 
Knochens, z. B. des Zwischenkiefers, des 7. Hals- 
wirbels oder des Oberschenkelknochens durch die 
ganze Säugetierreihe hindurch mit allen ihren Ab- 
wandlungen angegeben (vergleichend anatomische 
Betrachtung), in jeder Vertikalreihe fanden sich alle 
Knochen ein und desselben Tieres, so daß man 
z. B. die Formänderung der Wirbel an der Wirbel- 
säule des Büffels mit einem Blick übersehen konnte 
(simultane Metamorphose). Diese systematischen 
Untersuchungen wurden höchst wahrscheinlich im 
Anschluß an die Idee der Pflanzenmetamorphose 
ausgeführt. Sie bilden die Vorarbeiten für die 
seit 1790 verfaßten vergleichend anatomischen 
Schriften. 

Bevor wir jedoch zur Besprechung dieser Arbeiten 
übergehen, müssen wir noch eines Forschungsergeb- 
nisses gedenken, zu dem Goethe in diesen Jahren 
im Anschluß an seine Studien über die Wirbelsäule 
gelangte. Ebenso wie er auf botanischem Gebiete 
die komplizierten und zusammengedrängten Formen 
von Blüte und Frucht auf die einfacheren Metameren, 



118 Fünfte Vorlesung. 

die Blätter, zurückführen konnte, so gewann er bei 
Betrachtung des kompliziert gebauten und zusammen- 
gedrängten Schädels die Anschauung, daß derselbe, 
da er die Fortsetzung der Wirbelsäule nach vorne 
bildet und, wie diese das Rückenmark, so das 
mächtig ausgebildete Gehirn umschließt, auch ent- 
sprechend der Wirbelsäule aus metamorphosierten 
Wirbeln zusammengesetzt sei. Es hatte sich in ihm 
allmählich die Überzeugung befestigt, daß man in 
dem hinteren Teil des Schädels, wo er sich an die 
Wirbelsäule anschließt, zunächst drei solcher Wirbel 
unterscheiden könne: das Hinterhauptsbein, das hin- 
tere und das vordere Keilbein. Als er dann im 
Jahre 1790 auf den Dünen des Lido, welche die 
venezianischen Lagunen von dem Adriatischen Meer 
sondern, sich oftmals erging, fand er einen so glück- 
lich geborstenen Schafschädel, bei dessen Betrach- 
tung ihm intuitiv durch einfache Anschauung die 
Erkenntnis aufging, daß noch drei weitere Wirbel 
im Schädel enthalten seien, das Gaumenbein, der 
Oberkiefer und der Zwischenknochen. Er konnte 
gleichzeitig an diesem Schöpsenschädel besonders 
deutlich erkennen, wie die charakteristische Gestalts- 
änderung dieser metamorphosierten Wirbelmassen 
durch die am Kopf zu so mächtiger Entwicklung 
gelangten höheren Sinneswerkzeuge, die Organe 
des Gesichts, Gehörs und Geruchs beeinflußt 
wird. Es befestigte sich damit zugleich sein alter 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 119 

durch Erfahrung bestärkter Glauben, „welcher sich 
fest darauf begründet, daß die Natur kein Geheim- 
nis habe, was sie nicht irgendwo dem aufmerk- 
samen Beobachter nackt vor Augen stellt". Das ist 
die berühmte Wirbeltheorie des Schädels, nach 
welcher also dieser Skeletteil ursprünglich ebenso 
wie die Wirbelsäule aus Metameren zusammen- 
gesetzt sein soll; und zwar glaubte Goethe sechs 
metamorphosierte Wirbel im Schädel erkennen zu 
können. 

Trotzdem er in den folgenden Jahren die ver- 
gleichende Anatomie der Schädelknochen beson- 
ders bearbeitete, hat er die Wirbeltheorie des 
Schädels zunächst nicht weiter gefördert und ließ 
sie schließlich liegen, weil ihre Durchführung im 
einzelnen sehr erhebliche Schwierigkeiten bot. Als 
nun im Jahre 1807 der Anatom Oken von Göttingen 
nach Jena berufen wurde, entwickelte er in seiner 
akademischen Antrittsrede ebenfalls eine Theorie 
des Schädels, welche der Goetheschen außerordent- 
lich nahe kam. Es war der Vortrag aber derartig 
mit naturphilosophischen Spekulationen gewürzt, 
daß Goethe später das Okensche Programm als 
tumultuarisch und vollständig unreif bezeichnen 
konnte. Oken hat diesen Vortrag an Goethe geschickt, 
beiden Männer haben sogar mündlich darüber ver- 
handelt. Aber auch jetzt veröffentlichte Goethe 
nichts über seine Wirbeltheorie. Erst als er 1817 



120 



Fünfte Vorlesung. 



bis 1820 seine morphologischen Hefte herausgab, er- 
wähnte er ganz kurz seine 20 Jahre zurückliegenden 
Ideen. In der Folge kam er noch gelegentlich darauf 
zurück. Es entwickelte sich daraus eine Art von 
Polemik, die aber erst nach Goethes Tode gehässige 
Formen annahm. Schelling zieh Oken direkt des 
Plagiats und dieser wies in seiner Antwort nicht nur 
eine solche Unterstellung zurück, sondern beschul- 
digte seinerseits wieder Goethe, daß er die Wirbel- 
theorie von ihm entlehnt habe. Heute kann über 
den Tatbesland ein Zweifel nicht mehr obwalten. 
Goethe hat, wie aus gleichzeitigen Briefen an seine 
Freunde hervorgeht, im Jahre 1790 die Wirbeltheorie 
des Schädels konzipiert. Ihm gebührt daher die 
Priorität. Es ist aber auch Oken völlig selbständig 
zu dieser Anschauung gelangt und ihm gebührt das 
Verdienst, sie zuerst in wissenschaftlicher Form 
publiziert zu haben. 

Die Wirbeltheorie des Schädels hat sich in der 
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als eine Arbeits- 
hypothese von allerhöchstem Wert erwiesen. Fast 
alle die zahlreichen Forschungen, welche über die 
Anatomie des Kopfes ausgeführt wurden, gingen 
von dieser Theorie aus oder suchten sie zu wider- 
legen. Schon 1824 konnte Carus an Goethe ein 
vollständiges Schema dazu übersenden. Die letzte 
eingehende Begründung lieferte 1847 Richard Owen. 
Es muß hier aber daran erinnert werden, daß Goethe 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 121 

selbst in späteren Jahren sich sehr vorsichtig über 
diese seine Schädeltheorie ausgesprochen hat. Er 
fand sie schon 1820 sehr schwierig und nicht im 
einzelnen durchzuführen: „Im Ganzen läßt sich's 
aussprechen, aber nicht beweisen, im Einzelnen läßt 
sich's wohl vorzeigen, doch bringt man es nicht 
rund und fertig." Diese Skepsis hat sich in der 
Folgezeit als berechtigt erwiesen. 1858 wurde 
die Theorie von Huxley aufs schärfte bekämpft 
und es ist heute ein Zweifel nicht mehr möglich, 
daß sie in der von Goethe aufgestellten Form in 
keiner Weise haltbar ist. Die Verhältnisse des 
Schädelbaues liegen so kompliziert, daß man an 
ihm eine ursprüngliche Gliederung in einzelne Wirbel 
nicht mehr nachweisen kann. Dagegen scheint 
allerdings der Goethesche Grundgedanke, daß man 
nämlich den Kopf als aus einzelnen Metameren 
zusammengesetzt sich vorstellen könne, zu Recht 
zu bestehen. Gegenbaurs Segmenttheorie des Schä- 
dels ist der erste Versuch, diese Anschauung ver- 
gleichend anatomisch zu begründen, und es scheint, 
als ob man sowohl an der Muskulatur wie am 
Nervensystem des Kopfes noch Reste einer ur- 
sprünglichen Gliederung erkennen könne. Speziell 
bei niedern Fischen läßt sich dieses nachweisen. 
Doch wird über all diese Dinge bis auf die 
neueste Zeit unter den Anatomen noch lebhaft po- 
lemisiert. 



122 



Fünfte Vorlesung. 



Dieser kurze Exkurs sollte zeigen, daß die 
Goethesche Wirbeltheorie des Schädels, wenn sie 
sich auch in den Einzelheiten, wie ihr Schöpfer 
selber erkannte, nicht hat durchführen lassen, doch 
die Forschung tiber die Anatomie des Schädels und 
des Kopfes in vielfältiger Weise beeinflußt und be- 
fruchtet hat, und daß die grundlegende Auffassung, 
welche in ihr enthalten ist, auch heute noch wissen- 
schaftliche Gültigkeit besitzt. 

Damit verlassen wir dieses spezielle Gebiet und 
wenden uns nun wieder Goethes allgemeineren ver- 
gleichend anatomischen Arbeiten zu. 

In ihnen überträgt er die Fortschritte der Er- 
kenntnis, die er bei der Ausbildung der Lehre von 
der Pflanzenmetamorphose gemacht hat, auf das Stu- 
dium der tierischen Form, und in demselben Jahre 
1790, in welchem er seine botanische Abhandlung 
veröffentlicht, entwirft er im schlesischen Lager, 
inmitten des militärischen Trubels, wohin er seinen 
Herzog begleitete, den „Versuch über die Ge- 
stalt der Tiere", der nur ein Fragment geblieben 
ist, aber trotzdem den großen Fortschritt erkennen 
läßt, den Goethes morphologische Anschauungen 
in den letzten Jahren gemacht haben. Er beschränkt 
sich in diesem Aufsatz auf das Studium des Säuge- 
tierskeletts, dessen vergleichende Anatomie darin 
begründet wird. Er geht davon aus, daß die Ske- 
lette der Säugetiere und auch das des Menschen 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 123 

sehr große Ähnlichkeiten miteinander zeigen. Wenn 
man aber mit Erfolg Vergleichungen vornehmen 
will, so muß zunächst eine einheitliche Nomen- 
klatur geschaffen werden und es dürfen nicht mehr, 
wie es vielfach geschieht, ganz verschiedene Ske- 
letteile mit gleichen Namen belegt werden. Man 
darf z. B. nicht das Gelenk zwischen Vorderarm und 
Handwurzel beim Pferd als Kniegelenk bezeichnen. 
Wenn man nun eine einheitliche Nomenklatur be- 
sitzt, auf Grund deren man die vergleichende 
Methode anwenden will, so fragt sich's, was denn 
als tertium comparationis benutzt werden soll. 
Goethe spricht in diesem Aufsatz die Ansicht aus, 
daß man dazu nicht irgend ein willkürlich gewähltes, 
ein in der Natur vorkommendes Säugetierskelett 
nehmen dürfe, sondern daß man ein möglichst ein- 
faches Schema des Knochengerüsts der Säugetiere 
ausbilden müsse, auf das sich alle in der Natur 
vorkommenden Formen zwanglos zurückführen lassen. 
Ein solches Schema nennt Goethe den Typus. Wir 
sehen ihn also hier dieselben Überlegungen an- 
stellen, wie beim Studium der Pflanzenform, wo er 
auch nicht eine in der Natur vorkommende, son- 
dern eine schematische Urpflanze seinen Betrach- 
tungen zugrunde legt. Es soll also ein osteolo- 
gischer Typus konstruiert werden, eine Aufgabe, die 
natürlich nicht leicht zu lösen ist. Goethe selbst 
spricht von der großen „Schwierigkeit, den Typus 



124 



Fünfte Vorlesung. 



einer ganzen Klasse im Allgemeinen festzusetzen, so 
daß er auf jedes Geschlecht und jede Species paßt; 
da die Natur eben nur dadurch ihre genera und 
Spezies hervorbringen kann, weil der Typus, welcher 
ihr von der ewigen Notwendigi<eit vorgeschrieben 
ist, ein solcher Proteus ist, daß er einem schärfsten 
vergleichenden Sinne entwischt und kaum teilweise 
und doch nur immer gleichsam in Widersprüchen ge- 
hascht werden kann." Die Konstruktion des Typus 
ist aber trotzdem durchführbar, weil eben alle 
Säugetiere tatsächlich nach einem einheitlichen 
Schema gebaut sind. Goethe selbst hatte ja früher 
nachgewiesen, daß der Zwischenkiefer entgegen der 
herrschenden Lehre auch beim Walroß und beim 
Menschen vorhanden ist. Er macht jetzt darauf 
aufmerksam, daß auch Tränen- und Nasenbein sich 
beim Elefanten, wo man sie vermißt hatte, auffinden 
lassen, und führt einige scheinbare Ausnahmen von 
dem gemeinsamen Bauplan der Säugetiere auf ihre 
wahre Bedeutung zurück. Hat man nun nach diesen 
Gesichtspunkten einen Typus konstruiert, so ist 
durch Vergleichung in jedem einzelnen Fall zu er- 
mitteln, welche Veränderungen irgend ein beliebiges 
Säugetierskelett gegenüber dem Typus aufweist. 
Mit Beispielen für diese allgemeinen Erörterungen 
bricht das Fragment ab, und Goethe hat erst 
4 Jahre später wieder etwas Zusammenfassendes 
auf diesem Gebiete geschrieben, wenn auch seine 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 125 

osteologischen Detailstudien fortgesetzt wurden. Im 
Jahre 1794 entstand dann der „Versuch einer all- 
gemeinen Knochenlehre", in welchem Goethe 
beginnt, die in dem „Versuch über die Gestalt der 
Tiere" dargelegten allgemeinen Grundsätze im ein- 
zelnen auszuführen. Anknüpfend an die Tabelle, 
welche er sich schon vorher für die vergleichende 
Untersuchung der einzelnen Knochen verschiede- 
ner Säugetiere angelegt hatte, liefert er zunächst 
eine genaue vergleichend anatomische Beschreibung 
fast sämtlicher Schädelknochen, indem er mit dem 
Zwischenkiefer beginnend ihre Formänderungen 
durch die ganze Säugetierreihe hindurch genau dar- 
legt. Hierbei erweist sich ihm ein Prinzip als 
fruchtbringend, das er schon bei den Zwischen- 
kieferforschungen angewendet hatte. Ebenso, wie 
er den scheinbar einheitlichen Oberkiefer des 
Menschen in den Oberkiefer und den Zwischen- 
kiefer zerlegte, so betrachtet er jetzt auch das 
Keilbein als aus zwei, das Schläfenbein als aus 
drei Teilstücken bestehend, von denen jedes seine 
eigene vergleichend anatomische Beschreibung finden 
muß. Goethe hat die vergleichende Anatomie des 
Skeletts zunächst nicht weiter durchgeführt, hat aber 
später noch Aufsätze über „Ulna und Radius" (Elle 
und Speiche des Vorderarmes) und über „Tibia 
und Fibula" (Schienbein und Wadenbein des 
Unterschenkels) geschrieben, in denen er diese 



126 



Fünfte Vorlesung. 



Knochen in ihren Formwandlungen bei den Säuge- 
tieren verfolgt Er findet, daß bei den verschiedenen 
Tieren diese Knochen sehr verschieden entwickelt 
sind, je nach den Funictionen, zu denen sie dienen. 
Wird große Beweglichkeit von ihnen verlangt, so 
finden sie sich in vollendeter Ausbildung und mit 
entsprechenden Gelenken versehen. Dienen sie aber 
hauptsächlich der Stützfunktion, so können sie sogar 
zu einer einzigen feststehenden Säule verwachsen. 
Dieser Zusammenhang zwischen Form und Funktion 
erweist sich für Goethe überhaupt als ein sehr 
brauchbarer leitender Gedanke zum Verständnis der 
tierischen Formverschiedenheiten. 

Das folgende Jahr bringt uns dann den um- 
fassendsten Aufsatz Goethes zur tierischen Morpho- 
logie, in dem er seine ganze Auffassung in über- 
sichtlicher Form dargelegt hat. Die Entstehungs- 
geschichte dieses Werkes wurde schon kurz erwähnt. 
Goethe hörte im Januar 1795 mit Humboldt und 
Meyer bei Loder anatomische Demonstrationen und 
entwickelte im Anschluß daran den Freunden die 
Vorstellungen, die er sich selbst über tierische Form 
und Formbildung gemacht hatte. Diese Ausführungen 
schienen nun Alexander v. Humboldt von solcher 
Bedeutung zu sein, daß er in Goethe drang, sie 
aufzuzeichnen und so diktierte dieser dem jungen 
Jacob! den „Ersten Entwurf einer allgemeinen 
Einleitung in die vergleichende Anatomie, 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 127 

ausgehend von der Osteologie". Im folgenden 
Jahre hat er die ersten drei Vorträge dieses Entwurfs 
näher ausgeführt. 

Als Goethe 1820 in seinen Heften zur Morpho- 
logie diese Vorträge zuerst abdruckte, setzte er ihnen 
folgende Verse als Motto voran: 

Freudig war, vor vielen Jahren, 
Eifrig so der Geist bestrebt. 
Zu erforschen, zu erfahren. 
Wie Natur im Schaffen lebt. 
Und es ist das ewig Eine, 
Das sich vielfach offenbart; 
Klein das Große, groß das Kleine, 
Alles nach der eignen Art. 
Immer wechselnd, fest sich haltend, 
Nah und fern und fern und nah; 
So gestaltend, umgestaltend. — 
Zum Erstaunen bin ich da. 

Wir haben es hier mit Goethes bedeutendstem 
morphologischen Werk zu tun, welches alles vor- 
herige in vertiefter Form enthält. Ich brauche Ihnen 
daher nicht alles zu wiederholen, was hier nochmals 
ausgeführt ist, sondern nur einige Hauptpunkte heraus- 
zugreifen, Goethe geht davon aus, daß alle Natur- 
geschichte auf Vergleichung beruhen müsse, und daß 
man die kompliziertesten tierischen Gestalten wie die 
des Menschen nur dann verstehen könne, wenn man 
sie auf einfachere Formen zurückführt. Zum Zwecke 
solcher Vergleichung muß zunächst ein Typus kon- 
struiert werden, indem die Erfahrung uns vorerst 



128 Fünfte Vorlesung. 

die Teile lehren muß, die allen Tieren gemein sind, 
und wenn man dann weiß, welche Organe und Teil- 
stücke sich durch die ganze Tierreihe vorfinden, 
muß man zusehen, worin diese Teile untereinander 
und bei den verschiedenen Arten verschieden sind. 
„Die Idee muß über dem Ganzen walten und auf 
eine genetische Weise das ganze Bild abziehen." 
Während Camper und Buffon immer nur einzelne 
Tiere und Tierklassen miteinander verglichen haben, 
will Goethe die Gesamtheit der tierischen Formen in 
den Kreis seiner Betrachtungen ziehen, indem er aus 
ihnen allen zunächst eine kontinuierliche Reihe bildet, 
welche von den einfachsten bis zu den komplizier- 
testen Formen aufsteigt. Mit Hilfe dieser Reihe und 
unter steter Benutzung des konstruierten Typus ist 
dann eine rationelle Vergleichung möglich. Man 
kann die einzelnen Tierarten und den Menschen 
untereinander vergleichen, man kann innerhalb ein 
und derselben Art die beiden Geschlechter mitein- 
ander vergleichen und so ihre Geschlechtsunter- 
schiede ermitteln, man kann drittens bei ein und 
demselben Individuum die einander entsprechenden 
Körperteile, wie Ober- und Unterextremitäten, ver- 
schiedene Wirbel usw., nach der vergleichenden 
Methode studieren. Bevor nun Goethe an die 
Konstruktion seines Typus geht, entwickelt er ein 
ganz allgemeines Schema der tierischen Form, das 
zunächst für alle Wirbeltiere gilt, aber sich auch 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I. 129 

auf die höheren Wirbellosen, Insekten, Crustaceen, 
Würmer mitbezieht. Er zerlegt den tierischen Kör- 
per in drei Teile. Der Kopf ist das Vorderende 
des Tieres; seine Entwicklung ist dadurch be- 
dingt, daß hier die wichtigsten Sinnesorgane sich 
vorfinden: Auge, Ohr, Geruchs- und Geschmacks- 
organ. Durch die Ausbildung dieser Sinneswerk- 
zeuge wird nun das Zentralnervensystem an dieser 
Stelle besonders mächtig entfaltet; es kommt zur 
Ausbildung des Gehirns. Zum Schutz für die Sinnes- 
organe und das Gehirn wird auch das Skelett 
des Kopfes in besonderer Weise modifiziert; es 
funktioniert als Schutz- und Stützorgan und wird 
zum Schädel. Der mittlere Teil des tierischen 
Körpers enthält die „Organe des inneren Lebens- 
antriebes", des Kreislaufes und der Atmung. So 
liegen beim Säugetier das Herz und die Lunge im 
Brustkorb. In dem hinteren Teil des Tieres be- 
finden sich die Organe der Nahrung, also Darm, 
Magen, Leber usw., und der Fortpflanzung. Dieses 
allgemeine Tierschema wird nun noch ergänzt durch 
Hilfsorgane zur Bewegung, welche aber nach Goethe 
nur im mittleren und im hinteren Teil angegliedert 
werden. Im Anschluß an diese ganz allgemeine Ein- 
teilung löst nun Goethe endlich die Aufgabe, die er 
sich seit Jahren vorgenommen hat; er gibt eine ganz 
genaue Aufstellung des Typus für das ganze Skelett, 
liefert also hiermit die tatsächliche Grundlage für 

Magnus Goethe als Naturforscher. 9 



130 Fünfte Vorlesung. 

eine vergleichende Knochenlehre. Daran schließt 
er eine Erörterung der Abweichungen, welche im 
Einzelfalle von diesem Typus vorkommen können; 
es können bei bestimmten Tieren Gebilde verknöchert 
sein, welche bei andern nur im knorpeligen oder 
bindegewebigen Zustand vorhanden sind; es können 
in einzelnen Fällen Knochen miteinander verwachsen 
sein, welche bei andern noch getrennt vorkommen; 
es können, wie z. B. im Schädel, Knochen, welche 
bei einigen Tieren aneinander grenzen, bei andern 
durch den Fortsatz eines dritten Knochens ausein- 
andergedrängt werden; es können alle möglichen 
Verschiedenheiten in der Zahl der Knochen vor- 
kommen, wie z. B. die Zahl der Schwanzwirbel bei 
den verschiedenen Tieren eine außerordentlich wech- 
selnde ist; es können sehr weitgehende Unterschiede 
in der Größe und in der Form der Knochen auf- 
treten. Im Einzelfalle sind also die größten Ände- 
rungen möglich, und es ist oft außerordentlich 
schwierig, ihn auf den Typus zurückzuführen. Da 
weist nun Goethe darauf hin, daß das sicherste 
Kriterium zur Erkennung eines Knochens sein Platz 
sei, daß die Knochen in der Tierreihe wohl Form, 
Größe und ihre andern Eigenschaften ändern, den 
Platz im Skelett aber mit großer Zähigkeit festhalten. 
So ist es möglich, im Zweifelsfalle Klarheit über die 
Bedeutung eines bestimmten Knochen zu bekommen. 
Bei der Vergleichung findet man gelegentlich auch 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten I, 131 

Teile im Zustand hochgradigster Rückbildung, rudi- 
mentäre Organe, welche eine Funktion nicht mehr 
besitzen. Auch über deren Bedeutung spricht sich 
Goethe aus. Er rügt an Buffon, daß er unnütze 
Teile im Tier passieren läßt: „unnütz nach außen, 
ja, aber notwendig nach innen". Die rudimentären 
Organe haben allerdings keine äußere Funktion mehr, 
wie z. B. der Blinddarm der Fleischfresser und die 
Schwanzwirbel des Menschen. Sie sind aber not- 
wendig bedingt dadurch, daß sie zum Typus ge- 
hören, daß sie, wenn auch in verkümmerter Form, 
da sein müssen, weil kein Tier die Schranken seines 
Typus durchbrechen kann. 

Das ist im wesentlichen der Inhalt von Goethes 
größeren vergleichend-anatomischen Schriften. Wir 
wollen nun, gerade wie bei Besprechung der bota- 
nischen Werke, uns in der nächsten Vorlesung die 
Frage vorlegen, welches die in diesen Werken ent- 
haltenen grundlegenden Gesichtspunkte sind und 
welche für Goethe charakteristischen Anschauungen 
sich in ihnen finden lassen. 



Sechsie Vorlesung. 

Die osteologischen und vergleichend anatomischen 
Arbeiten IL 

Meine Herren! Die Methode, nach der Goethe 
auf vergleichend -anatomischem Gebiet zu Werke 
geht, ist, wie schon mehrfach betont, derjenigen ganz 
ähnlich, die er zu seinen botanischen Studien ver- 
wendete. Er stellt sich zunächst aus den Einzel- 
erscheinungen eine kontinuierliche Reihe her, welche 
von den einfachsten bis zu den kompliziertesten 
Formen fortschreitet, und erst wenn er diese hat, 
wendet er das Mittel der Vergleichung an, da sich 
erst dann mit Sicherheit erkennen läßt, welche Dinge 
tatsächlich miteinander verglichen werden können. 
Bei den Formänderungen, die er so durch Ver- 
gleichung bei den verschiedenen Tieren und bei den 
verschiedenen Teilstücken desselben Tieres feststellen 
kann, ergibt sich nun als leitender Gesichtspunkt, der 
durch alle seine einschlägigen Arbeiten hindurchgeht, 
der Zusammenhang zwischen Form und Funktion. 
Schon beim Zwischenkiefer hatte Goethe gefunden, 
daß die Ausbildung dieses Knochens aufs engste 
mit den Nahrungsgewohnheiten des Tieres verknüpft 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 1 33 

ist, und er sah, wie wir gehört haben, ähnliche Be- 
ziehungen auch bei andern Skeletteilen obwalten. 

Um aber eine ganz einheitliche Betrachtung in 
dieses Gebiet der Gestaltenlehre zu bringen und 
um aus ihr die Wissenschaft der Morphologie zu 
schaffen, bedurfte es einer gemeinsamen Grundlage 
für die Vergleichung, und diese ist für Goethe der 
Typus, den er nach sorgfältiger Erforschung der in 
der Natur vorkommenden Einzelformen aus diesen 
konstruiert und den er für alle weiteren Vergleichungen 
zum Ausgang nimmt. Diese vergleichende Form- 
betrachtung unter Zugrundelegung eines schema- 
tischen Typus ist der wesentliche Inhalt von Goethes 
Morphologie. Bei der Betrachtung der tierischen 
Form gliedert sich diese zunächst in vergleichende 
Anatomie, d. h. das Studium der Formwandlung von 
einer Tierart zur andern, und in das Studium der 
simultanen Metamorphose, d. h. der Formänderung 
bei ein und demselben Tiere von einem Metameren 
zum andern. 

Zunächst geht also Goethe so vor, daß er das 
allen Tieren Gemeinsame festzustellen sucht; wenn 
er dies hat, schlägt er den umgekehrten Weg ein 
und sieht zu, welche Formänderung nun diese ge- 
meinsamen Bestandteile in den verschiedenen Einzel- 
fällen erleiden. Diese Anschauung des Naturforschers 
ist auch für den bildenden Künstler von größter 
Wichtigkeit. Nach Goethes Ansicht kann der Künstler 



134 Sechste Vorlesung. 

nur dann mit der Natur wetteifern, wenn er die Art, 
wie sie bei Bildung ihrer Werke verfährt, ihr wenig- 
stens einigermaßen ablernt. Auch er muß den Typus 
zugrunde legen und dann die Abweichungen suchen, 
wodurch Charaktere entstehen. Die Bildwerke der 
Antike stehen deshalb so unerreicht da, weil die 
alten Künstler auf Grund genauen Naturstudiums 
immer das Typische zur Grundlage ihrer so charakte- 
ristischen Figuren genommen haben. 

Goethe ist aber nicht dabei stehen geblieben, die 
unendliche in der Natur vorkommende Formver- 
schiedenheit nur dadurch meistern zu wollen, daß 
er sie auf den Typus zurückführte. Er hat sich auch 
die weitere Frage vorgelegt, wie es denn komme, daß 
die einzelnen Tiere jedes für sich so vollkommen 
harmonisch ausgebildet seien. Um dies zu erklären, 
stellte er sein Gesetz von der Korrelation der Teile 
auf, das von ihm herrührt und sich als außerordent- 
lich fruchtbringend für die Fortentwicklung der 
Wissenschaft erwiesen hat. Er betrachtet den Orga- 
nismus nicht nur als ein Konglomerat seiner einzelnen 
Teilstücke, sondern nimmt gesetzmäßige Wechsel- 
beziehungen zwischen ihnen an, zunächst in phy- 
siologischer Hinsicht. Hier wissen wir heute, daß die 
Tätigkeit der verschiedenen Organe in engster Ab- 
hängigkeit voneinander steht, daß für ein gutes 
Funktionieren des Gehirns oder der Leber notwen- 
digerweise das Herz eine kräftige Blutzirkulation 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten 11. 135 

bewirken muß, daß die chemische Tätigkeit der 
Leber in entscheidender Weise die Nierenfunktion 
beeinflußt, und daß Erkrankungen der Niere wieder 
zu bestimmten Änderungen im Herzen Anlaß geben. 
Goethe beschränkte aber sein Gesetz von der Korre- 
lation der Teile nicht allein auf die physiologischen 
Wechselbeziehungen; er gab ihm vielmehr auch einen 
entwicklungsphysiologischen Sinn. Er nahm nämlich 
an, daß jedes Tier bei seiner Entwicklung eine be- 
stimmte unveränderliche Summe von Entwicklungs- 
möglichkeiten mitbekomme, daß, wenn irgend ein 
Organsystem besonders mächtig ausgebildet wird, 
dafür an irgend einer andern Stelle des Körpers 
gespart werden müsse, und „daß keinem Teil etwas 
zugelegt werden könne, ohne daß einem andern da- 
gegen etwas abgezogen werde, und umgekehrt". 
Jedes Tier bekommt von vornherein einen bestimmten 
Etat, mit dem es haushalten muß, den es aber im 
einzelnen auf die verschiedenen Körperteile und 
Organsysteme nach Bedarf verteilen kann. „Um nun 
jene Idee eines haushälterischen Gebens und Nehmens 
anschaulich zu machen, führen wir einige Beispiele 
an. Die Schlange steht in der Organisation weit 
oben. Sie hat ein entschiedenes Haupt mit einem 
vollkommenen Hilfsorgan, einer vorne verbundenen 
unteren Kinnlade. Allein ihr Körper ist gleichsam 
unendlich, und er kann es deswegen sein, weil er 
weder Materie noch Kraft auf Hilfsorgane zu ver- 



136 Sechste Vorlesung. 

wenden hat. Sobald nun diese in einer andern 
Bildung hervortreten, wie z. B. bei der Eidechse nur 
kurze Arme und Füße hervorgebracht werden, so 
muß die unbedingte Länge sogleich sich zusammen- 
ziehen und ein kürzerer Körper stattfinden. Die 
langen Beine des Frosches nötigen den Körper 
dieser Kreatur in eine sehr kurze Form, und die 
ungestaltete Kröte ist nach eben diesem Gesetze in 
die Breite gezogen." So sorgt das Gesetz von der 
Korrelation der Teile dafür, daß keine Monstra ent- 
stehen können. 

Welches sind nun aber die treibenden Kräfte für die 
Formänderungen in der Tierreihe? Hier nahm Goethe 
gerade wie auf botanischem Gebiet zwei Reihen von 
Faktoren an, innere und äußere. Einen inneren Drang 
nämlich, der dem Typus innewohnen soll und dazu 
führt, daß dieser sich in möglichst viel verschiedenen 
Formen verkörpere, eine Versalität des Typus, ein 
inneres Bestreben, möglichst viel verschiedene Varie- 
täten hervorzubringen. Zweitens aber sieht er auch 
äußere Ursachen am Werke. Dieser Teil seiner 
Formbildungsiehre ist für Goethes ganze Vorstel- 
lungsweise außerordentlich charakteristisch. Er zeigt 
uns, wie der Poet in jedem Falle, auch wenn das 
Wissen der Zeit nur sehr kärgliches Material darbot, 
auf eine greifbare und anschauliche Vorstellung hin- 
drflngte, und wie er auf seine Weise sich die Lösung 
eines Problems zurecht legte, das auch heute noch 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 1 37 

zu den dunkelsten Gebieten der Biologie gehört. 
Sie erinnern sich von der Besprechung der botani- 
schen Studien her, daß Goethe die Ausbildung der 
Pflanzenform in engster Abhängigkeit von äußeren 
Bedingungen, wie Licht, Luft, Sonne und Boden, 
gefunden hatte. Genau dieselbe Überlegung stellte 
er auch für die tierische Formbildung an. Er spricht 
den äußeren Bedingungen, dem Milieu, in dem das 
Tier lebt, einen wichtigen Anteil an dessen Form- 
gestaltung zu. Seiner Ausdrucksweise nach erfolgt 
die Bildung der Tiere „durch Umstände für 
Umstände". Um was es sich dabei handelt, geht 
am klarsten aus Goethes eigener Darstellung her- 
vor: „Das Wasser schwellt die Körper, die es um- 
gibt, berührt, in die es mehr oder weniger hinein- 
dringt, entschieden auf. So wird der Rumpf des 
Fisches, besonders das Fleisch desselben aufge- 
schwellt, nach den Gesetzen des Elements. Nun 
muß nach den Gesetzen des organischen Typus auf 
diese Aufschwellung des Rumpfes das Zusammen- 
ziehen der Extremitäten oder Hilfsorgane folgen, 
ohne was noch weiter für Bestimmungen der übrigen 
Organe daraus entstehen, die sich später zeigen 
werden. — Die Luft, indem sie das Wasser in sich 
aufnimmt, trocknet aus. Der Typus also, der sich 
in der Luft entwickelt, wird, je reiner, je weniger 
feucht sie ist, desto trockener inwendig werden, 
und es wird ein mehr oder weniger magerer Vogel 



138 Sechste Vorlesung. 

entstehen, dessen Fleisch und Knochengerippe reich- 
lich zu bekleiden, dessen Hilfsorgane hinlänglich zu 
versorgen, für die bildende Kraft noch Stoff genug 
übrig bleibt. Was bei dem Fische auf das Fleisch 
gewandt wird, bleibt hier für die Federn übrig. So 
bildet sich der Adler durch die Luft zur Luft, durch 
die Berghöhe zur Berghöhe. Der Schwan, die Ente, 
als eine Art von Amphibien, verraten ihre Neigung 
zum Wasser schon durch ihre Gestalt. Wie wunder- 
sam der Storch, der Strandläufer ihre Nähe zum 
Wasser und ihre Neigung zur Luft bezeichnen, ist 
anhaltender Betrachtung werth. — So wird man die 
Wirkung des Klimas, der Berghöhe, der Wärme und 
Kälte, nebst den Wirkungen des Wassers und der 
gemeinen Luft, auch zur Bildung der Säugetiere sehr 
mächtig finden. Wärme und Feuchtigkeit schwellt 
auf und bringt selbst innerhalb der Gränzen des 
Typus unerklärlich scheinende Ungeheuer hervor, 
indessen Hitze und Trockenheit die vollkommensten 
und ausgebildetsten Geschöpfe, so sehr sie auch 
der Natur und Gestalt nach dem Menschen ent- 
gegenstehen, z. B. den Löwen und Tiger, hervor- 
bringen, und so ist das heiße Klima allein im Stande, 
selbst der unvollkommenen Organisation etwas 
Menschenähnliches zu erteilen, wie z. B. im Affen 
und Papageien geschieht" Es handelt sich, wie Sie 
sehen, hier um sehr primitive, aber darum nicht 
minder anschauliche Vorstellungen. Die äußeren 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 139 

Umstände schaffen vollkommen blind und wirken 
rein nach physikaUschen und chemischen Gesetzen 
auf die verschiedenen Organismen ein, sie in ener- 
gischer Weise umgestaltend. Trotzdem entstehen 
keine widersinnigen Gestalten, sondern das Gesetz 
von der Korrelation der Teile greift regulierend ein 
und sorgt dafür, daß das Tier als Ganzes harmonisch 
gebildet wird. Das ist Goethes Lösung des Problems 
vom Zusammenhang zwischen Form und Funktion. 
Die Lebensweise und das Milieu eines Tieres ändern 
rein mechanisch seine Gestalt und die inneren Orga- 
nisationsgesetze sorgen dafür, daß diese Gestalt einen 
organischen Zusammenhang behält. 

So beantwortet sich auch die Frage nach der 
inneren Zweckmäßigkeit der Organismen. Goethe 
selbst hat dieses Problem des öftern diskutiert und 
nimmt dabei jedesmal in schärfster Weise Stellung 
gegen jede teleologische Betrachtungsweise. Für ihn 
ist die Frage sinnlos, wozu der Eber die Hauer hat, 
man darf nur fragen, warum er sie besitzt. Der Ochse 
hat nicht Hörner, um sich zu wehren, sondern er 
wehrt sich, weil er Hörner hat. In der damaligen Zeit 
war es noch eine geläufige Betrachtungsweise, anzu- 
nehmen, daß die Tiere des Waldes und die Fische 
des Meeres deshalb geschaffen seien, damit der 
Mensch sie esse. Diese Anschauungsweise gilt für 
Goethe als unnaturwissenschaftlich. „Die Vorstel- 
lungsart, daß ein lebendiges Wesen zu gewissen 



140 Sechste Vorlesung. 

Zwecken nach außen hervorgebracht und seine Ge- 
stalt durch eine absichtliche Urkraft dazu determi- 
niert werde, hat uns in der philosophischen Be- 
trachtung der natürlichen Dinge schon mehrere 
Jahrhunderte aufgehalten und hält uns noch auf. . . . 
Der Mensch ist gewohnt, die Dinge nur in dem 
Maße zu schätzen, als sie ihm nützlich sind, und da 
er, seiner Natur und seiner Lage nach, sich für das 
Letzte der Schöpfung halten muß: warum sollte er 
auch nicht denken, daß er ihr letzter Endzweck sei. 
Warum soll sich seine Eitelkeit nicht den kleinen 
Trugschluß erlauben? Weil er die Sachen braucht 
und brauchen kann, so folgert er daraus: sie seien 
hervorgebracht, daß er sie brauche. ... Da er nun 
femer an sich und an andern mit Recht diejenigen 
Handlungen und Wirkungen am meisten schätzt, 
welche absichtlich und zweckmäßig sind, so folgt 
daraus, daß er der Natur, von der er ohnmöglich 
einen größern Begriff als von sich selbst haben 
kann, auch Absichten und Zwecke zuschreiben wird." 
Diese Betrachtungsweise wird von Grund aus ab- 
gelehnt und Goethe kommt so dazu, alle End- 
ursachen zur Erklärung der Naturerscheinungen zu- 
rückzuweisen. Für ihn ist nur eine rein causale 
Betrachtungsweise auch in den organischen Natur- 
gebieten möglich. 

Um also nochmals zu rekapitulieren, so Ist 
Goethes Anschauung von der tierischen Formbildung 



Osteologische und aergleichend anatomische Arbeiten II. 141 

in Kürze diese: Der Typus ist von vornherein ge- 
geben. Die äußeren Umstände bedingen seine spe- 
ziellen Ausbildungen. Durch das Gesetz von der 
Korrelation wird das Ganze harmonisch gestaltet. 
Also entsteht die zweckmäßige Ausbildung des 
tierischen Körpers. Die Tierform ist die Resultante 
zweier Komponenten, äußerer und innerer. 

Wenn in dieser Weise die Ausbildung des Tier- 
körpers in konstanter Abhängigkeit vom Milieu steht, 
in dem das Tier lebt, so müssen alle äußeren Dinge, 
auch die Pflanzenwelt und die niedere Tierwelt die 
Organisation irgend eines Tieres gesetzmäßig beein- 
flussen. „Das ganze Pflanzenreich z. E. wird uns 
wieder als ein ungeheures Meer erscheinen, welches 
ebensogut zur bedingten Existenz der Insekten nötig 
ist als das Weltmeer und die Flüsse zur bedingten 
Existenz der Fische, und wir werden sehen, daß 
eine ungeheure Zahl lebender Geschöpfe in diesem 
Pflanzen-Ocean geboren und ernährt werde, ja wir 
werden zuletzt die ganze tierische Welt wieder nur 
als ein großes Element ansehen, wo ein Geschlecht 
auf dem andern und durch das andere, wo nicht 
entsteht, doch sich erhält." Auf diese Weise erhebt 
sich Goethe zu einer grandiosen Anschauung der 
Gesamtheit des organischen Lebens, das sich gegen- 
seitig bedingt und durchdringt und dessen Aus- 
gestaltung durchaus gesetzmäßig erfolgt, eine Kon- 
zeption von einer Großartigkeit, die des Dichters 



142 Sechste Vorlesung. 

würdig ist und für die erst ein halbes Jahrhundert 
später durch Liebig und andere einige tatsächliche 
Grundlagen geliefert worden sind^). 

Von dieser einheitlichen Betrachtung der ganzen 
Lebewelt ist es nur ein Schritt, wenn Goethe über- 
haupt die gesamte Natur als einen großen 
Organismus auffaßt, der Tier- und Pflanzenreich 
als seine Kinder hervorbringt. Diesen Gedanken 
hatte Kant (Kritik der Urteilskraft, § 80) als ein ge- 
wagtes Abenteuer der Vernunft 2) bezeichnet, das 
vielen Naturforschern wohl schon durch den Kopf 
gegangen sei. Goethe bekennt sich ausdrücklich 



*) Die allgemeinen morphologischen und formphysiologi- 
schen Ideen Goethes, die im Vorhergehenden entwickelt 
worden sind, zeigen eine auffallende Verwandtschaft mit 
den Anschauungen, zu denen kurze Zeit später die großen 
französischen Forscher Cuvier und Geoffroy St. Hilaire ge- 
kommen sind. Cuvier gilt bekanntlich sogar als der Be- 
gründer der vergleichenden Anatomie. Auch er betonte den 
Zusammenhang zwischen Form und Funktion der Organe. Er 
und Geoffroy St. Hilaire sprechen von einer Korrelation der 
Organe und Letzterer sah als das wichtigste Kriterium für 
die Homologie verschiedener Organe in der Tierreihe die 
Konstanz ihres Platzes an. Wenn wir so die leitenden Vor- 
stellungen, zu denen Goethe gelangt ist, kurze Zeit darauf 
bei den hervorragendsten und anerkanntesten Fachgelehrten 
wiederfinden, so wird uns erst recht die überragende Be- 
deutung klar, die er als Naturforscher im Verhältnis zu seinen 
Zeitgnossen eingenommen hat. 

*) Das ist der zweifellose Sinn jener vielfach mißdeuteten 
Stelle (.Anschauende Urteilskraft'. Weim. Ausg. II. Abt. 
Bd. 11. S. 55), der man sogar eine descendcnztheoretische 
Bedeutung unterlegen wollte. 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 143 

zu dieser Vorstellungsart des „Alten vom Königs- 
berge", um sich ^ durch das Anschauen einer immer 
schaffenden Natur zur geistigen Teilnahme an ihren 
Produktionen würdig zu machen". 

Durchaus auf naturwissenschaftlichem Boden steht 
Goethe, wenn er aufs entschiedenste alle theolo- 
gischen Erklärungsarten der Tierentstehung und 
Tierverwandlung ablehnt. In der wissenschaftlichen 
Morphologie hat für ihn „das fromme Streben, die 
Organismen zur Ehre Gottes deuten zu wollen" 
nichts zu suchen. Bei den zeitgenössischen Natur- 
forschern spielte der Bibelglaube fortwährend in 
ihre wissenschaftlichen Theorien hinein. Linne 
führte alle einzelnen Arten seines Systems direkt 
auf den Schöpfungsakt zurück, und Cuvier hat be- 
kanntlich angenommen, daß nach jeder Erdkata- 
strophe, welche wie die Sintflut zum Untergang des 
gesamten organischen Lebens auf der Erde geführt 
haben sollte, eine neue Tierwelt neu geschaffen 
worden sei. Derartige Anschauungen sind Goethes 
naturwissenschaftlicher Denkweise durchaus ent- 
gegen. Für ihn, der in spinozistischen Ideen groß 
geworden war, ist Gott und Natur dasselbe. Er 
sucht das höchste Wesen nicht über, sondern in 
der Natur und ihm scheint es eine würdige Aufgabe 
des Naturforschers, Gott -Natur bei ihrer Bildungs- 
tätigkeit zu beobachten. „Wir treten", schreibt er, 
„weder der Urkraft der Natur, noch der Weisheit 



144 Sechste Vorlesung. 

und Macht eines Schöpfers zu nahe, wenn wir an- 
nehmen, daß jene mittelbar zu Werke gehe, dieser 
mittelbar im Anfang der Dinge zu Werke gegangen 
sei.** Nicht ein einmaliger Schöpfungsakt erklärt ihm 
die Vielfältigkeit der tierischen und pflanzlichen 
Form, sondern das mittelbare Wirken und fort- 
dauernde Wirksambleiben aller oben genannten Na- 
turfaktoren hat die tierische Form gebildet und 
bildet sie noch fortdauernd um. 

Bezeichnend für Goethes vorurteilslose Denkweise 
ist die einfache Selbstverständlichkeit, mit der er 
ohne weiteres den Menschen vergleichend anatomisch 
den Säugetieren zuzählt. Wenn man bedenkt, welchen 
Sturm noch vor wenigen Jahrzehnten Darwins Lehre 
von der Abstammung des Menschen hervorgerufen 
hat und wie noch unmittelbar vor Goethe die her- 
vorragendsten Anatomen sich bemühten, den Men- 
schen prinzipiell von den Säugetieren zu unter- 
scheiden, so wird man auch in diesem Punkte die 
ruhige Sicherheit bewundern, mit der Goethe sich 
in allen Dingen auf den Boden des Tatsächlichen 
gestellt hat. 

Von großem Interesse ist, daß uns eine kurze, 
mehr gelegentliche Bemerkung erlaubt, auch über 
seine Stellung zu einer Frage etwas auszusagen, 
welche gerade in der letzten Zeit wieder vielfach von 
Naturforschern ventiliert worden ist, die Frage nach 
der Tierseele. Eine Reihe von Physiologen steht jetzt 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 145 

auf dem besonders durch v. Uexküll vertretenen Stand- 
punkt, daß wir kein Mittel besitzen, um diese Frage 
überhaupt zu lösen und daß sie deshalb nicht Aufgabe 
der physiologischen Forschung sein könne. Man kann 
feststellen, auf welche äußeren Reize ein Tier reagiert, 
man kann die nervösen Erregungsvorgänge in seinem 
Nervensystem untersuchen, man kann die Bewe- 
gung&n, welche das Tier auf irgend einen Reiz oder 
„spontan" ausführt, beobachten; aber es gibt keine 
Möglichkeit, zu entscheiden, ob das Tier dabei eine 
bewußte Empfindung hat oder nicht. Diejenigen, 
welche geneigt sind, den höheren Tieren solche be- 
wußten Empfindungen zuzuschreiben, mögen sich 
die Frage vorlegen, wo sie in der Tierreihe die 
Grenze ziehen wollen, unterhalb derer sie kein Be- 
wußtsein mehr annehmen. Wer die Entwicklung 
kleiner Kinder beobachtet hat, weiß, daß es voll- 
ständig unmöglich ist, den Zeitpunkt anzugeben, 
wann in ihrem Leben zuerst bewußte Empfindungen 
auftreten. Wir können also die Frage nach einer 
Tierseele mit naturwissenschaftlichen Methoden 
nicht lösen, und es ist für diejenigen, welche diesen 
Standpunkt einnehmen, von besonderem Interesse, 
daß Goethe in seiner allgemeinen Einleitung in die 
vergleichende Anatomie die Frage nach der Tier- 
seele als eine leere Spekulation bezeichnet hat, da 
wir durch die Erfahrung nichts darüber feststellen 
können. 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 10 



146 Sechste Vorlesung. 

Das sind einige der wichtigsten Gesichtspunkte 
und Gesetze, welche Goethe in seinen morpho- 
logischen Arbeiten über tierische Form und Form- 
bildung entwickelt hat. Wollen wir das Gesagte 
uns noch einmal kurz vergegenwärtigen, so können 
wir nichts besseres tun, als das schöne Gedicht zu 
lesen, in welchem Goethe zehn Jahre später (1806) 
seine Anschauungen in klarster Weise zusammen- 
gefaßt hat 

Wagt ihr, also bej-'eitet, die letzte Stufe zu steigen, 
Dieses Gipfels, so reicht niir die Hand üird Öffnet den ffele'fii 
Bück in's weite Feld der Natur. Sie spendet die reichen 
Lebensgaben umher, die Göttin; aber empfindet 
Keine Sorge wie sterbliche Fraun um ihrer Gebornen 
Sichere Nahrung; ihr ziemet es nicht: denn zwiefach be- 
stimmte 
Sie das höchste Gesetz, beschränkte jegliches Leben, 
Gab ihm gemess'nes Bedürfnis, und ungemessene Gaben, 
Leicht zu finden, streute sie aus, und ruhig begünstigt 
Sie das muntre BemUhn der vielfach bedürftigen Kinder; 
Unerzogen schwärmen sie fort nach ihrer Bestimmung. 
Zweck sein selbst ist jegliches Tier, vollkommen entspringt es 
Aus dem Schoos der Natur und zeugt vollkommene Kinder. 
Alle Glieder bilden sich aus nach ew'gen Gesetzen, 
Und die seltenste Form bewahrt im Geheimen das Urbild. 
So ist jeglicher Mund geschickt die Speise zu fassen, 
Welche dem Körper gebührt, es sei nun schwächlich und 

zahnlos 
Oder mächtig der Kiefer gezähnt, in jeglichem Falle 
Fördert ein schicklich Organ den übrigen Gliedern die Nahrung. 
Auch bewegt sich jeglicher Fuß, der lange, der kurze, 
Oanz harmonisch zum Sinne des Tiers und seinem Bedürfnis. 
So ist jedem der Kinder die volle reine Gesundheit 
Von der Mutter bestimmt: denn alle lebendigen Glieder 
Widersprechen sich nie und wirken alle zum Leben. 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 147 

Also bestimmt die Gestalt die Lebensweise des Tieres, 
Und die Weise zu leben, sie wirkt auf alle Gestalten 
Mächtig zurück. So zeiget sich fest die geordnete Bildung, 
Welche zum Wechsel sich neigt durch äußerlich wirkende Wesen. 
Doch im Innern befindet die Kraft der edlern Geschöpfe 
Sich im heiligen Kreise lebendiger Bildung beschlossen. 
Diese Gränzen erweitert kein Gott, es ehrt die Natur sie: 
Denn nur also beschränkt war je das Vollkommene möglich. 
Doch im Inneren scheint ein Geist gewaltig zu ringen, 
Wie er durchbräche den Kreis, Willkür zu schaffen den Formen 
Wie dem Wollen; doch was er beginnt, beginnt er vergebens. 
Denn zwar drängt er sich vor zu diesen Gliedern, zu jenen, 
Stattet mächtig sie aus, jedoch schon darben dagegen 
Andere Glieder, die Last des Übergewichtes vernichtet 
Alle Schöne der Form und alle reine Bewegung. 
Siehst du also dem einen Geschöpf besonderen Vorzug 
Irgend gegönnt, so frage nur gleich, wo leidet es etwa 
Mangel anderswo, und suche mit forschendem Geiste, 
Finden wirst du sogleich zu aller Bildung den Schlüssel. 
Denn so hat kein Tier, dem sämmtliche Zähne den obem 
Kiefer umzäunen, ein Hörn auf seiner Stirne getragen. 
Und daher ist den Löwen gehörnt der ewigen Mutter 
Ganz unmöglich zu bilden und böte sie alle Gewalt auf: 
Denn sie hat nicht Masse genug, die Reihen der Zähne 
Völlig zu pflanzen und auch Geweih und Hörner zu treiben. 

Dieser schöne Begriff von Macht und Schranken, von Willkür 
Und Gesetz, von Freiheit und Maß, von beweglicher Ordnung, 
Vorzug und Mangel erfreue dich hoch; die heilige Muse 
Bringt harmonisch ihn dir mit sanftem Zwange belehrend. 
Keinen höhern Begriff erringt der sittliche Denker, 
Keinen der thätige Mann, der dichtende Künstler; der Herrscher 
Der verdient es zu sein, erfreut nur durch ihn sich der Krone. 
Freue dich, höchstes Geschöpf der Natur, du fühlest dich fähig, 
Ihr den höchsten Gedanken, zu dem sie schaffend sich auf- 
schwang, 
Nachzudenken. Hier stehe nun still und wende die Blicke 
Rückwärts, prüfe, vergleiche und nimm vom Munde der Muse, 
Daß du schauest, nicht schwärmst, die liebliche volle Gewißheit 

10* 



148 Sechste Vorlesung. 

In den zwei letzten Jahrzehnten seines Lebens be- 
schränkte sich Goethe darauf, die Fortentwicklung 
der zoologischen und vergleichend anatomischen 
Literatur zu verfolgen, zahlreiche Notizen zu sammeln 
und gelegentlich kleinere Aufsätze zu veröffentlichen. 
Eingehendere selbständige Forschungen hat er nicht 
mehr angestellt. Von bleibendem Werte sind vor 
allem einige Recensionen, die er zu den Arbeiten 
seiner Freunde Carus und d'Alton, welche ihn be- 
sonders interessierten, geschrieben hat Er berichtet 
in den Annalen: „In der Zoologie förderte mich Carus 
von den Urteilen des Schalen- und Knochengerüstes, 
nicht weniger eine Tabelle, in welcher die Filiation 
sämtlicher Wirbelverwandlungen anschaulich ver- 
zeichnet war. Hier empfing ich nun erst den Lohn 
für meine früheren allgemeinen Bemühungen, indem 
ich die von mir nur geahnte Ausführung bis ins 
Einzelne vor Augen sah. Ein gleiches ward mir, 
indem ich d'Altons frühere Arbeit über die Pferde 
wieder durchnahm und sodann durch dessen Werk 
Dber die Faultiere und Dickhäutigen belehrt und 
erfreut wurde." So entstanden im Anschluß an Carus 
der Aufsatz „Die Lepaden", im Anschluß an d'Alton 
die Recensionen „Die Faultiere und die Dickhäuti- 
gen" und „Die Skelette der Nagetiere". Diese Ar- 
tikel gehen weit über das hinaus, was man gewöhn- 
lich von einer Recension erwartet. Sie enthalten 
vielmehr Goethes eigene Gedanken, die er an die 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 149 

Befunde seiner Freunde anknüpfte, und haben da- 
durch auf die Zeitgenossen einen tiefen Eindruck 
gemacht. Johannes Müller, der vergleichende Ana- 
tom und Physiologe, schrieb 1826 in seiner Unter- 
suchung über die phantastischen Gesichtserschei- 
nungen: „Wer davon (von der Einbildungskraft des 
Künstlers und Naturforschers) sich einen deutlichen 
Begriff machen will, lese Goethes meisterhafte 
Schilderung des Nagetiers und seiner geselligen 
Beziehungen zu andern Tieren in der Morphologie. 
Nichts Ähnliches ist aufzuweisen, was dieser aus 
dem Mittelpunkt der Organisation entworfenen Pro- 
jektion gleichkommt. Irre ich nicht, so liegt in dieser 
Andeutung die Ahndung eines fernen Ideals der 
Naturgeschichte." Goethe benutzt hier das d'Altonsche 
Werk, um an einer einzelnen, in sich abgeschlossenen 
Gruppe von Säugetieren noch einmal seine eigenen 
Anschauungen über tierische Form zusammenfassend 
zu verdeutlichen. Die Gruppe der Nagetiere ist des- 
halb für ihn ein so gutes Beispiel, weil ihre Knochen- 
gestalt „zwar generisch von innen determiniert 
(nicht genetisch; Goethe meint, daß dem Nagetier- 
skelett ein gemeinsamer Bauplan zugrunde liegt) 
und festgehalten sei, nach außen aber zügellos sich 
ergehend durch Um- und Umgestaltung sich spezifi- 
.zierend auf das allervielfältigste verändert werde.** 
Diese Formwandlung leitet Goethe von den Ein- 
flüssen des Milieus ab, in dem die Tiere leben. 



150 Sechste Vorlesung. 

„Eine innere und ursprüngliche Gemeinschaft aller 
Organisation liegt zum Grunde; die Verschiedenheit 
der Gestalten dagegen entspringt aus den notwen- 
digen Beziehungsverhältnissen zur Außenwelt, und 
man darf daher eine ursprüngliche, gleichzeitige 
Verschiedenheit und eine unaufhaltsam fortschrei- 
tende Umbildung mit Recht annehmen, um die 
ebenso constanten als abweichenden Erscheinungen 
begreifen zu können.** Um nämlich zu verstehen, 
wie bei dieser schier unendlichen Umbildungsfähig- 
keit doch bestimmte Arten sich als feste Formen 
herausbilden können, greift er auf einen Gedanken- 
gang zurück, der auch bei botanischen Überlegungen 
eine Rolle gespielt hat Es gibt Arten, die sich 
schrankenlos ergehen wie die Rosen, bestimmte Ge- 
schlechter wie die Gentianen halten aber in jedem 
Einzelindividum hartnäckig ihre Form fest, und so 
wird auch bei den einzelnen Formen der Nager, 
wenn sie einmal individualisiert sind, die Gestalt 
viele Generationen hindurch mit großer Zähigkeit 
festgehalten. Goethe führt nun im einzelnen aus, 
wie die Beziehungen zur Außenwelt die tierische 
Form beeinflussen, wie das Leben im Wasser, das 
Eingraben in den Boden, das Herumspringen auf 
der Erde zu ganz verschiedenen Tierformen führt, 
ja wie sogar fliegende Arten sich ausbilden können. 
Wichtig ist besonders die Ernährungsweise. Das 
Ergreifen und Benagen der Nahrung beeinflußt die 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 151 

Ausbildung der Extremitäten und vor allen Dingen 
das Gebiß, dem Goethe einen wichtigen Platz in 
der Gesamtorganisation des Tieres zuspricht. So 
wird noch einmal der ganze Goethesche Ideen- 
kreis an diesem einen Beispiel anschaulich ent- 
wickelt. 

In den Jahren von 1819—1823 wurden in ver- 
schiedenen Gegenden Deutschlands eine Reihe von 
fossilen Knochen gefunden, die auch Goethes Inter- 
esse aufs lebhafteste in Anspruch nahmen. Er kor- 
respondiert darüber mit Dr. Jäger in Stuttgart, Söm- 
mering, d'Alton u. a., erhält Abgüsse und Knochen 
zugeschickt und sendet diese weiter an seine Freunde. 
Bei Stuttgart werden Zähne vom Mammut und Nas- 
horn und Knochen eines Stieres entdeckt. Später 
finden sich mehrere vollständige Skelette des fossilen 
Stieres in Mitteldeutschland. Goethe läßt eines der- 
selben in den Jenaer Sammlungen aufstellen. In den 
morphologischen Heften wird der Urstier eingehend 
gewürdigt, und bei dieser Gelegenheit macht Goethe 
die folgende Bemerkung: „Auf allen Fall läßt sich 
der alte Stier als eine weit verbreitete untergegangene 
Stamm-Race betrachten, wovon der gemeine und der 
indische Stier als Abkömmlinge gelten dürften." Es 
ist dies eine der wenigen Bemerkungen Goethes, 
in welcher descendenztheoretische Anschauungen ge- 
äußert werden. — Man hat in Goethe vielfach einen 
Vorläufer Darwins sehen wollen. Besonders hat 



152 Sechste Vorlesung. 

Häckel diese Ansicht zu begründen versucht. Daran 
ist jedenfalls richtig, daß Goethe als einer der Mit- 
begründer der vergleichenden Anatomie die Grund- 
lagen schuf, auf denen Darwin weiter gearbeitet hat. 
Dagegen finden sich in Goethes morphologischen 
Hauptwerken aus den 80er und 90er Jahren des 
18. Jahrhunderts, deren Inhalt im vorstehenden aus- 
führlich dargelegt wurde, keine Anschauungen, welche 
als darwinistisch im engeren Sinne bezeichnet wer- 
den können. Goethe betrachtete damals als Aus- 
gangspunkt der wissenschaftlichen Forschung den 
Typus, dessen verschiedene Abwandlungen in der 
Natur verwirklicht sind. Erst in den späteren Jahren, 
nach 1820, tauchen gelegentlich Andeutungen einer 
Descendenzlehre auf. Goethe, der die zeitgenössische 
Literatur genau verfolgte, kannte die Schriften von 
Geoffroy St. Hilaire u. a.; ob er Lamarck gelesen 
hat, ist mir nicht bekannt; aber sein naher Verkehr 
mit d'Alton, Carus u. a. mußte ihn über alle wissen- 
schaftlichen Zeitströmungen auf dem Laufenden er- 
halten. Trotzdem ist die genannte Stelle fast die 
einzige wirklich unzweideutige, und wir dürfen dar- 
aus schließen, daß der ganze Vorstellungskreis der 
Descendenzlehre keineswegs für Goethe im Mittel- 
punkt des Interesses gestanden hat. Nur in diesem 
einen konkreten Fall, wo ihm die Vergangenheit 
durch eine ihrer typischen prähistorischen Arten 
entgegentrat, knüpfte er an das Tatsächliche an und 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 1 53 

betrachtete jetzt lebende Formen als Abkömmlinge 
fossiler Tiere. In dem Aufsatz: „Die Faultiere und 
die Dickhäutigen" versuchte er dann, wahrscheinlich 
im Anschluß an Kant, zu schildern, wie aus einem 
großen walfischartigen Meertier, das aufs Land 
übersiedelt, durch allmähliche Umbildung ein Faul- 
tier entstehen könne. Aber hier bezeichnet er seine 
Darstellung selbst schon als poetisch, „da überhaupt 
Prose wohl nicht hinreichen möchte". Und in der 
klassischen Walpurgisnacht läßt er den Homunkulus, 
der gerne entstehen möchte, im Meere anfangen: 

„Da regst du dich nach ewgen Normen 
„Durch tausend, abertausend Formen, 
„Und bis zum Menschen hast du Zeit." 

Zu einem durchgreifenden wissenschaftlichen Prin- 
cip, von welchem aus der Formenbau des ganzen 
Tierreiches zu begreifen wäre, hat er aber den Des- 
cendenzgedanken nicht gemacht. Man kann deshalb 
Goethe als Vorläufer Darwins ansehen oder nicht. 
Die Wissenschaft selbst entwickelt sich kontinuier- 
lich und jeder Spätere steht auf den Schultern seiner 
.Vordermänner, jeder Frühere ist als Vorläufer der 
Nachfolgenden zu betrachten. Goethes Anschauungs- 
weise von der tierischen Formenwelt war eine in 
sich abgeschlossene und abgerundete. Darwinistische 
Gedanken sind in ihr erst in späteren Jahren, und 
auch dann nur als sekundäre Elemente aufge- 
treten. 



154 Sechste Vorlesung. 

In seinem letzten Lebensjahrzehnt hat sich Goethe 
tiberhaupt für die Frage interessiert, wie neue 
Tierarten entstehen könnten, und er notierte sich 
beispielsweise 1824 die Mitteilung des Dr. Sturm, 
daß Rassen, welche durch Kreuzung entstanden 
sind, konstant bestehen können. Das scheint ihm 
ein Faktum von größter Wichtigkeit Er bemerkt 
aber sogleich dazu: „Freilich muß die Umwandlung 
eine Gränze haben, und nur die Vollkommenheit 
des Geschöpfs kann sie bestimmen." 

Auch die plötzliche Entstehung neuer Formen 
bei der Aussaat von Gewächsen, die heute unter 
dem Namen Mutation durch die Forschungen von 
de Vries eine so große Bedeutung gewonnen 
haben, scheint Goethe beachtet zu haben, doch 
ist die betreffende Stelle nicht eindeutig genug, 
um hierin ganz sicher zu gehen: „Dagegen ent- 
wickeln sich aus den Samen immer abweichende, 
die Verhältnisse ihrer Theile zu einander verändert 
bestimmende Pflanzen, wovon uns treue sorgfältige 
Beobachter schon manches mitgeteilt und gewiß 
nach und nach mehr zu Kenntnis bringen werden". 

Goethes letzter Aufsatz „Princlpes de Philo- 
sophie Zoologique", den er kurz vor seinem Tode 
abschloß, behandelt, wie schon erwähnt wurde, den 
Streit zwischen Cuvier und Geoffroy St Hilaire. 
Dieses bedeutende wissenschaftliche Ereignis inter- 
essierte den alten Forscher aufs lebhafteste. Er be- 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 155 

richtet seinen Lesern zunächst historisch die Ent- 
wicklung der Kontroverse und gibt im Anschluß 
daran, um seine Parteinahme für Geoffroy St. Hilaire 
zu begründen und um zu zeigen, daß gleichsam 
seine eigenen Ideen hier kämpfend auftreten, noch- 
mals einen gedrängten Überblick über seine ver- 
gleichend anatomischen Untersuchungen. Er selbst 
hält den Streit für unschlichtbar, weil hier zwei ganz 
verschiedene, seiner Meinung nach unvereinbare 
Anschauungsweisen miteinander kämpfen. Er weist 
darauf hin, wie er selbst 50 Jahre früher gegen 
Linnes Lehrmeinung aufgetreten ist. Cuvier sowohl 
wie Linne sehen die Aufgabe der Naturforschung 
darin, die Einzelerscheinungen der Natur zu be- 
schreiben und nach Möglichkeit zu unterscheiden, 
während Goethe und Geoffroy St. Hilaire das Haupt- 
augenmerk darauf richten, die Analogien und Ver- 
wandtschaften zwischen den einzelnen Formen 
aufzufinden. Sowohl die trennenden wie die zu- 
sammenfassenden Naturforscher sind im Interesse 
der Wissenschaft notwendig, aber ihre Methoden 
sind zu verschieden, als daß ein Streit sich ver- 
hindern ließe. 



Bis hierher haben wir die Gesamtheit von Goethes 
morphologischen Anschauungen im Zusammenhang 
dargestellt. Die meisten seiner Arbeiten fügen sich 
zwanglos diesem großen Ganzen ein. Es ist aber 



156 Sechste Vorlesung. 

natürlich, daß dabei eine Reihe von Einzelheiten 
welche nicht in unmittelbarer Berührung zu diesen 
wichtigsten Grund Vorstellungen stehen, unberück- 
sichtigt gelassen wurden. Wir müssen daher Nach- 
lese halten und noch einzelnes nachtragen. 

Goethe hat in allem, womit er sich beschäftigte, 
gesucht, sich zu einer anschaulichen Vorstellung 
durchzuringen. Auch seine zoologischen Ideen waren 
immer auf Anschaulichkeit gerichtet. Da war es 
denn auch sein Bestreben, das von ihm Erkannte 
sich und andern in anschaulicher Form vor Augen 
zu stellen. Er selbst fertigte sich eine große Wand- 
tafel an, um sich Humboldts Ideen zu einer Geo- 
graphie der Pflanzen klar zu machen, und ließ sie 
1813 im Druck erscheinen. Ein ähnliches „Gemälde 
der organischen Natur" von Wilbrand und Ritgen 
wurde von ihm aufs freundlichste recensiert. Bekannt 
ist, welchen großen Wert er auf Deutlichkeit natur- 
wissenschaftlicher Abbildungen legte. Besonders mit 
d'Alton wurde hierüber eifrig korrespondiert und ein 
Aufsatz von diesem in die morphologischen Hefte 
aufgenommen. Seine Fürsorge für Ausgestaltung 
naturwissenschaftlicher Sammlungen und Museen in 
Jena wurde schon eingehend gewürdigt. Interessant 
ist sein Vorschlag, besondere Museen für ver- 
gleichende Anatomie zu gründen; diese sollten so 
angeordnet sein, daß man auf einen Blick die Form- 
wandlung irgend eines beliebigen Organs oder 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 1 57 

Knochens durch die Tierreihe hindurch anschaulich 
vor Augen hat. In einem Schrank sollten z. B. die 
Halswirbel sämtlicher Tiere von den größten bis zu 
den kleinsten, von den einfachsten bis zu den dif- 
ferenciertesten vereinigt werden, in einem andern 
beispielsweise die Vorderarmknochen von den be- 
weglichsten und zierlichsten bis zu den plumpsten 
und kräftigsten Stützorganen. Wie weit sein Inter- 
esse für diese Dinge im einzelnen ging, zeigt sein 
Bestreben, die Technik, anatomische Präparate in 
Wachs nachzubilden, nach Deutschland zu ver- 
pflanzen. Er hatte auf der italienischen Reise in 
Florenz die schöne Sammlung der dortigen Moulagen 
(Wachsnachbildungen in natürlichen Farben) gesehen, 
die ihm einen tiefen Eindruck machte. In Wilhelm 
Meisters Wanderjahren kam er später hierauf zurück. 
Es schien ihm notwendig, bei der zunehmenden 
Schwierigkeit, Leichen für den anatomischen Unter- 
richt zu bekommen, an den Universitäten anatomische 
Moulagensammlungen anzulegen. Unter seiner Mit- 
wirkung wurde ein junger Arzt, Franz Heinrich 
Martens, der solche Präparate anfertigen konnte, 
nach Jena berufen und die von dessen Hand her- 
rührenden Moulagen menschlicher Mißbildungen, 
sämtlich Kunstwerke, zieren noch heute die dortige 
Sammlung. Noch kurz vor seinem Tode kommt 
Goethe in einem Schreiben an Geheimrat Beuth in 
Berlin auf die Angelegenheit zurück und regt an, 



158 Sechste Vorlesung. 

daß in Berlin aus Staatsmitteln ein Moulagenmuseum 
gegründet werde und daß zur Erlernung der Technik 
ein Anatom, ein Plastiker und ein Gipsgießer nach 
Florenz gesendet werden sollen. Goethes Anregung 
hat damals keine praktischen Folgen gehabt, aber 
heute bilden die Moulagen eine wichtige Ergänzung 
medizinischer Sammlungen, wenn es sich darum 
handelt, seltene Krankheitsfälle, die zu Unterrichts- 
zwecken nicht jederzeit verfügbar sind, zu ver- 
ewigen. 

Studien über Regeneration bei Tieren wurden zu 
Goethes Zeiten besonders von Blumenbach angestellt. 
Unter Regeneration versteht man das Vermögen der 
Tiere, verlorene Körperteile neu zu bilden, wie z. B. 
die Eidechse den Schwanz. Daß Goethe auch für 
diesen Zweig biologischer Forschung sich interes- 
sierte, geht aus seiner Bemerkung hervor, daß ein 
Tier, das zur Regeneration eines abgelösten Teiles 
geschickt sein soll, ein unvollkommenes Tier sein 
müsse. Tatsächlich ist bei den höheren Wirbeltieren 
die Regeneration eine beschränkte. 

Kurz vor der italienischen Reise hat Goethe das 
Leben der kleinsten Lebewesen, besonders in Heu- 
infusen, studiert. Wirft man trockenes Heu in 
Wasser und läßt es einige Tage stehen, so ent- 
wickelt sich aus Keimen, welche an dem Heu an- 
getrocknet sind, eine reiche Fauna, besonders von 
einzelligen Protozoen und Infusorien. Goethe hat 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 1 59 

diese, wie aus seinen Protokollen hervorgeht, unter 
dem Mikroskop beobachtet und es sind sauber aus- 
geführte Zeichnungen erhalten, auf denen man ohne 
Schwierigkeit Paramäcien und Vorticellen erkennen 
kann. Bei den Vorticellen hat er auch die Flimmer- 
bewegung beobachtet und die Richtung des Wimper- 
strudels untersucht. 

Mit der Anatomie der Muscheln, Schnecken und 
Würmer hat er sich durch eigene Präparation ver- 
traut gemacht, die innere Anatomie des Frosches 
genau untersucht und Männchen und Weibchen mit- 
einander verglichen. Sehr umfassend sind schließ- 
lich seine Studien über Anatomie, Physiologie 
und Umwandlung der Insekten gewesen, welche 
hauptsächlich in die Jahre 1796—98 fallen. Das 
Problem, das ihn hier interessierte, war die succes- 
sive Metamorphose, die Umwandlung ein- und des- 
selben Individuums während seines Lebens. Das 
war die einzige Form der Metamorphose, welche er 
bisher nicht eingehend studiert hatte. Es ist auch 
bei der experimentellen Durcharbeitung des Gebietes 
geblieben. Notizen und Versuchsprotokolle sind zahl- 
reich erhalten, eine zusammenfassende Arbeit hat 
Goethe aber nicht geschrieben. Er studierte zu- 
nächst die Anatomie der Raupen und Puppen z. T. 
nach Injektionspräparaten, beobachtete dann die 
Entwicklung verschiedener Arten, des Ligusterspin- 
ners, der Wolfsmilchraupe, der Hummel, und ver- 



160 Sechste Vorlesung. 

folgte in einzelnen Fällen die Metamorphose vom 
Ei bis zum Schmetterling. Der Einfluß von Hitze 
und Kälte auf diese Vorgänge wurde untersucht. Er 
beobachtete die Bewegungen der Raupe, sah die 
mehrfache Häutung dieser Tiere, stellte fest, was 
sie fressen und was sie ausscheiden, experimentierte 
über ihr Verhalten bei Belichtung und Verdunkelung, 
machte genaue Notizen über das Einspinnen und 
die Verpuppung und studierte das Ausschlüpfen der 
Schmetterlinge. Besonders interessierte ihn die Er- 
scheinung, daß die ausgeschlüpften Schmetterlinge 
ganz kleine und weiche Flügel haben, die erst im 
Verlauf von etwa einer halben Stunde sich ent- 
falten und hart werden. Goethe führte dies auf 
Einströmen von Säften aus dem Innern des Tieres 
in die Gefäße der Flügel zurück und sah seine 
Ansicht bestätigt, als er dem Schmetterling nach 
dem Ausschlüpfen den Kopf abschnitt und die 
Flügelentfaltung nun ausblieb; nach Eröffnung des 
Tieres konnte eben keine Flüssigkeit mehr in die 
Flügel hineingepreßt werden. Die innere Ana- 
tomie der Schmetterlinge wurde genau untersucht, 
ihre Fortpflanzung beobachtet. Seinem Streben 
nach Veranschaulichung, seinem „Museumstriebe" 
ist es zuzuschreiben, daß er zehn verschiedene 
Stadien von der Puppe bis zum Schmetterling 
konservierte und zwischen Glasplatten aufhob. Be- 
obachtet wurde ferner die Entwicklung von Schlupf- 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiteu II. 161 

wespeneiern im Innern von Raupen und Puppen. 
Wichtig sind weiter in dieser Versuchsreihe eine 
Anzahl von physiologischen Beobachtungen. Da 
die Raupe während des Verpuppens keine Nahrung 
nimmt, so fragt es sich, wovon sie lebt Genaue 
Wägungen der Tiere ergaben einen fortschreiten- 
den Gewichtsverlust; das Tier zehrt also von sei- 
nem Körpermaterial. Goethe registriert ferner die 
Beobachtung, daß der Saft einer Raupe an der 
Luft schwarz wird und untersucht das Verhalten 
dieses Saftes gegen Wasser, Säuren und Laugen. 
Wir wissen heute, daß die Erscheinung auf der 
Anwesenheit eines oxydierenden Fermentes im Safte 
beruht, dem man in jüngster Zeit wieder größeres 
Interesse entgegengebracht hat. Die Reaktion der 
Raupen auf Berührung an verschiedenen Stellen 
ihres Körpers wird untersucht. Die Bewegung der 
Flügelmuskeln wird auch nach dem Tode noch 
fortdauernd gefunden. Auch die Tätigkeit des über- 
lebenden Herzens beobachtet Goethe und macht 
darüber folgende Notiz: „Langes durchsichtiges Ge- 
fäß bei der Hummel, das den ganzen Rücken hinunter- 
geht (Ist das sogenannte Herz der Inseckten) und 
sehr lebhaft pulsiert; es geht unten durch ein durch- 
sichtiges häutiges Gewebe durch, das sehr mit Luft- 
gefäßen durchwebt ist. Es pulsierte 3 bis 4 Stunden, 
so lange bis alle Feuchtigkeit vertrocknet war; wenn 
man es anhauchte, pulsierte es viel schneller. Es 

Magnus, Goethe als Naturforscher 11 



162 Sechste Vorlesung. 

ist der Versuch zu machen, wie lange es schlägt, 
wenn man es feucht erhält und ob es etwa in der 
Kälte gleich erstarrt. In einer aufgeschnittenen 
Puppe in anderthalb Sekunden pulsierte es einmal." 

Auch sonst enthalten diese Aufzeichnungen zur 
Insektenkunde noch viele feine Beobachtungen. 
Überhaupt gewähren gerade diese Protokolle einen 
interessanten Einblick in Goethes Art zu arbeiten. 
Man sieht, mit welcher Sorgfalt das ganze Tat- 
sachenmaterial schematisch geordnet wird und wie 
außerordentlich genau seine Einzelbeobachtungen 
gewesen sind. 

Damit schließen wir die Darstellung von Goethes 
morphologischen Arbeiten. Wir haben gesehen, 
wie er sich durch eigenes Studium einen Über- 
blick über die unendliche Fülle der pflanzlichen 
und tierischen Formen verschafft hat und wie er 
jahrelang sich bemühte, die zahlreichen Einzeltat- 
sachen zu einem Gesamtbilde zu verschmelzen. 
20 Jahre Arbeit ist dazu nötig gewesen. Schließ- 
lich aber bildete sich bei Goethe eine umfassende 
Anschauung von der Gesamtheit der Organismen 
heraus, die in ihrer Großartigkeit ihresgleichen sucht 
und die uns zeigt, daß der Naturforscher dem Dichter 
in keinen Stücken nachgab. 

Jetzt erst verstehen wir die Verbitterung, die 
Goethe erfaßte, als seine Ideen anfangs gar nicht 
durchdringen wollten und auf den passiven Wider- 



Osteologische und vergleichend anatomische Arbeiten II. 1 63 

stand der Gelehrten stießen. Aber er hat es noch 
erlebt, daß sie zum Siege kamen. Durch die Be- 
gründung der vergleichenden Anatomie und der 
Morphologie pflanzlicher und tierischer Formen 
wirkt Goethes wissenschaftliche Arbeit bis auf den 
heutigen Tag fruchtbringend fort. 



!!• 



Siebente Vorlesung. 
Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 

Meine Herren! „Die Geschichte der Wissenschaft 
nimmt immer auf dem Punkte wo man steht ein 
gar vornehmes Ansehen; man schätzt wohl seine 
Vorgänger und dankt ihnen gewissermaßen für das 
Verdienst das sie sich um uns erworben; aber es 
ist doch immer, als wenn wir mit einem gewissen 
Achselzucken die Gränzen bedauerten worin sie oft 
unnütz, ja rückschreitend sich abgequält; niemand 
sieht sie leicht als Märtyrer an die ein unwieder- 
bringlicher Trieb in gefährliche, kaum zu überwin- 
dende I-agen geführt, und doch ist oft, ja gewöhn- 
lich, mehr Ernst in den Altvätem die unser Dasein 
gegründet, als unter den genießenden, meistenteils 
vergeudenden Nachkommen." Dieses Goethesche 
Wort wollen wir als Motto über unsere Besprechung 
der Farbenlehre setzen, denn was Schiller von 
Wallenstein sagte, gilt für kein Buch mehr als für 
dieses: 

»Von der Parteien Ounst und Haß verwirrt, 
Schwankt sein Charakterbild in der Geschichte. * 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 165 

Gleich nach seinem Erscheinen von den Phy- 
sikern vollständig abgelehnt und aufs heftigste ver- 
urteilt, von einigen der bedeutendsten zeitgenössi- 
schen Physiologen, wie Purkinje und Johannes 
Mtiller, außerordentlich geschätzt, wurde es in der 
Mitte des Jahrhunderts fast vergessen und selbst 
Helmholtz wird seiner Bedeutung keineswegs ge- 
recht. Erst in den letzten Jahrzehnten erweckt es 
wieder das Interesse der Gelehrten. Während die 
Physiker auf ihrem ablehnenden Standpunkt ver- 
harren müssen, finden die Physiologen hier zahl- 
reiche Tatsachen und Anschauungen niedergelegt, 
welche in der letzten Zeit zu den Grundlagen der 
physiologischen Optik geworden sind. 

Die Würdigung des Inhalts der Farbenlehre ist 
daher eine schwierige Aufgabe, und wir wollen den 
Gang der Darstellung, den wir bei den früheren 
wissenschaftlichen Werken Goethes gewählt haben, 
hier verlassen. Ich will Ihnen nicht zuerst den 
Inhalt von Goethes Schriften mitteilen und danach 
entwickeln, welches die allgemeinen leitenden Ge- 
danken und die gewichtigen, wissenschaftlichen 
Resultate sind, sondern ich möchte Ihnen zunächst 
in dieser Vorlesung eine kurze sinnes-physio- 
logische Einleitung geben, damit Sie in den 
Stand gesetzt werden, aus eigener Kenntnis die 
Probleme, um deren Lösung Goethe sich bemühte, 
zu begreifen. Denn die Farbenlehre gründet sich 



166 Siebente Vorlesung. 

nicht nur auf physikalische Tatsachen, sie gehört 
vielmehr zu einem wesentlichen Teil der Sinnes- 
physiologie an. Durch unser Auge empfangen wir 
erst optische Eindrücke, Licht und Farbe. Zu Be- 
ginn muß nun gleich bemerkt werden, daß alle die 
Tatsachen und Erwägungen, die ich Ihnen jetzt 
vortragen werde, zu Goethes Zeiten noch so gut 
wie unbekannt waren. Während wir heute mit ver- 
hältnismäßiger Leichtigkeit die Probleme beurteilen 
können, legten Goethe und seine sämtlichen Vor- 
gänger und Zeitgenossen sich derartige sinnesphysio- 
logische Fragen überhaupt noch nicht vor. Wir 
haben es jetzt leicht, in Goethes Werk das Gold 
von den Schlacken zu sondern. Der damaligen Zeit 
war dies keineswegs geläufig. 

Goethes Farbenlehre enthält zunächst einmal eine 
genaue und ganz mustergültige Darstellung 
der Tatsachen. Die verschiedenen Arten der 
Farbenerscheinungen und die Methoden, sie her- 
vorzurufen, werden mit unerreichter klassischer An- 
schaulichkeit geschildert, mit einer Treue, daß jeder 
mit Leichtigkeit alle Versuche selber anstellen kann. 
Erst auf Grund dieser Goetheschen Schilderung der 
Erscheinungen und in bewußter Anlehnung an Kants 
Kritik der reinen Vernunft hat zunächst Schopen- 
hauer die Farbenlehre für die Physiologie in An- 
spruch genommen, und danach Johannes Müller die 
wissenschaftliche physiologische Optik begründet; 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 167 

von deren Fortentwicklung durch Helmholtz und 
Hering werden wir noch später zu sprechen haben. 
Wir dürfen es also Goethe nicht zum Vorwurf 
machen, daß er die Kenntnis, die sich erst später 
auf Grund seiner eigenen Farbenlehre entwickeln 
konnte, selbst noch nicht besessen hat. 

Licht- und Farbenempfindung werden uns ver- 
mittelt durch ein Sinnesorgan, das Auge. Wir 
legen uns zunächst die Frage vor, worin denn im 
allgemeinen die Bedeutung unserer Sinnesorgane 
liegt? Die Antwort lautet: daß von der Art und 
von der Funktion unserer Sinnesorgane ganz eigent- 
lich die Beschaffenheit unserer Außenwelt, unseres 
Milieus abhängig ist. Ein Beispiel wird die Richtig- 
keit dieses scheinbaren Paradoxons schneller ver- 
deutlichen als alle Auseinandersetzungen. Denken 
Sie sich einen tiefstehenden Wurm, der auf dem 
Grunde des Meeres lebt und der nur eine einzige 
Art von Sinnesorganen besitzt, die tastempfinden- 
den Apparate seiner Haut. Die Außenwelt eines 
solchen Tieres wird sich nur aus denjenigen Teilen 
des Meeresgrundes zusammensetzen, welche mit 
seiner Hautoberfläche in direkte Berührung geraten. 
Zu allen anderen Körpern hat der Wurm über- 
haupt keine Beziehungen, sie existieren also nicht 
für ihn. Er ist nur imstande, den Kreis seiner 
Außenwelt zu erweitern, wenn er mit seinem Körper 
Ortsbewegungen ausführt und so immer neue Teile 



168 Siebente Vorlesung. 

des Meeresgrundes mit seiner Haut in direkte Be- 
rührung bringt Ein beschränkteres Milieu läßt sich 
wohl kaum vorstellen als in diesem Fall. — Wir 
betrachten jetzt einen anderen Wurm, der etwas 
höher steht und der außer den Tastorganen noch 
ein zweites Sinnesorgan haben möge, ein Auge am 
Vorderende des Kopfes. Ohne weiteres wird Ihnen 
klar, wie durch den Gewinn dieses Organs sich 
das Milieu des Tieres mit einem Schlage ausdehnen 
muß. Es kann jetzt von einer ganzen Reihe von 
Gegenständen beeinflußt werden, welche weit von 
ihm entfernt liegen, sofern nur von ihnen Licht 
zum Auge gelangen kann. So wird durch das Auf- 
treten neuer Sinnesorgane der Kreis der Körper, 
welche auf ein gegebenes Tier einwirken können, 
um ein Beträchtliches erweitert. Nun machen wir 
gleich einen großen Sprung und gehen über zu uns 
selber. Wir haben optische Sinnesorgane in unseren 
Augen, akustische in unseren Ohren, chemische für 
die Ferne in unserer Nase, für die Nähe in den 
Qeschmacksapparaten, die Sinnesorgane in unserer 
Haut vermitteln uns Druck-, Schmerz- und Tem- 
peraturempfindungen. Aus den Elementen, welche 
uns diese Sinnesorgane liefern, setzt sich unsere 
so außerordentlich reichhaltige und komplizierte 
Außenweit zusammen. Sie bestimmen das Milieu, 
in dem wir leben. Sie stellen aber keineswegs das 
Maximum dessen dar, was überhaupt erreichbar 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 169 

wäre. Würde unser Auge für Lichtwellen von 
größerer Länge als die des äußersten Rot empfind- 
lich sein, so würden wir den wärmenden Kachelofen 
Licht in einer Farbe ausstrahlen sehen, die wir uns 
natürlich nicht vorstellen können. Besäßen wir eine 
ganz neue Gruppe von Sinnesorganen, welche direkt 
für elektrische Veränderungen unserer Umgebung 
empfindlich wären, so würden wir beim Vorbei- 
fahren eines elektrischen Trambahnwagens eine 
ganze Fülle von Erscheinungen in den Drähten und 
der umgebenden Luft wahrnehmen, die uns jetzt 
völlig entgehen; bei jedem telephonischen Gespräch, 
bei jedem Druck auf die elektrische Klingel würde 
eine ganze Reihe von Empfindungen in uns aus- 
gelöst werden. Wie sehr wir von unseren Sinnes- 
organen abhängig sind, sehen wir daraus, daß es 
uns völlig unmöglich ist, uns vorzustellen, wie die 
Welt einem der sogenannten Farbenblinden, welche 
meist Rot und Grün nicht unterscheiden können, er- 
scheint, und umgekehrt haben solche Farbenblinden 
keine Möglichkeit, sich die Außenwelt eines normal- 
sichtigen Menschen zu vergegenwärtigen. So sehen 
wir, daß die Sinnesorgane Tyrannen sind, welche 
uns einzwängen in einen ganz bestimmten Kreis von 
Vorstellungen von der Außenwelt, aus dem wir nicht 
herauskönnen. 

Welches sind nun die Gesetze, nach denen diese 
Sinnesorgane arbeiten? Die leitende Regel, welche 



170 Siebente Vorlesung. 

für alle Sinnestätigkeit gilt, ist von Johannes Müller 
in dem Gesetz von der spezifischen Sinnes- 
energie aufgestellt worden. Dieses besagt, daß 
unsere Sinnesempfindungen allein abhängig sind 
von der Art des Sinnesnervenapparates, welcher in 
Erregung gerät. Es mag dies zuerst selbstverständ- 
lich klingen, ist es aber keineswegs, wie Sie sofort 
sehen werden, wenn wir die Kehrseite dieses Satzes 
betrachten. Die Sinnesempfindung ist nämlich nicht 
abhängig von der Art des äußeren Reizes, der unser 
Sinnesorgan trifft. Auch hier ein Beispiel statt vieler 
Worte. Der Arzt kommt gelegentlich in die Lage, 
an unglücklichen Patienten, um sie vor schwererem 
Unglück zu bewahren, ein Auge herausnehmen zu 
müssen. Das Auge ist durch den Sehnerv mit dem 
Gehirn verbunden, und dieser muß bei der Opera- 
tion durchtrennt werden. In früheren Zeiten, wo die 
Narkose noch unbekannt war, hat man nun fest- 
gestellt, daß in dem Moment, wo die Schere des 
Chirurgen den Sehnerv des Patienten durchtrennt, 
dieser nicht eine Schmerzempfindung, sondern eine 
Lichterscheinung hat. Diese Tatsache illustriert das 
Gesagte, denn trotzdem der Sehnerv keineswegs 
optisch durch das Licht gereizt worden ist, sondern 
mechanisch durch den Scherenschiag, hat der Patient 
eine optische Empfindung, und diese optische 
Empfindung beruht gesetzmäßig darauf, daß der 
Sehnerv erregt worden ist, ist aber unabhängig 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 171 

davon, durch welche Art von Reiz die Erregung 
des optischen Nerven bewirkt wurde. Wenn wir 
einen galvanischen Strom quer durch unseren 
Kopf in der Augengegend schicken, so haben wir 
beim öffnen und beim Schluß desselben ebenfalls 
eine Lichtempfindung. Wenn wir unseren Augapfel 
drücken, resultiert daraus in gleicher Weise eine 
Lichtempfindung. Unsere Sinnesorgane sagen uns 
also gar nichts aus über die Art des Reizes, der 
von außen auf unseren Sinnesapparat einwirkt, 
sondern sie vermitteln uns nur die Kunde davon, 
daß überhaupt das betreffende Sinnesorgan erregt 
worden ist. Wie kommt es nun, daß wir trotz 
dieser Unzuverlässigkeit doch so wenigen Sinnes- 
täuschungen unterliegen, daß wir trotzdem so richtige 
Nachrichten von der Außenwelt erhalten; d. h. daß, 
wenn wir auf Grund unserer Sinneswahrnehmungen 
handeln, wir so selten mit den Gegenständen der 
Außenwelt in Konflikt geraten? Die Lösung dieser 
schwierigen Aufgabe wird ermöglicht wiederum 
durch die Anordnung unserer Sinneswerkzeuge. So 
liegt z. B. unser inneres Ohr, in welchem sich die 
Endigungen des Hörnerven befinden, tief eingebettet 
im Innern des Kopfes, eingeschlossen in den kom- 
paktesten elfenbeinharten Knochen des Felsenbeins, 
in dem sich kleine Hohlräume befinden, die mit 
Flüssigkeit erfüllt sind; in dieser Flüssigkeit liegen 
die Endapparate des inneren Ohres aufs sorgfältigste 



172 Siebente Vorlesung. 

geschützt vor allen Einflüssen der Außenwelt, welche 
etwa den Hömerven erregen können. Nur einzig 
und allein die Schallwellen der Luft vermögen sich 
in diese Tiefe den Weg zu bahnen. Durch den 
Gehörgang setzen sie das Trommelfell und dahinter 
die Gehörknöchelchen in Schwingungen, welche sich 
auf die Flüssigkeit des inneren Ohres übertragen 
und so den Hörnerven erregen können. Die Sinnes- 
organe sind also so angeordnet, daß alle anderen, 
wie man sagt, nicht adäquaten Reize nach Mög- 
lichkeit fern gehalten werden und nur die adäquaten 
Reize, z. B. die Schallwellen zum Ohr, die Licht- 
wellen zum Auge hingelangen können. Und noch 
etwas weiteres: der Hörnerv selber, welcher die 
Verbindung des inneren Ohres mit dem Gehirn 
vermittelt, ist für die Schallschwingungen der Luft 
völlig unempfindlich. Nur seine Endigungen im 
inneren Ohr werden durch Schallwellen erregt. Es 
besitzen also die Sinnesorgane die wichtige Auf- 
gabe, Vorgänge der Außenwelt, welche an sich aufs 
Nervensystem nicht wirken, aufzunehmen und in 
Nervenerregungen umzusetzen. Dasselbe gilt fürs 
Auge. Der Augapfel ist eingebettet in die Augen- 
höhle, wohlbeschützt durch die Lider und die 
knöchernen Augenbrauenbogen. Er besteht aus einer 
derben fibrösen Kapsel, die mit einer durchsichtigen 
Gallerte gefüllt ist, und nur auf dem Grund dieser 
Kapsel breitet sich der nervöse Endapparat aus, die 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 173 

Netzhaut, welche für Licht empfindlich ist, während 
der Sehnerv selber durch Lichtschwingungen nicht 
erregt werden kann. Wir besitzen in Ausnahme- 
fällen die Möglichkeit, Druck oder Elektrizität auf 
unser Auge einwirken zu lassen, aber im allgemeinen 
ist die Netzhaut vor diesen Eingriffen geschützt und 
nur die Lichtstrahlen gelangen durch die brechenden 
Medien des Auges zu ihr. So kommt es, daß wir 
gewöhnlich keinen Trugschluß machen, wenn wir 
unseren Gesichts- und Gehörwahrnehmungen trauen, 
denn nur in Ausnahmefällen werden diese durch 
andere äußere Ursachen hervorgerufen als durch 
Licht- bzw. Schallschwingungen. 

Aus dem Material, welches so die Sinnesorgane 
dem Geiste liefern, setzt dieser seine Vorstellung 
von der Außenwelt zusammen. Wir treten z. B. 
aus dem Hause in den Garten und nehmen mit 
unserem Auge eine blaue Fläche wahr, in deren 
Mitte sich etwas Grünes befindet, unterhalb dessen 
wir etwas Braunes sehen. Das Ohr hört gleich- 
zeitig ein leises Rauschen, und wenn wir uns nach 
dem Orte hinbewegen, von dem diese Empfindungen 
auszugehen scheinen und mit der Hand das ge- 
sehene braune Gebilde berühren, so bekommen wir 
das Gefühl des Harten, Rauhen; gleichzeitig riechen 
wir einen angenehmen Duft, oder, wenn unsere 
Hand ein rundes Gebilde, welches wir sehen, nimmt 
und zum Munde führt, so bekommen wir einen 



174 Siebente Vorlesung. 

Süßen Geschmack. Aus diesen rein objektiv ge- 
schilderten, ganz heterogenen Sinnesempfindungen, 
welche uns unsere verschiedenen Sinnesorgane 
liefern, baut der Verstand zwangsmäßig und unbe- 
wußt einen Gegenstand auf. In diesem Fall einen 
grünen Baum, der vor dem blauen Himmel steht 
und Blüte oder Frucht trägt Was nun das Merk- 
würdigste von allem ist, dieser Gegenstand, der in 
unserem Innern durch das Zusammentreffen so ganz 
verschiedener Sinneseindrücke gebildet wird, wird, 
ohne daß wir uns dessen bewußt werden, zwangs- 
mäßig nach außen verlegt und erscheint uns als 
ein außerhalb unseres Körpers befindlicher Baum. 
Jetzt sind wir so weit gelangt, daß wir uns die 
Frage vorlegen können, was denn geschieht, wenn 
jemand einen Gegenstand, sagen wir eine brennende 
Kerze, sieht. Die Prozesse, die hierbei mitspielen, 
können wir wie folgt beschreiben: In der brennen- 
den Kerze findet eine Oxydation des Stearins oder 
Paraffins zu Kohlensäure und Wasser statt, und 
dieser Prozeß geht bei so hoher Temperatur vor 
sich, daß dadurch einzelne Kohlenteilchen in der 
Flamme zum „Glühen" kommen, d. h. sie werden 
nach der Annahme der Physiker in so lebhafte 
Schwingungen versetzt, daß sie diese Bewegung 
ihrer Umgebung und speziell dem hypothetischen 
Äther mitteilen. Von den glühenden Kohlenteilchen 
der Flamme pflanzen sich also Bewegungsvorgänge 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 175 

mit großer Geschwindigkeit nach allen Seiten durch 
den Äther fort. Ein Teil von ihnen trifft auf das 
Auge des Beobachters und dringt durch dessen 
Pupille ins Innere bis zur Netzhaut. Unter dem 
Einfluß dieser Ätherschwingungen entstehen nun in 
der Netzhaut auf noch nicht näher aufgeklärte Weise 
nervöse Erregungen und diese werden ähnlich wie 
durch einen telegraphischen Draht auf dem Wege 
des Sehnerven zum Gehirn unserer Versuchsperson 
fortgeleitet. Hier treten darauf eine Reihe von kom- 
plizierten nervösen Erregungsvorgängen auf, über 
deren feineres Ineinandergreifen wir nur unvoll- 
kommen unterrichtet sind. Und nun kommt das 
Wunder! Gleichzeitig mit den nervösen Erregungen 
im Gehirn, welche vom Sehnerven aus veranlaßt 
worden sind, hat die Person eine Empfindung, und 
zwar eine Lichtempfindung. Über den Zusammen- 
hang der nervösen Erregungen mit den Empfin- 
dungen besitzen wir keine Kenntnis, es ist dies 
ein unlösbares Rätsel. Aber die Lichtempfindung 
tritt gesetzmäßig im Anschluß an die optische Er- 
regung auf und wird zwangsmäßig nach außen ver- 
legt und lokalisiert. Die Versuchsperson sieht die 
Kerze an ihrem Orte im Raum. Jetzt wollen wir 
eine einfache Frage der Nomenklatur stellen; wir 
wollen fragen, wie man die einzelnen Teile dieses 
ganzen eben geschilderten Vorgangs benennt. Die 
brennende Kerze nennen wir Licht, den Schwin- 



176 Siebente Vorlesung. 

gungsvorgang des Äthers, der von der Kerze aus 
nach allen Seiten sich verbreitet, nennen die Physiker 
wieder Licht, und die Empfindung, welche im 
Geiste unserer Versuchsperson dadurch hervor- 
gerufen wird, nennen die Physiologen und Psycho- 
logen ebenfalls Licht (eine Lichtempfindung). Ja es 
ist sogar der Erregungsvorgang in der Netzhaut von 
Helmholtz und anderen als Lichtempfindung be- 
zeichnet worden; wir wollen von dieser Benennung 
hier absehen. Wenn wir statt der weißbrennenden 
Kerze ein rotleuchtendes bengalisches Zündholz zu 
unserem Versuche nehmen, so schreiben wir der 
roten Flamme eine Farbe zu. Die Lichtstrahlen, 
die von ihr ausgehen, nennen die Physiker wiederum 
farbiges Licht oder Farbe, und die Empfindung, 
die der Beobachter dadurch bekommt, ist wieder 
Farbe. So sehen Sie, daß bei diesem kompli- 
zierten Vorgang, den wir eben in seine Kompo- 
nenten aufgelöst haben, eine heillose Verwirrung 
der Nomenklatur besteht, und daß jeder mit dem 
Worte Licht oder Farbe eigentlich etwas ganz 
anderes bezeichnet Daher ist es so schwer ge- 
wesen, und auch heute noch so schwierig, sich über 
die Natur der Farbe und des Lichts zu verständigen. 
Hier liegt der Hauptgrund, weshalb auch Goethe in 
seiner Farbenlehre heterogene Dinge miteinander 
vereinigen wollte. Denn wir müssen daran denken, 
daß, wie oben betont wurde, »die Aufklärung des 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 177 

ganzen Sehprozesses erst in die nachgoethesche 
Zeit fällt. Goethe hat allerdings einen sehr wich- 
tigen Schritt vorwärts getan dadurch, daß er alle 
Farbenerscheinungen in drei große Gruppen son- 
derte, in die physiologischen, in die physischen 
und die chemischen Farben. Die physiologischen 
Farben sind nach Goethe diejenigen, welche durch 
die Zustände und Tätigkeit unseres Auges bedingt 
sind. Die physischen sind die, welche nach unserer 
heutigen Nomenklatur durch Beeinflussung der Licht- 
strahlen und Ätherschwingungen entstehen, also die 
prismatischen Farben, die Farben bei der Brechung 
und Beugung des Lichtes, die Farbenerscheinung 
bei der Doppelbrechung durch Kalkspat u. a. m. 
Die chemischen Farben endlich sind die Körper- 
farben, die Farben der Steine, Wände, Kleidung, 
Papiere usf.^). Diese Goethesche Einteilung lehnt 
sich also eng an das Schema an, das wir oben 
vom Sehprozeß gegeben haben. Hierbei würde der 
Kerze die chemische, den Ätherwellen die physische 
und den Erregungen in der Netzhaut und im Gehirn 
die physiologische Farbe entsprechen. Goethe hat 
aber dadurch einen fundamentalen Irrtum begangen, 



Heute würden wir den Gegensatz zwischen den physio- 
logischen und den andern Farben so definieren, daß in dem 
einen Fall eine Farbenempfindung ohne äußeren Reiz ent- 
steht, in dem andern Fall durch äußeren Reiz hervorgerufen 
wird. 

Magnus, Goethe als Naturfosrcher. 12 



178 Siebente Vorlesung. 

daß er versucht hat, diejenige Methode auch auf 
die sinnesphysiologischen Probleme zu übertragen, 
welche sich ihm bei seinen morphologischen Studien 
so glänzend bewährt hatte, die Methode der kon- 
tinuierlichen Reihe. Er hat versucht die physio- 
logischen, physischen und chemischen Farben so 
zu schildern, daß er, ausgehend von den physio- 
logischen, die physischen und die chemischen all- 
mählich schrittweise entwickeln wollte. Er hat wohl 
gesehen, daß in dem Gegensatz zwischen Objekt 
und Subjekt ein großes, schwieriges Problem ver- 
borgen liegt: „Hier ist es, wo sich der Praktiker 
in der Erfahrung, der Denker in der Speculation 
abmüdet und einen Kampf zu bestehen aufgefordert 
ist, der durch keinen Frieden und keine Ent- 
scheidung geschlossen werden kann." Aber 
er hat ebenso wie alle seine Zeitgenossen, außer Kant, 
versucht, den prinzipiellen Unterschied zwischen der 
physiologischen und der objektiven Seite des Seh- 
prozesses außer acht zu lassen bzw. zu überbrücken, 
und daher schreibt sich der Irrtum in Goethes 
Farbenlehre. In diesem Irrtum aber ist Goethe das 
Kind seiner Zeit; und sein fundamentales Verdienst 
ist, daß er als einer der ersten auf die physio- 
logischen Gesichtserscheinungen im Zusammenhang 
aufmerksam geworden ist und sie in ihrer Gesamt- 
heit in klassischer und mustergültiger Weise dar- 
gestellt hat Der Teil der Farbenlehre, welcher die 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 179 

physiologischen Farben schildert, ist daher bis auf 
den heutigen Tag als bahnbrechend und wissen- 
schaftlich grundlegend anzusehen. Ihm werden wir 
in unserer Besprechung die erste und wesentliche 
Stellung einräumen. Doch auch die anderen Teile 
von Goethes optischem Werk entbehren der Be- 
deutung nicht, weil sie eine vollständige Zusammen- 
fassung und genaue tatsächliche Schilderung der 
Phänomene und Experimente darbieten, so daß 
selbst ein so genauer Kenner wie Helmholtz an- 
gibt, daß über die tatsächliche Richtigkeit irgend 
eines von Goethe geschilderten objektiven Vor- 
ganges und Experimentes niemals ein Zweifel habe 
obwalten können. 

Jetzt haben wir die Grundlage gewonnen, von 
der aus das Goethesche Werk zu beurteilen sein 
wird. Eine genauere Kenntnis der Farbenlehre wird 
uns vor allem mit dem äußerst exakten Vorgehen 
des Naturforschers bekannt machen. 



Goethe selbst hat uns am Schluß seiner Ge- 
schichte der Farbenlehre überliefert, wie er zu seinen 
optischen Studien gekommen ist. Schon als Student 
in Leipzig sah er in Winklers physikalischen Vor- 
lesungen die optischen Versuche, welche in großer 
Zahl im Anschluß an Newtons Lehre angestellt 
wurden, und er behielt sie von daher bis in sein 
Alter wohl im Gedächtnis. Er berichtet aber, daß 

12* 



180 Siebente Vorlesung. 

er selbst nicht von der physikalischen Seite zur 
Farbenlehre gekommen sei, sondern von der künstle- 
rischen. In den Jahren vor der italienischen Reise 
versuchte er vielfach sich als Maler und als Zeichner 
zu betätigen und gewann erst in Italien die Erkennt- 
nis, daß ihm das eigentliche Talent hierzu mangele. 
Daher bemühte er sich auch vor allem um die 
technische Seite der Malerei, um ihre Regeln. In 
Italien studierte er von diesem Gesichtspunkte aus 
die Gesetze der Farbengebung an den Meisterwerken 
der Malerei und suchte sich vielfach auch bei 
Künstlern Rat zu erholen. Diese aber konnten ihm 
gewöhnlich nur ganz allgemeine Anhaltspunkte geben, 
sie unterschieden kalte und warme Farben und 
wußten, daß einzelne Farben sich gegenseitig in 
ihrer Leuchtkraft heben. Bestimmte Gesetze er- 
fuhr aber Goethe von ihnen nicht. Angelika Kauff- 
mann, mit der er in Rom nah verkehrte, wurde nun 
von ihm zu verschiedenen koloristischen Versuchen 
veranlaßt. Sie malte ein Bild zunächst grau in grau, 
das erst zum Schluß mit Farbe lasiert wurde; sie 
entwarf eine Landschaft, in der alle blauen Töne 
fehlten, und dergleichen mehr. Neben diesen male- 
rischen Studien hielt Goethe auch in der freien 
Natur seine Augen offen und beobachtete eifrigst 
die atmosphärischen Farbenerscheinungen: grüne 
Schatten bei purpurnem Sonnenuntergang, die blaue 
Färbung entfernter Berge, die Farben naher Schat- 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 181 

ten und manches andere. So wurden ihm die 
Farbenphänomene in Natur und Kunst vertraut. 
Nach der Rückkehr auf deutschen Boden trat die 
optische Beschäftigung zunächst zurück. Als aber 
Hofrat Büttner von Göttingen nach Jena übersiedelte 
und einen reichhaltigen optischen Apparat mit- 
brachte, lieh er einiges davon aus und beabsichtigte 
damit zu experimentieren. Es blieb aber bei dieser 
Absicht und Büttners Prismen blieben unberührt 
liegen, bis ihr Eigentümer ungeduldig wurde und 
sie immer energischer zurückverlangte. Schließlich 
wurde sogar ein Bote nach Weimar geschickt, um 
sie zu holen. So gedrängt, wollte sie Goethe ge- 
rade aushändigen, als er noch rasch einen Blick 
durch ein Prisma warf. Dieser Moment ist für 
Goethes ganze späteren optischen Studien entschei- 
dend. Ihm war von der Studienzeit her im Ge- 
dächtnis geblieben, daß durch ein Prisma weißes 
Licht in farbiges zerlegt werde, und als er durch 
Büttners Prisma die weiße Wand seines Zimmers 
betrachtete, erwartete er fälschlich die ganze Wand 
in Regenbogenfarben schillern zu sehen. Das war nun 
natürlich nicht der Fall. Die Wand erschien weiß, 
nur ihre Ränder und die Stäbe des Fensterkreuzes 
zeigten die prismatischen Farben. Goethe stutzt, und 
es fällt ihm ein, die Newtonsche Theorie des Lichts 
müsse falsch sein. Er behält die Prismen zurück und 
beginnt nun 1790 aufs eifrigste zu experimentieren. 



182 Siebente Vorlesung. 

Mehr und mehr befestigt sich in ihm die Überzeu- 
gung von der Unrichtigkeit der Newtonschen Lehre, 
aber alle Bemühungen, diese Überzeugung auch 
andern Leuten zu vermitteln, scheitern, besonders 
die Physiker verhalten sich Goethes immer dringen- 
der werdenden Demonstrationen gegenüber völlig 
ablehnend. Doch immer tiefer versenkt er sich in 
seine Überzeugung. Er läßt sich schließlich Newtons 
Werke kommen und macht seine Versuche in allen 
Einzelheiten aufs sorgfältigste nach. Diese Experi- 
mente scheinen ihm nun absichtlich kompliziert zu 
sein, um den wahren Sachverhalt zu verdecken, und 
er geht jetzt daran, selbst die einfachen grundlegen- 
den Versuche anzustellen und zu schildern. Von 
den physikalischen Forschungen gelangt Goethe 
dann wieder zurück zu den physiologischen. Er 
studiert die Phänomene der farbigen Schatten, er 
vertieft sich schließlich von Jahr zu Jahr immer mehr 
in die Farbenlehre, bis schließlich nach mehr als 
zwanzigjähriger Tätigkeit das gesamte Werk abge- 
schlossen wird und 1810 erscheint 

Wie rasch aber Goethe besonders am Anfang 
arbeitete, ist daraus zu ersehen, daß er schon im 
Jahre 1791 das erste Stück seiner Beiträge zur Optik 
erscheinen ließ, mit Abbildungen, die in Spielkarten- 
format in einer Kartenfabrik gedruckt waren. Diese 
wurden «niit schlechtem Dank und hohlen Redens- 
arten der Schule beiseite geschoben." Das zweite 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 183 

Stück der Beiträge erschien 1792; in demselben 
Jahre schrieb er den ersten Aufsatz über die farbigen 
Schatten, der das dritte Stück seiner Beiträge bil- 
den sollte und das höchste Interesse des Physikers 
und Satyrikers Lichtenberg in Göttingen erregte. 
Im Jahre 1793 wurde im Lager von Marienborn 
ein kleiner Aufsatz, „einige allgemeine chroma- 
tische Sätze", geschrieben. In demselben Jahre 
verfaßte er höchst wahrscheinlich noch den „Ver- 
such die Elemente der Farbenlehre zu entdecken", 
den Aufsatz „über Newtons Hypothese der diver- 
sen Refrangibilität" und „über Farbenerscheinungen 
bei der Refraktion". Das endgültige Hauptwerk: 
„Zur Farbenlehre" erschien in zwei Bänden mit 
einem Tafelheft. Der erste Band enthält: „Ent- 
wurf einer Farbenlehre. Des Ersten Bandes Erster, 
didaktischer Teil" und „Enthüllung der Theorie 
Newtons. Des Ersten Bandes Zweiter, polemischer 
Teil". Der zweite Band besteht fast ganz aus den 
„Materialien zur Geschichte der Farbenlehre. Des 
Zweiten Bandes Erster, historischer Teil". Ein be- 
absichtigter zweiter supplementärer Teil ist nie er- 
schienen. „Statt des versprochenen supplementären 
Teils" läßt Goethe einen Aufsatz von Seebeck 
„Wirkung farbiger Beleuchtung" abdrucken. Seine 
späteren optischen Aufsätze sind in den Heften 
„Zur Naturwissenschaft" erschienen. So weit die 
bibliographischen Notizen. Lassen Sie uns jetzt zur 



184 Siebente Vorlesung. 

Sache, zum Inhalt von Goethes Farbenlehre über- 
gehen. 

Goethe geht in dei Einleitung davon aus, daß wir 
durch unser Sinnesorgan über das eigentliche Wesen 
des Lichtes nichts Direktes wahrnehmen können, son- 
dern nur seine Wirkung erfahren. Die wichtigsten 
Wirkungen sind die Farben. „Die Farben sind Thaten 
des Lichts, Thaten und Leiden." Für die Erkenntnis 
unserer sichtbaren Welt sind nun die Farben von 
wesentlicher Bedeutung. „Die ganze Natur offenbart 
sich durch die Farbe dem Sinn des Auges." Er 
spricht von der Welt des Auges, die durch Gestalt und 
Farbe erschöpft wird, und fragt: „Gehören die Farben 
nicht ganz eigentlich dem Gesicht an?" Die Emp- 
findungen Schwarz, Weiß und die Farben sind nach 
unserer heutigen Bezeichnungsweise die Qualitäten, 
d. h. die verschiedenen Empfindungsarten des Auges. 
Unser Auge vermittelt uns nur solche Qualitäten. 
Diese Erkenntnis spricht Goethe schon mit aller 
Deutlichkeit aus, wenn er sagt: „Hell, dunkel und 
Farben zusammen machen allein dasjenige aus, was 
den Gegenstand vom Gegenstand, die Teile des 
Gegenstands voneinander fürs Auge unterscheidet, 
und so erbauen wir aus diesen dreien die sicht- 
bare Welt" Wie entsteht nun ein Auge? Goethe 
beantwortet diese Frage von demselben Standpunkte, 
von dem aus er die tierische Formbildung überhaupt 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 185 

betrachtet. Das Auge soll durchs Licht fürs Licht 
gebildet sein; aus gleichgültigen tierischen Hilfs- 
organen soll unter dem Einfluß des Lichts ein so 
zweckmäßiges Sinnesorgan entstanden sein. Wir er- 
innern uns, daß Goethe dieselbe Vorstellungsart ent- 
wickelte, als er die Fische durchs Wasser fürs 
Wasser, die Vögel durch die Luft für die Luft ge- 
bildet sein ließ. Es wird dann in der Einleitung 
weiter darauf hingewiesen, daß die alten ionischen 
Philosophen lehrten, es könne nur Gleiches von 
Gleichem erkannt werden, und welche daher dem 
Auge auch Licht zuschrieben. „War' nicht das Auge 
sonnenhaft, wie könnten wir das Licht erblicken?" 
Er meint nun von seinem Standpunkte aus dies 
etwa so ausdrücken zu können: „Im Auge wohnt 
ein ruhendes Licht, das bei der mindesten Ver- 
anlassung von innen oder von außen erregt wird." 
Dieses ruhende Licht bezeichnen wir heute als Licht- 
empfindung, die durch innere oder äußere Ursachen 
hervorgerufen werden kann. Goethe ist hier also 
der Erkenntnis, daß Licht und Farbe nur unsere 
Empfindungen sind, ganz außerordentlich nahe ge- 
kommen, hat aber trotzdem diese Konsequenz nicht 
gezogen und spricht kurz darauf von der Farbe als 
einem Naturphänomen für den Sinn des Auges. 

Der erste Abschnitt von Goethes Farbenlehre 
behandelt die physiologischen Farben. Es ist 
schon eine große wissenschaftliche Tat, diesen Ab- 



186 Siebente Vorlesung. 

schnitt an die Spitze zu stellen und als das Funda- 
ment der ganzen Lehre zu bezeichnen. Diese Farben- 
erscheinungen, welche man früher nur für zufällig, 
täuschend oder krankhaft gehalten hatte, beruhen 
nach Goethe auf der Tätigkeit des gesunden Auges, 
über dessen Eigenschaften wir durch sie Sicheres er- 
fahren. Sehr scharf wendet sich Goethe gegen die An- 
schauung, daß es sich hier um Gesichtstäuschungen 
handle. „Gesichtstäuschungen sind Gesichtswahr- 
heiten**, und „es ist eine Gotteslästerung zu sagen, 
daß es einen optischen Betrug gibt". Gerade aus 
den Fällen, in denen unser Auge uns Empfindungen 
vermittelt, die den Vorgängen in der Außenwelt ent- 
sprechen, können wir nichts über die normale Tätigkeit 
dieses Organs erfahren; die physiologischen Farben- 
erscheinungen lehren uns dagegen die Eigenschaften 
des Auges kennen. Goethe hat hier in aller Kürze, 
aber doch eingehend genug ein Lehrbuch der physio- 
logischen Optik geschrieben. Hier liegen auch nach 
ihm die Ursachen der chromatischen Harmonie 
begründet Da er in seinen Studien von der Unter- 
suchung des malerischen Kolorits ausgegangen war, so 
mußte ihn die Frage, worauf denn die Farbenharmonie 
beruhe, lebhaft interessieren. Seine Studien haben ihn 
zu der Erkenntnis geführt, daß sie durch die physio- 
logischen Eigenschaften unseres Auges bedingt sei. 
Der erste Abschnitt „Licht und Finsternis zum 
Auge" setzt das Verhalten des Auges zur Beiich- 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 187 

tung und Verdunkelung auseinander. Die Netzhaut 
befindet sich nach Goethe bei Belichtung und Ver- 
dunkelung in zwei verschiedenen, und zwar ent- 
gegengesetzten Zuständen. Trotzdem bezeichnet er 
das Schwarz nicht als eine eigentliche Empfindung, 
wie es heute geschieht, sondern als einen Mangel 
an Empfindung. Die Erregbarkeit des Auges zeigt 
nun im Dunkeln und im Hellen sehr starke Ver- 
änderungen. Diese Zustände, die wir als Adaption 
bezeichnen, sind Ihnen allen aus Erfahrung bekannt. 
Wenn wir in ein dunkles Zimmer treten, so sehen wir 
zunächst gar nichts; erst nach einiger Zeit gewöhnt 
sich unser Auge an die geringe hier herrschende 
Helligkeit, und wir beginnen allmählich die Gegen- 
stände immer besser zu unterscheiden. Goethe 
hat die zur Dunkeladaption erforderliche Zeit zu ein 
bis acht Minuten bestimmt. Umgekehrt werden wir, 
wenn wir aus dem Dunklen ins Helle treten, ge- 
blendet und können erst nach einiger Zeit die Gegen- 
stände wieder gut unterscheiden. Im Dunkeln wird 
die Empfindlichkeit unseres Auges gesteigert, im 
Hellen herabgesetzt. Darauf beruht es nach Goethe, 
daß wir am Tage die Sterne nicht sehen, obwohl 
sie am Himmel stehen und dieselbe Lichtmenge wie 
des Nachts zu uns herunter schicken. Wir sehen 
auch faulendes Holz im hellen Tageslicht aus diesem 
Grunde nicht leuchten, nicht aber weil die Erschei- 
nung nur des Nachts tatsächlich eintritt. 



188 Siebente Vorlesung. 

Der nächste Abschnitt „Schwarze und weiße 
Bilder zum Auge" handelt zunächst von den Irra- 
diationserscheinungen. Sie sehen auf der oberen 
Hälfte von Fig. 6, daß eine weiße Scheibe auf 
schwarzem Grunde größer aussieht als eine schwarze 
Scheibe von gleichem Umfang auf weißem Grunde. 
So scheint auch die leuchtende Mondsichel einem 
größeren Kreis anzugehören als die dunkle Mond- 
scheibe, die man an klaren Nächten gleichzeitig sieht. 
Schwarze Kleider machen schlank, weiße dick. Ein 
Lineal, das man quer vor eine leuchtende Kerze 
hält, scheint an der Stelle, wo es die Flamme 
schneidet, durch diese eingekerbt zu sein. Ich möchte 
hier nicht die heutige Theorie der Irradiationserschei- 
nung auseinandersetzen, welche etwas kompliziert 
ist, sondern nur die interessante Deutung erwähnen, 
die Goethe diesen Phänomenen wenn auch mit aller 
Vorsicht und nur hypothetisch gibt. Er stellt sich 
vor, daß im Dunkeln die Netzhaut in sich zusammen- 
gezogen ist und sich bei Belichtung flächenhaft 
ausbreitet Dasselbe tritt ein, wenn die Netzhaut 
gleichzeitig das Bild schwarzer und weißer Gegen- 
stände empfängt. Dann bleibt sie an den Stellen, 
die nicht vom Licht getroffen werden, zusammen- 
gezogen und breitet sich an den belichteten aus. 
So beruht also nach Goethe die Vergrößerung des 
weißen Bildes auf einer objektiven Größenzunahme 
und Ausdehnung der belichteten Netzhautstelle. Be- 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 189 

Wegungserscheinungen der Netzhaut haben sich in 
dieser Form nicht nachweisen lassen. Die Hypo- 
these muß daher aufgegeben werden. Sie ist aber 
deshalb von größtem Interesse, weil Goethe hier 
schon überhaupt Bewegungserscheinungen der Netz- 
haut durch Belichtung angenommen hat. Solche 
Phänomene sind in der Folgezeit verschiedentlich be- 
kannt geworden, und wir wissen jetzt, daß durch Be- 
lichtung Verlängerungen und Verkürzungen der Stäb- 
chen und Zapfen in der Netzhaut eintreten können, 
und daß ganz gesetzmäßige Wanderungen schwarzen 
Pigments zu beobachten sind. 

Es werden sodann die positiven Nachbilder 
geschildert. Fixieren wir mit wohl ausgeruhtem 
Auge kurze Zeit das Fensterkreuz und schließen 
sodann die Lider, so bleibt das Bild noch einige 
Zeit lang bestehen. Die Erscheinung ist allbe- 
kannt, daß, wenn man zufällig in die strahlende 
Sonne gesehen hat und darauf geblendet das Auge 
schließt, das leuchtende Sonnenbild noch eine Zeit 
im Auge bleiben kann. Auch hier hat Goethe die 
zeitliche Dauer der Nachbilder bestimmt. Er findet 
sie abhängig von der Intensität der Beleuchtung und 
vor allem von der Empfindlichkeit, vom Adaptions- 
zustande des Auges. Bei Augenkranken können sie 
eine Viertelstunde und länger dauern. 

Genau das Umgekehrte tritt auf, wenn man nach 
Fixierung z. B. des Fensterkreuzes nicht ins Dunkle, 



190 Siebente Vorlesung. 

sondern ins Helle, auf eine graue oder weiße Wand 
sieht Dann erblickt man das umgekehrte, nega- 
tive Nachbild, nach Goethes Ausdrucksweise „das 
geforderte Bild". Wenn Sie z. B. eine weiße 
Scheibe auf schwarzem Grunde (Fig. 6) längere Zeit 
fixieren und danach auf eine weiße Fläche blicken, 
so sehen Sie einen dunklen Kreis auf hellem Grunde. 
Goethe gibt gleich die richtige Erklärung. Starren 
wir längere Zeit auf eine schwarze und weiße 
Fläche, so bleiben die Teile der Netzhaut, auf die 
das schwarze Bild fällt, ausgeruht (dunkeladaptiert), 
während die Teile, auf die das weiße Bild fällt, er- 
müdet, in ihrer Empfindlichkeit herabgesetzt (hell- 
adaptiert) werden. Fällt nun nachher das Bild einer 
gleichmäßig grauen Fläche ins Auge, so trifft dies 
verschiedene Teile der Netzhaut in verschiedenem 
Erregungszustande. Die Teile, auf die vorher das 
dunkle Bild gefallen war, sind erregbarer und sehen 
daher das graue Papier an den entsprechenden 
Stellen heller. Sehr zahlreich sind die Fälle, in 
denen sich dies Phänomen beobachten läßt. Z. B. 
sehen wir um dunkel gekleidete Personen auf hellem 
Grunde eine Gloriole, einen Heiligenschein, der be- 
sonders deutlich wird, wenn z. B. Menschen im Ge- 
birge sich gegen den grauen Himmel abheben. Es 
ist „das geforderte Bild", das bei kleinen Augen- 
bewegungen über die Konturen der dunkeln Personen 
herObergrelft. Diese Erscheinung bezeichnet man als 




Fig. 6. 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 191 

Successivkontrast. Im Gegensatz hierzu unter- 
scheidet man einen Simultankontrast, zu dessen 
Schilderung Goethe in dem nächsten Abschnitt 
„Graue Flächen und Bilder** übergeht. Sie sehen 
auf der unteren Hälfte von Fig. 6 zwei graue Recht- 
ecke. Das auf weißem Grunde erscheint dunkler, 
das auf schwarzem Grunde heller. In Wirklichkeit 
sind sie aber genau gleich hell. Goethe deutet 
dieses Phänomen physiologisch, es beruht nach ihm 
auf einer Lebensäußerung der Netzhaut. Wenn irgend 
welche Teile der Retina durch Licht getroffen wer- 
den, so ändert sich nicht nur ihre eigene Empfind- 
lichkeit, sondern auch die der umliegenden Netz- 
hautpartien. Diejenigen Stellen der Retina, auf 
welche die beiden gleichgrauen Bilder fallen, haben 
eine verschiedene Empfindlichkeit, weil die um- 
liegenden Netzhautteile das eine Mal von weißem 
Licht, das andere Mal von keinem Licht getroffen 
werden. Einige andere hierher gehörige Beispiele 
führt Goethe des weiteren noch an. In der Deutung 
des Simultankontrastes nimmt er einen ganz modernen 
Standpunkt ein. Noch Helmholtz hatte den Simultan- 
kontrast auf psychologische Ursachen bezogen; es 
sollte ihm eine Urteilstäuschung zugrunde liegen. 
Die neuere Forschung hat aber immer mehr Fälle 
bekannt gemacht, in denen solche Urteilstäuschungen 
ausgeschlossen sind, und bekennt sich daher mehr 
und mehr zu dem Goetheschen Standpunkt. Wir 



192 Siebente Vorlesung. 

haben im Simultankontrast ein physiologisches Phä- 
nomen zu sehen, eine „Induktion" von einem Teil 
der Netzhaut auf einen anderen, wodurch dessen 
Erregbarkeit geändert wird. 

Goethe geht nun zu den Farbenerscheinungen 
über und bespricht zunächst solche Fälle, in denen 
Farbenempfindungen nach Belichtung mit weißem 
Licht auftreten; das beste Beispiel liefert das farbige 
Abklingen der Blendungsbilder, wie wir es von der 
Sonne oder im Dunkelzimmer von stark belichtetem 
weißen Papier empfangen. Sehen wir danach ins 
Dunkle, so wird das ursprüngliche gelbe Sonnen- 
bild allmählich farbig. Für Goethes Augen war die 
Reihenfolge so, daß zuerst das Bild purpur, dann 
blau, dann grau gefärbt wurde. Er bestimmte die 
zeitliche Dauer der verschiedenen Farbenerschei- 
nungen und fand sie sehr wechselnd, meinte aber, 
daß sich vielleicht ein konstantes Verhältnis zwischen 
der Dauer der einzelnen Phasen finden lasse. Hieran 
hat dann später Purkinje in seinen „Beiträgen zur 
Kenntnis des Sehens in subjektiver Hinsicht" an- 
geknüpft. Ganz anders wurden nun die Farben, wenn 
Goethe das Biendungsbild nicht auf dunklem, son- 
dern auf hellem Grund abklingen ließ. Sah er auf 
ein weißes Blatt Papier, so erschien ihm das Nach- 
bild der Sonne nicht gelb, sondern blau, die nächste 
Phase war nicht purpur, sondern grün, die dritte 
gelb statt blau. Schließlich ging das Bild ebenfalls 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 193 

in grau über. Sehr schön läßt sich dieses gegen- 
sätzliche Verhalten erkennen, wenn man das Nach- 
bild auf ein Blatt Papier fallen läßt, das zur Hälfte 
schwarz, zur Hälfte weiß gefärbt ist; dann sieht man 
gleichzeitig in der einen Hälfte die Folge gelb, 
purpur, blau, während in der andern Hälfte blau, 
grün, gelb erscheint. So können Farbenempfindungen 
in einem Auge entstehen, in welches vorher nur 
weißes Licht gefallen war. Diese Farben sind ver- 
schieden, je nachdem die Netzhaut in Ruhe bleibt 
oder gleichzeitig durch weißes Licht gereizt wird. 
In letzterem Falle erscheint die Komplementär- 
farbe, nach Goethes Ausdruck die „geforderte" 
Farbe. Ein schönes Beispiel, welches gleichzeitig 
lehrt, wie Goethe in der Natur seine Augen offen 
hielt und zu beobachten pflegte, findet sich in der 
Farbenlehre. „Ich befand mich gegen Abend in 
einer Eisenschmiede, als eben die glühende Masse 
unter den Hammer gebracht wurde. Ich hatte scharf 
darauf gesehen, wendete mich um und blickte zu- 
fällig in einen offenstehenden Kohlenschoppen. Ein 
ungeheures purpurfarbnes Bild schwebte nun vor 
meinen Augen, und als ich den Blick von der dunklen 
Öffnung weg, nach dem hellen Bretterverschlag wen- 
dete, so erschien mir das Phänomen halb grün, halb 
purpurfarben, je nachdem es einen dunklem oder 
hellem Grund hinter sich hatte." Ebenso wird von 
Goethe das Purpursehen der Schneeblinden, welche 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 13 



194 Siebente Vorlesung. 

längere Zeit ohne Schutzbrillen über Gletscher ge- 
wandert sind, als solche Blendungsfarbe gedeutet. 
Nach dieser Vorbereitung erörtert Goethe die 
Erscheinungen, welche bei Betrachtung farbiger 
Bilder auftreten, und schildert zunächst die nega- 
tiven farbigen Nachbilder. Wenn man auf einer 
weißen Papiertafel ein rotes Papierstückchen (z. B. 
eine Zehnpfennigmarke) befestigt und dieses längere 
Zeit fixiert, so sieht man nachher, wenn das Auge 
auf einen gleichmäßig weißen Grund gerichtet wird, 
ein grünes Nachbild. War das Papier vorher grün 
(eine Fünf pfennigmarke), so ist das Nachbild rot, 
nach orange ist es blau, nach gelb violett, und um- 
gekehrt Dieses Auftreten der geforderten Farbe 
nennen wir Successivkontrast, und Goethe gibt auch 
hierfür die noch heute gültige physiologische Deu- 
tung. Es erscheint uns bei diesem Versuch „die 
zur Opposition aufgeforderte und durch den Gegen- 
satz eine Totalität hervorbringende Lebendigkeit 
der Netzhaut". Der Sinn dieses nicht leicht zu ver- 
stehenden Satzes ist, daß es sich bei dem Phänomen 
um eine Lebensäußerung, um eine Reaktion der 
Netzhaut handelt, welche unter dem Einfluß des 
Reizlichtes ihre Erregbarkeit so ändert, daß sie für 
die Gegenfarbe erregbarer (zur Opposition aufgefor- 
dert) wird. Da nun, wie wir gleich sehen werden, 
Reizlicht und Gegenfarbe sich ergänzen und auf- 
heben, 80 wird durch diesen Gegensatz eine Totali- 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 195 

tat hervorgebracht. Goethe hat an einer andern 
Stelle sich folgendermaßen ausgedrückt: „Wenn das 
Auge die Farbe erblickt, so wird es gleich in Thätig- 
keit gesetzt, und es ist seiner Natur gemäß, auf der 
Stelle eine andere, so unbewußt als notwendig, 
hervorzubringen, welche mit der gegebenen die 
Totalität des ganzen Farbenkreises enthält. Eine 
einzelne Farbe erregt in dem Auge, durch eine 
spezifische Empfindung, das Streben nach Allge- 
meinheit." Daß es sich bei 
diesen negativen Nachbildern 
um tatsächliche farbige Er- 
regungen in der Netzhaut han- 
delt (Successivinduktion), da- 
für gibt Goethe einen schönen 
Beweis. Er zeigt an einer spä- 
teren Stelle der Farbenlehre, ^'^•'• 
daß man die Farbe des negativen Nachbildes mit 
der Farbe irgend eines objektiven Papierstückes 
mischen könne, und daß dabei die gesetzmäßige 
Mischfarbe auftritt. Auf Grund dieser Tatsachen 
hat nun Goethe einen Farbenkreis konstruiert, aus 
dem sich die geschilderten Erscheinungen sofort 
ableiten lassen. 

In diesem Kreis (Fig. 7) stehen sich die Farben 
gerade gegenüber, welche sich gegenseitig fordern. 
Er enthält nach Goethes Ansicht, der in dem Grün 
keine einheitliche, sondern eine Mischfarbe sah, drei 

13* 




196 Siebente Vorlesung. 

einfache Farben: blau, gelb und purpur (rot), und 
drei Mischfarben: grün, orange und violett. Es 
stehen sich immer eine einfache und eine Misch- 
farbe gegenüber. Da die geforderte Mischfarbe 
(orange, violett, grün) immer aus den zwei andern 
Farben zusammengesetzt ist, als das einfache Reiz- 
licht (blau, gelb, purpur), so sehen wir, wie nach 
Goethe das Reizlicht und die geforderten Farben 
zusammen immer eine Totalität liefern müssen, in- 
dem sie immer aus den drei Grundfarben zusammen- 
gesetzt sind. Das ist die physiologische Dreifarben- 
theorie, wie sie Goethe gegeben hat. Sie hat mit 
der Young-Helmholtzschen Dreifarbentheorie gar 
nichts zu tun, zeigt vielmehr eine nähere Verwandt- 
schaft mit der Heringschen Theorie der Gegenfarben, 
weil sie ebenfalls von den Empfindungen ausgeht. 
Der Farbenkreis, wie er sich in neuern physio- 
logisch-optischen Lehrbüchern findet, hat ein anderes 
Aussehen. Hier stehen sich grün und rot, blau und 
gelb gegenüber. Wir dürfen daraus aber nicht 
schließen, daß Goethes Farbenkreis etwa fehlerhaft 
konstruiert sei. Es ist nur ein anderes Konstruktions- 
prinzip verwendet worden. Hering z. B. konstruiert 
seinen Farbenkreis so, daß immer zwei gegenüber- 
stehende Farben bei der Mischung grau oder weiß 
ergeben, während Goethe die physiologischen Kon- 
trastfarben einander gegenüberstellt. Das ist aus 
Gründen, deren Erörterung hier zu weit führen 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 197 

würde, nicht ganz dasselbe. Goethes Farbenkreis 
beruht auf außerordentlich genauen Beobachtungen. 
So gelangt er zu dem Schluß, daß die Farben- 
empfindungen unseres Auges einen in sich abge- 
schlossenen Ring bilden, der aus drei Grundfarben 
und den dazwischenliegenden Übergängen besteht. 
Dadurch scheidet sich das Farbensystem unseres 
Auges scharf vom objektiven Farbensystem, wie es 
im Spektrum vorhanden ist. Dieses bildet eine ein- 
fache lineare Reihe vom Rot über Gelb, Grün, Blau 
zum Violett; das Auge erst schließt diese Reihe zum 
Kreis dadurch, daß es eine Farbenempfindung be- 
sitzt, für welche im Spektrum das entsprechende 
Reizlicht nicht vertreten ist, und welche erst bei 
Mischung des äußersten spektralen Rots und Violetts 
auftritt, den Purpur. Dieser Goethesche Purpur stellt 
nach seiner Ansicht das reinste Rot dar, welches 
keine Spur von Blau oder Gelb beigemischt enthält. 
Von dem modernen Heringschen Farbensystem unter- 
scheidet das Goethesche sich dadurch, daß Grün als 
eine Mischfarbe betrachtet wird. Goethe war hier 
durch die Erfahrung irregeleitet, daß man bei der 
Malerei Grün aus Gelb und Blau mischen kann. Das 
liegt aber nur an der Unreinheit der verwendeten 
Pigmente. Reines spektrales Blau und Gelb ge- 
mischt geben grau oder weiß. Aus diesem Irrtum 
ist aber Goethe kein Vorwurf zu machen, denn die 
Erkenntnis der Mischungsverhältnisse von Blau und 



198 Siebente Vorlesung. 

Gelb ist erst fünfzig Jahre nach Goethe durch die 
Untersuchungen von Helmholtz ermöglicht worden. 
Es ist interessant, daß bei Goethe ebenso wie bei 
dem Physiker Brewster die Gewißheit, Grün sei eine 
Mischfarbe, so weit ging, daß sie im Grün den 
gelben und den blauen Anteil zu erkennen glaubten, 
während es doch tatsächlich unmöglich ist, sich ein 
gelbliches Blau oder bläuliches Gelb vorzustellen^). 
Abgesehen von diesem einen Punkte entspricht 
Goethes Dreifarbentheorie, soweit es das Wissen der 
Zeit erlaubte, in den wesentlichen Zügen der späteren 
Vierfarbentheorie Herings. 

Sehr anschaulich sind wieder die Beispiele, die 
Goethe für den Successivkontrast anführt. „Als ich 
gegen Abend in ein Wirtshaus eintrat und ein wohl- 
gewachsenes Mädchen mit blendendweißem Gesicht, 
schwarzen Haaren und einem scharlachroten Mieder 
zu mir ins Zimmer trat, blickte ich sie, die in 
einiger Entfernung vor mir stand, in der Halbdäm- 
merung scharf an. Indem sie sich nun darauf hin- 
wegbewegte, sah ich auf der mir entgegenstehenden 
weißen Wand ein schwarzes Gesicht, mit einem 



*) Ooethe hat allerdings beachtet, daß Grün uns nicht 
80 deutlich als Mischfarbe erscheint, wie z. B. Orange oder 
Violett. So sagt er: .Die Mischung OrUn hat etwas Spezi- 
fisches für das Auge" und bemerkt, daß „das Auge und das 
Gemüt auf diesem Gemischten wie auf einem Ein- 
fachen" ruhe. Den Schluß, daß Grün eine einheitliche 
Grundempfindung sei, hat er aber nicht gezogen. 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 199 

hellen Schein umgeben, und die Übrige Bekleidung 
der völlig deutlichen Figur erschien von einem 
schönen Meergrün." Dieses Eriebnis muß einen 
tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben, denn unter 
den optischen Papieren im Goethehaus befindet sich 
noch heute das Bild eines Mädchens in den Kon- 
trastfarben (s. unten S. 240, Fig. 9, Nr. 6). Hat man 
dieses längere Zeit fixiert, so sieht man nachher auf 
weißem Grunde ein deutliches Frauenbild. 

Das nächste hierher gehörige Phänomen hat 
Goethe längere Zeit beschäftigt und wird auch 
in seiner Korrespondenz mehrfach erwähnt. „Man 
erzählt, daß gewisse Blumen im Sommer bei Abend- 
zeit gleichsam blitzen, phosphorescieren oder ein 
augenblickliches Licht ausströmen. Einige Beobach- 
ter geben diese Erfahrungen genauer an. . . . Am 
19. Jun. 1799, als ich zu später Abendzeit, bei 
der in eine klare Nacht übergehenden Dämmerung, 
mit einem Freunde im Garten auf- und abging, be- 
merkten wir sehr deutlich an den Blumen des 
orientalischen Mohns, die vor allen andern eine sehr 
mächtig rote Farbe haben, etwas Flammenähnliches, 
das sich in ihrer Nähe zeigte. Wir stellten uns vor 
die Stauden hin, sahen aufmerksam darauf, konnten 
aber nichts weiter bemerken, bis uns endlich, bei 
abermaligem Hin- und Wiedergehen, gelang, indem 
wir seitwärts darauf blickten, die Erscheinung so 
oft zu wiederholen, als uns beliebte. Es zeigte sich, 



200 Siebente Vorlesung. 

daß es ein physiologisches Farbenphänomen, und 
der scheinbare Blitz eigentlich das Scheinbild der 

Blume in der geforderten blaugrünen Farbe sei 

Die Dämmerung ist Ursache, daß das Auge völlig 
ausgeruht und empfänglich ist, und die Farbe des 
Mohns ist mächtig genug, bei einer Sommer- 
dämmerung der längsten Tage, noch vollkommen zu 
wirken und ein gefordertes Bild hervorzurufen. . . . 
Will man indessen sich auf die Erfahrung in der 
Natur vorbereiten, so gewöhne man sich, indem 
man durch den Garten geht, die farbigen Blumen 
scharf anzusehen und sogleich auf den Sandweg 
hinzublicken; man wird diesen alsdann mit Flecken 
der entgegengesetzten Farbe bestreut sehen. Diese 
Erfahrung glückt bei bedecktem Himmel, aber auch 
selbst beim hellsten Sonnenschein, der, indem er 
die Farbe der Blume erhöht, sie fähig macht die 
geforderte Farbe mächtig genug hervorzubringen, 
daß sie selbst bei einem blendenden Lichte noch 
bemerkt werden kann. So bringen die Päonien 
schön grüne, die Calendeln lebhaft blaue Spectra') 
hervor.* 

Eine farbige Belichtung, welche eine Stelle der 
Netzhaut trifft, ändert aber nicht nur die „chroma- 
tische Stimmung" an dieser selben Stelle, sondern 
vermag auch auf die umliegenden Netzhautbezirke 



') Spectra *-• Nachbilder. 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 201 

eine ähnliche Wirkung auszuüben. Wir kommen 
damit zur Besprechung der Fälle, welche heute als 
farbiger Simultankontrast bezeichnet werden. Goethe 
hat sie in besonders eingehender Weise studiert 
und ihnen die physiologische Deutung gegeben. 
Wird an einer gelben Wand ein Stückchen weißes 
Papier befestigt, so bekommt dieses, aus der Ent- 
fernung gesehen, einen violetten Schein. Legt man 
geblümten Musselin auf ein lebhaft grün gefärbtes 
Papier, so scheint die Unterlage durch die durch- 
sichtigen Stellen des Musselins grünlich hindurch, 
die undurchsichtigen weißen Blumen erscheinen in 
der geforderten Komplementärfarbe rötlich. Sieht 
man durch die Zwischenräume des herabgelassenen 
grünen Fensterladens aus dem Zimmer auf ein gegen- 
überliegendes graues Haus, so sehen dessen Wände 
ebenfalls rötlich aus. Am Meeresstrand sieht man 
die grünen Wellen lebhafte purpurne Schatten werfen. 

„Siehst auf und ab lichtgrüne schwanke Wellen, 
Mit Purpursaum, zu schönster Wohnung schwellen" 

(Faust). 

Alle diese Fälle haben das Gemeinsame, daß eine 
Netzhautstelle farbig erregt wird und dadurch andere 
Netzhautstellen disponiert werden, die Komplemen- 
tärfarben erscheinen zu lassen. Diesen Vorgang 
physiologisch gedeutet zu haben ist Goethes Ver- 
dienst „Mahlt sich auf einem Theile der Netzhaut ein 
farbiges Bild, so findet sich der übrige Theil so- 



202 Siebente Vorlesung. 

gleich in einer Disposition, die bemerkten correspon- 
direnden Farben hervorzubringen.** Diese physio- 
logische Deutung Goethes, die sich eng an seine 
Auffassung des farblosen Simultankontrastes an- 
schließt, ist keineswegs die einzig mögliche. Helm- 
holtz hat auch den farbigen Simultankontrast auf 
psychische Ursachen zurückzuführen und als Urteils- 
täuschungen zu deuten versucht. Neuerdings ist 
man aber mehr und mehr wieder zu der Goetheschen 
Ansicht gekommen. Man sieht im Simultankontrast 
den Ausdruck für eine „farbige Induktion", die ein 
Netzhautbezirk auf den andern auszuüben imstande 
ist, in dem Sinne, daß bei Belichtung eines Netz- 
hautteiles die chromatische Stimmung der Umgebung 
gegen die geforderte Farbe hin verschoben wird. 
Dafür, daß es sich tatsächlich beim Simultankontrast 
um farbige Erregungen der Netzhaut handelt, hat 
Goethe einen sehr schönen experimentellen Beweis 
angegeben. Fixiert man längere Zeit ein orange 
Viereck auf weißem Grund, so bekommt man nach- 
her, wenn der Blick auf eine gleichmäßig weiße 
Fläche fällt, ein lebhaft blau-grünes Nachbild; ist 
dieses kräftig genug, so sieht man die Umgebung 
dieses Nachbildes nicht weiß, sondern deutlich orange. 
Hier tritt also in der Umgebung des farbig gereizten 
Netzhautbezirks an Stellen, welche während des 
ganzen Versuchs nur von weißem Lichte getroffen 
worden sind, eine Farbenerscheinung auf. Dieser 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 203 

Simultankontrast gegen ein farbiges Nachbild ist 
vielleicht der Versuch Goethes, der am schlagend- 
sten die physiologische Natur dieser Phänomene 
beweist Aber damit nicht genug. Goethe zeigt 
an einer andern Stelle der Farbenlehre weiter, daß 
man die Farben, welche durch Simultankontrast er- 
scheinen, mit objektiv dargebotenen Reizlichtern 
mischen kann, wenn man auf eine farbige Fläche 
blickt. Goethes Beispiel bezieht sich allerdings 
auf den nicht ganz reinen Fall der Mischung von 
subjektivem Blau und objektivem Gelb zu Grün, 
aber er gibt ausdrücklich an, daß auch alle übri- 
gen Mischungen in typischer Weise zu erzielen 
sind. So wird die farbige Erregung nicht gereiz- 
ter Netzhautpartien durch Induktion von ihm nicht 
nur behauptet, sondern auch bewiesen. Die den 
Malern bekannte Tatsache, daß nebeneinanderge- 
stellte Komplementärfarben sich auf Bildern gegen- 
seitig „heben", d. h. in ihrer Leuchtkraft verstärken, 
wird von Goethe mit Recht ebenfalls auf Simultan- 
kontrast bezogen. 

Die größten Triumphe feierte diese neue Er- 
kenntnis, als sie zur Aufklärung einer Erscheinung 
verwendet wurde, welche schon früher vielfach be- 
kannt, aber falsch gedeutet war. Goethe hat die 
farbigen Schatten auf den Simultankontrast zurück- 
geführt. Schon früh hatte er dieselben in der Natur 
mit aufmerksamem Auge beobachtet, auf seinen Reisen 



204 Siebente Vorlesung. 

im Harz, in der Schweiz und Italien drängten sie sich ihm 
immer von neuem auf, und schon im Jahre 1792 ver- 
öffentlichte er einen kleinen Aufsatz „Über die farbigen 
Schatten*, in dem die Bedingungen ihres Auftretens 
auf das Sorgfältigste experimentell dargelegt werden. 
Die richtige Deutung findet sich jedoch in diesem 
Aufsatze noch nicht. Sie wird erst 18 Jahre später 
in dem Hauptwerk gegeben. Die Erscheinung selbst 

ist allbekannt. Stellt 

Jüsrzenlieht Tageslicht ., . 

(acib)^ l,iweirs) man gegen Abend, 

wenn das Tageslicht 
gedämpft ins Zimmer 
dringt, eine brennende 
Kerze so auf, daß ein 
weißes Blatt Papier, 
das auf dem Tische 
liegt, vom Tageslicht 
und Kerzenlicht gleichzeitig getroffen wird, und läßt 
nun von einem senkrecht gestellten Bleistift oder Lineal 
zwei Schatten auf das Papier fallen (s. Fig. 8), der 
eine vom Kerzenlicht geworfen und vom Tageslicht 
erhellt, der andere umgekehrt vom Tageslicht ge- 
worfen und vom Kerzenlicht erhellt, so sieht man 
den einen Schatten gelb, den andern in lebhaftem 
Blau erscheinen. Dieses Blau ist oft so kräftig, daß 
die früheren Beobachter die Farbe für objektiv hielten 
und viele sie als Reflex vom blauen Himmel her 
erklärten. Um was es sich tatsächlich dabei han- 




Fig.a 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik, 205 

delt, wird klar, wenn man sich überlegt, welches 
Licht die einzelnen Partien des weißen Papiers bei 
diesem Versuche bekommen. Der weiße Grund A 
(siehe Figur 8) erhält weißes Licht vom Fenster und 
gelbes Licht von der Kerze, der eine Schatten B er- 
hält nur gelbes Kerzenlicht, der andere C nur weißes 
Tageslicht; dieser letztere erscheint blau, und zwar, 
wie Goethe gezeigt hat, deshalb, weil die Um- 
gebung A dieses Schattens, welche uns bei ober- 
flächlicher Betrachtung einfach weiß erscheint, in 
Wirklichkeit durch das Gemisch von Tages- und 
Kerzenlicht gelblich erleuchtet ist. Die blaue Farbe 
des Schattens erscheint durch Simultankontrast gegen 
den gelblichen Grund. Daß dieses die richtige 
Deutung ist, dafür gibt Goethe eine ganze Reihe 
von verschiedenen Versuchen an. Erzeugt man sich 
die Schatten zunächst mit zwei ganz gleichen Kerzen, 
so sehen beide schwarz aus; färbt man aber das 
Licht der einen Kerze mit farbigen Gläsern, so er- 
scheinen beide Schatten farbig, der eine in der 
Farbe des Glases, der zweite in der „geforderten" 
Kontrastfarbe. Ein besonders elementares Beispiel 
dafür, daß die Farbe des Schattens unabhängig ist 
von der Farbe des zweiten Lichts, findet sich in 
Goethes erster Abhandlung. Hier wird das gleich- 
mäßig graue Licht, das von einer weißen Hauswand 
reflektiert wird, benützt, um einmal gegenüber dem 
Kerzenlicht, das andere Mal gegenüber dem Sonnen- 



206 Siebente Vorlesung. 

licht zu wirken. Trotzdem der zweite Schatten in 
beiden Fällen von dem gleichen Licht erhellt wird, 
sieht er das eine Mal gelb, das andere Mal blau aus. 
Besonders schön erscheinen die farbigen Schatten, 
wenn Kerzenlicht und Mondlicht gegeneinander 
wirken. Zahllos ist ihr Auftreten in der Natur. Nach- 
stehende schöne Schilderung zeigt, wie Goethe hier 
zu beobachten verstand. „Auf einer Harzreise im 
Winter stieg ich gegen Abend vom Brocken her- 
unter, die weiten Flächen auf- und abwärts waren 
beschneit, die Heide von Schnee bedeckt, alle zer- 
streut stehenden Bäume und vorragenden Klippen, 
auch alle Baum- und Felsenmassen völlig bereift, 
die Sonne senkte sich eben gegen die Oderteiche 
hinunter. — Waren den Tag über, bei dem gelblichen 
Ton des Schnees, schon leise violette Schatten be- 
merklich gewesen, so mußte man sie nun für hoch- 
blau ansprechen, als ein gesteigertes Gelb von den 
beleuchteten Teilen widerschien. — Als aber die Sonne 
sich endlich ihrem Niedergang näherte, und ihr durch 
die stärkeren Dünste höchst gemäßigter Strahl die 
ganze mich umgebende Welt mit der schönsten 
Purpurfarbe überzog, da verwandelte sich die Schatten- 
farbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem 
Meergrün, nach seiner Schönheit einem Schmaragd- 
grfln verglichen werden konnte. Die Erscheinung 
ward immer lebhafter, man glaubte sich in einer 
Feenwelt zu befinden, denn alles hatte sich in die 



Die Farbenlehre 1. — Physiologische Optik. 207 

zwei lebhaften und so schön übereinstimmenden 
Farben gekleidet, bis endlich mit dem Sonnen- 
untergang die Prachterscheinung sich in eine graue 
Dämmerung, und nach und nach in eine mond- 
und sternhelle Nacht verlor.** — Auch die farbigen 
Schatten in der Taucherglocke, welche von Newton 
für objektiv angesehen waren, erklärt Goethe als 
physiologisch bedingt. Bei Sonnenschein sehen die 
Taucher den Meeresgrund purpurfarbig, die Schat- 
ten im lebhaftesten Grün. Alle Schilderung der 
farbigen Schatten vermag aber nicht das Vergnügen 
zu ersetzen, welches die Nachahmung der von 
Goethe angegebenen Versuche gewährt. Man wird 
erstaunt sein über die Schönheit der auftretenden 
Farben. 

Gelegentliche Bemerkungen, welche Goethe an 
anderer Stelle der Farbenlehre macht, zeigen, daß er 
auch über die Brechungsverhältnisse des Auges nach- 
gedacht hat. Er erwähnt, daß eine Öffnung im Fenster- 
laden der Dunkelkammer ihm beim Geradeaussehen 
mit farblosen Rändern erscheine, daß er dagegen 
bei starkem Neigen des Kopfes nach vorn oder 
hinten gelbe und blaue Ränder wahrnehme. Er be- 
zieht das darauf, daß die Kristallinse im Auge in 
ihren mittleren Partien ein guter achromatischer 
optischer Apparat sei, daß dagegen ihre seitlichen 
Teile nicht genügend chromatisch korrigiert wären, 
so daß beim Durchtritt der Lichtstrahlen durch die 



208 Siebente Vorlesung. 

Seitenteile ebensolche farbigen Ränder entstehen wie 
bei schlechten Ferngläsern. Goethe bemerkt also 
die ungentigende chromatische Korrektion unserer 
Linse unter bestimmten Bedingungen, die später von 
Helmholtz auch für ihre mittleren Teile exakt nach- 
gewiesen worden ist 

Daß Goethe die Erscheinung der Doppelbilder 
auch wohl vertraut war, und daß er über das Zu- 
standekommen der Tiefenwahrnehmung nachgedacht 
hat, ergibt sich aus gelegentlichen Bemerkungen. 

Nach einem kurzen Kapitel über subjektive und 
objektive Höfe, wie sie um Kerzenflammen, um 
Sonne und Mond erscheinen, folgt dann im didak- 
tischen Teil der Farbenlehre der kurze, aber inhalt- 
reiche Abschnitt: „Pathologische Farben". Auch 
gegenüber den Krankheitszuständen des Auges ver- 
tritt Goethe denselben Standpunkt, den wir schon 
früher anläßlich der Mißbildungen von Tier und 
Pflanzen kennen gelernt haben. Er sieht im Ab- 
normen ebenfalls Lebensäußerungen, deren normale 
Grundlage erforscht werden kann. „Die krankhaften 
Phänomene deuten ebenfalls auf organische und 
physische Gesetze." Die interessanteste Beobachtung 
dieses Abschnitts bezieht sich auf die sogenannte 
Farbenblindheit, im Jahre 1794 hat der englische 
Chemiker Dalton diesen Zustand, an dem er selber 
litt und der nach ihm „Daltonismus" genannt wurde, 
zuerst wissenschaftlich geschildert. Seine Mitteilung 



Die Farbeniehre I. — Physiologische Optik. 209 

erschien 1798 im Druck und in demselben Jahre hat 
Goethe unabhängig von Dalton ebenfalls an zwei 
Fällen genaue Untersuchungen angestellt. Beson- 
ders bot sich ein junger Gildemeister, der eben in 
Jena studierte, freundlich zu allen Hin- und Wieder- 
versuchen, und Goethe lieferte eine so klare Be- 
schreibung dessen, was sich an den Versuchs- 
personen feststellen ließ, daß wir heute die Art der 
Farbenblindheit noch nachträglich diagnosticieren 
können. Er beschränkte sich aber keineswegs wie 
Dalton auf einfache Schilderung der Symptome, 
sondern gab als der erste eine theoretische Deu- 
tung. Nach seiner Meinung beruht „das wunder- 
bare Schwanken, daß gewisse Menschen die Farben 
verwechseln", darauf, daß sie einige Farben sehen, 
andere nicht sehen, daß sie also für bestimmte 
Farben blind sind. Die von Goethe untersuchten 
Fälle gehören dem häufigsten Typus der Farben- 
blinden an, welche nach Hering als rot-grtinblind 
bezeichnet werden. Goethe aber deutet diese Fälle 
als Blaublindheit. Interessanterweise rührt diese letz- 
tere Ansicht von Schiller her, und es ist lehrreich, 
sich den Grund klar zu machen, aus dem die beiden 
Dichter zu ihrem Irrtum kamen. Sie stellten fest, daß 
Grün nicht gesehen wurde; da aber Grün nach 
Goethes Meinung eine gemischte Empfindung aus 
Blau und Gelb ist, und da Gelb von den unter- 
suchten Personen sehr gut unterschieden werden 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 14 



210 Siebente Vorlesung. 

konnte, wurde per exciusionem geschlossen, daß 
die blaue Empfindung fehlen müsse. Wenn es sich 
also tatsächlich auch nicht um Blau-, sondern um 
Rotgrünblindheit gehandelt hat, so ist wichtig ge- 
nug, daß Goethe als der erste in dem Fehlen einer 
Gruppe von Farbenempfindungen die Ursache dieses 
Zustands gesehen hat. Um zu veranschaulichen, 
wie solchen Personen die Welt erscheint, bildete er 
in den Tafeln zur Farbenlehre eine Landschaft ab, 
auf der alles Blau fehlt, der Himmel rosa und die 
Bäume rot und gelb aussehen. 

Erwähnt wird in dem Abschnitt über patholo- 
gische Farben noch die Lichterscheinung, welche 
bei galvanischer Durchströmung des Kopfes ein- 
tritt, das Funkensehen, welches bei einem Schlag 
aufs Auge erfolgt, die Lichtempfindung, die durch 
seitlichen Druck auf den Augapfel hervorgerufen 
wird, u. a. m. Eine sehr gute Beschreibung gibt 
Goethe von den sogenannten „mouches volantes", 
den fliegenden Mücken, welche durch das Ge- 
sichtsfeld huschen, wenn man längere Zeit mit 
gesenktem Kopf, z. B. am Mikroskop, gearbeitet 
hat, und die hauptsächlich auf kleinen Trübungen 
beruhen, welche im Glaskörper des Auges auf- 
gewirbelt werden. Erwähnt wird ferner, daß in 
krankhaften Zuständen des Auges die Nachbilder 
oft abnorm lang andauern, Blendungsbilder manch- 
mal tagelang von Patienten gesehen werden. Noch 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 211 

vieles Interessante ist in diesem Abschnitt ent- 
halten. 

Fragt man nun, worin die Bedeutung dieses ersten 
Teiles der Farbenlehre liegt, der zweifellos als der 
wichtigste und wissenschaftlich bahnbrechendste des 
ganzen Goetheschen Werkes bezeichnet werden muß, 
so läßt sich zusammenfassend etwa folgendes sagen. 
Ein Teil der Tatsachen, die hier geschildert werden, 
war schon früher bekannt, so die Irradiationserschei- 
nungen, die farbigen Nachbilder und die farbigen 
Schatten. Aber sie waren teilweise nicht als sub- 
jektiv angesprochen worden, teilweise hatte man sie 
für nebensächliche oder pathologische Phänomene 
gehalten. Goethe war der erste, welcher alle diese 
Dinge unter dem gemeinsamen Gesichtspunkte zu- 
sammenfaßte, daß sie ein Kennzeichen für die normale 
Tätigkeit unseres Auges sind, und er hat auf diese 
Weise die erste Darstellung von der Physiologie des 
Licht- und Farbensinns gegeben, eine Darstellung, 
welche den heutigen Leser noch durchaus modern 
anmutet. Nimmt man irgend eines der jüngsten 
Lehrbücher der physiologischen Optik zur Hand, 
z. B. die neu erschienene Darstellung Herings, und 
liest nachher Goethes Farbenlehre, so ist man er- 
staunt, in diesem Werke in den Grundzügen die 
heutigen Anschauungen bereits niedergelegt zu finden. 
Goethes wichtigste Entdeckungen sind, daß er die 
Kontrastfarben auf die physiologische Tätigkeit der 

14* 



212 Siebente Vorlesung. 

Netzhaut bezog; sowohl der Successivkontrast wie 
der Simultankontrast sind so von ihm in modernster 
Weise gedeutet worden ; die Lehre von den farbigen 
Schatten hat von ihm die feste physiologische Basis 
erhalten; für die Erscheinung der Farbenblindheit 
hat er zuerst eine physiologische Theorie gegeben; 
auch die Anordnung des Farbensystems in einen 
Farbenkreis nach physiologischen Gesichtspunkten 
ist Goethes originelles Werk, das von ihm auf die Er- 
scheinung der Kontrastfarben gegründet wurde. So 
sehen wir in diesem Abschnitt von den physiologi- 
schen Farben wichtige wissenschaftlicheEntdeckungen 
und Anschauungen in großer Zahl niedergelegt. 

Goethe läßt hierauf die Darstellung der physischen 
und chemischen Farben folgen. Wir wollen diesen 
Gang hier aber unterbrechen und gleich das letzte 
Kapitel des didaktischen Teils besprechen, das von 
der „sinnlich-sittlichen Wirkung der Farben" handelt. 
In diesem Abschnitt hat Goethe seine Farben- 
ästhetik niedergelegt. Wie Sie wissen, gingen ja 
die optischen Untersuchungen von Fragen des male- 
rischen Kolorits aus, und hier am Schluß kehrt Goethe 
zu diesem Ausgangspunkt zurück. Auch hierin be- 
währt er sich als durchaus originell. Er nimmt 
nämlich die von ihm ermittelten physiologisch-opti- 
schen Gesetze zur Grundlage für die ästhetische 
Betrachtung der Farbenzusammenstellungen. „Das 
Grundgesetz der Farbenharmonic ist physiologisch." 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 213 

So sehen wir Goethe auf Wegen, die später Helm- 
holtz in seinem Vortrag: „Optisches über Malerei" 
betrat. Dadurch, daß er die Lehre von der Farben- 
harmonie so auf physiologische Basis stellte, ist er 
ebenfalls ein Bahnbrecher geworden, dessen Aus- 
führungen von vielen der zeitgenössischen Maler 
freudig aufgenommen worden sind, 

Goethe geht aus von seinem Farbensystem, von 
dem Farbenkreis (s. o. S. 195, Fig. 7), dessen Konstruk- 
tion ja auf den Kontrastempfindungen des Auges be- 
ruht. Hier stehen sich Rot (Purpur) und Grün, Orange 
und Blau, Gelb und Violett gegenüber. Diese drei 
Paare von Kontrastfarben („geforderten Farben") 
bilden nun nach Goethe diejenigen Farbenzusammen- 
stellungen, welche harmonisch wirken. Die harmo- 
nische Ergänzung jeder Farbe ist ihre Kontrastfarbe. 
Bei Betrachtung des Farbenkreises ergibt sich dann 
weiter, daß noch eine Reihe von andern Farben- 
zusammenstellungen möglich ist. Zunächst kann man 
zwei Farben nebeneinander stellen, welche im Farben- 
kreis nur durch eine zwischenliegende Farbe getrennt 
sind. SolcheZusammenstellungnenntGoethe charak- 
teristisch. Es sind z. B. Blau und Gelb, Gelb und 
Purpur, Purpur und Blau, Orange und Violett. Dann 
kann man aber auch Farbenpaare bilden aus Pig- 
menten, welche im Farbenkreis direkt benachbart 
sind. Das sind charakterlose Zusammenstellungen: 
Gelb — Orange, Orange —Purpur, Purpur — Violett, 



214 Siebente Vorlesung. 

Violett — Blau, Blau — Grün, Grün — Gelb. Durch 
diese Einteilung schafft Goethe in der unendlichen 
Mannigfaltigkeit der möglichen Zusammenstellungen 
zunächst einmal durch die Aufstellung weniger charak- 
teristischer Gruppen Ordnung. In Wirklichkeit wer- 
den alle Möglichkeiten durch die angeführten Bei- 
spiele nicht erschöpft; es gibt erstens viel mehr 
Farbennüancen als die sechs des Goetheschen Kreises, 
und diese Farben können in allen Abstufungen der 
Sättigung und Reinheit erscheinen; aber immer wer- 
den sie sich bei der Zusammenstellung mehr oder 
weniger in eine der drei Goetheschen Gruppen 
einfügen lassen. — Es wird dann weiter noch die 
Definition des Bunten gegeben. Bunt wirken alle 
Zusammenstellungen, in denen die Pigmente in ihrer 
höchsten Energie und Leuchtkraft erscheinen, die 
aber nicht in harmonischem Gleichgewicht sind. 

Darauf analysiert Goethe die verschiedenen Kom- 
ponenten, aus denen sich das Kolorit eines Ge- 
mäldes zusammensetzt. Zunächst erscheinen in einem 
Bilde die Unterschiede zwischen Hell und Dunkel. 
Alle Obergänge vom höchsten Licht durch das 
Halblicht zu dem tiefsten Schatten sind möglich, 
und diese letzteren können wieder durch zahlreiche 
Reflexe aufgehellt werden. Um sich den Anteil 
dieser „Schwarz-weiß-Komponente" an der Bild- 
wirkung klar zu machen, hatte Qoethe, wie erwähnt, 
Angelika Kaufmann veranlaßt, ein Ölbild grau in 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 215 

grau auszuführen und dann erst nachträglich mit 
Lasurfarben zu überziehen. Auf dieses „Helldunkel" 
superponieren sich nun die Farbenwirkungen. Zu- 
nächst hat jeder Gegenstand im Gemälde seine ihm 
eigentümliche Körperfarbe, die Lokalfarbe: der Baum 
sein Grün, der Stamm sein Braun, das Dach sein 
Rot. Auf einem guten ölbilde werden aber diese 
ursprünglichen Körperfarben durch die mannigfal- 
tigsten Umstände modifiziert. Vor allem kommt die 
lokale Beleuchtung hinzu. Wird diese durch das 
Sonnen- oder Tageslicht gegeben und trifft sie 
Gegenstände des Vordergrundes, so werden die 
Körperfarben dadurch ins Gelbliche oder Rötliche 
hinübergezogen. Demgegenüber unterliegen die ent- 
fernten Gegenstände des Hintergrundes der Ein- 
wirkung der Luftperspektive. Sie erscheinen da- 
durch, aus Gründen, welche im Abschnitt über die 
physischen Farben auseinandergesetzt werden, bläu- 
licher, als der Körperfarbe entspricht. Zu diesen 
Abwandlungen der Körperfarben gesellen sich dann 
weiter solche, die durch physiologische Vorgänge 
bedingt sind. Der aufmerksame Naturbeobachter 
sieht in einer Landschaft, besonders in den Schatten, 
vielfach die „geforderten" Farben. Vor einer grünen 
Wiese erscheinen die braunen Baumstämme im röt- 
lichen Ton, die Schatten einer Schneelandschaft sind 
blau, usw. Auch dieses hat der Maler wiederzugeben, 
v^renn er auch, wie Goethe bemerkt, von Unkundigen 



216 Siebente Vorlesung. 

sich den Vorwurf der Unnatürlichkeit zuzieht. Man 
glaubt hier einen Beurteiler der modernsten Malerei 
reden zu hören. Aber auch die Farben des Bildes 
selbst, so wie sie der Maler nebeneinandersetzt, be- 
einflussen sich gegenseitig. Schon die Farbe des 
Rahmens vermag die Stimmung eines Gemäldes 
vollkommen zu ändern. So gehen in das farbige 
Kolorit die verschiedenartigsten Elemente ein. Die 
Körperfarbe wird durch Beleuchtung und Luft- 
perspektive und durch Simultankontrast sehr wesent- 
lich geändert. Alle diese oft widerstreitenden Ele- 
mente, alle diese verschiedenen Färbungen muß nun 
der Maler zu einer einheitlichen Gesamtwirkung zu- 
sammenfassen. Hier lassen sich allgemeine Regeln 
nur schwer aufstellen. Die Farbenzusammenstellung 
muß vielmehr nach rein künstlerischen Gesichts- 
punkten geschehen. Trotzdem greift Goethe einige 
charakteristische Arten des Kolorits heraus. Mäch- 
tig wirken nach seiner Ansicht Bilder, auf denen 
die aktiven Farben gelb, orange, purpur überwiegen, 
dagegen wenig violett und blau und fast gar kein 
grOn enthalten ist. Sanft wirken Gemälde, in denen 
die passiven Farben blau, violett und purpur vor- 
herrschen, dagegen wenig grün und kein gelb vor- 
handen ist. Einen glänzenden Eindruck machen 
dagegen solche Kunstwerke, welche die Gesamtheit 
des Farbenkreises In sich enthalten. Die höchste 
Aufgabe des Künstlers liegt darin, auf seinen Bil- 



Die Farbenlehre I. — Physiologische Optik. 217 

dern die Gesamtheit der Farben in harmoni- 
scher We i s e zueinander in Einklang zu bringen, d. h. 
in einer Weise, wie sie durch die physiologischen 
Eigenschaften des Auges gefordert wird. 

Verwerflich aber ist es, die Farben dadurch zu- 
sammen zu stimmen, daß das ganze Bild mit einem 
gleichmäßigen Ton überzogen wird. Besonders 
energisch spricht sich Goethe über die Mode der 
Maler aus, ihre Bilder mit dem gelbbraunen Ton 
zu überziehen, wie ihn die nachgedunkelten Werke 
der alten Meister zeigen; gerade wie viele moderne 
Maler macht auch Goethe energisch gegen die 
„braune Sauce" Front. Eine derartige Malweise stört 
ihm die Totalität. 

Das ist in Kürze der Inhalt von Goethes Farben- 
ästhetik. Ihr Wert liegt darin, daß sie auf die physio- 
logischen Eigenschaften unseres Auges gegründet 
wird. So hat sich Goethe durch wissenschaft- 
liche Studien einen Einblick in das Zustande- 
kommen malerischer Wirkungen errungen. Der Un- 
befangene sieht, daß sein künstlerischer Geschmack 
und sein Urteil in vielen Fällen sich mit den Be- 
strebungen der modernen Malerei decken. Goethe 
stand auch über diese Dinge in brieflichem Ge- 
dankenaustausch mit einem Maler, dem die neuere 
Kunstgeschichte einen der ersten Vorkämpferposten 
für die Begründung der neueren Malerei angewiesen 
hat, mit Philipp Otto Runge. Dieser Künstler, dessen 



218 Siebente Vorlesung, 

Bilder heute durch die Schwere des Kolorits einen 
so merkwürdigen Eindruck machen, war ein großer 
Farbentheoretiker. Auch er hatte ein Farbensystem 
ausgebaut, das er auf eine Kugel auftrug, und Regeln 
über harmonische und unharmonische Farbenzusam- 
menstellungen entwickelt Ein Brief Runges findet 
sich am Schluß der Farbenlehre abgedruckt, und 
umgekehrt nimmt der Maler in seinem 1810 er- 
schienenen Werk „Farbenkugel oder Konstruktion 
des Verhältnisses aller Mischungen der Farben zu- 
einander, und ihrer vollständigen Affinität, mit an- 
gehängtem Versuch einer Ableitung der Harmonie 
in den Zusammenstellungen der Farben" auf Goethes 
Anschauungen dauernd Bezug. 

So sehen wir die Fäden von Goethes optischen 
Studien sich hinüberschlingen zu den Anfängen der 
neuen farbenfreudigen Malerei des 19. Jahrhunderts. 



Achte Vorlesung. 
Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 

Meine Herren! Wenn wir jetzt an die Bespre- 
cliung des Abschnittes von den physiologischen 
Farben, der Goethes grundlegende Leistungen auf 
optischem Gebiete birgt, die des Kapitels über die 
physischen Farben anschließen, in dem seine 
optischen Irrtümer enthalten sind, so wollen wir 
ein Selbstbekenntnis von ihm an die Spitze stellen. 
„Meine Absicht bei meinen optischen Bemühungen 
ist: alle Erfahrungen in diesem Fache zu sammeln, 
alle Versuche selbst anzustellen und sie durch ihre 
größte Mannigfaltigkeit durchzuführen, wodurch sie 
denn auch leichter nachzumachen und nicht aus 
dem Gesichtskreis so vieler Menschen hinausgerückt 
sind. Sodann die Sätze, in welchen sich die Er- 
fahrungen von der höheren Gattung aussprechen 
lassen, aufzustellen und abzuwarten, inwiefern sich 
auch diese unter ein höheres Prinzip rangieren." 
Den ersten Teil dieser selbstgestellten Aufgabe hat 
Goethe, darin sind alle Beurteiler einig, auf das 
Glänzendste gelöst. Seine Schilderung der Experi- 
mente ist mustergültig. Es ist kein Zweifel, daß 



220 Achte Vorlesung. 

die Versuchsergebnisse, soweit er sie tatsäclilich 
schildert, vollkommen richtig sind. Ein so genauer 
Kenner der Farbenerscheinungen wie Johannes Müller 
sagt in seinem grundlegenden Werke „zur verglei- 
chenden Physiologie des Gesichtssinnes": „Insbe- 
sonders scheue ich mich nicht zu bekennen, daß 
ich der Goethe'schen Farbenlehre überall dort ver- 
traue, wo sie einfach die Phänomene darlegt und 
in keine Erklärungen sich einläßt, wo es auf die 
Beurteilung der Hauptkontroverse ankommt." In 
demselben Sinne hat sich mehrfach Helmholtz aus- 
gesprochen. Die von Goethe geschilderten Tat- 
sachen und Experimente bestehen also zu Recht. 
Im Goethehaus sind noch heute die optischen In- 
strumente, mit denen die Versuche angestellt wurden, 
vollständig erhalten. Goethe hat unter Aufwendung 
großer Kosten „nach und nach einen Apparat zu- 
sammengebracht, wie er wohl noch nicht beisammen 
gewesen ist". Auf Fig. 9 ist einiges davon abge- 
bildet. Bei einem Aufenthalt in Weimar konnte ich 
durch die Liebenswürdigkeit von Herrn Geh. Hofrat 
Ruiand dieses Instrumentarium ans Licht ziehen und 
eine große Reihe von Goethes Experimenten mit 
seinen eigenen Apparaten wiederholen. Es waren 
eigentümlich weihevolle Stunden, in denen das 
Handwerkszeug des großen Meisters aus der Tiefe 
der Schränke hervorgeholt wurde und nun alle 
die vielfältigen Farbencrschcinungcn wieder ent- 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 221 

stehen ließ, die in der Farbenlehre geschildert sind. 
Goethe hat durchweg mit den einfachsten Mitteln 
gearbeitet, aber diese waren so ausgewählt, daß 
die Farben in wundervoller Klarheit und Schön- 
heit unter den geschilderten Versuchsbedingungen 
sich hervorrufen ließen. So sind auch heute noch 
dieselben Phänomene, die Goethe gesehen hat, mit 
denselben Mitteln und an demselben Orte wieder 
in voller Deutlichkeit zu reproduzieren. 

Anders steht es mit dem zweiten Teil der Auf- 
gabe, die sich Goethe stellte. Die theoretische Ver- 
wertung seiner Experimente führte ihn zu einer An- 
sicht über die Entstehung der Farben, mit welcher 
er schon bei seinen Zeitgenossen mit wenig Aus- 
nahmen keine Anerkennung fand und die heute 
völlig verlassen ist. Sie führte ihn weiter zu einer 
Polemik gegen Newtons Farbentheorie, deren Ge- 
dankengang wir weiter unten zu würdigen haben. 
Will man aber in diesem Punkte völlig gerecht 
urteilen, so darf man nicht vergessen, daß zu Goethes 
Zeiten die physikalische Theorie des Lichtes und 
der Farben keineswegs so geklärt war wie heute. 
Damals kämpften die alte Newtonsche Emissions- 
theorie, welche annahm, daß das Licht aus kleinsten 
körperlichen Teilen bestehe, die von der Licht- 
quelle geradlinig fortgeschleudert werden, und die 
Huyghens'sche Undulationstheorie miteinander, welche 
im Licht die Wellenbewegung eines hypothetischen 



222 Achte Vorlesung. 

Lichtäthers sieht Gerade in jenen Zeiten wurden 
nun eine Reihe optischer Phänomene entdeckt, 
welche sich den herrschenden Theorien nicht ohne 
weiteres einfügen wollen (die Achromasie, die Er- 
scheinungen des polarisierten Lichtes u. a.). Zu ihrer 
Erklärung mußten die Vertreter beider Theorien ihre 
Ansichten wechseln. Es herrschte ein lebhaftes Hin 
und Wider der Meinungen, und Goethe gewann 
daraus die Überzeugung von der Wertlosigkeit jeder 
Theorie überhaupt. So bildete er sich seine selbst- 
ständige Ansicht, der man jedenfalls zubilligen muß, 
daß sie erstens anschaulich und zweitens in sich 
konsequent war. 

Die physischen Farben sind nach Goethe solche, 
zu deren Hervorbringung das farblose Licht mit 
materiellen, selbst ungefärbten Medien in Beziehung 
treten muß. Wenn also Licht durch ein farbloses 
Glasprisma hindurchfällt und danach die Farben- 
erscheinung des Spektrums gibt, so ist das phy- 
sische Farbe im Goetheschen Sinne. Diese schließen 
sich nun „unmittelbar an die physiologischen an und 
scheinen nur um einen geringen Grad mehr Realität 
zu haben". In diesem Satz ist, wie Sie sich er- 
innern, Goethes Grundirrtum enthalten; er war sich 
nicht klar darüber, daß zwischen der Sinnesempfin- 
dung und dem diese Empfindung auslösenden Reiz 
eine unüberbrückbare Kluft besteht, daß es sich um 
zwei völlig unvergleichbare Dinge handelt. 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 223 

Die physischen Farben sind entweder objektiv 
oder subjektiv darstellbar; wenn Licht durch ein 
Prisma fällt und auf der gegenüberliegenden Wand 
ein farbiges Spektrum erscheint, so sind die Farben 
objektiv dargestellt; sieht dagegen der Experimen- 
tator durch das Prisma hindurch nach einer Öffnung 
im Fensterladen, so erscheint diese von farbigen 
Rändern umsäumt; das ist die subjektive Darstel- 
lungsweise. Diese subjektiven Versuche hat Goethe 
unter anderem deshalb in den Vordergrund gestellt, 
weil sie es nach seiner Meinung sind, die sich 
unmittelbar an die physiologischen anschließen; der 
Unterschied ist nur, daß das zu Studierende in 
diesem Falle nicht die Eigenschaften des Auges, 
sondern die Eigenschaften des äußeren Mediums, 
des Prismas, sind. 

Das erste Kapitel dieses Abschnittes handelt von 
den dioptrischen Farben, welche entstehen, wenn 
Licht durch durchsichtige Körper hindurchtritt. Als 
Ausgang benutzt Goethe die Farbenerscheinungen, 
welche durch trübe Mittel hervorgerufen werden. 
Die Lehre von den trüben Mitteln ist für Goethe die 
Grundlage seiner ganzen physikalischen Farbenlehre. 

Gießt man in ein Glas Wasser etwas Seifen- 
spiritus oder trübt man es mit einem anderen an 
sich farblosen Zusatz, so erscheint die Flüssigkeit 
im durchfallenden Licht gelb; betrachtet man da- 
gegen das getrübte Wasser vor einem dunkeln 



224 Achte Vorlesung. 

Hintergrund, also im auffallenden Licht, so sieht 
es blau aus. Bei zunehmender Trübung des Wassers 
erscheint es im durchfallenden Licht gelbrot und 
schließlich rot, im auffallenden Lichte immer weiß- 
licher. Wenn die Trübung dagegen nur sehr zart 
ist, so entsteht bei auffallendem Licht ein schönes 
Violett. Dieses Phänomen ist nach Goethe so un- 
mittelbar anschaulich, daß es jedem Menschen ohne 
weitere Erklärung demonstriert werden kann. Es ist 
eine absolut einfache Erscheinung, und Goethe sieht 
in ihr das „Urphänomen" der Farbenlehre. „Da 
wir alle Farben nur durch Mittel und an Mitteln 
sehen, so ist die Lehre vom Trüben, als dem aller- 
zartesten und reinsten Materiellen, derjenige Begriff, 
woraus die ganze Chromatik sich entwickelt." 
Goethe stellt die Farben der trüben Medien des- 
halb in den Vordergrund, weil sie so außerordent- 
lich einfach erscheinen. „Man soll keine abge- 
leiteten Phänomene an die erste Stelle setzen." Er 
macht gerade Newton zum Vorwurf, daß die Experi- 
mente, aus denen er seine Farbenlehre entwickelt, 
schon so abgeleitet und kompliziert sind, daß 
man ihre Bedingungen nicht ohne weiteres über- 
schauen kann. Das ist bei den Farben der trüben 
Mittel dagegen ohne Schwierigkeit möglich. Diese 
waren, wie gesagt, für Goethe das „Urphänomen", 
d. h. eine Erscheinung, die an sich schon so an- 
schaulich ist, daß sie keiner weiteren Erklärung 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 225 

bedarf. Goethe hat niemals versucht, die Frage zu 
beantworten, warum denn die trüben Medien im 
durchfallenden Licht gelb und im auffallenden blau 
erscheinen. Er gibt überhaupt keine Theorie des 
Lichtes, aus der er diese Farbenerscheinung ableiten 
könnte, sondern das „Urphänomen** wird als ge- 
geben vorausgesetzt, und Goethes physikalische 
Farbenlehre besteht darin, daß er alle Phänomene 
aus diesem einen zu entwickeln versucht, daß er 
alle Farbenerscheinungen auf trübe Medien zurück- 
führt. An einer Stelle seiner Notizen findet sich 
die Bemerkung „Von dem Werte des Was. Die 
Fragen Wie? Warum? Wozu? abgelehnt." So leitet 
Goethe seine physikalische Optik ohne jede Theorie 
aus einem einfachen, ohne weiteres anschaulichen 
Phänomen ab. 

An zahlreichen Beispielen wird nun die Lehre 
von den trüben Mitteln illustriert. Besonders er- 
giebig sind hier die atmosphärischen Farbenerschei- 
nungen. Wenn die Sonne durch Dunst hindurch- 
scheint, wird sie gelblich bis gelbrot, wenn sie am 
dunstigen Horizont untergeht, steigert sich diese 
Farbe zum leuchtendsten Purpur. Morgen- und 
Abendrot werden auf denselben Vorgang zurück- 
geführt. Die blaue Farbe des Himmels bezieht 
Goethe ebenfalls in diese Erscheinungen mit ein; 
die Luft wirkt als ein trübes Mittel vor dem dunkeln 
Hintergrund des Weltenraumes. Er ist sehr erfreut, 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 15 



226 Achte Vorlesung. 

als er findet, daß diese noch heute gültige Erklärung 
schon von Lionardo da Vinci gegeben worden ist, 
während zu Goethes Zeiten vielfach andere kom- 
pliziertere Meinungen aufgestellt waren. Auch die 
Luftperspektive, die blaue Farbe entfernter Berge, 
gehört hierher. Diese letzteren wirken als dunkler 
Hintergrund, vor dem die Luft als trübes Mittel 
blau erscheint. 

„Wenn der Blick an heitern Tagen 
Sich zur Himmelsbläue lenkt, 
Beim Siroc der Sonnenwagen 
Purpurrot sich niedersenkt, 
Da gebt der Natur die Ehre 
Froh, an Aug' und Herz gesund 
Und erkennt der Farbenlehre 
Allgemeinen, ew'gen Grund." 

Sehr schön lassen sich die Farbenerscheinungen 
trüber Mittel an dem sogenannten Opalglas beob- 
achten. Goethe hat sich für dessen Fabrikation 
aufs lebhafteste interessiert, selbst alte Vorschriften 
aus mittelalterlichen Büchern (Kunckels Glasmacher- 
kunst) hervorgesucht und durch verschiedene Glas- 
hütten derartige Gläser anfertigen lassen. Noch 
heute finden sich im Goethehaus zahlreiche Scher- 
ben von Opalglas, die in der Durchsicht gelb bis 
gelbrot, in der Aufsicht blauweiß, blau oder violett 
aussehen. Ein humoristisches Beispiel erzählt Goethe 
von einem Maler, dem das Ölbild eines schwarz- 
gekleideten Mannes zum Reinigen übergeben war. 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 227 

Er wusch es zunächst mit einem nassen Schwamm 
ab und sah zu seinem Erstaunen, daß das schwarze 
Gewand darauf im schönsten Hellblau erstrahlte. 
Goethe, dem dies mitgeteilt wurde, gab die richtige 
Deutung; die oberflächliche Firnisschicht hatte sich 
bei der Behandlung mit Wasser getrübt und erschien 
nun auf dem schwarzen Hintergrunde der Ölfarbe 
hellblau. Am folgenden Morgen, als das Wasser 
verdunstet war, war auch die blaue Farbe ver- 
schwunden. Aufgüsse von nephritischem Holz 
(Sandelholz), von Quassia und von der Rinde der 
Roßkastanie zeigen ebenfalls in der Durchsicht eine 
gelbe, in der Aufsicht eine blaue Färbung. Goethe 
bezog auch dieses auf das Phänomen der trüben 
Medien; es wurde aber später von Herschel, Brewster 
und Stokes nachgewiesen, daß es sich hier um die 
zu Goethes Zeit noch unbekannten Fluoreszenz- 
erscheinungen handelt. 

An die Lehre von den trüben Mitteln reiht Goethe 
als wichtigsten Abschnitt des Kapitels von den 
physischen Farben die Lehre von der Refraktion, 
von den Farbenerscheinungen bei der Lichtbrechung. 
Wir wollen hier nicht dem ganzen weitverzweigten 
Darstellungsgang Goethes folgen, sondern gleich 
zum wichtigsten Abschnitt, den prismatischen Far- 
ben, übergehen. Da ist nun einer der Haupt- 
punkte, der immer wieder betont wird, der, daß 
es unstatthaft sei, bei der Schilderung solcher 

15* 



228 Achte Vorlesung. 

prismatischer Versuche von Lichtstrahlen und 
deren Brechung zu reden. Das seien nur Abstrak- 
tionen des Mathematikers. Was man tatsächlich be- 
obachtet, wenn Licht durch eine enge Öffnung 
des Fensterladens in die dunkle Kammer fällt, ist 
ein Bild der Sonne bzw. andrer außen befindlicher 
Gegenstände, das nach ähnlichen Gesetzen entsteht 
wie das Bild auf der Mattscheibe einer photogra- 
phischen Kamera. Dieses Bild der Sonne ist, wie 
Goethe richtig bemerkt, begrenzt, und die Grund- 
bedingung für die Farbenerscheinung bei der Re- 
fraktion sieht Goethe darin, daß solche Bilder bei 
der Brechung verrückt werden und daß nur des- 
halb an ihren Grenzen die Farbenerscheinungen 
auftreten können. Von diesem Gedanken ausgehend, 
hat Goethe auch die subjektiven prismatischen Ver- 
suche an die Spitze gestellt. Er hatte sich eine 
Reihe von schwarzen, weißen und farbigen Bildern 
auf geeigneten Tafeln aufgeklebt und betrachtete 
diese durch das Prisma. Dann erschienen sie an 
einem andern Orte, und gleichzeitig mit dieser Ver- 
rOckung traten farbige Säume an ihren Rändern auf. 
FQr die Darstellung der objektiven Versuche, bei 
denen ein Lichtstrahl in der dunklen Kammer auf 
ein Prisma fiel, hat Goethe es nun stets vermieden, 
enge Offnungen im Fcnsteriaden zu benutzen. Er 
glaubte, daß hierdurch das Licht in seiner Unmittel- 
barkeit gestört würde, wenn es durch enge Löcher 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 229 

sich hindurchzwängen müßte. Auf der Anwendung 
breiter Lichtbündel beruht ein großer Teil von 
Goethes Versuchsresultaten. Es wird dann ferner 
die prismatische Farbenerscheinung auf die Lehre 
von den trüben Mitteln zurückgeführt. Das gelingt 
auf folgende Weise. Goethe nimmt an, daß, wenn 
auf der weißen Wand durch das Prisma das Bild 
der Sonne oder der Öffnung im Fensterladen ent- 
worfen wird, dieses Bild eigentlich aus zweien be- 
stände: aus einem Hauptbild und einem Nebenbild, 
geradeso wie ein schlechter Spiegel die Gegen- 
stände zweifach zurückwirft, ein Bild von der Hinter- 
fläche und eines von der Vorderfläche des Glases, 
von welchen das eine schattenhaft über dem andern 
zu schweben scheint. Es sollte auch bei der pris- 
matischen Brechung ein Haupt- und ein Nebenbild 
entstehen und das Nebenbild vor dem Hauptbilde 
schweben. Wir haben gesehen, daß Goethe bei 
der prismatischen Brechung ein Bild verrückt wer- 
den läßt. Dabei soll das Nebenbild immer weiter 
verrückt werden als das Hauptbild, es soll dem 
Hauptbild gleichsam immer voraneilen. Die ganzen 
Farbenerscheinungen lassen sich nun dadurch ab- 
leiten, daß Goethe das Nebenbild als ein trübes 
Mittel betrachtet, durch welches hindurch man das 
Hauptbild sieht. Umstehende Zeichnung (Fig. 10), 
in welcher das Hauptbild durch die ungebrochene, 
das Nebenbild durch die punktierte Linie angedeutet 



230 Achte Vorlesung. 

wird, möge das Folgende verdeutlichen. Oben 
sehen wir die scharfe Begrenzung des Hauptbildes, 
das wir uns weiß auf dunklem Grunde denken 
wollen. Davor schwebt der dunkle Teil des Neben- 
bildes. Dieser wirkt wie ein trübes Mittel, das 
vor hellem Hintergrunde gelb erscheint. Nach dem 
Rande zu wird die Trübung stärker angenommen, 
und deshalb geht der gelbe Rand allmählich in 
Rot über. Unten sehen wir da- 
gegen das Nebenbild über den 
dunklen Teil des Hauptbildes 
herübergreifen. Das trübe Neben- 
bild vor dem dunklen Grunde 
erscheint daher blau, und nach 
dem Rande zu, wo das Neben- 
bild sich verflüchtigt und die 
*■ Trübung feiner wird, entsteht 

Violett. So ist es Goethe gelungen, auf Grund seiner 
Hilfsannahme vom Haupt- und vom Nebenbild zu- 
nächst einmal das Auftreten von Gelb und Blau bei 
der prismatischen Brechung zu erklären und daraus 
durch „Steigerung" Rot und Violett abzuleiten. Je 
weiter sich nun das Prisma von der Wand entfernt, 
oder je stärker der brechende Winkel des Prismas 
wird, um so mehr läßt Goethe das Nebenbild dem 
Hauptbiid bei der Brechung voraneilen. Dadurch 
müssen sich die farbigen Ränder verbreitern, und 
schließlich wird es so weit kommen, daß sich 




Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 231 

Gelb und Blau in der Mitte treffen. Es entsteht 
dann durch Vermischung dieser beiden Farben das 
Grün. Goethe läßt also die grüne Farbe auch hier 
keine einfache sein, sondern erklärt sie durch 
Mischung. Wir haben schon gehört, daß das falsch 
ist, daß durch Mischung von spektralem Blau und 
Gelb nur Grau oder Weiß entsteht, und daß die 
Mischung Grün, welche die Maler aus blauen und 
gelben Pigmenten erhalten, nur darauf beruht, daß 
diese Farbstoffe nicht im physikalischen Sinne reine 
Farben bilden. Goethe läßt also das Grün nicht 
nur eine gemischte Empfindung sein, sondern auch 
das objektive spektrale Grün durch Mischung ent- 
stehen, während wir heute wissen, daß das Grün 
des Spektrums eine unzerlegbare einfache Farbe ist. 
Zu diesem Irrtum konnte Goethe aber deshalb 
kommen, weil die Mischungsverhältnisse des Grün 
damals noch nicht physikalisch erklärt waren. Erst 
später hat, wie schon oben erwähnt wurde, Helm- 
holtz diese verwickelten Beziehungen vollkommen 
aufgedeckt — Anders verlaufen die prismatischen 
Erscheinungen, wenn ein schwarzes Bild auf weißem 
Grunde verrückt wird. Dann entstehen ebenfalls 
gelbe und blaue Ränder, die gegen das Schwarz 
hin in Rot bzw. Violett übergehen. Nimmt die 
Brechung zu, so treffen sich Rot und Violett in der 
Mitte des schwarzen Streifens und bilden durch 
Vermischung den Purpur. Diese Feststellung Goethes 



232 Achte Vorlesung. 

trifft das Richtige. Purpur ist tatsächlich eine Farbe, 
die als einfache im Spektrum nicht vorkommt, son- 
dern erst durch Mischung von Rot und Violett ent- 
steht. So ist Irrtum und Wahrheit in Goethes System 
zu einem in sich abgeschlossenen und in sich konse- 
quenten Ganzen verflochten. Aus dem bisher Ge- 
sagten ergibt sich, daß nach Goethes Auffassung 
die Farben nur dann auftreten, wenn das prisma- 
tische Bild entweder ins Auge oder auf eine weiße 
Wand fällt. Sonst sind die Bedingungen zu ihrer 
Entstehung nicht gegeben. Er weist daher mit 
größter Entschiedenheit immer wieder darauf hin, 
daß nach seiner Darstellung die prismatischen Farben- 
erscheinungen keineswegs fertige sind, sondern 
immer nur als werdende beobachtet werden können; 
es sei deshalb vollständig falsch, wenn Newton 
behauptet, daß die Farben im weißen Licht enthalten 
seien, im weißen Licht drin steckten, vielmehr sei 
das weiße Licht etwas durchaus Einheitliches; die 
Farben entstehen immer nur an den Rändern von 
Bildern, welche durch Refraktion verrückt werden. 
In dem ersten Hauptteil von Goethes optischem 
Werk, dem didaktischen Teil, werden die Phäno- 
mene und Experimente nur einfach der Reihe nach 
geschildert und in der Weise angeordnet, daß sich 
die theoretische Ansicht dadurch gewissermaßen von 
selbst ergibt Die Auseinandersetzung mit der 
Newtonschen Farbenlehre ist davon vollständig los- 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 233 

gelöst. Sie findet sich in dem zweiten, polemischen 
Teil. Hier nimmt Goethe das optische Hauptwerk 
Newtons Abschnitt für Abschnitt und Satz für Satz 
durch und weist bis ins einzelnste jeden Punkt 
nach, in dem Newton seiner Meinung nach etwas 
Falsches behauptet hat. Er geht hier streng ins 
Gericht, wird stellenweise sogar sehr grob, wirft 
seinem Gegner Advokatenkniffe, captiöse Methode 
und bewußten Schwindel vor. Nur in dem Schluß- 
abschnitt entschuldigt er dieses Verfahren mit der 
polemischen Natur der Schrift und verspricht im 
historischen Teil Newtons Persönlichkeit besser ge- 
recht zu werden. Die Haupteinwände, welche Goethe 
gegen Newton richtet, sind in Kürze folgende: 
Zunächst der schon erwähnte, daß bei den Ver- 
suchen in der dunklen Kammer Newton immer von 
Strahlen redet, während doch tatsächlich Bilder 
entworfen und durch Brechung verändert würden. 
Weiter tadelt Goethe, daß Newton an die Spitze 
seiner Farbenlehre einen verwickelten und abgelei- 
teten Versuch gesetzt habe, dessen Bedingungen 
absichtlich kompliziert worden seien, daß also die 
ganze Darstellung von einem beschränkten Einzel- 
falle ausgehe, nicht von einem allgemein gültigen 
Naturphänomen. Von diesem Standpunkt aus wird 
nun die ganze Reihe der Newtonschen Versuche 
durchkritisiert, und Goethe geht so weit, daß er 
selbst die kurz vorher entdeckten Fraunhoferschen 



234 Achte Vorlesung. 

Linien des Sonnenspektrums nicht anerkennen will, 
da sie nur auftreten, wenn man das Licht durch 
einen engen Spalt fallen läßt. 

„Freunde, flieht die dunkle Kammer, 
„Wo man Euch das Licht verzwickt 
,Und im kümmerlichsten Jammer 
„Sich verschrobnen Bildern bückt. 
„Abergläubische Verehrer 
„Gab's die Jahre her genug 
„In den Köpfen Eurer Lehrer 
„Laßt Gespenst und Wahn und Trug." 

Sehr wichtig ist der folgende Punkt, weil er sich 
auf experimentelle Beobachtungen stützt. Newton 
hatte angegeben, daß, wenn man aus dem Sonnen- 
spektrum eine einzelne Farbe isoliert und diese 
durch ein zweites Prisma einer zweiten Brechung 
unterwirft, dann die Farbe unverändert bleibe und 
daß keine neuen farbigen Säume erscheinen. Goethe 
bestreitet das aufs entschiedenste. Er findet die 
Angabe allerdings beim Rot zutreffend, nicht aber 
beim Blau und beim Violett. Dieses abweichende 
Ergebnis ist zur Charakteristik der beiden streitenden 
Parteien sehr wichtig. Newton hat seine richtige 
Behauptung aufgestellt, weil er bei seinen Versuchen 
das Wesentliche sah und die unwesentlichen 
schwachen Farbenränder vernachlässigte. Goethe 
dagegen hat durchaus richtig beobachtet. Bei der 
Newtonschcn Versuchsanordnung gelingt es tatsäch- 
lich nicht, ganz reines spektrales Licht zu bekommen; 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 235 

es treten bei der zweiten Brechung immer, wenn 
auch schwache Farbensäume auf. Das, was Newton 
behauptet hatte und was Goethe nicht experimentell 
bestätigen konnte, ist erst Helmholtz gelungen, 
welcher durch mehrfache Brechung und die Ver- 
wendung enger Spalten wirklich einfaches Licht 
aus dem Spektrum isolierte. Newton hat also den 
richtigen Schluß aus seinen unvollkommenen Ver- 
suchen gezogen, Goethes gegenteilige Behauptung 
beruht aber auf genauer und feiner Beobachtung. 
— Ein weiterer Punkt, bei dem es sich um ab- 
weichende tatsächliche Befunde handelt, bezieht 
sich auf die verschiedene Brechbarkeit verschieden- 
farbigen Lichtes. Newton hatte gefunden, daß 
das violette Licht stärker gebrochen wird als das 
rote, und zu diesem Zwecke verschiedene Ver- 
suche angegeben. Goethe hat diese nachgeprüft 
(die optische Bank, die er dazu benutzte, ist im 
Goethehaus vorhanden, s. Fig. 9, Nr. 2) und konnte 
Newtons Angabe nicht bestätigen. Dieses merk- 
würdige Ergebnis beruht wahrscheinlich darauf, daß 
Goethe mit farbigen Papieren gearbeitet hat, welche 
keine im physikalischen Sinne reine Farben besaßen. 
Zur Beurteilung dieses Befundes ist aber zu be- 
merken, daß ein so geschickter physikalischer Ex- 
perimentator wie Goethes Freund und Mitarbeiter 
Seebeck ebenfalls nicht imstande gewesen ist, 
Newtons Angabe zu bestätigen. Seebeck arbeitete 



236 Achte Vorlesung. 

mit farbigen Gläsern, welche vermutlich ebenfalls 
keine reinen Lichter gaben. Ein weiteres Argument 
Goethes gegen Newton bezieht sich auf die 
Achromasie und die Möglichkeit, die dioptrischen 
Femgläser zu verbessern. Newton hatte die Farben- 
zerstreuung bei der Brechung durch Linsen unter- 
sucht und daraufhin behauptet, die Fernrohre wären 
nicht zu verbessern, weil bei jeder Lichtbrechung 
eine Farbenzerstreuung eintrete. Es ist Ihnen be- 
kannt, daß man durch schlechte Fernrohre oder 
Operngläser alle Gegenstände mit farbigen Rändern 
umsäumt sieht. Nun hatte aber in der Mitte des 
18. Jahrhunderts Dollond die achromatischen Linsen- 
kombinationen aus Crown- und Flintglas entdeckt, bei 
denen durch Vereinigung zweier Gläser mit verschie- 
denem Farbenzerstreuungsvermögen das Zustande- 
kommen dieser farbigen Ränder verhindert war^). 
Dadurch war bewiesen, daß nicht, wie Newton an- 
genommen hatte, die Farbenzerstreuung von der 
Refraktion direkt abhängig sei, sondern daß, je nach 
den chemischen Eigenschaften der Gläser, verschie- 
dene Farbenzerstreuung bei gleicher Refraktion auf- 
treten könne. Die damals kämpfenden optischen 
Theorien mußten sich diesen neuen Vorstellungen 
anpassen. Goethe aber zog daraus, daß diese 
Theorien auf Grund einer neuen Tatsache ad hoc 



') Den von Ooethe benutzten achromatischen Prismen- 
satz sieht man auf Fig. 9 Nr. 1. 



Die Farbenlehre II, — Physikalische Optik. 237 

modifiziert wurden, den Schluß, daß sie über- 
haupt falsch wären. Seiner Meinung nach wider- 
legten die achromatischen Fernrohre die Newtonsche 
Theorie vollständig. — Einer der wichtigsten Punkte, 
in denen Goethe von Newton abwich, war nun 
schließlich folgender: Newton hatte die Farben aus 
dem weißen Lichte gesondert; es ergab sich also 
für ihn die Aufgabe, das weiße Licht aus den Farben 
wieder zusammenzusetzen, und tatsächlich gibt New- 
ton an, daß durch Mischung der spektralen Lichter 
Weiß entstände. Dieser Angabe widerspricht Goethe 
entschieden. Seiner Meinung nach haben alle Farben 
etwas Schattiges, oxiegöv, und wenn man mehrere 
Farben miteinander mischt, nimmt dieses Schattige 
zu; das Resultat kann also niemals Weiß, sondern 
nur Grau sein, und „hundert graue Pferde machen 
nicht einen einzigen Schimmel". Tatsächlich kann 
man aus reinen spektralen Farben von genügender 
Intensität Weiß mischen, wie schon Schopenhauer 
gegen Goethe geltend machte. Aber trotzdem liegt 
dem Goetheschen Einwand eine richtige Beobachtung 
zugrunde. Wenn man mehrere Farben so mischt, 
daß das Gemisch farblos wird, so ist die Helligkeit 
tatsächlich geringer als die Helligkeit der ursprüng- 
lichen Komponenten zusammengenommen. Hering 
hat diesen Versuch mit zum Ausgangspunkt seiner 
Theorie der Gegenfarben gemacht. Wenn man also 
farbige Pulver oder die Farben pigmentierten Papiers 



238 Achte Vorlesung. 

durch geeignete Mittel (Farbenkreisel usw.) mischt, 
so tritt tatsächlich Grau auf, und nur bei Benutzung 
sehr lichtstarker prismatischer Farben wird Weiß 
erhalten. 

So sehen wir, daß alle Einwände Goethes gegen 
die Newtonsche Lehre auf unmittelbarer richtiger 
Beobachtung beruhen und daß sie konsequent zum 
System von Goethes Farbenlehre passen. Er hat 
seine Polemik gegen Newton noch in der Geschichte 
der Farbenlehre fortgesetzt. Hier entwickelt er, wie 
diese seiner Meinung nach falsche Theorie entstehen 
konnte. Heute hat Newtons Ansicht in allen wesent- 
lichen Punkten den unzweifelhaften Sieg errungen. 
Goethes Farbenlehre ist in diesem Streite völlig 
unterlegen; es ist aber interessant, zu verfolgen, wie 
ihr Urheber auf Grund möglichst anschaulicher Ver- 
suche und Phänomene unter Ausschaltung jeder 
Theorie über das Wesen des Lichtes imstande war, 
aus dem einfachen Urphänomen der trüben Mittel 
die Gesamtheit der physikalischen Farbenerschei- 
nungen sich klar zu machen. 

An die dioptrischen Farben schließt Goethe die 
katoptrischen an, welche durch Spiegelung an einer 
farblosen Fläche entstehen. Denen folgen die par- 
optischen, welche auftreten, wenn das Licht an 
einem Rande erscheint (Beugungserscheinungen), 
und weiter folgen die epoptischen Farben. Diese 
entstehen nach Goethe an glatten Flächen; die 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 239 

Hauchbilder, die Farben der Seifenblasen, die New- 
tonschen Ringe gehören hierher. Goethe hat wenig- 
stens andeutungsweise versucht, auch diese Farben 
aus der Lehre von den trüben Mitteln herzuleiten. 
Damit schließt die Abteilung von den physischen 
Farben. Goethe hat aber später noch ein weiteres 
Kapitel bearbeitet, das an dieser Stelle eingefügt 
werden sollte, die Lehre von den „entoptischen 
Farben". Im Jahre 1809 hatte Malus endeckt, daß 
das Licht durch Spiegelung veränderte Eigenschaften 
bekommt, was wir heute als die Erscheinung des 
polarisierten Lichtes bezeichnen. Seebeck hatte 
dann 1812 das Verhalten von Glas in derartigem 
Lichte untersucht und 1813 das Auftreten von sehr 
merkwürdigen Figuren, schwarzen Kreuzen auf 
weißem Grunde und weißen Kreuzen auf schwarzem 
Grunde, bei verschiedenen Gläsern gefunden. Diese 
Figuren bezeichnete man damals als „entoptische". 
Er untersuchte nun die Bedingungen dieser Er- 
scheinung und fand, daß nur schnell gekühltes Glas 
sie zeigt. Er erhielt 1816 die Hälfte eines Preises 
vom Institut de France, die andere erhielt der Phy- 
siker Brewster. Goethe hatte von Anfang an leb- 
haftestes Interesse für diese Seebeckschen Unter- 
suchungen und er übernahm es, das Auftreten der 
Farbenerscheinungen hierbei durchzuexperimen- 
tieren. Im Jahre 1813 schrieb er schon einen Brief 
über die Doppelbilder des Kalkspats, 1817 die Ele- 



240 Achte Vorlesung. 

mente der entoptischen Farben und 1820 den zu- 
sammenhängenden Aufsatz „Entoptische Farben", 
der in den didaktischen Teil der Farbenlehre ein- 
geschoben werden sollte. Dieser Aufsatz enthält 
nun eine geradezu musterhafte Sc.iilderung der 
Phänomene, die Goethe von den allereinfachsten 
schrittweise bis zu den kompliziertesten entwickelt. 
Er experimentiert auch hier wieder mit den ein- 
fachsten Mitteln, wenigen Spiegeln und Glaswürfeln, 
und man kann sich eigentlich kein schöneres Ex- 
perimentierbuch für Knaben denken als diese klare 
Schilderung der entoptischen Versuche. Im Goethe- 
haus finden sich noch zahllose Proben rasch ge- 
kühlten Glases, Glaswürfel, Glasplatten, Kalkspat- 
kristalle, Glimmerscheiben, Bernsteinknöpfe und alle 
die einzelnen Stücke, die in Goethes Aufsatz er- 
wähnt werden. Der Polarisationsapparat, mit dem 
Goethe zumeist arbeitete, war der denkbar einfachste 
(Fig. 9, Nr. 3): zwei schwarz hinterlegte Glasspiegel 
an einem einfachen Holzgestell so befestigt, daß 
zwischen ihnen Glasplatten, Würfel (Nr. 4) usw. an- 
gebracht werden konnten. Einen sehr vollkommenen 
Apparat des Mechanikers Niggl in München (Fig. 9, 
Nr. 5), den ihm Professor Schweigger 1818 zu seinem 
Geburtstage geschickt hatte, benutzte er nur ungern, 
weil ihm die Bedingungen hier schwieriger über- 
sehbar zu sein schienen als bei seinem einfachen 
Instrument Goethe glaubte in diesen entoptischen 




Fig. 9. 
Einige von Goethes optischen Apparaten. 1. Achromatischer Prismensatz 
(Farbenlehre, didakt. Teil § 298). — 2. Optische Bank aus Holz. — 3. Einfacher 
Polarisationsapparat zum Studium der entoptischen Farben mit zwei schwarzen 
Spiegeln (Entoptische Farben, Kap. XVII). — 4. Zwischen den Spiegeln entop^ 
tischer Würfel aus übereinander gelegten Glasplatten in Metallrahmen (Entop= 
tische Farben, Kap. XVI). — 5. Nigglscher Polarisationsapparat, Geschenk 
Prof. Schweiggers an Goethe (Entoptische Farben, Kap. XXVI). — 6. Negatives 
Bild eines Mädchens zu Nachbildversuchen (Grund rot, Kopftuch gelb, Backen: 
flecken grün) vgl. Farbenlehre, didakt. Teil § 52 u. 53. 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 241 

Farben das „Tüpfelchen auf dem i" seiner Farben- 
lehre gefunden zu haben und machte sich weidlich 
über die Bemühungen der Physiker lustig, ihre 
optischen Theorien mit diesen ganz neuen Phäno- 
menen in Einklang zu bringen. 

„Möget ihr das Licht zerstückeln, 
„Färb' um Farbe draus entwickeln, 
„Oder andere Schwanke führen, 
„Kügelchen polarisiren, 
„Daß der Hörer ganz erschrocken 
„Fühlet Sinn und Sinne stocken. 
„Nein! es soll euch nicht gelingen, 
„Sollt uns nicht beiseite bringen, 
„Kräftig wie wir's angefangen, 
„Wollen wir zum Ziel gelangen.* 

Die Folge hat allerdings Goethe unrecht gegeben. 
An der Hand der entoptischen Phänomene und der 
Polarisationserscheinungen ist die Undulationstheorie 
des Lichtes ausgebaut worden zu der Vollendung, 
mit der sie heute die Gesamtheit der optischen 
Erscheinungen umfaßt. Die Richtigkeit von Goethes 
tatsächlichen Beobachtungen aber bleibt auch auf 
diesem Gebiete unbeschränkt bestehen. Er zog 
es auch hier wieder vor, die dunkle Kammer zu 
fliehen und möglichst unter freiem Himmel zu 
arbeiten. Dieses Mal wurde ihm dadurch eine 
wichtige Erfahrung ermöglicht. Er fand nämlich, daß 
die entoptischen Figuren sich ganz verschieden ver- 
hielten, je nachdem er seine Spiegel nach verschie- 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 16 



242 Achte Vorlesung. 

denen Teilen des Himmels richtete, und es gelang 
ihm, die Gesetzmäßigkeit dieses Verhaltens nachzu- 
weisen und von der jeweiligen Stellung der Sonne 
abzuleiten. Nach Goethes Meinung war damit der 
atmosphärische Ursprung der entoptischen Phäno- 
mene nachgewiesen. Nach unserer heutigen Aus- 
drucksweise hat er gefunden, daß das Licht, das 
von verschiedenen Teilen des Himmels reflektiert 
wird, teilweise und in gesetzmäßiger Weise polari- 
siert ist. Hierauf führt er nun die allen Malern be- 
kannte Tatsache zurück, daß in den Ateliers die 
Beleuchtung zu den verschiedenen Tageszeiten ver- 
schieden gut ist. Er geht mit seinem entoptischen 
Apparat in die Malerateliers und stellt fest, daß die 
entoptischen Eigenschaften des Lichtes mit dieser 
Beleuchtung gleichmäßig wechseln und macht darauf- 
hin den Vorschlag, ein gutes Maleratelier müsse 
zwei Fenster haben, eines nach Norden, eines nach 
Westen, damit zu verschiedenen Tageszeiten Licht 
aus verschiedenen Himmelsgegenden einfallen könne. 
Vorschläge zu Beobachtungen auf Reisen und zu 
Demonstrationen in der Vorlesung schließen diesen 
Aufsatz, in dem die mustergültige Darstellung und 
die klare Schilderung der Experimente bewunderungs- 
wert sind. Auch hier bildet Goethe aus den Phäno- 
menen eine kontinuierliche Reihe, die von den ein- 
fachsten bis zu den kompliziertesten fortschreitet, 
und versucht, alles auf die Lehre von den trüben 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 243 

Mitteln zurückzuführen. Hierher gehört auch das 
schöne Gedicht an Julie v. Egloff stein: 

Entoptische Farben. 

„Laß Dir von den Spiegeleien 
»Unsier Physiker erzählen, 
„Die am Phänomen sich freuen, 
»Mehr sich mit Gedanken quälen. 

„Spiegel hüben, Spiegel drüben, 
„Doppelstellung, auserlesen; 
„Und dazwischen ruht im Trüben 
„Als Kristall das Erdewesen*). 

„Dieses zeigt, wenn Jene blicken, 
„Allerschönste Farbenspiele, 
„Dämmerlicht, das beide schicken, 
„Offenbart sich dem Gefühle. 

„Schwarz wie Kreuze wirst du sehen, 
„Pfauenaugen kann man finden, 
„Tag und Abendlicht vergehen, 
„Bis zusammen beide schwinden. 

„Und der Name wird ein Zeichen, 
„Tief ist der Kristall durchdrungen: 
„Aug' im Auge sieht dergleichen 
„Wundersame Spiegelungen. 

„Laß den Makrokosmus gelten, 
„Seine spenstischen Gestalten! 
„Da die lieben kleinen Welten 
„Wirklich Herrlichstes enthalten.* 

Goethe beabsichtigte ursprünglich am Schluß der 
Farbenlehre noch einen supplementären Teil folgen 
zu lassen, in dem besonders ein Aufsatz über Ver- 

Vergleiche hierzu den Apparat Fig. 9 Nr. 3 und 4. 

16* 



244 Achte Vorlesung. 

suche sich finden sollte, bei denen Prismen und 
Linsen miteinander vereinigt werden. Goethe ver- 
weist oftmals auf diese Arbeit, hat sie aber niemals 
veröffentlicht. Ferner sollte im supplementären Teil 
der zu den optischen Versuchen nötige Apparat ein- 
gehend geschildert werden und auch ein Aufsatz 
über den Regenbogen folgen. Statt dessen bringt 
Goethe am Schluß seiner Farbenlehre „statt des 
versprochenen supplementären Teils" nur einige 
Aufsätze Seebecks über die Wirkung farbiger Be- 
leuchtung. Der erste derselben knüpft an eine ältere 
Entdeckung Goethes an. Dieser hatte schon im 
Jahre 1792 Untersuchungen über das Verhalten des 
bononischen Leuchtsteins (Schwefelbaryum), eines 
phosphoreszierenden Minerals, das nach vorheriger 
Belichtung im Dunkeln weiter leuchtet, angestellt 
und gefunden, daß nur die blauen und violetten, 
nicht dagegen die gelben und roten Strahlen des 
Sonnenspektrums die Phosphoreszenz hervorzurufen 
imstande sind. Diese Entdeckung ist also nicht, 
wie in einer neuern Arbeit zn lesen steht, 1849 
von Becquerel, sondern 57 Jahre früher von Goethe 
gemacht worden. Seebecks Artikel befaßt sich mit 
der Wirkung des Lichtes auf Leuchtsteine, auf 
Schwärzung des Chlorsilbers und auf das Wachs- 
tum der Pflanzen. 

Es bleibt uns nun noch übrig, ganz kurz auf 
den dritten Hauptteil von Goethes Farbensystem 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 245 

einzugehen, auf die Lehre von den chemischen 
Farben, den Körperfarben. Auch hier versucht 
Goethe das Prinzip der trüben Medien zur Erklärung 
heranzuziehen. Ein Körper, der gar kein Licht 
zurückwirft, erscheint schwarz; ein Körper, dessen 
Oberfläche „die vollendete Trübe" besitzt, erscheint 
weiß; die Farben entstehen dadurch, daß nach 
Goethes Ansicht die Oberflächenschicht gefärbter 
Körper durchsichtig ist und wie ein trübes Mittel 
wirkt. Das Licht dringt also eine kleine Strecke in 
den Körper ein und wird erst dann reflektiert. Wenn 
die Oberflächenschicht eines weißen Körpers leicht 
getrübt ist, so ergibt sich ein trübes Mittel vor 
weißem Hintergrunde, und die Farbe des Körpers 
wird gelb; nimmt die Trübung zu, so steigert sich 
das Gelb zu Orange und Rot. Trübt sich dagegen 
die Oberflächenschicht eines schwarzen Körpers, so 
erblicken wir ein trübes Medium vor dunklem 
Hintergrunde, und der Körper erscheint blau; ist 
die Trübung eine besonders zarte, so entsteht 
Violett. Durch Mischung der gelben und der blauen 
Farbe ergeben sich dann grüne, durch Mischung 
der roten und der violetten Farbe purpurgefärbte 
Körper. So gelingt es Goethe in der Tat durch 
konsequente Anwendung der Lehre vom Trüben 
eine anschauliche Hypothese über das Auftreten der 
Körperfarbe zu gewinnen. 

Goethe sucht in diesem Abschnitt noch eine 



246 Achte Vorlesung. 

zweite Aufgabe zu lösen, nämlich die Frage zu be- 
antworten, wie die Farbe chemischer Körper von 
ihrer chemischen Zusammensetzung abhängt. Das 
Problem selbst ist ein altes; schon Paracelsus hatte 
die Farbe der Körper auf ihren mehr oder minder 
großen Gehalt an Schwefel zurückgeführt. Es be- 
schäftigt aber die Chemiker noch bis auf den 
heutigen Tag, und erst die Anfänge zu einer Lösung 
sind getan. Nur auf dem Gebiete der Teerfarb- 
stoffe ist es bisher gelungen, zu bestimmten Ge- 
setzmäßigkeiten zu gelangen. Entsprechend der 
damaligen Entwicklung der Chemie ist nun auch 
Goethes Ableitung der Farben von der chemischen 
Zusammensetzung noch durchaus unvollkommen. 
Er sucht allerdings die Farben der „Metallkalke", 
d. h. der Oxyde, von dem Grade ihrer „Oxydation 
und Desoxydation" abzuleiten. Ziemlich vollständig 
hat er die Farben der Pflanzen extrakte und ihren 
Farbenwechsel in saurer und alkalischer Lösung, 
die sogenannten Indikatoren, untersucht, worüber 
besonders seine Versuchsprotokolle Aufschluß geben. 
Ist ihm die Lösung der chemischen Aufgabe auch 
keineswegs gelungen, so ist es doch wichtig zu 
sehen, daß Goethe sich mit diesem Problem über- 
haupt genauer beschäftigt hat. Es finden sich in 
diesem Abschnitt ferner Ausführungen über Färberei 
und über die Methoden, Körper zu entfärben (Bleich- 
kunst), wobei Goethe in interessanter Weise das 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 247 

Zustandekommen der Bleichung erörtert und Ex- 
perimente zur Erklärung vorschlägt. Dann wird 
noch das Vorkommen der Farben in der Natur bei 
Pflanzen, Würmern, Insekten, Fischen, Vögeln und 
Säugetieren geschildert. Diese wenigen Bemerkungen 
mögen genügen, um über den Inhalt des an Tat- 
sachen reichen Kapitels von den chemischen Farben 
zu orientieren. 

Es folgen nun noch Auseinandersetzungen über 
allgemeine Eigenschaften der Farben, und Goethe 
versucht dann weiter das Gebiet der Farbenlehre 
gegen die Grenzgebiete Philosophie, Mathematik, 
Physiologie, Naturgeschichte, allgemeine Physik und 
Tonlehre abzugrenzen. Dabei kommt manches zur 
Sprache, was im Vorhergehenden schon berück- 
sichtigt wurde, manches, auf das wir in allge- 
meinem Zusammenhange noch zu sprechen kommen 
werden. 

Das ist der Inhalt des didaktischen Teils, der 
das gesamte zu Goethes Zeiten vorhandene Tat- 
sachenmaterial nach einheitlichen Gesichtspunkten 
geordnet und zusammengefaßt enthält. Von dem 
polemischen Teil, der hierauf folgt, war schon 
weiter oben die Rede, und wir müssen dem- 
nach nur noch des letzten Teiles gedenken, der 
„Materialien zur Geschichte der Farbenlehre". Ma- 
terialien deshalb, weil Goethe ursprünglich beab- 
sichtigte, den gesamten historischen Stoff, den er 



248 Achte Vorlesung. 

durch emsige Studien, besonders 1801 auf der Göt- 
tinger Bibliotheic, gesammelt hatte, zu einer einheit- 
lichen Darstellung zu verschmelzen. Als er aber 
in den Jahren 1807—1810 endlich mit seinen opti- 
schen Studien zum Abschluß kommen wollte, unter- 
blieb diese letzte Überarbeitung und er faßte alles, 
was er zu sagen hatte, in einer Reihe von Einzel- 
darstellungen zusammen, aus denen sich jetzt dieses 
Werk zusammensetzt. Trotz oder vielleicht gerade 
wegen dieser lockeren Form der Darstellung besitzt 
der historische Teil einen ganz besonderen Zauber 
und ist von jeher als eines von Goethes Meister- 
werken angesehen worden. Er unternimmt es 
nämlich, die Geschichte der Farbenlehre von den 
ältesten Uranfängen bis auf seine Zeit als ein Sym- 
bol für die Geschichte aller Wissenschaften über- 
haupt darzustellen. Diese Aufgabe gelingt ihm auf 
folgende Weise. Er läßt die Erkenntnis vom Wesen 
der Farben, deren historische Entwicklung er gibt, 
vor unsern Augen entstehen auf dem großen und 
allgemeinen Hintergrunde einer Geschichte der ge- 
samten Naturwissenschaften. Aber auch hiermit 
nicht genug zeichnet er wieder die Naturwissen- 
schaften auf dem breiteren Hintergrunde einer Ent- 
wicklungsgeschichte des menschlichen Geistes. Zu 
diesem Zwecke unterbricht Goethe oftmals die Dar- 
stellungen von den Leistungen einzelner Natur- 
forscher durch allgemeinere Betrachtungen über 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 249 

Naturwissenschaft, über Philosophie, Malerei und 
vieles andere. Besonders setzt er den jeweiligen 
Stand der Farbenlehre immer in Bezug zu den Fort- 
schritten der Technik auf der einen und zu denen 
der Philosophie auf der andern Seite. So gelingt 
es ihm bei der historischen Entwicklung einer 
Einzeldisziplin die allgemeinsten Gesichtspunkte 
darzulegen, und deshalb ist die Lektüre dieses 
SpezialWerkes ein so besonderer Genuß. Überall 
findet man eingestreute Perlen, Betrachtungen von 
höchstem allgemeinen Werte. 

Die Geschichte der Farbenlehre zerfällt in zwei 
Teile. Der erste geht vom Altertum bis zum Ende 
des 17. Jahrhunderts, der zweite von Newton bis 
auf Goethes Zeit. Der erste Teil ist es besonders, 
der die allgemeinen Betrachtungen enthält. Zuerst 
wird die geistige Eigentümlichkeit des Altertums 
geschildert und dabei Theophrasts Buch von den 
Farben in Übersetzung eingeschaltet. Auch eine 
hypothetische Geschichte des Kolorits bei den Alten 
aus der Feder Heinrich Meyers ist mit aufgenommen. 
Schließlich wird das Wesen des Altertums zusammen- 
gefaßt und die drei großen Stämme der Überliefe- 
rung, die von hier aus in das Mittelalter hinüber- 
reichen, die Bibel, Plato und Aristoteles, in wunder- 
baren Sätzen charakterisiert. Die Frühzeit des 
Mittelalters ließ die Naturforschung brach liegen. 
Goethe füllt diese „Lücke" wieder durch Betrach- 



250 Achte Vorlesung. 

tungen allgemeinen Inhaltes und stellt an den Be- 
ginn der neuen Entwicklung die Persönlichkeit jenes 
englischen Mönches Roger Bacon, der die Natur- 
wissenschaft auf mathematische Grundlage zu setzen 
unternahm. Dann wird die Entwicklung der Natur- 
forschung im Mittelalter geschildert und an die 
Grenze gegen die neue Zeit der andere Bacon von 
Verulam gesetzt, der im Gegensatz zu aller Scholastik 
die Naturforschung ganz allein auf den Boden ein- 
fachster Empirie beschränkt sehen wollte. Daran 
schließt sich dann die Darstellung des 17. Jahr- 
hunderts, beginnend mit Galilei und Keppler, in 
welchem die Farbenlehre die wichtigsten Fortschritte 
zu verzeichnen hat. Den Schluß bildet eine „Ge- 
schichte des Colorits seit Wiederherstellung der 
Kunst" von Heinrich Meyer, in welcher die Ent- 
wicklung der Malerei nach der von Goethe auf- 
gestellten Farbenästhetik geschildert wird. 

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Ent- 
stehung und der Fortentwicklung von Newtons Lehre. 
Zunächst wird die Gründung der Royal Society 
und damit das Milieu geschildert, in dem Newton 
seine Entdeckungen vortrug, dann gibt Goethe eine 
wDrdlge Charakteristik von der Persönlichkeit seines 
großen Gegners, den er im polemischen Teil so heftig 
angegriffen hatte, und beschreibt dann in allen Einzel- 
heiten das Bekanntwerden, den Siegeszug und die 
ersten Kämpfe der Newtonschen Theorie. Dabei 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 251 

verzeichnet er natürlich besonders genau alle'Ein- 
wendungen, die schon von der frühesten Zeit an 
gegen diese Lehre gemacht wurden, und stellt auch 
deshalb die Entdeckung der achromatischen Fern- 
rohre durch Dollond in den Mittelpunkt seiner Dar- 
stellung, da hierdurch die Ansicht Newtons," daß 
Farbenzerstreuung und -brechung dasselbe sei, wider- 
legt wird. Goethe nahm, wie wir wissen, an, daß 
durch Dollonds Befund die Newtonsche Optik über- 
haupt gestürzt sei, und er setzt nun auseinander, 
wie die Zunftgelehrten diese vermeintliche Irrlehre 
immer nur weiter wiederholten und befestigten, 
während ihre Gegner nicht beachtet und totge- 
schwiegen wurden. Das Ende des historischen 
Teiles bildet die „Confession des Verfassers", in 
der Goethe die Entstehung seiner eigenen optischen 
Studien erzählt. 

Während er im didaktischen Teil die Phänomene 
und Experimente einfach so schildert, wie er sie 
selbst angestellt hat, ist im historischen Teil die 
Entdeckungsgeschichte jeder einzelnen Tatsache der 
Farbenlehre verzeichnet. Goethe wird hier also 
allen seinen Vorgängern gerecht. Um so klarer aber 
sieht man, wie selbständig er bei der wissenschaft- 
lichen Durcharbeitung des gesamten Materials vor- 
gegangen ist. 

Am Schluß der Betrachtung von Goethes opti- 
schem Gesamtwerk müssen wir uns noch einmal 



252 Achte Vorlesung. 

die Frage vorlegen, wie es denn möglich gewesen 
ist, daß er in so unüberbrückbaren Gegensatz zu 
Newton kommen konnte. Wir haben die einzelnen 
Argumente, die er gegen ihn vorbringt, der Reihe 
nach gewürdigt Der wahre Grund aber für seine 
Stellungnahme liegt tiefer. Goethe hat nicht umsonst 
die physiologischen Farben an die Spitze seiner Lehre 
gestellt. Er ging bei der Betrachtung des ganzen 
Farbenwesens durchaus von subjektiven Gesichts- 
punkten aus. Da es für ihn ohne weiteres evi- 
dent war, daß Weiß eine einheitliche Emp- 
findung ist, so hielt er es auch für absurd, 
daß das objektive weiße Licht aus farbigen 
Lichtstrahlen gemischt sein sollte. Ich bitte 
Sie, sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was wir in 
unserer sinnesphysiologischen Betrachtung ausein- 
andergesetzt haben: die scharfe Scheidung, welche 
zwischen den Empfindungen auf der einen und den 
diese Empfindungen auslösenden objektiven Vor- 
gängen der Außenwelt auf der andern Seite besteht 
Goethe war sich, wie wir wissen, über diesen Gegen- 
satz noch nicht im Klaren und schloß deshalb als 
naiver Sinnesmensch von der Einheitlichkeit der 
Weißempfindung auf die Einheitlichkeit des weißen 
Lichtes, während der Physiker Newton sich um die 
Empfindungen überhaupt nicht gekümmert und nur 
die Vorgänge der Außenwelt studiert hatte. So kam 
Ooethe zu seiner Stellungnahme in der Farbenlehre 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 253 

dadurch, daß er von einer ganz neuen Seite das 
Problem anpackte, und daß er, durch seine Erfolge 
auf physiologischem Gebiete verleitet, die physika- 
lischen Fragen von demselben Standpunkte aus 
lösen wollte. 

Es bleibt nur noch kurz zu schildern, wie sich 
die Farbenlehre nach Goethe und im Anschluß an 
ihn weiter entwickelt hat. Von Seiten der Physiker 
wurde er, wie wir wissen, gleich von Anfang an 
aufs heftigste bekämpft. Wirklich rückhaltlose An- 
hänger hatte er wohl überhaupt nur zwei. Der eine 
war der Staatsrat Schultz, ein merkwürdiger Mann, 
der schon im Jahre 1806 sich mit der Fabrikation 
von Flintglas beschäftigte, 1812 einen Aufsatz „über 
die farbigen Ränder und die verkleinerten Bilder 
nach Goethe* schrieb, 1814 seinen Briefwechsel mit 
Goethe begann, der bis zu dessen Tode fortgeführt 
wurde, und 1816 eine Arbeit „über physiologe Ge- 
sichts- und Farbenerscheinungen** in Schweiggers 
Journal erscheinen ließ. Derselbe Mann war es aber 
auch, der 1820 die Karlsbader Beschlüsse an der 
Berliner Universität durchführte und ein Hauptver- 
folger der deutschen Burschenschaften gewesen ist. 
Später fiel er in Ungnade. Er hat sich auch noch 
mit geographischen Fragen beschäftigt und war einer 
der ersten, der die alten römischen Kastelle auf 
deutschem Boden studierte. Außer Schultz kann 
eigentlich nur noch der junge Berliner Dozent 



254 Achte Vorlesung. 

V. Henning, ein Schüler Hegels, als treuer Anhänger 
gerechnet werden. Er las vom Jahre 1822 ab über 
Goethes Farbenlehre und zeigte die dazu gehörigen 
Experimente seinen Hörern. 

Wir haben gesehen, daß Goethe von der physio- 
logischen Seite her die Farbenlehre in Angriff ge- 
nommen, aber die scharfe Scheidung zwischen Sinnes- 
empfindungen und äußeren Reizen nicht gemacht hatte. 
Während er selbst über diese Frage noch im Finstern 
irrte, war im Norden Deutschlands schon das Licht 
aufgegangen, das dieses Dunkel erhellen sollte. Kant 
hat in seiner Kritik der reinen Vernunft für immer die 
Gesichtspunkte festgelegt, nach denen wir unser Ver- 
hältnis zur Außenwelt zu beurteilen haben. Goethe 
hatte Kants Schriften gelesen und war durch Schiller 
nachdrücklichst auf ihren Inhalt hingewiesen worden. 
Aber er war von Jugend auf in spinozistischen Bahnen 
zu denken gewohnt und hat die Kantsche Vorstellungs- 
art nicht mehr so in sich aufgenommen, daß er sie 
für die wissenschaftlichen Grundfragen anwendete. 
Dagegen beruhen die Fortschritte, welche die Sinnes- 
physiologie noch zu Goethes Zeiten über ihn hinaus 
machte, auf einer folgerichtigen Anwendung der 
Kantschen Lehre. Den ersten Schritt auf dieser Bahn 
tat Arthur Schopenhauer. Goethe lernte den jungen 
Philosophen 1813 im Hause von dessen Mutter in 
Weimar kennen und gewann solches Interesse an 
ihm, daß er ihm seine optischen Versuche und Appa- 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 255 

rate demonstrierte. Diese Unterweisung fiel auf frucht- 
baren Boden. Schopenhauer setzte die Beschäftigung 
mit der Farbenlehre fort und sandte schon 1815 das 
Manuskript seines Aufsatzes „über das Sehen und 
die Farben" an Goethe. Dieser las die Arbeit, war 
aber keineswegs mit ihr einverstanden, und es be- 
durfte mehrerer brieflicher Mahnungen, bis Schopen- 
hauer nach Monaten seine Schrift zurückerhielt, 
welche 1816 im Druck erschien. In diesem Aufsatz 
zeigt Schopenhauer zunächst, daß man im Gegensatz 
zu Goethes Angabe durch Vermischung spektraler 
Lichter tatsächlich weißes Licht erhalten kann, eine. 
Abweichung, die Goethe seinem Schüler nie ver- 
ziehen hat. Weiter aber ist Schopenhauer der erste, 
der als bewußter Schüler Kants die scharfe Schei- 
dung zwischen Sinnesempfindung und Sinnesreizen 
macht. Er teilt nicht mehr die Farben wie Goethe 
in physiologische, physische und chemische, sondern 
erklärt ohne weiteres alle Farben als unsere Emp- 
findungen, hervorgerufen durch Affektion unseres 
Auges. Solche Farbenempfindungen können ohne 
äußere Reize entstehen (physiologische) oder durch 
Vorgänge in der Außenwelt, durch Lichtstrahlen 
erzeugt sein (physische und chemische Farben). Da- 
durch war das physiologische Gebiet scharf von 
dem physischen gesondert. 

Den nächsten großen Fortschritt der Sinnesphysio- 
logie hat Goethe ebenfalls noch erlebt. 1826 ver- 



256 Achte Vorlesung. 

öffentlichte Johannes Müller in Bonn sein Buch „zur 
vergleichenden Physiologie des Gesichtsinnes des 
Menschen und der Tiere", in welchem das Ge- 
setz von der spezifischen Sinnesenergie aufgestellt 
wurde. Johannes Müller zeigte, daß die Art unserer 
Sinnesempfindungen überhaupt nicht abhängt von 
der Art der äußeren Reize, sondern nur von der 
Art des Sinnesorgans oder Sinnesnerven, der er- 
regt wird. Auch hierbei handelt es sich um eine 
Anwendung Kantscher Ideen auf physiologische 
Probleme. 

Diese beiden großen Fortschritte knüpfen nun 
unmittelbar an Goethes Optik an; Schopenhauer war, 
wie gesagt, Goethes direkter Schüler, Johannes Müller 
bekennt selbst, daß „ohne mehrjährige Studien der 
Ooetheschen Farbenlehre in Verbindung mit der An- 
schauung der Phänomene selbst seine Untersuchungen 
wohl nicht entstanden wären". Es ist aber notwendig, 
festzustellen, daß Goethe selbst die große Bedeutung 
dieser beiden Arbeiten nicht erkannt hat Für ihn 
war das System seiner Farbenlehre so abgeschlossen, 
daß er nicht mehr imstande war, umzudenken. Da- 
bei ist allerdings zu berücksichtigen, daß er zur Zeit 
der Schopenhauerschen Arbeit 66, des Johannes 
Müllerschen Buches schon 77 Jahre alt war, und 
daß es eine bekannte Tatsache ist, daß es in natur- 
wtottnschaftlichen Fragen den meisten Forschem 
schwer fällt, von einem gewissen Alter an neue 



Die Farbenlehre II. — Physikalische Optik. 257 

Ideen aufzunehmen. Auf Schopenhauer beziehen sich 

die Verse: 

„Trüge gern noch länger des Lehrers Bürden, 
Wenn Schüler nur nicht gleich Lehrer würden." 

Und ferner: 

„Dein Gutgedachtes, in fremden Adern, 
Wird sogleich mit dir selber hadern." 

Dem Philosophen selber schrieb er: „Komm' ich 
aber an das, wo Sie von mir differiren, so fühle 
ich nur allzu sehr, daß ich jenen Gegenständen der- 
gestalt entfremdet bin und daß es mir schwer ja 
unmöglich fällt, einen Widerspruch in mich aufzu- 
nehmen, denselben zu lösen, oder mich ihm zu be- 
quemen. Ich darf daher an diese strittigen Punkte 
nicht rühren"; und in seinem Dankschreiben an Jo- 
hannes Müller für Übersendung seines Buches sagt 
er: „Freilich ist die Region, in der w uns umtun, 
so weit und breit, daß von einem gemeinsamen 
Wege die Rede nicht sein kann; und gerade die, 
welche vom Zentrum nach der Peripherie gehen, 
können, obgleich nach einem Ziele strebend, un- 
möglich parallelen Schritt halten." — Dagegen hat 
Goethe an dem Werke eines andern Physiologen, 
das sich ebenfalls an seine Farbenlehre anschloß, 
an Purkinjes „Beiträgen zur Kenntnis des Sehens in 
subjektiver Hinsicht" eine uneingeschränkte Freude 
gehabt. Das erste Heft wird von ihm mit größtem 
Lobe recensiert, das zweite ist ihm gewidmet. Hier 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 17 



258 Achte Vorlesung. 

entwickelt Purkinje auf Grund sehr zahlreicher und 
subtiler Versuche, die zum Teil Goethes Experimente 
direkt weiterführen, die Lehre von den subjektiven 
Licht- und Farbenerscheinungen. Die Phänomene 
werden klar und einfach geschildert und Goethe 
erkannte diese Darstellungsart rückhaltlos an. So 
sehen wir die drei größten Sinnesphysiologen der 
Zeit unmittelbar an Goethes Werk anknüpfen. Die 
physiologische Optik des 19. Jahrhunderts geht in 
ihren Wurzeln direkt auf seine Farbenlehre zu- 
rück. In der Mitte des Jahrhunderts hat dann 
Helmholtz in seinem klassischen Handbuch der 
physiologischen Optik das gesamte Wissen der Zeit, 
das von ihm selbst in Vielem erweitert war, zu- 
sammenfassend dargestellt. Erst Helmholtz war es, 
der viele der Punkte, in denen Goethe von Newton 
abwich, klar gestellt hat; er klärte die Mischungs- 
gesetze von Blau und Gelb auf, er erzielte zuerst 
wirklich reine spektrale Lichter, die durch weitere 
Brechung nicht verändert werden können. Durch 
Helmholtz sind also Goethes Irrtümer auf physika- 
lisch-optischem Gebiete als endgültig widerlegt an- 
zusehen. Dagegen lebt der alte Gegensatz zwischen 
der Goetheschen und derNewtonschen Betrachtungs- 
weise bis auf den heutigen Tag auf dem Gebiete der 
physiologischen Optik unvermittelt fort. Ebenso 
wie Goethe die Farbenlehre von der Seite der Emp- 
findung und Newton von der Seite der objektiven Reize 



Die Farbenlehre IL — Physikalische Optik. 259 

aus anfaßte, so wird auch jetzt noch die physio- 
logische Optik durch die Schüler von Hering und 
die von Helmholtz-v. Kries in verschiedener Weise 
bearbeitet. Hering geht ebenso wie Goethe von der 
Betrachtung unserer Empfindungen aus, die er als 
Schwarz -Weiß-, Rot- Grün-, Blau-Gelbempfindung 
beschreibt, v. Kries dagegen lehrt, daß man über 
die Farbenempfindung irgend einer Versuchsperson 
gar nichts wissenschaftlich Sicheres aussagen kann, 
daß diese uns vielmehr nur angeben kann, wann 
ihr zwei Farben völlig gleich erscheinen. Mit Hilfe 
solcher „Farbengleichungen" untersucht v. Kries den 
Farbensinn normalsichtiger Menschen und findet, 
daß alle überhaupt möglichen Farbenempfindungen 
sich durch Mischung von drei einfachen spektralen 
Lichtern hervorrufen lassen. Es führt also die Ana- 
lyse der Empfindungen auf die Annahme von 
vier Grundfarben (außer Schwarz und Weiß), die 
Analyse der objektiven Reize dagegen auf die 
Tatsache, daß durch Kombination dreier Reizarten 
alle verschiedenen Farbenempfindungen ausgelöst 
werden können. Diese beiden Ergebnisse stehen 
sich völlig unvermittelt gegenüber. Warum durch 
drei Reizarten vier verschiedene Farbenempfin- 
dungen hervorgerufen werden, ist bis heute völlig 
dunkel. Der Gegensatz zwischen den beiden Be- 
trachtungsarten Goethes und Newtons besteht un- 
überbrückt weiter. ^ 

17 • 



260 Achte Vorlesung. 

Wir sehen aus dieser Darstellung, daß Goethes 
Farbenlehre in ihrem physiologischen Teile ein 
grundlegendes Werk ist, daß die physiologische 
Optik in unmittelbarem Anschluß an sie sich fort- 
entwickelt hat, und daß die Goethesche Lehre und 
Anschauungsweise von der einen der heute herrschen- 
den physiologisch-optischen Schulen im wesentlichen 
auch jetzt noch vertreten wird. So hat Goethe recht 
behalten, wenn er von seiner Farbenlehre sagte: 
„Mir aber können sie nichts zerstören, denn ich habe 
nicht gebaut; aber gesäet habe ich und so weit in 
die Welt hinaus, daß sie die Saat nicht verderben 
können, und wenn sie noch so viel Unkraut unter 
den Weizen säen." 



Neunte Vorlesung. 
Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 

Meine Herren! „Ich fürchte den Vorwurf nicht, 
daß es ein Geist des Widerspruchs sein müsse, der 
mich von Betrachtung und Schilderung des mensch- 
lichen Herzens, des jüngsten, mannigfaltigsten, beweg- 
lichsten, veränderlichsten, erschütterlichsten Theiles 
der Schöpfung zu der Beobachtung des ältesten, 
festesten, tiefsten, unerschütterlichsten Sohnes der 
Natur geführt hat." So schreibt Goethe im Jahre 
1784 bei seinen Studien über den Granit und wir 
finden den Dichter mehr als 50 Jahre hindurch mit 
dem eifrigsten Studium der Erdrinde, ihres Aufbaus 
und ihrer Entstehung beschäftigt. Es würde den 
Rahmen dieser Vorträge überschreiten, wenn wir 
ihm auch auf diesem Gebiete in alle Einzelheiten 
der fachwissenschaftlichen Forschung folgen wollten. 
Es soll hier nur ein allgemeiner Überblick über 
seine Untersuchungen und seine Ansichten gegeben 
werden. ^) Wie wir schon wissen, ist Goethe aus 



*) Eine eingehendere Darstellung und Würdigung dieses 
Zweiges von Goethes Tätigkeit findet sich in der diesjährigen 
lenaer Prorektoratsrede des dortigen Mineralogen G. Linck: 



262 Neunte Vorlesung. 

praktischen Gründen zur Beschäftigung mit der 
Mineralogie veranlaßt worden. Es handelte sich 
seit 1776 um die Wiederbelebung des seit langem 
daniederliegenden Ilmenauer Bergbaues, die Goethe 
als leitender Minister 1777 in die Hand nahm. Er 
fand aber in Thüringen bereits den Boden für geo- 
logische Studien geebnet, denn durch die Nähe der 
Freiberger Bergakademie und besonders durch das 
Wirken des berühmtesten Geologen seiner Zeit, 
Werners, war das Interesse ein reges geworden. 
Der Ilmenauer Bergbau war ein Flötzbergbau, und 
es erwuchs dadurch die Aufgabe, bei der berg- 
männischen Gewinnung der Erze immer ganz be- 
stimmte Schichten und Plötze wieder zu erkennen. 
Dabei wurde Goethe auf die große Regelmäßigkeit, 
mit der die Schichten der Erdrinde gerade in Thü- 
ringen angeordnet sind, aufmerksam gemacht, und 
es wurde das für ihn eine wichtige Stütze der 
Wernerschen Lehre, der als ein Neptunist die Ent- 
stehung der Erdrinde auf das Wirken des Wassers 
zurückführte. 

Schon in dieser ersten Zeit hatte Goethe Ge- 
legenheit, auch in anderm Sinne sich praktisch zu 
betätigen. Auf seine Veranlassung wurde 1779 vom 



Ooethet Verhiltnis zur Mineralogie und Oeognosle (Jena 1906, 
Oustav Fischer). Auf diese Schrift sei hier besonders hin- 
gewtefco. Sie liegt auch der nachstehenden Darstellung teil- 
wtiM sugrunde. 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 263 

Herzog das Walchsche Naturalienkabinet mit einer 
großen Sammlung von Mineralien erworben und 
unter der Leitung von Lenz, der nachmals der erste 
Professor der Mineralogie in Jena wurde, im dor- 
tigen Schlosse aufgestellt. Sie wurde nach Werners 
System geordnet und gab den Grundstock für das 
später so berühmte mineralogische Museum. Um 
aber auch für das Bergwesen einen geeigneten 
Fachmann zu gewinnen, veranlaßte Goethe, daß 
der Herzog den später berühmten J. C. W. Voigt 
auf die Bergakademie zum Studium schickte und 
arbeitete 1780 für diesen eine genaue Instruktion 
zu einer geologischen Reise durch das Herzog- 
tum aus. 

Goethes geologische Anschauungen, die in Thü- 
ringen wurzelten, erweiterten sich auf zahlreichen 
Reisen um ein Beträchtliches. Schon auf der ersten 
und zweiten Harzreise hatte er geologische Beobach- 
tungen gemacht und die Bergwerke von Goslar und 
Klausthal besucht. Die dritte Reise, die er im 
August und September 1784 mit dem Zeichner 
Kraus unternahm, war ganz mit diesen Studien ausge- 
füllt. Das geognostische Tagebuch aus diesen Wochen 
ist erhalten und gibt Zeugnis von dem Ernst, mit 
dem die Untersuchungen angestellt wurden, und im 
Goethehaus befinden sich noch heute die schönen 
Zeichnungen, welche Kraus von den merkwürdig- 
sten und bedeutendsten Granitformationen der Harz- 



264 Neunte Vorlesung. 

kuppen angefertigt hat, denn dem Studium des 
Granits war diese Reise hauptsächlich gewidmet. 
Die zahlreichen Aufenthalte in den böhmischen Bädern 
gaben Goethe Gelegenheit, auch hier geologische 
und mineralogische Erfahrungen zu sammeln. Er 
lernte allmählich diesen Teil Böhmens gründlich 
kennen, beobachtete die Entstehung der heißen 
Mineralquellen, befestigte seine neptunistischen An- 
schauungen und sah die Ausbreitung und den Ein- 
fluß der großen Kohlenlager. In der Schweiz und 
Tirol studierte er Form, Ausbreitung und frühere 
Wirkungen der Gletscher. In Italien lernte er bei 
der Besteigung des Ätna und Vesuv, beim Besuch 
der phlegräischen Felder Bau und Wirksamkeit der 
Vulkane beurteilen und selbst während der Cam- 
pagne in Frankreich trieb er mineralogische For- 
schungen. So war das Anschauungsmaterial be- 
schaffen, das Goethe seinen Erdstudien zugrunde 
legen konnte. Es ist das wichtig, weil sich durch 
die Betrachtung dieser Landschaften die durch 
Werner begründeten neptunistischen Anschauungen 
mehr und mehr in ihm befestigen mußten. Goethe 
weist darauf hin, daß er vermutlich nicht ein solcher 
Anhänger dieser Lehren geworden wäre, wenn er 
seine ersten Studien z. B. in der vulkanischen 
Auvergne hätte anstellen können. 

Von diesen Reisen brachte er große Samm« 
lungcn mit nach Hause, die er ordnete und auf- 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 265 

stellte. Durch Voigt war er in die mineralogische 
Nomenclatur und Systematik eingeführt worden und 
so entstand jene große, mehr als 18000 Nummern 
umfassende Kollektion, die durch ihre Reichhaltig- 
keit und die Schönheit der Einzelstücke noch heute 
die Bewunderung der Besucher des Goethehauses 
erregt. Der größte Teil setzt sich aus Fundstücken 
von Thüringen, dem Harz und Böhmen zusammen, 
aber auch die andern Teile Deutschlands, Italien 
und viele andere Länder sind vertreten. Außerdem 
werden Verzeichnisse angelegt z. B. von sämtlichen 
in Thüringen aufgefundenen Fossilien. 

Von besonderer Bedeutung wurde die Sammlung 
des Steinschneiders Joseph Müller in Karlsbad. 
Derselbe hatte zunächst für sein Gewerbe viele 
Mineralien bei Karlsbad gesammelt, seine Kollektion 
immer mehr erweitert und legte sie 1806 Goethe 
vor. Dieser ordnete die Mineralien, indem er, vom 
Granit ausgehend, eine kontinuierliche Reihe der 
verschiedenen Vorkommnisse aufstellte, und fertigte 
einen genauen wissenschaftlichen Katalog an. Er 
veranlaßte nun Müller, diese Mineralien in größerer 
Anzahl zu sammeln und in gleichartiger Anordnung 
in den Handel zu bringen. Schon 1806 zeigte 
Goethe im Intelligenzblatt der Jenaischen Literatur- 
zeitung die Kollektion an und veröffentlichte 
1808 den Katalog in v. Leonhards mineralogischem 
Taschenbuch. Auf diese Weise wurde eine mine- 



266 Neunte Vorlesung, 

ralogische Mustersammlung allen Gelehrten in 
gleichmäßiger Weise zugänglich gemacht und der 
Bonner Mineraloge Noeggerath bezeichnete sie für 
Unterrichtszwecke geradezu als die beste. Goethe 
gab dann an ihrer Hand eine genaue mineralogische 
Beschreibung der Karlsbader Gegend und ließ 1821 
eine ebensolche der Umgebung von Marienbad 
folgen, der eine entsprechende Sammlung zugrunde 
lag. Er hat auch später der Karlsbader Sammlung 
sein Interesse bewahrt und noch 1832 eine Folge von 
verschiedenen Sprudelsintern, die Müllers Nachfolger 
KnoU in den Handel brachte, ebenfalls angezeigt 

Als Sammler und Forscher stand Goethe in 
regem Verkehr mit vielen Fachgenossen. Minera- 
logische Korrespondenz wurde gepflogen mit den 
Freunden Merck und v. Knebel, mit v.Trebra, v. Leon- 
hard, Aug. v. Herder, Cramer, dem Grafen Stem- 
berg, Grüner und besonders mit Lenz. Ein leb- 
hafter Tauschverkehr mit diesen Fachgenossen und 
mit den fernsten und fremdesten entwickelte sich. 
Vielfach vermittelte auch Goethe den Mineralien- 
austausch, erweiterte so seine und die Jenaische 
Sammlung und als der Erwerb des bedeutenden 
Cramerschen Kabinettes für Jena aus Mangel an 
Mitteln unterbleiben mußte, sorgte er dafür, daß 
es nach Heidelberg kam. 

In den Jahren 1796—98 wurde durch Lenz die 
mineralogische Gesellschaft In Jena gestiftet, die 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 267 

Goethe zu ihrem ersten Ehrenmitglied ernannte. 
Lenz entfaltete eine außerordentlich große Rührigkeit, 
neue Mitglieder für die Sozietät zu gewinnen und 
durch deren Vermittlung die Jenaische Sammlung zu 
vergrößern. Dadurch wurde diese zu einer der 
bedeutendsten ihrer Zeit und die auswärtigen Ge- 
lehrten strömten herbei, um ihre Schätze zu bewundern. 

In der damaligen Zeit gewann die Mineralogie 
zwei wichtige Hilfswissenschaften in der analy- 
tischen Chemie und Kristallographie. Auf die Ini- 
tiative des großen nordischen Chemikers Berzelius 
hatte man begonnen, die Gesteine auf ihren Gehalt 
und ihre chemische Zusammensetzung zu analy- 
sieren. Goethe selbst hat solche Analysen nicht 
ausgeführt, wohl aber die Fortschritte der neuen 
Wissenschaft mit großem Interesse verfolgt. Zuerst 
durch Göttling, später durch Döbereiner ließ er 
sich über die Entwicklung der neueren Chemie auf 
dem Laufenden halten. Für sein reges Interesse 
legt die große Sammlung chemischer Hand- und 
Lehrbücher Zeugnis ab, welche in seiner Bücherei 
zu finden ist. Weniger hat er sich mit Kristallo- 
graphie beschäftigt, deren Kenntnis ihm vor allem 
durch Soret vermittelt wurde. Doch stellte er auch 
gelegentlich Beobachtungen über das Entstehen, das 
Wachstum und die Größe der Kristalle an. 

Wenn Goethes mineralogische und geologische 
Forschungen auch keinen Markstein in der Ge- 



268 Neunte Vorlesung. 

schichte dieser Wissenschaften bilden, so hat er 
doch „den Besten seiner Zeit genug getan". Seine 
Beobachtungen wurden wenigstens in den späteren 
Jahren von den Fachgenossen höchlich geschätzt. 
Er war Mitarbeiter von v. Leonhards mineralogi- 
schem Taschenbuch, seine fachwissenschaftlichen 
Schriften wurden von Noeggerath in der Jenaischen 
Literaturzeitung einer höchst anerkennenden Kritik 
unterzogen; er wurde 1822 wegen seiner Forschungen 
in Nordböhmen zum Ehrenmitglied der unter dem 
Präsidium des Grafen K. Sternberg gegründeten 
Gesellschaft des vaterländischen Museums in Böhmen 
ernannt und die Wernerische naturforschende Ge- 
sellschaft in Edinburgh wählte ihn ebenfalls zum 
Ehrenmitglied. 

So weit der äußere Gang von Goethes Studien; 
lassen Sie uns jetzt den Inhalt kennen lernen. 

Goethe hat eine Reihe von sorgfältigen Be- 
schreibungen der verschiedensten Mineralien und 
Gesteine geliefert, zunächst des Granits und seiner 
verschiedenen Abarten. Die Schilderung der Feld- 
spatzwillinge des Karlsbader Granits wird von Linck 
geradezu als mustergültig bezeichnet. Sein Verdienst 
ist auch die Entdeckung eines zweiten grünlich 
verwitternden Feldspats in diesem Granit Ein- 
gehende Studien widmete er dem Vorkommen des 
Zinns, das er besonders bei Zinnwalde und Alten- 
burg untersuchte. Er schildert genau das granit- 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 269 

ähnliche Gestein „Greissen", in dem das Zinn ent- 
halten ist, und untersucht die Übergänge vom Granit 
zu den zinnhaltigen Gesteinen. Die verschiedenen 
Porphyrarten werden genau untersucht und die 
Konglomeratsteine und Breccien damit, wenn auch 
irrtümlicherweise, verglichen. Auch das Vorkommen 
der böhmischen Granaten ist von Goethe studiert 
worden. 

Der Granit war für ihn ebenso wie für seine 
Zeitgenossen das eigentHche Urgestein, die Unter- 
lage aller geologischen Bildung. Ihm hat er jenen 
herrlichen hymnusartigen poetischen Aufsatz (1784) 
gewidmet, dem das Zitat am Anfang dieses Vortrags 
entnommen ist und dessen Lektüre keiner versäumen 
sollte. Im Granit sieht er die tiefste Schale unsrer 
Erdrinde, und vom Granit aus untersucht er die 
ersten Differenzierungen der Gesteinsarten. Im Harz 
wie bei Marienbad und in den übrigen Gebirgen 
findet er im Granit das eigentliche Knochengerüst 
der Gebirgsbildung. Er ist für ihn das letzte An- 
schauliche, zu dem die Forschung vordringen kann, 
das geologische „Urphänomen". „Mein Geist hat 
keine Flügel, um sich in die Uranfänge empor- 
zuschwingen. Ich stehe auf dem Granit fest und 
frage ihn, ob er uns einigen Anlaß geben wolle, zu 
denken, wie die Masse, woraus er entstanden, be- 
schaffen gewesen." Nach Goethes Vorstellung hat 
sich aus dem ursprünglichen feuerflüssigen Zustand 



270 Neunte Vorlesung. 

der Erde zunächst ein Kern herauskristallisiert, über 
dessen innere Beschaffenheit wir nichts wissen, 
dessen äußere Schale aber der Granit ist. Schon 
bei der ersten Kristallisation und nicht erst bei der 
späteren Abkühlung sind in diesem die noch heute 
vorhandenen Risse und Spalten aufgetreten. Über 
diesem Kern befand sich eine Hülle von Wasser 
als großer Ozean, aus dem sich nun zunächst Gneis 
und Glimmer (-schiefer) niedergeschlagen und den 
Granit bedeckt haben. Daran schloß sich eine Ab- 
lagerung von Tonschiefer und den übrigen Ge- 
steinsarten, die Goethe als Übergangsgebirge be- 
zeichnet. Aus den Wassern fand dann eine weitere 
Sedimentierung statt, deren Ergebnis die Flötzgebirge 
sind (Sandstein, Kalk, Gips, Kohle usw.). Zu diesen 
gesellt sich als jüngste Formation das unter dem 
Einfluß der fließenden Gewässer gebildete auf- und 
angeschwemmte Land. 

Um sich die Formbildung bei der ersten Kristalli- 
sation des Granits zu veranschaulichen, zieht Goethe 
die noch heute vor sich gehenden Gestaltungen der 
großen Schnee- und Gletschermassen heran. Die 
Bildung der Granitklippen im Harze wird direkt mit 
der Bildung der Eistürme und Seracs in den 
OIctschcrabbrüchen verglichen. Die schon bei der 
ersten Bildung auftretenden Risse und Spalten 
sollten eine gewisse Tendenz haben, in bestimmten 
Richtungen (nord-sUdlich) zu verlaufen. Dazwischen 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 271 

sollten sekundäre Spalten entstanden sein (ost- 
westlich), aber nicht rechtwinklig, sondern schräg 
zu jenen ersten Spalten. So sollten die ursprüng- 
lichen Formen der Granitmassen rhombisch aus- 
gebildet gewesen sein. Für diese Spaltenbildung 
führt Goethe als noch heute zu beobachtende Bei- 
spiele die Risse an, die sich in erweichtem Lehm 
beim Trocknen oder in zu stark geglühten Ziegelsteinen 
bilden. Den Grund für das Auftreten dieser Spalten 
gleichzeitig mit der ersten Kristallisation sieht er 
darin, daß jede Solideszenz wie auch die des Eises 
mit einer Erschütterung verbunden sei, und diese 
letztere dient ihm dazu, manche heute gewaltsam 
scheinenden Formen zu erklären. Die Entstehung 
der Klüfte und im Zusammenhang damit der Ur- 
sprung der Gänge, z. B. der erzhaltigen Gänge und 
Adern im Gestein war für Goethe ein Problem, 
über dessen Lösung er vielfach nachdachte. Im 
ganzen neigte er dabei zu der Ansicht, daß die- 
selben gleichzeitig mit den umgebenden Gesteinen 
bei deren erster Gestaltung und Solideszenz ent- 
standen seien. Er hielt überhaupt manches, wie er 
an V. Leonhard schreibt, für simultan entstanden, was 
andere auf verschiedene Bildungsepochen zurück- 
führen wollten. Er versuchte geradezu, vom Granit, 
dessen verschiedene Bestandteile so eng miteinander 
verbunden sind, daß man keine Kontinens und kein 
Kontentum unterscheiden kann, alle Übergänge bis 



272 Neunte Vorlesung. 

zu den porphyrartigen Bildungen aufzufinden, bei 
denen die Teile einer Gesteinsart gleichsam in eine 
andere eingeschmolzen erscheinen, und schloß hieran 
die Konglomerate und Breccien, bei denen Ge- 
steinstrümmer in eine gemeinsame Bindemasse ein- 
gelagert sind. Auch diese letzteren sollten nach Goethe 
simultan entstandene Gesteine darstellen, eine An- 
sicht, die heute als widerlegt angesehen werden kann. 
Die Phänomene der Ablagerung und Sedimen- 
tierung studierte Goethe an den gleichmäßig ge- 
lagerten Schichten Thüringens und an dem geolo- 
gischen Aufbau Böhmens, das er als einen uralten 
Binnensee ansah. Als noch heute fortdauerndes 
Beispiel solchen Absetzens von Gesteinen betrachtete 
er die Bildung des Sprudelsteins und Sinters aus 
den Karlsbader Quellen. Für die Beurteilung des 
Alters der verschiedenen abgesetzten Schichten und 
Flötze benutzte er die in ihnen eingeschlossenen 
Versteinerungen. Er ist höchstwahrscheinlich der 
erste gewesen, der die Bedeutung der Versteinerungen 
zu diesem Zweck erkannt hat, denn schon 1782 
schreibt er an Merck: „Es wird bald die Zelt 
kommen, wo man Versteinerungen nicht mehr durch- 
einanderwerfen, sondern verhältnismäßig zu den 
Epochen der Welt rangieren wird." Er selbst hat 
dieses Kriterium gelegentlich verwendet und z. B. 
einen Schiefer als späte Formation angesprochen, 
weil sich Larven von Wasserinsekten In ihm fanden. 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 273 

Die ursprünglich gebildeten Schichten und Ge- 
birgsformen werden nun fortwährend umgebildet 
und umgestaltet durch die langsam wirkenden Ein- 
flüsse des Wassers und der Atmosphäre. Vor 
allem studiert Goethe den Einfluß der Verwitterung 
auf die einzelnen Mineralien im kleinen und auf 
die Gebirgsform im großen und schreibt diesem 
Faktor die allerwichtigste Bedeutung zu. Er schil- 
dert, wie man die groteskesten Bildungen aus 
Granit, wie sie z, B. an der Luisenburg bei Alexan- 
dersbad vorkommen, auch ohne die Mitwirkung 
vulkanischer Kräfte begreifen könne, wenn man an- 
nimmt, daß einzelne Teile des ursprünglichen Granit- 
massivs verwittert und die widerstandsfähigeren 
Blöcke dann übereinandergestürzt seien. Er zeigt, 
daß unter dem Einfluß der Ausdünstung der Marien- 
bader Quellen die umliegenden Gesteine zu Gebilden 
verwittern, welche vulkanischen Mineralien ganz 
ähnlich sehen. 

Besonderes Interesse widmete er dem Auftreten 
der Findlinge und erratischen Blöcke in den Alpen 
und der norddeutschen Tiefebene. Er führt dieses 
auf verschiedene Ursachen zurück. Die Granitblöcke 
des Rhonetales sind seiner Meinung nach in früheren 
Zeiten durch Gletscher dahin transportiert worden. 
Viele Blöcke in Norddeutschland betrachtet er aber 
als Reste einer alten Urgebirgsreihe, die der Ver- 
witterung entgangen seien, und führt als deren 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 18 



274 Neunte Vorlesung. 

wichtigstes Beispiel den Heiligendamm an. Außer- 
dem aber läßt er eine Reihe dieser Findlinge auf 
Eisschollen und Eisbergen von Skandinavien her 
übers Meer angeschwemmt sein und schließt sich 
damit einer Hypothese Voigts an, besonders als 
tatsächlich das Anschwemmen skandinavischer Ge- 
steinsarten auf Eisschollen an der Ostseeküste durch 
Preen beobachtet wurde. Im Anschluß an diese 
Betrachtung entwickelt nun Goethe die Vorstellung 
einer Eiszeit, und es scheint, daß er tatsächlich der 
erste gewesen ist, der eine solche Epoche ange- 
nommen hat. „Ich habe eine Vermutung, daß eine 
Epoche großer Kälte wenigstens über ganz Europa 
gegangen sei." Damals habe sich das Meer noch 
bis auf 1000 Fuß Höhe über den Kontinent erstreckt, 
der Genfer See sei mit dem Ozean in Zusammenhang 
gewesen, und die Gletscher seien von den Alpen 
bis zum Genfer See heruntergegangen. Auch in 
Wilhelm Meisters Wanderjahren kehrt diese An- 
schauung wieder. Überhaupt hat Goethe bei seinen 
geologischen Studien eine Reihe von Vorstellungen 
entwickelt, welche erst später zu allgemeiner An- 
erkennung gelangt sind. Außer seiner Ansicht über 
die historische Bedeutung der Versteinerungen und 
seiner Annahme einer Eiszeit war es besonders die 
Überzeugung, daß die bei der Erd- und Gebirgs- 
bildung wirksamen Kräfte dieselben seien, wie wir 
sie jeden Tag, nur modifiziert, gewahr werden. 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 275 

Daher auch sein Bestreben, für die geologischen 
Prozesse in unserer heutigen Umgebung anschau- 
liche Beispiele, wie z. B. die Gestaltung des Gletscher- 
eises, zu finden. „Was mich betrifft, so traue ich 
der Natur zu, daß sie noch am heutigen Tage Edel- 
steine uns unbekannter Art bilden könne." Ja, er 
dehnt diese Vorstellung sogar auf das Gestein aus, 
das für ihn die Grundlage bildet, auf den Granit: 
„Es ist sehr möglich, daß Granit mehrmals vor- 
kommt." Da für die Erdgestaltung seiner Ansicht 
nach die noch heute spielenden Kräfte genügen 
und die Umbildung der Erdoberfläche in unsern 
Tagen nur eine sehr langsame ist, so mußte schon 
Goethe zu der jetzt allgemein angenommenen Über- 
zeugung kommen, daß die Perioden der Erdbildung 
von ganz außerordentlich langer Dauer gewesen 
seien, und er legt diese seine Überzeugung im 
2. Teile des Faust dem Thaies in den Mund: 

„Nie war Natur und ihr lebendiges Fließen 
Auf Tag und Nacht und Stunden angewiesen; 
Sie bildet regelnd jegliche Gestalt, 
Und selbst im Großen ist es nicht Gewalt." 

So sehen wir, wie Goethe durch seine geologischen 
Studien zu ganz modernen Anschauungen über die 
Erdbildung geführt wird. 

Die Zeit, in welche seine Beschäftigung mit der 
Geologie fiel, wurde beherrscht durch den Streit 
zwischen Neptunisten und Vulkanisten, zwischen 

18» 



276 Neunte Vorlesung. 

denjenigen, welche dem Wasser, und denjenigen, 
welche den vulkanischen Kräften den Hauptanteil 
an der Gestaltung unserer Erde zuschrieben. Der 
alte Gegensatz ist heute längst ausgeglichen. Man 
hat dem Wasser und dem Feuer beiden ihren ge- 
bührenden Anteil an dem geologischen Geschehen 
zugewiesen. In der damaligen Zeit aber tobte der 
Streit mit der größten Heftigkeit. Goethe hat sich 
im großen und ganzen von den Übertreibungen der 
beiden Lehren fern zu halten gewußt. Dem ganzen 
Gange seiner Ausbildung nach neigte er mehr zu 
den neptunistischen Anschauungen Werners und 
klagte in den „Zahmen Xenien": 

„Kaum wendet der edle Werner den Rücken, 
Zerstört man das Poseidaonische Reich; 
Wenn alle sich vor Hephästos bücken, 
Ich kann es nicht sogleich: 
Ich weiß nur in der Folge zu schätzen, 
Schon hab' ich manches Credo verpaßt. 
Mir sind sie alle gleich verhaßt 
Neue Götter und Götzen." 

Die großartigste Darstellung dieses wissenschaft- 
lichen Streites aber hat er im 2. Teil des Faust 
gegeben. In der klassischen Walpurgisnacht läßt er 
Thaies als Neptunist und Anaxagoras als Vulkanist 
über Gebirge und Meere wandern und stellt ihre 
Ansichten in scharfen Gegensatz. Auch hier läßt er 
ahnen, daß er selbst auf Seite des Thaies steht und 
verspottet die Lehren der ungestümen Vulkanisten, 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 277 

die sich nicht scheuen würden, selbst Steine vom 
Monde herabfallen zu lassen. Trotzdem wird auch 
im Faust eine endgültige Entscheidung über den 
Streit nicht gegeben, vielmehr die Bergentstehung 
nach vulkanistischer Ansicht durch Seismos (Erd- 
beben) anschaulich vorgeführt: 

„Das hab' ich ganz allein vermittelt. 

Man wird mir's endlich zugestehn: 

Und hätt' ich nicht geschüttelt und gerüttelt, 

Wie wäre diese Welt so schön?" 

Demgegenüber aber bleibt Thaies auf seinem 
neptunistischen Standpunkt, den er in den herrlichen 
Versen ausspricht: 

„Alles ist aus dem Wasser entsprungen!! 

Alles wird durch das Wasser erhalten! 

Ocean, gönn' uns Dein ewiges Walten. 

Wenn Du nicht Wolken sendetest, 

Nicht reiche Bäche spendetest, 

Hin und her nicht Flüsse wendetest. 

Die Ströme nicht vollendetest, 

Was wären Gebirge, was Ebnen und Welt? 

Du bist's, der das frischeste Leben erhält." 

Goethes eigene Stellung zu der Wirksamkeit und 
Bedeutung vulkanischer Kräfte ist im Laufe seiner 
Forschungen eine wechselnde gewesen. Er hat sich 
ihrer Bedeutung wohl niemals verschließen können, 
schreckte aber vor den Übertreibungen der damali- 
gen Schule zurück. Er versuchte vieles, was als 
Produkt vulkanischer Eruptionen auftrat, im Anschluß 
an Werner auf unterirdische Erdbrände zurückzu- 
führen, als deren Träger man besonders die großen 



278 Neunte Vorlesung. 

Steinkohlenlager betrachtete. Vor allem glaubte er 
solche Vorkommnisse in Böhmen zu finden. Das 
Brennen der Gesteine sollte durch die eingelagerten 
vegetabilischen Reste erleichtert werden. So fand 
er z. B. bei Grünlaß einen Brandschiefer, der an 
der Flamme entzündet werden konnte. Von diesem 
Gesichtspunkte aus studierte er den Einfluß des 
Brennens und Glühens auf eine ganz beträchtliche 
Anzahl von Gesteinsarten, und es ist uns noch ein 
Verzeichnis von 38 verschiedenen Mineralien er- 
halten, die er 1820 in Zwetzen dem Feuer des 
Töpferofens aussetzen ließ, um die Wirkung des 
Glühens zu ermitteln. Solche Versuche hat er noch 
mehrfach angestellt, und sie waren für die Beurtei- 
lung des in der Natur Vorkommenden für ihn von 
großer Bedeutung. So fand er „uralte neuentdeckte 
Naturfeuer- und Glutspuren" 1824 bei Pograd in 
Böhmen und studierte bei Karlsbad den Einfluß 
solcher Erdbrände auf schieferigen Ton und Quarz, 
wodurch sich schließlich Erdschlacken bilden. Sol- 
chen Prozessen schrieb er einen sehr großen Einfluß 
zu, verschloß sich aber doch nicht der Erkenntnis, 
daß auch vulkanische Kräfte angenommen werden 
müßten. So hat er selbst 1808 den Kammerbühl 
bei Eger, dessen vulkanische Gesteinsarten er sam- 
melte und genau beschrieb, als einen alten sub- 
marinen Vulkan angesprochen und 1822 den Vor- 
schlag gemacht, zur Befestigung dieser Meinung von 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 279 

der Seite her einen Stollen in den Berg einzutreiben, 
um seinen Aufbau studieren zu können, ein Projekt, 
das nach seinem Tode vom Grafen Sternberg tatsäch- 
lich ausgeführt worden ist. 1824 aber glaubte er doch 
wieder auch pseudovulkanische Prozesse hier zu er- 
kennen und ließ den Basalt des Kammerberges durch 
Brand eines darüberliegenden Gemenges von Ton- 
schiefer und Steinkohle nachträglich verändert sein. 
Seiner Meinung nach sind die Vulkane nicht 
gemeinsamen Ursprungs aus einem feuerflüssigen 
Kern der Erde, sondern entstehen rein lokal, wenn 
Wasser an Stellen in die Tiefe dringt, wo unter- 
irdische Brände stattfinden. Daher liegen die Vul- 
kane auch meist in der Nähe des Meeres; bei den 
feuerspeienden Bergen der höchsten Anden Süd- 
amerikas wird das Wasser vom schmelzenden Schnee 
geliefert. Eines der Probleme, das Goethe und seine 
Zeitgenossen beschäftigte, war die Entstehung des 
Basalts, der für eine sehr junge Formation gehalten 
wurde und einen Hauptstreitpunkt zwischen Neptu- 
nisten und Vulkanisten bildete. Auch Goethe hat über 
diese Streitfrage geforscht und geschrieben und Ver- 
gleichsvorschläge für die widerstrebenden Meinungen 
gemacht, ohne zu einem endgültigen Ergebnis zu ge- 
langen. Daher sein Stoßseufzer: 

„Amerika, du hast es besser 
Als unser Continent, das alte, 
Hast keine verfallenen Schlösser 
Und keine Basalte." 



280 Neunte Vorlesung. 

In einem Punkte war aber Goethes Stellungs- 
nahme gegen die Vulkanisten eine durchaus ent- 
schiedene und klare. Er lehnte grundsätzlich die 
Annahme ab, daß unsere Erdoberfläche nach ihrer 
ersten Gestaltung noch nachträglich durch Heben 
und Senken, durch Faltungen, durch Risse und Ver- 
werfungen umgestaltet worden sei. Die damaligen 
Vulkanisten ließen diese Vorgänge, für welche man 
heute Zeiträume von langer Dauer annimmt, kata- 
strophenähnlich ganz plötzlich eintreten und ganze 
Gebirge auf einmal sich zu ihrer vollen Höhe er- 
heben. Dagegen hat Goethe immer wieder aufs 
energischste Front gemacht. „Die Sache mag sein 
wie sie will, so muß geschrieben stehen, daß ich 
diese vermaledeite Polterkammer der Weltschöpfung 
verfluche." Wir haben schon gehört, daß Goethe die 
Gebirge in ihren Hauptformen schon bei der ersten 
Entstehung des Granits in allen wesentlichen Zügen 
ausgebildet sein ließ und keine spätere Gebirgsbil- 
dung mehr annahm. In diesem Sinne spricht Faust: 

«Oebirgesmasse bleibt mir edel — stumm, 

Ich frage nicht woher und nicht warum? 

Als die Natur sich in sich selbst gegründet, 

Da hat sie rein den Erdball abgerundet, 

Der Gipfel sich, der Schluchten sich erfreut 

Und Fels an Fels und Berg an Berg gereiht; 

Die Hügel dann bequem hinabgcbildet, 

Mit sanftem Zug sie in das Thal gcmildct, 

Da grünt's und wächst's, und um sich zu erfreuen 

Bedarf sie nicht der tollen Strudclcien." 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 281 

Die Ansicht seiner Gegner aber persifliert die 
Erzählung Mephistos, wie die Teufel im Innern der 
Erde eingeschlossen husten und pusten und durch 
die so produzierten Gase die Erdoberfläche um- 
gestalten. Der Hauptgrund für Goethe, diese nach- 
träglichen Formänderungen der Erdoberfläche zu 
verwerfen, war die in Mitteldeutschland schon im 
Anfang seines geologischen Studiums gemachte Er- 
fahrung, daß die Schichten und Plötze mit größter 
Regelmäßigkeit angeordnet sind. Was er hier vor 
Augen sah, übertrug er auch auf andere Gebiete. 
An Stellen, wo die geologischen Schichten nicht 
horizontal, sondern mehr oder weniger geneigt ge- 
stellt sind, glaubte er sogar hypothetisch annehmen 
zu dürfen, daß auch solche Ablagerungen ursprüng- 
lich seien. Ein Hauptbeweisstück für Höhenver- 
änderung der Erde in historischen Zeiten war der 
Serapistempel in Pozzuoli, dessen noch aufrechte 
Säulen in der Mitte des Schaftes von Bohrmuscheln 
angefressen sind, jetzt ^ber wieder in freier Luft 
stehen, v. Hoff sah hierin, in Übereinstimmung mit 
der heute allgemein angenommenen Meinung, den 
Beweis, daß das Meer im Mittelalter diesen Küsten- 
strich überflutet und dieser sich später wieder ge- 
hoben habe. Goethe aber setzt an der Hand von 
Zeichnungen auseinander, daß bei der Verschüttung 
des Tempels sich höchstwahrscheinlich in der Mitte 
eine Vertiefung und ein See gebildet habe, in dem 



282 Neunte Voriesung. 

die Bohrmuscheln leben konnten, ohne daß man 
solche nachträgliche Hebungen annehmen müsse. 

Ebenso wie die Vulkane, so ließ Goethe auch 
die heißen Quellen rein lokalen Ursprungs sein 
und leitete sie von dem Oberflächenwasser ab, das 
in die Tiefe dringt Er war überzeugt, daß die 
Karlsbader Thermen aufhören würden zu sprudeln, 
wenn man die Tepel aus ihrem Bette ableiten würde. 
Das Oberflächenwasser, in die Tiefe dringend, sollte 
seiner Ansicht nach das feste Gestein durch die 
Benetzung wie eine galvanische Säule in Tätigkeit 
und Hitze bringen und so die Entstehung der 
Thermen veranlassen. Diese Meinung behielt er 
auch später noch bei, gegenüber der allgemein an- 
genommenen Ansicht, daß die Quellen „aus dem 
siedenden Abgrund unserer Erdkruste hervordringen" 
Auch praktisch hat sich Goethe einmal mit Balneo- 
logie beschäftigt und 1812 ein eingehendes Gut- 
achten darüber verfaßt, ob die Schwefelquellen 
bei Berka durch die Anlage eines Badeortes nutz- 
bar gemacht werden sollten. Diese durch ihre 
OrQndiichkeit mustergültige Schrift, die auf einer 
Analyse Döbereiners fußt, enthält genaue Angaben 
über die voraussichtliche Ergiebigkeit der Quellen, 
Ober Anlagen zur Erwärmung des Wassers, zu 
Dampf- und Schlammbädern, über den Versand des 
Wassers und über die praktische Einrichtung des 
Badeortes. 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 



283 



Es werden wohl wenige Geologen, wenn sie eine 
ihrer schön und deutlich kolorierten Karten [zur 
Hand nehmen, sich dessen bewußt sein, daß diese 
Farbengebung auf Goethe zurückgeht. Als Käfer- 
steins geognostisch-geologische Karte von Deutsch- 
land 1821 erschien, wurde die Kolorierung, die in 
den wesentlichsten Zügen noch die heute maß- 
gebende ist, nach Goethes Vorschlägen ausgeführt, 
der dabei von zwei Gesichtspunkten ausging: ein- 
mal die einzelnen geologischen Schichten so zu 
färben, daß sie sich möglichst voneinander unter- 
scheiden, und zweitens, die Färbung der gesamten 
Karte harmonisch zu gestalten. So spielen Goethes 
Studien zur Farbenlehre hinüber bis in die prak- 
tische Geologie der neuen Zeit. 

Dieser kurze Überblick über Goethes minera- 
logische und geologische Tätigkeit läßt erkennen, 
daß er auch hier gründlich geforscht und sein 
Wissen in die Tiefe und die Breite ausgedehnt hat. 
Im Gegensatz zu den optischen Studien, in denen 
er stets mit der größten Entschiedenheit und dem 
ausgesprochendsten Selbstgefühl auftritt, ist er in 
seinen geologischen Schriften viel zurückhaltender 
und bescheidener. Er war sich wohl bewußt, daß 
das ihm zugängliche Tatsachenmaterial nur eine 
unzureichende Grundlage abgab, die Entstehung des 
Erdballs zu erklären, und deshalb hat er auf geo- 
logischem Gebiete die Notwendigkeit, Hypothesen 



284 Neunte Vorlesung. 

zu Hilfe zu nehmen, stets anerkannt. Charakteristisch 
aber für seine Forschungsweise ist, daß er auch hier 
immer das Tatsächliche und das Hypothetische sorg- 
fältig auseinander hält, die Tatsachen möglichst genau 
sammelt, sichtet und registriert, in den Hypothesen 
sich selbst aber eine Meinungsänderung vorbehält. 
An die Besprechung der mineralogischen Arbeiten 
schließen wir die von Goethes meteorologischen 
Untersuchungen an. Ebenso wie er die Phänomene 
auf und unter der Erde zu ergründen suchte, so 
entgingen die zahlreichen Erscheinungen in dem 
Luftmeer seiner Beobachtung nicht. Dazu wurde 
er schon durch Erfahrungen am eigenen Körper 
veranlaßt, denn es ist bekannt, daß er gegen Witte- 
rungsumschläge sehr empfindlich war und unter 
dem trüben Klima Weimars litt Es ist dies einer 
der Gründe für seine dauernde Sehnsucht nach 
den südlichen Lüften Italiens. So wurde er schon 
früh zu Beobachtungen über die Witterung ver- 
anlaßt und lernte regelmäßig auf die Änderungen 
des Barometerstandes achten. Bereits auf der ersten 
Schweizerreise und auf der italienischen Reise 
machte er Notizen über Wind und Wolkenformen. 
Es blieben aber alle diese Beobachtungen nur ver- 
einzelt, weil es ihm zunächst nicht möglich war, 
In die schier unendliche Fülle der wechselnden Er- 
scheinungen, wie sie besonders die Wolkenbildung 
zeigte, irgend welche Regelmäßigkeit zu bringen. 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 



285 



Da wurde die Terminologie der Wolkenform, welche 
Luke Howard 1803 veröffentlichte und die 1815 zu 
Goethes Kenntnis kam, für ihn der Ausgangspunkt 
zu neuen Untersuchungen. Er ergriff diese Ein- 
teilung „mit Freuden, weil sie ihm einen Faden 
darreichte, den er bisher vermißt hatte". Jetzt konnte 
er seine Beobachtungen über Wolkenform und Be- 
wölkung in ein festes Schema bringen und so 
wissenschaftlicher Bearbeitung zugänglich machen. 
Er gewöhnt sich, „die Bezüge der atmosphärischen 
und irdischen Erscheinungen mit Barometer und 
Thermometer in Einklang zu setzen". Die Howard- 
schen Wolkenbezeichnungen Stratus, Cumulus, Cirrus 
und Nimbus, von Goethe noch durch die der Wolken- 
wand Paries vermehrt, werden auch heute noch 
in der Meteorologie verwendet. Goethe schreibt 
schon 1817 einen Aufsatz „Wolkengestaltungen nach 
Howard" und macht bei seinen Reisen in die böh- 
mischen Bäder 1820—23 genaue tagebuchartige Auf- 
zeichnungen über Wolken und Wetter. Durch die 
einfache Howardsche Nomenklatur war ihm plötz- 
lich die Möglichkeit geworden, sich in den Wirr- 
salen der atmosphärischen Erscheinungen zurecht 
zu finden, daher auch seine große Verehrung für 
den englischen Forscher: 

„Dich im Unendlichen zu finden, 
Mußt unterscheiden und dann verbinden; 
Drum danket mein beflügelt Lied 
Dem Manne, der Wolken unterschied." 



286 Neunte Vorlesung. 

Zu Howards Ehre und zur Erläuterung seiner 
Lehre schreibt er das schöne Gedicht „Howards 
Ehrengedächtnis" und läßt sich von ihm eine Auto- 
biographie schicken, der Howard 1822 sein Werk 
„Das Klima von London" folgen ließ. 

Schon 1822 sind Goethes Beobachtungen und 
Überlegungen so weit gediehen, daß er einen Auf- 
satz „Über die Ursachen der Barometerschwan- 
kungen" schreibt und 1825 den „Versuch einer 
Witterungslehre" verfaßt. Er geht dabei von der 
Tatsache aus, daß das Barometer an verschiedenen 
Orten im Laufe eines Monats völlig gleichartige 
Schwankungen ausführt. Vom Meer bis zur Höhe 
von 2000 Fuß, von Boston bis Karlsruhe, von 
London bis Wien hatten z. B. im Dezember 1822, 
wie eine graphische Aufzeichnung des Jenenser 
meteorologischen Beobachters Schrön zeigte, die 
Kurven der Barometerschwankungen völlig parallelen 
Verlauf. Daraus folgerte Goethe, daß die Ursache 
der Barometerschwankungen nicht in irgend welchen 
lokalen Veränderungen gesucht werden dürfte, und 
er macht weiter energisch Front gegen die damals 
verbreitete Lehre, daß der Mond oder die Planeten 
die Barometerschwankungen nach Art einer Ebbe 
und Flut der Atmosphäre verursachen könnten. So 
kam er dazu, die periodischen Änderungen des Luft- 
drucks, wie sie das Barometer anzeigt, auf eine 
periodi8^,j^g Veränderung der ;Schwerkraft zurück- 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 287 

zuführen. Die Erde sollte ihren Dunstkreis zeit- 
weise mehr und zeitweise weniger anziehen. Diese 
Hypothese, welche er schon 1816 in der italienischen 
Reise angedeutet hatte, versuchte er des weiteren 
auszuführen und zu begründen, war sich allerdings 
völlig darüber klar, daß es eben nur eine Hypothese 
war. „Ob ich gleich mir nicht einbilde, daß hier- 
mit alles gefunden und abgetan sei, so bin ich 
doch überzeugt: wenn man auf diesem Wege die 
Forschungen fortsetzt und die sich hervortuenden 
näheren Bedingungen und Bestimmungen genau be- 
achtet, so wird man auf etwas kommen, was ich 
selbst weder denke noch denken kann, was aber 
sowohl die Auflösung dieses Problems als mehrerer 
verwandter mit sich führen wird." Goethe hat mit 
dieser Prophezeiung recht behalten. Seine Hypo- 
these hat sich als unrichtig erwiesen, weil das 
Beobachtungsmaterial, auf dem er fußte, noch zu 
klein war. Ausgedehnte Untersuchungen haben ge- 
zeigt, daß die Barometerschwankungen auf der ganzen 
Erde durchaus nicht immer gleichsinnig verlaufen. 
Aber die von Goethe angestrebte und veranlaßte 
Reihe fortgesetzter meteorologischer Beobachtungen 
hat tatsächlich im Laufe der Zeit zur Aufklärung 
der schwierigen Witterungsprobleme geführt 

Goethe beobachtet weiterhin den Zusammen- 
hang zwischen Barometerstand und Wolkenbildung, 
macht auf den Einfluß der Gebirge auf die Wolken- 



288 Neunte Vorlesung. 

bildung aufmerksam, erörtert den Zusammenhang 
der Windrichtungen mit dem Barometerstand und 
findet, daß zwischen den Schwankungen des Thermo- 
meters und des Barometers keine direkte Ab- 
hängigkeit bestehen könne. Er sammelt zahlreiche 
Einzelbeobachtungen über seltenere atmospärische 
Erscheinungen, Nordlicht, Nebensonnen usw. und 
sieht die Atmosphäre als in mehrere aufeinander 
folgende Schichten gegliedert an, in denen gleich- 
zeitig verschiedene Witterungsphänomene eintreten 
können. 

So gewinnt Goethe eine genaue Kenntnis der 
Vorgänge, die sich im Luftmeer abspielen, und sucht, 
wenn auch ohne großen tatsächlichen Erfolg, in die 
Gesetzmäßigkeit dieser Phänomene einzudringen. 
Sehr viel größere Bedeutung als seine theoretischen 
Studien zur Meteorologie besitzen seine praktischen 
Anregungen. Ihm ist vor allem die Gründung zahl- 
reicher meteorologischer Stationen, zunächst im 
Herzogtum Weimar, dann auch im weiteren Deutsch- 
land zuzuschreiben. Er selbst arbeitet mit Hilfe der 
Jenenser Meteorologen 1817 eine ganz genaue In- 
struktion für die Beobachter auf den verschiedenen 
Stationen aus, welche durch Zweckmäßigkeit und 
Obersichtiichkeit noch heute Bewunderung verdient, 
und sorgt dafür, daß das Material wissenschaftlich 
verarbeitet wird. Er dringt darauf, daß das Netz der 
meteorologischen Stationen bis auf die höchsten 



Mineralogie, Geologie, Meteorologie. 289 

Berge ausgedehnt wird, verschafft sich Beobachtungen 
vom großen St. Bernhardt, regt an, daß auch auf der 
Höhe des Meeres solche Untersuchungen angestellt 
werden. Die Gründung der meteorologischen Station 
auf der Schneekoppe ist ebenfalls auf seine Anregung 
zurückzuführen. So legte er den Grund für das dichte 
Netz von Beobachtungsstationen, die heute alle zivi- 
lisierten Länder überziehen, und wenn uns heute der 
Telegraph von diesen Stationen relativ zuverlässige 
Wetterprognosen übermittelt und wenn wir heute 
über die Ursache der Winde, über die Gesetze der 
Barometerschwankungen besser unterrichtet sind als 
vor hundert Jahren, so haben dazu nicht zum kleinsten 
Teil die praktischen Anregungen beigetragen, die 
Goethe zur Beförderung meteorologischer Unter- 
suchungen gegeben hat. 



Magnus, Goethe als Naturforscher. 19 



Zehnte Vorlesung. 
Goethe als Naturforscher. 

Meine Herren! Wir haben in den vorhergehen- 
den Vorlesungen den Inhalt und die Bedeutung von 
Goethes wissenschaftlichen Studien auf den ver- 
schiedensten Gebieten kennen gelernt, und es erübrigt 
noch zum Schluß zusammenfassend zu erörtern, 
welches seine naturwissenschaftliche Arbeitsweise 
im allgemeinen gewesen ist, wie er über die Mög- 
lichkeit naturwissenschaftlicher Erkenntnis gedacht 
hat, welche Bedeutung seine Forschungen für die 
Beurteilung seiner Persönlichkeit besitzen und wie 
Dichter und Naturforscher sich bei ihm ständig 
durchdringen. Die Lösung dieser Aufgabe wird da- 
durch erleichtert, daß wir außerordentlich zahlreiche 
Zeugnisse in Goethes Werken besitzen, aus denen 
hervorgeht, wie er selbst über diese Fragen gedacht 
hat Wir sind ja kaum über das Leben und Denken 
eines andern Menschen so eingehend unterrichtet, 
weil wohl niemand alles, was er dachte und was 
ihn beschäftigte, so klar formuliert und aufgezeichnet 
hat wie er. 



Goethe als Naturforscher. 291 

Nach Besprechung von Goethes botanischen und 
zoologischen Werken haben wir schon kurz über 
seine Forschungsmethode in diesen Wissenszweigen 
gesprochen, und Sie werden sich erinnern, daß er 
stets in der Weise vorging, daß er aus den Einzel- 
erscheinungen, wie die Natur sie ihm darbot, sich 
eine kontinuierliche Reihe herstellte, welche vom 
einfachsten zum kompliziertesten fortschritt. Die An- 
wendung dieses Verfahrens beruht auf dem Prinzip 
der Stetigkeit, das Goethe auf allen Gebieten der 
Naturwissenschaft anwendbar findet. Die Natur macht 
keine Sprünge, überall finden sich Übergänge, und so 
ist eine Ordnung der Naturphänomene möglich. Ist 
die kontinuierliche Reihe gebildet, dann kann man 
ihre einzelnen Glieder miteinander vergleichen und 
auf diese Weise das allen Formen Gemeinsame, das 
Gesetzliche feststellen. So gelangte Goethe in der 
Botanik zur Urpflanze, in der vergleichenden Ana- 
tomie zum Typus. 

Das prinzipiell gleiche Verfahren verwendet er 
bei dem Studium der anorganischen Naturerschei- 
nungen; aber hier wird die Beobachtung der Phäno- 
mene unterstützt und ergänzt durch willkürlich vom 
Forscher angestellte Versuche. Wieder und wieder 
betont nun Goethe, daß ein Phänomen allein, ein 
Versuch für sich nichts beweisen kann. „Es ist das 
Glied einer großen Kette, das erst im Zusammen- 
hange gilt. Wer eine Perlenschnur verdecken und 

19* 



292 Zehnte Vorlesung. 

nur die schönste einzeln vorzeigen wollte, verlan- 
gend, wir sollten ihm glauben, die übrigen seien 
alle so, schwerlich würde sich jemand auf den 
Handel einlassen." Auch hier also muß aus den Be- 
obachtungen die kontinuierliche Reihe gebildet wer- 
den. „Ein Versuch erhält doch nur seinen Wert 
durch Vereinigung und Verbindung mit andern." Bei 
dieser Ordnung der Versuche kommt aber natürlich 
ein willkürliches Element in die Wissenschaft hinein. 
Die Verknüpfung der Phänomene in der richtigen 
Weise vorzunehmen, ist eine schwierige Aufgabe 
des Naturforschers. Besonders ist aber davor zu 
warnen, eine zu kleine Anzahl von Beobachtungen 
den wissenschaftlichen Schlüssen zugrunde zu legen. 
Es entstehen dann Theorien, die zu eng begrenzt 
sind und nach einiger Zeit ein ernstes Hindernis für 
den Fortschritt werden. Man muß also stets bei der 
Untersuchung eines Phänomens alle Nachbarerschei- 
nungen mit erforschen und jeden Versuch ins End- 
lose vermannigfaltigen, wie das Goethe selbst in 
der Farbenlehre getan hat. Die so gewonnene Er- 
fahrung ist dann höherer Art und die Sätze, die 
sich daraus ergeben, lassen sich zu höherer Er- 
kenntnis verknüpfen. Goethe geht also stets von 
möglichst vermannlgfaltigtcn Versuchen zur Erfah- 
rung über. Dagegen ist seiner Meinung nach nichts 
gefährlicher, als den umgekehrten Weg einzuschlagen 
und irgend einen vorher aufgestellten Wissenschaft- 



Goethe als Naturforscher. 293 

liehen Satz unmittelbar durch Versuche beweisen zu 
wollen. Dadurch, daß ein Versuch mit einer vor- 
gefaßten Hypothese stimmt, wird keineswegs be- 
wiesen, daß dieselbe auch richtig sei. 

Man muß also zuerst die Konsequenz und Kon- 
stanz der Phänomene in möglichst vielen Fällen 
beobachten, dann kann man diese Ergebnisse vor- 
läufig zu einem empirischen Gesetz zusammenfassen. 
Dieses muß dann aber in der Erfahrung an einer 
ganzen Reihe von andern Versuchen geprüft, even- 
tuell berichtigt und erweitert werden. Nur so ist 
die größtmögliche Annäherung des menschlichen 
Geistes an die Gegenstände zu erreichen. „Kein 
Phänomen erklärt sich an und aus sich selbst; nur 
viele zusammen überschaut, methodisch geordnet, 
geben zuletzt etwas, was für Theorie gelten könnte." 

Die schwierigste Frage aber ist die, welches 
Phänomen an den Anfang der kontinuierlichen Reihe 
gestellt werden soll. Goethe bezeichnet diejenigen 
einfachsten Fälle, welche eine Erscheinung in mög- 
lichst klarer Weise zeigen und von denen sich alle 
übrigen Phänomene ableiten lassen, als Urphäno- 
men. „Wer nicht gewahr werden kann, daß ein 
Fall oft Tausende wert ist, und sie alle in sich 
schließt, wer das nicht zu fassen und zu ehren 
imstande ist, was wir Urphänomen genannt haben, 
der wird weder sich noch andern jemals etwas zur 
Freude und zum Nutzen fördern können." Für die 



294 Zehnte Vorlesung. 

Farbenlehre war ihm ein solches Urphänomen die 
Farbenerscheinung der trüben Mittel, und der physi- 
kalische Teil seiner Optik stellt den konsequenten 
Versuch dar, alle Farben von diesem einen Ur- 
phänomen abzuleiten. Nichts in der Erscheinung 
liegt über den Urphänomenen, „sie dagegen sind 

völlig geeignet, daß man stufenweise von ihnen 

herab bis zum gemeinsten Falle der täglichen Er- 
fahrung niedersteigen kann". Für Goethe ist die 
Aufgabe der Naturforschung mit der Auffindung der 
Urphänomene im wesentlichen erschöpft. Er macht 
nicht den Versuch, diese selbst wieder erklären zu 
wollen. Den Grund hierfür gibt er selber an. Man 
soll nicht „hinter ihnen und über ihnen noch etwas 
Weiteres aufsuchen, da wir doch hier die Grenze 
des Schauens eingestehen sollten". Es sind also 
die Urphänomene das letzte unmittelbar Anschau- 
liche, zu dem wir gelangen können, und die Natur- 
forschung soll sich streng in den Grenzen des An- 
schaulichen halten. Wir sehen hier wieder, wie sehr 
Goethe ein Mann des Auges gewesen ist und wie 
für ihn Anschaulichkeit die erste Voraussetzung jeder 
Naturkenntnis war. Er sucht die Phänomene „bis 
zu ihren Quellen zu verfolgen, bis dorthin, wo sie 
bloß erscheinen und sind, und wo sich nichts 
weiter an ihnen erklären läßt". „Man suche nur nichts 
hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre." 
Goethe sieht also die Aufgabe der Naturforschung 



Goethe als Naturforscher. 295 

nur darin, eine möglichst vollständige und einfache 
Beschreibung der Naturvorgänge zu geben, und 
berührt sich in dieser Forderung aufs engste mit 
einem der hervorragendsten theoretischen Physiicer 
des verflossenen Jahrhunderts, mit Alfred Kirchhoff. 
Dieser stellte als Aufgabe der Mechanik hin, die 
Naturvorgänge vollständig und auf die einfachste 
Weise zu beschreiben. Der Unterschied liegt nur 
darin, daß der theoretische Physiker zur Beschrei- 
bung das Unanschaulichste, die mathematische For- 
mel, benutzt, während für Goethe die unmittelbare 
Anschaulichkeit notwendige Voraussetzung jeder 
Naturerkenntnis gewesen ist. Er fragt also bei seinen 
Forschungen nicht nach den Ursachen der Phäno- 
mene, sondern er will nur ihre Bedingungen unter- 
suchen, nur feststellen, welche Vorgänge in der 
Natur notwendigerweise zum Zustandekommen einer 
bestimmten Erscheinung erforderlich sind. Sehr gut 
läßt sich Goethes Ansicht aus einer Stelle der Farben- 
lehre erkennen, die sich gegen Newton richtet. „Die 
Phänomene lassen sich sehr genau beobachten, die 
Versuche lassen sich reinlich anstellen, man kann 
Erfahrungen und Versuche in einer gewissen Ord- 
nung aufführen, man kann eine Erscheinung aus der 
andern ableiten, man kann einen gewissen Kreis 
des Wissens darstellen, man kann seine Anschauungen 
zur Gewißheit und Vollständigkeit erheben, und das, 
dächte ich, wäre schon genug. Folgerungen hin- 



296 Zehnte Vorlesung. 

gegen zieht jeder für sich daraus, beweisen läßt 
sich nichts dadurch, besonders keine Ibilitäten und 
Keiten. Alles, was Meinungen über die Dinge sind, 
gehört dem Individuum an, und wir wissen nur zu 
sehr, daß die Überzeugung nicht von der Einsicht, 
sondern von dem Willen abhängt, daß niemand 
etwas begreift, als was ihm gemäß ist und was 
er deswegen zugeben mag. Im Wissen wie im 

Handeln entscheidet das Vorurteil alles es ist 

ein freudiger Trieb unseres lebendigen Wesens nach 
dem Wahren wie nach dem Falschen, nach allem, 
was wir mit uns im Einklang fühlen." Hier wird 
scharf zwischen der eigentlichen Beobachtung, die 
uns Sicherheit gibt, und allen daraus gezogenen 
theoretischen Folgerungen, welche immer nur sub- 
jektive Bedeutung besitzen, unterschieden, denn: 
„beim Übergang von der Erfahrung zum Urteil ge- 
rät der Forscher in die größte Gefahr des Irrtums." 
Aus diesem Grunde ist die naturwissenschaftliche 
Weltanschauung jedes einzelnen Forschers etwas, 
worüber sich gar nicht streiten läßt, da sie von 
dessen Persönlichkeit abhängt „Was bleibt dem 
Naturforschenden, ja einem jeden Betrachtenden 
endlich übrig, als die Erscheinungen der Außenwelt 
mit sich in Harmonie zu setzen. Und werden wir 
nicht alle jeden Tag überzeugt, daß dasjenige, was 
dem einen Menschen gemäß und angenehm ist, dem 
andern widerwärtig und unlustig erscheine." Dieses 



Goethe als Naturforscher. 297 

subjektive Moment muß aber jeder einzelne nach 
Möglichlceit auszuschalten suchen, indem er bei der 
Naturforschung völlig im Rahmen des Anschau- 
lichen bleibt. 

Goethe steht also der Natur durchaus als ein 
Fragender gegenüber. Seine „Anfragen an die Natur" 
sind die Versuche. Der Versuch wird als Vermittler 
zwischen Objekt und Subjekt, zwischen Naturforscher 
und Außenwelt betrachtet. „Diese Vorstellungsart", 
schreibt er in den Annalen, „wurde nun auf die 
ganze Physik angewendet; das Subjekt in ge- 
nauer Erwägung seiner auffassenden und 
erkennenden Organe, das Objekt als ein allen- 
falls erkennbares gegenüber, die Erscheinung durch 
Versuche wiederholt und vermannigfaltigt in der 
Mitte, wodurch eine ganz eigene Art von Forschung 
bereitet wurde." 

Wenn Goethe so alles Theoretisieren verwirft, 
so ist die Beantwortung der Frage, woran wir denn 
eigentlich ein Urphänomen als solches erkennen 
sollen, eine schwierige. Für ihn ist es die Aufgabe 
des Genies, welches auf den ersten Blick wahr- 
nimmt, daß hier die Wurzel der Erscheinungen vor- 
liegt „Alles kommt in der Wissenschaft auf das 
an, was man ein Apercu nennt, auf ein Gewahr- 
werden dessen, was eigentlich den Erscheinungen 
zum Grunde liegt, und ein solches Gewahrwerden 
ist ins Unendliche fruchtbar." Wer nicht an der 



298 Zehnte Vorlesung. 

richtigen Stelle zu erstaunen imstande ist, dem fehlt 
das Zeug zum Naturforscher. „Alles, was wir Er- 
finden, Entdecken im höheren Sinne nennen, ist die 
bedeutende Ausübung, Betätigung eines originellen 
Wahrheitsgefühles, das, im Stillen längst ausgebildet, 
unversehens mit Blitzesschnelle zu einer frucht- 
baren Erkenntnis führt. Es ist eine aus dem Innern 
am Äußern sich entwickelnde Offenbarung, die 
den Menschen seine Gottähnlichkeit vorahnen läßt." 
Ist das Urphänomen gefunden, so lassen sich alle 
andern Phänomene von ihm aus zur kontinuierlichen 
Reihe -ordnen. Man soll sich aber hüten, die Er- 
scheinungen nach Kausalitätsgesetzen verknüpfen zu 
wollen, denn das ist schon willkürliches Theoretisieren. 
Immer und immer wieder wird vor dem voreiligen 
Aufstellen von Theorien gewarnt. „Theorien sind 
gewöhnlich Übereilungen eines ungeduldigen Ver- 
standes, der an die Stelle des Phänomens Bilder, 
Begriffe, ja oft nur Worte einschiebt." „Das bloße 
Anblicken einer Sache kann uns nicht fördern. Jedes 
Ansehen geht über in ein Betrachten, jedes Betrachten 
in ein Sinnen, jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und 
80 kann man sagen, daß wir schon bei jedem auf- 
merksamen Blick in die Welt theoretisieren. Dieses 
aber mit Bewußtsein, mit Selbstkenntnis, mit Frei- 
heit und, um uns eines gewagten Wortes zu bedienen, 
mit Ironie zu tun und vorzunehmen, eine solche 
Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor der 



Goethe als Naturforscher. 299 

wir uns fürchten, unschädlich und das Erfahrungs- 
resultat, das wir hoffen, recht lebendig und nützlich 
werden soll." 

Goethe ist sich natürlich vollständig darüber im 
Klaren, daß man, um überhaupt Versuche anstellen 
zu können, Hypothesen braucht. Er will sie aber 
nur als Arbeitshypothesen gelten lassen, als bequeme 
Bilder, um sich die Vorstellung des Ganzen zu er- 
leichtern. Die Aufstellung der Hypothesen bildet gar 
nicht den naturwissenschaftlichen Teil der Forschung, 
sondern den philosophischen. Die Physik hört beim 
Urphänomen auf, der Philosoph fängt bei ihm an. 
Haben die Hypothesen aber ihre Aufgabe erfüllt, zu 
Versuchen von großer Anschaulichkeit und Klarheit 
geführt zu haben, so soll man sie verlassen. „Hypo- 
thesen sind Gerüste, die man vor dem Gebäude 
aufführt, und die man abträgt, wenn das Gebäude 
fertig ist. Sie sind dem Arbeiter unentbehrlich, nur 
muß er das Gerüst nicht für das Gebäude ansehen." 
So wird es verständlich, wenn Goethe in der Farben- 
lehre alle Hypothesen über die Natur des Lichtes 
vermeidet, in der Geologie aber hypothetische An- 
nahmen für unvermeidlich hält 

Goethe hat einmal die verschiedenen Arten der 
Naturbetrachtung in übersichtlicher Weise eingeteilt. 
Die tiefste Stufe sind die Nutzenden, die Nutzen- 
Suchenden, die das, was die Natur bietet, für ihre 
praktischen Zwecke verwenden; die zweite Stufe 



300 Zehnte Vorlesung. 

bilden die Wißbegierigen, die nur das wissen- 
schaftlich verarbeiten, was sie vorfinden; zu der 
dritten Stufe, den Anschauenden, rechnet sich 
Goethe selbst: sie suchen die Imagination nach 
Möglichkeit zu vermeiden und führen alles auf An- 
schaulichkeit zurück; die vierte Gruppe, die Um- 
fassenden, schlagen den umgekehrten Weg ein, 
sie gehen von Ideen aus und suchen deren Ver- 
wirklichung in der Natur. Hier geht der Verstand, 
nach Kants Darlegung, „von der Anschauung eines 
Ganzen als eines solchen, zum Besonderen, das 
ist, von dem Ganzen zu den Teilen." Auch diesen 
letzteren Weg sucht Goethe vielfach zu beschreiten, 
wenn er vom Typischen (z. B. in Botanik und ver- 
gleichender Anatomie) zum Einzelfalle vordringt und 
sich so „durch das Anschauen einer immer schaffen- 
den Natur zur geistigen Teilnahme an ihren Pro- 
duktionen würdig macht." 

Bei der umfassenden Betrachtung aller Gebiete 
der Naturwissenschaft, wie sie Goethe während 
seines langen arbeitsreichen Lebens vorgenommen 
hat, war es natürlich, daß er schließlich zu einigen 
wenigen ganz durchgreifenden Verallgemeinerungen 
gelangen mußte, auf die sich alle Naturvorgänge 
zurückführen lassen. Wohl alle großen Naturforscher 
stellen derartige allgemeinste Prinzipien auf. Für 
Goethe waren die zwei großen Triebräder der Natur 
der Begriff von Polarität und von Steigerung. 



Goethe als Naturforscher. 301 

Wenn wir uns kurz klar machen wollen, was er 
darunter verstanden hat, so gehen wir von dem 
zweiten Begriff, dem Prinzip der Steigerung, aus. 
Goethe ordnete, wie wir wissen, alle Naturphäno- 
mene, die ihm bei seiner Forschung entgegentraten, 
in eine kontinuierliche Reihe, die vom einfachsten 
bis zum kompliziertesten aufstieg und deren einzelne 
Glieder durch fließende Übergänge verbunden waren. 
So verfuhr er in der Botanik und vergleichenden 
Anatomie, so auch in der Farbenlehre. Auf diese 
Weise ergab sich für ihn ein Bild des Naturganzen, 
das sich in aufsteigender Linie entwickelte, wobei 
wir uns erinnern müssen', daß diese Entwicklung 
nicht im Darwinschen Sinne zu nehmen ist, sondern 
vielmehr so verstanden werden muß, daß sich die 
Natur als eine solche kontinuierlich aufsteigende 
Reihe darstellen läßt. Diese Reihe ist für Goethe 
der Ausdruck der Steigerung. Aus den einfachsten 
Phänomenen werden durch Steigerung die kompli- 
zierteren und zusammengesetzten abgeleitet. Sie 
knüpft an die Urphänomene an und führt so schließ- 
lich zu den verwickelten Erscheinungen der täg- 
lichen Erfahrung. 

Das Prinzip der Steigerung hat Goethe schon 
relativ früh bei seinen botanischen und vergleichend 
anatomischen Studien im Ausgang der achziger Jahre 
gewonnen. Später erst hat sich dazu der Begriff 
der Polarität gesellt, den er durch die Beschäftigung 



302 Zehnte Vorlesung. 

mit der Physik gewann und im Anschluß an diese 
Studien in aligemeinster Weise angewendet hat. 

Der Begriff der Polarität knüpft sich an die 
Lehre vom Magnetismus an. In ein und demselben 
Eisenstück finden sich vereinigt und doch getrennt 
die beiden Pole als Gegensatz, die sich anzuziehen 
streben. Dieses Phänomen dient nun Goethe zur 
Veranschaulichung eines allgemeinen Naturprinzips: 
„Der Magnet ist ein Urphänomen, das man nur 
aussprechen darf, um es erklärt zu haben: dadurch 
wird es denn auch ein Symbol für alles übrige, 
wofür wir keine Worte noch Namen zu suchen 
brauchen." Zunächst findet sich das gleiche in 
der Elektrizitätslehre. Die positive und negative 
Elektrizität, ihr Anziehen und Abstoßen „zusammen 
deutet auf eine Scheidung, auf ein Entzweien, das 
wie beim Magnet sein Entgegengesetztes, seine 
Totalität, sein Ganzes wieder sucht" In der Chemie 
findet Goethe die polaren Gegensätze in der Oxy- 
dation und Desoxydation, in der Optik ist es der 
Gegensatz von Licht und Finsternis, deren Ver- 
einigung die Farben erzeugt. Bei letzteren findet 
er die Polarität in dem Gegensatz von Gelb und 
Blau, dem trüben Medium vor hellem und vor 
dunklem Grund; aus beiden leitet er wie wir wissen 
durch Steigerung Rot und Violett ab, und durch 
Verknüpfung entstehen Grün und Purpur. So er- 
gibt sich durch Vereinigung der polaren Gegensätze 



Goethe als Naturforscher. 303 

schließlich die Totalität des ganzen Farbenkreises. 
Ähnliche Betrachtungen werden nun für alle Natur- 
gebiete angestellt. „Treue Beobachter der Natur, 
wenn sie auch sonst noch so verschieden denken, 
werden doch darin übereinkommen, daß alles, was 
erscheinen, was uns als Phänomen begegnen solle, 
müsse entweder eine ursprüngliche Entzweiung, die 
einer Vereinigung fähig ist, oder eine ursprüngliche 
Einheit, die zur Entzweiung gelangen könne, an- 
deuten und sich auf eine solche Weise darstellen. 
Das Geeinte zu entzweien, das Entzweite zu einigen 
ist das Leben der Natur; dies ist die ewige 
Systole undDiastole, die ewigeSynkrisis und 
Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, 
in der wir leben, weben und sind." Wir besitzen von 
seiner Hand eine kurze Aufzeichnung, wie weit er 
den Begriff der Polarität auf Körperliches und be- 
sonders auf Geistiges ausdehnen wollte. Er ver- 
zeichnet hier die Antithesen: „Wir und die Gegen- 
stände, Licht und Finsternis, Leib und Seele, zwei 
Seelen, Geist und Materie, Gott und die Welt, Ge- 
danke und Ausdehnung, Ideales und Reales, Sinn- 
lichkeit und Vernunft, Phantasie und Verstand, Sein 
und Sehnsucht, — zwei Körperhälften, Rechts und 
Links, Atemholen, Physische Erfahrung: Magnet" 
So leitet sich von dem einfachen Phänomen des 
Magneten für Goethe jeder Zwiespalt ab, den er 
in der Natur findet: 



304 Zehnte Vorlesung. 

„Magnets Geheimnis, erkläre mir das! 

Kein größres Geheimnis als Liebe und Haß". 

Das sind die beiden letzten Verallgemeinerungen, 
zu denen Goethe bei seiner Naturbetrachtung ge- 
langt ist, einfachste Sätze, die er auf allen Natur- 
gebieten bestätigt fand. Aber auch hier handelt es 
sich bei ihm nicht um Abstraktes. Dadurch, daß 
er den Begriff der Polarität vom Magnet als einem 
Urphänomen ableitet, gewinnt er auch ftlr diese all- 
gemeinen Gesichtspunkte eine Anschaulichkeit 

Das durchgehende Streben Goethes, alle Natur- 
forschung ganz rein auf Anschaulichkeit zu grün- 
den, bestimmt auch sein Verhältnis zu zwei Nach- 
bargebieten der Naturwissenschaft, zur Mathematik 
und zur Philosophie. Die mathematische Betrach- 
tungsweise besonders der Physik, welche die Natur- 
vorgänge mit Hilfe einfacher Formeln darstellen will, 
um zu rechnerischen Ergebnissen zu gelangen, sucht 
sich nach Möglichkeit von jeder Anschaulichkeit zu 
entfernen. Sie schlägt also gerade den umgekehrten 
Weg ein wie Goethe. Daher dessen oft scharfe 
Stellungnahme gegen die mathematische Behand- 
lung der Physik. Er sieht in der Mathematik nur 
ein Verfahren, um mit komplizierten Mitteln ein- 
fache Zwecke zu erreichen. Dabei verführt sie nach 
seiner Meinung zur Unredlichkeit, weil sie eine 
scheinbare Sicherheit der Ergebnisse vortäuscht. 
In den mathematischen Resultaten steckt nämlich 



Goethe als Naturforscher. 305 

schließlich nicht mehr drin als schon in den ersten 
Propositionen, von denen die Rechnung ausging. 
Das Resultat kann also auch nicht mehr lehren als 
die ursprünglichen Propositionen. Die Fehlerquelle 
liegt in diesen letzteren. Die Naturvorgänge sind 
oft so kompliziert, daß sie sich durch eine einfache 
mathematische Formel nicht vollständig darstellen 
lassen, und besonders Newtons Optik ist für Goethe 
ein trauriges Beispiel, wie durch mathematische Be- 
handlung die Naturwissenschaft verwirrt worden ist. 
Die Entwicklung der Physik im 19. Jahrhundert hat 
Goethe unrecht gegeben. Der Anwendung mathe- 
matischer Berechnungen verdanken wir die wich- 
tigen Fortschritte der Erkenntnis und der Technik, 
die unser ganzes äußeres Leben umgestaltet haben. 
Dagegen gilt in vielen Zweigen der Physiologie auch 
heute noch Goethes Lehre. Die Lebensvorgänge sind 
tatsächlich meist so verwickelt, daß sie sich vielfach 
noch nicht in mathematischen Formeln haben darstel- 
len lassen. Hier ist die Unsicherheit bei der Aufstel- 
lung der ersten Propositionen noch so groß, daß auch 
die Resultate vielfach noch wenig Vertrauen finden. 
Es ist Goethe von den zeitgenössischen Phy- 
sikern oft zum Vorwurf gemacht worden, daß seine 
Farbenlehre der mathematischen Behandlung ent- 
behre, und es wurde ihm von Freunden nahegelegt, 
sie noch nachträglich durchführen zu lassen. Er 
aber ärgerte sich nur, daß die Mathematiker dünkel- 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 20 



306 Zehnte Vorlesung. 

haft alles für nichtig und unexakt erklären, was sich 
nicht dem Kalkül unterwerfen läßt. Für ihn war 
nicht die Rechnung, sondern die Anschaulichkeit 
höchstes Ziel der Naturforschung, und deshalb war 
es seiner Meinung nach „die große Aufgabe, die 
mathematisch -philosophischen Theorien aus den 
Teilen der Physik zu verbannen, in welchen sie 
Erkenntnis, anstatt sie zu fördern, nur verhindern, 
und in welchen die mathematische Behandlung durch 
die Einseitigkeit der Entwicklung der neueren wissen- 
schaftlichen Bildung eine so verkehrte Anwendung 
gefunden hat." „Als getrennt muß sich darstellen: 
Physik von Mathematik. Jene muß in einer ent- 
schiedenen Unabhängigkeit bestehen und mit allen 
liebenden, verehrenden, frommen Kräften in die 
Natur und das heilige Leben derselben einzudringen 
suchen, ganz unbekümmert, was die Mathematik von 
ihrer Seite leistet und tut. Diese muß sich dagegen 
unabhängig von allem Äußeren erklären, ihren eigenen 
großen Geistesgang gehen und sich selber reiner 
ausbilden als es geschehen kann, wenn sie, wie 
bisher, sich mit dem Vorhandenen abgibt und diesem 
etwas abzugewinnen oder anzupassen trachtet." Vor 
der reinen Mathematik hatte Goethe stets die höchste 
Achtung und war daher auch ein warmer Verehrer 
eines der größten Mathematikers seiner Zeit, La- 
granges. Nur gegen die Anwendung der Mathe- 
matik auf physikalische Probleme glaubte er an- 



Goethe als Naturforscher. 307 

kämpfen zu müssen. „Die Farbenlehre besonders hat 
sehr viel gelitten und ihre Fortschritte sind äußerst 
gehindert worden." „Die Mathematiker sind Fran- 
zosen: redet man zu ihnen, so übersetzen sie es 
in ihre Sprache und dann ist es alsbald etwas ganz 
anderes." Poetischen Ausdruck hat Goethe diesem 
Standpunkt in dem launigen Gedichte: „Katzen- 
pastete" verliehen, von dem hier nur die beiden 
ersten Strophen Platz finden mögen: 

„Bewährt den Forscher der Natur 
„Ein frei und ruhig Schauen, 
„So folge Meßkunst seiner Spur, 
„Mit Vorsicht und Vertrauen. 

„Zwar mag bei einem Menschenkind 
„Sich beides auch vereinen, 
„Doch daß es zwei Gewerbe sind, 
„Das läßt sich nicht verneinen." 

Auch Goethes Stellung zur Philosophie läßt sich 
daraus am leichtesten verstehen, daß für ihn stets 
die Anschaulichkeit das letzte und höchste Ziel ge- 
wesen ist. „Für Philosophie im eigentlichsten Sinne 
hatte ich kein Organ." Als junger Mensch hatte er 
wesentlich die philosophischen Lehren Giordano 
Brunos und Spinozas in sich aufgenommen, welche 
die Alleinheit der Natur lehren und einen Pantheis- 
mus, eine Allbeseelung der Natur predigen. Diese 
Auffassung war Goethes Wesen am gemäßesten; 
daher hat er das Selbst und die Außenwelt auch 
bei der Naturbetrachtung nie scharf gesondert und 

20* 



308 Zehnte Vorlesung. 

mit Naivität geglaubt, er „sehe seine Meinungen 
vor Augen." Er war so von der Realität seiner 
Wahrnehmungen überzeugt, daß ihn erst Schiller 
in dem ersten Gespräch über die Pflanzenmeta- 
morphose aus seinem unkritischen Schlummer er- 
wecken mußte. Er hatte Kants „Kritik der reinen 
Vernunft" und „Kritik der Urteilskraft" schon 1788 
und 1790 studiert, wurde aber erst durch Schiller 
nachdrücklicher auf sie hingewiesen. Er machte 
sich nun sorgfältige Auszüge, beschäftigte sich in 
seinen Gedanken vielfach mit diesen Fragen und 
es gingen ihm dabei die neuen Probleme, wie über- 
haupt unsere Erfahrung und Erkenntnis von der 
Außenwelt zustande kommt, allerdings auf. Er stand 
aber, als er mit Kants Lehre bekannt wurde, schon 
in den vierziger Jahren. Die Grundlinien seiner 
Denkweise waren also bereits unverrücklich fest- 
gelegt. So hat er wohl die Fragen der Erkenntnis- 
kritik in seinem Geiste aufgeworfen und diskutiert, 
sie aber nicht mehr zur Grundlage seines Denkens 
gemacht. Die Farbenlehre ist ein Zeugnis dafür, 
daß er auch nach dem Studium Kants zwischen 
seinen Sinnesempfindungen und den diese Empfin- 
dung auslosenden Reizen nicht scharf unterschied, 
sondern fließende Übergänge zwischen beiden auf- 
stellen wollte. Erst durch Schopenhauer ist, wie 
wir wissen, die Kantische Lehre für die Farben- 
lehre nutzbar gemacht worden. Wir finden viel- 



Goethe als Naturforscher. 309 

fache Erörterungen zur Erkenntnistheorie bei Goethe. 
„Bei Betrachtung der Natur im Großen wie im 
Kleinen habe ich unausgesetzt die Frage gestellt: 
Ist es der Gegenstand oder bist Du es, der sich 
hier ausspricht?' „Die Erscheinung ist vom 
Beobachter nicht losgelöst, vielmehr in die In- 
dividualität desselben verschlungen und verwickelt." 
„Wir können eine organische Natur nicht lange als 
Einheit betrachten, wir können uns selbst nicht 
lange als Einheit denken, so finden wir uns zu 
zwei Ansichten genötigt, und wir betrachten uns 
einmal als ein Wesen, das in die Sinne fällt, ein 
andermal als ein anderes, das nur durch den inne- 
ren Sinn erkannt oder durch seine Wirkung be- 
merkt werden kann. — Die Zoonomie zerfällt daher 
in zwei nicht leicht voneinander zu trennende Teile, 
nämlich in die körperliche und in die geistige. 
Beide können zwar nicht voneinander getrennt wer- 
den, aber der Bearbeiter dieses Faches kann von 
der einen oder der andern Seite ausgehen und so 
einer oder der andern das Übergewicht verschaffen." 
Diese Kantischen Probleme sind aber für ihn stets 
nur Probleme geblieben. Bei seinem Streben nach 
unmittelbarster Anschaulichkeit setzte er doch immer 
wieder seine Sinnesempfindung als unmittelbare 
Wirklichkeit voraus. 

Ebensowenig hat ihn bis in sein spätestes Alter 
sein pantheistischer Glaube verlassen. „Wir können 



310 Zehnte Vorlesung. 

bei Betrachtung des Weltgebäudes in seiner wei- 
testen Ausdehnung, in seiner letzten Teilbarkeit, uns 
der Vorstellung nicht erwehren, daß dem Ganzen 
eine Idee zum Grunde liege, wonach Gott in der 
Natur, die Natur in Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit 
schaffen und wirken möge." Dieser Allbeseelung 
der gesamten Natur entnahm Goethe die Aufforde- 
rung, in der Natur nach den Ideen zu suchen, die 
all dem Naturgeschehen zugrunde liegen, nach denen 
die Natur bei Ausbildung anorganischen und orga- 
nischen Wesens zu Werke geht. Die Wirksamkeit 
dieser Ideen setzt der Naturforscher Goethe voraus; 
die Harmonie des Naturganzen ist ihr Ausdruck. 

„Was war* ein Gott, der nur von außen stieße, 
„Im Kreis das All am Finger laufen ließe. 
„Ihm ziemt's, die Welt im Innern zu bewegen, 
„Natur in Sich, Sich in Natur zu hegen, 
„So daß, was in Ihm lebt und webt und ist, 
„Nie Seine Kraft, nie Seinen Geist vermißt." 

Auf diese Weise glaubt Goethe durch die Natur- 
forschung in das Innerste der Natur einzudringen. 
Für ihn ist der Spruch Albrecht von Hallers ein 
Greuel, des Physiologen, der an der Kompliziert- 
heit der Lebenserscheinungen verzweifelnd ausge- 
rufen hatte: 

„Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist, 
»Glückselig, wem sie nur die flußcre Schale weist* 

Diese Resignation wird von Goethe aufs schärfste 
zurückgewiesen. 



Goethe als Naturforscher. 311 

„Ins Innere der Natur* — 

du Philister! — 

„Dringt kein erschaffner Geist." 

Mich und Geschwister 

Mögt ihr an solches Wort 

Nur nicht erinnern: 

Wir denken: Ort für Ort 

Sind wir im Innern. 

„Glückselig! wem sie nur 

Die äußre Schale weist." 

Das hör' ich sechzig Jahre wiederholen, 

Ich fluche drauf, aber verstohlen; 

Sage mir tausend tausendmale: 

Alles giebt sie reichlich und gern; 

Natur hat weder Kern 

Noch Schale, 

Alles ist sie mit einemmale; 

Dich prüfe du nur allermeist, 

Ob du Kern oder Schale seist." 

Da Goethe auf der einen Seite sich die Natur 
forschend anschaulich zu machen strebte, auf der 
andern aber in der Natur wirkende (göttliche) Ideen 
annahm, so mußte sich ihm die Frage erheben, mit 
der sich jeder Naturforscher einmal auseinander- 
setzen muß, ob denn die Natur überhaupt begreif- 
lich sei, ob wir annehmen dürfen, durch Natur- 
forschung in das Wesen der Außenwelt vollständig 
eindringen zu können. Schon Kant hatte diese 
Frage aufgeworfen und dahin beantwortet, daß die 
Wissenschaft, deren Aufgabe es sei, die Natur zu 
begreifen, die Begreiflichkeit der Natur voraussetzen 
müsse. Ebenso lehrt auch Goethe, „der Mensch 
muß bei dem Glauben verharren, daß das Unbe- 



312 Zehnte Vorlesung. 

greifliche begreiflich sei; er würde sonst nicht for- 
schen." Trotzdem hat er ein Unbegreifliches in 
der Natur zugegeben. Die Ideen, nach denen Gott- 
Natur alle Dinge gestaltet, sind für die Natur- 
forschungzu erkennen unmöglich. Wenn man 
aber auch ein solches Unbegreifliches voraussetzt, 
so soll doch der Mensch seinem Forschen keine 
Schranken setzen und so weit in der Erkenntnis zu 
gelangen streben, als ihm möglich ist. In seinem 
Aufsatz „über Noses mineralogische Arbeiten" er- 
örtert er diese wichtigste Frage: „in wiefern wir ein 
Unerforschtes für unerforschlich erklären dürfen, und 
wieweit es dem Menschen vorwärts zu gehen er- 
laubt sei, ehe er Ursache habe, vor dem Unbegreif- 
lichen zurückzutreten oder davor stille zu stehen. 
Unsere Meinung ist: daß es dem Menschen gar 
wohl gezieme, ein Unerforschliches anzunehmen, 
daß er dagegen aber seinem Forschen keine Gren- 
zen zu setzen habe; denn wenn auch die Natur 
gegen den Menschen im Vorteil steht und ihm 
manches zu verheimlichen scheint, so steht er wie- 
der gegen sie im Vorteil, daß er, wenn auch nicht 
durch sie durch, doch Ober sie hinaus denken kann. 
Wir sind aber schon weit genug gegen sie vorge- 
drungen, wenn wir zu den Urphänomcnen gelangen, 
welche wir in ihrer unerforschlichen Herrlichkeit 
von Angesicht zu Angesicht anschaun und uns 
sodann wieder rückwärts in die Welt der Erschei- 



k 



Goethe als Naturforscher. 313 

nungen wenden, wo das in seiner Einfalt Unbe- 
greifliche sich in tausend und aber tausend mannig- 
faltigen Erscheinungen bei aller Veränderlichkeit 
unverändert offenbart." — Hier wird Goethes Stand- 
punlct aufs klarste ausgesprochen. Die Naturfor- 
schung kann nur so weit dringen, als die Möglichkeit 
der Anschauung reicht, d. h. bis zu den Urphäno- 
menen. Über diese hinaus geht Goethes Naturfor- 
schung niemals. Das zu tun ist vielmehr die Aufgabe 
der Philosophie. Wie weit diese zur Erklärung der 
Urphänomene und zur Erkenntnis der der Natur 
zugrunde liegenden Ideen beitragen könne, bleibt 
ungewiß. Der menschliche Geist muß aber in das 
dunkle Land, soweit es ihm möglich ist, vorzudringen 
suchen „und wenn es gleich scheint, daß die mensch- 
liche Natur weder die unendliche Mannigfaltigkeit der 
Organisation fassen, noch das Gesetz, wonach sie 
wirkt, deutlich begreifen kann, so ist's doch schön, alle 
Kräfte aufzubieten, um von beiden Seiten sowohl durch 
Erfahrung als durch Nachdenken dieses Bild zu er- 
weitern." Es liegt also in Goethes Auffassung vom 
Begreiflichen und Unbegreiflichen ein Stück Resigna- 
tion, aber zur Beruhigung dient ihm die Erkenntnis, 
daß nur das Erforschliche praktischen Wert hat. 
Deshalb kann er das Unerforschliche ruhig verehren. 
Die Stellung eines Jüngers, der die große Mutter 
Natur verehrt, hat Goethe sein ganzes Leben lang 
beibehalten. Für ihn war die Beschäftigung mit 



314 Zehnte Vorlesung. 

der Natur eine Art Gottesdienst Der Verkehr mit 
ihr ist deshalb so glüclcbringend, weil sie keine 
menschlichen Schwächen besitzt: „Warum ich zuletzt 
am Liebsten mit der Natur verkehre, ist, weil sie 
immer recht hat und der Irrtum bloß auf meiner 
Seite sein kann. Verhandle ich hingegen mit Men- 
schen, so irren sie, dann ich, auch sie wieder, und so 
fort, da kommt nichts aufs Reine; weiß ich mich aber 
in die Natur zu schicken, so ist alles gethan.** — 
„Die Natur bekümmert sich nicht um irgend einen 
Irrtum; sie selbst kann nicht anders als ewig recht 
handeln, unbekümmert was daraus erfolgen möge." 



Haben wir bisher Goethes Verhältnis zur Natur 
erörtert, so bleibt uns nur noch als letzte Auf- 
gabe, uns klar zu machen, welch Aufschlüsse 
Ober Goethes Persönlichkeit wir aus der Kennt- 
nis seines Naturforschens erhalten. Man kann die 
Menschen im allgemeinen in zwei große Gruppen 
sondern, in solche, die auf Grund von optischen 
Vorstellungen zu denken gewohnt sind, und solche, 
welche mit Hilfe akustischer Eindrücke und Erinne- 
rungsbilder ihre geistige Tätigkeit ausüben. Zur 
ersteren Gruppe gehören viele der Naturforscher 
und Techniker, zur letzteren die Geisteswissen- 
schaftler, Philosophen und Philologen. Bei vielen 
Menschen ist eine oder die andere Denkweise an- 
geboren. Sie kann aber auch durch Erziehung ab- 



Goethe als Naturforscher. 315 

geändert werden, wie denn tatsächlich viele Knaben 
das humanistische Gymnasium als anschauend be- 
treten und als anhörend verlassen. Diese Ausein- 
andersetzung ist deshalb hier von Wichtigkeit, weil 
Goethe vielleicht das typischte Beispiel für diejenige 
Menschenklasse ist, die auf Grund von Gesichts- 
vorstellungen denkt. Goethe ist ein reines opti- 
sches Genie, daher hat er auch die Farbenlehre 
vollendet und die Tonlehre im ersten Entwurf liegen 
lassen. „Gegen das Auge betrachtet ist das Ohr 
ein stummer Sinn." Goethe war wirklich „zum Sehen 
geboren, zum Schauen bestellt" und konnte, als er 
als Greis den Schlußakt des Faust dichtete, wohl 
mit Fug und Recht sagen: 

„Ihr glücklichen Augen, 
Was je ihr gesehn, 
Es sei, wie es wolle, 
Es war doch so schön!" 

Er selbst ist über diese seine Geistesart be- 
sonders durch die treffende Bemerkung des Arztes 
Heinroth aufgeklärt worden, der ihm gegenständ- 
liches Denkvermögen zuschrieb, und hat im 
Anschluß daran in seinem Aufsatz: „Bedeutendes 
Fordernis durch ein geistreiches Wort" Anlaß ge- 
nommen, sich über seine Denkweise auszusprechen. 
Er weist hierbei darauf hin, daß sein Dichten 
und sein Naturforschen beide auf dieser selben 
Grundlage ruhen, daß er so zu dichten pflege, 
daß er die Stoffe oft jahrelang mit sich herumtrage 



316 Zehnte Vorlesung, 

und von Zeit zu Zeit in plastischer Form vor seinem 
geistigen Auge reproduziere. Diese fortwährende 
Erneuerung durch die Einbildungskraft führt dann 
schließlich zur endgültigen Gestaltung, und so schreibt 
er oft Dichtungen, die Jahrzehnte in ihm gereift sind, 
schließlich in wenigen Tagen nieder. Auch die 
Neigung zu Gelegenheitsgedichten hängt mit diesem 
gegenständlichen Denken zusammen. Wie sehr Goethe 
bei seiner Naturforschung sein gegenständliches 
Denken betätigte, braucht hier nur angedeutet zu 
werden. Alles Vorhergehende ist die beste Illustra- 
tion dafür. In Farbenlehre und Physik strebte er 
ebenso nach Anschaulichkeit, wie er bei Betrachtung 
des Schöpsenschädels am Lido mit einem Blick 
den Aufbau des Schädels aus Wirbelkörpern erkannte, 
und wie er seine Idee des Pflanzenbaues so tatsäch- 
lich vor Augen zu sehen glaubte, daß ihm Schillers 
Einwurf, sie sei nur eine Idee, als eine Beleidigung 
erschien. So sehen wir, daß das Auge tatsächlich 
Goethes Hauptsinn ist, daß die optischen Eindrücke 
dauernd sein Denken bestimmen und in seinen Vor- 
stellungskrels eingehen. Wenn man so auf Grund 
seiner Sinneseindrücke Dichter, Künstler und Natur- 
forscher ist, so ist allerdings diese Fähigkeit zur 
Sinnlichkeit notwendige Voraussetzung. „Dichter 
und Künstler müssen geboren sein." Goethe selbst 
schildert uns an mehreren Steilen seiner Werke, wie 
es ihm ein Leichtes gewesen ist, Bilder, Menschen 



Goethe als Naturforscher. 317 

und Handlungen sich jederzeit so vorzustellen, daß 
er sie mit Augen zu sehen glaubte. 

Mit der Fähigkeit des gegenständlichen Denkens 
verknüpft sich bei Goethe naturgemäß ein zweites, 
die schöpferische Phantasie. Wir brauchen hier 
nicht näher auszuführen, daß Goethe diese Grund- 
lage jeder dichterischen Tätigkeit in höchstem Maße 
besessen hat. Wir wollen nur das in der Einleitung 
Gesagte uns in das Gedächtnis zurückrufen, daß 
auch jeder Naturforscher, der zu umfassenden Vor- 
stellungen gelangen will, nach Helmholtz' Zeugnis 
etwas von der Phantasie des Dichters nötig habe. 
Diese schöpferische Einbildungskraft äußert sich in 
allen Zweigen von Goethes Naturforschung, in der 
Pflanzenmetamorphose, in der Konstruktion des 
tierischen Typus ebensowohl wie in der Farben- 
lehre und den geologischen Theorien. Kein Gerin- 
gerer als Johannes Müller hat noch zu Goethes 
Lebzeiten auf diese gemeinsame psychologische 
Grundlage von Goethes Dichtung und Natur- 
forschung hingewiesen. Er schreibt in seinem Auf- 
satz „über die phantastischen Gesichtserscheinungen": 
„Hier zeigt sich denn, wo das Phantasieleben des 
Künstlers und des vergleichenden Naturforschers in 
gemeinsamem Gebiet sich berühren und auch aus- 
einandergehen. In beiden bewegt sich das plastische 
Phantasieleben nur innerhalb der Sphäre des Begriffs. 
Der Naturforscher spricht das Gesetz der Formen- 



318 Zehnte Vorlesung. 

bildung und Verwandlung aus, er sieht es nur in 
dem Wirklichen und Natürlichen verwirklicht. Die 
Phantasie des Künstlers ist auch nur in diesem 
Gesetze tätig, aber sie verläßt seine Verwirklichung 
im Wirklichen und Natürlichen, und erhebt sich, in 
denselben Gesetzen sich bewegend und fortschrei- 
tend, ohne den Begriff zu verlassen, über das Wirk- 
liche zur idealen Form, die Selbstzweck und nicht 
mehr ein Ausdruck innerer Funktionen und als 
solcher immerhin durch diese beschränkt ist. Wun- 
dern wir uns darum nicht, wenn einer und derselbe 
das Größte in beiden Richtungen erreicht hat. Nur 
durch eine nach der erkannten Idee des lebendigen 
Wechsels wirkende plastische Imagination entdeckte 
Goethe die Metamorphose der Pflanzen, eben darauf 
beruhen seine Fortschritte in der vergleichenden Ana- 
tomie und seine höchst geistige, ja künstlerische 
Auffassung dieser Wissenschaft" 

Wir haben in der sinnesphysiologischen Ein- 
leitung zur Farbenlehre auseinandergesetzt, daß von 
der Art und Funktion der Sinnesorgane das ab- 
hängt, was wir als Milieu eines Lebewesens be- 
zeichnen. Wenn Sie nun versuchen, sich einmal 
zu vergegenwärtigen, in welch umfassender Weise 
Goethe seine Sinnesorgane und vor allem sein Auge 
zum Studium seiner Außenwelt benutzt hat, so wird 
Ihnen ohne weiteres klar werden, wie unendlich 
reichhaltig das Milieu dieses Mannes gewesen sein 



Goethe als Naturforscher. 319 

muß. Alle Zweige des großen Baumes der Natur 
hat er selbst in eigener Arbeit kennen gelernt; die 
Tier- und Pflanzenwelt, die Oberfläche unserer Erde 
und die Atmosphäre, der gestirnte Himmel, die physi- 
kalischen Vorgänge in unserer Umgebung, das Wir- 
ken des Lichts und der Farbe waren ihm vertraut 
und so bekannt, daß er sie jeden Augenblick vor 
seinem geistigen Auge reproduzieren konnte. Daher 
auch die Fülle anschaulicher Bilder aus der Natur, 
die dem Dichter zur Verfügung stehen: „Ich habe 
niemals die Natur poetischer Zwecke wegen be- 
trachtet. Aber weil mein früheres Landschaftszeich- 
nen und dann mein späteres Naturforschen mich zu 
einem beständigen genauen Ansehen der natürlichen 
Gegenstände trieb, so habe ich die Natur bis in 
ihre kleinsten Details nach und nach auswendig 
gelernt, dergestalt daß, wenn ich als Poet etwas 
brauche, es mir zu Gebote steht und ich nicht leicht 
gegen die Wahrheit fehle." Es ist nicht meine Auf- 
gabe, in eine Analyse von Goethes Dichtungen ein- 
zutreten, und alle die zahlreichen naturwissenschaft- 
lichen Dinge, die hier anklingen, herauszuschälen. 
Aber ich bin überzeugt, daß jeder von Ihnen, wenn 
er jetzt eines jener Meisterwerke wieder in die 
Hand nimmt, mit um so größerer Freude auch auf 
diese Grundlage von Goethes Dichten achten und 
mit um so größerem Genüsse die vielen aus der 
Natur genommenen Gleichnisse, Bilder und Schil- 



320 Zehnte Vorlesung. 

derungen auf sich wirken lassen wird, die dem 

Dichter in so überwältigender Fülle zur Verfügung 

standen. ^ / 

„Über allen Gipfeln 

Ist Ruh, 

In allen Wipfeln 

Spürest du 

Kaum einen Hauch; 

Die Vöglein schweigen im Walde." . . . 

Hier wird nur geschildert und dieses einfachste 
Naturgemälde gilt als unmittelbares Symbol der ge- 
heimsten Stimmung des Dichterherzens. So ist es 
in hunderten und aber hunderten von Goethes 
Schöpfungen. 

„Die naturwissenschaftlichen Arbeiten haben mich 
genötigt, meinen Geist zu prüfen und zu üben. 
Wenn auch für die Wissenschaft gar kein Vorteil 
daraus entspränge, so würde der Vorteil, den ich 
daraus ziehe, mir immer unschätzbar sein." Den 
Einfluß der Naturwissenschaft auf Goethes Geist 
haben wir kurz angedeutet Daß aber auch für die 
Wissenschaft bedeutender Vorteil durch Goethes 
Forschung erwachsen ist, das hoffe ich Ihnen in 
diesen Vorlesungen zur Genüge gezeigt zu haben. 
Goethe war ein Geist, der aus jedem Felsen, an 
den er anschlug, lebendiges Wasser hervorsprudeln 
lassen konnte. 

Meine Herren! Wir sind am Schluß. Indem ich 
diese Vorträge beende, lassen Sie mich noch auf 



Goethe als Naturforscher. 321 

einen Grundzug Goetheschen Wesens hinweisen, 
das ist die völlige Reinheit seines naturwissen- 
schaftlichen Strebens, das nur von dem Drange 
nach Erkenntnis geleitet wurde. Es ist eine alte, 
aber immer wieder vergessene Erfahrung, daß die 
wichtigsten auch praktisch brauchbarsten Ergebnisse 
durch rein theoretische zunächst nicht auf praktische 
Ziele gerichtete Forschung erreicht werden. „Man 
wird sich durch die Erfahrung überzeugen, wie es 
bisher der Fortschritt der Wissenschaft bewiesen 
hat, daß der reellste und ausgebreitetste Nutzen für 
die Menschen nur das Resultat großer und un- 
eigennütziger Bemühungen sei, welche weder tag- 
löhnermäßig ihren Lohn am Ende der Woche fordern 
dürfen, aber auch dagegen ein nützliches Resultat 
für die Menschheit weder am Ende eines Jahres noch 
Jahrzehnts noch Jahrhunderts vorzulegen brauchen." 
Für Goethe war das höchste Glück, bei seiner 
Naturforschung sich mit der Natur eins zu wissen, 
in der Natur aufzugehen und erst aus dem großen 
Naturganzen seine Persönlichkeit wieder heraus- 
Zugewinnen. 

„Und so lang du das nicht hast, 
Dieses: Stirb und werde 1 
Bist du nur ein trüber Gast 
Auf der dunklen Erde." 

Lassen Sie uns zum Schluß noch jene gewal- 
tigen Verse, in denen der Dichter das Aufgehen in 

Magnus, Goethe als Naturforscher. 21 



322 Zehnte Vorlesung. 

der Natur predigt, in denen er zugleich das um- 
fassendste Bild eines vorwärtsstrebenden, in stetem 
Wechsel befindlichen Naturganzen entwirft, anhören. 

Eins und Alles. 

Im Gränzenlosen sich zu finden 
Wird gern der Einzelne verschwinden, 
Da löst sich aller Überdruß; 
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen, 
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen, 
Sich aufzugeben ist Genuß. 

Weltseele komm uns zu durchdringen! 
Dann mit dem Weltgeist selbst zu ringen, 
Wird unsrer Kräfte Hochberuf. 
Teilnehmend führen gute Geister, 
Gelinde leitend, höchste Meister, 
Zu dem, der alles schafft und schuf. 

Und umzuschaffen das Geschaffne, 
Damit sich's nicht zum Starren waffne. 
Wirkt ewiges, lebendiges Tun. 
Und was nicht war, nun will es werden, 
Zu reinen Sonnen, farbigen Erden, 
In keinem Falle darf es ruhn. 

Es soll sich regen, schaffend handeln. 
Erst sich gestalten, dann verwandeln; 
Nur scheinbar steht's Momente still. 
Das Ewige regt sich fort in allen! 
Denn alles muß in Nichts zerfallen, 
Wenn es im Sein beharren will. 



Literatur. 

1. Goethes Werke. Weimarer Ausgabe. 11. Abteilung. Goethes 

naturwissenschaftliche Schriften. Bd. 1 — 13, 

2. J. W. von Goethe Herzoglich Sachsen-Weimarischen Ge- 

heimenraths Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu 
erklären. — Gotha bey Cari Wilhelm Ettinger 1790. 

3. Tafeln zu Goethes Farbenlehre. 

4. Zur vergleichenden Osteologie, von Goethe, mit Zusätzen 

und Bemerkungen von Dr. Ed. d'Alton. — Verhandl. 
d. Kaiserlich leopold. -Carolin. Akademie der Natur- 
forscher. Bd. XIl. 1. S. 324. 1824. (Tab. XXXIII— 
XXXV.) 

5. Über den Zwischenknochen des Menschen und der Tiere 

von Goethe.— Ibid. Bd. XV. 1. S. 1. 1831. (Tab. I-V.) 

6. Briefwechsel zwischen Goethe und Staatsrath Schultz. 

Ed. Düntzer. Leipzig. 

7. Goethes naturwissenschaftliche Correspondenz (1812 — 

1832). Ed. Bratranek. 2 Bde. Leipzig 1874. 

8. Goethes Briefwechsel mit den Gebrüdern v. Humboldt 

(1795—1832). Ed. Bratranek. Leipzig 1876, 

9. Goethes Gespräche. Herausgegeben von W. v. Bieder- 

mann. Leipzig 1890. 

10. Einleitungen und Anmerkungen zu Goethes naturwissen- 

schaftlichen Arbeiten von Dr. S. Kalischer, in der Hempel- 
schen Goetheausgabe. 1877—1879. 

11. Einleitungen und Anmerkungen zu Goethes naturwissen- 

schaftlichen Arbeiten von Rudolf Steiner, in Kürschners 
Deutscher Nationalliteratur Bd. 114—117. 

12. Bielschowski. Goethe. Sein Leben und seine Werke. 

München 1902—1904. — Besonders: Goethe als Natur- 
forscher von Dr. S. Kalischer. 

21* 



324 Literatur. 

13. Recension von Nees von Esenbeck und Noeggerath über: 

Goethe. Zur Naturwissenschaft überhaupt, besonders 
zur Morphologie Bd. I. — Jenaische Allg. Litteratur- 
zeitung. 1823. Bd. 2. S. 321 ff. 

14. AI. V. Humboldt und Aime Bonpland's Reise. I. Abt. 

Bd. 1. Einleitung, oder Ideen zu einer Geographie der 
Pflanzen, nebst einem Naturgemälde der Tropenländer. 

— Tübingen 1807. (Widmungsblatt „An Goethe"). 

15. Rudolf Virchow. Goethe als Naturforscher und in be- 

sonderer Beziehung auf Schiller. Berlin 1864. 

16. Herman v. Helmholtz. Über Goethes naturwissenschaft- 

liche Arbeiten. — Reden und Vorträge. Bd. I. S. 1. 

17. — Goethes Vorahnungen kommender naturwissenschaft- 

licher Ideen. — Deutsche Rundschau Juli 1892. 

18. J. Sachs. Geschichte der Botanik vom 16. Jahrh. bis 

1860. München 1875. 

19. M. Büsgen. Über Goethes botanische Studien. — Goethe- 

lahrb. XI. S. 145. 1890. 

20. A. Hansen. Die angebliche Abhängigkeit der Goethe- 

schen Metamorphosenlehre von Linnä. — Goethe- 
Jahrb. XXV. S. 128. 1904. 

21. — Goethes Metamorphose der Pflanzen. — Goethe-Jahrb. 

XXVIII. S. 207. 1906. 

22. H. S. Chamberlain. Immanuel Kant. Die Persönlichkeit 

als Einführung in das Werk. München 1905. 

23. W. v. Wasielewski. Goethe und die Deszendenzlehre. 

Frankfurt 1904. 

24. K. V. Bardelcbcn. Goethe als Anatom. — Goethe-Jahrb. 

XIII. S. 163. 1892. 

25. J. Schwalbe. Zur Geschichte der plastischen Anatomie. 

— K. V. Bardelcben. Franz Heinrich Martens. In me- 
moriam. — Deutsche mcdlzin. Wochenschrift. 1896. 
Nr. 47. 

20. H. Braus. Die Morphologie als historische Wissenschaft. 

— Exper. Beiträge zur Morphologie. I. 1. 1906. 

27. H. Dricsch. Der Vitalismus als Geschichte und als Lehre. 

Uipzig 1905. 

28. Philipp Otto Runge, Mahlcr. Farbcnkugcl oder Con- 

ttruktion des Verhältnisses aller Mischungen der Farben 



Literatur. 325 

zu einander, und ihrer vollständigen Affinität, mit an- 
gehängtem Versuch einer Ableitung der Harmonie in 
den Zusammenstellungen der Farben. Nebst einer Ab- 
handlung über die Bedeutung der Farben in der Natur, 
von Hrn. Prof. Henrik Steffens in Halle. — Hamburg, 
bey Friedrich Perthes. 1810. 

29. Johann Purkinje. Beobachtungen und Versuche zur Phy- 

siologie der Sinne. 2. Bändchen. Neue Beiträge zur 
Kenntnis des Sehens in subjectiver Hinsicht. — Berlin 
1825. 

30. Johannes Müller. Zur vergleichenden Physiologie des 

Gesichtssinnes des Menschen und der Tiere, nebst 
einem Versuch über die Bewegungen der Augen und 
über den menschlichen Blick. — Leipzig 1826. 

31. — Über die phantastischen Gesichtserscheinungen etc. 

— Coblenz 1826. 

32. Arthur Schopenhauer. Über das Sehen und die Farben. 

— S.'s Werke herausg. v. Grisebach. Bd. VL Leipzig. 
Reclam. 

33. Paul Schultz. A. Schopenhauer in seinen Beziehungen 

zu den Naturwissenschaften. Deutsche Rundschau. 
November 1899. 

34. — A. Schopenhauers Abhandlung über das Sehen und 

die Farben. — Engelmanns Archiv für Physiologie. 
1899. Supplement S. 510. 

35. A. Leitzmann. Briefwechsel zwischen Goethe und Lich- 

tenberg. — Goethe-Jahrb. XVIII. S. 32. 1897. 

36. C. Ruland. Zu Goethes naturwissenschaftlichen For- 

schungen. — Goethe-Jahrb. Xll. S. 152. 1891. 

37. G. Linck. Goelhes Verhältnis zur Mineralogie und Geogno- 

sie. Akademische Rede. — Jena 1906. 

38. H. V. Helmholtz. Handbuch der physiologischen Optik. 

2. Auflage. Hamburg 1896. 

39. J. V. Kries. Die Gesichtsempfindungen. Nagels Handb. 

d. Physiologie. Braunschweig 1904. 

40. E. Hering. Grundzüge der Lehre vom Lichtsinn. Graefe- 

Saemisch's Handbuch der ges. Augenheilkunde. — 
2. Aufl. Leipzig 1905. 



326 Literatur. 

41. R. Steiner. Goethes Beziehungen zur Versammlung deut- 

scher Naturforscher u. Ärzte in Berlin 1828. — Goethe- 
Jahrb. XVI. S. 52. 1895. 

42. Kant. Kritik der Urteilskraft. — Edid. Kehrbach. — 

Leipzig. Reclam. 

43. A. Tschermak. Kontrast und Irradiation. — Ergebnisse 

der Physiologie. Bd. II. 2. — Wiesbaden 1903. 

44. J. V. Uexküll. Physiologie und Biologie in ihrer Stellung 

zur Tierseele. — Ergebnisse der Physiologie. Bd. I. 2. 
— Wiesbaden 1902. 



Register. 



A. 

Abenteuer der Vernunft 142. 

Abklingen, farbiges — der 
Blendungsbilder 192. 

Achromasie 222, 236. 

Achromasie der Linse 207. 

Ackermann 33. 

Acta Leopoldina 42, 115 f. 

Adaptation des Auges 187, 190. 

Affen, Zwischenkiefer beim 
107. 

Alchimie 19. 

Alexandersbad 273. 

d' Alton 6, 41, 116,148, 151 f., 
156. 

Anatomie 105 f. 

Anatomie, vergleichende, 
siehe vergl. A. 

Anaxagoras 276. 

Anschaulichkeit 294 ff., 313. 

Apparate, Goethes 16, 32, 199, 
220 f., 235, 240, 243. 

Archiv, Goethe -Schiller 14, 
113. 

Aristoteles 249. 

Arten, Konstanz und Varia- 
bilität der 54, 150. 

Arten, Entstehung der 152, 154. 

Ästhetik der Farben 212. 

Astronomie 31. 

Ätna 264. 

Atmosphärische Farbener- 
scheinungen 225. 

Auges, Entstehung des 184 f. 



Ausgabe, Weimarer Goethe- 

14. 
Auvergne 264. 

B. 

Bacon Roger 250. 

Bacon v. Verulam 250. 

Barometerschwankungen, Ur- 
sachen der 39, 286. 

Barometerstand, Änderungen 
des 284. 

Basalt 279. 

Batsch 53, 90. 

Becquerel 244. 

Begreiflichkeit der Natur 311. 

Begriffsbildung 92. 

Beleuchtung, lokale 215. 

Beleuchtung in Malerateliers 
242. 

Berka, Schwefelquellen in 282. 

Berzelius 6, 267. 

Beuth 157. 

Bewegungsvorgänge in de 
Netzhaut 188 f. 

Bibel 249. 

Bibliothek Goethes 17, 267. 

Bild, bei der prismatischen 
Brechung 228, 233. 

Blaublindheit 209. 

Blaue Farbe des Himmels 225. 

Bleichkunst 246. 

Blumenbach 88, 107, 1 14f., 158. 

Boerhave 19. 

Böhmen 264, 272. 



328 



Register. 



Bononischer Leuchtstein 244. 
Botanische Arbeiten 48 ff. 
Botanischer Garten in Jena 

26, 33. 
Braun, Alexander 44, 103. 
Braunschweig, Herzog von 27. 
Breccien 269, 271. 
Brechung des Lichtes 227 ff. 
Brechung im Auge 207. 
Brewster 198, 227. 
Brown R. 101. 
Bruno Giordano 307. 
Bryophylium calycinum 97. 
Buchholz 22, 32, 50. 
Buffon 128. 
Büttner 53, 181. 
Bunte Farbenzusammenstel- 

lungen 214. 

C. 

Campagne in Frankreich 27, 
264. 

Camper 107, 113, 128. 

Carl, August 21, 51, 263. 

Carus 6, 41, 43, 120, 148, 152. 

CausaleBctrachtung8weisel40i 

Chamisso 9. 

Candolle, de 97, 101, 102. 

Charakteristische Farbenzu- 
sammenstellungen 213. 

Charakterlose Farbenzusam- 
mcnstcUungcn 213. 

Chemie 32, 246, 267, 302. 

Chemische Konstitution und 
Farbe, Zusammenhang von 
246. 

Chemische Farben 177, 245. 

Chemische Körper als for- 
mative Reize 87. 



Christiane Vulpius 72. 
Chromatische Korrektion der 

Linse 207. 
Chromatische Sätze, über 

einige allgemeine 183. 
Cramer 266. 
Cuvier 45, 108, 142, 143, 154. 

D. 

Dalton 208. 

Darwinismus 151jf., 301. 
Denken, gegenständliches 12, 

315. 
Deszendenztheorie 142, 151 f. 
Dietrich 51. 
Differenzierung 83. 
Dioptrisclie Farben 223. 
Döbereiner 6, 38, 267, 282. 
Dollond 236, 251. 
Doppelbilder 208. 
Dreifarbentheoric 196, 198,259. 

E. 

Eger 35, 278. 

Egloffslein, Julie v. 243. 

Ehrmann 20. 

Einleitung in die vergleichende 
Anatomie 29, 126. 

Eins und Alles 322. 

Eiszeit 274. 

Elefantenschüdcl 108, 115, 
116, 124. 

Elektrizität 302. 

Elfenbeins, Sammlung krank- 
haften 33. 

Emissionstheoric des Lichts 
221. 

Endursachen 140. 

Entoptische Farben 37, 239 ff. 



Register. 



329 



Entwicklungsmechanik und 

-Physiologie 86. 
Epoptische Farben 238. 
Erdbrände 277 ff. 
Erde, Bildung der 270, 275. 
Erfahrung und Idee 91 f. 
Erratische Blöcke 273. 
Erxlebens Naturlehre 46. 
Etiolement 97, 
Ettinger 95. 

F. 

Fächerpalme in Padua 57, 65. 

Färberei 246. 

Farbe 176, 184. 

Farbenblindheit 169, 208 f. 

Farben, entoptische 37, 239 f. 

Farbenerscheinungen bei der 
Refraktion 183. 

Farbenkreis 195 f., 213. 

Farbenkugel von Runge 218, 

Farbenlehre 26, 36, 42, 164 ff., 
183. 

Farbenmischung, physiolo- 
gische 195, 203, 209. 

Farbiger Beleuchtung, Wir- 
kung 244. 

Faultiere und die Dickhäu- 
tigen, die 148, 153. 

Feldspat 268. 

Fernrohre, dioptrische 236. 

Findlinge 273. 

Flimmerbewegung 159. 

Flötze, Konsequenz der 262, 
281. 

Flötzgebirge 270. 

Florenz, Moulagensammlung 
in 157. 

Formative Reize 87. 



Formbildung beiden? flanzen 
Ursachen der 70, 86, 96. 

Formbildung bei den Tieren, 
Ursachen der 136 f., 149 f. 

Form und Funktion, Zusam- 
menhang zwischen 112, 126, 
132, 139, 142. 

Fossilien 40, 151, 265, 272. 

Fraunhofer 233. 

Freiberger Bergakademie 
262 f. 

Frosch 159. 

G. 

Gänge 271. 

Galilei 250. 

Gall 6, 34. 

Gebirge, Einfluß der — auf 

die Wolkenbildung 287. 
Geforderte Farben 193, 196. 
Gegenbaur 121. 
Gegenfarbentheorie 196, 198, 

259. 
Gegenständliches Denken 12, 

315. 
Gehirn 34, 129. 
Gehlers Physikalisches Lexi- 
kon 27. 
Gemälde der organischen 

Natur 156. 
Genfer See 274. 
Geoffroy St. Hilaire 45, 101, 

142, 152, 154. 
Geognostisches Tagebuch 

der Harzreise 263. 
Geologie 261 ff. 
Geschichte der Farbenlehre 

238, 247. 
Gesichtstäuschungen 186. 



390 



Register. 



Gildemeister 209. 

Giraffe, Halswirbel der 116. 

Gletscher 270, 273, 275. 

Glimmer 270. 

Gneis 270. 

Göschen 95. 

Göttling 32, 267. 

Gott und Natur 143, 309 f. 

Granaten 269. 

Granit 261, 263 f., 265, 268 f., 

271, 275. 
Grau 237. 
Greissen 269. 
Grenze, Bedeutung der — für 

die Farbenentstehung 228. 
Grün 195, 197 f., 209, 231. 
Grüner 36, 266. 
Grundfarben 196, 197. 

H. 

Haeckel 152. 

Hailer, Albrecht v. 9, 96, 310. 
Halswirbel 83, 116. 
Harmonie, chromatische 186, 

213. 
Harmonie in der tierischen 

Form 134, 139. 
Harmonie, musikalische 36. 
Harzreise 22, 24, 204, 206, 263, 

269 
Hasenscharte, Zwischenkiefer 

bei 114. 
Haus,Ooethc- 1 5f. ,32,66,71 , 199, 

220, 226, 235, 240, 263, 265. 
Hegel 253. 
Heiligendamm 274. 
Heinroth 12, 315. 
HeUotropiBmus 97. 
Helldunkel 215. 



Helmholtz 13, 36, 165, 167, 
179, 191, 196, 198, 202, 213, 
220, 231, 235, 258. 

V. Henning 253. 

Herder, August v. 266. 

Herder, Johann Gottfried v. 
59, 106. 

Hering 167, 196, 198, 209,211, 
237, 259. 

Herrschel 227. 

Herz, überlebendes — der 
Hummel 161. 

Hirnanatomie 34. 

V. Hoff 281. 

Homunculus 153. 

Howard 39, 285 f. 

Humboldt, Alexander v. 5, 29, 
43, 101, 102, 126, 156. 

Huxley 121. 

Huyghens 221. 

Hypothesen, Naturwissen- 
schaftliche 299. 

I. 

Jacobi 27, 29, 90, 126. 

Jäger 40, 100, 151. 

Idee und Erfahrung 91 f. 

Jenaer Sammlungen 22, 26, 
33, 151, 266. 

Jenaer Sternwarte 34. 

Jenaer Universität 33. 

Ilmcnaucr Bergbau 21, 262f. 

Indikatoren 39, 246. 

Induktion in der Netzhaut 
192. 195, 202 f. 

Infusionsticrc 158. 

Insekten 31, 80, 159. 

Instruktion für meteorologi- 
sche Beobachter 288. 



Register. 



331 



Intermaxillare 107 ff. 
Irradiation 188, 211. 
Italienische Reise 24, 56, 106, 

180, 204, 264, 284. 
Jungius, Joacliim 102. 
Jussieu 101. 

K. 

Kalkspat, Doppelbilder des 

239. 
Kammerbühl 278. 
Kant 30, 89, 142, 153, 166, 

178, 254 ff., 300, 308, 311. 
Kapp, Erhard 19. 
Karlsbad 24, 35, 52, 265 ff., 

272, 282. 
Karten, geologische 283. 
Kasseler Elefant 108, 111, 115 f. 
Katoptrische Farben 238. 
Kauffmann, Angelika 180, 214. 
Keilbein 118, 125. 
Keimung von Samen 62. 
Kepler 250. 
Kielmeier 109. 
Kirchhoff 295. 

Klettenberg, Fräulein v. 119. 
V. Knebel 266. 
Knochenlehre, vergleichende 

130. 
Knoll 266. 
Körner 22. 

Kohlenlager 264, 278. 
Kolorit 180, 186, 212f., 216. 
Kolorits, Geschichte des 249, 

250. 
Komplementärfarben 193, 196. 

201 f., 205. 
Konfession des Verfassers 251 . 
Konglomeratsteine 269, 271. 



Kontinuierliche Reihe 75, 84. 
128, 132, 178, 222 f., 242, 
291 ff., 298, 301. 

Kontrast 191 ff. 

Kontrastfarben 213, 215. 

Korrelation der Teile 134, 139. 
142. 

Korrespondenz, naturwissen- 
schaftliche 14, 43, 266. 

Kraus 263. 

V. Kries 259. 

Kristallographie 267. 

Kritik der reinen Vernunft 
166, 254, 308. 

Kritik der Urteilskraft 142, 308. 

Kryptogamen 32. 

Kügelgen, W. v. 38. 

Kunckels Glasmacherkunst 
226. 

L. 

Lagrange 306. 
Lamarck 152. 
Langenbeck 115. 
Lavater 20. 105. 
Leipzig 18. 

Leitungsbahnen im Rücken- 
mark 35. 
Lenz 263, 266. 

V. Leonhard 6, 265.f., 268, 271. 
Lepaden 148. 

Leuchtstein, bononischer 244. 
Licht 174 f. 
Lichtenberg 183. 
Liebig 142. 

Linne 49 f., 75, 77, 80, 97, 155, 
Linse des Auges 207. 
Lido 26, 118. 
Lionardo da Vinci 9 f., 226. 



332 



Register. 



Literaturzeitung, Jenaische 41, 
265. 

Lobstein 20, 105. 

Loder 5, 23, 29, 33f., 105, 107. 
109, 112, 114, 126. 

Lokalfarbe 215. 

Ludwig 19. 

Luftballons 46. 

Luftperspektive 215, 226. 

Luisenburg bei Alexanders- 
bad 273. 

M. 

Magnetismus 302. 

Mainz, Belagerung von 27. 

Malus 239. 

Mammut 40, 151. 

Marienbad 35, 266, 269, 273. 

Martens 157. 

Martius 6, 44, 101 f. 

Mathematik 228, 304. 

Meckel 98. 

Menschen, Stellung des 106f., 

144. 
Merck 21, 105, 113, 266. 
Metamere 82, 133. 
Metamcrie des Kopfes 121. 
Metamorphose 80 ff., 106. 
Metamorphose der Insekten 

159. 
Metamorphose der Pflanzen 

25, 56 ff., 63 ff. 83. 
Metamorphose, simultane 81 f., 

133. 
Metamorphose^successive 1 59. 
Meteorolosie 284. 
MeteorologischcStationen288. 
Methode der Naturforschung 

291 ff. 



Meyer, Heinrich 29, 126, 249 f. 
Michelangelo 9, 11, 25. 
Milieu 167f., 318. 
Mineraliensammlung 16, 265. 
Mineralogie 261 ff. 
Mineralogische Gesellschaft 

266. 
Mineralquellen 264. 
Mischfarben 196f., 231, 237, 

255, 258. 
Mißbildungen der Gewächse 

40, 80, 100. 
Mohns, Blitzen des 199. 
Monstra 136. 
Moritz 63. 

Morphologie 48, 80, 133 ff. 
Morphologie, pflanzliche 56f. 
Morphologie, tierische 105f. 
Morphologie, Zur 40, 48. 
Mouches volantes 210. 
Moulagen 157. 
Müller, Johannes 31, 42, 149, 

165f., 170, 220, 256ff., 317. 
Müller, Steinschneider 35, 265. 
Muscheln 159. 
Mutation 154. 

N. 

Nachbilder, Dauer der 189. 

Nachbilder, farbige 194. 

Nachbilder, positive 189. 

Nachbilder, negative 190, 194, 
202. 

Nagetiere 149. 

Nasenbein des Elefanten 124. 

Nashorn 151. 

Naturwissenschaft, Zur 40. 

Nebenbild bei der prisma- 
tischen Brechung 229f. 



Register. 



333 



Nees van Esenbeck 41, 101. 
Nelke, durchgewachsene 63, 

69, 79. 
Nephritisches Holz 227. 
Neptunismus 262, 264, 275 ff. 
Netzhaut 173, 188f., 190ff., 

194 ff., 200ff., 211. 
Newton 26, 179, 181 ff., 207, 

221, 224, 232 ff., 250, 252, 

258 f., 295, 305. 
Niggl 240. 

Noeggerath 41, 266, 268. 
Nose 312. 
Nordlicht 288. 

0. 

Objekt und Subjekt 178, 252. 
297, 309. 

Öffnung, Enge — bei opti- 
schen Versuchen 228f. 

Oken 119f. 

Opalglas 226. 

Optik, Beiträge zur 182 f. 

Optisches Genie , Goethe 
als — 315. 

Osteologie 105 f. 

Owen 120. 

Oxydationsferment 161. 

P. 

Padua, botanischer Garten in 

56. 
Palermo, Garten in 58. 
Pantheismus 309. 
Paracelsus 19, 246. 
Paramäcien 159. 
Paroptische Farben 238. 
Pathologie 78, 100, 208. 
Pathologische Farben 189, 208. 



Pempelfort 27, 96. 

Pflanzenentwicklung 62. 

Pflanzenextrakten , Färbung 
von 39, 246. 

Pflanzenphysiologie 98. 

Pflanzenwachstum, Experi- 
mente über 33, 96 ff. 

Phantasie, dichterische 13, 317. 

Philosophie 91, 307, 313. 

Phlegräische Felder 264. 

Phosphoreszenz 187, 244. 

Physiognomik 21, 105. 

Physiologie der Formbildung 
86f., 98, 136f. 

— der Insekten 160. 
Physiologische Farben 177, 

179, 185 f. 
Physiologie des Ohres 36. 

— der Pflanzen 98. 
Physische Farben 177, 219ff. 
Plato 249. 

Platz eines Knochen im Ske- 
lett 130. 142. 

Pograd 278. 

Polarisation des Lichts 37, 222, 
239 ff., 242. 

Polarität 300, 302 ff. 

Polemischer Teil der Farben- 
lehre 233. 

Porphyr 269, 271. 

Pozzuoli, Tempel in 281. 

Präformationslehre 95. 100. 

Preen 274. 

Principes de Philosophie Zoo- 
logique 154. 

Prisma 181, 222 ff., 227 ff. 

Pseudovulkanismus 277 ff. 

Purkinje 42, 165, 192, 257. 

Purpur 197 f., 231 f. 



334 



Register. 



Q. 

Qualitäten des Auges 184. 
Quassia 227. 

R. 

Rassenkreuzung 154. 
Refraktion 227. 
Refrangibilität, Ober Newtons 
Hypothese der diversen 183. 
Regenbogen 244. 
Regeneration 158. 
Regenwurm 82. 
Reiffenstein 62. 
Reuß, Prinz von 27. 
Rhönetal 273. 
Ritgen 102. 156. 
Rom 61. 

Rose, durchgewachsene 69, 79. 
Rot-Grün-Blindheit 209. 
Rousseau 53. 
Royal Society 250. 
Rudimentäre Organe 131. 
Runge, P. O. 21 7f. 

S. 

Sachs 101. 

Säfte der Pflanze als Ursache 

der Formbildung 87. 
Sandelholz 227. 
Schädellehre 106, 129. 
Schädels, Vergl. Anatomie des 

125. 
Schädels, Wirbelthcorie des 

118 f. 
Schafschfidel, geborstener 1 18. 
Schatten, farbige 180, 182, 

203f., 211. 
Schelling 120. 
Scbelver 33. 



Schema der tierischen Form 

128 f. 
Schiller 22, 29, 209, 254, 308. 
Schiller, Erstes Gespräch mit 

88. 
Schimper 102. 
Schläfenbein 125. 
Schieiden 101. 
Schlesien 26. 
Schnecken 159. 
Schneeblindheit 193. 
Schneekoppe, Station auf der 

288. 
Schneidezähne 107, 110, 112. 
Schopenhauer 166, 237, 254 ff. 

308. 
Schrön 286. 
Schultz, Staatsrat 253. 
Schwarz 187. 

Schwefelquellen in Berka 282. 
Schweigger 240, 253. 
Schweizerreise 22, 204, 264, 

284. 
Schwerkraft, Änderungen der 

286. 
Sckell 50. 
Seebeck 37, 40 f., 183, 235, 

239, 244. 
Seismos 277. 
Senebier 97. 
Simultane Metamorphose 81 f., 

133. 
Simultankontrast 91,201,203, 

205, 216. 
Sinnesorgane 129, 167. 
Sinnesorgane, Einfluß der — - 

auf die Schädclform 118. 
Sinnesphysiologische Einlei- 
tung 165. 



Register. 



335 



Sinnlich-sittliche Wirkung der 

Farben 212 ff. 
Skeletts, Vergl. Anatomie des 

122 ff. 
Skelette der Nagetiere 148. 
Sömmering 6, 108, 1131, 151. 
Soret 101, 267. 
Spaltenbildung, geologische 

270 f. 
Spezifische Sinnesenergie 170, 

256. 
Spektrum 197, 229 f., 234 f. 
Spielmann 20. 
Spinoza 31, 143, 254, 307. 
Spiraltendenz der Vegetation 

44, 102. 
Stecklinge 62. 
Steigerung 230, 300. 
Stein, Frau v. 56. 
Sternberg, Graf 6, 36. 43, 266, 

268, 279. 
Stetigkeit 77, 291. 
Stier, fossiler 151. 
Stöchiometrie 38. 
Stokes 227. 

Stoßzahn des Elefanten 115. 
Straßburg 19 f. 
Sturm 154. 
Successive Metamorphose 81, 

159. 
Successivkontrast 191. 194. 



T. 

Tabelle des Knochengerüstes 

116 f. 
Teleologie 139. 
Teleskop 31. 
Thaies 275 ff. 



Theologische Betrachtung der 
Natur 143. 

Theophrast 249. 

Theoria generationis,Wolffs 99 

Thermen 282. 

Thorwaldsen 43. 

Tibia und Fibula 125. 

Tiefenwahrnehmung 208. 

Tierseele 144. 

Töpferofen, Glühversuche im 
278. 

Ton, gelbbrauner — der Ge- 
mälde 117. 

Tonlehre 36. 

Totalität des Farbenkreises 
194 ff., 303. 

Tränenbein des Elefanten 124. 

V. Trebra 266. 

Trübe Mittel 223 ff., 229 f., 
239, 242, 245. 

Tulpe, abnorme 67. 

Typus 85, 106, 123, 127 f., 
133 f., 291. 

Typus des Skeletts 129. 

Typus in der Kunst 25, 134. 

U. 

Überernährung der Pflanzen 

98. 
Übergangsgebirge 270. 
V. Uexküll 145. 
Ulna und Radius 125. 
Undulationstheorie des Lichts 

221, 241. 
Urpflanze 58, 85, 91, 123, 291. 
Urphänomen 224, 269, 293, 

297 ff., 302. 
Urstier 151. 
Urteilskraft, anschauende 142. 



336 



Register. 



V. 

Variabilität der Pflanzenarten 
54 f. 

Vergleichende Anatomie 85, 
105 f., 108 f., 133 f. 

Vergleichende Anatomie, Ein- 
leitung in die 126 f. 

Vergleichung 76. 

Verletzungen bei Pflanzen 97. 

Versammlung deutscher Na- 
turforscherundÄrzte44, 103. 

Versatilität des Typus 136. 

Versteinerungen 172. 

Versuch, die Elemente der Far- 
benlehre zu entdecken 183. 

Versuch über die Gestalt der 
Tiere 26, 122. 

Versuch einer allgemeinen 
Knochenlehre 125. 

Verwitterung 273. 

Vesal 11. 

Vesuv 264. 

Vierfarbentheorie 196, 198. 

Virchow 46, 78. 

Voigt, J. C. W. 263, 265, 274. 

Vorticellen 159. 

Vorträge für Damen 3Z 

Vorträge an der Zeichen- 
schule 23, 105. 

de Vrics 154. 

Vulkanismus 264, 273, 275 ff., 
279 ff. 

W. 

Wahlverwandtschaft 39. 

Waiz la). 

Walchschcs Nalurallcn- 

kabinctt 263. 
Walfisch, Halswirbel des 116. 



Walroß 110, 113. 

Wasserkopf, Zwischenkiefer 
bei 114. 

V. Wedel 50. 

Weinbau, über den 102. 

Weißes Licht 237. 

Weiß als einheitliche Empfin- 
dung 252. 

Werner 262, 276. 

Wilbrand 102, 156. 

Wilhelm Meister 157, 274. 

Willemer, Marianne von 37. 

Winkler 19, 179. 

Wirbelsäule 82. 

Wirbeltheorie des Schädels 
26, 118 f. 

Witterungskunde 39, 284 ff. 

Witterungslehre, Versuch einer 
286. 

Wolf, F. A. 34, 99. 

Wolff, C. F. 98 f. 

Wolfsrachen, Zwischenkiefer 
bei 114. 

Wolkenformen 39, 284 ff. 

Würmer 159. 



Voung 196. 



Y. 



Z. 



Zeichnungen, Goethes 17,66, 
67, 71, 199, 263. 

Zinn 268. 

Zwätzcn, Versuche in 278. 

Zweckmäßigkeit der Organis- 
men 139. 

Zwischenkiefer 23, 42, 107 ff., 
132. 

Zwischcnklcfcr-Abblldungcn 
109, 111, 116. 



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