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Full text of "Goethe-Jahrbuch"

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Goethe -Jahrbuch. 



Herausgegeben 



Ludwig Geiger. 

Neunzehnter Band. 



Mit dem dreizehnten Jahresbericht 



DER 



Goethe-Gesellschaft. 





Frankfurt a/M. 

Literarische Anstalt 

RüTTEN & LoENING. 
1898. 



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S 6 7 



Mit dem Lichtdruckbilde der 

»Frau Rath« 

nach einem im besitze 

DES Herrn William Candidus 

IN Cronberg 

befindlichen Ölgemälde. 



Druckerei vou Aiigust Osterriet h in Fjankfurt a. M. 



Vorwort. 




jer vorliegende Band unterscheidet sicli von seinen 
Vorgängern zunächst dadurch, daß dieBibHographie 
fehlt. Ihre Ausscheidung wurde dadurch nothwendig, daß 
das zuströmende Material der Mittheilungen und Abhand- 
lungen so unerwartet groß war, überdies auch theilweise 
zu sehr vorgerückter Zeit eintraf, daß ich genöthigt war, 
alles irgendwie Entbehrliche zu entfernen. Von diesem 
Schicksal wurden besonders mehrere von mir ausgearbeitete 
Mittheilungen und Miscellen betroffen. Aber auch einzelne 
andere Miscellen befreundeter Fachgenossen, die ich fest 
angenommen hatte, durfte ich nach freundlich gewährter 
Erlaubniß der Mitarbeiter zurücklegen. Aus demselben 
Grunde wurde auch V. Poliaks Abhandlung von mir er- 
heblich gekürzt. Die fehlende Bibliographie soll, wenn 
möglich, im nächsten Bande nachgeliefert werden. Daß der 
Text des Jahrbuches (exci. Register) einen so großen Umfang 
einnehmen konnte, mit Festrede 348 Seiten, gegen 331 des 
18. Bandes, war nur durch das überaus anerkennenswerthe 
Entgegenkommen der Verlagshandlung möglich. Leider 
musste auch der Nekrolog Jakob Bächtoldts (gest. 8. August 
1897) wegbleiben, allerdings nicht blos aus leidigem Raum- 
mangel. Denn es gelang nicht, für die Biographie des 
Heimgegangenen einen persönUchen Freund als Nekro- 



IV Vorwort. 

logisten zu finden, und so musste ich schweren Herzens 
darauf verzichten, dein Verstorbenen das ihm gebührende 
Ehrendenkmal in diesem Bande zu stiften. 

Die geringere Zahl der Miscellen, der große Umfang 
und die Vielseitigkeit der Abhandlungen wird gewiß Vielen 
erfreulich sein. Es gereicht dem Herausgeber zur Freude 
und zur Ehre, unter den Verfassern der letzteren manche 
neuen Mitarbeiter zu begrüßen, die, auf ihrem speciellen 
Arbeiterfelde wohl bewährt, zum ersten Male in unseren 
Studien das Wort ergreifen. 

Auch dieser Band empfängt nach altem, den Lesern 
zur liebsten Gewohnheit gewordenen Herkommen seine 
wesentliche Bereicherung durcli die Mittheilüngen aus dem 
Goethe- und Schiller-Archiv. Ehrerbietiger Dank sei dem 
Hohen Protector des Arch-vs, Seiner königlichen Hoheit, 
dem Großherzog Karl Alexander von Sachsen gesagt, ebenso 
dem Hohen Besitzer des Archivs, Seiner königlichen Hoheit, 
dem Erbgroßherzog Wilhelm Ernst von Sachsen, Dank 
für die Fürsorge, die nach dem Vorbilde der verewigten 
Begründerin des Archivs, die dem Jahrbuch stets eine 
gütige Gönnerin gewesen, auch diesem Bande durch Ueber- 
lassung vieler und kostbarer Materialien gnädigst zu Theil 
geworden ist. 

Der Umfang der Mittheilungen ist ein ungewöhnHch 
großer, größer als dies in den letzten Jahren der Fall war. 
Es bleibt mir eine angenehme Pflicht, dem Leiter des 
Archivs für die Auswahl der gespendeten Stücke und ihm 
und seinen Mitarbeitern für die mir persönlich gewordene 
Unterstützung den besten Dank zu sagen. 

Berlin, den 7. Mai 1898. 

Ludwig Geiger. 



Inhalt. 



Seite 



I. Neue Mittheilungen: 

I. Mittheilungen aus dem Goethe- und Schiller- Archiv. 

1. Drei Aufzeichnungen Goethes über griechische Sculptur. 
Herausgegeben von O. Harnack 3 

2. Die Freitagsgesellschaft. Eine Erläuterung zum Brief- 
wechsel mit Schiller. Herausgegeben von Carl 

SCHÜDDEKOPF 14 

3. Ein Gutachten Goethes über Abschaffung der Duelle 
an der Universität Jena. 1792. Herausgegeben von 
Carl Schüddekopf 20 

4. Goethe an die Großfürstin Maria Paulowna über Kants 
Philosophie. Herausgegeben von B. Suphan unter 
Anschluß eines Briefes von R. Haym 34 

5. Drei Briefe Goethes an die Familie Mendelssohn- 
Bartholdy. Herausgegeben von Julius Wähle . . 48 

6. Dreizehn Briefe Goethes an Adele Schopenhauer. Nebst 
Antworten der Adele und einem Billet Börnes an 
Goethe. Herausgegeben von Ludwig Geiger. . . 53 

Materialien aus dem Goethe- und Schiller-Archiv sind ferner 
benutzt in den Aufsätzen von O. Harnack: «Zu Goethes Maximen und 
Reflexionen über Kunst« S. 125 — 152, Karl Vorländer: «Goethe und 
Kant« S. 167 — 185 ond Reinhard Kekule von Stradonitz: «Goethe 
nnd Welcher« S. 186—201. 

II. Verschiedenes. 

Zwei Briefe Goethes. Mitgetheilt von Otto Brandes . 120 
II. Abhandlungen: 

1. O. Harnack, Zu Goethes Maximen und Reflexionen 
über Kunst 125 

2. Bernhard Seuffert, Goethes »Novelle« 133 



VI Inhalt. 

S^ite 

3. Karl Vorländer, Goethe und Kant 167 

4. Reinhard Kekule von Stradonitz, Goethe und Welcker ? 36 

5. Alfred Klaar, Schiller und Goethe -.32 

6. Otto Pniower, Zu Goethes Wortgebrauch . . . . ;29 

7. Paul Weizsäcker, Leonardo da Vincis Abendmahl. . 248 

8. Valentin Pollak, Zur Belagerung von Mainz . . . 261 
III. Miscellen und Chronik: 

I. Miscellen : 

A. Einzelnes zu Goethes Leben und Werken. 

1. Der Schlußchor von Goethes »Fischerin«. Von 
Paul Hoffmann 289 

2. Götz von Berlichingen in Wien. Von Eugen Kilian 293 

3. Zum Ersten Stück des Journals von Tiefurt. Von 
Heinrich Fukck 294 

4. Berichtigung zum 9. Band von Goethes Tagebüchern. 
Von W. VON Biedermann 295 

5. Zu den »Spänen« (Werke 38, 494). Von Carl 
Schüddekopf 296 

6. Das Märchen vom Erdkühlein in Goethes Briefen. 
Von Ernst Martin 297 

7. Goethische Stoffe in der Volkssage. Von Johannes 
Bolte 503 

8. Goethe nach Falconet und über Falconet. Von 
Karl Borinski 309 

B. Nachträge und Berichtigungen zu Band XVIII . . . 312 
IL Chronik. 

Nekrologe: 

Ludwig Blume. Von Ad. Lichtenheld 313 

Julius Hoffory. Von Richard M. Meyer . . . . 318 

Ludwig Hirzel, Von Daniel Jacoby 320 

Register 3^7 

Goethes Pandora. Von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

Festvortrag, gehalten in der 13. Generalversammlung der , 
Goethe-Gesellschaft am 4. Juni 1898 i*- 21* 

Dreizehnter Jahresbericht der Goethe-Gesellschaft. 
Mitglieder-Verzeichniß. 



I. Neue Mittheilungen. 



GoHTHn-jAHBBUCH XIX. 



I. Mittheilungen aus dem Goethe- 
UND Schiller -Archiv. 



I. DREI AUFZEICHNUNGEN GOETHES ÜBER 
GRIECHISCHE SCULPTUR. 

Elgin Marbles. 

Ein Werk von großer Bedeutung. Der Katalog dessen 
was diese Sammlung entiiält, ist wichtig und erfreulich, 
und daß dabei die schon in England vorhandenen Samm- 
lungen, die Kunstreste von PhigaUa und Aegina zur Sprache 
kommen, und von ihrem sämtlichen Kunstgehalt und allen- 
falsigen Geldeswerth die Rede ist, giebt sehr schöne Ein- 
sichten. 

Die Verhöre nun über Kunst- und Geldeswerth der 
Elginischen Sammlung besonders, v^'iQ auch über die Art 
wie solche acquirirt worden, sind höchst merkwürdig. In 
der Ueberzeugung der höchsten Vortrefflichkeit dieser Werke 
stimmen die Herren alle überein, doch sind die Motive ihres 
Urr.heils und besonders die Vergleichungsw^eise mit andern 
berühmten und trefflichen Kunstwerken höchst seltsam und 
unsicher. Hätte jemand einen kurzen Abriß der Kunst- 
geschichte und ihrer verschiedenen auf einander folgenden 
Epochen gegeben; so war die Sache klar, alles und jedes 
stand an seinem Platz und wurde da nach Würden geschätzt. 



Neue Mittheilukgen. 



Freilich würde alsdann sogleich hervorgesprungen sein die 
Albernheit der Frage, ob diese Kunstwerke so vortrefflich 
seien, als der Apoll von Belvedere? Indessen ist es höchst 
intressant zu lesen, was Flachsman und West bei dieser 
Gelegenheit sagen. Henry Bankes, Esq. in the Chair ver- 
steht freilich gar nichts von der Sache, er müsste sich denn 
sehr verstellt haben. Denn wenn er, mit Bewußtsein, die 
ironischen Antworten einiger Befragten ruhig einsteckte, 
und immer fortfuhr, ungehörige Fragen zu thun, so muß 
man ihn als Meister der Verstellungskunst rühmen. 



Elginische Marmore. 

In dem engUschen Werke, das unter diesem Titel uns 
zugekommen, sind nur zwei Statuen der neuerworbenen 
abgebildet, ein sogenannter Herkules und Ilyssus, sodann 
noch ein Pferdekopf, dazu sind gefügt früher schon her- 
ausgegebene Platten der Basreliefs der inneren Zelle. 

Nun höre ich von reisenden Engländern, dass, wie 
freilich schon zu vermuthen war, man die Absicht habe 
sämmtliche Marmore zeichnen und zunächst' in Kupter 
stechen zu lassen. Ein solches Werk würde freilich alle 
Kunstfreunde höchHch interessiren, da die neun ersten Platten 
obgenannten Werkes uns einen allgemeinen Begriff geben 
von dem was 1683 noch vorhanden war und nicht von 
dem einen Bestimmten was übrig gebHeben ist. Es entstünde 
daher eine doppelte Frage, 

1. in wiefern die Abzeichnung der Marmore wirklich 
im Gange ist, und wann man etwa hoffen könnte eine 
Herausgabe, und wäre es auch nur theilweise zu erleben ? 

2. Da solches wahrscheinlicherweise sich verziehen 
könnte, ob und für welchen Preis man Zeichnungen er- 
halten könnte, von drei oder vier dieser Überreste, welche 
uns gegenwärtig zu artistischen und literarischen Zwecken 
am meisten interessiren, und in welcher Zeit sie etwa zu 
erlangen wären. Man würde alsdann sogleich diejenigen 
Figuren bezeichnen, deren Abbildung man wünscht. 

' zunächst Correclur über gestrichenem »in der Folgec 



Drei Aufzeichnungen Goethes über Griechische Sculptur. 5 

[Phigalisches Relief.] 

— »Das Lebendige, die Großheit des Stils, Anordnung, 
Behandlung des Reliefs, alles ist herrlich. Hingegen kann 
man bey so viel Schönem die außerordentliche Gedrungen- 
heit der Figuren, die oft kaum sechs Kopflängen haben, 
überhaupt die vernachläßigten Proportionen der einzelnen 
Theile, wo oft Fuß oder Hand die Länge des ganzen Beins 
oder Arms haben u. s. w. kaum begreifen. Und da soll 
man sagen, daß man an den Coloß beinahe in allen Vor- 
stellungen erinnert wird. — « 

Was werden Sie aber, theuere Freundin, zu dem ent- 
schiedenen Verehrer der griechischen Kunst sagen, wenn 
er bekennt, daß er das alles zugiebt, es aber keineswegs 
entschuldigt oder auf sich beruhen läßt, sondern behauptet, 
daß alle diese Mängel mitBewusstsein vorsätzlich, geflissent- 
lich aus Grundsatz verübt worden. Zuerst also ist die 
Plastik Dienerin der Architektur; ein Fries an einem Tempel 
dorischer Ordnung fordert Gestalten, die sich zur Proportion 
seines ganzen Profiles nähern; schon in diesem Sinn mußte 
das Gedrängte Derbe, schon hier vorzuziehen [sein]. 

Aber warum gar innerhalb dieser Verhältnisse und wenn 
wir sie zugegeben haben noch Disproportionen? in wiefern 
sollte denn dies zu entschuldigen sein? Nicht zu ent- 
schuldigen, sondern zu rühmen, denn wenn der Künstler 
mit Vorsatz abweicht, so steht er höher als wir, und wir 
müssen ihn nicht zur Rede ziehn, sondern ihn verehren. 
Bei solchen Darstellungen kommt es darauf an die Kraft 
der Gestalten gegeneinander vortreten zu lassen; wie wollte 
hier die weibliche Brust der Amazonen -Königin gegen 
eine HerkuHsche Mannsbrust und einen kräftigen Pferde- 
hals in ihrer Mitte sich halten, wenn die Brüste nicht aus- 
einander gezogen und der Rumpf dadurch viereckt und breit 
wäre. Das linke fliehende Bein kommt gar nicht in Betracht, 
es dient nur als Nebenwesen zu Eurythmie des Ganzen. 
Was die Endglieder, Füße und Hände betrifft, so ist nur 
die Frage, ob sie im Bilde ihren rechten Platz einnehmen, 
und dann ist es einerlei, ob der Arm der sie bringt, das 
Bein das ihnen die rechte Stelle anweist, zu lang oder zu 



Neue Mittheilungen. 



kurz ist. Von diesem großen Begriff sind wir ganz zurück 
gekommen, denn kein einzelner Meister darf sich anmaßen 
mit Vorsatz zu fehlen, aber wohl eine ganze Schule. 

Und doch können wir jenen Fall auch anführen. 

Leonard da Vinci, der für sich selbst eine ganze Kunst- 
welt war, mit dem wir uns viel und lange nicht genug 
beschäftigten, erfrecht sich eben der Kühnheit wie die 
Künstler von Phigaha. Wir haben das Abendmahl mit 
Leidenschaft durchgedacht und durchdenkend verehrt; nun 
sei uns aber ein Scherz darüber erlaubt. Dreizehn Personen 
sitzen an einem sehr langen schmalen Tische, es giebt 
eine Erschütterung unter ihnen. Wenige blieben sitzen, 
andere sind halb, andere ganz aufgestanden. Sie entzücken 
uns durch ihr sittlich leidenschaftliches Betragen, aber 
mögen sich die guten Leute wohl in Acht nehmen, ja 
nicht etwa [den] Versuch machen sich wieder nieder zu 
setzen ! zwei kommen wenigstens einander auf den Schooß, 
wenn auch Christus und Johannes noch so nahe zusammen- 
rücken. 

Aber eben daran erkennt man den Meister, daß er 
zu höhern Zwecken mit Vorsatz einen Fehler begeht. Wahr- 
scheinlichkeit ist die Bedingung der Kunst, aber innerhalb 
des Reiches [der] Wahrscheinlichkeit muß das Höchste ge- 
Hefert werden, was sonst nicht zur Erscheinung kömmt. 
Das Richtige ist nicht sechs Pfennige werth, wenn es weiter 
nichts zu bringen hat. 

Die Frage ist also nicht, [ob] in diesem Sinne irgend 
ein bedeutend Glied in dieser Zusammensetzung zu groß 
oder zu klein sei. Nach allen drei Copien des Abendmahls, 
die wir vor uns haben, können die Köpfe des Judas und 
Thaddäus nicht zusammen an einem Tische sitzen, und 
doch, besonders wenn wir das Original vor uns hätten, 
würden wir darüber nicht quereliren, der unendliche Ge- 
schmack (daß wir dieses unbestimmte Wort hier in ent- 
schiedenem Sinne brauchen) den Leonard besaß, wußte 
hier dem Zuschauer schon durchzuhelfen. 

Und beruht denn nicht die ganze theatralische Kunst 
gerade auf solchen Maximen, nur ist sie vorübergehend, 
poetisch-rhetorisch bestechend, verleitend und man kann 



Drei Aufzeichnungen Go;iTHES über Griechische Sculptur. 7" 

sie nicht so vor Gericht ziehen, als wenn sie gemalt, in 
Marmor gehauen oder in Erz gegossen wäre. 

Analogie oder auch nur Gleichniß haben wir in der 
Musik: das was dort gleichschwebende Temperatur ist, 
wozu die Töne, die sich nicht genau untereinander ver- 
halten wollen, so lange gebogen und gezogen werden, 
daß kaum einer seine vollkommene Natur behält, aber 
sich alle doch zu des Tonkünstlers Willen schicken. Dieser 
bedient sich ihrer als wenn alles ganz richtig wäre. Der 
hat gewonnen Spiel, das Ohr will nicht richten, sondern 
genießen und Genuß mittheilen. Das Auge hat einen an- 
maßlichen Verstand hinter sich, der Wunder meint wie 
hoch er stehe, wenn er beweist, ein Sichtbares sei zu lang 
oder zu kurz. 

Wenden wir uns nun zu der Frage, warum wir den 
Colossen von Monte Cavallo immer wiederholt sehen, so 
antwort ich, weil er dort schon zweimal steht. Das Vor- 
trefflichste gilt nun einmal, wohl dem der es wiederholen 
kann! diesen Sinn nährten die Alten im höchsten Grad. Die 
Stellung des Colossen, die mannigfaltige zarte Abänderung 
zuläßt, ist die einzige, die einem thätigen Helden ziemt; dar- 
über hinaus kann man nicht und zu seinem Zweck variirend 
es immer wiederbringen ist der höchste Verstand, die 
höchste Originalität. Aber nicht allein diese Wiederholung 
findet sich auf den mir gegönnten Basreliefs, sondern 
Herkules und die Amazonen-Königin stehen in derselbigen 
Bewegung gegen einander wie Neptun und Pallas im Fronton 
der Parthenons. Und so muß es immer bleiben, weil man 
nicht weiter kann. Lassen wir die Pallas in der Mitte des 
Giebelfeldes von Aegina gelten, auch Niobe und ihre jüngste 
Tochter irgendwo, so sind das immer nur Vorahndungen 
der Kunst; die Mitte darf nicht streng bezeichnet sein, und 
bei einer vollkommenen guten Composition, sie sei plastisch, 
malerisch oder architektonisch, muss die Mitte leer sein 
oder unbedeutend, damit man sich mit den Seiten be- 
schäftige, ohne zu denken, daß ihre Wirksamkeit irgend 
woher entspringe. 

Da wir aber, was man nicht thun sollte, damit ange- 
fangen Einwürfe zu beseitigen, so wollen wir nunmehr zu 



8 Neue Mitthsilungek. 



den Vorzügen des vor mir stehenden Basreliefs ohne irgend 
eine andere Rücksicht uns wenden. | 



Wer die Treppen des Goethe-Hauses hinaufsteigt, wird als 
eines der wesentHchsten Stücke des künstlerischen Schmuckes 
sogleich die große Zeichnung der »Thauschwestern« am Giebel 
des Parthenon bemerken. Und er wird sich dabei entsinnen, 
wie Goethe, der griechischen Kunst mit seinem innersten 
Fühlen und Wollen zugeneigt, doch erst so spät dazu gelangt 
ist, ihre höchsten originalen Schöpfungen auch nur nachge- 
bildet mit eigenen Augen zu schauen. Der letzten Stufe seiner 
künstlerischen Studien blieb es vorbehalten, die plastischen 
Schätze kennen zu lernen, welche Griechenland zwei Jahr- 
tausende lang in fast völliger Verborgenheit der Nachwelt 
aufbewahrt hatte. 

Lesen wir das Gedicht »Der Wandrera, das noch aus 
der nordischen Frankfurter Schaffensperiode Goethes stammt 
und uns doch schon zu den griechischen Ruinen des süd- 
italischen Cumä führt, so möchten wir glauben, daß — nach 
Goethes eigenem Ausdruck — eine »Vorempfindung« griechi- 
scher Kunst und griechischer Lebensform in ihm gelegen habe. 
Aber als er endlich dazu gelangt, nach dem Süden aufzu- 
brechen, da ist es dennoch nur Rom, wohin all sein Sinnen 
und Trachten strebt. Eindrücke der Kindheit von der Reise 
des Vaters her, wie Einflüsse der Gegenwart aus den Schriften 
eines Winckelmann und Mengs wirkten hier zusammen. Und 
wir wissen, wie ganz ihn Rom, als er endlich durch die Porta 
del Popolo eingefahren war, hingenommen hat. Als der Fürst 
von Waldeck, ein ganz weltkundiger und einsichtiger Mann 
ihm vorschlug, eine gemeinsame Reise nach Griechenland zu 
machen, da sah er darin nur ein Ansinnen, durch das er 
„entrückt oder wohl gar verrückt« werden sollte; so sehr 
schien ihm das ausser dem natürlichen Kreise seiner Be- 
strebungen zu liegen. Und auch als er von Rom nach Süd- 
italien aufbrach, that er es nicht mit dem Gedanken, nun 
auf den Boden der alten Magna Graecia hinüberzuschreiten 
die er schon in seiner Jugenddichtung neben Rom gestellt 
hatte, sondern nur um das Bild Italiens sich abzurunden und zu 
vollenden. Doch in Pästum erfaßt ihn plötzlich der Eindruck 
eines Neuen, das unmittelbare Selbstzeugniß griechischen Kunst- 
schaffens. Zuerst, gesteht er, befand er sich in einer ihm 
völlig fremden Welt ; aber wenige Stunden in den Tempeln 
verbracht, machen ihn zu ihrem Vertrauten, daß er ihnen 
»das eigentliche Leben mittheilt, es aus ihnen wieder heraus- 
fühlt, welches der Baumeister beabsichtigte, ja hineinlegte.« 
Und nun wird es ihm auch zweifellos, daß er Sicilien sehen 



Drei Aufzeichnungen Goethes über Griechische Sculptur. 9 

muß, und er bereist es, mit dem vollen Bewußtsein, jetzt 
griechische Luft zu athmen. Die Tempel von Segesta und 
Girgenti ordnen sich jetzt mit denen von Pästum zusammen, 
die Odyssee wird im Anschauen der Ktisten und ihrer Monu- 
mente ihm lebendig, und auch die Natur offenbart ihm noch 
anderen Reichthum als in der römischen Campagna, und ent- 
lockt ihm die zaubervollen Verse: 

Ein weißer Glanz ruht über Land und Meer 
Und duftend schwebt der Aether ohne Wolken. 

Und dennoch ! Ein Gedanke, Griechenland selber zu sehen, 
kommt auch jetzt in Goethe nicht auf; vielmehr hält er sich 
vor Augen, die sicilianische Reise dürfe ihn nicht allzuviel 
von seiner ersten Absicht, der Versenkung in die römische 
Welt, abhalten. 

In Rom kamen ihm Zeichnungen von Metopen des Parthe- 
non zu Händen. Sir Richard Worthley hatte sie in Athen nach 
den Originalen gezeichnet. »Man kann sich nichts Schöneres 
denken als die wenigen einfachen Figuren« schreibt er ; aber 
dabei bleibt es auch; eine nur irgendwie bedeutende Rolle 
in seinem künstlerischen Gedankenkreise spielen diese Zeich- 
nungen künftig durchaus nicht, zum sicheren Beweise, daß 
in Jedem nur die Eindrücke wirkungsvoll und fruchtbar wer- 
den können, die ihm auf der Stufe seiner Entwicklung gemäß 
sind. 

Zwölf Jahre später erhielt er von Wilhelm Humboldt' 
aus Paris Nachricht über Gipsabgüsse von Theilen des Pana- 
thenäen- Frieses, die Gouffier in Athen besorgt hatte. Er 
wünschte nun den Abguß eines Abgusses zu erhalten ; dies 
aber war nicht möglich, — und damit schienen auch die recht 
verständnißvollen Nachrichten Humboldts für Goethe abge- 
than ; weder in den »Propyläen« noch in den anderen Kunst- 
publikationen der nächsten Jahre wird darauf Rücksicht ge- 
nommen. 

Erst die umfassende Kenntniß der Parthenonsculpturen, 
welche durch die Beschreibung und Nachbildung von Lord 
Elgins massenhaften Erwerbungen möglich wurde, brachte in 
Goethe die volle Erkenntniß des unvergleichlichen Werthes 
dieser Werke zum Durchbruch. Er hatte sich seit einigen 
Jahren, besonders 1814 und 181 5, von der antiken Kunst 
mehr zurückgezogen, und sich dem Studium der altdeutschen 
am Rhein zugewandt. Da traten (18 16) die »Elginischen 
Marmore« in seinen Gesichtskreis, denen dann noch der 
»Phigalische Fries« und die »Aegineten« sich anschlössen, — 



' Vgl. hierüber meine »Klassische Aesthetik der Deutschen«, 1892. 
S. 220. 



10 Neue Mittheilungen. 

und schnell mußten die Werke des Mittelalters den Platz 
räumen; die Zeitschrift »Kunst und Alterthum«, ursprünglich 
den Schätzen »am Rhein, Main und Neckar« gewidmet, mußte 
jetzt wiederum das Lob der griechischen Kunst verkünden. 
Sie brachte den Vers: 

Homer ist lange mit Ehren genannt, 
Jetzt ward Euch Phidias bekannt; 
Nun hält nichts gegen beide Stich, 
Darob ereifre niemand sich. 

Den jungen Bildhauern empfahl Goethe (1817) nach Lon- 
don zu gehen! »Daselbst studire er vor allen Dingen aufs 
Fleißigste den geringsten Ueberrest des Parthenons und des 
Phigalischen Tempels; auch der kleinste, ja beschädigte Theil 
wird ihm Belehrung geben«. 



In diese Zeit frischer Begeisterung für die neuen griechi- 
schen Schätze fuhren uns die vorstehenden Aufzeichnungen 
Goethes ein ; die zwei ersten mehr noch fragend und suchend, 
beziehen sich auf die Parthenonsculpturen, der dritte, schon 
klar und selbständig, auf den Phigalischen Fries. Jene beiden 
sind Beilagen zu den Concepten von Goethes Correspondenz 
aus dem Jahre 181 7.' Es war im Mai, bei einem Aufenthalt 
in Jena, daß ihn die »Elginischen Marmore« lebhaft be- 
schäftigten, auf Grund der englischen Denkschrift darüber, 
die ihm zugekommen und inzwischen durch Böttiger auch 
schon ins Deutsche übersetzt worden war. Zu dieser Ueber- 
setzung hatte der Kunstfreund Meyer einige begleitende Be- 
merkungen geliefert, um deren Zusendung Goethe ihn in 
einem Brief vom 23. Mai ersuchte.* Mit diesem Briefe hat 
die eine unserer Aufzeichnungen (»Elgin Marbles«) nahe Ver- 
wandtschaft, und ist wohl am selben Tage entstanden. Doch 
dürfte sie im direkten Zusammenhang wohl stehen mit dem 
am gleichen Tage an den Großherzog gesandten Bericht 
(Serenissimo : Elgin Marbles). Da Goethe das Werk am 18. Mai 
von dem Großherzog erhalten hatte, so sind wir wohl be- 
rechtigt, die Aufzeichnung einzureihen unter die am 23. Mai 
im Tagebuch verzeichneten : »Aufsätze über verschiedenes 
von Serenissimo Eingesandtes, Concepte und Abschriften«. 
Interessant ist es, wie Goethe hier schon ganz und gar den 
historischen Standpunkt der Beurtheilung fordert, der ihm 
selbst auf seiner italienischen Reise noch nebensächlich er- 



' Von Schreiberhand mit eigenhändigen Correcturen. 
* Riemer hat- dieses Schreiben (Briefe von und an Goethe S. 107) 
irrig vom 23. März datirt. 



Drei Aufzeichnungen Goethes über Griechische Sculptur. II 

schienen war, wie er es schlechthin für »alberna erklärt, 
Werke ganz verschiedener Entstehungszeit und Stilgattung 
ohne Weiteres vergleichen zu wollen. 

Die zweite Aufzeichnung »Elginische Marmore« setze ich 
in Beziehung zu einer Tagebuchnotiz vom 23. Juni »Auf- 
träge nach England, — dazu Brief an Canzleirath Vogel«. 
Denn um eine Anweisung, was für Aufträge zu ertheilen 
seien, handelt es sich dabei.' Die hier erwähnten Platten 
nach älteren Zeichnungen, die den Zustand des Parthenon 
im Jahr 1683, d. h. vor seiner Zerstörung durch die Venetianer 
darstellen, sind Reproductionen der Carrey%c\s.^n Blätter, die 
in jenem Jahr auf Veranlassung des französischen Gesandten 
in Constantinopel angefertigt worden waren, und deren kunst- 
historischer Werth auch durch spätere Forschungen und Funde 
nicht aufgehoben werden konnte, da sie manches aufbewahrt 
hatten, was später vernichtet wurde. 



Von viel höherer Bedeutung als diese beiden Aufzeich- 
nungen ist die dritte,' die uns unmittelbar in Goethes künst- 
lerische Denkarbeit einführt. Bei genauerer Betrachtung ergibt 
sich, daß sie das Resultat einer eifrigen Beschäftigung mit 
dem Gegenstande ist, für welche verschiedene gleichzeitige 
Briefe und Tagebuchnotizen Zeugniß ablegen. 

Daß es sich bei dem »Relief« um einen Theil des 
Phigalischen P'rieses handle, wurde mir sogleich beim ersten 
Durchlesen des Stückes unzweifelhaft. Das Goethe-Archiv trug 
dann freundlichst zur weiteren Aufhellung der Sache bei ; in 
der »theueren Freundin« wurde schnell Louise Seidler er- 
kannt, und dann ferner die einschlägigen Briefe an J.H.Meyer, 
sowie der ungedruckte an August Goethe herbeigezogen, aus 
welchem die bezügliche Stelle mit B. Suphans freundlicher 
Erlaubniß hier mitgetheilt wird. 

Louise Seidler hatte aus München die Zeichnung einer 
Abtheilung des Frieses an Goethe gesandt. Sie hatte zugleich 
in ihrem Brief (2. Februar 1818) gewissen Einwänden gegen 
die künstlerische Vollendung dieser Sculpturen Ausdruck ge- 
geben, — Einwänden, die nicht nur ihre eigene Ansicht, 
sondern auch das Urtheil von Kennern in München wieder- 
gaben. Sendung und Brief interessirten Goethe aufs Höchste. 
»Vielfache Betrachtung darüber« notirt er am 10. Februar im 



' Vgl. auch das Tagebuch zum 24. Juni. 

- Die von Schreiberhand sehr fehlerhaft angefertigte Vorlage zeigt 
keine Correcturen Goethes; es sind daher die Unregelmäßigkeiten der 
Schreibung im Abdrucke normirt worden; auch einige offenbare Miß- 
verständnisse des Schreibers waren durch Conjecturen zu beseitigen. 



12 Neue Mittheilüngen. 



Tagebuch; am folgenden Tage dictirte er die geistvolle Recht- 
fertigung jener auffallenden Eigenthümlichkeiten des Werkes. 
Zuerst wollte er, wie die Anrede zeigt, diese Erklärung dem 
Dankbrief an Louise einfügen, behielt sie aber dann doch 
zu anderer Verwendung zurück; einiges daraus wurde in den 
Bericht aufgenommen, den er am 27. März ' in vorsichtig 
bescheidenen Ausdrücken an seinen künstlerischen Berather 
Meyer einsandte. An seinen Sohn aber hatte er schon gleich 
nach dem Empfang geschrieben : »Louise Seidler hat mir ein 
Geschenk gegeben, wie es die talentreiche Anmuth^ allein geben 
kann. Eine Abtheilung des phigalischen Frieses: Herkules^ 
mit der Amazonenkönigin in Conflict, noch zwey Streitpaare 
und zwey Pferde. Eine Elle hoch, nicht gar drey Ellen lang, 
auf blau Papier, schwarze Kreide, weiß gehöht. Und wie es 
in diesem Sinne und bey ihrem Talente möglich ist, im 
Facsimile in der Größe des Originals, alle Verstümmelungen 
angedeutet, die verhältnißmäßig gering sind. Es ist ein Ab- 
grund von Weißheit und Kraft, man wird sogleich 2000 Jahre 
jünger und besser. Mehr ist nicht zu sagen, komm und sieh!! 

Dieser blaue, reichbegabte Streifen nimmt sich auf der 
blaßgelben Wand m.einer Zinne bey vollem Licht gar herr- 
lich aus, und macht mich, was viel gesagt ist, glücklich. 
Wenn die in England bestellten auch so einschlagen, so 
werden wir viel Freude und Belehrung haben, in eben der 
Größe habe ich sie verlangt«. 

Daß Goethe durch die malerische W^iedergabe des in 
mancher Hinsicht doch nicht einwandfreien Reliefs so entzückt 
wurde, wird man leichter begreiflich finden, wenn man ganz 
unabhängig davon das Urtheil eines neueren Kenners "♦ ver- 
nimmt, der phigalische Fries gewinne auffällig bei graphischer 
Reproduction, erscheine in ihr gefälliger, harmonischer, an- 
muthiger als im Original; es rühre das von einem gewissen 
malerischen Element her, das in der Behandlung unverkennbar 
sei und fast zur Annahme verführen könne, daß der Fries 
zuerst für eine malerische Behandlung bestimmt und dann 
erst auf Marmor übertragen sei. 

Die eigenthümliche Mischung hervorragender künstleri- 
scher Eigenschaften mit offensichtlichen Mängeln hat die Kunst- 
geschichte auf verschiedene Art zu erklären versucht; wohl 
Niemand aber ist auf das geistvolle Verfahren Goethes ver- 
fallen, gerade jene Mängel in Vorzüge umzudeuten. Dies Ver- 
fahren entspricht durchaus einem Grundzuge von Goethes 
Kunstbetrachtung. Schon im Briefwechsel mit Schiller, wo 



' In Riemers Abdruck 26. März. ^ Im Concept (von Färbers 
Hand) : Armuth. 3 Nach heutiger Erklärung : Theseus. 

* Overbeck, Geschichte der griechischen Plastik, 3. Aufl. I, 455. 



Drei Aufzeichnungen Goethes über Griechische Sculptur. 13 

beide Dichter ja auch soviel theoretisirt haben, spricht Goethe 
die Maxime aus, man müsse klare Forderungen aufstellen, 
aber auch bewußte Verstöße gegen diese Forderungen dem 
Künstler gestatten: »Ganz anders arbeitet man aus Grund- 
sätzen als aus Instinkt, und eine Abweichung, von deren 
Nothwendigkeit man überzeugt ist, kann nicht zum Fehler 
werden«. Und noch in den Gesprächen mit Eckermann hat 
er solche absichtliche Fehler, die eben keine Fehler seien, 
in Dichtung und Malerei, bei Shakespeare und bei Rubens, 
aufgezeigt. Im Einzelnen der überreichen Gedankenfülle, die 
Goethe in unserer Aufzeichnung hat ausströmen lassen, mit 
einem Commentar zu folgen, — würde den lebendigen Ein- 
druck nur abschwächen können. Nur ein paar thatsächliche 
Bemerkungen seien noch angefügt. Ueber Lionardos Abend- 
mahl hatte Goethe wenige Monate zuvor seinen eingehen- 
den Aufsatz verfaßt. Zu dem Hinweis auf die »theatralische 
Kunst« wäre der Aufsatz »Ueber Wahrheit und Wahrschein- 
lichkeit der Kunstwerke« in den Propyläen heranzuziehen. 
Der »Coloß vom Monte Cavallo«, die eine der beiden Dios- 
kurenfiguren auf dem römischen Quirinalplatz, gehört zu den 
Kunstwerken, die Goethe immer von Neuem angezogen haben. 
Sie galt den Zeitgenossen als griechisches Werk (»Opus Phidiae« 
steht auf dem Sockel), und ist ja wohl auch Nachahmung 
eines solchen. Noch im Jahre zuvor, als Goethe sich mit den 
Elgin Marbles beschäftigt und »die Begierde, etwas dem Phidias 
Angehöriges mit Augen zu sehen« ihn überwältigt, hat er 
sich plötzlich entschlossen nach Rudolstadt zu fahren, wo 
er einen Abguß des Werkes wußte und wo er sich »an den 
erstaunenswürdigen Köpfen von Monte Cavallo für lange Zeit 
herstellte«. 

Wir müssen tief bedauern, daß Goethe auf den apologe- 
tischen Theil seiner Besprechung den geplanten zweiten, der 
positiv die Vorzüge des Reliefs entwickeln sollte, nicht hat 
folgen lassen. Erloschen ist sein Interesse für den Phigalischen 
Fries nicht. Im Jahr 1821 ließ er ihn in »Kunst und Alter- 
thum« von Meyer beurtheilen. Im höchsten Alter hatte er 
noch die Freude, den Entdecker und ersten Bearbeiter dieses 
Schatzes, den Baron Stackeiberg, zu mehrtägigem Besuch bei 
sich zu sehen. Auch mit ihm besprach er noch Entstehung 
und Ausführung des Werkes, das er »ein Wunder von Herr- 
lichkeit« nannte. O. Harnack. 



14 Neue Mittheilungen. 



2. DIE FREITAGSGESELLSCHAFT. 
Eine Erläuterung zum Briefwechsel mit Schiller. 

Goethe an Schiller, 27. November 1794: »Herr v. Humbold 
ist neulich zu einer ästethisch critischen Session gekommen, 
ich weiß nicht wie sie ihn unterhalten hat«. 

Schiller an Goethe, 29. November 1794: »Herr v. Hum- 
boldt, der sich Ihnen aufs beßte empfiehlt, ist noch ganz voll 
von dem Eindruck, den Ihre Art, den Homer vorzutragen 
auf ihn gemacht hat, und er hat in uns allen ein solches 
Verlangen darnach erweckt, daß wir Ihnen, wenn Sie wieder 
auf einige Tage hieher kommen, keine Ruhe laßen werden, 
biß Sie auch eine solche Sitzung mit uns halten«. 

Goethe an Schiller, 2. December 1794: »Daß Herr v. Hum- 
bold mit unsern homerischen Unterhaltungen zufrieden ist, 
beruhigt mich sehr, denn ich habe mich nicht ohne Sorge 
dazu entschlossen. Ein gemeinsamer Genuß hat so große 
Reize und doch wird er so oft durch die Verschiedenheit 
der Theilnehmer gestört. Biß jetzt hat noch immer ein guter 
Genius über unsre Stunden gewacht. Es wäre recht schön, 
wenn wir auch einmal einige Bücher zusammen genößen«. 

Von den erwähnten Vorlesungen wäre wohl das nöthige 
zu erwähnen, da ihre Wirkung zur Zeit bedeutend war. 

Es versammelten sich etwa zwölf Personen wöchentlich 
Abends in meinem Hause, deren Namen schon von der 
Unterhaltungsweise genügsames Verständniß giebt. 

Geh. Rath v. Voigt, ein allseitig gebildeter Geschäfts- 
mann, der in meiner Abwesenheit die Zusammenkunft fort- 
führte und einleitete. 

V. Fritsch, jung, gebildet, bildungslustig, aufmerksam, 
durchaus theilnehmend. 

Wieland, Herder, Buchholz, Hufeland, Bertuch, Meyer, - 
Krause; Männer vom verschiedensten Interesse, ein jeder 
in seinem Fach ernstlich beschäftigt, vorschreitend im Neuen, 
nachdenkend über das Alte; keiner der nicht in der Folge 
des Lebens sich bedeutend erwiesen hätte. 

Als Gäste fanden sich ein verschiedene Lehrer von 
Jena, Voigt von Ilmenau bey jedesmaligem Hierseyn, und 
so ward auch jeder bedeutende Fremdling eingeladen und 
wohl aufgenommen, so wie das was er etwa mitzutheilen 
hatte. Die Anmuth, so wie die Wirksamkeit einer solchen 



Die Freitagsgesellschaft. 15 



Unterhaltung wird sich jeder Denkende gern vergegen- 
wärtigen. 

Höchst bedeutend war hiehey daß Durchl. Herzog 
öfters Theil nahm und dabey mit besonderem Scharfsinn 
die Verdienste des Inhalts so wie des Vortrags beurtheilend, 
jüngere Männer kennen lernte, die ihm sonst schwerlich 
von dieser Seite so nahe getreten wären. Weimar und Jena 
haben diesen Abenden manche wichtige Anstellung und 
Auszeichnung zu verdanken. 

Da nun bey solchen Zusammenkünften mit Maas und 
Bescheidenheit alles zur Sprache kam, was empfunden, 
gedacht und gewußt zu werden verdiente, so war auch 
Poesie höchst willkommen. 

Nun war damals die Vossische Uebersetzung der Ilias 
an der Tages-Ordnung und über die Lesbarkeit und Ver- 
ständUchkeit derselben mancher Streit, daher ich denn nach 
alter Ueberzeugung, daß Poesie durch das Auge nicht auf- 
gefaßt werden könne, mir die Erlaubniß ausbat, das Gedicht 
vorzulesen, mit dem ich mich von Jugend auf mannigfaltig 
befreundet hatte. 

Daß mir nun das rhapsodische Metier nicht ganz miß- 
lungen, davon giebt Herrn von Humboldts Erwähnung gegen 
Schillern das beste Zeugniß, welches diesen bewog, einen 
gleichen Vortrag von mir gelegentlich zu verlangen. 

Und gewiß schwarz auf weiß sollte durchaus verbannt 
seyn; das Epische sollte rezitirt, das Lyrische gesungen und 
getanzt und das Dramatische persönlich mimisch vorgetragen 
werden. 

Weimar den 30. Decbr. 1824. 



Daß Goethe bei der Herausgabe seines Briefwechsels mit 
Schiller anfänglich die Absicht hatte, Erläuterungen und Excurse 
hinzuzufügen, ist erst durch den letzten, neunten Band der 
Tagebücher bekannt geworden. Ueberhaupt gewinnt die 
Vorgeschichte dieser Ausgabe durch Goethes Aufzeichnungen 
aus den Jahren 1823 und 1824 erst die rechte Beleuchtung. 
Den Anstoß scheint Wilhelm von Humboldt gegeben zu haben, 
der sich in Weimar anmeldete, als Goethe eben, in den Tagen 
vom 28. Mai bis 3. Juni 1823 die Schillerschen Briefe aus 
seinen Correspondenzheften ausgehoben hatte, und bei Aus- 



l6 Neue Mittheilungen. 



führung seines Besuchs vom 12. bis 23. November auch die 
an ihn gerichteten Briefe Schillers mitbrachte, auf daß die 
Freunde »in fruchtreicher Gegenwart sich an den frühern 
schönen Bltlten aufs neue erbauen und erquicken könnten«. 
Die ersten Tage des folgenden Jahres brachten den Entschluß, 
eine bedeutsame Episode des Briefwechsels aus dem Jahre 1802 
ftir »Kunst und Alterthum« auszuwählen; abgeschlossen wurde 
dieser Vorläufer vom 12. bis 23. December 1824. Unmittelbar 
daran schloß sich, nachdem im Laufe des Jahres 1824 mit 
Lotte Schiller und Caroline von Wolzogen gemeinsam der 
Plan einer Gesammtausgabe des Briefwechsels berathen, mit 
Cotta Verhandlungen eingeleitet, Abschrift und Revision des 
Manuscripts durch Goethe veranlaßt waren, in den letzten 
Decembertagen des Jahres 1824 die Absicht, dem Briefwechsel 
einen Commentar beizugeben. Denn Goethe notirt am 

26. December: »Später die Schillersche Correspondenz vom 
Jahre 1794 durchgesehen, die aufzuklärenden Stellen bemerkt, 
auch die Chronik desselbigen Jahres durchgesehen,« am 

27. December: »Die Schillersche Correspondenz von 1794 in 
Rücksicht der dazu erforderlichen Noten durchgesehen«, und 
endlich am 30. December (Tageb. IX, 316): „Fersc/iieäenes 
dictirt zu de?i Noten der Schiller sehen Correspondenz((. 

Ein Rest dieser Anmerkungen liegt in obiger Niederschrift 
vor, die im Kanzler Müller-Archiv — auf einem Foliobogen 
grauen Conceptpapiers von Johns Hand — gefunden, von 
B. Suphan alsbald aus dem Datum und aus der von Goethe eigen- 
händig mit Bleistift übergeschriebenen Bezeichnung »S. 33b 
1794.« bestimmt wurde. Das Druckmanuscript des Briefwechsels, 
auf das Goethe damit verweist, hat also ungefähr denselben Um- 
fang gehabt, wie der erste Druck, der die Eingangs angeführten 
Stellen auf S. 67 — 74 bringt. Daß Goethe das dictirte Concept 
nicht näher geprüft hat, beweist gleich im ersten Absatz die 
unmittelbar auf einander folgende doppelte Verwendung von 
»erwähnen«, die sonst schwerlich durchgegangen wäre. Kanzler 
von Müller, der den Bogen verwahrte, hat S. 15 Z. 18 »mir die 
Erlaubniß ausbat,« corrigirt aus »und bat mir die Erlaubniß 
aus«. Am Schluß ist der Anfang einer weiteren Ausführung :' 
»Es geschieht auch so nur zerstreut und zufällig,« gestrichen. 

Goethes Plan ist nicht zur Ausführung gekommen; im 
Jahre 1825 und später verlautet nichts mehr von einem 
Commentar zu dem Briefwechsel, dessen erster Band nach 
mancherlei Verzögerungen erst im Jahre 1828 erschien. Seine 
Aufzeichnungen über die Freitags-Gesellschaft verwerthete 
Goethe später für die Tag- und Jahreshefte (Werke 35, 68), 
wo die Episode nunmehr unter dem Jahre 1796 in folgender 
Gestalt erscheint: »Eine Gesellschaft hochgebildeter Männer, 
welche sich jeden Freitag bei mir versammelten, bestätigte 



Die Freitagsgesellschaft. 17 

sich mehr und mehr. Ich las einen Gesang der Ilias von Voß, 
erwarb mir Beifall, dem Gedicht hohen Antheil, rühmliches 
Anerkennen dem Uebersetzer. Ein jedes Mitglied gab von 
seinen Geschäften, Arbeiten, Liebhabereien, beliebige Kenntniß, 
mit freimüthigem Antheil aufgenommen. Dr. Bucholz fuhr 
fort die neusten physisch-chemischen Erfahrungen mit Gewandt- 
heit und Glück vorzulegen. Nichts war ausgeschlossen, und 
das Gefühl der Theilhaber, Avelches Fremde sogar in sich 
aufnahmen, hielt von selbst alles ab, was einigermaßen hätte 
lästig sein können. Akademische Lehrer gesellten sich hinzu, 
und wie fruchtbar diese Anstalt selbst für die Universität ge- 
worden, geht aus dem einzigen Beispiel schon genugsam hervor, 
daß der Herzog, der in einer solchen Sitzung eine Vorlesung 
des Doctor Christian Wilhelm Hufeland angehört, sogleich 
beschloß ihm eine Professur in Jena zu ertheilen, wo derselbe 
sich durch mannigfache Thätigkeit zu einem immer zunehmen- 
den Wirkungskreise vorzubereiten wußte. 

Diese Societät war in dem Grade regulirt, daß meine 
Abwesenheit zu keiner Störung Anlaß gab, vielmehr übernahm 
Geh. Rath Voigt die Leitung, und wir hatten uns mehrere 
Jahre der Folgen einer gemeinsam geregelten Thätigkeit zu 
erfreuen«. 

Zur Sache diene kurz Folgendes. Ueber die »Freitags- 
gesellschaft«, wenigstens über ihre Anfänge, sind wir zur 
Genüge unterrichtet, doch fehlt es noch an einer zusammen- 
fassenden Darstellung. Ihre Entstehung verdankt sie einer 
Anregung Goethes, der am i. Juli 17 91 an Karl August 
schreibt : »Bey dieser Gelegenheit hat sich eine alte Idee : 
hier eine gelehrte Gesellschaft zu errichten und zwar den 
Anfang ganz prätentionslos zu machen, in mir wieder er- 
neuert. Wir könnten reichlich mit unsern eignen Kräften, 
verbunden mit Jena viel thun wenn nur manchmal ein Reunions- 
punckt wäre. Biß Sie wiederkommen soll das Projeckt reifer 
seyn«. Bereits am 5. Juli unterzeichneten Voigt, Wieland, 
Herder, Bertuch, Bode, Knebel und Buchholz die von Goethe 
eigenhändig aufgesetzten Statuten (Jahn, Goethes Briefe an 
C. G. V. Voigt S. 443 — 445), am 9. September versammelte sich 
die Gesellschaft zum erstenmale im Palais der Herzogin Mutter 
und Goethe führte wiederum eigenhändig die Protocolle über 
die beiden ersten Sitzungen (Jahn a. a. O. S. 445 — 452). Ueber 
die späteren Versammlungen, die ebenfalls bei der Herzogin 
Anna Amalia und nicht wöchentlich, sondern meist monat- 
lich abgehalten wurden, berichtet ausführlich der Magister 
Ubique Böttiger (Literarische Zustände und Zeitgenossen I, 
23 — 47), der mit Professor Kästner und Hofmedicus Hufeland 
zugleich als Mitglied vorgeschlagen (Goethes Briefe IX, 291), 
am 4, November 1791 zum erstenmal an einer Sitzung theil- 

Goethe-Jahrbuch XIX. 2 



Neue Mittheiluxgen. 



nahm. Außer den bereits Genannten werden noch als Mit- 
glieder erwähnt: Friedrich Hildebrand von Einsiedel bei Jahn, 
Goethes Briefe an C. G. v. Voigt S. 449. 452, und nur von 
Goethe selbst in obiger Erläuterung: der junge v. Fritsch, 
also Karl Wilhelm Freiherr von Fritsch, der am 16. Juli 1769 
geboren, bereits 1789 als Hofjunker und Regierungsassessor 
in Weimarische Dienste trat und 1793 zum Regierungsrath 
befördert wurde, ferner Johann Heinrich Meyer und »Krause« 
d. h. Georg Melchior Kraus, Goethes Landsmann, der seit 
1775 in Weimar und seit 1780 Director der herzoglichen 
freien Zeichenschule war. Der in den Tag- und Jahresheften 
namentlich erwähnte Hufeland hieß nicht Christian Wilhelm 
sondern Christoph Wilhelm; damals Hofmedicus in Weimar 
hielt er im Herbst 1792 einen Vortrag über Makrobiotik, in 
Folge dessen er Ostern 1793 ordentlicher Professor in Jena 
wurde, vgl. E. Gurlt in der Allg. D. Biographie XIII, 286. -- 
Dr. Wilhelm Heinrich Sebastian Buchholz (1734— 17 98), Berg- 
rath und Hofmedicus, auch Stadt- und Amtsphysikus, war 
der wissenschaftlich hochgebildete Besitzer der Hofapotheke 
in Weimar. — Der Professor Kestner endlich, der mit Böttiger 
und Hufeland gleichzeitig aufgenommen wurde, ist Johann 
Friedrich Kästner, früher Hofmeister der v. Steinschen Knaben, 
1780 Pagen-Informator, 1787 Gymnasialprofessor in Weimar. 
— Die Zahl der einheimischen Mitglieder der Gesellschaft 
beläuft sich also auf mindestens fünfzehn. 

Von Gästen werden erwähnt die Professoren Batsch, 
Lenz und Griesbach aus Jena, Graf Beust und August Fried- 
rich Carl v. Ziegesar, Prinz August von Gotha, später Wilhelm 
von Humboldt und in der Erläuterung speciell »Voigt von 
Ilmenau«. Unter letzterem ist Johann Karl Wilhelm Voigt 
(1752 — 1S21) zu verstehen, der Bruder des an der Freitags- 
gesellschaft hervorragend betheiligten Ministers Christian Gott- 
lob von Voigt. Wie dieser erhielt er seine Schulbildung in 
Roßleben, studirte dann in Jena Jura, wurde aber durch den 
Verkehr mit Trebra, als dieser in Ilmenau das Bergwerk 
untersuchte, zum Studium der Mineralogie bestimmt und ging, 
mit ihm 1776 nach Freiberg. Nachdem er dort seine Studien 
beendigt hatte, bereiste er im Auftrag Carl Augusts 1780 
Weimar und Mansfeld in mineralogischer Hinsicht, wurde 
1783 bei Eröffnung des neuen Bergbaus in Ilmenau Goethen 
und seinem Bruder als Secretär der Bergwerks-Commission 
beigegeben und 1789 zum Bergrath befördert (Jahn S. 37). 

Bei Goethes Abwesenheit — darunter ist nicht nur seine 
Theilnahme an der Campagne in Frankreich und an der 
Belagerung von Mainz, sondern auch kleinere Reisen nach 
Jena, Ilmenau u. s. w. zu verstehen — vertrat Voigt seine 
Stelle, vgl. Briefe XI, i. 37. — Die Gesellschaft scheint nicht 



Die Freitagsgesellschaft. ic) 

über den Winter 1796 — 97 hinaus bestanden zu haben. Am 
15. October 1796 schreibt Goethe noch an Schiller: »Gestern 
ist meine Freytags-Gesellschatt wieder angegangen ; ich werde 
sie aber wohl nur alle vierzehn Tage halten und dazu ein- 
laden lassen« ; später finde ich sie nicht mehr erwähnt. Andere 
Vereinigungen mehr geselliger Natur traten an ihre Stelle, 
aber einen Ersatz für die vielseitigen wissenschaftlichen An- 
regungen der Freitagsgesellschaft konnten sie nicht bieten. 
Ueber Goethes Beiträge zu den Abendunterhaltungen im 
Winter 1791 — 92 berichtet Böttiger. Darnach las Goethe am 
4. November 1791 fortgesetzte Betrachtungen über das Farben- 
prisma; am 17. Februar 1792 sprach er über K. Ph. Moiitz' 
»Grundlinien zu meinen Vorlesungen über den Stilcf ; . am 
2. März las er Proben eines Lehrgedichts über die Pflanzen 
in deutschen Hexametern von einem Schweden vor und am 
23. März überraschte er die Gesellschaft durch den Vortrag 
über Cagliostro's Stammbaum. Der zu Ende des Jahres 
1795 ausgearbeitete Vortrag »Ueber die verschiedenen Zweige 
der hiesigen Thätigkeit« (vgl. Eduard von der Hellen im G.-j. 
XIV, 3 — 26) scheint nicht gehalten zu sein. An erster Stelle 
aber stehen durch ihre Wirkung seine Vorlesungen und Er- 
klärungen der Vossischen Ilias im November 1794. Vossens 
Uebersetzung war, zugleich mit der umgearbeiteten Odyssee, 
im Jahr zuvor in Altona erschienen ; und Goethe hatte, während 
er — im Gegensatz zu der übrigen Hofgesellschaft — auf die 
Odyssee von 17 81 nicht subscribirte, der neuen Erscheinung 
das regste Interesse entgegengebracht. Seine alte Liebe zu 
Homer war in Italien neu erwacht und hatte ihn aus dem 
klassischen Lande in die hyperboräischen Nebel begleitet. 
Gerade im Winter 1793 — 94 hatte Goethe, um »etwas un- 
endliches zu unternehmen«, sich in Homer-Studien vergraben, 
von denen das Archiv noch Reste enthält; und der Besuch 
von Voß im Juni 1794,. seine Vorlesungen aus der Odyssee 
im Weimarer Freundeskreise (vgl. Herbst, J. H. Voß II, i, 164), 
für die ihm Goethe warm die Hand drückte, mussten dieses 
Interesse noch steigern. Ueber die Wirkung von Goethes 
A^orträgen, an die sich eine kritische Besprechung knüpfte, 
fällt Böttiger (Literarische Zustände und Zeitgenossen I, 81) 
folgendes Urtheil: »Die härtesten Stellen wurden durch Goethe's 
treffliche üeclamation und richtig wechselndes Andante und 
Adagio außerordentlich sanft und milde. Es ist unleugbar, 
daß Voß nur fürs Ohr und den lebendigen successiven Eindruck, 
nicht fürs Auge und zergliedernden Ueberblick des Styls 
gearbeitet hat«. Carl Schüddekopf. 



20 Neue Mittheilungen. 



3. EIN GUTACHTEN GOETHES ÜBER ABSCHAF- 
FUNG DER DUELLE AN DER UNIVERSITÄT JENA. 

1792.' 

Verbindung einer Anzahl Studirender zu Jena zu Ab- 
schaffung der Duelle ist bekannt. 

Es giebt dieses Phänomen mancherley zu dencken. 

Allgemeine Betrachtungen über diesen Gegenstand 
werden hier vorgelegt. 

Balgereyen, Raufereyen aller Art, sind die thätigen 
Folgen von augenbhcklichen Zvv^isten. 

Alle Classen von Menschen bedienen sich hierzu ihrer 
eignen Waffen, 

Findet man, daß in einer gewissen Art von Menschen 
Balgerey gäng und gäbe* wird, so kann man schheßen, daß 
in dem Gebrauch dieser Waffen eine allgemeine Virtuosität 
existire. 

Gleichniß von den Musik-Liebhabern hergenommen. 

Zeit wann dieDuelle mit dem Degen an ihrem Platz waren. 

Bemerckung daß die Französischen Officiere sich mehr 
als die Deutschen duelHren. 

Ursache der Duelle auf Akademien. 

Sie kommt nicht aus einer Virtuosität im^ Fechten, 
welche immer seltner wird. 

Sie kommt nicht aus der Händelsucht der Neuankommen- 
den her. 

Auch nicht aus der Sinnesart der Fleißigem und Ge- 
sittetem. 

Es kann sich also diese Händelsucht nur aus der Hefe 
der altern, in einer rohen Existenz geübten und erfahrnen 
Akademischen Bürger auf die Uebrigen verbreiten. 

' Die Vorlage ist auf fünf Bogen grauen Conceptpapiers von Paul 
Götze (vgl. über ihn die Zusammenstellung im Goethe-Jahrbuch XIII, 9) 
mit vielen Fehlern geschrieben, die hier nicht bemerkt werden. Dagegen 
sind die deutlichen Spuren der Entstehung als Dictat absichtlich nicht 
beseitigt. Bei der Bearbeitung des Textes hatte ich mich der Unter- 
stützung B. Suphans zu erfreuen. 

* Geschrieben : gänge und giebe 

^ Geschrieben : vom 



Ein Gutachten Goethes über Abschaffung der Duelle. 21 

Wir wissen daß dieses bey den Ordensobern der Fall 
ist; ilire ganze Existenz berulit darauf, daß sie die Roheren 
an sich ziehen und die Uebrigen schrecken. 

Der ganze Leim aller Orden, der Leim aller geheimen 
Gesellschaften ist der große Reitz das Verbotene zu thun, 
Parthey zu nehmen, Gesetz gegen Gesetz und womöglich 
Gewalt gegen Gewalt zu stellen. 

Jede geheime Gesellschaft wird in unsern Tagen ge- 
fährUcher, weil der Allgemeingeist des AugenbHcks mit 
tausend Zungen ausspricht, daß man kein Gesetz zu halten 
brauche, in das man nicht ganz freiwillig consentirt habe. 
Kein Staat soll keine geheime Verbindung dulden, alle 
öffentliche begünstigen. 

Sehr erwünscht ist jene Verbindung vernünftiger junger 
Leute in diesem Augenblick, sie sprechen das deutHch aus, 
w^as von vielen Vernünftigen schon lange gedacht und aus- 
geübt wird, sie sind auf alle Weise zu begünstigen. 

Sie hören von den Lehrstühlen der Philosophen, daß 
in dem Menschen die Selbstbestimmung zum Guten zu 
suchen sey. Daß kein äußeres noch so weises, selbst kein 
göttliches Gebot, sondern daß ihm sein eigen Herz das 
recht Thun empfehle und befehle. Sie wollen auch diese 
edelste Herrschaft über sich selbst ausüben, sie wollen das 
alte verjährte, durch Gesetze in die Winkel verstoßene, 
von der Klarheit einer gesunden Philosophie in die Nacht 
verdrängte Vorurtheil völlig abschütteln, und dadurch 
gleichsam dem Gesetze Reahtät geben. Sie bedingen sich 
nur hinreichende Gesetze und einen Antheil an der Aus- 
übung aus. 

Irrthum und Pedanterie des Pedismus, ' an der Gewalt 
so viel man will, nur an dem Schein der Gewalt nichts 
nach zu geben. 

SchickHchkeit, besonders für die Akademie, wohl- 
denckenden jungen Leuten eine Gelegenheit zu schaffen 
auch sich hier auszuzeichnen, und den Begriff von Ausübung 
einer vernünftigen Gewalt auch von der Akademie mit 
nach Hause zu nehmen. 



' Despotismus? [Suphan]; Pennalismus? 



22 Neue Mittheilungen. 



Der Arzt läßt seine geschickten Schüler am Kranken- 
bett unter seinen Augen sich üben, der Rechtslehrer giebt 
ihnen Akten um die Theorie auf einzelne Fälle anzuwenden, 
der Geistliche läßt sie sich auf der Kanzel üben; warum 
sollte die Akademie nicht im Ganzen thun was jede Fakultät 
im Einzelnen für Pflicht hält? Warum sollte es nicht 
schicklich seyn ein Gericht zu bestellen, in welchem sittliche 
junge Männer über die Puncte der SittHchkeit und ihrer 
Verletzung mit urtheilen, und indem sie durch die Gegenwart 
ihrer Lehrer ihre allzu große EmpfindHchkeit mäßigen 
lernen, auch wieder durch ihre Gegenwart die Gleichgültigkeit 
des Alters über gewisse Puncte gleichsam wieder aufs neue 
beleben. 

Es ist pädagogisches Institut, daß in gewissen Puncten 
nicht vorwärts geruckt wäre, wo man nicht junge Leute 
durch Aemter, Urtheil über ihres gleichen auszubilden suchte. 
Was im kleinen mit Jüngern möglich ist, warum sollte 
es im großen mit Aelteren nicht möghch seyn? Und sollte 
es der Gesetz gebenden und ausübenden Macht nachtheilig 
seyn, vernünftige Menschen öffentlich in ihrem Interesse 
zu sehen', da sie bisher einzelne übelgesinnte Menschen, 
zum Hohn der Gesetze und der ausübenden Gewalt, 
beschränckte* und oft niedrige Privat- Vortheile zum Schaden 
des Ganzen benutzen sah? Ich bin überzeugt, daß es der 
Augenbhck ist, den so verdienten Ruhm der Jenaischen 
Akademie noch mehr zu erheben. Sie braucht so wenig 
als jeder seinen Beyfall verdienende Lehrer um die Gunst 
ungesitteter Menschen zu buhlen. Man zerstöre alle geheime 
Verbindungen, es entstehe daraus was w^oUe. Man beschütze 
SittHchkeit und alle die, so sich dazu bekennen, die guten 
Folgen werden alle Erwartung übertreffen und selbst im 
Augenblicke wird keine schlimme Würkung zu besorgen 
seyn. Man bestimme die Gesetze gegen die Uebertreter 
der Sittlichkeit, gegen die Störer der Ruhe nach den 
Bedürfnissen des AugenbHcks. Man gebe vernünftigen 
jungen Leuten einen schickhchen Antheil an der Beurtheilung 



' Wohl zu ergänzen »wirken zu sehen« [Suphan]. 
* Geschrieben: beschränckt 



Ein Gutachten Goethes über Abschaffung der Duelle. 23 

einzelner Fälle, und man wird von diesem Punct aus ein 
neues Licht über die ganze Akademie sich verbreiten sehen. 
Ich sage dieß nicht ohne Kenntniß der Menschen, 
Sachen und Umstände und ich darf wohl sagen, ich wünschte 
die Zeit zu sehen wo auf einen bloßen Schlag die Relegation 
gesetzt wäre, und ich würde unter wenig veränderten 
Umständen dieses Gesetz vorzuschlagen wagen. Wer schlägt, 
gehört dahin wo man mit Schlägen unterrichtet, und hört 
auf ein akademischer Bürger zu seyn. Wer seines gleichen 
schlägt, giebt zu steigenden Repressalien und zuletzt zu 
allen Extremitäten Anlaß, und der wie eine Kranckheits- 
geschichte merckwürdige Purschen-Comment verdiente von 
dieser Seite einen Commentar und man würde sehen, wie 
man in diesem abentheuerhchen Gesetz gesucht hat die 
Leidenschaften und das Betragen eines Bauern, eines Schülers 
und eines Edelmanns zu vereinigen. 

Man lasse mir einen Augenblick zu, nur in der Ein- 
bildungskraft die Relegation auf einen jeden Schlag zu setzen, 
so hat man auf einmal ein einfaches Gesetz gegeben, das 
alle im Grund lächerHche Aufstufungen' von der Ohrfeige 
bis zum Knittel und Hetzpeitsche auf einmal aufhebt. Man 
sage nicht, daß ein solches Gesetz zu streng sey; es kommt 
alles darauf an, wie man sich und andere gewöhnt und in 
welcher Gesellschaft man sich befindet; und je besser die 
Gesellschaft ist, desto bemerckbarer wird ein geringeres 
Vergehen. 

Die Gradationen von Strafen taugen im Grunde nichts 
und vermehren nur die Schwierigkeit der einzelnen Fälle. 

Die Relegation cum Infamia kann auf keine weise im 
Duellfall weder gedroht noch dictirt werden, und die simple 
Relegation schon Strafe genug für einen jeden ist.* 

Ich gestehe, wie schon oben geschehen, daß dieses hier 
mehr Gedanke als Vorschlag ist. Allein ich bin vöUig 
überzeugt, daß dieses das einzige Mittel wäre, wodurch 
in der Folge alles abgeschnitten werden könnte, und eine 
Akademie, wo der Unterricht immer vermehrt und verbessert 
wird, hat sich vor keinem Abgang zu fürchten. 

' Davor ungestrichen, am Seitenende: Schatti[rungen] 

^ Das einleitende »und« ist absichtlich nicht verbessert [Suphan]. 



24 Neue Mittheilungen. 



Mein Vorschlag zu einem ganz einfaciien Gesetz wäre 
also: 

1. Jede wörtliche Beleidigung werde durch Abbitte 
in Gegenwart des Beleidigten und einiger von ihm 
erbetenen Freunde, 

2. Das Schuppen oder Stoßen, viel oder wenig, mit 
einer Karzerstrafe, 

3. Jeder Schlag mit einer irremissiblen Relegation 
bestraft. 

Es braucht also der ganzen compUcirten Organisation, 
des ganzen Gerichts der Beysitzer und alle der Umstände 
nicht, jeder vernünftige Mensch ist in Ruhe und es wird 
ihm gleich Ruhe geschafft. 

Es ist eben wie mit der Abschaffung der Todesstrafen, 
die sich gar leicht von selbst abschaffen, wenn man die 
ersten Grade, wovon große Verbrechen das Ende sind, 
verhüten kann. 

Ich für mein Theil bin so davon überzeugt, daß ich 
dieses Gesetz besonders in der Epoque worin Jena' gegen- 
wärtig steht, wenn die Akademie vorher von den Ordens- 
verbindungen gereiniget wäre, simpliziter zu geben getraute 
und nicht allein für den Augenbhck kein Uebel fürchten 
dürfte, sondern in der Folge bey fortgesetzten Bemühungen 
so vieler trefflichen Lehrer einen unglaublichen Zuwachs 
erwarten könnte.* 

In Goethes amtlicher Thätigkeit, von der Vogels bekanntes 
Buch nur schwache Umrisse giebt, nehmen seine Beziehungen 
zur Jenaischen Hochschule eine hervorragende Stellung ein. 
»Gewisse Orte behalten sich immer das Recht vor uns gewisse 
Eindrücke zu geben«, so schreibt er an Knebel; »hier bin 
ich fleißiger und gesammelter als in Weimar, ob es mir gleich 
auch dort an Einsamkeit nicht fehlt«. Die akademische Luft, 
die Nähe der wissenschaftlichen Institute und der Verkehr 
mit befreundeten Professoren verfehlten ihre Wirkung nicht; 
seitdem er Loders Schüler in der Anatomie geworden war, 
blieb ihm der Umgang mit hervorragenden Vertretern der 



' »Jena« fehlt. 

* Hierunter eigenhändig mit Blei die Zeilen: 

In welche Classe der Menschen die Studirenden gehören. 



Ein Gutachten Goethes über Abschaffung der Duelle. 25 

einzelnen Disciplinen ein stetes Bedürfniß. Von den Professoren 
im Allgemeinen dagegen, namentlich als Mitgliedern einer 
akademischen Körperschaft, von ihrem Zusammenwirken für 
Universitätszwecke, von ihrer Handhabung der Disciplin dachte 
er, wie O. Jahn (Goethes Briefe an Voigt S. 47) ausftihrt, 
gering und hielt sich durch seine Erfahrungen berechtigt, 
gelegentlich derUniversität gegentiber energisch durchzugreifen. 
Solchen Fragen der academischen Disciplin, die in Jena oft 
auftauchten, war Goethe frühzeitig näher getreten; schon vor 
der italiänischen Reise, im Frühjahr 1786, hatte er gegen die 
landsmannschaftlichen Verbindungen scharfe Vota abgegeben, 
die Burkhardt in den Grenzboten von 1878 Nr. 37 mitgetheilt 
hat. Während die Gutachten der Professoren weit auseinander 
gingen, auch Geheimrath Schnauß zur Behutsamkeit rieth 
und von Anwendung »heroischer« Mittel nichts wissen wollte, 
wurden Goethes Vorschläge, denen sich der Geheimrath 
J. C. Schmidt anschloß, angenommen. Darnach sollten alle 
diejenigen, welche der landsmannschaftlichen Verbindungen 
verdächtig waren, vor dem Prorector, dem ein Concilium 
arctius zur Seite stand, eidlich angeloben, daß sie aus den 
Verbindungen austreten, bezw. niemals darein sich begeben 
wollten. — Milder urtheilte Herder in seinen am 4. October 1 790 
eingereichten »Anmerkungen über das Project zu erlaubten 
landsmannschaftlichen Verbindungen auf Universitäten« (Wei- 
marisches Herder-Album S. 91, Sämmtl. Werke ed. Suphan 30, 
468), in denen er auf die Stiftung besserer Gesellschaften drang, 
»die durch ein gemeinschaftliches Ziel in Wissenschaften und 
Bestrebungen die Gemüther binden, sie vom Nationalismus 
abwenden, und gleichsam wissenschaftliche Gemeinen aus 
mancherlei Nationen sammeln«. Dafür war die Zeit noch nicht 
gekommen. Wiederholte scharfe Patente gegen die aus den 
früheren »Nationen« hervorgegangenen Landsmannschaften 
fruchteten nichts; daneben hatte seit der Mitte des Jahrhunderts, 
in welchem die Geheimbünde blühten, das Ordenswesen unter 
den Studenten Eingang gefunden. In den neunziger Jahren 
bestanden in Jena der Orden der strengen Brüder, die Con- 
stantisten, die Unitisten und die Mosellaner oder Amicisten, 
die sich aus trefflichen Anfängen, wie es meist bei solchen 
Vereinigungen der Fall ist, zu einem der freien Entwicklung 
des Studententhums sehr schädlichem Despotismus gestaltet 
hatten und durch ein Ueberdauern der Orden in das bürgerliche 
Leben nicht ungefährlich wurden. Daher wandte sich auch, 
wie wir sehen werden, Goethes Eifer vorzugsweise gegen 
diese geheimen Gesellschaften. 

Als er nach der Rückkehr aus Italien im Jahre 17 88 
mit Christian Gottlob Voigt gemeinsam die Oberaufsicht über 
die wissenschaftlichen und Kunstanstalten des Landes und 



26 Neue Mittheilungen. 



die Leitung der Universität Jena als Ressort erhielt, mußten 
naturgemäß die Angelegenheiten der Hochschule ihn mehr 
als zuvor berühren. Liegt auch das reichste Material bisher 
ungedruckt in den Acten der späteren »Oberaufsicht«, so 
fehlt es doch nicht an bekannten Beweisen seiner darauf be- 
züglichen Wirksamkeit. 

So waren wir denn auch über Goethes Theilnahme an 
einer Bewegung, die im Anfang der neunziger Jahre in Jena 
auf Abschaffung der Studentenduelle hinzielte, bereits in 
großen Zügen unterrichtet. Die Gebrüder Keil haben in ihrer 
»Geschichte des Jenaischen Studentenlebens« (Leipzig 1858, 
S. 250 ff.) darüber Aufschluß gegeben auf Grund der seltenen 
Schrift von Heinrich Stephani »Wie die Duelle, diese Schande 
unsers Zeitalters, auf unsern Universitäten so leicht abge- 
schafft werden könnten« (Leipzig, Brockhaus 1828), die als 
ein Geschenk der Verlagshandlung sich jetzt in der Bibliothek 
des Archivs befindet. Stephani seinerseits benutzt und wieder- 
holt den Abdruck der einschlägigen Actenstücke in IJr. 16 des 
»Anzeigers« vom 19. Januar 1792, der als ein Beiblatt zu 
Rudolf Zacharias Beckers »Deutscher Zeitung« in Gotha er- 
schien. Auf Grund dieser gedruckten Quellen erfolgt hier eine 
knappe quellenmässige Darstellung der Vorgänge, ohne An- 
spruch auf eine erschöpfende oder kritische Behandlung des 
Themas. 

Der Autor des eben genannten Werkes, Heinrich Stephani,' 
war selbst an der Bewegung, deren Geschichtsschreiber er 
später wurde, hervorragend betheiligt. Im Jahre 1761 geboren 
und in Erlangen als Theologe gebildet, lebte er von 1791 
an zwei Jahre mit seinem Zöglinge, dem jüngeren Grafen 
von Castell, auf der Universität Jena, in vertrauten Verhält- 
nissen, wie er selbst sagt, sowohl zu den damals berühmtesten 
akademischen Lehrern als auch zu den geistvollsten jungen 
Männern unter den Studirenden. »Einst als eine größere 
Gesellschaft derselben bei uns versammelt war« , erzählt 
Stephani, »und das Gespräch von wissenschaftlichen Gegen- 
ständen endlich auf die häufigen Duelle überging, von denen 
damals gewöhnlich 6 bis 8 in jeder Woche vorfielen, äußerte 
ich : wie auffallend es für mich sei, dieses Unwesen noch auf 
dem (damals) ersten Sitze der Wissenschaften und der Kanti- 
schen Philosophie zu finden, wo die jungen Leute, zu solcher 
philosophischen und moralischen Bildung gediehen, die Lächer- 
lichkeit und Unsittlichkeit des Zweikampfes klar erkennen 
müssten. Alles stimmte mir bei, aber erklärte durchaus das 
Duell für ein 7iothwendiges Uebel, welchem auf Universitäten 
nie auszuweichen sei. Auf meine Erwiderung, daß ich die 



Vgl. Sander in der Allg. Deutschen Biographie 36, 90—93. 



Ein Gutachten Goethes über Abschaffung der Duelle. 27 

Nothwendigkeit derselben nie zugestehen könnte, weil es von 
den Studirenden selbst abhinge, solches abzuschaffen und an 
dessen Stelle etwas Besseres zu setzen, wurde ich aufgefordert, 
meine Idee darüber ihnen ausführlicher zu entwickeln«. 

Stephani legte nun seine von der Kantischen Philosophie 
sichtlich beeinflußten Ansichten über das Wesen der akademi- 
schen Freiheit und über die wahre Ehre vor, zu deren 
Sicherung er folgende Mittel vorschlug : Ehrengesetze, welche 
besser als der lächerliche Burschencomment die gleichen Rechte 
der Studirenden unter einander zu bestimmen und Strafen 
gegen Verletzungen derselben festzusetzen hätten ; die Bildung 
eines Ehrengerichts aus der Mitte der Studenten, welches die 
Untersuchung aller Ehrenhändel vorzunehmen und die gesetz- 
lichen Strafen in Anwendung zu bringen habe ; und endlich 
die Organisation der Studirenden in Landsmannschaften, um 
diese gesetzlichen Bestimmungen zu verabreden, das Ehren- 
gericht zu errichten, und die Erhaltung dieser vernünftigen 
akademischen Freiheit zu unterstützen. 

Seine Vorschläge fanden begeisterte Zustimmung. Binnen 
drei Tagen hatten sich gegen dreihundert Studenten, nach 
Landsmannschaften verbunden, durch Unterschrift verpflichtet, 
und selbst mehrere Ordenssenioren erklärten, daß sie sich, 
wenn das Unternehmen zu Stande komme, dieser besseren 
Gestaltung der Dinge sogleich anschließen würden. Die Kunde 
von diesen Vorgängen drang alsbald, wenn auch entstellt, 
nach Weimar. Schon am 17. November 17 91 schreibt Voigt 
an Hufeland (Diezmann, Aus Weimars Glanzzeit, S. 54): »Ich 
höre, daß es wieder im Plan ist, Schlägereien und Ehren- 
sachen einiger Studenten zur Anzeige zu bringen. Es hat 
dies einige mal bei den Höfen Abneigung gefunden und ich 
glaube, daß das Contre mehr Grund hat. Gleichwohl wäre 
jedes Mittel, diese albernen Duelle zu zerstören, erträglich, wenn 
es auf der anderen Seite nicht gar zu wunderliche Folgen hätte«. 

Zwei Tage darauf, am 19. November 17 91, wandten sich 
auf Stephanis Rath die Deputirten, um »bei jenen revolutio- 
nären Zeiten« nicht den mindesten Argwohn von Ungesetz- 
lichkeiten zu wecken, an den Herzog Carl August, als den 
Landesherrn und ersten Pfleger der Universität, mit dem 
Gesuche um Schutz bei dieser Unternehmung und um Er- 
nennung einiger Commissarien, unter deren Aufsicht und 
Leitung sie diesen wohlthätigen Plan ausführen könnten. 
»Würden dabei Ew. Herzogl. Durchlaucht auf den Geheimen- 
rath GötJie, und unter unsern hiesigen Lehrern auf die Hof- 
räthe Schtiaubert und Schütz gnädige Rücksicht nehmen, so 
würden wir uns eine desto glücklichere Vollendung ver- 
sprechen, je allgemeiner und größer das Vertrauen der hiesigen 
Studirenden zu diesen vortrefflichen Männern ist«. 



28 Neue Mittheilungen. 



Dieses Gesuch wurde, wie der «Anzeiger« meldet, auf die 
gnädigste Weise bewilligt, und darauf »unter den Augen der 
erbetenen Commissarien« ein »Plan zur Abschaffung der 
Duelle« entworfen, der vom i6. December 1791 datirt ist. 
Nach eingeholter Zustimmung der Landsmannschaften wurde 
dann am 3. Januar 1792 der ausgearbeitete Entwurf von den 
Deputirten dem Herzoge von Weimar, den übrigen Nutritoren 
der Hochschule und dem akademischen Senat zur Begutachtung 
vorgelegt; gleichzeitig wurde der Plan eines neuen Ehrencodex 
und einer künftigen Organisation derjenigen Studirenden bei- 
gefügt, die der neuen Verbindung zur Abschaffung der Duelle 
beitreten wollten. 

Aus dem Inhalt der interessanten Aktenstücke, welche 
unter Stephanis Vorsitz von einem Ausschuß der Unterzeichner 
ausgearbeitet waren, sei hier nur das Wesentlichste zur Er- 
klärung des Goethischen Gutachtens mitgetheilt. Der »Plan 
zur Abschaffung der Duelle« bewegt sich im Großen und 
Ganzen auf der Linie der Stephanischen Ausführungen; doch 
hatte dieser selbst vorgeschlagen, um »der Schwachheit des 
Senats nicht zu nahe zu treten«, auf ein reines, bloß aus 
Studenten-Mitgliedern bestehendes Ehrengericht zu verzichten 
und sich damit zu begnügen, wenn die beiden erbetenen 
Commissarien und vier von Monat zu Monat oder auf eine 
andere beliebige Weise abwechselnde Deputirte der verbundenen 
Landsmannschaften der zu errichtenden Commission cum voto 
beisitzen dürften. — Der beigegebene Ehrencodex stellte 
allgemeine Grundsätze über die Rechte der Studirenden, über 
Kränkung derselben und über Genugthuung an die Spitze, 
um dann in »speciellen Gesetzen« detaillirte Vorschläge über 
Vergehen und Strafen zu machen, die Goethe als »im Grund 
lächerliche Aufstufungen von der Ohrfeige bis zum Knittel 
und Hetzpeitsche« verwirft. So heißt es z. B. 

»6) Jeder einfache Schlag mit der Hand wird mit zwei- 
tägigem Carcer bestraft, es mag der Schlagende von dem 
andern geschimpft worden seyn oder nicht. 

7) Damit die Carcerstrafe gehöriges Gewicht erlange, so 
wird a) Niemand anders als dem Wächter oder einem Arzte 
erlaubt zu dem Gefangenen zu gehen, b) Darf ihm des 
Morgens nichts als eine Portion Kaffee, des Mittags Suppe, 
Gemüß und Fleisch, des Abends eine Portion Braten, und 
als Getränke nicht mehr als zwei Maas Bier, Wasser aber in 
beliebiger Menge gegeben werden, c) Die Carcerstrafe kann 
auch nie über acht Tage aufgeschoben werden. 

8) Mehrere Schläge mit der Hand werden mit acht- 
und mehrtägigem Carcer bestraft. 

9) Wer einen empfangenen Schlag mit der Hand durch 
einen Schlag mit dem Stocke erwiedert, verliert nicht nur das 



Ein Gutachten Goethes über Abschaffung der Duelle. 29 

Recht Genugthuung zu fordern, sondern wird noch obendrein 
mit viertägigem Carcer bestraft. 

10) Wer den andern mit Stockschlägen oder Peitschen- 
hieben mißhandelt, wird, er mag von dem andern geschimpft 
oder sonst beleidiget worden seyn, in jedem Falle relegiret, 
und es kann nur auf Fürbitte des Beleidigten diese Strafe in 
vierwöchige Carcerstrafe verwandelt werden.« 

Die schärfsten Bestimmungen waren für den Zweikampf 
selbst in folgenden Paragraphen aufgestellt: 

»13) Wer den andern zum Zweikampfe herausfordert, wird 
nach überwiesener Handlung sogleich unahända-lich relegii-t. 

14) Wer sich wirklich schlägt, wird cutn infamia relegirt 
und zugleich sein Vaterland davon benachrichtiget. 

15) Wer einem Zweikampfe beiwohnet, wird als Theil- 
nehmer einer solchen entehrenden Thorheit gleichfalls relegirt«. 

Zur künftigen Organisation aller Studirenden, welche 
dieser neuen Verbindung zur Abschaffung der Duelle beitreten 
wollten, wurde vorgeschlagen, daß diese sich in »natürliche« 
Landsmannschaften von wenigstens fünfzehn Mitgliedern ver- 
einigen, alle vollzähligen Landsmannschaften einen Deputirten 
auf ein Semester erwählen und diese bei dem akademischen 
Gerichte das ganze Corps der verbundenen Landsmannschaften 
repräsentiren, sowie mit den Commissarien das Privatgeschäft 
freundschaftlicher Vermittlung besorgen sollten. 

Diese Schriftstücke dem Herzoge Carl August zu über- 
geben wurde nun Goethe als erbetener Commissarius ersucht; 
und zwar wandte sich nach Angabe des »Anzeigers« als 
Vertreter der Deputirten ein Herr von Deyn mit diesem 
Gesuche an ihn — vermuthlich Georg Heinrich von Deyn 
aus Bremen, der, wie mir G. Steinhausen gütigst nachwies, 
am 15. October 1789 in Jena immatrikulirt war, damals also 
im fünften Semester stand. 

Deyns Begleitschreiben ist, wie die meisten übrigen Briefe 
bis zum Jahre 1792, durch das leidige Auto da fe von 1797 
(vgl. die Tag- und Jahreshefte von diesem Jahre, Werke 35, 73) 
vernichtet worden; Goethes Antwort aber wurde, als sein 
erster gedruckter Brief, schon vierzehn Tage später mit den 
übrigen Actenstücken im »Anzeiger«, Spalte 134, veröffentlicht 
und lautet folgendermaßen : ' 

Den mir von Ew. Hochwohlgebl. zugesandten Ent- 
wurf eines Plans zu Abschaffung der Duelle habe mit 
Vergnügen gelesen und mich über den Gesichtspunkt 
gefreut, aus dem so viele hoffnungsvolle junge Leute 
diesen Gegenstand ansehn. Ich werde nicht verfehlen 



' hl der Weimarischen Ausgabe IX, 293 ist dieser Brief ohne 
Angabe des Adressaten und nach Jahns abweichendem Text gedruckt. 



30 Neue Mittheilungek. 



Serenissi7jto sogleich das eingereichte Schreiben mit den 
Beylagen vorzulegen und wünsche mir Einfluß genug 
diese gute Sache befördern zu helfen, und dabey das 
schmeichelhafte Zutrauen zu verdienen womit mich ein 
so schätzbarer Theil unsrer akademischen Bürger be- 
ehrt hat. 

Weimar, den 5. Jan. 1792. 

J. W. Göthe. 

Das Gutachten, durch welches Goethe die Vorschläge 
der Deputirten beim Herzoge unterstützen oder besser gesagt 
modificiren wollte, liegt uns als Entwurf in obiger Nieder- 
schrift vor, die sich unter seinen Privatacten vorfand. Ob es 
als ausgearbeitetes Pro Memoria eingereicht und zu den Acten 
genommen wurde ließ sich nicht eruiren. 

Goethes Stellung zu dem Plane der Deputirten ist im 
Großen und Ganzen eine wohlwollende. Der Abschaffung 
der Duelle und der Aufhebung der Orden stimmt er rück- 
haltlos zu, auch das Ehrengericht der Studirenden ist ihm 
Eingangs aus pädagogischen Rücksichten nicht unsympathisch. 
Im Verfolg seines Gutachtens aber geht er über die Vorschläge 
der Studirenden hinaus, verwirft die ganze complicirte Organi- 
sation des Ehrencodex, das ganze Gericht der Beisitzer, und 
greift nach der einfachsten Lösung, indem er auf einen bloßen 
Schlag die Relegation setzen will, die Relegation cum infamia 
aber für einen Duellfall überhaupt verwirft. Durchaus aber 
ist er bestrebt, die ganze Frage des Duellwesens und der 
akademischen Disciplin unter einem höheren Gesichtspunkte 
und unter Berufung auf die Kantischen Lehren zu behandeln. 

Daß die Sache großes Aufsehen nicht nur in ganz Deutsch- 
land, sondern selbst im Auslande machte, ist nicht zu ver- 
wundern. Die Publikation der einschlägigen Actenstücke im 
»Anzeiger« hatte die Frage in weite Kreise getragen, und 
einige junge Männer unter den Studirenden unternahmen 
auf den Rath ihrer Lehrer ein »Sendschreiben an ihre Brüder 
auf den übrigen deutschen Akademien« (Jena 1792), worin 
sie diese zur Theilnahme an der allgemeinen Abschaffung 
der Duelle aufforderten. 

Der Gothaische Anzeiger brachte alsbald in seiner 
Nummer 117 vom 16. Mai 1792 folgende Anfrage: »Der in 
Nr. 16. des Anzeigers a. c. bekannt gemachte Plan, die 
Sludenten-Duelle auf der Universität zu Jena abzuschaffen, 
hat in unsrer Gegend außerordentliche Sensation gemacht. 
Einige Väter von meiner Bekanntschaft sind wirklich dadurch 
bewogen worden, ihre Söhne an Ostern dahin zu schicken, 
die es sonst nicht Willens waren, und mehrere wollen es 
auf Michaels thun; indem man voraussetzt, daß auf einer 



Ein Gutachtex Goethes über Abschaffung der Duelle. 3 1 

Universität, wo ein solcher Plan ausgeführt werden kann, 
schon gute und feine Sitten unter den Studirenden herrschen, 
und die Obern sich eben so sorgfältig um die moralische, 
als gelehrte Bildung der jungen Leute bekümmern müssen. 
Es wird daher sehr vielen Eltern ein groser Cxefalle damit 
geschehen, bald zu erfahren: wie weit die Ausfuhrung dieses 
Plans gediehen ist? Was für Verbesserungen (die er in der 
That bedurfte,) daran gemacht worden sind? und ob er den 
davon erwarteten Nutzen wirklich leistet ?« 

Eine Antwort brachte die 130. Nummer am 2. Juni in 
folgender Form: 

»Es war natürlich, daß ein Unternehmen von der Wichtig- 
keit, wie die gänzliche Abschaffung der Duelle auf einer so 
zahlreichen Universität, nicht plötzlich geschehen konnte, und 
der von einer so beträchtlichen Anzahl braver Studenten 
dazu gemachte Entwurf, verdiente die sorgfältigste Prüfung, 
um ihn ausführbar zu machen, ohne die verschiedenen Juris- 
dictionsverhältnisse der Landesherrschaft und der Universität 
zu verwirren. Ich kann aber den Eltern, welche deshalb ange- 
fragt haben, zur Beruhigung melden, daß von Seiten der Durchl. 
Erhalter der Universität so standhaft und weise in der Sache 
fortgeschritten wird, daß die Vollendung nicht weit mehr 
entfernt seyn kann. Vorläufig habe ich folgendes davon 
gehört. Es soll ein besonderer Herzoglicher Commissariiis, 
der nicht zum Corps der Universität gehört, als Friedensrichter 
angestellt, und diesem einige der von ihren sämmtlichen 
MitbrUdern am meisten geschätzten und geliebten Studirenden 
als Beysitzer zugeordnet werden. Letztere sollen nach einem 
zu entwerfenden Ehrengesetz, bey jedem entstehenden Streite 
entscheiden, ob der Fall dieser oder jener im Gesetz classificirten 
Beleidigung vorhanden sey? \\'orauf der Herzogl. Comraissarius 
den richterlichen Ausspruch über die dem Beleidigten zu 
gebende gesetzmäßige Satisfaction thun wird. Weigert sich 
der Beleidiger, dieselbe zu leisten: so wird die Sache dem 
Akademischen Consistoriuni übergeben, welches die Vollstreckung 
des Spruches verfüget. 

Daß jene, mittelst des Anzeigers und der Deutschen Zeitung 
geschehene Bekanntmachung, des ersten Entwurfs dieser Ver- 
besserung der Universitäts-Polizey schon einen großen Ein- 
druck auf das Publikum gemacht habe, ist offenbar: indem 
bey der Eröffnung des jetzigen Sommer-Lehr-Cursus nicht 
allein eine merklich größere Anzahl neuer Studierenden als 
sonst (auf 300) angekommen; sondern auch mehrere Väter 
an ihre hiesigen Correspondenten ausdrücklich geschrieben 
haben, daß sie, außer der gegenwärtigen vortreflichen Be- 
setzung aller wissenschaftlichen Fächer mit Lehrern, auch 
mit durch die so wünschenswerthe Abschaffung der Duelle 



32 Neue Mittheilungen. 



bewogen worden, ihre Söhne hierher zu schicken. Jena, den 
26ten May 1792. N, iV.« 

Doch diese hochgespannten Erwartungen sollten getäuscht 
werden; das mit so großem Enthusiasmus begonnene Unter- 
nehmen scheiterte vollständig. Stephani berichtet (S. 97) — zu- 
gleich eine Ergänzung zu Goethes Gesprächen bietend — über 
den weiteren Verlauf der Verhandlungen Folgendes: Ver- 
trauensvoll und ruhig sahen die Verbundenen dem Erfolge ihres 
Unternehmens entgegen. Aber es wollte nichts zum Vorschein 
kommen. Ein Gespräch mit Göthe ließ nicht viel Gutes ahnen, 
denn dieser ließ die Worte fallen, daß man die Eingabe nur für 
das Werk einiger bessern Köpfe hielt, daß selbe dem noch rohen 
Geiste des großen Haufens aber nicht entspräche ; und es sei 
eine Maxime der Regierungsklugheit: »die Menschen nicht so zu 
behandeln, wie sie sein sollten, sondern wie sie wirklich sind«. 

Zunächst scheinen sich praktische Schwierigkeiten ergeben 
zu haben, die die Verhandlungen der Deputirten mit der 
eingesetzten Commission nicht so bald zu einem Resultat 
kommen ließen (vgl. Jahn S. 51); Voigt hatte gleich Anfangs 
an Hufeland seine Bedenken geäußert (Diezmann, Aus Weimars 
Glanzzeit S. 54): »In den Jenaischen Schlägerei-Affairen kann 
die sogenannte Constitution Nutzen haben und insofern bin 
ich ihr, als bloßes Privat-Institut, nicht entgegen ; aber eine 
gesetzliche öffentliche Gesellschaft, eine rechtliche universitas 
personarum daraus zu machen und die Studenten zu einem 
gesetzlichen Ehrengericht zu ziehen, fiel mir sehr auf«. Im 
späteren Verlauf der Dinge scheint auf beiden Seiten gefehlt 
worden zu sein. Durch das Vorgehen der Deputirten wurden 
die Gegensätze im studentischen Leben verschärft, namentlich 
die Ordensbrüder gegen die »Chocoladisten« — so wurden 
die Anhänger des Ehrengerichts genannt, angeblich, weil sie 
öfters geäußert hätten, sie wollten ihre Streitigkeiten bei einer 
Tasse Chocolade schlichten — aufgeregt. Andrerseits hielten 
die Regierungen den Zeitpunkt für geeignet, um nach Goethes 
radicalem Vorschlag die geheimen Gesellschaften, die Orden, 
mit einem Schlage zu vernichten. Die gehässigen Denunciationen 
eines damals in Jena studirenden jungen Griechen, Namens 
Polizo ', der seine eignen ehrgeizigen Pläne zur Errichtung 
eines Ehrengerichts scheitern sah, mußten dazu dienen; 
achtzehn Studirende, die angeblich Senioren und Chargirte 
der Orden waren, wurden auf die Angaben des Denuncianten 
hin mit dem Consilium abeundi belegt und neue, strenge 
Verbote gegen die Ordensverbindungen erlassen. Aber das 
gerade Gegentheil von dem, was man erwartete, trat ein. 



' »Cyriacus Polizo ex Thessalia«, immatrikulirt am 23. Mai 1791, 
nach freundlicher Mittheilung G. Steinhausens. 



Ein Gutachten Goethes über Abschaffung der Duelle. 33 

Die Orden, welche — so behauptet wenigstens Stephani — 
seit der angekündigten freiwilHgen Abschaffung der Duelle 
fast alles Ansehen von selbst verloren hatten und zu einer 
geringen Anzahl von Mitgliedern zusammengeschmolzen 
waren, erhielten neues Ansehen als einzige Schutzwehr 
der bedrohten akademischen Freiheit gegen die Gewalt der 
Willkür. Ungeschickte Maßregeln des unbeliebten Prorectors 
Ulrich führten am 10. Juni 1792 zu einem Tumult mit 
schweren Excessen ; in Folge dessen wurde eine Unter- 
suchungscommission nach Jena gesandt, der am 14. Juli ein 
Commando von 16 Husaren und 50 Jägern folgte, wodurch 
die den Studenten nach einem früheren Krawall gegebene 
Versicherung gebrochen wurde. Dies gab schließlich den 
Anlaß zu dem berühmten »Auszug der Studenten« nach dem 
kurmainzischen Dorfe Nohra, den der größere Theil der 
Studirenden, etwa 450 an Zahl, am 19. Juli 1792 um die 
Mauern von Weimar herum veranstaltete, um nöthigenfalls 
von der Universität Erfurt zur Fortsetzung ihrer Studien auf- 
genommen zu werden. Goethe selbst verfaßte eine Niederschrift 
über den Durchzug der Studenten (Grenzboten 1878, Nr. 41) 
und schrieb an demselben Tage an den Coadjutor von Dalberg: 
'(Man ist keineswegs gesonnen, diejenigen aufzuhalten, welche 
sich den Anordnungen, die man zum allgemeinen Besten 
räthlich glaubt, nicht fügen wollen und wird sie in Frieden 
ziehen lassen, um so mehr, da die Akademie nur durch diese 
Krise gewinnen kann, indem sie rohe und unruhige Subjekte 
los wird, und so kann ihr dieser sonst unangenehme Vorfall 
zum Nutzen gereichen«. Und wieder knüpft er an die große 
revolutionäre Bewegung der Zeit an, indem er hinzufügt: »Es 
scheint, daß wir in unsern Gegenden wenigstens das Bild jener 
größern Uebel nicht entbehren sollen, es ist nur gut, daß es 
diesmal nur eine Kinderkrankheit, von der hoffentlich die 
größere Anzahl der Patienten genesen wird«. 

Goethe sollte Recht behalten. Nach längeren Verhand- 
lungen mit der weimarischen Regierung kehrten die Emigranten 
am 23. Juli 1792 nach Jena zurück. Der Plan zur Abschaffung 
der Duelle aber war von den Ereignissen überholt, Goethes 
Ansicht, daß er nur das Werk einiger besseren Köpfe sei, 
schien gerechtfertigt. Resignirt schließt Stephani seinen Bericht: 
»Auch der ganze Sommer verging, ohne die neuen Hoffnungen 
zu erfüllen. So verfloß ein ganzes Jahr seit der Anregung 
der bessern Ordnung der Dinge, ohne daß etwas für ihre 
Verwirklichung von oben geschah. In diesem ganzen Jahre 
fiel kein einziger Ziveikavipf vor ! ! Aber einer um den andern 
von den bessern, für das Gute begeisterten jungen Leuten 
verließ die Universität, und neue mit jener Idee nicht bekannte 
Bursche kamen dafür an; es entstand eine neue Welt, und 

Goethe-Jaurblcii XIX. 3 



34 Neue Mittheilungen. 



damit fanden sich die alten Unarten wieder ein«. Daß Stephanis 
Bericht einseitig und die Befürchtung, die Universität werde 
an den Folgen zu leiden haben, unbegründet war, beweist 
auch ein ungedruckter Brief von Fritz von Stein an Goethe 
(Kochberg, 2. October 1792), in dem es heißt: »Ich habe von 
einer ganzen Menge vornehmer und reicher junger Leute 
gehört die zu Michaelis nach Jena kommen, so daß es mir 
scheint als hätte der lezte unruhige Vorfall dem auswärtigen 
Credit der Academie nicht geschadet«. 

Carl Schüddekopf. 



% 



4. GOETHE AN DIE GROSSFÜRSTIN 
MARIA PAULOWNA ÜBER KANTS PHILOSOPHIE. 

Wenn Ew. Kaiser]. Hoheit bey einer frohen und hoff- 
nungsreichen Epoche irgend etwas vorzulegen unternehmen 
sollte, so müßte es eigentlich heiter seyn, aus dem Leben 
gegriffen und ins Leben zurückführend. Davon erfolgt aber 
gerade das Gegentheil, denn das Beykommende ist viel- 
leicht das Abgezogenste w^as Menschen Geist und Sinn 
von sich selber hören kann. 

Diese Blätter jedoch einzureichen' bewegt mich nur 
die mir bekannt gewordene Gewißheit, daß Ew. Kaiserl. 
Hoheit schon etv»'as davon vernommen und nicht abgeneigt 
seyen, einen Blick darauf zu werfen. Demohngeachtet konnte 
ich nicht unterlassen ein Blatt hinzuzufügen wodurch die 
Strenge eines allzuscharfen Denkers vielleicht gemildert 
und erheitert werden könnte. 

Der ich mich, mit den aufrichtigsten lebhaften Wünschen 
für Höchst Ihro und der Hohen Ihrigen Wohl in treuster 
Anhänglichkeit unterzeichne 

Weimar d. 311 Jänner 
1817 " 
Adresse: Ihro Kaiserl. Hoheit der Frau Erb Grosherzogin. 
Concept von Kräuters Hand. Tagebuch 1817, 3 Januar. 



»jedoch einzureichen« eigenhändig über gestrichenem »vorzulegen«. 



Goethe an die Grossfürstin Maria Paulown'a. 35 

KURZE VORSTELLUNG DER KANTISCHEN 

PHILOSOPHIE 

VON D. F. V. R. ' 

§ I. Ließe sich ausfindig machen, worin die Einrichtung 
unsers Wesens vor aller Erfahrung besteht; (was rein, oder 
a priori in demselben vorhanden ist;) so ließen sich nicht 
blos die Grenzen unsers Wissens auf das genaueste be- 
zeichnen, sondern es wäre auch hiermit der Grund zu einer 
wirklich wissenschaftlichen (strengphilosophischen) Er- 
kenntniß gelegt, weil man dann alles aus den lezten all- 
gemeinsten und nothwendigsten Grundsätzen (aus P r i n c i p i e n) 
ableiten könnte. 

§ 2. Die große Scheidung dessen, was rein, d. h. schon 
vor aller Erfahrung dem Gemüthe eigenthümlich ist, von dem, 
was von der Einwirkung der Gegenstände herrührt (von dem 
Empirischen) ist blos durch Kritik möglich; daher die 
Kritik der reinen Vernunft. 

§ 3. Vermittelst dieser Kritik läßt sich zeigen, daß Sinn- 
lichkeit, Verstand und Vernunft Hauptkräfte unsers 
Vorstellungsvermögens sind. 

§4. Das, was bey der Sinnlichkeit a priori vor- 
handen ist und wodurch Wahrnehmung äußerer Gegenstände 
möglich wird, ist Zeit und Raum. Beide Dinge sind außer 
uns, (objectiv) nichts; sie sind blos die dem Gemüthe an- 
hängenden Bedingungen (Formen) unter welchen es von 
den äußern Gegenständen afficirt werden, (Anschauungen er- 
halten) kann. Was demnach diese Gegenstände an sich und 
ohne Rücksicht auf unsre Art von ihnen gerührt zu werden, 
seyn mögen, wissen wir nicht und können auch zu dieser 
Kenntniß nie gelangen; wir wissen bloß, was sie uns sind, 
und wie sie uns erscheinen. 

§5. Der Verstand ist das Vermögen, das Mannich- 
faltige, welches die Sinnlichkeit liefert, unter Hauptvorstel- 
lungen zu sammeln, die man Begriffe nennt. Das, was bey 
diesem Vermögen rein und a priori vorhanden ist, sind ge- 
wisse Stammbegriffe (Kategorien) unter die sich alle ^An- 
schauungen zusammenfassen lassen. Quantität, Qualität 
Modalität und Relation sind diese reinen Verstands- 
begriffe ; durch sie kommt Einheit und Zusammenhang in den 
Stoff unsrer Anschauungen, und so entsteht Erfahrung. 

§ 6. Aber diese Einheit, diesen strengen Zusammenhang, 



' Zwei Brietboffen gr. 4°, 7 Seiten. Copia copiae von unbekannter 
Hand, ohne Verständniß der Vorlage angefertigt. Nach einer im G.-Sch.- 
Archiv genommenen Abschrift gedruckt in den Kantstudien II, 213—216 
(K. Vorländer). 

3* 



36 Neue Mittheiluxgen. 



hat unsre ganze Erkenntniß hiermit noch immer nicht; es 
ist vielmehr noch ein Vermögen nothig, das unserm ganzen 
Wesen Einheit und Vollendung gebe, und dieß ist die Ver- 
nunft. Die reinen, über alle Erfahrung hinausgehenden Be- 
griffe derselben heißen Ideen. 

§ 7. Der allgemeinste Vernunftbegriff, die letzte und 
höchste Idee, ist das Unbedingte, das Vollendete, das 
Absolute; denn bis man auf dieses gekommen ist, läßt sich 
immer noch nach neuen Gründen und nach höheren Be- 
dingungen fragen; bey diesem hingegen hört alles weiter- 
fragen auf. 

§ 8. Das Unbedingte der Vernunft ist aber von drey- 
facher Art: 

1. Absolute Einheit des Subjects, welches nach 
Absonderung aller Accidenzen übrig bleibt; in so fern ist 
die Grundidee der Vernunft psychologisch, und bezeichnet 
die Seele; 

2. Absolute Einheit aller Erscheinungen in 
allen Reihen, in denen sie aufeinander folgen; insofern 
ist die Grundidee der Vernunft cosmologisch und be- 
zeichnet die Welt; 

3. Absolute Einheit alles Denkbaren, ' oder 
höchster vollendeter Inbegriff aller Moralität; in so fern ist 
die Grundidee der Vernunft theologisch und bezeichnet 
die Gottheit. 

§ 9. Durch einen sonderbaren aber sehr natürlichen 
Paralogismus hat man diese drey Ideen der Vernunft, 
die dazu dienen, unsre Erkenntniß zu vollenden und ihr 
systematische Einheit zu geben, folglich blos subjektiv und 
regulativ sind, für Gegenstände gehalten die außer uns* 
wirklich vorhanden sind, und auf dieselben eine rationale 
Psychologie, eine transcendental e Cosmologie, 
und eine natürliche Theologie, mit einem Worte Meta- 
physik gegründet. Dies sind also Wissenschaften die gar 
kein wirklich erweißliches Objekt haben, denn die 
speculative Vernunft kann auf keine Weise darthun, 
daß diese genannten Ideen mehr sind als Ideen, daß es ein 
immaterielles Subjekt der Seele, ein absolutes Weltganzes, und 
eine Gottheit gebe. 

§ IG. Gleichwohl ist am Daseyn Gottes einem vernünftigen 
Wesen unendlich viel gelegen, und da es durch theoretische 
Gründe nicht erweißlich ist: so entsteht die Frage: ob nicht 
vielleicht praktische Gründe zu einem vernünftigen Glauben 
an dasselbe^ führen können? Dieß läßt sich nicht anders, als 



' Geschrieben : Deutbaren [corr. von Vorländer] 
* Geschrieben: außen und 
3 Geschrieben: dieselbe 



Goethe an die Grossfürstin Maria Paulowna. 37 

durch Kritik der praktischen Vernunft heraus- 
bringen. 

§ II. Um aber die a priori vorhandenen Principien des 
Begehrungsvermögens ausfindig zu machen, und hiermit 
die Moral auf unwandelbare Vernunftgründe zu bauen, hat 
man drey über die Erfahrung hinausgehende Absoluta 
aufzusuchen, nehmlich ein allgemeingültiges Sitten- 
gesetz; ein höchstes Gut; und eine allgemeingültige 
Triebfeder, jenes Gesez zu beobachten und nach diesem 
Gut zu streben. 

§ 12. Das Grundgesetz der praktischen Vernunft kann 
kein anderes seyn als: handle rein vernünftig und 
mithin so, daß die Maxim deines Willens jederzeit zugleich 
als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne. 
Jeder andre Grundsaz der Sittlichkeit ist nicht rein, das heißt 
nicht aus dem Wesen der Vernunft allein geschöpft, folglich 
auch untüchtig zur Begründung einer allgemeingültigen Sitten- 
lehre. Dieß gilt z. B. vom Grundsatz der Glückseeligkeit, 
der Vollkommenheit, des Willens Gottes; denn der Bestimmungs- 
grund des Willens bey diesen Grundsätzen liegt nicht in der 
Vernunft allein, sondern zugleich in äußern Objekten; dieses 
ist nicht Autonomie sondern Heteronomie. 

§ 13. Daß aber das oben angegebene Sittengesetz 
wirklich dasey, ist ein Factum. Jeder vernünftige Mensch 
wird sich dessen bewußt und fühlt das unbedingte, keine 
Ausnahme und Einschränkung duldende Gebot desselben 
(den kategorischen Imperativ,) dann am meisten, 
wenn die Neigungen etwas anders fordern und im Widerspruche 
damit sind. 

§ 14. Hieraus folgt, daß das Objekt des reinen Willens 
nichts anders seyn kann als das absolute Gute, als das, 
was nicht blos in Beziehung auf uns und unser sinnliches 
Wohlseyn, sondern überhaupt und allgemein (bey allen ver- 
nünftigen Wesen) gut ist; mithin die Sittlichkeit. 

§ 15. Um dieses Gute zu realisiren, muß es auch eine 
reine absolute Triebfeder geben, welche demnach 
wiederum blos die Vernunft selbst seyn kann, indem sie das 
Gefühl der Achtung gegen das Sittengesetz hervor- 
bringt. Diese Achtung ist daher der einzige ächtsittliche 
Beweggrund; was von andern mit unsern Neigungen zusammen- 
hängenden Motiven herrührt, ist keine wahre Tugend. 

§ 16. Indeß führt doch eben diese, eine reine Sittlichkeit 
für das oberste Gut erklärende Vernunft auch auf die Idee 
des höchsten Wohlseyns (der Seeligkeit) und kann daher 
nicht unterlassen, sich das Ideal, das Urbild eines vollendeten, 
in jeder Rücksicht höchsten Gutes vorzustellen, welches 
denn nach dem bisherigen nichts anders seyn kann, als 



38 Neue Mittheilungen. 



Sittlichkeit und Glükseeligkeit in proportionirter 
Vereinigung. 

§ 17. Allein hier scheint die praktische Vernunft mit sich 
selbst in Widerspruch zu gerathen. Sie fordert verhältniß- 
mäßige Verbindung der reinsten Sittlichkeit und der höchsten 
GlUckseeligkeit : aber beydes ist nach unsern gegenwärtigen 
Umständen nicht erreichbar. Die Vernunft scheint also 
auf einen unmöglichen Endzwek gerichtet zu seyn, und also 
sich aufzuheben. 

§ 18. Dieser Schwierigkeit läßt sich nicht anders ab- 
helfen, als dadurch, daß man Alles, was zur Realisirung des 
höchsten Guts erforderlich ist, postulir e und wenn es gleich 
durch speculative Gründe nicht erwiesen werden kann, 
dennoch daran' glaube, weil sonst dem nothwendig ge- 
bietenden Sittengesetz nicht genug geleistet werden kann. 
Ein solcher Glaube ist vernünftig und unsrer moralischen 
Natur gemäß. 

§ 19. Um reine Sittlichkeit erlangen zu können, muß 
demnach vorausgesetzt werden, daß es Freiheit gebe. Un- 
geachtet also die speculative Vernunft das Daseyn derselben 
nicht darthun kann : so müssen wir sie doch als vorhanden 
annehmen und sind berechtigt ihre Wirklichkeit zu glauben. 

§ 20. Um es in der Sittlichkeit weiter zu bringen und 
sich der Heiligkeit, dem höchsten Grade derselben, nähern 
zu können, ist ein ins Unendliche gehender Fortschritt, und 
mithin auch eine unendliche persönliche Fortdauer, das heist 
Unsterblichkeit nöthig. Auch diese ist also ein Postulat 
der praktischen Vernunft und der Gegenstand eines 
vernünftigen Glaubens. 

§ 21. Zum höchsten Gute gehört endlich eine der Sitt- 
lichkeit angemessene Glückseeligkeit. Diese kann nur durch 
ein Wesen bewirkt werden, das selbst im höchsten Sinn 
moralisch und zugleich Urheber und Regirer der Welt 
sey. Wir sehen uns also^ gedrungen, auch ein solches Wesen, 
auch einen Gott zu glauben, wenn gleich die Existenz des- 
selben theoretisch nicht dargethan werden kann. Das Sitten- 
gesetz führt nothwendig zur Religion. Es liegt folglich 
die Religion der Moral nicht zum Grunde, wie man bisher 
geglaubt hat ; sondern umgekehrt muß die Religion, wenn 
sie vor dem Richterstuhl der Vernunft die Probe halten soll, 
auf Moral gebaut seyn. 

' Geschrieben: demnach darum 

^ Geschrieben: oft. Vorländer: »uns nothgedrungen«. Dagegen 
bemerkt Haym (s. u. S.42): »Nicht durch Noth, sondern durch logische 
Nothwendigkeit sehen wir uns gedrungen. Die Anfangssätze des Para- 
graphen enthahen die Prämissen eines Schlusses. Mithin muß es statt 
»oft« zweifellos heißen «also«. 



Goethe an die Grossfürstin Maria Paulowna. 39 

' ßeyliegende kurze Darstellung der Kantischen Philo- 
sophie ist allerdings merkwürdig, indem man daraus den Gang, 
welchen dieser vorzügliche Dencker^ genommen, gar wohl 
erkennen mag. Es hat seine Lehre manchen Widerspruch 
erlitten und ist in der Folge auf eine bedeutende Weise 
supplirt, ja gesteigert worden. Daher gegenwärtige Blätter 
schätzenswerth sind, weil sie sich rein im Kreise des 
Königsbergischen Philosophen ' halten. 

Eine Bemerkung jedoch, die mir bey Durchlesung 
aufgefallen, will ich nicht verschweigen. Im §. 3. scheint 
mir ein Hauptmangel zu liegen, welcher im ganzen Laufe 
jener Philosophie merklich geworden. Hier werden als 
Hauptkräfte unseres Vorstellungsvermögens Sinnlichkeit, 
Verstand und Vernunft aufgeführt, die Phantasie 
aber vergessen, wodurch eine unheilbare Lücke entsteht. 
Die Phantasie ist die vierte Hauptkraft unsers geistigen 
Wesens, sie"* suppHrt die SinnHchkeit, unter der Form des 
Gedächtnisses, sie legt dem Verstand die Welt-Anschauung 
vor, unter der Form der Erfahrung, sie bildet oder findet' 
Gestalten zu den Vernunftideen und belebt also die sämmt- 
liche Menscheneinheit,* welche ohne sie in öde^ Untüchtig- 
keit versinken müßte. 

Wenn nun die Phantasie ihren drei Geschwisterkräften 
solche Dienste leistet, so wird sie dagegen durch diese lieben 
Verwandten^ erst ins Reich der Wahrheit und Wirklichkeit 
eingeführt. Die Sinnlichkeit reicht ihr rein umschriebene, ^ 
gewisse Gestalten, der Verstand regelt ihre productive Kraft 
und die Vernunft giebt ihr die völlige Sicherheit, daß sie nicht 
mit Traumbildern spiele, sondern auf Ideen gegründet sey. 

Wiederholen wir das Gesagte in mehr als einem 
Bezug! — Der sogenannte Menschen Verstand ruht auf 

' Concept von Kräuters Hand, von Goethe durchcorrigirt. In 
den folgenden Noten sind die wichtigeren Aenderungen verzeichnet. 
Goethes Tagebuch 18 17, 2. Januar: »Phantasie als 4. Grundkraft des 
geistigen Wesens«. 

* Zuerst: merkwürdige Philosoph 5 Zuerst: Denkers 

4 »ist die — sie« am Rande. 

5 »bildet« nach gestrichenem »reicht«; oder »findet« am Rande. 
(> Zuerst: Menschenkraft 7 Zuerst: eine öde 

s Zuerst: durch jene erst 9 Zuerst: »wahre, umschriebene« 



40 Neue Mittheilungen. 



der Sinnlichkeit; wie der reine* Verstand auf sich selbst 
und seinen Gesetzen. Die Vernunft erhebt sich über ihn 
ohne sich von ihm* loszureißen. Die Phantasie schwebt 
über der Sinnlichkeit und wird von ihr angezogen; sobald 
sie aber oberwärts die Vernunft gewahr wird, so schließt 
sie sich fest an diese höchste Leiterin. Und so sehen wir 
denn den Kreiß unserer Zustände durchaus abgeschlossen 
und demohngeachtet unendlich, weil immer ein Vermögen 
des andern bedarf und eins dem andern nachhelfen muß. 

Diese Verhältnisse lassen sich auf hundertfältige Weise 
betrachten und aussprechen — z. B. : Im gemeinen Leben 
treibt uns die Erfahrung auf gewisse Regeln hin, dem 
Verstand gelingt es zu sondern, zu vertheilen und noth- 
dürftig zusammen zu stellen' und so entsteht eine Art 
Methode. Nun tritt die Vernunft ein, die alles zusammen- 
faßt, sich über alles erhebt, nichts vernachlässigt. Dazwischen 
aber wird unabläßig die alles durchdringende, alles aus- 
schmückende Phantasie immer reizender, jemehr sie sich 
der Sinnlichkeit nähert, immer würdiger, jemehr sie sich 
mit der Vernunft vereint. An jener Gränze ist die wahre 
Poesie zu finden, hier die ächte Philosophie, die aber 
freylich, wenn sie in die Erscheinung tritt, und Ansprüche 
macht von der Menge aufgenommen zu werden, gewöhnlich 
barock erscheint und nothwendig verkannt werden muß. 

s. m.'^ 

Weimar d. 31" Dcbr 
und 2^ Januar 
1816. u. 1817. 



Goethes Briefe an Maria Paulowna sind zum grössten 
Theil in ihrer Biographie von Preller veröffentlicht. (Ein 
fürstliches Leben 1859.) Keiner der dort bekannt gegebenen 
reicht an die Bedeutung des unsrigen heran. Dieser allein 
aber würde mit seinen Beilagen genügen, die hohe Meinung, 
die Goethe von den Anlagen und der Bildung der Fürstin 
gehegt hat, darzuthun und den verehrungsvollen Ton, in dem 

' »reine« am Rande. ^ Zuerst: ihn von sich 

5 »und — stellen« am Rande. 

* »s. m.« = »salvo meliori« eigenhändig. 



Goethe an die Grossfürstin Maria Paulowna. 4I 

alle seine Zuschriften an sie gehalten sind, zu erklären. Ihrem 
»weitumfassenden«, durch Kunst- und philosophische Studien 
gebildeten Geiste durfte eine Neujahrsgabe , wie sie wohl 
selten in fürstliche, in Frauenhand gelangt, unbedenklich dar- 
gereicht werden. 

Goethe sendet Blätter »abgezogensten« (abstractesten) 
Inhalts. Er gibt weder den Verfasser an, der sich hinter 
dem D. F. V. R. verbirgt, noch auch wie er zu ihrem Besitz 
gekommen. Möglich, daß die Empfängerin schon im voraus 
auch darüber »etwas vernommen« hatte. Uns aber geben 
andere Aufzeichnungen erwünschten Aufschluß. Im Tagebuch 
von 181 6, Monat August, also während des Aufenthalts in 
dem »Bade« Tennstedt an der Unstrut notirt Goethe unter 
dem 25.: »Bey Kreis Amtm. Just | Reinhard Epitome Kanti- 
scher Lehre«. In einer kurzen Erläuterung dazu hat Julias 
Wähle als kundiger Herausgeber bereits auf unser Manuscript 
gedeutet und so zuerst den Namen des Verfassers aufgewiesen. 
Unter dem 3. August steht ein Eintrag: »Kreisamtmann Just. 
Erlebte philosophische Geschichte«. Was das bedeutet, sagt 
der sogenannte Auszug, den Goethe am 6. August seinem 
Sohne sandte (er ist Öfters, und so zum Glück hier, ausführ- 
licher als das Tagebuch selbst) : »Nach Tische besuchte mich 
Kreis-Amtmann Just, ein sehr verdienter und gebildeter Mann. 
In meinen Jahren. Wir konnten die Epochen der politischen, 
philosophischen und ästhetischen Entwickelungen, die wir er- 
lebt, ziemlich aus gleichem Gesichtspunkte, besprechen«. Ein 
Zusammenhang zwischen jenen zwei erstangefuhrten Zeilen 
ist durch diesen Nachweis augenscheinlich dargethan. August 
Fresenius, dem ich ihn verdanke, folgert mit Recht, daß 
Goethe die »Kurze Vorstellung« bei Just kennen lernte und 
von ihm erhielt. Just war (wie Fresenius ermittelt) der 
Schwiegersohn des Hofpredigers Strauß in Dresden, also eines 
Amtsgenossen des Verfassers der »Epitome« ; Reinhard ist 
181 2 als königlich sächsischer Oberhofprediger gestorben; 
vorher (bis 1791) war er akademischer Lehrer in Wittenberg, 
und gerade in den letzten Jahren vor seiner Berufung nach 
Dresden hatte er dort als Interpret der Kantischen Philosophie 
gewirkt. Mit jenen Vorlesungen steht denn auch irgendwie 
die Kurze Vorstellung in zeitlich-sachlichem Zusammenhang. 

Erst unlängst ist dies in fachwissenschaftlichem Kreise 
zur Sprache gekommen. Karl Vorländer hat in den »Kant- 
studien«, herausgegeben von Vaihinger, Band II, in einem 
Anhang zu seiner Abhandlung »Goethes Verhältniß zu Kant 
in seiner historischen Entwicklung« die Kurze Vorstellung 
veröffentlicht (S. 213 — 216), und durch einen glücklichen 
Treffer, wie er eben nur dem Kenner geräth, hat Vaihinger 
bei diesem Anlaß, S. 216, ohne von Wahles Notiz zum Tage- 



42 Neue Mittheilukgen. 



buch zu wissen, den Namen des Verfassers aus den vier Buch- 
staben herausgebracht: Dr. Franz Volkmar Reinhard. Die 
Zeit der Niederschrift (»eher vor als nach 1790«) erschließt 
Vorländer aus der Thatsache, daß Reinhard nur die beiden 
ersten Kantischen Kritiken berücksichtigt, irrthümlich aber 
nimmt er an, Goethe habe das kleine Werk auch schon um 
1790 kennen gelernt. Die Verwendung der Blätter zu Neu- 
jahr 1817, die Zuschrift und Beischrift Goethes waren uns im 
Archiv noch unbekannt, als ich die Erlaubniß zu Vorländers 
Publication erwirkte. Ich hätte mir jetzt die Wiederholung 
der 21 Paragraphen erspart, wenn damit nicht doch für 
manchen Leser des Jahrbuchs, vielleicht für die Mehrzahl 
eine Schwierigkeit geschaffen wäre. 

Goethe hat Reinhard persönlich gekannt. Die Karlsbader 
Kur führte beide im Sommer 1807 zusammen, und der Bericht, 
den Goethe von diesem Verkehr in den Annalen (Werke 36, 
15 fg.) gegeben hat, enthält wohl das Schönste, was über den 
milden, wackern Mann geschrieben worden ist. »Seine schöne 
sittliche Natur, sein ausgebildeter Geist, sein redliches Wollen 
sowie seine praktische Einsicht, was zu wünschen und zu 
erstreben sei, traten überall in ehrwürdiger Liebenswürdigkeit 
hervor«. In seinem Tagebuche hat Goethe, vom 22. Juni an, 
öfters etwas von dem Inhalte seiner Unterhaltungen mit 
Reinhard angemerkt (Werke III, 3, 226 — 242); danach sind 
es ethische und praktische, litterarische, auch wohl sociale 
Gegenstände gewesen, die in ihren Wandelgesprächen »am 
Schloßbrunn« berührt oder erörtert wurden, und so charak- 
terisirt sie Goethe auch im Ganzen als »sittlich, das Unver- 
gängliche berührend«. Dem fügt sich auch, was er einmal 
(Sept. 1824) Eckermann erzählt hat, gut ein: »Der selige 
Reinhard in Dresden wunderte sich oft [?] über mich, daß 
ich in Bezug auf die Ehe so strenge Grundsätze habe, während 
ich doch in allen [?] übrigen Dingen so läßlich denke«. Von 
Kantischer Philosophie aber ist zwischen ihnen schwerlich 
die Rede gewesen. Brieflicher Verkehr hat so wenig vor 1807 
wie nachher stattgefunden. Im Tagebuch begegnet Reinhards 
Name nur noch 181 2, einige Wochen nach seinem Tode, 
(t 6. Sept.) Am 6. October notirt Goethe: »Nekrolog. Ober- 
hofprediger Reinhard«, am 15.: »Reinhard Bekänntnisse« ; 
er hat an diesem Tage das 1810 erschienene Buch Reinhards 
»Geständnisse, seine Predigten und seine Bildung zum Prediger 
betreffend, in Briefen an einen Freund« aus der Bibliothek 
entliehen. 

Zu Neujahr sandte ich die Goethe-Reinhardschen Blätter 
an Rudolf Haym. Einige Bemerkungen, insbesondere das aus 
dem Tagebuche von 1816 Erhobene, fügte ich bei. Ich 
wußte, daß dem verehrten Freunde eine Freude damit bereitet 



Goethe an die Grossfürstin Maria Paulowna. 43 

war, und nicht minder den Lesern des Jahrbuchs, wenn er, 
willfährig meinem Wunsche, sich über den Werth des Fundes 
äußerte. Er hat mir — wofür ich ihm auf das herzlichste hier 
danke — verstattet von seiner Antwort Gebrauch zu machen, 
und ich mache den besten, indem ich das Hauptstück des 
Sendschreibens mittheile. Nur den Eingang und etliche einzelne 
sich anschließende Erörterungen lasse ich fort; diese sind 
zunächst textkritischer Beziehung (vgl. oben S. 38') und lassen 
sich im übrigen dahin zusammenfassen, daß auch Haym davon 
überzeugt ist, erst im August 18 16 sei die »Kurze Vorstellung« 
Goethe zu Händen gekommen. B. Suphan. 



Halle, im Januar 1898. 

So schön und charakteristisch für Goethe das ist, was 
er von sich aus zu den Reinhardschen Blättern hinzufügt, 
so werden wir, um es richtig zu schätzen, doch nicht ver- 
gessen dürfen, an wen die Mittheilung gerichtet ist. Da er 
sie für die edle Fürstin bestimmt, will er jenen Blättern, 
deren philosophischer Inhalt nicht eigentlich eine Gabe heitrer, 
aufs Leben bezüglicher Art ist, eine Wendung ins Gefällige 
und Anmuthige geben. Die Goethische Beilage hat also nicht 
die Bedeutung eines Versuchs, tiefer in den Kantschen Ge- 
dankengang einzudringen, auch tritt sie nicht mit dem An- 
spruch auf, zu zeigen, wie die Kantschen Gedanken umge- 
bildet und weiter entwickelt werden müssten. Ich stelle das 
hier Vorliegende nicht auf gleiche Linie mit den beiden 
wichtigsten Aktenstücken, die wir über Goethes Stellung zu 
Kant besitzen — mit den Auseinandersetzungen des Kant- 
jüngers im »Sammler und die Seinigen« und mit dem kleinen 
Aufsatz »Anschauende Urtheilskraft«. Die hier vorliegende 
Aeusserung ist eine Gelegenheitsäußerung — eine geist- 
reiche, sinnige Zugabe zu einer sich zufällig bietenden Gabe, 
so wie man etwa bei Ueberreichung eines werthvollen, aber 
prosaischen, unscheinbaren oder ungefälligen Geschenks das- 
selbe mit einem Blumenstrauß, einem Kranz begleiten oder 
schmücken mag. 

Der Verfasser will zwar einen »Hauptmangel, welcher im 
ganzen Verlaufe der Kantschen Philosophie merklich ge- 
worden«, aufdecken, aber doch nur in der Absicht, daß da- 
durch »die Strenge eines allzuscharfen Denkers vielleicht ge- 
mildert und erheitert werden könnte«, ^^'as er also hinzu- 
fügt, ist die Zuthat eines Dichters zu den Gedanken eines 
Philosophen. Die Zuthat; denn nicht von innen heraus, 
durch folgerichtiges Umbilden der fremden Gedanken sucht 
er jene Strenge zu mildern , nicht Kant durch Kant zu 
kritisiren (wie in gleicher Absicht der Milderung z. B. Schiller 



44 Neue Mittheilun'gen. 



und Wilhelm von Humboldt gethan), sondern indem er neben 
dem Kantschen Lager ein eigenes Zelt mit lustiger bunter 
Fahne aufrichtet. Der Dichter huldigt und opfert neben den 
von dem Philosophen verehrten ernsten Mächten seiner 
Göttin, dem Schoßkinde Jovis, der Phantasie, und sucht aus- 
zuführen, wie jene dieser bedürfen und diese wieder durch 
jene gestützt und gehoben wird. Man könnte geradezu sagen, 
seine Betrachtungen seien ein reflectirtes, an das Gebiet der 
Philosophie anstreifendes Seitenstück zu der sechsunddreißig 
Jahre früher gedichteten Ode auf die Phantasie. Er denkt in 
unserm Aufsatz auf Anlaß von Kant neben Kant her, 
ähnlich wie in dem Aufsatz aus der Zeit der Spinoza-Studien 
(Werke II, ii, 3i5fgg.)' auf Anlaß von Spinoza, neben 
Spinoza her. 

Daß er mehr eigene Gesichtspunkte und Gedanken 
verfolgt, als daß er solche aus Kant herausspönne, geht 
schon daraus hervor, daß er seinen Ausgang von dem recht 
anfechtbaren und oberflächlichen § 3 Reinhards nimmt. Denn 
nicht, wie es in diesem § heißt, »vermittelst" der Kantschen 
Erkenntnißkritik läßt sich zeigen, »daß Sinnlichkeit, Verstand 
und Vernunft Hauptkräfte unsers Vorstellungsvermögens sind«, 
sondern die »Theilung« unsres Vorstellungsvermögens in diese 
drei Hauptkräfte ist die von Kant aus der zeitgenössischen 
Philosophie übernommene, innerhalb seiner Kritik allerdings 
bedeutsam umgestaltete psychologische Voraussetzung 
Kants. Und wie nun hier Goethe nicht an Kant, sondern 
an die Reinhardsche Darstellung der Kantschen Lehre anknüpft, 
so gehen auch seine ferneren Auseinandersetzungen von dieser 
Darstellung nicht zu der Quelle zurück. Obgleich er »mit 
heißem Bemühn« sowohl die Kritik der reinen Vernunft wie 
die der Urtheilskraft selbst gelesen und stellenweise wieder 
gelesen, so ist doch die Erinnerung des Einzelnen, als er die 
gegenwärtigen Blätter schrieb, ihm dergestalt verblaßt, daß 
er in keiner Weise über den Kreis der Gedanken hinausgeht, 
die ihm jetzt die Reinhardsche Epitome vergegenwärtigte. 
Daß Kant neben Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft »die 
Phantasie vergessen habe« , hätte er unmöglich behaupten 
können, wenn er sich auch nur einer der zahlreichen Stellen 
erinnert hätte, in denen der große Kritiker des Beitrags 
gedenkt, den die Einbildungskraft zum Zustandekommen sowohl 
der sinnlichen Anschauung wie der Verknüpfung der Erschei- 
nungen zur Erfahrung liefere. Auffälliger noch, daß er, der 
doch sonst auch den »Seitenwinken« des »köstlichen Mannes« 
achtsam nachging, so oft sie in eine seiner eigenen künstlerischen 



* Zuerst im Goethe-Jahrbuch XII, 5 — 7 (1891) von mir ver- 
öflentlicht. B. S. 



Goethe an die Grossfürstin Maria Paulowna. 45 

Anschauungsweise näher liegende Region hinüberwiesen, hier 
ganz und gar nichts von der Rolle zu wissen scheint, welche 
Kant der Einbildungskraft in ihrem Zusammenspielen mit dem 
Verstände, in ihrem Ringen mit der Vernunft in der »Kritik 
der Urtheilskraft« zuweist. Unser Aufsatz scheint weder die 
nach Kant zwischen Verstand und Vernunft stehende Urtheils- 
kraft noch die auf die Ermittelung des apriorischen Princips 
der letzteren gerichtete Schrift Kants zu kennen. Höchst 
autfällig, wenn es sich nicht zur Genüge daraus erklärte, 
daß er hier eben nur dies Reinhardsche Schriftstück vor Augen 
hat und, bestochen durch dessen genaue und verständliche, 
knappe und übersichtliche Fassung, es unbefangen als voll- 
ständige und treue Wiedergabe der ganzen Kantschen Lehre 
gelten läßt. 

Es kann hier nicht die Aufgabe sein, die Kantsche Ansicht 
über Wesen und Bedeutung der Einbildungskraft, weder nach 
der psychologischen noch nach der transscendentalen, er- 
kenntnißkritischen Seite vorzuführen; leiten doch die betreffen- 
den Ausführungen in den tiefsten Schacht seines Denkens und 
gehören zu den schwierigsten Partien der Kritik der reinen 
Vernunft, zu den geistvollsten und lichtgebendsten der Kritik 
der ästhetischen Urtheilskraft. Ausdrücklich ist dieser Punkt 
der Lehre von Fr ohschammer in dem Schriftchen v. J. 1879 
»Ueber die Bedeutung der Einbildungskraft in der Philosophie 
Kants und Spinozas« herausgehoben worden, einem Schriftchen, 
das freilich die Kantsche Lehre zu sehr in die Consequenz 
der Frohschammerschen Weltanschauung von der Phantasie 
als dem »Grundprinzip des Weltprozesses« hinüberzuleiten 
sucht, als daß es die Gedanken des Meisters erschöpfend wieder- 
geben und sie in rein historischem Lichte erscheinen lassen 
könnte. Das Schriftchen von Mainzer v. J. 18S1 »Die 
kritische Epoche in der Lehre von der Einbildungskraft aus 
Humes und Kants theoretischer Philosophie nachgewiesen« 
hält sich strenger an den Buchstaben Kants, verfolgt aber 
überwiegend den Zweck, den kriticistischen Standpunkt des 
Philosophen zu beleuchten und beschränkt sich überdies auf 
die Rolle, welche die Einbildungskraft in der »Kritik der 
reinen Vernunft« spielt. Die Abhandlung endlich von A p i t z s c h 
v.J. 1897 »Die psychologischen Voraussetzungen der Erkennt- 
nißkritik Kants« geht mit löblicher Gründlichkeit eben auf 
diese Voraussetzungen und in diesem Sinne in einem Schluß- 
abschnitt auch auf die Einbildungskraft ein, deutet aber bei 
dieser Beschränkung nur leicht an, wie durch die kritische 
Untersuchung von jenen Voraussetzungen aus ganz neue 
psychologische Einsichten gewonnen wurden. Eine genaue 
und vollständige Darlegung der fraglichen Lehre Kants bleibt 
noch immer eine lohnende Aufgabe. Daß aber Kant die 



46 Neue Mittheilungen. 



Phantasie »vergessencc habe und daß sein System deshalb 
eine unheilbare »Lücke« zeige — dies zu behaupten würde 
Goethe sicherlich Anstand genommen haben, wenn er, der 
sich so tapfer auch in die Wissenschaftslehre und in die 
Scheliingschen Schriften hineingelesen, sich erinnert hätte, 
wie bei Fichte sowohl als bei Schelling die productive Ein- 
bildungskraft mehr und mehr in den Vordergrund getreten, 
wie sie von diesen aus dem Halbdunkel, in dem sie bei Kant 
stand, ans Licht gezogen, und nicht sowohl zu einer vierten 
Hauptkraft als vielmehr zu der eigentlichen Fundamentalkraft 
des theoretischen Geistes gemacht worden war. 

Die Wahrheit ist: Goethe steht thatsächlich mit seinem 
Anspruch, den er auf die Gleichberechtigung der Phantasie 
mit Sinnlichkeit, Verstand und Vernunft erhebt, Kant viel 
näher als er meint — so nahe wie nur irgend der Dichter 
dem Denker stehen kann. Wenn er sagt, daß die Phantasie 
die Sinnlichkeit unter der Form des Gedächtnisses supplire, 
so würde ihm der Psycliolog Kant zugestimmt, der Trans- 
scendentalphilosoph aber bemerkt haben, daß er selber der 
Einbildungskraft weit m e h r einräume, indem er — woran 
»vor ihm wohl noch kein Psycholog gedacht habe« — die 
Einbildungskraft zu einem »nothwendigen Ingrediens der 
Wahrnehmung selbst« mache. Wenn Goethe schreibt, daß 
die Phantasie dem Verstände die Weltanschauung unter der 
Form der Erfahrung vorlege — hätte er sich nicht leicht 
darüber verständigen lassen können, daß das Kantsche Kapitel 
vom Schematismus der reinen Verstandesbegriffe eben dasselbe 
lehre? Und würde Kant bestritten haben, daß die Phantasie 
zu den Vernunftideen Gestalten bilde oder finde? 

Bei näherem Zusehn wird man nun freilich gewahr, daß 
die ganze Vorstellungsweise des .Dichters die Linien, die der 
kritische Philosoph gezogen, ein wenig biegt und rundet. 
Die Verbindungen, die der Letztere zwischen den verschiedenen 
Erkenntnißvermögen herstellt, sind zum Theil recht künstliche 
und gezwungene, und trotz seines Bestrebens, die getrennten 
wieder in Beziehung zu setzen, bleiben dazwischen einige 
bedenkliche Lücken und Risse. Dem gegenüber ist es dem 
Dichter von Hause aus das wichtigste Anliegen, die »sämmt- 
liche Menscheneinheit« ins Auge zu fassen, und eben 
die Phantasie erscheint ihm als die vermittelnde, »Alles durch- 
dringende und Alles ausschmückende« Kraft, die den ganzen 
Organismus des Erkennens gleichsam zu einem System zu- 
sammenschließt. Führt er doch ganz in demselben Sinne in 
jener schönen Stelle der Geschichte der Farbenlehre aus, 
daß man sich die Wissenschaft nothwendig als Kunst denken 
müsse, und daß daher keine der menschlichen Kräfte bei 
wissenschaftlicher Thätigkeit ausgeschlossen werden dürfe. »Die 



Goethe an die Grossfürstin Maria Paulowna. 47 

Abgründe der Ahnung, ein sicheres Anschauen der Gegen- 
wart« — doch es ist überflüssig, die bekannten Worte aus- 
zuschreiben. Es hängt damit zusammen, daß der Dichter 
weder hier noch sonst den kritischen Gesichtspunkt Kants, 
die Absicht, zu ermitteln, was das reine, alles Erfahrungs- 
erkennen erst ermöglichende Beibringen unsers Geistes sei, 
streng festzuhalten und von der nur psychologischen 
Betrachtung zu unterscheiden im Stande gewesen ist. Offenbar 
spielen auch in unserm Aufsatz beide Betrachtungsweisen in 
einander über. Er acceptirt die Ergebnisse von Kants trans- 
scendentaler Untersuchung zwar nicht eigentlich bezüglich 
der Sinnlichkeit, wohl aber bezüglich des Verstandes und der 
Vernunft; denn wie ein guter Kantianer kennt er neben dem 
sogenannten Menschenverstände, der auf der Sinnlichkeit ruhen 
soll, den auf sich selbst und seinen Gesetzen ruhenden »reinen 
Verstand« und die »sich über Alles erhebende« Vernunft als 
das Vermögen der Ideen. Zahlreiche Goethische Stellen be- 
weisen ja auch sonst, wie fest er sich diesen Theil der Kant- 
schen Doctrin eingeprägt, wie geläufig, ja wie unentbehrlich 
ihm die Gegenüberstellung von Verstand und Vernunft, von 
Begriff und Idee geworden war. Wie er aber, was die Sinn- 
lichkeit betrifft, die Kantsche Lehre von den reinen An- 
schauungsformen Raum und Zeit niemals zu seiner eigenen 
gemacht hat, sondern hier in dem »philosophischen Natur- 
stande« verharrt, so fällt ihm auch hinsichtlich der Phantasie 
keineswegs ein, eine reine von einer unreinen zu unterschei- 
den, sondern er spricht von ihr lediglich im psychologischen 
Sinne. Er läßt sich die Grenzbestimmungen der kritischen 
Philosophie über den Verstand und die Vernunft gefallen, 
aber er gestattet sich gleichzeitig, über diese Marksteine die 
Fluth der Sinnlichkeit und der Phantasie hinwegspülen zu 
lassen. Kein Wunder daher, daß er die Herrschaft der Phan- 
tasie aufs Weiteste ausdehnt und ihr namentlich eine Ver- 
mischung mit den Ideen gestattet, die Kant als eine illegitime 
Verbindung bezeichnet haben würde. Die Schlußsätze vollends, 
in denen er das Gebiet der Poesie dahin verlegt, wo die 
Phantasie sich innig der Sinnlichkeit anschließt, das der echten 
Philosophie dahin, wo sie sich mit der Vernunft vereinigt, 
treten, so sinnig und ansprechend sie sind, völlig aus dem 
Rahmen der kritischen Philosophie heraus. 

Allein im Einzelnen zu zeigen, wie Goethe sich immer 
wieder dem Geleise der Kantschen Untersuchungen nähert, 
um sofort von denselben wieder abzugleiten, würde ebenso 
endlos wie zwecklos sein. Vergebliche Mühe würde es sein, 
den Pegasus im Gestänge der Kantschen Philosophie fest- 
zuhalten, und immer würde ein Kantianer, der dies versuchen 
wollte, denselben Eindruck bekommen, den die Kantisch 



48 Neue Mittheilungen. 



Geschulten von den mündlichen Aeußerungen des Dichters 
über solche Dinge erfuhren, — den Eindruck, daß dies frei- 
lich »ein Analogon Kantscher Vorstellungsart, aber ein selt- 
sames sei«. 

Ein seltsames, aber in seiner Art köstliches und ungemein 
fruchtbares! In diesem Sinne ist der vorliegende Aufsatz eine 
neue hocherfreuliche Bereicherung unsrer Kenntniß nicht der 
Goethischen Philosophie sondern seines Verhältnisses zur 
Philosophie. Er wird volle Beachtung verdienen, wenn es 
Jemand neuerdings unternähme , dieses Verhältniß in zu- 
sammenfassender Darstellung klarzulegen. Sie selbst haben 
in Ihrem Schriftchen »Goethe und Spinozacf den schönsten 
Beitrag dazu geliefert, und nur eben erst hat Vorländer in 
den Kantstudien durch eine genaue Materialiensammlung eine 
dankenswerthe Unterlage für die auf Kant bezügliche Seite 
jenes Verhältnisses geschaffen. — 

R. Haym. 



5. DREI BRIEFE GOETHES AN DIE FAMILIE 
MENDELSSOHN -BARTHOLDY. 

I. An Abraham Mendelssohn.'^ 

Wenn der talentvolle, fähige und fertige Felix mich 
manchmal beym Nachtisch den Kopf umwenden und nach 
dem Flügel schauen sähe, so würde er fühlen wie sehr ich 
ihn vermisse, und welches Vergnügen mir seine Gegenwart 
gewährte. Denn* seit dem Scheiden der so willkommenen 
Freunde ist es wieder ganz still und stumm bey mir geworden 
und wenn es höchst genußreich war, gleich beym' Empfang 
nach langer Abwesenheit, meine Wohnung in dem Grade 
belebt zu finden; so ist der Contrast an'* trüben und kurzen 
Wintertagen leider allzufühlbar. Recht viel Glück wünsch' 
ich Ihnen daher zu Ihrer so wohlbestellten Flauskapelle, 
und hoffe daß Frl. von Pogwisch mir das Glück das ihrem 
Familienzirkel gegönnt ist ' durch lebhafte Erzählung recht 

' Concept von Johann Johns Hand, von Goethe durchcorrigirt. 
^ Goethe aus gewährte, denn 3 Goethe aus bey meinem 
'* Goethe über gestrich. bey 5 Goethe über gestrich. war 



Drei Briefe Goethes an die Familie Mendelssohn-Bartholdy. 49 

anschaulich machen' werde. Nehmen Sie meinen aufrich- 
tigsten Dank daß Sie uns das Hebe Pfand solange^ an- 
vertrauen wollen. Es ist nichts tröstlicheres in älteren' 
Jahren als aufkeimende Talente zu sehen, die eine weite 
Lebensstrecke mit bedeutenden Schritten auszufüllen ver- 
sprechen. Empfehlen Sie mich Ihren werthen Hausgenossen 
und Freunden, wie es mich denn immer freuen wird von 
dem Wachsthum unseres jungen Virtuosen durch den treff- 
lichen Zelter das Beste zu erfahren. 
Weimar d. [5.] Dcbr. 
1821. 

2. An Lea Mendelssohn.* 

Mit vielem Vergnügen, meine wertheste Frau, werde 
ich das öffentliche Zeugniß betrachten, welches mir Ihr 
lieber, in einem so hohen Grade talentreicher Sohn zudenken 
will; ich bewundere ihn schon seit langen Jahren und dazu 
hat er als wohl geartet schon früh meine Neigung gewonnen 
und sie bis in diese letzten Zeiten zu erhalten und zu ver- 
mehren gewußt. Der Freude an seinem unvergleichlichen 
Talent konnte ich mich um so freyer überlassen als ich 
ihn von einem trefflichen Lehrer, meinem Freund, in einem 
hohen Grade geschätzt und geliebt wusste. Möchten seine 
schönen Gaben ihm auch zum Glück seines Lebens gereichen. 

Auf diese Gerechtigkeit des Schicksals trauend, empfehle 
ich mich Ihnen und Ihrem werthen Hause zum allerbesten, 

Weimar d. Apr. 1825. 

j. An Felix Mendelssohn. ^ 

Du hast mir, mein lieber Sohn, durch Deinen ersten 
römischen Brief viel Freude gemacht, daß ich nun auf 
Deinen zweyten von Luzern mich dankbar zu äußern alle 
Ursache habe. Ein Zwischen-Brief von Mayland, den ich, 
nach Zelterischer Anfrage empfangen haben sollte, ist nicht 
zu mir gekommen, 

' Goethe über gestrich. gemacht ' von Goethe über der Zeile. 

5 Goethe über gestrich. unsern * Concept, Johns Hand. 

5 Concept von Johann Johns Hand, von Goethe durchcorrigirt. 

Goethe-Jahrbuch XIX. a 



50 Neue Mittheilungen. 



Manchmal mach' ich mir Vorwürfe daß ich im FamiUen- 
gespräch und sonst im GeseUigen doctrinair werde, über 
Puncte die mich interessiren, und so mag ich auch in Deiner 
Gegenwart von Witterung und deren Regel- und Unregel- 
mäßigkeiten wohl gesprochen haben. Dieß ist mir aber 
nun sehr zum Vortheil gediehen, denn so bald Du auf 
diese Phänomene Deine Aufmerksamkeit lenktest, mußtest 
Du ihre charakteristischen Eigenheiten ergreifen und da 
Du in den Fall kamst zu sehen' was ein sonstiger Beobachter 
nicht sehen wird, so hast Du uns eine sehr bedeutende 
Schilderung jener* ungeheuren und gewaltsamen Natur- 
wirkungen aufbewahrt. 

Nun gratuUre ich auch zu dem friedlichen Aufenthalt 
in Engelberg, wohin ich nicht gelangt bin. Eine behandelns- 
werthe Orgel in dieser Wüste zu finden ist denn doch 
höchst erfreulich und gleich eine Sprache zu besitzen womit 
man jene fremden und entfremdeten Menschen aufregen 
und erheben kann, ist keine Kleinigkeit. 

Schillers Wilh. Teil in Luzern ist doch auch eine gar 
artige Vorkommenheit. Ottilie hat Lust ihr neuauflebendes 
Chaos damit zu schmücken und es wird Dir gewiß nicht 
unangenehm seyn Dein dramatisches Abenteuer in so ver- 
worrener Gesellschaft wieder zu finden. 

Daß Du die erste Walpurgisnacht Dir so ernstlich 
zugeeignet hast, freut mich sehr; da niemand, selbst* unser 
trefflicher Zelter, diesem Gedicht nichts abgewinnen können. 
Es ist im eigentlichen Sinne hoch symbolisch intentionirt. 
Denn"* es muß sich in der Weltgeschichte immerfort wieder- 
holen, daß ein Altes, Gegründetes, Geprüftes, Beruhigendes 
durch auftauchende 5 Neuerungen gedrängt, geschoben, 
verrückt und wo nicht vertilgt, doch in den engsten Raum 
eingepfercht werde. Die Mittelzeit, wo der Haß noch gegen 
wirken kann und mag, ist hier prägnant genug dargestellt, 
und ein freudiger unzerstörbarer Enthusiasmus lodert noch 
einmal in Glanz und Klarheit hinauf. Diesem allen hast Du 



' zu sehen fehlt. * Goethe über gestrich. dieser 

3 Goethe über gestrich. auch 

'^ Goethe aus intentionirt, denn 

5 Goethe über gestrich. eindringende 



Drei Briefe Goethes an die Familie Mendelssoun-Bartholdy. 5 I 



gewiß Leben und Bedeutung verliehen und so möge es 
denn auch mir zu freudigem Genuß ' gedeihen. 

Damit aber dieses Blatt nicht länger verweile will ich 
schließen, und Dir in München gute Tage wünschen. Was 
die Deinigen Dir schreiben weiß ich nicht, ich aber würde 
Dir rathen einige Zeit noch im Süden zu verw^eilen. Denn 
die Furcht vor dem hereindringenden unsichtbaren Un- 
geheuer macht alle Menschen, wo nicht verrückt, doch 
verwirrt. Kann man sich nicht ganz isoliren, so ist man 
diesem Einfluß von Stunde zu Stunde ausgesetzt. 

Und somit lebe w-ohl und treff"e wann es auch sey zur 
guten Stunde ein*, sie wird Dich willkommen heißen. 

Weimar den 9. Septbr. 183 1. 



Die drei Briefe Goethes an Abraham, Lea und Felix 
Mendelssohn -Bartholdy, die hier aus seinen Conceptheften 
zum ersten Mal gedruckt erscheinen, bedürfen eigentUch keiner 
Einftihrung. Die Beziehungen der Familie Mendelssohn und 
besonders des jungen Felix zu Goethe sind aus dem liebens- 
v/ürdigen Büchlein »Goethe und Felix Mendelssohn-Bartholdy«, 
herausgegeben von dessen Sohn Karl, sowie aus dem Werke 
von S, Hensel »Die Familie Mendelssohn 1729 — 1847« zur 
Genüge bekannt. Die Briefe von Felix an Goethe hat Max 
Friedländer im XII. Bande des Goethe-Jahrbuchs veröffentlicht 
und ihnen ausführliche Anmerkungen beigegeben. 

Der Brief an Abraham Mendelssohn — das Datum ist 
aus Goethes Tagebuch ergänzt — ist die Antwort auf das 
Goethe-Jahrbuch XII, 1 1 1 abgedruckte Schreiben von Felix 
Vater, »anvertrauen wollen« sagt Goethe für : haben anver- 
trauen wollen; gemeint ist der lange Besuch Zelters mit Felix 
in Weimar im November 1821. 

Der Brief an Lea Mendelssohn ist die Antwort auf den 
a. a. O. S. 114 abgedruckten Brief der letzteren vom 9. April 
1825, worin sie für Felix die Erlaubniß erbittet, Goethe sein 
drittes Quartett widmen zu dürfen. Bald darauf kam Felix 
mit seinem Vater, auf der Rückreise aus Paris, nach Weimar, 
und am 20. Mai 1825 schreibt Goethe in sein Tagebuch: 
»Abends Concert und Gesellschaft. Felix Mendelssohn spielte 
ein Quartett mit Eberwein und andern Musicis«. 

Der Brief an Felix nimmt Bezug auf Mittheilungen, die 
letzterer am 28. August 1831 aus Luzern gemacht hatte. 



' Goethe aus zur freudigen Kenntniß * ein fehlt. 

4* 



52 Neue Mittheilungen. 



(G,-J. XII, 93 ff.) Ein kleiner Theil desselben, und zwar der- 
jenige der sich auf die »Walpurgisnacht« bezieht: »Daß Du 
die erste Walpurgisnacht — Glanz und Klarheit hinauf« ist 
bereits in Eiemers Mittheilungen (2, 6iif.) und in etwas 
gekürzter Form in dem Buch von Karl Mendelssohn (S. 45) 
gedruckt. Einen anderen Theil, der die Gewitter und meteoro- 
logischen Vorgänge, den Besuch in Engelberg und die Auf- 
führung des Wilhelm Teil in Luzern schildert, hatte Goethe 
im 2. Jahrgang des Chaos (Nummer 5 — 7) unter der Ueber- 
schrift »Berner Oberland« mit einigen kleinen stilistischen 
Aenderungen abdrucken lassen (vgl. Goethe an Zelter den 
undatirten Brief VI, 300 und den Brief vom 15. Nov. 1831). 
Einige Bemerkungen dazu gibt Friedländer a. a, O. S. 123 f. 
Die Schweizerreise und besonders den Aufenthalt in Engel- 
berg schildert Felix ausführlicher in reizenden Briefen, die 
im I. Band seiner Reisebriefe abgedruckt sind. — Aus Rom 
berichtet Felix am 5. März (a. a. O. S. 93), daß ihn die Com- 
position der »ersten Walpurgisnacht« schon seit Wochen be- 
schäftige. »Ich will es mit Orchesterbegleitung als eine Art 
großer Cantate componiren, und der heitere Frühlingsanfang, 
dann die Hexerei und der Teufelsspuk, und die feierlichen 
Opferchöre mitten durch könnten zur schönsten Musik Gelegen- 
heit geben«. Die Composition wurde, wie Felix aus Luzern 
am 28. August schreibt, in Mailand vollendet. »Es ist eine 
Art Cantate für Chor und Orchester geworden, länger und 
ausgedehnter, als ich zuerst gedacht hatte, weil die Aufgabe 
sich ausdehnte und größer ward und mir mehr sagte, je 
länger ich sie mit mir herumtrug«. (Vgl. auch Felix' Brief 
vom 14. u. 24. Juli 1831 in den Reisebriefen i, 191 u. 208 und 
die Familie Mendelssohn i, 342 ff.) — Das »hereindringende 
unsichtbare Ungeheuer« ist die furchtbare Cholera dieses 
Jahres, »die asiatische Hyäne«, wie er sie in dem Briefe an 
Adele Schopenhauer vom 19. September (vgl. unten S. 86) 
nennt. Ein Opfer dieser Seuche wurde Hegel. 

Julius Wähle. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adeleks. 53 



6. DREIZEHN BRIEFE GOETHES AN ADELE 
SCHOPENHAUER. 

NEBST ANTWORTEN DER ADELE UND EINEM BILLET 
BÖRNES AN GOETHE. 

I. 

Adele an Goethe. [Mitte September 1820.]' 

Einige Zeilen Ihres Briefes an August, lieber bester 
Herr Geheimerrath, berechtigen uns Mädchen zum Urtheil, 
ja, des alten Brauch's halber, sogar zu vorlauten Redens- 
arten ueber das uns anvertraute Liebes Pärchen Olfried 
und Lisena; und Heute kommen mir obendrein allerliebste 
kleine, runde Gesandte,' mich zu Dank und Lachen auf- 
zuregen, und mir in's Gewißen zu reden. Wäre ich nicht eben 
von der niedlichsten Packerei der Kleinen Dicken, und der 
ihnen eignen Artigkeit ermuthigt, und aus meinem gewohnten 
Gleise herausgerißen, so hätte ich nicht den Muth allein, 
ohne die Andern, ein Wörtchen zu sagen, so jmuß ich aber 
doch erklären daß ich eben das Buch allein vollende, indem 
ich's bereits 3 oder 4 mal vergeblich zu Ottilien gebracht. 
Ich konte die guten Liebenden unmöglich allein in ihren 
Fatalitäten verlaßen, und meine arme Tille hat vor lauter 
Besuchern noch nicht den Anfang gehört. Wenn ich nun 
erst die mir verehrten Champignons verzehrt habe , so 
findet sich vieleicht in der Erinnerung an Ihre Freundlichkeit 
der Muth allerlei des vvainderlichen Buches halber zu fragen, 
oder auch zu sagen; und vieleicht darf ich das recht bald 
mündlich thun, da wir alle hoffen Sie nocheinmal in Weimar 
zu sehen, eh' Ihnen ein neuer Enkel sein Willkommen 
zuschreit, und zujauchzt. Ihre Güte spielt mir die Feder 
in die Hand, und ich möchte sie so gern nehmen, wenn 
ich nur die Mädchen- oder Hasennatur ueberwinden könnte, 
ich fürchte vieleicht etwas dummes zu sagen, und doch muß 
alles heraus, wenn mich mein lieber Geheimerrath fragt! 

' Goethes Tagebuch 11. Sept.: »An Fräulein Schopenhauer, 
Schwämme mit eben der Gelegenheit«. War diese Sendung von einem 
Brief begleitet, so ist dieser nicht erhalten. 



54 Neue Mittheilungen. 



Für's erste also nur herzlichsten Dank für geistigen 
und körperHchen Genuß das Buch versetzt mich zur Meinen 
Heimath nach Danzig, und die Pilzen erinnern an Hamburg, 
wo soll nun ein so gejagdter Mensch, der zu dem Transport 
keine Siebenmeilen Stiefeln hat. Ruh finden um noch etwas 
anderes hinzu zu fügen, als den freundlichsten Gruß und Kuß. 

Ihre Adele. 

2. 
Adele an Goethe. [Weimar 26. Sept. 1820.] 

Ich trage heute Augusten das Buch hin, welches ich 
Ihrer Güte dankte, lieber Geheimmerrath, und nun ichs von 
mir gebe will es mich beinah betrübt machen mich davon 
zu trennen; so habe ich mich nach und nach festgelesen. 
Ich muß Ihnen wenigstens sagen, daß es mir viel Freude 
gemacht hat; es kommt dem guten Dichter alles so natürlich 
aus Aug' und Herzen, daß es auch uns zum Herzen dringt 
und vieles dem äußern Auge wirklich vorzuschweben scheint, 
weil es dem Innern mit gar großer Treue gezeigt ist. 

Nun ist mir freilich am Helden der Geschichte wenig 
gelegen, es ist ein Leichtfuß und Schwächling, der mit 
respect. Feen gar nicht umzugehen weiß und ohne eigentliche 
Noth sich in Tod und Jammer stürzt; denn ich meine: 
ein rechter Liebhaber fände tausend Wege, um tröstend 
zur Liebsten durchzudringen. Und wie er endlich die alte 
Büchse wiederfindet, wird er durch das Wunder so klug 
zu thun, was er gleich thun konnte — er zieht einen anderen 
Rock an und geht eben hin! 

Der eigentliche Held ist mir der Dichter; und weil ich 
eben Muth habe zum Reden dessen, was meine Gedanken 
stets an Sie richteten im Lesen, so lassen Sie mich eine 
tolle Nebenidee bekennen, die ich nicht los werden kann. 
Der Dichter spielt mir ein Märchen im Märchen, er kommt 
mir vor, wie ein verhexter herrlicher Held, der in eine 
Küche gebannt, als Küchenjunge zu leben gezwungen ist. 
Plötzlich rufen ihn draußen, irgend wie, Schicksalsstimmen 
zur That auf — die edle Natur erwacht mächtig in ihm, er 
will nun Waffen und macht im Eifer den Topf zum Helm, 
den Bratspieß zur Lanze, die Schüssel zum Schild und thut 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 55 

Wunder damit; wie neckisch auch die Rüstung, er ist und 
bleibt ein Held und mag wohl am Ende den Kranz er- 
reichen, der dann auch seine Waffen verwandeln und ver- 
edlen wird. — So erkläre ich mir den gequirlten Schaum 
des Meers und andre unedle Bilder, welche oft die zartesten 
gewinnendsten Stellen verunzieren. Der Dichter ist so wahr, 
daß er nicht nur das Schöne der Natur, sondern oft auch 
all ihre Mängel uns bringt. 

Ungemein Heblich sind für mich die Fischer Episoden 
und alles sich auf Strand und Meer Beziehende. Ich glaube 
oft dort zu sein, denn der Nordküsten-länder zeigt sich 
überall, seine schönsten Gegenden gehören den Werdern, 
der Nehrung, ebenso alle Naturerscheinungen seinem Vater- 
lande. Und eben das macht mir das Buch so lieb, weil es 
den Dichter so wahr macht und weil es ihn erwärmt und 
aus Liebe begeistert. Man liest immer mit Interesse bis 
ans Ende. Wie diese Leistung dort möglich ward, begreife 
ich dennoch nicht, er muß eine reiche Fantasie haben und 
das Leben in ihm muß noch sehr jugendlich frisch sein, 
sonst wäre es unmögHch — ich kenne die Schwierigkeiten, 
durch die er seine Bahn brechen mußte. 

Mein guter lieber Geheimmerath seyn Sie mir nicht 
böse, ich habe im Schreiben vergessen, wem ich schriebe 
und mich so keck und bestirnt geäußert, daß mir mit 
einem Male sehr bange wird; sehen Sie nur aus der Über- 
windung, mit der ich nun schicke, was ich nicht anders 
schreiben kann, Sie aber vielleicht nicht loben können, 
wie sehr ich Sie liebe. Ihr Wunsch gestaltete sich in mir 
zur Nothwendigkeit und ich that was ich nicht lassen 
konnte. 

Das neue Kind — so heißt jetzt das Brüderchen, wird 
Ihnen viel Freude machen, so wie es OttiUen beglückt 
an den Augenblick zu denken, in dem sie es Ihnen zeigt 



Goethe an Adele. [30. Sept. 1820.] 

Schönsten Dank, für Ihr liebes Blatt, meine gute Adele! 

Nun besitz ich schon drey Äußerungen über Olfried und 



56 Neue Mittheilungen. 



Lisena, zwey männliche und eine frauenzimmerliche, und 
wie sehr erfreut mich die daraus hervorgehende allgemeine 
Kultur, da sie in der Hauptsache durchaus gleichlautend 
sind. Nur daß die Männer den Poeten für einen guten 
Jungen gellen lassen, Sie ihn aber, mit scheinbarer Un- 
barmherzigkeit, als Küchenjunge an den Heerd versetzen. 

Doch läßt sich auch dieses zu seinen Gunsten auslegen, 
denn indem Sie, als würdige Haustochter, auch wohl einmal 
am Heerd ein Geschäft treiben, so schien es Ihnen nicht 
unangenehm einen so zarten hübschen Burschen gelegentlich 
in der Nähe zu haben; der, nachdem er sich soviel mit 
dem Wasser beschäftigt, doch auch wohl dem Feuer etwas 
abgewinnen könnte. 

Schönsten Dank zugleich für das hebenswürdige Bild- 
chen : Viele Empfehlungen der guten Mutter und OttiUen 
die schönsten Grüße. August hat mich durch seinen Besuch 
sehr aufgerichtet, da ich meine Sorge und Verlegenheit 
nicht verläugnen will. Das Verlangen Mutter und Kind 
zu sehen, muß ich jedoch zurückhalten, die viertägige An- 
wesenheit Ernst Schubarths hat mich in meinen Geschäften 
zurückgebracht, obgleich auf eine erfreuliche Vv''eise. Wie 
gern hätt' ich den vVeimarischen Freunden diesen bedeu- 
tenden jungen Mann vorgestellt, auch Adelchen hoffe ich 
sollte ihn besser locirt haben, als jenen Helden. 

Jena 
den 30. Septbr. treulich 

1820. Goethe' 



4- 
Goethe an Adele. [31. Dez. 1823.] 

Mit freundhchster Anzeige: das anvertraute Kästchen 
sey wohl gepackt im Begriff den Weg nach dem neuen 
Jerusalem oder Babylon anzutreten, frage an: ob Fräulein 
Adele heute Abend um 6 Uhr mir das Vergnügen Ihrer 



' Gesperrtes am Schluß eigenhändig; bei den kleineren Briefen 
ist nur G mit dem üblichen Respects-Strich eigenhändig zugesetzt. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 57 

Gegenwart schenken wolle. Zu schicklicher Unterhaltung 
steht und liegt ein prosaischer und poetischer Reisender bereit. 
Mit den besten Grüßen und Wünschen 
Weimar G 

den 31. Decbr. 
1823. 

5- 

Goethe an Adele. [13. Aug. 1824.] 

Herzlichen Dank meine Gute, fürs freundliche Schreiben, 
das ich leider nicht durch ein eiliges Kommen erwiedern 
kann. Wiesbaden hielt ich auf alle Fälle für mich heilsam 
und ersprießlich; seit Ihrer Abreise jedoch, ist meine Neigung 
häuslich zu bleiben immer stärker geworden; so daß auch 
die Aussichten auf herzlichen Empfang und gute Einrichtung 
die Sie mir geben mich nicht beweglich machen. Ihr 
Zusammenseyn mit Ottilien freut mich sehr, leider wird 
es nur allzukurz seyn, denn ich höre sie wird bald zurück- 
kehren. Möge die Nachkur einen bessern Charakter an- 
nehmen als die Kur selbst, und Michaelis uns alle wieder 
zusammen führen. Empfehlen Sie mich Ihrer theuren 
Fr, Mutter mit den treusten Wünschen und erhalten mir 
ein liebevolles Andenken. 

Weimar bleib es beym Alten! 

den 13. Aug. G 

1824. 

6. 

Adele an Goethe. Wiesbaden d. 28ten August [1824.] 

Lieber Vater OttiUe Hegt wohl in diesem Augenblicke 
in Ihren Armen und sagt Ihnen mit Auge und Mund alles 
was mein Herz hier wiedcrhohlt. Über Unabwendbares 
muß man nicht unnütz reden; ich hatte gehofft, mit ihr 
Sie hier zu sehen — das wollten Sie nicht; dann wollte ich 
wenigstens so schreiben, daß sich das Blatt in Ihrer lieben 
Hand statt der meinen zu all den Glückwünschenden ge- 
selle und zum tausendsten Mahle Ihnen die Liebe wieder- 
hohle, die Ihnen doch am Ende weder Auge, noch Hände- 



58 Neue Mittheilungen. 



druck, noch geschrieben oder ausgesprochnes Wort jemahls 
so sagen kann, wie mein Herz es wünscht! Mein aher 
Dämon, der Schmerz im Kopf, schlug seine garstigen Nacht- 
flügel um alle meine Gedanken, es war gar nicht zu wagen, 
Ihnen in solcher Stimmung zu schreiben. 

Heute bin ich froh, und der Gedanke, wie sich heute 
halb Teutschland am Morgen auf die Freude besinnet, daß 
Sie uns gehöhten, an diesem Tage, macht mir die ganze 
Seele hell ! 

In Schlangenbad waren wir, Ottilie und ich, sehr glück- 
Hch, nur ihr körperliches Leiden trübte augenblickÜch die 
lange Reihe schöner Stunden, Sie erzählt Ihnen das besser 
selbst, denn im Grunde war unsere kleine Gesellschaft aus so 
wunderbaren Elementen gemischt, daß sich die deutliche 
Beschreibung des Ganzen nicht in wenig Worte fassen läßt. 
Mir war unendlich wohl, ich hatte mein Leben fast wie 
die Ephemeren ihre Schleierhaut abgestreift und nahm 
jeden Morgen auf, als schließe der ihm folgende Abend 
mein Dasein. Aber desto schw^erer ward mir hier das ge- 
sellige Treiben, unter Leuten, von denen ich mir selbst 
immer wiederhohle, daß ihre Güte meinen Dank verdient. 

Gestern kam unvermuthet Haxthausen, dem ich der 
servvischen Lieder wiegen den Text las und dessen komische 
Reue und wohlgefälliger Schreck, daß S i e dessen noch 
gedächten, mich unendlich belustigten. Er wohnt hier im 
Haus und gehört zu meinen deklarirten Liebhabern. Bei 
diesem wichtigen Kapitel, lieber Vater, fällt mir sehr natür- 
Hch gleich Ottilie ein, der ich zu sagen bitte, daß der 
einzige Verehrer, den wir alle in commun in Schlangen- 
bad hatten, mich hier besucht hat und mir, nachdem er 
mir erzählt, er könne in seinen Gedanken sie und mich 
nicht trennen, die schönsten Dinge gesagt hat, von denen 
ich ihr die Hälfte mitbringe. EigentHch ist das eine wahre 
Mortiiication, bei allem freundlich anmuthigem Geplauder 
eines Verehrers gleich die Hälfte abziehen zu müssen und 
dieser hohe Grad von Gemeinschaft gefällt mir gar nicht 
recht! Sagt er in versteckten Anspielungen: du gefällst 
mir — heißt es halb und halb und ohnedies gibt es keine 
ganzen Herzen mehr. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 59 

Eine große, unbeschreiblich große Freude ist mir 
gestern geworden, Ihnen, lieber gütiger Vater muß ich 
davon sprechen, denn hier wie überall trennt sich mein 
Inneres von dem Außenleben und keiner sieht den schnelleren 
Herzensschlag. Mein Bruder ist vollkommen hergestellt, 
befindet sich in Mannheim und hat mir geschrieben, um 
eine Zusammenkunft zwischen uns in Frankfurt zu be- 
stimmen. Es gibt Worte, die ich von Ihnen gehört habe, 
die durch mein ganzes Leben hindurchtönen, ohne zu ver- 
hallen. So sagten Sie mir als ich von der Möglichkeit 
sprach: Du wirst dann wieder begütigend auf ihn wirken 
und in dem gestörten Dasein wieder eine Art Milde hinein- 
bringen. Und so hoffe ich zu Gott, soll es sein. Ich bedarf 
des Gefühls Jemanden wohl zu thun, denn in den letzten 
Jahren ist mir sehr weh geschehen und oft habe ich mich 
unnütz oder besser sag' ich unbenutzt gefühlt. Es hatte 
noch Niemand mir ausgesprochen, daß in meinem Wesen 
eine Art Begütigung liege, deren Einwirkung ein Anderer 
empfinde, Sie sagten es und nun gieng es wieder fröh- 
hcher durch die bunte Welt, in der ich wohl eigentlich 
ein Halbschatten bin. Das klingt, als lebte ich nur halb 
und so lassen Sie mich Ihnen gleich ein wenig erzählen 
von dem, was um mich war, damit Sie sehen, ich bin mit 
ganz deutlicher Anschauungs und Lebenskraft gegenwärtig. 
— Zuerst berichte ich ein Stückchen vergessener Reise- 
begebnisse und zwar eine wunderbare Lufterscheinung, die 
ich am jten August Abends um halb 8 Uhr beobachtete. 
Es war ein trüber Tag gewesen, den mit plötzlich klar 
werdendem Abendhimmel der allerschönste Sonnenunter- 
gang schloss. Ich stand am Fenster in Gelnhausen, die 
Sonne konnte ich nicht sehen der Häuser wegen, es muß 
aber im Augenblick ihres Unterganges gewesen sein, da 
bildete sich ein ganz dunkelpurpurner Regenbogen, 
der gegen die Endpunkte heller ward, aber eigentlich durch- 
weg einfarbig blieb. Nach minutenlangem Hinsehn glaubte 
ich zwar sehr blasses Grün zu sehen, die Mutter aber sah 
es nicht und wahrscheinUch bildete es sich in meinem 
Auge, Ich kann diesen wunderbaren Bogen nur den Mond- 
scheinsregenbogen, die ich im Norden sah, vergleichen und 



6o Neue Mittheilungen. 



entsinne mich aucli nie, einen gewöhnlichen Regenbogen 
während des Untergangs der Sonne gesehen zu haben. 
Der ganze Himmel war mit gelbrothen Wolkenschäfchen 
bedeckt, um den Bogen selbst war der Himmel heller. 
Die ganze Erscheinung hielt etwa 3 Minuten an, dann ward 
der Bogen blaß und blässer und löste sich in rosenrothen 
Abendschimmer auf. Ich weiß nicht, ob Sie jemahls einen 
Mondscheinsbogen salien: er ist von blendend w^eißem 
Lichte, ganz ohne Farbe, und macht den Eindruck, als sei 
er durchsichtig; wie dieser ebenbeschriebene verschwimmt 
seine Form allmählich. 



7- 
Adele an Goethe. [10. Nov. 1827.] 

Längst, lieber Vater, (gönnen Sie mir's der alten Art 
treu zu bleiben) längst wollte ich Ihnen schreiben, manches 
Leiden, manches Unglück stellte sich dazwischen, und 
endlich giebt mir dennoch ein Genius des Glücks die Feder 
in die Hand, um Ihnen zum Enkeltöchterchen Glück zu 
wünschen. Ein Glück kommt ja nicht allein, das eine ist 
das liebe Kind, das andre mögen unsre Wünsche immer 
näher herbeiziehen, Ottiliens Überdauern und Ertragen so 
vieler Schmerzen, ihre erneute Kraft, verbürgen eine weite 
Reihenfolge guter und erfreuUcher Ereignisse — und was 
uns von all dem zweideutigen Geflügel der Sorge, Reue, 
schwarzer Gedanken umschwirrte, möge nun davon ziehen 
und sich gegenseitig geleiten. — Wie könten Sie, der 
überall Ordnung und schönes Gleichmaaß sucht oder schaff't, 
mir nun versagen, mit in die fröhlichere Reihe zu treten, 
damit auch mir etwas Gutes geschehe, für mich insbesondere, 
lassen Sie mich hören, daß Sie Ihrer Ad^le nicht böse sind. 
Ich würde sonst, so in der Mitte zwischen Freude und Leid 
stehen bleibend, die sich jetzt bildende Harmonie stören. 

Über Cöln möchte ich heute Ihnen nicht viel sagen. 
Sie kennen meine Vorliebe für alles Alter- oder Eigen- 
thümliche. Zum erstenmal sehe ich den Conflict ver- 
schiedner Religionsformen, mit kühlem entschiedenen 
Kopfe betrachte ich die seltsamen Erscheinungen, die er 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 6l 

hervorbringt, ich fühle mich lebhaft interessirt, erstaunt, 
aber nicht befangen von einem mir ganz fremden Stoffe. 
Mein Sommeraufenthalt zog sich längst dem Rheinufer 
hin — bedeutende innere Kämpfe, schmerzlich Entsagen, 
gewaltsame Trennungen stellten mich der Kunst wie der 
Natur gleich fern, denn das Herz ist dennoch ein drittes, 
eine Welt für sich und muß in sich schaffen und zerstören. 
Tritt dann die Ebbe der Empfindung, die geistige oder 
gemüthliche Ermüdung ein, dann erst können Genüsse sich 
nahen, neue Lebenselemente sich bilden — bis wieder der 
vorhandne Stoff zu" neuen Gestaltungen und Kriegen zwingt 
oder veranlaßt. — Seit vielen Monaten habe ich nicht ge- 
sprochen noch gedacht, wie eben jetzt, denn es ist vieles, 
sehr vieles anders, einfacher, weiblicher geworden in mir, 
der Gedanke an Sie wird mich aber stets aufwecken zu 
unzählig andern. 

Vielleicht wird es mir Wohlthat oder Nothwendigkeit 
Ihnen recht bald mehr zu schreiben, ich habe so manches 
erfahren in dem halben Jahre unserer Trennung, aber noch 
nicht! noch möchte ich weder über mich noch über das 
Haus wo ich lebe, die ganz wunderbar natürUchen und 
gerade deshalb ganz ungewöhnlichen Menschen sagen. 
Spreche ich einmal, so ist's zu Ihnen. 

Von auswärtigen Freunden habe ich Schmerzliches 
vernommen. Zeltern schelte ich, daß er nicht bei meiner 
Mutter war, Rauch ist sehr tief verletzt in seiner armen 
Tochter — ein Bekannter, Wilhelm Müller ist gar gestorben. 
Gestern erhielt ich dagegen einen Brief und eine Composition 
von Felix Mendelsohn, der wunderbar fest an mir hängt, 
mit gleichbleibender Neigung, hingebendem Vertrauen. 
Bei der krausen Umhüllung seines Wesens wundert michs 
fast. Es geht ihm sehr gut. 

Ihre Freunde Willmer in Fr. sah ich mehrere mahle, 
der Geheimerath schien heiter und wohl, die Frau, wie 
immer ein holdes, stets bewegtes Herz, Ottilie wird Ihnen 
mitgetheilt haben, daß ich lange bei Frankfurt in Rödelheim 
lebte und dort in einer Art Pension war, mit noch sechs 
Familien, die mit Kind und Kegel bei einem Doctor Hoffmann 
Wohnune und Kost fanden. Der mir von Herrn Desvoeux 



62 Neue Mittheilungen. 



geschenkte Tasso machte Aufsehen und erregte bei denen, 
die ihn sahen, warme Theilnahme. Die engl. Sprache breitet 
sich auch dort sehr aus und bald wird man fast keine andere 
Litteratur anerkennen, als die neuere englische. 

Vielleicht weckte das meinen Eigensinn, oder mein 
deutsches Herz, ich fand einen deutschen mir fremden 
Schriftsteller aus, der mir gar wohl gefiel, es war Börne. 
Er lebt in Frankfurt, hat ein Journal Die Waage allein 
geschrieben und herausgegeben. Seine Sachen sind humo- 
ristisch oder tiefleidenschaftlich, so soll er selbst sein 
und dieses ist vielleicht die Ursache, warum er nie ein 
größeres Werk geschrieben hat. 

Dann fiel mir noch ein spanisch Stück, von Malzburg 
übersetzt, in die Hände. Es steht in dem nach seinem 
Tode erschienenen Bande und scheint mir sehr großartig 
in der Empfindung, die vorwaltet. Ich vergaß den Titel; 
es sind zwei Brüder, die erst in enger Verbindung leben, 
dann durch Liebe verfeindet, mit einander kriegen — eben 
fällt mir's ein, er heißt, »Weine Weib und du wirst siegen«. 

Meine arme liebe Mutter wird mich den langen Winter 
hindurch entbehren, Vogel und sie selbst wollen es und 
mir scheint. Beide haben Recht. Der Landaufenthalt, den 
ich gemacht, hat meine Körperkräfte in etwas gestärkt, 
doch würden die alten Umgebungen mir schaden. Ich 
bleibe jetzt auch gern, da unsre Ottilie sich so artig beträgt. 
Nur Sie nicht zu sehen, fällt mir sehr schwer, Ihre unend- 
liche Güte ließ mich oft glauben, es sei Vieles in mir, 
was fern von Ihnen mir gebricht, das fühle ich täglich. 
So ist's mir ein Trost, daß ich zeichnen lerne nach Ihrer 
Ansicht, ich bin möglichst fleißig, meine Hand ist frei 
geworden, ich zeichne mit Kohle oder stumpfer Kreide 
und sehr keck. Musik, Briefschreiben, all dergleichen leidet 
darunter, aber es muß; sonst fördere ich mich nicht. Mein 
Lehrer hat in Paris zwölf Jahre lang gemalt, hat Ludwig d. i6. 
und seine FamiHe gemalt, ist während der Revolution ge- 
flohen und hat viel sich in der Welt herumgetrieben, viel 
gesehen und unglaublich viel erfahren und geleistet. Es 
ist ein sehr toller Kopf, der aber in seinem originellen 
Wesen wohl zu meinem Lehrer sich eignet. Wäre nur 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 63 

immer genug innere Stille in mir, so würde ich viel 
lernen können. 

Indem ich dieses Blatt sende, überfällt mich die alte 
Scheu vor Ihnen. Was ich schrieb, ist kaum des Lesens 
werth, es ist kein Brief, wie Sie ihn lieben, keine Dar- 
stellung meiner Umgebung, kein Bild weder von mir noch 
andern. Aber vergeben Sie es dennoch, ich schwieg zu 
lange, um nun gleich mich wäeder in die alte Form und 
Stellung zu bringen und mein Brief ist nur der Auftact zu 
einer eigentlichen Melodie, die erst kommen soll, das heißt: 
zu einer andern bessern Epistel. Mit steigender Sehn- 
sucht erwarte ich Nachricht, wie Ihr Töchterchen heißen 
wird, oft denke ich, sie sollte den Nahmen Ihrer Schwester 
erhalten, da doch Wolfgang Ihren Nahmen führt. Von 
Vögeln hoffe und erwarte ich, daß er Ottihen und das Kind 
gewiß auf gutem Wege erhält, seine Curen in der letzten 
Zeit vermehren mein Zutraun zu ihm. 

Und nun, lieber Geheimerath, lege ich still die Feder 
aus der Hand, meine Bitte aber an Ihr geliebtes Herz: 
Vergeben Sie mir das Schweigen und behalten lieb Ihre 

Adele. 

Köln am Rheine, den loten November [1827. J 



8. 

Goethe an Adele. [16 Nov. 1827] 

Zum erstenmal seit langer Zeit befolg ich das Beyspiel 
jenes berühmten Secretairs der englischen Societät Hoock, 
der niemals einen Brief erbrach als Feder Dinte und Papier' 
schon in Bereitschaft. Ich rühme sehr oft diese Maxime 
und befolge sie selten, aber unter dem heutigen Datum 
wo ich Ihr liebes Schreiben empfangen, soll auch gegen- 
wärtiges an Sie abgehen. 

Möge sich Ihr liebes Innere, an der herrlichen Rhein- 
natur, in sittlicher und künstlerischer Thätigkeit zum 
schönsten und liebenswürdigsten wieder herstellen. Freunde 



' »und Papier« eigenhändig über der Zeile. 



64 Neue Mittheilungen. 



tragen hiezu nichts bey. »Das Herz ist für sich eine Welt 
und muß in sich selbst schaffen und zerstören.« ' 

Von unsern Zuständen das Nächste: OttiUe ist ganz 
eigentlich von und an diesem Kinde genesen. Ein schönes 
Mädchen, willkommen Vater und Mutter, so wie Großvater 
und Brüdern, vom ersten AugenbHcke herangeputzt mit 
auserwähltem Schmuck, an ausländische sowie inländische 
Freunde wundersam erinnernd, so dass man eine Jenny, 
oder sonst ein artiges Naturwunder dergleichen schon,' 
geweissagt vor sich zu sehen glaubt. 

Sodann will ich lakonisch von uns allen versichern 
daß wir uns ganz leidhch befinden, doch gerade so um 
nicht übermüthig zu werden. Gar manche liebe Freunde 
gingen bey uns vorüber, unter welchen Zelter vorzüghch 
genannt werden muß. Ich erinnere mich nicht einmal ob 
Sie ein Bild von Begas gesehen haben, welches ihn in 
seinem liebenswürdigsten Augenblick, als aufmerksamsten 
Tonhorcher und Forscher zu Jedermanns Zufriedenheit 
darstellt. Hegel besuchte mich auch, eher mündlich als 
schriftlich zu verstehen. 

Zum Heil unserer tanzenden Lieblinge sind die besten 
Engländer angelangt. Indem sie bey Hofe begünstigt 
figuriren weis ich noch nicht ob einer oder der andere 
schon capturirt ist, oder wer Anstalt macht diesen oder 
jenen sich anzueignen. Der alte treue Lawrence ist wieder 
angekommen, man behandelt ihn ohneConsequenz und macht 
daher von allen Seiten offne Jagd auf ihn. Wie und wo er 
sich bestimmen, oder klügUch vielfache Gunst vorzuziehen 
geneigt seyn wird, davon wüßt ich noch nichts zu sagen. 

Bey mir hat er sich besonders insinuirt indem er 
ein, aus Alabaster geschnittenes Bildniß Cannings, unter 
Glasglocke, in rothsamtgefütterten Futteral, aufmerksam- 
anständig verehrte; es ist zugleich ein allerdings lobens- 
würdiges Kunstwerklein und eine sehr erfreuHche Erinne- 
rung an dieses edle Bild, welches auch frühzeitig und 
voreilig zu Staub geworden. 



' Die Anführungsstriche eigenhändig, auch sonst einige Inter- 
punctionszeichen. * Das auffallende Komma eigenhändig. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 6^ 

Soviel für diesmal, mit dem Wunsche, Gegenwärtiges 
möge Sie erfreuen und mir von Ihrer Umgebung und Ihrem 
geselligen Leben auch künstlerischem Thun recht anschau- 
liche Nachricht zu ertheilen. 

Weimar den i6. Novbr treu angehörig 

1827. Goethe 



Adele an Goethe. 

Köln, den 25ten Dec, [geschlossen am 27. 1827.] 
Zum zweiten Male, Heber Vater, haben Sie mich über- 
raschend schön erfreut. Ich sollte mich kaum wundern, 
denn wie Sie alles vollständig zu thun pflegen, so geben 
und erfreuen Sie auch stets durchaus und Ihre treue 
Güte zieht nirgends enge Grenzen der Gewährung. Schon 
die Art der Beantwortung meines Briefes hatte mir das 
Gefühl der glücklichsten Beschämung gegeben, nun fügen 
Sie in dem Ring einen Beweis dessen hinzu, was ich 
mir oft kaum selbst zu gestehen wage. Denn es ist ein 
wunderbares und unverdientes Glück, Ihnen lieb zu sein; 
wne überhaupt alles Schönste, läßt es sich nicht erklären, 
und bleibt immer trotz allem wiederholten Erfahren ein über- 
raschend Neues. — Ich hatte mir oft einen Ring von Ihnen 
gewünscht und nie den Muth gefunden, es mir merken 
zu lassen, wenn Sie sonst mich beschenkten ; nun bringt 
mir die Ferne, was ich in der Nähe aufgab, und der poeti- 
sierende Stein, der Moos vorstellen will, rührt mich unaus- 
sprechlich, denn er ruft mir Alles zurück, was ich entbehre 
und doch auch immer habe und giebt mir ein Gefühl von 
Glück und Sehnsucht. — Ein eigentliches Wort des Dankes 
kann ich nicht finden, weil es in meiner Seele besser steht 

als ich's auf dem Blatte hinstellen könnte Sie fragen mich, 

ob ich Begassens Bild Zelters gesehen? Sie stellen mir's in 
wenig Worten so hin, daß mir fast ist, als hätte ichs ge- 
sehen, seitdem ich das Bild seiner Famihe sah. Denn 
gerade dies Auffassen der Hebenswürdigsten und eigenthüm- 
lichsten Seelenstimmung scheint Begassens schönes Talent. 
Seine Eltern leben mit drei Töchtern und zwei Jüngern 

Goethe-Jahrblch XIX. 5 



66 Neue Mittheilungen.- 



Söhnen hier, eine ältere Tochter ist in Berhn verheirathet. 
Alle diese Personen hat B. auf einem etwa 3V2 Fuß breiten 
und verhältnißmäßig hohem Bildchen gemalt. Wie der 
Bauer, der sich den Sonntag malen Heß, meine ich's dem 
Bilde anzusehen, daß es Werkeltags aber Nachmittags ein 
halb geschäftloses Stündchen vorstellt. Die Mutter hat 
den Strickstrumpf in der Hand, sie sitzt bequem am Tisch, 
die ältere Tochter hält eine Guitarre und Noten auf dem 
Schooß, sie hat eben gesungen. Der Vater ist aber, etwa 
aus dem Nebenzimmer, herzugetreten mit seiner Pfeife, er 
theilt der Familie etwas mit, was keinen überrascht doch 
Jedem etwas angeht. Sein LiebUngstöchterchen hat ihn 
mit einer Art Umarmung beschlichen und sich ihm an- 
gehangen, es stört ihn aber nicht. Eine andre sehr schöne 
Tochter, scheint auch eben herzugekommen, es ist, als 
habe sie etwas geholt. Die halberwachsenen Knaben sind 
glückhch der Schule nun entgangen oder haben sie über- 
standen, das Achtgeben haben sie satt, sie lärmen und 
spielen mit dem Hunde und contrastieren mit den weichen 
ruhigen Zügen und der stillen Haltung einer Schwester, 
die auf der Mutter Stuhl sich lehnt. Im Vorgrunde steht 
Begass selbst mit Tafel und Bleistift, sem Hinblick ist höchst 
unbefangen. Man könnte ihn für einen Schreibenden halten 
und nichts macht den Eindruck, als säße die Familie zum 
Bild. Im Gegentheil ist die pyramidalische Gruppirung 
so natürlich und scheint so zufällig, daß man erst nach 
langem Genüsse zum Bewußtsein der Sachkenntniß des 
Malers kommt. Ruhe und Bewegung sind in allen Figuren 
gut motivirt und ich wüßte durchaus nichts Unnützes an 
dem Bilde. Obschon es vor 6 Jahren gemalt war, erkannte 
ich alle darauf vorgestellten Personen; es machte mir ein 
besonderes Vergnügen, die Fortschritte der Zeit vergleichend 
zu beachten, denn sie hatte gnädig, zum Theil anmuthig 
gewaltet. Ihrer, theurer Vater, ward mit Freude und Dank 
gedacht, denn Ihr Lob hatte des Künstlers Herz sehr er- 
freut und die Freude erneute sich bei den Seinen, als ich 
Sie nannte. . . . 

Ehe ich indessen zu mir selbst übergehe, sage ich noch 
in höchster Geschwindigkeit, daß ich Sie und Hegel gern 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 67 



zusammen gesehen hätte, da ich mir's nicht recht vor- 
stellen kann und daß ich mich jeder Bereicherung Ihrer 
Kunstsammlungen mit freue. . . . 

10. 
Adele an Goethe. Cöln d. 2ten März [1828] 

Ihr Schweigen, lieber Vater, sollte vielleicht meine 
Feder hemmen, denn fast fürchte ich Ihnen misfallen zu 
haben, ist dem so, so vergeben Sie das Einzelne um des 
Ganzen willen und schelten Sie lieber, als daß Sie mir so 
ganz entschwinden! Haben aber Geschäfte Sie rings um- 
schloßen oder wollten Sie nur gerade den Brief verhallen 
laßen — dann laßen Sie mir wenigstens ein gütig Wort 
sagen, denn ich sehne mich nach einem Sonnenstrahl Ihres 
Lebens damit meines daran erwarme. Von Ottilien weiß 
ich auch nichts, und von Ulriken nur wie sie gelitten. 
Meine heutige Anfrage aber darf noch nicht zum Briet 
sich gestalten, denn erst muß man wißen ob man auch 
schreiben soll.' Im Geiste war ich oft bei Ihnen indem 
ich einen Roman v. Man:(oni (Lessmann) las, der Ihnen 
gefallen haben wird, und über den ich gerne Sie gehört 
es waren die Verlobten. Den Carneval mag Ihnen Mama 
mündlich vortragen, ich schrieb ihr viel davon. Zum Schluß 
dieser leise an Ihr Herz anklopfenden Worte muß ich eine 
Bitte aussprechen die mir gar sehr am Herzen liegt. Ich 
fand unter so vielen Menschen die mich nichts angiengen, 
einen einzigen Mann, deßen Erinnerung mir immer un- 
beschreiblich rührend seyn wird, und dieser Mensch dem 
ich recht sehr viel danke quält mich um eine Handschrift 
von Ihnen. Herzlich bitte ich Sie, theurer Vater, gewähren 
Sie's zum erstenmal, denn noch nie habe ich Sie gebeten 
mir eine zu geben. Mein Pult bewahrt manche Zeile Ihrer 
geliebten Hand, aber es ist sorgfältig verschlossen. Ottilie 
würde mich vielleicht Monate warten lassen und in 5—6 
Wochen soll ich Cöln verlassen, wenigstens ist es möglich — 
da wage ich denn den geraden Weg und bitte Sie Selbst 
um einige Zeilen. — Es wird noch lange daueren ehe ich 

' Zuerst: darf. 



68 Neue Mittheilungen. 



Ihnen mündlich danken kan, aber glauben Sie mir all diese 
Worte sind Fächerstäbe durch welche meine Seele nach 
Ihnen ausschaut um zu erspähen wie es Ihnen wohl gerade 
ergeht und ob die alte Liebe und Treue sich noch so 
zeigen darf wie sonst. Ihre Adele. 

II. 

Goethe an Adele. [7. März 1828] 

Sie sind recht lieb und gut, theuerstes Adelchen, daß 
Sie mich an meine alte Schuld erinnern und mir die Säumniß 
einer Antwort so freundlich ins Gedächtniß bringen. Da- 
gegen lassen Sie mich sagen, daß ein gegenwärtiges Heute 
mich so bedrängt um ein ferneres Morgen oder Uebermorgen 
ganz vor meinen BUcken zu verhüllen. Ihr Schreiben hat 
mir viel Freude gemacht, denn es versetzte mich auf eine 
so treue klare Weise ganz nah an Ihre Seite und mitten 
in Ihre Zustände daß ich recht eigentUch daran Theil zu 
nehmen im Falle war. Möge Ihnen auch alles inzwischen 
zum Guten und Genüglichen gedeihen. 

Nächstens erhalten Sie die verlangte Handschrift wozu 
sich ja wohl ein heiteres Verslein finden wird; sehr gern 
trag ich dazu bey wenn Sie einem neuerworbenen Freunde 
etwas Angenehmes erzeigen wollen. 

Die von Ihrer Frau Mutter mitgetheilten Cölner Thor- 
heiten erscheinen mir wirkHch wie aus einem andern Planeten ; 
die Thorheiten die sich um mich her ereignen verUeren da- 
gegen Glanz und Bedeutung. Im Ganzen aber freut es mich zu 
sehen daß jene Cölnischen Feste eher im Zunehmen als im Ab- 
nehmen sind; diesmal war auch der Gedanke gut und gab durch 
seinen Gegensatz Gelegenheit zu mancherley Verbildung. 

In Nürnberg hat man auch etwas AehnHches versucht, es 
scheint aber viel mäßiger und beschränkter gewesen zu seyn. 

Nun aber will ich enden damit dieses Blatt noch heut 
abgehe, am Tage wo ich das Ihrige empfangen habe. 

Weimar d. 7" März herzlichst 

1828. Goethe 

Vorstehendes hielt ich noch einen Tag zurück, damit 
die gewünschten Blättchen alsobald hinzugefügt würden 
welche sonst wieder zu zögern drohten. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 69 

12. 

Goethe an Adele. [17 Mai 1828] 

Sie thaten sehr wohl, theuerstes Adelchen die mir 
zugedachte interessante Sendung mit der fahrenden Post 
abgehen zu lassen, denn da ich Portofrey bin, so ist mir 
jedes schnelle Anlangen um desto erwünschter. 

Das Kleidchen setzte die Frauenzimmer in Entzücken 
und man hoffte schon das artige Wesen darin herum hupfen 
zu sehen: Sie werden gewiß ein recht merkwürdig Ge- 
schöpfchen finden, wenn Sie Ihre guten und treu anhänglichen 
Weimaraner nächstens, wie wir hoffen dürfen, wieder be- 
grüßen. 

Die übersendeten Muscheln haben viel Freude gemacht, 
sowohl mir als meinem Sohn; wir sind der Gefälligkeit des 
Herrn Höninghaus schon einen bedeutenden Aufsatz mit 
schön lithographirter Tafel schuldig geworden, die gegen- 
wärtig angelangten Muscheln vermehren unsere Verpflich- 
tung. Leider können wir in diesem Fache keine Erwiederung 
darbieten. Vielleicht geben Sie mir an, wie man dem 
werthen Manne sonst gefällig seyn könnte. Ich packe 
ein paar Medaillen für Ihn und Mad. Mertens bey. 

Möchte uns der schon längst als unter die ersten 
Liebhaber und Kenner' bekannte Crefelder Freund einiges 
aus seinem Ueberflusse mittheilen, so werden wir es dankbar 
erkennen und auch sein Name als eines geneigt Schenkenden, 
unter unsern Besitzthümern eingemerkt werden. 

Die Hyacinthen senden Sie mir ja bald und was Ihnen 
etwa- sonst noch dort als neu oder merkwürdig zu Händen 
käme. Bedenken Sie, meine Gute, daß; derjenige der sich 
nicht vom Platz bewegt durch Freunde von außen her 
anzuregen ist; bis jetzo hat mirs nicht gefehlt; auch sind 
Setzer und Drucker so Manuscript begierig daß es mir im 
stillen klösterlichen Gartenzimmer an Beschäftigung niemals 
fehlen kann. 

Von Alterthümern welche man wohl am Rheine findet, 
würden mir angenehm seyn Scherben von Teller- oder 
Schüsselrändern, aus rothgebranntem Thon, worauf allerley 

' Fehlt etwa »gehörig«. 



70 Neue Mittheilungen. 



geistreiche Scherze und Vorstellungen angebracht sind, als 
Jagden, Wettrennen, Faunenspiele und dergleichen. In dem 
Neuwieder Cabinet finden sich derselben sehr viele und 
vielleicht treibt Ihnen ein Antiquarius Ihrer Gegend der- 
gleichen zusammen; die etwanigen Ausgaben erstatte dankbar. 

Hier muß ich schließen mit tausend Wünschen und 
Segnungen! Das Paketchen das Ihre Frau Mutter mitnimmt 
will geschlossen seyn. 

Weimar d. 17. May treulichst 

1828. Goethe 

13- 

Adele an Goethe. Godesberg, den I4ten July [1828.] 

Sie haben längst errathen, Heber Vater, was mich ab- 
hielt, Ihnen zu schreiben, Ihnen zu danken. Ich brauchte 
Zeit, um manches in mir zu beschwichtigen, was die letzt- 
vergangnen schmerzlichen Ereignisse zu lebhaft erregt 
hatten und mußte erst von Ihnen hören, ehe ich wieder 
zu Ihnen zu reden den Muth hatte. Dalton und mehrere 
Andere haben Nachricht, auch ich endlich einen Brief von 
WolfF, obschon ich wieder durch die Ihren noch durch 
Gerstenberg das mindeste von Weimar erfahre; es ist, als 
habe ein allgemeines Verstummen sich über die Stadt 
verbreitet 

Mich freut hier unter Menschen die Sie lieben und 
kennen zu leben. Dalton und Münchow^, auch Schlegel, 
sehe ich oft. Das Universitätsleben in Bonn ist ohne Ver- 
gleich angenehmer, als das in Jena, Göttingen und Halle, 
die Professoren sind freier, ihre Umgebung ist heiterer 
und alles noch im Werden, im Blühen, weil Vieles noch 
neu ist 

Mutter hat mir die erschienenen Bändchen Ihrer Werke 
mitgebracht. Ich genieße einer doppelten Freude, indem 
ich Unbekanntes für mich. Wohlbekanntes für die Mertens 
suche, die mein Vorlesen erfreut. Der alte Schaaft hausen, 
ihr Vater, hat ihr eine Art Bildung gegeben, die sie mehr 
mit den Alten als mit unseren Dichtern bekannt werden 
ließ; ein Aufenthalt in Italien und enger langer Umgang 
mit Wallraff begünstigten diese Richtung. Nun finde ich 



Goethe ak Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 71 

unerwartet das seltne Glück, einem ganz entwickeltem 
hbchstgebildeten Geiste manches in Ihren Schriften kennen 
zu lehren, und das unglaublich reiche Auffassungs- Vermögen, 
die Geistes-Arbeit, die mit Blitzesschnelle das Neue zum 
durch und durch Erkannten macht, gewähren mir um so 
mehr Genuß, da ich in meiner Muttersprache und meiner 
Landsmännin gegenüber des ri cht igen Verstehens sicher 
bin. Ich hoffe Ihnen einst diese Frau zu bringen, Heber 
Vater. Wir haben nichts, dem ich gerade sie vergleichen kann, 

obschon sie im Einzelnen oft an Ottilie mich mahnt 

Daß Tieck Sie gesehen und bei Ihnen war erfuhr ich durch 
AUwina 



14. 

Goethe an Adele. [5. Febr. 1829.] 

Die Künstlerin mit dem Kunstwerke ist schönstens 
willkommen, besonders wenn sie gegen zwey Uhr in der 
Einsiedelei eintreffen und daselbst ein frugales Mittagsmahl 
einnehmen wollte 

Weimar G 

den 5. Februar 
1829.' 

15- 

Adele an Goethe. Unkel, den i8ten July [1829] 

.... Dies wunderbare Wesen (Frau Mertens) entfaltet 
jetzt sich auf zweifache Weise so überreich, daß ich es nicht 
wohl zu vergleichen weiß, wenigstens nicht schriftlich. 
Während sie am Tage mit Schreiner, Schlosser, Wein- 
und Land-Bebauer, Vergolder, Tapezierer, kurz mit allen 
Handwerkern als tüchtiger Sachkenner und Berather um 
die Wette arbeitet, mit den feinen Händen ungeheure Lasten 
hebt und immer im Denken und Thun als Praktiker den 
Nagel auf den Kopf trifft, Hest sie abends mit der Mutter 
mythologische Schriften oder Uebersetzungen der Alten 
oder auch mit mir Ihre Werke. Mich freut bei letzteren 
das frische Auffassen und genaue Durchschauen, bei dem 



Die Adresse »Fräulein Adele Schopenhauer« eigenhändig. 



72 Neue Mittheilungen. 



Lesen des Horaz aber oder geschichtlicher Lateiner über- 
kommt mich ein ganz besonderes Vergnügen. Wie sich Ihre 
Iphigenie zu den alten Tragikern verhält, so möchte ich sagen 
verhält sich Sybillens Geist zu den alten Autoren und den 
neuen Gelehrten. Die Art, wie sie die Schönheit ergründet 
und auffindet, wo nur ihre Spur zu sehen, die Weise, mit 
welcher sie sie zurückgiebt, ja sie eigentlich lebendig zurück- 
strahlt, sind weder antik noch dem Lesen und Auffassen 
unserer Philologen oder Geschichtskundigen vergleichbar, 
aber ihnen doch analog. Ihr Geist steht »zwischen Beiden 
so zart, ein Mittelglied von eigner holder Art«. Sibylle liest 
anders als alle Frauen, die ich bisher dergleichen Sachen habe 
lesen sehen, man fühlt, daß sie von Jugend auf im Umgang 
geistreicher Männer, deren Anschauungsweise gesehen und 
eben genug davon angenommen hat, um nicht ihrer Eigen- 
thümhchkeit zu schaden. Dabei ist sie so ganz ohne 
Eitelkeit, hat ein so reines Vergnügen an diesem ernsten 
Treiben, als sonst Frauen zu haben nicht gegeben ist, 
denn unser Geschlecht wird sich etwas schwer selbst los. 
Geht es mir doch selbst so! Dann, damit ich Sibyllen 
treuer Ihnen zeichne, dann ist die Frau doch auch weder 
gelehrt noch pedantisch, — auch nicht einmal an das 
Sprechen über ihre Lieblinge gewöhnt, sie lebt zum ersten 
Male mit mir und der Mutter mit Menschen, welche ihre 
Interessen theilen und ihr ihre Vorzüge nicht verdenken. 
Natürlich giebt das den Worten eine Jugendfrische, die 
mich fortreißt. Allein lese ich nicht, mit ihr aber Vieles, 
was mir ehmahls ungenießbar war oder wovon mich Vossens 
schwerfälliges Deutsch verjagt hatte. . . . 

Unsere Geschäfte gehen herrhch. i. sind wir wegen 
Terra sigilata mit einem Herren in Xanten in Verbindung — 
2. bekommen Sie einen Abguß von dem großen antiken 
Medusenkopf. Die Stadt Köln wird Ihnen denselben 
schenken und die Abgüsse im Dom vom heiligen Königs- 
grabe werden auch eintreffen, obschon das Alles noch nicht 
gleich, letzteres aber bald. . . . 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 73 

16. 

Goethe an Adele. [5. Sept. 1829] 

Sie erhalten meine theure liebe Freundinn mit den 
Postwagen ein Kästchen worin Sie finden: zwey Zeich- 
nungen für Madame Mertens, welcher mich schönstens zu 
empfehlen bitte. Ein Kästchen mit Medaillen für den freund- 
lichen Geber; einige Muster von Chinesischen Farben. 
Sodann auch die Ansicht meines Hauses und Gartens, 
obgleich sehr prosaisch und imter der Wirkhchkeit gerathen. 

Noch einige einzelne Medaillen leg ich bey zu gefälliger 
Austheilung an Wohlwollende. Herr von Schlegel hat mir 
von einem anmuthigen geselligen Feste zu Godesberg ein 
freundliches poetisches Zeugniß übersendet; vielleicht ist 
es Ihnen auch schon zu Händen gekommen. 

Am 28. haben Sie uns meine Theuerste, wirklich 
gefehlt, ich wollte und wünschte nach meiner alten Art 
diesen Tag in stillem vorüberfließen lassen, das ging aber 
weniger als je, da ich denn alle Ursache hatte mich mancher 
anmuthigen freundfichen Gesichter und mancher schönen 
Gaben und Geschenke zu erfreuen. 

Noch etwas sehr Wunderbares ist mir in diesen Tagen 
zu Haus und Hof gekommen. Ein junger kräftiger franzö- 
sischer Bildhauer kommt an und wünscht meine Büste zu 
machen; er scheint so wacker ist so wohl empfohlen, 
geistreich und überredend daß ichs ihm nicht abschlagen 
kaiin. Ich sehe eine ungeheure Masse Thon zusammen- 
gebracht und aufgethürmt und, zu meiner nicht geringen 
Verwunderung, mein Bildniß in colossalen Verhältnissen 
heraussteigen. Glücklicherweise gelingt es ihm nach und 
nach dem Werke natürliches Ansehen zu geben, so daß 
jedermann damit zufrieden ist. Ich werde Ottilien ersuchen 
das Nähere zu melden und hoffe sie wird diesen Auftrag 
gern übernehmen, wie sie mir auch so eben verspricht. 

In. dem Kistchen war noch Platz und so hab ich noch 
einiges hinzugelegt irgend an theilnehmende Freunde zu 
verabreichen; ein paar Witterungshefte finden wohl irgend 
einen beobachtungs und betrachtungslustigen Freund. Hier 
nun muß ich schließen damit der Brief abgehe; Morgen 
Sonntags den 6. d. folgt das Kästchen. 



74 Neue Mittheilungen. 



Nun aber nach Allem wie vor Allem empfehlen Sie 
mich Ihrer theuren Frau Mutter und sagen mir ja bald daß 
sie sich jetzt in ihrer Wohnung behaglich findet; es ist 
dies um so wichtiger als sie wahrscheinlich, so wie uns, 
das Wetter unter Dach treibt. 

Lassen Sie mir bald von sich hören, senden Sie mir 
einiges ErfreuHche und Liebenswürdige; sagen Sie mir was 
Sie vielleicht wünschen denn ich möchte gern von Zeit zu 
Zeit eine gleiche Sendung vorbereiten. 

Tausend Grüße in die Nachbarschaft, an Herrn Boisseree, 
an Frau . . . .' und in Bonn an alle Wohlwollende. Sagen Sie 
mir auch wie Sie Sich auf den Winter einzurichten vorhaben. 
Mit den treusten Wünschen 
Weimar anhänglichst 

den 5. Septbr. JWv Goethe 

1829. 

17- 
Adele an Goethe. den 28ten August [bis 10. Sept. 1829.] 
Erst heute komme ich dazu, weiter zu schreiben. 
Seitdem ist Boisseree mit seiner Frau bei uns gewesen. 
Wir haben eine innere Gedankennachfeier Ihres Geburts- 
tages gehalten. Beide sind wir nicht bei dem großen Feste 
in Godesberg gewesen, Beide haben wir gewünscht, hier 
zusammenzukommen und Beide haben wir Noth mit 

Krankheit und Pflege, die uns getrennt hielten Ihr 

hiesiges Geburtfest war recht schön, Schlegels Verse ge- 
fallen mir sehr, es ist der alte Wohllaut drinnen, den ich 
später manchmal vermisste und überhaupt sind sie die besten, 
die ich in langer Zeit von den Ihnen zu Ehren Erschollenen 
kenne. Die Mutter fuhr nach Godesberg, und Ihre Büste, 
nehmlich die von Tieck, welche wir mit hergebracht wurde 
aufgestellt. Das freute mich nun sehr, besonders als die 
noch bekränzte Büste wiederkam. Nehmen wirs als gutes 
Omen, daß Sie einst so über den Rhein zu uns fahren! 
Ich halte meinen alten Plan noch immer fest! 

.... Auch die Einsamkeit hat geendet und der gesellige 
Gewinn, den uns Boisserees Nähe beut, ist bedeutend. Sein 



' Lücke! Mertens? Suphan. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 75 

Wohnsitz ist noch so v,'üst durch Entfernung der Eigener, 
dermaßen in Staub -Unordnung und sonstige Confusion 
gekommen, daß er erst nächstes Frühjahr festes Posto 
fasst. Den Herbst wartet er jedoch hier ab, beendet in 
München den Winter hindurch seine Geschäfte und kommt, 
sobald er kann zurück. Anfang November ziehen wir nach 
Bonn. 

den IG. 
. . . Denn mich trieb es Ihnen zu danken im Voraus für 
die so höchst erfreuUche Sendung, die OttiHens Brief 
andeutete und die ein später von Boisseree mitgeteiher 
sehr freundUch zum zweiten Male ankündete. Endlich 
sah ich in dem Briefe doch wieder Sie selbst, einzig lieber 
Vater. Ihre Güte für mich sprach so deutlich sich aus, 

ich kann Ihnen die Freude nicht beschreiben Aus 

Ihrem Briefe an B. ersah ich, daß ihn der Vergleich der 
beiden Wanderjahre beschäftigt hat wie uns. Mutter hat 
sie förmlich mit höchstemi Interesse, genau vergleichend, 
studiert, nachdem sie sie erst im Ganzen durchlesen, ich 
bin jetzt darüber. Außer ein paar Novellen hat sie noch 
nichts hier gearbeitet. Jetzt schreibt sie an der «Reise 
durch die Niederlande«. 

18. 

Adele an Goethe. Bonn den 3/1 30. 

.... Es macht mir eine ganz sonderbare rührende 
Freude zu sehen, in welcher Art hier in Bonn Ihr und 
Schillers Briefwechsel so lebendig eingreift in das Gegen- 
wärtige. Die Leute sind hier so allgemein damit beschäftigt, 
mit den Details so genau bekannt, das Einzelne der da- 
maligen Interessen tritt wieder so gegenwärtig nah und 
weckt eine solche Menge Gedanken in diesen Männern, daß 
ich mir gestehen muß, noch nichts Ähnhches erfahren zu 
haben. Denn in unserm weimarischen Kreise war mehr 
Enthusiasmus als Interesse und war einmal ein solches 
lebendiges Ergreifen da, so geschah dies dem Einzelnen 
aber nicht im Allgemeinen. Oder ein Mensch, der neu 
und begeisternd die Gefühle aufreizt, erweckte diesen En- 



7^ Neue Mittheilungen. 

thusiasmus, es war nicht diese jugendfrische und doch 
ernste Theilnahme an dem Gange fremder Ideen, sondern 
Vorliebe für ein einzelnes Talent oder für eine Persönlich- 
keit. Ich bin überzeugt, Sie würden Freude daran haben. 
Närrisch genug schließen sich nun Jean Pauls Briefe an. 
Sie dienen hie und da zu Belegen und werden gelesen 
aber nicht günstig beurtheilt, wie das dem oben Gesagten 
nach von selbst einleuchtet. 

Sollte ich nicht ein heimHches Tedeum singen, daß 
mich der Herr vor aller Indiscretion bewahrt hat in Hin- 
sicht Schlegels? Warum Sie ihm nichts schrieben auf 
sein Geburtstagslied, begreife ich sehr genau, lasse das 
beruhen und erzähle nur, wie Schlegel sich wenigstens in 
Betreff dieser Geschichte sehr fein genommen hat. Er hat 
nehmlich mit einem recht artigen Scherze (ehe noch irgend 
die letzten Bände Ihres Briefwechsels erschienen hier in 
der Stadt) sich eines der Exemplare der erneurten Geburts- 
tagslieder erbeten von mir. Denn ich hatte einem guten 
Zuträger mitgetheilt, ich würde Schlegeln keines anbieten, 
da er Ihre Handschrift hätte, und da ich keinen besondern 
Auftrag hätte, so unterstände ich mich dergleichen nicht; 
verstehen Sie wohl, aus Artigkeit, um Schlegeln nicht mit 
den andern in eine Klasse zu setzen. Worauf er denn nachher 
es sich ausbat als ein schätzenswerthes Andenken an den 
Tag. Daß Schlegel den Briefwechsel liest, weiß ich, daß 
für ihn der Moment, in welchem er erscheint, gerade nach- 
dem man hier Ihr Verhältniß zu ihm als völlig hergestellt 
betrachtete, in Verlegenheit setzt, ist wohl klar, doch hat 
er nie eine ungünstige, nie auch nur die leiseste Äußerung 
gegen Sie sich erlaubt, wie Alle sagen. Gegen Schiller 
scheint er gereitzt, man spricht von Briefen Schillers, die 
Er drucken lassen will, man hat ihm jedoch abgerathen 
von mehreren Seiten. Natürlich halten wir uns sehr still und 
vorsichtig. Schlegel hat hier ohnedies einen harten Stand, 
man ist fast allgemein gegen ihn eingenommen seiner oft 
verletzenden Eitelkeit wegen. Einzelne sind ihm dagegen 
sehr zugethan. Wir selbst stehen auf recht freundhchem 
Fuße zusammen, werden seine Vorlesungen »über Ge- 
schichte deutscher Litteratur« mithören, w^as ohnehin die 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 77 

halbe Stadt thut, und er gefällt mir weit besser als sonst. 
Erstlich erzählt er in Gesellschaften oft sehr angenehm, 
besonders Geschichten die auf der schmalen Linie des An- 
standes stehen und noch habe ich sie nicht von ihm über- 
schreiten sehen. Dann aber interessiert mich noch Vieles, 
was ich bei ihm sehe und besonders die Art, wie er über 
Frau von Stael spricht. Bekanntlich, lieber Vater, bin ich 
ein Frauenzimmer, demnach freut mich treue Verehrung 
eines berühmten Mannes, wenn sie auch nicht mir gilt 

Was mir Ihr Briefwechsel mit Schiller war, was er 
wachrief und wirkte, könnte ich vielleicht Ihnen sagen, 
weil mir Ihr Auge hilft, aber ich kann es nicht schreiben. 
Abgesehen von allem Übrigen ist dies Ihr geistiges Zu- 
sammenwirken- und Leben für mich eine Beruhigung, die 
mir das Leben überhaupt lieber macht. Es ist mir trotz 
aller Freundschaft, die ich gefunden, oft sehr schwer ge- 
worden, mein Wesen so allein still für mich hinzutreiben, 
so ists eine besondere Wohlthat zu sehen, wie hie und da 
den höheren Naturen auch das höhere Glück zu theil wird. 
Mir ist manches Beispiel bekannt von befreundeten aus- 
gezeichneten Männern, welche gemeinschaftlich ein und 
dasselbe Werk betrieben, keines aber von zwei Freun- 
den, die wie Sie Beide an ganz verschiednen Productionen 
arbeitend, einander fortdauernd fördernd zur Seite gestan- 
den und so Einer auf des Andern Schöpfung eingewirkt 
hätten. . . 

Von Nees werden Sie wohl bereits wissen, daß er 
nach einer 26jährigen Ehe mit einer ebenfalls 20 Jahre lang 
verheiratheten Frau von 45 Jahren durchgegangen ist. Er 
ist jetzt in Breslau angestellt, betreibt die Scheidung hier. 
Diese aber kann nach französischen Gesetzen nach fünf- 
undzwanzigjähriger Ehe gar nicht stattfinden. Demnach 
wird er in Preußen dort bei oder in Breslau geschieden 
werden, dort dann die Professorin Hüllmann heirathen, 
kehrt er aber je hierher zurück, so ist er hier nicht ge- 
schieden und seine hiesige Ehe gültig. Dies ist die 3^6 Frau, 
die Nees entführt hat, auch seine hiesige Frau hat er gegen 
Willen der Eltern geheirathet und hat auch sie entführen 
wollen. Er muß mit einer besondern Anlage dazu geboren 



78 Neue Mittheilungen. 



sein. Indessen ist die Sache so kurios, daß man sie nicht 
beurtheilen kann. Die hiesige Frau ist hcäßlich aber gescheut, 
etwas schwärmerisch und ohne Grazie, aber allgemein be- 
achtet und bedauert. Hüllmann dagegen würde jeden Moment 
seine Davongelaufene wiedernehmen und bedauert nur, 
ihren Aufenthalt nicht zu wissen, weil er ihr so gern Geld 
schicken möchte, Nees ist 56 Jahre alt — seine Schönheit 
kennen Sie. Hüllmann habe ich noch nicht kennen gelernt, 
er ist hier Professor, . , 

19- 

Goeihe an Adele. [16 Jan, 1830] 

Das Medusenhaupt ist glücklich angekommen, alles 
Dankes werth, deshalb, vor allen Dingen, das Verbindlichste 
dem Zeichner und der Vermittlerin, 

Nun aber zuvörderst sey von Ihrem lieben Schreiben 
die Rede, auf welches ich erwiedern möchte : Wenn Sie, 
meine Gute, auch eine Zeit lang nichts unmittelbar von 
mir erhalten, so denken Sie nur immer, ich sey beschäfftigt 
mit etwas das Ihnen zunächst Freude machen werde. 
Meine Wirkung in die Ferne ging in der letzten Zeit 
manchmal nicht hinauf in die Mansarde; ich mußte mich 
mit dem Blick in einen beschneiten Garten, aus einer 
warmen Stube begnügen, wenn ich mir selbst leben und 
mein Geschafft einigermaßen vorwärts schieben wollte. 

In obigem Sinne nun mögt ich Sie gern an den 
29, Band meiner Werke anweisen, wovon ich mit der 
entschiedensten Wahrheit sagen kann: daß ich an alle 
meine Freunde der Reihe nach, auch an Sie und Ihre liebe 
Frau Mutter gedacht, als zu denjenigen gehörend denen 
man einen Antheil an allem Guten und Edlen, auch an 
jedem sinnigem Streben mit Sicherheit zutrauen darf. 

Wenn Sie mir nun freundlich melden von den günstigen 
Wirkungen des, nicht ohne BedenkHchkeit herausgegebenen 
Briefwechsels, ist es mir höchst willkommen, denn es 
bestärkt mich im Glauben : gerade diese Mittheilung werde 
einen freien, wohldenkenden Geist, wenn er sie mit anderen 
gleichzeitigen Vertraulichkeiten, wie Freunde sich einander 
offenbarten vergleicht, ganz gewiß einen schönen Aufschluß 



Goethe an' Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 79 

über die Innern ethischen Verhältnisse unseres Literar- 
Wesens, aus welchem so manches Löbliche hervorgegangen, 
sich zu gewinnen in den Stand setzen. 

Daß etwas für unsern Freund von Schlegel Bedenkliches 
darin möchte enthalten seyn, wüßte ich mich nicht zu 
erinnern. Seit dem Druck hab' ich die Briefe nicht wieder 
angesehn, ja, seit der, vor Jahren durchgeführten Redaction, 
niemals ganz durchaus gelesen. So viel aber weis ich recht 
gut: daß ich Schillern oft zu beschwichtigen hatte, wenn 
von den talentvollen Brüdern die Rede war; er wollte leben 
und wirken, deshalb nahm er es vielleicht zu empfindlich 
wenn ihm etwas in den Weg gelegt wurde, woran es denn 
die geistreichen jungen Männer mitunter nicht fehlen ließen. 

Ich kehre nun zu meinem Anfange zurück und wieder- 
hole den lebhaftesten Dank für die Zeichnung der Maske. 
Unser Künstler hat sich als einen solchen bew^ährt, der 
Charakter und Styl des Alterthums zu empfinden und 
wiederzugeben w^eiß. Die Vergleichung mit der Medusa 
Rodanini ist höchstwächtig, der Mund, auf den soviel an- 
kommt, höchst übereinstimmend und so wie diese Nach- 
bildung vor mir liegt, kann sie uns völlig den Begriff des 
Originals überliefern. 

Sollte es jedoch ohne dortige' große Unstatten und 
disseitige bedeutende Kosten, geschehen können, daß ein 
Abguß besorgt und hierher gesendet würde; so sollte er 
mir und den Kunstfreunden des mittlem Deutschlands 
höchst angenehm seyn. Sie schreiben ja wohl etwas Näheres 
drüber und empfehlen mich den dort Mitwirkenden zum 
allerschönsten. Auch Ihrer Frau Mutter Glück und Heiterkeit 
zu anmuthigen Productionen! 

Den noch übrig gebhebenen Raum will ich benutzen 
um meine Verw'underung auszudrücken über den Jugend- 
streich unsres Herrn Präsidenten. Alter schützt vor Thorheit 
nicht und die Wissenschaften also auch nicht. Wir andern 
die in Ausübung mancher Thorheit alt geworden, dürfen 
freylich den ersten Stein nicht aufheben und uns nicht 
vermessen, wenn wir das Glück hatten wohlfeiler davon 



' »dortige« über der Zeile. 



8o Neue Mittheilungen. 



ZU kommen. Doch ist dieser Fall ein bischen gar zu arg, 
und man wüßte nicht was da herauskommen sollte, wenn 
nicht in dieser leichtfertigen Welt das Allerbedeutendste 
im nächsten Augenblick zu Nichts würde. 

Da, wie ich höre, Professor Walther in Bonn bleibt, 
so ist der Akademie allerdings Glück zu wünschen, doch 
betrübt es mich für meinen guten König von Bayern, der 
eines tüchtigen und sorgsamen Artztes wirkHch bedarf 
Halten Sie Sich gut meine Liebe, schreiben Sie bald, damit 
auch ich zur Erwiederung angeregt werde. 

Lassen Sie uns bald die Früchte Ihrer geistreich 
fleißigen Stunden in unseren Kreise erblicken. 

Weimar den i6. Jan. treu angehörig 

1830. JWvGoethe 

20. 
Adele an Goethe. Unkel a/Rhein, den 9ten 6 30. 

Eine gar schöne Erfüllung Ihres Versprechens, 

den fernlebenden Freunden nah zu treten, haben Sie im 
29ten Bande Ihrer Schriften gegeben. Wir lasen ihn ge- 
meinschaftlich im Kränzchen, von welchem ich schon 
früher Ihnen erzählte. Es war ungemein lebendig in und 
um uns wie in dem Buche selbst! Bald wurde D'Alton 
laut und hatte dieses Bild, jenes Gebäude, den Menschen 
wohl gekannt, es ward sogleich eine alte Erinnerung und 
neue Erzählung eingeschoben. Bald hatte die Mutter Ein- 
zelnes mit Ihnen Erlebtes einzuweben oder Münchow blitzte 
mit seinem Eifer durch seinen Vortrag, um eine Bemer- 
kung zu machen. Er las außerordentlich gut. Näken, Ihr 
enthusiastischer Verehrer, wurde, wenn er kam, nicht fertig, 
und wir mußten ihm zugestehen, daß er einer allgegen- 
wärtigen Einzelnes und Allgemeines gleich beachtenden 
Aufmerksamkeit unter uns am fähigsten sei. Kurz es waren 
schöne Stunden und wirkte lebhaftes Gedenken durch die 
Weite, Sie müßten eine Art Mitempfindung davon gehabt 
haben. 

Schlegel schloß seine Vorlesungen klug, indem er 
sich verspätete und von Schillern wenig sagte. Er kam 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 8i 

nachher zu uns und ließ sich loben. Die Schillerschen 
Briefe sollen gedruckt werden. D'Alton meint, was er 
davon gelesen, sei interessant und könne keine üble Wirkung 
machen. Es ist momentan keine Rede davon. . . 

21. 

Goethe an Adele. [14 Dez. 1B30] 

Herr Professor Goldfuß zu Bonn, sandte mir vor einigen 
Jahren eine kleine Schrift worin er die verschiedenen 
Methoden zusammenstellte und ins Klare setzte, nach 
welchen man das Pflanzenreich zu ordnen und zu syste- 
matisiren in der neuern Zeit versucht hatte. Dieses Werk- 
leins bedarf ich nun grade in diesem Augenblick und es 
findet sich leider unter meinen Papieren nicht mehr, wie es 
wohl manchmal mit größeren und kleinern Bänden geschieht. 

Unglücklicher Weise ist mir auch der Titel entfallen, 
deshalb ich im Buchhandel nicht nachkommen kann. Wahr- 
scheinHch ist es in Eduard Webers Verlag erschienen, 
welcher die Verhandlungen der Naturforscher in Commission 
hat. Sollten Sie jedoch mit HE. Prof. Goldfuß oder einen 
seiner Freunde in Verhältniß stehen, so gelingt es Ihnen 
ja wohl von diesem theuern Manne mir ein zweytes 
Exemplar zu verschaffen, welches ich dankbarlichst erkennen 
werde. Oft ruht jahrelang ein Studium bey mir und dann 
tritt es auf einmal mit allen seinen Bedürfnissen wieder hervor. 

Ottilie schreibt und Sie werden daher mit unsern 
Weimarischen Zuständen genugsam für diesmal bekannt 
werden. Von mir sag' ich nur soviel: daß ich, nach großem 
Verlust und bedeutender Lebensgefahr, mich wieder auf 
die Füße gerichtet und den Kopf aufrecht erhalten habe. 
Ihrer Frau Mutter und dortigen werthen Freunden die 
treuhchsten schönsten Grüße. 

Wenden Sie auch ein Stündchen wieder ein- 
mal an den Alten. ' 

Weimar G 

den 14. Dec. 
1830. 



' verschrieben: Aten 

G0LTHE-Ja.hr BUCH XIX. 



82 Neue Mittheilungen. 



22. 

Adele an Goethe. Bonn, d. 23ten Dez. [1830] 

Wie sehr, theurer Vater, danke ich Ihnen die freund- 
Uchen gütigen Worte, besonders die welche Ihre eigene 
gehebte Hand niederschrieb; wie wohl that es mir, Sie 
nach so schwerem Leiden wieder so kräftig, ich möchte 
wohl sagen, so jung zu sehen; Sie geben uns Jüngeren 
die schönste Lehre! .... 

Im Allgemeinen lebt Jeder stark besorgt von heute 
auf morgen. Die politischen raschen Ereignisse nehmen 
jedes Gefühl und jedes Interesse gewaltsam in Anspruch, 
die Ansichten sind bei diesen aus allen Weltgegenden zu- 
sammengewürfelten Leuten höchst verschieden. Zum Glück 
sind die meisten Epicuräer, das hält sie ruhig. Niebuhr 
läßt sich von seiner Frau zu einigen sonderbaren Dingen 
verleiten, wie zum Beispiel seine Erklärung in allen Zei- 
tungen, »daß er Potter nicht gekannt« ferner ein unge- 
heures Lamento und Racherufen gegen ein Pasquill, was 
weder bedeutend noch witzig war und am Lehrsaal der 
Studenten angeschlagen vv^ar. Schlegel hält sich still, ist 
fleißig und macht, wo er kann, die Cour. Seine Vorliebe 
für Tieck hat etwas Rührendes, er liebt ihn so sehr, daß 
er kein Urtheil mehr hat. Tieck hat eine Novelle ge- 
schrieben, welche Shakespeares Leben schildert, die uns 
Allen mißfällt, Schlegel aber ist entzückt und spricht mit 
allen Menschen davon. . . , 



23. 
Goethe an Adele. [10 Jan. 183 ij 

Ihre Sendung, theuerste Freundin, war so ausgesucht in- 
teressant daß ich eile Ihnen dafür den schönsten Dank zu sagen. 

Ihre allerliebste ländliche Wohnung ward, den Rhein 
im Zwischengrunde gedacht, Ihren Freunde höchst anmuthig. 
Sagen Sie mir, wer ist die geschickte Hand, die uns 
Entfernten eine solche Umgebung vor die Augen bringen 
konnte.? Empfehlen Sie mich Ihrer lieben Frau Mutter und 
bringen, wenn die immer lebendige Vegetation sich wdeder 
hervorthut, heitere Tage in so glückhcher Umgebung. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 83 



Daß Sie mir, ein, gewiß seltenes Werk, auf die 
Geschichte und den ehemaHgen Zustand der heil, drey 
Königsreste bezüglich verschaffen und verehren wollen, 
hab' ich vorzüglichst anzuerkennen. Hier sind, das' Uebrige 
alles nicht erwähnt, 226. geschnittene Steine hinreichend 
gut abgebildet; Schwefelabgüsse davon besitz ich 156, Stück, 
welche ich also mit den Abbildungen genau vergleichen 
kann. Vielleicht gelingt es Ihnen einzelne Abgüsse, die 
gewiß in Colin noch hie und da umherschweben, zu 
erlangen, so geschähe mir durch das Geringste ein be- 
sonderer Gefalle. Besonders aber v/enn von den beyden 
großen Steinen No. 121. und 155., welche von besonderer 
Bedeutung und leider in meiner Sammlung zerbrochen 
sind, vielleicht eine Wiederholung gefunden würde. 

Unser August ist nicht wieder gekommen. Wenn Geist 
und Character der Hinterbliebenen wie man fordert, solchen 
Fällen gewachsen seyn sollen, so muß der Körper sich 
dabey ganz natürlich betragen und bey einer sittlichen Krise 
zu seiner Erhaltung eine physische erfolgen lassen. Und 
so war ich denn, meine Gute, dem äußern Anschein nach, 
schon mit den Fußzehen im Flusse des Vergessens, sollte 
aber diesmal doch die Barke nicht erreichen. Hierauf denn 
bleibt mir nichts übrig als von vorn anzufangen und die 
mißliche Rolle eines deutschen Hausvaters zu spielen; zwar, 
wie ich dankbar anerkennen muß, unter den günstigsten 
äußeren Umständen. 

Entschuldigen Sie mich ja bey Herrn Goldfuß, der- 
gleichen Gedächtniß- Verirrungen und Verwechselungen 
kommen wohl einmal vor; Wohlwollende werden Sie ver- 
zeihen. Sehr angenehm war mirs eine kleine Schrift, die 
ich schon durch unsern Präsidenten erhalten hatte bey diesen 
Anlaß nochmals zu vergnüglicher Belehrung durchzulesen. 

Eben als ich schließen will stockt mir die Rede. Ich 
kann nicht ausdrucken wie mich das Hinscheiden unsres 
Niebuhrs angegriffen hat. Eben wollt ich Ihnen die freund- 
lichsten Grüße an denselben auftragen. Vor drey Wochen 
erhielt ich einen treuen, verständig-w^ohlwoUenden, beleh- 



' Im Oriofinal ist »das« wiederholt. 



84 Neue Mittheilungen. 



renden Brief von ihn und habe mich tagtägHch mit dem 
zweyten Theil römischer Geschichte neuster Ausgabe 
beschäftigt, und, in anhaltendem geistigen Gespräch mit 
ihm, einen Brief, den ich an ihn senden wollte, vorbereitet. 
Nun muß ich das für mich allein durcharbeiten und das ist eine 
leidige Zugabe, die mir eben jetzt sehr ungelegen kommt. 

Möge es unter uns noch lange beym Alten 
bleiben. 

Weimar 
den 10. Jan. JWvGoethe 

1831. 

24. 
Goethe an Adele. [30 Juni 183 1] 

Mein liebes Adelchen! danke fürs trauliche Briefchen, 
worauf ich alsobald vermelde: daß das, bisher in Unent- 
schlossenheit stockende Gemälde, heute an die gegebene 
Addresse nach Frankfurt abgegangen ist. Nachge[p]flogenem 
Rath, mit Verständigen der Kunst und Technik, ward 
solches von dem Blendrahmen abgezweckt, rückwärts in 
sich selbst gerollt, und in einen viereckten langen Kasten 
eingeschoben. 

Nun muß ich aber bemerken: w^enn es ankommt ist 
das obere und untere Deckelchen aufzubrechen, da wird 
man finden daß der Saum des Gemäldes mit Nägelchen 
an die Kiste befestigt sey, ' die Nägelchen muß man sorg- 
fältig herausziehen, da denn das Bild ohne Weiteres sich" 
wird herausnehmen lassen. Es ist wirklich recht schätzbar 
und wird vielleicht am Rheine nach Würden geachtet. 

Und somit wollte ich meiner lieben Freundin beweisen : 
daß ich sehr gern nach Ihrem Wunsch etwas ausrichte. 

Was die Kupferstiche betrifft, so lassen Sie solche in 
ein tüchtiges Portefeuille, oder zwischen starke Pappen, 
einpacken und schicken mir solche unfrankirt, durch den 
Postwagen. Bey dem Anschauen derselben wird sich um 
so leichter aussprechen lassen, was man allenfalls dafür 
zahlte, da uns die neusten Auctions Catalogen mit Preisen 

' »sey« eigenhändig über der Zeile. 
' »sich« eigenhändig über der Zeile. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 85 

zu Händen sind; auch könnte man das allenfalls dagegen 
Anzubietende gleicherweise schätzen; denn Kupfer und 
Zeichnungen lassen sich unbesehens nicht taxiren. 

An unsrer kleinen Haushaltung ist nichts auszusetzen, 
als daß Ottilie immer leidend ist; wie sie sich aber auf 
ihre Füßchen stellt, ist sie gleich wieder bey der Hand. 
Die Kinder sind allerhebst. Alles andere hat sich, mit 
einiger Vernunft, so hübsch gefügt, daß wir mit dem 
häuslichen Gange unsrer Tage recht wohl zufrieden seyn 
können. Vielleicht wären wir über manches geschwinder 
hinausgekommen, wenn Sie uns mit Ihrer Gegenwart 
begünstigt hätten. 

Wo Sie auch seyn mögen gelinge es Ihnen wie Sie 
es verdienen. Freunde und Theilnehmende finden Sie 
gewiß überall, nur daß man, mit neuen erfreulichen Be- 
zügen auch neue Leiden übernimmt. 

Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mutter zum aller- 
schönsten. Möge die Lebhaftigkeit Ihres Geistes Sie überall 
hinbegleiten. Dießmal denk ich Sie auf Ihrem Vorgebirg im 
Rhein und schließe mit den treusten Wünschen für Ihr Wohl 
und mit der Versicherung unverbrüchlicher Theilnahme. 

Weimar 
den 30. Juni. unwandelbar 

1831. JWvGoethe 

25. 

Goethe an Adele. [19. Sept. 183 1]. 

Ich will nicht länger anstehen zu vermelden daß die 
französische Uebersetzung des bedeutenden Werks über 
den Schatz der drey Könige glücklich angekommen, 
zugleich mit den eingelegten Abdrücken einiger Kupfer- 
stiche von Lucas von Leiden. 

Wie ich nun für Mittheilung des Ersteren den schönsten 
Dank sage, so werde ich wohl bey Rücksendung desselben 
auch genannte Kupfer mit einschließen. Ich würde es nicht 
thun und vielleicht etwas Angenehmes dagegen senden; 
weil aber der Besitzer einen besondern Werth darauf zu 
legen scheint, so möchte bey dem besten Willen meine 
Gegengabe zu kurz fallen. Denn für einen eigenthchen 



Neue Mittheilungen. 



Liebhaber sind diese Blätter von wenigem Wertli; schwache 
Abdrücke und nicht einmal gut gehalten; man hätte keine 
Ehre davon beym Vorzeigen an Kenner, wenn man sich 
auch selbst wohl damit begnügen wollte. 

Verzeihen Sie diese aufrichtige Erklärung warum soll 
man in solchen Fällen nicht sagen wie die Sache beschaffen 
ist. Erzählen Sie mir viel von Sich und der Frau Mutter, 
hiezu will ich Sie aufmuntern, indem ich von mir vermelde: 
daß ich sechs Tage auswärts war, in Ilmenau, bey einem 
außerordentUch schönen, dieses Jahr seltenen Wetter. 
Dort befuhr ich auf neuerrichteten Chausseen, die sonst 
kaum gehbaren Wege, freute mich an den Lindenalleen, 
bey deren Pflanzungen ich vor 50. Jahren zugegen war. 
Gute damalige Zeitgenossen hatten gealtert, die Spuren 
mancher Thätigkeit waren verschwunden, anderes, weder 
zu Erwartendes, noch zu Ahnendes hatte sich entfaltet. 
Genug! das alles war, durch einen leidlichen Wettlauf, 
von gescheiten und klugen Menschen, recht hübsch geordnet 
ins Leben geführt und wohlerhalten. Besonders erfreuen 
die hundertjährigen Fichtenwände, schwarz grün und düster, 
von der heitersten Mittagssonne kaum Notiz nehmend. 
In einiger Entfernung, junge, von allen Jahren heranwach- 
sende Reviere, welche ihr helles Gelbgrün, auch bey trüben 
Himmel, unsern Augen entgegen zu schicken nicht versagen. 

Hab' ich Sie nun einen Augenblick in das mittellän- 
disch[s]te Mittelland gerufen, so besuche ich Sie nunmehr in 
Gedanken am hellen Rhein, wo Sie gewiß mit einigen 
Zwiespalt in sich selbst sind: ob es wohl räthHch sey 
gegen Nordosten zu ziehen? wo die asiatische Hyäne uns 
täglich näher die gräßUchen Zähne weist. 

Hier kann niemand dem Andern rathen; beschließe 
was zu thun ist jeder bey sich. Im Islam leben wir alle, 
unter welcher Form wir uns auch Muth machen. 

Mir geht es ganz gut; OttiHe und die Kinder sind 
allerliebst und die vielen Fremden die bey mir vorbey- 
gehen, machen mir den umgekehrten optischen Betrug als 
wenn ich mich selbst vom Platz bewegte. 

Gar vieles wäre zu sagen; doch sey es für dießmal 
genug hinzuzufügen: daß ein höchst vorzügUcher Mann, 



Goethe ax Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 87 

einer meiner geprüftesten Freunde und Mitarbeiter der 
Ober Geh. Regierungs Rath Schul^ sich von Wetzlar nach 
Bonn versetzt. Möge das ewige Gesetz der sittlichen 
Wahlverwandtschaften auch Sie mit dieser werthen Familie 
zusammenbringen. 

und so fortan! 
Weimar treulichst 

den 19. Sept. Goethe 

1831. 



Die Briefe Adelens ' sind theils auf Quartblätter, theils auf 
Octav sehr deutlich geschrieben; Adresse, wenn erhalten, 
»Ihro Excellenz Herrn Staatsminister und Geheime Rath von 
Göthe Weimar«. Im Ganzen sind 29 Briefe und Billete er- 
halten, von denen 12 und zwar: 

Weimar, d. 9. Aug. 1820, [Weimar] Mitte Sept. 1820, 

[Weimar] Oct. 1821, Wiesbaden, Mai 1826, Juni 1826, 

Sept. 1826, I. Jan, 1827, Cöln, 2. März 1828, Godesberg, 

October 1828, November 1828, Jan./Febr. 1829, Februar 

1829, 

aus den Quartalsheften, mir in Abschrift, die übrigen 17, 

Weimar undat. mit „Blättern" vielleicht d. 6, die über Steffens 

Novellen handeln, vgl. u., 26. Sept. 1820, Wiesbaden, 9. Aug. 

1824, 28. Aug. 1824, Cöln, IG. Novemb. 1827, 25. Dec. 1827, 

Godesberg, 15. Mai 1828, 14. Juli 1828, Unkel, i8. Juli 182S, 

28. Aug. bis IG. Sept. 1829, 30. Sept. 1829, Bonn, 3. Januar 

183G, Unke], 9. Juni 1830. Bonn, 17. Dec. 1830, 23. Dec. 

1830, Unkel, 29. Juni 1831, 25. August 1831, 

mir im Original vorgelegen haben. — Die Daten der undatirten 

Briefe sind von Suphan ergänzt. — Bei den einzelnen Briefen 

Goethes ist das Nöthige über Autograph vermerkt; diese Briefe 

sind zusammengeheftet. Auf dem Umschlag, von Wolfgang, 

dem Enkel, der Vermerk: »angekauft von Ottilie von Goethe 

1864«. Die Briefe Goethes sind buchstäblich genau abgedruckt. 

Den Briefen Adelens gegenüber verfuhr ich freier. Ich moderni- 

sirte durchweg die Interpunktion. Ihre Wortformen und Sprach- 



' Zur Erklärung sind besonders häufig benutzt Düntier = Goethes 
Beziehung zu Johanna Schopenhauer und ihren Kindern in: Abhand- 
lungen zu Goethes Leben und Werken I, Leipzig 1885, S. 115 — 211. 
Hüffer = H.: Goethe und Adele Schopenhauer in G.-J. XIV, 154—160. 
Boisseree oder S. B. = Sulpiz Boisseree, 2 Bände, Stuttgart 1862. Hin- 
weise B. Suphans sind dankbar benutzt; freundliche Mittheilungen 
empfing ich von C. Ruland, E. Grisebach und der Bonner Universitäts- 
bibliotnek. 



Neue Mittheilukgen. 



fehler behielt ich bei, auch grundsätzliche Schreibung wie : 
hohle, Mahle, dagegen glaubte ich nicht ihre Auslassung von 
Doppelconsonanten, ihr y für i, ihre Theilung zusammenge- 
höriger Worte : Reise Begebnisse u. a. wahren zu müssen. Nur 
der erste Brief ist genau nach der Vorlage abgedruckt, um 
eine Vorstellung von ihrer Schreibart zu geben. 

Die im Vorstehenden mitgetheilten Briefe waren bisher 
nicht völlig unbekannt. Auszüge aus vier Briefen Goethes, 
1825, 30, 31 sind bei Strehlke, Goethes Briefe II, 195 — 197, 
nach Abschriften, die der Kanzler Müller von den Concepten 
hatte nehmen lassen, gedruckt. Auch von diesen Briefen gibt 
unser Text zuerst die authentische Gestalt. Jene vier Briefe 
sind von Düntzer benutzt und zum großen Theil wiederholt. 
Eine wichtige Stelle Adelens an Goethe über ihren Bruder, 
aus dem Briefe vom 28. August 1824 ist bei Schemann, 
Schopenhauers Briefe, Leipzig 1893, S. 497 veröffentlicht, vgl. 
G.-J. XV, 324. Doch konnten diese Stücke selbstverständlich 
in unserer Publikation nicht fehlen, die somit alles Bekannte 
und Unbekannte aus dieser Correspondenz beibringt , die 
sämmtlichen Briefe Goethes dem Wortlaute nach mittheilt, 
die Briefe Adelens wenigstens alle analysirt. 

Goethes Verkehr mit Johanna Schopenhauer, geborene 
Trosiener aus Danzig, geb. am 9. Juli 1766, gest. am 16. April 
1838, und ihrer Tochter Adele, geb. d. 12. Juni 1797, un- 
vermählt gestorben am 25. August 1849, der Mutter und 
Schwester des berühmten Philosophen, ist im Goethe-Jahr- 
buche schon einmal durch H. Hüffer, Bd. XIV, S. 154 — 160 
beleuchtet worden. Die Mittheilungen dieser fleißigen und 
geschmackvollen Arbeit sollen hier nicht wiederholt werden, 
sondern auf Grund dieser und der Düntzerschen Darstellung 
nur ganz kurz an Weniges erinnert, über Adele Einiges aus 
neuerschlossenen Quellen beigebracht werden. 

Johanna, die ihren Gatten, mit dem sie seit 16. Mai 1785 
(Nachweis E. Grisebachs in: Schopenhauer, Geschichte seines 
Lebens S. 10, 277) vermählt gewesen war, 1805 verloren hatte, 
war am 14. Mai 1806 nach Weimar gekommen, hatte dort ver- 
möge ihres Reichthums, ihrer Manieren und ihres Geschmackes 
eine für den kleinen Ort ungewohnte bürgerliche Gesellschaft 
geschaffen und war auch Goethe näher getreten, der gern in 
ihren Abendzirkeln erschien. Adele, die bei der Uebersiedelung 
der Mutter nach Weimar ein Kind war, wuchs in diesen geistig 
und künstlerisch belebten Kreisen auf. Sie war nicht schön, aber 
sinnig und kunstbegabt: Ihr musikalisches Verständniß, ihre 
volle Stimme, ihre malerische Befähigung und ihre Geschicklich- 
keit, aus schwarzem Papier Landschaften und Figuren auszu- 
schneiden, gewannen ihr Freunde. Diese Kunstfertigkeit wurde, 
wie Suphan bemerkt, von Goethe, ohne Nennung des Mädchens 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 89 

gerühmt im Aufsatz »Charon« (Hempel 28, 577, Kürschner, 
D. N. L. [A. G. Meyer und Witkowski] 30, 519) »einer mit 
Geschmack und Kunstfertigkeit begabten Dame« ; »Adelens 
Kleckse« werden auch freundlich in dem Gedichte an Rösel 
(W. A. IV, 144) erwähnt; ob auch das Gedicht W. A. 4, S. 52, 
Nr. 65 an sie gerichtet ist? Auch Ernst Förster gegen- 
über rühmte Goethe 1825 (Gespräche V, 252) die »kunst- 
reichen Papierausschneidereien« und »ging sie einzeln unter 
Beachtung jeder Kleinigkeit daran durch«. (Vgl. auch die 
Aeusserung Arthur Schopenhauers G.-J. IX, 72.) 

Namentlich Goethes Tagebuch weiß von dieser künstle- 
rischen Thätigkeit Adelens und ihrer Beachtung durch Goethe 
Manches zu melden. Von Adele heißt es: »1820, 8. März: An- 
kunft der ausgeschnittenen Tischplatte ; Juli 24: Zeichnungen 
und Anderes vorweisend; Dez. 27: wegen des verzierten Käst- 
chens; 1821, Jan. 31: das Ausgeschnittene bringend; 1823, 
Febr. 8: Blumenkranz vorweisend; 1824, März 10: welche 
Blumen und Verschiedenes vorzeigte, auch Einiges zum Co- 
piren aussuchte«. 

Doch handelt es sich bei Adele nicht blos um die 
Künstlerin. Sie war ein junges Mädchen das Eindruck machte. 
Ihr widmete Pückler-Muskau folgende Zeilen:' 

»Diese Unbefangenheit des Gemüthes, diese Naivetät bei 
so — ich möchte sagen — fast schauerlicher Tiefe, diese 
natürliche Gewandheit im Umgange bei der Einbildungskraft, 
diese stille Herrschaft über sich selbst bei der bewunderungs- 
würdigsten Leichtigkeit sich jedes Talent zu eigen zu machen 
und bei soviel Anlässen zur Eitelkeit — bilden ein Ganzes, 
dem wenig Mädchen unserer Zeit gleichen werden. 

Was mich angeht, kann ich nicht mehr über sie sagen, 
als daß ich wünschte, meine Frau möchte ihr treues Ebenbild 
sein ; — ihr Aeußeres gefällt mir, ihr Inneres ist eine schöne 
Schöpfung der Natur«. 

Anderen erschien das Aeussere Adelens, namentlich in 
ihrem Alter weniger anmuthig, doch ging Keiner so weit, wie 
Levin Schücking, der von ihrer »ungewöhnlichen Häßlichkeit« 
sprach (vgl. Hüffer, A. v. Droste, Gotha 1887, S. 222; über 
Adele das. passim, bes. S. 357 — 359)- 

Auch andere Zeitgenossen sind darin einig, ihr etwas 
Besonderes zuzuschreiben. Auf dem Grabstein, den ihr die 
Gefährtin fast eines Vierteljalirhunderts errichtete, wurde sie 
charakterisirt: »herrHch an Geist, Herz und Talent, trefflich 



' Sie befindet sich u. d. Aufschrift »Pückler-Muskau über Adele 
Schopenhauer in ihrem 16., 17. Jahre« im Goethe- und Schiller-Archiv. 
Die Aeußerung stammt wohl aus dem Jahre 1818, nach der Andeutung 
Arthurs G.-J. IX, 72. 



90 Neue Mittheilungen. 



als Tochter, Hebevoll und beständig als Freundin, die mit 
edelstem Gleichmuth Schicksalsschläge und schwere Krank- 
heiten ertrug«. Annette von Droste-Hülshoff (Briefe an und 
von L. Schücking (Lpz. 1893, S. 158, vgl. das. S. 10, 140), 
die ihr auch schriftstellerisches Talent zutraute, Geschmack, 
minutiöse Zierlichkeit, gute Charakterzeichnung, aber keine 
Kraft, die ebenfalls ihre Zeichnungen rühmte, sagte von ihr: 
»Weiß Gott, sie hat bei einigen zwar auffallenden, aber harm- 
losen Schwächen doch ein großes Theil von Energie in sich«. 
Freilich, wenn Zelter sie in der einzigen Stelle, da er sie 
erwähnt, die »göttliche Adele« nennt, so will er sie damit 
nicht im Ganzen zu den Ueberirdischen stellen, sondern 
sie preisen dafür, dass sie ihm Nachrichten von Goethes 
fortschreitender Genesung gebracht. In ihrem Kreise war 
sie, wenn auch nicht vergöttert, so doch geliebt. Jenny 
von Pappenheim, die nicht viel jünger als sie war, hob 
(Kretschmann, Erinnerungen, Braunschweig 1892, S. 112 fg.) 
als ihren Hauptcharakterzug Leidenschaftlichkeit hervor und 
tadelte an ihr vornemlich die Unfähigkeit sich zu beschränken, 
wodurch ein Gefühl des Unbefriedigtseins dauernd auf ihr 
lastete. Vielleicht war diese Stimmung Folge einer falschen 
Erziehung, die ihr etwas von Allem und doch nichts ganz 
beigebracht hatte. Sie mochte auch zu den Mädchen gehören, 
die, wenigstens in jüngeren Jahren, Frauen gegenüber stolz 
und verschlossen, insbesondere gegen die, welche sich Goethes 
Theilnahme erfreuten, eifersüchtig waren. Aus diesem Zug 
könnte sich auch die geringe Sympathie, fast ein Uebelwollen 
der Marianne Willemer erklären. Bei ihr war es Adele nicht 
behaglich, trotzdem sie Goethes Wunsch kannte, beide Frauen 
einander zu nähern: ein Gefühl der Demuth, Verlegenheit 
und Schelmerei ergriff die Ferne gegen die Nahe; und auch 
das Höchste, was Marianne von Adele zu sagen wußte (Creize- 
nach, Goethe u. M. Willemer passim bes. 166 — 170, 205 f.) 
war, »daß sie ihr diesmal besser gefallen«. 

Auch schwere Schicksale und Lebensprüfungen mochten 
Adelen schon in verhältnißmäßig früher Zeit ernst, fast schwer- 
müthig machen. Der aber, der Adelens Herz die schwerste 
Wunde schlug. Fr. Osann, stellte ihr das schönste Zeugniss aus. 
Er fühlte sich zu Adelen zuerst hingezogen durch ihre warme 
Neigung zu ihrem Bruder, fand dann aber auch in ihr »ein 
Weib, welches bei einigen natürlichen Fehlern ihres Geschlechts 
alle Tugenden und Eigenschaften vereinigt, die der Mann an 
einem weiblichen Wesen mit wahrem Vergnügen und Achtung 
bemerkt«. 

Dem Goethischen Hause trat sie besonders nahe seit 
Augusts Vermählung mit Ottilie von Pogwisch; daß sie bei 
Ottiliens erster Entbindung sich thatkiäftig erwiesen, wurde 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 91 

ihr von einigen zimperlichen Frauen Weimars verdacht. Sie 
betheiligte sich 181 8 als »Tragödie« an dem großen Goethi- 
schen Maskenzug und empfing auch sonst von dem Meister 
dramatische Unterweisung. Ihre Kunst der Recitation bewährte 
sie bei Paläophron und Neoterpe (Tageb. Jan. 8., Febr. 3. 1819) 
und bei dem Berliner Prolog (Annalen 1821). Sie gab sich, 
da sie ihre Stimme verlor, dem Ciavierspiel hin und arbeitete 
eifrig an ihrer künstlerischen Ausbildung. Oft erschien sie 
181 9 in Goethes Hause und empfing von ihm manche Mit- 
theilung über seinen Antheil an Arthurs "Werk und über seine 
politische Stimmung. 

In dieser Zeit änderten sich ihre pekuniären Verhältnisse 
sehr ungünstig. Das befreundete Danziger Handelshaus, bei 
dem ihre Kapitalien untergebracht waren, fallirte; Mutter 
und Tochter, die nach Danzig gereist waren, konnten kaum 
ein Drittel ihres Kapitals retten und mußten mancherlei Ein- 
schränkungen ihrer Lage erdulden. 

Infolgedessen wurde ihr geselliger Verkehr vermindert, 
die Stimmung Adelens verdüsterte sich; nur ihr Verhältniß 
zum Goethischen Hause erhielt sich in voller Reinheit. Von 
ihm getrennt zu werden dünkte ihr der schlimmste Verlust, 

Wenig später als die ebenerwähnte Unglücksepoche be- 
ginnt der Briefwechsel. 

Am 9. August 1820' übersandte Adele im Auftrage ihrer 
Mutter ein Buch, das diese vom Herzog von Gotha erhalten 
hatte. Zugleich erbat sie ein Blumenstück, das in des Groß- 
herzogs Zimmer stand. 

I. — 3. Den Brief an August kann ich nicht nachweisen. 
Briefe Goethes, der sich damals in Jena befand, an seinen 
Sohn, sind im Tagebuch vom 25., 26. und 29. August ver- 
zeichnet, vom September aber keiner. Das Werk, über das 
Adele in diesem und im folgenden Briefe spricht, August 
Hagens »Olfried und Lisena« wurde auch in einer Recension 
im Litteraturblatt (zum Morgenblatt) 1821, Nr, 14, günstig 
beurtheilt, die deswegen hier erwähnt sein mag, weil sie eine 
nicht unwitzige poetische Selbstbesprechung Hagens, eine 
Anrede an die Kritiker enthält. Dagegen bringt die 1897 
zum Säculartag der Geburt A. Hagens herausgegebene bio- 
graphische Zusammenstellung (Berlin, Mittler, 1897) nichts 
Neues, nicht einmal das Bekannte in vollständiger Weise. 
Goethe hat laut der Notizen des »Tagebuches« das poetische 
Werk am ii. und 12. August gelesen. Die erste Notiz über 
das Werk gab er auf dem Umschlag von »Kunst und Alter- 
thum« II, 3, wo das Werk als »höchlich zu empfehlen« be- 
zeichnet wurde. Dieser kurzen Empfehlung ließ er einen 



' Die nur analysirten Briefe werden nicht besonders numerirt. 



92 Neue Mittheilungen. 

größeren Aufsatz folgen, »K. u. A.« III, i, 1820, S. 82 — 90. 
(Beides abgedruckt bei Witkowski , Goethes Aufsätze zur 
Litteratur, Kürschner D. N. L. 31, 320, 334—37.) Ein wesent- 
licher Bestandtheil dieses Aufsatzes ist ein Urtheil Schubarths, 
auf das Goethe in seinem Briefe Rticksicht nimmt. Das zweite 
männliche Urtheil vermag ich nicht nachzuweisen. Goethe 
kam nochmals auf das Buch, das ihn sehr gefesselt hatte, in 
einer kleinen Studie zurück, »K. u. A.« III, 3, 1822 bei 
Witkowski 32, S. 4 f. (Vgl. auch die Notiz S. 21.) Brief i 
muß vor dem 18. September geschrieben sein, da sonst wohl 
in ihm von der an jenem Tage erfolgten Geburt des zweiten 
Enkels Goethe die Rede wäre, von dem in Nr. 2 gesprochen 
wird. Die Ankunft von Nr. 2 ist am 27. Sept. Tgb. 7, 228 
bemerkt. An demselben Tage wird der Besuch des Sohnes 
»die bisherigen Ereignisse erzählend«, notirt. Gleichfalls dieser 
Zeit, 24—28. Sept. a. a. O. Bd. 7, S. 227 — 29 gehört der 
fruchtreiche Aufenthalt Schubarths bei Goethe an, bei welcher 
Gelegenheit das Tagebuch ausnahmsweise auch die Gegen- 
stände des Gesprächs erwähnt. Auch Brief Nr. 3 bietet ein 
neues Zeugniß für die große Würdigung, die Goethe dem 
vielversprechenden jungen Schriftsteller zu Theil werden ließ, 
über den uns neuerdings Hettner und D. Jacoby, letzterer 
A. D. B. 32, 606 — 612 unterrichtet haben. 

Zwischen 3 und 4 liegt ein undatirtes Briefchen der 
Adele (Oct. 1821), in dem sie sich für eine blaue Serviette 
bedankt, zugleich für ein Buch, das sie sich lange gewünscht. 
Ein Heft, das sie leihweise erhalten, will sie August zurück- 
stellen. Der Besuch, von dem glücklich zurückgekommen zu 
sein sie berichtet, läßt sich nicht genau feststellen, da nach 
dem Tagebuch Adele am 8., 23. und 30. October bei Goethe 
war. Die »Wanderjahre« dürfte dieses Buch schwerlich ge- 
wesen sein. Freilich sandte Goethe manche seiner Schriften 
an Adele, weil er auf ihr Urtheil Werth legte. Das Weih- 
nachtsgeschenk des vergangenen Jahres war der »Divan« 
gewesen. Das Geschenk-Exemplar findet sich in der Bibliothek 
des »Goethe- und Schiller-Archivs« und trägt folgende Wid- 
mung : 

Fräulein 

Adele Schopenhauer 
zu freundlichem Andencken 
Weynachten Goethe 

1820 

Zum Geburtstag des Jahres 1821 waren die »Wander- 
jahre« bestimmt, aber das Exemplar mit der folgenden für 
Adele bestimmten Inschrift: 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 93 

Fraulein 

Adele Schopenhauer 

zur freundlichster (sie) 

Erinnerung 

des 12 Jun. 182 1, 

Weimar Goethe 

ging irrthümlich nach Frankfurt an Marianne Willemer und 
wurde, da Adele das von Marianne zurückgeschickte Exemplar 
anzunehmen sich weigerte, der ursprünglichen Empfängerin 
mit einem liebenswürdigen Vers (Creizenach, Willemer, S. 155, 
Anm. vgl. auch S. 157 f., jetzt W. A. IV, S. 54, Nr. 7) wieder 
zugestellt. Adele erhielt ein neues Exemplar der »Wander- 
jahre« mit der Widmung : 

Fraulein 
Adele Schopenhauer 
zu 
freundlichem Andencken 
guter, traulicher 
Weimar Stunden, 

d 28 Nov. Goethe 

1821 

nebst einem Gedicht, das jetzt die Aufschrift »Wiederherstellung« 
fuhrt, W. A. IV, S. 54, Nr. 68, früher hieß es »Berichtigt«. 

4. In der Zwischenzeit, im Jahre 1822, hatte Adele mit 
der Mutter eine Reise unternommen, die sie auch nach 
Frankfurt geführt hatte. Schon 1821 hatte Goethe eine 
Annäherung zwischen Adele und Marianne, nicht blos infolge 
der oben erwähnten seltsamen Verwechselung versucht. Sie 
gelang aber weder damals noch bei einem Zusammentreffen 
beider Frauen. (Vgl. die ausführliche Darstellung Düntzers, 
S. 138 f.) 

Der Verkehr Adelens im Goethehause war in den Jahren 
1819 — 24 ein ungemein reger, wie die folgende Zusammen- 
stellung aus den Tagebüchern lehrt. Zu ihrer Würdigung ist 
zu bemerken, daß sowohl Goethe als Adele oft Monate lang 
von Weimar fort waren und ferner, daß bei den meisten 
Einzeichnungen des Tagebuchs, selbst bei dem Besuche 
höchststehender und intimer Männer und Frauen, nur ein- 
fach der Name steht. Solche einfache Erwähnungen des 
Namens Adelens als einer Besuchenden finden sich 18 ig: 
IT, 1820: 3, 1821 u. 22: 20, 1823 u. 24: 24 mal. Aber 
außer den schon oben erwähnten Stellen, in welchen die 
zeichnerischen Arbeiten Adelens erwähnt werden, kommen 
auch vielfach solche vor, in denen Goethe bemerkt, daß er 
ihr seine Schätze gewiesen, sie als Vorleserin benutzt habe 
oder in denen er die Gegenstände des Gesprächs notirt: 



94 Neue Mittheilungen. 



»1820 Juli 26.: Betrachtung der von Frl. Schopenhauer ge- 
sandten Granite, 27.: Lokal zu Adelens Zwergenfest zeich- 
nend, 182 1 April 25.: die antiquarische Zeichnung, Mai 28.: 
besah die Tischbeinschen Zeichnungen, Juni 13. : den Triumph- 
zug von Mantegna betrachtet, Dez. 11.: mit ihr durchgesehn 
venetianische Schule, 1822 März 2.: brachte den bronzenen 
Bacchus von Staffs, Nov. 25.: besah einen Theil der bolog- 
neser Schule, 1823 Juni 4.: ihr die Umrisse nach Fiesole 
gezeigt«. Am 21. März, i. April 1822 las sie Nettelbecks 
Biographie vor, am 9. Februar 1824 erzählte sie von den 
Tableaux im Alexanderhof. Mehrfach wird am 12. Juni des 
Geburtstags Adelens und der von Schwiegertochter oder 
Enkel des Dichters bei ihr gemachten Besuche gedacht. 1824 
Juli 6. heißt es: »Durch Adele und Ulrike viele Mädchen- 
geschichten« und 1822 Oct. 26., 1823 Nov. 8.: »Fräulein Adele, 
über verschiedene schickliche und häusliche Zustände«. »Mit 
Adele tiber frauenzimmerlichen Unterricht und die i\rt, wie 
sie ihn aufnehme«. 

Man darf wohl sagen, daß diese häufigen Erwähnungen 
und die vielseitigen Notizen einen hohen Grad von Intimität 
bekunden und den Eifer bezeugen, mit dem Goethe, der 
Adele schon als Kind gekannt hatte, für ihre Ausbildung 
thätig war. Am sichtbarsten tritt das Bestreben in einem 
großen Aufsatz hervor, den Adele wohl im Auftrag Goethes 
ausgearbeitet hat. Er liegt ihren Briefen bei, wird aber seiner 
großen Ausdehnung wegen nicht abgedruckt. Er handelt über 
Steffens dreibändige Novellensammlung, kann also nicht früher 
als 1827 geschrieben sein. Er enthält ein geschicktes Referat 
und eine critische Würdigung der Darstellung und der Technik 
der Novellen, die von Verständniß und Stilgewandtheit dar 
Schreiberin ein gutes Zeugniß ablegen. 

Auch die in unserem Briefe vorkommende specielle 
Aufforderung Goethes, der Adele gern entsprach, wird im 
Tagebuch zum 31. Dezember erwähnt, an derselben Stelle 
auch der '»prosaische und poetische Reisende«. Der Erstere 
ist gewiß Dubois, Letters on the State of christianity in India, 
London 1823. Der poetische möglicherweise J. C. Mämpels 
»Der junge Feldjäger«, ein Buch, das von Goethe eingeleitet, 
in zwei Bänden, 1826 erschien. Mit ersterem Werke beschäftigte 
sich Goethe gerade in den letzten Dezembertagen; mit dem 
letzteren vornehmlich im vergangenen Monat. 

5. Auch im Jahre 1824 unternahmen die Schopenhauer- 
schen Damen eine Sommer- oder Badereise. Am 6. August 
war Adele, laut dem Tagebuch noch bei Goethe; von dessen 
damaliger Absicht, nach Wiesbaden zu gehen, weiß das Tage- 
buch nichts zu melden. An eine zweimalige Reise Adelens 
in die Frankfurter Gegend während des Jahres 1824 ist gewiß 



Goethe ak Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 95 

nicht zu denken. Die Aeußerung Mariannens, Briefw. S. 190 
kann sich, selbst wenn ihr Brief vom 27. April 1824 sein 
sollte, nicht auf eine Frühjahrsreise Adelens beziehen, wie 
Düntzer, S. 200 will, sondern auf ihren Herbstaufenthalt 1S23; 
übrigens muß dieser Brief früher, Ende Februar oder Anfang 
März, geschrieben sein, da Goethe sich darauf schon in 
seinem Briefe an Frommann vom 13. März 1824 bezieht. 

Von ihrer Sommerreise 1824 aus hatte Adele, Wiesbaden 
9. August 1824, einen ausführlichen Brief geschrieben und 
darin Auskunft über die dortigen Verhältnisse gegeben. Sie 
erzählte darin, daß sie nach Schlangenbad zu Ottilie gehe, 
aber sogleich bereit sei, zurückzukehren, sobald Goethes 
Ankunft entschieden sei. Zugleich rühmte sie ihm ihr Gasthaus, 
den »Adler«. Auf diesen Brief ist Nr. 5 die Antwort. (Im 
Tagebuch unter diesem Datum verzeichnet.) In diesem Jahre 
begann die Herzensneigung Adelens zu Friedrich Osann, dem 
späteren Professor der Philologie in Gießen, worüber einzelne 
Briefe Osanns an Schopenhauer in der Schemannschen 
Sammlung zu vergleichen sind. Die Verbindung löste sich 
im nächsten Jahre, die Neigung Adelens dagegen hörte nicht 
auf, sondern rief schwere, zeitlebens dauernde Verstimmung 
hervor, von der auch in unseren Briefen manches Zeugniß 
aufoewahrt ist. 

6. Der an Goethes Geburtstag geschriebene Brief ist der 
erste, in dem Adelens kindliche Herzlichkeit offen hervortritt. 
Der am Schlüsse genannte Herr von Nagler ist der bekannte 
Leiter des preußischen Postwesens, der damals in Wiesbaden 
auch von Boisseree aufgesucht und gesprochen wurde. 
(Boisseree I, 440, 442.) — Die Stelle über den Bruder ist 
wie erwähnt, schon bei Schemann gedruckt. — Haxthauscn, 
Werner von (1780 — 1842, vgl. Düntzer bei Kürschner D. N. L. 
III, 2, S. 202 f. Anm. und Reifferscheid in A. D. B. VIII, 121 fg.) 
war Goethe von früher her bekannt. Der Dichter hatte, 
wie er am 2. August 1824 an Fräulein von Jacob schrieb, 
181 5 in Wiesbaden jenen neugriechische, von ihm als Hospital- 
arzt in London vernommene Volkslieder vorlesen hören, und 
hatte ihn ermuntert, diese Lieder herauszugeben. Da dies 
nicht geschah, so veröffentlichte Goethe selbst sechs davon 
als »Neugriechisch epirotische Heldenlieder« (K. und A. IV, i.). 
In dem diese Mittheilung begleitenden Aufsatze (Aufsätze zur 
Litteratur, ed. Witkowski, D. N. L. 32, S. 36 fg.) forderte 
er den »Freund« auf, sich wegen eines baldigen Abdrucks 
mit ihm zu verständigen. Haxthausen mußte von diesem 
1823 erschienenen Aufsatz nicht erst durch Adele Kunde 
erhalten haben, denn er trat wirklich mit Goethe in Verbindung, 
wie dieser in dem oben erwähnten Briefe mittheilte. Seine 
Ausgabe jedoch, die schon im Jahre 1823 hätte erscheinen 



96 Neue Mittheilungen. 



sollen, wurde durch eine Veröffentlichung Fauriels überflüssig 
gemacht und ist niemals gedruckt worden, wie denn überhaupt 
der sehr begabte Mann keinen seiner großen litterarischen 
Pläne ausführte, lieber Werner von Haxthausen, den Onkel 
der Annette von Droste-Hülshoff, vgl. interessante Mitthei- 
lungen in ihren Briefen an Schücking, S. 7 2 fg. und in anderen 
ihrer Briefe. 

Die Beobachtung des seltsamen Regenbogens ist in den 
wenigen über den Regenbogen handelnden Stellen der natur- 
wissenschaftlichen Schriften (siehe das Register der W. A. 
Band 12) nicht weiter ausgeführt. 

In einer im Druck ausgelassenen Stelle des Briefes am 
30. schrieb Adele : Wiesbaden werde immer leerer, Nagler 
sei krank; ein seltsamer Patron, Graf Coudenhoven, sei da; 
ihr Plan, den Winter nach Weimar zu kommen, sei aufge- 
geben. Sie drückte ferner den Wunsch aus, Nachrichten über 
Ulrike zu erhalten. 

7. Die folgenden Jahre, in denen Adele in Weimar lebte, 
sind naturgemäß ohne bedeutsame schriftliche Zeugnisse des 
Verkehrs. Die aus jener Zeit erhaltenen Billette bedürfen 
daher keiner wörtlichen Mittheilung. In einem Billet (Mai 
1826) bat Adele um eine Adresse von Berzelius, in einem 
andern (Juni desselben Jahres) mahnte sie Goethe, seiner Erlaub - 
niß zufolge, an ein Werk aus der Bibliothek der Zeichenschule, 
das sie zum Copiren brauchte. In einem dritten munteren 
Briefchen (September 1826) bat sie Goethe, er möge Ottilien 
befehlen, sie zu besuchen : »wenn es Ihnen nehmlich nicht 
gerade unbequem durch irgend eingelaufne Fremde die zu 
bewirthen, und laßen Sie sie im Gesellschafts Nothfalle (wenn 
etwa Leute aus Amerika oder Asien oder was weiß ich ein- 
laufen sollten) wieder von mir abhohlen. Ich verspreche sie 
dann guten Humors zu entlassen und mich recht bald heiterer 
als neulich persönlich bei Ihnen zu bedanken«. Endlich 
in einem Billet vom i. Januar 1827 wünschte sie ein glück- 
liches Neujahr, dankte für die jahrelange Freundschaft und 
fragte an, ob sie mit Julie Kleefeld zu Goethe kommen 
dürfte. 

In einem dieser Billette, aus dem schon ein paar Worte 
angeführt waren, heißt es einmal: »Es thut mir recht noth um 
ein liebes Auge, das mich kennt und ohne Redensarten ver- 
steht«. Gewiß kann man diese traurigen Worte nicht anders 
deuten, als daß sie den Schmerz über den Verlust Friedrich 
Osanns ausdrücken, der sich 1827 mit einer Tochter des 
Archivraths Klunk in Darmstadt verheirathete. Dieser Schmerz, 
durch Adelens Leidenschaftlichkeit immer neu erregt, hatte 
ihre Gesundheit untergraben, so daß sie ein milderes Klima 
aufsuchen mußte. Sie verbrachte auch den Winter ohne die 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 97 

Mutter am Rhein. Von dort aus ist unser Brief geschrieben, 
der erste, im Bewußtsein einer längeren Entfernung von Weimar 
abgefasste. — Der Schmerz tiber Zelters Nichtbesuch bei Frau 
Johanna bezieht sich jedenfalls auf den längeren Aufenthalt, 
den Zelter damals in Weimar nahm. (Goethe-Zelter IV, 418 ff.) 
Auf einen solchen Besuch mochte Frau Schopenhauer rechnen, 
da sie schon seit 1825 mit dem Berliner Musiker bekannt 
war (a. a. O. 320). — Rmich und seine Tochter, ich weiß 
nicht, auf welches, wie es scheint, traurige Lebensereigniß 
sich diese Bemerkung bezieht. — Wilhelm Müller, am be- 
kanntesten durch seine Griechenlieder, war nur 34 Jahre alt, 
am 30. September 1827 gestorben. Briefe Wilh. Müllers an 
Adele haben sich nicht erhalten. — Die kurzen Mitthei- 
lungen tlber Willemers werden ergänzt durch eine Nach- 
richt , welche Marianne (26. August, Briefe 225) über ein 
Zusammentreffen, freilich nicht in Frankfurt, sondern in Rödel- 
heim gab, der Marianne kein Urtheil über Adele zufügte. — 
Felix Mendelssohn war mit Adele von seinem Weimarer Aufent- 
halt sehr gut bekannt. Damals hatte (vgl. Goethes Gespräche 
IV, 151) Adele mit den Uebrigen eine kleine Verschwörung 
angezettelt, um Zelter zu bestimmen, Felix noch eine Weile in 
Weimar zu lassen. Der S. 61 erwähnte ^x\&i Felix Mendelssohns 
ist in dem Nachlaß der Adele nicht vorhanden ; der einzige in der 
Bonner Universitätsbibl. befindliche und mir freundlichst zur 
Benutzung übersendete ist nicht an Adele gerichtet, sondern 
bietet nur ein paar Begleitzeilen zu einem Zeugniß für eine 
Frau. — Die 7ürj-.fö-Uebersetzung des Herrn Charles de Voeux 
ist merkwürdiger Weise keine französische, sondern eine eng- 
lische, die, London 1827, und in einer zweiten Ausgabe, 
Weimar 1833 erschien. (Vgl. Wenzel, Aus Weimars goldenen 
Tagen, S. 50.) — Die Aeusserung über Börne steht unter 
den Mittheilungen, die über diesen geistreichen, sehr ver- 
schiedenartig beurtheilten Schriftsteller, Goethe zugingen, ge- 
wiß allein. Denn wenn andere Correspondenten Goethes über- 
haupt von dem kühnen Schriftsteller sprachen, so thaten sie 
dies wohl meist in der abweisenden Art wie Zelter. (Goethe 
und Zelter VI, 346 f.) Goethe ging indessen auf diese Charak- 
teristik nicht ein und scheint eben so wenig wie Börne 
selbst zu einer persönlichen Berührung Lust gehabt zu haben. 
(Vgl. darüber und auch über die litterarische Stellung Börnes 
zu Goethe die Zusammenstellung in meinen »Vorträgen und 
Versuchen«, Dresden 1890, S. 279 fg., wo besonders auch 
über den Aufenthalt Börnes in Weimar, Februar 1828 ge- 
handelt ist.) Im Goethe- und Schiller - Archiv findet sich 
ein bisher ungedrucktes Billet, in dem Börne Goethe zur 
Mitarbeiterschaft an der »Wage« auffordert. Das Billet 
lautet : 

GoE'^HE-fAHRBUCH XIX. 7 



98 Neue Mittheilungen. 



Frankfurt am Mayn, den 10 Mai 181 8. 

Darf der reiche Mann den armen zurückweisen, der ihn 
um eine milde Gabe bittet, und wird der Verfasser dieser 
Blätter, eine Mittheilung ftlr die angekündigte Zeitschrift, die 
ihn und seine Leser aufmuntere, vergebens erwarten? Gewiß 
nicht. 

Dr. Börne. 

Goethe notirt im Tagebuch Bd. VI, S. 209, 16. Mai: 
»Ankündigung des Dr. Börne in Frankfurt«, begnügte sich 
aber mit dieser Erwähnung, ohne sonst auf diese in seltsamem 
Tone vorgetragene Aufforderung zurückzukommen. In den 
»Gesprächen« und, wenn ich nicht irre, in Goethes Werken 
überhaupt wird der Name Börnes niemals genannt. Vielleicht 
bezieht sich Goethes Tagebuchnotiz (18 19, August 10.) »Auf- 
sätze aus Zeitschwingen copirt« auf Börne, der nach Pfeil- 
schifter (vgl. Aus Alt-Weimar S. 314) diese Zeitschrift und 
zwar seit Mai 1819 herausgab. Ueber den Zweck dieses 
Copirens wissen wir nichts. 

Trotz Adelens scheinbaren Widerspruchs gegen die eng- 
lische Literatur, der in den der Charakteristik Börnes vor- 
ausgehenden Worten abgedruckt ist, war Adele vielleicht gerade 
durch Ottilie beeinflußt, deren eifrige Anhängerin. Hüffer, A. 
von Droste-H. und ihre Werke (1887, S. 357 fg.) hat ver- 
muthet, daß Adele auch Annettens Neigung zu dieser Literatur 
befördert und damit auf die Schreibweise der Freundin günstig 
eingewirkt habe. 

Die von Adele gerühmte »Wage, Zeitschrift für Bürgerleben, 
Wissenschaft und Kunst« war in 8 Heften theils in Frankfurt, 
theils in Stuttgart 1818 — 21, das erste Heft 18 19 in zweiter 
Auflage, erschienen. Die Erklärung Adelens, daß Humor und 
Leidenschaftlichkeit, die Haupteigenschaften des kühnen Schrift- 
stellers, ihn gehindert hätten, ein größeres Werk zu schreiben, 
dürfte schwerlich zutreffend sein. — Malsburg (denn so, nicht 
Malzburg ist der Schriftsteller zu schreiben) ist Ernst F. G. O. 
Freiherr von der M. 1786 — 1824. Er hatte sich als Uebersetzer 
Calderons einen Namen gemacht; das hier erwähnte Stück ist 
das letzte in der von ihm übersetzten Sammlung (4 Bde, Leipzig 
1813 — 25). Goethes besonderes Interesse an Calderon ist nicht 
blos durch seinen Aufsatz über »Die Tochter der Luft« be- 
zeugt, sondern durch viele Stellen, die bequem bei Witkowski 
»Aufsätze zur Litteratur« D. N. L. Bd. 32, S. i Anm. zusammen- 
gestellt sind. Schon aus einer dieser Stellen und aus den 
»Annalen« (ed. Biedermann Nr. 1039 und 1065) ergibt sich, 
daß Goethe Malsburgs Uebersetzung kannte. Das persönliche 
Zusammentreffen beider Männer ist durch die Notiz des »Tage- 
buches« 28. Juni 1824 bezeugt (Tagebücher, Bd. 9, S. 236 und 
405» vgl. »Gespräche« Bd. 10, S. 124.) M. widmete Goethe 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 99 

seine Lope-Uebersetzung, vgl. Grisebach, Weltlitteraturkatalog 
S. 90, Nr. 493. 

Goethes Enkelin wurde nicht nach Goethes Schwester 
genannt, sondern empfing den Namen Alma. Es ist die am 
29. October 1827 geborene, schon am 29. September 1844 
verstorbene einzige Enkelin des Dichters, deren Bild, ein 
entzückendes Köpfchen (nach einem Pastell der Luise Seidler), 
man als Nr. 26 in den »Schätze des Goethe-National-Museums«, 
Weimar, 1887 (Rulands »Erläuterungen«, S. 24 f.) bewundern 
kann und deren Grabdenkmal den Besucher des Goethehauses 
stets aufs Neue rührt. 

8. Das Beispiel des Secretärs der englischen Akademie 
ist wirklich ein von Goethe oft angeführtes, z. B. an Zelter, 
28. Februar 181 1, wo der erste Secretär der Londoner Sozietät 
angeführt und Oldenburg genannt wird. (Briefwechsel I, 427.) 

Jenny ist Jenny von Pappenheim, die damals 16 Jahre alt 
war. Sie war schon vor 1822 als Kind kurze Zeit in Weimar 
gewesen, brachte aber von 1826 eine längere Periode in Weimar 
in engster Beziehung zu Goethe zu. Ihre Schönheit wurde 
von ihm mit folgenden Worten charakterisirt : »Sie ist gar so 
schön, so unbewußt anmuthig wie irgend ein leuchtend Holz 
oder ein Glühwurm bei Tage, man weiß nicht, wo er steckt«. — 
Zelters Bild von Begas ist in dem schon angeführten Werke, 
»Schätze des Goethe-National-Museums«, Blatt 51 abgebildet 
(vgl. Rulands »Erläuterungen« S. 40 fg.). Karl Begas, der 
Stammvater einer weitverzweigten Künstlerfamilie, 1794 — 1S54, 
war besonders als Portraitist vieler berühmter Zeitgenossen, 
Gelehrten und Künstler thätig. Das in einem der folgenden 
Briefe geschilderte Familienbild ist im Wallraf-Museum in 
Köln. Goethe wurde auf den Maler zuerst durch eine Rezension 
der Spenerschen Zeitung aufmerksam (an Zelter, S.März 1824, 
Briefw. III, 405) und erhielt eine ausführliche Relation des 
Berliner Freundes, in der schon das bereits erwähnte Familien- 
bild gestreift wurde (20. März a. a. O. III, 409). Dann muß 
Zelter mit Begas näher bekannt geworden sein, so daß er 
ihn mit der Herstellung seines Bildes betraute. Dieses Bild 
war von ihm als Geschenk zu Goethes Geburtstag bestimmt 
(1827). Es kam schon am 13. an, Goethe notirte kurz im 
Tagebuch »glücklich in der Hauptsache«. Ausführlicher sprach 
er sich in dem Briefe an Zelter vom 14. August und i. September 
(Briefw. IV, 356 und 363) aus und in einem Briefe an Begas 
(Strehlkel, 49), der dort und in Strehlkes Quelle, dem »Berliner 
Conversations-Blatt«, 1827, Nr. 150, August 1827 datirt ist, 
während aus G.-Z. IV, 364 hervorgeht, daß der Brief erst 
am I. September abging. Sonst scheint sich Goethe öffentlich 
über den Künstler nicht ausgesprochen zu haben. Nur in 
einem Gespräche mit Kanzler Müller rühmte er das herrliche 

7* 



100 Neue Mittheilungen. 



Bild (Gespräche VI, [74). Auch der Künstler scheint merk- 
würdiger Weise nicht versucht zu haben. Goethes Züge im 
Bilde festzuhalten. Seinem schon angeführten Briefe vom 
I. September legte Goethe das sehr lobende Urtheil eines 
»geistreichen« Mannes (H. Meyers?) bei (G. -Z. IV, 365'!. 
Zelter dankte im Namen des Künstlers für das reiche Lob 
(5. September G.-Z. IV, 369) und entschuldigte sich (28. October 
G.-Z. IV, 431), daß die ihm mitgetheilte Stelle über den 
Künstler im Conversationsblatt abgedruckt sei. Er habe von 
seiner Tochter Doris die Stelle ausziehen und dem Künstler 
zu seiner Satisfaction mittheilen lassen. Eine neue Anerkennung 
des Portraits wußte Goethe am 29. Mai 1828 seinem Getreuen 
zu melden: Stieler habe sich gefreut, eine so verdienstliche 
Arbeit zu sehen. Erst am 14. Juli 1829 (G.-Z. V, 255) kam Zelter 
auf eine von Goethe am i. September 1827 gethane Anfrage 
zurück und forderte mit folgenden Worten G. auf, dem Künstler 
als Anerkennung für dessen Frau ein Exemplar seiner Werke zu 
schicken : »Er selber hat zwar von mir die vorletzte Ausgabe 
Deiner Werke in reichem Einbände zum Geschenke erhalten. 
Sie aber verdient ihr eigenes Exemplar zu haben, da sie dem 
Manne während seiner Arbeit aus Deinen Werken mit doppelter 
Neigung vorlieset, der als guter Katholik bis dahin sich in 
Ländern aufgehalten die von Deinen Schriften gar zu wenig 
wissen, wenigstens mit dem Geiste derselben nicht sehr bekannt 
sind. Die neue Gelegenheit dazu wird eine neue Composition 
seyn, die er Dir zu übersenden denkt und die, wenn ich ihn 
recht verstanden, ein Flutbild der letzten Zeiten der Danziger 
Niederung darstellen wird«. — Eine 1830 erschienene Litho- 
graphie seines Bildes erwähnte Zelter Juni 1831 (G.-Z. VI, 
202). — Der Besuch Hegels bei Goethe fand Mitte October 1827 
statt. Hegels Bericht darüber steht in den »Briefen von und 
an Hegel«, 1887, II 278—280 (vgl. G.-J. IX, 302 u. XVI, 79); 
Goethes Antheil an einem der damals geführten Gespräche 
ist von Eckermann verzeichnet. (»Gespräche«, Biedermann 
VI, 253 f.) 

Der Engländer Lawrence, von dem Adele in ihrer Antwort 
nur bemerkt, daß die Lawrences -Jagd sie ergötzt habe, 
gehörte zu den jungen Engländern, die in dem letzten Jahr- 
zehnt von Goethes Leben und später Frau Ottiliens kleinen 
Hofstaat ausmachten. ' Es gab zwei Brüder Lawrence, von 
denen der eine Dichter war. Die Portraits der beiden Brüder 
hat Schmeller gezeichnet ; sie waren sich so spinnefeind, 
daß der eine das Zimmer verließ, wenn der andere eintrat. 
Goethe notirt im »Tagebuch« vom 10. November 1827, 



' Für das folgende sind freundliche Mittheilungen der Archiv- 
Verwaltung und C. Rulands benutzt. 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 10 I 

daß er von Herrn L. die Büste Cannings erhalten. Die 
»Annalen« 1816 (vgl. »Tagebuch« Bd. 5, 31. März und 
5. April 1816, vgl. dazu Anm. S. 387) sprechen sich über 
die »Friedensgefangenen« von L. aus (vgl. Biedermann, Anm. 
zu Absatz 894 der »Annalen«). Goethe schickte das Stück 
zurück, lobte es sehr, erklärte es aber für unaufführbar, da 
die Wirklichkeit des Vorgangs dem Publikum zu nahe liege. 
L. ist wohl derselbe wie der G.-J. XIV, 116 Genannte und der, 
von dem Goethe an Carlyle, 15. Januar 1828, Briefw. Berlin 
1887, S. 28 schreibt: »Vieljährige Freunde wie z. B. gegen- 
wärtig Herr Lawrence kehrten von Zeit zu Zeit wieder und 
finden sich glücklich, den schönen Faden früherer Verhält- 
nisse ungesäumt wieder anzufassen«. — George Cmtning ist 
der große Staatsmann, der seit den ersten Jahren des 19. Jahr- 
hunderts, besonders aber seit 1822 eine leitende Stellung in 
der europäischen Politik einnahm und am 8. August 1827 
starb. Goethe widmete ihm großes Interesse. In den Ge- 
sprächen (Biedermann VI, 158, 172, 195 fg.) Heß er sich über 
dessen treffliche Rede für Portugal weitläufig aus oder be- 
kannte kurz seine Bewunderung für den großen Staatsmann 
und beklagte dessen Tod. Ueber Cannings berühmte Rede 
vom 12. Dezember 1826 vgl. Goethes Aeußerung 1830 (G.-J. 
XIII, 106). Sein Bildniß (Büste) steht in einem Schrank des 
Urbinozimmers. 

Nr. 9. Von dem Ringe, für den sich Adele bedankt, ist 
in dem vorangehenden Brief Goethes nicht die Rede. Trotz- 
dem ist gewiß nicht anzunehmen, daß in der Correspondenz 
ein Stück fehlt, da sonst die meisten Punkte jener Epistel in 
unserer treulich beantwortet werden. Die schöne Charakteristik 
des Begasschen Familienbildes läßt bedauern, daß Adele nicht 
auch sonst ihre Kunsteindrücke zusammengefaßt hat. — In 
einer kurzen ausgelassenen Stelle, etwa in der Mitte, drückte 
Adele ihre Freude über Ottiliens Wohlbefinden aus. Am Ende 
sprach sie ausführlich darüber, daß sie noch immer ange- 
griffen sei, trotzdem sich fleißig im Zeichnen übe und gab 
eine wenig bedeutende Charakteristik ihrer Wirthin , einer 
Schottin, und geringe Einzelheiten über Köln und die dort 
genossenen Vergnügungen. 

Nr. IG. Da Goethe mit seiner Antwort zögerte, schrieb 
Adele aufs neue. Sie war leidend und ziemlich einsam, denn 
die Mutter war, wie aus unserem Briefe hervorgeht, aber 
auch aus anderen Quellen bekannt ist, in Weimar geblieben. — 
Manzonis Roman »I Promessi sposi« war im Original und 
in der deutschen Uebersetzung von Daniel Leßmann, 1827 
erschienen. Es zeugt von dem geistigen Mitleben Adelens 
mit Goethe, daß auch sie diesen Roman schätzte, über den 
ihr damals nach ihren Aeußerungen noch kein Urtheil Goethes 



102 Neue Mittheilungen. 



bekannt war, während sie freilich von dem Interesse unter- 
richtet sein konnte, das Goethe überhaupt an dem italienischen 
Schriftsteller nahm und das er Anfang 1827 durch seine zum 
Theil ältere Aufsätze zusammenfassende Vorrede zu der bei 
Frommann erschienenen Ausgabe der Werke Manzonis bekundet 
hatte. (D. N. L. ed. Witkowski, 32, 252 — 260.) Freilich hatte 
sich Goethe schon Monate vorher, im Juli 1827, mtlndlich 
begeistert tlber den Roman geäußert (Biedermann, Gespräche 
VI, 163 — 165) und kam nochmals, vermuthlich Anfang 1828 
darauf zurück. (Das. 265.) — Während Adele von dieser 
Schätzung des italienischen Romans durch Goethe nichts 
wissen konnte, war ihr sein Interesse für den Carneval wohl- 
bekannt. Goethes Beschreibung des römischen Volksfestes 
war, gegenüber der frühern Fassung umgearbeitet, in der 
»Italienischen Reise« seit Jahren erschienen. Seine Antheil- 
nahme an den Kölner Vergnügungen mußte ihr bekannt sein, 
weil sie am 18. März 1824 gerade bei Goethe war, als Nees 
von Esenbecks Sendung über den Kölner Carneval ankam 
(Tagebücher IX, 194. Vgl. dessen ausführliche Schilderung vom 
3. März, Naturw. Corresp. II, 92.) Goethe antwortete dem 
Bonner Professor darauf am 22. März (Tagebuch 196, dies 
ist wohl der unter falschem Datum gedruckte Brief in der 
»Naturwissenschaftlichen Correspondenz«, II, 95) und schrieb 
auch eine Kleinigkeit darüber nieder. Dies geht schon aus 
der Tagebuchnotiz vom 16. Mai hervor (S. 218) und wird 
durch die Bemerkung in den Briefen an Nees, 10. August 
(Naturw. Corr. II, 38) bestätigt. Der kleine Aufsatz aus 
K. u. A., V I ist von A. G. Meyer und Witkowski, »Aufsätze über 
bildende Kunst« D.N. L. 30, 490 f. gedruckt. Am 24. October 
desselben Jahres notirte Goethe im Tagebuch IX, 287: »kam 
eine Sendung von Herrn Zanoli aus Köln, Bilder des Kölner 
Karnevalszuges enthaltend«. Wenige Monate später, Fastnacht 
1825, 3. Februar, schrieb Goethe das Gedicht »Der Kölner 
Mummenschanz« (Werke W. A. III, 165 fg., vgl. dazu 417 — 19). 
Zur Ergänzung für die Jahre 1824—26, denn solange er- 
hielt sich Goethes Interesse, ist auf die »Naturw. Corr.« II, 
103 fg., 107, 157, 121, 123 fg., 125, 150, 154 zu verweisen. 
Nr. II. Auch noch durch unseren Brief wird Goethes 
Antheilnahme am Kölner Carneval bezeugt. Sonst ist zu 
seiner Erklärung nichts hinzuzufügen, als daß, wie aus Adelens 
hier ausgelassener Antwort vom 5. Mai hervorgeht, die von 
ihr erbetenen und von Goethe übersendeten Papiere für einen 
Herrn Leist bestimmt waren. Mit dem eben erwähnten Brief 
übersandte Adele ein Kleidchen für Alma und befriedigte 
manche wissenschaftliche Neigungen Goethes, indem sie ihm 
seitens eines berühmten Sammlers in Crefeld Versteinerungen 
schickte, Hyacinthen in Basalt aus dem Siebengebirge anbot 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 103 

und sich bereit erklärte, ihm kleine römische Alterthtlmer zu 
verschaffen. 

Nr. 12. Auf alle diese Punkte ging Goethe in seiner 
Antwort ein. Der auch von ihm erwähnte Crefelder Sammler 
war Friedrich Wilhelm Hönninghaus aus Crefeld, Chef eines 
großen Handelshauses, zugleich Liebhaber der Naturwissen- 
schaften, besonders der Mineralogie, ein durch große Reisen 
und Studien vielseitig unterrichteter Mann. So nach Ecker- 
manns Bericht vom i. October 1828 (Gespräche VI, 328). 
Dem Briefe wurde offenbar ein Bild als Geschenk zu Adelens 
Geburtstag (12. Juni) mitgegeben, wofür sie sich in einer 
ausgelassenen Stelle des folgenden Briefes bedankte, ferner 
Medaillen, wie sie seit dem Jahre 1825 von Goethe häufig 
zu kleinen Geschenken verwendet wurden. Sie waren für den 
eben erwähnten gütigen Spender und für Adelens Freundin, 
Frau Mertens, bestimmt, deren Name hier zum ersten Male 
erscheint und von der bald ausführlicher geredet wird. Auch 
die Freude der also Beschenkten bekundete Adele in einer 
ausgelassenen Stelle des folgenden Briefes. Die Mutter, die das 
Packet mitnahm, reiste (Düntzer, 202) am 20. Mai zuihrer Tochter. 

Nr. 13. Wenige Wochen später traf Weimar und die 
Getreuen Goethes ein schwerer Schlag. Der Großherzog 
Karl August war am 14. Juni 1828 gestorben. Auf diesen 
Verlust spielt der Anfang unseres Briefes an. In einer aus- 
gelassenen Stelle des Briefes (eine andere ist bereits in der 
vorigen Nummer erwähnt) wünschte Adele Aufträge für Düssel- 
dorf, wo Wilhelm Schadow, Immermann und »unser kleiner 
Kolbe« seien und bekannte ihre Freude über die Bilder in 
der Bonner Aula. Von zwei Correspondenten, die sie er- 
wähnt, und drei von ihr genannten Bonner Professoren muß 
mit ein paar Worten gesprochen werden. Unter Wolff wird wohl 
der Schauspieler P. A. Wolff verstanden sein. Allerdings war 
er damals schon sehr krank und müßte von der Reise aus 
geschrieben haben, da er erst am 14. August in Weimar an- 
kam (Martersteig, Wolff, S. 175). Ein Zeugniß der guten Be- 
kanntschaft P. A. Wulffs mit Johanna Schopenhauer (vgl. ihre 
Grüße an den Schauspieler in den Briefen an Holtei, Lpz. 
1870, S. 7) liegt in einem 2 Quartseiten großen Schreiben 
des Ersteren an die Letztere vor (undatirt, Bonner Universitäts- 
bibliothek). Freilich kann es nicht das hier gemeinte sein, 
sondern muß aus Berlin und aus Wolfifs gesunden Tagen stam- 
men ; interessant ist es hauptsächlich deshalb, weil es eine 
besondere Intimität des Schreibers mit Gerstenbergk verräth. 
(Oder sollte doch O. L. B. Wolff gemeint sein, vgl. Johanna 
a. a. O. S. 37?) 

Gerstenbergk, von dem ich eine ziemliche Anzahl Briefe 
im Nachlaß der Therese Huber besitze, welche auch einzelne 



104 Neue Mittheilukgen. 



Nachrichten über die Weimarer Gesellschaft, jedoch nichts 
über Goethe enthalten, trat mit Therese als Mitarbeiter des 
»Morgenblattes« in Verbindung. Er war 1780 geboren und 
starb 1838. (Vgl. Grisebach, Schopenhauer. Geschichte seines 
Lebens S. 287.) Er ist wohl derjenige, an den zwei Briefe 
Goethes in der »Naturw. Corr.« 1823 gerichtet sind. (Die 
ihm in Goedeke Grundriß, a. A. III, 1063 zugeschriebenen 
Schriften über Goethe gehören nicht ihm, sondern dem Kanzler 
Friedrich von Müller an.) 

Die drei Bonner Professoren D' Alton, Münchow, Schlegel, 
gehörten zu Adelens näherem Umgangskreise in Bonn. Sie 
sind auch alle zu Goethes Bekannten zu rechnen. Am wenigsten 
K. D. V. Münchow, 1778 — 1836, obwohl er zuerst Professor 
in Jena gewesen war, ehe er als Astronom nach Bonn ging. 
Goethe gedenkt seiner in den Werken nur einmal (W. A. 
Naturw. Schriften XII, 156) und hat auch, so weit bisher 
bekannt, nur in ganz gelegentlichem Briefwechsel mit ihm 
gestanden. Doch wird, außer dem bei Strehlke erwähnten 
Brief je ein solcher von und an Münchow genannt, Tageb. 
28. Aug., 3. Sept. 1820. Der Brief war von einem Kupfer 
Martin Schöns begleitet. Die Antwort dankte dafür und ging 
auch auf die übrigen Punkte des Briefes ein. Daß er Goethe 
mit Verständniß las, geht aus der Schilderung vom 16. Januar 1830 
hervor. — Weit näher mit Goethe war D Alton bekannt. Joh. 
Wilh. Ed. D'Alton, 1772 — 1840, der mit dem Schlegelschen 
Kreise liirt, gern als Urbild des Haupthelden im Roman 
Florentin in Anspruch genommen wurde, wird von Goethe 
als Besitzer von Kupferstichen mehrfach erwähnt (G.-J. IX, 306), 
wegen seiner Leistungen auf physiologischem Gebiete gerühmt 
(G.-J. IV, 410), als Naturforscher im Allgemeinen ehrenvoll 
genannt. (Gespräche VI, 59, VII, 323. Vgl. auch die an ihn 
gerichteten Briefe G.-J. XI, 217, 221 fg.) Er war, nachdem 
er 1800 und 1807 längere Zeit in und bei Weimar gelebt 
hatte, 1825 einmal bei Goethe (Gespräche V, 173) und wurde 
mehrfach von ihm beurtheilt und angeführt. (Vgl. »Annalen« 
ed. Biedermann, Nr. 11 17 und 1131 und die vielen über ihn 
handelnden Stellen der »Naturw. Schriften«, W. A. Bd. 7 — 10.) 
Seine Briefe an Goethe (Naturw. Corr. I, i — 29) sind, wenn 
auch hauptsächlich wissenschaftlich, doch erfüllt von Aus- 
drücken einer verehrungsvollen, fast zärtlichen Neigung. 

Nicht ungetrübt dagegen war A. W. Schlegels Verhältniß 
zu Goethe. Eine Darstellung dieses Verhältnisses soll hier um 
so weniger gegeben werden, als nach der Darbietung der ersten 
sieben Briefe Schlegels an Goethe (G.-J. XVIII, S. 76 — 100) 
eine Veröffentlichung der gesammten Briefmasse (65) in naher 
Aussicht steht. Das Zusammenarbeiten mit Schlegel gehört 
mehr der Zeit von »Hermann und Dorothea«, dem Kampf 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 105 

für Schlegels Schauspiel Ion und dessen Aufführung in Weimar 
an, und war im Wesentlichen 1803 zu Ende. In den von 
E. Böcking mit großer Genauigkeit (vgl. G.-J. XVIII, 95) her- 
ausgegebenen Briefen Goethes an Schlegel (Leipzig 1846) ist 
von 1804 — 24 eine große Lücke, und die bisher veröffentlichten 
Briefbände d. W. A., die bis 1810 reichen, füllen diese Lücke 
nicht aus. Aus den »Gesprächen« kann man leicht erkennen, 
daß Goethe auch schon vor der Zeit, in der Eckermann seine 
Meinung gelegentlich dem Meister unterschiebt, keine sonder- 
liche Liebe zu den Brüdern empfand. Schon 1808 tadelte er 
ihre Herrschsucht, verglich sie mit den Dominospielern, die 
nur den Stein loben, an den sie den ihrigen anschieben 
könnten. Er beklagte ihre Unredlichkeit und schob ihnen 
unter, daß sie Tieck auf den Schild erhoben hätten, nur, 
weil er, Goethe, ihnen zu mächtig gewesen. Ja, er zieh sie 
geradezu der Charakterlosigkeit. Auch die Leistungen A. W. 
Schlegels in der späteren Zeit lobte er nicht unbedingt. Die 
»Calderona-Uebersetzung wollte er nicht als Meisterwerk 
gelten lassen. Bei Gelegenheit eines berühmten Gespräches 
über Moliere wurde Schlegels Gelehrsamkeit zwar gelobt, aber 
seine Kleinlichkeit und Einseitigkeit getadelt. Auch nach dem 
Besuche, den Schlegel bei Goethe machte (24. April 1827) 
wurden ihm zwar große Ehren zu Theil, die Beurtheilung 
änderte sich aber nicht zu seinen Gunsten (vgl. f. d. Vorher- 
gehende, Gespräche III, 14 f., 182, 183, 201, 205; V, 61, 234, 
290; VI, 79 ff., 113). Diesen Besuch bei Goethe hat Adele 
wohl im Auge, wenn sie von der Versöhnung Goethes spricht. 
Als neues Streitobject wurden von Schlegel nun die Stellen 
betrachtet, die sich in der von Goethe herausgegebenen 
Correspondenz mit Schiller fanden. Die beiden ersten Bände 
mit der Jahreszahl 1828 können erst ganz am Ende des 
Jahres erschienen sein. Am 28. October erbat Goethe die 
Aushängebogen, am 30. November bezeugte er den Empfang 
des ersten Bandes (an Cotta bei Vollmer »Briefw. zwischen 
Schiller und Cotta« S. 587). Diese Veröffentlichung traf Schlegel 
in einer kampflustigen Stimmung. Er hatte, unter dem Titel 
»Berichtigung einiger Mißdeutungen«, Berlin 1828 eine Schrift 
geschrieben, in der er sich gegen Angriffe von katholischer 
und protestantischer Seite, und zwar in einer französischen 
Zeitschrift und in der »Anti-Symbolik« von J. H. Voß, wehrte 
und zugleich nicht ohne Gehässigkeit gegen seinen Bruder 
auftrat, so daß Friedrich und Dorothea recht unwillig über 
den lieblosen Bruder wurden (vgl. den Brief der Letzteren an 
Boisseree, S. B. I, 519 fg.). In dieser streitbaren Stimmung 
mußte Schlegel durch Goethes Veröffentlichung um so empfind- 
licher getroffen werden, als er im ersten Theil seiner »Kriti- 
schen Schriften« (Berlin 1828, Vorrede unterzeichnet Februar) 



Io6 Neue Mittheilungen. 



drei Aufsätze über Goethe und zwar tlber »Torquato Tasso«, 
»Die Römischen Elegieen«, »Hermann und Dorothea« wieder 
abgedruckt hatte, die in verschiedenen Zeitschriften, 1790 — 97, 
zum ersten Male erschienen waren und große Anerkennung 
von Goethes Werken enthielten. 

Das Gedicht Schlegels (oben S. 76) ist nicht das einzige, 
das Schlegel zu Goethes Geburtstag gemacht hat. Auch aus 
dem Jahre 1826 ist ein solches erhalten. (Beide in den Werken 
ed. Böcking Band i.) Einer freundlichen Mittheilung zufolge 
befindet sich das erstere Gedicht (das auch, vgl. Goedeke, 
Grundriß 2, VI, 15, im Wendtschen Musen- Almanach, 1831, 
S. III — 113 abgedruckt war), in einem Separatdruck »Zu 
Goethes Geburtstagsfeier« am 28. August 1829, 2 Blätter 8° 
mit einigen Begleitzeilen vom 29. August im Goethe- und 
Schiller-Archiv. 

Aus Schlegels Gedicht mögen die drei Hauptstrophen, 
die Adelens Urtheil gewiß rechtfertigen, folgen: 

Dein denk' ich hier. Verkündiger des Schönen! 

Der Musen Bot' an das Jahrhundert ! Goethe ! 

Du lehrtest Harmonie in allen Tönen, 

Der Harfe, der Posaun' und sanften Flöte. 

Wo giebt es Lorbeern, die dein Haupt nicht krönen? 

Du kämest im Geleit der Morgenröthe : 

Sei Tithon denn, stets geistig neu geboren. 

Geliebt und nie betrauert von Auroren ! 

Gleich jenem Baum, dem Liebling der Pomone, 
Der Nektar-Aepfel trägt mit goldnen Schalen, 
Dem weiße Bluthen aus der dunklen Krone 
Zugleich mit Früchten jedes Alters strahlen, 
Ausathmend Balsamduft der sonn'gen Zone 
In der glücksel'gen Inseln stillen Thalen : 
So ward, ein Sprößling aus den Hesperiden, 
Der Dichter unserm Vaterland beschieden. 

Er überwölbt es mit den schatt'gen Aesten 
Weit von den Alpen zu des Belts Gestaden. 
Wie wir am Rhein, ist manche Schaar von Gästen 
Zu gleicher Feier, nah und fern geladen ; 
Viel Stimmen schallen heut in Ost und Westen, 
Erwünschend ihm des Himmels reiche Gnaden : 
Der Deutschland so viel Herrliches gegeben, 
Soll in der Deutschen Brust unsterblich leben. 

Die fernere Aeußerung Adelens betr. Ueberlassung 
Goethischer Handschriften an Schlegel findet eine merk- 
würdige Bestätigung in 2 Blättchen, die sich in Bd. 9 der 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 107 

Schlegelschen Briefsammlung (k. ö. Bibl. in Dresden) erhalten 
haben. Das eine (geschrieben) enthält mit der Unterschrift 
»\\'eimar d. 28. August 1829« und dem Namen die Verse: 
»Unmöglich scheint immer die Rose , / Unbegreiflich die 
Nachtigall«, das andere »gedruckt«, aber mit autographer 
Namensunterschrift, ferner vor dem obigen Datum das Wört- 
chen »erneut« Goethes Gedicht »Am Acht und zwanzigsten 
August 1826«. 

Schlegels Plan, Schillers Briefe an ihn herauszugeben, 
(vgl. Nr. 18) wurde weder damals von ihm ausgeführt, noch 
1837, obwohl er in diesem Jahre die Briefe an Tieck über- 
schickte und diesem erlaubte, damit nach eigenem Gutdünken 
zu verfahren, nur nicht, sie getrennt oder zerstückelt heraus- 
zugeben. (Holtei »Briefe an Tieck«, III, 307.) Die Andeutung 
der Absicht, in dem Briefe an Tieck, 15. Juni 1830 (a. a. 
O. III, 298) ist wichtig, weil sie in ihren Aeußerungen über 
»den kranken Uhu Schiller« an traurige Exclamationen aus 
den Zeiten und dem Kreise der Frau Karoline erinnert. »Auf 
Goethe« heißt es dort, »bin ich eigentlich nur deswegen 
böse, weil er durch Bekanntmachung solcher Erbärmlichkeiten 
sich und seinen Freund so arg prostituirt«. In Schillers Briefen 
an Goethe sind viele spöttelnde Stellen aus den Xenienjahren 
neben manchen anerkennenden z. B. 6. Okt. 1797 und noch 
16. August 1799. Verdrießlich mußte Schlegel über eine 
Stelle vom 22. Okt. 1799 werden, die seinen Uebersetzerruhm 
antastete, vornehmlich wurde er aber empfindlich berührt 
durch kurze Aeußerungen, die der Brüder Wesen verwarfen: 
23. Juli 1798 und längere Ausführungen, die die Verkehrtheit 
und üble Wirkung ihres Treibens grundsätzlich ablehnten : 
27. Juli 1798, 26. Juli 1800. Die für unsern Zweck beachtens- 
wertheste Stelle des an Tieck gerichteten Briefes, die litterar- 
geschichtlich auch deswegen wichtig ist, weil in ihm schon 
der Plan erwogen wurde, Friedrich Schlegels Jugendschriften 
herauszugeben, ist der Anfang, der so lautet: 

»Hier sende ich Dir einige Spaße, welche ich Dich bitte 
mit aller möglichen Discretion anonym in einer der gelesensten 
Tageblätter zu bringen, deren ja eine Menge in Deiner Nähe 
erscheint. Hast Du diese erst fein säuberlich angebracht, dann 
will ich Dir noch einige esoterische, bloß zu Deinem Ergötzen 
mittheilen«. 

Aus den unmittelbar darauf folgenden Worten geht her- 
vor, daß diese Spässe sich gegen den Goethe-Schillerschen 
Briefwechsel richteten. Tiecks Antwort ist nicht bekannt, auch 
in dem Handschriftenbande der Dresdner Bibliothek, welcher 
die Briefe der Brüder Tieck an Schlegel enthält, nicht erhalten. 
Die Epigramme Schlegels gegen den Schiller - Goethischen 
Briefwechsel wurden theils in die Blätter für liter. Unter- 



Io8 Neue Mittheilungen. 



Haltung 1830, theils in Wendts Musenalmanach 1832 aufge- 
nommen, und sind jetzt (im Ganzen 10) in Schlegels sämmt- 
lichen Werken ed. Böcking, Leipzig 1846, II, S. 204 — 207 
abgedruckt. Aber gegen Goethe, vornehmlich gegen Schiller 
sind noch manche andere, gleichfalls meist zuerst in jenem 
Almanach veröffentlichte gerichtet. Sie haben es mit Schillers 
Uebersetzungskunst, mit seinem Lied von der Glocke, mit der 
Unfähigkeit Beider Hexameter zu machen, mit Schillers un- 
deutschen (schwäbischen) Reimen zu thun ; sie verspotten 
Goethes Bemühungen seine sämmtlichen Werke herauszugeben 
und dafür die Gunst des Publikums und den Schutz des deutschen 
Bundes zu gewinnen, sie treten scharf gegen Zelter auf. Die 
meisten sind sehr grob, nicht immer witzig, athmen den 
ganzen ehemaligen Haß der Schlegelschen Gemeinde gegen 
Schiller und stechen, nicht eben zu ihrem Vortheile, von dem 
verehrungsvollen Tone ab, den Schlegel noch 1829 (s. oben) 
angeschlagen hatte (Werke II, 225 : »Mangel an Beruf. 
Schweizerisch« geht auf H. Meyer, gegen den auch die Stelle 
über die »Kunst Bavian« an Tieck 1830 gerichtet ist). — 
(Nachdem dies geschrieben war, bemerkte ich, daß Minor auf 
diese Gedichte, Zeitschr. f. österr, Gymn. 1887, 38. S. 742 ff. 
hingewiesen hat). 

Goethes Werke, von denen Adele sprach, die A. 1. H. 
begannen 1827 zu erscheinen. Die ersten 20 Bände lagen 
Ende 1828 vollendet vor. Der 29. Band (1829 erschienen), 
von dem oben (S. 80 fg.) gehandelt wird, enthielt den zweiten 
römischen Aufenthalt. 

Die Charakteristik der Frau Mertens wird in dem folgen- 
den Briefe (Nr. 14) sehr schön ergänzt. Sie gehört mit der 
Beschreibung des Begasschen Bildes und der Schilderung 
des Eindrucks, den der römische Aufenthalt und die Corres- 
pondenz mit Schiller hervorrief, zu den litterarisch-werthvoUen 
Theilen von Adelens Briefen. In etwas anderem Lichte er- 
scheint die hier so vortheilhaft charakterisirte Frau Mertens 
in mannigfachen Bemerkungen der mit ihr eng befreundeten 
Annette von Droste-Hülshoff (Briefe an L. Schücking, besonders 
S. 112, 195 fg.). Der Gatte der genannten Frau starb 1842, 
und die PVeundin schrieb über die hinterlassene Wittwe : »Sie ist 
doch sehr erschüttert und mit Recht, denn sie haben eine 
wahre Höllenehe geführt, und die Schuld stand ganz zu 
gleichen Theilen. Vielleicht wird sie jetzt wieder liebens- 
würdiger, da der wenigstens angebliche Grund zu dem ewigen 
innern Grimmkochen wegfällt; doch fürchte ich, es sei ihr 
mehr Natur«. Aber auch sonst hatte Annette an dem raschen 
fast jähzornigen Charakter der Frau manches auszusetzen. 
Nach der Erzählung einzelner überaus seltsamen Züge schloß 
sie eine solche Darlegung mit der Bemerkung : »Sie ist eine 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 109 

sonderbare Frau, es sind grandiose Elemente in ihr, aber wun- 
derlich durcheinander gewürfelt und mit Widersprechendem ver- 
setzt; sie erläutert mehr als sonst Jemand, wie sich die Extreme 
berühren«. Aehnliche Seltsamkeiten der merkwürdigen Frau 
berichtet dieselbe Annette in Briefen an Schlüter (Münster 
1880) S. 67, das. auch einzelne Erwähnungen der Adele, z. B. 
S. 99 — 174 fg. vgl. auch 208 fg. (ein Brief Adelens 1837, das. 

5. IOC — 102). — Alwine ist die Schwester des Buchhändlers 
Fr, J, Frommann 1800 — 1875, eine Freundin Adelens. Sie 
lebte später in Berlin im Hause des Ministers von Altenstein 
und starb als Vorleserin der Kaiserin Augusta (vgl. über sie 
die neuerdings zum ersten Mal veröffentlichte hübsche Stelle 
M. Veits in dem von mir Frankfurt 1897 herausgegebenen 
Briefwechsel von M. Sachs und M. Veit, Juli 1839, S. 20 fg.). 
— Tiecks Aufenthalt in Weimar, von dem hier gesprochen 
wird, kann ich nicht nachweisen. Ein anderer bekannterer, 
an dem Adele theilnahm (s. Düntzer), fällt Anfang Oktober 
1828. Ueber diesen ist theils eine kurze Aeusserung Ecker- 
manns bekannt (Gespräche, Biedermann VI, 344), theils eine 
längere Erzählung der Jenny von Pappenheim, wonach Tieck 
nicht die Beachtung fand, die er wünschte und beanspruchte. 
(Vgl. dagegen Johanna an Holtei, S. 2>2> %•) Denn durch 
seine Novelle, »Die Verlobung« 1823, wo er für Goethe ein- 
getreten war, hatte er neuerdings Goethes Gunst erworben 
(vgl. »Invectiven« W. A. V, 189, die kurze Anzeige aus K. u. 
A. IV, 3, Aufsätze zur Litteratur, Witkowski, D. N. L. 32, 78, 
woselbst in einer Anmerkung die weitere Litteratur und 
»Gespräche« X, iio). 

Nr. 14. Dem Briefe gehen einige undatirte aber durch 
ihre Stellung in den Quartalheften sicher zu datirende Billette 
voraus. Das Kunstwerk, zu dessen Vorführung die Künstlerin 
von Goethe ermuntert wird, war ein für die Freundin, Frau 
Mertens, bestimmter Tisch, über den sie in zwei kleinen 
Billetten, Oktober 1828 und vermuthlich unmittelbar vor 
unserem Briefe, 4. Februar 1829 handelt. Für diese Arbeit 
hatte sie aus der Bibliothek einige Werke, in denen sich 
Blumenabbildungen fanden, erbeten und erhalten. Adele 
wünschte ihr Werk zuerst vor allem Goethe vorzuführen. In 
einem andern Billet, November 1828, erbat sie einen ihr 
versprochenen Hexameter Schillers, »Lieder Riems«, die sie 
irgend wie Goethe zu Gehör bringen wollte und erinnerte 
daran, daß Dr. Kleefeld in Danzig die ihm bisher von Jena 
aus gesendeten Wetterbeobachtungen seit sechs Monaten nicht 
erhalten hätte. In einem ferneren Billet, jedenfalls vom 

6. Februar, sendete sie einige Abdrücke aus der Mertens- 
schen Sammlung und die später noch einmal zu erwähnende 
Novelle ihrer Mutter, »Des Adlers Horst«. 



1 10 Neue Mittheilungen. 



Nr. 15. Adele war, wie aus dem vorigen Brief und ihren 
in den Anmerkungen dazu erwähnten Billetten hervorgeht, 
(vgl. auch Briefe der Johanna an Holtei, bes. S. 9, 31), 
den Winter über in Weimar gewesen; im Frühjahr 1829 ging 
sie wieder nach Unkel, um bis zu Goethes Tode nicht wieder 
nach Weimar zurückzukehren. Die Mutter folgte ihr erst am 
2. Juli (Düntzer S. 204), war also vor der Abfassung unseres 
Briefes mit der Tochter vereint. In den ausgelassenen Stellen 
klagte die Schreiberin über die Unordnung des von ihr be- 
wohnten, dem Gatten ihrer Freundin gehörigen Hauses und 
erzählte, wie sie mit ihrer Freundin häufig tagelang zusammen 
sei, nachdem sie die kleine Nachenfahrt zu einander gemacht 
hätten. In einer, der Charakteristik dieser Freundin folgenden 
Stelle bat sie nochmals um die dieser bestimmten Zeichnungen 
und um die Herrn de Noel zugedachten Medaillen, »der Ihnen 
die antike Schale schickte«. (Sie kann also nicht, wie Hüffer 
S. 157 annimmt, erst zum 80. Geburtstage nach Weimar ge- 
sendet worden sein.) Welche antike Schale gemeint ist, läßt 
sich ohne nähere Beschreibung nicht nachweisen, da mehrere 
solche Schalen, kleine und große, wie Ruland freundlichst 
angibt, vorhanden sind. 

Nr. 16. Goethe genügte, wie aus diesem Briefe hervorgeht, 
den Wünschen der jüngeren Freundin vollkommen. Er hatte 
wohl schon die Absicht, die erbetenen Sachen Frau Johanna mit- 
zugeben, denn im Goethe-Schiller-Archiv findet sich ein eigen- 
händiges Billet, auf dessen Vorderseite Johanna Schopenhauer 
geschrieben hat: »Goethe den 23 Juny 1829«. Das Billet lautet: 

»Unter tausendfachen Glückwünschen zur unternommenen 
Reise erbitte mir hierunter den Nahmen von Adelens Freundin 
in Colin. G« 

Die große Sendung Goethes ist offenbar die, von der 
Düntzer, S. 204 f. ausführlich berichtet. Das Couvert, in dem 
die Bildchen und Sprüche sich befanden, ist noch im Nachlasse 
Adelens vorhanden. Ein eigentlicher Glückwunschbrief Adelens 
zum 80. Geburtstag ist, wie es scheint, nicht geschrieben, 
wenn nicht ein Brief fehlt (vgl. u. S. in); vielleicht bezieht sich 
auch auf dieses Ausbleiben des erwarteten Briefes die Stelle 
»Am 28. haben Sie uns wirklich gefehlt«. 

Ueber den Bildhauer David und seine Kolossalbüste ist 
nur kurz zu bemerken, daß Jean Pierre David, 1789 — 1856, 
am 23. August 1829 nach Weimar kam und dort 18 Tage 
blieb. Er arbeitete dort an einem Medaillon Goethes (vgl. 
die »Schätze des National-Museums« Bl. 43 und Rulands »Er- 
läuterungen« das. S. 36) und machte Skizzen zu seiner Kolossal- 
büste, die am 14. Juli 1831 in der Großherzoglichen Bibliothek 
zu Weimar aufgestellt wurde, wo sie noch steht. Ueber die 
persönlichen Berührungen mit David nach dessen Aufzeich- 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. III 

nungen vgl. »Gespräche« VII, 114 fg., 124 ff., 137, 150 fg. — 
Die Lücke in Goethes Briefe ist doch wohl »Frau Mertens« 
auszufüllen, obwohl dieser Name am Anfang des Briefes schon ein- 
mal steht; es ist wenigstens keine Frau bekannt, mit der Adele 
damals in so engen persönlich-litterarischen Beziehungen 
stand. 

Nr. 17. Als der vorige Brief bei Adele ankam, 10. Sep- 
tember, hatte sie schon ein großes Stück einer Epistel ge- 
schrieben, deren Anfang, ein nachträglicher Geburtstags- 
glückwunsch, nicht mitgetheilt zu werden braucht. Ebenso- 
wenig war es nöthig, eine Anzahl Notizen über Münchows 
Privatverhältnisse abzudrucken. Gleichfalls ausgelassen ist 
eine Stelle über eine Frau Goulat aus Frankfurt, mit der 
Adele malte. Am Schlüsse ihres Briefes handelte sie in einer 
gleichfalls nicht mitgetheilten Stelle über des Kanzlers von 
Müller glücklich-unglückliche Reise nach Genua und über 
die wenig zufriedenstellenden Berichte, die Gerstenbergk aus 
Eisenach schickte. 

Boisseree, der hier zum ersten Male genannt wird, ver- 
dient eine längere Erwähnung. 

Die Beziehungen der Schopenhauerschen Damen zu 
Boisseree beginnen ziemlich früh. Die Bekanntschaft der 
Johanna mit Boisseree wurde vielleicht durch Goethe vermittelt 
(vgl. die Aeußerung der ersteren in den Gesprächen X, 79). 
Schon vom 14. Januar 1821 ist ein Brief der Johanna erhalten 
(S. B. I, 387), aber bereits einige Jahre früher hatte Frau 
Johanna dem eifrigen Sammler bei dem Publikum einen nicht 
unbeträchtlichen Dienst geleistet durch ihre ausführliche, auch 
von der persönlichen Bekanntschaft Zeugniß ablegenden Be- 
schreibung der Boissereeschen Gemälde, die sie in ihre 
»Ausflucht an den Rhein« aufnahm. (Zuerst erschienen 
Leipzig 181 8, abgedruckt »Werke«, Leipzig und Frankfurt 
1830 II, 144 — 192.) In der Goethe-Boissereeschen Correspon- 
denz wird auf den Verkehr beider Familien erst in einem 
Briefe Goethes 1825 hingewiesen (S. B. II, 396). 

Eine nähere Verbindung entwickelte sich seit 1826. Von 
ihr legt ein freundlicher Dankbrief der Frau Johanna (S. B. 
I, 470 fg.) Zeugniß ab. Dieses freundliche Verhältniß wurde 
durch ein Zusammensein beider Familien am Rhein gekräftigt. 
Goethe muß davon in einem vielleicht verloren gegangenen 
Briefe (vgl. S. iio.) Kunde erhalten haben, denn er schreibt 
schon, 2. September 1829 (S. B. II, 519), daß er es durch »unsere 
wackere, gute, uns wahrhaft fehlende Freundin Adele« erfahren 
habe. In diesem Briefe kündigte er auch das oben erwähnte 
Kästchen an und kam am 3. nochmals darauf zurück; Adele 
bedankte sich für den ihr zugänglich gemachten Brief (un- 
datirt S. B. II, 520). Die Briefe, mit denen Adele die Gaben 



112 Neue Mittheilungen. 

Goethes an ihre Freundin Frau Hertens und Herrn de Noel 
beförderte, sind G.-J. XIV, S. 158 fg. gedruckt. Ein hübscher 
Nachklang von diesem Zusammensein in Bonn ist in dem 
Briefe der Frau Johanna vom 2. November 1829 erhalten 
(S. B. I, 550), wo auf unseren Brief Nr, 16 hingewiesen wird. — 
Der »Vergleich der beiden Wanderjahre« mit dem laut Adelens 
Bericht Boisseree beschäftigt sein soll (Goethe sprach davon 
in seinem Briefe nicht ausdrücklich), ist nicht etwa ein Vergleich 
der Goethischen und der »falschen Wanderjahre«, sondern 
ein Vergleich der beiden Goethischen Fassungen, deren eine 
1821 und deren andere eben damals 1829 erschienen war, — 
Die litterarische Thätigkeit der Mutter war damals keine sehr 
große. Im Laufe des Jahres 1829 erschien in zwei Taschen- 
büchern je eine Novelle »Des Adlers Horst«, von der vorher 
schon einmal gesprochen ist und »Die Schwestern«, Die 
Reisebeschreibung wurde unter dem Titel »Ausflug an den 
Niederrhein und nach Belgien im Jahre 1828« Leipzig 1831, 
2 Bde., veröffentlicht. 

Als eine Art Ergänzung zu dem eben besprochenen 
Briefe gehört ein Bruchstück, 2 Seiten, von Suphan datirt: 
1829, September. In ihm erzählt Adele von ihrem Leben 
mit der Mutter und Frau Mertens, daß sie lese, modellire, 
zeichne. Dann schreibt sie: »Noch einiges aus Ihrem Brief 
möchte ich erwidern, die Nachricht von Aufführung des 
,Fausts', wüßte ich nur Genaueres darüber und die interessante 
Erscheinung Davids. In künstlerischer wie in gemüthlicher 
Hinsicht gehen sie Keinem verloren, da er ein Denkmal hinter- 
läßt. Was er aber als Gast im Hause war, ist mir undeutlich 
und doch ist das immer wichtig«. Von der Faustaufführung 
(28. Aug. vgl. z. B. Gespräche VII, 131 fg.) hatte Goethe selbst 
nichts geschrieben. Sie möchte, wie sie ferner mittheilt, 
Goethes Enkel am Rhein bei sich sehen. Sie grüßte die 
Weimaraner, besonders Riemer, »dessen Sonett sehr schön ist«. 
(Zu Goethes Geburtstag; Riemer hat seit 1826 keine Gedicht- 
sammlung veröffentlicht.) Am 30. September fügt sie hinzu: 
»Da Sibylle erst gestern die auf der Post verspätete Einlage 
schickte, so mußte mein Brief liegen bleiben«, 

Nr, 18. Mit einem Glückwunsch zum neuen Jahr und 
einer Klage, keinen Brief von Goethe, die erwartete Antwort 
auf ihre beiden letzten Briefe, erhalten zu haben, beginnt 
unser Schreiben. Das schöne Urtheil über die Schiller-Goethische 
Correspondenz bedarf keines weiteren Commentars. — Jean 
Pauls Briefe sind der erste Band des Briefwechsels von Jean 
Paul mit seinem Freunde Christian Otto, der 1829 in Berlin 
erschien, — Das erneuerte Geburtstagslied ist ein mit dem 
Datum zum 28, August 1829 versehenes, aus drei verschiedenen 
Divansprüchen zusammengesetztes Gedicht Goethes, das an 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 1 1 3 

Adele in verschiedenen Exemplaren geschickt wurde (vgl. 
dagegen S. 106 fg.). 

Bei dieser Erwähnung Goethischer Sprüche oder Hand- 
schriften, die Adele ihren Freunden verschaffte, oder in Goethes 
Auftrage weiter sendete, mag auch auf ein undatirtes und 
schwer einzureihendes Zettelchen der Adele verwiesen werden, 
das der Vollständigkeit wegen hier stehen kann. 

»Eine Abgereiste bittet um die versprochene Handschrift 
für den Musik-Director Klasing in Hamburg. Adele«. 

Der also Beschenkte, wenn er überhaupt beschenkt worden 
ist, gehört jedenfalls nicht zu Goethes Bekanntenkreis. Auch 
litterarisch scheint er nicht hervorgetreten zu sein. 

In einer ausgelassenen Stelle unseres Briefes schrieb 
Adele ähnlich wie schon früher über ihren Bonner Umgangs- 
cirkel und kündigte einige Kunstsachen an, von denen noch 
im Folgenden die Rede ist. — Die zum Schluß erzählte 
Bonner Skandalgeschichte von Nees von Esenbeck »dem Präsi- 
denten« wie Goethe Nr. 19 sagt, nämlich der Kaiserlich 
Leopoldinisch-Karolinischen Akademie der Wissenschaften, 
eine Würde, die er seit dem 3. August 1819 bekleidete, betrifft 
einen mit Goethe eng verbundenen Gelehrten, der als Mit- 
arbeiter der Jenaer Litteratur-Zeitung schon 1804 in Goethes 
Gesichtskreis trat und seit 1816 briefliche Verbindungen mit 
ihm unterhielt. Dieser Briefwechsel mit Goethe, 1816 — 1831, 
in dem die Briefe Goethes beider Correspondenten nicht voll- 
ständig mitgetheilt werden, füllt 78 Nummern der »Naturw. 
Correspondenz«. Nees wurde von Goethe sehr geschätzt und, 
außer in vielen Briefen an Andere, mehrfach in den »Annalen« 
und vielen Stellen der »Naturw. Schriften« erwähnt. 

Bei Goethe war er am 18. März 1819 (vgl, »Gespräche« 
IV, 5, vielleicht auch auf der Rückreise, siehe »Annalen«, 
z. d. J.), wo er verbindlichst aufgenommen und durch von 
Müller, der dies berichtet, als ein kleiner, hagerer, munterer 
und ansprechender Mann geschildert wurde, woraus weder 
auf eine besondere Schönheit noch ^Häßlichkeit zu schließen 
ist. Nees, geboren 1776, gestorben 1858, seit 1818 Professor 
der Botanik in Bonn, war vermählt mit Elisabeth Jacobine 
von Metthing. Sie nannte sich und wurde von den Freunden 
Lisette genannt. Sie war (die nachfolgenden Mittheilungen 
sind den von Herrn Pfarrer Dr. Dechent mir freundlichst 
zur Verfügung gestellten Auszügen aus Frankfurter Kirchen- 
büchern entnommen) am 22. Mai 1783 geboren, wurde erst 
am 23. September des genannten Jahres durch den Pfarrer 
Willemer getauft; am 5. März 1804 privatim durch den 
Senior Hufnagel mit Nees in Frankfurt getraut, von diesem 
geschieden in Breslau am 10. November 1830 und nahm 
1831' ihren früheren Namen wieder an, woraus sich die 

Goethe-Jahkbucu XIX. 8 



114 Neue Mittheilungen. 



Berichte einzelner Historiker erklären , die sie Frau von 
Metthing genannt haben. Diese Angaben dienen als Er- 
gänzung und theilweise als Berichtigung zu den Mittheilungen, 
die ich tiber die merkwürdige, kluge und eigenartige Frau 
in meinem Buche »Karoline von Günderode und ihre Freunde«, 
Stuttgart 1895 gemacht habe. Wenn sie in dem dort, S. 46 ff. 
abgedruckten Briefe nach ihrer Frankfurter Trauung von ihrem 
Aufgebot spricht, so erklärt sich das daraus, daß man offenbar 
in Frankfurt die nöthigen Formalien versäumt und durch die 
sich daraus ergebenden »langweiligen Geschichten« erst in 
fataler Weise an das Landestlbliche erinnert wurde. Der 
Pfarrer von Sickershausen forderte gewiß die Nachholung des 
in der Eile unterlassenen Aufgebotes. (Die Bemerkungen 
eines Rezensenten im »Euphorion« Bd. II, S. 410 sind daher 
wie viele andere Ausstellungen derselben Rezension gänzlich 
hinfällig.) Da die Hochzeit des Neesschen Paares also Anfang 
1804 stattfand, so konnte Adele 1830 ganz wohl von einer 
sechsundzwanzigjährigen Ehe sprechen. Dagegen ist Nees' 
Alter mit 56 Jahren nicht ganz richtig angegeben. Auch 
die Behauptung, daß Lisette die zweite Frau von Nees gewesen 
ist, ist richtig; die erste war 1802 nach nur einjähriger Ehe 
gestorben (vgl. A. D. B. 23, 368). Adelens Mittheilung, daß 
Nees die erste Frau entführt habe, kann ich nicht controlliren. 
Ihre Nachricht, daß er auch Lisette habe entführen wollen 
und gegen den Willen der Eltern geheirathet habe, mag auf 
Wahrheit beruhen. Daraus möchte sich die schnelle, ohne 
Aufgebot vollzogene Trauung erklären. Die Charakteristik 
der Lisette, wie sie Adele giebt, stimmt recht wohl zu dem 
Eindruck, den man aus ihren interessanten und bedeutenden 
Briefen gewinnt. — Die kühle, fast abweisende Art, in der 
Goethe (Nr. 19) von Nees spricjit, veranlaßte ihn aber nicht, 
den Verkehr mit jenem abzubrechen. Eine Weile freilich war 
die Verbindung unterbrochen. Erst am 5. November 1830 
(Naturw. Corr. 11, 171 ff.) schrieb Nees aufs neue und begleitete 
wie gewöhnlich seinen Brief mit litterarischen Gaben. Auf 
diese Sendung hat Goethe jedenfalls durch Zusendung der 
deutsch-französischen Ausgabe seiner Pflanzen-Metamorphose 
(genauer Titel bei Hirzel, Verzeichniß, S. 108) reagirt. Ob 
er einen Brief dazu schrieb, geht aus dem sehr freudigen 
Antwortschreiben von Nees, 25. Juli 1831 (»Naturw. Corr.« II, 
174 ff. dem letzten Stücke der langen Reihe), nicht hervor. 
W'ie das Schreiben, das bei Strehlke II, 9 mit der Bezeich- 
nung »etwa 1830/31« aufgeführt ist, datirt werden muß, ist 
nach einer Andeutung Suphans, eine sehr verwickelte Frage, 
vielleicht Anfang 1832. — Die Stelle, für die Nees seinen Dank 
so lebhaft bezeugt, steht in der erst in der Ausgabe von 
1831 erschienenen Abhandlung »Wirkung dieser Schrift* und 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. 1 1 5 

weitere Entfaltung der darin vorgetragenen Idee« (vgl. W. 
A. Naturw. Schriften VI, 255); an ihrem Schluß heißt es: »so 
daß diesem vorzüglichen Mann an der Verbreitung jener natur- 
gemäßem, lebendigem Ansicht der Pflanzenbildung der größte 
Antheil gebührt«. 

K. D. Hüllmann, Historiker, 1765 — 1846, von 181 8 — 1 841 
als bedeutender Lehrer und Verwaltungsbeamter der Universität 
Bonn thätig, hatte schon damals sein bedeutendstes Werk 
»Städtewesen des Mittelalters« erscheinen lassen, 1825 — 1829. 
In A. Delbrücks Skizze über Hüllmann (Adolf Schmidts Zeit- 
schrift für allgemeine Geschichte VI, S. 1 ff.) findet sich zwar 
manches über Hüllmanns Persönlichkeit, aber nichts über seine 
Frau. Dagegen verdient eine Stelle dieses zeitgenössischen 
Berichterstatters hier eine Hervorhebung. »Unter den Werken 
unserer Dichtkunst giebt es eines, welches er nicht müde ward, 
immer von neuem zu lesen, vielleicht jährlich wiederholte. 
Und dieses war? Es war ,Hermann und Dorothea'. Auch 
Goethes Elegie ,Euphrosyne', welche er einst zufällig vor- 
lesen hörte, machte auf ihn tiefen unauslöschlichen Eindruck. 
Doch vermochte dieses ihn nicht in das wunderwürdige Werk 
des Meisters und ähnliche sich zu versenken, vermuthlich aus 
Besorgniß, durch solche Nachgiebigkeit auf Nebenpfade ver- 
lockt zu werden, welche ihn von täglicher Verfolgung seines 
Lebenszwecks abwendig machen konnten«. 

Nr. 19. Für die Zeichnung des Medusenhauptes, — sie 
hängt im Goethehause auf dem Treppenaufgang, links von 
der Thür mit dem Salve — auch für seine Vervielfältigung 
in Kupferstich kann auf G.-J. XIV, 159 verwiesen werden, 
die Vermittlerin ist natürlich Frau Mertens. Der Zeichner 
war Odenthal, über den daselbst gleichfalls Einzelnes zu 
finden ist, Professor Walter (S. 80) ist Ph. Fr. von Walter, 
1782 — 1843, der von 1818 — 1830 in Bonn lebte, in letzterem 
Jahre aber wirklich nach München ging, wo er Professor und 
Leibarzt des Königs wurde. Er war mit Schlegel bekannt, 
der von seiner Bewunderung einer Stelle des »Fortunat« an 
Tieck schrieb. (Holtei III, 300.) 

Nr. 20. Das Medusenhaupt, von dem schon in dem vorigen 
Briefe die Rede war, sollte nach einer am Anfang unseres 
Briefes stehenden Mittheilung abgegossen werden. — Das einzige 
Mitglied des Bonner Kränzchens, das bisher noch nicht genannt 
wurde, ist A. Fr. Näke, dessen »Wallfahrt nach Sesenheim« 
auf Veranlassung von Nees an Goethe geschickt wurde, 1827, 
und Goethes bekannte Erwiderung hervorrief. Näkes Arbeit 
wurde erst 1840 durch Varnhagen herausgegeben. Er war 
klassischer Philologe, 1788 — 1838, seit 18 [8 Professor in Bonn, 
hervorragender Lehrer; auch als Mensch durch heitere Ge- 
selligkeit in weiteren Kreisen angesehen und beliebt. — Ueber 

8* 



Il6 Neue Mittheilungen. 



seine Vorlesungen schreibt Schlegel einige Monate früher als 
unser Brief an Tieck a. a. O. : »Ich halte jetzt wieder meine 
Winter- Vorlesungen für Damen, die stärker besucht sind als 
je. Du würdest dort die schönsten Frauen und Mädchen aus 
Bonn beisammen sehen«. Am Schlüsse des Briefes machte 
Adele in einer ausgelassenen Stelle von manchen häuslichen 
Sorgen Mittheilung, schickte einen Brief an Felix Mendelssohn, 
den sie dem Künstler nachzuschicken bat und berichtete von 
dem Engländer Buller aus Calcutta, durch den unterstützt 
sie englische Studien treibe. 

Nr. 21. Am 27. Oktober 1830 war Goethes Sohn August 
in Rom gestorben; am 11. November hatte der Vater die 
Nachricht erhalten. Am 23. bekam Goethe einen schweren 
Blutsturz, erholte sich aber in der folgenden Woche wieder. 
Auf diese traurigen inneren und äußeren Erlebnisse bezieht 
sich der Schluß unseres Briefes. Der größere Theil des Briefes 
beruht auf einer Verwechslung, die in dem folgenden Briefe 
selbst berichtigt wird. — G. A. Goldfuss, 1782 — 1848, war 
allerdings Professor in Bonn, Mitarbeiter von Nees, dessen 
Gesinnungsgenosse er auch war, wurde aber von Goethe weder 
in den »Naturw. Schriften« noch in den »Annalen« und »Ge- 
sprächen« genannt. Goldfuß war seinem Hauptfache nach 
Zoologe, hatte sich aber auch als Physiker, Geologe und 
Naturphilosoph einen Namen gemacht. Auf Goethes Anfrage 
erwiderte Adele in einem nicht abgedruckten Theile des 
Briefes vom 21. Dezember: Goldfuß habe keine Schrift ge- 
schrieben, wie Goethe wünsche, sondern eine Abhandlung 
über Systematisirung derThiere; dies sei eigentlich ein Brief- 
wechsel zwischen Goldfuß und Nees, wobei der Erstere als 
Verfasser genannt sei, der Letztere werde wohl die Schrift 
an Goethe geschickt haben. In den Briefen von Nees findet 
sich über unsere Schrift nichts. Auch aus den mir vorliegen- 
den bibliographischen Hilfsmitteln kann ich nichts Genaueres 
eruiren. 

Unmittelbar vor Empfang des Goethischen Briefes, ver- 
muthlich auf Grund guter, von Anderen empfangenen Nach- 
richten über Goethes Wohlbefinden, hatte Adele nochmals, 
17. Dezember 1830, geschrieben und einzelne Blätter von 
»Mantegnas Triumphzug« angeboten, für den Goethe sich 
bekanntlich sehr interessirte (vgl. über Adelens Interesse daran 
oben S. 94). Sie schickte im Auftrage der Frau Mertens eine 
ganz alte Beschreibung des Heiligen Dreikönigskastens zu Köln, 
sendete außerdem eine Zeichnung des Hauses in dem sie in 
Bonn wohnte und sprach die Hoffnung aus, nächsten Winter 
wieder nach Weimar zu kommen. Auf eine jenes Buch be- 
treffende Anfrage theilt Ruland freundlichst Folgendes mit: 
»Ein altes ßuc/i über den Schrein der H. Dreikönige ist mir 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. llj 

noch nicht vorgekommen. Dagegen findet sich eine Nach- 
bildung des Kölner Dombildes — die kleinen Kupferstiche in 
schwarze bewegliche Kästchen eingesetzt — «. Das Interesse 
Goethes an der Legende der heiligen drei Könige mochte 
Adele von ihrem Weimarer Aufenthalt kennen. Das Tagebuch 
meldet die Beschäftigung mit der Legende: 20., 22., 31. Ok- 
tober 181 9, die Anfertigung eines Auszugs: i., 2. November, 
Aufklärung wegen des Verfassers und Brief an Boisseree 
13. 16. Dezember (S. B. 2, 151 fg.?). Das Gedicht Epiphanias: 
»Die heiligen drei Könige«, entstanden 1781, hat mit diesen 
Studien nichts zu thun. 

Nr. 22. Ein Theil des Inhalts unseres Briefes ist bereits 
in der Anmerkung zum vorigen angedeutet. Eine andere 
ausgelassene Stelle handelt über die Bonner Freunde, ohne 
sonderlich Neues zu bringen und über Adelens Beschäftigung 
mit Zeichnen. — Schlegels Enthusiasmus für Tiecks Novelle 
»Dichterleben« zeigt sich auch in seinen Briefen an Tieck, 
besonders 30. März 1828, Holtei III, 296. Speciell über die 
hier erwähnte heißt es: »Das , Dichterleben' ist hinreißend. 
Es sollte ins Englische übersetzt werden. Farebbe furore«. — 
Die Klatschereien über den berühmten Historiker B. G. Niebuhr 
habe ich stehen lassen, obgleich ich ihnen gewiß keine Be- 
deutung beilege, und obgleich auch Goethe nicht darauf ein- 
ging. Die Vorwürfe gegen die Frau, Niebuhrs zweite Gattin, 
Margarethe Lucie Heusler, geboren 1787, die mit dem Gatten 
innig verbunden, neun Tage nach seinem Tode selbst starb, 
sind schwerlich begründet. Niebuhrs Erklärung, er habe Potter 
nicht gekannt, bezieht sich, wie ich einem Hinweis des Herrn 
L. St. Goar entnehme, vermuthlich auf Potters griechische 
Archäologie, aus dem Englischen übersetzt von J. J. Rambach, 
3 Bände, Halle 1776 — 78. Man müßte annehmen, daß gegen 
Niebuhr der Vorwurf des Plagiats erhoben worden sei. — Das 
gegen N. gerichtete Pasquill möchte man als Aeußerung eines 
politischen Gegners auffassen. »Sein rücksichtsloser Freimuth« 
sagt Nissen A. D. B. 23, 659, »sein offenes Eintreten für Arndt 
und andere Patrioten hatten ihm viele Widersacher verschafft«. 
Es wäre auch denkbar, daß die Vorrede zum 2. Theil der 
»Römischen Geschichte«, vgl. G.-J. VIII, loi, Anlaß zu einer 
Demonstration gegeben hätte. Oder sollte Schlegel etwa an 
diesen Pasquillen betheiligt gewesen sein? In Schlegels Epi- 
grammen (Werken, 243 — 250) richten sich viele und gerade 
recht bissige gegen Niebuhr. In dem Nachlasse Niebuhrs, den 
ich durch H. Meisners Güte ansehen durfte, stiess ich auf nichts, 
das zur Erklärung führen konnte. Niebuhr starb wenige Tage 
nach unserem Brief, 2. Januar 1831, so daß schon aus diesem 
Grunde Goethe nicht auf die von Adele berichteten Ge- 
schichten einging, sondern nur von seiner Würdigung des 



1 1 8 Neue Mittheilungen. 



Verstorbenen sprach. Wie groß diese war, geht aus den G.-J. 
VIII, I20 angeführten Aeußerungen hervor; über das Verhältniß 
beider Männer geben die daselbst 88 — loo mitgetheilten Briefe 
Niebuhrs an Goethe genügenden Aufschluß. 

Nr. 23. Im Goethe-Jahrbuch VIII ist auch der hier be- 
sonders erwähnte Brief Niebuhrs mitgetheilt. 

Zwischen Nr. 23 und 24 liegt ein Brief Adelens vom 
22. Juni 1831, auf den nur hingewiesen zu werden braucht. 
Sie entschuldigte ihr langes Schweigen mit ihrer eigenen 
Schwäche und der Krankheit der Frau Mertens und gab 
wiederum ihrer übrigens nicht erfüllten Hoffnung Ausdruck, 
im nächsten Winter nach Weimar zu kommen. Sie äußerte 
den rührenden Wunsch, schon früher dagewesen zu sein, um 
sich Goethe nützlich zu zeigen. Das Bild des Häuschens in 
Unkel, nach dem Goethe in seinem Brief vom 10. Januar fragte, 
sei von Frau Goulat. Sie bat ferner um ein von ihr in Weimar 
zurückgelassenes Bild »Jordan«, das sie vertauschen könnte, 
und meldete, daß sie in der Lage sei, für Goethe Blätter von 
Lucas von Leyden und Martin Schön zu erhalten. 

Nr. 24. Die Sorgfalt, mit der Goethe für die Rück- 
sendung des von Adelen verlangten Bildes thätig war, bis 
in die Einzelheiten der Verpackung sich einlassend, ist wahr- 
haft rührend. Auch auf diesen Brief hat Adele geantwortet. 
(25. August 1831.) Sie meldete darin, daß sie ihr Bild erhalten 
und dafür manche Kupferstiche eingetauscht habe. Sie schickte 
gleichzeitig mit dem Briefe die schon angedeuteten Stiche des 
Lucas von Leyden und theilte mit, daß der Besitzer dafür 
kein Geld, sondern Kupfer zu Winckelmann, Werke über Plastik 
und Münzen oder überhaupt Werke mit Kupfern haben wolle. 
Endlich sandte sie zur Ansicht und zur Ergänzung eines früheren 
Geschenkes ein späteres Werk über den heiligen Kasten. 

Nr. 25. Goethes Aufenthalt in Ilmenau, der letzte, den 
er überhaupt in dem von ihm so geliebten Städtchen nahm, 
fällt in die letzten August- und die ersten Septembertage 1831, 
wahrscheinlich 26. August bis i. September. Nur zwei Briefe 
aus Ilmenau vom 29. August sind bisher bekannt. Von 
Weimar ist bereits wieder ein Brief vom 3. September datirt. 
Ausführlich über diesen Ilmenauer Aufenthalt handelt auch ein 
Schreiben an Zelter vom 4. September 1831. G.-Z. VI, 38ofir. — 
Die »Asiatische Hyäne« (vgl. oben S. 52) ist die Cholera, die 
damals namentlich im nordöstlichen Deutschland zum ersten 
Male wüthete. — Der am Schluß gena.nr\te Sc Au/s ist der Staats- 
rath Christian Friedrich Schultz, 17 81 — 1834, einer der eifrigsten 
Vertheidiger von Goethes »Farbenlehre«, mit dem Goethe 
von 1814 — 1831 einen sehr lebhaften und gehaltvollen Brief- 
wechsel unterhielt. 75 Briefe Goethes nebst Schultz' Antworten 
sind von Düntzer, Leipzig 1852 herausgegeben. Schultz war 



Goethe an Adele Schopenhauer nebst Antworten Adelens. I19 

am 22. Juli 1831 in Weimar gewesen, kündigte von Wetzlar 
aus am 12. September 1831 seine demnächst erfolgende Ueber- 
siedlung nach Bonn an, die er gewiß auch schon mündlich 
angedeutet hatte. Er wurde durch Goethe in Bonn mit einem 
sehr vertraulichen Briefe vom 18. September 1831 begrüßt 
und begann von Bonn aus am 30. September 1831 seine 
Antwort, die aber nicht vollständig überliefert und vielleicht 
überhaupt nicht vollständig geschrieben ist. In den letzten 
Briefen zwischen Goethe und Schultz (Düntzer a. a. O. 183 ff.) 
wird Adelens Name übrigens nicht genannt. 

Eine Aeußerung Adelens über Goethes Tod ist nicht 
bekannt. Mit Ottilie, die nach des Schwiegervaters Tode 
nach Unkel kam , setzte Adele ihre freundschaftlichen Be- 
ziehungen fort und blieb dauernd herzlich mit ihr verbunden. 

Ludwig Geiger. 




IL Verschiedenes. 



ZWEI BRIEFE GOETHES. 

Mitgetheilt von 

Otto Brandes, 

An Ridel. 

»Die Ankunft des H. Arends beraubt mich des Ver- 
gnügens Sie heut wieder zu sehen. Ich bringe ihn ehstens 
hinaus und Sie werden Sich freuen einen Landsmann zu 
sehen. 

Morgen kommt ein Steinewagen. Haben Sie die Güte 
und lassen die Statue aufladen welche hinten nicht weit 
von dem Loch mit Köpfen liegt. Lassen Sie ihr aber ja 
den rechten Kopf mitgeben, sonst kommt sie in Gefahr 
doppelt ungestalt zu werden. Leben Sie wohl. Grüßen 
Sie den Prinzen u. August, 

G.« 

Die Adresse lautet : »Hr. Land Cammerrath Ridel«, 

Das Original, seit kurzem in meinem Besitz (Hannover), 
befand sich bis dahin in Händen der Nachkommen des 
Adressaten in Weimar, füllt etwa die erste Seite eines Quart- 
bogens, während die vierte Seite die Adresse trägt. Den 
besten Wegweiser zur Ermittelung des Datums, das dem Briefe 
fehlt, ergeben die ersten Worte »die Ankunft des H. Arends«, 
da mit dieser auch der Tag des Briefes sich herausstellen 
würde. Offenbar handelt es sich um Arends erstes Kommen 
nach Weimar, den Goethe im Frühjahr 1789 sehnsüchtig zu 



Zwei Briefe Goethes. 121 

den Berathungen in Betreff Wiederaufbau des 1774 abge- 
brannten Residenzschlosses erwartete. Im Frühjahr 1789 ver- 
weilte Goethe seit dem 20. Mai mit dem Erbprinzen und Ridel 
während der Abwesenheit des Herzogs in Belvedere ; es findet 
sich darüber in einem Briefe Goethes an Frau v. Stein vom 
8. Juni aus Weimar (W. A. Briefe Bd. 9, Nr. 2756) die Stelle: 
»der Baumeister Arends ist jetzt hier und ich erfreue mich 
wieder der Nähe eines Künstlers« und weiter: »ich war eine 
Woche mit dem Prinzen in Belvedere« — thatsächlich waren 
es zwei und eine halbe Woche. Goethe unterbrach diesen 
Aufenthalt in Belvedere zwei Mal: das erste Mal am i. Juni, 
worauf zwei Briefe von diesem Tage schließen lassen, deren 
einer an Frau v. Stein nach Ems aus Belvedere gerichtet ist, 
während der andere an J. H. Lips die Ueberschrift Weimar 
trägt. An diesem Tage (Montag) scheint Goethe in Weimar 
der Familie Herder, deren Oberhaupt von seiner italienischen 
Reise noch nicht zurückgekehrt war, den für den vorher- 
gehenden 31. Mai (Pfingstsonntag) in Aussicht gestellten Besuch 
gemacht zu haben (W. A. Bd. 9, Nr. 2752). Caroline Herder kam 
an diesem Sonntage hinaus nach Belvedere. Arends war an 
diesem Tage also wohl noch nicht in Weimar. Am 5. Juni 
kam Goethe dann abermals in die Stadt ; wenigstens erfahren 
wir von diesem Tage, daß Arends mit Knebel bei Goethe 
zu Mittag speist. Goethe würde also an diesem Tage, nach- 
dem er in Weimar mit Arends zusammengetroffen, nicht wieder 
nach Belvedere hinausgefahren sein, weshalb er den oben 
wiedergegebenen Brief nach Belvedere an Ridel hinaussandte, 
um ihm von seinem Ausbleiben und Arends Ankunft Kenntniß 
zu geben. Am 7. erst kehrte Goethe definitiv mit dem Erb- 
prinzen nach Weimar zurück. Nach diesen Ermittelungen 
würde der Brief in der W. A. Briefe Bd. 9 hinter Nr. 2754 
(i. Juni 1789) oder 2755 (5. Juni 1789) einzufügen sein. 

Die in dem Briefe erwähnte kopflose Statue, welche auf 
Goethes Wunsch nach Weimar hereingeschafft werden soll, 
dürfte zu den bei der Zerstörung des Schlosses beschädigten 
Kunstgegenständen gehören und mit den Neubau-Plänen und 
Arends' Anwesenheit in Verbindung zu bringen sein. Mit dem 
am Schlüsse des Briefes genannten August ist zweifellos Herders 
zweiter Sohn August gemeint. Erfreute sich das Verhältniß 
Goethes zum Herderschen Hause im Jahre 1789 während 
Herders Aufenthalt in Italien schon einer besonderen Intimität, 
so war das Interesse Goethes für August Herder, sein Pathen- 
kind, dauernd ein außergewöhnliches; wie oft findet sich nicht 
in Goethes Briefen jener Jahre an das Haus Herder eine 
Erwähnung seines Lieblings, ein besonderer Gruß an August. 
August Herder war in der fraglichen Zeit jedenfalls auch 
häufig unter Ridels Aufsicht bei dem Erbprinzen in Belvedere. 



122 Neue Mittheilungen. 



Der gleichen Quelle, wie der obige Brief, entstammt das 
folgende Billet Goethes, gleichfalls eigenhändig: 

»Ich bitte diejenigen die mich lieben und mir wohl 
wollen mir ein Wort in die Ferne bald zu sagen, und 
dem Briefe an mich, der nur mit Oblaten gesiegelt werden 
kann, noch einen Umschlag zu geben mit der Adresse 
AI Sgr. Tischbein 
Pittore Tedesco 
al Corso, incontro del 
Palazzo Rondanini 

Roma«. 

Das Billet scheint eine selbständige Beilage zu einem 
Briefe gewesen zu sein, der Inhalt ähnelt dem Briefe an Seidel, 
Rom 4. Nov. 1786 (VV. A. Briefe Bd. 8, Nr. 2518) und deutet 
wie auch das italienische gerippte Papier, dessen sich Goethe 
bis in den Anfang Dezember bediente, auf den Monat No- 
vember oder Anfang Dezember 1786. Am 9. Dezember schrieb 
Goethe auch an Seidel die Weisung seinen nächsten Freunden 
in Weimar seine Adresse zu geben ; die damit gegebene Auf- 
hebung des bis dahin noch theilweise gewahrten incognito 
enthält auch das obige Billet. 




IL Abhandlungen. 



I. 

Zu Goethes Maximen 
UND Reflexionen über Kunst. 

Von 

O. Harnack. 




oethes Spruchsammlung »Maximen und Reflexionen« 
stellt sich nach Geist und Ausdrucksform als ein- 
heitliches Gebilde dar, so verschieden auch die 
Gebiete sind, auf denen sich die einzelnen Sprüche bewegen. 
Seine organische Naturanschauung ist innig mit seiner 
Kunstbetrachtung wie seinen metaphysischen Ideen ver- 
bunden, und seine ethische Grundrichtung durchdringt mit 
ihrem kräftigen Selbstvertrauen wie mit ihrer willigen 
Hingabe an das Gesetz alle Gebiete seines geistigen Lebens. 
Es war wohl kein glücklicher Gedanke Goethes, wenn er 
in Gemeinschaft mit Eckermann die Bestimmung traf, die 
»Maximen und Reflexionen« sollten in drei Hauptgruppen, 
eine naturwissenschaftliche, eine kunstwissenschafthche und 
eine ethisch-Utterarische gesondert und demgemcäß in ver- 
schiedene Bände seiner Schriften vertheilt werden. Neuere 
Herausgeber sind bekanntlich von dieser Norm abgegangen 
und haoen jene Gruppen wieder vereinigt; die Weimarer 
Ausgabe, welche sich vor allem die Aufgabe stellt, Goethes 
eignen Intentionen pietätvoll nachzugehen, mußte auch in 
diesem Punkt ihnen treu bleiben.' Wenn nun mir als 



' Es ist jedoch sehr zu wünschen, daß, unbeschadet des Erscheinens 
in den einzelnen Bänden der Ausgabe, man auch eine Form finde, die 
sämmtHchen Sprüche, gedruckte und ungedruckte, aller drei Abtheilungen 
vereinigt herauszugeben. (Vgl. meinen Aufsatz in der Vierteljahrsschrift 
VI, 463—472.) 



126 Abhandlungen. 



Herausgeber der Kunstschriften die einigermaßen undanlv- 
bare Aufgabe zufiel, die auf Kunst bezügliclien Sprüche aus 
der Masse des gedruckten, wie des ungedruckten Materials 
herauszupflücken und zusammenzustellen, so ward mir diese 
Aufgabe doch dadurch interessant, weil sie mich auch mit 
den bisher unbekannten Sprüchen bekannt werden ließ. 
Es waren im Ganzen siebenundzwanzig neue »Maximen 
und Reflexionen«, welche theils dem Text theils wegen 
ihrer unfertigen Form den »Vorarbeiten und Bruchstücken« 
des 48. Bandes eingefügt werden konnten. Es sei mir 
erlaubt, sie hier einzeln vorzulegen und einiges zu ihrer 
Erklärung beizutragen. 

Schon bekannt war der Ausspruch: »Wem die Natur 
ihr off"enbares Geheimniß zu enthüllen anfängt, der empfindet 
eine unwiderstehliche Sehnsucht nach ihrer würdigsten 
Auslegerm, der Kunst«. Wie eine Vorstufe zu diesem Satz, 
wie emes der Materialien zu seiner Entstehung, erscheint 
nun die Erwägung: »Kunst, eine andere Natur, auch ge- 
heimnißvoll, aber verständlicher; denn sie entspringt aus 
dem Verstände«. (Bd. 48, S. 250.) Der Ausdruck »Verstand« 
ist hier selbstredend nicht im speziellen Sinne vom Organ 
des logischen Denkens zu verstehen; er tritt als pars pro 
toto für die ganze menschliche Geisteskraft ein und ist 
wegen des Zusammenklangs mit dem vorausgehenden 
»verständUch« gevvählt. Ein Wiedererschaff'en der Natur 
aus dem menschlichen Geiste heraus, in für uns klarerer, 
in durchschaubarer Form, — das ist für Goethe die Thätig- 
keit des Künstlers, 

Die erste Bedingung aber, die dazu erfordert wird, ist 
die Fähigkeit des Künstlers, die Natur zu sehefi. Ueber 
diese seltene Fähigkeit in ihren verschiedenen Graden, wie 
über ihre Entartung, hat sich Goethe öfters geäußert. 
Hierher gehört auch der neue Spruch (S. 206): »Was hat 
ein Maler zu studiren, bis er eine Pfirsche sehen kann wie 
Huysum, und wir sollen nicht versuchen den Menschen 
zu sehen, wie ihn ein Grieche gesehen hat?« Wir werden 
hier zugleich auf ein Grunddogma Goethes, auf seine 
Ueberzeugung von dem einzigartigen Werth der griechi- 
schen Kunst geführt. Wenn er den Gipfel künstlerischer 
Naturdarstellung in der Darstellung des Menschen sah, so 
stand ihm unumstößlich fest, daß die Griechen in dieser 
Mustergiltiges für alle Zeiten geleistet hätten, und folge- 
recht führt er das zunächst auf ihre Fähigkeit zurück, den 
Menschen mit richtigem künstlerischem Blick zu sehen, und 
empfiehlt vor Allem diese Kunst ihnen abzulernen. 

Aber auch er hatte schon gegen NaturaHsten zu kämpfen, 
welchen ein solches Lernen von fremder Kunstübung des 



Zu Goethes Maximen und Reflexionen über Kunst. 127 

Künstlers unwürdig schien. Von verschiedenen Seiten aus, 
mit verschiedenen Gedankene;ängen sucht Goethe diese 
Opposition zurückzuweisen. Da es als allgemeine Regel 
galt, die Körperverhältnisse in der Sculptur nach antil<en 
Vorbildern zu bestimmen, so ruft er unmuthig aus (S.206): 
»Wer Proportion (das Meßbare) von der Antike nehmen 
muß, sollte uns nicht gehässig sein, weil wir das Unmeß- 
bare von der Antike nehmen wollencf! Weil er in der 
antiken Kunst die reinste und edelste Auffassung der Natur 
sieht, so wird er (S. 250) zu den leidenschaftlichen Tadels- 
worten fortgerissen : »Jedes gute und schlechte Kunstwerk, 
sobald es entstanden ist, gehört zur Natur. Die Antike 
gehört zur Natur, und zwar wenn sie anspricht, zur natür- 
lichsten Natur, und diese edle Natur sollen wnr nicht 
Studiren, aber die gemeine! Denn das Gemeine ist's eigent- 
lich, was den Herren Natur heißt ! Aus sich schöpfen mag 
wohl heißen, mit dem eben fertig werden, was uns bequem 
wird«. Goethe bekämpft hier zwei verschiedene, gegnerische 
Anschauungen in einem Athem, — die welche den Künstler 
ausschließlich auf das Naturstudium, und die, welche ihn 
ausschließlich auf die eigene Individualität hinweist. Die 
zweite erscheint ihm als die noch gefährlichere. »Das so- 
genannte Aus — Sich — Schaffen«, erklärt er (S. 210), »macht 
gewöhnlich falsche Originale und Manieristen«. Und er 
rechtfertigt seine schroffe Ablehnung mit den Worten 
(S. 207): »Warum schelten wir das Manierirte so sehr, als 
weil wir glauben, daß Umkehr daher auf den rechten Weg 
sei unmöglich!« Dagegen will er selbst solche Künstler 
nachsichtig beurtheilt sehen, die ohne rechten Erfolg dem 
griechischen Vorbilde nachgestrebt haben (S. 207): »Mancher 
hat nach der Antike studirt und sich ihr Wesen nicht ganz 
zugeeignet. Ist er darum scheltenswerth?« Und wie er 
sich selber einst zugerufen hatte, es sei schön Homeride, 
auch nur als letzter zu sein, so verkündigt er auch (S. 209): 
»Deutsche Bildhauer, es wird euch nicht schaden zum 
Ruhm der letzten Praxiteliden zu streben!« 

In allen diesen Aussprüchen ist eine gereizte, polemische 
Stimmung erkenntlich, und unwillkürlich werden wir auf 
den Gedanken geführt, diese Stimmung sei einem be- 
stimmten Anlaß entsprungen. Die Handschrift (in Bd. 48 
als H" bezeichnet)^ weist auf eine verhältnißmäßig frühe 
Zeit, auf den Anfang des Jahrhunderts. Sie enthält, in 
eigenhändigen, ganz flüchtig hingeworfenen Zügen, außer 
den eben angeführten Sätzen noch eine Anzahl jener 
»Reflexionen«, die erst nach Goethes Tod unter dem Titel 
»Aphorismen. Freunden und Gegnern zur Beherzigung« im 
vierten Bande der Nachgelassenen Werke gedruckt worden 



128 Abhandlungen. 



sind, später aber mit den übrigen Sprüchen vereinigt wurden; 
in unserer Ausgabe finden sie sich S. 209. Aus der Hand- 
schrift ergiebt sich eine interessante Variante, die uns auf 
die richtige Spur helfen kann. »Sollen wir ewig als Raupen 
herumkriechen, weil einige nordische Künstler ihre Rechnung 
dabei finden.^« fragt Goethe; ursprünglich aber lautete die 
Frage: »Damit man in Berhn ungestraft den Marmor zu 
Husarenpelzen verderben dürfe«? Und wir fragen nun weiter: 
wo und in welchem Anlaß hatte man in Berlin zu Anfang 
des Jahrhunderts eine Marmorstatue in Husarenuniform auf- 
gestellt? Die Antwort ist nicht zweifelhaft: es ist die 
Schadowsche Statue Zietens auf dem Wilhelmsplatz ge- 
wesen; ihr Naturahsmus erregte damals allgemeines Auf- 
sehen. Sobald der Name Schadow genannt ist, fällt nun 
auf die ganze Reihe jener Aphorismen ein neues Licht, 
indem sich die Erinnerung an den Streit aufthut, in welchen 
Goethe zu Anfang dieses Jahrhunderts mit Schadow ver- 
wickelt war. ' Goethe hatte sich in den Prop3'läen (s. Bd. 48 
der W. A. S. 23) über den Kunstbetrieb in Berlin abschätzig 
geäußert, hatte den Naturalismus, die »Wirkhchkeits- und 
Nütznchkeitsforderung«, den engherzigen »patriotischen« 
Standpunkt in Kunstsachen getadelt. Schadow hatte darauf 
als Vertreter der Berliner Kunst in der »Eunomia« 1801, 
Bd. I geantwortet. Goethes »Aphorismen«, sov^ohl die 
früher bekannten als die jetzt erst veröffentlichten, sind 
Vorarbeiten für eine Duplik gegen Schadow, die aber nicht 
zur Ausführung kam. Noclimals kommt Goethe auf die 
Husarenplastik mit Leidenschaft zu reden (S. 253): »Ein 
Bildhauer, der aus Marmor Patrioten-Husarenpelze hauen 
muß, sollte dies mit Zerknirschen als einer traurigen Noth- 
wendigkeit gehorchend verrichten, und sich freuen, wenn 
sich eine fremde Stimme erhebt, die das nun nicht eben 
als das Ziel« (der Kunst anerkennt). Und auch über die 
Pläne Schadows, Friedrich den Großen plastisch darzustellen, 
spricht Goethe ebenso abschätzig, in fragmentarisch mit 
kaum leserlichen Zügen hingeworfenen Einfällen (S. 252): 
»Friedrich der zweite zu Pferd nach Chodowiecky ist in Zinn 
gemalt in Nürnberg; gewöhnlich führt er die Soldaten der 
Kinder an und ist auch da noch ehrwürdig. Ich möchte 
ihn aber doch auf ähnliche Art weder in Lebensgröße, noch 
weniger kolossal mit Augen sehen. Zeichnet doch eure 
patriotischen Gegenstände! Ein König, der auf einer Brunnen- 
röhre sitzt und denkt. Ja, wenn ihr seine Gedanken zeichnen 
könntet^! . . . 

'Vgl. darüber H. Grimm, Vierteljahrschrift für Litteraturgeschichte I, 
293 ff. Riegel, Geschichte des Wiederauflebens der deutschen Kunst, 
2. Ausg., S. 210 ff. 



Zu Goethes Maximen und Reflexionen über Kunst. 129 

Die »Brunnenröhre« wird wohl jeden Leser zunächst 
überraschen; ich glaube dieses Räthsel damit lösen zu 
können, daß Schadow auch einen Entwurf componirt hatte, 
der Friedrich auf einem Sarkophag sitzend darstellte. Diesen 
Sarkophag verspottete Goethe. »Ein solcher König«, fährt 
er fort, »hat mit einer bildenden Kunst nichts zu thun; er 
soll nur im Geist und in der Wahrheit verehrt werden — «. 
Man sieht, mit welchem Selbstgefühl Goethe die ^esammte 
Darstellung geistiger Größe dem Dichter vorbehielt ; die 
äußere Welt wies er dem bildenden Künstler zu, die innere 
ließ er ihm nur so weit, als sie sich durch die äußere 
rein ausdrücken lasse. 

Aus der »patriotischen« Beschränkung hinaus wies er 
den Künstler in den unendlichen Reichthum der offenen 
Welt, und zugleich nach den Stätten der großen Kunst, 
nach ItaHen und nach Paris, das durch Napoleons Gewalt- 
acte zum Sammelpunkt der hervorragendsten Kunstwerke 
geworden war (S. 253): »Paris ist offen; Italien wird's 
auch werden« (nach dem zu erwartenden Friedensschluß); 
»so lang uns der Athem bleibt, werden wir den Künstler 
in das Weite der Welt und Kunst .... weisen. Beschränkt 
doch den Künstler nicht durch solche .... fühlt sich doch 
ohnehin jeder in dem weitesten Welt- und Kunstgenuß 
beschränkt genug. Sich in seiner Beschränktheit gefallen, 
ist ein elender Zustand; in Gegenwart des Besten seine 
Beschränktheit fühlen, ist freilich kein Glück; aber es kann 
zum Glück führen«. Es ist immer wieder die Ueberzeugung, 
daß von dem Großen und Bedeutenden eine Kraft ausgehe, 
die nur der EmpfängUchkeit des Auffassenden bedarf, um 
ihn über sich selbst zu erheben. Nach diesem Grundsatz 
hat Goethe selber zu aller Zeit in unversieglicher Jugend- 
lichkeit sein Leben geführt; in den »Zahmen Xenien« läßt 
er die Frage an sich richten: 

»Sprich, wie Du Dich immer und immer erneust!« 
und er antwortet: ' 

»Kannst's auch, wenn Du immer am Großen Dich freust. 

Das Große bleibt frisch, erwärmend, belebend ; 

Im Kleinlichen fröstelt der Kleinliche bebend«. — 

In unsern Aphorismen kommt er nochmals auf die 
Frage der militärischen Standbilder zu sprechen, um in 
einem neuen Beispiel seine Bedenken zu äußern. »Indem 
das heilige römische Reich dem verdienten Helden eine 
Statue setzen will, setzt es in Corpore in eine Lotterie, 
Es ist zu fürchten, daß es eine Kunstniete zieht«. So gering 
schien Goethe die WahrscheinHchkeit, daß durch einen 
solchen Auftrag ein werthvolles Kunstwerk hervorgehen 

Goetbb-Jahrbucb XIX. o 



1^0 Abhandlungen. 



könne. Wem übrigens das in den letzten Zügen liegende 
römische Reich damals eine Statue zu setzen beabsiclitigte, 
ist mir unbekannt; vermuthlich einem Feldherrn aus tien 
Kriegen gegen die französische Republik. 

Alle Aeußerungen Goethes, die wir hier zusammen- 
gestellt haben, sind ja durch die augenblickhche, polemische 
Stimmung sicherlich verschärft und gesteigert worden; 
nicht immer hat Goethe so geurtheilt, und er selbst würde 
sicherlich nicht gewünscht haben, daß man in diesen leiden- 
schaftHch hingeworfnen Worten, die er selbst nicht ver- 
öffenthcht hat, den vöUig angemessenen Ausdruck seiner 
unumstößlichen Ueberzeugung erkennen möge. Aber die 
Grundtendenz stimmt doch mit seinen dauernden An- 
schauungen überein, und gerade in unserer Zeit, wo der 
Skulptur kaum mehr andre Aufgaben gestellt werden, als 
Statuen von Herrschern, Staatsmännern oder Feldherren, 
dürfte das Urtheil Goethes Beachtung verdienen, 

Indeß sind durchaus nicht all die neugefundenen Sprüche 
von diesem polemischen Geist erfüllt; in vielen herrscht 
auch die sichere Objectivität, die in Goethes Betrachtungs- 
weise die Regel bildet. Wir sehen, daß er auch die zeitge- 
nössische reahstische Kunst unparteiisch zu würdigen wußte, 
wenn er über Chodowiecki schreibt (S. 212 freilich wieder 
mit einem geringschätzigen Seitenblick auf Berlin) : »Chodo- 
wiecki ist ein sehr respektabler, und wir sagen idealer 
Künstler. Seine guten Werke zeugen durchaus von Geist 
und Geschmack. Mehr Ideales war in dem Kreise, in dem 
er arbeitete, nicht zu fordern«. Das Wort ideal ist hier 
mit absichtlicher Betonung gebraucht, um hervorzuheben, 
daß sein Begriff nicht dem Realismus der Ausführung wieder- 
spreche. Es war sonst nicht Goethes Art, Worte wie 
Idealität, Idealismus zur Bezeichnung seiner künstlerischen 
Forderungen zu wählen ; er stand über oder außerhalb des 
Streites um diese Schlagworte. Hier hat er ein solches 
Wort angewandt, da es ihm darauf ankam, ihre Unbrauch- 
barkeit zu zeigen, sie gleichsam ad absurdum zu führen, 
indem er eines von ihnen auf einen Künstler anwandte, 
dem nach dem allgemeinen Sprachgebrauch das Entgegen- 
gesetzte zukam. Indem er die Kunst als etwas durchaus 
Selbständiges auffasste, das nur dem eignen inneren Gesetz 
folgte, war für ihn jede Hereintragung fremder Begriffe 
von Außen her ausgeschlossen. Gegen die sclavische Ab- 
hängigkeit von der bloßen Wirklichkeitsdarstellung wendet 
sich der Spruch (S. 251): »Keine Darstellung wird als 
Kunstwerk anerkannt, wenn sie nicht aus der großen und 
weiten Welt wie durch einen Rahmen abgeschnitten«. 
Dieses Wort gewinnt besonderes Interesse, wenn wür es 



Zu Goethes Maximen und Reflexionen über Kunst. 131 

mit der heute vielverfochtenen Meinung zusammenhalten, 
die Kunst — bildende wie redende — brauche nur ein 
Stück Leben, einen Winkel der Natur wiederzugeben; wie 
einfach fügt sich die Antwort darauf: »Ja! aber dieses Stück 
muß in seinem Rahmen abgeschlossen sein«. Gegen eine 
Kunst ohne reale Grundlage, eine »imaginirte bildende 
Kunst« wandte sich Goethe zugleich in seinen Bemerkungen 
über Tiecks »Sternbald« und Wackenroders »Klosterbruder« 
(S. 253; vgl. dazu S. 122). 

Ein besonderes Interesse hat Goethe zu jeder Zeit für 
die technische, fast handwerksmäßige Grundlage der Kunst 
bewiesen. Gern betonte er, daß in Perioden aufsteigenden 
Kunstschaffens der Schüler vom Meister gelernt habe, indem 
er sich zuerst seine Handgriffe, dann seine Auffassung und 
eigenthümliche Kunstsprache aneignete, endlich aber über 
ihn hinausging. Und auch das »mäßige oder kleine Talent«, 
das an dem Vorbild seines Meisters haften blieb, schätzte 
er, v;ie er am Beispiel eines Dieners von Philipp Hackert 
(S, 251) uns zeigt. Um so feindlicher war er dagegen 
dem Dilettantismus gesinnt, der von dem strengen, tech- 
nischen Lehrgang sich dispensiren will; zu der großen 
Abhandlung, die er gegen ihn geplant, liefern auch unsere 
Sprüche noch einigen Zuwachs. »Ursache des Dilettan- 
tismus: Flucht vor der Manier, Unkenntnis der Methode, 
Thörichtes Unternehmen, gerade immer das Unmögliche 
leisten zu wollen, welches die höchste Kunst erfordert, 
wenn man sich ihm je nähern könnte«. Auch eine Aeuße- 
rung, in der das Wort »Dilettantismus« nicht genannt wird, 
dürfen wir in diesen Zusammenhang hineinstellen, wenn 
wir uns des schon bekannten Spruchs TS. 187) erinnern, 
wonach die Dilettanten das Ungenügende ihrer Arbeiten 
damit zu entschuldigen pflegen, daß sie versichern, sie sei 
noch nicht fertig. Hat Goethe dort darauf spöttisch erwidert, 
sie könne freilich nie fertig werden, weil sie nie recht 
angefangen war, so hören wir ilm jetzt die Forderung 
aufstellen (S. 210) : »Was die letzte Hand thun kann, muß 
die erste Hand schon entschieden aussprechen. Hier muß 
schon bestimmt sein, was gethan w^erden soll«. Mit lebhafter 
Freimüthigkeit aber spricht er zugleich aus, wie der Fehler 
dilettantischen Unternehmens allzu großer Aufgaben gerade 
von denen leicht begangen werde, die große Empfänglichkeit 
und Auffassungsfähigkeit zu Kunsteindrücken besitzen; auch 
sich selber schließt er in die Worte ein : »Jeder große Künstler 
reißt uns weg, steckt uns an, und alles was in uns von eben 
der Fähigkeit ist, wird rege, und da wir eine Vorstellung 
vom Großen und einige Anlage dazu haben, so bilden wir 
uns gar leicht ein, der Keim davon stecke in uns« (S. 211). 

9* 



132 Abhandlungen. 



Wie aber Goethe immer gerüstet ist, extreme An- 
schauungen nach verschiedenen Seiten hin abzuwehren, 
wie er dadurch in seinen Aussprüchen widerspruchsvoll 
erscheinen kann, so linden wir zugleich mit seiner Gering- 
schätzung des technisch unzulänglichen Dilettantismus auch 
sein Verdammungsurtheil über eine geist- und gehaltlose 
technische Fertigkeit ausgesprochen : »Die Technik im 
Bündnis mit dem Abgeschm.ackten ist die fürchterlichste 
Feindin der Kunst« (S. 212). Der Ausdruck ist paradox; 
würde man ihn dahin wenden, daß das Abgeschmackte, 
sobald es sich der Mittel der Technik bemächtigt hat, zum 
fürchterhchsten Feinde der Kunst werde, so würde er wohl 
allgemeine Zustimmung finden. 

Endlich noch zwei Sprüche, die aus kunsthistorischer 
Betrachtung hervorgegangen sind (S. 214): »Antike Tempel 
concentriren den Gott im Menschen; des Mittelalters Kirchen 
streben nach dem Gott in der Höhe«. Der heute fast trivial 
zu nennende Gedanke war damals von lebendiger Frische; 
über den Kampf zwischen klassischem und romantischem 
Kunstsinn schaut er mit überlegener, ruhiger Gerechtigkeit 
hinweg. Trotzdem wirft er ein charakterisirendes Licht 
auf die eignen künstlerischen Neigungen Goethes; er, der 
stets Gott mehr »im Menschen« als in »der Höhe« gesucht 
hatte, spricht auch darin seine Neigung zur Antike aus. 
Und aus Eindrücken, die er selbst bei seinem Verweilen 
auf antikem Boden erhalten, ist auch der letzte der Sprüche 
entsprungen: »Werke der Kunst werden zerstört, sobald 
der Kunstsinn verschwindet«. In welchem Umfang hatte 
er in Rom es zu sehen Gelegenheit gehabt, daß die Zeiten, 
denen der Kunstsinn mangelte, auch nicht mehr die einfach 
menschhche Pietät für die großen Zeugen einstiger Kunst- 
thätigkeit bewahrt hatten, daß sie diese nur als schätzbares 
Material zu neuer, nützhcher Verwendung, wenn auch nur 
zum Kalkbrennen, betrachtet hatten! 

Völlig neue Aufschlüsse über Goethes Denken und 
Empfinden haben wir aus diesen neuen Maximen und 
Reflexionen nicht gewinnen können; diese erwarten zu 
wollen wäre auch unbillig. Aber es sind doch neue Strahlen- 
brechungen, in denen wir das Licht seines Geistes hier 
sehen, und lebendig auf uns wirken fühlen. 




2. 



Goethes ))Novelle< 

Von 

Bernhard Seuffert. 




s ist noch nicht hundert Jahre her, daß die Be- 
zeichnung »Novelle« in Deutschland eingebürgert 
ist. In Sulzers Theorie der schönen Künste, in 
Adelungs Wörterbuch fehlt das Wort, also an den beiden 
Plätzen, wo man das vor gut einem Jahrhundert geläutige 
ästhetische Sprachgut am verlässigsten beisammen findet. 
Erst 1796 hat Blankenburg in seinen Litterarischen Zusätzen 
zu Sulzers Werk als eine besondere Erzählungsart der 
Franzosen, und nur dieser, »die sogenannten eigentlichen 
Nouvelles« anzuführen sich veranlaßt gesehen, wirkliche 
kleine Romane, wie er meint. Und von da kam der 
Terminus auch an die entsprechende Stelle der jüngeren 
Auflagen des Sulzerschen Buches. Aber die Bezeichnung 
ward dadurch weder in dieser französischen Form, noch 
in der dem ItaHenischen entnommenen und dem Deutschen 
angeeigneten Gestalt »Novellen«, in der sie um eben diese 
Zeit vereinzelt auf Büchertiteln zu erscheinen beginnt, bei 
den führenden Poeten eingebürgert; es ist, als ob sie kein 
Verlangen nach einem neuen Namen für die gewohnte 
kleine Erzählung gehabt hätten. 

Erst die Rückkehr zu alten Noveilendichtern regte die 
Ueberlegung an, ob der Name nicht eine besondere Art von 
Erzählung kennzeichne, wie ja Blankenburg gesagt hatte. 
So unternahm Friedrich Schlegel in seiner Charakteristik 



134 Abhandlungen. 



Boccaccios 1801 eine Bestimmung des Begriffes, und sein 
Bruder Wilhelm erweiterte die Erörterung in den Berliner 
Vorlesungen 1803; beide haben das Bedürfniß, einen aus 
der italienischen und spanischen Litteratur ihnen entgegen- 
tretenden Namen mit einer Vorstellung zu füllen, die noch 
nicht geläufig ist; beiden ist sicher, daß die Novelle eine 
für die »Gesellschaft« bestimmte Kunstform der Erzählung 
sei, worin ein wirkliches, aber noch unbekanntes und merk- 
würdiges Ereigniß aus dem Privatleben unterhaltend, 
interessirend vorgetragen werde. 

Schnell ward die Bezeichnung nun Mode. Als Tieck 1829 
vor dem 11. Bande seiner Schritten, an die Brüder Schlegel 
deuthch anknüpfend, sich über Novelle äussert, muß er 
schon die unberechtigte Verwendung des Wortes »für alle, 
besonders kleinere Erzählungen« tadeln. Er verlangt aus- 
drückhch für die Novelle einen andern Vortrag als für eine 
Begebenheit, Erzählung, Geschichte; er will beachtet haben, 
daß er im Gegensatz zu früheren seiner Erzählungen ver- 
schiedene neuere »Novellen« nenne. Daß der Stoff der 
Novelle, so leicht er sich ereignen könne, doch wunderbar, 
vielleicht einzig sei, steht für ihn nach den Mustern, die 
er allein gelten läßt: Boccaccio, Cervantes, Goethe fest. 

Goethe hatte den Ausdruck noch nicht oft gebraucht; 
in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten nicht; 
im Drucke auch nicht für die Einlagen in die Wander- 
jahre, wohl aber hiefür in Briefen und dergleichen Aeuße- 
rungen; öffentlich dagegen in den Wahlverwandtschaften 
für die Geschichte der ungleichen Nachbarskinder, und für 
die »Novelle«. Dies Stück sollte unter der ursprünglichen 
Aufschrift »Die Novelle« noch deutlicher, als nachdem der 
Artikel auf das Dreinreden des Factors der Druckerei hin 
weggefallen ist, den Typus dieser Art aufstellen, die Goethe, 
gerade so wie zwei Jahre später Tieck, durchaus von anderen 
Erzählungen unterschieden wissen wollte. Er verfährt dabei 
Wieland ähnlich, der in seinem Hexameron eine Geschichte 
»Novelle ohne Titel« überschrieben hatte (1805), und kommt 
auch mit seiner Definition »eine sich ereignete unerhörte 
Begebenheit«' auf das Gleiche, was Wieland meint unter 
den Worten: wirkhche, aber nicht alltägliche Begebenheiten 
solle die Novelle darstellen. Jedenfalls ist die Wahl des 
Titels Novelle ein Zeichen, daß beide Dichter dabei sich 
etwas Besonderes dachten und daß für sie dieser Name 
noch nicht abgenützt war. 

Ich glaube, daß für Goethe dies und die Absicht, dem 
Mißbrauch des Artnamens entgegenzutreten, maßgebend 

' Gespräch mit Eckermann vom 29. Januar 1827. 



Goethes Novelle. 135 



waren; denn für ihn konnte es nicht wie für Eckermann 
schwer sein, einen Titel zu finden, der sowohl dem Anfang 
als dem Schluß der Geschichte, die er »Novelle« heißt, 
entsprochen hätte. Er war schon vor der Zwiesprache mit 
Eckermann in seinem Tagebuch dazu gekommen, die 
Dichtung überwiegend als »Novelle« anzuführen; die Wen- 
dungen: die Jagd, das Jagdstück, die Jagdgeschichte, die 
Jagdnovelle, vereinzelt mit dem Beiwort wunderbar oder 
romantisch, stellen sich da seltener ein; sie würden wohl 
den Hauptvorgang nennen, aber nicht das Wesen der 
Geschichte treffen, das was Goethe »unerhört« heißt. 

Ein Fürst zieht auf die Jagd; die jung vermählte Fürstin 
bleibt ungern zurück; sie soll mit dem Fürsten Oheim einen 
Spazierritt unternehmen, der Stall- und Hofjunker Honorio 
für alles sorgen. Der Ritt geht durch die Stadt, wo 
während des Jahrmarktes auch wilde Thiere ausgestellt sind; 
dann zur alten Stammburg, die zu besichtigen des Fürsten 
Oheim Bemühungen für ihre Erschließung verleiten. Da 
sieht man in der Stadt Feuer ausbrechen, Fürst Oheim 
reitet schleunigst zurück; der langsamer mit Honorio nach- 
reitenden Fürstin springt ein beim Brand entkommener 
Tiger entgegen, Honorio erschießt ihn. Die Thierwärterin 
und ihr Kind suchen das Thier und beklagen seinen Tod. 
Der Fürst kehrt von der wegen der bemerkten Feuersbrunst 
abgebrochenen Jagd zurück. Der Thierwärter meldet, es sei 
auch der Löwe entsprungen; der Fürst ordnet dessen jagd- 
gerechte Umstellung an für den Fall, daß das von der Wärter- 
familie versprochene Einfangen mißlinge, und kehrt mit der 
Fürstin ins Schloß zurück. Wirklich glückt es dem Kinde, mit 
Gesang und Flötenspiel den Löwen im Burghofe zu zähmen. 

Die Jagd auf das Wild der heimischen Berge gestaltet 
sich also zu einer auf Tiger und Löwen um; größer als 
die GeschickUchkeit Honorios und des vorbeugenden fürst- 
lichen Jägers erscheint die Kunst des Kindes, das wilde 
Thier zu bändigen. Damit entspricht die Erzählung dem 
Wesen der Novelle, wie Goethe es bestimmt; sie behandelt 
eine Begebenheit, die sich ereignet haben kann, und die 
doch in ihrem Abschlüsse »unerhört«, außergewöhnlich ist. 

Es fragt sich aber, ob die Darstellung dieser wunder- 
baren Macht der Musik das eigentliche Ziel der Dichtung 
sein kann;' ob in dem Gegensatz der auf Thiermord aus- 
ziehenden, und im bereclitigten Glauben an Nothwehr 



' Ein Ungenannter widerspricht im Allgemeinen Oppositionsblatt, 
Berlin 1825 Nr. 442 mit Fug der in den Berliner Jahrbüchern für 
wissenschaftliche Kritik ausgesprochenen Ansicht eines Professors Weber, 
die Novelle stelle die Macht der Töne dar. 



136 Abhandlungen. 



Tödtenden Hofleute und der friedlich zähmenden Thier- 
wärter, die auch den Schuß auf den geschwächten Tiger 
für unnütz erklären, der Inhalt der Novelle erschöpft sein 
kann.' Man mag die Idee so hoch benennen als man will 
und etwa sagen: die Gewalt des Starken vernichtet, die 
liebevolle Kunst des Schwachen erhält, es erscheint dabei 
das Orpheus-Motiv doch in den zwar humanen, aber poetisch 
wenig dankbaren Dienst des Thierschutzes gestellt. So 
hätten diejenigen recht, welche die Novelle unbefriedigend 
und übler schelten. Vor allem aber: Goethe hätte eine 
Kette von Ereignissen gegeben, jedoch keine Geschichte. 
Die fürstliche Gesellschaft reitet heim wie sie ausritt, be- 
reichert nur um ein äußeres Erlebniß, um ein paar angst- 
volle Stunden ohne Folgen, in denen sie ihren entschlossenen 
Muth unnöthig gezeigt, aber doch erfreulich bewährt hat; 
die Thierwärter haben ihren Tiger verloren, ihren Löwen 
gerettet, und auch sie werden weiter leben wie bisher. 
Das sind verknüpfte Ereignisse, aber keine Geschichte, zu 
der denn doch eine seeHsche Verwicklung gehört. 

Goethe hat sie nicht vorenthalten. Eine Person ist 
da, deren Lage sich verändert, die bei den Vorgängen ein 
inneres Erlebniß mit Folgen hat: Honorio. Er tritt nicht 
als Held der Geschichte heraus, er lenkt die Vorfälle nicht, 
veranlaßt nichts, hindert nichts. Er handelt zwar im ent- 
scheidenden Augenblick, aber auch als seine That beim 
zweiten Versuche gelingt (beim ersten Schusse fehlt er 
den Tiger), bleibt sie nutzlos: der Tiger w^ar ungefährlich 
wie die Wärterin bekundet. Und doch ist dieser Flonorio 
die einzige Figur, die vom Anfange bis zum Schlüsse der 
Novelle in Sicht bleibt. 

Seine Stellung erinnert von vornherein an die des 
Golo in der Genovefa-Legende: der abreitende Fürst, den 
die Gemahlin begleiten möchte, trägt ihm, dem »wohlge- 
bildeten jungen« Junker auf, für alles zu sorgen. Er war 
willig von der sonst so ersehnten Jagd zurückgeblieben, 
um der »schönsten und anmuthigsten« Fürstin ausschliesslich 
dienstbar zu sein ; er ist behilflich bei dem Ausritte, er 
entdeckt zuerst das Feuer in der Stadt, er ist allein bei 



' Heinrich Düntzer, Archiv für das Studium der neueren Sprachen 
und Litteraturen 1848 Bd. 3 S. i ff. = Studien zu Goethes Werken 1849 
S. 49 ff. (und Zusatz im Vorwort S. III f.), ausführUcher: Erläuterungen 
zu den deutschen Klassikern XVI, Leipzig 1873, kürzer: Deutsche 
Nationallitteratur Bd. 95, Goethe Bd. 14 S. 153 ff., vertritt diesen Stand- 
punkt; der eigentliche Sinn der Novelle liege in dem Gegensatze: 
Honorio tödtet den Tiger, das Kind bezähmt den Löwen; Kühnheit 
und Gewandtheit tödtet, schöner und wunderbarer als Gewalt wirkt 
Frömmigkeit und Gottvertrauen. 



Goethes Novelle. 137 



der Fürstin, als der Tiger anspringt, er erreicht das Thier 
eben da, wo die Fürstin ihr stürzendes Pferd hat verlassen 
müssen, mit tödthchem Schusse; er kniet auf dem Thiere 
nieder, seine letzten Bewegungen zu dämpfen. Die Fürstin 
sorgt, noch könne das Thier ihren Retter verletzen, und 
wünscht, daß er mit dem bereiten Hirschfänger zustoße; 
er aber will das Fell schonen, auf daß es der Fürstin 
Schlitten ziere. Dieser Gedanke an eitle Lust kommt ihr, 
die noch von der Erinnerung der Todesgefahr umfangen ist, 
frevelhaft vor, das Fell werde sie nur an den Schrecken 
mahnen ; für ihn aber ists gerade die freudigste Vorstellung, 
daß das Fell sie zur Lust begleite, wie ein Triumphzeichen 
vor dem Sieger hergetragen werde. In dieser Wendung 
tritt der JüngUng »mit glühender Wange« seinen Siegespreis 
der Fürstin ab : sie wird die Siegerin über den Sieger. Und 
sie versteht die Andeutung: zweimal dringt sie in ihn, sich 
von den Knien zu erheben, verspricht ihm Dank und des 
Fürsten gnädige Gesinnung. Der Jüngling aber beharrt 
in der ihm lieben Stellung, die ihm sonst untersagt wäre, 
wie er, das Gewicht der Situation vermehrend, beifügt, und 
bittet um die Zusicherung, die Fürstin möge ihm vom 
Gemahl — den oft gewünschten Urlaub zu einer Reise 
erwirken. 

Die Bitte überrascht; man erwartet vielmehr eine 
Liebeswerbung. Hat doch der Dichter alles gethan, daraut 
vorzubereiten. Wozu hätte er gesagt, daß der Fürst beim 
Abschied von der kürzlich erst ihm Angetrauten allzu lange 
zauderte, wozu, daß sie lieber mit ihm auf die Jagd ge- 
zogen wäre, wozu, daß sie dem abreitenden Gemahl nach- 
winkt, mit dem Teleskop seinen Ritt verfolgt, nochmals 
in die Ferne v;inkt, wenn nicht um eine Gefahr für dieses 
Liebespaar ahnen zu lassen ! Und die Gefahr sollte gewiß 
nicht nur die vom Tiger drohende sein; dafür genügte 
der doppelte männliche Schutz. Wir wissen, daß Honorio 
von der »sonst ersehnten« Jagd der Herrin zu Liebe »willig« 
zurückblieb; wir hören, daß sie den schönen Jüngling oft 
bei ritterlichen Spielen gewandt und glückHch gesehen 
hatte, so wie er jetzt als Tigertödter in ernsterer Stunde 
sich zeigt; wir hören kurz zuvor, daß auch sie schön, 
entschlossen und gewandt war, und müssen aus der gleichen 
Charakteristik scliließen, daß die beiden für einander ge- 
eignet, oder gar bestimmt seien. Wie verführerisch hat 
der Dichter die Situation gestaltet! die beiden jugendlichen 
Schönen allein auf ödem Grund, das Hinzutreten keines 
Dritten zu erwarten, die Seele gelöst durch die gemeinsame 
Gefahr, die wuchs, da Honorio zuerst fehlte und so das 
wilde Thier reizte, die wuchs, da das Pferd der Fürstin 



138 Abhandlungen. 



Strauchelte und sie am Fliehen hinderte; und dann die 
Befreiung aus der Gefahr, sein Glück, ihr Retter zu sein, 
ihre Dankschuld gegen ihn angesichts des »Ungeheuers, 
das ausgestreckt in seiner Länge erst recht die Macht und 
Furchtbarkeit sehen ließ«. Wenn die leiseste, beiden un- 
bewußte Neigung da war, wie sollte sie sich hier nicht 
ergießen! Und wozu all das Insceniren und Ausmalen, 
außer um einen solchen Erguß zu ermöglichen? 

Honorios Bitte um Urlaub ist das höfisch verkleidete 
Liebesbekenntniß; das Geständniß, er könne und dürfe 
nicht in der Fürstin Nähe leben, die Probe, ob sie seine 
Neigung so weit erwidere, daß sie ihn nicht wolle ziehen 
lassen. Sie läßt ihn ziehen; sie geht auf seinen Vorwand, 
er müsse Reiseerfahrung sammeln, um in die viel von 
Fremden besuchte Hofgesellschaft zu passen, ein, als ob 
sie ihn nur nach dem Wortlaute nähme ; zum dritten male 
fordert sie, daß er sich erhebe; kühler, als es in den Minuten 
nach der Lebensrettung zu erwarten wäre, weist sie ihn 
an ihren Gatten, mit empfindhcher Kälte erklärt sie, ihr 
Gemahl habe ihn wohl erst zum selbständigen Edelmann 
heranreifen lassen wollen, ehe er ihm Urlaub gewährte; 
und schHeßt dann verbindhch, seine neueste That könne 
als empfehlender Reisepaß gelten. Würde man solche 
Antwort erwarten, wenn die Fürstin aus der Bitte wirkhch 
nichts heraushörte als die Reiselust? würde da nicht die 
einfache Zusage der Befürwortung seines Wunsches sich 
eingestellt haben und allenfalls ein Wort des Bedauerns, 
den tüchtigen Mann gerade nach solcher Erprobung zu 
verlieren? Sie aber schützt ihre Frauenehre durch den 
Hinweis auf den Gatten; ja sie hält dem Werber, verletzend 
fast, seine jugendliche Unreife vor, ob sie gleich hinzufügt, 
daß er »bisher« dem Hofe Ehre gemacht habe. Wenn 
diese Antwort, wie man meinte,' nur eine Rü^e für die 
Zudringlichkeit der Bitte sein sollte, so würde die Fürstin 
sich in solcher Stunde ihrem Lebensretter gegenüber fürwahr 
als Etiquette-Puppe zeigen. Das kann der Dichter nicht 
wollen. Nein, sie versteht die tiefere Meinung des Bittenden 
und weist ihn höfisch ab, indem sie den Wortlaut der Bitte 
gewährt. Und Honorio versteht die Abweisung. War es ihm 
um die Reise ernstUch zu thun, so mußte er nun sich 



' So Ad. Lichtenheld in einem nacli anderer Seite lehrreichen 
Aufsatze Zur epischen Technik und zu Goethes Novelle, Zeitschrift für 
den deutschen Unterricht 1894, Bd. 8, S. 471 ff. Daß Lichtenheld den 
Grundeedanken des Werkchens als Kampf des Menschen mit der Natur, 
der belebten (z. B. Thiere), der unbelebten (z. B. Feuer) und der eigenen 
schwer zu bändigenden (Honorios Taktlosigkeit, sich Dank zu sichern; 
des Fürsten Jagdbegierde auf den Löwen) faßt, halte ich für verfehlt. 



Goethes Novelle. 139 



freuen; es zog aber »anstatt einer jugendlichen Freude eine 
gewisse Trauer über sein Gesicht«, sagt der Dichter und 
bricht die Scene ab durch das Auftreten der Thierwärterin : 
»so hatte die Fürstin nicht Zeit jenes zu bemerken, und 
Honorio nicht, seiner Empfindung Raum zu geben«. Alle 
weitere Ausführung hätte zu einem tragischen Auseinander- 
gehen geleitet, das nicht im Plane der Dichtung liegt. 

Als der Fürst später zu der Gruppe tritt und von den 
Vorfällen unterrichtet wird, ist von Honorios That so wenig 
wie von seinem Wunsch die Rede; die Anerkennung des 
Fürsten äußert sich lediglich darin, daß er ihn, der heute 
»viel geleistet«, »das Tagewerk vollenden« heißt, die 
Bändigung des Löwen beaufsichtigen läßt. Demgemäß 
bewacht Honorio den Hohlweg, den der Löwe benützen 
müßte zum Entkommen, aber wie in tiefen Gedanken 
versunken, wie zerstreut umhersehend, den Blick auf die 
sinkende Sonne gerichtet: es versinkt, was sein Leben 
erhellte. So trifft ihn die Wärtersfrau, bittet um Schonung 
für den Löwen, segnet ihn dafür, weist ihn zu siegreichem 
Thun nach dem Westen, wohin er sieht, aber, fügt sie 
bei: zuerst überwinde dich selbst. »Hierauf schien er zu 
lächeln . . . eine röthliche Sonne überschien sein Gesicht, 
sie glaubte nie einen schönern Jüngling gesehen zu haben«. 

Das ist eine Geschichte, die Entwicklung eines Menschen- 
schicksals, verbotene Liebe ihr Kern. Noch hat sie keinen 
genügenden Schluß; das »Lächeln« Honorios klärt uns 
nicht auf; erweckt ihm die Zuspräche der wunderlichen 
Frau Hoffnung, daß er sein verstörtes Leben glücklich 
wenden werde? oder lächelt er über die leicht gegebene, 
schwer erfüllte Mahnung? Wir wollen wissen, ob er seine 
Liebe überwinden wird. Darstellbar freilich wäre die Be- 
jahung der Frage nur in einer langen Lebensgeschichte, 
und auch dann würde sie kaum poetisch erfreuen, denn 
es sind blos zwei Lösungen offen: die treue Fürstin er- 
scheint der Liebe Honorios unwerth, oder der tapfere 
Jüngling als irrender Knabe. Und doch hat uns der 
Dichter sagen wu:)llen, daß er einen versöhnlichen, keinen 
tragischen Schluß vorsah , und hat wirklich die Frage 
bejaht, in einer so glücklichen Allgemeinheit, daß alles 
menschlich Schwache und Verfehlte und damit das Un- 
poetische von ihr abfällt, und die Entsagung auf die reine 
Frau wie ein Natürliches, wie der selbstverständliche Willens- 
akt eines Mannes offenbar wird. Er erzählt uns: »der Löwe 
folgt dem Kinde nicht wie der Ueberwundene. aber doch 
wie der Gezähmte, wie der dem eigenen friedlichen Willen 
Anheimgegebene«. Diese Vermenschlichung des Löwen ist 
gewiß autfällig, ja sie stört, insofern sie die vorher so hoch 



140 Abhandlungen. 



gehobene Leistung des Kindes abschwächt; aber sie gewinnt 
ihre Erklärung sofort, wenn sie in Bezug tritt zur Selbst- 
überwindung, die von Honorio gefordert wird, und sie 
gewinnt ihre Erklärung lediglich hieraus. Der Löwe hat 
sich überwinden lassen aus eigenem Willen : die in ihm 
nach Bethätigung drängende Kraft lernt der Junker be- 
herrschen aus eigenem Willen. Der Löwe ist zugleich das 
Symbol der Kraft Honorios; sie wird gezähmt, aber sie geht 
in verhebtem Kummer nicht verloren, sie «bleibt in ihm 
verborgen«, wie es von der Stärke des Löwen heißt. Er 
wird sie nicht mehr in Liebesleidenschaft für die Fürstin 
ausbrechen lassen, aber er bewahrt sie für die Thaten im 
Westen, zu denen ihn die Frau angespornt hat. Damit hat 
seine Geschichte ihren Abschluß gefunden durch eine wie 
mich dünkt glänzende künstlerische Wendung: statt der ins 
Endlose führenden Lebensgeschichte ist ein erschöpfendes 
Symbol gesetzt. Und so wird zwischen der Thieranekdote 
und der Menschengeschichte nicht ein gegensätzlicher Bezug, 
sondern eine ergänzende Einheit hergestellt, die ohne solche 
Auffassung fehlen würde. So nur wird verständlich, warum 
die Thierwärterin Honorio zur Ueberwindung aufruft, die 
doch kein Interesse an dem Tödter ihres Tigers hat : sie, 
die durch ihr Kind den Löwen zähmen läßt, zeigt auch 
ihm den Weg zur Bezähmung seiner in falscher Richtung 
sich äußernden leidenschafthchen Kraft. Die Figur des 
Löwen gewinnt eine viel tiefere Bedeutung, und nun kann 
man begreifen, warum Goethe sich besonnen hat, ob er 
ihn brüllen lassen wolle oder nicht, was Gervinus eine 
lächerhche Ueberlegung zu sein schien; nun kann man be- 
greifen, warum Goethe überhaupt so viel an dem Werkchen 
feilte ; jedes Wort war für die Verknüpfung des Wirklichen 
und des Symbolischen wichtig. 

So hat er z. B. in der Scene, da Honorio auf dem 
Tiger knieend der Fürstin das Fell anbietet, erst spät die 
Sätze eingeschaltet: »Frevelt nicht ! sagte die Fürstin; alles 
was von Frömmigkeit im tiefen Herzen wohnt, entfaltet 
sich in solchem Augenblick. — Auch ich, rief Honorio, 
war nicht frömmer als jetzt eben, deßhalb aber denk ich 
ans Freudigste, ich blicke dieses Fell nur an, wie es Euch 
zur Lust begleiten kann. — Es würde mich immer an diesen 
schreckHchen Augenbhck erinnern, versetzte sie«. Dafür 
stand zuerst nur: »Behüte! sagte die Fürstin; es würde mich 
immer an diesen schreckHchen Augenblick erinnern«. Es ist 
also die an dieser Stelle allerdings unvermuthete Frömmig- 
keitsstimmung erst nachträghch eingefügt, zweifellos um den 
Bezug zwischen Honorios Liebeswerbung um die Fürstin und 
der durch »fromme Lieder«, »frommen Sinn« erfolgenden 



Goethes Novelle. 141 



Bezähmung des Löwen herzustellen.' Daran findet die 
erörterte Verbindung zwischen der Selbstüberwindung 
Honorios und des Löwen eine Bestätigung ; das wieder- 
holte Wort : überwinden ist beim ersten Gebrauche zu- 
treffend, beim zweiten unerwartet; das wiederholte Wort: 
fromm ist das erstemal befremdend, das zweitemal selbst- 
verständlich; es gewinnen die dunkeln Stellen ihre Er- 
hellung aus den klaren. 

Hat nun der Löwe symbolischen Werth für Honorios 
Geschichte, so wird man zusehen müssen, ob auch dem 
Tiger ein solcher zukommt, und es liegt nicht fernab zu 
vermeinen, das die Fürstin verfolgende Raubthier, das ihr 
aber nichts anhaben kann, stelle die Liebesleidenschaft 
Honorios dar. Ich halte jedoch diese Annahme für unnütz 
und verfehlt; kein auffallendes Wort, wie wir es auf den 
Löwen bezogen gefunden, veranlaßt im Tiger mehr zu 
sehen als einen Tiger; auch kann doch Honorio nicht seine 
eigene Leidenschaft erschlagen, ehe er sie bekannt hat. 
Die Gefahr, die Errettung, sie geben die Steigerung des 
Gefühlslebens, in der ein Liebesgespräch zwischen Fürstin 
und Hofjunker wenigstens verdeckt möghch ward; dazu 
dient der Tiger, zu nichts anderem. 

Dagegen dünkt es mich ein erla^ibtes Spiel, über den 
Dorn in des Löwen Tatze zu sinnen. Die Freude an der 
antiken, auch im Gemälde festgehaltenen Ueberlieferung, 
daß ein Löwe sich einen Splitter aus dem Fuße ausziehen 
ließ, genügt allein nicht zur Begründung dieser Scene. Es 
wäre auch allzu nüchtern, in dieser hochgehobenen Situation, 
den Stachel als ein Mittelchen zu erachten, die Gewalt des 
Kindes über den Wüstenkönig rationaUstisch zu erklären; 
auch dies würde die Macht des Kindes, an die wir doch 
glauben sollen, herabdrücken wie die freie Unterthänigkeit 
des Löwen, und so führt das Motiv wieder auf einen 
Nebensinn. Vielleicht soll es die Liebe symbolisiren, die 
Honorio schmerzt. Der Knabe, in beredtem Parallehsmus 
gleich Honorio verklärt von den letzten Strahlen der Abend- 
sonne dasitzend, heilt des Löwen Wunde, Honorio befreit 

' A. Lehmann, dessen Programm: Ueber Goethes Novelle das 
Kind mit dem Löwen, Marienwerder 1846, mir erst während der Nieder- 
schrift dieser Untersuchung nach vielen vergeblichen Umfragen zugäng- 
lich geworden ist, hat richtig Honorios Liebe als Hauptinhalt der Novelle 
erkannt, auch unter dem Bilde des Löwen seine Leidenschaft gesehen, 
was Düntzer übervernünftig bekämpfte. Seine weitere Meinung, im Bilde 
des Kindes sei die Fürstin verborgen, hätte Lehmann auf die oben 
besprochene Stelle stützen können; ich halte sie aber für irrig: die 
Fürstin weist Honorio ab, macht ihn traurig, sie bezwingt ihn weder 
durch Frömmigkeit noch durch Liebe; das Kind aber zieht den Löwen 
an sich und bezähmt ihn durch fromme Liebe. 



142 Abhandlungen. 



sich von der Liebesnoth. Doch, ich lege darauf keinen 
Werth, wenn auch das Attribut beim Symbol den Sinn zu 
einer fortspinnenden Erklärung lockt. 

Lieber denke ich an das, was Schiller in seiner Schrift 
über Anmuth und Würde ausführt: die Ruhe im Leiden, 
worin die Würde eigentlich besteht, sei der Ausdruck der 
moralischen Freiheit des Menschen. Und diese Ruhe im 
Leiden, also Würde, und diese moralische Freiheit soll 
der Löwe-Honorio beweisen. Ueberhaupt muß für die 
ganze Symbolik der Novelle Schillers ästhetische Theorie 
als Erklärung herangezogen werden. Daß die Gestalt der 
Fürstin viel von der schönen Seele in Schillers Auffassung 
an sich hat, springt in die Augen; »mit einer Leichtigkeit, 
als wenn bloß der Instinct aus ihr handelte, übt sie der 
Menschheit peinlichste Pflichten aus«; »es fällt ihr nicht 
ein, daß man anders handeln und empfinden könnte«. 
Darum betont Goethe ihre Entschlossenheit wiederholt. 
Man wird sie als die Verkörperuno; der Anmuth bezeichnen 
dürfen, die ja Schiller beim weiblichen Geschlechte mehr 
als beim männhchen findet, Honorio dagegen als die der 
Würde. »Würde wird mehr im Leiden, Anmuth mehr im 
Betragen gezeigt«. Deshalb darf Honorio so wenig aktiv 
sein. »So wie wir Anmuth von der Tugend fordern, so 
fordern wir Würde von der Neigung«. Anmuth wird nach 
Schiller durch architektonische' Schönheit, Würde durch 
Kraft unterstützt. »Die Würde hindert, daß die Liebe nicht 
zur Begierde wird. Die Anmuth verhütet, daß die Achtung 
nicht Furcht wird«. Alle diese Sätze passen, wie mir 
scheint mit zwingender Bestimmtheit, auf die Fürstin und 
Honorio. 

Es darf nicht übersehen werden, daß auch das Kind 
als Repräsentant der Anmuth eingeführt ist: »wo findet 
man mehr Anmuth als bei Kindern«? Aber das Kind ist 
ausgeprägter der Typus des Naiven, wie Schiller in der 
Untersuchung über das Naive ihn erklärt; das Kind ist 
eine Vergegenwärtigung des Ideals; »es ist die Vorstellung 
seiner reinen und freien Kraft, was uns rührt«. Auch dies 
trifft das Wesen der Goethischen Gestalt, und so hebt er 
sie noch über die Fürstin hinauf. Und weiter ist ja auch 
das Genie naiv und kindlicli. »Das Genie«, sagt Schiller, 
»triumphirt durch Einfalt über die verwickelte Kunst. Es 
verfährt nach Einfällen und Gefühlen; aber seine Einfälle 
sind Eingebungen eines Gottes; alles was die gesunde 
Natur thut, ist göttUch«. So erklärt sich der Gottesglaube, 
die Frömmigkeit in Goethes über die verwickelte Jäger- 
kunst des Fürsten triumphirendem Knaben. Und wenn 
Schiller darlegt: das Genie in seinem kindlichen Charakter 



Goethes Novelle. 143 



»ist verständig, aber nicht listig, bescheiden, aber nicht 
ängstlich, weü es die Gefahren des Weges nicht kennt, 
den es wandelt«, so taugt auch hier jeder Zug auf das Ver- 
halten des Knaben bei der Löwenzähmung. 

Man beachte ferner, daß Schiller in der Abhandlung 
über Anmuth und Würde festlegt: »Streng genommen 
ist die moralische Kraft im Menschen keiner Darstellung 
fähig, da das UebersinnUche nie versinnHcht werden kann. 
Aber mittelbar kann sie durch sinnUche Zeichen dem Ver- 
stände vorgestellt werden«. Hier ist die Anregung für 
Goethe gegeben, zur Darstellung von Honorios Würde auf 
ein Symbol zu greifen. Dies Symbol aus der Thierwelt 
zu nehmen, legt Schiller nahe ciurch die Bemerkung, in 
den EmpHndungen stehe der Mensch dem Thiere voll- 
kommen gleich; aber er setzt dann den Willen, die Em- 
pfindung zu ertragen oder nicht zu ertragen, als das Unter- 
scheidungszeichen zwischen Mensch und Thier, was der 
Naturforscher Goethe ablehnt, indem er seinem Löwen 
ausdrücklich freien Willen verleiht. Für diesen Löwen 
gilt wie für Schillers würdigen Menschen der Satz: »der 
Wille, indem er die Licenz der unwillkürlichen Bewegungen 
bändigt, gibt zu erkennen, daß er die Freiheit der willkür- 
lichen bloß zuläßt«. 

Ich fürchte nicht, daß man diese mich selbst über- 
raschenden Kongruenzen als Zufallsspiele oder als verge- 
waltigende Deutungen ablehnen werde; mir haben sie sich 
ungesucht aufgedrängt. Dabei liegt mir aber die Annahme 
fern, Goethe habe Schillers Lehrsätze poetisch gestalten 
wollen, wie dieser in Gedichten oder auch nur wie im 
Wallenstein, solche Absicht war gewiß nicht vorhanden; 
aber für ein Zeugniß des tiefen Einlebens in des Freundes 
Gedanken, des Zusammensinnens mit ihm halte ich aller- 
dings die Novelle. 

Und sieht man einmal Goethe in Schillers Bann, so 
wird es auch nahe liegen, den von Schiller oft behandelten 
Gegensatz von Kultur- und Naturzustand in lose Beziehung 
mit den Gruppen von Personen zu setzen, die Goethe von 
einander abhebt.' Fürst, Fürstin, Fürst-Oheim stehen auf 
der einen Seite, Wärter, Frau und Kind auf der andern, 
Honorio nach meiner Meinung zwischen beiden ; dort ob- 
wohl der Lebensretter wird er ausgeschieden, hier obwohl 
der Tigertödter wird er gesegnet und gut berathen. 



' Daß solche Gruppen vorhanden sind, hat zuerst K. J. Coppen- 
hagen bemerkt, im Allgemeinen Oppositionsblatt (Berlin 1829 Nr. 332ff.), 
auf das Düntzer aufmerksam macht; aber er charakterisirt sie anders; 
er nimmt das Kind als Mittelglied einer epischen und lyrischen Gruppe 



144 Abhandlungev. 



Der Fürst ist wirthschaftlich für sein Land thätig, hat 
militärische Erfahrung, gibt rasch überlegend die ent- 
sprechenden Anordnungen, den Löwen unschädlich zu 
machen. Die Fürstin nimmt Theil an seinen ökonomischen 
Bestrebungen wie an dem Interesse des Fürsten Oheim 
für die Erhahung der Stammburg' und hält sich beim 
Sturz ihres Pferdes und bei der T'igergefahr wie bei der 
versteckten Werbung Honorios als gefasste und sichere 
Dame von Welt. Leidenschaftlich dagegen, heulend und 
schreiend tritt die Thierwärterin auf, mit eigenthümlichen 
Reden der Mann, seltsam singend und flötend das Kind, 
alle in wunderlicher bunter Kleidung, handelnd ohne um- 
sichtige Vorbereitung, wirksam mit Mitteln die nicht die 
Bildung gibt, gewissermaßen nach Urgesetzen der unver- 
dorbenen Natur. Dort die Sesshaften, hier die Fahrenden, 
dort die Einheimischen, hier die Fremden; dort die mit 
Gegenwart und Vergangenheit klug Beschäftigten, für die 
Zukunft Vorsorgenden, hier zeitlos Existirende; dort Kultur, 
hier Natur. Wird die erstere Gruppe durch die genauere 
Schilderung des von ihr beförderten Messetreibens recht 
im Alltäglich-Praktischen gezeigt, so wird die andere ins 
Außerirdische geleitet : die Frau durchschaut Honorios 
Geheimniß und weissaget ihm. Jene sprechen die Gesell- 
schaftsrede, diese wie Leute aus einer andern Welt. Ver- 
gebens würde man die Rede der Frau »in unsern Mund- 
arten übersetzen wollen«, sagt der Dichter. Biblisches ist 
drein gemengt, in die Rede des Wärters noch stärker als 
in die der Frau und das Lied des Kindes.* Dies Lied be- 
kommt durch die variirende Wiederholung einzelner Zeilen, 
Reime und Wörter etwas Ungewohntes und seine Melodie 
wird als Tonfolge ohne Gesetz beschrieben. In Prosa und 
Vers dieser Leute ist die Gedankenfolge ebenso unsicher, 
springend, als die Redefolge der fürstlichen Personen logisch 
genau ist. Jede Gruppe ist in ihrer Art tüchtig und gut, 
auf beide fällt nur Licht, kein Schatten, Aber daß es der 



' Mit Rücksicht auf Goethes gelegentliche Bezeichnung der Novelle 
als »romantische Jagd« sei angemerkt, daß die Stammbur» dem ent- 
spricht, was Goethe romantisch heißt: »das sogenannte Romantische 
einer Gegend ist ein stilles Gefühl des Erhabenen unter der Form der 
Vergangenheit, oder was gleich lautet, der Einsamkeit, Abwesenheit, 
Abgeschiedenheit«. Werke 1. H. gr. 8° Bd. 49 S. 64. 

^ Darauf hat zuerst Carl Friedrich Göschel aufmerksam gemacht 
in seinen Unterhaltungen zur Schilderung Goethescher Dicht- und Denk- 
weise, N. Ausg. Leipzig 1852 Bd. 2 S. 235 ff. Düntzer hat einige 
Verweise unnöthig bestritten, neue hinzugefügt. Für die Verse: »die 
Welle schwankt zurück ; blankes Schwert erstarrt im Hiebe« denkt man 
wohl am besten an Exodus 14, 21 f. und 15, 15 (auf letztere Stelle macht 
mich A. E. Schönbach zweifelnd aufmerksam, ferner auf 2 Reg. 23, 10). 



Goethes Novelle. 145 



Dichter auf den Sieg der Natur über die Kultur oder wie 
man es nennen will, abgesehen hat, ist klar. Die Kultur 
vernichtet: das Markttreiben entfesselt den Brand, Honorio 
tödtet den Tiger," der Löwe wird von den Jägern bedroht, 
Honorio in seiner Seele verwundet; die Natur aber heilt: 
der Löwe wird gerettet, vom Dorn befreit, Honorio auf 
eine glückhche Zukunft verwiesen. Der fürstliche Jagdherr 
räumt dem Kinde den Platz bei einer schwierigen Aufgabe, 
alle werden gebannt und gerührt von dem fremden Gesang. 
Jeder thut an seinem Platze das Rechte, selbst das Unnütze 
zu thun (den Tiger zu tödten) war Honorios Pflicht, aber 
die kindliche Einfalt der Natur geht über alle Lebensweisheit. 

Und auch in anderem verleiht Goethe dieser Auff"assung 
Ausdruck. Er lässt die Fürstin die Betrachtung anstellen: 
»wie doch die Natur so reinlich und friedUch aussieht, und 
den Eindruck verleiht als wenn gar nichts Widerwärtiges 
in der Welt sein könne; und wenn man denn wieder in 
die Menschenwohnung zurückkehrt, sie sei hoch oder 
niedrig, weit oder eng, so giebts immer etwas zu kämpfen, 
zu streiten, zu schlichten und zurecht zu legen«. Der_ un- 
mittelbare Gegensatz ist hier Landschaft und Mensch, tiefer 
aber wieder Natur und Kultur, und aufs neue ist jene über- 
geordnet. Und nicht anders gemeint ist das Bild der 
Stammburg, über die die Natur Herrin wurde: überall 
schlugen Bäume Wurzel und setzten sich zwischen dem 
Gemäuer fest; überall lassen »die alten Spuren längst ver- 
schwundener Menschenkraft sich in dem ernstesten Streit 
m.it der ewig lebenden und fortwirkenden Natur erblicken«. 

Wenn so Natur im Gegensatz zu Menschenwerk die 
Novelle durchklingt, so darf der rehgiösen Färbung der 
Wärtergruppe nicht zu viel Werth beigemessen werden.' 
Frömmigkeit gehört zum Natürlichen; man denke an 
Schillers Gang nach dem Eisenhammer, seine Jungfrau von 
Orleans, auch an Goethes Gretchen. »Frömmigkeit ist 
kein Zweck, sondern ein Mittel, um durch die reinste 
Gemüthsruhe zur höchsten Kultur zu gelangen«, lautet 
eine der Goethischen Maximen.^ Gleichfalls ohne kirch- 



' Coppenhagen findet Nr. 334, die Novelle stelle die Offenbarung 
und Verherrlichung der Macht Gottes im Kinde dar, Göschel hört den 
Geist Gottes aus dem Gebete des frommen Kindes sprechen. Auch 
Lehmann betont den religiösen Inhalt stark. Ludwig Giesebrecht, 
Damaris 1861, S. 90 fF. nimmt das Ganze religionsgeschichtlich und 
theilt die Gruppen als Pelagianer (mehr thätig) und Augustiner (mehr 
leidend): sie berühren sich, erscheinen befreundet und — bleiben ge- 
schieden! — Richtig fasst Eckermann, Gespräche mit Goethe Bd. 3, 
S. 211 den Gottesglauben der Gruppe. — Siehe auch oben S. 142. 

* Werke 1. H. gr. 8° Bd. 49, S. 35. 

GotTIIE-jAHRBUCU XIX. 10 



146 Abhandlungen. 



liehen Gehalt ist das Wort in Meisters Wanderjahren ge- 
braucht. ' Glaube, Hoffnung, Liebe, die das Lied des Kindes 
preist, sind christUch; aber gewiß hält das Kind nur auf 
die »eigene Weise« an dieser Reli^gion fest wie die Zöglinge 
in den Wanderjahren.* Es ist nicht lediglich Glaube an 
Gott, Hoffnung und Liebe zu ihm, was die Familie erfüllt; 
es ist die Ueberzeugung, daß vor dem Menschen, »dem 
Ebenbild Gottes, wonach auch die Engel gemacht sind«, 
alles Gethier Ehrfurcht hat; in diesem Glauben setzt der 
Wärter Frau und Kind als Bürgen ein; in dieser Hoffnung 
ängstet sich, die Frau nicht wie der Burgwart um ihr Kind, 
als es ihren Augen entzogen beim Löwen ist; und in Liebe 
gewinnt der Knabe dem »Hochtyrannen des Waldes« das 
Wunder der Ehrfurcht ab. Die andern Menschen sind voll 
böser Ahnungen und versinken in Trübsal (Fürstin, Fürst 
Oheim, Honorio): sie glauben und hoffen nicht; sie ver- 
nichten im Wahne zu retten: sie lieben nicht. Anders in 
allem bewähren sich die gottfrohen Kinder der Natur; 
»alles was die gesunde Natur thut, ist göttlich«. 

DeutHch gegen das Vorherrschen der Religiosität in dem 
Wesen der WärterfamiUe spricht auch die Aeußerung des 
Weibes: »Gott und Kunst, Frömmigkeit und Glück müssen 
das Beste thun«. Die Begriffe kehren in dem Liede wieder: 
Gott, der aus Löwen Lämmer macht; »frommer Sinn und 
Melodie«, »fromme Lieder« d. i. Frömmigkeit und Kunst; 
und das Glück wenigstens in der negativen Wendung: 
»lassen Unglück nicht heran«. Es stellt sich Glück neben 
Gott, Kunst neben Frömmigkeit, jene die außer dem 
Menschen, diese die in ihm wirkenden Kräfte;' ordnet 
man: Gott und Frömmigkeit, Glück und Kunst, so sieht 
man die religiösen und die profanen Glieder. Alles nimmt 
die Frau zusammen, ja Goethe hat die Untrennbarkeit durch 
doppelte Verschränkung der Begriffsfolge recht sinnfällig 
gemacht. Und alles vereinigt sich im wahren Natürlichen, 
denn dem gilt der Preis, nicht einer rohen wilden wirk- 
lichen Natur ohne Kunst und ohne Religion. 

In den Triumph der natürUchen Menschen tönt die 
Novelle aus. Zwar dem Umfange der Darstellung nach 
überwiegt die höfische Gruppe etwas; die Ausführlichkeit 
in der Zeichnung der Realisten und ihres Treibens sollte das 
Gegengewicht bilden für die VerherrUchung der Idealisten; 
nicht ein drückendes, vielmehr damit, je mehr jene der 
Wirklichkeit entsprechen, die Existenz dieser desto wahr- 
scheinlicher werde, die ja mit jenen in Verkehr treten. 



' Werke, W. A. Bd. 25, i, S. 126. 

* Ebenda S. 210. ' So auch Düntzer, Erläuterungen S. 82. 



Goethes Novelle. 147 



Hört man viel vom Handel der einheimischen Messe- 
besucher, so setzt man voraus, daß bei so großem Zu- 
sammenlauf fremdes, wanderndes Volk sich einzustellen 
pflegt, Thierbändiger, Weissager. So nimmt es auch Honorio 
ohne Erstaunen hin, daß die fremde Frau in seiner Seele 
hest und ihm prophezeit. Und durch den Markt, um den 
des Fürsten Wirthschaftssinn sich annimmt, wird die Mög- 
hchkeit des Zusammentreffens der fürstlichen und der 
fahrenden Personen wahrscheinHch gemacht. 

Mit großer Sorgfalt ist die Komposition bedacht. Die 
Erzählung folgt dem Tage vom frühen Morgen bis zum 
Abend. Bei Nebel hebt sie an, Umgebung und Gestalten 
sind noch wie verschleiert, aus dem Halbhellen entwickelt 
sich der Vorgang. Während des Spazierrittes zeigt sich 
die Aussicht von der Morgensonne beleuchtet, als man bei 
seinem Ziele ist, steht sie beinahe auf ihrer höchsten Stelle; 
zu Mittag entdeckt man den Brand: genau auf der Höhe 
des Tages (und in der Mitte des Werkes) setzt die Wen- 
dung ein und füllt mit ihren Ereignissen die nächsten 
Stunden. Honorio, auf den Fang des Löwen wartend, sieht 
dorthin, wo die Sonne auf ihrer Bahn sich zu senken be- 
ginnt; und das Kind, das den Löwen bezähmt hat, wird von 
den letzten Strahlen der Sonne verklärt. Aus dem Nebel 
also führt die Erzählung zum verklärenden Lichte. Die 
Kürze des jagdgemäßen Herbsttages unterstützt die Wahrheit. 

Wenig ist aus der Vergangenheit nachzuholen: die 
Vermählung des Fürstenpaares, die Wirthschaftssorge des 
fürsthchen Geschlechtes, die körperUche Uebung Honorios 
u. dgl. Fünfmal legt der Dichter kleine Vorfälle, an die 
angeknüpft wird, um den Eindruck der ZeitwirkUchkeit zu 
verstärken, auf den gestrigen Tag: sie sollen in genaue 
Nähe gerückt sein. Nichts von all dem, auch die Erzählung 
vom nächtlichen Brande nicht, den der Fürst Oheim einmal 
erlebt hat, ist nothwendige Voraussetzung für den Stoff, 
alles dient nur der realen Ausfüllung der Gegenwart. Sie 
hat keine Vorgeschichte nöthig, sie weist auch nicht in 
die Zukunft, alles wird innerhalb des Tages abgeschlossen; 
freihch so, daß das Symbol die Zukunft vertritt, und daß 
AeußerHchkeiten, das Einsperren des Löwen in den Käfig, 
den der Wärter herbeizuschaffen ging, u. dgl. m. vom 
Erzähler als selbstverständlich dem Leser zur Ergänzung 
überlassen werden. 

In welche geschichtliche Epoche die Ereignisse fallen, 
ist bei dieser privaten Novelle zu melden unnöthig. Sie 
soll zeitlos, immer neu sein. Der Leser nimmt die Gegen- 
wart an, der Dichter hat sie miterlebt; und solange er den 
Dichter als Mitlebenden empfindet, solange ist die Gegen- 



14° Abhandlungen. 



wart die Zeit der Geschichte. Prüfen wir genauer, so 
bieten sich zwei Anhaltspunkte für die Bestimmung der 
Zeit, an die Goethe dachte: wirthschaftHche Verbesserungen 
durch die Fürsten, die man in der Zeit um 1770 ansetzen 
darf, auch noch später; Ringelspiel als höfische Unterhaltung, 
das Düntzer noch 1793 in Thüringen nachweist. 

Wie über den zeitlichen Verlauf, so werden wir auch 
über die OertUchkeit, in der die Vorfälle sich abspielen, 
genau unterrichtet. Das Schloß der Fürsthchkeiten hegt 
auf einer Anhöhe, unten die Stadt mit dem Markte; gent 
man von da den Fluß aufwärts, durch Wiesen und Wald 
hinan, über eine steinige Fläche, so gelangt man bis zu 
den Bäumen und Felsmauern, die die Burgruine umschheßen. 
Auf diesem Wege begleiten wir die Reiter, auf demselben 
kommt der Tiger nach. Daneben führt noch ein Hohlweg, 
er allein in die Burg hinein; ihn benützt der Löwe, im 
Hofe wird er gefangen. Zunächst mag es scheinen, als ob 
die Landschafts- und besonders die Architekturbilder nur 
um ihrer selbst willen gezeigt würden; der Verlauf ergiebt 
aber, daß der Leser aabei doch nur die Räume genau 
kennen lernt, in denen sich die Ereignisse abwickeln, und 
deren Eigenart zum Theil für die Möglichkeit der Be- 
gebenheiten wichtig ist; so das steinige abschüssige Feld, 
auf dem das Pferd der Fürstin stürzt; so der Burghof, in 
dem der Löwe gefangen werden kann, da er bloß Einen 
engen Zugang hat. Kein Plätzchen ist uns fremd, auf dem 
die handelnden Personen stehen. Die Jäger aber verfolgen 
wir nur bis an den Gesichtskreis des Schlosses; wo sie 
dann weilen, ist uns gleichgültig; und auch von dem Zimmer, 
worin die Fürstin den Fürsten Oheim empfängt, hören 
wir nichts Näheres, seine Einrichtung ist für das exponirende 
Gespräch werthlos und — der Innenraum lockte wohl 
Goethe nicht, nur Natur, Licht und Luft. Gewiß läßt er 
seine Freude am Landschaftsbilde breiter aus, als unbedingt 
nöthig wäre, es reizt ihn, mit Worten den Wechsel der 
Scenerie zu malen, der nahen und der fernen; und wenn 
auf die so wunderbar vom Walde umschlungene, durch- 
wachsene Stammburg viel gewendet wird, so dient der 
umständhche Realismus einem höheren Zwecke, der Sym- 
bohk des siegreichen Eingreifens der Natur ins Menschen- 
werk, das ja die ganze Novelle darstellt. 

Stimmungsvoll wird das Landschaftsbild von der Tages- 
zeit beleuchtet. Aber die seelische Erregung herrscht noch 
über den sinnhchen Eindruck: sie verleiht, als, durch den 
Brand düstere Sorge in der Fürstin erweckt ist, Wald und 
Wiese einen wunderbar bänghchen Anschein, die Vorahnung 
der drohenden Tigergefahr, der Scene mit Honorio. Und 



Goethes Novelle. I49 



wie ist diese vor das Auge gestellt! der schöne Jüngling 
knieend auf dem gestreckten Raubthiere, gehoben durch 
Siegesfreude, vor der schönen Fürstin, die stehend neben 
ihrem Rosse zum Lebensretter niederblickt. Ein Bild ist 
für den Maler entworfen. Und so wieder, wo zu dem im 
Abendschein träumenden Honorio, der, das Gewehr im 
Schöße, auf dem Mauerreste am Hohlweg harrt, die wahr- 
sagende Frau tritt. Und wieder, wo das Kind mit dem 
Löwen in den Burghof schreitet, Wärtel und Mutter von 
oben herabsehen; oder wo das Kind den Dorn aus der 
Tatze des Löwen zieht.' Hier und überall ist vollkommene 
Gegenständlichkeit der Figuren, ihrer Stellung, ihrer Um- 
gebung. Es wirkt das die plastisch gestaltende und zugleich 
zum Leben beleuchtende Sprachkunst, über die Goethe seit 
der Rückkehr aus Italien herrscht. 

Bei aller Genauigkeit in Zeit und Ort und Gestalt der 
Ereignisse bleibt aber dieser Tageslauf doch ein idealischer; 
es ist kein Raum darin, die Reiter mit Speise und Trank 
zu laben. Das Selbstverständliche, für die Geschichte Gleich- 
gültige, nur leiblich Bedurfte braucht im poetischen Kunst- 
v;erk nicht erwähnt zu werden; auch ohne solche Wirk- 
lichkeit kann es den Eindruck voller Wahrheit machen. 

Die erste Hälfte der Erzählung ist behaglich breit vor- 
getragen, episch gefüllt mit der Beschreibung des Zuständ- 
lichen, arm an Ereignissen, man sieht nur Vorbereitungen. 
Anfangs möchte man an eine Verwicklung glauben, die aus 
den Wirthschaftsverhältnissen des Marktes erwächst, die alte 
Stammburg könnte als Kontrastbild der Vergänglichkeit 
zu den modernen Bemühungen dienen; bis dann deutlicher 
auf einen Brand der Buden, auf die Gefährlichkeit der wilden 
Thiere hingewiesen wird und die Erwartung also eine 
bestimmtere Richtung bekommt. Einen traurigen Verlauf 
läßt nichts ahnen; die Fürstin wird gefährdet sein, die 
beiden Begleiter werden sie schützen; die Jagdgesellschaft 
wird zurückkehren und in den Bestien unvermuthete Jagd- 
beute finden. Erst spät und überraschend treten die Thier- 
wärter auf* und zeigen ein anderes Ziel. Sie beklagen den 
unnützen Tod des Tigers ; also wird der Löwe, der ja 
gemäß der Erwähnung in der Marktscene so gut wie der 
Tiger ausbrechen mul!), nicht auch getödtet werden. Was 
sich ereignen wird, ist sonach festgestellt; auch wo die Vor- 
gänge sich abwickeln werden, ist von vornherein gezeigt; 

* Ueber das Bildmäßige der Situationen s. Goethes Gespräch 
mit Eckermann 15. Januar 1827. 

^ Goethe wollte ihr Auftreten einmal vorbereiten, gab es aber 
zum Zwecke stärkerer Wirkung wieder auf. Gespräch mit Eckermann 
vom 29. Januar 1827. 



IJO Abhandlungen. 



das Wie nur ändert sich in der Erwartung, und ein Theil 
davon bleibt bis zuletzt zu errathen, bis das »Unerhörte«, 
die Löwenzähmung durch das Kind, geschieht. 

Parallel läuft die Geschichte Honorios. Auch sie setzt 
im Schlosse ein, wächst wenig bis zur Mitte des Tages, 
und erreicht, sich mit der Brand- und Tigergefahr ver- 
schlingend, ihr gleichzeitig die Höhe der Verwicklung. Auch 
für sie ist kein tragisches Ende vorauszusehen, doch auch 
hier bleibt das Wie im Dunkel bis zuletzt, wo es durch 
den Zuspruch der Frau kurz vor der Löwenbändigung, und 
in dieser selbst überraschend gefunden wird. 

Von der Mitte an folgen sich die Ereignisse rascher: 
Brand, Tiger, Liebeswerbung, das Auftreten der Wärters- 
leute, die Rückkehr der Jäger, die Meldung vom Löwen, 
die Vorbereitung ihn zu fangen, endlich, und erst dies 
wieder langsam sich vollziehend, die Zähmung des Löwen. 
Was realistisch eingeleitet war, klingt phantastisch aus. 
Es sollte so hoch ins Idealische gehoben werden, daß alle 
realistischen Personen vorher entfernt werden bis auf einen 
untergeordneten Diener, der gewissermaßen als Zeuge die 
Wirklichkeit des Wunders erlebt. Durch diese Isolirung 
wurde die Bedeutung der Schlußscene erhöht, wodurch 
auch ihr symbolischer Werth empfunden werden kann. 

Wie der lyrische Charakter des Schlusses den epischen 
des Eingangs ablöst, ist mehrfach beobachtet worden.' 
Goethe selber sprach es aus, daß er für die letzte Steigerung 
zur lyrischen Poesie, ja zum Liede selbst habe übergehen 
müssen.* Vielleicht ist es auch nicht zufällig, daß die 
ruhige erste Hälfte des Tages von der ruhenden bilden- 
den Kunst, die zweite erregte von der bewegten tönenden 
beherrscht wird; vielleicht auch sollte jene als Frucht der 
Kultur erscheinen, diese der Natur näher verwandt ; jeden- 
falls fällt auf, daß die Fürstin die Nachbildung der Burg 
in den Zeichnungen unwahrscheinlich findet und verlangt, 
den Stammsitz unmittelbar zu sehen, während die Musik 
sofort alle Umstehenden einnimmt. Dachte Goethe wie 
Seckendorf: die Malerei zeigt der Seele nur Schatten des 
Lebens, die Musik lässt es ihr fühlen?' Als das Kind zur 
Melodie die Worte des Liedes singt und die letzte Strophe 
dreistimmig ertönt, steigert sich der Gefühlseindruck : »Alles 
war wie beschwichtigt; jeder in seiner Art gerührt«. Und 
dasselbe Lied, das die Menschen bemeisterte, bezwingt auch 
den Löwen. 



^ Von Coppenhagen zuerst. 

* Gegen Eckermann. Gespräch i8. Januar 1827. 

3 Tiefurter Journal. Schriften der Goethe-Gesellschaft Bd. 7, S.70. 



Goethes Novelle. I51 



Wunderbar hat Goethe die Gewalt dieser Zeilen ge- 
bildet, zauberhaft berückend. Gott, der allmächtige, die 
Engel, die er zu den Menschen sendet, der Gesang der 
Gläubigen, die Schmiegsamkeit der Thiere bei dem frommen 
Kinde, die wunderthätige Liebe: es ist kein durch neue 
Erhabenheit bewältigender Stoft. Aber es ist in der Aus- 
drucksweise etwas seltsam Inniges, bei aller Besonderheit 
Schlichtes, das bestrickt und mitzieht, weil überdies die 
Gedankenfolge zuweilen willkürlich, manche Wendung 
dunkel ist und so ein überirdisch GeheimnißvoUes drinnen 
webt. Der Vorstellung wird viel gegeben, das meiste dem 
Gefühl. Für beide aber sind die Anregungen in einem 
Zirkel beschlossen, und deren Wiederkehr darinnen wirkt 
verstärkend und durch die leisen Veränderungen befangend. 
Die erste Strophe kehrt unter Benützung gleicher Reime, 
mit ungenauer Wiederholung einiger Zeilen wieder, eine 
dritte schließt sich daran; und wieder werden die erste 
und die dritte gesungen und eine neue schließt die fort 
sich ringende Kette ab. »Eindringlich«, sagt der Dichter, 
»ganz besonders war, daß das Kind die Zeilen der Strophe 
zu anderer Ordnung durch einander schob, und dadurch 
wo nicht einen neuen Sinn hervorbrachte, doch das Gefühl 
in und durch sich selbst aufregend erhöhte«. Diese Wirkung 
wird erreicht, obgleich der Vordersatz Goethes nicht genau 
richtig ist; nirgend werden nur die alten Zeilen zu neuer 
Ordnung gemischt; aber in der That hat man den Ein- 
druck, als ob dem so wäre; so sehr wurzelt das Lied in 
Einem Vorstellungs- und Empfindungskreise. 

Dazu ist es, als ob man aus den gleichen und ähn- 
lichen Reimen und Zeilen die Melodie der Flötenstimme' 
wiederklingen höre, so daß nicht ohne Fug gesagt werden 
konnte, die Dichtung löse sich in Musikwellen auf.* Wenn 
ich recht sehe, erreicht Goethe dieses besonders in den 
beiden ersten Strophen deutlich wirksame Kunststück da- 
durch, daß er für die Reime nur die zwei Vokale a und i 
wählt und diese überhaupt an den betonten Stellen über- 
wiegen läßt, was wohl die Klangfarbe hervorbringt, und 
dadurch, daß er fast ausschließlich Wörter mit langer 
Stammsilbe verwendet, w'odurch das Gezogene, weich Ver- 
bindende der Holzbläserei nachgeahmt erscheint. Für die 
dritte Strophe (»Denn der Ewge herrscht auf Erden«) behält 

' Ueber die »sanfte süße kurz geschnäbelte Flöte«,- flute ä bec, 
flute douce s. Mendel, Musikalisches Conversationslexikon Bd. 3, S. 569. 
Ihr Gebrauch war im 18. Jahrhundert im Erlöschen, daher Goethes 
»sonst«. 

^ Albert Lindner, Allgemeine österreichische Literaturzeitung 1885, 
Bd. I, Nr. 6, S. 12. 



152 Abhandlungen. 



man dann nur den gewohnten Ton bei, an sich würde sie 
mit ihren häufiger kurzen, konsonantenreichen Hauptsilben 
den Eindruck des Flötens nicht hervorrufen können. 

Das Mittönen der Musik erhöht den Eindruck dieser 
»sanften frommen Lieder«. Es kHngt etwas Verklärendes 
und Verklärtes in ihnen, wie der Schein der Abendsonne 
den Sänger verklärt. Alles stimmt zusammen im Frieden 
des Abends, jegliches Uebel ist beschworen. Dieser Abschluß 
hat es denn von Eckermann an, der das Werkchen in der 
Handschrift lesen durfte, allen angethan, allen jenen wenig- 
stens, welche sich der Novelle ohne Vernünftelei hingegeben 
haben. Goethe selbst legte Werth auf die Durchbildung 
des Schlusses und freute sich seines Gelingens; er wählt 
für ihn das Gleichniß: eine Blume endige ein grünes Gewächs, 
das eine Weile aus einem starken Stengel kräftige grüne 
Blätter nach den Seiten ausgetrieben habe; »die Blume war 
unerwartet, überraschend, aber sie mußte kommen; ja das 
grüne Blätterwerk war nur für sie da und wäre ohne sie 
nicht der Mühe werth gewesen«.' 

Und die »leiche Ueberlegtheit in der Wahl der tech- 
nischen Mittel, die die Wirkung des Schlusses sicherte, 
äußert sich in der ganzen Dichtung. Der Erzähler weiß 
trotz des hochgespannten Ausganges uns im Glauben an 
die Wahrscheinlichkeit, ja an die Wahrheit der Geschichte 
zu erhalten, so daß er einen Zeugen dafür gar nicht zu 
nennen braucht. Welchen Antheil er an den Vorgängen 
hat, ob er sie mit erlebt, von wem er sie erfahren, wie 
nahe sie ihn berühren, wird nirgend gesagt. Er hüllt sich 
in das allgemeine »man«, er ist immer da gegenwärtig, wo 
sich die Hauptvorgänge abspielen, er weiß nie mehr als 
die Personen seiner Geschichte, er sieht und hört mit ihnen, 
er liest von ihren Mienen ihre Stimmung ab. Und der 
Leser mit ihm. So ist eine Art von dramatischer Gegen- 
wart in der Erzählungsform erreicht. Was die Personen 
sprechen, läßt er theilweise unmittelbar mit anhören; bei 
kurzer Wechselrede, die sich aber nie zu langem Dialoge 
ausspinnt, unterdrückt er sogar manchmal die Einführungs- 
formel »sprach er« o. dgl. Hier redet er also in ver- 
schiedenen Stimmen, und unterschiedene Sprecharten wendet 
er auch zur Charakteristik an. Es ist schon bemerkt, daß 
er die höfische Gruppe und die der Thierbändiger durch 
die Redeweise kennzeichnet. Auch auf den Wechsel der 
Ausdrücke je nach den Situationen sei hingewiesen. FörmUch 
ersucht Honorio die Fürstin: »Reiten Ew. Durchlaucht, ich 
bitte, langsam!« dann aber, als der Tiger naht, form- 



Gespräch mit Eckermann 18. Januar 1827. 



Goethes Novelle. 153 



loser: »Flieht! gnädige Frau«, der drängenden Lage an- 
gemessen. 

Besondere Sorgfalt wendet der Dichter darauf nichts 
zu berühren, was nicht für Auge und Ohr erreichbar nahe 
ist. Die Fernsicht wird durch das Teleskop herbeigezogen. 
Die entlegene Stammburg wird zunächst in Abbildungen 
gezeigt, wobei zugleich der Vortheil der Besprechung der 
Zeichnungen erwächst und die Beschreibung belebt.' Den 
Brand im Jahrmarkt sieht man nur ferne; wenig Rauch, 
der vom Tageslicht gedämpfte Feuerschein, zuweilen eine 
rothe Flammenglut, aufsteigender Dampf, der sich ver- 
breitende Rauch, vielleicht ein aufflammender Blitz, ein 
Schlag: mehr läßt sich von der Höhe aus nicht wahrnehmen. 
Und doch sollte die Wirkung des Brandes gekennzeichnet 
werden. Hiezu wird in der Fürstin das Gedächtniß an das 
Branderlebniß des Oheims erweckt; er hat es ihr wieder- 
holt, bis zum Ueberdruß, erzählt, er hat sie gerade vor 
dem Ausritt daran erinnert und bei der Entdeckung des 
Feuers aufs neue; so wird es ihr jetzt gegenwärtig, und 
der vorgestellte Schrecken des nächthchen aus der Nähe 
erlebten Brandbildes ersetzt die Wirkung des jetzigen fernen. 

So sehr sich aber der Dichter in die' sinnliche Wahr- 
nehmung seiner Personen einschränkt, er ist doch der 
überlegene Erzähler, der voraussieht, was kommt, und 
darum den Leser überall vorbereiten, ihm alles in seinem 
natürlichen Hergang erklären kann, ohne dabei irgendwo 
die Rolle des aufmerkenden Beobachters aufzugeben. Er 
verabsäumt nicht zu sagen, man habe die Aussicht betrachtet; 
denn dabei kam man auf die Entdeckung des Brandes. Er 
erzählt erst: die Fürstin glaubt einen Blitz zu sehen, einen 
Schlag zu hören, und läßt den Wärter später bestätigen, 
daß ein Pulverschlag aufgeflogen sei, das Unheil vermehrt, 
das Entkommen der Thiere veranlaßt habe. Er führt uns 
mit der kleinen Gesellschaft durch die Messe und lenkt ihr 
und unser Augenmerk auf die Thierbude; die Pferde 
schaudern — wie dann später der Fürstin Pferd bei der 
Flucht vor dem. Tiger zusammenbricht; man beabsichtigt 

' Otto Adamek, mit dem die Novelle durchzusprechen für mich 
fruchtbar war, macht mich aufmerksam auf ihre Empfehlung als 
Schullektüre. So rühme Matthias, Praktische Pädagogik (Baumeisters 
Handbuch der Erziehungs- und Unterrichtslehre II, 2) S. 49, Erzählung 
und Beschreibung wechsle darin musterhaft ab. Vermuthlich wegen 
dieser formalen Vorzüge ist die Novelle, wenigstens in Oesterreich, 
Gymnasiallektüre. Ich fürchte, sie ist dazu zu schwer, dem Inhalte 
nach und auch der Form nach. Gewisse Altersschnörkel, Häufungen 
wird der Gereifte bei hingebendem Versenken als feinste, erschöpfende 
Zeichnungen lieben, der Jugendliche als wucherndes Rankenwerk ver- 
kennen. 



154 Abhandlungen. 



auf dem Rückweg da einzutreten — die Thiere kommen 
den Schaulustigen vielmehr nach; der Tiger ist außen 
angemalt, wie er einen »Mohren« anspringt — so scheint 
er später die Fürstin zu verfolgen und wird darum von 
Honorio, der durch jenes Bild üoer die GefährUchkeit des 
Thieres das Schlimmste denken muß, getödtet, sicher wie 
der Ritter beim Spiel das »Mohrenhaupt« mit dem Säbel 
aufzuspießen pflegte; der Löwe aber ist ruhig majestätisch 
abgebildet — auch später zeigt er sich in sanfter Würde. Wie 
hier durch die Stellungen der gemalten Thiere die Art 
des Auftretens der lebenden vorbereitet wird, so leitet auch 
sonst der Dichter durch ein Wort über die äußere Er- 
scheinung die Aufnahme des Charakters in die Bahn, Die 
Frau una das Kind waren bunt und seltsam, aber »reinlich 
anständig« gekleidet, sagt er; der Leser weiß sofort, daß 
er nicht niedriges fahrendes Volk vor sich hat, sondern 
die Besten des Gewerbes. Wo der Erzähler besonders auf- 
merksam machen will auf das Kommiende, läßt er einer 
vordeutenden Meinung widersprechen. Der Fürst Oheim 
will nicht durch den Markt reiten, er fürchtet von da ein 
Unglück, die Fürstin besteht auf dem Wege, der Leser 
begleitet sie nun* achtsamer. Oder: die Fürstin bricht das 
Gespräch des Oheims über die Feuersbrunst ab, das läßt 
den Leser erwarten, daß es wieder aufgenommen werden 
müsse u. s. w. Solches Ablehnen wirkt stärker noch als 
der positive Vortrag allein. 

Von all dem vielen Detail, das der vollsten Gegen- 
ständlichkeit und der engsten Verknüpfung dient, ist nichts 
als überflüssig zu bezeichnen außer die wiederholte Be- 
tonung, daß Gebirgs- und Flachländer auf dem Markte 
zum Tausche ihrer Waaren zusammentreffen; dafür finde 
ich keinerlei Verbindung mit der Geschichte. ' Die fremden 
Jagdgäste des Fürsten sind ja auch nicht nöthig, aber ihre 
Anwesenheit wird nur leicnt erwähnt, sie beanspruchen 
unsere Aufmerksamkeit nicht, sie füllen nur das Bild der 

' Sie ergibt sich vielleicht aus einem gestrichenen Passus einer 
älteren Handschrift der Novelle, wonach die Jagd als uru^äldliche halb- 
kriegerische Beschäftigung in starken Gegensatz zur Marktkultur gesetzt 
wurde; und wenn die Jagd »weit in das Gebirg hineindrang« konnte 
ein unausgeführter Plan sie auch auf den Kontrast: Gebirgs- und Flach- 
länder wenden. — Hermann Baumgart hat in seiner Schrift Goethes 
Weissagungen des Bakis und die Novelle, zwei symbolische Bekenntnisse 
des Dichters, Halle a. S. 1886, mit Recht daran Anstoß genommen und 
findet überhaupt die Beschreibung der Messe zu umfangreich. Bei dem 
Suchen nach dem Grunde bleibt er aber nicht auf dem wirthschaftlichen 
Boden, sondern springt zu einer staatspolitischen Deutung über, wonach 
die Burg das deutsche Reich, die Wärterfamilie das deutsche Volk sym- 
bolisiren soll. Dahin kann ich nicht folgen. 



Goethes Novelle. 155 



Jagd und dienen für Honorios Reisevorwand mit als Ver- 
anlasser. Derlei Reichthum ist mehr ausgestreut; wo er 
uns nicht ablenkt, nicht falsche Erwartungen erregt, 
schmückt er das Kunstwerk, das ja doch nicht auf die 
nothdürftigste Erscheinung angewiesen ist. 

Die Erzählung ist durchaus im Praeteritum vorgetragen. 
Der Dichter spricht gleichmässig weiter, niro;end lässt er 
durch die Wahl des historischen Praesens emen Moment 
als besonders wichtigen lebhafter heraustreten. Niemals 
verliert er die Fassung, niemals arbeitet er auf Aengstigung, 
Spannung hinaus; auch da, wo er, um die Gefahr und also 
das Verdienst der Rettung zu erhöhen, die Situation dehnt, 
indem er den geübten Honorio erst einen Fehlschuß thun 
und das Roß der Fürstin stürzen lässt, flößt er doch mit 
seiner unerschütterten Ruhe dem Hörer das Vertrauen 
ein, auch das Bängliche werde gut sich fügen. Und nicht 
anders verhält er sich dem unerwarteten Anerbieten des 
Wärters gegenüber; es muß ja Bedenken machen, dem 
Kinde und der Frau den Löwen zu überlassen; der alte 
gefahrvertraute Burgwart sorgt sich menschlich für das Kind; 
der Leser aber hat durch die Gelassenheit des Erzählers 
die Zuversicht des guten Ausgangs. 

So steht der Dichter zugleich in seinem Stotfe und 
doch über ihm. Er fühlt sich, zuweilen mit seinen Personen, 
durch das augenblickhche Erlebniß zu allgemeinen Be- 
trachtungen, zur Aussprache weiterer Erfahrungen und An- 
sichten veranlasst und gibt so manchem NebensächUchen 
einen Werth, indem er es um seiner selbst willen gelten 
lässt und im Tiefen packt. Dadurch gewinnen auch die 
dienenden Glieder der Komposition eine Art von selb- 
ständigem Leben, das neben der Genauigkeit im Zeichnen 
des Gegenständlichen auf die Geschichte Honorios drückt; 
obwohl diese den Leser anhaltend beschäftigt, gewinnt er 
nicht den Eindruck, daß sie die Hauptsache sei. Und 
wirklich, wenn sie auch der seelische Kern der Erzälilung 
ist, soll sie doch nicht als das Wesentlichste herausrücken; 
sie soll nicht das Interesse ganz beherrschen wie der be- 
sondere Fall in Werthers Leiden; sonst müßte die erfolg- 
lose Liebeswerbung tragisch enden wie im Werther, oder 
ironisirt werden ; sie soll vielmehr als eine nicht unge- 
wöhnliche Begebenheit gefasst werden wie anderes auch, 
und wie dies durch das Unerhörte der Thierbezähmung 
abgeschlossen werden. Darauf fällt alles Licht, und ab- 
sichtlich ist alles Vorhergehende in gleichmäßiger Beleuch- 
tungsstärke gehalten, um diese Verklärung am Schlüsse zu 
ermöglichen, ähnlich der Traumerscheinung Klärchens im 
Egmont, der Glorie Gretchens im Faust. Es hat einen 



156 Abhandlungen. 



tiefen Sinn, dieses Aufsparen der stärksten Beleuchtung : die 
doch auch wirkHchen Vorgänge des Schlusses sollen er- 
hoben über die Erde, idealisch erscheinen, damit sie auch 
als Symbol das Ganze erklären, »Denn was soll das Reale 
an sich? Wir haben Freude daran, wenn es mit Wahrheit 
dargestellt ist, ja es kann uns auch von gewissen Dingen 
eine deutHchere Erkenntniß geben; aber der eigentHche 
Gewinn für unsere höhere Natur liegt doch allein im Idealen, 
das aus dem Herzen des Dichters hervorging. Zu zeigen, 
wie das Unbändige, Unüberwindliche oft besser durch Liebe 
und Frömmigkeit als durch Gewalt bezwmngen werde, war 
die Aufgabe dieser Novelle. Dies ist das Ideelle.« Mit 
diesen Worten hebt Goethe,' wie er das Einzelne wieder- 
holt zu allgemeiner Weisheit läuterte, das Ganze in die 
Sphäre der »ästhetischen Erziehung des Menschen«. »Er 
gibt der Welt die Richtung zum Guten, indem er ihre 
Gedanken zum Nothwendigen und Ewigen erhebt; er um- 
gibt sie mit edeln, mit großen, mit geistreichen Formen, 
schheßt sie rings mit den Symbolen des Vortrefflichen ein, 
bis der Schein die Wirklichkeit und die Kunst die Natur 
überwindet«.* 

Aufs neue leitet die Betrachtung der Novelle in die 
Theorie Schillers. In den Jahren, da Goethe an die Aus- 
arbeitung der Dichtung ging, war er bei der Durchsicht 
seines Briefw^echsels mit dem todten Freunde beschäftigt. 
Es ist nicht ausgeschlossen, daß er dadurch auf den Stoff 
zurückkam, den er vor dreißig Jahren mit ihm mündlich 
und schriftlich durchdacht hatte. — 

Nach dem Tagebuch vom 23. März 1797 ist an diesem 
Tage während Goethes Aufenthalt in Jena eine neue Idee 
zu einem epischen Gedicht gewonnen und mit Schiller 
besprochen worden. Der Inhalt v/ird hier nicht verrathen. 
In den Briefen an Schiller macht Goethe selbst nur einmal 
eine Andeutung über den Stoff: »meine Tiger und Löwen« 
sagt er, vielleicht in laxer Weise den Plural verwendend, 
der zu der Ausführung in der »Novelle« nicht passt. ' 
Schiller spricht kurz vorher von der »Löwen- und Tiger- 
geschichte« seines Freundes und nennt den Titel »Die 
Jagd«; Goethe habe es in dem Gedicht mit fürstlichen 
Personen und Jägern, mit dem vornehmen Stande zu thun. "* 
Daraus kann man nicht schließen, ob die Thierwärter in 



' Gespräch mit Eckermann 18. Januar 1827. 

' Schiller, Ueber die ästhetische Erziehung Brief 9. Die letzte 
Wendung ist selbstverständlich nur formal, nicht stofflich zu ver- 
stehen: die Kunst des Vortrags siegt über das Naturelle des Inhalts. 

3 Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Bd. i, S. 266. 

^ Ebenda S. 264. 



Goethes Novelle. 157 



dem ersten Entwürfe schon eine Rolle spielten. Das Vor- 
handensein einer derartigen Gruppe oder Person ergibt 
sich aber wohl aus Goethes Aeußerung vom 22. April: 
sein neuer Plan habe die Eigenschaft, »daß große Anstalten 
gemacht werden, daß man viele Kräfte mit Verstand und 
Klugheit in Bewegung setzt, daß aber die Entwicklung 
auf eine Weise geschieht, die den Anstalten ganz entgegen 
ist und auf einem ganz unerwarteten jedoch natürlichen 
Wege«. Dies zeigt auf die Vorbereitungen des Fürsten 
zur Löwenjagd hin, die durch das Locken des Kindes über- 
flüssig werden. 

Den Werth des Stoffes bemißt Goethe hoch; der Stoff 
sei in mehr als einem Sinne bedeutend und interessant;' 
und am 28. April bekennt er, es habe ihn aufs neue eine 
ganz besondere Liebe zu diesem Werke ergriffen. Daraus 
erhellt doch, daß der Stoff nicht bloß in seinen Ereignissen 
sondern tiefer erfasst wurde, und es liegt kein Hinderniß 
vor, die Auffassung so tief zu nehmen, wie sie später 
geschah. Man kann an Goethes Gespräch mit Schiller vom 
8. März als Leitfaden denken: »über die Wirkung des Ver- 
standes und der Natur bei der Handlung der Menschen«,' und 
die Einwirkung von Schillers Aesthetik lag gerade damals zu- 
nächst. Jedenfalls muß für die erste Konception schon das 
Eine gegolten haben: die Ueberiegenheit des Natürlichen 
über das beste Weltkluge. Damit tritt das neue Epos in 
Parallele zu dem eben ausreifenden Hermann ; die klein- 
bürgerlichen Kreise sind diesmal durch fürstliche ersetzt, 
die Auswanderer durch eine ebenfalls der Natur nahe 
stehende Gruppe von Fahrenden.' An eine Verbindung 
beider Kreise aurch Liebe wie in Hermann und Dorothea 
konnte freilich bei dem größeren Abstände der Klassen 
hier nicht gedacht werden. Die Verbindung scheint ledig- 
hch durch die Löwen und Tiger hergestellt worden zu 
sein bei Gelegenheit einer Jagd. Ja es bietet sich kein An- 
halt, für diesen ersten Entwurf die Person des Honorio 
und seine Liebe zu behaupten, freilich auch keiner sie zu 
leugnen. Es sei denn, daß man Schillers briefliche Aeuße- 
rung vom 25. April so deute: nach seiner und Humboldts 
Meinung fehle es dem Plan an individueller epischer Hand- 
lung. »Wie Sie mir zuerst davon sprachen, so wartete auch 
ich immer auf die eigentliche Handlung; alles was Sie mir 
erzählten, schien mir nur der Eingang zu einer Handlung 

' Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Bd. I, S. 247. 

^ Tagebuch, W. A. III, Bd. 2, S. 59. 

5 Auch in Hermann und Dorothea ist ein Brand ein wirkungs- 
volles Ereigniß ; auch das Epos verläuft vom Morgen zum Abend eines 
Tages wie die Novelle. 



158 Abhandlungen. 



zwischen einzelnen Hauptfiguren zu sein, und wie ich nun 
glaubte, daß diese Handlung angehen sollte, waren Sie 
fertig«. So viel geht bestimmt aus diesen Worten hervor, 
daß Schiller Honorios Liebe zur Fürstin und die Beendigung 
ihrer Entwicklung in der Löwenzähmung aus Goethes Mit- 
theilungen nicht aufgegriffen hatte; und sollte dies Zuhörern 
wüe Schiller und Humboldt möglich gewesen sein, wenn 
Honorio vorhanden war? Anderseits hatte Goethe seine 
Freunde nicht vollständig in seinen Plan eingeweiht; er 
merkte, daß sie ihn nicht ganz verstanden, versprach ihnen 
briefUch Genaueres, und entschuldigte ihr Abrathen von 
der Ausführung später damit, daß sie nicht weissen konnten, 
was in der Sache lag.' Schiller fährt in seinem Briefe 
übrigens so fort, als ob seine Forderung vielleicht unbe- 
rechtigt sei; er schreibt: »Freilich begreife ich wohl, daß 
die Gattung, zu welcher der Stoff gehört, das Individuum 
mehr verläßt und mehr in die Masse und ein Ganzes zu 
gehen zwingt, da doch einmal der Verstand der Held darin 
ist, der weit mehr unter sich als in sich fasst«. So weit 
ich die insbesondere am Schlüsse recht dunkeln Worte 
verstehe, trifft die Aeußerung auf die Gegenüberstellung 
der zwei Gruppen, die als Massenrepräsentanten ohne stärkere 
persönliche Verschiedenheiten der darin Stehenden vorge- 
führt werden. Aber ob die durch die Fürstengruppe ver- 
tretene kluge Erfahrung als »Held Verstand« bezeichnet 
sein soll, ist trotz dem Gespräch vom 8. März zweifelhaft, 
denn diese Gruppe wird ja besiegt; und auf die andere Gruppe 
passt der Ausdruck gar nicht. Besser hält man sich wohl 
an die allerdings auch nicht ganz durchsichtigen Worte 
Goethes in seiner Beantwortung des Briefes:* bloß der 
Verstand sei in der Odyssee das epische Agens und er sei 
daher überhaupt ein episches Agens. Insoferne und mit 
Rücksicht auf den wiederum von Goethe nachträglich for- 
mulirten Kontrast: im Trauerspiel solle dagegen der Held 
seines Verstandes nicht mächtig sein, sondern von der 
entschiedenen Natur blindlings geführt werden, konnte von 
Schiller der Verstand als der Held bezeichnet werden; er 
fasst unter sich, das hieße: er ist über die Personenunter- 
schiede erhaben; er fasst nicht in sich, das hieße: er bedarf 
als abstractum nicht der Fülle der konkreten Individuen. Und 
wenn Schiller weiterhin sagt, das neue Gedicht w-erde gegen 
den Hermann gehalten eine andere Gattung _ sein, so hat 
er dabei wohl hauptsächlich im Auge, daß dieser reich an 



' Tag- und Jahreshefte 1797, W. A. Bd. 35, S. 71. Gespräch 
mit Eckermann 18. Januar 1827. 

' Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Bd. i , S. 247. Vgl. S. 241. 



Goethes Novelle. 159 



Individuen, jenes dagegen arm daran ist. Denn im hexa- 
metrischen Stil sollte auch das neue Epos verlaßt werden, 
von der Seite gab es keinen Unterschied. 

Wenig Gewinn für die Erkenntniß des ältesten Planes 
zieht man auch aus Goethes Aeußerung, das Gedicht sei 
zu einer im Verhältniß zum Epos »subordinirten Klasse 
historischer Gedichte« zu rechnen.* Sie fällt meines Er- 
achtens nicht in Erwägung des Inhalts, sondern lediglich 
mit Rücksicht auf formale Theorie: für ein Epos gelte das 
Gesetz der Retardation, das unter dem höheren für jede 
gute Dichtung giltigen Gesetze stehe: nur das Wie macht 
das Interesse, der Ausgang muß bekannt sein; dieser neue 
Plan nun entspreche zwar dem übergeordneten Gesetze, 
interessire durch das Wie, nicht durcn das Was, aber er 
habe keinen einzigen retardirenden Moment, und deshalb 
bezweifelt Goethe seine epische Qualität. Soll hiezu nun 
die Wendung »historisches Gedicht« in Gegensatz treten, 
so darf sie nur auf die künstlerische Gestalt des Stoffes, 
nicht auf diesen selbst bezogen werden, und hienach heißt 
historisch in diesem Falle: ohne das Kunstmittel der Re- 
tardation in chronologischer und sachlicher Folge erzählend. 
All das passt auf die Novelle, die nur das Wie des Schlusses 
im Dunkel lässt, die chronologisch verläuft und nirgends 
retardirt außer beim Fehlschuß des Honorio, allenfalls beim 
Straucheln des Pferdes und in den Vorbereitungen, den 
Löwen jägerhaft zu bewältigen; jedenfalls tritt ein so ent- 
schiedenes Retardiren wie in Hermann und Dorothea, da 
die Geliebte gekränkt scheiden will, niemals ein. 

Auch die Ueberraschung des Schlusses lag im ersten 
Plane. Am 25. April schreibt Schiller dem Freunde, er 
möchte das neue Gedicht ein komisch-episches nennen, 
nicht im gemeinen Sinn der Komödie und des komischen 
Heldengedichtes, sondern der Behandlung nach, indem 
nämlich die Entwicklung etwas Ueberraschendes, Ver- 
wunderung Erregendes habe, was mehr der Komödie als 
dem Epos eigen sei; Goethe müsse seine poetische Ueber- 
macht über den Stoff walten lassen, um der Handlung das 
Ueberraschende zu nehmen und überhaupt die Handlung 
nicht zu sehr als Zweck interessiren zu lassen. Man sieht, 
komische Elemente an sich waren nicht vorbedacht,* da- 
gegen die unerwartete Zähmung des Löv^'en durch das Kind. 

' Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Bd. I, S. 243. 

* Zur Erläuterung vgl. Schiller, Schriften, Goedeckes hist.-krit. 
Ausg. Bd. 10, S. 460 f.: »in der Komödie geschieht durch den Gegen- 
stand nichts und alles durch den Dichter«. Der komische Dichter muß 
durch sein Subjekt sein Objekt in der ästhetischen Höhe erhalten. Der 
Komiker muß immer den Verstand (vgl. die vorige Seite) unterhalten. 



l6o Abhandlukgen. 



Aus den Stellen des Briefwechsels, der ja auf mündliche 
Aussprache zurückweist, erfahren wir demnach über den 
Stoff so wenig, daß sie allein keine Vorstellung davon 
geben könnten, aber doch so viel, daß die Aehnlichkeit 
mit dem der Novelle, ja Gleichheiten der Komposition 
sichtbar werden. Hauptsächlich werden ästhetische Be- 
denken erörtert, ob der neue Stoff sich zu einem Epos 
eigne oder nicht, und an diesen Bedenken scheiterte damals 
die Ausführung; bevor er sich über das Wesen der epischen 
Anforderungen klar sei, wolle er keinen Vers davon nieder- 
schreiben, eröffnet Goethe am 19. April. Umsonst sucht 
Schiller drei Tage später zu beruhigen, er begreife, nach 
dem was er von Goethes Plan wisse, nicht ganz, daß ihm 
das Retardiren fehlen solle; dann gesteht er zwar selbst 
Bedenken gegen die epische Art des Planes ein, aber gegen 
seine stoffliche Qualität, nicht gegen seine formale; das 
Retardiren, meint er am 25., könne in der Art des Gehens 
stattfinden, wenn auch nicht in der Art des Weges. Dies 
Wort wird erhellt durch eine vier Tage ältere Aeußerun^: 
der epische Dichter schildere uns bloß das ruhige Dasem 
und Wirken der Dinge nach ihren Naturen; sein Zweck, 
die bloß aus dem Innersten herausgeholte Wahrheit, liege 
schon in jedem Punkte seiner Bew^egung; darum eile er 
nicht ungeduldig zu seinem Ziele, sondern verweile mit 
Liebe bei jedem Schritte. Auch diesen Wink hat Goethe 
für die Ausarbeitung der Novelle benützt, so daß man schon 
das alte Epos ebenso angelegt voraussetzen darf. 

War aas der damahgen Richtung Goethes und Schillers 
gemäße theoretische Ueberlegen der Kunstform und das 
Hin und Her der A^npassung des Stoffes an sie auch im 
einzelnen fruchtbar, die poetische Ausgestaltung hielt es 
auf. Noch am 22. und 26. April beabsichtigte Goethe den 
neuen Plan Schiller zu senden oder zu bringen, schickte 
sich am 27. an, ihn dafür aufzusetzen und — ließ ihn dann 
liegen; er redet sich Tags darnach aus, was er jemand 
vertraue oder offenbare mache er nicht fertig; er habe ein 
gutes Vorurtheil für den Stoff und eine ganz besondere 
Liebe dazu, aber er wolle abwarten, ob ihm die Fortsetzung 
der theoretischen Erörterungen Muth und Lust lasse, ihn 
auszuarbeiten. 

Erst ein paar Monate später, durch Schillers Erzählung 
Der Handschuh ist er wneder an seinen Plan gemahnt worden, 
zweifellos weil auch sie Löwe und Tiger vorführt. Und 
im Zusammenhang damit und mit der Balladenschöpfung 
des Jahres überhaupt denkt Goethe daran, vielleicht auch 
das Interessante seines epischen Planes in Reimstrophen 
in die Luft gehen zu lassen, w^orin ihn Schiller aufs leb- 



Goethes Novelle. l6l 



hafteste bestärkt.' Der Stoff tauge dazu besser als für den 
Hexameter, der an die griechische Welt erinnere; die andere 
metrische Form entrücke das Gedicht der Vergleichung 
mit dem Hermann; die außerordentliche Geschichte könne 
als Strophengedicht an gewissen Rechten des romantischen 
Gedichtes participiren; der Gedanke des Gedichtes selbst 
sei zur modernen Dichtkunst geeignet und begünstige also 
auch die Strophenform; von den Fürsten und Jägern sei 
nur ein leichter Schritt zu Ritterfiguren/ der vornehme 
Stand, mit dem es das Gedicht zu thun habe, knüpfe sich 
überhaupt an etwas Nordisches und Feudalisches an. Goethe 
billigte Schillers Ausführungen,' aber ohne Entschluß. Er 
wolle abwarten, an welches Ufer der Genius das Schifflein 
treibe; er fürchte nur fast, daß das eigentliche Interessante 
des Sujets sich zuletzt gar in eine Ballade auflösen möchte. 
Hält man diese seltsame Aeußerung zu der früheren: das 
Interessante seines Planes gehe vielleicht in einem solchen 
(nämlich balladischen) Reim- und Strophendunst in die Luft, 
so darf man doch schHeßen, daß Goethe bei strophischer 
Bearbeitung etwas zu verlieren fürchtete, was er nicht gerne 
preisgab. Was er unter dem eigentlichen Interessanten 
verstand, läßt sich nicht fest legen; es darf nicht über- 
sehen werden, daß die ältere Wendung so lautet, als ob 
dies dabei sich verflüchtigen werde, während die jüngere 
eher zu deuten ist, daß alles außer dem Interessanten 
verloren gehen werde. Ich komme hier dem Gedanken- 
gange Goethes nicht nach.'* Das eine aber steht fest: er 
ließ, durch diese Besprechungen beirrt, vielleicht auch ver- 
drießlich über Schiller, in dessen Ideen die Dichtung tiefer 
hinein folgte, als ihm vertraut worden zu sein scheint, und 
der trotzdem zuredete, statt des größeren Epos ein kleines 
Gedicht zu machen, den Stoff fallen und sich durch die 
neu begonnene Beschäftigung mit dem Faust ablenken. 
Der Entwurf eines »ausführlichen Schemas« für das Epos 
wurde bei Seite gelegt.^ 

Dreißig Jahre später erzählt Goethe Eckermann,^ es 
sei die Handlung und der Gang der Entwicklung der Novelle 
unverändert derselbe wie in dem früheren Epos, nur das 
Detail sei ein ganz anderes mit Rücksicht auf die veränderte 



' Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Bd. i, S. 262, 264. 
* Einmal in der Novelle heißt Honorio »Ritter«, Werke W. A. 
Bd. 18, S. 333. 3 Briefwechsel Bd. i, S. 266. 

4 Wie denn überhaupt der Briefwechsel Schillers und Goethes 
viele Schwierigkeiten enthält, die der Erläuterung noch immer harren. 

5 Etwas von den für die Jagd zurecht gelegten Vorstellungen und 
die Gefährdung der Reiterin erbte der Eingang zur NatürHchen Tochter. 

(• Gespräch 15. Januar 1827. 

Goethe-Jahrbuch XIX. 1 1 



i62 Abhandlungen. 



Stilart. Wir dürfen also das alte , uns nicht erhaltene 
epische Schema aus solchen Motiven der Novelle aufbauen, 
deren Zurückreichen in das Jahr 1797 v^'ahrscheinlich ge- 
macht werden kann. 

Daß mit dem allgemeinen Verlauf der Erzählung auch 
die auf Schillers Aesthetik weisenden Ideen damals zu- 
getreten waren, ist schon berührt. Das Tagebuch Goethes' 
verzeichnet zwischen dem Plan des Epos und dem der Ballade 
ein Gespräch mit Schiller über naive und sentimentalische 
Dichtung; und die anderen theoretischen Schriften Schillers 
lagen ja zeitlich so nahe, daß sie bei den fortwährenden 
Kunstgesprächen mit Schiller, deren Theil der Novellenstoff 
ausmachte, von selbst vorschwebten und an der Poetisirung 
des Stoffes mithalfen. 

Ferner darf man sich erinnern, daß Goethe am 8. April 
1797 erklärt, er habe für Hermann und Dorothea von der 
bildenden Kunst gelernt; er sieht die Scenen nun wie Bas- 
reliefs, die Gruppen sinnlich, die Charaktere müßten zwar 
bedeutend von einander abstehen, aber doch immer unter 
ein Geschlecht gehören. Auch diese Technik mag aus der 
damaligen Zeit auf die Ausführung der Novelle nachgewirkt 
haben : daher der Zusammenschluß der Personen zu Gruppen, 
die zu Bildscenen ausgearbeiteten Situationen. 

Für den Stoff fällt ins Gewicht, daß Goethe am 23. und 
25. Mai 1797 Plinius' Historia naturalis las und zwar am 
ersten Tage das 7. Buch ; las er weiter fort das 8., so fand er 
eine besonders günstige Charakteristik vom Löwen, dessen 
Muth und Adel sehr gerühmt werden ; er schont Frauen 
und Kinder, berichtet Plinius, und erzählt die Geschichte 
vom Syrakusaner Mentor, den ein Löwe schmeichelnd 
verfolgte, bis jener ihn von einem Splitter im Fuße befreite, 
ein Vorfall den ein Gemälde zu Syrakus beglaubige. Da 
nahm also Goethe sehr wesentliche Einzelheiten für seine 
Löwenschilderung auf. 

Beachtet man weiter, daß Goethe damals im alten 
Testament und Eichhorns Einleitung dazu las,^ allerdings 
speciell zu Studien über den Zug der Israeliten in die 
Wüste, ' so wird man den prophetischen Ton der Rede 
des Wärters und das Biblische an der ganzen Familie schon 
für das alte Schema ansetzen dürfen, um so mehr, als ja 
auch in Hermann und Dorothea der »natürlichen« Gruppe 
der alttestamentliche Richter eingefügt ist. Eichhorn lehrte. 



' Vom 15. Juni 1797. 

* Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe Bd. i, S. 241. 
3 Deswegen bevorzugte ich oben S. 144, Anmerkung 2 die Stellen 
aus der Exodus. 



Goethes Novelle. 163 



die Propheten sprechen »als begeisterte« ; Goethe läßt seinen 
Thierwärter »mit dem Ausdruck eines natürlichen Enthu- 
siasmus« reden; Eichhorn lehrte, die Propheten sprechen 
in Leidenschaften, Goethes Wärtersfrau spricht »in gewalt- 
samen Ausbrüchen der Leidenschaften«. Leichtlich wurde 
durch diese Lektüre Daniels Gestalt lebendiger; zu ihm in 
die Löwengrube hat Gott seine Engel gesandt, wie es das 
Kind besingt. Und so gut wie Daniel in Gesichten sieht, darf 
denn auch die Frau vonHonorios Zukunft ein Gesicht haben.' 

Niedrig bewerth'e ich den Umstand, daß Goethe damals 
sich mit dem Weimarer Schloßbau beschäftigte,* obwohl es 
an das Interesse des Fürsten Oheim für die Stammburg 
mahnt. Beachtenswerther ist vielleicht der Tagebucheintrag 
vom I. Juni 1797: »wir fahren abends nach Dornburg«, 
weil hier das Urbild zur Stammburg gesucht worden ist.' 

Fasst man alle diese für das Jahr 1797 nachweisbaren 
Anregungen zusammen, so ist die Richtigkeit der Goethi- 
schen Nachricht erhärtet, das alte Schema sei dem neuen 
Werke inhaltlich gleich gewesen. Daß dies möglich war, 
obwohl jenes erst nach vollendeter Arbeit vom Dichter 
wieder gefunden wurde, erklärt sich : die Lektüre des Brief- 
wechsels mit Schiller hatte jene verlassene Welt, um deren 
Ausbildung Goethe so nachdenklich bemüht gewesen, neu 
lebendig in der alten Gestalt vor ihm erstehen lassen. 
An all den Einzelheiten der Briefe fand sein treues Ge- 
dächtniß einen Halt sich anzuklammern. Nur die damals 
überlegten und damals schon der Ausführung hinderlichen 
Formen lagen jetzt nach neunundzwanzig Jahren abseits 
und mit ihnen das dazu angepasste Detail. Die Prosa der 
Novelle bot in dieser Zeit des Dichtens der Wanderjahre 
sich ohne Qual der Wahl dar und Goethe fand sie das 
Beste, um in ihr den ganz realen Charakter des Anfangs, 
und dann im Liede den ganz ideellen Charakter des Schlusses 
herauszuarbeiten. ■♦ 

Vom Anfang Oktober 1826 sind die ersten Schemata 
der wieder erstehenden Dichtung datirt; zu Ende des Jahres 
war die Novelle vollendet. Roeihe hat die einzelnen Stufen 
des Fortganges der Gestaltung in Tagesdaten, in Schematen 
und Handschriften Goethes und seiner Schreiber im 18. Bande 
der Weimarer Ausgabe mit mühevoller Vortrefflichkeit be- 
kannt gemacht. 

Vergleicht man die älteren Schemata mit dem letzten 
(freilich ist vom ältesten sehr wenig erhalten), so fällt 

' Ezechiel bot das symbolische Gesicht vom Löwen. 
* Tagebuch vom 3. April, 8. und 14. Mai 1797. 
5 Von Baumgart. Andere Orte hat Düntzer in seinen Abhandlungen 
genannt. ^ Gespräch mit Eckermann 18. Januar 1827. 

II* 



164 Abhandlungen. 



zuvörderst auf, daß der alteFürstOheim dort ein jugendlicher 
Schwager der Fürstin ist, »von schöner Gestalt«, wie ein 
Stück Text ergänzend sagt, »von blondem heiterem Wesen«, 
»überall beliebt«; seine Veränderung geschah gewiß, um 
nicht zwei junge Männer an der Seite der Fürstin zu haben, 
die sich Rivalen sein mussten. Honorio hieß zuerst Alfred; 
das ältere Schema übergeht die Scene seiner versteckten 
Werbung; es hat aber überhaupt statt der 107 Nummern 
des jüngsten Schemas nur 60, so daß der Scnluß, sie sei 
nicht beabsichtigt gewesen, voreilig wäre. Nach dem Abritt 
des Fürsten Oheim zur Brandstätte hieß es ehedem: »Ahnung 
Fürstin und Juncker«, während später dieser Punkt des 
Schemas lautet : »Fürstin und Alfred allein« ; auch dies 
läßt es offen, ob früher schon die Ausnützung des Allein- 
seins bedacht w-ar. Auffälliger sind in der Skizze der 
Werbescene des dritten Schemas die Worte : »Wunsch zu 
reisen, oft wiederholt und motivirt. Entfernung da er 
uns so hülfreich sey. Hoher [!] Bildung«. Das Letztere 
wird durch das jüngste Schema verständlich : »Warum sich 
entfernen jetzt eben da er so hülfreich geworden. Höhere 
Bildung als Vorwand«. Man sieht, daß die Fürstin damals 
nicht so frostig ablehnen sollte, als sie in der Ausarbeitung 
thut; man sieht aber auch, daß für das letzte Schema, 
vielleicht aber erst für dieses, feststand, daß das Streben 
nach höherer Bildung nur Vorwand der Reise sein sollte 
und damit die Reise selbst. — Beträchtlich kürzer ist in 
den ersten Schematen die Beschreibung der Stammburg 
und der Landschaft angezeigt. Beachtung verdient die Notiz, 
daß der vom alten Fürsten erlebte Brand »zu Haag« statt- 
gefunden hat. In allen Entwürfen ist der Schluß erstaunlich 
knapp behandelt; während für die ersten 21 Seiten des 
Textes 92 Punkte vorgemerkt sind, von denen nur drei 
nicht bei der Ausführung benutzt wurden, sind für die 
letzten 13V2 Seiten nur 15 Punkte skizzirt; das Ende wurde 
also erst während der Ausarbeitung gefüllt. 

Die Schemata genauer zu vergleichen, unter sich und 
mit der Ausführung, den Fortschritt des Textes durch die 
verschlungenen Pfade zu begleiten, würde mehr nach der 
stilistischen Seite ergebnißreich sein als stofflich;' für die 
Erkenntniß der feinen Durcharbeitung* der Komposition 
wäre es lehrreich. 



' Auf zwei wichtige Zusätze habe ich oben S. 140 und S. 154, 
Anmerkung i aufmerksam gemacht. 

* Bei aller Sorgfalt sind ein paar kleine Unebenheiten stehen 
geblieben. Z. B. hat die vor kurzem vermählte Fürstin, die die Burg 
nicht kennt, also keine Einheimische ist, Honorio sclion »oft« bei ritter- 
lichen Uebungen gesehen. Der Name des Fürsten Oheim wird S. 318 



Goethes Novelle. 165 



Ihrer ganzen Auffassung nach taugt die Novelle in die 
Zeit der Beschäftigung mit den Wanderjahren W. Meisters. 
Auch hier wird Entsagung gelehrt; auch hier werden die 
höchsten Menscheneigenschaften über die Einzelbildung 
gestellt, ohne daß diese verworfen würde. Der neu er- 
fasste Daniel stammt aus einer Sphäre mit dem erneuerten 
Sankt Joseph. Der »Abend«, wo Honorio »viel zu thun« 
finden wird, mag für diese Zeit Amerika sein, wohin die 
Wanderer ihren Blick richten, wie für den ersten Entwurf 
er das revolutionäre Frankreich war (s. die Unterhaltungen 
deutscher Ausgewanderten, Hermann und Dorothea u. a.). — 
Die starke Wirkung des Liedes mahnt an die Erziehung 
der Jünglinge durch Gesang in den Wanderjahren. Ebenso 
ist hier, freilich auch sonst, von Goethe das gleiche Vers- 
maß wiederholt verwendet. Und die Art, wie Goethe den 
Vortrag des Wanderliedes im ersten Kapitel des dritten 
Buches beschreibt, ist recht ähnlich dem des Knaben; auch 
mit der Wiederholung der Stropjie wird hier und dort 
Eindruck erzielt.' Für die Variation der Zeilen und Wörter 
des Kindesliedes gaben, um es nebenbei anzumerken, die 
Romantiker Vorbilder, z. B. Tieck in seiner Genoveva, 
Fr. Schlegel im Gedicht Der Sänger.* 

Noch weiter zurück lenken die Fäden. Bei dem sanften 
Kinde der Fahrenden, mit schwarzen Augen und Locken 
taucht Mignon wieder auf. Gewiß sind auch persönliche 
Bezüge da, auf die Düntzer schon hingewiesen hat; der 
Fürst wird jeden an Karl August erinnern, und bei Honorios 
Verhältniß zur Fürstin an das Goethes zur Herzogin Luise 
zu denken Hegt nahe; die Parallele zu Tasso stellt sich ein; 
Goethe, der aus unhaltbaren Beziehungen zu Frauen weg 
nach Italien will, mag Honorio den Reisevorwand darge- 
boten haben, wenn nicht die bald nach der ersten Konception 
der Dichtung geplante Italienfahrt selbst vorschwebte. Aus 
solchen Zusammenhängen kann man die warme Liebe er- 
klären, mit der Goethe die Dichtung ergriff und festhielt, 
bis er eine ihm genügende Gestaltung gefunden hatte. Gewiß 
aber freute ihn auch das Ineinsleben mit Schillers Geist 
und die Idee, die er dem Stoffe gegeben hatte. 

In der neu aufkommenden Form der Novelle, die seine 
Kunst und die des jungen Jahrhunderts anzog, sprach er 



so mitgetheilt, als ob er auf der vorhergehenden Seite noch nicht 
genannt wäre. Die Bewunderung der Stammburg soll vielleicht das 
Uebertriebene des Liebhaberenthusiasmus an sich haben, wird aber 
S. 320 Z. 15 in Steigerung von S. 319 Z. 20 fast unverständlich. Die ein- 
malige Ausartung der achtzeiligen Strophe des Liedes in eine neun- 
zeilige ist wohl auch nicht Absicht sondern Behelf. 

' ' W. A. Bd. 25, I, S. 73 ff. * Musenalmanach für 1802, S. 154. 



l66 Abhandlungen. 



sie aus. Friedrich Schlegel hatte aus der Betrachtung des 
Boccaccio ermittelt: die Novelle sei sehr geeignet, eine 
subjektive Stimmung und Ansicht, _ und zwar die tiefsten 
und eigenthümlichsten derselben indirekt und gleichsam 
sinnbildlich darzustellen. Goethe gab seine Stimmung und 
seine Ansicht von der alle Erfahrungskultur, alle Welt- 
weisheit besiegenden unwiderstehlichen, göttUchen Natur, 
die liebevoll erhält, wo selbst der beste Menschenwille 
zerstört; er gab sie indirekt und sinnbildlich. Schlegel 
sagt: die Novelle ist zu dieser indirekten und verborgenen 
Subjektivität vielleicht eben darum besonders geschickt, 
weil sie übrigens sich sehr zum Objektiven neigt, und wie- 
wohl sie das Lokale und das Kostüm gern mit Genauigkeit 
bestimmt, es dennoch gerne im Allgemeinen hält, den 
Gesetzen und Gesinnungen der feinen Gesellschaft gemäß, 
wo sie ihren Ursprung und ihre Heimat hat. Und Goethe 
gab das Lokale und das Kostüm mit Genauigkeit und hielt 
es doch im Allgemeinen, da er weder alle Stunden des 
Tageslaufes ausfüllt noch das Jahr des Geschehnisses an- 
zeigt; und er griff den Stoff aus der feinen Gesellschaft 
und formte ihn für eben diese Gesellschaft. 

Ich zweifle nicht, daß jene Charakteristik der Novelle 
durch den geistvollsten Theoretiker der modernen Poesie 
Goethe bekannt war; ich zweifle eben so wenig, daß er 
sich ihrer nicht bewußt war, als er seine Erzählung bildete, 
und daß es ihm nicht beifiel, jene Kennzeichen als Regeln 
zu wählen. Es liegt aber in diesem tiefsinnigen Zusammen- 
treffen der Beweis dafür, wie sehr Goethe Recht hatte, 
sein Werk für ein typisches Beispiel der neu erschlossenen 
Erzählungsart zu halten und also »Novelle« schlechthin zu 
heißen. 



3- 

Goethe und Kant. 

Von 

Karl Vorländer. 



7. Fon 1764/j — 1794. 




oethes erste Beschäftigung mit Pliilosophie fällt ver- 
muthlich in den Winter 1764/5. Nach der im 6. Buche 
von »Dichtung und Wahrheit« gegebenen Darstel- 
lung, um sich von der seelischen Erschütterung, die ihm der 
Verlust »Gretchens« gebracht, zu erholen, zugleich aber auf 
die Universität sich vorzubereiten, wirft sich der Fünfzehn- 
jährige, angeregt durch einen älteren »Freund und Aufseher«, 
auf das Studium der Philosophie, freilich nur, um bald zu 
bekennen, daß seiner Ansicht nach eine abgesonderte 
Philosophie nicht nöthig, dieselbe vielmehr in Religion und 
Poesie schon vollkommen enthalten sei. Mehr als die 
eigentlichen Philosopheme zieht seinen jugendlichen Geist 
deren Geschichte an, die nach dem »kleinen Brucker«* be- 

' Nachstehender Aufsatz gibt die wesentlichsten Resultate der 
Untersuchungen wieder, die ich unter dem Titel »Goethes Verhältniß 
:^n Kant in seiner historischen Entwicklung a in drei längeren Abhandlungen 
in den »Kantstiidienu (Philosophische Zeitschrift, herausgegeben von 
H. Vaihinger 1897) I 60—90, 315—351, II 161 — 236 veröffentlichte. 
Auf sie verweise ich Diejenigen, die sich für die Belege meiner Dar- 
stellung im einzelnen interessiren. (Vgl. oben S. 34 — 48.) 

* Gemeint sind offenbar Bruckers ziemlich anecdotenhafte Insti- 
tutiones historiae philosophicae usui academicae iuventutis adornatae. 
Lips. 1747 u. ö. 



loö Abhandlungen. 



trieben wird, und in ihr wieder am meisten nicht die großen 
Systematiker, sondern die Vertreter der Lebensweisheit: 
Solirates und namentlich Epiktet. Daß er das »Handbüchlein« 
des Stoikers auch später noch gern las, beweisen die vielen 
energischen Bleistiftstriche seines im Goethe- National- 
Museum aufbewahrten Handexemplars. 

Auch in Leipzig findet er keinen Geschmack an der 
dogmatischen Universitätsphilosophie. Dem zur künst- 
lerischen Anschauung Geborenen mißfiel das Zergliedern, 
das »Auseinanderzerren, Vereinzeln und gleichsam Zerstören« 
der Geistesoperationen, welches die Logik betreiben muß 
und die damals herrschende Wolfsche Schulphilosophie 
allerdings in abschreckend hohem Maße betrieb. Wir be- 
greifen daher wohl sein Urtheil über letztere, sie habe zwar 
das Verdienst einer begriffsmäßigen Ordnung alles Wiss- 
baren und einer respektablen Methode besessen, sich aber 
»durch das oft Dunkle imd Unnützscheinende ihres Inhalts«, 
die unzeitige Anwendung jener Methode und ihre allzugroße 
Verbreitung über alle möglichen Gegenstände »fremd, un- 
genießbar und endhch entbehrlich« gemacht und deshalb 
der Philosophie des gesunden Menschenverstandes weichen 
müssen, als dessen Hauptvertreter Garve und Mendelssohn 
gerühmt werden. Einer im letzten Jahrzehnt seines Lebens 
(29. Dez. 1823) gegenüber dem Kanzler von Müller ge- 
thanen Aeußerung zufolge, wäre ihm freiHch die Popular- 
philosophie »stets widerlich« gewesen, deshalb habe er sich 
später »leichter zu Kant hingeneigt, der jene vernichtet 
hat«. In seiner Autobiographie aber weiß er von Kant 
vorläufig noch nichts zu berichten. — Mit dem Straßburger 
Freundeskreis fühlt er sich, wenigstens nach dem Berichte 
in Dichtung und Wahrheit, von Philosophie überhaupt, 
insbesondere der der französischen Encyklopädisten em- 
schließlich Voltaires abgestoßen, nur Rousseau »sagte ihnen 
wahrhaft zu«; auch dies Urtheil hat Goethe jedoch in seinem 
Alter (zu Eckermann, 3. Jan. 1830), mit ausdrücklicher 
Beziehung auf seine »Biographie«, berichtigt. Es gehe aus 
ihr nicht deutlich hervor, »was diese Männer für einen 
Einfluß auf meine Jugend gehabt, und was es mich gekostet, 
mich . . . auf eigene Füße zu stellen«.' 



' Kant wird in dieser Periode nur einmal beiläufig in einer Rezen- 
sion von »Hollands philosophischen Anmerkungen über das System der 
Natur«, die jedoch, da sie im Jahrgang 1773 der Frankfurter Gelehrten 
Anzeigen steht, wohl nicht für Goethe selbst in Anspruch genommen 
werden kann, und zwar mit den Aufklärungsphilosophen Garve, Mendels- 
sohn und Sulzer zusammen, genannt. Im Uebrigen gesteht der Dichter, 
daß sein Wissen damals noch »sprunghaft und ohne philosophischen 
Zusammenhang« gewesen sei. 



Goethe und Kant. i 69 



1774 entdeckt er eine gleichgestimmte Natur in Friedrich 
Jakobi. Beide finden sich zusammen in gemeinsamer Be- 
geisterung für Spinoza, dessen Denkweise Goethe kurz 
vorher, wenn auch »nur unvollständig und wie auf den 
Raub« kennen gelernt hatte. Die Extreme berühren sich. 
Gerade die wunderbare Ruhe und die strenge mathematische 
Methode des jüdischen Weisen hatte den jugendlichen 
Stürmer und Dränger angezogen und ihn zu seinem »leiden- 
schaftlichen Schüler« und »entschiedensten Verehrer« 
gemacht. Jakobi, der ältere (geb. 1743) von beiden, spielt 
dabei die Rolle des Leitenden, Aufklärenden. Nach einer 
längeren Pause kehrt Goethe später noch einmal in 
Frankfurt zu dem Studium des verehrten Amsterdamer 
Philosophen zurück, der dann erst wieder Mitte der 80er 
Jahre seine geliebteste philosophische Lektüre wird. 

Die spinozistische Periode in Goethes Leben ist schon 
so oft (von Danzel, Suphan, Schneege u. a.) behandelt worden, 
daß wir uns ein näheres Eingehen auf sie ersparen können. 
Ja, es ist fast zur Sitte geworden, den Dichter, w^enn über- 
haupt für eine bestimmte Philosophie, für diejenige Spinozas 
in Anspruch zu nehmen. Nun wollen wir selbstverständlich 
nicht in Abrede stellen, daß gewisse spinozistische Grund- 
gedanken Goethe sein Leben lang sympathisch gewesen 
sind. Indessen er verwahrt sich doch selbst für jene frühere 
Periode dagegen, daß er Spinozas Schriften »hätte unter- 
schreiben und mich dazu buchstäblich bekennen mögen«, 
ja, daß er auch nur »den Dünkel gehegt, einen Mann voll- 
kommen zu verstehen, der als Schüler von Deskartes durch 
mathematische und rabbinische Kultur sich zu dem Gipfel 
des Denkens hervorgehoben«. Und zweitens erstreckt sich 
die nicht zu leugnende starke Einwirkung von Spinozas 
Pantheismus vorzugsweise doch nur auf den jimgen Goethe — 
er äußerte noch in seinem Alter zu Eckermann,' er erkenne, 
»wie sehr die Ansichten dieses großen Denkers den Be- 
dürfnissen seiner Jugend gemäß gewesen« — und auch bei 
ihm hat sie mit Sicherheit nur für bestimmte Zeitabschnitte 
nachgewiesen werden können: so, außer den bereits be- 
rührten, für die Zeit vom Spätherbst 1784 bis Frühjahr 1786.* 
Bei Gelegenheit des bekannten Streites zwischen Jakobi und 
Mendelssohn über Lessings Spinozismus tritt er mit Herder 
für Spinoza ein. Mit Herder steht er überhaupt um diese 
Zeit auch philosophisch in naher Verbindung; in den Briefen 
an Jakobi zeigt er sich öfters von dem Ürtheile Herders 
in hohem Maße abhängig und ist voll Begeisterung für 

' Gespräche mit Goethe etc. (Reclam) II 203. 

' Vgl. namentlich den Briefwechsel mit Jakobi und Frau von Stein. 



lyo Abhandlungen. 



dessen »Ideen zur Philosophie der Geschichte der Mensch- 
heit«, die er wiederholt als sein Hebstes Evangelium be- 
zeichnet. Herder aber ist in jenen Jahren bereits aus dem 
früheren Verehrer ein Gegner Kants geworden, vor allem 
verletzt durch die scharfe Rezension seiner »Ideen« seitens 
des Königsberger Philosophen. Während aber nun Herder 
auf seinem in den »Ideen« erreichten Standpunkt stehen 
bleibt oder besser vielleicht ausruht, war derselbe für Goethes 
rastlos thätigen Geist nur ein Durchgangspunkt, von dem 
er weiter schreitet zu — Kant. 

Bis zur Rückkehr von seiner itaUenischen Reise indeß 
lebte_ er, nach seinem eigenen Eingeständniß, in philo- 
sophischer Hinsicht noch ni einem Zustande »fruchtbarer 
Dunkelheit«. Bruckers Geschichte der Philosophie (die sich 
übrigens auffallender Weise in der philosophischen Bücher- 
abtheilung des Goethehauses nicht vorfindet) scheint er auch 
weiterhin fleißig gelesen zu haben; allein bei dem anekdoten- 
haften Charakter des Buches lernte er daraus wohl »manches 
aufl'allende Sternbild« des philosophischen Himmels kennen, 
nicht aber den — »Polarstern«, und nicht die wahre 
Astronomie. Kants 1781 zuerst erschienene Kritik der 
reinen Vernunft hatte ihn bis dahin nicht berührt. Nun 
aber, bei seiner Rückkehr aus Italien — Sommer 1788 — 
findet er Jena, vor allem durch Reinholds eifriges Wirken, 
voll von der neuen Lehre und nimmt an manchem Gespräch 
darüber aufmerksam Antheil. Im Winter 1788/9 studirt 
er — nach einem Briefe Wielands an Reinhold vom 
18. Februar 1789 — »Kants Kritik mit großer Applikation«. 
Freilich bekannte er später, daß er damals noch nicht tief 
in Kants System eingedrungen sei, bald habe ihn seine 
Dichtungsgabe, bald sein gesunder Menschenverstand daran 
gehindert. Indessen habe er doch manches »zu seinem 
Hausgebrauch« daraus gewonnen, einzelne Kapitel und 
Sätze fanden seinen besonderen Beifall. Er befindet sich 
jetzt geistig sozusagen in der Mitte zwischen dem früheren 
Freunde und den neuen Einflüssen. »Mit Herdern konnte 
ich nicht übereinstimmen. Kanten aber auch nicht folgen«. 
Der zvv'itterhafte »Dämmerungszustand« dauert fort. Auch 
von seiner eigenen »naturgemäßen« Methode, mit der ihm 
doch so manche naturwissenschaftUche Entdeckimg — zu- 
letzt noch die der Metamorphose der Pflanze — geglückt, 
fühlt er sich im tiefsten Inneren nicht recht mehr befriedigt; 
er sucht nach einer philosophischen Fundamentirung. 

Da hat nun, nach seinem eigenen Bekenntniß (in dem 
Aufsatze »Einwirkung der neueren Philosophie«) geradezu 
epochemachend auf ihn gewirkt — das Erscheinen von 
Kants Kritik der Urtheilskraft (1790). Die großen Haupt- 



Goethe und Kant. 171 



gedanken des Werkes findet er seinem »bisherigen Schaffen, 
Thun und Denken ganz analog«, er fühh sich »leiden- 
schaftlich« durch sie angeregt. Freilich faßt er Kant nach 
seiner besonderen, »anschauenden« Art und Weise auf, von 
der die strengen Kantianer nicht gerade erbaut sind. Be- 
sonders erfreute ihn die Art, wie der kritische Philosoph 
die gegenseitigen inneren Beziehungen zwischen Kunst und 
Natur klarlegte. Ferner beginnt er — ein wichtiger Fort- 
schritt — den systematischen Zusammenhang zwischen der 
theoretischen und der ästhetischen Kritik Kants einzusehen, 
die Kritik der Urtheilskraft treibt ihn zu erneuertem Studium 
der Kritik der reinen Vernunft zurück, in die er jetzt tiefer 
eindringt. (Die dritte der »Kritiken«, die der praktischen 
Vernunft, wird hier, wie auch sonst, nie ausdrücklich von 
ihm erwähnt.) 

Diese hauptsächlich Goethes eigener, 27 Jahre später 
niedergeschriebenen Schilderung entnommene Darstellung 
findet ihre Bestätigung und Ergänzung durch einige bisher 
noch nicht verwerthete, gleichzeitige urkundliche Zeugnisse. 
Einmal nämlich hat Steiner in den »Paralipomena« zum 
II, Bande der naturwissenschaftUchen Schriften der neuen 
Weimarer Ausgabe aus dem Nachlaß Goethes ein Inhalts- 
verzeichniß {nicht Auszug, wie es dort heißt) der Kritik 
der reinen Vernunft, genauer der ersten drei Fünftel des 
Werks (bis S. 391 der Kehrbachschen, S. 512 der zweiten 
Originalausgabe) veröffentlicht, dem noch ein kürzeres 
Inhaltsverzeichniß und eine Abschrift der Kategorientafel 
beilagen. Auf einem anderen Blatte waren aus der Kritik 
der Urtheilskraft und zwar aus der wichtigen »Anmerkung« 
zur Dialektik der teleologischen Urtheilskraft (§ 76) eine 
Anzahl grundlegender Termini und Definitionen notirt, 
desgleichen auf einzelnen kleineren Zetteln mehrere ab- 
gerissene und jetzt kaum mehr in ihrem wahren Sinn zu 
enträthselnde Gedanken, die sich ihm bei der Lektüre der 
Kritik d. r. V. aufgedrängt hatten. Beides gehörte zu 
Goethes Gewohnheiten. Auch von den Schriften anderer 
Philosophen (Plotin, Bruno, Fichte) haben sich Inhalts- 
verzeichnisse, die ich selbst einzusehen Gelegenheit hatte, 
unter seinen hinterlassenen Papieren gefunden. 

Das beweist indeß noch nicht viel, zumal da die In- 
haltsverzeichnisse nur Abschriften aus Kants Werken sind. 
Zweitens und weit deutlicher bezeugt sich Goethes Kant- 
studium im ein:(elnen in den Handexemplaren des Dichters 
selbst, die sich noch heute in dem Goethe-National-Museum 
befinden und mir von Herrn Geh. Hofrath Dr. Ruland 
dankenswertherweise zu ausgiebiger Benutzung längere Zeit 
überlassen wurden. Goethe hat beide Kritiken nicht bloß 



172 Abhandlungen. 



besessen, sondern auch mit zahlreichen Bleistiftstrichen 
unter dem Texte und am Rande, die Kritik der Urtheils- 
kraft auch mit mehreren (größtentheils schon von Steiner 
a. a. O. veröffentlichten) Randbemerkungen versehen. Da 
den Dichter selbst noch nach einem Vierteljahrhundert, bei 
der erneuerten Lektüre diese angestrichenen Stellen »er- 
freuten«, so habe ich in den October 1897 erschienenen 
»Kantstudien« II 221 — 233 einen ausführlichen Bericht über 
dieselben erstattet, aus dem ich hier nur die wichtigsten 
Resultate hervorhebe : Das in Goethes Besitz befindliche 
Exemplar der Kritik der reinen Vernunft war deren dritte 
Auflage (1790). Die meisten Anstreichungen finden sich 
hier gerade in dem m. E. schwierigsten Theil des Werkes, 
den man nach Goethes früherer Erklärung am wenigsten 
von ihm »durchdrungen« glauben sollte : der transscenden- 
talen Analytik. Im ganzen hat Goethe, dem Gang der 
Hauptgedanken folgend, die leitenden Worte durch Unter- 
streichung hervorgehoben. Einige Sätze, die sein besonderes 
Interesse oder Wohlgefallen erregten, hat er sogar doppelt 
angestrichen: so z. B. die Frage, wie subjective Bedingungen 
des Denkens objective Giltigkeit haben sollen, das Problem 
eines anschauenden Verstandes (auf das wir später noch 
zurückkommen werden), den Gedanken, daß der Verstand 
die Erfahrung erst mögfich mache und, was er aus sich 
selbst schöpfe, doch nur zum Erfahrungsgebrauche habe, 
und eine Stelle, die ihn höchstwahrscheinlich zu dem be- 
kannten Gedichtchen: »Ins Innere der Natur u. s. w.« an- 
geregt hat (Kr. d. r. V., 3. Aufl. S. 334). In den Abschnitten 
vom Schema und den Grundsätzen des reinen Verstandes 
werden die Anstreichungen schon viel seltener. In dem 
zweiten Theile des Werkes, der transscendentalen Dialektik, 
finden sie sich nur an ganz vereinzelten Stellen, dagegen 
wieder häufiger in dem Schlußtheile, der transscendentalen 
Methodenlehre; besonders hervorgehoben ist hier eine 
Stelle von der Begründung des Gottesglaubens auf die 
morahsche Gesinnung (857) und der Satz, daß »in An- 
sehung der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur 
die höchste Philosophie es nicht weiter bringen könne als 
die Leitung, welche sie (die Natur) auch dem gemeinsten 
Verstände hat angedeihen lassen« (859). 

Von der Kritik der Urtheilskraft besaß Goethe die 
erste Auflage, von 1790. Aus der Vorrede und Einleitung 
sind einige auf die Fassung des allgemeinen Problems be- 
zügUche Stellen, aus dem ersten Theile, der Kritik der 
ästhetischen Urtheilskraft, nur ganz vereinzelte Sätze an- 
gestrichen. Durch ein Fragezeichen am Rande protestirt 
der Dichter gegen Kants Herabsetzung des Kunst- zu 



Goethe und Kant. 173 



Gunsten des Natur-Schönen (§ 42), außerdem interessiren 
ihn namentUch die Bestimmung des Kunstzwecks (§ 44), 
das Verhäitniß der Kunst zur Moral (§ 51) und die Ver- 
gleichung der einzelnen Künste in Bezug auf ihren Werth 
(§ 53). Der Nachdruck dagegen liegt für ihn, sowohl den 
äußeren Anzeichen wie auch den inneren Beziehungen 
nach, in dem die Zweckmäßigkeit der organischen Natur 
behandelnden zweiten Theile des Werkes, der Kritik der 
teleologischen Urtheilskraft. Zunächst wenigstens, ehe 
Schiller ihn auch für die kritische Aesthetik näher interes- 
sirte, fühlte sich Goethe in erster Linie als Naturforscher, 
der sich über die Principien seiner Wissenschaft klar zu 
werden strebt, von der Kantischen Philosophie angezogen. 
Die Definition des Naturzwecks, die Seibstorganisation der 
Natur, der intuitive Verstand, der interessante § 80 von dem 
Verhäitniß des mechanischen zum teleologischen Princip 
mit seiner berühmten Vorausahnung darwinistischer, Goethe 
kongenialer Ideen waren hier die Probleme, die sein eifrigstes 
Interesse erregten. Zu einer Stelle in § 86, wonach die 
moralische Teleologie (Zwecklehre) die Ergänzung zur 
physischen bilde und so erst eine Gotteslehre begründe, 
hat Goethe an den Rand das kurze, aber bezeichnende Wort 
»optime« geschrieben, zwei Seiten später: »Gefühl von 
Menschen Würde objectivirt = Gott«. Beide Randbemer- 
kungen scheinen mir darzuthun, daß Goethe mit diesem 
Lob einer reinsittlichen Begründung der Gottesidee auch 
auf ethischem Gebiete bereits von Kantischen Anschauungen 
beeinflußt ist, jedenfalls nicht mehr als reiner Spinozist 
erscheint, wenngleich ich nicht leugnen will, daß der Pan- 
theismus ein wesentliches Ferment in Goethes Weltan- 
schauung geblieben ist. 

Vor ethischen Schriften Kants hat Goethe, wie es 
scheint, wenigstens nach dem jetzigen Bestand seiner Bücher, 
nur die »Grundlegung zur Metaphysik der Sitten« besessen 
und zwar in der dritten Auflage (1792), sodaß wir wohl 
annehmen dürfen, daß er erst durch das Studium der beiden 
vorgenannten Werke zur Anschaffung dieser populären Ethik 
veranlaßt worden istf; Lesespuren finden sich in derselben 
nicht. 

Dagegen besaß er die »Metaphysischen Anfangsgründe 
der Naturwissenschaft« in der ersten (1786) una zweiten 
(1787) Auflage, sodaß er diese hauptsächlich die Eigen- 
schaften der Materie untersuchende Kantische Schrift sich 
anscheinend sehr früh angeschafft hat. Lobende Aeuße- 
rungen aus den Jahren 1792 und 1814 beweisen, wie sehr 
namentlich der Satz Kants, daß die Anziehungs- und Ab- 
stoßuniikraft zum Wesen der Materie oehören, Goethes 



174 Abhandlungen. 



Beifall fand. Er fühlte sich befriedigt, seine Weltanschauung 
nach dieser Seite hin unter Kantischer Autorität fortsetzen 
zu können (25. Sept. 1814 an Schweigger in Halle). 

Dagegen stieß Kants Lehre vom radikalen Bösen in 
der Menschennatur seine hellenisch gesinnte Natur damals 
besonders entschieden ab, wie denn den Jahren nach der 
Rückkehr von der römischen Reise überhaupt die stärksten 
der uns bekannten Aeußerungen gegen das Christenthum 
angehören. 

Auch sonst steht um diese Zeit, bei allem Interesse, 
doch noch etwas Fremdes, UnausgegHchenes zwischen 
Goethe und Kant, ja zvv'ischen Goethe und Philosophie 
überhaupt. Eine durchschlagende Aenderung dieses Ver- 
hältnisses bewirkt erst die Verbindung mit Schiller. 

2. Von IJP4 — iSO). 

Klare Zeugnisse beider Dichter (Goethes in den Annalen 
von 1794) beweisen, daß gerade die Kantische Philosophie 
es in erster Linie gewesen war, die sie bisher von einander 
getrennt hatte. Dieselbe Kantische Philosophie sollte sie 
jetzt und zwar zu dauerndem Bunde zusammenführen. Daß 
und wie dies durch ein Gespräch, beider über Goethes Idee 
von der Metamorphose der Pflanze geschah, v;ird jedem 
Goethekenner aus den Annalen des Jahres 1794 bekannt 
sein. Die genauere Datirung dieses hochbedeutsamen Ge- 
spräches begegnet allerhand Schwierigkeiten. Wir verweisen 
bezüglich dieses Punktes sowie überhaupt der Art, wie sich 
die Annäherung beider vollzog, auf unsere Erörterungen 
Kantstudien I, 316 — 318. Danach ist Anfang Juli 1794 als 
das wahrscheinlichste Datum anzunehmen, wenngleich 
absolut Sicheres sich ohne neue Funde nicht feststellen 
lassen wird. 

Von jenen Tagen an, von denen Goethe eine »neue 
Epoche seines Lebens« rechnete, wird auch sein Verhäkniß 
zur Philosophie ein viel vertrauteres. »Nach diesem glück- 
lichen Beginnen entwickelten sich in Verfolg eines zehn- 
jährigen Umgangs (sc. mit Schiller) die philosophischen 
Anlagen, inwiefern meine Natur sie enthielt, nach und nach«. 
Schiller, der »gebildete Kantianer«, bringt ihm erst das 
Verständniß der Kantischen Ideenlehre bei, die Goethe bei 
seinen ersten Kantstudien zu Anfang der 90er Jahre (vgl. 
den obigen Bericht über sein Handexemplar der Kr. d. r. V., 
bei: transscendentaler Dialektik) bei Seite gelassen zu haben 
scheint. Von jetzt an finden wir bei ihm volles Verständniß 
für das Verhältniß von Idee und Erfahrung, er operirt mit 
ihnen, z. B. in dem Aufsatze: »Bildung und Umbildung 



Goethe und Kant. 175 



organischer Naturen«, als bekannten Begriffen. Des Freundes 
Kantisch gehaltene Schriften dieser Periode finden seinen 
ungetheiltesten Beifall. In Bezug auf Schillers durchaus in 
Kantischem Geiste geschriebene Abhandlung »Föm Er- 
habenen« (1793, nicht zu verwechseln mit der späteren, in 
die S.W. aufgenommenen ))Ueber das Erhabene«) urtheilt 
er 4. Sept.: »Ueber alle Hauptpunkte, sehe ich, sind wir 
einig«. Geradezu entzückt aber zeigt sich Goethe (26. und 
28. Oktober an Schiller) von den doch »größtentheils 
Kantische Grundsätze« athmenden und von Kant selbst als 
»vortrefflich« bezeichneten ästhetischen Briefen. Der geistige 
Verkehr mit Schiller und den beiden Humboldt, von denen 
wenigstens Wilhelm ein begeisterter Kantianer war, wird 
ein immer vertrauterer. Von dem alten Freunde Herder 
kehrt er sich voUkomm.en ab, während er — nach eigenem 
Geständniß in den Annalen von 1795 — mit der Universität 
Jena und der Kantischen Philosophie (allerdings wohl in 
der dieser durch Schiller gegebenen Modifikation) »durch 
das Verhältniß zu Schiller immer mehr zusammenwuchs«. 
Fichtes Denkweise dagegen liegt ihm ferner; er kann ihr 
»nur mit Mühe und von ferne folgen«.' Auch hierin schloß 
er sich dem Urtheile seines philosophischen Mentors an, 
der seinerseits unter Goethes Einfluß von der Philosophie 
allmählich zur Poesie zurückgeführt wird. Am 17. Oktober 
1796 schreibt Goethe an Jakobi, er sei nicht mehr der 
»steife Realist« von früher, und am 13. Januar 1798 bekennt 
er gegenüber Schiller, daß er »durch treues Vorschreiten 
und bescheidenes Aufmerken« von diesem steifen Realismus 
und einer »stockenden« d. h. nicht mehr weiter könnenden 
»Objektivität« dahin gekommen sei, Schillers kritisches 
Glaubensbekenntniß als sein eigenes unterschreiben zu 
können. Insbesondere über das Verhältniß von Ethik und 
Aesthetik spricht er sich von nun an stets im Sinne des 
kritischen Philosophen aus, der reinliche Scheidung der Gebiete 
zur Grundvoraussetzung macht: was freilich auch Goethes 
innerster Natur von Grund aus entsprach. Gegenüber der 
beginnenden starken Opposition des gesammtenHerderschen 
Kreises, den Streithändeln Kants mit Jakobi und Schlosser, 
den Anfängen der Romantik fühlen er und Schiller mit 
den Ihrigen sich als eine geschlossene Partei. Es sind die 
ihnen mit Kant gemeinsamen Gegner, denen der lustig- 
scharfe Xenienkrieg des Jahres 1796 gilt. 



' Damit stimmt überein, was ich Kantstudien II, 236 von den 
Bleistiftstrichen, Fragezeichen und Randbemerkungen in Goethes Exem- 
plar von Fichtes »Ueber den Begriff der Wissenschaftslehre« berichten 
konnte. 



176 Abhandlungen. 



So gewöhnte sich Goethe »nach und nach« an eine 
Sprache, die ihm vorher »vöUig fremd« gewesen — die der 
kritischen Philosophie; aber er konnte sich leicht darein 
finden, weil er »durch die höhere Vorstellung von Kunst 
und Wissenschaft, welche sie begünstigte«, sich selbst 
»vornehmer und reicher« dünkte. Zuweilen freilich bricht 
zwischen allen philosophischen Beschäftigungen und Aeuße- 
rungen, deren sich nicht wenige in dem Briefwechsel dieser 
Jahre, zumal mit Schiller, finden, die echte Dichternatur 
hervor, das Gefühl, »doch eigenthch« zum Künstler ge- 
boren zu sein; und Schiller gegenüber fühlt er sich stets 
gewissermaßen als das philosophische Naturkind, jener 
bleibt ihm in diesen Dingen der Helfer und Berather. Aber 
die Philosophie wird ihm doch »immer werther«, die Be- 
schäftigung mit ihr zum Bedürfniß. Mit Eifer wird alles 
Neue von Kant gelesen und besprochen; ja Goethe ist es 
jetzt zuweilen, der den Freund auf eine neu erschienene 
Schrift des Könio;sberger Philosophen aufmerksam macht. 
Auch andere Philosophen werden studirt: April 1797 hest 
er gleichzeitig mit Schiller Aristoteles' Politik, Anfang 1798 
Schellings »Ideen zu einer Philosophie der Natur« und 
später dessen »Weltseele«, im März d. J. Fichtes »Natur- 
recht«. Das Urtheil über den letzteren lautet auch hier 
wieder ziemlich kühl, wie zunächst auch das über Schelling. 
Dagegen sind die ürtheile über Kantische Schriften, obwohl 
sie nicht immer zustimmend lauten, stets voll der größten 
Hochachtung. Oft wird in einer Art philosophischen Kränz- 
chens, an dem Goethe, Schiller, Niethammer (Kantianer, 
später Fichteaner, in Jena), Schelfing, später auch Hegel 
theilnehmen, in Jena gemeinsam philosophirt. 

Gegenüber den plumpen und gehässigen Angriffen, die 
um die Wende des Jahrhunderts Herder in den Schriften 
seiner letzten Jahre (Metakritik, Kalligone, Adrastea) gegen 
den Kriticismus richtete, stehen Schiller und Goethe nebst 
ihren näheren Freunden entschieden auf Seiten des letzteren. 
Daß andererseits sowohl Herders Polemik als auch die 
Wuth' des ganzen Herderschen Kreises mit gegen die 
Weimarische Schule ging, ist ein Zeugniß mehr für diese 
Behauptung. In der zweiten Hälfte des Jahres 1800 läßt 
Goethe sich die »neueste« Philosophie — gemeint sind 
off"enbar die Systeme Fichtes und Schellings — von Professor 
Niethammer zu Jena in »Colloquiis« vortragen. Gegen- 
über Schelling selbst äußert er sich jetzt über dessen 
Philosophie sehr beifällig, die Ürtheile gegen andere Freunde 



' Zum Belege für diesen Ausdruck vgl. die von mir a. a. O. 
S- 339 — 341 un"^ 544 f- gegebenen Proben. 



Goethe und Kant. 177 



rSchiller, Wilhelm von Humboldt) lauten skeptischer. In 
üen Tagebüchern der Jahre 1801, 1802 und 1803 sind häufig 
philosophische Unterhaltungen mit Schelling notirt. 

Aus den letzten mit Schiller gemeinsam zu Weimar 
verlebten Jahren sind erklärlicherweise wenige unmittel- 
bare — briefliche — Zeugnisse über die Stellung beider 
zur Philosophie erhalten. Wie bei Schiller,' so tritt auch 
bei dem philosophisch fortgesetzt unter seinem Einflüsse 
stehenden Freunde der spezielle Kantianismus offenbar 
zurück; aber das philosophische Fundament, das ihm der 
kritische Idealismus gegeben, ist geblieben; und das philo- 
sophische Interesse verschwindet von jetzt an nicht mehr. 
Er bethätigt es u. a. einige Jahre lang in seiner Rolle als 
geistiger Leiter der, ebenso wie die Jenenser Universität 
selbst, in ihrem Fortbestand eine Zeit lang gefährdeten 
Jenaischen Allgemeinen Litteraturzeitung. Im August 1804 
— Kants Todesjahr — erschien im Intelligenzblatt derselben 
zu einer Beschreibung der von Loos hergestellten Denk- 
münze auf Kant, deren Rückseite den Genius der Philosophie 
auf einem von Eulen gezogenen Wagen darstellte, folgen- 
des Goethische Distichon: 

»Sieh ! das gebändigte Volk der lichtscheu muckenden Kauze 
Kutscht nun selber, o Kant, über die Wolken Dich hin«. 

Den persönlichen oder gar gehässigen Ton der philosophi- 
schen Recensionen des Blattes sucht Goethe nach Möglich- 
keit zu mildern. Schelling wird von ihm um diese Zeit 
zwar sehr geschätzt, aber er protestirt doch mit ruhiger 
Würde gegen den Vorwurf, daß die Litteraturzeitung diesen 
Philosophen einseitig verherrliche. 

3. Von 180J — i8)2. 

Die ungeheure Lücke, die Schillers Tod in Goethes 
Dasein riß, machte sich naturgemäß in philosophischer 
Hinsicht besonders fühlbar. War doch Schiller sozusagen 
der Mentor gewesen, der zunächst den philosophischen 
Dämmerungszustand, in welchem der Freund dahinlebte, 
gehchtet, der dann aus dem »steifen Realisten« einen 
kritischen IdeaHsten gemacht, und mit dem er sich in dem 
Dezennium ihres Freundschaftsbundes über philosophische 
Fragen mündlich und schriftlich hundert-, ja tausendfach 
ausgetauscht hatte. Zudem hatte der geistsprühende junge 
SchelHng bereits Jena verlassen; Hegel blieb zwar noch 



' Vgl. meine Abhandlung über Schillers Verhältniß zu Kant, Philosoph. 
Monatsh. 1894, S. 277 f. 

Goethe-Jahreucb XIX. 12 



lyS Abhandlungen. 



kurze Zeit da, allein es wurde ihm wie Goethe klagt, 
»schwer, anderen sich mitzutheilen«, und er hatte sein erstes 
bedeutendes Werk noch nicht geschrieben. Niethammer, 
der übrigens auch bald von Jena fortging, und andere 
dii minorum gentium konnten keinen volTgiltigen Ersatz 
bieten. Trotz alledem ist Goethes Bemerkung in den 
Annalen von 1817, daß er »seit Schillers Ableben sich von 
aller Philosophie im Stillen entfernt« habe, nicht so buch- 
stäblich zu verstehen. Ist auch andauerndes Studium der 
Philosophie aus diesen Jahren, d. h. zunächst bis 1817 nicht 
bezeugt, so doch öfters philosophische Lektüre. Noch 
1805 z. B. studirt er die ihm von F. A. Wolf in Halle 
übersandten Schriften des »wunderbaren Mystikers« Plotin 
— anscheinend in lateinischer Uebersetzung — fertigt sich 
ein Inhaltsverzeichniß von dessen Einzelabhandlungen an 
und übersetzt einen Abschnitt daraus. Aus 1806 sind Aeuße- 
rungen über neuerschienene Werke von Fichte und Steffens 
erhalten; bei letzterem hospitirte er während eines Besuches 
in Halle (ungesehen, hinter der Thüre des CoUegzimmers!). 
Im Octooer d. J. finden, kurze Zeit vor der Schlacht, zu 
Jena philosophische Discussionen mit Hegel statt. Für 
seine Geschichte der Farbenlehre studirte er in den Jahren 
1807 — 1809 Buhles sechsbändige Geschichte der Philosophie. 
Die betreffenden Partieen in Goethes Werk enthalten, nach 
kurzer Berührung der Pythagoreer, des Demokrit, Epikur, 
Lukrez (den er öfters mit dessen Uebersetzer, seinem alten 
Freunde Knebel, liest), Pyrrho, Empedokles und Zeno, die 
berühmte Vergleichung von Plato und Aristoteles, heben 
sodann die Bedeutung des lange verkannten Roger Baco 
kräftig und ausführlich hervor und gehen darauf zu den 
Männern der Renaissance (Telesius, Cardanus) über, um 
endUch von dem zweiten Baco (von Verulam) ebenfalls 
eine ausgeführte, diesmal aber mehr ungünstige als günstige, 
allgemeine Charakteristik zu geben. Spätere Philosophen 
werden nur mit Rücksicht auf Goethes Specialthema be- 
handelt. — Von seiner persönhchen Verehrung für Kant 
zeugen die um jene Zeit eifrig von ihm gesammelten 
Autographen des letzteren, deren er fünf in seinen Besitz 
brachte. ' 

Die Jahre 181 1 — 1813 führen unseren Dichter in den 
neu ausbrechenden Streit zwischen zweien seiner früheren 
Freunde, Jakobi und Schelling, damit zwischen Glaubens- 
philosophie und Pantheismus, hinein. Auf der einen Seite 
der alte Freund Jakobi, den Goethe als Menschen bis an 



' Ein genaues Verzeichniß derselben in meinen Publikationen 
aus dem Goethe- und Schiller-Archiv (Kantstudien II, 212 f.). 



Goethe und Kant. 179 



sein Ende hocho;ehalten, aber als Philosophen immer ab- 
fäUiger beurtheilt hat, mit seiner scharf persönhch gegen 
ScheUing gerichteten Schrift »Von den götthchen Dingen« 
(1811), auf der anderen der nun (1812) auch antwortende 
neue Freund, dessen berühmte Münchener Rede von 1807 
»Ueber das Verhähniß der bildenden Künste zur Natur« 
schon Goethes warmen Beifall erregt hatte. Wie bereits 
ein Vierteljahrhundert zuvor (s. oben), steht er auch jetzt 
wieder entschieden auf der Seite des Pantheismus, jener 
seiner »reinen, tiefen, angeborenen und geübten An- 
schauungsweise«, die ihn »Gott in der Natur, die Natur 
in Gott zu sehen unverbrüchhch gelehrt hatte, sodaß diese 
Vorstellungsart den Grund meiner ganzen Existenz machte«. 
Er liest Spinoza von neuem, mehrere Wochen täglich, aber 
nicht mehr mit denselben Augen wie früher. Nachdem 
sich seine philosophische Bildung »indeß gesteigert«, ja, 
wie wir wissen, ein ganz neues Fundament bekommen 
hatte, thut sich ihm »gar manches neu und anders hervor«. 
Es läßt sich nicht leugnen, daß er sich um diese Zeit von 
seiner alten Liebe Spinoza wieder stärker beeinflußt zeigt. 
Gegenüber dem bloßen »Freiheitsmann« Jakobi fühlt er sich 
als der Mann der Natur, während in Kant beides vereint 
ist; auch die erkenntnißtheoretische Frage tritt in den 
betreffenden Aeußerungen (Brief an Knebel vom 8. April 
1812) in den Hintergrund. Daß solche Stimmungen jedoch 
nur vorübergehend "sind oder doch nur eine Seite seines 
»mannigfaltigen« Wesens, die der Naturforschung zuge- 
kehrte, darstellen, bekennt er selbst ausdrücklich bald nach- 
her (6. Januar 1813). Und, daß er im großen und ganzen, 
namentlich in Bezug auf die Begründung der Aesthetik, 
auch in jener Zeit auf dem Boden der Kantischen Philo- 
sophie stehen bleibt, beweisen nicht bloß Ausdrücke hoher 
persönlicher Verehrung (25. September 1814 an Schweigger: 
»unser vortrefflicher Kant«), sondern ganz besonders auch 
die historisch-kritische Würdigung der Kantbewegung, die 
sich in der 181 3 gehaltenen Gedächtnißrede auf Wieland 
findet. — Auch zu dem jungen Schopenhauer, dessen Mutter 
und Schwester damals bekanntlich in Weimar lebten, hat 
er während der Jahre 1815 — 1819 in näheren Beziehungen 
gestanden' und 18 18 dessen »Welt als Wille und Vor- 
stellung« gelesen; doch machte sich, bei aller »wechsel- 
seitigen Belehruno;« die innere Verschiedenheit beider bald 
bemerkbar, und sie »kamen«, wüe zwei Freunde, von denen 



' Vgl. auch die im IX. Bande dieses Jahrbuchs abgedruckten neun 
Briefe Schopenhauers an Goethe. 

12* 



i8o Abhandlungen. 



»der eine nach Norden, der andere nach Süden will«, ein- 
ander »schnell aus dem Gesichte«. 

Ein zunächst äußerlicher Umstand, die Vorarbeiten zu 
der Geschichte seines botanischen Studiums, insbesondere 
der Metamorphose der Pflanzen, führten Goethe im Jahre 
1817 zu dem Plane, »den Einfluß der Kantischen Lehre 
auf meine Studien geschichtlich zu betrachten«, und damit, 
nach seiner gründlichen Art, zu erneutem Kantstudium 
zurück. Aus den Notizen seines Tagebuchs haben wir nun 
feststellen können, daß Goethe an zwölf Tagen dieses 
Jahres — und zwar an manchen, wie 27. Mai und 8. Sep- 
tember, dreimal an demselben Tage! — bestimmt Kant- 
studien getrieben hat, während das Gleiche für eine Reihe 
weiterer mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist; und 
zwar geht aus fast allen Daten unzweideutig hervor, daß 
das Studium insbesondere der Kritik der Urtheilskraft und 
hier wieder — was bei dem naturwissenschaftlichen Zwecke 
der Arbeit zu erwarten war — besonders dem teleologischen 
Theile derselben galt. Aus diesen Kantstudien sind dann 
eine ganze Reihe kleiner, mit Ausnahme des ersten, unter 
die Rubrik »Zur Naturwissenschaft im Allgemeinen« auf- 
genommener, eigentlich aber philosophischer Aufsätze ent- 
standen: I. Ein später als integrirender Bestandtheil in die 
Annalen von 1794 aufgenommener, der das »Glückliche Er- 
eigniß« seiner Verbindung mit Schiller behandelt. 2. Ein- 
wirkung der neueren Philosophie. 3. Anschauende Urtheils- 
kraft. 4. Bedenken und Ergebung. 5. Bildungstrieb. 
Während uns die beiden ersten als werthvolle historische 
Quelle für die Darstellung von Goethes philosophischem 
Entwicklungsgang gedient haben, so sind die drei letzteren 
mehr für seine sj^stematische Stellung zu Kantischen Pro- 
blemen bezeichnend. Am meisten der kleine Aufsatz, »An- 
schauende Urtheilskraft«. Die MögHchkeit einer anschau- 
enden (intuitiven) Urtheilskraft, die der Philosoph der reinen 
Vernunft (Kr. d. U. § 77) als wenigstens nicht undenkbar 
zugegeben hatte, — das war ein Gedanke, der Goethes 
ganz aufs Anschauen gerichteter Geistesanlage so recht wie 
gerufen kam und ihn reizte, denselben weiter zu bilden. 
Freilich überschritt er mit solchem »Abenteuer« die durch 
die kritische Philosophie »unserem« Verstände gezogenen 
Grenzen. Indessen er betont auch hier seine Anregung 
durch »unseren Meister«, den »kösthchen Mann«, den »Alten 
vom Königsberge«. Ebenso zeigt der Aufsatz »Bedenken 
und Ergebung« deutlich Kantische Gedankengänge, insbe- 
sondere, was das Verhältniß der Idee zur Erfahrung betrifft; 
und »Bildungstrieb« ist eingestandenermaßen durch eine 
Stelle des »gewissenhaften Kant« veranlaßt worden. Allem 



Goethe und Kant. l8l 



Anschein nach verdanken diese, so viel wir wissen, in den 
Ausgaben bisher undatirten kleinen Abhandlungen särnmt- 
lich — von Nr. 3 und 5 machen es die Tagehuchnotizen 
vom 27. Juni, 9. 10. und 17. September zur Gewißheit — 
dem erneuten Kantstudium des Jahres 18 17 ihre Entstehung, 
höchst wahrscheinlich auch bereits ihre Niederschritt. 

Tiefgehende Uebereinstimmung mit Kant beweisen 
auch die Aeußerungen des Dichters gegenüber dem damals 
noch jugendlichen französischen PhilosophiehistorikerCousin, 
bei dessen Besuch in Weimar im Oktober d. J.': II y a 
quelques mois, je me suis mis ä relire Kant, rien n'est si 
claire, depuis que Ton a tire toutes les consequences de 
tous ses principes. Le Systeme de Kant n'est pas detruit. 
Ce Systeme ou plutöt cette methode consiste ä distinguer 
le sujet de l'objet .... La methode de Kant est un 
principe d'humanite et de tolerance. — 

Wir treten nunmehr in den letzten Abschnitt von 
Goethes Leben ein. Eingehendere Beschäftigung mit ein- 
zelnen Philosophen tritt zwar in diesen letzten vierzehn 
Jahren nicht mehr hervor, wohl aber dauert des Dichters 
philosophisches Interesse ungeschwächt bis an sein Ende 
fort. Das bezeugt sich schon äußerlich in der reichhaltigen, 
ca. 220 Bände umfassenden philosophischen Bibliothek des 
Goethehauses zu Weimar, von der zahlreiche Nummern 
auch aus der letzten Zeit stammen. Da es nicht bloß 
jeden Goethe-Verehrer interessiren wird, sondern auch für 
Goethes philosophischen Bildungsgang und Studienkreis 
von Bedeutung ist, welche Philosophica er besessen, so 
seien die wichtigsten derselben bei dieser Gelegenheit an- 
geführt, indem wir auf das genauere Verzeichniß derselben 
Kantstudien a. a. O. S. 218 — 221 uns zu verweisen gestatten. 

Von antiker Philosophie besaß Goethe verhältnißmäßig 
wenig: Einige (zum Theil nicht einmal aufgeschnittene) 
Dialoge von Plato, die aristotelische Politik, eine Schrift 
über Empedokles, den Neuplatoniker Proklus und das viel- 
benutzte (oben S. 168) Handbüchlein Epiktets. Von vor- 
kantischen Schriften einzelnes von Bruno, Campanella, 
Hobbes, Malebranche, Baumgarten, Lambert und alles von 
Spino:(a (Ausgabe von 1677 und Gesammtausgabe von Paulus 
1802/3). V^n na^/;kantischen einzelne Schriften von Baader, 
Beneke, Cousin, Fichte (zehn);, Fries, Hegel (drei), Jakobi 
(7 Einzelschriften, außerdem die Sämmtl. Werke 1812 — 1819), 
Koppen, Krause, Maimon, Oken, Reinhold, Schelling (sechs), 
Schopenhauer (4 fache Wurzel und «Welt als Wille und 



' Cousin, Fragments et Souvenirs. Paris 1857. S. 152 ff. Das 
Gespräch mit Goethe abgedruckt bei Biedermann III, 288—291. 



l82 Abhandlungen. 



Vorstellung«), Steffens, Stiedenroth und Swedenborg u. a. 
Von philosophischen Zeitschriften hat er gehalten : Nietham- 
mers philosophisches Journal 1795—1798, Schellings Zeit- 
schrift für spekulative Physik 1800 — 1802 und Schelling- 
Hegels Kritisches Journal der Philosophie 1802 — 1803: alle 
drei also während der zweiten — mit Schiller verlebten — 
Periode seines philosophischen Entwicklungsgangs. 

Aber auch abgesehen von diesem ja nicht zwingenden 
Beweis seines Besitzes an philosophischen Büchern, wissen 
wir aus anderweitigen Zeugnissen, namentlich brieflichen 
und gesprächweisen Aeußerungen — wo uns die zur Zeit 
noch nicht vollständig veröffentlichten Tagebücher ver- 
lassen, beginnen glücklicherweise gerade die im ganzen 
doch zuverlässigen Aufzeichnungen Eckermanns — , daß 
Goethe die Entwicklung der zeitgenössischen Philosophie 
in ihren Haupterscheinungen im In- und Auslande bis an 
sein Ende mit stets wachem Interesse verfolgte. Für ersteres 
mögen die Namen Fries, Hegel, Schopenhauer und Stieden- 
roth, für das Ausland Benfham und Cousin als Beispiel 
dienen. ScheUmg, der ihn in einer früheren, etwa dem 
ersten Jahrzehnt unseres Jahrhunderts entsprechenden 
Periode stärker gefesselt hatte, tritt jetzt sehr in den 
Hintergrund, ja er muß sich einmal ' eine recht ungünstige 
Beurtheilung gefallen lassen. Auch zu Hegel entspinnt sich 
kein näheres Verhältniß. Am 26. Juni 1827 äußerte Goethe 
zu dem Kanzler von Müller: »Von der Hegeischen Philosophie 
mag ich gar nichts wissen, wiewohl Hegel selbst mir ziemlich 
zusagt«. Eine persönHche Aussprache mit Hegel im No- 
vember d. J. stimmte ihn allerdings günstiger. Dagegen 
sind auch die aus dieser Periode stammenden Aeußerungen 
über Kant und seine Philosophie stets nicht bloß von der 
größten persönlichen Hochachtung diktirt, sondern verrathen 
auch innere Uebereinstimmung in manchen der wichtigsten 
Fragen. 

Goethe erklärt z. B. am 29. April 1818, Kant habe 
sich ein »unsterbliches Verdienst« um die Moral dadurch 
erworben, daß er sie in ihrer höchsten, übersinnlichen 
Bedeutung erfaßt und, wenn auch in der Formulirung etwas 
zu streng, dem »schwankenden Kalkül einer bloßen Glück- 
seHgkeitstheorie« entgegengestellt habe: eine doppelt be- 
zeugte und nicht zum wenigsten deshalb besonders werth- 
voUe Aeußerung, weil sie zu den verhältnißmäßig seltenen 
die Kantische Iithik betreffenden gehört. Hier und da stoßen 
wir allerdings auch einmal wieder aufrecht unphilosophische 
Auslassungen, wie wenn er am 14. November 1823 von 



Eckermann (ed. Reclam) II, 190. 



Goethe und Kant. 183 



der »unseligen Zeit jener Spekulationen« spricht — er meint 
die, mit denen Schiller sich »herumgequält« hätte — oder 
wenn er am 27. JuU 1827 meint: soviel Philosophie er 
bis zu seinem seligen Ende brauche, habe er noch allen- 
falls, eigentUch brauche er gar keine. Solche Aeußerungen, 
die allerdings seiner »anschauenden« Natur im Innersten 
entsprechen, sind dennoch, wie wir aus seinem ganzen 
bisherigen Entwicklungsgang wissen, cum grano salis zu 
nehmen. Speciell von der mit Schiller gemeinsam verlebten 
Zeit redet eine andere Stelle (an Knebel, 24. Dec. 1824) 
in ganz anderen Tönen, und es stellt ihr die gerade in 
jener Zeit erfolgte Redaction des gemeinsamen Briefwechsels 
ein ganz anderes Zeugniß aus. Und von Kant selbst er- 
klärte er 12. Mai 1825 Eckermann ausdrücklich: daß dieser 
auf sein Alter gewirkt, wie Lessing und Winckelmann auf 
seine Jugend, sei für ihn von großer Bedeutung gewesen. 
Zudem, ist zu bedenken, daß insbesondere gesprächsweise 
Aeußerungen nie ganz die Authenticität gedruckter oder 
für den Druck bestimmter Schriften erreichen können. In 
dem in demselben Jahre verfaßten »Versuch einerWitterungs- 
lehre« nennt er den Philosophen »unseren herrUchen Kant«. 
Die ausführhchste Stelle über Kant aus diesem letzten 
Lebensabschnitt Goethes findet sich in einer Unterhaltung 
mit Eckermann am 11. April 1827. Auf eine Frage des 
letzteren, wen er für den vorzüglichsten der neueren Philo- 
sophen halte, erklärt hier unser Dichter rund und nett: 
y>Kant ist der vor:(iiglichste, ohne allen Zweifeh, seine Lehre 
sei am tiefsten in die deutsche Kultur eingedrungen. Be- 
zügHch der weiteren Details der Stelle muß ich auf meine 
Ausführungen a. a. O. S. 199—201 verweisen. Nur das 
Eine möchte ich, um Mißverständnisse zu verhüten, her- 
vorheben, daß sich mit dieser hohen Anerkennung Kants 
andererseits selbstverständlich die Betonung der eigenen 
Selbständigkeit verbindet. — Am i. September 1829- be- 
kennt er seine volle Uebereinstimmung mit der kritischen 
Methode in Bezug auf die jenseits der Erfahrung liegenden 
Probleme (Gott, Seele, Unsterblichkeit). Ist auch die For- 
mulirung des Kantischen Standpunktes keine ganz genaue, 
so ist doch das ausdrückhche Eintreten für Kant gegen 
Hegel, den Steiner' den »Philosophen der Goethischen 
Weltanschauung« nennt, von Bedeutung. — Am 3. Februar 
1830 meint er, dem Gefühle eines gewissen Nationalstolzes 
Ausdruck gebend, der von ihm sonst nebst anderen fran- 

' R. Steiner, Goethes Weltanschauung. Weimar, Felber, 1897, 
S. 200. Vgl. meine Besprechung des gefällig geschriebenen, aber höchst 
einseitigen, bewußtermaßen nur einen Gesichtspunkt in Goethes Denken 
verfolgenden Buches im neuesten Heft der Kantstudien (III i). 



184 Abhandlungen. 



zösischen Philosophen sehr geschätzte Cousin könne »uns 
Deutschen wenig geben, indem die Philosophie, die er 
seinen Landsleuten als etwas Neues bringt, uns seit vielen 
Jahren bekannt ist«. — In einem Briefe an Zelter vom 
29. Januar desselben Jahres bezeichnet er es als »ein 
grenzenloses« Verdienst unseres alten Kant um die Welt 
und, ich darf sagen, auch um mich, daß er in seiner Kritik 
der Urtheilskraft Kunst und Natur neben einander stellt 
und beiden das Recht gibt, aus großen Principien zweck- 
los zu handeln . , .« Ja, er gibt noch in seinem letzten 
Lebensjahre Can Zelter 8. Juh 183 1) den Künstlern der 
Gegenwart den Rath, wenn anders sie »Natur und Naturell« 
bewahren wollten, — Kants Kritik der Urtheilskraft zu 
Studiren. 

Gleichsam die Schlußsumme dessen, was die klassische 
deutsche Philosophie ihm gewesen, zieht der 8ijährige ein 
halbes Jahr vor seinem Ende in einem Briefe an den Staats- 
rath Schultz (vom 18. September 1831^ mit den Worten: 
»Ich danke der kritischen und idealistischen Philosophie, 
daß sie mich auf mich seihst aufmerksam gemacht hat, das 
ist ein ungeheurer Gewinn«. Freilich fährt er fort: » . . sie 
kommt ater nie zum Object; dieses müssen \vir so gut 
wie der gemeine Menschenverstand zugeben, um am un- 
w^andelbaren Verhältniß zu ihm die Freude des Lebens zu 
genießen«. 

In den letzten Sätzen heo;t die Grenze für Goethes 
Verhältniß zur Kantischen Philosophie, ja zur Philosophie 
überhaupt. Ganz hat sich der Dichter und y>^nm schaiierif- 
— wie er sich selbst einmal zum Unterschied von den 
Naturphilosophen und Naturforschern bezeichnet hat — 
dem Zergliedern, Trennen und Abstrahiren, welches der 
Philosoph nothwendig betreiben muß, nie zu eigen geben 
können. Dem widerstrebte seine im letzten Grunde eben 
»anschauende« Künstlernatur. Aus diesem Grunde vermißt 
er an der ideaHstischen Philosophie das unmittelbare Er- 
greifen des Gegenstandes. Und es fällt uns daher auch 
keineswegs bei, Goethe durchaus zum Philosophen, ge- 
schweige denn zum Kantianer im engeren Sinne des Wortes 
stempeln zu wollen. Dafür ist er zu groß, dafür seine 
Geistesart zu verschieden von der eines Kant. Aber er hat 
gleichwohl »ungeheuren Gewinn« von der Philosophie, 
vorzugsweise der kritischen, gezogen, indem sie ihn auf 
sich selbst aufmerksam machte, indem sie seiner anschauen- 
den Natur eine feste Stütze zu geben und sie, nach dem 
Zeugniß Schillers, der über diesen Punkt gewiß am besten 
zu urtheilen in der Lage war, stets von neuem zu beleben 
und zu stärken vermochte. Ein so reicher Geist, wie Goethe, 



Goethe und Kant. 



185 



hatte, wie er selbst einmal erklärt, »bei den mannigfaltigen 
Richtungen seines Wesens« »an einer Denkweise nicht 
genug«. Wenn er von sich sagen konnte, er sei als Dichter 
und Künstler Polytheist, als Naturforscher Pantheist, als 
sittlicher Mensch Monotheist, so dürfen wir zu dem Dichter 
und Künstler, dem Naturforscher und sittlichen Menschen 
nach allem Vorausgegangenen wohl auch den Philosophen 
in ihm hinzufügen. 

Daß dem so ist, daß auch die Philosophie ihren ge- 
messenen Theil an seinem »Wesen« besessen, daß speziell 
Kant Goethes theoretisches, ästhetisches, ethisches Denken 
tief und nachhaltig, jedenfalls weit stärker, als man ge- 
wöhnlich annimmt, beeinflußt hat, das darzuthun und somit 
den bisher noch nicht genügend beachteten Zusammenhang 
zwischen dem größten Dichter und dem größten Philo- 
sophen seiner Zeit aufzuhellen, war der Zweck meiner 
Untersuchung. 




4- 

Goethe und Welcker. 

Von 

Reinhard Kekule von Stradonitz. 




er jüngst erschienene achtundvierzigste Band der 
Weimarer Goetheausgabe bringt zum erstenmale 
- den gegen Welckers Sappho gerichteten Aufsatz, 

von dem man bisher wußte, daß ihn Goethe beabsichtigt, 
aber nicht, daß er ihn geschrieben hat. So wie der Aufsatz 
ohne jedes Wort der Erläuterung abgedruckt ist, muß er 
die Welckersche Schrift, Welcker selbst und sein Verhältniß 
zu Goethe in einem falschen Lichte erscheinen lassen. 
Denn vermuthlich werden sich wenige Leser durch den 
Titel der Welckerschen Schrift »Sappho von einem herr- 
schenden Vorurtheil befreit«, der allein dazu anregen könnte, 
zu einer genaueren Untersuchung des Zusammenhangs ver- 
anlaßt fühlen. Indem ich es als eine Pflicht empfand, durch 
eine Darlegung des thatsächlichen solche falsche Folgerungen 
abzuschneiden, habe ich mich durch die freundliche Ver- 
mittlung von Erich Schmidt an Herrn Suphan gewandt, um 
zu erfahren, was sich etwa von bisher unbekannten Zeug- 
nissen über die Entstehung des Goethischen Aufsatzes und 
überhaupt über Goethes Beziehungen zu Welcker aus dem 
Goethearchiv gewinnen lasse. Durch die Güte Suphans 
und J. Wahles Hegen mir in Abschrift vor zwei Briefe 
Welckers an Goethe aus den Jahren 1817 und 1825, eine 
briefhche Aeußerung Meyers über Welcker vom 30. Mai 
1817, Goethes Brief an Meyer vom 7. Juni 1817 in dem 



Goethe und Welcher. 187 

ursprünglichen, in Riemers Abdruck etwas veränderten 
Wortlaut, endlich der Brief, durch den Professor Schaumann 
in Gießen im April 1805 Welcker bei Goethe einführte. 
Ich theile zunächst die beiden Briefe Welckers mit: 

Göttingen d. 17 Oct. 1817 

Ew. Excellenz erlauben, daß ich Ihnen das 2. Heft 
meiner Zeitschrift zustelle. Vielleicht ist darin ein oder 
das andre Denkmal, dessen Betrachtung Sie auch in einer 
Zeit, wo Sie in sehr verschiedenen Arbeiten recht versenkt 
zu seyn scheinen, einen Augenblick gönnen könnten. Die 
Art der Behandlung dieser Sachen, welche ich eingeschlagen 
habe, ist nicht die, welche ich immer bej-zubehalten wünschte. 
Die Seichtigkeit und Ungründlichkeit, womit bej- allem 
leeren Prunk von Gelehrsamkeit die Beurtheilung der alten 
Bildwerke gewöhnlich betrieben wird, das viele Schwierige 
und Unbestimmte, das in der Natur der Sache liegt, schienen 
mir es nöthig zu machen, daß die Auseinandersetzung und 
Darstellung Schritt vor Schritt von der Kritik begleitet 
und durch Zusammenfassung so viel mögUch alles Zu- 
sammengehörigen ihnen eine gewisse Sicherheit gegeben 
würde. Ist eine beträchtHche Masse des Materials erst nach 
übereinstimmenden Ansichten geordnet, sind Gesichts- 
punkte und Regeln der Behandlung zwischen dem Erklärer 
und seinem Leser festgestellt, hat jener einiges Vertrauen 
in seine strenge Ehrlichkeit erworben, was nicht leicht ohne 
einige Pedanterey zu geschehen scheint, so läßt sich dann 
wohl das Geschäft etwas bequemer und gefälliger abthun, 
zu dem ich jetzo mich leicht etwas steif und finster an- 
stellen möchte. 

Was das Ganze der Griechischen Kunst betrifft, so 
wünsche ich darüber, weil meine Vorlesungen _ es mir 
gewissermaßen zum Bedürfniß machen, in einem einfachen 
Öüchlein zusammenzustellen, w^as mir bis jetzo eingeleuchtet 
hat. Ich hoffe, daß Ew. Excellenz die Grundsätze gut- 
heyßen werden, die mich dabey leiten würden, da ich mir 
bewußt bin, den Geist Ihrer Kunstlehre rein aufgefasst zu 
haben. Man braucht sich nicht einzubilden in alle Tiefen 
eingedrungen zu seyn, um dennoch in einer Harmonie des 
Verständnisses die Gewähr zu haben, daß uns viel des 
Wesentlichen in seiner w^ahren Gestalt aufgegangen sey. 
Dem geschichtlichen Inhalt nach, werde ich von den Vor- 
gängern manchmal bedeutend abweichen müssen. _ Die 
Griechischen Ansichten aller Art, besonders die reHgiösen, 
aus früherer wie aus späterer Zeit, sind immer noch zu 
wenig bey Erwägung der Kunsterscheinun^^en zu Rath ge- 
zogen, ihir Zusammenhang und Widerspruch unter einander 



Abhandlungen. 



zu wenig abgewogen, manches in der Geschichte ihrer 
Denkungsart und Religion auch gewißHch verkannt worden — 
so daß man weit mehr fürchten muß, den nächsten Jahren 
zu viel neues hinzuzufügen übrig zu lassen, als daß man 
selbst zu viel neues sagen möchte. Noch liegt mir auf 
dem Herzen, Ew. Excellenz wiederholt zu bitten, wenn 
Ihnen unter Ihren Reichthümern einmal etwas in die Hand 
fällt, oder Sie einen Anlaß gelegentlich nehmen wollen, 
diese Zeitschrift mit einer Gabe zu bedenken, die ihr von 
unschätzbarem Werth seyn würde, wenn sie für Sie selbst 
auch klein wäre. 

Mit größter Verehrung verharrend 
Ew. Excellenz 

ganz ergebenster 

F. G. Welcker, 

Ew. Excellenz 
erlauben gütigst, daß ich Ihnen eine Schrift über Aeschylus 
vorlege, welche ich schon früher durch einen Freund über- 
reichen lassen zu können gehofft hatte. Ich wünschte nicht 
blos durch diese Darbringung meiner Armuth Ew. Excellenz 
einen kleinen Beweis einer Verehrung zu geben, in welcher 
keiner unter den Freunden des Alterthums und den Ver- 
ehrern wahrer Kunst zurück bleiben kann; sondern ich 
hoffe auch, daß vielleicht dieses oder jenes Drama, Iphigenia, 
Niobe, Sisyphos, oder welches andre dieser unbekannteren, 
herausgegriffen, nach den geringen Andeutungen des In- 
halts, so glücklich seyn dürfte, Ihnen eine heitre halbe 
Stunde zu gewähren. Die unschätzbarsten Ueberreste, die 
ich nur zur nothdürftigsten Andeutung des ehemaligen 
Zusammenhangs zu wenden und zu stellen gesucht habe. 

Hr. Prof Hermann in Leipzig hat meinen Versuch nicht 
gebilligt, und sogar ein großes Mistrauen gegen die ganze 
Behandlung gefasst und allgemein zu machen gesucht. 
Indessen konnten seine Einwendungen meinen Glauben an 
eine vollkommnere Kunstform und das trilogische Schema 
des Aeschylischen Dramas nicht erschüttern; und ich hoffe 
vielmehr durch Erörterung verwandter Erscheinungen auf 
dem Gebiete der Griechischen Kunst auch dieser, wie ich 
zu zeigen suche, bisher nicht genug anerkannten neues 
Licht zu geben. Namentlich sind die Gemälde des Polygnot, 
deren sicheren Anordnun^sgrund ich glaube bemerkt zu 
haben, hinsichtlich des Ümfangs sowohl als der Strenge 
der Symmetrie, ein auffallendes Seitenstück zu dem Kunst- 
gebäude einer Trilogie. 

Ew. Excellenz haben, wie mir nicht entgangen war, 
das Hermannsche Programm über die Art der Verbindung 



Goethe und Welcher. 189 

antiker Tragödien, verständig und gefällig wie es behandelt 
ist, mitBeyfall aufgenommen, und Bemerkungen aus anderem 
Kreise geschöpft an die Seite gestellt. Ich sollte daher 
fürchten, mit einer abweichenden Ansicht, Ihnen eher 
misfäUig zu werden. Allein ich bekenne in dieser Beziehung 
mich auf meinen Dichter selbst geruhig zurückzuziehen, 
welcher sagt: 

ToTc; b'oXßioiai Kai t6 viKäa^ai -rrpeTrei. 
Dieß in dem Fall, als die aufgestellte Ansicht nicht ein 
Traum und verkehrte Combination ist. Wäre sie dieses, 
so könnte sie wenigstens bey dem Ernst, womit sie durch- 
geführt ist, schwerlich einigen Unwillen erregen. 

Hr. Christian Schlosser, welcher seit mehreren Monathen 
hier lebt, um ungestörter seinem wissenschaftlichen Gange 
zu folgen, und welchen ich häufig sehe, hat mir aufgetragen 
seine herzlichsten Empfehlungen zu sagen. 

Mit dem innigsten Wunsche, daß ein guter Genius 
ferner über der Gesundheit Ihres Alters wache, breche ich 
einen Brief ab, dessen Länge ich zu entschuldigen bitte. 

Ew. Excellenz 

Bonn 20 März 1825. ganz ergebenster 

F. G. Welcker. 

Die beiden Briefe sind getragen von der bewundernden 
Liebe und Ehrfurcht, die Welcker alle Zeit Goethe entgegen- 
brachte und die sich in unzähligen seiner Aeußerungen 
ausgesprochen findet, am rührendsten vielleicht in den 
Worten, die er an seinen alten Schüler und Freund 
Schwenck am 27. März 1832, fünf Tage nach Goethes 
Tod, geschrieben hat: 

»Gestern erfuhr ich durch Diez, als ich aus dem CoUeg 
kam, die Nachricht, wovor ich seit zehn Jahren bang war, 
daß der Genius, wodurch die Nation, das ganze Geschlecht 
wie veredelt schien und erhoben, die Larve von sich ge- 
worfen hat. Auf den ersten Schrecken folgte eine heitere 
und zufriedne Empfindung darüber, daß heitere und thätige 
Tage noch unmittelbar vorhergingen und daß das gute 
Glück ihn bis zuletzt nicht verlassen hat«. 

Es wird nicht viele jüngere Zeitgenossen gegeben haben, 
in deren geistigem Leben Goethe eine gleich wichtige Stelle 
einnahm, wie es bei Welcker der Fall war. Dem Jüngling 
hatte Goethes Winckelmann und sein Jahrhundert die 
Sehnsucht nach Rom in die Seele gelegt. Er war nach 
Weimar gepilgert um den Gewaltigen zu sehen. In Rom 
lebte er mit Goethes Freunden Wilhelm von Humboldt 
und Frau von Humboldt in vertrautestem Verkehr. Jede 



190 Abhandlungen. 



neue Dichtung Goethes war für ihn ein neues Erlebniß, eine 
neue Offenbarung. In einem wundervollen, enthusiastischen 
Brief gab er Frau von Humboldt die erste Kunde von den 
Wahlverwandschaften, wie er für sie Strophen aus dem 
Faust abschrieb. Die zarte Dichtung der Pandora reizte 
ihn zu einer fein empfundenen bewundernden Anzeige. 
Immer wieder in der Jugend wie im Alter ist Welcher aus 
der emsigen gelehrten Thätigkeit, die ihn zeitweise völlig 
ausfüllte, zur Leetüre Goethes zurückgekehrt. Alles persön- 
liche, das er über ihn und die Entstehung seiner Werke 
erfahren konnte, war ihm unendlich wichtig. Frau von 
Humboldt wußte wohl, daß sie ihm nichts heberes schreiben 
konnte als Nachrichten über Goethe. Als Welcher auf 
der Rückreise von Griechenland im Winter 1842 auf 1843 
ein paar Monate in Rom weilte, lernte er bei Kestner die 
»Wertherbriefe« kennen. Man spürt es seinen Aufzeichnungen 
an, daß ihn von allem was er in Rom sah und erlebte nichts 
anderes in gleichem Maße beschäftigte. So lebhaft erregten 
ihn diese Einblicke, wie die Poesie sich dem Boden" der 
Wirklichkeit entwindet, daß ihm Goethe im Traum er- 
schien. »Am 2. Januar« — so steht im Tagebuch — 
»Traum von Goethe, der über W. von Humboldts Schriften 
mit kurzen Worten hart urtheilte und viel anderes charak- 
teristische sprach«. 

Welckers Schriften sind voll von ausdrücklichen An- 
führungen Goethischer Sätze und von unausgesprochener 
Rücksicht auf solche. Wo es sich darum handelt, eine 
Einsicht in die feinsten Probleme des künstlerischen Schaffens 
zu gewinnen, führt er gerne Goethe an. Als er versucht 
bei Phidias statt ein übermenschliches anzunehmen lieber 
das außerordentliche zu erklären, beruft er sich darauf, wie 
Goethe selbst die Bestandtheile aufsuche, durch welche 
seine Bildung geworden, und wie auch Goethe nicht ohne 
Verein mit anderen und große Einwirkungen von Shakespeare 
und von andern die falschen Begriffe niedergeworfen habe. 
Einem Abschnitt der Trilogie, den Winken über die 
Aeschylische Trilogie überhaupt, hat er Goethes Worte 
vorangestellt: »Wenig Deutsche, und vielleicht nur wenige 
Menschen aller neuern Nationen haben Gefühl für ein 
ästhetisches Ganzes; sie loben und tadeln nur stellenweise, 
sie entzücken sich nur stellenweise«. Wenn er die Wahrheit 
und Einfalt als die letzten Gründe der antiken Bildung in 
Poesie und Kunst preist, so schweifen seine Gedanken un- 
willkürlich auf Goethe: »Nie hat ein anderer die Schhchtheit 
und Naturwahrheit, das Einfache im großen und kleinen, 
im hohen und rührenden und was sonst das wesentliche 
der ächtesten griechischen Bildung ausmacht, in eigenen 



Goethe und Welcher. 19 1 

Werken, aus dem ächtesten Stoff der eignen Nation nocli 
einmal hervorzurufen verstanden so wie Goethe«. Als 
Welcker, alternd, sich von seinen Fachgenossen vernach- 
lässigt fühlte, sprach er stolz die Ueberzeugung aus, daß 
Lessing und Goethe große Freude an der Auseinander- 
setzung so vieler epischer und tragischer, von Poesie und 
Kunst durchdrungener Werke gehabt haben würden, wie 
er sie im epischen Cyclus, in den Tragödien gegeben habe, 
da die früheren diese im Schutt zum Theil nur leicht ver- 
grabenen Schätze zu heben ihm überlassen. 

So lange Goethe noch unter den Lebenden weilte, 
legte Welcker den größten Werth darauf, daß seine 
Schriften Goethe nicht unbekannt blieben. Die Abhandlung 
über Sappho gab er Frau von Humboldt für Goethe, die 
Sammlung von Zoegas Abhandlungen ließ er ihm durch 
Sartorius von Waltershausen überreichen. Das zweite Heft 
seiner Zeitschrift übersandte er ihm mit dem Brief vom 
17. October 1817; auch das erste hatte er ihm, wie sich 
aus einem Briefe Meyers an Goethe vom 20. Mai 1817 
ergiebt, zugehen lassen. Die äschylische Trilogie legte 
er dem sechsundsiebenzigjährigen vor mit dem Liebe und 
Ehrfurcht athmenden Briefe vom 20. März 1825. 

Die Zoegaschen Abhandlungen, die Goethe am 6., 7. 
und 8. October 1817 las, haben den Anlaß zu den orphischen 
Urworten gegeben; er hat sie am 8. ins reine geschrieben. 
Aber alle Liebesmüh, die Welcker aufwandte, um für seine 
Arbeiten Goethes Theilnahme zu gewinnen, blieb fruchtlos. 
In tadelnder Erinnerung an Welckers Aufsätze in seiner 
Zeitschrift sind die Verse geschrieben 

Köre. 
Nicht gedeutet! 
Ob Mutter? Tochter? Schwester? EnkeUn? 
Von Helios gezeugt? von wer geboren? 
Wohin gewandert? Wo versteckt? Verloren? 
Gefunden? — Räthsel ist's dem Künstler-Sinn. 
Und ruhte sie verhüllt in düstre Schleier, 
Vom Rauch umwirbelt Acherontischer Feuer, 
Die Gott-Natur enthüllt sich zum Gewinn : 
Nach höchster Schönheit muß die Jungfrau streben, 
Sicilien verleiht ihr Götterleben. 

Als Welcker Goethe um die Mitarbeiterschaft an seiner 
Zeitschrift bat, ahnte er nicht, daß er gerade damals Goethes 
Zorn auf sein Haupt beschworen hatte — durch ein freiUch 
ärgerliches Versehen in der Schrift über Sappho, einem 
Aufsatz, den er mit der edelsten Erregung seines Herzens 
geschrieben und auf den er sein Lebenlang den größten 



192 Abhandlungen. 



Werth legte. Vor Welckers Schrift galt die Dichterin 
von Lesbos in der gelehrten Literatur, in der von ihr die 
Rede war, ganz allgemein als eine Vertreterin schäm- und 
zuchtloser widernatürlicher Liebe. Auch in F. A. Wolfs 
Anmerkungen zu Piatons Symposion steht, daß ein Schand- 
fleck dieser Art an dem Charakter der Dichterin klebe. 
In heiligem Eifer warf sich Welcker zum Ritter für die 
Reinheit der verlästerten , in den Schmutz gezogenen 
Dichterin auf, um alle auf sie gehäufte Schmach als Miß- 
verständniß und Lüge zurückzuweisen. In welchem Sinne 
er es that, mögen ein paar herausgegriffene Sätze zeigen: 
»So groß die Verschiedenheit zwischen der Sehnsucht und 
Seelenvereinigung in der Liebe der Neueren und dem hohen 
Entzücken an Jugend und Schönheit bei den Alten ist, so 
bleibt immer etwas gemeinschafthches darin, daß auch sie, 
in einer gewissen Zeit wenigstens, einer Empfindung fähig 
waren, die vermöge ihrer eignen Zartheit und Stärke 
gleichsam sich abschloß von dem übrigen Menschen, und 
in ihrem eignen Kreise sich bewegend ihn eher m.it sich 
emporhob, als daß sie ihn wie in einem Strom fortgerissen 
hätte. So viel näher Schönheitsgefühl und Einbildungskraft 
mit dem Sinnlichen verwandt sind, als das Herz und die 
Ideen des Geistigen, so viel leichter v/ird die Liebe der 
Schönheit durch SinnUchkeit getrübt werden, so viel kürzer 
wird sie, gleich einer Frühlingsblume, im Leben eines 
Volks bestehen : so viel anziehender, in ihrer Art und ohne 
sie mit dem mehr ReingemüthUchen vergleichen zu wollen, 
ist sie aber auch, wenn sie unter Begünstigung besondrer 
Vorstellungen, Sitten und Verhältnisse erblüht. Es scheint, 
daß feurigere südliche Naturen durch die reinsten Regungen 
so heftig ergriffen werden können, wie nördliche Menschen 
selten, wenn sich noch keine Begierde in ihre Anwandlungen 
eingemischt hat. Und doch nehmen bey reizbaren Personen 
auch unter uns leicht alle Neigungen, oft selbst die geringeren 
zu irgend einem Wesen, ja zu etwas todtem oder ein- 
gebildetem zuweilen, den Charakter der Liebe an, und sollten 
solche Neigungen mit aller möglichen Freyheit dichterisch 
dargestellt werden, so würden sie der Liebe nur noch 
ähnlicher werden. Die Briefe der Königin Christine von 
Schweden an die Gräfin Ebba Sparre, die sie gewöhnlich 
meine Schöne nennt, glühn von Liebe und Zärtlichkeit. 
Sehr anmuthig sagt Lionardo Bruni im Leben des Dante, 
es sey dieser in der Jugend von verliebter Leidenschaft 
eingenommen gewesen, nicht aus Ueppigkeit, sondern 
aus" Feinheit des Herzens (non per Hbidine, ma per genti- 
lezza di cuore) und habe in seinen zarten Jahren Verse der 
Liebe zu schreiben begonnen«. 



Goethe und Welcker. 193 

In dieser Schutzschrift für Sappho las Goethe S. 16 
die Sätze: »Es ist ein großes Mißverständniß, wenn neuerHch, 
falls ich nicht sehr irre, in Goethes Farbenlehre, in anderer 
Hinsicht auf Chloris und Thyia als noch im Hades unzer- 
trennlich angespielt worden ist. Tansanias, der einzige der 
ihrer Verbindung gedenkt, erwähnt ganz unverfänglich 
(X. 29), wie unter den Gemälden der delphischen Lesche: 
unier der Phädra se}^ Chloris, liegend unter den Knien der 
Thyia. Man werde nicht irren, wenn man sage, sie hätten 
Freundschaft gegen einander im Leben gehabt« — und nun 
läßt Welcker eine Auseinandersetzung über die Heimat der 
Chloris und Thyia und über ihrer beider Verbindung mit 
Poseidon und Dionysos folgen. 

In der Farbenlehre, die Goethe in seinem Erstaunen 
zuerst nachschlug, findet sich keine Stelle, auf die Welckers 
Worte zielen konnten. Er bezog sie daher auf seine Er- 
läuterung zu Polygnot. »Ich las die kurze Erklärung der 
symbolischen Buchstabentafel und fand nichts als die reinen 
ruhigen Worte: ,Unter ihnen Chloris und Thyia, zärtliche 
Freundinnen, eine der andern im Schooße liegend"", dem 
Pausanias nachgeschrieben; denn was konnten wir anders 
thun ?« 

Goethe täuschte sich, als er glaubte, Welcker habe 
an diese knappe Angabe aus Pausanias' Beschreibung des 
Polygnotischen Hades gedacht. Die Stelle, die Welcker 
ohne Zweifel vorschwebte und deren sich Goethe selbst 
nicht erinnerte, steht in Goethes Winckelmann und sein 
Jahrhundert. Dort heißt es in dem Abschnitt »Freundschaft« : 

»Auch hier zeigt sich ein merkwürdiger Unterschied 
alter und neuer Zeit. Das Verhältniß zu den Frauen, das 
bey uns so zart und geistig geworden, erhob sich kaum 
über die Gränze des gemeinsten Bedürfnisses. Das Ver- 
hältniß der Aeltern zu den Kindern scheint einigermaßen 
zarter gewesen zu seyn. Statt aller Empfindungen aber 
galt ihnen die Freundschaft unter Personen männlichen 
Geschlechtes, obgleich auch Chloris und Thyia noch im 
Hades als Freundinnen unzertrennlich sind«. 

Welckers Mißverständniß bleibt dasselbe; doch ist es 
etwas entschuldbarer, daß ihn die Erinnerung an diese 
Stelle, die er nicht wieder auffand, getäuscht hat. 

Es ist gerechtfertigt und begreiflich, daß Goethe über 
Welckers ungenaue und mißverständliche Anführung und 
den Vorwurf, den sie enthielt, gereizt war. Aber man 
versteht nicht, daß er in seinem Unmuth Sinn, Ton und 
Absicht der Welckerschen Schrift verkennen konnte. Denn 
die Keulenschläge, die er gegen Welcker führt, treffen 
nicht diesen, sondern die von Welcker selbst bekämpften 

GoETHE-lAHBBtCÜ XIX. I^ 



194 Abhandlungen. 



Gegner. Davon muß sich Goethe, nachdem der erste Zorn 
vorüber war, selbst überzeugt haben. Denn er hat seine 
Abwehr, die Welcker auf das tiefste verletzt hätte, zwar 
nicht vernichtet, aber nicht zum Druck gebracht. Sie ist 
erst am Schlüsse des Jahres 1897, ^o Jahre nach der Ent- 
stehung, 65 Jahre nach Goethes, 29 Jahre nach Welckers 
Tod der Oeffentlichkeit übergeben worden. Wiederum 
Welcker hat, als er die Abhandlung in die Sammlung seiner 
kleinen Schriften aufnahm, die Sätze, die Goethes Mißfallen 
erregt hatten, weggestrichen — , wie sie in der That mit 
dem Zusammenhang der Bew'eisführung nichts zu schaffen 
haben. Er hatte sich also von seinem Fehler überzeugt, 
vielleicht von anderen darauf aufmerksam gemacht. Aber 
er würde eines solchen Hinweises kaum bedurft haben. 
Denn seit er in Göttingen gleichzeitig in eiliger Arbeit die 
Schrift über Sappho, die Fragmente des Hipponax und A.na- 
nios, Zoegas Abnandlungen, die ersten Hefte der Zeitschrift 
vollendete, hatte er die Farbenlehre wie Winckelmann und 
sein Jahrhundert, und auch die Erläuterungen zu Polygnot, 
oft genug in ruhigerer Muße zur Hand genommen. Der 
zuerst von Riemer mitgetheilte Brief Goethes an Meyer 
kann den Anlaß nicht gegeben haben. Denn die von Riemer 
veröffentlichten Briefe von und an Goethe tragen die Jahres- 
zahl 1846, der sehr umfängliche zweite Band der Welcker- 
schen kleinen Schriften die Jahreszahl 1845 an der Stirne. 

Von einer Verstimmung Goethes gegen ihn wußte 
Welcker. Er sprach im Alter davon und meinte, sie sei 
auf seine Anzeige der Pandora zurückzuführen. Aber es 
ist nicht glaublich, daß diese Anzeige Goethe überhaupt 
oder gar dauernd verletzt habe. Denn selbst die Schluß- 
sätze, die Welcker im Sinne bewundernden Lobes ausspricht, 
wird Goethe nicht anders verstanden haben, während sie 
für uns eine unwillkürliche, Welcker selbst unbewußte Kritik 
enthalten. Nachdem er nämlich den Gang der Handlung 
und die einzelnen Gestalten, die auftreten, überaus fein- 
sinnig entwickelt hat, spricht er davon, daß Goethe 
vielleicht in keinem anderen Werke mehr Sorgfalt auf den 
Vers gewandt habe und er giebt seinem Lob die Wendung, 
die Pandora lese sich, als ob sie zum großen Theile aus 
dem Griechischen trefflich übersetzt sei. Wir heute hören 
heraus, daß der antike Trimeter kein der deutschen Sprache 
natürliches Maß und daß der Stoff der Pandora aus der 
fremden griechischen Welt künstlich ins Deutsche herüber 
gepflanzt sei. 

Der Brief, in dem Goethe am 7. Juni 1817 Meyer die 
Absicht kund giebt, auf Welckers Sappho zu erwidern, 
lautet in der echten Fassung noch härter, als in Riemers 



Goethe und Welcker. 



Abdruck. Goethe schrieb: »Welcker, der verwelkte Böttcher, 
wird schlecht wegkommen, er hat in seiner Sappho eine 
Eseley gegen mich ausgehen lassen, die ihm soll theuer 
zu stehen kommen, wenn ich den Humor behalte«. Aus 
diesen Worten spricht nicht nur augenblicklicher Zorn, 
sondern eine feststehende Feindseligkeit, zu deren Erklärung 
weder die Anzeige der Pandora noch der in der Schrift 
über Sappho begangene Fehler ausreicht. 

Wie heute Welckers Eigenart und Größe durch die 
lange Reihe seiner Schriften aufgeschlossen vor uns liegt, 
will es uns fast unbegreiflich dünken, daß die dichterisch 
so tief und groß empfindende, so kühn gestaltende 
Genialität Welckers, die sich schon in seinen Anlangen 
deutlich ankündigt, Goethe nicht anzog, sondern abstieß. 
Seine Sympathie gehörte Gottfried Hermann, nicht Welcker, 
den er ohne weiteres mit ßöttiger und Creuzer in einen 
Topf warf. Mit Böttigers Mythologie freilich hatte Welcker 
nie etwas zu schaff"en, aber in jenen Jahren hatte er sich 
noch von Zoegas mystisch-ägyptisirenden mythologischen 
Gedanken los zu machen und er unheilte über Creuzer 
freundlicher und nahm auf dessen Ausführungen häufiger 
Rücksicht, als bald darauf, nachdem sich seine eigenen 
mythologischen Anschauungen festgestellt und ausgebildet 
hatten. Alle Mystik und alle Unklarheit, alles Zusammen- 
mengen und Zusammenbringen von auseinanderliegendem 
war Goethe ein Greuel, wie er es oft genug aussprach. 
An Creuzer selbst schrieb er am i. October 1817, also 

wenige Tage ehe er Zoegas Abhandlungen las: » 

Einen alten Volksglauben setzen wir gern voraus, doch 
ist die reine charakteristische Personification ohne Hinter- 
halt und Allegorie Alles werth; was nachher die Priester 
aus dem Dunkeln, die Philosophen ins Helle gethan, dürfen 
wir nicht beachten. So lautet unser Glaubensbekenntniß ! 
Geht's aber gar noch weiter, und deutet man uns aus dem 
hellenischen Gott-Menschenkreise nach allen Regionen der 
Erde, um das Aehnliche dort aufzuweisen, in Worten und 
Bildern, hier die Frost-Riesen, dort die Feuer-Brahmen, so 
wird es uns gar zu weh, und wir flüchten wieder nach 
jonien, wo dämonische liebende Quellgötter sich begatten 
und den Homer erzeugen . . . .« 

In dem Briefe an Boisseree vom 16. Januar 18 18 
nennt Goethe unter den Gegnern ausdrücklich auch Welcker, 
und hier spricht er auch, was für die ganze, uns beschäf- 
tigende Frage entscheidend ist, von der Auffassung der 
griechischen Kunst : »Winckelmanns Weg, zum Kunstbegrift 
zu gelangen, war durchaus der rechte, Meyer hat ihn ohne 
Wanken streng verfolgt, und ich habe ihn auf meine Weise 



196 Abhandlukgek. 



gern begleitet. Der sonstigen treuen Mitarbeiter in diesem 
Felde gab es auch wohl noch; sehr bald aber zog sich die 
Betrachtung in Deutung über und verlor sich zuletzt in 
Deuteleien; wer nicht zu schauen wußte, fing an zu wähnen 
und so verlor man sich in egyptische und indische Fernen, 
da man das Beste im Vordergrunde ganz nahe hatte. Zoega 
fing schon an zu schwanken, Böttcher tastete überall herum, 
am liebsten im Dunkeln und man hatte nun immerfort an 
den unseligen dionysischen Mysterien zu leiden. Creutzer, 
Kanne und nun auch Weicker entziehen uns taglich mehr 
die großen Vortheile der griechischen lieblichen Mannig- 
faltigkeit und der würdigen israelitischen Einheit. Hermann 
in Leipzig ist dagegen unser eigenster Vorfechter. Die 
Briefe, zwischen ihm und Creutzer gewechselt, kennen Sie, 
der fünfte ist unschätzbar. Dazu nun seine lateinische 
Dissertation über die alte Mythologie der Griechen macht 
mich ganz gesund: denn mir ist es ganz einerlei, ob die 
Hypothese philologisch-kritisch haltbar sey, genug, sie ist 
kritisch-hellenisch patriotisch und aus seiner Entwicklung 
und an derselben ist so unendlich viel zu lernen, als mir 
nicht leicht in so wenigen Blättern zu Nutzen gekommen ist«. 
Diese Aeußerungen lassen keinen Zweifel über den 
Grund der Abneigung, die Goethe gegen Weicker empfand. 
Im Winckelmannischen Sinne hatte sich Goethe das Bild 
der antiken Kunst und des Alterthums überhaupt fest- 
gestellt, in sich abgeschlossen, einzig in seiner Art, klassisch, 
exemplarisch, und er duldete keine Verwirrung dieses Bildes, 
keine Aenderung, auch keine Vertiefung. Gewiß aus voller 
Ueberzeugung betheuerte Weicker, daß er Goethes Kunst- 
lehre rein aufgefaßt habe. Aber er konnte nicht bei dem 
stehen bleiben, was Winckelmann gewonnen hatte, sondern 
strebte bewußt und mächtig über ihn hinaus. Der Gegen- 
stand seiner Göttinger Antrittsrede war die »bisher nicht 
gerügte Unvollständigkeit in dem Plan der Winckelmanni- 
schen alten Kunstgeschichte«. Die Gesetze des Ausdrucks, 
der Harmonie und der Ebenmäßigkeit, das Sinnvolle und 
Sinnbildliche in der Composition mehrerer Figuren und in 
der Darstellung der Handlung sei nicht beachtet, der Unter- 
schied der einzelnen Kunstgattungen sei übersehen, die 
Vergleichung mit der Poesie nicht durchgeführt. Er theilt 
Goethe mit, er wolle ein einfaches Büchlein über antike 
Kunst verfassen, in dem er von seinen Vorgängern stark 
abweichen werde. In den Autsätzen über Kora und Demeter, 
die er in dem ersten Hefte der Zeitschrift veröffentlichte, 
sammelt und erörtert er ausführlich und umständlich den 
schwer übersichtlichen, weit verästelten mythologischen 
Stoff und will die Schwankungen und Veränderungen aus 



Goethe und Welcker. 197 

dem Nebeneinander der Ueberlieferungen und aus dem 
Wechsel der Zeiten erklären. Ueberall schürft er in die 
Tiefe, überall sucht er nach dem ursprünglichen, sinn- 
vollen, sinnbildlichen. Er vergleicht nordische Mythen ; er 
bezieht sich nicht selten auf Creuzer, einigemale auf Böttiger. 
Noch ehe Goethe das erste Heft der Zeitschrift sah, war 
es ihm von Meyer angekündigt mit dem Urtheil, Welcker 
möge es leidlich meinen, aber erbaut habe er ihn nicht, 
und das liebe Publikum, dem so manches zugemuthet 
werde, müsse wahrlich einen weiten Magen haben, wenn 
es dergleichen Bissen verschlucken wollte. Schon die erste 
archäologische Arbeit, die Welcker erscheinen ließ, hat 
ohne Zweifel Goethes Mißfallen erregt — der in Daubs 
und Creuzers Studien, 1808 gedruckte Aufsatz über die 
Hermaphroditen der alten Kunst. Er warf darin die Frage 
auf, welches Interesse die Alten an solchen Darstellungen 
gehabt haben könnten. Er geht der Verschiedenheit antiker 
und moderner Begriffe nach, er sucht die mythologisch- 
allegorische Bedeutsamkeit auf und übergeht in seiner un- 
befangenen Erörterung nicht das Element der Sinnlichkeit, 
das sich geltend maciie. Mehr auf diesen Aufsatz, als auf 
die Schrift über Sappho, scheint der Schluß von Goethes 
Entgegnung zu zielen : »Möge der Verfasser uns eine wohl- 
meinende Warnung verzeihen, die wir ihm ohngeachtet 
unserer geführten Beschwerden wohlmeinend vorhalten: 
er schifft in gefährlicher Gegend, sein Fahrzeug schwebt 
über Untiefen und läuft Gefahr, jeden Augenblick zwischen 
zwei leidigen Syrten, Sinnlichkeit und Mystik, ohne Rettung 
zu stranden«. Durch den Gegenstand der Schrift über 
Sappho fand Goethe seinen ungünstigen Eindruck bestätigt, 
und Welckers nächste Arbeiten waren nach Inhalt und 
Form nicht klar genug, um diesen Eindruck zu verwischen. 
Die äschylische Trilogie empfing Goethe zu spät, um sich 
noch hineinfinden zu können oder zu wollen. Seine Helfer, 
Meyer und Riemer, waren weder fähig noch geneigt, 
Welckers Gedanken zu folgen. Aber auch wenn Goethe 
die Trilogie und die anderen späteren Schriften Welckers 
hätte früher kennen lernen, er würde sein Urtheil schwer- 
lich verändert haben. Auch Welcker glaubte aus voller 
Ueberzeugung an die Classicität der antiken Kunst und 
Poesie. Aber überall suchte er den individuellen Charakter 
der Griechen in seiner Besonderheit zu ergründen und ihre 
Schöpfungen als nationale aus dem großen Zusammenhang 
von Mythologie, Poesie und Kunst zu verstehen. Man 
braucht" nur die Abhandlungen Goethes und Welckers über 
den Laokoon zu vergleichen, um zu sehen, daß ihre Weisen 
die antike Kunst anzuschauen und in sie einzudringen, sich 



J98 Abhandlungek. 



nicht vertragen. Goethe will die Gruppe als tragisches 
Idyll aus allem mythischen Zusammenhang herauslösen und 
herausheben. Für Welcker ist sie eine plastische Ver- 
körperung des Mythos, und so würde sich überall der 
Gegensatz von neuem offenbart haben. 

Die beiden flüchtigen persönlichen Begegnungen, die 
beide vor die Schrift über Sappho und die Welckersche 
Zeitschrift fallen, haben diesen Gegensatz nicht gemildert. 
Im Frühjahr 1805 führte ein Brief des Professor Schaumann 
in Gießen den damals zwanzigjährigen Welcker bei Goethe 
in Weimar ein. Welcker giebt in seiner Autobiographie 
den Zeitpunkt des Besuches nicht ganz richtig an. Aber 
er wird die Begegnung selbst, die ihm in die Seele gegraben 
war, gewiß aus treuem Gedächtniß schildern. Goethe, so 
erzählt er, »empfing mich stehend, in der Mitte des Zimmers, 
ein kräftiger, rüstiger Mann, auch dem Anzüge nach mann- 
haft, etwa wie ein Forstmann, und setzte sich mit rnir 
an ein Fenster. Er fragte mich nach den wissenschaftlichen 
Zuständen meiner ihm ehemals wohlbekannten Heimat. 
Das Gespräch fiel auch auf Wetzlar, und da ich naiv genug 
war, auch Werthersche Localitäten zu berühren, sagte er: 
Ja, das war ein Stoff, bei dem man sich zusammenhalten 
oder zu Grunde gehen mußte«. Von J. H. Voß, dem Sohn, 
ließ er sich erzählen, wie angenehm es ihm sei mit Goethe 
den Sophokles zu lesen, wie er die Wörter, die er neu lerne, 
aufzufassen und zu würdigen verstehe, wie er sich spanische 
Wörter aufzeichne; aber auch wie weise und geschickt Goethe 
ihn, als er über eine böswillige Kritik aufgebracht war, be- 
sänftigt und auf alle Erwiederung zu verzichten bewogen habe, 
und so immer wohlmeinend und edel in seinem Rathe sei. 

Noch weniger Bedeutung hatte die zweite Begegnung. 
Nachdem Welcker aus dem für sein Corps unblutig ver- 
laufenen Feldzug aus Frankreich zurückgekehrt war — 
auf dem er Goethische Dichtungen mit sich führte — , 
besuchte er am 6. August 18 14, noch in der Uniform der 
hessischen freiwilligen Jäger, in Wiesbaden Goethe mit 
einem Freunde, der Goethes Ürtheil über seinen Beruf zum 
Schauspieler erbat. 

Weniger verständlich ist, daß Wilhelm von Humboldts 
und Frau von Humboldts innige Freundschaft und ver- 
ständnißvoUe Hochschätzung für Welcker zu keiner An- 
näherung führten. In ihren Gesprächen mit Goethe kann 
Welcker nicht ungenannt geblieben sein, und es läßt sich 
noch nachweisen, daß Humboldt für Welcker Goethe um 
die sich in dessen Besitz befindende Zeichnung einer Gruppe 
der drei Grazien gebeten hat. Aber vielleicht beurtheilen 
wir das Verhalten W. von Humboldts nicht richtig. Es 



Goethe und Welcker. 199 

ist doch auch mögUch , daß gerade die Rücksicht auf 
Welckers nahe Beziehung zu Humboldts Goethe bestimmt 
hat, den Aufsatz gegen Welckers Sappho nicht sofort im 
ersten Unmuth bekannt zu machen. 



Die Nachweise für die in der vorstehenden Erörterung 
enthaltenen Angaben finden sich in meiner Biographie 
Welckers (Das Leben Friedrich Gottlieb Welckers nach 
seinen eignen Aufzeichnungen und Briefen, Leipzig 1880), 
in dem Aufsatz über Welcker von Otto Lüders »Im neuen 
Reicha 1881 S. 661 ff. und S. 711 ff. Den Brief Welckers 
über die Wahlverwandtschaften, mit dem der W. von 
Humboldts über denselben Gegenstand (Briefe an Welcker 
S. 15 f.) einen merkwürdigen Gegensatz bildet, wiederhole 
ich aus der Biographie Welckers (S. 140 ff.) als Beilage. 

Ueber Goethes Verhältniß zu G. Hermann und Welcker 
vgl. U. von Wilamowitz-Moellendorff Euripides' Herakles 
I ^, S. 239 ff. ; über Sappho dessen Ausführungen in den 
Göttinger gelehrten Anzeigen 1896 S. 630 ff. Für Welckers 
rasch wechselndes Urtheil über Creuzer sind lehrreich seine 
Briefe an J. Heinrich Voß, den Sohn (Herbst Johann Heinrich 
Voß II, S. 316) und an Jacobs (Biographie Welckers S. 151 f. 
Vgl. S. 340 ff.). Ueber die orphischen Urworte sind zu ver- 
gleichen, außer den Tagebüchern, Goethes Briefe an Knebel 
vom 9. October 1817 (»durch Hermann, Kreuzer, Zoega und 
Welcker bin ich in die griechische Mythologie, ja bis in die 
orphischen Finsternisse gerathen. Es ist eine wunderliche 
Welt, die sich einem da aufthut, leider wird sie durch die 
Bemühungen so vorzüglicher Männer nicht völlig ins Klare 
gesetzt werden, denn was der eine aufhellt, verdunkelt der 
andere wieder«) und an S. Boisseree vom 21. Mai und 16. Juli 
1818. Gegen »neuere Symbolik« Mysterien, ägyptisches 
und indisches: die Paralipomenazu Faust, Weimarer Goethe- 
ausgahe 15, 2 S. 234. Die Beziehung der Verse Köre, nicht 
gedeutet! auf Welckers Aufsatz hat Düntzer erkannt, Goethes 
lyrische Gedichte I % S. 357. Vgl. Lüders a.a. O. S. 671. Den 
Inhalt seiner Göttinger Antrittsrede hatte Welcker selbst an- 
gegeben Göttinger Gelehrte Anzeigen 1817, S. 377 f.; sie 
ist abgedruckt in den Kleinen Schriften V S. 179 ff. 



Beilage. 

Welcker an Frau von Humboldt. 

Giesen, den 21. December 1809. 
— Vor wenigen Stunden hab' ich die erste flüchtige 
Leetüre von Göthes Wahlverwandtschaften beendigt und 



200 Abhandlungen. 



bin voll von diesem neuen Meisterbild, nicht blos die Ein- 
drücke der bestimmten Gestalten und einfach genialen 
Composition genießend, sondern auch Effecte, wahre und 
falsche Ansichten prophezeiend, und zumal die Stimmen 
von einigen gewichtigen Kennern bemüht mir im Voraus 
bedeutender zu machen durch eignes selbstbestimmtes Ge- 
fühl und Reflexion. Es kann bei mir nicht Hang zu der 
übermäßigen Kritik der Deutschen, sondern nur Verlangen 
nach Freundschaft seyn, wenn ich so ungeduldig bin, ein 
Kunstwerk allein zu betrachten, und es gern gleich in das 
Leben hereinziehen möchte durch geselligen Genuß. Könnten 
Sie, meine beste Gnädige, das Buch bald lesen, so hütete 
ich mich gewiß, Ihnen durch Räsonnement die reine neue 
Leetüre davon zu trüben — aber so ists Ihnen vielleicht 
nicht unlieb, wenn ich Ihnen im Voraus einen Begriff mit- 
theile, den ich mir davon gemacht habe. Vielleicht ists 
der rechte nicht — denn er ist mir noch zu neu, um 
sicherer zu seyn. 

Der gealterte Dichter trifft noch einmal mit dem Geist 
seiner Jugend zusammen; Werther hat ein Gegenstück und 
zwar eine Schwester seiner Liebe gefunden. Aber sie fodert 
uns keine Rührung ab, sondern sie theilt uns ihre Heiter- 
keit bei aller Duldung mit. Wenn der Jünghng nach 
Kämpfen zertrümmert hinsinkt, so vertauscht sie nur den 
ihr mühsam gemachten irdischen Frieden mit dem vollen 
himmlischen. Sie stirbt durch heimlichen Hunger — aber 
man wird ihren Tod nicht gewahr, wie das Gewitter spurlos 
tödtet ohne die Schönheit des Leibes zu rauben. Die ge- 
haltnere weibliche Innerlichkeit und stille Ruhe einer festen 
Liebe contrastirt nicht allein mit Werthers thätiger Leiden- 
schaftlichkeit, sondern die gereifte Kunstbildung und 
sophokleische Harmonie des Dichters hat das Weibliche in 
dem Gegenstück noch besonders gewahrt. Bei der klassi- 
schen Klarheit und Leichtigkeit der ganzen Gestaltung und 
Ausführung ist die nun wiederholte Neigung zur Selbst- 
aufopferung, als ein Kind der neuen Welt, dünkt mir, recht 
auffallend. Die irdische Schöne muß vor den unendlichen 
Re,:Pungen des Gemüthes vergehen — denn eine solche 
Liebe ist doch Anklang des Unbeschränkten im Geiste. 

Der Zweig des GeheimnißvoUen und Wunderbaren kann 
nicht leicht feiner, knapper und bescheidener auf den Stamm 
des wirklichen Lebens geimpft werden, als hier geschieht. 
Man könnte lange herein glauben, das Buch sey, mit aus 
Polemik gegen die neusten Hyperpoetiker, so recht pro- 
saisch geschrieben, der Dichter wolle uns zur Unterhaltung 
ein paar, kaum zusammen componirte, Portraits vorstellen. 
Aber zuletzt schwingt sich der entpuppte Schmetterling 



Goethe unu Welcker. 201 

vom breiten Boden des materiellen Lebens den blauen 
Himmelslüften zu. Eine nascita, die Ottilie spielend vor- 
stellen muß, ist eine kaum auffallende Vorbedeutung, daß 
ihre Leiche ein Heiligensciiein umgeben und abergläubige 
Kranke sie aufsuchen werden. 

Die ganze Fabel ist wie mit Zauberstabeswinken un- 
merklich dirigirt und die wichtigsten Absichten scheinen 
sich so zu verstecken, als wolle der Dichter sie niemals 
anerkennen. In der eingestreuten Lebens- und Lehrweisheit, 
die ohne sichtbare Wahl noch Sucht, in zufälliger Fülle, 
wie sie die Natur bietet, ausgetheilt ist, blickt mehr Indi- 
vidualität hervor. 

Es ist wieder eine von den originellen Rollen da — 
ein Mittler — , die man mit empirischen Händen nirgends 
anfassen kann, ob sie sich gleich so natürlich stellen. — 
Es ist auffallend, daß Ottilie nicht schnell entwickelt, früh 
glänzend und sprudelnd ist, sondern, als ob in sehr lieben 
Frauen die Natur den Geist fester und stoft'artiger einschließe, 
ganz unerwartet ihre Lieblichkeiten rein aus dem guten 
und zarten Gemüth entwickelt. 

Der Titel spricht den Zusammenhang der Geschichts- 
fabel aus; denn wie sich zwei verbundene Körper chemisch 
trennen und sich jeder einen andern wählt, so verliebt sich 
ein vergnügtes klarsehendes Ehepaar in mittlem Jahren in 
andre Herzen und, so wohl auch die Frau mit Resignation 
und Klugheit lenken möchte, so ist doch des Mannes Ver- 
langen unwiderstehlich und die festlicbende, aber später 
darin Schuld gewahrende Ottilie stirbt ihm voran. 

Wie mancherlei aus dem Leben und der Welt weckt 
das Buch in der flüchtigsten Leetüre auf! wie gern möcht' 
ich über viele Personen Ihr Urtheil hören! Einmal sagt 
auch Ottilie: Nur der Naturforscher ist verehrungswerth, 
der das fremdeste in seiner eigenthümlichen Umgebung zu 
schildern weiß. Wie gern möcht' ich nur einmal Humboldten 
erzählen hören. 




5- 

Schiller und Goethe. 

Alfred Klaar. 




lie Geschichte des menschUchen Geisteslebens ist 
nicht arm an führenden Paaren, die Hand in Hand 
ihren Zeitgenossen voranzuschreiten scheinen, an 
Doppelstandbildern, welche gleichsam für das cultuelle Be- 
dürfniß der Gemüther errichtet wurden. Das Ergänzende 
der Zweiheit, das Ethisch-Erhabene der Freundschaft und 
das Befruchtende der geistigen Wechselwirkung ist ott und 
oft für das Bewußtsein einer ganzen Zeit in zwei ragenden 
Gestalten, die zueinander gehören, versinnUcht worden und 
so auch in die Vorstellung der Nachwelt übergegangen. 
Die mythenbildende Substanz, aus der schon in den ältesten 
Zeiten" sich die Symbole für ein Doppelwesen ablösten, 
das in der Natur, "^in der Geschichte und im Einzelwesen 
waltet und bald einen endlosen, die Geister und Charaktere 
spornenden Kampf in sich schließt, bald wiederum die 
Ergänzung der Kräfte in höchster Thätigkeit versinnlichte, 
hat daran ebensoviel Antheil wie die Geschichte, welche 
die Wechselbeziehungen zweier bedeutenden Menschen 
nachzuweisen versucht. Die religiösen Vorstellungen und 
die Sagengeschichte sind voll von solchen Zweiheiten, die_ 
entweder wie Ormuzd und Ahriman den ewigen Kampf 
zwischen Tag und Nacht veranschaulichen, oder wie die 
zu den Sternen erhobenen Castor und PoUux die himm- 



Schiller und Goethe. 205 

lische Harmonie gleichgestimmter Kräfte, die in unser 
Leben hineinleuchtet, im Bilde festzuhalten versuchen. Und 
dieser m3^thische Drang hat sicherlich auch auf die ge- 
schichtlichen Vorstellungen der iMenschen eingewirkt. Zu 
allen Zeiten hat man das Große einer Epoche gerne auf 
zwei Namen übertragen, die für einen mächtigen VVerde- 
proceß, für einen großen Gegensatz und eine große Aus- 
gleichung typisch werden sollten und sich zu einem Zwei- 
klang von unendlichem Nachhall, der durch die Welt der 
Geister schwebt, vereinigen. Michel Angelo und Lionardo, 
die charaktervolle Kraft und die schönheitsfreudige Ver- 
zückung in Formen und Farben, Mozart und Beethoven, 
der goldene Kindheitstraum und die gewaltigste männliche 
Emplindung der Menschheit in Tönen, sind solche Zwei- 
klänge, welche die Zeiten durchdringen. In unserer Literatur 
tauchen vor und nach der klassischen Periode führende 
Paare auf, die in ihrer Gemeinsamkeit den Begriff der 
Zeitstiramung auszufüllen scheinen. In der ersten Haltte^ 
des 18. Jahrhunderts, in der Zeit, in der man sich erst aut 
ein Innenleben besinnt und den Muth gewinnt es einzu- 
bekennen, glaubt man in Hall er und Hagedorn alles zu 
finden, w^as der höher gestimmte Mensch tür sich in An- 
spruch nimmt: ernste Nachdenklichkeit, Versenkung in die 
Schöpfung und philosophisch angehauchte Heiterkeit des 
Lebensgenusses. Die Romantik knüpft an die Namen August 
Wilhelm Schlegel und Tieck das Programm all ihrer geistigen 
Bestrebungen, vv-obei der eine den Drang vertritt, in den 
Wundergarten der Weltliteratur hinauszusch weiten, der 
andere die Neigung, sich in die Tiefen des eigenen volks- 
thümlichen Mythus, in den reichen Schacht der nationalen 
Vergangenheit zu versenken. Ueber all diese Zweiheiten, 
die in der Geschichte fortleben oder auch noch im Be- 
wußtsein lebendig sind, erhebt sich das Doppelwesen Goethe 
und Schiller durch eine ganz besondere, unvergleichlich 
weiter ausgreifende Bedeutung, die es für die Volksseele 
gewonnen hat. Denn jene Paare, von denen ich beispiels- 
weise gesprochen habe, vertreten entweder eine Zeit wie 
die führenden Romantiker oder ein gewaltiges Kunstgebiet 
wie die gepaarten Heroen der bildenden Künste und der 
Musik, und ihr Zusammennennen erinnert uns zwar an eine 
Ergänzung, aber nicht an ein Ganzes, in dem sie aufzu- 
gehen scfieinen. Wenn aber der Deutsche Goethe und 
und Schiller sagt, so denkt er an den ganzen Bildungs- 
schatz seines Volkes, nicht an zwei, sondern an Eines, das 
für den ganzen Kreis seiner höhern Interessen typisch ist 
und das er sich nicht entreißen lassen wnll. Diese Vor- 
stellung ist längst auf fremde Völker übergegangen; die 



204 Abhandlungen. 



ehrliche Bewunderung deutscher Cultur hat sich an diese 
Namen wie an einen Sammelnamen geheftet, und der längst 
stumpt gewordene Spott, der einst die ideologischen 
Triumphe der Deutschen heraushob, um im Abstich ihre 
politischen Scliwilchen um so greller zu zeigen, lief häufig 
genug auf den Ausspruch hinaus: die Deutschen haben 
nichts als Goethe und Schiller. In den breitern Schichten 
unseres eigenen Volksthums aber gebraucht man Goethe 
und Schiller wie ein einziges Wort, um alles dasjenige zu 
bezeichnen, wodurch sich der Mensch über die gemeine 
Nothdurft des Daseins zu einer höhern Anschauung des 
Lebens emporarbeiten kann. Spöttisch sagt man von dem 
Unwissenden und geistig tief Stehenden, er hat keine Ahnung 
von Goethe und Schiller. Und die banausische Nüchtern- 
heit gefällt sich einem hochgestimmten Menschen gegen- 
über wohl auch in der Behauptung, daß er über Goethe 
und Schiller zu essen und zu trinken vergesse. Wenn 
aber Schiller in jenem herrlichen, für die Freundschaft der 
beiden Männer entscheidenden Briefe vom 23. August 1794 
an Goethe schreibt: »In Ihrer richtigen Intuition liegt alles 
und weit vollständiger, was die Analysis mühsam sucht 
und nur, weil es als ein Ganzes in Ihnen liegt, ist Ihnen 
Ihr eigener Reichthum verborgen« so gelten diese, das 
Genie so meisterhaft kennzeichnenden Worte vom Volke 
Goethes wie von Goetlie selbst; denn ein grobes Volk 
ist immer das Genie in extenso und trägt in seiner An- 
schauung das Ganze, dem die gliedernde Nachdenklichkeit 
nur mühsam beizukommen vermag. Und wenn dieses Genie, 
das unsere Sprache dichtet, Goethe und Schiller in einem 
Athem nennt, um eben diese Zweiheit zum Gesammtbegriff 
unseres geistiges Besitzes zu verschmelzen, so haben wir 
allen Grund in dieser Anschauung ein Bedeutendes, das 
eine große Entwicklung zusanmienfaßt, zu suchen. 

Da wir leider, wie Schiller sagt, nur das wissen, was 
wir scheiden, hat man denn auch oft und oft den Versuch 
gemacht, jenes Ganze, das das Volksbewußtsein in Goethe 
und Schiller verlegt, in seine Hälften zu zerlegen und an 
.der Grenze zugleich die Verbindungslinie zu erkennen. 
Man kennt die geflügelten Worte über Goethe und Schiller, 
die längst erlahmt von ihrem Fluge, zu Boden gesunken 
sind, die Unterscheidungen: Goethe ist ein Realist, Schiller 
ein Idealist, Goethe stellt die Menschen dar, wie sie sind, 
Schiller, wie sie sein sollen, Aussprüche, die den Tiefsinn 
der volksthümlichen Anschauung kaum streiften, geschweige 
denn erschöpften, vorgefasste Meinungen, die vor dem 
selbständigen Urtheil, vor der Unbefangenheit, welche die 
Werke der Dichter auf sich wirken lässt, nicht bestehen 



Schiller und Goethe. 205 

konnten. Denkt man an den philosophischen Idealismus, 
dem Schiller in der That nahe steht, so wäre es doch 
vollends widersinnig, Goethe, der sich niemals einer schul- 
mäßigen Philosophie angeschlossen hat und der im Welt- 
ganzen »der Gottheit lebendiges Kleid« erblickt, in das 
entgegengesetzte Lager, in das der Sensualisten verweisen 
zu wollen. War aber mit jenem Ausspruch — und eine 
andere Meinung konnte nicht vorwalten — entweder der 
Idealismus des Lebens, der in der opferwilligen Hingebung 
an ideale Interessen liegt, oder der der Kunst gemeint, 
der aus der Spiegelung des Daseins das Verworrene aus- 
scheidet und es dadurch verklärt, so müsste man sich blind 
stellen, um in dem Leben Goethes, das zuletzt ganz darin 
aufgeht, den geistigen Inhalt der Zeit in sich zusammen- 
zuf;issen und ihn gleichsam als zu erwerbendes Erbtheil 
der Nation zu hinterlassen, den Idealismus zu verkennen 
oder in Werken wie »Faust« und »Egmont«, »Tasso« und 
»Iphigenia« die dichterische Kraft der Verklärung zu ver- 
missen. Menschen, wie sie sind und wie sie sein sollen, 
haben Goethe und Schiller dargestellt. In einem Drama 
von Schiller, in »Maria Stuart« ist nicht ein Charakter, der 
dem kategorischen Imperativ, den der Dichter in sich trägt, 
entspräche, in »Hermann und Dorothea« treten uns fast 
ausnahmslos Gestalten entgegen, die nach der Lebens- 
auffassung Goethes sind, wie sie sein sollen. Mit so ein- 
fachen Formeln konnte man nicht an das Unterscheidende 
und Verbindende herankommen, das diese merkwürdige 
Zweiheit begründete, das ihr die Macht gab, nach allen 
Seiten des Lebens auszugreifen und die höchsten Errungen- 
schaften unseres geistigen Lebens für das Volksbewußtsein 
typisch in sich zu vereinigen. 

Wir werden also den kurzen Weg aufgeben und einen 
längern nehmen müssen, um das Unterscheidende und 
Verbindende jenes Doppelwesens uns ins Bewußtsein zu 
rufen. Ich möchte versuchen, diese Wege zu verfolgen und 
mich dabei von der Schwere des biographischen und literar- 
geschichtlichen Stoffes, der den raschen Aufstieg nicht ge- 
stattete, so frei wie möglich halten. Schiller tritt uns vom 
ersten Beginn seines Wirkens als große propagandistische 
Natur entgegen; er wollte als Knabe Prediger werden und 
hat bald darauf seine Kanzel in der Kirche der freien Geister 
aufgeschlagen. Alle Leidenschaft seiner Jugend stürmt gegen 
die Gesellschaft, die ihn umgibt und bedrückt, gegen die über- 
kommenen Einrichtungen, an denen das Ganze des Volkes 
furchtbar leidet, gegen die Unsittlichkeit der Mächte, die 
das Zusammenleben der Menschen beherrschen. An alle 
diese Zustände legt er den Maßstab der Ideen, die sich 



2o6 Abhandlungen. 



nach seiner Ueberzeugung in der Geschichte erfüllen sollen 
und unerschöpflich ist sein Drang, aus der Geschichte seine 
Vorstellung von der Zukunft der Staaten und \'ölker, vor 
Allem seiner eigenen Nation herauszugestalten. Durch alle 
Formen menschlicher Gemeinschaft und durch verschiedene 
Phasen der Vergangenheit stürmt dieses begeisterte Wollen 
hindurch. Von dem Gedrückten wird der Muth der Selbst- 
bestimmung, von dem Mächtigen Gerechtigkeit, von dem 
ganzen Volke nationaler Optermuth verlangt. Die Genialität 
liält die kahle, unfruchtbare Lehrhaftigkeit fern, die Ideen 
werden in Gestalten umgesetzt, der Drang nach dem Neuen 
und Großen erscheint im Lichte der Tragik und der 
Opferung. Die Seichtheit der Fabel, in der das Leben wie 
eine Dienstmagd der Moral gehorcht und die \'orsehung 
kurzen Proceß mit dem Leben macht, erscheint gleich im 
ersten Wurfe überwunden. Die Wahrheit des seelischen 
Lebens drängt an den Tag und spottet der Kindergeschichten, 
die an dem Schicksal von Hinz und Kunz die Theorie von 
der besten aller Welten erweisen wollen. Große Menschen 
verbluten sich an maßlosen ßegehrungen, die Menschheit 
bleibt im Kampfe der Stände auf dem Platze, Weltverbesserer 
erliegen der Macht der Finsterniß. Aber durch diese Tragik 
geht von Karl Moor bis Posa auch der große Ruf der An- 
klage hindurch, und tiefer, als es kindliche Hoffnungen und 
lockende Siegestäuschungen vermöchten, greifen die Ge- 
stalten der Erliegenden, denen alle Herzen zufliegen, an die 
Gemüther der Menschen. So künstlerisch die Gestalt im 
Einzelnen erschaut ist, so sehr der bildende Geist nach 
Leben und Wahrheit strebt, so sicher schwebt über dem 
Gebilde der Gedanke an den Zweck, dem die sittliche 
Entwicklung der Menschheit, dem die Bethätigung des 
Volksthums zustrebt. Lnmer mehr vertieft sich dieses 
Zweckbewußtsein und geht von der Anklage zum Vorschlag 
und zum Plane, vom brennenden Wunsche, das Alte hin- 
weggeräumt zu sehen, zur Vorstellung von dem Neuen, 
das da werden soll, über. Immer mehr tritt der Gedanke 
der Reform, die an das Gewordene anknüpft, an Stelle der 
Revolution, die alles Gewesene verleugnen möchte. Immer 
stärker wird der Künstler, der in Leben und Geschichte 
die in Wahrheit treibenden Motive erkennt und darstellt, 
immer mehr wird die Absicht, die Welt zu bessern und 
zu bekehren durch die Natürlichkeit der Darstellung ver- 
schleiert, immer tiefer wird die Auffassung von dem Walten 
der Idee im Kampfe der Leidenschaften und in der Ver- 
wicklung der Schicksale — aber niemals verzichtet Schiller 
darauf, den großen Proceß der gesellschaftlichen Entwicklung 
zu beleuchten und als Richter in diesem Processe aufzu- 



Schiller und Goethe. 207 

treten. Als Richter und als Gesetzgeber. Immer mehr streift 
er, wie ein Richter soll, die vorgefasste Meinung, die Partei- 
lichkeit, das V'orurtheil, selbst das so liebenswürdige seiner 
großen Jugend, das in Allem Drückenden auch schon das 
Schlechte sah, von sich ab, niemals gibt er es auf, mit 
bewußtem moralischem Antheil und überzeugendem mora- 
lischem Urtheil das Getriebe der Menschen zu betrachten 
und darzustellen. Immer schwebt ihm ein vorgeschrittener 
Zustand der menschhchen Gesellschaft vor, in dem die 
Selbsterziehung und die Erziehung durch den Staat die 
Bedrückung des Einen durch den Andern authebt und alle 
schaffenden Kräfte einander fördern, anstatt einander zu 
hemmen. Wenn ihm für die Erreichung dieses Zustandes 
in der Jugend der Umsturz der bestehenden Verhältnisse 
und die freiwillige Opferung des Individuums als t\-pische 
Form des stürmischen Fortschrittes erschien, so befreundet 
sich die Vorstellung des Wissenden immer mehr mit den 
geschichtlichen Bedingungen, unter denen sich die Idee im 
Geschehn erfüllt, mit den schwer zu erforschenden Wegen 
der Entwicklung, auf denen die Menschheit und ein Volk 
vorwärtsschreiten, und all sein Denken und Dichten sucht 
dieses Gesetz aufzuhellen und dadurch, daß es den Menschen 
ins Bewußtsein gerufen wird, in ungehemmte Kraft zu 
setzen. Immer mehr fällt das Actuelle, das ihn in der Jugend 
beherrschte, die an den Zuständen einer drückenden Gegen- 
wart brandende Leidenschaft von ihm ab, und je mehr er 
die Nothwendigkeit des Mannigfaltigen in den Formen 
des menschlichen Gemeinwesens erkennt, opfert er die Vor- 
stellung von alleinseligmachenden äußern Einrichtungen 
nach irgend einem geschichtlichen Typus und gelangt zu 
einem rein sittlichen Ideal der Menschlichkeit, dem die be- 
geisterte Natur unter allen Völkern und Himmelsstrichen 
entgegenreifen kann. Wohl wird ihm das Griechenthum 
dabei zum Halte der dichterischen Einbildungskraft; aber 
wie er es in sich sehnsüchtig ausgestaltet, ist es doch weit 
weniger ein der Wirklichkeit entnommener Zustand als 
eine Idealwelt des schönen Scheins, die der Mensch überall 
neu erwecken und an sich verwirklichen kann. Vergleicht 
man die genialischen Werke der Jugend mit den Meister- 
stücken der reifen Zeit, so kann man verfolgen, wie das 
Zweckbewußtsein des Stürmers in das Ziel bewußt sein des 
Erziehers übergeht. Der fortwährend auf das Werden der 
Gesellschaft und die großen gemeinsamen Interessen ge- 
richtete Sinn taucht in das große Geschehniß, das die 
Schicksale der Massen bestimmt, hinab, um daraus Er- 
fahrungen für die sittliche Welt heraufzuholen. Die Kriegs- 
welt, aas Walten der Diplomatie und das Leben der Höfe 



2o8 Abhandlungen. 



beschäftigen aufs tiefste zugleich den forschenden und den 
gestaltenden Geist. In den »Wallenstein«, in das unver- 
gleichliche Stück politischer Darstellung, ragen »Max« und 
»Thekla« noch als zwei Gestalten aus jener Zeit herein, 
die für ihre Ideale den Kampf auf Tod und Leben führt, 
ohne den Mitteln der Verwirklichung nachzufragen; während 
alle übrigen Charaktere des großen gruppenreichen Werkes 
von praktischen Interessen bewegt erscheinen, gegen die 
das sittliche Bewußtsein stärker oder schwächer reagirt und 
die uns wie an einer Skala den Uebergang von »gut« zu 
»schlecht« veranschaulichen. »Maria Stuart«, das einzige aus- 
gesprochen höfische Stück Schillers ist ganz von dieser tragi- 
schen Trübung der Sittlichkeit beherrscht, die uns das Leiden 
am Leben, die Pein des Kampfes zwischen Sinnenlust und 
Seelenfrieden erkennen lehrt. In der »Jungfrau« tritt wieder 
das Vorbildliche in seine Rechte und in ungemein charak- 
teristischer Weise erscheint es jetzt im Gegensatze zu den 
Jugendwerken völlig abgelöst von politischen Lieblings- 
vorstellungen, in zeitfremde Zustände getaucht als die 
Hingebung an jenes reine sittliche Ideal, das sich unter 
allen Verhältnissen und in der verschiedenartigsten Sym- 
bolik ausleben kann. Die »Jungfrau« ist der verkörperte 
Sieg über die Sinnlichkeit, soweit er dem Menschen er- 
reichbar ist, die fleischgewordene Llingebung an das Ganze, 
an die Nation, der Altruismus in Menschengestalt, durch 
die Macln der Idee ergreifend und mit sich fortreißend, 
obgleich es sich um eine fremde Nation handelt und um 
die Erhaltung von Zuständen, die uns nichts weniger als be- 
gehrenswerth erscheinen — die ganze Macht des Bedingungs- 
losen, das über allem Bedingten dahinschwebt und den 
Menschen sittlich adelt, gleichviel in w^elche Cultur und 
in welche Zeitanschauungen er durch die Geburt hinein- 
gerathen ist. Mit der ausgesprochenen Absicht, künstlerisch 
den Sieg der Formen über den Stoft" und ethisch den Sieg 
der Sittlichkeit über Culte und Symbole zu versinnlichen, 
entrollt sich dann in der »Braut von Messina« eine Welt, 
die allen Zeiten und keiner angehört und gleichsam die 
Summe des Menschenlebens zieht, um Unterwerfung, 
Demuth, Bescheidung in unsere Gemüther zu pflanzen. 
Da Schiller im »Teil« noch einmal zu einem ausge- 
sprochen politischen Thema zurückkehrt, ist er völlig 
der Künder des Menschen- und Volksheiles geworden, 
in den er sich als Knabe hineindachte, als er auf den 
Stuhl der Kinderstube stieg , um seinen Geschwistern 
zu predigen. Er kennt nun die bewegenden Mächte und 
die Gesetze der Entwicklung, er hat den Drang nach Freiheit 
nicht verloren und die Ehrfurcht vor dem Gewordenen 



Schiller und Goethe. 209 

gewonnen, als Menschenkenner und Gottesmann zugleich, 
gesättigt von geschichtlicher und politischer Bildung und 
unerschütterlich ideentreu, verkündet er seinem leidenden 
Volke die Befreiung durch eigene Kraft. PoUtisch und 
social ruht die Erhebung, die im »Teil« dargestellt ist, 
nicht mehr auf der schwärmerischen Vorstellung von einer 
Weltverbesserung, die sich von heute auf morgen vollzieht, 
sondern auf der Freiheit, sich gesetzmäßig, natürlich, 
organisch zu entfalten. Dieses durch eine lange Reihe von 
Geschlechtern erworbene Recht kämpft gegen die Ver- 
gewaltigung an, so daß der conservative Zug im höchsten 
Sinne des Wortes auf Seiten der Revolutionäre ist, auf 
Seiten der Schweizer Bauern, die für Brauch, Gut und 
Anspruch ihrer Väter eintreten, während die Vögte nur 
den Schein der conservativen Einrichtungen nutzen, um 
die Revolution dahinter zu bergen. In rein menschlicher 
Beziehung vereinen sich zwei Elemente des idealtreuen 
sittlichen'Verhaltens, die der »Jungfrau« und der »Braut von 
Messina« die Grundstimmung gegeben haben, um den Sieg 
der Sittlichkeit zu verkünden, die opfer- und kampfesmuthige 
Elingebung und die Demuth und Ehrfurcht vor den walten- 
den Gesetzen. Beides, Altruismus und Bescheidung, ist im 
»Teil«, ist in der Gesammtheit des schlichten Landvolkes, 
das keine Gefahr scheut und jedes überkommene Recht 
achtet, verkörpert. Dieselbe Entwicklung spiegelt sich in 
Schillers bedeutender, gedankenschwerer Lyrik und in seinen 
Prosaschriften. Er steht auch hier auf dem Standpunkt 
großer sittlicher Postulate und gelangt auch hier allgemach 
dazu, das Gebot ihrer Erfüllung, die praktische Anregung 
für das Leben, die ethische Einzelforderung immer mehr 
der natürlichen Entwicklung anzupassen. Er setzt die 
»Ideale« auf den Thron und legt den »Künstlern«, den 
Vertretern des bewußten idealen Lebens die Würde der 
Menschheit in die Hand. Die Kunst, die der Mensch allein 
hat, hebt ihn über Trieb und Gewohnheit zum sittlichen 
Leben empor. Aber diese Gedankenpoesie geht immer 
mehr in die gegenständliche über; sie stellt die Art, wie 
man ein bürgerUches Einzeldasein mit sittlichem Gehalte 
erfüllt, im Bilde des Glockengusses dar und rückt das 
Emporstreben der Gesellschaft zur Cultur sowie die Be- 
freiung von den Auswüchsen des überfeinerten Lebens im 
»Spaziergang«, der vom freien in das städtische Gewühle 
zurückführt, lebendig vor Augen. Unverhüllt treten die 
leitenden ethischen und ästhetischen Ideen in den philo- 
sophischen Prosaschriften zu Tage. In den »Briefen über 
die ästhetische Erziehung des Menschen«, die Schiller an 
den Herzog von Augustenburg richtet, wird eine Ver- 

Goetbe-Jahrbvch XIX. I4 



210 Abhandlungex. 



Schmelzung beider versucht, ein stilles, mäliges Ineinander- 
greifen der Geschmacks- und der Charakterbildung nach- 
gewiesen, die Brücke vom Schönen zum Guten geschlagen, 
die der ästhetisch erzogene Mensch an der Hand der Ge- 
wöhnung zur Harmonie und zum Maße wandelt, um der 
Vollkommenheit näher zu kommen. Unschwer erkennt 
derjenige, dem die philosophische Geistesarbeit des iS. Jahrh. 
nicht fremd ist, die pädagogische Grundanschauung wieder, 
die eine Bestimmung, einen Vollkommenheitszweck voraus- 
setzt, und was geschehen ist, als Weg zu diesem Ziele zu 
erklären, was noch werden soll, durch die Macht der Er- 
kenntniß rascher auf diesem Wege vorwärts zu führen 
versucht. Der geheime Plan, für den irgend ein unsicht- 
bares Weltsubject angenommen wird, wirkt durch alle Welt- 
objecte hindurch. In der »prästabilirten Harmonie« von 
Leibnitz erscheinen Gott und die Welt, das Göttliche und 
das Physische an uns selbst auf die Erfüllung desselben 
Endzweckes gestimmt und werden mit zwei Uhren ver- 
glichen, von denen jede ihr selbständiges Räderwerk hat 
und deren Zeiger doch immer genau auf denselben Punkt 
weisen und dieselbe Stunde, dieselbe Minute anzeigen müssen. 
Diese geistvollste aller teleologischen und dualistischen 
Theorien, die so dicht an den Einheitsgedanken, an den 
Pantheismus herantritt, wirkt in Lessing nach, wenn er 
die Erziehung des Menschengeschlechtes auf den Weg durch 
nothwendige Täuschungen hindurch verweist, auf dem die 
Menschheit methodisch zur Wahrheit emporgeläutert wird, 
und in Schiller, wenn er den Sinn tür das Schöne, für das 
zwecklos Harmonische, zur ordnenden und reinigenden 
Macht unseres moralischen Lebens ausprägt, die uns durch 
Anschauung des Schönen zum Guten hinüberleitet. In der 
Abhandlung »Ueber naive und sentimentalische Dichtung« 
aber wird die Betrachtung über den Künstler, der die Natur 
ist, und über den Künstler, der die Natur sucht, zuletzt 
darauf hinausgeführt, daß beide auf verschiedenen Wegen 
zum Ideal der Vollkommenheit gelangen. Durchweg war 
also der Blick Schillers in letzter Linie auf die Heran- 
bildung der Menschen gerichtet. Er wollte immer un 
mittelbar hinauswürken und war darum unablässig bemüht, 
die Gesetze der Wirkung von Mensch zu xMensch zu er- 
kennen und sich namentlich als Künstler jener Tribüne zu 
bemächtigen, von der am unmittelbarsten auf Viele zugleich 
gewirkt werden kann. Er bildete in sich den größten 
Techniker des Dramas aus, den wir Deutsche je besessen 
haben. Nicht in dem Sinne, als ob er die Arbeit abge- 
schlossen hätte und kein Fortschritt über ihn hinaus mög- 
lich wäre, wohl aber den größten, mit dem Maße des 



Schiller und Goethe. 211 

Fortschritts gemessen, den er, wie kein zweiter, für die 
wirksame Composition gefunden hat, und in dem Sinne, 
daß derjenige, der den Grundriß zieht und für alle Zeiten 
feststellt, mehr gethan hat als ein Nachfolger, der die 
Gliederung reicher gestaltet und die Linie durch Orna- 
mente belebt. Weit über Lessing hinaus, an den er an- 
knüpfte, dessen Dramaturgie er studirte und von dem er 
die Erklärung der wesentlichen tragischen Wirkungen an- 
nahm, wurde er der eigentliche Baumeister des Dramas, 
der die architektonischen Verhältnisse feststellt, zu den 
Höhepunkten hinanleitet, schwierige Lösungen durchführt 
und für die Gliederung einen Stil begründet. Und dieser 
große Zug des Wirkens, diese Erzieherfreude am Bewegen 
und Lenken der Menschen, diese edle Leidenschaft an dem 
Werdegang von Gesellschaft und Staat bestimmend Antheil 
zu nehmen, beseelt seine Ausdrucksweise, giebt ihr den 
Nachdruck und die anschwellende Fülle, giebt ihr die Neigung 
immer wieder auf dem Allgemeinen, das aus dem Besondern 
hervorwächst, mit der ganzen Schwere bewußten Wollens 
auszuruhen, den drängenden Puls und den großen redneri- 
schen Athem. 

Ganz anders muthet uns der Werdegang Goethes an. 
Wenn man die Jugendwerke der beiden Heroen gemeinhin 
durch das Wort »Sturm und Drang« zu kennzeichnen ver- 
sucht, durch ein zur Einheit gewordenes Doppelwort wie 
Goethe und Schiller, so thäte man gut, bei der nachdenk- 
lichen Betrachtung auch hier wieder an die Elemente zu 
denken, aus denen sich die Einheit gebildet hat. Der Sturm 
ist in diesen Jugendwerken mehr auf Seiten Schillers, der 
Drang mehr auf Seiten Goethes. Denn mit dem einen Worte 
pflegen wir die Macht zu bezeichnen, die aus den Höhen 
niederfährt und das Morsche gefährdet, mit der andern das 
innere Bedürfniß der Menschennatur, nach außen zu dringen 
und sich zu bethätigen. In Schillers Jugendwerken vollendet 
sich der stürmische Aufklärungsproceß, der von den Höhen 
der frei denkenden Geister in die Niederungen des Lebens 
eindringt und alle schwach gestützten Bauten der Autorität 
und der Dogmatik erschüttert. In Goethes Jugendwerken 
befreit sich vor Allem der Naturdrang der nach freier Ent- 
faltung ringenden Individualität von den Fesseln eines be- 
engenden Herkommens. Nicht der dictatorische Gedanke, 
der eine schUmme Herrschaft bewußt durch eine bessere 
ersetzen will, sondern das ursprünghch in den Menschen 
gelegte Gefühl kämpft in Goethes Jugendwerken gegen 
den Zw^ang des Herkommens, der Schulweisheit und einer 
Theorie, die sich die Führung des Lebens anmaßt. Hier 
gilt nicht das Wort, daß die Jugend rasch fertig mit dem 

14* 



212 Abhandlukgek. 



Urtheil ist, in dem Schiller später das Motto zu dem ge- 
waltigen, oft aber auch gewaltsamen Gerichtsverfahren seiner 
eigenen Jugendwerke fand, hier stemmt sich vor Allem 
die Kraft gegen die überkommenen Urtheile, und da sie 
ein neues Gesetz derBethätigung sucht, will sie es zunächst 
aus der ersten Hand der Natur, aus der Anschauung, aus 
der Vertiefung in den Werdegang alles Lebendigen, worein 
Mensch und Volk nur als Theile des Weltganzen unlöslich 
eingesponnen sind, empfangen. Wenn Goethe sich in den 
ersten Entwicklungsjahren des Genies am Straßburger Dom, 
an der Chronik des Gottfried von Berlichingen, an der lösen- 
den Kraft einer Mondnacht und an dem Schicksal eines 
Unglücklichen begeistert, dem das Gefühl Alles gegolten 
hat^ so geht durch diese so verschiedenartigen Stimmungen 
der gemeinsame Zug hindurch, die Naturkraft, die alles 
Mächtige hervorgebracht hat, neu- oder wiederzugewinnen 
und ihr den Sieg über alle künstlichen Verschränkungen 
des Daseins zuzusprechen. Den Theorien, welche die Künste 
begrifflich sondern und ausschöpfen wollen, den Weltver- 
besseren und Gleichmachern, welche die Entwicklung in ein 
enges gradliniges Bette zwingen wollen, den Orthodoxen 
der Aesthetik und der Dogmatik stellt sich der Geist, der 
das Rauschen der Quellen unter den Trümmern vernimmt 
und dem Quellsprung wieder einen Weg bahnen will, mit 
Streitbarkeit entgegen. Wehe dem Volke, das die »roßen 
natürlichen Regungen vergessen hat , das schöpferische 
Gefühl, das sich eigenartig zu einem Dom erbaut, um sich 
in seiner hinanstrebenden Vielheit und Einheit darin wieder 
zu finden! Wehe dem Unglücklichen, der sich in die enge, 
verschnörkelte, durch Gehege und Pallisaden verunstaltete 
Welt mit einem großen Gefühle hinauswagt, wehe der 
Nachkommenschaft, die eine überschäumende, nur ihrem 
Naturgefühl gehorchende Kraft wie Götz verkennt, und 
dreifach »Wehe« der Geduld, die an das Gestein der Schul- 
weisheit pocht, ohne einen Tropfen Labung für die dürstende 
Seele herauszuschlagen! Was ist das für eine Revolution, 
was für ein Schmerz? Es ist der Zorn, das Mahnen und 
das Ringen der Naturkraft, der der Hochmuth zweck- 
bewußter Theoreme und einengender, gesellschaftlicher 
Einrichtungen im Leben, Schäften und Erkennen Grenzen 
gesetzt und Fesseln angelegt hat, es ist die unsägliche 
Sehnsucht, alle künstlichen Scheidewände und Schranken, 
die den Menschen von der ursprünglichen Einheit mit der 
Natur trennen, niederzureißen, das drängende Bedürfniß, den 
Menschen, der durch Speculation und Zähmung von Seiten 
der Gesellschaft im höchsten Sinne weltfremd geworden 
ist, vor Allem das eigene Innere zu befragen: »Weißt du 



Schiller und Goethe. 21 



noch, wo deine Heimath ist?« Die Individualität ist das 
Ursprünghche, das in der Gesellschaft zu verkümmern 
droht — »Stell dich auf ellenhohe Socken, du bleibst doch 
ewig der du bist«. Gefühl ist Alles und Schall und Rauch 
der Name, an den sich die ohnmächtige Schulweisheit 
klammert, die Anschauung ist das gewaltige Band, das 
unser Bewußtsein mit der Natur verbindet, und der Mensch 
entartet, wenn er dieses Band zerreißt, wenn er sich gleich- 
sam blendet, um im Dunkel der Speculation umherzutappen. 
Aus jenem Zorn entspringen all die Kraftworte des jungen 
Donnerers, die gegen die Zaunhüter der Menschheit und 
der Gesellschaft gerichtet sind, aus jenem Mahnen an die 
Herkunft, an die Heimath steigt die gewaltige Prometheus- 
gestalt empor, aus jenem Ringen erwachsen die tragischen 
Helden Werther, Clavigo, Fernando in »Stella«, die ganz 
auf die Freiheit der Individualität und das Gefühl gestellt 
sind, aus jener Sehnsucht entfalten sich die herrlichen Natur- 
lieder des Jünglings und aus dem Drange nach einer Er- 
kenntniß, die durch das trübende Mittel hindurch mit der 
Kraft der Anschauung ans Flerz der Welt dringen möchte, 
ersteht schon dem Studenten der Faust, der Urmensch, der 
zum Bewußtsein seiner selbst erwacht, den die einschläfernden 
Täuschungen, in die sich der von der Natur abgefallene 
Geist eingelullt hat, zur Verzweiflung treiben und der alle 
Dämonen zur Hilfe ruft, um den Kern der Dinge zu fassen 
und die ganze Welt in sein Gefühl und in seine Anschauung 
einzuschlingen. Was ist der Mensch? »Natur von innen«, 
antwortet Goethe auf der Höhe seiner Entwicklung. Also 
Kraft von der Kraft, die die Natur ringsumher belebt, kein 
Fremdes, mit besonderer Absicht in die Welt Gesetztes, 
das den Beruf hat, sich als Geist der Natur entgegen- 
zustemmen. Natur von innen, organische Kraft, die mit 
der Fähigkeit ausgerüstet, sich selost in der Natur zu er- 
kennen, die durch Sinne und Bewußtsein, durch Gefühl und 
Anschauung das All, zu dem sie gehört, an sich heranziehen 
kann. In ihrer höchsten Entwicklung sucht diese Natur von 
innen sich mit tausend Organen an die Welt zu klammern, 
wird sie ganz Auge, um alle Größe und Schönheit des 
Gewaltigen, das sie umgiebt, in sich aufzunehmen, und 
ganz Begehren, auf den Grund des Entstehens und Ver- 
gehens zu blicken, aus dem sich das Leben rino;sum ge- 
staltet und dem sie selbst unterworfen ist. Auf aen Grund 
zu blicken, der immer da gewesen ist und immer da sein 
wird, nicht nach dem Zwecke zu fragen, den die Hilflosigkeit 
des Menschen in das All hineingedichtet hat. — Damit 
rühren wir an den Kern des Goethischen Wesens, der uns 
so unendlich viel Licht ausstrahlt, daß Generationen ihr 



214 



Abhandlungen. 



Auge stärken mußten, um sich daran zu gewöhnen und es 
empfangen zu können. ^k\iipropaga)!distisch, nicht auf Ideen 
eingescnworen, welche gleichsam die Erzeuger und Lenker 
der Welt sein sollen und der Menschheit von vorne herein die 
Wege weisen, genetisch, auf das Gesetz der Entwicklung 
gerichtet, das in uns wie in allem Lebendigen waltet und auf 
das wir uns wieder besinnen müssen, ist sein Dichten und 
Denken vom Anfang bis zum Ende. Es ist eine Möglichkeit 
das Leben Schillers trotz allen Reichthums, der sich gegen den 
Zwang der Eintheilungen sträubt, programmatisch zu fassen; 
denn er gesteht ein Programm ein, das er freilich, indem 
er es erfüllt, auch immer wieder erweitert, er weist un- 
verwandt auf Ziele hin, die, so fern sie sind, doch als 
Forderungen deutlich bezeichnet werden können. Goethes 
Geist ist unablässig auf das Werden gerichtet, das niemals 
stille steht. Sein Programm ist, im höchsten Sinne zu leben, 
die Natur von innen zur ganzen Natur zu erweitern, und 
so führt uns sein Schaffen, Beobachten und Erkennen immer 
wieder ans Unendliche heran, das in Grundsätze nicht ein- 
zufangen ist. Um ihn zu denken, muß man den kühnen 
Versuch wagen, wie er selbst zu denken, das Lebendige 
nicht an dem Gedanken zu messen, sondern aus der Quelle 
heraus zu verstehen. Auf das ewig Quellende bleibt sein Blick 
gerichtet, um es genießend und schaffend auszuschöpfen, so- 
weit ein Mensch es vermag, um es denkend und darstellend 
in das eigene Bewußtsein, in das Bewußtsein Aller, die ihm 
folgen können, zu rufen. Schön ist ilmi die reine Natur, 
die sich unbewußt darstellt und in seinen Frauengestalten 
die höchsten Triumphe feiert, wesentlich alles, worin ein 
Werden und Wachsen liegt und woraus das Lebendige 
auffordernd zu den Sinnen spricht — Blatt und Blüthe, 
Thier und Mensch, die Erde und der Wolkenzug über ihr, 
der ursprüngHche Drang des Volksthums und die Ent- 
stehung der Sprache, groß ist ihm jede gewaltige Eigenart, 
die die Natur selbst in den Menschen gelegt hat, tragisch 
der Kampf dieser Eigenart mit einem Künstlichen und 
Erdachten, das uns im Leben umgiebt, und wahrhaft sittlich 
das Gefühl, das sich mit der erhaltenden und schaffenden 
Natur in Einklang setzt. So sieht er die Kunst und das 
Leben an, so versenkt er sich in die Mannigfaltigkeit der 
Welt, um als Künstler wieder natürlich Schönes heraus- 
zuempfinden, als Seelenkünder die natürlichen Regungen 
des Herzens zu erlauschen, als rastloser Beobachter und 
Denker die Motive, das Treibende in der Natur selbst, zu 
finden. So erklärt sich sein Verhältniß zur Antike, zum 
Leben seines Volkes und der Menschheit, zu den Menschen, 
die ihn umgeben und zu der geistigen Arbeit, der er Wege, 



Schiller und Goethe. 215 



aber nicht Zieh weist. In seiner historisch poHtischen 
Traoödie »Egmont« tritt keine allgemeine Forderung an 
die Staaten und Fürsten auf als die, die Quellen der natür- 
lichen Entwicklung nicht zu verschütten. Der Held ist 
kein Prophet, kein Neuerer und kein Märtyrer, der um 
Bewunderung buhlt, vielmehr eine liebenswürdige Indi- 
vidualität, die lieber das Leben als die Freiheit der Ent- 
faltung opfert und der es gleich gilt, den Nacken unter 
das Joch der einzwängenden Willkür zu biegen oder unter 
dem Beile zu ducken. Für diese Freiheit der individuellen 
Entwicklung, für dieses Recht, das mit uns geboren ist und 
das durch die Freiheit zur harmonischen Entfaltung aller 
Kräfte, zur Gesundheit und Naturfreudigkeit iührt, sah 
Goethe in der Antike das Vorbild, das nicht sowohl seine 
Emptindungsweise als seine Ausdrucksform bestimmte und 
das ihm nicht für die Stimmung der Demuth, sondern 
für die des höchsten Selbstvertrauens typisch wurde. Darum 
nähert er sich der Antike nicht nur dann, w'enn er ihre 
Motive behandelt, sondern immer, wenn es sich um die 
Darstellung des gesunden Triebes oder der Gesundung 
handelt, denn »klassisch«, so sagt er uns selbst mit Hin- 
w^eisung auf die krankhaften Stimmungen der Romantik, 
»klassisch ist das Gesunde«. So fließt ihm die antike Form 
mit der Anschauung des freiem südlichen Lebens, die er 
persönlich gewonnen, mit der Betrachtung der freien Lehens- 
führung souveräner Menschen im »Tasso« in ein Bild zu- 
sammen, in jener merkwürdigen Tragödie, in der es keinen 
physischen Kampf und kein physisches Unterliegen giebt, 
deren Conflict und Lösung darin liegt, daß die Freiheit 
der Phantasie, die sich das Leben nachbilden will, sich 
schmerzvoll an das Lebensgesetz klammert, an dem sie 
scheitern sollte, und in der eine Seite des Faustproblems — 
der Kampf der Phantasie mit ihren Schranken — ihre be- 
sondere Behandlung und Lösung findet. So ist ihm die 
antike Form die der schön waltenden Freiheit der Empfin- 
dung, die typische für die schönste Darstellung der ge- 
sunden Einfalt in seinem eigenen Volke, iur die Verherr- 
lichung deutscher Art in »Flermann und Dorothea«, wo das 
Naive der rein menschlichen Triebe sich als ausgleichende, 
versöhnende und verbindende Kraft bewährt. Ueberall ist 
Griechenland, wo der Mensch unbeirrt durch trennende 
Satzung und Vorurtheile aus der Natur heraus den Weg 
zur Wahrheit und zur Menschlichkeit findet, in dem kleinen 
deutschen Städtchen, in dem der Bürgerssohn der Land- 
flüchtigen die Hand reicht, und auf Tauris, wo Iphigenie 
das Land der Griechen mit der Seele sucht ; denn die 
Stimme des reinen menschlichen Gefühls vernimmt jeder. 



2i6 Abhandlungen. 



geboren unter jedem Himmel, dem des Lebens Quelle durch 
den Busen rein und ungehindert fließt. Hier stehen wir mit 
einem Male vor dem ethischen Zuge der Goethischen Dich- 
tungen, der in wundervoller Weise mit dem genetischen zu- 
sammenfließt. Das Gute ist nicht ein Postulat, es ist da, es ist 
vorhanden, es liegt in der zeugenden, erhaltenden und ewig 
spendenden Natur, w^o wir es täglich und stündlich er- 
kennen, wenn unser Blick nicht durch die Willkür der 
Leidenschaft oder der Speculation getrübt ist, es Hegt in 
der Natur von innen, wenn wir nur den Muth haben, dem 
dunklen Drange des freien Menschenthums in uns zu folgen. 
Die Liebe ist in allem Lebendigen, das sich gesund ent- 
wickelt, keine Idee, die über dem Weltganzen schwebt, ein 
Gewordenes und täglich wieder Werdendes, keine Kraft, 
die von außen stößt, sondern eine, die in uns liegt, wenn 
wir unserem Gefühle vertrauen. Iphigenie überlegt nicht, 
sie fühlt nur und löst dadurch alle Wirren in Harmonie 
auf, und diese Liebe, die in ihr Natur von innen ist, erfüllt 
das Weltganze im »Faust« und übernimmt auch hier wieder 
die Lösung des ungeheuren Problems, das die Kämpfe des 
ringenden JVIenschen nach allen Richtungen hin umfaßt und 
uns gleichsam an den Markstein der Schöpfung führt. Der 
Versuchung, das Faustproblem an dieser Stelle zu erörtern, 
muß ich widerstehen, weil die Betrachtung mich zu weit 
führen müßte, um im Rahmen dieses Aufsatzes die Rückkehr 
zur Darlegung der Grundgedanken zu finden. Aber die 
Lösung des Menschheitgedichtes wollen wir uns vor Augen 
halten, um auf dem Wege der Dichtung, die das ganze 
Leben Goethes umspannt, an das Endziel der Goethischen 
Entwicklung heranzugelangen. Die Einzelstücke des »Faust« 
sind auf jedermanns Lippen und in jedermanns Gedächtniß, 
aber das Ganze der größten Dichtung der WeltHteratur 
wird viel zu wenig gewürdigt und empfunden, wozu die 
Irrmeinung, daß der zweite Theil ein esoterisches Werk 
für Gelehrte und Forscher sei, lange Jahre hindurch ganz 
wesentlich beigetragen hat. Das Ganze ist trotz seiner Viel- 
fältigkeit, die sich nur dem verweilenden Blicke entwirrt, 
trotz der dunklen Beziehungen, die namentlich in den 
zweiten Theil eingewoben sind und durch die Forschung auf- 
gehellt werden müssen, eine in sich geschlossene Dichtung, für 
Jeden in Handlung, Entwicklung und Schluß nachzufühlen, 
der sich den BHck nicht durch vorgefaßte Meinungen beirren 
läßt. Faust tritt uns in der Verzw'eiflung des Geistes ent- 
gegen, der von der Natur abgefallen ist und in der Dürre 
der Speculation verschmachtet. Er ist an die Grenzen des 
Wissens vorgedrungen und hat mit Aufopferung seines 
Sinnenlebens" nichts" erreicht, als die ihn niederwerfende 



Schiller und Goethe. 217 

Erkenntniß, daß wir nichts wissen können. Nun möchte 
er um jeden Preis im Sturme an das Herz der Welt heran- 
dringen, getrieben durch ein unendliches Begehren, die Welt 
geistig und sinnlich in sich aufnehmen und im Genüsse 
und in der Erkenntniß an das Aeußerste vordringen. Dazu 
verbindet er sich mit Mephisto, bereit jede andere Seligkeit 
dahinzugehen, wenn ihm diese Befriedigung zu Theil wird, 
d. h. er folgt dem Dämon in der eigenen Brust, der alle 
Satzung verneint, alle Ueberlieferung aufhebt und rück- 
sichtslos das Exempel der Menschheit an sich erproben will. 
Was er nicht erkannt hat, will er erschauen und erfühlen, 
soweit nur Sinne und Empfindungen reichen. Ich folge 
ihm hier nicht durch alle Höhen und Tiefen des Lebens, 
in denen uns alle Innern Erlebnisse des erst ins All hinaus- 
stürmenden, dann in alle Lebenssphären versinkenden Geistes, 
ins Gewaltsame und Gewaltige gesteigert, entgegentreten, ich 
frage hier nur nach dem Ende der kollossalischen Dichtung, 
nach der Lösung und finde sie nicht dort, wo mah sie 
gemeinhin zu suchen pflegt. Denn die allgemeine Meinung 
ist die, daß der genießende, forschende, streitende und 
herrschende Mensch, der alle Wonnen und Schauer durch- 
gekostet hat, dem die Menschen sich hingaben und die 
Geister dienten, der Könige beherrschte und Schlachten 
gewann, der aus dem Schöße der ewig zeugenden Urkraft 
noch einmal die Vergangenlieit heraufholte, um auch die 
Grenzen der Zeit zu durchbrechen wie jene des Raumes 
und die herrlichste Entwicklung der Vergangenheit noch 
einmal zu durchleben, der zwei Welten, die germanische 
und die griechische in sich vermählt hat, um die Harmonie 
zweier Weltanschauungen zu genießen, zuletzt seine Be- 
friedigung darin findet, ein großer Colonisator zu werden, 
dem Meere Land abzugewinnen, Katurkräfte frei zu machen 
und neues Leben thätig um sich hervorzurufen. Auf diesem 
Punkte angelangt sagt er zum Augenblicke: »Verweile doch, 
du bist so schön« und wäre nach dem mit Mephisto ge- 
schlossenen Pacte der Hölle verfallen, wenn der Himmel 
selbst sich nicht herabsenkte, um ihn vergebend und ver- 
klärend heranzuziehen. Ganz so aber vollzieht sich die 
Lösung für denjenigen, der sich unbefangen an die Dichtung 
hingiebt, keineswegs. Faust hat auch noch als Colonisator 
das tiefste Gefühl der Unbefriedigung; mitten in seiner 
Herrlichkeit faßt ihn der Ekel, und wenn er die Lande, die 
er geschaffen hat und beherrscht, überblickt, so quält ihn 
der störende Anblick der Hütte, in der Philemon und Baucis 
v/ohnen — ein tiefsinn'h^es Symbol dessen, luas ihm auf seiner 
schaurigen Höhe fehlt, ein tiefcharakteristischer Zug, dessen 
Bedeutung nicht hoch genug angeschlagen werden kann. 



2l8 Aehandlunx-ln. 



In dieser Siimmung der Armuth, die er in all seinem 
Reichthum sich selbst nicht verleugnen kann, von noch 
tieferem Grauen bei der Nachricht erfaßt, daß sein Neid 
auf die Liebe der Alten wider Willen zum Morde geführt 
hat, wird er von der Sorge überrascht, die an ihn, den ewig 
Begehrenden, herankam, während xMangel, Noth und Schuld 
keinen Weg zum Mächtigen und Unverantwortlichen finden. 
Schon wandelt ihn die Lust an, sich auch hier seiner Macht 
zu bedienen und die Sorge mit einem Zauberwort zu 
scheuchen, da iaßt ihn, dem längst vor seiner Gottähnlichkeit 
bangte und der aus tiefem Grauen heraus einen letzten 
Weg zum Glücke sucht, die ungeheure Sehnsucht, ins rein 
Menschliche zurückzukehren, und er ruft sich mit derselben 
Kralt, mit der er einst die Geister zu Hilfe rief, das Wort 
zu: »Nimm dich in Acht und sprich hein Zauberwort.« So 
löst er sich selbst aus dem Bann des rücksichtslosen Be- 
gehrens: 

»Der Erdenkreis ist mir genug bekannt, 

Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt: 

Thor! wer dorthin die Augen blinzelnd richtet, 

Sich über Wolken Seinesgleichen dichtet. 

Er stehe fest und sehe hier sich um ; 

Dem Tüchtigen ist diese ^Velt nicht stumm«. 

Nun hat die Sorge wieder iMacht über ihn, sie blendet 
ihn, und im dunklen Drange ist er mit einem Male sich 
des rechten Wegs bewußt, den er, das All mit gierigen 
Augen durchschweifend, nicht finden konnte. Mitten in zwei- 
facher Nacht drängt es ihn zur Thätigkeit mit Genossen hin, 
die sich schafl'end regen; das Graben der Lemuren, die ihm 
die letzte Stätte bereiten, hält er für das rüstige Schafi^en 
der Knechte, die neue Gebiete urbar machen; der Gemein- 
drang, der Lücken ausfüllt, die Thätigkeit mit den Menschen 
und für die Menschen beseelt ihn mit einem Hochgefühl, 
das keine Errungenschaft der Weltfahrt ihm eingeflößt hat, 
jetzt spricht er das verhängnißvolle Wort zum Augenblicke: 
»Verweile doch, du bist so schön«. Schon will Mephisto 
nach dem Wortlaut des Pactes sich seiner bemächtigen — 
aber er hat kein Recht auf ihn, denn der Pact ist in Wahrheit 
nicht erfüllt, keine von allen Künsten Mephistos, Fausts 
eigener Entschluß, ein Mensch unter Menschen zu werden, 
hat das erste und letzte Glücksgefühl hervorgerufen und 
darum gehört er dem Himmel, dessen Boten ihn empor- 
tragen und dessen Engel singen: 

»Wer immer strebend sich bemüht, 
Den können wir erlösen. 



Schiller und Goeth!". 219 



Und hat an ihm die Liebe gar 
Von oben Theil genommen, 
Begegnet ihm die selige Schar 
Mit herzlichem Willkommen«. 

Die Liebe von oben ! Sie symbolisirt die Liebe, die im 
All selbst gelegen ist, und die der für Menschen schauende 
Mensch als Natur von innen empfindet. Alles Anschauen 
der Natur in Höhen und Tiefen beglückt nicht, wenn es 
nicht ein liebevolles Anschauen ist. Hat aber die Liebe 
von oben an dir Antheil genomnien, indem du einem 
Werden nachgingst im Leisen und Lauten, im Kleinen und 
Großen, dann faßt dich ein Glücksgefühl an, das den Augen- 
blick festhalten möchte, ob dich die Sorge überschattet, 
ob auch das Grab zu deinen Füßen giihnt. Dieses liebe- 
volle Anschauen der Natur, vom Drange zur rastlosen Auf- 
merksamkeit gemildert, von der Sehnsucht zur Andacht 
geklärt und gesteigert, dieses rastlose Erforschen und Fördern 
aller Wandlungen, in denen sich die Entwicklung vollzieht, 
beherrscht ganz und gar die letzten Jahrzehnte des Goethi- 
schen Lebens und Schaffens. Man spricht oft mit Unrecht 
in einem Athem von Kunst und Wissenschaft, und ein 
geistreicher Forscher, Prof. Alwin Schultz, hat sehr fein 
darauf hingewiesen, daß die Blüthe der Kunst und die der 
Wissenschaft auf verschiedenen Voraussetzungen beruhen 
und öfter auseinanderfallen als zusammengehen. Aber in 
Goethes letzter Entwicklung flössen in der That die wissen- 
schaftlichen und künstlerischen Darbietungen aus derselben 
Quelle der unsäglich liebevollen Versenkung in die Natur. 
Er war als Denker der anschauende Mann, der die Intuition 
gegen die Berechnung setzte, als Dichter der rastlose Be- 
obachter und Belauscher der Natur, die er in sich trug, um 
sich sah und an sich heranzog. Er schuf für sich und sein 
Volk in der That eine gleichzeitige, aus derselben Wurzel 
emporschießende Blüthe von Kunst und Wissenschaft. Wie 
die Natur in den Motiven der handelnden Menschen, so 
beschäftigte sie ihn rastlos in der Entwicklung der Pflanzen, 
in der Lagerung der Gesteine, in der Entwicklung der Arten, 
im Werdeproceß des menschlichen Knochengerüstes, in den 
Wogen des Lichtes, das für uns zur Farbe wird, und in den 
Wellen des Schalls, die uns mit Wohllauten umrauschen. 
»Mehr Licht« war sein letztes Wort und sein letzter Blick 
fiel auf eine akustische Tabelle, die in seinem Sterbezimmer 
dem Lager gegenüber an der Wand hing. 

Fassen wir nun den Aufstieg ins Auge, wie ihn jeder 
für sich vollbringt, so gewahren wir deutlich, wie ver- 
schieden die Ausgangspunkte ihrer Entwicklung und die 



220 Abhandlungen. 



Kräfte sind, auf die sie sicli stützen. Schiller tritt gleich 
zu Beginn propagandistisch auf und will auf die Menschen 
sittlich bewegend einwirken bis zum letzten Moment. 
Goethe ist von allem Anfang an der Beobachtende, der 
sich in die Natur versenkt, aus der die Sittlichkeit selbst 
erst hervorkeimt, er will vor Allem wachsen, das All an 
sich heranziehen, die eigene Natur zum All erweitern und 
vorbildlich in sich und an sich das höchste Menschenwerk 
vollenden. Schiller vollendet in sich die Bildung des i8. Jahr- 
hunderts; er geht von der Idee aus, die das sittliche Ver- 
halten der Individuen, der Staaten und der Völker vor- 
zeichnet, er ist anthrofjocentrisch, der Mensch ist ihm der 
große Hintergedanke der Schöpfung. Die Teleologie des 
i8. Jahrhunderts ist ihm tief eingepflanzt. Er hört nie aut, 
das Leben, Leiden und Ringen der Menschen auf den Zweck 
hin zu betrachten, und wenn er, die kantische Philosophie 
auf dem Gebiete der Aesthetik ergänzend, das Schöne als 
das Zweckmä(!)ige ohne Zweck, d. h. als die Harmonie, die 
in sich selbst den Zweck trägt, bezeichnet, so ist ihm zuletzt 
doch die ästhetische Erziehung der Menschen ein geheimer 
Plan der sittlichen Vollendung, ein Mittel zum letzten 
Zweck der ethischen Vervollkommnung. Goethe lebt nicht 
nur, er lenkt, Richtung gebend, in das 19. Jahrhundert hin- 
ein, er sagt sich früh von der anthropocentrischen Vor- 
stellung lös, der Mensch ist ihm nicht der Hintergedanke 
der Schöpfung, sondern die Schöpfung der ungeheuere 
Hintergrund des Menschen, und, als Künstler und Denker 
an die" Fülle der Erscheinungen hingegeben, fragt er nicht 
nach dem Zwecke, sondern nach dem Grunde, den er zu 
erkennen sucht. So befreit er sich von der teleologischen 
Vorstellung und gibt sich ganz an die genetische hin. So 
lange die "Menschen die natürliche Welt als ein für sie 
eingerichtetes Erbe betrachten, den Erblassern aber ihre 
eigenen Züge geben, d. h. die erschaffenden Mächte nach 
ihrem Ebenbilde gestalten, so lange übertragen_ sie die 
Motive ihres eigenes Denkens und Handelns auf die Natur, 
und da bei allem planmäßigen Wirken der Menschen, aber 
auch nur bei diesem, Grun^ und Zweck in dem Begriff der 
Absicht zusammenfließen, empfängt das ganze Walten der 
Naturkräfte für sie den Schein der Absichthchkeit. Goethe 
kennt diesen Schein nicht, er fragt, die Natur betrachtend, 
nur nach dem Grunde und sucht auch diesen nicht in der 
Idee, sondern in der Anschauung. Schiller steht als Denker 
ganz in den Geisteswissenschaften drin und sucht von 
ihrem Boden aus die gegebene Welt zu erkennen. Goethe 
giebt sich ganz an die N'aturwissenschaft hin imd betrachtet 
den Menschengeist als ein natürhches Phänomen. Aut 



Schiller und Goethe. 221 

Hallers, in der ersten Hälfte des i8. Jahrhunderts berühmtes 
Wort »Ins Innere der Natur dringt kein erschaffner Geist 
Zu glücklich wem sie nur die äußere Schale weist« giebt 
er früh die Antwort: «Natur hat weder Kern noch Schale, 
Alles ist sie mit einem Male .... Dich prüte Du nur zu 
allermeist .... ob Du Kern oder Schale seist«. Den Blick 
auf den Kern, auf das ewige Werden gerichtet, begründet 
er, ein Vorläufer Darwins, ein Entdecker der Entwicklungs- 
gesetze, die Majestät der Naturwissenschaften. Diese ver- 
schiedene Art zu sehen drückt auch den großen künstlerischen 
Charakteren das Gepräge auf. Schiller trägt sittliche Postu- 
late in die Welt hinein, in der sie nach aller Erfahrung allein 
erfüllt werden können, in die Welt des Zusammenlebens 
der Menschen. Die Geschichte ist ihm nicht nur als Werde- 
proceß wichtig, sondern als die Erfüllung einer Mission; 
der Geist, der Macht über die Natur »ewinnt, soll sich in 
den menschlichen Einrichtungen verwirklichen und ihnen 
die Gesetze dictiren. Die wichtigsten Probleme liegen für 
ihn im Verhältniß des Menschen zu Staat, Volk, Gesellschaft; 
sie im Sinne einer beglückenden Freiheit, der er die Wege 
zeichnet, zu lösen, ist die Absicht, die ihn nie verläßt, und 
diese Absicht, die zur Leidenschaft, zur poetisch starken 
Empfindung wird, giebt seiner Sprache das hinreißende 
Gepräge, schärft sein Auge für alle Mittel der Wirkung, 
iür alle Gesetze der künstlerischen Composition, die im 
Grunde ja nur Gesetze der Psychologie des Publikums sind 
und dem starken Geiste aufgehen, der unmittelbar auf die 
Volksseele einwirken will. Für Goethe ist die SittHchkeit 
kein ideelles Postulat, sondern eine schaffende Kraft, deren 
Quelle in der Natur von innen liegt. Er lehrt nicht ihre 
Gesetze, er erfühlt und erschaut sie, und, wie Schiller die 
Gesetze zu haben glaubt und nach seinem eigenen Aus- 
spruch die Natur sucht, so hat Goethe die Natur und 
sucht die Gesetze. Alles Ethische ist ihm nichts als un- 
getrübte reine Menschlichkeit, die nur geweckt und be- 
freit sein will und das wichtigste Problem ist ihm der 
Mensch im Verhältniß zur Natur, nicht im Verhältniß 
zu menschlichen Einrichtungen. Wenn man ihn universell 
nennt, so muß man nicht allein daran denken, daß er mit 
seinen Kräften nach allen Seiten ausgegriffen hat, sondern 
daß die Beziehung zum Universum ihm das Wesentliche 
am Leben, Denken und Fühlen ist. Anzuschauen und das 
Natürhche groß, schön und liebevoll vor die Menschen 
hinzustellen, ist darum der innerste Antrieb seiner Kunst. 
Er befreit den Naturlaut, erlauscht ihn im eigenen Innern 
und im unbewußten Werdegange des Volkes und bildet in 
Sprache und Gestalt die stärksten und schönsten Offen- 



Abhandlungen. 



barungen der Natur nach außen. Dieses Bilden ist ihm vor 
Allem ein inneres Bedürfniß, eine Entladung des Innern im 
Ausdruck der Empfindung, eine erhöhte Anschauung in der 
typischen Wiedergabe der Natur, in dem Bilde, das uns das 
Ganze zeigt, während wir sonst nur Einzelnes empfangen. 
Die Wirkung tritt ihm in die zweite Linie, die Tribüne, 
von der aus sein Werk der Menge sich darbieten sollte, 
die Bühne, das Theater war ihm verhältnismäßig gleich- 
gültig gegen den Innern Organismus seiner Dichtung. Er 
dachte nicht an eine AutTührung seines Faust uncl ließ 
sich von Schiller gern in technischen Dingen der drama"- 
tischen Composition belehren. Das Theater muß sich 
ihm nähern, so gut es kann. Schiller hat die Versamm- 
lung vor Augen, Goethe den Einzelnen, der ihm entgegen- 
reifen muß. 

Aller dieser Unter.>chiede wird sich der Kenner von 
Goethe und Schiller früher oder später bewußt. Und dennoch 
wirkt diese Zweiheit wie Harmonie auf ihn, dennoch nennt 
das deutsche Volk Beide in einem Athem und hat dabei 
die große Einheit eines geistigen Nationalbesitzes vor Augen. 
Daß die Annäherung und Ueberbrückung der großen Gegen- 
sätze sich persönlich vollzog, daß die beiden Großen ein- 
ander landen und verstanden, über Verschiedenheiten der 
Denkweisen und Entwicklungsgänge, ja über Verkennungen 
und Mißverständnisse hinweg, war ein Glück für die Nation, 
wichtiger und folgenreicher als manche Fürstenzusammen- 
kunft, die die Geschichte verzeichnet, als manches Schutz- 
und Trutzbündniß der Diplomaten. Jenes Gespräch über 
die Metamorphose der Pflanzen, in dem Schiller die Ideen 
des neugewonnenen Freundes bewunderte, während jener 
nur von Anschauungen wissen wollte, die ihm neu auf- 
gegangen waren, jener erste Austausch von freundscliaftlichen 
Briefen im Jahre 1 794, in dem Schiller das Bild des Goethischen 
Genies entwirft und Goethe sich mit Rührung und Erstaunen 
so wohlgetrofFen findet, daß er den Entschluß fasst, den 
Jüngern Freund in all seine Forschungen einzuweihen, damit 
für alle Fälle eine Kraft bleibe, seine Aufgaben zu erfüllen, 
sind werthvollere Documente unserer Volksgeschichte als 
manche, denen man eine politisch epochale Bedeutung zu- 
schreibt. Das Wichtigste aber ist, daß diese Verständigung 
nicht bloß von persönlichen Neigungen dictirt war, sondern 
daß eine Ergänzung und Durchdringung des Schafi^'ens ein- 
trat, die uns eben jene volksthümliche Einheit von Goethe und 
Schiller geschenkt hat. Wie diese gegenseitige Einwirkung 
stattfand, wie Schiller durch Goethe immer mehr zur Be- 
obachtung hingelenkt, wie Goethe durch Schiller angeregt 
wurde, seine Beobachtungen immer mehr zusammenzufassen. 



SCtfILLHS UND GoETHr; 



wie allgemach die Pläne hinüber und herüberspielten, wie 
Schiller den »Egmont« von Goethe zur Bearbeitung über- 
nahm, Goethe die innerlich vorgedichtete Teilsage Schiller 
überließ, wie die Beiden sich vereinten, mit goldenen Ruthen 
das Flache und das Unbedeutende abzuwehren, wie sie 
im friedlichsten Wetteifer eine Blüthe des geselligen Liedes 
und der Ballade der Deutschen begründeten, das ist allzu 
bekannt, als daß ich es hier darlegen sollte. Darauf aber 
will ich verweisen, wie ihre Denk- und Betrachtungsarten 
sich mit einander erst aussöhnten, um einander zuletzt zu 
ergänzen und wie diese Ergänzung nun ein volles Jahr- 
hundert im \'olksbewußtsein fortlebt. In springenden 
Punkten berühren einander die Arten beider, das Leben zu 
nehmen, zu ertüllen und zu erhöhen. Jene teleologische 
Anschauung, die Schiller nie ganz aufgab, war in ihm zur 
höchst verfeinerten geworden. Die kindische Zweckmäßig- 
keitslehre, die in der ganzen Welt eine schön gedeckte 
und besetzte Tafel für den Menschen erblickt und jedem 
Geschöpfe auf den Kopf zusagen will, welchem unserer 
Bequemlichkeiten und Bedürfnisse es dient, war für ihn 
ein Gegenstand des Spottes und er ironisirte sie gemeinsam 
mit Goethe in den Versen: 

Welche Verehrung verdient der Weltenschöpfer! der, gnädig. 
Als er den Korkbaum schuf, gleich auch die Stöpsel erfand! 

Seine Teleologie, welche die sittliche Vervollkomm- 
nung des Menschen als den letzten Zweck der Bethätigung 
setzte, versuchte in den unendlich verschlungenen Wegen 
der Geschichte und des Lebens das oft tief verschleierte 
Hindrängen zum Fortschritte zu entdecken, und versenkte 
sich in die Fülle der Erscheinungen, in der der Geist sich 
offenbart. Diese rastlose Betrachtung des Göttlichen in 
der Welt rückte dicht an die Goethische Beobachtung 
heran, der die Welt selbst das Göttliche war. Wer über- 
haupt die beiden großen Weltauffassungen, von denen die 
eine das i8. Jahrhundert beherrschte, die andere im 19. 
zum Siege gelangte, die der Teleologie und die der Ent- 
wicklungstheorie verfolgt, der kann sich zuletzt der Er- 
kenntniß nicht verschließen, daß sie von verwandten Be- 
trachtungen ausgehen und daß in letzter Linie die eine 
die andere an sich heranziehen kann. Das stetige Sich- 
Verwundern über die Zweckmäßigkeit der natürlichen 
Organismen liegt beiden zu Grunde, der Annahme eines 
vorgedachten Planes, wie der Vorstellung von der Ent- 
stehung der Arten, in der der Kampf ums Dasein die An- 
passung an die natürlichen Bedingungen zu W^ege bringt. 
Der Teleologe kann diesen Kampf in seinen Gedanken 



224 Abhandlungen. 



eines geheimen Planes, der über den Kämpfenden schwebt 
und sich durch den Kampf erfüllt, herübernehmen, der 
Entwicklungstheoretiker kann in den Uranfang, der ewig 
in Dunkel gehüllt bleibt — das wissen wir von Darwin 
selbst — einen ursprünglichen Zweckgedanken legen, der 
freilich einen Eingriff in das unveränderliche Gesetz nicht 
mehr duldet. Diese Annäherung vollzieht sich in Goethe 
und Schiller. Wir können verfolgen, wie Schiller, durch 
Goethe angezogen, immer eifriger die Wechselbeziehungen 
der realen Welt erforscht und wie Goethe, betroffen durch 
die verwandten Ergebnisse, zu denen Schiller aut ideellem 
Wege gelangt, vor Allem im Innersten durch die Erkenntniß 
des eigenen Wesens, die Schiller ihm entgegenbringt, ge- 
rührt, "^der Denkweise des großen Ereundes Achtung be- 
zeugt, ja auf sie eingeht und in Schriften wie »Der Sammler 
und'die Seinigen«, in denen er das Charakteristische und das 
Schöne gliedert, ihr gewissermaßen seine Huldigung dar- 
bringt. In Bezug auf die Anschauung der Gesellschalt voll- 
zieht sich eine ähnliche Ausgleichung. Für Schiller ist die 
Freiheit ein Postulat, für Goethe ein Entwicklungsmoment. 
Aber in der Vorstellung des Freiheitszustandes, der zu 
einem größern Glücke der Menschen hinüberleitet, wird ihre 
Uebereinstimmung immer größer. Wenn Schiller in der 
Jugend das Naturrecht aus Urtheilen herleitet und Goethe 
dagegen die Rechte, die mit uns geboren sind, den fort- 
gesclileppten Gesetzen als gewaltigen Urtrieb gegenüber- 
stellt, so rücken die Bauern des »Teil«, die ihre alten Ge- 
rechtsame vertheidigen, doch nahe genug an die Nieder- 
länder in »Egmont« heran, die um ihre Privilegien klagen, 
wenn auch die einen charakteristischer Weise der starken, 
freien Individualität bedürfen, die in Egmont für sie kämpft 
und in Oranien für sie schatit, während die anderen in 
ihrer Hochstimmung sich Mann für Mann vereinigen, um 
ihre Rechte vom Himmel herunterzuholen. Vollends in 
jenen beiden Richtungen, in denen sie am kräftigsten in 
das Leben hinauswirken, tritt eine Verständigung ein, die 
zur Durchdringung und vollen Harmonie der Bestrebungen 
führt, in ästhetischer und ethischer Beziehung. Ist dem 
einen die Antike das Urbild der ästhetischen Erziehung, 
dem andern jenes Stadium der Entwicklung, in dem die 
natürliche Thätigkeit des Menschen am freiesten waltet, 
dem einen vorwiegend erhaben, dem anderen vorwiegend 
naiv, so kommen sie bald überein, in ihren Formen den 
typischen Ausdruck zu pflegen, der in allem Einzelnen auf 
das Ganze deutet und so recht eigentlich »bedeutend« wird, 
einen Stil zu schaffen, der sich der flachen Nachahmung 
des Alltäglichen entgegensetzt, eine Renaissance der Dichtung 



Schiller und Goethe, 225 



hervorzurufen, in der wie in der italienischen der bildenden 
Künste die nationale Empfindung sich in große bleibende 
Formen ergießt. Und aus der liebevoll angeschauten Natur 
heraus gelangt Goethe zu denselben ethischen Forderungen, 
wie Schiller vom Standpunkte des Gewissens, des kate- 
gorischen Imperativs und der ehernen Pflicht. In jungen 
Jahren stand Schiller auf Seite derjenigen, die Goethe als 
einen großen Egoisten betrachteten, später aber verehrte 
er in ihm die sittliche Kraft, die freilich anders als in seinem 
eigenen Wesen zu Tage trat. Nie hätte er in das Verdict 
Börnes eingestimmt, der Goethe der Kälte, der Gleichgültig- 
keit gegen Volksinteressen zieh, weil er in den höchstbewegten 
politischen Tagen sich in das Studium eines Kiefers ver- 
tiefte und der Erscheinung Napoleons mit unverhohlener 
Bewunderung entgegenkam. Er verstand die Natur, die 
sich in den weitesten Kreisen, die sie gezogen hatte, um 
den Menschen mit dem All zu verbinden, durch das Getobe 
der engern Kreise ebenso wenig wie Archimedes von den 
Soldaten stören lassen durfte und die in dem merkwürdigen 
Corsen ein Naturphänomen anstaunte, eine große In- 
dividualität, eine Seite der Vollkommenheit, so daß das 
»Voilä un homme«, das Napoleon beim Anblicke Goethes 
ausrief, dieses moderne »Ecce homo« eigentlich ein gegen- 
seitiges war, ein Staunen über die Kraft der Entwicklung. 
Goethe, der in sich die Menschennatur für Alle zu vollenden 
suchte, sah in der Güte die Blüthe der MenschHchkeit. 
Wenn Schiller in seinen »Worten des Glaubens« Freiheit, 
Tugend und Gott als ewige, über den Menschen waltende 
Mächte verherrHcht, so gelangt Goethe auf seine Art zu 
Tugend, Freiheit und Gott, indem er den Menschen von 
der Enge seiner Interessenwelt ablöst und auf die reinen 
ursprünglichen Bedürfnisse zurückführt. »Edel sei der Mensch, 
hihreich und gut, denn das allein unterscheidet ihn von 
allen Wesen, die wir kennen«. Das Gebot ist so groß wie 
die Begründung charakteristisch. In jenem »denn« hegt 
der ganze Goethe, der uns zuruft: Erkenne nur die Natur, 
die den Trieb zum Guten in dich gelegt hat, die Quelle 
die, wie Iphigenia sagt, »noch rein und ungetrübt durchs 
Leben fließt«. Strenger erscheint die Forderung freilich in 
dem von Kantschem Geiste erfüllten Schiller, der den 
kategorischen Imperativ, die eherne Pflicht vertritt, während 
Goethe in dem Gutsein ein Lustgefühl, eine natürliche 
Lebensfreudigkeit empfindet. Aber auch Schiller mag jene 
letzte Consequenz des kategorischen Imperativs nicht ziehen, 
die für die Erfüllung des sutHchen Gebotes die Empfindung 
des Opfers verlangt, und in seinem berühmten Distichon 
»Gewissensscrupel« : 

Goethe-Jahrbuch XIX. I 5 



226 Abhandlungen. 



Gerne dien' ich den Freunden, doch thu' ich es leider mit 

Neigung, 

Und so wurmt es mir oft, daß ich nicht tugendhaft bin 
sagt sich die Freudigkeit des Künstlers von dieser letzten 
dü'stern Forderung der Kantianer los und flüchtet zu Goethe 
hinüber, in dem die allwaltende Liebe als Lustgefühl der 
freien menschhchen Bethätigung waltet. 

Wenn wir nun an die eigene Brust pochen und an 
den Thatsachen des Selbstbewußtseins erfragen, ob und in 
welchen Lebensmomenten der Gegensatz und seine Ver- 
söhnung in uns lebendig sind, so gerathen wir an ge- 
meinsame Erfahrungen, die das Fortwirken eines Jeden und 
das Zusammenwirken Beider in uns beglaubigen. Bei jedem 
Schritt aus der Enge unseres täglichen Daseins, bei jeder 
Betrachtung die über den engsten egoistischen Interessen- 
kreis hinausgreift, kommt uns das vorarbeitende, erlösende 
Wort Schillers oder Goethes zu Hilfe. Und an der eigenen 
Entwicklung fühlen wir das Lebendige, das uns die große 
Zeit hinterlassen hat. Ueberall, wo wir uns als Gemein- 
schaft fühlen, die ein über allen Einzehnteressen schweben- 
der Zweck zusammenhält, stellt sich bindend und festigend 
das Wort Schillers ein, und überall wo ein sittUcher Conflict 
auf den Schwächen des Volkes, auf den verbesserungs- 
bedürftigen Einrichtungen des Staates und der Gesellschatt 
beruht, treten Schillers begeisterte Mahnungen auf unsere 
Lippen. Und immer wieder, wenn wir uns fast erschauernd 
als Einzelne im Weltganzen fühlen, wenn wir gleichsam 
allein mit der Schöpfung, mit einem Gemisch von furcht- 
barem Bangen und grenzenloser Ehrfurcht der unfühlenden 
Natur gegenüberstehen, tritt Goethe an uns heran, um 
uns zu sagen: »Du bist daheim in diesem Ungeheuern«. 
Und in allen Lebenslagen, in denen die Forderungen der 
Natur mit den anerkannten Zwecken der Gesellschaft in 
Zwist zu gerathen scheinen, sei es, daß ein kühnes Vor- 
haben, das dem Heile Aller zu gelten scheint, an dem 
hemmenden Gange der natürlichen Entwicklung scheitert, 
sei es, daß das Bedürfniß unserer Natur nach Entfaltung 
vor den gegebenen Schranken der Gesellschatt Halt machen 
muß, finden wir Beruhigung in der Versöhnung von Goethe 
und Schiller, in der Erlcenntniß, daß die Lebensauffassung, 
die in allem Getriebe der Widersprüche das nach Ver- 
wirkHchung ringende Ideal erblickt, so wie jene, welche 
im Walten der Natur selbst die Liebe erfaßt, uns dasselbe 
zu thun und zu leiden gebietet. Es liegt etwas Großes in 
der Versöhnung, die uns die Gegensätze nur als zwei Wege 
zur Höhe erkennen und nur in Liebe als getrennt be- 
trachten läßt. In solchen Weihemomenten erfüllt sich an 



Schiller und Goethe. 



227 



uns das Wort der vollendetem Engel im 2. Theil des 
Faust, das sich vollgiltig auf- Goethe und Schiller an- 
wenden läßt : 

Wenn starke Geisteskraft 

Die Elemente 

An sich herangerafft, 

Kein Engel trennte 

Geeinte Zvvienatur 

Der innigen Beiden : 

Die ewige Liebe nur 

Vermag's zu scheiden. 

Jene geeinte Zwienatur, in der Elementares und Geistiges 
sich verbindet, ist durch Schiller und Goethe, die jedem von 
uns vorgearbeitet haben, in uns Allen lebendig. Die beiden 
Betrachtungsweisen, die sie so recht eigentlich in das geistige 
Leben der Nation eingeführt haben, liegen nothwendig in uns, 
wechseln nach den Anforderungen des Lebens und schließen 
sich immer wieder in den Forderungen, die wir an uns selbst 
stellen, zusammen. Wenn wir nach alledem der so viel er- 
örterten Frage ins Auge blicken, ob die Geltung Beider für 
ihr Volk durch neue Erscheinungen völlig verdrängt werden 
kann, so glauben wir diese Frage herzhaft verneinen zu 
können, und vor Allem darum, weil sie uns das Wesentliche 
zweier Lebensanschauungen, auf deren Wegen allein wir 
zur Innern Freiheit gelangen, verständhch und nachfühlbar 
durch Lehre und Bild ins Bewußtsein gerufen haben. Daß 
die Kunst und namentlich die Technik der Kunst nicht 
stille steht, haben Goethe und Schiller selbst gewußt und 
an sich selbst vor Allem bethätigt. Zum Mikroskopischen 
der modernen Dichtungsart haben sie, die Meister der 
Beobachtung, selbst hingeleitet. An die künstlerische 
Emancipation jener Stände und Schichten, die in der Dichtung 
noch nicht das Bürgerrecht erworben hatten, drängte 
namentlich Schiller dicht heran. Daß in einem ewigen 
Wellenschlag die Entwicklung der Kunst vom Hunger nach 
Motiven zu stilistischer Durchbildung, von dieser wieder 
zur eifrigem Nachahmung der Natur gelange, war ihnen 
sicherlich nicht fremd geblieben, und wenn sie Zeugen der 
modernsten Dichtung wären, so würden sie in manchem 
Zuge auch einen Fortschritt erkennen. Dabei dürfen wir 
uns vorstellen, daß Schiller, der von seinem Standpunkte 
aus Hoch und Nieder auf das Strengste in der Idealwelt 
schied, und hinter dem, wie Goethe sagt, im wesenlosen 
Scheine das Gemeine lag, sich strenger gegen den Versuch 
verhalten hätte, die Nothdurft des physischen Daseins und 
das vom Schm.utze nicht freie Elend in den Bereich der 

15* 



228 



Abhandlungen. 



Dichtung hinüberzuziehen, als Goethe, der vielleicht auch 
dafür ein olympisches Lächeln gehabt hätte, weil es im 
höchsten Sinne für ihn ein Gemeines nicht gab, sondern 
nur ein Allgemeines, das er im Lichte der Entwicklung sah 
und in dem Alles bedeutend gefasst w^erden kann. Was 
aber die Beiden in großen Zügen uns zu sagen hatten, das 
duldete jene Zersplitterung in das kleinste Detail nicht, das 
uns heute in der Literatur entgegentritt, wenn es überhaupt 
ganz gesagt werden sollte. Und wie denn das Individuelle 
trotz des höchsten Interesses, das wir an der feinsten Be- 
sonderheit nehmen, uns nur dadurch tiefer ergreift, daß wir 
es zuletzt zum Allgemeinen zurückleiten, daß wir uns selbst 
darin trotz alledem wiedererkennen und es schon dadurch 
verallgemeinern, daß wir es auf uns selbst anwenden, so 
führt uns die moderne, schärfer individualisirende Dichtung 
immer wieder zu Goethe und Schiller zurück, die uns die 
Wegweiser bei allem unsern Bemühn sind, das Ganze im 
Einzelnen zu empfinden. Das Trübere und Verworrenere 
der modernen Dichtung, die sich der Trübung und Ver- 
wirrung des Lebens selbst zu nähern versucht, empfinden 
wir als ein Ganzes und Klares doch immer nur durch jene 
Betrachtungsweisen, zu denen sie uns geleitet haben. So 
sind Schiller und Goethe, der bewußte sittliche Reformator 
und der große Pantheist, der uns die Natur als göttliche 
Heimath erschlossen hat, gleichsam die beiden Augen, mit 
denen wir geistig über die Enge des Daseins hmaussehen. 
Und wie man wohl mitunter vom Augapfel spricht, den man 
hütet, und dabei beide Augen meint, so spricht das deutsche 
Volk in einem Athem von Goethe und Schiller und meint 
dabei beide Augen, mit denen es Eines sieht, mit denen es 
zugleich seine heiligsten Güter bewacht und die ganze Welt 
an sich heranzieht. 




Zu Goethes Wortgebrauch. 



Von 

Otto Pniower. 




oethes reiche, unendlich mannichfaltige Sprach- 
gewalt kann nur ein Wörterbuch veranschaulichen, 
ein Wörterbuch, das seinen Wortschatz systema- 
tisch nach grammatischen und ästhetischen Gesichtspunkten 
verzeichnet. Ein solches Lexikon von einem feinen, philo- 
logisch geschulten und künstlerisch empfindenden Kopfe 
bearbeitet, scheint mir ein dringendes Bedürfniß der Goethe- 
forschung, die an ihm einen festen Halt und Mittelpunkt 
fände. Der Verfasser müsste in den tiefsten Schacht der 
Sprachschöpfung hinabsteigen. Es gälte die ganze Be- 
deutungsfülle der Worte darzuthun und die zarteste Nuance 
des Sinnes zu verzeichnen. Selbst den Hauch aufzufangen, 
von dem ein bezeichnendes Wort an einer einzelnen Stelle 
durch den Stimmungsgehalt, durch die Prägnanz des Zu- 
sammenhanges umwittert ist, dürfte den Bearbeiter nicht 
unnütz dünken. So müsste seine Haupttugend die Gabe 
einer mit den feinsten Empfindungsnerven ausgestatteten 
Interpretirungskunst sein. Er müsste aber auch wie mit 
der Entwickelung des Goethischen Geistes so mit der 
Geschichte unserer Sprache aufs innigste vertraut sein, um 
abzuwägen, wne weit der Dichter in seinem Wortgebrauch 
individuell verfährt, \vie weit er auf der Tradition fußt. 



230 Abhandlungen. 



Es ist vielleicht gefährlich ein solches weitschauendes 
Programm aufzustellen und sich selbst dann nur mit einem 
kleinen Streifzug zu begnügen, wie ich ihn hier vorhabe. 
Allein schon die Spröuigkeit des Stoffes legt mir Be- 
schränkung auf: ist es doch außerordentlich schwer, wenn 
nicht unmöglich, Eigenthümlichkeiten des Wortgebrauches 
an einem zusammenhängenden Faden aufzureihen und einem 
organisch gefügten Bericht, wie er an dieser Stelle geboten 
erscheint, anzupassen. Es kann sich hier um nicnt mehr 
als eine Anregung handeln. 

Richard M. Meyer hat kürzlich (Archiv für neuere 
Sprachen Bd. 96 Heft i u. 2) in einem »Studien zu Goethes 
Wortgebrauch« betitelten ergebnißreichen Aufsatz Beiträge 
zur Erkenntniß von Goethes Sprachgeist geliefert. Er fasste 
für den Dichter besonders bezeichnende Worte wie dumpf. 
Stetigheit, Stille, Gegemuart, Dauer u. a. ins Auge, umrif^ 
ihre Geschichte und zeigte, wie sich in ihrer Verwendung 
bald Goethes Weltanschauung überhaupt, bald die Auf- 
fassung einer bestimmten Zeit spiegelt. Dabei ergab sich 
wie von selbst die Beobachtung, wie der Dichter Worte 
mit einem neuen Geist füllt und viele in einem anderen 
Sinn verwendet, als man gewöhnlich mit ihnen verbindet 
(geistreich, flügelmännisch). Wenn ich seinen Spuren folge, 
so beschränke ich mich im Wesentlichen auf diesen Ge- 
sichtspunkt und bespreche solche charakteristische Fälle 
der Abweichung vom heutigen Wortgebrauch, die alle 
mehr oder weniger ein Princip seines Sprachgefühls er- 
kennen lassen. Nur an einem Beispiel will ich die Fülle 
von Nuancen aufzeigen, die bei Goethe ein einziges Wort 
zu erlangen vermag. Dabei wird das Verhältniß des Wort- 
gebrauches zu dem seiner Vorgänger nur gelegentlich ge- 
streift werden, da eine systematische Durchführung dieser 
Forderung die hier gezogenen Grenzen überschreiten würde. 
Ich lasse mich bei meinen Ausführungen von jenem Grund- 
satz leiten, den der Dichter selbst in Bezug auf Homer 
aussprach, als er Sophie v. La Roche das »kurze Recipe für 
des werthen Baron von Hohenfelds Griechisches Studium« 
schickte (Briefe 2, 205 f.), jenen Satz, daß man den Dichter 
aus ihm selbst oder wie er schrieb, aus sich selbst ver- 
stehen lernen muß. 

Einen wie mir scheint charakteristischen Beleg für 
den Nuancenreichthum eines Wortes und zugleich für den 
eigenartigen Sinn, den Goethe ihm gelegentlich verleiht, 
bietet das Wort »atiständig«. Es ist ein Lieblingswort 
seiner Alterssprache und ja auch bezeichnend für das Ge- 
messene, Förmlich -Steife, das in seiner Natur mit den 
Jahren immer mehr hervortrat. Es erscheint bei ihm zu- 



Zu Goethes Wortgebraüch. 23 I 

nächst in dem gebräuchlichsten Sinne von »angemessen« 
»schicklich« . . . »und jedermann beträgt sich daselbst an- 
ständig genug« (Dichtg. u. Wahrh. 7. Buch Werke 27, 113, 9). 
»Ich wünschte ihr gewöhntet euch an, von heiligen Sachen 
anständiger zu reden«. (Gesch. Gottfriedens vonBerUchingen, 
Werke 39, 71, i.) Als auffallend empfinden wir schon die 
Verwendung, wenn es von einem Bauplan heißt: »er w'ar 
gut, bequem und anständig« (Philipp Hackert, Werke 46, 
298, 22); noch auffallender erscheint der subjective Gebrauch 
an der Stelle »so hätten ihn die Gouvernantinnen com- 
mandirt, welches ihm gar nicht anständig war« (ebd. 288, 11). 
Der Begriff erhöht sich dann zu »höflich«, »ceremoniell«. 
Der vom Gouverneur in Messina so gescholtene, schließlich 
aber mit blauem Auge davonkommende Mann grüßt, als 
er sich beurlaubt, die Versammlung anständig (Ital. Reise 
Hempel 24, 391). Als Goethe und Herder im Jahre 1803 
in Jena unter einem Dache wohnten, wechselten sie »ayi- 
ständige« Besuche (Biographische Einzelheiten Werke ^6, 
255, 26). Ja, das Wort wird auch dann gebraucht, wenn 
ausgedrückt w^erden soll, daß die Grenze der Natürlichkeit 
überschritten wird und nähert sich dem Begriff »geziert«. 
In »Erwin und Elmire« beklagt sich Olimpia über die ver- 
kehrte Erziehung der Kinder: »statt daß man sie sonst um 
einen Tisch setzte und es ihnen bequem machte; so müssen 
sie anständig sein wie die Damen (Werke 38, 75, 6)«. Nach 
einer anderen Richtung gesteigert erscheint das Wort, wenn 
Goethe in Dichtung und Wahrheit sagt: »Gottsched wohnte 
sehr anständig (Werke 27, 86, 6)«, was dem Zusammen- 
hange nach nicht viel w^eniger als »vornehm« zu sein 
scheint, vgL auch ebd. 26, 114, 15. In ähnlichem Sinn ist 
es in den Bemerkungen des Dichters über eine englische 
Uebertragung seiner Abhandlung über das Abendmahl von 
Leonardo da Vinci verwendet, wo er die Ausstattung der 
Schrift, ihren Druck und ihr Papier rühmt und dann fort- 
fährt: »es kommt dem Deutschen wunderlich vor, seine 
Gedanken so anständig vorgetragen zu sehen (Hempel 28, 
532)«. Noch in einer anderen Nuance erscheint das Wort 
an einer Stelle in der »Belagerung von Mainz«. Hier erzählt 
Goethe (Hempel 25, 254) von einem Besuch, den er dem 
Engländer Gore macht. Er berichtet, wie dieser sich stattlich 
angezogen hätte, um bei fürstlicher Tafel zu erscheinen 
und schildert dann, wie er nun in der Bauernkammer eines 
deutschen Dörfchens, umgeben von allerlei Haus- und Feld- 
geräth, auf einer Kiste, den angeschlagenen Zuckerhut auf 
einem Papiere neben sich, saß. »Er hielt die Kaffeetasse 
in der einen, die silberne Reißfeder statt des Löffelchens 
in der anderen Hand; und so war der Engländer ganz 



2^2 Abhandlungen'. 



anständig und behaglich auch in einem schlechten Kanto- 
nirungsquartier vorgestellt. »Anständig« hier in dem Sinn 
von »schicklich«, »angemessen« zu nehmen verbietet die 
Situation. Ich meine, wenn man an den stattlichen Anzug 
denkt, den Goethe hervorhebt und an das »behaglich«, 
das mir im Contrast zu »anständig« zu stehen scheint, so 
kann man ihm keine andere Bedeutung als die von luürds- 
voll geben, vgl. auch Gleichmuth und Anstand = Würde, 
Wahlverw. Werke 20, 189, 28 u. 190, 23. 

Allein alle diese Bedeutungen: »angemessen, schickhch, 
ceremoniell, vornehm, würdevoll« passen nicht für eine 
dem heutigen Sprachgebrauch fern liegende Verwendung, 
die das Wort an anderen Stellen gefunden hat. In der 
Elegie »Auf Miedings Tod« lässt der Dichter gegen den 
Schluß Corona Schröter an den schlecht verzierten Sarg 
hintreten: 

»Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn! 

Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön. 

Und hocherstaunt seht ihr in ihr vereint 

Ein Ideal, das Künstlern nur erscheint. 

Anständig führt die leis erhobne Hand 

Den schönsten Kranz, urnknüpft von Trauerband«. 

Hier an den Begriff des Schicklichen schlechthin zu denken 
wäre gar zu prosaisch. Es hegt vielmehr die prägnante 
Bedeutung der mit Schönheit verbundenen Schicklichkeit 
vor: anständig ist hier »was wohl ansteht«. So spricht 
Haoedorn nach Grimm vom »Anstand lockender Gebärden«. 
Ofi^nbar hat der Dichter die plastische Schönheit der 
Armhaltung der Künstlerin vor Augen. Aber freihch nur 
weil er vorher schon ihre idealische Erscheinung, ihre ge- 
fällige Anmuth gerühmt hat, sind wir geneigt mit anständig 
jenen zugespitzten Sinn zu verbinden. Uebrigens wäre es 
schwer 3as Wort zu umschreiben. Jede Paraphrasirung 
verzerrt die dichterische Absicht. Will man sie hier dennoch 
einräumen, so erschiene mir als passendste Wiedergabe 
etwa »mit Grazie«, wozu man Werke 16,221, 55 vergleiciie. 
Aehnlich wird das Wort fast dreißig Jahre später in 
der Prosa verwendet und auch hier wird der prägnante 
Gebrauch durch die vorangehende Beschreibung vorbereitet 
und gewissermaßen künstlerisch motivirt. In den Wahl- 
verwandtschaften wird im sechsten Kapitel des ersten Theils 
(Werke 20, 69, 3) Ottiliens Dienstbeflissenheit geschildert. 
Dann heißt es : »Und so war ihr Sitzen, Aufstehen, Gehen, 
Kommen, Holen, Bringen, Wiederniedersitzen ohne einen 
Schein von Unruhe, ein ewiger Wechsel, die ewige, an- 
genehme Bewegung. Dazu kam, daß man sie nicht gehen 



Zu Goethes Wortgebrauch. 233 

hörte, so leise trat sie auf. Diese anständige Dienstfertigkeit 
Ottiliens« fäiirt der Dichter fort »machte Charlotten viel 
Freude«. Auch hier gelangt man zu einem Begriff wie 
»anmuthig«. 

Beobachten wir hier, wie der Dichter sich vom Etymon 
des Wortes entfernt, so ist es im Allgemeinen gerade 
seinem Sprachgefühl eigenthümlich gegenüber dem der 
Sprache innewohnenden Trieb nach Verflüchtigung des Ur- 
begritfes seine ursprüngliche Bedeutung gleichsam wieder- 
zuentdecken. Nehmen wir etwa ein Wort wie »liebevoll«. 
Wir verwenden es heute recht abgeblasst, so daß es nicht 
mehr als »mit Hingebung«, »mit Sorgfalt«, »schonend« be- 
sagt. Auch bei Goethe erscheint es vielfach so, z. B. Dichtung 
und Wahrheit (Werke 27, 165,25): »Da beschäftigen sich die, 
welchen mit solcher Nahrung gedient ist, liebevoll ganze 
Epochen ihres Lebens damit«. In seinem vergeistigten, also 
abgeschwächten Sinn steht es auch in den Wahlverwandt- 
schaften (Werke 20, 259, 12), w^enn es heißt: »Ich finde 
es beinahe natürUch, daß wir an Besuchenden mancherlei 
auszusetzen haben, daß wir sogleich, wenn sie weg sind, 
über sie nicht zum liebevollsten urtheilen«. Er gebraucht 
es aber auch so, daß das Grundwort der Composition seine 
volle Bedeutung erhält und der Begriff der Leidenschaft 
unvermindert zum Ausdruck kommt. So in der Prosa häutig 
in den Wahlverwandtschaften, was bei dem Charakter des 
Werkes gewiß kein Zufall ist. Ich gebe nur zwei Beispiele. 
Eduard entdeckt, daß Ottilie beim Abschreiben des ihr über- 
gebenen Schriftstückes allmählich seine Handschrift ange- 
nommen hat und erblickt darin ein Geständniß ihrer Liebe. 
»Du liebst mich! rief er aus: Ottilie du liebst mich! und 
sie hielten einander umfaßt.« . . Da tritt Charlotte mit dem 
Hauptmann herein. . . Und nun heißt es, nachdem sich alle 
zum Abendessen gesetzt haben : »Eduard liebevoll aufgeregt 
sprach gut von einem jeden« (Werke 20, 136, 24). Aehn- 
Hch (ebd. 186, 12) »ein liebevoll beschäftigtes Gemüth«. Oft 
erscheint es in dieser Bedeutung auch in der Lyrik. In der 
Claudine (im 2. Aufzug) »Dieses Herz ist liebevoll«, im Ge- 
dicht »Philine« (v. 21) »Wenn die Nachtigall Verliebten 
Liebevoll ein Liedchen singt«. Darnach beurtheilen sich auch 
die Verse im dritten und dreizehnten Sonett: »Wir äußern 
unsere Klage In liebevollen, traurig heitern Tönen« und »In 
welchen ich so liebevoll mein Streben Um deine Gunst dir 
an den Tag gegeben«. Nach dem Grimmschen Wörterbuch 
ist es unter den Zeitgenossen Goethes besonders Wieland, 
der das Wort in demselben kräftigen Sinn verwendet. 

Ganz in seiner ursprüngUchen Bedeutung erscheint bei 
Goethe auch das Wort »herzlich«. Wir gebrauchen es in 



234 AbH AMDLUNGEN. 



der mannichfachsten Weise bis zur bloßen Gradbestimmung 
herab, so daß es adverbiell stehend nicht mehr als »äußerst«, 
»höchst« oder »sehr« besagt. Ist es mit stärkerem Gehalt 
erfüllt, dann schwingt für uns mit ihm fast immer die 
Wirkung auf einen anderen mit und es bedeutet »zu Herzen 
gehend«, »herzerfreuend«. Goethe aber gebraucht es an 
einer Stelle, ich möchte sagen, rein lokal. Eduard lebt, 
von Charlotte und OttiHe getrennt, in einem weltentfernten 
Dorf. Mittler besucht ihn und weiß ihn so zu behandeln, 
daß er ihm gegenüber seinen Empfindungen für Ottilie 
freien Lauf läßt. Er schildert dem Freunde (Gap. i8 des 
ersten Theils Werke 20, 186, 19 ff.), wie sie in seinem 
Innern lebt, wie sie ihm in den Träumen erscheint und 
schließt damit, daß er, dem man so oft Dilettantismus 
vorwerfe, seine Meisterschaft im Lieben preist. Wenn der 
Dichter dann fortfährt: »durch diese lebhaften her:^Hchen 
Aeußerungen hatte sich Eduard w^ohl erleichtert«, so em- 
pfinde ich hier ganz den alten Sinn des Wortes, den es 
noch im Mittelhochdeutschen hat. Es heißt »von Herzen 
kommend« und nicht mehr. Jeder Nebenbegriff, den wir 
damit zu verbinden geneigt sein möchten, wie wenn etwa 
die Art des Vortrages der Expectoration oder die Wirkung 
auf den Zuhörer bezeichnet werden solle, würde nach 
meinem Gefühl hier der dichterischen Intention Vv-ider- 
sprechen. Ein Schriftsteller, dem nicht so wie Goethe die 
Sciiätzung des einzelnen Wortes im Blute liegt, der es 
nicht so zu accentuiren gewöhnt ist, würde hier etwa sagen 
»die aus der Tiefe des Herzens geschöpften Aeußerungen« 
oder ähnlich. — 

Beim Niederschreiben beschleicht mich freilich die 
Furcht, als sei es mir nicht gelungen, von der charak- 
teristischen Schlichtheit der Goethischen Ausdrucksweise 
an dieser Stelle ein eindrucksvolles Bild zu geben. Man 
kann sie in der That nur empfinden, wenn man die vorher- 
gehende Partie, diejene Aeußerungen Eduards enthält, ganz 
auf sich wirken läßt und ich muß bitten, sie nachzulesen. 

»IVirksarn« sagen wir nicht mehr in Bezug auf eine 
Person oder wenigstens ist dieser Gebrauch im Schwinden 
begriffen. Wir sprechen von einer »wirksamen« Arznei und 
verwenden das Adjectiv oder Adverb fast nur in seiner 
secundären Bedeutung »eine Wirkung hervorbringend«. 
Adelung in seinem um die Wende dieses Jahrhunderts 
erschienenen Wörterbuch führt an »Ein wirksamer Mensch, 
wofür doch geschäftig und thätig übHcher sind«. Goethe 
aber gebraucht es auch in seinem ursprünglichen Sinn von 
»werkthätig«, wenn er von Mieding singt: »Wie! ruft ihr, 
wer so künstlich und so fein. So wirksam war, muß reich 



Zu Goethes Wortgebrauch. 235 

gestorben sein« (v. iii). Nicht ganz so prägnant, aber 
ähnlich verwendet erscheint das Wort in den Anmerkungen 
zu Rameaus Neffen (Hempel 31, 126) »Sodann haben alle 
zurückgezogenen, nur für ein gewisses Geschäft wirksamen 
Menschen vor der Welt ein fremdes Ansehen«. Auch im 
»Werther« wird es einmal im Sinne von »thätig« gebraucht, 
wenngleich nicht in Bezug auf eine Person. »Alles« heißt 
es im zweiten Buch an einer in der Umarbeitung hinzu- 
gekommenen Stelle (Hempel 14, 103), »was ihm Unange- 
nehmes in seinem zuirksanien Leben begegnet war«, wobei 
der Gegensatz zu seinem gegenwärtigen unthätigen Dasein 
im Hintergrunde steht. 

Das Wort »gerecht« verwendet Goethe nicht bloß in 
dem von dem Substantivum abgeleiteten Sinne »dem Recht 
entsprechend, billig« oder persönlich genommen »Gerech- 
tigkeit übend«, sondern in dem zwar auch übertragenen, 
aber der ursprünglichen Bedeutung »gerichtet«, »gerade 
gerichtet« näher stehenden von »richtig«, »passend«. So 
sagt Reinecke Fuchs (im sechsten Gesang) »Es ist die 
gerechte Stunde gekommen«. In den Wahlverwandtschaften 
(i. 'Theii 6. Cap. Werke 20, 127, 12) »Es ist hoch Mitter- 
nacht, sagte der Graf lächelnd, und eben gerechte Zeit«. 
Selbst in einem Brief (An Karl August 25. Dez. 1820) 
schreibt der alternde Dichter »die beiden Bücher, welche 
denn auch zu gerechter Zeit angekommen sind«. In der 
Fortsetzung des Vorspiels »Was wir bringen«, das freilich 
mehr von Riemer als von Goethe verfaßt ist, weicht es zu 
dem Begriff »hinreichend« aus. Gleich im ersten Monolog 
Merkurs heißt es »ist ja doch Gerechte Zeit für diesmal 
uns gegeben«. 

Auch »bequem«, das der Dichter ähnlich wie »anständig« 
in der mannichfaltigsten Weise und ganz eigenartig ver- 
wendet und das ebenfalls eine eigene Betrachtung verdiente, 
erscheint in seinem ältesten Sinne wie im Altdeutschen = 
»tauglich«, »passend«, »willkommen«, wenn es in derPandora 
(Hempel 10, 359) heißt »Nun ist mirs bequem.. Dein ge- 
strenges Gebot«. 

Das Bestreben Goethes, sich an die wurzelhafte Be- 
deutung der Worte zu halten wird an diesen Beispielen 
wohl deutlich geworden sein. So sei es mir gestattet, in 
diesem Zusammenhange eine merkwürdige Stelle zu er- 
örtern, die man, wie ich meine, nur unter Berufung auf 
jene Eigenheit erklären kann. In der Einleitung zur »Neuen 
Melusine« (Wanderjahre 3. Buch, 6. Cap.) sagt der Erzähler, 
er habe eine Geschichte zu berichten, »welche die bis- 
herigen weit übertrifft, und die, wiewohl sie mir schon 
vor einigen Jahren begegnet ist, mich noch immer in der 



1^6 Abhandlungen. 



Erinnerung unruhig macht, ja sogar eine endliche Entunche- 
hnig hoffen läßt«. Das Wort »Entwickelung« gebraucht 
Goethe, so viel ich sehe, stets in der Bedeutung »Ent- 
faltung«, wobei er dank seiner plastischen Anschauung das 
zu Grunde liegende Bild nicht so leicht aus den Augen 
verliert. Die (vielleicht oberdeutsche?) Auffassung des 
Wortes, die ich z. B. in der Heß'schen Biographie Salomon 
Landolts, der Quelle des köstlichen Landvogts vom Greifen- 
see Gottfried Kellers finde, wo es (S. 287 Er sah sich der 
Enlwickelung schneller entgegengerückt) vom bevorstehen- 
den Tode gesagt wird und so viel wie »Auflösung« heißt, 
ist mir bei ihm nicht begegnet. An sich ist diese Bedeu- 
tung des Wortes, da die Vorsilbe ent- Ausgangspunkt 
wie Ziel einer Handlung bezeichnen kann (Wilmanns, 
Deutsche Grammatik Bd. 2, S. 142 ff.) wohl verständlich. 
Dennoch kann — die Stelle ist ireilich nicht leicht zu 
interpretiren — dem Zusammenhange nach mit der »end- 
lichen Entwickelung« nichts anderes als Abschluß^ gemeint 
sein. Diesen Sinn gewinnen die beiden Worte aber, falls 
»Entwickelung« allein nicht »Auflösung« ausdrückt, nur 
dann, wenn man das Adjectiv in seiner eigentUchen Bedeu- 
tung nimmt. »Endlich« ist »was sich auf das Ende bezieht«, 
»endliche Entwickelung« also »die bis zum Ende geführte 
Entfaltung des Geschehnisses«. Der Nebensinn, den wir 
heute mit »endlich« stets verbinden, indem wir es vom 
Ersehnten, lang Erwarteten gebrauchen, fiele weg. Er wäre 
nur dann am Platze, wenn »Entwickelung« allein »Abschluß« 
bedeutete. Daß das in der That nicht der Fall ist, bestätigt 
eine ähnliche Stelle in den »Unterhaltungen deutscher Aus- 
gewanderten«. Auch hier treffen wir einen zum Erzählen 
von Geschichten versammelten Kreis. Und die zum Ver- 
gleich heranzuziehenden Worte finden sich auch hier in 
einer Aeußerung über eine freilich zum größten Theile 
schon berichtete, nicht erst zu berichtende Erzählung. Nach- 
dem der »Alte« die Ereignisse bis zum entscheidenden 
Punkt vorgetragen und bemerkt hat, daß die Geschichte 
wirklich aus sei, sagt Luise (Werke 18,217, 18): »Die Ent- 
wickelung haben wir freilich gehört, nun möchten wir aber 
auch gerne das Ende vernehmen«. Was in jener Stelle 
zusammengefasst ist (endliche Entwickelung), steht sich 
hier gegensätzlich in einer Weise gegenüber, die, wie ich 
meine, helles Licht auf die etwas dunklen Worte in den 
Wanderjahren fallen lässt. 

Besser noch als an diesen Beispielen lässt sich die 
Neigung Goethes für die ursprüngliche, sinnhche Bedeutung 
der Worte dann erkennen, wenn es sich um solche handelt, 
denen eine Raumanschauung zu Grunde liegt. So sagt er, 



Zu Goethes Wortgebrauch. 237 

unbekümmert um die übertragene Bedeutung des Wortes 
»Forgänger« in den Wahlverwandtschaften (7. Cap. i. Theil 
S. 81, 2): Ihre Spaziergänge dehnten sich weiter aus, und 
wenn dabei Eduard mit OttiUen die Pfade zu wählen, die 
Wege zu bahnen vorauseilte; so folgte der Hauptmann mit 
Charlotten . . . geruhig der Spur jener rascheren »Forgängeru. 
Uns ist die figürhche Bedeutung schon so in Fleisch und 
Blut übergegangen, daß wir statt »Vorgänger« wohl »Voran- 
gehenden« sagen würden. 

Entgegnen verwendet der Dichter sehr häufig — man 
sehe die zahlreichen Beispiele bei Grimm — in dem 
ursprünglichen Sinn von »entgegentreten« und zwar über- 
wiegend in der Bedeutung von »entgegen kommen«. Z. B. 
sagt Epimetheus von der Pandora (Hempel 10, 369) : »Am 
schönsten Tage — blühend regte sich die Welt — Entgegnete 
sie im Garten mir«. Gleich »entgegengehn« finde ichs 
bisher nur im Elpenor v. 973 (Werke Bd. 11) »Ja, dieses 
graue Haupt wirst du an deiner Seite dem Sturm entgegnen 
sehn«. Nach diesem Gebrauch ist wohl auch die Stelle 
im Urfaust (S. 82, Z. 48) zu beurtheilen : »Ists doch das 
einzige Kunststück euch in euern Verworrenheiten Lufft 
zu miachen, daß ihr den entgegnenden Unschuldigen zer- 
schmettert«, d. h. es bedeutet den entgegentretenden. 

Auch »vorläufig« gebraucht Goethe in dem rein lokalen 
Sinn von »vorangehend«, nicht in dem abgeleiteten, heute 
üblichen von »provisorisch«, wenn es in der schon einmal 
herangezogenen Einleitung zur »Neuen Melusine« heißt: 
»Hochverehrte Herren! Da mir bekannt ist, daß Sie vor- 
läufige Reden und Einleitungen nicht besonders lieben, so 
will ich ohne weiteres versichern, daß ich dießmal vor- 
züglich gut zu bestehen hoffe«. Es verhält sich damit ganz 
ähnlich wie mit dem Wort »von vornherein«, dessen Be- 
deutung an einer für die Beurtheilung der Entstehungs- 
geschichte des Faust so wichtigen Brielstelle August 
Fresenius an diesem Ort vor einigen Jahren (Bd. 15 S. 291 i.) 
erörtert hat. 

In anderen Fällen zeigt sich freilich die schöpferische 
Sprachkunst des Dichters gerade darin, daß er von dem 
übertragenen Sinn eines Substantivs eine neue Bedeutung 
des Verbs herleitet. »Zweck« ist bekanntlich ursprünglich 
nichts anderes als der »Nagel«, der »Pflock«, im Besonderen 
der inmitten der Zielscheibe befindliche. Die Bedeutung 
»Zielpunkt« ist dazu die secundäre, »Ziel«, »Absicht« im 
geistigen Sinne die figürliche, die auch in dem Verb »be- 
zwecken« = »beabsichtigen« wirksam ist. Goethe aber 
gebraucht das Wort einmal wesentlich anders, wenn er im 
»Prolog zur Eröffnung des Berliner Theaters« (Werke 13, i. 



Abhandlungen. 



V. 234) die Muse sagen läßt »Denn euretwegen hat der 
Architect Mit hohem Geist so edlen Raum bezweckt«. Hier 
hat »bezweckt« die Bedeutung »seinem Zwecke gemäß 
eingerichtet«. Unsere Wörterbücher kennen diesen Gebrauch 
des Wortes nicht. Gleich sprachschöpferisch, wenn auch 
nicht gleich originell, bildet er im folgenden Vers von dem 
das Längenmaß bezeichnenden »Zoll« das Verb abrollen: 
»Das Ebenmaß bedächtig abge:(ollti<~. Erscheinen diese 
Bildungen etwas gewaltsam und gezwungen, wie wenn der 
Dichter seiner Sprache, die er einst in der Zeit seines 
höchsten Classizismus, so unmuthig schalt und den schlech- 
testen Stoff nannte (Venet. Epigr. 29, 76), neues abtrotzen 
wollte, so bethätigt sich in einer Prägung wie »segenbar v 
(»und segenbar ein frisches Glück erschien« Epilog auf 
Schillers Glocke v. 2 f.) aufs glücklichste sein Sprachinstinct. 
Das schöne Wort, wahrscheinlich nach dem Muster von 
»fruchtbar« geschaffen, ist so gebildet, daß das Suffix -bar 
in seiner alten, kräftigen Bedeutung von »bringend« erscheint. 

Indem wir aber so Abweichungen des Dichters vom 
alltäglichen und heutigen Sprachgebrauch wahrnehmen, 
ergiebt sich die Folgerung, bei der Interpretation seiner 
Aeußerungen diese Eigenheiten im Auge zu behalten, wollen 
wir nicht Gefahr laufen ihn mißzuverstehn. Aehnhch wie 
man sich bei der Erklärung mittelhochdeutscher Texte 
hüten muß, Worte wie ere, tugent, valschheit, iämer u .a. 
mit den gleichlautenden heutigen zu identificiren, wie hier 
die eingetretene Bedeutungswandlung zu berücksichtigen 
ist, so muß man bei Goethe bald eine vollzogene Ver- 
schiebung der Bedeutung, bald individuelle Eigenthümlich- 
keiten in Anschlag bringen. Ich will das durch einige 
Beispiele erhärten. 

»Gegenseitige verwendet der Dichter wie wir in dem 
Sinne von »reciprok«. »Um so mehr läßt sich erwarten, 
daß unsern beiden Freunden, indem sie wieder neben 
einander wohnten, täglich und stündlich zusammen um- 
gingen, gegenseitig nichts verborgen blieb«. (Wahlverw. 
2. Theil 13. Gap. Werke 20, 353) vgl. auch ebenda Z. 15 
Gegenseitig als Ueberschrift eines Liedes (Werke 3, 36). 
Doch bedient er sich wohl häufiger dafür des kräftigeren 
»wechselseitige. Dagegen steht «gegenseitig« bei ihm senr 
oft in dem vom Substantiv hergeleiteten Sinn von »auf 
der entgegengesetzten Seite befindlich«. So gebraucht er 
es geradezu für »Feind«, wenn er in der »Campagne in 
Frankreich« (Hempel 25, 26) sagt: »Die Unsrigen, wohl 
geführt, griffen an und da die Gegenseitigen sich tapfer 
wehrten, . . . gab es ein gräuhch Gemetzel«. Im ersten 
Auftritt des fünften Aufzuges der Bühnenbearbeitung des 



Zu Goethes Wortgebrauch. 239 

Götz von Berlichingen (Werke 13, 321) heißt es in der 
scenischen Anweisung am Beginn: »Georg, der mit einer 
vorgehaltenen Büchse leise über das Theater schreitet, 
indem er aufmerksam in die gegenseitigen KuUssen blickt«. 
Man muß diesen auch bei Lessing, Herder, Klinger und 
anderen Schriftstellern des vorigen Jahrhunderts vorkommen- 
den Gebrauch des Wortes kennen, wenn man in den »Tag- 
und Jahresheften« im ersten Abschnitt der Darstellung des 
Jahres 1816 einem Satz begegnet wie: »Weil aber immer 
in neuerer Zeit Eins ins Andere wärkt, ja sogar Gegenseitiges 
durch Gegenseitiges, so \var auch ein Heldenbild als Gleich- 
niß von Blüchers Persönlichkeit im Gefolg seiner großen 
Thaten zur Sprache gekommen« (Werke 36, 103). Hier ist 
»Gegenseitiges« soviel wie »Entgegengesetztes«, »Lionträres« 
und die im V^ordersatz enthaltene allgemeine Betrachtung 
motivirt den schroffen Gegensatz, insofern vorher von alten 
Heiligenbildern die Rede ist, die der Dichter von Heilsberg 
am Thüringer Wald kommen und repariren ließ. 

))Sonderbar(( bedeutet anfänglich nur »das vom Normalen 
Abweichende«, »das sich Auszeichnende«. Nach welcher 
Seite hin das Hervortreten liegt, ob es ein das Gewöhnliche 
im günstigen Sinn Uebertreffendes bezeichnet oder im 
ungünstigen, ob es mehr unsere Bewunderung ausdrückt 
als unsere Verwunderung, das liegt im Worte von vorn- 
herein nicht ausgesprochen. Im vorigen Jahrhundert wurde 
es noch vielfach in der einfach verstärkenden Bedeutung 
oder in dem Sinne »durch Ungewöhnlichkeit Bewunderung 
erregend« verwendet, heute hat es nur noch den Sinn des 
»Befremdlichen«. Auch Goethe gebraucht es schon so z. B, 
in den Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten (Werke 18, 
197, 19) »Ist es nicht sonderbar, daß Eltern . . . ihre Kinder 
gerade zu der Zeit von jedem billigen Genüsse ausschließen, 
da die Jugend am empfänglichsten dafür ist?«, in den 
Wahlverw. (11. Cap. 2. Theil Werke 20, 341, 17), nach- 
dem von der doppelten Aehnlichkeit von Charlottens Kind, 
das sowohl dem Hauptmann wie Ottilien glich, die Rede 
war: »Durch diese sonderbare Verwandtschaft . . . geleitet, 
ward Ottilie dem heranwachsenden Geschöpf soviel als eine 
Mutter«, besonders häufig in der Verbindung »sonderbar 
genug«. Aber er gebraucht es auch in dem Sinne von 
»besonder«, »groß«, »stark«. So schreibt er an Friederike 
Oeser (am 13. Februar 1769), die er bittet ihn öfter mit 
Briefen zu beglücken, »Unter andern würden Sie mir eine 
sonderbare Gefälligkeit erweisen, wenn Sie mir von den 
neusten, artigen und guten Schriften Nachricht gäben« 
(Briefe i, 201); an Salzmann (den 29. November 177 1): 
»Hr. Silbermann hat mir das Münsterfundament geschickt. 



240 Abhandlungen. 



Danken Sie ihm vielmal und versichern Sie ihn aller Er- 
gebenheit, die ich seiner sonderbaren Gefälligkeit schuldig 
bin« (Briefe 2, 8). An Karl August schreibt er aus Rom 
(den 16. Februar 1788): »Nun steht mir fast nichts als der 
Hügel Tasso und der Berg Faustus vor der Nase. Ich 
werde weder Tag noch Nacht ruhen biß beyde fertig sind. 
Ich habe zu beiden eine sonderbare Neigung« u. s. w. (Br. 8, 
347). Man könnte an sich zweifeln, ob dem Wort hier 
wirklich der Sinn von »stark« beizulegen ist, wenn nicht 
Goethe etwa sechs Wochen später in einem Briefe an den 
Herzog dasselbe in einer Weise bemerkt, die jeden Zweifel 
hebt. » . . . so bliebe mir für den nächsten Winter die 
Ausarbeitung Fausts übrig, zu dem ich eine ganz besondere 
Neigung fühle.« 

Alle diese Stellen stammen aus einer verhältnißmäßig 
frühen Epoche des Dichters, während die oben gegebenen 
Beispiele für die Nuance des Verwunderlichen der Alterszeit 
angehören. Daraus zu folgern, Goethe habe später den 
veraltenden Gebrauch aufgegeben, würde jedoch dem Geist 
der Sprache widersprechen, obgleich mir unzweifelhafte 
Belege für ihn aus den späteren Jahren noch fehlen. Denn 
einmal verwendet er das Wort auch schon im Jahre 1769 
(Brief an Käthchen Schönkopf v. 12. Dec. 1769 Br. i, 219) 
in dem jetzt üblichen Sinne »Ich habe Sie gesehen, ich war 
bei Ihnen, wie es v/ar, das ist zu senderbar als daß ich es 
Ihnen erzählen möchte«, dann war der Dichter keineswegs 
blöde darin, zweideutige Worte bald in dem einen bald in 
dem anderen Sinne zu verwenden. Wir sahen es an »gegen- 
seitig« und Richard M. Meyer hat in dem schon citirten 
Aufsatz (S. 38 f.) gezeigt, wie er »flügelmännisch« im 
Faust (v. 11636 u. II 670) dicht hinter einander einmal in 
einem prägnant übertragenen, dann in seiner eigenen Be- 
deutung verwendet, so daß sie an beiden Stellen recht Ver- 
schiedenes ausdrücken. So gebraucht er in der Abhandlung 
»Ueber den Zwischenknochen« VI (Werke 11,8, 132, ijff.) 
»bedeutend« im Sinne von »groß«, »beträchtlich« und zwei 
Zeilen später in dem von »bezeichnend« : »von der Giraffe 
bis zum Walfisch war ein bedeutender Weg, man verirrte 
sich aber nicht in vielem, sondern man suchte die wenigen 
Flügelmänner, die man zu diesem Zwecke bedeutend fand«, 

NatürHch kann es nun oft zweifelhaft sein, welcher 
Sinn des Wortes dem Dichter vorgeschwebt habe. Wenn 
er beispielsweise Frau von La Roche in einem Brief vom 
23. Dez. 1774 (Br. 2, 218) erzählt, er habe ein in Umlauf 
gegebenes Exemplar des Werther zurückerhalten, auf dem 
vorn auf dem weißen Blatt geschrieben stand: Tais Toi 
Jean Jaques ils ne te comprendront point! und nun fortfährt: 



Zu Goethes Wortgebrauch. 241 

»Das that auf mich die sonderbarste Würckung weil diese 
Stelle im Emil mir immer sehr merkwürdig war«, so kann 
man durchaus schwanken, ob er damit einfach »die stärkste 
Wirkung« sagen oder ihre Art als eine merkwürdige be- 
zeichnen will. Auch wenn Goethe in dem schon einmal 
herangezogenen Brief an Karl August vom 28. März 1788 
(ßr. 8, ^66) berichtet, er lese das Leben Tassos von Abbate 
Serassi und bemerkt, daß er, so wie er jetzt denke, das 
Sujet nicht gewählt haben würde und es nur vollende, weil 
er es einmal begonnen habe und schließlich fortfährt: »wie 
der Reitz, der mich zu diesem Gegenstande führte, aus 
dem innersten meiner Natur entstand, so schließt sich auch 
jetzt die Arbeit die ich unternehme, um es zu endigen ganz 
sonderbar ans Ende meiner Italiänischen Laufbahn, und ich 
kann nicht wünschen, daß es anders sein möge«, so wird man 
sich bei der Literpretation des Wortes behutsam zwischen 
»seltsam«, »merkwürdig« und »besonders zutreffend« zu 
entscheiden haben. Dasselbe ist der Fall, wenn Goethe an 
Schiller (den 18. Juni 1796) von Wilhelm Meisters Lehr- 
jahren schreibt : »Der Roman ist so gut und so glücklich 
im Gange, daß Sie, wenn es so fortgeht, heute über acht 
Tage das achte Buch erhalten können, und da hätten wir 
denn doch eine sonderbare Epoche unter sonderbaren Aspecten 
geschlossen«. 

Ich bin anzunehmen geneigt, daß in diesen drei Fällen 
der heute veraltete Sinn des Wortes vorliegt und möchte 
ihm die Nuance nach dem Befremdlichen hin nicht zuge- 
stehen, wie man denn diese bei Goethe überhaupt nicht 
zu sehr wird betonen und mit ihr über den Begriff »merk- 
würdig« nicht wird hinausgehen dürfen. Indessen kann es 
sich hier nicht um eine Erledigung dieser Frage handeln. 
Es sollte nur gezeigt werden, wie man, auch wo dieses 
Wort erscheint, sorgfältig den Zusammenhang prüfen muß, 
will man dem von Goethe beabsichtigten Sinn gerecht 
werden. So wird man sich, um noch ein Beispiel aus der 
Poesie anzuführen, wohl auch hüten müssen, an einer 
bekannten Fauststelle »sonderbar« schlechthin in seiner 
heutigen Bedeutung zu nehmen. Gretchen ist auf dem 
Blocksberg Faust als Todte erschienen. Erschüttert von 
dem Anblick des blassen schönen Kindes verweilt er sinnend 
bei dem grauenvoll-wohlthuenden Bild. »Welch eine Wonne! 
welch ein Leiden ! Ich kann von diesem Blick nicht scheiden. 
Wie sonderbar muß diesen schönen Hals Ein einzig rothes 
Schnürchen schmücken, Nicht breiter als ein Messerrücken«. 

^) IViderwärtigv gebrauchen wir heute nur noch in dem 
Sinne von »der Empfindung entgegengesetzt«, »abstoßend«, 
»im höchsten Grade unangenehm«. Auch Goethe verwendet 

Goethe-Jahrblch XIX. l6 



242 Abhandlungen. 



es so. »Das Mittelding zwischen Form und Klumpen war 
widerwärtig anzusehn« heißt es im »Märchen« von dem 
zusammengefallenen kolossalen Bild (Werke 18, 267, i). 
Von seinen medizinischen Studien in Straßburg erzählt der 
Dichter im neunten Buch von Dichtung und Wahrheit 
(Werke 27, 257, 24): »Die Anatomie war mir auch deßhalb 
doppelt werth, weil sie mich den widerwärtigsten Anblick 
ertragen lehrte, indem sie meine Wißbegierde befriedigte. 
Und so besuchte ich auch das Klinicum des älteren Doctor 
Ehrmann, sowie die Lectionen der Entbindungskunst seines 
Sohns, in der doppelten Absicht, alle Zustände kennen zu 
lernen und mich von aller Apprehension gegen widerwärtige 
Dinge zu befreien.« Auch in der Fauststelle (v. 7 181 f.) 
»Wie wunderbar! Das Anschaun thut mir G'nüge, Im 
Widerwärtigen große, tüchtige Züge« drückt sich der Abscheu 
der Empfindung aus. Vgl. ferner Werke 29, 159, 2. Aber 
er gebraucht das Wort auch und wie es scheint häufiger 
in seinem älteren Sinn, wo es »entgegen gewendet«, »v/ider- 
strebend«, »feindlich«, »zwieträchtig« bedeutet. 

So viel wie »widerstrebend«, »feindlich« heißt es an 
einer Stelle des Götz, wo Adelheid Weisungen die neu 
geschlossene Freundschaft mit Berlichingen verleiden will. 
Weisungen wendet ein, wie liebreich er ihm begegnet sei. 
»Liebreich«! erwidert sie; »das rechnest du ihm an? Es 
war seine Schuldigkeit; und was hättest du verloren wenn 
er widerwärtig gewesen wäre« (Werke 8, 67, 20; in der 
ersten Fassung des Dramas fehlen die Worte). In den 
»Wanderjahren« schließt das zehnte Kapitel des dritten 
Buches (Werke 25, i, 208) mit den Worten: »und in der 
Hölle selbst könnten widerwärtig Gesinnte, Verrathene mit 
Verräthern, so eng nicht zusammengepackt sein«. In dem 
Gedicht »Auf Miedings Tod« v. 93 f. heißt es »Wie die 
Natur manch widerwärtige Kraft Verbindend zwingt und 
streitend Körper schaff"t«. Diese Bedeutung des Wortes 
als Gegensatz zu »homogen«, lehrt sehr augenscheinlich eine 
Aeußerung Goethes in seiner Besprechung des Schützischen 
Buches »Irrthümer und Wahrheiten« (Hempel 29, 751): 
»Erfahren hat man sodann, daß alle Kontagien in den ersten 
Momenten der Mittheilung viel heftiger und schädlicher 
wirken als in der Folge, eben vielleicht weil sie in der 
ergriff"enen Masse nicht eine homogene, sondern eine wider- 
wärtige, nicht eine vorbereitete, nachgiebige, sondern eine 
fremde, widerspenstige Eigenheit antreff'en«. 

Wird das Wort in dieser Bedeutung von Personen 
gebraucht und bis zum Begriff" »widerspenstig« gesteigert, 
dann entsteht für unser Sprachgefühl schon die Gefahr des 
Mißverständnisses, Zwar ist das nicht zu befürchten, wenn 



Zu Goethes Wortgebrauch. 243 

es im Paralipomenon 178 zum zweiten Tlieil des Faust 
vom Helden heißt »Faust hat immer etwas fViderivärtigesu 
(Werke 15, 2, 236 Z, 5), wo es bedeutet »er hat dagegen 
einzuwenden, widerspricht, sträubt sich«, wohl aber ist es 
möghch, wenn ebenda (v. 5789 Werke 15, i, 51) der Herold 
vom Geiz sagt: »Er wendet sich zu den Weibern dort, Sie 
schreien alle, möchten fort, Gebärden sich gar widerivärtigv. 
Ja, für unser heutiges Empfinden entsteht gelegentlich sogar 
ein beträchtlicher Widerspruch, wenn Euphorion von dem 
sich sträubenden Mädchen, das er zur Liebkosung heran- 
schleppt, sagt: »Mir zur Wonne, mir zur Lust Drück ich 
widerspenstige Brust, Küss' ich widerwärtigen Mund« (v. 9796 
ebd. S. 232)" 

Uebrigens ist auch eine andere Fauststelle (v. 10777 ff.) 
von hier aus zu verstehn. Die Schilderung der Schlacht 
zwischen dem Kaiser und seinem Gegner schließt Mephisto 
mit den Worten: »Zuletzt, bei allen Teufelsfesten, Wirkt 
der Parteihaß doch zum besten Bis in den allerletzten Graus; 
Schallt luider-zuidenuärtig panisch, Mitunter grell und schart 
satanisch. Erschreckend in das Thal hinaus«. Die Wieder- 
holung des »wider« bedeutet hier etwa keine Verstärkung 
des Begriffes, sondern ist so zu erklären, daß das feindliche 
Wirken von beiden Seiten aus, also der gegenseitig thätige 
Haß bezeichnet werden soll. 

Aus diesem Begriffe des »Entgegenstehenden«, »Wider- 
strebenden« entwickelt sich bei Goethe der des »Ungünstigen«, 
»Unvortheilhaften«. Und so nennt er in dem Aufsatz von 
Lionardos Abendmahl, wo er von dem Gebäude spricht, 
das das Gemälde aufzunehmen bestimmt war, den Ort, an 
dem Herzog Ludwig die Mönche das Kloster zu erneuern 
nöthigte, widerwärtig, wobei der Nebensinn des Abstoßenden 
ganz fernbleiben muß. 

Natürlich wird es bei so vieldeutiger Verwendung des 
Wortes gelegentlich fraglich sein, ob dieser ältere Sinn 
vorliegt oder der heutige Begrifi' dadurch wiedergegeben 
ist. In dem ergreifenden Bericht Goethes über sein letztes, 
so »symbolisches« Zusammensein mit Herder (Biographische 
Einzelheiten Werke 36, 255 f.) erzählt er, wie es ihn mit 
Freude erfüllt hatte zu hören, daß dieser sich über die im 
Allgemeinen abfällig beurtheilte »Natürliche Tochter« 
äußerst günstig ausgesprochen habe und wie er ihm bei 
einem Besuch in Jena das Beste über das Stück sagte, ihm 
die innerlichste schöne Freude jedoch dadurch verdarb, 
daß er »mit einem zwar heiter ausgesprochenen aber höchst 
widerwärtigen Triumph endigte«. Goethe berichtet nicht, 
worin dieser Triumph bestand, aber es ist Tradition, daß 
Herder seine Lobpreisung mit den Worten schloß: »Deine 

16* 



244 Abhandlungen. 



natürliche Tochter ist mir lieber als dein natürlicher Sohn«. 
Ist das wahr, dann könnte »widerwärtig« hier durchaus 
die Bedeutung »Abscheu erregend« haben. Ob nicht Goethe 
aber auch an dieser Stelle w^eniger im Sinne hatte das 
Abstoßende, die Empfindung Verletzende der Aeußerung 
hervorzuheben als vielmehr sie als eine solche hinzustellen, 
die Herdern das feindliche, entgegensetzte, meinetwegen 
gehässige Verhältniß eingab, in das er zu ihm allmählich 
gerathen war? 

Nicht zweifelhaft hingegen kann der Sinn des Wortes 
an einer anderen Stelle sein, auf die ich auch nur deshalb 
hinweise, weil sie überzeugend darthut, wie nothwendig 
die Kenntniß Goethischer Spracheigenheiten für die richtige 
Auffassung seiner Angaben ist. In der »Campagne in 
Frankreich« spricht sich der Dichter über die Absichten 
aus, die ihn bei der Abfassung des »Großkophtha« leiteten 
und berichtet darauf über die Aufnahme, die das Drama 
fand, mit den Worten: »Aber eben deswegen, v,-eil das 
Stück ganz trefi:"lich gespielt wurde, machte es einen um 
desto luideriuärtigern Effect« (Hempel 25, 172). Unmöglich 
will er sagen, daß es Abscheu erregte, sondern nur: es 
stieß auf Widerspruch, es klang nicht an, wie er selbst 
weiterhin bemerkt: »kein Herz klang an«. Ebenso zu ver- 
stehn ist dann die Aeußerung über die Aufnahme des 
»Bürgergenerals« (ebd. S. 173): »Das Stück brachte die 
widerwärtigste Wirkung hervor«. 

Von dieser Verwendung des Wortes »widerwärtig« 
fällt nun auch, wie mir scheint, ein Licht auf die viel 
besprochene scenische Bemerkung im Urfaust (S. 5), wo- 
nacn der von Faust citirte Erdgeist in der Flamme »in 
wiederlicher Gestallt« erscheint. Daß das Wort nicht im 
heutigen Sinne zu nehmen ist und nicht »abstoßend«, »häß- 
lich« bedeutet, bemerkt Erich Schmidt (ebd. S. xxxix). 
Aber mit seiner Ansicht, daß es so viel wie »schrecklich« 
ist, die Collin (Goethes Faust in seiner ältesten Gestalt 
S. 77) theilt, kann ich mich nicht befreunden. Eher scheint 
mir der zweite, von Erich Schmidt aufgestellte Sinn »feind- 
lich« zuzutreffen. Das Wort wird nicht viel mehr besagen als 
»in abweisender Gestalt« d. h. in einer Gestalt, deren 
Haltung man die Unzufriedenheit, das Mißvergnügen an- 
sieht. So sagen auch die drei gewaltigen Gesellen, als sie 
die Güter ans Land schaffen und Faust ihnen dafür keinen 
Dank bietet, sondern unfreundlich begegnet »Er macht ein 
widerlich Gesicht« (v. 11 193). 

Auch wenn wir nwidriga bei Goethe finden, dürten 
wür unserer Neigung das Wort von der Seite des Gefühls 
zu nehmen und als den Ausdruck extremen Gegensatzes 



Zu Goethes Wortgebrauch. 245 

aufzufassen nicht nachgeben. Auch bei ihm schwebt dem 
Dichter mehr der Begriff des »Entgegenstehenden« vor als 
der von Abscheu erfüllten Empfindung. So schreibt er an 
Lavater (am 29. Juli 1782): »Da ich zwar kein Widerkrist, 
kein Unkrist aber doch ein dezidirter Nichtkrist binn, so 
haben mir dein Pilatus und so weiter widrige Eindrücke 
gemacht, weil du dich gar zu ungebärdig gegen den alten 
Gott und seine Kinder stellst« (Br. 6, 20). Bedenkt man, 
daß der Freund dem Freunde so schreibt, so wird man 
das Wort nicht allzu stark nehmen dürfen und den Sinn 
nicht über den Grad von »entgegenstehend«, »zum Wider- 
spruch reizend« hinaustreiben. Auch an der bekannten 
Stelle im Faust, wo Gretchen von Mephisto sagt »Es hat 
mir in meinem Leben So nichts einen Stich ins Herz ge- 
geben Als des Menschen widrig Gesicht« (v. 3473 f.), ist 
nicht an die abstoßende Physiognomie des Teufels zu 
denken, sondern an seine spöttische, feindliche, saure Miene. 
Das Wort wird am besten durch Goethe selbst erklärt, 
durch eine andere Stelle im zweiten Theil des Dramas, 
wo Faust zu xMephisto sagt: »Dein widrig Gesicht, bitter, 
scharf, Was weiß es, was der Mensch bedarf« (v, 10 194). 

War in diesen Fällen zu befürchten, daß die Worte 
in ihrem heutigen Sinne genommen werden und Mißver- 
ständnisse veranlassen, so ist bei einem anderen bemerkens- 
werthen Gebrauch diese Gefahr allerdings kaum vorhanden. 
In der »Campagne in Frankreich« nennt Goethe, da wo er 
seine Beziehungen zu Plessing bespricht (Hempel 25,146), 
den Kellner im Gasthof zu Wernigerode einen ^■>sinnigen 
Menschen«. Nähmen wir das Wort in seiner heutigen Be- 
'deutung, so wäre die Bezeichnung für unser Gefühl nicht 
frei von Komik. Natürlich ist ein Mensch gemeint, der 
mit offenem, frischem Sinn begabt ist, einer, den wir heute 
»hell« nennen würden, wie denn Goethe fortfährt: »einen 
sinnigen Menschen, der seine städtischen Mitgenossen zu 
kennen schien«. Wieder also setzt der Dichter ein Wort 
in seine alten Rechte ein und gibt ihm seine einstige Be- 
deutung zurück, nur daß er den Begriff steigert. Es ist 
daher auch wohl kein Zufall, daß es von zwei späteren 
Dichtern in ähnlicher Weise dort verwendet wird, wo sie 
eine bewußt alterthümliche Sprache reden von Heinrich von 
Kleist in der Legende »Der Welt Lauf« (v. 17 Der Herr, 
des Streits noch sinnig eingedenk, spricht u, s. w.) und 
von Richard Wagner im Siegfried (S. 90: Nicht kann ich 
das Ferne sinnig erfassen). 

Natürlich vermittelte Goethe im Allgemeinen nicht die 
historisch-urkundliche Kenntniß der Entwickelung der Mutter- 
sprache derartige ursprünghche Bedeutungen, wenngleich 



246 Abhandlungen. 



gelegentlich auch ein solcher Fall eintrat, sondern unbe- 
wußt leitete ihn sein Gelühl zu der Quelle der Sprach- 
bildung. Welch glücklicher Instinkt ihm dabei eigen war, 
dafür mag noch ein lehrreiches Beispiel folgen. y^Eiuig^f. 
gebraucht er im Sinne von »unendlich« der Zeit wie dem 
Raum nach. Für jene Bedeutung bedarf es keiner Beispiele, 
für diese sei nur auf den Vers im Faust aus der Schilderung 
des Reiches der Mütter »Nichts wirst du sehn in ewig 
leerer Ferne« (v. 6246) verwiesen. 

Allein weder diese noch jene Bedeutung hat das Wort 
in den Schlußversen des Dramas: »Das i?w/^- Weibliche 
zieht uns hinan«. Das »Ev.'ig WeibHche« ist vielmehr, wie 
Düntzer gegen andere mit Recht behauptet hat, so viel wie 
das Idealweibliche, das WeibHche, wie es, befreit von der 
irdischen Schwere, im Reiche der Ewigkeit waltet. Wie 
dieser Sinn entstehen konnte, lehrt v. 12 des tieisinnigen 
Divangedichtes »Höheres und Höchstes« , wo »ew'gecf. 
Zeiten nur heißen kann, »für die in der Ewigkeit zu ver- 
bringenden Zeiten«. Echt Goethisch erscheint das Wort 
dann doppelsinnig in den Schlußversen desselben Gedichtes: 
»Bis im Anschauen ew'ger Liebe Wir verschweben, wir 
verschwinden«, wo sich mit der eben hervorgehobenen 
Bedeutung unwillkürlich die des »zeitlich Unendhchen« ver- 
bindet. Indem aber der Dichter dem Wort »ewig« diesen 
Sinn verleiht, trifft er eine Bedeutung, die es in alten 
Zeiten besaß und nur für das heutige allgemeine Sprachgefühl 
verloren hat. Aus dem Begriffe des »Dauernden«, »immer 
Währenden« hatte sich einst der des »Rechtmäßigen«, 
»Wahren«, »Vorbildlichen« entwickelt. Das zeigen noch 
die beiden aus demselben Etymon erwachsenen, heutigen 
Worte »Ehe« (einst =^ Gesetz) und »echt« (aus ehalt). 
Wie nahe sich diese Bedeutung mit der des ersten Com- 
positionsgHedes von Ewig -Weihlich berührt, sieht jeder. 
Beide schreiten dem Begriff des »Idealen« zu, nur ist hier 
bei Goethe concret in dichterisch-mythologische Ueber- 
tragung gekleidet, was dort mehr abstract gedacht er- 
scheint. So verwandt mit dem Genius seiner Sprache zeigt 
sich der Dichter, daß er nachzuschaffen vermochte, was 
jener in der Fülle seines Besitzes verschwendet hat ! 

Goethes Kraft im Wortgebrauch ruht auf seinem leben- 
digen Gefühl für den Gehalt der Sprache. Das wollte ich 
nicht ohne Hinblick auf die heute so bedrohhch um sich 
greifende Verflachung der Sprache an einigen Beispielen 
zeigen. Hat, wer heute schreibt, so oft das Gefühl, mit einem 
einzigen Ausdruck im Leser nicht die Vorstellung zu wecken, 
die ihm vor Augen steht und greift er zu Häufungen und Um- 
schreibungen, so traut Goethe dem für sich stehenden Wort 



Zu Goethes Wortgebrauch. 247 

noch Kraft und Wirkung zu. Er steht der Sprache so nahe, 
daß er gleichsam mit jedem ihrer SprößHnge auf vertrautem 
Fuße lebt und jedes Wort ihm wie einem Freunde alles, was 
ihm eigen ist, hingibt. Der Gefahr, die diese Sparsamkeit zur 
Folge haben könnte, daß er sich nicht hinreichend verständ- 
lich mache, begegnet er durch die Klarheit seines Denkens. 
Aber er setzt freilich auch wiUige Hingabe des Empfangenden 
voraus. Und so erwächst für uns, die die stets wachsende 
Eilfertigkeit des Lebens zu so ungeduldigen und flüchtigen 
Lesern macht, aus der Bescheidenheit, mit der Goethe von 
der Fülle der Worte Gebrauch macht, dann auch aus der Be- 
deutungswandlung, die die Sprache seit seiner Wirksamkeit 
erfahren hat, die Pflicht, ihn mit verweilender Sorgfalt zu 
genießen, genau auf das einzelne Wort zu achten und seine 
Bedeutung nicht vorschnell der jetzt üblichen gleich zu stellen. 
Wie aber Goethes Sprachgefühl nichts ist als der Aus- 
druck seiner poetischen Kraft, so deutet auch seine hier 
besonders betonte Neigung in dem Wort den ursprüng- 
lichen, etymologischen Sinn aufzusuchen, statt des abge- 
blassten den frischen, wurzelhaften zu wählen auf ein Grund- 
element seines künstlerischen Wesens. Die ursprüngliche 
Bedeutung ist stets concreter als die abgeleitete, wie denn 
der Sprachentwicklung die Tendenz nach dem Geistigen 
und Abstracten hin eigen ist. Bei den besprochenen Worten, 
denen eine Raumanschauung zu Grunde liegt (Forgänger 
entgegnen, vorläußg) fühlt jeder, wie die eigentliche Be- 
deutung kernhafter ist als die übertragene. Der Grundzug 
von Goethes dichterischem Vermögen aber ist die Schärfe 
des inneren Gesichts, die Gegenständlichkeit der Phantasie. 
Er selbst hat bekannthch das Wort »gegenständlich« als 
besonders bezeichnend und fundamental für seine Geistes- 
richtung erklärt. Als der Anthropologe Heinroth seine Art 
zu verfahren zuerst gegenständhch thäiig nannte, veranlaßte 
ihn das zu einer interessanten Analyse seines Wesens^ die 
er in einer »Bedeutende Förderniß durch ein einziges geist- 
reiches Wort« betitelten Betrachtung niederlegte (Hempel 
27, 341). Ebenso nun wie er im Denken und in der poeti- 
schen Gestaltung das Abstracte scheut und das Sinnliche, 
Anschauliche, Lebendige aufsucht, in derselben Weise hand- 
habt er das Ausdrucksmittel seiner Kunst, die Sprache. 
Bemerkenswerth aber ist, daß bei ihm mit den zunehmen- 
den Jahren sich zwar die Kraft der bildenden Phantasie 
minderte, seine sprachhche Plastik hingegen, wüe sich leicht 
zeigen ließe, eher wuchs als abnahm. 




7- 

Leonardo da Vincis Abendmahl. 

Von 

Paul Weizsäcker. 




edermann, der sich schon an einem Abbild von 
Leonardo da Vincis großartigem Gemälde des letzten 
Abendmahls Jesu mit seinen Jüngern erfreut hat, 
sieht darin den Augenblick dargestellt, wo der Herr soeben 
schmerzlich bewegt (Joh. 13, 21) die Worte gesprochen 
hat: Wahrhch ich sage euch, einer unter euch wird mich 
verrathen, und erkennt in den Gebärden und dem Gesichts- 
ausdruck der Jünger die verschiedenen Eindrücke, die diese 
Eröffnung auf ihre Gemüther hervorgebracht hat. Goethe 
hat diese Deutung des Vorgangs in seinem schönen Auf- 
satz über diesen Gegenstand meisterhaft durchgeführt. Nicht 
ohne Ueberraschung liest man daher im Goethe-Jahrbuch 
1896 S. 138 ff. den Versuch einer anderen Deutung, den 
J. Strzygowsky mit vielem Geschick und feiner Beobachtung 
unternommen hat. Da in der That manches für seine Deu- 
tung zu sprechen scheint, so dürfte es von Interesse sein, 
der Frage aufs neue näher zu treten und seine Gründe 
einer genauen Prüfung zu unterziehen. 

Nach einer eingehenden Beschreibung der einzelnen 
Gruppen und des Raums, in dem sich der Vorgang ab- 
spielt und über dessen Anordnung und Beleuchtung der 
Verfasser treffende neue Beobachtungen auf Grund einer 
Photographie nach dem Original und einer Copie von 



Leonardo da Vincis Abendmahl. 249 

Cesare Magnus in der Brera bei Mailand anstellt, wonach 
in den bekannten Nachbildungen, auch in dem berühmten 
Stich von Raphael Morghen, gerade die wunderbare Be- 
leuchtung des Urbilds, der Gegensatz des durch die Oeff- 
nungen in der Hinterwand einfallenden spärlichen Lichts 
und der von links oben eindringenden eigentlichen Licht- 
quelle verloren geht, — nach diesen Vorfragen kommt 
Strzygowsky auf den flauptgegenstand seiner Untersuchung, 
auf die Frage : Welchen Moment nun hat Leonardo ge- 
wählt? Es kann sich dabei nach den Evangelien um zwei 
Momente handeln, entweder um die erschütternde und be- 
trübende Wirkung der Eröffnung des Herrn, daß einer aus 
ihrer Mitte ihn verrathen werde, oder um die Spannung 
auf die Entdeckung des Verräthers, die durch die Worte 
des Herrn erregt wird : der ists, der mit mir in die Schüssel 
taucht (Matth. 26, 23 und ähnlich Joh. 13,26). Strzygowsk}^ 
entscheidet sich für den letzteren Moment und erscheint 
dabei zunächst geleitet von der Beobachtung der rechten 
Hand des Herrn und der linken des Verräthers, welche 
ihm beide nach einer Schüssel zu greifen scheinen, weiter- 
hin durch den Umstand, daß alle Hände der Tischgenossen 
nicht blos sichtbar, sondern auch großentheils ostentativ 
vorgewiesen seien, als ob die Jünger damit zeigen wollten, 
daß sie ihre Hände dabei nicht im Spiele haben. Der bloße 
Hang des Italieners, lebhaft mit den Händen zu gestikuliren, 
den Goethe geltend mache, genüge nicht zur Erklärung 
der lebhaften Gebärdensprache der Jünger. Ich weiß nicht, 
ob Strzygowsky aus der bloßen Beobachtung des Spieles 
der Hände zu seiner Auffassung gekommen ist. Aber man 
hat allen Grund es zu bezweifeln. Denn wer in aller Welt 
hat schon Jemand in der Art nach einem Gegenstand greifen 
sehen, daß dabei der Ballen der zugreifenden Hand auf dem 
Tische aufliegt und nur die Finger erhoben sind, und daß 
der Zugreifende gar nicht nach dem Ziele des Griffes hin- 
schaut? Und mußte nicht in dem von Strzygowsky an- 
genommenen Moment nach den Worten des Evangeliums 
Johannis 13, 26 der Herr den Bissen in der Hand halten 
(der ists, dem ich den Bissen eintauchen und geben werde)? 
Der Maler hätte seine Absicht nicht besser verstecken 
können, als es hier geschehen ist, denn es ist ihm in der 
That gelungen alle Beschauer bisher so in die Irre zu führen, 
daß sie seine Absicht nicht merkten. Schon Leonardos 
Freund Luca Pacioli, der doch trotz der Verdächtigung 
seiner Zuverlässigkeit (S. 150) von Leonardos wahrer Ab- 
sicht unterrichtet sein mußte, erklärt den Vorgang als die 
Wirkung des Wortes Jesu: Einer unter euch wird mich 
verrathen. 



250 Abhandlungen. 



Von der Betrachtung des Bildes allein wäre also 
Strzygowsky nicht auf seine Erklärung gekommen. Erst 
am Schlüsse seiner Abhandlung erfahren wir den wahren 
Grund seines gesuchten Deutungsversuchs. S. 154 sagt er: 
»Wäre die Goethische Erklärung richtig, dann hätte Leonardo 
mit der gesammten Tradition gebrochen. Denn bis dahin 
war, wenn man das Abendmahl überhaupt historisch faßte, 
geradezu ausschließlich die Kenntlichmachung des Judas 
dargestellt, von den Byzantinern ebensogut, wie von den 
Itahenern. Die Vorgänger des Leonardo deuten das dadurch 
typisch an, daß Judas allein an der Vorderseite des Tisches 
entgegen allen andern sitzt, die um die übrigen Seiten der 
Tafel gruppirt sind. Ihm gegenüber sieht man immer 
Christus mit segnend erhobener rechter Hand, die linke 
durch Johannes verdeckt, der nach byzantinischer Weise 
an seiner Brust liegt. Gewöhnhch wird dann auch noch 
Petrus hervorgehoben; er hält zumeist ein Messer«. Im 
ersten Augenblick kann man durch diese Erwägung stutzig 
werden. Allein ist es denn so unerhört, daß ein großer 
Meister der Kunst mit der Tradition bricht? Werden nicht 
die größten Fortschritte in der Kunst eben erst durch einen 
Bruch mit der Tradition ermöglicht? Und dann, prüfen 
wir die typische Darstellung des Abendmahls vor Leonardo,' 
wie sie Strzygowsky selbst in den angeführten Worten 
treffend schildert, finden wir da nicht, daß Leonardo so 
ziemlich in allen Stücken geneuert hat? Erstlich hat er den 
Judas in die Reihe der übrigen Apostel versetzt, ferner hat 
er rechts und links vom Herrn je 2 Gruppen deuthch ge- 
sondert und doch wieder innig verbunden, während seine 
Vorgänger die Jünger entweder einfach in Reih und Glied 
setzen, oder doch nur schüchterne Anfänge von Gruppen 
zu zwei und zwei zeigen, so noch Ghirlandajo um 1480 
in dem Fresko in Ognissanti zu Florenz. Er hat drittens 
Johannes gegen alle Tradition von der linken Seite des 
Herrn, an dessen Brust er schlummert oder zu schlummern 
scheint, auf seine rechte Seite versetzt und zwar die 
traditionelle Neigung desselben mit halbgeschlossenen Augen 
beibehalten, aber dieser Haltung eine ganz andere, neue 
Bedeutung gegeben, indem er sie durch ein Hinhorchen 
zu dem hinter Judas übergebeugten Petrus motivirt. Er 
hat viertens mit der Tradition dadurch gebrochen, daß er 
den Moment der Handlung gewählt hat, der alle Unklarheit 
ausschließt, den Moment nach der Verrathsankündigung. 
Denn der andere Moment, die Kenntlichmachung des 



• Vgl. dazu bes. Detzel, Christliche Ikonographie I, 332—342 und 
die dort angeführte Literatur. 



Leonardo da Vincis Abendmahl. 251 

Verräthers durch das Eintauchen des Bissens, leidet in der 
That, wie Detzel (S. 339) bemerkt, an einer gewissen Un- 
klarheit, die dadurch entsteht, daß neben der Bezeichnung 
des Judas als Verräther :;jigleich die Einsetzung des heiligen 
Abendmahls zur Darstellung kommen soll, oder wenigstens 
Christus in traditioneller Weise segnend dargestellt wird. 
Mit alle dem hat Leonardo gebrochen, indem er vor allen 
Dingen den segnenden Christus aufgegeben und den Vor- 
gang rein historisch, darum auch ohne Heiligenscheine, 
dargestellt hat. Und dazu konnte er nur den Moment 
vor der Bezeichnung des Verräthers wählen. Daß dieser 
in der That in dem Bilde dargestellt ist, lehrt der Augen- 
schein. Denn die Blicke der Jünger sind eben nicht, wie 
Strzygowsky behauptet , auf die Schüssel (vielmehr den 
Teller) zwischen den Händen Jesu und des Judas gerichtet, 
sondern theils auf Jesum, theils auf einander selbst. 

Nun sagt uns aber Strzygowsky, Leonardo gehe, wie 
dies auch bei einigen seiner übrigen Compositionen nach- 
weisbar sei, zunächst durchaus vom traditionellen Typus 
aus. »Eine Handzeichnung in Windsor zeigt zweimal skizzirt 
das Abendmahl. Immer sitzt Judas allein an der Vorder- 
seite des Tisches Christus gegenüber, das einemal, rechts, 
Hegt auch Johannes an seiner Brust. Der Moment wird, 
M'ie bei den Byzantinern dadurch scharf markirt, daß Judas 
in die Schüssel greift, einmal zugleich mit Christus, so daß 
sich die Hände beider, wie später im ausgeführten Gemälde 
gegenübertreten«. »In einem zweiten Entwurf, einer Röthei- 
studie in der Academie zu Venedig, sind die Apostel schon 
zu Gruppen zusammengeschlossen. Doch bleibt auch in 
dieser zweiten Zeichnung die Hauptgruppe noch unverändert: 
Judas vor dem Tische Christus gegenüber, beide die Hände 
ausstreckend, welche so, durch eine Schüssel getrennt, 
einander gegenüberstehen, Johannes ferner an Christi Seite 
schlafend«. — Was beweist denn das für das Gemälde? 
Strzygowsky sagt: »Leonardo gibt auch bei der endgiltigen 
Gestaltung seine erste, der damals giltigen Auffassung des 
Abendmahls als einer Kenntlichmachung des Judas ent- 
sprechende Idee gar nicht auf, aber er bildet sie genial um. 
Das allein ist sein Verdienst«. Man traut seinen Augen 
nicht; denn gerade das Gegentheil ist der Fall. Die Zeich- 
nungen lehren uns, daß sich Leonardo bei seinen Entwürfen 
zunächst an das Hergebrachte zu halten gesucht hat, das 
fertige Bild aber, in dem er Judas in die Reihe der übrigen 
Apostel, Johannes dagegen auf die andere Seite des Herrn 
versetzt, lehrt uns, daß ihm seine Entwürfe der Hauptgruppe 
nicht genügten und er sich daher zu einem entschiedenen 
Bruch mit der Tradition entschloß. Dieser Bruch bestand aber 



252 Abhandlungen. 



in der Hauptsache eben darin, daß Leonardo auf den Moment 
der Entdeckung des Verräthers verzichtete, ohne diesen 
darum doch für den Beschauer unkenntlich zu machen, und 
den etwas früheren Moment wählte^ die Wirkung der An- 
kündigung des Verrathes auf die Jünger. 

Strzygowsky bestreitet (S. 147 f.), daß diese das einzige 
»Aufregungsmittel sei, wodurch der Künstler die ruhig 
heilige'Abendtafel erschüttert« (Goethe). Gewiß hat Goethe 
die Haltung und Gebärden einiger Jünger nicht ganz richtig 
gedeutet, zum Theil durch die Schuld des seiner Abhandlung 
hauptsächlich zu Grunde gelegten Stiches von Morghen. 
Aber seine Deutung des ganzen Hergangs wird dadurch nicht 
im mindesten erschüttert. Um aber hierüber und über die 
Deutung der einzelnen Figuren ganz ins Klare zu kommen, 
ist es unerläßlich zuvor den Beweis zu erbringen, daß Goethe 
den von Leonardo gewählten Moment richtig erfaßt hat. 

Wenn wir zunächst das Bild in seiner Gesammtheit 
überblicken, so erkennen wir eine vollkommen einheitliche 
Handlung, die ganze Tischgesellschaft ist in einem einzigen, 
inhaltschweren Moment erfaßt, wie ihn ein Momentphoto- 
graph nicht wirkungsvoller erhaschen könnte, und es ist 
ein eigenthümliches Lob, das Strzygowsky dem Künstler 
ertheilt, wenn er meint, er wolle Vergangenheit, Gegen- 
wart und Zukunft zusammenfassen. Ja die Gegenwart zeigt 
uns der Meister, die unmittelbare Vergangenheit und Zukuntt 
läßt er uns nur ahnen, aber so, daß wir über beide nicht 
im Zweifel sein können. Das erschütternde Wort ist ge- 
sprochen: einer unter euch wird mich verrathen, und eine 
allgemeine tiefgehende Erregung unter den Jüngern ist die 
Wirkung. Aber wie ein ins Wasser geworfener Stein eine 
mit der Entfernung vom Mittelpunkt immer flacjier werdende 
Wellenbewegung erzeugt, so ist auch die Erregung der 
Jünger in der Mitte des Bildes stärker und nimmt nach außen 
mehr und mehr ab. Die Jünger wissen sich alle unschuldig 
bis auf einen, und ihre Betrübniß, die die Evangelien her- 
vorheben, hat ihren Grund vielmehr in dem unerträglichen 
Gedanken, daß einer der 12 Auserwählten einer so schänd- 
lichen That fähig sein könnte, als in der Befürchtung, jedes 
einzelnen, daß er der Verräther werden könnte. Denn der 
Wortlaut ihrer Frage bei den Synoptikern : Bin ichs, im 
Urtext bedeutet eigentlich: Ich bins doch nicht? und zeigt 
deutlich, daß jeder im Bewußtsein seiner Unschuld diese 
Möglichkeit höchstens dadurch für denkbar hält, daß er 
durch irgend eine Ungeschicklichkeit den Verrath herbei- 
führen könnte. Nur bei Judas ist diese Frage die Folge 
seiner Verlegenheit oder Verstocktheit. In dem Bild ist 
auch durchaus nicht dargestellt, wie die Jünger diese Frage 



Leokardo da Vincis Abendmahl. 253 

Stellen, denn das ließe sich, da es sich nicht in Einem Moment 
vollzieht, gar nicht in einem Bilde darstellen. Strzygowsky 
macht darauf aufmerksam, daß das Ganze als eine Art 
Pantomime gegeben und keine der Personen sprechend ge- 
dacht ist, nur geht er darin seiner Deutung zu lieb etwas 
zu weit; hei einigen der Apostel ist die Annahme, daß sie 
sprechend gedacht sind, wie wir sehen werden, durchaus 
unumgänglich nothwendig. Der Künstler ist überhaupt nicht 
den Berichten gefolgt, in denen die Jünger fragen: bin ichs, 
sondern dem des Johannes 13, 21 — 25 ^^^ davon nichts be- 
richtet, sondern wo es unmittelbar nach den Worten Jesu 
heißt : die Jünger sahen einander an und wußten nicht, von 
welchem er rede. Einem aber von ihnen, der an der Brust 
Jesu lag, dem Lieblingsjünger Jesu winkte Petrus und sprach: 
Sage du, wer es ist und jener — warf sich nun an die Brust 
Jesu und fragte ihn: Herr, wer ists? Das ist entscheidend 
für die ganze Frage. Denn wenn Leonardo Petrus und 
Johannes sich in so ausgesprochener Weise einander zu- 
neigen läßt, so kann über den von ihm gewählten Augen- 
blick nicht der mindeste Zw-eifel mehr obw^alten. Wenn 
Leonardos Vorgänger den Johannes noch an Jesu Brust 
ruhen lassen, so folgen sie damit dem Johannesevangelium 
V. 23. Diese Situation hat aber durch den Wink des Petrus 
eine augenblickliche Unterbrechung erlitten, die auch im 
Johanneischen Bericht deutlich genug hervorgehoben w^ird, 
mdem v. 25 fortfährt: jener warf sich nun an Jesu Brust 
und fragte etc. Gerade der Einschnitt zwischen Jesus und 
Johannes in Leonardos Gemälde, der mit der traditionellen 
Darstellung dieser Gruppe völlig bricht und nur durch den 
Wink des Petrus veranlaßt sein kann, erhebt es zur völligen 
Gewißheit, daß Leonardo nur dem Johannesbericht gefolgt 
sein kann, und damit ist der gewählte Moment mit der 
denkbar schärfsten Genauigkeit gekennzeichnet. Der nächste 
Moment der Handlung wird also der sein, daß Johannes 
und Jesus sich einander zuwenden, es folgt dann noch Frage 
und Antwort, und dann erst das Zugreifen Jesu nach dem 
Bissen (nicht nach der Schüssel, v. 26). Mit dem Spiel 
der Hände Jesu und des Judas kann also der Künstler nicht 
die von Strzygow^sky vermuthete Absicht gehabt haben, 
und so fällt dessen Deutung auch von dieser Erwägung 
aus, die wir anfangs schon aus rein künstlerischen Rück- 
sichten ablehnen mußten. 

Nachdem so über den dargestellten Moment jeder 
Zweifel ausgeschlossen ist,' können wir nun auch erst mit 



' Eine weitere Bestätigung, daß Leonardo dem Bericht des Johannes 
folgte und nur die Wirkung der Verrathseröfthung, nicht die Entdeckung 



254 Abhandlungen'. 



voller Klarheit bestimmen, welche Aufgabe sich der Künstler 
für die Darstellung der übrigen Jünger außer Petrus, Johannes 
und Judas stellen mußte. Diese Aufgabe war schwer genug, 
denn er sollte in nicht weniger als neun Gestalten die 
diTopia, die quälende Ungewißheit zum Ausdruck bringen. 
Aber er hat sie glänzend gelöst. Den Johannes konnte er 
als Lieblingsjünger Jesu, der sich von jedem Schatten von 
Schuld frei fühlte, in ungetrübter Seelenruhe darstellen. 
Bei Petrus, der sich gleichfalls unschuldig weiß, überwiegt 
die mit Entrüstung gemischte, theilnahmvolle Neugier, 
womit er hinter Judas herfahrend, die Linke dem Johannes 
auf die Schulter legt und ihm seine Frage zuflüstert. Dabei 
deutet er mit dem Zeigefinger dieser Hand auf den Herrn 
und sein Auge ist bezeichnend, nicht wie es bei Morghen 
scheint, auf Johannes, sondern auf Jesus gerichtet. Die 
rechte Hand kann bei dieser starken Bewegung nicht auf 
dem Tisch liegen bleiben, sondern folgt dem Zuge der 
ganzen Figur nach links, der sich auch in der Stellung der 
Beine noch erkennen läßt und wird in die rechte Hüfte 
gestemmt. Er ist nicht aufgestanden, sondern hat nur den 
Oberkörper sehr stark gereckt. Von einer Bedrohung des 
Judas ist keine Rede, er kennt diesen noch nicht als Ver- 
räther; eine solche Auffassung der Bewegung würde einen 
störenden Zug in die Einheit des Ganzen bringen; Goethe 
sagt auch (Hempel S. 52, 525 f.) bei der Vergleichung der 
Kopieen von der des Marco d'Oggione richtig, von Zorn 
und Bedrohung könne man nichts darin sehen. Das ist 
ein Beweis, daß dieser Kopist hier das Original richtig 
wiedergibt und Goethe thut dem Leonardo Unrecht und 
fühlt doch zugleich das Richtige, wenn er fortfährt, dieser 
möge hier mit sich selbst nicht ganz einig gewesen sein, 
denn herzliche Theilnahme an dem geliebten Meister und Be- 
drohung des Verräthers lasse sich wohl schwerlich in einem 
Gesichte vereinigen. Das wollte ja Leonardo gar nicht. Bei 
genauer Betrachtung ergibt sich deutlich, daß Petrus ;nV/j/, wie 
Goethe sagt, den Messergriff" dem Judas unwillkürlich zu- 
fällig in die Rippen setzt und dadurch dessen erschrockene 
Vorwärtsbewegung bewirkt. Nur das Handgelenk des 
Petrus scheint den rechten Arm des Judas zu berühren. Aber 



des Verräthers darstellen wollte, ist, wenn es ja noch einer solchen 
bedarf, darin zu finden, daß nach Johannes die Entdeckung des Ver- 
räthers zunächst noch das Geheimniß des Johannes und Petrus bleibt, 
die übrigen aber noch in der Ungewißheit gelassen werden, denn sie 
verstehen (v, 28) die Worte Jesu zum Verräther: »Was du thust, das 
thue bald« nicht, sondern beziehen sie auf irgend einen Auftrag, den 
Judas zu besorgen hätte. Nach seinem Weggang werden sie die Wahr- 
heit bald genusf erfahren haben. 



Leonardo da Vincis Abendmahl. 255 

es entspricht dem feurigen, raschen Wesen des Petrus, daß 
er seine Bewegung mit großer Heftigkeit ausführt und da- 
durch mit seinem Oberkörper den zwischen ihm und Johannes 
sitzenden Judas so über die Tischkante drängt, daß dieser 
mit dem rechten Arm ein Salzfaß umstößt, was bekannthch 
für eine üble Vorbedeutung gilt. Diese Anordnung des 
Judas zwischen Johannes und Petrus ist ein Meisterzug des 
Künstlers. Für den Beschauer ist er, auch ohne daß der 
Maler den Moment der »Kenntlichmachung des Verräthers« 
zu wählen brauchte, durch die »drangvoll fürchterliche Enge«, 
in die er gekeilt ist, durch die Mischung von Schrecken, 
Unwillen und Trotz, die sich in seiner schroffen Um- 
drehung nach seinem Bedränger, wobei er jedoch den 
Meister nicht aus dem Auge verliert, in seinem mürri- 
schen, scharf profilirten Gesicht, dem gekniffenen Mund 
und den hochgezogenen Augenbrauen ausdrückt und die 
sich in der linken Hand mit den krampfhaft gespreizten 
Fingern und in dem Festhalten des Beutels in der rechten 
fortsetzt, sofort als der Schuldige gekennzeichnet. Dazu 
kommt der wirkungsvolle Gegensatz des fast ganz be- 
schatteten Gesichts des Verräthers mit den hell beleuchteten 
der zwei andern Jünger, ein Gegensatz, der noch verstärkt 
wird durch die dunklere Hautfarbe, die Leonardo dem 
»schwarzen« Verräther gegeben hat. So wirkt alles zu- 
sammen, diese Gruppe zu der vollkommensten und wirkungs- 
vollsten zu machen und Goethe hat recht, wenn er sagt, 
sie könne als die zuerst gedachte des Bildes angesehen 
werden : wir haben gesehen , warum dies angenommen 
werden muß. 

Bei den übrigen Jüngern handelt es sich nun um die 
Aufgabe, die ganze Stufenleiter der Empfindungen zum 
Ausdruck zu bringen, die eine schmerzliche Ueberraschung 
hervorrufen kann. Dieselben werden sich nach beiden 
Enden zu in ähnlicher Weise abstufen. Die Zunächst- 
sitzenden haben natürlich die Worte des Herrn klar ver- 
standen, auf sie ist daher die Wirkung am heftigsten. Die 
beiden Entferntesten, hnks Bartholomäus, rechts Simon 
machen der Erklärung am meisten Schwierigkeit. Strzy- 
gowskys Erklärung kann bei beiden schon deswegen nicht 
befriedigen, weil nach ihm der Gegenstand ihrer Auf- 
merksamkeit ein anderer ist. Sehr gut ist dagegen seine 
Bemerkung über die Haltung des eben aufgesprungenen 
Bartholomäus. Mich will bedünken, daß die beiden Ent- 
ferntesten vom Künstler so gedacht sind, als hätten sie die 
Worte des Herrn wegen der Entfernung nicht recht ver- 
standen, oder trauten wenigstens ihren Ohren nicht recht. 
Deshalb ist Bartholomäus aufgestanden und beugt sich so 



256 Abhandlungen. 



weit als möglich über den Tisch um sich von dem weiteren 
Verlauf der Sache nichts entgehen zu lassen; gespannteste 
Aufmerksamkeit ist alles, was aus seinen Zügen und seiner 
Haltung herauszulesen ist. An seinen Nebensitzer Jakobus d.J. 
kann er sich nicht wenden, da dieser selbst im Ungewissen 
ist, und sich über Andreas w^eg, an dessen Schulter er 
vertraulich seine Rechte legt, mit der Linken mit Petrus 
in Verbindung setzt, um von diesem Gewißheit zu erlangen.' 
Andreas, der dritte von außen herein, steht unter dem vollen 
Eindruck der vernommenen Worte Jesu und zeigt w^ie 
Goethe treffend bemerkt, mit halbaufgehobenen Armen die 
flachen Hände vorwärts, als entschiedenen Ausdruck des 
Entsetzens. Nach dem Original verräth der Gesichtsausdruck 
zugleich schmerzhche Betrübniß. Also gänzliche Ungewiß- 
heit über das gehörte Verlangen, eine bestimmte Auskunft 
zu erhalten, und Entsetzen mit Betrübniß gemischt, das ist 
die Abstufung in den Figuren der äußersten Gruppe links. 
Die äußere Gruppe der rechten Seite zeigt Matthäus 
und Thaddäus in lebhaftem Gespräch niit Smion. Von 
diesem, der, der Aelteste von allen, würdig am äußersten 
Ende der Tafel sitzt, sagt Goethe: Gesicht imd Bewegung 
zeigen, er sei betroffen und nachdenkend, nicht erschüttert, 
kaum bewegt. Das ist treffUch beobachtet, nur nicht in 
seiner Bedeutung weiter verfolgt. Warum ist er kaum be- 
wegt ? und was sagen seine Hände ? Er glaubt das Entsetz- 
liche nicht recht gehört zu haben, was ja bei einem Hoch- 
betagten begreiflich ist, er zweifelt und drückt das durch 
eine sehr bezeichnende Handbewegung mit einer leichten 
Wendung des Kopfes aus, ein Gestus, der dem des Achsel- 
zuckens nahe kommt. Matthäus und Thaddäus, die das 
Wort des Herrn vollkommen deutHch vernommen haben, 
suchen ihn durch Hinweisen auf diesen zu überzeugen, daß 
er richtig gehört habe, ihre Hände sagen ihm : »Der Herr 
hats wirklich gesagt, sieh doch hin, welchen Eindruck seine 
Worte auf alle gemacht haben !« Der ihm ferner sitzende 
Matthäus hat sich ein wenig erhoben und sich ihm in 
lebhafter Vorbeugung so weit genähert, daß der zwischen 

' Durch diese Bewegung sollen keineswegs bloß, wie Strzygowsky 
meint, die beiden Gruppen der linken Seite verbunden werden, sondern 
es zeigt sich darin auch die innige Theilnahme des nahen Verwandten des 
Herrn, während er durch die Berührung des entsetzten Andreas mit seiner 
Rechten diesen offenbar beruhigen will. Wie man die Figur des Jakobus 
einen Lückenbüßer nennen kann, ist mir unverständlich, denn Lücken- 
büßer kann es in dieser Darstellung überhaupt nicht geben; das sind 
doch wohl Figuren, die eigentlich nicht hergehören und nur zur Raum- 
ausfüllung herbeigezogen sind, und das kann man doch von keinem 
der Apostel, auch von Thomas und Thaddäus (rechts Nr. 2 u. 5) nicht 
sagen. 



Leonardo da Vincis Abendmahl. 257 

beiden sitzende Thaddäus dieser Bewegung unwillkürlich 
folgt. Auch er redet auf Simon hinein, indem er mit dem 
Daumen der Rechten nach der Mitte deutet, während die 
Linke, die wir uns vor dieser Seitwärtswendung auf ihrer 
Schmalseite auf dem Tisch aufliegend zu denken haben, 
infolge dieser Bewegung auf den Rücken umgesunken ist. 
Daß es nicht des Künstlers Absicht gewesen sein kann, 
den Jünger, wie Goethe die Sache auffaßt, mit dem Rücken 
der rechten Hand in die offene linke schlagen zu lassen, 
ein Gestus, der für die Situation doch wohl zu drastisch 
wäre, hat Strzygowsky überzeugend nachgewiesen. Durch 
diese unrichtige Auffassung der Handbewegung des Thad- 
däus, die allerdings durch den Stich von Morghen begünstigt 
wird, ist Goethe auch verleitet worden, bei diesem Jünger 
heftigste Ueberraschung, Zweifel und Argwohn zu ent- 
decken; schmerzUch überrascht und lebhaft erregt ist freilich 
auch er, aber der Zweifel ist deutlich auf Seiten Simons. 
Und während dessen Gegenbild Bartholomäus sich mit den 
eigenen Augen und Ohren von dem w^eiteren Verlauf über- 
zeugen will, lässt er sich von seinen Nebensitzern belehren. 
Diese kümmern sich noch nicht, wie ihre Gegenbilder auf 
der linken Seite um das, was weiter kommen wird, sondern 
während Jakobus der Jüngere den Petrus fragt und Andreas 
entsetzt ist, sind sie nur mit ihrem Nebenmann beschäftigt, 
wodurch eine eintönige Zukehr aller Apostel zur Mitte 
glücklich vermieden und eine weitere Abwechslung erzielt 
würd. Zweifel und schreckliche Gewissheit über die be- 
trübende Thatsache kommen in der äußeren Gruppe der 
rechten Seite zum Ausdruck. 

Es bleibt noch die innere Gruppe dieser Seite. Sie 
umfasst Jakobus den Ackeren, Thomas und Philippus. Ihr 
Grundzug ist Ablehnung in drei Stufen. Goethe schildert 
den Jakobus mit folgenden Worten: Jakobus beugt sich vor 
Schrecken zurück, breitet die Arme aus, starrt, das Haupt 
niedergebeugt, vor sich hin, wie Einer, der das Ungeheure, 
das er durchs Ohr vernimmt, schon mit Augen zu sehen 
glaubt. Den letzten Satz wird man nicht unterschreiben; 
Jakobus fährt vielmehr entsetzt zurück vor dem Ungeheuren, 
das er vernommen, weil er es für unmöglich, für unglaublich 
hält, sein geöffneter Mund ist sprachlos, er will reden und 
bringt es nicht heraus, aber seine Gebärden und sein Aus- 
druck sagen: es hann nicht sein! Dasselbe bedeutet der 
Gestus des »ungläubigen« Thomas, der sich hinter Jakobus 
vorbeugt, mit festgeschlossenem Mund und vorstehender 
Unterlippe. Der Zeigefinger der rechten Hand ist in Stirn- 
höhe erhoben. Strzygowsky meint, er drohe dem noch 
unentdeckten Verräther mit dem Schwur: Wart, dem will 

Goethe-Jahrevch XIX. 17 



258 Abhandlungen. 



ich! Aber die Hand liat weder die Gebärde des Schvvurs 
noch der Drohung, die übrigen Finger sind nämlich nicht 
nach außen, sondern nach innen gekehrt. Nach Strzygowsky 
soll Goethe mit dieser Figur gar nichts anzufangen wissen, 
sondern sie einfach beschreiben. Aber wie beschreibt er 

sie denn? »Thomas hebt den Zeigefinger der rechten 

Hand gegen die Stirn«. Was das bedeutet, weiß jeder. 
Derb ausgedrückt heißt es: »Du wirst doch gescheit sein«, 
drückt also den ailerentschiedensten Zweifel aus. Goethe 
sagt nachher bei Vergleichung der Kopien (Hempel 28,526): 
»St. Thomas, Kopf und rechte Hand, deren aufgehooener 
Zeigefinger etwas gegen die Stirne gebogen ist, ' um Nach- 
denken anzudeuten. Diese dem Argwöhnischen und Zwei- 
felnden so wohl anstehende Bewegung hat man bisher 
verkannt und einen bedenklichen Jünger als drohend an- 
gesprochen«. Goethe hat also das Richtige wohl erkannt, 
nur vielleicht zu vorsichtig ausgesprochen. Die aufgerissenen 
Augen, die emporgezogene Stirn, der vorstehende Unterkiefer 
geben zusammen mit der Handbewegung gegen die Stirn 
und der heftigen Bewegung des Oberkörpers gegen den 
Herrn zu das unverkennbare Bild des unbedingten Un- 
glaubens. »Wo denkst du hin? Das kann ja gar nicht 
sein!« Das will auch Thomas, wie Jakobus sagen, aber 
er deutet es eben als ungläubiger Thomas in ganz anderer 
Art an als dieser, bei dem der Zweifel mJt Entsetzen ge- 
paart ist. 

Am wenigsten herrscht Meinungsverschiedenheit über 
die dritte Figur dieser Gruppe, Philippus. Er rundet diese 
Gruppe, sagt Goethe schön und treffend, aufs heblichste; 
er ist aufgestanden, beugt sich gegen den Meister, legt die 
Hände auf die Brust, aufs Klarste sprechend: »Herr, ich 
bins nicht ! Du weißt es ! Du kennst mein reines Herz. 
Ich bins nicht!« Diese Deutung trift't vollkommen das 
Richtige, wenn auch, wie wir gezeigt haben, die Scene 
mit der, wo die Jünger fragen: Herr, bin ichs? nichts zu 
thun hat. Auch Philippus lehnt das Wort des Herrn ab, 
wenn auch nicht wie seine beiden Nachbarn, von der ganzen 
Tafelrunde, so doch von sich. Und so bildet diese Gruppe 
wie ihr Gegenstück auf der andern Seite, ein nicht nur 
äußerlich, sondern auch innerlich wohl abgerundetes, 
kleines Ganze in dem großen Ganzen dieser herrhchen 
Komposition, die unsere Bewunderung um so mehr gewinnt, 
je näher wir sie betrachten. 

Es bleibt noch ein Wort über die Hauptperson des 



■ ' Auf den mir vorliegenden Abbildungen ist er gestreckt, das 
ändert aber an der Bedeutung nichts. 



Leoxardo da Vincis Abendmahl. 259 

Gemäldes zu sagen, obwohl dieselbe, wo es sich um die 
Erklärung des Vorgangs handelt, eigentlich, ich darf es 
wohl sagen, ohne mißverstanden zu werden, einer Erklärung 
am wenigsten bedarf, denn sie erklärt sich selbst. Nur 
glaube ich noch eine Erklärung der rechten, angeblich zu- 
greifenden Hand des Herrn schuldig zu sein, obwohl eine 
solche nach Feststellung des dargestellten Momentes eigent- 
lich überflüssig ist. Daß es sich um kein Zugreifen nach 
der Schüssel handeln kann, braucht nicht mehr bewiesen 
zu werden. Die göttliche Ruhe des Meisters inmitten der 
Unruhe und Aufregung der Jünger macht einen über- 
wältigenden Eindruck. Und doch ist der tiefe Schmerz 
und die innere Erregung des Gottmenschen zugleich in der 
sanften Neigung des Hauptes ergreifend zum Ausdruck 
gebracht. Hat nun der Künstler, wie wir gesehen haben, 
die Scene im Gegensatz zu seinen Vorgängern als einen 
rein menschlichen, historischen Gegenstand gefasst, so konnte 
er auch die Hauptperson nicht als reinen Uebermenschen 
darstellen, und wenn wir in ihr die himmlische Ruhe und 
Ergebenheit bewundern, so zittert doch das rein mensch- 
liche Empfinden auch durch diese erhabene Gestalt: es 
äußert sich nicht bloß in der ganzen Haltung und dem 
Gesichtsausdruck (man vergleiche besonders Leonardos 
Studienkopf für den Herrn, wo er als bartloser Jüngling 
gezeichnet ist), sondern in seiner sonst nur zum Segnen 
und Wohlthun erhobenen Rechten, die hier mit leicht er- 
hobenen Fingern auf dem Tische ruht, zittert die schmerz- 
liche Erregung nach, die auch ihn bei der Verrathsankün- 
digung ergriffen hat : eiapdxOr) tuj TTveu|uaTi sagt Johannes 
von ihm, er wurde erschüttert im Innersten und das wird 
wohl auch dem Künstler vorgeschwebt haben, als er seinen 
Christus bildete. Und es ist nicht das kleinste Verdienst 
dieses Kunstwerks, daß der Meister es verstand, diese innere 
Erregung auf das denkbar bescheidenste Maß herabzusetzen, 
aber es bei aller Hoheit und Würde der Gesammterscheinung 
doch nicht ganz zu unterdrücken. So bleibt trotzdem 
Christus der ruhige Pol, wie Springer sagt, »der äußere 
und innere Mittelpunkt der Handlung, von welchem alle 
Bewegung ausgeht und zu welchem sie wieder zurück- 
kehrt (f. 

Zum Schlüsse sei noch, da Strzygowsky besonderen 
Werth darauf zu legen scheint, Leonardo in der Wahl des 
Momentes noch unter dem Einfluß der Tradition zu zeigen, 
darauf hingewiesen, was Springer ohne Rücksicht auf das 
Abendmahl über Leonardos Entwicklung sagt, er habe, noch 
ehe er die Heimath verließ (1483), mit den Florentiner 
Traditionen (man vergleiche besonders das Abendmahl 

17* 



26o 



Abhandlungen. 



Ghirlandajos 1480) gebrochen und alle Eigenschaften sich 
erworben, welche seine späteren Werke auszeichnen. Und 
im Abendmahl sollte er die Tradition wieder aufgenommen 
haben? Daß er Versuche machte, sie einigermaßen fest- 
zuhalten, haben wir gesehen. Aber er wäre sich selbst 
ungetreu geworden, wenn er nicht in der Ausführung diese 
Versuche fallen gelassen hätte und seinen eigenen Weg 
gegangen wäre. 




8. 

Zur Belagerung von Mainz. 

Von 

Valentin Pollak. 




ie Schicksale von Mainz während des ersten 
CoaHtions-Krieges, seine Einnahme durch Custines 
kecken Husarenstreich, die dabei so überaus klägUch 
zutage getretene ErbärniHchkeit deutscher Reichszustände, 
die tolle Comödie eines rheinisch-deutschen Freistaates auf 
dem Boden der Bischofsstadt, die Belagerung durch die 
Alliirten — alle diese bunten Ereignisse, woran zum Theil 
hochinteressante Personen wie Georg Forster und Caroline 
Böhmer betheiligt waren, haben reichlich gleichzeitige und 
spätere Federn in Bewegung gesetzt, sie wurden nicht nur 
in historischen und kriegswissenschaftlichen Werken, in 
Memoiren und Tagebüchern vielfach geschildert, sondern 

' Die nachstehende Untersuchung stellt sich die Aufgabe, Goethes 
«Belagerung von Mainz« auf ihren historischen Werth zu prüfen. Die 
zahlreichen Quellen für diese merkwürdige Episode des ersten CoaHtions- 
Krieges finden sich mit großer Genauigkeit in Chuquets treflFhchen 
»Guerres de la Revolution«, zweiter Band der dritten Serie, »Mayence«, 
Paris 1892, zusammengestellt; gegenwärtig erscheinen übrigens alle 
gedruckten Quellen, wie das französische Actenmaterial durch dieses 
Werk erschöpft. Es war mir ermöglicht, die Acten des k. u. k. Kriegs- 
Archivs in Wien einzusehen, von denen insbesondere die Berichte des 
kaiserlichen Bevollmächtigten im Hauptquartier der Alliirten , Feld- 
marschalllieutenants Grafen Wartensleben, an den Präsidenten des Hof- 
kriegsraths, Reichsgrafen Wallis, nicht ohne Interesse sind. 



262 Abhandlungen. 



auch das Volkslied, der Roman und das Drama hat sich 
ihrer bemächtigt.' Unter dieser Fluth führt das Werklein 
weitaus des größten Mannes, der Augenzeuge der Ereignisse 
war, Goethes, eine ziemlich bescheidene Existenz, vom großen 
Lesepublikum fast gar nicht, vom Historiker wenig beachtet j 
höchstens jenes Wort: »ich will lieber eine Ungerechtigkeit 
begehen, als Unordnung ertragen«, wird gern citirt, ohne 
dafS man irgendwie auf den Zusammenhang einginge. 

Thatsächlich stehen auch die wenigen Seiten der 
»Belagerung von Mainz« in merkwürdiger Trockenheit und 
Dürre unter den übrigen Theilen der großen Lebensbe- 
schreibuno; »Aus meinem Leben« da, um so merkwürdiger, 
als die »Campagne in Frankreich«, mit der sie durchaus 
zusammenhängt, so überreich an prächtigen Momenten ist, 
Goethe war sich klar bewußt, welcher innige, höchst sym- 
bolische Zusammenhang zwischen den beiden historischen 
Ereignissen bestand, wie das eine, die Campagne von 1792, 
die Ohnmacht des alten Wesens gegenüber den neuen 
Ideen in Frankreich darthat, da die Mainzer Geschichte als 
ein kecker, schließHch doch gescheiterter Vorstoß der 
Revolution gleichsam im kleinen Napoleons Züge anticipirte. 
»Ein Tag im Hauptquartier zu Hans und ein Tag in dem 
wiedereroberten Mainz waren Symbole der gleichzeitigen 
Weltgeschichte, wie sie es noch jetzt demjenigen bleiben, der 
sich synchronistisch jener Tage wieder zu erinnern sucht«, 
heißt es in den Tag- und Jahres-Heften für 1793. Beide Er- 
zählungen wurden aus den gleichzeitigen Tagebüchern zu 
gleicher Zeit und in gleicherweise — wie man wohl meinen 
muß — repetirt, revidirt und redigirt. Bereits im Januar 
1820 begann diese Arbeit,* als Goethe die Briefe und Tage- 
bücher von 1792 — 1795 wieder vornahm; nicht nur die 
eigenen Aufzeichnungen, auch ein häufiges Studium von 
Karten und gleichzeitigen Werken sollten ihm diese Tage 
lebendig machen. Er dictirte in den letzten Tagen des Januars 
die beiden Diarien von 1792 und 1793, entwarf Schemen 
dazu, bald dieses Jahr, bald jenes behandelnd; während am 
22. Februar 1820 im Tagebuch »Schluß von 1793« verzeichnet 
wird, heißt es wieder am 7. März: »An dem Tagebuch 
des Feldzugs dictirt und corrigirt. Meistens den ganzen 
Tag damit beschäftigt«. Eine Sammlung von Porträts der 
französischen Revolutionsmänner soll ihm die Gestalten 



• Vgl. üitfurth, bist. Volkslieder 1763 — 1812, Berlin 1872, die 
'Nummern 49 ff. Von belletristischen Erzeugnissen, welche diese Er- 
eignisse behandeln, sind nur Heinrich Königs Werke erwähnenswerth 
(Clubbisten in Mainz, G. Forsters Leben in Haus und Welt). 

^ Nach den Aufzeichnungen der Tagebücher, Werke III, 7 u. 8. 



Zur Belagerung von Mainz. 263 

vor das Auge bringen, die er dann so gern auch nach ihrem 
körperhchen Erscheinen schildert. Dann ruht die Arbeit 
wieder über ein Jahr, um während der letzten Thätigkeit 
an den »Wanderjahren« von 1821 wieder aufoenommen zu 
werden: da heißt es am 11. April 1821, daß Goethe abends 
allein für sich das Tagebuch der zwei Feldzüge durchlas. 
Diese Notiz steht ganz vereinzelt, wieder drängten die 
Wanderjahre, der Karlsbader Aufenthalt mit seinen geologi- 
schen Studien und die morphologischen Arbeiten die auto- 
biographische Thätigkeit zurück, bis endUch vom November 
182 1 ab die Campagne unter den laufenden Arbeiten die 
erste Stelle einnimmt; nur selten — so etwa am 5. De- 
cember ^- wird auch das Tagebuch von 1793 berücksichtigt. 
Es war wohl die Form, die in erster Linie zu schaffen 
machte, der gewöhnliche Ausdruck für die Arbeit an den 
Tagebüchern der Kriegsjahre ist »Revision« oder auch 
»Redaction«. Nach der Vollendung wurden die einzelnen 
Stücke im Familienkreise vorgelesen und Riemern zur Be- 
gutachtung übergeben; fort und fort geht das Karten- 
studium und die Leetüre historischer Quellen nebenher. 
December 182 1 begann die Mundirung der Campagne, am 
Ende des Monats wandern schon die ersten Blätter des 
Manuscripts zu Frommann; Februar 1822 werden nur mehr 
die Tage nach dem Rückzug aus der Champagne, die Rhein- 
und Moselreise, die Pempelforter Tage behandelt. Am 
II. Februar heißt es bereits: »das nächste Manuscript als 
Folge der Campagne bedenkend«, wohl mit Bezug auf die 
»Belagerung«. Am 4. März bearbeitet er die kriegerischen 
Ereignisse des Winters von 92 auf 93, die Expedition auf 
den Hundsrück, Reinigung des Terrains von Feinden, die 
Vollendung der Einschlief!)ung von Mainz am 14. April, 
kurz Goethe bereitet den Uehergang zu den Ereignissen 
von Mainz vor, indem er sich aus einem Werk von Patje' 
kurz hierüber orientirt. Am 16. März wird der Winter- 
aufenthalt 1792 — 1793 in Weimar abgeschlossen, das Manu- 
script an Meyer gesandt und sofort beginnt am nächsten 
Tage die energische Arbeit an der »Belagerung von Mainz«. 
Sie schreitet sehr rasch vorwärts, am 25. März ist das Tage- 
buch bereits zum größten Theil (bis zum 22. Juli 1793) 
durchgearbeitet, am 30. März wandert schon das neue 
Manuscript in die Druckerei; Kartenstudium unterstützt die 
Arbeit. Die »Campagne« ist am 14. April vollständig fertig, 
am 24. auch die Revision der Druckbogen vollendet ; am 
selben Tage liest Goethe die »Belagerung« vor, und zwar 



' Geschichte der merkwürdigen Begebenheiten 1789 — 1814, Hanno- 
ver 181 5. 



264 Abhandlungen. 



wie es scheint als abgeschlossenes Werk, denn von diesem 
Tage ab findet sich in den Tagebüchern kein auf sie be- 
zügliches Wort mehr. So ist nicht nur die Arbeit an der 
Belagerung viel rascher, als die der Campagne, sondern 
es scheint auch das Interesse am vollendeten Werk viel 
geringer gewesen zu sein, da der Fortgang des Druckes 
nicht verzeichnet wird. 

Warum nun Goethe die beiden Werke so ungleich 
behandelt hat, läßt sich kaum entscheiden; es mag daran 
schuld gevv^esen sein, daß einerseits die Campagne in 
Frankreich auch historisch viel wichtiger erscheinen musste, 
andererseits Goethe gar nicht im Stande war, als Augenzeuge 
ein vollständiges Bild von der Belageruno; zu entwerfen. 
Auch scheint seine Stimmung im Kriegslager vor Mainz 
trotz der wesentlich größern BehagUchkeit und Sicherheit 
weit gedrückter gewesen zu sein, als einst in der Champagne, 
wie er denn auch nur ungern dem Rufe des Herzogs folgte, 
der bereits am 18. Februar 1793 in freundschaftlichster Weise 
an ihn erging.' Schließlich waren die eigentlich militärischen 
Actionen vor der Festung mehr oder weniger technischer 
Natur, dem Laien wenig verständlich, ganz anders wie die 
grellen, großen Bilder eines Feldzugs; die eigne Thätigkeit 
Goethes hingegen war gering, da ihn die wilde, wüste 
Gefahr seltsam anzog. Alles dies wirkte gewiß zusammen, 
daß Goethe vor Mainz ein recht dürres und dürftiges 
Tagebuch führte, dann aber nicht viel Gelegenheit fand, 
bei der Redaction viel auszuo;estalten. Gleichzeitige Briefe 
ergeben bald, daß seine reviairende Thätigkeit wenig über 
das rein Formelle hinausging und er die alten Papiere 
ziemlich unverändert aufnahm. So z. B. jene »Relation« 
über den Marienborner Ueberfall, die er neben einer kurzen 
Beschreibung desselben einfügt, und die er brieflich an 
Herders und Jakobi sandte.* Die Veränderungen sind hier 
theilweise rein stilistischer Natur, theils betreffen sie einige 
geringe Details; da in diesem Falle das eigenhändige Concept 
der Relation enthalten ist, so läßt sich leicht erkennen, daß 
in der »Belagerung« die ursprüngHche Niederschrift treuer 
erhalten ist, als in dem Briefe. Es heißt z. B. im Concept 
und in der Belagerung wörtlich gleichlautend: » als 

' Briefwechsel I, S. 179. V/enn es am Schluß der »Campagne« 
heißt, die Aufforderung, nach Mainz zu gehen, sei gleichzeitig mit der 
Nachricht von der vollendeten Blokade (14. April) eingetroffen, so 
scheint dies nur der künstlerischen Abrundung wegen angegeben zu 
sein; läßt sich auch kaum mit einem Briefe an Jakobi vom 17. April 
1793 vereinigen, darin es heißt, er sei schon wieder reisefertig. 

^ Am 2., respective 5. Juni 1793; in den Lesarten zu dem ersten 
Briefe (Werke IV, 10, S. 377) das ursprüngliche Concept. 



Zur Belagerung von Mainz. 265 

diese nach vollendeter Arbeit zurückgiengen, folgten ihnen 
die Franzosen, und einige Patrouillen wurden dadurch irre 
gemacht. Sie kamen unentdeckt ziemlich weit vorwärts, 
und als man sie bemerkte und auf sie schoß, drangen sie 
in der größten Eile nach Marienborn vor und erreichten 
das Dorf gegen ein Öhr«. Brieflich dagegen heißt es, mit 

offenbar vermehrter Kenntniß: » als diese nach 

vollendeter Arbeit zurückgiengen, folgten ihnen die Fran- 
zosen. Einige Patrouillen achteten das Geräusch nicht, 
andre riefen sie an und hielten ihren undeutlichen Gegenruf 
für Ungrisch. Genug sie drangen unentdeckt weit vor und 
als man sie endlich erkannte und nach ihnen schoß, eilten sie 

nach Marienborn, erreichten das Dorf gegen ein Uhr « 

etc. nun wieder wörtlich übereinstimmend. Auch sonst 
herrscht genaueste Uebereinstimmung zwischen den Briefen 
und dem Tagebuch, wie denn die Lücke anfangs Juli ihre 
Entsprechung in den ganz geringen Andeutungen findet, 
die Goethe um diese Zeit briefUch von der Belagerung 
macht, im allgemeinen nur seiner fatalen Stimmung Aus- 
druck gebend. Am meisten Detail theilt er noch Voigt mit.' 

Zeigen die Briefe im Thatsäcblichen wenig Abweichung, 
so tritt ein Moment stark hervor, welches in der »Belagerung« 
kaum angedeutet ist, der Zweifel am Ernst der ganzen 
Kriegsführung. Derartige Aeußerungen finden sich z. B. 
im Briefe an Voigt vom 31. Mai, an Kirms vom 4. Juni, 
besonders deutlich an Voigt vom 14. Juni, und sie werden 
gewiß als Echo der Stimmungen und Aeußerungen in der 
militärischen Umgebung des Herzogs aufzufassen sein. Die 
»Belagerung« hingegen beschränkt sich auf die Wiedergabe 
der Thatsachen, vor allem derer, die Goethe als Augenzeuge 
erleben durfte. 

Nun wird gewiß niemand zweifeln, daß Goethe hier 
wie immer und überall beobachtete und wiedergab, was 
ihm mögUch war; anders aber ist die Frage, ob dies eben 
bedeutend war. Goethes Stellung war sonderbar genug, 
in keiner Weise präcisirbar; er war hierher gekommen auf 
Einladung des Herzogs, lebte in seiner Nähe und vertrautem 
Umgang, aber doch recht auf eigene Faust. Carl August 
commandirte sein Kürassier-Regiment, das oft in die Action 
eingriff, persönlich, er bewährte sich hier schon als den 
tapfern Mann, als welchen er 1806 sich darthat, und nach 
Goethes Urtheil konnte sich kein Fisch im Wasser besser 
fühlen als er in den kriegerischen Verhältnissen. Die An- 
sichten dieses eifrigen Soldaten nahm Goethe gewiß in 
erster Linie auf, der grollende Unmuth über die laue 

' Briefe vom 3. und 9. Juli. 



266 ■ Abhandlungen. 



Kriegsführung rührt von dieser Seite her. Selbst in den 
Briefen erfahren wir das Schlimmste nicht, was sich in 
dieser Hinsicht sagen Heß und zweifellos auch gesagt wurde, 
geschweige denn in der »Belagerung«;' Goethe verlor auch 
darum schon die Lust an Aufzeichnungen, er brachte nicht 
die Lust an der hierzu nöthigen »Commerage und Kanne- 
gieserei« auf, er konnte die »Advocatenarbeit« einer hinter- 
hältigen Berichterstattung nicht mit einigem Humor unter- 
nehmen. Nicht eben abgeschwächt wurde die Stimmung 
durch den häufigen Verkehr im Hauptquartier; ein erstes 
Gespräch bei Graf Kalckreuth »über Persönlichkeiten und 
deren Verhältnisse, die gar Mancherlei wirken, ohne daß 
sie zur Sprache kommen«, w-eist wohl auf Friedrich Wilhelm 
und seine Umgebung hin. Die hohe preussische und kaiser- 
hche Generalität wurde natürlich häufig vom Herzog 
empfangen, und man war gar nicht gew^ohnt, sich in diesen 
Kreisen besonders viel Reserve aufzuerlegen; »eine heftige 
Widerrede gegen alles, was von oben herein befohlen und 
veranstaltet war, gehörte zur Tagesordnung«. Selbst wich- 
tigen Gesprächen von Fürstlichkeiten konnte Goethe mehrere 
Male beiwohnen; besonders den spätem Bayernkönig, da- 
mals Prinz von Zweibrücken Maximilian und den Land- 
grafen von Hessen fand er sich gewogen. 

Neben solchem hohen Verkehr, in dem viel zu lernen 
und zu erfahren war, pflog Goethe eifrigen Umgang mit 
den Weimarer Offizieren, nahm an ihren kleinen Gelagen 
theil und erwies sich als geduldigen Krankenbesucher, 
Selbst um die Mannschaft kümmerte er sich; mit Erstaunen 
und Rührung lesen wir, wie er Voigt ^ ersucht, die 
schwangere Geliebte eines Weimarer Jägers, Blumenstein, 
vor Unannehmlichkeiten des Stadtrathes zu schützen, denn 
»es gehen jetzt soviel Weltbürger zu Grunde, daß man den 
neu eintretenden wohl ihre Ankunft facilitiren kann«. So 
war Goethe wohl in der Lage, trotz seiner Laienhaftigkeit 
durch andere ein Urtheil über die Vorgänge sich zu bilden; 
soviel an ihm lag, selbst sich Kenntniß der Situation zu 
verschafften, versäumte er nicht. Auf günstigstem Posten, 
recht in der Mitte der linksrheinischen Cernirunglinie situirt, 
ritt er unermüdlich auf die besten Aussichtspunkte, wie zu 
den einzelnen Positionen, studirte Pläne und machte sich 
kleine Croquis; selbst bei Gefechten vermied er nicht, nahe 
an den Schauplatz heranzureiten und vergaß gegen Ende 
der Belagerung, durch Gewöhnung abgestumpft, jede Vor- 
sicht. »Ohne Ordre und Beruf« ritt er an die gefährlichsten 



' Goethes Briefe an Jakobi vom 5. Juni und 7. Juli. 
' 3. Juli. 



Zur Belagerung von Mainz. 267 

Posten, ließ sich gegen ein Trinkgeld vom Wachtposten 
mitten im Bombardement an Aussichtspunkte führen, wo 
man gelegentlich Anwandlungen von Kanonenfieber fühlen 
konnte, und man weiß nicht, soll man sich mehr über die 
Kühnheit des Civilisten wundern oder über die Gemüth- 
lichkeit der Soldaten, die ihn »gegen ein Trinkgeld« durch- 
ließen. Nur den rechten Flügel des Belagerungs-Corps be- 
suchte Goethe niemals und ist also über die Vorgänge 
auf dieser Seite so gut wie gar nicht unterrichtet. 

Als Goethe im Lager eintraf, war der erste Theil der 
Action gegen Mainz, die Blokade, schon längst im Gange. 
Was vorhergegangen war zu schildern, vermeidet Goethe ; 
er fügt kaum zu den Berichten seines Tagebuchs hinzu, was 
zum Verständniß unbedingt nöthig ist, da die »Belagerung« 
doch vor allem autobiographisch ist. Will man sie indeß 
auf ihren historischen Werth prüfen, so ist eine Darstellung 
der vorhergegangenen Ereignisse wohl nöthig. Seit Ende 
October 1792 war die alte nur schwach besetzte Reichs- 
festung durch den kecken Handstreich Custines im Besitz 
der Franzosen. Custines Aufgabe, von ihm freilich nicht 
im vollen Ernst aufgefaßt, war es, die Festung nun wider- 
standsfähig zu machen, und so wurden die Wälle in Stand 
gesetzt, die Geschütze in Ordnung gebracht, in Castel am 
rechten Rheinufer ein starker Brückenkopf geschaffen, 
während in der Umgebung durch allerlei Streit- oder Raub- 
züge Schrecken verbreitet und Geld erpresst wurde. Fast 
schien es, daß diese Arbeit arg gestört werden solle, als 
die Armee der Alliirten drohend gegen Mainz heranzog. 
Die Franzosen traten ihnen nicht energisch genug entgegen; 
am I. December eröffneten die Hessen unter Oberstlieutenant 
Rüchel den Angriff gegen Frankfurt, welches General Helden 
im Auftrag Custines'zu halten hatte, unter der Unterstützung 
der Bevölkerung erzwangen sie sich am ersten Adventstag 
(2. December) "den Einzug. Nun aber stockte der Vor- 
marsch; die Armee war ermüdet, ohne Belagerungsgeschütz, 
der Winter nahte und Mainz war nun in besserem Stande, 
von 23,000 Mann besetzt. Ein lässiger Krieg wurde um 
die Dörfer am rechten Rhein- und Mainufer, Hochheim 
und Kostheim, geführt, welch ersteres nach mehreren 
Kämpfen schließlich von den Preußen und ihren Verbündeten, 
das letztere von den Franzosen besetzt wurde; in Mainz 
wurde am 20. Januar der Belagerungszustand decretirt und 
für die Verpflegung gesorgt, während die Verbündeten um 
Hoch heim herum \Vinterquartiere bezogen. Erst im März 
begannen wieder Feindseligkeiten. Custine, vom Convent 
zum Obercommandanten der Rhein-Armee ernannt, ging 
am 19. März nach Landau ab und vergab die Commando- 



268 Abhandlungen. 



Stelle über die Festung an d'Oyre, einen der älteren wenig 
populären Generale. Mehr ihm zur Seite als unter ihm 
stand Meusnier, der Commandant von Castel^ ein richtiger 
Sansculotte. Truppencommandant war Aubert- Dubayet, 
ein Amerikaner aus Louisiana, wenig hervorgetreten als 
Mitglied der Assemblee legislative, später aber tüchtig be- 
währt im Vendeer-Krieg und als Diplomat. 

Neben diesen 3 Ooergeneralen saßen im Kriegsrath, 
den sich l'Oyre beigeordnet hatte, die Generäle de Blon u. A. 
Verhängnisvollen Antheil an denBerathungen dieser Behörde 
nahmen ferner die Commissäre des Convents, die Deputirten 
Merhn (de Thionville) und Rewbell, und der vollziehenden 
Gewalt, Simon und Gregoire. 

Der obersten Behörde standen etwa 23,000 Mann zur 
Verfügung, Linie und wenig brauchbare Nationalfreiwillige. 
Für die Verpflegung dieser Heeresmasse nebst 3000 Pferden, 
die allmählich auf 1400 zusammenschmolzen, war nicht zum 
besten gesorgt. Getreide war wohl hinreichend, Mehl da- 
gegen sehr wenig vorhanden. Fourage und Pulver war 
genügend da, an Fleisch fehlte es aber sehr. Man hatte 
den Bürgern Verproviantirung auf 7 Monate (vom 15. April 
an) anbefohlen; viele entzogen sich dieser Maßregel durch 
Auswanderung. 

Waren die Verhältnisse der Franzosen gewaltsam 
stabilisirt, so schwankten die ihrer Gegner bedeutend. Im 
Beginn des Feldzugs (Winter 1792) standen auf dem rechten 
Rheinufer etwa 60,000 Mann, 50,000 Preusen, 4000 Hessen, 
5000 Sachsen, die, mit Wurmsers Armee am Oberrhein 
vereinigt, und von F. M. Coburg aus den Niederlanden her 
verstärkt, ein Berennungs-Corps und ein Observations-Corps 
bilden sollten. Ende März begann die Vorhut dieser Truppen 
über den Rhein gegen die Truppen Custines und Neu- 
wingers, welche sich auf die Festung Landau stützten, vor- 
zugehen; in einer Reihe blutiger, für die Deutschen durch- 
aus siegreicher Gefechte wurden die Franzosen immer mehr 
nach Süden zurückgeworfen. Schon kehrten die vor den 
Franzosen geflohenen Bewohner des Rheingaus zurück und 
Mainz drohte gänzlich von Custines Rheinarmee abge- 
schnitten zu werden. Am 30. März sollte eine Colonne 
von 8000 Mann mit den Deputirten und Clubbisten aus 
Mainz zu Custine stoßen, sie wurde aber mit schweren 
Verlusten in die Festung zurückgedrängt, welche von da ab 
gänzlich isolirt war. Man begann mit der Blokade; auf dem 
linken Rheinufer, in sehr weiter Aufstellung, standen unter 
Generallieutenant Graf von Kalckreuths Oberbefehl i^ 
Bataillone Lifanterie, 14 Escadronen Cavallerie, die ent- 
sprechende Anzahl Geschütze von den Preussen, 12 Bataillone 



Zur Belagerung vom Mainz. 269 

Infanterie, 10 Escadronen Cavallerie, entsprechend viel 
Artillerie von den Kaiserlichen, dazu noch Hessen und 
Pfälzer; auf dem rechten Ufer bei Hochheim die schwächere 
Abtheilung des Feldmarschalllieutenants Schönfeld, Preussen, 
Sachsen und Hessen, auf der Gustavsburg am linken Main- 
ufer Oberst Rüchel, beide mit starker Artilleriestellung. 
Anfangs war die ganze Belagerungs-Armee nur 33,000 Mann 
stark, am Ende der Belagerung standen unter Kalckreuth 
28,000 Mann, unter Schönfeld 15,000. Besonders empfindlich 
war der Mangel schweren Belagerungsgeschützes, welches 
weither unter großen Kosten und großer Mühe, sehr all- 
mählich, herbeigeschafft wurde. 

Der Beginn der Blokade im April verging unter Kämpfen 
um die beiderseitigen Positionen. Die Franzosen hatten 
eine Anzahl w-eit vorgeschobener Posten besetzt und stark 
befestigt; auf dem rechten Ufer Kostheim, dann die Inseln 
des Rheins, die Ingelheimer- und Peters-Au, auf dem linken 
Ufer, wo längst, noch auf Custines Befehl, die schönen 
Gärten, die Landhäuser und Capellen außerhalb Mainz zer- 
stört waren, die Dörfer Weißenau und Zahlbach; eine alte 
schwedische Lagerfestung, die Gustavsburg auf dem linken 
Mainufer, hatten sie zu besetzen versäumt, ebenso die 
»Mainspitze«, mehrere Inseln am Zusammenfluß der Ströme, 
um die viel gestritten wurde. Die deutsche Armee, im 
weiten Halbkreis am linken Rheinufer von Ingelheim über 
Stadeck bis Oppenheim aufgestellt, rückte — nachdem einige 
Verhandlungen gescheitert waren — concentrisch gegen die 
Festung vor., 

Hechtsheim, Laubenheim, Marienborn, Draiß, Finten 
(Fintheim) bheben lange die Standorte der Truppen. Neue 
Schanzen wurden angelegt. Der Kampf drehte sich haupt- 
sächlich um den Besitz einiger Dörfer auf beiden Rhein- 
ufern, u. a. Kostheim, das mehrmals verloren, am 6. Mai den 
Franzosen überlassen werden mußte. Der Versuch einer 
Zurückeroberung (8. Mai) mißlang, ebenso die Bemühungen 
der Franzosen, weiteres Terrain zu gewinnen. In der Stadt 
selbst richteten die Kugeln der Belagerer keinen Schaden 
an. Uebermäßige Theuerung herrschte noch nicht; viele 
Familien wurden exportirt; die Zahl der also Entfernten 
soll 15,000 erreicht haben. 

Draußen hatten es sich die Belagerer recht gemüthhch 
gemacht. Die vornehmen Herren hatten ihr Lager in allerlei 
anmuthiger Weise ausgeziert, was Goethe gern hervorhebt, 
besonders Friedrich Wilhelm betrachtete die Sache als eine 
Art Schaustück (wie z. B. nur ihm zu Ehren am 8. Mai 
Kostheim gestürmt wurde) und suchte sich obendrein in 
Frankfurt die Zeit zu vertreiben. Die Soldaten folgten in 



270 Abhandlukgek. 



ihrer Weise dem Beispiel der Hohen, wofür man in der 
Selbstbiographie des berüchtigten Laukhardt — von Goethe 
übrigens vor der Redaction der »ß. v, M.« eingesehen — 
der als gemeiner Grenadier beim Regiment Thadden diente, 
eingehendste Details findet,' An das Schießen hatte man 
sich so gewöhnt, daß die Leute aus dem Verkauf gefundener 
Kanonenkugeln, das Stück zu einem Kreuzer, ein ein- 
trägliches Geschäft machten. Das Seltsamste war ein von 
grimmigem Humor gewürzter, aber nicht unfreundlicher 
Verkehr der Gegner unter einander, vor allem eine ritterliche 
Kameradschaft unter den Offizieren. 

Unmuthig war Goethe am 26. Mai von Frankfurt ab- 
gereist, um gleich auf dem Wege eine Probe ungünstiger Sach- 
lage zu bekommen, da er in Flörsheim^ dem Depot-Orte, 
noch viel Geschütz sah, welches nun vor der Festung schon 
so nothwendig war. Die altberühmte Chaussee von Frankfurt 
nach Mainz war für ihn unbrauchbar, da sie über Hochheim 
in das Lager Schönfelds führte, dann vor Kastei gesperrt 
war; er passirte die neu errichteten Schiffsbrücken bei 
Rüsselsheim über den Main, bei Ginsheim über den Rhein. 
Das kaiserliche Lager umgehend suchte er hinter der Armee 
im Dorfe Ober-Olm Quartier, nicht ohne diese rechte Seite 
genau besichtigt zu haben; die ordinärste Plage aller, die 
in Dorfwirthshäusern übernachten müssen, trieb ihn eiHgst 
ins Lager zum Herzog.* Die Weimar-Kürassiere waren 
zur Deckung des Hauptquartiers, des Marienborner Pfarr- 
liauses, bestimmt; eine Escadron lag dicht dahinter, die 
anderen auf den Anhöhen westlich des Dorfs, neben dem 
preußischen Lifanterie-Regiment Thadden. Von den dort 
gelegenen Schanzen konnte Goethe leicht das Feld vor 
Mainz übersehen, ein wenig coupirtes Terrain, nur von den 
tiefen Einschnitten eines Bachs und seiner Zuflüsse unter- 
brochen; besonders fiel ihm der Punkt, etwa in der Mitte 
zwischen Marienborn und der Festung auf, wo die Gegner 
unmittelbar an einander standen, die »neue« (am 7. Mai 
errichtete) französische Schanze von Zahlbach und das 
»merkwürdig gefährliche Verhältniß« des preußischen 
Postens bei Bretzenheim. Es war gut für solche Beob- 
achtungen, daß der 26. und 27. Mai so ruhig verliefen, 
der erste nur einiges Canoniren, der zweite Cavalleriever- 
schiebungen brachte. Im deutschen Lager war allerdings 
große Aufregung durch das thörichte Gerücht entstanden, 
Schönfeld sei zu den Franzosen übergetreten, das erst bei 
dessen Erscheinen zu Pferde inmitten der Truppen ver- 



' III, S. 385 ff. Goethes Tagebuch vom 12. Januar 1820. 
* Vgl. den Brief an Christiane vom 29. Mai. 



Zur Belagerung von Mainz. 27 1 

siummte. Goethe suchte sich heimisch zu machen, machte 
Besuche bei den Offizieren, erneuerte beim Lagerfeuer die 
Erinnerung an die Bivouacs der Champagne ; in Worten, 
dahinter die Ironie versteckt hegt, schildert er das Cham- 
pagnisiren und die sonderbare Tafelmusik, welche sich 
die Offiziere vorspielen ließen: die Marseillaise. So wenig 
waren sich die Offiziere eines scharfen Gegensatzes zu den 
Franzosen bewusst. 

Mit dem ersten Tage nun beginnt Goethe seine Chronik 
der Kriegsereignisse, ohne rechtes Verständniß: einen der 
häufigen Angriffe eines französischen fliegenden Corps auf 
Bretzenheim, der sogleich zurückgenommen wurde, nahm 
er für einen ernsthaften Versuch, sich des Dorfes zu be- 
mächtigen , wogegen er einen bedeutenderen Kampf an 
derselben Stelle, welcher am nächsten Tage stattfand, ver- 
schweigt, ebenso wie das Eintreften neuer bayrischer 
Truppen, V/ieder begegnen wir seiner schweigend ironischen 
Kritik der Kriegsführung in der Schilderung des hessischen 
Lagers bei Finthen, darin man kaum die Darstellung eines 
Kriegslagers vermuthen würde; der ganze, anmuthig- 
spielerige Eindruck musste ihm verstärkt werden durch den 
Besuch der beiden mecklenburgischen Prinzessinnen, der 
nachmaligen Königin Luise und ihrer Schwester, himm- 
lischen Erscheinungen im Kriegsgetümmel, wie es ironisch 
übertreibend heißt. An Voigt berichtet er' mit unverblümtem 
Spott, wie er alles so artig eingerichtet fand und ihm »die 
ganze militärische Haushaltung auf einen angenehmen und 
wie es schien dauerhaften Fuß« gesetzt schien. Freilich 
nur schien, denn schon in der Nacht vom 30. auf den 
31. Mai wurde er und mit ihm das ganze Lager auf un- 
angenehmste Weise aus der Sicherheit aufgeschreckt. 

In dieser Nacht fand ein Ueberfall auf das Hauptquartier 
der Verbündeten statt, der eine gewisse Berühmtheit er- 
langte durch die große Keckheit seiner Ausführung. Wie 
tief das Ereigniß auf Goethe wirkte, beweist die Anzahl 
der Berichte hierüber aus seiner Feder: außer dem Context 
der »Belagerung« , also der Tagebuch-Aufzeichnung, die 
schon erwähnte gleichsam officielle »Relation«, dann Briefe 
an Minister Voigt und Christiane Vulpius. Er war durch 
das Feuern erweckt worden, als die Franzosen schon im 
Orte waren, »eine halbe Stunde von uns«, schreibt er be- 
schönigend an Christiane; mitten unter dem Schießen ritt 
er vor, suchte sich zu orientiren und traf Anstalten zur 
Flucht. Bei Tagesanbruch sah er im Schein der aufgehenden 
Sonne die Leichen, ein Schauspiel, das ihn tief ergriffen 

' 31. Mai. 



272 Abhandlungen. 



haben muß, da er es zweimal' erwähnt. Angesichts der 
nahen Getahr drängt sich das sonst mehr zurückgehaltene 
Gefühl zutage in den Zeilen: »Behalte mich lieb, ich werde 
mich um deinetwillen schonen denn du bist mein liebstes 
auf der Welt. Küsse den Kleinen. Ich hoffe wir sehen 
uns bald wieder«. Und an Voigt: »Behalten Sie mich lieb 
und nehmen Sich der meinigen an wenn mir ein Unfall 
begegnen sollte«. Wenn er auch bald den Gleichmuth 
wieder fand, um in der Relation kurz und trocken, offenbar 
nach erhaltenen Aufklärungen, die Begebenheit darzustellen, 
so blieb ihm nachhaltig der Eindruck, die Franzosen wären 
in vortheilhafter Lage, die Art ihrer »offensiven Defen- 
sion« recht angethan, das Lager der Verbündeten ernstlich 
zu gefährden. V 

Wir sind in der Lage, Goethe selbst in den geringsten 
Details an der Hand fremder Quellen zu controliren. Es 
handelte sich um ein von langer Eland vorbereitetes Unter- 
nehmen, eine Ueberraschung im großen Stil, wie solche 
bisher nur auf dem rechten Ufer vorgefallen waren. Im fran- 
zösischen Kriegsrath war man uneins über den Ort des An- 
griffs, d'Oyre war für ein Unternehmen auf dem rechten 
Ufer, wo reiche Beute zu holen war, es siegte aber die 
Meinung der Generäle Schaal und Dubayet, für welche 
auch Merlin eintrat, mittels kecken Handstreichs das Haupt- 
quartier zu überfallen und Kalckreuth wie Louis Ferdinand 
aufzuheben. In drei Colonnen vollzog sich der Angriff — 
es war dies kein bloßes Gerücht, wie Goethe behauptet — 
die Angriffscolonne unter Marigny, zwei Reservecolonnen 
unter Schaal und Dubayet, im Ganzen an 4000 Mann. 
Marigny, von den Reservecolonnen gedeckt, sollte gegen 
Marienborn marschiren, die davor postirten Batterien stür- 
men, Kalckreuth todt oder lebend, Louis Ferdinand unbe- 
dingt lebend einbringen, dann das Lager anzünden und sich 
mit möglichster Schnelligkeit zurückziehen; allgemeines 
Feuern und falsche Attaquen bei Weisenau, bei Kostheim, 
hei Biebrich und Mosbach die Aufmerksamkeit des Feindes 
zersplittern. Als Führer dienten Schreiber, der Schulze von 
Ober-Olm, und Lutz, der Schreiber dieses Dorfes, ferner 
6 Clubbisten mit ihrem »Oberst«, dem Gastwirth Rieffei. 
Um 1 1 Uhr setzte sich die Colonne in Marsch und bewegte 
sich von Zahlbach aus im Gerinne des Wildbachs und auf 
Serpentinenwegen weiter; jener von Goethe erwähnte Um- 
stand, die Franzosen wären mit den zum Abmähen des 
Getreides beorderten Leuten verwechselt worden, wird in 



■ Im Context der »Belagerung« und im Briefe an Christiane vom 
31. Mai. 



Zur Belagerung von Mainz. 273 

den offiziellen Journalen überall berichtet; Laukhardt be- 
hauptet,' dies sei offizielle Beschönigung, die Franzosen 
hätten das Feldgeschrei gekannt. Verrätherei wittern auch 
die Mainzer Minister,* die behaupten, Schönfeld sei von dem 
ganzen Plan unterrichtet gewesen, habe es aber Kalckreurh 
verschwiegen. Es scheint diese Sache auch thatsächlich 
nicht so ganz unschuldig gewesen zu sein, da unmittelbar 
darnach der Mißbrauch abgestellt wurde, bei den Ablösungen 
Parole und Feldgeschrei laut zu rufen, und auch sonst ver- 
schärfte Maßregeln angeordnet wurden. Wie dem auch 
sei, jedenfalls gelangten die Franzosen ganz ungehindert 
durcn die vorgeschobenen Posten nach Marienborn; dort erst 
fielen, nach 12 Uhr, die ersten Schüsse von den weichenden 
preußischen Feldwachen. Auch die Escadron Weimar beim 
Chausseehaus musste weichen, das Marienborner Pfarrhaus, 
das Hauptquartier, war schon erreicht, als Kalckreuth mit 
Vv^enigen Ordonnanz-Husaren es verließ; Schreiber hatte 
schon die Pferde am Zügel erfaßt, wurde nher von einem 
Husaren niedergeschlagen. Unter wildem Schreien »vive 
la Nation« entbrannte sofort ein heftiges Gewehr- und 
Geschützfeuer, Kalckreuth ließ die Regimenter Weimar, 
Wegner und Thadden vorrücken — so berichtet auch ganz 
richtig Goethe in der »Belagerung«, während er in dem 
Briefe an Herder von den Regimentern Wagner und Lottum 
spricht — und sofort wich der Feind, von Prinz Louis 
Ferdinand mit geringer Macht bis gegen Zahlbach verfolgt. 
Nur eine Batterie war genommen, die Geschütze derselben 
vernagelt worden, eine zweite zu stürmen hatten sich die 
feigen Grenadiere geweigert. Von den Franzosen, die bei 
energischerer Verfolgung leicht hätten aufgerieben werden 
können, waren 2 Offiziere, 33 Mann gefangen, 37 Todte 
und schwer Verletzte gebUeben, eine Menge leicht Ver- 
wundeter gelangte nach Mainz zurück. Auf Seite der 
Alhirten war Major La Viere gefallen, der Adjutant Kalck- 
reuths, Rittmeister Voß und ein anderer Capitain starben 
später, 4 Offiziere, darunter durch eine leichte Contusion 
auch Louis Ferdinand, waren verwundet, 47 Mann gefallen. 
Es war verhältnißmäßig wenig geschehen, und so zogen 
denn auch die Franzosen aus dem geringen Resultat der 
großartig geplanten Unternehmung den Schluß, solche ge- 
fährliche Husarenstückchen im großen Maßstabe mit ihren 
schlecht disciplinirten Truppen nicht zu wagen; der mora- 
lische Erfolg war doch nicht unbedeutend. Im preussischen 



' Selbstbiographie III, S. 370. 

* Schreiben Bibras, des Mainzer Vicedoms, den 4. Juni, bei 
Bockenheimer S. 38. 

Goethe-Jahreuch X!X. ^° 



274 Abhandlungen. 



Lager traf man scharfe Maßregeln. Durch Anlage neuer 
Befestigungen sicherte man das Hauptquartier, zu dessen 
ständigem Soutien zwei Grenadierbataillone bestimmt wur- 
den; das ganze Regiment Weimar wurde weiter vorge- 
nommen, mit ihm Goethe. 

Künftighin kam Goethe nie mehr in die Nähe der 
eigentlichen Action. Mit Antheil besuchte er den armen 
Rittmeister Voß auf dem Sterbebette und fühlte sich im 
Genuß der Landschaft durch die Scenen des Todes und 
Verderbens arg gestört, eine herbe Stimmung verließ ihn 
von da ab nicht mehr. Ruhig und trocken geht sein Tage- 
buch fort, nicht eben reichhaltig; es war auch nicht immer 
viel zu berichten. Am Abend des 2. Juni fand wieder 
ein fruchtloser Angriff auf die Blei-Au, die große Insel an 
der Mainspitze statt, deren Besetzung Meusnier sich in den 
Kopf gesetzt hatte, der 3. Juni verlief ruhig, es war Be- 
grähnißtag, am 4. Juni, von Goethe nicht erwähnt, griff 
Cavallerie und leichte Artillerie den Posten bei Bretzen- 
heim an; Merlin war bei den Truppen, bediente selbst 
ein Geschütz und commandirte den Rückzug, wobei ihm 
sein Pferd erschossen wurde. Wichtiger war der 5. Juni, 
von welchem Goethe nur Verschanzungs- Arbeiten und 
Feuern an der Mainspitze zu berichten weiß, ohne nähere 
Kenntniß der Vorgänge. Man hatte schon in der Nacht 
begonnen, aus allen Batterien auf dem rechten Ufer Kastei, 
Kostheim und besonders die französischen Inseln zu be- 
schießen. Meusnier, dessen Hauptsorge sich auf diese Punkte 
concentrirte, besuchte auf einem Nachen mitten unter dem 
Feuer die bedrohten Inseln, da traf ihn von der Gustavs- 
burg her ein Projectil oberhalb des Knies. Es waren an 
jenem Tage auf deutscher Seite nur 7 Mann gefallen, auf 
französischer Seite jedenfalls weit mehr, wenn auch die 
Angabe im Belagerungs-Journal des Obersten Rüchel (600! 
Mann Verlust der Franzosen) zweifellos übertrieben ist. 
Indeß, ein Mann wie Meusnier wog hunderte auf. Man 
hatte ihn in die Domprobstei gebracht, wo er nach furcht- 
baren Leiden am 13. Juni starb, schwer betrauert von den 
Franzosen, geehrt auch von den Alliirten, die zu seiner 
Leichenfeier 14 Schüsse abfeuerten. An seine Stelle trat 
für kurze Zeit Merlin, dem aber die Soldaten nicht ge- 
horchen wollten, dann Aubert-Dubayet. 

In den Tagen vom 6. bis 8. Juni waren von den Kaiser- 
Hchen wieder neue Verstärkungen eingetroffen, 3 Divisionen 
Wurmser-Husaren und 3 Bataillone Infanterie, theils bei 
Marienborn, theils bei Hechtsheim dislocirt. So ruhig war 
es sonst, daß Goethe nicht nur mit Muße Briefe schreiben 
konnte, darin er wieder über dichterische Arbeiten der 



Zur Belagerung von Mainz. 275 

letzten Zeit spricht, sondern selbst die Thätigkeit am 
»Meister« aufnahm. Die Verwandlung der ßlokade in die 
eigentliche Belagerung stand nahe bevor, viel besprochen, 
aber noch für einige Zeit durch Allarmirungen und Neckereien 
hinausgeschoben. Am 9. wurde die sächsische Feldwache 
mit einigem Erfolg überfallen; ein größeres Unternehmen 
fand am folgenden Tag statt, zu dem Goethe, von der 
ersten und einzigen Partie über den Rhein in den Rhein- 
gau zurücko;ekehrt, eben zurechtkam.' Es war eine all- 
gemeine Almrmirung des rechten wie linken Belagerungs- 
Corps, doch galt der Hauptangriff einem kaiserlichen Posten 
bei der Kirche zum. heiligen Kreuz; die AUiirten verloren 
dabei weniger Mann als die Franzosen, die Kirche ging 
aber in Flammen auf. Die Datirung der Ereignisse scheint 
in diesen Tagen bei Goethe irgendwie in Verwirrung ge- 
rathen zu sein, da die Journale bis zum 12. Juni nichts, 
dagegen vom 13. Juni einen Ueberfall auf Mombach und 
Gunzenheim verzeichnen, den Goethe auf den 10. Juni 
verlegt; er wurde übrigens von den Hessen leicht zurück- 
geworfen. Sonst waren die Tage durchaus den Vorarbeiten 
zur Belagerung gewidmet, das Geschütz, holländisches und 
preussisches aus Wesel, wurde concentrirt, ein Belagerungs- 
Depöt hinter Hechtsheim formirt. Gleichzeitig wurde — 
ein verläßliches Zeichen nahender Ereignisse — oberhalb 
von Marienborn ein Lager für den König in Stand gesetzt, 
wieder mehr ein Lust- als ein Kriegslager, Diese unnöthige 
Coquetterie im Felde war wohl die Ursache, daß »einige 
scheinbare Anstalten zur Belagerung Goethes schwachen 
Glauben nicht aufrichten konnten«,* aber es war diesmal 
doch Ernst. 

Jedermann erachtete den Beginn der Belagerung für 
dringend, nur über die Ausführung wurde noch debattirt. ' 
Von vornherein wollte man den Schwerpunkt des Angriffs 
auf das linke Ufer verlegen. Im Kriegsrath zu Bieorich 
am 12. Juni wurde beschlossen, am 14. Juni die französischen 
Erdarbeiten zu nehmen, in der Nacht auf den 1 6. die Franzosen 
völhg aus Weißenau zu werfen und sogleich bei einem Nonnen- 
kloster daselbst eine Redoute zu errichten ; an diese sollte 



' Vgl. den Brief an Herder vom 15. Juni. In der Belagerung ist 
der französische Ausfall auf den 9. Juni verlegt; diese regelmäßig 
nächtlichen Ausfälle können natürlich nicht immer dem Tag nach 
datirt werden. 

^ An Voigt vom 14. Juni. 

3 Das Folgende durchaus nach den Acten des österreichischen 
Kriegs-Archivs, die nicht überall mit den übrigen Quellen überein- 
stimmen ; insbesondere ist das Eingreifen des Königs Friedrich Wilhelm II. 
hier schärfer gezeichnet. 



276 Abhandlungen. 



sich der Anfang der Trancheen knüpfen. Sehr rasch ver- 
breitete sich die Kunde von diesen Beschlüssen im Lager, 
so daß auch Goethe davon hörte und nach der hochge- 
legenen Schanze vor Hechtsheim ritt, um die Wegnahme 
der Weißenauer Fleche anzusehen. 

Es gelang nun freilich, diese Schanze wegzunehmen, 
wie Goethe Berichtet, weil sie ganz unbesetzt war; aber 
der eigentliche Zweck, die Eröffnung der Laufgräben, 
scheiterte an thörichten Mißverständnissen. Der König 
hatte ursprünglich einen allgemeinen Angriff untersagt; die 
Offiziere aber, die man mit der Errichtung der Redoute beim 
Nonnenkloster betraut hatte, machten Gegenvorstellungen, 
und so lautete die Disposition, welche, vom Obersten v. d. 
Lahr entworfen, am 15. Juni veröffentlicht wurde, ganz 
anders. Am rechten Flügel sollten unter Leitung des 
General Manstein 3 Bataillone preußischer Infanterie die 
alte Favorite und die Batterie vor dem Nonnenkloster bei 
Weißenau angreifen, zwei kaiserliche Halbbataillone dagegen 
Weißenau selbst; 600 Arbeiter hatten diesen Angriffscolonnen 
zu folgen. Im Centrum sollten 5 preußische Bataillone 
unter General Borch, 8 kaiserliche unter General Minucci 
zur Verwendung kommen, mit ihnen zv/ei Colonnen Ar- 
beiter, am linken Flügel die Cavallerie, und zwar die Weimar- 
Kürassiere unter dem Herzog, die kaiserlichen unter Oberst 
von Wachenheim. Dort, am linken Flügel, sollten unter 
den Stabsoffizieren Hohenlohe und Lopum falsche Attaquen 
auf Zahlbach und Dahlheim, auf den Hauptstein, auf das 
Gauthor und auf die Philippsschanze stattfinden. Im Lager 
blieben unter den Generälen Wolframsdorff, Kleist und Prinz 
Louis Ferdinand die übrigen Truppen unter Waffen. Mit 
Einbruch der Dunkelheit sollten die falschen Attaquen be- 
ginnen, den Arbeitern war natürlich jedes Geräusch unter- 
sagt. Auf dem rechten Ufer hatten die Generallieutenants 
Biesenrodt und Lindt, der sächsische Commandant, Anstalten 
zu treffen, als sollten hier die Laufgräben eröffnet werden; 
erst bei heftigem Feuer auf der linken Seite sollte hier das 
Geschütz in Action treten, gleichzeitig Kostheim gestürmt 
werden. Der König und sein Stab werde beim heiligen 
Kreuz halten. — So war nun doch ein allgemeiner Angriff 
angeordnet, die Wegnahme von Weißenau nur als beiläufige 
Aufgabe angegeben; ohne den rechten Flügel vor dem Feind 
ganz zu sichern, sollte man die Trancheen hier eröffnen. 
Am 16. Juni bezog der König morgens sein Quartier in 
Marienborn, versammelte sogleich die Generalität und 
schärfte ein, das Blut der Soldaten zu schonen, Weißenau 
nicht unnöthig zu forciren ; dagegen wurde Hauptmann 
Bulinger beauftragt, eine Redoute am rechten Flügel an- 



Zur Belagerung von Mainz. 277 

zulegen. Aus allem war ersichtlich, daß der oberste Be- 
fehlshaber, der König, keineswegs mit sich im reinen war, 
vor allem nicht entschlossen war, die Errichtung des rechten 
Flügels der Trancheen durchzusetzen, koste es, was es wolle. 
Was Wunder, daß sich die Unsicherheit von oben auch den 
Soldaten, besonders den Arbeitern, die größtentheils junge 
Rekruten waren, mittheilte? Programmgemäß vollzog sich 
der Aufmarsch von Truppen und Arbeitern, letztere 4500 
an der Zahl, aber als es an die Action gehen sollte, griff 
die seltsamste Verwirrung Platz. Es war eine sehr finstere 
Nacht; aus Goethes Feder haben wir die eindringlichste 
Schilderung davon, wie die grauen österreichischen Pioniere 
fast unsichtbar in tiefster Stille einherzogen. Von einem 
Angriff auf Weißenau war nicht die Rede; am rechten 
Flügel, wo die Arbeiter weit von den Soldaten entfernt 
waren, begann man sofort die Tracirung einer Redoute, 
ebenso arbeitete man ganz ruhig auf dem linken Flügel, 
aber im Centrum, bei der Abtheilung des Generals Aiinucci, 
wo die jüngsten Arbeiter standen, geriethen diese unter 
die Bedeckungsmannschaft, die in Pelotons aufgelöst vor 
ihnen lag, und gleichzeitig meldete eine Patrouille das 
Nahen der Feinde. Thatsächlich hatte man im verschanzten 
Lager vor Mainz, wo Kleber commandirte, schwaches Ge- 
räusch vernommen, die Ursache errathen, und sogleich 
rückte die eilig zusammengeraffte Bereitschaft unter Decaen 
gegen den Ort der Arbeiten. Es war eine ganz geringe 
Anzahl Franzosen, die ßedeckungsmannschaft hätte zu ihrer 
Abhaltung gewiß hingereicht; aber in der Dunkelheit stießen 
die weichenden Vorposten auf Arbeiter, sogleich entstand 
Verwirrung und die Queue feuerte auf die Tete. In einem 
Bataillon des Centrums brach Panik aus, die Arbeiter warfen 
die Werkzeuge fort und rissen alles in wilder Flucht mit 
sich fort, während auf dem rechten und linken Flügel das 
Feuern in tadelloser Ordnung vor sich ging. Auf Befehl 
des Ingenieur-Offiziers Turpin wurde der Rückzug ange- 
treten, aber 40 Arbeiter waren gefangen, 10 Mann, darunter 
I Offizier, getödtet, 9 verwundet worden. Auf dem linken 
Flügel war ein kleines Stück der Laufgräben bereits tracirt; 
man vergaß beim Rückzug diese kleine Partie, die erst weit 
später, als Kleber bereits mit Verstärkungen eintraf, von 
ihrer Arbeit wich. Auch hier fielen nur sehr wenig; in 
der Stadt hatte man nichts bemerkt, dank dem heftigen 
Feuer Schönfelds gegen Kastei und Kostheim. 

»Die sämmtliche Belagerungsarmee war in Bestürzung«, 
schreibt Goethe. Wir glauben ihm; selbst die Journale, 
die von der Sache berichten, lassen eme gewisse Erregung 
durchblicken. Es waren wohl nur wenig Mann gefallen. 



278 Abhandlukgen. 



ziemlich werthloses Material eingebüßt worden, aber ein an- 
scheinend sorgsam angelegter Plan war kläglich gescheitert, 
seine Absicht schien ernsthch gefährdet, zum mindesten 
hinausgeschoben, die Oberleitung hatte sich bloßgestellt, 
die Mannschaft sich schlecht bewährt. Am schlimmsten 
war es vielleicht, daß darüber der alte Groll zwischen 
Oesterreichern und Preußen rege ward, die sich gegenseitig 
beschuldigten, dergestalt, daß in der neuen Disposition vom 
17. Juni immer nur Arbeiter und Bedeckungsmannschaft 
derselben Heerestheile operiren sollten, Preußen hinter 
Preußen, Oesterreicher hinter Oesterreichern aufgestellt, 
»um genau zu wnssen, wer schuld sei«.' Umsomehr 
triumphirten die Franzosen, die mit so geringer Anstrengung 
ein so wichtiges Unternehmen zerstört hatten; obendrein 
vergrößerte die Fama die Geschehnisse aufs Unglaublichste.* 
Kleber hatte sofort das tracirte Stück zuschütten, die weg- 
gew^orfenen Schanzutensilien sammeln lassen, und wüe zum 
Hohne errichteten die Franzosen aus diesem Material eine 
doppelte Schanze an der Chaussee bei Zahlbach (Fleche 
des gabions). Sonst ließen sie, abgesehen von einer kleinen 
Allarmirung bei Gunzenheim und einigem Kanoniren, den 
Alliirten am 17. und 18. Juni Ruhe, und diese w^andten 
alle Kraft auf die Ausbesserung des gemachten Fehlers. 

Höchst sorgfältig wurde eine erneute Disposition für 
die Eröffnung der Trancheen ausgearbeitet, jede Action 
unterlassen, nur etliche Bataillone schon in Vorbereitung 
dieses Unternehmens verschoben. Goethe berichtet, man 
habe bei Besprecliung jenes ersten Versuchs unter den 
Sachverständigen gemeint, daß die Anlage zu weit von 
der Festung geblieben sei, und habe daher die 3. Parallele 
näher zu rücken beschlossen. Dies sei begonnen und glück- 
lich ausgeführt worden. — Wahrheit und Irrthum mischen 
sich in dieser dürftigen Notiz. Wohl meinte man, daß die 
Parallele näher der Stadt zu liegen solle, aber in diesem 
Momente, da Weißenau und Zahlbach in den Händen der 
Feinde, der letztere Ort eben erst neu verstärkt worden, 
konnte man doch nicht an ihre Eröffnung denken. Wofür 
man jetzt die Disposition ausgab, das war eine »Arriere- 
Parallele«, etwas zurückgelegen gegen die früher geplante, 
und nur zum Stützpunkt bestimmt für die später zu er- 
richtende erste (nicht dritte) Parallele. Sie sollte 9400 
Schritt lang, mit 3 Communicationen zu den Lagerplätzen 
versehen und durch zwei Redouten am linken Flügel ge- 

' Bericht Wartenslebens. 

^ Correspondenzen des »Moniteur« (vgl. z.B. die vom 9. Juli 1793) 
sprechen von 2—300 Todten und rühmen die Tapferkeit der Franzosen. 



Zur Belagerung von Mainz. 279 

deckt sein, Batterien hinter ihr postirt werden. 5680 Arbeiter 
waren dazu nöthig, gedeckt durch 14 Bataillone ; mit pein- 
lichster Genauigkeit wurden die Soldaten instruirt, möglichst 
jede Ueberraschung vorgesehen, die Theilung nach Nationen 
durchgeführt. So gelang in der Nacht vom 18. auf den 
19. Juni das schwierige Werk, mit Tagesanbruch schon 
so gut wie gesichert. Und doch hatten sich die Schwierig- 
keiten vermehrt, indem in der Nacht des 17. Juni das bis 
dahin herrliche Wetter durch ein heftiges Gewitter unter- 
brochen w^urde, dem nun eine Periode kalten Regenwetters 
folgte. Dies behinderte die Arbeiten nicht wenig; dennoch 
gelang es bereits in der Nacht vom 19. auf den 20., während 
über 2000 Arbeiter die Laufgräben vervollkommneten, Bat- 
terien dahinter zu erbauen. Am 21. war die Parallele vol- 
lendet; sie begann etwa bei der zerstörten Kirche zum 
heiligen Kreuz, durchschnitt das obere Ende von Weißenau 
und reichte gegen Westen über die Chaussee von Nieder- 
Olm hinaus; dort war ein »Epaulement« für Cavallerie 
errichtet. Schon begann man weitere Gräben, »Boyaux«, 
zur Errichtung der eigentlichen 1. Parallele vorzutreiben, 
durch Batterien verstärkt. Das Geschützfeuer war in erster 
Linie gegen die vier nächstgelegenen Außen-Forts, die 
Karlsschanze, die welsche Schanze, die Elisabeth- und 
Philippschanze gerichtet, doch trafen und tödteten ver- 
einzelte Kugeln bereits in der Stadt; Kleber mußte damals 
mit seinem Stab aus der arg gefährdeten Elisabethschanze 
in die Philippschanze übersiedeln. 

Gleichzeitig versuchte man, zu Wasser die Feinde zu 
schädigen, und trug damit, wenn man auch nicht viel er- 
reichte, mit zur wachsenden Beängstigung der Franzosen 
bei. Es hieß nun, die vorgeschobenen Posten zu verstärken, 
die Stadt für das Bombardement selbst zu rüsten. Am 
22, Juni begab sich Merlin mit den Clubbisten in die äußersten 
Werke von Zahlbach und errichtete dort eine Batterie; 
wichtiger waren die Maßregeln der Verwaltung zur Ver- 
minderung der unnützen Brodesser. Am 22. ging auch das 
Decret zu der letzten und größten »freiwilligen« Exportation 
aus: zwei Tage später sammelten sich über 1500 Menschen, 
meist Weiber und Kinder, an der Rheinbrücke und zogen 
unter Flüchen gegen Merlin und die Clubbisten, besonders 
den Fanatiker Hoffmann, aus den Kasteier Thoren ; sie 
durften nur das nothwendigste Reisegepäck, keinen Wagen, 
keinen Koffer mitnehmen. Um 11 Uhr waren sie außer- 
halb der Mauern, wurden aber von den deutschen Vorposten 
unbarmherzig zurückgewiesen; mitleidig wollten die fran- 
zösischen Chasseurs die Armen, davon einige auch krank 
waren, wieder einlassen, aber Merlin verbot es ihnen auf 



28o Abhandlungen-. 



das heftigste; so konnten sie ihre Gutherzigkeit nur in 
kleinen Diensten zeigen. Der Mainzer Kanzler Albini 
schickte Expressboten an den Marquis Lucchesini, damit er 
bei König Friedrich Wilhelm den Durchlaß erwirke, aber 
vergebens; über 24 Stunden mussten die Leute in ihrer 
entsetzlichen Situation verharren, darin sogar etUche um- 
kamen. Da erst ließ Merlin ihnen die Thore öffnen, doch 
musste die Stadt sich dagegen verpflichten, tägUch 200 
Arbeiter zu Heereszwecken zu stellen. Fortan ward keine 
Exportation mehr versucht. 

Draußen schritt man zur Errichtung der ersten Parallele. 
Schon hatte man ein Boyau mit Batterien zu derselben 
vorgeschoben (22. bis 24. Juni); in der Nacht vom 24, 
auf den 25. legten 2000 Arbeiter die Laufgrcäben an, 800 
Schritt von den Pallisaden der Festung, durch 2 Communi- 
cationen mit der Arriere-Parallele verbunden. Mitten unter 
der Arbeit machte der Commandant von Weißenau, Lefevre, 
einen Angriff auf die Erdarbeiter rechts des Ortes und es 
gelang ihm, einige Mann zu tödten, 4 Geschütze zu ver- 
nageln. Dennoch wurden die Arbeiten in der folgenden 
Nacht so weit gefördert, daß 4 Wurfbatterien errichtet 
werden konnten, trotz eines abermaligen Ueberfalls, bei 
dem 2 Kanonen vernagelt wurden. Am nächsten Tage 
wurde bereits geworfen, mitten in der Stadt wurde der 
General de Blou und mehrere Bürger getödtet, in der Nacht 
brannten zum ersten Male zwei Kirchen, wovon eine zum 
Fruchtdepöt hergerichtet war. Aber die erste Parallele 
schien gefährdet, ehe nicht Weißenau den Franzosen ent- 
rissen war, die immer hartnäckiger sich dort eingruben 
und eine starke Redoute mit Geschütz erbaut hatten. Der 
Ort, längst nur mehr ein Trümmerhaufen, musste noch einen 
Sturm aushalten. Vier kaiserhche Bataillone unter Oberst 
Heister sollten die Redoute und das Nonnenkloster stürmen, 
mit blankem Bajonett, da Schießen verboten war; Pardon 
sollte keiner gegeben werden. Die Redoute wurde sogleich 
genommen, aber fast hätte der tapfere Lefevre, der sich 
nicht überraschen ließ, die Kaiserlichen wieder geworfen, 
wenn nicht seine Haufen bei einer Attaque der wenigen, 
zur Deckung des Unternehmens bestimmten Reiter aus- 
einandergestoben wären. Indeß man die Redoute und das 
Nonnenkloster besetzte, wurden sofort Laufgräben ein- 
geschnitten. Von den Kaiserlichen waren 5 Offiziere, 
7 Mann gefallen, 20 Franzosen hatte man niedergestochen. 
Das Bombardement hatte keinen Moment ausgesetzt, be- 
sonders nöthigte in dieser Nacht Rücheis heftiges Geschütz- 
feuer die Franzosen zum Verlassen der kleinen Insel Köpf. 
Die nächsten Tage gingen damit hin, die begonnenen 



Zur Belagerung von Mainz. 281 

Arbeiten zu vollenden, die eroberte Redoute für die Kaiser- 
lichen in Stand zu setzen, beim Nonnenkloster ein großes 
Etablissement zu errichten , mühselige Arbeiten , welche 
durch die nothwendige Sprengung der alten, festgemauerten 
Gartenterrassen dortselbst arg erschwert wurden. Mit Ende 
des Monats war die Parallele in bedeutender Vollkommen- 
heit vom rechten Flügel bis zur Mitte vollendet und mit 
acht Wurf- oder Kanonenbatterien versehen. 

Die verheerende Thätigkeit dieser Batterieen, die Licht- 
und Farbeneffecte während des nächtUchen Bombardements 
zogen damals Goethe und seine Freunde vor allem an. Er 
hatte den Ueberbhck über die Action völlig verloren, be- 
greiflich genug, da die Minen- und Sapen-Arbeit wohl 
wichtig, aber doch nur für den Fachmann interessant und 
verständlich war. Auch seine militärischen Freunde, die 
Kürassier-Offiziere und mit ihnen der Herzog selbst, waren 
nun sehr wenig beschäftigt. So mitten unter wohl sicht- 
baren, aber nicht verständlichen Werken der Zerstörung, 
ohne Thätigkeit, von der Gefahr abgestoßen und ange- 
zogen zugleich, überkam den Dichter eine eigenthümliche 
Stimmung: »eine Art Stupor« erfasste ihn, »der Verstand 
stand ihm still«, wie es in Briefen heißt.' Wissenschaft- 
liche und künstlerische Beschäftigung sollten ihm Trost 
gewähren. Mit etwas galligem Humor schildert er der 
Herzogin Amalia die Lage:* »Was die Unterhaltung selbst 
betrifft, ist solche sehr einfach. Ew. Durchl. wird bekannt 
seyn, daß die Sprache der Batterieen noch einsilbiger ist 
als die deutsche Sprache. Wir gewöhnen uns an den 
Lakonismus, der bisher für uns meist ohne Sinn geblieben 
ist, und sehen seit einigen Tagen mit Freude, daß man 
die leidigen Franzosen durch eine gezogene Parallele näher 
einschließt und wills Gott bald aus dem lieben Deutschen 
Vaterlande gänzlich ausschUeßt, wo sie doch ein vor alle 
mal nichts taugen, weder ihr Wesen, noch ihre Walfen, 
noch ihre Gesinnungen«. Er unterließ es schließlich völlig, 
über den Fortgang der Belagerung Journal zu führen, 
und giebt statt dessen die Schilderung seiner gefährlichen 
Spaziergänge, bei denen ihn, nun schon zum zweiten Male, 
das Kanonenfieber überkam. 

Von einer Begebenheit allein, der Goethe beiwohnte, 
haben wir noch seinen Bericht, von der »schwimmenden 
Batterie«. Auf diesem Ungethüm, von Wiedenbruck in 
Ginsheim errichtet und mit allerlei ausschweifenden Hoff- 
nungen betrachtet, hatte sich eine Compagnie Füsiliere, 80 



' An Voigt vom 3. Juli; ähnlich an Knebel vom 2. Juli. 
* 22. Juni. 



282 Abhandlungen. 



Mann unter Major Kayserling mit 2 Kanonen eingeschifft. 
Es handelte sich, nach einem Entwurf Rücheis, um einen 
combinirten Angriff auf die Rhein-Inseln, den der General- 
stabsmajor Massow leiten sollte; die Batterie wurde aber 
vorzeitig w^eggerissen, ehe noch alle Vorbereitungen ge- 
troffen waren. Mit viel zu wenig Bemannung trieb das 
große Floß abwärts, es gelang nicht, bei den Inseln zu 
ankern, da die Ankertaue theils rissen, theils zerschossen 
wurden. Nur einer kleinen Anzahl der FüsiHere nebst 
mehreren Offizieren glückte es, auf eine kleine, von den 
Franzosen besetzte Rhein-Insel sich zu retten, wo sie sich 
unter arger Bedrängniß so lange hielten, bis Succurs kam 
und die Feinde von der Insel vertrieben wurden; bei dieser 
Gelegenheit fielen mehrere von den Offizieren. Die 
Batterie aber trieb langsam stromabwärts, bis sie endlich, 
gänzlich im Bereich der französischen Macht, auf dem Grund 
sitzen blieb. Dies konnte Goethe von fern sehen, nicht 
aber die erregten Scenen bei der Ankunft, wo der zufällig 
anwesende MerHn nach seiner Art sofort Rache nehmen 
wollte für die Weißenauer Nacht und die Erbarmungs- 
losigkeit Heisters, während Beaupuy, der Untercommandant 
von Kastei, die hülf losen FüsiUere retten wollte. Die Lage 
war kritisch; da fiel zum Glück Merlin in seinem Toben 
ins Wasser und wäre ohne die Hilfe der gutmüthigen Preußen 
ertrunken. So beeilten sich nun auch die Franzosen, den 
Aussteigenden die Hand zu reichen, bewirtheten sie höchst 
Hebenswürdig und entließen sie am folgenden Tage. Aus 
einem ernsthaft gemeinten Unternehmen war, wie schon 
öfters bei dieser Belagerung, eine Farce geworden, wozu 
auch des romantischen Beaupuy republikanische Standreden 
an die verstockten Preußen gehörten; für die Franzosen, 
von deren Schwatzhaftigkeit und Heiterkeit alle deutschen 
Berichterstatter erzählen, willkommener Anlaß zur Belusti- 
gung. Die Leute hatten guten Humor, da es fortwährend in 
der Stadt brannte, sehr nöthig ; trotz der wackeren Lösch- 
versuche der französischen Soldaten standen von vielen 
Kirchen und großen Privatpalästen nur noch Mauern, am 
I. JuU war sogar die zum Hospital eingerichtete Franciscaner- 
kirche abgebrannt, so daß man die Kranken mit genauer 
Noth rettete. Die irgend entbehrlichen Pferde gaben schon 
längst die Hauptmenge des Fleisches her. 

Draußen nahmen die Belagerungsarbeiten ihren unauf- 
haltsamen Fortschritt; man errichtete bequeme Communi- 
cationen zur i. Parallele, erbaute Batterieen, zerstörte Erd- 
arbeiten des Feindes. In der Nacht vom 4. auf den 5. JuU 
begannen die Batterien i — 15, mit 64 zum Theil sehr 
schweren Geschützen, ihr Feuer gegen die Carls- und 



Zur Belagerung von Mainz. 283 

Elisabethschanze spielen zu lassen. Unter schwierigen Ver- 
hältnissen, bei erweichtem und nachgiebigem Erdreich, 
unter Regengüssen, die bis in die ersten Tage des Juli nicht 
aussetzten, war eine riesige Arbeit vollendet worden. Man 
begreift, daß Goethe der Aufenthalt in den Trancheen so 
fürchterlich erschien, daß »man die Todten nicht ins Leben 
gerufen hätte«. Doch erschien ihm die unmittelbare Gefahr 
wohl größer als sie war; es fielen in den Laufgräben vom 
I. bis zum 20. Juli, während der härtesten Arbeit, im ganzen 
9 Offiziere, 122 Mann. Hier ist in Goethes Erzählung eine 
ziemliche Lücke, die nicht durch eine neue Darstellung 
ausgefüllt werden soll. Goethes Erzählung setzt erst bei der 
Schilderung der Uebergahe am 22. Juli wieder voller ein. 
Er suchte nun wieder den interessanten Scenen als Augen- 
zeuge beizuwohnen. Freilich wußte er nichts von den 
letzten Schwierigkeiten, die sich noch in Mainz erhoben, 
sondern berichtet nur von Geldangelegenheiten , die den 
Ausmarsch der Franzosen verzögerten. 

Erst nach langen Verhandlungen hatte man stillschweigend 
den Auszug der Clubhisten zubegeben. Sie wurden von der 
Menge übel behandelt. Besonders arg ging es dem Professor 
Metternich und Georg Böhmer, dem abenteuerlichen Schwager 
der abenteuerlichen Caroline; er ist jener Unglückliche, von 
dem Goethe erzählt, daß man ihn von der Seite einer jungen 
Dame' weg aus dem Reisewagen gerissen habe. Wurden 
diese nur entsetzlich geprügelt, so bedrohte man drin in der 
Stadt einzelne Clubbisten am Leben, schleppte sie zu dem 
Galgen, welchen Custine einst errichtet hatte, und hätte sie, 
ohne äusserste Anstrengungen der Polizei, sicher gelyncht ; 
die Häuser aller Clubbisten wurden geplündert. 

Solche Wuth war allerdings begreiflich. Die Clubbisten 
waren immer am härtesten gegen die Anhänger des alten 
Regime verfahren, vor allem Professor Hoffmann; genug 
Schelme, die nur im Trüben fischen wollten, waren neben 
wenigen ehrlichen Enthusiasten darunter. Dazu war der 
Anblick der Stadt schlimm genug. Acht Kirchen, viele 
Capellen, die meisten adeligen »Höfe«, das Comödienhaus 
waren zerstört; die Wohnhäuser, wenn auch scheinbar 
unversehrt, wiesen durchwegs Spuren der fremden Gäste, über 
deren Frechheit und Unreinhchkeit besonders in den ersten 
Monaten der Franzosenherrschaft arg geklagt wurde. Noch 



' Nach Sömmering (a. a. O. S. 655) seiner Frau; Goeüie nennt 
in einem Brief an Jacobi vom 27. Juli eine Anzahl der Clubbisten, 
nicht aber jenen Architekten, welchen er durch sein energisches Auf- 
treten rettete; auch sonst ist der Name des Mannes mir nicht eruirbar 
gewesen. Das — wahrscheinlich — unwahre Gerücht von Brandlegungen 
auch im Briefe an Voigt vom 27. Juli. 



284 Abhandlungen. 



waren viele Häuser und alle Lazarethe besetzt von den 
Kranken und Verwundeten, die sie zurückgelassen hatten, 
über 3000 an der Zahl; es waren von den 23,000 Mann 
der ursprünglichen Besatzung im ganzen 18,675 übrig ge- 
blieben. Stärker war jedenfalls noch der Verlust der AUiirten, 
welcher von Schaab auf 3 — 4000 angegeben wird. 

Mit nicht geringen Opfern an Blut, mit sehr beträcht- 
lichen an Geld, war nach einer Blokade von 2V2 Monaten, 
einer Belagerung von mehr als einem Monat, Mainz den 
Deutschen zurückerobert. Noch war man nicht an die 
Festungsmauern herangekommen, noch war die Garnison 
ansehnlich und von wirklichem Hunger verschont, da Brod 
und Wein in ausreichender Menge vorhanden war; der 
Entsatz von der Mosel und der Nahe her wäre auf die 
Dauer schwer aufzuhalten gewesen. »Man kann sich nicht 
genug glücklich schätzen, Meister dieser wichtigen Festung 
zu sein«, schreibt Wartensleben. In Berlin meldeten 40 
Postillone unter Hörnerklängen den Abschluß der Capi- 
tulation, in allen Kreisen wurden Feste gefeiert ; der König, 
welcher während der Belagerung Tapferkeitsauszeichnungen 
für die Offiziere und Soldaten eingeführt hatte, ehrte nun 
die Commandirenden und Hauptbetheihgten durch Beför- 
derungen und hohe Orden. Gedämpfter, doch gleichfalls 
lebhaft war die Freude am Wiener Hofe. 

Bei den Franzosen suchte man natürlich, wie für jede 
Niederlage in den Revolutionskriegen, auch für diesen 
Verlust den Grund in Verrath. Das Verhalten der Garnison 
war gewiß nicht vorwurfsfrei; ein competenter Kritiker 
wie Erzherzog Karl findet' wohl die erste Epoche der 
Vertheidigung wahrhaft glänzend, die zweite dagegen um 
so schlechter, die Uebergabe vollends ganz ungerechtfertigt 
und will diese durch Bestechung der Volksrepräsentanten 
erklären. Daß diese die Capitulation — um sich vorsichtig 
auszudrücken — nicht hinausschoben, ist eine sichere That- 
sache. Wenn später im Convent Merlin mit Emphase ver- 
sicherte, er hätte nur unterzeichnet, weil drei Tage später 
16,000 tapfere Soldaten verloren gewesen wären, die so der 
Rache der Tyrannen entzogen wurden, so werden wir 
denn doch glauben, daß Besorgniß um die eigene Sicherheit 
bei ihm und vielen Collegen stärker gewirkt habe, als diese 
ganz plausibel klingende Erwägung; plausibel darum, weil 
diese 16,000, durch langen Kriegsdienst geübten Soldaten 
der Repubhk in der Vendee viel besser zustatten kamen, 
als wenn sie nach hartnäckiger Gegenwehr vielleicht sich 



' »Der Feldzug von 1793 — 94«. Oesterreichische Militärische Zeit- 
schrift 1865, VI. S. 88 ff. 



Zur Belagerung von Mainz. 285 

hätten kriegsgefangen geben müssen. Merlin und Rewbell 
waren übrigens arg gefährdet durch die Anklage im Convent 
(von Montant und Soubran}-, den Commissären der Mosel- 
Armee, erhoben) und wer weiß, ob sie sich ohne die 
Prahlereien und Lügen, besonders Merlins, hätten retten 
können; auch Dubayet nebst seinem Stab wurde sofort 
beim Betreten der Repubhk verhaftet. Schheßlich wußten 
diese Nächstbeschuldigten — die doch alle unverdächtige 
Republikaner waren — allen Verdacht auf das Haupt 
Custines, des Aristokraten zu lenken, der denn auch mit 
seiner ganzen Familie zum Opfer fiel. 

Custine trifft — außer dem Leichtsinn und der Thorheit 
des ganzen Unternehmens — thatsächlich die Schuld, den 
Entsatz höchst lau betrieben zu haben; nur am 17. Mai 
hatte er einen fruchtlosen Vorstoß gemacht; auch Beau- 
harnais, sein Nachfolger bei der Rhein-Armee, errang gegen 
das Observations-Corps des Herzogs von Braunschweig 
keine Erfolge. Einige glückliche Scharmützel in den letzten 
Tagen der Belagerung kamen viel zu spät. Dennoch er- 
hoben Houchard von der Mosel -Armee und Montant und 
Soubram', die Convents-Commissäre bei dieser Armee, 
sofort Protest gegen die Capitulation; ja, während der 
Convent D'Oyre und seinen Generalstab in Anklagezustand 
versetzte (28. Juli), schrieb Houchard an Kalckreuth, die 
Capitulation sei ungültig, weil ohne Befragung der Garnison 
geschlossen, und er werde diese ohne weiters gegen die 
Verbündeten verwenden. Empört erließ Kalckreuth die 
Erklärung, jeden von der Garnison, der vor dem 10. August 
1794 mit den Waffen in der Hand betroffen würde, w^erde 
er erbarmungslos hinrichten, die Kranken in Mainz aber 
für die geringste Gewaltthätigkeit, die sich Houchard gegen 
einen Mann der preußischen 'Armee erlaube, büßen lassen. 
Thatsächlich wurden im Auftrag des Königs die Kranken 
in Mainz zunächst als Geiseln, auch für die Zahlung der 
Contrahirten Schuld, betrachtet, bald aber bis auf d'Oyre 
und 15 andere entlassen, welche 16 erst im December 1794 
gegen 16 Mainzer Geiseln eingetauscht wurden. Mainz 
selbst blieb zunächst von Preußen besetzt, während die 
Kaiserlichen und die Brigade Kleist zu Wurmser und zum 
Herzog von Braunschweig stießen; nach dem Baseler 
Frieden rückten Kaiserliche ein, die hier unter Clerfayt 
noch einmal am 25. Oktober 1795 einen großen Sieg er- 
rangen. Dies war das letzte blutige Ereigniß um und vor 
Mainz; nach dem Frieden von Campo Formio rückten 
noch einmal die Franzosen ein, um nach i6)ähriger Herr- 
schaft dann für immer abzuziehen. 

Ist diese Belagerung also historisch und militärisch 



286 Abhandlungen. 



nicht eben allzu wichtig, so war sie doch so reich an 
Episoden, der ganze Feldzug Custines und dieses erste 
Zerrbild der Republik auf deutschem Boden so merkwürdig, 
daß Mit- und Nachwelt daran lebhaftestes Interesse nahmen. 
Wir haben Erinnerungen an diese Episode von gemeinen 
Soldaten wie Lauckhardt, ' von Offizieren wie Minutoli, 
von emigrirten Mainzern wie Dumont, und von solchen, 
die in den Mauern aushalten mussten, wie Schaber, wir 
haben die Memoiren mehrerer französischer Offiziere.* 
Von all diesen Mcännern kann keiner irgendwie an Goethe 
gemessen werden; zweifellos ist diese Skizze am meisten 
bekannt. Sie kann es an Unmittelbarkeit der Nachrichten, 
an Lebhaftigkeit und Uebersichthchkeit der Darstellung ge- 
w'iß mit allen übrigen aufnehmen; ihr historischer Werth 
bleibt doch recht beschränkt. Goethe konnte eben nur 
dem letzten, interessantesten Act der Blokade beiwohnen; 
die eigenthche Belagerung erlebte er wohl, aber er hat sie 
nie recht übersehen können. Zunächst war dies durch 
locale Verhältnisse gegeben — er kam ja nie auf das rechte 
Ufer — , doch auch sein Interesse, anfangs recht rege, er- 
lahmte; umsoweniger konnte er hier volles Verständniß 
gewinnen, das ja von vornherein nur aus zweiter Hand für 
ihn zu erlangen war. Erst für die merkwürdigen Vorgänge 
nach der Capitulation werden seine Aufzeichnungen wieder 
eine ergiebigere Quelle, nur arg beeinträchtigt durch die 
Abneigung gegen Namennennung; Goethe wollte wohl 
noch lebende Personen — wie z. B. Hoffmann — schonen. 
Solche vorsichtige Zurückhaltung herrscht überhaupt in 
der ganzen Darstellung; von der Mißstimmung und dem 
mangelnden Vertrauen gegen die höchsten Persönlichkeiten, 
vor allem gegen den König, wessen wir nur aus den Briefen. 
Schönfärberei aber, oder gar Entstellung der Thatsachen 
findet sich nirgends; und ist Goethe in seinen Berichten 
etwas gar zu mager, so müssen wir doch die Gewissen- 
haftigkeit achten, die es verschmähte, Lücken der eigenen 
Aufzeichnungen durch leicht bereitliegende — auch thatsäch- 
lich gekannte — Quellen auszufüllen. 

' Neuerdings auch von einem Grenadier J. Reuter von Nieder- 
vellmar, Hessenland, 7. Bd. S. 209—10, 222 — 23. Das Tagebuch 
des Weimarer Kämmerers J. C. Wagner, welches Goethe kannte, ist 
ungedruckt. Goethes Werke III, 8. Bd., S. 372. 

* Custines, Decaens, Beaupuys u. a. ; bei Chuquet durchaus benützt. 




III. MiSCELLEN UND ChRONIK. 



MiSCELLEN. 



Ä. Einzelnes zu Goethes Leben und Wirken. 

I. Der Schlußchor von Goethes »Fischerin«. 

Es ist bekannt, daß Goethe den »Schlußgesang« seines 
Singspieles »Die Fischerin« den »Volksliedern« von Herder 
entnahm. Wenn man von kleineren Aenderungen, die Ortho- 
graphie und Interpunction betreffen, absieht, so wich Goethe 
von seinem Vorbilde nur dadurch ab, daß er die letzten 
Verse Herders umgestaltete und denselben eine Strophe hin- 
zufügte. Diese humoristische Variante gibt dem Ganzen nicht 
nur einen passenden Abschluß, sondern erhöht in diesem 
Zusammenhange die Wirkung recht wesentlich. Ja, sie macht 
das Lied eigentlich erst wieder zu dem, was es ursprünglich 
gewesen sein dürfte, zu einem Scherzlied. 

Herder hatte das Lied schon für die erste Ausgabe seiner 
Sammlung »Alte Volkslieder« bestimmt, von der 1774 nur 
der erste Bogen gedruckt wurde. Dort war es als letztes Stück 
des ersten Buches geplant und als »Die Hochzeit. Wendisch«, 
bezeichnet (cf. Suphans Ausg. 25. Bd. S. 31). Im ersten Theil 
der »Volkslieder« von 1778 (Suphan a. a. O. S. 183) ist es 
dagegen überschrieben : »Die lustige Hochzeit. Ein Wendisches 
Spottlied«. Als seine Quelle bezeichnet Herder (Suphan a. a. O. 
S. 302) ein Werk von Johann Georg Eccard, das 17 11 in 
Hannover bei Nicolaus Foerster erschien und den Titel führt: 
»Historia studii etymologici linguae germanicae«. Der Ver- 
fasser desselben war o. ö. Professor der Geschichte an der 
Universität Helmstedt. Da das Buch zu den Seltenheiten ge- 
hört, erlaube ich mir, demselben folgende Angaben zu ent- 
nehmen. Im Gap. XXXV heißt es (pag. 268): »Endlich besitzt 
ein wendischer Stamm in den Aemtern Lüchau und Dannen- 

Gosthe-Jährbvch XIX. I9 



290 MiSCELLEN. 

berg im Herzogthum Lüneburg einen slawischen Dialect, der 
unsere Aufmerksamkeit verdient. ... In Wustrow lebte ein 
gelehrter Geistlicher Christian Hennigen, der sich viele Jahre 
hindurch mit dem Studium dieser Sprache befasste, ihre Reste 
zu sammeln begann und ein deutsch-wendisches Glossarium 
zusammenstellte. . . . Derselbe Hennigen — fährt Eccard auf 
S. 269 fort — hat mir ein Lied geschenkt, welches unsere 
Wenden, wenn sie im Wirthshaus sitzen (in tabernis), zu singen 
pflegen«. Und dann folgt der Text mit der Uebersetzung von 
Hennigen, wie Herder sie in die »Volkslieder« aufnahm. 
Beides legte ich Herrn Oberlehrer Dr. Ernst Mucke in Frei- 
berg i. Sa., dem gegenwärtig bedeutendsten Kenner der 
wendischen Sprache vor. Er hatte die Freundlichkeit mir mit- 
zutheilen, daß jener lüneburgisch-wendische Dialect, der ge- 
wöhnlich »polabisch« genannt wird, heute ausgestorben ist. 
Von den jetzt noch lebenden ober- und niedersorbischen 
Sprachzweigen weicht er mehrfach ab. Deshalb füge ich dem 
Eccardschen Wortlaut die textkritischen Verbesserungen Dr. 
Muckes in [ J hinzu; was hingegen Hennigen in Rücksicht 
auf das Deutsche seiner Uebersetzung mitgab, ist durch ( ) 
kenntlich gemacht. Das scherzhafte Geselligkeitslied lautet : 

(pag. 269.) I. Katy mes Ninka beyt? [bejt] 

Teelka [Telka] mes Ninka beyt: 

Telka' ritzi. [rici] 

Wapak ka neimo ka dwemo: 

Gos [Jos] giss [jis] wiltge [wiltje] grisna Sena; 
(pag. 270.) Nemik ninka beyt: 

Gos nemik ninka beyt: 

2. Katy mes Santik beyt? 

Stresik [Strezik] mes Santik beyt: 

Stresik ritzi 

Wapak ka neimo ka dwemo : 

Gos giss wiltge mole [moly] Tgaarl; 

Nemiic Santik beyt: 

Gos nemik Santik beyt: 

3. Katy mes Treibnick beyt? 
Wörno mes Treibnick beyt; 
Worno ritzi 

Wapak ka neimo ka dwemo: 

Gos giss wiltge tzorne [corny] Tgaarl; 

Nemik Treibnik beyt: 

Gos nemik Treibnik beyt: 



' Teelka (v. 2) und Telka (v. 3). Diese Inconsequenz findet sich 
im Originaldruck. Aehnliches kommt einigemale vor. 



MiSCELLEN. 291 

4. Katy mes Tjauchor beyt? 
Wauzka' mes Tjauchor beyt: 
Wauzka ritzi 

Wapak ka neimo ka dwemo: 

Gos giss wiltge glupzit [glupcy] Tgiarl; 

Nemik Tjauchor beyt: 

Gos nemik Tjauchor beyt: 

5. Katy mes Czenkir beyt? 
Sogangs [Zojac] mes Czenkir beyt: 
Sogangs ritzi 

(pag. 271.) Wapak ka neimo ka dwemo: 
Gos giss wiltge dralle Tgaarl ; 
Nemik Czenkir beyt, 
Gos nemik Czenkir beyt: 

6. Katy mes Speimann beyt? 

Bütgan [Bütjan] mes Speimann beyt: 

Bütgan ritzi 

Wapak ka neimo ka dwerno: 

Gos giss wiltge dauge [dolgi] Raath ; [rat] 

Nemick Speimann beyt, 

Gos nemik Speimann beyt. 

7. Katy mes Teisko beyt? 
Leiska mes Teisko beyt : 
Leiska ritzi 

Wapak ka neimo ka dwemo: 
Ris plast neitmo mia wapeis, 
Bungde, woessa [wosa] Teisko : 
Bungd wössa Teisko. 

Cantilenam hanc in Germanicam Linguam Hennigenius 
transtulit hoc modo : 

I. Wer soll Braut seyn? 

(Die) Eule soll Braut seyn: 
(Die) Eule sprach : (wörtl. spricht) 
Hinwieder zu ihnen den (wörtl. zu) beyden: 
Ich bin (eine) sehr gressliche Frau;* 
(pag. 272.) Kan (die) Braut (wörtl. nicht kann) nicht seyn, 
Ich kan (die) Braut (wörtl. Ich nicht kann) 

nicht seyn. 

' Wauzka = obersorb. : wowcka, ns. := wojcka = Schaf, von Hen- 
nigen fälschlich mit »Wolf« übersetzt. 

^ Herder schrieb 1774 »eine sehr greßliche Frau«; 1778 dagegen 
»ein sehr greßlich Ding«. 

19* 



292 MiSCELLEN. 

2. Wer soll Bräutgam seyn? 

(Der) Zaunkönig soll Bräutgam seyn: 

(Der) Zaunkönig sprach (spricht) 

Zu ihnen hinwieder den (wörtl. : zu) beyden: 

Ich bin (ein) sehr kleiner Kerl; 

Kan nicht (wörtl. : nicht kann) Bräutgam seyn : 

Ich kan nicht Bräutgam seyn. 

3. Wer soll (der) Brautführer seyn? 
(Die) Krähe soll Brautführer seyn? 
(Die) Krähe sprach (spricht) 

Hinwieder zu ihnen den (wörtl. zu) beyden: 
Ich bin (ein) sehr schwartzer Kerl; 
Kan nicht (nicht kann) Brautführer seyn, 
Ich kan nicht (nicht k. ich) Brautführer seyn. 

4. Wer soll (der) Koch seyn: 

(Der) Wolff (wörtl. : Schaf) soll der Koch seyn : 

(Der) Wolff sprach (spricht) 

Hinwieder zu ihnen den (zu) beyden: 

Ich bin (ein) sehr tückscher (wörtl. : dummer) Kerl ; 

Kan der (wörtl. : nicht kann K.) Koch nicht seyn 

Ich kann (der) Koch nicht seyn, 

5. Wer soll Einschencker ' seyn? 
(Der) Hase soll Einschencker seyn. 
(Der) Hase sprach (spricht) 

(pag. 273.) Hinwieder zu ihnen den (zu) beyden: 
Ich bin (ein) sehr schneller Kerl; 
Kan nicht Schencker' seyn. 
Ich kan nicht Schencker seyn. 

6. Wer soll Spielmann seyn? 

(Der) Storch soll Spielmann seyn: 

(Der) Storch sprach (spricht) 

Hinwieder zu ihnen den (zu) beyden: 

Ich habe (wörtl.: bin) (einen) sehr grossen 

(wörtl. : langen) Schnabel ; (wörtl. : Mund) 
Kan nicht Spielmann seyn, 
Ich kan nicht Spielmann seyn. 

7. Wer soll (der) Tisch (eigentl. : Brett) seyn? 
(Der) Fuchs soll (der) Tisch seyn, 

(Der) Fuchs sprach (spricht) 
Hinwieder zu ihnen den (zu) beyden: 
Schlagt voneinander (wörtl. : Zerschlage aus- 
einander) meinen Schwantz, 
(So) wird (er) euer Tisch seyn, 
(So) wird (er) euer Tisch seyn. 

' Goethe änderte: »Mundschenk«. 



MiSCELLEN. 293 

Uebrigens ist die sogenannte »Vogelhochzeit« in der 
slawischen Volksdichtung ein beliebtes Thema. Das bestätigt 
u. a. ein sehr schönes, aber viel umfangreicheres Volkslied der 
oberlausitzer Wenden in der Sammlung von L. Haupt und 
J. E. Schmaler (Volkslieder der Wenden, i. Bd. Grimma 1841. 
S. 256), dem eine metrische deutsche Uebersetzung gegen- 
über gestellt ist. Paul Hoffmann. 

2. Götz von Berlichingen in Wien. 

Zu meiner Miscelle »Zur Bühnengeschichte des Götz von 
Berlichingen« (G.-J. Bd. XIV) ist berichtigend zu bemerken, 
daß die dort besprochene Aufführung des Götz am Leopold- 
städter Theater vom Jahre 1808 nicht, wie angegeben, die 
erste Vorstellung des Stückes in Wien gewesen ist, daß das 
Schauspiel vielmehr schon im Jahre 1783 am Kärntnerthor- 
theater zur Darstellung gelangte. Die hierüber vorhandenen 
Notizen sind einem Aufsatze von Emil Horner in Wien zu 
entnehmen: »Die ersten Aufführungen der Jugenddramen 
Schillers in Wien« (Beilage zur Allgemeinen Zeitung 1897, 
Nr. 123). Die Quelle dieser Abhandlung bildet, wie ich durch 
eine gütige Mittheilung des Verfassers erfahre, der Aufsatz 
»Ueber die Fuhrmannische Schauspielgesellschaft im Kärntner- 
thortheater«, enthalten in der von Horner zuerst benutzten 
Monatsschrift »Der Spion in Wien« 1784, 3. März ff. Daraus 
erhellt, daß der Vorgänger der Madame Fuhrmann, der Schau- 
spielprincipal Gensike in der ersten Hälfte des Jahres 1783 
neben Schillers Räubern unter anderm auch Götz von Ber- 
lichingen zur Aufführung brachte. Eine genauere Datirung 
fehlt ; desgleichen alle näheren Angaben über Bearbeitung, 
Besetzung, Aufführung etc. Für die Wichtigkeit jener Vor- 
stellungen scheint dem Autor alles Verständniß gemangelt zu 
haben. Das einzige, was dem Berichte hinsichtlich der Götz- 
Aufführung zu entnehmen ist, besteht darin, daß die Rolle 
des Weisungen von dem Heldenspieler Dunst, die des Franz 
von Beff, dem vielseitigen Darsteller des alten Moor in den 
Räubern, gespielt wurde. Weiteren Aufklärungen über die 
Gensikesche Gesellschaft und damit vielleicht auch über jene 
erste Wiener Aufführung des Götz von Berlichingen wäre mit 
großem Interesse entgegenzusehen. 

Die Reihenfolge der ersten Götz-Aufführungen an den 
verschiedenen Wiener Bühnen ist nach den bisherigen Resul- 
taten demgemäß in folgender Weise zu ordnen: 

1. Kärntnerthortheater. 1783. 

2. Theater in der Leopoldstadt. 23. April 1808. Nach 
einer, wie es scheint, verloren gegangenen Bearbeitung 
von T. von Ehrimfeid. 



294 MiscEllen. 

3. Theater an der Wien. 13. März 1810. Nach der Be- 
arbeitung von F. Grüner. 

4. Hofburgtheater. 11. März 1830. Nach der Bearbeitung 
von J, Schreyvogel. Eugen Kilian. 



J. Zum Ersten Stück des Journals vo?i Tiefurt. 

Das Journal von Tiefurt beginnt mit folgendem Artikel : 
y)Schöne Wissenschaften. Ein paar Tropf lein aus dem Brunnen 
der Wahrheit. Ein Werk, den Grafen Caljostros betreffend, 
worinn die Möglichkeit gezeigt wird, daß auch in unserm 
Philosophischen Jahrhundert die Leute für den Narren gehalten 
werden können«. 

Dazu bemerkt der Herausgeber des Journals (Schriften 
der Goethe-Gesellschaft, 7. Band, S. 361): nEin paar Tropf lein 
u. s.f. Die Beziehung sicher zu ermitteln ist mir nicht gelungen. 
Vielleicht ist das Augustheft 17 81 der Baseler Oberrheinischen 
Mannigfaltigkeiten gemeint. Vgl. Sierke, Schwärmer und 
Schwindler zu Ende des 18. Jahrhunderts, 1874, S. 412«. 

Die Cagliostro betreffenden Aufsätze, auf die Sierke a. a. O. 
zu sprechen kommt, sind, wenn wir die Baseler Wochenschrift 
»Oberrheinische Mannigfaltichkeiten« selbst nachschlagen i) ein 
im achten Stück vom 16. Juli 17 81 mitgetheilter »Auszug 
eines Briefes von Hanns Görge in Colmar an seinen Ge- 
vattermann Krummholz in Basel« und 2) ein in dem am 
II. August ausgegebenen eilften Stück stehender offener Brief 
an den Herausgeber , in welchem der »Schmähschrift vom 
16. Juli« ein »Gegengemählde« entgegengestellt wird. Mit 
diesen Journalaufsätzen hat unser Artikel nichts zu thun; er 
bezieht sich auf die kurz vor dem Erscheinen des ersten 
Stückes des Tiefurter Journals herausgekommene anonyme 
Schrift : •i)Ein paar Tropf lein atis dem Brunne?! der Wahrheit. 
Ausgegossen vor dem neuen Thaumaturgen Caljostros. Dolus 
inest, anime mi, ait hospes, nasus est falsus. Verus est, respondit 
uxor. Minime tangetur, inquit Peregrinus. Slavenbergius 
apud Tristr. Schand. Pars 4, pag. 20. Am Vorgebürge, 1781«. 

Als Verfasser dieser Schrift wird in dem vom Bischof 
Borowski im Dezember 1789 zu Königsberg veröffentlichten 
Buche »Cagliostro, einer der merkwürdigsten Abentheurer 
unseres Jahrhunderts. Seine Geschichte nebst Raisonnement 
über ihn und den schwärmerischen Unfug unserer Zeit über- 
haupt«, S. 3 Hofrath Bode in Weimar genannt. 

In einem (ungedruckten) Briefe vom 16. August 1781 
schrieb Lavater an Goethe nach Weimar: y>Etliche Tropf lein 
aus dem Brunnen der Wahrheit wirst Du gesehen haben? 



MiSCELLEN. 295 

Obgleich ich auf alle anonyme Schurkereyen dieser Art 
nichts halten kann, mag es doch Aufschluß geben oder be- 
fördern«. 

Ein Exemplar der gewiß selten gewordenen »Tröpflein« 
befindet sich im Sarasinschen Familienarchiv zu Basel. Jakob 
Sarasin (1742 — 1802) war bekanntlich ein Bewunderer und 
treuer Anhänger Cagliostros gewesen ; er glaubte, die Genesung 
seiner Frau dem Wundergrafen zu verdanken zu haben. Lavater 
schrieb am 21. Dezember 17 81 an den Herzog Karl August 
von Sachsen- Weimar: »Im Vertrauen : Cagliostro bezeugt, der 
Frau Sarasin unerklärlichen Gesundheitszustand bloß durch 
Vermittelung der Geister, die ihm das Inwendige ihres Körpers 
zeigen mußten, erkannt zu haben. Geheilt ist sie«. (Hand- 
schriftlich.) Heinrich Funck. 



4. Berichtigung zmn p. Bafide von Goethes Tagebüchern. 

Um einen Schreibfehler des Großherzogs Karl August 
nicht in Ewigkeit fortwirken zu lassen, wozu bereits Ein- 
leitung getroffen ist, indem ihn der Herausgeber des 9. Bandes 
der Tagebücher Goethes in der Weimarer Ausgabe der Werke 
ausdrücklich gutheißt, will ich im Gegentheil den Fehler nun- 
mehr als solchen festnageln. Zwar habe ich schon in »Goethe 
und Dresden« Seite 81 jenen Fehler berichtigt, da ich aber 
dort das Richtige nicht gerade als Berichtigung des Falschen 
bezeichnet habe, hat man, wie es scheint, umsoweniger Rück- 
sicht darauf genommen. 

In den Tagebüchern nun erwähnt Goethe unterm 9. Fe- 
bruar 1823 »Dienemannische Naturkörper«, unterm 24. März 
»Dr. Dienemann in Leipzig« und unterm 7. Mai zufolge des 
gedruckten Textes den »Dienemannschen Catalog«. Der hier 
sogenannte /?ienemann ist aber niemand anders, als Friedrich 
August Ludwig 77;ienemann, damals Privatdocent in Leipzig. 
Die falsche Schreibweise des Namens hat der Großherzog im 
Brief an Goethe vom 18. Januar 1823 verschuldet; indessen 
hatte ihn Goethe besage der Lesarten des 9. Bandes richtig 
geschrieben, als er am 7. Mai Thienemanns Katalog vor 
Augen hatte. Dieses Richtigschreiben läßt ihm aber der 
Herausgeber nicht durchgehen. Daß mit Dienemann wirklich 
der Naturforscher Thienemann gemeint ist, geht hervor: i. aus 
Nennung Leipzigs als Wohnort; 2. aus dem Mangel eines 
Nachweises, wer ein »Dienemann« dort oder andersvv^o ge- 
wesen sein könne; 3. aus Goethes Bezugnahme auf isländische 
und norwegische Naturalien im Brief an Döbereiner vom 
9. Februar 1823, da Thienemann in der That solche auf seinen 
wissenschaftlichen Reisen in Island und Norwegen gesammelt 



296 MiSCELLEN. 

hatte und sie verhandelte; 4. aus der Anspielung des Groß- 
herzogs im Brief an Goethe vom 18. Januar 1823 auf Thiene- 
manns eingedrücktes Nasenbein. 

W. Frhr, v. Biedermann. 



5. Zu den nSpänenvi (Werke 38, 4P4). 

Unter den Brouillons aus der Jugendzeit, die manches 
Räthsel aufgeben, theilt E. Schmidt einige volksliedmäßige 
Zeilen mit, die Goethe in den ersten Weimarischen Jahren 
aufgezeichnet hat, gleich den beiden burlesken Volksliedern von 
»Construction der Welt« und »Aussicht in die Ewigkeit« 
(Werke 38, 497 vgl. Zeitschrift des Vereins für Volkskunde 5, 
360). Ich kann die sonst, wie es scheint, unbekannte Vorlage 
in einer Handschrift der Fürstlich Stolbergischen Bibliothek 
zu Roßla (V. 69, Blatt 7) nachweisen, die auch eine frühe 
Fassung des sogenannten Canape-Liedes enthält, worüber 
Max Friedländer in der Vierteljahrsschrift für Musikwissen- 
schaft IG, 203 gehandelt hat. Dieses »Lieder-Buch für Sophia 
Henriette Dorothea Comteße Reuß. Angefangen zu sammeln 
Anno 1741« stammt ebenfalls aus Thüringen, wo die Gräfin, 
die einen eigenartigen Geschmack beweist, am 13. Juni 1723 
als Tochter des Grafen Heinrich XXV. Reuß zu Gera geboren 
war. Das Lied lautet, hier mit Verbesserung der regellosen 
Orthographie, folgendermaßen : 



Packet euch vom Leibe, 

Ihr mit eurem Weibe, 

Heyrathen mag ich nicht; 

Daß ich mich soll schmiegen 

Bey der Kinder Wiegen 

Das kränket mich. 

Denn wer ein Weib sich nimmt, 

Der bleibt nicht ohne Kind. 

Solte das ein Jammer 

Seyn in meiner Kammer, 

Packet euch geschwind. 



Ledig will ich bleiben. 
Mir die Zeit vertreiben 
Bey einem solchen Kind, 
Wo man nicht darf wiegen 
Und sich kann vergnügen 
Nach seinem Sinn. 



MlSCELLEN. 297 

Viel besser ist es doch 
Als in dem Ehstandsjoch, 
Wo man in dem Winter 
Das Geschrey der Kinder 
Darf hören nicht. 

3- 

Freylich thut man spielen 
Nach gewünschten Mienen, 
Wenn man heyrathen thut ; 
Wenn das Spiel gebrochen 
Und die Zeit verflossen 
Fällt Herz und Muth. 
Da heist's 

Ach Mann schaff Brod, 
Mich quält die Hungersnoth, 
Oder ich muß sterben; 
Ach war ich todt ! 

4- 
Liebe Jungfer Schwester, 
Hat sie Kann und Gläser, 
Schenk sie nur tapfer ein; 
Geh sie in den Keller, 
Weil noch mag ein Heller 
Im Beutel seyn. 
Beym Bier und guten Wein 
Laßt uns tapfer lustig seyn ; 
Singt und schwärmt in Ehren, 
Niemand kann's uns wehren. 
Schenkt tapfer ein! 

Carl Schüddekopf. 



6. Das Marc he ?i vom Erdkühlein in Goethes Briefen. 

Am 19. Mai 1776 schreibt Goethe an Frau von Stein 
(Weimarer Goetheausgabe IV 3, S. 62, Nr. 459): »Zum ersten- 
mal im Garten geschlafen, und nun Erdkülin auf ewig«. Daß 
so zu lesen ist und nicht Erdtulin, hat schon Goedeke ge- 
sehen: Grundriß, zur Geschichte der deutschen Dichtung, 
2. Aufl. IV 450. 

Das Märchen, auf welches Goethe anspielt, steht in 
Martinus Montanus Schwankbuch »Der ander theyl der garten- 
gesellschaft«, Straßburg o. J. (s. Goedeke II, S. 467). Von 
dieser Sammlung größtentheils etwas freier Erzählungen wird 
der Litterarische Verein wohl in nicht ferner Zeit eine neue 



298 MiSCELLEN. 

Ausgabe bringen. Mir ist sie seit mehreren Jahren bekannt 
durch eine Abschrift im Nachlasse des fleißigen Johannes 
Crueger. Bev/og mich das Interesse an dem altelsässischen 
Werke dazu mich näher damit zu befassen, so wird wohl auch 
andere Leser der echt volksthümliche Ton und Inhalt des 
Märchens erfreuen, und sie werden begreifen, wie Goethe 
sich in seiner Gartenhauseinsamkeit mit dem Erdkühlein ver- 
gleichen mochte. Daß er das Märchen aus dem Buche 
kennen gelernt hatte, ist wohl sicher anzunehmen. Im Abdruck 
ist vn zu vnd aufgelöst und o über u weggelassen. 



Ein schöne History von einer frawen mitt zweyen 
kindlin. Cap. V. 

[E] In guter armer mann hett ein fraw | vonn deren er 
zwey döchterlin hett | vnd aber ehe dieselbige kindlin (deren 
das kleinst Margretlin vnd das gröst Annelin hieß) erwachsen 
waren | starb ihm die erste fraw | derhalb er ein andere nam. 
Nun warff aber die selbig fraw ein neyd aufif das Margretlin 
vnnd hette gern gewölt | das es todt were gewesen | doch 
dasselbig selbst vmb zu bringen sie nicht gut daucht | vnd 
mit listen zohe sie das älter meitlin an sich | das es ihr holdt 
vnd der Schwester feindt warde. Vnd eins mals begab sich | 
das die muter vnnd die ältist dochter bey einander sassen 
vnnd berhatschlagten ] wie sie ihm doch thun wolten | das 
sie des meitlins abkemen | vnd beschlossen endlich | das sie 
mit einander wolten in den waldt gehn vnd das meitlin mit 
ihn [3a] nemmen | vnnd in dem wald wolten sie das meitlin 
verschicken | das es nicht mehr zu ihn kummen künte. Nun 
stunde das meitlin vor der stubenthür und horte alle die 
wort I so sein muter vnd Schwester wider es redten vnnd 
vrsach zu seinem todt suchten | sehr betrübt was ohn alle 
vrsach so jemerlich zu sterben vnd von den wölfen zerrissen 
zu werden | vnd also betrübt ging es zu seiner dotten oder 
göttel I die es aus der tauff gehebt hette | vnd klaget ihr die 
große vntrew vnnd tödtliche mörderische vrtheyl vber sie von 
der Schwester vnnd muter geschehen. Nun wolan | sprach 
die gut alt fraw | mein liebs kindt \ dieweil dein sach ein 
solche gestalt hatt | so gang hien vnd nim segmel [ vnd wann 
du deiner muter nachgehst | strevve es als vor dir anhien | wann 
sie hernacher schon von dir lauffen j so geh du dem selbigen 
gespor nach | so kumstu wider heim. Die gut dochter thet | 
als ihr die alt fraw beuolhen hett | vnd wie sie hienauß in 
wald kam | setzt sich ihr muter nider und zum altern meidlin 
sagt 1 kumm her | Annelin | vnnd such mir ein lauß | so geht 
dieweil das Gretlin hien vnd klaubet vns drey bürdin holtz | 
so wollen wir an disem ort sein warten | darnach gehn wir mitt 



MiSCELLEN. 299 

einander heim. Nun das gut arm döchterlin zohehien vndstrewet 
als vor ihm anhien das segmel | dann es wol wüst | wie es ihm 
gehn würde | vnn samlet drey bürdin holtz | vnd als es die ge- 
samlet | nam es sie auf den kopff vnd trug sie an das end | da es 
sein stieffmuter vnd Schwester gelassen het. Als es aber dar kam | 
fand es sie nicht ] doch seine drey büschlin auf dem kopff 
behielt vnnd seinem gemachten weg nach wider heim zohe | 
die drey büschlin abwarff. Vnd als es die muter ersähe j 
sprach sie zum meitlin | An [3b] nelin | vnser dochter ist 
wider kummen | und hat uns all vnser kunst gefeiet | darumb 
wollen wir morgen an ein ander ort gehn vnd das meitlin 
aber von vns schicken | so würt es nicht mehr mögen heim 
kummen | so sind wir hernacher sein ledig. Nun het das gut 
Margretlin abermals solche wort gehört | wider zu seiner göttel 
lieff vnd ihr die handlung anzeigt | Wolan | sprach die fraw | 
ich sihe wol | das sie dir nach deinem leben stellen vnd nicht 
rhu haben werden | biß sie dich vmbringen | Darumb so geh 
yetz hien vnd nim sprewer | und strew die abermals vor dir 
hien | wie du mit dem segmel gethon hast | so kanstu wider 
heim kummen. Als nun das meitlin wider heim kam | sagt 
sein muter | kummet her | Gredtlin vnd Annelin | wir wollen 
gehn in wald. Das älter meitlin | als das vmb alle sach gar 
wol wüst I auch hilff vnd rhat darzu gethon hette | gantz 
fröiich I aber Gredtlin hergegen gantz traurig hienauß zöge. 
Vnn als sie in wald kamen j setzt sich die böß arglistig zer- 
nichtig fraw nider vnd sagt zum Annelin | kumm her | Annelin | 
vnd fahe mir ein lauß | so geht das Gredtlin hien vnd suchet 
dieweil yeglichem ein bürde holtz | darnach gehn wir wider 
heim. Das arm Gredtlin gieng hien vnd suchet holtz | vnnd 
ehe es wider kam | war sein muter vnd Schwester hienweg. 
Nun gieng das gut Gretlin mit seinem holtz den sprewern 
nach I biß es wider heim kam | vnnd als es von seiner muter 
gesehen ward | sagt sie zum Annelin ] vnser ellendt meitlin 
kumpt wider. Nun wollen wir sehen | wie wir sein abkumnien | 
vnd solt es uns etwas groß kosten | vnd wir wollen morgen 
wider in wald | da wollen wir sehen | das es dahinden bleib. 
Solche red das meitlin abermals gehört het[4a]te | vnd zum 
dritten mal zu seiner basen gieng | die rhats fraget | wie es 
ihm doch thun solte. Nun wolan | liebs kindt | sagt die fraw | 
so geh hien vnd nim hanffsamen ] sähe den als vor dir anhien | 
darnach geh dem selbigen weg nach wider heim. Das gut 
meitlin zöge abermals mit seiner muter vnd Schwester in den 
wald vnn säet den hanffsamen vor hien. Nun sagt die muter 
abermals | wie sie vor zwey mal gesagt hette 1 Annelin | such 
mir ein lauß | so muß das Gretlin holtz suchen | das arm 
Gretlin zohe hien vnn suchet holtz | gedacht j binn ich vor 
zweymal wider heimkummen | so will ich das drittmal auch 



300 MiSCELLEN. 

wider heimkummen. Vnd als es das holtz gesucht vnd wider 
an das ort kam | da es sein muter gelassen | waren sie aber 
hienweg | Vnd als das arm meitlin seinem weg nach wolte 
heim gehn | da hetten die vögel den samen allensammen auff- 
gefressen. Ach Gott | wer was trauriger dann das arm meitlin | 
den gantzen tag im wald vmblieff zu wainen vnd schreyen 
vnd Gott sein laid zuklagen | kein weg finden kunt j dardurch 
es möchte auß dem wald kummen | auch so ferr in wald 
hieneinkummen was j da ohne zweifei nie kein mensch ge- 
wesen. Als nun der abent herzukam vnd das arm verlassen 
meitlin an aller hilff verzweyflet hette | stig es auff ein sehr 
hohen bäum zu besichtigen | ob es doch yergent ein Statt | Dorff 
oder hauß ersehen m.öcht | darein es gienge ] damit es nicht 
also jämerlich den wilden thieren zur speyß gegeben wtirde. 
Inn solchem vmbsehen sich begab | das es ein kleins reuchlin 
ersähe | behend ab dem bäum stige vnd dem selbigen rauch 
zuginge | vnd in wenig stunden an das ort käme \ da dann 
der rauch außginge | Das war ein kleines heußlin | dar[4b]inn 
niemants wonet dann nur ein Erdkülin. Das meitlin kam fürs 
thürlin vnd klopffet an ] begert | man solte es einlassen. Das 
Erdkülin antwort | Ich laß dich warlich nicht herein | du ver- 
heissest mir dann dein lebtag bey mir zu bleiben vnd mich 
nimmermehr zuvermeren ' | welches jme das meitlin gelobt | 
vnd alsbald ward es von dem Erdtkülin eingelassen | vnd das 
Erdtkülin sagt: Wolan | du darffst nichts thun weder eben mich 
des abents vnd morgens melcken | darnach issestu die selbig 
milch vonn mir | so will ich dir seiden und sammat genug 
zutragen | daruon mach dir schöne kleyder | wie du sie be- 
gerest | gedenck aber vnnd sihe | das du mich nicht vermerest \ 
wann schon dein eigne Schwester zu dir kumpt j so laß sie 
nicht herein | damit ich nicht verrhaten werd | das ich an 
disem end sey [ sunst hett ich das leben verloren. Nach 
solchen worten an sein waid gieng vnd dem meitlin des 
abents | wann es heim kam | seiden vnd sammat bracht ] 
daruon sich das gut Gredtlin so schön kleidet | das es sich 
wol einer Fürstin hett vergleichen mögen. Als sie nun biß 
in das ander jar also bei einander gewest waren | begab sich | 
das dem größern meitlin | so daheim bliben war vnnd das 
jung Gredtlin sein schwesterlin ohn alle schuld het helfifen in 
das eilend veriagen | in gedancken kam vnnd gedencken 
warde | wie es doch seinem schwesterlin gehn möchte | das 
sie hett helffen ins eilend veriagen | kläglich anhub zu wainen 
vnd die große vntrew zu bedencken [ die sie ihr ohn alle 
schuld bewisen hett. In summa in ein solchen rewen kam 1 



' mhd. vermeren »bekannt machen, verrathen«. 



MiSCELLEN. 301 

das sie nicht mehr bleiben kundt oder mocht | sunder sehen 
wolt I ob sie doch yergent ein beinHn von seinem schwesterlin 
finden möcht | damit sie dassel[5a]big heim trüge vnd es in ehren 
hielte. Vnd eins tags sie morgens frü hienauß in wald ging vnd 
suchte I vnd sollich suchen mit kläglichem wainen so lang trib | 
biß sie sich im wald gantz vnd gar vergangen vnd verirret het 
vnd nun die finster nacht ihr auff dem halß lag. Wer was 
da trauriger dann das Annelin | erst gedencken ward | es 
solches wol an seiner Schwester verdienet hette | kläglich 
wainet | Gott vmb gnad vnnd Verzeihung anrUffet vnd hatte | 
Doch war da nicht lang zu warten oder zu klagen | sonder 
den nechsten auff ein sehr hohen bäum stig zu besichtigen | 
ob es doch yergent ein hauß sehen möcht, darinn es vber- 
nacht blibe | damit es nicht also jämmerlich von den wilden 
thieren zerrissen würde. Vnd in solchem vmbsehen ersähe 
es ein rauch aus dem heußlin gehn | darinn sein Schwester 
war I Von stundan dem hauß zu nahet | nicht änderst meinet | 
dann es eines hirten oder waldtbruders heußlin were. Vnd 
als es zu dem hauß kam | klopffet es an | da es bald vonn 
seiner Schwester | wer da were j gefragt ward. Ey | sprach 
das Annelin | ich binn ein armes meitlin vnnd in dem wald 
verirret | vnnd bitte das man mich durch Gottes willen vber 
nacht behalte. Das Gretlin sähe durch ein speltlin außer 
vnd erkante | das es sein vntrewe Schwester was | bald anhub 
vnd sprach | Warlich | liebs meitlin | ich darff dich nicht herein 
lassen ] dann es mir verbotten ist | wann sunst mein herr kern 
vnd ich yemandts fi-embds hette einhergelassen | so würd er 
mich schlagen | darumb ziehe fürt. Das arm meitlin wolt sich 
nicht lassen abreden noch vertreiben | sunder mit bitten seinem 
vnerkanten schwesterlin anlag | das es ihm die thür auffthet 
vnd hienein ließ [5b] Vnd als es hienein kam, erkant es 
sein Schwester ] fieng an haiß zu wainen vnd Gott zu loben | 
das es sie noch lebendig funden hett | nider auff seine knü 
fiel vnd es batt | das es ihme verzeihen solt alles das | so es 
wider sie gethan ] Darnach sie freuntlich batt | das es ihr doch 
sagen wolt ] wer bey ihm wer | das es so schön vnd wol ge- 
kleydet ginge. Das gut Gretlin j dem verbotten war zu sagen | 
bey wem es were | mancherley außred erfund vnd herfür zohe 
I dann einmal sagt es | es wer bey einem Wolff | das andermal | 
bey einem Beren | welches alles das Annelin nicht glauben 
wolt I dem Gredtlin seinem schwesterlin süß zuredet ihr die 
warheit zu sagen | vnd das meitlin auch (wie dann aller weiber 
brauch vnd gewonheit ist | das sie mehr schwetzen weder 
ihn beuolhen ist) sehr kläffig war vnd zu seinem schwesterlin 
sagt I ich binn bey einem Erdtkülin | aber lug , verrhat mich 
nicht. Als solches das Annelin höret | welches seiner vntrew 
an der Schwester noch kein genügen gethon het j bald sagt | 



302 MiSCELLEN. 

Wolan I für mich wider auff den rechten weg ] damit ich heim 
kumme [ welches das Gretlin bald thet. Vnnd da mein guts 
Annelin heimkäme | sagt es seiner muter | wie sie ihr Schwester 
bey einem ErdtkUlin funden hette | vnd wie es so köstlich 
gekleidet ginge. Wolan | sprach die muter ] so wollen wir 
die zukUnfftig wochen hienaußziehen vnd das Erdtkülin sampt 
dem Gretlin heimfüren | so wollen wir das Külin metzgen vnd 
essen. Solches alles das Erdkülin wol wüst j vnd als es des 
abents spat heim kam ) sagt es wainendt zum meitlin j Ach 
Ach I mein aller liebsts Gredtlin [ was hastu gethon ] das du 
dein falsche Schwester hast eingelassen vnd jr gesagt | bey 
[6a] wem du bist? Vnnd nun sihe | dein zernichte' muter 
vnd Schwester werden die zukünftig wochen herauß kummen 
vnd mich vnd dich heimfüren | mich werden sie metzgen vnd 
essen | dich aber bey ihn behalten | da du vbler gehalten 
wUrst dann vor nie. Nach solchen reden sich so kläglich 
stellet I das das arm meitlin anfieng zu wainen vnd vor 
traurigkeit vermeint zu sterben | sehr gerewen ward | das es 
sein Schwester hett eingelassen [ doch tröstet es das Erdtkülin 
vnd sprach : Nun wolan [ liebs meitlin j dieweil es ye geschehen 
ist I so kan es nicht wider zurück getriben werden j darurab 
thu ihm also. Wann mich der metzger yetz geschlagen hat | 
so stand vnd waine j wann er dich dann fraget | was du wilt 
I so sprich | ich wolt gern meins Kulins schwantz | den würt 
er dir geben. Wann du den hast | so fahe aber an zu wainen 
vnn beger das ein hörn vonn mir. Wann du dasselbig auch 
hast I so waine aber | wann man dich dann fragt | was du 
wilt I so sprich | ich wolt gern meins Külins schülin. Wann 
du den hast, so geh hien vnnd setz den schwantz inn die 
erden | auff den schwantz das hörn vnnd auff das hörn setz 
das schülin | vnd geh nicht darzu biß an dritten tag | vnd 
am dritten tag würt ein bäum darauß worden sein | der selbig 
würt Summer und winter die schönsten öpfifel tragen | die ein 
mann ye gesehen hatt | vnnd niemants würt sie künden ab- 
brechen dann du allein | vnnd durch den selbigen bäum 
würstu wider zu einer großen mechtigen frawen werden. Als 
man nun das Külin schlachtet | stund das Margredtlin vnd be- 
geret die ding alle | wie ihm sein Külin beuolhen hett | die ihme 
auch geben warden | vnnd es ging [6b] hien | steckets in die 
erden | vnd an dem dritten tag war ein schöner bäum darauß ge- 
wachsen. Nun begab sich j das ein gewaltiger herr für ritte | der 
selbig ein sun mit ihm fürte \ der das fieber oder kaltwehe hatte | 
vnd als der sun die schönen öpfifel sähe | sprach er | Mein herr 
vatter ] lassen mir öpfifel bringen von disem bäum | mir ist | 
ich würde gesundt daruon werden. Der herr von stundan 

' nichtswürdige. 



MiSCELLEN. 303 

rUffet I man solt ihm öpffel bringen | er wolt sie thewr genug 
bezalen. Die älter dochter den nechsten zum bäum gieng vnd 
Öpffel daruon brechen wolt | da zogen sich die äst allesammen 
in die höhe | also das sie kein erlangen mocht | da rüfft sie 
der muter vnd sprach \ sie solte öpffel abbrechen vnd sie 
dem herren geben. Als aber die arge fraw öpffel abbrechen 
wolt I zogen sich die äst noch vil höher auff | welches der 
herr alles wol gesehen hett | sich hefftig verwundert. Vnn 
letstlich kam das Margredtlin zum bäum öpffel zu brechen | 
zu weichem sich die äst neigten vnnd es willig öpffel abbrechen 
Hessen ] welches den herren noch vil mehr verwundert vnd 
meinet | sie vileicht ein heylige fraw were ] sie berufft vnnd 
sie des wunders fraget | dem die gut dochter die gantz Hand- 
lung I was sich ihrer muter ] Schwester vnd des Erdkülins 
halben verloffen hett | von anfang biß zu end anzeiget. Der 
herr als er die sach vernummen hett | die junckfraw fraget | 
ob sie mitt ihme daruon wolt | welches die gut dochter wol 
zu friden war | ihren bäum außgrub vnd sich sampt jrem 
vatter zu dem herren auff den wagen setzt | von dem sie 
freundlich vnd ehrlich empfangen wurden | hienfuren vnnd 
jhr schalckhaftige muter vnd Schwester sitzen ließen. 

Ernst Martin. 



7. Goethische Stoffe i?t der Volkssage. 

I. Der böse Geist im Sacke. 

Zwischen den Kommentatoren des Götz von Berlichingen 
herrscht Uneinigkeit über die Auslegung der Worte des Helden 
zu Anfang des 4. Aktes, die in der ältesten Fassung' von 
1771 lauten: »Ich komme mir vor wie der böse Geist, den 
der Kapuziner in einen Sack beschwur und nun in wilden 
Wald trägt, ihn an der ödesten Gegend zwischen die Dorn- 
sträuche zu bannen. Schlepp, Pater, schlepp ! Sind deine 
Zauberformeln stärker als meine Zähne, so will ich mich schwer 
machen, will deine Schultern ärger niederdrücken als die Un- 
treue einer Frau das Herz eines braven Mannes . . .« Düntzer 
(Erläuterung 4, 1888, S. 120) behauptet, es sei ein höllischer 
Geist gemeint, während Wustmann (187 i S. 154) und Lichten- 
berger vielmehr an ein Gespenst, einen nach seinem Tode um- 
gehenden und die Lebenden belästigenden Verbrecher denken. 

Wenn man sich in unserer Sagenliteratur umsieht, so 
findet man zunächst für die zweite Deutung viele Belege. 
Bei Witzschel (Kleine Beiträge zur deutschen Mythologie aus 
Thüringen 1878 2, 130, Nr. 159) wird ein spukender Seifen- 

' In der späteren Bearbeitung von 1773 sind sie erheblich gekürzt. 



3O4 MiSCELLEN. 

sieder, bei Deecke (Lübische Geschichten 1852, S. 177, Nr. 90) 
eine boshafte Alte, bei Jahn (Volkssagen aus Pommern 1889, 
S. 424, Nr. 536) ein schlimmer Edelmann durch einen Geister- 
banner im Sacke fortgetragen; vgl. Kuhn-Schwartz, Nord- 
deutsche Sagen 1848, S. 120, Nr. 137 »Der Aufhocker« und 
Vernaleken, Mythen des Volks in Oesterreich 1859, S- ^7 ^• 
(Popanzträger). Auch ist dies Motiv schon zur selben Zeit, 
da Goethe den Götz schrieb, als Grundlage einer parodischen 
Romanze benutzt und in die Literatur eingeführt worden. 
Das Gedicht, auf das ich durch eine hinterlassene Notiz 
Reinhold Köhlers aufmerksam gemacht wurde, ist »Die Warte« 
betitelt und steht ohne Verfassernamen in Ch. Heinr. Schmidts 
Anthologie der Deutschen 3, 271 (1772) und in den Romanzen 
der Deutschen i, 18 (1774). Hier erzählt dem an einem 
verfallenen Thurme vortiberspazierenden Dichter der Geist einer 
Frau unter jämmerlichen Klagen, wie ihre Tochter, einst ein 
Muster von Sittsamkeit, nach dem Tode der Mutter die treuen 
Warnungen ihres Geistes bei Zusammenkünften mit ihrem 
Liebhaber als lästige Störung empfand und das arme Gespenst 
in ein fernes Gemäuer transportiren ließ: 

Man faßte mich in einen Sack 
Und lief mit schnellen Schritten, 
Mich hier in dieß verhaßte Schloß 
Auf ewig auszuschütten. 

Kann aber mit derartigen Erzählungen Goethes Bezeich- 
nung »Der böse Geist«, unter dem man doch in erster Reihe 
an den Teufel denkt, und das gewaltige Widerstreben des im 
Sacke Gefangenen in Einklang gebracht werden? Ich glaube 
kaum und halte Düntzers Deutung für die richtige, zumal da 
sich auch für die Verbreitung dieses Motivs Zeugnisse bei- 
bringen lassen. Zwar sind die bekannten Erzählungen vom 
Teufel in der Flasche' hier besser bei Seite zu lassen, da 
darin nicht die Bannung des Dämons geschildert wird, sondern 
das Hauptgewicht auf die Befreiung des Argen durch einen 
Vorübergehenden fällt, der zum Lohne Zauberkräfte oder 
Reichthümer vom Teufel empfängt, ihn aber durch List wieder 
in sein früheres Gefängniß lockt und einsperrt. Doch be- 
richtet z. B. eine pommersche Volkssage bei Jahn S. 122, 
Nr. 144, wie ein Kobold in einem Sacke »vertragen« wird; 
und Stöber (Die Sagen des Elsasses, 2. Aufl. 1892 i, 106 
Nr. 147) erzählt von einer bei Rappoltsweiler gelegenen 
Schlucht, die seit undenklichen Zeiten Höllenhaken heißt, 



' Benfey, Pantschatantra i, 116 f. (1859). Grimm, Märchen Nr. 99 
»Der Geist im Glas«. Strauch zu Enikels Weltchronik S. 462, V. 2371 1. 
Comparetti, Virgilio nel medio evo 2 2, ^^ (1896). 



MiSCELLEN'. 305 

Folgendes: »Ward im Lande umher ein Mensch von einem 
bösen Geiste besessen, so holte man einen Kapuziner, der 
beschwor ihn und bannte ihn in einen Sack, der fest zugebunden 
wurde. Dieser Sack wurde um guten Lohn einem un- 
erschrockenen Taglöhner auf die Schultern geladen, der ihn 
ohne weiteres in den Höllenhaken trug. Dort angelangt 
entledigte sich der Träger seiner Bürde, öffnete den Sack, 
und der gebannte Geist zischte in Gestalt eines bläulichen 
Dunstes mit furchtbarem Gestanke heraus und fuhr in eine 
ihm zu seinem Banne angewiesene Tanne«. Diese elsässische 
Sage scheint mir am meisten Verwandtschaft mit der oben 
citirten Stelle des Götz zu besitzen ; und in ähnlicher Fassung 
mag sie Goethe zur Zeit seines Straßburger Aufenthaltes ver- 
nommen haben.' 

2. Zum Erlkönig. 

Eine directe Quelle des »Erlkönig«, der 1782 als Einlage 
im Singspiele von der Fischerin erschien, ist nicht bekannt ; 
doch ist die Einwirkung von Herders drei Jahre zuvor aus 
dem Dänischen übersetzter Ballade »Erlkönigs Tochter« oder 
Herr Oluf in Anlage, Metrum und einzelnen Zügen unver- 
kennbar. Um so mehr war ich überrascht, als ich in einer vlämi- 
schen Märchensammlung von Amaat Joos (Vertelsels van het 
vlaamsche volk 2,20. Thielt 1890) auf eine Erzählung »vom 
Ritter mit seinem Kinde und dem Könige des ErlengebUschs« 
stieß, die auffällige Uebereinstimmung mit Goethes Dichtung 
zeigt: 

»Der Ritter war mächtig und bewohnte ein schönes, 
prächtiges Schloß. Er hatte ein fünfjähriges Söhnchen, das er 
zärtlich liebte. Einst stieg der Ritter zu Pferde, er wollte 
durch seine Felder und Wälder reiten. »Vater, lass mich mit- 
gehn«, schmeichelte der Kleine. Und weil er seine blauen 
Guckaugen so hübsch zum Vater emporhob, nahm ihn der 
Ritter und setzte ihn mit auf den Sattel. Wie froh war der 
Junge ! Er schwatzte, lachte und jauchzte beständig. Nach 
langem Reiten kamen sie an den Rand eines Erlengehölzes, 
wovon ein Strauch ihnen mit seinen Zweigen den Weg ver- 
sperrte. Der Vater brach einen Zweig ab und ritt langsam 
weiter. Bald darauf erschien der Erlenkönig dem Sohne. 
»Kind«, sagte er, »dein Vater hat meinen Sohn getödtet ; 
nun musst du mit, um mein Sohn zu sein; sonst tödte ich 



' So wie er auch 181 3 den y>Toätentan\K auf Grund einer in Böhmen 
gehörten Sage dichtete, die nicht bloß in der von Götzinger und Düntzer 
nachgewiesenen älteren Literatur fixirt ist, sondern noch vielfach im 
Volksmunde fortlebt (vgl. Zingerle, Sagen aus Tirol 1891, S. 190, 
Nr. 490—491 mit Anm. Jahn, Volkssagen aus Pommern 1889, Nr. 520. 
HofFmeister, Hessische Volksdichtung 1869, S. 75). 

Goethe-Jaiirblch XIX. 20 



306 MiSCELLEN. 

dich«. Der Junge barg sich am Herzen des Vaters. »Vater«, rief 
er, »der Erlenkönig muss mich haben, oder er tödtet mich«. 
— »Der Kleine schlummert und träumt«, dachte der Vater 
und antwortete nicht. Er ritt weiter. Alsbald stand der Erlen- 
könig wieder vor dem Knaben. »Liebes Kind«, sprach er, 
»komm mit mir ! Du darfst auf meinem Throne sitzen. Willst 
du nicht, dann tödte ich dich, wie dein Vater meinen Sohn 
getödtet hat«. Der Kleine war noch ängstlicher und klammerte 
sich an den Vater. »Vater«, stöhnte er, »der Erlenkönig will 
mich tödten«. — »Fürchte ihn nicht, mein Kind«, antwortete 
der Ritter, »ich bin stark und will dich schützen«. Und er 
drückte den Sohn an seine Brust. Wieder kam der Erlenkönig; 
er war zornig und wollte das Kind aus des Vaters Armen 
reißen. Der Kleine war zum Tode erschrocken. »Vater, 
Vater«, wimmerte er, »der Erlenkönig will mich tödten«. 
Der Ritter zog sein Schwert und schlug. Hatte er den Feind 
getroffen? Er sah ihn nicht. Und der Knabe wimmerte 
immer weiter. Der Ritter gab seinem Pferde die Sporen und 
jagte eilig nach seinem Schloß. Schon erblickte er die Mauern 
und Thürme und meinte frei zu sein, als das Kind auf einmal 
einen schrecklichen Schrei ausstieß. Der Vater sah hin. Ach, 
er hielt nur noch eine Leiche in seinen Armen. — Seitdem 
scheuen sich die Kinder im flachen Lande einen Erlenzweig 
abzubrechen; der Erlenkönig könnte sie wie des Ritters 
Söhnchen tödten«. 

Da Joos keine Quelle dieser Erzählung angibt, wandte 
ich mich an Herrn Florimond van Duyse in Gent mit der 
Bitte, darüber Erkundigungen einzuziehen, und erfuhr durch 
seine freundliche Vermittlung von Herrn Joos, daß er die 
Aufzeichnung aus Kapellen (Provinz Antwerpen) mit der Ver- 
sicherung erhalten habe, daß sie dort in verschiedenen Familien 
bekannt sei. Dagegen sclirieb ein andrer bewährter Forscher 
auf dem Gebiete der vlämischen Volkskunde, Herr Pol de 
Mont in Gent, daß ihm in der Provinz Antwerpen nie eine 
Ueberlieferung vom Erlenkönig begegnet sei und daß er die 
Erzählung bei Joos aus literarischen Einflüssen ableite. ' Und 
in der That zeigt sich bei näherer Betrachtung deutlich, daß 
das vlämische Märchen nicht auf eine vorgoethische Tradition 
zurückgeht, sondern, wenn es auch den Zorn des Erlkönigs 
durch das Abbrechen des Erlenzweiges auf besondere W^eise 
zu motiviren strebt, aus dem deutschen Gedichte hervorge- 
gangen ist. Denn ohne weiteres verräth sich der vlämische 
•»Elzefikofiingif. oder y)Kofiing van het Elzenhouta. als eine Fort- 
pflanzung von Herders Uebersetzungsfehler (Erlkönig für dän. 



Ebenso neuerdings J. Teirlinck, Contes flamands (1896) p. 44, 



MiSCELLEN. 307 



Ellerkonge=' Elverkonge, Elfenkönig), den Goethe unbesehen 
herübergenommen hatte. ' 

Uebrigens vermeidet die einzige niederländische Ueber- 
setzung des Goethischen Gedichtes, die ich kenne, jenen 
Fehler, indem sie das gespenstige Wesen richtig als nKoning 
der Elfen<s. bezeichnet ; sie steht in den nachgelassenen Ge- 
dichten von Prudens van Duyse, die 1885 durch seinen oben 
genannten Sohn veröffentlicht wurden (9, 32). 

3. Die Legende vom Hufeisen. 

Für die 1797 entstandene »Legende vom Hufeisen« ist 
bekanntlich noch keine Quelle mit Sicherheit nachgewiesen. 
Zwar hat 1816 Dr. J. G. Kunisch, Lehrer am Breslauer 
Friedrichsgymnasium, in Büschings Nachrichten für Freunde 
der Geschichte des Mittelalters 2, 3 eine »aus mündlicher 
Ueberlieferung wörtlich aufgezeichnete altdeutsche Heiligen- 
sage« mitgetheilt, die alle wesentlichen Züge des Gedichtes 
enthält.^ Aber eben darum liegt der Verdacht nahe, daß 
wir es, ebenso wie bei dem eben besprochenen vlämischen 
Märchen, mit einer Wiedergabe der ins Volk gedrungenen 
Dichtung zu thun haben, ohne daß der Sammler und Heraus- 
geber dabei eine Ahnung von diesem Sachverhalte besaß. 

Kaum anders verhält es sich mit einer 1884 aus dem 
spanischen Volksmunde aufgezeichneten Erzählung, deren 
Zusammenhang mit Goethes »Legende« bisher noch nicht 
beachtet zu sein scheint; sie steht bei Eugenio de Olavarria 
y Huarte, El folk-lore de Madrid p. 95 (Biblioteca de las 
tradiciones populäres espanoles, tomo 2) Ich gebe sie hier 
verdeutscht wieder mit dem Wunsche, daß sich bald noch 
andre und ältere Varianten dazu gesellen möchten, und in 
der Ueberzeugung, daß auch für den Fall, daß Goethe die 
Fabel selber erfunden hat, die Nationalisirung seiner Dichtung 
im spanischen Volke einiges Interesse beanspruchen darf. 

Die Kirschen. 
Als Christus und St. Peter durch die Welt wanderten, 
waren sie eines Tages sehr müde. Es war große Hitze, und 
auf dem ganzen Weg hatten sie keine mitleidige Seele an- 
getroffen, die ihnen einen Krug Wasser reichen, noch einen 
auch nur kümmerlichen Bach, der ihnen seinen Lauf darbieten 



' Vgl. darüber z. B. Notes and Queries 4. Series, Vol. 9, p. 138, 
187, 242, 308 (1872). 

^ Düntzer hat in seinen Erläuterungen zu Goethes lyrischen Ge- 
dichten, 2. Aufl. 1876 3, 570 das Stück abgedruckt, oh-ie die Chiffre 
des Herausgebers Kch! aus dem Register Büschings (2, 415) aufzulösen. 

20* 



308 MiSCELLEN. 

konnte. Im steten Weitergehen sah der Herr, der voran- 
schritt, ein Hufeisen auf dern Boden und sprach, sich zu seinem 
Jünger umwendend : »Peter, nimm dies Hufeisen auf und be- 
wahre es!« 

Doch Petrus, der höchst übler Laune war, erwiderte: 
»Das Stück Eisen verlohnt nicht die Mühe, weil wir nur noch 
müder werden, wenn wir es von seinem Platze aufheben. 
Lasst es dort, Herr!« 

Christus stritt nicht weiter, wie immer, sondern bückte 
sich selber, nahm es auf und steckte es in die Tasche, worauf 
sie stumm und schweigend ihren Weg fortsetzten. 

So wanderten sie eine Zeit lang, bis sie einem Schmiede 
begegneten, der von der entgegengesetzten Seite herkam. 
Der Herr knüpfte eine Unterhaltung mit ihm an, während 
sie einen Augenblick still standen, und beim Abschiede ver- 
kaufte er ihm das Hufeisen, das er soeben gefunden hatte, 
für vier Cuartos. 

Sie gingen weiter und stießen bald auf einen herum- 
ziehenden Krämer, der im nächsten Flecken Früchte ver- 
kaufen wollte. Christus hielt ihn an und kaufte für die vier 
Cuartos, die ihm für das Hufeisen gezahlt waren, ein halbes 
Pfund Kirschen. Bei dem allen war St. Peter sehr schweigsam 
und wurde immer übellauniger. 

Die Hitze wurde drückender, der Durst wuchs immer 
mehr. Doch empfand ihn Christus nicht mehr so wie St. Peter, 
weil der Herr die Kirschen zum Munde führte und der Frucht- 
saft seine trockene Kehle erfrischte. Der Apostel, der müh- 
selig hinter drein schlich, blickte voll Neid auf den Heiland; 
aber da die Kirschen für den Erlös des Hufeisens gekauft 
waren, um dessen willen er sich nicht hatte bücken wollen, 
wagte er nicht den Herrn um einen Antheil an dem Schmause 
zu bitten. Doch dieser ließ ab und zu verstohlen eine Kirsche 
fallen, und St. Peter bückte sich eifrig sie aufzuraffen, indem 
er sie in der Gier seines Durstes in den Mund steckte. Als 
die Kirschen zu Ende waren, wandte sich Christus zu seinem 
Jünger um und sprach : 

»Siehst du, Petrus, wie man nichts auf der Welt ver- 
achten darf, wenn es auch gering und werthlos scheint? Weil 
du dich nicht ein einziges Mal bücken wolltest, um das Huf- 
eisen aufzunehmen , hast du dich vielmals bücken müssen, 
um die Kirschen, die ich zur Erde fallen ließ, aufzulesen. 
Dies wird dich lehren, Petrus, nichts und niemand zu verachten«. 

St. Peter bestritt das nicht; er senkte den Kopf und 
folgte demüthig auf dieser Tagereise dem Herrn. 

Johannes Bolte. 



MlSCELLEX. 309 



8. Goethe nach Falconet und über Falconet. 

Dieser Aufsatz im Anhang zur H. L. Wagnerschen Ueber- 
sctzung des Mercierschen neuen Versuchs über die Schauspiel- 
kunst (Leipzig, im Schwickertschen Verlage 1776) ist neuer- 
dings von G. Witkowski (in den Bernays gewidmeten Studien 
S. 77 — 95) im Sinne des modernen Naturalismus des jungen 
Goethe gedeutet und zu einer Verherrlichung des Titelträgers 
benützt worden. Die jetzt beliebte Methode, namentlich Goethes 
Autorität für alles und jedes in Anspruch zu nehmen, hat 
ihre stark bestimmten Grenzen. Diese Grenzen bestimmen in 
unserem Falle glücklicher Weise Leben und Worte Goethes 
selbst, so daß sie leicht und sicher vorstellig gemacht werden 
können. 

Der Titel besagt, was die Anknüpfung an ein Citat aus 
Falconet den Schriftsteller (Witkowski a. a. O. S. 90 f.) und 
auf ihn bezügliche Anspielungen des Aufsatzes bestätigen : 
daß der junge Deutsche sich mit seinem »Nachwort« über 
den Franzosen erhaben fühlt. 

Das äußere unverwerfliche Zeugniß dafür findet sich am 
Schluß des Goethischen Aufsatzes selbst , wo gegen eine 
Aeußerung Falconets (in den Refl. sur la Sculpture, Oeuvres, 
Lausanne 1781. I p. 21) in der kategorischen Widerrede: 
^■)Ihr findet Rubensens Weiber zu fleischig. Icli sage Euch, 
es waren seine Weiber . . . u. s. w.« Stellung genommen wird. 

Die inneren Gründe aber, aus denen sich Goethe über 
den Vorkämpfer der damals herrschenden »Moderne« gegen 
den Brecher ihrer Allgewalt Winckelmann — gewiß nicht zu 
dessen Ungunsten — erheben musste, liegen in Goethes Selbst- 
biographie für jedermann offen. Wie? Der Scliüler Oesers, 
der frühzeitige Jünger und spätere Biograph Winckelmanns, 
der ahnungsvolle ErfUller seines Kunst- und Menschheitsideals 
sollte sich hier seinen modischen Ankläffern gesellen, denen 
er grade hier (28,350 der Hempelschen Ausg.) das treffende 
Wort entgegenwirft: »denn wie geschrieben steht, es seie 
schwer, daß ein Reicher ins Reich Gottes komme, ebenso 
schwer ist's auch, daß ein Mann, der sich der veränderlichen 
modischen Art gleichstellt, der sich an der Flitterherrlichkeit 
der neuen Welt ergetzt, ein gefühlvoller Künstler werde« ! ? 
Es geht das ganz gewiß auf das Renommiren mit dem sen- 
timent zumal am Schluß der genannten akademischen Schrift 
(Academie royale des Peintres et Sculpteurs) Falconets (a. a. O. 
S. 31 und auch in dem von Goethe vorangestellten Citat) 
»Weh dem Künstler, der seine Hütte verlässt, um in den 
akademischen Pranggebäuden sich zu verflattern!« (Hempelsche 
Ausg. a. a. O.) Nun zeige man uns aber einen selbstbewussteren 
Lobredner des »prangenden Geflatters« der Berninischen Dra- 



310 MrSCHLLEN. 

perien und Reliefs als Falconet in seiner Akademierede (Ab- 
schnitte: draperies, basreliefs). Man findet sie da (p. 21. 35. 
49 u. s. f.) alle beisammen, jene Herren, die sich damals nach 
Winckelmanns Ausdruck »gleichsam zur Ausrottung des guten 
Geschmacks mit einer wahren Raserei empörten« : außer dem 
unvergleichlichen Meister selbst die Algardi, Rusconi, Melchior 
Caffa, Le Gros, Duquesnoy und vor allen Pierre Puget, »von 
dem man wohl sagen könnte, er sei berninischer als Bernini 
selbst gewesen«. (Burckhardt Cicerone S. 477). Das sind die 
grands sculpteurs modernes, deren beautes des etoffes larges 
et jettees und grande maniere Falconet den petits draperies 
antiques und ihrem »schülerhaft dilettantischen« Lobredner 
Winckelmann entgegensetzt. Gipfelt doch die Akademierede 
in einem Hymnus auf die nach dieser Hinsicht berufene 
S. Teresa Berninis (in S. M. della Vittoria zu Rom) dont 
l'habillement du Carmelite paroitroit se refuser ä l'effet et au 
jeu d'une draperie qui annonce les mouvements divers du corps 
humain (!). Burckhardt sagt mit Recht von ihr, daß »man hier 
freilich alle bloßen Stilfragen über der empörenden Degradation 
des Uebernatürlichen vergisst«. Dazu halte man nun aber, was 
Goethe im fr. Aufsatz (a. a. O. 351) über die modernen 
Prunkdraperien der Mutter Gottes und aller biblischen Stücke 
»zwischen den Schnörkeln aller Altareinfassungen« eifert. Hier- 
gegen spielt er die »wahrhaft heilige« menschliche Einfalt 
Rembrandts aus und setzt sie mit Rubens dicht neben Raffael, 
der den großen Niederländern in dieser Hauptsache völlig 
gleiche. Falconet behandelt (a. a. O. p. 21) Raffael-Dome- 
nichino und Rubens-Rembrandt als äußerste Gegenpole und 
betont gerade bei Rembrandt das Unplastische der Figuren. 
Man sieht also auch in diesem vorgeblich »modernen« Aufsatz 
des »jungen Goethe« die einheitliche Naturauffassung des 
deutschen Classizismus, der die Natur von innen her begreift 
und ihre »ruhige Einfalt und stille Größe« mit Winckelmann 
im Geiste der wahren Antike verewigt fand. Keine Spur 
von den selbstbewussten Posen und anmaßenden Fanfaronaden 
moderner Naturalisten, die wie hier Falconet von der Höhe 
ihrer »Entwicklung« die Alten meistern und in allem Alten 
nur das »einstmals Neue« sehn. (»Ce qui est aujourd'hui fort 
ancien fut autrefois nouveau« etc. nach Tacitus, Ann. II c, 24). 
Schon daß Goethe überhaupt auf Falconet gerieth, darf 
man zweifellos negativ aus dessen gehässigen Angriffen auf 
Winckelmann und die durch ihn gerade in Deutschland er- 
weckte Verehrung der wahren Antike erklären. Knüpft er 
doch gerade an diejenige Schrift Falconets an, die sich durch 
abschätzige Urtheile über Winckelmann hervorthut und ge- 
radezu gegen ihn gerichtet scheint: die observations sur la 
Statue de Marc-Aurele. Das von Witkowski nachgewiesene 



MiSCELLEN. 3 ^ ^ 

Citat im iVnfang (in unserer Ausg. I, 316 f.) giebt sich lediglich 
als Excerpt, wie sie Goethe damals besonders, mit eigenen 
Bemerkungen und Aphorismen untermischt, zu sammeln pflegte. 
Die literarische Ankündigung »aus Goethes Brieftasche« 
stimmt also thatsächlich genau. Sie erklärt zumal vom Stand- 
punkt unserer jetzigen Uebersicht der Goethischen Excerpir- 
bücher hinlänglich Natur und Form des «Aufsatzes« nach und 
über Falconet. Auch daß Goethe grade bei dieser Gelegenheit 
(für eine Veröffentlichung über Schauspielkunst) auf ihn ge- 
rieth, könnte eine Auslassung Falconets nach dieser Richtung 
hin erklären. Denn bei seiner Verherrlichung des manierirten 
Naturalismus des berninesken Reliefs (a. a. O. p. 38 f.), in 
dem die Effekt haschende Stillosigkeit dieses Modernen be- 
sonders zum Ausdruck gelangt, bezieht sich Falconet auf das 
Pariser Schauspiel und wendet sich gegen einen Lobredner 
seiner antiken Praxis in Stellung und Gruppirung des (relief- 
artigen) Bühnenbildes. Keinesfalls wird man mit Witkowski 
(a. a. O. p. 94) resümiren dürfen , daß Goethe den Anlaß 
gerade aufgriff, um »sich als Geistes- und Gesinnungsgenosse 
Falconets hinzustellen«. Homer, Kenner- und Künstlerstreit, 
Naturevangelium erfüllten Goethe zu sehr und zu original, 
als daß man die betreffenden Gedichte im Gefolge des fr. 
Aufsatzes gerade als ausschließliche Spenden seiner Verehrung 
für Falconet auffassen dürfte. 

Nachtrag. Zur Beurtheilung des Sachverhalts ist ein 
literarisches Schreiben des künstlerischen Freundes Winckel- 
manns, Raffael Mengs, an Falconet von Belang, welches aus 
dem Jahre der Goethischen Veröffentlichung 1776 (25. Juli gez.) 
stammt, und für die lebhafte Erregung der deutschen literari- 
schen und künstlerischen Kreise gegen den Lästerer Winckel- 
manns grade in diesem Zeitpunkt ein starkes Zeugniß ablegt. 
Mengs' Biograph, der Cavaliere D. Niecola d'Azara begleitet 
in seiner von Fea erneuten Ausgabe von Mengs' Werken 
(Roma 1787) diesen Brief mit einer abschätzigen Charakteristik 
des Adressaten : »Denota un carattere cosi singolare, che dove 
egli scuopre merito, lo attacca, ne puo soffrire lodi in altri, 
essendo prodigo delle sue proprie, e amante di tutti quelle, 
che gli tributano i suoi amici«. (a. a. O. II 251 etc.) Ueber 
Falconets umgehend (23. September) von Petersburg aus er- 
folgte Antwort kann man nicht ganz sicher urtheilen, da er 
es für gut fand, sie für die Herausgabe in seinen Werken 
(II 195 ff. der Lausanner Ausg. v. 1781) zu redigiren. D'Azara 
hat das Original in Mengs' Nachlaß, dessen Existenz Falconet 
zwingt, in einer Nachschrift diese Redaktion einzugestehen, 
leider nicht herausgegeben. Sie ist immer noch unterwürfig 
genug, spielt aber den Streit mit Geflissentlichkeit auf das 
unedelste aller geistigen Motive, nationale Gehässigkeit der 



312 Nachträge und Berichtigungen. 

deutschen Künstler (Mengs und Dietrich) gegen die Franzosen 
hinaus. (Im Abdruck in Feas Ausg. II 355.) NamentHch 
Pagets abschätzige Beurtheilung entrüstet ihn. (Ah! se voi 
poteste vedere la deUziosa Andromeda e il terribile Milone 
di Pietro Puget! voi non lo chiamereste sigfior Puget, aus 
Feas Ausg. II 361.) Winckelrnanns Abneigung gegen die 
»Französchen« und die Verderberin des reinen Kunstsinnes, 
die Modestadt Paris, ist bekannt. Mengs' (in der vorHegenden 
Ausgabe mehr als 12 Seiten langer) Brief mit seiner ruhigen 
und klaren Würdigung des großen Zuges im Charakter und 
Geiste Winckelmanns gegenüber der perfiden Kleinlichkeit 
seines prahlenden Gegners, seinen thatsächlichen Festsetzungen 
des Geredes über Antiquomanie, Künstler- und Kennerschaft, 
des zweifelhaften Verdienstes modischer Runzel- und Falten- 
kunst müsste in extenso angeführt werden, wollte man alle auf- 
klärenden Stellen aus ihm zusammenstellen. Uebrigens sei 
noch bemerkt, daß Goethes Invective anläßlich Rubens im 
fr. Aufsatz ihre Stütze in Winckelmanns Kunstgeschichte (I3. § 7) 
selbst findet, von der Goethe doch sicherlich schon vor ihrem 
Studium in Italien Notiz genommen haben wird. Da heißt 
es: »Da nun der Mensch allezeit der vornehmste Vorwurf 
der Kunst und der Künstler gewesen ist, so haben diese in 
jedem Lande ihren Figuren die Gesichtsbildung ihrer Nation 
gegeben. . . . Rubens aber hat, nach einem vieljährigen 
Aufenthalte in Italien, seine Figuren beständig gezeichnet, 
als wenn er niemals aus seinem Vaterlande gegangen wäre 
und dieses könnte man mit vielen andern Beispielen darthun«. 

Karl Borinski. 



B, Nachträge und Berichtigungen zu Band XVIII. 

Zu S. 4 u. 16. Der Landgraf von Hessen ist, wie W. Watten- 
bach bemerkt (der hochverdiente Forscher starb am 12. Sept. 
1897), Karl 1744— 1836 (vgl. A. D. B. IV, 296), ein großer 
Mystiker und Alchimist, der sich mit den Geheimwissenschaften 
besonders auf seinem Schloß Louisenlind im Herzogthura 
Schleswig beschäftigte. 

Zu S. 256 — 268 dem Aufsatze Robert F. Arnolds »Goethes 
Tod und Wien« berichtigt Fr.(anzos), Deutsche Dichtung XXII 
228, die Autorschaft einer Recension mehrer Goetheschriften 
in den »W'iener Jahrbüchern« (60,222), welche nicht Fouque 
sondern Rochlitz zum Urheber hat. Er spricht ferner über 
den Dichter Moritz Rappaport ein milderes Urtheil aus. 





2. Chronik. 



Ludwig Blume (geb. 31. Januar 1846, gest. 3. April 1897). 

Es liegt in der Natur der Sache, daß der Pulsschlag des 
nationalen Lebens bei den Deutschen in Oesterreich viel 
lebendiger ist als bei den Brüdern im Reiche, und daß sie 
manche Dinge viel schärfer, einseitiger unter den nationalen 
Gesichtspunkt bringen als jene. Hiervon müssen wir ausgehen, 
wenn wir Blumes schriftstellerischer Thätigkeit, aber auch 
seinem sonstigen Wirken gerecht werden wollen. Die natio- 
nalen Fragen und Interessen umspielen bei ihm Alles, mehr 
oder minder; sie geben ihm seine Lieblinge in der Geschichte, 
der Kunst ; der Name Bertha der gewählten Gattin war ein 
Reiz mehr, der ihn zu ihr hinzog, und die Namen der Kinder 
Siegfrid, Brunhild, Heinrich bezeugten den Zug in sprechendster 
Weise. Aber er war kein Freund lärmenden Wesens und des 
lauten Pathos; er mied den nationalen Streit und dessen 
Tagesfragen; um so inniger und zäher bezeugte er das natio- 
nale Bewußtsein in der gelehrten Arbeit und als Lehrer, aber 
auch nur durch die begeisternde Wärme, mit der er sein 
Hauptfach, das Deutsche, der Jugend übermittelte. Jene Zähig- 
keit und überhaupt die Consequenz in seinen Ansichten war 
wohl mit ein Erbtheil von der Abstammung her. Der Vater, 
ein Handwerker, war in jungen Jahren aus Westphalen nach 
Wien gewandert und hatte hier erst als gereifter Mann, nachdem 
er zu Wohlstand gelangt, seinen Hausstand begründet. Daß 
der einzige Sohn des wohlbegüterten Hausherrn sich dem 
Lehrfache zuwendete und bei dieser Wahl unentwegt verblieb, 
war eine beachtenswerthe Erscheinung. Denn viel weniger 



314 Chronik. 

als in Deutschland findet der Lehrstand gerade aus diesen 
Kreisen in Oesterreich seinen Nachwuchs. An dem alten 
Piaristengymnasium empfing er seine Vorbildung aus geistlichen 
Händen, und Geographie, Geschichte und vor allem Deutsch 
waren die Fächer, denen er sich an der Hochschule zuwandte, 
dem letzteren unter der Führung K. Tomascheks und des 
jugendlichen W. Scherer. Dessen Rathe folgend, ging er im 
dritten Studienjahr, im Herbste 1865, nach Berlin, um M. 
Haupt, Ranke, R. Köpke, vor allem aber K. Mtlllenhoff zu 
hören, und kehrte nach dem Kriege von 1866, durch den die 
germanistischen Studien noch eine vertiefte Bedeutung ge- 
wonnen hatten, auf ein Semester dahin zurück. Was die mit 
Eifer besuchten Vorlesungen Müilenhoffs ihm boten, erhielt 
eine fruchtbare und ehrende Ergänzung durch den persön- 
lichen Verkehr, zu dem, wie zu den bekannten Sonnabend- 
abenden, jener ihn heranzog. Im Herbst 1868 trat Blume 
als Hilfslehrer an das akademische Gymnasium in Wien ein 
und blieb im Verbände der Anstalt bis an seinen, am 3. April 
1897 erfolgten, Tod. Den Fünfzigjährigen raffte die tückische 
Krankheit, mit der er jahrelang gerungen, endlich doch dahin, 
nachdem er wiederholt im Süden Heilung gesucht und nur 
Aufschub gefunden hatte, viel zu früh für seine Angehörigen, 
seine Collegen und Schüler, seine Freunde, zu früh für die 
mannigfachen Arbeiten, zu denen er seit Jahren sammelte. 

Eine große Rolle spielte in den Jahren seines Werdens 
und noch lange darnach der Freundesverkehr. Es war noch 
eine Schule, die er und mit ihm die Theilnehmer durchmachten, 
und die allen in unvergesslicher Erinnerung ist. Da gab es 
kaum eine Frage der Kunst, der W^issenschaft und unseres 
Volksthums, die nicht in den fast täglichen Zusammenkünften 
mit ihren oft leidenschaftlichen, bis tief in die Nacht beim 
sokratischen Becher geführten Debatten in den Bereich ge- 
zogen wurde. Und nicht nur die Erinnerung ist es, an der 
wir noch zehren, sondern die Anregung zu gar manchem, was 
nachher zum Buch wurde, wurde hier gegeben. Camillo Sitte, 
der nachmalige Gatte seiner einzigen Schwester, Hans Richter, 
Josef Sucher, L. Landskron, K. Schembera, Victor von Kraus 
u. a., später Daniel Jacoby, zum Theil Jugendfreunde und 
Schulcollegen, bildeten die Mitglieder dieses Kreises. W^ie 
sehr die Musik mit im Vordergrund stand, lehren einige der 
genannten Namen. Dazu bildete dieser Kreis die älteste 
Wagnergemeinde Wiens, und der Name W^agners ist es auch, 
der uns dem Ausgangspunkt wieder zuführt, Wagners als des 
nationalen Künstlers und Dichtercomponisten. 

Denn dieser Seite seines Schaffens galt vornehmlich die 
überschwängliche Begeisterung, die ihm von allen, Blume 
voran, gezollt wurde, und sie bot der Anregung und des 



Chkon'ik. 315 

Stoffes in Fülle, um deutsches Wesen in allen seinen ureigenen 
Aeußerungen in stets erneute Erörterung zu ziehen. Bei Blume, 
dem Germanisten und Schüler Müllenhoffs, fiel, was da gesäet 
wurde, auf wohl vorbereiteten Boden. Denn die Aufstellung 
einer deutschen Ethik, die Heraushebung dessen, was die 
Vergangenheit, besonders die ältere , an deutscher Eigenart 
in schärferer Weise darbot, das war ein Plan, den Müllenhoff 
gern verwirklicht gesehen hätte. Kundige wissen, wie z. B. 
sein Verhältniß zu Vilmars vielverbreiteter Literaturgeschichte 
und sodann zu der Scherers durch diesen Gesichtspunkt als 
den entscheidenden bestimmt wurde. Und in der Richtung 
jenes Planes lagen auch Bkimes erste Schriften: »Das Ideal 
des Helden und des Weibes bei Homer mit Rücksicht auf 
das deutsche Alterthum« 1874, in begreiflicher Beziehung 
G. Freytag gewidmet, und »Ueber den Iwein des Hartmann 
von der Aue« 1879. Das Bild, das wir auf Grund schlagender 
Stellen in der ersten Arbeit sowohl vom griechischen Helden 
wie Weibe bekommen, ist allerdings nicht das vortheilhafteste, 
zumal gemessen an dem wahrhaft männlichen Heroenthum 
der deutschen Helden und an der bald walkyrenhaften, bald 
gemüthsinnigen Weiblichkeit der Frau in unsern Sagen und 
Epen. Der Gedanke dieses Vergleiches war ein glücklicher 
und durch ihn eine schöne Grundlage gewonnen, zunächst 
die Beziehung zum Kampfe, dem männlichsten Thun, nun 
durch alle Phasen unserer Geschichte zu verfolgen. Er selbst 
that den ersten Schritt dazu in der folgenden Arbeit über 
den Iwein. In dem Verhalten des Helden, der die junge 
Gattin verlässt, um sich nicht zu verliegen, und die Heimkehr 
vergisst in der Freude an der ritterlichen Aventiure, sah er, 
als dem Schwerpunkt des Gedichtes, die ureingewurzelte 
Kampfeslust noch in lebendigster Bethätigung, trotzdem ihr 
die religiöse Weihe (durch den Walhallamythus) genommen 
war. Aber fast mehr als der Mann zog ihn das an, was ihm 
jene Studien zur Charakteristik des deutschen Weibes boten, 
so sehr, daß der Plan, eine Geschichte dieses zu geben, ihn 
lange beschäftigte und oft mit den Freunden erörtert wurde. 
Es lässt sich verfolgen, daß er diese Frage auch dann 
nicht aus dem Auge verlor, als er sein Interesse und seine 
Studien dann mehr und mehr Goethe zuwandte. Den äußern 
Anlaß hierzu bot die Gründung des Wiener Goethevereins. 
Es war kein Sprung, denn Goethe war ihm seit lange sehr 
wohl vertraut; aber der Verein, in dessen Leitung er fast 
bis zuletzt wirkte, bot in seinen Vortragabenden eine günstige 
Gelegenheit, einiges, was schon vorbereitet war, weiter zu 
verfolgen und auszusprechen. Wieder war es der nationale 
Gesichtspunkt, aus dem dieses Interesse entsprang; denn neben 
Wagner war ihm Goethe der deutscheste der Dichter, be- 



3l6 Chronik. 

sonders als Lyriker. Die 1884 begründete Chronik des Vereins 
bot dann einen Ort, eine Reihe kleinerer Studien zum Druck 
zu bringen. Alles aber waren Ergebnisse eines Planes, der, 
kühn wie die Jugend ist , nichts geringeres zum Endziel 
hatte, als eine Goethebiographie , ausgeführt nicht in der 
Absicht, ein erschöpfendes Bild des unendlich inhaltreichen 
Lebens zu bieten, sondern in Goethe uns unsern nationalsten 
Dichter vor Augen zu stellen. Allerdings darf man nicht 
vergessen, daß, als dieser Plan in ihm aufdämmerte, die 
Weimarischen Schätze noch nicht erschlossen waren, anderer- 
seits Lewes' Buch so ziemlich das einzige war, das dem 
Deutschen seinen Goethe näher zu bringen suchte. Daß dann 
in den Einzelstudien, die er mit unentwegtem Eifer betrieb, 
Plan und Tendenz mehr in den Hintergrund traten und ver- 
schoben wurden, das lag in dem Wesen solcher Studien, und 
als dann der frühe Tod kam, da war ihrer seit lange schon 
nur als eines schönen Traumes gedacht worden. — Folgendes 
liegt nun an Arbeiten über Goethe vor. Vorträge: Goethe 
und die Geschwister Stolberg (1883), Goethe und die deutsche 
Baukunst im Jahre 1809 (1884), Goethe in Italien (1887), 
Ueber Goethes Lyrik mit Beziehung auf seine Ausgabe von 
Goethes Gedichten. Aufsätze in der Chronik: Zu Goethes 
Zueignung, das Vorbild zu Goethes ältestem Gedicht, »Einer 
Pflanze das Herz ausbrechen« — eine Goethereminiscenz bei 
Jakob Grimm, zu »Ilmenau«, zu »Willkommen und Abschied«, 
»Alles geben Götter, die Unendlichen«, Goethes Lyrik nach 
ihrer innern Entwicklung, »Mich überläufts«, Johannes Secundus 
in Weimar, Das Frankfurter Dachstübchen. — Dazwischen von 
andern Arbeiten als erste : Goethe als Student in Leipzig 
(im Programm 1883), die im Hinblick auf eine gleiche Arbeit 
von Tomaschek geschrieben wurde, um nachdrücklichst dar- 
zulegen, daß Goethe durchaus nicht der Göttersohn sei, dem 
es so ganz ohne Kampf und Schmerzen, ohne Irren und 
Ringen beschieden worden sei, jenen Olymp zu erreichen, 
auf dem er für uns jetzt thront. Diese Auffassung ist ja auch 
längst überwunden. Es folgte seine Schulausgabe des Egmont 
mit Einleitung und Anmerkungen (1889) und sodann seine 
umfangreichste Goethearbeit : Goethes Gedichte. Auswahl in 
chronologischer Folge mit Einleitung und Anmerkungen. 1892. 
Die Auswahl sollte ein Bild der Entwicklung Goethes sowohl 
wie seiner Lyrik in all ihren wechselnden Phasen geben und 
machte darum eine wohlzubegrUndende Eintheilung nach 
Perioden nöthig, sowie die sorgfältigsten Untersuchungen über 
die Entstehungszeit mancher unrichtig oder noch gar nicht 
datirter Gedichte. Und diesen Aufgaben wird das schöne 
Buch in ausgezeichneter Weise gerecht. Es ist ein Wegweiser 
und zugleich eine Fundgrube für alle ähnlichen Untersuchungen, 



Chronik. 317 

aber auch für den dereinstigen Goethebiographen. Die ganze 
Belesenheit Blumes in Goethe selbst und in der Goethe- 
literatur ist in diesem Buche so recht in der Fülle der Citate 
und Verweisungen zu erkennen, die wir in den Anmerkungen 
finden, von denen manche zu ganzen Abhandlungen angewachsen 
sind, wie die über Goethes freie Silbenmaße, zum Haiden- 
röslein, den Tabulae votivae, dem Westöstlichen Divan u. a. 

Blume war ein überaus besonnener und gewissenhafter 
Arbeiter, der die Dinge ausreifen ließ, ehe er sie hingab, 
und der, was er bei seinen historischen Studien gelernt hatte, 
stets dem Quellenstudium die größte Sorgfalt widmete und 
was sie boten in strengster Objectivität zu verwerthen trachtete. 
Nehmen wir dazu die Freudigkeit, mit der er jede Sache in 
Angriff nahm, und die Geduld, mit der er sichtete, verwarf 
und umarbeitete, dann ist in all diesen Eigenschaften die 
Gewähr geboten, die seinen Schriften einen dauernden Werth 
verleiht. Und von diesem Geist waren auch jene Arbeiten 
getragen, die Fragen der Schule gewidmet waren: Ueber die 
Rechtschreibung, Ueber die Einrichtung des deutschen Unter- 
richts an den österreichischen Gymnasien u. a. Wir finden 
sie wieder in den schönen Gedenkreden auf seinen Collegen 
H. Ficker, auf Kaiser Joseph II., auf Grillparzer, auf R. Wagner. 
Zuletzt noch einmal so recht voll in seinem Schlußwerke: 
Praktische Anleitung zu deutschen Aufsätzen, 1895, unter den 
Hunderten von derartigen Büchern eines der gehaltvollsten, 
ganz herausgewachsen aus der Arbeit in der Schule und darum 
für die Schule so verwendbar. Auch dies Buch verräth überall 
den Goethe-Freund und -Kenner, und wer sucht, der findet 
in Citaten und Hinweisen Deutung und Aufklärung über gar 
manche Stelle und Antwort auf nicht wenige der zahllosen 
Fragen, die das Leben des Olympiers an uns stellt. 

So verfolgt man denn aller Orten mit Freude das treue 
Versenken in den geliebten Dichter. Gelehrtere und frucht- 
barere Goetheforscher gab es und gibt es in stattlicher Zahl, 
aber nur wenige, die zu ihm in ein so herzlich-persönliches 
Verhältniß getreten waren. Sein Ernst und sein Wissen hätten 
Blume überall sich als tüchtigen Mann bewähren lassen, aber 
jenes Verhältniß zu Goethe gab der Strenge gegen sich selbst 
und der Gewissenhaftigkeit des Forschens noch eine besonders 
weihevolle Steigerung. Wenn ihm darum irgendwo eine Zeile 
der Erinnerung gebührt, dann ist es dieser Ort, und ich weiß 
auch, daß ihm kaum ein innigerer Wunsch hätte erfüllt werden 
können als der, auch hier das Andenken an sich gewahrt zu sehen. 

Ad. Lichtenheld. 



3l8 Chronik. 



Julius Hoffory (geb. 9. Februar 1855, gest. 12. April 1897), 

Julius Hoffory, den im Vorjahr der Tod von langen 
Leiden erlöst hat, ist nicht dazu gekommen, ein Denkmal 
seiner Bewunderung Goethes und seines Verständnisses für 
unsern größten Dichter zu hinterlassen. Nicht einmal die 
Mitarbeiterschaft an der großen Weimarer Ausgabe, die ihm 
zugedacht war, hat er antreten können. Dennoch gebührt 
ihm auch an dieser Stelle ein Wort des Andenkens, schon 
weil er ein Zeuge war für die erobernde Macht des Goethischen 
Geistes. Den geborenen Dänen haben neben der deutschen 
Wissenschaft zwei Mächte zum Deutschen gemacht — denn 
als solcher fühlte er sich in den letzten Jahren — : Goethe 
und Bismarck. Es sind dieselben beiden Namen, die auch 
dem großen Goethekenner Victor Hehn, mit dem Hoffory 
in einigen Punkten verwandt war, als Leitsterne erschienen. 
Julius Hoffory wurde in Aarhus als Enkel eines nach 
Dänemark eingewanderten katholischen Oesterreichers Namens 
Hofer geboren; in seinen letzten Lebensjahren spürte er auch 
in Ungarn eifrig wirklichen oder vermeintlichen Verwandten 
nach. Die Gabe, scheinbar entgegengesetzte Eigenschaften zu 
vereinigen, die so oft gerade den Sprößlingen einer Vermischung 
verschiedener Stämme eigen ist, hat ihn immer ausgezeichnet. 
In das Album der durch W. Scherer gestifteten Berliner Ger- 
manistenkneipe, zu deren eifrigsten und treusten Mitgliedern 
er gehörte, hat erden charakteristischen Vers eingeschrieben: 

Einst fanden und verbanden sich Kritik und Phantasie; 

Aus ihrem Bund ein Kind entstund, es heisst Philologie. 

Es mag dahin gestellt bleiben, wie weit Hoffory für den Bund 
wissenschaftlicher Kritik und wissenschaftlicher Phantasie seinen 
verschiedenen Vorfahren, wie weit er seinen verschiedenen 
Lehrern Dank schuldete — sicher ist, daß er diese Vereinigung 
besass. Der scharfe Kritiker, der sich gern in fein zugespitzter 
Polemik ergehen ließ , aber auch starken Ausdruck nicht 
scheute — »wenn man zum Kampfe blasen will, pflegt man 
ja nicht die Trompete mit Watte zu umhüllen« — ist in seinen 
mythologischen Arbeiten ein Meister der Kunst, sich in uralte 
verschollene Vorstellungen zu versetzen. Und eben diese Kunst 
virtuosen Nachfühlens ließ mit den Jahren immer stärker die 
Dramatik in den Mittelpunkt seiner gelehrten Interessen treten. 
Er war ein feiner Beobachter und liebte es, die Gesten und den 
Tonfall seiner Bekannten mit leiser Ironie zu copiren — ein Talent 
der Nachahmung des individuellen Charakters, das auch seinen 
phonetischen Studien zu gute kam. Ihn interessirte jede origi- 
nelle Erscheinung und er ging ihren Wurzeln nach — mochte es 
nun eine eigenartige mythologische Conception sein oder 



Chronik. 319 

etwa irgend ein von einer bestimmten Idee beherrschter Arzt, 
der vielleicht nur ein Charlatan war. Beides wirkte zusammen, 
um ihn zu einem leidenschaftlichen Forscher auf dem Gebiet 
des Dramas zu machen. Moliere, Holberg, Goethe, Ibsen 
waren die vier Geister, die ihn am meisten fesselten; Schiller 
hat er dagegen geradezu gehasst: er nannte ihn den »Attila«, 
der die vielversprechende Aussaat Lessings mit conventioneller 
Declamation zerstampft habe. Für die Verbreitung des Ruhmes 
und vor allem des Verständnisses der beiden nordischen 
Dramatiker war er unermüdlich thätig; die unhistorische und 
entstellende Auffassung Molieres in Gutzkows »Urbild des 
Tartuffe« nannte er eine strafbare Majestätsbeleidigung. Von 
Goethe liebte er, wie er denn gern seine kleinen absonder- 
lichen Liebhabereien hatte, neben »Faust«, »Stella«, den 
»Geschwistern« noch besonders das kleine Singspiel »Lila«, 
in dem die Schilderungen eines kranken Geraüthes ihn nur 
zu bedeutungsvoll anzogen. Er citirte mit Leidenschaft aus 
dem »Faust« ; von London aus (er reiste gern und viel) schrieb 
er dem Freund und Mitarbeiter Schienther sofort einen an- 
schaulichen Theaterbrief über Irvings Aufführung des »Faust«. 
Scherers bahnbrechende Thätigkeit auf dem Gebiet der »Goethe- 
philologie« und vor allem seine Aufsätze zum »Faust« schienen 
ihm (neben der Verwerthung der Lautphysiologie für die 
Sprachgeschichte und dem Programm einer empirischen Poetik) 
die hervorragendsten Verdienste seines größten Lehrers. Er 
gehörte auch zu den »gründenden Mitgliedern« der Goethe- 
gesellschaft, bei deren Leitung er als der einzige Ausländer 
besondere Ehrungen erfuhr. 

Vor allem ehrte er in Goethe den Herzenskündiger. 
»Einen Dichter«, sagte er einmal im Gespräch »nenne ich nur 
den, der mir Dinge sagt, die noch Niemand gewusst hat«. 
Das Prophetische schien ihm aber nichts anderes, als eine 
rasche, intuitive Bestätigung derselben Geisteskraft, die sich 
auch bei der Forschung zeigt. Klare Beobachtung des Wirk- 
lichen, klare Darstellung des Beobachteten forderte er wie 
von dem Gelehrten so von dem Dichter. Deshalb interessirte 
ihn die Technik besonders und am »Faust« wie an »Rosmers- 
holm« (dies Drama stellte er sehr hoch) und den »Gespenstern« 
ward er nicht müde, die Kunst der Entwickelung zu studiren 
und zu rühmen. Er legte auch selbst großes Gewicht auf die 
Form seiner Arbeiten, die er auf das Sorgfältigste feilte ; auf 
das entschuldigende Urtheil, er habe sich in einer Streitschrift 
übereilt, antwortete er mit lächelndem Trotz: »Habe ich 
Thorheiten vorgebracht, so geschah es jedenfalls nach sorg- 
fältiger Ueberlegung«. Auch in seiner äußeren Haltung liebte 
er in seiner guten Zeit das Originelle seiner Persönlichkeit 
und mehr noch seiner Stimmung zum Ausdruck zu bringen; 



320 Chronik. 

für seine Freunde wird das gefärbte Schreibpapier und das 
auffällig rothe Taschentuch so bestimmt mit der Erinnerung 
an ihn verknüpft bleiben wie die wechselnden Bartformen, 
in denen er sich, auch hierin ein kleinwenig Mime, gefiel. 
Und Freunde besaß er, die ihn nicht vergessen werden. Denn 
er war selbst ein opferfähiger Freund, der liebenswürdigste 
Plauderer und Zuhörer, gern paradox, aber immer grundwahr, 
gern selbst burleskem Scherz geneigt, aber immer mit dem 
Ernst einer faustischen Wissbegier im Hintergrunde, ein Ver- 
ehrer und Schüler, auf den Scherer und Müllenhoff stolz 
waren und dessen Goethe sich nicht zu schämen brauchte. 

Richard M. Meyer. 



Ludwig Hirzel (geb. 23. Februar 1838, gest. i. Juni 1897). 

Ohne Theilnahme hat gewiß keiner der Leser dieses 
Jahrbuches die Nachricht von dem am i. Juni 1897 erfolgten 
Hinscheiden Ludwig Hirzels vernommen. Aber wer Hirzel 
nahe zu stehen das Glück gehabt, wird den Verlust nicht 
leicht verwinden ; ihm wird das Gefühl bleiben, daß er für 
viele Liebe ihm im Leben nicht genug vergolten hat. Von 
ihm zu reden, ist mir eine liebe Pflicht, wiewohl die Trauer 
für jetzt nur ein vorläufiges Bild zu zeichnen im Stande ist. 

Auf seine Zuneigung konnte man stolz sein. Denn bei 
tiefem Bedürfniß der Freundschaft kam das Wort Freund nie 
leichtsinnig über seine Lippen. Schwer erschloß er sich, aber 
Erprobten vertraute er ganz. Als Gelehrter wie als Mensch 
war er der gleiche; zuwider waren ihm Schein und leere 
Aeußerlichkeit, und tief war er von des Dichterwortes Wahrheit 
durchdrungen: lasst uns die Götter bitten um ein einfach Herz. 
Frei von Gelehrtendünkel und Eitelkeit, hat er es mit der 
Wissenschaft ernst wie wenige gemeint; nicht zu seinem 
Ruhm, zu ihrer Förderung hat er gearbeitet. Daher konnte 
er Tadel so gut vertragen, daher ärgerte ihn inhaltloses Lob. 
Er liebte des Lebens Freuden innig trotz dem durch körper- 
liche Leiden oft gesteigerten Ernst seines Wesens, aber er 
schränkte sich früh durch Selbstzucht ein, und der sorgen- 
lose Genuß war in reiferen Jahren ein sehr seltener Gast bei 
ihm. Durchaus unabhängig und selbständig, hasste er alles 
Posiren, Hofiren und Scherwenzeln; seinem Vaterland und 
seinen Einrichtungen treu ergeben, war er kein Schmeichler 
seiner Landsleute. Voll zarter Rücksicht und von feinstem 
Taktgefühl, trat er, der die Formen des Verkehrs zu wahren 
gewohnt war, nicht selten herb und schroff Unlauterkeit und 
Falschheit entgegen und stieß mit seinem begründeten Tadel 
bei denen an, die mit dem Namen Republikaner sich brüstend 



Chronik. 321 

im Grunde nur Bedientenseelen sind. Daher war Albrecht 
Haller, der große Berner, ihm so werth, weil er, nach Hirzels 
Worten, alles das rücksichtslos kennzeichnete, wodurch Recht 
und Gesetz in Verachtung zu sinken und die öffentliche 
Sittlichkeit Schaden zu leiden droht. Ehrlichen Gegnern 
rang Hirzel durch seine Selbstlosigkeit und wahrhaft vornehme 
Gesinnung Achtung ab, wie durch die Unbestechlichkeit seines 
Urtheils. In der Politik zu sehr freien Anschauungen neigend, 
gehörte er keiner bestimmten Partei an, aber Gottfried Kellers 
Wort gilt von ihm: »Mit dem Vaterland und allen Freien 
ging er stets dem goldnen Licht entgegen«. Ohne kirchliche 
Bedürfnisse, gesellte er sich zu jenen, welchen »die fromme 
Raserei, den bessern Gott zu haben«, völlig fremd ist: die 
Denkart unserer großen Klassiker war auch die seine. Auf 
jeden, der wenigstens einen Hauch seines Geistes verspürte, 
wirkte seine reife Menschlichkeit und Männlichkeit; daher fiel 
ihm die Gunst gerade der edleren Frauen zu, die Kraft mit 
Weichheit, Kernigkeit mit Milde und Gemüthstiefe gepaart, 
immer zu schätzen wissen. 

Wie Hirzel seiner Abstammung nach halb Schweizer, 
halb Deutscher war, so mischten sich in ihm schweizerische 
und deutsche Art. Was die Schweiz dem deutschen Geiste 
verdankt, dessen war er sich zu jeder Zeit bewusst: die Be- 
ziehungen hervorragender Schweizer zu unsern Dichtern auf- 
zuweisen, betrachtete er als seine wesentliche Aufgabe. Seinen 
Lebensgang deute ich hier nur kurz an, von seiner Gattin 
wie von H. Motz in Zürich unterstützt. Hirzel wurde am 
23. Februar 1838 in Zürich geboren. Ueber seinen Groß- 
vater Heinrich (1766 — 1833), der Goethes Briefe an Lavater, 
freilich nicht vollständig, herausgegeben, hat Hirzel selbst im 
Nachruf auf seinen Oheim Salomon gesprochen, Ludwig, der 
Vater Hirzels, Theolog und Philolog, wurde nach 4Jährigem 
Studium in Leipzig Professor der Theologie am Karolinum in 
Zürich und Lehrer am oberen Gymnasium. Er war kein 
Mann des Dogmas; sein Glaube, so betont ein mir vorliegender 
Nachruf, wurzelte im Bedürfniß eines liebenden Herzens. In 
glücklicher Ehe lebend, war er viel leidend und starb 4ojährig 
1841. Nach des Gatten Tode zog Hirzels Mutter, eine ge- 
borene Lorenz aus Leipzig, nach ihrer Vaterstadt. Die heitere, 
gebildete und sicherstellige Frau siedelte später nach Jena 
über, wo sie 1881 gestorben ist. In Leipzig lebten drei Brüder 
des Vaters. Der älteste Bruder, seit 18 16 Pastor der reformirten 
Gemeinde, starb schon 1843, ein anderer Bruder war Schwei- 
zerischer Konsul, der jüngste, Salomon, ist allen Freunden 
Goethes bekannt genug. Welchen Einfluß musste der kenntniß- 
reiche, ebenso weltgewandte wie ideal gesinnte Oheim auf 
den heranwachsenden Knaben ausüben ! Nach Beendigung der 

Goethe-Jahrdlch XIX. 21 



322 Chronik. 

Schulzeit studirte Ludwig in Zürich alte Philologie und Sprach- 
wissenschaft. H. Schweizer-Sidler war sein Lehrer und später 
sein Freund. Mit dem Aesthetiker Vischer, mit Köchli, mit 
Richard Wagner, der ihm sehr zugethan war, mit Gottfried 
Keller und Herwegh verkehrte er persönlich. Um der Mutter und 
der geliebten Schwester, die durch ihr Wesen wie durch ein 
Jugenderlebniß an Cornelie Goethe erinnerte, nahe zu sein, ging 
er nach Jena. Dort lernte er Motz aus Bremen kennen, der ihm ein 
Freund ftlr das Leben wurde. Von den Lehrern der Universität 
wirkte vor allen auf Hirzel der politisch wie religiös freigesinnte 
Sprachforscher August Schleicher; auch bei Göttling und Kuno 
Fischer hörte er Vorlesungen. Der ernste Student konnte 
oft auch keck, übermüthig, verwegen sein. In der letzten 
Zeit ihrer Studien gingen beide Freunde nach Berlin, wo sich 
ihnen der Theolog Kradolfer, später Prediger in Bremen, 
der junge Zürcher Arzt K. Meyer eng anschlössen. Durch 
Kuhn wurde Hirzel wissenschaftlich gefördert; er reichte seine 
Doctordissertation »Zur Beurtheilung des äolischen Dialektes« 
der philosophischen Fakultät in Zürich ein und ließ sie 1862 in 
Leipzig im Verlage seines Oheims drucken. Sie fand bei Fach- 
männern Anerkennung; so bei Kuhn, G. Curtius, Schleicher, 
Schweizer-Sidler. Noch 1868 lobt sie Wilhelm Scherer »Zur 
Geschichte der deutschen Sprachen, und Benfey erwähnt sie in 
der »Geschichte der Sprachwissenschaft«. Ein Ruf nach Frauen- 
feld im Kanton Thurgau war die nächste Folge dieser Schrift. 
Auf Anrathen Salomon Hirzels folgte er ihm im Oktober; aber 
er empfand, wie er Motz schrieb, ein leises Grauen, wie wenn man 
ins Wasser geht und nicht weift, wie tief es ist. Ausflüge nach 
München und, mit Motz, nach Oberitalien entschädigten ihn für 
mangelnde Anregung. Seine sprachvergleichenden Studien gab 
er zwar nicht auf, wie ein in Kuhns Zeitschrift 1863 gedruckter 
Aufsatz »Zum Futurum im Indogermanischen« zeigt, auf den 
Schleicher im Lehrbuch der vergl. Grammatik sich beruft, 
während er eine andere Deutung der Futurform abweist, 
allein das Interesse schwand allmählich doch und machte dem 
für literargeschichtliche Forschungen Platz. Zunächst be- 
schäftigte er sich mit Erscheinungen des 16. Jahrhunderts. 
Als er 1866 an die Kantonsschule in Aarau berufen wurde, 
erschien sein Aufsatz über den schweizerischen Humanisten 
Petrus Dasypodius ; acht Jahre später hat Scherer seine Ab- 
handlung »Dasypodius als Dramatiker« Hirzel zugeeignet und 
dessen »liebevolles Eingehen« in die W'erke und das Leben 
des Humanisten gerühmt. Die Jahre in Aarau waren reich 
an Arbeit, aber trotz manchen Aeußerungen des Mißmuths auch 
reich an innerer Befriedigung. Man schätzte nicht bloß seinen 
Unterricht, auch die Feinheit seines Auftretens, das zuverlässige 
Wesen des jungen Professors machte auf die Bewohner der 



Chronik. 



:)^y 



bildungsfrohen kleinen Hauptstadt den günstigsten Eindruck. 
Uhlig, jetzt in Heidelberg, wirkte noch an der Schule; Männer 
wie E. L. Rochholz und H. Kurz, die damals noch lebten, 
schärften die Arbeitslust. Das Studium der Literatur des i8. 
Jahrhunderts zog ihn jetzt besonders an ; in Goethes Leben 
und Werke drang er immer tiefer ein. Im Jahre 1871 er- 
schien der inhaltreiche Vortrag »Goethes italienische Reise«, ein 
Jahr darauf die Prograramarbeit »Ueber Schillers Beziehungen 
zum Alterthume«. Ein Kreis tüchtiger und eigenartiger Männer 
lebte damals in Aarau, die Hirzel mehr oder weniger nahe 
standen. Am »Storchentische« wurde brav gezecht, aber auch 
manches kluge, gute und anregende Wort gesprochen, so daß 
jene Tage unvergesslich bleiben. Wie oft erfreute Hirzel durch 
beissende Wendungen und durch seinen schalkhaften Humor! 
Die Mischung von Gemüthlichkeit und scharfem Witz, die er 
selbst seinem Großvater und zum Theil auch dem Oheim zu- 
spricht, war ein Grundzug seiner eigenen liebenswerthen Per- 
sönlichkeit. Es war für seine Freunde ein großer Verlust, als 
er im Jahre 1874 einen Ruf an die Hochschule in Bern er- 
hielt. Im Frühling nahm er noch an der begeisterten Feier bei 
der Annahme der neuen Bundesverfassung theil und ließ ein 
hübsches Gedicht drucken, als öffentlicher Redner aber trat 
er nicht auf. Der Abschied wurde ihm nicht leicht; die Aus- 
sicht jedoch auf größere Wirksamkeit erhob ihn. Ich erinnere 
mich genau, wie er mir, als die Berufung gewiß war, mit 
freudigem Blick entgegenrief: ich hän min lehen ! Die erste 
Zeit in Bern war nicht immer behaglich. Die großartige 
Natur ersetzte ihm nicht den Verkehr mit Freunden, in Briefen 
klagte er oft über Vereinsamung. Auch darüber, daß die Zu- 
hörer für die Vorlesungen nicht genug vorbereitet seien; ihren 
guten Willen aber und ihren Fleiß hat er wiederholt gerühmt. 
Eine größere Arbeit des Jahres 1876 war ein Beitrag zur 
Goethe-Literatur : er erzählte das Leben und würdigte die 
Aufsätze des Luzerners Karl Ruckstuhl, der, ein Bundesgenosse 
Goethes gegen die neudeutsche Richtung und den Purismus, 
durch Geist und kräftiges Wirken des Dichters Theilnahme 
errang. Im folgenden Jahre schrieb er den Aufsatz »Nach- 
trägliches über Ruckstuhl«. Die grössere Schrift war Salomon 
Hirzel als »Gruß aus der Schweiz« gewidmet : nicht lange 
darauf starb der geliebte Oheim am 8. Februar 1877. Mit 
ihm hatte Hirzel in regem Briefwechsel gestanden. Schon 
wegen seiner Mitarbeit an der Zeitschrift »Im neuen Reich«, 
für die er alle wichtigen Erscheinungen auf dem Gebiete der 
neueren Literatur, nicht bloß die unsere Klassiker betreffenden 
Schriften^ anzeigte. Manches Urtheil erleuchtet hell sein Bild. 
So verweilt er 1875 mit Vorliebe bei dem von Paul Heyse 
meisterhaft übersetzten Giusti ; an diesem »großen Manne« 



324 Chronik. 

freut ihn die Charakterfestigkeit, mit der er die Lumpe und 
Windbeutel aller Sorten in ihrer Erbärmlichkeit aufzeigt. Ar^ 
R. Königs Literaturgeschichte (1879) findet er nichts werth- 
voll als die Ausstattung. Eine Geschichte der ein Volk und 
seine künstlerischen Vertreter leitenden Ideen vermisst er, 
und »das fehlte gerade noch, daß unsere heutigen Streber 
den Htitern und Wächtern des freien Gedankens und des 
nationalen Sinnes in elender Zeit . . im Grabe noch die 
Ehre abschneiden«. In der Anzeige der Gedichte Leutholds 
heißt es : »ein Schönfärber der heimischen Zustände ist Leuthold 
nicht. Gerade diese Gedichte aber machen ihn vielen Schweizern 
werth, denen der Dichter das Wort von der Zunge genommen«. 
Mancher Aufsatz Hirzels »Im neuen Reich« wird schon durch 
seine künstlerische Abrundung seinen Werth behalten ; ich 
erwähne nur den Aufsatz über Samuel Henzi. 

Ein neues freudiges Leben begann für ihn durch die 1877 
vollzogene Vermählung mit Anna Arndt aus Bremen. An der 
Seite dieser Frau, die ihn ganz verstand, wuchs seine Arbeits- 
kraft und -lust. Dazu kam der Freundschaftsbund mit dem 
jetzigen Generalstabschef Arnold Keller und seiner Frau, die 
von Aarau nach Bern gezogen waren ; dies Verhältniß war 
für ihn, wie er wiederholt versichert hat, eine Quelle dauernder 
Befriedigung. Die Geburt eines Sohnes, der seinen Namen 
erhielt, erhöhte sein Glück. 1879 wurde er Rektor der Hoch- 
schule und zeigte sich, so urtheilt Professor Steck in Bern, 
in den Geschäften als ein sorgfältiger und einsichtsvoller 
Arbeiter, der viel Gutes für die Universität wirkte. Im Oktober 

1881 Goethes wegen in Berlin weilend, war er wohlgemuth, 
rüstig und zufrieden : er besuchte u. a. Scherer, G. v. Loeper, 
H. Grimm. Nur zu bald aber verdüsterte sich diese sonnige 
Lebenszeit. Seine Frau starb am Herzschlag 3. Oktober 1882. 
Von einer Reise zurückgerufen, fand er sie todt, die er scheinbar 
ganz wohl verlassen hatte. »Mit aller Anstrengung«, so schrieb 
er mir am 30. November, »fand ich die Kraft, meinen nächsten 
Verwandten die näheren Umstände mitzutheilen, unter denen 
meine süße liebe Frau ihr Leben so früh beschließen mußte . . . 
Wie mir zu Muthe ist, nachdem mein kurzes Glück so jäh 
geendet, können Sie ermessen, auch ohne daß ich das Un- 
fassbare in Worte zu fassen versuche. Ich lebe nun so für 
mich hin. Mein Knabe ist mir alles. Im übrigen habe ich 
mit dem Leben selber abgeschlossen«. Damals konnte ihn 
die Thatsache nicht trösten, daß seine zu Beginn des Jahres 

1882 erschienene Ausgabe der Gedichte Hallers nebst der 
Biographie, die er eine Einleitung nannte, allgemeine An- 
erkennung fand: 21 Recensionen des Buches waren bis zum 
Herbst erschienen, in dem Hirzel durch die Fülle neuer Auf- 
schlüsse über Haller, durch die eingehende Würdigung der 



Chronik. 325 

ganzen Persönlichkeit seinen Namen für immer mit dem des 
gedankentiefen Dichters verbunden hat. Daß er aus bisher 
ganz unbekannten Quellen geschöpft hatte, bezeugte auch 
die Herausgabe (1883) der Tagebücher Hallers, seiner Reisen 
nach Deutschland, Holland und England, die für die Biographie 
so wichtig sind wie für die Kenntniß der Zustände der be- 
suchten Länder. Für seine großen Anstrengungen begehrte 
Hirzel so wenig Lob, daß er auf meine Mittheilung, ich würde 
beide Bücher anzeigen — es geschah im XIIL Bande von 
Schnorrs »Archiv« — die charakteristischen Worte schrieb: 
»Ich hoffe, daß Ihre Recension von den bisher erschienenen 
eine Ausnahme dadurch werde, daß der Verfasser auch auf 
IrrthUmer aufmerksam gemacht werde und aus der Besprechung 
etwas lerne«. Aus Helgoland schrieb er mir 1884, er sei 
gesunder, aber fröhlich zu sein habe er längst verlernt. In 
der Arbeit suchte er Vergessenheit. Er widmete sich eifrig 
seinem Lehrberuf, »ich habe 10 Stunden zu lesen, daher viel 
zu thun« (1885), er gab Salomon Hirzels Verzeichniß einer 
Goethe-Bibliothek mit Nachträgen und Fortsetzung heraus (1884) 
und arbeitete an einer neuen Schrift »Goethes Beziehungen 
zu Zürich und zu Bewohnern der Stadt und Landschaft Zürich«. 
In ihr hat er besonders Goethes Verhältniß zu Barbara 
Schultheß mit innerem Antheil dargestellt, der Goethe in 
brüderlicher Neigung seine Schöpfungen vor anderen anver- 
traute. Als die Schrift 1888 erschien, leuchtete ein hellerer 
Stern über seinem Leben. Eine Freundin seiner Frau, Elisabeth 
Focke, war 1887 seine Gattin geworden und brachte ihm 
wieder Ruhe und Frieden. Sein ganzes Glück suchte und 
fand er bei den Seinen, im engsten Kreise: ein Töchterchen, 
Anneli, wuchs neben seinem Ludwig auf. Auch seine Ge- 
sundheit war gut, nach drei Jahren erst erlitt sie einen schweren 
Stoß. Schaffensfreudig gab er neue Beiträge zu Wieland, dessen 
Verhältniß zur Schweiz und zu Schweizern er schon früher 
behandelt hatte. Sein Buch »Wieland und Martin und Regula 
Künzli« (1891) ist für die ganze Zeitgeschichte bedeutsam: 
nicht bloß Wieland und die Familie Künzli, auch Bodmer, 
der Satiriker Waser, über den Hirzel in der Vierteljahrschrift für 
Literaturgeschichte nachträglich schrieb, und andere ScViweizer 
treten lebendig hervor. Wielands »Geschichte der Gelehrtheit«, 
die er 1891 herausgab, zeigt uns des Dichters ernsthafte 
pädagogische Bemühungen. Hirzels Verdienste um Wieland 
wird keiner besser würdigen als dessen künftiger Biograph 
Seuffert. Auch Leiden lähmten nicht seine Arbeitskraft. So 
lenkte er 1893 auf einen bisher völlig übersehenen Roman 
des 17. Jährhunderts von Gasser aus Schwyz die Aufmerksam- 
keit, und ein Jahr darauf zeichnete er ein sorgsames Bild von 
H. Zschokke, dem damals in Aarau ein Denkmal errichtet 



326 Chronik. 

wurde. Aber die Krankheit ruhte nicht, die Qualen, besonders 
Nachts, wurden immer größer. 

Dennoch that er seine Pflicht weiter, mit Aufbietung aller 
Kräfte. An Bernays, mit dem er, auch wissenschaftlich, intim 
verkehrte, dictirte er Briefe, als ihm das Schreiben zu schwer 
wurde. Am 3. August 1896 begrüßte ich ihn und seine Familie 
in Leissigen am Thunersee. Er litt schwer; ließ aber die 
Athemnoth nach, so war sein Geist frisch, scharf und klar, 
sein Wesen gütig wie sonst. Die Sonne strahlte vom blauen 
Himmel auf den See, und die Berge traten glänzend hervor. 
Wir sprachen von Scherer, der vor 10 Jahren geschieden war; 
ich freute mich seiner Urtheile über neue Erscheinungen der 
Literatur. Beim letzten Abschied ahnte ich nicht, daß die 
Schatten des Todes schon nahten. Unsäglich hat der Gute 
noch in den nächsten 10 Monaten gelitten, die treueste Pflege 
der Gattin war vergeblich. Der Tod kam als Befreier. »Alle 
seine Leiden und Qualen, die bei Lebzeiten auf seinem Ge- 
sicht eingegraben waren, waren augenblicklich wie durch ein 
Wunder verschwunden , und reiner Frieden verklärte sein 
schönes Antlitz«, so schrieb Frau Oberst Keller, die aufopfernde 
Freundin Hirzels, die neben der Gattin bis zuletzt bei ihm 
geweilt. In Bern trauerten alle, die Verständniß für sein Wesen 
hatten. Seine wissenschaftliche Bedeutung wollte Bächtold in 
Zürich darlegen, aber der Tod hinderte ihn daran. Was für 
ein Lehrer Hirzel war, wissen die dankbaren Schüler ; von 
den jüngeren nenne ich nur O. v. Greyerz, R. Ischer, H. Käslin, 
K. Fischer, die unter seiner Leitung literarisch hervorgetreten 
sind. Sicher wird Hirzels Andenken fortleben und vorbildlich, 
nicht zum wenigsten für jüngere Forscher, fortwirken. »Was 
will ich«, schrieb der greise Goethe an Ruckstuhl, »besseres 
erleben, als daß junge geistreiche Männer sich mit mir har- 
monisch heranbilden?« Daniel Jacoby. 




Register zu Band xix. 



I. Personen -Register. 

Die hinter den cursiv gedruckten Namen stehenden Zahlen geben die 

Seiten an, auf denen Abhandlungen oder Mittheikingen des Betreffenden 

gedruckt sind. 



Adamek, Otto 153. 

Adelung 133. 234. 

Aeschylus 188 ff. 197. 

Albini, Kanzler 280. 

Algardi 310. 

Allwina s. Frommann. 

Altenstein, Minister von 109. 

d'Alton 70. 80 fg. 104. 

Ananios 194. 

Apitsch 45. 

Archimedes 225. 

Arends 120 fg. 

Arndt, Anna s. Hirzel, Anna. 

Aristoteles 176. 178. 181. 

Arndt, E. M. 117. 

Arnold, R, F. 312. 

Aubert-Dubayet, General 268. 272. 

274. 285. 
Augustenburg, Herzog von 209. 
d'Azara, D. Nicola 311. 



Baader 181. 
Baco, Rbger 178. 
Baco von Verulam 178. 
Bächtold, J. 326. 
Bankes, Henry 4. 



Batsch 18. 

Baumeister 153. 

Baumgart, Hermann 154. 163. 

Baumgarten 181. 

Bayern,KönigLudwigI. von 80.1 15. 

Bayern, König Maximilian IL von 

266. 
Beauharnais 285. 
Beaupuy 282, 286. 
Becker, Rudolf Zacharias 26. 
Beethoven, L. van 203. 
Beff, Schauspieler 293. 
Begas, Karl 64 ff. 99 ff. 108. Seine 

Frau 100. 
Begas, Eltern und Geschwister d. 

vor, 65 fg. 
Beneke 181. 
Benfey 304. 322. 
Bentham 182. 

Berlichingen, Gottfried von 212. 
Bernays, M. 309. 326. 
Bernini 309 ff. 
Bertuch 14. 17. 
Berzelius 96. 
Beust, Graf 18. 
Bibra 273. 

Biedermann, IV. von 295 fg. 
Biedermann, W. von 98. 100 ff. 

104. 109. 181. 



328 



Personen-Register. 



Biesenrodt, Generallieutenant 276. 

Bismarck 318. 

Blankenburg 135. 

Blou de, General 268. 280. 

Blücher 239. 

Blume, Ludwig, Nekrolog auf 

Blume, Frau, Kinder, Vater des 
vor. 313. 

Blumenstein, Weimarer Jäger 266. 

Boccaccio 134. 166. 

Böcking, E. 105 fg. 108. 

Bode, Hofrath 17. 294. 

Bodmer 325. 

Böhmer, Caroline s. Caroline. 

Böhmer, Georg 283, Seine Frau 283. 

Boisseree, S. 74 fg. 87. 95. 105. 
III fg. 114. 195. 199. 

Boisseree, Frau d. vor. 74. 

Bolte, Johannes 303 — 308. 

Borch, General 276. 

Boriiiskl, Karl 309 — 312. 

Börne, Ludwig 53. 62. 97, 225 
Brief an Goethe 98. 

Borowski, Bischof 294. 

Böttiger, K. A. 10. 17 ff. 195 ff. 

Brandes, Otto 120 — 122. 

Braunschweig,K. Ferdinand, Herzog 
von 285. 

Brockhaussche Verlagsbuchhand- 
lung 26. 

Brucker 167. 170. 

Bruni, Lion. 192. 

Bruno, Giord. 171. 181. 

Buchholz, W. H. S. 14. 17 fg. 

Buhle 178. 

Bulinger, Hauptmann 276. 

Burckhardt, J. 310. 

Burkhard!, C. A. H. 25. 

Büsching 307. 

Butler 116. 



Caffa, Melchior 310. 

Cagliostro 19. 294 fg. 

Calderon 62. 98. 105. 

Campanella 181. 

Canning 64. lOl. 

Cardanus 178. 

Carlyle lOi. 

Caroline (Böhmer, Schlegel, Schel- 

ling) 107. 261. 283. 
Carrey li. 
Casanova 312. 
Castell, Graf von 26. 



Cervantes 134. 

Chodowiecki 128. 130. 

Chuquet 261. 

Clerfayt 285. 

Coburg, Feldmarschall 268. 

Collin 244. 

Comparetti 304. 

Coppenhagen, K. J. 143. 145. 150. 

Cotta 16. 105. 

Coudenhoven, Graf 96. 

Cousin 181 fg. 184. 

Creizenach, Th. 90. 93. 

Creuzer 195 ff. 199. 

Crüger, Johannes 298. 

Curtius, G. 322. 

Custine 261. 267 ff. 283. 285 fg. 



Dalberg 33. 

Dalton s. D'Alton. 

Dante 192. 

Danzel 169 

Darwin 173. 221. 224. 

Dasypodius, Petrus 322. 

Daub 197. 

David, Jean Pierre 73. iio. 112. 

Decaen 277. 286. 

Dechent. Pfarrer 113. 

Deecke 303. 

Delbrück, A. 115. 

Demokrit 178. 

Descartes 169. 

Desvoeux s. Voeux de. 

Detzel 250 fg. 

Deutschland , Kaiserin Augusta 

von 109. 
Deyn, Georg Heinrich von 29. 
Dienemann s. Thienemann. 
Dietrich 312. 
Diez 189. 
Diezmann 27. 32. 
Ditfurth 262. 
Döbereiner 295. 
Domenichino 310. 
Droste-Hülshoff, Annette von 89 fg. 

96. 98. 108 fg. 
Dubayet s. Aubert-Dubayet. 
Dubols 57. 94. 
Dumont 286. 
Dunst, Schauspieler 293, 
Düntzer, Heinrich 87 fg. 93. 95. 

103. 109 fg. 118 fg. 136. 141. 

143 ff. 148. 163. 165. 199. 246. 

303 ff 307. 
Duquesnoy 310. 



Personen-Register. 



329 



Diiyse, Florimond van 306 fg. 
Duyse, Prudens van 307. 



Eberwein 5 1 . 

Eccard, Johann Georg 289 fg. 

Eckermann 13. 42. 100, 103. 105. 

109. 125. 134 fg. 145. 149 fg. 

152. 156. 161. 163. 168 fg. 182 fg. 
Ehrimfeid, T. von 293. 
Ehrmann, Dr. 242. 
Ehrmann, Sohn d. vor. 242. 
Eichhorn 162 fg. 
Einsiedel, Fr. H. von 18. 
Elgin, Lord 3 fg. 9 tf. 
Empedokles 178. 181. 
Enikel 304. 
Epiktet 168. 181. 
Epikur 178. 
Euripides 199. 



Farber 12. 

Fauriei 96. 

Fea 311 fg. 

Fichte 46. 171. 175 fg. 178. 181. 

Ficker, H. 317. 

Fiesole 94. 

Fischer, K. 326. 

Fischer, Kuno 322. 

Flachsman 4. 

Pocke, Elisabeth s. Hirzel, Elisabeth. 

Forster, Georg 261 fg. 

Förster, Ernst 89. 

Förster, Nicolaus 289. 

Fouqui 312. 

Frankreich, Ludwig XVI. von 62, 

seine Familie 62. 
Franzos, K. E. 312. 
Fresenius, August 41. 237. 
Frey tag, G. 315. 
Friediänder, Max 51 fg. 296. 
Fries 181 fg. 

Fritsch, K. W. von 14. 18. 
Frohschammer 45. 
Frommann, Allwina 71. 109. 
Frommann, Fr. J. 95. 102. 263. 
Fuhrmann, Madame 293. 
Funck, Heinrich 294 fg. 



Garve 168. 
Gasser 325. 



Geiger, Ludzuig 53 — 119. 312 

Gensike, Schauspielprincipal 293. 

Gerstenbergk 70. 103 fg. in. 

Gervinus 140. 

Ghirlandajo 250. 260. 

Giesebrecht, Ludwig 145. 

Giusti 323. 

Gödeke 106. 297. 

Goldfuss, G. A. 81. 83. 116. 

Gore 231 fg. 

Göschel, Carl Friedrich 144 fg. 

Gotha, Herzog von 91. 

Gotha, Prinz August von 18. 

Goethe, Alma v. 60. 63 fg. 69. 85 fg. 

99. 102. 
Goethe, August v. n %• 41. 53 ^g- 

56. 64 69. 83. 90 iL 1x6. 244. 
Goethe, Christiane von 270 fg. 
Goethe, Cornelia 63. 99. 322. 
Goethe, Johann Kaspar 8. 
Goethe, Öttilie von 50. 53. 55 ff. 

60 ff. 67. 71. 73. 75. 81. 85 ff. 

90. 94 ff. 98. IOC fg. 119. 
Goethe, Walther von 64. 85 fg. 112. 
Goethe, Wolfgang von 55 fg. 63 fg. 

85 ff. 92. 112. 
Göttling 322. 
Gottsched 331. 
Götze, Paul 20. 
Götzinger 305. 
Gouffier 9. 

Goulat, Frau in. 118. 
Gregoire 268. 
Greyerz, O. von 326. 
Griesbach 18. 
Grillparzer 317. 

Grimm, Brüder 232 fg. 237. 304. 
Grimm, H. 128. 324. 
Grimm, Jakob 316. 
Grisebach, E. 87 fg. 99. 104. 
Grüner, F. 294. 
Günderode, Karoline von 114. 
Gurit, E. 18. 
Gutzkow 319. 



Hackert, Philipp 131. 
Hagedorn 203. 232. 
Hagen, August 83 ff. 91. 
Haller, Albrecht v. 203. 221. 321. 

324 fg. 
Harnack, Otto 3 — 13. 125 — 132. 
Hartmann von der Aue 315. 
Haupt, L. 293. 
Haupt, M. 314. 



330 



Personen-Register. 



Haxthausen, Werner von 58. 95 fg. 

Haym, R. 43—48. 

Haym, R. 38. 42. 

Hegel 52. 64. 66 fg. 100. 1766". 

181 ff. 
Hehn, Victor 318. 
Heinroth 247. 
Heister, Oberst 280. 282. 
Helden, General 267. 
Hellen, E. v. d. 19. 
Hennigen, Christian 290 fg. 
Hense), Sebastian 51. 
Henzi, Samuel 324. 
Herbst, 19. 199. 
Herder, August 121. 
Herder, Caroline 121. 
Herder, J. G. von 14. 17. 25. 121. 

169 fg. 175 fg. 231. 239. 243 fg. 

264. 273. 275. 289 ff. 305 fg. 
Hermann, Gottfried 188 fg. 195 fg. 

199. 
Herwegh 322. 
Hess 236. 

Hessen, Landgraf Karl von 266. 512. 
Hettner 92. 
Heyse, Paul 323. 
Hipponax 194. 

Hirzel, Anna, geb. Arndt 324. 
Hirzel, Elisabeth geb, Pocke 321 fg. 

325 %• 
Hirzel, Heinrich 321. 323. 
Hirzel, Ludwig, Nekrolog auf 

320-326, seine Kinder 524 fg. 
Hirzel, Schwester des vor. 322. 
Hirzel, Ludwig der ältere 321. 

Seine Frau 321 fg. und seine 

Brüder 321. 
Hirzel, Salomon 114. 321 ff. 325. 
Hobbes 181. 
Hofer 318. 

Hoffmann, Doctor 61. 
Hoffmann, Paul 289 — 293. 
Hoffmann, Professor 279. 283. 286. 
Hoffmeister 305. 
Hoffory, Julius, Nekrolog auf 

318 — 320. 
Hohenfeld, Baron von 230. 
Hohenlohe, Stabsoffizier 276. 
Holberg 319. 
Holland 168. 

Holtei 103. 107. 109 fg. 115. 117. 
Homer 9 fg. 14 fg. 17. 19. 127, 

158. 195. 250. 311. 315. 
Höninghaus 6^. 102 fg. 
Hoock 63. 
Horaz 72. 



Horner, Emil 293. 
Houchard 285. 
Huber, Therese 103 fg. 
Hufeland, Chr. W. 17 fg. 27. 32. 
Hüffer, H. 87 ff. 98. iio. 
Hufnagel 113. 
Hüllmann, K. D. 78. 115. 
Hüllmann, Frau des vor. 77 fg. 115. 
Humboldt, Alexander von 175. 
Humboldt, Caroline v. i89ff. 198 fg. 

Brief von Welcker an — 199 ff. 
Humboldt, Wilhelm von 9. 14 fg. 

18. 44- 157%. 175%- 177- 189 fg. 

198 fg. 201. 
Hume 45. 
Huysum 126. 



Jacob, Fräulein von 95. 

Jacobs 199. 

Jacohy, Daniel 320 — 526. 

Jacoby, Daniel 92. 314. 

Jahn, "O. 17 fg. 25. 29. 

Jahn 304 fg. 

Jakobi, Friedrich 169. 175. I78fg. 

181. 264. 266. 283. 
Ibsen 319. 

Jean Paul (Richter) 76. 112. 
Jenny s. Pappenheim, Jenny von. 
Immermann 103. 
John, Johann 16. 48 fg. 
Joos, Amaat 305 fg. 
Irving 319. 
Ischer, R. 326. 
Itzenplitz 271. 
Just, Kreisamtmann 41. 



Kalckreuth, Graf 266. 268. 272 fg. 

276. 285. 
Kanne 196. 
Kant 26 fg. 30. 225 fg. Goethe an 

die Großfürstin Maria Paulowna 

über Kants Philosophie 34 — 48, 

Goethe und 167—185. 
Käslin, H. 326. 
Kästner, Joh. Fr. 17 fg. 
Kayserling, Major 282. 
Kehrbach 171. 
Keil, Brüder 26. 
Kekule von Stradonit\, Reinhard 

186—201. 
Keller, Arnold 324. 
Keller, Frau des vor. 324. 326. 



Personen-Register. 



331 



Keller, Gottfried 236. 321 fg. 

Kästner s. Kästner. 

Kestner, A. 190. 

Kilian, Engen 293 fg. 

Kirms 265. 

Klaar, Alfred 202—228. 

Klasing, Musikdirector 113. 

Kleber, General 277 flf. 

Kleefeld, Dr. 109. 

Kleefeld, Julie 96. 

Kleist, General 276. 285. 

Kleist, Heinrich von 245. 

Klinger 239. 

Klunk, Archivrath 96. 

Knebel 17. 24. 121. 178 fg. 183. 

199. 281. 
Köchü 322. 
Köhler, Reinhold 304. 
Kolbe 103. 
König, Heinrich 262. 
König, R. 324. 
Köpke, R. 314. 
Koppen 181. 
Kradolfer 322. 
Kraus[e], G. M. 14. 18. 
Kraus, Victor von 314. 
Krause 181. 
Kräuter 34. 39. 
Kretschman L. von 90. 
Kuhn 304. 322. 
Kunisch, J. G. 307. 
Künzli, Martin 325. 
Künzli, Regula 325. 
Kurz. H. 323. 



Lahr v. d., Oberst 276. 

Lambert 181. 

Landolt, Salomon 256. 

Landskron L. 314. 

La Roche, Sophie von 230. 240. 

Laukhardt 270. 273. 286. 

Lavater 245. 294 fg. 321. 

La Viere, Major 273. 

Lawrence 64. 100 fg. 

Lawrence, Bruder des vor. 100. 

Lefevre 280. 

Le Gros 310. 

Lehmann, A. 141. 145. 

Leibnitz 210. 

Leist 102. 

Lenz (Jena) 18. 

LeonarJto da Vinci 6. 13. 203.231. 

— Abendmahl 248 — 260 
Lessing, G. E. 169. 183. i9i.2iofg. 

239. 319. 



Leßmann, Daniel 67. loi. 

Leuthold 324. 

Lewes 316. 

Lichtenberger 303. 

Lichtenheld, Ad. 313-317. 

Lichtenheld, Ad. 138. 

Lindner, Albert 151. 

Lindt, Generallieutenant 276. 

Lionardo s. Leonardo. 

Lips, J. H. 121. 

Loder 24. 

Loos 177. 

Lope de Vega 99. 

Loeper, G. von 324. 

Lopum, Stabsoffizier 276. 

Lucas von Leyden 85. 118. 

Lucchesini, Marquis 280. 

Lüders, Otto 199. 

Ludwig, Herzog (Ludovico Moro) 

243. 
Lukrez 178. 
Lutz, Dorfschreiber 272. 



Magnus, Cesare 249. 

Maimon 181. 

Mainzer 45. 

Malebranche 181. 

Mals(z)burg, Ernst F. G. O. von 

62. 98 fg. 
Mämpel, J. C. 57-0 94- 
Manstein, General 276. 
Mantegna 94. 116. 
Manzoni 67. loi fg. 
Marigny 271 fg. 
Martersteig 103. 
Martin, Ernst 297—303. 
Massow, Generalstabsmajor 282. 
Matthias 153. 
Mecklenburg-Schwerin, Prinzessin 

von, s. Preussen, Königin Luise. 
Meisner, H. 117. 
Mendel 151. 
Mendelssohn-Bartholdy, Abraham, 

Briefe von Goethe an 48 fg. 

Erläuterungen dazu 51 fg. 
Mendelssohn - Bartholdy, Familie. 

Drei Briefe Goethes an die 48 — 5 1 . 

Erläuterungen 5 1 fg. 
Mendelssohn-Bartholdy, Felix 48 fg. 

61. 97. 116. Brief von Goethe 

an — 49 flf. Erläuterungen 5 1 fg. 
Mendelssohn, Karl 5 1 fg. 
Mendelssohn-Bartholdy, Lea. Brief 

von Goethe an 49 ff. Erläute- 
rungen dazu 5 1 fg. 



332 



Personen-Register. 



Mendelssohn, Moses i68 fg. 

Mengs 8. 3 1 1 fg. 

Mercier 309. 

Merlin de Thionviile 268. 272. 274. 

279 fg. 282. 284 fg. 
Hertens, Sybille 69 ff. 78. 89. 103. 

108 ff. 115 fg. 118. 
Mertens, Mann d. vor. 108 ff. 
Metternich, Professor 283. 
Metthing, Frau von, s. Nees von 

Esenbeck, Frau. 
Meusnier, General 268. 274. 
Meyer, A. G. 89. 102. 
Meyer, Heinrich 10 ff. 18. 100. 108. 

186. 191. 194 fg. 197. 263. 
Meyer, K. 322. 
Meyer, Richard M. 318-320. 
Meyer, Richard M. 230. 240. 
Michelangelo 203. 
Mieding 234 fg. 
Minor 108. 

Minucci, General 276 fg. 
Minutoli 286. 
Moliere 105. 319. 
Mont Pol, de 306. 
Montant 285. 
Montanus, Martinus 297. 
Morghen, Raphael 249. 252. 254. 

257. 
Moritz, K. Ph. 19. 
Motz, H. 321 ff. 
Mozart 203. 
Mucke, Ernst 290. 
Müllenhoff, K. 3 14 fg. 320. 
Müller, Kanzler von 16. 88. 99. 

104. III. 113. 168. 182. 
Müller, Wilhelm 61. 97. 
Münchow, K. D. von 70. 80. 104. 

III. 



Nagler, von 95 fg. 
Näke, A. Fr. 80. 115. 
Napoleon I. 129. 225. 262. 
Nees von Esenbeck 77 ff. 83. 102. 

113 ff. Seine erste Frau 77. 114. 
Nees von Esenbeck, Lisette, geb. 

von Metthin, 2. Frau des vor. 

77 fg- 113 fg- 
Netteibeck 94. 
Neuwinger 268. 
Niebuhr 82 ff. 117 fg. 
Niebuhr, Frau des vor. 82. 117. 
Niethammer 176. 178. 182. 
Nissen 117. 
Noel, de 73. iio fg. 



Odenthal 78. 115. 

d'Oggione, Marco 254. 

Oken 181. 

Oldenburg 99. 

Olavarriay Huarte, Eugenio de 307. 

Osann, Fr. 90. 95 fg. 

Oeser 309. 

Oeser, Friederike 239. 

Oesterreich, Joseph II. Kaiser von 

317. 
Oesterreich, Erzherzog Karl von 

284. 
Otto, Christian 112. 
Overbeck 12. 
d'Oyr^, General 268. 272. 285. 



PacioH Luca 249. 

Pappenheim, Jenny von 64. 99. 109. 

Patje 263. 

Paulus 181. 

Pausanias 193. 

Pfeilschifter 98, 

Phidias 10. 13. 190. 

Plato 178. 181. 192. 

Plessing 245. 

Plinius 162. 

Plotin 171. 178. 

Pniawer, Otto 229 — 247. 

Pogwisch, Ottilie von s. Goethe. 

Pogwisch, Ulrike von 48. 67. 94. 

PoHzo, C. 32. 

Pollak, Valentin 261 — 286. 

Polygnot 188. 193. 

Potter 82. 117. 

Praxiteles 117. 

Preller 40. 

Preußen, Friedrich IL, König von 

128 fg. 
Preußen, Friedrich Wilhelm II., 

König von 266. 269. 275 ff. 280. 

284 ff. 
Preußen, Königin Luise von und 

ihre Schwester 271. 
Preußen, Prinz Louis Ferdinand von 

272 fg. 276. 
Proklus 181. 
Pückler-Muskau 89. 
Puget, Pierre 310. 312. 
Pyrrho 178. 
Pythagoras 178. 



Raffael 310. 
Rambach J. J. 117. 
Ranke, L. 314. 



Personen-Register. 



333 



Rappaport, Moritz 312. 
Rauch 61. 97. 

Rauch, Tochter des vor. 61. 97. 
Reiche], Factor 134. 
Reifferscheid 95. 

Reinhard, Franz Volkmar 41 ff. 
Kurze Vorstellung der Kantischen 
Philosophie 35 — 38. 
Reinhold 170. 181. 
Rembrandt 310. 

Reuß, Graf Heinrich XXV. 296. 
Reuß, Sophia Henriette Dorothea 

Comteß 296. 
Reuter, J., Grenadier 286. 
Rewbell 268. 284. 
Richter, Hans 314. 

Richter s. Jean Paul. 

Ridel, Brief von Goethe an — 120. 
Erläuterungen dazu 120 fg. 

Riegel 128. 

Riem 109. 

Riemer 10. 12. 52. 112. 187. 194. 
197. 235. 263. 

Rießel, Gastwirth 272. 

Rochholz, E. L. 323. 

Rochlitz 312. 

Roethe 163. 

Rousseau, J. J. 168. 240 fg. 

Rubens, P. P. 13. 309 fg. 312. 

Rüchel, Oberstlieutenant 267. 269. 
280. 282. 

Ruckstuhl, Karl 323. 326. 

Ruland, Carl 87. 99 fg. iio. 116. 
171. 

Rusconi 310. 



Sachs, M. 109. 
Salzmann 239. 
Sander 26. 

Sappho 191 ff. 197 ff. 
Sarasin, Jakob 295. 
Sarasin, Frau des vor. 295. 
Sartorius von Wahershausen 191. 
Schaab, General 272. 284. 
Schaaff hausen 70. 
Schaber 286. 
Schadow 103. 128 fg. 
Schaumann, Professor 187. 198. 
Schellii^g 46. 176 ff. 181 fg. 
Schemann L. 88. 95. 
Schembera, K. 314. 
Scherer, Wilhelm 314 fg- 3^8 ff. 
322. 324. 326. 



Schiller, Charlotte von 16. 

Schiller, Friedrich von 12. 43. 50. 
52. 76. 80. 107 fg. 142 fg. 145- 
156 ff. 165. 198. 222. 241. 293. 
3 19. 323. Briefwechsel mit Goethe 

75 ff. 105 fg. 112. 156 ff. 183. 
Die Freitagsgesellschaft, eine Er- 
läuterung zuniBriefwechsel mit — 
14—19. Einfluß auf Goethe in 
Bezug auf Kantische Philosophie 
1731t 182 ff. — und Goethe 
202 — 228. 

Schlegel, A. W. von 70. 73 lg. 

76 fg. 79 ff. 82. 104 ff. 115 ff. 134- 
203. 

Schlegel, Caroline, s. Caroline. 
Schlegel, Dorothea von 105. 
Schlegel, Fr. von 79. 107. 133 fg. 

165 fg. 
Schleicher, August 322. 
Schienther, P. 319. 
Schlosser, Chr. 189. 
Schlosser, J. G. 175. 
Schlüter 109. 
Schmaler, J. E. 293. 
Schmeller 100. 
Schmidt, Adolph 115. 
Schmidt, Chr. Heinrich 304. 
Schmidt, Erich 186. 244. 296. 
Schnaubert 27. 
Schnauss, Geh. Raph. 25. 
Schneege 169. 
Schnorr v. Carolsfeld 325. 

Schön, Martin 104. 118. 

Schönbach, A. E. 144- 

Schönfeld, Feldmarschalllieutenant 
269 fg. 273. 277. 

Schönkopf, Käthchen 240. 

Schopenhauer, Adele 52. 179. Drei- 
zehn Briefe Goethes an — nebst 
Antworten der Adele 53—87. 
Erläuterungen dazu 87—119. 

Schopenhauer, Arthur 59. 87 ff. 95. 
179 ff. 

Schopenhauer, Johanna 56 fg. 59. 
61 fg. 67 fg. 70 ff 78 ff. 85 ff. 
91. 93 fg. 97. 103. 109 ff'- 179- 

Schopenhauer, Mann der vor. 88. 

Schreiber, Dorfschulze 272 fg. 

Schreyvogel, J. 294. 

Schröter, Corona 232. 

Schubarth, Ernst 56. 92. 

Schücking, Levin 89 fg. 96. 108. 

Schüddekopf, Carl 14-34. 296 fg. 

Schulthess, Barbara 325. 

Schultz, Alwin 219. 



334 



Personen-Register. 



Schulz, Ober-Geh. Reg.-Rath, s. 
Schultz. 

Schultz, Chr. F. 87. 118 fg. 184. 

Schütz 27. 242, 

Schwartz 304. 

Schweden, Christine, Königin von 
192. 

Schweigger 174. 179. 

Schweizer-Sidler, H. 322. 

Schwenck 189. 

Seckendorf 150. 

Secundus, Johannes 316. 

Seidel 122. 

Seidler, Luise 1 1 fg. 99. 

Serassi, Abbate 241. 

Seiiffert, Bernhard 153 — 166. 

Seufi'ert, Bernhard 325. 

Shakespeare 15. 82. 190. 

Sierke 294. 

Silbermann 239 fg. 

Simon, Deputirter der vollziehen- 
den Gewalt 268. 

Sitte, Camillo 314. Seine Frau 514. 

Sokrates 168. 

Sömmering 283. 

Sophokles 198. 200. 

Soubrany 285. 

Sparre, Ebba 192. 

Spinoza 44 fg. 48. 169. 173. 179. 
181. 

Springer 259. 

Stackeiberg, Baron 13. 

Stael, Frau von 77. 

Staff 94. 

Steck, Prof. 324. 

Steffens 87. 94. 178. 182. 

Stein, Charlotte von 121. 169. 297. 
— Ihre Kinder 18. 

Stein, Fritz von 34. 

Steiner, R. 171 fg. 183. 

Steinhausen, G- 29. 32. 

Stephani, Heinrich 26 ff. 32 ff. 

St. Goar, L. 117. 

Stiedenroth 182. 

Stieler 100. 

Stolberg, Geschwister 316. 

Strauch 304. 

Strauss, Hofprediger 41. 

Strehlke 88. 99. 104. 114. 

Strzygowsky, J. 248 ff. 

Sucher, Josef 314. 

Sulzer 135. 168. 

Siiphan, Bernhard 34 — 43. 44. 74. 

Suphan, B. 11. 16. 20 ff. 25. 87 fg. 
112. 114. 169. 186. 289. 

Swedenborg 182. 



Tacitus 310. 

Tasso, Torquato 241. 

Teirlinck, J. 306. 

Telesius 178. 

Thienemann, Fr. A. L. 295 fg. 

Tieck, Friedrich 82. 107. 

Tieck, Ludwig 71. 74. 105. 107 ff. 

115. 117. 131. 134. 165. 203. 
Tischbein, W. 94. 122. 
Tomaschek, K. 314. 316. 
Trebra 18. 
Turpin, Ingenieur-Offizier 277. 



Uhlig 323. 
Ulrich 33. 



Vaihinger 41. 167. 

Varnhagen von Ense iij". 

Veit, Moritz 109. 

Vernaleken 304. 

Vilmar 315. 

Vinci, Leonardo da s. Leonardo. 

Vischer, F. 322. 

Vitry, Aubert de 312. 

Voeux, Charles de 61. 97. 

Vogel, Arzt 24. 62 fg. 

Vogel, Canzleirath 11. 

Voigt, C. G. von 14. 17 fg. 25. 27. 

32. 26^ fg. 271 fg. 275. 281. 283. 
Voigt, Joh. K. W. 14. 18. 
Vollmer 105. 
Voltaire 168. 
Vorländer, Karl 167 — 185. 
Vorländer, Karl 35 fg. 38. 41 fg. 48. 
Voß, J. H. 15. 17. 19. 72. 105. 
Voß, H. Sohn des vor. 198 fg. 
Voß, Rittmeister 273 fg. 
Vulpius, Christiane s. Goethe, 

Christiane. 



Wackenroder 31. 

Wachenheim, Oberst 276. 

Wagner, H. L. 309. 

Wagner, J. C. 286. 

Wagner, Richard 245. 314 fg. 317. 

322. 
Wähle, Julius 48-52. 
Wähle, Julius 41 fg. 186, 
Waldeck, Fürst von 8. 
Wallis, Reichsgraf 261. 



Goethe-Register. 



335 



Wallraff 70. 

Walt(h)er, Ph. Fr. von 80. 115. 
Wartensleben, Graf 261. 278. 284. 
W'aser 325. 
Wattenbach, W. 312. 
Weber, Eduard 81. 
Weber, Professor 135. 
Weimar, Anna Amalia, Herzogin 
von 17. 281. 

— Carl August, Grossherzog von 
IG. 15. ifig. 27 ff. 70. 91. 103. 
121. 165. 255. 240 fg. 264 fg. 
270. 276. 281. 295 fg. 

— Carl Friedrich, örossherzog von 
120 fg. 

— Luise, Grossherzogin von 165. 

— Maria Paulowna, Grossherzogin 
von Goethe an die — über Kants 
Philosophie 34—40. Erläute- 
rungen dazu 40—48. 

Weiisäckcr, Paul 248 - 260. 
Welcker, F. G. Goethe und — 

186 — 201. Brief an Frau von 

Humboldt von — 199 ff. 
Wendt 106. 108. 
Wenzel 97. 
West 4. 

Wiedenbruck 281. 
Wieland 14. 17. 134. 170. 178. 

233. 525. 
Wilamowitz-MöUendorff, U. von 

199. 



Willemer, Marianne von 61. 90. 

93- 95- 97- ^ 
Willemer, von 61. 97. 
Willemer, Pfarrer 113. 
Wilmanns 236. 
Winckelmann 8. 118. 183. 195 fg. 

309 ff. 
Witkowski, G. 89. 92. 9$. 98. 102. 

109. 309 ff. 
Witzschel 303. 
Wolf, Chr. 168. 
Wolf, F. A. 178. 192. 
Wolff, O. L. B. 7o(?). 103. 
Wolff, P. A. 70(?). 103. 
Wolframsdorff, General 276. 
Wolzogen, Caroline von 16. 
Worthley, Sir Richard 9. 
Wurmser 268. 285. 
Wustmann, G. 303. 



Zanoli 102. 

Zelter, Doris 100. 

Zelter 48 ff. 61. 64 fg. 90. 97, 99 ig. 

108. 118. 184. 
Zeno 178. 

Ziegesar, A. Fr. C. von 18. 
Zieten 128. 
Zingerle 305. 
Zoega 191. 194 ff. 199. 
Zschokke 325. 



II. Register über Goethes Werke und Leben. 



I. Biographische Schriften. 

Annalen 16. 18. 29. 42. 91. 98. 

loi. 104. 113. 110. 158. 174 fg. 

178. 180. 239. 262, 
Belagerung von Mainz 231. Zur — 

261 -286. 

Biographische Einzelheiten 23 1 . 243 . 
Campao;ne in Frankreich 238. 244fg. 

262 ff. 

Dichtung und Wahrheit 167 ig. 231. 

253. 242. 262. 309. 
Italienische Reise 78. 80. 102. 108. 

231. ^23. 
Tagebücher 10 ff. 15 fg. 34. 39-41 rg- 

51. 53. 89. 91 ff. 98 ff. 117. 135. 

156. 162 fg. 177. 180 ff. 199. 

262 ff. 267. 270 fg. 274 fg. Be- 



richtigung zum 9. Bande von 
Goethes Tagebüchern (Diene- 
mann— Thienemann) 295 fg. 
Tag- und Jahreshefte s. Annalen. 



2. Briefe an: 

? und Erläuterungen dazu 122. 

Mendelssohn - Bartholdy Familie, 
(Abraham, Lea, Felix) 48 ff. Er- 
läuterungen dazu 5 I ff. 

Ridel 120. Erläuterungen dazu 
120 fg. 

Schopenhauer, Adele 5 5 ff. 63 ff. 
68 ff. 71. 73 fg. 78 ff. 81. 82 ff. 
Erläuterungen dazu 87 — 119. 



336 



Goethe-Register. 



Weimar, Maria Paulowna, Groß- 
herzogin von Goethe an die 
Großfürstin Maria Paulowna über 
Kants Philosophie 34-40. Er- 
läuterungen dazu 40-48. 

Schillers Briefwechsel mit Goethe 
12 fg. 75 fl". 105 fg. 112. 156 ff. 
183.222. Die Freitagsgesellschaft 
eine Erläuterung zum 14 - 19. 

Wertherbriefe 190. 



3. Briefe an Goethe von: 

Börne, Ludwig 98. 
Schopenhauer, Adele 5 3 ff. 5 7 ff. 

65 ff. 70 ff. 74 ff. 82. Erläuterungen 

dazu 87 — 119. 
Stein, Fritz von 34. 
Welcker F. G. 187 ff. 
Schiller, Briefwechsel mit 12 fg. 

75 fg. 105 fg. 112. I56ff. 183. 

222. Die Freitagsgesellschaft eine 

Erläuterung zum — 14—19. 



4. Dramen, 

Berliner Prolog 91. 237 fg. 

Bürgergeneral 244. 

Claudine von Villabella. 233. 

Clavigo 213. 

Egmont 155. 205. 213. 215. 223 fg. 
316. 

Elpenor 237. 

Erwin und Elmire 231. 

Faust 112. 145. 155. 161. 190. 199. 
205.2i3.2i6ff. 222.224. 227. 237. 
240 ff. 316. 319. ErsteWalpurgis- 
nacht,Mendelssohns Composition 
50. 52. 

Fischerin , der Schlusschor von 
Goethes — 289-293. — Erl- 
könig (Gedicht darin) 305 ff. 

Geschwister, die 319. 

Gottfriedens von Berlichingen, Ge- 
schichte 231. 

Götz von Berlichingen 212. 239. 
242. — in Wien 293 fg. — Der 
böse Geist im Sacke 303 ff. 

Grosskophtha 244. 

Iphigenieauf Tauris 72. 205. 215 fg. 
225. 

Lila 319. 

Maskenzug 1818, 91. 

Natürliche Tochter, die 161. 243. 

Paläophron und Neoterpe 91. 



Pandora 190. 194 fg. 235. 237. 

Prometheus 213. 

Stella 213. 319. 

Tasso 62. 97. 106. 165. 205. 215. 

240 fg. 
Was wir bringen 235. 



5. Episches. 

Hermann und Dorothea 104. 106. 

115. 157. 159. 161 fg. 165. 205. 

215. 
Reinecke Fuchs 235. 



6. Erzählendes. 

Märchen 242. 

Novelle, Goethes — 133 — 166. 

Ungleiche Nachbarsbrüder 134. 

Unterhaltung deutscher Ausge- 
wanderter 134. 165. 236. 239. 

Wahlverwandtschaften 134. 190. 
23iff. 2 3 7fT. Welcker über — i99ff. 

Wilhelm Meister 27 5. Lehrjahre 241. 
Wanderjahre 75. 92 fg. 112. 134. 
146. 163. 165. 242. 263. Neue 
Melusine 235 ff. 

Werthers Leiden 155. 190. 198. 
200. 213. 235. 240. 



7. Gedichte. 

Alles geben Götter, die Unend- 
lichen 316. 

Als Gott die Welt erschaffen etc. 
296. 

Am Achlundzwanzigsten August 
1826 107. 

Bakis, Weissagungen des 154. 

Berichtigt s. Wiederherstellung. 

Dass ich mich soll schmiegen, Vor- 
lage zu — 296 fg. 

Den 25. Januar 1829 89. 

Elegieen, römische 106. 

Epilog auf Schillers Glocke 227. 
238. 

Epiphanias 117. 

Erlkönig, zum — 305 ff. 

Euphrosyne 115. 

Geburtstagslied, das erneuerte 76. 
112. 

Gegenseitig 238. 

Göttliche, das 225. 

Haidenröslein 317. 



Goethe-Register. 



337 



Höheres und Höchstes 246. 

Höllenfahrt, Christi 316. 

Ilmenau 316. 

In eine Sammlung künstlich aus- 
geschnittener Landschaften 89. 

Ins Innere der Natur etc. 172. 221. 

Invcctiven 109. 

Kölner Mummenschanz, der 102. 

Köre 191. 199. 

Legende, Quelle zu — (?) 507 fg. 

Meine Göttin 44. 

Miedings Tod, auf 232. 234. 242. 

Philine 233, 

Sieh das gebändigte Volk etc. 
(Distichon) 177. 

Sonette 253. 

Tabulae votivae 317. 

Todtentanz 305. 

Urvvorte, Orphisch 191. 199. 

Venetianische Epigramme 238. 

Wanderer, der 8. 

Welche Verehrung verdient etc. 223. 

Westöstlicher Divan 92. 112. 317. 

Wiederherstellung 93. 

Wie geht es denn im Himmel zu etc. 
2q6. 

Willkommen und Abschied 316. 

Xenien 175. 223. 

Zahme Xenien 129. 

Zueignung 316. 



Blume, Ludwig, über seine Aus- 
gabe der Gedichte 3 16 fg. 



8. Kunst. 

Charon 89. 

Elgin Marbles 3 fg. Erläuterungen 
dazu 8—13. 

Falconet, nach und über Falconet. 
Goethe und — 309 — 312. 

Griechische Sculptur , drei Auf- 
zeichnungen Goethes über — 
3—8. Erläuterungen dazu 8 — 13. 

Hackert, Philipp 231. 

Kunst und AUerthum 10. 13. 16. 
91 fg. 95. 109. 

Leonardo da Vincis Abendmahl, 
Abhandlung über 13. 231. 243. 
248—260. 

Maximen ^und Reflexionen über 
Kunst, zu Goethes 125 — 132. 

Phigalisches Relief 5 ff. Erläute- 
rungen dazu 8— 13. 

GOETHK-JAHBBUCH XIX. 



Polygnots Gemälde in der Lesche 

zu Delphi 193 fg. 
Propyläen 9. 13. 128. 
Rameaus Neffe 235. 
Sammler, der und die Seinigen 

45. 224. 
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit 

in der Kunst, über 13. 
Winckelmann und sein Jahrhundert 

189. 193 fg. 



9. Naturwissenschaftliches. 

Bildung undUmbildung organischer 
Naturen 1 74 fg. 

Farbenlehre 118. 193 fg. 

Farbenlehre, Geschichte der 46 fg. 
178. 

Geschichte meines botanischen Stu- 
diums 180. 

Glückliches Ereigniß 180. 

Metamorphose der Pflanzen 114. 
180. 222. Wirkung dieser Schrift 
etc. 114. 

Naturwissenschaft, zur, im All- 
gemeinen 180. 

Naturwissenschaftliche Schriften 96. 
114. 

Zwischenknochen , über den 240. 



Metamorphose der Pflanzen (Idee) 
170. 174. 



10. Sonstige prosaische 
Schriften. 

Anschauende Urtheilskraft 43. 180. 

Aphorismen, Freunden und Geg- 
nern zur Beherzigung 127 ff. 

Bedenken und Ergebung 180. 

Bedeutende Förderung durch ein 
einziges geistreiches Wort 247. 

Bildungstrieb 180. 

Cagliostros Stammbaum 19. 

Duelle, Ein Gutachten Goethes über 
Abschaffung der — an der Uni- 
versität Jena 20 — 24. Erläute- 
rungen dazu 24 — 34. 

Einwirkung der neueren Philosophie 
170. 180. 

Freitagsgesellschaft, die, eine Er- 
läuterung zum Briefwechsel mit 
Schiller 14 fg. Erläuterungen da- 
zu 15 — 19. 



338 



Goethe-Register. 



Inhaltsverzeichniß der Kritik der 

reinen Vernunft 171. 
Kants Philosophie 34 — 48. 
Literatur, Aufsätze zur 92. 95. 
Maximen und Reflexionen über 

Kunst, zu Goethes 125 — 132. 
Schütz, Irrthümer und Wahrheiten, 

Besprechung von 242. 
Spinoza, Abhandlung über 44. 
Sprüche in Prosa 144 fg. 
Thätigkeit, über die verschiedenen 

Zweige der hiesigen 19. 
Wiederliolte Spiegelungen 115, 



II. Biographische Einzel- 
heiten, Lebensbeziehungen 
(persönl. u. Htterarische) zu : 

Freitagsgesellschaft, die 14 — 19. 
Kant, Goethe und 167—185. 
Schiller und Goethe 202—228. 
Welcker, Goethe und — 186 — 201. 



12. Verschiedenes. 

Archiv in Weimar, Mittheilungen 

aus dem 3 — 119. 
Ausgabe letzter Hand 108. 
Blume, Ludwig, Nekrolog auf 

313-317- 
Erdkühlein, das Märchen vom — 

in Goethes Briefen 297 — 305. 
Hirzel, Ludwig, Nekrolog auf 

320—326. 
Hoffory, Julius, Nekrolog auf 318 

—32b. 
Nachträge und Berichtigungen 312. 
Spänen, zu den 296 fg. 
Tiefurter Journal 150. Zum Ersten 

Stück des — 294 fg. 
Volkssage, Goethische Stoffe in 

der 303 — 308. 
Wien, Goethes Tod und — Berich- 
tigung zu dem Aufsatze 312. 
Wortgebrauch, zu Goethes 229 bis 

247. 




Goethes Pandora 



Von 



Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 



Festvortrag 

GEHALTEN IK DER I3. GENERALVERSAMMLUNG DER GoETHE-GeSELLSCHAFj 

IN Weimar am 4. juni 1898. 




Goethes Pandora. 




s ist gewiß ein Wagniß, an dieser Stelle und in 
kurzbemessener Zeit Goethes Pandora erläutern zu 
wollen, ein schweres, wenig gekanntes Gedicht, 
ein Bruchstück, dessen Ergänzung aus einem sehr wort- 
kargen Schema der Fortsetzung' bisher nicht gelungen ist, 
die letzte und tiefste Dichtung seines streng classicistischen 
Stiles, schon nicht mehr vollendet, weil der Dichter, mit 
dieser Phase seiner Entwickluno; innerlich fertig war.* Recht 
viele Leser Pandoras werden m ihrem Verständnisse kaum 
weiter gekommen sein als Frau von Stein, die Goethen ge- 
stand, daß sie nur einzelne Theile genießbar gefunden 
hatte. Damit hat der Liebenswürdige sich einverstanden 
erklärt und zugegeben, »daß das Ganze auf den Leser nur 
gleichsam geheimnißvoll wirken könne«. Aber wenn er er- 
klärt, daß »der Künstler, dem es freilich um die Form und 

' Ich habe die Handschrift auf dem Archiv benutzen dürfen und 
werde das Nothwendigste an seiner Stelle citiren. Weiteres Material 
ist nicht vorhanden. 

' Vgl. Burdach in seiner schönen Rede ijber den westöstlichen 
Divan, Jahrbuch 1896. Für den, der die Tagebücher zu lesen versteht, 
wird es deutlich, wie Goethe es fertig bringt, gleichzeitig nicht nur an 
verschiedenen Webstühlen zu arbeiten, sondern auch fast alle einmal an- 

f;;esponnenen Fäden fortzuspinnen und immerfort neuen Flachs aufzu- 
egen. Man lernt durch diese Documente der Selbstcontrolle, wie es 
einer immer mit sich selbst einigen Persönlichkeit möglich ward, die 
Stile verschiedener Perioden eine gute Weile neben einander zu 'be- 
haupten. Geringere Leute werden das nicht so können: aber die be- 
liebte Manie^, die Werke eines Schriftstellers oder Künstlers in so und 
so viel streng geschiedene Perioden zu sondern, sollte sich von dieser 
authentischen Aufklärung belehren lassen. Und die größten, Piaton z. B.j 
sollte man nur an ihres gleichen messen. 



4*" Festvortrag von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

den Sinn des Ganzen zu thun sein muß, doch auch sehr 
zufrieden sein kann, wenn die einzelnen Theile, auf die er 
eigenüich den Fleiß verwendet, mit Bequemlichkeit und 
Vergnügen aufgenommen werden,« ' so war er sich dessen 
sehr wohl bewußt, daß in einem symbolischen Gedichte 
selbst die Theile nicht vollkommen verstanden werden 
können, wenn nicht der Gedanke erfasst ist, der durch die 
Personen und die Handlung zur Darstellung gebracht werden 
soll. Mit einem solchen Werke steht es anders als etwa 
mit dem Faust, dessen Handlung dem Dichter nur von vorn 
herein klar zu sein brauchte, damit er in den einzelnen 
Scenen vollkommen verständÜches schüfe. Hier war der 
große, alles beherrschende Gedanke in einem glückUchen 
Momente mühelos concipirt: seine Ausgestaltung bereitete 
dem Dichter die Mühe, die er eingesteht, und die ihn, schon 
als er jenen Brief schrieb, veranlasst hatte, die Arbeit ein- 
zustellen. Wir dürfen uns bei aller Bewunderung der sprach- 
gewaltigen Kunst eingestehen, daß die Versuche, schwierige 
aus dem metrischen Handbuche aufgelesene Versmaße der 
Griechen^ und die Kunstmittel des tragischen Stiles der 



' An Fr. v. Stein, i6. August 1808. 

' Am 17. Mai 1808 »spricht er lonici und Clioriamben durch« ; 
am 26. studirt er Hermanns Metrik für den Abschluß der Pandora. 
Dort findet man S. 176 das Vorbild für die loniker V. 815—80 (ich 
habe die Verse durchgezählt, um kurz citiren zu können); den Ersatz 
des unserer Sprache eigenthch unerträglichen lonicus durch den Ditro- 
chaeus, den Goethe namentlich vor einem Absätze zuläßt (855 rasend 
aufquoll, 873 strebend aufsumnt, Z%o iviide Rachlust) , hat er glücklich aus 
dem von Hermann abgedruckten griechischen Chorliede selbst genommen. 
Daß er jeden Fuß durch Wortende sondert, ist vermuthlich auch durch 
sein eignes rh3'thmisches Gefühl mehr als durch Horazens nüserarumst 
hervoro;erufen, denn er macht es in den Choriamben 768 — 92 ebenso, 
obgleicn es in dem Vorbilde, bei Hermann S. 164, nicht der Fall ist, 
dem zu Liebe er Dimeter druckt. Dagegen stammt von dem Ithyphallicus, 
den er für ein Lied der Forsetzung vorgemerkt hatte, nur der Name 
aus der Theorie: in Wahrheit wollte er trochäische Verse von drei 
Hebimgen bilden, wie er solche von vier (aus der spanischen Tragödie) 
und fünf (aus den serbischen Volksliedern) längst entlehnt und für 
das antikisirende Drama schon in Palaeophron und im Vorspiel 
von 1807 angewandt hatte. Man bemerkt, daß erst gegen Ende der 
Pandora gewagte und kaum billigungswerthe Experimente vorkommen: 
die Nachbildungen von Anapaesten (36 — 55, 635 — 58) und Daktylen 
(741 — 60) und lamben (881—928) sind schon durch den Reim, aber 
auch im ganzen Baue schöne deutsche Verse. Die Trimeter, im Palaeo- 
phron noch recht incorrect, in der Helena durch zu viele zweisylbige 
Senkungen im Charakter geändert, sind vollendet; doch steht 19 ein 
siebenfüßiger, 1066 in Trochäen ein Fuß zu viel. Namentlich in den 
Caesuren zeigt sich die vollendete Kunst. Dem hat die Interpunction 
zu folgen. Ein Vers wie 624 heweglirb luie die Hand, envidernd Liebesdruck, 
ist so interpungirt metrisch falsch, nebenher auch sinnlos: hinter beweg- 
lich gehört das Komma. 



Goethes Pandora. 5 



Athener unserer Sprache aufzuzwingen, ' die Mühe nicht 
lohnten. Um so mehr bedauern wir, daß sie »die Form 
und das Ganze« nicht zur \'ollendung haben kommen lassen. 
Und nichts geringes ist es gewesen, was Goethe mit seinem 
Vorspiel »Pandoras Wiederkunft«, wie der Titel des Ganzen 
lauten sollte, zu sagen beabsichtigte: hat er doch noch das 
Bruchstück bedeutungsvoll an den Schluß der letzten Aus- 
gabe seiner Werke gerückt. 

Lassen Sie mich denn zunächst seine letzten Worte in 
Ihr Gedächtniß zurückrufen, in gewissem Sinne den Scheide- 
gruß unseres Meisters : 

Fahre wohl, du Menschenvater! Merke, 
was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es; 
was zu geben sei, die wissens droben. 
Groß beginnet ihr Titanen; aber leiten 
zu dem ewig Guten, ewig Schönen, 
ist der Götter Werk. Die laßt gewähren. 

Wahrlich, ein schönes und tiefes Wort; allein was ist 
es nun, was uns die Götter geben; wodurch leiten sie uns 
zu unserm Ziele? Das mufSte in dem Gedichte der Tag 
offenbaren, dessen Morgenröthe jene Worte sprach. Dies 
also gilt es zu suchen: dies möchte ich Ihnen zeigen, wie 
ich es zu wissen meine. Nichts weiter beabsichtigt der 
Philologe als was seines Handwerks ist, den Sinn des Ge- 
dichtes, die Absicht des Dichters ins Licht zu setzen. Die 



' Nicht alles kann man billigen, aber es ist philisterhaft bloß 
deshalb zu tadeln, weil etwas keinen Eingang in die Dichtersprache 
gefunden hat. Und bewundern soll man auch die Fähigkeit das für 
den Stil charakteristische in einer kaum halb bekannten Sprache heraus- 
zufinden. 60 luo eilst du bin, du viorgendlicher ]üngling du: sowohl das 
Hinüberziehen der eigentlich zum Verbum gehörigen adverbialen Be- 
stimmung (wo eilst du so frühe am Morgen hin) in den Vocativ wie 
auch das Adjectiv statt des Adverbiums ist echt griechisch, '^'j tuen treff' 
ich noch den tvachenden, 67 verborgen ist ihr Name luie der Eltern mir sind 
Versuche Erscheinungen nachzubilden, die nur dem Uno^eübten im 
Griechischen kühn erscheinen, also im Grunde unrichtig aufgefaßt sind. 
386 wird ein ganzer Vers mit Interjectionen gefüllt: das ist die Ueber- 
treibung des Nachahmers. Denn daß Philoktet so brüllt, ist pathologisch : 
kein Grieche würde Epimeleia mehr als einen Klageruf gegeben haben. 
Die Sprache verdient eine Specialuntersuchung, aber auf Grund wirk- 
licher Einsicht in den Stil der griechischen Tragödie und in Aus- 
dehnuno; auf Goethes ganze dramatische Poesie seit der versificirten 
Iphigenie. Die Kritik, daß manches so klinge, als wäre es aus dem 
Griechischen übersetzt (also schlecht übersetzt, denn eine gute Ueber- 
setzung soll deutsch klingen), hat schon Welcker an Pandora geübt, 
ohne es -als Vorwurf zu meinen : sie trifft aber viel weiter zu ; und ist 
der Vorwurf so schwer? Es hat unserer Prosa doch wohl genützt, daß 
Lessing recht häufig so schrieb, daß es klingt, als wäre es aus dem 
Französischen übersetzt. 



6* Festvortrag von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

vielbehandelten Fragen, ob Goethe sich selbst in Prometheus 
oder in Epimetheus geschildert habe, ' ob für die weiblichen 
Figuren seines Dramas Frau von Levetzow' oder Minchen 
Herzlieb Modell gestanden hätte, würden für mich ganz 
außer Betracht bleiben, selbst wenn ich nicht der Ansicht 
wäre, daß die symboHsche Bedeutung sämmtlicher Personen 
davor hätte zurückhalten sollen, solche Fragen aufzuwerfen, 
die überhaupt zwar für die psychologische Analyse, wie der 
Dichter zur Conception seiner Gestalten kommt, äußerst 
wichtig, für die Erklärung des Kunstwerks fast ganz ohne 
Belang sind. Dagegen ist es unerläßlich, daß wir die ganze 
Handlung des Dramas an uns vorüber gehen lassen. 

Prometheus und Epimetheus, die Titanen, wohnen 
neben einander, doch innerlich entfremdet auf der Erde, 
um sie ihre Geschöpfe, die Menschen. Diesen hat Prome- 
theus mit dem Feuer, das er geraubt hatte, die Hand- 
fertigkeiten und Künste verliehen, die sie zu materieller 
Cultur führen, aber nicht weiter. Dem Augenblicke und 
seiner Begierde fröhnend leben sie in den Tag hinein. 
Zwar ist einmal eine geheimnißvolle Himmelsgöttin, begabt 
mit allen Reizen von Jugend und Schönheit, unter innen 
erschienen, aber Prometheus hat sie abgewiesen und grollt 
seitdem dem anders gearteten Bruder, der sie aufnahm. Epi- 



' In Wahrheit hat er die Stimmungen von beiden zu Zeiten voll 
getheilt, nur darum kann er sie voll und lebenswahr zum Ausdruck 
bringen, aber jetzt beide neben einander, weil er frei über beide sich 
erhoben hat, und ganz beherrscht hatten sie ihn nie. Mit Prometheus 
hat der stürmende Jüngling und der enttäuschte Mann, jener in stolzem 
Selbstgefühl, dieser in bittern Stunden sym.pathisirt, wo er es aufgeben 
wollte, »bewegtem Rauchgebilde nachzustürzen, zu erreichen das, was 
unerreichbar ist«. Epimetheus war er unmittelbar nach der Heimkehr 
aus Italien. Er schildert das in der Morphologie (W. A. II. Abt. VI 136). 
Aus Italien dem formreichen war ich in das gestaltlose Deutschland iiirück- 
veriuiesen, heiteren Himmel mit dem düsteren :(u vertauschen; die Freunde, 
statt mich :^u trösten und wieder an sich ^u liehen, brachten mich -{ur Ver- 
liveiflung. Mein Entfliehen über entfernteste, kaum bekannte Gegenstände, 
mein Leiden, meine Klagen über das Verlorne schien sie ^u beleidigen, ich 
vermißte jede Theilnahme, nietnand verstand meine Sprache. In diesen pein- 
lichen Zustand wüßt' ich mich nicht ^u finden, die Entbehrung war ^u groß, 
an ivelche sich der äußere Sinn gewöhnen sollte. Damals fehlte ihm in der 
That die Kraft, Vergangnes in ein Bild zu verwandeln. Getröstet haben 
ihn die »Sorgen der Liebe«. Aber 1807 stand er innerlich gefestigt, 
und wenn er Phileros und Epimeleia darstellt, so ruhte in seinem 
Herzen das Gedächtniß an den Schatz des tiefsten Liebeswehs und der 
höchsten Liebeswonne: er brauchte für seine typischen Gestalten nicht 
nach den unbedeutenden Persönchen zu greifen, die ihm gerade ein 
flüchtiger Moment nahe brachte. 

* Diese nennt er in dem Tagebuch am 27. und 31. Juli 1806 
Pandora; damals dachte er noch nicht von ferne an sein Drama. Die 
verführerische Schönheit Pandoras war ihm aus Hesiod immer geläufig. 



Goethes Pakdora. 7 



metheus hat zwar im Namen wie im Wesen die Fähigkeit des 
Nachsinnens, aber mit der frischen Thätigkeitsfreude des 
Bruders fehlt ihm die productive Kraft: sein »mühsames 
Gedankenspiel« bringt nichts über »die trübe Gestalten 
mischende Möglichkeit«. Nur in dem einen Augenblicke, wo 
ihm der Anblick Pandoras die Kraft verlieh, sie als Gattin sich 
anzueignen, ist er über sich hinausgeschritten: das war sein 
Glück und sein Verhän^niß, denn er vermochte nicht sie 
fest zu halten. Als sie inm ein Zwillingspaar von Töchtern 
geboren hatte, ist sie mit der einen Tochter entschwunden 
und hat ihm nur die zweite hinterlassen, Epimeleia,' 
die Sorge, nicht die graue Gestalt, vor deren Anhauch 
Faust erblindet, noch auch die in dem lieblichen Epi- 
gramme gefeierten Sorgen der Liebe, sondern die sinnende 
Fürsorge, die kein Mann wirklich zu üben versteht: nur 
das Weib in seinem eigensten Berufe als Tochter, Gattin, 
Mutter wirkt aus ihr und für sie. Dieser Sorge rechte 
Zwillingsschwester, Elpore, die Hoffnung, hat Pandora mit- 
genommen; sie erscheint, als Abzeichen den Morgenstern 
am Haupte, dem Epimetheus im Traume und verheißt ihm 
immer wieder Pandoras Wiederkunft. Die Hoffnung ist 
auch von Prometheus und seinem Volke gekannt und ge- 
schätzt. Dann hatte aber Pandora auch ein Gefäß mit- 
gebracht und geöffnet, dem eine Schaar duftiger flüchtiger 
Luftgebilde entstieg, Verkörperungen von Liebreiz, Anmuth, 
Erhabenheit, Glanz und Glück. Nach denen hascht die 
Menge, freilich immer vergeblich, aber sie sehen doch droben 
etwas Schönes, strahlend und unerreichbar wie die Sterne, 
und so ein ungestilltes Sehnen weckend. Mag auch Prome- 
theus selbst und seine treusten Anhänger, die Schmiede, 

' Man kann beantworten, wie Goethe dazu gekommen ist , die 
Sorge zur Tochter des Titanen zu machen ; das hat er nicht bloß, weil 
sie der Hoffnung rechte Schwester ist, gethan, er hat nur den Begriff 
nach dieser Seite sinnreich entwickelt. Den Namen gab ihm eine von 
Herder in Verse gebrachte Fabel des Hvginus (Ciira 220), wo die Sorge 
den Menschen aus Erde bildet, Juppiter' ihm den Odem gibt und daher 
nach dem Tode die Erde den Leib, Juppiter den Geist nimmt; aber 
während des Lebens gehört er der Cura. Begreiflicherweise stellte sie 
dann Goethe zu Prometheus. Uebrigens wird diese Fabel, wie ziemlich 
alles in dem Buche Hvgins, erst verständlich durch die Rückübersetzung 
in das Griechische. Iis ist eine stoische Fabel ; Leib und Seele des 
Menschen sind elementar, und die Seele, das irveöiaa, kehrt, sobald 
sie frei wird, in ihr Element, den Aether, zurück. Aber während des 
Lebens waltet ihrer die Vorsehung, irpövoia, die uns geschaffen hat. 
Der Lateiner hat so gut und so schlecht übersetzt wie Goethe und 
dadurch "die Parabel Herders und die schöne Symbolik der lieblichen 
Epimeleia Goethes ohne Vorbedacht erzeugt. Der griechische Fabulist 
hatte übrigens an ein anderes hesiodisches Gedicht angeknüpft, in dem 
Prometheus der Sohn der Pronoe war (Fgm. 22). 



8* Festvortrag von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

für diesen Reiz unempfönglich sein: an dem fernen Glänze, 
der Ahnung einer höheren Zukunft, und an der Hoffnung 
hat die dumpfe Menschheit das Leben. 

Und nun kommt der Schicksalstag: sein Kommen 
ist der Inhalt des Dramas. Weshalb er kommt, wir er- 
fahren es nicht, wir fragen es nicht: die droben wissens 
und wir lassen sie gewähren. Es ist der Sabbath der 
Vollendung nach der Schöpfungswoche der Menschencultur, 
das frohe Fest nach einer langen Reihe saurer Wochen. 
Prometheus versteht auch das nicht, wozu ein Festtag in 
dem ewigen Einerlei der dumpffröhhchen Arbeit dienen 
soll. Der prometheische Mensch langweilt sich, wenn er 
nicht an der Tretmühle schafft oder dem sinnlichen Genüsse 
fröhnt: nur die freie gottähnhche Seele weiß die Muße 
zu nützen. Doch noch graut der Morgen nicht, und als 
er_ graut, rufen den Epimetheus die gellenden Hülferufe 
seiner Tochter aus den Hoffnungsträumen, sieht er den 
Mordstahl auf ihren Nacken gezückt. Zur Jungtrau erblüht, 
hat sie ihre Liebe einem Jünglinge zugewandt, dessen 
Herkunft sie nicht kennt. Es ist der Sohn des Prometheus, 
Phileros.' Phileros, das ist der, der den Eros liebt, nicht 
den spielenden Putto Amor, sondern den großen Gott, der 
sich übermächtig auf die Menschenseele stürzt und ihr die 
Kraft verleiht, das übermenschliche zu thun und zu leiden. 
Wir erfahren nicht, wie Prometheus zu solchem Sohne und 
überhaupt zu einem Sohne kommt; das ist unleugbar eine 
Schvväche des Dramas, weil das Symbolische nicht voll 
in eine Fabel umgesetzt ist; symbolisch ist es ganz ver- 
ständHch, daß die nächste Stufe nach dem prometheischen 
elementaren Wesen der Trieb zu dem höheren Seelenleben 
ist, das die Liebe erschließt. Epimeleia hatte Phileros 
in einen Garten bestellt, doch als er kam, fand er die Ge- 
liebte durch einen kecken Hirten bedrängt, schlug diesen 
nieder und bedroht nun, sich verrathen wähnend, Epi- 
meleia mit dem Tode. Epimetheus weiß sie nicht zu 
schützen : da tritt Prometheus gewaltig dazwischen, bändigt 
den Sohn und weist ihn mit harten Worten von sich, in 
den Tod. Verzweifelnd stürzt Phileros fort , nach dem 
Spruche des Vaters zu thun. Verzweifelnd geht auch 
Epimeleia, die vor dem Geliebten kein Wort der Ver- 
theidigung gewagt hat, wie wir glauben müssen, in den 



' Diesen Namen hat Goethe sehr früh erfunden; er erscheint im 
Tagebuch schon am dritten Tage der Arbeit, 21. November 1807. In 
ihm liegt eigentHch sclion die Anknüpfung an Piaton und damit das 
wesenthche der ganzen Erfindung, die freih'ch dem Dichter klar sein 
mußte, ehe er den ersten Vers schrieb. 



Goethes Pandora. 



Tod. Die Titanen hindern es nicht.' Erst als sich in 
dem Dorfe des Epimetheus Feuerschein erhebt und Epi- 
meleias ferne Rufe verkünden, daß die Angehörigen des 
erschlagenen Hirten brennen und morden und sie selbst 
den Flammentod sucht, eilt Epimetheus ihr nach, ruft 
Prometheus den Heerbann seiner Gewaltigen auf, die rasch 
dem Frevel steuern. Doch auch ihm droht Unheil. Eos, 
die Morgenröthe, steigt empor und erzählt dem Vater, daß 
Phileros sich von einer Klippe in das Meer gestürzt hat, 
beruhigt ihn aber, denn Jugendkraft und Lebenslust haben 
den Jüngling nicht sinken lassen und Eos selbst hat Fischer 
zu seiner Rettung aufgerufen ; bald wird er von einer in 
Festlust jubelnden Menge geleitet herankommen. In der 
Gefahr und Rettung der Liebenden hat die poetische Aus- 
führung den Dichter, zu unserer Freude, über die Grenzen 
des S3^mbolisch Nothwendigen fortgelockt. Die beiden 
Liebenden, die zu so Hohem später berufen werden, weil 
sie sich durch ihre Liebe über das fitanische zum Mensch- 
lichen erhoben hatten, mussten für ihre Liebe leiden, für 
die in jener Weltperiode noch kein Raum war; ein antiker 
Dichter würde sie haben sterben und auferstehen lassen. 
Aber diese symbolische Bedeutung kommt nirgend deut- 
lich zum Ausdrucke; zu der Läuterung durch Wasser und 
Feuer hat, furcht' ich, Schikaneder einiges beigetragen, und 
die Dämmerung des Entscheidungstages ist etwas lang ge- 
worden. 

Eos hat verkündet : 

»Gleich vom Himmel 
Senket Wort und That sich segnend nieder : 
Gabe senkt sich, ungeahnet vormals«. 

Prometheus hat geringes Zutrauen, obwohl er zugiebt, 
daß seinem Volke verloren ist, was es litt und genoß. 

»Selbst im Augenblicke greift es roh zu, 
Fasst, was ihm begegnet, eignets an sich, 
Wirft es weg, nicht sinnend, nicht bedenkend, 
Wie mans bilden möge höhrem Nutzen .... 
Möchten sie Vergangnes mehr beherz'gen, 
Gegenwärt'ges formend mehr sich eignen, 
War' es gut für alle; solches wünscht' ich«. 

Als Eos scheidet (von wo wir denn statt des Gedichtes 
nur noch das Schema der Fortsetzung haben), erscheint Phile- 
ros in dem bakchantischen Zu2:e. Er hat in der Ekstase seiner 



' Hier ist der Uebergang unleugbar hart. Bis hierher hatte Goethe 
1807 in Jena gedichtet, dann mußte er eine Pause machen. Wir er- 
liennen also den äußerlichen Anlaß. 



10* Festvortrag von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

selbst und seiner Leiden vergessen, ist aus sich und über sich 
gehoben und so für die Aufnahme des GöttUchen vorbereitet.* 
Und schon senkt sich, den aufsteigenden Sonnenball noch 
eine Weile verhüllend, die versprochene Gottesgabe nieder, 
eine große, mit Gemälden oder Reliefs geschmückte Lade.' 
Phileros begrüßt sie sofort freudig; allein Prometheus fordert, 
wie er einst Pandora abwies, ihre Beseitigung und erhält 
Unterstützung von seinen mit den gefangenen Hirten heim- 
kehrenden Kriegern. Doch es zeigt sich, daß nur der Ein- 
zelne sein Herz gegen eine Gottesgabe verhärten kann : die 
Masse wird schon von Neugier und Habgier verhindert, 
sie ganz zu verwerfen.' Nun kommt auch Epimeleia mit 
ihrem Vater herzu; war dem »Nachsinnenden« und seinem 
Geschlechte schon das Genossene und Gelittene nie verloren, 
so hat die sorgende Liebe durch ihren eignen Schmerz die 
Fähigkeit erlangt, das Unendliche zu begreifen, und wie 
sie die Kraft des Gefühles hat, das Vergangene im Bilde 
festzuhalten, so versteht sie die Bilder der Lade, die Sym- 
bole des Unendlichen, das sie vorher besungen hat, als sie 
wähnte am Ende ihres Glückes zu stehn.'^ Sie und ihr 
Vater empfinden in ganzer Tiefe, was ihnen geboten 
wird, was ihnen verloren scheint: aber sie beugen sich 
dem, was sie für Gerechtigkeit halten. Ihnen fehlt der 
Wagemuth der That, und wie Epiraetheus einst Pandora 
fahren ließ, so würden sie dem erneuten Anstürme der Zer- 
störer weichen, wenn nicht Pandora selbst erschiene und 
der Menge ihre Gaben böte, »Glück, Bequemlichkeit, Fülle, 
an der jeder sein Theil zu nehmen denkt«. Sie bringt die 
Offenbarung der Schönheit, verkündet den Tag der Ruhe 
und frommen Beschaulichkeit, den Sabbath. Sie bringt 

' Phileros in Begleitung von Fischern und IV iniern. \ Dionysisch. 
Völliges Vergessen | . 

* KiTiraeXe | Wird von iveitem gesehen | Anlangend. Deckt den her- 
vortretenden Wagen des Helios \ Willkommen dem Phileros | Miskommen 
dem Prometheus — Im allgemeinen beschrieben — Der griechische Name 
ist immer falsch geschrieben; entlehnt hat ihn Goethe von einer Lade, 
die in Olvmpia als Merkwürdigkeit gezeigt ward und deren Bildwerk 
Pausanias V. 17 beschreibt. Da die Schmiede das Gefäß stückweise 
auseinandernehmen wollen, hat Goethe vielleicht eher an Reliefplatten 
gedacht, für die ihm die Erfahrung auch eher Analogien bot. Was er 
dargestellt sein lassen wollte, ist nicht zu entscheiden. 

5 Turba | Reiardirend \ (als Ausführung dazu gemeint) Bewundernd \ 
Gaffend \ Berathend \ (Der einzelne kann sie (dazu die Erklärung einge- 
fügt Göttergabe') ablehnen, nicht die Menge. 

4 Epimeleia \ Weissagung \ Auslegung der KUiraeXe | Vergangenes in 
ein Bild verwandeln. \ Poetische Reue. Gerechtigkeit. — Epinietheus. — Zu 
dem Verständniß ist nöthig das was über Phileros ausgesagt wird und 
was Prometheus für seine Menschen wünscht, endlich auch Epimeleias 
großes Lied mit diesem zusammenzunehmen. 



Goethes Pandora. II 



den Oclzweig des Friedens, mit dem der versölinte Titan 
sich kränzen soll. ' Jetzt ist alles für sie, jeder will in 
seiner Weise für die heilige Lade sorgen.' Unbeugsam nur 
verharrt Prometheus. Da enthüllt Pandora das Geheimniß 
der Versöhnung zwischen den Himmlischen, dem Reiche 
der Idee, und den Erdensöhnen, dem Reiche der Materie: 
die Lade thut sich auf, man erblickt in ihr einen Tempel, 
Dämonen von Kunst und Wissenschaft darin ; rasch ver- 
hüllt wieder ein Vorhang das dem irdischen Auge leibhaft 
nicht zu Schauende. Also Kunst und Wissenschaft sind die 
Mittler zwischen Himmel und Erde; ihrem Dienste weihen 
sich als Priester die nun vereinten Phileros und Epimeleia. 
Jetzt steigt Helios in voller Pracht auf; Pandora schwingt 
sich ivAt dem verjüngten Epimetheus empor; Weihgesänge 
ertönen. Und Prometheus? Ueber ihn liegt kein Wort vor, 
aber es lässt sich sicher ergänzen : er ist versöhnt, er wird 
den Oelkranz tragen und auf seiner Erde als Wächter des 
Heiligthums sich der Menschen freuen, seiner Gebilde, die 



' Schönheit — Ruhe, Frönunigheit (diese durch i und 2 vertauscht) 
Sahat. Moria. Dies letztere vieldeutige Wort ist man gewöhnt als Moriah 
oder Morija zu fassen, was nach Genesis 22,2 das Land ist, in das 
Abraham ziehen soll, um seinen Sohn zu opfern, und was in den Para- 
lipomena (Chron.) II, 3, i mit dem Berge identificirt ist, auf dem 
Salomo den Tempel baut, danach nicht in der Bibel, wo der Name 
sonst nicht vorkommt (die Septuaginta kennt ihn in der Genesis über- 
haupt nicht), aber wohl bei den Modernen ein Name Jerusalems. Wie 
Goethe dazu kommen sollte, ihn als Merknamen zu brauchen, ist nicht 
auszudenken, und die Titanen haben mit Jerusalem nichts zu schaffen. 
Das Mißverständniß lag nur durch den Sabbath nahe, der sich durch 
die zugesetzten Worte erklärt und als Merkname für das Schema ge- 
eignet war, wenn er auch in dem Gedichte nicht vorkommen durfte. 
Da nun luuupia zu verstehen nicht leicht einer toll genug sein wird, ist 
|uop{a das wahre. Mit dem einen fremden Worte gab sich Goethe ein 
Merkzeichen, das die Beziehung auf Prometheus und die Akademie 
Piatons in sich schloß, vgl. unten. Es war also sehr gut gewählt, gab 
freilich jedem, dem die heiligen Oelbäume Athens nicht vertraut waren, 
ein unlösbares Räthsel auf. 

^ Schmiede offeriren Bepaalung (so ganz deutlich) | Winier Umpflanzung 
(diese Zeilen durch i und 2 richtig geordnet) | Handelsleute Jahrmarkt | 
Krieger Geleite. Das fremde Wort, das die Herausgeber des Nachlasses 
schlechtweg in Beiahhmg geändert hatten, verstand ich nicht; G. Roethe 
hat es mir freundlich durch den Hinweis auf W. A. II. Abt. 11, 633 er- 
läutert. Der Lehrer darf kein Problem stehen lassen : gleich muß etwas 
bestimmt sein (bepaalt, sagt der Holländer) und nun glaubt man eine 
Weile den unbekannten Raum ^u besitien, bis ein Anderer die Pfähle luieder 
ausreißt und sogleich enger oder weiter abermals wieder bepfählt. Also die 
Schmiede wollen die Kypsele durch eine Umfriedigung von Pallisaden 
schützen, fest aber schmucklos und häßlich, die Winzer werden den 
Zaun beranken, die Händler malen sich den Jahrmarkt aus, der an dem 
Feiertage gehalten werden wird, die Krieger wollen die Göttin und 
ihre Gabe geleiten, wohin sie will. 



12* Festvortrag von- Ulrich vo\ Milamowitz-Möllendorff. 

nun durch die Gnade der Himmlischen erst wahrhaft be- 
seelte Wesen geworden sind. Zum Schlüsse bHckt Elpore 
hinter dem Vorhange, der das Unfassbare verhüllt, hervor 
(denn zu ihrem Wesen gehört es, daß sie uns immer uner- 
reichbar bleibt) und entlässt uns mit schalkhaft ermuthigen- 
dem Worte: wir sollen die Hoffnung auf den Göttersabbath, 
den Glauben an die Versöhnung der Himmels- und der 
Erdensöhne mit in die Arbeit und Noth unseres Werkel- 
tages nehmen. 

Das ist das Drama; die Uebersicht ist schon halb Er- 
läuterung durch das was sie hervorhebt und wie sie es ver- 
bindet, und doch genügt sie nicht. Man erkennt wohl, daß 
Goethe nach dem ersten Schritte zur menschHchen Cultur, 
den der Feuerraub des Prometheus bezeichnet, einen zweiten 
vorführt, der Kunst und Wissenschaft auf die Erde bringt. 
Man begreift, daß er neben die Titanen eine zweite empfäng- 
lichere Generation stellen musste, für die er sich das Paar 
der Kinder erfand. Aber es bleibt dunkel, was die Lade, 
und vor^ allem, was Pandora will, denn daß Epimetheus 
sie eine Schwester des Zeus nennt, besagt nur, daß sie etwas 
ewiges und götthches und höchstes bedeutet. ' Und ganz 
unbegreiflich bleibt, wie den Menschen Wissenschaft und 
Kunst plötzlich vom Himmel fallen soll: Wissen und Können 
hat doch darin seinen einzigen Werth, daß es kein Gott 
und kein Teufel schenken oder nehmen kann. Wenn 
Goethe nicht hat symbolisch darstellen können, wie der 
Mensch sich selbst zu dem Gipfel der Gesittung erhebt, 
so brauchen wir nicht zu bedauern, daß er eines leeren 
allegorischen Spieles müde ward. 

Wenn man, wie in diesem Falle, ein unvollendetes 
Kunstwerk aus sich nicht voll verstehen kann, so kann 
man von zwei Seiten Succurs holen. Einmal indem man 
untersucht, unter welchen Bedingungen, für welche Zwecke, 

' 561 polemisirt direct gegen die Werke des Hesiod und gibt an 
aus göttlich altem Kraftgeschlechte stammt sie her, Uranione, Heren gleich 
und Schwester Zeus. Vielleicht hat Goethe gewußt, daß Pandora, die 
Hesiod als das Geschenk aller Götter, andere, denen Goethe in der 
Etymologie folgt, als die »Allbegabte« fassten, in vielen griechischen 
Culten, auch dem Athens, die »Allgeberin« Erde war (Ariswph. Vögel 
971, Philostrat. Leben des Apollonius 6, 39). Ein ionischer Dichter 
der Gasse, Hipponax, redet einmal von dem »Kohlkopf«, dem »Pandora 
an den Thargelien, dem Feste der ersten reifen Aehren, einen Kuchen 
darbrachte«. Da ist sie das erste Weib, das noch in der Zeit der 
unblutigen Opfer und der altfränkischen Dummheit lebt. Ich führe es 
an, damit man sehe, wie lästerlich man lange vor Aristophanes mit den 
alten Göttergeschichten umgehen durfte, und wie ganz im Sinne der 
Griechen es ist, mit diesen Figuren, die auch ihnen kaum mehr als 
Symbole waren, sinnreich zu spielen. 



Goethes Pandora. I V 



in welcher Stimmung der Künstler gearbeitet hat, also 
vom Subjecte aus. Das unterlässt so leicht niemand, 
billigt jeder und wir wollen es auch thun, aber später. 
Zuerst wollen wir vom Objecte ausgehn, dem Stoffe, 
den der Künstler gestaltete. Denn die naive Vorstellung, 
daß der Künstler wie ein Gott aus dem Nichts schaffe, 
oder von der wahren Kunst verlassen sein Modell ab- 
schreibe, hält nirgend Stich. Auch der größte Künstler 
ist von seinem Stoffe viel mehr gebunden, als ihm selbst 
klar zu sein pflegt, und wenn er überlieferte Personen und 
Motive aufnimmt, so übernimmt er auch Vorstellungen 
und Gedanken. 

Goethe hat als Jüngling einen Prometheus begonnen, 
als Mann die Trilogie des Aischylos nachdichten wollen, 
zeitlebens sind ihm diese Gestalten der griechischen Sage 
ganz vertraut gewesen, ebenso seinen Zeitgenossen, Wie- 
land und Herder nicht minder als später Shelley und 
Byron. Aber mit diesen Werken hat seine Pandora 
keinen Zusammenhang, auch nicht mit Aischylos, Dagegen 
müssen ein paar andere griechische Fabeln herangezogen 
werden. 

Hesiodos erzählt für uns als ältester folgende durch 
die Vermischung verschiedener Motive bereits verwirrte 
Geschichte. Die Götter wollen aus Zorn gegen Prometheus 
die Menschen schädigen. Sie bilden also ein Weib mit 
allen Reizen und Tücken des Geschlechtes und senden sie 
herab. Prometheus, Vorbedacht, hat seinem Bruder Epi- 
metheus, Nachbedacht, verboten, irgend ein Geschenk von 
den Göttern anzunehmen; aber Pandora berückt ihn, und 
als er sie aufnimmt, öffnet sie den Deckel eines Gefässes, 
das sie mitgebracht hat, und aus ihm entsteigen allerhand 
Uebel, namentlich Krankheiten, die sich über die Erde ver- 
breiten; nur die Hoffnung bleibt darin, weil der Deckel 
rechtzeitig geschlossen wird. Die Hoffnung hat also der 
Mensch zum Trost für die Leiden des Lebens allezeit im 
Hause. 

Von Hesiod hat Goethe die Hauptpersonen, deren 
Wesen er aber unendlich vertieft und geadelt hat, hat er das 
Gefäß, das Pandora zuerst mitbringt, dem er aber einen 
andern Inhalt gibt, die Hoffnung, (lie er ganz anders ver- 
wendet, und weil er die Wiederkunft Pandoras dichtet, 
lässt er sie auch wieder ein Gefäß mitbringen, das ihm selbst 
Unbequemhchkeiten bereitet, da es sich nachher selbst 
aufschlagen und einen Tempel mit Dämonen darin enthalten 
muß. Ein fremder Name, Kypsele, kann diese wunderliche 
Erfinduno; nicht ganz decken. Aber für den Gehalt seines 
Dramas konnte ihm die hesiodische Fabel nichts bieten. 



14^*^ Festvortrag von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

und die Herübernahme einzelner Verse ist niclit immer 
glücklich.' 

Das zweite ist eine Fabel, die der junge Piaton dem 
größten der Sophisten in den Mund legt; er hatte aber, 
wenigstens als er den Protagoras schrieb, inhaltlich nichts 
gegen sie einzuwenden. Prometheus und Epimetheus haben 
im Auftrage der Götter die aus Erde gebildeten Menschen 
ausgestaltet; aber das ist durch die Schuld des Epimetheus 
kümmerlich ausgefollen. Deshalb raubt Prometheus das 
Feuer und verleiht damit den Menschen die Handfertigkeiten 
und Künste des praktischen Lebens: alles das was die 
prometheischen Menschen auch bei Goethe haben. Existenz- 
fähig ist nun der Mensch, aber er ist ruchlos, friedlos, 
staatlos, gewissenlos. So würde sich das Menschenge- 
schlecht selbst vernichtet haben, wenn sich nicht die Götter 
erbarmt hätten. Zeus sendet zwei hohe Göttinnen herab, 
Aidos und Dike (die Hesiod in anderem Zusammenhange 
erwähnt hatte), d. h. er verleiht uns das Gefühl der Ehr- 
furcht vor allem was uns heilig sein soll und das sittliche 
Gefühl von Recht und Unrecht. 

Aus dieser Fabel hat Goethe die Bedeutung des Feuer- 
raubes und den alles beherrschenden Gegensatz der titanischen, 
materiellen, und der himmlischen, ideellen, bei Piaton sitt- 
lichen Güter, vor allem aber die Verdoppelung der Ver- 
leihung göttlicher Gaben an die Menschen. 

Drittens sind ein paar Thatsachen des athenischen 
Gottesdienstes und der athenischen Geschichte heranzuziehen. 
Ob sie Goethe unmittelbar aus den ihm im übrigen wohl- 
bekannten Autoren nahm^ oder wahrscheinlicher aus schrift- 
licher oder mündlicher Vermittelung zweiter Hand, kann 
ich nicht nachweisen; das ist auch Nebensache. 

Vor dem Hauptthore von Athen Hegt ein Grundstück, 
Akademie genannt. Heilig war es ehedem, denn da stand 

' Mancherlei in dem Gespräche der Brüder, das ich nicht aus- 
schreibe. Am anstößigsten ist, daß Phileros 460, als er die scheinbar un- 
getreue Epimeleia mit Pandora vergleicht, ihr »ein hündisches Herz« 
beilegt, nach Hesiod 67. Dagegen ist es sinnreich, ganz in der Weise 
der attischen Tragiker, daß die Partei des Prometheus die hesiodische 
Tradition über Pandora für wahr hält, also das was Goethe als Ueber- 
lieferung empfing und durch die »Wahrheit«, d. h. seine frische Er- 
findung, verdrängte. 

* Der heilige Oelbaum, die Moria, wird von Sophokles, der in 
dem Dorfe zu Hause war, zu dem die Akademie gehört, Oed. Kol. 705, 
von Aristophanes Wolken 1005 erwähnt, wo die alten Erklärer weiteres 
beibringen. Der Oelkranz des Prometheus steht in der apollodorischen 
Bibliothek II 5,11. Die Oertlichkeiten der Akademie schildert Pausanias 
I 50. Lauter Bücher, die Goethe kannte. Es ist nicht nothwendig, 
entlegeneres zu citiren. 



Goethes Pandora. 15'' 



der erste Ableger des heiligen Oelbaumes von der Burg 
und ein Altar des Prometheus; der Gott, erzählte man, 
trug zum Zeichen seiner Versöhnung mit Zeus den Oelkranz. 
Da stand auch ein Altar des Eros; die Jüngling^e, die auf 
dem Ringplatze nebenan turnten, waren gewiß Phileroten, 
Verehrer des Eros. Die Altäre sind verschwunden, die Götter 
sind verweht, und doch ist auch uns der Fleck noch heilig. 
Denn dort hat Piaton die Akademie gestiftet, die wir so 
nennen, seine Schule, die erste Pflanzstätte gemeinsamer 
wissenschaftlicher Arbeit, deren Ableger alle die Stätten 
sind und sein werden, die dem Dienste der reinen Wissen- 
schaft geweiht sind.* Piaton aber hatte seine Gemeinde 
auf den Eros gegründet, das sehnende begeisterte Streben 
der Menschenseele zum Schönen, zunächst der körperlichen 
Schöne hinieden, und dann weiter zu der geistigen und 
ewigen droben. 

Die Götterdienste auf der Akademie lieferten Goethen 
in dem Oelbaum, den Pandora bringt, ein wunderbares, 
himmhsches Symbol und zugleich den Ausdruck für die 
Versöhnung des Prometheus. Die Akademie Piatons an der 
Stätte des Prometheus und des Eros Heferte ihm den für 
seine ganze Erfindung entscheidenden Gedanken, daß die 
"Wiederkunft Pandoras den Menschen zur sorgenden und 
liebenden Arbeit an den idealen Gütern Wissenschaft und 
Kunst erhoben habe. In dem Moment, wo er diesen Ge- 
danken fasste, hatte er sein Gedicht concipirt. 

Damit haben wir den Stoff"; aber der Gehalt, den 
Goethes eigner Geist hineinlegte, die Form, die er ihm 
gab, sind damit noch nicht genügend erläutert. Sehen wir 
nun zu, aus welchen Verhältnissen heraus, für welche Ver- 
hältnisse er gedichtet hat. 

Der furchtbare October 1806 hatte Weimar und das 
herzogUche Haus schwer getroff^en. Erst im Herbste 1807 
nach dem Tilsiter Frieden wurden die hohen Herrschaften 
in Weimar wieder vereinigt; aber ein allverehrtes Haupt, 
Herzogin Anna Amalia, war mittlerweile aus dem Leben 
geschieden. Goethe übernahm es, zur Wiedereröffnung 
des Theaters ein Festspiel zu dichten, das allen diesen Ge- 
fühlen Ausdruck verHeh. In den wenigen Tagen vom 
14. — 18. September hat er es rasch hingeworfen; es ist ein 
schönes Gedicht, mit Pandora in Form und Inhalt nah ver- 
wandt. Die Eingangsscene schildert die Greuel des Krieges; 
dann erscheint mit dem Frieden die Majestät und weist 



' Ich habe dies Bild zuerst in meinem Buche über Antigonos aus 
Karystos 291 gebraucht und seitdem öfter damit auf die hier vor- 
getragene Deutung des Goethischen Dramas angespielt. 

Goethe-Jahrbuch XIX. 23 



l6* Festvortrag von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

das Volk an die alles herstellende Arbeit, einen jeglichen 

in den Kreis seines Wirkens: 

nicht der König 
hat das Vorrecht, allen ist's verHehen. 
Wer das Rechte kann, der soll es wollen, 
Wer das Rechte will, der sollt' es können : 
und ein jeder kann's, der sich bescheidet, 
Schöpfer seines Glücks zu sein im kleinen .... 
Fromm erflehet Segen euch von oben, 
aber Hilfe schafft euch thätig wirkend 
selber. 

So gebot der Dichter seinem zu Boden geschlagenen 
Volke sich durch eigene Arbeit zu sammeln und zu er- 
heben. Der Schluß des Vorspieles feiert den Frieden und 
die Vereinigung der herzoglichen Famihe und gipfelt in 
der Verherrlichung der verewigten Herzogin. Obgleich 
er nicht zur Sache gehört, gehört er doch heute hierher, 
und ich hoffe, uns allen wird wohlthun, die Gefühle, mit 
denen wir zu dieser Versammlung gekommen sind, von 
unserem Dichter ausgesprochen zu hören: 

Doch aber bleibet immerfort auch eingedenk 
der Abgeschiednen, deren rühmliche Lebenszeit, 
umwölkt zuletzt, zur Glorie sich läuterte, 
unsterblich glänzend, keinem Zufall ausgestellt, 
um welche sich versammelt Ihr geliebt Geschlecht 
und alle, deren Schicksal Sie umwaltete. 
Sie wirkte noch wie vormals, immer mütterlich. 
In Leid und Freuden bleibt Ihrer eingedenk, 
Genuß, Entbehrung, Hoff"nung, Schmerz und Scheidetag 
menschlich zu übernehmen, aber männlich auch. 
Zurück zu Pandora. Es ist wahrscheinlich, daß Goethe 
tiefere und allgemeinere Gedanken concipirt hatte, als ihm 
das Festspiel auszuführen Raum bot. Jedenfalls machte er 
sich schon am 19. November in der Stille von Jena an die 
Ausarbeitung eines neuen »Vorspieles«, wie er es in den 
Tagebüchern nennt, mit dem Titel »Pandoras Wiederkunft«. 
Den äußern Anstoß bot ihm der Zufall durch die Auf- 
forderung für eine neue Wiener Zeitschrift Prometheus, 
deren Programm lautete »menschliche Schönheit auf Erden 

fedeihen zu machen«, einen Beitrag zu liefern. In ihr ist 
andora erschienen, über deren allmähliches Wachsthum 
die Tagebücher ganz genaue Auskunft geben. ' Der erste 

' 14. Nov. 1807 Verschiedenes imaginirt und vorbereitet. 19. Nov. 
beginnt die Arbeit und reicht bis zum 11. December. Dann beschäftigt 
er sich mit Sonettemvesen und kleinen poetischen Dingen. Am 17., kurz 
vor dem Aufbruche nach Weimar liest er den Anfang vor, was sich 



Goethes Pandora. 17* 



Theil, bis zum Abschied Epimeleias, ist im wesentlichen 
in Jena in Monatsfrist verfasst; nebenher trieb Goethe für 
die Geschichte der Farbenlehre Geschichte der alten Philo- 
sophie, was für die ganze Conception bedeutungsvoll ward. 
Der Rest ist im Mai 1808 in Karlsbad fertig gestellt; die 
Wahlverwandschaften, die schon früh daneben hervortreten, 
hätten schon allein hingereicht, sein Interesse abzuziehen.' 
Aber daß er eben sie angriff, kann am besten lehren, daß er 
innerlich bereits in eine andere Stilperiode eingetreten war. 
Auch für ihn macht 1806 Epoche. In den beiden 
Vorspielen, dem für das Weimarer Theater und Pandoras 
Wiederkunft, hat er, noch in den alten Formen dichtend, 
das neue Leben, das nach dem Zusammenbruche und der 
Rückkehr des Friedens beginnen sollte, einleiten wollen. 
Daher wird der Oelbaum, für uns das Symbol des Friedens,' 



dann in Weimar wiederholt. Da liat er wenig Zeit dafür und sendet 
am 15. Febr. und 3. März das Fertige nach Wien. Am 24. April, als 
er sich zur Abreise nach Karlsbad zu rüsten beginnt, nimmt er die 
Arbeit auf bis zum 29. Auf der Reise am 12. Mai liest er die fertige 
Scene zwischen Prometheus und Epimetheus vor und arbeitet den Rest 
vom 16. bis 27. aus; dann folgt nur noch wenig Nachbesserung und 
.am 15. Juni geht das Manuscript ab. Auf das was er nebenher treibt, 
so belehrend es ist, kann ich nicht eingehen, nur sei vom 17. Mai 
notirt: Systole und Diastole des Wehgeistes, aus jener geht die Specification 
hervor, aus dieser das Fortgehen ins Unendliche. 

' Ueber diese redet er vor der Abreise nach Karlsbad am 4. Mai 
und greift sie am 29. sofort auf, als er Pandora abbricht. Es ist eine 
ungenaue Erinnerung, wenn er in den Annalen (W. A. 56, 28) schreibt: 
Pandora soivohl als die IVahlverivandtschaften drücken das schmeriUche 
Gefühl der Entbehrung aus und konnten also neben einander gar wohl ge- 
deihen. Das konnten sie nicht, sondern Pandora hat zurücktreten müssen 
und sie drückt das Gefühl der Entbehrung nur in der größeren Hälfte 
des ausgearbeiteten Theiles aus, war aber mit nichten so geplant: es 
sollte ja gerade »Pandoras Wiederkunft« werden. 

* Das stammt natürlich von dem Oelblatte, das die Taube Noahs 
bringt. Da uns der Baum fremd ist, kann er auch als Sj'mbol für uns 
keinen Werth haben. Die antike Symbolik ist ganz anders. Felix oliva 
sagt Vergil, das Laub des Baumes, der den werthvollsten Erntesegen 
gibt, ist ein Symbol des Glückes : das des Dornstrauchs ist unglücklich. 
Daß Arier und Semiten darin gleich denken, zeigt die Parabel Jothams 
(Richter 9). Höchstens weil der Oelbaum durch den Krieg vernichtet 
wird, kann Vergil (Georg II, 425) placitani Paci olivavi nennen. Im 
Anschluß hieran, eher als an die Genesis, sagt Sidonius Apollinaris 
von dem Hochzeitstage, quem pacis simul arbor et iuveniae aetermunque 
virens oliva gignit. Weil das Laub immergrün ist, ist es das der Jugend, 
wie der Baum, weil er immer wieder aus der Wurzel ausschlägt, ein 
unüberwindliches Leben zu besitzen scheint: so hat ihn Sophokles ge- 
feiert, und der Oelwald Athens beweist, mit welchem Rechte. Der 
Baum Athenas ist er geworden, weil der athenische Staat in alters- 
grauen Zeiten seine Cultur eingeführt und geschützt hat: weil der 
Areopag den Bauern auf ihren Acker eine Olive pflanzte, für deren 

23* 



t8* Festvortrag von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

bedeutungsvoll in den Garten des Prometheus gepflanzt. 
Das Vorspiel weist einen jeden an die Arbeit in dem 
kleinen Kreise, wo er trotz allem sich gedeihlich bethätigen 
kann. Pandora weist auf die Arbeit an den Gütern, die 
nicht verloren sind, weil sie unverlierbar sind. Freilich 
rascher und lauter schlägt unser Herz den Männern der 
That entgegen, die die Bande abzuschütteln, die Ketten zu 
brechen, die Freiheit mit dem Blute zu erkaufen sich rüsteten. 
Aber nur unbillige Kurzsichtigkeit kann das von dem 
sechzigjährigen Weisen verlangen. Er bewies sich auch 
hier als der Lehrer seines Volkes, indem er den Verlust 
menschUch und männlich übernahm, und den Weg in 
Regionen wies, wo das Gegenwärtige, Momentane, Räum- 
licnbeschränkte verblasst und verschwindet vor dem Ewigen. 
Das Priesterthum von Kunst und Wissenschaft gehört nur 
äußerhch in ein Reich, das ein Napoleon zerschlagen und 
ein Franz aufgeben kann. Der Dämon der Zerstörung mag 
die Ideologie hassen und verfolgen : der Fürst im Reiche 
der Idee braucht ihn nicht zu bekämpfen, weil sein Reich 
dem Fürsten dieser Welt unerreichbar ist. In einem zer- 
trümmerten Staate, von dem er sich mit bewusstem Wider- 
willen abwandte, hat einst Platon seine Akademie gegründet, 
auch ein Reich, das nicht von dieser Welt war. In die 
Trümmer des deutschen Reiches führt Goethe die Lade 
Pandoras herab. Das ist eine Parallele, die er weder ge- 
wollt noch geahnt hat, aber sie trifft zu. 

Die Lade Pandoras birgt Kunst und Wissenschaft; aber 
v^^as ist Pandora selbst, und wodurch sind die Menschen 
befähigt, das Priesterthum der Lade zu übernehmen ? Es 
Heße sich das begrifflich sehr wohl entwickeln, wenn wir 
mit platonischen Begriffen operiren wollten. Aber glück- 
licherweise ist das nicht nöthig. Epimetheus, der Pandora 
besessen hat, muß doch wissen, was sie war: er sagt es uns 

Der Seligkeit Fülle, die hab' ich empfunden, 
die Schönheit besaß ich, sie hat mich gebunden. 

Und dann preißt er sie in begeisterten Worten und schließt 



Erhaltung sie einstehen mußten, heißt diese die »Zugetheihe«, juopia. 
Ich habe diese Dinge in meinem Buche über Aristoteles und Athen I 240 
erläutert. Als Laub vom Baume Athenas wird der Olivenkranz Zeichen 
des Sieges. Diese Bedeutung hat er in einem Traume des Xerxes 
(Herodot 7, 19) und ausdrücklich wird das z. B, von Aristides in der 
Rede auf die Göttin (I S. 24) ausgesprochen. Als solches wird es dem 
Prometheus nicht gegeben sein, sondern er erhielt in Athen das Laub 
Athenas; an anderen Orten trug er einen Kranz von Keuschlamm 
XÜYo^ als Symbol der Fesselung. Immerhin la^ die Versöhnung statt 
der Begnadigung darin, wenn statt dessen die OHve eintrat. 



Goethes Pandora. 19* 



Sie steiget hernieder in tausend Gebilden, 
sie schwebet auf Wassern, sie schreitet auf Gefilden, 
nach heiligen Maaßen erglänzt sie und schallt, 
und einzig veredelt die Form den Gehalt, 
verleiht ihm, verleiht sich die höchste Gewalt, 
Mir erschien sie in Jugend-, in Frauengestalt. 
Der letzte Vers zeigt am deutlichsten, daß es zu eng 
wäre, wenn wir Pandora für die Schönheit erklären wollten, 
wie es sich philosophisch auch nicht durchführen ließe, 
denn die Erscneinung, in der Epimetheus Pandora gesehen 
hat, und die freilich die Schönheit war, ist nur eine von 
lausenden, in denen die Form sich offenbart, nach heiligen 
Maaßen überall, selbst in den Reichen der Farben und der 
Töne, den Gehalt veredelnd.' 

Die Form also soll sie sein. Die Form ist für Goethe 
etwas hochbedeutendes; das meint er zum Theil ganz 
sinnlich, und in den sehr genauen scenischen Angaben für 
sein Drama sieht man, wie er die Seite des Prometheus 
»ganz ohne Symmetrie« formlos dargestellt wissen wollte. 
Formlos nennt er im Gegensatze zu der italienischen unsere 
Natur. Aber das geht viel tiefer. Ihm ist im Grunde jede 
Analysis in der Wissenschaft unheimlich gewesen, in der 
Geschichte nicht minder als in der Naturv^issenschaft, weil 
sie die Form zerstöre; selbst seine eigne Metamorphosen- 
lehre, die doch gerade die Constanz der Formen nachzu- 
weisen bestrebt ist, kam ihm zuweilen gefährlich vor, weil 
sie ins Formlose führe. Während alles Elementare und 
Materielle im ewigen Flusse ist, dauert allein »der Gehalt 
in unserem Busena, das Sittliche, »und die Form in unserm 
Geist«. Das werden wir selbst nicht kürzer erklären können, 
als indem wir für das lateinische Wort das griechische 
Idee setzen. Nun erst haben wir es wirklich. Natürlich 
muß fern bleiben, was nach unserer jetzigen richtigeren 
Erkenntniß die Ideen Piatons sind, da nur das in Betracht 
kommt, wofür Goethe sie halten musste. Vielleicht wird 
manchem Pandora dadurch am raschesten verständlich, daß 
er sie sich als Schillers Ideal denkt. Aber Goethe dachte 
ja direct an Piaton, da seine Pandora gewissermaßen in 
die Akademie niederstei^t. Er arbeitete ja damals gerade 
an der Geschichte der Farbenlehre, in der er von Piaton 
sagt »alles was er äußert, bezieht sich auf ein ewig Ganzes, 

* Vis superha fonnae notirt er in den Sprüchen in Prosa als 
ein schönes Wort des Johannes Secundus. Das klingt ganz nah an 
das Wort^des Phileros 441 wer gab der GestaU die einzige furchtbar 
enlschiedne Gcivalt? Aber das ist nicht allgemein gesagt, wenn auch 
Phileros, wie jeder, die Gewalt der Idee des Schönen zuerst durch die 
Gestalt und Schönheit der Geliebten erfährt. 



20* Festvortrag von Ulrich von Wilamowitz-Möllendorff. 

Gutes, Wahres, Schönes, dessen Forderung er in jedem 
anzuregen strebt«. Die Idee ists, auf die Piaton alles be- 
zieht, das ist die Form, und die Forderung in unserm Busen, 
das ist der Eros. Wenn aus dem prometheischen Menschen, 
der die Liebe nicht an sich erfahren hat, und daher an 
einem form- und seelenlosen Tagesleben Genüge findet und 
die himmlischen Gestalten, die trotz allem sich seiner 
Phantasie zuweilen zeigen, für nichtige Rauchgebilde er- 
klärt, ein Mensch hervorgeht, der Phileros ist, der seine 
Seele der ewigen Schönheit gefangen gibt, wenn anderer- 
seits der dumpfe Träumer, dessen Phantasie nicht über die 
Gestalten mischende Möglichkeit hinauskommt, die holde 
liebende Hingabe erzeugt hat, die Vergangenes in ein Bild 
zu wandeln durch die Schmerzen der unendlichen Liebe 
gelernt hat, dann ist die Menschheit reif für den Dienst 
der Idee, dann kann sie arbeiten an dem, worin sich die 
Idee am höchsten und reinsten offenbart, an Kunst und 
Wissenschaft, ' dann hat sie mit Gott den Frieden gefunden. 
Das wollte Goethe seinem Volk zum Tröste und zur 
Aufrichtung 1807 sagen ; das wollte er ihm als letzte Mahnung 
scheidend ans Herz legen. Wir wollen nicht fragen, wo 
die Schwäche dieser Auffassun«^ der Weltentwicklung liegt, 
obwohl selbst Protagoras sittliche Mächte als die höhere 
Gottesgabe dem titanischen Feuer entgegengesetzt hatte. 
Wir wollen auch nicht fragen, in wie weit unser Volk 
des Meisters Mahnung befolgt hat und sich von der ihm von 
Alters her anhaftenden Formlosigkeit im äußeren und noch 



' Man vergleiche auch aus dem Gedichtbuch »Parabolisch« das 
zweite (W. A. 5, 172) 

Gott sandte seinen rohen Kindern 

Gesetz und Ordnung, Wissenschaft und Kunst, 

begabte sie mit aller Himmelsgunst, 

der Erde grasses Loos zu mildern. 

Sie kamen nackt vom Himmel an 

und wussten sich nicht zu benehmen; 

die Poesie zog ihnen Kleider an, 

und keiner hatte sich zu schämen. 

Und man denke auch an das fünfte, wo Psyche bei den Musen 
dichten lernen soll und es erst bei Amor lernt. Die Vermittlung durch 
die Poesie, um zu den ohne sie zu abstrakten Himmelsgaben zu gelangen, 
oder durch die Liebe, um für die Poesie empfänglich zu werden, ist jedes- 
mal eine Manifestation von dem, was Pandora im ganzen ist. Das sind 
alles Reflexe der platonischen Stufenreihe des Eros, Sympos. 210, nicht 
bewusste Reflexe, aber Goethe hat sich diese Anschauung von der Ent- 
wickelung des Lebens in der einzelnen Seele und in der der Menschheit 
ganz zu eigen gemacht: wie denn andererseits man ihn schwerlich 
kürzer und wahrer charakterisiren kann, als daß er im platonischen 
Sinne sich durch sein ganzes Leben als der vollendete ^puuTiKÖ^ dvrip 
bewiesen hat. 



Goethes Pandora. 



21 



mehr im Innern seiner Cultur gehütet hat. Wir wollen 
nur hier, in unserer Gesellschaft, uns darauf besinnen, daß 
wir, indem wir Goethes Vermächtniß hegen und ein jeg- 
licher in seinem Kreise dafür wirken, daß es unserm Volke 
und der Menschheit eine lebendige und belebende Kraft 
bleibe, Antheil haben an dem Priesterthume, zu dem Pandora 
die Kinder der Titanen berief. Und freuen wollen wir uns, 
wie hell auf diesem Altare der Schönheit, der Form, der 
Idee das Feuer der Epimeleia und des Phileros brennt, und 
zuversichtUch mag sich Elpore das Wort der prometheischen 
Schmiede umdeutend aneignen: 

Feuer nun flammt's heran. 
Feuer schlägt oben an; 
Sieht's doch der Vater an, 
Der es geraubt. 
Der es entzündete, 
Sich es verbündete, 
Schmiedete, rundete 
Kronen dem Haupt. 




Dreizehnter Jahresbericht 

DER 

Goethe- Gesellschaft. 



—'^ 4 +5» — 

Antrag des bisherigen Herausgebers und auf Ersuchen des 
Vorstandes in die Redaktion der von der Gesellschaft her- 
ausgegebenen Schriften eintritt und sie fortan gemeinschaft- 
lich mit Herrn Geh. Hofrath Sitphan leitet. 

Ferner beschloß der Vorstand, zum Gedcächtniß der ver- 
ewigten Frau Großherzogin eine Marmorbüste Ihrer König- 
lichen Hoheit in das Goethe- und Schiller-Archiv zu stiften 
und mit der Anfertigung den Bildhauer Karl Donndorf in 
Stuttgart zu beauftragen. 

An die Vorstandssitzung schloß sich die Generalver- 
sammlung, welche durch Wegfall des sonst üblichen Fest- 
vortrages einen rein geschäftlichen Charakter trug. An 
Stelle des wegen seiner leidenden Gesundheit am Erscheinen 
verhinderten Vorsitzenden, Exe. Dr. von Simson, leitete 
Dr. Ruland die Verhandlungen. 

Es erfolgte zuerst durch Zuruf die Wiederwahl des 
bisherigen Vorstandes für die nächsten drei Jahre; indem 
der Vorstand dankend annahm, erklärte er, gleichermaßen 
den bisherigen Ausschuß mit der Führung der Geschäfte 
zu beauftragen. Von der revisorisch geprüften Rechnungs- 
ablage für das Geschäftsjahr 1896 und dem Nachweis des 
günstigen Vermögensstandes nahm die Versammlung Kennt- 
niß, und indem sie dem leider durch Unwohlsein am Er- 
scheinen verhinderten Schatzmeister Entlastung ertheilte, 
sprach sie Herrn Dr. Morit^ den Dank der Gesellschaft für 
seine so erfolgreiche Mühewaltung aus. 

Von der Verlesung des Jahresberichtes wie des Be- 
richtes über Goethe-Bibliothek und Goethe-National-Museum 
nahm die Versammlung Abstand, weil dieselben schon in 
dem im Sommer ausgegebenen Jahrbuch allen Mitgliedern 
im Druck bekannt geworden waren. 

Die Mittheilung von dem Beschlüsse des Vorstandes, den 
Mitgliedern für das Jahr 1897 wieder ein Album aus dem 
Goethehause als Fortsetzung des 1895 vertheilten zugehen zu 
lassen, wurde zur Kenntniß genommen, — der Absicht, eine 
Büste der verewigten Frau Großherzogin in das Goethe- und 
Schiller-Archiv zu stiften, freudig und einhellig zugestimmt. 

Das lebhafteste Interesse erweckten die von Herrn Prof. 
Dr. Suphan der Versammlung gemachten Mittheilungen über 



_4f 5 +f.— 

die von I. K. H. der Frau Großherzogin getroffenen letzt- 
willigen Verfügungen über das Goethe- und Schiller-Archiv; 
unsere Mitglieder finden das Nähere darüber in dem weiter 
unten folgenden Archivbericht. 

Am Nachmittag vereinigte ein gemeinschaftliches Mahl 
die auswärtigen Gäste mit den Weimarer Freunden; das 
Großherzogliche Hoftheater hatte an beiden Tagen zu einer 
Aufführung des Gluckschen Orpheus und des Shakespeare- 
schen Wintermärchens geladen. War die allgemeine Stim- 
mung des diesjährigen Goethetages auch naturgemäß eine 
ernstere als sonst, so brachte er doch für alle die Gewißheit, 
daß neben der Trauer um das Verlorene der feste Entschluß 
sich bethätige, mit allen Kräften dahin zu wirken, daß die 
Zukunft der Vergangenheit würdig sei und bleibe! — 



Der Herr Schatzmeister berichtet über das abgelaufene 
Geschäftsjahr 1897 wie folgt: 

»Auch im abgelaufenen Jahre ist es der Gesellschaft 
leider nicht vergönnt gewesen, die Lücken, welche der 
natürliche Lauf der Dinge und mancherlei persönliche Ver- 
hältnisse in den Mitglieder-Bestand gerissen haben, voll zu 
ergänzen. Haben sich auch eine ganze Anzahl neuer 
Mitglieder der Gesellschaft angeschlossen , so haben wir 
dennoch der entsprechenden Zahl des Vorjahres gegenüber 
einen Ausfall von 41 Mitgliedern zu verzeichnen. Indessen 
dauert auch nach Schluß des Berichtsjahres der Eintritt neuer 
Mitglieder fort,' zu welchem unverkennbar die für das Jahr 
1897 herausgegebene Schrift »Aus dem Goethe-National- 
Museum II« die ebenso wirksame wie erfreuliche Anregung 
gegeben hat. 

Am 31. Dezember 1897 bestand die Goethe-Gesellschaft 
aus 2635 Mitgliedern. 

Unter denselben befanden sich 31 Mitglieder auf Lebens- 
zeit und III englische Mitglieder, welche ihren Beitritt 



' In dem Augenblicke, da dieser Bericht zum Druck geht, sind die 
Verluste durch Todesfall oder freiwilliges Ausscheiden fast ganz durch 
neue Beitritte ersetzt. C. R. 



— ^ 6 +4— 

durch die Herren A. Nutt in London und N. Kolp in 
Manchester hatten erklären lassen. 

Die Einnahmen der Goethe-Gesellschaft, sowie die 
regelmäßigen Ausgaben für deren Zwecke und die ver- 
hältnißmäßig geringen Verwaltungskosten haben gegen 
das Vorjahr keine irgend in Betracht kommende Ver- 
änderung erfahren. Dagegen hat, wie unseren Mitgliedern 
bekannt ist, die Einweihung des Gebäudes für das Goethe- 
und Schiller-Archiv und der Antheil, den unsere Gesellschaft 
an diesem erfreuHchen und wichtigen Ereigniß hat bezeugen 
wollen, den Anlaß zu außerordenthchen Aufwendungen ge- 
geben, welche im Betrage von rund M. 20,000. — im Laufe 
dreier Jahre ohne Beeinträchtigung der gewohnten Aus- 
gaben der Gesellschaft und ohne Inanspruchnahme des 
Reserve -Fonds bis auf einen kleinen Rest aus den ge- 
wöhnlichen Einnahmen gedeckt worden sind. Bei dem 
Abschluß der Gesammt-Rechnung am 31. Dezember 1897 
tritt ein buchmäßiger Fehlbetrag von M. 2832.55 in die 
Erscheinung, an welchem auch dieser eben erwähnte Rest 
einen gewissen Antheil hat. Immerhin kann festgestellt 
werden, daß der im Jahresbericht für 1895 angekündigte 
Versuch, diese großen außerordentlichen BewiUigungen aus 
den laufenden Einnahmen zu bestreiten, bezüglich des 
Antheils der Gesellschaft an der Erwerbung der Stein-Briefe 
mit Gelingen durchgeführt worden ist, und es ist hinzu- 
zufügen , daß darüber hinaus das Gleiche geschehen ist 
bezüglich der zur Einweihung des Goethe- und Schiller- 
Archivs gewidmeten Marmorbüsten von Goethe und Schiller. 

Die Goethe-Gesellschaft besaß am 31. Dezember 1897 
in sicheren Werthpapieren verzinslich angelegt einen Bestand 
von M. 66,266.70, welcher bei der Großherzoglichen Hof- 
hauptkasse in Weimar niedergelegt ist. 

Außerordentliche Geldspenden sind der Gesellschaft im 
Berichtsjahre nicht zugegangen. 

Bei Einziehung der Beiträge und Vertheilung der Jahr- 
bücher und Schriften unterstützten uns mit gewohnter 
Bereitwilligkeit die Herren : 

Hofbuchhändler Th. Ackermann, München, 
Verlagsbuchhändler Dr. G. Fischer, Jena, 



— ^ 7 ^— 

Buchhändler Lucas Gräfe, Hamburg, 
Buchhändler Paul Kurtz, Stuttgart, 
Buchhändler Ernst Lemcke, New-York. 
Hofbuchhändler G. Lieberinann, Karlsruhe, 
Literar. Anstalt, Rütten & Loening, Frankfurt a. M., 
Rentier Ferdinand Meyer, Berlin, 
Buchhändler Max Niemeyer, Halle a. S., 
Buchhändler Alfred Nutt, London, 
F. H, Stephens, Manchester, 
Bankier Bernhard Rosenthal, Wien, 
Schletter'sche Buchhandlung, Breslau, 
Buchhändler von Zahn & Jaensch, Dresden, 
Wir sprechen ihnen für ihre freundliche Mühewaltung 
unsern aufrichtigsten Dank aus. 

Auch an dieser Stelle muß abermals der Bitte Ausdruck 
gegeben werden, daß uns von Wohnungsveränderungen 
rechtzeitig Kenntniß gegeben werde und daß unsere Mit- 
glieder bei Abwesenheit von zu Hause, namentlich in den 
Fällen, wo während derselben der Haushalt geschlossen 
wird, Vorsorge treffen, wie es mit unseren Sendungen 
gehalten werden soll. In allen Fällen, wo unsere Sendungen 
die Mitglieder nicht rechtzeitig erreicht haben, hat sich 
dieser Umstand auf den Mangel rechtzeitiger Vorsorge in 
diesen beiden Richtungen zurückführen lassen. 

Nicht wenig Reclamationen und nicht wenig Arbeit 
hätten erspart werden können. — Auch mögen die Neu- 
eintretenden nicht gleich die Geduld verlieren, wenn ihnen 
nicht unmittelbar nach Einsendung des Beitrages unsere 
Veröffenthchungen zugehen. Da die Versendung des Jahr- 
buches nicht von Weimar, sondern von Frankfurt aus er- 
folgt und nicht wegen jedes einzelnen Exemplares eine 
Correspondenz stattfinden kann, so wird es durchschnittlich 
14 Tage in Anspruch nehmen, bis beide Sendungen in den 
Händen der neuen Mitglieder sind. Man möge es nicht zu 
gering achten, auf eine recht deutliche Namensunterschrift 
Werth zu legen. Die Schriftsachverständigen des Schatz- 
meisteramts können irren«. 

Diesen von dem Herrn Schatzmeister ausgesprochenen 
Bitten kann sich der ganze Geschäftsführende Ausschuß 



— ^ 8 +t— 

nur anschließen. Die Arbeiten, welche von allen zu leisten 
sind und gern, mit Opfern an Zeit und Arbeitskraft ge- 
leistet werden, sind so mannigfach, daß es mit Dank be- 
grüßt werden würde, wenn durch die Beachtung der Worte 
des Herrn Schatzmeisters wenigstens die meisten der so 
leicht zu vermeidenden Correspondenzen über Beschwerden 
wegen Nicht-Erhaltens von Zuschriften und Zusendungen 
künftig wegfallen würden. Die leitenden Stellen können 
sich ja damit trösten, daß von hundert Reclamationen sich 
nicht eine als begründet herausstellt, aber das vermindert 
weder die Arbeit, noch ersetzt es der Kasse die veraus- 
gabten Porti. 



Wir lassen nun den vom Director des Goethe- und 
Schiller- Archivs, Herrn Geheimen Hofrath Prof Dr. Suphan 
erstatteten Bericht folgen: 

»Der Bericht über die Bibliothek der Gesellschaft kann, 
wie seit mehreren Jahren, in wenige Sätze gefasst werden. 
Dieselbe ist in stetigem Wachsen begriffen, gegenwärtig 
beläuft sich die Zahl ihrer Bände auf 4180. Es erm.öglicht 
sich jetzt, bei den Ankäufen die Zeitgenossen Goethes und 
und Schillers in größerem Umfange heranzuziehen (Rahel, 
Varnhagen, die Romantiker u. s. f.). Eine beträchtliche 
Zahl von Schenkungen ist zu verzeichnen ; dankbar werden 
im Folgenden die Namen der freundlichen Geber aus dem 
Kreise der Gesellschaft angeführt: 

S. K. H. der Großherzog, Dr. Witold Barewicz (Droho- 
byczu in Galizien), Freiherr Woldemar von Biedermann 
(Dresden),Verlagsanstalt Ehlermann(Dresden), Dr. Alexander 
Ehrenfeld (Zürich), Dr. August Fresenius (Weimar), Prof. 
Dr. Ludwig Geiger (Berlin), Dr. B. Golz (Breslau), Geh. 
Regierungsrath Professor Dr. Herman Grimm (Berlin), 
Geh. Regierungsrath Professor Dr. Otto Hartwig (Halle a. S.), 
Alois John (Eger), Professor Dr. C. Kellner (Zwickau), 
Literarische Anstalt Rütten und Loening (Frankfurt a. M.), 
Dr. A. Mirus (Weimar), Dr. Franz Sandvoß (Weimar), 
Regierungsrath Professor Dr. Alfred Schöne (Kiel), Prof. 
Dr. Erich Schmidt (Berlin), Professor Dr. Bernhard Seuffert 



— ^ 9 ^— 

(Graz), Geh. Hofrath Director Professor Dr. Bernhard 
Suphan (Weimar), Professor Calvin Thomas (New-York), 
Professor Dr. Karl Vorländer (Solingen), Verlagshandlung 
Leopold Voß (Leipzig und Hamburg), Kirchenrath Dr. 
Walther (Weimar), Gotthilf Weisstein (Berlin), Professor 
Dr. G. Witkowski (Leipzig), das Freie Deutsche Hochstift 
(Frankfurt a. M.), der Goethe-Verein in Wien, der Goethe- 
Verein in Zwickau, die Großherzogliche Bibliothek zu 
Weimar, die Manchester Goethe Society. 

Dem Herkommen gemäß schließen sich diesem Be- 
richte, den als Verwalter der Bibliothek der Director des 
Goethe- und Schiller-Archivs erstattet, die Mittheilungen 
desselben über das genannte Archiv an. Er eröffnet sie 
mit den auf den Besitzstand, das Protectorat und die 
Leitung des Instituts bezüglichen hoch wichtigen Ur- 
kunden, die er — ermächtigt dazu durch das Großherzog- 
iiche Staatsministerium, Departement des GroßherzogUchen 
Hauses, Chef Freiherr Dr. von Groß — bereits am 9. Oc- 
tober 1897 ^^ ^^^ Generalversammlung verlas, nachdem 
Seine Königliche Hoheit der Großherzog Carl Alexander 
als Protector und Seine Königliche Hoheit der Erbgroß- 
herzog Wilhelm Ernst als der testamentarisch eingesetzte 
Besitzer des Archivs diesen Modus der Veröffentlichung 
genehmigt hatten. Der betreffende Vortrag des Directors 
ist alsbald in der Deutschen Rundschau, als dem der Anstalt 
am nächsten stehenden Organ, im vollen Wortlaut gedruckt 
erschienen (November 1897, S. 301 — 305). Zu dem hier 
wiederholten Abdruck der Urkunden hat der Verleger 
freundHchst seine Einwilligung ertheilt. 

I. Das Archiv ein Fideicommiss des grossherzoglichen Hauses. 

Ich Sophie, Großherzogin von Sachsen, Königliche Prinzessin der 
Niederlande, Urkunde hiermit Folgendes: 

Mit Annahme des Vermächtnisses Walther von Goethes habe Ich 
zugleich für alle Zeiten die Verantwortung für eine würdige, pietätvolle 
Verwahrung und Erhaltung der Mir anvertrauten Schätze aus dem Nach- 
lasse J. W. von Goethes übernommen. Die gleiche Verantwortung trage 
Ich gegenüber dem handschriftlichen Nachlaß und der Bibliothek Friedrich 
von Schillers sowie in Bezug auf alle im Laufe der Jahre durch Schenkung 
oder Ankauf in Meinen Besitz übergegangenen Nachlässe anderer her- 
vorragender deutscher Dichter und Schriftsteller. Zugleich ist es Mein 

Goethe-Jahrbucb XIX. 24 



— •&+ 10 ^ 

Wille, für den Fall Meines Ablebens nicht allein für die Vollendung 
der Goethe-Ausgabe und der beabsichtigten Goethe-Biographie,' sondern 
nach Möglichkeit auch dafür Sorge getragen zu haben, daß die in 
Meinem Besitz befindlichen Schätze der nationalen Literatur der gelehrten 
Forschung nutzbringend erschlossen und Weimar erhalten bleiben, damit 
dieses, seiner großen Vergangenheit entsprechend, auch ferner ein 
geistiger Mittelpunkt Deutschlands bleibe. 

Ich habe deshalb beschlossen, ein dem Großherzoglichen Hause 
Sachsen als unveräußerliches Eigenthum angehöriges Familien-Fidei- 
commiß unter dem Namen »Goethe- und Schiller-Archiv zu Weimar« 
zu begründen, welches mit seinem Stiftungsvermögen und nach Maß- 
gabe Meiner letztwilligen Verfügung die Erreichung der angedeuteten 
Ziele soweit als möglich zu sichern bestimmt ist. — — — 

In Anschluß an das Gesagte und unter Verweisung auf die über 
das Goethe- und Schiller-Archiv bereits errichtete und Landesherrlich 
bestätigte Stiftungsurkunde treffe Ich hiermit folgende näheren Be 
Stimmungen : 

a) Das Goethe- und Schiller-Arcliiv soll mJt Allem, was dazu 
gehört, ein unveräußerliches Familien-Eigenthum des Großherzogliciien 
Hauses Sachsen-Weimar (Familien-Fideicommiß) sein und in demselben 
sich dergestalt vererben, daß es nach Meinem Ableben auf Meinen 
Enkel, den Erbgroßherzog Wilhelm Ernst, übergeht, von diesem aber 
in allen weiteren Erbfällen auf den jedesmaligen Chef des Großherzog- 
lichen Hauses Sachsen-Weimar, 

b) Mein Enkel Wilhelm Ernst und jeder nachfolgende fidei- 
commissarische Inhaber des Goethe- und Schiller-Archivs ist gehalten, 
für die Erhaltung und Verwaltung desselben die Einrichtungen beizu- 
behalten, welche Ich getroffen haben werde. Diese Einrichtungen werden 
nicht bloß auf fürsorgliche Erhaltung, sondern auch darauf gerichtet 
sein, die reichen geistigen Schätze dieser Sammlung der Mit- und Nach- 
welt nutzbringend zu erschließen. Von demselben Geiste sollen auch 
diejenigen Einrichtungen erfüllt und getragen sein, welche die fidei- 
commissarischen Nachbesitzer zu treffen sich etwa bewogen finden 
möchten. 

pp. 

(gez.) Sophie, 
Großherzogin von Sachsen, 
Schloß Weimar Königliche Prinzessin der Niederlande, 

den 22. März 1895. 



1 Ich habe hierzu a. a. O. S. 502 folgendes bemerkt: »In Ihren letzten vier Lebens- 
jahren, da der Bau des Archivs und die Ansammlung eines Fonds für die Anstalt Sie in 
Anspruch nahmen, ist es der ausgesprochene Wille der Fürstin gewesen, sich auf die monu- 
mentale Ausgabe der Werke zunächst zu beschränken und die Biographie einer späteren Zeit 
vorzubehalten«. B. S. 



— «^r II +^— 

Wir 

Carl Alexander 

von Gottes Gnaden 

Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach, 

Landgraf in Thüringen, Markgraf zu Meißen, u. s. \v. 

beurkunden hiermit: 

Von Ihrer Königlichen Hoheit der Frau Großherzogin Sophie 
von Sachsen, Königlichen Prinzessin der Niederlande, Unserer nun in 
Gott ruhenden vielgeliebten Frau Gemahlin, sind in Betreff des durch 
Urkunde vom 7. Juni 1893 unter dem Namen »Goethe- und Schiller- 
Archiv« errichteten und von Uns unter dem 17. Juni 1893 landesherr- 
lich bestätigten Familien-Fideicommisses des Großherzoglichen Hauses 
Sachsen die in der Stiftungsurkunde vorbehaltenen Bestimmungen über 
die Vererbung und Verwaltung des Archivs in dem § 24 ihres Testa- 
mentes vom 22. März 1895 getroffen worden. 

Indem Wir die Ergänzungen, welche durch diese letztwilligen Be- 
stimmungen Unserer vielgeliebten Frau Gemahlin, Königlichen Hoheit 
und Liebden, die ursprünglichen Anordnungen erfahren haben, im An- 
schluß an die früher ausgesprochene Genehmigung hiermit ebenfalls 
genehmigen, bestätigen Wir als Oberhaupt des Großherzoglichen Hauses 
und als Landesherr das Familien-Fideicommiß »Goethe- und Schiller- 
Archiv zu Weimar« gemäß den nunmehr gültigen Anordnungen der 
verewigten Frau Großherzogin. 

Zugleich verordnen Wir mit Zustimmung Unseres Enkels, des Erb- 
großherzogs Wilhelm Ernst, Königlichen Hoheit und Liebden, als des 
derzeitigen Besitzers, daß das Goethe- und Schiller-Archiv, über welches 
Wir auf Wunsch Unseres vielgeliebten Enkels das Protectorat über- 
nommen haben, wie bisher so auch künftighin den Bestimmungen 
Unserer in Gott ruhenden Frau Gemahlin gemäß von einer wissen- 
schaftlichen Direction selbständig geleitet und daß das zum Familien- 
Fideicommiß gehörige, in seinem Bestände dauernd zu erhaltende Ver- 
mögen nach näherer Bestimmung des jeweiligen Eigenthümers des 
Archivs unter der Aufsicht Unseres Staatsministeriums, Departement 
des Großherzoglichen Hauses, verwaltet werden soll. 

Urkundlich haben Wir vorstehende Genehmigungsurkunde Höchst- 
eigenhändig vollzogen, und mit Unserem Staatssiegel bedrucken lassen. 
So geschehen und gegeben 

Wilhelmsthal, den 16. Juni 1897. 

(gez.) Carl Alexander 
(L. S.) (ggez.) V. Groß. 



24* 



— "^ 12 ^ — 

II. Die letztwilligen Bestimmungen. 

Paragraph 24 
des Testaments der Frau Großherzogin. 

Meinem vielgeliebten Enkel Wilhelm Ernst vermache Ich die im 
Jahre 1889 zu einem Goethe- und Schiller- Archiv erweiterten Samm- 
lungen, wie Ich dieselben durch testamentarische Verfügung des Herrn 
Walther von Goethe und durch die Stiftung des Freiherrn von Gleichen- 
Rußwurm erhalten habe. *• 

Die Worte des Herrn Walther von Goethe: »Möge Ihre König- 
liche Hoheit die Frau Großherzogin dieses mein Vermächtniß, ich sage 
besser dieses Goethe'sche Vermächtniß, in dem Sinne empfangen, in 
dem es Höchstderselben durch mich entgegengebracht wird, als einen 
Beweis tief empfundenen, weil tief begründeten Vertrauens« — sind 
die Grundlage Meiner Anschauungen und Meines Handelns gewesen. 
Als Ich dieses Goethe'sche Vermächtniß gerichtlich annahm, habe Ich 
Meine Erklärung durch folgende Worte begleitet: »Voll bewußt, welche 
Verantwortung Ich damit übernehme«. 

Freiherr von Gleichen-Rußwurm ' überwies Mir in dem gleichen 
Sinne und in dem gleichen Vertrauen, wie Ich das Goethe'sche Archiv 
empfing, Schiller's gesammten handschriftlichen Nachlaß und dessen 
Handbibliothek, und die so vereinigten Sammlungen führen den Namen 
Goethe- und Schiller-Archiv. 

Meinen vielgeliebten Enkel und alle Nachfolger im Besitze des 
Goethe- und Schiller- Archivs beauftrage Ich, eingedenk jener Meiner 
Worte und entsprechend dem Vertrauen, welches die Nachkommen 
Goethes und Schillers Mir entgegenbrachten, stets zu handeln. 

[Es folgen die Angaben über das derzeitige Stiftungsverniögen. 
Darunter »5. die von MitgHedern der Goethe-Gesellschaft und Freunden 
Weimars am 8. October vorigen Jahres dargebrachte Sammlung, die 
als ein Beitrag zum Bau des Goethe- und Schiller-Archivs gedacht ist;. . 
diese Summe ist zur inneren Ausschmückung des Gebäudes von Mir 
bestimmt.«] — 

Indem Ich dieses Familien-Fideicommiß durch gegenwärtige Ur- 
kunde begründe, bestimme ich, daß die Verwaltung dieser Stiftung zu 
Meinen Lebzeiten durch Mein Secretariat unter Meiner Aufsicht erfolgen 
soll. Bei Meinem dereinstigen Ableben treten Meine letztwilligen Be- 
stimmungen über die Vererbung und Verwaltung des Goethe- und 
Schiller-Archivs zu Weimar in Kraft. 



1 Zu diesem Passus bemerkte ich a, a. O. S. 303: «Freiherr Ludwig von Gleichen- 
Russwurm zu Weimar und Freiherr Alexander von Gleichen-Russwurm zu Darmstadt über- 
geben das Schiller-Archiv« — beginnt die Sliftungsurkunde (Deutsche Rundschau 1889. 
Bd. LX, S. 139). So stehen beide Namen, Schillers Enkel und Urenkel, auf der Marmortafel 
im Archiv, mit welcher die Grossherzogin ihre Dankbarkeit ufür hehres Denken wie für 
hochherziges Handelnn vor der Welt hat bezeugen wollen. B. S. 



— &^ 13 ^— 

Schließlich bitte Ich meinen vielgeliebten Herrn Gemahl, den 
Großherzog, dieser Fideicommissarischen Stiftung in Form einer zu- 
gleich hausgesetzlichen Bestimmung die landesherrliche Bestätigung zu 
verleihen. 

Belvedere, am 7. Juni 1895. 

(Siegel.) (gez.) Sophie. 

Seine Königliche Hoheit der Großherzog ertheilte die Bestätigung 
zu Belvedere am 17. Juni 1893. 

Die Mittheilung dieser Urkunden — in denen das 
«Je maintiendrai« der verewigten großen Fürstin, ein- 
dringlich vernehmbar, als Ihr letztes, stetig fort tönendes 
Wort der Goethe-Gesellschaft, als der Bundesgenossin Ihrer 
Werke und Bestrebungen, verkündet ward, ist überall, wie 
zahlreiche Berichte besagten, als der weitaus bedeutendste 
Theil der Verhandlungen empfunden worden. Sie hat 
sich sogleich als folgenreich im höchsten Grade erwiesen. 
Der Gedanke, es könne ein Stillstand, ein Rückgang etwa 
gar eintreten, war gebannt. Und diejenige Macht, auf 
welche die hohe Frau gebaut hatte, die Mitwirkung der 
Gleichgesinnten, hat sich nach ihrem Hingang, wie zuvor, 
nachdrücklich bethätigt. Hätte man nach den großen 
Darbringungen, die sich an den 28. Juni 1896, den Tag 
der Einweihung knüpften, eine gewisse Einschrcänkung als 
natürliche Folge ohne Bedenken hinnehmen müssen, so ist 
es doppelt erhebend, daß die Zuwendungen, zumal vom 
Herbst 1897 an, entschieden sich gemehrt haben. Die 
Spenden sind gleicherweise den klassischen Beständen des 
Archivs wie den Sammlungen neuerer Literaturdenkmale 
zu Gute gekommen. Einer großen Zahl von Spendern 
war seitens der Direction im Auftrage des hohen Protectors 
und des hohen Besitzers, wie einst im Namen der Groß- 
herzogin Sophie, Dank abzustatten und ihre Eintragung 
in das »goldene Buch« zu melden. 

S. K. H. der Großher:(og schenkte einen Brief Goethes 
an Fritz von Stein und Herders Pindarübersetzung, Nieder- 
schriften von Ottilie, Wolfgang und Walther von Goethe an 
Mitglieder des Weimarischen Fürstenhauses sowie an ihn 
gerichtete Briefe neuerer Schriftsteller (Fanny Lewald, Graf 
Schack u.a.), das an ihn gerichtete Gedicht Paul Heyses auf 



— &f 14 ^ — 

die verstorbene Frau Großherzogin Sophie von Sachsen (Salö 
8. April 1897) und Tagebücher von Richard Voß; außerdem 
gab er Correspondenzen der Familie von Goethe dem Archiv 
zur Aufbewahrung. S. H. Prm:( Hermann von Sachsen 
(Stuttgart) schenkte einen alten Kupferstich von Heideloff, 
darstellend eine Preisvertheilung in der Karlsschule. Die 
Direcüon des Goethe-Nationalmuseums überwies dem Archiv 
einen Brief des Grafen Putbus über Weimar (29. Juli 1776). 
S. Exe. Herr von Pawel, Departementschef im Großherzogl. 
Staatsministerium zu Weimar, schenkte einen Brief Wielands 
an Pastor Bertram (Weimar 15. April 1794); Freiin Anna 
von Welck, Weimar, einen Foliobogen mit Schillers Nieder- 
schrift der Gedichte: Würde der Frauen (letzte Strophen), 
Der Säemann, Unsterblichkeit, Deutsche Treue, die zwey 
Tugendwege, Das Höchste, lUas, Der philosophische Egoist; 
Dr. Paul Schienther, Director des K. u. K. Hof burgtheaters, 
Wien, einen Brief Goethes an Eichstädt; Dr. Oskar von 
Hase, Leipzig, einen Brief Herders an Breitkopf; Herr 
Geh. Regierungsrath Professor Dr. Otto Hartwig, Halle, 
Briefschaften von Charlotte Diede; Fräulein M. Krehan, 
Weimar, einen Streifen von Schillers Demetrius-Handschrift 
(2. Aufzug, 3. Scene) und eine ansehnliche Sammlung von 
Autographen und Zeichnungen (Kraus, H. Meyer, Gore, 
EmiUe von Gleichen u. s. w.) aus dem Nachlaß des 
Professors Lieber, der Lehrer an der freien Zeichenschule 
in Weimar gewesen war. Exe. Dr. Eduard von Simson, Berlin, 
schenkte die von ihm angeregten Mittheilungen von Ge- 
lehrten und Literaturfreunden über das Goethische Citat: 
Uno volvitur assere (Jacob Bälde). Fräulein Charlotte Krackow, 
Weimar, schenkte eine Sammlung von Briefen (Karl August 
an Kirms; Anna Amalia an ihren Sohn Constantin; Prinzeß 
Caroline, Eichstädt, de Wette, Johannes Schulze an Frau 
Voigt geb. Ludecus); Professor Dr. L. Geiger, Berlin, Briefe 
Zimmermanns an Herder; Gotihilf Weisstein, Berlin, einen 
Streifen aus Schillers Maltheser-Handschrift; Dr. Wilhelm 
Buchner, Eisenach, die Masse der Briefe Freiligraths an 
Carl Buchner; Fräulein Marie Baiir und Geschwister, Leipzig, 
einen Band Briefe Grabbes an Immermann; Frau Anna von 
Doss zu Partenkirchen übersandte die gesammte Handschrift 



—4+ 15 ^ — 

von Felix Dahns »Kampf um Rom«, ferner das Manuscript 
von Leopold Schef er »Der armeDschem« (Muskau, März 1838); 
Frau Wanda von Dalhuil:(, geb. von Graefe, Berlin, Briefe 
von 'Gregorovius an von Thile (134 Nummern). Die 
Deutsche Schiller-Stiftung schließlich deponirte unter Vor- 
behalt des Eigenthumsrechts 3 Briefe von G. A. Bürger, 
die ihr von Bürgers letzter noch lebender Enkelin, Fräulein 
Bürger in Leipzig überwiesen worden sind, und Herr General- 
agent Herman Geipel, Weimar, unter demselben Vorbehalt 
3 Briefe Goethes an Peucer und einiges andere. 

Auch die Bibliothek des Archivs hatte sich reichlicher 
Zuwendungen zu erfreuen. Die Namen der Spender werden 
hier mit bestem Dank angeführt. 

Dr. Witold ßarewicz (Drohobyczu in Galizien), Ober- 
bibliothekar Geh. Hofrath P. von Bojanowski (Weimar), 
R. Brockhaus (Leipzig, f 28. Januar 1898), H. Böhlaus Nach- 
folger (Weimar), Präsident Dr. von Brüger (Jena), Geh. 
Regierungsrath Professor Dr. Hermann Grimm (Berlin), 
Fräulein Kämpfer (Weimar), Professor Dr. Keller (Zwickau), 
Fräulein Magdalena Krehan (Weimar), Dr. Albert Leitzmann 
(Jena), Professor Dr. Lothholz (Halle a. S.), John Muir 
(Glasgow), Professor Dr. Siebs (Greifswald), Gräfin Marie 
von Wedel, geb. von Beust (Weimar), Geh. Hofrath Director 
Dr. Weniger (Weimar), Oberbibliothekar Dr. G. Wustmann 
(Leipzig), das GrofMierzoglich Sächsische Staatsministerium 
(Weimar), das Freie Deutsche Hochstift (Frankfurt a. M.), 
der Schwäbische Schillerverein (Marbach). 

Außer Handschriften und Büchern können wir diesmal 
auch einige Schenkungen anführen, die auf anderen Ge- 
bieten die Erinnerungen an die klassische Zeit unserer 
Literatur zu bestärken und zu ergänzen vermögen: eine 
aus dem Nachlaß des Kais. Russischen Staatsrath von Herder 
(Grünstadt) stamm.ende Sammlung von Stahlstich-Porträts 
von hervorragenden Persönlichkeiten der deutschen Literatur 
(Lessing, Goethe, Schiller, Wieland, Herder, Jean Paul etc.); 
eine bronzene Schiller-Denkmünze aus dem Jahre 1847, 
geschenkt von Dr. C. Schüddekopf, Weimar; eine silberne 
Schillerdenkmünze aus dem Jahre 1859, geschenkt von 
Frau Oberlandesgerichtsrath Craß, Cassel; und endlich eine 



— "4* i6 -»4— 

römische Silbermünze (30 Bajocclii) aus dem Jahre 1786 
mit dem Bildniß Papst Pius VI., geschenkt von Herman 
Grimm, aus dem Nachlaß seines Bruders Rudolf Grimm; 
Ferner von demselben eine große Photographie des Denk- 
mals von Jakob und Wilhelm Grimm zu Hanau und eine 
vorzügliche photographische Nachbildung des von Ihrer 
Majestät der Deutschen Kaiserin Auguste Victoria ihm zum 
70. Geburtstag (6. Januar 1898) gewidmeten Bronzerehefs 
von Roloff: Goethes Brustbild nach Jagemann. 

So ist nun auch mit lebhaftem Danke der werthvollen 
Theilnahme zu gedenken, welche die stetig vorrückenden 
Arbeiten des Archivs fördersam begleitet. 

Für längere Zeit überließen dem Archiv die Bonner 
Universitätsbibliothek sämmtliche Goethehandschriften aus 
Sulpiz Boisserees Nachlaß (Briefe und Gedichte) , die 
Schwestern Bertha und Klara Froriep zu Weimar die ge- 
sammten Goethepapiere ihres Archivs (zumeist Briefe), 
das Freie Deutsche Hochstift zu Frankfurt a. M. die Hand- 
schrift des 7. Buches von Wilhelm Meisters Lehrjahren. 
Herr Geh. Medicinalrath Dr. von Conla, Weimar, überwies 
27 Briefe Goethes an seinen Vater, den Präsidenten Carl 
Anton von Conta, nebst erklärenden Beigaben dem Archiv 
zur Benutzung, desgleichen höchst werthvoUe, auf Goethe 
bezügliche Excerpte aus Briefen seines Vaters an seine 
Mutter. Frau Geh. Commerzienrath Merck-MoUer, Darm- 
stadt, schenkte collationirte Abschriften dreier Briefe 
Goethes an ihren Vater, den Oberbaudirector Moller. 
Schulinspector Dr. Frit:!^ Jonas übersandte die in seinem 
Besitz befindUchen Abschriften und Originalhandschriften 
Goethischer Gedichte, Freiherr von Bernus auf Stift Neuburg 
Briefe an Fritz Schlosser, die /. G. Cotiasche Buchhandlung 
Nachfolger in Stuttgart Abschriften von Briefen an Cotta, 
die Herren Frege & Co. in Leipzig die noch in ihrem Be- 
sitz befindlichen Briefe Goethes an ihre Firma. Durch 
Vermittlung des Herrn Bruno Schulz Briesen in Weimar 
schickte Professor Dr. Stammer in Düsseldorf Briefe Goethes 
an seinen Großvater, den nassauischen Oberbergrath Gramer, 
in Abschriften ein, und aus eigenem, freiem Antrieb theilte 
Dr. Koetschau, Director der Sammlungen auf der Veste 



— ^ 17 ■»€•— 

Coburg, ebenfalls abschriftlich, alles mit, was die dortige 
Handschriftensammlung an Briefen und Gedichten Goethes 
besitzt. Briefe aus der ehemaligen Friedländerschen Hand- 
schriftensammlung wurden zunächst durch Geh. Archivrath 
und Geh. Staatsarchivar Dr. Ernst Friedländer in Berlin in 
einer alten Abschrift, dann durch Geh. Justizrath C. R. Lessing 
in Berlin im Original zur Verfügung gestellt. Die Königl. 
Bibliothek zu Berlin gewährte die Benutzung von Briefen 
und Gedichten Goethes, das Großher^ogl. Sächsische Geh. 
Haupt- und Staatsarchiv und das Cultusdepartemejit des 
Großherzogl. Ministeriums die Benutzung von Acten, welche 
Goethebriefe enthalten, die Her^ogl. Bibliothek zu Gotha die 
Benutzung des »Anzeigers« (einer Beilage der »Deutschen 
Zeitung«) von 1792. 

Durch Nachweisungen, Collationen oder sonstige 
wissenschaftliche Mittheilungen haben das Archiv zu Dank 
verpflichtet die Herren Wilhelm Dancker in Frankfurt a. M. 
und Albert Hol:^ in Breslau, Professor Dr. L. Geiger, 
Dr. H. Stümcke, Herr Gotthilf Weisstein und Dr. Carl Brandis 
in Berlin, Professor Dr. Georg Witkowski und Dr. Otto 
Günther in Leipzig, Woldemar Freiherr von Biedermann und 
Dr. Emil Peschel, Director des Körner-Museums in Dresden 
und Dr. G. Steinhausen in Jena. 

Wenn wir in alle den angeführten Bethätigungen von 
Wohlwollen und Neigung ein Fortwirken der Gedanken 
und Wünsche unserer verewigten Herrin erkennen, so ist 
es wohl billig, daß wir zum Schlüsse dieses Berichts er- 
wähnen, wie die erste Wiederkehr des Tages begangen 
worden ist, an dem sie »in höhere Regionen« entrückt 
ward. Es geschah durch eine »Gedächtniß-Ausstellung«, 
zu welcher der Zutritt vom 23. März bis zum i. April 
verstattet war. Die Theilnahme, welche diese Veranstaltung 
seitens der Bürgerschaft von Weimar sowohl als vieler 
Auswärtigen gefunden hat (das Besucherbuch weist in der 
genannten Woche 286 Eintragungen auf) hat den Beschluß 
zur Reife gebracht, diese literarische Parentation alljährlich 
zu wiederholen, außerdem aber sie, in erweiterter Gestalt, 
der diesjährigen Generalversammlung der Goethe-Gesellschaft 
noch einmal darzubieten. 



— <^ i8 ^— 

Den Bericht über die erste Darbietung geben wir in 
der Fassung, wie er in der Zeitung »Deutschland« er- 
schienen ist (24. März); Verfasser ist Dr. Carl Schüddekopf, 
zweiter Assistent des Archivs.« 

Von der Gedächtniss-Äussteüung im Goethe-Schiller-Ärchiv. 

Zum Gedächtniß der hohen Stifterin des Goethe- und Schiller- 
Archivs ist an ihrem Todestage, der für dieses ihr Lieblings-Institut 
vor allem schmerzliche Erinnerungen heraufführt, eine Ausstellung in 
den Sälen des Archivs eröffnet. Sie ist von der Direction desselben 
in der Absicht veranstaltet vv^orden, den persönlichen und geistigen 
Zusammenhang dieser Schatzkammer der deutschen Nationalliteratur 
einerseits mit der hohen entschlafenen Herrin, sodann mit dem wei- 
marischen Fürstenhause im allgemeinen zu veranschaulichen. Nach 
diesen Gesichtspunkten zerfällt die Ausstellung, die säm.mtliche Schau- 
kästen des Mittelsaales füllt, im ^wesentlichen in zwei Abtheilungen 
Zunächst finden wir eine Reihe von Erinnerungen an die hochselige 
Frau Großherzogin als Besitzerin und Leiterin des Archivs, die von 
der lebhaften, gewissenhaften und durchaus persönlichen Theilnahme 
der Fürstin an den ihr dargebrachten Schätzen und den daraus er- 
wachsenden Aufgaben aufs eindringlichste Zeugniß ablegen. In eigen- 
händigen Aufzeichnungen legt die hohe Frau hier ihre Gedanken über 
die von ihr veranstaltete neue und umfassende Ausgabe von Goethes 
Werken und den Plan zu einer großen, abschließenden Goethe-Biographie 
nieder; und in Briefen an ihr nahestehende Gelehrte bespricht sie aufs 
eingehendste die Fragen, die sich an diese weitausschauenden, dem 
ganzen deutschen Volke dienenden Aufgaben knüpften. Den vorläufigen 
Abschluß dieser Bestrebungen, die Eröffnung des neuen Goethe- und 
Schiller-Archivs, illustrirt eine Fülle weiterer Schriftstücke und Urkunden; 
hier finden wir das Glückwunschschreiben Seiner Majestät des Kaisers und 
Telegramme der Großherzogin Luise von Baden, Bismarcks Dank für die 
Uebersendung der zu dieser Feier geprägten Medaille, zwei monumentale 
Briefe Herman Grimms und Aussprüche Kuno Fischers und Wildenbruchs, 
sowie die bei der Eröffnung gehaltenen Ansprachen. Auch die Urkunde 
über die Schenkung der Briefe Goethes an Frau v. Stein ist neben Er- 
innerungen an die Feier der goldenen Hochzeit unseres Fürstenpaares aus- 
gelegt. — Wehmüthig reihen sich zum Schluß einige Stimmen über den un- 
ermeßlichen Verlust an, den die ganze gebildete Welt durch den Tod der 
hohen Frau erlitten hat. Das Handschreiben Seiner Majestät des Kaisers an 
den Vorstand der Goethe-Gesellschaft, das dem letzten Bande des Goethe- 
Jahrbuchs vorgedruckt ist, liegt hier neben Paul Heyses schönem Nachruf: 
Zwei Augen schlössen sich, die ihre Welt 
Erwärmt mit sanftem Leuchten und erhellt. 
Ein Geist ging in die ew'ge Klarheit ein. 
Der Wahrheit sucht' und Feind war allem Schein. 



— ^ 19 -»4— 

Zu zeigen, wie die hochselige Großherzogin die Traditionen des 
weimarischen Fürstenhauses weiter gepflegt und mit klarem Blick und 
fester Hand fortgeführt hat, dient die zweite Abtheilung der Ausstellung. 
Die imponirende Reihe der fürstlichen Frauen, die in drei Generationen 
Weimars Stolz gewesen sind, tritt hier in eigenhändigen Briefen der 
Herzogin Anna Amalia, Luise und Maria Paulowna vor uns, denen 
sich Goethes Antworten anschließen. Daß die meisten dieser Schriftstücke 
bisher unbekannt und ungedruckt sind, sei ausdrücklich hervorgehoben. 

Von anderen erlauchten Frauen aus dem weimarischen Fürsten- 
hause, die zu unserer klassischen Literaturepoche Beziehungen haben, 
sind die Prinzessin Karoline, spätere Erbprinzessin von Mecklenburg, 
und die Prinzessin Augusta, spätere deutsche Kaiserin, vertreten. Goethes 
Brief an die letztere vom 9. November 183 1, worin er zur Geburt 
ihres Sohnes, des späterin Kaisers Friedrich, Glück wünscht, liegt 
daneben. Und als Abschluß dieser großen Vergangenheit dient eine 
Niederschrift Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs über ein 
eigenhändiges Gedicht Goethes, 

Weite Welt und breites Leben, 
das aus Eckermanns Händen in die Franz Liszts übergegangen ist. 
Welch eine Welt von Erinnerungen liegt in diesen kurzen Worten! — 
Das Bild der hochseligen Frau Großherzogin, von lebendem Grün um- 
geben, schmückt als einzige äußere Zierde die Prachträume des Archivs; 
aber die innere Bedeutung dieser schlichten Gedächtnißfeier predigt 
jedes Blatt mit lauten Zungen! 

Die Ausstellung war, nachdem am 23. März die höheren Lehr- 
anstalten Weimars eingeladen worden, an den folgenden Tagen zu der 
sonst festgesetzten Zeit auch für andere Besucher geöffnet. . . . 



Aus dem Goethe-Nationalmuseum ist für das Jahr 1897 
manch' Erfreuliches, wenn auch nichts besonders Hervor- 
ragendes zu berichten. 

Die Bearbeitung der einzelnen Sammlungen nimmt 
ihren Fortgang, zum ersten Male wirksam unterstützt 
durch einen besonderen Kenner auf dem betreffenden Ge- 
biete. Herr Professor Dr. Fiirtiuängler in München hat die 
große Güte gehabt, die von Goethe gesammelten ge- 
schnittenen Steine einer genauen Durchsicht zu unterziehen 
und die Ergebnisse seiner Prüfung der Direction zur Ver- 
fügung zu stellen. Manche Angabe in dem zweiten Bande 
von Schuchardts Catalog müssen dem heutigen Stande der 
Wissenschaft gemäß abgeändert werden; Herrn Professor 
Furtwängler ist für seine Bemühung herzlich zu danken 



— •^ 20 •»#— 

und nur zu wünschen, daß er sie bei günstiger Gelegenheit 
auch auf die Sammlung der manches interessante Stück 
enthaltenden kleinen antiken Bronzen ausdehnen möchte. 

Eine nicht unbeträchtliche Anzahl von Geschenken 
sind dem Goethehause auch in diesem Jahre zugegangen: 
wir verzeichnen sie gern, mit dem wiederholten Ausdruck 
des herzHchsten Dankes für die gütigen Stifter. 

Seine Königliche Hoheit der Großher^og überwies dem 
Goethe- Nationalmuseum das Oelgemälde, welches C. A. 
Schwerdgeburth zum 7. September 1825 dem Großherzog 
Carl August verehrt hatte, und das alle Berühmtheiten 
seiner 50jährigen Regierungszeit im Bilde vereinigt. Zarncke 
(vgl. seine Goethebildnisse Nr. 47) hatte es lange ver- 
gebhch gesucht; in einem Zimmer von Wilhelmsthal ward 
es im vorigen Sommer gefunden. 

Graf F. Clermont-Tonnerre auf Schloß Brugny, ein 
Enkel der in den dreißiger Jahren in Weimar lebenden 
und von Goethe sehr bewunderten Gräfin Vaudreuil, schenkte 
drei Originalzeichnungen Goethes, die seine Großmutter 
von dem Dichter erhalten, sowie zwölf Handschriften ver- 
schiedener Personen des Weimarer Kreises, welche sie ge- 
sammelt; letztere wurden in dem Goethe- und Schiller- 
Archiv niedergelegt; — Ihre Excellenz Gräfin Hedwig Brühl 
in Berlin die Originalhandschrift des Diwan -Gedichtes: 
»Den Gruß des Unbekannten ehre ja«, das Goethe ihrem 
Großvater, dem Feldmarschall Grafen Gneisenau am 12. Juli 
1819 als Stammbuchsblatt verehrt hatte; — Fräulein 
Ch. Kraclww in Weimar ein höchst charakteristisches Biscuit- 
Büstchen der Herzogin Anna Amaha aus der Fürstenberger 
Porzellanfabrik. 

Die Sammlung der Bildnisse von Goethe und den Per- 
sonen seines Kreises erhielt Geschenke: von Herrn M'^illiam 
Speck in Haverstraw bei New-York die Photographie einer 
in seinem Besitz befindUchen Silhouette Goethes, 1786 in 
Carlsbad verfertigt; — von Dr. M. Schubart in München, 
die Photographie einer Seite aus Anthings Silhouetten- 
Album, ein Bild Goethes nebst einer Einzeichnung vom 
7. September 1789 enthaltend; — von Herrn Bildhauer Karl 
Rumpf in Frankfurt, Photographien seiner Büsten des Jugend- 



— ^ 21 •^ — 

liehen Goethe und seiner Eltern nach den im Frankfurter 
Goethehause befindlichen Originalen; — von Herrn Geh. 
Hofrath Gille in Jena, ein Bild Augusts von Goethe, sowie 
das des freundUchen Gebers selbst, eines der wenigen noch 
lebenden Freunde des Goetheschen Familienkreises; — 
von Herrn Dr. Th. Stettner in München, die Photographie 
einer Portraitzeichnung einer Dame, in der ein Bild Friederike 
Brions vermuthet wdrd; — von Herrn Th. Demtith in Wien, 
ein lithographisches Bildniß des Grafen Franz Klebeisberg, 
des Stiefvaters von Fräulein Ulrike von Levetzow, und einen 
seltenen Kupferstich von Thomas Hrnciz, Ludwig Löwe, 
den ersten Faust der Wiener, und Carl La Roche, den ersten 
Mephisto der Weimarer Bühne darstellend; — von Herrn 
Robert Schol^ in Görlitz eine Photographie des Grabes von 
Minna Herzlieb. 

Für die Bibliothek des Goethe-Museums schenkte die 
Literarische Anstalt Rütien & Loening in Frankfurt a. M. den 
XVIIL Jahrgang des Goethe- Jahrbuches; — Herr Professor 
Dr. Ad. Michaelis in Straßburg seine Abhandlung über eine 
merkwürdige antike Bronze des Museums; — Herr Dr. Ad. 
Minis in Weimar, seine Monographie über das Körner- 
Museum in Dresden und die Sammlungen in Schloß Löbichau. 

Herr William Candidus in Cronberg hat alle Besucher 
des Goethehauses zu Dank verpflichtet, indem er ihm das 
in seinem Besitz befindUche merkwürdige Damenportrait, 
wohl ohne Zweifel die Frau Rath in höherem Alter dar- 
stellend, für längere Zeit zur Ausstellung anvertraut hat. 

Im Namen der Goethe-Gesellschaft danken wir Herrn 
Candidus dafür, daß er dem Herausgeber gestattet hat, 
diesen Band des Goethe-Jahrbuches mit einer Nachbildung 
des Gemäldes zu schmücken; allen Mitgliedern wird es 
von Werth sein, eine solche zu besitzen. 

Möge die freundliche Gesinnung, die sich in all' diesen 
Zuwendungen und von so verschiedenen Seiten bethätigt, 
dem Goethe-National-Museum auch ferner erhalten bleiben! 

Weimar, 8. April 1898. 

Im Auftrage des geschäftsführenden Ausschusses: 
Dr. C. Ruland. 



— "^H- 22 +1— 



Mitglieder -Verzeichniss 



DER 



Goethe-Gesellschaft. 

(Abgeschlossen Mai 1898.) 



Protector: 

Seine Königl. Hoheit der Q-rossherzog Carl Alexander 

von Sachsen- Weimar-Eisenach. 



Vorstand: 
Präsident: 

Präsident des Reichsgerichts a. D., Wirkl. Geh. Rath Dr. 
Eduard von Simson, Excellenz, in Berlin. 



Vice-Präsidenten : 

Geh. Hofrath Dr. C. Ruland, Director des Grossherzog- 
lichen Museums und des Goethe-National-Museums 
in Weimar. 

Geh. Rath Freiherr Dr. IV. von Biedermann in Dresden. 



Vorstands-Mitglieder : 

Geh. Staatsrath Dr. EggeUng, Curator der Universität in Jena. 
Wirkl. Geh. Rath Professor Dr. Kuno Fischer, Excellenz, 

in Heidelberg. 
Freiherr Dr. L. von Gleichen-Russwurm, Königl. Bayerischer 

Kämmerer, in Weimar. 
Dr. Paul Heyse in München. 
Professor Dr. Erich Schmidt in Berlin. 
Wirkl. Geh. Rath Dr. Carl von Slremayr, Präsident des 

K. K. obersten Gerichtshofes, Excellenz, in Wien. 
Geh. Hofrath Professor Dr. B. Suphan, Director des Goethe- 

und Schiller-Archivs in Weimar. 
Professor Dr. Veit Valentin in Frankfurt am Main. 



— &*■ 23 ^ 



Geschäftsführender Ausschuss 
in Weimar: 



Vorsitzender: Geh. Hofrath Dr. C Ruland. 
Stellvertreter: Geh. Hofrath, Oberbibliothekar 

P. von Bojanoiusky. 
Schriftführer: Staatsrath Dr. K'. Kuhn. 
Schatzmeister : Commerzienrath Dr. jur. R. MoritT^. 



Verlagsbuchhändler H. Böhlau. 

ArchiVdirector Dr. H. Burkhardt. 

Geh. Hofrath Professor Dr. B. Suphan. 

Kammerherr, Hoftheater-Intendant H. v. Vignau, Major z. D. 

Oberhofmarschall Wirkl. Geh. Rath Graf 0. v. Wedel, Exe. 




— ►^ 24 ^— 



Mitglieder: 

Seine K. u. Kc Majestät Wilhelm IL, Deutscher Kaiser 

und König von Preussen. 
Ihre K. u. K. Majestät Augusta Victoria, Deutsche Kaiserin 

und Königin von Preussen. 
Ihre K. u. K. Majestät Victoria, Kaiserin and Königin 

Friedrich. 
Seine K. u. K. Apost. Majestät der Kaiser von Oester- 

reich, König von Ungarn. 
Seine Majestät der König von Schweden u. Norwegen. 
Ihre Majestät die Königin Margherita von Italien. 
Ihre Majestät die Königin Marie von Neapel. 
Ihre Majestät die Königin Elisabeth von Eumänien. 
Ihre Kaiserliche Hoheit die Frau G-rossfürstin Elisabeth 

Maurikiewna von ßussland. 
Seine Königliche Hoheit der örossherzog von Baden. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Grossherzogin von Baden. 
Seine Königliche Hoheit der Grossherzog von Oldenburg. 
Seine Königliche Hoheit der Grossherzog von Sachsen. 
Seine Königliche Hoheit der Erbgrossherzog von Sachsen. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Erbgrossherzogin-Wittwe 

von Sachsen. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Herzogin Carl Theodor 

in Bayern. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Herzogin Amalie von Urach. 
Seine Königliche Hoheit Alexander Friedrich, Landgraf 

von Hessen. 
Ihre Königliche Hoheit die Frau Gräfin von Flandern. 
Seine Hoheit Prinz Bernhard Heinrich, Herzog zu Sachsen. 



—4+ 25 ^ — 

Seine Hoheit der Herzog von Sachsen- Altenburg. 

Ihre Kaiserlich Königliche Hoheit die Frau Herzogin Marie 
von Saohsen-Ooburg und Gotha, Herzogin von Edin- 
barg, Grossfürstin von ßussland. 

Ihre Hoheit die Frau Herzogin Wittwe von Sachsen- 
Ooburg und Gotha. 

Seine Durchlaucht Fürst ßeuss j. L. 

Seine Hoheit der Erbprinz von Sachsen-Meiningen. 

Seine Hoheit der Herzog Johann Albrecht von Mecklen- 
burg-Schwerin. 

Ihre Hoheit die Frau Herzogin Johann Albrecht von 
Mecklenburg-Schwerin. 

Seine Durchlaucht der Prinz Heinrich VII. Eeuss. 

Ihre Hoheit Frau Prinzessin Heinrich VII. Eeuss. 

Ihre Hoheit Frau Prinzessin Moritz von Sachsen-Altenburg. 

Ihre Hoheit Prinzessin Marie von Sachser -Meiningen. 

Seine Hoheit Prinz Hermann von Saohsen-Weimar. 

Seine Hoheit Prinz Ernst von Sachsen-Weimar. 

Seine Hoheit Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen. 

Seine Hoheit Prinz Friedrich von Sachsen-Meiningen. 

Seine Durchlaucht Erbprinz Heinrich XXVII. von ßeuss j. L. 

Seine Hoheit Prinz Friedrich Carl von Hessen. 

Ihre Hoheit die Frau Erbprinzessin von Schaumburg-Lippe. 

Ihre Hoheit die Fraa Erbprinzessin Elisabeth von Anhalt. 

Ihre Durchlaucht die Frau Prinzessin Hermann zu 
Solms-Braunfels. 

Seine Hoheit der Herzog zu Schleswig-Holstein. 




Goethe-Jahrbucu XIX. 25 



Eh 



-«^ 26 



r e n - M i t g 1 i e d e r : 



von Gleichen-Russiuurm, Freiherr Dr. L., Königl, Bayerischer 

Kämmerer in Greifenstein ob Bonnland. 
Ulrikevon Leveiiozv, Stiftsdame auf Schloss TfibHc in Böhmen. 



Berlin : 



Mitglieder auf Lebenszeit: 

Seine K. u. K. Apostol. Majestät der Kaiser von Oesterreich, 

König von Ungarn. 
Ihre K. K. Hoheit die Frau Her:(ogin Marie von Sachsen- Coburg 
und Gotha, Her:(Ogin v. Edinburgh Grossfürstin v. Russland. 
Seine K. Hoheit Alexander Friedrich, Landgraf von Hessen. 
Friedländer, Frau Professor. 
Liebermann, Dr. F. 
Maas, Heinrich, Fabrikbesitzer und 

Handelsrichter. 
Manheimer, Stud. phiL Victor. 
Geh. Legationsrath Raschdau. 
von Rheinbaben , Geh. Ober-Regie- 

rungsrath. 
Frau Anna Jägerniayer. 
Kornfeld, Sigmund, Director der 
Ungarischen AUgem. Creditbank. 
StiirdT^a, Demetrius, Kgl. rumän. 
Staatsminister a. D., Excellenz. 
Frau Geh. Reg.-Rath von Siemens. 
Frau Geh. Commerzienrath E. Spaeter. 
Dr. Woldemar Masing. 

Guts-Administrator Lothar Meyer. 
Gg. Albert Keyl. 

Frau Lucy Frentien, geb. Hoesch. 
Dr. jur. Adolf Axel von Dehn. 
Paia von Petrovics, Redacteur. 



Budapest: 



Bukarest: 

Charlottenburg : 
Coblenz : 
Dorpat: 
Dyrotz, Rittergut 

Wustermark : 
Frankfurt a. M,: 
Godesberg bei Bonn 
Hamburg: 
Hildburghausen : 



b. 



München: 

Nassau: 

Nieder-Ingelheim : 
Nikolajew: 
Potsdam : 
Weimar: 

Wien: 



—^ 27 +4— 

Fräulein Marie von Ritter. 

Dr. M. Schubart. 

Frau Gräfin L. G. von Kielmansegge. 

Frau Baronin von Erlanger-Bernus. 

Rudolf Wolfgang Reyher. 

Frau Kreisrichter M. Fi'ihrling. 

Frau M. von Gäben. 

Seine Erlaucht Graf Gör/^ von Schiit:;^. 

Ihre Durchlaucht Frau Fürstin M. :(ii 

Hohejtlohe - Schillingsfürst , geb. 

Prinzessin Wittgenstein. 
Dumba, Nikolaus, Geheimerrath, Exe. 
Frau Rosa von Gerold, geb. Henneberg. 




-^ 28 ^— 



Die Namen der Mitglieder auf Lebenszeit sind in der nach- 
stehenden Liste nochmals cursiv abgedruckt. 



DEUTSCHES REICH. 



Aachen. 

Messow, Franz G. 
Stadtbibliothek. 

Achern i/ Baden. 
Wagner, G., Privatier. 

Allenstein i/Ostpr. 
Grass, Franz, Rechtsanwalt. 
Schey, S., Rechtsanwalt. 
Szostakowski, Amtsgerichts-Rath. 

Ältenburg 

(Sachsen -Altenburg). 

Landesbibliothek, herzogliche. 

Altona. 

Callisen, Frau Dr. 
Kahler, C., Pastor. 
Sieveking, Carl, Rechtsanwalt und 
Notar, Justizrath. 

Altwasser (Schles.). 
Faist, Frau Director Anna, geb. 
Kielmann. 

Amtitz i/Lausitz (Kr. Guben). 
Heinrich, Prinz zu Carolath-Schön- 
aich, Durchlaucht, Freier Stan- 
desherr und Majoratsherr. 

Andernach. 

Schlecht, Frau L. 

Ännaberg (Erzgebirge). 
Warmann, Eduard. 

Ännettenhöh b/Schleswig. 
V. BrockdorfF, Frau Baronin. 

Apolda. 

Opel, Louis, Fabrikant. 

Arnsberg (Westf.). 
Baltz, Fräulein Johanna, Schrift- 
stellerin. 



Arnstadt. 

Maempel, Major a. D. 

Ars a/Mosel (Lothringen). 
Carlebach, Dr. Ed., Notar. 

Aschaffenburg. 

Reber, Dr. Joseph, Director. 

Augsburg. 

Bauer, Ludwig, Rechtsanwalt. 
Flesch, Gustav, Bankier. 
Herzfelder, J., Rechtsanwalt. 
Stadtbibliothek. 

Äurich. 

Grisebach, Erich, Landrichter. 

Baden-Baden. 

Jordan, Kais. Wirkl. Geh. Rath, Exe. 
Roeder, Emil, Commerzienrath. 

Bamberg. 

Marschalk v.Ostheim,FreiherrEmil. 

Barby a/Elbe. 

Thierbach, Otto. 

Barmen. 

Liedtke, Dr. Heinrich, Oberlehrer. 
Nordhaus, Hermann, Kaufmann. 
Stadtbibliothek. 

Bautzen. 

Fritzsche, Georg, Gymnasial Ober- 
lehrer. 

Klee, Dr. Gotthold, Professor, 
Gymnasialoberlehrer. 

Kunz, Dr. Heinrich, Staatsanwalt. 

Bayreuth (Bayern). 
Gymnasialbibliothek. 
Wagner, Siegfried. 
Würzburger, Frau Jenny, Rechts- 
anwaltswittwe. 



— &*■ 29 ^ — 



Beilin b/ Bärwalde (Neu-Mark). 
V. Kahle, Fräulein Julie. 

Bergzabern. 

Moschel, Rob., Rentamtmann. 
Müller,Ld\v., Kgl. Bezirksamtmann. 

Berlin. 

Abraham - Römer, Dr. jur. A., 
Journalist. 

Aegidi, Dr. L., Professor, Ge- 
heimer Legationsrath. 

Alexander, Felix, Procurist. 

Alt, Dr. phil. Carl. 

Andresen,Waldemar, Bankbeamter. 

Arnhcim, Fräulein Amalie. 

V Asten, Fräulein Julie. 

Baerwald, S. 

Bahlsen, Dr. Leopold, Gymnasial- 
lehrer. 

Bardt, Dr. C., Gymnasialdirector. 

Becker, Carl, Beamter der Handels- 
gesellschaft. 

V. Beckerath, A. 

Behrend, Adolf, Buchhändler. 

Bellermann, Dr. B., Director des 
Königstädtischen Gymnasiums. 

V. Berg, Amtsgerichtsrath. 

Berger, Dr. phil. Arnold E. 

Bernhard, Arthur, Bankier. 

Bernhard, Stud. pliys. Ludwig. 

Bernstein, Frau Professor Dr. C. 

Bibliothek, Königliche. 

Bibliothek, Städtische der Goeritz- 
Lübeck-Stiftung (O. Goeritz). 

Bibliothek d. Kgl. Realgymnasiums. 

Bibliothek des Kgl. Wilhelms- 
Gymnasiums. 

Bielschowsky, Dr., Oberlehrer. 

V. Bissing, Freiherr Dr. phil. 
Friedrich Wilhelm. 

Blumenthal, Dr. Oskar, Director 
des Lessing-Theaters. 

Bodländer, Rechtsanwalt. 

Bondi, Dr. phil. Georg, Verlags- 
buchhändler. 

Borchardt, Dr. Oskar. 

Borchardt, Frau Comm.-Rath Rud. 

Borckenhagen, Frau Capitän z. See. 

Boretius, Fräulein Charlotte. 

Brahm, Dr. Otto, Director des 
f Deutschen Theaters. 

Braumüller, Dr., Professor, Ober- 
lehrer. 

V. Braunschweig, Kaiserl. Ge- 
sandter z. D. 



Berlin. 

Breiderhofif, Frau Dr. 

V. Bremen, Geh. Ober-Reg.-Rath. 

Breslauer, Bernhard, Rechtsanwalt. 

Bril, Fräulein Helene. 

Broicher,Otto,Kammergerichtsrath. 

V. Brühl, Gräfin Hedwig, Palast- 
dame, Excellenz. 

V. Bülow, Freifrau, geb. Prinzess 
Camporeale, Exe. 

Bunsen, Fräulein Marianne. 

V. Bunsen, Fräulein Marie. 

Bürgers, Max, Bankier. 

Busch, Richard, Kammergerichts- 
rath. 

Cahn, Kaiserl. Legationsrath. 

Cahn, Frau Kaiserl. Legationsrath. 

Caro, Dr. Georg. 

Cassirer, Ernst. 

Cassirer, Cand. phil. Fritz. 

Cohn, Albert, Buchhändler. 

Colin, Alexander Meyer, Bankier. 

Cohn, Alfred, Procurist. 

Cohn, Dr. Heinrich, Rechtsanwalt. 

Coste, Dr. David, Professor, Lehrer 
am Askanischen Gymnasium. 

V. Cramm-Burgdorf, Freiherr, Her- 
zogl. Braunschweig. Gesandter. 

Crome, Rechtsanwalt und Notar. 

Daffis, Dr. Anton. 

Daffis, Dr. jur. Eduard, Gerichts- 
Assessor. 

V. Dallwitz, Frau W., geb. v. Gräfe. 

Darmstädter, Dr. Ludwig, Fabrik- 
besitzer. 

V. Decker, Frau. 

Delbrück. Dr., Staatsminister, Ex- 
cellenz. 

Delbrück, Ludwig, Bankier. 

Delbrück, Frau Geh. Commerzien- 
rath Luise. 

Dohme, Frau Geh.-Rath. 

V. Donop, Dr. L., Professor. 

Doss, Fräulein Marie. 

Dreyfus, Stud. phiJ. Albert. 

Dümmler, Dr. E., Professor. 

Eger, W. 

Elias, Dr. phil. Juhus. 

Elias, Max, Rentier. 

EUinger, Dr.Georg,Realschullehrer. 

Eloesser, Dr. phil. Arthur. 

Enslin, Dr. med. Fritz. 

Epstein, M., K. Gerichts-Referendar. 

Ernst, Eberhard, Verlagsbuchhdlr. 

Euchel, F., Justizrath. 

Feist, Richard, Referendar. 



— 1+ 30 -^ — 



Berlin. 

Fischer, Adolf. 

Fleischhammer, Dr., Geh. Hof- 
justizrath. 

Flinsch, Alexander, Kaufmann. 

Fränkel, Dr. Max, Professor. 

Fraenkel, Max, Maurermeister. 

V. Frankenberg , Rittmeister im 
Garde-Kürassierregiment. 

Franzos, Dr. K. E., Schriftsteller. 

Frenkel, H., Bankier. 

Frenzel, Frau Bertha. 

Frenze!, Dr. Karl, Professor. 

Freund, Ernst. 

Frey, Dr. Karl, Professor, 

Friedenthal, Frau Margaretha. 

Fried l ander, Frau Professor. 

Friedländer,Max, Amtsgerichtsrath. 

Friedländer, Dr. phil. Max, Privat- 
docent der Musikwissenschaft. 

Friedmann, Dr. Alfred, Schriftsteller. 

Fromberg, Frau Martha. 

Geiger, Dr. Ludwig, Professor. 

Geiger, Frau Professor Dr. Martha. 

Gerb, Fräulein Franziska. 

Gernsheim, Dr. Fr. W., Professor. 

Gesch, Paul, Kgl.Reg.-Rath, Haupt- 
mann der Reserve im Garde- 
füsilierregiment, 

Gesenius, Stadtältester, Director 
des Berliner Pfandbrief-Amtes. 

Glaser, Dr. Adolph, Redacteur, 

Glaue, Arthur, Buchhändler. 

Gloeden, Lehrer an der Sophien- 
schule. 

Goecke, Rudolf, Kaufmann. 

Goering, Dr. Robert, Chemiker. 

V. Goldbeck, Ober-Reg.-Rath. 

Goldbeck, Dr. Ernst, Gymnasial- 
Oberlehrer. 

Goldberg, Alfred, Kaufmann. 

Goldschmidt, Arthur, Schriftsteller. 

Goldschmidt, Rob., Bankier. 

Gothein, Kgl. Bergmeister. 

Gottheiner, Fräulein Marie. 

Gottheiner, P., Stadt- Bauinspector. 

Gotthelf, M. 

Gottschalk, Gustav, Kaufmann. 

Grimm, Dr. Herman, Professor, 
Geheimer Regierungsrath. 

Groebenschütz, Oberverwaltungs- 
gerichtsrath. 

de Gruyter, Albert. 

de Gruyter, Dr. Walter, Kaufmann. 

Güterbock, Stud. phil. Eduard. 

V. Guldencrone, Frau Baronin. 



Berlin. 

Guttmann, Frau Marie. 
Hagen, Werner A. G. 
Hamburger, Dr. phil. Paul. 
Hartmann, Dr. phil. Hugo. 
V. Heerwart, Dr. Adolf, VVirkl, 

Geheimer Rath, Excellenz, 
Heinitz, Frau Anna. 
Heinitz, Franz, Rechtsanwalt. 
Heitmüller, Dr. Ferdinand. 
V. Helmholtz, Frau Anna, Exe. 
Henning, Theodor, Architect. 
Henschel, Stud. Ernst. 
Herold, Hugo. 
Herrmann, Dr. phil. Max, Privat- 

docent an der Universität. 
Hertz, Wilh., Verlagsbuchhändler. 
Heydemann, Dr. phil. V. 
Hey!, Fräulein B. H. 
Hildebrandt, Cand. phil. Edmund. 
Hiller v.Gaertringen, Freiherr Dr.F. 
Hirschfeld, Philipp. 
Hoffmann, Dr. Ed., Geh.Ober-Reg.- 

Rath. 
Hofmann , Rudolf, Verlagsbuch- 
händler, 
v. Holst, Mathias, Baumeister, 
Horsfall, Charles. 
Hübler, Dr. jur. Bernhard, Pro- 
fessor, Geh. Ober-Reg.-Rath. 
v. Hutten-Czapski, Graf, Mitglied 

des Herrenhauses. 
Jablonski, Berthold. 
Jacobi, Leopold, Kaufmann und 

Stadtverordneter. 
Jacoby, Dr. Daniel, Gymnasial- 

Professor. 
Jacguet, Dr. med. W., Sanitätsrath. 
Jafife, Frau Dr. Helene. 
Jahn, Cand. phil. Kurt. 
Imelmann, Dr. J., Professor am 

Joachimsthal'schenGymnasium. 
Joachim , Professor Dr. Joseph, 

Director der Kgl. Hochschule 

für Musik. 
Jonas, Dr. Fr., Städtischer Schul- 

inspector. 
Jonas, Frau Clara. 
Isaac, Julius, Fabrikbesitzer. 
V. Kalckreuth, Frau Gräfin B., geb. 

Meyer. 
Kalischer, Dr. S, 
Kallmann, Eugen, Rechtsanwalt. 
Kapp, Fräulein Ida. 
Kaskel, Frau Carl. 
Kastan, Dr. 



— ^ 31 *4» • 



Berlin. 

V. Kaufmann, Dr., Professor, Geh. 

Regierungs-Rath. 
Kekule v. Stradonitz, Dr. Reinhold, 

Professor, Geh. Reg.-Rath. 
Kempner, Frau Ida. 
Kerb, Robert, Fabrikbesitzer und 

Handelsrichter. 
Kestner, Dr. phil. Ernst. 
V. Keudell, Wirkl. Geh. Rath., Exe. 
von dem Knesebeck, Kabinetsrath 

I. M. der deutschen Kaiserin. 
Koegel, Dr. phil. Fritz. 
Koehne, Frau Clara. 
Koenigs, Fräulein Elise. 
Kraft, Bernhard, Rechtsanwalt. 
Kraft, Cand. med. Ludwig. 
Kramsta, Frau Maria. 
Krause, Dr. jur. 

Krause, Dr. jur. Paul, Rechtsanwalt. 
Kriegel, Dr. phil. Fr. 
Krieger, Dr. Bagdan, Bibliothekar 

der Hausbibliothek S. M. des 

Kaisers. 
Kronecker, Fräulein Elisabeth. 
Kronfeld, Dr., Rechtsanwalt. 
Kronheim, Georg. 
Kubier, Dr., Professor, Director 

des Wilhelm-Gymnasiums 
V. Kühlewein, Regierungsrath. 
Lassar, Dr. med. Oscar, Professor. 
Leffmann, Gustav, Kaufmann. 
Lehmann, Gustav, Geh. Kirchen- 

rath. 
Lehmann, Paul. Buchhändler. 
Leo, Dr. F. A., Professor. 
Leske, Dr., Geh. Justizrath. 
Lesse, Justizrath, Rechtsanwalt und 

Notar. 
Lesser , Adolf, Reichsgerichtsrath 

a. D. 
Lesser, Paul Ph. 
Lessing, Frau Alma, geb. Marschall 

v. Biberstein. 
Lessing, C. R., Geh. Justizrath. 
Lessing, Dr. phil. Oscar. 
Levin, Dr. Moritz, Prediger. 
Levy, Martin. 
Levy, Richard, Bankier. 
Levy, Richard, vereideter Wechsel- 
makler. 
Levyson, Frau Dr. Auguvte. 
Lewald, Dr. Felix, Geh. Finanzrath. 
Lewald,Theodor, Regierungs-Rath. 
Lewinsohn, L., Fabrikbesitzer. 
Lewy, Julius, Kaufmann. 



Berlin. 

v.derLeyen,Dr.,Geh.Ob.-Reg.Rath. 
Lichtenthal, Simon, Kaufmann. 
Liehennann, Dr. F. 
Liepmannssohn, Leo, Buchhändler. 
V. Lipperheide, Freiherr Franz. 
Lisco, Dr.Hermann, Geh. Justizrath. 
Lisco, Walter, Rechtsanwalt. 
Lobe, Frau Magda. 
LoefHer,Ldw., Verlagsbuchhändler. 
Maas, Heinrich, Fabrikbesil::^cr und 

Handelsrichter. 
Maass, Dr. Felix, Rechtsanwalt. 
Magnus, Frau Geh. Reg.-Rath 

Bertha. 
Manasse- Waldeck. 
Manheimer, Stud. phil. Victor. 
Martins, Frau Margarethe, geb.Veit. 
Marx, S. 
Matthiae, Dr. Otto, Professor, 

Oberlehrer. 
Mayer, Frl. Ellen. 
Meder, Albert, Kunsthändler. 
Meder, Louis, Kunsthändler. 
V. Meier, Dr. jur. Ernst, Geh. 

Ober-Reg.-Rath , Universitäts- 

Curator a. D. 
Meirowsky, Frau Ernestine, geb. 

Soutonsky. 
Mendelssohn-Bartholdy,FrauMaria. 
Menzer, Cand. phil. Paul. 
Meyer, Dr. jur. Alexander. 
Meyer, Frau Dr. Hedwig. 
Meyer, Dr. phil. Alfred Gotthold, 

Professor a. d.KgL techn. Hoch- 
schule. 
Meyer, Carl, Fabrikant. 
Meyer, Ferdinand, Rentier. 
Meyer, Georg. 
Meyer, Dr. Ludwig. 
Meyer, Ludwig, Kaufmann. 
Meyer, Paul, Rechtsanwalt. 
Meyer, Dr. Richard M., Privat- 

docent. 
Meyer, Frau Dr. R. M. 
Meyer-Michaelis, Frau Elise. 
Michaelis, Dr. Carl Theodor. 
Mirauer, Carl, Maurermeister. 
Möbius, Dr. Karl, Professor, Geh. 

Regierungs-Rath, Director der 

zool. Abth. des Museums für 

Naturkunde. 
Möller, Dr. W., Oberlehrer am 

Königstädtischen Gymnasium, 
v. Mohl, Ottmar, Kgl. Kammerherr, 

Geh. Legationsrath. 



12 ^ 



Berlin. 

V. Moltke, F., Geh. Reg.-Rath. 
V. Moltke, Frau Julie. 
Morris, Dr. M., prakt. x\rzt. 
Morsch, Dr. Hans, Realgymnasial- 

Oberlehrer. 
Müller, Conrad, Oberlehrer am 

Joachimtharschen Gymnasium. 
Müller-Grote, Carl, Verlagsbuch- 
händler. 
Munk, W., Landrichter. 
Nathan, Dr. P. 
Naumann, Dr., Geh. Ober-Rep.- 

Rath. 
Nehring, K., Oberlehrer. 
Nelke, Dr., Rechtsanwalt. 
Nelke, Frau Emma. 
Neubauer, Dr. Richard, Professor 

am Gymnasium zum Grauen 

Kloster. 
Neumann, Dr. H., Rechtsanwalt. 
V. Oettingen, Dr. Wolfgang, Prof. 
Ohrtmann, Dr. W., Geheimer 

Sanitätsrath. 
Oldenberg, C. M. 
Osborn, Dr. phil. Max, 
Paetel, Elwin, Verlagsbuchhändler, 

Commerzienrath. 
Paetel, Dr. phil. Georg. 
Parey, Dr. 
Pernice, Dr. A., Professor, Geh. 

Justizrath. 
Peters, Dr. Carl, Afrikaforscher. 
Peters, Johann, Geh. Rath. 
Pfaff, Albert, Commerzienrath. 
Philipp, Fräulein Marie. 
V. Philippsborn, Ernst, Geh. Ober- 

Reg.-Rath. 
Pieper, Oberlehrer. 
Pietsch, Ludwig, Professor, 
Pietsch, Dr. P., Professor. 
Pilger, Dr., Geh. Reg.- u. Schul- 

rath. 
Pincsohn, Max. 

Pindter, Dr. jur. Ludw., Gerichts- 
Assessor. 
Plessner, Landgerichtsrath. 
Plessner, Dr., prakt. Arzt. 
Pniower, Dr. phil. Otto. 
Posner, Dr. med. Karl, prakt. Arzt. 
Preuss, Dr. R., Assistent an der 

Kgl. Bibliothek. 
Prinz Heinrich-Gymnasium, Kgl. 
V. Pritzbuer, Fr., Redacteur. 
Rading, F. 
Raehmel, Dr. jur. Wilhelm. 



Berlin. 

Raschddu, Geh. Legationsraih. 
Raschdau, Frau Geh. Legations- 

rath. 
vom Rath, Adolf, 
vom Rath, Frau Anna. 
Reimann, Rud., Fabrikbesitzer. 
Reissert, Dr. Arnold, Privatdocent, 
Reschke, Max, Schiffskapitän a. D. 
Reschke, Oscar. 
V. Rheinbaben, Geb. Ober-Regierungs- 

rath. 
Richter, Frau Professor, 
von Richthofen, Freifrau, geb. 

Mendelssohn-ßartholdy. 
Riesenfeid, Hugo, Kaufmann. 
Riesser, Frau Dr. 
Ring, Louis, Bankdirector. 
Robert-Tornow, Frau Edith. 
Rodenberg, Dr. Julius. 
Rödiger, Dr. Max, Professor. 
Rohde, John, Director. 
v. Rotenhan, Freiherr, Unterstaats- 

secretär im Auswärtigen Amt. 
Rubensohn, Hermann. 
Sachs, Hugo, Rechtsanwalt. 
Saegert, Fräulein Anna. 
Schaper,Fritz, Professor, Bildhauer. 
Schaum, Frau Professor Clara. 
V. Schelling, Dr., Staatsminister, 

Excellenz. 
Schelske, Dr. R., Privatdocent. 
Scherer , Frau Geh. Reg. - Rath 

Marie. 
Schermann, Leo, vereideter Fonds- 
makler. 
Schiff, Alfred. 

Schiff, Dr. med. Emil, Schriftstellei . 
Schiff, Georg, Assessor. 
Schleicher, Dr. Iwan. 
Schlemm, Frau Sanitätsrath. 
Schienther, Amtsgerichtsrath. 
Schlesinger, Frau Alice. 
Schlesinger, P., Gymnasiallehrer. 
Schlesinger-Trier, Frau C. 
V. Schlippenbach, Frau Gräfin. 
Schmidt, Dr. Erich, Professor. 
Schmidt, Frau Dr. Julian. 
Schmidt, Dr. Max C. P., Professor, 

ordentl. Lehrer am Askanischen 

Gymnasium. 
Schmidtlein, Dr. med. C, Arzt. 
Schmieden, Kgl. Baurath. 
Schmoller, Dr. Gustav, Professor. 
Schneider, Dr. E. 
Scholl, Robert, Geh. Legationsrath. 



■>:> 



Berlin. 

Schöne, Dr., Wirkl. Geheimer 
Ober-Regierungsrath, General- 
director der Kgl. Museen. 

Schoenflies, Fräulein Dora. 

Schönlank, Frau General-Consul 
William. 

Schröder, Dr. Otto, Professor am 
Joachimthalschen Gymnasium. 

Schroeder, Dr. 

Schubert, Geh. Justizrath. 

Schulhoft", Fräulein Else. 

Schultzen-v. Asten, Frau Professor. 

Schulze, Adolf, Professor an der 
Kgl. Hochscliule für Musik. 

Schwabe, Frau Mathilde. 

Schweitzer, Eu»en, Kaufmann. 

Schwieger, Dr. Paul, Oberlehrer am 
Friedrich- Wilhelm-Gymnasium. 

Seckt, Dr. Felix, Oberlehrer am 
Friedrich-Wilhelm -Gymnasium. 

Seebeck, Fräulein Pauline. 

Sello, Dr. F., Rechtsanwalt. 

Seminar, Kgl., für Germanistische 
Philologie. 

Siemenroth, Franz, Verlagsbuch- 
händler. 

Silberstein, Dr. Max, P^echtsanwalt. 

Simon, Frau Adele. 

Simon, Dr. Hermann Veit, Rechts- 
anwalt. 

Simonson, Frau Amtsgerichtsrath 
Gertrud, geb. Mende. 

Simrock, Fritz, Musikverleger. 

V. Simson, Aug., Justizrath u. Notar. 

V. Simson, Dr. Eduard, Wirkl. 
Geh. Rath, Präsid. des Reichs- 
gerichts a. D., Excellenz. 

V. Simson, Fräulein Elisabeth. 

V. Simson, Fräulein Margarethe. 

Sobernheim, Siegfried, Handels- 
richter. 

Sommerstorff, Otto, Mitglied des 
Berliner Theaters. 

Spannagel-Karthaus, Frau Auguste. 

Steig, Dr. Reinhold, Gymnasial- 
lehrer. 

Stein, Philipp, Redacteur. 

V. Steinau- Steinrück, Frau Dr. 
Martha. 

Stengel, Dr. Paul, Oberlehrer am 
Joachimthalschen Gymnasium. 

Stern, Dr. med. E. 

Stern, Dr. med. Julius. 

Stettenheim, Julius, Schriftsteller. 

Stettenheim, Dr. phü. Ludwig. 



Berlin. 

Stettiner, Frau Mathilde. 
Strassmann, Dr. med.P., Augenarzt. 
Thiem, Frau Therese, geb. Hollex. 
Thost, Dr. Robert, i. Firma Gebr. 

Bornträger, Verlags -Buchhandl. 
Tiktin, Paul, Referendar. 
Tobler, Dr. A., Professor. 
Todt, Carl, Gymnasiallehrer und 

Adjunct. 
Toeche, Dr. Theodor, Königlicher 

Hofbuchhändler. 
Toennis,FrauAdelheid,geb.Cremer. 
Trippel, Frau Marie, verw. Bau- 
meister, geb. Gutike. 
V. Uhden, Dr. jur. Richard. 
Ullrich, Dr. phil. Richard. 
Universitätsbibliothek, Königliche. 
Vahlen, Dr., Professor, Geh. Re- 

gierungsrath. 
\''ictoria-Lyceum. 
Vierling, G., Professor. 
Violet, Dr. Franz, Gymnasial-Ober- 

lehrer. 
\'ogeler, Julius, Schuldirector. 
Vogeler, Richard, Director einer 

höheren Mädchenschule. 
Wagner, Dr. A., Professor, Geh. 

Regierungsrath. 
Wagner, Dr. B. A., Professor. 
Wahlländer, Frau Geh. Rath. 
Weber, Otto, Landgerichtsrath. 
V. Wedel, Frau, Excellenz. 
Welirenpfennig, Frau Geheimrath, 

geb. Kopp. 
Weigert, Dr. Max, Stadtrath. 
Weinliagen, Ernst. 
Weinhold, Dr. Karl, Professor, 

Geh. Regierungsrath. 
Weisstein, Gotthilf, Schriftsteller. 
Wellmann, Dr. E., Professor am 

Königsstädtischen Gymnasium. 
Wehi, Dr. Heinrich, Schriftsteller. 
Werner, Dr. R., Oberlehrer. 
Wesendonck, Frau Mathilde. 
Wessely, Dr. Hermann. 
Wetzel,"Johannes, Gymnasiallehrer. 
V. Weyrauch, Dr., Unterstaatssecret. 
V. Wildenbruch, Dr. Ernst, Lega- 

tionsrath. 
Wilmanns, Dr. A., Professor, Gene- 

raldirector der Kgl. Bibliothek. 
Wilmersdörffer, Rechtsanwalt. 
Wolff, Frau Adelheid. 
WoW", Charles. 
Wolff, Dr., Oberstabsarzt. 



^ 34 ^- 



Berlin. 

Wrede, Dr. jur. Friedrich, Schrift- 
steller. 
Zimmermann, Dr. A., Consul. 
Zimmermann, Frau Consul Elsbeth. 

Bielefeld. 

Loebell'sche Bibliothek. 
Ransohoff, Dr. phil. Georg. 

Blankecburg a/Harz. 
Wellmer, A., Schriftsteller. 

Blitzenrodt b/Lauterbach 
(Oberhessen). 
Matthaei, Kgl. Eisenbahnbau- und 
Betriebs-lnspector, 

Bochum i/Westf. 
Broicher, Frau Elise. 
Leseverein. 

Bogenhausen b/München. 
Weigand, Wilhelm, Schriftsteller. 

Bonn. 

Akadem. -germanistischer Verein. 
Dernen, Hermann, Director. 
Drescher, Dr. phil. Carl, Privat- 

docent. 
Franck, Dr. Joh., Professor. 
Frank, Max, Amtsgerichtsrath. 
Gräfe, Dr., Professor. 
Haass, Dr. ined. Friedrich Ludwig. 
Hüffer, Dr. Hermann, Professor, 

Geh. Justizrath, 
V. Humboldt-Dachroeden, Freiherr 

Bernhard, Prem.-Lieut. 
Kayser, Dr. H., Professor. 
Leo, Fräulein Therese. 
Litzmann, Dr. B., Professor. 
Loeschke, Dr. G., Professor. 
Magnus, Gustav, Justizrath. 
Prym, Dr. Eugen, Professor. 
Rosenmund, Dr. phil. Richard, 

Privatgelehrter. 
Schöller, Edgar. 
Schöller, Frau Julius. 
Schultze, Dr. Fr., Prof, Director 

der med. Klinik. 
Seminar, Kgl. germanistisches der 

Universität. 
Universitäts-Bibliothek, Königliche. 
Usener, Dr. Hermann, Professor, 

Geh. Regierungs-Rath. 
Wilmanns, Dr. W., Professor, Geh. 

Reg.-Rath. 
Zitelmann, Dr. Ernst, Professor. 



Schloss Bothmer bei Klütz. 

(Mecklenburg-Schwerin.) 

V. Bothmer, Frau Gräfin Bertha. 

Brake b/Lemgo. 
Roller, Dr., Director. 

Brandenburg a/H. 
Crampe, Stud. med. R. 
Heine, Dr., Domherr, Director 

der Ritter-Akademie. 
Köpke, Fräulein Suse. 

Braunschweig. 

Aronheim, Dr. med. Felix. 

Bergmann, Ei nst, Gymnasial-Ober- 
lehrer. 

Bibliothek des Gymnasiums 
Martius-Katharineum. 

Blasius, Dr. Wilhelm, Professor. 

Flechsig, Dr. phil. Eduard. 

Frühling, Hermann, Hotelbesitzer. 

Grundner, Dr. F., Kammerrath. 

Helle, Carl. 

Huch, Dr. jur. Richard, Rechts- 
anwalt und Notar. 

Köhn, Dr. phil. Karl. 

Magnus, Karl, Bankier. 

Westermann , Friedrich, Verlags- 
buchhändler. 

Bremen. 

Deetjen, Gustav. 

Frese, Fräulein Anna. 

Fritze, Dr. phil. Edmund, Professor. 

Hackfeld, Frau M., geb. Pflüger. 

Hartlaub, Dr. G. 

Jacobi, Justus, Pastor an der St. 
Stephani-Kirche. 

Kippenberg, Anton, Buchhändler. 

Krug, E., Director der Deutschen 
Bank. 

Pauli, Dr. jur., Senator, Bürger- 
meister. 

Pflüger, J. C, Kaufmann. 

Rassow, Gustav. 

Sattler, W., Professor. 

Stadtbibliothek. 

Breslau. 

Aust, Dr. Rudolf, Oberlehrer. 
Bienko, Dr., Polizeipräsident. 
Breslauer Dichterschule. 
Cohn, Dr. Ferdinand, Professor, 

Geh. Regierungs-Rath. 
Fielitz, Prof. Dr. W. 



-<^ 



35 ^- 



Breslau. 



V. Flottwell, Regierungspräsident. 

Franck, Fräulein A. H. 

Friedenthal, Adolf, Kaufmann. 

Germanistisches Seminar der Uni- 
versität. 

Gesollschaft der Freunde. 

Henry, Felix, Architekt, 

Hensel, Frau Stadtgerichtsrath 
Selma. 

He3'ne, Alfred, Eisenbahnsecretär. 

Hirt, Dr med. Ludwig, Professor. 

Holz, Albert, Bankier 

Jacoby, Sanitätsrath Dr. 

Jänicke, Karl, Stadtrath. 

Immerwahr, Leopold, Kaufmann. 

Kammer,Prof. Dr., Provinzialschul- 
rath. 

Koch, Dr. Max, Professor. 

Ladenburg, Frau Geheimrath, Pro- 
fessor AI. 

Lucee, C., Buchhändler. 

Milch, Dr. phil. Louis, Privat- 
docent an der Universität. 

Molinari, Frau Commerzienrath. 

Neisser, Dr. med., Professor. 

Partsch, Dr. med. Carl, Professor. 

Pinder, Frau Caroline. 

Ponfick, Emil, Professor, Medicinal- 
rath. 

Pringsheini, Max A., Kaufmann. 

Richter, Dr., Professor. 

Rösler, Frau Marie. 

Sackur, Frau Margaretha. 

Seidel, Eisenbahnbau- und Be- 
triebsinspector. 

Silbergleit, Frau Seraphine. 

Sitte, Otto, Opticus. 

Stadt-Bibliothek. 

Stern, Frau Charlotte. 

Storch, A., Director. 

Trewendt , Ernst , Verlagsbuch- 
händler. 

Trewendt & Graniers Buchhand- 
lung (Alfred Preuss). 

Universitäts-Bibliothek, Kgl. 

Urbach, Fräulein Rosa. 

Vogt, Dr. F., Professor. 

Wendriner, Dr. phil. R. 

Zimpel, Frau Professor Helene. 

Bretten. 

Kahn, Dr. Franz, Amtsrichter. 

Bromberg. 

Belling, Frau Oberlehrer Dr. Marie. 



Bückeburg. 

Lücke, Dr. O., Gymnasialdirector. 

Büdesheim (Oberhessen), 
v. Oriola, Frau Gräfin W. 

Burgsteinfurt (Westfalen). 
Eschmann, Dr. Gustav. 

Calw (Württemberg). 
Weizsäcker, Dr. phil. Paul, Director 
des Reallyceums. 

Cassel. 

Förster, Auguste, Lehrerin. 
Landesbibliothek, Ständische. 
MutT, Dr., Professor, Gymnasial- 

Director. 
Schmitt, Dr. phil. H., Gymnasial- 

Oberlehrer. 
Stölting, G., Consistorialrath. 

Charlottenburg. 

Beiger, Dr. Chr., Professor. 

Berent, Fräulein Selma. 

Boeckh, Dr. R., Professor, Geh. 
Reg.-Rath. 

Brandis, Dr. phil. K. 

Cohn, Frau Stadtrath Dr. Anna. 

Cornicelius, Dr. phil. Max. 

v. Erdberg, Dr. Robert. 

Fulda, Dr. L., Schriftsteller. 

Grisebach, Hans, Architekt. 

Heinemann, Felix, Redacteur. 

Hirschfeld, Dr. Otto, Professor. 

Kehrbach, Dr. pliil. Karl. 

Kühlstein, Frau Ernst. 

Lehrerbibliothek des Kgl. Gym- 
nasiums. 

Lepsius, Reinhold, Maler. 

Lessmann, Otto, Herausgeber der 
Allg. Deutschen Musik- Zeitung. 

March, Otto, Kgl. Baurath. 

Mommsen, Dr. Theodor, Professor. 

Neumann-Hofer, Otto, Redacteur. 

Poppenberg, Dr. phil. Felix, Schrift- 
steller. 

SieinenSj, Frau Geh, Rcg.-Rath. 

v. Simsen, Dr. jur., Assessor. 

Spielhagen, Friedrich, Schriftsteller. 

Strehlke, Frau Marie. 

Strützki, Ed., Kammergerichtsrath 
a. D., Geh. Justizrath. 

Thür, Fräulein Anna. 



—^ 36 +!•- 



Charlottenburg. 

Weber, Dr. jur. M., Stadtrath von 

Berlin. 
Weingartner, Felix, Kgl. Hoikapell- 

meister. 
WoliT, Julius. 

Zabel, Dr. Eugen, Redacteur. 
Zimmermann, Frau Generalmajor 

Johanna. 

Chemnitz. 

Bibliothek des Kgl. Gymnasiums. 
Kirchner, Dr. Carl, Professor, 

Oberlehrer. 
Kijhn, Dr. Bernhard, Landrichter. 
Morell, Georg. 
Stadtbibliothelc. 

Ullrich, Dr. phil. H., Oberlehrer. 
Wächter, Dr. med. R. 

Coblenz. 

Deiters, Dr. Hermann, Geh. Reg.- 
Rath. 

Jordan, Otto, Rentner. 

Mostert, Heinrich, Fabrikant. 

Spaeter, Frau Geh.CouuneriienrathE. 

Wahl, C., Realgymnasial -Ober- 
lehrer. 

Coburg. 

Beck, Dr.Heinrich, Professor, Gym- 
nasialdirector. 

Colmar i/Elsass. 
Curtius, Dr., Kreisdirector. 
Weber, Dr. Wolf, Ober-Landge- 
richtsrath. 

Cöln a/Rhein. 
Bürgers-Stein, Frau Geh. Justiz- 

rath J. 
Curtius, Dr. Rud., Reg.-Assessor. 
Düntzer, Dr. Heinrich, Professor, 

Bibliothekar. 
Herbertz, Frau Geh. Rath. M. 
Herstatt, Arthur, Landgerichtsrath 

a. D. 
Heuser, Frau Eugenie, geb. Nico- 

lovius. 
Heuser, F. Robert. 
Leiden, Franz D., Vice-Consul. 
Meuser, Paul, Rechtsanwalt. 
V. Mevissen, Dr. G., Geh. Commer- 

zienrath. 
V. Mevissen, Fräulein Mathilde. 
V. Mevissen, Frau Therese. 



Cöln a/Rhein. 

Peill, Wilh., Kaufmann. 

Pfeifer-Schnitzler, Frau Paula. 

Schneider, Frau Professor Lina. 

Schnitzler, Eduard. 

Schnitzler, Frau Amtsrichter Robert. 

Schnitzler, Robert, Geh. Rath. 

Schnitzler, Dr. jur. Victor, Rechts- 
anwalt. 

Schuch, Paul, Regierungsrath. 

Stein, Frau Elise, geb. v. Mevissen. 

Stein, Frau Julicka, geb. Leiden. 

Vorster, Julius, Fabrikbesitzer, 
Commerzienrath. 

Wüllner, Dr. Franz, Professor, 
Kapellmeister. 

Crefeld. 

Peltzer, Dr. jur. Rudolf. 

Cüstrin. 

v. Wurmb, Frau E., geb. Gräfin 
V. Bothmer. 

Danzig. 

Bibliothek des städtischen Gym- 
nasiums. 

Dasse, Dr., Kaufmann. 

V. Gossler, Dr., Staatsminister, 
Oberpräsident, Elxcellenz. 

Löschins Bibliothek des Real- 
gymnasiums zu St. Johann. 

Stadtbibliotek. 

Darmstadt. 

Bibliothek der Grossherzoglichen 

Technischen Hochschule. 
Edward, Hugo, Hofschauspieler, 
Harnack, Dr. Otto, Professor. 
Hepp, C. 

Hofbibliothek, Grossherzogliche. 
Literarischer Verein, 
Merck, Dr. phil. C. E. 
Merck, Dr. Louis. 
Merck, Wilhelm. 
Rieger, Dr. Max. 
Wulckow, Director, Dr. 

Dessau. 

Antoinettenschule, Herzogl. 

Friedrichs-Gymnasium, Herzogl, 

Meinert, Carl, Fabrikbesitzer. 

Oechelhäuser, Geh. Commerzien- 
rath. 

V. Oechelhäuser, W., General- 
Director der Deutschen Con- 
tinental-Gasgesellschaft. 



17 ^- 



Detmold. 

Gymnasium Leopoldinum. 
V. Meysenbug, Freiherr, Major a. D. 
und Kammerherr. 

Doraueschingen. 

Hentig, Präsident der Fürsthch 
Fürstenbergischen Kammer. 

Hofbibliothek, Fürsthch Fürsten- 
bergische. 

Dortmund. 

Gymnasial-Curatorium. 

Nagel, Bernhard, Amtsgerichtsrath. 

Dresden. 

Amen, Frau Dr. 

Arndt, Jul. Max, Grosskaufmann. 

Aulhorn, Stud. med. Ernst Rud. 

Aulhorn. Paul Rud., Fabrikbesitzer. 

V. Biedermann, Freiherr B., Major. 

V. Biedermann, Dr., Freiherr W., 
Geh.-Rath. 

V. Boxberg-Zschorna, Frau Oswine, 
geb Keil. 

Diestel. Dr., Professor. 

Ehlermann, Dr. phil. Erich, Ver- 
lagsbuchhändler. 

V. Einsiedel, Fräulein Helene. 

V. Finck-Nöthnitz, Freiherr, Kam- 
merherr. 

Förster, Dr. med. Richard, Hofrath. 

V. Gerbel-Embach, Dr. Nicolaus. 

Gmeiner-Benndorf, Frau Commer- 
zienrath Rosa. 

Götze, Dr. Edmund, Professor beim 
Kadettencorps. 

V. Haber, Baron R., Premier- 
lieutenant a. D. 

Hasper, Dr. Theodor, Professor. 

Hassel, Dr. Paul, Geh. Reg.-Rath, 
Director des Hauptstaatsarchivs. 

Heyl, Frau Anna, geb. Hübler. 

Jae'nsch, Emil, Buchhändler (i. Fa. 
V. Zahn & Jaensch). 

Jensen, Paul, Kgl. Hofopernsänger. 

Jordan, Dr. Max., Geh. Ober-Reg.- 
Rath. 

Kayser-Langerhanns, Frau Sanitäts- 
rath Agnes. 

Knoop, Wilhelm, Consul. 

v.Könneritz, Fräulein Marie, Staats- 
dame a. D. 

Körner-Museum der Stadt Dresden. 

Krausse, Robert, Maler, Professor. 

Leopold, Dr., Professor, Geheimer 
Medicinalrath. 



Dresden. 

Leky, Wilhelm, Rechtsanwalt. 

Lewinger, Ernst, Überregisseur. 

Lücke, Dr. Herrn., Professor. 

V. Mangoldt, Fräulein Helene. 

Mannl, Johannes. 

Meinert, Dr. med. E. 

Müller, Dr. Theodor, Landgerichts- 
präsident. 

V. Overbeck, Fräulein Camilla. 

Paul, A., Königl. Sächsischer Hof- 
schauspieler. 

Pechwell, Dr. jur. Alfred, Königl. 
Sachs. Ober-Kriegsgerichtsrath. 

Posse, Dr. phil., Regierungsrath. 

Prinzhorn, Realschuldirector. 

Pusinelli, Dr. med., prakt. Arzt. 

Rachel, Dr. Paul, Oberlehrer. 

Richelsen, Christel, Regisseur am 
Kgl. Hoftheater 

Ritterstädt, Dr., Geh. Finanzrath. 

Sauer, Frau Dr. 

Schanze, Dr. jur. Oscar, Kaiserl. 
Reg.-Rath a. D. 

Scheidemantel, K., Kammersänger. 

Schmidt, Rudolf, Rechtsanwalt u. 
Notar. 

Schnorr v. Carolsfeld, Dr. Franz, 
Professor,Kgl. Oberbibliothekar. 

Schramm, Frau Dr. Martin. 

V. Schultzendorff, W., Kammerherr. 

Schwender, G. E. 

Sendig, Rudolph, Hotelbesitzer. 

Sontag, Carl, Hofschauspieler. 

Stern, Dr. A., Professor. 

V. Steun, Frau Therese, geb. v. 
Dziembowska. 

Stürenburg, Dr. H., Professor, 
Rector der Kreuzschule. 

Undeutsch, Max, Rechtsanwalt. 

Villers, Dr. Alexander. 

Vogel, Dr. Theodor, Professor, 
Geh. Schulrath. 

Vollmöller, Dr. Karl, Professor. 

Vorländer, H., Rentner. 

V. Weber, Freiherr, Oberstlieute- 
nant z. D. 

Wiecke, Paul, Kgl, Hofschauspieler. 

Woermann, Dr. Karl, Prof., Director 
der Kgl. Gemäldegallerie. 

Würzburger, Dr. Eugen, Director 
des Stadt. Statistischen Amtes. 

V. Zahn, Robert, Buchhändler (i. Fa. 
V. Zahn & Jaensch). 

Zschille, Frau Therese, geb. v. Ein- 
siedel. 



—^ 38 ^- 



Duisburg a/Rh. 

Feller, W., Professor, Gymnasial- 
Oberlehrer. 

Vijgen, Dr. jur. Max, Gerichts- 
assessor. 

Dulzen b/Preuss. Eylau. 
Rosenow, Frau Johanna, geb. Fre- 
denhagen, Rittergutsbesitzerin. 

Dürkheim a/H. 
Chally, P., Kgl. Gymnasiallehrer. 

Düsseldorf. 

Böninger,Ferdinand, Fabrikbesitzer. 
Künstler-Verein »Malkastenv. 

Dyrotz b/Wustermark. 
Meyer, Lothar, Gutsadmiiiistrator. 

Eberswalde. 

Klein, Dr. J., Gymnasialdirector. 

Eimsbüttel b/Hamburg. 
Hahn, Emil. 

Eisenach. 

Apelt, Dr. phil. O., Gymnasial- 
director. 

Ganzert, Carl, Fabrikbesitzer. 

Hossfeld, Dr.Carl, Gymnasiallehrer. 

Kieser, Hugo, Archldiaconus. 

Koellner, Dr., Arzt. 

Kürschner, Joseph, Prof., Geh. 
Hofrath. 

Michels-Schnitzler, Frau Kaufmann 
Julius. 

Schwabe, Fräulein Luise, Instituts- 
vorsteherin. 

Streck, Carl, Apotheker. 

Weber, Dr.H., Hofrath, Gymnasial- 
director. 

Eisenberg (Sachsen- Altenburg). 
Frenzel, Carl, Stadtrath. 
Gvmnasial-Bibliothek. 

Elberfeld. 

Blank, Frau Alexander. 

Martens, Dr. Ludwig, Professor, 

Gymnasial-Oberlehrer. 
Simons, Walter, Commerzienrath. 
Weychardt, Conrad. 
Wieruszowski, Alfred, Landrichter. 
Zurhellen, Frau Justizrath. 



Frik, G. 



Ellwangen. 

Rechtsanwalt. 



Emden. 

Bibliothek des Königl. Wilhelms- 
Gymnasiums. 

Freytag, Dr. Hans, Wissenschaftl. 
Hilfslehrer. 

Emmendingen. 

Feldbausch, Dr. Otto, Arzt an der 
Irrenanstalt. 

Erdeborn (Rittergut) b/Ober- 
Voeslingen a/See. 
Marckwald, Fräulein Marie. 

Erfurt. 

Barth, M., Reg.-Rath. 

Burkhardt, Dr. med. Friedrich, 
Augenarzt. 

Gymnasium, Königl. 

Hemzelmann, Dr. Wilhelm., Prof. 
am Kgl. Gymnasium. 

Lochner, K., Geh. Baurath. 

Lucius, Geh. Commerzienrath. 

Stürcke, Hermann, Geh. Commer- 
zienrath. 

Suchsland, Adolf, Landesgerichts- 
rath. 

Erlangen. 

Penzoldt, Dr. F. Professor. 
Rosenthal, Dr. J., Professor. 
Universitäts-Bibliothek, Königliche. 
Vogel, Frau Professor Dr. W. 

Eutin. 

V. Beaulieu-Marconnay, Freiherr, 
Grossherzogl. Oldenburgischer 
Ober- Jägermeister. 

Finsterwalde i/Neumark. 
Rhode, Fräulein, Anna. 

Flonheim (Rheinhessen). 
Knell, Dr. Karl, prakt. Arzt. 

Frankenthal (Rheinpfalz). 
Baum, W., Landgerichts-Director. 

Frankfurt a/M. 
Stadt Frankfurt a/M. 
Abendroth, Moritz, Buch- und 

Kunsthändler. 
Albert, Frau Elisabeth. 
Auerbach, Fritz. 

Baer, Simon Leopold, Buchhändler. 
Baerwald, Dr. Hermann, Realschul- 

Director. 



-^ 39 ^ 



Frankfurt a M. 

de Bary, Dr. med. Joh. Jacob, 
Sanitätsrnth. 

Beil, Dr. med. W. 

Beit, Frau Eduard. 

Ber;^hoefter, Dr., Bibliothekar der 
Freiherrl. Carl v. Rothschild- 
schen öflentlichen Bibliothek. 

V. Bethmann, Freiherr Simon Moritz. 

Bibliothek des Freien Deutschen 
Hochstifts. 

Bibliothek der Polytechnischen Ge- 
sellschaft. 

Bibliothek, Freiherrl. Carl v. Roth- 
schildsche öftentliche. 

Binswanger, Rudolf, Kaufmann. 

Braun, Landgerichts-Präsident. 

Braunfels, Otto. 

V. pjrüning, Frau Dr. Clara. 

Bürgerverein, 

Burghold, Dr. Julius, Rechtsanwalt. 

Cahn-Blumenthal, Hch, Kaufmann. 

Carl, Dr. med. August. 

Cohnstaedt, Ludwig, Redacteur. 

Detloff, Adolf, Buchhändler. 

Dietz, Dr. Alexander, Rechtsanwalt. 

Dondorf, Bernhard, Rentier. 

Donner- v. Richter, Otto, Historien- 
maler. 

Dotter, Fräulein Doris. 

Dreyfus, Georges. 

Ebler, Frau Rosa. 

Eckhard, Frau Dr., Ober-Landes- 
gerichtsrath-Wwe. 

Ehlers, Dr. R., Consistorialrath. 

Ellissen, August. 

Emden, Heinrich. 

Flersheim, Robert. 

Frankfurter Zeitimg (Redaction). 

Friedländer, Dr. Adolph, Gerichts- 
assessor. 

Fries, Jacob, Ingenieur u. Fabrikant. 

Funck, Carl, Kaufmann. 

Geio;er, Dr. Berthold, Rechtsanwalt, 
Justizrath. 

Goldschmidt, Dr. jur. Hermann. 

Goldschmidt, Marcus Moritz, 
Bankier. 

Günther, Ferdinand, Kunsthändler. 

Hammeran, Dr. phil. A. 

Hanau, Heinrich A. 

Herxheimer, Dr. med. S., prakt. 
Arzt, Sanitätsrath. 

Hochhut, Joh. D., Kaufmann. 

Hotfmann, Frau Dr. Therese, Geh. 
Sanitätsraths-Wwe. 



Frankfurt a M. 

Jung, Dr. phil. Rudolf, Stadtarchivar. 

Junker, Hermann, Kunstmaler. 

"Kahn, Bernhard, Bankier. 

Kahn, Julius. 

Key!, Geor.r Alhai. 

Koch, Frau Anna Louise, geb. 
V. St. George. 

Koenitzer, Carl Wolfgang. 

Kullmann, Hermann, Kaufmann. 

Lentz, A., Professor. 

Lichtenstein, Leopold, Kaufmann. 

Liebmann, Dr., Landrichter. 

Lucius, Dr. Eugen. 

May, Eduard Gustav. 

Mayerfeld, Anton, Kaufmann. 

Meister, Frau C. F. Wilhelm. 

Melber, W^alter Wolfgang. 

-Merton, W., Kaufmann. 

V. Mumm, P. H. 

Neher, Ludwig, Architekt. 

Neumann, Dr. jur. Paul, Rechts- 
anwalt. 

Osterrieth, Eduard. 

Qsterrieth-Laurin, August. 

Oswalt, Frau Wwe. Brandine, Ver- 
lagsbuchhändlerin. 

Oswalt, Dr. jur. H., Rechtsanwalt, 
Justizrath. 

Peschel, Frau Prof Dr., geb. Kamp. 

Pfeiffer, C. W. 

Philippi, Fräulein Helene. 

Q.uincke,Wolfgang,Schauspielregis- 
seur der vereinigten Stadttheater. 

Rade, Dr. M., Pfarrer. 

Reinhardt, Dr. p!iil. Carl, Director 
Jos Goethe- Gymnasiums. 

Reitz Sc Kollier, Buchhandlung. 

Rosenmever, Dr. med. Ludwig. 

Rothschild, August, Bankier. 

Rumpf, K., Bildhauer. 

Sachs, Dr. Otto, Rechtsanwalt. 

Sanct-Goar, Ludolph. 

Sauer, Julius, Kaufmann. 

Schmidt-Metzler, Dr. Moritz, Geh. 
Sanitätsrath. 

Schulderer, Dr. Emil, Director. 

Schölles, Frau Dr. Henriette, Sani- 
tätsraths-Wwe. 

Scholz, Dr. Bernhard, Professor. 

Schott, Sigmund. 

Siebert, Dr. jur. Jacob, Justizrath. 

Sondheim, Moritz. 

Speyer, Georg, Bankier. 

Stern, Hermann, Redacteur. 

Stern, Theodor, Bankier. 



^ 40 ^- 



Frankfurt a M. 

Stiebel, Dr. med. Fritz. 

Strasburger, P., Bankier. 

Textor, C. W. 

Trommershausen , Dr. E., Ober- 
lehrer am Gymnasium. 

Valentin, Dr. Veit, Professor. 

Varrenirapp, Dr. A., Stadirath. 

Völcker, Georg, Buchhändler. 

Vohsen, Dr. med. Carl. 

Weigert, Dr. Carl, Professor, Geh. 
Sanitätsrath. 

Weiss, Dr. Guido. 

Wohl, Jacques. 

Frankfurt a/0. 
Hoffmann, Paul, Lehrer. 
Klaerich, Rechtsanwalt. 
Kühn-Schuhmann, Frau Antonie. 
Scheller, Fräulein Emilie. 

Freiberg i/S. 
Heisterbergk, Ulrich, Justizrath. 

Freiburg i/Br. 

Berg, Stud. phil. Otto. 

Hettler, Eugen, Fabrikant u. Kauf- 
mann. 

Kluge, Dr. F., Professor. 

Manz, Dr. med. Otto. 

Martin, Dr. E., Professor. 

Meyer, C. M. Robert. 

Rümelin, Dr., Professor. 

Schmitt, Dr. H., Professor. 

V. Simson, Dr. B., Professor. 

Universitäts-Bibliothek, Grossher- 
zogliche. 

Weissenfeis, Dr. phil. Richard, 
Professor. 

Freiburg i/Schlesien. 
Realprogymnasium. 

Freienwalde a/O. 
Q.uedefeld, Dr. G., Professor, Gym- 
nasial-Oberlehrer. 

Friedberg (Hessen). 
Trapp, Carl, Fabrikbesitzer. 

Friedenau b/ Berlin. 

Paetow, Dr. phil. Walter, Schrift- 
steller. 

Raabe, Dr. phil. 

Roenneberg, Frau Melida, Schul- 
vorsteherin. 



Fulda. 

Landesbibliothek, Ständische. 

Fürth i/Bayern. 
Besels, Heinrich, Kaufmann. 
Türkheim, Leo. 

Georgengarten b/Dessau. 

V. Ditfurth, Fräulein Else, Hofdame 
L K. H. der Landgräfin V. Hessen. 

Gera (Reuss j. L.). 

Golle, Rügold, Kaufmann. 

Gymnasial- und Landesbibliothek, 
Fürstliche. 

V. Mejsenbug, Freiherr, Oher- 
Hotmarschall, Excellenz. 

Müller, Rudolf, Justizrath, Rechts- 
anwalt und Notar. 

Schlotter, Dr. jur. Alfred, Rechts- 
anwalt und Notar. 

Schrader, Dr. med., Augenarzt. 

Germersheim a/Rh. 
Klarmann, J., Major und Ingenieur- 
Offizier vom Platz. 

Gernsbach i/B. 
Funck, Heinrich, Professor. 

Giessen. 

Behaghel, Dr. Otto, Professor. 
Bock, Alfred, Schriftsteller. 
Collin, Dr. J., Privatdocent. 
Gaffky, Dr., Professor. 
Höhlbaum, Dr., Professor. 
Löhlein, Dr. med. Hermann, Pro- 
fessor. 
Oncken, Dr. Wilhelm, Professor. 
Schmidt, Dr. jur. Arthur, Professor. 
Siebeck, Dr. H., Professor. 
Strack, Dr. Adolf, Privatdocent. 
Universitäts-Bibliothek, Grossh. 
Wetz, Dr. Wilhelm, Professor. 

Bergisch-Gladbach. 

Zanders, Hans, Papierfabrikant. 
Zanders, Frau Marie. 

M.-Gladbach. 

duack, Wm., Commerzienrath. 

Gleiwitz. 

Winkler, Siegfried. 
Zuckerkandl, Victor. 



— ^ 41 ^- 



Glogau i/Schl. 
Cohn, Frau Justizrath Caroline. 
Diehl, Dr. phil. Ernst. 
Sachs, Leopold, Stadtrath (i/Fa. 
Sachs & Gell in). 

Glückstadt. 

Gymnasium, Königliches. 

Godesberg b/Bonn. 
Frentzen, Frau Lucy, geb. Hoesch. 

Göppingen. 

Gutrnann, Frau Fabrikant Bernhard. 

Görlitz. 

Rörig, A., Kgl. Eisenb.-Verkehrs- 
Inspector a. D. 

Gotha. 

Bibliothek des Gymnasium Ernesti- 

num. 
Bibliothek, Herzogliche. 
V. Ebart, Freiherr P., Kammerherr. 
Fleischmann, Julius. 
Gilbert, Dr., Professor. 
Purgold, Dr. K. , Director des 

Herzoglichen Museums. 
Rohrbach, Dr. phil. Carl E. M., 

Gymnasiallehrer. 
Schwarz, Dr. med., prakt. Arzt. 

Göttingen. 

Coehn, Dr. phil. Alfred. 
Dilthey, Dr. Karl, Professor. 
Drüysen, Dr. med. Felix, Professor 

und prakt. Arzt. 
Ehlers, Dr., Professor. 
Frensdorff, Dr. F., Professor, Geh. 

Justizrath. 
Hentze, Dr. Kr., Professor. 
Lehmann, Professor Max. 
Leo, Dr. F., Professor. 
Lexis, Dr., Professor. 
Röthe, Dr., Professor. 
Schulze, Dr. W., Professor. 
Schwalm, Dr. phil. J. 
Seminar, Königliches, für deutsche 

Philologie. 
Universitäts-Bibliothek, Königliche. 
Wentzel, Dr. phil. Georg, Privat- 

docent. 
Wildhagen, Dr., Rechtsanwalt. 

Greifenstein ob/ Bonnland. 
V. Gleichen - Russwurm , Freiherr 
Alexander, Kgl. bayr. Kammer- 
junker. 

Goethe-Jahrbuch XIX. 



Greifswald, 

Bibliothek des germanistischen Se- 
minars. 
Reifferscheid, Dr. A., Professor. 
RewoldtjDr., Rechtsanwalt u. Notar. 
Siebs, Dr. Th., Professor. 
Universitäts-Bibliothek, Königliche. 

Greiz. 

Stier, Paul, Geh. Reg.-Rath. 

Grimma b/Leipzig. 
Fürsten- und Landesschule. 

Grossalsleben (Anhalt). 
Exter, Pastor. 

Grosskarben (Hessen). 
V. Leonhardi, Freiherr Moritz, Guts- 
besitzer. 

Gross-Lichterfelde b/Berlin. 
Booth, Fräulein Esther. 
Delbrück, Heinr., Landgerichtsrath. 
V. Hopfen, Dr. Hans, Schriftsteller. 
Jaffe, Rechtsanwalt. 
Kekule von Stradonitz, Dr. Stephan. 
Müller, Paul, Gymnasialoberlehrer. 
Quincke, Walter, Kaufmann. 
Rothstein, Dr. Max, Privatdocent. 
Rudorff, Ernst, Professor an der 

Kgl. Hochschule für Musik. 
Schubert, Dr. phil. Joh. 
Schwarz, Director Arthur. 
Sommerfeld, Otto, Fabrikbesitzer. 

Grunewald b/Berlin. 
Barnstorft", Frau Wwe. D. 
Grandke, Wirkl. Geh. Ober-Finanz- 

rath. 
Lüders, Stud. jur. Philipp. 

Guben. 

Driese, Emil, Kaufmann. 
Hormann, Rechtsanwalt u. Notar. 

Gumbinnen (Ostpr.). 
Bibliothek des Kgl. Gymnasiums. 
Hecht, Dr. phil. Max, Gymnasial- 

Oberlehrer. 
Lewald, Dr. Otto, Regierungsrath. 

Hagenau i/Elsass. 
Brodrück, Georg, Major. 

Haggn (Schloss) b/Bogen a/Donau. 
V. Schrenk, Freiherr Leopold, Kgl. 

bayr. Hauptmann a. D. und 

Rittergutsbesitzer. 

26 



^ 42 ^e- 



Hainholz (vor Hannover). 
Seeligmann, Sigmund, Fabrikant. 

Halberstadt. 

Zimmer, Frau Rittmeister. 

Haiensee b/Berlin. 

Mautliner, Fritz, Schriftsteller. 

Servaes, Dr. phil. Franz. 

V. Zahn, Gustav, Secondelieutenant. 

Halle a/S. 

Bertram, Frau Constanze, Ober- 

bürgermeisterswittwe. 
Bethke, L., Bankier. 
Bibliothek des Stadtgymnasiuras. 
Burdach, Dr. Konrad, Professor. 
Erdmann, Dr. H., Privatdocent. 
Franke, Fräulein Marie. 
Fränkel, Dr. Carl, Professor. 
Friedberg, Dr. R., Professor. 
Fries, Dr., Professor, Director der 

Franke'schen Stiftung. 
v. Fritsch, Dr. K., Professor. 
Genzmer, Dr. A., Professor. 
Goeschen, Assessor. 
Gosche, Fräulein Agnes. 
Grenacher, Dr. H., Professor. 
Gründig, A., Administrator der 

ßuchdruckerei d. Waisenhauses. 
Harnack, Dr. Erich, Professor. 
Haym, Dr. R., Professor. 
Hessler, Dr. H., Privatdocent. 
Hiller, Frau Professor Dr. E. 
Kohlschütter, Dr. E., Professor. 
Kraus, Dr. Gregor, Professor. 
Kühn, Dr. J., Geh. Regierungsrath. 
Lehmann, Heinrich, Bankier. 
Leser, Dr. Edmund, Privatdocent. 
V. Lippmann, Dr. Edmund, Director 

der Zuckerraffinerie. 
Lothholz, Dr., Professor, Gym- 

nasialdirector a. D. 
Meier, Dr. phil. John. 
Mekus, Dr., Arzt. 
Nickel, M. Philipp, Kaufmann. 
Niemeyer, Fräulein Marianne. 
Niemeyer, Dr. Max, Verlagsbuch- 
händler. 
Pott, Dr. jur. R., Professor. 
Robert, Dr. Karl, Professor. 
Ross, Frau Professor Emma, geb. 

Schwetschke. 
Savan, Dr. phil. Franz. 
Scherff, Stud. jur. F. 



Halle a/S. 

Schlieckmann, Geh. Justizrath. 

Schmeitzer, Geh. Ober-Finanzrath. 

Schulze, August, Director der 
Zuckerraffinerie. 

Schwarz, Dr. E., Professor. 

Strauch, Dr. Philipp, Professor. 

Universitäts-Bibliothek, Königliche. 

Vaihinger, Dr. H., Universitäts- 
Professor. 

Wagner, Dr. Albrecht, Professor. 

Hamburg. 

Arndt, Oskar (i/Fa. Arndt & Cohn). 

Behn, Dr. jur. Hermann. 

Behrmann, Sen. G. D. theol., Haupt- 
pastor. 

V. Berenberg-Gossler, John,Bankier. 

Bertheau, D. theol. Carl, Pastor. 

Brackenhoeft, Dr. jur. E., Rechts- 
anwalt. 

ßülau, Dr. med. Gotthard. 

V. Dehn, Dr. Jur. Adolf Axel. 

Duncker, Richard. 

Elkan, Ed. Ferdinand. 

Fertsch, F. (i/F. Fertsch & Laeisz). 

Gerstenberg, Dr. phil. Heinr., Ober- 
lehrer. 

Gloede, Dr. phil. Hermann. 

Goldschmidt, Dr. phil. Adolf. 

Gräfe, Lucas, Buchhändler. 

Groothoff, H., Architekt, 

Groth, G. J. Th., Kreisgerichtsrath. 

Grüner, Dr. Th. W. 

Hartmann, Dr. jur. K., Rechtsanwalt. 

Hertz, Dr. G., Senator. 

Heylbut, Dr. phil. G. 

Hinrichsen, Siegmund, stellv. Vor- 
sitzender der Handelskammer. 

Hottenroth, Hans, General-Agent. 

Johler, G. (i/Fa. Mühlweister & 
Johler). 

Kiehn, Heinrich. 

Koehne, Ernst, Kaufmann. 

Köster, Paul, Kaufmann. 

Kreusler, Fräulein L. 

Lehmann, Frau Dr. Emil. 

Levy, Dr. H. B. 

Lorenz, Dr. phil. Karl. 

May, Anton. 

Meissner, jun., Otto, Buchhändler. 

Merschberger, Dr. G., Professor. 

Metz, Adolf, Lic. theol., Professor 
am Johanneum. 

Mönckeberg, Dr. Rudolf. 



— |f 43 ^ 



Hamburg. 

Newman, Fräulein Julie. 

Oehrens, Dr. med. Wilhelm. 

Oppenheim, Emil. 

Oppenheim, Frau Marie. 

Petersen, Rudolf, Director. 

Pfiüger, Dr. M. 

Rebattu, Dr. Albert, Pastor zu St. 

Gertrud. 
Redlich, Dr. C, Director der 

höheren Bürgerschule. 
Rosenhagen, Dr. phil. Gustav, 

Oberlehrer. 
Rudolph, G. A., Buchhändler. 
Sasse, Wilhelm. 
Scharlach, Dr. jur., Advokat. 
Schiff, Fräulein Jenny. 
Schroeder, Dr., Senator. 
Schwabach, Frau Reg.-Rath Hen- 
riette. 

Sieveking, Dr. med. Wilhelm. 

Sohle, Dr. jur. Martin. 

Sokolowsky, Dr. phil. Rudolf. 

Sporri, Dr. H., ev. Prediger. 

Stadtbibliothek. 

Stemann, Dr., Landgerichtsdirector. 

Suse, Dr. Theodor. 

Thöl, Dr., Oberlandesgerichtsrath. 

"Warburg, Aby S. 

Warburg, Siegmund Rudolf. 

Weisser, Dr., Kgl. preuss. Stabsarzt. 

Wohlwill, Dr. Adolf, Professor. 

Wolffson, Dr. A. 

Hamm i/Westf 
Beneke, Prof Dr., Director des 

Königlichen Gymnasiums. 
Gymnasium, Königliches. 
Hanow, Oberlandesgerichts-Senats- 

Präsident. 
Litten, Dr., Landesgerichtsrath. 

Hanau. 

Osius, Rechtsanwalt. 
Zimmermann, Frau Emma. 

Hannover. 

V. Benningsen, Rudolph, Ober- 
präsident, Excellenz. 

Berding, Stud. phil. Friedrich. 

Graetzel v, Graetz, Dr. P., Ober- 
lehrer. 

Hüncke, Herrn., Kaufmann. 

iuncken, Frau Johanna, geb. Maudt. 
leyer , Erich , Gymnasial - Ober- 
lehrer. 



Hanau. 

Schaefer, H., Professor, Gymnasial- 
Director. 

Schläger, Dr. med. Hermann. 

Schmorl u. v. Seefeld, Nachf , Buch- 
händler. 

Spiegelberg, Frau Elsbeth, geb. 
Frank. 

Wülbern, Senator. 

Hattenheim. 

Wilhelmy, A., Procurator. 

Heidelberg. 

Abbott, Frau Dr. 

Braune, Dr. W., Professor. 

Buhl, Dr. H., Professor. 

Erb, Dr. Wilhelm, Professor, Geh. 
Rath. 

Erdmannsdörffer, Dr. B., Professor. 

Fischer, Dr. Kuno, Professor, Wirkl. 
Geh. Rath, Excellenz. 

Fürst, Dr., Rechtsanwalt. 

Gegenbauer, Dr. Karl, Professor, 
Geh. Rath. 

Germanisch -Romanisches Seminar 
an der Universität. 

Groos, Karl, Buchhändler. 

Hausrath, Dr. Adolf, Professor, 
Kirchenrath. 

Hoffmeister, H., Lederfabrikant. 

V. Holle, Baron. 

Knaps, Fräulein Anna. 

Koehler, Dr. Karl, Professor. 

V. Lilienthal, Dr. Carl, Professor. 

Meyer, Dr. jur. G., Professor, 
Hofrath. 

Meyer v. Waldeck, Dr. F., Pro- 
fessor der Universität, Hofrath, 
Kaiserl. russ. Kollegienrath. 

Retters, Otto, Buchhändler. 

Scholl, Dr. F., Professor. 

Schwinger, Dr. phil. Richard. 

Universitäts-Bibliothek, Grossher- 
zoglich Badische. 

V. Waldberg, Freiherr, Dr. Max, 
Professor an der Universität. 

Wunderlich, Dr., Professor. 

Heidenheim. 

Meebold , Frau Commerzieurath 

Natalie. 
Meebold, Fräulein Ulla. 

Heilbronn. 

Harmonie-Gesellschaft. 

26* 



-^ 44 +4— 



Heinrichau b/BresIau. 
Eberhardt, Julius, Generaldirector. 
Gottwald, Superintendent und 
Schlossprediger. 

Heinrichsdorf b/Wilhelmsfelde 
(Reg.-Bez. Stettin). 

Lenke, Fräulein Jenny. 

Hildburghausen. 

V. Petrovics, Paia. 

Hildesheim (Hannover), 
von Gneist, Regierungs-Assessor. 
Schiefler, Gustav, Landgerichtsrath. 

Hoerde (Westf.). 
Vohwinkel, Dr. med. Karl, prakt. 
Arzt. 

Hofgeismar b/Cassel. 
V. Wittich, Frau Luise. 

Hohenfichte (Sachsen). 
Hauschild, Max E.,Commer2ienrath. 

Hohen-Pähl, Schloss b/Wilshofen 

(Oberbayern). 
Czermak, Ernst, Gutsbesitzer. 

Husum (Schleswig-Holstein). 
Tönnies, Fräulein Elisabeth. 

Jena. 

V. Bardeleben, Dr. K., Professor. 
Delbrück, Dr. B., Professor. 
Devrient, Dr. phil. H. 
Eggeling, Dr. H., Geh. Staatsrath, 

Curator der Universität. 
Eichhorn, Dr. med. Gustav, prakt. 

Arzt. 
Eucken, Dr. R., Professor, Geh. 

Hofrath. 
Fischer, Dr. G., Verlagsbuchhändler. 
Fürbringer, M., Professor, Hofrath. 
Genthe, Theodor, Lehrer. 
Gille, Dr., Geh. Hof- und Justizrath. 
Götz, Dr., Professor. 
Haeckel, Dr. Ernst, Professor. 
Hallgarten, Fräulein. 
Kniep, Dr., Professor. 
Knorr, Dr. L., Professor. 
Leitzmann, Dr. Albert, Privatdocent 

an der Universität. 
Lemcke, Ernst, Candidat des höh. 

Schulamts. 



Jena. 

Liebenam, Dr. \V., Professor. 
Liebmann, Dr. Otto, Professor, 

Hofrath. 
Lorenz, Dr. O., Professor. 
Merian-Genast, Dr. Hans. 
Michels, Dr. Victor, Professor. 
Rausch, Dr. Alfred, Gymn. -Lehrer, 
Richter, Dr. G., Gymnasialdirector, 

Geh. Hofrath. 
Rosenthal, Dr. Eduard, Professor. 
Schlösser, Dr. Rudolf, Privatdocent. 
Stichling, Carl, Oberlandesgerichts- 

rath. 
Stoy, Dr. Heinrich, Privatdocent. 
Stoy, Dr. Stephan, Privatdocent. 
Türk, Dr. phil. Hermann. 
Universitäts-Bibliothek. 
V. Vogel-Fromannshausen , Frau 

Anna, k. k. Regierungsraths- 
u. o. ö. Professors-Wittwe. 
Walter,Dr.phil. Johannes, Professor. 
Warburg, Stud. agr. Georges S. 
Wilhelm, Dr. Eugen, Professor. 

lUenau b/Achern. 
Schule, Dr. H., Geh. Hofrath. 

Ilmenau. 

»Gemeinde Gabelbach« , Gesell- 
schaft. 

Insterburg. 

Bibliothek des Kgl. Gymnasiums. 

Isselburg b/Wesel. 

Nering-Bögel, G., Kgl. Commer- 
zienrath. 

Itzehoe. 

Claussen, Dr. med., Sanitätsrath. 

Eaukehmen (Ostpreussen). 
Meyerowitz, Max, Amtsrichter. 

Kappeln (Schleswig-Holstein). 
Thomsen jun., Dr. med. Julius, 
prakt. Arzt. 

Karlsruhe i/B. 
Arnsperger, Dr. phil. Walther. 
Bernays, Frau Professor Dr. 
Bielefeld, Jos., Verlagsbuchhändler, 

K. K. österr.-ungar. Consul. 
Blankenhorn, Dr. Adolf, Professor. 
Boeckh, Stadtrath. 



-^ 45 ♦!— 



Karlsruhe i/B. 

Bürklin, Dr. jur. Albert, General- 
Intendant d. Grossherzogl. Hof- 
theaters. 

Bürklin, Frau Dr. A. 

V. Chelius, Rieh., Geh. Kabinets- 
rath, Kammerherr. 

V. Edelsheim, Freiherr, Grossh.bad. 
Obersthofmeister, Excellenz. 

V. Eisendecher, Frau, geb. Freiin 
V. Eickstedt, Excellenz. 

Eller, Dr. Carl, Oberlandesgerichts- 
rath. 

Ettlinger, Fräulein Anna. 

von und zu Gemmingen, Freiherr, 
Oberstkammerherr, Excellenz. 

Göller, L., Ministerialrath. 

Hauck, Dr. Carl. 

Hauser, Joseph, Grossh. badischer 
Kammersänger. 

Hof- und Landesbibliothek, Grossh. 

Liebermann, Gustav (i/Fa. A. Biele- 
felds Hofbuchhandlung). 

Mainzer, Fräulein Helene. 

Ministerium der Justiz, des Kultus 
und Unterrichts. 

Molitor, Fräulein Fanny. 

V. Oechelhäuser, Dr. A., Professor 
am Polytechnicum. 

Ordenstein, Heinrich, Director des 
Conservatoriums für Musik. 

Regensburger, Dr. Leopold, Rechts- 
anwalt. 

Roffhack, Dr. Jur., Geh. Reg.-Rath. 

Schnorr von Carolsfeld, Frau Mal- 
vina, königl. bayr. Kammer- 
sängerin. 

Seubert,Emil,Geh.Rath,Ministerial- 
director, 

Weltzien, Alexander. 

Wendt, Dr. Gustav, Geh. Hofrath. 

Rittergut Kattern 
(Kr. Breslau). 
Lewald, Frau Dr. Julie. 

Kehl a/Rh. 
Gernand, Dr. phil. Gas., Lehr- 
amtspraktikant. 

Kennenburg b/Esslingen a. Neckar. 
Landerer, Dr. med. Paul, Hofrath, 
Director der Heilanstalt. 

Kerpen b/Cöln. 
Wenzel, Amtsrichter. 



Kessenich. 

Schlieper, Frau Gustav. 

Kiel. 

Gering, Dr. H., Professor. 

Kauffmann, Dr. Fr., Professor. 

Kirchhoff, Frau Capitain zur See. 

Krogmann, Ernst, Gerichtsassessor. 

Mühlau, Dr. F., Professor. 

von Müller, Stud. phil. Hans. 

Niepa, Alexander, Chefredacteur. 

Ratjen, Ad., Landesgerichts-Präsi- 
dent. 

Rogge, Frau Clara, geb. Plantier. 

Scheppig, Dr. phil. Richard, Pro- 
fessor, Oberlehrer. 

Schlossmann, Dr., Professor. 

Schöne, Dr. Alfred, Professor, Geh. 
Rath. 

Stange, H., Professor. 

Toeche, Paul, Hofbuchhändler. 

Universitäts-Bibliothek, Königliche. 

Wolff, Dr. Eugen, Professor. 

Klein-Oels b/Ohlau i/Schlesien. 
Yorck V. Wartenburg, Graf Hans. 
Yorck v.Wartenburg,Graf Heinrich. 

Klein-Sägewitz b/Kattern. 
(Reg.-Bez. Breslau.) 
Lewald, Georg. 

Klotzsche b/Dresden. 
Schramm, O. E., Ingenieur. 

Kohlhöhe b/Gutschdorf (Schles.). 
V. Richthofen-Damsdorf, Freiherr, 
Ober-Reg.-Rath. 

Königsberg i/Pr. 

Alscher, Dr. Walter, Rechtsanwalt. 

Baumgart, Dr. Hermann, Professor. 

Bibliothek der städtischen Real- 
schule. 

Bibliothek des Altstädtischen Gym- 
nasiums. 

Bibliothek desKneiphöfischenGym- 
nasiums. 

Bibliothek des Realgymnasiums auf 
der Burg. 

Bibliothek des städtischen Real- 
gymnasiums. 

Bibliothek des Königl. Wilhelms- 
Gymnasiums. 

Brode, Max, Dirigent der Kgl. 
Sinfonie-Konzerte. 



— ^ 46 4- 



Eönigsberg i/Pr. 

Dittmer, Geh.Ober-Regierungsrath. 
Frohmann, Dr. med. Julius, prakt. 

Arzt. 
Gerber, Dr. med. P. H., Privat- 

docent. 
Goldberg, Julius, Bankier, Consul. 
Gruenhagen, Dr., Professor, Ge- 

heimrath. 
Güterbock, Dr. jur., Professor, 

Geheimrath. 
Gyssling, Robert, Rechtsanwalt. 
Königl. u. Universitäts-Bibliothek. 
Lehnert, Dr. phil. Max, Gymnasial- 

Oberlehrer. 
Rümpler, Alex, Redacteur, 
Samuel, Dr., Professor. 
Scherschewsky, Dr. jur., Kaufmann. 
Schöndörffer, Dr. Otto, Gymnasial- 
lehrer. 
Seelig, Dr. med. Alb. 
Simon, Frau Rittmeister Marie, geb. 

Burchardt. 
Stern, Frau Dr. Agnes, geb. Wiehler. 
Teppich, Frau Emil. 
Töchterschule, städtische höhere. 
Vogel, Rudolf, Rechtsanwalt. 

Schloss Eönitz i/Thüringen. 
Reiss, Dr.Wilhelm, Geh. Reg.-Rath. 

Konitz (Westpr.). 
Kalau vom Hofe, Gymnasiallehrer. 

Eonstanz. 

Brandes, Wilhelm, Bankdirector. 
Fischer, Dr. med. Gg., Hofrath. 
Mülberger, Dr. F. 
Ottendörfer, Dr. Hermann, Land- 
gerichtsrath. 

Bad Eösen. 

Schütze, Dr, med. Carl. 

Eowanöwko b/Obornik (Posen). 
Lewald, Dr., leitender Arzt der 

Privat- Heilanstalt für Nerven- 

und Gemüthskranke. 

Erotoschin (Posen). 
Bibliothek des Kgl. Wilhelms- 
Gymnasiums. 

Eusel (Rheinpfalz). 

Heydel, J., Kgl. Regierungsrath. 

Lahr i/Baden. 
Stadtbibliothek. 



Landau (Pfalz). 
Zahn,August,Kgl.Landgerichtsrath. 

Landeshut i/Schlesien. 
Realgymnasium. 

Langenburg (Württemberg), 
zu Hohenlohe-Langenburg, Frau 
Fürstin Leopoldine, Grossher- 
zogliche Hoheit. 

Lauban i/Schlesien. 
Wissenschaftlicher Verein. 

Leipzig. 

Abraham, Dr. Max, Verlagsbuch- 
händler. 

v. Bahder, Dr. Karl, Professor. 

Baur, Fräulein Marie. 

Beer, Dr. Rudolph, Gymnasial- 
Oberlehrer. 

Berlit, Georg, Professor, Oberlehrer. 

Bibliothek (jes Kgl, Gymnasiums. 

Bibliothek des Nikolaigymnasiums. 

Bibliothek desThomasgymnasiums. 

v. Biedermann, Freiherr F. W., 
Verlagsbuchhändler. 

Binding, Dr. Karl, Professor. 

Borchers, Bodo, Hofopernsänger 
a. D., Gesangslehrer. 

Brockhaus, Dr. Eduard, Verlags- 
buchhändler. 

Brockhaus, Rudolf, Verlagsbuch- 
händler. 

Brugmann, Dr. Oskar, Professor, 
Oberlehrer am Nicolai -Gym- 
nasium. 

Curschmann, Dr. med., Professor, 
Geh. Medicinal-Rath. 

Degenkolb, Dr., Professor. 

Dix, Paul, Rechtsanwalt. 

Dodel, jun., Friedrich Wilhelm, 
Kaufmann. 

Doering, Dr. B., Professor, Gym- 
nasial-Oberlehrer, 

Dolega, Dr. med. Max. 

Dürr, Alphons, Stadtrath. 

Dürr, Dr. Alphons, Buchhändler. 

Eelbo, Bruno, Baurath. 

Elster, Dr. Ernst, Professor an der 
Universität. 

Förster, Dr. med. Fritz. 

Fränkel, Dr. Albert, Schriftsteller. 

Friedberg, Dr. Emil, Professor, 
Geh. Hofrath. 

Geibel, Frau Leonore, geb. Weisz. 



-•^ 47 ^— 



Leipzig. 

Geibel, Frau Marianne. 

Gensei, Dr. jur. Julius, Secretär 
an dtr Handelskammer. 

Georgi, Dr., Rechtsanwalt. 

Giesecke, Herm. F. (Firma Giesecke 
& Devrient). 

Goetz, Ernst. 

Goetze, Fräulein Auguste, Kammer- 
sängerin. 

Haarhaus, Julius R., Redacteur und 
Schriftsteller. 

Haessel, H., Verlagsbuchhändler. 

V. Hahn, Frau Präsident. 

V. Hase, Dr. Oskar, Verlagsbuch- 
händler. 

Heinemann, Dr. phil. Karl. 

Herbst, Günther, Kaufmann. 

Hering, Stud. phil. Robert Eugen. 

Hildebrand, Dr. phil. Rudolf, Real- 
schul-Oberlelirer. 

Hirzel, Georg, Verlagsbuchhändler. 

Institut, bibliographisches. 

Junck, Dr. jur., Rechtsanwalt. 

Jungmann, Dr., Professor, Rector 
zu St. Thomae. 

Kayser, Dr. Paul, Wirkl. Geh. Le- 
gationsrath, Senatspräsident. 

Kettembeil, Dr. jur. Johannes, 
Landrichter. 

Kinkel, Walter. 

Köhler, K. F., Buchhändler. 

König, Wilhelm. 

Krehl, Dr. Ludolf, Professor, Geh. 
Hofrath. 

Lange, Dr. Robert. 

Leskien, Dr. A., Professor. 

Liebisch, Bernhard, Buchhändler. 

Limburger, Rechtsanwalt. 

Lipsius, Dr. Hermann, Professor, 
Geh. Hofrath. 

Lorentz, Alfred, Buchhändler. 

Loewenstein, Dr., Senats-Präsident. 

Meyer, Friedrich Heinrich, Buch- 
händler und Antiquar. 

Meyer, Georg Heinrich, Verlags- 
buchhändler. 

Müller, Dr. jur. Carl Otto, Kgl. 
Sachs. Geh. Rath, Professor. 

Nachod, Frau Consul Marie. 

Pfalz, Dr. Franz, Professor, Director 
der Realschule. 

Prüfer, Dr. jur. u. phil. Arthur, 
Privatdocent. 

Reisland, O.R., Verlagsbuchhändler. 

Ribbeck,Dr.E.,Professor, Geh.Rath. 



Leipzig. 

Romberg, O. L., Geh. Justizrath. 
Rost, Adolph, Buchhändler (J. C. 

Hinrichs'sche Buchhandlung). 
Scheibner, Dr. Wilhelm, Professor, 

Geh. Hofrath. 
Schmidt, Cand. jur. Reinhard Benno. 
Schneider, Dr. Arthur, Professor. 
Schneider, Carl, Kaufmann. 
Schulz, Hermann, Buchhändler. 
Schunck, Fräulein Cornelia. 
Schuster, Dr. phil. Hermann, In- 

stitutsdirector. 
Schwabe, FrauSusanne,geb.Klemm. 
Seelig, Dr. Justizrath, Rechtsanwalt 

beim Reichsgericht. 
Seemann , Arthur , Verlagsbuch- 
händler. 
Seminar, Königl. Deutsches. 
Sivers, Dr. E., Professor. 
Simon, Dr. jur. Gustav Wilhelm, 

Rechtsanwalt. 
Simon, Frau Stadtrath Hedwig. 
Stadtbibliothek. 
Staegemann , M. , Director des 

Stadttheaters. 
Steffen, Dr. Georg, Gymnasial- 

Oberlehrer. 
Streitberg, Dr. W., Professor. 
Stumme , Dr. med. Emmrich 

Gerhard. 
V. Tauchnitz, Bernhard, Freiherr, 

Verlagsbuchhändler. 
Titze, Adolf, Verlagsbuchhändler. 
Tröndlin, Dr., Bürgermeister. 
Universitäts-Bibliotlcek, Kgl. 
Voerster, Alfred, Buchhändler. 
Voerster, Karl, Buchhändler. 
Vogel, Dr. Julius, Custos am städt. 

Museum. 
Voigt, Dr. phil. Hans, Gymnasial- 

Oberlehrer. 
Volkelt, Dr. Johannes, Professor. 
Wagner, Franz, Commerzienrath, 

Stadtrath. 
Wagner, Dr. med. Paul, Privat- 
docent. 
Walter, Geh. Ober-Postrath. 
Weber, Dr. phil. Robert. 
Wendland , Dr. jur. , Handels- 

kammersecretär. 
Wiesand, Dr. jur., Kaiserl. Reichs- 

gerichtsrath. 
Windscheid, Fräulein Dr. Käthe. 
Witkowsky, Dr. Georg, Professor. 
Wülker, Dr. Richard, Professor. 



-4m- 48 ^- 



Leipzig. 

Wundt, Dr. Wilh., Professor. 
Zarncke, Dr. Eduard, Professor. 
Zschiesche Nachf. (Georg Müller), 
Buchhändler. 

Liegnitz. 

V. Lüdinghausen -Wolff", Baron, 
Oberstlieutenant, Commandeur 
des Grenadier-Regiments König 
Wilhelm I. No. 7. 

Rawitscher, Frau Assessor. 

Lindau i/B. 
Brüller, Max, Kgl. Bezirks-Thierarzt. 

Linden b/Hannover. 
Bibliothek des Königl. Kaiserin 
Augusta-Victoria -Gymnasiums. 
Grasshof, Dr., Gymnasialdirector. 
Haase, Frau Helene. 
Laporte, Rechtsanwalt. 

Löbejün (Saalkreis). 
MatzdoriT, Dr. Hans, prakt. Arzt. 

Löcknitz (Pommern). 

V. Eickstedt - Peterswaldt, Frau 

Gräfin, geb. v. Eisendecher. 

Lübben (Niederlausitz). 
Schneider, Florentin, Landesbestall- 
ter der Niederlausitzer Stände. 

Lübeck. 

Achilles, Dr. E., Rechtsanwalt. 

Curtius, Frau Senator Dr. 

Fehling, Dr., Senator. 

HofTmann, Dr. Paul, Director der 
Ernestinenschule. 

Schillerstiftung, Lübeckische. 

Stoos.s, Dr. jur. Alfred, Rechts- 
anwalt und Notar. 

Ludwigsluat. 

Schaumkell, Ernst, Lic. theol. 

Lüneburg. 

Gravenhorst, K., Justizrath. 

Lyck (Ostpreussen). 
Dembowski, Dr. Johannes, Ober- 
lehrer. 
Gymnasium, Königliches. 
Wiebe, Emil, Buchhändler. 
Aufrecht, Dr. 



Magdeburg. 

Glatte, Elly, Lehrerin. 

Hindenburg, Frau Carl, geb. Rei- 
mann. 

Kawerau, Waldemar , Redacteur 
der Magdeburger Zeitung. 

Liebau, Frau Hermann. 

Sträter, Dr. phil. E., Oberreal- 
schullehrer. 

Trosien, E., Geh. Reg.- und Pro- 
vinzialschulrath. 

Waetzoldt, Prof Dr., Kgl. Regier- 
und Schulrath. 

Zuckschwerdt, Frau Fanny. 

Mainz. 

Feldheim, C. F., Geh. Commer- 

zienrath. 
Heidenheimer, Dr. phil. Heinrich. 
Scholz, Carl (Firma Jos. Scholz). 
Schultheis, Albrecht. 
StadtbibHothek. 

Mannheim. 

Bibliothek, öffentliche. 
Darmstaedter, Dr., Rechtsanwalt. 
Diffen^, Dr. K. 
Hecht, Dr. Felix, Geh. Hofrath, 

Bankdirector. 
Hirsch, Emil. 
Hirsch, Louis, Kaufmann. 
Kahn, Dr. Richard, Rechtsanwalt. 
Köhler, Martin, Kaufmann. 
Ladenburg, Frau Commerzienrath 

Ida. 
Lenel, Alfred, Kaufmann. 
Loewe, M. (Firma Loewe & Eschell- 

mann). 
Mathy, Johann Wolfgang. 
Reimann, Frau Dr. Clara, geb. 

Diffene. 
Reiss, Fräulein Anna. 
Reiss, Carl, General-Consul. 
Staudt, Dr. med. J., prakt. Arzt. 
Thorbecke, Julius, Fabrikant. 

Marburg i/Hessen. 

Cohen, Dr. H., Professor. 

Germanistisches Seminar der Uni- 
versität. 

Gymnasium, Königliches. 

Hartwig, Dr. O., Geh. Rath. 

Hess,Dr.Carl, Professor, Augenarzt. 

KochendörfTer, Dr. Karl, Biblio- 
thekar. 

Köster, Dr. Albert, Professor. 



-^ 49 -»i- 



Marburg i/Hessen. 
Kühnemann, Dr. phil., Privatdocent. 
Rathke, Dr., Professor. 
Schröder, Dr. Eduard, Professor. 
Souchay, C. C, Gutsbesitzer. 
Universitäts-BibHothek, Kgl. 
Wenck, Dr. C, Professor. 
Wilbrandt, Dr. Adolf. 

Marklissa. 

Kauffmann,Wilhelm,Fabrikbesitzer. 

Markowitz (Provinz Posen). 
V. Wilamowitz-Möllendorf, Frei- 
herr, Kgl. Kammerherr, Ober- 
präsident d. Prov. Posen, Excell. 

Marksteft a/Main. 
Putz, Karl, Past. emerit. 

Meerane i/S. 
Scheitz, Dr. Emil, Apotheker. 

Meiningen 

(Sachsen-Meiningen). 

Baumbach, Dr. Rudolf, Hofrath. 

Kircher, Dr., Geh. Regierungsrath. 

V. Koelichen, Oberst z. D. 

Lindau, Dr. Paul, Intendant des 
Hoftheaters. 

Martiny, Fr., Eisenbahn-Maschinen- 
Ingenieur. 

Meissen. 

Bibliothek der Kgl. Fürsten- und 
Landesschule. 

MemeL 

Bibliothek der höheren Töchter- 
schule. 
Friede, Fräulein Lucie. 
Gymnasialbibliothek, Kgl. 
Valentin, Richard. 

Merseburg. 

V. Waldow, Steinhoefel, geb. Edle 
von der Planitz. 

Metz. 

Neuffer, Dagobert, Hofschauspieler, 
Director des Stadttheaters. 

Militsch (Reg.-Bez. Breslau). 
Oehme, Frau Hanna, geb. Becker. 

Mülhausen i/Elsass. 
Kestner, Dr. Hermann, San.-Rath. 



Mühlheim a/Ruhr. 
Stinnes, Dr. jur. Heinrich. 

Muhrau b/Striegau i/Schl. 
V. Kramsta, Fräulein Marie. 

München. 

Ackermann, Theodor, Kgl. Hof- 
buchhändler. 

Bernstein, Max, Schriftsteller. 

Bittmann, Friedrich. 

V. Bodman, Freiherr J. Ferd., 
Grossh. Bad. Gesandter. 

Bronsart v. Schellendorff, Kam- 
merherr, Wirkl. Geh. Rath, Exe. 

V. Bürkel, Ludwig, Kgl. Bayer. 
Ministerial-Director. 

V. Cornelius, Dr. C. A., Professor, 
Geh. Rath. 

Cornelius, Dr. phil. Carl. 

V. Dursy, Kaiserl. Ministerialrath. 

Dyck, Dr. Franz, prakt. Arzt. 

El'ler, Frau Henriette, Oberhof- 
gerichts- Advocatenwittwe. 

Faehndrich, H. A., Amtsrichter a. D. 

Fraenkel, Dr. Ludwig, Realschul- 
lehrer. 

V. Gietl, Ritter Max, Ministerialrath. 

Göppinger-Meebold, Frau Adelheid. 

Gotthelf, Cand. phil. Fritz, 

Grätz, Dr. Leo, Universitäts-Pro- 
fessor. 

Haaser, Ernst, Journalist. 

Hanfstängl, Edgar, Hofrath. 

Hartleben, Otto Erich, Schriftsteller. 

V. Hausmann, Frau Justizrath Dr. 
Betty. 

von der Hellen, Dr. Eduard. 

Hertz, Dr. Wilhelm, Professor. 

Heyse, Dr. Paul. 

Hof- und Stadtbibliothek, Kgl. 

Kappelmeier , Georg , Brauerei- 
Director. 

Lehner, Johann, Director der Bayer. 
Notenbank. 

Lehrerbibliothek, Städtische. 

Levi, Dr. Hermann, K. General- 
Musikdirector. 

Levi, Frau General-Musikdirector 
Dr. Hermann. 

v. Marogna, Graf 

V. Marogna, Gräfin Angela, Hof- 
dame L K. Hoheit der Frau 
Herzogin Carl Theodor in 
Bayern. 

V. Mayer, Dr. Carl, Kgl. Staatsrath. 



—4+ 50 ^— 



München. 

Muncker, Dr. Franz, Professor. 

V. Naegeli, Frau Professor Henriette. 

Oberhummer, Roman. 

Üelschläger, Dr. phil. Hermann. 

Oertel, Cand. phil. Heinrich. 

V. Oettingen, Frau M. 

Oldenbourg sen,, R., Verlagsbuch- 
händler. 

Pallmann, Dr. phil. Heinrich, 

Paul, H., Professor. 

V. Perfall, Freiherr, General-Inten- 
dant der Königl. Hofmusik, 
Excellenz. 

Quidde, Dr. phil. L. 

V. Ritte?; Fräulein Marie. 

Savits, Jocza, Oberregisseur des 
Kgl. Hoftheaters. 

Scherer, Dr. Georg, Professor. 

Schmidt, Dr. med. Oswald. 

Schubart, Dr. M. 

Solbrig, Dr. Veit,K. Ober-Stabsarzt. 

Steinitzer, Paul, K. K. österr. 
Major a. D. 

Sulger-Gebing, Dr. phil. Emil, 
Privatdocent. 

Traube, Dr. Ludwig. 

Universitätsbibliothek, Königliche. 

Waldthausen, Justus, Kaufmann. 

Weltrich, Richard, Kgl. Professor. 

Münchenbernsdorf 

(Grossh. Sachsen). 
V. der Gabelentz-Linsingen, Lieut. 
im Hus.-Reg. v. Ziethen. 

Münster i/Westphalen. 
Andresen, Dr. Hugo, Professor. 
Koepp, Dr. Friedrich, Professor. 
Lüdicke, Max, Eisenbahndirections- 

Präsident. 
Paulinische Bibliothek, Kgl, 
Schmedding, Frau Reg.-Rath Laura, 

geb. Hüffer. 

Muskau (Lausitz). 

Gülke, Frau August, geb. Vulpius. 

Nassau. 
V. Kielmannsegge, Frau Gräfin L. G, 

Nastätten (Prov. Nassau). 
Cathrein, Joseph. 

Naumburg a/S. 
Bennecke, Justizrath. 
Bröse, G., Oberlehrer. 



Naumburg a/S. 
V. Gisecke, Dr. jur. Hermann, 

Landgerichtsrath. 
Jaenisch, C., Geh. Reg.-Rath. 
Kirchner, Fräulein Elisabeth. 
Köster, Dr., Geh. Sanitätsrath. 
Lehmann , Oberlandes - Gerichts- 

rath a. D, 
Seelmann, Fräulein C. L. Gertrud. 
Sturm, Dr. Aug., Rechtsanwalt und 

Notar. 

Naundorf (Bez. Dresden). 
V. Lindenfels, Freiherr, Kgl. Ober- 
förster. 

Naunhof bei Leipzig. 
Francke, Carl, Versicherungsbank- 
Director a. D. 

Neuburg (Stift) b/ Heidelberg. 
V. Bernus, Freiherr. 

Neudietendorf. 

Wenck, W., Prediger. 

Neuendorf (Bezirk Köslin). 
V. Osterroht, Gotthilf. 

Neumünster. 

Crespel, A., Rechtsanwalt. 

Neustadt a/Haardt. 
Kern, Frau Anna, Rentnerin. 

Neustrelitz. 

Götz, Dr. G., Obermedicinalrath. 

Niederbreisig. 

Huyssen, W., Ingenieur. 

Nieder-Ingelheim. 

V. Erlanger-Bernus, Frau Baronin. 

Niederwalluff. 

Marcuse, H., Consul. 

Niep b/Crefeld. 
Boscheidgen, Dr. jur. Hermann, 
Gerichtsassessor. 

Nordhausen a/H. 

Gymnasium, Königliches. 

Kneiff, Rudolf. 

Mylius, C., Landgerichtsrath. 

Schenke, Hermann, Premier-Lieu- 
tenant, Stadtrath a. D. und 
Brennerei-Besitzer. 



— &* 51 ■^— 



Nürnberg. 

Cohen, Dr. phys. Rudolf. 
Enderlein, Landgerichtspräsident. 
Germanisches Nationalmuseum. 
Hopf, Frau Lili, geb. Josephthal. 
Lechner, Dr. Max, Gymnasial- 

rector. 
Pegnesischer Blumenorden (Literar. 

Verein). 
Rau, Rudolf, Rechtsanwalt. 
Stadt Nürnberg. 
Wendriner, Ferd., Kaufmann. 

Oberlahnstein (Rheinprovinz). 
Lessing, A. 

Offenbach a/M. 

Grünebaum, Emil. 
Vv^eber, Frau Justizrath Dr. 

Ohrdruf. 

Gymnasium Gleichense, Herzogl. 

Oldenburg i/Grossh. 
V. Beaulieu-Marconnay , Eugen, 

Baron, Oberlandesgerichts-Prä- 

sident, Excellenz. 
Becker, Landesgerichts-Präsident. 
Bibliothek, Grossherzoghche öffentl. 
Kelp, W., Apotheker. 
Leesenberg, Dr. phil. F. A. 
Mosen, Dr. R., Ober-Bibliothekar. 
Schwartz, A., Hotbuchhändler. 
Wolken, E., Kaufmann. 

Oppeln (Prov. Schlesien). 
Glasewald, Kgl. Oberreg.-Rath. 
Maske, Georg, Verlagsbuchhändler. 
V. Viebahn, Oberstlieutenant. 

Ostenwalde b/Melle. 
Bibliothek Ostenwalde. 

Ostrowo (Reg.-Bez. Posen). 

V. Lützow, Freiherr, Dr. jur., Land- 

rath und Kgl. Kammerherr. 

Pankow b/Berlin. 
Ehrstaedt, Dr. P., Besitzer der 
Adler-Apotheke. 

Partenkirchen.