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Full text of "Grammatik der altbulgarischen (Altkirchenslavischen) Sprache"

SAMMLUNG 

SLAVISCHER LEHR- UND 

HANDBÜCHER 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



A. LESKIEN UND E. BERNEKER 



I. REIHE: GRAMMATIKEN 

I.GRAMMATIK DER ALTBULGARISCHEN 
(ALTKIROHENSLAVISCHEN) SPRACHE 



-«^8^- 



HEIDELBERG 1919 

CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG 



GRAMMATIK 
DER ALTBULGARISCHEN 

(ALTKIRCHENSLAVISCHEN) 

SPRACHE 



VON 



fC 



a!\eskien 

PROFESSOR DER SLA. S:-EN SPRACHEN 
AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG 

2- UND 3.AUFLAGE 




504713 

a^. a. So 



HEIDELBERG 1919 

CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG 



Vtrlic^AnW'* 5r. WT 



Alle Rechte, besondere das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen, 

werden vorbehalten. 



Vorwort. 



Die «Altbulgarische Grammatik* weicht dadurch von 
dem Plan dieser Sammlung ab, daß sie bei der Deklination 
nicht den syntaktischen Gebrauch der Kasus mit angibt 
und \on der Syntax des Verbums nur die. Aktionsarten 
kurz behandelt. Es schien mir besser, daß die gesamte 
Syntax des Altbulgarischen einem besondem Bande vor- 
behalten bleibe. Eine altbulgarische Syntax kann sich 
nicht beschränken auf die Ausbeutung der kleinen Anzahl 
von Texten, die uns zufällig die Sprache in altbulgarischer 
Lautgestalt erhalten haben, zumal von diesen \äer den 
gleichen Inhalt (Evangelien) haben (s. Einleitung § XXI). 
Sie muß auch die in nichtaltbulgarischer Form erhaltenen 
Werke der älteren kirchensla\ischen Literatur heranziehen. 
Für die Benutzung dieser Übersetzungsliteratur (s. Ein- 
leitung § XX) fehlt aber die Vorarbeit, ohne die eine Dar- 
stellung altbulgarischer Sjiitax ein ganz unsicheres Unter- 
nehmen bleibt, die Ausscheidung alles dessen, was auf 
Nachahmung der Syntax der griechischen Originale beruht. 

In diesem Buche ist slavische (kyrillische) Schrift 
nur angewendet, wo es zur Veranschaulichm^g notwendig 
schien oder die Transkription unsicher sein kann (vgl. 
z. B. § 112, S. 143), sonst ist alles in lateinischer Schrift 
gegeben. Geschehen ist es einmal aus einem äußern 
Grunde, um nicht den Satz zu verteuern und dadurch 
den Preis des Buches zu erhöhen. Hauptsächlich hat 
mich aber dazu bewogen der Wunsch, den Lernenden das 
genaue Lautbild der Worte, wie ich es auffasse, vor Augen 



VI Vorwort. 

ZU führen, und das kann man in sehr vielen Fällen nur 
durch die lateinische Schrift. Überdies ist die kyrillische 
Schrift so einfach, daß jeder das Alphabet in einer Stunde 
lernen kann, und in der Einleitung (§ XVI fg.) habe ich 
eine Darstellung des ganzen Schriftsystems gegeben. 

Von meinem «Handbuch der altbulgarischen Sprache» 
(4. Aufl. Weimar 1905) unterscheidet sich diese Grammatik, 
abgesehen von vielfach andrer Darstellungsweise, wesent- 
lich in folgenden Punkten : sie gibt keine Texte, was bei 
dem Handbuch ein Hauptzweck war; der Textteil des 
Handbuchs mit seinem Glossar bildet also gewissermaßen 
eine Ergänzung des vorliegenden Buches. Sie verzichtet 
auf die genauere Angabe der lautlichen und formalen 
Unterschiede der einzelnen Quellen, gibt vielmehr die aus 
ihn'en zu entnehmende älteste Gestalt der Sprache. Sie 
geht ausführlicher ein auf die Vergleichung der altbulga- 
rischen Laute und Formen mit den indogermanischen. 
Endlich enthält sie die Stammbildung der Nomina (§ 60 f.), 
ein Kapitel, das dem Handbuch überhaupt fehlt. 

Januar 1909. 

A. Leskien, 



vn 



Inhalt. 

Einleitung 



Seite 



Erster Hauptteii: Lautlehre. 

I. Die einzelnen Laute und ihr Verhältnis zu den 

urelaviechen und indogermanischen (§ 1 — 35) . 1 — 35 

Die altbulgarischen Vokale. A. Die einzelnen 
altbulg. Vokale (5—17). — B. Ablaut und Ab- 
lautsreihen (18 — 23), — C. Die Entwicklung 
der Vokale in der altbulg. Überlieferung (24). — 
Die Nasale n, m {n n, m m) (25). — Die Liqüi- 
dae r l {r r, l l') (26). — Die Verschlußlaute (27). 

— Die Reihelaute j v, s z, ch, s z, s j?' (28— 33). 
Die Affrikatae i, c d z, st id (34—34). 

II. Der kombinatorische Lautwandel (36 — 59) . . . 35 — 68 
Wandlung der ursprünglichen Verbindungen 
von Konsonant mit folgendem j (^) (39). — Wand- 
lung der Gutturale k g ch vor den ursprünglich 
palatalen Vokalen (40—41). — Wandlung von 
eu zu ou, ev zu or; von ei zu ii, fj zu tj (42). 

— Wandlung aller ursprünglichen Diphthonge 
in Monophthonge (43). — Wandlung der Guttu- 
rale k g ch vor den neu entstandenen palatalen 
Vokalen e i (= oi) (44 — 46). — Wandlung nicht- 
palataler Vokale nach j usw. in palatale (47). — 
Abfall von Verschlußlauten und Reibelauten im 
Wortauslaut (48). — Verdumpfung von o in 
Endsilben, Behandlung der auf einfachen Tsasal 
und der auf Nasal + s auslautenden Silben (49). 

— Verwandlung ursprünglich geschlossener 
innerer Wortsilben in offene (50 — 52). — Meta- 
thesis der Verbindungen or ol, er el vor Kon- 
sonanten (53). — ünursprüngliche Konsonanten- 
gruppen im Wortanlaut des Altbulgarischen in- 
folge der Metathesis (54). — Die Silben mit ab. 
r l (55—56). — Veränderungen des ursprüng- 
lichen Wortanlautes (57). — Spätere Entwick- 
lung zu geschlossenen Silben. Die auf -z% aus- 
lautenden Präpositionen (58) — Verbindung der 
Kasus von om Jego usw.) mit Präpositionen (59). 



VIII Inhalt. 

Seite 

Zweiter Hauptteil: Stammbildung der Nomina 69 

A. Subßtantiva (61—71) 71-89 

B. Adjektiva (72—83) 89-95 

Anhang I. Substantive auf -es-, en-, -men- ; II. Übersicht 

der Formantien; III. Komposita (79— 83) . . . 95—102 

Dritter Hauptteil: Flexion der Substantiva, 
Adjektiva, Pronomina, ZaWwörter . . 103 

I. Flexion der Substantiva (85—95). ... • . . . 104—123 
Allgemeine Bemerkungen zur Deklination der 
Substantiva (85—88). — Übersicht über die 
Kasusendungen (89). — Paradigmata (90 — 95). 
II. Flexion der Adjektiva und Pronoraina (96— 114) . 123 — 147 
I. Unbestimmtes Adjektiv (96—97). — Para- 
digmata ;98— 99). — II. Pronoraina. 1. Personal- 
pronomen (100). — 2. Demonstrativ-, Interroga- 
tiv-, Possessivpronomina (101 — 109). — 3. Son- 
stige pronominal flektierte Wörter (110). — 
4. Wörter, deren Flexion aus nominaler und 
pronominaler gemischt ist (111). — III. Das be- 
stimmte Adjektiv (112). — Paradigma (113). — 
Bemerkungen (114). 

III. Zahlwörter (115-121) 147—154 

Adverbia. Partikeln, Konjunktionen (122—136) . . . 155—163 
Präpositionen (137—138) 163-170 

Das Verbum. 

I. Der Verbalstamra (139-146) 171—181 

II. Übersicht über den Formenbestand des Ver- 
bums (147-150) 181-182 

A. Finite Verbalformen (147—149). — B. In- 
finite Formen (150). 
ni. Einteilung in Konjugationsklassen (151 — 156). 182—189 

IV. Die Personalendungen (157-158) 189-192 

V. Die einfachen, nicht periphrastischen (nicht 

umschriebenen) Tempora und Modi (159 — 168) 193—204 
VI. Verbalnomina. Partizipien, Infinitiv, Supinum 

(169—174) 204—212 

VII. Periphrastische (umschriebene) Tempora und 

Modi (175—177) 213—214 

VIII. Die Aktionsarten des Verbums und der Aus- 
druck der zukünftigen Zeit (178—192) .... 215—231 
Paradigmata zu den einzelnen Konjugation sklassen 

(193-199) 231—260 

Verbessernngen 260 



IX 



Einleitung. 



I. Die erste schriftliche Aufzeichnung der Sprache, 
die in diesem Buche behandelt wird, fällt in die zweite 
Hälfte des neunten Jahrhunderts. Die in slavischer Sprache 
geschriebenen Quellen des 9. — 10. Jahrb., die sie er- 
wähnen, nennen sie slovenhskyjh jezykb, d. h. «slovenische 
Sprache >. Der Stamm oder die vStärame, deren Volks- 
sprache sie war, nannten sich Slovene (Sing. Slovenim, s. 
§ 64.2). Diese einfache Benennung konnte in neuerer 
2^it bei der wissenschaftlichen Behandlung der Sprache, 
d. h. seit dem ersten Viertel des 19. Jahrb., nicht wohl 
beibehalten werden, weil sie zu unbestimmt ist. Als 
«Slovenen» haben sich von alter Zeit her slavische Stämme 
bezeichnet, die weit voneinander entfernt wohnen und 
verschiedenen Unterabteilungen der slavischen Sprach- 
familie angehören. Verblieben ist der Name Slovenen 
den heutij^en slavischen Bewohnern Krains, Kärntens, der 
Steiermark und des westlichen Ungarns. Unter «slovenischer 
Sprache» würde man also jetzt nur die Sprache dieser 
Slovenen verstehen können und versteht den Ausdruck 
auch nur so. Außerdem bedeutet im Cechischen und 
Slovakischen slovensky jazyk die Mundart, die im Deutschen 
gew^öhnlich nach dem Stammesnamen Slovaken (Slovdk, 
Plur. Slovdci) slovakisch genannt wird. Das alte slovenhskyjh 
jfzykh mußte also durch einen anderen Namen ersetzt oder 
näher bestimmt werden. 

Eine einheitliche Benennung ist bis jetzt nicht durch- 
gedrungen, sondern es sind verschiedene von verschiedenen 



X Einleitung. 

Umständen hergenommene Bezeichnungen in Gebrauch. 
Es mag aher ausdrücklich hervorgehoben werden, daß alle 
von den Grammatikern gebrauchten Namen keine sprach- 
lichen, etwa dialektischen Unterschiede, sondern stets die- 
selbe Sprache bedeuten. Die früher häufigere, hie und 
da noch übliche Bezeichnung «altslavisch» ist unzweck- 
mäßig, weil ebenfalls zu unbestimmt; man kann darunter 
ältere Formen beliebiger slavischer Sprachen verstehen. 
Die sehr verbreitete Benennung «kirchenslavisch» ist 
hergenommen von der ersten Anwendung der Sprache zur 
Übersetzung biblischer und liturgischer Bücher und im 
Gottesdienst. Sie lebte bei den Slaven der orthodoxen 
(griechisch-orientalischen) Kirche, Bulgaren, Serben, Russen, 
als Kirchensprache fort vom 9. und 10. bis zum gegen- 
wärtigen Jahrhundert, und als Literatursprache für kirch- 
liche, theologische Schriftstellerei, in weiter Ausdehnung 
auch für profanen Gebrauch, Jahrhunderte lang, nachdem 
ihre, altertümliche Form als gesprochene Volksmundart 
des 9. Jahrb. längst nicht mehr vorhanden war. Unter 
dem Einfluß der Volkssprachen der slavischen Stämme, 
bei denen sie so gebraucht wurde, nahm sie notwendig 
verschiedene Färbungen an (s. § XXII); daher ist « kirchen- 
slavisch x- als Benennung einer bestimmten Sprachperiode 
und ihrer sprachlichen Form nicht verwendbar. Um diesem 
Übelstand abzuhelfen, braucht man neuerdings, wenn man 
die älteste Sprachform des 9. — 10. Jahrh. meint, die Be- 
zeichnung «altkirchenslavisch». 

Die beiden angeführten Benennungen der Sprache 
enthalten keinen Hinweis auf Volk und Land, dem sie 
einst angehörte. Das ist der Fall bei den Namen «alt- 
slovenisch» oder «pannonisch - slovenisch» und 
«altbulgarisch». Der Ausdruck «altslovenisch» sollte 
im Sinne der Gelehrten, die ihn anwendeten, anzeigen, 
daß die altkirchenslavische Sprache zu den Mundarten zu 
rechnen sei, die heute in Steiermark, Kärnten, Krain und 
dem westlichen Ungarn als slovenieche zusammengefaßt 
werden, also eine alte Form einer slo venischen Mundart 



Einleitung. XI 

darstelle. Miklosich, der beständig an dem Namen «alt- 
slovenisch» festgehalten hat, bezeichnete daher die heutigen 
slovenischen Mundarten, wie das aus älterer Zeit erhaltene, 
aber nicht der altkirchenslavischen Überlieferung an- 
gehörende Slo venisch in seinen Werken als «neuslo venisch», 
obwohl die älteste Aufzeichnung dieses Neuslovenischen 
ins 9. Jahrb. zurückreicht (die sogenannten Freisinger 
Denkmäler, vgl. die Ausgabe von Vondräk, Frisinske pa- 
mätky, Prag 1896). «Pannonisch-slo venisch» hat, was die 
sprachliche Zugehörigkeit des Altkirchenslavischen betrifft, 
denselben Sinn, bezeichnet nur genauer Pannonien, d. h. 
das heutige westliche Ungarn, um den Plattensee, als die 
angenommene Heimat der Mundart. 

Der Gebrauch der Namen <altslovenisch» (lingua 
palaeoelovenica) und «pannonisch-slovenisch» (lingua pan- 
nonico-slovenica) ist jetzt im Verschwinden; entweder 
braucht man das über die Heimat der Sprache nichts 
aussagende «kirchenslavisch» und «altkirchenslavisch» oder 
nennt sie «altbulgarisch». Diese Bezeichnung hat in- 
sofern keine historische Berechtigung, al^ die Sprache zur 
Zeit ihrer ersten Aufzeichnung im 9. Jahrb. von den sie 
Redenden nicht bulgarisch genannt wurde. ^ Der Name 
Bulgaren ist überhaupt ursprünglich nicht der eines 
slavischen Stammes, sondern eines türkischen Volkes, das 
um 680 die in Mösien, zwischen Donau und Balkan, 



* Die dem 10. Jahrh. angehörende griechische Vita S. Cle- 
mentis (ed. Miklosich, Viennae 1847) c. n bezeichnet das Volk als 
t6 tOuv IdXoßevOuv y^vo(; eW ouv BovjXfapuJv, spricht dort einmal 
von der Erfindung der Schrift für die Sprache der Bulgaren: 
Ypcxunaxd xe ^Eeup^aOai baaürriTi BcuX-fäpou y^'l^cfcfil«^ KaxdXXriXa 
Kai buvrjOfyvai rdc; ^eiac, ypacpäc, irpö«; xr\v qpujvf)v toO lOvouq tt) 
^p|ir|v€ia fiexaTa-f eiv , und braucht fast unmittelbar folgend elove- 
nisch und bulgarisch nebeneinander: ^EeupiaKouai udv (die Slaven- 
apoetel Konstantinos und Methodios) xä ööXoße\aKd fpduuaxa, 
4pnTi"V€uoi)ai bi räq d6OTrveu0xou^ •fpc^o«; ^k xf|<; ^XXdboi; 'f\ihaar\(; 
€i<; xriv ßouXTapiKriv. In griechischem Munde muß also damals 
neben odXoßeviKr] fXwaaa auch ßouXYapiKii t^. gebraucht worden 
sein. 



XII , Einleitun«:. 

sitzenden einzelnen Slavenstämrae unterwarf, einen Staat 
schuf und allmählich in den Unterworfenen aufging, 
während diese unter dem Namen der Eroberer als «Bul- 
garen» in der Geschichte weiterleben. Wer also die Be- 
zeichnung «altbulgarisch» anwendet, will damit sagen, 
daß er das Altkirchenslavische zu derjenigen 
Gruppe slavischer Mundarten rechnet, die heute 
wegen bestimmter, ihnen allein eigentümlicher 
Züge unter dem Namen «bulgarisch» zusammen- 
gefaßt werden. Da die Zugehörigkeit des Altkirchen- 
slavischen zu dieser Gruppe kaum noch von irgendeinem 
Slavisten bezweifelt wird, erscheint der Name «altbulga- 
risch», weil er jenes Verhältnis deutlich ausdrückt, als 
der zweckmäßigste. 

Die Frage, wo die Heimat des Altkirchen- 
slavischen anzusetzen sei, ob in Pannonien oder auf der 
Balkanhalbinsel, ist in der slavischen Philologie viele 
Jahrzehnte lang verhandelt worden (vgl. Jagiö, Vopros o 
Kirillö i Methodii v slavjanskoj filologii, St. Petersburg 
1885). Sie konnte nicht zur Ruhe kommen, weil man 
rein sprachlichen Kriterien nicht die ihnen innewohnende 
Beweiskraft zuerkannte für die Zugehörigkeit einer Sprache 
zu der einen oder anderen Abteilung der slavischen Sprach- 
familie, weil man zum Teil auch von dem Bestände und 
dem Verhältnis slavischer Mundarten, wie sie vor einem 
Jahrtausend vorhanden waren, unklare Vorstellungen hatte 
und weil man historische und sprachliche Fragen mitein- 
ander vermischte. 

ir. Die historischen Fragen beziehen sich auf 
die Missionstätigkeit der sogenannten Slavenapostel, 
der Brüder Konstantinos (Kyriilos) und Methodios, und 
den Schauplatz ihres Wirkens zwischen 863 und 885. 

Die wichtigsten, fast allein in Betracht kommenden 
Quellen für Leben und Wirken der Slavenapostel sind 
Schriften und Urkunden aus den Jahren der Missionstätig- 
keit der Brüder und solche, die dieser Zeit nahe stehen, 
also dem 9. oder 10. Jahrh. angehören. 



Einleitung. XIII 

A. In kirchenslavisc her Sprache: 

1. Die sogenannten pannonischen Legenden vom 
h. Kyrill und vom h. Methodius (9. — 10. Jahrh.), heraus- 
gegeben unter dem Titel: 

a) Die Legende vom heiligen Cyrillus, von Ernst 
Dümmler und Franz Miklosich, Wien 1870 (Denkschriften 
der kais. Ak. d. W. phil.-hist. Kl. B. XIX); mit lateinischer 
Übersetzung; die historische Einleitung von Dümmler. 

b) Vita sancti Methodii ed. Fr. Miklosich, Vindo- 
bonae 1870; mit lateinischer Übersetzung. 

Beide Legenden sind Übersetzungen aus griechischen 
Originalen, die uns nicht erhalten sind. 

B. In griechischer Sprache: 

Die Legende vom h. Klemens, dem Bulgarenbischof, 
einem Schüler und Gehilfen des Methodios, aus dem 
10. Jahrb., hg. u. d. T. Vita s. Clementis episcopi Bul- 
garorum graece ed. Fr. Miklosich, Vindobonae 1847 (mit 
ausführlichem R^sume in lat. Sprache). 

Es ist noch eine zweite kürzere Legende über den- 
selben Klemens vorhanden, herausgegeben u. a. von 
oafarik in Pamätky hlaholskeho pisemnictvi, Prag 1853, 
S. LVII; sie ist historisch wertlos. 

C. In lateinischer Sprache: 

1. Die sogenannte Legenda italica oder Translatio 
s. Clementis, herausg. in Acta Sanctorum Boll. Martii 
Tom. IL 19, dann öfter; gehört vielleicht noch dem 
9. Jahrh. an. 

2. Libellus de conversione Bagoariorum et Carantano- 
rum, vom J. 871, eine vom Klerus des Erzbistums Salzburg 
ausgegangene Schrift zur Rechtfertigung seiner Ansprüche 
auf die pannonisAe Diözese, hg. von Wattenbach in Mon. 
Germaniae bist. XL 

3. Briefe der Päpste Johanns VIII. (872—882) und 
Stephans V. (885-891). 

4. Erwähnung Konstantins durch den Bibliothekar 
Anastasius und Briefe von diesem, aus den Jahren 875 
bis 879. 



XIV Einleitung. 

5. Ein Brief des Erzbischofs Theotmar von Salzburg und 
andrer bairischer Geistlicher an Papst Johann IX. v. J. 900. 

Die genannten Quellen, mit Ausnahme der griech. 
Vita s. Clementis, statt der das von Miklosich seiner Aus- 
gabe (S. X— XXII) vorangestellte lateinische Resume ge- 
geben ist, sind bequem zusammengestellt in dem Werke 
von Pastrnek: Dejiny slovanskych apostolü Cyrilla a Me- 
thoda, Prag 1902; doch sind die beiden slavischen Quellen 
nicht in der Sprachform der erhaltenen Handschriften 
( serbisch -kirchenslavisch und russisch -kirchenslavisch) 
wiedergegeben, sondern von Pastrnek umgesetzt in die 
«älteste Form des Altkirchenslavischen. Dort wird (S. 4) 
auch über die handschriftliche Überlieferung der oben- 
genannten Quellen wie deren sonstige Ausgaben bericht-et 
und die späteren abgeleiteten und unwichtigeren Erzäh- 
lungen über Konstantin und Method angeführt. 

III. Die in den Quellen vorliegenden Berichte sind 
z. T. unklar und widerspruchsvoll, auch die Echtheit 
einiger nicht unangefochten. Über alle damit zusammen- 
hängenden Fragen handelt Jagic, Zur Entstehungsgeschichte 
der kirchensla\ischen Sprache, Wien 1900 (Denkschr. der 
kais. Ak. d. Wiss. phil.-hist. Kl. B. XL VII); namentlich in 
§§ 1 — 22 wird die Glaubwürdigkeit und Echtheit der 
Quellen geprüft, ihr Verhältnis zueinander besprochen und 
versucht festzustellen, was als geschichtlich sicher an- 
genommen werden kann; die Paragraphen von 23 bis 
Ende enthalten die Geschichte der bisherigen Forschungen 
und Theorien über die Heimat des Altkirchenslavischen, 
die Schrift usw. Einen radikal kritischen Standpunkt 
nehmen Brückners «Thesen zur Cyrillo-Methodianischen 
Frage» ein (ASPh 28); nach ihm sinc^die hauptsächlich- 
sten literarischen Quellen, die Legenda italica und die 
beiden slavischen Vitae, ausgesprochene Tendenzschriften, 
die Tatsachen unterschlagen oder erdichten, ganz wie es 
ihre Tendenz erforderte, die dahin ging, die Neuerung, 
die Einführung der slavischen Liturgie, von jeglichem 
Makel rein zu halten. 



Einleitung. XV 

Biblio^ra" bische Angaben über die auf die 
Slavenapostel bezügliche Literatur s. Pastrnek. Biblio- 
graphische Übersicht über die slav. Philologie 1876—1891 
(Supplementband zu Bde. 1—13 des ASPh), Berlin 1892; 
Vondrak, Xovejsi präce o cinnosti slovanek^ch apostolü 
Cyrilla a Methodia (Casopis cesk. raus. LXXI, 1897): 
Geizer in Krumbachers Geschichte der byzantinischen 
Literatur ^, S. 1101. Über Einzelfragen in Bezug auf 
Quellenkritik und die aus den Quellen zu entnehmenden 
geschichtlichen und sprachlichen Verhältnisse sind ferner 
die Bde. des ASPh von 14 an in ihrem Abhandlungsteil 
wie im kritischen Anzeiger und in den bibliographischen 
Abschnitten nachzusehen. 

Zusammenhängende Darstellungen der Ge- 
schichte der Slavenapostel sind aus neuerer Zeit: K. Goetz, 
Geschichte der Slavenapostel Konstantinus (Kyrill) und 
Methodius. Quellenmäßig untersucht und dargestellt, Gotha 
1897; Pastrnek, Nästin zivota a püsobeni obou apostolü 
(Abschnitt II des oben genannten Werkes Dejiny slov. ap.). 
Für die ältere Zeit verweise ich auf die Angaben bei 
Jagic, Entstehungsgeschichte d. k. Spr. 

IV. In der Einleitung zu einer kurzen Grammatik 
des Altkirchenslavischen ist es nicht möglich, L'nter- 
suchungen zur Lösung der verwickelten und schwierigen 
historischen Fragen anzustellen. Ich kann hier nur her- 
vorheben, was mir sicher und für die Stellung und Geschichte 
der Sprache wichtig scheint. 

Im Jahre 863 kamen die beiden Brüder Konstantinos 
und Methodios aus Konstantinopel als christliche Missio- 
nare, als «Lehrer» uciteti, wie die Legenden es ausdrücken, 
in das damalige Fürstentum Mähren, d. h. in das Land, 
das ungefähr begrenzt war westlich von der March, östlich 
vom Gran, südlich von der Donau. Seine Bewohner sind 
jetzt Slovaken, d. h. ein dem cechischen im weitern 
Sinne zuzurechnender slavischer Stamm, demnach wie das 
gesamte Cechentum zur westslavischen Abteilung der sla- 
vischen Sprachfamilie gehörig. Eine Annahme, daß in dem 



XVI Einleitung. 

Mähren des 9. Jahrh. ein anderer slavischer Stannm, nicht 
die Vorfahren des heute dort lebenden, gewohnt habe 
(8. § XIV), oder daß ein anderer Slavenstamm, der ur- 
sprünglich dort ansässig gewesen sei, nach dem 9. Jahrb. 
cechisiert wäre, läßt sich durch keine geschichtlichen Tat- 
sachen oder durch Kombinationen aus der Überlieferung 
begründen. Man muß daher annehmen, daß auch die 
damaligen Mährer einen öechiscb -slovakischen 
Dialekt sprachen. 

Die Brüder waren nichtSlaven, sondern Griechen, 
sie stammten aus einem vornehmen griechischen Hause 
in Thessalonike (dem heutigen Saloniki) als Söhne eines 
hohen kaiserlichen Beamten. Die Bevölkerung der Stadt, 
nächst Konstantinopel der bedeutendsten des byzanti- 
nischen Reiches, war griechisch und gehörte selbstver- 
ständlich der östlichen Kirche und ihrem Ritus an. Aber 
die Stadt war bis in nächste Nähe umgeben von Slaven, 
die seit dem Anfang des 7. Jahrh. in Mazedonien ein- 
gedrungen waren. Für den Zustand im 9. Jahrh. vgl. 
die im Anfang des 10. Jahrh. verfaßte Schrift des Johannes 
Cameniata (Migne, Patr. graeca 1. 109, De exidio Thessa- 
lonicae, S. 552): xüuv TtXriaioxuJpujv ZKXaßr|VÜJV, tüjv le 
ucp' r[m(; leXouvTiuv (d. h. der Stadt Thessalonike Pflich- 
tigen) Kai TÜJV UTTÖ TÖv (TTpaTriTOV ZTpujiOVO? TiXfi^oq TTOXÜ. 
Daß in solchen Verhältnissen unter den Griechen in 
Thessalonike und Umgebung Leute sein konnten und 
sicher auch waren, die slavisch verstanden und sprachen, 
vielleicht von Kind an zweisprachig aufgewachsen, liegt 
auf der Hand. 

Konstantinos, der jüngere der Brüder, geboren un- 
gefähr 826, kam sehr jung, nach Angabe der Legende 
mit 14 Jahren, nach Konstantinopel und erhielt dort eine 
gelehrte Bildung (unter andern war sein Lehrer Photios, 
dei -pätere große Patriarch), wurde Priester und bekleidete 
in Konstantinopel einen Lehrstuhl der Philosophie, daher 
in den Quellen sein ständiger Beiname <der Philosoph». 
Charakter, Begabung und Gelehrsamkeit müssen ihm früh 



Einleitung. , XVII 

Geltung verschaflfl haben. Die Erzählungen der Legende 
von seinem Eingreifen in den Bilderstreit, von einer 
Sendung nach Asien zu einem Religionsgespräch mit 
Muhammedanern. von einer Gesandtschaft zu den Chazaren, 
einem türkischen Volk am Nordufer des Schwarzen Meers, 
wo er ebenfalls mit Muhammedanern und Juden dispu- 
tieren und dem Volke den wahren Glauben klar machen 
soll, zeigen bei allen Schwierigkeiten, die diese Berichte 
im einzelnen darbieten, doch so viel, daß Konstantin ein 
sehr angesehener Mann war. In seiner späteren Geschichte 
spielt eine besondere Rolle die ihm auf der Reise ins 
Chazarenland gelungene Auffindung der Gebeine des 
h. Klemens, des römischen Bischofs des 1.. Jahrb., in der 
Nähe der Stadt Cherson auf dem taurischen Chersonnes 
(der Krim). 

Meth odios gehörte nicht dem geistlichen Stande an, 
sondern der weltlichen Beamtenlaufbahn und stand eine 
Zeitlang an der Spitze eines Slavengaus. Nach der Legende 
begleitete er den Bruder ins Chazarenland und hatte sich 
dann in ein Kloster zurückgezogen. 

V. Ein Zeugnis für die Bedeutung Konstantins oder 
beider Brüder ist es auch, daß sie das schwierige Werk 
einer von Konstantinopel ausgehenden Christianisierung 
Mährens unternehmen konnten, schwierig deswegen, weü 
bereits das deutsche Bistum Passau Mähren in den Bereich 
seiner missionierenden Tätigkeit einbezogen hatte, deutsche 
Priester dort tätig waren und das Volk wenigstens zum 
Teil bekehrt hatten. Volk und Land mußte demnach 
als zur westlichen Kirche, zum römischen Ritus gehörig 
betrachtet werden, und es wurde auch dahin vom päpst- 
lichen Stuhl gerechnet. 

Die Legende schreibt die Initiative zur Heranziehung 
griechischer Bekehrer oder Religionslehrer dem mähri- 
schen Fürsten Rastislav zu ' VitaCyj.c.14;: «Rastislav. 
der Fürst der Mährer, von Gott angestiftet, hielt Rat mit 
seinen Vornehmen ibuchstäblich: Fürsten) und mit den 
Mährern, sandte zum Kaiser Michael [IL, 856 — 867] und 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. 11 



XVIII Einleitung. 

ließ sagen: Unser Volk hat das Heidentum abgeworfen 
und hält sich an die christliche Religion (buchst. : das 
christliche Gesetz), aber wir haben keinen solchen Lehrer, 
der uns in unserer Sprache den wahren Glauben lehre, 
damit auch andere Länder, wenn sie das sehen, uns nach- 
ahmen. So sende denn uns, Herr, einen solchen Bischof 
und Lehrer, denn von euch geht immer nach allen Seiten 
das gute Gesetz (d. h. die richtige Religion) aus». Der 
Kaiser fordert Konstantin zu dem Werk auf, und dieser 
willigt ein, nach Mähren zu gehen. Nach der Vita Me- 
thodii (c. 5) gibt der Kaiser ihm auch die Anregung, 
seinen Bruder mitzunehmen, und fügt hinzu: <denn ihr 
beide seid Thessaloniker, und die Thessaloniker sprechen 
alle rein slovenisch» (cisto slovenhsky) . Die Legende läßt hier 
den Kaiser etwas offenbar Verkehrtes sagen, denn die Be- 
wohner der Stadt, Griechen, sprachen nicht slavisch. Aber 
ebenso sicher ist, daß Konstantin und Method slavisch 
verstanden haben, denn sonst hätten sie die Missions- 
fahrt in ein Slavenland überhaupt nicht unternehmen 
können. 

VI. Der auffallende Schritt des Rastislav, christliche 
Lehrer aus Konstantinopel zu holen, wird in der Ge- 
schichtsschreibung allgemein so gedeutet, daß der Fürst, 
in beständige Kämpfe mit dem deutschen König, Ludwig 
dem Deutschen, um die Unabhängigkeit seines Landes 
verwickelt, als ein Mittel zur Erlangung der politischen 
Selbständigkeit die Beseitigung der kirchlichen Abhängig- 
keit vom deutschen Bistum Passau versuchte und sie zu 
erlangen meinte durch Herbeiziehung von Priestern der 
östlichen Kirche, deren weltliches Oberhaupt, der ost 
römische Kaiser, ihm politisch nicht gefährlich scheinen 
konnte. Die vielen Schwierigkeiten zu erörtern, die diese 
scheinbar einfache Erklärung bei den kirchlichen und 
politischen Verhältnissen der zweiten Hälfte desQ. Jahrh. 
bietet, ist hier nicht möglich. Wir müssen uns hier mit 
der Tatsache begnügen, daß die Brüder 863 nach Mähren 
gingen, mag die Initiative ihrer Sendung vom mährischen 



Einleitung. XIX 

Fürsten oder vom Patriarchen Photios und dem Kaiser 
von Ostrom ausgegangen sein. 

VII. Die Legende (Vita Cyr. c. 14) berichtet nun, 
daß Bofort nach dem Beschluß, in Mähren das Christentum 
zu predigen, also vor dem Aufbruch dahin, Konstantin 
ein Alphabet zusammenstellte (abije srblozi pismena) und 
das Evangelium zu übersetzen begann {naceih besedu pi- 
sati evangelbskw «isprhva he slovo^ usw., er begann die 
Evangelienrede [wir würden sagen: den Evangelientext] 
zu schreiben: «im Anfang war das Wort», der An- 
lang des Johannesevangeliums, mit dem das Evan- 
gelistarium , s. § XX, beginnt). Diese Arbeit war not- 
wendig, denn ohne Bücher konnte man, auch abge- 
sehen von der eigentlichen Liturgie, dem Gottesdienst 
in der Kirche, die zunächst nicht in Frage kam, an 
die Unterweisung des Volkes, oder besser gesagt, der für 
das Volk bestimmten Geistlichen nicht denken. Griechisch 
konnte dabei für die Mährer nicht in Betracht kommen. 
Das für uns selbstverständliche wäre demnach die An- 
wendung der mährischen Volkssprache gewesen. 
Diese aber kannte Konstantin nicht. Wenn er also noch 
in Konstantinopel vor seiner Tätigkeit in Mähren ein Al- 
phabet für slavische Sprache schuf und in sla\d8che Sprache 
das Evangelium übersetzte, konnte es nur das Slavische 
sein, das er kannte, d. h. das seiner Heimat 
Mazedonien. 

Die Sprache der Übersetzungen Konstantins, die uns 
ja erhalten sind, zeigt in allen entscheidenden Merkmalen, 
daß sie zu der südslavischen Abteilung der slavischen 
Sprachfamilie, der Bulgarisch, Serbo-kroatisch und Slove- 
nisch angehören, zu rechnen ist, und zwar zu derjenigen 
Dialektgruppe, die in ihrer heutigen Gestalt als bulgarisch 
oder bulgarisch-mazedonisch zusammengefaßt wird (s. § 
XV). Konstantin hat also den Mährern, die einen west- 
sla viseben, cecho-slovakischen Dialekt sprachen, eine 
zwar slavische, aber ihnen fremde Mundart als 
Kirchensprache gebracht. Es scheint mir recht frag- 
il* 



XX Einleitung. 

lieh, ob Konstantin die Verschiedenheit der mährisch- 
slavischen Sprache und seiner mazedonisch - sla vischen 
kannte, und wenn er davon wußte, ob er über den Unter- 
schied genauer unterrichtet sein konnte. War er es nicht, 
sondern wußte nur im allgemeinen, daß Mähren von 
Slaven bewohnt sei, so lag für ihn kein Grund vor, eine 
andere Sprache als die ihm bekannte zu berücksichtigen. 
Kannte er den Unterschied, etwa durch Mährer, die nach 
Konstantinopel gekommen waren, so mochte ihn die Ähn- 
lichkeit der slavischen Mundarten, die im 9. Jahrh. 
namentlich nach der morphologischen Seite noch sehr groß 
war, bestimmen, vom Mährischen, das er nicht be- 
herrschte, abzusehen. Er konnte dabei sicher annehmen, 
daß seine künftigen Schüler, die heranzubildenden mäh- 
rischen Geistlichen, die Sprache seiner Bücher ohne be- 
sondere Schwierigkeit lernen könnten, dann aber dem 
eigentlichen Volke gegenüber dessen Mundart gebrauchen 
würden, was ja auch selbstverständlich ist. Man darf 
dabei nicht vergessen , daß in jener Zeit nicht daran 
gedacht wurde und nicht daran gedacht werden konnte, 
die breite Masse des Volkes im Bücherlesen zu unter- 
richten. 

VIII. Der Bericht der Legende führt aber noch auf 
eine andere schwierige Frage. Nach dieser Überlieferung 
erscheint es so, als sei Konstantin zur Aufstellung einer 
Schrift und zu der Übersetzung biblischer Bücher erst 
angeregt worden durch die Aufgabe in Mähren zu wirken 
und habe diese Arbeit in ganz kurzer Zeit gemacht. So 
kann es aber unmöglich gewesen sein. Die von Kon- 
stantin aufgestellte Schrift ist so ausgezeichnet, d. h. 
gibt die slavischen Laute, von denen eine größere Anzahl 
im Griechischen des 9. Jahrh. gar nicht vorhanden war, 
so vorzüglich wieder, hat auch Mittel, feine Unterschiede 
slavischer Laute auszudrücken, daß man das Werk nur 
als das Resultat einer lang andauernden Arbeit betrachten 
kann. Konstantin war ein griechischer Gelehrter und 
selbstverständlich in griechischer Grammatik, auch theo- 



4 Einleitung. XXI 

retisch, gebildet, aber selbst ein solcher konnte nicht ohne 
lange Beobachtungen und Versuche für ein reiches Laut- 
system, das vom Griechischen stark abweicht, ein so voll- 
kommenes Alphabet herstellen. Die Größe des Werkes 
hat man früher kaum recht empfinden können, aber ge- 
rade in der heutigen Sprachwissenschaft, die die Schwierig- 
keit eines solchen Unternehmens kennt, muß der Gram- 
matiker Konstantin Bewunderung erregen. 

Man könnte nach sonstigen Erfahrungen auf den 
Gedanken kommen, es könne von Herstellung der Schrift 
durch eine einzelne Person nicht wohl die Rede sein, 
sondern es sei hier so zugegangen wie anderswo, daß nach 
rohen Anfängen und unvollkommenen Versuchen durch 
allmähliche Verbesserung endlich ein Alphabet zustande 
gekommen sei, das dem Lautsyst^m der Sprache gut ent- 
spricht. E? gibt aber keine L^berlieferung, daß es vor 
Konstantin auf der Balkanhalbinsel ein slavisches Alphabet 
gegeben habe, und selbst wenn man die Möglichkeit 
nicht in Abrede stellen kann, Konstantin also an irgend 
etwas Vorhandenes angeknüpft hätte, so ist doch die 
Schrift in allen Einzelheiten so durchdacht, so einheitlich 
und konsequent, daß sie in der uns vorliegenden Gestalt 
nur aus der Gedankenarbeit eines Mannes hervorgegangen 
sein kann, und zwar eines für ein solches Werk hervor- 
ragend begabten. Ich kann es mir nicht anders vorstellen, 
als daß Konstantin lange vor dem Plan einer Mission in 
Mähren an der slavischen Schrift und an seinen Über- 
setzungen gearbeitet haben muß. Daraus wäre zu schließen, 
daß er bei dieser Arbeit die Slaven seiner Heimat und 
deren weiterer gleichsprachiger Umgebung, also Mazedoniens 
und Bulgariens, im Auge gehabt habe. Eine etwa vor- 
handene Absicht Konstantins oder beider Brüder, christ- 
liche Lehre unter den Slaven der Balkan halbinsel zu ver- 
breiten, scheint nicht ausgeführt zu sein, denn es ist von 
einer solchen Tätigkeit nichts Glaubwürdiges überliefert. 
Vielleicht ist sie nicht wirklich geworden, weil die mäh- 
rische Aufgabe dazwischen kam. 



XXII Einleitung. 

IX. Im Jahre 863 waren die Brüder nach Mähren 
gekommen und blieben dort ununterbrochen über drei 
Jalire (40 Monato\ Konstantin bildete Schüler, d. h. 
Geistliche, heran, und tat den für das Kirchenwesen ent- 
scheidenden Schritt — ob gleich im Anfang oder erst im 
weiteren Verlauf seines Aufenthalts im Lande, ist nicht 
zu erkennen — slavische Sprache in den kirch- 
lichen Gottesdienst, die Liturgie, einzuführen, 
d. h. sie an die Stelle zu setzen, die in der ganzen west- 
lichen, römischen Kirche das Latein einnahm. Diese Ein- 
führung des Slavischen, wie jeder Sprache außer Latein 
und Griechisch, in die Liturgie (die Messe) gegen die ge- 
heiligte Gewohnheit der Kirche ist eine so auffallende Tat, 
daß sie notwendig Aufregung und Widerstand bei dem 
rön^ischen Klerus erzeugt haben muß. Die Konstantins- 
legende (c. 15) berichtet nun, daß nach einem Aufenthalt 
von 40 Monaten Konstantin [und Methodj nach Rom auf- 
gebrochen seien. Hatte der Papst sie dahin zitiert, wie 
man aus der Darstellung der Methodlegende (c. 6) ent- 
nehmen kann, so kann das nur den Sinn haben, daß er 
sie über ihre Tätigkeit und Lehre vernehmen, eventuell 
ihre Rechtfertigung hören und die Interessen seiner Kirche 
g^en etwaige Beeinträchtigungen von Seiten der Griechen 
wahren wollte. Sehr wohl konnten aber die Brüder auch 
aus eigenem Antriebe oder auf Wunsch des Fürsten nach 
Rom gehen, weil der Kampf mit ^N-iderstrebenden Gewalten 
in Mähren selbst und die Abweichung von der Gewohn- 
heit der Kirche es notwendig machten, vom Papst die 
Anerkennung ihres W^erkes zu gewinnen. Die Auktorität 
des griechischen Patriarchen in Konstantinopel konnte 
ihnen für Mähren nichts nützen. 

X. Der Weg nach Rom führte sie durch das Ge- 
biet des slavischen (slovenischen) Fürstentums 
am Plattensee im alten Pannonien, das seit c. 830 
unter deutscher Oberhoheit bestand, kirchlich vom Erz- 
bistum Salzburg abhängig war und damals beherrscht 
wurde von dem Fürsten Kocel. Die Legende vom h. Cyrill 



Kinleitun«. XXIII 

C«. 15; Vita Meth. f-rwähnt nichts davon) V)erichtet nun: 
^Es nahm ihn [Konstantin] auf der Reiae ^buchst.: ihn 
reisend) auf der pannonische Fürst Kocel und sehr lieb 
gewonnend habend die slavisclie Schrift {hmgy = literas, 
•fpü)uuaTot, im Sinne von Schrift und Buch) sie zu erlernen, 
^ah er h^.-r etwa 50 Schüler sie [die Schriftj zu lernen.»' 
Die Meinung der Legende ist also, daß die bereits be- 
stehende slavische Kirchensprache Konstantins einen be- 
sonderen Eindruck auf den slovenischen Fürsten gemacht 
habe und daß er sie durch die Ausbildung von Schülern 
(Klerikern) in ihr in seinem Lande einführen wollte. Wie 
lange der Aufenthalt in dem pannonischen Fürstentum 
gedauert hat, ist nicht auszumachen. 

XL Als die Brüder in Rom eintrafen, war Papst 
Nikolaus gestorben, Hadrian Papst geworden (867 — 872). 
Konstantin brachte die Reliquien des h. Klemens mit sich 
nach Rom, die dort verbleiben sollten, und die Legende 
erzählt nicht allein, daß Konstantin dort mit Ehren auf- 
genommen wurde, sondern auch, die Liturgie sei in 
mehreren römischen Kirchen in slavischerSprache 
gehalten und sie wie die slavischen Bücher vom 
Papste feierlich anerkannt, ferner Schüler des Kon- 
stantin zu Priestern «je weiht worden, nach der Vita Meth. 
(c. 6) auch Method, der darnach erst jetzt in den geist- 
lichen Stand trat. Konstantin erkrankte in Rom, nahm 
vor seinem Tod«' das Mönchskleid und den Mönchsnamen 
Kyrillos an, mit dem er in der Folgezeit meist benannt 
wird, und starb 869. 



^ Die etwas ungelenk ausgedrückte iStelle Lst oben wörtlich 
übersetzt: iipHKTk .ne. ii ii;^ovi|iK KoijMh. KHf:/,k luiHOHhCKUH. h 
Rk^.^lOG.lk RC<UMH r..A0K1;HhCKhl KHliru IIJIOVYIITII CC tiMh (die Kon- 
struktion des KT^^.\IORiiTH mit «lein Infinitiv inovvilTH ce ist ganz 
unelavisch) Kh,Ti ;^o .11. OVYflHllKh oy/HTH ex HMk: pjricchisch wird 
etwa gefltanfien haben: eiaf.heEaTO aüxov -iropeuöuevov KotZA^c; 6 
äp)(ujv Tr\c, TTavvoviaq Kai imTco\})](5a<; öqpobpJjc; xä ZöXofir)viKä 
•fpdu^aTa ^Kuavödveiv, feu^baiicfv üj<; iT€VTr)KOVTa .uaör^xdc; xoO 
fiavxFdveiv aOrd. 



XXIV Einleitung. 

XU. Method kehrte nicht nach Mähren zurück, 
sondern ging nach Pannonien, d. h. in das Fürstentum 
Kocels. Die Vita Meth. (c. 8) stellt das so dar, daß 
Kocel den Papst gebeten habe, Method zu ihm zu ent- 
senden, und fügt einen längeren Brief Hadrians hinzu, 
gerichtet an die mährischen Fürsten Rastislav und Sva- 
topluk und an Kocel. Darin erkennt der Papst die 
Orthodoxie Konstantins an, hebt hervor, wie die Brüder 
wohl gewußt haben, daß Mähren und Pannonien dem 
römischen Stuhl angehören , und billigt den Gebrauch 
slavischer Sprache in der Messe (Liturgie) unter der Be- 
dingung, daß dabei Evangelium und Apostel zuerst in 
lateinischer, dann in slavischer Sprache verlesen würden. 
Dieser Brief ist sonst nirgends überliefert und seine Echt- 
heit wird bezweifelt. Für uns wichtig ist, daß Method 
zunächst seine Tätigkeit in Mähren nicht wieder aufnimmt, 
sondern in Pannonien wirkt. Nach der Legende (c. 8) 
schickt ihn Kocel noch einmal nach Rom, um ihn dort 
zum Bischof weihen zu lassen. Auf die Tätigkeit 
Methods in Pannonien bezieht sich die Klage der 
deutschen Geistlichkeit in dem Libellus de conversione 
(s. § II C 2) von 871. Sie muß sehr kurze Zeit gewährt 
haben, denn Method wurde durch den Erzbischof Adalwin 
von Salzburg und den Bischof Hermanrich von Freisingen 
gefangen gesetzt, wie die Vita Meth. andeutet und die 
Briefe Papst Johannes VIU. bestätigen. Er kam erst nach 
drei Jahren auf dringende Vorstellungen des Papstes wieder 
frei und ging dann, also 873, nach Mähren. 

XIII. Hier hatte sich inzwischen die Lage verändert; 
870 war Rastislav von seinem Neffen S va topluk gestürzt wor- 
den und dieser war Method und dem sla vischen Kirchen wesen 
nicht günstig. Die weitere Geschichte ist für die sprach- 
liche Frage nicht mehr wichtig und kann hier kurz zu- 
sammengefaßt werden. Bis zum Tode Methods 885 fanden 
bestäjidige Kämpfe statt zwischen Method und der deut- 
schen Geistlichkeit, die Svatopluk begünstigte; die Päpste 
erkannten bald die siavische Liturgie an, bald nahmen 



Einleitung. XXV 

sie die Anerkennung wieder zurück; nach Methods Tode 
trieb Svatopluk die slavischen Priester, die Schüler Kon- 
stantins und Methods, aus dem Lande, und das slavische 
Kirchenwesen verschwindet in Mähren wie auch in Pan- 
nonien. 

XIV. Die Tätigkeit der Slavenapostel in einem 
pannonischen Fürstentum mit slovenischer Bevölkerung 
bildet den historischen Ansatzpunkt für die Ansicht, daß 
das Altkirchenslavische eine pannonisch-slove- 
nische Mundart des 9. Jahrh. gewesen sei. Es steht 
fest, daß die Brüder zuerst und zwar etwa drei Jahre nur 
in Mähren tätig waren ; vorausgesetzt nun, daß die Mährer 
ein öechischer westslavischer Stamm waren, wie heute, 
die slavischen Bewohner Pannoniens ein slovenischer süd- 
slavischer, wie heute, so hätte Konstantin den Mährern 
als Kirchensprache die Mundart eines anderen, ihnen im 
Süden, jenseits der Donau, benachbarten slavischen 
Stammes als Kirchensprache auferlegt. Das wäre begreif- 
lich in dem Falle, daß die Slovenen zu jener Zeit bereits 
eine Schrift für ihre Sprache und Schriften darin besessen 
hätten. Dann hätte Konstantin sich über den Unterschied 
der Sprachen, die ja einander ähnlich waren, hinwegsetzen 
und das fertige Werkzeug für seinen Zweck verwenden 
können. Daß aber eine slo venische Schrift und slove- 
nische Schriften zur Zeit Konstantins bestanden hätten, 
läßt i^ich durch nichts auch nur wahrscheinlich machen, 
Dazu kommt, daß uns ausdrücklich Konstantin als Er- 
tindet des öla vischen Alphabets genannt wird. Man braucht 
nur den unvollkommenen Versuch des Slovenischschreibens 
mit lateinischer Schrift in den Freisinger Denkmälern aus 
dem 10. Jahrb., die noch dazu auf altkirchenslavischer 
Grundlage beruhen, anzusehen, um gegenüber dem voll- 
kommenen Alphabet Konstantins zu erkennen, daß er 
nicht für diese Sprache seine Schrift zusammengestellt hat. 
Ferner hätte die etwa schon vorhandene slovenische Schrift 
nur die lateinische sein können, und hätte Konstantin 
seine Schrift etAva erst in Pannonien geschaffen und dort 



XXVI Einleitung. 

seine Bücher geschrieben, so ist wieder nicht zu verstehen, 
wie er in dieser Umgebung seine Schrift der griechischen 
entnehmen konnte, was er tat. 

Abgesehen auch von diesen Schwierigkeiten, wäre die 
Anwendung eines slovenischen Dialekts, der den Slaven- 
aposteln von Haus aus unbekannt war, als Kirchensprache 
für die Mährer, nur verständlich, wenn die damaligen Be- 
wohner Mährens selbst Slovenen waren, also die Not- 
wendigkeit bestand falls überhaupt die Volkssprache ge- 
wählt werden sollte, daß diese slovenisch sei. Diesen 
Schluß hat Dümmler gezogen (Die pannonische Legende 
vom heil. Methodius, Archiv für Kunde österr. Ge- 
schichtsquellen B. XIII), und als Historiker, der selbst 
slavische Sprachen nicht kannte, also die sprachliche 
Frage nicht beurteilen konnte, mußte er ihn ziehen, 
da er es auf die Auktorität von Miklosich als ausgemacht 
ansah, daß das Altkirchenslavische zum slovenischen Zweig 
des Slavischen gehöre (doch hat Dümmler, Einleitung zur 
Legende vom h. Cyrill, S. 11, wieder gemeint, nach der 
liegende «müßte man annehmen, daß der Dialekt der 
bulgarischen Slaven . . . zur Kirchensprache erhoben sei»). 
Miklosich, der noch im Artikel «Glagolitisch» (Ersch u. 
Grubers Encycl. LXVHI, 408b) aussprach: «Die Slovenen 
waren von den zum cechischen Stamm gehörenden Mäh- 
rern verschieden», änderte später seine Ansicht, und «Alt- 
slovenische Formenlehre in Paradigmen», S. III, heißt es: 
«Wenn ich den Ausdruck pannonisch gebrauche, so muß 
ich bemerken, daß ich anerkenne, daß der Ausdruck, um der 
Sache vollkommen zu entsprechen, auch Mähren in sich be- 
greifen sollte. Ich bin nämlich jetzt der Ansicht, daß der slove- 
nische Volksstamm nicht nur auf dem rechten, sondern 
auch auf dem linken Ufer der Donau wohnte» (d. h. 
also im Gebiet des alten Mährens zwischen March und 
Gran), «freilich ohne über den Umfang seiner Wohnsitze 
im Norden der Donau auch nur eine Vermutung aus- 
sprechen zu können». Er beruft sich dabei auf die 
Gründe, die Dümmler für die slovenische Nationalität der 



Kinleitiing. XXVII 

alten Mäbrer beigebracht babe; Dünimlt^r hat aber keinen 
einzigen aus historischen oder ethnographischen Verhält- 
nissen entnommenen Grund beigebracht. 

XV. Alle Versuche, die Heimat des Altkirchen - 
slavischen und seine Zugehörigkeit zu einer der uns be- 
kannten Abteilungen der slavischen Sprache mit andern 
Mitteln zu bestimmen, als solchen, die die Sprache selbst 
darbietet, haben zu den größten Un Wahrscheinlichkeiten, 
zu Paradoxien geführt. Daß das Altkirch enslavische 
zum bulgarischen Zweig des Slavischen gehört, 
geht schon aus einem Umstände sicher hervor, der Ver- 
tretung von ursprünglichem //, dj, kt, gf durch st, zd: 
*s^vefja — svesta^ ^medja — mezda (s. § 39.3), *noktb — 
iwstb, *mogti — mosti (s. § 51 III 3b). Das ist nur im 
Bulgarischen so, in keiner andern slavischen Sprache. Daß 
man aber in Mähren im 9. Jahrb. das in allen west- 
slavischen Sprachen für jene Verbindungen eingetretene 
c, Cd)z sprach, geht hervor aus den Kijever Blättern (s. § 
XXII, I 7), die, weil lateinischem Ritus entsprechend, im 
Westen entstanden sein müssen. In diesen, obwohl sie 
sonst dem bekannten Typus des Altkirchenslavischen ge- 
nau entsprechen, ist gerade jenes auffallendste, unter- 
scheidende lautliche Merkmal beseitigt und für st, zd das 
cechische c, z eingesetzt. Daß abei' etwa die Slovenen 
Pannoniens st, zd gesprochen hätten, ist eine unbegründete 
Annahme, wenn man bedenkt, daß das älteste uns er- 
haltene Slovenisch, die Freisinger Denkmäler, diese Laute 
als Vertreter von (; usw. ebensowenig kennt wie sämt- 
liche Dialekte des später überlieferten Slo venischen. Daß 
dem angeführten entscheidenden Merkmal sich noch andre 
sprachliche Eigentümlichkeiten anreihen lassen, sei hier 
nur erwähnt und auf die Zusammenstellung bei Jagic, 
Entstehungsgesch. 2. Hälfte, namentlich S. 85 fg., verwiesen. 

XVI. Die altbulgarischen Handschriften sind in 
zwei Schriftarten überliefert, der sogenannten kyril- 
lischen (Kirillica) und der glagolitischen (Glagolica). 
Der Name der ersten soll besac^en, daß sie von Kvrill 



XXVIII 



Einleitung. 



(Konstantin) herrühre. Von ihm wird aber in den Quellen 
nur allgemein gesagt, daß er für die slavische Sprache 
{slovhihskyjh j^zykb) eine Schrift aufgesteUt habe, nicht 
welche besondre Art Schrift. Daraus, daß später, als die 
glagolitische Schrift außer Gebrauch gekommen war, bei 
Bulgaren, Serben und Russen die ihnen geläufige Schrift 
kyrillisch genannt wird, kann man nichts schließen, denn 
es ist natürlich, daß man die eine Schrift, die man brauchte, 
dem als Schrifterfinder gefeierten KyriU zuschrieb. 

Die Entstehung dieser Schriftarten, ihr relatives Alter 
und ihr Verhältnis zueinander hat die slavische Philologie 
von jeher beschäftigt. Zunächst seien hier die Alphabete 
mit der üblichen Umschreibung in lateinische 
Schrift und kurzer Angabe des Lautwertes der Buch- 
staben angegeben. 



Kyrillisch 


Glagolitisch 


Latein. 
Umschreibung 


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Einleitung. 



XXIX 



Kyrilli8ch 


Glagolitisch 


Latein. 

Umschreibong 


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IK 


^ 




39 


3S 






ks (griech. i) 


f 






ps (griech. ([>) 


«• 


♦ 




griech. -O- 


Â¥ 


» 




griech. ü 



XXX Einleitunjr. 



»• 



Über die Geltung der Vokalzeichen s. §§ 6—17; es 
möge aber hier schon hervorgehoben werden, daß oy und 
II, obwohl mit zwei Buchstaben geschrieben, nicht Diph- 
thonge, sondern einfache Vokale bedeuten. Das glagolitische 
g ist palatales g, also etwa wie gj zu sprechen ; mit v ist 
stets u\ nie / gemeint ; k i ist = französisches j, ^ z =^ 
franz. z (tönender 5-Laut); ji ch = deutschem ck (von 
manchen Grammatikern durch h umschrieben, auch wird 
in sprachwissenschaftlichen Werken bisweilen x dafür ein- 
gesetzt); i| c = deutschem z (ts); ui s = deutschem seh 
(daher auch st = seht). Die Bedeutung der übrigen Kon- 
sonantenzeichen ergibt die Umschreibung von selbst. Das 
genauere über die Konsonanten s. §§ 25 — 35. 

Von den Buchstaben des kyrillischen Alpha- 
bets sind iiKr^^ei^HiKiiMHon pcToy^^cco 
5j ^ -e- V nichts weiter als griechische Buchstaben, und zwar 
der Majuskelschrift des 9. — 10. Jahrh. Die letzten 
vier haben im Altbulgarischen keinen Lautwert (nur 5|: 
>vird zuweilen für nc j^s gebraucht); sie sind in das Al- 
phabet aufgenommen, weil die Buchstaben wie im Grie 
chischen zugleich als Zahlzeichen dienen und jene vier 
nach griechischer Weise als Zahlen verwendet wurden. 
Die übrigen sind wirkliche Buchstaben, die also einen 
Laut bezeichnen, und zwar ist der Lautwert bestimmt 
nach dem Lautwert der griechischen Buchstaben jener 
Zeit, " d. h. nach der neugriechischen Aussprache, daher 
K = v, 3 15 = 2; (tönendes s), h (rjia) = i. Die unmittel- 
bare Abhängigkeit vom griechischen Alphabet 
zeigt sich auch darin: 1. für den einheitlichen i-Laut 
wurden die beiden Zeichen h (nia; im 9. Jahrh. i ge- 
sprochen) und I (iiuTa) beibehalten. — 2. für das nicht 
diphthongische u wurde die griechische Schreibung mit 
zwei Buchstaben oy übernommen. — 3. für den einheit- 
lichen o-Laut kann geschrieben werden (ö iiiiKpöv) und w 
(H) ineToi); der altgriechische Quantitätsunterschied bestand 
längst nicht mehr, und auch im Altbulgarischen wird mit 
Cd keine Länge bezeichnet. — 4. für den in der Sprache 



Einleitung. XXXI 

im Wortanlaut und zwischen Vokalen häufigen ^-Laut ist 
kein besondrer Buchstabe vorhanden, weil er dem grie- 
chischen Alphabet fehlt. Die Zeichen lo, «, i€, die=^'M, 
7«, je sind, enthalten griechische Buchstaben kombiniert 
mit I (iüüTa), m = je und im = ja sind ebenfalls Ver- 
bindungen mit i; sie drücken also im Anlaut und nach 
Vokalen wirklich j -\- u, j -\- a, j -{- e aus, z. B. «mj = 
jama, CTpo\H = struja. XHTiiie = zitije^ mi^'lik'l = ]czyk^ usw. 
Stehen aber diese Kombinationen mit i nach Konsonanten, 
so bedeuten sie nicht ja usw., sondern zeigen an, daß der 
Konsonant palatal zu sprechen ist, z. B. bshr = bana, 
iio;\i€ = pol'e, ^E^Am = chvatq, uexi^io = rnezd'u; es ist 
also eine Bezeichnung der Palatalität des Konsonanten 
nicht an diesem, sondern am folgenden Vokal. Für die 
Verbindungen jh und ji gibt es nicht einmal ein kombi- 
niertes Zeichen, sondern sie werden mit dem einfachen 
Vokalzeichen h (i) ausgedrückt, das also dreifache Geltung 
haben kann, z. B. rpa^H = gradi, kj)IH = krajh und kraji. 
Bisher nicht genannt sind die Buchstaben : b &, jk i, 
Y c, IM s {\\\ ist nur Ligatur von ui und t), i (ii, ih ent- 
halten dasselbe Zeichen verbunden mit i oder h), h, ^ <?, 
ik (Varianten sind a, a) p, * « (» i^, k jq sind Verbin- 
dungen von Ä, Xk mit dem Buchstaben i). Diese Zeichen 
bedeuten Laute, die das damalige Griechisch nicht kannte 
oder wenn es sie kannte, doch sc, daß Konstantin den 
Buchstaben aus . anderm Grunde nicht brauchen konnte. 
So gab es z. B. ein &, aber nur nach w, Xa|ußdvuu = lam- 
hanOy in allen andern Stellungen hatte ß die Geltung von 
V, das slavische b kommt aber nie nach nasalen Konso- 
nanten vor, also konnte der Buchstabe b nicht für b ge- 
braucht werden, es mußte ein neues Zeichen, b, gebildet 
werden. Die neuen Buchstaben, die scheinbar nichts 
mit dem griechischen Alphabet zu tun haben oder eine 
Umbildung aus griechischen Zeichen nicht unmittelbar 
erkennen lassen, kehren z. T. in gleicher, z. T. in wenig 
abweichender Gestalt im glagolitischen Alphabet wieder 
(8. § XVII und XVIII). 



XXXII Einleitung. 

Außer den Buchstaben werden diakritische Zei- 
chen über diesen verwendet, davon ist als grammatisch 
besonders >vichtig hier nur hervorzuheben ein bogen- oder 
hakenförmiges über h ^ p zum Ausdruck der Palatalität 
dieser Laute (s. § 39.1): h = w, a == T, p = r', z. B. 
KONb = konh, KOMH = koni] zuweilen auch über andern 
Konsonanten, in griechischen Fremdwörtern über k r vor 
e- und i-Lauten, da sie dann = U § sind. 

Zur Veranschaulichung der kyrillischen Schrift folgen 
hier zwei Textstücke mit lateinischer Umschreibung, 
aus »dem Codex Suprasliensis ^ (ed. Severjanov, S. 174, 
Z.llfg.; s. u. § 21, 112). 

' l|«CapbCTBOYt&UITOY ^€KHIO pHMkCrKH BilACTN H XOTiUlTOV 
BkC3 HS CBOtJ^ Blp& npHBi\«UlTH, OTkl|A BO HM« ^HKIBO/IA, nOCLAS 

no BbceuoY ifEcapbCTSOY cbokmoy, nKOxe Bbca HapHi|ai&ioTAA hmi 

.XpHCTOCOBO npHBil-KUlTH HS CKBp'LH[h]HOKIACHHI€ ' SUIT6 XH A^ 

kotoph[h] cAnpoTHBsrL ca o tomi^, to a^ npe^mmTii (1. np«-) 
CA c&Aoy. 

cesarbstvujqsiu Dek'iju rimhsteji vlasti i chot^stu vhs^ na 
svojq verq privlesti, othca ho ime dijavola^ poshla po vbsemu 
cesarhstvu svojemu , jakoze vhs^ naricajqst^j^ imf christosovo 
privlesti na skvrhnmojadenije ; aste li da kotoriji sqprotivptb sp o 
tomh, to da predajqtb s§ sqdu^ d. h. «als Kaiser war Decius über 
das römische Reich und wollte alle zu seinem Glauben heran- 
ziehen, denn zum Vater hatte er den Teufel, schickte er 
über sein ganzes Kaiserreich hin, daß alle den Namen 
Christi nennenden (= bekennenden) heranzuziehen zum 
Unreines-essen ; wenn aber einige sich dem widersetzen, 
dann daß sie dem Gericht übergeben werden». 

CHH BO B0:;H AXe MUHHUJH, KSMGHHK H AP^^O H W^h H 

smeAtii^n. (1. -:;o) c&te o^KpauienH t^mtom'l^ ha np«AhiiiT€HHi€ 

YilOBlKOM'L OTh B«YkH1blA TUHT^nu CHH EO H6 BH^STL HH rAArollAT'L 
HH XOAATI^ HH CaunaTl, KSM6HHI6 C;KI1IT6 YilOB^K'EI Hl^BSIAHH H 
81 BHÄl Y/IOBIiYkCKl OBpSÄSeHH (ib. 177, Z. 1 fg.). 



^ a bedeutet hier e, A dagegen je, — '■' für älteres TOMh. 
' für älteres i^aiTOUk. 



Einleitung. XXXIII 

siji ho bozi j^ze menisi^ kamenije i drevo i medh ? 
ielezo sah ukraseni zlatomh .7ia prelhstenije clovekonii otb 
vecmyj^ zizni; siji ho ne vidph ni gJagoVqtb ni chod^tb ni 
slysetb, kamenije sqste cloveky izvajani i m> vid^ clovechskh 
obrazeni, d. h. «denn diese Götter, die du erwähnst, sind 
Steine und Holz und Erz und Eisen, geschmückt mit 
Gold zur tjberlistung (Verlockung) der Menschen vom 
ewigen Leben weg; denn diese sehen nicht noch sprechen 
noch gehen noch hören, Steine seiend von Menschen aus- 
gehauen (sculpti) und in menschliche Gestalt gebildet». 
— Die Entwicklung der kyrillischen Schrift behandelt 
Karskij, Ocerk slavjanskoj kirillovskoj paleografii (Warschau 
1901), mit zahlreichen Tafeln. 

XVII. Über den Ursprung der so eigentümlich aus- 
sehenden glagolitischen Schrift sind sehr verschiedene 
Hypothesen aufgestellt worden (s. Miklosich, Artikel «Gla- 
golitisch» in Ersch und Grubers Encycl.; Jagic, Ent- 
stehungsgesch.il, §26 fg. und die dort angegebene Literatur): 

1. Eine Meinung, das glagolitische Alphabet beruhe auf 
einer alten sla vischen Runenschrift, war von vornherein 
hinfällig, denn von slavischen Runen ist nichts bekannt, 
und was dafür ausgegeben wurde, waren Fälschungen. — 

2. Eine verbreitete Ansicht war, Konstantin, nach der 
Legende ein Kenner orientalischer Sprachen, habe die 
glagolitische Schrift aus orientalischen Alphabeten 
zusammengestellt; sie ist in ihrer Gesamtheit jetzt wohl 
fast allgemein aufgegeben, nur einige Gelehrte halten noch 
an der Entlehnung einzelner Buchstaben aus dem Orient 
fest (s. Vondräk, Zur Frage nach der Herkunft des glag. 
Alphabets, ASPh Bde. 18 u. 19). - 3. Geitler, Die alba- 
nesischen und slavischen Schriften, Wien 1883, stellte die 
Hypothese auf, das Glagolitische entstamme einer alt- 
albanesischen einheimischen Schrift; sie ist wider- 
legt von Jagic, ASPh 7,444. Die Gegengründe lassen 
sich dahin zusammenfassen: die in der sogenannten alba- 
nesischjen Schrift geschriebenen Texte (Alphabet und Text- 
proben sind bekannt gemacht von Hahn, Albanesische 

Leskien, Alt bulgarische Grammatik. III 



XXXIV Einleitung. 

Studien I, 280 — 300; Jena 1854) sind ganz jung, höch- 
stens aus dem 18. Jahrh.; eine altalbanesische Schrift 
läßt sich daraus nicht ableiten oder nur mit den aller- 
kühnsten Hypothesen und den willkürlichsten Kombi- 
nationen, und aus der angenommenen albanesischen Schrift 
läßt sich die glagolitische paläographisch nicht ableiten. 
Nach meiner Ansicht ist überhaupt dies albanesische 
Alphabet nichts weiter als eine Stilisierung der gewöhnliclien 
griechischen Schreibschrift der letzten Jahrhunderte. 

XVIII. Haltbar ist nur die Ansicht, daß das gla- 
golitische Alphabet wie das kyrillische der 
griechischen Schrift entnommen sei. Die üblichen 
glagolitischen Drucktypen geben die handschriftliche Form 
der Buchstaben sehr schlecht wieder; es sei daher hier 
ein Stück glagolitischen Textes aus dem Codex 
Zographensis (Matth. 6.26 — 29) mitgeteilt; es enthält das 
ganze Alphabet außer den Buchstaben, die den kyrillischen 
^, i|i, 10 entsprechen, und dem Zeichen für g. 



Einleitung. XXXV 



In kyrillische Schrift umschrieben 



1. 



Bl^bpHTe HA nTHI|A HECKU» (d. i. H6E6ChCKT>lu), k;IKO H6 
C^I&T'L RH SEbHiS^TL HH C'LRH(>:ili&rL Bl SKHTbHHIfm, l OI|b (d. i. 
OTkl|b) BAUlb HCEGKll (d. i. HeceCbCKll) OHT-fieTL U * He KU 
AH HAVe AOVYblUH l}Ck eCT6; KTO :S6 OTh BACL HeKli CA nioxeTb 
npHAOXHTH TEiAeCH CEOGMb .^AK'LTb e^HH'L. l OAC^KA» YbTO CA 

iieveie; CLuoTpHTC i^ehtl ceAiH^ixi käko fiACT^Ti, hh xpovsK- 
;(Ai&'rL CA HH npH^is^T'E (1. npA;^-). rAUt, (d. i. rA^iro.Aiiv;) xe eim'l. 

«KO HH COilOMiON'E B'L BC6H C.AAK-£ CB06H 0B.\-fiY6 CA 'KKO e^HHl 

OTT» CHX% = ejußXeijiaTe eig xd Treieivd loO oupavoO, öti ou 
arreipouaiv ouöe depiZ^oucriv ouöe auvaTOucriv eiq dTTOÖ-riKa«;, 
Kai 6 TTarrip \)\x(x)v 6 oupdviog Tpecpei autd " oux ujaeiq 
^dXXov biaq)6p€T€ auTuuv; Ti<^ be it ujiijuv ^epiiavujv öuvarai 
TTpoadeivai etri Tr|v fiXiKiav aurou Ttrjxuv ^va; Kai Ttepi 
evöufiaroq ti ^epi^vdre; KaraindöeTe id Kpiva toö dypoö 
TTtlx; auHdvei * ou KOTiid ouöe vridei ' Xefuj he u^iiv, öti oube 
ZoXojiüuv ev Trdcrr] irj öoEr] auioö TcepießdXeTo öjq tv toutujv. 

Daß beide Alphabete auf demselben System beruhen 
(über die Lautgebung im glagolitischen vgl. Leskien, Zur 
glag. Schrift, ASPh 27, 161) ergibt sich daraus, daß beide 
für den einheitlichen Laut y zwei Buchstaben, und zwar 
die gleichen, in den Alphabeten einander entsprechenden, 
brauchen. Die Abhängigkeit auch der glagolitischen Schrift 
von der griechischen geht hervor aus der aa sich ganz 



^ Man hat in neuerer Zeit die Herauegabe glagolitischer 
Handschriften in glagolitischem Druck aufgegeben und gibt sie 
in kyrillischer buchstäblicher Umschreibung. Dabei hat Jagic in 
seinen Ausgaben die eine Abart des t-Zeichens, *g, durch ein neu 
erfundenes Zeichen i ersetzt, während für T das kyr. i, für 5 
das H dient. 



XXXVI Einleitung. 

überflüssigen Doppelheit des i, t (*) 8, und dem aus 
zwei Zeichen zusammengesetzten Buchstaben für u, ». 

Die Alphabete unterscheiden sich in folgenden 
Punkten: 

1. Das glagolitische hat einen Buchstaben mehr m 9, 
der aber nur in griechischen Fremdwörtern gebraucht wird. 

2. Die beiden Buchstaben a ja und « e des kyril- 
lischen sind im glagolitischen durch das eine a vertreten. 
Dies beruht auf der dialektischen Eigentümlichkeit der 
glagolitischen Quellen , daß die Vokale e und ja einen 
gleichen oder sehr ähnlichen Laut hatten: ä oder a. 

3. Das glagolitische Alphabet scheidet nicht e und je 
(kyr. €, le), sondern hat für beide das einfache e-Zeichen 

3. Ebenso waren in seiner ältesten Gestalt e und je 
(kyr. A, 11) nicht geschieden, für beide galt das einfache 
Vökalzeichen p c ; das 3€ hat erst nachträglich nach dem 
Muster von ^ ja einen Zusatz, den Buchstaben für e, 3, be- 
kommen. —Dagegen stimmen in der Bezeichnung von ju 
und jq durch Verbindung zweier Elemente (? 10, ^ i^ 
die Alphabete über&in. Die Geltung des e als je kennen 
übrigens auch kyrillische Denkmäler, so das Sava-Evan- 
gelium. 

Das glagolitische Alphabet ist demnach unvoll- 
kommener als das kyrillische eigentlich nur in einem 
Punkte, daß es keinen Buchstaben für je hat. Dabei ist 
aber zu beachten, daß das Altbulgarische ein e im Wort- 
anlaut oder nach Vokalen überhaupt nicht kennt (s. 
§ 57), sondern nur je, und daß, wo ursprünglich je nach 
Konsonanten stand, das j als solches geschwunden ist 
(s. § 39). 

Von den glagolitischen Buchstaben deckt sich ui s 
völlig mit dem kyrillischen Zeichen. Man kann ferner, 
wenn man die ältesten Formen der Handschriften ins 
Auge faßt, zeigen, daß z.. T. die glagolitischen Buch- 
staben, die im Lautwert denjenigen Zeichen des kyrillischen 
Alphabets entsprechen, bei denen eine unmittelbare Ent- 
lehnung aus der griechischen Schrift nicht zu erkennen 



Einleitung. XXXVU 

ist, sich mit der Form dieser kyrillischen Buchstaben so 
stark decken, daß die ursprüngliche gleiche Figur zugrunde 
liegen muß, so v i| c, as sk i, ^ y c; zusammenhängen 
werden auch ti e b, und ^ i, -e b auf die gleichen 
Grundformen zurückgehen; das kyr. t e ist ofifenbar die- 
selbe Figur wie glag.A , nur mit nach oben verlängertem 
Mittelteil. 

Das ganze System der glagolitischen Schrift und ihre 
Übereinstimmungen mit der kyrillischen macht es an sich 
wahrscheinlich, daß beide Alphabete den gleichen 
Ursprung haben. Das kann nur heißen, daß auch das 
glagolitische aus der griechischen Schrift stammt. Im 
9. Jahrh. schrieben die Griechen Schriftstücke des täg- 
lichen Lebens, Briefe, Urkunden usw\, wie Bücher, nicht 
mehr in der Majuskelschrift, aus der die kyrillische 
stammt, sondern in der Minuskel; die Majuskel brauchte 
man gelegentlich für besondere Zwecke, z. B. bei Über- 
schriften, auch noch für prachtvoll auszustattende Luxus- 
handschriften. Es war daher auch für den, der die grie- 
chische Schrift einer slavischen Mundart Mazedoniens an- 
passen wollte, die Minuskel das natürlich gegebene. Wenn 
man den Duktus der griechischen Minuskel der zweiten 
Hälfte des 9. und des 10. Jahrh. mit der glagolitischen 
Schrift vergleicht, kann bei den meisten glagolitischen 
Buchstaben an ihrer Identität mit den entsprechenden 
griechischen Minuskelformen gar kein Zweifel sein. Man 
vergleiche z. B. die Buchstaben- für g, d, k, n, p, tu. a. 
des oben gegebenen Textstückes mit den entsprechenden 
griechischen Buchstaben (Minuskel) in den Schrift- 
tafeln bei Taylor, Über den Ursprung des glagol. 
Alphabets, ASPh 5, 191, und bei Jagic, Cetyre 
kritiko-paleograficeskija statji (St. Petersburg 1884). Da 
hier paläographische Untersuchungen mit Tafeln nicht 
gegeben werden können, muß ich mich mit diesen Hin- 
weisen begnügen. Die Frage, woher die glagolitischen 
Buchstaben stammen, die nicht unmittelbar aus griechischen 
Zeichen ableitbar sind, kann daher auch hier nicht weiter 



XXXVm Einleitung. 

verfolgt werden. Meine Ansicht ist, daß sie ebenfalls aus 
Zeichen der griechischen Minuskel kombiniert und stilisiert, 
und daß die entsprechenden kyrillischen Buchstaben dem 
glagolitischen Alphabet als dem älteren entlehnt sind. 
Hervorheben möchte ich noch, daß ein in die 
Augen fallender Unterschied zwischen einem griechischen 
Text in der Minuskel des 9. — 11. Jahrh. und einem alt- 
bulgarischen in glagolitischer Schrift auf einer besondern 
Stilisierung der glagolitischen beruht; die griechische 
Schreibung ist konjunkt, d. h. die Buchstaben werden wie 
in unsrer gewöhnlichen deutschen oder lateinischen 
Schreibschrift durch Hinüberziehen des Endstriches mit 
dem nächsten verbunden; die glagolitische Schrift hat 
aber die Buchstaben wieder vereinzelt und ist so gewisser- 
maßen zu einem Majuskelduktus zurückgekehrt. 

XIX. Die Frage, welches von den beiden Al- 
phabeten das ältere ist, d.h. also, welches Alphabet 
Konstantin aufgestellt und in welchem er seine Bücher 
geschrieben hat, ist in der slavischen Philologie viel ver- 
handelt worden (s. Miklosich, Artikel «Glagolitisch» in 
Ersch und Grubers Encycl.; Jagic, Entstehungsgesch. II, 
namentlich §§ 35 — 37, § 47). Man ist jetzt fast all- 
gemein der Ansicht, daß es die glagolitische gewesen ist. 
Oben wurde schon hervorgehoben, daß es einem Griechen 
der zweiten Hälfte des 9. Jahrh. schwerlich einfallen 
konnte, die Majuskelschrift als Buchschrift einzuführen. 
Der entscheidende Grund aber, daß Konstantin nach Mähren 
nicht die sogenannte kyrillische, sondern die glagolitische 
Schrift mitgebracht hat, liegt in folgendem: 1. Ein altes 
Denkmal, die sog. Kiever Blätter (s. § XXI), das Bruch- 
stück eines liturgischen Buches lateinischen Ritus, muß eben 
wegen dieses Ritus im Westen entstanden sein, kann 
nicht in Mazedonien unter Slaven griechischen Ritus ver- 
faßt sein; und dies Denkmal ist glagolitisch. — 2. Im 
alten Kroatien (zwischen der Kulpa und dem Velebit- 
gebirge)und auf den Inseln des Quarnero, am äußersten nord 
westlichen Rande der Balkanhalbinsel, wurde die Sprache 



\ 



Kinleitung. XXXIX 

Konstantins dieKirohensprache, also bei den zur westlichen, 
römischen Kirche gehörenden Kroaten, und ist es z. T. 
bis auf den heutigen Tag (vgl. Murko, Die slav. Liturgie 
ander Adria, Oesterr. Rundschau II, Heft 17, S.16o\ Die bei 
ihnen für den Gottesdienst gebrauchten Bücher, Evangelium 
u. a., enthalten dieselbe Übersetzung wie die sonst bekannten 
altkirchenslavischen Evangelien usw. Diese Bücher sind 
nur in glagolitischer Schrift vorhanden; ferner war diese 
bis zum 17. Jahrh. in jenen Gegenden auch für profane 
Zwecke (Urkunden) in allgemeinem Gebraucht Daß die 
glagolitische Schrift nach der Wirksamkeit Konstantins 
und Methods in Mähren-Pannonien aus dem Innern der 
Balkanhalbinsel, etwa aus Mazedonien, nach Kroatien ge- 
kommen sei, ist bei den kirchlichen und politischen Ver- 
hältnissen vom 10. Jahrh. an undenkbar; sie kann also 
nur aus Mähren-Pannonien durch Schüler der Slaven- 
apostel mit der Einführung der Kirchensprache dahin 
gelangt sein. Wären aber die Bücher in Mähren kyrillisch 
geschrieben gewesen, so müßten sie in dieser Schrift über- 
liefert sein, denn irgendeine neue Schrift an ihre Stelle 
zu setzen, lag keine Veranlassung vor; und wenn ein Be- 
dürfnis darnach empfunden wäre, hätte man in jenem 
Lande nur die lateinische wählen können. — 3. Die 
glagolitischen Evangelien und das Psalterium zeigen in 
der Sprache, formal und lexikalisch, einen älteren Typus 
als die entsprechenden kyrillischen (näheres s. Jagic, 
Entstehungsgesch. II, § 4 fg.). 

Die glagolitische Schrift ist im Laufe einiger Jahr- 
hunderte in Bulgarien und Mazedonien außer Gebrauch 
gekommen und durch die kyrillische ersetzt worden; zu 
den Serben und Russen ist nur diese (abgesehen von ehi- 
zelnen Spuren der Glagolica) als allgemein gebräuchliche 



1 Im Lauf des Mittelaltere nahm hier die Schrift statt des 
älteren runden Duktus (sog. bulgarische Glagolica) eckige Formen 
an (sog. kroatische Gl.), wie zur selben Zeit die lateinische Schrift 
in die sog. gotische mit eckigem Duktus, aus der unsre heutige 
deutsche Schrift, überging. 



XL Einleitung. 

übergegangen. Der Vorgang ist also paläographisch aus- 
gedrückt der: die Minuskelschrift , die glagolitische = 
griechischer Minuskel, ist ersetzt worden durch die Ma- 
juskelschrift, die kyrillische = griechischer Majuskel. Das 
ist an sich auffallend, wird aber wohl so zu erklären sein, 
daß die glagolitische Schrift durch ihren eigentüno liehen 
Duktus namentlich bei weniger sorgfältigem Schreiben 
außerordentlich undeutlich und schwer lesbar wird (in den 
ältesten Handschriften ist das keineswegs der Fall), und 
man daher den sehr deutlichen Charakter der Majuskel 
vorzog. Man muß dabei annehmen, und kann das nach 
dem Beispiel des griechischen Gebrauchs ohne Schwierig- 
keit, daß die Majuskel von Anfang zu besondern Zwecken, 
Überschriften usw. gelegentlich gebraucht wurde. 

XX. Die Literatur in altbulgarischer Sprache 
beginnt mit den Werken Konstantins (Kyrills) und ist 
aufs engste mit der Tätigkeit der Slavenapostel verbunden, 
ihre erste Periode reicht daher bis zum Tode Methods 
885. Welche Werke von Konstantin und Method selbst 
oder von ihren Schülern in dieser Zeit verfaßt sind, läßt 
sich mit Sicherheit nicht feststellen. Die Vita Methodii 
c. 15 berichtet, Method habe mit seinem Bruder übersetzt 
das Evangelium, den Apostel, den Psalter und ausgewählte 
kirchliche Offizien {izbbranyj§ sluihby crbJavhJiyje = se- 
lecta officia ecclesiastica; zu verstehen sind darunter für 
den Gottesdienst notwendige Bücher, namentlich die 
Liturgie). Die Vita fährt fort, Method allein habe mit 
Hilfe zweier Priester, Schnellschreiber (Tachygraphen), das 
ganze Alte Testament mit Ausnahme der Makkabäerbücher 
übersetzt; außerdem den Nomokanon (das Kirchenrecht 
der orientalischen Kirche) und ein Paterikon (Leben der 
h. Väter). Der Exarch von Bulgarien Johannes, um das 
J. 900, schreibt in der Vorrede seines « Bogoslo vije» (Theo- 
logia) genannten Werkes (ed. Bodjanskij, Moskau 1877) 
nur Evangelium und Apostolus dem Konstantin zu. Daß 
Method mit seinen Gehilfen nicht in einem halben Jahre 
das ganze AT übersetzen konnte, liegt auf der Hand; 



Einleitung. XLI 

außerdem geht aus der handschriftlichen Überlieferung 
der biblischen Bücher in kirchenslaviecher Sprache hervor, 
daß die Übersetzung des AT ganz allmählich vor sich ging 
und erst am Ende des 15. Jahrh. vollendet war. Es 
kann sich, wenn die Nachricht über Methods Tätigkeit 
am AT richtig ist, nur handeln um einzelne Abschnitte 
(Lektionen) daraus, griechisch rrapoiiaiai (daher der slavische 
Name Parimejnik für die Sammlung dieser Stücke). Wie- 
viel von der jedenfalls alten Übersetzung des Nomokanon 
Method zuzuschreiben sei, läßt sich nicht entscheiden. 

Daß NT und Psalterium, als die für den Gottesdienst 
notwendigsten Bücher, zuerst übersetzt sind, ist sicher, und 
es liegt kein Grund vor, sie nicht Konstantin zuzuschreiben. 
Die Ausdrücke das Evangelium, der Apostel, der Psalter, 
bedürfen aber einer Erläuterung. Für den gottesdienst- 
lichen Gebrauch, zur Verlesung an Sonn- und Festtagen, 
waren die vier Evangelien in Abschnitte, Lektionen, zer- 
legt. Die Zusammenstellung dieser Lektionen ^in der 
römischen Kirche Lectionarium) nach den Festen des 
Kirchenjahres hieß das Evangelium (tö euaYT^iov, Evan- 
geliarium, Evangelistarium). In ihm ist also der ur- 
sprüngliche Kontext aufgehoben, die Abschnitte verschie- 
dener Evangelien folgen aufeinander, so bildet den Anfang 
.Joh.1.1— 25, folgtLuk. 24. 12— 35, weiter Job. 1.35— 51 
usw. (nach dem Ostromirschen Ev.). Wenn der ursprüng- 
liche Kontext der Evangelien beibehalten ist, so heißt das 
Buch TeipaeuaYTfcXiov {cetvrtojevangelije, Vierevangelium). 
In derselben Weise war der übrige Teil des NT außer der 
Apokalypse, die keine solche kirchliche Verwendung fand, 
also Apostelgeschichte und Briefe, aufgelöst, und ein solches 
Lectionarium hieß der Apostel (6 dirocTToXoc;), z.B. folgt auf 
AG. 18. 1—31 das Stück Eph. 5. 8—15, darauf Rom. 1. 
21 — 24 usw. (so im Ap. Sisovatensis). Der Psalter ist 
das alttestamentliche Psalmenbuch, mit einigen andern 
Hymnen des AT und NT. Über die weitere Geschichte 
der kirchenslavischen Bibel s. Artikel «Bibeltext und 
Bibelübersetzung» in «Realencycl. für protest. Theologie 



XLII Einleitung. 

und Kirche» (auch besonders u. d. T. «Urtext und Über- 
setzungen der Bibel», Leipzig 1897, S. 211). Daß außer 
den genannten Büchern während der Tätigkeit der Slaven- 
apostel in Mähren und Pannonien auch andre vorhanden 
waren, zeigen die oben erwähnten Kijever Blätter und 
ein Euchologium (s. § XXI, I 6). 

EineLiteratur in weiterem Sinne des Wortes darf 
man der Periode bis 885 kaum zuschreiben. Diese begann 
erst in Bulgarien-Mazedonien. Die nach dem Tode Methods 
aus Mähren vertriebenen Priester, Schüler Konstantins und 
Methods, gingen nach Bulgarien und wurden dort vom 
Garen Boris, der 864 zum Christentum übergetreten war, 
aufgenommen, unter ihnen der hervorragendste Klemens, 
der in eine Diözese des westlichen Mazedoniens ging; 
dies wurde eine besondre Stätte für die altkirchenslavische 
Sprache und Literatur. Unter Boris Sohn, den Garen 
Symeon (893 — 927), fällt die Blütezeit des altkirchen- 
slavischen, altbulgarisohen Schrifttums, das dann weiter 
im 10. und 11. Jahrb. fortgesetzt wurde. Bekannt sind 
uns aus dieser Zeit eine Menge von Schriften, sie sind 
aber alle nicht erhalten in altbulgarischer (altkirchen- 
slavischer) Sprache, sondern in späterer bulgarischer, 
serbisch- kirchenslavischer und russisch -kirchenslavi scher 
Gestalt (s. § XXII). 

Dies Schrifttum besteht fast gänzlich aus Über- 
setzungen griechischer Bücher, und zwar mit wenig 
Ausnahmen der theologischen und kirchlichen Literatur. 
Stil, Wortbedeutung und Wortbildung sind in hohem 
Grade vom Griechischen beeinflußt, in manchen Stücken 
so, daß man sie ohne das griechische Original gar nicht 
oder nur sehr unvollkommen verstehen kann (vgl. dar- 
über meine Abhandlungen «Die Übersetzungskunst des 
Exarchen Johannes», ASPh 25, 48, «Zum Sestodnev 
des Ex. Johannes», ebd. 26, 1). Die altbulgarischen 
Schriften können also wohl in Lauten und Formen, aber 
nicht in Syntax und Phraseologie ein Bild der wirklichen 
Volkssprache der bulgarisch - mazedonischen Slaven des 



Einleitung. XLIII 

9. — 10. Jahrh. bieten. t)ie Geschichte dieser Literatur über 
die erste Periode hinaus zu verfolgen, ist hier nicht der Ort, 
zumal die in späterer Sprachforna überlieferten Werke 
wohl in hohem Grade für das Lexikon, für Laut- und 
Formenlehre aber im ganzen weniger in Betracht kommen. 
Ich verweise dafür auf Golubinskij, Kratki oöerk istorii 
pravoslavnych cerkvej bolgarskoj etc. (Moskau 1871); ders. 
Istorija russkoj cerkvi^ I. 1, S. 880fg. (Moskau 1901); 
Murko, Geschichte der älteren südslavischen Literaturen 
(= Literaturen des Ostens, 5. B., 2. Abt., Leipzig 1908). 
XXL Für die Grammatik handelt es sich vor allem 
darum, festzustellen, welche von den uns erhaltenen Hand- 
schriften den Sprachzustand des 9. — 10. Jahrb., der in 
den ältesten Denkmälern vorliegt, oder durch kritische 
Betrachtung aus ihnen zu entnehmen ist, am getreusten 
festgehalten haben. Als Kriterium dieses altbulgarischen 
Typus nimmt man allgemein das Verhalten der Tradition 
zu den ursprünglichen Nasalvokalen q und c, und rechnet 
zu der altbulgarischen (bei Miklosich «altslo venischen >) 
Handschriftenklasse solche, in denen a und e nicht 
miteinander vertauscht noch durch nichtnasalierte Vokale 
ersetzt sind (über Abweichungen davon in altbulg. Hand- 
schriften s. § 24 in). Diese Denkmäler stimmen dann 
auch in andern altertümlichen Laut- und Formenverhält- 
nissen überein. Es gehören dahin: 

I. In glagolitischer Schrift: 

1. Der sogenannte Codex Zographensis, ein 
Tetraevangelium, einst im Athoskloster Zographu, jetzt in 
der kais. öflf. Bibliothek in Petersburg; hg. von Jagic in 
kyrillischer Umschrift: Quatuor evangeliorum codex glago- 
liticus, olim Zographensis etc., Berlin 1879. — Über die 
sprachlichen Eigentümlichkeiten s. Jagic, Studien über das 
altsloven. Zographosevangelium, ASPh Bde. 1 u. 2. 

2. Der sog. Codex Marianus, ein Tetraevangelium, 
einst dem Marienkloster auf dem Athos gehörig, jetzt im 
Rumjancevschen Museum in Moskau; hg. von Jagic in 



XLIV . Einleitung. 

kyrillischer Umschrift: Quatuor evangeliorum versionis 
palaeoslovenicae codex Marianus, Berlin 1883; mit paläo- 
graphischer und grammatischer Abhandlung und er- 
schöpfendem Wortindex. 

3. Der sog. Codex Assemanianus, ein Evange- 
listarium (Lectionarium), von dem Orientalisten Assemani 
im 18. Jahrh. nach Rom gebracht und dort in der Vati- 
kanischen Bibliothek; hg. von Racki in glagolitischen 
Typen: Assemanov ili Vatikanski evangelistar, Agram 
1865 (mit ausführlicher Einleitung von Jagic). Besser ist 
die Ausgabe von Crncic in lateinischer Umschrift: Asse- 
manovo izborno evangjelje, Rom 1878. 

4. Der sog. Glagolita Clozianus, ein Fragment 
(12 Blatt) eines Codex, der Übersetzungen griechischer 
Homilien (Predigten der Kirchenväter) enthielt; der 
größere Teil einst im Besitz eines Grafen Cloz (daher der 
Name), jetzt in der Stadtbibliothek zu Trient, zwei Blätter 
im Ferdinandeum zu Innsbruck. Beide Teile zusammen 
hg. in kyrillischer Umschrift von Vondräk: Glagolita Clo- 
züv, Prag 1893; mit grammatischer und paläographischer 
Einleitung und Glossar. — Die frühere Ausgabe Kopitars 
(Glagolita Clozianus, 1836) hat durch die ihr beigegebenen 
Abhandlungen eine bedeutende Rolle in der slavischen 
Philologie gespielt. 

5. Psalterium Sinaiticum, in der Bibliothek des 
Katharinenklosters auf dem Sinai; hg. in kyrillischer Um- 
schrift von Geitler: Psalterium, glagolski spomenik mana- 
stira Sinai brda, Agram 1882. 

6. Euchologium Sinaiticum, eine Sammlung von 
Gebeten; darunter auch die Übersetzung des althoch- 
deutschen St. Emmeramer-Gebets (s. Vondräk, ASPh 16, 
118fg.), wie überhaupt dies Denkmal auf Entstehung im 
Westen hinweist; hg. in kyrillischer Umschrift von Geitler: 
Euchologium, glagolski spomenik manastira Sinai brda, 
Agram 1882. 

7. Die sog. Kijever Blätter, Bruchstück (7 Blatt) 
eines Missale nach röm. Ritus; hg. in kyrillischer 



Einleitung. XLV 



'o 



Umschrift von Jagic in: Glagolitica, Würdigung neuent- 
deckter Fragmente, Wien 1890 (Denkschr. der k. Ak. d. 
Wiss. phil.-hist. KI. B. XXXVIIl; der Sonderabdruck ent- 
hält die vollständige photographische Wiedergabe der 
Blätter). — Vgl. Vondräk, püvodu kijevskych listu, 
Prag 1904. 

II. In kyrillischer Schrift: 

1. Dassog. Sava-Evangelium(Savvina kniga), ein 
Lectionarium (unvollständig), in der typographischen Biblio- 
thek zu Moskau ; der Xame rührt her von der Beischrift eines 
Priesters Sabbas (Savva); hg. von Scepkin: Savvina kniga, 
St. Petersburg 1903; mit vollständigem Wortindex. Über 
die Sprache vgl. desselben: Razsuzdenije o jazyk^ Savvinoj 
knigi, St. Petersb. 1899. 

2. Der sog. Codex Suprasliensis, benannt nach 
dem Kloster Suprasl bei Biaiystok, jetzt z. T. in der k. 
k. Studienbibliothek zu Laibach, ein andrer Teil in der 
Bibliothek des Grafen Zamojski in Warschau. Dieser 
umfangreichste altbulg. Codex (285 Bl.) enthält einen Teil 
des Menäums für den Monat März (24 Legenden, Heiligen- 
leben), außerdem 20 Homilien unter dem Namen des Jo- 
haimes Chrysostoraus, und 4 andre Homilien. Nachweise 
der griechischen Vorlagen von Abicht und Schmidt ASPh. 
Bde. 15 — 18. Ausgabe von Miklosich: Monumenta palaeo- 
slovenica e codice Suprasliensi, Vindobonae 1851; genauer 
nach der Handschrift von Severjanov: Suprasl'skaja rukopis 
I (den Text mit Anmerkungen enthaltend), St. Petersburg 
1904. 

Nicht mit erwähnt sind einige glagolitische und 
kyrillische Fragmente geringen Umfangs, deren Stellung 
überdies z. T. unsicher ist. Eine Inschrift auf einem Grab- 
stein, den der Car Samuel 993 seinem Vater, seiner Mutter 
und seinem Bruder gesetzt hat, sei hier angeführt. Sie lautet (s. 
Jireeek u. Jagic, Die cyrillische Inschrift v. J. 993, ASPh. 

21, 543): Kl HMA (ÖTLIJA H CIHH.A H CTÄPO (1. CBAUFO) AOlf,Xa. 
4:51 C.AMOH.Al flilR-b Bai|H] (1. KOJKH) nO!\Jr.^M II.^MATb [(i)Tbl|'8 H 



XLVI . Einleitung. 

MAT€pil H Bp:iT[0Y] [h]i KplCTtM Cli[,VLj ' HMeHA OYCLniuifHyL : 
NHJKOilA pAKl KXH (1. K02RH), [MspH ?J«, ^AB/^l (sOnst AABlI^l, 

AiY'iA'i'^ A^YAi>)- NAHHCi [xe ca bi] .A«T0 OTL C'LTB0[p€HHn 
MHpo]v .s^Ä. HH'LAH[im .s.], wöitllch übersetzt (von Jagic 
a. 0.): In nomine patris et filii et spiritus sancti. Ego 
Samuel servus dei pono memoriam patri et matri et fratri 
in crucibus hisce. Nomina defunctorum: Nicola servus 
dei, [Mari]a, David. Scriptum est anno a creatione mundi 
0501 indictione [6j. 

Von den oben genannten Handschriften ist keine 
datiert, man ist für die Zeitbestimmung auf paläo- 
graphische und sprachliche Momente angewiesen. Es ist 
möglich, daß einige, so Cod. Zographensis und Cod. Ma- 
rianus noch ins Ende des 10. Jahrb. fallen, für die übrigen 
wird man nicht über das 11. Jahrb. zurückgehen dürfen. 
Es liegt also zwischen der ersten schriftlichen Fixierung 
der Sprache durch Konstantin und den erhaltenen altbul- 
garischen Handschriften ein Zeitraum von ca. 150 — 200 
Jahren. Während dieser Zeit hat die Entwicklung der Sprache 
nicht stillgestanden, spätere Schreiber und Schriftsteller 
konnten bereits jüngere Lautverhältnisse und Formen in 
der lebendigen Rede haben als die ältesten Bücher ent- 
hielten; ferner stammten die Schreibenden nicht alle aus 
der gleichen Lokalmundart. So kamen in die uns er- 
haltenen Handschriften Lautverhältnisse und Formen aus 
verschiedenen Zeiten, z. B. können in einer und derselben 
Handschrift nebeneinander vorkommen älteste Form 
novajego (des neuen), daraus entstandenes novaago und aus 
diesem kontrahiertes novago (s. § 114. 3 b). Einflüsse der 
Mundarten, denen die Schreiber angehörten, sind ebenfalls 
vorhanden. So ist denn die Sprache der altbulgarischen 
Denkmäler weder als Gesamtheit genommen, noch inner- 
halb der einzelnen ganz einheitlich, und es ist bei allen 
eine eingehende philologische und sprachliche Kritik not- 
wendig, um die älteste Form der Sprache aufstellen zu 
können, da diese nicht unmittelbar in ihnen gegeben ist. 
Am meisten nähert sich ihr der Cod. Zographensis. Über 



Einleitung. XLVII 

einen wichtigen Punkt in Bezug auf die Beurteilung der 
Überlieferung s. meine Abhandlungen über 2» und h in den 
altkirchenslav. Denkmälern, ASPh. 27. 1,321, 481. 

XXII. Die Geschichte des Kirchenslavischen nach 
dem ll.Jahrh. ist die einer nicht mehr im Volksmunde 
lebendigen Literatursprache. In Bulgarien, auf ihrem 
Heirnatsboden, entwickelten sich die Volksmundarten weiter, 
und in den vom 12. Jahrh. an dort entstandenen Büchern 
oder Abschriften älterer Texte zeigt sich ein immer mehr 
vom Altbulgarischen abweichender Sprach zustand, den man 
als mittelbulgarisch bezeichnet; aus den mittelbulga- 
rischen Mundarten sind dann die heute lebenden neu- 
bulgarischen weiter entwickelt. Daß das Altbulgarische 
und die in ihm verfaßten liturgischen Bücher nach 
Kroatien kamen, ist bereits oben (§ XIX) ausgeführt. 
Ebenso wurde es bei den Serben aufgenommen und kam 
mit der Bekehrung der Russen zum Christentum als 
Kirchensprache mit den Kirchenbüchern nach Rußland. 
Hier sowohl wie in Serbien wurde es auf Jahrhunderte 
die Literatursprache. Schon bei den ältesten Ver\iel- 
fältigungen altbulgarischer Handschriften durch serbische 
und russische Schreiber konnte es nicht ausbleiben, daß 
diese die Eigentümlichkeiten ihrer Nationalsprache, nament- 
lich lautliche, in die Bücher brachten, und im Laufe der 
Zeit drangen immer mehr solche Serbismen (und Kroa- 
tismen) wie Russismen in die Abschriften und in die von 
Serben und Russen selbständig verfaßten Schriften ein. 

Auf diese Weise bildeten sich drei Arten von 
Kirchenslavi8ch,d.h. kirchenslavischer Literatursprache : 
mittelbulgarisch-kirchenslavisch (oder kurz: bulgarisch- 
kirchenslavisch), serbokroatisch-kirchenslavisch, russisch- 
kirchenslavisch. Von jeder dieser Handschriftenklassen 
werden unten einige der ältesten und wichtigsten Denkmäler 
genannt, fast ausschließlich solche, die durch Ausgaben zu- 
gänglich sind; auf weitere Aufzählung muß hier verzichtet 
werden. Das einfachste Unterscheidungsmerkmal ist die 
Behandlung der altbulgarischen Nasalvokale a, e: 



XLVni Einleitung. 

I. Bulgarisch-kirchenslavisch, kenntlich an der 
Vertauschung von m tft mit ä «, d. h. ä hr kann an 
Stelle von urspr. a h, und * » an Stelle von urspr. * k 
stehen, z. B. HicLiTHUiiK (3. pl. aor. sie sättigten) statt -uia, 
ttB.^A (1. sg. präs. ich offenbare) st. twiMiü. Eins der wich- 
tigsten Denkmäler dieser Klasse ist der in der Bibliothek 
zu Bologna befindliche Psalter mit Kommentar, geschrieben 
am Ende des 12. Jahrb., hg. von Jagic: Psalterium 
Bononiense, Berlin 1907, mit den Varianten sonstiger 
Psalmenüberlieferung. 

ins 12. Jahrb. gehört auch noch das sog. Evange- 
lium Dobromiri, nicht veröffentlicht, aber nach Sprache 
und Text ausführlich behandelt von Jagic: Evangelium 
Dobromiri 1, II (Sitzungsberichte der k. Ak. d. Wiss. in 
Wien, Bde. CXXXVIII u. CXL, 1898). — Vgl. auch die 
ausführliche sprachliche Analyse des Johann- Alexander- 
Evangeliums (Handschr. des 14. Jahrb.) von Scholvin, 
ASPh 7, S. 1 und 161, und die des Trnovo er Evan- 
geliums (aus dem 13. Jahrb.) von Valjavec in «Starine» 
der Südslav. Akad. zu Agram, XX, 157, 

II. Serbokroatisch - kirchenslavisch; Kenn- 
zeichen : statt Si q » ;^ stehen u ju, statt a ^ » ^^ stehen 
e je, z. B. povKi ruka statt ab. p^KA rqka Hand, moah» 7nol'u 
st. MOiiiä ich bete; pe^b (die serbo-kroat. Denkmäler 
brauchen statt i und b nur das eine Zeichen b), d. i. 
red, st. piA"^ ^'^^^ Ordnung, lei^HKb, d. i. jezik, st. hi^uki. 
jezykb. Die Denkmäler dieser Klasse zerfallen nach der 
Schrift in zwei Abteilungen: 

1. in glagolitischer Schrift (s. § XIX), Kroatien 
angehörig. Eine größere Sammlung solcher Texte enthält 
Bercic, Ulomci svetoga pisma, 5 Hefte, Prag 1864 — 71; 

2. in kyrillischer Schrift, dem Serbentum im 
engern Sinne angehörig. Einige der wichtigsten sind: 

Ein Evangelium geschrieben für den Fürsten Miroslav 
am Ende des 12. Jahrb., hg. in einer phototyp. Pracht- 
auegabe u. d. T. : Miroslavovo Jevandjelje. Evangeliaire 
ancien Serbe du prince Miroslav. Edition de sa Majeste 




Einleitung. XJJX 

Alexandre I, roi de Serbie, gedruckt in Wien 1897 (s. 
ASPh 21, 302). 

Ein Tetraevangelium des Klosters Nikolja aus dem 
13. — 14. Jahrb.; bg. von Danicid: Nikoljsko Jevandjelje, 
Belgrad 1864. 

• Ein Apostolus des Klosters Sisatovac, hg. von Miklo- 
sich: Apostolus e codice monaeterii Sisatovac, Vindobonae 
1853, 

III. Russiscb-kircbenslaviscb; Kennzeichen: oy 
u 10 ju für ab. & q ^jq; a 'a (d.h. a mit Palatalisierung 
des vorhergehenden Konsonanten) für ab. a ^ a j^. Das 
Russische hatte schon vor Aufnahme der altbulgarischen 
Literatursprache keine Nasalvokale mehr, da aber die Buch- 
staben ;&, A zunächst beibehalten wurden, die Geltung je- 
doch von w, 'a hatten, können oy und ä, a und « pro- 
miscue gebraucht werden, z. B. Bi^YhHOVio statt ab. BtVhHiKK 
(aeternam), c;kuit& statt c^uiToy (dem seienden), CLB'LKOvnnAa 
statt ab. -n.^HU (vereinigend). Aus der großen Zahl der 
Denkmäler dieser Art seien hier nur älteste, aus dem 
1 1 . Jahrb., hervorgehoben : 

Das sog. Ostromirsche Evangelium, ein Lectiona- 
rium, geschrieben 1056 — 57 für Ostromir, den damaligen 
Posadnik (Statthalter) von Novgorod; hg. von Vostokov: 
Ostromirovo evangelie, St. Petersb. 1843, mit Abriß der 
Grammatik und Glossar. — PhotoHthographiert auf Kosten 
von J. K. Savinkov, St. Petersb. 1889. — Über die Sprache 
vgl. Sachmatov u. Scepkin im Anhang der russ. Über- 
setzung der 2. Aufl. meines «Handbuchs», Moskau 
1890; Kozlovskij, jazyke Ostromirova evangelija (in 
«Izsledovanija po russkomu jazyku» I, St. Petersb. 1885 
— 1895; S. Ifig.). Das Denkmal ist besonders wichtig für 
sprachliche und kritische Fragen des Altkirchenslavischen, 
vgl. Fortunatov, Sostav Ostromirova evangelija (in «Sbor- 
nik statej posv. Lamanskomu» II, 1416). 

IzbornikSvjatoslavov, photolithographisch heraus- 
gegeben u. d. T. Izbornik velikago knjazja Svjatoslava 

LeskJen, Altbnlgarische Grammatik. IV 



L Einleitung. 

Jaroslavi6a (als Nr. 55 der Ausgaben des Obsöesto l'u- 
bitelej drevnostij), St. Petersb. 1880. Die Handschrift, 
vom J. 1073, ist die russisch-kirchenslavische Redaktion 
eines ursprünglich für den bulgarischen Caren Symeon 
(s. § XX) geschriebenen Werkes; es enthält des Anastasios 
Sinaita EpujiricreK; Kai dTroKpicreiq und Stücke aus andern 
griechischen Kirchenschriftstellern. 

Menäen des September, Oktober, November, Hand- 
schrift von 1095 — 97; hg. von Jagic: Sluzebnyja minei za 
Sentjabr' Oktjabr' i Nojabr', St. Petersb. 1886. 

Homilien des Gregorius Theologus (von Na- 
zianz), Handschr. des 11. Jahrb., hg. von Budilovic: XHI 
slov Grigorija Bogoslova, St. Petersb. 1875; von demselben 
eine Untersuchung über die Sprache: Izsledovanija jazyka 
Xm slov etc., ebd. 1871. 

XXIII. Hilfsmittel zum Studium des Altbulga- 
rischen. Es ist in diesem Abschnitt nicht abgesehen auf 
eine Geschichte der altbulgarischen Grammatik seit dem 
Anfang des 19. Jahrb.; ich nenne nur, was für den Ler- 
nenden noch unmittelbar nützlich sein kann: 

Die das « AI tslo venische » behandelnden Teile in 
Miklosichs «Vergleichender Grammatik der slavischen 
Sprachen» : 1. B. Lautlehre, Wien 1852, 2. Aufl., ebd. 1879 
[eine Sonderausgabe des altslovenischen Teils dieser Auf- 
lage ist «Altslo venische Lautlehre», 3. Bearbeitung] ^• 
2. B. Formenlehre, ebd. 1856 [eine Sonderausgabe des 
altsloven. Teils erschien schon 1854 u. d. T. «Formen- 
lehre der altsloven. Sprache», 2. Aufl.]\ 2. Aufl., ebd. 
1876; 3. B. Stammbildungslehre, ebd. 1875; 4. B. Syntax, 
ebd. 1868—74. Erste und zweite Auflage der beiden 
ersten Bände sind nach Anlage und Ausführung stark 
verschiedene Werke. 



* Die Bezeichnung dieser Sonderausgaben als 2. und 3. Aufi. 
bezieht sich auf vorangegangene kürzere Darstellungen von 
Mikloeich : Lautlehre der altslovenischen Sprache, Wien 1850; 
Formenlehre der altsloven. Spr., ebd. 1850. 



Einleitung. LI 

Vostokov, Grammatika cerkovno-slavjanskago jazyka, 
St.Petersb. 1863. 

Leskien, Handbuch der altbulgariBchen (altkirchen- 
slav.) Sprache. Grammatik. Texte. Glossar. 4. Aufl., 
Weimar 1905 (die erste erschien 1871). 

Miklosich, Altslovenische Formenlehre in Para- 
digmen, Wien 1874. Die ausführliche Einleitung legt 
seine Ansichten über die Heimat und ethnische Zugehörig- 
keit des Altkirchenslavischen dar, gibt eine Charakteristik 
der Denkmäler usw. 

Sobolevskij, Drevnij cerkovno-slavjansky jazyk. F'one- 
tika. Moskau 1891. 

Vondräk, Altkirchenslavische Grammatik, Berlin 
1900. — Desselben «Vergleichende slavische Grammatik» 

1. B. Lautlehre und Stammbildungslehre, Göttingen 1906; 

2. B. Formenlehre und Syntax, ebd. 1908, behandelt nicht 
wie Miklosich in seinen Bden. 1 und 2 die einzelnen sla- 

â–  vischen Sprachen gesondert, sondern ordnet nach den ein- 
zelnen Lauten und Formen. 

Schleicher, Formenlehre der kirchenslavischen 
Sprache. Erklärend und vergleichend dargestellt, Bonn 
1852, hat das sprachliche Material aus Miklosich «Formen- 
lehr?» (1850); als Lehrbuch des Altbulgarischen ist sie 
nicht verwendbar. 

Texte mit Glossar bietet außer meinem Handbuch 
Jagic, Specimina Linguae palaeoslovenicae , St. Peters- 
burg 1882; Berneker, Slavische Chrastomathie, Straß- 
burg 1902. 

Das Material älterer kirchenslavisch er Wörterbücher 
ist mit aufgenommen in Miklosich, Lexicon palaeo- 
slovenico-graeco-latinum emendatum auctum\ Vindobonae 
1862 — 65. — Der Titel darf nicht so verstanden werden, 
als enthielte das Lexikon nur den Wortschatz der von 



^ Das «emendatum auctum» bezieht sich auf ein kleineres 
«Lexicon linguae slovenicae veteris dialecti» von Miklosich 
(Wien 1850). 

IV* 



LH Einleitung. 

Miklosich ihrer sprachlichen Form nach als altslovenisch 
(bei uns altbulgarisch) bezeichneten Denkmäler, sondern 
es ist ein Wörterbuch der kirchensla vischen Literatur, die 
Stichworte gegeben in der ihnen von Miklosich damals 
zugeschriebenen «altsloveni sehen» Form; vgl. darüber 
Murko, Mitteilungen der anthropol. Gesellsch. in Wien, 
Bd. 36, 108, und meine Bemerkungen IF. 19,205. 



-0^^--C3- 



Erster Hauptteil, 
Lautlehre. 



I. Die einzelnen Laute und ihr Verhältnis 
zu den urslavischen und indogermanischen. 



1. Der Lautbestand des Altbulgarischen be- 
ruht wie der jeder slavischen Sprache auf dem 
des Urslavischen. Gemeint ist damit ein Lautbestand, 
der, entwickelt aus der indogermanischen Grundlage, von 
allen Slaven erreicht war am Ende ihrer geographischen 
und ethnischen Einheit, also vor der Spaltung in Einzel- 
völker und deren Einzelsprachen. Das Auftreten der 
einzelnen, bestimmt geschiedenen slavischen Völker und 
Sprachen ist wesentlich bedingt gewesen durch Wande- 
rungen von Teilen des Gesamtvolkes aus seiner Urheimat 
am obern und mittlem Dnjepr nach Westen und Süd- 
osten. Mit der Aufstellung eines Urslavisch soll aber 
nicht gesagt sein, daß die Sprache über das Gesamtgebiet 
der Urheimat noch durchaus einheitlich war. Dialektische 
Unterschiede, Ansätze zu den später stärker ausgeprägten 
Unterschieden der Einzelsprachen, sind sicher hier so gut 
vorhanden gewesen wie auf jedem andern Sprachgebiet. 
Wenn man also für das Urslavische eine bestimmte An- 
zahl von Lauten ansetzt und bestimmte Buchstaben für 
sie anwendet, so ist eigentlich jeder solcher Buchstabe 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. 1 



2 Lautlehre. [§1.2. 

ein Zeichen für eine Gruppe einander nahestehender 
Lautformen, von denen die eine an diesem, die andre 
an jenem Punkte des Sprachgebiets, anders ausgedrückt, 
die eine in diesem, die andre in jenem Lokaldialekt ge- 
herrscht haben mag. So mag der mit ^ bezeichnete 
Vokal, nach seinen späteren Schicksalen zu urteilen, schon 
in jener vorhistorischen Zeit hier der Artikulation eines 
0, dort eines «, anderswo eines ö und noch anderswo eines 
e näher gelegen haben, aber er war weder o noch u noch 
ö noch €, man kann also wohl diese von allen andern 
Vokalen unterschiedene eigenartige Lautnuance als eine 
relative Einheit zusammenfassen und mit einem besondern 
Zeichen versehen, das diese Einheit ausdrückt. 

2. Der Lautbestand des Urslavischen kann 
nur ermittelt werden durch die vergleichende Betrachtung 
der geschichtlich überlieferten slavischen Sprachen und 
muß für die Grammatik einer Einzelsprache, aus der er 
sich nicht begründen läßt, als gegeben hingenommen 
werden. Als urslavischer Lautbestand ist hier an- 
gesetzt : 

A. Vokale. 

1. Volle Vokale: 

a) velar (nicht palatal, hart): a, o, g (d. i. nasales o), 

b) palatal (weich); e, ^, c (d. i. nasales e), ?'. 

2. Halbvokale (schwache, reduzierte, irrationale Vokale): 

a) velar (nicht palatal. hart): ^\ 

b) palatal (weich): i. 

B. Nasale: iw, n. 

C. Liquidae: r, l. 

D. Verschlußlaute. 

1. Labiale: p^ b. 

2. Dentale: f, (f. 

3. Gutturale: k, g. 

E. Reibelaute: s, z; s, z; ch; j, v. 

F. Affrikatae: c, dz^ c, dz. 



§ 3.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 3 

3. Die Konsonantenreihen von B — F sind aufgestellt 
ohne Rücksicht auf palatale (weiche) und nicht pala- 
tale (harte) Aussprache. Dieser Unterschied war schon 
im ürslavischen vorhanden: 

1. s z c dz waren stets palatal, die genauere Bezeich- 
nung wäre also: s z 6' (d. i. t's) d'z \ j ist von Haus 
aus 23alatal artikuliert. 

2. kg ch sind nie palatal. 

3. Die Verbindungen c (= ts) und dz sind in einem 
Teile der vorkommenden Fälle sicher palatal gewesen und 
geblieben, also = ö {t's') d'z\ z, B. oMh Vater, j^d'za 
Krankheit, devida Mädchen, kbu^d'z'h Fürst. Für einen 
andern Teil, z. B. hodze bodzi (loc. sg. und nom. pl. von 
hog-o Gott), toce toci (dasselbe zu toJa Lauf, Strom) muß 
als irgend einmal vorhanden gewesene Form auch t's\ d'z' 
angesetzt w'erden, es scheinen aber dafür urslavisch harte 
c (ts), dz eingetreten zu sein. Jedenfalls waren die beiden 
angedeuteten Arten von c, dz (das nähere darüber s. 
§ 34. 2) urslavisch verschieden; hier sind sie in den Fällen 
wie toce hodze als hart genommen. 

4. Die übrigen Konsonanten können palatal und 
nicht palatal sein: 

nicht palatal. palatal. 

p, h, V, m p\ h\ v\ m (vielleicht ursl. noch anzusetzen 

als p% Vi usw., s. § 39. 5). 
/, d t' d' (selbständig und in den Verbindungen 

t's [6], t's [c], d'z , d'z). 
n, r, l w, r t. 

s z s z (kommen selbständig nicht vor, nur in 

den Verbindungen t's' [6]^ d'z'). 

Bei dieser Palatalität handelt es sich um stark aus- 
geprägte palatale Artikulation, die bei den eben 
angeführten palatalen Konsonanten durch einst folgendes j, 
nur bei der Umbildung von k g ch in Palatale auch durch 
palatale Vokale erzeugt ist, nicht um palatalisierende 
Wirkung der palatalen Vokale auf beliebige ihnen 

1* 



4 Lautlehre. [§ 3 — 5. 

vorangehende Konsonanten. Eine solche haben histo- 
risch überlieferte slav. Sprachen (so Russisch, Polnisch, 
Cechisch, Sorbisch) in größerer oder geringerer Ausdeh- 
nung; sie kann auch im Urslavischen bestanden haben, 
ist aber nicht sicher erkennbar und jedenfalls, wenn 
vorhanden, im Grade verschieden von der erstgenannten, 
schwächer gewesen und konnte wenigstens in Mundarten 
der Ursprache wieder aufgegeben sein. 

4. Das Verhältnis der urslavischen Laute zu 
den indogermanischen wird, soweit es erforderlich 
scheint, bei der Behandlung der altbulgarischen Laute 
mitangegeben. Als indogermanisches Lautsystem ist 
hier angenommen: 

I. Vokale. 

A. Kürzen: i u e o a 9 (Schwa, reduzierter Vokal) 

r l n m. 

o o o o 

B. Längen: i ü e ö ä [f l n rh], 

C. Diphthonge. 

1. Kurzdiphthonge: ei oi ai di; eu ou au du. 

2. Langdiphthonge: ei öi äi; eu öu äu. 

n. Nasale: n m. 
in. Liquidae: r l. 
IV. Verschlußlaute. 

1. Labiale: p ph b bh. 

2. Dentale: t th d dh. 

3. Rein velare (gutturale): k kh g gh, 

4. Labiovelare: /cü k^ih g^ gVi. 

5. Palatale: k kh g gh. 

V. Reibelaute: s z; [j (i) v [^)]. 

Die altbulgarischen Vokale. 

A. Die einzelnen altbulgarischen Vokale. 

5. Die Silbenquantität ist nicht überliefert. Welche 
Vokale ursprünglich lang, welche kurz waren, lehrt die 
vergleichende Grammatik der idg. Sprachen. Die alten 
Quantitätsunterschiede haben aber im Altbulgarischen nicht 



§ 5—7.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 5 

mehr bestanden, vielmehr sind schon ina Urslavischen die 
alten Verhältnisse verändert worden. Aber auch wenn man 
die urslavischen Quantitäten jetzt schon sicher und all- 
gemein bestimmen könnte, wäre das für das Altbulgarische 
nicht notwendig maßgebend, denn in dieser Sprache 
könnte, wie in andern slavischen Einzelsprachen, der ur- 
slavische Zustand wieder verschoben sein. 

Die Anordnung der im Altbulgarischen vorhan- 
denen Vokale, bei Vereinzelung der Laute an sich gleich- 
gültig, in der Reihenfolge o a q e e ^ ^ o r l i y u ist ge- 
wählt nach der Bequemlichkeit des Rückverweisens. 

6. Ab. = ursl. o, muß in älterer Zeit sehr offen 
gesprochen sein, daher die Wiedergabe des kurzen a in 
Lehnwörtern durch o, z. B. pogam = pägänus, sotmia == 
aaTavä(;, oltar'h = altare, gonhznciH gonoziti aus got. ganisan 
ganasjan. — Es entspricht 1. idg. o, z. B. Sh-lorb Versamm- 
lung, vgl. cpopo^ (zu herq, cpepuu); tokb Fluß (zu tekq laufe), 
lit. entspricht immer a\ iclkas (tekü) ; ebenso im alten 
Diphthong oi vor folgendem Vokal, z. B. hoj-b Kampf 
{biti schlagen). — 2. idg. a, z. B. osh Achse, ctHoiv, lat. axis, 
lit. aszls, Vok. ieno = ^genä (zu zena = *'genä Frau). Für 
ein von manchen Sprachforschern angenommenes idg. 
0, das nicht mit e ablautet, gewöhnlich mit ä bezeichnet, 
steht slav. o, lit. a, z. B. lat. ovis ö/i<;, lit. aws, ab. ovbca 
Schaf. — 3. idg. 9; Beispiele selten und nicht alle sicher, 
vgl. stojq stojati stehen, lit. statyti stellen, mit ai. sthitä-s, 
(JTaTÖ^. — 4. idg. e in der urspr. Verbindung ev, novh 
neu ve/b^, plovq schiffe TrXe/iju, aijnove n. pl. Söhne = 
'^siineves; über diphthongisches eu durch "^'ou zu u s. u. 
§ 17. 2. 

"7. I. Ab. a ist 1. = ursl. a, z. B. tnati Mutter, 
hratrb Bruder, siafi sich stellen; 1. aor. bash ich stach 
(zu bodq)', lezati liegen, zaba Frosch. — 2. = ursl. in allen 
Fällen, wo die Verbindungen or ol + Konsonant zu ra 
la umgestellt sind, z. B. mraz^ Frost = *morz^, branh 
Streit = *bornh^ lit. barms, mJad^ jung = *moldh, preuß. 



6 " Lautlehre. [§7.8. 

malda-. In beiden Fällen ist ab. a ursprünglich lang, in 
ersterem aus idg. Länge. — IL Die idg. Entsprechungen 
sind: 1. langes ä, mati \xSLjr\Q mäter, hratrz f räter, lit. ent- 
spricht ö (lett. ä): möte (lett. mäte), hroterelis (demin.). — 

2. ö, öfter im Ablaut mit e, z. B. varb Hitze = *i;öro5 zu 
W. ver- (lit. virdu ich siede, ab. vtr-eti sieden), vgl. lit. 
isz-vora Mus, lett. icärs Suppe. Einem angenommenen, 
nicht mit e ablautenden ö-Laut, a, entspricht ebenfalls 
rt = ä, lit. z. T. w, vgl. dati geben, dar^ Gabe mit öi-buj- 
juii, öüjpov, lit. duti. Neben diesem alten a = ö erscheint 
a im Slav. in gemssen Fällen als Dehnung jedes be- 
liebigen wie immer entstandenen o, z. B. noviii erneuern 
(von nov^ = "^nevos, s. o. § 6), davon oh^-nav'V ati ; mwa 
ich sterbe, mor^ Sterben, u-moriti töten, davon u-mar'ati. — 

3. e nach j und den andern palatalen Konsonanten, vgl. 

S7)n-eda ich verzehre mit jadq jasti essen statt *edq (lit. 

edu esti), 3. präs. vidiH inf. videti sehen, lit. veizdeti^ mit 

gleich gebildetem leiih leiati liegen = Hegeti, mha Frosch == 

*geha. — Ob auch ein idg. oi im Silbenanlaut, daraus sl. e 

(s. § 10. 2), zu ja geworden ist, hängt von der Richtigkeit 

einiger Etymologien ab: jadro Busen zu gr. oibduu schwellen; 

jazva Grube zu lett. aija (lit. aizä) Eisspalte, preuß. etjswo 

Wunde; jadh Gift zu ahd. eitar. — 4. o, wo ra la = or 

ol (s. o. unter 2). 

Anm. In den glagolitischen Quellen erscheint jedes e der 
kyrillischen als a, die glagolitische tSchrift hat für kyr. t und A 
(e und ja) nur ein Zeichen, dessen Geltung = 'a ist. 

8. Ab. q = ursl. p, d. h. nasales o. Die o-Färbung 
dieses Naealvokals geht hervor aus der späteren dialekti- 
schen Entwicklung, die zu dumpfen Vokalen: o, o, u ge- 
führt hat. Die «-Silben sind ursprünglich lang. — q ist 
1. --= idg. on om oder an am vor Konsonanten, 3. pl. präs. 
berqt^ sie sammeln qp^povTi, zqhh Zahn, vgl. YÖ)uq)0(; Pflock, 
qzhkb eng lat. avgusfus ango dfx^ '» ^'^^^ Hand , lit. rankä 
(zu renkü ich sammle). — 2. = idg. ~äm in auslautender 
Silbe, acc. sg. rqkq lit. rankä preuß. rankan =^ "^TOfikäm; 
i. 8g. rqkq lit. ra7ikd aus ^ronkCim. 



§ 9. 10.] Die Laute und ihr V'eihältni« /u den urslav. und idg. 7 

9. Ab. e = ursl. e; für ältere Zeit wahrscheinlich als 
geschlossenes e anzusetzen; im Silbenanlaut steht immer 
dafür je-. Es ist 1. = idg. e, hera ich sammle qpepoi fero, 
2. pl. präs, herete cpepeie, veiki führe lit. vedü, despth zehn 
lit. dtszimtis bexa decem. — 2. = idg. o und ^ (slav. o) nach 
7 c s i s7 (ursl. t') zd (ursl. rf') 6 d'z n l' r . Die nicht er- 
haltene Zwischenstufe zwischen o und e ist ein ö artiger 
Vokal gewesen. Beispiele: jego (ejus), jemu (ei), vgl. togo 
(illius) tomu (illi; lit. jämui tdmid); pol'e = *2^oljo Feld, 
vgl. se/o Dorf; i. sg. 2y^(fcemh (zu ^/acfe Weinen) = "^plakjomh, 
vgl. tokomh (zu foÄ-2> Fluß); voc. sg. d}ise (zu f?Msa Seele), 
vgl. zeno (= *genä; zu ^ewa Frau). Welche e aus o ent- 
standen sind, ist aus der Lautfolge palataler Konsonant 
und e nicht ohne weiteres ersichtlich, da nach solchen 
Konsonanten auch ursprüngliches e stehen kann, ist aber 
jedesmal erkennbar, wenn Parallelformen mit nichtpala- 
talen Konsonanten an gleicher Stelle o haben, s. die obigen 
Beispiele. 

10, Ab. e ist 1. = ursl. e und dies urspr. lang, z.B. 
deti legen setzen, s^â– pletat^ verflechten (zu ^^/efa ich flechte, 
e = Dehnung von e), lev^ link, loc. ßg. zene. — 2. = ursl. 
e in den ursprünglichen Verbindungen er el vor Kon- 
sonant, die altb. in re le umgestellt werden, z. B. creda 
Herde = *cerda = *kerda got. hairda, vlekq ich ziehe = 
*velkq lit. velkü. — Das slav. e ist 1. = idg. e, 1. sg. aor. 
ves^ = *ved-som (zu vedq ich führe), seti säen semf Same 
lat. seinen, lit. seti semens (plur.); so auch in den vor Vo- 
kalen in ej ev übergehenden Langdiphthongen ei eu, lejq, 
ich gieße, inf. hjati (neben hjq, liii), sev-en Nord, lit. 
sziau-rys. Daß die slav. Vertretung dieses e einmal offen 
(ä) war, ergibt sich aus der Wandlung zu a nach pala- 
talen Konsonanten (s. § 7. II, 3). — 2. = idg. di {öi ohne 
sichere Beispiele), ai äi; als Zwischenstufe zwischen oi 
(= oi und ai) und e wird ein ö-artiger Vokal anzusetzen 
sein. Beispiele: vede ich weiß oiba, preuß. l.pl.präs. T^ai^/iwrti; 
loc.pl. gadeclvb (zu gad^ Schlange), idg. -oi-su, vgl. Xofoiai; 
Uvb link Xau/bq laevusj dat. sg. zene (zu zena) = *genäi, 



8 Lautlehre. [§10.11. 

vgl. xu^P^ = '^h lit. rankai (zu rankä). Zu erkeunen ist 
e als urspr. Diphthong ohne weiteres, wenn ihm k g ch 
voranging, die vor diesem e (nicht vor dem e = e) als 
c dz s erscheinen, vgl. rqka Hand loc. sg. rqce^ hog^ Gott 
loc. sg. bodze^ duclvb Geist loc. sg. duse, loc. pl. hodzech^ du- 
seda. — Die völlig gleiche Behandlung des e = e (sofern 
es nicht nach palatalen Konsonanten zu a geworden war, 
8. § 7. II, 3) und des e = oi in den einzelnen slavischen 
Sprachen zeigt, daß sie am Ende der urslavischen Periode 
zusammengefallen waren. Im Altbulgarischen hat jedenfalls 
kein Unterschied mehr bestanden und das einheitliche e ist 
entweder auf dem ganzen Sprachgebiet oder dialektisch 
offen, ä, gewesen. Das ergibt die Schreibung der glago- 
litischen Quellen, die für ia und e (kyrillisch als « und 
Ä geschieden) nur ein Zeichen haben. Von einigen For- 
schern wird die Geltung des ursl. e vor der Sprachen - 
trennung als diphth. ie angesetzt (so Fortunatov BB. 
22, 156). 

11. Ab. h = ursl. ft, reduzierter Vokal, wohl aufzu- 
fassen als geschlossenes sehr kurzes e, etwa wie das e in 
deutschem «glaube». Es entspricht 1. idg. i, z. B. loc. pl. 
der Dreizahl trhcJvb, vgl. lit. trise ipiö"!, i. pl. trhmi lit. trim\s, 
pa-m^th Andenken lit. at-minü-s lufiTiq, jesmh ich bin altlit. 
esmi €i|Lii. — 2. ^ ist Ablautstufe zu e, häufig vor hetero- 
syllabischem (vor Vokal stehendem) r l n m; lit. steht in 
gleichem Falle i, z. B. hhrati sammeln präs. herq^ sthlati 
ausbreiten präs. stetq, mhrq ich sterbe in f. mreti = *mertiy 
pwiq spanne, lit. pinü flechte, shnq schneide, mähe, vgl. lit. 
genü geneti ästein, zbmq drücke, vgl. T^I^^J vereinzelt auch 
sonst, imper. rhci zu rekq sage, shd^ gegangen = *ch^d^ (zu 
chodh Gang). — 3. % ist =^ idg. 7^1 im Auslaut, a. sg. materh 
(zu mati Mutter) jiriiepa. — 4. = idg. e vor j, z. B. n. pl. 
trhje drei = *trejes. — 5. t entsteht aus einem einerlei 
wie entstandenen slav. ^ (s. § 13), wenn diesem ein j 
oder ein andrer palataler Konsonant (c s usw.) voranging, 
z. B. vgl. gen. pl. rqkb (zu rqka) mit dush (zu dusa Seele), 



§ 11, 12.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav und idg. 9 

n. sg. hokb Seite mit plach Weinen, krov-^ Dach mit 
loj-h Talg. 

1J3. Ab. p =: ursl. p, d. h. nasales e. Es ist hervor- 
gegangen : 1. aus idg. ew em vor Konsonanten, z.^.p^ia 
Ferse vgl. lit. penünas Sporn, p^t^ fünfter lit. peiiktas, sv^tb 
heilig lit. szventas, j-^tro Leber vgl. eviepa, tel^ gen. sg. 
tel^t-e Kalb, vgl. preuß. smünentin, lies zmünenfin (mit Suffix 
-ent- abgeleitet von zmüni Mensch). — 2. aus idg. n m 
vor Konsonant. Im Litauischen steht dann in im-, im 
Slavischen entspricht dem ^ vor Konsonanten hn hm vor 
Vokalen. Wahrscheinlich ist als Vorstufe von ^ vor Kon- 
sonant ebenfalls w, vm anzunehmen, so erklärt sich am 
leichtesten die palatale Beschaffenheit des Vokals (nasales e) 
und die Wandlung der Gutturale k g ch davor in c i i, 
vgl. na-c§ti anfangen mit is-koni von Anfang; vgl. dazu 
die parallelen Erscheinungen bei r l, s. § 14. Beispiele: 
pa-m^th Gedächtnis lit. at-mintis idg. *iww/i-s, c^sh dicht 
lit. kiihsztas gestopft (zu präs. kemszü), ppti spannen präs. 
pbYK} lit. pinti pinü. Wann ^ = e -\- Nas., wann = idg. n m, 
ist nur dann als sicher oder wahrscheinlich bestimmbar, 
wenn verwandte Sprachen gleich gebildete Wörter mit 
Vertretern der einen oder andern Lautform zeigen (s. die 
obigen Beispiele), andre Fälle bleiben zweifelhaft, so kann 
z. B. l^kq ich biege nach lit. lenkiü (mit andrer Präsens- 
bildung) als lenk-, aber auch als hik- angesetzt werden ; inf . 
p^ti ist nach Maßgabe des litauischen plnti wahrscheinlich 
pn,, aber möglich ist auch *penti nach Maßgabe von ^merti 
(ab. mreti) neben Präs. mhrq. In Entlehnungen aus dem 
Germanischen ist in -\- Kons, durch ^ vertreten, z. B. 
kbn^dzh = kuning^ c^do = kind. — 3. aus idg. en em in 
Endsilben, a. sg. m^ mich = *mem; ntr. sg. im^ Name, 
sem^ Same, wahrscheinlich = *sem€n; zu der Länge der 
Endsilbe vgl. got. pl. hairtön-a. — 4. ^ geht im Slavischen 
hervor aus -otis im Wortauslaut, wenn ihm /, c, 'e, «, t' 
(ab. st\ d' (ab. sd), d, d'z\ w, l\ r vorangehen. Dies ^ 
ist jedesmal erkennbar an Parallelformen mit auslautendem 



10 Lautlehre. [§ 12-14. 

y bei vorangehenden nichtpalatalen Konsonanten, z. B. 
a. pl. toky (zu foA-&), hraje (zu krajb Rand), mqze (zu mqzh 
Mann) = *tokons, *krajons usw.; part. präs. a. bery (zu berq), 
znaje (zu znajn ich kenne), pis^ (zu pisq ich schreibe) = 
*berons, ^znajons für -*onts; g. sg. f. ieny (zu iewa), dus^ 
(zu rfMsa). Näheres s. § 49. III, 2. 

13. Ab. ^, ein überkurzer reduzierter Vokal (wie h)\ 
die altb. Aussprache ist nicht völlig sicher bestimmbar, 
die Vertretung in neubulgarischen Mundarten verschieden. 
Der Vokal wird dem Klange des engl, i in bird gleich 
gesetzt werden können. Das ursl. angesetzte 2» entspricht 
1. idg. u, bi)dHi wachen W. bkudh- lit. budeti, *dhkti ab. 
d^sti Tochter lit. dukte ai. duhitä du-faxrip, krzvh Blut, vgl. 
lit. knlvinas blutig; sym Sohn lit. süniis ai. sünus. — 2. ^ 
entsteht aus urspr. in Endsilben, sicher bei auslautendem 
-om, a. sg. tokh = *tokom, 1. sg. aor. mogh (präs. mogq ich 
kann), vgl. ^-qpufov, nach Annahme einiger Grammatiker 
auch bei andern konsonantischen Auslauten (s. § 49. I). — 
In einigen Fällen steht ^ neben in den gleichen Wör- 
tern: ch^teti choteti wollen; tbgda togda dann, khgda kogda 
wann. 

14, Ab. r l entspricht den ursl. Verbindungen ^r 
bl, br bl vor Konsonanten. Ob der Vokal ursl. als ^ oder 
6 anzusetzen, kann in bestimmten Fällen aus dem Ab. 
selbst erkannt werden: 1. Wenn vor r l ein gutturaler 
Konsonant, k g ch^ steht, sind sie gleich zr ^l^ denn vor 
altem br hl sind jene Konsonanten in c i s übergegangen, 
vgl. grdb stolz = *girdb, hiva Opfer = *zhriva für *gbrfva; 
krmiti nähren = '^'khrmiti, crm schwarz = *chrm = *khrm 
(vgl. preuß. kirsna-)\ glkh Geräusch -—- *gblkb, zlh gelb = 
*zblU = *gbUb (vgl. lit. geltas). — 2. hr hl ist anzusetzen, 
wenn Ablaut mit e vorliegt, sei es im Slavischen selbst, 
sei es in verwandten Sprachen, z. B. 1. präs. tlkq stoße = 
*lblkq wegen inf. tlesti = *telkti, vrfeti wenden, vgl. lit. 
verczü W. vert-; part. prät. a. vJkb = *vblkh (lit. vilk^s) wegen 
präs. vlekq = *velkq. — Außerdem läßt sich hr hl bestimmen, 



§ 14. 15.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 11 

1. wenn im Litauischen bei gleichen Wörtern die. betref- 
fende Silbe ir il hat. z. B. prsio Finger pirszfas, srdhce 
Herz szirdts, pim voll ptlnaa, vlkb Wolf vilkas. — 2. Fast 
durchgängig ist die ursl. Form der r- Verbindungen er- 
kennbar an der altrussischen und heutigen russischen 
Lautgestalt der Wörter: ursl. ^r = altr. ^?*, neur. or; ursl. 
hr = altr. hr, neur. er, z. B. prt^ Lappen r. j^^^'ty porty Ge- 
wand, hrzT) schnell altr. h^rz^ neur. horzyj\ dagegen drzaii 
halten altr. dhrzati neur. derzat' . Ob ^l oder hl, läßt sich 
aus dem Russischen nicht entnehmen, da altr. hl in ^l 
und dies mit altem hl neur. in ol übergegangen ist, vgl. 
phih = *phlnh (lit. pilnas) altr. phlnyj neur. polnyj. 

Anna. I. Da im Altbulgarischen das Schriftbild von r 
(= nrel. ^r, tr) und }•^ rh, das von l (= ursl. •&?, tl) und h h zu- 
Bammenfällt: (po ph, Ai Ab), kann öfter Zweifel entstehen, wann 
das eine, wann das andere als ursprünglich anzusetzen sei. Als 
Hilfsmittel dienen: 1. Verwandte Sprachen, die in den ent- 
sprechenden Silben ru lu, ri li zeigen, z. B. kr^Vh Kp^6b Blut, 
lit. kniiinas blutig, ^^Z^^b oi.nmh Fleisch, Ut. plutä Rinde, trbmi 
i. pl. drei mpbMU, lit. trimis (vgl. dagegen lit. pirsztas mit prsti, 
p)lnas mit pim). — 2. Der Wechsel von pz pt, az Ab mit anderm 
Vokal nach r, Z, z.B. o-shpnaii ocAw.HSimu erbUnden, sJäpi hWnd, 
o-chrbmnqti Oii'i>z.MH&mu lahm werden, clirorm lahm, grimeti ipbMibmu 
donnern, gromi Donner. — 3. Die Vergleichung mit dem Russi-. 
sehen, wo die alten Stellungen bis heute sichtbar sind: ursl. zr 
br, altr. ebenso, neur. er or; zl bl, altr. zl, wolür neur. ol; da- 
gegen urspr. r'o h, rh h. altr. ebenso, neur. ro lo, re le, z. ß. krov 
= kj-zvb, plot' - plotb, grcmct' = gvbmeti, sleza = shza Träne. 

IL Bei der ursi)rünglichen Stellung rz h entspricht das * 
einem idg. u, kann vereinzelt auch Ablautstufe zu o sein (s. die 
Beispiele unter I); bei fb h kann b —- idg. i sein, aber auch Ablaut- 
stufe zu e (s. 1). Die urslavische Stellung br bl (ab. r l) dürfte 
überall als Ablautstufe von er or, el ol anzusehen sein. Der 
Verbindung ^r il (ab. r f) entsprechen in den verwandten 
Sprachen verschiedene Vokale neben r, l, z. B. grlo Kehle = 
*gzrdlo, lit. gurklys, grbz Buckel = 'g^rh^, preuß. garhs Berg. 

15. Ab. i, stets alte Länge, sehr mannigfaltigen 
Ursprungs: I. = älteren t und zwar 1. = idg. ?, zivh le- 
bendig lit. g^vas ai. jtvas. — 2. Dehnung von h beliebigen 
Ursprungs, z. B. cbfn (h = i) iter. citati zählen, bbrati (b Ab- 
laut zu €j herq) iter. sh-hirati sammeln. — 3. Im Wort- 



12 Lautlehre. [§ 15. 

anlaut aus *jV, so imq = "^jimq (lit. imü) ich nehme, igo 
Joch = ^'jbgo aus *j^go lat. jugum ai. yugam. — 4. Im Altb. 
kann jedes h vor ^" zu i gedehnt werden: n. pl. pqthje 
pqiije {pqtb Weg), trbje trije drei. — II. = idg. ö nach j 
(und aus Wandlungen von Kons. + j hervorgegangenen 
palatalen Konsonanten), z. B. siti nähen lit. siüti; z. T. 
erkennbar am Wechsel mit y (= ü) nach nichtpalatalen 
Konsonanten, vgl. i. pl. kraji {krajb Rand) mqzi {mqzb Mann) 
mit vozy {voz^ Wagen). — III. = idg. e, sicher nachweis- 
bar nur in Endsilben und nur in den Wörtern mati lit. 
motc ^iTr)p und dhsti lit. dukte duYdxrip; andre Annahmen 
eines auslautenden i = e beruhen auf unsichern Ver- 
mutungen. — IV. = idg. ei: vidh Sicht, videti sehen, lit. 
v^idas veizdeti, iti gehen lit. etti a^ti, zidq erwarte lit. geidzii 
begehre. Auch idg. ei wird durch i vertreten sein, doch 
sind sichere Beispiele kaum findbar, vielleicht aor. cis^ 
*keiisom (zu cbtq ich zähle), vgl. ai. 3. sg. aor. acäit; loc. sg. 
der i-Stämme: kosti = ^-ei, vgl. ai. agnä = -ei. — V. = 
idg. in vor Konsonanten, z. B. isto (testiculus) lit. Inkstas 
Niere; kosti a. pl. {kosth Knochen) = -ins. — VI. = idg. 
oi und zwar 1. in Endsilben, gleichgültig, welcher Konso- 
nant vorangeht, z. B. 2. 3. sg. opt. (iroper.) heri qpepoi^ 
q)€poi(T), n. pl. stoli (steh Tisch) lit. sialai = -oi] zu er- 
kennen ist dies i als oi aus dem Slavischen selbst, wenn 
Parallelformen mit urspr. k g ch vorhanden sind, da diese 
vor solchem i als c dz (z) s erscheinen, vgl. 2. opt. (im- 
per.) rbci {rekq ich sage), n. pl. bodzi (bogh Gott), n. pl. 
dusi {duchi Geist). Über altes oi im Auslaut als slav. e 
s. § JO. 2. Die Ursache, warum die Vertretung bald i ist, 
bald e, ist nicht mit Sicherheit erkannt. — 2. = oi, dem 
urspr. j oder vom späteren Standpunkt angesehen dieses 
und die Konsonanten c z snr t 6 d'z ab. st zd vorangehen. 
Erkennbar ist dies oi stets durch Parallelformen mit nicht 
palatalen Konsonanten, die an der betreffenden Stelle e 
haben, vgl. 1. 2. pl. opt. (imper.) herenih herete mit pisinvb 
pisite (zu pisq schreibe), sejinvb sejite (zu sejq säe); loc. pl. 
kraj^ch^ n^qzich^ mit stolechz. Dasselbe gilt von den Fällen, 



§ 15—17.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav, und idg. 13 

WO öi äi zugrunde liegt, vgl. dat. flg. iene (zu zena) mit 
dusi (7.U dusa). 

16. Ab. y = ursl. y. Der genaue ab. Lautwert ist 
nicht bestimmbar, wahrscheinlich ist er in der Zeit, aus 
der unsre Quellen stammen, dem deutschen ü ähnlich 
gewesen, da er in der bulg. Entwicklung früh in i über- 
geht. Der Vokal entspricht 1. idg. w, z. B. sym = lit. 
süniis ai. sünus; n. sg. svekry Schwiegermutter = *-üs ai. 
^vasrüs. — 2. y ist Dehnung von beliebig entstandenem z, 
s^lat^ schicken iter. po-sylati, vizh^nqti iter. vhzhydati er- 
wachen. — 3. Im Ab. kann jedes ^ vor j zu y gedehnt 
werden: novy-jh 6 veoq neben nom>-jh. — 4. = idg. un- vor 
Konsonanten, z. B. lyko Bast lit. lünkas', syny a. pl. = 
*sünuns. — 5. Aus idg. -ön in Endsilben, kamy n. sg. 
Stein = -mön, vgl. aK|iuJV. — 5. Aus idg. -07is in End- 
silben, erkennbar daran, daß dem so entstandenen y 
in parallelen Formen mit vorangehenden palataleu Kon- 
sonanten e entspricht (s. § 12. 4 u. 49. UI, 2), vgl. a. pl. 
vozy (zu voz^) = -%ns mit krajp (krajh), kon^ {konh Pferd), 
niqz^ {mqzh)\ part. präs. a. nesy^ (zu nesq ich trage) = '^■ons 
für "^'-onts, mit znaj^ pisp place (zu znajq znati kennen, 
pisq phsati schreiben, placq plakati weinen). 

17. Ab. u = ursl. w, stets urspr. Diphthong und 
daher urspr. stets lang. Es vertritt 1. idg. ow, au, z. B. g. sg. 
synu, vgl. got. sunaus lit. sünaüs, budiii wecken (caus. zu 
h^d^ wachen, hideti) = '^bhoudh-; such^ trocken auo(; = 
*(Jauaoq lit. saüsas, ucho Ohr lit. ausis lat. auris got. ausö. — 
2. idg. ew; da also ou (idg. ou, au) und eu slav. in u (lit. 
in au) zusammenfallen, vgl. urspr. ev und ov slav. zu ov 
(lit. zu av) geworden (s. § 6. 4), so kann die Entscheidung, 
wann eu, wann ou stand, getroffen werden: a) durch 
gleichgebildete Wörter solcher verwandter Sprachen, die 
eu und ou auseinander gehalten haben, z. B. tubb lieb 
got. Hubs = *l€ubhos; b) aus dem Slavischen selbst. Es 
gibt eine Anzahl Fälle, in denen die verwandten Sprachen 
eu haben und das Slavische vor seinem u palatalen Kon- 



14 Lautlehre. [§ 17. 18. 

sonanten zeigt, vgl. l'^^h^ got. liuhs = *leuhhos, l'ndhje plur. 
Leute ahd. liui'i (iu = eu), hl'uäq für *b'u(lq beachte, he- 
wahre= *tÄe?^(f;i-, vgl. 7Teu&eTai(s. Job. Schmidt KZ.23,352 f.; 
Berneker, Von derVertretung des idg. eu im baltisch-slavischen 
Sprachzweig, IF. 10, 145 f. ; Zupitza, Die germanischen Guttu- 
rale, 145, Anm. 1; KZ. 40, 250 f.). Man kann daher 
den Schluß ziehen, daß überall eu anzusetzen sei, wo dem 
u ein palataler Konsonant vorangeht und kein Grund 
vorliegt, daß urspr. Konsonant + j vor eu stand; z. B. 
cuti fühlen, swm Geräusch, zupiste Grab, stuidh fremd, sujb 
link, vgl. ai. savyas = *seuios, ruti brüllen (zu üu-pOoiiiai). 
Wenn in gleichartigen Bildungen kein palataler Konso- 
nant steht, z. B. 2)luii schiffen, sluti heißen, so kann das 
durch Ausgleichung mit Formen erklärt werden, die keinen 
Palatal hatten, präs. plovq slovq. Nämlich das hetero- 
syllabische idg. ey, (ev^ vor Vokalen) erzeugt keine Pala- 
talität des vorangehenden Konsonanten, vgl. plovq = TrXe/iu, 
slovo =^ Kkifoq, zovq (zu z^vati rufen) = *ghev-^ novz = 
ve/bq, n. pl. synove = '^süneves. Wenn vereinzelt Palatalität 
vorkommt, so 7''evq zu r'uti neben rovq (ruti), so kann 
dies für r'ovq stehen und r aus r'uti übertragen sein. 
Daß e in altem ev den vorhergehenden Konsonanten nicht 
palatalisiert hat, stimmt mit dem sonstigen Verhalten des 
e in andern Verbindungen überein; der Hergang der 
Wandlung des eu in ein palatalisierendes ou (Vorstufe 
des w) ist nicht klar. — Für idg. eu steht ebenfalls w, 
falls die Beispiele sicher sind, loc. sg. der u-Si. synu = 
*süneu, aor. sluch^ (zu shäi) vgl. ai. asräusam. Das hetero- 
syllabische ey (ev) geht nicht in %v *äv über, vgl. sev-er^ 
Nord lit. sziaufys. 

B. Ablaut und Ablautsreihen. 

18. Ablaut ist der idg. Vokalwechsel innerhalb einer 
Gruppe zusammengehöriger, zu einer Wurzel bezogener 
Wörter. Man unterscheidet qualitativen und quanti- 
tativen Ablaut. Der qualitative (auch Abtönung ge- 
nannt) besteht in dem Wechsel verschiedener Vokalfär- 



§ 18.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 15 

bungen ohne Quantitätsveränderung, z. B. e — o, ei — oi, 
e — öy a — usw. Die Ursache dieses Wechsels ist un- 
bekannt. Der quantitative Ablaut (auch Abstufung' 
genannt), dessen Ursache Betontheit oder Unbetontheit der 
betreffenden Silbe ist, besteht einmal in dem Wechsel von 
Länge und Kürze, z. B. e — e, o — ö usw., ferner in dem 
Wechsel von Vokalschwund oder reduziertem Vokal {o, Schwa) 
mit vollem Vokal, endlich in dem Wechsel einer zweisilbigen 
Basis mit einer durch Reduktion entstandenen einsilbigen 
(Wurzel), vgl. z. B. ai. hliütas (seiend) mit hhavi-tum (sein) 
aus idg. *bheve-tum. Dabei pflegt man die Silben mit den 
qualitativ wechselnden Vokalen (e — o, ei — oi, e — ö 
usw.) als Vollstufe zu bezeichnen; Silben, die den voll- 
stufigen gegenüber als reduziert erscheinen, heißen Reduk- 
tionsstufen (Schwundstufe bei völligem Verlust des 
Vokals), Silben mit Dehnung einer der vollstufigen Vo- 
kale heißen Dehnstufen. Verbindet man qualitativen 
und quantitativen Ablaut einer bestimmten zusammen- 
gehörigen Wortgruppe, so erhält man die sogenannte Ab- 
lautsreihe dieser Gruppe. Vereinigt man alle beobacht- 
baren Ablaute derjenigen W^ortgruppen, die gleiche Voll- 
stufe haben, so bekommt man die sozusagen ideale Ab- 
lautsreihe, d. h. den überhaupt in der Sprache von der 
Grundlage eines bestimmten qualitativen Ablauts möglichen 
Vokalwechsel. 

Der Ablaut ist in der idg. Periode abgeschlossen 
und entwickelt sich in der Geschichte der Einzel- 
sprachen nur insofern weiter, als nach dem Muster 
des in bestimmten Wortgruppen vorhandenen Wechsels, 
z. B. von e und o, derselbe Ablaut in einer andern Gruppe, 
die in älterer Zeit etwa keine Form mit o entwickelt 
hat, eine solche auf dem Boden der Einzelsprache neu 
geschaffen sein kann. Solche Fälle werden indes über- 
all selten sein. Zu den Fällen der Reduktionsstufe, die 
der idg. Ursprache angehören , können in den Einzel- 
sprachen durch deren besondere Betonungsverhältnisse 
neue Fälle hinzukommen; auch treten durch Ausgleichung 



16 Lautlehre. [§ 18. 19. 

Formen mit Reduktionsstufe auf, die ihrer ursprünglichen 
Betonung nach Vollstufe haben sollten, z. B. das slav. 
Supinum byth = *hhitu-m widerspricht ai. bhavitmn, idg. 
*bhevetum und hat die Vokalstufe des Infinitivs hyti an- 
genommen. Solche Ausgleichungen gehen z. T. sicher in 
idg. Zeit zurück. Dehnungen sowohl alter kurzer Voll- 
stufenvokale wie alter reduzierter Vokale sind in den 
Einzelsprachen, so namentlich auch im Slavischen, häufig 
zu beobachten. Man kann sie, wenn ^uch die Ursache 
z. T. in indogermanischen Verhältnissen liegen mag, doch 
nicht mehr in ihrer Gesamtheit auf idg. Dehnstufe 
zurückführen. 

Es gehen daher die in den Einzel sprachen beobacht- 
baren Ablautsreihen nicht rein in die als indogermanisch 
findbaren oder theoretisch geforderten auf. Da überdies 
die Ursachen des Ablauts in den Einzelsprachen wegen 
der mannigfach veränderten Betonung und aus andern 
Ursachen nicht mehr überall zu sehen sind, könnte 
der Versuch, die einzelsprachlichen Reihen im ein- 
zelnen mit den indogermanischen in Verbindung zu 
setzen, nur gelingen in einer Gesamtgrammatik des ganzen 
idg. Sprachstammes, aber nicht bei der Behandlung einer 
Einzel spräche. Deshalb ist im folgenden so verfahren, 
daß von bestimmtem Vollstufenvokal aus die im Slavischen 
(Altbulgarischen) tatsächlich beobachtbaren Vokalwechsel 
ohne weitere Erklärung gegeben werden. Die Beispiele 
beschränken sich auf den Vokalwechsel in den Wurzel- 
silben. 

Über den Ablaut im Altb. handelt A. Meillet, Les 
alternances vocaliques en vieux slave, MSL. 14, 193 — 209; 
332—390. 

19, Vollstufenvokal e o nicht in Verbindung 
mit folgenden i u n m r l, also vor Verschluß- und 
Reibelauten. Alles zusammengefaßt, ergibt sich der Wechsel: 
— h e e a (= ö) i. Voller Schw^und des Vokals ( — ) 
ist nur vereinzelt beobachtbar, die Reduktionsstufe als b 



§ 19. 20.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urelav. und idg. 17 

ist selten; wo sie in der Formenbildung nach ursprüng- 
licher Betonung zu erwarten wäre, erscheint e. 

s-qth sie sind, sy, St. s-qt-, part. pr. seiend zu j-es-mh ich bin. 
shd^ gegangen (=*ckhdh), chod^ Gang choditi gehen, pri- 

chazdati (= ^-chadjati) herbeikommen, u-sidh m. 

Flüchtling. 
in)-nhz-nqti einstecken, v^noziti dass. nozb = *nozjh Messer, 

pronizati durchstechen. 
thci 2. imper., tekq ich laufe, tokh Lauf, Strom fociti gießen, 

1. sg.aor. tecki= *tek-som, pri-tekati iter. herbeilaufen, 

ras-takati iter. auseinandergießen. 
rhci 2. imper., rekq ich sage, pro-rokb Prophet, 1. sg. aor. 

rech^ = *reksom, pre-rekati iter. widersprechen, na- 

ricati iter. benennen. 
grehq ich rudre (po-grebq begrabe), grohh Grab, pogrebati 

iter. begraben, grahiti rafifen (rauben), pogribati iter. 

begraben. 
lesti = Hegti sich legen lezaü = Hegeti liegen, prilog^ Beilage 

hze = *logje Lager loziti legen, na-legati iter, sich 

darauf legen, na-lagafi iter. darauf legen. 
vedq ich führe, voje-voda Heerführer voditi iter. führen, 

1. sg. aor. ves^ = *vtds(ym, pro-vazdati = *-vadjati 

iter. geleiten. 
pletq ich flechte, plot^ Zaun (Geflecht), sh-pletati iter. zu- 
sammenflechten, s^'pl^tat^ dass. 
cez-nqti verschwinden, is-cazati iter. = *-kezati, prokaza 

(Schwund) Verderben prokuziti (schwinden machen) 

verderben. 

20. Vollstufe e o vor r l, n m. 

I. Vor r l: 1. vor r l mit folgendem Vokal (vor heterosylla- 
bischem r l). Völliges Schwinden des Vokals ist in Wurzel- 
silben nicht beobachtbar, vereinzelt noch in Suffixen zu 
sehen, z. B. St. hhrater- Bruder sl. bra-tr-hy sestra Schwester 
für *sesra zu St. seser- (vgl. lit. sesü gen. sesefs). Regelmäßige 
Reduktionsstufe ist h; Dehnungen sind a (= ö), i. — 2. vor r l 
mit folgendem Konsonanten (vor tautosyllabischem r t). 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. 2 



18 Lautlehre. [§ 20. 

Dehnungen sind hier ausgeschlossen, weil vor zwei Kon- 
sonanten nicht gedehnt wurde. Die möglichen Fälle sind: 



ursl. 


hr 


er 


or 


ab. 


r 


rS 


ra 


ursl. 


hl 


el 


Ol 


ab. 


l 


U 


la. 



Derartige Wechsel von re ra^ le la im Altb. sind also 
nicht aufzufassen als Ablaut e — a, sondern stets zurück- 
zuführen auf e — 0. Über die Metathesis er — re usw. 
8. § 53. 

II. Vor n m: 1. vor n m mit folgendem Vokal (he- 
terosyllabischem n m)\ Redu^tionsstufe ist b, Dehnungen 
a (= ö), 1. — 2. vor n m mit folgendem Konsonanten (vor 
tautosyllabischera n m). Da im Slavischen idg. n m und 
idg. en em vor Konsonanten beide zu e werden (s. o. 
§ 12. 1, 2), on om zu a, kann der Ablaut nur bestehen 
in ^ — q. 

Wechseln in einer Wortgruppe Stellungen von r l, 
n m vor Vokal und vor Konsonant, so kommen die 
Lautgestaltungen unter I. 1 und 2, IL 1 und 2 darin 
nebeneinander vor. 

Beispiele. 

Zu I. 1: bhrati sammeln, herq ich sammle, sTrborb Ver- 
sammlung, s^-hirati iter. versammeln. 

phreti Sf sich streiten sq-ph/h Gegner im Streit, vT>S'por-ivh 
streitsüchtig, prepirati iter. überreden (im Disput). 

vhreti sieden, lit. v&-du ich koche, iz-var^ Sprudel, Quelle, 
varz Hitze variti kochen trans. 

Zu I. 2 : *vhrg^ vrgq ich werfe, inf. *vergti vresii, *iz-vorg^ 
iZ'Vragz Auswurf. 

*sthrg^ pt. prät. a. strgi, ^sUrgg stregq ich bewache, *storjsa 
= *storgja straza Wache. 

*vhrz^ ich binde vrzq^ inf. *versti vresti, *po'Vorz^ pO'vraz^ 
Band. 



§ 20. 21. j Die Laure und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 19 

*vijlk7j pt. prät. a. vlhj (lit. vilkes), "^velko viekq ich ziehe, 

'''oholko für "^oh'volko (Cmziehung) ohluko \\'olke. 
*(bIko Ükn ich stoße, inf. "^telkti tiesti, ^tolciti tlaciti nieder- 

schlagen. 

1 . und 2. verbunden : 
pbrq ich stütze, inf. "^perti preti, pochporo Stütze, o-pArati 

iter. stützen. 
mbra ich sterbe. *So-mw'fh s^â– mrth Tod, inf. *merti mreti, 

Mon, das Sterben moriti töten, u-mar ati iter. töten, 

u-mirati iter. sterben. 
raskihra = *raz-skvbro ich schmelze, inf. -^skverii -skvreti. 

skiara Dampf. 
zorefi schauen, po-zor^ Anblick "^zorkb zrako Blick, zara 

Glanz, na-zirati iter. betrachten. 
aibrq ich breite aus, inf. "^sterti streti^ *storna strana Seite, 

pro-stirati iter. ausbreiten. 
*ti/brdz turdh fest, lit. tveriü ich fasse, pri-tvorh Umfassung, 

Ummauerung tvoriti machen, tvarh Geschöpf, s■^- 

fvar'afi iter. machen. 
Zu iL l:*zem = *geno ich treibe, jage (inf. gonati mit 

abweichendem Vokal), iz-gom Austreibung goniii trei- 
ben, pjro-ganati vertreiben. 
Zu II. 2: 7H€'to ich rühre um, verwirre, s•^-/«<^f^ Verwirrung 

niqtiti in Verwirrung bringen. 
hl^dq ich irre intr. h^db Irrtum, hlqdo lenocinium. 
l^kq ich biege, Iqkh Bogen. 
1. und 2. verbunden: 
zvbneti tönen, zveki Ton, zvom zvqkb Ton. 
na-cbnq ich fange an, inf. na-ceti, is koni von Anfang 

konbcb Ende, na~cinati iter. anfangen. 
pjhnq ich spanne, inf. pe-ti, o-pona Vorhang pn-to Fessel, 

pro-pinati iter. kreuzigen. 

21. Vollstufen idg. ei sl. i, idg. oi sl. e; Reduktions- 
stufe idg. i sl. fc; Dehnung ?, das also im Slavischen mit 
i = ei zusammenfällt. Kommen ei und oi vor Vokale 
zu stehen, sc müssen sie als ej sl. hj (s. § 11. 4), oj sl. 
^•benso ^-rscheinen; in diesem Falle kann Dehnung ej el. 

2* 



20 Lautlehre. [§21.22. 

ej, öj sl. aj stattfinden. Also die Möglichkeiten des Wech- 
sels sind: 1. vor Konsonanten h i (= f und = ei) e; 
2. vor Vokalen hj (= Auflösung von i vor Vokalen in 
ij und = ej) oj ej aj. Die Beispiele müssen z. T. aus dem 
Litauischen ergänzt oder erläutert werden. 
Beispiele zu 1 : svbnqti (= *svht-nqti) aufleuchten lit. szvintü 
szvhti, lit. szveczu = *szvefju ich leuchte, szveiczü ich 
putze, sveth Licht vgl. lit. szvaisä = *szvaitsa Licht- 
schein, svitati iter. aufleuchten. 
hp-nafi ankleben intr. lit. limpü l^pti, dXeiqptu, lepiti trans. 
kleben lettisch pe-laipe Anback am Brote, vgl. d\oi(pr|, 
pri-lipati iter. ankleben intr. 
lit. mlsz-ii sich vermischen, mesiti lit. maiszyti mischen, 
lett. sk'idrs dünn, cistb rein lit. skystas dünnflüssig, cestiti 
(= *koi-) seihen lit. skäidyti trennen lett. skaidit ver- 
dünnen. 
Zu 2: gni-ti faulen, gnoj-h Eiter, 
lit. bijöti-s sich fürchten , lit. bajüs fürchterlich bojati s^ 

sich fürchten. 
li-ti gießen (vgl. lit. leti), hjq ich gieße, Ihjati inf., loj-h 

Talg, präs. lejq (zu Ihjati). 
pi'ti trinken, na-poj-h Trank pojiti tränken, na-pajati iter. 
ri-nqti stoßen, drängen, rejq rejati stoßen, roj-h Schwärm 

(Bienen) na-roj-h Impetus. 
smhjati s^ lachen, präs. smejq sp, sme-chh Gelächter. 

Wenn von der gleichen Grundlage aus altes oi bald vor 
Vokalen bald vor Konsonanten erscheint, muß bald oj, 
bald e stehen, vgl. poj-q ich singe, pe-ti singen. 

22. Vollstufen idg. eu sl. u u, ou sl. u; Reduktions- 
Btufe idg. u sl. 2»; Dehnung ü sl. y. Wenn altes eu ou 
vor Vokale zu stehen kommt, erscheinen ev sl. ov, ov 
sl. ov; in diesem Falle kann Dehnung Sv öv, sl. ev av 
stattfinden. Die möglichen Wechsel sind also: 1. vor 
Konsonanten z y u; 2. vor Vokalen 2. (^v) ov ev av. 

Beispiele zu 1 : 
s^yq ich schütte, inf. suti = *seupti (vgl. *merti ab. mreti 
zu mhrq, cisti = *keisH zu chtq), sypati schütten. 



§ 22 — 24.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 21 

b^nqt^ = *h^dn- erwachen, l^deti wachen lit. hundü husti 

htule'ti, huditi wecken preuß. et-bmuHnts auferweckt, 

v^z-hydati iter. aufwachen. 
duh-nqti aufatmen, ditchz Atem, Geist dnsa Seele lit. 

daüsos plur. Luft, dychati atmen. 
ST>ch'nqti intr. trocknen lit. susü süsfi, such^ trocken, lit. 

saüsas, -sychati iter. trocknen. 
v-yknqfi lernen, twiti lehren. 
Zu 2: krbvem verborgen, kryti decken, bergen, krov'^ 

Dach. 
rbvq r^vati raufen, ryti graben, rov-h Graben. 
plyti (russ. plyt\ serb. pliti) schwimmen, schiffen, ab. inf. 

pluti präs. plovq vgl. TiXe/uj, plavati schwimmen. 
zhvati rufen, präs. zovq, pri-zyvati iter. herbeirufen. 
Zu ev vgl. severb Nord mit lit. sziaurys. 

Wenn in der betreffenden Wortgruppe altes eu ou 
bald vor Vokal bald vor Konsonant steht, so erscheint u 
neben ov, z. B. slyti (russ.) heißen, slysati = *slycheti hören, 
sluti heißen präs. slovq, slovo Wort vgl. KXe./bq, slava 
Ruhm. 

23. Ablautsreihen, bei denen die Vollstufe nicht 
e — ist, sind im Slavischen sehr spärlich vertreten und 
spielen in der Wortbildung eine so geringe Rolle, daß es 
genügen mag, wenn die vorkommenden Wechsel in ihrer 
slavischen Gestalt hier einfach ausgeführt werden: e — a 
(d. i. e — d), lezq ich schreite, steige, laziti iter. iz'lazz 
Ausgang; o — a, stojq stojati stehen, sta-ti stanq sich stellen; 
^ — 0, dimq dqti blasen; o — e, doja dojiti säugen, detp 
Kind. 

C. Die Entwicklung der Vokale in der 
altbulgarischen Überlieferang. 

A4. Die Darstellung des Vokalismus in den Ab- 
schnitten 5 — 23 gibt dessen älteste normale Gestalt, wie 
sie aus den altertümlichen altbulg. Quellen teils unmittel- 
bar entnommen, teils erschlossen werden kann. Dabei 
sind also unberücksichtigt geblieben Veränderungen, die 



22 Lautlehre. [§24. 

eine fortschreitende Entwicklung der Sprache im 9., 10., 
11. Jahrh. mit sich gebracht hat, ferner etwaige Einflüsse 
verschiedener ab. Dialekte auf die Sprache unsrer Denk- 
mäler. Eine genaue Darlegung der Eigentümlichkeiten 
der einzelnen Handschriften in diesen Beziehungen liegt 
nicht im Plan dieses Buches. Hier sollen nur in einer 
allgemeiner gehaltenen Übersicht die Abweichungen von 
der alten Norm angegeben werden. 

I. Die Vokale a e i o u r 1 erleiden in der Gruppe 
der gewöhnlich als altbulgarisch (altkirchenslavisch) ange- 
sehenen Quellen so gut wie keine Veränderungen; e fällt 
in den glagolitischen mit 'a zusammen, in den kyrillischen 
sind die beiden Laute geschieden geblieben (s. § 7 Anm.). 

II. y bleibt ebenfalls fast ganz unberührt, nur hie 
und da kommt ein Fall des später allgemeinen Überganges 
in i vor, z. B. Hha für rijba Fisch. 

III. f, q. Die Bewahrung dieser Vokale als nasalierter 
und beider an ihren richtigen, d. h. ursprünglich ihnen 
zukommenden Stellen bildet ein Hauptkriterium der noch 
im altertümlichen Sprachzustande erhaltenen Denkmäler. 
Es trifft das z. B. bei den Codd. Zogr. Sav. Supr. auch fast 
vollständig zu. Unsere Handschriften fallen aber z. T. in 
eine Zeit, wo die Nasal vokale teils unter bestimmten laut- 
lichen Bedingungen miteinander vertauscht waren, e für 
q, q für §, teils ersetzt waren durch nicht nasalierte Vo- 
kale, q durch n oder o, § durch e. Diese Entwicklung 
ist in größerem oder geringerem Grade in die Hand- 
schriften gedrungen, z. B. a für ä: nitAVAiuTH st. h.'ikyaiiith, 
noMiTSAT-K st. noMixi^Ti; & für i: CTOt&iUTÄt& st. CTouiUT&iä; 
oy für Ski MHHoyBiuiov st. mhhai^b'liijov, kjixovuito^ st. kaxü^uito^; 
für Ä (im Psalt. sin. häufig): noTb für iiäti», AOKk 

statt AMkK'h. 

IV. Die stärkste Entwicklung und Umbildung hat 
stattgefunden bei den sogenannten Halbvokalen i, h: 

1. Ursprüngliches h vor Silben mit nichtpalatalem 
(hartem) Vokal bleibt erhalten, ebenso ursprüngliches h 
vor Silben mit palatalem (weichem) Vokal, z. B. z^vat^ 



§ 24.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 23 

hkati, zhreti mhneti. Dagegen erscheint h vor einer Silbe 
mit palatalem Vokal in 6 gewandelt, h vor einer Silbe 
mit nichtpalatalem Vokal in o. Diese als Vokalumlaut 
angesehene Wandlung ist in keiner Quelle — alle in Be- 
tracht kommenden Fälle jener Stellungen zusammen- 
genommen — auch nur annähernd durchgeführt. Bei- 
spiele seien hier aus dem Cod. Zogr., der sonst die Halb- 
vokale getreu in alter Weise bewahrt, angeführt: 7> vor 
weichen Silben zu b, z.B. a*»k* f- 2, vgl. A^in na., ^k.it 
adv. böse, vgl. g. sg. adj. t^'lm. EbA^Tii wachen (lit. budeti, 
also ursprünglich sicher h) st. biä^th. Bb i.u in mich, 
Kk:;B€CTH heraufführen, die ursprüngliche Form der Präpo- 
sitionen ist ii> vhz-; b vor harten Silben zu b, z. B. 
Tina st. TkMj Finsternis, mi^a^ st. Mk^^^ Lohn, ^ia^th 
bauen st. :5bA:»TH (vgl. Präs. zizdq), Btft'LHA fem. st. KtpbHS (m. 
verbYio) ; regelmäßig so in dieser Quelle die Infinitive EipATH. 
A'Lp:iTH, ^lAÄTH, ntpiTH. CTL.'^aTH, die überall ursprünglich in 
der Wurzelsilbe 6 als Ablaut von e hatten : RbpjTH usw. (so 
in den altrussischen kirchenslavi sehen Denkmälern regel- 
mäßig). Es ist sehr zweifelhaft, ob dieser Umlaut vor- 
handen war zur Zeit der ersten schriftlichen Fixierung 
des Dialekts, in dem zuerst von Kyrill geschrieben 
wurde. 

2. Nach den palatalen Konsonanten s z c st zd wird 
in mehreren Denkmälern (nicht im Zogr.) in größerer 
oder geringerer Ausdehnung o für ursprüngliches b ge- 
setzt, z. B. Hjnui St. Hiuib unser, iuia'^ st. uibAX gegangen, 
rptuiibHHK'L st. rptiubHHK'L Süuder, iMhTti'h st. MÄ3;b Mann, yito 
st. YbTO was, A^JKAi st. ^^^R^^, gib. 

3. Im Verlaufe der Zeit von den Anfängen der Lite- 
ratur bis in die Periode, aus der unsre Handschriften 
stammen, trat der Abfall der Halbvokale im Auslaut, ihr 
Ausfall in offnen (d. h. selbst mit b, ^ auslautenden) Silben 
ein. Im Auslaut werden ^ und h trotzdem immer ge- 
schrieben, und diese Gewohnheit hat sich alle Jahrhun- 
derte fortgesetzt (wie sie auch jetzt noch in der russischen 



24 Lautlehre. •[§24. 

Schreibweise herrscht), nur steht häufig ^ statt ursprüng- 
lichem *, z. B. iccMi ich bin st. iccMb, ^MXh ich werde geben 
8t. ASMk* i- 8g- MJpOAOMi, st. -Mh ZU uaroch Volk. In innern 
Silben dagegen bleibt der nicht mehr gesprochene Vokal 
oft auch ungeschrieben, z. B. mnofl st. MiHon viel, ncaiH 
St. HkCATH schreiben, BpiTH st. EbpsTH sammle, kto st. kito 
wer, KiHFA st. KiiiHrA Buch, knhxyhh st. KiHHrLYHH Schreiber, 
KNA^k st. K'LHJi:^b Fürst, MH« st. MkHi mir. 

4. Wenn durch Ab- oder Ausfall von *, h eine vor- 
hergehende, ebenfalls mit 2., 6 versehene Silbe geschlossen 
(konsonantisch auslautend) wird, so kann aus dieser ^, h 
nicht ausfallen. In der Zeit, in die unsre Handschriften 
fallen, traten für die so erhalten gebliebenen Halbvokale 
z. T. volle Vokale ein, e für h, o für ^. In allen Denkmälern 
kommt e für solches b vor, z. B. fi^enh d. i. den für dhn 
aus dhtih, OTei|b d. i. otec für otbc aus o^fect, n^^Te^ d. i. 
pqtech für pqthck aus pqthch^, t6Mhhi|A temnica aus tbmnica 
für ^WMjnica. Die Vertretung von z> durch o ist in einigen 
Quellen (so Zogr., Sav., Supr.) ganz spärlich, in andern 
(so Mar. Psalt.) häufiger, z. B. (hbo-tl d. i. rabo-t aus rcibh 
tb 6 öoöXoq ^Keivo<;, hayatoki d. i. nacetok aus nacptbkb, 

MNBk d. i. loi aus l7)£h, 

5. Wenn aus der Lautfolge Vokal -{- j -\- h das h 
schwindet, so entsteht in der nunmehr durch j geschlos- 
senen Silbe aus der Verbindung des Vokals mit j ein Diph- 
thong, z. B. krajh Stand kraj^ gnojh Eiter gnoj^ dostojtna f. 
würdig dostojna. Die Sprache, die von urslavischer Zeit 
her keine Diphthonge mehr besaß (s. § 43), gewinnt sie 
80 von neuem. 

Über die Verhältnisse bei ^, h vgl. Jagic, Studien 
über das Zographosevangelium ASPh. I, II; §(5epkin, Raz- 
suÄdenie o jazykö Savvinoj knigi (St. Petersb. 1899); Verf., 
Noch einmal z und t in den altkirchensl. Denkmälern, 
ASPh. XXVH; Die Vokale ^ und h in den Codices 
Zographensis und Marianne, ebd. ; Die Vokale z und h im 
Cod. Suprasliensis, ebd. 



§ 25. 26.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. and idg. 25 

Die Nasale n, m {n w, m m). 

Ä5. Vor Konsonanten kann weder n noch m 
stehen, da urslavisch die Verbindungen Vokal -|- Nasal 
vor Konsonanten stets zu q e y i geworden waren (s. §§ 8, 
12, 15 V, 16. 4). Wo in der altb. Überlieferung ein Nasal 
vor Konsonant steht, kann er nur durch Ausfall von ^ 
oder h an diese Stelle gekommen sein (s. § 24 IV 3, 4), z. B. 
ostanka octahkx für ostamka (g. sg. zu ostamkb Überbleibsel). 
Im Wortauslaut sind «, m entweder abgefallen oder 
haben mit vorangehendem Vokal einen Nasalvokal ergeben, 
z. B. nosth a. sg. = *nokti'm, ienq a. sg. = *genäm (s. § 49 
II, 1 — 5 das Nähere). Vorher war auslautendes m in 
n übergegangen; erkennbar ist das u.a. noch aus der 
alten Verbindung der Präposition s^ (mit) aus *s^m {*som-j 
vgl. sq-log^ Gatte aus *som-logo-s) mit vokalisch anlautenden 
Wörtern, wobei das n als nicht auslautend erhalten bleiben 
konnte, z. B. s^n-iti se zusammenkommen, s^n'^eti zusammen^ 
nehmen. Es können also n, m nur stehen im Wortan- 
laut, z. B. nenn, neu vi/bq, 7ti€l'q ich male lit. malü, 
zwischen Vokalen, z. B. syn^ lit. sünics Sohn, zima lit. 
zemä Winter, und nach Konsonanten vor folgendem 
Vokal, z. B. gniti faulen, tbknqti stoßen. 

Die Verbindung von n, m mit ursprünglichem 
j ergibt n m {ml\ s. § 39. 1, 5), z. B. inf. stenati seufzen 
3. präs. *sten-je-tb ste-ne-th, *zem-ja Erde zema (zemVa). Im 
Woftanlaut kommt m gar nicht vor, n ganz vereinzelt. 
niva Acker; n rh stehen also nur zwischen Vokalen; ers'^ 
in der Periode des Ab- und Ausfalls von ?> (s. § 24 IV 
3, 4) können sie in den Wortauslaut und vor Konso- 
nanten rücken, z. B. kon für konh, dondeze für donhdeie bis. 

Die Liquidae r l (r r, l t). 

Ä6. Das ab. r ist das gerollte Zungenspitzen-r; ob l 
den Laut des sogenannten gutturalen i hatte (wie das 
heutige russische) oder den des sogenannten mittleren, 
des normalen deutschen l, läßt sich nicht sicher aus- 



26 Lautlehre. [§ 26. 27. 

machen. Die Liquidae können nur stehen im Wortan- 
laut, z. B. 7'yba Fisch, kkq ich biege, zwischen Vokalen, 
z. B. bei'q ich sammle, kolo Rad, nach Konsonanten vor 
folgendem Vokal, z. B. kroh)h> sanft, bzdii> wach, pktq 
ich flechte, 7nbgla Nebel. Ursprüngliche Stellung vor 
Konsonanten ist im Altb. durch Metathesis oder Ent- 
stehung vor r 1 aufgehoben, z. B. '^porcli^ prachh Staub, 
*velkg vlekq ich ziehe; *vbrgp vrgq ich werfe, "^thlkp tlkq 
ich stoße (s. §§ 53 und 55). Wenn in ab. Überlieferung 
r, l vor Konsonanten stehen, so sind sie stets durch Aus- 
fall von ^ oder h an diese Stelle gekommen, z, B. umhrse 
pl. gestorben für unibrise. 

Aus der Verbindung von ?•, l mit ursprüng- 
lichem j entstehen r', l\ z. B. inf. orati pflügen 3. präs. 
*or-je-tb o-r'e-th, inf. s^lati 3. präs. *s^l'je-th s^-l'e-th. Sie 
können stehen im Anlaut, z. B. r'uti brüllen, Vub^ lieb, 
zwischen Vokalen, z. B. posfel'a Bett, mor'e Meer, nach 
Konsonanten vor Vokal, z. B. s^^matr'aü betrachten, 
ptbvati speien ; vor Konsonanten aber nur in späterer Periode 
nach Ausfall von h (s. § 24 IV 3, 4), z. B. hol'sa für boVbsa 
gen. comp, größer. — Im Altb. (wie im Serbischen, Sloveni- 
schen, Russischen) tritt für die ursprünglichen Lautgruppen 
p-j, h-j, m-j, v-j ein pl\ bt , ml\ vi' (s. § 39. 5), z. B. kapl'a 
Tropfen = *kap'ja (vgl. kajjati tropfen); dobl'b tapfer = 
*dob-jb (vgl. dob-rb gut), zemta Erde = *zem-ja, vgl. lit. 
teme, 1. präs. lovl'q = *lov-jq zu loviti jagen. 

Die Verschlußlaute. 

27. Die indogermanischen Verschlußlaute: 



1. labial p 


b 


hh 


2. dental t 


d 


dh 


3. guttural , 

(velar) 

4. labio velar k^: 


9 

9"^ 


gh 

gVih 


5. palatal k 


9 


gh 



haben im Sla vischen starke Umbildungen erlitten. 



§ 27.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 27 

Von diesen Reihen sind im Slavischen 3 und 4 
in rein velare (gutturale) zusammengefallen; 5 in Reibe- 
laute (s-Laute) übergegangen. Die Mediae aspiratae haben 
die Aspiration verloren. 

Die von der vergleichenden Grammatik angesetzten 
Tenues aspiratae ph th usw. sind unberücksichtigt ge- 
blieben, da im Slavischen nur ganz vereinzelte Beispiele 
ihrer Vertretung (duich nicht aspirierte Tenues, vgl. viefetb 
er rührt um mit ai. manthati) nachweisbar sind. 

Demnach ergeben sich (zunächst betrachtet ohne 
Rücksicht auf die im Slav. eingetretenen Palatalisierungen : 
k zu c, g zu. z usw.) folgende Entsprechungen: 

I.Labiale: idg. ^; b bh 

griech. tt ß <P 

lit. p b 

slav. p b, 

z. B. pluti lit. plduti TrXeuu ; für idg. b fehlen ganz sichre 
Beispiele, vielleicht bol'hjh besser zu ai. balam Stärke, lat. 
de-bilis schwach; byti sein lit. bidi q)uuj ai. bhü. 

2. Dentale: idg. / d dh 

griech. t b d 

lit. / 1 

slav. / d, 

z. B. tesati behauen lit. taszyti vgl. leKToiv, Formans -fi- 
pa-mf'th Gedenken lit. at-min-üs lat. menti- {mens); jadq 
(= *edq) ich esse lit. edu eöuj, dati geben lit. diYti öi-buu-|it; 
deti stellen, legen lit. deti li-^ri-.ui, dymh Rauch lit. pl. 
dümai ai. dhüma-s. 

3. Gutturale (velare); 4. Labiovelare: 



3. idg. 


k 


9 


9^ 


griech. 


K 


T 


X 


4. idg. 


Ä-'i 


9'^ 


g'ih 


griech. 


n 


ß 


.q> 




(T 


b 


^), 



zusammenfallend in 



28 Lautlehre. [§ 27—29. 

lit. k g 

slav. Je g, 

z. B. kr^vb Blut lit. krüvinas blutig kraüjas Blut, vgl. 
Kpe^aq; kbto wer lit. käs got. Ivas, lit. ZeÄfi lasBcn ätlaikas 
Rest ab. otb-lekh dass., vgl. Xeiiriu XoiTrö(;; — i^o = *j^go 
Joch lit. jüngas lat. jugum Ixj-xöv ; itr^ = *y!)r- ich fresse 
lit. geriü trinke ßopd Fraß ; sena = *genä Frau preuß. genä 
got. ^»io; — mfegr/a Nebel lit. niiglä gr. ö-juixXri ai. megha-s 
Wolke, sneg^ Schnee lit. snegas acc. viqpa got. snaiws. 

Dem so entstandenen urslav. Bestand der Verschluß- 
laute p by t d^ k g entspricht der altbulgariscbe, ab- 
gesehen von den besonderen lautgesetzlichen Verände- 
rungen. 

Die Vertretung der Reihe 5 s. § 29. 

Die Reibelaute j v, s z, ch, s s, § i. 

Ä8« Die urslavischen Reibelaute j v, s z, ch, 
s z bestehen ebenso im Altbulgarischen; i i sind ur- 
alavisch wie altbulgarisch keine allein vorkommenden 
Laute, sie sind nur enthalten in den Verbindungen 6 = i^, 
d'z (darüber s. § 34. 2 b). Von diesen Lauten entsprechen j (als 
solches im Slav. nur erhalten im Wortanlaut und im Silben- 
anlaut zwischen Vokalen), v dem idg. j (i), v (\t\ z. B. jum> 
jung lit. jäunas lat. juvenis, vtjq wickle lit. vejü; videti sehen 
lit. veizdeti lat. videre /iöeiv, slovo gr. KXi/b^; s z decken 
sich nur teilweise mit den gleichen idg. Lauten, sind z. T. 
slavischen (slavo-litauischen) Ursprungs, s. § 29; cÄ i i 
sind spezifisch slavische Entwicklungen. Es ist daher 
nötig, diese einzelnen Laute näher zu betrachten. 

Ä9. 1. s und z sind Vertreter der idg. Palatal- 
reihe : 



idg. 

ai. 

griech. 


k g 
s 3 
K T 


h 
X 


lit. 
slav. 


sz (d. i. 5) 
s 


;t (d. i. i) 

z 



§ 29. 30.] Die Laote und ihr Verhältnis zu den arslav. und idg. 29 

Das Litauische steht hier auf einem älteren Stand- 
punkt als das Slavische, das einst ebenfalls s- und i-ar- 
tige Laute an dieser Stelle besessen haben muß, sie aber 
schon urslav. mit ursprünglich dentalen s, z (s. 2) zusam- 
menfallen ließ. Z. B. deseth zehn lit. deszimtis ai. dasa 
b€Ka decetyi; znati kennen \ii. tinoti ai. W. Jm- "fi"TVUL»-crKiJU 
lat. co-gnös-cere ; zima Winter lit. 2emä ai. hima' xti^'juv. 
Die idg. Verbindung ks wird zu s (lit. sz), z. B. tesati lit. 
taszyti behauen ai. 3. pr. taksati; osh Achse lit. aszis lat. 
axis gr. dfHuuv. 

2. .s, z (dies nur vor g und d) vertreten idg. s, z 
(lit. s, z), z. B. shpati schlafen sTxm = ^s-bpm Schlaf lit. 
säpnas lat. somnus ai. svapnas; mhzda Lohn got. mizdö, rnozgo 
Mark ai. mazga-. 

3. s ist Rück Verwandlung von ch in s nach i e, 
wenn diese = idg. oi ai, z. B. duch^ loc. sg. duse, loc. pl. 
d^lsech^, n. pl. dusi, vgl. § 44. 1. Dies s aus palatalem 
cä' ist sicher ursprünglich palatal gewesen, .^, aber dann 
mit nicht-palatalem s zusammengefallen. — chv- vor pala- 
talen Vokalen gibt sv-, pl. vlsvi zu vlchvo Zauberer. 

4. Andre Arten z als die unter 1. und 2. genannten 
hatte das UrslaWsche nicht; in einem Teil der ab. Quellen 
ist aber ursl. dz in z übergegangen, z. B. zu hog^ loc. sg. 
hodze — hoze, n. pl. hodzi — hozi; ebenso d'z in i, z. B. 
j^d'za — j^zUj kh7ifd'zh — khri^zh. 

30. Ab. ch = ursl. ch; dies ist aus idg. s entstanden 
nach ij u, r, k, d. h. slav. nach h i (== i, ei, oi) e (= oi) 7, 
y (= ü) u (= eu, ou), doch bleibt s erhalten in der Ver- 
bindung sp st sk, ebenso wenn es aus Assimilation von 
Konsonant -f- s hervorgegangen ist. Beispiele: loc. pl. 
trh'Chh (zu tiTbje drei) lit. trisii (tri-se) Tpiai; 1. aor. li-chi 
(zu ZiYi gießen) = -^som; loc. pl. toc€ch^ (zu tokh) = idg. oi-sw 
ai. -esu gr. -oiCTi; Shch-nqti trocknen such^ trocken lit. süs-ti 
saüsas, 1. aor. hych^ (zu hyti) = -^som; *vbrch^ ab. vrchh 
Gipfel lit. virsziis, *porchi ab. prach^ Staub vgl. *phrstb ab. 
prsth dass.; 1. sg. aor. rechh (zu reka ich sage) aus *rekch^ 
für *reksom, zachh (zu zegq] aus *gekchh für *geks(ytn aus 



80 Lautlehre. [§ 30—33. 

*g€gsom. Dagegen Impa Hülse, istina Wahrheit, pustiti 
loslassen, bleskb (e = oi) Glanz, prstb Staub, 2. pl. aor. 
reste (zu rekq) für *rek-ste, cish = *keitsom 1. aor. (zu chtq). 
Vielleicht ist auch nach l das s zu ch geworden, vgl. 
*polch^ nh.plachi, doch sind die Beispiele mehr oder minder 
zweifelhaft. 

31. Wenn man das § 30 beschriebene Auftreten 
des ch als das ursprünglich lautgesetzlich regelmäßige be- 
trachten muß, namentlich da es sich mit ähnlichen Er- 
scheinungen im Arischen deckt (s. Brugmann, Kurze 
vgl. Gr. § 278), so ist doch schon im Urslavischen ck 
weit über diesen Bereich hinaus verbreitet und kann nach 
beliebigen, auch nicht palatalen Vokalen stehen, nach a 
e (= e), ebenso nach e q (also nach w, m). Die Formen, 
in denen ch nach a usw. erscheint, sind fast alle aus 
Formenreihen, in denen regelrecht 5 nach h, i usw. zu ch 
geworden war, und ist aus diesen verallgemeinert, vgl. 
z. B. loc. pl. zena-ch^ (zu sena) für *iena-s^ nach pqtbchz 
syn^ch^ tocech^; 1. aor. dach^, videch^, nesochz^ kosnqchZy 
p^chh (älter ab. noch p^s^) für *das^ usw. nach hich^, bych^, 
pechz (zu peti singen, e = oi), pluchz, tech^ (= *teksom zu 
fekq laufe), *merch^ ab. mrech^ (zu *merti ab. mreti). 

32. Außerdem steht in einer sehr beschränkten 
Anzahl von Wörtern ch im Anlaut vor Vokalen, r, ?, 
r, z. B. chod^ Gang, chytiii ergreifen, chudi> dürftig, chrotm 
lahm, c/?fe?> 6 Wasserfall, chvala Lob. Dafür fehlt es bis jetzt 
an einer sichern Erklärung. Über die vielen bei ch in 
Betracht kommenden Probleme s. Uhlenbeck, Die Behand- 
lung des idg. s im Slavischen, ASPh. XVI; Pedersen, Das 
idg. s im Slavischen, IF. V. 

33. s und i, ursl. und für die ältere Zeit auch ab. 
= / i'. 1. Das s ist stets das Produkt einer Verbindung 
von altem s-Laut (= idg. s und Jc) mit folgenden palatalen 
Elementen. Das Zusammenfallen von idg. s und k in slav. 
«, die teilweise Wandlung von idg. s in sl. ch bringt es 
mit sich, daß s sehr verschiedenen Ursprungs sein kann: 



§ 33.] Die L.iute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 31 

idg. s idg. k 




chj, ch vor e, 6, /, (= t u. ei), e (= e)§ sj 



1 
s 



Beispiele: ch + i, vgl. d^ch-nqt^ ducJa mit dtisa = 
*duchja; ch vor e usw., <i«cA^ voc. dn^e, grech^ Sünde 
greshm sündig, such^ trocken susiti trocknen, 1. aor. 7'ech^ 
3. pl. rese, mit videti vgl. *slycheti (vgl. sluch^) slysdti hören; 
s -f- j, siti nähen lit. siütiy nasi unser = *nasjh, vgl. lat. 
nos; phsafi schreiben (.s = Je) 3. sg. \)T. piseti = *pis-je-tb, 
tesati (s aus ^5) 3. präs. teseh» = *tes-je'tb. 

Über 5 in den Verbindungen st c (d. i. ü) s. 
§ 34. 1, 4. 

2. Ab. i vertritt ursl. z und f/i. a) Ursl. i ist = zj 
[z aus idg. ^ gh), also: 

idg. .(7 ,^Ä 



sl. 



I 



z. B. v^zati (vgl. oi'tx^) binden 3. präs. v^zetb = *v^z-je-tb, 
qze Fessel = *qz-je. — b) Ursl. dz geht hervor aus g -\- j 
oder g vor e, h, i (= J und = ei\ e (= e)^ e. Im Ab. 
ist daraus z geworden; nur in dem Falle, wo zg vor jenen 
Lauten stand, hat sich ein Rest des dz erhalten. Bei- 
spiele: stregq aus *stergp ich bewache straza Wache aus 
*storgja; hog^ voc. fcoie^ bozhskb göttlich, zivi lebendig lit. 
gyvas, zhdati präs. zidq warten vgl. lit. geidzü begehre; 
l^ga lege mich lezati liegen = *l€geti; zg wird zunächst zu 
zdz, daraus zdz^ ab. zd (genauer zd'), vgl. hm Lein hnem 



32 Lautlehre. [§ 33. 34. 

leinen mit mozgh Mark *mozgem *mozdzam *mozdiam 
moidam; g^nafi treiben präs. *genq (senq) mit *iz-gena (treibe 
aus) *izdzenq ^üdsem izdenq (s. § 41. 2; § 58 II, 3). 
Über z in ab. zd s. § 35. 

Die Affrikatae c, c dz, st zd. 

34. Ural, und ab. c (= ts) c (= ts), dz gehen stets 
zurück auf ursprünglich gutturale Konsonanten. 

1 . c entsteht aus kj oder aus k vor e, h, i (= i und 
ei), e (= e), ^ (s. § 39. 2; § 41. 1), z. B.prithca = *p'i-Hk-ia 
Parabel zu pri-thk-nqti; vgl. vedq vedeH führt mit tekq teceh 
läuft; voda Wasser vodhm wäßrig mit tnqka Mehl mqchm 
mehlig, po-kojb Ruhe mit po-ci-ti ruhen; pes^k^ Sand mit 
"^pes^kem peshcam sandig; telp Kalb mit otroce dem. zu 
otrokb Kind. 

Urslavisch gehörte in diese Reihe auch dz (ab. i), 
darüber s. § 33.2; § 39.2; § 41. 1. 

2. c und dz erscheinen altbulgarisch, und man muß 
annehmen auch urslavisch, nicht einheitlich: 

a) Ursprüngliches k. g werden vor e, i = idg. oi (aus oi 
und ai) zu c (ts), dz, wobei e unverändert bleibt (während die 
Verbindungen ke- ge- zu ca- ^dza- za- werden, s. § 7 II 3), 
z. B. tokb loc. sg. toce = *tokoi loc. pl. tocech^ = *tokoisu 
n. pl. toci = *tokoi; tekq 2. sg. im per. tbci 2. pl. thcete = 
*-ois '^-oite, vgl. qpepoi<; (pepoire; ceh heil got. te75 preuß. 
kailüstiskan Gesundheit; rog^ Hörn loc. sg. rodze loc. pl. 
1-odzechh n. "pl. rodzi; l^gq lege mich 2. sg. imper. ^dzi 2. pl. 
l^dzet£; dzeh heftig lit. gailüs. Die Wandlung in c, dz 
kann nicht erfolgt sein, als der folgende Vokal auf der 
Stufe oi stand, denn o wirkt nicht auf vorhergehende 
Konsonanten, es muß also ausgegangen werden von einem 
aus oi entstandenen palatalen Vokal. Diese Lautstufe 
kann aber erst erreicht sein, nachdem k, g vor alten e- 
und i-Lauten (sl. e, 6, i [= i, ei], e [= e], e) zu c dz 
geworden waren, denn bei schon vorhandenem e-fLaut 
aus oi hätte dieser auf die Gutturale in gleicher Art 
gewirkt, also c dz ergeben. Von den beiden verschiedenen 



§ 34.] Die Laute u. ihr Verhältnis zu den urelav. u. idg. 33 

Wirkungen auf die Gutturale — beide lautphysiologisch 
gleich möglich — ist die eine, c dz (i), die ältere (erste 
Palatalisierung), die andere, c dz^ die jüngere (zweite 
Palatalisierung). Gleichartige oder ähnliche Lautver- 
bindungen sind im Slavischen, wie das auch in andern 
Sprachgebieten vorkommt, in verschiedenen Sprachperioden 
nicht gleich behandelt worden. Wahrscheinlich sind ur- 
slavisch die so entstandenen c dz nicht rein dental ge- 
wesen, sondern = t'§, d'z^ d. h. in irgendeinem Grade 
palatalisiert. Wie sie im Altbulgarischen gesprochen 
wurden, ist aus der Schreibung nicht zu ersehen, da die 
Schrift für d, d'i keine besonderen Zeichen hat und an 
den Vokalbuchstaben t h die Palatalität der Konsonanten 
nicht ausdrücken kann. Wahrscheinlich waren die 
Laute hart. 

b) Andern Ursprungs müssen sein die c dz in be- 
stimmten Wortkategorien: im Formans -hch m. -ue ntr. 
•"bca fem. othch Vater, srdhce Herz^ ovhca Schaf; im Formans 
'ica f. d^vica Mädchen; in Fremdwörtern auf ^^dzh, z. B. 
Tarif dzh Fürst (vgl. Jan^gyni Fürstin ; aus deutschem kuning 
König); in einer Anzahl vereinzelter Nomina, so rnes^ch 
Mond, zajpcb Hase, lice Gesicht, polhdza Nutzen, jfdza 
Krankheit, sthdza Pfad; V von. sich talis (neben sih>)\ adv. 
nicfb nach unten; in Iterativverben von W^urzeln auf Ä, ^, 
z. B. rekq — naricati, dvignqti — dvidzati^ l^kq — Ifcati^ 
s^gnati — Sfdzati. 

Diese c dz sind zweifellos = t's, d!i^ denn nach ihnen 
werden die Vokale behandelt wie nach j und den palatalen 
Konsonanten (f usw. (s. § 47. 2), vgl. z. B. mqzh loc. mqzi mit 
othcb loc. othd, istr. mqiemh mit othcemh, a. pl. mqip mit othc^; 
ferner wenn ihnen a, q, u folgen, an welchen Vokalen 
die Palatalität des vorhergehenden Konsonanten bezeichnet 
werden kann, schreiben die Quellen ni<5ht selten z. B. 
g. s. OTki|a d. i. othöa, dat. OTiki|io d. i. othöu, a. sg. ORht|ift 
d. i. ovhöq. 

Wenn von Wörtern mit solchem ö d[i als letztem 
Konsonanten Ableitungen gemacht werden, deren For- 

Lesklen, Altbolgarlsche Grammatik. 8 



84 Lautlehre. [§ 34. 35. 

mantioii mit 6 oder i beginnen, so werden c dz behandelt 
wie k </, d. h. sie gehen in c (d)z über, z. B. srdhce — 
srdu-bm herzlich, otbcb — otbcina Vaterland, k^n^dzh — 
khueziti herrschen (doch von polbdza Nutzen pohdzhm 
nützlich), naricati — präs. 3. sg. na-iiceih = -'^rikjeiz. Der 
Vokativ der Wörter auf -hch -^dzh lautet -hce oibce wie 
von *-Ä*e, -eze k^neze wie von '*ge. 

Eine irgendwie sichre Erklärung dieser <i d'z fehlt. 
Baudouin de Courtenay (IF. IV, Einiges über Palatali- 
sierung), Brugraann (Grundr. d. vgl. Gr. I^, 291) nehmen an, 
doch unter verschiedener Formulierung, daß der Vorgang 
bedingt ist durch einen dem k g vorangehenden pala- 
talen Vokal. 

o. Die Anlautsgruppen ursl. kv-, gv- werden im Alt- 
bulgarischen (so auch serbisch, slovenisch, russisch) vor 
palatalen Vokalen zu cv-, dzv- {zv-)\ westslavisch bleibt 
kv, gv, vgl. poln. kiciat = ursl. *kveih mit ab. cveh Blume 
(r. cvet, serb. cvet cvljef, slov. cvet), poln. gwiazda = urel. 
*gvezda ab. dzvezda zvezda (r. zvezdd, serb. zvezda zvijezda, slov. 
zvczda). — c aus k auch in dem Lehnwort crky = *chrky 
Kirche aus althochd. kirickn kircha. 

35. 4. Ab. st zd, genauer s't' zd'. Ab. st kann 
sein Vertreter 1) von ursprünglichem tj (s. § 39. 3), z. B. 
svesta Licht = "^svetja (vgl. svet^); 2) von ursprünglichem 
stj (s. § 39. 3), z. B. tbsta Schwiegermutter = *tbstja (vgl. 
^65^6 Schwiegervater); 3) von skj (s. § 39. 2), z. B. 3. präs. 
plesteih = '^pleskjeiz zu pleskati in die Hände klatschen; 
4) von sk vor e, b, i [= i, ei), e (= e), § (s. § 41. 2), 
z. B. d-bstica = *dhskica dem. zu dzska Brett, hhstati = 
'^blbsketi glänzen 3. präs. hlbstih = *blbskit^, stpdeti schonen 
vgl. skqd^ kärglich; 5) von ursprünglichem kt (s. § 51 
III, 3) z. B. dhsti, vgL lit. dukte Tochter, pesti backen = '^pekti 
1. präs. pekq. 

zd kann vertreten 1) ursprüngliches dj (s. § 39. 3), z. B. 
mezda Grenze = '"^medja, vgl. lat. f. media (zu medius mitten); 
2) zdj (s. § 39. 3), z. B. pn-gvozdem = ■''''gvozdjem ange- 
nagelt, zu pi'igvozditi; 3) zg vor e, fe, i (= i, 6i), e (= ^), ^ 



§ 35 — 37.] Der kombinatorische Lautwandel. ^^ 

(s. § 41. 2), Beispiele wie auch zu 2) spärlich, weil die 
Verbindungen zd, zg an sich selten sind, razdhje (rozdije, 
razdije) = *razgbje coli, zu 7'ozga Gerte; mozdam aus Mark 
bestehend = *jnozgem zu mozgz, dr^zdhm zum Walde 
drpzga gehörig. 



II. Der kombinatorische Lautwandel. 



36. Der erste Abschnitt der Lautlehre stellte den 
Bestand der altbulgarischen Laute fest und führte die ein- 
zelnen auf ihre ältere, urslavische oder indogermanische 
Gestalt zurück. Dabei mußte oft auch Lautwandel be- 
rücksichtigt werden, der innerhalb der slavischen oder 
besondern altbulgarischen Entwicklung bedingt war durch 
verändernden Einfluß eines Lautes (z. B. j oder palataler 
Vokale) auf einen andern ihm unmittelbar vor- oder nach- 
stehenden (kombinatorischer Lautwandel). Doch konnten 
zusammengehörige Vorgänge so nicht zusammenhängend 
dargestellt werden. Im folgenden sollen daher die Laut- 
bewegungen, durch welche die endliche Gestalt der alt- 
bulgarischen Wörter bedingt ist, sowohl die bereits oben 
berührten wie die noch ausstehenden, im Zusammenhange 
behandelt werden, 

37. Die lautliche Gestalt der altbulgarischen Wör- 
ter, die zu einem großen Teil mit der für das Urslavische 
anzusetzenden übereinstimmt, beruht — vom Standpunkt 
älterer Sprachperioden aus angesehen — auf tiefgreifenden 
Veränderungen der in ihnen ursprünglich vorhandenen 
Lautverbindungen. Es sind wesentlich folgende: 

1. Wandlung aller ursprünglichen Verbindungen von 
Konsonant + Jy unter Schwinden des j als solchen, in 
palatale einfache Konsonanten oder Afifrikatae. 

2. Wandlung der Gutturale k g ch vor den ur- 
sprünglich palatalen Vokalen in palatale Reibelaute 
oder Affrikatae. 

3* 



36 Lautlehre. [§ 37. 38. 

3. Wandlung von ejt in oy, (ev in ov), von ei in ii 
(ej in hj). 

4. Monophthongisierung aller Diphthonge. 

5. Wandlung der Gutturale k g ck vor den aus 
altem oi {=oi, ai) neu entstandenen palatalen Vokalen 
^ i in c dz s. 

6. Entstehung eines ö, d'z aus Ä, 'g. 

7. Wandlung innerer nasaler Silben in Nasalvokale 
oder unnasalierte Längen. 

8. Wandlung bestimmter nicht palataler Vokale, o (mit 
altem oi), ^, y nach j und den aus der Verbindung mit 
j entstandenen palatalen Konsonanten c, t, s, st, zd 
wie auch nach 6, d'z in palatale. — e = e nach palatalen 
Konsonanten wird a. 

9. Abfall wortauslautender Verschlußlaute und Reibe- 
laute. 

10. Verdumpf ung von o in Endsilben zu ^\ Abfall 
auslautender Nasale und W^andlung von Vokal + aus- 
lautendem Nasal in Nasalvokal. — Wandlung der auf 
Vokal -\- ns auslautenden Endsilben in Nasalvokale oder 
einfache Längen. 

11. Wandlung aller urspünglich geschlossenen (kon- 
sonantisch auslautenden) Wortsilben in offne (vokalisch 
auslautende). 

12. Teil weises Aufgeben des ursprünglich vokaliechen 
Wortanlauts durch Vorsetzung von j oder v. 

13. Metathesis der Silben er or, el ol vor Konso- 
nanten in r^ ra, le la. 

14. Wandlung der ursl. Silben hr tl, w ^l vor 
Konsonannt in r, l. 

38. Die Entwicklung zu dem Zustande der Sprache, 
der durch die § 37 genannten Vorgänge herbeigeführt 
wurde, ist nicht gleichzeitig erfolgt und der Abschluß nicht 
gleichzeitig erreicht. Es w^äre wünschenswert, die Auf- 
einanderfolge oder das Nebeneinander der einzelnen Vor- 



§ 38. 39.] Der kombinatorische Lautwandel. 37 

gänge relativ zeitlich bestimmen zu können, allein das ist 
nur in einzelnen Fällen möglich. Soweit es erreichbar 
scheint, wird es unten mit angegeben (die Aufzählung in 
§ 37 bedeutet keine chronologische Reihenfolge). 

Wandlung der ursprünglichen 
Verbindungen von Konsonant mit folgendem j (i). 

39. Das j (i,) als solches ist schon urslavisch 
verschwunden, es entstand aus der Gruppe Konsonant 
-f- j entweder ein einfacher palataler Konsonant oder eine 
palatale Affrikata. Die Vorgänge im einzelnen sind: 

1. w;, rji, Ij ergeben ursl. und ab. n r' t \ n t zu 
sprechen wie ital. gn gl, französ. mouilliertes w, l; r mit 
i-Stellung des Mundes. Beispiele: stenati seufzen 3. präs. 
*sten-je-h sfeneh, phreti sp sich streiten *2^rja pbr'a Streit, 
sthlati ausbreiten *po-stel-ja postel'a Bett. Die Silbentren- 
nung ist .st£-n€h, ph-ra, poste-ta. Die in sprachwissen- 
schaftlichen Werken gewöhnliche Schreibung stenjeh, phrja 
ist irreführend, da sie den Anschein erweckt, als sei die 
Silbentrennung sten-jetz pvr-ja. 

Das r ist schon in unsern Quellen z. T. entpalatali- 
siert (hart geworden), daher z. B. more statt mor'e, wie 
später allgemein in den südsl. Sprachen. 

g \+ j] d'z' ab. 0' 
ch I I s*. 

skj ergibt ab. s't\ zgj ergibt i'd' ; die Wandlungen sind 
dieselben wie die vor den ursprünglich palatalen Vokalen 
und ebenso zu beurteilen; das nähere s. § 41. 

Beispiele: plakati weinen *plakjh plach das Weinen; 
Vbgati lügen "^Izgja hza Lüge; dzchnqii atmen *duchja dusa 
Seele; pleskati plaudere präs. '^pleskjg plestq^ dzzdh Regen 
= *dzzgjh. 

3. Wandlung von ursprünglichem tj, dj. Die 
urslavische Behandlung ist nicht völlig sicher bestimmbar, 



S8 



Lautlehre. 



[§39. 



da die slavischen Sprachen stark auseinandergehen; hier 
ist t\ d' (d. i. palatales t, d) als urslavisch angesetzt: 

tj *svH-ja Licht (Kerze) *svet'a 



westsl. c 
poln. ^wieca 
dech. svice 
sorb. sweca 



ruas. c 
svScd 



serbo-kroat.- 

slov. ö 
(etwa = fs') 



bulg. s't' 
svHta. 



serbo-kroat. 

6 sveöa 
(svijeöa sviöa) 

dj *m€dja Grenze *tned'a 



slov. c 
sveca 



westsl. dz 




russ. i (aus 
*dz) meia 



poln. dz 
miezda 



cech. sorb. 2; 
cech. meze 
sorb. mjeza 



serbo-kroat.- 
slov. d ^ge- 
schrieben 
auch dj, gj; 
etwa = d'z') 



bulg. e'd' 
meida 



serbo-kroat. 
d meda 



slov. j 
meja. 



Gewöhnlich drückt man das so aus: die westsl. 
Sprachen haben dentale Wandlung des j, daher c = ts, 
dz, die übrigen palatale. Allein auch die westsl. Konsonanten- 
gruppen waren einst palatal, das e in öech.sv/ce, meze weist auf 
ehemaliges, altcech. noch vorhandenes svieöe aus *svBöa, 
meie aus *med'ia. Man muß vielleicht für das Urslavische 
t'§, d'i ansetzen ; dann wäre die Entwicklung der einzelnen 
Sprachen folgende: im Serbokroat. ist der urslavische 
Zustand am getreusten erhalten, 6 d\ das Russische hat 
^, i in s, i verwandelt, aber 5 in c ist auch heut« im 
Russ. palatal, c = t's^ während z (zunächst aus de) wie 
jedes andre ursprünglich einfache z hart geworden ist; die 
westsl. Sprachen haben ^, i entpalatalisiert, damit auch 
/' d\ so daß harte c dz {z) entstanden. 



§ 39,j Der kombinatorischü Lautwandel. 39 

Am eigentümlichsten ist das bulga rieche st\ 
z d' . Man hat wohl angenommen, diese Verbindungen 
seien einfach Umstellungen aus ^'i', d'/. So kann aber 
der Hergang nicht gewesen sein; die Sprache besaß von 
urslavischer Zeit her Verbindungen von ^, d mit s-, z- 
Lauten, vgl. z. B. f, dz aus /y, p-J, die niemals umgestellt 
wurden ; es ist daher höchst unwahrscheinlich, daß ähn- 
liche, aus f;", dj hervorgegangene Gruppen so behandelt 
wären. Erklärt sind s7', di z\ wenn man annehmen 
kann, daß ihre nächsten Vorstufen h^is\ z'd'z waren. 
Nach allgemeiner Regel muß von zwei gleichen Sibilanten, 
die einen Dental umgeben, der zweite schwinden, vgl. 
dhstica aus *d^sts^ca für *d^stsica aus *dhsMca (dem. zu d^ska 
Brett). Setzt man dem analog für ursprüngliches '^svefja ein 
ehemaliges bulg. *sves't's'a ein, so kann das erste s nur 
durch Epenthese aus einer noch älteren Form *svet'sa vor 
das t gelangt sein. Lautlich denkbar wird das, wenn 
man rein vorderdentale Artikulation des t' annimmt, die 
eine solche Epenthese begünstigt. Das aus dem ursl. 
c = A-j usw. ererbte c erfuhr die Epenthese nicht, weil 
es zu der Zeit, als t's' aus tj daneben trat, dorsal artikuliert 
war, dorsale Stellung aber Epenthese hindert. Dasselbe 
gilt natürlich von dj : d'z\ z'd'z, zd\ Daß einmal im 
Bulgarischen t's^ d'z aus tj, dj bestanden haben, ergibt 
sich aus der Behandlung von stj, zdj, die zu s'f\ zd' 
werden, z. B. mhstifi rächen l.präs. '^mhsfjg mhstq, gnezditi 
nisten 1. pr. ^gnezdjg gnezdq. Man kann sich hier den 
Hergang nicht so vorstellen, also sei aus stj erst *st's\ 
dann durch Umstellung *ss'i', endlich mit Wegfall des s 
st' entstanden, und analog aus zdj erst ^zJ'i', dann *zi't7', 
endlich zd\ sondern ein altes "^mhsts'g, *gnezd'zp haben 
nach der allgemeinen Regel, daß bei ungleichen einen 
Dental umgebenden Sibilanten der erste dem zweiten 
gleich wird, ergeben *mfts7s'p, gnezd'zq und daraus nach 
dem oben angeführten Gesetz mbst'q gnezd'q. 

In der Verbindung tr\ dr wirkt r' auf f, d in der 
gleichen Weise wie j, z. B. s^motriti betrachten 1. präs. 



40 Lautlehre. (§ 39. 

*s^motrjq Sitnostr'q; tunqdriti weise machen 1. präs. *2imqdrjq 
umqzdrq; doch wird das nicht überall mehr eingehalten, 
es kommen auch unverwandelte tr\ dr vor. 

4. Wandlung von sj^ zy. sj ergibt s\ der Ursprung 
des 5, ob = idg. ic oder = idg. s, ist dabei gleichgültig; 
z. B. cesati kämmen 3. präs. *öes-jetb cesetb (s = idg. s), 
nositi tragen 1. präs. *wos;p nosq (s = idg. Ä); — zj er- 
gibt i' ; z ist dabei immer = idg. g, gh, denn idg. z 
kommt nur vor d, g vor, und sonstiges ab. z ist = dz 
unmittelbar aus g (s. § 44, 1); z. B. v^zaii binden 3. präs. 
*vfzjetb v^zetb. — s aus chj (s. § 39. 2) oder aus ch vor e usw. 
(s. § 41. 2) und s = sj fallen zusammen, vgl. nosq mit dusa 
= *duchja, duse für *duche voc. zu duch^. Im überlieferten 
Zustande des Altbulgarischen fällt z = zj mit i' aus gj 
und aus ^ vor palatalen Vokalen zusammen, vgl. vfzq mit 
hea = *hgia, voc. ioie = *!>o^e (zu fcopz»); in den beiden 
letzten Fällen ist aber i' aus älterem ^z entstanden. 

In den Verbindungen st sn^ zX zn wirken t n auf 
«, z wie j, z. B. mysliti denken 1. präs. *mysljg my^l'q, 
kbShneti Jasnefi zögern 3. ipf. *kbsiijaase Jasmaie; hlazniti 
irreleiten 1. präs. *blaznjg llaznq. 

5. Die Labialen p, ft, m^ v -\- j. Urslavisch ist hier 
entweder anzusetzen p% h'i, mi, vi, d. h. zwischen p 
usw. und dem folgenden Vokal war noch ein leichter 
i-Laut vorhanden, oder einfach p\ b', m', v. In bezog 
auf die weitere Entwicklung gehen die slav. Sprachen ver- 
schiedene Wege: die westslavischen (pol., öech., sorb.) be- 
halten p (eventuell p'i) usw., z. B. kapati tropfen poln. 
kapia öech. kape Tropfen; zerha Erde poln. ziemia öech. zemS^ 
BOih. zemja (über den Wortanlaut s. u.); das Russische, Serbo- 
kroatische, Slovenische hat pl\ bl\ 7nl\ vl\ z. B. r. kapVa 
serb. kap'la slov. kaplja; r. zemVa serb. zeml'a slov. zemlja; 
l'ubiti lieben part. prät. pass. l'ub'em: r. tvbl'onyj, serb. 
l'ubl'en, slov. ebenso. Die heutigen bulgarischen Mundarten 
haben das V nicht, daher zeme, tuben] die ab. Quellen 
verhalten sich verschieden: im Cod. Supr. ist es selten, 
in den übrigen Denkmälern steht es regelmäßig oder fast 



§ 39. 40.] Der kombinatorische Lautwandel. 41 

regelmäßig vor a e u ^ q, z. B. zeml'a zenü'ejq zemtq zemV^^ 
l'ubl'em, korahVu, fehlt dagegen sehr oft vor h und i, z. B. 
kor ab' h^ zemi. 

In den wenigen Fällen, die ursprünglich anlau- 
tendes ^j, Zuhatten, stimmen alle slav. Sprachen in pl' hl' 
üherein, vgl. mit lit. spiduH spiäuju spucken ab. pl'hvati 
pl'ujq, r. plevaf ptuju^ serb. und slov. pl'uvati plujem, alte. 
pivati ptüti pl'uju (neue, pliti pliji), poln. ptuö pl'ujq, sorb. 
pl'eö (für ^pl'vad) pl'uju; got. biuds Schüssel ins Slavische 
übergegangen als ab. bl'udo, r. bl'udo, serb. bl'udo, poln. bl'uda, 
sorb. blido (Tisch); das ab. bl'udo, bl'usti bewahren aus 
"^bheudh- fehlt den westsl. Sprachen.' 

Aufzufassen ist dies t als Vermittlungslaut, der sich 
einstellt bei Lösung des Lippenverschlusses oder der Lippen- 
enge der Labialen im Übergang zu palataler (i-) Stellung 
der Organe, der ohne vermittelnden leicht palatalisier- 
baren Konsonanten unbequem ist. So tritt im Serbischen 
t auch ein, wenn sekundärerweise Labiale durch Weg- 
fall von h mit j zusammentreten, z. B. ab. s^dravhje^ 
serb. zdravje zdravl'e. 

Es ist möglich, daß einst wie in den andern südsl. 
Sprachen so auch im Bulgarischen das l' allgemein be- 
stand und erst wieder, allerdings schon vom Anfang 
unsrer Überlieferung an, geschwunden ist. 

"Wandlung der Gutturale k g ch 
vor den ursprünglich palatalen Vokalen. 

40. Allgemeines über Palatalisierung vor 
palatalen Vokalen. Fast überall wird die Artikulation 
der Konsonanten vor i- und e-Lauten — die Artikulation 
vor nicht palatalen Vokalen, z. B. a, als die normale an- 
gesetzt — verändert, indem sie sich der Mundartikulation 
des palatalen Vokals anpaßt (s. Sievers, Phonetik^, S. 185). 
Diese Palatalisierung kann sehr schwach sein, so daß 
der Unterschied z. B. zwischen einem ti, te und einem ta, 
to nur eben bemerkbar ist, und in solchem Falle bleibt 
er in der Regel in der Schrift unbezeichnet. Man darf 



42 



Lautlehre. 



[§40.41. 



fürs Urslavische wie für das Altbulgarische eine derartige 
Palatalisierung aller Konsonanten vor palatalen Vokalen 
ansetzen, aber nur die Gutturale sind stark affiziert und 
dabei zu palatalen Reibelauten und Affrikaten umgebildet 
worden, wie ja auch auf andern Sprachgebieten, z. B. dem 
romanischen, gutturale Konsonanten sich am empfind- 
lichsten gegen die Berührung mit e- i-Lauten zeigen. Man 
merkt den Unterschied einer stark wirkenden Palatali- 
sierung von schwächerer deutlich daran, daß die Guttu- 
rale vor alten e-i-Lauten genau so behandelt werden 
wie in der Verbindung mit j, z. B. peceh = *pekeU wie 
placetb = *plakjet^, während die Schrift bei den andern 
Konsonanten durchaus die aus der Verbindung mit j ent- 
standenen Lautformen von denen vor palatalen Vokalen 
auseinanderhält, z. B. steneth CTeüerE = *sten-je-tb aber 
phnetb RbHerE, s^Vet^ CEÜen = *s^l'je-th aber vesehje BeceAbie, 
koni = *konji komh aber oiih (sie) usw. — Über die Wir- 
kung palat. Vokale auf kt s. § 51 III, 3. 

41. Die Gutturale k, g, ck vor den alten pala- 
talen Vokalen, slav. vor e, h, hr hl (ab. r Z), i (= T und 
= ^i) e (= €), f. 



l.k 



9 



) vor < 



e 




c' d. i. rs' 


h 






r, l (wenn — 

hl) 
% (_ i^ ex) 

^ (= e) 


hr, 


*d'z\ daraus i' 

8\ 



ch 



Die Verbindungen *Äe-, *pe-, *chs- ergeben <fa-, 
ia-, sa. 

Beispiele: rekq ich sage 3. präs^ reöetb] prorokb Prophet 
voc. proroce, proroöhakh prophetisch, proroöica Prophetin; 
p^kh Sand, pesT>öam für '^pes^hkem sandig; is-koni von 
Anfang, na-ötmq, ich werde anfangen, inf. na-ö^ti\ preuß. 
kirsna- schwarz *chrm ab. Örm; öhta ich zähle 1. aor. öin 



§41.] 



Der kombinatorische Lautwandel. 



43 



= '^kbt- *keit-, vgl. lit. skaityti. — hog-h Gott voc. "boze, 
bozbHkh göttlich; lit. geidzü ich begehre zhdati 1. präe. zida 
warten; lit. ^i/t"asiu'2. lebendig; zhmq z^ti drücken, vgLyeiiiiu; 
lit. girnos *zhrny zrny Handmühle; lit. gettas gelb *g^li^ 
*zhlh zlU\ rogz Hörn, rozam hörnen aus *rogem. — grechh 
Sünde, greshm sündig, gresiti sündigen; 1. aor. rech^ (zu 
rekq) 3. plur. res^; chod^ Gang, *chbd^ sbdh gegangen, u-sidh 
Flüchtling. — videti sehen 3. präs. vidith vgl. mit ^dbrgeti 
3. präs. *dhrgitb, daraus drzati drzith halten. 



2.sk\ \*st'§' 

vor 

den- 
selben) 
Vo- 
kalen L j»^/ 
zg) i*za ä 



durch 
Assimila- 
tion von 
s, z an die 
folgenden 
Palatalen . 



> 



zdz 



gleichung 
; von s , z' 
an das fol- 
gendes ,z 



^'t't^' \ 



'*' ^durchAn^^^^ 



/(?'/) 



durch 
Aufgeben 
des zwei- 
ten s', z 



s t 



;ab. 



zd' 



Beispiele: hleskz Glanz *hlbsketi 3. präs. *hhskitb 
glänzen bhstati blhstih; vosk^ Wachs *voskem vostam 
wächsern; piskati pfeifen *pwkelb pisfah Flöte; dT>ska Brett 
dem. *dT>skica dhstica; — dr^zga Wald '^dr^zg'bm dr^zdbm 
zum Wald gehörig; mozgh Mark *mozgem, mozdam aus 
Mark bestehend. 

Dies ab. st\ z'd' fällt zusammen mit st\ zd' aus' 
tj^ dj; nicht so in andern slavischen Sprachen, z. B. ent- 
steht im Russischen aus skj und sk vor den oben ge- 
nannten palatalel^ Vokalen sc, ' aus tj dagegen c. Wo in 
der russischen Schriftsprache das sc einem ab. st aus tj 
entspricht, ist das Wort aus dem Kirchenslavischen 
entlehnt, z. B. vrascat' iter. zu vratit\ ab. vrastati, vratiti, 
statt echtrussischem vorocat' vorotit'. 

3. Die Übergangslaute zwischen k und c' , d. i. t's ^ 
lassen sich nach sonstigen Analogien annähernd bestim- 
men:/: k' k'x t'X ^s (c'); ebenso bei g:g g g'-x' d'y 
d'z z ; bei ch\ ch x' s . 

Diese Wandlungen müssen urslavisch vollendet ge- 
wesen sein vor der Monophthongisierung der alten Diph- 
thonge ; dafür spricht das Eintreten von c z s vor u = eu 
(s. § 17. 2), das nur verstanden werden kann als Wirkung 



44 



Lautlehre. 



41.42. 



eines noch erhaltenen palatalen Elementes, nicht des aus 
eu weiter entwickelten ou und des aus diesem hervorge- 
gangenem u; ferner die Behandlung der Gutturale vor 
dem alten ursprünglich nicht palatalen Diphthong oi 
(slav. dafür e, i), s. § 44. 



Wandlung von 
ey, zu oti, ev zu ov; von ei zu m, ej zu hj. 

42. In den ursprünglichen Verbindungen ey, ei 
(tautosyllabisch Diphthonge eu, ei; heterosy Ilabisch cv, ej) 
wird der erste Bestandteil dem zweiten assimiliert, das er- 
gibt im Diphthong vor folgendem Konsonanten *ou, ii, 
vor folgendem Vokal ov ij; ov bleibt bestehen, ou wird 
zu m; ij bleibt in der slav. Gestalt als hj^ ii wird zu i. Über 
'tt = eu 8. § 17.2. Beispiele: vgl. mhrq *merti ab. *mreti, 
wo das Präsens die Reduktionsstufe, der Infinitiv die 
Vollstufe hat, mit chtq inf. cisti = ^keisti, s^pq schütte 
inf. suti = *sew;?<i; hl'udq hl'usti beobachten bewahren = 
*bheudh- ai. 3. präs. hhödate, sujh link = *^eujz ai. savya-. — 
trtje msc. drei = idg. Hreies ai. trayas; n. pl. pqihje (zu 
pqth Weg) = idg. -eies ; 3. sg. pr. ploveh schifft, vgl. 
TiXi/uu, 3. präs. zoveth ruft ai. kavate^ n. pl. synove (zu sym 
Sohn) = idg. *süne^es got. sunjus ai. sunavas. 

In einigen Fällen ist ev nicht in ov verwandelt; 
devptb 9 dev^tb neunter, es scheint aber die ganze erste 
Silbe an deseth 10 angeglichen zu sein, vgl. lit. devym 9 
und deszimtis 10, während preuß. noch newlnts der neunte; 
slav. wäre danach *nov^th *nov^th normal gewesen; nev^sta 
Braut, junge Frau, Etymologie unsicher, vielleicht Kom- 
positum mit ne-; drevl'e adv. einst, drevhnh ehemalig, un- 
bekannter Herkunft. Fälle wie revq (inf. r'uti brüllen) 
kl'eveta Verleumdung gehören nicht zu den Ausnahmen, 
sondern sind = r'evq für rovq, = kl'eveta für *kl'oveta 
zu kl'hvati kl'ujq picken. 



§43.] Der kombinatorische Lautwandel. 45 

Wandlung aller ursprünglichen Diphthonge 
in Monophthonge. 

43. ei und ei werden zu i = i, Beispiele s. § 15. 
IV", §42; eM ew zu MW, Beispiele s. § 17. 2, §42; oi(idg.oiai) 
öi äi in innern Silben zu e, Beispiele s. § 10. 2. In End- 
silben erscheint für oiaiöi bald e, bald i; Meillet MSL.VIII. 
239, Pedersen KZ. XXXVIII. 326 (dort sind auch die son- 
stigen Erklärungsversuche angegeben) leiten diesen Unter- 
schied ab von der verschiedenen Intonation (Tonqualität) 
der Endsilben : i bei geschleifter, e bei gestoßener Betonung, 
z. B. lit. vilkaT (plur. zu vilkas Wolf) sl. *i/blci ab. vlci (zu 
*vhlh> vJkb); n. a. dual. lit. rankt aus *ranke = -kai sl. 
rqce. Doch bleiben zu viel Schwierigkeiten übrig, als daß 
diese Erklärung für sicher gelten könnte. Aus ou (== eu 
und ou) und au wird u, Beispiele s. § 17, § 42. 

Durch die im Slavischen neu entstandenen e, i sind 
zu den ursprünglich palatalen Vokalen zwei hinzuge- 
kommen, verschieden in älterer Zeit von e = idg. e, von 
i = idg. i, ei, wie die verschiedene Behandlung der Guttu- 
rale vor ihnen zeigt, s. § 44. Allein ^ = e und = oi, 
i = t ei und = oi sind schon am Ausgang der ur- 
slavischen Periode zusammengefallen gewesen, da sie in 
der Entwicklung der Einzelsprachen ganz gleich be- 
handelt werden ; z. B. svetb Licht *svet'a, ab. svesta Kerze, 
wo e = oi: serb. svet sv46a (oder je nach dem Dialekt 
svijet svijeöa; svit sviöa), cech. svet ac. svieöe neue, svice; 
sekq *sekti (altb. sesti) hauen, wo e = e: serb. s^cem seöi 
(oder sijecem sjeöi; sicem slöi); altiech. seku sieci neuö. sici. 

Die tatsächliche Vertretung alter Diphthonge durch 
e oder i in Endsilben, die sichern und wahrscheinlichen 
Fälle in Betracht gezogen, ist folgende: 

e: loc. sg. msc. ntr. o-St. dqb^ Eiche — dqhe, leto Jahr 
— leie, e = oi; n.-a. dual. ntr. o-St. Ute = -oi; dat. sg. 
f. ä-St. zena — zene = -äi; loc. sg. f. ä-St. eene = -ai? 
äif; so auch dat. loc. sg. der Personalpronomina: mhne, tebe, 
sehe; n.-a. dual. f. ä-St. iene = -ai. 



46 Lautlehre. [§43. 4 i. 

i: dat. sg. cons. St. kamij St. kamen kameni = -ai; 

dat. sg. m. w-St. sym — synovi = -ai; n. pl. m. o-St. 
dqbi = 'Oi; gen. sg. i-St. pqth — pqti = -ois; loc. sg. i-St. 
pqti = eif; voc. sg. 2-St. jm^' = -oi; dat. sg. encl. der Per- 
sonalpronomina: mi, fi, si = *moi usw.; 2. 3. sg. imper. 
(= opt.) beri =^ -ois, -oif; 2. sg. präs. athem. verba jesi 
dasi = -sai. 



Wandlung der Gutturale k, g, ch vor den 
neu entstandenen palatalen Vokalen e i {= oi, s. § 43). 

44. 1. k 



9 
ch 



c = ts 



e i (= Ol) \ dz [z) 



Vgl. plotb Zaun n. pl. plofi loc. pl. plotechz mit toh) — 
toci — tocecM, hog^ — hodzi (bozi) — boäzechb {bozechTi), 
diichf) — dusi — duseck^; ferner got. hails heil, preuß. kailüsfi- 
skan Gesundheit mit ceh heil, unversehrt; lit. gailüs mit 
dzeh [zeh) heftig, adv. dzelo (zelo) sehr. Das Nähere über 
diese Laute s. § 34. 2. Aus dz ist früh durch Wegfall 
des d einfaches z entstanden (vgl. das regelmäßige z aus 
dz, § 33. 2 b). Die alten glagolitischen Denkmäler haben 
für dz das Schriftzeichen ^, für das ursprünglich ein- 
fache z Od, bei der Umsetzung der glagolitischen Schrift 
in kyrillische gibt man ^ durch s, On durch 3 wieder; 
spätere kyrillische Quellen haben für dz ? . 



2. SÄ: ] . . / .^ 



sc == sts 
zdz. 



Nach der Regel, daß von zwei gleichen einen Dental 
umgebenden Sibilanten der zweite schwinden kann, ent- 
stehen ab. st, zd. Die Quellen verhalten sich verschieden, 
im Cod. Suprasl. durchgehend st, Sav. sc, andere, so 
Cod. Zogr., haben beides; z. B. bozhskh göttlich — loc. sg. 
msc. bozbsce bozbsfe, n. pl. ra. bozbsci bozhsti; dr^zga Wald 
— loc. sg. dr^zdze dr^zde. 



§ 45—47.] Der kombinatorische Lautwandel. 47 

45. Das Auftreten von ö (= t's') d'z (woraus z) 
ist bereits oben § 34. 2 b erörtert. 

46. Übergang von Vokal -|- Nasal vor Kon- 
sonanten in inneren Wortsilben zu Nasalvokal oder 
einfacher Länge: o (= idg. o, a) -\- Nasal vor Konso- 
nant ergibt g,d.h. nasales o, ab. geschrieben a, vgl.lit. rankä — 
rqka Hand; lit. pdntis — pqto Fessel; qpepovTi — berate, 
s. auch § 8; kqs^ = *konds^ Bissen, lit. kändu beiße. — 
e -\- Nasal vor Konsonant ergibt e, d. h. nasales e, vgl. lit. 
penkl 5 penktas fünfter — p^tb petb\ lit. szventas — sv^t^ 
heilig, s. auch § 12. 1. Dasselbe Resultat ergibt h -j- 
Nasal vor Konsonant, wenn es Ablaut zu e ist [hn- hm- 
= idg. n m), vgl. lit. at-min-ti-s idg. *mnti-s — pa-meth 
Andenken, weiteres s. § 12. 2. 

idg. i -\- Nasal vor Konsonant ergibt i (t), z. B. isto 
(testiculus) lit. mkstas Niere. 

idg. u -\- Nasal vor Konsonant ergibt % y, z. B. lyko 
Bast lit. lünkas. Es besteht bei einigen Sprachforschern 
die Annahme, daß ursprüngliches in vor Konsonant zu ^, 
un zu q werden konnte. Darüber vgl. Lorentz, Die Be- 
handlung der Lautgruppen in, un -\- Konsonant im Sl., 
ASPh. XVIII, 86; Pedersen, Przyczynki do gramatyki 
§ 3 (in Materyaly i prace kom. jez. Ak. umiej. w Krakowie 
I, 1902). 

Wie die Innern Silben werden Endsilben behandelt, 
wenn sie die Lautfolge *-owf, *-ent, *-nt enthielten, z. B. 
3. pl. aor. mogq (zu mog- mosti können) = *mogo-nt; tele 
Kalb = *tel^i (gen. telfte) = *-ent; 3. plur. aor. bis^ (zu 
biti schlagen) = *-snt. Über den Abfall des ^ s. § 48. 
über anders geartete nasalierte Endsilben, auf ursprüng- 
lich -o^ns -Jans, s. § 49 III. 

Wandlung 
nichtpalataler Vokale nach j usw. in palatale. 

47. 1. Unverändert bleiben nach j und den aus Verbin- 
dung mit j entstandenen palatalen einfachen Konsonanten 
oder Konsonantengruppen a und q, z. B. ja-ze quae^ ba?ia 



48 Lautlehre. [§ 47. 

B&djqdu linde, senojq inetr. sg. zu (zena), pisq 1. präs. pisqth 
3. plur. präs. (zu phsati) schreiben. — 2. Verwandelt werden 
dagegen o, oi (einerlei, ob o = idg. o oder a ist), * (wie 
immer entstanden, ob = idg. u oder aus o), y (= idg. 
a), und zwar in folgender Weise: 





oi 

y 



' nach ^ 



j; n — nj; r' = rj; V = 
c^kj; k (d2) = gj, zj; s = 
chj, sj; st = tj, skj, stj; zd = dj, 
zgj, zdj\ ö aus k; d'z (i) aus g 



*ei, daraus nach 
h [§ 43 i 

i 



Beispiele, o zu e: vgl. hogomh (i. sg. zu hog^ mit 
krajemh (krajh), konenih (kom)^ sqphr'emh {sqphr^), ucitel'emh 
(licitel'b), placemh (plach), mqzenih (mqzt)), plastemh (plasih), 
d^zdemb (dhidh)^ othöemh (otbch), kbn^d'zemh (k^nfd'zh); — vgl. 
instr. sg. zenojq voc. zetio (zu zena) mit vyjejq (vyja)^ bane-jq 
(batla). pbr'ejq (pbra), zeml'ejq (zernl'a), pritböejq {pritwa) 
hzejq (hza), dusejq voc. duse (dusa), odezdejq (odezda), deviöejq 
{devi<:a), sthd^zejq (stbd'za) usw. 

oi zu *ei i vgl. hog^ loc. sg. *bogoi daraus bodze mit 
*krajoi *krajei kraji; loc. pl. '^bogoisu, daraus bodzech^, mit 
*krajoisu *krajeich^ krajich^; loc. sg. zene mit bani, hzi usw. 

^ zu h: vgl. nom. sg. krov-^ (zu kry-ti decken) mit 
*boj-^ (zu bi-ti schlagen) bojb^ s. auch die oben unter o — e 
angegebenen Nominative; gen. pl. iew^ mit dus^\ l&t.jugum 
mit *jigo daraus *jbgo^ dies zu igo, s. § 57.3; präs. bl'ujq 
speie inf. *bl'zvati bttvati^ pVujq W. piu- *pVzvali pfhvati 
spucken usw. 

y (ü) zu i: vgl. instr. pl. bogy mit kraji, mqzi, othci 
usw. ; lit. siüti mit siti nähen. 

3. Die ün Veränderlichkeit des q in innern Wortsilben 
nach j usw. zeigt, daß die Entstehung der Nasalvokale der 
Einwirkung der palatalen Konsonanten auf o usw. vor- 
angegangen sein muß; denn hätte beim Eintritt dieser 
Wirkung z.B. eine 3. plur. präs. *pisontb noch so bestanden, 
so wäre daraus *pisenth *piset^ geworden ; auf den schon 
bestehenden Nasalvokal ^ (q) wirkten die Palatalen nicht 
mehr. 



§48.49.] Der kombinatorische Lautwandel. 49 

Abfall von 
Verschlußlauten und Reibelauten im Wortauslaut. 

48, Nachweisbar sind von solchen Lauten im ur- 
sprünglichen Auslaut slav. Wörter nur f, d, s; t, z. B. 3. sg. 
aor. '^neset nese, 3. sg. imper. (optat.) yiesi = *-oit, 3. pl. 
aor. *mogqt tnogq, *bis^t hise; nom. sg. *tel^t tel^ (gen. telet-e); 
— d\ ntr. sg. pron. *fod to; — s: n. sg. s-ym lit. siinus, 
pameib lit. at-minüs^ slovo (gen. sg. sloves-e) Wort vgl. Kkifoq. 

Verdumpfung von o in Endsilben. 
Behandlung der auf einfachen Nasal und der auf Nasal 

s auslautenden Silben. 



49. I. Nach Fortunatov (BB. 22, 164 Fußnote, vgL 
auch Berneker KZ. 37, 370) geht o der durch einen Kon- 
sonant geschlossenen Endsilben in ^ über. Da ange- 
nommen wird, t und d seien schon vorslavisch (in slavisch- 
litauischer Periode) abgefallen, kann der Vorgang, ab- 
gesehen von nasal auslautenden Endsilben (s. II) nur 
beobachtet werden an ursprünglichem -0.9. Der Nom. sg. 
msc. nominaler und pronominaler o-Stämme lautet slav. 
auf -2» aus, tokh, idg. -os *tokos lit. täkas] tb der lit. tas, 
kb-fo wer lit. käs. Nur auf diesem einen Fall beruht der 
Schluß auf Verdumpfung des -os in Endsilben, denn in 
den Fällen, die man sonst heranzieht, dat. plur. -mi toko-tm. 
1. pl. verbi nese-rm, ist eine sichre Ansetzung der Grund- 
form, mag auch -mos eine gewisse Wahrscheinlichkeit 
haben, nicht möglich, sie lassen sich also als Beweismittel 
nicht brauchen. Wenn -os zu 7{s) wurde, so mußte der 
Nom. sg. der alten es-Stämme, *slovos (gen. sloves-e: vgl. 
Kkifoq) normalerweise *sJoi^ ergeben, er lautet aber slovo. 
Diese Form wird dann erklärt als Ersatz des "^slovz durch 
Anschluß an das Neutrum des Pronomen, io {= *to-d), 
das sein behalten mußte, weil d schon vorslavisch ab- 
gefallen sein soll (vgl. Verf. IF. 21, 335; s. u. 114). 

IL Die auf einfachen Nasal auslautenden End- 
silben. Hier sind Verdumpfungen des o«Lautee zweifellos. 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. 



50 Lautlehre. [§ 49. 

1. Nach idg. l, ?< geht der Nasal ohne Einwirkung 
auf den Vokal verloren, a. sg. nostf» = *iwktim *noktin, 
vgl. preuß. yiaktin Ht. näki'i = *nakfm\ sym = '^sünum 
*sünun, prouß. sunun lit. ifi'mu = *smn}i. Accusativ und 
Nominativ sg. fallen bei den i- und «^-Stämmen zusammen: 
nosfh = *noktis lit. naktis und = *noktim^ sym = lit. süniis 
und = *sü7ium. 

2. Ursprüngliches e + Nasal ergibt (i: me mich = 
*mcm ai. mam. Wahrscheinlich ist auch nom.-acc. der 
neutralen w-Stämme, z. B. senie (vgl. lat. semen), zurückzu- 
führen auf eine Form mit gedehnter Endsilbe *semen. 

3. Ursprüngliches am wird -a; acc. Bg. fem. ä-St. rqkq, 
(zu rqka Hand) = *ronkäm *ronkän, preuß. rünkan lit. 
raitkq = *rankan. 

4. Ursprüngliches -om slav. -on wird -un sl. ?»w^ nach 
Abfall des Nasals ^; vgl. s^n-iti .vp (zusammenkommen), 5^w- 
jiwö (mit ihm) mit s^ in andern Verbindungen, z. B. s^ 
mqzemh, aus *507w, vgl. sq-pb/h Gegner, sq-log^ Gatte; acc. sg. 
*tokom lit. täkq = *täkan sl. /o/^^; 1. sg. aor. wio$f2» = "^-mn^ 
vgl. ?-Xaßov, 1. aor. bichh= *-som. Danach sollte nom.-acc. 
ntr. idg. -om (vgl. lat. jugum) auf '^ auslauten, z. B. *deh. 
Es heißt aber delo. Nach Förtunatov (s.o. I) ist delo (wie auch 
slovo) Erneuerung durch Anschluß an das Neutrum des 
Pronomens to. Eher ist anzunehmen, daß slovo aus 
*slovos altes o erhalten hat und '^deh danach zu delo um- 
gebildet ist. 

5. Ursprüngliches -ön wird -un (vgl. -on zu ww), dar- 
aus, mit Abfall des -n, -tZ d. h. slav. -y\ nom. sg. der msc. 
n-Stämme (kamen-, gen. Äamew-e) *kamön, vgl. aKjiiuv, *kamm 
kamy, lit. aÄwel gen. akmens. — Dies ist aber der einzige 
sichre Fall. Nicht dazu stimmt die Behandlung des ur- 
sprünglich auf -öm auslautenden Gen. pl., der stets auf 
-z endet, kamem vgl. dK)Li6v-ujv, g. pl. sz-borb vgl. cpopiuv. 
Zur Erklärung s. Streitberg, Der Gen.-Plur. und die bal- 
tisch-sl. Auslautsgesetze IF. 1. 259. 

III. Die auf Nasal -f s auslautenden End- 
silben. 



§ 49.] Der kombinatoriBche Lautwandel. 61 

1. Ursprün[,'liches -ins wird durch Dehnung des Vo- 
kals zu *-7«.v, daraus weiter *-7.v *-Ts -i, z. B. acc. pl. "^noktins, 
Oit. naktis aus -ins, vgl. preuß. akins zu akis Auge), ^Ttokiins 
'^noktis %iokt~t a]>. nosti; ebenso -uns zu *-ans, weiter zu 
'^'-ns *üs '*-?( d. h. slav. -y, acc. pl. "^'sünuns, lit. süniis aus 
-ans, slav. s?/w//, 

2. -ows, -Jons werden verschieden behandelt. 

a) *-0'W.s', durch dieselbe Verdumpfung des -on- wie 
bei *-om (s. o. II 4) zunächst *-uns geworden, ergibt mit 
dergleichen Dehnung wie bei ursprünglichem *-«??s(s. III 1) 
dasselbe Resultat: '^-«/ws *üs *-üs '^-ü slav. -y, acc. pl. 
■ fokons (vgl. preuß. deiwans zu dmv[a]s Gott, lit. c/evws aus 
*di'vus für *-ows) wird danach toky; part. präs. a. *neson(t)s, 
vgl, lit. neszäs aus *neszantSj zu wes?/. 

b) *-joMs hat ergeben -;^ : acc. pl. zu krajh konh lautet 
kraj^ konr, part. präs. zu znajq pisq lautet znaje pis^. Er- 
klären läßt sich das, wenn man annimmt, daß die Wand- 
lung von in e nach j (und den aus Verbindungen mit 
j entstandenen Palatalen c, s usw.) der Wandlung des 
on in im voranging, so daß einst nebeneinander standen 
acc. pl. *tokons und *konje7is^ dann die Wandlung zu "^tokuns 
eintrat. Die Form *tokuns erlitt weiter die oben unter 
III, 2 a angegebene Entwicklung; '^konjens wurde zunächst 
*ko7ijens, daraus *konj^s, endlich konf. Der Widerspruch 
in der Annahme, daß -ons in Endsilben nach j zu -ens 
wurde, während in Innern Silben vor Konsonanten und 
in auslautenden Silben vor -t (s. § 46) on, durch j nicht ver- 
ändert, q geworden war, ist vielleicht so zu lösen, daß vor 
auslautendem 5 konsonantisches n länger erhalten blieb als 
in andern Stellungen, daher hier j auf nicht nasaliertes o 
wirken konnte, der Nasal vokal ^ also erst später eintrat. Das 
Verhältnis zu der Entwicklung von altem *-7W5 und altem 
*-wis = idg. *-Mns und *-ons ist so zu fassen, daß die 
einst ebenfalls nasalierten j und «^ entnasaliert wurden, ^ 
aber nasal bleibt. 

Die Schwierigkeiten, die in den unter § 49 behan- 
delten Auslautserscheinungen bei allen bisherigen Er- 

4* 



52 Lautlehre. [§ 49. 50. 

kläriingsversuchen noch bleiben, können hier nicht weiter 
verfolgt werden. Es sei nur noch hingewiesen auf die 
Behandlung hier einschlagender Probleme von Hirt, Zu 
den slav. Auslautsgesetzen IF.2.237; Zubaty, Zur Deklina- 
tion- der sogenannten iä- und io-Stämme im Slav., ASPh. 
XV. 493; Berneker in KZ. 37. 370 fg.; Pedersen in KZ. 
38. 321 (§ 28 fg.); Brugmann, Grundr. d. vgl. Gr. P 
§ 276. 2 (S. 255). 

Da kein Konsonant am Wortende verblieb, entweder 
abfiel oder mit dem vorangehenden Vokal in einen Nasal- 
vokal überging, die ursprünglich auslautenden Vokale aber 
— in der ihnen im Slavischen zukommenden Gestalt — 
verharren, z. B. jesmh = *esmi, jeste = *{e)ste, voc. synu = 
*sünau, so folgt, daß alle Wörter vokalisch auslauten. 

Verwandlung ui'sprünglich 
geschlossener innerer Wortsilben in offne. 

50. Die altbulgarische Sprache kannte in ihrem 
ältesten, noch nicht durch Vokalausfall (Schwinden von 
2>, h) veränderten Zustande nur offne, d. h. vokalisch aus- 
lautende Silben. In die zwischen Vokalen stehenden Kon- 
sonantengruppen fällt keine Silbengrenze, sondern die 
ganze Gruppe gehört zur zweiten der beiden in Betracht 
kommenden Silben, z. B. hozh-stvo, se-stra, moli-tva^ dvignqti, 
ce-znqti. Die Möglichkeit, Konsonantengruppen am An- 
fang einer inneren Silbe zu sprechen, ist keine andere 
als die am Wort an fang; Gruppen, die die Sprache hier 
erträgt, duldet sie auch dort. Waren im Innern des 
Wortes ursprünglich andre Konsonantengruppen als diese 
duldbaren vorhanden, so werden sie beseitigt. Über die 
schon baltisch-slavisch aufgegebenen Wortanlaute vi- vr-, 
wofür l r, 8. Lid^n, Ein baltisch-slavisches Auslautsge- 
setz, Göteborg 1899 (Göteborgs Högskolas Ärsskrift IV). 
Es ist von den hier zu betrachtenden Vorgängen eine 
größere Anzahl allen slavischen Sprachen gleichmäßig ge- 
meinsam und als urslavisch anzusehen ; von andern kann 
es zweifelhaft sein, ob und in welcher Form sie urslavisch 



§ 50.] Der kombinatorische Lautwandel, 53 

waren; einige gehören einzelnen Gruppen der slav. Sprachen 
oder einzehien Sprachen an. Danach sind unten die 
einzelnen Erscheinungen gruppiert. 

Es kommt vor, daß einzelne Wortanlautsgruppen im 
Silbenanlaut fehlen und Silbenanlautsgruppen im Wortan- 
laut; ihre Möglichkeit läßt sich aber durch vorhandene 
lautphysiologisch ähnliche Gruppen verstehen, z. B. fehlt 
im Wortanlaut kv, vorhanden ist aber das analoge (jn, im 
Silbenanlaut kv, während im Wortanlaut gv besteht. 

A. Ins Urslavische gehört : 

1. Die Aufhebung aller durch Nasal geschlos- 
senen Silben infolge der Wandlung der Verbindungen 
von Nasal -|- Vokal in Nasal vokal oder einfache Länge, 
vgl. lit. pm-ti al. p^-ti^ lit. lün-kas sl. ly-ko^ s. § 46. 

2. Im Wort- wie im Silbenlaut können die aus 
den Gutturalen entstandenen Doppellaute (Affri- 
katae) stehen, c (= ts), d£ (daraus i), c{= ts) dz (dar- 
aus z\ z. B. cetyre — recetb; {d)zenq — mo{d)zeh'j ceh — 
toce, dzeh (zeh) — bodze (boze). 

3. Doppelkonsonanten sind vereinfacht, 2. präs. 
jesi du bist = *es-si. 

4. Im Wortanlaut stehen folgende alte Konso- 
nantengruppen, die demnach auch im Silbenanlaut 
vorkommen können: 

n sn€g^ Schnee, pesnh Lied. 

m smech^ Lachen, pisni^ Buchstabe. 

/ sledi Spur-, pash {jesh) er hat geweidet. 

p speti gelingen, licspa Schuppe. 

t stau sich stellen, mesto Ort. 

k skociti springen, iskati suchen. 

V sveh Licht, vlsvi (pl. zu vlchv^ Zauberer). 

tr strojiti errichten, hystrh schnell. 

tv stvoh Stengel, mqihstvo Männlichkeit. 

kl fehlt im Wortanlaut, isteskh abgemagert. 

kr skreba ich schabe^, iskra Funke. 

kv skvozc durch, skuazna Öffnung, fehlt im Inlaut. 



s + 



54 



Lautlehre. 



[§50.51. 



z-V- 



P + 
h + 

t + 
d + 



Ä4- 



9 + 



ch 



51. 



znafi kennen, cezmti schwinden. 

fehlt im Wortanlaut, vgl. sl, zezh Stab. 

fehlt im Wortanlaut, vgl. st, nihzda Jjohn. 

fehlt im Wortanlaut, vgl. s/c, mozg^ Mark. 

zvom Klang, jazva Wunde. 
dr fehlt im Wortanl, vgl. str, mezdra Splint. 

prositi bitten, veprh Eber. 

pletu ich flechte, teph warm. 

bratr^ Bruder, dohn> gut. 

bksti irren, dobl'h tapfer. 

tresti schütteln, atrh innen. 

tvoriti machen, kl^iva Fluch. 

drugh Freund, ymdrh weise. 

drngnqii bewegen, für Inlaut fehlen sichre 
Beispiele. 
n fehlt im Wortanlaut, vgl. gn, thknqti stoßen. 
l klasti legen, tekh gelaufen. 
r krasfi stehlen, mokn feucht. 

V kvas^ Sauerteig, fehlt im Inlaut, vgl. gv. 
n gnevh Zorn, begnqti entlaufen. 

r grobh Grab, igra Spiel. 

l gledaii schauen, mbgla Nebel. 

V gvozdh Nagel, fehlt im Inlaut. 

r chrorm lahm, vichri Wirbelwind. 
l ckl^bh Wasserfall, drechh traurig. 

V chvala Lob, vichvh Zauberer. 



n 
l 
d 

9 

V 



Die oben (§ 50) angeführten Konsonantengruppen 
konnten im Innern des Wortes bestehen bleiben, weil ihr 
erster Bestandteil mit zur zweiten der in Betracht kom- 
menden Silben gezogen werden konnte. Alle andern 
ursprünglich in dieser Stellung vorhandenen 
Gruppen, bei denen das nicht möglich war (anders 
ausgedrückt, die nicht im Wortanlaut vorkommen), werden 
so beseitigt, daß der erste, ursprünglich die Silbe 
schließende Konsonant wegfällt (in einem Falle 
wird ein Konsonant eingeschoben). 



§51.] Der kombinatorische Lautwandel. 55 

Die einzelnen Fälle sind: 

I, ^.9 = ^5 und au8 hs wird s: lit. vapsä sl. osa 
Wespe; zu yrebq (grabe, rudre) 1. D.OT.*grebsor.i, *grepsom gres^. 

II. fs = ts und aus ds wird s: 1. sg. aor. (zu chtq) 
*keitsom c^s^; 1. aor. zu boda (steche) *bödsmn *bädsom ba.s^; 
lit. kdndu ich beiße, sl. *kondsos "^konsos kqs^ Bissen; 3. pl. 
präs. dadeh sie geben 2. sg. *dad-si dasi. 

Die ursprüngliche Verbindung tsl (= tsl und aus 
dsl) ergibt sl, eine überhaupt mögliche Anlautsgruppe, 
z. B. cislo Zahl = *citslo zu chta^ gasli pl. Zither = *gqdsli 
zu gada spiele Z.; tsm wird sw, cisnts Zahl =^ *c«Ysmp; 
tsn würde sn ergeben müssen, Beispiele? 

IIT. Verbindungen von k -\- Konsonant: 

1. ks = ks und aus gs (5 = idg. s), daraus zunächst 
kch (s. § 30), ergibt vor Vokalen einfaches ch, 1. sg. aor. zu 
tekq laufe ^teksom"^- *fekch^ tech^, dass. zu iegq brenne (= 
*gcgq) ^gegsom *gcksom* *gekchi *gech^ zach^. 

2. ks vor Konsonant verliert das k'. 2. pl. aor. zu reka 

*rtkS'te reste. 

Anm. Nicht in die slavieche Sprachentwicklung gehört 
die Wandlung eines urspr, idg. ks gs ghs in einfaches s, sie ist, 
insofern es die Umbildung in einen einfachen Konsonant-en 
betrifft, vorslavisch, vgl. lat. axis fiEuiv mit lit. aszls sl. osh Achse, 
lat. dex-ter beSiöq mit lit. deszine rechte Hand sl. destm desm 
recht. Daher hat auch aor. nes^ (zu nesq) = ^nehom, vres^ = 
*ü€rs^ (zu vrzq = *vbrzq ich binde) für '^verksom {k aus gh) sein 
einfaches s nicht durch slavischen Verlust des k. 

3. kt = kt und aus gt ist verschieden behandelt: 

a) Vor nicht palatalen Vokalen entsteht in den 
sicher nachweisbaren Fällen, es sind sehr wenige, t, so 
lit. peiiktas fünfter sl. p^ti, lat. plecto sl. pletq. 

b) Vor palatalen Vokalen entsteht in allen slavi- 
schen Sprachen dasselbe was aus tj (s. § 39. 3). Vgl. 

*'nokHs lit. nakf)s *svefja Kerze 



-^^ 



altb. nosth serbo-kroat.- russ. noc westslav. c 

svesta slov. ö sveca poln. noc §meca 

— -— — -— '^ ' ;— *^ öech. noc since 

serbo-kroat. ö elov. c , , . 

.^ .^ . . sorb. noc stveca 

noc sveda noc sveca. 



56 Lautlehre. [§51. 

Es liegt also nahe anzunehmen, daß kt vor der defini- 
tiven Gestaltung eine der P^ntwicklungsstufen von tj an- 
genommen und dann mit dieser die gleiche Weiterent- 
wicklung durchgemacht hat. 

In einem Beispiel, ab. präs. vrcÄ^ = *vbrchoich dresche, 
inf. vresH = *verchti erscheint st als aus cht hervorge- 
gangen; die Wurzel ist vers-y von der ein Infinitiv *versti 
nicht zu *verchti werden konnte, weil die Verbindung st 
die Wandlung von s in ch nach i, m, r verhindert (s. § 30). 
Der normale Inf. zu vrcha wäre daher ab. *vresti. Wenn 

o < 

*verchti entstanden ist, so kann es nur geschehen sein 
durch Anschluß an das Präsens *vhrchq. Doch ist es mir 
zweifelhaft, ob kirchenslavisch ein vresti belegt werden 
kann. Einer ab. Form vresti entspricht nur im Serbischen 
die gleichartige Form (die andern slav. Sprachen haben sie 
nicht) Drdöi {vrijeöi, vriöi)\ deren ö entspricht wie ab. st 
der Wandlung von tj. Dies cht — st ist benutzt worden 
zu einer Erklärung der Wandlung von kt (Brugmann, 
Grundriß P 585): cht wird vor den palatalen Vokalen zu 
X'^', dies umgestellt zu t'x, dies ist dann zusammenge- 
fallen mit einem aus tj entwickelten ^'x'; daraus wird ge- 
schlossen, daß ursprüngliches kt zunächst zu x't' geworden 
und dann in der gleichen Weise weiter gebildet sei. Der 
Schluß ist kaum bindend; es ist nicht ausgeschlossen, 
daß ein alter Inf. *versti *vhrsti serb. *vresti "^vrstL durch 
unmittelbare Nachahmung der Infinitive auf -öi von guttu- 
ral auslautenden Wurzeln, peöi, reöi usw., verdrängt, also 
durch vriöi, vr'öi ersetzt werden konnte, da neben einem 
Präs. vrhu (heute vr'sem) ein Inf. *vrMi *vr'sti als anomal 
empfunden wurde. 

Eine andre Erklärung des Wandels von kt ist, daß 
die leise palatalisierende W^irkung des palatalen Vokals 
auf t (s. § 40) das k, das wie alle Gutturale gegen Berüh- 
rung mit Palatalen sehr empfindlich ist, mit ergriffen und 
zwar, wie das bei den Gutturalen überhaupt so ist, stärker 
palatalisiert habe, so daß k't' entstand. Das so palatali- 
sierte k' rief wieder eine stärkere Palatalisierung des t 



§51.] Der kombinatorische Lautwandel. 57 

hervor, so daß dieses dem aus tj entstehenden Laute 
i^leich wurde. Dann schwand k (wie in kt vor nicht pala- 
talen Vokalen), und t' trat die bekannte Entwicklung an. 
Man muß bei diesen Aufstellungen verschiedene Aus- 
gleichungen in gewissen Formenreihen annehmen, so ist 
1. präs. pletq = *plekfa, 3. pl. plet(}h = ^plektath normal 
nach 51 UI 3 a, aber 3. präs. *plekteti müßte nach 51 
III 3 b ergeben *plesteth, 2. pl. ^plektete ein *plestete usw., 
die bestehenden Formen pleteh pletete wären also durch An- 
gleichung an jüetq pletnh entstanden. Normal ist Infinitiv 
resti = *rekti, dagegen wäre im Supinum *rektutn ein 
*reU normal, die vorhandene Form resfh (h wegen des 
palatalen st) wäre nach resti gebildet, da in allen andern 
Fällen das Supinum die gleichen Konsonantenverhältnisse 
aufweist wie der Infinitiv, vgl. nesti nesti, vesti vesth (zu 
vedq) usw. 

IV. pt = pt und aus bt ergibt einfaches t; präs. tepq 
Inf. teti, präs. grebd inf. greti; dlato Meißel = *dolpto 
(preuß. dalptan) für 'Holbto zu "^dblhq dlbq (sculpere) "^dolto, 
daraus dlato (nach § 53 II). 

Anm. Die Annahme, daß vt zu t führe, beruht auf dem 
Nebeneinander von ziva ich lebe und Inf. züi, aber diese Form 
wie zilh f. Leben, zito Getreide, kann unmittelbar auf zi- = 
*gi oder *gei- bezogen werden, vgl. lit. gijjä gyti wieder aufleben, 
heil werden. 

V. Labiale und Dentale vor n. 

szpati schlafen, u-shnqti einschlafen, 
s^nh Schlaf, vgl. lit. säpnas; sipq 
schütte, inf suÜ ^= *seupfi; 

raz-gybati entfalten, -ghnqii dass. ; 

svbteti leuchten, -svhyiqti hell werden; 

b^deti wachen, v^z-b^nqf^ erwachen, 
•pr^dati vhs-prenqti aufspringen. 



b 
t 
d 



> -f- w ergibt n 



Anm. In altb. Texten steht b regelmäßig vor n in po-gyh- 
nnti zugrunde gehen, auch sonst gelegentlich. Es ist das eine 
Erneuerung in der Einzelsprache aus Formen, die b erhalten 
mußten, z. B. aor. pogybocJvh pogybe, iter. pogybati. 



58 Lautlehre. [§ 51. 52. 

• 

VI. d -\- m ergibt m: 1. sg. pr. daynh ich werde geben, 
jamb ich esse, vemh ich weiß, 1. pl. pr. damh, jmm, vemh, vgl. 
3. pl. dad-ctb, jad-rhj ved-rih; rumem rot, von einem Stamm 
*roud'm€n-, vgl. lit. )'aumt^ gen. raumens rotes Fleisch, 
rhd-rh rot. — Im Verbum ergibt dv einfaches v: 1. dual. 
dave^ jave, veve. Da es aber außerhalb des Verbums keine 
Beispiele für v in Innern Silben aus dv zu geben scheint, hat 
sich davc möglicherweise nach damb r/arnz» gebildet, da in diesen 
das Element da- als das Bedeutsame empfunden wurde, 
zumal da dv Anlautsgruppe ist, also an sich im Silben- 
anlaut erhalten bleiben konnte. 

VII. Die ursprünglichen Gruppen s -\- Konsonant 
blieben duldbar, außer s-j-, das ist anlautend wie inlautend 
s-i-r geworden, z. B. s-t-ruja Strom zu W. sru vgl. *crpe/uu 
peuu; phs-t-rh bunt = "^pik-f'o-s, vgl. iroiKiXoq; ses-t-ra aus 
*sesr-rt, *s€8r- der schwache Stamm zu seser-, vgl. lit. sesü 
gen. sesers. 

In zwei Fällen, m^zdra Splint, nozdri Nasenlöcher, 
erscheint auf gleiche Weise d zwischen zr eingeschoben 
(zr im Anlaut fehlt); da jenes zu nifso Fleisch bezogen 
wird, dies zu nos^ Nase gehört, müßte zunächst aus 
"^ni^s-ra *nos-rh ein *mfz-ra *nozrh geworden sein. Sonst 
bleibt 5-r, vgl. p*bs-rb *s€S-ra. Vgl. Zupitza KZ. 37, 
396 f. 

Vin. Die Gruppe bv verliert den zweiten Bestandteil; 
am häufigsten ist dies der Fall bei der Zusammensetzung 
mit der Präp. oh- (um), z. B. *oh'Velka ich umziehe 
"^obelkq ab. ohlekq, '^ob-volko (Umzug) Wolke *obolko oblako; 
weniger deutlich in andern Fällen, so beruht das Imperf. 
bechh zu byti sein auf *bvech^. 

IX. Aus der im Anlaut fehlenden Gruppe skn 
schwindet zwischen Vokalen k {sn ist sonst vorhandene 
Gruppe), z. B. tiskati drücken, *teskm eng tesm. 

52. B. Außer dieser urslavischen Entwicklung der 
Anlauts- und Inlautsgruppen gibt es solche, die der Ge- 
schichte einzelner Abteilungen der slavischen 
Sprachen oder der Einzelsprachen angehören. • Sie 



§52.] Der kombinatorische Lautwandel. 59 

sind hier nur so weit behandelt, als sie fürs Altbulgarische 
in Betracbt kommen. 

I. tl dl, im Anlaut nicht sicher als ursprünglich 
nachweisbar, werden in den westslavischen Sprachen im 
Inlaut erhalten. Das ist so aufzufassen, daß in ihnen 
tl, dl Silbenanlaut sein konnten. In den übrigen Sprachen 
fällt t d weg, z. B. zu pletq ich flechte, padq ich falle 
part. prät. a. II *pleth *padh: westsl. öech. pletl padl, p. 
plöff padf, sorb. pletf, wjedf (zu ivjedu führe); "^si-dlo Ahle 
poln. szydio, cech. sidlo, sorb. sidto zu si-ti nähen. Da- 
gegen ab. pleh pah veh, Silo, serb. pleo pao = plel jyaL silo, 
und so analog im Slov. und Russischen. Wo in ab. 
Quellen tl, dl geschrieben wird und solche Formen in 
Wörterbücher und Grammatiken übergegangen sind, ist 
stets ein ^^ h zwischen t-l, d-l ausgefallen, z. B. sveth hell 
älter svethh, sedlo Sattel älter sedhlo. 

II. Durch die Metathesis von ursprünglichem or 
ol, er el vor Konsonanten kommt r Z in Verbindung mit 
ursprünglich nicht neben ihm stehenden Anlautskon- 
sonanten und es entstehen dadurch sekundäre Anlauts- 
gruppen, so auch im Altbulgarischen (darüber s.§53 II, §54). 

III. Im Altbulgarischen kommt ein st aus sk vor 
palatalen Vokalen (s. § 41. 2) im Wortanlaut zu stehen; 
die Gruppe st ist aber auch silbenanlaut^nd (aus sk, st, 
tj), vgl. st^deti aus *sk^deti (zu skqd^) mit pistalh = *piskelh 
Flöte zu piskati. Das entsprechende sd ist häufig im 
Silbenanlaut (aus zg, dj) z. B. d^zäh Regen, rnezda Grenze, 
es fehlt im Wortanlaut. 

IV. Durch die Wirkung von n l' r auf vorangehende 
Konsonanten (s. § 39.3,4) entstehen in inneren Silben 
die Silbenanlaute zn sn, st, str , Mr '. 1. präs. hlaznq zu 
hlaznüi, mysl'q zu mysliti, s^mostrq, zu szmotriti, -mqsdrq 
zu -madriti. 

V. In der Gruppe des Slavischen, die die Labialen 
+ j ersetzt durch pl usw. (s. § 39. 5), entstehen im In- 
laut Silbenanlaute ml' vV , die im Anlaut ursprünglich nicht 



60 Lautlehre. [§ 52. 53. 

vorkommen, l. B. ze-mla, ha-vl'a (l. präs. zu haviti)\ pl 
bt sind auch Anlautsgruppen. 

Metathesis der Verbindungen or ol, er el 
vor Konsonanten. 

53. In allen slavischen Sprachen sind die ursprünglich 
durch r l geschlossenen Silben, z. B. "^uel-ka lit. velkk, 
*vor-m Rabe lit. vahias, offen geworden, doch in ver- 
schiedener Weise. 

I. or, ol im Wortanlaut werden insofern in den 
slav. Sprachen gleich behandelt, als die Stellung der Laute 
umgedreht wird, dabei entsteht teils ro lo, teils rä /«, 
wenn verkürzt rä lä (das Kassubisch-polabische ist dabei 
nicht berücksichtigt) : 

'*orst\ wachsen '■^olkhtb vgl. lit. alküne Ellbogen 



südslav. rä lä, wenn russ. rosti westslav. polu. rosö 

verkürzt m, lä: iokof tokicd 

ab. rasti lakbth cech. alt rösti, neucech. 

serb. rdsti läkat rüsti (slovak. rast'), loket, 

slov. rasti lakht sorb. ros6 iokö. 

In den ab. Quellen (fast nur im Cod. Supr.) steht 
bisweilen ro- neben ra-, rohh und rab^ Sklav = *orb^, 
vgl. got. arhaißs Arbeit, 7'oz- neben raz- = *orz zer-, rovnm 
neben ravhm = *orvhm eben. Formen mit lo- kommen 
nicht vor, nur la-, dagegen neben diesem in einigen 
Wörtern al: lakati und alkati (aiiiKATH ai\'KATH AiiKaTH) 
hungern, vgl. lit. älkti; ladhji und aldhji («ä'^hm) Schifif 
aus *oldhji; alnhji (siiiiHhH, sii'HbH) neben lanhji aus *olnhji 
Hirschkuh . 

Für ursprüngliches er, el im Anlaut fehlen ganz 
sichere Beispiele. 

IL or ol, er el zwischen Konsonanten ergeben 
im Russischen Zweisilbigkeit (sogen, polnoglasie = Vollautig- 
keit): or — oro, ol — oto, er — ere, el wird zunächst *o/, 
daraus oto, fällt also mit oio aus ol zusammen. Die 



§53.] Der korabinatorieche Lautwandel. 61 

andern Sprachen haben Metathesis, teils mit Dehnung des 
zu *ö d. i. rt, des e zu e, teils ohne diese; durch be- 
sondere Verhältnisse, Eigentümlichkeiten der Betonung, 
können ä e wieder verkürzt sein zu ä e: 

'"gordh (Umzäumung) Burg usw. '^•berg^ Hügel, Ufer 

vgl. lit. gafdati Hürde vgl. deutsch Berg 



südslav. : öech. hrad poln. grod hrzeg russ. görod 
ab. grad^ bregi hreh (acech. sorb. hrod h-joh hereg 

serb. gräd hreg hfeh) (aus '^breg) 

{brijeg bng) 
slov. gräd breg 

*golva vgl. lit. galvä Kopf *meIko Milch 



südslav.: ab. cech. poln. gioiva mieko russ. gotovä 

glava mleko hlava sorb. hioiva mloko {moiokö zu- 

serh. glävamUko mUko (aus mleko) nächst aus 

{mlijeko mliko) *'nioiko). 

slov . glava mleko 

Als urslavisch ist oben angesetzt unverändertes w 
o/, er el. Wahrscheinlich liegt aber zwischen dieser ur- 
sprünglichsten Gestalt der Silben und deren endlich er- 
reichter Form (Metathesis oder Zweisilbigkeit) eine ge- 
meinsame ursl. Mittelstufe. Wie diese anzusetzen, ist 
kontrovers. Vgl. Torbiörnsson, Die gemeinsl. Liquida- 
metathese L H (in Upsala Universitets Ärskrift 1902 und 
1904); ders., Antikritische Bemerkungen zur sl. Meta- 
thesenfrage BB. 30 (1906); dazu die in diesen beiden 
Schriften angeführte Literatur. 

Durch die Metathesis fallen ab. Silben mit ursprüng- 
lichem ra- la- und solche mit ursprünglichem &r- ol-, ebenso 
Silben mit ursprünglichem re- U- und solche mit er- 
el- zusammen. Bei Zweifeln bildet das Russische das ein- 
fachste Mittel der Scheidung, z. B. khdq ich lege, klada 
Klotz, Block, dagegen russ. kiadu, kofoda; ffrad^ Hagel, 



62 Lautlehre. [§ 53. 54. 

graih Stadt, russ. grad, gor od; strela Pfeil (vgl. deutsch sträl), 
stregq ich bewache, russ. strela^ dagegen sieregn. 

Unursprtingliche Konsonantengruppen im 
Wortanlaut des Altbulgarischen infolge der Metathesis. 

54. Durch die Umstellung des or, er usw. kommen 
Konsonantenverbindungen in den Wortanlaut, die ursprüng- 
lich nicht vorhanden waren: 

nr: inf. *n€rti (zu 7ihra einstecken) — nreti\ '^norvi» Sitte, 

Charakter (russ. nwo^i) — nravh. 
tnr: inf. *merti (zu mhrq sterben; r. rueret) — jnreli. 
ml: *mold^ jung (r. moiod)^ vgl. preuß. malda- — mkuh. 
vr: *voria Tor (lit. vartai, r. vorota) — vrafa. 
vi: *velkp (lit. velkii) — vlekq. 

tl: inf. *telkti stoßen (r. toioc) zu *tblkq ab. flkq — tlesti. 
dl: *dobih flache Hand (lit. debia, r. doton) — dlanh. 
sr: '^s&rrm Schande (r. sorom) — sratm (vgl. die Trennung 

von ursprünglichem s-r durch t, s. § 51 VII). 
smr: *s7na}'dh Gestank (v^\. lit. stnardinti stinkend machen, 

r. stnorod) — sniradi. 
svr: *svorhz Jucken (r. bvorob) — svrah^. 
skl: *skolbiti lächeln — sklahiti. 
skvr: inf. *skverti (zu skvhrq schmelzen) — skvreti. 
zr: *zarkz Blick {zu zhreti schauen), vgl. r. zorok — zrakb. 
zl: *zolto Gold (r. zofoto) — zlato. 
chvr: *chvorshje Reisig (r. chvorost) — cJivrasthje. 
sl: *selrm (entlehntes deutsches hehn) — slerm. 
zr: inf. *im2 zu s;hrq fressen (vgl. lit. gerti trinken) — zreti. 
sl: *ieldq ^eelsii vergelten (vgl. got. gildan) — zUdq zlesii. 
er: *cerda Herde (vgl. got. hairda) — creda. 
61: clam Glied für clem^ vgl. slov. clen, aus *kelm? 

Das allgemein in den ab. Quellen clovekb (Mensch) 
geschriebene Wort muß zwischen r- und l einen Vokal 
(fc) verloren haben, vgl. r. celovekz, lett. (alte Entlehnung) 
zilweks. 

Diese Gruppen kommen im Anlaut innerer Wortsilben 
nicht oder fast nicht vor, weil Formantien mit er e/, or 



§ 54. 55.] Der kombinatorieche Lautwandel. 63 

ol ']â–  Konsonant nicht vorkommen; vereinzelte Beispiele 
sind klevreth Mitsklave (gilt für entlehnt aus collihertus), 
skovrada Tiegel, Pfanne (r. skovorodn). 

Die Silben mit ab. r 1. * 

o o 

55. Wenn man für die ab. Silben mit r l als ur- 

o o 

slavische Gestalt ansetzt or ^l, hr hl (vgl. lit. ?V, il = idg. 
r /), so bieten sie dasselbe lautliche Bild wie die Silben 
mit or ol, e)' eh aber sie erleiden nicht wie diese Meta- 
thcsis, noch gehen sie in Zweisilbigkeit über. Es würde 
hier zu weit führen, die sehr verwickelten Verhältnisse 
dieser Silben in den einzelnen sla vischen vSprachen, wo 
sekundäre Lautentwicklungen z. T. stark umbildend ge- 
wirkt haben, näher auszuführen; es seien hier nur das 
Russische, Serbische, Cechische neben dem Altbulgarischen 
berücksichtigt. 

%r hr 

*kzrmiii nähren *phrsto (lit. *2^irszfas) Finger 



altr. kwmiti ab. knniti serb. krmiü cech. krmiti 

c 

neur. kormif prst prst. prst. 

altr. pbrsih 
neur. j^^^st 

^l hl 

"^chzhm Hügel (germ. Iwlm) ""'phlm (lit. p'ibias) voll 



altr. chilnih ab. chl/rm altserb. Mm altcech. chlm 

o 

neur. chofm plm neus. hum neucech. chlum 

altr. jnlm alts. pln plny. 

neur. poinyj neus. pun 

Das Russische behandelt also diese Silben, nachdem 
zuvor bl in hl übergegangen (vgl. el zu ol § 53 II), wie 
beliebige andre Silben mit ^ 6, wenn diese Vokale über- 
haupt erhalten bleiben, vgl. s^m — son, otbcb — otec; in 
den andern oben angeführten Sprachen entsteht r l. 



64 Lautlehre. f§ 55. 

Die altbulgarische Überlieferung gibt in ihrem Schrift - 
bilde dieser Silben: KpxMiiTii npiCTi» (oder -ph-), jiM^WL 
nniHi (oder -,Ah-), den Eindruck einer Metathesis wie grad^ 
für *gord^ usw. Daß hier keine solche stattgefunden hat 
und in der älteren Zeit nicht r + *> ^ + * (oder r -\- 6, 
^ + &) gesprochen worden ist, ergibt die weitere Ent- 
wicklung. Die Fälle, wo ursprünglich ein ^ oder h 
nach r l stand, verhalten sich dialektisch-altbulgarisch 
(s. § 24 IV 4) genau so wie Wörter, in denen z. h nach 
beliebigen andern Konsonanten standen, z. B. k7'^vh — 
krovh (d. i. krov' oder krov) Blut (lit. krüvinas blutig), 
phth — ploib (d. i. plot' oder plot) Fleisch (vgl. lit. plutä 
Rinde) genau wie vimi — von hinaus; krtsnqti sich erheben 
auferstehen — kresnqti, part. prät. a. u-ghhz (zu u-glhb-nqti sich 
anheften) — u-gleh ebenso wie^s^ — pes Hund. Obwohl nun 
KpiMHTH und KpiRh, nphCTi und nphCHA^TH, TixhWh und n^^iTb, 
n.^bHT. und ovr.AbBi in der Schrift gleich aussehen, ent- 
stehen doch nie *kromiti ^'p'est *chlcnn *plen; es kann 
also keine Metathesis stattgefunden haben. Wäre ferner 
ein Vokal ^ b \ot r l gesprochen worden (vgl. die alt- 
russischen Fornoen), so ist nicht abzusehen^ warum die 
Schrift nicht einfach bei ip bp, -la bn blieb. Das einzig 
Wahrscheinliche ist demnach, daß nur r l gesprochen 
wurde. Für diese Vokale hatte die griechische Schrift, 
die p X nur als Konsonantenzeichen kannte, kein Aus- 
drucksmittel; nur p Ä zu schreiben, verbot dem Aufsteller 
des Alphabets die aus der griechischen Grammatik über- 
kommene Vorstellung, diese Buchstaben seien nur kon- 
sonantisch zu brauchen. So nahm er Äum Ausdruck von 
r l die Zeichenverbindung, die lautlich im Klange einiger- 
maßen nahe lag, d. h. ro (pi) oder rh (pb), h (äi) oder 
Ih (iib). In der Tat fallen in der Entwicklung einiger slavischer 
Sprachen ursprüngliches ^r ftr, ^Z hl mit ursprünglichen 
n rb, h Ih zusammen, z. B. im Serbischen krv wie- prsf, 
pun i^pjhhi,, lit. pilnas) wie bnlia Floh (hhrha, r. hfochä, 
lit. hlusä). 

Durch die Entstehung von r/ werden die betreffenden, 



§ 55 — 57.] Der kombinatorische Lautwandel. 65 

urslavisch durch r / geschlossenen Silben alle offen: 
*kbr-miti — kr-miti, *phr-sih — pr-stb usw. 

56. Beim Zusammentreffen von t-t und dt ist 

st entstanden, diese Entwicklung ist aber nicht slavisch, 
sondern indogermanisch, daher auch litauisch; z. B. metq 
lit. ynetü in f. niesti lit. mesti werfen, vedq lit. vedü in f. vesii 
lit. veati führen. 

Veränderungen des ursprünglichen 
Wortanlautes. 

5*7. 1. Die ursprünglichen Anlaute e-, e- werden 
urslavisch wie altbulgarisch stets zu je-^ j^-: lit. esmi — 
el. *esmh jesinh; ^emjeiz er nimmt ab. jeml'eh; lit. miti — 
sl. '"'eti j^ti nehmen. 

2. €■ wird in den einzelnen Sprachen verschieden 
behandelt, ab. stets zu ja- : lit. esti — ab. jasti essen. 

3. h- wird zunächst *jh, das mit *j&- aus ursprüng- 
lichem *p für ju- (§ 47. 2) zusammenfällt, beide ergeben 
weiter i: lat. jugum — slav. '^j^go '^jhgo igo; lit. imii ich 
nehme — '^hma *JMnq imq. 

4. ^- und y- (= -ü) erhalten den Vorschlag v-: lit. 
u2 hinter^ dvTi — slav. v^z^ an- hinauf, dvii; uciti lehren 
— v-yknqti lernen. 

Diese Anlautsveränderungen sind erst eingetreten 
nach der festen Verbindung von Präpositionen und den 
mit ihnen komponierten Elementen, daher in solchen 
Zusammensetzungen das zweite Glied die alten Anlaute 
e, p, e, h, ^ hat: j-eml'q s^n-eml'q (nehme zusammen), 
j-^ti s^n-^ti, imq s^n-hmq, jasti s^nâ– esti verzehren (es wird 
nie geschrieben z. B. ^cihicmjii». "^clhhith, wie es notwendig 
wäre, wenn anlautendes j hier alt wäre, vgl. ki iiicMb. in 
ihm == ""'vhn-jemh, wo je- alter Anlaut; es heißt immer 
CLHCMAi^ CLHÄTH u. s. f.)',* v-^'p^ti rufcu, v^z-^piti ausrufen. 

5. Die Vokale a, o, q, v, i können im Anlaut stehen 
und stehen meist unverändert. Das * und o bleiben stets 
so; a, ein sehr seltner Wortanlaut im Slavischen, zeigt 
eine gewisse Neigung j anzunehmen ; immer unverändert 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. 5 



66 



Lautlehre. 



[§ 57. 58. 



bleibt a (aber), jedoch agn^ agnuh Lamm — jagn^ jagnuh^ 
luiie wenn — «iiiie. Das ab. az^ ich ist eine spezifisch 
bulgarische Form (neubulg. az), alle andern slavischen 
Sprachen luibcn j im Anlaut [jaz^ ja); die Annahme, '■*'•jaz^ 
stehe für "^erom (zu -am vgl. ai. ahdm) mit Dehnung des ur- 
sprünglich anlautenden e (gr. tY^. hit. ego)^ und j sei im 
Bulgarischen al)gefallen, ist sehr unsicher (s. Berneker SIEW. 
unter dzh, und die dort angeführte Literatur). — w bleibt 
fast stets so erhalten, z. B. ncho Ohr, usta Mund, mm 
Sinn, udh (Jlied, nzda Zaum; indes gelegentlich jutro für 
iitro Morgen, und umgekehrt u uze schon für ju (lit. jau). 
— Neben qza Fessel (vgl. qz^k^ eng) steht (selten) vqza, 
vgl. dazu vczati binden, bei dem aber zweifelhaft ist, ob 
V vorgeschlagen. 

lin Silbenanlaut des Wortinnern können Vo- 
kale nur stehen bei Zusammensetzungen, deren zweiter 
Bestandteil auf Vokal anlautet, z. B. imnogo ohrazim viel- 
gestaltig. Der Anlaut des zweiten Elements verhält sich 
wie außerhalb der Zusammensetzung, daher tuiostriti 
schärfen, na-uciti lehren, pre-iti hinübergehen, aber pri- 
jeml'q, pri-jpti, pri-irnq, na-jasfi S(j sich satt essen, na-vyk- 
mifi lernen. 

< 

Wenn in .solchen Zusammensetzungen zwei gleiche 
Vokale zusammenstoßen, wird nicht kontrahiert, außer 
bei pri-idq pri-ifi {herbeigehen, kommen), das regelmäßig 
pridq priti wird. Über Kontraktionen bei andern Vor- 
gängen s. § 11 4. Ü und 196. 2, 



Spätere Entwicklung zu geschlossenen Silben. 

Die auf -Z7, auslautenden Präpositionen. 

58, 1. Durch den § 24 IV 3 erwähnten späte 
ren Abfall von z, 6 im Wortauslaut kommen wieder 
beliebige Konsonanten ans Wortende, das in älterer Zeit 
nur vükalisch auslauten konnte (s. § 48 u. 49), z. B. grad ■■= 
gradz, vlasl^^ vlasth, kqs ^= kqsb usw. Durch den Ausfall 
von h, h im Wortinnern (s. § 24 IV 3) treten Konsonanten - 
gruppen im Wortanlaut zusammen, die in älterer Zeit dort 



§ 58.] Der kombinatorische Lautwandel. 67 

fehlen, z. B. mnog^ = ymnogi,^ mne mir = ynhne, zreti schauen 
= zhreti; ferner kamen dadurch wieder konsonantisch aus- 
lautende, geschlossene Silben zustande, vgl. z. B. knicheiji 
= k^nig^c^ji Schreiber, wo das aus g vor c entstandene 
ch die Silbe schließt, ver-na (fida) = verb?ia. 

IL In einem Falle ist der Verlust des auslautenden 
2. älter als unsre Überlieferung, bei den auf -z^ aus- 
gehenden Präpositionen bez^ ohne, iz^ aus, raz^ zer- (nur 
in Zusammensetzung), v^z^ hinauf (fast nur in Zusammen- 
setzungen). Dadurch ist z mit konsonantischem Anlaut 
in Berührung gekommen, namentlich in der Komposition, 
weniger regelmäßig auch vor Kasus und es sind Assimila- 
tionen eingetreten: 

1. Vor ty k, p geht ^ in s über, z. B. iz ■■{- tociti — 
istociti ausgießen, v^z -\- peti = v^spefi anheben zu singen, 
raz + kopati — raskopati aufgraben. 

2. z -\- c (= ts) wird sts sc und kann so bleiben 
*iZ'CeznaH entschwinden — isceznati; sts wird zu ^sts^ dies 
nach Schwund des zweiten s zu st — isteznqti; daneben 
auch iceznqti. 

Z. z -\- z muß anf die ältere Stufe z -\- dz bezogen 
werden (s. § 41. 1), daraus entsteht *idi, mit Schwund 
des zweiten z endlich zd; so regelmäßig im Altbulgarischen, 
z. B. *i>-</i^fa_ ausbrennen {zegq zesti) — izdesti. 

4. z -}- c (= ts) ergibt sc, dies kann bleiben und 
bleibt meistens, kann aber nach Wegfall des zweiten s 
auch st ergeben, z. B. *iz-celiti ausheilen — isceliti isteliti. 

5. z fällt vor- s aus: *v%z-stati aufstehen — v^statiy 
*v^z-stenati aufseufzen — v^stenat^; meist auch vor s, z. B. 
'^izâ– sbd^ hinausgegangen iihdh, vereinzelt issbd^. 

6. z kann vor n l' erhalten bleiben oder in z über- 
gehen (vgl. § 39. 4), z. B. vTtZ-Vuhl'q vT>ztuhtq ich gewinne 
lieb, iz nego iz nego aus ihm. 

7. z-r wird in Zusammensetzungen regelmäßig zu 
zdr (vgl. 51 VIDrrtz + resiti — razdresiti zertrennen, iz -\- 
resti aussagen — izdresti; auch sonst gelegentlich, z. B. 
iz{^) rqky aus der Hand — iz-drqky. 



68 Lautlehre. [§ 58. 59. 

8. Zuweilen verliert of- aus of^ in der Korapoßition das 
t^ z. B. o-choditi = otbch- weggehen. 

Verbindung der Kasus von om (jego usw.) 
mit Präpositionen. 

59. Es ist eine allgemein slavische gewöhnlich so 
ausgedrückte Regel : ein von einer alten echten Prä- 
position abhängiger Kasus des anaphorischen 
Pronomens om er {jego, jemu usw., vom Prono- 
minalstamm jo-) erhält den Vorschlag n, also lauten, 
da nj das palatale n ergibt, diese Kasus dann mit n 
an, z. B. oti *njego nego von ihm, do nego bis zu 
ihm, kb nemu zu ihm, vh nb in ihn, na m auf ihn, 
s^ nimb mit ihm, v^ nemh in ihm, na nenih auf 
ihm, otb nich^ von ihnen, H nim^ zu ihnen, vz ne in 
sie, s^ nimi mit ihnen, v^ nichh in ihnen usw. Dasselbe 
ist der Fall, wenn Präpositionen mit adverbialen Ablei- 
tungen des Pronominalstammes jo- verbunden werden, 
z. B. oth nelize {jeli-ie) von wann an, otb nqdu {jqdu) von 
woher. Die im Altbulgarischen in Betracht kommenden 
Präpositionen sind: hezi, v^, do, za, izh, kb, na, nadz, o, otb, 
po, pod^y yri, predb, s^, u. — Bei st», v^ tritt das n auch 
ein bei Zusammensetzung mit vokalisch anlautenden 
Verben, bei v^ gelegentlich auch vor vokalisch anlauten- 
den Nominalkasus, z. B. shn-iti sp zusammenkommen, s'in-^H 
zusammennehmen (vgl. dazu § 57. 4), v^n-'bmq ich vernehme, 
vbn-qtrh ins Innere, hinein, v^n-usi in die Ohren. Die 
beiden Präpositionen hatten ursprünglich nasalen Aus- 
laut, s^n ^;^w, der in enger Verbindung mit folgenden 
Elementen erhalten blieb. Vielleicht haben auch andre 
auf b auslautende Präpositionen nasalen Auslaut gehabt. 
Nach deren Muster ist dann dies (sog. epenthetische) n 
bei allen angewendet worden. Bei Schreibung mit Wort- 
trennung hat man sich gewöhnt, das n an dem Prono- 
minalkasus zu schreiben, z. B. ao hicfo, ki hkmov, k-l hh?ci. 

— ■ #♦» « — 



I 



§ 60.] 69 



Zweiter Hauptteil. 
Stammbildung der Nomina. 



60. Die folgende Behandlung der nominalen Stamm- 
bildung geht nicht von der Lautform der Formantien 
(Suffixe) aus, sondern von Bedeutungsklassen der 
fertigen Wörter. Da Wörter mit demselben For- 
mans in verschiedenen Bedeutungsklassen vorkommen 
können, muß bisweilen eine und dieselbe Formation an 
mehreren Stellen erwähnt werden. Das Verfahren ist 
hier gewählt, um dem Lernenden die Erwerbung eines 
gewissen Sprachgefühls für die Bedeutung bestimmter 
Bildungstypen zu erleichtern. Durchführbar ist es freilich 
nur insoweit, als die Spra<ihe größere Mengen von Ab- 
leitungen gleicher Art bietet, die stets die gleiche Be- 
ziehung zu dem Grundwort ausdrücken, wie z. B. -tel'h 
stets den Täter einer Handlung bezeichnet, so verschiedene 
Handlungen auch die zugrunde liegenden Verba bedeuten. 
Solche größere Gruppen werden meist aus Bildungen mit 
sogenannten «lebendigen» Formantien bestehen, d.h. 
aus Wörtern, bei denen die Sprechenden noch die gleich- 
artige Beziehung zu den Grundworten empfinden, daher 
auch imstande sind, bisher nicht vorhandene Wörter 
gleicher Art neu zu schaffen, die sofort verstanden werden. 
Außer diesen «lebendigen» Formungen hat die Sprache 
altererbte Wörter, von denen wir zwar viele eben- 



70 Stammbildung der Nomina. [§60. 

falls in Stamm und Formans auflösen können, die aber 
in der uns überlieferten Periode der Sprachgeschichte nicht 
vermehrt wurden, deren Formans also starr, tot ist. Auch 
solche Bildungen lassen sich z. T. zu Bedeutungsgruppen 
vereinigen, sie waren ja einmal lebendig und wurden in 
bestimmter Bedeutung empfunden, z. B.die Verbalabstrakta 
auf h wie bhdh. Andrerseits kann es vorkommen, daß 
zwar reichliche Beispiele gleichgebildeter Nomina vor- 
handen sind, sich aber nicht zu einer schärfer umgrenzten 
Bedeutungsklasse mehr verbinden lassen, z. B. die ziem 
lieh häufigen alten Nomina auf -ro-, rä. Soweit eine 
größere Anzahl solcher Bildungen von gleicher Be- 
deutungsfärbung vorkommt und sich einigermaßen einer 
bestimmten Bedeutungsklasse einreihen läßt, sind sie 
mit angeführt. Außerdem sind am Ende der in Be- 
deutungsklasscn eingeordneten Ableitungen als Anhang I 
angefügt einige Bildungen mit konsonantisch oder ur- 
sprünglich konsonantisch auslautenden Formantien, weil 
sie nicht ganz selten sind und eine Bedeutung für 
die Flexion haben. Alles andre, mehr oder minder ver- 
einzelte oder was, wenn auch etwas häufiger, sich nur 
durch weitere etymologische Forschung erkennen läßt, ist 
weggelassen, weil es für die Beziehungen ab. Wörter zu- 
einander und ihre Bedeutung nicht in Betracht kommt. 
Eine Tabelle der behandelten Formantien s. § 80. 

Die in das Verbalsystem aufgenommenen 
Nominalbildungen, Infinitiv, Supinum, Partizipien 
sind nicht an dieser Stelle, sondern beim Verbum be- 
handelt. Die Bildung der Komparative (s. § 97. 2) bei 
der Flexion der Adjektive. Die Bildung der Zahlwörter 
(s. §§ 115 bis 121) und Pronomina (s. §§ 100—111) ist 
bei deren Flexion mit behandelt; die der Adverbien 
bei diesen (s. §§ 123—135). 

Die Lehre von der nominalen Stammbildung des 
Altbulgarischen kann nicht wohl benutzt werden als 
Grundlage dieser Lehre für die Gesamtheit der 
sl avischen Sprachen, da die fast rein kirchlich-reli- 



t}60. 61.| Substantiva. 71 

giöse altbulgarische Literatur für ganze Wortgruppeiij 
z, B. Deminutiva und Patrönymika, nur seiton Verwendung 
hat, daher kein richtiges Bild von der relativen Häufig- 
keit und der Geläufigkeit der Bildungen geben kann. 

Literatur. VG'^ Bd. II, Vergleichende Stammbildungs- 
lehre der slav. Sprachen ; der Stoff* ist geordnet nach der 
lautlichen Form der SuflSxe, bei jedem steht das Alt- 
slovenische (Altbulgarische) voran. — Meillet, Etudes BUr 
l'etymologie et le vocabulaire du vieux Slave. 2*" partie: 
Formation des mots (= Bibliotheque de l'ecole des hautes 
etude3, Cent trente-neuvieme fascicule [2' partie]), Paris 
1905; ebenfalls nach der Suffixform geordnet. 



A. Substantiva. 

61. I. Wörter, die den Handelnden bezeich- 
nen, Noraina agentis. 

1. -tel'b, das allgemein anwendbare lebendige For- 
mans, leitet ab von Verbalstämmen, primären (Wurzeln) 
wie sekundären " (abgeleiteten): vlada vlasti herrschen — 
vlastel'h Herrscher, sw'iq z^ti schneiden, ernten — zetel'h 
Schnitter, ;;re-(fafi übergeben, verraten — predateVhYeimiQr, 
delati arbeiten — delatetb Arbeiter, prijati beistehen — 
prijatel'h Freund, pisati schreiben — pisatel'b Schreiber, 
gubiti verderben — giibitel'h Verderber. 

Die Häufigkeit der transitiven Verba auf -iti und 
der von ihnen gebildeten Nom. ag. hat es mit sich ge- 
bracht, daß -iteVb als ein Formans abgetrennt und bei 
konsonantisch auslautenden Wurzelverben, zuweilen auch 
bei nicht auf -i- auslautenden Verbalstämmen angewendet 
wird, z. B. pogrebq -greti begraben — pogrehiteVb der be- 
gräbt, 1. präs. prcdaynh 3. pl. predad^tb predati verraten — 
predaditel'b Verräter; züdn zbdati bauen — zizditel'h (ge- 
bildet vom Präsens) Erbauer; dr^aä halten 3. präs. drzü-h 

— vbse-dr7>zitel'h TTavTOKpdxiup, veleti 3. präs. velih befehlen 

— povelitel'b Befehlshaber, hier also mit dem Auslaut -i- 
des Präsensstammes. 



72 Stammbildung der Nomina. [§61. 

2. -beb, ziemlich häufig (namentlich im zweiten Glied 
von Komposita) von primären wie abgeleiteten Verben, 
die Bildungen von abgeleiteten ohne den charakteristischen 
Vokal des Verbalstammes (a, /, i-): bor'q hrati = '•'borti 
kämpfen — horhcb Kämpfer, zbrq zrHl = '^eerti opfern 

— zbrhcb Priester, plpq plcsti tanzen — plfsbcb Tänzer, 
chtq cisti ehren — bogo-cbtbch Gottes Verehrer, siti = "^sjüti 

— sbvbcb sutor; loviti jagen — lovbcb Jäger, tvoriti machen 

— tvorbcb Schöpfer, davati geben — davbch Geber, drzati 
halten — samo-drzbcb Selbstherrscher, zbr'a zhreti schauen 

— zvezdo'Zbncb Sternseher. Im Litauischen entspricht 
in gleicher Bedeutung -ikas, z. B. lüpti schinden — hpl- 
kos Abdecker. 

Eine seltnere Nebenform ist -bca, trotz seiner femini- 
nalen Endung männliche Personen bedeutend: jamb {jad-) 
jasti essen — jadbca Fresser, piti trinken — vino-pijua 
Weinsäufer, sekq sesti hauen — secbca Henker. 

Die Femininalform zu bcb ist -ica, weibliche Per- 
sonen bezeichnend, ab. nur vereinzelt vorkommend, z. B. 
bogo-rodica deoTÖKog zu roditi gebären. 

Alle folgenden Bildungen von Nom. agentis sind mehr 
oder minder vereinzelt und nicht lebendig. 

3- -j^ (-Jo-)'- deti tun — -dejb in l'ubo-dejb jnoixo^, 
zhlodejb Übeltäter^ j^fer'^ phreti se sich streiten — sa-pbr'b 
Gegner, stregq siresti (= '^•sterg-) bewachen — stt'azb 
(= "^storgjo-) Wächter, voditi führen — vosdb Führer. 
Dazu einige femininaler Form, männlicher Bedeutung: 
delati — drevo-del'a (Holzarbeiter) Zimmermann, tekq testi 
laufen — predb-teca Vorläufer, mogq mosti können — 
velb-moza Vielmögender, Vornehmer, Herrscher. 

4. -tajh^ dessen lit. Entsprechung -tojis dort allge- 
mein anwendbar ist, nur in einem Beispiel unmittelbar 
von einem primären Verbum (einer Wurzel) ableitend: 
ratajb = *ortajb Pflüger, Ackersmann zu orq ich pflüge 
= lit. artöjis (zu drti); außerdem einige Wörter auf -atajb 
ohne Rücksicht auf den«ugrunde liegenden Verbalstamm: 
choditi gehen — chodatajb Bittgänger, voditi führen — 




§61.62.] Substantiva. 73 

provodatajh Geleiter, jwzoratajb Zuschauer, Spion (wohl 
unmittelbar von pozorb Schau). 

5. -h (i-Stamin), ganz vereinzelt: jamh (jad) essen — 
medv-edh (Honigesser) Bär, holeti krank sein — boli 
Kranker. — Hier sei auch das einzige -th angereiht: 
iajiti verbergen — ta-th Dieb, vgl. gr. |Lidv-Ti-(;. 

Über -ar'b bei Nom. ag. s. § 63 III 1. 

Ursprünglich gehören hierher auch die sogenannten 
Partizipia prät. akt. II auf -h\ da-h eigentlich «Geber», 
nes-h «Träger» (s. § 172). 

62. II. Wörter, die den Träger einer Eigen- 
schaft bezeichnen; Ableitungen von Adjektiven 
und adjektivischen Partizipien. 

1. -ik^, f. -ica, lebendig und bei gegebener Gelegen- 
heit neu anwendbar. Durch Verbindung mit den zahl- 
reichen Adjektiven auf -bm entsteht das zusammenge- 
setzte Formans -hnikh {-nik in den lebenden slav. Sprachen 
und in dieser Form dort selbständig geworden). 

a) -ikh, angewendet zur Ableitung von Part. prät. 
pass. ; die Wörter bedeuten die Person, an der die Hand 
lung des Verbums dauernd oder regelmäßig ausgeübt wird: 
uciti lehren iicem gelehrt — ucenikh Schüler, f. ucenica, 
maciti martern macem gemartert — macenikh Märtvrer, 
l'ubiti lieben l'uhlem geliebt — l' uhlenikb Geliebter, Lieb- 
ling. Selten ist -ik^ bei andern adjektivischen Wörtern: 
zlaH golden — zlatikrb^ zlatica Goldmünze (daneben zlatbm 
— zlaihnikh zlathnica, s. b). 

b) -bn-ikh, f. -bnica: grechz Sünde gresbm sündig — 
greshnikb Sünder, f. gresbnica, j^zykh Volk pl. jezyci Heiden 
jezycbm heidnisch — j^zycbnikh Heide, pravbda Gerechtig- 
keit pravbdhm gerecht — pravbdbnikb gerechter Mann, 
dhß Schuld dlzbm schuldig — dUbnikh Schuldner. Ge- 
legentlich kommen in gleicher Bedeutungsart so gebildete 
sachliche Konkreta vor, z. B. sbvehro Silber swebrbm 
silbern — sbrebrbnikb Silbermünze (vgl. Silberling), istokT, 
Ausfluß, Quelle, isiocbm — istocbnikh Quelle, prazdbm 
müßig — prazdhnikb Festtag. 



74 StammbiUlunK der Nomina. [§62.63. 

Rezeichnet das dem Adj. auf -hm, zugrunde liegende 
Substantiv einen Gegenstand, der die ßosch.äftigung einer 
Person bildet oder bilden kann, so bedeuten die Bildungen 
auf hnikh Personen, die mit solchen Dingen re.fi;el- 
mäßig zu tun haben: vrata Tor vvatbuh auf das 'l'or 
bezüglich — vrathniki, Türhüter, pcncdzh Geld iwnrzhm 
geMlich — pencz1mik^ Geldwechsler. Durch diese Bedeu 
tungswendung spielen die Bildungen in die Klasse der 
unter III (§ 63) behandelten hinüber. 

Das Litauische hat in gleicher Anwendung -ininkas 
(-in-ikas), z. B. laükas Feld lauklnis auf Feld bezüglich — 
laukininkas Ackersmann, Landmann. 

2. -hcb, f. -ica. Ursprünglich wird im Slavischen die 
Verwendung eines Adjektivs, auch des bestimmten, als 
Substantiv vermieden, und ein vom Adjektiv abgeleitetes 
Substantiv, gewöhnlich auf -hch, gesetzt: mrtv^ tot — 
mrtvhcb der Tote, slep^ blind — slephch ein Blinder, der 
Blinde (vgl. Matth. 15. 14 oöriYoi eiai luqpXoi xuqpXujv 
TuqpXoq 6e TuqpXöv edv ööriTf], diaqpoxepoi eiq ßo^uvov 
TTecTouviai, vozdi sah slepi slephcetm^ slephCh ze slephca 
aste vodihj oba v^ janiq vhpadete se), crm schwarz — crnhch 
(Schwärzung) Mönch crnica Nonne, vgl. crnoriz^ (zu riza 
Kleid) schwarz gekleidet — crnorizhch Mönch, starb alt 

— sta^-hch Greis starica Alte, Greisin, prishh angekommen 
(shtb Part. prät. a. II zu iti) — prishhch Ankömmling. 

Genau so lit. -ikis (seltner -ikas), f. -ike, z. B. naüjas 
neu — naußkas Neuling, jdunas jung — jaumkis junger 
Mann (Bräutigam), f. jaunlke, rüdas rotbraun — rudike 
(eine Pilzart) Rötling. 

3. -bki, im Altbulgarischen sehr selten : cetvrtb vierter 

— cetvrtbkh Donnerstag (vierter Wochentag), p^t^ fünfter — 
p^tbkh Freitag, presm ungesäuert — opresmkb unge- 
säuertes Brot. 

68. III. Wörter, die den mit einem Gegen- 
stand, gewöhnlich gewerbsmäßig oder dauernd, 
Beschäftigten bezeichnen; Ableitungen von Sub- 
stantiven. 



§ 63. 64.] Subetantiva. 75 

1. -ar'h (Entlehnung aus dem Germanischen, got. 
■areis, z. B. laisjan lehren — laisareis I^ehrer): myto Zoll 
— myiar'h Zöllner, vino Wein — vinar'h Winzer, ryha 
Fit>ch — ryhar'b Fischer, vinog7'adh Weingarten — vino- 
gradar'h Weingiirtner. 

Die Verwendung des -ar'h zur Ableitung von Nora, 
agentis aus Ver}>en wird im Altbulgarischen noch ver- 
mieden, in ein^'gen slaviechen Sprachen wird sie im Laufe 
der Zeit häufiger, z. B. pekq backe — pekair'h Bäcker, 
zbdati formen — ^i,dar'b Töpfer, pisati schreiben — pisar'h 
Schreiber. Aus dem Slavischen ist ar'h als orius ins 
Litauische übergegangen: lekorius Arzt aus lekar'h; klastä 
Betrug — klastörius Betrüger. 

2. -fc;"rt-, nom. -?>ji, Maskulina femininaler Form: sqdh 
Gericht — sqdhji Richter, veh Ausspruch — vethji Redner; 
balhji Arzt (eigentlich «Besprecher») zu baja hajati fabulari, 
zunächst wohl von einem verlornen Substantiv *balh oder 
*bah incantatio (vgl. rus?. dial. bafy törichtes Gerede). Für 
•hji auch -iji nach § 15 1 4. 

3. -chjiV {-hcbja-, -bcbjä-), nom. -chji, Maskulina femi- 
ninaler Form: krma Schiffshinterteil, Steuer — krmbCbji 
Steuermann, khniga Schrift — k^nig^cbji Schreiber, sarh 
(bunte) Farbe — sar^cbji Maler. Für -chji auch -ciji 
nach L5 I 4. 

Alle drei Arten von Bildungen sind nicht häufig. 

64. IV. Wörter, die den zu einem Lande, 
einem Wohnort, einer Menschenklasse gehören- 
den bezeichnen (Völker-, Einwohner- und Klassen- 
namen). 

1. Zu Pluralen, die eine bestimmte Menschen- 
klasse bezeichnen, kann mit Formans -im Singular und 
Dual gebildet werden, die dann ein oder zwei Individuen 
dieser Klasse ausdrücken: zidove Juden — zidovim ein 
Jude, iidovina zwei J., voji Soldaten — vojim Soldat, ojhini 
ds. — ojhmim, pogani Heiden — poganim Heide. 

2. -en-, -Jan., plur. -en-e, -ja?ie bildet Völker- und Ein- 
wohnernamen, Singular und Dual erhalten dazu noch For- 



76 ßtammbildung der Nomina. [§ 64. 65. 

man? -inh (s. 1), bezeichnen also ein oder zwei Individuen des 
betretTenden Volkes oder der Einwohnerschaft. Die meisten 
im Altbulgarischen vorkommenden Beispiele sindAbleilungen 
von fremden Orts- oder Volk.<namen: slovene Slaven — 
slovenim Slave, slovenina zwei Sl. ; Galileja — Galilejane — 
Galilejanim Galiläer; IzdracHtenim Israelit; zemVa Land 

— zeml'ane Landsleute — zeml'anim Landsmann. Nach 
palatalen Konsonanten wird -en- {e = e) zu -'an-; wahr- 
scheinlich ist überhaujit die Form -an- so entstanden 
und dann verallgemeinert und selbständig auch bei nicht 
mit palatalem Konsonanten versehenem Grundwort ange- 
wendet, vgl. Rum Rom — B'nnl'anim Römer, pl. Rimtane, 
grad^ Stadt — grazdane = *gradjane Stadtbewohner, Bürger 

— graidayiim. Dem -cn- entspricht lit. -ena- gleicher An- 
wendung, z. B. Tihe Tilsit — Tiltenas Tilsiter, kälnas 
Berg — kalncnas Bergbewohner. 

65. V. Nomina instrumenti. 

1. -dlo (so westslavisch), ab. -lo (so auch südslavisch 
und russisch, s. § 52 B I): or-ati pflügen — *o)'dlo Pflug 
c. rddlo^ ab. ralo; siti nähen — c. sidlo Ahle, ab. silo; mijti 
waschen — c. mydlo Seife, ab. mylo; lett. se-t binden — 
poln. sidio Strick, ab. silo: horq hrati = Horii kämpfen 

— *bordlo 6. pl. hradla vSchanze^ ab. za-bralo Schutzwehr; 
praviti gerade richten — poln. prawidto Regel, ah. pravilo] 
zrcati schauen — c. zrcadlo Spiegel, ab. zrcalo. 

Da es auch ein ebenso verwendetes -lo gibt (s. 2), 
ist aus dem Altbulgarischen, den andern südsl. Sprachen 
und dem Russischen nicht entscheidbar, wann dies, 
wann -dlo anzusetzen, entscheidend sind die westslavischen 
Formen. 

2. -lo und -slo, dies beschränkt auf Bildungen von 
Wurzeln auf <, c/, z: grebq greti rudern — greblo Ruder, 
cbtq cisH zählen — cMo Zahl, vezq, vesii fahren — veslo 
Räder, vpzati binden uv. bekränzen — uv^alo Kranz, 
mazati salben, schmieren — maslo Salbe, Öl. 

3. -to, einige alte Bildungen: lit. sijöti sieben — sito 
Sieb, *dhlbq serb. dübem sculpo — *dolbto (preuß. dalptan) 



I 



§ 65. 66.] Substantiva. 77 

dlato (serb. dlijcto = *d€lto) Meißel; phnq pfti spannen — 
pqto Fessel; vhrq vreti schließen — *vorta vrata Tor, lit. 
varfat (vgl. lit. spqsias Falle zu spenden sp^sii Fallen stellen, 
grqttas Bohrer zu gr^tiü greiii umdrehen). 

66, VI. Wörter zur Bezeichnung des Ortes, wo 
sich ein G^egenstand befindet oder eine Hand- 
lung vor sich geht. 

1. -Ute = *-iskjo\ das einfache -isko noch westslavisch, 
z. B. c. ohen Feuer {ognb) — ohnisko (ognisko) Feuerstätte. 

a) Ort eines Gegenstandes, durchgängig Ablei- 
tungen von sachlichen Konkreta oder Nomina actionis: 
sqdz Gericht — sqdiste Gerichtsstätte, gr^oih Dünger — 
gnoßste Dungstätte, treha Opfer — irebiste Altar, pozorb 
Schau — pozoriste Theater, s^mhim Versammlung — s^w!)- 
miste Versammlungsort, Synagoge. 

b) Wo der Ort einer Handlung bezeichnet wird, 
liegt wohl durchgängig eine ^Ableitung' des betreffenden 
Verbums zugrunde; chraniti bewahren — chraniliste Auf- 
bewahrungsort, v^lagati einlegen — v^Iagalisfe Einlegeort, 
Tasche, iiti leben — siliste Wohnort. Man kann dabei 
denken an Ableitungen von alten Neutren aXif -lo, vgl. 
sedati sich setzen — sedalo und sedaliste Sitz; vielleicht 
liegen aber alte Nom. agentis auf -h (die späteren Part, 
prät. a.) zugrunde, vgl. dazu spätere Bildungen wie dela- 
telisü Werkstatt zu delatett Arbeiter. 

Wo Beziehung zu einem Verbum ohne Vermittlung« 
einer -^-Bildung vorzuliegen scheint, ist wahrscheinlich 
doch ein altes Nomen zugrunde zu legen, z. B. pri-heziste 
Zufluchtsort, eher zu einem pribeg^ Zuflucht als unmit- 
telbar zu prihezati prihegnqii. 

2. -hnica, d. hi Ableitungen mit -ica von Adjektiven 
auf -bm; das Adjektiv braucht nicht jedesmal wirklich 
vorhanden zu sein, -hnica ist dann aus den vorhandenen 
Fällen verallgemeinert: 7'iza Kleid, rizbm auf Kleid be- 
züglich — rizhnica Kleiderkasten; fbma Dunkelheit, tbitib^ro 
dunkel — thmbnica Gefängnis; Hto Getreide, ziibm — 



78 Stammbildung der Nomina. [§66.67. 

zitbnica Scheuer; mhzda Lohn, myto Zoll — mhzdhnica^ 
mytbnica Zollstätte. 

67. VII. Derainutiva und Patronymika. Diese 
Bedeutungsklassen sind nicht scharf scheidbar; der junge 
Nachkomme wird als Verkleinerung des Vorfahren be- 
zeichnet. Von den in den lebenden slav. Sprachen außer- 
ordentlich häufigen Bildungen kommen im Altbulgarischen 
wegen der Art der Literatur nur wenig Beispiele vor. 
Wie in allen Sprachen verblaßt die verkleinernde Bedeutung 
leicht und die Wörter unterscheiden sich dann in den 
Anwendung nicht von den formal nicht deminuierten. 

1. hcb m., -hce ntr., -hca -ica f.: cvetb Blume — 
cvethch Blümchen, oblakb Wolke — ohlacbch, rogh Hörn — 
rozhch Kepdiiov, gradh Stadt — gradbch, agnbch Lamm neben 
agyip, telbch Kalb neben tel^; ein altes Deminutiv ist othch 
Vater zu einem *oh, vgl. otbub den V. gehörig; c^do 
Kind — c^dhce^ jaje Ei — jajhce; alte Deminutiva srdbce 
Herz, vgl. lit. szirdis, slnue Sonne; niysb Maus — myshca 
(eigentl. Muskel), Arm, dvvri pl. tant. Tür — dvhrhc^; altes 
Deminutiv ovhca Schaf, vgl. lit. avis. Die Femininalform 
ist gewöhnlich -ica: crky gen. crhhve Kirche — crkhvica^ lit. 
muse (vgl. sl. mucha) Fliege — riVbiica Mücke, deva — 
devica Mädchen, d^ska Brett — d^stica, ryha Fisch — 
rybica. 

2. Deminutivbildungen mit Ä-Formantien, in 
andern slav. Sprachen sehr verbreitet, kommen ab. nur 
vereinzelt vor, z. B. kliih Vorratskammer — klethka; die 
Weiterbildung kamykh Stein zu kamy St. kamen ., vom 
Nominativ ausgegangen, scheint ursprünglich Deminutiv 
zu sein. 

3. -f<-, nom. g (gen. -gt-e) zur Bezeichnung von Tier- 
jungen oder jungen Tieren, ohne daß diese Bedeutung in 
den Texten immer hervortritt: kozhl^ Bock — kozhlp, osbh 
Esel — osblg eigentl. ovdpiov aber auch övoq, ovbca Schaf 
— ovbcg ; die Wörter agng Lamm (neben agnbch), telg Kalb 
(neben telhcb), zrehe Füllen (neben zrehhch) haben im 
Slavischen kein entsprechendes Grundwort. Von jungen 



II 



§67—69.] :5ub8tantiva. 79 

Menschen vereinzelt: otrokh Kind — oitocv.^ lUth f. eg. coli. 
Kinder — det^. Kind. 

4. -üth = -itjo-, lit, yiis (daher nicht in Verbindung 
zu setzen mit -isie unter VI § 66) aus -itjo- ; die Patrony- 
mika russ. -tc, serb. -?V, westsl.-ic. Es bildet auch Ableitungen 
von femininalen Grundworten, ihm selbst steht keine ent- 
sprechende Femininalform zur Seite: roh^ rahh Sklav — 
roiis76 junger Skia V, 7'obicist b dasa. Supr. 171. 18 zu rohica 
rabica Sklavin, also eigentlich Sklavinnensohn, dann junger 
Sklav, deth Kinder — detistb neben det^, otroJc^ Kind — 
oirocisth neben otroce. p^tisth junger Vogel neben pitica 
(Grundwort '^p^ta fehlt), grlica Turteltaube — grlicisth\ 
mlad'h jung — ynladenisth (neben mladenbch) junges Kind. 

68. VIII. Feminina zu entsprechenden Mas- 
kulinen. 

1. -ä, ab ganz vereinzelt: rah^ Sklav — raha Sklavin, 
vgl. zmhjh Drache — zmhja Schlange. 

2. -ja, ebenfalls selten: gospodh Herr — gospozda 
Herrin, thsth Vater der Frau — tbsia Mutter d. Fr. 

3. -2/»iä-, nom. -yni, Erweiterung mittels -njä- aus alten 
Femininen auf -y (-M-), von denen einige erhalten sind: 
svekry Mutter des Mannes, vgl. lat. socrus {svekrb Vater 
des Mannes, socer), jpfry Frau des Mannesbruders, ncpJody 
die Unfruchtbare (plod^ Frucht). Bespiele: rah^ Sklav — 
rabyni Sklavin, hog^ Gott — hogyni Göttin, kh^i^dzb Fürst 
— kinfgyni (vom älteren k^neg^ aus germ. kuning) Fürstin, 
sqsedz Nachbar — sqsedyn'i Nachbarin, Samar'anim Sama 
riter — Samar'anyni Samariterin. 

4. ica^ die gewöhnliche Bildung; cesar'h König — 
cesarka Königin, l'uhodejb Ehebrecher — l'uhodejica, ^yrorokb 
Prophet — prorocica, vladyka Herrscher — vhidycica, vra- 
tar'b Türhüter — vratarica. 

69. IX. Wörter, die eine Handlung, einen 
Vorgang bezeichnen, Nomina actionis (gelegentlich 
auch konkret geworden), abgeleitet von Verben. 

1. -bje (-ije, s. § 15 1 4), die allerhäufigßte und 
eigentlich lebendige, von jedem Verbum mögliche Bildung 



80 Stammbildung der Nomina. [§69- 

des Verbalabstrakts (Nomen actionis). Die Bildung ge- 
schieht aber nicht unmittelbar vom Verbalstamme aus, 
sondern stets vom Partizipium prät. pass. auf -m, -em, 
-h>, z. B. glagolafi sprechen — glagolam — glagelanhje das 
Reden, prositi bitten — prosem — pvsenhje das Bitten. 
Eigentlich sind also diese Wörter Abstrakta von adjektivi- 
schen Partizipien (vgl. § 70 X A II) und bedeuten «das Ge- 
sagtwerden» oder «Gesagtsein», «das Gebetenwerden», 
können daher ursprünglich nur von transitiven Verben her- 
kommen. Die Bildung ist aber allgemein geworden zum 
Ausdruck des Verbalabstrakts auch bei Intransitiven, 
obwohl Partizipia pass. von diesen nicht vorkommen. In 
der ab. Übersetzungsliteratur dienen diese Wörter regel- 
mäßig zur Wiedergabe der mit t6 substantivierten griechi- 
schen Infinitive t6 XaXf|aai glagolanhje, tö oiifiaai prosenhje. 

Beispiele: a) Von transitiven Verben: videti videm 
— videnhje das Sehen, goniti gonem — gonenhje das Ver- 
folgen, dvignqti dvizem — dvizemje Bewegung, pogrebq 
pogr ehern — pogrehenhje das Begraben, zhdati zhdam — 
zhdanhje Erbauung; piti pitfb — pithje das Trinken, prop^ti 
propfth. — propfAhje Kreuzigung. — b)Von intransitiven: 
v^stati — v^stanhje Aufstehen, Auferstehung, v^schodit^ — 
v^schozdenhje Hinaufgehen, sedafi sich setzen — pred^se- 
danhje das sich vorn an setzen, byti werden, sein — paky- 
hytbje TTaXiv-feveaia, slu-ti heißen, einen Ruf haben — 
sluthje Ruf, ziti leben — zithje Leben, Lebensbeschreibung. 

Alle mit andern Formantien gebildeten Nomina ac- 
tionis sind, wenn auch z. T. recht häufig, kaum mehr als 
recht lebendig erkennbar. 

2. Auf -0- (Masc, nom. -^) lauten zahlreiche alte 
Nom. act. aus, im Verhältnis zur Vokalstufe des Verbums 
e h meist mit Ablaut o. In der überlieferten Sprach- 
geschichte sind sie nicht mehr neu bildbar. Beispiele: 
hifdq hl^sti irre gehen — hlqd^ (eigentl. Irrung) iropveia 
s^hhrati s^berq versammeln — s^bm'^ Versammlung, s^d^ 
= *chh(h gegangen — chod^ Gang, razdhrati razderq zer- 
reißen — razdorh Riß, Spaltung, grhmeti donnern — 



§69.J Substantiva. 81 

grorm Donner, mrknqti = '■^nihrknqti dunkeln — mrak^ = 
*morkh Finsternis, s^■lezq -lesti hinabsteigen — a^laz^ Ab- 
stieg, blhsnqti für *hlhsk-nqti erglänzen — ble8k^ Glanz, 
raz-biti zerschlagen — razboj-h Raub, Mord, kryti decken 

— krov-z Deckung, Dach, slysati = '^slycheti hören — 
slucM Gehör, zhreti schauen — pozgrz Schau, zvhneti 
tönen — zvom Ton. 

Die zahlreichen hierhergehörigen Wörter haben sehr 
oft konkrete, sachliche Bedeutung, z. B. bredq bresti waten 

— bro(h Furt, cvhtq cvisti blühen — cvetb Blüte, Blume, 
gniti faulen — gnojh Dünger, grebq greti graben — grobz 
Grab, l^'kq lesti biegen — Iqkz Bogen, liti gießen — lojh 
Talg, ri/ti graben — rovz Grube, vezq vesti fahren — vozz 
Wagen, svhnqti (svht-) aufleuchten — svetb Licht, rezati 
schneiden — ob-razz (Umriß) Bild, pletq plesti flechten — 
plotb Zaun. 

3. -ä, alte Nomina actionis, deren Bildung kaum 
mehr in der überlieferten Sprachperiode fortgesetzt ist: 
gybnqti verderben, zugrunde gehen — paguba Verderben, 
ceznqti schwinden — pro-kaza Schwund, Aussatz, l^kq l^sii 
biegen — Iqka (Biegung) List, zu W. me^k- in rn^kbkz weich 
(vgl. lit. mlnkyti kneten) — mqka Qual, zavideti neiden — 
zaviäa Neid, vlgzkz feucht, vgl. lit. vllgyti anfeuchten — 
vlaga == *volga Feuchtigkeit; vgl. noch chvala Lob, chula 
Lästerung, groza Schauer, Schreck. Oft sind solche Bil- 
dungen Konkreta: vpzati binden — qza Fessel, phn<} p^ti 
spannen — o-pona Vorhang, lit. renkü rinkii sammeln — 
rqka Hand. Die Maskulina sluga Diener, voje-voda (zu 
voji pl. Krieger, vedq vesti führen) Heerführer, sind ur- 
sprünglich = «Bedienung, Dienerschaft», «Heerführung». 

4. -Ja, nicht mehr lebendig: Jawt) (Jad-) jasti essen -r~ 
jazda Essen = Speise, krmiti nähren — krfnl'a Nahrung, 
hgati lügen — hza Lüge, na-dejati nadesdq s^ hoffen — 
nadezda (vom Präsensstamm) Hoffnung, nqditi nötigen — 
nqzda Zwang, piteti nähren — pista Nahrung, pbreti s^ 
streiten, disputieren — phra Streit, Disput, pri-tbknqti 
anstoßen — pritzca irapaßoXri, sz-r^stq (r^t-) -resü (ret-) be- 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. S 



82 Stammbildung der Nomina. [§ 69. 

gegnen — S7>)rsta (vom Präsenestamui) Begegnung, Zu- 
fall, str^ga sfre^ti (= ''^sterg-) bewachen — straza = ''Sforza 
Wache, W. srn- fließen — struja Strom, velcti befehlen 

— Vota Wille, zcleti trauern — zel'a Trauer, iedafi dür- 
sten — i^-ida Durst. 

5. -h, fem. i-Stämme, ziemlich häutige, aber starre 
Bildungen: hl^dq blesti irre gehen — blrdh Betrug Tiopveia 
choteti wollen — po-chofb Begierde (das einfache clwfb be- 
deutet meretrix), jamb jasti (Jad-) essen — jadb Essen (und 
konkret «Speise»), sin-edb dass., iia-chnq -Ceti anfangen 

— is koni von Anfang an (zu einem nicht gebräuchlichen 
nom. konb), kovati schmieden okovafi umschmieden — 
okovh (Umschmiedung) Fessel, padq pasti fallen — pj-opadb 
Abgrund, pytati forschen — iffpi/ib Untersuchung, skrbeti 
(= *skbrb-) bekümmert sein — skrbh Kummer, tvoriti 
machen, schaffen — fvarb Schöpfung, vedeti wissen — 
vedh das Wissen, pro-po-vedb Predigt (zu propovedeti), za- 
povedh Gebot (zu zapovedeti). 

6. -/t), femininaie ?'-Stämme, ebenfalls recht häufig, 
aber kaum im Altbulgarischen noch lebendig: za-byti ver-. 
gessen — zabyib das V., cbtq, cisii ehren — ci)Sth Ehrung, 
Ehre, damt dafi geben — blagodath (Gutgabe) Gnade, 
deti tun — blago-detb (Wohltun) Gnade, mazaii schmieren, 
salben — masth Fett, Salbe — mbra mreti sterben -- 5?^- 
mrtb Tod,, padq pasti fallen — na-pasth (eigentl. Anfall) 
Versuchung, pi'opasih Abgrund, stradaii leiden — strastb 
Leiden TTddo<;, vedeti wissen — vesth Kunde, Gerücht, 
povesth Erzählung, fizvestb Gewissen CTuveibrian;, za-vidtii 
beneiden — zavistb Neid, vladq vlasli herrschen — vlastb 
Herrschaft, u-zasnqti erschrecken intr. — uzastb Schrecken, 
eiti leben — zitb das L., pazitb Futter. 

7. -nh, ~snb, -znb, femin. i-Stämme; wenig zahlreiche 
Beispiele : 

a) -nh: bor'q brati = '^•borti kämpfen — branh ^^ 
*borm Kampf (lit. barnis), dati geben — danh Gabe, kazati 
zeigen kaznh Anweisung, Edikt, Strafe, pre-sfati auf- 

hören — prestanb^ nur in bes prestani ohne Aufhören. 



§ 69.] Subetantiva. 83 

b) -snh: bajq hajati fabulari, — hasnh Fabel, Mythus, 
peti singen — pesnh Gesang, Lied. 

c) -znh: iiii leben — diznh das L., Jwvq kovati 
schmieden — kbznh kyznh böse List, Ränke, hojati s^ sich 
fürchten — hojaznh Furcht, holeti krank sein — holeznh 
Krankh^iit, kajati sp bereuen — kajaznh Reue, jmjati be- 
günstigen, beistehen — prijaznh Gunst, Huld, neprijaznh 
(Unhold) Teufel. 

8. -Ib und sh, femin. i-Stämme, -wenige Wörter und 
meist konkret geworden : 

a) -h: myslh Gedanke, dunkeln Ursprungs; b) -sh: 
rastq rasti wachsen — leto-raslh (Jahres-, Sommerwuchs) 
Schößling, Zweig, novo-rash neuer Schößling; gqdq gqsti 
Zither spielen — gqsli pl. t. Zither; jamh jasti (j^-) essen 

— jasli pl. t. Krippe. 

9. -elh, femin. i-Stämme, nach Gutturalen (die vor e 
palatalisiert werden) -'ah (s. § 7 II 3; § 41. 1): gyhnq-ti zu- 
grunde gehen — gyheh Verderben, ohitati wohnen — 
obifeh Wohnung, obr^stq ohresti {ret-) finden — obreteh 
Fund, kqpati baden — kqpeh Bad (konkret)^ svirati 
flöten — svireh Flöte; pekq pesti s^ sich sorgen — pecah 
Sorge, piskati pfeifen, flöten — pistah Flöte, mlcati 
= *-keti schweigen, nüknqti verstummen — mlcah das 
Schweigen. 

10. -tva, nicht ganz selten, aber kaum noch recht 
lebendig: hriti rasieren — hritva Schermesser, khnq klfti 
fluchen — kl^tva Fluch, pasq pasti weiden — pastva 
Weide, i&wa z^ti schneiden ernten — i^tva Ernte, ihrq 
irti {zreti) opfern — zrtva Opfer, loviti jagen — lovitva 
Jagd, moliti bitten mnoliti s^ beten — molitva Gebet, nvati 
reißen — rbvatva das R. (Krankheit), zeUii trauern — 
zeletva Trauer. 

11. -ezh^ mask. j'o-Stämme, ab. nur vereinzelt vor- 
kommend: rn^tq mpH umrühren, verwirren — mfiezh 
Tumult; vgl. sonst: g'bb- gznqti falten — g^bez^ Faltung, 
grabiti raffen, rauben — grabezh Raub, kladq klasti legen 

— pokladezh Niederlage, Depositum. 

6* 



84 Stammbildung der Nomina. [§69.70. 

12. -hba; bestimmt von Verben kommen: alkati 
hungern — alcbba Hungern, Fasten, siradati leiden — 
stradbba das L., eledq zUsii Strafe zahlen — zUdbha Geld- 
strafe, wohl auch moliti — molbha Gebet. Von andern 
kann es zweifelhaft sein, ob Verbum oder Nomen zunächst 
zugrunde liegt, z. B. ceh heil celiti heilen — cehha Heilung, 
Ukb Heilmittel leciti heilen — lecbha Heilung, sqdh Gericht 
sqditi richten — sqdbha Gericht, sluga Diener sluziii dienen 

— sluzbba Dienst; doch führt die Bedeutung eher auf 
Ableitung aus den Verben. Bei einigen liegt sicher 
ein Nomen zugrunde: tatb Dieb — taibha Diebstahl, vlchm» 
Zauberer — vUbba Zauberei. 

o 

13. -eth -oth ^^t^ -bio bilden Wörter, die Geräusche 
bezeichnen, daneben stehen entsprechende Verba mit dem 
gleichen Formans: r^p^^^ GemxxxT — r^p^tafi, skrbzbtb Knir- 
schen (der Zähne) — skrbzbtati, sbintt Flüstern — sbp^tati, 
klbcbtb Klappern (der Zähne) — klicbtatl, klopoU Geräusch — 
klopotati, trepeh Zittern — frepefati. Dahin gehört wohl 
auch mbcbii) phantastische Erscheinung, Traumbild — 
mbcttuti. 

14. -^A^»; die Wörter bezeichnen nicht sowohl die 
Handlung als deren Resultat. Von den wenigen ab. 
belegbaren Beispielen sind die meisten von Partizipien 
prät. pass. abgeleitet : izbyti im L^berfluß, übrig sein Hzbyto 

— izbytzkb das Überschießende 7Tepicraeu)aa, ebenso pribyti 
hinzukommen — pribytbkz Gewinn; nacinq naceti an- 
fangen nac^tz — ■nacetzkrj Anfang, ostaii übrig bleiben 
'^osfam — ostamkb Überbleibsel, nedostati (nicht bis hin 
stehen, nicht hinreichen) fehlen '^nedostah — tiedosiatblro 
Mangel ; viti wickeln vih — shvitbJch Heft (eine zusammen- 
geheftete Rolle). Unmittelbar vom Verbalstamm pleta 
plesti flechten — shpletiJa Verflechtung. 

70, X. Abstrakta von Adjektiven und Sub- 
stantiven. Die Bezeichnung Abstrakta ist hier in einem 
etwas weiteren Sinne verwendet; es sind darunter auch 
Bildungen einbegriffen, deren Bedeutung nicht völlig dem 
entspricht, was man im engeren Sinne abstrakt zu nennen 



J 



§ 70.] Substantiva. 85 

pflegt. Der Vorsucb, die Bedeutungsfärbungen zu be- 
stimmen, ist unten gemacht, kann aber bei der ab. Über- 
setzungs- und Nachahmungsliteratur nicht vollkommen 
ausfallen. 

A. Reine Abstrakta von Adjektiven, d. h. 
Wörter, die eine Substanziierung der Eigenschaft aus- 
drücken. 

1. -osth (nach Palatalen -esth) fem. i-Stämme, -ota 
(-efd), wohl die geläufigsten Bildungen zu dem genannten 
Zweck; ein Bedeutungsunterschied zwischen beiden ergibt 
sich nicht, öfter kommen vom gleichen Adjektiv beide 
Formationen vor: biijh töricht — biijestb Torheit, cüh rein 
— cistosfh cisfofa Reinheit, dobrb gut — dobrosth Güte 
dobrota (übersetzt Ps. 29. 8 KctWo«;), nafß> nackt — nagosth 
tiagota^ skort schnell — skorostb skorota^ svetbli hell — 
svetblostb svethlota, ticJa still — fichosth tichota, teph toph 
warm — teplosth toplota. Vgl. noch: -ostb, chytrb schlau — 
chytrosth, drz^ kühn — drzostb^ krip^ stark — kreposibj 
mih erbarmenswürdig — milostb Erbarmen, starb alt — 
starostb; -ota^ vysokh hoch — vysota, dlgz lang — dlgota^ 
mokrb feucht — mokrota, nistb arm — nisteta Armut, 
sujh eitel — mijeta. 

2. -hje -ije (vgl. auch § 69. 1), lebendig, aber ab. nicht 
gerade viel belegt: STdrai^ gesund — S7)d..ravhje Gesundheit, 
veseh froh — vesehje Fröhlichkeit, Vergnügen. wiZo.^rfT. barm- 
herzig — milosrdhje, velikb groß — velichje Großheit, gobhdzh 
reichlich — gobhdzhje reiches Gedeihen, L^berfluß. Aus 
der Gesamtheit der Beispiele und ihrem Zusammenhange 
kann man zu dem Eindruck kommen, als bezeichneten 
sie nicht sowohl, wie die auf -osfb -ota, die Eigenschaft 
an sich, als vielmehr einen Zustand, der auf dem Besitz 
der Eigenschaft beruht. 

3. h, fem. ?-Stämme (vgl. auch 69. 5), im Altbul- 
garischen nicht selten, in andern slav. Sprachen häufig: 
zTJh böse — zilb Bosheit, Schlechtigkeit, tvrd^ fest — 
tvrdh Festigkeit, Feste, stiidejvh kalt — studenh Kälte. 

4. -2/ (-Ü-) und -ynjä- (Nom. -yni). Die alten Bildungen 



86 Stammbildung der Nomina. [§70. 

auf -ö- sind ganz selten : l'ub^ lieb — ruhij Liebe, preluby 
adulterium, ceh Heil — cely Heilheit (Heilung). Häufiger 
ist die Weiterbildung mit -njä- zu -ynä-: hla^ gut — 
hlagyni Güte, gräh stolz — grdyni Stolz, prav^ recht — 
pravyni das sich recht Verhalten, prostb QinidiGh. —^ prostyni 
Einfachheit, Einfalt, pusth wüst — ptistyni (Wüstheit) 
Wüste, svptb heilig — svetyni Heiligkeit, Heiligung. In 
milostyni liegt Erweiterung des gleichbedeutenden mi- 
losth vor. 

5. -ja, selten: rb^da (Röte) Rost, zu einem Adj. *rtidho- 
*rbdb, vgl. lit. rudas, vielleicht aber unmittelbar zu rbdäi 
sf rot werden; c^sh dicht — cpsto Dickicht, s^^ch^ trocken 
susa Dürre, tvrdb fest — tvrzda (Festigkeit) Befestigung, 
tlsth dick — Üsta Dicke, Fettigkeit. 

6. -hba und -oha^ sehr wenig Beispiele (über -hba s. 
§ 69. 12): drug^ Freund — druzhha Freundschaft (kann 
indes auch an das Verbum druziti angeknüpft werden); z^l^ 
böse — z^loba (daneben z^lobb) Bosheit, qtrh adv. innen 
— qtroba (Inneres) Leib. 

7. -hda^ nur prav^ recht — pravbda Gerechtigkeit, 
i;ra^ Feind — vrazhda Feindschaft; außerdem im Slavischen 
nur noch krivh krumm, unrecht — krivhda Ungerechtig- 
keit. Vielleicht liegen hier alte Komposita mit einer 
Ableitung von W. de- (in de-ti tun) idg. dhe- vor. 

B. Wörter, die mehr oder minder zu kon- 
kreter Bedeutung neigen, nicht sowohl die Eigen- 
schaft an sich, als ein aus dem Besitz der Eigenschaft 
hervorgehendes Wesen, einen Zustand usw. bezeichnen. 

1. -ina, von Adjektiven wie von Substantiven. 

a) Von Adjektiven; nicht eigentlich Abstrakta, 
sondern Wörter, die mehr die Stelle, den Stoff, den 
Gegenstand ausdrücken, an dem die Eigenschaft haftet: 
glqbokb tief — glqhiim nicht eigentl. «Tiefsein», sondern 
«Tiefe» als tiefe Stelle, dupVh hohl — dupina Höhlung, 
Höhle, istb wirklich — istina Wahrheit (als wahre Aus- 
sage), obhstb gemeinsam — obhsthia Vereinigung, sed^ grau 
(vom Haar) — sedina graues Haar, tajh adv. verborgen — 



§ 70.] Substantiva. 87 

tajum Geheimnis, tichh still — tisUia Stille z. B. als Wind- 
stille, drugz Freund, Genosse — druzina Genossenschaft, 
desQtb zehnt — des^ihm der Zehnte (Abgabe). Dahin 
auch: stardjh (Korapar. zu star^ alt) — starejhshui (eigentl. 
Alterschaft) Ältester, Vorsteher. 

b) Von Substantiven. In andern slav. Sprachen 
gibt -ina, ableitend von Tiernamen, Wörter für Fleisch 
oder Fell der Tiere, z. B. zvet-y Wild — zverina Wildfleisch, 
vlk^ Wolf — vlcina Wolfsfell (eigentlich «was von Wildes- 
art, Wolfsart ist»). Im Altbulgarischen bietet die Lite- 
ratur kaum Gelegenheit zur Anwendung solcher Wörter; 
man kann hierher zählen: maslo Öl — maslina Ölbaum, 
rogoz^ Schilf — rogozina Schilfmatte, paqkb Spinne — 
paqmm Spinnweb, otrokb Kind — otrocina Kindheit (nicht 
Kindlichkeit»), othch Vater — othcina Vaterland. 

Einigemal ist -izna vertreten : glava Kopf — glavizna 
Kapitel; ukorizym Schmähung, Schmach, entweder zu ukor^ 
dass. oder zum Verbum u-koriti schmähen, schelten. 

2. -hstvo; die Wörter bezeichnen, wenn von Sub- 
stantiven herkommend, Wesen oder Würde, die aus 
dem Begriffe des Grundwortes entspringen^ wie im Deutschen 
-tum, 'Schaft^ -heii^ Königtum, Herrschaft, Mannheit; wenn 
von Adjektiven, eine Wesenheit, einen Zustand auf 
Grundlage des Adjektivbegriffes, im Deutschem -tum^ 
â– heit, Reichtum, Vielheit. 

a) Von Substantiven: cesar'h König — cesar hstvo 
Königtum (auch Königreich), cloveJcb Mensch — clovechstvo 
Menschheit (auch zuweilen Menschlichkeit humanitas), 
deva Jungfrau — devbstvo Jungfernschaft, Jungfräulich- 
keit, mqzh Mann — nmzhstvo Mannheit (Mannhaftigkeit) 
othch Vater — othchstvo (Vatertum) Vaterland, hog^ Gott 
bozhstvo Gottheit, Göttlichkeit, vladyka Herrscher — vla- 
dycbstvo Herrschertum, Herrschaft. 

b) Von Adjektiven: hogath reich — hogatutvo ^Qich- 
tum, jedvm ein — jedinhstvo Einheit, mqdn weise — mq- 
dy^üvo Weisheit, mvnog^ viel — tmnozhstvo Vielheit, Menge, 
sy seiend (Part. präs. zu jesmh) St. säst- — sqstbstvo Wesen 



88 Stauimbildang der Nomina. [§70.71. 

(gebildet nach oucTia; dasselbe bedeutet jesihaivn^ gebildet 
eutweder von 3. jiräs. jeüt^ oder von einem nach Analogie 
gebildeten Partizip *'jefitb, vgl. zu sbd7> gegangen sbsfhje 
Reise wie von einem *sbstb). 

Im Altbulgarischen nicht sehr verbreitet ist die Er- 
weiterung des -bstvo durch -bje zu -hstvhje, gleicher Bedeu- 
tung: cesar'hstvo und cisar'hsfvhje, vera Glaube — nevenstvo 
und neverhstvhje Ungläubigkeit, otbchstvo und oihchstvhje. 

C. Syntaktische Verbindungen von Präposi- 
tion und Kasus können zu einem einheitlichen 
Nomen mit Formans -hje (-ije) verschmolzen werden. 
Das so entstandene Wort bezeichnet gewissermaßen zu- 
ständlich die Situation (Ort, Zeit, Umstand, Zustand), die 
in der Verbindung von Präposition und Kasus als be- 
sondrer Fall ausgedrückt ist, z. B. j^ri mor'i am Meere, 
pri-morbje «das am Meere Sein>. Sobald, wie es sehr 
häufig der Fall ist, das Substantiv einen sinnlichen 
Gegenstand bezeichnet, werden die Ableitungen auf -hje 
konkret, wie z. B. pnmorbje <^Land am Meer, Küstenland i' 
heißt. Beispiele: meidu ramonm zwischen den Schultern 

— mezdurambje Rücken, lJod^ nogama unter den Füßen — 
pod^nozbje Schemel, predz dvoromb vor dem Hofe — p^-edir- 
dvorbje Vorhof, bez^ d^zda ohne Regen — hezd^zdbje Regen- 
losigkeit, hez^ c^da ohne Kind — besffdhje Kinderlosig- 
keit, bez^ zakoiiü ohne Gesetz — hezakonhje Gesetzlosig- 
keit, hez^ mlvy ohne Murren — hezmlvhjt Stillschweigen. 
Von solchen Mustern aus sind gleichartige Bildungen auch 
geschaffen worden, wo keine kasuelle Verbindung zugrunde 
liegt, z. B. raspqtbje Kreuzweg, eigentlich «Stelle, wo die 
Wege, pqthje, auseinander {ra<z-) gehen»; raz- wird nicht 
mit Kasus verbunden. 

71. XI. iCollektiva. Die einzige geläufige Bildung 
geschieht mit -hje {-Ije): kamy St. kamen- Stein — kamenbje 
Gestein, dqh^ Baum, Eiche — dqhhje Eichicht, kqjjvna 
Nessel — kqpinbje, korerih Wurzel — korenhje^ loza Rebe 

— lozbje^ prqht Gerte Reis — prqtbje, roz<ja dass, — raz- 
dhje, zbzh Stab — zbzibje. 



§71.72.] Adjektiva. 89 

Solche Bildunpren ersetzen bei einigen Wörtern voll- 
ständig oder fast vollständig den Plural, z. B. kamenhje 
«Steine s und solche Kollektiva werden, obwohl siugu- 
larisch flektiert, in der Regel als Subjekt des Satzes mit 
dem Plural des Prädikatsverbum verbunden: kam^nbje 
sath . . . 

Andre Kollektivwörter sind vereinzelt: c^do Kind — 
c^h f. i'-St. dvdpujTTOi (Menschenkinder), detf. Kind — 
detb f. i'-St. Kinder, ein andrer Plural des Wortes wird 
nicht gebraucht; bratr^ hratb Bruder — bratrhja brathja 
eigentlich «Gebrüder», ersetzt den nicht gebrauchten 
Plural *^rrtft *hratri; celadh f. i-St. Gesinde ^Hausgenossen- 
schaft) ist ohne Grundwort. 



B. Adjektiva. 



72. I. Adjektiva, für die sich keine beson- 
dere Bedeutungsgrenze angeben läßt. 

1. Alte Adjektiva auf -o- (Nom. mask. '^) primärer 
Bildung, nicht mehr lebendig, sind ziemlich häufig, z. B. 
o-glhchnati taub werden — glucJa taub, o-slbpnqti erblinden 

— .slep^ blind, o-chnrnnq-ti lahm werden — chrona lahm, 
inx^hnqti trocken werden — such^ trocken, vgl. noch l'uh^ 
lieb, hUdh bleich^ l'uth grausam, böse. 

2. -hm, von Substantiven ableitend, drückt irgend- 
eine Beziehung zu dem Begriffe des Grundwortes aus und 
ist das häufigste aller Adjektivformantien: vera Glauben 

— verhm gläubig, hrakb Hochzeit — brachuh auf H. be- 
züglich, hochzeitlich, dIg^ Schuld — dlztrm schuldig, 
med^ Honig — ruedvhm {inedv- = '■^■niedii-, u-St.) aus Honig 
bestehend, zum H. gehörig, ütina Wahrheit — istinhyii 
wahr, iiedqiß Krankheit — nedqibm krank, chsth Ehre — 
cbsthm ehrenvoll, geehrt, crky gen. vrkbv-e Kirche — crkhvbm 
auf K. bezüglich, kirchlich, kamy St. kamen- Stein — 



90 Stammbildung der Nomina. [§ 72. 

kamenbm steinig, vrenie Zeit St. vremen vremmhm zeitig, 

zur Zeit vorgehend, neho St. nehes- Himmel — mhes^m 
himmlisch. 

3. -hkh {-hki) und -okh. Neben diesen Bildungen 
stehen bisweilen einfachere Adjektiva ohne -^k7) -oJa>, oder 
es sind solche als einst vorhanden aus den Komparativen 
oder aus Ableitungen nachweisbar: drz^ und drz^k^ kühn, 

O o o ' 

krtjii und h'cphk^ stark; krasth komp. kürzer — krahbi, 
kurz, krotejh komp. krotosfh Sanftmut — krot^k^ sanft, 
h^ajb komp. hgofa Leichtigkeit — lbg^k^ leicht, slazch 
komp. skidosth Süßigkeit — slad^kb süß, tgzh komp. tcqosth 
t^'zesfb Schwere — t^zhkb schwer. 

Da von solchen Adjektiven mehrere sicher alte 
?/-Stämme sind, vgl. lbg^-k^ eXaxuq, slmh-k^ (= "^sold-) lit. 
saldüSj liegt es nahe, für die meisten der mit -zkb gebil- 
deten Wörter ?t-Adjektiva vorauszusetzen, danach mögen 
denn auch ursprüngliche o-Adj. in gleicher Weise behan- 
delt sein. Vgl. noch qzhkb eng, gladhH glatt, gorbk^ bitter, 
mrzhkb ekelhaft, redhkb selten, thmkT) dünn. 

Neben -^.^?>- ist seltner -ok^: glqhokh tief, komp. 
glqbl'b, glqbina Tiefe; siroki weit, komp. sir'h; vysokb hoch, 
vysota Höhe; ^esfokh hart, u-sesüü verhärten, von einem 

4. -ro- (Nom. mask. -r^): h^deti wachen — h^d,'^^ wach- 
sam wacker, mok-nati feucht werden — mokn feucht, 
rbdeti s^ rot werden — r^drb rot, chytiti ergreifen — 
chyfrb gewandt, geschickt; vgl. ost)i> scharf otK-po-g, phs-t-r^ 
bunt 7ToiK-i\o<^, doh-rb gut doh-l'-h tapfer, mqdTb weise, 
hystrb schnell. 

0. -lo- (Nom. mask. -h), -eh, -hh, eine Anzahl Fälle, 
deren Ableitung nur z. T. aus dem Slavischen zu erkennen 
ist: r. dr'achnut' hinfällig werden — dr^chh und dr^seh 
niedergeschlagen traurig, krqg^ Kreis — krqgh rund, 
to2}iti heizen — t02)h feph heiß, kysnqti sauer werden — 
kyseh — sauer, svetb Licht svetiti leuchten trans. — svethh 
hell, vgl. noch 7mgh jäh, veseh froh, mhdhh zögernd 
langsam. 



1 



§ 72.J Adjektiva. 91 

6. -m, -euh, einige deutliche Ableitungen: solb Salz 
— slam = *solm salzig, fiskati drücken — te.'^m = ""'teskrtb 
eng, resm = '^reskm wahr, sicher, zu lit. reiszkiu ich 
offenbare; vgl. noch plm = '^jihlm voll, lit. pilnas; r. stynut^ 
= '■■'stycl-nqü erkalten — studem kalt; zelem grün, vgl. 
ze^b/'e grünes Kraut, lit. teliii ielti grünen; cruem rot. 

II. Possessive Adjektiva, d. h. solche, die 
einen Menschen oder ein Tier (selten eine Sache), deren 
Namen der Adjektivbildung zugrunde liegt, als Besitzer 
oder Inhaber des Gegenstandes darstellen, zu dem sie das 
Attribut bilden, z. B. Petn, Petrus — domi» Fetrov^ Haus 
des Petrus. Da das Altbulgarische die sogenannte pos- 
sessive Anwendung des adnominalen Genetivs gern ver- 
meidet, haben die possessiven Adjektiva, als Ersatz jenes 
Genetivs, eine gewdsse Beziehung zur Deklination des 
Substantivs. 

1. -ov^^ angewendet zur Ableitung von männ- 
lichen Personenbezeichnnngen, bisweilen auch von 
Tiernamen. Das Formans hatte ursprünglich einen etwas 
allgemeineren Sinn, indem es überhaupt die Zugehörigkeit 
zu etwas bezeichnete, daher auch, wo das Grundwort 
einen Stoff bezeichnen kann, das Bestehen aus dem 
Stoffe, z. B. trm Dorn — tniovi, aus Dornen bestehend, 
dornig, so in andern slav. Sprachen gerade von Pflanzen- 
namen sehr gewöhnlich. Diese allgemeinere Bedeutung 
zeigt sich noch in den nicht seltenen Bildungen auf 
-ov-bm^ z. B. duch^ Geist — ducJiovhm (sila ducJiovhnaja x] 
buva|Lii<; Tou TTveiJ^aTO(s), dusa Seele — dusevbm l}i\\)vxoq, 
slo7ih Elefant — slonovhm elfenbeinern, grecho Sünde — 
grechovbm zur Sünde gehörige dbnh Tag — dbnevhm 
täglich . 

Beispiele: Avramm — Avraamov^ Abrahams, fiipasitel'b 
Erlöser — shpasitel evh des Erl., igemom fiYejuuJV — 
igemo7lov^, Ihv^ Löwe — lbvov^, zmijb Schlange — 
zmijev^. 

2. -jhy ableitend von männlichen Personen- und 
Tierbezeichnungen (dies seltner), vereinzelt auch von 



92 Stammbildung der Nomina. [§ 72. 73. 

weiblichen: clovikb Mensch — ölov^öb (nicht «menschlich^, 
sondern) dem Menschen gehörig, otbch Vater — othöh des 
V. (nicht «väterlich»), prorokb Prophet — proroch des Pr. 
(nicht «prophetisch»), u^enikb Schüler — uceniöh, Avraaim 
— Ävraaml'b; gov^do Rind — gov^zdb^ orhh Adler — 
orbl'hy ovbivb Widder — oxrbnh; tnati St. ynater- Mutter — 
mater b^ vbdovica Witwe — vhdoviöh^ ovhca Schaf — ovhch. 
In einigen Fällen liegt zwischen dem Substantiv und 
dem possessiven Adjektiv eine Adjektivbildung auf -hn-, 
daher es auf -bnh ausgeht: hratrb Bruder — hratrbnh des 
Br. (nicht «brüderlich»), *o^ othch Vater — otbnh. 

3. -hjb {-ijh). Die wenigen Beispiele im Altbulgari- 
scheu decken sich in der Bedeutung meist mit denen auf 
-jh: hogii Gott — hozhjh Gottes (ursprünglich nicht «gött- 
lich»), vrag^ Feind — vrazbjb, otrokb Kind — otrochjb, 
rabi Sklav — rabhjh. In den andern slav. Sprachen 
wird -hjb mit Vorliebe zur Ableitung von Tiernamen ver- 
wendet, vgl. dazu ab. kurb Hahn — kunjh des Hahns, 
ovhca — ovbchjb des Schafes, /^6S7> Hund — pbsbjh des 
Hundes. 

Gleicher Bildung ist chjb cujus zu kb-to quis; es ist 
völlig pronominal geworden, wie die Possessivpronomina 
mojb (mein) usw. (s. § 108). 

4. -im. Im allgemeinen gilt für die slav. Sprachen, 
daß -im ableitet von Substantiven auf -a und -6 
(i-Stämme), seien sie Feminina oder Maskulina; in der 
Regel von Personenbezeichnungen, doch gelegentlich auch 
von Tiernamen: vojevoda Heerführer — vojevodim des H., 
sotona Satanas — sotonim des S., lona Jonas — lonim, 
neprijaznb Teufel — neprijaznim^ golqbh Taube — golqbim 
(und golqbinh), zverb Wild — zverim. 

73. III. Adjektiva, die bedeuten aus dem 
Stoffe bestehend^ den das substantivische Grund- 
wort bezeichnet. 

-enZj nach Palatalen -'am: drevo Holz — drevem 
hölzern, lMl^ Lein — lbnm^ leinen, yriedb Erz — meden^ 
ehern, koza Fell — kozam ledern, rogz Hörn — rozam 



§ 73—75.] Adjektiv?.. 93 

hörnen, mozg^ Mark — mozdam aus Mark, vlas^ Haar 

— vlasem aus Haar bestehend. 

74. IV. Adjektiva, die aussagen: versehen 
mit dem, was das substantivische Grundwort be- 
zeichnet (wie lat. -osus). 

1. -ath: krilo Flügel — knlaii geflügelt, mq^h Mann 

— mqzata maritata^ *hog^ Anteil, Reichtum — bogato reich 
(vgl. U'bogo arm). 

2. -4tb: ynasth fett — mastitb Fett, oci Augen — 
jmtiogo'O&itb mit vielen Augen versehen, ime St. imen- 
Narae — inwniti namhaft. — Öfter findet sich -ov-iti: 
doim Haus — domovitb (eig. «mit Haus versehen, be- 
haust») Hausherr, sam Rang, Würde — sanovitb von 
hohem Range, plod^ Frucht — plodomih fruchttragend. 

Ursprünglich wird -a-tb zur Ableitung von «-Stämmen, 
-d'tb von 2-Stämmen gedient haben, -av-itb auf alte w-Stämme 
(wie dotm) zurückgehen, aber die obigen Beispiele zeigen, 
daß die Formen verallgemeinert sind und beliebige 
Stämme zugrunde liegen können. 

3. -av^: skvrna Schmutz — skvrnavh schmutzig, fina 
Kot — tinuifb kotig, Iqka 'Li?>i Iqky Ränke — Iqkain» ränke- 
voll, böse, ky•^'uh Blut (St. "^krü- gen. kryo-e) — h•^vav^ 
blutig. Auch hier ist der Ausgangspunkt die Ableitung 
von ä-Stämmen. 

75. V. Adjektiva mit dem Sinne: von der 
Art des Dinges, das durch das substantivische 
Grundwort ausgedrückt wird, entsprechend den deut- 
schen auf -isch (-iska-) in «irdisch, sklavisch, französisch» 
usw., nur fehlt der im Deutschen bei Ableitungen von 
Appellativen öfter damit verbundene Sinn des Verächt- 
lichen (weibisch, kindisch). Soll im Deutschen das Ad- 
jektiv diesen Sinn nicht haben, wird -lieh bevorzugt 
(weiblich, kindlich). Im Litauischen in gleicher Anwen- 
dung -iszka-s. Beispiele: phtb Fleisch — plT>h>skh fleisch- 
lich, ieria Weib — zenhskb weiblich, cesar'h König — 
cesarhskh königlich, dith Kindjer — detbski kindlich, zeml'a 



94 SUnimbiklung der Nomina. [§75—77. 

Erde — zeinl'hRkb irdisch, Binn Rom — rimhskh römisch, 
slovene Slaven — slovenhskb slavisch. 

-hski hat nicht possessive Bedeutung, vgl. hozhskh 
göttlich d. i. von Gottes Art, hozhjh Gott angehörig; ölovdkb 
Mensch — clovechskb menschlich, clovech dem Menschen 
gehörig. Wo in den Texten -bskz in possessivem Sinne 
erscheint, liegt eine üngenauigkeit oder eine andre Auf- 
fassung des Übersetzers vor. 

76. VI. Adjektiva mit der Bedeutung: ge- 
neigt zu dem, was das Grundwort aussagt; -ivz: hzh 
Lüge — hzivh lügnerisch, Um Trägheit — lenim) träge, 
zilohh {zhloha) Bosheit — z^Iohiv^ bösartig, milosth Erbar- 
men — inüosiiti) barmherzig, imjazrih Gunst, Wohlwollen 
— prijaz7liv^ wohlwollend, rech Rede — recivh zum Reden 
geneigt, bereit, pravhda Gerechtigkeit — pravhdivh gerecht, 
stracla Schrecken — strasivh schreckhaft, feig. 

Daneben stehen Bildungen auf -hliv^, (zu lesen wohl 
-^tiv^, so immer im Serbischen): zavida Neid — zavidhlivh 
neidisch, ohida Beleidigung, Unrecht — ohidhliirb beleidi- 
gendj ungerecht. 

Unmittelbar von Verbalstämmen werden Adjektiva 
auf -iv^ nicht gebildet. Soll die Neigung zu einer Hand- 
lung ausgedrückt werden, so liegt entweder das soge- 
nannte Z-Partizipium (Partizipium prät. akt. II) zugrunde: 
trpeti dulden trpeh — trpeliv^ geduldig, mlcati schweigen 
micah — mlcaliv^ schweigsam, po-iicati lehren poticah — 
poucaliv^ öibaKTiK6(;; oder es wird -hlim) verwendet: poslu- 
sali gehorchen — poslnshlivh^ nach dem Muster von 
zavidhlhit u. a., das dem Sinne nach sowohl zu zavida 
(Neid) wie zu zavideü (beneiden) bezogen werden kann. 

77. VII. Adjektiva, die die Möglichkeit einer 
Handlung ausdrücken (-Toq). Sie kommen her mit 
Formans -vivb: 

1. Von Verbal Stämmen; von abgeleiteten in der 
Art, daß der auslautende Vokal des Verbalstammes, a 
usw., bei der Ableitung nicht in Betracht kommt: do- 
kos7iqti anrühren — dokos-wn berührbar, jjo-zybati schwanken 



§77—79.] Adjektiva. 95 

machen — ne-pozyhhm unerschütterlich, po-stqpit\ lieran- 
treten -- tie-postqyhm an was man nicht herantreten 
kann, unbeweglich, do-stojati (bis wohin stehen) ausreichen 
— dostojbm ausreichend. 

2. Von Partizipien prät. passivi: iz-d-t-tsü (rek-) 
aussagen izdreceiih — izdrecemm unaussprechlich^ is-pimti 
ausschreiben, beschreiben ispisavz — ispisamm unbeschreib- 
lich, 2)n-jfti annehmen prij^tb — prijetua annehmbar, 
angenehm. Nach solchen Mustern können derartige Bil- 
dungen auch von intransitiven Verben geschaffen werden: 
is-tbleti verderben (corrumpi) *tblem — isthlenym un verderb- 
bar, ^o-.9fra^afi leiden *postradam — ne-postradanhno der nicht 
leiden kann. 

78. VIII. Adjektiva von Adverbien abgeleitet, 
die also die örtliche, zeitliche u. a. Beziehung der Adverbien 
adjektivisch-attributiv machen. Regelmäßig und häufig 
-wih: predh vorn — predhnh vorn befindlich, erster, vuiqtrh 
innen — i^nqtrhnh innerlich, v^-isprh oben — irbispt^nh 
oben befindlich, okrbsh ringsum — okrbstbnh umringend, 
posledh zuletzt — posledhnh letzter, dynh-sh (acc. diera hunc) 
heute — dbnhs^nh heutig. Adjektiva wie gorhuh oben be- 
findlich, dohnh unten befindlich, utrhrih morgenlich, sind 
nicht zunächst auf die Substantiva gora Berg, doh Tal, 
utro Morgen zu beziehen, sondern auf die adverbiell ge- 
brauchten Kasus göre oben, doli dolu unten, vfre früh. 
In wenigen Fällen von Ableitungen aus solchen adverbi- 
ellen Kasus bleibt die Kasusform erhalten, an sie tritt 
Formans -hnh oder -sthiih: doma zu Hause — domashnh 
domastbnh zum Hause gehörig domesticus; vime draußen — 
vTmehnh -sthnh draußen befindlich; krovie (am Rande) 
äußerst — kromeshnh -sthnh äußerst; nyne jetzt — nyneshuh 
-sthnh jetzig; vhcera gestern — vhcerahm gestrig. 

79. Anhang I. Substantivische Bildungen mit 
Formantien, die sich nicht in bestimmte Bedeu- 
tungskategorien bringen lassen, aber in größerer 
Anzahl vorhanden sind. 



96 



StammbilduQg der Nomina. 



[§79.80. 



•es- ntr. Nom. -o: sloves- slovo Wort vgl. KXe/b^, zu 
slovq shdi heißen sJy-safi hören; mhes- neho Himmel, vgl. 
vecpoq; koles- kolo Rad, vgl. kolo als o-St.; cufles- endo 
Wunder, Ules- Udo Körper, Leib (s. u. bei der Deklination 
§ 94 V B). 

-e?i-, Nom. mask. -enh (gen. ew-c) grehenb Kamm, zu 
grehq greti graben; prsfenb Fingerring, zu prstz Finger; 
vgl. noch sfepenh Stufe, korenh Wurzel, jelenh Hirsclr, jesenh 
f. Herbst. 

-men-, wenn Neutra nom. -wf, wenn Mask. nom. -y 
(selten bewahrt), -menh: hrem^ h'emen- Last, zu herq bwati; 
ci^me cismen- Zahl, zu chfq cisti zählen; pismc pismen- 
Buchstabe, zu pisafi pisq schreiben; nemf scmen- Same, 
zu sejq scti säen; vgl. vreni^, vrcmen- = '"'cermen- Zeit; 
— pleme plemen- Geschlecht, Stamm — plamy plarnenh 
Flamme, zu poleti in Flammen stehen, planati = *polnqti 
aufflammen; kajny kamenh Stein, lit. akmü St. ak-men-\ 
remenh Riemen (s. u. bei der Deklination § 94 V A). 

80. Anhang H. Übersicht über die oben vorkom- 
menden Formantien, geordnet nach dem Anfangslaut (?», y, 
h stehen zuletzt), aufgeführt in der Nominativform der 
betreffenden Wörter, Die erststehende Zahl ist die Para- 
graphenzahl. 



-a Feminina zu Mask. 68. 1. 

Nomina actionis 69. 3 
-'ane {-ene) Völkernamen u. a. 

64. 2. 
•'am {-em) Stoffadjektiva 73. 
-ai''h Personenbezeichnungen 

63. 1. 
~atb Adjektiva (-osus) 74. 1. 
•chji Personen best. Berufes 

63. 3. 
~eh Adjektiva 72 L 5. 
-elb Abstrakta 69. 9. 
-em Adjektiva 72 L 6. 



-emi-'am) Stoffadjektiva 73. 
■ene Völkernamen u. a. 64. 2. 
â– ^ (-pf-) Deminutiva 67. 3. 
-estb 8. -osth. 
-eta 8. -ofa. 

-eh Geräusche 69. 13. 
-e£h Nomina actionis 69. 11. 
-ica fem. Nom. agentis 61. 2. 

fem. Träger einer Eigen- 
schaft 62. 1. 

Deminutiva 67. 2. 

Feminina zu Maskulina 
68.4. 



§80.] 



Adjektiva. 



97 



-ikb Träger einer Eigen- 
schaft 62. 2. 
'ina Abstrakta 70 B 1. 
-im individualisierend bei 

Völkernamen usw. 64. 1. 

possessivesAdjektiv 72 II 4. 
-zif*» Ortsbezeichnungen 66. 1. 
-isfb Deniinutiva 67. 4. 
'itb Adjektiva (-osus) 74. 2. 
-«T. Adjektiva Neigung bez. 

76. 
-izna Abstrakta 70 B 1. 
-ja Feminina zu Mask. 68. 2. 

Abstrakta 70 A 5. 
-jh Nomina agentis 61. 3. 

possessiveAdjektiva 72 II 2. 
k- Formans , Deminutiva 

67. 2. 
{-dlo) -lo Nomina instrumenti 

65. 1. 
-lo Nomina instrumenti 

65. 2. 
-h Nomina agentis (Parti- 

zipia) 61. 5. 

Adjektiva 72 I 5. 
-Ih Nomina actionis 69. 8. 
-m Adjektiva 72 I 6. 
â– nh Nomina actionis 69. 7. 
0- Formans s. ^. 
-okh Adjektiva 72 I 3. 
-05^6 (-e^^) Abstrakta 70 A 1. 
'Ota (-eta) Abstrakta 70 A 1. 
-oh Geräusche 69. 13. 
-ovith Adjektiva (-osus) 74. 2. 
'0V7, possessive Adjektiva 

72 II 1. 
-oi-hn-b Adjektiva 72 II 1. 



-rh Adjektiva 72 II 4. 

:slo Nomina instrumenti 

65. 2. 
-sh Nomina actionis 69. 8. 
-sm Nomina actionis 69. 7. 
-sbuh Adjektiva von Adver- 
bien 78.. 
-tajh Nomina agentis 61. 4. 
-tel'h Numina agentis 61. 1. 
•tva Nomina actionis 69. 

10. 
-fh Nomina agentis 61. 5. 

Nomina actionis 69. 6. 
-to Nomina instrumenti 

65. 3. 
-znh Nomina actionis 69. 7. 
^^ (-0-) Nomina actionis 

69. 2. 

Adjektiva 72 I 1. 
-^k^ Träger einer Eigen- 
schaft 62. 3. 

Resultat einer Handlung 

69. 14. 

Adjektiva 72 I 3. 
^^t^ Geräusche 69. 13. 
-y Feminina zu Mask. 68. 3. 

Abstrakta 70 A 4. 
•yni Feminina zu Mask. 

68. 3. 

Abstrakta 70 A 4., 
-h Nomina agentis 61. 5. 

Nomina actionis 69. 5. 

Adjektjivabstrakta 70 A 3. 

Kollektiva 71. 
-hba Nomina actionis 69. 

12. 

Abstrakta 70 A 6. 



Leskien, Altbulgarische Grammatik. 



98 



Stammbildun^ der Nomina. 



[§80.81. 



'bch Nomina agentis 61. 2. 

Träger einer Eigenschaft 

62. 2. 

Deminutiva, f. -bca^ ntr. 

•hce 67. 1. 
-hda Abstrakta 70 A 7. 
'bje Nomina actionis 69. 1. 

Abstrakta 70 A 2. 

Form 2)rimorhje 70 C. 

Kollektiva 71. 
-hji Personen bestimmten Be- 
rufes 63. 2. 
-hjh possessive Adjektiva 

72. 3. 
-bkh Adjektiva 72 I 3. 
-hlivo Adjektiva, Neigung 

ausdrückend 76. 



-hnica Träger einer Eigen- 
schaft 62. 1. 
Ortsbezeichnungen 66. 2. 

-mikb Träger einer Eigen- 
schaft usw. 62. 1. 

-hm allgem. Adjektiva 7 2 II 1. 
Adjektiva der Möglich- 
keit 77. 

-hnh possessive Adjektiva 
72 II 2. 

Adjektiva von Adverbien 
78. 

-bsJcb Adjektiva (der u. der 
Art) 75. 

-hstvhje 70 B 2. 

-hstvo Abstrakta 70 B 2. 

-htz Geräusche 69. 13. 



'bh Adjektiva 72 I 4. 

81. Anhang III. Nominalkomposita. Die alt- 
bulgarischen Texte enthalten eine große Menge solcher 
Zusammensetzungen; die allermeisten sind freilich wort- 
getreue Übertragungen der griechischen Komposita aus 
den Vorlagen der Übersetzer. In der lebendigen täglichen 
Rede sind die meisten derartigen kirchlichen und theolo- 
gischen Ausdrücke nicht gebraucht worden, aber die in 
ihr vorhandenen originalen slavischen Zusammensetzungen 
gaben das Muster der Form und damit die Möglichkeit 
jener Nachahmungen (s. Jagic, Die slav. Komposita in 
ihrem sprachgeschichtlichen Auftreten, ASPh. 20. 519; 
21. 28). 

Im folgenden sind unter Komposita nur die Zu- 
sammenfügungen verstanden, deren erster Teil einen un- 
flektierten Nominalstamm enthält (nur vereinzelt zeigt 
der erste Bestandteil eine Kasusform), ausgeschlossen da- 
gegen, was z. T. die Sprachwissenschaft in viel weiterem 
Sinne unter die Zusammensetzungen rechnet (s. Brug- 
mann, Kurze vgl. Gr. § 368 fg.). 



i 



§81.82.] AdjekHva. 99 

Das erste Glied der Komposita geht im Alt- 
bulgarischen, falls es Nomen (nicht Präposition oder Par- 
tikel) ist, fast ausnahmslos auf o aus, dafür nach pala- 
talen Konsonanten e, z. B. medo-tochm honigfließend zu 
*medhu- med^, krbvo-jadenhje Blutessen (Blutgier) zu *krü- 
(ursprünglich Nom. *kry ersetzt durch krhvh), strasto- trphch 
Leid-dulder zu strastb i-St., rqko-phsamje Handschrift zu 
rqka. Das o beruht auf Verallgemeinerung des Auslauts 
der zahlreichen in solchen Kompositen vorkommenden 
ö-Stämme wie vino-grad^, 7nilo■srd^. Nur wenige alte 
Reste zeigen unmittelbare Aufnahme andrer alter Stämme 
in die Zusammensetzung, so medv-edh (Honigesser) Bär, 
6eture-nog^ vierfüßig zum kons. Stamm cetver-. 

Nicht selten hat das Kompositum, selbstverständlich 
an seinem letzten Teil, besondere Formantien, -hm -hcb. 

Die unten folgende Einteilung ist gemacht nach der 
Beziehung, die die Glieder des Kompositums bei seiner 
Auflösung in eine syntaktische Gruppe zueinander er- 
geben. 

82. A. Attributivkomposita. Das erste Glied — 
Substantiv, Adjektiv, Zahlwort, Adverb (Partikel) — 
bildet eine nähere attributive Bestimmung zu dem zweiten. 
Das zweite Glied kann als selbständiges Wort Substantiv 
oder Adjektiv sein. Die Komposita sind entweder Sub- 
stantiva oder Adjektiva; Adjektiva notwendig dann, wenn 
das letzte Glied an sich adjektivisch ist. Aber auch Kom- 
posita mit zweitem an sich substantivischen Gliede 
können Adjektiva werden, wenn der Gesamtbegriff der 
Zusammensetzung einem Dritten als Eigentümlichkeit, als 
Eigenschaft beigelegt wird, vgl. juaKpö-xeip der eine lange 
Hand hat. Es kann in diesem Falle, und so geschieht es 
oft, noch ein besondres, das Adjektiv charakterisierendes 
Formans angewendet werden, vgl. langhänd-ig, grau- 
bärt-ig. 

Die vorkommenden Fälle der verschiedenen im Kom- 
positum möglichen Wortklassen sind folgende: 

1. Substantiv mit Substantiv, das Gesamt- 



100 Stammbildnng der Noraina. [§82. 

wort ist Substantiv; ganz selten, wenigstens in den ältesten 
Quellen; vgl. konje-cbvcfcb als Wiedergabe von iTtTTOKevTau- 
po^, eigentlich von iTrirdv^piuTTO!; «ein Mensch, der (zu- 
gleich) ein Pferd ist». 

2. Adjektiv mit Substantiv. 

a) Das Gesamtuort ist Substantiv, z. B. lT>ze-prorokb 
Lügen -prophet ipeubo-irpoqpi'iTT'iq, skoro-pishch Schnell-schrei- 
ber Tttxu-Tpacpoq, hlago-deth Wohl- tat eu-epTTicria. 

b) Das Gesamtwort ist Adjektiv, z. B. malo-verb (mah, 
Vera) kleingläubig, sucho-rqkb {such^^ rqka) der eine dürre 
Hand hat, Uzhko-srd^ {t^zhkh, srd-hce) schweren Herzens 
ßapu-KCtpbioq, milo-srdh barmherzig. Nicht selten mit be- 
sonderm adjektivierendera Formans: dobr^ gut, glas^ 
Stimme — dobro-glasbm mit guter Stimme versehen eurixoq; 
m^nog^ viel, cena Preis — imnogo-cemm iroXu-Tiiaoq. 

Ein 80 wirklich vorhandenes oder bildbares Adjektiv 
kann dann durch -hcb wieder substantiviert werden 
(s. § 62. 2), z. B. crm schwarz, riza Kleid — crnorizh 
schwarzgekleidet, crnoriz^ct (Schwarzkleidler) Mönch. 

3. Zahlwort mit Substantiv. 

a) Das Gesamtwort ist Substantiv, z. B. trh-zqb^ Tpiobou^ 
TpißoXo(; Dreizack. 

b) Das Gesamtwort ist Adjektiv, z. B. ino-c^d^ jedino- 
c§dh (in?», jedim, c§do) fiovofevriq «das einzige Kind, das 
Einkind seiend», cetvre-twgi (= cetver-, konsonantischer 
Stamm des Zahlworts, noga^ ^cetvernogz) vierfüßig xeTpd- 
7T0U(;; mit weiterbildender Endung z. B. dioje-dushm (dvojh, 
dusa Seele) biipuxo«; = zweifelnd, jedlnodushm eines Sinnes 
(einig), ino-plemeyihm dXXö-qpuXoc;, wieder substantiviert ino- 
plemenhnikb {im, pletnf Sit. plemen-) Mensch andern Stammes, 

4. Zahlwort mit Adjektiv. Das Gesamt wort 
ist Adjektiv, z. B. trh-hlazem Tpi<;-naKdpioq dreimal-selig, 
trbsv^ti Tpi(T-d*fi0(; dreimal-heilig. 

5. Adjektiv mit Adjektiv. Das Gesamtwort 
ist Adjektiv, z. B. (ceh, mqd}i>) celo-mqdr^ Übersetzung von 
aujqppuLJV, eigentlich integre sapiens, vehlep^ sehr schön, 
prächtig. 



1 



§ 82. 83.] Adjektiva. 101 

6. Partikel mit Substantiv. Das Gesamtwort 
ist Substantiv. 

a) Die Partikel bildet eine attribute Bestimmung 
zu dem Substantiv; das Gesamt wort bleibt in der 
Bedeutungssphäre dieses zweiten Teiles, der also nur eine 
besondre Bedeutungsfärbung erhält, z. B. pra-de(h Vor- 
großvater, Urahn, ohlakh = '^'ob-vlakh (eigentlich «Um- 
zug») Wolke, hir-horh «Zusammen-nenmung, Versammlung, 
raz-do)n> Zerreißung, Riß; so bei den Zusammensetzungen 
mitawe-, das im Slavischen gr. a privativum, deutsches un- 
vertritt, z. B. ne-mosth (Unmacht) Krankheit, ne-pravhda 
Ungerechtigkeit, ne-vol'a (Nicht-wille) Zwang. 

b) Das Gesamtwort dient als Bezeichnung eines Dinges 
oder Wesens, dem das Verhältnis, das in der Zusammen- 
setzung von Präposition und Substantiv ausgedrückt wird, 
als Charakteristikum anhaftet, z. B. sq-logi) (an sich «Mit- 
lager», bedeutet aber) Mitlager habend, Gatte, d'Xoxo^; 
sq-postah (eigentlich Mitstand habend; postath bestimmter 
Standort, Reihe) Gegner. Es ist nicht immer sicher ent- 
scheidbar, ob ein Fall unter a oder b gehört, z. B. sq- 
phr'b Mitstreiter (Gegner) kann ein ^-phrh als nom. ag. 
enthalten und fällt dann unter a, kann aber auch zu 
phra Streit gezogen werden und gehört dann unter b 
(Mitstreit habend); vgl. sq-sed^ («Mitsitzer» oder «Mitsitz 
habend») Nachbar. 

7. Partikel mit Adjektiv, das Gesamtwort ist 
Adjektiv, so die Komposita nait ne-, z. B. ne-prazdbub (nicht 
leer) pchwanger, ne-cist^ unrein; die durch prc- verstärkten 
Adjektiva, z. B. pre-velikh permagnus. 

83. B. Rektionskomposita. Bei der Auflösung 
des Kompositums in eine syntaktische Gruppe tritt eins 
der Glieder in einen obliquen Kasus, ein Glied ist 
vom andern kasuell abhängig oder bestimmt es 
kasuell näher. 

1. Bei der umschreibenden Auflösung tritt das 
erste Glied in einen obliquen Kasus und bestimmt 
das zweite; dies iBt stets der Fall, wenn beide (Tlieder 



102 Stammbildung der Nomina. [§ 83. 

Nomina sind. Welcher Kasus in der Auflösung ein- 
tritt, hängt einfach von der Art der Umschreibung ab. 
Umschreibt man das zweite Glied verbal, so wird in der 
Regel das erste als Objekt in den Akkusativ treten; 
umschreibt man nominal, in einen andern der Situation 
entsprechenden Kasus. Z. B. medv-edh «der Honig ißt», 
«Honigesser», Bär, zhlo-dejb tlbel-täter, vino-pijhca Wein- 
trinker, hrato-t uhhch Bruderliebender, zakono-davtcb vofio- 
-^xri«; Gesetz-geber, wo man überall das erste Glied als 
Objekt des zweiten empfindet. Dagegen in rqkojetb (eigentl. 
«Handnahme») Garbe wird man das erste Glied eher 
durch Instrumental «mit der Hand» wiedergeben. 

2. Bei der Auflösung tritt das zweite Glied in 
einen obliquen Kasus; das ist der Fall, wenn das 
erste eine Präposition ist. 

a) Das Gesamtw'ort ist Substantiv. Hierher gehören 
die § 70 C behandelten Bildungen auf -hje wie primoi'hje. 

b) Das Gesamtwort ist Adjektiv, z. B. bez-hog^ hez- 
hozhm a-d€0(; gottlos, {hez-, cedo) best^d^ d-xeKVO«; kinderlos, 
(bez-, zakom) bezakonhm d-vo)JO(; gesetzlos, {ob^, nostb) ob^- 
nosthm TravvOxioq die ganze Nacht während. 



■ »♦» > 



§84.1 103 



Dritter Hauptteil. 

Flexion 

der Substantiva, Adjektiva, 

Pronomina, Zahlwörter. 



Vgl. Scholvin, Beiträge zur Deklination in den pan- 
nonisch-slov. Denkmälern (ASPh. II); Ljapunov, Formy 
ßklonenija v staroslovjanskom jazykö, I. Sklonenije imen, 
Odessa 1905 (mit Fortunatovs Ansichten über die Kasus- 
endungen). 

84. Zwischen der Flexion der Substantiva und der 
Adjektiva besteht kein Unterschied, doch kann sich die 
t3bereinstimmung nur zeigen bei den maskulinen und 
neutralen o-Stämmen wie den feminalen ä-Stämmen, da 
sämtliche flektierbare Adjektiva (über unflektierte s. § 97. 3) 
nur diesen Stammklassen angehören. Die oft sogenannte 
pronominale Deklination der Adjektiva ist für die älteste 
Zeit nur scheinbar. 

Es könnte daher die Deklination sämtlicher Nomina 
zusammen behandelt werden; doch ist hier die Flexion 
des Adjektivs mit beim Pronomen behandelt, um be- 
stimmtes und unbestimmtes Adjektiv (s. §96) nebeneinander 
stellen zu können. 



104 Flexion der Sabstantiva. [§ 85. 

I. Flexion der Substantiva. 



Allgemeine 
Bemerkangen zur Deklination der Substantiva. 

85. Genera. Die alte Unterscheidung von Mas- 
kulina, Neutra, Feminina ist erhalten (das Litauische hat 
das Neutrum verloren und durch die Mask*ulin- oder 
Femininform ersetzt). Durchgehende formale Kriterien 
der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Genus gibt es 
nicht, doch läßt sich im allgemeinen das Genus ab. 
Wörter leicht erkennen, da man für große Kategorien von 
Wörtern weitreichende Bestimmungen machen kann, 
ausgehend von Nominativ sing.: 

1. Alle Wörter auf ■^ sind Maskulina, z. B. rdb^ 
Sklav, sym Sohn, hokb Seite. 

2. Die Wörter auf -o, -e, -e sind sämtlich Neutra, 
z. B. delo Tat, telo Leib, neho Himmel, pole Feld, imf 
Name, otroö^ Kind (Maskulina auf -^ finden sich in den 
eigentlich ab. Texten nicht). 

3. Wörter auf -a und -i sind fast durchgängig 
Feminina, z. B. zena Frau, zaba Frosch, hogyni Göttin, 
blagyni Güte, mati Mutter. Es findet sich aber eine An- 
zahl Bezeichnungen männlicher Personen auf -a, z. B. sluga 
Diener, vladyka Herrscher, und auf -i, z. B. sqdhji Richter. 
Sie haben im Altbulgariscnen ihre ursprünglich femini- 
nale Art darin bewahrt, daß ihnen adjektivische oder 
pronominale Attribute in femininaler Form beigegeben 
werden. 

4. Die noch möglichen Endungen des Nominativs, 
■y und -h, lassen nur annähernde Bestimmungen zu: 

a) Die Wörter auf -y sind Feminina, z. B. svekry 
Schwiegermutter, l' uby Liebe, mit Ausnahme von kamy 
Stein, plamy Flamme (andre solche Nominativformen 
von Maskulinen sind in den ab. Text nicht erhalten). 

b) Von den Wörtern auf -6 sind maskulin die auf 
jh, -nh, -l'h, -r'h endigenden, z. B. krajh Rand, konh Pferd, 



§85—87.] Flexion der Substantiva. 105 

datelh Geber, saphr'h Gegner; feminin die Wörter auf 
-osth, -esth, ferner die auf -h auslautenden Abstrakta, z. B. 
zhlh Bosheit Schlecbti?:keit. hojaznh Furcht, gyheh Verderben, 
j)ecalh Sorge, zahytb Vergessenheit. Das Genus der übrigen 
muß man aus dem Gebrauch lernen. 

86. Numeri. Die alten drei Numeri, Singular, 
Plural, Dual, sind erhalten. Der Gebrauch des Duals ist 
nicht beschränkt auf Dinge, die paarweise in der Natur 
oder im Gebrauch des Menschen zusammengehören, sondern 
er kann beliebige Zweiheit ausdrücken, doch liegt es in der 
Natur der Sache, daß im Dual meist paarige Dinge stehen. 
Statt des formalen Plurals wird nicht selten eine Singular- 
form, Kollektivum (s.§71), gebraucht, so regelmäßig hrafrbja 
(hrafhjn) zu hratrh {brat^) Bruder, eigentlich «Gebrüder» 
«Brüderschaft» qppaipia; deth f. sg. i-St. zu defe Kind; 
öfter kollektive Neutra auf -hje, z. B. kamenhje (eigentlich 
Gesteint zu kayny Stein, dqhhje (eig. Eichicht) zu dqH 
Eiche. Flektiert werden diese Kollektiva singularisch, 
auch Attribute in Singularform dazu gesetzt, das verbale 
Prädikat in Sätzen, deren Subjekt sie bilden, steht aber 
in der Regel im Plural. 

87, Kasus. Das Altbulgarische kennt sieben 
Kasusfunktionen: Nominativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ, 
Instrumentalis, Lokativ, Vokativ, doch sind diese Funktionen 
nicht mehr überall lautlich geschieden. DerDualis hatüber- 
haupt nur drei Kasusformen: Nominativ-Akkusativ- Voka- 
tiv, Genetiv-Lokativ, Dativ-InstrumentaL Der Plural 
hat keine besondre Vokativform, als Vokativ dient der 
Nominativ. Das Neutrum besitzt keine Vokativform 
und unterscheidet nicht Nominativ und Akkusativ in der 
Form. Die Feminina haben keine besondre Nominativ- 
form im Plural, sondern brauchen dafür die Akkusativ- 
form. In mehreren Stammklassen sind ursprünglich 
unterschiedene Kasusformen lautlich zusammengefallen 
(s. § 89 die Übersicht über die Kasusendungen und §§ 90 
bis 95 die Paradigmata), so daß die sieben Kasus, die 



106 Flexion der Subetantiva. [§87.88. 

sich aus dor Gesamtheit der Deklinationsformen ergeben, 
in keiner einzelnen Deklinationsklasse wirklich lautlich ge- 
schieden vorhanden sind. 

Nicht auf lautlichem Zusammenfall beruht die Ver- 
wendung von (lenetivform in akkusativischem Sinn: im 
Altbulgarischen kann statt des Akk. sing, der Bezeich- 
nungen lebender männlicher Wesen in den Fällen, in 
denen syntaktisch der Akkusativ gegeben ist (als Objekt, 
nach Präpositionen) der Gen. sing, gebraucht werden und 
wird meistens gebraucht. Doch kann auch überall in 
diesem Falle der wirkliche Akkusativ gesetzt werden, 
z. B. vizdq mqib (Akk.) und vizd^ mqza (Gen.) ich sehe den 
Mann, na mqzb und 7ia mqza gegen den Mann. Nur ein 
Wort, das Pronomen kb-to (wer) hat überhaupt keinen 
Akk., sondern verwendet dafür immer die Genetivform 
kogo. (Vgl. Meillet, Recherches sur l'emploi du genitif- 
accusatif en vieux-slave, Paris 1897; Berneker, Der Ge- 
netiv-Akkusativ bei belebten Wesen im Slavischen, KZ 
o7. 364.) Diese Eigentümlichkeit herrseht in allen slavi- 
schen Sprachen, meist noch strenger durchgeführt und 
z. B. auf andre lebende Wesen und auf den Plural aus- 
gedehnt. Ferner ist allgemein slavisch, daher auch alt- 
bulgarisch, daß bei negiertem (von ne, nicht, begleitetem) 
Verbum das Objekt, das bei nicht negiertem im Akkusativ 
steht, in allen Genera und Numeri in den Genetiv gesetzt 
wird, z. B. )ie vizäq zeny (g. sg.) ich sehe die Frau nicht, 
ne vizdq zem (g. pl.) ich sehe die Frauen nicht. 

88, Deklinationsklassen. Die durch die ver- 
gleichende Grammatik üblich gewordene Einteilung der 
Deklination auf Grundlage des Auslauts der Nominal- 
stämme ist beim Altbulirarischen wegen seiner Altertüm- 
lichkeit nocli durchführbar. Bei den andern lebenden 
slavischen Sprachen ist das wegen der Verdeckung alter 
Unterschiede durch starke lautliche Veränderung und 
wegen der Vermischung der alten Klassen nicht mehr 
möglich. Auch im Altbulgarischen sind Entlehnungen 
von Formen aus der einen Klasse in die andre nicht 



§ 88.] Flexion der Substantiva. 107 

selten, doch stets erkennbar. Die Reihenfolge der nach 
jenena Prinzip sich ergebenden Klassen ist an sich gleich- 
giltig; die unten befolgte ist wesentlich deswegen gewählt, 
weil sich so die Mischung von Formen verschiedener 
Klassen am leichtesten darstellen läßt. Eine in Gram- 
matiken slav. Sprachen oft vorkommende Bezeichnung: 
palatale (weiche) und nicht palatale (harte) Deklinations- 
weise, bedeutet keinen Unterschied in der Formenbildung, 
sondern will nur besagen, daß der letzte Konsonant vor 
den Kasusendungen palatal (weich) oder nicht palatal 
(hart) ist. Die Aufstellung besonderer Paradigmata für 
die eine und die andre Art geschieht aus Zweckmäßigkeits- 
gründen, weil der palatale Konsonant folgende Vokale 
verändert und dadurch die Kasusformen von weichen und 
harten Stämmen ein etwas verschiedenes Gesamtbild 
zeigen. Die Weise der slav. Grammatiker ist deswegen 
auch hier bei den o- und «-Stämmen befolgt; nur da 
kommt überhaupt jener Unterschied in Betracht, und 
läuft auf das hinaus, was man in der vgl. Gr. -jo- und 
-:;a-Stämme nennt. 

In der folgenden Übersicht ist bei den einzelnen 
Klassen der Nom. sing, und zur Klarlegung des Stammes 
bei den konsonantischen und «>Stämmen der Gen. sing., 
bei den übrigen der Dativ pl. wegen seiner leicht ab- 
trennbaren Endung angegeben: 

I. o-Stämme. 

1. Maskulina. 

A. hart: voz^, vozo-mo. 

B. weich: krajh 7nqih, kraje-tm mqze-rm. 

2. Neutra. 

A. hart: leto^ leto-mo. 

B. weich: kophje pol'e^ kophje-tm pote-ym. 

TL, ä-Stämme, Feminina. 

A. hart: zena, iena-rm. 

B. weich: struja dusa, struja-m'b dusa-rm. 

ni. M-(v)-Stämme, Maskulina: sijm, sym-im. 



108 Flexion der Substantiv». (§ 88. 89. 

IV. ?-(6-VStämme. 

1. Maskulina: pqtb^ pqih-im. 

2. Feminina: kosth, kosfb-mi. 

V. Konsonantische Stämme. 

A. n- (-e?<-)Stämme. 

1. Maskulina: kami/ (kamenh), kamen-e. 

2. Neutra: seine, semen-e. 

B. s- (-es-)Stämme, Neutra: slovo, sloves-e. 

C. nt- (-^Y-)Stämme, Neutra: tele, telft-e. 

D. r- (-/er-)Stämme, Feminina: mati, mater-e. 

VI. 77- (-?/-)Stämme, Feminina: svekry, svekriv-e. 



89, Übersicht über die Kasusendungen. 

I. Singular. 

1. Nominativ. 

A. Ursprünglich ohne Kasusendung: femin. 
«-St. zetia = idg. '''•genä, hogyni = idg. -i. — Bei den fol- 
genden unterscheidet sich die Endsilbe des Nom. von der 
entsprechenden Silbe der andern Kasus durch Ablaut oder 
Dehnung: msk. ?z-St. kamy (gen. Aamew-e) = idg. ön, vgl. 
lat. homo (= -ö) homin-is\ meistens kcmienh, d. h. die Form 
eines i-Stammes. — ntr. w-St. seme, wahrscheinlich = 
"^seinen (gen. semen-e). — .9-Stämme: slovo (gen. sloves-e) = 
idg. -OS, vgl. T^voq '-'Y^vecroq ^eveog. — r-Stämme: mati = 
^mäte (gen. mater-e), vgl. lit. mote (gen. moter-s). 

B. Mit ursprüngliclieni Nominativzeicheii -s, 
slavisch nach § 48 stets abgefallen : msk. o^St. tokh idg. 
^ tokos lit. täkas; über -^ an Stelle von -os s. § 49 I. — 
i-Stämme: tath, pam^th ygl.Yit. atmintls, lufJTK;. — ?^Stämme: 
sym= idg. *sünus lit. siinüs. — 7Z-Stämme: svekry = idg. 
-it*5, vgl. ai. svasrüs lat. socrus. 

C. Mit ursprünglichem -w, zugleich Akkusativ: 
ntr. o-Stämme, iyo = *y7:>.(7r<, vgl. ai. yugayn lat. jugiim. Über 
-?) für -ow s. §. 49 II 4. 



§89.] Flexion der Substantiva. 109 

2. Genetiv. 

Außer beiden o-SUimmen (deren -a = idg. Ablativ -Od) 
ursprünglich auf s auslautend und zwar: 

a) Auf -5 allein oder auf -f.<?, das s im Slaviscben nach 
§ 48 stets abgefallen: konsonantische Stämme, kamcne 
(Nom. kamy) semen-e (Nom. serne) usw. := -e.<f, vgl. 11 1. akmen-s 
für *akmenes (N. akmu); -?z-Stilmme, l'ub^v-e (N. l'ubi/) = 
-es; i-Stämme, brani (N. brauh) = -ow, lit. barncs (N. bar- 
nh); i<-Stärame, synu (N. sym) =■■ ''■'sünous lit. sünaus. 

b) Auf -ns, bei den a-Stämmen, zeny (N. zena), duse 
(N. dusa), = -0W5, die weitere Entwicklung s. § 49 IIJ 2. 
Das -o«s kann sein == urspr. -ows -öns, -ans. Eine sichre 
Erklärung fehlt. Es liegt nahe, das n auf alte /i-Stärame 
zurückzuführen; der neuste Versuch von Brugmann IF. 
22. 191 (s. auch die dort angegebene Literatur); nach ihm 
ist der Gen. *-ö»-.v einzelner alter Stämme auf -ön- auf die 
ä-Stämme ausgedehnt worden, da deren ursprüngliche 
Form auf -«.<? i vgl. lit. -ös, rankä rankos) nach Verlust des 
ir mit dem Nom. sg. zusammenfallen mußte. Das Alt- 
russische und das Westslavische haben bei den jä-Stämmen 
die Form duse, die sich mit der altbulg. Form nicht ver- 
einigen läßt. 

3. Dativ. 

A. Außer bei den o- und den i-Stämmen kann idg. 
-ai als Endung angesetzt werden: kons. Stämme z. B. 
kamen-i mater-i; w-Stämme synovi vgl. ai. sünave; ä-Stämme 
*ä -\- ai = *äi, eend = *genäi. 

B. i-Stämme: pabi^ kosti; die Endung ist unklar, eine 
Theorie darüber s. bei Pedersen in KZ. 38. 327. 

C. o-Stämme: t/)kn (nom. toA**), letu (nom. leto). Das 
M kann zunächst nur auf einen M-Diphthong zurückgehen 
(tm, öu; eu eu). Die Annahme, idg. -öi, vgl. gr.-LU, sei slav 
zu öu entwickelt (Pedersen KZ. 38. 323), ist unsicher. 

4. Akkusativ. 

A. Allgemeine Endung der Maskulina und Feminina 
idg. -m, slavisch unmittelbar kenntlich nur noch am 



110 Flexion der Substantiva. [§89. 

Nasal vokal bei den ä-Stämmen: ienq = '*genäm^ sonst 
überall abgefallen: bei den konsonantischen St. idg. -3^, 
daraus *-hm *-hn -?>, mäterrp, sl. materh (nom. mati) und so 
bei allen; ebenso die w-Stämme: l'ubTA/b (nom. l'uby); 
i-Stämme: im, daraus *-hm *-hn -h, pawfth lit. ät-mintj, = 
-<iw, vgl. preuß. naktin mit ab, nostb = *noktin\ w-Stämme: 
-MW, daraus *^nl Hn -^, sym = *sünum lit. sumf, vgl. 
preuß. sounon d. i. sünun\ o-Stämme: -om *-^m *-wi -^ tokb 
= ^tokom lit. täkq = -an, preuß. deivan (nom. deivs) Gott, 
vgl. XÖYO-v lat. servo-m. Vgl. § 49 II 1, .3, 4. 

ß. Ohne besondre Kasusendung sind die Neutra, 
deren Akkusativform sich mit der des Nominativs deckt 
(s. § 89. 1 beim Nominativ A. und C). 

5. Instrumentalis. 

A. mh bei allen Maskulinen und Neutren, lit. -mi: 
i-Stämme msk. pqtb-mh (nom. pqth); wie diese auch die 
konsonantischen, auf Grundlage eines i-Stammes, kamem-mh 
sem€7ih-mh, slovesh-mh, telfih-mh. — «-Stämme: sym-mt lit. 
sünu-mi. — o-Stämme: toko-mh kraje-mt, leto-mh pote-mh. 

B. Die Feminina enden auf q = idg. am. Dies ist 
ausgegangen von den ä-Stämmen ienq = *genäm, rqkq 
(zu rqka Hand) = ^ronkäm lit. rank^ für *-dm; daneben 
^enojq dem pronominalen tojq (zu ta illa) nachgebildet. 
Das q ißt dann auf alle Feminina übertragen: materhjq 
(auf Grundlage eines i-Stammes); pam^thjq (dagegen lit. 
atminti-mi); l'ub^v^jq (vom 1 -Stamm aus). 

6. Lokativ. 

A. Ohne Kasusendung, mit diphthongisch auslau- 
tendem Stamm: i-Stämme, pamfti = idg. -ei, vgl. ogni (zu 
ognh Feuer, als i-Staram) mit ai. agnä aus -ei. — w-Stämme: 
sytiu = idg. *sünBu ai. sünäu. 

B. Kasusendung e: die konsonantischen und w-Stämme, 
kamen-e semen-e tel^t-e, lUbzv-e. 

C. Ursprüngliche Endung -i: o-Stämme, idg. -oi, slav. 
-e (nach j usw. i, s. § 15 VI 2) * "^fokoi *krajoi toce kraji, 



I 



§89.] P'lexion der Substantiva. 111 

lefe pol'i. — ä-Stämrno, idg. äi, sl. e (nach j usw. i), £ene 
rare dusi, vgl. lit. ranköj-e (dessen öi = altem äi). 

7. Vokativ, ohne Kasusendung. 

A. Zusammenfallend mit dem Nominativ bei allen 
konsonantischen Stämmen, z. B. mafi, bei den neutralen 
0- Stämmen. 

B. Im, Vokal der Endsilbe von der entsprechenden 
Silbe des Nominativs verschieden : i-Stämme, -l = idg. -ei, 
pam^ti lit. atminfe. — ^^Stämme, -u = idg. -eu^ synu lit. 
sünaü; diese Endung haben auch die mask. ^o-Stämme, 
z. B. konu majii (non). Itonh ynqzh). — ä-Stämme, -o = idg. 
//, d. b. Verkürzung aus ä, zeno (nach j- usw. -e, s. § 9. 2, 
duse^^zu dusa). — msk. o-Stämme, -e = idg. -e, rabe (nom. 
rab^)^ \\L deve (zu d^vcifi Goi\), vgl. boOXe, lat. serve. 

II. Plural. 

1. Nominativ, zugleich Vokativ. 

Nur die Maskulina haben formal bestimmte Nomina 
live und zwar in zwei Gestalten: 

A. ursprünglich -es: konsonantische Stämme, kamen-e 
sloven-e (St. sloven-^ nom. sg. slove7i-im) dwi-e (nom. dhnb 
gen. dm-e). — i-Stämme: pqtbje = *-e;'es*, vgl. frbje drei 
mit Tpei(; für Tpee^ = *trejes ai. trayas. — ?:-Stämme: 
synov-e = *süneves ai. sünavas. 

B. ursprünglich -i, bei den mask. o-Stämmen: toci 
= *fokai lit. takai. 

Sämtliche Feminina haben die Akkusativform als 
Nominativform, z. B. materi, zeiiy: die Neutra die gleiche 
Form für Nominativ und Akkusativ (s. Akkusativ), z. B. 
fiemena, Uta. 

2. Genetiv. 

Alle Nomina haben die gleiche Endung o (nach 
palatalen Konsonannten -h) entsprechend idg. -öm (vgl. gr. 
-luv), s. § 49 II 5: konsonantische Stämme kamen-T* semen-h 
slot'es-h telet-^ mater-i. — i-Stämme: pqihjh kosthjh d. i. '""-(.'j-h 



112 Flexion der Substantiva. [§89. 

(Tgl. Jiiom. pqtbje = *-€jes). — ?/-Stämme: synov-i = *-ei;-b 
(vgl. Nom. sytiove = '^'süneves). — ö-Stiimme: svekrzv-h (zu 
svekry). — o-Stämme; tokh krajb wazh; Ufo pol'b. — 
ä-Stämme; iem znihjh dusb. 

3. Dativ. 

Endung aller Stämme -tm, dessen idg. Entsprechung 
nicht sicher steht; lit. -ms, älter -miis, z. B. takä-ms taka- 
nuis^ pr. -maus z. B. waikammans = vaikamans (zu waika 
Knecht, Wi.vaikas Knabe): konsonantische Stämme katnenh-rm 
senieivb-'im telett-mh nuiterb-im (auf Grundlage eines i-Staoi- 
mes). — i-Stämme: pqtbtm kosth-rm. — «^Stämme: sym-mh, 
vgl. lit. sünü-ms. — o-Stämme: toko-tm kraje-rm, leto-tm 
pote-tm. — rt-Stämme: zena-mi; darnach auch die ü-Stamme 
svekrbva-ym. 

4. Akkusativ. 

A. idg. 'HS, daraus deutbar die slav. Form der mask. 
und fem. konsonantischen und w-Stäöime: -ns zu -ins, 
daraus nach 49 III 1 7; kanieni materi svekr^vi, es kann 
jedoch diese Form auch aus den i-Stämmen übertragen 
sein. — Bei den Femininen vertritt diese Form zugleich 
den Nominativ. 

B. idg. -TIS, bei den i-Stämmen -ins, daraus i (49 III 1), 
pqti kosti, vgl. lit. akis (zu akls Auge) = *akins pr. akins ; 
beim Fem. zugleich Nora. — Bei den w-St. -uns, daraus 
y (49 III 1), syny = *sünuns, vgl. got. sununs. — Bei den 
msk. o-St. -07W. daraus -y, -Jons daraus -j^ (49 III 2), toky 
kraj^ wqz^; vgl. pr. deiwans (nom. deiws, lit. devas) lit. devüs. 

C. idg. -öS bei den ö-Stämmen, im Ab. nicht vorhanden, 
sondern vertreten durch eine Form auf -ns: *-äns *-ans 
*-07is (nach j -*jons), die weitere Entwicklung wie unter B., 
daher zeny zmhjf duse; vgl. pr. rankans mit slav. rqky. — 
Diese Form vertritt zugleich den Nominativ. 

D. Alle Neutra haben die Endung -a = idg. -ä: 
semen-a fel^ta, Uta, das -ä kam ursprünglich nur den 
o-Stämmen zu und ist auf alle andern Neutra über- 
tragen. 



§89.) Flexion der Sabetantiva. 113 

5. Instrumental. 

A. -mij vgl. lit. -ynis (das aus ursprünglichem -i oder 
aus i-Diphthong oder aus ins deutbare slav. i igt nicht 
sicher bestimmbar), herrscht bei den mask. und fem. kon- 
sonantischen Stämmen, kamenh-mi materh-yni, ist möglich 
auch bei deren Neutren, semenh-mi slovesh-mi telfth-mi (doch 
8. B), auf Grundlage eines i-Stammes. — Bei den i- und 
M-Stämmen, pqth-mi kosih-mi, syn^-mi. — Bei den ö-Stämmen, 
zena-mi, darnach die ?7-St. svekrhva-mi. 

B. Die Endung -y (nach Palatalen -i, s. § 47. 2) bei 
den o-Stämraen : toky kraji mqzi, lety pol i. Lit. fakats = 
idg. -ois ai. -äis ; darauf ist auch das slav. -y zurückge- 
führt von Pedersen KZ. 38. 325, sehr unsicher. Ein 
anderer Erklärungsversuch von Brugniann IF. 22, 336 f. 
— Die neutralen konsonantischen Stämme haben in der 
Regel -y: seyneoiy slovesy tel^fy. 

6. T/okativ. 

Allgemeine Endung ^ch^ = idg. -s^i, altlit. -.sw, jetzt 
•fie {akis^ü akise, sfmüsii, takusu): konsonantische Stämme, 
kame7ih-chh fiemenb-chh slovesâ– h-ch^ telpth-ch^ materhâ– ch^ (auf 
Grundlage eines i-Stammes). — ?'- und 2t-Stämme: pqth-chh 
kostb-chz syn^-ch^. — ^-Stämme: zena-ch^. — o-Stämme: 
Die Endung wird einem diphthongisch auf -m, slav. -e 
(nach Palatalen -i, s. § 47. 2) auslautenden Stamme an- 
gefügt: *fokoi'SU toce-cJa kraji'■ch^ ymzi-chh. 

m. Dual. 

1. Nominativ-Akkusativ. 

A. Ohne Endung, mit gedehntem Stammauslaut: 
msk. o-Stämme, Endung -a = idg. ö, toka lit. fakü aus 
*frtÄu = "^tokö, gr. -uu. — i- Stämme: -i = idg. i pqfi 
ko.sti, lit. z. B. ak) (zu akts) = *-/; darnach auch die 
mask. und fem. konsonantischen Stämme: kaniem dhni^ 
materi; und möglich ist diese Endung bei den Neutren 
z. B. felesi (doch s. B). — //-Stämme: •;// = idg. ü, syny 
lit. fiürtH — "'-«. 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. 8 



114 



Flexion der Substantiva. 



[§ 89. 90. 



B. Ursprüngliche Kasusendung -i ; neutrale o-Stämme, 
idg. -oi slav. -e (nach Palatalen -/, s. § 47. 2), Ute pol'i, 
vgl. idze (zu igo Joch) mit ai. yugc (zu yiigam). — Dieselbe 
Form in der Regel auch bei den neutr. konsonantischen 
Stämmen, semene slovest teilte. — ä-Stämme, idg. -ai, slav. 
-e (nach Palatalen -<), zene zmhji dusi, vgl. 7'qre (zu rqka) 
mit lit. rank) (zu ranka) = *-e = *-ai. 



*-ou 



2. Genetiv-Lokativ. 

Allgemeine Endung aller Stämme -u = idg. 
oder *-ous, ai. -ö.9, lit. vereinzelt vorkommend (der Kasus 
ist dort verloren) als Adverbium pasiaü (zu ^^ei«' Hälfte) 
«entzwei». Konsonantische Stämme: teles-v. usw. — 
i-Stämme: pqtbju kosthju = -ej- (vgl. Gen. plur.). — 
w-Stämme: syiwv-u = -ey- (vgl. Gen. plur.). — o-Stämme: 
toku, letu. — (/-Stämme: zenu. 

3. Dativ-Instrumental. 

Allgemeine Endung -tna; nicht sicher auf idg. Form 
zurückführbar, -a entspricht einer alten Länge; lit. -m 
(das nach sich einen Vokal verloren haben muß, sonst 
wäre m zu n geworden und später abgefallen). Konsonan- 
tische Stämme: telesb-ma, dbnh-nm usw. (auf Grundlage eines 
/-Stammes). — i- und ?(-Stämme: pqth-ma kostb-7na sym-ma. 
— O-Stämme: toko-ma kraje-mn mqze-ma leto-nia pol'e-nia. — 
ö-Stämme: zena-ma. 

Paradigmata. 

Die Reihenfolge der Kasus in den Beispielen: Nomi- 
nativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ, Instrumental, Lokativ, 
Vokativ. 

90. I. O-Stämme. 

1. Maskulina: ploöh Frucht; krajh Rand, nozh 
Messer. 



i 



§90.] 



Flexion der Subetantiva. 



115 



i 



I 



A. hart. 


B. weich. 


Sing, plodz 


Sing, krajh 


nozh 


ploda 


kraja 


noza 


plodu 


kraju 


nozu 


plod^ 


krajh 


nozh 


plodomh 


krajemh 


nozemb 


plode 


kraß 


nozi 


plode 


kraju 


nozu 


Plur. plodi 


Plur. kraji 


nozi 


plodh 


krajh 


nozh 


plodorm 


krajerm 


nozeim 


plody 


kraje 


7ioze 


plody 


kraji 


nozi 


plodeckb 


krajichi 


nozichh 


Dual, yloda 


Dual, kraja 


noza 


plodu 


kraju 


TIOZU 


plodoma 


krajema 


nozema. 


. Neutra: leto Jahr; kop^je Lanze 


, pole Fe 


A. hart. 


B. weich. 


Sing, leto 


Sing, kophje 


pol'e 


leta 


kopbja 


pol'a 


letu 


kophju 


pol'u 


leto 


kophje 


pol'e 


letomh 


kophjemh 


pol'emh 


Ute 


kophji 


pol'i 


Plur. Uta 


Plur. kopbja 


pol'a 


letb 


kophjh 


pol'h 


letorm 


kophjemh 


poVenih 


Uta 


kopbja 


l)ol'a 


Uty 


kophji 


pol'i 


Uteclih 


kopbjichh 


pol'ichh 


Dual. Ute 


Dual, kopbji 


pol'i 


letu 


kophju 


pol'u 


Utoma 


kophjenia 


pol'cma. 



8* 



116 Flexion der Substantiva. [§ 90. 9h 

Bemerkungen. 1. Weich (palatal) sind alle Wörter, 
die als letzten Konsonanten im Nominativ haben: j z^lö- 
dejb Übeltäter, c 7;too6 Weinen, z mqzh Mann, s kosh Korb, 
st plasth Mantel, £d dhidh Regen, c (= ö = f^) othch 
Vater, dz (= d'z\ dafür meist nur z = z) khn^dzb Fürst, 
n konh Pferd, l' tuitelh Lehrer, r (meist dafür r) sqphr'h 
Gegner. Im alten unveränderten Zustand der Sprache 
lautet der Nominativ stets auf -h aus; über Schreibungen 
wie niqsrb usw. s. § 24 IV 2. 

2. Ist bei harten Stämmen der letzte Konsonant 
guttural k, g, ch, so tritt vor e und i Wandlung in c, dz 
(z), s ein (s. § 44), z. B. bokb Seite — hoce boci hocech^, hog^ 
Gott — hodze bodzi hodzechz, duck?» Geist — duse dusi dusechh. 

3. Die auf -ch und -dzh auslautenden Maskulina bilden 
den Vokativ fast durchgängig nach Art der harten: othcey 
kwifze (über c, "^dz z s. § 34. 2 b). 

4. Über Formen vom «(-Stamm bei den o-Stämmen 
s. § 92, Bemerk. 3. 

5. Konsonantische Formen der Wörter auf -tel'h, 
•ar'h 8. § 94, Bemerk. 7. 

6. Die Bezeichnungen belebter Maskulina brauchen im 
Sing, die Genetivform in akkus. Funktion, z. ß. hoga, 7nqza, 
neben dem eigentlichen Akkusativ; z. B. hlagoslovi boga er 
lobte Gott, uphva na boga er hoffte auf Gott; prizovi mqzh 
rufe den Mann herbei, mqza i zenq s^tvorilo jestb bogz 
Mann und W^eib hat Gott geschaffen (s. o. § 87). 

91. II. ä-Stämme. 

Feminina: zena Weib; struja Strom, dusa Seele. 



A. hart. 




B. weich. 


Sing, zena 


Sing. 


struja 


dusa 


zeny 




struj^ 


dusp 


zene 




struji 


dusi 


ze7iq 




strujq 


dusq 


zenojq 




strujejq 


dusejq 


zene 




struji 


dusi 


zeno 




struje 


duse 



§91.92.] 



Flexion der Substantiva. 



117 



Plur. 


zeny 




zm^ 




zenarm 




zeny 


. 


zenami 




zenach^ 


Dual 


zene 




zenu 




zeyiama 



Plur. sfrujf dus§ 
strujb dush 
strujarm dusarm 
struj^ duse 
strujami dusami 
strujach^ dusach^ 

Dual, struji dusi 
struju dusu 
strujama dusama. 

Bemerkungen. 1. Die Namen männlicher Wesen 
auf -a, z. B. sliiga Diener, vladyka Herrscher, jwnosa Jüng- 
ling, qzika Verwandter, unterscheiden sich in der Deklina- 
tion nicht von den Feminina. 

2. Wörter mit Nominativ auf -i: -yni^ alle Fe- 
minina, z. B. bogyni Göttin, grdyni Stolz; -hji {-iji) wenige 
femininal z. B. mlnhji Blitz, die meisten männliche Per- 
sonen bezeichnend, z. B. sqdhji Richter, korabhchji Schiffer. 
Die Deklination in allen andern Kasus wie B. des Para- 
digmas. 

3. Die im Paradigma stehende Form des Instr. sg. 
zenojq dtisejq ist eigentlich die pronominale, die nominale 
Form ist die kürzere zenq dasq, sie fehlt aber einigen 
altb. Quellen ganz, ist in andern selten, die gewöhnliche 
Form ist, die längere. 

92. III. 2<-Stämme; Maskulina; sym Sohn. 



Sing, sym 


Plur. 


synove 


Dual, syny 


synu 




synom) 


synomi 


synovi 




symrm 


symma 


sym 




syny 




synjbmh 




symmi 




synu 




symchh 




synu 









Bemerkungen. 1. Diese Klasse ist als selbständige 
im Altbulgarischen im Verschwinden, man kann die oben 



118 Flexion der Substantiva. [§92.93. 

gegebenen Kasusfornien nicht mehr an einem Paradigma 
aus den Quellen belegen, sondern sie müssen, wie es 
hier geschehen ist, aus den vorkommenden Formen der 
einzelnen hergehörigen Wprter zusammengestellt werden. 
Solche sind : sym, voh Ochs, dcmi^ Haus, med^ Honig, 
poh Seite. 

2. Die ursprünglichen «,-St. können — und es ge- 
schieht sehr oft, namentlich im Singular — alle nach 
Art der o-Stämme flektiert werden, z. B. sym syna synu 
sifia (si/nn) synomr) syne sytie. Veranlassung dazu gab die 
Gleichheit der Nominativformen plod^ sym und die große 
Überzahl der o-Stämme. 

3. Umgekehrt werden Formen des w-Stammes auf 
O-Stämme übertragen, am häufigsten der Dat. sing, -ovi, 
z. B. hog^ — bogovi^ duck^ — duchovi, onqih — mqzevi; 
ziemlich häufig Gen. plur. -ouö, z.'^. plod^ — plodov^, cvetb 
Blume — cvetoi% vracb Arzt — vracem>; seltner Nom. pl. 
-oi'ß, z. ß. duchove^ zmijh Schlange — zmijeve; vereinzelt 
andre Kasus, z. B. Instr. sg. gIas^ Stimme — glas^mh, Instr. 
pl. grechh Sünde — grech^7m, Lok. pl. darb Gabe — darbch^ 
(vgl. dazu loc. sg. dam, n. pl. darove, gen. darovrb). Diese 
Übertragung ist fast ganz auf die msk. o-Stämme be- 
schränkt; sehr selten sind Formen bei den Neutren, wie 
Dat. sg. mor'ein zu mor'e Meer. 

4. Lok. pl. auf -ochb, z. B. synocla, domochb (zu lesen 
■od)) nach § 24 IV 4 aus -^>ch^. 

93. IV. i-Stämme; mask. pqth Weg; fem. kostb 
Knochen. 



1. Maskulina. 


2. Feminina. 


Sing, pqth 


Sing. 


kosth 


pqti 




kosti 


pqti 




kosti 


pqth 




kosth 


jjqthmh 




kosthjq 


pqti 




kosti 


pqti 




, kosti 



§93.] 



Flexion der Subetantiva. 



119 



Plur. pqthje 


Plur. 


kosti 


pqthjb 




kosthjh 


pqthrm 




kosthrm 


pqti 




kosti 


pqtymi 




kostwni 


pqtbcH 




kosthchh 


Dual, pqti 


Dual 


. kosti 


pqthßi, 




kosfhjii 


pqth.na 




kosthma. 



Bemerkungen. 1. Zu den i-Stämmen gehören die 
Duale von oko Auge, ucho Ohr: oci, usi, der Dativ-Inetr. 
lautet ocima, usima, sein i (statt h) ist aus der Nominativ- 
form entnommen. 

2. Statt h kann vor j stehen i: kostijq, pqtije^ pqtijh, 
pqtiju, nach § 15 I 4. 

3. Instr. sg. pqtenih, Gen. pl. pqtejb. Dat. pqtemZj Lok. 
pqtechT) (so geschrieben, zu lesen pqtem, pqtej, pqtem, pqtech) 
sind zu erklären nach § 24 IV 4. 

4. Einige Maskulina schwanken zwischen der Flexion 
des 2- und des weichen o-Stammes: og^ib Feuer gen. ogni 
und ogna, zverh wildes Tier zveri und zver'a; gospodh Herr 
gen. gospodi und gospod'a oder gospoda (hart), Dat. gospodi 
und gospod'u gospodu. 

5. Übertragung der i-Formen auf raask. weiche 
o-Stämme findet sich, doch nicht häufig, im Instr. sg. 
otbcbmh (statt otbcemh) wie pqtbmh^ Dat. pl. othcbrm (statt 
otbcetm) wie pqtrnih, Nom. pl. stra^ije (zu strazh Wächter, 
statt strazi) wie pqtije. Noch seltner in andern Kasus, z. B. 
Gen. pl. vracej d. i. vrachjh (zu vrach Arzt; statt vraöh) nach 
pqthjb. 

6. Die Neutra auf -hje {-ije) bilden in einigen Quellen 
neben dem regelmäßigen Instr. sg. auf -hjemh nicht selten 
•iimh (-HHMb), ebenso auch im Dativ pl. -iimh statt des nor- 
malen -hjenn. Nach dem zuweilen begegnenden Instr. pl. 
auf -i/wi, -hijui (zu lesen -ijhmi, -hjhmi)^ z. B. orqzhimi = 



120 



Flexion der Substantiva. 



[§ 98. 94. 



orqzhjbmi (zu orazhje Waffe), der nur aus den /-Stämmen 
ei>tlehnt sein kann, sind auch jene Kasus /-Formen, zu 
lesen also -hjbmb oder -ijb}yib, -bjbmh oder -ijbmh, z. B. i. Fg. 
iicmbjbmb aretiijbmh, Dat. pl. ucenbjbrpz ucenijbtm (zu v-certhje 
Lehre). 

94, V. Konsonantische Stämme. 



A. «-Stämme, Mask. 
kamy Stein, Neutr. seme 
Same, St. -men-. 

1. Maskulina 2, Neutra 



Sin g.kamy 


seme 


kamene 


semene 


kameni 


semeni 


karnenb 


seme 


kamemmb 


semenbmb 


kamene 


semene 


Plur. kamene 


semena 


kaynem 


semeni, 


kamenbfm 


sememmo 


kamen i 


semena 


kawxnhmi 


semeny 


kamenbcM 


semenbchh 



Dual, kameni semrne 

kamenu semenu 

kamenbma semenbma . 

C. nt- (-e^) - S t ä m m e, 
Neutra: tel^ Kalb. 

Sing. tel& 
telete 
teleti 
tele 

telethmb 
teilte 



B. .9- Stämme, Neutra. 
slovo Wort, St. -es-. 



•Sing, slovo ^ 
slovese 
slovesi 
slovo 
slovesbmh 
slovese 

Plur. slovesa 
slove!^ 
sloves-hm^ 
slovesa 
slovesy 
slovesbchr, 

Dual, slovese 
slovesu 
slovesbma. 

D. f-Stämme; nur die 
beiden Feminina matl Mut- 
ter, dhsti Tochter. 

Sing, mati 
matere 
rnateri 
materb 
materbmb 
matere 



§94.] 



Flexion der Subetantiva. 



121 



Plur. telfta 
tekth 
tekthnih 
tel^ta 
Uleiy 
felpthch^ 

Dual, telete 
tele tu 
fektbma. 



Plur. materi 
materh 
tnaterhmh 
inateri 
materbmi 
'>nat€)'hcho 

Dual, materi 
materu 
materbma. 



Bemerkungen. 1. Die Nominativa auf -y sind nur 
belegbar mit kamy und plamy (Flamme), alle andern 
Maskulina haben -menh -em (so auch in den meisten 
Quellen kametib, plamenh), z. B. grebenh Kamm, jelenb Hirsch, 
stepenh Stufe, remenb Riemen; kamy und plamy werden 
auch als Akk. gebraucht, z. B. rasprasista plamy sie (dual.) 
zerstreuten die Flamme. Das ist bewirkt durch die son- 
stige Gleichheit mask. Nominativ- und Akkueativformen 
{plod^, pqth, sym, kam^nh). Der alte konsonantische Stamm 
dbn- Tag hat Nom. dhnb, kann konsonantisch noch bilden: 
Sing. gen. dwie, loc. dhne, Plur. nom. dhiie, gen. dbm, Dual, 
gen. dhnii. 

2. Die Kasus mit konsonantisch anlautender Endung: 
-mh, -m^, -mi, -ch^^ -una werden gebildet auf Grundlage 
eines i-Stammes kamem- usw. (vgl. lit. zu akmü : i. sg. 
akm^ni-mi, dat. pl. akmem-ms, i. pl. akmeni-m\s, loc. pl. 
akmeni-se^ dat. dual, akment-m). Im Anschluß daran sind 
die Nominativa wie kamenh usw. gebildet, und können auch 
die sonst konsonantisch gebliebenen Kasus nach Art der 
i-Stämme behandelt werden, z. B. gen. sg. kameni, loc. sg. 
kameni, n. pl. dhnhje, gen. dual, jelenhju. — Der Instr. pl. 
der Neutra vermeidet die Form -hmi {cudesh-mi zu cudo 
Wunder); die gewöhnliche Endung -y deckt eich mit der 
Form der o-Stämme: lety wie semeny. Vereinzelt -y auch 
beim Mask.: dhjiy; in andern Quellen stepemj kameny. 

3. Die ferain. ?--Stämme brauchen eine Form matei'e 
als Akk. (neben materb); es ist die Genetivform, gebraucht 



122 



Flexion der SabstADtiva, 



[§ 94. 95. 



als Akk. im Anschluß an den akkueativischen Genetiv der 
belebten Maskulina (s. § 87), vgl. Wendungen wie 7m otbca 
i vwtere (gegen den Vater und die Mutter). 

4. Die cs-Stämme können alle nach Art der neutr. 
o-Stämm (.wie Jeto) flektiert werden, z. B. gen. sg. slovai 
dat. slovu, instr. slovomh usw. Veranlassung ist die Gleich- 
heit der Nominative slovo (St. sloves-) leto (St. -o-). 

5. Zu den konsonantischen Stämmen gehören die 
Plurale der Wörter auf -mim -'anim (s. 64 2), z. ß. zu 
grazdanim Plur. (p-azdan-e grazdan-^', grazdanetm grazdany 
grazdany grazdaneda, davon Akk. und Instr. mit der Endung 
der o-Stämme; Dativ und Ix)k. würden nach der Weise 
der i-Stämme als grazdanwm grazdanhclih zu erwarten sein, 
haben aber auch in Quellen, die sonst h erhalten, kon- 
stant e, vielleicht durch Einfluß des Nominativs. — 
Andre Wörter mit -hio schwanken in den Pluralformen: zu 
hoTarim Vornehmer N. pl. hol'are, Gen. bo-l'arh, Dat. hol'a- 
romo; zu vGJim qjbmino Krieger PI. voji, ojhmi als weiche 
o-Stämme. 

6. Die weichen o-Stämme auf -teth -ar'h bilden ein- 
zelne Kasus des Plurals konsonantisch, z. B. zu delatel'h 
Arbeiter, mytar'b Zöllner: Nom. pl. delatele (das häufige 
-tel'e hat sein l' statt l aus den nicht konsonantischen 
Kasusformen) mytare, Gen. deJateh '^mytarb; der Instr. pl. 
nach Art der harten o-Stämme delately mytary. 

7. Einzelne im Singular als i-Stämme erscheinende 
Wörter bilden Pluralkasus konsonantisch, so zu lakbtb 
Ellbogen, nog^tb Nagel: Gen. pl. lalrbi-b nogbtb (Instr. pl. 
lakbty rtogbty); zu pecafb Siegel N. pl. pecate. 

95. VI. ^z-Stämme; Feminina; svekry Schwieger 
mutter. 

Plur. sveh-hvi 
svehitvb 
svekrbvanio 
svekrbvi 
svekrbvami 
svehijvachb 



Sing, svekry 
svekrbve 
svekrbvi 
svekrbvb 
svekrbibjq 
svekt'bve 



Dual, svekrbvi 
sveh-bvu 
svekrbvama. 



§95.96.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 123 

Bemerkungen. 1. Die Genetivform auf -e wird in 
einigen Quellen in akkusativischer Bedeutung verwendet. 
z. B. na otbca i matere i svehiyve = gegen Vater und 
Mutter und Schwiegermutter, so auch z. B. l'ubzve = 
amorem. Veranlassung dazu gab der akkusativische Ge- 
brauch der Genetivform bei den r-Stämmen (s. § 94, 
Bemerk. 3). 

2. Die Formen svekrbva-rm^ svekrhva-mi svehi/va-ch-b 
svekrbva-nia sind auf Grundlage eines ä-Stammes gebildet, 
lauten daher wie zenarm usw. 

3. Ein alter ß-Stamm war krb'vh Blut; es geht außer 
dem Nora, (der aus *kry nach Analogie der folgenden 
Kasus umgebildet ist) im Sing, wie svekry, im Plural da- 
gegen: krbvi, krbm>, krbvhrm, krwi, krtirbmi, krhvhch^, also 
außer dem Gen. wie ein i-Stamm. 

4. In Quellen, wo statt l'uh^vh (akk.) u. a. steht l'uhovh 
(lies l'uhov) beruht das o auf dem Vorgange, der o. § 24 IV 4 
besprochen ist. 

n. Flexion der Adjektiva und Pronomina. 



I. Unbestimmtes Adjektiv. 

96. Durch eine eigentümliche syntaktische Behand- 
lung des Adjektives stellt sich leicht die Vorstellung ein, 
die slavischen Adjektiva hätten eine zweifache Deklination, 
nominale und pronominale. Das ist unrichtig, das Ad- 
jektiv hat an sich nur nominale Flexion, die nominalen 
Adjektivkasus können aber mit einem artikelartigen, 
ihnen enkHtisch angerückten Pronomen verbanden werden. 
Da auf diese Weise die Endsilben der Zusammenrückung 
pronominale Kasusendungen sind, wird der Anschein einer 
pronominalen Deklination des Adjektivs erweckt. Im 
späteren Kirchenslavisch wie in den andern slavischen 
Sprachen ist durch lautliche Umbildungen und durch 
Ausgleichungen mit dem Pronomen z. T. eine wirklich 
pronominale Flexion des Adjektivs eingetreten. Für die 



124 Flexion der Adjektiva tind rronomina. f§ 96. 97. 

ursprünglichen Verhältnisse und auch für das Alt- 
bulgarische tut man besser, die Ausdrücke nominale und 
pronominale Adjektivdeklination zu verineiden und statt 
dessen zu .sagen: unbestimmtes Adjektiv für das nicht 
mit dem postpositiven Pronomen verbundene, bestimmtes 
für das so verbundene. Das Gesamtbild eines bestimmten 
Adjektivs s. u. §§ 112—114. 

97. Von den adjektivischen Wörtern sind hier die 
Partizipien, die nach Bildung und Flexion unten beim 
Verbum behandelt werden, ausgeschlossen. Die Adjektiva 
im engeren Sinne lassen sich der Deklination nach in 
drei Gruppen teilen. 

1. Mit Ausnahme der Komparative und einiger in- 
deklinabler (s. unter 2 und 3) sind sämtliche slavische 
Adjektive im Maskulinum und Neutrum harte 
oder weiche o-Stämme (o- oder jo-St.), im Femi- 
ninum harte oder weiche «-Stämme (ä- oder jä-St.). 
Die ursprünglichen idg. konsonantischen, i- und w-Stämme 
sind schon urslavisch aufgegeben und durch o-Stämme 
ersetzt. Die Flexion ist die der im Stamm entsprechen- 
den Substantiva, nur wird der Vokativ selten gebildet. 

2. Die Komparativa. Die äußere Regel für die 
Bildung des Stammes ist: an den letzten Konsonanten 
des zu Grunde liegenden Adjektivstammes wird -jhs- oder 

-ejhs- angefügt, z. B. zu -jhs- : chvdh schlecht — *chudjhs 

chuzdhs-, *dorg^ dragi teuer — "^dorgjhs drazhs- ; die For- 
mantien -hkb, -ok^^ -hkb (s. § 72 I 8) werden in der Regel 
nicht in die Komparativbildung einbezogen, daher zu 
vysokb hoch Kemp. *vys-jhs- — vijsbs-, *sold7>k7} sIad^k^ süß 
— ^soldjhs- — slazdhs-, tfzhkb schwer — tfzhs- ; zu -^jhs- : 
nov^ neu — novejhs-, dohrb gut — dohrejhs-. Wie in andern 
Sprachen gibt es Komparativa, denen ein stammgleicher 
Positiv fehlt, vgl. mah klein parvus — mhnhs- kleiner minor. 
Die Form des Komparativformans erscheint als -jVs- in 
allen Kasus mit Ausnahme des Nom.-Akk. sg. ntr. mhne, 
chuzde, noveje. Dies -je steht zunächst für *-jes-, das seiner- 
seits gleich idg. *-jos' und *-jes- sein kann. Diese Norai- 



§ 97.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 125 

native auf -je decken sich in der Form vollständig mit 
dem Nom.-Akk. sg. ntr. nicht komparierter weicher Ad- 
jektive (70-St.), z. B, buje tbste (zu bujh wild, tbstb leer). 
Der No a. .sg. mask. novejh kann enthalten die Endung 
'Hs (als schwache Form des Formans -*Jos, â– '^jes\ kann 
aber auch erklärt werden als Neubildung. Eine etwa dem 
lat. major (= -jös) entsprechende Nominativform müßte 
slav. *7ioveja oder (wenn man annehmen will, *-;ös könne 
zu *-jüs werden) "^'noveji ergeben. Formen, die ganz aus 
den sonstigen Maskulinformen herausfallen; an ihrer Stelle 
wäre nach dem Verhältnis von ntr. buje zu mask. bnjb^ 
t^ste zu tistb, dem Neutrum noveje ein Mask. novejh hinzu- 
gebildet. Das würde auch leicht begreiflich machen, wie 
novejb zugleich Akkusativ sein kann, da bujb„ thsih Nom. 
wie Akk. sind. Bei den auf -jbs- (nicht -ejbs-) gebildeten 
Stämmen wäre demgemäß mhub, chuzdb, drazh als Nom. 
mask. zu erwarten, aber diese Formen kommen nicht vor, 
sondern nur uhiihH oder MhNHH, xovxaI'H xovxahh, ;^pAXhH 
;(paxHH, zu lesen mbmjb (oder mhnjijb^ i nach § 15 I. 4), 
chuzdbjh, drashjb, Dies ist die Form des Nom. sg. der 
bestimmten Adjektivdeklination. Wenn sie auch beim 
unbestimmten (z. B. prädikativischen) Gebrauch des Kom- 
parativs wirklich das ist, so hätte man statt «kleiner» 
immer gesagt «der kleinere». Vielleicht ist aber einem 
mit novejh parallelen ytihnb, chnzdh das -jh von novejh an- 
gefügt worden, wodurch eine deutlichere Form entsteht, 
während mhiih chuidb slaMb usw. sich decken mit den 
Nominativformen beliebiger weicher, nicht komparativischer 
Adjektiva. Unklar ist das -e- in -ejhs-, sicher nur. daß 
es = idg. e, vgl. mekhkz komp. in§khcajhs- (nach § 7 II 3). 
Die Schwierigkeiten in der Erklärung der Komparativ- 
bildung s. bei Brugmann, Grundr. 11^ § 423, § 439 und 
die dort angeführte Literatur. 

Als Superlativ wird entweder die Komparativforra 
als solche gebraucht oder ihr die Partikel najh- oder naji- 
(die einheimische Schrift häh ergibt nicht wie zu lesen) 
vorgesetzt: najh-novejb novissimus. 



126 



Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 97. 98. 



o. 



Es gibt eine Anzahl auf -h auslautender adjek- 
tivisch gebrauchter Wörter ohne alle Flexion, z. B. pre- 
prostb einfältig (^itije preprosth otbca loana = Leben des 
einfältigen Vaters Johannes), svobodh frei (svobodh hqdete = 
ihr werdet frei sein; iena svobodh jestb oth zakona = die 
Frau ist frei vom Gesetz). Über den häufigeren adverbiellen 
Gebrauch dieser Bildungen s. u. § 131. Die Deutung der 
Form ist unsicher. Vielleicht sind es Akkusative sub- 
stantivischer i-Stämrae, wie lateinisch statim, partim, also 
svobodh an sich «Freiheit», Akk. -m (-b), etwa = in freier 
Art, adverbiell gebraucht. Die meisten solcher Wörter 
wären dann adverbiell geblieben, eine gewisse Anzahl 
aber auch adjektivisch-attributiv gebraucht worden. 



Paradigmata. 

98. I. Nicht komparativisches Adjektiv; nov^ 
neu, thsth leer. 



A. hart. 




B. weic 


h. 


1. Mask., Neutr. 


2. Femin. 


1. Mask., Neutr. 


2. Femin 


Sing, nov^; novo 


nova 


tbsth; tbste 


tbsta 


iwva 


iwvy 


thsta 


tbst^ 


novu 


nove 


tbstu 


tbsti 


7iovh; novo 


novq 


tbsth; thste 


tbsta 

< 


novomb 


novoja 


thstemb 


tbstejq 


nove 


nove 


tbsti 


tbsti 


(nove) 








Plur. novi; nova 


novy 


thsti; tzsta 


tbste 


nov^ 


nov^ 


tbsth 


tbSth 


novmm 


novamh 


tbsterm 


tbstamz 


novy ; nova 


novy 


thst^; thsta 


t^stp 


novy 


novami 


tbsti 


tbstami 


novech^ 


novackb 


tbsticM 


t7)Stachi 


Dual, nova; nove 


nove 


thsta; tbsti 


tbsti 


nmm 


novu 


tbstu 


thstu 


novonia 


novama 


tbstetna 


tT>stama, 



§99.] 



Flexion der Adjektiva und Pronomina. 



127 



99. II. Komparativ; 
1. Maskulinum 

Sing, novejh . noveje 

novejbsa 

novejhsu 

novejbshj novejh; noveje 

novejbsenih 

novejbsi 
Plur. novejbse; novejbsa (-si) 

novejbsb 

novejbsemh 

novejhs^; novejbsa C'si) 

novejbsi 

novebsichi 
Dual, novejbsa; novejbsi 

novejbsu 

novejbsema 



novejb neuer, mbubjb geringer. 

und Neutrum. 

Sing, mhnbjb; mbue 
mhuhsa 



mhnhsu 



mbnbsb, mhnb; mbne 

mhnbsemh 

mbtibsi 
Plur. mbnhse; mbnbsa (-si) 

mhnbsb 

mwibsenih 

mbubs^ ; mbiihsa (-si) 

mhnhsi 

mb7ibsichh 
Dual, mhnhsa; mhnhsi 

mhnbsu 

mhnbsema. 



2. Femininum. 



Sing. 7iovejhsi 
novejbs^ 
novejbsi 
novejbsa 
novejhsejq 
novejbsi 

Plur. novejhse 
novejbsb 
novejbsaim 
novejhs^ 
novejbsami 
novejbsachh 

Dual, novejbsi 
novejhsu 
novejbsama 



Sing, mbnhsi 
mhnbse 
mbnbsi 
mbnbsa 

< 

mbnbseja 
mbnhsi 

Plur. mhfihse 
mhnbsb 
mhubsami 
mhnhse 
nibiibsami 
mhnbsachh 

Dual, mhnbsi 
mhnhsu 
mhnhsania 



Bemerkungen. 1. Über die Nom. sg. msk. und 
ntr. 8. § 97. 2; Nom. sg. msk. mhnbjb (ukHkH) ist die laut- 



128 



Floxion der Adjoktiva und PronoiniiiH. |§ 99. 100. 



lieh älteste Form, miJiijb (mhhhii) nach 15 1 4, mirtejh (MbHieii) 
nach § 24. IV 4. 

2. Der Nom. pl. msk. hat die alte Endung -e des kon- 
sonantischen Stammes, das s der Form ist aus den folgen- 
den Kasus übernommen (vgl. dazu die Partizipien § 169). 

3. Die übrigen Kasus kommen von einem erweiterten 
Stamme *-jbS'jo-, "^-jbso-, auch der Kom. pl. msk. kann 
so gebildet werden: mhiibsi. 

4. Der Nom. sg. fem. hat die altidg. Endung -l; die 
übrigen Kasus beruhen auf erweitertem Stamme -^jbs-jä-, 
-jbsa- (vgl. dazu die Partizipien §§ 169, 171). 

5. Nom.-Akk. pl. ntr. auf i ist selten; über i in 
diesem Kasus bei Pronomina, Zahlwörtern und Partizipien 
s. u. §§ 105, 110. 5, IIG. 1, 169. 

IL Pronomina. 

1. Personalpronomen, 

100. Darunter sind zu verstehen die I. Person (ich, 

wir), die II. (du, ihr) und 111. das Reflexivum (sich). Das 

nicht reflexive Pronomen der 111. Person s. u. § 103, 

beim* Demonstrativpronomen. 



1. 



II. 



III. 



Sing. 


azz 


Sing, ty 




Sing. 




mene 


iehe 




sehe 




mbnejen'kl.mi 


tele, enkl. 


ti 


sehe, enkl. si 




mene. enkl.w^c 


teht, enkl. 


te 


sehe, enkl. s^ 




mznoja 


tohojq 




sohojq 




mbne 


iehe 




sehe. 


Plur. 


my 
nas7> 


Plur. vy 
1 vash 








narm,enk].7iy 


vanih, enkl 


vy 






7ias7,, enkl. /it/ 


vasb, enkl. 


vy 






nami 


vami 








nasz 


vasTo 






Dual. 


ve 

jiaju 

nama 


Dual, va 
vaju 
vama 






akk. 


na 









§ 100.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 129 

Bemerkungen. I. Zum Singular. 1. Das Re- 
flex! vum, dem Plural und Dual fehlen, ist allgemein 
reflexiv, d. h. kann sich auf jedes beliebige Subjekt des 
Satzes (I., II., II r. Person; Singular, Plural, Dual) beziehen, 
z. B. otbvrgq sp jego ich werde mich von ihm abwenden; 
ty prorokb vyshifmago narecesi s§ du wirst dich nennen 
(= genannt werden) Prophet des Höchsten ; my nadejetm 
s^ wir verlassen uns auf (hoffen). 

2. Die Stämme der obliquen Kasus erscheinen 
slavisch als me-, te-j se-; in II. und III. findet sich kein 
Anlaut tv-, sv-, wohl aber im Possessivum tvojh dein, 
svojh suus. 

3. Die nicht enklitischen Akkusativformen mene, 
tebe, sehe sind die den Akk. (vgl. § 87) vertretenden 
Genitive. 

4. Die Form des Dativ-Lok. mhne ist mit h gegen- 
über dem Instr. mit ^ (mhnojq) angesetzt nach dem Ver- 
hältnis von tebe sehe zu tobojq sohojq. Aus den Quellen 
ergibt sich nicht, ob mhne oder 7m7ie als ursprünglich an- 
zusetzen ist. Zu 7nbne vgl. preuß. mennei (d. i. menei). 

5. Parallelität der Flexion mit der der fem. ä- Stämme: 
mhne tebe sehe, minojq tobojq sobojq gleichen in den En- 
dungen völlig dem Dativ-Lok. und dem Instr. der ä-Stämme: 
zene, zenojq. Ebenso im Plural und Dual die Kasus: 
Nom. pl. my vy — zeny ; Dat. narm vamh — zenamz; enkl. 
Akk. ny vy — ieny ; Instr. vami vami — ienami; Nom. 
Dual. 1 ve — iene; Dativ dual, nama vama — zenama. 

6. Zu einzelnen Kasus: Nom. sg. I. az^ ist nur 
bulgarische Form, alle andern slav. Sprachen haben jazb 
als Grundlage der bestehenden Formen (serb. ja, slov. jaz, 
russ. ja, poln. öech. sorb. ja, polab. joz) und es liegt kein 
Grund vor, dies nicht als urslavisch anzusehen. Es kann 
verstanden werden aus einem "^ezom (langes e gegenüber e 
in preuß. es = ez, altlit. esz = eZ, gr. etub usw.), daraus 
nach § 7 II 3 *jezb jazh. Anders Pedersen KZ. 38. 315. 
— Nom. sg. II ty = idg. *tü, vgl. lat. tu. 

Leakien, Alt bulgarische Grammatik. 9 



130 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 100. 

Die Genitive mene, fehe, sehe zeigen in dem -e der 
Endung eine uralte Kasusform, vgl. ai. niana I., tava IL; 
das h in tshe sehe ist durch Anschluß an den Dativ tehe 
sehe für v eingetreten. 

Die nicht enklitischen Dative II tehe, III sehe ent- 
sprechen in dem h des Kasussuffixes ai- tuhhyam, lai. tihJ, 
das auslautende e entspricht einer Dativform auf -oi, -ai 
(■öl, -äi) und lautet der eines «-Stammes (zene) gleich. 
Das in I zu erwartende *mhbe ist nach dem Gen. mene 
ersetzt durch mhne (derselbe Vorgang im preuß. mejiei) ; 
die Ausgleichung der Kasusformen läuft also in I um- 
gekehrt wie in II und III. Die enklitischen Formen 
mi ii si sind alte Lokativ-Dative (slav. nur Dative) = %»oi 
*toi "-'soi. 

Die enkl. Akkusative me t^ s^ == *mem usw. 

Die Instrumentale minojq toboja sohojq scheinen 
eine slav. Neubildung zu sein, was die Endung -ojq 
anbetrifil; dem mhne tehe sehe, die scheinbar gleich 
eene sind, hinzugebildet nach dem Muster von zenojq und 
dem pron. Instr. tojn. Der auffallende dumpfe Vokal 
(z>, o) der ersten Silbe kann durch Angleichung an -ojq 
entstanden sein. 

Die Lokative mhiie tehe sehe sind die Dativformen. 

II. Zum Plural und Dual. Der alte Wechsel 
im Anlaut von I zwischen v- und n- ist nicht mehr vor- 
handen im Plural, nur der Nom. dual, hat ve; das m- 
im Nom. pl. my ist bereits litu-slavisch, lit. mes preuß. mes. 
Ebenso ist der Wechsel von j und v in II ausgeglichen 
zugunsten des v (vgl. preuß. Nom. jous = jus, Akk. watis). 
Die Nominativformen my, vy sind nicht sicher erklär- 
bar. Geht man in II von idg. *jüs lit. jus aus und 
nimmt frühen Ersatz durch *t7(s an im Anschluß an die 
mit V anlautenden Kasus, so führt dies unmittelbar zu 
vy, darnach kann eine ältere Form von I zu my umge- 
bildet sein. Möglich ist auch, daß es überhaupt nicht 
Nominativ-, sondern Akkusativformen sind, vgl. zeny 
(Akk.) in Nominativgeltung. 



§ 100. 101.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 131 

Die iiichtenklitischen Akkusativa nas^ vafih 
sind die Genitivformen (wie im Sing.). Wer annimmt, 
daß auslautendes -ös im Slav. in -m übergeht, kann die 
enklitischen Formen ny, vy unmittelbar aus "^nös, '^'vös 
entstehen lassen. 

Die Genitive ??a67> vasT, enthalten die Stämme 71üs- 
vös- mit der plur. Genitivendung der Pronomina (s. d.) -s^, 
sind also = '^näs-So väs-sh. Dieselben Stämme erscheinen 
in den Lokativen iiasi) vasi> mit der Endung -s:b =^ -•"•■s/f, 
also = *näs-s^ H'äs-si. 

Über Dativ nmm vaim, Instrumental nami vami, 
Dativ- In Str. dual, nama vama läßt sich nur aussagen, 
daß sie scheinbar von einem Stamme nä- {'''nö-), vä- {^vö-) 
gebildet sind und äußerlich den entsprechenden Formen 
der substantivischen «-Stämme gleichen : zena-im zena-mi 
.^ena-ina. Den gleichen Stamm zeigt der Genitiv dual. 
najii va-ju, hier nicht gebildet wie ieww, sondern wie das 
PronomeM: toju. Die enklitischen Dative ny, vy, dem 
Akk. lautlich gleich, sind wohl auch tatsächlich als gleich 
anzusehen, vgl. ai, nas vas als Akk., Gen. und Dativ. 

Der Akkusativ dual. I na kann sich mit gr. viu 
decken; der Nom.-Akk. II va wäre die gleiche Bildungs- 
weise. 

2. Demonstrativ-, Interrogativ-, Possessivpronomina. 

101. Allgemeines. Alle diese Pronomina und 
sonstige pronominal flektierte Wörter haben folgende 
Eigentümlichkeiten der Flexion : 

1. Besondere beim Nomen nicht vorhandene Kasus- 
endungen: Gen. sg. msk.-ntr. -go (to-go), ntr. -.so (ce-so), 
Dat. sg. msk.-ntr. -mii (to-mii), Lok. sg. msk.-ntr. -mb [to-mh)\ 
Gen. pl. -c^l^. 

2. Instr. sg. msk.-ntr., Gen. Dat. Instr. Lok. plur., Gen.- 
Lok. und Dativ dual, haben Stammbildung auf -o?", vor 
Konsonanten daraus e, vor Vokalen oj ; statt e nach palatalen 
Konsonanten i\ vgl. Lok. pl. tc-cho = "^toi-su, maji-chz = 
"^mojoi-su; Gen. Dual. toj-i(. Dieselbe Bildung liegt zu 

9* 



132 



FlexioQ der Adjektiva und Pronomina. [§ 101 — 103. 



Grunde dem Stamme tojä-, von dem Gen., Dat., Instr., 
Lok. sg. fem. gebildet werden; die Kasusbildung unter- 
scheidet sich hier nicht von der der fem. ä-Stämme. 

3. Genitiv und Lokativ plur. fallen — nicht von 
Haus aus, sondern durch lautliches Gleichwerden — zu- 
sammen. 

4. Im Genitiv, Dativ, Lokativ, Instrumental plur. 
und im Gen. -Lokativ, Dativ-Instr. dualis sind die Genera 
nicht geschieden; anders ausgedrückt: die Formen des 
Mask.-Neutr. gelten mit fiii- das Femininum. Vgl. dazu 
dieselbe Erscheinung im Preußischen steison Gen. (= eorum 
und earum), stewmns Dat. aller Genera; im Gotischen 
^im ebenso. 

A. DemonstratiTpronomina. 

lO^ Stamm to-, Nom. sg. msk. tb der, ntr. io, f. ta. 
Stamm ovo-, N. sg. msk. ovb dieser, ntr. oho, f. ova. 
Stamm ono-, N. sg. msk. om jener, ntr. ono, f. ona. 
Stamm ja-, je- er (nicht reflexives Pron. der III. Person), 

N. sg. msk. *?" [i-se relat. qui), ntr. je-(ze)y 

f. ja[-ze). 

Die nur in Verbindung mit der Partikel ze, die 
relativische Bedeutung verleiht, erhaltenen Nominative 
aller Genera und Numeri werden in demonstrativem Ge- 
brauch ersetzt durch die Nominative von om. 

Stamm 5b-, N. sg. msk. sh dieser, ntr. se, f. si. 



103. Paradigma der Stämme to-, je-. 

1. Mask.; Neutr. 2. Femin. 
Sing. om(ize)\ ono(je-ze) ona (ja-ze) 

jego jej^ 

jemu jeji 

-jb (enkl.); je jq 

jimh jeja 

jemb jeji 



l.Maek.; Neutr. 2. Femin 


Sing. ib\ to 


ta 


togo 


toj^ 


tomu 


toji 


tb; to 


ta 

< 


temb 


tojq 


tomb 


toji 



§ 103. 104.) Flexion der Adjektiva und Pronomina. 



133 



'emi \ 
echo ' 



ty 




wie 


Mask. 


ty 




wie 


Mask. 


te 




v/ie 


Mask. 



Plur. oni (ize)\ ona(ja-2e) ony (jc-ze) 

jich \ 

jiim ( 

ip; ja je 

jim'i \ 

jichh f 
Dual. ona['ja-2e); one(ji-ze) one (ji-ee) 

jeju \ 

i 



wie Mask. 



wie Mask. 



wie Mask. 



jiina 

1. Wie tb werden flektiert ov^, 
fem. ova ona^ Gen. ovoj^ oiioj^ usw. 



Flur, ti; ta 
techü 
term 

ty 

iemi 
tech 
Dual, ta; U 
tojii \ 
tema \ 

Bemerkungen. 
oni '. ovoga onoga usw.^ 

2. Die Flexion des Stammes jo- je- ist, vom Nora, 
sg. msk. abgesehen, der von ti ganz gleich; die abweichen- 
den Lautverhältnisse beruhen auf dem Einfluß von j auf 
folgende Vokale: jego ^= "^jogo, jimb = *jeimh = *joimi. 

104. An die Paradigmen mögen Bemerkungen 
über die dem Pronomen eigentümlichen Kasus- 
formen angeschlossen werden, die zugleich fü"* alle folgen- 
den pronominal flektierten Wörter gelten: 

Nominativ sg. ntr. to = idg. "^to-d, vgl. lat. istud. 

Genitiv sg. msk. -ntr. togo ist mit keiner Kasus- 
form einer andern idg. Sprache vergleichbar und bis jetzt 
unerklärt. Die Erklärungsversuche s. bei Meillet, Recher- 
ches sur l'emploi du genitif-accusatif en vieux slave (Paris 
1879, S. 114), vgl. Berneker, Der Gen.-Akk. bei belebten 
Wesen im Slavischen, KZ. 37, namentlich S. 114; Pedersen 
KZ. 38, 223. 

Dativ msk. -ntr. tomu, Lok. tonih. Statt des sm 
des ai. Dativs tasmäi, preuß. stesmu, des ai. Lokativs tasmiv 
hat das Slavische und Litauische (Dat. tdmui, Lok. tarne) 
nur m, das lautlich nicht aus sm entstanden sein kann. 
Vielleicht hat der Anschluß an die Kasus, die von Haus 
aus einfaches m hatten, Instr. sg. temh, Dat. pl. term, Instr. 
temi, Dat.-Instr. dual, tema zum Verluste des s geführt. 
Die eigentliche Kasusendung -u des Dativs ist dieselbe 
wie beim Nomen [plodu). 



134 



Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 104. 105. 



Genitiv plur. fe-chh; die Endung geht zurück auf 
idg. -iöm (ai. -süm tcsa-m, gr. -cTuuv -uuv, lal. -mm, vgl. preuß. 
s-fei-son); die Verkürzung zu -ifi, wie beim Nomen -am zu 
7., vgl. § 49 II o. Da die alte Kndung des l^ok. pl. -su 
ebenfalls zu -sh werden muß, fallen (jen. und Lok. pl. zu- 
sammen in U'chi. 

Der Nominativ sg. msk. des Stammes jo- geht 
zurück auf •^-'i.s' (lit. j)s, ebenfalls auf 'Hs beruhend), daraus 
Jb (so erhalten im Nom. sg. msk. der bestimmten Dekli- 
nation: novh-jb novus-is); jb wird im Anlaut zu i nach 
§ 57. 3 (so erhalten im Relat. ?-ie). Der Akkusativ 
sg. msk. kann auf *im und auf *;o?« zurückgeführt werden, 
beruht wahrscheinlich auf %n, slav. jb, so erhalten in 
enklitischer Verbindung mit Verben oder Präpositionen, 
z. B. bereh-jb sammelt ihn, vou-jb vhnh in ihn. Daß 
sämtHche Nominativformen von jo- außer in Verbindung 
mit -ze nicht gebraucht werden, hat seinen Grund in 
ihrer Kürze (i, je^ ja; i ja je usw.), die sie als Subjekte 
des Satzes zu wenig deutlich hervortreten läßt; die zwei- 
silbigen Formen dagegen, jego usw. sind deutlich. 



105. Paradigma sh. 



Singular 
1. Mask. ; Neutr. 2. Femin. 



Sh; se 

sego 

semii 

Sh; se 

simh 

semb 



•9? 

sej^ 

seji 

shjq 

sejq 

seji 



Plural 

l.Mask.; Neutr. 2. Femin. 

si, siji; si shj^ 

sichh 



) ' 



ie Mask. 
simh 

shj§; si shjp 

simi \ . TU- 1 

\ wie Mask. 
sichz f 



Dual. 
1. Mask.; Neutr. 2. Femin. 

shja; siji siji 

\ wie Mask. 

stmu } 



§ 105.] Flexion der Adjektiva nnd Pronomina. 135 

Bemerkungen. 1. Der Nom. sg. msk. hat oft die 
Form shjh, dafür s^jb (clh, chh), wie überhaupt in allen 
Kasus die ft vor J haben, statt h nach § 15 I 4 i eintreten 
kann, z. B. Akk. sg. fem. st(jq sijq. — Statt Nom. ntr. se 
kommt auch sbje sije vor. 

2. Dio Form des Stammes bietet der Erklärung 
Schwierigkeiten: a) vom Stamme idg. *H- kommt Nom. 
sg. msk. sh = *fcis, Akk. sh = *kim, Nom. sg. fem. si 
= h (vgl. zu diesen Kasus lit. szis szf, f. szi = *szi)y 
ferner dazu Nom. -Akk. pl. ntr. si. — b) Erweiterung des 
St. sb- ist *shjo- shje-, davon Akk. sg. fem. shjq^ Nom.- 
Akk. dual. msk. shja\ Akk. pl. msk. fem. shj^\ ferner 
Nom. sg. msk. in der Form shjh, ntr. in der Form shje 
(sije); vielleicht auch Nom. pl. msk. in der Form siji, 
wenn für shji stehend, Nom. -Akk. dual. ntr. fem. siji, 
falls für Shji. Sind siji, siji die zu Grunde zu legenden 
Formen, so sind sie aus den kürzeren N. pl. msk. st (so 
vorkommend), Nom. -Akk. dual. *si gebildet nach Analogie 
der bestimmten Adjektivdeklination z. B. N. pl. msk. novi-jij 
dual. ntr. fem. nove-ji. Veranlassung kann dazu der wie eine 
bestimmte Form erscheinende Nominativ shjb gewesen sein. 
— c) Auf einen Stamm se- scheinen zurückzugehen Gen. sg. 
msk. sego. Dat. semu, Lok. semb, Gen. sg. fem. seje, Dat.-Lok. 
seji, Instr. sejq, Gen. Dual. seju. Wäre die Lautfolge -ej- 
in den betreffenden Kasus ursprünglich, so müßte -bj- 
daraus geworden sein (nach § 11. 4), falls man nicht an- 
nehmen will, e sei statt h wieder eingeführt nach sego, 
semu, semb. — d) Instr. sg. msk. simb, Gen. Dat. Instr. 
Lok. plur. sichi sitm simi sich^, Dat.-Instr. dual, sima 
haben vor den Kasusendungen den Vokal, wie er nach 
Palatalen erscheinen muß, also wie jimb, jirm usw. (nicht 
wie ternh, teim usw.). Diesem Kasus kann lautlich kein 
Stamm so- oder se- zu Grunde liegen, sondern nur *sjO' 
*sje- (vgl. lit. Gen. sg.szid, Dat. sziäm usw.); die betreffenden 
Kasus müßten aber darnach lauten *simb, *siim usw. Ein 
Stamm '-^sje- würde auch in dem unter c) erwähnten 
scheinbaren Stamm se- das e erklären, aber auch hier 



186 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 105. 106. 

erwartet man dann z. B. Gen. *s€go. Die Schwierigkeit 
kann zweifach gelöst werden: s ist für s eingetreten nach 
den Kasus, die nur .s haben konnten, d. h. Nom. sg. msk. 
Sh, fem. si und alle mit sh- aiilautenden Formen; oder 
die mit se- und ^i- anlautenden Kasus sind überhaupt 
nicht mehr alte Formen, sondern Nachahmungen der betr. 
Kasus von jo- (jego, jeniu^ jemi, jej^ usw., jimh, jiohh, 
jiwo) usw. 

B. Interrogativpronomina (und Indeflnita). 

lO^« Stamm ko-^ substantivisches Fragepronomen 
für Mask. und Femin. «wer, quis», Nom. sg. Ja-to, 
ohne Plural und Dual. 

Stamm '''ki-, cb-, substant. Fragepronomen für Neutra, 
«^was, quid», Nom. sg. cb-to, ohne Plural und Dual. 

Stamm koter o-, kotoro- «quis», Nom. sg. msk. kotevh 
kotoTo, flektiert an sich nominal, kommt aber nur 
vor in der bestimmten Form durch alle Genera, 
Numeri und Kasus: Nom. sg. msk. kotor^-jb, 
Gen. kotora-jego, fem. kotora-ja usw. (s. das be- 
stimmte Adj. § 112 fg.). 

Stamm koje-, adjektivisches Pronomen «welcher, qui, 
qualis», Nom. sg. msk. kyjb. 

Stamm cbje-, Nom. sg. msk. chjh, ntr. eye, fem. cbja^ 
possessives Fragepronomen = lat. cujus adj. (wem 
gehörend), z. B. cbja zena = cuja uxor. 

Stamm jetero-, Nom. sg. msk. jefer^^ indefinitiv «ali- 
quis», flektiert nur nominal. 



I 



§ 107.] 



Flexion der Adjektiva und Pronomina. 



137 



107. 

Sing, kbto cbto 
kogo ceso 
koinu cemu 
kogo cbto 
cemh cimh 
komh cemh 



Paradigmata kbto, chto, kyjb. 
Sing. msk. kyfb; ntr. koje fem. kaja 



kojego 
kojemu 
fct/jh; koje 
kyjimb 
kojemh 
Plur. msk. dji; kaja 
kyjichb \ 
kyjimb I 

kyjimi \ 
kyjich^ ' 
Dual. 



kojej^ 

kojeji 

kojq 

kojejq 

kojeji 

kyjp 

wie Mask. 

^yj^ 

wie Mask. 
ceji. 



Bemerkungen. 1. hj-to, ab-to enthalten eine enklitisch 
angefügte Partikel, eigentlich Ntr. sg. to das, also «wer 
das, was das». Die Verbindung ist fest geworden wegen 
der Körperlosigkeit des einfachen kb, cb; kb steht so in 
kh-ehdo Gen. kogo-zbdo jeder quisque; cb vereinzelt in 
ni-ch-ze = ne quid quidem = nihil; das serbokroat. (caka- 
vische) ca ist = cb. 

2. k%to hat keine Akkusativform, sie wird stets durch 
Gen. kogo vertreten. 

3. ceso ist die einzige slav. Genitivform mit Kasus- 
endung -vo = idg. -50 (wie germ. got. kis)] ceso ist wahr- 
scheinlich die ältere Form, das daneben gebrauchte chso 
(übrigens schon urslavisch, vgl. poln.-cech. co «was» = cbso) 
lautlich durch Schwächung des unbetonten e daraus ent- 
standen oder Nachahmung des 6 von cbto. Die normale 
Dativform cemu ist ganz selten, regelmäßig ist cesomu, wie 
neben Lok. ceinb ein cesomb steht, Bildungen von der Genitiv- 
form ceso aus. — Die Form des Stammes als ce- macht 
gewisse Schwierigkeiten; sie scheint ursprünglich nur dem 
Gen. ceso angehört zu haben (vgl. got. JviSj ahd. hwes), 
von da auf Dat. cemu, Lok. cemb übertragen zu sein. Da 
cemu cemh die äußere Gestalt eines jo-Stammes haben 



138 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 107. 108. 

(jevtu, jemh)^ so wäre nach dessen Analogie auch der Instr. 
cimb (vgl. jimb) gebildet; s. Job. Schmidt KZ. 25. 94, an- 
ders Pluralbildungen der idg. Neutra 43. 

4. khfo, cbto werden durch Vorsetzung von ne- in- 
definitiv: «eÄT>fo aliquis, wecVo aliquid. Nicht verwechselt 
werden darf damit die Vorsetzung von ni-, die negiert; 
gewöhnlich wird dem Pronomen dabei -ie angefügt: 
ni-kbto-ze niemand nemo, ni-cbto-ze (selten ni-ch-ie) nichts 
nihil. Sind in diesen Verbindungen Kasusformen der 
Pronomina abhängig von Präpositionen, so stehen diese 
zwischen ne- ni- und dem Kasus: ne oth kogo von irgend 
jemand, ni ko komu-ze zu niemand. 

5. Aus den Formen von kyjh kommen unmittelbar 
vom St. koje-: Gen. Dat. Lok. sg. msk. ntr. koje-go kojemu 
koje-mb, Nom.-Akk. sg. ntr. koje, sämtliche oblique Ka,sus 
des Sing. fem. koje-je usw. Die übrigen Kasus haben dag 
Aussehen der bestimmten Adjektivdeklination (s. § 112), 
während sie vom Stamme koje- aus regelmäßigerweise 
lauten müßten: Nom.-Akk. sg. msk. *kojb, Instr. sg. 
msk. -ntr. *kojimb der Plural msk. nom. '^koji, ntr. ^koja^ 
f. *koje, Gen. kojich^ (kommt vereinzelt so vor), Dat. 
*kqji7no, Akk. msk. fem. ''■'koj^^ ntr. *Ä0jia, Instr. *kojimi, 
Lok. H•ojich^. Da die Bedeutung, die der bestimmten 
Adjektivflexion zukommt, bei diesem Pronomen kaum 
recht stattfinden kann, wird ein äußerer Anlaß zu der 
z. T. gleichen Flexion geführt haben: koje deckt sich in 
der äußeren Form mit dem Neutr. sg. der bestimmten 
Adjektivdeklination novo-je. Wie zu diesem das Mask. 
nov^-jb vovyjb, das Fem. novaja lauten, sind vielleicht zu 
koje die Nominativformen kyjh msk., kaja f. hinzugebildet, 
und diese haben dann andre Formen ihrer Art nach 
eich gezogen. 

C. Possessivpronomiua. 
108. I. Person, singularischer Besitzer, Stamm 
moje-, Nom. sg. msk. ynojh mein; plural. Besitzer, St. nase-, 
Nom. sg, msk. nash unser. — IL sing. Besitzer, St. 



§ 108. 109.J Flexion der Adjektiva und Pronomina. 



139 



fvoje-, Nom. sg. msk. fvojb] plur. Besitzer, St. vase-, Nom. 
sg. msk. vasb. — 111.', nur reflexiv, auf das Subjekt des 
Satzes bezogen und zwar auf alle Personen und Numeri, 
St. svqje-, Nom. sg. msk. svojh', z. B. az^ se s^tvorich^ svo- 
jejq rqkoja ich habe das mit meiner Hand getan; ty se 
sztvori s^v . r. du hast das mit deiner H. g. ; my se 
shtvorichorm sv. r. wir haben das mit unsrer H. g. usw. 
— Die Stamrabildung geschieht scheinbar von der Grund- 
lage mo-, ivo-, svo-, 7ias-j vas- mit Formans -jo- (mojo- usw. ; 
ebenso im Preußischen mais = "^»lajas = '•"'mojos, twais 
= tvajas, s?rais = fwajas)^ wie die possessiven Adjek- 
tiva auf -jh § 72 II 2; in der Tat liegen alte possessiv 
gebrauchte Gen. -Dative wie *moi usw. zu Grunde, die in 
Adjektivformen übergeführt und flektierbar geworden sind. 
Das poss. Fragepronomen chjh wem gehörig (cujus 
adj.) aus *khjh vom St. ko- (in kb-to), die Bildung scheinbar 
wie beim poss. Adjektiv der Form boihjh (s. § 72 II 3); viel- 
leicht indes aus "^kueios, dem eine Kasusform von '-^kuo- 
2u Grunde liegt, vgl. mojh (s. Hujer LF. 35. 214). 

109. Paradigma mojb 
(ebenso alle andern Possessiva). 



1. Mask. ; Neutr. 

Sing, mojh: moje 
mojego 
mojeiyui 
mojh; moje 
mojimh 
mujemh 

Plur. moji; moja 
mojich^ \ 
'mojimi, f 
moj§; moja 
mojimi \ 
mojicho i 

Dual, moja; moji 
mojeju ^ 
mojima \ 



2. Femin. 

Sing, moja 
mojeje 
mojeji 
moja 
moje ja 
mojeji 

Plur. 7}ioj^ 

wie Mask. 

moje 
wie Mask. 

moji 
wie Mask. 



140 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§110. 

110. 3. Sonstige pronominal flektierte "Wörter. 

1. kh'Zbdo jeder; -zhdo ist angefügte Partikel; die Kasus 
von ki wie bei la-to: Gen. kogo-zhdo usw. — Das -zhdo 
kann auch mit kyjh verbunden werden, die Flexion dann 
wie bei diesem: kyjh-zhdo, fem. kaja-zhdo = jeglicher, 
jegliche. 

2. sami selbst ipse, wie tb. 

3. Die Zahlwörter jedim (jedh7l^)^ im eins, wie h: 
Gen. rask. ntr. jedinogo jedhnogo; fem. jedina, Gen. jedinojp 
usw. — d^va zwei, oba beide, Duale : msk. d^va^ ntr. äbve, 
f. d^ve; dhvoju dbvema für alle Genera. Die Kollektiv- 
zahlen (s. § 119) dhvqjh ohojh bini, trojb trini, wie mojh: 
Gen. dhvojego usf. 

4. Die pronominal-adjektivischen Wörter der Qualität: 
takh talis, kakh qualis, jakh qualis (relativ), vhsakb vhsakb von 
jeglicher (oder allerlei) Beschaffenheit (Ableitungen von 
den Pronominalstämmen to-, ko-, jo-, ijhso-) flektieren wie 
th, zu beachten der Wandel von A: in c vor e und ij z. B. 
Instr. sg. msk. -ntr. tacemb, Nom. pl. msk. taci; Dat. pl. 
tacerm, Instr. tacemi, Lok. taceclih] Dat. dual, tacema usw. 
Ebenso sikh (vom Stamm sh-) talis; gleichbedeutend ist 
sicb Gen. sicego usw. (wie mojh), doch werden im Ger^. Dat. 
Instr. Lok. plur., Dat. dual, die Formen von sikb ein- 
gesetzt: sicech^ sicerm sicemi sicech^, sicema, wohl auch im 
Instr. sg. msk. -ntr. sicemh; wenigstens lassen sich die 
lautlich dem Nom. sicb entsprechenden Formen ^sicichi 
usf. in den alten Quellen nicht belegen. 



§110.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 141 



5. 


VhSh { 


Dinnis. 










1. Mask.; 


Neutr. 


2, Femin 




Sing. 


vbsh; vbse 

i/bsego 

vhsetnu 

vhsh; vhse 

Vhsemb 

Vhsemb 




Sing. Vbsa vh^a 
Vbseje 
vbseji 
Vhsa vh.'^a 
Vbse ja 
vhseji 




Plur 


vhsi , vbsa 
vhsechh \ 
vhsemo / 


vh^a 


Plur. vbse 
wit Mask. 






v%sp; vhsa 


Vbsa 


Vhse 






Vhsemi \ 
Vhsech',' i 




wie Mask. 



Bemerkungen. Die Kasus gehen von verschiedenen 
Stämmen aus: auf vhso-, f3m. vbsä- beruhen Instr. sg. 
msk.-ntr. vbsemh, Nom. sg. fem. vhsa, Akk. vhsq, Nom.-Akk. 
pl. ntr. Vhsa, Gen. Lat. Instr. Lok. pl. vhsecJib vhserm vhsemi 
vhsechh; ani vhso- kaan auch beruhen Nom. pl. mask. vhsi 
(wie ti zu to-). l\eben vhso- scheint ein Stamm H-hsjo- 
bestanden zu haben, auf dessen ehemaligem j beruht das 
e im Nom. sg. n:r. vbse, Gen. vhsego, Dat. vbsemu, Lok. 
vhsemh, Gen. fem. vbsej^ usw., Nom.-Akk. pl. fem, vhs^) s 
für das aus sj zu erwartende s wäre eingetreten nach 
dem Muster der Kasus die auf vhso- zurückgehen, also 
nur s hatten, vbsemh usw. (vgl. die Bemerkung 2 zu sh, 
§ 105). So könnte auch Nom. sg. msk. vbsh urspr. *v%sj% 
gew^esen sein, möglich ist aber hier die Annahme eines 
i-Stammes. Vielleicht sind die Formen Nom. sg. fem. 
Vbsa (Rbcra), Nom.-Akk. pl. ntr. vhia (Bbcu), die in den 
alten Quellen regelmäßig gebraucht werden, Akk. sg. f. 
vh^q (BbCKk), erhaltene Übergangssiufen zwischen s und s. 



142 , Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§111.112. 

111. 4. Wörter, deren Flexion aus nominaler 

und pronominaler gemischt ist. 

1. Die auf -ZiÄ^ gebildeten adjektivisch-pronominalen 
Qur.ntitätsbezeichnungen: tolikh tantus, kolikb quantus, je/i/:^ 
quantus (relat.), selikh von dieser Beschaffenheit, bilden 
Instr. sg., Gen. Dat. Instr. Lok. plur., Instr.-Dat. dual, 
pronominal: tolicemh, toliceckh, toliceim^ tolicemi, tolicechz, 
tolicenia, die andern Kasus nominal. 

2. Ebenso drug^ (andrer, alius), rmnogh (viel multus), 
z. B. Instr. sg. msk.-ntr. drudzemh, rmnodzemh, Gen. pl. 
drudzecho^ imnodzechi usv»'. 

3. tuMh (sfuzdb, stuzdh, fremd) hat pronominale 
Flexion: iuzdego fuzdenm usw., fem. tvzda iuzdeje usw., 
neben der nominalen. 

III. Das bestimmte Adjektiv. 

112. Das Slavische braucht in alter Zeit beim Sub- 
stantiv keinen Artikel; wo er sich später in slav. Sprachen 
findet, sei es als präpositiver, sei es als postpositiver 
Artikel, ist er jüngeren Ursprungs. Dagegen w4rd bei 
dem mit adjektivischem Attribut versehenen Substantiv 
dann ein Artikel angewendet, wenn das Attribut einem 
bestimmten oder — sei (S an sich, sei es durch den Zu- 
sammenhang der Rede — bekannten Dinge beigehgt wird. 
D(.n Artikel bildet das Pronomen "^jh jego usw., dessen 
Kasus den noEjinal flektierten Kasus des Adjektivs enkli- 
tisch angefügt werden. Da die Zusammenrückung unter 
einen Hochton fällt, wird sie als ein einheitliches 
GeV>ilde empfunden. Genau so verfährt das Litti-uische; 
hier ist in allen Kasus die Zu?ammrückung der beiden Ele- 
mente noch deutlich erken :ibar. Im Slavischen ist schon in 
uralter Zeit durch lautliche Veränderungen und Aus- 
gleichungen das Verhältnis z. T. undeutlich geworden. Zur 
Verdeutlichung sei hier ein litauisches bestimmtes Adjektiv 
im Mask. und Fem. (das Neutrum fehlt ina Lit.) neben 
die slav. Formen gestellt (l'.t. häsas, sl. hos^ barfrG). 



§112.] 



Flexion der Adjektiva und Pronomina. 



143 





Masku] 


inum. 


Sing, bosi-jh 


basäs-is — ' 


^'basas-jis 


bosa-jego 


bäso-jo 




bosu-jemu 


hasdmü-jem (alt), basdm-jem für "^basamui- 




jamui 




bOS7r-jb 


bäsq-jj 




bosyjimh 


basü-ju 




bose-jemb 


basame-jeme 


(alt), basafh'jem (für -jame) 


Plur. bosi-ji 


base-ji 




boso-jic}n> 


basni-ju 




bosy^im^ 


basäms-ems - 


— Hasems-jenis 


bosy-jg 


basüs-ius 




bosy-jhni 


basais-eis — 


"^basais-jais 


bosyjichi 


basiis-iuse 




Dual, bosa-ja 


basu-ju 




bosu-ju 


fehlt lit. 




bosyjima 


basem-em (alt) — '^basem-ßyn. 




Femininum. 


S. bosa-ja baso- 


y^ 


PI. bosy-j^ bäsos-ios 


bosy-j^ basoi 


i'ios 


bos^-jich^ basü-jii 


bose-ji bäsa' 


i.jei {= -jai) 


bosyjimo basöms-ioms 


bosa-jq bäsq- 


3? (— -i«) 


bosy-je basds-es ( — -jas) 


bosq-jq bascl 


-.w [— -jq) 


bosyjimi baschns-iomis 


bose-ji basö- 


joje 


bosyjicho basös-iose 



Dual. n. a. bose-ji j base-ji. 



Die Erläuterung der slavischen Formen s. § 114 
nach den folgenden Paradigmen: notrb neu, hartes Adj., 
iosfh leer, weiches Adj. Diese sind zugleich in kyrillischer 
Schrift gegeben, ura gegenüber den verschiedenen Schrei- 
bungen der Quellen, die durch die Weiterentwicklung 
der Formen veranlaßt sind, und bei der z. T. nicht ganz 
sichern Transskription das älteste Schriftbild vor Augen zu 
führen. 



144 



Flexion der Adjektiva und Pronomina. 



[§113. 



113. 



Paradigma. 

Maskulinum -Neutrum. 



A. Hartes Adjektiv. 

S. HOKIH HOBUH â– nOll)jb 

novyjh; ntr. hokok 

novoje 
HOB.ii€ro novajego 
HOBovicMOV novujemu 

HOBIH HO BUH llOVltjh 

iwvyjh ; ntr. hoboic 

novoje 
HOBiiHMk novyjimb 
HOB-EKUk novejemh 

PI. HOBHHWOHJV; ntr. HORT R 

novaja 
HOBUK^CL novyjich^ 
HOBUHM'L novyjiim 
HOB'y» novyje ; ntr. 

HOBia novaja 
HOBUHMH novyjimi 
HOBUH^cL novyjichh 

Dual. \{Q^^Y\novüja; ntr. hob^h 
noveji 
HOBoyK) novuju 
HOBUHMi novyjima 



B. Weiches Adjektiv. 

S. TLUIThH TLUITHM thstbjh 

tbstijh; ntr. Tiiureie 

tosteje 
TiiUTSiero tbstajego 
TEiuTOvieMOif thstujemu 

^UllbH TLIUTHH tbStbjh 

hstijt; ntr. TLUiTeie 
fbsteje 

TLU'THHMh tbSÜjimh 

"^rLUiTHieMh ^thsüjemh 

PL TiniTHH tbstiji; ntr. 
rLuiTAn tbstaja 
ThüiJHHyh t^säjick^ 

TLUITHHM'E tbSÜjhm 

TLiiiTjiu tbstfje ; ntr. 

THUTAa thstaja 
Ti^ujTHHMH tbstijimi 
TEUiTHHXi tbstijkhh 

Dual. TMUTia tbstaja; ntr. 
TI^UITHH tbstiji 
TLIHTOVIO thStujU 

TLHiTHHua tbstijima. 





2. 


Femininum. 




HOß:\n 


novaja 




S. TLIUTaH 


tbstaja 


MOBUU 


novyje 




TLUITAH 


tbst^jp 


HOBtH 


noveji 




TllllTHH 


thstiji 


HOB;i^tJh 


novaja 




TLUlT^fö 


tbsfqja 


HOB£l» 


novaja 




T'hmTai}&. 


tbstqjq 


HOBIK 


noveji 




TEUITHH 


tbstiji. 



§ 113. 114.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 



145 



A. 


Hartes 


Adjektiv. 


B. Weiches 


Adjektiv 


PL 


HOiTUM 


novyj^ 


PL nuTJUi 


tbstejp 




HOKUHVL 


novyjich 


TUlTIHirL 


thstijich^ 




HOBVHM'L 


oiovyjirm 


TLlUTHMirL 


tbstijirm 




HOKUH 


novyjp 


TIIHTAIA 


thstfjp 




HOBUHMH 


novyjimi 


TLUITHHUH 


tbstijimi 




HOKUlijirL 


novyjidvb 


niMTHHTL 


tbstijichb 


Dual 


HOB-KH 


noveji 


DuaL TLIUTHH 


thsfji 




IIOKOlflO 


novuju 


T'&IIITOVIO 


hstuju 




nOBlIHMA 


novyjhna 


rUttTINIMl 


tistijinia. 



Die bestimmte Form des Komparativs s. § 97. 2 geht 
wie Twim»: MkiibH mlnuh mbnhjh mwiiji, mhnhsajego; ntr. 
mvnhjeje oder mhnhseje-^ fem. mhMJjsija, Gen. mhnhs^-jp usw. 

114. Bemerkungen zum bestimmten Adjektiv. 
1. Vom Singular rask. ntr. sind Nom. novh-jh {novy-jh nach 
§ 16. 3, ebenso thstijh für tbsth-jh nach § 15 14), novo-je, 
Gen. nova-Jego^ Da.t. novu-jemu^ Lok. nove-jemh; vom Plur. 
Nora. msk. u. ntr. novi-ji, nova-ja, Gen. novz-jicho {novy-jichh)^ 
Akk. msk. novy-je, Instr. novy-jimi\ vom DuaL Nom. msk. 
und ntr. nova-ja, nove-ji. einfach die beiden zusammen- 
gerückten Kasus. — Der ganze Singular des Femininums 
bietet dasselbe Bild, nur sind im Gen. Dat. Instr. Lok. 
die Pronominalkasus jeje jeji jejq jeji verkürzt zu -j^ -ji 
-jq -ji nach Analogie des Nom. und Akk. -ja -ja, wo die 
Pronominalkasus an sich einsilbig waren, also sind die 
Formen aufzulösen: nova-ja novy-j^ nove-ji 7iovqjq nove-ji. 
Der Instrumental novq-jq enthält in seinem nominalen 
Bestandteil die kurze Form des Instr. fem. (wie zenq)^ 
neben ihr wird auch novojq, die unbestimmte Form, 
gebraucht. — Der Gen. -Lok. novu-ju für *novii-jeju nach 
Analogie der Nominativformen nova-ja^ nove-ji. 

2. Es bleiben demnach als nicht unmittelbar auf die 
alte Zusammenrückung zurückführbar: Instr. sg. msk. -ntr. 
novyjimh, Dat. pL novyjitm, Lok. pl. novyjichh, Dat.-Instr. 
dual. novyjiimL. Zu erwarten wäre dafür im Mask.-Neutr. 
Instr. sing. *novomh-jimh, Dat. pl. *novomo-jirm, Lok. pl. *wo- 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. 10 



146 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 114. 

vechzjichh, Dat. dual, ^novoma-jima (über die Femininalform 
s. u.) Der Lok. pl. wurde aufgegeben und durch die Geni- 
tivforni novhjichh novyjicla ersetzt, weil beim Pronomen 
diese Kasus zusammenfielen. So entstanden die Parallelen: 

Gen. pl. tech^ jichi nov^^jich^ [novyjicln)^ alte Zusammen- 
rückung 
Instr. pl. temi jimi novy-jimi, alte Zusammenrückung 
Lok. pl. tech^ jichi now^jicll^^ Neubildung. 

Diese Parallelität wurde dann weiter ausgedehnt auf 
alle Kasus, die im Pronomen die gleichartige Stamm- 
bildung -c- [-1') haben: 

Instr. sg. temh jimb 7iovyjimh\ Dat. pl. Uim jhm novy- 
jirm] Dat. dual, tema jima novyjimu. 

Im Plural und Dual des Femininums wäre zu er- 
warten : Dat. *nova}m-ji)m, Instr. *novami-jimi, Lok. *novach^• 
jichz, Dat. dual, "^novama-jimu. Dafür sind die Maskulin- 
formen eingetreten, weil beim Pronomen in diesen Kasus 
kein Genusunterschied stattfindet; dabei ist zu beachten, 
daß im Gen. pl. nom}-jic}tb die Genera ohnehin, auch beim 
Nomen, zusammenfielen. 

3. Die im Altbulgarischen noch bewahrte alte Ge- 
stalt der Formen, ^n.e ihn die obigen Paradigmata dar- 
stellen, ist in der Periode, der unsre Handschriften 
angehören, schon durch lautliche Veränderungen um- 
gebildet, und zwar: 

a) -^j^ kann nach § 16. 3 zu -yj-^ -hj- nach § 15 I 4 
zu -ij- werden, daher novy-jh thstijb usw. 

b) Die Formen, in denen die Silbenfolge -aje-, -uje-, 
-^je-^ -ije- stattfindet, verlieren j und erhalten durch Assi- 
milation -cui-, -uu-j -ee-, -Ü-; die beiden gleichen Vokale 
werden dann in der Weiterentwicklung kontrahiert: 

Gen. sg. rask. ntr. novajego novaago novago 

Dat. » » » noviijemu novumnu novumu 

Lok. » » » novejemh noveemh novemh 

*fbstijemh thstiimh tzstinih. 

Für noveemh kommt auch noveamh d. i. novejamh vor (vgl. 



§114.115.] 



Zahlwörter. 



147 



ähnliche Erscheinungen beim Verbum § 196 III 2). Die 
Form thsfijetnh ist nicht mehr belegbar. 

c) Die Formen mit -yji- sind im Paradigma in dieser 
ältesten Lautgestalt angesetzt. Wie weit wirklich noch 
•yji- gesprochen ist und nicht etwa diphthongisches -yi-, 
ist aus der Schreibung der Quellen nicht zu entnehmen. 
In der weiteren Entwicklung entsteht durch Kontraktion 
einfaches y: Instr. sg. msk.-ntr. novymh, Plur. Gen. novychi, 
Dat. novyrm^ Instr. novymi, Ix)k. novych^, Dual. dat. novyma. 
Ebenso aus iji- -ii- einfaches -i-, tbstimh usw. 

d) In Formen wie novago noviimu usw. ist die alte 
Zusammenrückung so verdeckt, daß der Anschein einer 
einfach pronominalen Flexion des Adjektivs entsteht. 
Ähnliche Entwicklungen haben in andern slav. Sprachen 
zu einer Flexion des bestimmten Adjektivs geführt, die 
sich z. T. nicht mehr von der des Pronomen unterscheidet, 
2. B. russ. suchögo (gespr. suchova) suckomu (nom. suchöj 
trocken) wie togö tomü; serb. növöga növömn wie idgä tdmu 
(doch mit andrer Quantität des o). 



in. Zahlwörter. 



115. A. D 


ie K 


'ardinalzahlen. 






jedim jedtm, -o, -a 


1 


dwa (-ve) 


na 


despte 


12 


Siiva msk., dTA)e f. ntr. 


2 


trhje (tri) 


» 


» 


13 


tThje msk., tri f. ntr. 


3 


cetyre (-n) 


» 


» 


14 


cetyre msk., -ri f. ntr. 


4 


p^th 


» 


» 


15 


yetb 


5 


sesth 


^ 


» 


16 


sesth 


6 


sedmh 


■» 


9 


17 


sedmh 


7 


osmh 


» 


» 


18 


osmh 


8 


dev^ih 


> 


* 


19 


devetb 


9 


dwa des^ti 






20 


deseth 


10 


tri des^ti {- 


fe) 




30 


jedim (-o, -a) na desete 


11 


cetyre (-ri) 


desete 


i-H) 

10* 


40 



Zahlv 


i^örter. [: 


§115.116. 


50 


sedmh s^f^ 


700 


60 


Ob-mh si)h 


800 


70 


deveib s^t^ 

< 


900 


80 


tysqsfa [tys^sta) 


1000 


90 


d^ve tysqsti 


2000 


100 


tri tysqstp 


3000 


200 


cetyri tysqste 


4000 


300 


ppib iysqith 


5000 


400 


usw. bis 




500 


devftb tysqsth 


9000 


600 







148 

pcth descth 
sestb deseth 
sedmb des^t^ 
osnib dese(^ 
dev^th deset^ 
shto 

d^ve shte 
iri shfa 
cetyri shta 
peth shtb 
sestb s^i^ 

Für 10000 (laupioq, |Liupid(;) ist kein Zahlwort vorhanden: 
man hilft sich mit Substantiven, die eine unbestimmt 
große Menge ausdrücken: neshveda (eig. Nichterfaßbarkeit), 
tbTtm (eig. Dunkelheit), 

116. Bemerkungen zu den Kardinalzahlen. 
1. Die Zahlen 1 — 4 sind adjektivisch, stehen daher mit 
dem gezählten Gegenstande in grammatischer Kongruenz, 
z. B. jedim mqzh ein Mann, jedbna zena eine Frau, jedhno 
cedo ein Kind ; d^va niqza, d^ve zene, d^ve c§de; trbje, cetyre 
mqzi ; tri, cetyri zeny; tri, cetyri ceda. — Die Flexion von 
jedim imd diva s. § 110. 3. — trbje flektiert wie ein sub- 
stantivischer i-Stamm (bei denen aber kein Neutrum 
vorkommt). 

Ntr. Fem. 

tri tri 



Mask. 
trhje 
trhjb \ 
trhim / 
tri 

trhmi \ 
trbchb I 



wie Mask. 
iri tri 

wie Mask. 



cetyre ist ursprünglich konsonantischer Stamm, dieser 
noch erkennbar im Nom. pl. msk. cetyr-e und im Gen. 
pl. cetyr-z, sonst stehen die Formen eines i-Stammes, wie 
beim Substantiv: 



§ 116.] Zahlwörter. 149 

Mask. Ntr. Femin. 
cetyre cetyri cetyri 
cetyrb 
cefyrhrm 

cetyri ) wie Mask. 
cetyrhmi 
cetyrbch^ 

2. Die Zahlen von 5 — 9 sind femininale Substantive, 
i-Stämme, und flektieren genau wie kosth (&. § 93), z. B. 
p^ih p§ü p^ti p^th p^tbjq peti. Es sind unursprüngliche 
Bildungen, abgeleitet (wie die Abstrakta auf -h von Ad- 
jektiven, z. B. z^lh zu z^h, s. § 70 A 3) von den Ordinal- 
zahlen ^^fö se.sfz» usw., bedeuten also eigentlich «Fünf theit» 
usw., vgl. TrevTd(S. Da sie Substanüve sind, steht der 
gezählte Gegenstand bei ihnen im Gen. pl., z. B. j^th zem 
fünf Frauen. 

3. deii^tb ist Substantiv = öeKdq, eigentlich Femini- 
num, doch wird es z. T. als Mask. behandelt. Die Flexion 
geht z. T. von dem konsonantischen Stamme despt- aus, 
flo Nom, pl. des^te, Gen. deseh>, Lok. sing, desfte: 

Sing, des^tb Plur des^te, -ü 

(des^te) deseti des^tb 

des^ti desethrm 

despth despti 

des^tbjq des^ty 

des§t€, -ti des^thchh 

Dual, des^te, -ii 
(desetu) 
des^ttftna. 

4. Die Zahlen von 11 — 19 bestehen aus den Einern 
mit dem Zusätze wa desete (Lok.) = auf zehn, der gezählte 
Gegenstand richtet sich nach den Einern, daher z. B. 
d^va na desete mqea = zwei auf zehn (= 12) Männer, 
trhje na desete mqei^ cetyre na desete rnqzi^ aber p^tb 7ia de- 
sete mqsb (Gen. pl., abhängig von p^tb^ s. o. 2), buch- 
stäblich = TTevid^ k.n\ beKdbo<; dvbpüjv. 



150 



Zahlwörter. 



[§116.117. 



5. Die Zehner von 20 — 90 sind so gebildet, daß das 
Substantiv des^th gezählt wird wie jedefl andre Wort, 
daher d^va deseti (Dual.) 20, trbje des^ti (Nom. plur.) 30, 
cetyri (-re) deseti (-te, Nom. pl.) 40, dagegen ppth deseti 
(Gen. pl.) = irevTctq beKdötuv 50 usw. Bei den Zwischen- 
zahlen zwischen den Zehnern werden die Einer durch i 
oder H (und) angefügt, z. B. sesth des^tb i [ti] trhje 63 = 
tEä<; öeKdöujv Kai TpeT^. 



117. B. Die Ordinalzahlen. 

prv^ 1. sestb 6. 

v^tor^ 2. sedrm 7. 

treib jh 3. osrm 8. 

cetvri^ 4. dev^h 9. 

ppth 5. des^tb 10. 

prv^ na des^te oder jedinonadesetb 
v^tor^ » » » {d^vades^t^,dwodes^tb)d^vadeseihn^, 

dhvodes^thm 
trethjh » » » (trinadesfth) 

cetvytb» » ■> (cetyrenades^tb^ cetyrinades^tb, cety- 

rinades^tmb) 
pfth » » » (p^tonadesptb) p^tmades^ihm 

sestb » » » [sestonades^tb) 

sedtm » » » (sedmmades^tb, sedmhnades^thm) 

osrm » » » osmonades^tb 

dev^tb >■> » » (dev^tbdes^tb) dev^thnades^tbm 

(d^vades^tb, d^vodesetb) d^vades^thn^^ dhvodes^thm 
[trides^tbm) 

(cetyrides^tb^ cetyrides^thm) 
{p^tbdes^tb, p^thdes^thm) 
{sestbdes^tb) 

{sedmodes^tiym, sedm-bdes^ibm) 
(osmhdes^th^ osmhdes^tbm) 
dev^tbdesptb (dev^tbdesethm) 
srbthm 
tysqstmb â–  



IL 

12. 
13. 



14. 
15. 
16. 

17. 
18. 
19. 
20. 
30. 
40. 
50. 
60. 
70. 
80. 
90. 
100. 
1000. 



§118.] Zahlwörter. 151 

118. Bemerkungen zu den Ordinalzahlen. 

1. Die eingeklammerten Wörter sind der kirchen- 
slavischen Literatur überhaupt entnommen, die ältesten 
Quellen bieten nur wenig Beispiele. 

2. Sämtliche Ordinalzahlen sind Adjektiva, flektieren 
nach dem Muster novi) novo nova; sie kommen sehr selten 
in der unbestimmten Form vor, werden daher in den 
Wörterbüchern meist in der bestimmten Form aufgeführt 
z.v B. cetvrtyjb YCTKpiTXiH. 

3. prvz und vhtoirb sind nicht eigentliche Zahlwörter: 
zu prm> = ursl. *phrv^ vgl. lit. plrmas, got. fruma, eigent- 
lich also «vorderer»; v^tolrh ist gebildet mit einem alten 
KomparativsuflBx, vgl. beO-iepo^), der Ursprung des vh- ist 
unklar (Vermutung darüber s. Pedersen in KZ. 38. 395). 
Das Formans -to- enthalten cetvrth = ursl. *cetvhrtb, lit. 
ketviPtas; p^th = "^penktos, lit. penktas; sesth, lit. szes^üis; 
devet^, lit. devintas; des^th, lit. deszimtas (vgl. quartus, 
quintus usw., TeTpaTO(;, TieinTTToq usf.). Zu irethjh (oder 
tretijh nach § 15 I 4) vgl. lat. tertius, lit. ireczas = *tret- 
jo-s. Formans -mo- enthalten os)m, älter lit. äszmas aus 
*oktmos; sedmb, älter lit. sehnas. Die Form sedtm bereitet 
der Erklärung Schwierigkeit, russ. sem{h) aus *.<?e(?'w(6) 
kann sein palatales d' durch die Wirkung des folgenden 
m bekommen haben, aber auch das Ordinale sed'inöj, wo 
nicht palatales m, hat d! \ nimmt man dessen Palatalität 
als Wirkung eines ehemals nach ihm stehenden Vokals, 
so muß man als älteste Form *sedhim ansetzen; aber eher 
ist die Palatalität des d' von der Kardinalzahl übernommen. 
Ist die älteste Form sedtm, so wird auszugehen sein von 
*septmo- {septtnnio-), daraus ^sebdmo- (vgl. eßöojio^ aus 
*creßö^O(;), daraus sedmo-. 

4. Die Ordinalia von 11 — 19 erklären sich in der 
Form prrb na despte usw. von selbst als «erster auf zehn» 
usf. (vgl. die Kardinalzahlen von 11—19 § 116.4). Die 
andern Bildungen lassen die Kardinalzahlform der Einer 
bestehen und verwandeln die Zehn in das Ordinale auf -tb 
oder -thm, wobei zuweilen die Einer die Form eines 



152 Zahlwörter. [§118.119. 

StAinraes auf -o- als Kompositionsglied annehmen, z. B. 
jfdino-nadesch)^ dhvo-des^thm neben d^va-desethn^. 

5. Die Ordinalia der Zehner von 20 — 90 haben in 
der Regel die Zehn in der Ordinalform, entweder -desftb 
oder -desethin,; die davor stehenden Einer bleiben unver- 
ändert, z. B. dev^tb-des^h neunzigster, oder werden als 
Kompositionsglieder (auf -o-) behandelt, z. B. dwo-despthm 
zwanzigster. Die Zwischenzahlen zwischen den Zehnern 
lassen sich in den ältesten Quellen nicht belegen, in den 
kirchensl. Quellen überhaupt können die zwischen 20 und 
30 umschrieben werden mit mezdu (zwischen), z. B. cetvrtyjh 
mezdu desftbma = der vierte zwischen den (beiden) Zehnem 
= der 24.; zwischen 30 — 40, 50 — 60 usw. wird den 
Einern der Genitiv der ersten der beiden in Betracht 
kommenden Dekaden hinzugefügt, z. B. cetvrtyjh tretijaago 
desete = der vierte der dritten Dekade = der 34. 

119. C. Die Kollektivzahlen 

(sogen. Distributivzahlen). 

dhvojh 2 sedmorb (sedmerb) 7 

trojh 3 osmoTh (osmerb) 8 

cetvejiy [cetvon) 4 dev^torb (dev^terb) 9 

p^torh (p^tet'b) 5 desptori) (deseterb) 10. 

sestorb (sesterb) 6 

Bemerkungen. 1. d^vojh, ebenso ohojh zu dba beide, 
trop) sind entweder von den Stämmen diAJO-^ tro- mit 
Formans -jo- oder von diphthongischen Stämmen dwoj- 
trnj- mit Formans -o- gebildet. — Den Ausgangspunkt 
der übrigen bildet cetveti)^ Stamm cetvero-; daraus ist ein 
Formans -ro- entnommen und zur Ableitung von den 
Ordinalia 5 — 10 aus verwendet: peto-r^ usw. Die ältesten 
Quellen haben nur selten die Nebenform peter^ usw., die f 
von cetve)i> beeinflußt ist, während umgekehrt cetvorb 
wieder auf Ausgleichung mit peton usf. beruht. 

2. Gebraucht werden diese Zahlen : a) in der 
Pluralform beim Zählen von Pluralia tantum (wie lat. 



§119—121.] Zahlwörter. 153 

bini, trini usw.), z. B. dzvoji l'nahjf buo Xaoi. Singulare 
mit Kollektivbedeutung werden der Neutral form des 
Zahlworts im Genitiv beigegeben, z. B. des^tero hratbjp (zu 
brathja Brüder) zebn Brüder. — b) beim Zusammenfassen 
von Dingen zu irgend einer Einheit oder einem engeren 
Zusammenhang, z. B. jedmo oth d^}ojego eins von zweien, 
tt'oje se dieses drei rd xpia Taura, cetvory sath vhse (fem.) 
viere sinds in allem TeTTape<; eicriv ai TTCtJai (s. Brugmann, 
Die distributiven und die kollektiven Numeralia der idg. 
Sprachen, Abb. der k. s. Ges. d. W. phil.-hist. Kl. XXV, 
1907). 

120, D. Substantivische Ableitungen von 

Zahlwörtern. 

Durch -ica können die Ordinalzahlen substantiviert 
werden, doch sind r-icht gebräuchlich nur -^torica^ treih- 
jica {h'etijica), diese bedeuten also «Zweitheit, Drittheit», 
vgl. dazu sedmica von sedtm sieben. In der Regel werden 
Ableitungen gleichen Sinnes gebildet von den Kollektiv- 
zahlen: d^vojh — dhvojica^ trojh — trojica (übersetzt trini- 
tas), cetverb — cetverica [cetvorica), p^tor^ — petorica usw., 
s^to — sMorica nach dieser Analogie. Der Instr. sg., zu- 
weilen auch der Lok., wird adverbiell in multiplikativem 
Sinne gebraucht (-mal, -fach, -fältig): dzvojicejq, v%toricejq 
zweimal, zum zweitenmal (iterum), tretijicejq tretijici drei- 
mal, zum drittenmal, sedmicejq siebenfach, svtoricejq 
hundertfältig. Von der Einzahl dient so der Instr. sg. 
des Kardinale: jedhnojq einmal; in späteren Quellen auch 
jedinicejq zu jedinica (Einheit). 

121. E. Zusammensetzungen und Zusammen- 
rückungen mit Zahlwörtern. 

1. -ißlb^ mit Zahlen zusammengesetzt gibt den Sinn 
von -plex (simplex, duplex, -fach: zweifach usw.), in den 
ältesten Quellen kaum belegbar, aus späteren: jedino-gubh 
einfach, d^vogub^ dhvojequh^ zweifach, trhgub^ dreifach, 
cetvregub^ vierfach. Dies 'gub^, von W. gT)b-, g^nqü falten, 



L 



154 Zahlwörter. [§12l. 

ist auch enthalten in su-guho = «Fallt- mit habend» = 
doppelt; ziiweiU'n in Verbindung mit multiplikativen 
Ausdrücken als «-fach, -fältig» gebraucht, z. B. sedmt 
krafy sugnbb (adv., eTTTairXüaia) Greg. Naz. 359 a. 

2. Die eigentliche Multiplikation wird ausgedrückt: 

a) Durch Zählen des Wortes krat^ (?i-Stamm) mal 
(wahrscheinlich urspr. = Hieb, vgl. lit. karias «mal» zu 
keriü kirsti hauen, altb. vrta crrsti = ursl. *(V^> "^rersti 
schneiden: vgl. auch russ. raz zu r zaü schneiden): dhva 
krattj (Dual des w-St.) zweimal, tri k -aty (Akk. pl.), cefj/ri 
kraty viermal, peth krafz (Gen. pl.) fünfmal, sednih kratb 
siebenmal (daneben auch pdb kraty, seämh kraty, wo gegen 
die sonstige Zählregel, s. § 116. 2, das kraty der Zählung 
von 2 — 4 fortgesetzt ist), sedmh desetb kratb 70 mal. 

b) Durch Zählen dus Wortes shd^, wahrscheinlich 
«Gang» (zu shdh shh, chodh choditi), vgl. dänisch «to, tre 
gange» zwei-, dreimal, eo daß die ursprüngliche Aus- 
drucksweise war: d^va-sbdy zweimal, tri-shdy dreimal, 
cetyri-shdy (Akk. pl.) viermal. Diese Verbindungen haben 
früh lautliche Veränderungen erfahren; durch Ausfall des 
b entstand *s-dy, daraus *idy, das palatale st, ed wandelte 
y in i, also z. B. im Supr. tri-s'di dvaedi\ auch die um- 
gekehrte Assimilation kommt vor, z. B. tri-sti (Sis.), cetyn- 
sti. Bei den Zahlen von 5 an sollte shdh im Gen. pl. 
stehen, aber die aus der kirchensla vischen Literatur beleg- 
baren Fälle zeigen z. B. sesti-shdy, sedmi-shdy, wo die Formen 
sesti-^ sedmt' sich nach tri-, cetyri- gerichtet zu haben 
scheinen; vgl. noch mznogy-shdy TTcWctKi^, daneben m^no' 
ga-shdy. 



§ 122 — 125.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 155 

Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 



1/2S. I. Die aus Pronominalstäminen gebildeten 
Adverbia. Die Endungen decken sich z. T. mit Kasus- 
endungen der Nomina, ohne chß man überall die Formen 
mit Sicherheit einer bestimmte i Kasusfunktion zuweisen 
kann. Daher sind diese Adverbia hier nicht nach der 
äußern Form, sondern nach der Bedeutung geordnet, 
wodurch zugleich die Korrelation diutlicher hervortritt. 

1^3. 1. Ortebenei( hnungen. 

A. Wo; zu to- : tu d t. zu ono- : onu-de dort (Supr.); 
alle andern haben das Formans -de, vor diesem ^ oder h; 
ko- :kbde wo?; jo- : Ae für *jh'di (s. § 15 I 3) wo (relativ), 
do-nh-de-ie neben do-ide-^e (ug, bis wo) bis; sh- : shde hier; 
ovo- : ovhde hier; o\o:omde dort; im- : irnde anderswo; 
ühsb- : vhshde überall 

B. Wohin; F, rmans -omo : tcwio dahin, kamo wohin?, 
jamo ja.noze w^ohin vreL), ^e^yio hierhin, ovamo dss., ojiamo 
dorthin, inamo a ide swohin, msetno überallhin. 

C. Woher. Formans • idu -ade: fadu fade daher, 
kqdu kqde woher;, jqdu jqduzc ^voher (jel.), sqdu sqde hier- 
her, ovodu dss., inadu anderswoher, vhsadu vhsade überall- 
her, obojqdu von beiden Seiten; so auch an nicht pro- 
nominalen Elementen; v^7l€ außen: v^nejqdu von außen, 
v^nh hinaus: iz^v^nqdu von außen; qtrh innen: qtnjqdu 
von innen. Diese Adverbia werden häufig verbunden 
mit oth (von), z. B. otb kqdu von woher? 

1^4. 2. Zeitangabe: wann; Formans -gdw.tbgda 
togda dann; khgda kogda wann (interr.); jegda wann (relat.), 
als, auch mit Präp. v^negda = *v^n-jegda', oti>gda ovogda 
zu dieser Zeit; imgda inogda zu andrer Zeit, damals, einst 
TTÖie (inogdojq dass. Greg. Naz. in der Form eines 
Instrum. fem. ä-St); vhsegda immer. 

125. 3. Angabe des Grades, der Erstreckung; 
Formantia -/b, -/i, -le, -Ibmi, -hma; diese Adverbia dienen. 



156 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 125 — 129. 

namentlich mit Präpositionen verbunden, häufig zu Zeit- 
angaben; tolb ioli tole tolhmi tohma insoweit, so sehr; 
kolh koli kole kolhmi in» wie weit, wie sehr, wie viel {koli 
übersetzt Troxe; koli-zhdo verallgemeinert die Relativa, ize 
kolizhdo hq dfv, öq edv), do kole wie lange ; jelh jeli jele jehmi 
jelbmu wie weit (relat.), oto ndi^ otb nelize von wann, do 
neUze bis wann, bis (dahin gehört wohl auch jele in jeU- 
ziv^, Übersetzung- von funiO^ayriq halbtot, eig. «in quantum 
vivus»); seliseli, eig. in diesem Grade, in dieser Erstreckung, 
0^6 seli von jetzt an. Mit den Z- Formantien dieser Ad- 
verbia vgl. -likb der adjektivisch-pronominalen Quantitäts- 
außdrücke toliko tantus usw. (s. § 111. 1). 

ISO. 4. Angabe der Beschaffenheit, wie; 
Formans -ako (diese Adverbia sind die Neutra der pro- 
nominalen Adjektiva auf -akb, takt talis, kakb qualis usw., 
8. § 110. 4): ako wie (Konjunktion; zu einem adjektivisch- 
pronominalen akh^ vgl. § 127 aky), fako so, kako wie?, jako 
jakoze wie (relat.), inako anders, vh^ako vhseko vhsako auf 
jede Weise omnino, jedwiako (jedinako) auf eine (gleiche) 
Weise, ohojako auf beide Weisen. Gleiohgebildet ist siko 
so beschaffen zu sik^, sice dass. zu sich. 

12*7. 5. Adverbien auf ~ace:tace dann deinde, 
inace noch, jedhnace (jedinac;) noch (beides eig. «in einem 
hinv>), obace doch, jace Supr. in der Wendung dinb jace 
dbni Tag für Tag. 

6. Vereinzeltes: aky wie (Konjunktion); vhshmu 
omnino. 

1Ä8. n. Adverbia von Nominalstämmen. 
Sie sind Kasusformen von Nomina, oft bestimmbar nach 
den bekannten Deklinationsformen, doch bei der Mehr- 
deutigkeit einzelner Endun^^en nicht immer sicher einer 
bestimmten Kaausfunktion anreihbar. 

129. 1. Von jedem Adj ektiv kann der Akk. 
sing, neutr. auf -o, -je oder der Lok. sinj^. ad- 
verbiell angewendet werden, doch wird von den 
Lokati\^ormen nur die der harten Stämme, auf -i, so 



§ 129.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 157 

gebraucht, nicht die der weichen, auf -i. Oft sind vom 
selben Adjektiv beide Formen, Akkusativ und Lokativ, 
gebräuchlich, zuweilen wird eine Form fast oder ganz 
ausschließlich gebraucht. Neben einander z. B. bystro 
hystre schnell, gorhko gorbce bitter, dosfojwio dostojwie würdig, 
krothkh krotbce sanft, razlicbno razlicwie unterschiedlich, 
siad^ko sladhce süß, kzhko ffJhce schwer usw. Von andern 
findet sich nur oder fast nur -Oj z. B. veselo fröhlich, 
dzelo sehr, fnalo wenig, l'ubo (zu l'ub^ lieb), gebraucht wie lat. 
-Übet in qui-libet kyjh-l'ubo, und als l'ubo — l'ubo sive — 
sive. Einige ziehen durchaus -e vor: jave offenbar, Z7>le 
böse (das Neutrum z^lo ist Subst. tö kokov). Da die ad- 
jektivischen Jo-Stämme die Lokativform nicht adverbiell 
anwenden, herrscht hier ausschließlich die Neutralform 
auf -je, z. B. utile umsonst, von Komparativen z. B. boVe 
mehr, ifste dass., v?jse höher, une besser, prezde früher, 
poslezde später nachher, pace potius (vgl. paky wiederum), 
pozdejt später (vgl. pozde spät), skoreje eher, prveje eher, 
svrseneje vollkommner usw. Angereiht seien hier Adverbia 
auf -e, deren Ursprung nicht sicher bestimmt werden 
kann; vysokb hoch: vysoce, dalekb weit: dalece, glqbokb tief: 
glqboce. Alte Neutra scheinen auch zu sein abhje {abije} 
sogleich, Svene außerhalb, außer. 

Zuweilen tritt das Neutrum in der bestimmten Form 
auf; prckh : jy^'okoje im übrigen; proch : proceje übrigens, 
also ; prv^ : prvoje zuerst. 

2. Adverbielle Lokative von nicht adjekti- 
vischen Wörtern: v^ne draußen (vgl. v^M^ m>nu hinaus), 
gode byti gefallen (zu god^ passende Zeit, eig. «zu paß 
sein»), zime im Winter {zimd)^ göre oben {gora Berg), dole 
unten {doh Tal), krome außen außer (eig. am Rande, 
kroma), utre morgen cras (ntro Morgen), mite abwechselnd 
(wohl Lok. zu einem alten Partizip mi-to- gewechselt, 
getauscht), w2/?ie jetzt, skvoze {skoze) durch, pone wenigstens, 
pozde spät, razve ausgenommen, außer. Diejenigen, neben 
denen ein gebräuchliches Nomen steht (z. B. gore^ ziyne\ 
erscheinen nur deswegen adverbiell, weil der Gebrauch 



158 Adverbia. Partikeln. Konjunktionen. [§129—131. 

des T>ok. ohne Präposition im Altb. schon sehr einge- 
schränkt ist. In Ibze jesii» (es ist erhiubt) ist nicht zu 
entscheiden, ob Lok. oder Dativ (sg. fern.) vorliegt; in 
trehe jesth (es ist nötig) kann Lok. zum Adj. treb^ (Kompar. 
trehfhjh), aber auch Dativ zu freba vorliegen und die Be- 
deutung sein: necessitati est, negotio est. 

130. 3. Adverbia auf -y, regelmäßig von Adjek- 
tiven auf -hski und wie diese Art und Weise des Dinges 
ausdrückend, von dem sie herkommen; vrag^ Feind: 
vrazbsky feindlich, nach Feindesart, }'ah^ : rdbhsky sklavisch, 
mqzh : mqzhsky männlich; vhsectskb vhselichskb adj. allartig: 
vhseöbsky vbselichsky adv. Häufig von Länder- und Völker- 
namen, in der Bedeutung: nach der und der Sitte, in 
der und der Sprache, z. B. grhchsky auf griechisch, slo- 
venbsky auf slavisch. Von andern Adjektiven selten; 
mah : maly wenig, pravh:%ravy auf rechte Art, prekb ent- 
gegen: prdky adv.; paky wiederum. Die Form entspricht 
dem Instr. pl. der mask.-neutr. o-Stämme {plody^ Uty). 

131. 4. Adverbia auf -^> (über die Form vgl. 
§ 97. 3), zuweilen zu daneben vorkommenden Adjektiven 
gehörig: hlizh nahe (vgl. Komp. hlize) neben hliz^^ inostanh 
beständig (wohl zu einem Adj. Hiwstam, vgl. inostanhm 
cohtinuus), pravt wahrlich (prav^ recht, richtig), premh 
gerade aus, gerades Wegs (Adj. p^'eu^, ntr. premo adv.), 
preprosth einfältig einfach (prosth), razliöh in verschiedener 
Weise (neben indeklin. Adj. razliöh)^ strhmh geradezu (adj. 
strbtm abschüssig), suguhh doppelt (Adj. suguhi))', vgl. noch 
iskrh nahe, isprh in der Verbindung v^â– isprb nach oben, 
hinauf; qtrh innen, meist in den Verbindungen iz-qtrh (-ri) 
von innen heraus^ v^n^qtrh ins Innere, hinein (qtrb und 
isprh scheinen alte Substantive zu sein); svohodh frei 
{svohoda Freiheit). Häufig sind Zusammensetzungen mit 
Präpositionen, die nominalen Bestandteile sind dabei in der 
Sprache z. T. in andrer Form besonders vorhanden, 
so vos-p^th rückwärts, zurück (zu p^ta Ferse), iz-d-r^dh aus- 
gezeichnet außerordentlich {r^d^ Reihe, Ordnung), o-krhsth 



§ 131 — 133.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 159 

(so Mar., doch Zogr. oJcrhstb) ringsum, osohh besonders 
Ktt^' ^auTOV, ohvpib entgegengewendet entgegen dvTi- 
Ojpocpojq (zu tT^, vrfeti wenden); otytiqdh gänzlich (zu nqd- 
in nqzda Zwang, Not, tiqditi zwingen); posledh nachher 
zuletzt (zu fiUdh Spur); adohh leicht neudohh schwer (zu doh- 
in podoba, podoba jesti es geziemt sich, podobhm passend, 
ähnlich); sq-jn-otivb entgegen gegen (vgl. protiirb). Nominal- 
komposita: oci-visth augenscheinlich, offenbar, strbmhglavh 
kopfüber, vhse-srdh von ganzem Herzen (zu srdh-ce Herz). 

13!2. o. Adverbia mit m-Formantien; -mo: 
mimo vorüber {minqti vorbeigehen), thJchmo nur (zu fok-:iqn 
anstoßen); -7na : tbkhtna (nur Supr.) = thkhyno^ hzchnma 
gänzlich (s. auch hhcJmnh, bohjq)^ del'bma (mit Gen.) wegen 
(vgl, del'a)^ 7md^n^a \-hma) mit Gewalt {nqzla nuzda)^ rad'ma 
(Supr. = radbma oder rad^ma) wegen (vgl. radi). In poh- 
mq (in zwei Hälften) entzwei, liegt der Instr. dual, von 
poh (uSt.) vor; -mh : biichhmh Supr. gänzlich; -mi : velhmi 
sehr (Adj. velhjh groß), rmmogT/mi (Greg. Naz.) sehr (zu 
imrtogi viel); von Komparativen bol'i>s'bmi (zu bol'hjh) mehr, 
mhnhshmi {mwihmi Sis.; zu mhnhjh) weniger; die Endung 
gleich der des lusti . pL. auf -mi. 

13S. 6. Adverbia auf -ä; blizT) (vgl. blizh) nahe, 
nizh abwärts, protiii> entgegen, %i>m hinaus. 

7. Adverbia auf -q: Akk. sg. f. proUvq entgegen 
gegen (v^l. proüv^)\ Instr. sg. fem,: b^shjq gänzlich (vgl. 
bhclnma, bochhmh § 132), tbCbjq nur (vgl. tbJamio § 132), 
Über die adverbiell g( brauchten Instr. von Zahlausdrücken 
wie vhtoricejq (zum zweitenmal) s. § 120. 

8. Adverbia auf -M, verschiedene Kasus darstellend: 
Dativ des Zieles (im Slavischen ursprünglich häufig, vgl. 
domovi nach Hause) dolu hinab (zu Til), vt>7iu hinaus 
(vgl. v^n^ hinaus, v^ne draußen); Lokativ vrchu oben (eig. 
an der Spitze, vrch^^ w-St., vgl. lit. vi)'sz2ls)] Lok. dual. 
mesdu zw^ischen (eig. in den beiden Grenzen). Unbe- 
stimmten Ursprungs: u im ju (lit. ^'a?7), ?<-ie schon, -cu in 
nyne-cu jetzt; dzelu-fo sehr. 



160 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 133—135. 

9. Adverbia auf i-, Lokative von i-Stämmen : zadi 
hinten {zadh das Hintere), lani im vorigen Jahre, posledi 
darnach (vgl. posledh)^ predi voran (vgl. predh), radi wegen 
gratiä causa (mit Gen., zu einem *radh gratia, vgl. rad^ 
angenehm, gern). Unbestimmten Ursprungs spyti vergeb- 
lich, TAH {taji oder tajb), o-täh heimlich. Über die adver- 
biell gebrauchten Lokative von Zahlausdrücken wie drtir 
gojici s. § 120. 

10. Adverbia auf -a: doma zu Hause (fiom* Haus), 
vhcera gestern (zu veSerb Abend), del'a wegen (mit Gen.; 
vgl. del'hma), jed^va jedva kaum. 

134. 11. Vereinzeltes, partikelartiges: ne 
nicht; ni emphatische Negation ne — quidem ouöe, ni — 
ni = neque — neque, absolute Negation «nein» (über 
ni-kbto usw. s. § 107. 4); ne- verleiht den Interrogativprono- 
mina indefinite Bedeutung (s. § 107. 4); ze an einzelne 
Wörter des Satzes gehängt hebt diese hervor, ni-kbto-ie 
ne quis quidem, ni-ch-ie ni-chto-ze ne quid quidem, gibt 
an das Pronomen i jego usw. gefügt, diesem relativischen 
Sinn: i-ze qui, jego-ze cujus; -zde^ an Pronomina gefügt, 
entspricht lat. -dem, tb-zde i-dem; -zhdo an Interrogativ- 
pronomina gefügt gibt den Sinn von lat. -que, -libet, 
-cunque, z. B. kbzhdo quisque jeder; häh (= najh oder naji) 
vor Komparativen Terleiht diesen superlativischen Sinn, 
wird aber selten gehraucht. Partikeln des Ausrufs: se 
(Neutr. von s'ö dieser), jese ese siehe!, se^ vole wohlan I, 
jesa esa, jaru = lat. utinaml 

135. 12. Die Grenze zwischen einem Kasusgebrauch, 
den man als adverbiell empfindet, und einem, den man als 
in den allgemeinen Gebrauch des betreiOfenden Kasus fallend 
ansieht, ist schwankend. Ob man dmb-sh heute (= diem 
hunc, hodie), zime, utre Adverbia nennt oder sie syntaktisch 
zu dem im Altslavischen erhaltenen Akkusativ- und 
Lokativgebrauch bei Zeitbestimmungen rechnet, ist will- 
kürlich. 



§ 135. 136.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 161 

Ebenso werden Verbindungen von Präpositionen 
mit Kasus oft als Adverbien bezeichnet, wenn das 
Nomen außerhalb solcher Verbindungen wenig oder ^.ir 
nicht gebräuchlich ist, oder wenn die Verbindungen 
durch häufigen Gebrauch fest geworden sind und eine 
selbständige Bedeutung angenommen haben, bei der 
man den ursprünglichen Sinn nicht mehr empfindet. 
Eine feste Abgrenzung solcher adverbiellen Ausdrucks- 
weisen aus der ganzen Masse der Verbindungen von 
Präposition und Kasus ist nicht ausführbar. Es seien 
daher nur einige Beispiele gegeben: hes-prestani un- 
aufhörlich (= ohne Aufhören, prestanh, sonst nicht ge- 
bräuchlich), hes-presmene dass. (zu einem ungebräuchlichen 
presm^); vb-dal'e (Akk. pl. zu data Weite) ins weite, weit, 
entfernt, vh-inq (Akk. sg. fem. zu im) in einem fort, 
immer, v^-nezaap^ (-&, -q) plötzlich, s skore bald (Adj. 
sko)'^, Adv. skoro), v^ sIed^ (eig. in die Spur) v. sl. iti 
nachfolgen, m> suje (in vanum) vergeblich, vT)n-qtrb hinein; 
vT)S-krajh am Rande (krajh) hin, neben, V7>s-kqjq (Akk. sg. 
i%jn. zu kyjh) weshalb; iz-daubna von alters her, seit lange 
{duvbm antiquus), is-koni von Anfang {konh, nicht gebräuch- 
lich) an, is-prva dass. (pm erst); na hozhjq (Akk. sg. fem. 
zu hozbjb) gottgemäß, na dldze lange (Adj. dJgh), na prezdh 
vorwärts (preidb das Vordere); o-krqgz (eig. um den Kreis 
krqg^) herum, ebenso o-krt>stb\ po-dlg^ (rekq) längs (dem 
Flusse), po-srede in mitten (vgl. srede), po sredu (Ijok. dual.) 
dass.; s^ gory von oben {igora Berg), s^ zadi (vgl. zadi), st> 
zaida (zu zaidb Hinteres) von hinten, rückwärts. Präpo- 
sitionen werden so auch verbunden mit adverbiell ge- 
brauchten Kasusformen, ohne Pvücksicht auf ihre sonstige 
Rektion, z. ß. s^ vyse von oben, iz dalece von weitem, 
iz qirh von innen, na vysoce hoch oben. 

136, III. Konjunktionen, nicht scharf trennbar 
von den als Adverbien und Partikeln bezeichneten Be- 
standteilen der Sprache, da auch solche satzverbindend 
sind, so alle relati vischen, z. B. jako wie (auch = «daß» 
im Objektssatz, = «daß>^ im Folgesatz, = <^als» t^m- 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. li 



162 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 136. 

poral). Ferner dienen Kasus oder Ableitungen vom Relativ- 
pronomen als Konjunktionen^ z. B. jimh-ze (Instr. sg.) 
weil; auch in Verbindung mit Präpositionen: po ne-ze, 
za we, za ne-ze weil quoniam, doiihdeze (zu ide-ze) bis. Was 
sonst vorhanden ist, wird hier nur aufgezählt mit kurzer 
Bedeutungsangabe, das nähere bleibt der Syntax vor- 
behalten : 

a aber (schwacher Gegensatz, öe); ace s.- unter ce. 

a-ste konditionales «wenn»; ize aäte übersetzt bq dv 
(ög ddv) quicunque. Verbindungen von aste mit andern 
Konjunktionen s. unter da^ i, li. 

bo denn (nicht am Satzanfang); i-bo s. unter i, 
ne-bo s. ne, 

ce und zwar, obgleich KaiTOi; ace obgleich. 

da (urspr. etwa «so», vgl. da tibo^ da uze = also); 
vor dritten Personen des Verbums zum Ausdruck des 
Imperativs, da dash det, da dadeth dent (gelegentlich auch 
vor andern Personen, da dasi = des, da); Finalpartikel 
(ut finale), öfter mit andern Konjunktionen verbunden, 
z. B. aste li da wenn aber, aste da ne wenn nicht, da-ze-ne 
bis, ua. 

eda ijeda), Fragepartikel, lat. num (bei erwarteter 
verneinender Antwort), im selbständigen und abhängigen 
Fragesatz; beim Ausdruck einer Befürchtung «daß nicht 
etwa», daher nach Verben des Fürchtens dem deutschen 
«daß» entsprechend (lat. ne> griech. \ir]). 

i und, i-bo denn (xai TO'p); i-U s. li. 

li (eig. «etwa», lit. lai Wunschpartikel), Fragepartikel 
wie lat. -ne in Haupt- und Nebensatz; oder, li — li 
entweder — oder, i-li (eig. «und etwa») oder, ili — ili 
entweder — oder; aste li, aste li da wenn aber; aste li 
«sonst» (eig. abgekürzter Konditionalsatz). 

7ie- in nebo, nebom denn; ne-ze «als» nach kompara- 
tiven W^endungen (eig. «nicht eben«). 

m aber (stärkerer Gegensatz), sondern (nach negativen 
Ausdrücken). 

ta-ze (und so) itaque, und dann. 



§136.137.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 163 

ti und. 

to (ntr. zu tb), oft gebraucht im Anfang nachstehender 
Hauptsätze, nach Vordersätzen mit aste (wenn — so) ua. 

Präpositionen. 

137. I. Eigentliche, echte Präpositionen, hier 
alphabetisch (nach dem kyr. Alphabet) aufgeführt mit 
kurzer Angabe der Bedeutung, der Verbindungen mit 
Kasus, der Verwendung als Verbalpräfixe. Alles nähere 
bleibt der Syntax vorbehalten. 

bez^ «ohne», mit Gen., chramina hez^ osnovanhja Haus 
ohne Fundament; nicht als Verbalpräfix anwendbar. 

v^ «in», mit Akkusativ die Richtung hinein be- 
zeichnend (lat. deutsch «in» mit Akk.), sbberefe phsenicq fh 
zithnicq mojq sammelt den Weizen in meine Scheuer; bei 
Zeitangaben, die einen Zeitraum umfassen, v^ th dmh an 
dem Tage, V2> vrem^ zur Zeit (des und des): mit Lokativ 
entspr. deutschem «in> mit Dativ, lat. mit Ablativ, ne 
■imatb korem vz sehe hat nicht Wurzel in sich — Als Ver- 
balpräfix nur in dem Sinne von «hiiein>: v^n^iii 
hineingehen, v^'metaii hineinwerfen. 

v^z^ v^z- «hinauf an etwas, aufwärts an, längst», ab. 
selten mit Kasus, Akk.; in der alten Bedeutung noch i"n 
v^s-krajh (eig. am Rande hin) neben, sonst nur im Smne 
von dvTi, blagodeih v^z blagodetb x^P^S avTi xcfpiTO?- — Als 
Verbalpräfix «hinauf, aufwärts»; vzziti hinaufgehen, 
v^zvesti hinaufführen, vbzdT>chmti aufseufzen, vhzloziü auf- 
legen, vyyzlezati aufliegen (dvaKeia^ai) ; daraus entwickelt 
die Bedeutung des lat. -re (dva-), vbzdati reddere zurück- 
geben, v^zvratiti revertere zurückwenden ; öfter das Heraus- 
kommen mit einer Handlung, daher auch den Anfang 
bezeichnend, v^zglagolati anheben zu reden, vT>zglasiti dva- 
ßodv, v^zal^kati hungrig werden. 

vy-, nicht mit Kasus verbindbar, im Ab. als Verbal- 
präfix auch nur im Psalt. vorkommend, bedeutet «aus» 
(sonst durch iz^ gegeben). 

n* 



164 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 137. 

za «hinten», mit Akkusativ die Richtung «hinter- 
hin, hinterher» angebend, idi za m^, sotono geh hinter 
mich, Satan, j^ti za rqkq (eig. hinter die Hand fassen) an 
die Hand nehmen; häufig zur Angabe des Grundes, der 
Veranlassung «wegen», v^sazden^ xrh thmhnicq za krartwlq 
ins Gefängnis gesetzt wegen Aufruhr; zur Angabe des 
Zwecks, Interesses «für, wegen», umreti za l'udi für die 
Menschen sterben, za nh moliti für ihn beten. Mit In- 
strumental «hinter», za vbsemi stojati hinter allen stehen. 
Mit Genitiv (selten) bei Zeitangaben, za utra am nächsten 
Morgen, morgen früh; Grund, Veranlassung angebend, 
razhegosp s^ za stracha ijudejhska sie liefen auseinander aus 
Furcht vor den Juden. — Als Verbalpräfix «hinter* 
(Richtung), zasesti sich hintersetzen (in einen Hinterhalt 
legen), zachoditi untergehen (eig. hintergehen) von Ge- 
stirnen, slvnhce zachozdaase die Sonne war im untergehen; 
zdbyti (eig. hinter etwas geraten) vergessen. Daraus 
entwickelt sich die Bedeutung «ein Hindernis her- 
stellen», dem deutschen ver- entsprechend, zatvoriti (ver- 
machen) schließen, zakryti verdecken, verbergen, zapecatb- 
leti versiegeln; ferner «in falsche Richtung geraten» 
zablqditi abirren, sich veriiTen. Öfter ist die Bedeutung 
von za- nicht mehr deutlich empfindbar, man sagt dann, 
das Verbum werde durch 2;a- nur perfekt! viert, z. P. zaahkati 
hungrig werden, zaklaii schlachten, zakletl verfluchen, 
zapusteti verwüsten. 

^z^, iz «auB>> (= aus dem Innern heraus), mit: 
Genitiv, izhmi brbvbno iz ocese tvojego nimm den Balken 
aus deinem Auge. — Als Verbalpräfix dss. : iziti 
herausgehen, izbtjti (heraus werden) frei werden, kausativ 
izbaviti befreien, erlösen, izhbrati auswählen; gibt oft den 
Sinn gänzlicher Vollendung, izgoreti ausbrennen = ver* 
brennen, izbiti erschlagen. 

kb «zu» (Richtung auf etwas hin) mit Dativ, pristq- 
pis^ kb nemu sie traten zu ihm hin; kann nicht als Ver-j 
balpräfix verwendet werden. 

na «auf, an» (die beiden Raumverhältnisse werden 



§ 137.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 165 

nicht geschieden, vgl. deutsch: auf die Erde, an die Erde 
werfen); die Grundbedeutung ist «auf», wie aus der Ab- 
leitung nadh hervorgeht, die nur «oberhalb» bedeutet. 
Mit Akkusativ Richtung «auf, auf zu (gegen), an», 
begajatb na gorij sie fliehen auf die Berge, v^stanetb j^zykh 
tia j^zijkh es wird sich erheben Volk gegen Volk; Ziel 
und Zweck bezeichnend^ pridose na raspethje sie kamen 
zur Kreuzigung, na se pr^d^ 'Jh vhsh mirh dazu bin ich in 
die Welt gekommen. Mit Lokativ «auf» (als Ort, 
deutsch «auf» mit Dativ), sede na göre auf dem Berge 
sitzend. — Als Verbalpräfix «auf» (Richtung und 
Ort), naloziti auflegen, nalezati aufliegen, naphsati auf- 
schreiben. Drückt oft die Fülle der Handlung aus (etwa 
wie deutsch aufhäufen, anhäufen, anfüllen), z. B. naplnifi 
anfüllen, nasytiti ganz sättigen, navykv.qti sich angewöhnen 
lernen, na^citi lehren; die Grundbedeutung ist oft ver^ 
blaßt, naresii (eig. ansagen) benennen. 

nad^ « oberhalb ->, mit Akkusativ Richtung angebend 
(«hinab auf»), uzhrite angely mz^chodest^ nadh syna chvecb- 
skaago (Gen. = Akk.) ihr werdet sehen die Engel herab- 
kommend auf den Sohn des Menschen; mit Instru- 
mental die Lage «oberhalb, über» bezeichnend, nesh 
ncenikb nadh ucitel'emb nicht ist der Schüler über dem 
Lehrer. — Als Verbalpräfix (wenig angewendet) «auf, 
über», nadhlezaÜ aufliegen. 

0, ohh (ohb), mit Akkusativ und Lokativ ver- 
bunden {obh im Ab., wie es scheint, nur mit Akk.) «um, 
an»; o mit Lokativ «um (um herum)», sedease o nernh 
narodz das Volk saß um ihn herum; oft = «an», po- 
thkose se o nakovaU sie stießen sich an dem Amboß; bei 
Verbis dicendi, sentiendi im Sinne des lat. de (deutsch: 
«über, um, an»), divtaachq se o ucenhji jego sie wunderten 
sich über seine Lehre, o odezdi chfo sc pecete um die 
Kleidung was sorgt ihr euch; mit Akkusativ: «an», 
2)ropp8^ jedinogo o desnqjq i jedinogo o sujqjq sie kreuzigten 
einen zur rechten, einen zur linken, da ne prihknesi 
kamenb nogy fvojejr damit du nicht deinen Fuß an einen 



166 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 137. 

Stein stoßest. — ob^ mit Akkusativ in den Wendungen oh 
om poh an jener Seite, jenseits, ob iiostb in der Nacht 
(als Zeitraum). — o, obh als Verbalpräfix: «um», obiti 
(präs. obidq) umgehen umringen, obiti (= *ob-viü^ präs. 
obhjq obijq) um\nckelii, oblesti (= *obvl.) umziehen, be- 
kleiden, obratiii (= *o6i'r.) umwenden, umkehren, ogradiii 
umzäunen; deckt sich oft mit deuischem «be-» z. B. 
obrezati (umschneiden) beschneiden, oyywciii beleuchten, 
oskvniiti beschmutzen; wie «be-» mit verblaßter Bedeutung 
perfektivierend, z. B. sqditi urteilen osqditi verurteilen, 
krasti stahlen okrasfi bestehlen (wie auch im Deutschen oft 
mit Verschiebung des Objekts). 

oth «ab, weg von»; mit Genitiv, ohtresete pt-achh 
otb nog^ vasich^ schüttelt den Staub von euren Füßen, 
izgynati oth grad^ v^ grad^ vertreiben von Stadt zu Stadt, 
izbavi ny oth neprijazni befreie uns von dem Teufel. — 
Als Verbalpräfix gleicher Bedeutung: ohvresti weg- 
werfen, ohtresti abschütteln; im Sinne des lat. re: oi^dati 
reddere, otbvestati respondere. 

po, Grundbedeutung, die aber verloren ist, war «unter», 
\We die Ableitung ^o^?> zeigt, die nur «unterhalb» bedeutet. 
Mit Dativ Erstreckung über einen Raum, längs eines 
Raumes, pride kh niim po moru chodf er kam zu ihnen 
über das Meer (über die Meeresfläche hin) gehend, rizy 
svojf postilaachq po pqti ihre Kleider breiteten sie aus längs 
des Weges; daher die distributive Anwendung bei 
Zahlen und quantitativ Teilbarem, po d^vetna zu zweien, 
je zwei. Mit Akkusativ (nicht häufig) Erstreckung über 
Räume bezeichnend, po vhse grady über alle Städte hin, 
durch a. St. ; bei Verben des Haltens, Bindens zur Be- 
zeichnung des Gegenstandes, an dem die Handlung statt- 
findet, pyiv^zaii-jh po cefyri kohj ihn anbinden an vier Pfähle. 
— Als Verbalpräfix ist es das unbestimmteste von 
allen, so daß man eine Gliederung der Bedeutung kaum 
vornehmen kann; es perfektiviert die Verba; oft entspricht 
es deutschem «be-», auch darin, daß das zusammen- 
gesetzte Verbum durch po- Beziehungen auf andre Objekte 



1 



I 



§137.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 167 

bekommt als das einfache; z. B. dati geben podati hin- 
geben, iti gehen poiti hingehen, vesti führen povesti hin- 
führen, viti wickeln poviti bewickeln, grebq (greti) grabe 
pogrebq begrabe, inazaü schmieren pomazati beschmieren, 
slusati hören poslusati erhören, gehorchen. 

podh «unterhalb, unter» ; mit Akkusativ die Richtung 
angebend, nesmh dostojhm, da pod^ krotrt mojh vTmidesi ich 
bin nicht würdig, daß du unter mein Dach eingehest; 
mit Instrumental die Lage bezeichnend, az^ ölovekh 
jesmh podh vladykojq ich bin ein Mensch unter einem 
Herrscher. — Als Verbalpräfix gleicher Bedeutung: 
podhkopati untergraben, pod^ryti unterwühlen, pod^ odrb 
pod^lagati unter das Bett legen. 

pri «bei, (neben)», auch die Richtung ausdrückend 
(wie altdeutsch bi- mit Akk.), .sedeass pri pqti pros^ saß 
am Wege bettelnd, lezaase pri vratechh lag am Tor, sed^s^ 
pri nogu Isiisovu sich gesetzt habend zu den Füßen Jesu; 
zuweilen bei Zeitangaben, pri cetvrteji strazi zur Zeit der 
vierten Wache, pri Ahiatar'i archiereji zur Zeit des Hohen- 
priesters Abiatar. — Als Verbalpräfix drückt es Nahe- 
sein und Nahekommen aus, priti (= pri-iti) hinzugehen, 
"kommen, privesii herbeiführen, prilozüi hinzulegen, hinzu- 
fügen, prilezati beiliegen, anliegen, priv^zati anbinden; 
zuweilen in dem Sinne, daß durch die Handlung etwas 
herangebracht (erzeugt, erworben) wird, obresti finden prio- 
brMi (durch Finden erlangen) erwerben, gewinnen, priziti 
cpda Kinder (eig. erleben) bekommen. 

pro-, ab. mit Kasus nicht gebraucht, als Verbal- 
präfix «durch», proiti durchgehen, prosvetiti (durch- 
leuchten) erleuchten, protesati durchhauen, prodati (eig. von 
einem zum andern hinübergeben) verkaufen; öfter im 
Sinne des sich Durchsetzens einer Handlung (daher in- 
choativ), procvisH erblühen, aufblühen, proglagolati anheben 
zu reden. 

pre-, mit Kasus ab. nicht gebräuchlich, als Verbal- 
präfix «durch (sehr naheliegend dem pro-), drüber 
hinaus, hinüber» ; preiti durch , hinübergehen, pi-elomiti 



168 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 137. 

durchbrechen, prestati (eig. sich darüber wegstellen) auf- 
hören, prestqpiti überschreiten, übertreten, pi'elbstiti über- 
listen, prefrpefi (eig. durchdulden) erdulden, predati über- 
geben, verraten (vgl. lat. tradere). 

predh «vor», mit Akkusativ Richtung «vor hin» be- 
zeichnend, povelesc privesfi prkh lica jich^ sv^taago sie 
befahlen, hinzuführen vor ihre Antlitze den Heiligen. 
Mit Instrumental Ort- und Zeitlage ausdrückend, 
isecete j^ ^^rerf?» rmnoja haut sie nieder vor mir (Ort), predz 
rmnojq ht/stb er war vor mir da (Zeit). — Als Verbal- 
präfix gleicher Bedeutung, pred^lont^ vorlegen, pred^lemfi 
vorliegen. Neben pred^ werden auch die Adverbia predh 
und häufiger pi'edi in gleichem Sinne mit Verben ver- 
bunden. 

razi- raz-, ab. nicht mit Kasus gebräuchlich; als Ver- 
bal präf ix «auseinander, zer-», razg^nqii auseinander- 
falten, entfalten, razdhrati zerreißen, razdeliti zer-, verteilen, 
raziti sc (auseinandergehen) sich zerstreuen, raspasti se 
zerfallen, rasp^ti (eig. auseinanderspannen) kreuzigen. Zu- 
weilen nur noch als Verstärkung der Handlung empfunden, 
z. B. gnevati sp zürnen, razgnevaü sp sich sehr erzürnen. 

sh «mit», verbunden mit Instrumental, Genitiv, 
Akkusativ. Mit Instrumental «mit» (Zusammensein, 
Begleitung, nicht das Mittel ausdrückend), sh he sz nimh 
dieser war mit ihm, Isus^ idease s^ nimi Jesus ging mit 
ihnen. — Mit Genitiv «ab von (herab von, weg von)», 
ognh s^nideh s^ nebese Feuer wird vom Himmel herab- 
kommen, s^niti st> gory vom Berge herabgehen, gr^sü sT) 
sela vom Acker herkommen, s^ onogo polii von jener Seite 
(von jenseit). — Mit Akkusativ gibt es ein Maß an, im 
Akk. steht der Gegenstand, an dem gemessen wird, in 
den ältesten Quellen zufällig nicht belegt, vgl. jpzykh 
visease izi ustb jego s^ lak^th jedim die Zunge hing aus 
seinem Munde eine Elle lang. — Als Verbal präf ix 
«zusammen», s^bwati zusammenlesen, sammeln, s^vesti 
zusammenführen, szvezati zusammenbinden, s^n^ti sp zu- 
sammenkommen; sehr oft mit ganz verblaßter Bedeutung 



§ 137. 138.] Adverbia, Partikelo, Konjunktionen. 169 

nur das Verbum perfektivierend (vgl. lat. conficere zu 
facere), tvorifi machen s^tuoriti fertig machen, herstellen, 
kazati zeigen shkazati aufweisen, erklären, konhcati en- 
digen szkc^nbcati beenden, pasti hüten, weiden s^pasti 
erretten, erlösen, gresiti sündigen shgresiti sich ver- 
sündigen; «herab, ab, von weg> , s^niti herabkommen, 
shvUsti abziehen, aut-ziehen (Kleider), s^laziti s^lesti hinab- 
steigen, -gehen, zvezdy siipadqtb sT) nebese die Sterne werden 
herabfallen vom Himmel. 

u mit Genitiv, eigentlich «von her» (rrapa tivo<;), 
60 noch erkennbar bei Verben des Verlangens: jegoze 
p7'osisi 11 otbca^ dastb ti otbch was du bitten T\-irst vom 
Vater, wird dir der Vater geben. Aus dem Sinne «aus 
der Nähe her» entwickelt sich die Bedeutung «oei», obedujeth 
u nego er speist bei ihm, prebyste u nego dhnh th sie (beide) 
blieben bei ihm den Tag, Marija sfojaase u groha iTbyis 
Maria stand am Grabe außen. — Als Verbalpräfix nur 
«weg», ubezati entlaufen, urezati weg-, abschneiden, ukrasti 
wegstehlen, umreti (eig. wegsterben) perfektiv zu mreti 
und so häufig nur noch als perfektivierend empfunden, 
hiü schlagen vhiti erschlagen, töten, zhreti schauen uztreti 
erschauen, gewahr werden, vedeti wissen uvedefi zu wissen 
bekommen, erfahren, slysati hören uslysati perfektiv, usmqti 
einschlafen. 

138. IL Sogenannte uneigentliche, unechte 
Präpositionen. So benennt r an A.dveibia (Adv. im 
engern Sinne, adverbiell gewordene KominUkasus, adv. 
gebrauchte Verbindungen von Präposition und Kasus), 
die mit Kasus verbunden Verhälmisse ähnlicher Art aus- 
drücken, wie sie sonsü durch dio echten Präpositionen i.iit 
Kasus gegeben werden. In bei weitem den meisten Fällen 
steht der Genitiv und ist nichts weiter als der gewöhn- 
liche adnominale Genitiv, z. B. p^tic€ sedeachq okrqg^ telesn 
die Vögel saßen um die beiden Körper (eig. im Umkreis 
der b. K.), tT> ryby mesto an Fisches statt, sedeaie po srede 
jich^ saß mitten unier ihnen (eig. in Mitten ihrer). Wie 
viele solcher Wendungen man als uneigendiche Präpo- 



170 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 138. 

sitionen bezeichnen will, ist ziemlich willkürlich, es seien 
daher hier nur r Dch Fälle angefübrt, wo die Erklärung 
nicht so nahe lie^t. 

Mit dem Genitiv: hl^z^ «nahe» (auch mit Dativ), 
blirb korahl'a nahe dem Schiffe — vhn^ ;<außerhalb», vi/ne 
yra^rt2>re^//i'rt^i außerhalb der Stadt bleiben; v^n^ «aus heraus», 
vim grada iziti aus der Stadt herausgehen. — del'a deVhma 
«wegen, um willen», cloveka del'a um des Menschen willen. 
— iskrb «nahe», iskrb vhsi nahe bei den Dorfe. — krome 
((ig. am Rande, s. § 29. 2) «außerhalb», pos^I' etb jich^ krome 
sfrany er wird sie aus dem Lande schicken. — prezde 
«vor», prezde vremene von der Zeit (eig. vom Komparativ 
abhängiger Genitiv). — radi radwYia «wogen, um willen», 
cloveka radi um des Menrchen willen. — razve «außer», 
pgtb tysqstb razve zem i detbjh fünf Lausend außer Frauen 
und Kindern. — svene «außerhalb», ot^ved^ Paula svene 
sqdhjisfa weggeführt haberd Paul außerhalb der Gerichts- 
stätte. 

Mit dem Dativ: protivq «gegenüber, entgegen», 
izidq protivq jemu sie gingen hinaus ihm entgegen, ne 
v^znlozesi stati protivq vragorm du wirst nicht standhalten 
können gegenüber den Feinden. — premo «gegenüber», 
sed^ Isush premo gazifilak'iovi Jesus sich gesetzt habend 
gegenüber dem Schatzkasten. 

Mit dem Akkusativ: podlg^ «längs», podlgh rekq 
1. dem Flusse; skvoze, skoze «durch», iti skvoze sejanhja durch 
die Saaten gehen. 

Mit dem Instrumental: mezdu «zwischen», mezdu 
nami i vami i)ropadh velbja utvrdi se zwischen uns und 
euch ist ein großer Abgrund befestigt. 



-^ 



§139.140.] 171 



Das Verbum. 

(Stammbildung und IHexion.) 



I. Der Verbalstamm. 

139» Unter Verbalstan m ist hier die Silbe 
oder die Silbengruppo verstanden, die allen 
Formen eines Verbums gemeinsam ist und daher 
— vom slavischen, nicht immer vom indogermanischen 
Standpunkt — allen zu Grunde gelegt werden kann. 
Man erhält ihn, we.in man von einer gegebenen Verbal- 
form alles absclme det, was bei ihr als Formans zum 
Unterschied von a idern Forme: i erscheint. So ist z. B. für alle 
Formen des Verbims nesti des Gemeinsame nes- (2. Präs. 
nes-e-si, Aor. 'H€s-och^, Part. prät. a. II nes-h, Inf. nes-ti usw.), 
so von delati für alle Formen dela- (2. Präs. dela-je-si, 
Aor. dela-chz, Part. prät. a. II dela-h, Part. prät. a. I 
delati) usw.). 

Die so definierten Verbalstämme können sehr verschie- 
dene Formen haben; zur Verdeutlichung, welches Verbum 
gemeint ist, wird im folgenden die 2. Sing. präs. und 
der Infinitiv angegeben: 

140. I. Der Verbalstamm ist einsilbig, also 
gleich der sog. Wurzel, konsonantisch oder vokalisch aus- 
lautend, z. B. päd- {pad-e-si, pasH = *pad-ti) fallen, plet- 
(plei-e-si, plesti = *plet-ü) flechten, kry- (knj-je-si, kry-ti) 
decken, zna- [zna-je-si, Z7ia-ti) kennen, sta- (sta-ne-si, stü-ti) 
sich stellen. Die hierhergehörigen Verba sind primär, 
d. h. weder denominativ noch deverbativ. Eine 



172 Das Verbum. [§140.141. 

bestimmte, allen gemeinsame ßedeutungsfärbung ist nicht 
vorhanden. 

Eine gewisse Anzahl der hierhergehörenden Verba 
hat neben dem einsilbigen Stamm = Wurzel noch einen 
zweiten, zweisilbigen Stamm, der bestimmten Formen 
des Verbums zu Grunde lie,;t; er lautet aus entweder auf 
-rt-, z. B. bbra- {her-esl, hbraxi), stena- (*steti~je-ii siene-sl^ ste- 
nafi seufzen), oder auf -nq-, z. B. dvignq- [dvig-ne-si, dvijnqti) 
bewegen. 

Nur bei dieser Art (I) von Verbalstamra kann inner- 
halb der Formen des Verbums Vokalwechsel (Ablaut) in 
der Wurzel stattfinden, z. B. pis- pbs- {pise-si jjbsati 
schreiben) cit- cbt- {cisH = '^cit-ti, cbte-si) zählen, stel- stbl- 
(*sfel-je-si stel'esi, sfhiati) ausbreiten, zov- zhv- [zove-si, z^vat\ 
rufen. 

141. II. Der Verbalstamm ist zwei- oder 
mehrsilbig, stets vokalisch auslautend: 

1. Der vokalische Aaslaut ist veränderlich; 
hier'ier gehört nur eine Art Verba mit wechselndem Stamme 
auf i- und -e- (dafür nach j^alatalen Konsonanten -a-), z. B. 
ndi-^ iride- [vidi-si vide-ti). Die V-^erba sind durchgängig primär 
und bilden insofern eine besondre Bedeutungskla^se, als 
sie mit wenig Ausnahmen intransitiv sind; hotcti 
Schmerz empfinden, krank sein, bhleti wachen, velcü 
wolien, viseti hangen, goreti brennen, grbmeti donnern, 
zvwetl tönen, ziveti leben, Ari/p^^i wallen, s:eden, leteti fliegen, 
pri-lbpeii ankleben intr., mtneti meinen, pizeti kriechen, 
poleti flammen, pbreti se disputieren, rbdeti s^ erröten, 
skrheti bekümmert sein, smrdeti stinken, stydeti s^ sich 
schämen, svhteti leuchten in .r., sedeti sitzen; mit -a- iür -e- : 
hezcti = "^begeti (vgl. begnaii) laufen, blhstati s^ (W. blhsk-) 
glänzen, bojati se sich fürchten, kl^öati niederfallen (in die 
Knie), kricati schreien, lemti liegen, mlöati sch>vexgen, 
n.hziti szmezati die Augen schließen ^utiv, stojati stehen, 
tosiati eilen. 

Verhältnismäßig selten sind Transitiva: videfi sehen, 
vrieti wenden, o:rzati halctn, zhrefi schauen, olideti belei- 



§ 141. 142.] Der Verbalstamm. 173 

digen, slysati (== ^slycheti) hören, stedeti sparen, schonen, 
irpeti dulden, si-t^zati erwerben 

14^. 2. Der Auslaut der Stämme ist unverän- 
derlich, Verbalstämme auf -e-, -i-, -u-, -a-: 

a) Verbalstämme auf -e- (nach palatalen Kon- 
sonanten dafür -a-), z. B. cele-je-si cele-ti-, fast lauter 
Denominativa, die bedeuten ein Werden, ein Über- 
gehen in den Zustand, den das nominale Grundwort aus- 
sagt (wie lat. albus — albere albescere), daher durchgängig 
intransitiv. Es liegt in der Natur der Sache, daß die 
Ableitungen wesentlich von Adjektiven aus geschehen. 
Beispiele: hIed^ bleich hledeti erbleichen, debeh dick 
u-debeleti dick werden, *dovi)h (vgL do'tfblhm) genügend 
dovhleti genügen, kre2)^ stark u-krepeti erstarken^ listb Blatt, 
listvhje Laub, *listvhm belaubt o-listvhneti sich belauben 
(frondescere), }Hrtv^ tot u-mrtveti veKpoöcrdai, 7i€rm stumm 
o-nenieti stumm werden, push wüst za-pusteti wüst werden, 
slab^ schwach o-slaheti schwach werden, tbnrbm dunkel 
o-thmhneti sich verdunkeln, chud^ dürftig, karg o-chudeti 
sich verringern, C€l^ heil celeti heilen intr., cpl^ schwarz 
o-crneti nigrescere, starb alt pre-stareti altern; in derselben 
Weise gelegentlich auch von Substantiven, z. B. brada 
Bart bradeti Bart bekommen, syn, Käse o-syreti zu Käse 
werden. Mit a für e (dann nicht zu verwechseln mit 
den Verbalstämmen auf urspr. -a-, s. § 145): bujh wild, 
übermütig bujati übermütig werden, vethchh alt obetbsati (für 
ob-v-) veralten, nisth arm ob^-nistaii verarmen, m'mog^ viel 
u-nvbnozati viel werden, sich vermehren, nag% nackt ob^â– nazati 
nackt werden, teihfcb schwer o-tezhcati schwer werden usw. — 
Gleicher intransitiver Bedeutung sind noch: goneti genügen, 
zhreti reifen, ihUti verderben intr., odoJeti (odeleti) mit Dat. 
besiegen (eig. Sieger, siegreich werden), urm Verstand wneti 
razunieti mit Dat. verstehen (eig. einer Sache verständig 
sein), shrneti wagen. 

Eigentliche Transitiva sind selten: imeü haben, 
zeUti wünschen mit Gen. (eigentlich wohl «begierig sein 



174 Das Verbum. [§ 142. 143. 

nach»), pecatb Siegel pecathleti siegeln, pitefi (neben ^i7a^?) 
nähren. 

143. b) Verbalstämme auf -i-. Der Bedeutung 
nach kann man zwei Gruppen scheiden: 

a) Denominativa, die ausgedehnteste Denominativ- 
klasse der Sprache; es sind die eigentlichen Faktitiva 
und bedeuten* «das machen, hervorbringen, bewirken, was 
das nominale Grundwort besagt», daher durchgängig tran- 
sitiver Anwendung. BeL'piele, von Adjektiven: dlg^ lang 
dliiti prodUiti verlängern, siv^ lebendig ziviti boleben, 
tuh^ lieb l'ubiti lieben, hgfbkb leicht lbgi>citi leicht machen, 
m^nog^ viel rmno2iti mehren, 'nag^ nackt oh^•naz^ti nackt 
machen, ostn> scharf ostriii schärfen, ceh heil celiti heilen 
usw. Von Substantiven: glasz Stimme glasiti Stimme 
erheben, rufen, govorb Tumult govoriü Tumult machen, 
gosth Gast gostiü gasten, bewirten, greckh Sünde gresiti 
sündigen, deh Teil deliti .eilen, nichze nichts u-niöhziü zu 
nichte machen, plod^ Frucht ploditi Frucht bringen usw. 
— Intransitiv ist das etymologisch unklare v^piti v^z^^piti 
rufen. 

Von solchen transitiven Verben erscheint eine Anzahl 
als Kausativa, sobald ein intransitives Verbum gleicher 
Wurzel daneben vorkommt. In den meisten Fällen läßt 
sich die denominative Herkunft solcher Kausative fest- 
stellen, z. B. yociti ruhen pokojiti beruhigen pokojh Ruhe; 
o-slhpiiqti erblinden o-sle].iti blind machen, blenden slep^ 
blind, usw. Dasselbe Verhältnis noch z. B. in hiydeti 
wachen hiiditi wecken, izbyti frei werden, izbaviti befreien, 
pri-lhpeti ankleben intr. pri-lepiü Irans., lezati liegen 
loziti legen (loze Lager), mhreti sterben moriti töten [morh 
Tod), poleü in Flammen stehen paliti entflammen, piti 
trinken pojiti tränken, rasti (= *orsti) wachsen rastiti 
wachsen lassen, sedeti sitzen saditi setzen, pflanzen {sadh 
Pflanze, Gepflanztes), smrdeti stinken o-smraditi verstänkern, 
(smradz Gestank), stojati stehen staii sich stellen staviti 
stellen (vgl. sh-stairb aucTirma), svhteti leuchten svwiqti er- 
glänzen svetiti erleuchten (svetb Licht), tonqti untersinken 



§ 143. 144.] Der Verbalstamm. 175 

topiti senken ertränken, festi tekq laufen tociti laufen 
machen {tokh Lauf, Strömung), gießen, vyknqti gewohnt 
werden, lernen uHti angewöhnen, lehren. 

ß) Eine kleine Anzahl hat Iterativbedeutung 
gegenüber Verben gleicher Wurzel mit einfach durativem 
Sinn: vUka viesti ziehen vlaciti, veda vesti führen voditi, 
vezq vesti fahren voziti, zenq gynati treiben goniti, lezq lesti 
schreiten laziti, idq iii gehen choditi. Auch diese sind 
ursprünglich denominativ, vgl. chod^ (zu shdh = "'chhdh 
gegangen) Gang, choditi «Gänge machen». 

144. c) Verbalstämme auf -i«-; neben ihnen stets 
ein zweiter Stamm auf -a-, z. B. kupu-je-si kupova-ti; 
der Bedeutung nach in zwei Gruppen zerfallend. 

a) Denominativa, in den altern Quellen nicht 
selten, doch in mäßiger Anzahl vorhanden. Aus Cod. 
Mar. : beseda Rede besedovati reden, besu Dämon beshm 
dämonisch beshnovati bai.uoviZlecr^ai, ceh heil celovati grüßen, 
küssen, cesarhstvo Königtum cesarbstvovati ßamXeueiv, 
cetvrtovlastbstvovati Übersetzung von xeTpapxeTv, cnnhm rot 
crmbtiovati se rot werden, dreseh betrübt drßselovati betrübt 
sein, gode bijti gefallen negodovati unwillig sein, hyi§ Name 
hnenovati nennen, niih erbarmenswürdig milovati sich er- 
barmen, milosrdh barmherzig milosrdovati barmherzig sein, 
sich erbarmen, obedh Mittagsmahl obedovati zu Mittag 
essen, 7.e-pbstevati vermuten, prorokh Prophet prorokovati 
prophezeien, pospeshstvo (Juvf.p'fia pospeshstvovati cTuvepTeiv, 
rcuh froh radovati se sich freuen, sledh Spur nasUdovati 
nasledbstuovati (von n isledhstvo Nachfolge, Erbe; erben, posle- 
dovati posledhstvovati folgen, s^vedetel' bstvo Zeugnis s^vedetel'b- 
stvovati zeugen, trebe bijti nötig sein trebovati bedürfen, vera 
Glauben verovati glauben, izvestb bekannt, sicher izvestovati 
versichern, beglaubigen. Vgl. dazu noch aus Cod. Supr. 
*bezok^ eig. augenlos = schamlos (bezocbstvo Schamlosigkeit) 
bezokovati schamlos sein, blagodarhstvo Da.nk blagodarbstvovati 
dankbar sein (Nachahmung von euxcipicneiv)^ blagovestbstvo- 
vati ^vaTfeKileG^m, bogoslovesbstvovati OeoXoTeTv, darb Gabe 
darovati darbst vovati schenken, celomqdrb tibersetzung von 



176 Das Verbura. [§144. 

(TLuqppLuv celomqdrhstvo (JLUcppocriJvri celomqdrhstvovafi (Tujqppo- 
veTv, dejhstvo ^vepTtia dejbstvovati evepTEiv, krasa Schmuck 
Irasovaii schmücken, likb Chor Ukovati xopeueiv, nedostatbkb 
Mangel tiedosiaii>kovaü mangeln, nicht hinreichen, ohhsth 
gemeinsam ohbstevati KOiviuveTv, plistb Tumult dopußoq 
plistevati dopußeiv, posluchz Zeuge poslushstvo Zeugnis 
posluchovati p)oslushstvovaü zeugen, pozor^ Schau pozovorati 
schauen, prazdhm leer, müßig prazdmhstvo Muße, Feier 
vrazdhnovaH j;rfl^rf7)«?>s/t;oi7a^t feiern, rhvtm eifersüchtig 
rbvbnhfitvo Eifersucht rbvhnhstvovafl eifersüchtig sein, svere2:)T> 
wild sverepovati wüten, tjkh Dolmetsch protlkovati erklären, 
Soveto Rat Shvetovati ratschlagen, voji pl. Krieger vojevati 
Krieg führen, vrach Arzt vracevaü Arzt sein, vrazbda 
Feindschaft vrazbdovati hassen, znmtie Zeichen znamenovati 
bezeichnen. 

In der weiteren kirchenslavischen Literatur 
nimmt die Zahl solcher z. T. sehr schwerfälliger Bildungen 
namentlich durch sklavische Übertragung griechischer Verba 
außerordentlich zu, vgl. z. B. hescinovati diaKTeiv, dohro- 
dusbstvovnfi €u^u|LieTv , pravhdoshvovati öiKaioXoYeTcTdai , 
pritTtCbstvovati TrapaöeiYiuaTiZleiv, vysokomqdrhstvovati uij/r)- 
XoqppoveTv. 

ß) Deverbativa, sie bilden Imperfektiva zu 
vorhandenen Perfektiva gleicher Abstammung. 
In den ältesten Quellen spärlich; aus Codd. Mar. und 
Supr. (das entsprechende perfektive Verbum ist voran- 
gestellt): kupiti kaufen kupovaii, poimati pojeti ergreifen 
poimovati anklagen, pokazati zeigen szkazati erklären 
pokazovati shkazovati, vhziskati yeTlar gen^ fordern voziskovati, 
-meniii verändern izmenovati premenovati^ minqti vorüber- 
gehen minovati, ispovedefi bekennen ispovedovati, ot^rezati 
abschneiden atbrezovati, rastrgnaii zerreißen rastrgovaü, 
s^v^zati zusammenbinden s^vezovati, 'viiiati se sich unter- 
werfen povinovati se, ohinovati s§, videti sehen vidovah' 
betrachten . 

In der späteren kirchenslavischen Literatur 
nimmt die Bildung solcher Imperfektiva in außerordent- 



§ 144. 145.] Der- Veibaletamra. 177 

liebem Grade zu, vgl. iz-dreka -resti, aussprechen iz-d-rekovati, 
prosvetiti erleuchten prosvctovati, protekq -testi durchlaufen 
protekovati, vidhchnqfi einhauchen v^d^chnovati, raz-d-resiti 
zertrennen razdresevati, ocisiiti bereinigen ocistovati usw. 

145. d) Verbalstämme auf -a-, z. B. dela-je-si 
dela-ti. Nach Bedeutung und Abstammung zerfallen sie 
in mehrere Gruppen: 

a) Denominativa, von Substantiven und Adjek- 
tiven, bedeutend «das machen, das sein, was das Grund- 
wort besagt»; nicht zahlreich, an Zahl sehr zurückstehend 
gegen die andern Denominativklassen auf -e-^ -i-. In den 
altern Quellen sind gebräuchlich: velikb groß velicati (groß 
machen) preisen, vecer'a Abendessen vecerafi zu Abend 
essen, vlna Woge vlnati (Supr.) von den Wogen getrieben 
werden, vona Geruch vonati riechen, venhch Kranz venbcati 
kränzen, vestati aussagen, vgl. otbveth Antwort oUvestati 
antworten, s^vet^ Rat s^vestati raten, gnev^ Zorn gnevati sp 
zürnen, gotovh bereit gotovati (neben -viti) bereiten, delo 
Tat, Werk delati tun, Werk verrichten, znartif Zeichen 
znamenati bezeichnen, igra Spiel igrati spielen, kl'eveta 
Verleumdung ktevetati verleumden (über Stamm klevet- s. u.), 
konhch Ende konhcati endigen, kotora -fera Streit koforati 
-terati streiten, pitati (wohl altes Denom.) nähren (neben 
piteti), podoha Zier p. jestb, podobati se decet sich ziemen, 
pravhda Recht opravbdafi (neben -diti) rechtfertigen, pT,vati 
zuversichtlich sein (wohl denom., vgl. '^p^vhn^, poln. pewny 
sicher, zuverlässig), rabota Sklavendienst rabotati öouXeikiv 
{rabotiti öouXoOv), rqgh Spott rqgati sp spotten, S€d^lo 
Sattel o-sedzlati satteln, ceta Schar s^cetati vereinigen, 
cria Strich crtaii (stricheln) einschneiden. 

Die von Substantiven auf -oH, -etz, -^t^, •ht^ 
(s. § 69. 13) abgeleiteten Denominativa auf -a-ti 
behalten in der Regel den Stamm auf -a- nur in den Nicht- 
präsensformen, lassen aber das a fallen im Präsens, z. B. 
rhpztati murren (von r^p^th), 2. Präs. rbphstesi^ d. i. 
*>•^p^t■je-si, s. u. 154 I B. a. 

ß) Nicht sicher denominativ, keiner bestimmten 

Leskien, Altbulgarische Grammatik. Vi 



178 Das Verbum. [§ 145. 146. 

Bedeutuugsklasse einfügbar. Gebräuchlich in den älteren 
Quellen: vitati wohnen, vhlati von den Wellen hin- und 
hergeworfen werden, gledati schauen, ;selati wünschen, kopat 
graben, prijati begünstigen (vielleicht altes Denominativ) 
prqzati zerren, pytati fragen, rydati weinen, rykati brüllen 
shjaü glänzen, s^iati sp wüten {s^tati eig. hin- und her- 
fahren, vgl. serb. setati wandeln, spazieren), qchati riechen 
f) Deverbativa, die, mögen sie auch z. T. Ursprung 
lieh denominativ sein, im historisch vorliegenden Slavisch 
nur auf Verba bezogen werden können. Die allgemeine 
Grundbedeutung ist iterativ; die Iterativa treten 
aber in das im Slavischen besonders ausgebildete Ver- 
hältnis von Perfektiv- und Imperfektivverba ein, so daß 
der iterativen Form sehr oft nur imperfektive Be- 
deutung gegenüber perfektiven Verben gleicher 
Abstammung anhaftet (s. § 187). Die Perfektivierung 
der Verba durch Zusammensetzung mit Präpositionen 
(s. § 186) bringt es mit sich, daß auch die imperfektiven 
Deverbativa meist nur mit Präposition vorkommen. 

146. Die Bildung geschieht aus den zu Grunde 
liegenden (nicht iterativen) Verben mittels der For- 
mantia -va- oder -a- in folgender Weise: 

A. -va- wird angewendet: 

1. Bei allen vokalisch auslautenden einsilbigen 
Verbalstämmen = Wurzeln, z. B. dati perf. geben 
po'dati hingeben podavati, biti schlagen u-biti erschlagen 
vMvati, myti waschen u-myti abwaschen umyvati, greti 
wärmen s^-greti erwärmen shgrevati. Selten in andrer 
Form: dajati (präs. dajq dajesi) zu dati^ -stajati (präs. -stajq, 
â– stajesi) z. B. ostajati verbleiben zu perf. ostati ostanq. 

2. Bei den mehrsilbigen unveränderlichen 
Verbalstämmen auf -a-, -e- s. § 145, § 142. 2 a, z. B. 
kopati graben j^odzkopati untergraben podh-kopavati, konhcati 
perf. endigen konbvavati, priobhstati (gemeinsam machen) 
mitteilen priobhstavatij obestati versprechen obesfavati; izmq- 
dreti weise werden izniqdrevati, odoleti besiegen odolevati. 



§ 146.1 Der Verbalstamm. 179 

3. Bei den mehrsilbigen Verbalstämmen ver- 
änderlichen Auslauts e — i (s. § 140), veleti poveleti 
befehlen povelevati; doch sind hier solche Bildungen 
selten, die gewöhnhche s. u. B 2. 

B. -a- wird angewendet : 

1. Bei den einsilbigen Verbalstämmen (■-= Wur- 
zel), die auf einfachen Konsonanten auslauten 
(s. § 140). Dabei wird der ursprünglich kurze Wurzel- 
vokal e, 0, ^, h gedehnt. Hat das Verbum Ablaut e — ?>, 
i — % — 2), so geht die Dehnung von h o aus. Die 
einzelnen Fälle sind: 

e — e (dafür nach palatalen Konsonanten a) pletq plesti 
flechten s^plesti zusammenflechten s^plefat^, grebq greti graben 
(rudern) pogreti begraben pogrehati, tekq testi laufen istesti 
auslaufen istekafi. Statt e kommt auch i vor, davor tritt 
bei guttural auslautenden Wurzeln c für k, dz (z) für g 
ein, z. Fi. reka resti sagen naresfi benennen naricati (vgl. 
pre-rekati widersprechen), iegq zesti brennen (trans.) prizesti 
anbrennen prizagati (= *-gegati) und prizidzati, vgl. sonst 
po-grihatij ST}-plitati, 

— a (d. h. urspr. ö), hodq hosti stechen izbosti aus- 
stechen izbadati, mogq mosti können vermögen pomosti 
helfen pomagati. 

h — ?', z. B. chta cisti zählen citati lesen; — bera 
bbrati sammeln s^bhrati versammeln shbirati, mhrq mreii 
sterben timreti ersterben umirati, thra trü treti reiben 
istrü ausreiben istiraii, nachnq naceti anfangen nacinati^ 
khnq kl^ti fluchen zakleti verfluchen zaklinati. 

h — y, z. B. sil'q s^lat^ schicken posi>lafi hinschicken 
posyhti, usiynqü (= *s^pn^) einschlafen usypati; zovq z^vati 
rufen s^z^vat^ zusammenrufen soyzyvati^ d^mq dqti blasen 
nadati aufblasen nadymati. 

Hat die Wurzel des primären Verbs a e i u y^ also 
von Haus aus langen Vokal, oder e q (d. h. lautet sie 
ursprünglich aus auf Nas. -\- Konsonant), so ist zwischen 
primärem und iterativem Verbum kein Vokal- 

12* 



180 Das Verbnm. [§ 146. 

unterschied sichtbar, z. B. padq pasti fallen pripasti 
zufallen pripadati, sckq sesfi hauen ot^sesti abhauen othsekati, 
lizq (liiesi) lizati lecken oblizati {-Uzq, -lizesi) belecken 
oblizaü {-zajq), bl'iidq hl'usti wahren s^U'usti bewahren 
Sibiudati, f/njzq grißti nagen sigrysti benagen szgryzafi; 

trcsa tresti schüttehi oihfresti abschütteln ohtresati. Hat 

< < » < < 

die Wurzelsilbe des primären Verbums urspr. er, el vor 
Konsonant, also altb. re le, und daneben den Ablaut 
urspr. br bl, also altb. r 1, so geht die Iterativbildung 
von dieser Stufe aus, aber zwischen dem r l des primären 
und des iterativen Verbs ist. kein Unterschied wahrnehm- 
bar, z. B. vrza vresti öÖhen ohvresti eröffnen oi^vrzati. 
Die Gleichheit im Vokalismus des primären und des 
deverbativen Verbums ist aber vielleicht nur scheinbar; 
es ist möglich, daß im Ab. ein ursprünglich langer Vokal 
des primären Verbs zuweilen verkürzt, der des deverba- 
tiven wieder gedehnt war. Da die Quantität des Ab. nicht 
überliefert ist, kann darüber nichts ausgesagt werden. 

2. Bei den meisten Verben mehrsilbigen Stammes 
mit wechselndem e — i (s. § 142. 2 a). Hat die 
Wurzel kurzen Vokal, so tritt Dehnung ein: b — i, o — a, 
z. B. pombiieti geüenken pominaü, zbreti schauen luizhreti 
anschauen nazirati, pweti se dispuueren prephreti überreden 
prepirati, goreti brennen intr. razgoreti se in Feuer auf- 
gehen razgarati. 

3. Bei den mehrsilbigen Verbalstämmen auf -t-, 
s. § 143; das i geht vor dem -a- inj über und erleidet mit 
dem vorangehenden Konsonanten die nach § 39 gebotenen 
Lautveränderungen. Hat die Wurzelsilbe ein wie immer 
entstandenes o (= idg. o; o = e vor v), so wird es zu a 
gedehnt, alle andern Vokale erscheinen unverändert, z. B. 
celiti heilen trans. isceliti ausheilen iscel'ati, cistiti 
reinigen ocistiti ocistati, o-glasiti anrufen belehren oglasatiy 
s^-tnqtiti in Verwirrung bringen shtnqstati; roditi perf. 
gebären raidati, STf-tvoriti machen sztvar'ati^ prigvozditi 
annageln prigvazdati, obh-noviti erneuern (zu 7iovz = *nevos) 
ob^navl'ati. Seltener ist das auslautende i des Stammes 



§ 146 — 148.] Übersicht über den Formenbestand des Verbums. 181 

weggefallen, vgl. loüfi legen v^loziti einlegen vilagafi, 
lomiti brechen -lamati, chvatiti perf. ergreifen chvatati. 



II. Übersicht über den Formenbestand 

des Verbums. 



A. Finite Verbalformen. 

147. 1. Tempora. Vorhanden sind Präsens, 
Imperfektum (nicht das alte indog., sondern eine Neu- 
schöpfung des Sla vischen), Aorist (in verschiedenen 
Bildungsweisen). Es fehlen also von sonst in indog. 
Sprachen vorkommenden Tempora das Perfektum mit 
Plusquamperfektum und das Futurum. Doch ist das 
Perfektum ersetzt durch Umschreibung mittels eines Hilfs- 
verbums und eines partizipial gebrauchten Verbalnomens 
mit Formans -lo- (s. § 172). Das Futurum kann in 
bestimmten Fällen durch Umschreibung mit Hilfsverben 
und Infinitiv ausgedrückt werden, wird sonst durch das 
Präsens des Perfektiv verbums vertreten (s. § 189). 

2. Modi. Erhalten ist der Optativ präsentis, 
wird aber nicht im alten Sinne gebraucht, sondern ersetzt 
den im Slavischen verloren gegangenen ursprünglichen 
Imperativ. Außerdem ist gebildet ein Modus con- 
ditionalis (ursprünglich nur im Sinne der unerfüll- 
baren Bedingung verwendet) durch Umschreibung mit 
demselben Verbalnomen, das auch zum Ausdruck des 
Perfekts dient, und einem Hilfsverbum, dessen Form 
z. T. einem alten Optativ entspricht. Es fehlt also der 
ursprüngliche Konjunktiv. 

148. 3. Genera Verbi. Es ist nur ein Aktivum 
vorhanden; passive und mediale Verhältnisse werden aus- 
gedrückt durch Hinzufügung des Akkusativs des Reflexiv- 
pronomens se an die Aktivformen ; das Passi\nim auch 
durch Umschreibung mittels Partizipien passivischer 
Bedeutung. 



182 DasVerbum. [§149-151. 

149. 4. Personen. Erhalten sind alle drei Personen 
durch die drei Numeri Singular, Plural, Dual, 

B. Infinite Formen. 

150. Solche mit dem Verbum eng verbundene 
Nominalbildungen sind: 

1, Partizipien: Part, präsentis activi, Part. präs. 
passivi, Part, präteriti (perfecti) activi I (= dem alten 
indogerm.), Part. prät. act. II (ein erst im Slavischen 
partizipial gewordenes Substantiv mit Formans -lo-), Part, 
prät. passivi. — 2. Infinitiv (auf -ti). — 3. Supinum 
(auf -tb). 



ni. Einteilung in Konjugationsklassen. 

151. In der slavischen Grammatik ist man gewohnt, 
die Konjugation nach der Infinitivform einzuteilen, 
ein Erbteil aus der lateinischen Grammatik. Auch pflegt 
man dort der Tempusbildung zwei Stämme zu Grunde 
zu legen, den sogen, ersten oder Präsensstamm und den 
sogenannten zweiten oder Infinitivstamm (Nichtpräsens- 
stamm), und leitet vom ersten das Präsens mit seinen 
Partizipien, zum Teil auch das Imperfektum ab, vom 
zweiten alle andern finiten und infiniten Verbalformen, 
z. T. auch das Imperfektum. Bei einigen Gruppen von 
Verben geht diese Zurückführung auf zwei Stämme 
einigermaßen an, z. B. Präsensstamm delaje- : 2. sg. pr. delaje-si 
Part. präs. act. delajg^ pass. delaj-eim; Infinitivstamm dela: 
Aorist ri^k-cÄ 2>^ auch Im per f. dela-achz.Vart. prät. act. \dela-vT,, 
II dela-h, pass. dela-m, Inf. dela-ti, Sup. dela-th. Dagegen 
nützt bei manchem andern Verbum diese Zweiteilung, 
wenn man unter Stamm nicht bald dies, bald das ver- 
stehen will, gar nichts, z. B. beim Verbum dvigjiqti kann 
man 6 Stämme unterscheiden: dvigne- dvigno- Präsensstamm 
(2. sg. dvigne-si); dvigo- dvize- Stamm des einfachen Aorists 
(1. pl. dvigoim, 2. pl. dvizefe); dvigocho- dvigos- Stamm 



§ 151.J Einteilung in KonjugationsWaesen. 183 

des s- Aorists (1. plur. dvigochomz, 2. pl. dvigoste) ; dvig- 
Stamm des Part. prät. act. II {dvigh)\ dvignq- Infinitivstamm 
(dvigtiqt't); dvignu- (= *-weM-) Stamm des Part. prät. pass. 
{dvignovem). Bei andern braucht man vom slav. Stand- 
punkt aus nur einen vStamm, bei den Verben auf -i-, chva- 
li-si 2. sg. präs., chvali-ch^ Aor. usw. — In der folgenden 
Darstellung ist jener Gebrauch aufgegeben, und wenn der 
Ausdruck «zweiter Stamm» angewendet wird, darunter 
verstanden die neben den einsilbigen (wurzelhaften) Ver-, 
balstämmen und neben den Stämmen auf -u- stehenden 
Stämme auf -a- {her- hhra-ti, knpu- kupova-ti)^ so wie die 
Nebenstämme auf -m- (dvignqti). Die Einteilung geschieht 
hier nach der Bildung des Präsensstammes, d. h. 
nach den zwischen Verbalstamm (nach § 139) und Personal- 
endung stehenden formativen, die Präsensbildung charak- 
terisierenden Bestandteilen (PräsenssuflQxen, Präsensfor- 
mantien). Daraus ergeben sich folgende Klassen: 

Übersicht. 

I. Klasse. Präsensformans -e -o-. 

A. Einheitlicher einsilbiger Verbalstamm durch aUe 
Formen. 

B. Zweiter Stamm auf -a-, 

a) Konsonantisch auslautende Wurzel. 

b) Vokalisch auslautende Wurzel. 

II. Klasse. Präsensstamm auf -ne- -no-; zweiter Stamm 
auf -nq-, 

III. Klasse. Präsensstamm auf -je-. 
I. Primäre Verba. 

A. Einsilbiger Verbalstamm durch alle Formen. 

a) Konsonantisch auslautend. 

b) Vokalisch auslautend. 

B. Zweiter Stamm auf -a-. 

a) Konsonantisch auslautende Wurzel. 

b) Vokalisch auslautende Wurzel. 



184 Das Verbum. [§ 151. 152. 

II. Sekundäre, abgeleitete Verba. 

A. Einheitlicher gleicher Verbalstamm durch alle 
Formen; Stämme auf -a- und auf -e-. 

B. Zweiter Stamm auf -a-, Verbalstamm auf -u- 
(-M-, -ova-). 

IV. Klasse. Präsensstamm auf -i-. 

A. Einheitlicher Verbalstamm auf -i- (zugleich Prä- 
sensstamm) durch alle Formen. 

B. Veränderlicher Verbalstamm: -i- Präsensstamm, 
-e- Stamm der Nichtpräsensformen. 

V. Klasse. Athematische Verba. 

Weitere Einzelheiten s. in den folgenden Paragraphen. 

152. I. Klasse (Paradigmata s. § 194), Formans 
des Präsensstammes -e- -o-, z. B. nes-e-si; o-Vokal 
erscheint in der 1. sg. riesq, 3. plur. nesqU, ursprünglich 
auch in der 1. plur. und 1. dual. *neso-7m *nesO'Ve, die 
durch nese-tm nese-ve ersetzt sind im Anschluß an die 
zweiten Personen nese-te nese-ta. 

A. Der einheitliche einsilbige Verbalstamm 
geht durch alle Formen des Verbums. 

Vom slavischen Gesichtspunkt gehören hierher nur 
konsonantisch auslautende Wurzeln und solche auf -w-; 
über andre ursprünglich hierherzuziehende vokalisch aus- 
lautende s. § 154 I. Zur Charakteristik werden hier an- 
geführt (2. sg. präs. und Infinitiv): labial auslautender 
Verbalstamm (Wurzel) grebe-si greti graben rudern, tepe-si 
teti schlagen; dental plcte-si plesti flechten, pade-si pasti 
fallen; guttural pece-si = *peke- pesti backen, moze-si = 
*moge- mosti können, vrse-si = *vhrche- vresti dreschen ; auf 
5, z nese-si nesti tragen, veze-si vesti fahren; nasal pme-si 
p^ti spannen, dwne-si dqü blasen; auf r mhre-si mreti 
(= "^merti) sterben; auf -t<- plove-si (= ^pleve-; vgl. TrXe/iu) 
pluti schwimmen. 

Eine besondre Stellung nehmen die Verba lesti W. 
leg- sich legen und sesti W. sed- sich setzen ein, das 
Präsens hat Nasal vokal ^ .* l^gq leze-si^ s^dq s^de-si. Es 



§ 152 — 154.] Einteilung in Konjugationsklassen. 185 

sind Reste einer in andern idg. Sprachen, z. B. im Litau- 
ischen, stärker verbreiteten Präsensbildung mit infigiertem 
Nasal; zu s^dq part. s^dy vgl. preuß. sindens sitzend. — 
Über Ablaut in der Wurzelsilbe s. § 194 A. 

B. Es besteht ein zweisilbiger zweiter Stamm 

auf -a-. 

a) Bei konsonantisch auslautender Wurzel, 
z. B. here-si hwa-H sammeln, zide-si zbda-ü warten, thce-si 
(= *i^ke^) thka-ti weben. 

b) Bei vokalisch auslautender Wurzel, z. B. 
Tbve-si 7i>va-ti reißen raufen, pthve-si pthva-ti speien, zove-si 
zwaii rufen, kove-si kova-ti (ku-ti) schmieden. — Über 
Ablaut in der Wurzelsilbe s. § 194 B. 

153. IL Klasse (Paradigmata s. § 195); Präsens- 
stamm auf -ne- -no-, z. B. dvig-ne-si du bewegst, sta- 
ne-si du stellst dich. Zu diesen Präsentia gehört stets, 
soweit die Infinitive in der ab. Überlieferung nach- 
weisbar sind, ein Inf nitiv auf -nq-ti {dtng-nq-ti), also haben 
diese Verba einen zweiten Stamm auf -nq-^ mit Ausnahme 
von sta-ti zu stanq stanesi. 

Diese Präsensbildung entspricht einer indogermanischen 
auf -7i€- -no-, vgl. grieoh. t€|hviu 1. pl. Te)i-vo-|iev 2.Te^-V€-T€. 
Eine andre idg. Form Sing. -*neu-^ Plur -*7m-, vgl. altind. 
dhrsnömi dhrsnumds hr.t im Slavischen eine Spur hinter- 
lassen in dem anomaler Weise aus den Präsensstamm 
gebildeten Part. prät. pass. z.B. dvignov-em, wo -nov- = *-nev- 
(8. § 6. 4). 

154. in. Klasse (Paradigmata s. § 196); Präsens- 
stamm auf -je- Die Bildung ist ohne weiteres erkenn- 
bar, wenn -je- an ein vokalisch auslautendes Element 
tritt, z. B. zna-je-si zna-ü kennen, de-je-si de-ti tun, gni-je-si 
gni-ti faulen, kry-je-si kry-ti decken; dela-je-si dda-ti tun, 
cele-je-si celeti heilen intr., kupu-je-si kupovati kaufen. Tritt 
dagegen -je- an einen Konsonanten, so ist zu beachten, 
daß (nach § 39) j stets mit diesem eine Verbindung eingeht. 



186 Das Verbum. [§ 154. 

daher *plak-je-si place-si plakafi weinen, ^hy-je-si hze-si hgafi 
lügen, ^'met-je-si mesfesi mefafi werfen, ^igd-je-si z^zdeH iedati 
dürsten, '^plesk-je-si pleste-si pleskati lat. plaudere, ^slep-je-si 
siepl'e-si slepati sprudeln, *zoh-je-si zobl'e-si zobati picken, 
*dre)n-je-si dreml'e-si drc)iiati schlummern, "^pis-je-si pise-si 
pbsati schreiben, *vez-je-si v§ze-si v^zati binden, '^s^ch-je-si 
S7)se-si shchati trocknen intr., *st€l-je-si stel'e-si sthlati aus- 
breiten, ^sten-je-si stene-si stenati seufzen; narice-si (neben 
naricajesi) zu naricati, dvizesi (neben dvidzajesi) zu dvi- 
dzati, 8. u. 

Zur leichteren Übersicht über die sehr zahlreichen 
zu dieser Klasse gehörenden Verba sind sie hier in zwei 
Hauptgruppen, primäre (Wurzelverba) und ab- 
geleitete (Denominativa und Deverbativa) geteilt: 

I. Primäre Verba. 

A. Der einsilbige Verbalstamm (= Wurzel) 
geht durch alle Formen. 

a) Konsonantisch auslautende Wurzel, nur in 
wenig Beispielen vertreten: *zhn-je-si zme-si z^-ti schneiden 
ernten, ^mel-je-si mel'e-si mUti = "^melti mahlen, *bor-je-si 
hor'e-si brau = *borfi streiten kämpfen, *kol-je-si kol'e-si 
klati = "^kolti schlachten. — Vereinzelt steht mit Nasal 
im Präsens -reste-si (ob-r^stq ich finde, s^-resta ich begegne) 
= -"^ret-je- W. ret- Inf. -resti. 

b) Vokalisch auslautende Wurzeln auf -a-, -e-, 
-2-, -?/-, -w-, z. B. zna-je-si zna-ti kennen, se-je-si se-ti säen, 
gni-je-si gniti faulen, si-je-si si-ti nähen = *sjü-je- *sjü-ti 
lit. siüti, my-je-si my-ti waschen, {ob-)u-je-si -uti Schuh an- 
ziehen. — Vereinzelt steht dezde-si = ^'ded-je-si zu de-ti 
(neben de-je-si); es ist der Rest einer alten Reduplikations- 
klasse, ai. dadhämi, pl. dadh-mas, dem dadh- entspricht das 
im Slav. durch alle Personen durchgeführte ded- (s. § 156). 

Vom slavischen Standpunkt müssen in diese Klasse 
bezogen werden vokalisch auslautende i-Wurzeln, 
die also als Verbalstamm den Auslaut -i- haben, z. B. 



§ 154.] Einteilung in Konjugationeklaseen. 187 

bi-ii schlagen, pi-ti trinken, vi-ti wickeln ; deren Präsens hat 
als ältere Form phjn pbjesi, vhjq vbjesi usw.; da h nach 
§ 15 I 4 zu i gedehnt werden kann, auch pijq, vijq. Diese 
-hj- brauchen nicht notwendig auf i oder z zu beruhen, 
sondern können nach § 11. 4 = -ej- sein, vgl. zu vbjq 
viti lit. vejn vyti, dann wäre zu analysieren vbj-e-si und 
solche Verba gleich zu stellen mit zov-e-si, also ursprüng- 
lich zur KI. I zu rechnen. — So gehört auch poj-esi peti 
singen {e = oi) eigentl. zu I. 

B. Es ist ein zweiter Stamm auf -a- vorhan- 
den. Über Ablaut in der Wurzelsilbe s. § 196 B. 

a) Konsonantisch auslautende Wurzel; fast 
alle primären Verba der Klasse III haben bei konso- 
nantischem Wurzelauslaut den zweiten Stamm auf -a- 
(die wenigen Ausnahmen s. o. unter A a), z. B. v^ze-si v^zati, 
cese-si kämmen cesati, zizde-si zbdati bauen usw. — Dar- 
nach werden auch behandelt einige Denominativa mehr- 
silbigen Stammes, namentlich die Ableitungen von Sub- 
stantiven auf -otb^ -^th usw. (s. § 69. 13), z. B. npotati 
murren r^p^stesi, trepetati zittern trepestesi, klokotati wallen 
kloJiOstesi; ferner (öfter nur im Supr.) Deverbativa der 
Form § 146 B 1, namentlich bei gutturalem Wurzelaus- 
laut, z. B. naricati (zu na-rekq) 2. präs. naricesi. 

b) Vokalisch auslautende Wurzel, z. B. la-je-si 
laja-ti bellen, ve-je-si vejati wehen; bei den auf -e- aus- 
lautenden Wurzeln stehen bisweilen einheitlich durch- 
gehender Verbalstamm = Wurzel und zweiter Stamm 
auf -a- nebeneinanüer, so de-ti und deja-ti, se-ti und seja-ti. 

2. Sekundäre, abgeleitete Verba. 

A. Der gleiche Verbalstamm geht durch alle 

Formen. 

Hierher die mehrsilbigen Verbalstämme 1. auf -a- 
(§ 145); 2. auf -e-, z. B. dela-je-si dela-ti^ cele-je-si cele-ti 
(§ 142), 



188 Das Verbum. [§ 154-156. 

B. Es ist ein zweiter ^'tamm auf -a- vorhanden. 

Sämtliche Verba mit Verbalstamm auf -m-, z. B. kupu- 
je-si kupova-ti (§ 144); eine Infinitivbildung *ktipu-ti, die 
der von dela-ti cele-ti analog wäre, ist nicht vorhanden. 

155. IV. Klasse (Paradigmata s. § 197), Präsens- 
stamm auf -i-. Hier sin»! zusammengefaßt die Präsentia 
der Verba mit durchgehendem Verbalstamm auf 
-t- (§ 143), und die der Verba mit veränderlichem 
Verbalstamm auf -i- -e- (§ 141), weil die Präsentia im 
Slavischen völlig gleich erscheinen. Die Unterabteilungen 
beruhen nur auf der Verschiedenheit der Verbalstämme. 

A. Der Verbalstamm lautet einheitlich auf 
'i- aus, z. B. chvcdi-si chvali-ti loben. 

B. Der Verbalstamm ist veränderlich, Präsens 
-i-, Nichtpräsensformen -e- (-a-), z. B. vidi-si vide-ti sehen, 
bezi-si heza-ti laufen. 

156. V. Klasse (Paradigmata s. § 198), athe- 
matische Verba, d. h. solche, bei denen die Personal- 
endungen im Präsens unmittelbar an den Wurzelauslaut 
treten, während in den Klassen I — IV zwischen Wurzel 
und Personalendung stets irgend ein formatives Element 
steht. Die hierhergehörigen Verba: jesmh hyti sein, jarm 
jasti essen, damh dati geben, vemh vedeti wissen, sind 
spärliche Reste von z. T. ursprünglich häufigeren alten 
Bildungen verschiedener Art; so beruht damh auf Redu- 
plikation, vgl. ai. W. da- g'3ben: 

dädä-mi dad-mäs dad-väs 

dädä-si dat'thä dat-fMs 

dädä'ti ddd-ati dat-fäs, 

dessen Plural und Dual die schwächste Gestalt der 
Wurzelsilbe ohne Vokal zeigt, da-d- ; dem entspricht der 
slav. Plural und Dual, nur ist in die Reduplikationssilbe 
der lange Vokal aus den Nichtpräsensformen, da-ti, Aorist 
da-ch^, eingedrungen, daher Präsens plur. *däd-mz dmm, 
daste, dad^tb, dual. *dadve dave, dasta, daste. Vom Plural 
und Dual aus hat auch der Singular die schwache Form 



§ 156. 157.] Die Personalendungen. 189 

erhalten, daher *dädmh datnh, dasi, dasth. Derselbe Vorgang 
hat im Litauischen stattgefunden, in älterer Sprache dümi^ 
düsi^ düsti zu düü, preuß. 3. sg däst zu dätwei. Ursprüng- 
lich gehörte hierher auch das Präsens zu deti legen, vgl. 
ai. VV. dhä- (idg. dhe-): 

dddhä-rdi dadh-mäs dadhväs 

dädhä-si dhatthä dhatthds 

dädhä-ti dddhaii dhattds. 

Dem Plural und Dual würde entsprechen ein slavisches 
'^dedmz ^derm, "^'deste, "'â– 'ded^tb; "^dedve "^deve, *desta, "^deste, 
und ein, wie bei damh, dem Plu;al-Dual nachgebildeter 
Singular "^dedmh *demh, "^desi, ^dest7>. Diese früh verlornen 
Formen sind ersetzet durch Präsensbildung nach Kl. III 
von der Grundlage ded- aus, daher *dedjq "^dedjesi ab. 
dezdq desdesi usw. -— Über ima nh ich habe s. u. 199. 3. 



IV. D'e Personalendungen. 

157. Zur \ eranschaub'chung der Personalen- 
dungen und ihrer Verbindung mit dem Stamm sind 
unten aufgestellt fü- die sogenannten Primärendungen 
(des Präsens) eii. Präsens aus Kl. I vedq ich führe, das 
zugleich als Vert-eter der Kl. II und III dient, da diese 
genau üo flektiert werden, eins aus Kl. IV chval'q ich 
lobe, zwei aus Kl. V jarm = *ed'mh ich esse, jesmh ich 
bin. Zur Bestimmung der sog. Sekundärendungen 
dienen die Präterita und der Imperativ (= Optativ); 
sie sind unten gegeben durch ein Imperfektum vedeach^, 
durch drei Aoristformen: einfacher Aor. 'ntog^ ich konnte, 
s-Aoriste chvali-ch^ ich lobte, vesh ich führte, durch den 
Imper. vedi. 

Präsentia. 

I (I— in) IV 

vedq chval'q jamh = 

vede-si chvali-si jasi = 

vede-tb chvali-th jasto == 



V 




*ed-mh 


jes-mh 


"^ed-si 


jesi 


â– ^ed-tb 


jes-tb 



190 




Das Verbum. 




[§157.1 


I a-iii) 


IV 




V 




vede-rm 


chvali-tm 


jämz — 


*(!d-m^ 


jes-mi, 


vede-le 


chvalite 


jaste — 


â– ^ed-ie 


jes-fe 


vedqtb 


chval^tb 


Jadet^ — 


•^edetb 


satb 

< 


vede-ve 


chvali- vS 


jave — 


'â– ^ed-ve 


jes-vc 


vedetu 


chvali-ta 


jasta — 


â– ^â– ed-ta 


jes-ta â–  


vede-te 


chvali-te 


,iaste — 


Hd-te 


jeste 




Präterita 


L. 


Irap 


erativ. 


Imperfekt 


Einf. Aor. 


5-AoriBte 




vedeqch^ 


mogh 


chvalichz 


vesT) 




vedease 


moze 


chvali 


(vede) 


vedi 


vedease 


moze 


chvali 


(vede) 


vedi 


vedeacho-nvb 


mogo-ym 


chvalicho-rm 


veso-m^ 


vede-rm 


vedease-fe 


moze-te 


chvalis-te 


ves-te 


vede-te 


vedeacka 

< 


mogq 


chvalisp 


ves^ 




vedeacho-ve 


mogo-ve 


chvali cho-ve 


veso-ve 


vede-ve 


vedease- tu 


moze-ta 


chvalis-ta 


ves-ta 


vede-ta 


vedease- te 


moze-te 


chvalis-te 


ves-te 





158. Die einzelnen Endungen: 

L Sing, primär: -mh = idg. -m?, vgl. ai. as-mi, gr. d}ii 
=^ *es-mi, altlit. esml, ab. j-es-mh; in -q der thematischen 
Verba ist die Endung -m enthalten; -q kann nicht erklärt 
''Verden aus *-r7m, dessen ö = idg. ö, vgl. gr. cpepuu, wäre, 
l?ann aber zurückgeführt werden auf *-äm und wird dann 
gedeutet als 1. Sing. Konj., vgl. lat. feram = *-äm. Die 
in den übrigen Personen athematisch (ohne besonderes 
Präsensformans) flektierten Präsentia der Kl. IV haben 
das -q der 1. sg. entlehnt aus der Formation von I — III. 
— In -^ der Präterita ist enthalten -o-m (s. § 49 II 4) 
vgl. ai. a-vaha-m 1. sg. ipf., gr. e-cptpo-v. — Vereinzelt 
ist I. Sing, vede (neben vemh) zu vedeti wissen, vgl. gr. oiöa, 
der einzige Rest des idg. Perfekts im Slavischen, und zwar 
mit Medialendung, vgl. ai. tutude, lat. tutudi. 

II. Sing, primär: -sz der. athematischen Verba (oei diesen 
ursprünglich in allen slavischen Sprachen) kann rieht sein 



§ 158.1 Die Personalendungen. 191 

= idg. si, das hätte *-sh ergeben. Dies ist in der Form 
'Sb, nach Abfall des b als -s, in KL I — IV erhalten in allen 
slav. Sprachen (auch im Neubulgarischen) außer dem Alt- 
kirchenslavischen, wo -si allgemein ist: nese-si chvali-si. 
Wahrscheinlich ist in einem Dialekt des Altbulgarischen 
das -i im Auslaut der athem. Verba auf die andern 
übertragen worden. Das -.si wird aufgefaßt als alte Medial- 
endung = *sai (vgl. preuß. assai essei = '^esai, ab. j-esi 
du bist). Schwierigkeit macht das s in -sf> -si; -sb steht 
zunächst für *'chb. Da in Kl. I — III dem alten -si ein e 
vorangeht, kann s nicht zu ch werden (vgl. § 30), man 
müßte also annehmen, daß das in IV nach i notwendig 
entstehende *-chb -sb auf die ar.dern Präsentia übertragen 
sei. — Die Sekundärendung -s mußte nach § 48 abfallen, 
daher moze = "^nwges, vedi = '' vedois. 

III. Sing, und Plur. enden auf -tb. Die III. Plur. von I. 
ist aufzulösen in "^veclo-nU, die von \' in *ed-rifi (sqii sie 
sind weicht ab, es hat die Form der Präsensstämme auf -o-). 
Das -th dieser Endungen stimmt nicht zum idg. -ti, vgl. 
gr. ecTTi ab. j-esfh, cpepo-VTi (qpepoucri) ab. berqfh. Erhalten 
ist -ti als -tb im Altrussischen vedetb vedidb, z. T. auch in 
lebenden Dialekten als t' vedet' vedut' neben t (= -tb) in 
andern (gemeinr. ved'öt v'edüt). Das -th ist nicht sicher 
erklärt, nach den einen (Berneker KZ. 37. 370, Pede.-sen 
KZ. 38. 322) ist es aus -tb entstanden unter gewissen 
lautlichen Bedingungen, wie etwa im Satzsandhi, andre (Hirt 
IF. 17. 287) sehen darin die idg. mediale Sekundärendung 
-*fo-, beretb = qpepero; noch anders Fortunatov, Staroslav- 
janskoje-/^(Izv. 13. 2 S. 1 — 44j. — Die Auflösung der III. Plur. 
ckvaletb in Stamm und Endung würde gemäß dem Stamme 
ckvali- ergeben "^chvali-ntz mit Verkürzung des i '^'cJivalintb 
*chvahnt^; bei der Zurückführung von chval^tb auf diesen 
Lautbestand bleibt die Schwierigkeit, daß altes i mit Nasal 
sonst nicht zu Nasalvokal führt (s. § 46); vgl. Vondräk, 
Zu den Nasalen im Slavischen BB 29. 203. — Bei der 
enklitischen Anfügung des Ol.jekts -jb (eum) an die III. sing, 
plur., vedetb-jb Benenn, vedqtb-jb Ko;^mTXH, kann nach § 16. 3 



192 Das Verbum. [§ 158. 

^ zu y gedehnt werden: vedety-jh Be^eniH, vedqty-jh B6A<kt'Lih; 
wenn im nicht gedehnten vedetb-jb vedqtb-jb das auslautende 
6 geschwunden ist, kann nach 24 IV 4 entstehen vedetoj 
B6A6T0H, vedqtoj hcaatoh. — Über die Endung -tb in der 
2. 3. Sing. Aor. s. § 164. — Die Sekundärendung -t 
mußte abfallen (s. § 48), daher moie = *inoget, mogq = 
*mogqt = *mogo-nf, chvalise = *chvalichb7it für *-s-nt. 

I. Plur. primär und sekundär -rm, selten ab. -my ; 
my entsteht lautlich bei Anfügung des enklitischen Objekts 
-jh vedemy-jb Be^eMUH (daneben vedemo-j B€A6M0h, vgl. oben 
die in. Sing. Plur.), erscheint aber ..uch selbständig, doch 
fast nur im Cod. Supr. Sichre Vergleichung des -rm mit 
Formen andrer idg. Sprachen fehlt; im Gesamtslavischen 
finden sich die Endungen rm (-m), -me (vgl. dazu lit. veda-me), 
-mo, -my (dies vielleicht entstanden durch Anschluß an 
die I. plur. pron. my wir). — vede-rm statt des zu erwarten- 
den *vedo-m'b (vgl. den Aorist, z. ß. mogo-rm, und gr. qpepo- 
^ev, lit. veda-me) durch Anschluß an die U. Fers, vede-te; 
im Lit. ist umgekehrt die 11. veda-te der I. gefolgt. 

II. Plur., primär und sekundär -te, die altindog. En- 
dung, vgl. cpepe-TE, lit. veaa-te. 

I. Dual., primär und sekundär -ve, entspricht idg. 
mit V anlautenden Endungen, vgl. lit. veda-va, ai. IJiavävas. 
Das -e ist unklar, vielleicht auf Anschluß an die I. Dual, 
pron. ve (wir beide) beruhend (vgl. -my) — vedeve für *vedove 
(vgl. den Aorist, z. B. mogove) durch Anschluß an die 2. 3. 
vedeta vedete, lit. umgekehrt 2. vedata nach der 1. vedava, 

II. Dual., primär und sekundär -ta; -a ist alte Länge, 
vgl. lit. veda-ta, reflexiv vedato-si. 

III. Dual., primär und sekundär -fe, in den meisten 
Quellen ganz oder fast durchgehend, in Sav. daneben -te, 
im Supr. fast nur -ta. Die andern slav. Sprachen, die 
früher oder noch jetzt den Dual erhalten haben, kennen 
in der 3. nur -ta. 



§ 159. 160.J Die einfachen Tempora und Modi. 



193 



V. Die einfachen, nicht periphrastischen 
(nicht umschriebenen) Tempora und Modi. 



A. Präsens. 

159. Die Stammbikkmg ist in dem Abschnitt über 
die Verbalklassen (s. §§ 152 — 156). die Flexion bei den 
Personalendungen behandelt (s. §§ 157, 158). 

B. Imperativ. 

100. Der slavische Imperativ ist ein Optativ 
präsentis, dessen I. Pers. sing, und III. Pers, plur. nicht 
erhalten sind ; sie werden ersetzt durch die Personen 
des Indikativs mit Partikel da : da veda ducam (ut ducam), 
da vedqtb ducant (ut ducant), ducunto. — Gebildet wird 
dieser Optativ-Imperativ 1. bei den auf -e-, -o- auslauten- 
den Präsensstämmen (I. -e- -o-, II. -ne- -no-, III. -je- -jo-) 
durch Verbindung des Optativformans -i- mit dem Stamm 
auf -0-, der Optativstamm lautet also auf -oi- aus, vgl. 
q)epoi-)Li£v, daraus -e-, nach j und den durch Verbindung 
mit j entstandenen palatalen Konsonanten (Kl. Ilt) -i- ; 
-i für -Ol auch im Auslaut II. III. Person. 



vedi ( — 


*-ois) 


znaji 


pisi 


vedi ( — 


*-oit) 


znaji 


pisi 


vedetm 




znajirm 


Xnsitm 


vedete 




znajite 


jnsite 


vedeve 

t'orl Bin 




znajiva 

c'yjn'iif/r 


pisiva 

nisifn 



Bei den primären Verben der dritten Klasse 
(III. 1) hat in den ab. Quellen sehr früh der Plur. und 
Dual die Form der I. Kl. angenommen, z. B. pisarm 

Leskien, Altbulgarische Grammatik, J3 



194 



Das Verbum. 



[§160.161. 



pis'ate, d. i. *p\sem^ *pisete nach vedM,^ vedete zu einer 
Zeit, als diese vediaim vedeatm gesprochen wurden. Die 
abgeleiteten Verba (III. 2) delaja celejq kupujq haben solche 
Formen niemals, sondern nur ddajbm ciUjirm kiipu- 
jirm usw. 

2. Bei Klasse V ist das Formans im Plur. und Dual -i-, 
die schwache Form des Optativformans -in-, vgl. altlat. s-ies, 
gr. etri^ = *es-ie-s, ai. s-yä-s, pl. lat. sT-mus, eTjuev = *es' 
T-men. Der Sing, lautet aus auf -jsdh bei den auf -d aus- 
lautenden Präsensstämmen jad- (= *ed-\ dad-, ved- : jazdh 
= *jadjh (auch in übrigen slav. Sprachen stehen hier 
die V^ertreter von dj), usw. ; jesmh hat keinen Imper. von es-, 
sondern ersetzt ihn durch hqdi (zu hqdq ero, s. § 198). 
Das 'jh scheint irgendwie mit dem alten Formans des 
Singulars -ie- (aus dem slav. -;a- würde) zusammenzuhängen, 
doch ist es lautlich nicht damit zu vereinigen und es 
fehlt eine sichre Erklärung. Zu den verschiedenen An- 
eichten darüber vgl. Vondräk, Die Imper. daedh usw. 
ASPh 20. 54. 

— jaditm jadive 

jaidh jadite jadita 

jazdh — — 

Ebenso dazdh dadirm, vesdh vedirm, und nach diesem 
Muster auch zu videti vizdq vidisi sehen Imper. vizdb. 

3. Bei den Verben Kl. IV fällt der Stamm des Op- 
tativs mit dem des Indikativs zusammen: 

— chvalirm chvalive 

chvali chvalite chvalita 

chvali — — 

Doch ist die völlige Gleichheit nur scheinbar, in den an- 
dern slav. Sprachen unterscheiden sich vielfach die Im- 
perative durch Quantität und Betonung von den Indi- 
kativformen. 

C. Imperfektum. 

161. Das alte idg. Imperfektum, das den Präsens- 
Btamm mit den sekundären Personalendungen aufweist, 



§ 161.J Die einfachen Tempora und Modi. 195 

vgl. gr. 9eu-fULi ^-qpeu-fo-v, 3. pl. qpeu-fo-vTi (qpeuxoucri) 
^-qpeu'fO-v(T), ist im Sla vischen verloren gegangen. Es 
müßte lauten z. B. zu vezq ich fahre: 



Sing, *vez^ ai. avaha-m 


Plur. *vezoim 


ai. 


a-yahä-ma 


*veze a-vaJia-s 


*vezete 




a-vaha-ta 


*veze a-vahci't 


*vezq 




a-vaha-n 


Dual. *vezove ai. 


avahüva 






*vezeta 


a-vaha-tam 






*V€Z€te 


a-vaka-täm. 







Bei vielen Verben mußte dies alte Imperfektum mit 
dem einfachen Aorist in allen Personen völlig zusammen- 
fallen, so würde z. B. ein Aorist mogz, wie er gebräuchlich 
ist, von einem Impf, *mog^ nicht zu unterscheiden sein, 
da der Präsens- wie der Aoriststamm das gleiche Formans 
-0- -e- haben. Das mag zum Verlust des Imperf. bei- 
getragen haben, auch da^ wo die Verschiedenheit der 
Formantien in Präsens und Aorist eine formale Unter- 
scheidung bestehen ließen, z. B. Imperf. *shchm Aor. s^ch^. 

An die Stelle ist eine slavische Neubildung 
getreten. Deren äußere Bildungsregel ist: 

1. Unmittelbar an den Verbalstamm tritt das 
Element -aclih\ 

a) Bei den Verben Kl. III 2 A, Verbalstämme auf -a- 
und auf -e-, dela-ti dela-ach^, cele-ti cele-achh. 

b) Bei den Verben von Kl. IV B, an den Stamm 
auf -e, vide-ti vide-aclvh. 

c) Bei den Verben, die einen zweiten Stamm auf -a- 
haben, an diesen: herq bhra-ti (Kl. I) hhra-achi^ v^zq v^zati 
(Kl. III 1 B) v^za-ach^, kupujq kupovati (Kl. III 2 B) kupova- 
ach^. Doch kommt hier vereinzelter auch die Bildung vom 
Präsensstamm vor: zovq Zhvati — zoveach^ und z^vaach^^ 
besedujq hesedovati — 'besedujaacll^ und besedovaach^. 

2. Bei allen andern Verben endet das Imper- 
fekt auf -each^; das e muß nach Gutturalen und Pala- 
talen zu a werden; also Kl. I vedq — vedeachh^ tekq — 
tecaachh = *tekeach^, Kl. II sT)Chnq — s^chniach^, Kl. III zhnq 

IS« 



196 Das Verbum. [§ 161. 

— ehnoiichi^ sejq — sejaachh = *•jeach^] Kl. IV A chval'q. 
chvali'si — chvaVaachh = *chvalj-eachz. Die Abhängigkeit 
vom Präsensstamm ist deutlich bei Kl. II und III durch 
die Formantien mit n und j. 

Alle Imperfekte werden gleich flektiert, z. B. 

vedeachb vedeachoim vedeachove 

vedease vedeasete, vedäaste vedeaseta, vedeasfa 

vedease vedeacha vedeasete, vedeaste. 

Die Nebenformen sind Nachahmungen der Flexion des 
s- Aorists (s. § 163). In den Quellen findet sich neben 
vedea/ikb auch vedechh, neben delaacJn usw. -ach^ (in Sav. 
nur so), durch Kontraktion; die nicht kontrahierten Formen 
sind die älteren. 

Die Erklärung dea slav. Imperfekts ist ganz unsicher. 
Man pflegt vedeachi aufzulösen als vede-jach^, vgl. dazu 
Schreibungen des Supr. wie rp^A'^niue 1. gr^dejase, TBOptAifHoe 
= tvor'ajase, und erklärt -jacJl^ als '^esom, d. h. als ein 
altes augmentiertes Imperfektum der W. es- (e + e = e) 
mit Stamm auf -o- -e- : *jas^ *jase *jase *jasojm usw. 
Das ch für s, das nach e nicht entstehen kann, müßte 
durch Anschluß an die Aoriste auf -cÄ2» usw. erklärt werden ; 
*-jas^ -jach^ sei angetreten an einen Stamm auf -e- = idg. 
'B-j der Analoga in andern idg. Sprachen hat, vgl. griech. 
Aor. pass.-med. wie d-jidvr|-v (zu )iaivo)aai), lit. Präterita 
mit Stamm auf -d- z. B. 1. plur. vede-me wir führten. 
Möglich ist auch die Auflösung in *vede'jech^ für *vede' 
echz (wo *ech^ augmentloses Imperf. von es- wäre), daraus 
vedeecJvb vedejachi vedeach^, vgl. noveamz für novejemh Loc. 
sg. best. Adj. (s. § 114. 3 b). Vgl. Jagiö, Nochmals 
das slav. Imperf., ASPh 28. 27, und die dort angeführte 
Literatur; zuletzt Baudiä, IF. 23. 135. — Die Imperfekta, in 
denen -ach^ unmittelbar an den Verbalstamm tritt, erklären 
sich dadurch, daß -acH als das eigentlich Charakteri- 
stische des Tempus empfunden wurde und die Beziehung 
zum Präsens lautlich verdunkelt ist, ein vedeachi konnte 
leicht ein celeachh videachi^ ein sijaach^, tecaach^ ein dilaach^ 
hbraachi usw. nach sich ziehen. 



§161.162.] Die einfachen Tempora und Modi. 



197 



Das Imperfekt zu hy-ti sein (Präs. jesmh) lautet heackb, 
flektiert wie rc^^ac/i^ ; daneben steht hech^^ aoristisch flektiert, 
aber mit der Bedeutung des Imperfekts: 

hech^ bechotm bechove 

he beste besta 

he besp beste. 

Es ist hier schwerlich Kontraktion aus beach^ und späterer 
Übergang des becH in die Aoristform anzunehmen; der 
Stamm be- aus ^bhue- findet sich auch im preuß. be, bei 
er war. 

D. Aorist. 
I. Einfacher Aorist. 
162. Der Stamm lautet auf -o- -e- aus, wie der 
des Präsens von Kl. I, vgl. das Verhältnis von gr. Präs. 
qpeufo-^ev Aor. e-cpu^o-juev, 9euTe-Te Aor. e-cpuTe-re. Ge- 
bildet werden kann diese Aoristform nur: 1. von den 
konsonantisch auslautenden einsilbigen Verbal- 
stämmen der Kl. I A, die also keinen zweiten Stamm 
auf -a- neben sich haben; doch vermeiden auch hier die 
auf Nasal auslautenden {phnq pgti, £hmq z§ti) diese Aorist- 
bildung, und die auf r auslautenden {thrq trti treti) kommen 
nur in der 2. 3. Sing, so vor; — 2. von den konso- 
nantisch auslautenden Verbalstämmen der Kl. II, 
z. B. dvig- (dvignati); — 3. zu i~ti gehen vom Stamm 
des Präsens idq idesi : idh ide usw.; — 4. zu einem 
Verbum Kl. III Präs. {ob-, si-) r^stq (s. § 154 III 1 A a): 
-retb -rete usf. 



Zu I. mogq 


mosti 


Zu 


II, 


, dvignq, dvi 


können 






nqti bewegen 


mog^ 








dvig^ 


moze 








dvise 


moze 








dvize 


mogom-b 








dvigomz 


mozete 








dvizete 


mogq 








dvigq 



198 Das Verbum. [§ 162. 163. 

mogove dvigove 

mozeta dvizeta 

mozete dvizete. 

Diese Aoristform ist von den Verben der I. Kl., 
die an sich lautlich in Betracht kommen könnten, nur in 
wenigen Fällen belegbar, abgesehen von der allgemein 
bildbaren 2. 3. Sing., die der Personenreihe des s-Aorists 
(s. § 166) eingefügt sind; am häufigsten zu idq iti: 
1. sg. id^, 1. pl. idorm^ 2. pl. idete, 3. pl. idq, 3. dual, idete, 
und zu mogq mosti : 1 . sg. mog^, 1 . pl. mogorm, 3. pl. mogq^ 
3. dual, mozete; sonst fast nur in der 3. plur. : zu vrgq 
vresti werfen — vrgq; kradq krasti stehlen — kradq; padq 
pasti fallen — padq; s^dq sesti sich setzen — 1. sg. sM^, 

1. pl. sedo7m, 3. pl. sMq; tr^sq tr^sti schütteln — 1. sg. tr^s^y 
3. pl. trpsq; jadq ich fahre — 3. pl. m>-jadq. Verba mit 
e in der Wurzelsilbe des Präsens bilden diesen 
Aorist überhaupt nicht, also kein *nes^ *ved^ *teJch 
zu nesq vedq tekq, abgesehen von der 2. 3. sg. nese vede 
tece. Etwas häufiger sind die Belege aus Kl. II, aber 
auch hier mit wenig Ausnahmen, abgesehen von der 

2. 3. sg., nur die 3. pl.: begnqti entlaufen — oi^-begq, vyk- 
nqti gewohnt werden — na-vykq, glhbnqti anhaften — 
u-ghbq, gybnqti zu Grunde gehen — po-gyhq^ dvignqti be- 
wegen — 1. sg. dv^g^^ 3. pl. dvigq^ zasnqti sp erschrecken — 
u-zasq s^, z^hnqti keimen — pro-z^bq, irbs-krhsriqÜ auf- 
erstehen — v^S'krhsqJ kysnqti sauer werden — viyskysq^ 
mjknqti verstummen — u-mlkq^ niknqti in die Höhe 
kommen — vzz-nikq, nhznqti einstecken — u-mzq^ pri- 
svpiqti {sv§d-) ansengen intr. — pri-sv^dq^ s^chnqü trocknen 
intr. — 1. sg. isrbch^ = Hz-s^cJvb, 3. pj. -swkq, tonqti (top-) 
untersinken — -topq^ izkriqü anstoßen — po-tbkq, chr^mnqti 
lahmen — u-chrbmq, ceznqti verschwinden — 3. dual. 
istezete d. 1. is-cezete^ 3. pl. iste^q. 

TL. s-Aorist. 
163. 1. Der Aoriststamm wird gebildet durch 
ein unmittelbar an den Verbalstamm tretendes 



§ 163. 164.] Die einfachen Tempora und Modi. 199 

5-Formans, das vor den Personalendungen bald thema- 
tische Form hat, in den ersten Personen, bald athema- 
tische, in den übrigen: 

-s^, -ch^ = *-50-m -so-tmj -chomh -so-ve, -chove 

— ^ die ausl. Kons, -s-te -s-fa 

— / (2. 5, 3. t) abge- -se, -sp für *ch^ -s-te. 

fallen nach § 48 '*snt 

Die verschiedenen Gestalten, in denen dieser Aorist 
auftritt, sind erzeugt teils durch die Verschiedenheit der 
Verbalstämme, teils durch das Verbleiben von s oder 
seine Wandlung in eh. Darnach ergeben sich folgende 
Formen : 

164. A. Sämtliche vokalisch auslautende Ver- 
balstämme, seien sie einsilbig (= der Wurzel) oder 
mehrsilbig, haben nur eine gleiche Art der Aoristbildung, 
sie fügen -chz] -chorm, -ste, -sp; -chove, -sta, -sie an den 
Verbalstamm; die 2. 3. sg. ist ohne Endung und fällt 
mit dem Verbalstamm zusammen, z. B. zu kryti kryjq, 

decken 

krychz krychorm krychove 

kry kryste krysta 

kry krysp kryste, 

ebenso znati znajq kennen : znach^ zna, piti phjq trinken: 
pich^ pi^ peti pojq singen: pechh pe; chvaliti chval'q loben: 
chvalich^ chvali, videti vizdq sehen : videch^ vidi; delati 
delajq tun: delachh dela, celeti celejq heilen: celech^ cele 
usw. — Bei den Verben, die einen besondren 
zweiten Stamm auf -a- haben, bildet dieser die 
Grundlage des Aorists ausnahmslos, daher berq 
hhrati sammeln: bhrachz hhra, kupujq kupovati : kupovach^ 
kupova usw. — Vom zweiten Stamme auf -nq- (Kl. 11 
§ 153) muß der Aorist gebildet werden bei vokalisch 
auslautendem Verbalstamm (= Wurzel), z. B. mi-nq 
mi-ne-si mi-nq-ti vorübergehen: m\nqcll^ minq usf.; er 
kann so gebildet werden auch bei konsonantisch aus- 
lautendem Verbalstamm, z. B. zu dvignqti: dvignqch^ dvignq, 
doch sind solche Formen in den Evangelien noch recht 



200 Das Verbum. [§164.165. 

selten; nur einige Verba, 'kosnqti berühren, u-seknati 
enthaupten, brauchen fast ausschheßlich die Form auf 
-n/lch^; sonst ziehen diese Verba andre Aoristbildungen 
vor (s. §§ 162 u. 168). 

Das s des Aorists konnte nach alter Regel (s. § 30), 
wenn es zwischen Vokalen steht, nur nach i- und 2<-Lauten 
zu ch werden, daher ist normal krych^ picJn chvalich^ usw. ; 
das allgemeine Auftreten des ch nach beliebigen Vokalen, 
dela-chh vid^-ch^ usf., muß auf Ausgleichung mit jenen 
beruhen. 

Nach der gewöhnlichen Ansicht hat die 2. sg. auf 
-SS, d. h. Aoristformans + Personalendung, die 3. auf -s-t 
ausgelautet, also z. B. 2. da = *dös-s, 3. da = *dös-t; die 
Konsonanten mußten abfallen (§ 48). Allein man kann 
zweifeln, ob Formen wie *döss existiert haben, und an- 
nehmen, daß zu Grunde liegen *dö-s *dö-t d. h. Formen 
des einfachen Aorists = ai. a-däs a-dät, vgl. 2. sta 3. sta zu 
statt sich stellen mit gr. l-aTr\-(; ?-crTTi(-T), ^-ßn? ^-ßnC'^) u. ä. 

Die auf i und e auslautenden einsilbigen 
Verbalstämme (Wurzeln) können in der 2. 3. sg. 
die Endung -th annehmen, z. B. zu viti wickeln 
po'vi-tb, zu peti singen pe-tb. Diese ist der 3. sg. präS' 
entlehnt, und im Aorist wiegen der dortigen Gleichheit 
der 2. und 3. auch auf die 2. übertragen ; über sonstiges 
Vorkommen dieses -tb s. § 166. Statt der 2. 3. sg. 
by, da (1. sg. bych^, dach^ zu hyti, dati) kann gebraucht 
werden und wird meist gebraucht hyst^, dastb; hier ist 
das -stb ebenfalls aus der 3. sg. ^r. jestb, dastb entnommen 
(über jastb er aß s. § 166). 

165. B. Von konsonantisch auslautenden 
einsilbigen Verbalstämmen (= Wurzel) kommen 
durch besondre Lautverhältnisse zwei Formen zustande; 
man unterscheidet sie als 5- und cÄ-Typus, je nachdem 
das aoristische s als solches verblieben oder in ch über- 
gegangen ist. Diese Formen des Aorists können nur 
angewendet werden bei den lautlich in Betracht 
kommenden Verben von Kl. I, und bei hrati hor'g 



§ 165. 166.] Die einfachen Tempora nnd Modi. 201 

streiten, klati kol'q schlachten, mlefi meVq mahlen, z§ti 
zhnq schneiden, ernten (§ 154, Kl. III 1 A a). 

106. I. s- Typus. Wenn das Aoristformans -s^, -sorm 
-ste -s^, 'Sove -sta -sie an die Wurzelauslante t d p h s z 
tritt, so schwinden diese vor 5, s bleibt als solches er- 
halten (s. § 30; doch s. § 167); Vokal -f- Nasal werden vor 
dem s zu Nasalvokal, s bleibt. Bei Wurzelauslaut t d p b 
s z erscheint der Wurzelvokal gedehnt oder (ursprünglich) 
diphthongisch : e — e, o — a (d. i. o), h — i (d. i. ei), 
z. B vedq — vm, bodq — bas^y cbfq, — cis^. Lautet die 
Wurzel auf r + Kons, aus, z. B. vrzq. = *vhrzq vresti = 
*v€rsti binden, so ist im Aor. vres^ nicht zu er- 
kennen, ob urspr. *vers^ oder ^versi) anzusetzen; ebenso 
kann bei nasalem Wurzelauslaut, z. B. phnq p^fi, im Aorist 
p^s^ nicht erkannt werden, ob er = *j;«sow, *pensom 
oder *pensom ist, da alle diese Lautgestalten das gleiche 
Resultat ergeben. — Vom Aorist der auf t d p h s z aus- 
lautenden Wurzeln wird die 2. 3. sg. nicht gebildet, 
sondern vertreten durch die Personen des nicht 
zusammengesetzten Aorists, z. B. ves^ vede vede, bas^ 
bode bode ; die auf Nasal auslautenden haben 2. 3. sg. 
pe pp = '^'p^s-s'i p^s-f? oder pes'i pf-fi (vgl. § 164 die 
Bemerkung über da)^ daneben sehr häufig i?f-fe, dessen -tb 
zu erklären wie das von vi-th usw., s. § 164; in den ab. 
Quellen keine 2. 3. sg. "^phne. 

Beispiele: Aorist zu vedq vesti führen,. 
pb)iq p^ti spannen. 
ves'^ p^s^ 

vede p^, pptb 

vede p§, p^ 



vesoTm 


p§somL 


veste 


peste. 


vesp 


p^p 


vesove 


p^sove 


vesta 


p§sta 


veste 


p^ste. 



202 Das Verbum. [§ 166. 167. 

Zu jamh W. jaä- = *^i- essen lautet der Aorist jasi, 
in Zusammensetzung mit Präposition 2. 3. sg. iz-e; wenn 
dies anzusehen als *ed-s *ed-st, d. h. als s- Aorist alter 
Bildung, so wäre es der einzige erhaltene Rest der 2. 3. sg. 
dieser Aoristbildung. Wahrscheinlich liegt aber eine 
Analogiebildung nach den vokalisch auslautenden Verbal- 
stära men vor, nach da-chh da da ist zu jas^ jach^ = 
*es^•, zu ch(s. § 167) hinzugebildet {iz-)e, zumal die 3. sg. des 
Aorists außerhalb der Zusammensetzung immer jastb heißt, 
wie dash, das -sti zu erklären wie bei diesem, s. § 164. 

167. II. cÄ-Typus. Wenn das Aoristformans -s^ 
usw. an den Wurzelauslaut k und g (das vor 5 zu A; wird), 
r, l tritt, so muß s zu ch werden (nach § 30); kch wird 
zu einfachem k. Bei Wurzelauslaut k g tritt im Aorist 
Dehnung von e zu. i ein; diese Aoriste haben ebenfalls 
keine 2. 3. sg,, sondern ersetzen sie durch die Personen 
des einfachen Aorists (vgl. § 166), z.B. rekq resti : rech^ 
rece reÖe. — Bei Auslaut r, l, z. B. mhrq *merti mreti : 
nirecJa, koVq *koUi klati : klach^ ist nicht zu entscheiden, 
ob *merso7n oder '^mersom, *kolsoM oder *kölsom zu Grunde 
liegt; diese Aoriste haben 2. 3. sg. mre kla. — Die Verba 
ihrq sreti = *zerti (fressen, opfern), daneben Inf. erti = 
*zbrti, thrq trSti = *terti, daneben trti = *thrti (reiben), 
können den Aorist von der Wurzelform hr- ihr- bilden, 
daher *zhrch^ irchz, '^'thrch^ trch^ tr (geschrieben »ip'Ljci, 
TpixT» ipi usw.). — Neben 2. 3. sg. auf -e steht -e-tz, so 
sehr oft u-mreth er starb neben u-mre^ vgl. vi-th^ p^-tb und 
ebenso zu erklären (s. §§ 164 u. 166). Beispiele: Aorist 
zu rekq resti; mhrq mreti; zhrq zrti ; kol'q klati. 



rech^ 


mrech^ 


zrckb 

o 


klachb 


reöe 


mre, mrei^ 


zr 

o 


kla 


rede 


mrij mreti 


zr 

e 


kla 


rech(yim 


^rechom^ 


zrchomi 




klachorm 


reste 


mreste 


zrste 

o 


klaste 


res^ 


mres^ 


zrs^ 


klas^ 



§ 167. 168.] Die einfachen Tempora und Modi. 203 

rechove mrichove zrchovi klachovi 

resta mresta ersta klasta 



riste mreste erste klaste. 

Bei dem starken Überwiegen des cA-Typus, dem auch 
die ganze Masse der Aoriste von vokalisch auslautenden 
Verbalstämmen sowie die unten (§ 168) behandelte Bil- 
dung angehört, erklärt es sich, daß zuweilen der alte 
s-Typus aufgegeben und sekundärerweise durch den 
cÄ-Typus ersetzt wird, z. B. zu m^tq m^sti umrühren ver- 
wirren 3. pl. m§s^ (wie res^ dasp usw.) statt m^sp. Ge- 
wöhnlich ist aber dieser Übergang nur beim Aorist von 
jamh jasti, z. B. 1. pl. jachorm statt jasorm, 3. pl. jasp statt 
und neben jasp. 

168. 2. Das Aoristformans — in der Gestalt 
• ch^^ -chorm -sie -s^, -chove -sta -sie — tritt nicht 
unmittelbar an den Verbalstamm, sondern an 
einen aus der Wurzel, in diesem Falle stets 
konsonantisch auslautend, erweiterten Stamm 
auf -0-, z. B. veS'ti vedo-chz, dvig-nq-ti dvigo-chz. Die 
2. 3. sg. fehlt und wird ersetzt durch die Formen des 
einfachen Aorists : vede, dvize (vgl. §§ 166, 167). Gebildet 
werden kann diese Aoristform nur 1. von Verben Kl. I A, 
d. h. bei durchgehendem konsonantisch auslautendem Ver- 
balstamm ohne zweiten Stamm auf -a-, doch vermeiden die 
auf r und auf Nasal auslautenden diese Form, also kein 
*pbnochz *mhrochz; 2. von den Verben der Kl. II bei 
konsonantisch auslautender Wurzel. — Beispiele. Aoriste 
zu vedq vesti, dvignq dvignqti. 

vedochz dvigochz 

vede dvize 

vede dvize 



vedochorm 


dvigockorm 


vedoste 


dvigoste 


vedosp 


dvigosp 


vedochove 


dvigochove 


vedosta 


dvigosta 


vedoste 


dvigoste. 



204 Das Verbum. [§ 168. 169, 

Einige Quellen (Mar., Psalt.) kennen diese Aoristform 
gar nicht, einige haben sie nur selten, in andern (Supr., 
Sav.) ist sie gewöhnlich. Eine sichre Erklärung fehlt 
und es ist ungewiß, ob die Bildung auf eine altindog. 
Aoristbildung zurückgeführt werden kann. Vielleicht ist 
sie innerhalb der slavischen Entwicklung aus dem ein- 
fachen Aorist so entstanden, daß in dessen Formen, die 
den Stamm auf -o- haben, 1. pl. z. B. mogo-rm, 1. dual. 
mogo-vCj die Personalendungen -nl^, -ve durch die deut- 
licheren Aoristendungen des s-Aorists -chorm -chove ersetzt 
sind: ynogo-chorm, mogo-chove, und diese Bildung dann 
durchgeführt wurde: mogoch^ usw. Die Formen mogorm 
mogove fielen einst lautlich mit dem Präsens *mogo-rm 
*mogove (später in historischer Zeit mozerm mozeve) zu- 
sammen. Annehmbarer würde diese Erklärung, wenn 
man annehmen kann, daß die entsprechenden Aoriste 
der westslavischen Sprachen auf die gleiche Weise von 
den Formen des einfachen Aorists weitergebildet wären, 
die den Stamm auf -e- haben, 2. pl. mozete 2. dual, mozeta, 
3. dual, mozete und mozeta. Die westslavischen Sprachen 
haben nämlich vor dem Aoristformans nicht o, sondern e, 
z. B. altö. mozech, 3. dual, mozesta. Freilich kann man 
das e auch so deuten, daß mozech entstanden sei durch 
Anschluß an 2. 3. sg. moze und ein altes mogockh verdrängt 
habe. 



VI. Verbalnomina. 

Partizipien, Infinitiv, Supinum. 



169. A. Partizip präsentis activi. Der Stamm 
hat ursprünglich konsonantischen Auslaut auf -nt-; dies 
tritt in den Kl. I — III an den auf -o- auslautenden 
Präsensstamm, also vedq : *vedont- vedqt-, dvignq : '^dvignont- 
dvignqt-j znajq : ^znajont- znajqt-, pisq (= '^pis-jq) : *piso7it- 
pisqt-, delajq *delajont- delajqt-. Auch die Verba von Kl. V 



§ 169.] Verbalnomina. 205 



haben im Partizip einen Stamm auf -o- : jamh (jad-): 
*jad(ynt- jadqt-, damh: (dad-) '^dudont- dadqt-, jesmb: "^sont- 
sqf-, vemh (ved-): *vedoyit- vedqt-. In KI. IV, Präsensstamm 
auf -i-, chvali-si vidisi, lautet der Partizipialstamm auf -^t- 
aus, chval^t- vid^t-, und bereitet der Analyse dieselben 
Schwierigkeiten wie die 3. pl. chval§th viddh (s. § 158). — 
Die Deklinationsformen des konsonantischen Stammes sind 
nur erhalten in Kom. sg. msk., Nom. pl. msk., Nom. sg. 
fem. : Nom. sg. msk. '^vedonts, daraus '^'vedons und vedy, 
*znajonts, daraus '^■znajons und schließlich ztiaje (s. § 49 III 2). 
Es lautet daher der Nom. sg. msk. der Kl. I und II 
auf -?/, der der Kl. III auf -je -'p aus. In Kl. IV ergab 
*chval^fs ein chval§ ; dies -e hat zum unterschiede von dem 
-e in Kl. III niemals (durch j) palatalisierten Konsonanten 
vor sich, vgl. z. B. . III mefati mestq werfen: mesk^ mit 
IV vratiti vrasta wenden: vrate : wo in Kl. IV c z s vor e er- 
scheinen, beruhen sie auf dem folgenden palatalen Vokal, 
z. B.uciti 2<crt lehren: uce, loziti /oia legen : loze.vrsiti vrsaivrse. 
Der Nom. sg. ntr., urspr. *vedont, '^znajoiit, mußte, wenn die 
Regel durchsteht, daß in auslautenden Silben -y nur ent- 
steht aus -0 -\- 7iSj -je aus -jo + ns, ergeben "^vedqt '■^•vedq, 
*znajqt '^znajq, er lautet aber wie die Maskulinform vedy 
znaj^. Das Neutrum '^chvalet konnte nur chvale ergeben, 
fiel also von selbst mit dem Maskulinum zusammen; 
vielleicht ist dies der Anlaß gewesen, auch vedy znaj^ als 
neutral zu brauchen. Bemerkenswert ist, daß die Formen 
vedy znaje fast nie als Akk. sg. ntr. erscheinen, sondern 
der Akk. vedqste znajqste lautet. — Nom. pl. msk. '-^vedonte 
^znajonte *chval^te sind umgebildet in vedqste znajqste 
chvalfste nach den andern Pluralkasus (s. u.). Nom. 
sg. fem. ^vedonti '^■znajontj "^chval^ti (vgl. lit. vedü : 
vedanti, wo -i = *-/} sind umgebildet nach den folgenden 
Kasus zu vedqsti znajqsti chvalesti (vgl. den Komparativ 
§ 99 Bern. 2 und 4). — Die übrigen Kasus gehen aus von 
einem Stamm auf '■^•nt-jo- (vgl. den Kompar. § 99 Bern. 3), 
tj wird st, das sekundärerweise auch in den Nom. sg. 
fem. und den Nom. pl. msk. eindrang. — Der Nom. pl. 



206 



Das Verbum. 



[§ 169. 170. 



ntr. hat (selten) die Endung -i statt -a, z. B. dvis^sti-ja 
(bestimmte Form) xd ^pTTOVia. — Paradigma: 



msk. 
vedy 
vedqsta 
vedqstu 

vedasth 

« 

vedastemh 
vedqsti 

vedaste 

vedqstb 

vedqste'tm 

vedqst^ 

vedqsti 

vedqstichi 



ntr. 
vedy 

wie Mask. 

vedaste 

< 

wie Mask. 

vedqsta 
wie Mask. 

vedqsta 
wie Mask. 



fem. 
vedqsti 
vedqst§ 
vedqsti 
vedqsfq 
vedqsfejq 

vedasti 

< 

vedqstf- 
vedasth 

vedastarm 

< 

vedaste 

< < 

vedqstami 
vedastach^ 



vedqsti vedqsti 

. Ti, , vedastu 
wie Mask. /„. 



vedqsta 
vedqstu 
vedqstema vedqstama. 

Nach diesem Muster dvigny dvignqsta, jady jadqsta, 
znaj^ znajqsta^ pisf pisqsta, chval§ chvalfsta usw. Die zu- 
sammengesetzte (bestimmte) Deklination des 
Partizips: Nom. sg. msk. vedy-jh Be^UH, ntr. vedqste-je, 
fem. vedqsti'ja^ Nom. pl. msk. vedqste-ji R6A^ujt€h; die 
andern Kasus genau nach dem Paradigma des weichen 
Adjektivs (s. § 113). Der Nom. pl. msk. hat in der 
unbestimmten Form selten -i statt -e, vedqsti, die dem 
Stamm auf -jo- normal zukommende Gestalt, häufiger so 
in einigen Denkmälern die bestimmte Form, vedqsti-ji 
BeA£iUTHH. Wenn in Pluralkasus der bestimmten Dekli- 
nation -€H- statt -HH- erscheint, z. B. slysptehm cauuia- 
lUTCHMi den Hörenden, statt -stiinvb -uithhmi, so ist hier 
das -e des Nom. pl. msk. slys^ste in die andern Kasus 
übertragen. 

170. B. Partizip präsentis passivi; Formans 
-wo-, Nom. 8g. msk. -rm, antretend in der Kl. I — III an 



§170.171.] Verbalnomina. 207 

den auf -o- auslautenden Präsensstamm; nach j tritt e 
für ein : vedo-rm, dvigno-tm, znaje-ym piserm delajerm usw. ; 
darnach richten sich auch die Verba Kl. V: vedo-im 
(neben vedi-mh). In Kl. IV tritt -mo- an den Stamm 
auf -i-: chvalitm vidi-rm; darnach vidi-im in Kl. V. 

171. C. Partizip präteriti (perfecti) activi I, 
das alte idg. Part. perf. Das Formans ist im Slavischen 
-^s^ oder -v^sâ– : 1. -^s- wird angewendet: a) Bei allen 
Verben Kl. I mit durchgehendem konsonantisch aus- 
lautendem Verbalstamm (= Wurzel), z. B. ved-hs-, rmr-zs-, 
phn-is-; so auch aus Kl. V zu jamh (jad-) jad■^s^. — 
b) Bei den konsonantisch auslautenden Verbalstäramen 
Kl. II: dvig-nqti dvigbs-. — c) Bei den Verbalstämmen 
auf -1- Kl. IV A; das i geht hier in j über, nach 
diesem muß -^S' zu -hs- werden: chvali-ti *chvalj-hs- ckval'hs-. 
— 2. -vTiS- tritt an alle vokalisch auslautenden ein- 
silbigen Verbalstämme (= Wurzel), an die mehrsilbigen 
Verbalstämme auf -a- -e-, und wenn in Kl. I und III ein 
zweiter Stamm auf -a- vorhanden, an diesen, z. B. zna-ti 
zna-v%s-, da-ti da-vhs-j sta-ti sta^v^s-, hi-ti bi-v^s^, hry-ti kry- 
VT>s-; delati dela-vhS', cele-ti cele-vbs-, videü vide-'irbS' ; herq 
bhrati htra-vtS'^ stenq stenati ste)ia-VhS', pisq phsati phsa-vzs-; 
kupujq kupovati kupova-v^s-. Von den zweiten Stämmen 
auf -w^- muß diese Form gebildet werden^ wenn der 
Verbalstamm (= Wurzel) vokalisch auslautet, z. B. mi-nq-U 
minqvbs-, kann so gebildet werden auch bei konsonan- 
tischem Auslaut, dvignq-ti dvignq-ii>s-, es geschieht aber in 
den Evangelien (Zogr., Mar., Ass., Sav.) nur selten. Die 
Verbalstämme auf -i- können ebenfalls -it^- annehmen, 
chvali-v^s-, doch fehlt diese Form einigen Denkmälern 
ganz und ist in andern selten. 

Der Nom. sg. msk. lautet, vom konson. Stamme, 
auf -■» aus: vedi, mtn», dvigz^ chval'h, znav^, und scheint 
einen alten Nominativ auf *-i^^ vorauszusetzen QM. aber 
Nom. vM^s Gen. vedus-io); der Nom. ntr. lautet ebenso 
vedz usw. Vom kons. Stamm noch Nom. pl. msk. *ved^seJ 
dafür vedTise, Nom. sg. fem. *ved^s^, dafür vedi>$i; alle 



208 



Das V'erbum. 



[§171.172. 



andern Ivasus vom erweiterten Stamm auf -jo- {s-\-j zu s); 
das s ist dann auch in den Nom. plur. msk. und in 
den Nom. sg. fem. eingedrungen (s. die gleichen Erschei- 
nungen beim Part. präs. akt., § 169, beim Komparativ 
g 99). — Paradigma: 



M. vedh, N. 1 


VL'do 


'M.chvaV b.'S .(hvat b 


F. vedhsi 


chval'bsi 


vedhsa 




chval'bsa 


ved^se 


chval'bse 

< 


vedhsu 




chval'bsu 


vediisi 


chval'bsi 


vedzsb, N. 


'Se 


clwaVbsb, N. -se 


ved^sq 


chval'bsa 


vedzsemh 




cJival'bsemb 


ved^sejq 


chval'bsejq, 


vedzsi 




chvaVbsi 


ved^si 


chval'bsi 


vedzse, N. 


-m 


chval'bse^ N. -sa 


vedzs^ 


chval'bs^ 


ved^sh 




clwal'hsb 


vedosb 


chval'bsb 


ved^sem^ 




chval'bsetm 


ved^sam^ 


chval'bsaim 


vedhse,, N. 


â– sa 


chval'hsg, N. -sa 


vedbse 


chval'bsf 


vedzsi 




chval'bsi 


vedhsami 


chval'bsami 


vedhsicJiz 




clivat hsic^^^ 


ved^sach^ 


chvaVbsachT} 


vedhsa, N. 


•si 


chval'bsa, N. -si 


ved^si 


chval'hsi 


vedhsu 




chval'bsu 


ved^su 


chval'bsu 


vedisema 




chval'bsema 


vedhsama 


chval' hsama. 



Die bestimmte Form: Nom. sg. msk. vedijb 
chval'bjb BeAiH .\ki.uh, durch Dehnung des i, h vor j 
(s. § 15 I 4, § 16. 3) vedyjb chval' ijb Be/^xiH ?cba.^hh. Wenn 
b im Auslaut abgefallen ist, kann aus der ungedehnten 
Form entstehen vedoj chval' ej Be^OH, xb:i.^6h, (s. § 24 IV 4). 
Im Nom. pl. msk. der unbestimmten Form steht selten 
i statt -e, vedhsi, öfter in der bestimmten, vedhsiji 
B6;^'LiijiiH. Die übrigen Kasus der bestimmten Form gehen 
genau nach dem Paradigma des weichen Adjektivs 
(s. § 113). Wo im Plural statt -kh- ein -eii- erscheint, 
HCCLiueHMi, ist es zu erklären wie beim Part. präs. akt. 
(s. § 169). 

17/2. D. Partizip präteriti activi II, Formans 
-lo-, Nom. sg. msk. -h, ist eigentlich ein Nomen agentis; 



I 



§ 172. 173.] Verbalnoraina. 209 

in das Verbura aufgenommen und so partizipial geworden, 
dient es zur periphrastischen Bildung des Perfekts 
(s. § 175) und Konditionalis (s. § 177); -lo- tritt an den 
Verbalstamm; wenn ein zweiter Stamm auf -a- vorhanden 
ist, an diesen; zu erinnern ist, daß vor l ein t, d ausfallen 
muß (fl. § 52 I), nes-ti nesh, grebq greti grelh, vedq vesti 
vehy pletq plesti pleh, dati dah, biti bih, delati delah; herq 
bwaü bbrah, kupiq'q kupovati kupovah. Vom zweiten Stamm 
auf -nq- ist die Ableitung bei konsonantisch auslautenden 
Wurzeln selten, dvignqti dvignq-h (gewöhnlich dvig-h), 
notwendig bei vokalisch auslautenden, mi-nq-ti minq-h. 
Zu bor'q brau = "^borti kämpfen Kl. III: %rah, das = 
%orh sein kann, aber auch dem vokalisch gewordenen 
Stamm von bra-ti hinzugebildet sein kann; zu kol'q klati 
= "^kolti schlachten: klah, das kaum = *koI-h angesetzt 
werden kann, sondern zu kla-ti gebildet ist, wie russ. koiof 
zu koiot' = *kolti. Zu mel'q mleti = *melti mahlen ist die 
Form nicht belegt, sie würde *7nleh lauten, kaum = "^mel-h, 
sondern zu mle-H, wie russ. moioi zu motot'. — Selten 
ist dies alte Substantiv adjektivisch-attributiv geworden, 
so gnih faul (putridus) zu gni-ti faulen. Im Perfekt und 
Konditional bildet es stets das Prädikat des Satzes, hat 
daher nur die Nominativformen, z. B. zu da-ti: sg. dah 
dalo data, pl. doli däla daly, dual, dala dale dale. 

173. E. Partizip präteriti (perfecti) passivi. 

1. Formans -to-, Nom. sg. msk. -tb, wird angewendet: 
a) bei Verben von Kl. I: a) mit Nasal auslautendem 
Verbalstamm (= Wurzel), z. B. pvnq p§ü : p^i^, kimq kl§ti 
fluchen: klph; hier ist im Ab. nur diese Bildung möglich; 
ß) bei solchen mit Auslaut r, wenn kein zweiter Stamm 
auf -a- vorhanden, z. B. sthrq streu = *sferfi ausbreiten: 
*sthr-tb strh, aber daneben -em (s. unten 3). — b) Bei den 
auf -i- auslautenden Verbalstämmen von Kl. III, die 
keinen zweiten Stamm auf -a- haben, vhjq viti wickeln: 
vi-h, daneben aber -em (s. unten 3); zu pojq pe-ti singen 
nur pe-tb. — c) Bei den konsonantisch auf Nasal aus- 
lautenden Verbalstämmen Kl. III ohne zweiten Stamm 

Leskien, Altbnlgarische Qrammatllc. li 



210 Das Verbum. [§ 173. 

auf -a-; hierher nur ebnq e^ti ernten: z^th. — Das 
Formans -to- war ursprünglich weiter verbreitet, anwendbar 
auch bei Wurzelauslaut auf andre Konsonanten als 
w, m, r, vgl. das Litauische, wo es das einzige lebendige 
Formans dieses Partizips ist, z. B. renkä rinkti sammeln: 
riiiktas, keliü kdti heben: käta^. Die wenigen solchen im 
Slavischen erhaltenen Bildungen sind Adjektiva geworden, 
so zu vrzq vresti = *vhrzq *versii öffnen : *otTfVhrsih oi^vrst^ 
offen, vez-, u-v^sti bekränzen {v^zati binden): u-vfstb bekränzt, 
ved- viditi wissen: iz-vest^ bekannt, cpsh dicht = lit. 
kimsztas gestopft zu kemszü kimszti stopfen. 

2. Formans -wo-, Nom. sg. msk. -w^, angewendet bei 
allen vokalisch auf -a- oder -e- auslautenden einsilbigen oder 
mehrsilbigen Verbalstämmen und allen zweiten Stämmen auf 
-a-, z. B. zna-ti zna-m, da-ti da-m, de-ti legen de-m {o-de-m 
bekleidet), seti säen se-m (doch, pojq peti nur pe-tb, s. oben 1), 
dda-ti dela-m, pite-ti nähren pite-m, vide-ti vide-m; berq 
bhra-ti bira-m, sielq sihla-ti ausbreiten sihla-m^ kupujq kupo- 
vati kupova-m. Mit Sicherheit ist -no- bei keiner konso- 
nantisch auslautenden Wurzel nachweisbar. Zwar zu 
hor'q hrati = *horti kämpfen, kol'q klati = *kolti schlachten 
lauten die Partizipien hram (neben horem^ s. unten 3), klam 
(neben kolem); diese können stehen für *hor-m *kol-m, 
aber auch sekundär dem im Ab. vokalisch gewordenen 
Stamm hra- kla- in bra-ti klati hinzugebildet sein. Zu 
msl'q mleti = '^melti mahlen ist das Part, nicht belegt; 
in derselben Weise gebildet würde es lauten *mlem, ent- 
weder = *melm oder zu mle-ti hinzugebildet. 

3. Formans -ewo-, Nom. sg. msk. -em, wird an- 
gewendet: a) Bei Verben der Kl. I notwendig, wenn der 
Verbalstaram (= Wurzel) auslautet auf momentanen 
Konsonanten oder 5, z, z. B. vedq vesti : vedem, pletq plesti: 
pletem, grebq greti : grebem, nesq nesti : nesem, vezq vesti : 
vezem; neben -iz bei Auslaut r, z. B. ihrq zreti = *zerti 
opfern: ihrem (vgl. str-t^ unter 1), — b) Bei Kl. II, 
dvig-nqti : dvizem ; dvignov-em s. § 163. — c) In Kl. III 
bei den auf -y- (= -ü-) ausl. Wurzeln, kryjq kry-ti : krbv- 



§173.174.] Verbalnomina. 211 

em, za-hy-ti vergeßsen: za-lrbv-em^ sijq, si-ti = *$jü , lit. 
siü-ti nähen: hvem = ^sjüv-; darnach auch zu oh-u-ü 
Schuh anziehen ob-uvem; bei den auf -i- auslautenden 
neben -h, z. B. vi-ti : vhj-em und vi-tb; bei den konso- 
nantisch auslautenden bor'q brau, kol'q klati: borem (er- 
halten im Verbalsubstantiv borenhje), kolem, neben bram^ 
klam (s. oben 2). — d) Bei den Verbalstämmen auf -t 
(Kl. IV) z. B. chvaliti: *chvalj-em chvatem, vratiti wenden: 
*vratjem vrastem. 

Durch Formans -mo- wird von diesem Partizip ab- 
geleitet ein Verbaladjektiv der Möglichkeit (s. auch 
§ 77. 2), z. B. pri-j^ti empfangen, annehmen öex^cTdai : pH- 
jeU empfangen öebeyiLievoq, prijptbm öeKTO^ gratus an- 
genehm ; iz-drekq -resti aussprechen : iz-d-reöem ausge- 
sprochen, neizdreöenhm unaussprechlich. 

174, F. Infinitiv und Supinum. 1. Das 
Formans des Infinitivs -ti ist der Kasus eines -ti- 
Stammes, ob Dativ oder Lokativ ist nicht zu entscheiden. 
Es tritt an den Verbalstamm; ist ein zweiter Stamm auf 
-a- oder -nq- (Kl. II) vorhanden, an diesen. In Kl. 11 
geht im Altb., soweit die Infinitive zu belegen sind, die 
Infinitivbildung von dem Stamme auf -nq- aus mit Aus- 
nahme von stanq stanesi sta-ti^ vgl. aber serbisch dldij alter 
dvlöi zu dlg-ne-s dv^g-nß-St <^a8 wäre ab. *dvisti. 

Bei allen vokalisch auslautenden Verbalstämmen ist 
die Bildung ohne Schwierigkeit: zna-Ü, da-ti, kry-Hy bi-ti, 
de-ti^ vide-tif chvali-ti, berq bhra-ti, kupujq kupova-ti usw. 
Der Vokal vor den -ti ist immer alte Ijänge, auch bei 
vokalisch auslautenden Wurzeln, by-ti = lit. bü-ti, da-ü 
= lit. du-Hj de-ti = lit. de-H usw., Infinitive wie etwa 
*bT>-ti kommen nicht vor. — Bei konsonantisch auslauten- 
dem Verbalstamm (= Wurzel) treten Lautveränderungen 
ein: -pti -b-ti ergeben -ti, grebq greti, szpq *seupti suti 
schütten (s. § 51 IV); — t, d (s. § 56), s, z + -ti er- 
geben -sti: pletq plesti, vedq vesti, nesq nestij vezq vesH; 
— ky g -\- ti ergeben -s7i (§51 III 3 b) : rekq resti, vrgq 
= *vbrgq *vergti vresti, vUkq vUsti, in einem Beispiel 

14* 



212 Das Verbum. [§ 174. 

auch cht: vrchq = *vhrcM *v€rchti vristi dreschen (§ 51, 
S. 56); — n, m -{- -ti ergeben mit dem vorangehenden 
Vokal Naeal vokal (§ 46): pmq ppti, ewnq e^ti drücken; 
d^mq dqti blasen; — bei r, l vor -ti tritt, wenn der 
Wurzel vokal e oder o ißt, Metathesis zu re ra, ^ ia ein 
(§ 53) : mhrq *merti mriti, bor'q *borti hrati, mel'q *melii mliti, 
kotq *kolti klati; ist der Wurzelvokal des Infinitivs t», 
so tritt r ein: thra *thrti trti. Statt der Infinitive von 

< o 

der Bildung mriti = '^merti kommen in den ab. Quellen 
öfter vor mvriti, ibreii u. a. Wenn solche Formen wirk- 
lich gesprochen sind, müssen sie den Vokal der ersteh 
Silbe durch Angleich ung an das Präsens mhrq, ehrq er- 
halten haben. Neigung zu solchem Anschluß konnten 
Verhältnisse geben wie zhrq zhreii schauen, pbrq phreti sp 
streiten, wo h ursprünglich ist. Neben hrati = *borti, 
Mati = *kolti kommen vor Izrali, kblati, deren ^ nicht 
aus dem Präsens hor'a, kol'a entnommen sein kann; hier 
liegt die Analogie von bhrati für bbrati zu berq u. a. 
(s. § 24 IV 1) zu Grunde. Vielleicht sind aber mhreti, 
birati usw. niemals so gesprochen worden, sondern nur 
Schreibmanieren, hervorgerufen durch die alten Formen 
wie zhreti, bhrati (birati) u. a. 

2. Das Formans des Supinum -tb ist der Akku- 
sativ eines Stammes auf -/m-, vgl. lat. datu-m, lit. dütu 
= *dü-tu-n. Die Bildung des Sup. geschieht genau so 
wie die des Infinitivs; auch im Sup. tritt durch An- 
gleichung an den Infinitiv kt (= kt und gi) statt des zu 
erwartenden einfachen t {s. § 51 III 3 a) 5^ ein, nach dem 
^ in h übergehen muß, pekq pesti : pesth^ eegq eesti : zestb, 
statt '^petb usw. 

In der kirchenslav. Übersetzung von Reden des Gregor 
von Nazianz (XIII Slov Grigorija Bogoslova, hrg. von 
Budiloviö, S. Petersb. 1875) findet sich dreimal ein in- 
finitivisch verwendetes bytu (zu by-ii sein), dasselbe in 
andern kirchensl. Quellen. Wenn von einem «-Stamm 
bhü-tu- abzuleiten, kann es Genitiv oder Lokativ sein. 



§175—177.] Periphrasti8che(um6chriebene) Tempora n. Modi. 213 

VII. Periphrastische (umschriebene) Tempora 

und Modi. 



175. A. Perfektum, gebildet durch die Verbindung 
des Part. prät. activi II (s. § 172) mit dem Hilfsverbum 
jesmh ich bin, z. B. dah jesmh ich habe gegeben. Dazu 
bisweilen auch ein Plusquamperfekt mit dem Imperfekt 
beach^ ich war, dah beach^ ich hatte gegeben. 

176. B. Futurum. Von einem 5-Puturum, 
wie es andre idg. Sprachen haben, das Altindische, 
Griechische, Litauische, z. B. lit. zu bü-ti sein: bü-siu 
bü-si büs, bü-siyne bü-site usw., ist ein Rest erhalten im 
Ntr. 8g. part. byspste-je (nicht bysqsteje; über die Über- 
lieferung s. Jagic, Das Fut. des Stammes by-, ASPh 28. 35) 
TÖ )ue\Xov das Zukünftige. Nom. sg. msk. wäre *bys^^ 
Stamm bys^t- = Hych-j^t- = *bhü-sj{ent-?). Wie der Futur- 
stamm gelautet hat, ob wie Jagic ansetzt: *bysi-, also 
*bysq *bysisi *bysih usw., was im Slavischen nach dem 
Verhältnis von chvatq chvali-si zu Part, chvalft- chvalf am 
nächsten liegt, ist nicht sicher auszumachen. Das lit. 
Part. fut. lautet bus^s büsenczo usw., Stamm büsent-, — 
Statt des verlornen alten Tempus futurum dient zum 
Ausdruck künftiger Zeit entweder das Präsens oder eine 
Umschreibung (s. §§ 189, 190): 1. Bei perfektiven 
Verben (über perfektiv und imperfektiv s. § 178 fg.) 
hat das Präsens futurischen Sinn, z. B. dati geben 
damh dabo, preiti vorübergehen preidq ich werde vorüber- 
gehen. — 2. Zum Ausdruck künftiger imperfektiver 
Handlung kann im Ab. verwendet werden eine Um- 
schreibung durch den Infinitiv mit den Hilfsverben 
imamh ich habe (Inf. imiti), chostq ckhsiq (Inf. choteti^ 
ch^teti) ich will, na-chnq Vb-Cbnq (Inf. -c^ti\ doch vgl. § 190. 

177« C. Konditionalis, in älterer Syntax, im 
Vorder- wie im Nachsatz, nur gebräuchlich zum Ausdruck 
von Bedingungssätzen mit unerfüllbarer oder unerfüllter 
Bedingung. Solche Sätze entsprechen also lateinischem 



214 Das Verbum. [§ 177. 

wie si darem, haberem; si habuissem, dediseem, oder 
griech. wie d eixov, ^bibouv dv; d ?crxov, löiuKa dv. Der 
Konditional wird gebildet durch Verbindung des Part. prät. 
act. n mit einem Hilfsverbum, das in den ältesten 
Quellen vorwiegend die Form hat 

bimh birm (bivS 

bi biste bista 

bi bq, bisf biste); 

der nicht belegte Dual ist nach dem Plural erschlossen. 
Z. B. aste ne bi byh sh z7)lod^h, ne bi7m predali jego tebe 
ei )if| flv OUT05 KttKOTToiö^, ouK dv croi TiapeöujKaiiev aiiiov 
wenn dieser nicht ein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir 
nicht überliefert (Job. 18. 30). Nach Brugmann KVGr. I 
S. 502 ist es ein Präteritum einer von bhii- gebildeten 
Basis *bh^ei *bh\^ij slav. bi-, also z. B. 3. sg. bi = *bi-tf 
zu vergleichen mit lit altem Präteritum bi-t(j,) er war, und 
mit dem lit. Hilfsverbum des sogen. Optativs, z. B. 1. pl. 
dutum-bime, 2. dütum-bite wir, ihr möchtet geben; im Litau- 
ischen i gegenüber slav. i wie in den Präsentia, z. B. 
vidi-mz lit. v^izdi-me. Die 1. sg. bimh hat primäre Per- 
sonalendung von jesmb angenommen, leicht möglich, weil 
bimb im Konditional keinen eigentlich präteritalen Sinn 
mehr hat. Die 3. pl. ba wäre = *bhi^nt, vgl. lat. -bani 
im Imperfekt amä-bant. Die z. T. aoristische Flexion biste 
bi-sp, vereinzelt auch 1. pl. bi-chorm, ist übertragen aus der 
zweiten neben bimh usw. gebräuchlichen Form des Hilfs- 
zeitworts; diese ist einfach der Aorist von by-ti sein: 

bych'b bychomz bychovi 

by byste bysta 

by bys§ byste; 

in der 2. 3. sg. nur by, nie bysih wie in selbständig 
aoristißchem Gebrauch (s. § 164); z. B. aste c§da avraaml'a 
byste byli, dila avraaml'a tvorili byste, Zogr. Job. 8. 39 
(Mar. im Vordersatz byste, im Nachsatz biste) €i leKva ToO 
'Aßpad^ flie, xd Ip-^a toO 'Aßpadj^ iiroiene dv wenn ihr 
Kinder Abrahams wäret, tätet ihr die Werke Abrahams. 



§ 178. 179.] Die Aktionearten des Verbums. 215 

Vin. Die Aktionsarten des Verbums und der 
Ausdruck der zukünftigen Zeit. 



178. Durch den Verbalstamm kann außer der Vor- 
stellung einer Handlung oder eines Vorganges noch eine 
bestimmte Art, wie sich die Handlung vollzieht, aus- 
gedrückt werden, z. B. daß sie in besondrer Stärke (in- 
tensiv) ausgeführt wird, daß sie als sich wiederholend 
(iterativ) erscheinen soll, daß sie ohne bestimmte Zeit- 
grenze in Bezug auf Anfang oder Ende fortlaufend (konti- 
nuierlich, durativ) zu denken ist, daß sie in einem 
Augenblick (momentan) verläuft, usw. Der für solche 
Unterschiede jetzt meist gebrauchte Kunstausdruck ist 
Actiones verbi (Handlungs-, Aktionsarten), öfter 
findet sich auch «Aspekte» (russ. vidy) gebraucht. 

Die idg. Sprachen haben z. T. durch besondre For- 
mantien solche neben der Grundbedeutung des Verbal- 
stammes kenntlich gemacht, z. T. dient Zusammensetzung 
mit Präpositionen zum Ausdruck einer bestimmten 
Aktionsart. Doch notwendig ist das nicht, im Verbal- 
stamm kann auch ohne besondre Kennzeichen eine oder 
andre Aktionsart ausgedrückt liegen. Vgl. Delbrück, 
Vergleichende Syntax der idg. Sprachen H 1 — 255; 
Brugmann, Kurze vergleichende Grammatik (bei der Be- 
handlung des Verbums), S. 480 fg. Für das Germanische 
vgl. Streitberg, Gotisches Elementarbuch 2. 184 und die 
dort angeführte Literatur. 

Diese Actiones haben an sich mit den Zeitrelationen 
(sogen. Zeitstufen) Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft 
nichts zu tun, jede beliebige Aktionsart kann ebensogut 
gegenwärtig wie vergangen wie zukünftig sein. 

179. Die slavischen Sprachen unterscheiden 
von jeher drei Hauptaktionsarten, die man als 
perfektiv, imperfektiv, iterativ bezeichnet. Per- 
fektiv und Imperfektiv dürfen nicht, wie es oft geschieht^ 
durch «vollendet» (perfectus) und «unvollendet» (imper- 



216 Das Verbum. [§ 179—181. 

fectus) übersetzt werden; das veranlaßt eine falsche Auf- 
fassung, denn es handelt sich dabei gar nicht darum, 
ob eine Handlung abgeschlossen (vollendet) oder nicht 
abgeschlossen (unvollendet) ist, sondern, wie die Adjektiv- 
bildung durch -ivus auch andeuten soll, daß sie eine 
Beziehung zu den Begriffen der Vollendung oder Nicht- 
vollendung hat. 

180. Imperfektiv heißt eine Handlung (ein Vor- 
gang), die dem Sprechenden als fortlaufend (andauernd) 
vorschwebt, ohne daß er einen Abschluß, eine Vollendung 
oder ein Resultat dabei im Sinne hat, z. B. die Kinder 
jagen (jagten, werden jagen) das Kaninchen, d. h. sie 
laufen jagend hinter ihm her^ wobei nicht in Betracht 
kommt, ob mit dem Jagen ein Ende oder ein Ziel er- 
reicht wird. 

181. Perfektiv heißt eine Handlung im Hinblick 
auf ihre Vollendung, d. h. bei der dem Redenden ein 
Abschluß, ein Resultat vorschwebt, z. B. in dem Satze 
«es gingen drei Jäger wohl auf die Birsch, sie wollten 
erjagen den weißen Hirsch t enthält erjagen notwendig 
die Vorstellung, daß das Jagen zu einem Ende, zu einem 
Ziele führt, denn ein fortlaufendes Erjagen ist undenkbar. 
Natürlich ist damit nicht gesagt, daß die Vollendung, das 
Ziel in Wirklichkeit erreicht wird; man kann ein Wild 
erjagen wollen, ohne es jemals zu fangen oder zu erlegen. 
Es komüit eben nur darauf an, daß in der gegenwärtigen, 
vergangenen oder zukünftigen Handlung der Moment der 
Vollendung im Blickpunkt des Bewußtseins steht. 

Die perfektive Handlung kann zweierlei Art 
sein: 1. Zwischen Anfang und Ende (Eintritt und Auf- 
hören) liegt ein so geringer Zeitraum, daß er für die 
Wahrnehmumg verschwindet oder nicht beachtet wird, 
die Handlung ist momentan, z. B. «da erscholl eine 
Stimme», «da blitzt ein Licht auf»; vgl. damit die 
Wendung «die Sonne geht auf ^>, ein allmählicher Vorgang, 
den die Dämmerung vorbereitet und der sich durch 
Vorrücken der Sonnenscheibe über den Horizont allmählich. 



§181.182] Die Aktionsarten des Verbums. 217 

vollzieht. Man darf sich nicht irre führen lassen durch 
den Fall, daß eine momentane Handlung eine dauernde 
Folge haben kann, z. B. «es erscholl eine Stimme, die 
redete», oder «es blitzte ein Licht auf, und dann blieb 
es hell»; das Ertönen der Stimme, das Aufblitzen des 
Lichts bleibt ein Moment; was weiter geschieht, ist für 
diese Handlungen gleichgültig. 

2. Die Handlung ist zwar so beschaffen, daß von der 
Erreichung des Abschlusses ein Vorgang von merkbarer 
Dauer, einerlei ob kurzer oder langer, stattgefunden haben 
muß, wie z. B. ein Erjagen nicht vorhanden sein kann 
ohne ein vorangehendes Jagen, ein Erschlagen nicht ohne 
vorausgegangene Bewegungen des Schiagens. Aber die 
vorbereitenden Akte, eine vorangehende kontinuierliche 
Handlung, treten im Bewußtsein des Redenden zurück, 
für ihn liegt das Hauptgewicht auf der Vollendung der 
Handlung, und diese ist ein Moment. Es unterscheidet 
sich daher diese Art der Perfektiva im Wesen nicht von 
der ersten, den momentanen. 

Den Unterschied einer perfektiven Handlung von 
einer imperfektiven kann man sich gut dadurch verdeut- 
lichen, daß bei dieser Bestimmungen der Dauer hinzu- 
gefügt werden können, bei jener nicht. Man kann z. B. 
sagen: «sie jagten den Hirsch den ganzen Tag>, aber 
nicht: «sie erjagten den Hirsch den ganzen Tag»; «das 
Licht blitzte eine Stunde lang auf» ist nicht möglich, 
falls man nicht etwa damit sagen will «es blitzte eine 
Stunde lang immer wieder von neuem auf», damit hat 
man aber nicht eine andauernde Handlung ausgedrückt, 
sondern eine wiederholte momentane und in dem Zusatz 
nur die Dauer der Wiederholungen. 

1H2. Die wiederholte (iterative) Handlung, 
die sich im Deutschen fast nur durch adverbielle Be- 
stimmungen (wiederholt, immer wieder, so und so viel 
mal u. a.) ausdrücken iäßt, bedarf begrifflich keiner 
näheren Auseinandersetzung; hervorzuheben ist aber, daß 
es nicht ankommt auf die Zahl, die Häufigkeit der 



218 Das Verbum. [§ 182—184. 

Wiederholungen, daher der Ausdruck «frequentativ», den 
man bisweilen statt «iterativ» findet, zu vermeiden ist. 

Die wiederholt gedachte Handlung kann sein imper- 
fektiv oder perfektiv (vgl. § 186. 3), denn jede dieser 
Handlungsarten kann von demselben Handelnden (Sub- 
jekt) mehrmals nacheinander vorgenommen werden, oder 
von mehreren Handelnden an einem Objekt, oder von 
mehreren Handelnden an mehreren Objekten. 

183. Die Eigentümlichkeit der slavischen 
Sprachen in Bezug auf die Aktionsarten besteht 
einmal in der scharfen Durchbildung dieser Unterschiede. 
Betrachtet man die Gesamtheit dieser Sprachen, so zeigen 
sie z. T. eine noch viel weitere Entwicklung, noch mehr 
und feinere Unterscheidungen, doch kommen diese für 
das Altbulgarische nicht in Betracht. Zweitens darin, 
daß in gewisser Ausdehnung der Aktionsausdruck ver- 
wendet wird zum Ausdruck eines Zeitverhältnisses (einer 
Zeitstufe); richtiger eigentlich, daß da, wo andre Sprachen 
durch bestimmte Formantien oder eine Umschreibung eine 
Bezeichnung der Zeitstufe haben, das Slavische sich mit 
dem Ausdruck einer Aktionsart begnügt. 

184. Die Verhältnisse im Altbulgarischen. 

I. Verteilung der Verba auf die Aktions- 
arten Iterativ, Imperfektiv, Perfektiv (vgl. Jagiö, Beiträge 
zur slav. Syntax = Denkschriften der Wiener Ak. phil.- 
hist. Kl. Bd. 26 [1900] S. 72; Meillet, Des aspects per- 
fectif et imperfectif dans la traduction de l'evangile en 
vieux slave = Etudes sur l'etymologie et le vocabulaire 
du vieux slave I, Paris 1902; Music, Zum Gebrauche 
des Präsens verbi perf. im Slavischen, ASPh 24. 479 — 514; 
E. Boehme, Die Actiones der Verba simplicia in den 
altbulgarischen Sprachdenkmälern, Leipzig 1904). 

1. Die Iterativa sind gekennzeichnet durch be- 
stimmte Formantien, durch bestimmte Arten der Stamm- 
bildung oder bestimmte Vokalstufen der Wurzelsilbe. Es 
gehören dazu die Verba, die besprochen sind § 143 ß 



§ 184. 185.] Die Aktionsarten des Verbums. 219 

vlaciti, choditi usw.; § 144 ß kupovaii usw.; § 146 -davati 
usw., -pleiati usw., diese im Ab. die bei weitem zahlreichste 
Gruppe. 

2. Imperfektive und perfektive Verba haben 
am Verbalstamm oder in der Gestalt der Wurzelsilbe 
kein unterscheidendes Merkmal. Sie können primär und 
abgeleitet (denominativ) sein, sind auch nicht auf be- 
stimmte Konjugationsklassen verteilt. Dennoch ist es 
möglich, für die große Masse der Verba zu bestimmen, 
welche imperfektiv, welche perfektiv sind. 

185. A. Die nicht mit Präposition zusammen- 
gesetzten Verba. 

1. Die primären wie denominativen Verba sind mit 
wenig Ausnahmen (s. unten 2) imperfektiv, ebenso die 
einfachen (nicht mit Präposition verbundenen) Iterativa 
(s. § 143 ß), z. B. nesii tragen, vesti führen, delati arbeiten, 
choditi gehen. 

2. Eine sichre Aufzählung der Perfektiva läßt 
sich für das Altbulgarische nicht durchführen, da der 
Gebrauch in einer Anzahl von Fällen nicht ganz fest ist, 
dasselbe Verbum perfektiv und imperfektiv vorkommt, 
was z. T. wohl nur auf ungenauer Ausdrucksweise der 
Übersetzer beruht. In Klasse I sind perfektiv (angegeben 
wird 1. Sg. präs. und Infinitiv): bqda (byti) ich werde, vrgq 
(vresti) werfe = tue einen Wurf (ßaXeiv), iledq (ilesti) 
entgelte, zahle Strafe, imq (jfti) nehme = nehme hin, 
l^gq (Jesu) lege mich hin, padq (pasti) falle = schlage 
fallend auf (nicht =^ bin im Fallen, dafür steht padajq, 
padati), rekq (resti) sage = tue einen Ausspruch; auch im 
Deutschen, wenigstens in Norddeutschland ist «sagen» 
perfektiv im Gegensatz zum imperfektiven «reden, 
sprechen»; in Teilen von Mitteldeutschland wird «sprechen» 
perfektiv gebraucht, z. B. «er spricht, das glaube ich 
nicht», was meinem Sprachgefühl durchaus widerstrebt; 
sedq (sesti) ich setze mich. — Klasse II. Es ist nur 
eine annähernde Bestimmung möglich, da die Verba z. T. 
nur zusammengesetzt belegbar sind. Imperfektiv sind 



220 Das Verbum. [§ 185. 186. 

gyhnqti verderben intr., zu Grunde gehen, vyknqti sich 
gewöhnen, lernen; shchnqü trocknen (intr.); perfektiv 
goneztiqti errettet, erlöst werden, dmgnqti bewegen (= in 
Bewegung setzen), aufheben, drznqti sich erkühnen, Jcosnqti 
anrühren, minqti vorübergehen (d. h. so gehen, daß man 
vorbei gelangt) öieX^eTv irapeX^eTv, stanq stau sich stellen 
(nie «stehen»), W^rw^^i anstoßen, hkmti Stoß, Schub geben; 
wahrscheinlich auch mrknqti sich verfinstern, rinqti stoßen 
(= Stoß geben), -hSgnqti entlaufen entfliehen, ■d^chnqti 
atmen (= aufatmen), -kliknqti schreien (aufschreien), -trgnqti 
reißen, zerren. — Klasse III, perfektiv: konhcati enden 
(= Ende machen), lobizati küssen (= Kuß geben), pojasati 
gürten (genauer = Gurt anlegen), vlctsvimisati lästern (= 
Lästerung aussprechen) aus griech. Aorist ß\a(TqpTi|Lif|crai ; raz- 
umiti verstehen hatperf. und imperf. Geltung. — Klasse IV, 
perfektiv: vraiiti wenden (= eine Wendung geben, 
umdrehen), vrediti beschädigen, verwunden, iiviti beleben, 
krbsiiti taufen (d. h. den Taufakt vollziehen), kupiti kaufen 
(= erkaufen, nicht == handeln), lisiti berauben, mhstiti 
rächen (= den Racheakt an jemand vollziehen, nicht = 
mit Rache verfolgen), pustiti entlassen, roditi gebären, 
svoboditi befreien, sramiti beschämen, staviti stellen (= an 
einen Platz hinstellen, nicht = stellend hin und her 
schieben), truditi s^ sich anstrengen, sich bemühen (= seine 
Kraft einsetzen), javiti offenbaren, aufweisen (nicht = 
dauernd zeigen). Als wahrscheinlich perfektiv, wenigstens 
als öfter perfektivisch gebraucht, seien noch genannt: 
hlagovoliti billigen = Gefallen finden an, hlagovestiti eii- 
aYTcXi2^€(Tdai verkünden, gonoziti erretten, desüi finden 
(= auffinden), menxti verändern (nicht = an etwas herum- 
ändern), skociti springen (= einen Sprung tun). — 
Klasse V, perfektiv: damh dati geben (nicht = an- 
bieten, sondern = überreichen). 

180. B. Die mit Präpositionen zusammen- 
gesetzten Verba. Die an sich lose adverbiale Ver- 
bindung von Präpositionen und Verben ist schon in vor- 
historischer Zeit im Slavischen fest geworden, es gibt also 



I 



§ 186.J Die Aktionsarten des Verbume. 221 

keine sog. trennbaren Zusammensetzungen, wie im Deut- 
schen «aufstehen, ich stehe auf». 

1. Ein imperfektives Verbum nicht itera- 
tiver Form wird durch Zusammensetzung mit 
Präposition perfektiv, z. B. tvor'q tvoriti imperfektiv 
machen dazu Perfektiva s^-tvoriti fertig machen, er- 
schaffen, za-ivoriti zumachen, schließen, ohrtvoriti auf- 
machen, öffnen, pre-tvonti ummachen = verändern; herq 
bhrati imperfektiv lesen, sammeln, Perfektiva s^-hhrati 
versammeln, iz-bhrati erlesen, auswählen. Auch andre 
Sprachen kennen dieselbe Bedeutungsfärbung durch 
Präpositionen, z. B. im Deutschen ist «er schreitet 
über die Brücke» eine imperfektivische Ausdrucksweise, 
es bleibt dabei unausgedrückt und für die Vorstellung 
gleichgiltig, ob er hinüberkommt oder nicht, dagegen 
enthält «er überschreitet die Brücke» notwendig die Vor- 
stellung, daß er hinüberkommt und ist perfektivisch, 
vgl. lat. ire — transire, gr. ßaiveiv — biaßaiveiv. So 
gibt im Litauischen Zusammensetzung mit Präposition 
regelmäßig perfektiven (oder, wie man in der lit. Gram- 
matik sagt, resultativen) Sinn, z. B. zu joti reiten: fis jöjo 
ant veszkelio = er ritt auf der Landstraße (dahin), jls 
mi-jöjo i mestq = er ritt in die Stadt, d. h. so daß das 
Ziel erreicht wird. Man muß im Litauischen sogar jedes- 
mal das Verbum mit Präposition zusammensetzen, wenn 
die Vollendung der Handlung mit ausgedrückt werden 
soll, z. B. mergä virino meziüs = «das Mädchen kochte 
die Weizenkörner» kann nicht verstanden werden als «es 
kochte sie gar», sondern das muß ausgedrückt werden 
durch mergä nu-virino (wörtlich «kochte ab») meziüs. 
Auch wenn in dem Satze schon ein Nomen mit Präpo- 
sition steht, muß das Verbum ebenfalls eine Präposition 
erhalten, sobald man die Handlung als zielerreichend 
verstehen soll, z. B. j\s Vtpo ant kähio = «er stieg auf den 
Berg» könnte nur heißen «er war im Aufstieg begriffen», 
soll es bedeuten «er erstieg den Berg», muß man sagea 
jls u^'llpo ant kälno. 



222 Das Verbum. [§ 186. 

Zu jedem imperfektiven Verbum gehören soviele 
perfektive, als es Zusammensetzungen mit Präpositionen 
ermöglicht, aber jedes Perfektivum mit der besondern 
Bedeutungsnuance, die der Sinn der Präposition verleiht. 
Eine Pnäposition, po, ist in der Bedeutung so verblaßt, 
daß man kaum eine Definition der Bedeutung geben kann, 
man sagt daher, die Präposition bewirke weiter keine 
Bedeutungsveränderung als die Perfektivierung, z. B. iti 
gehen — po-ifi, cisti zählen — po-cisti herzählen, cuti 
empfinden — po-cuti in die Empfindung bekommen, 
choteti wollen — po-choteti Gelüst bekommen, tr^sti quatere 
— po-trpsti concutere. Auch bei andern Zusammen- 
setzungen tritt der eigentliche Sinn der Präposition oft 
in den Hintergrund, z. B. s^^tvoriti ist Perfektiv zu tvoriti, 
s^- (mit, zusammen) wird nicht mehr recht dabei emp- 
funden, ebensowenig wie im lat. conficere zu facere. 
Doch ist bei allen Präpositionen außer po immer eine 
Menge von Beispielen vorhanden, wo der spezifische Sinn 
der Präposition deutlich empfunden wird. 

2. Mit Präposition zusammengesetzte Per- 
fektiva (d. h. die oben 185. 2 genannten einfachen 
Perfektiva) bleiben perfektiv, z. B. lesti sich legen — 
na-lesti sich auf etwas legen, pasti fallen — Sh-pasti 
herabfallen, kosnqti berühren — pri-kosnqti anrühren, 
berühren. 

3. Mit Präposition verbundene Iterativa bleiben 
an sich iterativ (über die Abschwächung der Iterativ- 
bedeutung s. § 191), z. B. vbs-choditi wiederholt hinauf- 
gehen, otb-vrastati wiederholt abwenden, shtvar'ati wieder- 
holt schaffen, hervorbringen. 

Die Präposition gibt dem Iterativ (den einzelnen 
Akten der wiederholten Handlung) im Grunde den 
gleichen perfektivischen Nebensinn wie dem einfachen 
Imperfektiv. Das ist in vielen Fällen ohne weiteres ein- 
leuchtend, z. B. mol' aachq-jh, da pone v^skriliji rizy jego 
prikosnqt^ s§, i jeliko aste prikasaachq sp jemb shpaseni 
byvaachq, Mark. 6. 56 TrapeKCtXouv auTÖv, Kva kuv toO 



§ 186] Die Aktionsarten des Verbums. 228 

Kpadirebou tou i^aiiou auTOÖ äijiuuvTai * Kai öcroi av 
fJTTTOVTO auTOÖ, eöujloyjo, Vulg.: deprecabantur eum, ut 
vel fimbriam vestiraenti ejus tangerent, et quotquot tan- 
gebant eum, salvi fiebant; kosnqti s^ ist nicht iterativ, 
-ka^ati s§ iterativ, das iterative prikasaachq sp ist aber 
gerade so gut perfektiv, das Ziel der Handlung, die wirk- 
liche Berührung in sich begreifend wie prikosnqtb sp, sie 
ist nur iteriert, weil mehrere Subjekte (öcroi dv, quot- 
quot) sie vollziehen. Prosite i dasih s§ vaim, istate i 
obr^ stete, tlcete i otwrzetb s^ varm' vhsekb ho pros^jh 
prijeml' eth, i ist^jb obretajet^ i tlkqst'uumu of^vrzajet^ 
se, Matth. 7. 7 — 8 aiTeTie xai öodriaeiai ufiiv, lr\Te\Te 
Kai eupriaexe, Kpouere Kai dvoiTricTeTai ujiTv * iräq fäp 6 
aiTijuv XajLißdvei, Kai 6 ^rjxOuv eupicncei, Kai tuj Kpouovti 
dvoiyricreTai (v. 1. dvoiYeiai), Vulg.: petite et dabitur vobis, 
quaerite et invenietis, pulsate et aperietur vobis; omnis 
enim qui petit accipit, et qui quaerit invenit, et pulsanti 
aperietur; obr^sti ist perfektiv = finden, erlangen, ge- 
winnen; es ist klar, daß mit dem Itera