SAMMLUNG
SLAVISCHER LEHR- UND
HANDBÜCHER
HERAUSGEGEBEN
VON
A. LESKIEN UND E. BERNEKER
I. REIHE: GRAMMATIKEN
I.GRAMMATIK DER ALTBULGARISCHEN
(ALTKIROHENSLAVISCHEN) SPRACHE
-«^8^-
HEIDELBERG 1919
CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG
GRAMMATIK
DER ALTBULGARISCHEN
(ALTKIRCHENSLAVISCHEN)
SPRACHE
VON
fC
a!\eskien
PROFESSOR DER SLA. S:-EN SPRACHEN
AN DER UNIVERSITÄT LEIPZIG
2- UND 3.AUFLAGE
504713
a^. a. So
HEIDELBERG 1919
CARL WINTER'S UNIVERSITÄTSBUCHHANDLUNG
Vtrlic^AnW'* 5r. WT
Alle Rechte, besondere das Recht der Übersetzung in fremde Sprachen,
werden vorbehalten.
Vorwort.
Die «Altbulgarische Grammatik* weicht dadurch von
dem Plan dieser Sammlung ab, daß sie bei der Deklination
nicht den syntaktischen Gebrauch der Kasus mit angibt
und \on der Syntax des Verbums nur die. Aktionsarten
kurz behandelt. Es schien mir besser, daß die gesamte
Syntax des Altbulgarischen einem besondem Bande vor-
behalten bleibe. Eine altbulgarische Syntax kann sich
nicht beschränken auf die Ausbeutung der kleinen Anzahl
von Texten, die uns zufällig die Sprache in altbulgarischer
Lautgestalt erhalten haben, zumal von diesen \äer den
gleichen Inhalt (Evangelien) haben (s. Einleitung § XXI).
Sie muß auch die in nichtaltbulgarischer Form erhaltenen
Werke der älteren kirchensla\ischen Literatur heranziehen.
Für die Benutzung dieser Übersetzungsliteratur (s. Ein-
leitung § XX) fehlt aber die Vorarbeit, ohne die eine Dar-
stellung altbulgarischer Sjiitax ein ganz unsicheres Unter-
nehmen bleibt, die Ausscheidung alles dessen, was auf
Nachahmung der Syntax der griechischen Originale beruht.
In diesem Buche ist slavische (kyrillische) Schrift
nur angewendet, wo es zur Veranschaulichm^g notwendig
schien oder die Transkription unsicher sein kann (vgl.
z. B. § 112, S. 143), sonst ist alles in lateinischer Schrift
gegeben. Geschehen ist es einmal aus einem äußern
Grunde, um nicht den Satz zu verteuern und dadurch
den Preis des Buches zu erhöhen. Hauptsächlich hat
mich aber dazu bewogen der Wunsch, den Lernenden das
genaue Lautbild der Worte, wie ich es auffasse, vor Augen
VI Vorwort.
ZU führen, und das kann man in sehr vielen Fällen nur
durch die lateinische Schrift. Überdies ist die kyrillische
Schrift so einfach, daß jeder das Alphabet in einer Stunde
lernen kann, und in der Einleitung (§ XVI fg.) habe ich
eine Darstellung des ganzen Schriftsystems gegeben.
Von meinem «Handbuch der altbulgarischen Sprache»
(4. Aufl. Weimar 1905) unterscheidet sich diese Grammatik,
abgesehen von vielfach andrer Darstellungsweise, wesent-
lich in folgenden Punkten : sie gibt keine Texte, was bei
dem Handbuch ein Hauptzweck war; der Textteil des
Handbuchs mit seinem Glossar bildet also gewissermaßen
eine Ergänzung des vorliegenden Buches. Sie verzichtet
auf die genauere Angabe der lautlichen und formalen
Unterschiede der einzelnen Quellen, gibt vielmehr die aus
ihn'en zu entnehmende älteste Gestalt der Sprache. Sie
geht ausführlicher ein auf die Vergleichung der altbulga-
rischen Laute und Formen mit den indogermanischen.
Endlich enthält sie die Stammbildung der Nomina (§ 60 f.),
ein Kapitel, das dem Handbuch überhaupt fehlt.
Januar 1909.
A. Leskien,
vn
Inhalt.
Einleitung
Seite
Erster Hauptteii: Lautlehre.
I. Die einzelnen Laute und ihr Verhältnis zu den
urelaviechen und indogermanischen (§ 1 — 35) . 1 — 35
Die altbulgarischen Vokale. A. Die einzelnen
altbulg. Vokale (5—17). — B. Ablaut und Ab-
lautsreihen (18 — 23), — C. Die Entwicklung
der Vokale in der altbulg. Überlieferung (24). —
Die Nasale n, m {n n, m m) (25). — Die Liqüi-
dae r l {r r, l l') (26). — Die Verschlußlaute (27).
— Die Reihelaute j v, s z, ch, s z, s j?' (28— 33).
Die Affrikatae i, c d z, st id (34—34).
II. Der kombinatorische Lautwandel (36 — 59) . . . 35 — 68
Wandlung der ursprünglichen Verbindungen
von Konsonant mit folgendem j (^) (39). — Wand-
lung der Gutturale k g ch vor den ursprünglich
palatalen Vokalen (40—41). — Wandlung von
eu zu ou, ev zu or; von ei zu ii, fj zu tj (42).
— Wandlung aller ursprünglichen Diphthonge
in Monophthonge (43). — Wandlung der Guttu-
rale k g ch vor den neu entstandenen palatalen
Vokalen e i (= oi) (44 — 46). — Wandlung nicht-
palataler Vokale nach j usw. in palatale (47). —
Abfall von Verschlußlauten und Reibelauten im
Wortauslaut (48). — Verdumpfung von o in
Endsilben, Behandlung der auf einfachen Tsasal
und der auf Nasal + s auslautenden Silben (49).
— Verwandlung ursprünglich geschlossener
innerer Wortsilben in offene (50 — 52). — Meta-
thesis der Verbindungen or ol, er el vor Kon-
sonanten (53). — ünursprüngliche Konsonanten-
gruppen im Wortanlaut des Altbulgarischen in-
folge der Metathesis (54). — Die Silben mit ab.
r l (55—56). — Veränderungen des ursprüng-
lichen Wortanlautes (57). — Spätere Entwick-
lung zu geschlossenen Silben. Die auf -z% aus-
lautenden Präpositionen (58) — Verbindung der
Kasus von om Jego usw.) mit Präpositionen (59).
VIII Inhalt.
Seite
Zweiter Hauptteil: Stammbildung der Nomina 69
A. Subßtantiva (61—71) 71-89
B. Adjektiva (72—83) 89-95
Anhang I. Substantive auf -es-, en-, -men- ; II. Übersicht
der Formantien; III. Komposita (79— 83) . . . 95—102
Dritter Hauptteil: Flexion der Substantiva,
Adjektiva, Pronomina, ZaWwörter . . 103
I. Flexion der Substantiva (85—95). ... • . . . 104—123
Allgemeine Bemerkungen zur Deklination der
Substantiva (85—88). — Übersicht über die
Kasusendungen (89). — Paradigmata (90 — 95).
II. Flexion der Adjektiva und Pronoraina (96— 114) . 123 — 147
I. Unbestimmtes Adjektiv (96—97). — Para-
digmata ;98— 99). — II. Pronoraina. 1. Personal-
pronomen (100). — 2. Demonstrativ-, Interroga-
tiv-, Possessivpronomina (101 — 109). — 3. Son-
stige pronominal flektierte Wörter (110). —
4. Wörter, deren Flexion aus nominaler und
pronominaler gemischt ist (111). — III. Das be-
stimmte Adjektiv (112). — Paradigma (113). —
Bemerkungen (114).
III. Zahlwörter (115-121) 147—154
Adverbia. Partikeln, Konjunktionen (122—136) . . . 155—163
Präpositionen (137—138) 163-170
Das Verbum.
I. Der Verbalstamra (139-146) 171—181
II. Übersicht über den Formenbestand des Ver-
bums (147-150) 181-182
A. Finite Verbalformen (147—149). — B. In-
finite Formen (150).
ni. Einteilung in Konjugationsklassen (151 — 156). 182—189
IV. Die Personalendungen (157-158) 189-192
V. Die einfachen, nicht periphrastischen (nicht
umschriebenen) Tempora und Modi (159 — 168) 193—204
VI. Verbalnomina. Partizipien, Infinitiv, Supinum
(169—174) 204—212
VII. Periphrastische (umschriebene) Tempora und
Modi (175—177) 213—214
VIII. Die Aktionsarten des Verbums und der Aus-
druck der zukünftigen Zeit (178—192) .... 215—231
Paradigmata zu den einzelnen Konjugation sklassen
(193-199) 231—260
Verbessernngen 260
IX
Einleitung.
I. Die erste schriftliche Aufzeichnung der Sprache,
die in diesem Buche behandelt wird, fällt in die zweite
Hälfte des neunten Jahrhunderts. Die in slavischer Sprache
geschriebenen Quellen des 9. — 10. Jahrb., die sie er-
wähnen, nennen sie slovenhskyjh jezykb, d. h. «slovenische
Sprache >. Der Stamm oder die vStärame, deren Volks-
sprache sie war, nannten sich Slovene (Sing. Slovenim, s.
§ 64.2). Diese einfache Benennung konnte in neuerer
2^it bei der wissenschaftlichen Behandlung der Sprache,
d. h. seit dem ersten Viertel des 19. Jahrb., nicht wohl
beibehalten werden, weil sie zu unbestimmt ist. Als
«Slovenen» haben sich von alter Zeit her slavische Stämme
bezeichnet, die weit voneinander entfernt wohnen und
verschiedenen Unterabteilungen der slavischen Sprach-
familie angehören. Verblieben ist der Name Slovenen
den heutij^en slavischen Bewohnern Krains, Kärntens, der
Steiermark und des westlichen Ungarns. Unter «slovenischer
Sprache» würde man also jetzt nur die Sprache dieser
Slovenen verstehen können und versteht den Ausdruck
auch nur so. Außerdem bedeutet im Cechischen und
Slovakischen slovensky jazyk die Mundart, die im Deutschen
gew^öhnlich nach dem Stammesnamen Slovaken (Slovdk,
Plur. Slovdci) slovakisch genannt wird. Das alte slovenhskyjh
jfzykh mußte also durch einen anderen Namen ersetzt oder
näher bestimmt werden.
Eine einheitliche Benennung ist bis jetzt nicht durch-
gedrungen, sondern es sind verschiedene von verschiedenen
X Einleitung.
Umständen hergenommene Bezeichnungen in Gebrauch.
Es mag aher ausdrücklich hervorgehoben werden, daß alle
von den Grammatikern gebrauchten Namen keine sprach-
lichen, etwa dialektischen Unterschiede, sondern stets die-
selbe Sprache bedeuten. Die früher häufigere, hie und
da noch übliche Bezeichnung «altslavisch» ist unzweck-
mäßig, weil ebenfalls zu unbestimmt; man kann darunter
ältere Formen beliebiger slavischer Sprachen verstehen.
Die sehr verbreitete Benennung «kirchenslavisch» ist
hergenommen von der ersten Anwendung der Sprache zur
Übersetzung biblischer und liturgischer Bücher und im
Gottesdienst. Sie lebte bei den Slaven der orthodoxen
(griechisch-orientalischen) Kirche, Bulgaren, Serben, Russen,
als Kirchensprache fort vom 9. und 10. bis zum gegen-
wärtigen Jahrhundert, und als Literatursprache für kirch-
liche, theologische Schriftstellerei, in weiter Ausdehnung
auch für profanen Gebrauch, Jahrhunderte lang, nachdem
ihre, altertümliche Form als gesprochene Volksmundart
des 9. Jahrb. längst nicht mehr vorhanden war. Unter
dem Einfluß der Volkssprachen der slavischen Stämme,
bei denen sie so gebraucht wurde, nahm sie notwendig
verschiedene Färbungen an (s. § XXII); daher ist « kirchen-
slavisch x- als Benennung einer bestimmten Sprachperiode
und ihrer sprachlichen Form nicht verwendbar. Um diesem
Übelstand abzuhelfen, braucht man neuerdings, wenn man
die älteste Sprachform des 9. — 10. Jahrh. meint, die Be-
zeichnung «altkirchenslavisch».
Die beiden angeführten Benennungen der Sprache
enthalten keinen Hinweis auf Volk und Land, dem sie
einst angehörte. Das ist der Fall bei den Namen «alt-
slovenisch» oder «pannonisch - slovenisch» und
«altbulgarisch». Der Ausdruck «altslovenisch» sollte
im Sinne der Gelehrten, die ihn anwendeten, anzeigen,
daß die altkirchenslavische Sprache zu den Mundarten zu
rechnen sei, die heute in Steiermark, Kärnten, Krain und
dem westlichen Ungarn als slovenieche zusammengefaßt
werden, also eine alte Form einer slo venischen Mundart
Einleitung. XI
darstelle. Miklosich, der beständig an dem Namen «alt-
slovenisch» festgehalten hat, bezeichnete daher die heutigen
slovenischen Mundarten, wie das aus älterer Zeit erhaltene,
aber nicht der altkirchenslavischen Überlieferung an-
gehörende Slo venisch in seinen Werken als «neuslo venisch»,
obwohl die älteste Aufzeichnung dieses Neuslovenischen
ins 9. Jahrb. zurückreicht (die sogenannten Freisinger
Denkmäler, vgl. die Ausgabe von Vondräk, Frisinske pa-
mätky, Prag 1896). «Pannonisch-slo venisch» hat, was die
sprachliche Zugehörigkeit des Altkirchenslavischen betrifft,
denselben Sinn, bezeichnet nur genauer Pannonien, d. h.
das heutige westliche Ungarn, um den Plattensee, als die
angenommene Heimat der Mundart.
Der Gebrauch der Namen <altslovenisch» (lingua
palaeoelovenica) und «pannonisch-slovenisch» (lingua pan-
nonico-slovenica) ist jetzt im Verschwinden; entweder
braucht man das über die Heimat der Sprache nichts
aussagende «kirchenslavisch» und «altkirchenslavisch» oder
nennt sie «altbulgarisch». Diese Bezeichnung hat in-
sofern keine historische Berechtigung, al^ die Sprache zur
Zeit ihrer ersten Aufzeichnung im 9. Jahrb. von den sie
Redenden nicht bulgarisch genannt wurde. ^ Der Name
Bulgaren ist überhaupt ursprünglich nicht der eines
slavischen Stammes, sondern eines türkischen Volkes, das
um 680 die in Mösien, zwischen Donau und Balkan,
* Die dem 10. Jahrh. angehörende griechische Vita S. Cle-
mentis (ed. Miklosich, Viennae 1847) c. n bezeichnet das Volk als
t6 tOuv IdXoßevOuv y^vo(; eW ouv BovjXfapuJv, spricht dort einmal
von der Erfindung der Schrift für die Sprache der Bulgaren:
Ypcxunaxd xe ^Eeup^aOai baaürriTi BcuX-fäpou y^'l^cfcfil«^ KaxdXXriXa
Kai buvrjOfyvai rdc; ^eiac, ypacpäc, irpö«; xr\v qpujvf)v toO lOvouq tt)
^p|ir|v€ia fiexaTa-f eiv , und braucht fast unmittelbar folgend elove-
nisch und bulgarisch nebeneinander: ^EeupiaKouai udv (die Slaven-
apoetel Konstantinos und Methodios) xä ööXoße\aKd fpduuaxa,
4pnTi"V€uoi)ai bi räq d6OTrveu0xou^ •fpc^o«; ^k xf|<; ^XXdboi; 'f\ihaar\(;
€i<; xriv ßouXTapiKriv. In griechischem Munde muß also damals
neben odXoßeviKr] fXwaaa auch ßouXYapiKii t^. gebraucht worden
sein.
XII , Einleitun«:.
sitzenden einzelnen Slavenstämrae unterwarf, einen Staat
schuf und allmählich in den Unterworfenen aufging,
während diese unter dem Namen der Eroberer als «Bul-
garen» in der Geschichte weiterleben. Wer also die Be-
zeichnung «altbulgarisch» anwendet, will damit sagen,
daß er das Altkirchenslavische zu derjenigen
Gruppe slavischer Mundarten rechnet, die heute
wegen bestimmter, ihnen allein eigentümlicher
Züge unter dem Namen «bulgarisch» zusammen-
gefaßt werden. Da die Zugehörigkeit des Altkirchen-
slavischen zu dieser Gruppe kaum noch von irgendeinem
Slavisten bezweifelt wird, erscheint der Name «altbulga-
risch», weil er jenes Verhältnis deutlich ausdrückt, als
der zweckmäßigste.
Die Frage, wo die Heimat des Altkirchen-
slavischen anzusetzen sei, ob in Pannonien oder auf der
Balkanhalbinsel, ist in der slavischen Philologie viele
Jahrzehnte lang verhandelt worden (vgl. Jagiö, Vopros o
Kirillö i Methodii v slavjanskoj filologii, St. Petersburg
1885). Sie konnte nicht zur Ruhe kommen, weil man
rein sprachlichen Kriterien nicht die ihnen innewohnende
Beweiskraft zuerkannte für die Zugehörigkeit einer Sprache
zu der einen oder anderen Abteilung der slavischen Sprach-
familie, weil man zum Teil auch von dem Bestände und
dem Verhältnis slavischer Mundarten, wie sie vor einem
Jahrtausend vorhanden waren, unklare Vorstellungen hatte
und weil man historische und sprachliche Fragen mitein-
ander vermischte.
ir. Die historischen Fragen beziehen sich auf
die Missionstätigkeit der sogenannten Slavenapostel,
der Brüder Konstantinos (Kyriilos) und Methodios, und
den Schauplatz ihres Wirkens zwischen 863 und 885.
Die wichtigsten, fast allein in Betracht kommenden
Quellen für Leben und Wirken der Slavenapostel sind
Schriften und Urkunden aus den Jahren der Missionstätig-
keit der Brüder und solche, die dieser Zeit nahe stehen,
also dem 9. oder 10. Jahrh. angehören.
Einleitung. XIII
A. In kirchenslavisc her Sprache:
1. Die sogenannten pannonischen Legenden vom
h. Kyrill und vom h. Methodius (9. — 10. Jahrh.), heraus-
gegeben unter dem Titel:
a) Die Legende vom heiligen Cyrillus, von Ernst
Dümmler und Franz Miklosich, Wien 1870 (Denkschriften
der kais. Ak. d. W. phil.-hist. Kl. B. XIX); mit lateinischer
Übersetzung; die historische Einleitung von Dümmler.
b) Vita sancti Methodii ed. Fr. Miklosich, Vindo-
bonae 1870; mit lateinischer Übersetzung.
Beide Legenden sind Übersetzungen aus griechischen
Originalen, die uns nicht erhalten sind.
B. In griechischer Sprache:
Die Legende vom h. Klemens, dem Bulgarenbischof,
einem Schüler und Gehilfen des Methodios, aus dem
10. Jahrb., hg. u. d. T. Vita s. Clementis episcopi Bul-
garorum graece ed. Fr. Miklosich, Vindobonae 1847 (mit
ausführlichem R^sume in lat. Sprache).
Es ist noch eine zweite kürzere Legende über den-
selben Klemens vorhanden, herausgegeben u. a. von
oafarik in Pamätky hlaholskeho pisemnictvi, Prag 1853,
S. LVII; sie ist historisch wertlos.
C. In lateinischer Sprache:
1. Die sogenannte Legenda italica oder Translatio
s. Clementis, herausg. in Acta Sanctorum Boll. Martii
Tom. IL 19, dann öfter; gehört vielleicht noch dem
9. Jahrh. an.
2. Libellus de conversione Bagoariorum et Carantano-
rum, vom J. 871, eine vom Klerus des Erzbistums Salzburg
ausgegangene Schrift zur Rechtfertigung seiner Ansprüche
auf die pannonisAe Diözese, hg. von Wattenbach in Mon.
Germaniae bist. XL
3. Briefe der Päpste Johanns VIII. (872—882) und
Stephans V. (885-891).
4. Erwähnung Konstantins durch den Bibliothekar
Anastasius und Briefe von diesem, aus den Jahren 875
bis 879.
XIV Einleitung.
5. Ein Brief des Erzbischofs Theotmar von Salzburg und
andrer bairischer Geistlicher an Papst Johann IX. v. J. 900.
Die genannten Quellen, mit Ausnahme der griech.
Vita s. Clementis, statt der das von Miklosich seiner Aus-
gabe (S. X— XXII) vorangestellte lateinische Resume ge-
geben ist, sind bequem zusammengestellt in dem Werke
von Pastrnek: Dejiny slovanskych apostolü Cyrilla a Me-
thoda, Prag 1902; doch sind die beiden slavischen Quellen
nicht in der Sprachform der erhaltenen Handschriften
( serbisch -kirchenslavisch und russisch -kirchenslavisch)
wiedergegeben, sondern von Pastrnek umgesetzt in die
«älteste Form des Altkirchenslavischen. Dort wird (S. 4)
auch über die handschriftliche Überlieferung der oben-
genannten Quellen wie deren sonstige Ausgaben bericht-et
und die späteren abgeleiteten und unwichtigeren Erzäh-
lungen über Konstantin und Method angeführt.
III. Die in den Quellen vorliegenden Berichte sind
z. T. unklar und widerspruchsvoll, auch die Echtheit
einiger nicht unangefochten. Über alle damit zusammen-
hängenden Fragen handelt Jagic, Zur Entstehungsgeschichte
der kirchensla\ischen Sprache, Wien 1900 (Denkschr. der
kais. Ak. d. Wiss. phil.-hist. Kl. B. XL VII); namentlich in
§§ 1 — 22 wird die Glaubwürdigkeit und Echtheit der
Quellen geprüft, ihr Verhältnis zueinander besprochen und
versucht festzustellen, was als geschichtlich sicher an-
genommen werden kann; die Paragraphen von 23 bis
Ende enthalten die Geschichte der bisherigen Forschungen
und Theorien über die Heimat des Altkirchenslavischen,
die Schrift usw. Einen radikal kritischen Standpunkt
nehmen Brückners «Thesen zur Cyrillo-Methodianischen
Frage» ein (ASPh 28); nach ihm sinc^die hauptsächlich-
sten literarischen Quellen, die Legenda italica und die
beiden slavischen Vitae, ausgesprochene Tendenzschriften,
die Tatsachen unterschlagen oder erdichten, ganz wie es
ihre Tendenz erforderte, die dahin ging, die Neuerung,
die Einführung der slavischen Liturgie, von jeglichem
Makel rein zu halten.
Einleitung. XV
Biblio^ra" bische Angaben über die auf die
Slavenapostel bezügliche Literatur s. Pastrnek. Biblio-
graphische Übersicht über die slav. Philologie 1876—1891
(Supplementband zu Bde. 1—13 des ASPh), Berlin 1892;
Vondrak, Xovejsi präce o cinnosti slovanek^ch apostolü
Cyrilla a Methodia (Casopis cesk. raus. LXXI, 1897):
Geizer in Krumbachers Geschichte der byzantinischen
Literatur ^, S. 1101. Über Einzelfragen in Bezug auf
Quellenkritik und die aus den Quellen zu entnehmenden
geschichtlichen und sprachlichen Verhältnisse sind ferner
die Bde. des ASPh von 14 an in ihrem Abhandlungsteil
wie im kritischen Anzeiger und in den bibliographischen
Abschnitten nachzusehen.
Zusammenhängende Darstellungen der Ge-
schichte der Slavenapostel sind aus neuerer Zeit: K. Goetz,
Geschichte der Slavenapostel Konstantinus (Kyrill) und
Methodius. Quellenmäßig untersucht und dargestellt, Gotha
1897; Pastrnek, Nästin zivota a püsobeni obou apostolü
(Abschnitt II des oben genannten Werkes Dejiny slov. ap.).
Für die ältere Zeit verweise ich auf die Angaben bei
Jagic, Entstehungsgeschichte d. k. Spr.
IV. In der Einleitung zu einer kurzen Grammatik
des Altkirchenslavischen ist es nicht möglich, L'nter-
suchungen zur Lösung der verwickelten und schwierigen
historischen Fragen anzustellen. Ich kann hier nur her-
vorheben, was mir sicher und für die Stellung und Geschichte
der Sprache wichtig scheint.
Im Jahre 863 kamen die beiden Brüder Konstantinos
und Methodios aus Konstantinopel als christliche Missio-
nare, als «Lehrer» uciteti, wie die Legenden es ausdrücken,
in das damalige Fürstentum Mähren, d. h. in das Land,
das ungefähr begrenzt war westlich von der March, östlich
vom Gran, südlich von der Donau. Seine Bewohner sind
jetzt Slovaken, d. h. ein dem cechischen im weitern
Sinne zuzurechnender slavischer Stamm, demnach wie das
gesamte Cechentum zur westslavischen Abteilung der sla-
vischen Sprachfamilie gehörig. Eine Annahme, daß in dem
XVI Einleitung.
Mähren des 9. Jahrh. ein anderer slavischer Stannm, nicht
die Vorfahren des heute dort lebenden, gewohnt habe
(8. § XIV), oder daß ein anderer Slavenstamm, der ur-
sprünglich dort ansässig gewesen sei, nach dem 9. Jahrb.
cechisiert wäre, läßt sich durch keine geschichtlichen Tat-
sachen oder durch Kombinationen aus der Überlieferung
begründen. Man muß daher annehmen, daß auch die
damaligen Mährer einen öechiscb -slovakischen
Dialekt sprachen.
Die Brüder waren nichtSlaven, sondern Griechen,
sie stammten aus einem vornehmen griechischen Hause
in Thessalonike (dem heutigen Saloniki) als Söhne eines
hohen kaiserlichen Beamten. Die Bevölkerung der Stadt,
nächst Konstantinopel der bedeutendsten des byzanti-
nischen Reiches, war griechisch und gehörte selbstver-
ständlich der östlichen Kirche und ihrem Ritus an. Aber
die Stadt war bis in nächste Nähe umgeben von Slaven,
die seit dem Anfang des 7. Jahrh. in Mazedonien ein-
gedrungen waren. Für den Zustand im 9. Jahrh. vgl.
die im Anfang des 10. Jahrh. verfaßte Schrift des Johannes
Cameniata (Migne, Patr. graeca 1. 109, De exidio Thessa-
lonicae, S. 552): xüuv TtXriaioxuJpujv ZKXaßr|VÜJV, tüjv le
ucp' r[m(; leXouvTiuv (d. h. der Stadt Thessalonike Pflich-
tigen) Kai TÜJV UTTÖ TÖv (TTpaTriTOV ZTpujiOVO? TiXfi^oq TTOXÜ.
Daß in solchen Verhältnissen unter den Griechen in
Thessalonike und Umgebung Leute sein konnten und
sicher auch waren, die slavisch verstanden und sprachen,
vielleicht von Kind an zweisprachig aufgewachsen, liegt
auf der Hand.
Konstantinos, der jüngere der Brüder, geboren un-
gefähr 826, kam sehr jung, nach Angabe der Legende
mit 14 Jahren, nach Konstantinopel und erhielt dort eine
gelehrte Bildung (unter andern war sein Lehrer Photios,
dei -pätere große Patriarch), wurde Priester und bekleidete
in Konstantinopel einen Lehrstuhl der Philosophie, daher
in den Quellen sein ständiger Beiname <der Philosoph».
Charakter, Begabung und Gelehrsamkeit müssen ihm früh
Einleitung. , XVII
Geltung verschaflfl haben. Die Erzählungen der Legende
von seinem Eingreifen in den Bilderstreit, von einer
Sendung nach Asien zu einem Religionsgespräch mit
Muhammedanern. von einer Gesandtschaft zu den Chazaren,
einem türkischen Volk am Nordufer des Schwarzen Meers,
wo er ebenfalls mit Muhammedanern und Juden dispu-
tieren und dem Volke den wahren Glauben klar machen
soll, zeigen bei allen Schwierigkeiten, die diese Berichte
im einzelnen darbieten, doch so viel, daß Konstantin ein
sehr angesehener Mann war. In seiner späteren Geschichte
spielt eine besondere Rolle die ihm auf der Reise ins
Chazarenland gelungene Auffindung der Gebeine des
h. Klemens, des römischen Bischofs des 1.. Jahrb., in der
Nähe der Stadt Cherson auf dem taurischen Chersonnes
(der Krim).
Meth odios gehörte nicht dem geistlichen Stande an,
sondern der weltlichen Beamtenlaufbahn und stand eine
Zeitlang an der Spitze eines Slavengaus. Nach der Legende
begleitete er den Bruder ins Chazarenland und hatte sich
dann in ein Kloster zurückgezogen.
V. Ein Zeugnis für die Bedeutung Konstantins oder
beider Brüder ist es auch, daß sie das schwierige Werk
einer von Konstantinopel ausgehenden Christianisierung
Mährens unternehmen konnten, schwierig deswegen, weü
bereits das deutsche Bistum Passau Mähren in den Bereich
seiner missionierenden Tätigkeit einbezogen hatte, deutsche
Priester dort tätig waren und das Volk wenigstens zum
Teil bekehrt hatten. Volk und Land mußte demnach
als zur westlichen Kirche, zum römischen Ritus gehörig
betrachtet werden, und es wurde auch dahin vom päpst-
lichen Stuhl gerechnet.
Die Legende schreibt die Initiative zur Heranziehung
griechischer Bekehrer oder Religionslehrer dem mähri-
schen Fürsten Rastislav zu ' VitaCyj.c.14;: «Rastislav.
der Fürst der Mährer, von Gott angestiftet, hielt Rat mit
seinen Vornehmen ibuchstäblich: Fürsten) und mit den
Mährern, sandte zum Kaiser Michael [IL, 856 — 867] und
Leskien, Altbulgarische Grammatik. 11
XVIII Einleitung.
ließ sagen: Unser Volk hat das Heidentum abgeworfen
und hält sich an die christliche Religion (buchst. : das
christliche Gesetz), aber wir haben keinen solchen Lehrer,
der uns in unserer Sprache den wahren Glauben lehre,
damit auch andere Länder, wenn sie das sehen, uns nach-
ahmen. So sende denn uns, Herr, einen solchen Bischof
und Lehrer, denn von euch geht immer nach allen Seiten
das gute Gesetz (d. h. die richtige Religion) aus». Der
Kaiser fordert Konstantin zu dem Werk auf, und dieser
willigt ein, nach Mähren zu gehen. Nach der Vita Me-
thodii (c. 5) gibt der Kaiser ihm auch die Anregung,
seinen Bruder mitzunehmen, und fügt hinzu: <denn ihr
beide seid Thessaloniker, und die Thessaloniker sprechen
alle rein slovenisch» (cisto slovenhsky) . Die Legende läßt hier
den Kaiser etwas offenbar Verkehrtes sagen, denn die Be-
wohner der Stadt, Griechen, sprachen nicht slavisch. Aber
ebenso sicher ist, daß Konstantin und Method slavisch
verstanden haben, denn sonst hätten sie die Missions-
fahrt in ein Slavenland überhaupt nicht unternehmen
können.
VI. Der auffallende Schritt des Rastislav, christliche
Lehrer aus Konstantinopel zu holen, wird in der Ge-
schichtsschreibung allgemein so gedeutet, daß der Fürst,
in beständige Kämpfe mit dem deutschen König, Ludwig
dem Deutschen, um die Unabhängigkeit seines Landes
verwickelt, als ein Mittel zur Erlangung der politischen
Selbständigkeit die Beseitigung der kirchlichen Abhängig-
keit vom deutschen Bistum Passau versuchte und sie zu
erlangen meinte durch Herbeiziehung von Priestern der
östlichen Kirche, deren weltliches Oberhaupt, der ost
römische Kaiser, ihm politisch nicht gefährlich scheinen
konnte. Die vielen Schwierigkeiten zu erörtern, die diese
scheinbar einfache Erklärung bei den kirchlichen und
politischen Verhältnissen der zweiten Hälfte desQ. Jahrh.
bietet, ist hier nicht möglich. Wir müssen uns hier mit
der Tatsache begnügen, daß die Brüder 863 nach Mähren
gingen, mag die Initiative ihrer Sendung vom mährischen
Einleitung. XIX
Fürsten oder vom Patriarchen Photios und dem Kaiser
von Ostrom ausgegangen sein.
VII. Die Legende (Vita Cyr. c. 14) berichtet nun,
daß Bofort nach dem Beschluß, in Mähren das Christentum
zu predigen, also vor dem Aufbruch dahin, Konstantin
ein Alphabet zusammenstellte (abije srblozi pismena) und
das Evangelium zu übersetzen begann {naceih besedu pi-
sati evangelbskw «isprhva he slovo^ usw., er begann die
Evangelienrede [wir würden sagen: den Evangelientext]
zu schreiben: «im Anfang war das Wort», der An-
lang des Johannesevangeliums, mit dem das Evan-
gelistarium , s. § XX, beginnt). Diese Arbeit war not-
wendig, denn ohne Bücher konnte man, auch abge-
sehen von der eigentlichen Liturgie, dem Gottesdienst
in der Kirche, die zunächst nicht in Frage kam, an
die Unterweisung des Volkes, oder besser gesagt, der für
das Volk bestimmten Geistlichen nicht denken. Griechisch
konnte dabei für die Mährer nicht in Betracht kommen.
Das für uns selbstverständliche wäre demnach die An-
wendung der mährischen Volkssprache gewesen.
Diese aber kannte Konstantin nicht. Wenn er also noch
in Konstantinopel vor seiner Tätigkeit in Mähren ein Al-
phabet für slavische Sprache schuf und in sla\d8che Sprache
das Evangelium übersetzte, konnte es nur das Slavische
sein, das er kannte, d. h. das seiner Heimat
Mazedonien.
Die Sprache der Übersetzungen Konstantins, die uns
ja erhalten sind, zeigt in allen entscheidenden Merkmalen,
daß sie zu der südslavischen Abteilung der slavischen
Sprachfamilie, der Bulgarisch, Serbo-kroatisch und Slove-
nisch angehören, zu rechnen ist, und zwar zu derjenigen
Dialektgruppe, die in ihrer heutigen Gestalt als bulgarisch
oder bulgarisch-mazedonisch zusammengefaßt wird (s. §
XV). Konstantin hat also den Mährern, die einen west-
sla viseben, cecho-slovakischen Dialekt sprachen, eine
zwar slavische, aber ihnen fremde Mundart als
Kirchensprache gebracht. Es scheint mir recht frag-
il*
XX Einleitung.
lieh, ob Konstantin die Verschiedenheit der mährisch-
slavischen Sprache und seiner mazedonisch - sla vischen
kannte, und wenn er davon wußte, ob er über den Unter-
schied genauer unterrichtet sein konnte. War er es nicht,
sondern wußte nur im allgemeinen, daß Mähren von
Slaven bewohnt sei, so lag für ihn kein Grund vor, eine
andere Sprache als die ihm bekannte zu berücksichtigen.
Kannte er den Unterschied, etwa durch Mährer, die nach
Konstantinopel gekommen waren, so mochte ihn die Ähn-
lichkeit der slavischen Mundarten, die im 9. Jahrh.
namentlich nach der morphologischen Seite noch sehr groß
war, bestimmen, vom Mährischen, das er nicht be-
herrschte, abzusehen. Er konnte dabei sicher annehmen,
daß seine künftigen Schüler, die heranzubildenden mäh-
rischen Geistlichen, die Sprache seiner Bücher ohne be-
sondere Schwierigkeit lernen könnten, dann aber dem
eigentlichen Volke gegenüber dessen Mundart gebrauchen
würden, was ja auch selbstverständlich ist. Man darf
dabei nicht vergessen , daß in jener Zeit nicht daran
gedacht wurde und nicht daran gedacht werden konnte,
die breite Masse des Volkes im Bücherlesen zu unter-
richten.
VIII. Der Bericht der Legende führt aber noch auf
eine andere schwierige Frage. Nach dieser Überlieferung
erscheint es so, als sei Konstantin zur Aufstellung einer
Schrift und zu der Übersetzung biblischer Bücher erst
angeregt worden durch die Aufgabe in Mähren zu wirken
und habe diese Arbeit in ganz kurzer Zeit gemacht. So
kann es aber unmöglich gewesen sein. Die von Kon-
stantin aufgestellte Schrift ist so ausgezeichnet, d. h.
gibt die slavischen Laute, von denen eine größere Anzahl
im Griechischen des 9. Jahrh. gar nicht vorhanden war,
so vorzüglich wieder, hat auch Mittel, feine Unterschiede
slavischer Laute auszudrücken, daß man das Werk nur
als das Resultat einer lang andauernden Arbeit betrachten
kann. Konstantin war ein griechischer Gelehrter und
selbstverständlich in griechischer Grammatik, auch theo-
4 Einleitung. XXI
retisch, gebildet, aber selbst ein solcher konnte nicht ohne
lange Beobachtungen und Versuche für ein reiches Laut-
system, das vom Griechischen stark abweicht, ein so voll-
kommenes Alphabet herstellen. Die Größe des Werkes
hat man früher kaum recht empfinden können, aber ge-
rade in der heutigen Sprachwissenschaft, die die Schwierig-
keit eines solchen Unternehmens kennt, muß der Gram-
matiker Konstantin Bewunderung erregen.
Man könnte nach sonstigen Erfahrungen auf den
Gedanken kommen, es könne von Herstellung der Schrift
durch eine einzelne Person nicht wohl die Rede sein,
sondern es sei hier so zugegangen wie anderswo, daß nach
rohen Anfängen und unvollkommenen Versuchen durch
allmähliche Verbesserung endlich ein Alphabet zustande
gekommen sei, das dem Lautsyst^m der Sprache gut ent-
spricht. E? gibt aber keine L^berlieferung, daß es vor
Konstantin auf der Balkanhalbinsel ein slavisches Alphabet
gegeben habe, und selbst wenn man die Möglichkeit
nicht in Abrede stellen kann, Konstantin also an irgend
etwas Vorhandenes angeknüpft hätte, so ist doch die
Schrift in allen Einzelheiten so durchdacht, so einheitlich
und konsequent, daß sie in der uns vorliegenden Gestalt
nur aus der Gedankenarbeit eines Mannes hervorgegangen
sein kann, und zwar eines für ein solches Werk hervor-
ragend begabten. Ich kann es mir nicht anders vorstellen,
als daß Konstantin lange vor dem Plan einer Mission in
Mähren an der slavischen Schrift und an seinen Über-
setzungen gearbeitet haben muß. Daraus wäre zu schließen,
daß er bei dieser Arbeit die Slaven seiner Heimat und
deren weiterer gleichsprachiger Umgebung, also Mazedoniens
und Bulgariens, im Auge gehabt habe. Eine etwa vor-
handene Absicht Konstantins oder beider Brüder, christ-
liche Lehre unter den Slaven der Balkan halbinsel zu ver-
breiten, scheint nicht ausgeführt zu sein, denn es ist von
einer solchen Tätigkeit nichts Glaubwürdiges überliefert.
Vielleicht ist sie nicht wirklich geworden, weil die mäh-
rische Aufgabe dazwischen kam.
XXII Einleitung.
IX. Im Jahre 863 waren die Brüder nach Mähren
gekommen und blieben dort ununterbrochen über drei
Jalire (40 Monato\ Konstantin bildete Schüler, d. h.
Geistliche, heran, und tat den für das Kirchenwesen ent-
scheidenden Schritt — ob gleich im Anfang oder erst im
weiteren Verlauf seines Aufenthalts im Lande, ist nicht
zu erkennen — slavische Sprache in den kirch-
lichen Gottesdienst, die Liturgie, einzuführen,
d. h. sie an die Stelle zu setzen, die in der ganzen west-
lichen, römischen Kirche das Latein einnahm. Diese Ein-
führung des Slavischen, wie jeder Sprache außer Latein
und Griechisch, in die Liturgie (die Messe) gegen die ge-
heiligte Gewohnheit der Kirche ist eine so auffallende Tat,
daß sie notwendig Aufregung und Widerstand bei dem
rön^ischen Klerus erzeugt haben muß. Die Konstantins-
legende (c. 15) berichtet nun, daß nach einem Aufenthalt
von 40 Monaten Konstantin [und Methodj nach Rom auf-
gebrochen seien. Hatte der Papst sie dahin zitiert, wie
man aus der Darstellung der Methodlegende (c. 6) ent-
nehmen kann, so kann das nur den Sinn haben, daß er
sie über ihre Tätigkeit und Lehre vernehmen, eventuell
ihre Rechtfertigung hören und die Interessen seiner Kirche
g^en etwaige Beeinträchtigungen von Seiten der Griechen
wahren wollte. Sehr wohl konnten aber die Brüder auch
aus eigenem Antriebe oder auf Wunsch des Fürsten nach
Rom gehen, weil der Kampf mit ^N-iderstrebenden Gewalten
in Mähren selbst und die Abweichung von der Gewohn-
heit der Kirche es notwendig machten, vom Papst die
Anerkennung ihres W^erkes zu gewinnen. Die Auktorität
des griechischen Patriarchen in Konstantinopel konnte
ihnen für Mähren nichts nützen.
X. Der Weg nach Rom führte sie durch das Ge-
biet des slavischen (slovenischen) Fürstentums
am Plattensee im alten Pannonien, das seit c. 830
unter deutscher Oberhoheit bestand, kirchlich vom Erz-
bistum Salzburg abhängig war und damals beherrscht
wurde von dem Fürsten Kocel. Die Legende vom h. Cyrill
Kinleitun«. XXIII
C«. 15; Vita Meth. f-rwähnt nichts davon) V)erichtet nun:
^Es nahm ihn [Konstantin] auf der Reiae ^buchst.: ihn
reisend) auf der pannonische Fürst Kocel und sehr lieb
gewonnend habend die slavisclie Schrift {hmgy = literas,
•fpü)uuaTot, im Sinne von Schrift und Buch) sie zu erlernen,
^ah er h^.-r etwa 50 Schüler sie [die Schriftj zu lernen.»'
Die Meinung der Legende ist also, daß die bereits be-
stehende slavische Kirchensprache Konstantins einen be-
sonderen Eindruck auf den slovenischen Fürsten gemacht
habe und daß er sie durch die Ausbildung von Schülern
(Klerikern) in ihr in seinem Lande einführen wollte. Wie
lange der Aufenthalt in dem pannonischen Fürstentum
gedauert hat, ist nicht auszumachen.
XL Als die Brüder in Rom eintrafen, war Papst
Nikolaus gestorben, Hadrian Papst geworden (867 — 872).
Konstantin brachte die Reliquien des h. Klemens mit sich
nach Rom, die dort verbleiben sollten, und die Legende
erzählt nicht allein, daß Konstantin dort mit Ehren auf-
genommen wurde, sondern auch, die Liturgie sei in
mehreren römischen Kirchen in slavischerSprache
gehalten und sie wie die slavischen Bücher vom
Papste feierlich anerkannt, ferner Schüler des Kon-
stantin zu Priestern «je weiht worden, nach der Vita Meth.
(c. 6) auch Method, der darnach erst jetzt in den geist-
lichen Stand trat. Konstantin erkrankte in Rom, nahm
vor seinem Tod«' das Mönchskleid und den Mönchsnamen
Kyrillos an, mit dem er in der Folgezeit meist benannt
wird, und starb 869.
^ Die etwas ungelenk ausgedrückte iStelle Lst oben wörtlich
übersetzt: iipHKTk .ne. ii ii;^ovi|iK KoijMh. KHf:/,k luiHOHhCKUH. h
Rk^.^lOG.lk RC<UMH r..A0K1;HhCKhl KHliru IIJIOVYIITII CC tiMh (die Kon-
struktion des KT^^.\IORiiTH mit «lein Infinitiv inovvilTH ce ist ganz
unelavisch) Kh,Ti ;^o .11. OVYflHllKh oy/HTH ex HMk: pjricchisch wird
etwa gefltanfien haben: eiaf.heEaTO aüxov -iropeuöuevov KotZA^c; 6
äp)(ujv Tr\c, TTavvoviaq Kai imTco\})](5a<; öqpobpJjc; xä ZöXofir)viKä
•fpdu^aTa ^Kuavödveiv, feu^baiicfv üj<; iT€VTr)KOVTa .uaör^xdc; xoO
fiavxFdveiv aOrd.
XXIV Einleitung.
XU. Method kehrte nicht nach Mähren zurück,
sondern ging nach Pannonien, d. h. in das Fürstentum
Kocels. Die Vita Meth. (c. 8) stellt das so dar, daß
Kocel den Papst gebeten habe, Method zu ihm zu ent-
senden, und fügt einen längeren Brief Hadrians hinzu,
gerichtet an die mährischen Fürsten Rastislav und Sva-
topluk und an Kocel. Darin erkennt der Papst die
Orthodoxie Konstantins an, hebt hervor, wie die Brüder
wohl gewußt haben, daß Mähren und Pannonien dem
römischen Stuhl angehören , und billigt den Gebrauch
slavischer Sprache in der Messe (Liturgie) unter der Be-
dingung, daß dabei Evangelium und Apostel zuerst in
lateinischer, dann in slavischer Sprache verlesen würden.
Dieser Brief ist sonst nirgends überliefert und seine Echt-
heit wird bezweifelt. Für uns wichtig ist, daß Method
zunächst seine Tätigkeit in Mähren nicht wieder aufnimmt,
sondern in Pannonien wirkt. Nach der Legende (c. 8)
schickt ihn Kocel noch einmal nach Rom, um ihn dort
zum Bischof weihen zu lassen. Auf die Tätigkeit
Methods in Pannonien bezieht sich die Klage der
deutschen Geistlichkeit in dem Libellus de conversione
(s. § II C 2) von 871. Sie muß sehr kurze Zeit gewährt
haben, denn Method wurde durch den Erzbischof Adalwin
von Salzburg und den Bischof Hermanrich von Freisingen
gefangen gesetzt, wie die Vita Meth. andeutet und die
Briefe Papst Johannes VIU. bestätigen. Er kam erst nach
drei Jahren auf dringende Vorstellungen des Papstes wieder
frei und ging dann, also 873, nach Mähren.
XIII. Hier hatte sich inzwischen die Lage verändert;
870 war Rastislav von seinem Neffen S va topluk gestürzt wor-
den und dieser war Method und dem sla vischen Kirchen wesen
nicht günstig. Die weitere Geschichte ist für die sprach-
liche Frage nicht mehr wichtig und kann hier kurz zu-
sammengefaßt werden. Bis zum Tode Methods 885 fanden
bestäjidige Kämpfe statt zwischen Method und der deut-
schen Geistlichkeit, die Svatopluk begünstigte; die Päpste
erkannten bald die siavische Liturgie an, bald nahmen
Einleitung. XXV
sie die Anerkennung wieder zurück; nach Methods Tode
trieb Svatopluk die slavischen Priester, die Schüler Kon-
stantins und Methods, aus dem Lande, und das slavische
Kirchenwesen verschwindet in Mähren wie auch in Pan-
nonien.
XIV. Die Tätigkeit der Slavenapostel in einem
pannonischen Fürstentum mit slovenischer Bevölkerung
bildet den historischen Ansatzpunkt für die Ansicht, daß
das Altkirchenslavische eine pannonisch-slove-
nische Mundart des 9. Jahrh. gewesen sei. Es steht
fest, daß die Brüder zuerst und zwar etwa drei Jahre nur
in Mähren tätig waren ; vorausgesetzt nun, daß die Mährer
ein öechischer westslavischer Stamm waren, wie heute,
die slavischen Bewohner Pannoniens ein slovenischer süd-
slavischer, wie heute, so hätte Konstantin den Mährern
als Kirchensprache die Mundart eines anderen, ihnen im
Süden, jenseits der Donau, benachbarten slavischen
Stammes als Kirchensprache auferlegt. Das wäre begreif-
lich in dem Falle, daß die Slovenen zu jener Zeit bereits
eine Schrift für ihre Sprache und Schriften darin besessen
hätten. Dann hätte Konstantin sich über den Unterschied
der Sprachen, die ja einander ähnlich waren, hinwegsetzen
und das fertige Werkzeug für seinen Zweck verwenden
können. Daß aber eine slo venische Schrift und slove-
nische Schriften zur Zeit Konstantins bestanden hätten,
läßt i^ich durch nichts auch nur wahrscheinlich machen,
Dazu kommt, daß uns ausdrücklich Konstantin als Er-
tindet des öla vischen Alphabets genannt wird. Man braucht
nur den unvollkommenen Versuch des Slovenischschreibens
mit lateinischer Schrift in den Freisinger Denkmälern aus
dem 10. Jahrb., die noch dazu auf altkirchenslavischer
Grundlage beruhen, anzusehen, um gegenüber dem voll-
kommenen Alphabet Konstantins zu erkennen, daß er
nicht für diese Sprache seine Schrift zusammengestellt hat.
Ferner hätte die etwa schon vorhandene slovenische Schrift
nur die lateinische sein können, und hätte Konstantin
seine Schrift etAva erst in Pannonien geschaffen und dort
XXVI Einleitung.
seine Bücher geschrieben, so ist wieder nicht zu verstehen,
wie er in dieser Umgebung seine Schrift der griechischen
entnehmen konnte, was er tat.
Abgesehen auch von diesen Schwierigkeiten, wäre die
Anwendung eines slovenischen Dialekts, der den Slaven-
aposteln von Haus aus unbekannt war, als Kirchensprache
für die Mährer, nur verständlich, wenn die damaligen Be-
wohner Mährens selbst Slovenen waren, also die Not-
wendigkeit bestand falls überhaupt die Volkssprache ge-
wählt werden sollte, daß diese slovenisch sei. Diesen
Schluß hat Dümmler gezogen (Die pannonische Legende
vom heil. Methodius, Archiv für Kunde österr. Ge-
schichtsquellen B. XIII), und als Historiker, der selbst
slavische Sprachen nicht kannte, also die sprachliche
Frage nicht beurteilen konnte, mußte er ihn ziehen,
da er es auf die Auktorität von Miklosich als ausgemacht
ansah, daß das Altkirchenslavische zum slovenischen Zweig
des Slavischen gehöre (doch hat Dümmler, Einleitung zur
Legende vom h. Cyrill, S. 11, wieder gemeint, nach der
liegende «müßte man annehmen, daß der Dialekt der
bulgarischen Slaven . . . zur Kirchensprache erhoben sei»).
Miklosich, der noch im Artikel «Glagolitisch» (Ersch u.
Grubers Encycl. LXVHI, 408b) aussprach: «Die Slovenen
waren von den zum cechischen Stamm gehörenden Mäh-
rern verschieden», änderte später seine Ansicht, und «Alt-
slovenische Formenlehre in Paradigmen», S. III, heißt es:
«Wenn ich den Ausdruck pannonisch gebrauche, so muß
ich bemerken, daß ich anerkenne, daß der Ausdruck, um der
Sache vollkommen zu entsprechen, auch Mähren in sich be-
greifen sollte. Ich bin nämlich jetzt der Ansicht, daß der slove-
nische Volksstamm nicht nur auf dem rechten, sondern
auch auf dem linken Ufer der Donau wohnte» (d. h.
also im Gebiet des alten Mährens zwischen March und
Gran), «freilich ohne über den Umfang seiner Wohnsitze
im Norden der Donau auch nur eine Vermutung aus-
sprechen zu können». Er beruft sich dabei auf die
Gründe, die Dümmler für die slovenische Nationalität der
Kinleitiing. XXVII
alten Mäbrer beigebracht babe; Dünimlt^r hat aber keinen
einzigen aus historischen oder ethnographischen Verhält-
nissen entnommenen Grund beigebracht.
XV. Alle Versuche, die Heimat des Altkirchen -
slavischen und seine Zugehörigkeit zu einer der uns be-
kannten Abteilungen der slavischen Sprache mit andern
Mitteln zu bestimmen, als solchen, die die Sprache selbst
darbietet, haben zu den größten Un Wahrscheinlichkeiten,
zu Paradoxien geführt. Daß das Altkirch enslavische
zum bulgarischen Zweig des Slavischen gehört,
geht schon aus einem Umstände sicher hervor, der Ver-
tretung von ursprünglichem //, dj, kt, gf durch st, zd:
*s^vefja — svesta^ ^medja — mezda (s. § 39.3), *noktb —
iwstb, *mogti — mosti (s. § 51 III 3b). Das ist nur im
Bulgarischen so, in keiner andern slavischen Sprache. Daß
man aber in Mähren im 9. Jahrb. das in allen west-
slavischen Sprachen für jene Verbindungen eingetretene
c, Cd)z sprach, geht hervor aus den Kijever Blättern (s. §
XXII, I 7), die, weil lateinischem Ritus entsprechend, im
Westen entstanden sein müssen. In diesen, obwohl sie
sonst dem bekannten Typus des Altkirchenslavischen ge-
nau entsprechen, ist gerade jenes auffallendste, unter-
scheidende lautliche Merkmal beseitigt und für st, zd das
cechische c, z eingesetzt. Daß abei' etwa die Slovenen
Pannoniens st, zd gesprochen hätten, ist eine unbegründete
Annahme, wenn man bedenkt, daß das älteste uns er-
haltene Slovenisch, die Freisinger Denkmäler, diese Laute
als Vertreter von (; usw. ebensowenig kennt wie sämt-
liche Dialekte des später überlieferten Slo venischen. Daß
dem angeführten entscheidenden Merkmal sich noch andre
sprachliche Eigentümlichkeiten anreihen lassen, sei hier
nur erwähnt und auf die Zusammenstellung bei Jagic,
Entstehungsgesch. 2. Hälfte, namentlich S. 85 fg., verwiesen.
XVI. Die altbulgarischen Handschriften sind in
zwei Schriftarten überliefert, der sogenannten kyril-
lischen (Kirillica) und der glagolitischen (Glagolica).
Der Name der ersten soll besac^en, daß sie von Kvrill
XXVIII
Einleitung.
(Konstantin) herrühre. Von ihm wird aber in den Quellen
nur allgemein gesagt, daß er für die slavische Sprache
{slovhihskyjh j^zykb) eine Schrift aufgesteUt habe, nicht
welche besondre Art Schrift. Daraus, daß später, als die
glagolitische Schrift außer Gebrauch gekommen war, bei
Bulgaren, Serben und Russen die ihnen geläufige Schrift
kyrillisch genannt wird, kann man nichts schließen, denn
es ist natürlich, daß man die eine Schrift, die man brauchte,
dem als Schrifterfinder gefeierten KyriU zuschrieb.
Die Entstehung dieser Schriftarten, ihr relatives Alter
und ihr Verhältnis zueinander hat die slavische Philologie
von jeher beschäftigt. Zunächst seien hier die Alphabete
mit der üblichen Umschreibung in lateinische
Schrift und kurzer Angabe des Lautwertes der Buch-
staben angegeben.
Kyrillisch
Glagolitisch
Latein.
Umschreibung
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XXIX
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ks (griech. i)
f
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«•
♦
griech. -O-
Â¥
»
griech. ü
XXX Einleitunjr.
»•
Über die Geltung der Vokalzeichen s. §§ 6—17; es
möge aber hier schon hervorgehoben werden, daß oy und
II, obwohl mit zwei Buchstaben geschrieben, nicht Diph-
thonge, sondern einfache Vokale bedeuten. Das glagolitische
g ist palatales g, also etwa wie gj zu sprechen ; mit v ist
stets u\ nie / gemeint ; k i ist = französisches j, ^ z =^
franz. z (tönender 5-Laut); ji ch = deutschem ck (von
manchen Grammatikern durch h umschrieben, auch wird
in sprachwissenschaftlichen Werken bisweilen x dafür ein-
gesetzt); i| c = deutschem z (ts); ui s = deutschem seh
(daher auch st = seht). Die Bedeutung der übrigen Kon-
sonantenzeichen ergibt die Umschreibung von selbst. Das
genauere über die Konsonanten s. §§ 25 — 35.
Von den Buchstaben des kyrillischen Alpha-
bets sind iiKr^^ei^HiKiiMHon pcToy^^cco
5j ^ -e- V nichts weiter als griechische Buchstaben, und zwar
der Majuskelschrift des 9. — 10. Jahrh. Die letzten
vier haben im Altbulgarischen keinen Lautwert (nur 5|:
>vird zuweilen für nc j^s gebraucht); sie sind in das Al-
phabet aufgenommen, weil die Buchstaben wie im Grie
chischen zugleich als Zahlzeichen dienen und jene vier
nach griechischer Weise als Zahlen verwendet wurden.
Die übrigen sind wirkliche Buchstaben, die also einen
Laut bezeichnen, und zwar ist der Lautwert bestimmt
nach dem Lautwert der griechischen Buchstaben jener
Zeit, " d. h. nach der neugriechischen Aussprache, daher
K = v, 3 15 = 2; (tönendes s), h (rjia) = i. Die unmittel-
bare Abhängigkeit vom griechischen Alphabet
zeigt sich auch darin: 1. für den einheitlichen i-Laut
wurden die beiden Zeichen h (nia; im 9. Jahrh. i ge-
sprochen) und I (iiuTa) beibehalten. — 2. für das nicht
diphthongische u wurde die griechische Schreibung mit
zwei Buchstaben oy übernommen. — 3. für den einheit-
lichen o-Laut kann geschrieben werden (ö iiiiKpöv) und w
(H) ineToi); der altgriechische Quantitätsunterschied bestand
längst nicht mehr, und auch im Altbulgarischen wird mit
Cd keine Länge bezeichnet. — 4. für den in der Sprache
Einleitung. XXXI
im Wortanlaut und zwischen Vokalen häufigen ^-Laut ist
kein besondrer Buchstabe vorhanden, weil er dem grie-
chischen Alphabet fehlt. Die Zeichen lo, «, i€, die=^'M,
7«, je sind, enthalten griechische Buchstaben kombiniert
mit I (iüüTa), m = je und im = ja sind ebenfalls Ver-
bindungen mit i; sie drücken also im Anlaut und nach
Vokalen wirklich j -\- u, j -\- a, j -{- e aus, z. B. «mj =
jama, CTpo\H = struja. XHTiiie = zitije^ mi^'lik'l = ]czyk^ usw.
Stehen aber diese Kombinationen mit i nach Konsonanten,
so bedeuten sie nicht ja usw., sondern zeigen an, daß der
Konsonant palatal zu sprechen ist, z. B. bshr = bana,
iio;\i€ = pol'e, ^E^Am = chvatq, uexi^io = rnezd'u; es ist
also eine Bezeichnung der Palatalität des Konsonanten
nicht an diesem, sondern am folgenden Vokal. Für die
Verbindungen jh und ji gibt es nicht einmal ein kombi-
niertes Zeichen, sondern sie werden mit dem einfachen
Vokalzeichen h (i) ausgedrückt, das also dreifache Geltung
haben kann, z. B. rpa^H = gradi, kj)IH = krajh und kraji.
Bisher nicht genannt sind die Buchstaben : b &, jk i,
Y c, IM s {\\\ ist nur Ligatur von ui und t), i (ii, ih ent-
halten dasselbe Zeichen verbunden mit i oder h), h, ^ <?,
ik (Varianten sind a, a) p, * « (» i^, k jq sind Verbin-
dungen von Ä, Xk mit dem Buchstaben i). Diese Zeichen
bedeuten Laute, die das damalige Griechisch nicht kannte
oder wenn es sie kannte, doch sc, daß Konstantin den
Buchstaben aus . anderm Grunde nicht brauchen konnte.
So gab es z. B. ein &, aber nur nach w, Xa|ußdvuu = lam-
hanOy in allen andern Stellungen hatte ß die Geltung von
V, das slavische b kommt aber nie nach nasalen Konso-
nanten vor, also konnte der Buchstabe b nicht für b ge-
braucht werden, es mußte ein neues Zeichen, b, gebildet
werden. Die neuen Buchstaben, die scheinbar nichts
mit dem griechischen Alphabet zu tun haben oder eine
Umbildung aus griechischen Zeichen nicht unmittelbar
erkennen lassen, kehren z. T. in gleicher, z. T. in wenig
abweichender Gestalt im glagolitischen Alphabet wieder
(8. § XVII und XVIII).
XXXII Einleitung.
Außer den Buchstaben werden diakritische Zei-
chen über diesen verwendet, davon ist als grammatisch
besonders >vichtig hier nur hervorzuheben ein bogen- oder
hakenförmiges über h ^ p zum Ausdruck der Palatalität
dieser Laute (s. § 39.1): h = w, a == T, p = r', z. B.
KONb = konh, KOMH = koni] zuweilen auch über andern
Konsonanten, in griechischen Fremdwörtern über k r vor
e- und i-Lauten, da sie dann = U § sind.
Zur Veranschaulichung der kyrillischen Schrift folgen
hier zwei Textstücke mit lateinischer Umschreibung,
aus »dem Codex Suprasliensis ^ (ed. Severjanov, S. 174,
Z.llfg.; s. u. § 21, 112).
' l|«CapbCTBOYt&UITOY ^€KHIO pHMkCrKH BilACTN H XOTiUlTOV
BkC3 HS CBOtJ^ Blp& npHBi\«UlTH, OTkl|A BO HM« ^HKIBO/IA, nOCLAS
no BbceuoY ifEcapbCTSOY cbokmoy, nKOxe Bbca HapHi|ai&ioTAA hmi
.XpHCTOCOBO npHBil-KUlTH HS CKBp'LH[h]HOKIACHHI€ ' SUIT6 XH A^
kotoph[h] cAnpoTHBsrL ca o tomi^, to a^ npe^mmTii (1. np«-)
CA c&Aoy.
cesarbstvujqsiu Dek'iju rimhsteji vlasti i chot^stu vhs^ na
svojq verq privlesti, othca ho ime dijavola^ poshla po vbsemu
cesarhstvu svojemu , jakoze vhs^ naricajqst^j^ imf christosovo
privlesti na skvrhnmojadenije ; aste li da kotoriji sqprotivptb sp o
tomh, to da predajqtb s§ sqdu^ d. h. «als Kaiser war Decius über
das römische Reich und wollte alle zu seinem Glauben heran-
ziehen, denn zum Vater hatte er den Teufel, schickte er
über sein ganzes Kaiserreich hin, daß alle den Namen
Christi nennenden (= bekennenden) heranzuziehen zum
Unreines-essen ; wenn aber einige sich dem widersetzen,
dann daß sie dem Gericht übergeben werden».
CHH BO B0:;H AXe MUHHUJH, KSMGHHK H AP^^O H W^h H
smeAtii^n. (1. -:;o) c&te o^KpauienH t^mtom'l^ ha np«AhiiiT€HHi€
YilOBlKOM'L OTh B«YkH1blA TUHT^nu CHH EO H6 BH^STL HH rAArollAT'L
HH XOAATI^ HH CaunaTl, KSM6HHI6 C;KI1IT6 YilOB^K'EI Hl^BSIAHH H
81 BHÄl Y/IOBIiYkCKl OBpSÄSeHH (ib. 177, Z. 1 fg.).
^ a bedeutet hier e, A dagegen je, — '■' für älteres TOMh.
' für älteres i^aiTOUk.
Einleitung. XXXIII
siji ho bozi j^ze menisi^ kamenije i drevo i medh ?
ielezo sah ukraseni zlatomh .7ia prelhstenije clovekonii otb
vecmyj^ zizni; siji ho ne vidph ni gJagoVqtb ni chod^tb ni
slysetb, kamenije sqste cloveky izvajani i m> vid^ clovechskh
obrazeni, d. h. «denn diese Götter, die du erwähnst, sind
Steine und Holz und Erz und Eisen, geschmückt mit
Gold zur tjberlistung (Verlockung) der Menschen vom
ewigen Leben weg; denn diese sehen nicht noch sprechen
noch gehen noch hören, Steine seiend von Menschen aus-
gehauen (sculpti) und in menschliche Gestalt gebildet».
— Die Entwicklung der kyrillischen Schrift behandelt
Karskij, Ocerk slavjanskoj kirillovskoj paleografii (Warschau
1901), mit zahlreichen Tafeln.
XVII. Über den Ursprung der so eigentümlich aus-
sehenden glagolitischen Schrift sind sehr verschiedene
Hypothesen aufgestellt worden (s. Miklosich, Artikel «Gla-
golitisch» in Ersch und Grubers Encycl.; Jagic, Ent-
stehungsgesch.il, §26 fg. und die dort angegebene Literatur):
1. Eine Meinung, das glagolitische Alphabet beruhe auf
einer alten sla vischen Runenschrift, war von vornherein
hinfällig, denn von slavischen Runen ist nichts bekannt,
und was dafür ausgegeben wurde, waren Fälschungen. —
2. Eine verbreitete Ansicht war, Konstantin, nach der
Legende ein Kenner orientalischer Sprachen, habe die
glagolitische Schrift aus orientalischen Alphabeten
zusammengestellt; sie ist in ihrer Gesamtheit jetzt wohl
fast allgemein aufgegeben, nur einige Gelehrte halten noch
an der Entlehnung einzelner Buchstaben aus dem Orient
fest (s. Vondräk, Zur Frage nach der Herkunft des glag.
Alphabets, ASPh Bde. 18 u. 19). - 3. Geitler, Die alba-
nesischen und slavischen Schriften, Wien 1883, stellte die
Hypothese auf, das Glagolitische entstamme einer alt-
albanesischen einheimischen Schrift; sie ist wider-
legt von Jagic, ASPh 7,444. Die Gegengründe lassen
sich dahin zusammenfassen: die in der sogenannten alba-
nesischjen Schrift geschriebenen Texte (Alphabet und Text-
proben sind bekannt gemacht von Hahn, Albanesische
Leskien, Alt bulgarische Grammatik. III
XXXIV Einleitung.
Studien I, 280 — 300; Jena 1854) sind ganz jung, höch-
stens aus dem 18. Jahrh.; eine altalbanesische Schrift
läßt sich daraus nicht ableiten oder nur mit den aller-
kühnsten Hypothesen und den willkürlichsten Kombi-
nationen, und aus der angenommenen albanesischen Schrift
läßt sich die glagolitische paläographisch nicht ableiten.
Nach meiner Ansicht ist überhaupt dies albanesische
Alphabet nichts weiter als eine Stilisierung der gewöhnliclien
griechischen Schreibschrift der letzten Jahrhunderte.
XVIII. Haltbar ist nur die Ansicht, daß das gla-
golitische Alphabet wie das kyrillische der
griechischen Schrift entnommen sei. Die üblichen
glagolitischen Drucktypen geben die handschriftliche Form
der Buchstaben sehr schlecht wieder; es sei daher hier
ein Stück glagolitischen Textes aus dem Codex
Zographensis (Matth. 6.26 — 29) mitgeteilt; es enthält das
ganze Alphabet außer den Buchstaben, die den kyrillischen
^, i|i, 10 entsprechen, und dem Zeichen für g.
Einleitung. XXXV
In kyrillische Schrift umschrieben
1.
Bl^bpHTe HA nTHI|A HECKU» (d. i. H6E6ChCKT>lu), k;IKO H6
C^I&T'L RH SEbHiS^TL HH C'LRH(>:ili&rL Bl SKHTbHHIfm, l OI|b (d. i.
OTkl|b) BAUlb HCEGKll (d. i. HeceCbCKll) OHT-fieTL U * He KU
AH HAVe AOVYblUH l}Ck eCT6; KTO :S6 OTh BACL HeKli CA nioxeTb
npHAOXHTH TEiAeCH CEOGMb .^AK'LTb e^HH'L. l OAC^KA» YbTO CA
iieveie; CLuoTpHTC i^ehtl ceAiH^ixi käko fiACT^Ti, hh xpovsK-
;(Ai&'rL CA HH npH^is^T'E (1. npA;^-). rAUt, (d. i. rA^iro.Aiiv;) xe eim'l.
«KO HH COilOMiON'E B'L BC6H C.AAK-£ CB06H 0B.\-fiY6 CA 'KKO e^HHl
OTT» CHX% = ejußXeijiaTe eig xd Treieivd loO oupavoO, öti ou
arreipouaiv ouöe depiZ^oucriv ouöe auvaTOucriv eiq dTTOÖ-riKa«;,
Kai 6 TTarrip \)\x(x)v 6 oupdviog Tpecpei autd " oux ujaeiq
^dXXov biaq)6p€T€ auTuuv; Ti<^ be it ujiijuv ^epiiavujv öuvarai
TTpoadeivai etri Tr|v fiXiKiav aurou Ttrjxuv ^va; Kai Ttepi
evöufiaroq ti ^epi^vdre; KaraindöeTe id Kpiva toö dypoö
TTtlx; auHdvei * ou KOTiid ouöe vridei ' Xefuj he u^iiv, öti oube
ZoXojiüuv ev Trdcrr] irj öoEr] auioö TcepießdXeTo öjq tv toutujv.
Daß beide Alphabete auf demselben System beruhen
(über die Lautgebung im glagolitischen vgl. Leskien, Zur
glag. Schrift, ASPh 27, 161) ergibt sich daraus, daß beide
für den einheitlichen Laut y zwei Buchstaben, und zwar
die gleichen, in den Alphabeten einander entsprechenden,
brauchen. Die Abhängigkeit auch der glagolitischen Schrift
von der griechischen geht hervor aus der aa sich ganz
^ Man hat in neuerer Zeit die Herauegabe glagolitischer
Handschriften in glagolitischem Druck aufgegeben und gibt sie
in kyrillischer buchstäblicher Umschreibung. Dabei hat Jagic in
seinen Ausgaben die eine Abart des t-Zeichens, *g, durch ein neu
erfundenes Zeichen i ersetzt, während für T das kyr. i, für 5
das H dient.
XXXVI Einleitung.
überflüssigen Doppelheit des i, t (*) 8, und dem aus
zwei Zeichen zusammengesetzten Buchstaben für u, ».
Die Alphabete unterscheiden sich in folgenden
Punkten:
1. Das glagolitische hat einen Buchstaben mehr m 9,
der aber nur in griechischen Fremdwörtern gebraucht wird.
2. Die beiden Buchstaben a ja und « e des kyril-
lischen sind im glagolitischen durch das eine a vertreten.
Dies beruht auf der dialektischen Eigentümlichkeit der
glagolitischen Quellen , daß die Vokale e und ja einen
gleichen oder sehr ähnlichen Laut hatten: ä oder a.
3. Das glagolitische Alphabet scheidet nicht e und je
(kyr. €, le), sondern hat für beide das einfache e-Zeichen
3. Ebenso waren in seiner ältesten Gestalt e und je
(kyr. A, 11) nicht geschieden, für beide galt das einfache
Vökalzeichen p c ; das 3€ hat erst nachträglich nach dem
Muster von ^ ja einen Zusatz, den Buchstaben für e, 3, be-
kommen. —Dagegen stimmen in der Bezeichnung von ju
und jq durch Verbindung zweier Elemente (? 10, ^ i^
die Alphabete über&in. Die Geltung des e als je kennen
übrigens auch kyrillische Denkmäler, so das Sava-Evan-
gelium.
Das glagolitische Alphabet ist demnach unvoll-
kommener als das kyrillische eigentlich nur in einem
Punkte, daß es keinen Buchstaben für je hat. Dabei ist
aber zu beachten, daß das Altbulgarische ein e im Wort-
anlaut oder nach Vokalen überhaupt nicht kennt (s.
§ 57), sondern nur je, und daß, wo ursprünglich je nach
Konsonanten stand, das j als solches geschwunden ist
(s. § 39).
Von den glagolitischen Buchstaben deckt sich ui s
völlig mit dem kyrillischen Zeichen. Man kann ferner,
wenn man die ältesten Formen der Handschriften ins
Auge faßt, zeigen, daß z.. T. die glagolitischen Buch-
staben, die im Lautwert denjenigen Zeichen des kyrillischen
Alphabets entsprechen, bei denen eine unmittelbare Ent-
lehnung aus der griechischen Schrift nicht zu erkennen
Einleitung. XXXVU
ist, sich mit der Form dieser kyrillischen Buchstaben so
stark decken, daß die ursprüngliche gleiche Figur zugrunde
liegen muß, so v i| c, as sk i, ^ y c; zusammenhängen
werden auch ti e b, und ^ i, -e b auf die gleichen
Grundformen zurückgehen; das kyr. t e ist ofifenbar die-
selbe Figur wie glag.A , nur mit nach oben verlängertem
Mittelteil.
Das ganze System der glagolitischen Schrift und ihre
Übereinstimmungen mit der kyrillischen macht es an sich
wahrscheinlich, daß beide Alphabete den gleichen
Ursprung haben. Das kann nur heißen, daß auch das
glagolitische aus der griechischen Schrift stammt. Im
9. Jahrh. schrieben die Griechen Schriftstücke des täg-
lichen Lebens, Briefe, Urkunden usw\, wie Bücher, nicht
mehr in der Majuskelschrift, aus der die kyrillische
stammt, sondern in der Minuskel; die Majuskel brauchte
man gelegentlich für besondere Zwecke, z. B. bei Über-
schriften, auch noch für prachtvoll auszustattende Luxus-
handschriften. Es war daher auch für den, der die grie-
chische Schrift einer slavischen Mundart Mazedoniens an-
passen wollte, die Minuskel das natürlich gegebene. Wenn
man den Duktus der griechischen Minuskel der zweiten
Hälfte des 9. und des 10. Jahrh. mit der glagolitischen
Schrift vergleicht, kann bei den meisten glagolitischen
Buchstaben an ihrer Identität mit den entsprechenden
griechischen Minuskelformen gar kein Zweifel sein. Man
vergleiche z. B. die Buchstaben- für g, d, k, n, p, tu. a.
des oben gegebenen Textstückes mit den entsprechenden
griechischen Buchstaben (Minuskel) in den Schrift-
tafeln bei Taylor, Über den Ursprung des glagol.
Alphabets, ASPh 5, 191, und bei Jagic, Cetyre
kritiko-paleograficeskija statji (St. Petersburg 1884). Da
hier paläographische Untersuchungen mit Tafeln nicht
gegeben werden können, muß ich mich mit diesen Hin-
weisen begnügen. Die Frage, woher die glagolitischen
Buchstaben stammen, die nicht unmittelbar aus griechischen
Zeichen ableitbar sind, kann daher auch hier nicht weiter
XXXVm Einleitung.
verfolgt werden. Meine Ansicht ist, daß sie ebenfalls aus
Zeichen der griechischen Minuskel kombiniert und stilisiert,
und daß die entsprechenden kyrillischen Buchstaben dem
glagolitischen Alphabet als dem älteren entlehnt sind.
Hervorheben möchte ich noch, daß ein in die
Augen fallender Unterschied zwischen einem griechischen
Text in der Minuskel des 9. — 11. Jahrh. und einem alt-
bulgarischen in glagolitischer Schrift auf einer besondern
Stilisierung der glagolitischen beruht; die griechische
Schreibung ist konjunkt, d. h. die Buchstaben werden wie
in unsrer gewöhnlichen deutschen oder lateinischen
Schreibschrift durch Hinüberziehen des Endstriches mit
dem nächsten verbunden; die glagolitische Schrift hat
aber die Buchstaben wieder vereinzelt und ist so gewisser-
maßen zu einem Majuskelduktus zurückgekehrt.
XIX. Die Frage, welches von den beiden Al-
phabeten das ältere ist, d.h. also, welches Alphabet
Konstantin aufgestellt und in welchem er seine Bücher
geschrieben hat, ist in der slavischen Philologie viel ver-
handelt worden (s. Miklosich, Artikel «Glagolitisch» in
Ersch und Grubers Encycl.; Jagic, Entstehungsgesch. II,
namentlich §§ 35 — 37, § 47). Man ist jetzt fast all-
gemein der Ansicht, daß es die glagolitische gewesen ist.
Oben wurde schon hervorgehoben, daß es einem Griechen
der zweiten Hälfte des 9. Jahrh. schwerlich einfallen
konnte, die Majuskelschrift als Buchschrift einzuführen.
Der entscheidende Grund aber, daß Konstantin nach Mähren
nicht die sogenannte kyrillische, sondern die glagolitische
Schrift mitgebracht hat, liegt in folgendem: 1. Ein altes
Denkmal, die sog. Kiever Blätter (s. § XXI), das Bruch-
stück eines liturgischen Buches lateinischen Ritus, muß eben
wegen dieses Ritus im Westen entstanden sein, kann
nicht in Mazedonien unter Slaven griechischen Ritus ver-
faßt sein; und dies Denkmal ist glagolitisch. — 2. Im
alten Kroatien (zwischen der Kulpa und dem Velebit-
gebirge)und auf den Inseln des Quarnero, am äußersten nord
westlichen Rande der Balkanhalbinsel, wurde die Sprache
\
Kinleitung. XXXIX
Konstantins dieKirohensprache, also bei den zur westlichen,
römischen Kirche gehörenden Kroaten, und ist es z. T.
bis auf den heutigen Tag (vgl. Murko, Die slav. Liturgie
ander Adria, Oesterr. Rundschau II, Heft 17, S.16o\ Die bei
ihnen für den Gottesdienst gebrauchten Bücher, Evangelium
u. a., enthalten dieselbe Übersetzung wie die sonst bekannten
altkirchenslavischen Evangelien usw. Diese Bücher sind
nur in glagolitischer Schrift vorhanden; ferner war diese
bis zum 17. Jahrh. in jenen Gegenden auch für profane
Zwecke (Urkunden) in allgemeinem Gebraucht Daß die
glagolitische Schrift nach der Wirksamkeit Konstantins
und Methods in Mähren-Pannonien aus dem Innern der
Balkanhalbinsel, etwa aus Mazedonien, nach Kroatien ge-
kommen sei, ist bei den kirchlichen und politischen Ver-
hältnissen vom 10. Jahrh. an undenkbar; sie kann also
nur aus Mähren-Pannonien durch Schüler der Slaven-
apostel mit der Einführung der Kirchensprache dahin
gelangt sein. Wären aber die Bücher in Mähren kyrillisch
geschrieben gewesen, so müßten sie in dieser Schrift über-
liefert sein, denn irgendeine neue Schrift an ihre Stelle
zu setzen, lag keine Veranlassung vor; und wenn ein Be-
dürfnis darnach empfunden wäre, hätte man in jenem
Lande nur die lateinische wählen können. — 3. Die
glagolitischen Evangelien und das Psalterium zeigen in
der Sprache, formal und lexikalisch, einen älteren Typus
als die entsprechenden kyrillischen (näheres s. Jagic,
Entstehungsgesch. II, § 4 fg.).
Die glagolitische Schrift ist im Laufe einiger Jahr-
hunderte in Bulgarien und Mazedonien außer Gebrauch
gekommen und durch die kyrillische ersetzt worden; zu
den Serben und Russen ist nur diese (abgesehen von ehi-
zelnen Spuren der Glagolica) als allgemein gebräuchliche
1 Im Lauf des Mittelaltere nahm hier die Schrift statt des
älteren runden Duktus (sog. bulgarische Glagolica) eckige Formen
an (sog. kroatische Gl.), wie zur selben Zeit die lateinische Schrift
in die sog. gotische mit eckigem Duktus, aus der unsre heutige
deutsche Schrift, überging.
XL Einleitung.
übergegangen. Der Vorgang ist also paläographisch aus-
gedrückt der: die Minuskelschrift , die glagolitische =
griechischer Minuskel, ist ersetzt worden durch die Ma-
juskelschrift, die kyrillische = griechischer Majuskel. Das
ist an sich auffallend, wird aber wohl so zu erklären sein,
daß die glagolitische Schrift durch ihren eigentüno liehen
Duktus namentlich bei weniger sorgfältigem Schreiben
außerordentlich undeutlich und schwer lesbar wird (in den
ältesten Handschriften ist das keineswegs der Fall), und
man daher den sehr deutlichen Charakter der Majuskel
vorzog. Man muß dabei annehmen, und kann das nach
dem Beispiel des griechischen Gebrauchs ohne Schwierig-
keit, daß die Majuskel von Anfang zu besondern Zwecken,
Überschriften usw. gelegentlich gebraucht wurde.
XX. Die Literatur in altbulgarischer Sprache
beginnt mit den Werken Konstantins (Kyrills) und ist
aufs engste mit der Tätigkeit der Slavenapostel verbunden,
ihre erste Periode reicht daher bis zum Tode Methods
885. Welche Werke von Konstantin und Method selbst
oder von ihren Schülern in dieser Zeit verfaßt sind, läßt
sich mit Sicherheit nicht feststellen. Die Vita Methodii
c. 15 berichtet, Method habe mit seinem Bruder übersetzt
das Evangelium, den Apostel, den Psalter und ausgewählte
kirchliche Offizien {izbbranyj§ sluihby crbJavhJiyje = se-
lecta officia ecclesiastica; zu verstehen sind darunter für
den Gottesdienst notwendige Bücher, namentlich die
Liturgie). Die Vita fährt fort, Method allein habe mit
Hilfe zweier Priester, Schnellschreiber (Tachygraphen), das
ganze Alte Testament mit Ausnahme der Makkabäerbücher
übersetzt; außerdem den Nomokanon (das Kirchenrecht
der orientalischen Kirche) und ein Paterikon (Leben der
h. Väter). Der Exarch von Bulgarien Johannes, um das
J. 900, schreibt in der Vorrede seines « Bogoslo vije» (Theo-
logia) genannten Werkes (ed. Bodjanskij, Moskau 1877)
nur Evangelium und Apostolus dem Konstantin zu. Daß
Method mit seinen Gehilfen nicht in einem halben Jahre
das ganze AT übersetzen konnte, liegt auf der Hand;
Einleitung. XLI
außerdem geht aus der handschriftlichen Überlieferung
der biblischen Bücher in kirchenslaviecher Sprache hervor,
daß die Übersetzung des AT ganz allmählich vor sich ging
und erst am Ende des 15. Jahrh. vollendet war. Es
kann sich, wenn die Nachricht über Methods Tätigkeit
am AT richtig ist, nur handeln um einzelne Abschnitte
(Lektionen) daraus, griechisch rrapoiiaiai (daher der slavische
Name Parimejnik für die Sammlung dieser Stücke). Wie-
viel von der jedenfalls alten Übersetzung des Nomokanon
Method zuzuschreiben sei, läßt sich nicht entscheiden.
Daß NT und Psalterium, als die für den Gottesdienst
notwendigsten Bücher, zuerst übersetzt sind, ist sicher, und
es liegt kein Grund vor, sie nicht Konstantin zuzuschreiben.
Die Ausdrücke das Evangelium, der Apostel, der Psalter,
bedürfen aber einer Erläuterung. Für den gottesdienst-
lichen Gebrauch, zur Verlesung an Sonn- und Festtagen,
waren die vier Evangelien in Abschnitte, Lektionen, zer-
legt. Die Zusammenstellung dieser Lektionen ^in der
römischen Kirche Lectionarium) nach den Festen des
Kirchenjahres hieß das Evangelium (tö euaYT^iov, Evan-
geliarium, Evangelistarium). In ihm ist also der ur-
sprüngliche Kontext aufgehoben, die Abschnitte verschie-
dener Evangelien folgen aufeinander, so bildet den Anfang
.Joh.1.1— 25, folgtLuk. 24. 12— 35, weiter Job. 1.35— 51
usw. (nach dem Ostromirschen Ev.). Wenn der ursprüng-
liche Kontext der Evangelien beibehalten ist, so heißt das
Buch TeipaeuaYTfcXiov {cetvrtojevangelije, Vierevangelium).
In derselben Weise war der übrige Teil des NT außer der
Apokalypse, die keine solche kirchliche Verwendung fand,
also Apostelgeschichte und Briefe, aufgelöst, und ein solches
Lectionarium hieß der Apostel (6 dirocTToXoc;), z.B. folgt auf
AG. 18. 1—31 das Stück Eph. 5. 8—15, darauf Rom. 1.
21 — 24 usw. (so im Ap. Sisovatensis). Der Psalter ist
das alttestamentliche Psalmenbuch, mit einigen andern
Hymnen des AT und NT. Über die weitere Geschichte
der kirchenslavischen Bibel s. Artikel «Bibeltext und
Bibelübersetzung» in «Realencycl. für protest. Theologie
XLII Einleitung.
und Kirche» (auch besonders u. d. T. «Urtext und Über-
setzungen der Bibel», Leipzig 1897, S. 211). Daß außer
den genannten Büchern während der Tätigkeit der Slaven-
apostel in Mähren und Pannonien auch andre vorhanden
waren, zeigen die oben erwähnten Kijever Blätter und
ein Euchologium (s. § XXI, I 6).
EineLiteratur in weiterem Sinne des Wortes darf
man der Periode bis 885 kaum zuschreiben. Diese begann
erst in Bulgarien-Mazedonien. Die nach dem Tode Methods
aus Mähren vertriebenen Priester, Schüler Konstantins und
Methods, gingen nach Bulgarien und wurden dort vom
Garen Boris, der 864 zum Christentum übergetreten war,
aufgenommen, unter ihnen der hervorragendste Klemens,
der in eine Diözese des westlichen Mazedoniens ging;
dies wurde eine besondre Stätte für die altkirchenslavische
Sprache und Literatur. Unter Boris Sohn, den Garen
Symeon (893 — 927), fällt die Blütezeit des altkirchen-
slavischen, altbulgarisohen Schrifttums, das dann weiter
im 10. und 11. Jahrb. fortgesetzt wurde. Bekannt sind
uns aus dieser Zeit eine Menge von Schriften, sie sind
aber alle nicht erhalten in altbulgarischer (altkirchen-
slavischer) Sprache, sondern in späterer bulgarischer,
serbisch- kirchenslavischer und russisch -kirchenslavi scher
Gestalt (s. § XXII).
Dies Schrifttum besteht fast gänzlich aus Über-
setzungen griechischer Bücher, und zwar mit wenig
Ausnahmen der theologischen und kirchlichen Literatur.
Stil, Wortbedeutung und Wortbildung sind in hohem
Grade vom Griechischen beeinflußt, in manchen Stücken
so, daß man sie ohne das griechische Original gar nicht
oder nur sehr unvollkommen verstehen kann (vgl. dar-
über meine Abhandlungen «Die Übersetzungskunst des
Exarchen Johannes», ASPh 25, 48, «Zum Sestodnev
des Ex. Johannes», ebd. 26, 1). Die altbulgarischen
Schriften können also wohl in Lauten und Formen, aber
nicht in Syntax und Phraseologie ein Bild der wirklichen
Volkssprache der bulgarisch - mazedonischen Slaven des
Einleitung. XLIII
9. — 10. Jahrh. bieten. t)ie Geschichte dieser Literatur über
die erste Periode hinaus zu verfolgen, ist hier nicht der Ort,
zumal die in späterer Sprachforna überlieferten Werke
wohl in hohem Grade für das Lexikon, für Laut- und
Formenlehre aber im ganzen weniger in Betracht kommen.
Ich verweise dafür auf Golubinskij, Kratki oöerk istorii
pravoslavnych cerkvej bolgarskoj etc. (Moskau 1871); ders.
Istorija russkoj cerkvi^ I. 1, S. 880fg. (Moskau 1901);
Murko, Geschichte der älteren südslavischen Literaturen
(= Literaturen des Ostens, 5. B., 2. Abt., Leipzig 1908).
XXL Für die Grammatik handelt es sich vor allem
darum, festzustellen, welche von den uns erhaltenen Hand-
schriften den Sprachzustand des 9. — 10. Jahrb., der in
den ältesten Denkmälern vorliegt, oder durch kritische
Betrachtung aus ihnen zu entnehmen ist, am getreusten
festgehalten haben. Als Kriterium dieses altbulgarischen
Typus nimmt man allgemein das Verhalten der Tradition
zu den ursprünglichen Nasalvokalen q und c, und rechnet
zu der altbulgarischen (bei Miklosich «altslo venischen >)
Handschriftenklasse solche, in denen a und e nicht
miteinander vertauscht noch durch nichtnasalierte Vokale
ersetzt sind (über Abweichungen davon in altbulg. Hand-
schriften s. § 24 in). Diese Denkmäler stimmen dann
auch in andern altertümlichen Laut- und Formenverhält-
nissen überein. Es gehören dahin:
I. In glagolitischer Schrift:
1. Der sogenannte Codex Zographensis, ein
Tetraevangelium, einst im Athoskloster Zographu, jetzt in
der kais. öflf. Bibliothek in Petersburg; hg. von Jagic in
kyrillischer Umschrift: Quatuor evangeliorum codex glago-
liticus, olim Zographensis etc., Berlin 1879. — Über die
sprachlichen Eigentümlichkeiten s. Jagic, Studien über das
altsloven. Zographosevangelium, ASPh Bde. 1 u. 2.
2. Der sog. Codex Marianus, ein Tetraevangelium,
einst dem Marienkloster auf dem Athos gehörig, jetzt im
Rumjancevschen Museum in Moskau; hg. von Jagic in
XLIV . Einleitung.
kyrillischer Umschrift: Quatuor evangeliorum versionis
palaeoslovenicae codex Marianus, Berlin 1883; mit paläo-
graphischer und grammatischer Abhandlung und er-
schöpfendem Wortindex.
3. Der sog. Codex Assemanianus, ein Evange-
listarium (Lectionarium), von dem Orientalisten Assemani
im 18. Jahrh. nach Rom gebracht und dort in der Vati-
kanischen Bibliothek; hg. von Racki in glagolitischen
Typen: Assemanov ili Vatikanski evangelistar, Agram
1865 (mit ausführlicher Einleitung von Jagic). Besser ist
die Ausgabe von Crncic in lateinischer Umschrift: Asse-
manovo izborno evangjelje, Rom 1878.
4. Der sog. Glagolita Clozianus, ein Fragment
(12 Blatt) eines Codex, der Übersetzungen griechischer
Homilien (Predigten der Kirchenväter) enthielt; der
größere Teil einst im Besitz eines Grafen Cloz (daher der
Name), jetzt in der Stadtbibliothek zu Trient, zwei Blätter
im Ferdinandeum zu Innsbruck. Beide Teile zusammen
hg. in kyrillischer Umschrift von Vondräk: Glagolita Clo-
züv, Prag 1893; mit grammatischer und paläographischer
Einleitung und Glossar. — Die frühere Ausgabe Kopitars
(Glagolita Clozianus, 1836) hat durch die ihr beigegebenen
Abhandlungen eine bedeutende Rolle in der slavischen
Philologie gespielt.
5. Psalterium Sinaiticum, in der Bibliothek des
Katharinenklosters auf dem Sinai; hg. in kyrillischer Um-
schrift von Geitler: Psalterium, glagolski spomenik mana-
stira Sinai brda, Agram 1882.
6. Euchologium Sinaiticum, eine Sammlung von
Gebeten; darunter auch die Übersetzung des althoch-
deutschen St. Emmeramer-Gebets (s. Vondräk, ASPh 16,
118fg.), wie überhaupt dies Denkmal auf Entstehung im
Westen hinweist; hg. in kyrillischer Umschrift von Geitler:
Euchologium, glagolski spomenik manastira Sinai brda,
Agram 1882.
7. Die sog. Kijever Blätter, Bruchstück (7 Blatt)
eines Missale nach röm. Ritus; hg. in kyrillischer
Einleitung. XLV
'o
Umschrift von Jagic in: Glagolitica, Würdigung neuent-
deckter Fragmente, Wien 1890 (Denkschr. der k. Ak. d.
Wiss. phil.-hist. KI. B. XXXVIIl; der Sonderabdruck ent-
hält die vollständige photographische Wiedergabe der
Blätter). — Vgl. Vondräk, püvodu kijevskych listu,
Prag 1904.
II. In kyrillischer Schrift:
1. Dassog. Sava-Evangelium(Savvina kniga), ein
Lectionarium (unvollständig), in der typographischen Biblio-
thek zu Moskau ; der Xame rührt her von der Beischrift eines
Priesters Sabbas (Savva); hg. von Scepkin: Savvina kniga,
St. Petersburg 1903; mit vollständigem Wortindex. Über
die Sprache vgl. desselben: Razsuzdenije o jazyk^ Savvinoj
knigi, St. Petersb. 1899.
2. Der sog. Codex Suprasliensis, benannt nach
dem Kloster Suprasl bei Biaiystok, jetzt z. T. in der k.
k. Studienbibliothek zu Laibach, ein andrer Teil in der
Bibliothek des Grafen Zamojski in Warschau. Dieser
umfangreichste altbulg. Codex (285 Bl.) enthält einen Teil
des Menäums für den Monat März (24 Legenden, Heiligen-
leben), außerdem 20 Homilien unter dem Namen des Jo-
haimes Chrysostoraus, und 4 andre Homilien. Nachweise
der griechischen Vorlagen von Abicht und Schmidt ASPh.
Bde. 15 — 18. Ausgabe von Miklosich: Monumenta palaeo-
slovenica e codice Suprasliensi, Vindobonae 1851; genauer
nach der Handschrift von Severjanov: Suprasl'skaja rukopis
I (den Text mit Anmerkungen enthaltend), St. Petersburg
1904.
Nicht mit erwähnt sind einige glagolitische und
kyrillische Fragmente geringen Umfangs, deren Stellung
überdies z. T. unsicher ist. Eine Inschrift auf einem Grab-
stein, den der Car Samuel 993 seinem Vater, seiner Mutter
und seinem Bruder gesetzt hat, sei hier angeführt. Sie lautet (s.
Jireeek u. Jagic, Die cyrillische Inschrift v. J. 993, ASPh.
21, 543): Kl HMA (ÖTLIJA H CIHH.A H CTÄPO (1. CBAUFO) AOlf,Xa.
4:51 C.AMOH.Al flilR-b Bai|H] (1. KOJKH) nO!\Jr.^M II.^MATb [(i)Tbl|'8 H
XLVI . Einleitung.
MAT€pil H Bp:iT[0Y] [h]i KplCTtM Cli[,VLj ' HMeHA OYCLniuifHyL :
NHJKOilA pAKl KXH (1. K02RH), [MspH ?J«, ^AB/^l (sOnst AABlI^l,
AiY'iA'i'^ A^YAi>)- NAHHCi [xe ca bi] .A«T0 OTL C'LTB0[p€HHn
MHpo]v .s^Ä. HH'LAH[im .s.], wöitllch übersetzt (von Jagic
a. 0.): In nomine patris et filii et spiritus sancti. Ego
Samuel servus dei pono memoriam patri et matri et fratri
in crucibus hisce. Nomina defunctorum: Nicola servus
dei, [Mari]a, David. Scriptum est anno a creatione mundi
0501 indictione [6j.
Von den oben genannten Handschriften ist keine
datiert, man ist für die Zeitbestimmung auf paläo-
graphische und sprachliche Momente angewiesen. Es ist
möglich, daß einige, so Cod. Zographensis und Cod. Ma-
rianus noch ins Ende des 10. Jahrb. fallen, für die übrigen
wird man nicht über das 11. Jahrb. zurückgehen dürfen.
Es liegt also zwischen der ersten schriftlichen Fixierung
der Sprache durch Konstantin und den erhaltenen altbul-
garischen Handschriften ein Zeitraum von ca. 150 — 200
Jahren. Während dieser Zeit hat die Entwicklung der Sprache
nicht stillgestanden, spätere Schreiber und Schriftsteller
konnten bereits jüngere Lautverhältnisse und Formen in
der lebendigen Rede haben als die ältesten Bücher ent-
hielten; ferner stammten die Schreibenden nicht alle aus
der gleichen Lokalmundart. So kamen in die uns er-
haltenen Handschriften Lautverhältnisse und Formen aus
verschiedenen Zeiten, z. B. können in einer und derselben
Handschrift nebeneinander vorkommen älteste Form
novajego (des neuen), daraus entstandenes novaago und aus
diesem kontrahiertes novago (s. § 114. 3 b). Einflüsse der
Mundarten, denen die Schreiber angehörten, sind ebenfalls
vorhanden. So ist denn die Sprache der altbulgarischen
Denkmäler weder als Gesamtheit genommen, noch inner-
halb der einzelnen ganz einheitlich, und es ist bei allen
eine eingehende philologische und sprachliche Kritik not-
wendig, um die älteste Form der Sprache aufstellen zu
können, da diese nicht unmittelbar in ihnen gegeben ist.
Am meisten nähert sich ihr der Cod. Zographensis. Über
Einleitung. XLVII
einen wichtigen Punkt in Bezug auf die Beurteilung der
Überlieferung s. meine Abhandlungen über 2» und h in den
altkirchenslav. Denkmälern, ASPh. 27. 1,321, 481.
XXII. Die Geschichte des Kirchenslavischen nach
dem ll.Jahrh. ist die einer nicht mehr im Volksmunde
lebendigen Literatursprache. In Bulgarien, auf ihrem
Heirnatsboden, entwickelten sich die Volksmundarten weiter,
und in den vom 12. Jahrh. an dort entstandenen Büchern
oder Abschriften älterer Texte zeigt sich ein immer mehr
vom Altbulgarischen abweichender Sprach zustand, den man
als mittelbulgarisch bezeichnet; aus den mittelbulga-
rischen Mundarten sind dann die heute lebenden neu-
bulgarischen weiter entwickelt. Daß das Altbulgarische
und die in ihm verfaßten liturgischen Bücher nach
Kroatien kamen, ist bereits oben (§ XIX) ausgeführt.
Ebenso wurde es bei den Serben aufgenommen und kam
mit der Bekehrung der Russen zum Christentum als
Kirchensprache mit den Kirchenbüchern nach Rußland.
Hier sowohl wie in Serbien wurde es auf Jahrhunderte
die Literatursprache. Schon bei den ältesten Ver\iel-
fältigungen altbulgarischer Handschriften durch serbische
und russische Schreiber konnte es nicht ausbleiben, daß
diese die Eigentümlichkeiten ihrer Nationalsprache, nament-
lich lautliche, in die Bücher brachten, und im Laufe der
Zeit drangen immer mehr solche Serbismen (und Kroa-
tismen) wie Russismen in die Abschriften und in die von
Serben und Russen selbständig verfaßten Schriften ein.
Auf diese Weise bildeten sich drei Arten von
Kirchenslavi8ch,d.h. kirchenslavischer Literatursprache :
mittelbulgarisch-kirchenslavisch (oder kurz: bulgarisch-
kirchenslavisch), serbokroatisch-kirchenslavisch, russisch-
kirchenslavisch. Von jeder dieser Handschriftenklassen
werden unten einige der ältesten und wichtigsten Denkmäler
genannt, fast ausschließlich solche, die durch Ausgaben zu-
gänglich sind; auf weitere Aufzählung muß hier verzichtet
werden. Das einfachste Unterscheidungsmerkmal ist die
Behandlung der altbulgarischen Nasalvokale a, e:
XLVni Einleitung.
I. Bulgarisch-kirchenslavisch, kenntlich an der
Vertauschung von m tft mit ä «, d. h. ä hr kann an
Stelle von urspr. a h, und * » an Stelle von urspr. * k
stehen, z. B. HicLiTHUiiK (3. pl. aor. sie sättigten) statt -uia,
ttB.^A (1. sg. präs. ich offenbare) st. twiMiü. Eins der wich-
tigsten Denkmäler dieser Klasse ist der in der Bibliothek
zu Bologna befindliche Psalter mit Kommentar, geschrieben
am Ende des 12. Jahrb., hg. von Jagic: Psalterium
Bononiense, Berlin 1907, mit den Varianten sonstiger
Psalmenüberlieferung.
ins 12. Jahrb. gehört auch noch das sog. Evange-
lium Dobromiri, nicht veröffentlicht, aber nach Sprache
und Text ausführlich behandelt von Jagic: Evangelium
Dobromiri 1, II (Sitzungsberichte der k. Ak. d. Wiss. in
Wien, Bde. CXXXVIII u. CXL, 1898). — Vgl. auch die
ausführliche sprachliche Analyse des Johann- Alexander-
Evangeliums (Handschr. des 14. Jahrb.) von Scholvin,
ASPh 7, S. 1 und 161, und die des Trnovo er Evan-
geliums (aus dem 13. Jahrb.) von Valjavec in «Starine»
der Südslav. Akad. zu Agram, XX, 157,
II. Serbokroatisch - kirchenslavisch; Kenn-
zeichen : statt Si q » ;^ stehen u ju, statt a ^ » ^^ stehen
e je, z. B. povKi ruka statt ab. p^KA rqka Hand, moah» 7nol'u
st. MOiiiä ich bete; pe^b (die serbo-kroat. Denkmäler
brauchen statt i und b nur das eine Zeichen b), d. i.
red, st. piA"^ ^'^^^ Ordnung, lei^HKb, d. i. jezik, st. hi^uki.
jezykb. Die Denkmäler dieser Klasse zerfallen nach der
Schrift in zwei Abteilungen:
1. in glagolitischer Schrift (s. § XIX), Kroatien
angehörig. Eine größere Sammlung solcher Texte enthält
Bercic, Ulomci svetoga pisma, 5 Hefte, Prag 1864 — 71;
2. in kyrillischer Schrift, dem Serbentum im
engern Sinne angehörig. Einige der wichtigsten sind:
Ein Evangelium geschrieben für den Fürsten Miroslav
am Ende des 12. Jahrb., hg. in einer phototyp. Pracht-
auegabe u. d. T. : Miroslavovo Jevandjelje. Evangeliaire
ancien Serbe du prince Miroslav. Edition de sa Majeste
Einleitung. XJJX
Alexandre I, roi de Serbie, gedruckt in Wien 1897 (s.
ASPh 21, 302).
Ein Tetraevangelium des Klosters Nikolja aus dem
13. — 14. Jahrb.; bg. von Danicid: Nikoljsko Jevandjelje,
Belgrad 1864.
• Ein Apostolus des Klosters Sisatovac, hg. von Miklo-
sich: Apostolus e codice monaeterii Sisatovac, Vindobonae
1853,
III. Russiscb-kircbenslaviscb; Kennzeichen: oy
u 10 ju für ab. & q ^jq; a 'a (d.h. a mit Palatalisierung
des vorhergehenden Konsonanten) für ab. a ^ a j^. Das
Russische hatte schon vor Aufnahme der altbulgarischen
Literatursprache keine Nasalvokale mehr, da aber die Buch-
staben ;&, A zunächst beibehalten wurden, die Geltung je-
doch von w, 'a hatten, können oy und ä, a und « pro-
miscue gebraucht werden, z. B. Bi^YhHOVio statt ab. BtVhHiKK
(aeternam), c;kuit& statt c^uiToy (dem seienden), CLB'LKOvnnAa
statt ab. -n.^HU (vereinigend). Aus der großen Zahl der
Denkmäler dieser Art seien hier nur älteste, aus dem
1 1 . Jahrb., hervorgehoben :
Das sog. Ostromirsche Evangelium, ein Lectiona-
rium, geschrieben 1056 — 57 für Ostromir, den damaligen
Posadnik (Statthalter) von Novgorod; hg. von Vostokov:
Ostromirovo evangelie, St. Petersb. 1843, mit Abriß der
Grammatik und Glossar. — PhotoHthographiert auf Kosten
von J. K. Savinkov, St. Petersb. 1889. — Über die Sprache
vgl. Sachmatov u. Scepkin im Anhang der russ. Über-
setzung der 2. Aufl. meines «Handbuchs», Moskau
1890; Kozlovskij, jazyke Ostromirova evangelija (in
«Izsledovanija po russkomu jazyku» I, St. Petersb. 1885
— 1895; S. Ifig.). Das Denkmal ist besonders wichtig für
sprachliche und kritische Fragen des Altkirchenslavischen,
vgl. Fortunatov, Sostav Ostromirova evangelija (in «Sbor-
nik statej posv. Lamanskomu» II, 1416).
IzbornikSvjatoslavov, photolithographisch heraus-
gegeben u. d. T. Izbornik velikago knjazja Svjatoslava
LeskJen, Altbnlgarische Grammatik. IV
L Einleitung.
Jaroslavi6a (als Nr. 55 der Ausgaben des Obsöesto l'u-
bitelej drevnostij), St. Petersb. 1880. Die Handschrift,
vom J. 1073, ist die russisch-kirchenslavische Redaktion
eines ursprünglich für den bulgarischen Caren Symeon
(s. § XX) geschriebenen Werkes; es enthält des Anastasios
Sinaita EpujiricreK; Kai dTroKpicreiq und Stücke aus andern
griechischen Kirchenschriftstellern.
Menäen des September, Oktober, November, Hand-
schrift von 1095 — 97; hg. von Jagic: Sluzebnyja minei za
Sentjabr' Oktjabr' i Nojabr', St. Petersb. 1886.
Homilien des Gregorius Theologus (von Na-
zianz), Handschr. des 11. Jahrb., hg. von Budilovic: XHI
slov Grigorija Bogoslova, St. Petersb. 1875; von demselben
eine Untersuchung über die Sprache: Izsledovanija jazyka
Xm slov etc., ebd. 1871.
XXIII. Hilfsmittel zum Studium des Altbulga-
rischen. Es ist in diesem Abschnitt nicht abgesehen auf
eine Geschichte der altbulgarischen Grammatik seit dem
Anfang des 19. Jahrb.; ich nenne nur, was für den Ler-
nenden noch unmittelbar nützlich sein kann:
Die das « AI tslo venische » behandelnden Teile in
Miklosichs «Vergleichender Grammatik der slavischen
Sprachen» : 1. B. Lautlehre, Wien 1852, 2. Aufl., ebd. 1879
[eine Sonderausgabe des altslovenischen Teils dieser Auf-
lage ist «Altslo venische Lautlehre», 3. Bearbeitung] ^•
2. B. Formenlehre, ebd. 1856 [eine Sonderausgabe des
altsloven. Teils erschien schon 1854 u. d. T. «Formen-
lehre der altsloven. Sprache», 2. Aufl.]\ 2. Aufl., ebd.
1876; 3. B. Stammbildungslehre, ebd. 1875; 4. B. Syntax,
ebd. 1868—74. Erste und zweite Auflage der beiden
ersten Bände sind nach Anlage und Ausführung stark
verschiedene Werke.
* Die Bezeichnung dieser Sonderausgaben als 2. und 3. Aufi.
bezieht sich auf vorangegangene kürzere Darstellungen von
Mikloeich : Lautlehre der altslovenischen Sprache, Wien 1850;
Formenlehre der altsloven. Spr., ebd. 1850.
Einleitung. LI
Vostokov, Grammatika cerkovno-slavjanskago jazyka,
St.Petersb. 1863.
Leskien, Handbuch der altbulgariBchen (altkirchen-
slav.) Sprache. Grammatik. Texte. Glossar. 4. Aufl.,
Weimar 1905 (die erste erschien 1871).
Miklosich, Altslovenische Formenlehre in Para-
digmen, Wien 1874. Die ausführliche Einleitung legt
seine Ansichten über die Heimat und ethnische Zugehörig-
keit des Altkirchenslavischen dar, gibt eine Charakteristik
der Denkmäler usw.
Sobolevskij, Drevnij cerkovno-slavjansky jazyk. F'one-
tika. Moskau 1891.
Vondräk, Altkirchenslavische Grammatik, Berlin
1900. — Desselben «Vergleichende slavische Grammatik»
1. B. Lautlehre und Stammbildungslehre, Göttingen 1906;
2. B. Formenlehre und Syntax, ebd. 1908, behandelt nicht
wie Miklosich in seinen Bden. 1 und 2 die einzelnen sla-
â– vischen Sprachen gesondert, sondern ordnet nach den ein-
zelnen Lauten und Formen.
Schleicher, Formenlehre der kirchenslavischen
Sprache. Erklärend und vergleichend dargestellt, Bonn
1852, hat das sprachliche Material aus Miklosich «Formen-
lehr?» (1850); als Lehrbuch des Altbulgarischen ist sie
nicht verwendbar.
Texte mit Glossar bietet außer meinem Handbuch
Jagic, Specimina Linguae palaeoslovenicae , St. Peters-
burg 1882; Berneker, Slavische Chrastomathie, Straß-
burg 1902.
Das Material älterer kirchenslavisch er Wörterbücher
ist mit aufgenommen in Miklosich, Lexicon palaeo-
slovenico-graeco-latinum emendatum auctum\ Vindobonae
1862 — 65. — Der Titel darf nicht so verstanden werden,
als enthielte das Lexikon nur den Wortschatz der von
^ Das «emendatum auctum» bezieht sich auf ein kleineres
«Lexicon linguae slovenicae veteris dialecti» von Miklosich
(Wien 1850).
IV*
LH Einleitung.
Miklosich ihrer sprachlichen Form nach als altslovenisch
(bei uns altbulgarisch) bezeichneten Denkmäler, sondern
es ist ein Wörterbuch der kirchensla vischen Literatur, die
Stichworte gegeben in der ihnen von Miklosich damals
zugeschriebenen «altsloveni sehen» Form; vgl. darüber
Murko, Mitteilungen der anthropol. Gesellsch. in Wien,
Bd. 36, 108, und meine Bemerkungen IF. 19,205.
-0^^--C3-
Erster Hauptteil,
Lautlehre.
I. Die einzelnen Laute und ihr Verhältnis
zu den urslavischen und indogermanischen.
1. Der Lautbestand des Altbulgarischen be-
ruht wie der jeder slavischen Sprache auf dem
des Urslavischen. Gemeint ist damit ein Lautbestand,
der, entwickelt aus der indogermanischen Grundlage, von
allen Slaven erreicht war am Ende ihrer geographischen
und ethnischen Einheit, also vor der Spaltung in Einzel-
völker und deren Einzelsprachen. Das Auftreten der
einzelnen, bestimmt geschiedenen slavischen Völker und
Sprachen ist wesentlich bedingt gewesen durch Wande-
rungen von Teilen des Gesamtvolkes aus seiner Urheimat
am obern und mittlem Dnjepr nach Westen und Süd-
osten. Mit der Aufstellung eines Urslavisch soll aber
nicht gesagt sein, daß die Sprache über das Gesamtgebiet
der Urheimat noch durchaus einheitlich war. Dialektische
Unterschiede, Ansätze zu den später stärker ausgeprägten
Unterschieden der Einzelsprachen, sind sicher hier so gut
vorhanden gewesen wie auf jedem andern Sprachgebiet.
Wenn man also für das Urslavische eine bestimmte An-
zahl von Lauten ansetzt und bestimmte Buchstaben für
sie anwendet, so ist eigentlich jeder solcher Buchstabe
Leskien, Altbulgarische Grammatik. 1
2 Lautlehre. [§1.2.
ein Zeichen für eine Gruppe einander nahestehender
Lautformen, von denen die eine an diesem, die andre
an jenem Punkte des Sprachgebiets, anders ausgedrückt,
die eine in diesem, die andre in jenem Lokaldialekt ge-
herrscht haben mag. So mag der mit ^ bezeichnete
Vokal, nach seinen späteren Schicksalen zu urteilen, schon
in jener vorhistorischen Zeit hier der Artikulation eines
0, dort eines «, anderswo eines ö und noch anderswo eines
e näher gelegen haben, aber er war weder o noch u noch
ö noch €, man kann also wohl diese von allen andern
Vokalen unterschiedene eigenartige Lautnuance als eine
relative Einheit zusammenfassen und mit einem besondern
Zeichen versehen, das diese Einheit ausdrückt.
2. Der Lautbestand des Urslavischen kann
nur ermittelt werden durch die vergleichende Betrachtung
der geschichtlich überlieferten slavischen Sprachen und
muß für die Grammatik einer Einzelsprache, aus der er
sich nicht begründen läßt, als gegeben hingenommen
werden. Als urslavischer Lautbestand ist hier an-
gesetzt :
A. Vokale.
1. Volle Vokale:
a) velar (nicht palatal, hart): a, o, g (d. i. nasales o),
b) palatal (weich); e, ^, c (d. i. nasales e), ?'.
2. Halbvokale (schwache, reduzierte, irrationale Vokale):
a) velar (nicht palatal. hart): ^\
b) palatal (weich): i.
B. Nasale: iw, n.
C. Liquidae: r, l.
D. Verschlußlaute.
1. Labiale: p^ b.
2. Dentale: f, (f.
3. Gutturale: k, g.
E. Reibelaute: s, z; s, z; ch; j, v.
F. Affrikatae: c, dz^ c, dz.
§ 3.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 3
3. Die Konsonantenreihen von B — F sind aufgestellt
ohne Rücksicht auf palatale (weiche) und nicht pala-
tale (harte) Aussprache. Dieser Unterschied war schon
im ürslavischen vorhanden:
1. s z c dz waren stets palatal, die genauere Bezeich-
nung wäre also: s z 6' (d. i. t's) d'z \ j ist von Haus
aus 23alatal artikuliert.
2. kg ch sind nie palatal.
3. Die Verbindungen c (= ts) und dz sind in einem
Teile der vorkommenden Fälle sicher palatal gewesen und
geblieben, also = ö {t's') d'z\ z, B. oMh Vater, j^d'za
Krankheit, devida Mädchen, kbu^d'z'h Fürst. Für einen
andern Teil, z. B. hodze bodzi (loc. sg. und nom. pl. von
hog-o Gott), toce toci (dasselbe zu toJa Lauf, Strom) muß
als irgend einmal vorhanden gewesene Form auch t's\ d'z'
angesetzt w'erden, es scheinen aber dafür urslavisch harte
c (ts), dz eingetreten zu sein. Jedenfalls waren die beiden
angedeuteten Arten von c, dz (das nähere darüber s.
§ 34. 2) urslavisch verschieden; hier sind sie in den Fällen
wie toce hodze als hart genommen.
4. Die übrigen Konsonanten können palatal und
nicht palatal sein:
nicht palatal. palatal.
p, h, V, m p\ h\ v\ m (vielleicht ursl. noch anzusetzen
als p% Vi usw., s. § 39. 5).
/, d t' d' (selbständig und in den Verbindungen
t's [6], t's [c], d'z , d'z).
n, r, l w, r t.
s z s z (kommen selbständig nicht vor, nur in
den Verbindungen t's' [6]^ d'z').
Bei dieser Palatalität handelt es sich um stark aus-
geprägte palatale Artikulation, die bei den eben
angeführten palatalen Konsonanten durch einst folgendes j,
nur bei der Umbildung von k g ch in Palatale auch durch
palatale Vokale erzeugt ist, nicht um palatalisierende
Wirkung der palatalen Vokale auf beliebige ihnen
1*
4 Lautlehre. [§ 3 — 5.
vorangehende Konsonanten. Eine solche haben histo-
risch überlieferte slav. Sprachen (so Russisch, Polnisch,
Cechisch, Sorbisch) in größerer oder geringerer Ausdeh-
nung; sie kann auch im Urslavischen bestanden haben,
ist aber nicht sicher erkennbar und jedenfalls, wenn
vorhanden, im Grade verschieden von der erstgenannten,
schwächer gewesen und konnte wenigstens in Mundarten
der Ursprache wieder aufgegeben sein.
4. Das Verhältnis der urslavischen Laute zu
den indogermanischen wird, soweit es erforderlich
scheint, bei der Behandlung der altbulgarischen Laute
mitangegeben. Als indogermanisches Lautsystem ist
hier angenommen:
I. Vokale.
A. Kürzen: i u e o a 9 (Schwa, reduzierter Vokal)
r l n m.
o o o o
B. Längen: i ü e ö ä [f l n rh],
C. Diphthonge.
1. Kurzdiphthonge: ei oi ai di; eu ou au du.
2. Langdiphthonge: ei öi äi; eu öu äu.
n. Nasale: n m.
in. Liquidae: r l.
IV. Verschlußlaute.
1. Labiale: p ph b bh.
2. Dentale: t th d dh.
3. Rein velare (gutturale): k kh g gh,
4. Labiovelare: /cü k^ih g^ gVi.
5. Palatale: k kh g gh.
V. Reibelaute: s z; [j (i) v [^)].
Die altbulgarischen Vokale.
A. Die einzelnen altbulgarischen Vokale.
5. Die Silbenquantität ist nicht überliefert. Welche
Vokale ursprünglich lang, welche kurz waren, lehrt die
vergleichende Grammatik der idg. Sprachen. Die alten
Quantitätsunterschiede haben aber im Altbulgarischen nicht
§ 5—7.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 5
mehr bestanden, vielmehr sind schon ina Urslavischen die
alten Verhältnisse verändert worden. Aber auch wenn man
die urslavischen Quantitäten jetzt schon sicher und all-
gemein bestimmen könnte, wäre das für das Altbulgarische
nicht notwendig maßgebend, denn in dieser Sprache
könnte, wie in andern slavischen Einzelsprachen, der ur-
slavische Zustand wieder verschoben sein.
Die Anordnung der im Altbulgarischen vorhan-
denen Vokale, bei Vereinzelung der Laute an sich gleich-
gültig, in der Reihenfolge o a q e e ^ ^ o r l i y u ist ge-
wählt nach der Bequemlichkeit des Rückverweisens.
6. Ab. = ursl. o, muß in älterer Zeit sehr offen
gesprochen sein, daher die Wiedergabe des kurzen a in
Lehnwörtern durch o, z. B. pogam = pägänus, sotmia ==
aaTavä(;, oltar'h = altare, gonhznciH gonoziti aus got. ganisan
ganasjan. — Es entspricht 1. idg. o, z. B. Sh-lorb Versamm-
lung, vgl. cpopo^ (zu herq, cpepuu); tokb Fluß (zu tekq laufe),
lit. entspricht immer a\ iclkas (tekü) ; ebenso im alten
Diphthong oi vor folgendem Vokal, z. B. hoj-b Kampf
{biti schlagen). — 2. idg. a, z. B. osh Achse, ctHoiv, lat. axis,
lit. aszls, Vok. ieno = ^genä (zu zena = *'genä Frau). Für
ein von manchen Sprachforschern angenommenes idg.
0, das nicht mit e ablautet, gewöhnlich mit ä bezeichnet,
steht slav. o, lit. a, z. B. lat. ovis ö/i<;, lit. aws, ab. ovbca
Schaf. — 3. idg. 9; Beispiele selten und nicht alle sicher,
vgl. stojq stojati stehen, lit. statyti stellen, mit ai. sthitä-s,
(JTaTÖ^. — 4. idg. e in der urspr. Verbindung ev, novh
neu ve/b^, plovq schiffe TrXe/iju, aijnove n. pl. Söhne =
'^siineves; über diphthongisches eu durch "^'ou zu u s. u.
§ 17. 2.
"7. I. Ab. a ist 1. = ursl. a, z. B. tnati Mutter,
hratrb Bruder, siafi sich stellen; 1. aor. bash ich stach
(zu bodq)', lezati liegen, zaba Frosch. — 2. = ursl. in allen
Fällen, wo die Verbindungen or ol + Konsonant zu ra
la umgestellt sind, z. B. mraz^ Frost = *morz^, branh
Streit = *bornh^ lit. barms, mJad^ jung = *moldh, preuß.
6 " Lautlehre. [§7.8.
malda-. In beiden Fällen ist ab. a ursprünglich lang, in
ersterem aus idg. Länge. — IL Die idg. Entsprechungen
sind: 1. langes ä, mati \xSLjr\Q mäter, hratrz f räter, lit. ent-
spricht ö (lett. ä): möte (lett. mäte), hroterelis (demin.). —
2. ö, öfter im Ablaut mit e, z. B. varb Hitze = *i;öro5 zu
W. ver- (lit. virdu ich siede, ab. vtr-eti sieden), vgl. lit.
isz-vora Mus, lett. icärs Suppe. Einem angenommenen,
nicht mit e ablautenden ö-Laut, a, entspricht ebenfalls
rt = ä, lit. z. T. w, vgl. dati geben, dar^ Gabe mit öi-buj-
juii, öüjpov, lit. duti. Neben diesem alten a = ö erscheint
a im Slav. in gemssen Fällen als Dehnung jedes be-
liebigen wie immer entstandenen o, z. B. noviii erneuern
(von nov^ = "^nevos, s. o. § 6), davon oh^-nav'V ati ; mwa
ich sterbe, mor^ Sterben, u-moriti töten, davon u-mar'ati. —
3. e nach j und den andern palatalen Konsonanten, vgl.
S7)n-eda ich verzehre mit jadq jasti essen statt *edq (lit.
edu esti), 3. präs. vidiH inf. videti sehen, lit. veizdeti^ mit
gleich gebildetem leiih leiati liegen = Hegeti, mha Frosch ==
*geha. — Ob auch ein idg. oi im Silbenanlaut, daraus sl. e
(s. § 10. 2), zu ja geworden ist, hängt von der Richtigkeit
einiger Etymologien ab: jadro Busen zu gr. oibduu schwellen;
jazva Grube zu lett. aija (lit. aizä) Eisspalte, preuß. etjswo
Wunde; jadh Gift zu ahd. eitar. — 4. o, wo ra la = or
ol (s. o. unter 2).
Anm. In den glagolitischen Quellen erscheint jedes e der
kyrillischen als a, die glagolitische tSchrift hat für kyr. t und A
(e und ja) nur ein Zeichen, dessen Geltung = 'a ist.
8. Ab. q = ursl. p, d. h. nasales o. Die o-Färbung
dieses Naealvokals geht hervor aus der späteren dialekti-
schen Entwicklung, die zu dumpfen Vokalen: o, o, u ge-
führt hat. Die «-Silben sind ursprünglich lang. — q ist
1. --= idg. on om oder an am vor Konsonanten, 3. pl. präs.
berqt^ sie sammeln qp^povTi, zqhh Zahn, vgl. YÖ)uq)0(; Pflock,
qzhkb eng lat. avgusfus ango dfx^ '» ^'^^^ Hand , lit. rankä
(zu renkü ich sammle). — 2. = idg. ~äm in auslautender
Silbe, acc. sg. rqkq lit. rankä preuß. rankan =^ "^TOfikäm;
i. 8g. rqkq lit. ra7ikd aus ^ronkCim.
§ 9. 10.] Die Laute und ihr V'eihältni« /u den urslav. und idg. 7
9. Ab. e = ursl. e; für ältere Zeit wahrscheinlich als
geschlossenes e anzusetzen; im Silbenanlaut steht immer
dafür je-. Es ist 1. = idg. e, hera ich sammle qpepoi fero,
2. pl. präs, herete cpepeie, veiki führe lit. vedü, despth zehn
lit. dtszimtis bexa decem. — 2. = idg. o und ^ (slav. o) nach
7 c s i s7 (ursl. t') zd (ursl. rf') 6 d'z n l' r . Die nicht er-
haltene Zwischenstufe zwischen o und e ist ein ö artiger
Vokal gewesen. Beispiele: jego (ejus), jemu (ei), vgl. togo
(illius) tomu (illi; lit. jämui tdmid); pol'e = *2^oljo Feld,
vgl. se/o Dorf; i. sg. 2y^(fcemh (zu ^/acfe Weinen) = "^plakjomh,
vgl. tokomh (zu foÄ-2> Fluß); voc. sg. d}ise (zu f?Msa Seele),
vgl. zeno (= *genä; zu ^ewa Frau). Welche e aus o ent-
standen sind, ist aus der Lautfolge palataler Konsonant
und e nicht ohne weiteres ersichtlich, da nach solchen
Konsonanten auch ursprüngliches e stehen kann, ist aber
jedesmal erkennbar, wenn Parallelformen mit nichtpala-
talen Konsonanten an gleicher Stelle o haben, s. die obigen
Beispiele.
10, Ab. e ist 1. = ursl. e und dies urspr. lang, z.B.
deti legen setzen, s^â– pletat^ verflechten (zu ^^/efa ich flechte,
e = Dehnung von e), lev^ link, loc. ßg. zene. — 2. = ursl.
e in den ursprünglichen Verbindungen er el vor Kon-
sonant, die altb. in re le umgestellt werden, z. B. creda
Herde = *cerda = *kerda got. hairda, vlekq ich ziehe =
*velkq lit. velkü. — Das slav. e ist 1. = idg. e, 1. sg. aor.
ves^ = *ved-som (zu vedq ich führe), seti säen semf Same
lat. seinen, lit. seti semens (plur.); so auch in den vor Vo-
kalen in ej ev übergehenden Langdiphthongen ei eu, lejq,
ich gieße, inf. hjati (neben hjq, liii), sev-en Nord, lit.
sziau-rys. Daß die slav. Vertretung dieses e einmal offen
(ä) war, ergibt sich aus der Wandlung zu a nach pala-
talen Konsonanten (s. § 7. II, 3). — 2. = idg. di {öi ohne
sichere Beispiele), ai äi; als Zwischenstufe zwischen oi
(= oi und ai) und e wird ein ö-artiger Vokal anzusetzen
sein. Beispiele: vede ich weiß oiba, preuß. l.pl.präs. T^ai^/iwrti;
loc.pl. gadeclvb (zu gad^ Schlange), idg. -oi-su, vgl. Xofoiai;
Uvb link Xau/bq laevusj dat. sg. zene (zu zena) = *genäi,
8 Lautlehre. [§10.11.
vgl. xu^P^ = '^h lit. rankai (zu rankä). Zu erkeunen ist
e als urspr. Diphthong ohne weiteres, wenn ihm k g ch
voranging, die vor diesem e (nicht vor dem e = e) als
c dz s erscheinen, vgl. rqka Hand loc. sg. rqce^ hog^ Gott
loc. sg. bodze^ duclvb Geist loc. sg. duse, loc. pl. hodzech^ du-
seda. — Die völlig gleiche Behandlung des e = e (sofern
es nicht nach palatalen Konsonanten zu a geworden war,
8. § 7. II, 3) und des e = oi in den einzelnen slavischen
Sprachen zeigt, daß sie am Ende der urslavischen Periode
zusammengefallen waren. Im Altbulgarischen hat jedenfalls
kein Unterschied mehr bestanden und das einheitliche e ist
entweder auf dem ganzen Sprachgebiet oder dialektisch
offen, ä, gewesen. Das ergibt die Schreibung der glago-
litischen Quellen, die für ia und e (kyrillisch als « und
Ä geschieden) nur ein Zeichen haben. Von einigen For-
schern wird die Geltung des ursl. e vor der Sprachen -
trennung als diphth. ie angesetzt (so Fortunatov BB.
22, 156).
11. Ab. h = ursl. ft, reduzierter Vokal, wohl aufzu-
fassen als geschlossenes sehr kurzes e, etwa wie das e in
deutschem «glaube». Es entspricht 1. idg. i, z. B. loc. pl.
der Dreizahl trhcJvb, vgl. lit. trise ipiö"!, i. pl. trhmi lit. trim\s,
pa-m^th Andenken lit. at-minü-s lufiTiq, jesmh ich bin altlit.
esmi €i|Lii. — 2. ^ ist Ablautstufe zu e, häufig vor hetero-
syllabischem (vor Vokal stehendem) r l n m; lit. steht in
gleichem Falle i, z. B. hhrati sammeln präs. herq^ sthlati
ausbreiten präs. stetq, mhrq ich sterbe in f. mreti = *mertiy
pwiq spanne, lit. pinü flechte, shnq schneide, mähe, vgl. lit.
genü geneti ästein, zbmq drücke, vgl. T^I^^J vereinzelt auch
sonst, imper. rhci zu rekq sage, shd^ gegangen = *ch^d^ (zu
chodh Gang). — 3. % ist =^ idg. 7^1 im Auslaut, a. sg. materh
(zu mati Mutter) jiriiepa. — 4. = idg. e vor j, z. B. n. pl.
trhje drei = *trejes. — 5. t entsteht aus einem einerlei
wie entstandenen slav. ^ (s. § 13), wenn diesem ein j
oder ein andrer palataler Konsonant (c s usw.) voranging,
z. B. vgl. gen. pl. rqkb (zu rqka) mit dush (zu dusa Seele),
§ 11, 12.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav und idg. 9
n. sg. hokb Seite mit plach Weinen, krov-^ Dach mit
loj-h Talg.
1J3. Ab. p =: ursl. p, d. h. nasales e. Es ist hervor-
gegangen : 1. aus idg. ew em vor Konsonanten, z.^.p^ia
Ferse vgl. lit. penünas Sporn, p^t^ fünfter lit. peiiktas, sv^tb
heilig lit. szventas, j-^tro Leber vgl. eviepa, tel^ gen. sg.
tel^t-e Kalb, vgl. preuß. smünentin, lies zmünenfin (mit Suffix
-ent- abgeleitet von zmüni Mensch). — 2. aus idg. n m
vor Konsonant. Im Litauischen steht dann in im-, im
Slavischen entspricht dem ^ vor Konsonanten hn hm vor
Vokalen. Wahrscheinlich ist als Vorstufe von ^ vor Kon-
sonant ebenfalls w, vm anzunehmen, so erklärt sich am
leichtesten die palatale Beschaffenheit des Vokals (nasales e)
und die Wandlung der Gutturale k g ch davor in c i i,
vgl. na-c§ti anfangen mit is-koni von Anfang; vgl. dazu
die parallelen Erscheinungen bei r l, s. § 14. Beispiele:
pa-m^th Gedächtnis lit. at-mintis idg. *iww/i-s, c^sh dicht
lit. kiihsztas gestopft (zu präs. kemszü), ppti spannen präs.
pbYK} lit. pinti pinü. Wann ^ = e -\- Nas., wann = idg. n m,
ist nur dann als sicher oder wahrscheinlich bestimmbar,
wenn verwandte Sprachen gleich gebildete Wörter mit
Vertretern der einen oder andern Lautform zeigen (s. die
obigen Beispiele), andre Fälle bleiben zweifelhaft, so kann
z. B. l^kq ich biege nach lit. lenkiü (mit andrer Präsens-
bildung) als lenk-, aber auch als hik- angesetzt werden ; inf .
p^ti ist nach Maßgabe des litauischen plnti wahrscheinlich
pn,, aber möglich ist auch *penti nach Maßgabe von ^merti
(ab. mreti) neben Präs. mhrq. In Entlehnungen aus dem
Germanischen ist in -\- Kons, durch ^ vertreten, z. B.
kbn^dzh = kuning^ c^do = kind. — 3. aus idg. en em in
Endsilben, a. sg. m^ mich = *mem; ntr. sg. im^ Name,
sem^ Same, wahrscheinlich = *sem€n; zu der Länge der
Endsilbe vgl. got. pl. hairtön-a. — 4. ^ geht im Slavischen
hervor aus -otis im Wortauslaut, wenn ihm /, c, 'e, «, t'
(ab. st\ d' (ab. sd), d, d'z\ w, l\ r vorangehen. Dies ^
ist jedesmal erkennbar an Parallelformen mit auslautendem
10 Lautlehre. [§ 12-14.
y bei vorangehenden nichtpalatalen Konsonanten, z. B.
a. pl. toky (zu foA-&), hraje (zu krajb Rand), mqze (zu mqzh
Mann) = *tokons, *krajons usw.; part. präs. a. bery (zu berq),
znaje (zu znajn ich kenne), pis^ (zu pisq ich schreibe) =
*berons, ^znajons für -*onts; g. sg. f. ieny (zu iewa), dus^
(zu rfMsa). Näheres s. § 49. III, 2.
13. Ab. ^, ein überkurzer reduzierter Vokal (wie h)\
die altb. Aussprache ist nicht völlig sicher bestimmbar,
die Vertretung in neubulgarischen Mundarten verschieden.
Der Vokal wird dem Klange des engl, i in bird gleich
gesetzt werden können. Das ursl. angesetzte 2» entspricht
1. idg. u, bi)dHi wachen W. bkudh- lit. budeti, *dhkti ab.
d^sti Tochter lit. dukte ai. duhitä du-faxrip, krzvh Blut, vgl.
lit. knlvinas blutig; sym Sohn lit. süniis ai. sünus. — 2. ^
entsteht aus urspr. in Endsilben, sicher bei auslautendem
-om, a. sg. tokh = *tokom, 1. sg. aor. mogh (präs. mogq ich
kann), vgl. ^-qpufov, nach Annahme einiger Grammatiker
auch bei andern konsonantischen Auslauten (s. § 49. I). —
In einigen Fällen steht ^ neben in den gleichen Wör-
tern: ch^teti choteti wollen; tbgda togda dann, khgda kogda
wann.
14, Ab. r l entspricht den ursl. Verbindungen ^r
bl, br bl vor Konsonanten. Ob der Vokal ursl. als ^ oder
6 anzusetzen, kann in bestimmten Fällen aus dem Ab.
selbst erkannt werden: 1. Wenn vor r l ein gutturaler
Konsonant, k g ch^ steht, sind sie gleich zr ^l^ denn vor
altem br hl sind jene Konsonanten in c i s übergegangen,
vgl. grdb stolz = *girdb, hiva Opfer = *zhriva für *gbrfva;
krmiti nähren = '^'khrmiti, crm schwarz = *chrm = *khrm
(vgl. preuß. kirsna-)\ glkh Geräusch -—- *gblkb, zlh gelb =
*zblU = *gbUb (vgl. lit. geltas). — 2. hr hl ist anzusetzen,
wenn Ablaut mit e vorliegt, sei es im Slavischen selbst,
sei es in verwandten Sprachen, z. B. 1. präs. tlkq stoße =
*lblkq wegen inf. tlesti = *telkti, vrfeti wenden, vgl. lit.
verczü W. vert-; part. prät. a. vJkb = *vblkh (lit. vilk^s) wegen
präs. vlekq = *velkq. — Außerdem läßt sich hr hl bestimmen,
§ 14. 15.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 11
1. wenn im Litauischen bei gleichen Wörtern die. betref-
fende Silbe ir il hat. z. B. prsio Finger pirszfas, srdhce
Herz szirdts, pim voll ptlnaa, vlkb Wolf vilkas. — 2. Fast
durchgängig ist die ursl. Form der r- Verbindungen er-
kennbar an der altrussischen und heutigen russischen
Lautgestalt der Wörter: ursl. ^r = altr. ^?*, neur. or; ursl.
hr = altr. hr, neur. er, z. B. prt^ Lappen r. j^^^'ty porty Ge-
wand, hrzT) schnell altr. h^rz^ neur. horzyj\ dagegen drzaii
halten altr. dhrzati neur. derzat' . Ob ^l oder hl, läßt sich
aus dem Russischen nicht entnehmen, da altr. hl in ^l
und dies mit altem hl neur. in ol übergegangen ist, vgl.
phih = *phlnh (lit. pilnas) altr. phlnyj neur. polnyj.
Anna. I. Da im Altbulgarischen das Schriftbild von r
(= nrel. ^r, tr) und }•^ rh, das von l (= ursl. •&?, tl) und h h zu-
Bammenfällt: (po ph, Ai Ab), kann öfter Zweifel entstehen, wann
das eine, wann das andere als ursprünglich anzusetzen sei. Als
Hilfsmittel dienen: 1. Verwandte Sprachen, die in den ent-
sprechenden Silben ru lu, ri li zeigen, z. B. kr^Vh Kp^6b Blut,
lit. kniiinas blutig, ^^Z^^b oi.nmh Fleisch, Ut. plutä Rinde, trbmi
i. pl. drei mpbMU, lit. trimis (vgl. dagegen lit. pirsztas mit prsti,
p)lnas mit pim). — 2. Der Wechsel von pz pt, az Ab mit anderm
Vokal nach r, Z, z.B. o-shpnaii ocAw.HSimu erbUnden, sJäpi hWnd,
o-chrbmnqti Oii'i>z.MH&mu lahm werden, clirorm lahm, grimeti ipbMibmu
donnern, gromi Donner. — 3. Die Vergleichung mit dem Russi-.
sehen, wo die alten Stellungen bis heute sichtbar sind: ursl. zr
br, altr. ebenso, neur. er or; zl bl, altr. zl, wolür neur. ol; da-
gegen urspr. r'o h, rh h. altr. ebenso, neur. ro lo, re le, z. ß. krov
= kj-zvb, plot' - plotb, grcmct' = gvbmeti, sleza = shza Träne.
IL Bei der ursi)rünglichen Stellung rz h entspricht das *
einem idg. u, kann vereinzelt auch Ablautstufe zu o sein (s. die
Beispiele unter I); bei fb h kann b —- idg. i sein, aber auch Ablaut-
stufe zu e (s. 1). Die urslavische Stellung br bl (ab. r l) dürfte
überall als Ablautstufe von er or, el ol anzusehen sein. Der
Verbindung ^r il (ab. r f) entsprechen in den verwandten
Sprachen verschiedene Vokale neben r, l, z. B. grlo Kehle =
*gzrdlo, lit. gurklys, grbz Buckel = 'g^rh^, preuß. garhs Berg.
15. Ab. i, stets alte Länge, sehr mannigfaltigen
Ursprungs: I. = älteren t und zwar 1. = idg. ?, zivh le-
bendig lit. g^vas ai. jtvas. — 2. Dehnung von h beliebigen
Ursprungs, z. B. cbfn (h = i) iter. citati zählen, bbrati (b Ab-
laut zu €j herq) iter. sh-hirati sammeln. — 3. Im Wort-
12 Lautlehre. [§ 15.
anlaut aus *jV, so imq = "^jimq (lit. imü) ich nehme, igo
Joch = ^'jbgo aus *j^go lat. jugum ai. yugam. — 4. Im Altb.
kann jedes h vor ^" zu i gedehnt werden: n. pl. pqthje
pqiije {pqtb Weg), trbje trije drei. — II. = idg. ö nach j
(und aus Wandlungen von Kons. + j hervorgegangenen
palatalen Konsonanten), z. B. siti nähen lit. siüti; z. T.
erkennbar am Wechsel mit y (= ü) nach nichtpalatalen
Konsonanten, vgl. i. pl. kraji {krajb Rand) mqzi {mqzb Mann)
mit vozy {voz^ Wagen). — III. = idg. e, sicher nachweis-
bar nur in Endsilben und nur in den Wörtern mati lit.
motc ^iTr)p und dhsti lit. dukte duYdxrip; andre Annahmen
eines auslautenden i = e beruhen auf unsichern Ver-
mutungen. — IV. = idg. ei: vidh Sicht, videti sehen, lit.
v^idas veizdeti, iti gehen lit. etti a^ti, zidq erwarte lit. geidzii
begehre. Auch idg. ei wird durch i vertreten sein, doch
sind sichere Beispiele kaum findbar, vielleicht aor. cis^
*keiisom (zu cbtq ich zähle), vgl. ai. 3. sg. aor. acäit; loc. sg.
der i-Stämme: kosti = ^-ei, vgl. ai. agnä = -ei. — V. =
idg. in vor Konsonanten, z. B. isto (testiculus) lit. Inkstas
Niere; kosti a. pl. {kosth Knochen) = -ins. — VI. = idg.
oi und zwar 1. in Endsilben, gleichgültig, welcher Konso-
nant vorangeht, z. B. 2. 3. sg. opt. (iroper.) heri qpepoi^
q)€poi(T), n. pl. stoli (steh Tisch) lit. sialai = -oi] zu er-
kennen ist dies i als oi aus dem Slavischen selbst, wenn
Parallelformen mit urspr. k g ch vorhanden sind, da diese
vor solchem i als c dz (z) s erscheinen, vgl. 2. opt. (im-
per.) rbci {rekq ich sage), n. pl. bodzi (bogh Gott), n. pl.
dusi {duchi Geist). Über altes oi im Auslaut als slav. e
s. § JO. 2. Die Ursache, warum die Vertretung bald i ist,
bald e, ist nicht mit Sicherheit erkannt. — 2. = oi, dem
urspr. j oder vom späteren Standpunkt angesehen dieses
und die Konsonanten c z snr t 6 d'z ab. st zd vorangehen.
Erkennbar ist dies oi stets durch Parallelformen mit nicht
palatalen Konsonanten, die an der betreffenden Stelle e
haben, vgl. 1. 2. pl. opt. (imper.) herenih herete mit pisinvb
pisite (zu pisq schreibe), sejinvb sejite (zu sejq säe); loc. pl.
kraj^ch^ n^qzich^ mit stolechz. Dasselbe gilt von den Fällen,
§ 15—17.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav, und idg. 13
WO öi äi zugrunde liegt, vgl. dat. flg. iene (zu zena) mit
dusi (7.U dusa).
16. Ab. y = ursl. y. Der genaue ab. Lautwert ist
nicht bestimmbar, wahrscheinlich ist er in der Zeit, aus
der unsre Quellen stammen, dem deutschen ü ähnlich
gewesen, da er in der bulg. Entwicklung früh in i über-
geht. Der Vokal entspricht 1. idg. w, z. B. sym = lit.
süniis ai. sünus; n. sg. svekry Schwiegermutter = *-üs ai.
^vasrüs. — 2. y ist Dehnung von beliebig entstandenem z,
s^lat^ schicken iter. po-sylati, vizh^nqti iter. vhzhydati er-
wachen. — 3. Im Ab. kann jedes ^ vor j zu y gedehnt
werden: novy-jh 6 veoq neben nom>-jh. — 4. = idg. un- vor
Konsonanten, z. B. lyko Bast lit. lünkas', syny a. pl. =
*sünuns. — 5. Aus idg. -ön in Endsilben, kamy n. sg.
Stein = -mön, vgl. aK|iuJV. — 5. Aus idg. -07is in End-
silben, erkennbar daran, daß dem so entstandenen y
in parallelen Formen mit vorangehenden palataleu Kon-
sonanten e entspricht (s. § 12. 4 u. 49. UI, 2), vgl. a. pl.
vozy (zu voz^) = -%ns mit krajp (krajh), kon^ {konh Pferd),
niqz^ {mqzh)\ part. präs. a. nesy^ (zu nesq ich trage) = '^■ons
für "^'-onts, mit znaj^ pisp place (zu znajq znati kennen,
pisq phsati schreiben, placq plakati weinen).
17. Ab. u = ursl. w, stets urspr. Diphthong und
daher urspr. stets lang. Es vertritt 1. idg. ow, au, z. B. g. sg.
synu, vgl. got. sunaus lit. sünaüs, budiii wecken (caus. zu
h^d^ wachen, hideti) = '^bhoudh-; such^ trocken auo(; =
*(Jauaoq lit. saüsas, ucho Ohr lit. ausis lat. auris got. ausö. —
2. idg. ew; da also ou (idg. ou, au) und eu slav. in u (lit.
in au) zusammenfallen, vgl. urspr. ev und ov slav. zu ov
(lit. zu av) geworden (s. § 6. 4), so kann die Entscheidung,
wann eu, wann ou stand, getroffen werden: a) durch
gleichgebildete Wörter solcher verwandter Sprachen, die
eu und ou auseinander gehalten haben, z. B. tubb lieb
got. Hubs = *l€ubhos; b) aus dem Slavischen selbst. Es
gibt eine Anzahl Fälle, in denen die verwandten Sprachen
eu haben und das Slavische vor seinem u palatalen Kon-
14 Lautlehre. [§ 17. 18.
sonanten zeigt, vgl. l'^^h^ got. liuhs = *leuhhos, l'ndhje plur.
Leute ahd. liui'i (iu = eu), hl'uäq für *b'u(lq beachte, he-
wahre= *tÄe?^(f;i-, vgl. 7Teu&eTai(s. Job. Schmidt KZ.23,352 f.;
Berneker, Von derVertretung des idg. eu im baltisch-slavischen
Sprachzweig, IF. 10, 145 f. ; Zupitza, Die germanischen Guttu-
rale, 145, Anm. 1; KZ. 40, 250 f.). Man kann daher
den Schluß ziehen, daß überall eu anzusetzen sei, wo dem
u ein palataler Konsonant vorangeht und kein Grund
vorliegt, daß urspr. Konsonant + j vor eu stand; z. B.
cuti fühlen, swm Geräusch, zupiste Grab, stuidh fremd, sujb
link, vgl. ai. savyas = *seuios, ruti brüllen (zu üu-pOoiiiai).
Wenn in gleichartigen Bildungen kein palataler Konso-
nant steht, z. B. 2)luii schiffen, sluti heißen, so kann das
durch Ausgleichung mit Formen erklärt werden, die keinen
Palatal hatten, präs. plovq slovq. Nämlich das hetero-
syllabische idg. ey, (ev^ vor Vokalen) erzeugt keine Pala-
talität des vorangehenden Konsonanten, vgl. plovq = TrXe/iu,
slovo =^ Kkifoq, zovq (zu z^vati rufen) = *ghev-^ novz =
ve/bq, n. pl. synove = '^süneves. Wenn vereinzelt Palatalität
vorkommt, so 7''evq zu r'uti neben rovq (ruti), so kann
dies für r'ovq stehen und r aus r'uti übertragen sein.
Daß e in altem ev den vorhergehenden Konsonanten nicht
palatalisiert hat, stimmt mit dem sonstigen Verhalten des
e in andern Verbindungen überein; der Hergang der
Wandlung des eu in ein palatalisierendes ou (Vorstufe
des w) ist nicht klar. — Für idg. eu steht ebenfalls w,
falls die Beispiele sicher sind, loc. sg. der u-Si. synu =
*süneu, aor. sluch^ (zu shäi) vgl. ai. asräusam. Das hetero-
syllabische ey (ev) geht nicht in %v *äv über, vgl. sev-er^
Nord lit. sziaufys.
B. Ablaut und Ablautsreihen.
18. Ablaut ist der idg. Vokalwechsel innerhalb einer
Gruppe zusammengehöriger, zu einer Wurzel bezogener
Wörter. Man unterscheidet qualitativen und quanti-
tativen Ablaut. Der qualitative (auch Abtönung ge-
nannt) besteht in dem Wechsel verschiedener Vokalfär-
§ 18.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 15
bungen ohne Quantitätsveränderung, z. B. e — o, ei — oi,
e — öy a — usw. Die Ursache dieses Wechsels ist un-
bekannt. Der quantitative Ablaut (auch Abstufung'
genannt), dessen Ursache Betontheit oder Unbetontheit der
betreffenden Silbe ist, besteht einmal in dem Wechsel von
Länge und Kürze, z. B. e — e, o — ö usw., ferner in dem
Wechsel von Vokalschwund oder reduziertem Vokal {o, Schwa)
mit vollem Vokal, endlich in dem Wechsel einer zweisilbigen
Basis mit einer durch Reduktion entstandenen einsilbigen
(Wurzel), vgl. z. B. ai. hliütas (seiend) mit hhavi-tum (sein)
aus idg. *bheve-tum. Dabei pflegt man die Silben mit den
qualitativ wechselnden Vokalen (e — o, ei — oi, e — ö
usw.) als Vollstufe zu bezeichnen; Silben, die den voll-
stufigen gegenüber als reduziert erscheinen, heißen Reduk-
tionsstufen (Schwundstufe bei völligem Verlust des
Vokals), Silben mit Dehnung einer der vollstufigen Vo-
kale heißen Dehnstufen. Verbindet man qualitativen
und quantitativen Ablaut einer bestimmten zusammen-
gehörigen Wortgruppe, so erhält man die sogenannte Ab-
lautsreihe dieser Gruppe. Vereinigt man alle beobacht-
baren Ablaute derjenigen W^ortgruppen, die gleiche Voll-
stufe haben, so bekommt man die sozusagen ideale Ab-
lautsreihe, d. h. den überhaupt in der Sprache von der
Grundlage eines bestimmten qualitativen Ablauts möglichen
Vokalwechsel.
Der Ablaut ist in der idg. Periode abgeschlossen
und entwickelt sich in der Geschichte der Einzel-
sprachen nur insofern weiter, als nach dem Muster
des in bestimmten Wortgruppen vorhandenen Wechsels,
z. B. von e und o, derselbe Ablaut in einer andern Gruppe,
die in älterer Zeit etwa keine Form mit o entwickelt
hat, eine solche auf dem Boden der Einzelsprache neu
geschaffen sein kann. Solche Fälle werden indes über-
all selten sein. Zu den Fällen der Reduktionsstufe, die
der idg. Ursprache angehören , können in den Einzel-
sprachen durch deren besondere Betonungsverhältnisse
neue Fälle hinzukommen; auch treten durch Ausgleichung
16 Lautlehre. [§ 18. 19.
Formen mit Reduktionsstufe auf, die ihrer ursprünglichen
Betonung nach Vollstufe haben sollten, z. B. das slav.
Supinum byth = *hhitu-m widerspricht ai. bhavitmn, idg.
*bhevetum und hat die Vokalstufe des Infinitivs hyti an-
genommen. Solche Ausgleichungen gehen z. T. sicher in
idg. Zeit zurück. Dehnungen sowohl alter kurzer Voll-
stufenvokale wie alter reduzierter Vokale sind in den
Einzelsprachen, so namentlich auch im Slavischen, häufig
zu beobachten. Man kann sie, wenn ^uch die Ursache
z. T. in indogermanischen Verhältnissen liegen mag, doch
nicht mehr in ihrer Gesamtheit auf idg. Dehnstufe
zurückführen.
Es gehen daher die in den Einzel sprachen beobacht-
baren Ablautsreihen nicht rein in die als indogermanisch
findbaren oder theoretisch geforderten auf. Da überdies
die Ursachen des Ablauts in den Einzelsprachen wegen
der mannigfach veränderten Betonung und aus andern
Ursachen nicht mehr überall zu sehen sind, könnte
der Versuch, die einzelsprachlichen Reihen im ein-
zelnen mit den indogermanischen in Verbindung zu
setzen, nur gelingen in einer Gesamtgrammatik des ganzen
idg. Sprachstammes, aber nicht bei der Behandlung einer
Einzel spräche. Deshalb ist im folgenden so verfahren,
daß von bestimmtem Vollstufenvokal aus die im Slavischen
(Altbulgarischen) tatsächlich beobachtbaren Vokalwechsel
ohne weitere Erklärung gegeben werden. Die Beispiele
beschränken sich auf den Vokalwechsel in den Wurzel-
silben.
Über den Ablaut im Altb. handelt A. Meillet, Les
alternances vocaliques en vieux slave, MSL. 14, 193 — 209;
332—390.
19, Vollstufenvokal e o nicht in Verbindung
mit folgenden i u n m r l, also vor Verschluß- und
Reibelauten. Alles zusammengefaßt, ergibt sich der Wechsel:
— h e e a (= ö) i. Voller Schw^und des Vokals ( — )
ist nur vereinzelt beobachtbar, die Reduktionsstufe als b
§ 19. 20.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urelav. und idg. 17
ist selten; wo sie in der Formenbildung nach ursprüng-
licher Betonung zu erwarten wäre, erscheint e.
s-qth sie sind, sy, St. s-qt-, part. pr. seiend zu j-es-mh ich bin.
shd^ gegangen (=*ckhdh), chod^ Gang choditi gehen, pri-
chazdati (= ^-chadjati) herbeikommen, u-sidh m.
Flüchtling.
in)-nhz-nqti einstecken, v^noziti dass. nozb = *nozjh Messer,
pronizati durchstechen.
thci 2. imper., tekq ich laufe, tokh Lauf, Strom fociti gießen,
1. sg.aor. tecki= *tek-som, pri-tekati iter. herbeilaufen,
ras-takati iter. auseinandergießen.
rhci 2. imper., rekq ich sage, pro-rokb Prophet, 1. sg. aor.
rech^ = *reksom, pre-rekati iter. widersprechen, na-
ricati iter. benennen.
grehq ich rudre (po-grebq begrabe), grohh Grab, pogrebati
iter. begraben, grahiti rafifen (rauben), pogribati iter.
begraben.
lesti = Hegti sich legen lezaü = Hegeti liegen, prilog^ Beilage
hze = *logje Lager loziti legen, na-legati iter, sich
darauf legen, na-lagafi iter. darauf legen.
vedq ich führe, voje-voda Heerführer voditi iter. führen,
1. sg. aor. ves^ = *vtds(ym, pro-vazdati = *-vadjati
iter. geleiten.
pletq ich flechte, plot^ Zaun (Geflecht), sh-pletati iter. zu-
sammenflechten, s^'pl^tat^ dass.
cez-nqti verschwinden, is-cazati iter. = *-kezati, prokaza
(Schwund) Verderben prokuziti (schwinden machen)
verderben.
20. Vollstufe e o vor r l, n m.
I. Vor r l: 1. vor r l mit folgendem Vokal (vor heterosylla-
bischem r l). Völliges Schwinden des Vokals ist in Wurzel-
silben nicht beobachtbar, vereinzelt noch in Suffixen zu
sehen, z. B. St. hhrater- Bruder sl. bra-tr-hy sestra Schwester
für *sesra zu St. seser- (vgl. lit. sesü gen. sesefs). Regelmäßige
Reduktionsstufe ist h; Dehnungen sind a (= ö), i. — 2. vor r l
mit folgendem Konsonanten (vor tautosyllabischem r t).
Leskien, Altbulgarische Grammatik. 2
18 Lautlehre. [§ 20.
Dehnungen sind hier ausgeschlossen, weil vor zwei Kon-
sonanten nicht gedehnt wurde. Die möglichen Fälle sind:
ursl.
hr
er
or
ab.
r
rS
ra
ursl.
hl
el
Ol
ab.
l
U
la.
Derartige Wechsel von re ra^ le la im Altb. sind also
nicht aufzufassen als Ablaut e — a, sondern stets zurück-
zuführen auf e — 0. Über die Metathesis er — re usw.
8. § 53.
II. Vor n m: 1. vor n m mit folgendem Vokal (he-
terosyllabischem n m)\ Redu^tionsstufe ist b, Dehnungen
a (= ö), 1. — 2. vor n m mit folgendem Konsonanten (vor
tautosyllabischera n m). Da im Slavischen idg. n m und
idg. en em vor Konsonanten beide zu e werden (s. o.
§ 12. 1, 2), on om zu a, kann der Ablaut nur bestehen
in ^ — q.
Wechseln in einer Wortgruppe Stellungen von r l,
n m vor Vokal und vor Konsonant, so kommen die
Lautgestaltungen unter I. 1 und 2, IL 1 und 2 darin
nebeneinander vor.
Beispiele.
Zu I. 1: bhrati sammeln, herq ich sammle, sTrborb Ver-
sammlung, s^-hirati iter. versammeln.
phreti Sf sich streiten sq-ph/h Gegner im Streit, vT>S'por-ivh
streitsüchtig, prepirati iter. überreden (im Disput).
vhreti sieden, lit. v&-du ich koche, iz-var^ Sprudel, Quelle,
varz Hitze variti kochen trans.
Zu I. 2 : *vhrg^ vrgq ich werfe, inf. *vergti vresii, *iz-vorg^
iZ'Vragz Auswurf.
*sthrg^ pt. prät. a. strgi, ^sUrgg stregq ich bewache, *storjsa
= *storgja straza Wache.
*vhrz^ ich binde vrzq^ inf. *versti vresti, *po'Vorz^ pO'vraz^
Band.
§ 20. 21. j Die Laure und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 19
*vijlk7j pt. prät. a. vlhj (lit. vilkes), "^velko viekq ich ziehe,
'''oholko für "^oh'volko (Cmziehung) ohluko \\'olke.
*(bIko Ükn ich stoße, inf. "^telkti tiesti, ^tolciti tlaciti nieder-
schlagen.
1 . und 2. verbunden :
pbrq ich stütze, inf. "^perti preti, pochporo Stütze, o-pArati
iter. stützen.
mbra ich sterbe. *So-mw'fh s^â– mrth Tod, inf. *merti mreti,
Mon, das Sterben moriti töten, u-mar ati iter. töten,
u-mirati iter. sterben.
raskihra = *raz-skvbro ich schmelze, inf. -^skverii -skvreti.
skiara Dampf.
zorefi schauen, po-zor^ Anblick "^zorkb zrako Blick, zara
Glanz, na-zirati iter. betrachten.
aibrq ich breite aus, inf. "^sterti streti^ *storna strana Seite,
pro-stirati iter. ausbreiten.
*ti/brdz turdh fest, lit. tveriü ich fasse, pri-tvorh Umfassung,
Ummauerung tvoriti machen, tvarh Geschöpf, s■^-
fvar'afi iter. machen.
Zu iL l:*zem = *geno ich treibe, jage (inf. gonati mit
abweichendem Vokal), iz-gom Austreibung goniii trei-
ben, pjro-ganati vertreiben.
Zu II. 2: 7H€'to ich rühre um, verwirre, s•^-/«<^f^ Verwirrung
niqtiti in Verwirrung bringen.
hl^dq ich irre intr. h^db Irrtum, hlqdo lenocinium.
l^kq ich biege, Iqkh Bogen.
1. und 2. verbunden:
zvbneti tönen, zveki Ton, zvom zvqkb Ton.
na-cbnq ich fange an, inf. na-ceti, is koni von Anfang
konbcb Ende, na~cinati iter. anfangen.
pjhnq ich spanne, inf. pe-ti, o-pona Vorhang pn-to Fessel,
pro-pinati iter. kreuzigen.
21. Vollstufen idg. ei sl. i, idg. oi sl. e; Reduktions-
stufe idg. i sl. fc; Dehnung ?, das also im Slavischen mit
i = ei zusammenfällt. Kommen ei und oi vor Vokale
zu stehen, sc müssen sie als ej sl. hj (s. § 11. 4), oj sl.
^•benso ^-rscheinen; in diesem Falle kann Dehnung ej el.
2*
20 Lautlehre. [§21.22.
ej, öj sl. aj stattfinden. Also die Möglichkeiten des Wech-
sels sind: 1. vor Konsonanten h i (= f und = ei) e;
2. vor Vokalen hj (= Auflösung von i vor Vokalen in
ij und = ej) oj ej aj. Die Beispiele müssen z. T. aus dem
Litauischen ergänzt oder erläutert werden.
Beispiele zu 1 : svbnqti (= *svht-nqti) aufleuchten lit. szvintü
szvhti, lit. szveczu = *szvefju ich leuchte, szveiczü ich
putze, sveth Licht vgl. lit. szvaisä = *szvaitsa Licht-
schein, svitati iter. aufleuchten.
hp-nafi ankleben intr. lit. limpü l^pti, dXeiqptu, lepiti trans.
kleben lettisch pe-laipe Anback am Brote, vgl. d\oi(pr|,
pri-lipati iter. ankleben intr.
lit. mlsz-ii sich vermischen, mesiti lit. maiszyti mischen,
lett. sk'idrs dünn, cistb rein lit. skystas dünnflüssig, cestiti
(= *koi-) seihen lit. skäidyti trennen lett. skaidit ver-
dünnen.
Zu 2: gni-ti faulen, gnoj-h Eiter,
lit. bijöti-s sich fürchten , lit. bajüs fürchterlich bojati s^
sich fürchten.
li-ti gießen (vgl. lit. leti), hjq ich gieße, Ihjati inf., loj-h
Talg, präs. lejq (zu Ihjati).
pi'ti trinken, na-poj-h Trank pojiti tränken, na-pajati iter.
ri-nqti stoßen, drängen, rejq rejati stoßen, roj-h Schwärm
(Bienen) na-roj-h Impetus.
smhjati s^ lachen, präs. smejq sp, sme-chh Gelächter.
Wenn von der gleichen Grundlage aus altes oi bald vor
Vokalen bald vor Konsonanten erscheint, muß bald oj,
bald e stehen, vgl. poj-q ich singe, pe-ti singen.
22. Vollstufen idg. eu sl. u u, ou sl. u; Reduktions-
Btufe idg. u sl. 2»; Dehnung ü sl. y. Wenn altes eu ou
vor Vokale zu stehen kommt, erscheinen ev sl. ov, ov
sl. ov; in diesem Falle kann Dehnung Sv öv, sl. ev av
stattfinden. Die möglichen Wechsel sind also: 1. vor
Konsonanten z y u; 2. vor Vokalen 2. (^v) ov ev av.
Beispiele zu 1 :
s^yq ich schütte, inf. suti = *seupti (vgl. *merti ab. mreti
zu mhrq, cisti = *keisH zu chtq), sypati schütten.
§ 22 — 24.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 21
b^nqt^ = *h^dn- erwachen, l^deti wachen lit. hundü husti
htule'ti, huditi wecken preuß. et-bmuHnts auferweckt,
v^z-hydati iter. aufwachen.
duh-nqti aufatmen, ditchz Atem, Geist dnsa Seele lit.
daüsos plur. Luft, dychati atmen.
ST>ch'nqti intr. trocknen lit. susü süsfi, such^ trocken, lit.
saüsas, -sychati iter. trocknen.
v-yknqfi lernen, twiti lehren.
Zu 2: krbvem verborgen, kryti decken, bergen, krov'^
Dach.
rbvq r^vati raufen, ryti graben, rov-h Graben.
plyti (russ. plyt\ serb. pliti) schwimmen, schiffen, ab. inf.
pluti präs. plovq vgl. TiXe/uj, plavati schwimmen.
zhvati rufen, präs. zovq, pri-zyvati iter. herbeirufen.
Zu ev vgl. severb Nord mit lit. sziaurys.
Wenn in der betreffenden Wortgruppe altes eu ou
bald vor Vokal bald vor Konsonant steht, so erscheint u
neben ov, z. B. slyti (russ.) heißen, slysati = *slycheti hören,
sluti heißen präs. slovq, slovo Wort vgl. KXe./bq, slava
Ruhm.
23. Ablautsreihen, bei denen die Vollstufe nicht
e — ist, sind im Slavischen sehr spärlich vertreten und
spielen in der Wortbildung eine so geringe Rolle, daß es
genügen mag, wenn die vorkommenden Wechsel in ihrer
slavischen Gestalt hier einfach ausgeführt werden: e — a
(d. i. e — d), lezq ich schreite, steige, laziti iter. iz'lazz
Ausgang; o — a, stojq stojati stehen, sta-ti stanq sich stellen;
^ — 0, dimq dqti blasen; o — e, doja dojiti säugen, detp
Kind.
C. Die Entwicklung der Vokale in der
altbulgarischen Überlieferang.
A4. Die Darstellung des Vokalismus in den Ab-
schnitten 5 — 23 gibt dessen älteste normale Gestalt, wie
sie aus den altertümlichen altbulg. Quellen teils unmittel-
bar entnommen, teils erschlossen werden kann. Dabei
sind also unberücksichtigt geblieben Veränderungen, die
22 Lautlehre. [§24.
eine fortschreitende Entwicklung der Sprache im 9., 10.,
11. Jahrh. mit sich gebracht hat, ferner etwaige Einflüsse
verschiedener ab. Dialekte auf die Sprache unsrer Denk-
mäler. Eine genaue Darlegung der Eigentümlichkeiten
der einzelnen Handschriften in diesen Beziehungen liegt
nicht im Plan dieses Buches. Hier sollen nur in einer
allgemeiner gehaltenen Übersicht die Abweichungen von
der alten Norm angegeben werden.
I. Die Vokale a e i o u r 1 erleiden in der Gruppe
der gewöhnlich als altbulgarisch (altkirchenslavisch) ange-
sehenen Quellen so gut wie keine Veränderungen; e fällt
in den glagolitischen mit 'a zusammen, in den kyrillischen
sind die beiden Laute geschieden geblieben (s. § 7 Anm.).
II. y bleibt ebenfalls fast ganz unberührt, nur hie
und da kommt ein Fall des später allgemeinen Überganges
in i vor, z. B. Hha für rijba Fisch.
III. f, q. Die Bewahrung dieser Vokale als nasalierter
und beider an ihren richtigen, d. h. ursprünglich ihnen
zukommenden Stellen bildet ein Hauptkriterium der noch
im altertümlichen Sprachzustande erhaltenen Denkmäler.
Es trifft das z. B. bei den Codd. Zogr. Sav. Supr. auch fast
vollständig zu. Unsere Handschriften fallen aber z. T. in
eine Zeit, wo die Nasal vokale teils unter bestimmten laut-
lichen Bedingungen miteinander vertauscht waren, e für
q, q für §, teils ersetzt waren durch nicht nasalierte Vo-
kale, q durch n oder o, § durch e. Diese Entwicklung
ist in größerem oder geringerem Grade in die Hand-
schriften gedrungen, z. B. a für ä: nitAVAiuTH st. h.'ikyaiiith,
noMiTSAT-K st. noMixi^Ti; & für i: CTOt&iUTÄt& st. CTouiUT&iä;
oy für Ski MHHoyBiuiov st. mhhai^b'liijov, kjixovuito^ st. kaxü^uito^;
für Ä (im Psalt. sin. häufig): noTb für iiäti», AOKk
statt AMkK'h.
IV. Die stärkste Entwicklung und Umbildung hat
stattgefunden bei den sogenannten Halbvokalen i, h:
1. Ursprüngliches h vor Silben mit nichtpalatalem
(hartem) Vokal bleibt erhalten, ebenso ursprüngliches h
vor Silben mit palatalem (weichem) Vokal, z. B. z^vat^
§ 24.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 23
hkati, zhreti mhneti. Dagegen erscheint h vor einer Silbe
mit palatalem Vokal in 6 gewandelt, h vor einer Silbe
mit nichtpalatalem Vokal in o. Diese als Vokalumlaut
angesehene Wandlung ist in keiner Quelle — alle in Be-
tracht kommenden Fälle jener Stellungen zusammen-
genommen — auch nur annähernd durchgeführt. Bei-
spiele seien hier aus dem Cod. Zogr., der sonst die Halb-
vokale getreu in alter Weise bewahrt, angeführt: 7> vor
weichen Silben zu b, z.B. a*»k* f- 2, vgl. A^in na., ^k.it
adv. böse, vgl. g. sg. adj. t^'lm. EbA^Tii wachen (lit. budeti,
also ursprünglich sicher h) st. biä^th. Bb i.u in mich,
Kk:;B€CTH heraufführen, die ursprüngliche Form der Präpo-
sitionen ist ii> vhz-; b vor harten Silben zu b, z. B.
Tina st. TkMj Finsternis, mi^a^ st. Mk^^^ Lohn, ^ia^th
bauen st. :5bA:»TH (vgl. Präs. zizdq), Btft'LHA fem. st. KtpbHS (m.
verbYio) ; regelmäßig so in dieser Quelle die Infinitive EipATH.
A'Lp:iTH, ^lAÄTH, ntpiTH. CTL.'^aTH, die überall ursprünglich in
der Wurzelsilbe 6 als Ablaut von e hatten : RbpjTH usw. (so
in den altrussischen kirchenslavi sehen Denkmälern regel-
mäßig). Es ist sehr zweifelhaft, ob dieser Umlaut vor-
handen war zur Zeit der ersten schriftlichen Fixierung
des Dialekts, in dem zuerst von Kyrill geschrieben
wurde.
2. Nach den palatalen Konsonanten s z c st zd wird
in mehreren Denkmälern (nicht im Zogr.) in größerer
oder geringerer Ausdehnung o für ursprüngliches b ge-
setzt, z. B. Hjnui St. Hiuib unser, iuia'^ st. uibAX gegangen,
rptuiibHHK'L st. rptiubHHK'L Süuder, iMhTti'h st. MÄ3;b Mann, yito
st. YbTO was, A^JKAi st. ^^^R^^, gib.
3. Im Verlaufe der Zeit von den Anfängen der Lite-
ratur bis in die Periode, aus der unsre Handschriften
stammen, trat der Abfall der Halbvokale im Auslaut, ihr
Ausfall in offnen (d. h. selbst mit b, ^ auslautenden) Silben
ein. Im Auslaut werden ^ und h trotzdem immer ge-
schrieben, und diese Gewohnheit hat sich alle Jahrhun-
derte fortgesetzt (wie sie auch jetzt noch in der russischen
24 Lautlehre. •[§24.
Schreibweise herrscht), nur steht häufig ^ statt ursprüng-
lichem *, z. B. iccMi ich bin st. iccMb, ^MXh ich werde geben
8t. ASMk* i- 8g- MJpOAOMi, st. -Mh ZU uaroch Volk. In innern
Silben dagegen bleibt der nicht mehr gesprochene Vokal
oft auch ungeschrieben, z. B. mnofl st. MiHon viel, ncaiH
St. HkCATH schreiben, BpiTH st. EbpsTH sammle, kto st. kito
wer, KiHFA st. KiiiHrA Buch, knhxyhh st. KiHHrLYHH Schreiber,
KNA^k st. K'LHJi:^b Fürst, MH« st. MkHi mir.
4. Wenn durch Ab- oder Ausfall von *, h eine vor-
hergehende, ebenfalls mit 2., 6 versehene Silbe geschlossen
(konsonantisch auslautend) wird, so kann aus dieser ^, h
nicht ausfallen. In der Zeit, in die unsre Handschriften
fallen, traten für die so erhalten gebliebenen Halbvokale
z. T. volle Vokale ein, e für h, o für ^. In allen Denkmälern
kommt e für solches b vor, z. B. fi^enh d. i. den für dhn
aus dhtih, OTei|b d. i. otec für otbc aus o^fect, n^^Te^ d. i.
pqtech für pqthck aus pqthch^, t6Mhhi|A temnica aus tbmnica
für ^WMjnica. Die Vertretung von z> durch o ist in einigen
Quellen (so Zogr., Sav., Supr.) ganz spärlich, in andern
(so Mar. Psalt.) häufiger, z. B. (hbo-tl d. i. rabo-t aus rcibh
tb 6 öoöXoq ^Keivo<;, hayatoki d. i. nacetok aus nacptbkb,
MNBk d. i. loi aus l7)£h,
5. Wenn aus der Lautfolge Vokal -{- j -\- h das h
schwindet, so entsteht in der nunmehr durch j geschlos-
senen Silbe aus der Verbindung des Vokals mit j ein Diph-
thong, z. B. krajh Stand kraj^ gnojh Eiter gnoj^ dostojtna f.
würdig dostojna. Die Sprache, die von urslavischer Zeit
her keine Diphthonge mehr besaß (s. § 43), gewinnt sie
80 von neuem.
Über die Verhältnisse bei ^, h vgl. Jagic, Studien
über das Zographosevangelium ASPh. I, II; §(5epkin, Raz-
suÄdenie o jazykö Savvinoj knigi (St. Petersb. 1899); Verf.,
Noch einmal z und t in den altkirchensl. Denkmälern,
ASPh. XXVH; Die Vokale ^ und h in den Codices
Zographensis und Marianne, ebd. ; Die Vokale z und h im
Cod. Suprasliensis, ebd.
§ 25. 26.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. and idg. 25
Die Nasale n, m {n w, m m).
Ä5. Vor Konsonanten kann weder n noch m
stehen, da urslavisch die Verbindungen Vokal -|- Nasal
vor Konsonanten stets zu q e y i geworden waren (s. §§ 8,
12, 15 V, 16. 4). Wo in der altb. Überlieferung ein Nasal
vor Konsonant steht, kann er nur durch Ausfall von ^
oder h an diese Stelle gekommen sein (s. § 24 IV 3, 4), z. B.
ostanka octahkx für ostamka (g. sg. zu ostamkb Überbleibsel).
Im Wortauslaut sind «, m entweder abgefallen oder
haben mit vorangehendem Vokal einen Nasalvokal ergeben,
z. B. nosth a. sg. = *nokti'm, ienq a. sg. = *genäm (s. § 49
II, 1 — 5 das Nähere). Vorher war auslautendes m in
n übergegangen; erkennbar ist das u.a. noch aus der
alten Verbindung der Präposition s^ (mit) aus *s^m {*som-j
vgl. sq-log^ Gatte aus *som-logo-s) mit vokalisch anlautenden
Wörtern, wobei das n als nicht auslautend erhalten bleiben
konnte, z. B. s^n-iti se zusammenkommen, s^n'^eti zusammen^
nehmen. Es können also n, m nur stehen im Wortan-
laut, z. B. nenn, neu vi/bq, 7ti€l'q ich male lit. malü,
zwischen Vokalen, z. B. syn^ lit. sünics Sohn, zima lit.
zemä Winter, und nach Konsonanten vor folgendem
Vokal, z. B. gniti faulen, tbknqti stoßen.
Die Verbindung von n, m mit ursprünglichem
j ergibt n m {ml\ s. § 39. 1, 5), z. B. inf. stenati seufzen
3. präs. *sten-je-tb ste-ne-th, *zem-ja Erde zema (zemVa). Im
Woftanlaut kommt m gar nicht vor, n ganz vereinzelt.
niva Acker; n rh stehen also nur zwischen Vokalen; ers'^
in der Periode des Ab- und Ausfalls von ?> (s. § 24 IV
3, 4) können sie in den Wortauslaut und vor Konso-
nanten rücken, z. B. kon für konh, dondeze für donhdeie bis.
Die Liquidae r l (r r, l t).
Ä6. Das ab. r ist das gerollte Zungenspitzen-r; ob l
den Laut des sogenannten gutturalen i hatte (wie das
heutige russische) oder den des sogenannten mittleren,
des normalen deutschen l, läßt sich nicht sicher aus-
26 Lautlehre. [§ 26. 27.
machen. Die Liquidae können nur stehen im Wortan-
laut, z. B. 7'yba Fisch, kkq ich biege, zwischen Vokalen,
z. B. bei'q ich sammle, kolo Rad, nach Konsonanten vor
folgendem Vokal, z. B. kroh)h> sanft, bzdii> wach, pktq
ich flechte, 7nbgla Nebel. Ursprüngliche Stellung vor
Konsonanten ist im Altb. durch Metathesis oder Ent-
stehung vor r 1 aufgehoben, z. B. '^porcli^ prachh Staub,
*velkg vlekq ich ziehe; *vbrgp vrgq ich werfe, "^thlkp tlkq
ich stoße (s. §§ 53 und 55). Wenn in ab. Überlieferung
r, l vor Konsonanten stehen, so sind sie stets durch Aus-
fall von ^ oder h an diese Stelle gekommen, z, B. umhrse
pl. gestorben für unibrise.
Aus der Verbindung von ?•, l mit ursprüng-
lichem j entstehen r', l\ z. B. inf. orati pflügen 3. präs.
*or-je-tb o-r'e-th, inf. s^lati 3. präs. *s^l'je-th s^-l'e-th. Sie
können stehen im Anlaut, z. B. r'uti brüllen, Vub^ lieb,
zwischen Vokalen, z. B. posfel'a Bett, mor'e Meer, nach
Konsonanten vor Vokal, z. B. s^^matr'aü betrachten,
ptbvati speien ; vor Konsonanten aber nur in späterer Periode
nach Ausfall von h (s. § 24 IV 3, 4), z. B. hol'sa für boVbsa
gen. comp, größer. — Im Altb. (wie im Serbischen, Sloveni-
schen, Russischen) tritt für die ursprünglichen Lautgruppen
p-j, h-j, m-j, v-j ein pl\ bt , ml\ vi' (s. § 39. 5), z. B. kapl'a
Tropfen = *kap'ja (vgl. kajjati tropfen); dobl'b tapfer =
*dob-jb (vgl. dob-rb gut), zemta Erde = *zem-ja, vgl. lit.
teme, 1. präs. lovl'q = *lov-jq zu loviti jagen.
Die Verschlußlaute.
27. Die indogermanischen Verschlußlaute:
1. labial p
b
hh
2. dental t
d
dh
3. guttural ,
(velar)
4. labio velar k^:
9
9"^
gh
gVih
5. palatal k
9
gh
haben im Sla vischen starke Umbildungen erlitten.
§ 27.] Die Laute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 27
Von diesen Reihen sind im Slavischen 3 und 4
in rein velare (gutturale) zusammengefallen; 5 in Reibe-
laute (s-Laute) übergegangen. Die Mediae aspiratae haben
die Aspiration verloren.
Die von der vergleichenden Grammatik angesetzten
Tenues aspiratae ph th usw. sind unberücksichtigt ge-
blieben, da im Slavischen nur ganz vereinzelte Beispiele
ihrer Vertretung (duich nicht aspirierte Tenues, vgl. viefetb
er rührt um mit ai. manthati) nachweisbar sind.
Demnach ergeben sich (zunächst betrachtet ohne
Rücksicht auf die im Slav. eingetretenen Palatalisierungen :
k zu c, g zu. z usw.) folgende Entsprechungen:
I.Labiale: idg. ^; b bh
griech. tt ß <P
lit. p b
slav. p b,
z. B. pluti lit. plduti TrXeuu ; für idg. b fehlen ganz sichre
Beispiele, vielleicht bol'hjh besser zu ai. balam Stärke, lat.
de-bilis schwach; byti sein lit. bidi q)uuj ai. bhü.
2. Dentale: idg. / d dh
griech. t b d
lit. / 1
slav. / d,
z. B. tesati behauen lit. taszyti vgl. leKToiv, Formans -fi-
pa-mf'th Gedenken lit. at-min-üs lat. menti- {mens); jadq
(= *edq) ich esse lit. edu eöuj, dati geben lit. diYti öi-buu-|it;
deti stellen, legen lit. deti li-^ri-.ui, dymh Rauch lit. pl.
dümai ai. dhüma-s.
3. Gutturale (velare); 4. Labiovelare:
3. idg.
k
9
9^
griech.
K
T
X
4. idg.
Ä-'i
9'^
g'ih
griech.
n
ß
.q>
(T
b
^),
zusammenfallend in
28 Lautlehre. [§ 27—29.
lit. k g
slav. Je g,
z. B. kr^vb Blut lit. krüvinas blutig kraüjas Blut, vgl.
Kpe^aq; kbto wer lit. käs got. Ivas, lit. ZeÄfi lasBcn ätlaikas
Rest ab. otb-lekh dass., vgl. Xeiiriu XoiTrö(;; — i^o = *j^go
Joch lit. jüngas lat. jugum Ixj-xöv ; itr^ = *y!)r- ich fresse
lit. geriü trinke ßopd Fraß ; sena = *genä Frau preuß. genä
got. ^»io; — mfegr/a Nebel lit. niiglä gr. ö-juixXri ai. megha-s
Wolke, sneg^ Schnee lit. snegas acc. viqpa got. snaiws.
Dem so entstandenen urslav. Bestand der Verschluß-
laute p by t d^ k g entspricht der altbulgariscbe, ab-
gesehen von den besonderen lautgesetzlichen Verände-
rungen.
Die Vertretung der Reihe 5 s. § 29.
Die Reibelaute j v, s z, ch, s s, § i.
Ä8« Die urslavischen Reibelaute j v, s z, ch,
s z bestehen ebenso im Altbulgarischen; i i sind ur-
alavisch wie altbulgarisch keine allein vorkommenden
Laute, sie sind nur enthalten in den Verbindungen 6 = i^,
d'z (darüber s. § 34. 2 b). Von diesen Lauten entsprechen j (als
solches im Slav. nur erhalten im Wortanlaut und im Silben-
anlaut zwischen Vokalen), v dem idg. j (i), v (\t\ z. B. jum>
jung lit. jäunas lat. juvenis, vtjq wickle lit. vejü; videti sehen
lit. veizdeti lat. videre /iöeiv, slovo gr. KXi/b^; s z decken
sich nur teilweise mit den gleichen idg. Lauten, sind z. T.
slavischen (slavo-litauischen) Ursprungs, s. § 29; cÄ i i
sind spezifisch slavische Entwicklungen. Es ist daher
nötig, diese einzelnen Laute näher zu betrachten.
Ä9. 1. s und z sind Vertreter der idg. Palatal-
reihe :
idg.
ai.
griech.
k g
s 3
K T
h
X
lit.
slav.
sz (d. i. 5)
s
;t (d. i. i)
z
§ 29. 30.] Die Laote und ihr Verhältnis zu den arslav. und idg. 29
Das Litauische steht hier auf einem älteren Stand-
punkt als das Slavische, das einst ebenfalls s- und i-ar-
tige Laute an dieser Stelle besessen haben muß, sie aber
schon urslav. mit ursprünglich dentalen s, z (s. 2) zusam-
menfallen ließ. Z. B. deseth zehn lit. deszimtis ai. dasa
b€Ka decetyi; znati kennen \ii. tinoti ai. W. Jm- "fi"TVUL»-crKiJU
lat. co-gnös-cere ; zima Winter lit. 2emä ai. hima' xti^'juv.
Die idg. Verbindung ks wird zu s (lit. sz), z. B. tesati lit.
taszyti behauen ai. 3. pr. taksati; osh Achse lit. aszis lat.
axis gr. dfHuuv.
2. .s, z (dies nur vor g und d) vertreten idg. s, z
(lit. s, z), z. B. shpati schlafen sTxm = ^s-bpm Schlaf lit.
säpnas lat. somnus ai. svapnas; mhzda Lohn got. mizdö, rnozgo
Mark ai. mazga-.
3. s ist Rück Verwandlung von ch in s nach i e,
wenn diese = idg. oi ai, z. B. duch^ loc. sg. duse, loc. pl.
d^lsech^, n. pl. dusi, vgl. § 44. 1. Dies s aus palatalem
cä' ist sicher ursprünglich palatal gewesen, .^, aber dann
mit nicht-palatalem s zusammengefallen. — chv- vor pala-
talen Vokalen gibt sv-, pl. vlsvi zu vlchvo Zauberer.
4. Andre Arten z als die unter 1. und 2. genannten
hatte das UrslaWsche nicht; in einem Teil der ab. Quellen
ist aber ursl. dz in z übergegangen, z. B. zu hog^ loc. sg.
hodze — hoze, n. pl. hodzi — hozi; ebenso d'z in i, z. B.
j^d'za — j^zUj kh7ifd'zh — khri^zh.
30. Ab. ch = ursl. ch; dies ist aus idg. s entstanden
nach ij u, r, k, d. h. slav. nach h i (== i, ei, oi) e (= oi) 7,
y (= ü) u (= eu, ou), doch bleibt s erhalten in der Ver-
bindung sp st sk, ebenso wenn es aus Assimilation von
Konsonant -f- s hervorgegangen ist. Beispiele: loc. pl.
trh'Chh (zu tiTbje drei) lit. trisii (tri-se) Tpiai; 1. aor. li-chi
(zu ZiYi gießen) = -^som; loc. pl. toc€ch^ (zu tokh) = idg. oi-sw
ai. -esu gr. -oiCTi; Shch-nqti trocknen such^ trocken lit. süs-ti
saüsas, 1. aor. hych^ (zu hyti) = -^som; *vbrch^ ab. vrchh
Gipfel lit. virsziis, *porchi ab. prach^ Staub vgl. *phrstb ab.
prsth dass.; 1. sg. aor. rechh (zu reka ich sage) aus *rekch^
für *reksom, zachh (zu zegq] aus *gekchh für *geks(ytn aus
80 Lautlehre. [§ 30—33.
*g€gsom. Dagegen Impa Hülse, istina Wahrheit, pustiti
loslassen, bleskb (e = oi) Glanz, prstb Staub, 2. pl. aor.
reste (zu rekq) für *rek-ste, cish = *keitsom 1. aor. (zu chtq).
Vielleicht ist auch nach l das s zu ch geworden, vgl.
*polch^ nh.plachi, doch sind die Beispiele mehr oder minder
zweifelhaft.
31. Wenn man das § 30 beschriebene Auftreten
des ch als das ursprünglich lautgesetzlich regelmäßige be-
trachten muß, namentlich da es sich mit ähnlichen Er-
scheinungen im Arischen deckt (s. Brugmann, Kurze
vgl. Gr. § 278), so ist doch schon im Urslavischen ck
weit über diesen Bereich hinaus verbreitet und kann nach
beliebigen, auch nicht palatalen Vokalen stehen, nach a
e (= e), ebenso nach e q (also nach w, m). Die Formen,
in denen ch nach a usw. erscheint, sind fast alle aus
Formenreihen, in denen regelrecht 5 nach h, i usw. zu ch
geworden war, und ist aus diesen verallgemeinert, vgl.
z. B. loc. pl. zena-ch^ (zu sena) für *iena-s^ nach pqtbchz
syn^ch^ tocech^; 1. aor. dach^, videch^, nesochz^ kosnqchZy
p^chh (älter ab. noch p^s^) für *das^ usw. nach hich^, bych^,
pechz (zu peti singen, e = oi), pluchz, tech^ (= *teksom zu
fekq laufe), *merch^ ab. mrech^ (zu *merti ab. mreti).
32. Außerdem steht in einer sehr beschränkten
Anzahl von Wörtern ch im Anlaut vor Vokalen, r, ?,
r, z. B. chod^ Gang, chytiii ergreifen, chudi> dürftig, chrotm
lahm, c/?fe?> 6 Wasserfall, chvala Lob. Dafür fehlt es bis jetzt
an einer sichern Erklärung. Über die vielen bei ch in
Betracht kommenden Probleme s. Uhlenbeck, Die Behand-
lung des idg. s im Slavischen, ASPh. XVI; Pedersen, Das
idg. s im Slavischen, IF. V.
33. s und i, ursl. und für die ältere Zeit auch ab.
= / i'. 1. Das s ist stets das Produkt einer Verbindung
von altem s-Laut (= idg. s und Jc) mit folgenden palatalen
Elementen. Das Zusammenfallen von idg. s und k in slav.
«, die teilweise Wandlung von idg. s in sl. ch bringt es
mit sich, daß s sehr verschiedenen Ursprungs sein kann:
§ 33.] Die L.iute und ihr Verhältnis zu den urslav. und idg. 31
idg. s idg. k
chj, ch vor e, 6, /, (= t u. ei), e (= e)§ sj
1
s
Beispiele: ch + i, vgl. d^ch-nqt^ ducJa mit dtisa =
*duchja; ch vor e usw., <i«cA^ voc. dn^e, grech^ Sünde
greshm sündig, such^ trocken susiti trocknen, 1. aor. 7'ech^
3. pl. rese, mit videti vgl. *slycheti (vgl. sluch^) slysdti hören;
s -f- j, siti nähen lit. siütiy nasi unser = *nasjh, vgl. lat.
nos; phsafi schreiben (.s = Je) 3. sg. \)T. piseti = *pis-je-tb,
tesati (s aus ^5) 3. präs. teseh» = *tes-je'tb.
Über 5 in den Verbindungen st c (d. i. ü) s.
§ 34. 1, 4.
2. Ab. i vertritt ursl. z und f/i. a) Ursl. i ist = zj
[z aus idg. ^ gh), also:
idg. .(7 ,^Ä
sl.
I
z. B. v^zati (vgl. oi'tx^) binden 3. präs. v^zetb = *v^z-je-tb,
qze Fessel = *qz-je. — b) Ursl. dz geht hervor aus g -\- j
oder g vor e, h, i (= J und = ei\ e (= e)^ e. Im Ab.
ist daraus z geworden; nur in dem Falle, wo zg vor jenen
Lauten stand, hat sich ein Rest des dz erhalten. Bei-
spiele: stregq aus *stergp ich bewache straza Wache aus
*storgja; hog^ voc. fcoie^ bozhskb göttlich, zivi lebendig lit.
gyvas, zhdati präs. zidq warten vgl. lit. geidzü begehre;
l^ga lege mich lezati liegen = *l€geti; zg wird zunächst zu
zdz, daraus zdz^ ab. zd (genauer zd'), vgl. hm Lein hnem
32 Lautlehre. [§ 33. 34.
leinen mit mozgh Mark *mozgem *mozdzam *mozdiam
moidam; g^nafi treiben präs. *genq (senq) mit *iz-gena (treibe
aus) *izdzenq ^üdsem izdenq (s. § 41. 2; § 58 II, 3).
Über z in ab. zd s. § 35.
Die Affrikatae c, c dz, st zd.
34. Ural, und ab. c (= ts) c (= ts), dz gehen stets
zurück auf ursprünglich gutturale Konsonanten.
1 . c entsteht aus kj oder aus k vor e, h, i (= i und
ei), e (= e), ^ (s. § 39. 2; § 41. 1), z. B.prithca = *p'i-Hk-ia
Parabel zu pri-thk-nqti; vgl. vedq vedeH führt mit tekq teceh
läuft; voda Wasser vodhm wäßrig mit tnqka Mehl mqchm
mehlig, po-kojb Ruhe mit po-ci-ti ruhen; pes^k^ Sand mit
"^pes^kem peshcam sandig; telp Kalb mit otroce dem. zu
otrokb Kind.
Urslavisch gehörte in diese Reihe auch dz (ab. i),
darüber s. § 33.2; § 39.2; § 41. 1.
2. c und dz erscheinen altbulgarisch, und man muß
annehmen auch urslavisch, nicht einheitlich:
a) Ursprüngliches k. g werden vor e, i = idg. oi (aus oi
und ai) zu c (ts), dz, wobei e unverändert bleibt (während die
Verbindungen ke- ge- zu ca- ^dza- za- werden, s. § 7 II 3),
z. B. tokb loc. sg. toce = *tokoi loc. pl. tocech^ = *tokoisu
n. pl. toci = *tokoi; tekq 2. sg. im per. tbci 2. pl. thcete =
*-ois '^-oite, vgl. qpepoi<; (pepoire; ceh heil got. te75 preuß.
kailüstiskan Gesundheit; rog^ Hörn loc. sg. rodze loc. pl.
1-odzechh n. "pl. rodzi; l^gq lege mich 2. sg. imper. ^dzi 2. pl.
l^dzet£; dzeh heftig lit. gailüs. Die Wandlung in c, dz
kann nicht erfolgt sein, als der folgende Vokal auf der
Stufe oi stand, denn o wirkt nicht auf vorhergehende
Konsonanten, es muß also ausgegangen werden von einem
aus oi entstandenen palatalen Vokal. Diese Lautstufe
kann aber erst erreicht sein, nachdem k, g vor alten e-
und i-Lauten (sl. e, 6, i [= i, ei], e [= e], e) zu c dz
geworden waren, denn bei schon vorhandenem e-fLaut
aus oi hätte dieser auf die Gutturale in gleicher Art
gewirkt, also c dz ergeben. Von den beiden verschiedenen
§ 34.] Die Laute u. ihr Verhältnis zu den urelav. u. idg. 33
Wirkungen auf die Gutturale — beide lautphysiologisch
gleich möglich — ist die eine, c dz (i), die ältere (erste
Palatalisierung), die andere, c dz^ die jüngere (zweite
Palatalisierung). Gleichartige oder ähnliche Lautver-
bindungen sind im Slavischen, wie das auch in andern
Sprachgebieten vorkommt, in verschiedenen Sprachperioden
nicht gleich behandelt worden. Wahrscheinlich sind ur-
slavisch die so entstandenen c dz nicht rein dental ge-
wesen, sondern = t'§, d'z^ d. h. in irgendeinem Grade
palatalisiert. Wie sie im Altbulgarischen gesprochen
wurden, ist aus der Schreibung nicht zu ersehen, da die
Schrift für d, d'i keine besonderen Zeichen hat und an
den Vokalbuchstaben t h die Palatalität der Konsonanten
nicht ausdrücken kann. Wahrscheinlich waren die
Laute hart.
b) Andern Ursprungs müssen sein die c dz in be-
stimmten Wortkategorien: im Formans -hch m. -ue ntr.
•"bca fem. othch Vater, srdhce Herz^ ovhca Schaf; im Formans
'ica f. d^vica Mädchen; in Fremdwörtern auf ^^dzh, z. B.
Tarif dzh Fürst (vgl. Jan^gyni Fürstin ; aus deutschem kuning
König); in einer Anzahl vereinzelter Nomina, so rnes^ch
Mond, zajpcb Hase, lice Gesicht, polhdza Nutzen, jfdza
Krankheit, sthdza Pfad; V von. sich talis (neben sih>)\ adv.
nicfb nach unten; in Iterativverben von W^urzeln auf Ä, ^,
z. B. rekq — naricati, dvignqti — dvidzati^ l^kq — Ifcati^
s^gnati — Sfdzati.
Diese c dz sind zweifellos = t's, d!i^ denn nach ihnen
werden die Vokale behandelt wie nach j und den palatalen
Konsonanten (f usw. (s. § 47. 2), vgl. z. B. mqzh loc. mqzi mit
othcb loc. othd, istr. mqiemh mit othcemh, a. pl. mqip mit othc^;
ferner wenn ihnen a, q, u folgen, an welchen Vokalen
die Palatalität des vorhergehenden Konsonanten bezeichnet
werden kann, schreiben die Quellen ni<5ht selten z. B.
g. s. OTki|a d. i. othöa, dat. OTiki|io d. i. othöu, a. sg. ORht|ift
d. i. ovhöq.
Wenn von Wörtern mit solchem ö d[i als letztem
Konsonanten Ableitungen gemacht werden, deren For-
Lesklen, Altbolgarlsche Grammatik. 8
84 Lautlehre. [§ 34. 35.
mantioii mit 6 oder i beginnen, so werden c dz behandelt
wie k </, d. h. sie gehen in c (d)z über, z. B. srdhce —
srdu-bm herzlich, otbcb — otbcina Vaterland, k^n^dzh —
khueziti herrschen (doch von polbdza Nutzen pohdzhm
nützlich), naricati — präs. 3. sg. na-iiceih = -'^rikjeiz. Der
Vokativ der Wörter auf -hch -^dzh lautet -hce oibce wie
von *-Ä*e, -eze k^neze wie von '*ge.
Eine irgendwie sichre Erklärung dieser <i d'z fehlt.
Baudouin de Courtenay (IF. IV, Einiges über Palatali-
sierung), Brugraann (Grundr. d. vgl. Gr. I^, 291) nehmen an,
doch unter verschiedener Formulierung, daß der Vorgang
bedingt ist durch einen dem k g vorangehenden pala-
talen Vokal.
o. Die Anlautsgruppen ursl. kv-, gv- werden im Alt-
bulgarischen (so auch serbisch, slovenisch, russisch) vor
palatalen Vokalen zu cv-, dzv- {zv-)\ westslavisch bleibt
kv, gv, vgl. poln. kiciat = ursl. *kveih mit ab. cveh Blume
(r. cvet, serb. cvet cvljef, slov. cvet), poln. gwiazda = urel.
*gvezda ab. dzvezda zvezda (r. zvezdd, serb. zvezda zvijezda, slov.
zvczda). — c aus k auch in dem Lehnwort crky = *chrky
Kirche aus althochd. kirickn kircha.
35. 4. Ab. st zd, genauer s't' zd'. Ab. st kann
sein Vertreter 1) von ursprünglichem tj (s. § 39. 3), z. B.
svesta Licht = "^svetja (vgl. svet^); 2) von ursprünglichem
stj (s. § 39. 3), z. B. tbsta Schwiegermutter = *tbstja (vgl.
^65^6 Schwiegervater); 3) von skj (s. § 39. 2), z. B. 3. präs.
plesteih = '^pleskjeiz zu pleskati in die Hände klatschen;
4) von sk vor e, b, i [= i, ei), e (= e), § (s. § 41. 2),
z. B. d-bstica = *dhskica dem. zu dzska Brett, hhstati =
'^blbsketi glänzen 3. präs. hlbstih = *blbskit^, stpdeti schonen
vgl. skqd^ kärglich; 5) von ursprünglichem kt (s. § 51
III, 3) z. B. dhsti, vgL lit. dukte Tochter, pesti backen = '^pekti
1. präs. pekq.
zd kann vertreten 1) ursprüngliches dj (s. § 39. 3), z. B.
mezda Grenze = '"^medja, vgl. lat. f. media (zu medius mitten);
2) zdj (s. § 39. 3), z. B. pn-gvozdem = ■''''gvozdjem ange-
nagelt, zu pi'igvozditi; 3) zg vor e, fe, i (= i, 6i), e (= ^), ^
§ 35 — 37.] Der kombinatorische Lautwandel. ^^
(s. § 41. 2), Beispiele wie auch zu 2) spärlich, weil die
Verbindungen zd, zg an sich selten sind, razdhje (rozdije,
razdije) = *razgbje coli, zu 7'ozga Gerte; mozdam aus Mark
bestehend = *jnozgem zu mozgz, dr^zdhm zum Walde
drpzga gehörig.
II. Der kombinatorische Lautwandel.
36. Der erste Abschnitt der Lautlehre stellte den
Bestand der altbulgarischen Laute fest und führte die ein-
zelnen auf ihre ältere, urslavische oder indogermanische
Gestalt zurück. Dabei mußte oft auch Lautwandel be-
rücksichtigt werden, der innerhalb der slavischen oder
besondern altbulgarischen Entwicklung bedingt war durch
verändernden Einfluß eines Lautes (z. B. j oder palataler
Vokale) auf einen andern ihm unmittelbar vor- oder nach-
stehenden (kombinatorischer Lautwandel). Doch konnten
zusammengehörige Vorgänge so nicht zusammenhängend
dargestellt werden. Im folgenden sollen daher die Laut-
bewegungen, durch welche die endliche Gestalt der alt-
bulgarischen Wörter bedingt ist, sowohl die bereits oben
berührten wie die noch ausstehenden, im Zusammenhange
behandelt werden,
37. Die lautliche Gestalt der altbulgarischen Wör-
ter, die zu einem großen Teil mit der für das Urslavische
anzusetzenden übereinstimmt, beruht — vom Standpunkt
älterer Sprachperioden aus angesehen — auf tiefgreifenden
Veränderungen der in ihnen ursprünglich vorhandenen
Lautverbindungen. Es sind wesentlich folgende:
1. Wandlung aller ursprünglichen Verbindungen von
Konsonant + Jy unter Schwinden des j als solchen, in
palatale einfache Konsonanten oder Afifrikatae.
2. Wandlung der Gutturale k g ch vor den ur-
sprünglich palatalen Vokalen in palatale Reibelaute
oder Affrikatae.
3*
36 Lautlehre. [§ 37. 38.
3. Wandlung von ejt in oy, (ev in ov), von ei in ii
(ej in hj).
4. Monophthongisierung aller Diphthonge.
5. Wandlung der Gutturale k g ck vor den aus
altem oi {=oi, ai) neu entstandenen palatalen Vokalen
^ i in c dz s.
6. Entstehung eines ö, d'z aus Ä, 'g.
7. Wandlung innerer nasaler Silben in Nasalvokale
oder unnasalierte Längen.
8. Wandlung bestimmter nicht palataler Vokale, o (mit
altem oi), ^, y nach j und den aus der Verbindung mit
j entstandenen palatalen Konsonanten c, t, s, st, zd
wie auch nach 6, d'z in palatale. — e = e nach palatalen
Konsonanten wird a.
9. Abfall wortauslautender Verschlußlaute und Reibe-
laute.
10. Verdumpf ung von o in Endsilben zu ^\ Abfall
auslautender Nasale und W^andlung von Vokal + aus-
lautendem Nasal in Nasalvokal. — Wandlung der auf
Vokal -\- ns auslautenden Endsilben in Nasalvokale oder
einfache Längen.
11. Wandlung aller urspünglich geschlossenen (kon-
sonantisch auslautenden) Wortsilben in offne (vokalisch
auslautende).
12. Teil weises Aufgeben des ursprünglich vokaliechen
Wortanlauts durch Vorsetzung von j oder v.
13. Metathesis der Silben er or, el ol vor Konso-
nanten in r^ ra, le la.
14. Wandlung der ursl. Silben hr tl, w ^l vor
Konsonannt in r, l.
38. Die Entwicklung zu dem Zustande der Sprache,
der durch die § 37 genannten Vorgänge herbeigeführt
wurde, ist nicht gleichzeitig erfolgt und der Abschluß nicht
gleichzeitig erreicht. Es w^äre wünschenswert, die Auf-
einanderfolge oder das Nebeneinander der einzelnen Vor-
§ 38. 39.] Der kombinatorische Lautwandel. 37
gänge relativ zeitlich bestimmen zu können, allein das ist
nur in einzelnen Fällen möglich. Soweit es erreichbar
scheint, wird es unten mit angegeben (die Aufzählung in
§ 37 bedeutet keine chronologische Reihenfolge).
Wandlung der ursprünglichen
Verbindungen von Konsonant mit folgendem j (i).
39. Das j (i,) als solches ist schon urslavisch
verschwunden, es entstand aus der Gruppe Konsonant
-f- j entweder ein einfacher palataler Konsonant oder eine
palatale Affrikata. Die Vorgänge im einzelnen sind:
1. w;, rji, Ij ergeben ursl. und ab. n r' t \ n t zu
sprechen wie ital. gn gl, französ. mouilliertes w, l; r mit
i-Stellung des Mundes. Beispiele: stenati seufzen 3. präs.
*sten-je-h sfeneh, phreti sp sich streiten *2^rja pbr'a Streit,
sthlati ausbreiten *po-stel-ja postel'a Bett. Die Silbentren-
nung ist .st£-n€h, ph-ra, poste-ta. Die in sprachwissen-
schaftlichen Werken gewöhnliche Schreibung stenjeh, phrja
ist irreführend, da sie den Anschein erweckt, als sei die
Silbentrennung sten-jetz pvr-ja.
Das r ist schon in unsern Quellen z. T. entpalatali-
siert (hart geworden), daher z. B. more statt mor'e, wie
später allgemein in den südsl. Sprachen.
g \+ j] d'z' ab. 0'
ch I I s*.
skj ergibt ab. s't\ zgj ergibt i'd' ; die Wandlungen sind
dieselben wie die vor den ursprünglich palatalen Vokalen
und ebenso zu beurteilen; das nähere s. § 41.
Beispiele: plakati weinen *plakjh plach das Weinen;
Vbgati lügen "^Izgja hza Lüge; dzchnqii atmen *duchja dusa
Seele; pleskati plaudere präs. '^pleskjg plestq^ dzzdh Regen
= *dzzgjh.
3. Wandlung von ursprünglichem tj, dj. Die
urslavische Behandlung ist nicht völlig sicher bestimmbar,
S8
Lautlehre.
[§39.
da die slavischen Sprachen stark auseinandergehen; hier
ist t\ d' (d. i. palatales t, d) als urslavisch angesetzt:
tj *svH-ja Licht (Kerze) *svet'a
westsl. c
poln. ^wieca
dech. svice
sorb. sweca
ruas. c
svScd
serbo-kroat.-
slov. ö
(etwa = fs')
bulg. s't'
svHta.
serbo-kroat.
6 sveöa
(svijeöa sviöa)
dj *m€dja Grenze *tned'a
slov. c
sveca
westsl. dz
russ. i (aus
*dz) meia
poln. dz
miezda
cech. sorb. 2;
cech. meze
sorb. mjeza
serbo-kroat.-
slov. d ^ge-
schrieben
auch dj, gj;
etwa = d'z')
bulg. e'd'
meida
serbo-kroat.
d meda
slov. j
meja.
Gewöhnlich drückt man das so aus: die westsl.
Sprachen haben dentale Wandlung des j, daher c = ts,
dz, die übrigen palatale. Allein auch die westsl. Konsonanten-
gruppen waren einst palatal, das e in öech.sv/ce, meze weist auf
ehemaliges, altcech. noch vorhandenes svieöe aus *svBöa,
meie aus *med'ia. Man muß vielleicht für das Urslavische
t'§, d'i ansetzen ; dann wäre die Entwicklung der einzelnen
Sprachen folgende: im Serbokroat. ist der urslavische
Zustand am getreusten erhalten, 6 d\ das Russische hat
^, i in s, i verwandelt, aber 5 in c ist auch heut« im
Russ. palatal, c = t's^ während z (zunächst aus de) wie
jedes andre ursprünglich einfache z hart geworden ist; die
westsl. Sprachen haben ^, i entpalatalisiert, damit auch
/' d\ so daß harte c dz {z) entstanden.
§ 39,j Der kombinatorischü Lautwandel. 39
Am eigentümlichsten ist das bulga rieche st\
z d' . Man hat wohl angenommen, diese Verbindungen
seien einfach Umstellungen aus ^'i', d'/. So kann aber
der Hergang nicht gewesen sein; die Sprache besaß von
urslavischer Zeit her Verbindungen von ^, d mit s-, z-
Lauten, vgl. z. B. f, dz aus /y, p-J, die niemals umgestellt
wurden ; es ist daher höchst unwahrscheinlich, daß ähn-
liche, aus f;", dj hervorgegangene Gruppen so behandelt
wären. Erklärt sind s7', di z\ wenn man annehmen
kann, daß ihre nächsten Vorstufen h^is\ z'd'z waren.
Nach allgemeiner Regel muß von zwei gleichen Sibilanten,
die einen Dental umgeben, der zweite schwinden, vgl.
dhstica aus *d^sts^ca für *d^stsica aus *dhsMca (dem. zu d^ska
Brett). Setzt man dem analog für ursprüngliches '^svefja ein
ehemaliges bulg. *sves't's'a ein, so kann das erste s nur
durch Epenthese aus einer noch älteren Form *svet'sa vor
das t gelangt sein. Lautlich denkbar wird das, wenn
man rein vorderdentale Artikulation des t' annimmt, die
eine solche Epenthese begünstigt. Das aus dem ursl.
c = A-j usw. ererbte c erfuhr die Epenthese nicht, weil
es zu der Zeit, als t's' aus tj daneben trat, dorsal artikuliert
war, dorsale Stellung aber Epenthese hindert. Dasselbe
gilt natürlich von dj : d'z\ z'd'z, zd\ Daß einmal im
Bulgarischen t's^ d'z aus tj, dj bestanden haben, ergibt
sich aus der Behandlung von stj, zdj, die zu s'f\ zd'
werden, z. B. mhstifi rächen l.präs. '^mhsfjg mhstq, gnezditi
nisten 1. pr. ^gnezdjg gnezdq. Man kann sich hier den
Hergang nicht so vorstellen, also sei aus stj erst *st's\
dann durch Umstellung *ss'i', endlich mit Wegfall des s
st' entstanden, und analog aus zdj erst ^zJ'i', dann *zi't7',
endlich zd\ sondern ein altes "^mhsts'g, *gnezd'zp haben
nach der allgemeinen Regel, daß bei ungleichen einen
Dental umgebenden Sibilanten der erste dem zweiten
gleich wird, ergeben *mfts7s'p, gnezd'zq und daraus nach
dem oben angeführten Gesetz mbst'q gnezd'q.
In der Verbindung tr\ dr wirkt r' auf f, d in der
gleichen Weise wie j, z. B. s^motriti betrachten 1. präs.
40 Lautlehre. (§ 39.
*s^motrjq Sitnostr'q; tunqdriti weise machen 1. präs. *2imqdrjq
umqzdrq; doch wird das nicht überall mehr eingehalten,
es kommen auch unverwandelte tr\ dr vor.
4. Wandlung von sj^ zy. sj ergibt s\ der Ursprung
des 5, ob = idg. ic oder = idg. s, ist dabei gleichgültig;
z. B. cesati kämmen 3. präs. *öes-jetb cesetb (s = idg. s),
nositi tragen 1. präs. *wos;p nosq (s = idg. Ä); — zj er-
gibt i' ; z ist dabei immer = idg. g, gh, denn idg. z
kommt nur vor d, g vor, und sonstiges ab. z ist = dz
unmittelbar aus g (s. § 44, 1); z. B. v^zaii binden 3. präs.
*vfzjetb v^zetb. — s aus chj (s. § 39. 2) oder aus ch vor e usw.
(s. § 41. 2) und s = sj fallen zusammen, vgl. nosq mit dusa
= *duchja, duse für *duche voc. zu duch^. Im überlieferten
Zustande des Altbulgarischen fällt z = zj mit i' aus gj
und aus ^ vor palatalen Vokalen zusammen, vgl. vfzq mit
hea = *hgia, voc. ioie = *!>o^e (zu fcopz»); in den beiden
letzten Fällen ist aber i' aus älterem ^z entstanden.
In den Verbindungen st sn^ zX zn wirken t n auf
«, z wie j, z. B. mysliti denken 1. präs. *mysljg my^l'q,
kbShneti Jasnefi zögern 3. ipf. *kbsiijaase Jasmaie; hlazniti
irreleiten 1. präs. *blaznjg llaznq.
5. Die Labialen p, ft, m^ v -\- j. Urslavisch ist hier
entweder anzusetzen p% h'i, mi, vi, d. h. zwischen p
usw. und dem folgenden Vokal war noch ein leichter
i-Laut vorhanden, oder einfach p\ b', m', v. In bezog
auf die weitere Entwicklung gehen die slav. Sprachen ver-
schiedene Wege: die westslavischen (pol., öech., sorb.) be-
halten p (eventuell p'i) usw., z. B. kapati tropfen poln.
kapia öech. kape Tropfen; zerha Erde poln. ziemia öech. zemS^
BOih. zemja (über den Wortanlaut s. u.); das Russische, Serbo-
kroatische, Slovenische hat pl\ bl\ 7nl\ vl\ z. B. r. kapVa
serb. kap'la slov. kaplja; r. zemVa serb. zeml'a slov. zemlja;
l'ubiti lieben part. prät. pass. l'ub'em: r. tvbl'onyj, serb.
l'ubl'en, slov. ebenso. Die heutigen bulgarischen Mundarten
haben das V nicht, daher zeme, tuben] die ab. Quellen
verhalten sich verschieden: im Cod. Supr. ist es selten,
in den übrigen Denkmälern steht es regelmäßig oder fast
§ 39. 40.] Der kombinatorische Lautwandel. 41
regelmäßig vor a e u ^ q, z. B. zeml'a zenü'ejq zemtq zemV^^
l'ubl'em, korahVu, fehlt dagegen sehr oft vor h und i, z. B.
kor ab' h^ zemi.
In den wenigen Fällen, die ursprünglich anlau-
tendes ^j, Zuhatten, stimmen alle slav. Sprachen in pl' hl'
üherein, vgl. mit lit. spiduH spiäuju spucken ab. pl'hvati
pl'ujq, r. plevaf ptuju^ serb. und slov. pl'uvati plujem, alte.
pivati ptüti pl'uju (neue, pliti pliji), poln. ptuö pl'ujq, sorb.
pl'eö (für ^pl'vad) pl'uju; got. biuds Schüssel ins Slavische
übergegangen als ab. bl'udo, r. bl'udo, serb. bl'udo, poln. bl'uda,
sorb. blido (Tisch); das ab. bl'udo, bl'usti bewahren aus
"^bheudh- fehlt den westsl. Sprachen.'
Aufzufassen ist dies t als Vermittlungslaut, der sich
einstellt bei Lösung des Lippenverschlusses oder der Lippen-
enge der Labialen im Übergang zu palataler (i-) Stellung
der Organe, der ohne vermittelnden leicht palatalisier-
baren Konsonanten unbequem ist. So tritt im Serbischen
t auch ein, wenn sekundärerweise Labiale durch Weg-
fall von h mit j zusammentreten, z. B. ab. s^dravhje^
serb. zdravje zdravl'e.
Es ist möglich, daß einst wie in den andern südsl.
Sprachen so auch im Bulgarischen das l' allgemein be-
stand und erst wieder, allerdings schon vom Anfang
unsrer Überlieferung an, geschwunden ist.
"Wandlung der Gutturale k g ch
vor den ursprünglich palatalen Vokalen.
40. Allgemeines über Palatalisierung vor
palatalen Vokalen. Fast überall wird die Artikulation
der Konsonanten vor i- und e-Lauten — die Artikulation
vor nicht palatalen Vokalen, z. B. a, als die normale an-
gesetzt — verändert, indem sie sich der Mundartikulation
des palatalen Vokals anpaßt (s. Sievers, Phonetik^, S. 185).
Diese Palatalisierung kann sehr schwach sein, so daß
der Unterschied z. B. zwischen einem ti, te und einem ta,
to nur eben bemerkbar ist, und in solchem Falle bleibt
er in der Regel in der Schrift unbezeichnet. Man darf
42
Lautlehre.
[§40.41.
fürs Urslavische wie für das Altbulgarische eine derartige
Palatalisierung aller Konsonanten vor palatalen Vokalen
ansetzen, aber nur die Gutturale sind stark affiziert und
dabei zu palatalen Reibelauten und Affrikaten umgebildet
worden, wie ja auch auf andern Sprachgebieten, z. B. dem
romanischen, gutturale Konsonanten sich am empfind-
lichsten gegen die Berührung mit e- i-Lauten zeigen. Man
merkt den Unterschied einer stark wirkenden Palatali-
sierung von schwächerer deutlich daran, daß die Guttu-
rale vor alten e-i-Lauten genau so behandelt werden
wie in der Verbindung mit j, z. B. peceh = *pekeU wie
placetb = *plakjet^, während die Schrift bei den andern
Konsonanten durchaus die aus der Verbindung mit j ent-
standenen Lautformen von denen vor palatalen Vokalen
auseinanderhält, z. B. steneth CTeüerE = *sten-je-tb aber
phnetb RbHerE, s^Vet^ CEÜen = *s^l'je-th aber vesehje BeceAbie,
koni = *konji komh aber oiih (sie) usw. — Über die Wir-
kung palat. Vokale auf kt s. § 51 III, 3.
41. Die Gutturale k, g, ck vor den alten pala-
talen Vokalen, slav. vor e, h, hr hl (ab. r Z), i (= T und
= ^i) e (= €), f.
l.k
9
) vor <
e
c' d. i. rs'
h
r, l (wenn —
hl)
% (_ i^ ex)
^ (= e)
hr,
*d'z\ daraus i'
8\
ch
Die Verbindungen *Äe-, *pe-, *chs- ergeben <fa-,
ia-, sa.
Beispiele: rekq ich sage 3. präs^ reöetb] prorokb Prophet
voc. proroce, proroöhakh prophetisch, proroöica Prophetin;
p^kh Sand, pesT>öam für '^pes^hkem sandig; is-koni von
Anfang, na-ötmq, ich werde anfangen, inf. na-ö^ti\ preuß.
kirsna- schwarz *chrm ab. Örm; öhta ich zähle 1. aor. öin
§41.]
Der kombinatorische Lautwandel.
43
= '^kbt- *keit-, vgl. lit. skaityti. — hog-h Gott voc. "boze,
bozbHkh göttlich; lit. geidzü ich begehre zhdati 1. präe. zida
warten; lit. ^i/t"asiu'2. lebendig; zhmq z^ti drücken, vgLyeiiiiu;
lit. girnos *zhrny zrny Handmühle; lit. gettas gelb *g^li^
*zhlh zlU\ rogz Hörn, rozam hörnen aus *rogem. — grechh
Sünde, greshm sündig, gresiti sündigen; 1. aor. rech^ (zu
rekq) 3. plur. res^; chod^ Gang, *chbd^ sbdh gegangen, u-sidh
Flüchtling. — videti sehen 3. präs. vidith vgl. mit ^dbrgeti
3. präs. *dhrgitb, daraus drzati drzith halten.
2.sk\ \*st'§'
vor
den-
selben)
Vo-
kalen L j»^/
zg) i*za ä
durch
Assimila-
tion von
s, z an die
folgenden
Palatalen .
>
zdz
gleichung
; von s , z'
an das fol-
gendes ,z
^'t't^' \
'*' ^durchAn^^^^
/(?'/)
durch
Aufgeben
des zwei-
ten s', z
s t
;ab.
zd'
Beispiele: hleskz Glanz *hlbsketi 3. präs. *hhskitb
glänzen bhstati blhstih; vosk^ Wachs *voskem vostam
wächsern; piskati pfeifen *pwkelb pisfah Flöte; dT>ska Brett
dem. *dT>skica dhstica; — dr^zga Wald '^dr^zg'bm dr^zdbm
zum Wald gehörig; mozgh Mark *mozgem, mozdam aus
Mark bestehend.
Dies ab. st\ z'd' fällt zusammen mit st\ zd' aus'
tj^ dj; nicht so in andern slavischen Sprachen, z. B. ent-
steht im Russischen aus skj und sk vor den oben ge-
nannten palatalel^ Vokalen sc, ' aus tj dagegen c. Wo in
der russischen Schriftsprache das sc einem ab. st aus tj
entspricht, ist das Wort aus dem Kirchenslavischen
entlehnt, z. B. vrascat' iter. zu vratit\ ab. vrastati, vratiti,
statt echtrussischem vorocat' vorotit'.
3. Die Übergangslaute zwischen k und c' , d. i. t's ^
lassen sich nach sonstigen Analogien annähernd bestim-
men:/: k' k'x t'X ^s (c'); ebenso bei g:g g g'-x' d'y
d'z z ; bei ch\ ch x' s .
Diese Wandlungen müssen urslavisch vollendet ge-
wesen sein vor der Monophthongisierung der alten Diph-
thonge ; dafür spricht das Eintreten von c z s vor u = eu
(s. § 17. 2), das nur verstanden werden kann als Wirkung
44
Lautlehre.
41.42.
eines noch erhaltenen palatalen Elementes, nicht des aus
eu weiter entwickelten ou und des aus diesem hervorge-
gangenem u; ferner die Behandlung der Gutturale vor
dem alten ursprünglich nicht palatalen Diphthong oi
(slav. dafür e, i), s. § 44.
Wandlung von
ey, zu oti, ev zu ov; von ei zu m, ej zu hj.
42. In den ursprünglichen Verbindungen ey, ei
(tautosyllabisch Diphthonge eu, ei; heterosy Ilabisch cv, ej)
wird der erste Bestandteil dem zweiten assimiliert, das er-
gibt im Diphthong vor folgendem Konsonanten *ou, ii,
vor folgendem Vokal ov ij; ov bleibt bestehen, ou wird
zu m; ij bleibt in der slav. Gestalt als hj^ ii wird zu i. Über
'tt = eu 8. § 17.2. Beispiele: vgl. mhrq *merti ab. *mreti,
wo das Präsens die Reduktionsstufe, der Infinitiv die
Vollstufe hat, mit chtq inf. cisti = ^keisti, s^pq schütte
inf. suti = *sew;?<i; hl'udq hl'usti beobachten bewahren =
*bheudh- ai. 3. präs. hhödate, sujh link = *^eujz ai. savya-. —
trtje msc. drei = idg. Hreies ai. trayas; n. pl. pqihje (zu
pqth Weg) = idg. -eies ; 3. sg. pr. ploveh schifft, vgl.
TiXi/uu, 3. präs. zoveth ruft ai. kavate^ n. pl. synove (zu sym
Sohn) = idg. *süne^es got. sunjus ai. sunavas.
In einigen Fällen ist ev nicht in ov verwandelt;
devptb 9 dev^tb neunter, es scheint aber die ganze erste
Silbe an deseth 10 angeglichen zu sein, vgl. lit. devym 9
und deszimtis 10, während preuß. noch newlnts der neunte;
slav. wäre danach *nov^th *nov^th normal gewesen; nev^sta
Braut, junge Frau, Etymologie unsicher, vielleicht Kom-
positum mit ne-; drevl'e adv. einst, drevhnh ehemalig, un-
bekannter Herkunft. Fälle wie revq (inf. r'uti brüllen)
kl'eveta Verleumdung gehören nicht zu den Ausnahmen,
sondern sind = r'evq für rovq, = kl'eveta für *kl'oveta
zu kl'hvati kl'ujq picken.
§43.] Der kombinatorische Lautwandel. 45
Wandlung aller ursprünglichen Diphthonge
in Monophthonge.
43. ei und ei werden zu i = i, Beispiele s. § 15.
IV", §42; eM ew zu MW, Beispiele s. § 17. 2, §42; oi(idg.oiai)
öi äi in innern Silben zu e, Beispiele s. § 10. 2. In End-
silben erscheint für oiaiöi bald e, bald i; Meillet MSL.VIII.
239, Pedersen KZ. XXXVIII. 326 (dort sind auch die son-
stigen Erklärungsversuche angegeben) leiten diesen Unter-
schied ab von der verschiedenen Intonation (Tonqualität)
der Endsilben : i bei geschleifter, e bei gestoßener Betonung,
z. B. lit. vilkaT (plur. zu vilkas Wolf) sl. *i/blci ab. vlci (zu
*vhlh> vJkb); n. a. dual. lit. rankt aus *ranke = -kai sl.
rqce. Doch bleiben zu viel Schwierigkeiten übrig, als daß
diese Erklärung für sicher gelten könnte. Aus ou (== eu
und ou) und au wird u, Beispiele s. § 17, § 42.
Durch die im Slavischen neu entstandenen e, i sind
zu den ursprünglich palatalen Vokalen zwei hinzuge-
kommen, verschieden in älterer Zeit von e = idg. e, von
i = idg. i, ei, wie die verschiedene Behandlung der Guttu-
rale vor ihnen zeigt, s. § 44. Allein ^ = e und = oi,
i = t ei und = oi sind schon am Ausgang der ur-
slavischen Periode zusammengefallen gewesen, da sie in
der Entwicklung der Einzelsprachen ganz gleich be-
handelt werden ; z. B. svetb Licht *svet'a, ab. svesta Kerze,
wo e = oi: serb. svet sv46a (oder je nach dem Dialekt
svijet svijeöa; svit sviöa), cech. svet ac. svieöe neue, svice;
sekq *sekti (altb. sesti) hauen, wo e = e: serb. s^cem seöi
(oder sijecem sjeöi; sicem slöi); altiech. seku sieci neuö. sici.
Die tatsächliche Vertretung alter Diphthonge durch
e oder i in Endsilben, die sichern und wahrscheinlichen
Fälle in Betracht gezogen, ist folgende:
e: loc. sg. msc. ntr. o-St. dqb^ Eiche — dqhe, leto Jahr
— leie, e = oi; n.-a. dual. ntr. o-St. Ute = -oi; dat. sg.
f. ä-St. zena — zene = -äi; loc. sg. f. ä-St. eene = -ai?
äif; so auch dat. loc. sg. der Personalpronomina: mhne, tebe,
sehe; n.-a. dual. f. ä-St. iene = -ai.
46 Lautlehre. [§43. 4 i.
i: dat. sg. cons. St. kamij St. kamen kameni = -ai;
dat. sg. m. w-St. sym — synovi = -ai; n. pl. m. o-St.
dqbi = 'Oi; gen. sg. i-St. pqth — pqti = -ois; loc. sg. i-St.
pqti = eif; voc. sg. 2-St. jm^' = -oi; dat. sg. encl. der Per-
sonalpronomina: mi, fi, si = *moi usw.; 2. 3. sg. imper.
(= opt.) beri =^ -ois, -oif; 2. sg. präs. athem. verba jesi
dasi = -sai.
Wandlung der Gutturale k, g, ch vor den
neu entstandenen palatalen Vokalen e i {= oi, s. § 43).
44. 1. k
9
ch
c = ts
e i (= Ol) \ dz [z)
Vgl. plotb Zaun n. pl. plofi loc. pl. plotechz mit toh) —
toci — tocecM, hog^ — hodzi (bozi) — boäzechb {bozechTi),
diichf) — dusi — duseck^; ferner got. hails heil, preuß. kailüsfi-
skan Gesundheit mit ceh heil, unversehrt; lit. gailüs mit
dzeh [zeh) heftig, adv. dzelo (zelo) sehr. Das Nähere über
diese Laute s. § 34. 2. Aus dz ist früh durch Wegfall
des d einfaches z entstanden (vgl. das regelmäßige z aus
dz, § 33. 2 b). Die alten glagolitischen Denkmäler haben
für dz das Schriftzeichen ^, für das ursprünglich ein-
fache z Od, bei der Umsetzung der glagolitischen Schrift
in kyrillische gibt man ^ durch s, On durch 3 wieder;
spätere kyrillische Quellen haben für dz ? .
2. SÄ: ] . . / .^
sc == sts
zdz.
Nach der Regel, daß von zwei gleichen einen Dental
umgebenden Sibilanten der zweite schwinden kann, ent-
stehen ab. st, zd. Die Quellen verhalten sich verschieden,
im Cod. Suprasl. durchgehend st, Sav. sc, andere, so
Cod. Zogr., haben beides; z. B. bozhskh göttlich — loc. sg.
msc. bozbsce bozbsfe, n. pl. ra. bozbsci bozhsti; dr^zga Wald
— loc. sg. dr^zdze dr^zde.
§ 45—47.] Der kombinatorische Lautwandel. 47
45. Das Auftreten von ö (= t's') d'z (woraus z)
ist bereits oben § 34. 2 b erörtert.
46. Übergang von Vokal -|- Nasal vor Kon-
sonanten in inneren Wortsilben zu Nasalvokal oder
einfacher Länge: o (= idg. o, a) -\- Nasal vor Konso-
nant ergibt g,d.h. nasales o, ab. geschrieben a, vgl.lit. rankä —
rqka Hand; lit. pdntis — pqto Fessel; qpepovTi — berate,
s. auch § 8; kqs^ = *konds^ Bissen, lit. kändu beiße. —
e -\- Nasal vor Konsonant ergibt e, d. h. nasales e, vgl. lit.
penkl 5 penktas fünfter — p^tb petb\ lit. szventas — sv^t^
heilig, s. auch § 12. 1. Dasselbe Resultat ergibt h -j-
Nasal vor Konsonant, wenn es Ablaut zu e ist [hn- hm-
= idg. n m), vgl. lit. at-min-ti-s idg. *mnti-s — pa-meth
Andenken, weiteres s. § 12. 2.
idg. i -\- Nasal vor Konsonant ergibt i (t), z. B. isto
(testiculus) lit. mkstas Niere.
idg. u -\- Nasal vor Konsonant ergibt % y, z. B. lyko
Bast lit. lünkas. Es besteht bei einigen Sprachforschern
die Annahme, daß ursprüngliches in vor Konsonant zu ^,
un zu q werden konnte. Darüber vgl. Lorentz, Die Be-
handlung der Lautgruppen in, un -\- Konsonant im Sl.,
ASPh. XVIII, 86; Pedersen, Przyczynki do gramatyki
§ 3 (in Materyaly i prace kom. jez. Ak. umiej. w Krakowie
I, 1902).
Wie die Innern Silben werden Endsilben behandelt,
wenn sie die Lautfolge *-owf, *-ent, *-nt enthielten, z. B.
3. pl. aor. mogq (zu mog- mosti können) = *mogo-nt; tele
Kalb = *tel^i (gen. telfte) = *-ent; 3. plur. aor. bis^ (zu
biti schlagen) = *-snt. Über den Abfall des ^ s. § 48.
über anders geartete nasalierte Endsilben, auf ursprüng-
lich -o^ns -Jans, s. § 49 III.
Wandlung
nichtpalataler Vokale nach j usw. in palatale.
47. 1. Unverändert bleiben nach j und den aus Verbin-
dung mit j entstandenen palatalen einfachen Konsonanten
oder Konsonantengruppen a und q, z. B. ja-ze quae^ ba?ia
48 Lautlehre. [§ 47.
B&djqdu linde, senojq inetr. sg. zu (zena), pisq 1. präs. pisqth
3. plur. präs. (zu phsati) schreiben. — 2. Verwandelt werden
dagegen o, oi (einerlei, ob o = idg. o oder a ist), * (wie
immer entstanden, ob = idg. u oder aus o), y (= idg.
a), und zwar in folgender Weise:
oi
y
' nach ^
j; n — nj; r' = rj; V =
c^kj; k (d2) = gj, zj; s =
chj, sj; st = tj, skj, stj; zd = dj,
zgj, zdj\ ö aus k; d'z (i) aus g
*ei, daraus nach
h [§ 43 i
i
Beispiele, o zu e: vgl. hogomh (i. sg. zu hog^ mit
krajemh (krajh), konenih (kom)^ sqphr'emh {sqphr^), ucitel'emh
(licitel'b), placemh (plach), mqzenih (mqzt)), plastemh (plasih),
d^zdemb (dhidh)^ othöemh (otbch), kbn^d'zemh (k^nfd'zh); — vgl.
instr. sg. zenojq voc. zetio (zu zena) mit vyjejq (vyja)^ bane-jq
(batla). pbr'ejq (pbra), zeml'ejq (zernl'a), pritböejq {pritwa)
hzejq (hza), dusejq voc. duse (dusa), odezdejq (odezda), deviöejq
{devi<:a), sthd^zejq (stbd'za) usw.
oi zu *ei i vgl. hog^ loc. sg. *bogoi daraus bodze mit
*krajoi *krajei kraji; loc. pl. '^bogoisu, daraus bodzech^, mit
*krajoisu *krajeich^ krajich^; loc. sg. zene mit bani, hzi usw.
^ zu h: vgl. nom. sg. krov-^ (zu kry-ti decken) mit
*boj-^ (zu bi-ti schlagen) bojb^ s. auch die oben unter o — e
angegebenen Nominative; gen. pl. iew^ mit dus^\ l&t.jugum
mit *jigo daraus *jbgo^ dies zu igo, s. § 57.3; präs. bl'ujq
speie inf. *bl'zvati bttvati^ pVujq W. piu- *pVzvali pfhvati
spucken usw.
y (ü) zu i: vgl. instr. pl. bogy mit kraji, mqzi, othci
usw. ; lit. siüti mit siti nähen.
3. Die ün Veränderlichkeit des q in innern Wortsilben
nach j usw. zeigt, daß die Entstehung der Nasalvokale der
Einwirkung der palatalen Konsonanten auf o usw. vor-
angegangen sein muß; denn hätte beim Eintritt dieser
Wirkung z.B. eine 3. plur. präs. *pisontb noch so bestanden,
so wäre daraus *pisenth *piset^ geworden ; auf den schon
bestehenden Nasalvokal ^ (q) wirkten die Palatalen nicht
mehr.
§48.49.] Der kombinatorische Lautwandel. 49
Abfall von
Verschlußlauten und Reibelauten im Wortauslaut.
48, Nachweisbar sind von solchen Lauten im ur-
sprünglichen Auslaut slav. Wörter nur f, d, s; t, z. B. 3. sg.
aor. '^neset nese, 3. sg. imper. (optat.) yiesi = *-oit, 3. pl.
aor. *mogqt tnogq, *bis^t hise; nom. sg. *tel^t tel^ (gen. telet-e);
— d\ ntr. sg. pron. *fod to; — s: n. sg. s-ym lit. siinus,
pameib lit. at-minüs^ slovo (gen. sg. sloves-e) Wort vgl. Kkifoq.
Verdumpfung von o in Endsilben.
Behandlung der auf einfachen Nasal und der auf Nasal
s auslautenden Silben.
49. I. Nach Fortunatov (BB. 22, 164 Fußnote, vgL
auch Berneker KZ. 37, 370) geht o der durch einen Kon-
sonant geschlossenen Endsilben in ^ über. Da ange-
nommen wird, t und d seien schon vorslavisch (in slavisch-
litauischer Periode) abgefallen, kann der Vorgang, ab-
gesehen von nasal auslautenden Endsilben (s. II) nur
beobachtet werden an ursprünglichem -0.9. Der Nom. sg.
msc. nominaler und pronominaler o-Stämme lautet slav.
auf -2» aus, tokh, idg. -os *tokos lit. täkas] tb der lit. tas,
kb-fo wer lit. käs. Nur auf diesem einen Fall beruht der
Schluß auf Verdumpfung des -os in Endsilben, denn in
den Fällen, die man sonst heranzieht, dat. plur. -mi toko-tm.
1. pl. verbi nese-rm, ist eine sichre Ansetzung der Grund-
form, mag auch -mos eine gewisse Wahrscheinlichkeit
haben, nicht möglich, sie lassen sich also als Beweismittel
nicht brauchen. Wenn -os zu 7{s) wurde, so mußte der
Nom. sg. der alten es-Stämme, *slovos (gen. sloves-e: vgl.
Kkifoq) normalerweise *sJoi^ ergeben, er lautet aber slovo.
Diese Form wird dann erklärt als Ersatz des "^slovz durch
Anschluß an das Neutrum des Pronomen, io {= *to-d),
das sein behalten mußte, weil d schon vorslavisch ab-
gefallen sein soll (vgl. Verf. IF. 21, 335; s. u. 114).
IL Die auf einfachen Nasal auslautenden End-
silben. Hier sind Verdumpfungen des o«Lautee zweifellos.
Leskien, Altbulgarische Grammatik.
50 Lautlehre. [§ 49.
1. Nach idg. l, ?< geht der Nasal ohne Einwirkung
auf den Vokal verloren, a. sg. nostf» = *iwktim *noktin,
vgl. preuß. yiaktin Ht. näki'i = *nakfm\ sym = '^sünum
*sünun, prouß. sunun lit. ifi'mu = *smn}i. Accusativ und
Nominativ sg. fallen bei den i- und «^-Stämmen zusammen:
nosfh = *noktis lit. naktis und = *noktim^ sym = lit. süniis
und = *sü7ium.
2. Ursprüngliches e + Nasal ergibt (i: me mich =
*mcm ai. mam. Wahrscheinlich ist auch nom.-acc. der
neutralen w-Stämme, z. B. senie (vgl. lat. semen), zurückzu-
führen auf eine Form mit gedehnter Endsilbe *semen.
3. Ursprüngliches am wird -a; acc. Bg. fem. ä-St. rqkq,
(zu rqka Hand) = *ronkäm *ronkän, preuß. rünkan lit.
raitkq = *rankan.
4. Ursprüngliches -om slav. -on wird -un sl. ?»w^ nach
Abfall des Nasals ^; vgl. s^n-iti .vp (zusammenkommen), 5^w-
jiwö (mit ihm) mit s^ in andern Verbindungen, z. B. s^
mqzemh, aus *507w, vgl. sq-pb/h Gegner, sq-log^ Gatte; acc. sg.
*tokom lit. täkq = *täkan sl. /o/^^; 1. sg. aor. wio$f2» = "^-mn^
vgl. ?-Xaßov, 1. aor. bichh= *-som. Danach sollte nom.-acc.
ntr. idg. -om (vgl. lat. jugum) auf '^ auslauten, z. B. *deh.
Es heißt aber delo. Nach Förtunatov (s.o. I) ist delo (wie auch
slovo) Erneuerung durch Anschluß an das Neutrum des
Pronomens to. Eher ist anzunehmen, daß slovo aus
*slovos altes o erhalten hat und '^deh danach zu delo um-
gebildet ist.
5. Ursprüngliches -ön wird -un (vgl. -on zu ww), dar-
aus, mit Abfall des -n, -tZ d. h. slav. -y\ nom. sg. der msc.
n-Stämme (kamen-, gen. Äamew-e) *kamön, vgl. aKjiiuv, *kamm
kamy, lit. aÄwel gen. akmens. — Dies ist aber der einzige
sichre Fall. Nicht dazu stimmt die Behandlung des ur-
sprünglich auf -öm auslautenden Gen. pl., der stets auf
-z endet, kamem vgl. dK)Li6v-ujv, g. pl. sz-borb vgl. cpopiuv.
Zur Erklärung s. Streitberg, Der Gen.-Plur. und die bal-
tisch-sl. Auslautsgesetze IF. 1. 259.
III. Die auf Nasal -f s auslautenden End-
silben.
§ 49.] Der kombinatoriBche Lautwandel. 61
1. Ursprün[,'liches -ins wird durch Dehnung des Vo-
kals zu *-7«.v, daraus weiter *-7.v *-Ts -i, z. B. acc. pl. "^noktins,
Oit. naktis aus -ins, vgl. preuß. akins zu akis Auge), ^Ttokiins
'^noktis %iokt~t a]>. nosti; ebenso -uns zu *-ans, weiter zu
'^'-ns *üs '*-?( d. h. slav. -y, acc. pl. "^'sünuns, lit. süniis aus
-ans, slav. s?/w//,
2. -ows, -Jons werden verschieden behandelt.
a) *-0'W.s', durch dieselbe Verdumpfung des -on- wie
bei *-om (s. o. II 4) zunächst *-uns geworden, ergibt mit
dergleichen Dehnung wie bei ursprünglichem *-«??s(s. III 1)
dasselbe Resultat: '^-«/ws *üs *-üs '^-ü slav. -y, acc. pl.
■fokons (vgl. preuß. deiwans zu dmv[a]s Gott, lit. c/evws aus
*di'vus für *-ows) wird danach toky; part. präs. a. *neson(t)s,
vgl, lit. neszäs aus *neszantSj zu wes?/.
b) *-joMs hat ergeben -;^ : acc. pl. zu krajh konh lautet
kraj^ konr, part. präs. zu znajq pisq lautet znaje pis^. Er-
klären läßt sich das, wenn man annimmt, daß die Wand-
lung von in e nach j (und den aus Verbindungen mit
j entstandenen Palatalen c, s usw.) der Wandlung des
on in im voranging, so daß einst nebeneinander standen
acc. pl. *tokons und *konje7is^ dann die Wandlung zu "^tokuns
eintrat. Die Form *tokuns erlitt weiter die oben unter
III, 2 a angegebene Entwicklung; '^konjens wurde zunächst
*ko7ijens, daraus *konj^s, endlich konf. Der Widerspruch
in der Annahme, daß -ons in Endsilben nach j zu -ens
wurde, während in Innern Silben vor Konsonanten und
in auslautenden Silben vor -t (s. § 46) on, durch j nicht ver-
ändert, q geworden war, ist vielleicht so zu lösen, daß vor
auslautendem 5 konsonantisches n länger erhalten blieb als
in andern Stellungen, daher hier j auf nicht nasaliertes o
wirken konnte, der Nasal vokal ^ also erst später eintrat. Das
Verhältnis zu der Entwicklung von altem *-7W5 und altem
*-wis = idg. *-Mns und *-ons ist so zu fassen, daß die
einst ebenfalls nasalierten j und «^ entnasaliert wurden, ^
aber nasal bleibt.
Die Schwierigkeiten, die in den unter § 49 behan-
delten Auslautserscheinungen bei allen bisherigen Er-
4*
52 Lautlehre. [§ 49. 50.
kläriingsversuchen noch bleiben, können hier nicht weiter
verfolgt werden. Es sei nur noch hingewiesen auf die
Behandlung hier einschlagender Probleme von Hirt, Zu
den slav. Auslautsgesetzen IF.2.237; Zubaty, Zur Deklina-
tion- der sogenannten iä- und io-Stämme im Slav., ASPh.
XV. 493; Berneker in KZ. 37. 370 fg.; Pedersen in KZ.
38. 321 (§ 28 fg.); Brugmann, Grundr. d. vgl. Gr. P
§ 276. 2 (S. 255).
Da kein Konsonant am Wortende verblieb, entweder
abfiel oder mit dem vorangehenden Vokal in einen Nasal-
vokal überging, die ursprünglich auslautenden Vokale aber
— in der ihnen im Slavischen zukommenden Gestalt —
verharren, z. B. jesmh = *esmi, jeste = *{e)ste, voc. synu =
*sünau, so folgt, daß alle Wörter vokalisch auslauten.
Verwandlung ui'sprünglich
geschlossener innerer Wortsilben in offne.
50. Die altbulgarische Sprache kannte in ihrem
ältesten, noch nicht durch Vokalausfall (Schwinden von
2>, h) veränderten Zustande nur offne, d. h. vokalisch aus-
lautende Silben. In die zwischen Vokalen stehenden Kon-
sonantengruppen fällt keine Silbengrenze, sondern die
ganze Gruppe gehört zur zweiten der beiden in Betracht
kommenden Silben, z. B. hozh-stvo, se-stra, moli-tva^ dvignqti,
ce-znqti. Die Möglichkeit, Konsonantengruppen am An-
fang einer inneren Silbe zu sprechen, ist keine andere
als die am Wort an fang; Gruppen, die die Sprache hier
erträgt, duldet sie auch dort. Waren im Innern des
Wortes ursprünglich andre Konsonantengruppen als diese
duldbaren vorhanden, so werden sie beseitigt. Über die
schon baltisch-slavisch aufgegebenen Wortanlaute vi- vr-,
wofür l r, 8. Lid^n, Ein baltisch-slavisches Auslautsge-
setz, Göteborg 1899 (Göteborgs Högskolas Ärsskrift IV).
Es ist von den hier zu betrachtenden Vorgängen eine
größere Anzahl allen slavischen Sprachen gleichmäßig ge-
meinsam und als urslavisch anzusehen ; von andern kann
es zweifelhaft sein, ob und in welcher Form sie urslavisch
§ 50.] Der kombinatorische Lautwandel, 53
waren; einige gehören einzelnen Gruppen der slav. Sprachen
oder einzehien Sprachen an. Danach sind unten die
einzelnen Erscheinungen gruppiert.
Es kommt vor, daß einzelne Wortanlautsgruppen im
Silbenanlaut fehlen und Silbenanlautsgruppen im Wortan-
laut; ihre Möglichkeit läßt sich aber durch vorhandene
lautphysiologisch ähnliche Gruppen verstehen, z. B. fehlt
im Wortanlaut kv, vorhanden ist aber das analoge (jn, im
Silbenanlaut kv, während im Wortanlaut gv besteht.
A. Ins Urslavische gehört :
1. Die Aufhebung aller durch Nasal geschlos-
senen Silben infolge der Wandlung der Verbindungen
von Nasal -|- Vokal in Nasal vokal oder einfache Länge,
vgl. lit. pm-ti al. p^-ti^ lit. lün-kas sl. ly-ko^ s. § 46.
2. Im Wort- wie im Silbenlaut können die aus
den Gutturalen entstandenen Doppellaute (Affri-
katae) stehen, c (= ts), d£ (daraus i), c{= ts) dz (dar-
aus z\ z. B. cetyre — recetb; {d)zenq — mo{d)zeh'j ceh —
toce, dzeh (zeh) — bodze (boze).
3. Doppelkonsonanten sind vereinfacht, 2. präs.
jesi du bist = *es-si.
4. Im Wortanlaut stehen folgende alte Konso-
nantengruppen, die demnach auch im Silbenanlaut
vorkommen können:
n sn€g^ Schnee, pesnh Lied.
m smech^ Lachen, pisni^ Buchstabe.
/ sledi Spur-, pash {jesh) er hat geweidet.
p speti gelingen, licspa Schuppe.
t stau sich stellen, mesto Ort.
k skociti springen, iskati suchen.
V sveh Licht, vlsvi (pl. zu vlchv^ Zauberer).
tr strojiti errichten, hystrh schnell.
tv stvoh Stengel, mqihstvo Männlichkeit.
kl fehlt im Wortanlaut, isteskh abgemagert.
kr skreba ich schabe^, iskra Funke.
kv skvozc durch, skuazna Öffnung, fehlt im Inlaut.
s +
54
Lautlehre.
[§50.51.
z-V-
P +
h +
t +
d +
Ä4-
9 +
ch
51.
znafi kennen, cezmti schwinden.
fehlt im Wortanlaut, vgl. sl, zezh Stab.
fehlt im Wortanlaut, vgl. st, nihzda Jjohn.
fehlt im Wortanlaut, vgl. s/c, mozg^ Mark.
zvom Klang, jazva Wunde.
dr fehlt im Wortanl, vgl. str, mezdra Splint.
prositi bitten, veprh Eber.
pletu ich flechte, teph warm.
bratr^ Bruder, dohn> gut.
bksti irren, dobl'h tapfer.
tresti schütteln, atrh innen.
tvoriti machen, kl^iva Fluch.
drugh Freund, ymdrh weise.
drngnqii bewegen, für Inlaut fehlen sichre
Beispiele.
n fehlt im Wortanlaut, vgl. gn, thknqti stoßen.
l klasti legen, tekh gelaufen.
r krasfi stehlen, mokn feucht.
V kvas^ Sauerteig, fehlt im Inlaut, vgl. gv.
n gnevh Zorn, begnqti entlaufen.
r grobh Grab, igra Spiel.
l gledaii schauen, mbgla Nebel.
V gvozdh Nagel, fehlt im Inlaut.
r chrorm lahm, vichri Wirbelwind.
l ckl^bh Wasserfall, drechh traurig.
V chvala Lob, vichvh Zauberer.
n
l
d
9
V
Die oben (§ 50) angeführten Konsonantengruppen
konnten im Innern des Wortes bestehen bleiben, weil ihr
erster Bestandteil mit zur zweiten der in Betracht kom-
menden Silben gezogen werden konnte. Alle andern
ursprünglich in dieser Stellung vorhandenen
Gruppen, bei denen das nicht möglich war (anders
ausgedrückt, die nicht im Wortanlaut vorkommen), werden
so beseitigt, daß der erste, ursprünglich die Silbe
schließende Konsonant wegfällt (in einem Falle
wird ein Konsonant eingeschoben).
§51.] Der kombinatorische Lautwandel. 55
Die einzelnen Fälle sind:
I, ^.9 = ^5 und au8 hs wird s: lit. vapsä sl. osa
Wespe; zu yrebq (grabe, rudre) 1. D.OT.*grebsor.i, *grepsom gres^.
II. fs = ts und aus ds wird s: 1. sg. aor. (zu chtq)
*keitsom c^s^; 1. aor. zu boda (steche) *bödsmn *bädsom ba.s^;
lit. kdndu ich beiße, sl. *kondsos "^konsos kqs^ Bissen; 3. pl.
präs. dadeh sie geben 2. sg. *dad-si dasi.
Die ursprüngliche Verbindung tsl (= tsl und aus
dsl) ergibt sl, eine überhaupt mögliche Anlautsgruppe,
z. B. cislo Zahl = *citslo zu chta^ gasli pl. Zither = *gqdsli
zu gada spiele Z.; tsm wird sw, cisnts Zahl =^ *c«Ysmp;
tsn würde sn ergeben müssen, Beispiele?
IIT. Verbindungen von k -\- Konsonant:
1. ks = ks und aus gs (5 = idg. s), daraus zunächst
kch (s. § 30), ergibt vor Vokalen einfaches ch, 1. sg. aor. zu
tekq laufe ^teksom"^- *fekch^ tech^, dass. zu iegq brenne (=
*gcgq) ^gegsom *gcksom* *gekchi *gech^ zach^.
2. ks vor Konsonant verliert das k'. 2. pl. aor. zu reka
*rtkS'te reste.
Anm. Nicht in die slavieche Sprachentwicklung gehört
die Wandlung eines urspr, idg. ks gs ghs in einfaches s, sie ist,
insofern es die Umbildung in einen einfachen Konsonant-en
betrifft, vorslavisch, vgl. lat. axis fiEuiv mit lit. aszls sl. osh Achse,
lat. dex-ter beSiöq mit lit. deszine rechte Hand sl. destm desm
recht. Daher hat auch aor. nes^ (zu nesq) = ^nehom, vres^ =
*ü€rs^ (zu vrzq = *vbrzq ich binde) für '^verksom {k aus gh) sein
einfaches s nicht durch slavischen Verlust des k.
3. kt = kt und aus gt ist verschieden behandelt:
a) Vor nicht palatalen Vokalen entsteht in den
sicher nachweisbaren Fällen, es sind sehr wenige, t, so
lit. peiiktas fünfter sl. p^ti, lat. plecto sl. pletq.
b) Vor palatalen Vokalen entsteht in allen slavi-
schen Sprachen dasselbe was aus tj (s. § 39. 3). Vgl.
*'nokHs lit. nakf)s *svefja Kerze
-^^
altb. nosth serbo-kroat.- russ. noc westslav. c
svesta slov. ö sveca poln. noc §meca
— -— — -— '^ ' ;— *^ öech. noc since
serbo-kroat. ö elov. c , , .
.^ .^ . . sorb. noc stveca
noc sveda noc sveca.
56 Lautlehre. [§51.
Es liegt also nahe anzunehmen, daß kt vor der defini-
tiven Gestaltung eine der P^ntwicklungsstufen von tj an-
genommen und dann mit dieser die gleiche Weiterent-
wicklung durchgemacht hat.
In einem Beispiel, ab. präs. vrcÄ^ = *vbrchoich dresche,
inf. vresH = *verchti erscheint st als aus cht hervorge-
gangen; die Wurzel ist vers-y von der ein Infinitiv *versti
nicht zu *verchti werden konnte, weil die Verbindung st
die Wandlung von s in ch nach i, m, r verhindert (s. § 30).
Der normale Inf. zu vrcha wäre daher ab. *vresti. Wenn
o <
*verchti entstanden ist, so kann es nur geschehen sein
durch Anschluß an das Präsens *vhrchq. Doch ist es mir
zweifelhaft, ob kirchenslavisch ein vresti belegt werden
kann. Einer ab. Form vresti entspricht nur im Serbischen
die gleichartige Form (die andern slav. Sprachen haben sie
nicht) Drdöi {vrijeöi, vriöi)\ deren ö entspricht wie ab. st
der Wandlung von tj. Dies cht — st ist benutzt worden
zu einer Erklärung der Wandlung von kt (Brugmann,
Grundriß P 585): cht wird vor den palatalen Vokalen zu
X'^', dies umgestellt zu t'x, dies ist dann zusammenge-
fallen mit einem aus tj entwickelten ^'x'; daraus wird ge-
schlossen, daß ursprüngliches kt zunächst zu x't' geworden
und dann in der gleichen Weise weiter gebildet sei. Der
Schluß ist kaum bindend; es ist nicht ausgeschlossen,
daß ein alter Inf. *versti *vhrsti serb. *vresti "^vrstL durch
unmittelbare Nachahmung der Infinitive auf -öi von guttu-
ral auslautenden Wurzeln, peöi, reöi usw., verdrängt, also
durch vriöi, vr'öi ersetzt werden konnte, da neben einem
Präs. vrhu (heute vr'sem) ein Inf. *vrMi *vr'sti als anomal
empfunden wurde.
Eine andre Erklärung des Wandels von kt ist, daß
die leise palatalisierende W^irkung des palatalen Vokals
auf t (s. § 40) das k, das wie alle Gutturale gegen Berüh-
rung mit Palatalen sehr empfindlich ist, mit ergriffen und
zwar, wie das bei den Gutturalen überhaupt so ist, stärker
palatalisiert habe, so daß k't' entstand. Das so palatali-
sierte k' rief wieder eine stärkere Palatalisierung des t
§51.] Der kombinatorische Lautwandel. 57
hervor, so daß dieses dem aus tj entstehenden Laute
i^leich wurde. Dann schwand k (wie in kt vor nicht pala-
talen Vokalen), und t' trat die bekannte Entwicklung an.
Man muß bei diesen Aufstellungen verschiedene Aus-
gleichungen in gewissen Formenreihen annehmen, so ist
1. präs. pletq = *plekfa, 3. pl. plet(}h = ^plektath normal
nach 51 UI 3 a, aber 3. präs. *plekteti müßte nach 51
III 3 b ergeben *plesteth, 2. pl. ^plektete ein *plestete usw.,
die bestehenden Formen pleteh pletete wären also durch An-
gleichung an jüetq pletnh entstanden. Normal ist Infinitiv
resti = *rekti, dagegen wäre im Supinum *rektutn ein
*reU normal, die vorhandene Form resfh (h wegen des
palatalen st) wäre nach resti gebildet, da in allen andern
Fällen das Supinum die gleichen Konsonantenverhältnisse
aufweist wie der Infinitiv, vgl. nesti nesti, vesti vesth (zu
vedq) usw.
IV. pt = pt und aus bt ergibt einfaches t; präs. tepq
Inf. teti, präs. grebd inf. greti; dlato Meißel = *dolpto
(preuß. dalptan) für 'Holbto zu "^dblhq dlbq (sculpere) "^dolto,
daraus dlato (nach § 53 II).
Anm. Die Annahme, daß vt zu t führe, beruht auf dem
Nebeneinander von ziva ich lebe und Inf. züi, aber diese Form
wie zilh f. Leben, zito Getreide, kann unmittelbar auf zi- =
*gi oder *gei- bezogen werden, vgl. lit. gijjä gyti wieder aufleben,
heil werden.
V. Labiale und Dentale vor n.
szpati schlafen, u-shnqti einschlafen,
s^nh Schlaf, vgl. lit. säpnas; sipq
schütte, inf suÜ ^= *seupfi;
raz-gybati entfalten, -ghnqii dass. ;
svbteti leuchten, -svhyiqti hell werden;
b^deti wachen, v^z-b^nqf^ erwachen,
•pr^dati vhs-prenqti aufspringen.
b
t
d
> -f- w ergibt n
Anm. In altb. Texten steht b regelmäßig vor n in po-gyh-
nnti zugrunde gehen, auch sonst gelegentlich. Es ist das eine
Erneuerung in der Einzelsprache aus Formen, die b erhalten
mußten, z. B. aor. pogybocJvh pogybe, iter. pogybati.
58 Lautlehre. [§ 51. 52.
•
VI. d -\- m ergibt m: 1. sg. pr. daynh ich werde geben,
jamb ich esse, vemh ich weiß, 1. pl. pr. damh, jmm, vemh, vgl.
3. pl. dad-ctb, jad-rhj ved-rih; rumem rot, von einem Stamm
*roud'm€n-, vgl. lit. )'aumt^ gen. raumens rotes Fleisch,
rhd-rh rot. — Im Verbum ergibt dv einfaches v: 1. dual.
dave^ jave, veve. Da es aber außerhalb des Verbums keine
Beispiele für v in Innern Silben aus dv zu geben scheint, hat
sich davc möglicherweise nach damb r/arnz» gebildet, da in diesen
das Element da- als das Bedeutsame empfunden wurde,
zumal da dv Anlautsgruppe ist, also an sich im Silben-
anlaut erhalten bleiben konnte.
VII. Die ursprünglichen Gruppen s -\- Konsonant
blieben duldbar, außer s-j-, das ist anlautend wie inlautend
s-i-r geworden, z. B. s-t-ruja Strom zu W. sru vgl. *crpe/uu
peuu; phs-t-rh bunt = "^pik-f'o-s, vgl. iroiKiXoq; ses-t-ra aus
*sesr-rt, *s€8r- der schwache Stamm zu seser-, vgl. lit. sesü
gen. sesers.
In zwei Fällen, m^zdra Splint, nozdri Nasenlöcher,
erscheint auf gleiche Weise d zwischen zr eingeschoben
(zr im Anlaut fehlt); da jenes zu nifso Fleisch bezogen
wird, dies zu nos^ Nase gehört, müßte zunächst aus
"^ni^s-ra *nos-rh ein *mfz-ra *nozrh geworden sein. Sonst
bleibt 5-r, vgl. p*bs-rb *s€S-ra. Vgl. Zupitza KZ. 37,
396 f.
Vin. Die Gruppe bv verliert den zweiten Bestandteil;
am häufigsten ist dies der Fall bei der Zusammensetzung
mit der Präp. oh- (um), z. B. *oh'Velka ich umziehe
"^obelkq ab. ohlekq, '^ob-volko (Umzug) Wolke *obolko oblako;
weniger deutlich in andern Fällen, so beruht das Imperf.
bechh zu byti sein auf *bvech^.
IX. Aus der im Anlaut fehlenden Gruppe skn
schwindet zwischen Vokalen k {sn ist sonst vorhandene
Gruppe), z. B. tiskati drücken, *teskm eng tesm.
52. B. Außer dieser urslavischen Entwicklung der
Anlauts- und Inlautsgruppen gibt es solche, die der Ge-
schichte einzelner Abteilungen der slavischen
Sprachen oder der Einzelsprachen angehören. • Sie
§52.] Der kombinatorische Lautwandel. 59
sind hier nur so weit behandelt, als sie fürs Altbulgarische
in Betracbt kommen.
I. tl dl, im Anlaut nicht sicher als ursprünglich
nachweisbar, werden in den westslavischen Sprachen im
Inlaut erhalten. Das ist so aufzufassen, daß in ihnen
tl, dl Silbenanlaut sein konnten. In den übrigen Sprachen
fällt t d weg, z. B. zu pletq ich flechte, padq ich falle
part. prät. a. II *pleth *padh: westsl. öech. pletl padl, p.
plöff padf, sorb. pletf, wjedf (zu ivjedu führe); "^si-dlo Ahle
poln. szydio, cech. sidlo, sorb. sidto zu si-ti nähen. Da-
gegen ab. pleh pah veh, Silo, serb. pleo pao = plel jyaL silo,
und so analog im Slov. und Russischen. Wo in ab.
Quellen tl, dl geschrieben wird und solche Formen in
Wörterbücher und Grammatiken übergegangen sind, ist
stets ein ^^ h zwischen t-l, d-l ausgefallen, z. B. sveth hell
älter svethh, sedlo Sattel älter sedhlo.
II. Durch die Metathesis von ursprünglichem or
ol, er el vor Konsonanten kommt r Z in Verbindung mit
ursprünglich nicht neben ihm stehenden Anlautskon-
sonanten und es entstehen dadurch sekundäre Anlauts-
gruppen, so auch im Altbulgarischen (darüber s.§53 II, §54).
III. Im Altbulgarischen kommt ein st aus sk vor
palatalen Vokalen (s. § 41. 2) im Wortanlaut zu stehen;
die Gruppe st ist aber auch silbenanlaut^nd (aus sk, st,
tj), vgl. st^deti aus *sk^deti (zu skqd^) mit pistalh = *piskelh
Flöte zu piskati. Das entsprechende sd ist häufig im
Silbenanlaut (aus zg, dj) z. B. d^zäh Regen, rnezda Grenze,
es fehlt im Wortanlaut.
IV. Durch die Wirkung von n l' r auf vorangehende
Konsonanten (s. § 39.3,4) entstehen in inneren Silben
die Silbenanlaute zn sn, st, str , Mr '. 1. präs. hlaznq zu
hlaznüi, mysl'q zu mysliti, s^mostrq, zu szmotriti, -mqsdrq
zu -madriti.
V. In der Gruppe des Slavischen, die die Labialen
+ j ersetzt durch pl usw. (s. § 39. 5), entstehen im In-
laut Silbenanlaute ml' vV , die im Anlaut ursprünglich nicht
60 Lautlehre. [§ 52. 53.
vorkommen, l. B. ze-mla, ha-vl'a (l. präs. zu haviti)\ pl
bt sind auch Anlautsgruppen.
Metathesis der Verbindungen or ol, er el
vor Konsonanten.
53. In allen slavischen Sprachen sind die ursprünglich
durch r l geschlossenen Silben, z. B. "^uel-ka lit. velkk,
*vor-m Rabe lit. vahias, offen geworden, doch in ver-
schiedener Weise.
I. or, ol im Wortanlaut werden insofern in den
slav. Sprachen gleich behandelt, als die Stellung der Laute
umgedreht wird, dabei entsteht teils ro lo, teils rä /«,
wenn verkürzt rä lä (das Kassubisch-polabische ist dabei
nicht berücksichtigt) :
'*orst\ wachsen '■^olkhtb vgl. lit. alküne Ellbogen
südslav. rä lä, wenn russ. rosti westslav. polu. rosö
verkürzt m, lä: iokof tokicd
ab. rasti lakbth cech. alt rösti, neucech.
serb. rdsti läkat rüsti (slovak. rast'), loket,
slov. rasti lakht sorb. ros6 iokö.
In den ab. Quellen (fast nur im Cod. Supr.) steht
bisweilen ro- neben ra-, rohh und rab^ Sklav = *orb^,
vgl. got. arhaißs Arbeit, 7'oz- neben raz- = *orz zer-, rovnm
neben ravhm = *orvhm eben. Formen mit lo- kommen
nicht vor, nur la-, dagegen neben diesem in einigen
Wörtern al: lakati und alkati (aiiiKATH ai\'KATH AiiKaTH)
hungern, vgl. lit. älkti; ladhji und aldhji («ä'^hm) Schifif
aus *oldhji; alnhji (siiiiHhH, sii'HbH) neben lanhji aus *olnhji
Hirschkuh .
Für ursprüngliches er, el im Anlaut fehlen ganz
sichere Beispiele.
IL or ol, er el zwischen Konsonanten ergeben
im Russischen Zweisilbigkeit (sogen, polnoglasie = Vollautig-
keit): or — oro, ol — oto, er — ere, el wird zunächst *o/,
daraus oto, fällt also mit oio aus ol zusammen. Die
§53.] Der korabinatorieche Lautwandel. 61
andern Sprachen haben Metathesis, teils mit Dehnung des
zu *ö d. i. rt, des e zu e, teils ohne diese; durch be-
sondere Verhältnisse, Eigentümlichkeiten der Betonung,
können ä e wieder verkürzt sein zu ä e:
'"gordh (Umzäumung) Burg usw. '^•berg^ Hügel, Ufer
vgl. lit. gafdati Hürde vgl. deutsch Berg
südslav. : öech. hrad poln. grod hrzeg russ. görod
ab. grad^ bregi hreh (acech. sorb. hrod h-joh hereg
serb. gräd hreg hfeh) (aus '^breg)
{brijeg bng)
slov. gräd breg
*golva vgl. lit. galvä Kopf *meIko Milch
südslav.: ab. cech. poln. gioiva mieko russ. gotovä
glava mleko hlava sorb. hioiva mloko {moiokö zu-
serh. glävamUko mUko (aus mleko) nächst aus
{mlijeko mliko) *'nioiko).
slov . glava mleko
Als urslavisch ist oben angesetzt unverändertes w
o/, er el. Wahrscheinlich liegt aber zwischen dieser ur-
sprünglichsten Gestalt der Silben und deren endlich er-
reichter Form (Metathesis oder Zweisilbigkeit) eine ge-
meinsame ursl. Mittelstufe. Wie diese anzusetzen, ist
kontrovers. Vgl. Torbiörnsson, Die gemeinsl. Liquida-
metathese L H (in Upsala Universitets Ärskrift 1902 und
1904); ders., Antikritische Bemerkungen zur sl. Meta-
thesenfrage BB. 30 (1906); dazu die in diesen beiden
Schriften angeführte Literatur.
Durch die Metathesis fallen ab. Silben mit ursprüng-
lichem ra- la- und solche mit ursprünglichem &r- ol-, ebenso
Silben mit ursprünglichem re- U- und solche mit er-
el- zusammen. Bei Zweifeln bildet das Russische das ein-
fachste Mittel der Scheidung, z. B. khdq ich lege, klada
Klotz, Block, dagegen russ. kiadu, kofoda; ffrad^ Hagel,
62 Lautlehre. [§ 53. 54.
graih Stadt, russ. grad, gor od; strela Pfeil (vgl. deutsch sträl),
stregq ich bewache, russ. strela^ dagegen sieregn.
Unursprtingliche Konsonantengruppen im
Wortanlaut des Altbulgarischen infolge der Metathesis.
54. Durch die Umstellung des or, er usw. kommen
Konsonantenverbindungen in den Wortanlaut, die ursprüng-
lich nicht vorhanden waren:
nr: inf. *n€rti (zu 7ihra einstecken) — nreti\ '^norvi» Sitte,
Charakter (russ. nwo^i) — nravh.
tnr: inf. *merti (zu mhrq sterben; r. rueret) — jnreli.
ml: *mold^ jung (r. moiod)^ vgl. preuß. malda- — mkuh.
vr: *voria Tor (lit. vartai, r. vorota) — vrafa.
vi: *velkp (lit. velkii) — vlekq.
tl: inf. *telkti stoßen (r. toioc) zu *tblkq ab. flkq — tlesti.
dl: *dobih flache Hand (lit. debia, r. doton) — dlanh.
sr: '^s&rrm Schande (r. sorom) — sratm (vgl. die Trennung
von ursprünglichem s-r durch t, s. § 51 VII).
smr: *s7na}'dh Gestank (v^\. lit. stnardinti stinkend machen,
r. stnorod) — sniradi.
svr: *svorhz Jucken (r. bvorob) — svrah^.
skl: *skolbiti lächeln — sklahiti.
skvr: inf. *skverti (zu skvhrq schmelzen) — skvreti.
zr: *zarkz Blick {zu zhreti schauen), vgl. r. zorok — zrakb.
zl: *zolto Gold (r. zofoto) — zlato.
chvr: *chvorshje Reisig (r. chvorost) — cJivrasthje.
sl: *selrm (entlehntes deutsches hehn) — slerm.
zr: inf. *im2 zu s;hrq fressen (vgl. lit. gerti trinken) — zreti.
sl: *ieldq ^eelsii vergelten (vgl. got. gildan) — zUdq zlesii.
er: *cerda Herde (vgl. got. hairda) — creda.
61: clam Glied für clem^ vgl. slov. clen, aus *kelm?
Das allgemein in den ab. Quellen clovekb (Mensch)
geschriebene Wort muß zwischen r- und l einen Vokal
(fc) verloren haben, vgl. r. celovekz, lett. (alte Entlehnung)
zilweks.
Diese Gruppen kommen im Anlaut innerer Wortsilben
nicht oder fast nicht vor, weil Formantien mit er e/, or
§ 54. 55.] Der kombinatorieche Lautwandel. 63
ol ']â– Konsonant nicht vorkommen; vereinzelte Beispiele
sind klevreth Mitsklave (gilt für entlehnt aus collihertus),
skovrada Tiegel, Pfanne (r. skovorodn).
Die Silben mit ab. r 1. *
o o
55. Wenn man für die ab. Silben mit r l als ur-
o o
slavische Gestalt ansetzt or ^l, hr hl (vgl. lit. ?V, il = idg.
r /), so bieten sie dasselbe lautliche Bild wie die Silben
mit or ol, e)' eh aber sie erleiden nicht wie diese Meta-
thcsis, noch gehen sie in Zweisilbigkeit über. Es würde
hier zu weit führen, die sehr verwickelten Verhältnisse
dieser Silben in den einzelnen sla vischen vSprachen, wo
sekundäre Lautentwicklungen z. T. stark umbildend ge-
wirkt haben, näher auszuführen; es seien hier nur das
Russische, Serbische, Cechische neben dem Altbulgarischen
berücksichtigt.
%r hr
*kzrmiii nähren *phrsto (lit. *2^irszfas) Finger
altr. kwmiti ab. knniti serb. krmiü cech. krmiti
c
neur. kormif prst prst. prst.
altr. pbrsih
neur. j^^^st
^l hl
"^chzhm Hügel (germ. Iwlm) ""'phlm (lit. p'ibias) voll
altr. chilnih ab. chl/rm altserb. Mm altcech. chlm
o
neur. chofm plm neus. hum neucech. chlum
altr. jnlm alts. pln plny.
neur. poinyj neus. pun
Das Russische behandelt also diese Silben, nachdem
zuvor bl in hl übergegangen (vgl. el zu ol § 53 II), wie
beliebige andre Silben mit ^ 6, wenn diese Vokale über-
haupt erhalten bleiben, vgl. s^m — son, otbcb — otec; in
den andern oben angeführten Sprachen entsteht r l.
64 Lautlehre. f§ 55.
Die altbulgarische Überlieferung gibt in ihrem Schrift -
bilde dieser Silben: KpxMiiTii npiCTi» (oder -ph-), jiM^WL
nniHi (oder -,Ah-), den Eindruck einer Metathesis wie grad^
für *gord^ usw. Daß hier keine solche stattgefunden hat
und in der älteren Zeit nicht r + *> ^ + * (oder r -\- 6,
^ + &) gesprochen worden ist, ergibt die weitere Ent-
wicklung. Die Fälle, wo ursprünglich ein ^ oder h
nach r l stand, verhalten sich dialektisch-altbulgarisch
(s. § 24 IV 4) genau so wie Wörter, in denen z. h nach
beliebigen andern Konsonanten standen, z. B. k7'^vh —
krovh (d. i. krov' oder krov) Blut (lit. krüvinas blutig),
phth — ploib (d. i. plot' oder plot) Fleisch (vgl. lit. plutä
Rinde) genau wie vimi — von hinaus; krtsnqti sich erheben
auferstehen — kresnqti, part. prät. a. u-ghhz (zu u-glhb-nqti sich
anheften) — u-gleh ebenso wie^s^ — pes Hund. Obwohl nun
KpiMHTH und KpiRh, nphCTi und nphCHA^TH, TixhWh und n^^iTb,
n.^bHT. und ovr.AbBi in der Schrift gleich aussehen, ent-
stehen doch nie *kromiti ^'p'est *chlcnn *plen; es kann
also keine Metathesis stattgefunden haben. Wäre ferner
ein Vokal ^ b \ot r l gesprochen worden (vgl. die alt-
russischen Fornoen), so ist nicht abzusehen^ warum die
Schrift nicht einfach bei ip bp, -la bn blieb. Das einzig
Wahrscheinliche ist demnach, daß nur r l gesprochen
wurde. Für diese Vokale hatte die griechische Schrift,
die p X nur als Konsonantenzeichen kannte, kein Aus-
drucksmittel; nur p Ä zu schreiben, verbot dem Aufsteller
des Alphabets die aus der griechischen Grammatik über-
kommene Vorstellung, diese Buchstaben seien nur kon-
sonantisch zu brauchen. So nahm er Äum Ausdruck von
r l die Zeichenverbindung, die lautlich im Klange einiger-
maßen nahe lag, d. h. ro (pi) oder rh (pb), h (äi) oder
Ih (iib). In der Tat fallen in der Entwicklung einiger slavischer
Sprachen ursprüngliches ^r ftr, ^Z hl mit ursprünglichen
n rb, h Ih zusammen, z. B. im Serbischen krv wie- prsf,
pun i^pjhhi,, lit. pilnas) wie bnlia Floh (hhrha, r. hfochä,
lit. hlusä).
Durch die Entstehung von r/ werden die betreffenden,
§ 55 — 57.] Der kombinatorische Lautwandel. 65
urslavisch durch r / geschlossenen Silben alle offen:
*kbr-miti — kr-miti, *phr-sih — pr-stb usw.
56. Beim Zusammentreffen von t-t und dt ist
st entstanden, diese Entwicklung ist aber nicht slavisch,
sondern indogermanisch, daher auch litauisch; z. B. metq
lit. ynetü in f. niesti lit. mesti werfen, vedq lit. vedü in f. vesii
lit. veati führen.
Veränderungen des ursprünglichen
Wortanlautes.
5*7. 1. Die ursprünglichen Anlaute e-, e- werden
urslavisch wie altbulgarisch stets zu je-^ j^-: lit. esmi —
el. *esmh jesinh; ^emjeiz er nimmt ab. jeml'eh; lit. miti —
sl. '"'eti j^ti nehmen.
2. €■wird in den einzelnen Sprachen verschieden
behandelt, ab. stets zu ja- : lit. esti — ab. jasti essen.
3. h- wird zunächst *jh, das mit *j&- aus ursprüng-
lichem *p für ju- (§ 47. 2) zusammenfällt, beide ergeben
weiter i: lat. jugum — slav. '^j^go '^jhgo igo; lit. imii ich
nehme — '^hma *JMnq imq.
4. ^- und y- (= -ü) erhalten den Vorschlag v-: lit.
u2 hinter^ dvTi — slav. v^z^ an- hinauf, dvii; uciti lehren
— v-yknqti lernen.
Diese Anlautsveränderungen sind erst eingetreten
nach der festen Verbindung von Präpositionen und den
mit ihnen komponierten Elementen, daher in solchen
Zusammensetzungen das zweite Glied die alten Anlaute
e, p, e, h, ^ hat: j-eml'q s^n-eml'q (nehme zusammen),
j-^ti s^n-^ti, imq s^n-hmq, jasti s^nâ– esti verzehren (es wird
nie geschrieben z. B. ^cihicmjii». "^clhhith, wie es notwendig
wäre, wenn anlautendes j hier alt wäre, vgl. ki iiicMb. in
ihm == ""'vhn-jemh, wo je- alter Anlaut; es heißt immer
CLHCMAi^ CLHÄTH u. s. f.)',* v-^'p^ti rufcu, v^z-^piti ausrufen.
5. Die Vokale a, o, q, v, i können im Anlaut stehen
und stehen meist unverändert. Das * und o bleiben stets
so; a, ein sehr seltner Wortanlaut im Slavischen, zeigt
eine gewisse Neigung j anzunehmen ; immer unverändert
Leskien, Altbulgarische Grammatik. 5
66
Lautlehre.
[§ 57. 58.
bleibt a (aber), jedoch agn^ agnuh Lamm — jagn^ jagnuh^
luiie wenn — «iiiie. Das ab. az^ ich ist eine spezifisch
bulgarische Form (neubulg. az), alle andern slavischen
Sprachen luibcn j im Anlaut [jaz^ ja); die Annahme, '■*'•jaz^
stehe für "^erom (zu -am vgl. ai. ahdm) mit Dehnung des ur-
sprünglich anlautenden e (gr. tY^. hit. ego)^ und j sei im
Bulgarischen al)gefallen, ist sehr unsicher (s. Berneker SIEW.
unter dzh, und die dort angeführte Literatur). — w bleibt
fast stets so erhalten, z. B. ncho Ohr, usta Mund, mm
Sinn, udh (Jlied, nzda Zaum; indes gelegentlich jutro für
iitro Morgen, und umgekehrt u uze schon für ju (lit. jau).
— Neben qza Fessel (vgl. qz^k^ eng) steht (selten) vqza,
vgl. dazu vczati binden, bei dem aber zweifelhaft ist, ob
V vorgeschlagen.
lin Silbenanlaut des Wortinnern können Vo-
kale nur stehen bei Zusammensetzungen, deren zweiter
Bestandteil auf Vokal anlautet, z. B. imnogo ohrazim viel-
gestaltig. Der Anlaut des zweiten Elements verhält sich
wie außerhalb der Zusammensetzung, daher tuiostriti
schärfen, na-uciti lehren, pre-iti hinübergehen, aber pri-
jeml'q, pri-jpti, pri-irnq, na-jasfi S(j sich satt essen, na-vyk-
mifi lernen.
<
Wenn in .solchen Zusammensetzungen zwei gleiche
Vokale zusammenstoßen, wird nicht kontrahiert, außer
bei pri-idq pri-ifi {herbeigehen, kommen), das regelmäßig
pridq priti wird. Über Kontraktionen bei andern Vor-
gängen s. § 11 4. Ü und 196. 2,
Spätere Entwicklung zu geschlossenen Silben.
Die auf -Z7, auslautenden Präpositionen.
58, 1. Durch den § 24 IV 3 erwähnten späte
ren Abfall von z, 6 im Wortauslaut kommen wieder
beliebige Konsonanten ans Wortende, das in älterer Zeit
nur vükalisch auslauten konnte (s. § 48 u. 49), z. B. grad ■■=
gradz, vlasl^^ vlasth, kqs ^= kqsb usw. Durch den Ausfall
von h, h im Wortinnern (s. § 24 IV 3) treten Konsonanten -
gruppen im Wortanlaut zusammen, die in älterer Zeit dort
§ 58.] Der kombinatorische Lautwandel. 67
fehlen, z. B. mnog^ = ymnogi,^ mne mir = ynhne, zreti schauen
= zhreti; ferner kamen dadurch wieder konsonantisch aus-
lautende, geschlossene Silben zustande, vgl. z. B. knicheiji
= k^nig^c^ji Schreiber, wo das aus g vor c entstandene
ch die Silbe schließt, ver-na (fida) = verb?ia.
IL In einem Falle ist der Verlust des auslautenden
2. älter als unsre Überlieferung, bei den auf -z^ aus-
gehenden Präpositionen bez^ ohne, iz^ aus, raz^ zer- (nur
in Zusammensetzung), v^z^ hinauf (fast nur in Zusammen-
setzungen). Dadurch ist z mit konsonantischem Anlaut
in Berührung gekommen, namentlich in der Komposition,
weniger regelmäßig auch vor Kasus und es sind Assimila-
tionen eingetreten:
1. Vor ty k, p geht ^ in s über, z. B. iz ■■{- tociti —
istociti ausgießen, v^z -\- peti = v^spefi anheben zu singen,
raz + kopati — raskopati aufgraben.
2. z -\- c (= ts) wird sts sc und kann so bleiben
*iZ'CeznaH entschwinden — isceznati; sts wird zu ^sts^ dies
nach Schwund des zweiten s zu st — isteznqti; daneben
auch iceznqti.
Z. z -\- z muß anf die ältere Stufe z -\- dz bezogen
werden (s. § 41. 1), daraus entsteht *idi, mit Schwund
des zweiten z endlich zd; so regelmäßig im Altbulgarischen,
z. B. *i>-</i^fa_ ausbrennen {zegq zesti) — izdesti.
4. z -}- c (= ts) ergibt sc, dies kann bleiben und
bleibt meistens, kann aber nach Wegfall des zweiten s
auch st ergeben, z. B. *iz-celiti ausheilen — isceliti isteliti.
5. z fällt vor- s aus: *v%z-stati aufstehen — v^statiy
*v^z-stenati aufseufzen — v^stenat^; meist auch vor s, z. B.
'^izâ– sbd^ hinausgegangen iihdh, vereinzelt issbd^.
6. z kann vor n l' erhalten bleiben oder in z über-
gehen (vgl. § 39. 4), z. B. vTtZ-Vuhl'q vT>ztuhtq ich gewinne
lieb, iz nego iz nego aus ihm.
7. z-r wird in Zusammensetzungen regelmäßig zu
zdr (vgl. 51 VIDrrtz + resiti — razdresiti zertrennen, iz -\-
resti aussagen — izdresti; auch sonst gelegentlich, z. B.
iz{^) rqky aus der Hand — iz-drqky.
68 Lautlehre. [§ 58. 59.
8. Zuweilen verliert of- aus of^ in der Korapoßition das
t^ z. B. o-choditi = otbch- weggehen.
Verbindung der Kasus von om (jego usw.)
mit Präpositionen.
59. Es ist eine allgemein slavische gewöhnlich so
ausgedrückte Regel : ein von einer alten echten Prä-
position abhängiger Kasus des anaphorischen
Pronomens om er {jego, jemu usw., vom Prono-
minalstamm jo-) erhält den Vorschlag n, also lauten,
da nj das palatale n ergibt, diese Kasus dann mit n
an, z. B. oti *njego nego von ihm, do nego bis zu
ihm, kb nemu zu ihm, vh nb in ihn, na m auf ihn,
s^ nimb mit ihm, v^ nemh in ihm, na nenih auf
ihm, otb nich^ von ihnen, H nim^ zu ihnen, vz ne in
sie, s^ nimi mit ihnen, v^ nichh in ihnen usw. Dasselbe
ist der Fall, wenn Präpositionen mit adverbialen Ablei-
tungen des Pronominalstammes jo- verbunden werden,
z. B. oth nelize {jeli-ie) von wann an, otb nqdu {jqdu) von
woher. Die im Altbulgarischen in Betracht kommenden
Präpositionen sind: hezi, v^, do, za, izh, kb, na, nadz, o, otb,
po, pod^y yri, predb, s^, u. — Bei st», v^ tritt das n auch
ein bei Zusammensetzung mit vokalisch anlautenden
Verben, bei v^ gelegentlich auch vor vokalisch anlauten-
den Nominalkasus, z. B. shn-iti sp zusammenkommen, s'in-^H
zusammennehmen (vgl. dazu § 57. 4), v^n-'bmq ich vernehme,
vbn-qtrh ins Innere, hinein, v^n-usi in die Ohren. Die
beiden Präpositionen hatten ursprünglich nasalen Aus-
laut, s^n ^;^w, der in enger Verbindung mit folgenden
Elementen erhalten blieb. Vielleicht haben auch andre
auf b auslautende Präpositionen nasalen Auslaut gehabt.
Nach deren Muster ist dann dies (sog. epenthetische) n
bei allen angewendet worden. Bei Schreibung mit Wort-
trennung hat man sich gewöhnt, das n an dem Prono-
minalkasus zu schreiben, z. B. ao hicfo, ki hkmov, k-l hh?ci.
— ■#♦» « —
I
§ 60.] 69
Zweiter Hauptteil.
Stammbildung der Nomina.
60. Die folgende Behandlung der nominalen Stamm-
bildung geht nicht von der Lautform der Formantien
(Suffixe) aus, sondern von Bedeutungsklassen der
fertigen Wörter. Da Wörter mit demselben For-
mans in verschiedenen Bedeutungsklassen vorkommen
können, muß bisweilen eine und dieselbe Formation an
mehreren Stellen erwähnt werden. Das Verfahren ist
hier gewählt, um dem Lernenden die Erwerbung eines
gewissen Sprachgefühls für die Bedeutung bestimmter
Bildungstypen zu erleichtern. Durchführbar ist es freilich
nur insoweit, als die Spra<ihe größere Mengen von Ab-
leitungen gleicher Art bietet, die stets die gleiche Be-
ziehung zu dem Grundwort ausdrücken, wie z. B. -tel'h
stets den Täter einer Handlung bezeichnet, so verschiedene
Handlungen auch die zugrunde liegenden Verba bedeuten.
Solche größere Gruppen werden meist aus Bildungen mit
sogenannten «lebendigen» Formantien bestehen, d.h.
aus Wörtern, bei denen die Sprechenden noch die gleich-
artige Beziehung zu den Grundworten empfinden, daher
auch imstande sind, bisher nicht vorhandene Wörter
gleicher Art neu zu schaffen, die sofort verstanden werden.
Außer diesen «lebendigen» Formungen hat die Sprache
altererbte Wörter, von denen wir zwar viele eben-
70 Stammbildung der Nomina. [§60.
falls in Stamm und Formans auflösen können, die aber
in der uns überlieferten Periode der Sprachgeschichte nicht
vermehrt wurden, deren Formans also starr, tot ist. Auch
solche Bildungen lassen sich z. T. zu Bedeutungsgruppen
vereinigen, sie waren ja einmal lebendig und wurden in
bestimmter Bedeutung empfunden, z. B.die Verbalabstrakta
auf h wie bhdh. Andrerseits kann es vorkommen, daß
zwar reichliche Beispiele gleichgebildeter Nomina vor-
handen sind, sich aber nicht zu einer schärfer umgrenzten
Bedeutungsklasse mehr verbinden lassen, z. B. die ziem
lieh häufigen alten Nomina auf -ro-, rä. Soweit eine
größere Anzahl solcher Bildungen von gleicher Be-
deutungsfärbung vorkommt und sich einigermaßen einer
bestimmten Bedeutungsklasse einreihen läßt, sind sie
mit angeführt. Außerdem sind am Ende der in Be-
deutungsklasscn eingeordneten Ableitungen als Anhang I
angefügt einige Bildungen mit konsonantisch oder ur-
sprünglich konsonantisch auslautenden Formantien, weil
sie nicht ganz selten sind und eine Bedeutung für
die Flexion haben. Alles andre, mehr oder minder ver-
einzelte oder was, wenn auch etwas häufiger, sich nur
durch weitere etymologische Forschung erkennen läßt, ist
weggelassen, weil es für die Beziehungen ab. Wörter zu-
einander und ihre Bedeutung nicht in Betracht kommt.
Eine Tabelle der behandelten Formantien s. § 80.
Die in das Verbalsystem aufgenommenen
Nominalbildungen, Infinitiv, Supinum, Partizipien
sind nicht an dieser Stelle, sondern beim Verbum be-
handelt. Die Bildung der Komparative (s. § 97. 2) bei
der Flexion der Adjektive. Die Bildung der Zahlwörter
(s. §§ 115 bis 121) und Pronomina (s. §§ 100—111) ist
bei deren Flexion mit behandelt; die der Adverbien
bei diesen (s. §§ 123—135).
Die Lehre von der nominalen Stammbildung des
Altbulgarischen kann nicht wohl benutzt werden als
Grundlage dieser Lehre für die Gesamtheit der
sl avischen Sprachen, da die fast rein kirchlich-reli-
t}60. 61.| Substantiva. 71
giöse altbulgarische Literatur für ganze Wortgruppeiij
z, B. Deminutiva und Patrönymika, nur seiton Verwendung
hat, daher kein richtiges Bild von der relativen Häufig-
keit und der Geläufigkeit der Bildungen geben kann.
Literatur. VG'^ Bd. II, Vergleichende Stammbildungs-
lehre der slav. Sprachen ; der Stoff* ist geordnet nach der
lautlichen Form der SuflSxe, bei jedem steht das Alt-
slovenische (Altbulgarische) voran. — Meillet, Etudes BUr
l'etymologie et le vocabulaire du vieux Slave. 2*" partie:
Formation des mots (= Bibliotheque de l'ecole des hautes
etude3, Cent trente-neuvieme fascicule [2' partie]), Paris
1905; ebenfalls nach der Suffixform geordnet.
A. Substantiva.
61. I. Wörter, die den Handelnden bezeich-
nen, Noraina agentis.
1. -tel'b, das allgemein anwendbare lebendige For-
mans, leitet ab von Verbalstämmen, primären (Wurzeln)
wie sekundären " (abgeleiteten): vlada vlasti herrschen —
vlastel'h Herrscher, sw'iq z^ti schneiden, ernten — zetel'h
Schnitter, ;;re-(fafi übergeben, verraten — predateVhYeimiQr,
delati arbeiten — delatetb Arbeiter, prijati beistehen —
prijatel'h Freund, pisati schreiben — pisatel'b Schreiber,
gubiti verderben — giibitel'h Verderber.
Die Häufigkeit der transitiven Verba auf -iti und
der von ihnen gebildeten Nom. ag. hat es mit sich ge-
bracht, daß -iteVb als ein Formans abgetrennt und bei
konsonantisch auslautenden Wurzelverben, zuweilen auch
bei nicht auf -i- auslautenden Verbalstämmen angewendet
wird, z. B. pogrebq -greti begraben — pogrehiteVb der be-
gräbt, 1. präs. prcdaynh 3. pl. predad^tb predati verraten —
predaditel'b Verräter; züdn zbdati bauen — zizditel'h (ge-
bildet vom Präsens) Erbauer; dr^aä halten 3. präs. drzü-h
— vbse-dr7>zitel'h TTavTOKpdxiup, veleti 3. präs. velih befehlen
— povelitel'b Befehlshaber, hier also mit dem Auslaut -i-
des Präsensstammes.
72 Stammbildung der Nomina. [§61.
2. -beb, ziemlich häufig (namentlich im zweiten Glied
von Komposita) von primären wie abgeleiteten Verben,
die Bildungen von abgeleiteten ohne den charakteristischen
Vokal des Verbalstammes (a, /, i-): bor'q hrati = '•'borti
kämpfen — horhcb Kämpfer, zbrq zrHl = '^eerti opfern
— zbrhcb Priester, plpq plcsti tanzen — plfsbcb Tänzer,
chtq cisti ehren — bogo-cbtbch Gottes Verehrer, siti = "^sjüti
— sbvbcb sutor; loviti jagen — lovbcb Jäger, tvoriti machen
— tvorbcb Schöpfer, davati geben — davbch Geber, drzati
halten — samo-drzbcb Selbstherrscher, zbr'a zhreti schauen
— zvezdo'Zbncb Sternseher. Im Litauischen entspricht
in gleicher Bedeutung -ikas, z. B. lüpti schinden — hpl-
kos Abdecker.
Eine seltnere Nebenform ist -bca, trotz seiner femini-
nalen Endung männliche Personen bedeutend: jamb {jad-)
jasti essen — jadbca Fresser, piti trinken — vino-pijua
Weinsäufer, sekq sesti hauen — secbca Henker.
Die Femininalform zu bcb ist -ica, weibliche Per-
sonen bezeichnend, ab. nur vereinzelt vorkommend, z. B.
bogo-rodica deoTÖKog zu roditi gebären.
Alle folgenden Bildungen von Nom. agentis sind mehr
oder minder vereinzelt und nicht lebendig.
3- -j^ (-Jo-)'- deti tun — -dejb in l'ubo-dejb jnoixo^,
zhlodejb Übeltäter^ j^fer'^ phreti se sich streiten — sa-pbr'b
Gegner, stregq siresti (= '^•sterg-) bewachen — stt'azb
(= "^storgjo-) Wächter, voditi führen — vosdb Führer.
Dazu einige femininaler Form, männlicher Bedeutung:
delati — drevo-del'a (Holzarbeiter) Zimmermann, tekq testi
laufen — predb-teca Vorläufer, mogq mosti können —
velb-moza Vielmögender, Vornehmer, Herrscher.
4. -tajh^ dessen lit. Entsprechung -tojis dort allge-
mein anwendbar ist, nur in einem Beispiel unmittelbar
von einem primären Verbum (einer Wurzel) ableitend:
ratajb = *ortajb Pflüger, Ackersmann zu orq ich pflüge
= lit. artöjis (zu drti); außerdem einige Wörter auf -atajb
ohne Rücksicht auf den«ugrunde liegenden Verbalstamm:
choditi gehen — chodatajb Bittgänger, voditi führen —
§61.62.] Substantiva. 73
provodatajh Geleiter, jwzoratajb Zuschauer, Spion (wohl
unmittelbar von pozorb Schau).
5. -h (i-Stamin), ganz vereinzelt: jamh (jad) essen —
medv-edh (Honigesser) Bär, holeti krank sein — boli
Kranker. — Hier sei auch das einzige -th angereiht:
iajiti verbergen — ta-th Dieb, vgl. gr. |Lidv-Ti-(;.
Über -ar'b bei Nom. ag. s. § 63 III 1.
Ursprünglich gehören hierher auch die sogenannten
Partizipia prät. akt. II auf -h\ da-h eigentlich «Geber»,
nes-h «Träger» (s. § 172).
62. II. Wörter, die den Träger einer Eigen-
schaft bezeichnen; Ableitungen von Adjektiven
und adjektivischen Partizipien.
1. -ik^, f. -ica, lebendig und bei gegebener Gelegen-
heit neu anwendbar. Durch Verbindung mit den zahl-
reichen Adjektiven auf -bm entsteht das zusammenge-
setzte Formans -hnikh {-nik in den lebenden slav. Sprachen
und in dieser Form dort selbständig geworden).
a) -ikh, angewendet zur Ableitung von Part. prät.
pass. ; die Wörter bedeuten die Person, an der die Hand
lung des Verbums dauernd oder regelmäßig ausgeübt wird:
uciti lehren iicem gelehrt — ucenikh Schüler, f. ucenica,
maciti martern macem gemartert — macenikh Märtvrer,
l'ubiti lieben l'uhlem geliebt — l' uhlenikb Geliebter, Lieb-
ling. Selten ist -ik^ bei andern adjektivischen Wörtern:
zlaH golden — zlatikrb^ zlatica Goldmünze (daneben zlatbm
— zlaihnikh zlathnica, s. b).
b) -bn-ikh, f. -bnica: grechz Sünde gresbm sündig —
greshnikb Sünder, f. gresbnica, j^zykh Volk pl. jezyci Heiden
jezycbm heidnisch — j^zycbnikh Heide, pravbda Gerechtig-
keit pravbdhm gerecht — pravbdbnikb gerechter Mann,
dhß Schuld dlzbm schuldig — dUbnikh Schuldner. Ge-
legentlich kommen in gleicher Bedeutungsart so gebildete
sachliche Konkreta vor, z. B. sbvehro Silber swebrbm
silbern — sbrebrbnikb Silbermünze (vgl. Silberling), istokT,
Ausfluß, Quelle, isiocbm — istocbnikh Quelle, prazdbm
müßig — prazdhnikb Festtag.
74 StammbiUlunK der Nomina. [§62.63.
Rezeichnet das dem Adj. auf -hm, zugrunde liegende
Substantiv einen Gegenstand, der die ßosch.äftigung einer
Person bildet oder bilden kann, so bedeuten die Bildungen
auf hnikh Personen, die mit solchen Dingen re.fi;el-
mäßig zu tun haben: vrata Tor vvatbuh auf das 'l'or
bezüglich — vrathniki, Türhüter, pcncdzh Geld iwnrzhm
geMlich — pencz1mik^ Geldwechsler. Durch diese Bedeu
tungswendung spielen die Bildungen in die Klasse der
unter III (§ 63) behandelten hinüber.
Das Litauische hat in gleicher Anwendung -ininkas
(-in-ikas), z. B. laükas Feld lauklnis auf Feld bezüglich —
laukininkas Ackersmann, Landmann.
2. -hcb, f. -ica. Ursprünglich wird im Slavischen die
Verwendung eines Adjektivs, auch des bestimmten, als
Substantiv vermieden, und ein vom Adjektiv abgeleitetes
Substantiv, gewöhnlich auf -hch, gesetzt: mrtv^ tot —
mrtvhcb der Tote, slep^ blind — slephch ein Blinder, der
Blinde (vgl. Matth. 15. 14 oöriYoi eiai luqpXoi xuqpXujv
TuqpXoq 6e TuqpXöv edv ööriTf], diaqpoxepoi eiq ßo^uvov
TTecTouviai, vozdi sah slepi slephcetm^ slephCh ze slephca
aste vodihj oba v^ janiq vhpadete se), crm schwarz — crnhch
(Schwärzung) Mönch crnica Nonne, vgl. crnoriz^ (zu riza
Kleid) schwarz gekleidet — crnorizhch Mönch, starb alt
— sta^-hch Greis starica Alte, Greisin, prishh angekommen
(shtb Part. prät. a. II zu iti) — prishhch Ankömmling.
Genau so lit. -ikis (seltner -ikas), f. -ike, z. B. naüjas
neu — naußkas Neuling, jdunas jung — jaumkis junger
Mann (Bräutigam), f. jaunlke, rüdas rotbraun — rudike
(eine Pilzart) Rötling.
3. -bki, im Altbulgarischen sehr selten : cetvrtb vierter
— cetvrtbkh Donnerstag (vierter Wochentag), p^t^ fünfter —
p^tbkh Freitag, presm ungesäuert — opresmkb unge-
säuertes Brot.
68. III. Wörter, die den mit einem Gegen-
stand, gewöhnlich gewerbsmäßig oder dauernd,
Beschäftigten bezeichnen; Ableitungen von Sub-
stantiven.
§ 63. 64.] Subetantiva. 75
1. -ar'h (Entlehnung aus dem Germanischen, got.
■areis, z. B. laisjan lehren — laisareis I^ehrer): myto Zoll
— myiar'h Zöllner, vino Wein — vinar'h Winzer, ryha
Fit>ch — ryhar'b Fischer, vinog7'adh Weingarten — vino-
gradar'h Weingiirtner.
Die Verwendung des -ar'h zur Ableitung von Nora,
agentis aus Ver}>en wird im Altbulgarischen noch ver-
mieden, in ein^'gen slaviechen Sprachen wird sie im Laufe
der Zeit häufiger, z. B. pekq backe — pekair'h Bäcker,
zbdati formen — ^i,dar'b Töpfer, pisati schreiben — pisar'h
Schreiber. Aus dem Slavischen ist ar'h als orius ins
Litauische übergegangen: lekorius Arzt aus lekar'h; klastä
Betrug — klastörius Betrüger.
2. -fc;"rt-, nom. -?>ji, Maskulina femininaler Form: sqdh
Gericht — sqdhji Richter, veh Ausspruch — vethji Redner;
balhji Arzt (eigentlich «Besprecher») zu baja hajati fabulari,
zunächst wohl von einem verlornen Substantiv *balh oder
*bah incantatio (vgl. rus?. dial. bafy törichtes Gerede). Für
•hji auch -iji nach § 15 1 4.
3. -chjiV {-hcbja-, -bcbjä-), nom. -chji, Maskulina femi-
ninaler Form: krma Schiffshinterteil, Steuer — krmbCbji
Steuermann, khniga Schrift — k^nig^cbji Schreiber, sarh
(bunte) Farbe — sar^cbji Maler. Für -chji auch -ciji
nach L5 I 4.
Alle drei Arten von Bildungen sind nicht häufig.
64. IV. Wörter, die den zu einem Lande,
einem Wohnort, einer Menschenklasse gehören-
den bezeichnen (Völker-, Einwohner- und Klassen-
namen).
1. Zu Pluralen, die eine bestimmte Menschen-
klasse bezeichnen, kann mit Formans -im Singular und
Dual gebildet werden, die dann ein oder zwei Individuen
dieser Klasse ausdrücken: zidove Juden — zidovim ein
Jude, iidovina zwei J., voji Soldaten — vojim Soldat, ojhini
ds. — ojhmim, pogani Heiden — poganim Heide.
2. -en-, -Jan., plur. -en-e, -ja?ie bildet Völker- und Ein-
wohnernamen, Singular und Dual erhalten dazu noch For-
76 ßtammbildung der Nomina. [§ 64. 65.
man? -inh (s. 1), bezeichnen also ein oder zwei Individuen des
betretTenden Volkes oder der Einwohnerschaft. Die meisten
im Altbulgarischen vorkommenden Beispiele sindAbleilungen
von fremden Orts- oder Volk.<namen: slovene Slaven —
slovenim Slave, slovenina zwei Sl. ; Galileja — Galilejane —
Galilejanim Galiläer; IzdracHtenim Israelit; zemVa Land
— zeml'ane Landsleute — zeml'anim Landsmann. Nach
palatalen Konsonanten wird -en- {e = e) zu -'an-; wahr-
scheinlich ist überhaujit die Form -an- so entstanden
und dann verallgemeinert und selbständig auch bei nicht
mit palatalem Konsonanten versehenem Grundwort ange-
wendet, vgl. Rum Rom — B'nnl'anim Römer, pl. Rimtane,
grad^ Stadt — grazdane = *gradjane Stadtbewohner, Bürger
— graidayiim. Dem -cn- entspricht lit. -ena- gleicher An-
wendung, z. B. Tihe Tilsit — Tiltenas Tilsiter, kälnas
Berg — kalncnas Bergbewohner.
65. V. Nomina instrumenti.
1. -dlo (so westslavisch), ab. -lo (so auch südslavisch
und russisch, s. § 52 B I): or-ati pflügen — *o)'dlo Pflug
c. rddlo^ ab. ralo; siti nähen — c. sidlo Ahle, ab. silo; mijti
waschen — c. mydlo Seife, ab. mylo; lett. se-t binden —
poln. sidio Strick, ab. silo: horq hrati = Horii kämpfen
— *bordlo 6. pl. hradla vSchanze^ ab. za-bralo Schutzwehr;
praviti gerade richten — poln. prawidto Regel, ah. pravilo]
zrcati schauen — c. zrcadlo Spiegel, ab. zrcalo.
Da es auch ein ebenso verwendetes -lo gibt (s. 2),
ist aus dem Altbulgarischen, den andern südsl. Sprachen
und dem Russischen nicht entscheidbar, wann dies,
wann -dlo anzusetzen, entscheidend sind die westslavischen
Formen.
2. -lo und -slo, dies beschränkt auf Bildungen von
Wurzeln auf <, c/, z: grebq greti rudern — greblo Ruder,
cbtq cisH zählen — cMo Zahl, vezq, vesii fahren — veslo
Räder, vpzati binden uv. bekränzen — uv^alo Kranz,
mazati salben, schmieren — maslo Salbe, Öl.
3. -to, einige alte Bildungen: lit. sijöti sieben — sito
Sieb, *dhlbq serb. dübem sculpo — *dolbto (preuß. dalptan)
I
§ 65. 66.] Substantiva. 77
dlato (serb. dlijcto = *d€lto) Meißel; phnq pfti spannen —
pqto Fessel; vhrq vreti schließen — *vorta vrata Tor, lit.
varfat (vgl. lit. spqsias Falle zu spenden sp^sii Fallen stellen,
grqttas Bohrer zu gr^tiü greiii umdrehen).
66, VI. Wörter zur Bezeichnung des Ortes, wo
sich ein G^egenstand befindet oder eine Hand-
lung vor sich geht.
1. -Ute = *-iskjo\ das einfache -isko noch westslavisch,
z. B. c. ohen Feuer {ognb) — ohnisko (ognisko) Feuerstätte.
a) Ort eines Gegenstandes, durchgängig Ablei-
tungen von sachlichen Konkreta oder Nomina actionis:
sqdz Gericht — sqdiste Gerichtsstätte, gr^oih Dünger —
gnoßste Dungstätte, treha Opfer — irebiste Altar, pozorb
Schau — pozoriste Theater, s^mhim Versammlung — s^w!)-
miste Versammlungsort, Synagoge.
b) Wo der Ort einer Handlung bezeichnet wird,
liegt wohl durchgängig eine ^Ableitung' des betreffenden
Verbums zugrunde; chraniti bewahren — chraniliste Auf-
bewahrungsort, v^lagati einlegen — v^Iagalisfe Einlegeort,
Tasche, iiti leben — siliste Wohnort. Man kann dabei
denken an Ableitungen von alten Neutren aXif -lo, vgl.
sedati sich setzen — sedalo und sedaliste Sitz; vielleicht
liegen aber alte Nom. agentis auf -h (die späteren Part,
prät. a.) zugrunde, vgl. dazu spätere Bildungen wie dela-
telisü Werkstatt zu delatett Arbeiter.
Wo Beziehung zu einem Verbum ohne Vermittlung«
einer -^-Bildung vorzuliegen scheint, ist wahrscheinlich
doch ein altes Nomen zugrunde zu legen, z. B. pri-heziste
Zufluchtsort, eher zu einem pribeg^ Zuflucht als unmit-
telbar zu prihezati prihegnqii.
2. -hnica, d. hi Ableitungen mit -ica von Adjektiven
auf -bm; das Adjektiv braucht nicht jedesmal wirklich
vorhanden zu sein, -hnica ist dann aus den vorhandenen
Fällen verallgemeinert: 7'iza Kleid, rizbm auf Kleid be-
züglich — rizhnica Kleiderkasten; fbma Dunkelheit, tbitib^ro
dunkel — thmbnica Gefängnis; Hto Getreide, ziibm —
78 Stammbildung der Nomina. [§66.67.
zitbnica Scheuer; mhzda Lohn, myto Zoll — mhzdhnica^
mytbnica Zollstätte.
67. VII. Derainutiva und Patronymika. Diese
Bedeutungsklassen sind nicht scharf scheidbar; der junge
Nachkomme wird als Verkleinerung des Vorfahren be-
zeichnet. Von den in den lebenden slav. Sprachen außer-
ordentlich häufigen Bildungen kommen im Altbulgarischen
wegen der Art der Literatur nur wenig Beispiele vor.
Wie in allen Sprachen verblaßt die verkleinernde Bedeutung
leicht und die Wörter unterscheiden sich dann in den
Anwendung nicht von den formal nicht deminuierten.
1. hcb m., -hce ntr., -hca -ica f.: cvetb Blume —
cvethch Blümchen, oblakb Wolke — ohlacbch, rogh Hörn —
rozhch Kepdiiov, gradh Stadt — gradbch, agnbch Lamm neben
agyip, telbch Kalb neben tel^; ein altes Deminutiv ist othch
Vater zu einem *oh, vgl. otbub den V. gehörig; c^do
Kind — c^dhce^ jaje Ei — jajhce; alte Deminutiva srdbce
Herz, vgl. lit. szirdis, slnue Sonne; niysb Maus — myshca
(eigentl. Muskel), Arm, dvvri pl. tant. Tür — dvhrhc^; altes
Deminutiv ovhca Schaf, vgl. lit. avis. Die Femininalform
ist gewöhnlich -ica: crky gen. crhhve Kirche — crkhvica^ lit.
muse (vgl. sl. mucha) Fliege — riVbiica Mücke, deva —
devica Mädchen, d^ska Brett — d^stica, ryha Fisch —
rybica.
2. Deminutivbildungen mit Ä-Formantien, in
andern slav. Sprachen sehr verbreitet, kommen ab. nur
vereinzelt vor, z. B. kliih Vorratskammer — klethka; die
Weiterbildung kamykh Stein zu kamy St. kamen ., vom
Nominativ ausgegangen, scheint ursprünglich Deminutiv
zu sein.
3. -f<-, nom. g (gen. -gt-e) zur Bezeichnung von Tier-
jungen oder jungen Tieren, ohne daß diese Bedeutung in
den Texten immer hervortritt: kozhl^ Bock — kozhlp, osbh
Esel — osblg eigentl. ovdpiov aber auch övoq, ovbca Schaf
— ovbcg ; die Wörter agng Lamm (neben agnbch), telg Kalb
(neben telhcb), zrehe Füllen (neben zrehhch) haben im
Slavischen kein entsprechendes Grundwort. Von jungen
II
§67—69.] :5ub8tantiva. 79
Menschen vereinzelt: otrokh Kind — oitocv.^ lUth f. eg. coli.
Kinder — det^. Kind.
4. -üth = -itjo-, lit, yiis (daher nicht in Verbindung
zu setzen mit -isie unter VI § 66) aus -itjo- ; die Patrony-
mika russ. -tc, serb. -?V, westsl.-ic. Es bildet auch Ableitungen
von femininalen Grundworten, ihm selbst steht keine ent-
sprechende Femininalform zur Seite: roh^ rahh Sklav —
roiis76 junger Skia V, 7'obicist b dasa. Supr. 171. 18 zu rohica
rabica Sklavin, also eigentlich Sklavinnensohn, dann junger
Sklav, deth Kinder — detistb neben det^, otroJc^ Kind —
oirocisth neben otroce. p^tisth junger Vogel neben pitica
(Grundwort '^p^ta fehlt), grlica Turteltaube — grlicisth\
mlad'h jung — ynladenisth (neben mladenbch) junges Kind.
68. VIII. Feminina zu entsprechenden Mas-
kulinen.
1. -ä, ab ganz vereinzelt: rah^ Sklav — raha Sklavin,
vgl. zmhjh Drache — zmhja Schlange.
2. -ja, ebenfalls selten: gospodh Herr — gospozda
Herrin, thsth Vater der Frau — tbsia Mutter d. Fr.
3. -2/»iä-, nom. -yni, Erweiterung mittels -njä- aus alten
Femininen auf -y (-M-), von denen einige erhalten sind:
svekry Mutter des Mannes, vgl. lat. socrus {svekrb Vater
des Mannes, socer), jpfry Frau des Mannesbruders, ncpJody
die Unfruchtbare (plod^ Frucht). Bespiele: rah^ Sklav —
rabyni Sklavin, hog^ Gott — hogyni Göttin, kh^i^dzb Fürst
— kinfgyni (vom älteren k^neg^ aus germ. kuning) Fürstin,
sqsedz Nachbar — sqsedyn'i Nachbarin, Samar'anim Sama
riter — Samar'anyni Samariterin.
4. ica^ die gewöhnliche Bildung; cesar'h König —
cesarka Königin, l'uhodejb Ehebrecher — l'uhodejica, ^yrorokb
Prophet — prorocica, vladyka Herrscher — vhidycica, vra-
tar'b Türhüter — vratarica.
69. IX. Wörter, die eine Handlung, einen
Vorgang bezeichnen, Nomina actionis (gelegentlich
auch konkret geworden), abgeleitet von Verben.
1. -bje (-ije, s. § 15 1 4), die allerhäufigßte und
eigentlich lebendige, von jedem Verbum mögliche Bildung
80 Stammbildung der Nomina. [§69-
des Verbalabstrakts (Nomen actionis). Die Bildung ge-
schieht aber nicht unmittelbar vom Verbalstamme aus,
sondern stets vom Partizipium prät. pass. auf -m, -em,
-h>, z. B. glagolafi sprechen — glagolam — glagelanhje das
Reden, prositi bitten — prosem — pvsenhje das Bitten.
Eigentlich sind also diese Wörter Abstrakta von adjektivi-
schen Partizipien (vgl. § 70 X A II) und bedeuten «das Ge-
sagtwerden» oder «Gesagtsein», «das Gebetenwerden»,
können daher ursprünglich nur von transitiven Verben her-
kommen. Die Bildung ist aber allgemein geworden zum
Ausdruck des Verbalabstrakts auch bei Intransitiven,
obwohl Partizipia pass. von diesen nicht vorkommen. In
der ab. Übersetzungsliteratur dienen diese Wörter regel-
mäßig zur Wiedergabe der mit t6 substantivierten griechi-
schen Infinitive t6 XaXf|aai glagolanhje, tö oiifiaai prosenhje.
Beispiele: a) Von transitiven Verben: videti videm
— videnhje das Sehen, goniti gonem — gonenhje das Ver-
folgen, dvignqti dvizem — dvizemje Bewegung, pogrebq
pogr ehern — pogrehenhje das Begraben, zhdati zhdam —
zhdanhje Erbauung; piti pitfb — pithje das Trinken, prop^ti
propfth. — propfAhje Kreuzigung. — b)Von intransitiven:
v^stati — v^stanhje Aufstehen, Auferstehung, v^schodit^ —
v^schozdenhje Hinaufgehen, sedafi sich setzen — pred^se-
danhje das sich vorn an setzen, byti werden, sein — paky-
hytbje TTaXiv-feveaia, slu-ti heißen, einen Ruf haben —
sluthje Ruf, ziti leben — zithje Leben, Lebensbeschreibung.
Alle mit andern Formantien gebildeten Nomina ac-
tionis sind, wenn auch z. T. recht häufig, kaum mehr als
recht lebendig erkennbar.
2. Auf -0- (Masc, nom. -^) lauten zahlreiche alte
Nom. act. aus, im Verhältnis zur Vokalstufe des Verbums
e h meist mit Ablaut o. In der überlieferten Sprach-
geschichte sind sie nicht mehr neu bildbar. Beispiele:
hifdq hl^sti irre gehen — hlqd^ (eigentl. Irrung) iropveia
s^hhrati s^berq versammeln — s^bm'^ Versammlung, s^d^
= *chh(h gegangen — chod^ Gang, razdhrati razderq zer-
reißen — razdorh Riß, Spaltung, grhmeti donnern —
§69.J Substantiva. 81
grorm Donner, mrknqti = '■^nihrknqti dunkeln — mrak^ =
*morkh Finsternis, s^■lezq -lesti hinabsteigen — a^laz^ Ab-
stieg, blhsnqti für *hlhsk-nqti erglänzen — ble8k^ Glanz,
raz-biti zerschlagen — razboj-h Raub, Mord, kryti decken
— krov-z Deckung, Dach, slysati = '^slycheti hören —
slucM Gehör, zhreti schauen — pozgrz Schau, zvhneti
tönen — zvom Ton.
Die zahlreichen hierhergehörigen Wörter haben sehr
oft konkrete, sachliche Bedeutung, z. B. bredq bresti waten
— bro(h Furt, cvhtq cvisti blühen — cvetb Blüte, Blume,
gniti faulen — gnojh Dünger, grebq greti graben — grobz
Grab, l^'kq lesti biegen — Iqkz Bogen, liti gießen — lojh
Talg, ri/ti graben — rovz Grube, vezq vesti fahren — vozz
Wagen, svhnqti (svht-) aufleuchten — svetb Licht, rezati
schneiden — ob-razz (Umriß) Bild, pletq plesti flechten —
plotb Zaun.
3. -ä, alte Nomina actionis, deren Bildung kaum
mehr in der überlieferten Sprachperiode fortgesetzt ist:
gybnqti verderben, zugrunde gehen — paguba Verderben,
ceznqti schwinden — pro-kaza Schwund, Aussatz, l^kq l^sii
biegen — Iqka (Biegung) List, zu W. me^k- in rn^kbkz weich
(vgl. lit. mlnkyti kneten) — mqka Qual, zavideti neiden —
zaviäa Neid, vlgzkz feucht, vgl. lit. vllgyti anfeuchten —
vlaga == *volga Feuchtigkeit; vgl. noch chvala Lob, chula
Lästerung, groza Schauer, Schreck. Oft sind solche Bil-
dungen Konkreta: vpzati binden — qza Fessel, phn<} p^ti
spannen — o-pona Vorhang, lit. renkü rinkii sammeln —
rqka Hand. Die Maskulina sluga Diener, voje-voda (zu
voji pl. Krieger, vedq vesti führen) Heerführer, sind ur-
sprünglich = «Bedienung, Dienerschaft», «Heerführung».
4. -Ja, nicht mehr lebendig: Jawt) (Jad-) jasti essen -r~
jazda Essen = Speise, krmiti nähren — krfnl'a Nahrung,
hgati lügen — hza Lüge, na-dejati nadesdq s^ hoffen †”
nadezda (vom Präsensstamm) Hoffnung, nqditi nötigen —
nqzda Zwang, piteti nähren — pista Nahrung, pbreti s^
streiten, disputieren — phra Streit, Disput, pri-tbknqti
anstoßen — pritzca irapaßoXri, sz-r^stq (r^t-) -resü (ret-) be-
Leskien, Altbulgarische Grammatik. S
82 Stammbildung der Nomina. [§ 69.
gegnen — S7>)rsta (vom Präsenestamui) Begegnung, Zu-
fall, str^ga sfre^ti (= ''^sterg-) bewachen — straza = ''Sforza
Wache, W. srn- fließen — struja Strom, velcti befehlen
— Vota Wille, zcleti trauern — zel'a Trauer, iedafi dür-
sten — i^-ida Durst.
5. -h, fem. i-Stämme, ziemlich häutige, aber starre
Bildungen: hl^dq blesti irre gehen — blrdh Betrug Tiopveia
choteti wollen — po-chofb Begierde (das einfache clwfb be-
deutet meretrix), jamb jasti (Jad-) essen — jadb Essen (und
konkret «Speise»), sin-edb dass., iia-chnq -Ceti anfangen
— is koni von Anfang an (zu einem nicht gebräuchlichen
nom. konb), kovati schmieden okovafi umschmieden —
okovh (Umschmiedung) Fessel, padq pasti fallen — pj-opadb
Abgrund, pytati forschen — iffpi/ib Untersuchung, skrbeti
(= *skbrb-) bekümmert sein — skrbh Kummer, tvoriti
machen, schaffen — fvarb Schöpfung, vedeti wissen —
vedh das Wissen, pro-po-vedb Predigt (zu propovedeti), za-
povedh Gebot (zu zapovedeti).
6. -/t), femininaie ?'-Stämme, ebenfalls recht häufig,
aber kaum im Altbulgarischen noch lebendig: za-byti ver-.
gessen — zabyib das V., cbtq, cisii ehren — ci)Sth Ehrung,
Ehre, damt dafi geben — blagodath (Gutgabe) Gnade,
deti tun — blago-detb (Wohltun) Gnade, mazaii schmieren,
salben — masth Fett, Salbe — mbra mreti sterben -- 5?^-
mrtb Tod,, padq pasti fallen — na-pasth (eigentl. Anfall)
Versuchung, pi'opasih Abgrund, stradaii leiden — strastb
Leiden TTddo<;, vedeti wissen — vesth Kunde, Gerücht,
povesth Erzählung, fizvestb Gewissen CTuveibrian;, za-vidtii
beneiden — zavistb Neid, vladq vlasli herrschen — vlastb
Herrschaft, u-zasnqti erschrecken intr. — uzastb Schrecken,
eiti leben — zitb das L., pazitb Futter.
7. -nh, ~snb, -znb, femin. i-Stämme; wenig zahlreiche
Beispiele :
a) -nh: bor'q brati = '^•borti kämpfen — branh ^^
*borm Kampf (lit. barnis), dati geben — danh Gabe, kazati
zeigen kaznh Anweisung, Edikt, Strafe, pre-sfati auf-
hören — prestanb^ nur in bes prestani ohne Aufhören.
§ 69.] Subetantiva. 83
b) -snh: bajq hajati fabulari, — hasnh Fabel, Mythus,
peti singen — pesnh Gesang, Lied.
c) -znh: iiii leben — diznh das L., Jwvq kovati
schmieden — kbznh kyznh böse List, Ränke, hojati s^ sich
fürchten — hojaznh Furcht, holeti krank sein — holeznh
Krankh^iit, kajati sp bereuen — kajaznh Reue, jmjati be-
günstigen, beistehen — prijaznh Gunst, Huld, neprijaznh
(Unhold) Teufel.
8. -Ib und sh, femin. i-Stämme, -wenige Wörter und
meist konkret geworden :
a) -h: myslh Gedanke, dunkeln Ursprungs; b) -sh:
rastq rasti wachsen — leto-raslh (Jahres-, Sommerwuchs)
Schößling, Zweig, novo-rash neuer Schößling; gqdq gqsti
Zither spielen — gqsli pl. t. Zither; jamh jasti (j^-) essen
— jasli pl. t. Krippe.
9. -elh, femin. i-Stämme, nach Gutturalen (die vor e
palatalisiert werden) -'ah (s. § 7 II 3; § 41. 1): gyhnq-ti zu-
grunde gehen — gyheh Verderben, ohitati wohnen —
obifeh Wohnung, obr^stq ohresti {ret-) finden — obreteh
Fund, kqpati baden — kqpeh Bad (konkret)^ svirati
flöten — svireh Flöte; pekq pesti s^ sich sorgen — pecah
Sorge, piskati pfeifen, flöten — pistah Flöte, mlcati
= *-keti schweigen, nüknqti verstummen — mlcah das
Schweigen.
10. -tva, nicht ganz selten, aber kaum noch recht
lebendig: hriti rasieren — hritva Schermesser, khnq klfti
fluchen — kl^tva Fluch, pasq pasti weiden — pastva
Weide, i&wa z^ti schneiden ernten — i^tva Ernte, ihrq
irti {zreti) opfern — zrtva Opfer, loviti jagen — lovitva
Jagd, moliti bitten mnoliti s^ beten — molitva Gebet, nvati
reißen — rbvatva das R. (Krankheit), zeUii trauern —
zeletva Trauer.
11. -ezh^ mask. j'o-Stämme, ab. nur vereinzelt vor-
kommend: rn^tq mpH umrühren, verwirren — mfiezh
Tumult; vgl. sonst: g'bb- gznqti falten — g^bez^ Faltung,
grabiti raffen, rauben — grabezh Raub, kladq klasti legen
— pokladezh Niederlage, Depositum.
6*
84 Stammbildung der Nomina. [§69.70.
12. -hba; bestimmt von Verben kommen: alkati
hungern — alcbba Hungern, Fasten, siradati leiden —
stradbba das L., eledq zUsii Strafe zahlen — zUdbha Geld-
strafe, wohl auch moliti — molbha Gebet. Von andern
kann es zweifelhaft sein, ob Verbum oder Nomen zunächst
zugrunde liegt, z. B. ceh heil celiti heilen — cehha Heilung,
Ukb Heilmittel leciti heilen — lecbha Heilung, sqdh Gericht
sqditi richten — sqdbha Gericht, sluga Diener sluziii dienen
— sluzbba Dienst; doch führt die Bedeutung eher auf
Ableitung aus den Verben. Bei einigen liegt sicher
ein Nomen zugrunde: tatb Dieb — taibha Diebstahl, vlchm»
Zauberer — vUbba Zauberei.
o
13. -eth -oth ^^t^ -bio bilden Wörter, die Geräusche
bezeichnen, daneben stehen entsprechende Verba mit dem
gleichen Formans: r^p^^^ GemxxxT — r^p^tafi, skrbzbtb Knir-
schen (der Zähne) — skrbzbtati, sbintt Flüstern — sbp^tati,
klbcbtb Klappern (der Zähne) — klicbtatl, klopoU Geräusch —
klopotati, trepeh Zittern — frepefati. Dahin gehört wohl
auch mbcbii) phantastische Erscheinung, Traumbild —
mbcttuti.
14. -^A^»; die Wörter bezeichnen nicht sowohl die
Handlung als deren Resultat. Von den wenigen ab.
belegbaren Beispielen sind die meisten von Partizipien
prät. pass. abgeleitet : izbyti im L^berfluß, übrig sein Hzbyto
— izbytzkb das Überschießende 7Tepicraeu)aa, ebenso pribyti
hinzukommen — pribytbkz Gewinn; nacinq naceti an-
fangen nac^tz — ■nacetzkrj Anfang, ostaii übrig bleiben
'^osfam — ostamkb Überbleibsel, nedostati (nicht bis hin
stehen, nicht hinreichen) fehlen '^nedostah — tiedosiatblro
Mangel ; viti wickeln vih — shvitbJch Heft (eine zusammen-
geheftete Rolle). Unmittelbar vom Verbalstamm pleta
plesti flechten — shpletiJa Verflechtung.
70, X. Abstrakta von Adjektiven und Sub-
stantiven. Die Bezeichnung Abstrakta ist hier in einem
etwas weiteren Sinne verwendet; es sind darunter auch
Bildungen einbegriffen, deren Bedeutung nicht völlig dem
entspricht, was man im engeren Sinne abstrakt zu nennen
J
§ 70.] Substantiva. 85
pflegt. Der Vorsucb, die Bedeutungsfärbungen zu be-
stimmen, ist unten gemacht, kann aber bei der ab. Über-
setzungs- und Nachahmungsliteratur nicht vollkommen
ausfallen.
A. Reine Abstrakta von Adjektiven, d. h.
Wörter, die eine Substanziierung der Eigenschaft aus-
drücken.
1. -osth (nach Palatalen -esth) fem. i-Stämme, -ota
(-efd), wohl die geläufigsten Bildungen zu dem genannten
Zweck; ein Bedeutungsunterschied zwischen beiden ergibt
sich nicht, öfter kommen vom gleichen Adjektiv beide
Formationen vor: biijh töricht — biijestb Torheit, cüh rein
— cistosfh cisfofa Reinheit, dobrb gut — dobrosth Güte
dobrota (übersetzt Ps. 29. 8 KctWo«;), nafß> nackt — nagosth
tiagota^ skort schnell — skorostb skorota^ svetbli hell —
svetblostb svethlota, ticJa still — fichosth tichota, teph toph
warm — teplosth toplota. Vgl. noch: -ostb, chytrb schlau —
chytrosth, drz^ kühn — drzostb^ krip^ stark — kreposibj
mih erbarmenswürdig — milostb Erbarmen, starb alt —
starostb; -ota^ vysokh hoch — vysota, dlgz lang — dlgota^
mokrb feucht — mokrota, nistb arm — nisteta Armut,
sujh eitel — mijeta.
2. -hje -ije (vgl. auch § 69. 1), lebendig, aber ab. nicht
gerade viel belegt: STdrai^ gesund — S7)d..ravhje Gesundheit,
veseh froh — vesehje Fröhlichkeit, Vergnügen. wiZo.^rfT. barm-
herzig — milosrdhje, velikb groß — velichje Großheit, gobhdzh
reichlich — gobhdzhje reiches Gedeihen, L^berfluß. Aus
der Gesamtheit der Beispiele und ihrem Zusammenhange
kann man zu dem Eindruck kommen, als bezeichneten
sie nicht sowohl, wie die auf -osfb -ota, die Eigenschaft
an sich, als vielmehr einen Zustand, der auf dem Besitz
der Eigenschaft beruht.
3. h, fem. ?-Stämme (vgl. auch 69. 5), im Altbul-
garischen nicht selten, in andern slav. Sprachen häufig:
zTJh böse — zilb Bosheit, Schlechtigkeit, tvrd^ fest —
tvrdh Festigkeit, Feste, stiidejvh kalt — studenh Kälte.
4. -2/ (-Ü-) und -ynjä- (Nom. -yni). Die alten Bildungen
86 Stammbildung der Nomina. [§70.
auf -ö- sind ganz selten : l'ub^ lieb — ruhij Liebe, preluby
adulterium, ceh Heil — cely Heilheit (Heilung). Häufiger
ist die Weiterbildung mit -njä- zu -ynä-: hla^ gut —
hlagyni Güte, gräh stolz — grdyni Stolz, prav^ recht —
pravyni das sich recht Verhalten, prostb QinidiGh. —^ prostyni
Einfachheit, Einfalt, pusth wüst — ptistyni (Wüstheit)
Wüste, svptb heilig — svetyni Heiligkeit, Heiligung. In
milostyni liegt Erweiterung des gleichbedeutenden mi-
losth vor.
5. -ja, selten: rb^da (Röte) Rost, zu einem Adj. *rtidho-
*rbdb, vgl. lit. rudas, vielleicht aber unmittelbar zu rbdäi
sf rot werden; c^sh dicht — cpsto Dickicht, s^^ch^ trocken
susa Dürre, tvrdb fest — tvrzda (Festigkeit) Befestigung,
tlsth dick — Üsta Dicke, Fettigkeit.
6. -hba und -oha^ sehr wenig Beispiele (über -hba s.
§ 69. 12): drug^ Freund — druzhha Freundschaft (kann
indes auch an das Verbum druziti angeknüpft werden); z^l^
böse — z^loba (daneben z^lobb) Bosheit, qtrh adv. innen
— qtroba (Inneres) Leib.
7. -hda^ nur prav^ recht — pravbda Gerechtigkeit,
i;ra^ Feind — vrazhda Feindschaft; außerdem im Slavischen
nur noch krivh krumm, unrecht — krivhda Ungerechtig-
keit. Vielleicht liegen hier alte Komposita mit einer
Ableitung von W. de- (in de-ti tun) idg. dhe- vor.
B. Wörter, die mehr oder minder zu kon-
kreter Bedeutung neigen, nicht sowohl die Eigen-
schaft an sich, als ein aus dem Besitz der Eigenschaft
hervorgehendes Wesen, einen Zustand usw. bezeichnen.
1. -ina, von Adjektiven wie von Substantiven.
a) Von Adjektiven; nicht eigentlich Abstrakta,
sondern Wörter, die mehr die Stelle, den Stoff, den
Gegenstand ausdrücken, an dem die Eigenschaft haftet:
glqbokb tief — glqhiim nicht eigentl. «Tiefsein», sondern
«Tiefe» als tiefe Stelle, dupVh hohl — dupina Höhlung,
Höhle, istb wirklich — istina Wahrheit (als wahre Aus-
sage), obhstb gemeinsam — obhsthia Vereinigung, sed^ grau
(vom Haar) — sedina graues Haar, tajh adv. verborgen —
§ 70.] Substantiva. 87
tajum Geheimnis, tichh still — tisUia Stille z. B. als Wind-
stille, drugz Freund, Genosse — druzina Genossenschaft,
desQtb zehnt — des^ihm der Zehnte (Abgabe). Dahin
auch: stardjh (Korapar. zu star^ alt) — starejhshui (eigentl.
Alterschaft) Ältester, Vorsteher.
b) Von Substantiven. In andern slav. Sprachen
gibt -ina, ableitend von Tiernamen, Wörter für Fleisch
oder Fell der Tiere, z. B. zvet-y Wild — zverina Wildfleisch,
vlk^ Wolf — vlcina Wolfsfell (eigentlich «was von Wildes-
art, Wolfsart ist»). Im Altbulgarischen bietet die Lite-
ratur kaum Gelegenheit zur Anwendung solcher Wörter;
man kann hierher zählen: maslo Öl — maslina Ölbaum,
rogoz^ Schilf — rogozina Schilfmatte, paqkb Spinne —
paqmm Spinnweb, otrokb Kind — otrocina Kindheit (nicht
Kindlichkeit»), othch Vater — othcina Vaterland.
Einigemal ist -izna vertreten : glava Kopf — glavizna
Kapitel; ukorizym Schmähung, Schmach, entweder zu ukor^
dass. oder zum Verbum u-koriti schmähen, schelten.
2. -hstvo; die Wörter bezeichnen, wenn von Sub-
stantiven herkommend, Wesen oder Würde, die aus
dem Begriffe des Grundwortes entspringen^ wie im Deutschen
-tum, 'Schaft^ -heii^ Königtum, Herrschaft, Mannheit; wenn
von Adjektiven, eine Wesenheit, einen Zustand auf
Grundlage des Adjektivbegriffes, im Deutschem -tum^
â– heit, Reichtum, Vielheit.
a) Von Substantiven: cesar'h König — cesar hstvo
Königtum (auch Königreich), cloveJcb Mensch — clovechstvo
Menschheit (auch zuweilen Menschlichkeit humanitas),
deva Jungfrau — devbstvo Jungfernschaft, Jungfräulich-
keit, mqzh Mann — nmzhstvo Mannheit (Mannhaftigkeit)
othch Vater — othchstvo (Vatertum) Vaterland, hog^ Gott
bozhstvo Gottheit, Göttlichkeit, vladyka Herrscher — vla-
dycbstvo Herrschertum, Herrschaft.
b) Von Adjektiven: hogath reich — hogatutvo ^Qich-
tum, jedvm ein — jedinhstvo Einheit, mqdn weise — mq-
dy^üvo Weisheit, mvnog^ viel — tmnozhstvo Vielheit, Menge,
sy seiend (Part. präs. zu jesmh) St. säst- — sqstbstvo Wesen
88 Stauimbildang der Nomina. [§70.71.
(gebildet nach oucTia; dasselbe bedeutet jesihaivn^ gebildet
eutweder von 3. jiräs. jeüt^ oder von einem nach Analogie
gebildeten Partizip *'jefitb, vgl. zu sbd7> gegangen sbsfhje
Reise wie von einem *sbstb).
Im Altbulgarischen nicht sehr verbreitet ist die Er-
weiterung des -bstvo durch -bje zu -hstvhje, gleicher Bedeu-
tung: cesar'hstvo und cisar'hsfvhje, vera Glaube — nevenstvo
und neverhstvhje Ungläubigkeit, otbchstvo und oihchstvhje.
C. Syntaktische Verbindungen von Präposi-
tion und Kasus können zu einem einheitlichen
Nomen mit Formans -hje (-ije) verschmolzen werden.
Das so entstandene Wort bezeichnet gewissermaßen zu-
ständlich die Situation (Ort, Zeit, Umstand, Zustand), die
in der Verbindung von Präposition und Kasus als be-
sondrer Fall ausgedrückt ist, z. B. j^ri mor'i am Meere,
pri-morbje «das am Meere Sein>. Sobald, wie es sehr
häufig der Fall ist, das Substantiv einen sinnlichen
Gegenstand bezeichnet, werden die Ableitungen auf -hje
konkret, wie z. B. pnmorbje <^Land am Meer, Küstenland i'
heißt. Beispiele: meidu ramonm zwischen den Schultern
— mezdurambje Rücken, lJod^ nogama unter den Füßen —
pod^nozbje Schemel, predz dvoromb vor dem Hofe — p^-edir-
dvorbje Vorhof, bez^ d^zda ohne Regen — hezd^zdbje Regen-
losigkeit, hez^ c^da ohne Kind — besffdhje Kinderlosig-
keit, bez^ zakoiiü ohne Gesetz — hezakonhje Gesetzlosig-
keit, hez^ mlvy ohne Murren — hezmlvhjt Stillschweigen.
Von solchen Mustern aus sind gleichartige Bildungen auch
geschaffen worden, wo keine kasuelle Verbindung zugrunde
liegt, z. B. raspqtbje Kreuzweg, eigentlich «Stelle, wo die
Wege, pqthje, auseinander {ra<z-) gehen»; raz- wird nicht
mit Kasus verbunden.
71. XI. iCollektiva. Die einzige geläufige Bildung
geschieht mit -hje {-Ije): kamy St. kamen- Stein — kamenbje
Gestein, dqh^ Baum, Eiche — dqhhje Eichicht, kqjjvna
Nessel — kqpinbje, korerih Wurzel — korenhje^ loza Rebe
— lozbje^ prqht Gerte Reis — prqtbje, roz<ja dass, — raz-
dhje, zbzh Stab — zbzibje.
§71.72.] Adjektiva. 89
Solche Bildunpren ersetzen bei einigen Wörtern voll-
ständig oder fast vollständig den Plural, z. B. kamenhje
«Steine s und solche Kollektiva werden, obwohl siugu-
larisch flektiert, in der Regel als Subjekt des Satzes mit
dem Plural des Prädikatsverbum verbunden: kam^nbje
sath . . .
Andre Kollektivwörter sind vereinzelt: c^do Kind —
c^h f. i'-St. dvdpujTTOi (Menschenkinder), detf. Kind —
detb f. i'-St. Kinder, ein andrer Plural des Wortes wird
nicht gebraucht; bratr^ hratb Bruder — bratrhja brathja
eigentlich «Gebrüder», ersetzt den nicht gebrauchten
Plural *^rrtft *hratri; celadh f. i-St. Gesinde ^Hausgenossen-
schaft) ist ohne Grundwort.
B. Adjektiva.
72. I. Adjektiva, für die sich keine beson-
dere Bedeutungsgrenze angeben läßt.
1. Alte Adjektiva auf -o- (Nom. mask. '^) primärer
Bildung, nicht mehr lebendig, sind ziemlich häufig, z. B.
o-glhchnati taub werden — glucJa taub, o-slbpnqti erblinden
— .slep^ blind, o-chnrnnq-ti lahm werden — chrona lahm,
inx^hnqti trocken werden — such^ trocken, vgl. noch l'uh^
lieb, hUdh bleich^ l'uth grausam, böse.
2. -hm, von Substantiven ableitend, drückt irgend-
eine Beziehung zu dem Begriffe des Grundwortes aus und
ist das häufigste aller Adjektivformantien: vera Glauben
— verhm gläubig, hrakb Hochzeit — brachuh auf H. be-
züglich, hochzeitlich, dIg^ Schuld — dlztrm schuldig,
med^ Honig — ruedvhm {inedv- = '■^■niedii-, u-St.) aus Honig
bestehend, zum H. gehörig, ütina Wahrheit — istinhyii
wahr, iiedqiß Krankheit — nedqibm krank, chsth Ehre —
cbsthm ehrenvoll, geehrt, crky gen. vrkbv-e Kirche — crkhvbm
auf K. bezüglich, kirchlich, kamy St. kamen- Stein —
90 Stammbildung der Nomina. [§ 72.
kamenbm steinig, vrenie Zeit St. vremen vremmhm zeitig,
zur Zeit vorgehend, neho St. nehes- Himmel — mhes^m
himmlisch.
3. -hkh {-hki) und -okh. Neben diesen Bildungen
stehen bisweilen einfachere Adjektiva ohne -^k7) -oJa>, oder
es sind solche als einst vorhanden aus den Komparativen
oder aus Ableitungen nachweisbar: drz^ und drz^k^ kühn,
O o o '
krtjii und h'cphk^ stark; krasth komp. kürzer — krahbi,
kurz, krotejh komp. krotosfh Sanftmut — krot^k^ sanft,
h^ajb komp. hgofa Leichtigkeit — lbg^k^ leicht, slazch
komp. skidosth Süßigkeit — slad^kb süß, tgzh komp. tcqosth
t^'zesfb Schwere — t^zhkb schwer.
Da von solchen Adjektiven mehrere sicher alte
?/-Stämme sind, vgl. lbg^-k^ eXaxuq, slmh-k^ (= "^sold-) lit.
saldüSj liegt es nahe, für die meisten der mit -zkb gebil-
deten Wörter ?t-Adjektiva vorauszusetzen, danach mögen
denn auch ursprüngliche o-Adj. in gleicher Weise behan-
delt sein. Vgl. noch qzhkb eng, gladhH glatt, gorbk^ bitter,
mrzhkb ekelhaft, redhkb selten, thmkT) dünn.
Neben -^.^?>- ist seltner -ok^: glqhokh tief, komp.
glqbl'b, glqbina Tiefe; siroki weit, komp. sir'h; vysokb hoch,
vysota Höhe; ^esfokh hart, u-sesüü verhärten, von einem
4. -ro- (Nom. mask. -r^): h^deti wachen — h^d,'^^ wach-
sam wacker, mok-nati feucht werden — mokn feucht,
rbdeti s^ rot werden — r^drb rot, chytiti ergreifen —
chyfrb gewandt, geschickt; vgl. ost)i> scharf otK-po-g, phs-t-r^
bunt 7ToiK-i\o<^, doh-rb gut doh-l'-h tapfer, mqdTb weise,
hystrb schnell.
0. -lo- (Nom. mask. -h), -eh, -hh, eine Anzahl Fälle,
deren Ableitung nur z. T. aus dem Slavischen zu erkennen
ist: r. dr'achnut' hinfällig werden — dr^chh und dr^seh
niedergeschlagen traurig, krqg^ Kreis — krqgh rund,
to2}iti heizen — t02)h feph heiß, kysnqti sauer werden —
kyseh — sauer, svetb Licht svetiti leuchten trans. — svethh
hell, vgl. noch 7mgh jäh, veseh froh, mhdhh zögernd
langsam.
1
§ 72.J Adjektiva. 91
6. -m, -euh, einige deutliche Ableitungen: solb Salz
— slam = *solm salzig, fiskati drücken — te.'^m = ""'teskrtb
eng, resm = '^reskm wahr, sicher, zu lit. reiszkiu ich
offenbare; vgl. noch plm = '^jihlm voll, lit. pilnas; r. stynut^
= '■■'stycl-nqü erkalten — studem kalt; zelem grün, vgl.
ze^b/'e grünes Kraut, lit. teliii ielti grünen; cruem rot.
II. Possessive Adjektiva, d. h. solche, die
einen Menschen oder ein Tier (selten eine Sache), deren
Namen der Adjektivbildung zugrunde liegt, als Besitzer
oder Inhaber des Gegenstandes darstellen, zu dem sie das
Attribut bilden, z. B. Petn, Petrus — domi» Fetrov^ Haus
des Petrus. Da das Altbulgarische die sogenannte pos-
sessive Anwendung des adnominalen Genetivs gern ver-
meidet, haben die possessiven Adjektiva, als Ersatz jenes
Genetivs, eine gewdsse Beziehung zur Deklination des
Substantivs.
1. -ov^^ angewendet zur Ableitung von männ-
lichen Personenbezeichnnngen, bisweilen auch von
Tiernamen. Das Formans hatte ursprünglich einen etwas
allgemeineren Sinn, indem es überhaupt die Zugehörigkeit
zu etwas bezeichnete, daher auch, wo das Grundwort
einen Stoff bezeichnen kann, das Bestehen aus dem
Stoffe, z. B. trm Dorn — tniovi, aus Dornen bestehend,
dornig, so in andern slav. Sprachen gerade von Pflanzen-
namen sehr gewöhnlich. Diese allgemeinere Bedeutung
zeigt sich noch in den nicht seltenen Bildungen auf
-ov-bm^ z. B. duch^ Geist — ducJiovhm (sila ducJiovhnaja x]
buva|Lii<; Tou TTveiJ^aTO(s), dusa Seele — dusevbm l}i\\)vxoq,
slo7ih Elefant — slonovhm elfenbeinern, grecho Sünde —
grechovbm zur Sünde gehörige dbnh Tag — dbnevhm
täglich .
Beispiele: Avramm — Avraamov^ Abrahams, fiipasitel'b
Erlöser — shpasitel evh des Erl., igemom fiYejuuJV —
igemo7lov^, Ihv^ Löwe — lbvov^, zmijb Schlange —
zmijev^.
2. -jhy ableitend von männlichen Personen- und
Tierbezeichnungen (dies seltner), vereinzelt auch von
92 Stammbildung der Nomina. [§ 72. 73.
weiblichen: clovikb Mensch — ölov^öb (nicht «menschlich^,
sondern) dem Menschen gehörig, otbch Vater — othöh des
V. (nicht «väterlich»), prorokb Prophet — proroch des Pr.
(nicht «prophetisch»), u^enikb Schüler — uceniöh, Avraaim
— Ävraaml'b; gov^do Rind — gov^zdb^ orhh Adler —
orbl'hy ovbivb Widder — oxrbnh; tnati St. ynater- Mutter —
mater b^ vbdovica Witwe — vhdoviöh^ ovhca Schaf — ovhch.
In einigen Fällen liegt zwischen dem Substantiv und
dem possessiven Adjektiv eine Adjektivbildung auf -hn-,
daher es auf -bnh ausgeht: hratrb Bruder — hratrbnh des
Br. (nicht «brüderlich»), *o^ othch Vater — otbnh.
3. -hjb {-ijh). Die wenigen Beispiele im Altbulgari-
scheu decken sich in der Bedeutung meist mit denen auf
-jh: hogii Gott — hozhjh Gottes (ursprünglich nicht «gött-
lich»), vrag^ Feind — vrazbjb, otrokb Kind — otrochjb,
rabi Sklav — rabhjh. In den andern slav. Sprachen
wird -hjb mit Vorliebe zur Ableitung von Tiernamen ver-
wendet, vgl. dazu ab. kurb Hahn — kunjh des Hahns,
ovhca — ovbchjb des Schafes, /^6S7> Hund — pbsbjh des
Hundes.
Gleicher Bildung ist chjb cujus zu kb-to quis; es ist
völlig pronominal geworden, wie die Possessivpronomina
mojb (mein) usw. (s. § 108).
4. -im. Im allgemeinen gilt für die slav. Sprachen,
daß -im ableitet von Substantiven auf -a und -6
(i-Stämme), seien sie Feminina oder Maskulina; in der
Regel von Personenbezeichnungen, doch gelegentlich auch
von Tiernamen: vojevoda Heerführer — vojevodim des H.,
sotona Satanas — sotonim des S., lona Jonas — lonim,
neprijaznb Teufel — neprijaznim^ golqbh Taube — golqbim
(und golqbinh), zverb Wild — zverim.
73. III. Adjektiva, die bedeuten aus dem
Stoffe bestehend^ den das substantivische Grund-
wort bezeichnet.
-enZj nach Palatalen -'am: drevo Holz — drevem
hölzern, lMl^ Lein — lbnm^ leinen, yriedb Erz — meden^
ehern, koza Fell — kozam ledern, rogz Hörn — rozam
§ 73—75.] Adjektiv?.. 93
hörnen, mozg^ Mark — mozdam aus Mark, vlas^ Haar
— vlasem aus Haar bestehend.
74. IV. Adjektiva, die aussagen: versehen
mit dem, was das substantivische Grundwort be-
zeichnet (wie lat. -osus).
1. -ath: krilo Flügel — knlaii geflügelt, mq^h Mann
— mqzata maritata^ *hog^ Anteil, Reichtum — bogato reich
(vgl. U'bogo arm).
2. -4tb: ynasth fett — mastitb Fett, oci Augen —
jmtiogo'O&itb mit vielen Augen versehen, ime St. imen-
Narae — inwniti namhaft. — Öfter findet sich -ov-iti:
doim Haus — domovitb (eig. «mit Haus versehen, be-
haust») Hausherr, sam Rang, Würde — sanovitb von
hohem Range, plod^ Frucht — plodomih fruchttragend.
Ursprünglich wird -a-tb zur Ableitung von «-Stämmen,
-d'tb von 2-Stämmen gedient haben, -av-itb auf alte w-Stämme
(wie dotm) zurückgehen, aber die obigen Beispiele zeigen,
daß die Formen verallgemeinert sind und beliebige
Stämme zugrunde liegen können.
3. -av^: skvrna Schmutz — skvrnavh schmutzig, fina
Kot — tinuifb kotig, Iqka 'Li?>i Iqky Ränke — Iqkain» ränke-
voll, böse, ky•^'uh Blut (St. "^krü- gen. kryo-e) — h•^vav^
blutig. Auch hier ist der Ausgangspunkt die Ableitung
von ä-Stämmen.
75. V. Adjektiva mit dem Sinne: von der
Art des Dinges, das durch das substantivische
Grundwort ausgedrückt wird, entsprechend den deut-
schen auf -isch (-iska-) in «irdisch, sklavisch, französisch»
usw., nur fehlt der im Deutschen bei Ableitungen von
Appellativen öfter damit verbundene Sinn des Verächt-
lichen (weibisch, kindisch). Soll im Deutschen das Ad-
jektiv diesen Sinn nicht haben, wird -lieh bevorzugt
(weiblich, kindlich). Im Litauischen in gleicher Anwen-
dung -iszka-s. Beispiele: phtb Fleisch — plT>h>skh fleisch-
lich, ieria Weib — zenhskb weiblich, cesar'h König —
cesarhskh königlich, dith Kindjer — detbski kindlich, zeml'a
94 SUnimbiklung der Nomina. [§75—77.
Erde — zeinl'hRkb irdisch, Binn Rom — rimhskh römisch,
slovene Slaven — slovenhskb slavisch.
-hski hat nicht possessive Bedeutung, vgl. hozhskh
göttlich d. i. von Gottes Art, hozhjh Gott angehörig; ölovdkb
Mensch — clovechskb menschlich, clovech dem Menschen
gehörig. Wo in den Texten -bskz in possessivem Sinne
erscheint, liegt eine üngenauigkeit oder eine andre Auf-
fassung des Übersetzers vor.
76. VI. Adjektiva mit der Bedeutung: ge-
neigt zu dem, was das Grundwort aussagt; -ivz: hzh
Lüge — hzivh lügnerisch, Um Trägheit — lenim) träge,
zilohh {zhloha) Bosheit — z^Iohiv^ bösartig, milosth Erbar-
men — inüosiiti) barmherzig, imjazrih Gunst, Wohlwollen
— prijaz7liv^ wohlwollend, rech Rede — recivh zum Reden
geneigt, bereit, pravhda Gerechtigkeit — pravhdivh gerecht,
stracla Schrecken — strasivh schreckhaft, feig.
Daneben stehen Bildungen auf -hliv^, (zu lesen wohl
-^tiv^, so immer im Serbischen): zavida Neid — zavidhlivh
neidisch, ohida Beleidigung, Unrecht — ohidhliirb beleidi-
gendj ungerecht.
Unmittelbar von Verbalstämmen werden Adjektiva
auf -iv^ nicht gebildet. Soll die Neigung zu einer Hand-
lung ausgedrückt werden, so liegt entweder das soge-
nannte Z-Partizipium (Partizipium prät. akt. II) zugrunde:
trpeti dulden trpeh — trpeliv^ geduldig, mlcati schweigen
micah — mlcaliv^ schweigsam, po-iicati lehren poticah —
poucaliv^ öibaKTiK6(;; oder es wird -hlim) verwendet: poslu-
sali gehorchen — poslnshlivh^ nach dem Muster von
zavidhlhit u. a., das dem Sinne nach sowohl zu zavida
(Neid) wie zu zavideü (beneiden) bezogen werden kann.
77. VII. Adjektiva, die die Möglichkeit einer
Handlung ausdrücken (-Toq). Sie kommen her mit
Formans -vivb:
1. Von Verbal Stämmen; von abgeleiteten in der
Art, daß der auslautende Vokal des Verbalstammes, a
usw., bei der Ableitung nicht in Betracht kommt: do-
kos7iqti anrühren — dokos-wn berührbar, jjo-zybati schwanken
§77—79.] Adjektiva. 95
machen — ne-pozyhhm unerschütterlich, po-stqpit\ lieran-
treten -- tie-postqyhm an was man nicht herantreten
kann, unbeweglich, do-stojati (bis wohin stehen) ausreichen
— dostojbm ausreichend.
2. Von Partizipien prät. passivi: iz-d-t-tsü (rek-)
aussagen izdreceiih — izdrecemm unaussprechlich^ is-pimti
ausschreiben, beschreiben ispisavz — ispisamm unbeschreib-
lich, 2)n-jfti annehmen prij^tb — prijetua annehmbar,
angenehm. Nach solchen Mustern können derartige Bil-
dungen auch von intransitiven Verben geschaffen werden:
is-tbleti verderben (corrumpi) *tblem — isthlenym un verderb-
bar, ^o-.9fra^afi leiden *postradam — ne-postradanhno der nicht
leiden kann.
78. VIII. Adjektiva von Adverbien abgeleitet,
die also die örtliche, zeitliche u. a. Beziehung der Adverbien
adjektivisch-attributiv machen. Regelmäßig und häufig
-wih: predh vorn — predhnh vorn befindlich, erster, vuiqtrh
innen — i^nqtrhnh innerlich, v^-isprh oben — irbispt^nh
oben befindlich, okrbsh ringsum — okrbstbnh umringend,
posledh zuletzt — posledhnh letzter, dynh-sh (acc. diera hunc)
heute — dbnhs^nh heutig. Adjektiva wie gorhuh oben be-
findlich, dohnh unten befindlich, utrhrih morgenlich, sind
nicht zunächst auf die Substantiva gora Berg, doh Tal,
utro Morgen zu beziehen, sondern auf die adverbiell ge-
brauchten Kasus göre oben, doli dolu unten, vfre früh.
In wenigen Fällen von Ableitungen aus solchen adverbi-
ellen Kasus bleibt die Kasusform erhalten, an sie tritt
Formans -hnh oder -sthiih: doma zu Hause — domashnh
domastbnh zum Hause gehörig domesticus; vime draußen —
vTmehnh -sthnh draußen befindlich; krovie (am Rande)
äußerst — kromeshnh -sthnh äußerst; nyne jetzt — nyneshuh
-sthnh jetzig; vhcera gestern — vhcerahm gestrig.
79. Anhang I. Substantivische Bildungen mit
Formantien, die sich nicht in bestimmte Bedeu-
tungskategorien bringen lassen, aber in größerer
Anzahl vorhanden sind.
96
StammbilduQg der Nomina.
[§79.80.
•es- ntr. Nom. -o: sloves- slovo Wort vgl. KXe/b^, zu
slovq shdi heißen sJy-safi hören; mhes- neho Himmel, vgl.
vecpoq; koles- kolo Rad, vgl. kolo als o-St.; cufles- endo
Wunder, Ules- Udo Körper, Leib (s. u. bei der Deklination
§ 94 V B).
-e?i-, Nom. mask. -enh (gen. ew-c) grehenb Kamm, zu
grehq greti graben; prsfenb Fingerring, zu prstz Finger;
vgl. noch sfepenh Stufe, korenh Wurzel, jelenh Hirsclr, jesenh
f. Herbst.
-men-, wenn Neutra nom. -wf, wenn Mask. nom. -y
(selten bewahrt), -menh: hrem^ h'emen- Last, zu herq bwati;
ci^me cismen- Zahl, zu chfq cisti zählen; pismc pismen-
Buchstabe, zu pisafi pisq schreiben; nemf scmen- Same,
zu sejq scti säen; vgl. vreni^, vrcmen- = '"'cermen- Zeit;
— pleme plemen- Geschlecht, Stamm — plamy plarnenh
Flamme, zu poleti in Flammen stehen, planati = *polnqti
aufflammen; kajny kamenh Stein, lit. akmü St. ak-men-\
remenh Riemen (s. u. bei der Deklination § 94 V A).
80. Anhang H. Übersicht über die oben vorkom-
menden Formantien, geordnet nach dem Anfangslaut (?», y,
h stehen zuletzt), aufgeführt in der Nominativform der
betreffenden Wörter, Die erststehende Zahl ist die Para-
graphenzahl.
-a Feminina zu Mask. 68. 1.
Nomina actionis 69. 3
-'ane {-ene) Völkernamen u. a.
64. 2.
•'am {-em) Stoffadjektiva 73.
-ai''h Personenbezeichnungen
63. 1.
~atb Adjektiva (-osus) 74. 1.
•chji Personen best. Berufes
63. 3.
~eh Adjektiva 72 L 5.
-elb Abstrakta 69. 9.
-em Adjektiva 72 L 6.
-emi-'am) Stoffadjektiva 73.
■ene Völkernamen u. a. 64. 2.
â– ^ (-pf-) Deminutiva 67. 3.
-estb 8. -osth.
-eta 8. -ofa.
-eh Geräusche 69. 13.
-e£h Nomina actionis 69. 11.
-ica fem. Nom. agentis 61. 2.
fem. Träger einer Eigen-
schaft 62. 1.
Deminutiva 67. 2.
Feminina zu Maskulina
68.4.
§80.]
Adjektiva.
97
-ikb Träger einer Eigen-
schaft 62. 2.
'ina Abstrakta 70 B 1.
-im individualisierend bei
Völkernamen usw. 64. 1.
possessivesAdjektiv 72 II 4.
-zif*» Ortsbezeichnungen 66. 1.
-isfb Deniinutiva 67. 4.
'itb Adjektiva (-osus) 74. 2.
-«T. Adjektiva Neigung bez.
76.
-izna Abstrakta 70 B 1.
-ja Feminina zu Mask. 68. 2.
Abstrakta 70 A 5.
-jh Nomina agentis 61. 3.
possessiveAdjektiva 72 II 2.
k- Formans , Deminutiva
67. 2.
{-dlo) -lo Nomina instrumenti
65. 1.
-lo Nomina instrumenti
65. 2.
-h Nomina agentis (Parti-
zipia) 61. 5.
Adjektiva 72 I 5.
-Ih Nomina actionis 69. 8.
-m Adjektiva 72 I 6.
â– nh Nomina actionis 69. 7.
0- Formans s. ^.
-okh Adjektiva 72 I 3.
-05^6 (-e^^) Abstrakta 70 A 1.
'Ota (-eta) Abstrakta 70 A 1.
-oh Geräusche 69. 13.
-ovith Adjektiva (-osus) 74. 2.
'0V7, possessive Adjektiva
72 II 1.
-oi-hn-b Adjektiva 72 II 1.
-rh Adjektiva 72 II 4.
:slo Nomina instrumenti
65. 2.
-sh Nomina actionis 69. 8.
-sm Nomina actionis 69. 7.
-sbuh Adjektiva von Adver-
bien 78..
-tajh Nomina agentis 61. 4.
-tel'h Numina agentis 61. 1.
•tva Nomina actionis 69.
10.
-fh Nomina agentis 61. 5.
Nomina actionis 69. 6.
-to Nomina instrumenti
65. 3.
-znh Nomina actionis 69. 7.
^^ (-0-) Nomina actionis
69. 2.
Adjektiva 72 I 1.
-^k^ Träger einer Eigen-
schaft 62. 3.
Resultat einer Handlung
69. 14.
Adjektiva 72 I 3.
^^t^ Geräusche 69. 13.
-y Feminina zu Mask. 68. 3.
Abstrakta 70 A 4.
•yni Feminina zu Mask.
68. 3.
Abstrakta 70 A 4.,
-h Nomina agentis 61. 5.
Nomina actionis 69. 5.
Adjektjivabstrakta 70 A 3.
Kollektiva 71.
-hba Nomina actionis 69.
12.
Abstrakta 70 A 6.
Leskien, Altbulgarische Grammatik.
98
Stammbildun^ der Nomina.
[§80.81.
'bch Nomina agentis 61. 2.
Träger einer Eigenschaft
62. 2.
Deminutiva, f. -bca^ ntr.
•hce 67. 1.
-hda Abstrakta 70 A 7.
'bje Nomina actionis 69. 1.
Abstrakta 70 A 2.
Form 2)rimorhje 70 C.
Kollektiva 71.
-hji Personen bestimmten Be-
rufes 63. 2.
-hjh possessive Adjektiva
72. 3.
-bkh Adjektiva 72 I 3.
-hlivo Adjektiva, Neigung
ausdrückend 76.
-hnica Träger einer Eigen-
schaft 62. 1.
Ortsbezeichnungen 66. 2.
-mikb Träger einer Eigen-
schaft usw. 62. 1.
-hm allgem. Adjektiva 7 2 II 1.
Adjektiva der Möglich-
keit 77.
-hnh possessive Adjektiva
72 II 2.
Adjektiva von Adverbien
78.
-bsJcb Adjektiva (der u. der
Art) 75.
-hstvhje 70 B 2.
-hstvo Abstrakta 70 B 2.
-htz Geräusche 69. 13.
'bh Adjektiva 72 I 4.
81. Anhang III. Nominalkomposita. Die alt-
bulgarischen Texte enthalten eine große Menge solcher
Zusammensetzungen; die allermeisten sind freilich wort-
getreue Übertragungen der griechischen Komposita aus
den Vorlagen der Übersetzer. In der lebendigen täglichen
Rede sind die meisten derartigen kirchlichen und theolo-
gischen Ausdrücke nicht gebraucht worden, aber die in
ihr vorhandenen originalen slavischen Zusammensetzungen
gaben das Muster der Form und damit die Möglichkeit
jener Nachahmungen (s. Jagic, Die slav. Komposita in
ihrem sprachgeschichtlichen Auftreten, ASPh. 20. 519;
21. 28).
Im folgenden sind unter Komposita nur die Zu-
sammenfügungen verstanden, deren erster Teil einen un-
flektierten Nominalstamm enthält (nur vereinzelt zeigt
der erste Bestandteil eine Kasusform), ausgeschlossen da-
gegen, was z. T. die Sprachwissenschaft in viel weiterem
Sinne unter die Zusammensetzungen rechnet (s. Brug-
mann, Kurze vgl. Gr. § 368 fg.).
i
§81.82.] AdjekHva. 99
Das erste Glied der Komposita geht im Alt-
bulgarischen, falls es Nomen (nicht Präposition oder Par-
tikel) ist, fast ausnahmslos auf o aus, dafür nach pala-
talen Konsonanten e, z. B. medo-tochm honigfließend zu
*medhu- med^, krbvo-jadenhje Blutessen (Blutgier) zu *krü-
(ursprünglich Nom. *kry ersetzt durch krhvh), strasto- trphch
Leid-dulder zu strastb i-St., rqko-phsamje Handschrift zu
rqka. Das o beruht auf Verallgemeinerung des Auslauts
der zahlreichen in solchen Kompositen vorkommenden
ö-Stämme wie vino-grad^, 7nilo■srd^. Nur wenige alte
Reste zeigen unmittelbare Aufnahme andrer alter Stämme
in die Zusammensetzung, so medv-edh (Honigesser) Bär,
6eture-nog^ vierfüßig zum kons. Stamm cetver-.
Nicht selten hat das Kompositum, selbstverständlich
an seinem letzten Teil, besondere Formantien, -hm -hcb.
Die unten folgende Einteilung ist gemacht nach der
Beziehung, die die Glieder des Kompositums bei seiner
Auflösung in eine syntaktische Gruppe zueinander er-
geben.
82. A. Attributivkomposita. Das erste Glied —
Substantiv, Adjektiv, Zahlwort, Adverb (Partikel) —
bildet eine nähere attributive Bestimmung zu dem zweiten.
Das zweite Glied kann als selbständiges Wort Substantiv
oder Adjektiv sein. Die Komposita sind entweder Sub-
stantiva oder Adjektiva; Adjektiva notwendig dann, wenn
das letzte Glied an sich adjektivisch ist. Aber auch Kom-
posita mit zweitem an sich substantivischen Gliede
können Adjektiva werden, wenn der Gesamtbegriff der
Zusammensetzung einem Dritten als Eigentümlichkeit, als
Eigenschaft beigelegt wird, vgl. juaKpö-xeip der eine lange
Hand hat. Es kann in diesem Falle, und so geschieht es
oft, noch ein besondres, das Adjektiv charakterisierendes
Formans angewendet werden, vgl. langhänd-ig, grau-
bärt-ig.
Die vorkommenden Fälle der verschiedenen im Kom-
positum möglichen Wortklassen sind folgende:
1. Substantiv mit Substantiv, das Gesamt-
100 Stammbildnng der Noraina. [§82.
wort ist Substantiv; ganz selten, wenigstens in den ältesten
Quellen; vgl. konje-cbvcfcb als Wiedergabe von iTtTTOKevTau-
po^, eigentlich von iTrirdv^piuTTO!; «ein Mensch, der (zu-
gleich) ein Pferd ist».
2. Adjektiv mit Substantiv.
a) Das Gesamtuort ist Substantiv, z. B. lT>ze-prorokb
Lügen -prophet ipeubo-irpoqpi'iTT'iq, skoro-pishch Schnell-schrei-
ber Tttxu-Tpacpoq, hlago-deth Wohl- tat eu-epTTicria.
b) Das Gesamtwort ist Adjektiv, z. B. malo-verb (mah,
Vera) kleingläubig, sucho-rqkb {such^^ rqka) der eine dürre
Hand hat, Uzhko-srd^ {t^zhkh, srd-hce) schweren Herzens
ßapu-KCtpbioq, milo-srdh barmherzig. Nicht selten mit be-
sonderm adjektivierendera Formans: dobr^ gut, glas^
Stimme — dobro-glasbm mit guter Stimme versehen eurixoq;
m^nog^ viel, cena Preis — imnogo-cemm iroXu-Tiiaoq.
Ein 80 wirklich vorhandenes oder bildbares Adjektiv
kann dann durch -hcb wieder substantiviert werden
(s. § 62. 2), z. B. crm schwarz, riza Kleid — crnorizh
schwarzgekleidet, crnoriz^ct (Schwarzkleidler) Mönch.
3. Zahlwort mit Substantiv.
a) Das Gesamtwort ist Substantiv, z. B. trh-zqb^ Tpiobou^
TpißoXo(; Dreizack.
b) Das Gesamtwort ist Adjektiv, z. B. ino-c^d^ jedino-
c§dh (in?», jedim, c§do) fiovofevriq «das einzige Kind, das
Einkind seiend», cetvre-twgi (= cetver-, konsonantischer
Stamm des Zahlworts, noga^ ^cetvernogz) vierfüßig xeTpd-
7T0U(;; mit weiterbildender Endung z. B. dioje-dushm (dvojh,
dusa Seele) biipuxo«; = zweifelnd, jedlnodushm eines Sinnes
(einig), ino-plemeyihm dXXö-qpuXoc;, wieder substantiviert ino-
plemenhnikb {im, pletnf Sit. plemen-) Mensch andern Stammes,
4. Zahlwort mit Adjektiv. Das Gesamt wort
ist Adjektiv, z. B. trh-hlazem Tpi<;-naKdpioq dreimal-selig,
trbsv^ti Tpi(T-d*fi0(; dreimal-heilig.
5. Adjektiv mit Adjektiv. Das Gesamtwort
ist Adjektiv, z. B. (ceh, mqd}i>) celo-mqdr^ Übersetzung von
aujqppuLJV, eigentlich integre sapiens, vehlep^ sehr schön,
prächtig.
1
§ 82. 83.] Adjektiva. 101
6. Partikel mit Substantiv. Das Gesamtwort
ist Substantiv.
a) Die Partikel bildet eine attribute Bestimmung
zu dem Substantiv; das Gesamt wort bleibt in der
Bedeutungssphäre dieses zweiten Teiles, der also nur eine
besondre Bedeutungsfärbung erhält, z. B. pra-de(h Vor-
großvater, Urahn, ohlakh = '^'ob-vlakh (eigentlich «Um-
zug») Wolke, hir-horh «Zusammen-nenmung, Versammlung,
raz-do)n> Zerreißung, Riß; so bei den Zusammensetzungen
mitawe-, das im Slavischen gr. a privativum, deutsches un-
vertritt, z. B. ne-mosth (Unmacht) Krankheit, ne-pravhda
Ungerechtigkeit, ne-vol'a (Nicht-wille) Zwang.
b) Das Gesamtwort dient als Bezeichnung eines Dinges
oder Wesens, dem das Verhältnis, das in der Zusammen-
setzung von Präposition und Substantiv ausgedrückt wird,
als Charakteristikum anhaftet, z. B. sq-logi) (an sich «Mit-
lager», bedeutet aber) Mitlager habend, Gatte, d'Xoxo^;
sq-postah (eigentlich Mitstand habend; postath bestimmter
Standort, Reihe) Gegner. Es ist nicht immer sicher ent-
scheidbar, ob ein Fall unter a oder b gehört, z. B. sq-
phr'b Mitstreiter (Gegner) kann ein ^-phrh als nom. ag.
enthalten und fällt dann unter a, kann aber auch zu
phra Streit gezogen werden und gehört dann unter b
(Mitstreit habend); vgl. sq-sed^ («Mitsitzer» oder «Mitsitz
habend») Nachbar.
7. Partikel mit Adjektiv, das Gesamtwort ist
Adjektiv, so die Komposita nait ne-, z. B. ne-prazdbub (nicht
leer) pchwanger, ne-cist^ unrein; die durch prc- verstärkten
Adjektiva, z. B. pre-velikh permagnus.
83. B. Rektionskomposita. Bei der Auflösung
des Kompositums in eine syntaktische Gruppe tritt eins
der Glieder in einen obliquen Kasus, ein Glied ist
vom andern kasuell abhängig oder bestimmt es
kasuell näher.
1. Bei der umschreibenden Auflösung tritt das
erste Glied in einen obliquen Kasus und bestimmt
das zweite; dies iBt stets der Fall, wenn beide (Tlieder
102 Stammbildung der Nomina. [§ 83.
Nomina sind. Welcher Kasus in der Auflösung ein-
tritt, hängt einfach von der Art der Umschreibung ab.
Umschreibt man das zweite Glied verbal, so wird in der
Regel das erste als Objekt in den Akkusativ treten;
umschreibt man nominal, in einen andern der Situation
entsprechenden Kasus. Z. B. medv-edh «der Honig ißt»,
«Honigesser», Bär, zhlo-dejb tlbel-täter, vino-pijhca Wein-
trinker, hrato-t uhhch Bruderliebender, zakono-davtcb vofio-
-^xri«; Gesetz-geber, wo man überall das erste Glied als
Objekt des zweiten empfindet. Dagegen in rqkojetb (eigentl.
«Handnahme») Garbe wird man das erste Glied eher
durch Instrumental «mit der Hand» wiedergeben.
2. Bei der Auflösung tritt das zweite Glied in
einen obliquen Kasus; das ist der Fall, wenn das
erste eine Präposition ist.
a) Das Gesamtw'ort ist Substantiv. Hierher gehören
die § 70 C behandelten Bildungen auf -hje wie primoi'hje.
b) Das Gesamtwort ist Adjektiv, z. B. bez-hog^ hez-
hozhm a-d€0(; gottlos, {hez-, cedo) best^d^ d-xeKVO«; kinderlos,
(bez-, zakom) bezakonhm d-vo)JO(; gesetzlos, {ob^, nostb) ob^-
nosthm TravvOxioq die ganze Nacht während.
■»♦» >
§84.1 103
Dritter Hauptteil.
Flexion
der Substantiva, Adjektiva,
Pronomina, Zahlwörter.
Vgl. Scholvin, Beiträge zur Deklination in den pan-
nonisch-slov. Denkmälern (ASPh. II); Ljapunov, Formy
ßklonenija v staroslovjanskom jazykö, I. Sklonenije imen,
Odessa 1905 (mit Fortunatovs Ansichten über die Kasus-
endungen).
84. Zwischen der Flexion der Substantiva und der
Adjektiva besteht kein Unterschied, doch kann sich die
t3bereinstimmung nur zeigen bei den maskulinen und
neutralen o-Stämmen wie den feminalen ä-Stämmen, da
sämtliche flektierbare Adjektiva (über unflektierte s. § 97. 3)
nur diesen Stammklassen angehören. Die oft sogenannte
pronominale Deklination der Adjektiva ist für die älteste
Zeit nur scheinbar.
Es könnte daher die Deklination sämtlicher Nomina
zusammen behandelt werden; doch ist hier die Flexion
des Adjektivs mit beim Pronomen behandelt, um be-
stimmtes und unbestimmtes Adjektiv (s. §96) nebeneinander
stellen zu können.
104 Flexion der Sabstantiva. [§ 85.
I. Flexion der Substantiva.
Allgemeine
Bemerkangen zur Deklination der Substantiva.
85. Genera. Die alte Unterscheidung von Mas-
kulina, Neutra, Feminina ist erhalten (das Litauische hat
das Neutrum verloren und durch die Mask*ulin- oder
Femininform ersetzt). Durchgehende formale Kriterien
der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Genus gibt es
nicht, doch läßt sich im allgemeinen das Genus ab.
Wörter leicht erkennen, da man für große Kategorien von
Wörtern weitreichende Bestimmungen machen kann,
ausgehend von Nominativ sing.:
1. Alle Wörter auf ■^ sind Maskulina, z. B. rdb^
Sklav, sym Sohn, hokb Seite.
2. Die Wörter auf -o, -e, -e sind sämtlich Neutra,
z. B. delo Tat, telo Leib, neho Himmel, pole Feld, imf
Name, otroö^ Kind (Maskulina auf -^ finden sich in den
eigentlich ab. Texten nicht).
3. Wörter auf -a und -i sind fast durchgängig
Feminina, z. B. zena Frau, zaba Frosch, hogyni Göttin,
blagyni Güte, mati Mutter. Es findet sich aber eine An-
zahl Bezeichnungen männlicher Personen auf -a, z. B. sluga
Diener, vladyka Herrscher, und auf -i, z. B. sqdhji Richter.
Sie haben im Altbulgariscnen ihre ursprünglich femini-
nale Art darin bewahrt, daß ihnen adjektivische oder
pronominale Attribute in femininaler Form beigegeben
werden.
4. Die noch möglichen Endungen des Nominativs,
■y und -h, lassen nur annähernde Bestimmungen zu:
a) Die Wörter auf -y sind Feminina, z. B. svekry
Schwiegermutter, l' uby Liebe, mit Ausnahme von kamy
Stein, plamy Flamme (andre solche Nominativformen
von Maskulinen sind in den ab. Text nicht erhalten).
b) Von den Wörtern auf -6 sind maskulin die auf
jh, -nh, -l'h, -r'h endigenden, z. B. krajh Rand, konh Pferd,
§85—87.] Flexion der Substantiva. 105
datelh Geber, saphr'h Gegner; feminin die Wörter auf
-osth, -esth, ferner die auf -h auslautenden Abstrakta, z. B.
zhlh Bosheit Schlecbti?:keit. hojaznh Furcht, gyheh Verderben,
j)ecalh Sorge, zahytb Vergessenheit. Das Genus der übrigen
muß man aus dem Gebrauch lernen.
86. Numeri. Die alten drei Numeri, Singular,
Plural, Dual, sind erhalten. Der Gebrauch des Duals ist
nicht beschränkt auf Dinge, die paarweise in der Natur
oder im Gebrauch des Menschen zusammengehören, sondern
er kann beliebige Zweiheit ausdrücken, doch liegt es in der
Natur der Sache, daß im Dual meist paarige Dinge stehen.
Statt des formalen Plurals wird nicht selten eine Singular-
form, Kollektivum (s.§71), gebraucht, so regelmäßig hrafrbja
(hrafhjn) zu hratrh {brat^) Bruder, eigentlich «Gebrüder»
«Brüderschaft» qppaipia; deth f. sg. i-St. zu defe Kind;
öfter kollektive Neutra auf -hje, z. B. kamenhje (eigentlich
Gesteint zu kayny Stein, dqhhje (eig. Eichicht) zu dqH
Eiche. Flektiert werden diese Kollektiva singularisch,
auch Attribute in Singularform dazu gesetzt, das verbale
Prädikat in Sätzen, deren Subjekt sie bilden, steht aber
in der Regel im Plural.
87, Kasus. Das Altbulgarische kennt sieben
Kasusfunktionen: Nominativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ,
Instrumentalis, Lokativ, Vokativ, doch sind diese Funktionen
nicht mehr überall lautlich geschieden. DerDualis hatüber-
haupt nur drei Kasusformen: Nominativ-Akkusativ- Voka-
tiv, Genetiv-Lokativ, Dativ-InstrumentaL Der Plural
hat keine besondre Vokativform, als Vokativ dient der
Nominativ. Das Neutrum besitzt keine Vokativform
und unterscheidet nicht Nominativ und Akkusativ in der
Form. Die Feminina haben keine besondre Nominativ-
form im Plural, sondern brauchen dafür die Akkusativ-
form. In mehreren Stammklassen sind ursprünglich
unterschiedene Kasusformen lautlich zusammengefallen
(s. § 89 die Übersicht über die Kasusendungen und §§ 90
bis 95 die Paradigmata), so daß die sieben Kasus, die
106 Flexion der Subetantiva. [§87.88.
sich aus dor Gesamtheit der Deklinationsformen ergeben,
in keiner einzelnen Deklinationsklasse wirklich lautlich ge-
schieden vorhanden sind.
Nicht auf lautlichem Zusammenfall beruht die Ver-
wendung von (lenetivform in akkusativischem Sinn: im
Altbulgarischen kann statt des Akk. sing, der Bezeich-
nungen lebender männlicher Wesen in den Fällen, in
denen syntaktisch der Akkusativ gegeben ist (als Objekt,
nach Präpositionen) der Gen. sing, gebraucht werden und
wird meistens gebraucht. Doch kann auch überall in
diesem Falle der wirkliche Akkusativ gesetzt werden,
z. B. vizdq mqib (Akk.) und vizd^ mqza (Gen.) ich sehe den
Mann, na mqzb und 7ia mqza gegen den Mann. Nur ein
Wort, das Pronomen kb-to (wer) hat überhaupt keinen
Akk., sondern verwendet dafür immer die Genetivform
kogo. (Vgl. Meillet, Recherches sur l'emploi du genitif-
accusatif en vieux-slave, Paris 1897; Berneker, Der Ge-
netiv-Akkusativ bei belebten Wesen im Slavischen, KZ
o7. 364.) Diese Eigentümlichkeit herrseht in allen slavi-
schen Sprachen, meist noch strenger durchgeführt und
z. B. auf andre lebende Wesen und auf den Plural aus-
gedehnt. Ferner ist allgemein slavisch, daher auch alt-
bulgarisch, daß bei negiertem (von ne, nicht, begleitetem)
Verbum das Objekt, das bei nicht negiertem im Akkusativ
steht, in allen Genera und Numeri in den Genetiv gesetzt
wird, z. B. )ie vizäq zeny (g. sg.) ich sehe die Frau nicht,
ne vizdq zem (g. pl.) ich sehe die Frauen nicht.
88, Deklinationsklassen. Die durch die ver-
gleichende Grammatik üblich gewordene Einteilung der
Deklination auf Grundlage des Auslauts der Nominal-
stämme ist beim Altbulirarischen wegen seiner Altertüm-
lichkeit nocli durchführbar. Bei den andern lebenden
slavischen Sprachen ist das wegen der Verdeckung alter
Unterschiede durch starke lautliche Veränderung und
wegen der Vermischung der alten Klassen nicht mehr
möglich. Auch im Altbulgarischen sind Entlehnungen
von Formen aus der einen Klasse in die andre nicht
§ 88.] Flexion der Substantiva. 107
selten, doch stets erkennbar. Die Reihenfolge der nach
jenena Prinzip sich ergebenden Klassen ist an sich gleich-
giltig; die unten befolgte ist wesentlich deswegen gewählt,
weil sich so die Mischung von Formen verschiedener
Klassen am leichtesten darstellen läßt. Eine in Gram-
matiken slav. Sprachen oft vorkommende Bezeichnung:
palatale (weiche) und nicht palatale (harte) Deklinations-
weise, bedeutet keinen Unterschied in der Formenbildung,
sondern will nur besagen, daß der letzte Konsonant vor
den Kasusendungen palatal (weich) oder nicht palatal
(hart) ist. Die Aufstellung besonderer Paradigmata für
die eine und die andre Art geschieht aus Zweckmäßigkeits-
gründen, weil der palatale Konsonant folgende Vokale
verändert und dadurch die Kasusformen von weichen und
harten Stämmen ein etwas verschiedenes Gesamtbild
zeigen. Die Weise der slav. Grammatiker ist deswegen
auch hier bei den o- und «-Stämmen befolgt; nur da
kommt überhaupt jener Unterschied in Betracht, und
läuft auf das hinaus, was man in der vgl. Gr. -jo- und
-:;a-Stämme nennt.
In der folgenden Übersicht ist bei den einzelnen
Klassen der Nom. sing, und zur Klarlegung des Stammes
bei den konsonantischen und «>Stämmen der Gen. sing.,
bei den übrigen der Dativ pl. wegen seiner leicht ab-
trennbaren Endung angegeben:
I. o-Stämme.
1. Maskulina.
A. hart: voz^, vozo-mo.
B. weich: krajh 7nqih, kraje-tm mqze-rm.
2. Neutra.
A. hart: leto^ leto-mo.
B. weich: kophje pol'e^ kophje-tm pote-ym.
TL, ä-Stämme, Feminina.
A. hart: zena, iena-rm.
B. weich: struja dusa, struja-m'b dusa-rm.
ni. M-(v)-Stämme, Maskulina: sijm, sym-im.
108 Flexion der Substantiv». (§ 88. 89.
IV. ?-(6-VStämme.
1. Maskulina: pqtb^ pqih-im.
2. Feminina: kosth, kosfb-mi.
V. Konsonantische Stämme.
A. n- (-e?<-)Stämme.
1. Maskulina: kami/ (kamenh), kamen-e.
2. Neutra: seine, semen-e.
B. s- (-es-)Stämme, Neutra: slovo, sloves-e.
C. nt- (-^Y-)Stämme, Neutra: tele, telft-e.
D. r- (-/er-)Stämme, Feminina: mati, mater-e.
VI. 77- (-?/-)Stämme, Feminina: svekry, svekriv-e.
89, Übersicht über die Kasusendungen.
I. Singular.
1. Nominativ.
A. Ursprünglich ohne Kasusendung: femin.
«-St. zetia = idg. '''•genä, hogyni = idg. -i. — Bei den fol-
genden unterscheidet sich die Endsilbe des Nom. von der
entsprechenden Silbe der andern Kasus durch Ablaut oder
Dehnung: msk. ?z-St. kamy (gen. Aamew-e) = idg. ön, vgl.
lat. homo (= -ö) homin-is\ meistens kcmienh, d. h. die Form
eines i-Stammes. — ntr. w-St. seme, wahrscheinlich =
"^seinen (gen. semen-e). — .9-Stämme: slovo (gen. sloves-e) =
idg. -OS, vgl. T^voq '-'Y^vecroq ^eveog. — r-Stämme: mati =
^mäte (gen. mater-e), vgl. lit. mote (gen. moter-s).
B. Mit ursprüngliclieni Nominativzeicheii -s,
slavisch nach § 48 stets abgefallen : msk. o^St. tokh idg.
^ tokos lit. täkas; über -^ an Stelle von -os s. § 49 I. —
i-Stämme: tath, pam^th ygl.Yit. atmintls, lufJTK;. — ?^Stämme:
sym= idg. *sünus lit. siinüs. — 7Z-Stämme: svekry = idg.
-it*5, vgl. ai. svasrüs lat. socrus.
C. Mit ursprünglichem -w, zugleich Akkusativ:
ntr. o-Stämme, iyo = *y7:>.(7r<, vgl. ai. yugayn lat. jugiim. Über
-?) für -ow s. §. 49 II 4.
§89.] Flexion der Substantiva. 109
2. Genetiv.
Außer beiden o-SUimmen (deren -a = idg. Ablativ -Od)
ursprünglich auf s auslautend und zwar:
a) Auf -5 allein oder auf -f.<?, das s im Slaviscben nach
§ 48 stets abgefallen: konsonantische Stämme, kamcne
(Nom. kamy) semen-e (Nom. serne) usw. := -e.<f, vgl. 11 1. akmen-s
für *akmenes (N. akmu); -?z-Stilmme, l'ub^v-e (N. l'ubi/) =
-es; i-Stämme, brani (N. brauh) = -ow, lit. barncs (N. bar-
nh); i<-Stärame, synu (N. sym) =■■''■'sünous lit. sünaus.
b) Auf -ns, bei den a-Stämmen, zeny (N. zena), duse
(N. dusa), = -0W5, die weitere Entwicklung s. § 49 IIJ 2.
Das -o«s kann sein == urspr. -ows -öns, -ans. Eine sichre
Erklärung fehlt. Es liegt nahe, das n auf alte /i-Stärame
zurückzuführen; der neuste Versuch von Brugmann IF.
22. 191 (s. auch die dort angegebene Literatur); nach ihm
ist der Gen. *-ö»-.v einzelner alter Stämme auf -ön- auf die
ä-Stämme ausgedehnt worden, da deren ursprüngliche
Form auf -«.<? i vgl. lit. -ös, rankä rankos) nach Verlust des
ir mit dem Nom. sg. zusammenfallen mußte. Das Alt-
russische und das Westslavische haben bei den jä-Stämmen
die Form duse, die sich mit der altbulg. Form nicht ver-
einigen läßt.
3. Dativ.
A. Außer bei den o- und den i-Stämmen kann idg.
-ai als Endung angesetzt werden: kons. Stämme z. B.
kamen-i mater-i; w-Stämme synovi vgl. ai. sünave; ä-Stämme
*ä -\- ai = *äi, eend = *genäi.
B. i-Stämme: pabi^ kosti; die Endung ist unklar, eine
Theorie darüber s. bei Pedersen in KZ. 38. 327.
C. o-Stämme: t/)kn (nom. toA**), letu (nom. leto). Das
M kann zunächst nur auf einen M-Diphthong zurückgehen
(tm, öu; eu eu). Die Annahme, idg. -öi, vgl. gr.-LU, sei slav
zu öu entwickelt (Pedersen KZ. 38. 323), ist unsicher.
4. Akkusativ.
A. Allgemeine Endung der Maskulina und Feminina
idg. -m, slavisch unmittelbar kenntlich nur noch am
110 Flexion der Substantiva. [§89.
Nasal vokal bei den ä-Stämmen: ienq = '*genäm^ sonst
überall abgefallen: bei den konsonantischen St. idg. -3^,
daraus *-hm *-hn -?>, mäterrp, sl. materh (nom. mati) und so
bei allen; ebenso die w-Stämme: l'ubTA/b (nom. l'uby);
i-Stämme: im, daraus *-hm *-hn -h, pawfth lit. ät-mintj, =
-<iw, vgl. preuß. naktin mit ab, nostb = *noktin\ w-Stämme:
-MW, daraus *^nl Hn -^, sym = *sünum lit. sumf, vgl.
preuß. sounon d. i. sünun\ o-Stämme: -om *-^m *-wi -^ tokb
= ^tokom lit. täkq = -an, preuß. deivan (nom. deivs) Gott,
vgl. XÖYO-v lat. servo-m. Vgl. § 49 II 1, .3, 4.
ß. Ohne besondre Kasusendung sind die Neutra,
deren Akkusativform sich mit der des Nominativs deckt
(s. § 89. 1 beim Nominativ A. und C).
5. Instrumentalis.
A. mh bei allen Maskulinen und Neutren, lit. -mi:
i-Stämme msk. pqtb-mh (nom. pqth); wie diese auch die
konsonantischen, auf Grundlage eines i-Stammes, kamem-mh
sem€7ih-mh, slovesh-mh, telfih-mh. — «-Stämme: sym-mt lit.
sünu-mi. — o-Stämme: toko-mh kraje-mt, leto-mh pote-mh.
B. Die Feminina enden auf q = idg. am. Dies ist
ausgegangen von den ä-Stämmen ienq = *genäm, rqkq
(zu rqka Hand) = ^ronkäm lit. rank^ für *-dm; daneben
^enojq dem pronominalen tojq (zu ta illa) nachgebildet.
Das q ißt dann auf alle Feminina übertragen: materhjq
(auf Grundlage eines i-Stammes); pam^thjq (dagegen lit.
atminti-mi); l'ub^v^jq (vom 1 -Stamm aus).
6. Lokativ.
A. Ohne Kasusendung, mit diphthongisch auslau-
tendem Stamm: i-Stämme, pamfti = idg. -ei, vgl. ogni (zu
ognh Feuer, als i-Staram) mit ai. agnä aus -ei. — w-Stämme:
sytiu = idg. *sünBu ai. sünäu.
B. Kasusendung e: die konsonantischen und w-Stämme,
kamen-e semen-e tel^t-e, lUbzv-e.
C. Ursprüngliche Endung -i: o-Stämme, idg. -oi, slav.
-e (nach j usw. i, s. § 15 VI 2) * "^fokoi *krajoi toce kraji,
I
§89.] P'lexion der Substantiva. 111
lefe pol'i. — ä-Stämrno, idg. äi, sl. e (nach j usw. i), £ene
rare dusi, vgl. lit. ranköj-e (dessen öi = altem äi).
7. Vokativ, ohne Kasusendung.
A. Zusammenfallend mit dem Nominativ bei allen
konsonantischen Stämmen, z. B. mafi, bei den neutralen
0- Stämmen.
B. Im, Vokal der Endsilbe von der entsprechenden
Silbe des Nominativs verschieden : i-Stämme, -l = idg. -ei,
pam^ti lit. atminfe. — ^^Stämme, -u = idg. -eu^ synu lit.
sünaü; diese Endung haben auch die mask. ^o-Stämme,
z. B. konu majii (non). Itonh ynqzh). — ä-Stämme, -o = idg.
//, d. b. Verkürzung aus ä, zeno (nach j- usw. -e, s. § 9. 2,
duse^^zu dusa). — msk. o-Stämme, -e = idg. -e, rabe (nom.
rab^)^ \\L deve (zu d^vcifi Goi\), vgl. boOXe, lat. serve.
II. Plural.
1. Nominativ, zugleich Vokativ.
Nur die Maskulina haben formal bestimmte Nomina
live und zwar in zwei Gestalten:
A. ursprünglich -es: konsonantische Stämme, kamen-e
sloven-e (St. sloven-^ nom. sg. slove7i-im) dwi-e (nom. dhnb
gen. dm-e). — i-Stämme: pqtbje = *-e;'es*, vgl. frbje drei
mit Tpei(; für Tpee^ = *trejes ai. trayas. — ?:-Stämme:
synov-e = *süneves ai. sünavas.
B. ursprünglich -i, bei den mask. o-Stämmen: toci
= *fokai lit. takai.
Sämtliche Feminina haben die Akkusativform als
Nominativform, z. B. materi, zeiiy: die Neutra die gleiche
Form für Nominativ und Akkusativ (s. Akkusativ), z. B.
fiemena, Uta.
2. Genetiv.
Alle Nomina haben die gleiche Endung o (nach
palatalen Konsonannten -h) entsprechend idg. -öm (vgl. gr.
-luv), s. § 49 II 5: konsonantische Stämme kamen-T* semen-h
slot'es-h telet-^ mater-i. — i-Stämme: pqihjh kosthjh d. i. '""-(.'j-h
112 Flexion der Substantiva. [§89.
(Tgl. Jiiom. pqtbje = *-€jes). — ?/-Stämme: synov-i = *-ei;-b
(vgl. Nom. sytiove = '^'süneves). — ö-Stiimme: svekrzv-h (zu
svekry). — o-Stämme; tokh krajb wazh; Ufo pol'b. —
ä-Stämme; iem znihjh dusb.
3. Dativ.
Endung aller Stämme -tm, dessen idg. Entsprechung
nicht sicher steht; lit. -ms, älter -miis, z. B. takä-ms taka-
nuis^ pr. -maus z. B. waikammans = vaikamans (zu waika
Knecht, Wi.vaikas Knabe): konsonantische Stämme katnenh-rm
senieivb-'im telett-mh nuiterb-im (auf Grundlage eines i-Staoi-
mes). — i-Stämme: pqtbtm kosth-rm. — «^Stämme: sym-mh,
vgl. lit. sünü-ms. — o-Stämme: toko-tm kraje-rm, leto-tm
pote-tm. — rt-Stämme: zena-mi; darnach auch die ü-Stamme
svekrbva-ym.
4. Akkusativ.
A. idg. 'HS, daraus deutbar die slav. Form der mask.
und fem. konsonantischen und w-Stäöime: -ns zu -ins,
daraus nach 49 III 1 7; kanieni materi svekr^vi, es kann
jedoch diese Form auch aus den i-Stämmen übertragen
sein. — Bei den Femininen vertritt diese Form zugleich
den Nominativ.
B. idg. -TIS, bei den i-Stämmen -ins, daraus i (49 III 1),
pqti kosti, vgl. lit. akis (zu akls Auge) = *akins pr. akins ;
beim Fem. zugleich Nora. — Bei den w-St. -uns, daraus
y (49 III 1), syny = *sünuns, vgl. got. sununs. — Bei den
msk. o-St. -07W. daraus -y, -Jons daraus -j^ (49 III 2), toky
kraj^ wqz^; vgl. pr. deiwans (nom. deiws, lit. devas) lit. devüs.
C. idg. -öS bei den ö-Stämmen, im Ab. nicht vorhanden,
sondern vertreten durch eine Form auf -ns: *-äns *-ans
*-07is (nach j -*jons), die weitere Entwicklung wie unter B.,
daher zeny zmhjf duse; vgl. pr. rankans mit slav. rqky. —
Diese Form vertritt zugleich den Nominativ.
D. Alle Neutra haben die Endung -a = idg. -ä:
semen-a fel^ta, Uta, das -ä kam ursprünglich nur den
o-Stämmen zu und ist auf alle andern Neutra über-
tragen.
§89.) Flexion der Sabetantiva. 113
5. Instrumental.
A. -mij vgl. lit. -ynis (das aus ursprünglichem -i oder
aus i-Diphthong oder aus ins deutbare slav. i igt nicht
sicher bestimmbar), herrscht bei den mask. und fem. kon-
sonantischen Stämmen, kamenh-mi materh-yni, ist möglich
auch bei deren Neutren, semenh-mi slovesh-mi telfth-mi (doch
8. B), auf Grundlage eines i-Stammes. — Bei den i- und
M-Stämmen, pqth-mi kosih-mi, syn^-mi. — Bei den ö-Stämmen,
zena-mi, darnach die ?7-St. svekrhva-mi.
B. Die Endung -y (nach Palatalen -i, s. § 47. 2) bei
den o-Stämraen : toky kraji mqzi, lety pol i. Lit. fakats =
idg. -ois ai. -äis ; darauf ist auch das slav. -y zurückge-
führt von Pedersen KZ. 38. 325, sehr unsicher. Ein
anderer Erklärungsversuch von Brugniann IF. 22, 336 f.
— Die neutralen konsonantischen Stämme haben in der
Regel -y: seyneoiy slovesy tel^fy.
6. T/okativ.
Allgemeine Endung ^ch^ = idg. -s^i, altlit. -.sw, jetzt
•fie {akis^ü akise, sfmüsii, takusu): konsonantische Stämme,
kame7ih-chh fiemenb-chh slovesâ– h-ch^ telpth-ch^ materhâ– ch^ (auf
Grundlage eines i-Stammes). — ?'- und 2t-Stämme: pqth-chh
kostb-chz syn^-ch^. — ^-Stämme: zena-ch^. — o-Stämme:
Die Endung wird einem diphthongisch auf -m, slav. -e
(nach Palatalen -i, s. § 47. 2) auslautenden Stamme an-
gefügt: *fokoi'SU toce-cJa kraji'■ch^ ymzi-chh.
m. Dual.
1. Nominativ-Akkusativ.
A. Ohne Endung, mit gedehntem Stammauslaut:
msk. o-Stämme, Endung -a = idg. ö, toka lit. fakü aus
*frtÄu = "^tokö, gr. -uu. — i- Stämme: -i = idg. i pqfi
ko.sti, lit. z. B. ak) (zu akts) = *-/; darnach auch die
mask. und fem. konsonantischen Stämme: kaniem dhni^
materi; und möglich ist diese Endung bei den Neutren
z. B. felesi (doch s. B). — //-Stämme: •;// = idg. ü, syny
lit. fiürtH — "'-«.
Leskien, Altbulgarische Grammatik. 8
114
Flexion der Substantiva.
[§ 89. 90.
B. Ursprüngliche Kasusendung -i ; neutrale o-Stämme,
idg. -oi slav. -e (nach Palatalen -/, s. § 47. 2), Ute pol'i,
vgl. idze (zu igo Joch) mit ai. yugc (zu yiigam). — Dieselbe
Form in der Regel auch bei den neutr. konsonantischen
Stämmen, semene slovest teilte. — ä-Stämme, idg. -ai, slav.
-e (nach Palatalen -<), zene zmhji dusi, vgl. 7'qre (zu rqka)
mit lit. rank) (zu ranka) = *-e = *-ai.
*-ou
2. Genetiv-Lokativ.
Allgemeine Endung aller Stämme -u = idg.
oder *-ous, ai. -ö.9, lit. vereinzelt vorkommend (der Kasus
ist dort verloren) als Adverbium pasiaü (zu ^^ei«' Hälfte)
«entzwei». Konsonantische Stämme: teles-v. usw. —
i-Stämme: pqtbju kosthju = -ej- (vgl. Gen. plur.). —
w-Stämme: syiwv-u = -ey- (vgl. Gen. plur.). — o-Stämme:
toku, letu. — (/-Stämme: zenu.
3. Dativ-Instrumental.
Allgemeine Endung -tna; nicht sicher auf idg. Form
zurückführbar, -a entspricht einer alten Länge; lit. -m
(das nach sich einen Vokal verloren haben muß, sonst
wäre m zu n geworden und später abgefallen). Konsonan-
tische Stämme: telesb-ma, dbnh-nm usw. (auf Grundlage eines
/-Stammes). — i- und ?(-Stämme: pqth-ma kostb-7na sym-ma.
— O-Stämme: toko-ma kraje-mn mqze-ma leto-nia pol'e-nia. —
ö-Stämme: zena-ma.
Paradigmata.
Die Reihenfolge der Kasus in den Beispielen: Nomi-
nativ, Genetiv, Dativ, Akkusativ, Instrumental, Lokativ,
Vokativ.
90. I. O-Stämme.
1. Maskulina: ploöh Frucht; krajh Rand, nozh
Messer.
i
§90.]
Flexion der Subetantiva.
115
i
I
A. hart.
B. weich.
Sing, plodz
Sing, krajh
nozh
ploda
kraja
noza
plodu
kraju
nozu
plod^
krajh
nozh
plodomh
krajemh
nozemb
plode
kraß
nozi
plode
kraju
nozu
Plur. plodi
Plur. kraji
nozi
plodh
krajh
nozh
plodorm
krajerm
nozeim
plody
kraje
7ioze
plody
kraji
nozi
plodeckb
krajichi
nozichh
Dual, yloda
Dual, kraja
noza
plodu
kraju
TIOZU
plodoma
krajema
nozema.
. Neutra: leto Jahr; kop^je Lanze
, pole Fe
A. hart.
B. weich.
Sing, leto
Sing, kophje
pol'e
leta
kopbja
pol'a
letu
kophju
pol'u
leto
kophje
pol'e
letomh
kophjemh
pol'emh
Ute
kophji
pol'i
Plur. Uta
Plur. kopbja
pol'a
letb
kophjh
pol'h
letorm
kophjemh
poVenih
Uta
kopbja
l)ol'a
Uty
kophji
pol'i
Uteclih
kopbjichh
pol'ichh
Dual. Ute
Dual, kopbji
pol'i
letu
kophju
pol'u
Utoma
kophjenia
pol'cma.
8*
116 Flexion der Substantiva. [§ 90. 9h
Bemerkungen. 1. Weich (palatal) sind alle Wörter,
die als letzten Konsonanten im Nominativ haben: j z^lö-
dejb Übeltäter, c 7;too6 Weinen, z mqzh Mann, s kosh Korb,
st plasth Mantel, £d dhidh Regen, c (= ö = f^) othch
Vater, dz (= d'z\ dafür meist nur z = z) khn^dzb Fürst,
n konh Pferd, l' tuitelh Lehrer, r (meist dafür r) sqphr'h
Gegner. Im alten unveränderten Zustand der Sprache
lautet der Nominativ stets auf -h aus; über Schreibungen
wie niqsrb usw. s. § 24 IV 2.
2. Ist bei harten Stämmen der letzte Konsonant
guttural k, g, ch, so tritt vor e und i Wandlung in c, dz
(z), s ein (s. § 44), z. B. bokb Seite — hoce boci hocech^, hog^
Gott — hodze bodzi hodzechz, duck?» Geist — duse dusi dusechh.
3. Die auf -ch und -dzh auslautenden Maskulina bilden
den Vokativ fast durchgängig nach Art der harten: othcey
kwifze (über c, "^dz z s. § 34. 2 b).
4. Über Formen vom «(-Stamm bei den o-Stämmen
s. § 92, Bemerk. 3.
5. Konsonantische Formen der Wörter auf -tel'h,
•ar'h 8. § 94, Bemerk. 7.
6. Die Bezeichnungen belebter Maskulina brauchen im
Sing, die Genetivform in akkus. Funktion, z. ß. hoga, 7nqza,
neben dem eigentlichen Akkusativ; z. B. hlagoslovi boga er
lobte Gott, uphva na boga er hoffte auf Gott; prizovi mqzh
rufe den Mann herbei, mqza i zenq s^tvorilo jestb bogz
Mann und W^eib hat Gott geschaffen (s. o. § 87).
91. II. ä-Stämme.
Feminina: zena Weib; struja Strom, dusa Seele.
A. hart.
B. weich.
Sing, zena
Sing.
struja
dusa
zeny
struj^
dusp
zene
struji
dusi
ze7iq
strujq
dusq
zenojq
strujejq
dusejq
zene
struji
dusi
zeno
struje
duse
§91.92.]
Flexion der Substantiva.
117
Plur.
zeny
zm^
zenarm
zeny
.
zenami
zenach^
Dual
zene
zenu
zeyiama
Plur. sfrujf dus§
strujb dush
strujarm dusarm
struj^ duse
strujami dusami
strujach^ dusach^
Dual, struji dusi
struju dusu
strujama dusama.
Bemerkungen. 1. Die Namen männlicher Wesen
auf -a, z. B. sliiga Diener, vladyka Herrscher, jwnosa Jüng-
ling, qzika Verwandter, unterscheiden sich in der Deklina-
tion nicht von den Feminina.
2. Wörter mit Nominativ auf -i: -yni^ alle Fe-
minina, z. B. bogyni Göttin, grdyni Stolz; -hji {-iji) wenige
femininal z. B. mlnhji Blitz, die meisten männliche Per-
sonen bezeichnend, z. B. sqdhji Richter, korabhchji Schiffer.
Die Deklination in allen andern Kasus wie B. des Para-
digmas.
3. Die im Paradigma stehende Form des Instr. sg.
zenojq dtisejq ist eigentlich die pronominale, die nominale
Form ist die kürzere zenq dasq, sie fehlt aber einigen
altb. Quellen ganz, ist in andern selten, die gewöhnliche
Form ist, die längere.
92. III. 2<-Stämme; Maskulina; sym Sohn.
Sing, sym
Plur.
synove
Dual, syny
synu
synom)
synomi
synovi
symrm
symma
sym
syny
synjbmh
symmi
synu
symchh
synu
Bemerkungen. 1. Diese Klasse ist als selbständige
im Altbulgarischen im Verschwinden, man kann die oben
118 Flexion der Substantiva. [§92.93.
gegebenen Kasusfornien nicht mehr an einem Paradigma
aus den Quellen belegen, sondern sie müssen, wie es
hier geschehen ist, aus den vorkommenden Formen der
einzelnen hergehörigen Wprter zusammengestellt werden.
Solche sind : sym, voh Ochs, dcmi^ Haus, med^ Honig,
poh Seite.
2. Die ursprünglichen «,-St. können — und es ge-
schieht sehr oft, namentlich im Singular — alle nach
Art der o-Stämme flektiert werden, z. B. sym syna synu
sifia (si/nn) synomr) syne sytie. Veranlassung dazu gab die
Gleichheit der Nominativformen plod^ sym und die große
Überzahl der o-Stämme.
3. Umgekehrt werden Formen des w-Stammes auf
O-Stämme übertragen, am häufigsten der Dat. sing, -ovi,
z. B. hog^ — bogovi^ duck^ — duchovi, onqih — mqzevi;
ziemlich häufig Gen. plur. -ouö, z.'^. plod^ — plodov^, cvetb
Blume — cvetoi% vracb Arzt — vracem>; seltner Nom. pl.
-oi'ß, z. ß. duchove^ zmijh Schlange — zmijeve; vereinzelt
andre Kasus, z. B. Instr. sg. gIas^ Stimme — glas^mh, Instr.
pl. grechh Sünde — grech^7m, Lok. pl. darb Gabe — darbch^
(vgl. dazu loc. sg. dam, n. pl. darove, gen. darovrb). Diese
Übertragung ist fast ganz auf die msk. o-Stämme be-
schränkt; sehr selten sind Formen bei den Neutren, wie
Dat. sg. mor'ein zu mor'e Meer.
4. Lok. pl. auf -ochb, z. B. synocla, domochb (zu lesen
■od)) nach § 24 IV 4 aus -^>ch^.
93. IV. i-Stämme; mask. pqth Weg; fem. kostb
Knochen.
1. Maskulina.
2. Feminina.
Sing, pqth
Sing.
kosth
pqti
kosti
pqti
kosti
pqth
kosth
jjqthmh
kosthjq
pqti
kosti
pqti
, kosti
§93.]
Flexion der Subetantiva.
119
Plur. pqthje
Plur.
kosti
pqthjb
kosthjh
pqthrm
kosthrm
pqti
kosti
pqtymi
kostwni
pqtbcH
kosthchh
Dual, pqti
Dual
. kosti
pqthßi,
kosfhjii
pqth.na
kosthma.
Bemerkungen. 1. Zu den i-Stämmen gehören die
Duale von oko Auge, ucho Ohr: oci, usi, der Dativ-Inetr.
lautet ocima, usima, sein i (statt h) ist aus der Nominativ-
form entnommen.
2. Statt h kann vor j stehen i: kostijq, pqtije^ pqtijh,
pqtiju, nach § 15 I 4.
3. Instr. sg. pqtenih, Gen. pl. pqtejb. Dat. pqtemZj Lok.
pqtechT) (so geschrieben, zu lesen pqtem, pqtej, pqtem, pqtech)
sind zu erklären nach § 24 IV 4.
4. Einige Maskulina schwanken zwischen der Flexion
des 2- und des weichen o-Stammes: og^ib Feuer gen. ogni
und ogna, zverh wildes Tier zveri und zver'a; gospodh Herr
gen. gospodi und gospod'a oder gospoda (hart), Dat. gospodi
und gospod'u gospodu.
5. Übertragung der i-Formen auf raask. weiche
o-Stämme findet sich, doch nicht häufig, im Instr. sg.
otbcbmh (statt otbcemh) wie pqtbmh^ Dat. pl. othcbrm (statt
otbcetm) wie pqtrnih, Nom. pl. stra^ije (zu strazh Wächter,
statt strazi) wie pqtije. Noch seltner in andern Kasus, z. B.
Gen. pl. vracej d. i. vrachjh (zu vrach Arzt; statt vraöh) nach
pqthjb.
6. Die Neutra auf -hje {-ije) bilden in einigen Quellen
neben dem regelmäßigen Instr. sg. auf -hjemh nicht selten
•iimh (-HHMb), ebenso auch im Dativ pl. -iimh statt des nor-
malen -hjenn. Nach dem zuweilen begegnenden Instr. pl.
auf -i/wi, -hijui (zu lesen -ijhmi, -hjhmi)^ z. B. orqzhimi =
120
Flexion der Substantiva.
[§ 98. 94.
orqzhjbmi (zu orazhje Waffe), der nur aus den /-Stämmen
ei>tlehnt sein kann, sind auch jene Kasus /-Formen, zu
lesen also -hjbmb oder -ijb}yib, -bjbmh oder -ijbmh, z. B. i. Fg.
iicmbjbmb aretiijbmh, Dat. pl. ucenbjbrpz ucenijbtm (zu v-certhje
Lehre).
94, V. Konsonantische Stämme.
A. «-Stämme, Mask.
kamy Stein, Neutr. seme
Same, St. -men-.
1. Maskulina 2, Neutra
Sin g.kamy
seme
kamene
semene
kameni
semeni
karnenb
seme
kamemmb
semenbmb
kamene
semene
Plur. kamene
semena
kaynem
semeni,
kamenbfm
sememmo
kamen i
semena
kawxnhmi
semeny
kamenbcM
semenbchh
Dual, kameni semrne
kamenu semenu
kamenbma semenbma .
C. nt- (-e^) - S t ä m m e,
Neutra: tel^ Kalb.
Sing. tel&
telete
teleti
tele
telethmb
teilte
B. .9- Stämme, Neutra.
slovo Wort, St. -es-.
•Sing, slovo ^
slovese
slovesi
slovo
slovesbmh
slovese
Plur. slovesa
slove!^
sloves-hm^
slovesa
slovesy
slovesbchr,
Dual, slovese
slovesu
slovesbma.
D. f-Stämme; nur die
beiden Feminina matl Mut-
ter, dhsti Tochter.
Sing, mati
matere
rnateri
materb
materbmb
matere
§94.]
Flexion der Subetantiva.
121
Plur. telfta
tekth
tekthnih
tel^ta
Uleiy
felpthch^
Dual, telete
tele tu
fektbma.
Plur. materi
materh
tnaterhmh
inateri
materbmi
'>nat€)'hcho
Dual, materi
materu
materbma.
Bemerkungen. 1. Die Nominativa auf -y sind nur
belegbar mit kamy und plamy (Flamme), alle andern
Maskulina haben -menh -em (so auch in den meisten
Quellen kametib, plamenh), z. B. grebenh Kamm, jelenb Hirsch,
stepenh Stufe, remenb Riemen; kamy und plamy werden
auch als Akk. gebraucht, z. B. rasprasista plamy sie (dual.)
zerstreuten die Flamme. Das ist bewirkt durch die son-
stige Gleichheit mask. Nominativ- und Akkueativformen
{plod^, pqth, sym, kam^nh). Der alte konsonantische Stamm
dbn- Tag hat Nom. dhnb, kann konsonantisch noch bilden:
Sing. gen. dwie, loc. dhne, Plur. nom. dhiie, gen. dbm, Dual,
gen. dhnii.
2. Die Kasus mit konsonantisch anlautender Endung:
-mh, -m^, -mi, -ch^^ -una werden gebildet auf Grundlage
eines i-Stammes kamem- usw. (vgl. lit. zu akmü : i. sg.
akm^ni-mi, dat. pl. akmem-ms, i. pl. akmeni-m\s, loc. pl.
akmeni-se^ dat. dual, akment-m). Im Anschluß daran sind
die Nominativa wie kamenh usw. gebildet, und können auch
die sonst konsonantisch gebliebenen Kasus nach Art der
i-Stämme behandelt werden, z. B. gen. sg. kameni, loc. sg.
kameni, n. pl. dhnhje, gen. dual, jelenhju. — Der Instr. pl.
der Neutra vermeidet die Form -hmi {cudesh-mi zu cudo
Wunder); die gewöhnliche Endung -y deckt eich mit der
Form der o-Stämme: lety wie semeny. Vereinzelt -y auch
beim Mask.: dhjiy; in andern Quellen stepemj kameny.
3. Die ferain. ?--Stämme brauchen eine Form matei'e
als Akk. (neben materb); es ist die Genetivform, gebraucht
122
Flexion der SabstADtiva,
[§ 94. 95.
als Akk. im Anschluß an den akkueativischen Genetiv der
belebten Maskulina (s. § 87), vgl. Wendungen wie 7m otbca
i vwtere (gegen den Vater und die Mutter).
4. Die cs-Stämme können alle nach Art der neutr.
o-Stämm (.wie Jeto) flektiert werden, z. B. gen. sg. slovai
dat. slovu, instr. slovomh usw. Veranlassung ist die Gleich-
heit der Nominative slovo (St. sloves-) leto (St. -o-).
5. Zu den konsonantischen Stämmen gehören die
Plurale der Wörter auf -mim -'anim (s. 64 2), z. ß. zu
grazdanim Plur. (p-azdan-e grazdan-^', grazdanetm grazdany
grazdany grazdaneda, davon Akk. und Instr. mit der Endung
der o-Stämme; Dativ und Ix)k. würden nach der Weise
der i-Stämme als grazdanwm grazdanhclih zu erwarten sein,
haben aber auch in Quellen, die sonst h erhalten, kon-
stant e, vielleicht durch Einfluß des Nominativs. —
Andre Wörter mit -hio schwanken in den Pluralformen: zu
hoTarim Vornehmer N. pl. hol'are, Gen. bo-l'arh, Dat. hol'a-
romo; zu vGJim qjbmino Krieger PI. voji, ojhmi als weiche
o-Stämme.
6. Die weichen o-Stämme auf -teth -ar'h bilden ein-
zelne Kasus des Plurals konsonantisch, z. B. zu delatel'h
Arbeiter, mytar'b Zöllner: Nom. pl. delatele (das häufige
-tel'e hat sein l' statt l aus den nicht konsonantischen
Kasusformen) mytare, Gen. deJateh '^mytarb; der Instr. pl.
nach Art der harten o-Stämme delately mytary.
7. Einzelne im Singular als i-Stämme erscheinende
Wörter bilden Pluralkasus konsonantisch, so zu lakbtb
Ellbogen, nog^tb Nagel: Gen. pl. lalrbi-b nogbtb (Instr. pl.
lakbty rtogbty); zu pecafb Siegel N. pl. pecate.
95. VI. ^z-Stämme; Feminina; svekry Schwieger
mutter.
Plur. sveh-hvi
svehitvb
svekrbvanio
svekrbvi
svekrbvami
svehijvachb
Sing, svekry
svekrbve
svekrbvi
svekrbvb
svekrbibjq
svekt'bve
Dual, svekrbvi
sveh-bvu
svekrbvama.
§95.96.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 123
Bemerkungen. 1. Die Genetivform auf -e wird in
einigen Quellen in akkusativischer Bedeutung verwendet.
z. B. na otbca i matere i svehiyve = gegen Vater und
Mutter und Schwiegermutter, so auch z. B. l'ubzve =
amorem. Veranlassung dazu gab der akkusativische Ge-
brauch der Genetivform bei den r-Stämmen (s. § 94,
Bemerk. 3).
2. Die Formen svekrbva-rm^ svekrhva-mi svehi/va-ch-b
svekrbva-nia sind auf Grundlage eines ä-Stammes gebildet,
lauten daher wie zenarm usw.
3. Ein alter ß-Stamm war krb'vh Blut; es geht außer
dem Nora, (der aus *kry nach Analogie der folgenden
Kasus umgebildet ist) im Sing, wie svekry, im Plural da-
gegen: krbvi, krbm>, krbvhrm, krwi, krtirbmi, krhvhch^, also
außer dem Gen. wie ein i-Stamm.
4. In Quellen, wo statt l'uh^vh (akk.) u. a. steht l'uhovh
(lies l'uhov) beruht das o auf dem Vorgange, der o. § 24 IV 4
besprochen ist.
n. Flexion der Adjektiva und Pronomina.
I. Unbestimmtes Adjektiv.
96. Durch eine eigentümliche syntaktische Behand-
lung des Adjektives stellt sich leicht die Vorstellung ein,
die slavischen Adjektiva hätten eine zweifache Deklination,
nominale und pronominale. Das ist unrichtig, das Ad-
jektiv hat an sich nur nominale Flexion, die nominalen
Adjektivkasus können aber mit einem artikelartigen,
ihnen enkHtisch angerückten Pronomen verbanden werden.
Da auf diese Weise die Endsilben der Zusammenrückung
pronominale Kasusendungen sind, wird der Anschein einer
pronominalen Deklination des Adjektivs erweckt. Im
späteren Kirchenslavisch wie in den andern slavischen
Sprachen ist durch lautliche Umbildungen und durch
Ausgleichungen mit dem Pronomen z. T. eine wirklich
pronominale Flexion des Adjektivs eingetreten. Für die
124 Flexion der Adjektiva tind rronomina. f§ 96. 97.
ursprünglichen Verhältnisse und auch für das Alt-
bulgarische tut man besser, die Ausdrücke nominale und
pronominale Adjektivdeklination zu verineiden und statt
dessen zu .sagen: unbestimmtes Adjektiv für das nicht
mit dem postpositiven Pronomen verbundene, bestimmtes
für das so verbundene. Das Gesamtbild eines bestimmten
Adjektivs s. u. §§ 112—114.
97. Von den adjektivischen Wörtern sind hier die
Partizipien, die nach Bildung und Flexion unten beim
Verbum behandelt werden, ausgeschlossen. Die Adjektiva
im engeren Sinne lassen sich der Deklination nach in
drei Gruppen teilen.
1. Mit Ausnahme der Komparative und einiger in-
deklinabler (s. unter 2 und 3) sind sämtliche slavische
Adjektive im Maskulinum und Neutrum harte
oder weiche o-Stämme (o- oder jo-St.), im Femi-
ninum harte oder weiche «-Stämme (ä- oder jä-St.).
Die ursprünglichen idg. konsonantischen, i- und w-Stämme
sind schon urslavisch aufgegeben und durch o-Stämme
ersetzt. Die Flexion ist die der im Stamm entsprechen-
den Substantiva, nur wird der Vokativ selten gebildet.
2. Die Komparativa. Die äußere Regel für die
Bildung des Stammes ist: an den letzten Konsonanten
des zu Grunde liegenden Adjektivstammes wird -jhs- oder
-ejhs- angefügt, z. B. zu -jhs- : chvdh schlecht — *chudjhs
chuzdhs-, *dorg^ dragi teuer — "^dorgjhs drazhs- ; die For-
mantien -hkb, -ok^^ -hkb (s. § 72 I 8) werden in der Regel
nicht in die Komparativbildung einbezogen, daher zu
vysokb hoch Kemp. *vys-jhs- — vijsbs-, *sold7>k7} sIad^k^ süß
— ^soldjhs- — slazdhs-, tfzhkb schwer — tfzhs- ; zu -^jhs- :
nov^ neu — novejhs-, dohrb gut — dohrejhs-. Wie in andern
Sprachen gibt es Komparativa, denen ein stammgleicher
Positiv fehlt, vgl. mah klein parvus — mhnhs- kleiner minor.
Die Form des Komparativformans erscheint als -jVs- in
allen Kasus mit Ausnahme des Nom.-Akk. sg. ntr. mhne,
chuzde, noveje. Dies -je steht zunächst für *-jes-, das seiner-
seits gleich idg. *-jos' und *-jes- sein kann. Diese Norai-
§ 97.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 125
native auf -je decken sich in der Form vollständig mit
dem Nom.-Akk. sg. ntr. nicht komparierter weicher Ad-
jektive (70-St.), z. B, buje tbste (zu bujh wild, tbstb leer).
Der No a. .sg. mask. novejh kann enthalten die Endung
'Hs (als schwache Form des Formans -*Jos, â– '^jes\ kann
aber auch erklärt werden als Neubildung. Eine etwa dem
lat. major (= -jös) entsprechende Nominativform müßte
slav. *7ioveja oder (wenn man annehmen will, *-;ös könne
zu *-jüs werden) "^'noveji ergeben. Formen, die ganz aus
den sonstigen Maskulinformen herausfallen; an ihrer Stelle
wäre nach dem Verhältnis von ntr. buje zu mask. bnjb^
t^ste zu tistb, dem Neutrum noveje ein Mask. novejh hinzu-
gebildet. Das würde auch leicht begreiflich machen, wie
novejb zugleich Akkusativ sein kann, da bujb„ thsih Nom.
wie Akk. sind. Bei den auf -jbs- (nicht -ejbs-) gebildeten
Stämmen wäre demgemäß mhub, chuzdb, drazh als Nom.
mask. zu erwarten, aber diese Formen kommen nicht vor,
sondern nur uhiihH oder MhNHH, xovxaI'H xovxahh, ;^pAXhH
;(paxHH, zu lesen mbmjb (oder mhnjijb^ i nach § 15 I. 4),
chuzdbjh, drashjb, Dies ist die Form des Nom. sg. der
bestimmten Adjektivdeklination. Wenn sie auch beim
unbestimmten (z. B. prädikativischen) Gebrauch des Kom-
parativs wirklich das ist, so hätte man statt «kleiner»
immer gesagt «der kleinere». Vielleicht ist aber einem
mit novejh parallelen ytihnb, chnzdh das -jh von novejh an-
gefügt worden, wodurch eine deutlichere Form entsteht,
während mhiih chuidb slaMb usw. sich decken mit den
Nominativformen beliebiger weicher, nicht komparativischer
Adjektiva. Unklar ist das -e- in -ejhs-, sicher nur. daß
es = idg. e, vgl. mekhkz komp. in§khcajhs- (nach § 7 II 3).
Die Schwierigkeiten in der Erklärung der Komparativ-
bildung s. bei Brugmann, Grundr. 11^ § 423, § 439 und
die dort angeführte Literatur.
Als Superlativ wird entweder die Komparativforra
als solche gebraucht oder ihr die Partikel najh- oder naji-
(die einheimische Schrift häh ergibt nicht wie zu lesen)
vorgesetzt: najh-novejb novissimus.
126
Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 97. 98.
o.
Es gibt eine Anzahl auf -h auslautender adjek-
tivisch gebrauchter Wörter ohne alle Flexion, z. B. pre-
prostb einfältig (^itije preprosth otbca loana = Leben des
einfältigen Vaters Johannes), svobodh frei (svobodh hqdete =
ihr werdet frei sein; iena svobodh jestb oth zakona = die
Frau ist frei vom Gesetz). Über den häufigeren adverbiellen
Gebrauch dieser Bildungen s. u. § 131. Die Deutung der
Form ist unsicher. Vielleicht sind es Akkusative sub-
stantivischer i-Stämrae, wie lateinisch statim, partim, also
svobodh an sich «Freiheit», Akk. -m (-b), etwa = in freier
Art, adverbiell gebraucht. Die meisten solcher Wörter
wären dann adverbiell geblieben, eine gewisse Anzahl
aber auch adjektivisch-attributiv gebraucht worden.
Paradigmata.
98. I. Nicht komparativisches Adjektiv; nov^
neu, thsth leer.
A. hart.
B. weic
h.
1. Mask., Neutr.
2. Femin.
1. Mask., Neutr.
2. Femin
Sing, nov^; novo
nova
tbsth; tbste
tbsta
iwva
iwvy
thsta
tbst^
novu
nove
tbstu
tbsti
7iovh; novo
novq
tbsth; thste
tbsta
<
novomb
novoja
thstemb
tbstejq
nove
nove
tbsti
tbsti
(nove)
Plur. novi; nova
novy
thsti; tzsta
tbste
nov^
nov^
tbsth
tbSth
novmm
novamh
tbsterm
tbstamz
novy ; nova
novy
thst^; thsta
t^stp
novy
novami
tbsti
tbstami
novech^
novackb
tbsticM
t7)Stachi
Dual, nova; nove
nove
thsta; tbsti
tbsti
nmm
novu
tbstu
thstu
novonia
novama
tbstetna
tT>stama,
§99.]
Flexion der Adjektiva und Pronomina.
127
99. II. Komparativ;
1. Maskulinum
Sing, novejh . noveje
novejbsa
novejhsu
novejbshj novejh; noveje
novejbsenih
novejbsi
Plur. novejbse; novejbsa (-si)
novejbsb
novejbsemh
novejhs^; novejbsa C'si)
novejbsi
novebsichi
Dual, novejbsa; novejbsi
novejbsu
novejbsema
novejb neuer, mbubjb geringer.
und Neutrum.
Sing, mhnbjb; mbue
mhuhsa
mhnhsu
mbnbsb, mhnb; mbne
mhnbsemh
mbtibsi
Plur. mbnhse; mbnbsa (-si)
mhnbsb
mwibsenih
mbubs^ ; mbiihsa (-si)
mhnhsi
mb7ibsichh
Dual, mhnhsa; mhnhsi
mhnbsu
mhnbsema.
2. Femininum.
Sing. 7iovejhsi
novejbs^
novejbsi
novejbsa
novejhsejq
novejbsi
Plur. novejhse
novejbsb
novejbsaim
novejhs^
novejbsami
novejbsachh
Dual, novejbsi
novejhsu
novejbsama
Sing, mbnhsi
mhnbse
mbnbsi
mbnbsa
<
mbnbseja
mbnhsi
Plur. mhfihse
mhnbsb
mhubsami
mhnhse
nibiibsami
mhnbsachh
Dual, mhnbsi
mhnhsu
mhnhsania
Bemerkungen. 1. Über die Nom. sg. msk. und
ntr. 8. § 97. 2; Nom. sg. msk. mhnbjb (ukHkH) ist die laut-
128
Floxion der Adjoktiva und PronoiniiiH. |§ 99. 100.
lieh älteste Form, miJiijb (mhhhii) nach 15 1 4, mirtejh (MbHieii)
nach § 24. IV 4.
2. Der Nom. pl. msk. hat die alte Endung -e des kon-
sonantischen Stammes, das s der Form ist aus den folgen-
den Kasus übernommen (vgl. dazu die Partizipien § 169).
3. Die übrigen Kasus kommen von einem erweiterten
Stamme *-jbS'jo-, "^-jbso-, auch der Kom. pl. msk. kann
so gebildet werden: mhiibsi.
4. Der Nom. sg. fem. hat die altidg. Endung -l; die
übrigen Kasus beruhen auf erweitertem Stamme -^jbs-jä-,
-jbsa- (vgl. dazu die Partizipien §§ 169, 171).
5. Nom.-Akk. pl. ntr. auf i ist selten; über i in
diesem Kasus bei Pronomina, Zahlwörtern und Partizipien
s. u. §§ 105, 110. 5, IIG. 1, 169.
IL Pronomina.
1. Personalpronomen,
100. Darunter sind zu verstehen die I. Person (ich,
wir), die II. (du, ihr) und 111. das Reflexivum (sich). Das
nicht reflexive Pronomen der 111. Person s. u. § 103,
beim* Demonstrativpronomen.
1.
II.
III.
Sing.
azz
Sing, ty
Sing.
mene
iehe
sehe
mbnejen'kl.mi
tele, enkl.
ti
sehe, enkl. si
mene. enkl.w^c
teht, enkl.
te
sehe, enkl. s^
mznoja
tohojq
sohojq
mbne
iehe
sehe.
Plur.
my
nas7>
Plur. vy
1 vash
narm,enk].7iy
vanih, enkl
vy
7ias7,, enkl. /it/
vasb, enkl.
vy
nami
vami
nasz
vasTo
Dual.
ve
jiaju
nama
Dual, va
vaju
vama
akk.
na
§ 100.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 129
Bemerkungen. I. Zum Singular. 1. Das Re-
flex! vum, dem Plural und Dual fehlen, ist allgemein
reflexiv, d. h. kann sich auf jedes beliebige Subjekt des
Satzes (I., II., II r. Person; Singular, Plural, Dual) beziehen,
z. B. otbvrgq sp jego ich werde mich von ihm abwenden;
ty prorokb vyshifmago narecesi s§ du wirst dich nennen
(= genannt werden) Prophet des Höchsten ; my nadejetm
s^ wir verlassen uns auf (hoffen).
2. Die Stämme der obliquen Kasus erscheinen
slavisch als me-, te-j se-; in II. und III. findet sich kein
Anlaut tv-, sv-, wohl aber im Possessivum tvojh dein,
svojh suus.
3. Die nicht enklitischen Akkusativformen mene,
tebe, sehe sind die den Akk. (vgl. § 87) vertretenden
Genitive.
4. Die Form des Dativ-Lok. mhne ist mit h gegen-
über dem Instr. mit ^ (mhnojq) angesetzt nach dem Ver-
hältnis von tebe sehe zu tobojq sohojq. Aus den Quellen
ergibt sich nicht, ob mhne oder 7m7ie als ursprünglich an-
zusetzen ist. Zu 7nbne vgl. preuß. mennei (d. i. menei).
5. Parallelität der Flexion mit der der fem. ä- Stämme:
mhne tebe sehe, minojq tobojq sobojq gleichen in den En-
dungen völlig dem Dativ-Lok. und dem Instr. der ä-Stämme:
zene, zenojq. Ebenso im Plural und Dual die Kasus:
Nom. pl. my vy — zeny ; Dat. narm vamh — zenamz; enkl.
Akk. ny vy — ieny ; Instr. vami vami — ienami; Nom.
Dual. 1 ve — iene; Dativ dual, nama vama — zenama.
6. Zu einzelnen Kasus: Nom. sg. I. az^ ist nur
bulgarische Form, alle andern slav. Sprachen haben jazb
als Grundlage der bestehenden Formen (serb. ja, slov. jaz,
russ. ja, poln. öech. sorb. ja, polab. joz) und es liegt kein
Grund vor, dies nicht als urslavisch anzusehen. Es kann
verstanden werden aus einem "^ezom (langes e gegenüber e
in preuß. es = ez, altlit. esz = eZ, gr. etub usw.), daraus
nach § 7 II 3 *jezb jazh. Anders Pedersen KZ. 38. 315.
— Nom. sg. II ty = idg. *tü, vgl. lat. tu.
Leakien, Alt bulgarische Grammatik. 9
130 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 100.
Die Genitive mene, fehe, sehe zeigen in dem -e der
Endung eine uralte Kasusform, vgl. ai. niana I., tava IL;
das h in tshe sehe ist durch Anschluß an den Dativ tehe
sehe für v eingetreten.
Die nicht enklitischen Dative II tehe, III sehe ent-
sprechen in dem h des Kasussuffixes ai- tuhhyam, lai. tihJ,
das auslautende e entspricht einer Dativform auf -oi, -ai
(■öl, -äi) und lautet der eines «-Stammes (zene) gleich.
Das in I zu erwartende *mhbe ist nach dem Gen. mene
ersetzt durch mhne (derselbe Vorgang im preuß. mejiei) ;
die Ausgleichung der Kasusformen läuft also in I um-
gekehrt wie in II und III. Die enklitischen Formen
mi ii si sind alte Lokativ-Dative (slav. nur Dative) = %»oi
*toi "-'soi.
Die enkl. Akkusative me t^ s^ == *mem usw.
Die Instrumentale minojq toboja sohojq scheinen
eine slav. Neubildung zu sein, was die Endung -ojq
anbetrifil; dem mhne tehe sehe, die scheinbar gleich
eene sind, hinzugebildet nach dem Muster von zenojq und
dem pron. Instr. tojn. Der auffallende dumpfe Vokal
(z>, o) der ersten Silbe kann durch Angleichung an -ojq
entstanden sein.
Die Lokative mhiie tehe sehe sind die Dativformen.
II. Zum Plural und Dual. Der alte Wechsel
im Anlaut von I zwischen v- und n- ist nicht mehr vor-
handen im Plural, nur der Nom. dual, hat ve; das m-
im Nom. pl. my ist bereits litu-slavisch, lit. mes preuß. mes.
Ebenso ist der Wechsel von j und v in II ausgeglichen
zugunsten des v (vgl. preuß. Nom. jous = jus, Akk. watis).
Die Nominativformen my, vy sind nicht sicher erklär-
bar. Geht man in II von idg. *jüs lit. jus aus und
nimmt frühen Ersatz durch *t7(s an im Anschluß an die
mit V anlautenden Kasus, so führt dies unmittelbar zu
vy, darnach kann eine ältere Form von I zu my umge-
bildet sein. Möglich ist auch, daß es überhaupt nicht
Nominativ-, sondern Akkusativformen sind, vgl. zeny
(Akk.) in Nominativgeltung.
§ 100. 101.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 131
Die iiichtenklitischen Akkusativa nas^ vafih
sind die Genitivformen (wie im Sing.). Wer annimmt,
daß auslautendes -ös im Slav. in -m übergeht, kann die
enklitischen Formen ny, vy unmittelbar aus "^nös, '^'vös
entstehen lassen.
Die Genitive ??a67> vasT, enthalten die Stämme 71üs-
vös- mit der plur. Genitivendung der Pronomina (s. d.) -s^,
sind also = '^näs-So väs-sh. Dieselben Stämme erscheinen
in den Lokativen iiasi) vasi> mit der Endung -s:b =^ -•"•■s/f,
also = *näs-s^ H'äs-si.
Über Dativ nmm vaim, Instrumental nami vami,
Dativ- In Str. dual, nama vama läßt sich nur aussagen,
daß sie scheinbar von einem Stamme nä- {'''nö-), vä- {^vö-)
gebildet sind und äußerlich den entsprechenden Formen
der substantivischen «-Stämme gleichen : zena-im zena-mi
.^ena-ina. Den gleichen Stamm zeigt der Genitiv dual.
najii va-ju, hier nicht gebildet wie ieww, sondern wie das
PronomeM: toju. Die enklitischen Dative ny, vy, dem
Akk. lautlich gleich, sind wohl auch tatsächlich als gleich
anzusehen, vgl. ai, nas vas als Akk., Gen. und Dativ.
Der Akkusativ dual. I na kann sich mit gr. viu
decken; der Nom.-Akk. II va wäre die gleiche Bildungs-
weise.
2. Demonstrativ-, Interrogativ-, Possessivpronomina.
101. Allgemeines. Alle diese Pronomina und
sonstige pronominal flektierte Wörter haben folgende
Eigentümlichkeiten der Flexion :
1. Besondere beim Nomen nicht vorhandene Kasus-
endungen: Gen. sg. msk.-ntr. -go (to-go), ntr. -.so (ce-so),
Dat. sg. msk.-ntr. -mii (to-mii), Lok. sg. msk.-ntr. -mb [to-mh)\
Gen. pl. -c^l^.
2. Instr. sg. msk.-ntr., Gen. Dat. Instr. Lok. plur., Gen.-
Lok. und Dativ dual, haben Stammbildung auf -o?", vor
Konsonanten daraus e, vor Vokalen oj ; statt e nach palatalen
Konsonanten i\ vgl. Lok. pl. tc-cho = "^toi-su, maji-chz =
"^mojoi-su; Gen. Dual. toj-i(. Dieselbe Bildung liegt zu
9*
132
FlexioQ der Adjektiva und Pronomina. [§ 101 — 103.
Grunde dem Stamme tojä-, von dem Gen., Dat., Instr.,
Lok. sg. fem. gebildet werden; die Kasusbildung unter-
scheidet sich hier nicht von der der fem. ä-Stämme.
3. Genitiv und Lokativ plur. fallen — nicht von
Haus aus, sondern durch lautliches Gleichwerden — zu-
sammen.
4. Im Genitiv, Dativ, Lokativ, Instrumental plur.
und im Gen. -Lokativ, Dativ-Instr. dualis sind die Genera
nicht geschieden; anders ausgedrückt: die Formen des
Mask.-Neutr. gelten mit fiii- das Femininum. Vgl. dazu
dieselbe Erscheinung im Preußischen steison Gen. (= eorum
und earum), stewmns Dat. aller Genera; im Gotischen
^im ebenso.
A. DemonstratiTpronomina.
lO^ Stamm to-, Nom. sg. msk. tb der, ntr. io, f. ta.
Stamm ovo-, N. sg. msk. ovb dieser, ntr. oho, f. ova.
Stamm ono-, N. sg. msk. om jener, ntr. ono, f. ona.
Stamm ja-, je- er (nicht reflexives Pron. der III. Person),
N. sg. msk. *?" [i-se relat. qui), ntr. je-(ze)y
f. ja[-ze).
Die nur in Verbindung mit der Partikel ze, die
relativische Bedeutung verleiht, erhaltenen Nominative
aller Genera und Numeri werden in demonstrativem Ge-
brauch ersetzt durch die Nominative von om.
Stamm 5b-, N. sg. msk. sh dieser, ntr. se, f. si.
103. Paradigma der Stämme to-, je-.
1. Mask.; Neutr. 2. Femin.
Sing. om(ize)\ ono(je-ze) ona (ja-ze)
jego jej^
jemu jeji
-jb (enkl.); je jq
jimh jeja
jemb jeji
l.Maek.; Neutr. 2. Femin
Sing. ib\ to
ta
togo
toj^
tomu
toji
tb; to
ta
<
temb
tojq
tomb
toji
§ 103. 104.) Flexion der Adjektiva und Pronomina.
133
'emi \
echo '
ty
wie
Mask.
ty
wie
Mask.
te
v/ie
Mask.
Plur. oni (ize)\ ona(ja-2e) ony (jc-ze)
jich \
jiim (
ip; ja je
jim'i \
jichh f
Dual. ona['ja-2e); one(ji-ze) one (ji-ee)
jeju \
i
wie Mask.
wie Mask.
wie Mask.
jiina
1. Wie tb werden flektiert ov^,
fem. ova ona^ Gen. ovoj^ oiioj^ usw.
Flur, ti; ta
techü
term
ty
iemi
tech
Dual, ta; U
tojii \
tema \
Bemerkungen.
oni '. ovoga onoga usw.^
2. Die Flexion des Stammes jo- je- ist, vom Nora,
sg. msk. abgesehen, der von ti ganz gleich; die abweichen-
den Lautverhältnisse beruhen auf dem Einfluß von j auf
folgende Vokale: jego ^= "^jogo, jimb = *jeimh = *joimi.
104. An die Paradigmen mögen Bemerkungen
über die dem Pronomen eigentümlichen Kasus-
formen angeschlossen werden, die zugleich fü"* alle folgen-
den pronominal flektierten Wörter gelten:
Nominativ sg. ntr. to = idg. "^to-d, vgl. lat. istud.
Genitiv sg. msk. -ntr. togo ist mit keiner Kasus-
form einer andern idg. Sprache vergleichbar und bis jetzt
unerklärt. Die Erklärungsversuche s. bei Meillet, Recher-
ches sur l'emploi du genitif-accusatif en vieux slave (Paris
1879, S. 114), vgl. Berneker, Der Gen.-Akk. bei belebten
Wesen im Slavischen, KZ. 37, namentlich S. 114; Pedersen
KZ. 38, 223.
Dativ msk. -ntr. tomu, Lok. tonih. Statt des sm
des ai. Dativs tasmäi, preuß. stesmu, des ai. Lokativs tasmiv
hat das Slavische und Litauische (Dat. tdmui, Lok. tarne)
nur m, das lautlich nicht aus sm entstanden sein kann.
Vielleicht hat der Anschluß an die Kasus, die von Haus
aus einfaches m hatten, Instr. sg. temh, Dat. pl. term, Instr.
temi, Dat.-Instr. dual, tema zum Verluste des s geführt.
Die eigentliche Kasusendung -u des Dativs ist dieselbe
wie beim Nomen [plodu).
134
Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 104. 105.
Genitiv plur. fe-chh; die Endung geht zurück auf
idg. -iöm (ai. -süm tcsa-m, gr. -cTuuv -uuv, lal. -mm, vgl. preuß.
s-fei-son); die Verkürzung zu -ifi, wie beim Nomen -am zu
7., vgl. § 49 II o. Da die alte Kndung des l^ok. pl. -su
ebenfalls zu -sh werden muß, fallen (jen. und Lok. pl. zu-
sammen in U'chi.
Der Nominativ sg. msk. des Stammes jo- geht
zurück auf •^-'i.s' (lit. j)s, ebenfalls auf 'Hs beruhend), daraus
Jb (so erhalten im Nom. sg. msk. der bestimmten Dekli-
nation: novh-jb novus-is); jb wird im Anlaut zu i nach
§ 57. 3 (so erhalten im Relat. ?-ie). Der Akkusativ
sg. msk. kann auf *im und auf *;o?« zurückgeführt werden,
beruht wahrscheinlich auf %n, slav. jb, so erhalten in
enklitischer Verbindung mit Verben oder Präpositionen,
z. B. bereh-jb sammelt ihn, vou-jb vhnh in ihn. Daß
sämtHche Nominativformen von jo- außer in Verbindung
mit -ze nicht gebraucht werden, hat seinen Grund in
ihrer Kürze (i, je^ ja; i ja je usw.), die sie als Subjekte
des Satzes zu wenig deutlich hervortreten läßt; die zwei-
silbigen Formen dagegen, jego usw. sind deutlich.
105. Paradigma sh.
Singular
1. Mask. ; Neutr. 2. Femin.
Sh; se
sego
semii
Sh; se
simh
semb
•9?
sej^
seji
shjq
sejq
seji
Plural
l.Mask.; Neutr. 2. Femin.
si, siji; si shj^
sichh
) '
ie Mask.
simh
shj§; si shjp
simi \ . TU- 1
\ wie Mask.
sichz f
Dual.
1. Mask.; Neutr. 2. Femin.
shja; siji siji
\ wie Mask.
stmu }
§ 105.] Flexion der Adjektiva nnd Pronomina. 135
Bemerkungen. 1. Der Nom. sg. msk. hat oft die
Form shjh, dafür s^jb (clh, chh), wie überhaupt in allen
Kasus die ft vor J haben, statt h nach § 15 I 4 i eintreten
kann, z. B. Akk. sg. fem. st(jq sijq. — Statt Nom. ntr. se
kommt auch sbje sije vor.
2. Dio Form des Stammes bietet der Erklärung
Schwierigkeiten: a) vom Stamme idg. *H- kommt Nom.
sg. msk. sh = *fcis, Akk. sh = *kim, Nom. sg. fem. si
= h (vgl. zu diesen Kasus lit. szis szf, f. szi = *szi)y
ferner dazu Nom. -Akk. pl. ntr. si. — b) Erweiterung des
St. sb- ist *shjo- shje-, davon Akk. sg. fem. shjq^ Nom.-
Akk. dual. msk. shja\ Akk. pl. msk. fem. shj^\ ferner
Nom. sg. msk. in der Form shjh, ntr. in der Form shje
(sije); vielleicht auch Nom. pl. msk. in der Form siji,
wenn für shji stehend, Nom. -Akk. dual. ntr. fem. siji,
falls für Shji. Sind siji, siji die zu Grunde zu legenden
Formen, so sind sie aus den kürzeren N. pl. msk. st (so
vorkommend), Nom. -Akk. dual. *si gebildet nach Analogie
der bestimmten Adjektivdeklination z. B. N. pl. msk. novi-jij
dual. ntr. fem. nove-ji. Veranlassung kann dazu der wie eine
bestimmte Form erscheinende Nominativ shjb gewesen sein.
— c) Auf einen Stamm se- scheinen zurückzugehen Gen. sg.
msk. sego. Dat. semu, Lok. semb, Gen. sg. fem. seje, Dat.-Lok.
seji, Instr. sejq, Gen. Dual. seju. Wäre die Lautfolge -ej-
in den betreffenden Kasus ursprünglich, so müßte -bj-
daraus geworden sein (nach § 11. 4), falls man nicht an-
nehmen will, e sei statt h wieder eingeführt nach sego,
semu, semb. — d) Instr. sg. msk. simb, Gen. Dat. Instr.
Lok. plur. sichi sitm simi sich^, Dat.-Instr. dual, sima
haben vor den Kasusendungen den Vokal, wie er nach
Palatalen erscheinen muß, also wie jimb, jirm usw. (nicht
wie ternh, teim usw.). Diesem Kasus kann lautlich kein
Stamm so- oder se- zu Grunde liegen, sondern nur *sjO'
*sje- (vgl. lit. Gen. sg.szid, Dat. sziäm usw.); die betreffenden
Kasus müßten aber darnach lauten *simb, *siim usw. Ein
Stamm '-^sje- würde auch in dem unter c) erwähnten
scheinbaren Stamm se- das e erklären, aber auch hier
186 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 105. 106.
erwartet man dann z. B. Gen. *s€go. Die Schwierigkeit
kann zweifach gelöst werden: s ist für s eingetreten nach
den Kasus, die nur .s haben konnten, d. h. Nom. sg. msk.
Sh, fem. si und alle mit sh- aiilautenden Formen; oder
die mit se- und ^i- anlautenden Kasus sind überhaupt
nicht mehr alte Formen, sondern Nachahmungen der betr.
Kasus von jo- (jego, jeniu^ jemi, jej^ usw., jimh, jiohh,
jiwo) usw.
B. Interrogativpronomina (und Indeflnita).
lO^« Stamm ko-^ substantivisches Fragepronomen
für Mask. und Femin. «wer, quis», Nom. sg. Ja-to,
ohne Plural und Dual.
Stamm '''ki-, cb-, substant. Fragepronomen für Neutra,
«^was, quid», Nom. sg. cb-to, ohne Plural und Dual.
Stamm koter o-, kotoro- «quis», Nom. sg. msk. kotevh
kotoTo, flektiert an sich nominal, kommt aber nur
vor in der bestimmten Form durch alle Genera,
Numeri und Kasus: Nom. sg. msk. kotor^-jb,
Gen. kotora-jego, fem. kotora-ja usw. (s. das be-
stimmte Adj. § 112 fg.).
Stamm koje-, adjektivisches Pronomen «welcher, qui,
qualis», Nom. sg. msk. kyjb.
Stamm cbje-, Nom. sg. msk. chjh, ntr. eye, fem. cbja^
possessives Fragepronomen = lat. cujus adj. (wem
gehörend), z. B. cbja zena = cuja uxor.
Stamm jetero-, Nom. sg. msk. jefer^^ indefinitiv «ali-
quis», flektiert nur nominal.
I
§ 107.]
Flexion der Adjektiva und Pronomina.
137
107.
Sing, kbto cbto
kogo ceso
koinu cemu
kogo cbto
cemh cimh
komh cemh
Paradigmata kbto, chto, kyjb.
Sing. msk. kyfb; ntr. koje fem. kaja
kojego
kojemu
fct/jh; koje
kyjimb
kojemh
Plur. msk. dji; kaja
kyjichb \
kyjimb I
kyjimi \
kyjich^ '
Dual.
kojej^
kojeji
kojq
kojejq
kojeji
kyjp
wie Mask.
^yj^
wie Mask.
ceji.
Bemerkungen. 1. hj-to, ab-to enthalten eine enklitisch
angefügte Partikel, eigentlich Ntr. sg. to das, also «wer
das, was das». Die Verbindung ist fest geworden wegen
der Körperlosigkeit des einfachen kb, cb; kb steht so in
kh-ehdo Gen. kogo-zbdo jeder quisque; cb vereinzelt in
ni-ch-ze = ne quid quidem = nihil; das serbokroat. (caka-
vische) ca ist = cb.
2. k%to hat keine Akkusativform, sie wird stets durch
Gen. kogo vertreten.
3. ceso ist die einzige slav. Genitivform mit Kasus-
endung -vo = idg. -50 (wie germ. got. kis)] ceso ist wahr-
scheinlich die ältere Form, das daneben gebrauchte chso
(übrigens schon urslavisch, vgl. poln.-cech. co «was» = cbso)
lautlich durch Schwächung des unbetonten e daraus ent-
standen oder Nachahmung des 6 von cbto. Die normale
Dativform cemu ist ganz selten, regelmäßig ist cesomu, wie
neben Lok. ceinb ein cesomb steht, Bildungen von der Genitiv-
form ceso aus. — Die Form des Stammes als ce- macht
gewisse Schwierigkeiten; sie scheint ursprünglich nur dem
Gen. ceso angehört zu haben (vgl. got. JviSj ahd. hwes),
von da auf Dat. cemu, Lok. cemb übertragen zu sein. Da
cemu cemh die äußere Gestalt eines jo-Stammes haben
138 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 107. 108.
(jevtu, jemh)^ so wäre nach dessen Analogie auch der Instr.
cimb (vgl. jimb) gebildet; s. Job. Schmidt KZ. 25. 94, an-
ders Pluralbildungen der idg. Neutra 43.
4. khfo, cbto werden durch Vorsetzung von ne- in-
definitiv: «eÄT>fo aliquis, wecVo aliquid. Nicht verwechselt
werden darf damit die Vorsetzung von ni-, die negiert;
gewöhnlich wird dem Pronomen dabei -ie angefügt:
ni-kbto-ze niemand nemo, ni-cbto-ze (selten ni-ch-ie) nichts
nihil. Sind in diesen Verbindungen Kasusformen der
Pronomina abhängig von Präpositionen, so stehen diese
zwischen ne- ni- und dem Kasus: ne oth kogo von irgend
jemand, ni ko komu-ze zu niemand.
5. Aus den Formen von kyjh kommen unmittelbar
vom St. koje-: Gen. Dat. Lok. sg. msk. ntr. koje-go kojemu
koje-mb, Nom.-Akk. sg. ntr. koje, sämtliche oblique Ka,sus
des Sing. fem. koje-je usw. Die übrigen Kasus haben dag
Aussehen der bestimmten Adjektivdeklination (s. § 112),
während sie vom Stamme koje- aus regelmäßigerweise
lauten müßten: Nom.-Akk. sg. msk. *kojb, Instr. sg.
msk. -ntr. *kojimb der Plural msk. nom. '^koji, ntr. ^koja^
f. *koje, Gen. kojich^ (kommt vereinzelt so vor), Dat.
*kqji7no, Akk. msk. fem. ''■'koj^^ ntr. *Ä0jia, Instr. *kojimi,
Lok. H•ojich^. Da die Bedeutung, die der bestimmten
Adjektivflexion zukommt, bei diesem Pronomen kaum
recht stattfinden kann, wird ein äußerer Anlaß zu der
z. T. gleichen Flexion geführt haben: koje deckt sich in
der äußeren Form mit dem Neutr. sg. der bestimmten
Adjektivdeklination novo-je. Wie zu diesem das Mask.
nov^-jb vovyjb, das Fem. novaja lauten, sind vielleicht zu
koje die Nominativformen kyjh msk., kaja f. hinzugebildet,
und diese haben dann andre Formen ihrer Art nach
eich gezogen.
C. Possessivpronomiua.
108. I. Person, singularischer Besitzer, Stamm
moje-, Nom. sg. msk. ynojh mein; plural. Besitzer, St. nase-,
Nom. sg, msk. nash unser. — IL sing. Besitzer, St.
§ 108. 109.J Flexion der Adjektiva und Pronomina.
139
fvoje-, Nom. sg. msk. fvojb] plur. Besitzer, St. vase-, Nom.
sg. msk. vasb. — 111.', nur reflexiv, auf das Subjekt des
Satzes bezogen und zwar auf alle Personen und Numeri,
St. svqje-, Nom. sg. msk. svojh', z. B. az^ se s^tvorich^ svo-
jejq rqkoja ich habe das mit meiner Hand getan; ty se
sztvori s^v . r. du hast das mit deiner H. g. ; my se
shtvorichorm sv. r. wir haben das mit unsrer H. g. usw.
— Die Stamrabildung geschieht scheinbar von der Grund-
lage mo-, ivo-, svo-, 7ias-j vas- mit Formans -jo- (mojo- usw. ;
ebenso im Preußischen mais = "^»lajas = '•"'mojos, twais
= tvajas, s?rais = fwajas)^ wie die possessiven Adjek-
tiva auf -jh § 72 II 2; in der Tat liegen alte possessiv
gebrauchte Gen. -Dative wie *moi usw. zu Grunde, die in
Adjektivformen übergeführt und flektierbar geworden sind.
Das poss. Fragepronomen chjh wem gehörig (cujus
adj.) aus *khjh vom St. ko- (in kb-to), die Bildung scheinbar
wie beim poss. Adjektiv der Form boihjh (s. § 72 II 3); viel-
leicht indes aus "^kueios, dem eine Kasusform von '-^kuo-
2u Grunde liegt, vgl. mojh (s. Hujer LF. 35. 214).
109. Paradigma mojb
(ebenso alle andern Possessiva).
1. Mask. ; Neutr.
Sing, mojh: moje
mojego
mojeiyui
mojh; moje
mojimh
mujemh
Plur. moji; moja
mojich^ \
'mojimi, f
moj§; moja
mojimi \
mojicho i
Dual, moja; moji
mojeju ^
mojima \
2. Femin.
Sing, moja
mojeje
mojeji
moja
moje ja
mojeji
Plur. 7}ioj^
wie Mask.
moje
wie Mask.
moji
wie Mask.
140 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§110.
110. 3. Sonstige pronominal flektierte "Wörter.
1. kh'Zbdo jeder; -zhdo ist angefügte Partikel; die Kasus
von ki wie bei la-to: Gen. kogo-zhdo usw. — Das -zhdo
kann auch mit kyjh verbunden werden, die Flexion dann
wie bei diesem: kyjh-zhdo, fem. kaja-zhdo = jeglicher,
jegliche.
2. sami selbst ipse, wie tb.
3. Die Zahlwörter jedim (jedh7l^)^ im eins, wie h:
Gen. rask. ntr. jedinogo jedhnogo; fem. jedina, Gen. jedinojp
usw. — d^va zwei, oba beide, Duale : msk. d^va^ ntr. äbve,
f. d^ve; dhvoju dbvema für alle Genera. Die Kollektiv-
zahlen (s. § 119) dhvqjh ohojh bini, trojb trini, wie mojh:
Gen. dhvojego usf.
4. Die pronominal-adjektivischen Wörter der Qualität:
takh talis, kakh qualis, jakh qualis (relativ), vhsakb vhsakb von
jeglicher (oder allerlei) Beschaffenheit (Ableitungen von
den Pronominalstämmen to-, ko-, jo-, ijhso-) flektieren wie
th, zu beachten der Wandel von A: in c vor e und ij z. B.
Instr. sg. msk. -ntr. tacemb, Nom. pl. msk. taci; Dat. pl.
tacerm, Instr. tacemi, Lok. taceclih] Dat. dual, tacema usw.
Ebenso sikh (vom Stamm sh-) talis; gleichbedeutend ist
sicb Gen. sicego usw. (wie mojh), doch werden im Ger^. Dat.
Instr. Lok. plur., Dat. dual, die Formen von sikb ein-
gesetzt: sicech^ sicerm sicemi sicech^, sicema, wohl auch im
Instr. sg. msk. -ntr. sicemh; wenigstens lassen sich die
lautlich dem Nom. sicb entsprechenden Formen ^sicichi
usf. in den alten Quellen nicht belegen.
§110.] Flexion der Adjektiva und Pronomina. 141
5.
VhSh {
Dinnis.
1. Mask.;
Neutr.
2, Femin
Sing.
vbsh; vbse
i/bsego
vhsetnu
vhsh; vhse
Vhsemb
Vhsemb
Sing. Vbsa vh^a
Vbseje
vbseji
Vhsa vh.'^a
Vbse ja
vhseji
Plur
vhsi , vbsa
vhsechh \
vhsemo /
vh^a
Plur. vbse
wit Mask.
v%sp; vhsa
Vbsa
Vhse
Vhsemi \
Vhsech',' i
wie Mask.
Bemerkungen. Die Kasus gehen von verschiedenen
Stämmen aus: auf vhso-, f3m. vbsä- beruhen Instr. sg.
msk.-ntr. vbsemh, Nom. sg. fem. vhsa, Akk. vhsq, Nom.-Akk.
pl. ntr. Vhsa, Gen. Lat. Instr. Lok. pl. vhsecJib vhserm vhsemi
vhsechh; ani vhso- kaan auch beruhen Nom. pl. mask. vhsi
(wie ti zu to-). l\eben vhso- scheint ein Stamm H-hsjo-
bestanden zu haben, auf dessen ehemaligem j beruht das
e im Nom. sg. n:r. vbse, Gen. vhsego, Dat. vbsemu, Lok.
vhsemh, Gen. fem. vbsej^ usw., Nom.-Akk. pl. fem, vhs^) s
für das aus sj zu erwartende s wäre eingetreten nach
dem Muster der Kasus die auf vhso- zurückgehen, also
nur s hatten, vbsemh usw. (vgl. die Bemerkung 2 zu sh,
§ 105). So könnte auch Nom. sg. msk. vbsh urspr. *v%sj%
gew^esen sein, möglich ist aber hier die Annahme eines
i-Stammes. Vielleicht sind die Formen Nom. sg. fem.
Vbsa (Rbcra), Nom.-Akk. pl. ntr. vhia (Bbcu), die in den
alten Quellen regelmäßig gebraucht werden, Akk. sg. f.
vh^q (BbCKk), erhaltene Übergangssiufen zwischen s und s.
142 , Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§111.112.
111. 4. Wörter, deren Flexion aus nominaler
und pronominaler gemischt ist.
1. Die auf -ZiÄ^ gebildeten adjektivisch-pronominalen
Qur.ntitätsbezeichnungen: tolikh tantus, kolikb quantus, je/i/:^
quantus (relat.), selikh von dieser Beschaffenheit, bilden
Instr. sg., Gen. Dat. Instr. Lok. plur., Instr.-Dat. dual,
pronominal: tolicemh, toliceckh, toliceim^ tolicemi, tolicechz,
tolicenia, die andern Kasus nominal.
2. Ebenso drug^ (andrer, alius), rmnogh (viel multus),
z. B. Instr. sg. msk.-ntr. drudzemh, rmnodzemh, Gen. pl.
drudzecho^ imnodzechi usv»'.
3. tuMh (sfuzdb, stuzdh, fremd) hat pronominale
Flexion: iuzdego fuzdenm usw., fem. tvzda iuzdeje usw.,
neben der nominalen.
III. Das bestimmte Adjektiv.
112. Das Slavische braucht in alter Zeit beim Sub-
stantiv keinen Artikel; wo er sich später in slav. Sprachen
findet, sei es als präpositiver, sei es als postpositiver
Artikel, ist er jüngeren Ursprungs. Dagegen w4rd bei
dem mit adjektivischem Attribut versehenen Substantiv
dann ein Artikel angewendet, wenn das Attribut einem
bestimmten oder — sei (S an sich, sei es durch den Zu-
sammenhang der Rede — bekannten Dinge beigehgt wird.
D(.n Artikel bildet das Pronomen "^jh jego usw., dessen
Kasus den noEjinal flektierten Kasus des Adjektivs enkli-
tisch angefügt werden. Da die Zusammenrückung unter
einen Hochton fällt, wird sie als ein einheitliches
GeV>ilde empfunden. Genau so verfährt das Litti-uische;
hier ist in allen Kasus die Zu?ammrückung der beiden Ele-
mente noch deutlich erken :ibar. Im Slavischen ist schon in
uralter Zeit durch lautliche Veränderungen und Aus-
gleichungen das Verhältnis z. T. undeutlich geworden. Zur
Verdeutlichung sei hier ein litauisches bestimmtes Adjektiv
im Mask. und Fem. (das Neutrum fehlt ina Lit.) neben
die slav. Formen gestellt (l'.t. häsas, sl. hos^ barfrG).
§112.]
Flexion der Adjektiva und Pronomina.
143
Masku]
inum.
Sing, bosi-jh
basäs-is — '
^'basas-jis
bosa-jego
bäso-jo
bosu-jemu
hasdmü-jem (alt), basdm-jem für "^basamui-
jamui
bOS7r-jb
bäsq-jj
bosyjimh
basü-ju
bose-jemb
basame-jeme
(alt), basafh'jem (für -jame)
Plur. bosi-ji
base-ji
boso-jic}n>
basni-ju
bosy^im^
basäms-ems -
— Hasems-jenis
bosy-jg
basüs-ius
bosy-jhni
basais-eis —
"^basais-jais
bosyjichi
basiis-iuse
Dual, bosa-ja
basu-ju
bosu-ju
fehlt lit.
bosyjima
basem-em (alt) — '^basem-ßyn.
Femininum.
S. bosa-ja baso-
y^
PI. bosy-j^ bäsos-ios
bosy-j^ basoi
i'ios
bos^-jich^ basü-jii
bose-ji bäsa'
i.jei {= -jai)
bosyjimo basöms-ioms
bosa-jq bäsq-
3? (— -i«)
bosy-je basds-es ( — -jas)
bosq-jq bascl
-.w [— -jq)
bosyjimi baschns-iomis
bose-ji basö-
joje
bosyjicho basös-iose
Dual. n. a. bose-ji j base-ji.
Die Erläuterung der slavischen Formen s. § 114
nach den folgenden Paradigmen: notrb neu, hartes Adj.,
iosfh leer, weiches Adj. Diese sind zugleich in kyrillischer
Schrift gegeben, ura gegenüber den verschiedenen Schrei-
bungen der Quellen, die durch die Weiterentwicklung
der Formen veranlaßt sind, und bei der z. T. nicht ganz
sichern Transskription das älteste Schriftbild vor Augen zu
führen.
144
Flexion der Adjektiva und Pronomina.
[§113.
113.
Paradigma.
Maskulinum -Neutrum.
A. Hartes Adjektiv.
S. HOKIH HOBUH â– nOll)jb
novyjh; ntr. hokok
novoje
HOB.ii€ro novajego
HOBovicMOV novujemu
HOBIH HO BUH llOVltjh
iwvyjh ; ntr. hoboic
novoje
HOBiiHMk novyjimb
HOB-EKUk novejemh
PI. HOBHHWOHJV; ntr. HORT R
novaja
HOBUK^CL novyjich^
HOBUHM'L novyjiim
HOB'y» novyje ; ntr.
HOBia novaja
HOBUHMH novyjimi
HOBUH^cL novyjichh
Dual. \{Q^^Y\novüja; ntr. hob^h
noveji
HOBoyK) novuju
HOBUHMi novyjima
B. Weiches Adjektiv.
S. TLUIThH TLUITHM thstbjh
tbstijh; ntr. Tiiureie
tosteje
TiiUTSiero tbstajego
TEiuTOvieMOif thstujemu
^UllbH TLIUTHH tbStbjh
hstijt; ntr. TLUiTeie
fbsteje
TLU'THHMh tbSÜjimh
"^rLUiTHieMh ^thsüjemh
PL TiniTHH tbstiji; ntr.
rLuiTAn tbstaja
ThüiJHHyh t^säjick^
TLUITHHM'E tbSÜjhm
TLiiiTjiu tbstfje ; ntr.
THUTAa thstaja
Ti^ujTHHMH tbstijimi
TEUiTHHXi tbstijkhh
Dual. TMUTia tbstaja; ntr.
TI^UITHH tbstiji
TLIHTOVIO thStujU
TLHiTHHua tbstijima.
2.
Femininum.
HOß:\n
novaja
S. TLIUTaH
tbstaja
MOBUU
novyje
TLUITAH
tbst^jp
HOBtH
noveji
TllllTHH
thstiji
HOB;i^tJh
novaja
TLUlT^fö
tbsfqja
HOB£l»
novaja
T'hmTai}&.
tbstqjq
HOBIK
noveji
TEUITHH
tbstiji.
§ 113. 114.] Flexion der Adjektiva und Pronomina.
145
A.
Hartes
Adjektiv.
B. Weiches
Adjektiv
PL
HOiTUM
novyj^
PL nuTJUi
tbstejp
HOKUHVL
novyjich
TUlTIHirL
thstijich^
HOBVHM'L
oiovyjirm
TLlUTHMirL
tbstijirm
HOKUH
novyjp
TIIHTAIA
thstfjp
HOBUHMH
novyjimi
TLUITHHUH
tbstijimi
HOKUlijirL
novyjidvb
niMTHHTL
tbstijichb
Dual
HOB-KH
noveji
DuaL TLIUTHH
thsfji
IIOKOlflO
novuju
T'&IIITOVIO
hstuju
nOBlIHMA
novyjhna
rUttTINIMl
tistijinia.
Die bestimmte Form des Komparativs s. § 97. 2 geht
wie Twim»: MkiibH mlnuh mbnhjh mwiiji, mhnhsajego; ntr.
mvnhjeje oder mhnhseje-^ fem. mhMJjsija, Gen. mhnhs^-jp usw.
114. Bemerkungen zum bestimmten Adjektiv.
1. Vom Singular rask. ntr. sind Nom. novh-jh {novy-jh nach
§ 16. 3, ebenso thstijh für tbsth-jh nach § 15 14), novo-je,
Gen. nova-Jego^ Da.t. novu-jemu^ Lok. nove-jemh; vom Plur.
Nora. msk. u. ntr. novi-ji, nova-ja, Gen. novz-jicho {novy-jichh)^
Akk. msk. novy-je, Instr. novy-jimi\ vom DuaL Nom. msk.
und ntr. nova-ja, nove-ji. einfach die beiden zusammen-
gerückten Kasus. — Der ganze Singular des Femininums
bietet dasselbe Bild, nur sind im Gen. Dat. Instr. Lok.
die Pronominalkasus jeje jeji jejq jeji verkürzt zu -j^ -ji
-jq -ji nach Analogie des Nom. und Akk. -ja -ja, wo die
Pronominalkasus an sich einsilbig waren, also sind die
Formen aufzulösen: nova-ja novy-j^ nove-ji 7iovqjq nove-ji.
Der Instrumental novq-jq enthält in seinem nominalen
Bestandteil die kurze Form des Instr. fem. (wie zenq)^
neben ihr wird auch novojq, die unbestimmte Form,
gebraucht. — Der Gen. -Lok. novu-ju für *novii-jeju nach
Analogie der Nominativformen nova-ja^ nove-ji.
2. Es bleiben demnach als nicht unmittelbar auf die
alte Zusammenrückung zurückführbar: Instr. sg. msk. -ntr.
novyjimh, Dat. pL novyjitm, Lok. pl. novyjichh, Dat.-Instr.
dual. novyjiimL. Zu erwarten wäre dafür im Mask.-Neutr.
Instr. sing. *novomh-jimh, Dat. pl. *novomo-jirm, Lok. pl. *wo-
Leskien, Altbulgarische Grammatik. 10
146 Flexion der Adjektiva und Pronomina. [§ 114.
vechzjichh, Dat. dual, ^novoma-jima (über die Femininalform
s. u.) Der Lok. pl. wurde aufgegeben und durch die Geni-
tivforni novhjichh novyjicla ersetzt, weil beim Pronomen
diese Kasus zusammenfielen. So entstanden die Parallelen:
Gen. pl. tech^ jichi nov^^jich^ [novyjicln)^ alte Zusammen-
rückung
Instr. pl. temi jimi novy-jimi, alte Zusammenrückung
Lok. pl. tech^ jichi now^jicll^^ Neubildung.
Diese Parallelität wurde dann weiter ausgedehnt auf
alle Kasus, die im Pronomen die gleichartige Stamm-
bildung -c- [-1') haben:
Instr. sg. temh jimb 7iovyjimh\ Dat. pl. Uim jhm novy-
jirm] Dat. dual, tema jima novyjimu.
Im Plural und Dual des Femininums wäre zu er-
warten : Dat. *nova}m-ji)m, Instr. *novami-jimi, Lok. *novach^•
jichz, Dat. dual, "^novama-jimu. Dafür sind die Maskulin-
formen eingetreten, weil beim Pronomen in diesen Kasus
kein Genusunterschied stattfindet; dabei ist zu beachten,
daß im Gen. pl. nom}-jic}tb die Genera ohnehin, auch beim
Nomen, zusammenfielen.
3. Die im Altbulgarischen noch bewahrte alte Ge-
stalt der Formen, ^n.e ihn die obigen Paradigmata dar-
stellen, ist in der Periode, der unsre Handschriften
angehören, schon durch lautliche Veränderungen um-
gebildet, und zwar:
a) -^j^ kann nach § 16. 3 zu -yj-^ -hj- nach § 15 I 4
zu -ij- werden, daher novy-jh thstijb usw.
b) Die Formen, in denen die Silbenfolge -aje-, -uje-,
-^je-^ -ije- stattfindet, verlieren j und erhalten durch Assi-
milation -cui-, -uu-j -ee-, -Ü-; die beiden gleichen Vokale
werden dann in der Weiterentwicklung kontrahiert:
Gen. sg. rask. ntr. novajego novaago novago
Dat. » » » noviijemu novumnu novumu
Lok. » » » novejemh noveemh novemh
*fbstijemh thstiimh tzstinih.
Für noveemh kommt auch noveamh d. i. novejamh vor (vgl.
§114.115.]
Zahlwörter.
147
ähnliche Erscheinungen beim Verbum § 196 III 2). Die
Form thsfijetnh ist nicht mehr belegbar.
c) Die Formen mit -yji- sind im Paradigma in dieser
ältesten Lautgestalt angesetzt. Wie weit wirklich noch
•yji- gesprochen ist und nicht etwa diphthongisches -yi-,
ist aus der Schreibung der Quellen nicht zu entnehmen.
In der weiteren Entwicklung entsteht durch Kontraktion
einfaches y: Instr. sg. msk.-ntr. novymh, Plur. Gen. novychi,
Dat. novyrm^ Instr. novymi, Ix)k. novych^, Dual. dat. novyma.
Ebenso aus iji- -ii- einfaches -i-, tbstimh usw.
d) In Formen wie novago noviimu usw. ist die alte
Zusammenrückung so verdeckt, daß der Anschein einer
einfach pronominalen Flexion des Adjektivs entsteht.
Ähnliche Entwicklungen haben in andern slav. Sprachen
zu einer Flexion des bestimmten Adjektivs geführt, die
sich z. T. nicht mehr von der des Pronomen unterscheidet,
2. B. russ. suchögo (gespr. suchova) suckomu (nom. suchöj
trocken) wie togö tomü; serb. növöga növömn wie idgä tdmu
(doch mit andrer Quantität des o).
in. Zahlwörter.
115. A. D
ie K
'ardinalzahlen.
jedim jedtm, -o, -a
1
dwa (-ve)
na
despte
12
Siiva msk., dTA)e f. ntr.
2
trhje (tri)
»
»
13
tThje msk., tri f. ntr.
3
cetyre (-n)
»
»
14
cetyre msk., -ri f. ntr.
4
p^th
»
»
15
yetb
5
sesth
^
»
16
sesth
6
sedmh
■»
9
17
sedmh
7
osmh
»
»
18
osmh
8
dev^ih
>
*
19
devetb
9
dwa des^ti
20
deseth
10
tri des^ti {-
fe)
30
jedim (-o, -a) na desete
11
cetyre (-ri)
desete
i-H)
10*
40
Zahlv
i^örter. [:
§115.116.
50
sedmh s^f^
700
60
Ob-mh si)h
800
70
deveib s^t^
<
900
80
tysqsfa [tys^sta)
1000
90
d^ve tysqsti
2000
100
tri tysqstp
3000
200
cetyri tysqste
4000
300
ppib iysqith
5000
400
usw. bis
500
devftb tysqsth
9000
600
148
pcth descth
sestb deseth
sedmb des^t^
osnib dese(^
dev^th deset^
shto
d^ve shte
iri shfa
cetyri shta
peth shtb
sestb s^i^
Für 10000 (laupioq, |Liupid(;) ist kein Zahlwort vorhanden:
man hilft sich mit Substantiven, die eine unbestimmt
große Menge ausdrücken: neshveda (eig. Nichterfaßbarkeit),
tbTtm (eig. Dunkelheit),
116. Bemerkungen zu den Kardinalzahlen.
1. Die Zahlen 1 — 4 sind adjektivisch, stehen daher mit
dem gezählten Gegenstande in grammatischer Kongruenz,
z. B. jedim mqzh ein Mann, jedbna zena eine Frau, jedhno
cedo ein Kind ; d^va niqza, d^ve zene, d^ve c§de; trbje, cetyre
mqzi ; tri, cetyri zeny; tri, cetyri ceda. — Die Flexion von
jedim imd diva s. § 110. 3. — trbje flektiert wie ein sub-
stantivischer i-Stamm (bei denen aber kein Neutrum
vorkommt).
Ntr. Fem.
tri tri
Mask.
trhje
trhjb \
trhim /
tri
trhmi \
trbchb I
wie Mask.
iri tri
wie Mask.
cetyre ist ursprünglich konsonantischer Stamm, dieser
noch erkennbar im Nom. pl. msk. cetyr-e und im Gen.
pl. cetyr-z, sonst stehen die Formen eines i-Stammes, wie
beim Substantiv:
§ 116.] Zahlwörter. 149
Mask. Ntr. Femin.
cetyre cetyri cetyri
cetyrb
cefyrhrm
cetyri ) wie Mask.
cetyrhmi
cetyrbch^
2. Die Zahlen von 5 — 9 sind femininale Substantive,
i-Stämme, und flektieren genau wie kosth (&. § 93), z. B.
p^ih p§ü p^ti p^th p^tbjq peti. Es sind unursprüngliche
Bildungen, abgeleitet (wie die Abstrakta auf -h von Ad-
jektiven, z. B. z^lh zu z^h, s. § 70 A 3) von den Ordinal-
zahlen ^^fö se.sfz» usw., bedeuten also eigentlich «Fünf theit»
usw., vgl. TrevTd(S. Da sie Substanüve sind, steht der
gezählte Gegenstand bei ihnen im Gen. pl., z. B. j^th zem
fünf Frauen.
3. deii^tb ist Substantiv = öeKdq, eigentlich Femini-
num, doch wird es z. T. als Mask. behandelt. Die Flexion
geht z. T. von dem konsonantischen Stamme despt- aus,
flo Nom, pl. des^te, Gen. deseh>, Lok. sing, desfte:
Sing, des^tb Plur des^te, -ü
(des^te) deseti des^tb
des^ti desethrm
despth despti
des^tbjq des^ty
des§t€, -ti des^thchh
Dual, des^te, -ii
(desetu)
des^ttftna.
4. Die Zahlen von 11 — 19 bestehen aus den Einern
mit dem Zusätze wa desete (Lok.) = auf zehn, der gezählte
Gegenstand richtet sich nach den Einern, daher z. B.
d^va na desete mqea = zwei auf zehn (= 12) Männer,
trhje na desete mqei^ cetyre na desete rnqzi^ aber p^tb 7ia de-
sete mqsb (Gen. pl., abhängig von p^tb^ s. o. 2), buch-
stäblich = TTevid^ k.n\ beKdbo<; dvbpüjv.
150
Zahlwörter.
[§116.117.
5. Die Zehner von 20 — 90 sind so gebildet, daß das
Substantiv des^th gezählt wird wie jedefl andre Wort,
daher d^va deseti (Dual.) 20, trbje des^ti (Nom. plur.) 30,
cetyri (-re) deseti (-te, Nom. pl.) 40, dagegen ppth deseti
(Gen. pl.) = irevTctq beKdötuv 50 usw. Bei den Zwischen-
zahlen zwischen den Zehnern werden die Einer durch i
oder H (und) angefügt, z. B. sesth des^tb i [ti] trhje 63 =
tEä<; öeKdöujv Kai TpeT^.
117. B. Die Ordinalzahlen.
prv^ 1. sestb 6.
v^tor^ 2. sedrm 7.
treib jh 3. osrm 8.
cetvri^ 4. dev^h 9.
ppth 5. des^tb 10.
prv^ na des^te oder jedinonadesetb
v^tor^ » » » {d^vades^t^,dwodes^tb)d^vadeseihn^,
dhvodes^thm
trethjh » » » (trinadesfth)
cetvytb» » ■> (cetyrenades^tb^ cetyrinades^tb, cety-
rinades^tmb)
pfth » » » (p^tonadesptb) p^tmades^ihm
sestb » » » [sestonades^tb)
sedtm » » » (sedmmades^tb, sedmhnades^thm)
osrm » » » osmonades^tb
dev^tb >■> » » (dev^tbdes^tb) dev^thnades^tbm
(d^vades^tb, d^vodesetb) d^vades^thn^^ dhvodes^thm
[trides^tbm)
(cetyrides^tb^ cetyrides^thm)
{p^tbdes^tb, p^thdes^thm)
{sestbdes^tb)
{sedmodes^tiym, sedm-bdes^ibm)
(osmhdes^th^ osmhdes^tbm)
dev^tbdesptb (dev^tbdesethm)
srbthm
tysqstmb â–
IL
12.
13.
14.
15.
16.
17.
18.
19.
20.
30.
40.
50.
60.
70.
80.
90.
100.
1000.
§118.] Zahlwörter. 151
118. Bemerkungen zu den Ordinalzahlen.
1. Die eingeklammerten Wörter sind der kirchen-
slavischen Literatur überhaupt entnommen, die ältesten
Quellen bieten nur wenig Beispiele.
2. Sämtliche Ordinalzahlen sind Adjektiva, flektieren
nach dem Muster novi) novo nova; sie kommen sehr selten
in der unbestimmten Form vor, werden daher in den
Wörterbüchern meist in der bestimmten Form aufgeführt
z.v B. cetvrtyjb YCTKpiTXiH.
3. prvz und vhtoirb sind nicht eigentliche Zahlwörter:
zu prm> = ursl. *phrv^ vgl. lit. plrmas, got. fruma, eigent-
lich also «vorderer»; v^tolrh ist gebildet mit einem alten
KomparativsuflBx, vgl. beO-iepo^), der Ursprung des vh- ist
unklar (Vermutung darüber s. Pedersen in KZ. 38. 395).
Das Formans -to- enthalten cetvrth = ursl. *cetvhrtb, lit.
ketviPtas; p^th = "^penktos, lit. penktas; sesth, lit. szes^üis;
devet^, lit. devintas; des^th, lit. deszimtas (vgl. quartus,
quintus usw., TeTpaTO(;, TieinTTToq usf.). Zu irethjh (oder
tretijh nach § 15 I 4) vgl. lat. tertius, lit. ireczas = *tret-
jo-s. Formans -mo- enthalten os)m, älter lit. äszmas aus
*oktmos; sedmb, älter lit. sehnas. Die Form sedtm bereitet
der Erklärung Schwierigkeit, russ. sem{h) aus *.<?e(?'w(6)
kann sein palatales d' durch die Wirkung des folgenden
m bekommen haben, aber auch das Ordinale sed'inöj, wo
nicht palatales m, hat d! \ nimmt man dessen Palatalität
als Wirkung eines ehemals nach ihm stehenden Vokals,
so muß man als älteste Form *sedhim ansetzen; aber eher
ist die Palatalität des d' von der Kardinalzahl übernommen.
Ist die älteste Form sedtm, so wird auszugehen sein von
*septmo- {septtnnio-), daraus ^sebdmo- (vgl. eßöojio^ aus
*creßö^O(;), daraus sedmo-.
4. Die Ordinalia von 11 — 19 erklären sich in der
Form prrb na despte usw. von selbst als «erster auf zehn»
usf. (vgl. die Kardinalzahlen von 11—19 § 116.4). Die
andern Bildungen lassen die Kardinalzahlform der Einer
bestehen und verwandeln die Zehn in das Ordinale auf -tb
oder -thm, wobei zuweilen die Einer die Form eines
152 Zahlwörter. [§118.119.
StAinraes auf -o- als Kompositionsglied annehmen, z. B.
jfdino-nadesch)^ dhvo-des^thm neben d^va-desethn^.
5. Die Ordinalia der Zehner von 20 — 90 haben in
der Regel die Zehn in der Ordinalform, entweder -desftb
oder -desethin,; die davor stehenden Einer bleiben unver-
ändert, z. B. dev^tb-des^h neunzigster, oder werden als
Kompositionsglieder (auf -o-) behandelt, z. B. dwo-despthm
zwanzigster. Die Zwischenzahlen zwischen den Zehnern
lassen sich in den ältesten Quellen nicht belegen, in den
kirchensl. Quellen überhaupt können die zwischen 20 und
30 umschrieben werden mit mezdu (zwischen), z. B. cetvrtyjh
mezdu desftbma = der vierte zwischen den (beiden) Zehnem
= der 24.; zwischen 30 — 40, 50 — 60 usw. wird den
Einern der Genitiv der ersten der beiden in Betracht
kommenden Dekaden hinzugefügt, z. B. cetvrtyjh tretijaago
desete = der vierte der dritten Dekade = der 34.
119. C. Die Kollektivzahlen
(sogen. Distributivzahlen).
dhvojh 2 sedmorb (sedmerb) 7
trojh 3 osmoTh (osmerb) 8
cetvejiy [cetvon) 4 dev^torb (dev^terb) 9
p^torh (p^tet'b) 5 desptori) (deseterb) 10.
sestorb (sesterb) 6
Bemerkungen. 1. d^vojh, ebenso ohojh zu dba beide,
trop) sind entweder von den Stämmen diAJO-^ tro- mit
Formans -jo- oder von diphthongischen Stämmen dwoj-
trnj- mit Formans -o- gebildet. — Den Ausgangspunkt
der übrigen bildet cetveti)^ Stamm cetvero-; daraus ist ein
Formans -ro- entnommen und zur Ableitung von den
Ordinalia 5 — 10 aus verwendet: peto-r^ usw. Die ältesten
Quellen haben nur selten die Nebenform peter^ usw., die f
von cetve)i> beeinflußt ist, während umgekehrt cetvorb
wieder auf Ausgleichung mit peton usf. beruht.
2. Gebraucht werden diese Zahlen : a) in der
Pluralform beim Zählen von Pluralia tantum (wie lat.
§119—121.] Zahlwörter. 153
bini, trini usw.), z. B. dzvoji l'nahjf buo Xaoi. Singulare
mit Kollektivbedeutung werden der Neutral form des
Zahlworts im Genitiv beigegeben, z. B. des^tero hratbjp (zu
brathja Brüder) zebn Brüder. — b) beim Zusammenfassen
von Dingen zu irgend einer Einheit oder einem engeren
Zusammenhang, z. B. jedmo oth d^}ojego eins von zweien,
tt'oje se dieses drei rd xpia Taura, cetvory sath vhse (fem.)
viere sinds in allem TeTTape<; eicriv ai TTCtJai (s. Brugmann,
Die distributiven und die kollektiven Numeralia der idg.
Sprachen, Abb. der k. s. Ges. d. W. phil.-hist. Kl. XXV,
1907).
120, D. Substantivische Ableitungen von
Zahlwörtern.
Durch -ica können die Ordinalzahlen substantiviert
werden, doch sind r-icht gebräuchlich nur -^torica^ treih-
jica {h'etijica), diese bedeuten also «Zweitheit, Drittheit»,
vgl. dazu sedmica von sedtm sieben. In der Regel werden
Ableitungen gleichen Sinnes gebildet von den Kollektiv-
zahlen: d^vojh — dhvojica^ trojh — trojica (übersetzt trini-
tas), cetverb — cetverica [cetvorica), p^tor^ — petorica usw.,
s^to — sMorica nach dieser Analogie. Der Instr. sg., zu-
weilen auch der Lok., wird adverbiell in multiplikativem
Sinne gebraucht (-mal, -fach, -fältig): dzvojicejq, v%toricejq
zweimal, zum zweitenmal (iterum), tretijicejq tretijici drei-
mal, zum drittenmal, sedmicejq siebenfach, svtoricejq
hundertfältig. Von der Einzahl dient so der Instr. sg.
des Kardinale: jedhnojq einmal; in späteren Quellen auch
jedinicejq zu jedinica (Einheit).
121. E. Zusammensetzungen und Zusammen-
rückungen mit Zahlwörtern.
1. -ißlb^ mit Zahlen zusammengesetzt gibt den Sinn
von -plex (simplex, duplex, -fach: zweifach usw.), in den
ältesten Quellen kaum belegbar, aus späteren: jedino-gubh
einfach, d^vogub^ dhvojequh^ zweifach, trhgub^ dreifach,
cetvregub^ vierfach. Dies 'gub^, von W. gT)b-, g^nqü falten,
L
154 Zahlwörter. [§12l.
ist auch enthalten in su-guho = «Fallt- mit habend» =
doppelt; ziiweiU'n in Verbindung mit multiplikativen
Ausdrücken als «-fach, -fältig» gebraucht, z. B. sedmt
krafy sugnbb (adv., eTTTairXüaia) Greg. Naz. 359 a.
2. Die eigentliche Multiplikation wird ausgedrückt:
a) Durch Zählen des Wortes krat^ (?i-Stamm) mal
(wahrscheinlich urspr. = Hieb, vgl. lit. karias «mal» zu
keriü kirsti hauen, altb. vrta crrsti = ursl. *(V^> "^rersti
schneiden: vgl. auch russ. raz zu r zaü schneiden): dhva
krattj (Dual des w-St.) zweimal, tri k -aty (Akk. pl.), cefj/ri
kraty viermal, peth krafz (Gen. pl.) fünfmal, sednih kratb
siebenmal (daneben auch pdb kraty, seämh kraty, wo gegen
die sonstige Zählregel, s. § 116. 2, das kraty der Zählung
von 2 — 4 fortgesetzt ist), sedmh desetb kratb 70 mal.
b) Durch Zählen dus Wortes shd^, wahrscheinlich
«Gang» (zu shdh shh, chodh choditi), vgl. dänisch «to, tre
gange» zwei-, dreimal, eo daß die ursprüngliche Aus-
drucksweise war: d^va-sbdy zweimal, tri-shdy dreimal,
cetyri-shdy (Akk. pl.) viermal. Diese Verbindungen haben
früh lautliche Veränderungen erfahren; durch Ausfall des
b entstand *s-dy, daraus *idy, das palatale st, ed wandelte
y in i, also z. B. im Supr. tri-s'di dvaedi\ auch die um-
gekehrte Assimilation kommt vor, z. B. tri-sti (Sis.), cetyn-
sti. Bei den Zahlen von 5 an sollte shdh im Gen. pl.
stehen, aber die aus der kirchensla vischen Literatur beleg-
baren Fälle zeigen z. B. sesti-shdy, sedmi-shdy, wo die Formen
sesti-^ sedmt' sich nach tri-, cetyri- gerichtet zu haben
scheinen; vgl. noch mznogy-shdy TTcWctKi^, daneben m^no'
ga-shdy.
§ 122 — 125.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 155
Adverbia, Partikeln, Konjunktionen.
1/2S. I. Die aus Pronominalstäminen gebildeten
Adverbia. Die Endungen decken sich z. T. mit Kasus-
endungen der Nomina, ohne chß man überall die Formen
mit Sicherheit einer bestimmte i Kasusfunktion zuweisen
kann. Daher sind diese Adverbia hier nicht nach der
äußern Form, sondern nach der Bedeutung geordnet,
wodurch zugleich die Korrelation diutlicher hervortritt.
1^3. 1. Ortebenei( hnungen.
A. Wo; zu to- : tu d t. zu ono- : onu-de dort (Supr.);
alle andern haben das Formans -de, vor diesem ^ oder h;
ko- :kbde wo?; jo- : Ae für *jh'di (s. § 15 I 3) wo (relativ),
do-nh-de-ie neben do-ide-^e (ug, bis wo) bis; sh- : shde hier;
ovo- : ovhde hier; o\o:omde dort; im- : irnde anderswo;
ühsb- : vhshde überall
B. Wohin; F, rmans -omo : tcwio dahin, kamo wohin?,
jamo ja.noze w^ohin vreL), ^e^yio hierhin, ovamo dss., ojiamo
dorthin, inamo a ide swohin, msetno überallhin.
C. Woher. Formans • idu -ade: fadu fade daher,
kqdu kqde woher;, jqdu jqduzc ^voher (jel.), sqdu sqde hier-
her, ovodu dss., inadu anderswoher, vhsadu vhsade überall-
her, obojqdu von beiden Seiten; so auch an nicht pro-
nominalen Elementen; v^7l€ außen: v^nejqdu von außen,
v^nh hinaus: iz^v^nqdu von außen; qtrh innen: qtnjqdu
von innen. Diese Adverbia werden häufig verbunden
mit oth (von), z. B. otb kqdu von woher?
1^4. 2. Zeitangabe: wann; Formans -gdw.tbgda
togda dann; khgda kogda wann (interr.); jegda wann (relat.),
als, auch mit Präp. v^negda = *v^n-jegda', oti>gda ovogda
zu dieser Zeit; imgda inogda zu andrer Zeit, damals, einst
TTÖie (inogdojq dass. Greg. Naz. in der Form eines
Instrum. fem. ä-St); vhsegda immer.
125. 3. Angabe des Grades, der Erstreckung;
Formantia -/b, -/i, -le, -Ibmi, -hma; diese Adverbia dienen.
156 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 125 — 129.
namentlich mit Präpositionen verbunden, häufig zu Zeit-
angaben; tolb ioli tole tolhmi tohma insoweit, so sehr;
kolh koli kole kolhmi in» wie weit, wie sehr, wie viel {koli
übersetzt Troxe; koli-zhdo verallgemeinert die Relativa, ize
kolizhdo hq dfv, öq edv), do kole wie lange ; jelh jeli jele jehmi
jelbmu wie weit (relat.), oto ndi^ otb nelize von wann, do
neUze bis wann, bis (dahin gehört wohl auch jele in jeU-
ziv^, Übersetzung- von funiO^ayriq halbtot, eig. «in quantum
vivus»); seliseli, eig. in diesem Grade, in dieser Erstreckung,
0^6 seli von jetzt an. Mit den Z- Formantien dieser Ad-
verbia vgl. -likb der adjektivisch-pronominalen Quantitäts-
außdrücke toliko tantus usw. (s. § 111. 1).
ISO. 4. Angabe der Beschaffenheit, wie;
Formans -ako (diese Adverbia sind die Neutra der pro-
nominalen Adjektiva auf -akb, takt talis, kakb qualis usw.,
8. § 110. 4): ako wie (Konjunktion; zu einem adjektivisch-
pronominalen akh^ vgl. § 127 aky), fako so, kako wie?, jako
jakoze wie (relat.), inako anders, vh^ako vhseko vhsako auf
jede Weise omnino, jedwiako (jedinako) auf eine (gleiche)
Weise, ohojako auf beide Weisen. Gleiohgebildet ist siko
so beschaffen zu sik^, sice dass. zu sich.
12*7. 5. Adverbien auf ~ace:tace dann deinde,
inace noch, jedhnace (jedinac;) noch (beides eig. «in einem
hinv>), obace doch, jace Supr. in der Wendung dinb jace
dbni Tag für Tag.
6. Vereinzeltes: aky wie (Konjunktion); vhshmu
omnino.
1Ä8. n. Adverbia von Nominalstämmen.
Sie sind Kasusformen von Nomina, oft bestimmbar nach
den bekannten Deklinationsformen, doch bei der Mehr-
deutigkeit einzelner Endun^^en nicht immer sicher einer
bestimmten Kaausfunktion anreihbar.
129. 1. Von jedem Adj ektiv kann der Akk.
sing, neutr. auf -o, -je oder der Lok. sinj^. ad-
verbiell angewendet werden, doch wird von den
Lokati\^ormen nur die der harten Stämme, auf -i, so
§ 129.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 157
gebraucht, nicht die der weichen, auf -i. Oft sind vom
selben Adjektiv beide Formen, Akkusativ und Lokativ,
gebräuchlich, zuweilen wird eine Form fast oder ganz
ausschließlich gebraucht. Neben einander z. B. bystro
hystre schnell, gorhko gorbce bitter, dosfojwio dostojwie würdig,
krothkh krotbce sanft, razlicbno razlicwie unterschiedlich,
siad^ko sladhce süß, kzhko ffJhce schwer usw. Von andern
findet sich nur oder fast nur -Oj z. B. veselo fröhlich,
dzelo sehr, fnalo wenig, l'ubo (zu l'ub^ lieb), gebraucht wie lat.
-Übet in qui-libet kyjh-l'ubo, und als l'ubo — l'ubo sive —
sive. Einige ziehen durchaus -e vor: jave offenbar, Z7>le
böse (das Neutrum z^lo ist Subst. tö kokov). Da die ad-
jektivischen Jo-Stämme die Lokativform nicht adverbiell
anwenden, herrscht hier ausschließlich die Neutralform
auf -je, z. B. utile umsonst, von Komparativen z. B. boVe
mehr, ifste dass., v?jse höher, une besser, prezde früher,
poslezde später nachher, pace potius (vgl. paky wiederum),
pozdejt später (vgl. pozde spät), skoreje eher, prveje eher,
svrseneje vollkommner usw. Angereiht seien hier Adverbia
auf -e, deren Ursprung nicht sicher bestimmt werden
kann; vysokb hoch: vysoce, dalekb weit: dalece, glqbokb tief:
glqboce. Alte Neutra scheinen auch zu sein abhje {abije}
sogleich, Svene außerhalb, außer.
Zuweilen tritt das Neutrum in der bestimmten Form
auf; prckh : jy^'okoje im übrigen; proch : proceje übrigens,
also ; prv^ : prvoje zuerst.
2. Adverbielle Lokative von nicht adjekti-
vischen Wörtern: v^ne draußen (vgl. v^M^ m>nu hinaus),
gode byti gefallen (zu god^ passende Zeit, eig. «zu paß
sein»), zime im Winter {zimd)^ göre oben {gora Berg), dole
unten {doh Tal), krome außen außer (eig. am Rande,
kroma), utre morgen cras (ntro Morgen), mite abwechselnd
(wohl Lok. zu einem alten Partizip mi-to- gewechselt,
getauscht), w2/?ie jetzt, skvoze {skoze) durch, pone wenigstens,
pozde spät, razve ausgenommen, außer. Diejenigen, neben
denen ein gebräuchliches Nomen steht (z. B. gore^ ziyne\
erscheinen nur deswegen adverbiell, weil der Gebrauch
158 Adverbia. Partikeln. Konjunktionen. [§129—131.
des T>ok. ohne Präposition im Altb. schon sehr einge-
schränkt ist. In Ibze jesii» (es ist erhiubt) ist nicht zu
entscheiden, ob Lok. oder Dativ (sg. fern.) vorliegt; in
trehe jesth (es ist nötig) kann Lok. zum Adj. treb^ (Kompar.
trehfhjh), aber auch Dativ zu freba vorliegen und die Be-
deutung sein: necessitati est, negotio est.
130. 3. Adverbia auf -y, regelmäßig von Adjek-
tiven auf -hski und wie diese Art und Weise des Dinges
ausdrückend, von dem sie herkommen; vrag^ Feind:
vrazbsky feindlich, nach Feindesart, }'ah^ : rdbhsky sklavisch,
mqzh : mqzhsky männlich; vhsectskb vhselichskb adj. allartig:
vhseöbsky vbselichsky adv. Häufig von Länder- und Völker-
namen, in der Bedeutung: nach der und der Sitte, in
der und der Sprache, z. B. grhchsky auf griechisch, slo-
venbsky auf slavisch. Von andern Adjektiven selten;
mah : maly wenig, pravh:%ravy auf rechte Art, prekb ent-
gegen: prdky adv.; paky wiederum. Die Form entspricht
dem Instr. pl. der mask.-neutr. o-Stämme {plody^ Uty).
131. 4. Adverbia auf -^> (über die Form vgl.
§ 97. 3), zuweilen zu daneben vorkommenden Adjektiven
gehörig: hlizh nahe (vgl. Komp. hlize) neben hliz^^ inostanh
beständig (wohl zu einem Adj. Hiwstam, vgl. inostanhm
cohtinuus), pravt wahrlich (prav^ recht, richtig), premh
gerade aus, gerades Wegs (Adj. p^'eu^, ntr. premo adv.),
preprosth einfältig einfach (prosth), razliöh in verschiedener
Weise (neben indeklin. Adj. razliöh)^ strhmh geradezu (adj.
strbtm abschüssig), suguhh doppelt (Adj. suguhi))', vgl. noch
iskrh nahe, isprh in der Verbindung v^â– isprb nach oben,
hinauf; qtrh innen, meist in den Verbindungen iz-qtrh (-ri)
von innen heraus^ v^n^qtrh ins Innere, hinein (qtrb und
isprh scheinen alte Substantive zu sein); svohodh frei
{svohoda Freiheit). Häufig sind Zusammensetzungen mit
Präpositionen, die nominalen Bestandteile sind dabei in der
Sprache z. T. in andrer Form besonders vorhanden,
so vos-p^th rückwärts, zurück (zu p^ta Ferse), iz-d-r^dh aus-
gezeichnet außerordentlich {r^d^ Reihe, Ordnung), o-krhsth
§ 131 — 133.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 159
(so Mar., doch Zogr. oJcrhstb) ringsum, osohh besonders
Ktt^' ^auTOV, ohvpib entgegengewendet entgegen dvTi-
Ojpocpojq (zu tT^, vrfeti wenden); otytiqdh gänzlich (zu nqd-
in nqzda Zwang, Not, tiqditi zwingen); posledh nachher
zuletzt (zu fiUdh Spur); adohh leicht neudohh schwer (zu doh-
in podoba, podoba jesti es geziemt sich, podobhm passend,
ähnlich); sq-jn-otivb entgegen gegen (vgl. protiirb). Nominal-
komposita: oci-visth augenscheinlich, offenbar, strbmhglavh
kopfüber, vhse-srdh von ganzem Herzen (zu srdh-ce Herz).
13!2. o. Adverbia mit m-Formantien; -mo:
mimo vorüber {minqti vorbeigehen), thJchmo nur (zu fok-:iqn
anstoßen); -7na : tbkhtna (nur Supr.) = thkhyno^ hzchnma
gänzlich (s. auch hhcJmnh, bohjq)^ del'bma (mit Gen.) wegen
(vgl, del'a)^ 7md^n^a \-hma) mit Gewalt {nqzla nuzda)^ rad'ma
(Supr. = radbma oder rad^ma) wegen (vgl. radi). In poh-
mq (in zwei Hälften) entzwei, liegt der Instr. dual, von
poh (uSt.) vor; -mh : biichhmh Supr. gänzlich; -mi : velhmi
sehr (Adj. velhjh groß), rmmogT/mi (Greg. Naz.) sehr (zu
imrtogi viel); von Komparativen bol'i>s'bmi (zu bol'hjh) mehr,
mhnhshmi {mwihmi Sis.; zu mhnhjh) weniger; die Endung
gleich der des lusti . pL. auf -mi.
13S. 6. Adverbia auf -ä; blizT) (vgl. blizh) nahe,
nizh abwärts, protiii> entgegen, %i>m hinaus.
7. Adverbia auf -q: Akk. sg. f. proUvq entgegen
gegen (v^l. proüv^)\ Instr. sg. fem,: b^shjq gänzlich (vgl.
bhclnma, bochhmh § 132), tbCbjq nur (vgl. tbJamio § 132),
Über die adverbiell g( brauchten Instr. von Zahlausdrücken
wie vhtoricejq (zum zweitenmal) s. § 120.
8. Adverbia auf -M, verschiedene Kasus darstellend:
Dativ des Zieles (im Slavischen ursprünglich häufig, vgl.
domovi nach Hause) dolu hinab (zu Til), vt>7iu hinaus
(vgl. v^n^ hinaus, v^ne draußen); Lokativ vrchu oben (eig.
an der Spitze, vrch^^ w-St., vgl. lit. vi)'sz2ls)] Lok. dual.
mesdu zw^ischen (eig. in den beiden Grenzen). Unbe-
stimmten Ursprungs: u im ju (lit. ^'a?7), ?<-ie schon, -cu in
nyne-cu jetzt; dzelu-fo sehr.
160 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 133—135.
9. Adverbia auf i-, Lokative von i-Stämmen : zadi
hinten {zadh das Hintere), lani im vorigen Jahre, posledi
darnach (vgl. posledh)^ predi voran (vgl. predh), radi wegen
gratiä causa (mit Gen., zu einem *radh gratia, vgl. rad^
angenehm, gern). Unbestimmten Ursprungs spyti vergeb-
lich, TAH {taji oder tajb), o-täh heimlich. Über die adver-
biell gebrauchten Lokative von Zahlausdrücken wie drtir
gojici s. § 120.
10. Adverbia auf -a: doma zu Hause (fiom* Haus),
vhcera gestern (zu veSerb Abend), del'a wegen (mit Gen.;
vgl. del'hma), jed^va jedva kaum.
134. 11. Vereinzeltes, partikelartiges: ne
nicht; ni emphatische Negation ne — quidem ouöe, ni —
ni = neque — neque, absolute Negation «nein» (über
ni-kbto usw. s. § 107. 4); ne- verleiht den Interrogativprono-
mina indefinite Bedeutung (s. § 107. 4); ze an einzelne
Wörter des Satzes gehängt hebt diese hervor, ni-kbto-ie
ne quis quidem, ni-ch-ie ni-chto-ze ne quid quidem, gibt
an das Pronomen i jego usw. gefügt, diesem relativischen
Sinn: i-ze qui, jego-ze cujus; -zde^ an Pronomina gefügt,
entspricht lat. -dem, tb-zde i-dem; -zhdo an Interrogativ-
pronomina gefügt gibt den Sinn von lat. -que, -libet,
-cunque, z. B. kbzhdo quisque jeder; häh (= najh oder naji)
vor Komparativen Terleiht diesen superlativischen Sinn,
wird aber selten gehraucht. Partikeln des Ausrufs: se
(Neutr. von s'ö dieser), jese ese siehe!, se^ vole wohlan I,
jesa esa, jaru = lat. utinaml
135. 12. Die Grenze zwischen einem Kasusgebrauch,
den man als adverbiell empfindet, und einem, den man als
in den allgemeinen Gebrauch des betreiOfenden Kasus fallend
ansieht, ist schwankend. Ob man dmb-sh heute (= diem
hunc, hodie), zime, utre Adverbia nennt oder sie syntaktisch
zu dem im Altslavischen erhaltenen Akkusativ- und
Lokativgebrauch bei Zeitbestimmungen rechnet, ist will-
kürlich.
§ 135. 136.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 161
Ebenso werden Verbindungen von Präpositionen
mit Kasus oft als Adverbien bezeichnet, wenn das
Nomen außerhalb solcher Verbindungen wenig oder ^.ir
nicht gebräuchlich ist, oder wenn die Verbindungen
durch häufigen Gebrauch fest geworden sind und eine
selbständige Bedeutung angenommen haben, bei der
man den ursprünglichen Sinn nicht mehr empfindet.
Eine feste Abgrenzung solcher adverbiellen Ausdrucks-
weisen aus der ganzen Masse der Verbindungen von
Präposition und Kasus ist nicht ausführbar. Es seien
daher nur einige Beispiele gegeben: hes-prestani un-
aufhörlich (= ohne Aufhören, prestanh, sonst nicht ge-
bräuchlich), hes-presmene dass. (zu einem ungebräuchlichen
presm^); vb-dal'e (Akk. pl. zu data Weite) ins weite, weit,
entfernt, vh-inq (Akk. sg. fem. zu im) in einem fort,
immer, v^-nezaap^ (-&, -q) plötzlich, s skore bald (Adj.
sko)'^, Adv. skoro), v^ sIed^ (eig. in die Spur) v. sl. iti
nachfolgen, m> suje (in vanum) vergeblich, vT)n-qtrb hinein;
vT)S-krajh am Rande (krajh) hin, neben, V7>s-kqjq (Akk. sg.
i%jn. zu kyjh) weshalb; iz-daubna von alters her, seit lange
{duvbm antiquus), is-koni von Anfang {konh, nicht gebräuch-
lich) an, is-prva dass. (pm erst); na hozhjq (Akk. sg. fem.
zu hozbjb) gottgemäß, na dldze lange (Adj. dJgh), na prezdh
vorwärts (preidb das Vordere); o-krqgz (eig. um den Kreis
krqg^) herum, ebenso o-krt>stb\ po-dlg^ (rekq) längs (dem
Flusse), po-srede in mitten (vgl. srede), po sredu (Ijok. dual.)
dass.; s^ gory von oben {igora Berg), s^ zadi (vgl. zadi), st>
zaida (zu zaidb Hinteres) von hinten, rückwärts. Präpo-
sitionen werden so auch verbunden mit adverbiell ge-
brauchten Kasusformen, ohne Pvücksicht auf ihre sonstige
Rektion, z. ß. s^ vyse von oben, iz dalece von weitem,
iz qirh von innen, na vysoce hoch oben.
136, III. Konjunktionen, nicht scharf trennbar
von den als Adverbien und Partikeln bezeichneten Be-
standteilen der Sprache, da auch solche satzverbindend
sind, so alle relati vischen, z. B. jako wie (auch = «daß»
im Objektssatz, = «daß>^ im Folgesatz, = <^als» t^m-
Leskien, Altbulgarische Grammatik. li
162 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 136.
poral). Ferner dienen Kasus oder Ableitungen vom Relativ-
pronomen als Konjunktionen^ z. B. jimh-ze (Instr. sg.)
weil; auch in Verbindung mit Präpositionen: po ne-ze,
za we, za ne-ze weil quoniam, doiihdeze (zu ide-ze) bis. Was
sonst vorhanden ist, wird hier nur aufgezählt mit kurzer
Bedeutungsangabe, das nähere bleibt der Syntax vor-
behalten :
a aber (schwacher Gegensatz, öe); ace s.- unter ce.
a-ste konditionales «wenn»; ize aäte übersetzt bq dv
(ög ddv) quicunque. Verbindungen von aste mit andern
Konjunktionen s. unter da^ i, li.
bo denn (nicht am Satzanfang); i-bo s. unter i,
ne-bo s. ne,
ce und zwar, obgleich KaiTOi; ace obgleich.
da (urspr. etwa «so», vgl. da tibo^ da uze = also);
vor dritten Personen des Verbums zum Ausdruck des
Imperativs, da dash det, da dadeth dent (gelegentlich auch
vor andern Personen, da dasi = des, da); Finalpartikel
(ut finale), öfter mit andern Konjunktionen verbunden,
z. B. aste li da wenn aber, aste da ne wenn nicht, da-ze-ne
bis, ua.
eda ijeda), Fragepartikel, lat. num (bei erwarteter
verneinender Antwort), im selbständigen und abhängigen
Fragesatz; beim Ausdruck einer Befürchtung «daß nicht
etwa», daher nach Verben des Fürchtens dem deutschen
«daß» entsprechend (lat. ne> griech. \ir]).
i und, i-bo denn (xai TO'p); i-U s. li.
li (eig. «etwa», lit. lai Wunschpartikel), Fragepartikel
wie lat. -ne in Haupt- und Nebensatz; oder, li — li
entweder — oder, i-li (eig. «und etwa») oder, ili — ili
entweder — oder; aste li, aste li da wenn aber; aste li
«sonst» (eig. abgekürzter Konditionalsatz).
7ie- in nebo, nebom denn; ne-ze «als» nach kompara-
tiven W^endungen (eig. «nicht eben«).
m aber (stärkerer Gegensatz), sondern (nach negativen
Ausdrücken).
ta-ze (und so) itaque, und dann.
§136.137.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 163
ti und.
to (ntr. zu tb), oft gebraucht im Anfang nachstehender
Hauptsätze, nach Vordersätzen mit aste (wenn — so) ua.
Präpositionen.
137. I. Eigentliche, echte Präpositionen, hier
alphabetisch (nach dem kyr. Alphabet) aufgeführt mit
kurzer Angabe der Bedeutung, der Verbindungen mit
Kasus, der Verwendung als Verbalpräfixe. Alles nähere
bleibt der Syntax vorbehalten.
bez^ «ohne», mit Gen., chramina hez^ osnovanhja Haus
ohne Fundament; nicht als Verbalpräfix anwendbar.
v^ «in», mit Akkusativ die Richtung hinein be-
zeichnend (lat. deutsch «in» mit Akk.), sbberefe phsenicq fh
zithnicq mojq sammelt den Weizen in meine Scheuer; bei
Zeitangaben, die einen Zeitraum umfassen, v^ th dmh an
dem Tage, V2> vrem^ zur Zeit (des und des): mit Lokativ
entspr. deutschem «in> mit Dativ, lat. mit Ablativ, ne
■imatb korem vz sehe hat nicht Wurzel in sich — Als Ver-
balpräfix nur in dem Sinne von «hiiein>: v^n^iii
hineingehen, v^'metaii hineinwerfen.
v^z^ v^z- «hinauf an etwas, aufwärts an, längst», ab.
selten mit Kasus, Akk.; in der alten Bedeutung noch i"n
v^s-krajh (eig. am Rande hin) neben, sonst nur im Smne
von dvTi, blagodeih v^z blagodetb x^P^S avTi xcfpiTO?- — Als
Verbalpräfix «hinauf, aufwärts»; vzziti hinaufgehen,
v^zvesti hinaufführen, vbzdT>chmti aufseufzen, vhzloziü auf-
legen, vyyzlezati aufliegen (dvaKeia^ai) ; daraus entwickelt
die Bedeutung des lat. -re (dva-), vbzdati reddere zurück-
geben, v^zvratiti revertere zurückwenden ; öfter das Heraus-
kommen mit einer Handlung, daher auch den Anfang
bezeichnend, v^zglagolati anheben zu reden, vT>zglasiti dva-
ßodv, v^zal^kati hungrig werden.
vy-, nicht mit Kasus verbindbar, im Ab. als Verbal-
präfix auch nur im Psalt. vorkommend, bedeutet «aus»
(sonst durch iz^ gegeben).
n*
164 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 137.
za «hinten», mit Akkusativ die Richtung «hinter-
hin, hinterher» angebend, idi za m^, sotono geh hinter
mich, Satan, j^ti za rqkq (eig. hinter die Hand fassen) an
die Hand nehmen; häufig zur Angabe des Grundes, der
Veranlassung «wegen», v^sazden^ xrh thmhnicq za krartwlq
ins Gefängnis gesetzt wegen Aufruhr; zur Angabe des
Zwecks, Interesses «für, wegen», umreti za l'udi für die
Menschen sterben, za nh moliti für ihn beten. Mit In-
strumental «hinter», za vbsemi stojati hinter allen stehen.
Mit Genitiv (selten) bei Zeitangaben, za utra am nächsten
Morgen, morgen früh; Grund, Veranlassung angebend,
razhegosp s^ za stracha ijudejhska sie liefen auseinander aus
Furcht vor den Juden. — Als Verbalpräfix «hinter*
(Richtung), zasesti sich hintersetzen (in einen Hinterhalt
legen), zachoditi untergehen (eig. hintergehen) von Ge-
stirnen, slvnhce zachozdaase die Sonne war im untergehen;
zdbyti (eig. hinter etwas geraten) vergessen. Daraus
entwickelt sich die Bedeutung «ein Hindernis her-
stellen», dem deutschen ver- entsprechend, zatvoriti (ver-
machen) schließen, zakryti verdecken, verbergen, zapecatb-
leti versiegeln; ferner «in falsche Richtung geraten»
zablqditi abirren, sich veriiTen. Öfter ist die Bedeutung
von za- nicht mehr deutlich empfindbar, man sagt dann,
das Verbum werde durch 2;a- nur perfekt! viert, z. P. zaahkati
hungrig werden, zaklaii schlachten, zakletl verfluchen,
zapusteti verwüsten.
^z^, iz «auB>> (= aus dem Innern heraus), mit:
Genitiv, izhmi brbvbno iz ocese tvojego nimm den Balken
aus deinem Auge. — Als Verbalpräfix dss. : iziti
herausgehen, izbtjti (heraus werden) frei werden, kausativ
izbaviti befreien, erlösen, izhbrati auswählen; gibt oft den
Sinn gänzlicher Vollendung, izgoreti ausbrennen = ver*
brennen, izbiti erschlagen.
kb «zu» (Richtung auf etwas hin) mit Dativ, pristq-
pis^ kb nemu sie traten zu ihm hin; kann nicht als Ver-j
balpräfix verwendet werden.
na «auf, an» (die beiden Raumverhältnisse werden
§ 137.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 165
nicht geschieden, vgl. deutsch: auf die Erde, an die Erde
werfen); die Grundbedeutung ist «auf», wie aus der Ab-
leitung nadh hervorgeht, die nur «oberhalb» bedeutet.
Mit Akkusativ Richtung «auf, auf zu (gegen), an»,
begajatb na gorij sie fliehen auf die Berge, v^stanetb j^zykh
tia j^zijkh es wird sich erheben Volk gegen Volk; Ziel
und Zweck bezeichnend^ pridose na raspethje sie kamen
zur Kreuzigung, na se pr^d^ 'Jh vhsh mirh dazu bin ich in
die Welt gekommen. Mit Lokativ «auf» (als Ort,
deutsch «auf» mit Dativ), sede na göre auf dem Berge
sitzend. — Als Verbalpräfix «auf» (Richtung und
Ort), naloziti auflegen, nalezati aufliegen, naphsati auf-
schreiben. Drückt oft die Fülle der Handlung aus (etwa
wie deutsch aufhäufen, anhäufen, anfüllen), z. B. naplnifi
anfüllen, nasytiti ganz sättigen, navykv.qti sich angewöhnen
lernen, na^citi lehren; die Grundbedeutung ist oft ver^
blaßt, naresii (eig. ansagen) benennen.
nad^ « oberhalb ->, mit Akkusativ Richtung angebend
(«hinab auf»), uzhrite angely mz^chodest^ nadh syna chvecb-
skaago (Gen. = Akk.) ihr werdet sehen die Engel herab-
kommend auf den Sohn des Menschen; mit Instru-
mental die Lage «oberhalb, über» bezeichnend, nesh
ncenikb nadh ucitel'emb nicht ist der Schüler über dem
Lehrer. — Als Verbalpräfix (wenig angewendet) «auf,
über», nadhlezaÜ aufliegen.
0, ohh (ohb), mit Akkusativ und Lokativ ver-
bunden {obh im Ab., wie es scheint, nur mit Akk.) «um,
an»; o mit Lokativ «um (um herum)», sedease o nernh
narodz das Volk saß um ihn herum; oft = «an», po-
thkose se o nakovaU sie stießen sich an dem Amboß; bei
Verbis dicendi, sentiendi im Sinne des lat. de (deutsch:
«über, um, an»), divtaachq se o ucenhji jego sie wunderten
sich über seine Lehre, o odezdi chfo sc pecete um die
Kleidung was sorgt ihr euch; mit Akkusativ: «an»,
2)ropp8^ jedinogo o desnqjq i jedinogo o sujqjq sie kreuzigten
einen zur rechten, einen zur linken, da ne prihknesi
kamenb nogy fvojejr damit du nicht deinen Fuß an einen
166 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 137.
Stein stoßest. — ob^ mit Akkusativ in den Wendungen oh
om poh an jener Seite, jenseits, ob iiostb in der Nacht
(als Zeitraum). — o, obh als Verbalpräfix: «um», obiti
(präs. obidq) umgehen umringen, obiti (= *ob-viü^ präs.
obhjq obijq) um\nckelii, oblesti (= *obvl.) umziehen, be-
kleiden, obratiii (= *o6i'r.) umwenden, umkehren, ogradiii
umzäunen; deckt sich oft mit deuischem «be-» z. B.
obrezati (umschneiden) beschneiden, oyywciii beleuchten,
oskvniiti beschmutzen; wie «be-» mit verblaßter Bedeutung
perfektivierend, z. B. sqditi urteilen osqditi verurteilen,
krasti stahlen okrasfi bestehlen (wie auch im Deutschen oft
mit Verschiebung des Objekts).
oth «ab, weg von»; mit Genitiv, ohtresete pt-achh
otb nog^ vasich^ schüttelt den Staub von euren Füßen,
izgynati oth grad^ v^ grad^ vertreiben von Stadt zu Stadt,
izbavi ny oth neprijazni befreie uns von dem Teufel. —
Als Verbalpräfix gleicher Bedeutung: ohvresti weg-
werfen, ohtresti abschütteln; im Sinne des lat. re: oi^dati
reddere, otbvestati respondere.
po, Grundbedeutung, die aber verloren ist, war «unter»,
\We die Ableitung ^o^?> zeigt, die nur «unterhalb» bedeutet.
Mit Dativ Erstreckung über einen Raum, längs eines
Raumes, pride kh niim po moru chodf er kam zu ihnen
über das Meer (über die Meeresfläche hin) gehend, rizy
svojf postilaachq po pqti ihre Kleider breiteten sie aus längs
des Weges; daher die distributive Anwendung bei
Zahlen und quantitativ Teilbarem, po d^vetna zu zweien,
je zwei. Mit Akkusativ (nicht häufig) Erstreckung über
Räume bezeichnend, po vhse grady über alle Städte hin,
durch a. St. ; bei Verben des Haltens, Bindens zur Be-
zeichnung des Gegenstandes, an dem die Handlung statt-
findet, pyiv^zaii-jh po cefyri kohj ihn anbinden an vier Pfähle.
— Als Verbalpräfix ist es das unbestimmteste von
allen, so daß man eine Gliederung der Bedeutung kaum
vornehmen kann; es perfektiviert die Verba; oft entspricht
es deutschem «be-», auch darin, daß das zusammen-
gesetzte Verbum durch po- Beziehungen auf andre Objekte
1
I
§137.] Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. 167
bekommt als das einfache; z. B. dati geben podati hin-
geben, iti gehen poiti hingehen, vesti führen povesti hin-
führen, viti wickeln poviti bewickeln, grebq (greti) grabe
pogrebq begrabe, inazaü schmieren pomazati beschmieren,
slusati hören poslusati erhören, gehorchen.
podh «unterhalb, unter» ; mit Akkusativ die Richtung
angebend, nesmh dostojhm, da pod^ krotrt mojh vTmidesi ich
bin nicht würdig, daß du unter mein Dach eingehest;
mit Instrumental die Lage bezeichnend, az^ ölovekh
jesmh podh vladykojq ich bin ein Mensch unter einem
Herrscher. — Als Verbalpräfix gleicher Bedeutung:
podhkopati untergraben, pod^ryti unterwühlen, pod^ odrb
pod^lagati unter das Bett legen.
pri «bei, (neben)», auch die Richtung ausdrückend
(wie altdeutsch bi- mit Akk.), .sedeass pri pqti pros^ saß
am Wege bettelnd, lezaase pri vratechh lag am Tor, sed^s^
pri nogu Isiisovu sich gesetzt habend zu den Füßen Jesu;
zuweilen bei Zeitangaben, pri cetvrteji strazi zur Zeit der
vierten Wache, pri Ahiatar'i archiereji zur Zeit des Hohen-
priesters Abiatar. — Als Verbalpräfix drückt es Nahe-
sein und Nahekommen aus, priti (= pri-iti) hinzugehen,
"kommen, privesii herbeiführen, prilozüi hinzulegen, hinzu-
fügen, prilezati beiliegen, anliegen, priv^zati anbinden;
zuweilen in dem Sinne, daß durch die Handlung etwas
herangebracht (erzeugt, erworben) wird, obresti finden prio-
brMi (durch Finden erlangen) erwerben, gewinnen, priziti
cpda Kinder (eig. erleben) bekommen.
pro-, ab. mit Kasus nicht gebraucht, als Verbal-
präfix «durch», proiti durchgehen, prosvetiti (durch-
leuchten) erleuchten, protesati durchhauen, prodati (eig. von
einem zum andern hinübergeben) verkaufen; öfter im
Sinne des sich Durchsetzens einer Handlung (daher in-
choativ), procvisH erblühen, aufblühen, proglagolati anheben
zu reden.
pre-, mit Kasus ab. nicht gebräuchlich, als Verbal-
präfix «durch (sehr naheliegend dem pro-), drüber
hinaus, hinüber» ; preiti durch , hinübergehen, pi-elomiti
168 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 137.
durchbrechen, prestati (eig. sich darüber wegstellen) auf-
hören, prestqpiti überschreiten, übertreten, pi'elbstiti über-
listen, prefrpefi (eig. durchdulden) erdulden, predati über-
geben, verraten (vgl. lat. tradere).
predh «vor», mit Akkusativ Richtung «vor hin» be-
zeichnend, povelesc privesfi prkh lica jich^ sv^taago sie
befahlen, hinzuführen vor ihre Antlitze den Heiligen.
Mit Instrumental Ort- und Zeitlage ausdrückend,
isecete j^ ^^rerf?» rmnoja haut sie nieder vor mir (Ort), predz
rmnojq ht/stb er war vor mir da (Zeit). — Als Verbal-
präfix gleicher Bedeutung, pred^lont^ vorlegen, pred^lemfi
vorliegen. Neben pred^ werden auch die Adverbia predh
und häufiger pi'edi in gleichem Sinne mit Verben ver-
bunden.
razi- raz-, ab. nicht mit Kasus gebräuchlich; als Ver-
bal präf ix «auseinander, zer-», razg^nqii auseinander-
falten, entfalten, razdhrati zerreißen, razdeliti zer-, verteilen,
raziti sc (auseinandergehen) sich zerstreuen, raspasti se
zerfallen, rasp^ti (eig. auseinanderspannen) kreuzigen. Zu-
weilen nur noch als Verstärkung der Handlung empfunden,
z. B. gnevati sp zürnen, razgnevaü sp sich sehr erzürnen.
sh «mit», verbunden mit Instrumental, Genitiv,
Akkusativ. Mit Instrumental «mit» (Zusammensein,
Begleitung, nicht das Mittel ausdrückend), sh he sz nimh
dieser war mit ihm, Isus^ idease s^ nimi Jesus ging mit
ihnen. — Mit Genitiv «ab von (herab von, weg von)»,
ognh s^nideh s^ nebese Feuer wird vom Himmel herab-
kommen, s^niti st> gory vom Berge herabgehen, gr^sü sT)
sela vom Acker herkommen, s^ onogo polii von jener Seite
(von jenseit). — Mit Akkusativ gibt es ein Maß an, im
Akk. steht der Gegenstand, an dem gemessen wird, in
den ältesten Quellen zufällig nicht belegt, vgl. jpzykh
visease izi ustb jego s^ lak^th jedim die Zunge hing aus
seinem Munde eine Elle lang. — Als Verbal präf ix
«zusammen», s^bwati zusammenlesen, sammeln, s^vesti
zusammenführen, szvezati zusammenbinden, s^n^ti sp zu-
sammenkommen; sehr oft mit ganz verblaßter Bedeutung
§ 137. 138.] Adverbia, Partikelo, Konjunktionen. 169
nur das Verbum perfektivierend (vgl. lat. conficere zu
facere), tvorifi machen s^tuoriti fertig machen, herstellen,
kazati zeigen shkazati aufweisen, erklären, konhcati en-
digen szkc^nbcati beenden, pasti hüten, weiden s^pasti
erretten, erlösen, gresiti sündigen shgresiti sich ver-
sündigen; «herab, ab, von weg> , s^niti herabkommen,
shvUsti abziehen, aut-ziehen (Kleider), s^laziti s^lesti hinab-
steigen, -gehen, zvezdy siipadqtb sT) nebese die Sterne werden
herabfallen vom Himmel.
u mit Genitiv, eigentlich «von her» (rrapa tivo<;),
60 noch erkennbar bei Verben des Verlangens: jegoze
p7'osisi 11 otbca^ dastb ti otbch was du bitten T\-irst vom
Vater, wird dir der Vater geben. Aus dem Sinne «aus
der Nähe her» entwickelt sich die Bedeutung «oei», obedujeth
u nego er speist bei ihm, prebyste u nego dhnh th sie (beide)
blieben bei ihm den Tag, Marija sfojaase u groha iTbyis
Maria stand am Grabe außen. — Als Verbalpräfix nur
«weg», ubezati entlaufen, urezati weg-, abschneiden, ukrasti
wegstehlen, umreti (eig. wegsterben) perfektiv zu mreti
und so häufig nur noch als perfektivierend empfunden,
hiü schlagen vhiti erschlagen, töten, zhreti schauen uztreti
erschauen, gewahr werden, vedeti wissen uvedefi zu wissen
bekommen, erfahren, slysati hören uslysati perfektiv, usmqti
einschlafen.
138. IL Sogenannte uneigentliche, unechte
Präpositionen. So benennt r an A.dveibia (Adv. im
engern Sinne, adverbiell gewordene KominUkasus, adv.
gebrauchte Verbindungen von Präposition und Kasus),
die mit Kasus verbunden Verhälmisse ähnlicher Art aus-
drücken, wie sie sonsü durch dio echten Präpositionen i.iit
Kasus gegeben werden. In bei weitem den meisten Fällen
steht der Genitiv und ist nichts weiter als der gewöhn-
liche adnominale Genitiv, z. B. p^tic€ sedeachq okrqg^ telesn
die Vögel saßen um die beiden Körper (eig. im Umkreis
der b. K.), tT> ryby mesto an Fisches statt, sedeaie po srede
jich^ saß mitten unier ihnen (eig. in Mitten ihrer). Wie
viele solcher Wendungen man als uneigendiche Präpo-
170 Adverbia, Partikeln, Konjunktionen. [§ 138.
sitionen bezeichnen will, ist ziemlich willkürlich, es seien
daher hier nur r Dch Fälle angefübrt, wo die Erklärung
nicht so nahe lie^t.
Mit dem Genitiv: hl^z^ «nahe» (auch mit Dativ),
blirb korahl'a nahe dem Schiffe — vhn^ ;<außerhalb», vi/ne
yra^rt2>re^//i'rt^i außerhalb der Stadt bleiben; v^n^ «aus heraus»,
vim grada iziti aus der Stadt herausgehen. — del'a deVhma
«wegen, um willen», cloveka del'a um des Menschen willen.
— iskrb «nahe», iskrb vhsi nahe bei den Dorfe. — krome
((ig. am Rande, s. § 29. 2) «außerhalb», pos^I' etb jich^ krome
sfrany er wird sie aus dem Lande schicken. — prezde
«vor», prezde vremene von der Zeit (eig. vom Komparativ
abhängiger Genitiv). — radi radwYia «wogen, um willen»,
cloveka radi um des Menrchen willen. — razve «außer»,
pgtb tysqstb razve zem i detbjh fünf Lausend außer Frauen
und Kindern. — svene «außerhalb», ot^ved^ Paula svene
sqdhjisfa weggeführt haberd Paul außerhalb der Gerichts-
stätte.
Mit dem Dativ: protivq «gegenüber, entgegen»,
izidq protivq jemu sie gingen hinaus ihm entgegen, ne
v^znlozesi stati protivq vragorm du wirst nicht standhalten
können gegenüber den Feinden. — premo «gegenüber»,
sed^ Isush premo gazifilak'iovi Jesus sich gesetzt habend
gegenüber dem Schatzkasten.
Mit dem Akkusativ: podlg^ «längs», podlgh rekq
1. dem Flusse; skvoze, skoze «durch», iti skvoze sejanhja durch
die Saaten gehen.
Mit dem Instrumental: mezdu «zwischen», mezdu
nami i vami i)ropadh velbja utvrdi se zwischen uns und
euch ist ein großer Abgrund befestigt.
-^
§139.140.] 171
Das Verbum.
(Stammbildung und IHexion.)
I. Der Verbalstamm.
139» Unter Verbalstan m ist hier die Silbe
oder die Silbengruppo verstanden, die allen
Formen eines Verbums gemeinsam ist und daher
— vom slavischen, nicht immer vom indogermanischen
Standpunkt — allen zu Grunde gelegt werden kann.
Man erhält ihn, we.in man von einer gegebenen Verbal-
form alles absclme det, was bei ihr als Formans zum
Unterschied von a idern Forme: i erscheint. So ist z. B. für alle
Formen des Verbims nesti des Gemeinsame nes- (2. Präs.
nes-e-si, Aor. 'H€s-och^, Part. prät. a. II nes-h, Inf. nes-ti usw.),
so von delati für alle Formen dela- (2. Präs. dela-je-si,
Aor. dela-chz, Part. prät. a. II dela-h, Part. prät. a. I
delati) usw.).
Die so definierten Verbalstämme können sehr verschie-
dene Formen haben; zur Verdeutlichung, welches Verbum
gemeint ist, wird im folgenden die 2. Sing. präs. und
der Infinitiv angegeben:
140. I. Der Verbalstamm ist einsilbig, also
gleich der sog. Wurzel, konsonantisch oder vokalisch aus-
lautend, z. B. päd- {pad-e-si, pasH = *pad-ti) fallen, plet-
(plei-e-si, plesti = *plet-ü) flechten, kry- (knj-je-si, kry-ti)
decken, zna- [zna-je-si, Z7ia-ti) kennen, sta- (sta-ne-si, stü-ti)
sich stellen. Die hierhergehörigen Verba sind primär,
d. h. weder denominativ noch deverbativ. Eine
172 Das Verbum. [§140.141.
bestimmte, allen gemeinsame ßedeutungsfärbung ist nicht
vorhanden.
Eine gewisse Anzahl der hierhergehörenden Verba
hat neben dem einsilbigen Stamm = Wurzel noch einen
zweiten, zweisilbigen Stamm, der bestimmten Formen
des Verbums zu Grunde lie,;t; er lautet aus entweder auf
-rt-, z. B. bbra- {her-esl, hbraxi), stena- (*steti~je-ii siene-sl^ ste-
nafi seufzen), oder auf -nq-, z. B. dvignq- [dvig-ne-si, dvijnqti)
bewegen.
Nur bei dieser Art (I) von Verbalstamra kann inner-
halb der Formen des Verbums Vokalwechsel (Ablaut) in
der Wurzel stattfinden, z. B. pis- pbs- {pise-si jjbsati
schreiben) cit- cbt- {cisH = '^cit-ti, cbte-si) zählen, stel- stbl-
(*sfel-je-si stel'esi, sfhiati) ausbreiten, zov- zhv- [zove-si, z^vat\
rufen.
141. II. Der Verbalstamm ist zwei- oder
mehrsilbig, stets vokalisch auslautend:
1. Der vokalische Aaslaut ist veränderlich;
hier'ier gehört nur eine Art Verba mit wechselndem Stamme
auf i- und -e- (dafür nach j^alatalen Konsonanten -a-), z. B.
ndi-^ iride- [vidi-si vide-ti). Die V-^erba sind durchgängig primär
und bilden insofern eine besondre Bedeutungskla^se, als
sie mit wenig Ausnahmen intransitiv sind; hotcti
Schmerz empfinden, krank sein, bhleti wachen, velcü
wolien, viseti hangen, goreti brennen, grbmeti donnern,
zvwetl tönen, ziveti leben, Ari/p^^i wallen, s:eden, leteti fliegen,
pri-lbpeii ankleben intr., mtneti meinen, pizeti kriechen,
poleti flammen, pbreti se disputieren, rbdeti s^ erröten,
skrheti bekümmert sein, smrdeti stinken, stydeti s^ sich
schämen, svhteti leuchten in .r., sedeti sitzen; mit -a- iür -e- :
hezcti = "^begeti (vgl. begnaii) laufen, blhstati s^ (W. blhsk-)
glänzen, bojati se sich fürchten, kl^öati niederfallen (in die
Knie), kricati schreien, lemti liegen, mlöati sch>vexgen,
n.hziti szmezati die Augen schließen ^utiv, stojati stehen,
tosiati eilen.
Verhältnismäßig selten sind Transitiva: videfi sehen,
vrieti wenden, o:rzati halctn, zhrefi schauen, olideti belei-
§ 141. 142.] Der Verbalstamm. 173
digen, slysati (== ^slycheti) hören, stedeti sparen, schonen,
irpeti dulden, si-t^zati erwerben
14^. 2. Der Auslaut der Stämme ist unverän-
derlich, Verbalstämme auf -e-, -i-, -u-, -a-:
a) Verbalstämme auf -e- (nach palatalen Kon-
sonanten dafür -a-), z. B. cele-je-si cele-ti-, fast lauter
Denominativa, die bedeuten ein Werden, ein Über-
gehen in den Zustand, den das nominale Grundwort aus-
sagt (wie lat. albus — albere albescere), daher durchgängig
intransitiv. Es liegt in der Natur der Sache, daß die
Ableitungen wesentlich von Adjektiven aus geschehen.
Beispiele: hIed^ bleich hledeti erbleichen, debeh dick
u-debeleti dick werden, *dovi)h (vgL do'tfblhm) genügend
dovhleti genügen, kre2)^ stark u-krepeti erstarken^ listb Blatt,
listvhje Laub, *listvhm belaubt o-listvhneti sich belauben
(frondescere), }Hrtv^ tot u-mrtveti veKpoöcrdai, 7i€rm stumm
o-nenieti stumm werden, push wüst za-pusteti wüst werden,
slab^ schwach o-slaheti schwach werden, tbnrbm dunkel
o-thmhneti sich verdunkeln, chud^ dürftig, karg o-chudeti
sich verringern, C€l^ heil celeti heilen intr., cpl^ schwarz
o-crneti nigrescere, starb alt pre-stareti altern; in derselben
Weise gelegentlich auch von Substantiven, z. B. brada
Bart bradeti Bart bekommen, syn, Käse o-syreti zu Käse
werden. Mit a für e (dann nicht zu verwechseln mit
den Verbalstämmen auf urspr. -a-, s. § 145): bujh wild,
übermütig bujati übermütig werden, vethchh alt obetbsati (für
ob-v-) veralten, nisth arm ob^-nistaii verarmen, m'mog^ viel
u-nvbnozati viel werden, sich vermehren, nag% nackt ob^â– nazati
nackt werden, teihfcb schwer o-tezhcati schwer werden usw. —
Gleicher intransitiver Bedeutung sind noch: goneti genügen,
zhreti reifen, ihUti verderben intr., odoJeti (odeleti) mit Dat.
besiegen (eig. Sieger, siegreich werden), urm Verstand wneti
razunieti mit Dat. verstehen (eig. einer Sache verständig
sein), shrneti wagen.
Eigentliche Transitiva sind selten: imeü haben,
zeUti wünschen mit Gen. (eigentlich wohl «begierig sein
174 Das Verbum. [§ 142. 143.
nach»), pecatb Siegel pecathleti siegeln, pitefi (neben ^i7a^?)
nähren.
143. b) Verbalstämme auf -i-. Der Bedeutung
nach kann man zwei Gruppen scheiden:
a) Denominativa, die ausgedehnteste Denominativ-
klasse der Sprache; es sind die eigentlichen Faktitiva
und bedeuten* «das machen, hervorbringen, bewirken, was
das nominale Grundwort besagt», daher durchgängig tran-
sitiver Anwendung. BeL'piele, von Adjektiven: dlg^ lang
dliiti prodUiti verlängern, siv^ lebendig ziviti boleben,
tuh^ lieb l'ubiti lieben, hgfbkb leicht lbgi>citi leicht machen,
m^nog^ viel rmno2iti mehren, 'nag^ nackt oh^•naz^ti nackt
machen, ostn> scharf ostriii schärfen, ceh heil celiti heilen
usw. Von Substantiven: glasz Stimme glasiti Stimme
erheben, rufen, govorb Tumult govoriü Tumult machen,
gosth Gast gostiü gasten, bewirten, greckh Sünde gresiti
sündigen, deh Teil deliti .eilen, nichze nichts u-niöhziü zu
nichte machen, plod^ Frucht ploditi Frucht bringen usw.
— Intransitiv ist das etymologisch unklare v^piti v^z^^piti
rufen.
Von solchen transitiven Verben erscheint eine Anzahl
als Kausativa, sobald ein intransitives Verbum gleicher
Wurzel daneben vorkommt. In den meisten Fällen läßt
sich die denominative Herkunft solcher Kausative fest-
stellen, z. B. yociti ruhen pokojiti beruhigen pokojh Ruhe;
o-slhpiiqti erblinden o-sle].iti blind machen, blenden slep^
blind, usw. Dasselbe Verhältnis noch z. B. in hiydeti
wachen hiiditi wecken, izbyti frei werden, izbaviti befreien,
pri-lhpeti ankleben intr. pri-lepiü Irans., lezati liegen
loziti legen (loze Lager), mhreti sterben moriti töten [morh
Tod), poleü in Flammen stehen paliti entflammen, piti
trinken pojiti tränken, rasti (= *orsti) wachsen rastiti
wachsen lassen, sedeti sitzen saditi setzen, pflanzen {sadh
Pflanze, Gepflanztes), smrdeti stinken o-smraditi verstänkern,
(smradz Gestank), stojati stehen staii sich stellen staviti
stellen (vgl. sh-stairb aucTirma), svhteti leuchten svwiqti er-
glänzen svetiti erleuchten (svetb Licht), tonqti untersinken
§ 143. 144.] Der Verbalstamm. 175
topiti senken ertränken, festi tekq laufen tociti laufen
machen {tokh Lauf, Strömung), gießen, vyknqti gewohnt
werden, lernen uHti angewöhnen, lehren.
ß) Eine kleine Anzahl hat Iterativbedeutung
gegenüber Verben gleicher Wurzel mit einfach durativem
Sinn: vUka viesti ziehen vlaciti, veda vesti führen voditi,
vezq vesti fahren voziti, zenq gynati treiben goniti, lezq lesti
schreiten laziti, idq iii gehen choditi. Auch diese sind
ursprünglich denominativ, vgl. chod^ (zu shdh = "'chhdh
gegangen) Gang, choditi «Gänge machen».
144. c) Verbalstämme auf -i«-; neben ihnen stets
ein zweiter Stamm auf -a-, z. B. kupu-je-si kupova-ti;
der Bedeutung nach in zwei Gruppen zerfallend.
a) Denominativa, in den altern Quellen nicht
selten, doch in mäßiger Anzahl vorhanden. Aus Cod.
Mar. : beseda Rede besedovati reden, besu Dämon beshm
dämonisch beshnovati bai.uoviZlecr^ai, ceh heil celovati grüßen,
küssen, cesarhstvo Königtum cesarbstvovati ßamXeueiv,
cetvrtovlastbstvovati Übersetzung von xeTpapxeTv, cnnhm rot
crmbtiovati se rot werden, dreseh betrübt drßselovati betrübt
sein, gode bijti gefallen negodovati unwillig sein, hyi§ Name
hnenovati nennen, niih erbarmenswürdig milovati sich er-
barmen, milosrdh barmherzig milosrdovati barmherzig sein,
sich erbarmen, obedh Mittagsmahl obedovati zu Mittag
essen, 7.e-pbstevati vermuten, prorokh Prophet prorokovati
prophezeien, pospeshstvo (Juvf.p'fia pospeshstvovati cTuvepTeiv,
rcuh froh radovati se sich freuen, sledh Spur nasUdovati
nasledbstuovati (von n isledhstvo Nachfolge, Erbe; erben, posle-
dovati posledhstvovati folgen, s^vedetel' bstvo Zeugnis s^vedetel'b-
stvovati zeugen, trebe bijti nötig sein trebovati bedürfen, vera
Glauben verovati glauben, izvestb bekannt, sicher izvestovati
versichern, beglaubigen. Vgl. dazu noch aus Cod. Supr.
*bezok^ eig. augenlos = schamlos (bezocbstvo Schamlosigkeit)
bezokovati schamlos sein, blagodarhstvo Da.nk blagodarbstvovati
dankbar sein (Nachahmung von euxcipicneiv)^ blagovestbstvo-
vati ^vaTfeKileG^m, bogoslovesbstvovati OeoXoTeTv, darb Gabe
darovati darbst vovati schenken, celomqdrb tibersetzung von
176 Das Verbura. [§144.
(TLuqppLuv celomqdrhstvo (JLUcppocriJvri celomqdrhstvovafi (Tujqppo-
veTv, dejhstvo ^vepTtia dejbstvovati evepTEiv, krasa Schmuck
Irasovaii schmücken, likb Chor Ukovati xopeueiv, nedostatbkb
Mangel tiedosiaii>kovaü mangeln, nicht hinreichen, ohhsth
gemeinsam ohbstevati KOiviuveTv, plistb Tumult dopußoq
plistevati dopußeiv, posluchz Zeuge poslushstvo Zeugnis
posluchovati p)oslushstvovaü zeugen, pozor^ Schau pozovorati
schauen, prazdhm leer, müßig prazdmhstvo Muße, Feier
vrazdhnovaH j;rfl^rf7)«?>s/t;oi7a^t feiern, rhvtm eifersüchtig
rbvbnhfitvo Eifersucht rbvhnhstvovafl eifersüchtig sein, svere2:)T>
wild sverepovati wüten, tjkh Dolmetsch protlkovati erklären,
Soveto Rat Shvetovati ratschlagen, voji pl. Krieger vojevati
Krieg führen, vrach Arzt vracevaü Arzt sein, vrazbda
Feindschaft vrazbdovati hassen, znmtie Zeichen znamenovati
bezeichnen.
In der weiteren kirchenslavischen Literatur
nimmt die Zahl solcher z. T. sehr schwerfälliger Bildungen
namentlich durch sklavische Übertragung griechischer Verba
außerordentlich zu, vgl. z. B. hescinovati diaKTeiv, dohro-
dusbstvovnfi €u^u|LieTv , pravhdoshvovati öiKaioXoYeTcTdai ,
pritTtCbstvovati TrapaöeiYiuaTiZleiv, vysokomqdrhstvovati uij/r)-
XoqppoveTv.
ß) Deverbativa, sie bilden Imperfektiva zu
vorhandenen Perfektiva gleicher Abstammung.
In den ältesten Quellen spärlich; aus Codd. Mar. und
Supr. (das entsprechende perfektive Verbum ist voran-
gestellt): kupiti kaufen kupovaii, poimati pojeti ergreifen
poimovati anklagen, pokazati zeigen szkazati erklären
pokazovati shkazovati, vhziskati yeTlar gen^ fordern voziskovati,
-meniii verändern izmenovati premenovati^ minqti vorüber-
gehen minovati, ispovedefi bekennen ispovedovati, ot^rezati
abschneiden atbrezovati, rastrgnaii zerreißen rastrgovaü,
s^v^zati zusammenbinden s^vezovati, 'viiiati se sich unter-
werfen povinovati se, ohinovati s§, videti sehen vidovah'
betrachten .
In der späteren kirchenslavischen Literatur
nimmt die Bildung solcher Imperfektiva in außerordent-
§ 144. 145.] Der- Veibaletamra. 177
liebem Grade zu, vgl. iz-dreka -resti, aussprechen iz-d-rekovati,
prosvetiti erleuchten prosvctovati, protekq -testi durchlaufen
protekovati, vidhchnqfi einhauchen v^d^chnovati, raz-d-resiti
zertrennen razdresevati, ocisiiti bereinigen ocistovati usw.
145. d) Verbalstämme auf -a-, z. B. dela-je-si
dela-ti. Nach Bedeutung und Abstammung zerfallen sie
in mehrere Gruppen:
a) Denominativa, von Substantiven und Adjek-
tiven, bedeutend «das machen, das sein, was das Grund-
wort besagt»; nicht zahlreich, an Zahl sehr zurückstehend
gegen die andern Denominativklassen auf -e-^ -i-. In den
altern Quellen sind gebräuchlich: velikb groß velicati (groß
machen) preisen, vecer'a Abendessen vecerafi zu Abend
essen, vlna Woge vlnati (Supr.) von den Wogen getrieben
werden, vona Geruch vonati riechen, venhch Kranz venbcati
kränzen, vestati aussagen, vgl. otbveth Antwort oUvestati
antworten, s^vet^ Rat s^vestati raten, gnev^ Zorn gnevati sp
zürnen, gotovh bereit gotovati (neben -viti) bereiten, delo
Tat, Werk delati tun, Werk verrichten, znartif Zeichen
znamenati bezeichnen, igra Spiel igrati spielen, kl'eveta
Verleumdung ktevetati verleumden (über Stamm klevet- s. u.),
konhch Ende konhcati endigen, kotora -fera Streit koforati
-terati streiten, pitati (wohl altes Denom.) nähren (neben
piteti), podoha Zier p. jestb, podobati se decet sich ziemen,
pravhda Recht opravbdafi (neben -diti) rechtfertigen, pT,vati
zuversichtlich sein (wohl denom., vgl. '^p^vhn^, poln. pewny
sicher, zuverlässig), rabota Sklavendienst rabotati öouXeikiv
{rabotiti öouXoOv), rqgh Spott rqgati sp spotten, S€d^lo
Sattel o-sedzlati satteln, ceta Schar s^cetati vereinigen,
cria Strich crtaii (stricheln) einschneiden.
Die von Substantiven auf -oH, -etz, -^t^, •ht^
(s. § 69. 13) abgeleiteten Denominativa auf -a-ti
behalten in der Regel den Stamm auf -a- nur in den Nicht-
präsensformen, lassen aber das a fallen im Präsens, z. B.
rhpztati murren (von r^p^th), 2. Präs. rbphstesi^ d. i.
*>•^p^t■je-si, s. u. 154 I B. a.
ß) Nicht sicher denominativ, keiner bestimmten
Leskien, Altbulgarische Grammatik. Vi
178 Das Verbum. [§ 145. 146.
Bedeutuugsklasse einfügbar. Gebräuchlich in den älteren
Quellen: vitati wohnen, vhlati von den Wellen hin- und
hergeworfen werden, gledati schauen, ;selati wünschen, kopat
graben, prijati begünstigen (vielleicht altes Denominativ)
prqzati zerren, pytati fragen, rydati weinen, rykati brüllen
shjaü glänzen, s^iati sp wüten {s^tati eig. hin- und her-
fahren, vgl. serb. setati wandeln, spazieren), qchati riechen
f) Deverbativa, die, mögen sie auch z. T. Ursprung
lieh denominativ sein, im historisch vorliegenden Slavisch
nur auf Verba bezogen werden können. Die allgemeine
Grundbedeutung ist iterativ; die Iterativa treten
aber in das im Slavischen besonders ausgebildete Ver-
hältnis von Perfektiv- und Imperfektivverba ein, so daß
der iterativen Form sehr oft nur imperfektive Be-
deutung gegenüber perfektiven Verben gleicher
Abstammung anhaftet (s. § 187). Die Perfektivierung
der Verba durch Zusammensetzung mit Präpositionen
(s. § 186) bringt es mit sich, daß auch die imperfektiven
Deverbativa meist nur mit Präposition vorkommen.
146. Die Bildung geschieht aus den zu Grunde
liegenden (nicht iterativen) Verben mittels der For-
mantia -va- oder -a- in folgender Weise:
A. -va- wird angewendet:
1. Bei allen vokalisch auslautenden einsilbigen
Verbalstämmen = Wurzeln, z. B. dati perf. geben
po'dati hingeben podavati, biti schlagen u-biti erschlagen
vMvati, myti waschen u-myti abwaschen umyvati, greti
wärmen s^-greti erwärmen shgrevati. Selten in andrer
Form: dajati (präs. dajq dajesi) zu dati^ -stajati (präs. -stajq,
â– stajesi) z. B. ostajati verbleiben zu perf. ostati ostanq.
2. Bei den mehrsilbigen unveränderlichen
Verbalstämmen auf -a-, -e- s. § 145, § 142. 2 a, z. B.
kopati graben j^odzkopati untergraben podh-kopavati, konhcati
perf. endigen konbvavati, priobhstati (gemeinsam machen)
mitteilen priobhstavatij obestati versprechen obesfavati; izmq-
dreti weise werden izniqdrevati, odoleti besiegen odolevati.
§ 146.1 Der Verbalstamm. 179
3. Bei den mehrsilbigen Verbalstämmen ver-
änderlichen Auslauts e — i (s. § 140), veleti poveleti
befehlen povelevati; doch sind hier solche Bildungen
selten, die gewöhnhche s. u. B 2.
B. -a- wird angewendet :
1. Bei den einsilbigen Verbalstämmen (■-= Wur-
zel), die auf einfachen Konsonanten auslauten
(s. § 140). Dabei wird der ursprünglich kurze Wurzel-
vokal e, 0, ^, h gedehnt. Hat das Verbum Ablaut e — ?>,
i — % — 2), so geht die Dehnung von h o aus. Die
einzelnen Fälle sind:
e — e (dafür nach palatalen Konsonanten a) pletq plesti
flechten s^plesti zusammenflechten s^plefat^, grebq greti graben
(rudern) pogreti begraben pogrehati, tekq testi laufen istesti
auslaufen istekafi. Statt e kommt auch i vor, davor tritt
bei guttural auslautenden Wurzeln c für k, dz (z) für g
ein, z. Fi. reka resti sagen naresfi benennen naricati (vgl.
pre-rekati widersprechen), iegq zesti brennen (trans.) prizesti
anbrennen prizagati (= *-gegati) und prizidzati, vgl. sonst
po-grihatij ST}-plitati,
— a (d. h. urspr. ö), hodq hosti stechen izbosti aus-
stechen izbadati, mogq mosti können vermögen pomosti
helfen pomagati.
h — ?', z. B. chta cisti zählen citati lesen; — bera
bbrati sammeln s^bhrati versammeln shbirati, mhrq mreii
sterben timreti ersterben umirati, thra trü treti reiben
istrü ausreiben istiraii, nachnq naceti anfangen nacinati^
khnq kl^ti fluchen zakleti verfluchen zaklinati.
h — y, z. B. sil'q s^lat^ schicken posi>lafi hinschicken
posyhti, usiynqü (= *s^pn^) einschlafen usypati; zovq z^vati
rufen s^z^vat^ zusammenrufen soyzyvati^ d^mq dqti blasen
nadati aufblasen nadymati.
Hat die Wurzel des primären Verbs a e i u y^ also
von Haus aus langen Vokal, oder e q (d. h. lautet sie
ursprünglich aus auf Nas. -\- Konsonant), so ist zwischen
primärem und iterativem Verbum kein Vokal-
12*
180 Das Verbnm. [§ 146.
unterschied sichtbar, z. B. padq pasti fallen pripasti
zufallen pripadati, sckq sesfi hauen ot^sesti abhauen othsekati,
lizq (liiesi) lizati lecken oblizati {-Uzq, -lizesi) belecken
oblizaü {-zajq), bl'iidq hl'usti wahren s^U'usti bewahren
Sibiudati, f/njzq grißti nagen sigrysti benagen szgryzafi;
trcsa tresti schüttehi oihfresti abschütteln ohtresati. Hat
< < » < <
die Wurzelsilbe des primären Verbums urspr. er, el vor
Konsonant, also altb. re le, und daneben den Ablaut
urspr. br bl, also altb. r 1, so geht die Iterativbildung
von dieser Stufe aus, aber zwischen dem r l des primären
und des iterativen Verbs ist. kein Unterschied wahrnehm-
bar, z. B. vrza vresti öÖhen ohvresti eröffnen oi^vrzati.
Die Gleichheit im Vokalismus des primären und des
deverbativen Verbums ist aber vielleicht nur scheinbar;
es ist möglich, daß im Ab. ein ursprünglich langer Vokal
des primären Verbs zuweilen verkürzt, der des deverba-
tiven wieder gedehnt war. Da die Quantität des Ab. nicht
überliefert ist, kann darüber nichts ausgesagt werden.
2. Bei den meisten Verben mehrsilbigen Stammes
mit wechselndem e — i (s. § 142. 2 a). Hat die
Wurzel kurzen Vokal, so tritt Dehnung ein: b — i, o — a,
z. B. pombiieti geüenken pominaü, zbreti schauen luizhreti
anschauen nazirati, pweti se dispuueren prephreti überreden
prepirati, goreti brennen intr. razgoreti se in Feuer auf-
gehen razgarati.
3. Bei den mehrsilbigen Verbalstämmen auf -t-,
s. § 143; das i geht vor dem -a- inj über und erleidet mit
dem vorangehenden Konsonanten die nach § 39 gebotenen
Lautveränderungen. Hat die Wurzelsilbe ein wie immer
entstandenes o (= idg. o; o = e vor v), so wird es zu a
gedehnt, alle andern Vokale erscheinen unverändert, z. B.
celiti heilen trans. isceliti ausheilen iscel'ati, cistiti
reinigen ocistiti ocistati, o-glasiti anrufen belehren oglasatiy
s^-tnqtiti in Verwirrung bringen shtnqstati; roditi perf.
gebären raidati, STf-tvoriti machen sztvar'ati^ prigvozditi
annageln prigvazdati, obh-noviti erneuern (zu 7iovz = *nevos)
ob^navl'ati. Seltener ist das auslautende i des Stammes
§ 146 — 148.] Übersicht über den Formenbestand des Verbums. 181
weggefallen, vgl. loüfi legen v^loziti einlegen vilagafi,
lomiti brechen -lamati, chvatiti perf. ergreifen chvatati.
II. Übersicht über den Formenbestand
des Verbums.
A. Finite Verbalformen.
147. 1. Tempora. Vorhanden sind Präsens,
Imperfektum (nicht das alte indog., sondern eine Neu-
schöpfung des Sla vischen), Aorist (in verschiedenen
Bildungsweisen). Es fehlen also von sonst in indog.
Sprachen vorkommenden Tempora das Perfektum mit
Plusquamperfektum und das Futurum. Doch ist das
Perfektum ersetzt durch Umschreibung mittels eines Hilfs-
verbums und eines partizipial gebrauchten Verbalnomens
mit Formans -lo- (s. § 172). Das Futurum kann in
bestimmten Fällen durch Umschreibung mit Hilfsverben
und Infinitiv ausgedrückt werden, wird sonst durch das
Präsens des Perfektiv verbums vertreten (s. § 189).
2. Modi. Erhalten ist der Optativ präsentis,
wird aber nicht im alten Sinne gebraucht, sondern ersetzt
den im Slavischen verloren gegangenen ursprünglichen
Imperativ. Außerdem ist gebildet ein Modus con-
ditionalis (ursprünglich nur im Sinne der unerfüll-
baren Bedingung verwendet) durch Umschreibung mit
demselben Verbalnomen, das auch zum Ausdruck des
Perfekts dient, und einem Hilfsverbum, dessen Form
z. T. einem alten Optativ entspricht. Es fehlt also der
ursprüngliche Konjunktiv.
148. 3. Genera Verbi. Es ist nur ein Aktivum
vorhanden; passive und mediale Verhältnisse werden aus-
gedrückt durch Hinzufügung des Akkusativs des Reflexiv-
pronomens se an die Aktivformen ; das Passi\nim auch
durch Umschreibung mittels Partizipien passivischer
Bedeutung.
182 DasVerbum. [§149-151.
149. 4. Personen. Erhalten sind alle drei Personen
durch die drei Numeri Singular, Plural, Dual,
B. Infinite Formen.
150. Solche mit dem Verbum eng verbundene
Nominalbildungen sind:
1, Partizipien: Part, präsentis activi, Part. präs.
passivi, Part, präteriti (perfecti) activi I (= dem alten
indogerm.), Part. prät. act. II (ein erst im Slavischen
partizipial gewordenes Substantiv mit Formans -lo-), Part,
prät. passivi. — 2. Infinitiv (auf -ti). — 3. Supinum
(auf -tb).
ni. Einteilung in Konjugationsklassen.
151. In der slavischen Grammatik ist man gewohnt,
die Konjugation nach der Infinitivform einzuteilen,
ein Erbteil aus der lateinischen Grammatik. Auch pflegt
man dort der Tempusbildung zwei Stämme zu Grunde
zu legen, den sogen, ersten oder Präsensstamm und den
sogenannten zweiten oder Infinitivstamm (Nichtpräsens-
stamm), und leitet vom ersten das Präsens mit seinen
Partizipien, zum Teil auch das Imperfektum ab, vom
zweiten alle andern finiten und infiniten Verbalformen,
z. T. auch das Imperfektum. Bei einigen Gruppen von
Verben geht diese Zurückführung auf zwei Stämme
einigermaßen an, z. B. Präsensstamm delaje- : 2. sg. pr. delaje-si
Part. präs. act. delajg^ pass. delaj-eim; Infinitivstamm dela:
Aorist ri^k-cÄ 2>^ auch Im per f. dela-achz.Vart. prät. act. \dela-vT,,
II dela-h, pass. dela-m, Inf. dela-ti, Sup. dela-th. Dagegen
nützt bei manchem andern Verbum diese Zweiteilung,
wenn man unter Stamm nicht bald dies, bald das ver-
stehen will, gar nichts, z. B. beim Verbum dvigjiqti kann
man 6 Stämme unterscheiden: dvigne- dvigno- Präsensstamm
(2. sg. dvigne-si); dvigo- dvize- Stamm des einfachen Aorists
(1. pl. dvigoim, 2. pl. dvizefe); dvigocho- dvigos- Stamm
§ 151.J Einteilung in KonjugationsWaesen. 183
des s- Aorists (1. plur. dvigochomz, 2. pl. dvigoste) ; dvig-
Stamm des Part. prät. act. II {dvigh)\ dvignq- Infinitivstamm
(dvigtiqt't); dvignu- (= *-weM-) Stamm des Part. prät. pass.
{dvignovem). Bei andern braucht man vom slav. Stand-
punkt aus nur einen vStamm, bei den Verben auf -i-, chva-
li-si 2. sg. präs., chvali-ch^ Aor. usw. — In der folgenden
Darstellung ist jener Gebrauch aufgegeben, und wenn der
Ausdruck «zweiter Stamm» angewendet wird, darunter
verstanden die neben den einsilbigen (wurzelhaften) Ver-,
balstämmen und neben den Stämmen auf -u- stehenden
Stämme auf -a- {her- hhra-ti, knpu- kupova-ti)^ so wie die
Nebenstämme auf -m- (dvignqti). Die Einteilung geschieht
hier nach der Bildung des Präsensstammes, d. h.
nach den zwischen Verbalstamm (nach § 139) und Personal-
endung stehenden formativen, die Präsensbildung charak-
terisierenden Bestandteilen (PräsenssuflQxen, Präsensfor-
mantien). Daraus ergeben sich folgende Klassen:
Übersicht.
I. Klasse. Präsensformans -e -o-.
A. Einheitlicher einsilbiger Verbalstamm durch aUe
Formen.
B. Zweiter Stamm auf -a-,
a) Konsonantisch auslautende Wurzel.
b) Vokalisch auslautende Wurzel.
II. Klasse. Präsensstamm auf -ne- -no-; zweiter Stamm
auf -nq-,
III. Klasse. Präsensstamm auf -je-.
I. Primäre Verba.
A. Einsilbiger Verbalstamm durch alle Formen.
a) Konsonantisch auslautend.
b) Vokalisch auslautend.
B. Zweiter Stamm auf -a-.
a) Konsonantisch auslautende Wurzel.
b) Vokalisch auslautende Wurzel.
184 Das Verbum. [§ 151. 152.
II. Sekundäre, abgeleitete Verba.
A. Einheitlicher gleicher Verbalstamm durch alle
Formen; Stämme auf -a- und auf -e-.
B. Zweiter Stamm auf -a-, Verbalstamm auf -u-
(-M-, -ova-).
IV. Klasse. Präsensstamm auf -i-.
A. Einheitlicher Verbalstamm auf -i- (zugleich Prä-
sensstamm) durch alle Formen.
B. Veränderlicher Verbalstamm: -i- Präsensstamm,
-e- Stamm der Nichtpräsensformen.
V. Klasse. Athematische Verba.
Weitere Einzelheiten s. in den folgenden Paragraphen.
152. I. Klasse (Paradigmata s. § 194), Formans
des Präsensstammes -e- -o-, z. B. nes-e-si; o-Vokal
erscheint in der 1. sg. riesq, 3. plur. nesqU, ursprünglich
auch in der 1. plur. und 1. dual. *neso-7m *nesO'Ve, die
durch nese-tm nese-ve ersetzt sind im Anschluß an die
zweiten Personen nese-te nese-ta.
A. Der einheitliche einsilbige Verbalstamm
geht durch alle Formen des Verbums.
Vom slavischen Gesichtspunkt gehören hierher nur
konsonantisch auslautende Wurzeln und solche auf -w-;
über andre ursprünglich hierherzuziehende vokalisch aus-
lautende s. § 154 I. Zur Charakteristik werden hier an-
geführt (2. sg. präs. und Infinitiv): labial auslautender
Verbalstamm (Wurzel) grebe-si greti graben rudern, tepe-si
teti schlagen; dental plcte-si plesti flechten, pade-si pasti
fallen; guttural pece-si = *peke- pesti backen, moze-si =
*moge- mosti können, vrse-si = *vhrche- vresti dreschen ; auf
5, z nese-si nesti tragen, veze-si vesti fahren; nasal pme-si
p^ti spannen, dwne-si dqü blasen; auf r mhre-si mreti
(= "^merti) sterben; auf -t<- plove-si (= ^pleve-; vgl. TrXe/iu)
pluti schwimmen.
Eine besondre Stellung nehmen die Verba lesti W.
leg- sich legen und sesti W. sed- sich setzen ein, das
Präsens hat Nasal vokal ^ .* l^gq leze-si^ s^dq s^de-si. Es
§ 152 — 154.] Einteilung in Konjugationsklassen. 185
sind Reste einer in andern idg. Sprachen, z. B. im Litau-
ischen, stärker verbreiteten Präsensbildung mit infigiertem
Nasal; zu s^dq part. s^dy vgl. preuß. sindens sitzend. —
Über Ablaut in der Wurzelsilbe s. § 194 A.
B. Es besteht ein zweisilbiger zweiter Stamm
auf -a-.
a) Bei konsonantisch auslautender Wurzel,
z. B. here-si hwa-H sammeln, zide-si zbda-ü warten, thce-si
(= *i^ke^) thka-ti weben.
b) Bei vokalisch auslautender Wurzel, z. B.
Tbve-si 7i>va-ti reißen raufen, pthve-si pthva-ti speien, zove-si
zwaii rufen, kove-si kova-ti (ku-ti) schmieden. — Über
Ablaut in der Wurzelsilbe s. § 194 B.
153. IL Klasse (Paradigmata s. § 195); Präsens-
stamm auf -ne- -no-, z. B. dvig-ne-si du bewegst, sta-
ne-si du stellst dich. Zu diesen Präsentia gehört stets,
soweit die Infinitive in der ab. Überlieferung nach-
weisbar sind, ein Inf nitiv auf -nq-ti {dtng-nq-ti), also haben
diese Verba einen zweiten Stamm auf -nq-^ mit Ausnahme
von sta-ti zu stanq stanesi.
Diese Präsensbildung entspricht einer indogermanischen
auf -7i€- -no-, vgl. grieoh. t€|hviu 1. pl. Te)i-vo-|iev 2.Te^-V€-T€.
Eine andre idg. Form Sing. -*neu-^ Plur -*7m-, vgl. altind.
dhrsnömi dhrsnumds hr.t im Slavischen eine Spur hinter-
lassen in dem anomaler Weise aus den Präsensstamm
gebildeten Part. prät. pass. z.B. dvignov-em, wo -nov- = *-nev-
(8. § 6. 4).
154. in. Klasse (Paradigmata s. § 196); Präsens-
stamm auf -je- Die Bildung ist ohne weiteres erkenn-
bar, wenn -je- an ein vokalisch auslautendes Element
tritt, z. B. zna-je-si zna-ü kennen, de-je-si de-ti tun, gni-je-si
gni-ti faulen, kry-je-si kry-ti decken; dela-je-si dda-ti tun,
cele-je-si celeti heilen intr., kupu-je-si kupovati kaufen. Tritt
dagegen -je- an einen Konsonanten, so ist zu beachten,
daß (nach § 39) j stets mit diesem eine Verbindung eingeht.
186 Das Verbum. [§ 154.
daher *plak-je-si place-si plakafi weinen, ^hy-je-si hze-si hgafi
lügen, ^'met-je-si mesfesi mefafi werfen, ^igd-je-si z^zdeH iedati
dürsten, '^plesk-je-si pleste-si pleskati lat. plaudere, ^slep-je-si
siepl'e-si slepati sprudeln, *zoh-je-si zobl'e-si zobati picken,
*dre)n-je-si dreml'e-si drc)iiati schlummern, "^pis-je-si pise-si
pbsati schreiben, *vez-je-si v§ze-si v^zati binden, '^s^ch-je-si
S7)se-si shchati trocknen intr., *st€l-je-si stel'e-si sthlati aus-
breiten, ^sten-je-si stene-si stenati seufzen; narice-si (neben
naricajesi) zu naricati, dvizesi (neben dvidzajesi) zu dvi-
dzati, 8. u.
Zur leichteren Übersicht über die sehr zahlreichen
zu dieser Klasse gehörenden Verba sind sie hier in zwei
Hauptgruppen, primäre (Wurzelverba) und ab-
geleitete (Denominativa und Deverbativa) geteilt:
I. Primäre Verba.
A. Der einsilbige Verbalstamm (= Wurzel)
geht durch alle Formen.
a) Konsonantisch auslautende Wurzel, nur in
wenig Beispielen vertreten: *zhn-je-si zme-si z^-ti schneiden
ernten, ^mel-je-si mel'e-si mUti = "^melti mahlen, *bor-je-si
hor'e-si brau = *borfi streiten kämpfen, *kol-je-si kol'e-si
klati = "^kolti schlachten. — Vereinzelt steht mit Nasal
im Präsens -reste-si (ob-r^stq ich finde, s^-resta ich begegne)
= -"^ret-je- W. ret- Inf. -resti.
b) Vokalisch auslautende Wurzeln auf -a-, -e-,
-2-, -?/-, -w-, z. B. zna-je-si zna-ti kennen, se-je-si se-ti säen,
gni-je-si gniti faulen, si-je-si si-ti nähen = *sjü-je- *sjü-ti
lit. siüti, my-je-si my-ti waschen, {ob-)u-je-si -uti Schuh an-
ziehen. — Vereinzelt steht dezde-si = ^'ded-je-si zu de-ti
(neben de-je-si); es ist der Rest einer alten Reduplikations-
klasse, ai. dadhämi, pl. dadh-mas, dem dadh- entspricht das
im Slav. durch alle Personen durchgeführte ded- (s. § 156).
Vom slavischen Standpunkt müssen in diese Klasse
bezogen werden vokalisch auslautende i-Wurzeln,
die also als Verbalstamm den Auslaut -i- haben, z. B.
§ 154.] Einteilung in Konjugationeklaseen. 187
bi-ii schlagen, pi-ti trinken, vi-ti wickeln ; deren Präsens hat
als ältere Form phjn pbjesi, vhjq vbjesi usw.; da h nach
§ 15 I 4 zu i gedehnt werden kann, auch pijq, vijq. Diese
-hj- brauchen nicht notwendig auf i oder z zu beruhen,
sondern können nach § 11. 4 = -ej- sein, vgl. zu vbjq
viti lit. vejn vyti, dann wäre zu analysieren vbj-e-si und
solche Verba gleich zu stellen mit zov-e-si, also ursprüng-
lich zur KI. I zu rechnen. — So gehört auch poj-esi peti
singen {e = oi) eigentl. zu I.
B. Es ist ein zweiter Stamm auf -a- vorhan-
den. Über Ablaut in der Wurzelsilbe s. § 196 B.
a) Konsonantisch auslautende Wurzel; fast
alle primären Verba der Klasse III haben bei konso-
nantischem Wurzelauslaut den zweiten Stamm auf -a-
(die wenigen Ausnahmen s. o. unter A a), z. B. v^ze-si v^zati,
cese-si kämmen cesati, zizde-si zbdati bauen usw. — Dar-
nach werden auch behandelt einige Denominativa mehr-
silbigen Stammes, namentlich die Ableitungen von Sub-
stantiven auf -otb^ -^th usw. (s. § 69. 13), z. B. npotati
murren r^p^stesi, trepetati zittern trepestesi, klokotati wallen
kloJiOstesi; ferner (öfter nur im Supr.) Deverbativa der
Form § 146 B 1, namentlich bei gutturalem Wurzelaus-
laut, z. B. naricati (zu na-rekq) 2. präs. naricesi.
b) Vokalisch auslautende Wurzel, z. B. la-je-si
laja-ti bellen, ve-je-si vejati wehen; bei den auf -e- aus-
lautenden Wurzeln stehen bisweilen einheitlich durch-
gehender Verbalstamm = Wurzel und zweiter Stamm
auf -a- nebeneinanüer, so de-ti und deja-ti, se-ti und seja-ti.
2. Sekundäre, abgeleitete Verba.
A. Der gleiche Verbalstamm geht durch alle
Formen.
Hierher die mehrsilbigen Verbalstämme 1. auf -a-
(§ 145); 2. auf -e-, z. B. dela-je-si dela-ti^ cele-je-si cele-ti
(§ 142),
188 Das Verbum. [§ 154-156.
B. Es ist ein zweiter ^'tamm auf -a- vorhanden.
Sämtliche Verba mit Verbalstamm auf -m-, z. B. kupu-
je-si kupova-ti (§ 144); eine Infinitivbildung *ktipu-ti, die
der von dela-ti cele-ti analog wäre, ist nicht vorhanden.
155. IV. Klasse (Paradigmata s. § 197), Präsens-
stamm auf -i-. Hier sin»! zusammengefaßt die Präsentia
der Verba mit durchgehendem Verbalstamm auf
-t- (§ 143), und die der Verba mit veränderlichem
Verbalstamm auf -i- -e- (§ 141), weil die Präsentia im
Slavischen völlig gleich erscheinen. Die Unterabteilungen
beruhen nur auf der Verschiedenheit der Verbalstämme.
A. Der Verbalstamm lautet einheitlich auf
'i- aus, z. B. chvcdi-si chvali-ti loben.
B. Der Verbalstamm ist veränderlich, Präsens
-i-, Nichtpräsensformen -e- (-a-), z. B. vidi-si vide-ti sehen,
bezi-si heza-ti laufen.
156. V. Klasse (Paradigmata s. § 198), athe-
matische Verba, d. h. solche, bei denen die Personal-
endungen im Präsens unmittelbar an den Wurzelauslaut
treten, während in den Klassen I — IV zwischen Wurzel
und Personalendung stets irgend ein formatives Element
steht. Die hierhergehörigen Verba: jesmh hyti sein, jarm
jasti essen, damh dati geben, vemh vedeti wissen, sind
spärliche Reste von z. T. ursprünglich häufigeren alten
Bildungen verschiedener Art; so beruht damh auf Redu-
plikation, vgl. ai. W. da- g'3ben:
dädä-mi dad-mäs dad-väs
dädä-si dat'thä dat-fMs
dädä'ti ddd-ati dat-fäs,
dessen Plural und Dual die schwächste Gestalt der
Wurzelsilbe ohne Vokal zeigt, da-d- ; dem entspricht der
slav. Plural und Dual, nur ist in die Reduplikationssilbe
der lange Vokal aus den Nichtpräsensformen, da-ti, Aorist
da-ch^, eingedrungen, daher Präsens plur. *däd-mz dmm,
daste, dad^tb, dual. *dadve dave, dasta, daste. Vom Plural
und Dual aus hat auch der Singular die schwache Form
§ 156. 157.] Die Personalendungen. 189
erhalten, daher *dädmh datnh, dasi, dasth. Derselbe Vorgang
hat im Litauischen stattgefunden, in älterer Sprache dümi^
düsi^ düsti zu düü, preuß. 3. sg däst zu dätwei. Ursprüng-
lich gehörte hierher auch das Präsens zu deti legen, vgl.
ai. VV. dhä- (idg. dhe-):
dddhä-rdi dadh-mäs dadhväs
dädhä-si dhatthä dhatthds
dädhä-ti dddhaii dhattds.
Dem Plural und Dual würde entsprechen ein slavisches
'^dedmz ^derm, "^'deste, "'â– 'ded^tb; "^dedve "^deve, *desta, "^deste,
und ein, wie bei damh, dem Plu;al-Dual nachgebildeter
Singular "^dedmh *demh, "^desi, ^dest7>. Diese früh verlornen
Formen sind ersetzet durch Präsensbildung nach Kl. III
von der Grundlage ded- aus, daher *dedjq "^dedjesi ab.
dezdq desdesi usw. -— Über ima nh ich habe s. u. 199. 3.
IV. D'e Personalendungen.
157. Zur \ eranschaub'chung der Personalen-
dungen und ihrer Verbindung mit dem Stamm sind
unten aufgestellt fü- die sogenannten Primärendungen
(des Präsens) eii. Präsens aus Kl. I vedq ich führe, das
zugleich als Vert-eter der Kl. II und III dient, da diese
genau üo flektiert werden, eins aus Kl. IV chval'q ich
lobe, zwei aus Kl. V jarm = *ed'mh ich esse, jesmh ich
bin. Zur Bestimmung der sog. Sekundärendungen
dienen die Präterita und der Imperativ (= Optativ);
sie sind unten gegeben durch ein Imperfektum vedeach^,
durch drei Aoristformen: einfacher Aor. 'ntog^ ich konnte,
s-Aoriste chvali-ch^ ich lobte, vesh ich führte, durch den
Imper. vedi.
Präsentia.
I (I— in) IV
vedq chval'q jamh =
vede-si chvali-si jasi =
vede-tb chvali-th jasto ==
V
*ed-mh
jes-mh
"^ed-si
jesi
â– ^ed-tb
jes-tb
190
Das Verbum.
[§157.1
I a-iii)
IV
V
vede-rm
chvali-tm
jämz —
*(!d-m^
jes-mi,
vede-le
chvalite
jaste —
â– ^ed-ie
jes-fe
vedqtb
chval^tb
Jadet^ —
•^edetb
satb
<
vede-ve
chvali- vS
jave —
'â– ^ed-ve
jes-vc
vedetu
chvali-ta
jasta —
â– ^â– ed-ta
jes-ta â–
vede-te
chvali-te
,iaste —
Hd-te
jeste
Präterita
L.
Irap
erativ.
Imperfekt
Einf. Aor.
5-AoriBte
vedeqch^
mogh
chvalichz
vesT)
vedease
moze
chvali
(vede)
vedi
vedease
moze
chvali
(vede)
vedi
vedeacho-nvb
mogo-ym
chvalicho-rm
veso-m^
vede-rm
vedease-fe
moze-te
chvalis-te
ves-te
vede-te
vedeacka
<
mogq
chvalisp
ves^
vedeacho-ve
mogo-ve
chvali cho-ve
veso-ve
vede-ve
vedease- tu
moze-ta
chvalis-ta
ves-ta
vede-ta
vedease- te
moze-te
chvalis-te
ves-te
158. Die einzelnen Endungen:
L Sing, primär: -mh = idg. -m?, vgl. ai. as-mi, gr. d}ii
=^ *es-mi, altlit. esml, ab. j-es-mh; in -q der thematischen
Verba ist die Endung -m enthalten; -q kann nicht erklärt
''Verden aus *-r7m, dessen ö = idg. ö, vgl. gr. cpepuu, wäre,
l?ann aber zurückgeführt werden auf *-äm und wird dann
gedeutet als 1. Sing. Konj., vgl. lat. feram = *-äm. Die
in den übrigen Personen athematisch (ohne besonderes
Präsensformans) flektierten Präsentia der Kl. IV haben
das -q der 1. sg. entlehnt aus der Formation von I — III.
— In -^ der Präterita ist enthalten -o-m (s. § 49 II 4)
vgl. ai. a-vaha-m 1. sg. ipf., gr. e-cptpo-v. — Vereinzelt
ist I. Sing, vede (neben vemh) zu vedeti wissen, vgl. gr. oiöa,
der einzige Rest des idg. Perfekts im Slavischen, und zwar
mit Medialendung, vgl. ai. tutude, lat. tutudi.
II. Sing, primär: -sz der. athematischen Verba (oei diesen
ursprünglich in allen slavischen Sprachen) kann rieht sein
§ 158.1 Die Personalendungen. 191
= idg. si, das hätte *-sh ergeben. Dies ist in der Form
'Sb, nach Abfall des b als -s, in KL I — IV erhalten in allen
slav. Sprachen (auch im Neubulgarischen) außer dem Alt-
kirchenslavischen, wo -si allgemein ist: nese-si chvali-si.
Wahrscheinlich ist in einem Dialekt des Altbulgarischen
das -i im Auslaut der athem. Verba auf die andern
übertragen worden. Das -.si wird aufgefaßt als alte Medial-
endung = *sai (vgl. preuß. assai essei = '^esai, ab. j-esi
du bist). Schwierigkeit macht das s in -sf> -si; -sb steht
zunächst für *'chb. Da in Kl. I — III dem alten -si ein e
vorangeht, kann s nicht zu ch werden (vgl. § 30), man
müßte also annehmen, daß das in IV nach i notwendig
entstehende *-chb -sb auf die ar.dern Präsentia übertragen
sei. — Die Sekundärendung -s mußte nach § 48 abfallen,
daher moze = "^nwges, vedi = '' vedois.
III. Sing, und Plur. enden auf -tb. Die III. Plur. von I.
ist aufzulösen in "^veclo-nU, die von \' in *ed-rifi (sqii sie
sind weicht ab, es hat die Form der Präsensstämme auf -o-).
Das -th dieser Endungen stimmt nicht zum idg. -ti, vgl.
gr. ecTTi ab. j-esfh, cpepo-VTi (qpepoucri) ab. berqfh. Erhalten
ist -ti als -tb im Altrussischen vedetb vedidb, z. T. auch in
lebenden Dialekten als t' vedet' vedut' neben t (= -tb) in
andern (gemeinr. ved'öt v'edüt). Das -th ist nicht sicher
erklärt, nach den einen (Berneker KZ. 37. 370, Pede.-sen
KZ. 38. 322) ist es aus -tb entstanden unter gewissen
lautlichen Bedingungen, wie etwa im Satzsandhi, andre (Hirt
IF. 17. 287) sehen darin die idg. mediale Sekundärendung
-*fo-, beretb = qpepero; noch anders Fortunatov, Staroslav-
janskoje-/^(Izv. 13. 2 S. 1 — 44j. — Die Auflösung der III. Plur.
ckvaletb in Stamm und Endung würde gemäß dem Stamme
ckvali- ergeben "^chvali-ntz mit Verkürzung des i '^'cJivalintb
*chvahnt^; bei der Zurückführung von chval^tb auf diesen
Lautbestand bleibt die Schwierigkeit, daß altes i mit Nasal
sonst nicht zu Nasalvokal führt (s. § 46); vgl. Vondräk,
Zu den Nasalen im Slavischen BB 29. 203. — Bei der
enklitischen Anfügung des Ol.jekts -jb (eum) an die III. sing,
plur., vedetb-jb Benenn, vedqtb-jb Ko;^mTXH, kann nach § 16. 3
192 Das Verbum. [§ 158.
^ zu y gedehnt werden: vedety-jh Be^eniH, vedqty-jh B6A<kt'Lih;
wenn im nicht gedehnten vedetb-jb vedqtb-jb das auslautende
6 geschwunden ist, kann nach 24 IV 4 entstehen vedetoj
B6A6T0H, vedqtoj hcaatoh. — Über die Endung -tb in der
2. 3. Sing. Aor. s. § 164. — Die Sekundärendung -t
mußte abfallen (s. § 48), daher moie = *inoget, mogq =
*mogqt = *mogo-nf, chvalise = *chvalichb7it für *-s-nt.
I. Plur. primär und sekundär -rm, selten ab. -my ;
my entsteht lautlich bei Anfügung des enklitischen Objekts
-jh vedemy-jb Be^eMUH (daneben vedemo-j B€A6M0h, vgl. oben
die in. Sing. Plur.), erscheint aber ..uch selbständig, doch
fast nur im Cod. Supr. Sichre Vergleichung des -rm mit
Formen andrer idg. Sprachen fehlt; im Gesamtslavischen
finden sich die Endungen rm (-m), -me (vgl. dazu lit. veda-me),
-mo, -my (dies vielleicht entstanden durch Anschluß an
die I. plur. pron. my wir). — vede-rm statt des zu erwarten-
den *vedo-m'b (vgl. den Aorist, z. ß. mogo-rm, und gr. qpepo-
^ev, lit. veda-me) durch Anschluß an die U. Fers, vede-te;
im Lit. ist umgekehrt die 11. veda-te der I. gefolgt.
II. Plur., primär und sekundär -te, die altindog. En-
dung, vgl. cpepe-TE, lit. veaa-te.
I. Dual., primär und sekundär -ve, entspricht idg.
mit V anlautenden Endungen, vgl. lit. veda-va, ai. IJiavävas.
Das -e ist unklar, vielleicht auf Anschluß an die I. Dual,
pron. ve (wir beide) beruhend (vgl. -my) — vedeve für *vedove
(vgl. den Aorist, z. B. mogove) durch Anschluß an die 2. 3.
vedeta vedete, lit. umgekehrt 2. vedata nach der 1. vedava,
II. Dual., primär und sekundär -ta; -a ist alte Länge,
vgl. lit. veda-ta, reflexiv vedato-si.
III. Dual., primär und sekundär -fe, in den meisten
Quellen ganz oder fast durchgehend, in Sav. daneben -te,
im Supr. fast nur -ta. Die andern slav. Sprachen, die
früher oder noch jetzt den Dual erhalten haben, kennen
in der 3. nur -ta.
§ 159. 160.J Die einfachen Tempora und Modi.
193
V. Die einfachen, nicht periphrastischen
(nicht umschriebenen) Tempora und Modi.
A. Präsens.
159. Die Stammbikkmg ist in dem Abschnitt über
die Verbalklassen (s. §§ 152 — 156). die Flexion bei den
Personalendungen behandelt (s. §§ 157, 158).
B. Imperativ.
100. Der slavische Imperativ ist ein Optativ
präsentis, dessen I. Pers. sing, und III. Pers, plur. nicht
erhalten sind ; sie werden ersetzt durch die Personen
des Indikativs mit Partikel da : da veda ducam (ut ducam),
da vedqtb ducant (ut ducant), ducunto. — Gebildet wird
dieser Optativ-Imperativ 1. bei den auf -e-, -o- auslauten-
den Präsensstämmen (I. -e- -o-, II. -ne- -no-, III. -je- -jo-)
durch Verbindung des Optativformans -i- mit dem Stamm
auf -0-, der Optativstamm lautet also auf -oi- aus, vgl.
q)epoi-)Li£v, daraus -e-, nach j und den durch Verbindung
mit j entstandenen palatalen Konsonanten (Kl. Ilt) -i- ;
-i für -Ol auch im Auslaut II. III. Person.
vedi ( —
*-ois)
znaji
pisi
vedi ( —
*-oit)
znaji
pisi
vedetm
znajirm
Xnsitm
vedete
znajite
jnsite
vedeve
t'orl Bin
znajiva
c'yjn'iif/r
pisiva
nisifn
Bei den primären Verben der dritten Klasse
(III. 1) hat in den ab. Quellen sehr früh der Plur. und
Dual die Form der I. Kl. angenommen, z. B. pisarm
Leskien, Altbulgarische Grammatik, J3
194
Das Verbum.
[§160.161.
pis'ate, d. i. *p\sem^ *pisete nach vedM,^ vedete zu einer
Zeit, als diese vediaim vedeatm gesprochen wurden. Die
abgeleiteten Verba (III. 2) delaja celejq kupujq haben solche
Formen niemals, sondern nur ddajbm ciUjirm kiipu-
jirm usw.
2. Bei Klasse V ist das Formans im Plur. und Dual -i-,
die schwache Form des Optativformans -in-, vgl. altlat. s-ies,
gr. etri^ = *es-ie-s, ai. s-yä-s, pl. lat. sT-mus, eTjuev = *es'
T-men. Der Sing, lautet aus auf -jsdh bei den auf -d aus-
lautenden Präsensstämmen jad- (= *ed-\ dad-, ved- : jazdh
= *jadjh (auch in übrigen slav. Sprachen stehen hier
die V^ertreter von dj), usw. ; jesmh hat keinen Imper. von es-,
sondern ersetzt ihn durch hqdi (zu hqdq ero, s. § 198).
Das 'jh scheint irgendwie mit dem alten Formans des
Singulars -ie- (aus dem slav. -;a- würde) zusammenzuhängen,
doch ist es lautlich nicht damit zu vereinigen und es
fehlt eine sichre Erklärung. Zu den verschiedenen An-
eichten darüber vgl. Vondräk, Die Imper. daedh usw.
ASPh 20. 54.
— jaditm jadive
jaidh jadite jadita
jazdh — —
Ebenso dazdh dadirm, vesdh vedirm, und nach diesem
Muster auch zu videti vizdq vidisi sehen Imper. vizdb.
3. Bei den Verben Kl. IV fällt der Stamm des Op-
tativs mit dem des Indikativs zusammen:
— chvalirm chvalive
chvali chvalite chvalita
chvali — —
Doch ist die völlige Gleichheit nur scheinbar, in den an-
dern slav. Sprachen unterscheiden sich vielfach die Im-
perative durch Quantität und Betonung von den Indi-
kativformen.
C. Imperfektum.
161. Das alte idg. Imperfektum, das den Präsens-
Btamm mit den sekundären Personalendungen aufweist,
§ 161.J Die einfachen Tempora und Modi. 195
vgl. gr. 9eu-fULi ^-qpeu-fo-v, 3. pl. qpeu-fo-vTi (qpeuxoucri)
^-qpeu'fO-v(T), ist im Sla vischen verloren gegangen. Es
müßte lauten z. B. zu vezq ich fahre:
Sing, *vez^ ai. avaha-m
Plur. *vezoim
ai.
a-yahä-ma
*veze a-vaJia-s
*vezete
a-vaha-ta
*veze a-vahci't
*vezq
a-vaha-n
Dual. *vezove ai.
avahüva
*vezeta
a-vaha-tam
*V€Z€te
a-vaka-täm.
Bei vielen Verben mußte dies alte Imperfektum mit
dem einfachen Aorist in allen Personen völlig zusammen-
fallen, so würde z. B. ein Aorist mogz, wie er gebräuchlich
ist, von einem Impf, *mog^ nicht zu unterscheiden sein,
da der Präsens- wie der Aoriststamm das gleiche Formans
-0- -e- haben. Das mag zum Verlust des Imperf. bei-
getragen haben, auch da^ wo die Verschiedenheit der
Formantien in Präsens und Aorist eine formale Unter-
scheidung bestehen ließen, z. B. Imperf. *shchm Aor. s^ch^.
An die Stelle ist eine slavische Neubildung
getreten. Deren äußere Bildungsregel ist:
1. Unmittelbar an den Verbalstamm tritt das
Element -aclih\
a) Bei den Verben Kl. III 2 A, Verbalstämme auf -a-
und auf -e-, dela-ti dela-ach^, cele-ti cele-achh.
b) Bei den Verben von Kl. IV B, an den Stamm
auf -e, vide-ti vide-aclvh.
c) Bei den Verben, die einen zweiten Stamm auf -a-
haben, an diesen: herq bhra-ti (Kl. I) hhra-achi^ v^zq v^zati
(Kl. III 1 B) v^za-ach^, kupujq kupovati (Kl. III 2 B) kupova-
ach^. Doch kommt hier vereinzelter auch die Bildung vom
Präsensstamm vor: zovq Zhvati — zoveach^ und z^vaach^^
besedujq hesedovati — 'besedujaacll^ und besedovaach^.
2. Bei allen andern Verben endet das Imper-
fekt auf -each^; das e muß nach Gutturalen und Pala-
talen zu a werden; also Kl. I vedq — vedeachh^ tekq —
tecaachh = *tekeach^, Kl. II sT)Chnq — s^chniach^, Kl. III zhnq
IS«
196 Das Verbum. [§ 161.
— ehnoiichi^ sejq — sejaachh = *•jeach^] Kl. IV A chval'q.
chvali'si — chvaVaachh = *chvalj-eachz. Die Abhängigkeit
vom Präsensstamm ist deutlich bei Kl. II und III durch
die Formantien mit n und j.
Alle Imperfekte werden gleich flektiert, z. B.
vedeachb vedeachoim vedeachove
vedease vedeasete, vedäaste vedeaseta, vedeasfa
vedease vedeacha vedeasete, vedeaste.
Die Nebenformen sind Nachahmungen der Flexion des
s- Aorists (s. § 163). In den Quellen findet sich neben
vedea/ikb auch vedechh, neben delaacJn usw. -ach^ (in Sav.
nur so), durch Kontraktion; die nicht kontrahierten Formen
sind die älteren.
Die Erklärung dea slav. Imperfekts ist ganz unsicher.
Man pflegt vedeachi aufzulösen als vede-jach^, vgl. dazu
Schreibungen des Supr. wie rp^A'^niue 1. gr^dejase, TBOptAifHoe
= tvor'ajase, und erklärt -jacJl^ als '^esom, d. h. als ein
altes augmentiertes Imperfektum der W. es- (e + e = e)
mit Stamm auf -o- -e- : *jas^ *jase *jase *jasojm usw.
Das ch für s, das nach e nicht entstehen kann, müßte
durch Anschluß an die Aoriste auf -cÄ2» usw. erklärt werden ;
*-jas^ -jach^ sei angetreten an einen Stamm auf -e- = idg.
'B-j der Analoga in andern idg. Sprachen hat, vgl. griech.
Aor. pass.-med. wie d-jidvr|-v (zu )iaivo)aai), lit. Präterita
mit Stamm auf -d- z. B. 1. plur. vede-me wir führten.
Möglich ist auch die Auflösung in *vede'jech^ für *vede'
echz (wo *ech^ augmentloses Imperf. von es- wäre), daraus
vedeecJvb vedejachi vedeach^, vgl. noveamz für novejemh Loc.
sg. best. Adj. (s. § 114. 3 b). Vgl. Jagiö, Nochmals
das slav. Imperf., ASPh 28. 27, und die dort angeführte
Literatur; zuletzt Baudiä, IF. 23. 135. — Die Imperfekta, in
denen -ach^ unmittelbar an den Verbalstamm tritt, erklären
sich dadurch, daß -acH als das eigentlich Charakteri-
stische des Tempus empfunden wurde und die Beziehung
zum Präsens lautlich verdunkelt ist, ein vedeachi konnte
leicht ein celeachh videachi^ ein sijaach^, tecaach^ ein dilaach^
hbraachi usw. nach sich ziehen.
§161.162.] Die einfachen Tempora und Modi.
197
Das Imperfekt zu hy-ti sein (Präs. jesmh) lautet heackb,
flektiert wie rc^^ac/i^ ; daneben steht hech^^ aoristisch flektiert,
aber mit der Bedeutung des Imperfekts:
hech^ bechotm bechove
he beste besta
he besp beste.
Es ist hier schwerlich Kontraktion aus beach^ und späterer
Übergang des becH in die Aoristform anzunehmen; der
Stamm be- aus ^bhue- findet sich auch im preuß. be, bei
er war.
D. Aorist.
I. Einfacher Aorist.
162. Der Stamm lautet auf -o- -e- aus, wie der
des Präsens von Kl. I, vgl. das Verhältnis von gr. Präs.
qpeufo-^ev Aor. e-cpu^o-juev, 9euTe-Te Aor. e-cpuTe-re. Ge-
bildet werden kann diese Aoristform nur: 1. von den
konsonantisch auslautenden einsilbigen Verbal-
stämmen der Kl. I A, die also keinen zweiten Stamm
auf -a- neben sich haben; doch vermeiden auch hier die
auf Nasal auslautenden {phnq pgti, £hmq z§ti) diese Aorist-
bildung, und die auf r auslautenden {thrq trti treti) kommen
nur in der 2. 3. Sing, so vor; — 2. von den konso-
nantisch auslautenden Verbalstämmen der Kl. II,
z. B. dvig- (dvignati); — 3. zu i~ti gehen vom Stamm
des Präsens idq idesi : idh ide usw.; — 4. zu einem
Verbum Kl. III Präs. {ob-, si-) r^stq (s. § 154 III 1 A a):
-retb -rete usf.
Zu I. mogq
mosti
Zu
II,
, dvignq, dvi
können
nqti bewegen
mog^
dvig^
moze
dvise
moze
dvize
mogom-b
dvigomz
mozete
dvizete
mogq
dvigq
198 Das Verbum. [§ 162. 163.
mogove dvigove
mozeta dvizeta
mozete dvizete.
Diese Aoristform ist von den Verben der I. Kl.,
die an sich lautlich in Betracht kommen könnten, nur in
wenigen Fällen belegbar, abgesehen von der allgemein
bildbaren 2. 3. Sing., die der Personenreihe des s-Aorists
(s. § 166) eingefügt sind; am häufigsten zu idq iti:
1. sg. id^, 1. pl. idorm^ 2. pl. idete, 3. pl. idq, 3. dual, idete,
und zu mogq mosti : 1 . sg. mog^, 1 . pl. mogorm, 3. pl. mogq^
3. dual, mozete; sonst fast nur in der 3. plur. : zu vrgq
vresti werfen — vrgq; kradq krasti stehlen — kradq; padq
pasti fallen — padq; s^dq sesti sich setzen — 1. sg. sM^,
1. pl. sedo7m, 3. pl. sMq; tr^sq tr^sti schütteln — 1. sg. tr^s^y
3. pl. trpsq; jadq ich fahre — 3. pl. m>-jadq. Verba mit
e in der Wurzelsilbe des Präsens bilden diesen
Aorist überhaupt nicht, also kein *nes^ *ved^ *teJch
zu nesq vedq tekq, abgesehen von der 2. 3. sg. nese vede
tece. Etwas häufiger sind die Belege aus Kl. II, aber
auch hier mit wenig Ausnahmen, abgesehen von der
2. 3. sg., nur die 3. pl.: begnqti entlaufen — oi^-begq, vyk-
nqti gewohnt werden — na-vykq, glhbnqti anhaften —
u-ghbq, gybnqti zu Grunde gehen — po-gyhq^ dvignqti be-
wegen — 1. sg. dv^g^^ 3. pl. dvigq^ zasnqti sp erschrecken —
u-zasq s^, z^hnqti keimen — pro-z^bq, irbs-krhsriqÜ auf-
erstehen — v^S'krhsqJ kysnqti sauer werden — viyskysq^
mjknqti verstummen — u-mlkq^ niknqti in die Höhe
kommen — vzz-nikq, nhznqti einstecken — u-mzq^ pri-
svpiqti {sv§d-) ansengen intr. — pri-sv^dq^ s^chnqü trocknen
intr. — 1. sg. isrbch^ = Hz-s^cJvb, 3. pj. -swkq, tonqti (top-)
untersinken — -topq^ izkriqü anstoßen — po-tbkq, chr^mnqti
lahmen — u-chrbmq, ceznqti verschwinden — 3. dual.
istezete d. 1. is-cezete^ 3. pl. iste^q.
TL. s-Aorist.
163. 1. Der Aoriststamm wird gebildet durch
ein unmittelbar an den Verbalstamm tretendes
§ 163. 164.] Die einfachen Tempora und Modi. 199
5-Formans, das vor den Personalendungen bald thema-
tische Form hat, in den ersten Personen, bald athema-
tische, in den übrigen:
-s^, -ch^ = *-50-m -so-tmj -chomh -so-ve, -chove
— ^ die ausl. Kons, -s-te -s-fa
— / (2. 5, 3. t) abge- -se, -sp für *ch^ -s-te.
fallen nach § 48 '*snt
Die verschiedenen Gestalten, in denen dieser Aorist
auftritt, sind erzeugt teils durch die Verschiedenheit der
Verbalstämme, teils durch das Verbleiben von s oder
seine Wandlung in eh. Darnach ergeben sich folgende
Formen :
164. A. Sämtliche vokalisch auslautende Ver-
balstämme, seien sie einsilbig (= der Wurzel) oder
mehrsilbig, haben nur eine gleiche Art der Aoristbildung,
sie fügen -chz] -chorm, -ste, -sp; -chove, -sta, -sie an den
Verbalstamm; die 2. 3. sg. ist ohne Endung und fällt
mit dem Verbalstamm zusammen, z. B. zu kryti kryjq,
decken
krychz krychorm krychove
kry kryste krysta
kry krysp kryste,
ebenso znati znajq kennen : znach^ zna, piti phjq trinken:
pich^ pi^ peti pojq singen: pechh pe; chvaliti chval'q loben:
chvalich^ chvali, videti vizdq sehen : videch^ vidi; delati
delajq tun: delachh dela, celeti celejq heilen: celech^ cele
usw. — Bei den Verben, die einen besondren
zweiten Stamm auf -a- haben, bildet dieser die
Grundlage des Aorists ausnahmslos, daher berq
hhrati sammeln: bhrachz hhra, kupujq kupovati : kupovach^
kupova usw. — Vom zweiten Stamme auf -nq- (Kl. 11
§ 153) muß der Aorist gebildet werden bei vokalisch
auslautendem Verbalstamm (= Wurzel), z. B. mi-nq
mi-ne-si mi-nq-ti vorübergehen: m\nqcll^ minq usf.; er
kann so gebildet werden auch bei konsonantisch aus-
lautendem Verbalstamm, z. B. zu dvignqti: dvignqch^ dvignq,
doch sind solche Formen in den Evangelien noch recht
200 Das Verbum. [§164.165.
selten; nur einige Verba, 'kosnqti berühren, u-seknati
enthaupten, brauchen fast ausschheßlich die Form auf
-n/lch^; sonst ziehen diese Verba andre Aoristbildungen
vor (s. §§ 162 u. 168).
Das s des Aorists konnte nach alter Regel (s. § 30),
wenn es zwischen Vokalen steht, nur nach i- und 2<-Lauten
zu ch werden, daher ist normal krych^ picJn chvalich^ usw. ;
das allgemeine Auftreten des ch nach beliebigen Vokalen,
dela-chh vid^-ch^ usf., muß auf Ausgleichung mit jenen
beruhen.
Nach der gewöhnlichen Ansicht hat die 2. sg. auf
-SS, d. h. Aoristformans + Personalendung, die 3. auf -s-t
ausgelautet, also z. B. 2. da = *dös-s, 3. da = *dös-t; die
Konsonanten mußten abfallen (§ 48). Allein man kann
zweifeln, ob Formen wie *döss existiert haben, und an-
nehmen, daß zu Grunde liegen *dö-s *dö-t d. h. Formen
des einfachen Aorists = ai. a-däs a-dät, vgl. 2. sta 3. sta zu
statt sich stellen mit gr. l-aTr\-(; ?-crTTi(-T), ^-ßn? ^-ßnC'^) u. ä.
Die auf i und e auslautenden einsilbigen
Verbalstämme (Wurzeln) können in der 2. 3. sg.
die Endung -th annehmen, z. B. zu viti wickeln
po'vi-tb, zu peti singen pe-tb. Diese ist der 3. sg. präS'
entlehnt, und im Aorist wiegen der dortigen Gleichheit
der 2. und 3. auch auf die 2. übertragen ; über sonstiges
Vorkommen dieses -tb s. § 166. Statt der 2. 3. sg.
by, da (1. sg. bych^, dach^ zu hyti, dati) kann gebraucht
werden und wird meist gebraucht hyst^, dastb; hier ist
das -stb ebenfalls aus der 3. sg. ^r. jestb, dastb entnommen
(über jastb er aß s. § 166).
165. B. Von konsonantisch auslautenden
einsilbigen Verbalstämmen (= Wurzel) kommen
durch besondre Lautverhältnisse zwei Formen zustande;
man unterscheidet sie als 5- und cÄ-Typus, je nachdem
das aoristische s als solches verblieben oder in ch über-
gegangen ist. Diese Formen des Aorists können nur
angewendet werden bei den lautlich in Betracht
kommenden Verben von Kl. I, und bei hrati hor'g
§ 165. 166.] Die einfachen Tempora nnd Modi. 201
streiten, klati kol'q schlachten, mlefi meVq mahlen, z§ti
zhnq schneiden, ernten (§ 154, Kl. III 1 A a).
106. I. s- Typus. Wenn das Aoristformans -s^, -sorm
-ste -s^, 'Sove -sta -sie an die Wurzelauslante t d p h s z
tritt, so schwinden diese vor 5, s bleibt als solches er-
halten (s. § 30; doch s. § 167); Vokal -f- Nasal werden vor
dem s zu Nasalvokal, s bleibt. Bei Wurzelauslaut t d p b
s z erscheint der Wurzelvokal gedehnt oder (ursprünglich)
diphthongisch : e — e, o — a (d. i. o), h — i (d. i. ei),
z. B vedq — vm, bodq — bas^y cbfq, — cis^. Lautet die
Wurzel auf r + Kons, aus, z. B. vrzq. = *vhrzq vresti =
*v€rsti binden, so ist im Aor. vres^ nicht zu er-
kennen, ob urspr. *vers^ oder ^versi) anzusetzen; ebenso
kann bei nasalem Wurzelauslaut, z. B. phnq p^fi, im Aorist
p^s^ nicht erkannt werden, ob er = *j;«sow, *pensom
oder *pensom ist, da alle diese Lautgestalten das gleiche
Resultat ergeben. — Vom Aorist der auf t d p h s z aus-
lautenden Wurzeln wird die 2. 3. sg. nicht gebildet,
sondern vertreten durch die Personen des nicht
zusammengesetzten Aorists, z. B. ves^ vede vede, bas^
bode bode ; die auf Nasal auslautenden haben 2. 3. sg.
pe pp = '^'p^s-s'i p^s-f? oder pes'i pf-fi (vgl. § 164 die
Bemerkung über da)^ daneben sehr häufig i?f-fe, dessen -tb
zu erklären wie das von vi-th usw., s. § 164; in den ab.
Quellen keine 2. 3. sg. "^phne.
Beispiele: Aorist zu vedq vesti führen,.
pb)iq p^ti spannen.
ves'^ p^s^
vede p^, pptb
vede p§, p^
vesoTm
p§somL
veste
peste.
vesp
p^p
vesove
p^sove
vesta
p§sta
veste
p^ste.
202 Das Verbum. [§ 166. 167.
Zu jamh W. jaä- = *^i- essen lautet der Aorist jasi,
in Zusammensetzung mit Präposition 2. 3. sg. iz-e; wenn
dies anzusehen als *ed-s *ed-st, d. h. als s- Aorist alter
Bildung, so wäre es der einzige erhaltene Rest der 2. 3. sg.
dieser Aoristbildung. Wahrscheinlich liegt aber eine
Analogiebildung nach den vokalisch auslautenden Verbal-
stära men vor, nach da-chh da da ist zu jas^ jach^ =
*es^•, zu ch(s. § 167) hinzugebildet {iz-)e, zumal die 3. sg. des
Aorists außerhalb der Zusammensetzung immer jastb heißt,
wie dash, das -sti zu erklären wie bei diesem, s. § 164.
167. II. cÄ-Typus. Wenn das Aoristformans -s^
usw. an den Wurzelauslaut k und g (das vor 5 zu A; wird),
r, l tritt, so muß s zu ch werden (nach § 30); kch wird
zu einfachem k. Bei Wurzelauslaut k g tritt im Aorist
Dehnung von e zu. i ein; diese Aoriste haben ebenfalls
keine 2. 3. sg,, sondern ersetzen sie durch die Personen
des einfachen Aorists (vgl. § 166), z.B. rekq resti : rech^
rece reÖe. — Bei Auslaut r, l, z. B. mhrq *merti mreti :
nirecJa, koVq *koUi klati : klach^ ist nicht zu entscheiden,
ob *merso7n oder '^mersom, *kolsoM oder *kölsom zu Grunde
liegt; diese Aoriste haben 2. 3. sg. mre kla. — Die Verba
ihrq sreti = *zerti (fressen, opfern), daneben Inf. erti =
*zbrti, thrq trSti = *terti, daneben trti = *thrti (reiben),
können den Aorist von der Wurzelform hr- ihr- bilden,
daher *zhrch^ irchz, '^'thrch^ trch^ tr (geschrieben »ip'Ljci,
TpixT» ipi usw.). — Neben 2. 3. sg. auf -e steht -e-tz, so
sehr oft u-mreth er starb neben u-mre^ vgl. vi-th^ p^-tb und
ebenso zu erklären (s. §§ 164 u. 166). Beispiele: Aorist
zu rekq resti; mhrq mreti; zhrq zrti ; kol'q klati.
rech^
mrech^
zrckb
o
klachb
reöe
mre, mrei^
zr
o
kla
rede
mrij mreti
zr
e
kla
rech(yim
^rechom^
zrchomi
klachorm
reste
mreste
zrste
o
klaste
res^
mres^
zrs^
klas^
§ 167. 168.] Die einfachen Tempora und Modi. 203
rechove mrichove zrchovi klachovi
resta mresta ersta klasta
riste mreste erste klaste.
Bei dem starken Überwiegen des cA-Typus, dem auch
die ganze Masse der Aoriste von vokalisch auslautenden
Verbalstämmen sowie die unten (§ 168) behandelte Bil-
dung angehört, erklärt es sich, daß zuweilen der alte
s-Typus aufgegeben und sekundärerweise durch den
cÄ-Typus ersetzt wird, z. B. zu m^tq m^sti umrühren ver-
wirren 3. pl. m§s^ (wie res^ dasp usw.) statt m^sp. Ge-
wöhnlich ist aber dieser Übergang nur beim Aorist von
jamh jasti, z. B. 1. pl. jachorm statt jasorm, 3. pl. jasp statt
und neben jasp.
168. 2. Das Aoristformans — in der Gestalt
• ch^^ -chorm -sie -s^, -chove -sta -sie — tritt nicht
unmittelbar an den Verbalstamm, sondern an
einen aus der Wurzel, in diesem Falle stets
konsonantisch auslautend, erweiterten Stamm
auf -0-, z. B. veS'ti vedo-chz, dvig-nq-ti dvigo-chz. Die
2. 3. sg. fehlt und wird ersetzt durch die Formen des
einfachen Aorists : vede, dvize (vgl. §§ 166, 167). Gebildet
werden kann diese Aoristform nur 1. von Verben Kl. I A,
d. h. bei durchgehendem konsonantisch auslautendem Ver-
balstamm ohne zweiten Stamm auf -a-, doch vermeiden die
auf r und auf Nasal auslautenden diese Form, also kein
*pbnochz *mhrochz; 2. von den Verben der Kl. II bei
konsonantisch auslautender Wurzel. — Beispiele. Aoriste
zu vedq vesti, dvignq dvignqti.
vedochz dvigochz
vede dvize
vede dvize
vedochorm
dvigockorm
vedoste
dvigoste
vedosp
dvigosp
vedochove
dvigochove
vedosta
dvigosta
vedoste
dvigoste.
204 Das Verbum. [§ 168. 169,
Einige Quellen (Mar., Psalt.) kennen diese Aoristform
gar nicht, einige haben sie nur selten, in andern (Supr.,
Sav.) ist sie gewöhnlich. Eine sichre Erklärung fehlt
und es ist ungewiß, ob die Bildung auf eine altindog.
Aoristbildung zurückgeführt werden kann. Vielleicht ist
sie innerhalb der slavischen Entwicklung aus dem ein-
fachen Aorist so entstanden, daß in dessen Formen, die
den Stamm auf -o- haben, 1. pl. z. B. mogo-rm, 1. dual.
mogo-vCj die Personalendungen -nl^, -ve durch die deut-
licheren Aoristendungen des s-Aorists -chorm -chove ersetzt
sind: ynogo-chorm, mogo-chove, und diese Bildung dann
durchgeführt wurde: mogoch^ usw. Die Formen mogorm
mogove fielen einst lautlich mit dem Präsens *mogo-rm
*mogove (später in historischer Zeit mozerm mozeve) zu-
sammen. Annehmbarer würde diese Erklärung, wenn
man annehmen kann, daß die entsprechenden Aoriste
der westslavischen Sprachen auf die gleiche Weise von
den Formen des einfachen Aorists weitergebildet wären,
die den Stamm auf -e- haben, 2. pl. mozete 2. dual, mozeta,
3. dual, mozete und mozeta. Die westslavischen Sprachen
haben nämlich vor dem Aoristformans nicht o, sondern e,
z. B. altö. mozech, 3. dual, mozesta. Freilich kann man
das e auch so deuten, daß mozech entstanden sei durch
Anschluß an 2. 3. sg. moze und ein altes mogockh verdrängt
habe.
VI. Verbalnomina.
Partizipien, Infinitiv, Supinum.
169. A. Partizip präsentis activi. Der Stamm
hat ursprünglich konsonantischen Auslaut auf -nt-; dies
tritt in den Kl. I — III an den auf -o- auslautenden
Präsensstamm, also vedq : *vedont- vedqt-, dvignq : '^dvignont-
dvignqt-j znajq : ^znajont- znajqt-, pisq (= '^pis-jq) : *piso7it-
pisqt-, delajq *delajont- delajqt-. Auch die Verba von Kl. V
§ 169.] Verbalnomina. 205
haben im Partizip einen Stamm auf -o- : jamh (jad-):
*jad(ynt- jadqt-, damh: (dad-) '^dudont- dadqt-, jesmb: "^sont-
sqf-, vemh (ved-): *vedoyit- vedqt-. In KI. IV, Präsensstamm
auf -i-, chvali-si vidisi, lautet der Partizipialstamm auf -^t-
aus, chval^t- vid^t-, und bereitet der Analyse dieselben
Schwierigkeiten wie die 3. pl. chval§th viddh (s. § 158). —
Die Deklinationsformen des konsonantischen Stammes sind
nur erhalten in Kom. sg. msk., Nom. pl. msk., Nom. sg.
fem. : Nom. sg. msk. '^vedonts, daraus '^'vedons und vedy,
*znajonts, daraus '^■znajons und schließlich ztiaje (s. § 49 III 2).
Es lautet daher der Nom. sg. msk. der Kl. I und II
auf -?/, der der Kl. III auf -je -'p aus. In Kl. IV ergab
*chval^fs ein chval§ ; dies -e hat zum unterschiede von dem
-e in Kl. III niemals (durch j) palatalisierten Konsonanten
vor sich, vgl. z. B. . III mefati mestq werfen: mesk^ mit
IV vratiti vrasta wenden: vrate : wo in Kl. IV c z s vor e er-
scheinen, beruhen sie auf dem folgenden palatalen Vokal,
z. B.uciti 2<crt lehren: uce, loziti /oia legen : loze.vrsiti vrsaivrse.
Der Nom. sg. ntr., urspr. *vedont, '^znajoiit, mußte, wenn die
Regel durchsteht, daß in auslautenden Silben -y nur ent-
steht aus -0 -\- 7iSj -je aus -jo + ns, ergeben "^vedqt '■^•vedq,
*znajqt '^znajq, er lautet aber wie die Maskulinform vedy
znaj^. Das Neutrum '^chvalet konnte nur chvale ergeben,
fiel also von selbst mit dem Maskulinum zusammen;
vielleicht ist dies der Anlaß gewesen, auch vedy znaj^ als
neutral zu brauchen. Bemerkenswert ist, daß die Formen
vedy znaje fast nie als Akk. sg. ntr. erscheinen, sondern
der Akk. vedqste znajqste lautet. — Nom. pl. msk. '-^vedonte
^znajonte *chval^te sind umgebildet in vedqste znajqste
chvalfste nach den andern Pluralkasus (s. u.). Nom.
sg. fem. ^vedonti '^■znajontj "^chval^ti (vgl. lit. vedü :
vedanti, wo -i = *-/} sind umgebildet nach den folgenden
Kasus zu vedqsti znajqsti chvalesti (vgl. den Komparativ
§ 99 Bern. 2 und 4). — Die übrigen Kasus gehen aus von
einem Stamm auf '■^•nt-jo- (vgl. den Kompar. § 99 Bern. 3),
tj wird st, das sekundärerweise auch in den Nom. sg.
fem. und den Nom. pl. msk. eindrang. — Der Nom. pl.
206
Das Verbum.
[§ 169. 170.
ntr. hat (selten) die Endung -i statt -a, z. B. dvis^sti-ja
(bestimmte Form) xd ^pTTOVia. — Paradigma:
msk.
vedy
vedqsta
vedqstu
vedasth
«
vedastemh
vedqsti
vedaste
vedqstb
vedqste'tm
vedqst^
vedqsti
vedqstichi
ntr.
vedy
wie Mask.
vedaste
<
wie Mask.
vedqsta
wie Mask.
vedqsta
wie Mask.
fem.
vedqsti
vedqst§
vedqsti
vedqsfq
vedqsfejq
vedasti
<
vedqstf-
vedasth
vedastarm
<
vedaste
< <
vedqstami
vedastach^
vedqsti vedqsti
. Ti, , vedastu
wie Mask. /„.
vedqsta
vedqstu
vedqstema vedqstama.
Nach diesem Muster dvigny dvignqsta, jady jadqsta,
znaj^ znajqsta^ pisf pisqsta, chval§ chvalfsta usw. Die zu-
sammengesetzte (bestimmte) Deklination des
Partizips: Nom. sg. msk. vedy-jh Be^UH, ntr. vedqste-je,
fem. vedqsti'ja^ Nom. pl. msk. vedqste-ji R6A^ujt€h; die
andern Kasus genau nach dem Paradigma des weichen
Adjektivs (s. § 113). Der Nom. pl. msk. hat in der
unbestimmten Form selten -i statt -e, vedqsti, die dem
Stamm auf -jo- normal zukommende Gestalt, häufiger so
in einigen Denkmälern die bestimmte Form, vedqsti-ji
BeA£iUTHH. Wenn in Pluralkasus der bestimmten Dekli-
nation -€H- statt -HH- erscheint, z. B. slysptehm cauuia-
lUTCHMi den Hörenden, statt -stiinvb -uithhmi, so ist hier
das -e des Nom. pl. msk. slys^ste in die andern Kasus
übertragen.
170. B. Partizip präsentis passivi; Formans
-wo-, Nom. 8g. msk. -rm, antretend in der Kl. I — III an
§170.171.] Verbalnomina. 207
den auf -o- auslautenden Präsensstamm; nach j tritt e
für ein : vedo-rm, dvigno-tm, znaje-ym piserm delajerm usw. ;
darnach richten sich auch die Verba Kl. V: vedo-im
(neben vedi-mh). In Kl. IV tritt -mo- an den Stamm
auf -i-: chvalitm vidi-rm; darnach vidi-im in Kl. V.
171. C. Partizip präteriti (perfecti) activi I,
das alte idg. Part. perf. Das Formans ist im Slavischen
-^s^ oder -v^sâ– : 1. -^s- wird angewendet: a) Bei allen
Verben Kl. I mit durchgehendem konsonantisch aus-
lautendem Verbalstamm (= Wurzel), z. B. ved-hs-, rmr-zs-,
phn-is-; so auch aus Kl. V zu jamh (jad-) jad■^s^. —
b) Bei den konsonantisch auslautenden Verbalstäramen
Kl. II: dvig-nqti dvigbs-. — c) Bei den Verbalstämmen
auf -1- Kl. IV A; das i geht hier in j über, nach
diesem muß -^S' zu -hs- werden: chvali-ti *chvalj-hs- ckval'hs-.
— 2. -vTiS- tritt an alle vokalisch auslautenden ein-
silbigen Verbalstämme (= Wurzel), an die mehrsilbigen
Verbalstämme auf -a- -e-, und wenn in Kl. I und III ein
zweiter Stamm auf -a- vorhanden, an diesen, z. B. zna-ti
zna-v%s-, da-ti da-vhs-j sta-ti sta^v^s-, hi-ti bi-v^s^, hry-ti kry-
VT>s-; delati dela-vhS', cele-ti cele-vbs-, videü vide-'irbS' ; herq
bhrati htra-vtS'^ stenq stenati ste)ia-VhS', pisq phsati phsa-vzs-;
kupujq kupovati kupova-v^s-. Von den zweiten Stämmen
auf -w^- muß diese Form gebildet werden^ wenn der
Verbalstamm (= Wurzel) vokalisch auslautet, z. B. mi-nq-U
minqvbs-, kann so gebildet werden auch bei konsonan-
tischem Auslaut, dvignq-ti dvignq-ii>s-, es geschieht aber in
den Evangelien (Zogr., Mar., Ass., Sav.) nur selten. Die
Verbalstämme auf -i- können ebenfalls -it^- annehmen,
chvali-v^s-, doch fehlt diese Form einigen Denkmälern
ganz und ist in andern selten.
Der Nom. sg. msk. lautet, vom konson. Stamme,
auf -■» aus: vedi, mtn», dvigz^ chval'h, znav^, und scheint
einen alten Nominativ auf *-i^^ vorauszusetzen QM. aber
Nom. vM^s Gen. vedus-io); der Nom. ntr. lautet ebenso
vedz usw. Vom kons. Stamm noch Nom. pl. msk. *ved^seJ
dafür vedTise, Nom. sg. fem. *ved^s^, dafür vedi>$i; alle
208
Das V'erbum.
[§171.172.
andern Ivasus vom erweiterten Stamm auf -jo- {s-\-j zu s);
das s ist dann auch in den Nom. plur. msk. und in
den Nom. sg. fem. eingedrungen (s. die gleichen Erschei-
nungen beim Part. präs. akt., § 169, beim Komparativ
g 99). — Paradigma:
M. vedh, N. 1
VL'do
'M.chvaV b.'S .(hvat b
F. vedhsi
chval'bsi
vedhsa
chval'bsa
ved^se
chval'bse
<
vedhsu
chval'bsu
vediisi
chval'bsi
vedzsb, N.
'Se
clwaVbsb, N. -se
ved^sq
chval'bsa
vedzsemh
cJival'bsemb
ved^sejq
chval'bsejq,
vedzsi
chvaVbsi
ved^si
chval'bsi
vedzse, N.
-m
chval'bse^ N. -sa
vedzs^
chval'bs^
ved^sh
clwal'hsb
vedosb
chval'bsb
ved^sem^
chval'bsetm
ved^sam^
chval'bsaim
vedhse,, N.
â– sa
chval'hsg, N. -sa
vedbse
chval'bsf
vedzsi
chval'bsi
vedhsami
chval'bsami
vedhsicJiz
clivat hsic^^^
ved^sach^
chvaVbsachT}
vedhsa, N.
•si
chval'bsa, N. -si
ved^si
chval'hsi
vedhsu
chval'bsu
ved^su
chval'bsu
vedisema
chval'bsema
vedhsama
chval' hsama.
Die bestimmte Form: Nom. sg. msk. vedijb
chval'bjb BeAiH .\ki.uh, durch Dehnung des i, h vor j
(s. § 15 I 4, § 16. 3) vedyjb chval' ijb Be/^xiH ?cba.^hh. Wenn
b im Auslaut abgefallen ist, kann aus der ungedehnten
Form entstehen vedoj chval' ej Be^OH, xb:i.^6h, (s. § 24 IV 4).
Im Nom. pl. msk. der unbestimmten Form steht selten
i statt -e, vedhsi, öfter in der bestimmten, vedhsiji
B6;^'LiijiiH. Die übrigen Kasus der bestimmten Form gehen
genau nach dem Paradigma des weichen Adjektivs
(s. § 113). Wo im Plural statt -kh- ein -eii- erscheint,
HCCLiueHMi, ist es zu erklären wie beim Part. präs. akt.
(s. § 169).
17/2. D. Partizip präteriti activi II, Formans
-lo-, Nom. sg. msk. -h, ist eigentlich ein Nomen agentis;
I
§ 172. 173.] Verbalnoraina. 209
in das Verbura aufgenommen und so partizipial geworden,
dient es zur periphrastischen Bildung des Perfekts
(s. § 175) und Konditionalis (s. § 177); -lo- tritt an den
Verbalstamm; wenn ein zweiter Stamm auf -a- vorhanden
ist, an diesen; zu erinnern ist, daß vor l ein t, d ausfallen
muß (fl. § 52 I), nes-ti nesh, grebq greti grelh, vedq vesti
vehy pletq plesti pleh, dati dah, biti bih, delati delah; herq
bwaü bbrah, kupiq'q kupovati kupovah. Vom zweiten Stamm
auf -nq- ist die Ableitung bei konsonantisch auslautenden
Wurzeln selten, dvignqti dvignq-h (gewöhnlich dvig-h),
notwendig bei vokalisch auslautenden, mi-nq-ti minq-h.
Zu bor'q brau = "^borti kämpfen Kl. III: %rah, das =
%orh sein kann, aber auch dem vokalisch gewordenen
Stamm von bra-ti hinzugebildet sein kann; zu kol'q klati
= "^kolti schlachten: klah, das kaum = *koI-h angesetzt
werden kann, sondern zu kla-ti gebildet ist, wie russ. koiof
zu koiot' = *kolti. Zu mel'q mleti = *melti mahlen ist die
Form nicht belegt, sie würde *7nleh lauten, kaum = "^mel-h,
sondern zu mle-H, wie russ. moioi zu motot'. — Selten
ist dies alte Substantiv adjektivisch-attributiv geworden,
so gnih faul (putridus) zu gni-ti faulen. Im Perfekt und
Konditional bildet es stets das Prädikat des Satzes, hat
daher nur die Nominativformen, z. B. zu da-ti: sg. dah
dalo data, pl. doli däla daly, dual, dala dale dale.
173. E. Partizip präteriti (perfecti) passivi.
1. Formans -to-, Nom. sg. msk. -tb, wird angewendet:
a) bei Verben von Kl. I: a) mit Nasal auslautendem
Verbalstamm (= Wurzel), z. B. pvnq p§ü : p^i^, kimq kl§ti
fluchen: klph; hier ist im Ab. nur diese Bildung möglich;
ß) bei solchen mit Auslaut r, wenn kein zweiter Stamm
auf -a- vorhanden, z. B. sthrq streu = *sferfi ausbreiten:
*sthr-tb strh, aber daneben -em (s. unten 3). — b) Bei den
auf -i- auslautenden Verbalstämmen von Kl. III, die
keinen zweiten Stamm auf -a- haben, vhjq viti wickeln:
vi-h, daneben aber -em (s. unten 3); zu pojq pe-ti singen
nur pe-tb. — c) Bei den konsonantisch auf Nasal aus-
lautenden Verbalstämmen Kl. III ohne zweiten Stamm
Leskien, Altbnlgarische Qrammatllc. li
210 Das Verbum. [§ 173.
auf -a-; hierher nur ebnq e^ti ernten: z^th. — Das
Formans -to- war ursprünglich weiter verbreitet, anwendbar
auch bei Wurzelauslaut auf andre Konsonanten als
w, m, r, vgl. das Litauische, wo es das einzige lebendige
Formans dieses Partizips ist, z. B. renkä rinkti sammeln:
riiiktas, keliü kdti heben: käta^. Die wenigen solchen im
Slavischen erhaltenen Bildungen sind Adjektiva geworden,
so zu vrzq vresti = *vhrzq *versii öffnen : *otTfVhrsih oi^vrst^
offen, vez-, u-v^sti bekränzen {v^zati binden): u-vfstb bekränzt,
ved- viditi wissen: iz-vest^ bekannt, cpsh dicht = lit.
kimsztas gestopft zu kemszü kimszti stopfen.
2. Formans -wo-, Nom. sg. msk. -w^, angewendet bei
allen vokalisch auf -a- oder -e- auslautenden einsilbigen oder
mehrsilbigen Verbalstämmen und allen zweiten Stämmen auf
-a-, z. B. zna-ti zna-m, da-ti da-m, de-ti legen de-m {o-de-m
bekleidet), seti säen se-m (doch, pojq peti nur pe-tb, s. oben 1),
dda-ti dela-m, pite-ti nähren pite-m, vide-ti vide-m; berq
bhra-ti bira-m, sielq sihla-ti ausbreiten sihla-m^ kupujq kupo-
vati kupova-m. Mit Sicherheit ist -no- bei keiner konso-
nantisch auslautenden Wurzel nachweisbar. Zwar zu
hor'q hrati = *horti kämpfen, kol'q klati = *kolti schlachten
lauten die Partizipien hram (neben horem^ s. unten 3), klam
(neben kolem); diese können stehen für *hor-m *kol-m,
aber auch sekundär dem im Ab. vokalisch gewordenen
Stamm hra- kla- in bra-ti klati hinzugebildet sein. Zu
msl'q mleti = '^melti mahlen ist das Part, nicht belegt;
in derselben Weise gebildet würde es lauten *mlem, ent-
weder = *melm oder zu mle-ti hinzugebildet.
3. Formans -ewo-, Nom. sg. msk. -em, wird an-
gewendet: a) Bei Verben der Kl. I notwendig, wenn der
Verbalstaram (= Wurzel) auslautet auf momentanen
Konsonanten oder 5, z, z. B. vedq vesti : vedem, pletq plesti:
pletem, grebq greti : grebem, nesq nesti : nesem, vezq vesti :
vezem; neben -iz bei Auslaut r, z. B. ihrq zreti = *zerti
opfern: ihrem (vgl. str-t^ unter 1), — b) Bei Kl. II,
dvig-nqti : dvizem ; dvignov-em s. § 163. — c) In Kl. III
bei den auf -y- (= -ü-) ausl. Wurzeln, kryjq kry-ti : krbv-
§173.174.] Verbalnomina. 211
em, za-hy-ti vergeßsen: za-lrbv-em^ sijq, si-ti = *$jü , lit.
siü-ti nähen: hvem = ^sjüv-; darnach auch zu oh-u-ü
Schuh anziehen ob-uvem; bei den auf -i- auslautenden
neben -h, z. B. vi-ti : vhj-em und vi-tb; bei den konso-
nantisch auslautenden bor'q brau, kol'q klati: borem (er-
halten im Verbalsubstantiv borenhje), kolem, neben bram^
klam (s. oben 2). — d) Bei den Verbalstämmen auf -t
(Kl. IV) z. B. chvaliti: *chvalj-em chvatem, vratiti wenden:
*vratjem vrastem.
Durch Formans -mo- wird von diesem Partizip ab-
geleitet ein Verbaladjektiv der Möglichkeit (s. auch
§ 77. 2), z. B. pri-j^ti empfangen, annehmen öex^cTdai : pH-
jeU empfangen öebeyiLievoq, prijptbm öeKTO^ gratus an-
genehm ; iz-drekq -resti aussprechen : iz-d-reöem ausge-
sprochen, neizdreöenhm unaussprechlich.
174, F. Infinitiv und Supinum. 1. Das
Formans des Infinitivs -ti ist der Kasus eines -ti-
Stammes, ob Dativ oder Lokativ ist nicht zu entscheiden.
Es tritt an den Verbalstamm; ist ein zweiter Stamm auf
-a- oder -nq- (Kl. II) vorhanden, an diesen. In Kl. 11
geht im Altb., soweit die Infinitive zu belegen sind, die
Infinitivbildung von dem Stamme auf -nq- aus mit Aus-
nahme von stanq stanesi sta-ti^ vgl. aber serbisch dldij alter
dvlöi zu dlg-ne-s dv^g-nß-St <^a8 wäre ab. *dvisti.
Bei allen vokalisch auslautenden Verbalstämmen ist
die Bildung ohne Schwierigkeit: zna-Ü, da-ti, kry-Hy bi-ti,
de-ti^ vide-tif chvali-ti, berq bhra-ti, kupujq kupova-ti usw.
Der Vokal vor den -ti ist immer alte Ijänge, auch bei
vokalisch auslautenden Wurzeln, by-ti = lit. bü-ti, da-ü
= lit. du-Hj de-ti = lit. de-H usw., Infinitive wie etwa
*bT>-ti kommen nicht vor. — Bei konsonantisch auslauten-
dem Verbalstamm (= Wurzel) treten Lautveränderungen
ein: -pti -b-ti ergeben -ti, grebq greti, szpq *seupti suti
schütten (s. § 51 IV); — t, d (s. § 56), s, z + -ti er-
geben -sti: pletq plesti, vedq vesti, nesq nestij vezq vesH;
— ky g -\- ti ergeben -s7i (§51 III 3 b) : rekq resti, vrgq
= *vbrgq *vergti vresti, vUkq vUsti, in einem Beispiel
14*
212 Das Verbum. [§ 174.
auch cht: vrchq = *vhrcM *v€rchti vristi dreschen (§ 51,
S. 56); — n, m -{- -ti ergeben mit dem vorangehenden
Vokal Naeal vokal (§ 46): pmq ppti, ewnq e^ti drücken;
d^mq dqti blasen; — bei r, l vor -ti tritt, wenn der
Wurzel vokal e oder o ißt, Metathesis zu re ra, ^ ia ein
(§ 53) : mhrq *merti mriti, bor'q *borti hrati, mel'q *melii mliti,
kotq *kolti klati; ist der Wurzelvokal des Infinitivs t»,
so tritt r ein: thra *thrti trti. Statt der Infinitive von
< o
der Bildung mriti = '^merti kommen in den ab. Quellen
öfter vor mvriti, ibreii u. a. Wenn solche Formen wirk-
lich gesprochen sind, müssen sie den Vokal der ersteh
Silbe durch Angleich ung an das Präsens mhrq, ehrq er-
halten haben. Neigung zu solchem Anschluß konnten
Verhältnisse geben wie zhrq zhreii schauen, pbrq phreti sp
streiten, wo h ursprünglich ist. Neben hrati = *borti,
Mati = *kolti kommen vor Izrali, kblati, deren ^ nicht
aus dem Präsens hor'a, kol'a entnommen sein kann; hier
liegt die Analogie von bhrati für bbrati zu berq u. a.
(s. § 24 IV 1) zu Grunde. Vielleicht sind aber mhreti,
birati usw. niemals so gesprochen worden, sondern nur
Schreibmanieren, hervorgerufen durch die alten Formen
wie zhreti, bhrati (birati) u. a.
2. Das Formans des Supinum -tb ist der Akku-
sativ eines Stammes auf -/m-, vgl. lat. datu-m, lit. dütu
= *dü-tu-n. Die Bildung des Sup. geschieht genau so
wie die des Infinitivs; auch im Sup. tritt durch An-
gleichung an den Infinitiv kt (= kt und gi) statt des zu
erwartenden einfachen t {s. § 51 III 3 a) 5^ ein, nach dem
^ in h übergehen muß, pekq pesti : pesth^ eegq eesti : zestb,
statt '^petb usw.
In der kirchenslav. Übersetzung von Reden des Gregor
von Nazianz (XIII Slov Grigorija Bogoslova, hrg. von
Budiloviö, S. Petersb. 1875) findet sich dreimal ein in-
finitivisch verwendetes bytu (zu by-ii sein), dasselbe in
andern kirchensl. Quellen. Wenn von einem «-Stamm
bhü-tu- abzuleiten, kann es Genitiv oder Lokativ sein.
§175—177.] Periphrasti8che(um6chriebene) Tempora n. Modi. 213
VII. Periphrastische (umschriebene) Tempora
und Modi.
175. A. Perfektum, gebildet durch die Verbindung
des Part. prät. activi II (s. § 172) mit dem Hilfsverbum
jesmh ich bin, z. B. dah jesmh ich habe gegeben. Dazu
bisweilen auch ein Plusquamperfekt mit dem Imperfekt
beach^ ich war, dah beach^ ich hatte gegeben.
176. B. Futurum. Von einem 5-Puturum,
wie es andre idg. Sprachen haben, das Altindische,
Griechische, Litauische, z. B. lit. zu bü-ti sein: bü-siu
bü-si büs, bü-siyne bü-site usw., ist ein Rest erhalten im
Ntr. 8g. part. byspste-je (nicht bysqsteje; über die Über-
lieferung s. Jagic, Das Fut. des Stammes by-, ASPh 28. 35)
TÖ )ue\Xov das Zukünftige. Nom. sg. msk. wäre *bys^^
Stamm bys^t- = Hych-j^t- = *bhü-sj{ent-?). Wie der Futur-
stamm gelautet hat, ob wie Jagic ansetzt: *bysi-, also
*bysq *bysisi *bysih usw., was im Slavischen nach dem
Verhältnis von chvatq chvali-si zu Part, chvalft- chvalf am
nächsten liegt, ist nicht sicher auszumachen. Das lit.
Part. fut. lautet bus^s büsenczo usw., Stamm büsent-, —
Statt des verlornen alten Tempus futurum dient zum
Ausdruck künftiger Zeit entweder das Präsens oder eine
Umschreibung (s. §§ 189, 190): 1. Bei perfektiven
Verben (über perfektiv und imperfektiv s. § 178 fg.)
hat das Präsens futurischen Sinn, z. B. dati geben
damh dabo, preiti vorübergehen preidq ich werde vorüber-
gehen. — 2. Zum Ausdruck künftiger imperfektiver
Handlung kann im Ab. verwendet werden eine Um-
schreibung durch den Infinitiv mit den Hilfsverben
imamh ich habe (Inf. imiti), chostq ckhsiq (Inf. choteti^
ch^teti) ich will, na-chnq Vb-Cbnq (Inf. -c^ti\ doch vgl. § 190.
177« C. Konditionalis, in älterer Syntax, im
Vorder- wie im Nachsatz, nur gebräuchlich zum Ausdruck
von Bedingungssätzen mit unerfüllbarer oder unerfüllter
Bedingung. Solche Sätze entsprechen also lateinischem
214 Das Verbum. [§ 177.
wie si darem, haberem; si habuissem, dediseem, oder
griech. wie d eixov, ^bibouv dv; d ?crxov, löiuKa dv. Der
Konditional wird gebildet durch Verbindung des Part. prät.
act. n mit einem Hilfsverbum, das in den ältesten
Quellen vorwiegend die Form hat
bimh birm (bivS
bi biste bista
bi bq, bisf biste);
der nicht belegte Dual ist nach dem Plural erschlossen.
Z. B. aste ne bi byh sh z7)lod^h, ne bi7m predali jego tebe
ei )if| flv OUT05 KttKOTToiö^, ouK dv croi TiapeöujKaiiev aiiiov
wenn dieser nicht ein Übeltäter wäre, hätten wir ihn dir
nicht überliefert (Job. 18. 30). Nach Brugmann KVGr. I
S. 502 ist es ein Präteritum einer von bhii- gebildeten
Basis *bh^ei *bh\^ij slav. bi-, also z. B. 3. sg. bi = *bi-tf
zu vergleichen mit lit altem Präteritum bi-t(j,) er war, und
mit dem lit. Hilfsverbum des sogen. Optativs, z. B. 1. pl.
dutum-bime, 2. dütum-bite wir, ihr möchtet geben; im Litau-
ischen i gegenüber slav. i wie in den Präsentia, z. B.
vidi-mz lit. v^izdi-me. Die 1. sg. bimh hat primäre Per-
sonalendung von jesmb angenommen, leicht möglich, weil
bimb im Konditional keinen eigentlich präteritalen Sinn
mehr hat. Die 3. pl. ba wäre = *bhi^nt, vgl. lat. -bani
im Imperfekt amä-bant. Die z. T. aoristische Flexion biste
bi-sp, vereinzelt auch 1. pl. bi-chorm, ist übertragen aus der
zweiten neben bimh usw. gebräuchlichen Form des Hilfs-
zeitworts; diese ist einfach der Aorist von by-ti sein:
bych'b bychomz bychovi
by byste bysta
by bys§ byste;
in der 2. 3. sg. nur by, nie bysih wie in selbständig
aoristißchem Gebrauch (s. § 164); z. B. aste c§da avraaml'a
byste byli, dila avraaml'a tvorili byste, Zogr. Job. 8. 39
(Mar. im Vordersatz byste, im Nachsatz biste) €i leKva ToO
'Aßpad^ flie, xd Ip-^a toO 'Aßpadj^ iiroiene dv wenn ihr
Kinder Abrahams wäret, tätet ihr die Werke Abrahams.
§ 178. 179.] Die Aktionearten des Verbums. 215
Vin. Die Aktionsarten des Verbums und der
Ausdruck der zukünftigen Zeit.
178. Durch den Verbalstamm kann außer der Vor-
stellung einer Handlung oder eines Vorganges noch eine
bestimmte Art, wie sich die Handlung vollzieht, aus-
gedrückt werden, z. B. daß sie in besondrer Stärke (in-
tensiv) ausgeführt wird, daß sie als sich wiederholend
(iterativ) erscheinen soll, daß sie ohne bestimmte Zeit-
grenze in Bezug auf Anfang oder Ende fortlaufend (konti-
nuierlich, durativ) zu denken ist, daß sie in einem
Augenblick (momentan) verläuft, usw. Der für solche
Unterschiede jetzt meist gebrauchte Kunstausdruck ist
Actiones verbi (Handlungs-, Aktionsarten), öfter
findet sich auch «Aspekte» (russ. vidy) gebraucht.
Die idg. Sprachen haben z. T. durch besondre For-
mantien solche neben der Grundbedeutung des Verbal-
stammes kenntlich gemacht, z. T. dient Zusammensetzung
mit Präpositionen zum Ausdruck einer bestimmten
Aktionsart. Doch notwendig ist das nicht, im Verbal-
stamm kann auch ohne besondre Kennzeichen eine oder
andre Aktionsart ausgedrückt liegen. Vgl. Delbrück,
Vergleichende Syntax der idg. Sprachen H 1 — 255;
Brugmann, Kurze vergleichende Grammatik (bei der Be-
handlung des Verbums), S. 480 fg. Für das Germanische
vgl. Streitberg, Gotisches Elementarbuch 2. 184 und die
dort angeführte Literatur.
Diese Actiones haben an sich mit den Zeitrelationen
(sogen. Zeitstufen) Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft
nichts zu tun, jede beliebige Aktionsart kann ebensogut
gegenwärtig wie vergangen wie zukünftig sein.
179. Die slavischen Sprachen unterscheiden
von jeher drei Hauptaktionsarten, die man als
perfektiv, imperfektiv, iterativ bezeichnet. Per-
fektiv und Imperfektiv dürfen nicht, wie es oft geschieht^
durch «vollendet» (perfectus) und «unvollendet» (imper-
216 Das Verbum. [§ 179—181.
fectus) übersetzt werden; das veranlaßt eine falsche Auf-
fassung, denn es handelt sich dabei gar nicht darum,
ob eine Handlung abgeschlossen (vollendet) oder nicht
abgeschlossen (unvollendet) ist, sondern, wie die Adjektiv-
bildung durch -ivus auch andeuten soll, daß sie eine
Beziehung zu den Begriffen der Vollendung oder Nicht-
vollendung hat.
180. Imperfektiv heißt eine Handlung (ein Vor-
gang), die dem Sprechenden als fortlaufend (andauernd)
vorschwebt, ohne daß er einen Abschluß, eine Vollendung
oder ein Resultat dabei im Sinne hat, z. B. die Kinder
jagen (jagten, werden jagen) das Kaninchen, d. h. sie
laufen jagend hinter ihm her^ wobei nicht in Betracht
kommt, ob mit dem Jagen ein Ende oder ein Ziel er-
reicht wird.
181. Perfektiv heißt eine Handlung im Hinblick
auf ihre Vollendung, d. h. bei der dem Redenden ein
Abschluß, ein Resultat vorschwebt, z. B. in dem Satze
«es gingen drei Jäger wohl auf die Birsch, sie wollten
erjagen den weißen Hirsch t enthält erjagen notwendig
die Vorstellung, daß das Jagen zu einem Ende, zu einem
Ziele führt, denn ein fortlaufendes Erjagen ist undenkbar.
Natürlich ist damit nicht gesagt, daß die Vollendung, das
Ziel in Wirklichkeit erreicht wird; man kann ein Wild
erjagen wollen, ohne es jemals zu fangen oder zu erlegen.
Es komüit eben nur darauf an, daß in der gegenwärtigen,
vergangenen oder zukünftigen Handlung der Moment der
Vollendung im Blickpunkt des Bewußtseins steht.
Die perfektive Handlung kann zweierlei Art
sein: 1. Zwischen Anfang und Ende (Eintritt und Auf-
hören) liegt ein so geringer Zeitraum, daß er für die
Wahrnehmumg verschwindet oder nicht beachtet wird,
die Handlung ist momentan, z. B. «da erscholl eine
Stimme», «da blitzt ein Licht auf»; vgl. damit die
Wendung «die Sonne geht auf ^>, ein allmählicher Vorgang,
den die Dämmerung vorbereitet und der sich durch
Vorrücken der Sonnenscheibe über den Horizont allmählich.
§181.182] Die Aktionsarten des Verbums. 217
vollzieht. Man darf sich nicht irre führen lassen durch
den Fall, daß eine momentane Handlung eine dauernde
Folge haben kann, z. B. «es erscholl eine Stimme, die
redete», oder «es blitzte ein Licht auf, und dann blieb
es hell»; das Ertönen der Stimme, das Aufblitzen des
Lichts bleibt ein Moment; was weiter geschieht, ist für
diese Handlungen gleichgültig.
2. Die Handlung ist zwar so beschaffen, daß von der
Erreichung des Abschlusses ein Vorgang von merkbarer
Dauer, einerlei ob kurzer oder langer, stattgefunden haben
muß, wie z. B. ein Erjagen nicht vorhanden sein kann
ohne ein vorangehendes Jagen, ein Erschlagen nicht ohne
vorausgegangene Bewegungen des Schiagens. Aber die
vorbereitenden Akte, eine vorangehende kontinuierliche
Handlung, treten im Bewußtsein des Redenden zurück,
für ihn liegt das Hauptgewicht auf der Vollendung der
Handlung, und diese ist ein Moment. Es unterscheidet
sich daher diese Art der Perfektiva im Wesen nicht von
der ersten, den momentanen.
Den Unterschied einer perfektiven Handlung von
einer imperfektiven kann man sich gut dadurch verdeut-
lichen, daß bei dieser Bestimmungen der Dauer hinzu-
gefügt werden können, bei jener nicht. Man kann z. B.
sagen: «sie jagten den Hirsch den ganzen Tag>, aber
nicht: «sie erjagten den Hirsch den ganzen Tag»; «das
Licht blitzte eine Stunde lang auf» ist nicht möglich,
falls man nicht etwa damit sagen will «es blitzte eine
Stunde lang immer wieder von neuem auf», damit hat
man aber nicht eine andauernde Handlung ausgedrückt,
sondern eine wiederholte momentane und in dem Zusatz
nur die Dauer der Wiederholungen.
1H2. Die wiederholte (iterative) Handlung,
die sich im Deutschen fast nur durch adverbielle Be-
stimmungen (wiederholt, immer wieder, so und so viel
mal u. a.) ausdrücken iäßt, bedarf begrifflich keiner
näheren Auseinandersetzung; hervorzuheben ist aber, daß
es nicht ankommt auf die Zahl, die Häufigkeit der
218 Das Verbum. [§ 182—184.
Wiederholungen, daher der Ausdruck «frequentativ», den
man bisweilen statt «iterativ» findet, zu vermeiden ist.
Die wiederholt gedachte Handlung kann sein imper-
fektiv oder perfektiv (vgl. § 186. 3), denn jede dieser
Handlungsarten kann von demselben Handelnden (Sub-
jekt) mehrmals nacheinander vorgenommen werden, oder
von mehreren Handelnden an einem Objekt, oder von
mehreren Handelnden an mehreren Objekten.
183. Die Eigentümlichkeit der slavischen
Sprachen in Bezug auf die Aktionsarten besteht
einmal in der scharfen Durchbildung dieser Unterschiede.
Betrachtet man die Gesamtheit dieser Sprachen, so zeigen
sie z. T. eine noch viel weitere Entwicklung, noch mehr
und feinere Unterscheidungen, doch kommen diese für
das Altbulgarische nicht in Betracht. Zweitens darin,
daß in gewisser Ausdehnung der Aktionsausdruck ver-
wendet wird zum Ausdruck eines Zeitverhältnisses (einer
Zeitstufe); richtiger eigentlich, daß da, wo andre Sprachen
durch bestimmte Formantien oder eine Umschreibung eine
Bezeichnung der Zeitstufe haben, das Slavische sich mit
dem Ausdruck einer Aktionsart begnügt.
184. Die Verhältnisse im Altbulgarischen.
I. Verteilung der Verba auf die Aktions-
arten Iterativ, Imperfektiv, Perfektiv (vgl. Jagiö, Beiträge
zur slav. Syntax = Denkschriften der Wiener Ak. phil.-
hist. Kl. Bd. 26 [1900] S. 72; Meillet, Des aspects per-
fectif et imperfectif dans la traduction de l'evangile en
vieux slave = Etudes sur l'etymologie et le vocabulaire
du vieux slave I, Paris 1902; Music, Zum Gebrauche
des Präsens verbi perf. im Slavischen, ASPh 24. 479 — 514;
E. Boehme, Die Actiones der Verba simplicia in den
altbulgarischen Sprachdenkmälern, Leipzig 1904).
1. Die Iterativa sind gekennzeichnet durch be-
stimmte Formantien, durch bestimmte Arten der Stamm-
bildung oder bestimmte Vokalstufen der Wurzelsilbe. Es
gehören dazu die Verba, die besprochen sind § 143 ß
§ 184. 185.] Die Aktionsarten des Verbums. 219
vlaciti, choditi usw.; § 144 ß kupovaii usw.; § 146 -davati
usw., -pleiati usw., diese im Ab. die bei weitem zahlreichste
Gruppe.
2. Imperfektive und perfektive Verba haben
am Verbalstamm oder in der Gestalt der Wurzelsilbe
kein unterscheidendes Merkmal. Sie können primär und
abgeleitet (denominativ) sein, sind auch nicht auf be-
stimmte Konjugationsklassen verteilt. Dennoch ist es
möglich, für die große Masse der Verba zu bestimmen,
welche imperfektiv, welche perfektiv sind.
185. A. Die nicht mit Präposition zusammen-
gesetzten Verba.
1. Die primären wie denominativen Verba sind mit
wenig Ausnahmen (s. unten 2) imperfektiv, ebenso die
einfachen (nicht mit Präposition verbundenen) Iterativa
(s. § 143 ß), z. B. nesii tragen, vesti führen, delati arbeiten,
choditi gehen.
2. Eine sichre Aufzählung der Perfektiva läßt
sich für das Altbulgarische nicht durchführen, da der
Gebrauch in einer Anzahl von Fällen nicht ganz fest ist,
dasselbe Verbum perfektiv und imperfektiv vorkommt,
was z. T. wohl nur auf ungenauer Ausdrucksweise der
Übersetzer beruht. In Klasse I sind perfektiv (angegeben
wird 1. Sg. präs. und Infinitiv): bqda (byti) ich werde, vrgq
(vresti) werfe = tue einen Wurf (ßaXeiv), iledq (ilesti)
entgelte, zahle Strafe, imq (jfti) nehme = nehme hin,
l^gq (Jesu) lege mich hin, padq (pasti) falle = schlage
fallend auf (nicht =^ bin im Fallen, dafür steht padajq,
padati), rekq (resti) sage = tue einen Ausspruch; auch im
Deutschen, wenigstens in Norddeutschland ist «sagen»
perfektiv im Gegensatz zum imperfektiven «reden,
sprechen»; in Teilen von Mitteldeutschland wird «sprechen»
perfektiv gebraucht, z. B. «er spricht, das glaube ich
nicht», was meinem Sprachgefühl durchaus widerstrebt;
sedq (sesti) ich setze mich. — Klasse II. Es ist nur
eine annähernde Bestimmung möglich, da die Verba z. T.
nur zusammengesetzt belegbar sind. Imperfektiv sind
220 Das Verbum. [§ 185. 186.
gyhnqti verderben intr., zu Grunde gehen, vyknqti sich
gewöhnen, lernen; shchnqü trocknen (intr.); perfektiv
goneztiqti errettet, erlöst werden, dmgnqti bewegen (= in
Bewegung setzen), aufheben, drznqti sich erkühnen, Jcosnqti
anrühren, minqti vorübergehen (d. h. so gehen, daß man
vorbei gelangt) öieX^eTv irapeX^eTv, stanq stau sich stellen
(nie «stehen»), W^rw^^i anstoßen, hkmti Stoß, Schub geben;
wahrscheinlich auch mrknqti sich verfinstern, rinqti stoßen
(= Stoß geben), -hSgnqti entlaufen entfliehen, ■d^chnqti
atmen (= aufatmen), -kliknqti schreien (aufschreien), -trgnqti
reißen, zerren. — Klasse III, perfektiv: konhcati enden
(= Ende machen), lobizati küssen (= Kuß geben), pojasati
gürten (genauer = Gurt anlegen), vlctsvimisati lästern (=
Lästerung aussprechen) aus griech. Aorist ß\a(TqpTi|Lif|crai ; raz-
umiti verstehen hatperf. und imperf. Geltung. — Klasse IV,
perfektiv: vraiiti wenden (= eine Wendung geben,
umdrehen), vrediti beschädigen, verwunden, iiviti beleben,
krbsiiti taufen (d. h. den Taufakt vollziehen), kupiti kaufen
(= erkaufen, nicht == handeln), lisiti berauben, mhstiti
rächen (= den Racheakt an jemand vollziehen, nicht =
mit Rache verfolgen), pustiti entlassen, roditi gebären,
svoboditi befreien, sramiti beschämen, staviti stellen (= an
einen Platz hinstellen, nicht = stellend hin und her
schieben), truditi s^ sich anstrengen, sich bemühen (= seine
Kraft einsetzen), javiti offenbaren, aufweisen (nicht =
dauernd zeigen). Als wahrscheinlich perfektiv, wenigstens
als öfter perfektivisch gebraucht, seien noch genannt:
hlagovoliti billigen = Gefallen finden an, hlagovestiti eii-
aYTcXi2^€(Tdai verkünden, gonoziti erretten, desüi finden
(= auffinden), menxti verändern (nicht = an etwas herum-
ändern), skociti springen (= einen Sprung tun). —
Klasse V, perfektiv: damh dati geben (nicht = an-
bieten, sondern = überreichen).
180. B. Die mit Präpositionen zusammen-
gesetzten Verba. Die an sich lose adverbiale Ver-
bindung von Präpositionen und Verben ist schon in vor-
historischer Zeit im Slavischen fest geworden, es gibt also
I
§ 186.J Die Aktionsarten des Verbume. 221
keine sog. trennbaren Zusammensetzungen, wie im Deut-
schen «aufstehen, ich stehe auf».
1. Ein imperfektives Verbum nicht itera-
tiver Form wird durch Zusammensetzung mit
Präposition perfektiv, z. B. tvor'q tvoriti imperfektiv
machen dazu Perfektiva s^-tvoriti fertig machen, er-
schaffen, za-ivoriti zumachen, schließen, ohrtvoriti auf-
machen, öffnen, pre-tvonti ummachen = verändern; herq
bhrati imperfektiv lesen, sammeln, Perfektiva s^-hhrati
versammeln, iz-bhrati erlesen, auswählen. Auch andre
Sprachen kennen dieselbe Bedeutungsfärbung durch
Präpositionen, z. B. im Deutschen ist «er schreitet
über die Brücke» eine imperfektivische Ausdrucksweise,
es bleibt dabei unausgedrückt und für die Vorstellung
gleichgiltig, ob er hinüberkommt oder nicht, dagegen
enthält «er überschreitet die Brücke» notwendig die Vor-
stellung, daß er hinüberkommt und ist perfektivisch,
vgl. lat. ire — transire, gr. ßaiveiv — biaßaiveiv. So
gibt im Litauischen Zusammensetzung mit Präposition
regelmäßig perfektiven (oder, wie man in der lit. Gram-
matik sagt, resultativen) Sinn, z. B. zu joti reiten: fis jöjo
ant veszkelio = er ritt auf der Landstraße (dahin), jls
mi-jöjo i mestq = er ritt in die Stadt, d. h. so daß das
Ziel erreicht wird. Man muß im Litauischen sogar jedes-
mal das Verbum mit Präposition zusammensetzen, wenn
die Vollendung der Handlung mit ausgedrückt werden
soll, z. B. mergä virino meziüs = «das Mädchen kochte
die Weizenkörner» kann nicht verstanden werden als «es
kochte sie gar», sondern das muß ausgedrückt werden
durch mergä nu-virino (wörtlich «kochte ab») meziüs.
Auch wenn in dem Satze schon ein Nomen mit Präpo-
sition steht, muß das Verbum ebenfalls eine Präposition
erhalten, sobald man die Handlung als zielerreichend
verstehen soll, z. B. j\s Vtpo ant kähio = «er stieg auf den
Berg» könnte nur heißen «er war im Aufstieg begriffen»,
soll es bedeuten «er erstieg den Berg», muß man sagea
jls u^'llpo ant kälno.
222 Das Verbum. [§ 186.
Zu jedem imperfektiven Verbum gehören soviele
perfektive, als es Zusammensetzungen mit Präpositionen
ermöglicht, aber jedes Perfektivum mit der besondern
Bedeutungsnuance, die der Sinn der Präposition verleiht.
Eine Pnäposition, po, ist in der Bedeutung so verblaßt,
daß man kaum eine Definition der Bedeutung geben kann,
man sagt daher, die Präposition bewirke weiter keine
Bedeutungsveränderung als die Perfektivierung, z. B. iti
gehen — po-ifi, cisti zählen — po-cisti herzählen, cuti
empfinden — po-cuti in die Empfindung bekommen,
choteti wollen — po-choteti Gelüst bekommen, tr^sti quatere
— po-trpsti concutere. Auch bei andern Zusammen-
setzungen tritt der eigentliche Sinn der Präposition oft
in den Hintergrund, z. B. s^^tvoriti ist Perfektiv zu tvoriti,
s^- (mit, zusammen) wird nicht mehr recht dabei emp-
funden, ebensowenig wie im lat. conficere zu facere.
Doch ist bei allen Präpositionen außer po immer eine
Menge von Beispielen vorhanden, wo der spezifische Sinn
der Präposition deutlich empfunden wird.
2. Mit Präposition zusammengesetzte Per-
fektiva (d. h. die oben 185. 2 genannten einfachen
Perfektiva) bleiben perfektiv, z. B. lesti sich legen —
na-lesti sich auf etwas legen, pasti fallen — Sh-pasti
herabfallen, kosnqti berühren — pri-kosnqti anrühren,
berühren.
3. Mit Präposition verbundene Iterativa bleiben
an sich iterativ (über die Abschwächung der Iterativ-
bedeutung s. § 191), z. B. vbs-choditi wiederholt hinauf-
gehen, otb-vrastati wiederholt abwenden, shtvar'ati wieder-
holt schaffen, hervorbringen.
Die Präposition gibt dem Iterativ (den einzelnen
Akten der wiederholten Handlung) im Grunde den
gleichen perfektivischen Nebensinn wie dem einfachen
Imperfektiv. Das ist in vielen Fällen ohne weiteres ein-
leuchtend, z. B. mol' aachq-jh, da pone v^skriliji rizy jego
prikosnqt^ s§, i jeliko aste prikasaachq sp jemb shpaseni
byvaachq, Mark. 6. 56 TrapeKCtXouv auTÖv, Kva kuv toO
§ 186] Die Aktionsarten des Verbums. 228
Kpadirebou tou i^aiiou auTOÖ äijiuuvTai * Kai öcroi av
fJTTTOVTO auTOÖ, eöujloyjo, Vulg.: deprecabantur eum, ut
vel fimbriam vestiraenti ejus tangerent, et quotquot tan-
gebant eum, salvi fiebant; kosnqti s^ ist nicht iterativ,
-ka^ati s§ iterativ, das iterative prikasaachq sp ist aber
gerade so gut perfektiv, das Ziel der Handlung, die wirk-
liche Berührung in sich begreifend wie prikosnqtb sp, sie
ist nur iteriert, weil mehrere Subjekte (öcroi dv, quot-
quot) sie vollziehen. Prosite i dasih s§ vaim, istate i
obr^ stete, tlcete i otwrzetb s^ varm' vhsekb ho pros^jh
prijeml' eth, i ist^jb obretajet^ i tlkqst'uumu of^vrzajet^
se, Matth. 7. 7 — 8 aiTeTie xai öodriaeiai ufiiv, lr\Te\Te
Kai eupriaexe, Kpouere Kai dvoiTricTeTai ujiTv * iräq fäp 6
aiTijuv XajLißdvei, Kai 6 ^rjxOuv eupicncei, Kai tuj Kpouovti
dvoiyricreTai (v. 1. dvoiYeiai), Vulg.: petite et dabitur vobis,
quaerite et invenietis, pulsate et aperietur vobis; omnis
enim qui petit accipit, et qui quaerit invenit, et pulsanti
aperietur; obr^sti ist perfektiv = finden, erlangen, ge-
winnen; es ist klar, daß mit dem Itera