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Full text of "Grundzüge der Lehre vom Lichtsinn"

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RÜNDZÜGE 



DER 



LEHRE VOM LICHTSINN 



'^ilUW 



VON 



EWALD HERING f 

PROFESSOR m LEIPZIG 



MIT 77 TEXTFIGUREN UND 3 TAFELN 





BERLIN 

VERLAG YQN JULIUS ,SPRINGEi 
1920 



A\<.i 



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Alle Hechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten. 
Copyright 1920 by Julius Springer in Berlin. 



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Sonderabdruck aus dem Handbuch der Augenheilkunde 
I. Teil XII. Kapitel. 






I 



Inhaltsverzeichnis. 



Scitd 

I. Abschnitt. Vom Wesen der Farben ^ j\ 

§ i . Die Farben als der Stoff der Sehdinge -1 

§ 2. Die Farben als Sehqualitäten 2 

§ 3. Die Farben als sogenannte Empfindungen 4 

§ 4. Die Gedächtnisfarben 6 

§ 5. Herstellung brauchbarer Farbenfelder -12 

§ 6. Die angenäherte Farbenbeständigkeit der Sehdinge 13 

§ 7. Die Farben als psychische Korrelate der physischen Regungen der 

Sehsubstanz 20 

II. Abschnitt. Das natürliche Farbensystem 23 

§ 8. Grundsätze für die Ordnung der Farben 23 

§ 9, Die Reihe der tonfreien Farben 25 

§ 10. Symbolische Bezeichnung der tonfreien Farben 33 

% M. Vergleichung von Farbenverschiedenheiten untereinander .... 35 

§ 12. Die Reihe der Farbentöne 40 

§ 13. Die Gegenfarben 48 

§ 14. Die verhüllten bunten Farben 49 ' 

• § 1 5. Die Helligkeit der bunten Farben 57 

IlT. Abschnitt. Über die Beziehungen zwischen den Unterschieden 
der Lichtstärken der wirklichen Dinge und den ton- 
freien Helligkeitsunterschieden der Sehdinge 62 

§ 16. Messung der Lichtremission tonfreier Papiere 62 

§ 1 7. Deutlichkeit des Sehens im Verlaufe eines Tages 68 

§ 18. Einfluß der sukzessiven Anpassung des Auges auf die Deutlichkeit 

des Sehens ^^ 

§ 1 9. Gleichen Unterschieden der Lichtstärken entsprechen nicht gleiche 

Helligkeitsunterschiede '. . 74 

§ 20. Entsprechen gleichen Verhältnissen der Lichtstärken der wirklichen 

Dinge gleichgroße HeUigkeitsunterschiede der Sehdinge'? ... 81 
§ 21. Grundlegendes zum Verständnis der Beziehung zwischen der 
HeUigkeit der tonfreien Farbe und der Lichtstärke des Netz- 
hautbildes 91 

IV. Abschnitt. Vom somatischen Korrelate der tonfreien Farben, 100 
§ 22. Der Stoffwechsel der Sehsubstanz als das somatische Korrelat der 

Farben 4 00 

§ 23. Die Selbststeuerung des Stoffwechsels der Sehsubstanz 103 



IV Inhaltsverzeichnis. 

Seit« 
§ 24. Die Größe des Stoffwechsels der Sehsubstanz als das somatische 

Korrelat des Gewichtes der Farbe 408 

§ 25. Die Bedeutung der Empfangsstoffe der Netzhaut 142 

V. Abschnitt. Die tonfreien Wechselwirkungen der Sehfeld- 

stellen H5 

§ 26. Vom simultanen Helligkeitskontraste 14 5 

§ 27. Ein Apparat zur Untersuchung des simultanen Helligkeitskontrastes <2< 
§ 28. Eine wichtige Folgerung aus den beschriebenen Kontrastversuchen 1 25 
§ 29. Messende Versuche mittels Vergleichung umschlossener Felder . 126 
§ 30. Die Simultananpassung als Ergebnis des Simultankontrastes . . 129 
§ 31 . Beobachtung des simultanen HelHgkeitskontrastes ohne Vergleichs- 
feld • 132 

§ 32. Vom simultanen Grenzkontrast . . '. 135 

VI. Abschnitt. Das falsche Licht im Netzhautbilde -141 

§ 33. Die Ursachen der Abirrung des Lichtes im Auge ........ 141 

§ 34. Einfluß des falschen Lichtes auf die DeutUchkeit -des Sehens . . 145 
§ 35. Herabsetzung der Deutlichkeit bei dem Zusammenwirken des 

falschen Lichtes und des verdunkelnden Kontrastes 149 

§ 36. Die scharfen Umrisse der Seh dinge als Ergebnis der Wechsel- 
wirkung der Sehfeldstellen 151 

VII. Abschnitt. Zur Theorie der Wechselwirkung im somatischen 

Sehfelde 159 

§ 37. Das Gesetz der Induktion 159 

§ 38. Die gegenseitige Induktion zweier Elemente der Sehsubstanz . . 163 
§ 39. Die Induktion zwischen einem Element und dem Gesamtfelde der 

Sehsubstanz . 167 

§ 40, Der Einfluß der Induktion auf die Eigenhelligkeit des Sehorganes 169 
§ 41. Die Beziehungen zwischen den Helligkeiten der Sehdinge und der' 

Gesamtbeleuchtung der sichtbaren Außendinge ....... 171 

^ 42. Graphische Darstellung der Beziehungen zwischen der Helligkeit 
der Sehdinge und der Stärke der Gesamtbeleuchtung der Außen- 
dinge 174 

§ 43. Die Induktion als ein Hilfsmittel zur Selbststeuerung des Stoff- 
wechsels der Sehsubstanz 182 

§ 44. Die Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Stärke der 

Gesamtbeleuchtung 183 

§ 45, Die Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamt- 
beleuchtung bei Gleichheit des endogenen und exogenen Gfe- 
samtinduktes und Ungleichheit des D-Reizes der beiden Elemente 1 88 
§ 4 6. Verschiedenheit der Helligkeit bei gleicher Lichtstärke und Gleich- 
heit der Helligkeit bei verschiedener Lichtstärke zweier Außen- 
dinge ^92 

§47. Die Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamtbeleuch- 
tung bei ungleichem D -Reize und ungleichem exogenen Ge- 

samtindukt 198 

§ 48. Über die durch örtliche Änderungen der Netzhau tbelichtung be- 
dingten HeUigkeitsänderungen. ■ 202 



Inhaltsverzeichnis. V 

Seite 
§ 49. Ableitung des Ergebnisses der messenden Versuche von Hess und 

Pretori aus der Theorie der Induktion 207 

YIII. Abschnitt. Die binokularen tonfreien Farben 211 

§ 50. Binokulare Mischung tonfreier Farben . 211 

§ 51. Binokulare Mischung tonfreier Farben beim Doppeltsehen eines 

kleinen Feldes auf andersfarbigem Grunde 216 

§ 52. Einfluß der Grenzlinien auf die binokulare Mischung tonfreier 

Farben 225 

§ 53. Binokulare Deckung zweier kleiner Felder von gleicher Form, aber 

ungleicher Farbe auf beiderseits gleichem Grunde 23i 

§ 54. Die binokulare Farbenmischung bei binokularer Deckung inkon- 
gruenter Bilder 239 

§ 55. Der »paradoxe Versuch« Fechners 254 

IX. Abschnitt. 

§ 56. Die Geschwindigkeit der Wertigkeitsänderung der Sehsubstanz als 

physisches Korrelat der tonfreien Farben und Helligkeiten . . 257 

§ 57. Die terminalen Strahlungen 259 

§ 58. Anpassung des Auges an die Jeweilige Beleuchtung 261 

§ 55. Anpassung des Auges an ständige Netzhautbilder 264 

Die Beziehungen zwischen der bunten Qualität der Farben und 

der Schwingungszahl der optischen Strahlen 273 

§ 60. Die Verteilung der Farben im Spektrum ' 273 

§ Gi. Das Interferenzspektrum des Himmelslichtes 275 

§ 62. Herstellung und Beobachtung monochromatisch beleuchteter Felder 279 

§ 63. Von den optischen Valenzen der spektralen Strahlungen .... 281 

§ 64. Über binäre Strahlgemische 284 

§ 65. Die Sehsubstanz. Die Valenzen als auf das Sehorgan wirkende 

Kräfte 290 



Hering. Lichtsinn. 



I. Abschnitt. 

Vom Wesen der Farben. 

§ i. Die Farben als der Stoff der Sehdinge. Wenn wir im 
beleuchteten Räume die Augen aufschlagen, sehen wir vor uns eine Mannig- 
faltigkeit räumlich ausgedehnter Gebilde, die sich durch die Verschiedenheit 
ihrer Farbe voneinander abgrenzen oder abheben, wobei das Wort Farbe 
im weitesten Sinne genommen und auch Schwarz, Grau, Weiß, überhaupt 
jedes Dunkel und jedes Hell darunter verstanden ist. Die Farben sind es, 
welche die Umrisse jener Gebilde ausfüllen, sie sind der Stoff, aus dem das 
unserem Auge Erscheinende sich vor uns aufbaut; unsere Sehwelt besteht 
lediglich aus verschieden gestalteten Farben, und die Dinge, so wie wir sie 
sehen, d. h. die Sehdinge, sind nichts anderes als Farben verchiedener 
Art und Form. 

Die ganze Sehwelt mit ihrem Inhalt ist ein Geschöpf unseres inneren 
Auges, wie wir das nervöse Sehorgan (Netzhaut, Sehnerv und die bezüg- 
lichen Hirnteile] nennen können, im Gegensatze zu dem dioptrischen Appa- 
rat als dem äußeren Auge. Das schöpferische Vermögen unseres inneren 
Auges schafft jene Farbengebilde unter dem Zwange der Anregungen, welche 
es durch die von den wirklichen Außendingen in unser Auge geschickten 
Strahlungen erhält. Die im Neuroepithel der Doppelnetzhaut, als dem 
Empfangsorgane (Empfänger) des inneren Auges, von den wirklichen 
Dingen entworfenen Bilder einerseits, und andererseits der ganze Reichtum 
von Erfahrungen, welche wir über unsere Außenwelt gesammelt und welche 
dauernde Spuren in der nervösen Substanz des inneren Auges zurück- 
gelassen haben, bestimmen die Thätigkeit des unsere jeweilige Sehwelt auf- 
bauenden inneren Auges. 

Die strenge Unterscheidung zwischen den Sehdingen als Farbengebüden 
und den wirklichen Dingen, zwischen der aus Farben aufgebauten Seh- 
welt und der wirklichen Welt ist eine unerlässliche Vorbedingung für das 
Verständnis des Sehaktes und seiner Gesetze. Inwiefern den Dingen, die 
wir uns auf Grund unserer gesamten sinnlichen Erfahrungen als die wirk- 

Hering, Lichtsinn. ^ 



2 Lehre vom Lichtsinn. 

liehen denken und als solche zu bezeichnen pflegen, abgesehen von diesem 
ihren Vorhandensein in unserem Denken ein von dem letzteren unabhängiges 
Bestehen zukommt, ist eine Frage, von deren Beantwortung die begrifT- 
liche Unterscheidung der Sehdinge von den wirklichen Dingen und eines 
Sehraumes von einem wirklichen Räume ganz unabhängig ist. 

Von den Formen, in welchen die Farben uns im Sehraume erscheinen, 
also von den räumlichen Eigenschaften der Farben, handelt die Lehre vom 
Raumsinne des Auges, von den Farben selbst aber als den verschiedenen 
Qualitäten des Inhaltes oder Stoffes der Sehdinge handelt die Lehre vom 
Lichtsinne, welche uns hier zu beschäftigen hat. 

§ 2. Die Farben als Sehqualitäten. Der Ungelehrte nimmt das 
Grün eines Baumblattes ohne weiteres für eine Eigenschaft des Blattes. Der 
physikalisch Unterrichtete weiß jedoch, dass er dasselbe Blatt in einer 
ganz anderen Farbe sehen könnte, wenn es nicht vom gewöhnlichen Tages- 
lichte, sondern von einer andersartigen Lichtquelle beleuchtet wäre und 
daher auch eine andersgeartete Strahlung in sein Auge zurückwerfen würde. 
Weil ihm die Farbe an die Beschaffenheit des ins Auge gelangenden Lichtes 
gebunden scheint, betrachtet er das Grün als eine Eigenschaft nicht des 
Blattes, sondern der vom Blatte zurückgeworfenen Strahlung, und nennt 
die letztere grün. 

Der physiologisch Unterrichtete geht weiter. Er weiß, dass er das- 
selbe Blatt, welches er, v/enn es sich auf dem mittlen Teile seiner Netz- 
haut abbildet, grün sieht, auch gelb bezw. grau sehen kann, wenn sein 
Bild auf hinreichend excentrische Netzhautstellen fällt; und schon aus dieser 
einzigen Thatsache würde er schließen können, dass das Grün nicht eigent- 
lich an die vom Blatte ins Auge geschickte Strahlung gebunden ist, son- 
dern vielmehr an unser Sehorgan, welches das Vermögen besitzt, uns Grün 
oder Gelb oder Grau sehen zu lassen, je nachdem die von dem Blatte 
kommende Strahlung diese oder jene Netzhautstelle trifft. Er weiß ferner, 
dass, wenn er einen Punkt des auf weißes Papier gelegten Blattes einige 
Zeit un verrückten Blickes betrachtet und dann das Blatt wegnimmt, auf 
dem Papiere ein rotes bezw. blaurotes Blatt, das sogenannte Nachbild des 
Blattes, erscheinen kann, obwohl die bezügliche Stelle des Papieres ganz 
dieselbe Strahlung in sein Auge schickt, wie das übrige weiß erscheinende 
Papier. Es ist ihm ferner bekannt, dass er nach längerem Fixieren des 
Blattes ein rotes Nachbild desselben auch dann noch sehen kann, wenn 
er sein Auge schließt und verdeckt, dass also die Farbe nicht bloß während 
der Wirkung eines Lichtes auf die Netzhaut, sondern auch bei Mangel 
jeder Strahlung von unserem inneren Auge erzeugt werden kann. Mit dem- 
selben Rechte also, mit welchem dem Laien das Grün als eine Eigenschaft 
des Blattes, dem Physiker als eine Eigenschaft der von dem Blatte aus- 



§ 2. Die Farben als Sehqualitäten. 3 

gehenden Strahlung gilt, darf es dem Physiologen als eine Eigenschaft des 
von dieser Strahlung im Sehorgan hervorgerufenen physiologischen Vor- 
ganges gelten, und er könnte von einer grünen Regung der nervösen Sub- 
stanz sprechen, wie der Physiker von grünen Strahlen und der Laie von 
grünen Außendingen spricht. 

Für den Psychologen endlich ist das Grün weder eine Eigenschaft des 
Blattes, noch der Strahlung, noch der Regung des inneren Auges, sondern 
vielmehr ein psychisches Phänomen, ein Bewusstseinsinhalt bestimmter Qua- 
lität. Er lässt dasselbe zwar verbunden sein mit einem bestimmten ner- 
vösen Prozess, aber er unterscheidet zwischen diesem als dem hinzu ge- 
dachten physischen Korrelate des psychischen Phänomens und dem Phä- 
nomen selbst. Wenn er von einem grünen Blatte, von einer grünen 
Strahlung, einer grünen Regung des inneren Auges spricht, so ist er sich 
bewusst, dass er dies nur etwa mit demselben Rechte thun darf, mit wel- 
chem man von einem Weinstock, einer Weintraube, einer Weinflasche 
spricht. Wie das Getränk Wein kein gemeinsamer Bestandteil des Stockes, 
der Traube, der Flasche ist, so ist auch das Grün keine gemeinsame Eigen- 
schaft des Blattes, der Strahlung und der nervösen Regung. Wir pflegen 
eben Dingen oder Vorgängen, welche in einem genetischen oder auch nur 
ganz äußerlichen Zusammenhange stehen, sehr häufig dasselbe Beiwort zu 
geben. 

Wir haben demnach streng zu unterscheiden zwischen den Farben 
als Sehqualitäten oder sogenannten psychischen Phänomenen und den 
näheren oder entfernteren physischen Bedingungen oder Veranlassungen 
dieser Phänomene, und wir dürfen nie vergessen, dass das Auftreten einer 
Farbe zunächst geknüpft erscheint an bestimmte Regungen des inneren 
Auges, welche ihrerseits durch ins äußere Auge fallende Strahlungen ver- 
anlasst, aber auch ohne solche aus ganz anderen, inneren Ursachen er- 
weckt werden können. 

So oft ich im folgenden von Schwarz, Weiß, Grün u. s.w., überhaupt von 
Farben schlechtweg spreche, meine ich damit lediglich die bezügliche Seh- 
qualität, nicht aber eine Strahlung oder einen Farbstoff. Ich werde jedoch 
kein Bedenken tragen, von weißem Papier, rotem Glase u. s. w. zu sprechen, 
womit immer gesagt sein soll, dass es sich um ein Papier bezw. ein Glas 
handelt, welches unter den gewöhnlichsten Bedingungen des Sehens 
weiß bezw. rot erscheint. Solche Zugeständnisse darf man dem Sprach- 
gebrauche wohl machen. Auch von roten oder blauen Strahlungen darf 
man sprechen, wenn man darunter solche versteht, die, ins Auge gelangt, 
in der Mehrzahl der Fälle Rot oder Blau hervorrufen, wenn sie uns 
auch in anderen Fällen ganz andere Farben veranlassen können. Aber 
so weit sollte man nicht gehen, wie der große Meister der physiolo- 
gischen Optik Helmholtz, die optischen Strahlungen selbst als Farben zu 



4 Lehre vom Lichtsinn. 

bezeichnen und z. B. von einfachen oder zusammengesetzten Farben da 
zu sprechen, wo es sich nur um einfache oder zusammengesetzte Strah- 
lungen handelt (1 und 2). Mit demselben Rechte könnte man die Farb- 
stoffe Ultramarinblau und Chromgelb als einfache Farben und ihre grün 
erscheinende Mischung als eine zusammengesetzte Farbe bezeichnen. Der- 
artiges mag in einem Lehrbuch der Physik bezw. der koloristischen 
Technik am Platze sein, wäre aber unzweckmäßig in einem Werke über 
den Farbensinn. 

Da Helligkeit ebenso wie Dunkelheit eine Eigenschaft der Farben 
und nicht der Strahlungen oder der wirklichen Dinge ist, so werde ich auch 
nicht, wie man noch vielfach thut, die Intensität oder Energie der Strah- 
lungen als Helligkeit bezeichnen, sondern ganz ausschließlich nur den 
Farben, als den Sehqualitäten, Helligkeit oder Dunkelheit zu- 
schreiben; wenn ich aber von Lichtstärke spreche, hierunter ganz 
ausschließlich die Energie der Strahlung verstehen, indem ich 
dabei das Wort Licht in rein physikalischem Sinne nehme. Nach seinem 
ursprünglichen Sinne bezeichnet dasselbe freilich das Sinnesphänomen und 
nicht das physikalische Agens, welches die häufigste, wenn auch keines- 
wegs die einzige Veranlassung des Phänomens ist. 

Schwarz, Grau, Weiß, welche ich oben ebenfalls als Farben bezeichnet 
habe, werden gewöhnlich als farblose Gesichtsempfmdungen von den Far- 
ben im engeren Sinne unterschieden. Wenn wir jedoch die letzteren, näm- 
[lich Rot, Gelb, Grün, Blau und ihre Zwischenfarben, also alle Farben von 
bestimmtem »Farbenton« (Helmholtz) als bunte oder getönte Farben, 
Weiß und Schwarz aber samt ihren grauen Zwischenstufen als ton- 
freie oder ungetönte Farben bezeichnen, so könnten wir hier das AVort 
Empfindung entbehren imd alle Qualitäten des Gesichtssinnes mit dem 
einen Worte Farbe umfassen. Im allgemeinen werde ich dies im folgen- 
den auch thun und nur da, wo dem an die übliche Terminologie ge- 
wöhnten Leser ein Missverständnis erwachsen könnte, das Wort Empfin- 
dung gebrauchen. 

§ 3. Die Farben als sogenannte Empfindungen. Es steht nicht 
im Einklang mit dem ursprünglichen Sinne des Wortes Empfindung, wenn 
man die Farben als Empfindungen bezeichnet. Jenem Sinne entspricht es 
wohl, zu sagen, man empfinde Schmerz, Wollust, Wärme, Kälte, nicht 
aber, zu sagen, man empfinde Weiß, Rot oder Schwarz. Empfindungen 
sind im Sinne unserer Sprache etwas, was man in oder an seinem Leibe 
spürt, die Farben aber erscheinen stets außerhalb unseres Leibes und 
insbesondere außerhalb unseres Auges. Wenn wir unsere eigene Hand 
sehen, so erscheint uns ihre Fleischfarbe allerdings an einem Teile unseres 
Leibes, doch aber außer unserem Auge, und wir sagen nicht, dass wir 



§ 3. Die Farben als sogenannte Empfindungen. 5 

ihre Farbe empfinden, sondern dass wir sie sehen. Denn die Hand 
ist für den sie Sehenden auch nur ein Teil seiner Sehwelt, den er jedoch, 
weil die Bewegungen der Hand unter seiner unmittelbaren Herrschaft stehen, 
zu seinem leiblichen Ich rechnet. Für den Neugeborenen aber, dem das 
erste Mal seine Hand ins Gesichtsfeld kommt, spielt dieselbe als Sehding 
zunächst dieselbe Rolle wie die Hand eines anderen, neben ihm liegenden 
Kindes, und er befindet sich zu seiner Hand in einem ähnlichen Verhält- 
nis, wie der junge Hund zu seinem Schwänze, wenn er ihn einmal zufällig 
sieht und nach demselben als nach etwas nicht zu ihm selbst Gehörigem 
schnappt. 

Soll ich aber im Anschluss an den Sprachgebrauch der Gelehrten die 
Farben Empfindungen nennen, so muss ich auch, wenn ich eine Kirsche 
sehe, sagen dürfen, dass ich eine rote rundliche Empfindung habe, und dass 
der Ort dieser meiner Empfindung außerhalb meines Leibes auf dem gleich- 
zeitig vor mir erscheinenden Baume ist, welcher hier auch nur als Sehding 
in Betracht kommt (3, S. 345). Den physischen Vorgang, welchen die von 
der Kirsche in mein Auge gesandte Strahlung in der nervösen Substanz 
desselben veranlasst, denke ich mir allerdings in meinem Körper. Aber 
dieser Vorgang ist eben keine Farbe; man kann ihn als das physiologische 
Korrelat der Farbe bezeichnen, aber nicht selbst Farbe nennen, und welche 
Vorstellungen immer man sich von diesem Vorgange machen möge, keinen- 
falls wird selbst der Unkundigste sich denselben rot und rundlich denken 
wie die Kirsche. 

Man hat freilich auch den durch eine Strahlung veranlassten physio- 
logischen Prozess in der Netzhaut bezw. im Sehnerven und Gehirn als Em- 
pfindung bezeichnet und z. B., wie dies noch Helmholtz that, von einer 
Leitung der Empfindung durch den Sehnerven zum Gehirn gesprochen, wie 
man jetzt von einer Leitung der Erregung spricht. Wenn man sich einmal 
darüber geeinigt hätte, könnte man freilich den Erregungsvorgang oder, 
wie ich es vorhin nannte, die physische Regung unseres inneren Auges 
Empfindung nennen; dann dürfte man aber nicht gleichzeitig auch das 
Sinnesphänomen, hier also die Farbe, als Empfindung bezeichnen, wenn 
man Missverständnisse und Unklarheiten ausschließen will. 

Um die für uns im Dunkel liegende Entstehungsweise der Gesichtswahr- 
nehmungen hat sich ein ganzer Kreis von Hypothesen gebildet. So sollte z. B. 
die auf die Netzhaut fallende Strahlung in uns ein Etwas veranlassen, von dem 
man nicht recht zu sagen wusste, ob es ein Physisches oder ein Psychisches 
oder beides zugleich sei. Dieses Etwas sollte ursprünglich nicht raumhaft sein, 
sondern erst infolge der Erfahrung räumliche Eigenschaften gewinnen. Ursprüng- 
lich in den Augen oder im Gehirn sitzend sollte dieses Etwas dann in den 
Außenraum hinaus projiziert werden. Solange es noch in unserm Körper bezw. 
im Auge w'ar, oder solange es noch keine räumlichen Eigenschaften hatte, sollte 
es »reine« Empfindung, war es bereits draußen, sollte es Vorstellung beziehungs- 



6 Lehre vom Lichtsinn. 

weise Wahrnehmung sein. Das sind Meinungen; Thatsache aber ist, dass uns, 
soweit unsere Erinnerung zurückreicht, die Farben nie innerhalb unseres Auges 
erschienen, dessen Bekanntschaft der Mensch überhaupt erst verhältnismäßig 
spät macht; Thatsache ist ferner, dass unsere Außendinge, insoweit wir sie 
sehen, lediglich aus Farben bestehen ; daher man also entweder aufhören 
müsste, die Farben als Empfindungen zu bezeichnen, oder wenn man dies thut, 
auch zugeben müsste, dass sie Empfindungen sind, welche ihren Ort außerhalb 
unseres Leibes haben. 

Will man die Farben entweder wegen ihrer räumlichen Eigenschaften oder 
weil sie ihren Ort vor uns, nicht in uns und insbesondere nicht dort haben, 
wo wir unser Auge fühlen oder uns dasselbe denken, Vorstellungen nennen, 
so ist dies ebenfalls Sache der Übereinkunft. Zweckmäßiger aber scheint es 
mir, das Wort Vorstellung auf die nicht in sinnhcher Frische und Unmittelbarkeit 
erscheinenden, sondern nur gedächtnismäßig reproduzierten Farben und Sehdinge 
zu beschränken. 

Offenbar bestand in der Psychologie ein Bedürfnis, für die Farben, aus 
denen die Sehdinge bestehen, eine Art Urzustand anzunehmen, in welchem sie 
noch nicht durch die umbildende Hand der Erfahrung gegangen sind, und diesem 
Rohstoffe einen anderen Namen zu geben, als dem psychisch weiter verarbeiteten ; 
daher man jenen als reine Empfindung, diesen als Vorstellung oder W^ahrnehmung 
bezeichnete. Da ich mir aber unter einer Farbe, die keinerlei räumliche Eigen- 
schaften und also auch keinerlei Ausdehnung hätte, nichts Brauchbares zu denken 
vermag, so weiß ich auch mit den »reinen« Gesichtsempfindungen, wenn sie 
ganz unräumliche sein sollen, nichts anzufangen. 

§ 4. Die Gedächtnis färben. Das, was wir in einem gegebenen 
Augenblicke sehen, ist keineswegs nur bedingt durch die Art und Stärke 
der ins Auge fallenden Strahlungen und den jeweiligen Zustand des gesamten 
Netzhautapparates, vielmehr sind diese nur die sozusagen primären Ent- 
stehungsfaktoren der durch die Strahlungen veranlassten Farben. Zu ihnen 
gesellen sich die durch allerlei Nebenumstände geweckten Reproduktionen 
des früher Erfahrenen, welche als sekundäre und gleichsam accidentelle 
Faktoren das jeweilige Sehen mit bestimmen. 

Denn wie der Klang, welchen das Anschlagen einer Klaviersaite erzeugt, 
nicht bloß von der Art des Anschlags und von der Stimmung der Saite, 
sondern auch von der elektiven Resonanz der übrigen Saiten und überhaupt 
aller in der Nähe befindlichen resonierenden Teile abhängt, so sind auch 
die Regungen, welche durch eine ins Auge fallende Strahlung in der ner- 
vösen Substanz herbeigeführt werden, nicht bloß durch die Art und Stärke 
der Strahlung, die angeborene Beschaffenheit und den jeweiligen Zustand 
der zunächst betroffenen Teile bedingt, sondern auch durch die angeborene 
oder erworbene Beschaffenheit aller mit den primär erregten in funktioneller 
Verbindung stehenden Teile des inneren Auges (3, S. 565—69). 

Der Laie ist, wie schon gesagt, überzeugt, dass die Außendinge be- 
stimmte Farben besitzen, dass der Schnee weiß, der Ruß schwarz, das 



§ 4. Die Gedächtnisfarben. 7 

Gold gelb sei. Er schreibt diesen Farben ein vom Auge unabhängiges 
Bestehen zu, bezeichnet sie als die wirklichen Farben der bezüglichen 
Dinge und unterscheidet sie von den zufälligen Farben, welche dieselben 
Dinge unter ungewöhnlichen Umständen, z. B. bei unzureichender oder von 
der gewöhnlichen Tagesbeleuchtung stark abweichender Beleuchtung zeigen 
können. Das Rot der Berggipfel beim Alpenglühen, die Leichenblässe eines 
von Natriumlicht beleuchteten Gesichts, die bunten Flecke des Fußbodens, 
auf welche das durch bunte Fensterscheiben gehende Sonnenlicht fällt, sind 
solche zufällige Farben, die wir auf die jeweilige Art der Beleuchtung be- 
ziehen und nicht für Eigenschaften der betroffenen Dinge nehmen. Wer 
jedoch gelernt hat, dass der Schnee seine weiße, das Gold seine gelbe Farbe 
den von ihnen zurückgeworfenen Strahlen des Tageslichtes zu danken hat, 
kommt wohl gar zu der Ansicht, die wirkliche Farbe der Außendinge sei 
eigentlich schwarz, weil ihm irrigerweise Schwarz nur soviel als ein voll- 
ständiges Fehlen der Lichtstrahlen bedeutet. So oft er aber z. B. an den 
Schnee denkt, stellt er sich denselben doch wieder weiß vor; und so ergeht 
es allen, mögen sie viel oder gar nicht über das Wesen der Farben nach- 
gedacht haben. Auch der Mineralog, für welchen der Schnee aus einer 
Anhäufung kleiner farblos durchsichtiger Wasserkrystalle besteht, der 
Chemiker, für den diese Krystalle wieder aus zahllosen Molekeln und Atomen 
aufgebaut sind, ein Physiker, der keine Molekeln und Atome, sondern nur 
Energien gelten lässt: sie alle verbinden zwangsweise mit der Vorstellung 
des Schnees die weiße Farbe. 

Denn die Farbe, in welcher wir ein Außending überwiegend oft gesehen 
haben, prägt sich unserem Gedächtnis unauslöschlich ein und wird zu einer 
festen Eigenschaft des Erinnerungsbildes. Was der Laie die wirkliche Farbe 
eines Dinges nennt, ist eine in seinem Gedächtnis gleichsam fest gewordene 
Farbe desselben; ich möchte sie die Gedächtnisfarbe des Dinges nennen. 
Damit scheint mir ausgedrückt, in welcher Weise diese sogenannte wirk- 
liche Farbe entsteht, und wie sie notwendig von allerlei individuellen Zu- 
fälligkeiten des von uns Erlebten einerseits und von der Beschaffenheit 
unseres Sehorganes andererseits abhängt. Für den Farbenblinden z. B. muss 
die »wirkliche« Farbe eines Außendinges in vielen Fällen eine ganz andere 
sein als für den Menschen mit normalem Farbensinn. Auch wird die Ge- 
dächtnisfarbe eines Dinges nicht eine ganz bestimmte sein müssen, sondern 
sie wird ihrer Entstehung gemäß eine gewisse Schwankungsbreite haben 
können. 

Wie die Gedächtnisfarbe eines Dinges immer mit aufwacht, wenn durch 
ein beliebiges anderes Merkmal desselben oder auch nur durch das Wort, 
mit welchem wir das Ding bezeichnen, ein Erinnerungsbild desselben geweckt 
wird, so wird sie ganz besonders wachgerufen, wenn wir das bezügliche 
Ding wieder sehen oder auch nur zu sehen meinen, und sie ist dann für 



g Lehre vom Lichtsinn. 

die Art unseres Sehens mit bestimmend. Alle Dinge, die uns bereits aus 
Erfahrung bekannt sind, oder die wir für etwas uns nach seiner Farbe 
schon Bekanntes halten, sehen wir durch die Brille der Gedächtnisfarben 
und deshalb vielfach anders, als wir sie ohne dieselbe sehen würden. Bei 
der gewöhnlichen Flüchtigkeit des Sehens kann sogar die Gedächtnisfarbe 
eines eben sichtbaren Dinges an die Stelle einer ganz anderen Farbe treten, 
welche wir gesehen hätten, wenn jeder Anlass zur Reproduktion einer 
Gedächtnisfarbe ausgeschlossen wäre, immer vorausgesetzt, dass wir der 
Farbe nicht besondere Aufmerksamkeit zuwenden. Große Fertigkeit besitzen 
wir, die sogenannte wirkliche Farbe eines Dinges von den zufälligen Farben 
desselben zu scheiden. So sondern sich für uns jene fein abgestuften 
Schatten auf der Oberfläche eines Körpers, welche uiis die Wahrnehmung 
seiner Form, seines Reliefs, seiner Entfernung mit vermitteln helfen, als 
etwas Accidentelles von der Farbe der schattentragenden Fläche, und wir 
meinen außer dem Dunkel des Schattens und durch ihn hindurch die »wirk- 
liche« Farbe der Fläche zu sehen. Die an glatten Flächen auftretenden 
Glanzfarben trennen sich in der Wahrnehmung gewissermaßen von den 
»wirklichen« Farben der Fläche. Eine beschattete Stelle eines ebenen weißen 
Blattes erscheint uns anders als ein grauer Fleck auf dem Papier, welcher 
genau dieselbe Strahlung aussendet, wie die schattige Stelle ; ein heller Fleck 
auf unserem Rocke ganz anders als eine zufällig stärker beleuchtete Stelle 
desselben, und zwar auch dann, wenn die bezügliche Strahlung beidenfalls 
dieselbe ist. Dies alles lässt sich leicht sehen, aber schwer beschreiben 
(4, § 24). 

Hänge ich z. B. an einen Coconfaden ein Papierschnitzel so auf, dass 
es mittels einer passend angebrachten kleinen Glühlampe einen schwachen 
Schatten auf mein Schreibpapier wirft, so sehe ich den Schatten als ein 
zufällig auf dem Weiß liegendes Dunkel. Ziehe ich aber um den Kern- 
schatten einen breiten schwarzen Strich, der den Halbschatten vollkommen 
deckt, so sehe ich innerhalb des schwarzen Umrisses eine graue Stelle genau 
so, wie wenn hier das weiße Papier mit Tusche grau gefärbt oder ein 
Stück grauen Papiers mit schwarzem Rande auf das weiße Papier geklebt 
wäre. Durch die Verdeckung des Halbschattens hat die dunklere Stelle 
ein wesentliches Kennzeichen des Schattens verloren. Verschiebe ich nun 
entweder das schattenwerfende Schnitzel oder das Papier ein wenig, so 
verschiebt sich entsprechend der Schatten etwas gegen die schwarze Um- 
randung, und dieselbe Stelle, die mir eben noch als ein graufarbiger 
Fleck erschien, giebt mir sofort wieder den Eindruck eines beschatteten 
Weiß. Es handelt sich dabei um ein wesentlich verschiedenes Sehen 
und nicht etwa nur um unser Wissen von der Verschiedenheit der äußeren 
Umstände. 

Durch ein Loch im Fensterladen eines durch andere Fenster beleuch- 



§ 4. Die Gedächtnisfarben. 9 

teten Zimmers fällt das Sonnenlicht auf eine begrenzte Stelle meines 
schwarzen Rockes: ich sehe einen grauen Fleck auf demselben und will 
ihn abstauben. Sobald ich aber die Stelle etwas genauer betrachte, sehe 
ich keinen Staubfleck mehr, sondern nur ein dem Schwarz des Rockes 
aufliegendes Licht und bin selbst bei indirektem Sehen kaum im stände, 
mir den ersten Eindruck wieder herzustellen. Oder ich gehe unter einem 
dichten Laubdache einen Weg, auf dem an beschränkter Stelle durch eine 
Lücke des Blätterdaches direktes Sonnenlicht fällt: im ersten Augenblicke 
meine ich eine durch verschütteten Kalk weiß gefärbte Stelle zu sehen; 
sobald ich aber genauer aufmerke, sehe ich kein Weiß mehr, sondern nur 
ein auf dem graubraunen Boden liegendes Licht. 

Man nehme am Fenster stehend in die eine Hand ein weißes, in die 
andere ein graues Papier und halte dieselben bei kleinem gegenseitigen 
Abstand zunächst horizontal nebeneinander. Beide Papiere sollen steif, ganz 
eben, matt und undurchsichtig sein. Neigt man nun das graue Papier dem 
Fenster zu, das weiße von demselben ab, so wird sehr bald das Netzhaut- 
bild des grauen lichtstärker sein als das des weißen, aber obgleich man 
die Helligkeitsänderungen bemerkt, sieht man doch das jetzt lichtstärkere 
»wirklich« graue Papier noch grau und das jetzt lichtschwächere »wirklich« 
weiße noch weiß. Betrachtet man jedoch die Papiere nur mit einem Auge 
durch eine irgendwie fixierte Röhre, so gelingt es leicht, ihre Farben in 
einer und derselben Ebene zu sehen, falls ihre beiden Bilder unmittelbar 
und ohne Beschattung des einen aneinander grenzen, und von jedem Papier 
nur noch ein Segment sichtbar ist. Jetzt sieht man das graue Papier heller 
und das weiße dunkler, wie es einer Verschiedenheit der beiden Licht- 
stärken entspricht. Die in beiden Fällen verschiedene Lokalisierungsweise 
der Farbenflächen wirkt hier also mitbestimmend auf die gesehene Farbe. 
Neigen wir ein graues oder weißes Papier abwechselnd dem Fenster zu 
oder von ihm ab, so nehmen wir den sichtbar eintretenden Zuwuchs an 
Weißlichkeit (Helligkeit) oder Schwärzlichkeit (Dunkelheit) der Fläche als 
ein bloßes Accidens zu ihrer »wirklichen« Farbe; das weiße wie das graue 
Blatt behält für uns die Farbe »die es wirklich hat«, wenn es auch zufällig 
heller oder dunkler aussieht. Wir sehen also hier nicht die »wirkliche« 
Farbe der Fläche sich ändern, wie dies der Fall ist, wenn auf der Fläche 
aus irgendwelchem Grunde ein »Fleck« entsteht, sondern die der Fläche zu- 
gehörige Farbe scheint uns fort zu bestehen, obwohl wir ihre Änderung that- 
sächlich bemerken. In vielen Fällen wird sogar ein zufälliger Weißlichkeits- 
oder Schwärzlichkeits- Zuwuchs einer Fläche als etwas von ihrer »wirk- 
lichen« Farbe völlig Gesondertes gesehen: so z. B. wenn ein Schatten über 
eine Fläche läuft oder ein bewegter spiegelnder Körper einen sich bewe- 
genden Lichtfleck auf der Fläche erzeugt. 

So sehen wir auch einen schlecht beleuchteten Winkel eines im übrigen 



10 Lehre vom Lichtsinn. 

gut beleuchteten Zimmers bedeckt oder erfüllt von einem Schwärzlichen, 
hinter welchem wir das im Winkel Befindliche in seiner wirklichen Farbe 
zu sehen meinen. Analoges gilt von allem, was sich im Hintergrunde eines 
nur einseitig durch Fenster beleuchteten Zimmers befindet. Wenn es vollends 
im Zimmer zu dämmern beginnt, legt sich ein zunehmendes Halbdunkel 
zwischen uns und die entfernteren Dinge, durch welches hindurch wir die- 
selben wie durch einen grauen Nebel sehen. 

Das im Hintergrunde eines Zimmers Befindliche ist schlechter beleuchtet 
als das in der Nähe des Fensters Liegende; dementsprechend müsste für 
uns, wie man meinen könnte, die Farbe eines Dinges um so schwärzlicher 
sein, je weiter es vom Fenster abliegt. Dies ist auch in deutlichster Weise 
der Fall, wenn wir z. B. zwei ganz gleiche weiße Blätter in zureichend 
verschiedener Entfernung vom Fenster hintereinander und parallel zu dessen 
Fläche so aufstellen, dass wir durch eine dicht an ein Auge gehaltene Röhre 
von beiden Papieren nur je ein halbkreisförmiges Stück und zwar beide in 
derselben Ebene sehen; das eine erscheint dann weiß, das andere grau. 
Betrachten wir aber die Papiere aus ganz demselben Standpunkte binokular 
ohne Röhre, so sehen wir beide weiß. 

Besonders belehrend ist folgender Versuch: Stelle ich mich mit dem 
Rücken an ein Fenster, halte vor mich ein Stück matten dunkelgrauen 
Papieres in vertikaler Lage und betrachte mit beiden Augen abwechselnd 
dieses Papier und die dahinter liegende weißgetünchte Zimmerwand, so 
erscheint mir letztere weiß, ersteres dunkelgrau, obwohl es wegen seiner 
günstigeren Beleuchtung viel lichtstärker ist, als die Wand. Nun fixiere 
ich, ohne die Lage des Papieres oder meines Kopfes irgendwie geändert 
zu haben, mit nur einem Auge den oberen Rand des grauen Papieres und 
bemühe mich die Farben des Papieres und der Wand in einer Ebene zu 
sehen: jetzt erscheint mir allerdings die Wand dunlder als das Papier. 
Sobald ich aber wieder nur die Wand betrachte, ohne gleichzeitig das 
Papier besonders zu beachten oder umgekehrt, sehe ich wieder die Wand 
weiß, das Papier dunkelgrau. Es lässt sich so einrichten, dass das graue 
Papier bei einer bestimmten Lage genau dieselbe Lichtstärke hat, wie die 
von ihm teilweise verdeckte Wand, was in der eben beschriebenen Weise 
mit Hilfe einer Röhre leicht festgestellt werden kann. Trotzdem sehe ich 
ohne Röhre bei abwechselnder binokularer Betrachtung der Wand und des 
Papieres beide ganz verschieden, das näher erscheinende Papier grau, die 
ferner erscheinende Wand weiß. Wenn ich aber den Rand des Papieres mit 
nur einem Auge fest fixiere, und es mir gelingt, die Farbe der Wand in 
derselben Ebene zu sehen wie die des Papieres, werden beide Farben 
ganz gleich. 

Mit der verschiedenen Lokalisierung geht also auch hier trotz ganz 
gleicher Lichtstärke der beiden Flächen und unveränderter Stimmung des 



§ 4. Die Gedächtnisfarben. 11 

Auges ein verschiedenes Farbensehen einher. Bei alldem handelt es sich 
nicht etwa um irgendwelche Erwägung der Beleuchtungsbedingungen, unter 
welchen die gesehenen Dinge sich eben befinden, sondern darum, dass 
der nervöse Apparat des Sehorganes im einen Falle anders auf genau 
dieselbe Strahlung reagiert, als im anderen, weil durch Nebenumstände, 
und zwar meist ebenfalls optische, beidenfalls verschiedene Reproduktionen 
geweckt werden. 

Dementsprechend werden die tonfreien Sehqualitäten auch verschieden 
bezeichnet, je nachdem sie als Eigenschaften der Außendinge und als deren 
> wirkliche« Farbe genommen werden, oder aber als etwas unabhängig 
von der letzteren Bestehendes und für sie nur Accidentelles. Ersterenfalls 
nennt man sie gewöhnlich weiß, grau, schwarz, letzterenfalls hell oder 
dunkel, Licht oder Schatten bezw. Finsternis. Im allgemeinen giebt sich 
der Mensch gar keine besondere Rechenschaft von der Farbe die er eben 
sieht, er macht die Farben gar nicht zum Gegenstand besonderer Beachtung, 
sondern er benutzt sie nur als Zeichen, an denen er die Dinge wieder 
erkennt, und hierbei stellt sich ihm sofort auch die Gedächtnisfarbe der 
wiedererkannten Dinge ein. Es giebt Kleiderstoffe, die im Tageslicht blau, 
im Gas- oder elektrischen Glühlicht aber blaugrün aussehen, und es kommt 
vor, dass der Träger eines derartigen Stoffes es sonderbar findet, wenn 
man denselben bei künstlichem Lichte blaugrün nennt, da er selbst dies 
noch gar nicht bemerkt hat; ja manche sehen ihn auch dann noch blau, 
wenn man ihnen bereits gesagt hat, dass er blaugrün aussieht, obwohl sie 
durchaus farbentüchtige Augen haben. Hierher gehört auch die That- 
sache, dass, wenn man jemand nach der Farbe fragt, die er nachts bei 
geschlossenen oder geöffneten Augen sieht, man fast ausnahmslos die 
Antwort bekommt, dass ihm da alles schwarz erscheine. Dabei handelt es 
sich nicht um eine Gedächtnisfarbe, sondern darum, dass der Gefragte sich 
überhaupt noch nie davon Rechenschaft gegeben hat, was er unter den 
erwähnten Umständen sieht, vielmehr von vornherein überzeugt ist, dass, 
wo keinerlei Licht ist, nur Schwarz gesehen werden könne. 

Die Mannigfaltigkeit der Thatsachen, an welchen sich der Einfluss der Er- 
fahrung und der Gedächtnisfarben insbesondere, sowie der jeweiligen Art der 
Lokalisierung auf das Farbensehen darlegen ließe, ist außerordentlich groß und 
harrt noch einer umfassenden Darstellung. Dies gilt besonders von dem Ein- 
flüsse der Art des räumhchen Sehens der Farben auf die letzteren. Denn ebenso 
wie die Farben mitbestimmend werden können für die Lokahsierung nach der 
Dimension der Tiefe (Abschattung und Luftperspektive), ebenso kann umgekehrt 
die Art der Lokalisierung mitbestimmend werden für die Farben selbst. Hierbei 
kommt mit in Betracht, daß die Farben, wie schon angedeutet wurde, nicht 
nur flächenhaft, sondern auch raumhaft, d. h. als einen Raum nach allen drei 
Dimensionen erfüllend gesehen werden können. Schlagende Beispiele liefert hier- 
für ein durchsichtiger farbiger Glaswürfel, ein mit durchsichtiger farbiger Flüssig- 



12 Lehre vom Lichtsinn. 

keit gefülltes Glas oder ein Strahlkegel, welchen man mit Hilfe einer Sammellinse 
in ein trübes oder ein klares, aber fluoreszierendes Medium wirft. 

Einige in die Reihe der oben besprochenen gehörige Erschei- 
nungen sind irrtümlich als Erscheinungen des Simultankontrastes 
aufgefasst worden, mit denen sie nichts zu thun haben, worauf später 
zurückzukommen sein wird. Hier galt es nur, an einigen Beispielen zu zeigen, 
wie notwendig es ist, bei der Untersuchung des Lichtsinnes alles, was die Farben 
unbeabsichtigter Weise zu beeinflussen und insbesondere die Sicherheit der Ver- 
gleichung zweier Farben zu stören vermag, überall wo es erforderlich scheint, 
soweit als möglich auszuschließen. 

§ 5. Herstellung brauchbarer Farbenfelder. Eine ganz sichere 
Vergleichung zweier Farben ist nur möglich, falls die Nebenumstände, 
welche außer der Art und Stärke der beiden Strahlungen und der je- 
weiligen Empfindlichkeit der bezüglichen Teile des Sehorganes auf die 
Sehweise von Einfluss sein können, wenn auch nicht ausgeschlossen, so 
doch für beide Farben ganz gleichwertige sind. Beide Farben sollen also, 
abgesehen von ihrem Nebeneinander, in ganz analoger Weise lokalisiert 
erscheinen, und jede der beiden Farben soll so völlig homogen sein, dass 
sie an sich selbst keinerlei Verschiedenheiten zeigt und gar nicht als einem 
bestimmten Außendinge angehörig, sondern nur als ein unabhängig von 
einem bestimmten Träger für sich bestehendes ebenes oder raumfüllendes 
Quäle gesehen wird. So lässt sich z. B. jede Hälfte des Gesichtsfeldes 
eines Fernrohres in so gleichmäßiger Weise mit je einer tonfrei oder bunt 
wirkenden Strahlung erleuchten, dass die beiden zu vergleichenden Farben 
allen soeben gestellten Anforderungen entsprechen. 

Benutzt man zur Herstellung eines Farbenfeldes Papier, so soll das- 
selbe ganz eben sein, keinen Glanz haben und kein sogenanntes Korn zeigen. 
Man macht das Papier dadurch eben, dass man es nach vorausgegangener 
Befeuchtung über eine passend zugeschnittene Glasplatte spannt. Zeigt es 
dann bei der gewünschten Sehweite noch ein Korn, so bringt man es in 
größere Entfernung und stellt vor ihm in der gewünschten Sehw^eite einen 
ebenen Papierschirm mit passend geformter Öffnung auf, für welche man, 
eventuell mit Hilfe einer passenden Glashnse, das Auge akkommodiert: dann 
wird bei passender Entfernung des durch die Öffnung hindurch sichtbaren 
Papiers das Korn desselben untermerklich, und man sieht bei zweckmäßiger 
Beleuchtung eine Farbenfläche von idealer Gleichartigkeit in der Ebene des 
gelochten Schirmes. 

Dasselbe Ziel erreicht man mit Hilfe des Farbenkreisels (vgl. § 16). 
Infolge der raschen Rotation des Papiers verschwinden für das Auge alle 
Unebenheiten und sonstige kleine Unregelmäßigkeiten, und nichts erinnert 
mehr daran, dass wir ein bestimmtes Papier vor uns haben; der Unter- 
schied zwischen der rotierenden und der unbewegten Papierscheibe ist oft 



§ 6. Die angenäherte Farbenbeständigkeit der Sehdinge. 13 

höchst überraschend. Alle zu solchen Versuchen benutzten Papiere sollen 
so matt als möglich sein; glänzende Papiere sind nur unter ganz beson- 
deren Umständen brauchbar. 

Schöne Farbenfelder erhält man ferner durch bunte Gläser und Gelatine- 
platten oder mit farbiger Flüssigkeit gefüllte Glasgefäße, welche aus Spiegel- 
glasplatten zusammengesetzt sind. Dieselben werden hinter einem Schirm 
mit rundem oder quadratischem Ausschnitt angebracht, und man blickt 
durch letzteren auf einen hinter den farbigen Medien befindlichen gut be- 
leuchteten, ganz ebenen weißen Schirm oder einen Spiegel, welcher einen 
größeren Teil der klaren oder ganz gleichmäßig bewölkten Himmelsfläche 
spiegelt. Bei sorgsamer Ausführung erhält man ein durchaus gleichartiges 
Farben feld. 

Endlich lassen sich, insoweit es sich um bunte Farben handelt, die 
einzelnen Strahlungen des Spektrums zur Herstellung in sich ganz gleich- 
artiger Farbenfelder verwenden. Entfernt man das Okular aus dem Fernrohr 
eines gewöhnlichen Spektralapparates, setzt in die Gegend des Spektrums 
eine Metallplatte mit einem feinen Spalte, dessen Schneiden in die Ebene 
des Spektrums zu liegen kommen, und bringt das Auge dem Spalte mög- 
lichst nahe, so sieht man die Fläche des Prismas in derjenigen Farbe 
leuchten, welche dem in den Spalt fallenden Streifen des Spektrums eben 
entspricht. Durch Drehung des GoUimators oder auch durch seitliche 
Verschiebung des erwähnten Okularspaltes kann man sich alle einzelnen 
Farben des Spektrums nacheinander in den feinsten Abstufungen zur An- 
schauung bringen. Dem Farbenfelde giebt man eine kreisrunde Form da- 
durch, dass man ein Diaphragma mit passender Öffnung nahe der Vorder- 
fläche des Prismas anbringt. Man erhält jedoch auf diese Weise nur ein 
kleines Farbenfeld, kann dasselbe aber, wenn nötig, mit Hilfe eines ent- 
sprechenden Linsensystems vergrößern. 

Der von mir benutzte Apparat gestattet die Herstellung eines Farbenfeldes, 
welches auf eine Sehweite von 30 cm bezogen einen Durchmesser von 10 cm 
hat, was einem Gesichtswinkel von etwa 19° entspricht. 

§ 6. Die angenäherte Farben b'e ständigkeit der Seh- 
dinge. Nicht um ein Schauen der Strahlungen als solcher handelt es 
sich beim Sehen, sondern um das durch diese Strahlungen vermittelte 
Schauen der Außendinge; das Auge hat uns nicht über die jeweilige Inten- 
sität oder Qualität des von den Außendingen kommenden Lichtes, sondern 
über diese Dinge selbst zu unterrichten. Dies vermag es freilich nur bei 
einer zureichenden Beleuchtung derselben; die fortwährende Änderung dieser 
Beleuchtung aber ist dazu nicht nur nicht erforderlich, sondern dieselbe 
würde vielmehr dem Auge die Erfüllung seiner wesentlichen Aufgabe in 
hohem Grade erschweren oder ganz unmöglich machen, wenn sie nicht 



14 Lehre vom Lichtsinn. 

durch ausgleichende Einrichtungen bis zu einem gewissen Grade unschädUch 
gemacht würde. Diese ermöglichen es, dass wenigstens innerhalb gewisser 
Grenzen der Beleuchtungsänderung die Außendinge ein ziemlich unverändertes 
Aussehen bewahren, die weißen weiß, die grauen grau, die schwarzen 
schwarz bleiben, so dass wir sie auch an der Farbe^ die sie uns hervor- 
rufen, wiederzuerkennen vermögen (5, S. 335 — 38). 

Wir schreiben, wie schon erörtert wurde, den Außendingen ganz be- 
stimmte Farben zu, der Kreide die weiße, dem Schwefel die gelbe, der 
Kohle die schwarze Farbe; wir sprechen von weißem Papier und von den 
schwarzen Buchstaben einer Schrift. Die Farbe ist uns ein wesentliches 
Attribut, eine ständige Eigenschaft dieser Dinge. 

Bedenken wir dem gegenüber die großen alltäglich wiederkehrenden 
quantitativen und qualitativen Verschiedenheiten der natürlichen oder künst- 
lichen Beleuchtungen, bei denen ein deutliches Sehen möglich ist, so muss 
es eigentlich überraschen, dass wir überhaupt die Farben als den Dingen 
adhärierende und nicht als bloß accidentelle und daher einem fortwährenden 
Wechsel unterworfene Eigenschaften nehmen, wie z. B. ihre Kälte, Kühle, 
Wärme oder Hitze. 

Das Papier eines Buches sehen wir bei jeder zum Lesen bequemen 
Beleuchtung weiß und die Buchstaben schwarz, ebenso morgens, wie mittags 
oder abends, und gleichviel ob wir bei blauem oder grauem Himmel oder 
unter dem grünen Laubdache eines Waldes, ob wir bei Tageslicht, Gas- 
licht, elektrischem Bogen- oder Glühlicht lesen. Die meisten bemerken selbst 
große Verschiedenheiten zweier Beleuchtungen erst dann, wenn dieselben 
nebeneinander oder rasch nacheinander zur Wirkung kommen. 

Ich habe das Intensitätsverhältnis festgestellt, welches bei Tagesbe- 
leuchtung zwischen dem vom >weißen« Papier und dem von den »schwarzen« 
Buchstaben einer guten Druckschrift zurückgeworfenen Lichte besteht, und 
dasselbe günstigen Falles beiläufig gleich 4 5:1 gefunden. Dies bedeutet 
also, dass von der Flächeneinheit des unbedruckten Grundes nur 15 mal 
soviel Licht zurückgeworfen wurde, als von der Flächeneinheit der Buch- 
staben. Andererseits verglich ich einige Male die Intensität der Beleuchtung 
meines Arbeitstisches am frühen Morgen, w^enn dieselbe zum ganz bequemen 
Lesen eben zureichend war, mit der Beleuchtung desselben Tisches am 
Mittag eines hellen Tages bei weißwolkigem Himmel und fand das Ver- 
hältnis beiläufig gleich 1 : 50. Somit waren bei der Mittagsbeleuchtung 
die schwarzen Buchstaben etwa dreimal lichtstärker als bei der Morgen- 
beleuchtung das weiße Papier, und die Lichtstärke des letzteren betrug des 
Morgens nur etwa 1/3 der Lichtstärke, welche die Buchstaben des Mittags 
hatten. Trotz alledem aber erschienen bei der einen und bei der anderen 
Beleuchtung die Buchstaben schwarz und das Papier w^eiß. Wäre die 
Farbe oder, wie man hier auch sagen kann, die Helligkeit des Papiers und 



§ 6. Die angenäherte Farbenbeständigkeit der Sehdinge. JL5 

die Dunkelheit der Buchstaben nicht innerhalb weiter Grenzen unabhängig 
von der Stärke der Beleuchtung, so hätten mir dieselben Buchstaben, welche 
ich des Morgens schwarz sah, des Mittags weiß und sogar noch viel heller 
erscheinen müssen als des Morgens das weiße Papier, oder es hätte mir 
umgekehrt das »weiße« Papier des Morgens tiefer schwarz erscheinen 
müssen, als des Mittags die Buchstaben. 

Derartige Thatsachen kommen im Laufe eines jeden Tages zahllos zur 
Beobachtung, aber eben weil sie alltäglich sind, werden sie als selbstver- 
ständlich hingenommen. Es sei deshalb noch folgendes Beispiel für die 
weitgehende Unabhängigkeit der Farbe von der allgemeinen Beleuchtung 
angeführt, welches alle, denen ich es vorgeführt habe, in hohem Grade 
überrascht hat, obwohl es um nichts merkwürdiger ist, als das soeben be- 
sprochene Beispiel des weißen Papiers und der schwarzen Buchstaben. 

Die eine Kathetenfläche des rechtwinkligen Holzprismas in einem 
BouGUER'schen Photometer (Fig. 1) bedecke ich mit einem ganz ebenen, 
nicht glänzenden braunen, die andere mit einem ebensolchen ultramarin- 
blauen Papier, welche beide sorgfältig 
für den Versuch ausgewählt worden ^^^' ^' 

sind. Das braune Papier beleuchte 
ich mittels eines Spiegels durch das 
Licht der weißen Himmelsfläche, das 
andere durch eine gewöhnliche Gas- 
flamme oder eine Edisonlampe, wie 
dies die Figur veranschaulicht. Durch 
das vertikale Rohr des Photometers 
betrachtet, erscheint bei passend ge- 
wählter Intensität des künstlichen 

Lichtes das »blaue« Papier genau ebenso wie das »braune«, d. h. ebenfalls 
braun, weil in solchem Lichte die blauwirkenden Strahlen von den gelb- 
wirkenden völlig übertönt werden. Schließe ich aber die Fensterladen, be- 
leuchte das ganze Zimmer mit Gas- oder Edisonlampen und nehme beide 
Papiere aus dem Apparat, so erscheint mir sofort das »blaue« Papier, ob- 
wohl es nach wie vor von demselben künstlichen Lichte beleuchtet ist und 
noch immer dasselbe Strahlgemisch in mein Auge schickt, nicht mehr braun, 
sondern wieder blau, wie bei Tagesbeleuchtung, wenngleich dunkler, während 
das »braune« Papier nach wie vor braun aussieht. Hierbei ist ganz gleich- 
gültig, ob der Beobachter die »wirkliche« Farbe der Papiere kennt oder nicht. 

Der Versuch zeigt, dass für unser Auge ein bei Tagesbeleuchtung blau 
erscheinendes Papier auch bei der ganz andersartigen künstlichen Beleuch- 
tung blau bleiben kann, obwohl es jetzt ein Strahlgemisch zurückwirft, 
welches wir bei Tage auch nicht entfernt blau, sondern vielmehr braun 
sehen. Hatten wir an dem mit schwarzen Buchstaben bedruckten weißen 




Iß Lehre vom Lichtsinn. 

Papier ein Beispi^ für die weitgehende Unabhängigkeit der ton freien Farhen 
der Sehdinge von der Intensität der allgemeinen Beleuchtung, so haben 
wir hier ein Beispiel für die weitgehende Unabhängigkeit einer bunten Farbe 
eines Sehdinges von der Qualität der allgemeinen Beleuchtung. 

Wenn wir im erwähnten Photometer die eine Hälfte eines bedruckten 
Papiers mit 50mal stärkerem Tageslichte beleuchten, als die andere, so 
sehen wir die erstere weiß mit schwarzen Buchstaben, die letztere schwarz 
und ohne oder mit kaum erkennbaren Buchstaben ; sobald aber das ganze 
Gesichtsfeld entweder mit dem starken oder mit dem schwachen Lichte 
beleuchtet ist, erscheint beiderseits das Papier weiß, die Schrift schwarz. 

Die angenäherte Konstanz der Farben der Sehdinge trotz großen quan- 
titativen oder qualitativen Änderungen der allgemeinen Beleuchtung des 
Gesichtsfeldes ist eine der merkwürdigsten und wichtigsten Thatsachen im 
Gebiete der physiologischen Optik. Ohne diese angenäherte Konstanz würde 
uns ein Stück Kreide an einem trüben Tage dieselbe Farbe zeigen, wie ein 
Stück Kohle an einem sonnigen Tage, und im Laufe eines Tages würde es 
alle möglichen zwischen schwarz und weiß liegenden Farben annehmen 
müssen. Ebenso würde eine unter grünem Laubdache gesehene weiße Blume 
dieselbe Farbe zeigen, wie ein grünes Baumblatt unter freiem Himmel, und 
ein bei Tageslicht weißer Zwirnknäuel müsste bei Gaslicht die Farbe einer 
Orange zeigen. Wenn sich in dieser Weise die Farben der Außendinge den 
Änderungen der Beleuchtung entsprechend fortwährend ändern würden, so 
w^ürde es gar nicht dazu kommen, dass die einzelnen Dinge be- 
stimmte Farben für uns haben, welche wir als wesentliche 
Eigenschaften derselben auffassen und als ihre wirklichen 
Farben bezeichnen, vielmehr würden wir der Kreide oder der Kohle 
das Weiß bezw. Schwarz ebensowenig als ein ständiges Attribut beilegen, 
wie dem Eisen das Kalt oder Warm, welches uns von demselben je nach 
seiner wechselnden Temperatur erzeugt und von uns als eine nur zufällige 
Eigenschaft desselben genommen wird. Die Gedächtnisfarben würden 
also gar nicht entstehen können (5, S. 338). 

Dann könnte uns zwar die jeweilige Farbe, in der uns ein 
bestimmtes Ding erscheint, zu einem Merkmal für die Intensität 
oder Qualität seiner Beleuchtung werden, nicht aber zu einem 
Merkmal des Dinges selbst. Nur weil innerhalb der zu einem bequemen 
Sehen brauchbaren Beleuchtungen der Ruß stets schwarz, das Mehl stets 
weiß aussieht, werden diese Farben für uns zu einem ständigen Merkmal 
jener Dinge. Auf die Beleuchtung selbst aber pflegen wir gar nicht zu 
achten, so lange dieselbe ein deutliches Sehen gestattet und nicht zu schwach 
oder aber blendend ist. 

Indem wir vorerst von den qualitativen Änderungen der allgemeinen 
Beleuchtung und den bunten Farben ganz absehen, wollen wir uns nun 



§ 6. Die angenäherte Farbenbeständigkeit der Sehdinge. 17 

fragen, wie die angenäherte Konstanz der tonfreien Farben der Seh- 
dinge trotz der fortwährend sich ändernden Stärke der Beleuchtung er- 
müghcht wird. 

Schon das äußere Auge besitzt in der Iris eine Anpassungsvorrichtung. 
Jede Verkleinerung oder Vergrößerung der Pupillenfläche bedingt eine direkt 
proportionale Verminderung oder Vermehrung des zur Netzhaut gelangenden 
Lichtes, bedeutet also für das innere Auge dasselbe, wie eine gleichgroße 
Abnahme oder Zunahme der Beleuchtungsstärke der Außendinge. Da nun 
die Pupille sich verkleinert, wenn die Stärke der Beleuchtung wächst, und 
sich vergrößert, wenn letztere abnimmt, so folgt, dass die bleibende Änderung 
der Lichtstärke des Netzhautbildes kleiner sein wird, als die vorher- 
gegangene Änderung der Beleuchtung des Gesichtsfeldes. Indessen findet 
ein derartiger teilweiser Ausgleich der Beleuchtungsänderungen durch die 
Pupille nicht entfernt so ausgiebig statt, dass sich schon hieraus das an- 
genäherte Gleichbleiben der tonfreien Farben innerhalb der Grenzen der 
zum deutlichen Sehen brauchbaren Beleuchtungsstärken ableiten ließe. 

Vielmehr ist das wesentliche Mittel, die Farben der Sehdinge trotz dem 
Wechsel der Beleuchtung des Gesichtsfeldes angenähert konstant zu er- 
halten, in den Änderungen der Empfindlichkeit des Auges gegenüber dem 
Lichte gegeben , wodurch sich das Sehorgan jeder innerhalb gewisser 
Grenzen bleibenden Stärke der Gesamtbeleuchtung seiner Netzhaut derart 
anzupassen vermag, dass selbst große Änderungen der Beleuchtung, wenn 
sie nicht allzuschnell erfolgen, nur verhältnismäßig geringe Änderungen der 
Farben der Dinge herbeiführen. 

Diese Selbststeuerung der Lichtempfindlichkeit wird durch zwei ver- 
schiedene Einrichtungen vermittelt, einerseits durch die Wechselwirkung der 
somatischen Sehfeldstellen (vgl. § 7 u. 21), andererseits dadurch, dass das 
innere Auge sich durch eine allmähliche Änderung seines Zustandes mit jeder 
andauernden Gesamtbeleuchtung, sei dieselbe schwach oder stark, in eine Art 
Gleichgewicht zu bringen vermag, vermöge dessen die Durchschnittshellig- 
keit im Sehfelde immer wieder ungefähr dieselbe wird. Inwieweit dies 
durch Änderungen der Aufnahmsfähigkeit des Empfangsorganes und inwie- 
weit es durch eine anhaltende Zustandsänderung der Sehsubstanz (vgl. § 7) 
selbst ermöglicht werden kann, wird später zu erörtern sein. 

AüBERT (6) hat zuerst die allmähliche Anpassung der Lichtempfind- 
lichkeit an die Beleuchtungsstärke eingehender untersucht und Adaptation 
benannt. Ich habe dieselbe als successive oder Dauer-Anpassung bezeichnet 
zum Unterschiede von der durch die Wechselwirkung der Sehfeldstellen ver- 
mittelten Anpassung. 

Diese Wechselwirkung besteht darin, dass die jeweilige Regung jedes 
einzelnen somatischen Sehfeldelementes (vgl. § 7) mitbestimmend ist für 
die Lichtempfindlichkeit der übrigen, und dass umgekehrt auch seine eigene 

Hering, Lichtsinn. 2 



j^g Lehre vom Lichtsinn. 

Lichtempfindlichkeit von den gleichzeitigen Regungen der übrigen Elemente 
mit abhängt. So kommt es, dass die durch das Licht in einem Sehfeld- 
elemente hervorgerufene Änderung schon während ihrer Entstehung und in 
dem Maße, als sie unter dem Einflüsse des Reizes sich entwickelt, um- 
stimmend auf das übrige somatische Sehfeld wirkt und dessen Lichtempfind- 
lichkeit mindert. Auf diese Weise wird die Lichtempfindlichkeit einer Seh- 
feldstelle zu einer Funktion der Gesamtbeleuchtung der Netzhaut und 
insbesondere um so kleiner, je stärker diese Beleuchtung ist. 

Die durch diese Wechselwirkung bedingte Anpassung der Lichtempfind- 
lichkeit vollzieht sich also nahezu gleichzeitig mit der Änderung der Be- 
leuchtung, weshalb ich sie als simultane oder Moment- Anpassung benannt 
habe, während die successive Anpassung das Fortbestehen einer stärkeren 
bezw. schwächeren Beleuchtung zur Voraussetzung hat, daher man diese 
Art der Anpassung auch als Ermüdung bezw. Erholung bezeichnet hat. 

Wir können somit sagen, dass das Sehorgan sich der verschiedenen 
Stärke der im Außenraume herrschenden Beleuchtung in dreifacher Weise 
anzupassen vermag, und können eine Anpassung des äußeren Auges 
mittels der Änderungen der Pupillenweite und eine Anpassung des 
inneren Auges unterscheiden. Die letztere aber erfolgt in doppelter 
Weise, erstens durch die Wechselwirkung der somatischen Sehfeldstellen 
aufeinander und zweitens durch die Zustandsänderungen, welche das innere 
Auge infolge andauernd stärker oder schwächer gewordener Gesamt- 
belichtung der Netzhaut erfährt (Adaptation nach Aubert). 

Da Aübert's bezügliche Untersuchungen sich darauf beschränkten, die 
allmähliche Steigerung der Lichtempfindlichkeit nach dem Übertritt aus 
einem beleuchteten in ein gänzlich lichtloses Dunkel-Zimmer festzustellen, 
so gewöhnte man sich, unter Adaptation nur die Zunahme der Lichtempfind- 
lichkeit im Finstern zu verstehen, obwohl sicher schon Aubert den Begriff 
der Adaptation weitergefasst wissen wollte. Ich habe deshalb seinerzeit 
der Dunkeladaptation die Helladaptation gegenübergestellt. Ausgehend 
von der maximalen Lichtempfindlichkeit, welche das Auge während einer 
finsteren Nacht annimmt, kann man von einer bis zu Mittag wachsenden 
Helladaptation, und ausgehend von der kleinen Lichtempfindlichkeit, welche 
sich bei maximaler Tagesbeleuchtung eingestellt hat, von einer bis in die 
Nacht hinein zunehmenden Dunkeladaptation sprechen. 

Handelt es sich nicht um den Vorgang der Anpassung, sondern um 
den Zustand, in welchem sich das Auge infolge einer successiven Anpas- 
sung eben befindet, so verstehe ich unter einem helladaptierten Auge ein 
solches, welches für irgendeine zum deutlichen Sehen der Außendinge 
brauchbare Beleuchtungsstärke angepasst ist, gleichviel wie stark oder 
schwach die letztere im übrigen ist; unter einem dunkeladaptierten Auge 
aber eines, das für eine zum deutlichen Sehen, wie z. B. zum bequemen 



§ 6. Die angenäherte Farbenbeständigkeit der Sehdinge. 19 

Lesen, unzureichende Beleuchtung angepasst ist, wobei es zwar noch 
Außendinge zu unterscheiden, aber nicht mit der Deuthchkeit zu sehen ver- 
mag, wie ein für eine brauchbare, stärkere Beleuchtung angepasstes. 

In der letzten Zeit ist das Wort Adaptation vielfach in einem so engen Sinne 
gebraucht worden, dass es sich zur Bezeichnung dessen, was ich hier als An- 
passung des Auges für die jeweilige Beleuchtung benannt habe, gar nicht mehr 
eignen würde. Man hat gesagt, der dem stäbchenlosen centralen Netzhautgebiete 
entsprechende Teil des somatischen Sehfeldes besitze überhaupt kein Adaptations- 
vermögen. Indem man auf diese Weise den für das Sehen wichtigsten Teil des 
Sehfeldes ausschloss, ließ man die Adaptation nur noch für das indirekte Sehen 
gelten, und schließlich bedeuteten für einzelne Autoren die verschiedenen Adap- 
tationszustände nur noch einen verschiedenen Gehalt der Stäbchen an Sehpurpur, 
d. h. man glaubte, abgesehen von der Pupille, aus den Änderungen des Purpur- 
gehaltes der Stäbchen die ganze Anpassung des Auges an die Beleuchtungsstärke 
des Gesichtsfeldes erklären zu können. 

Durch das Zusammenwirken der besprochenen Regulierungsvorrichtungen 
oder Selbststeuerungen werden die Farbenänderungen im Sehfelde in viel 
engeren Grenzen gehalten als wie solche den Intensitätsänderungen der Be- 
leuchtung gezogen sind; die Farbe, in der uns ein Außending erscheint, 
bekommt abgesehen von den Grenzfällen eine gewisse Ständigkeit und wird 
in unserem Gedächtnis zu einem bleibenden, integrierenden Bestandteil des 
Dinges. Haben sich auf diese Weise die Gedächtnisfarben der Dinge ge- 
bildet, so werden sie weiterhin ihrerseits von Einfluss auf die Art unseres 
Sehens, und zu den soeben beschriebenen physiologischen Faktoren, welche 
neben den eben wirkenden Strahlungen die Farbe der Sehdinge bestimmen, 
gesellt sich also noch einer, den man nach der üblichen Terminologie als 
einen »psychologischen« insofern bezeichnen könnte, als er auf bereits ge- 
sammelten, in der nervösen Substanz fixierten individuellen Erfahrungen 
beruht, während die erwähnten physiologischen Regulierungs- 
vorrichtungen schon beim Erwerb dieser Erfahrungen in Funk- 
tion sind und diese Erfahrungen erst mit ermöglichen. 

Was ich in § 4 über den Einfluss der Gedächtnisfarben mitgeteilt 
habe, könnte zu der Ansicht verführen, dass die angenäherte Konstanz der 
Farben, die ich soeben auf physiologische Regulierungsvorrichtungen oder 
Anpassungen zurückgeführt habe, überhaupt nur das Ergebnis einer »psycho- 
logischen« Anpassung an die verschiedenen Beleuchtungen des Außenraumes 
sei. W^enn wir z. B. den unbedruckten Saum eines im Hintergrunde des 
Zimmers hängenden Kupferstiches nicht dunkelgrau sondern weiß sehen, 
obwohl seine Lichtstärke vielleicht kleiner ist als diejenige eines in der 
Nähe des Fensters befindlichen und uns dunkelgrau erscheinenden Papieres, 
und wenn wir also im stände sind, die mit der Entfernung vom Fenster 
zunehmende Schattigkeit oder Abnahme der Beleuchtungsstärke bei der Art 
unseres Sehens gleichsam mit einzurechnen, so könnte man meinen, dasg 

2* 



20 Lehre vom Lichtsinn. 

wir auch im stände seien, die im Laufe eines Tages eintretenden Zu- oder 
Abnahmen der Gesamtbeleuchtung mit einzurechnen und die »wirklichen« 
Farben der Dinge danach »abzuschätzen«. 

Helmholtz war solcher Ansicht, und dieselbe ist in seiner Schule die 
herrschende. Je Jnach der Art und Stärke der wirklichen oder auch ver- 
meintlichen allgemeinen Beleuchtung sollen wir einen verschiedenen Maßstab 
an unsere Lichtempfmdungen legen und danach die Farben der Außendinge 
bemessen. Die Farbe, in welcher wir ein Ding sehen, soll also, gleichen 
»Ermüdungszustand« des Sehorganes vorausgesetzt, ein Ergebnis dieser 
Bemessung und deshalb bei gleicher »Intensität oder Qualität der Licht- 
empfmdung« eine verschiedene, bei verschiedener »Empfmdungs-Intensität 
oder Qualität« die gleiche sein können. Nicht die Art und das Ausmaß 
der physischen Regungen der Sehsubstanz des inneren Auges soll hier das 
Bestimmende für die im Sehfeld erscheinenden Farben sein, sondern ein 
unbewusster Schluss, welchen wir aus der Intensität der allgemeinen Be- 
leuchtung auf die »Körperfarben« ziehen. 

Da wir jedoch nur auf Grund der Farben, in welchen wir die 
Dinge sehen, zur Kenntnis der Beleuchtungsintensität als des angeblichen 
Maßstabes unserer Abschätzungen kommen könnten, andererseits aber 
eben diese Farben erst das Ergebnis dieser Abschätzungen sein sollen, 
so bewegt sich die soeben geschilderte Auffassung in einem unfruchtbaren 
Zirkel. 

Dass die Art, in welcher wir die Außendinge sehen, in zuweilen über- 
wältigender Weise durch unsere Erfahrung mitbestimmt wird, ist freilich 
richtig; aber man darf nicht diejenigen angeborenen Funktionen des 
Sehorganes, auf Grund deren diese Erfahrungen erst erworben 
worden sind, selbst wieder als ein Produkt der Erfahrung hin- 
stellen. Dies thut man aber, wie noch weiter gezeigt werden wird, wenn 
man insbesondere die auf der Simultananpassung beruhenden Thatsachen 
aus einem erworbenen, auf unbewussten Schlüssen und Urteilen beruhenden 
»psychologischen« Anpassungsvermögen zu erklären versucht. 

§ 7. Die Farben als psychische Korrelate der physischen 
Regungen der Sehsubstanz. In einem für Ärzte geschriebenen Werke 
braucht nifht weiter auseinandergesetzt zu werden, warum wir annehmen, 
dass das Sehen, als ein psychisches Geschehen^ stets begleitet ist von 
einem physischen Geschehen in der nervösen Substanz des inneren Auges, 
und dass jeder Farbe eine bestimmte Regung des letzteren entspricht, welche 
wir als das somatische Korrelat der Farbe bezeichnen können. Alles 
Sehen ist also für den Physiologen gleichsam der psychische Ausdruck der 
Regungen in der Sehsubstanz des inneren Auges^ wenn wir unter dieser, 
wie ich dies seinerzeit gethan, den physischen Träger derjenigen Vorgänge 



§ 7. Die Farben als psychische Korrelate der Regungen der Sehsubstanz. 21 

verstehen, mit welchen die Farben als psychische Phänomene unmittel- 
bar gegeben sind (4, § 25)^). 

Den einzelnen Elementen des psychischen Sehfeldes als der Ge- 
samtheit der jeweiligen aus den Farben bestehenden Sehdinge entsprechen 
die korrelativen nervösen Elemente des inneren Auges, welche wir in ihrer 
Gesamtheit als das somatische Sehfeld benennen können; den ein- 
zelnen Elementen dieses somatischen Sehfeldes entsprechen die zugeordneten 
Elemente der Stäbchen- und Zapfenschicht als der Trägerin des Netzhaut- 
bildes; den einzelnen Elementen des jeweiligen Netzhautbildes entsprechen 
die Einzelteile des Gesichtsfeldes oder Gesichtsraumes, wie ich den 
jeweihgen Komplex der sichtbaren wirklichen Dinge im Gegensatze zum 
psychischen Sehfeld oder Sehraum genannt habe. So ergiebt sich also 
eine Kette von Relationen, an deren einem Ende das Farbengebilde oder 
Sehding, am anderen das wirkliche Außending steht. Wir haben die Auf- 
gabe, die Gesetze aller dieser Relationen oder funktionellen Zusammenhänge 
möglichst festzustellen; mit anderen Worten: wir haben für all die ver- 
schiedenen Sehqualitäten oder Farben die äußeren und inneren Bedingungen 
aufzusuchen, unter denen sie zur Erscheinung kommen. 

Der Zusammenhang zwischen den Außendingen und ihrem Netzhaut- 
bilde ist uns Dank der hochentwickelten Dioptrik des Auges in allen Einzel- 
heiten ziemlich genau bekannt. Über die Beziehungen zwischen dem Netz- 
hautbilde als einem Komplexe räumlich verteilter Lichtenergien und den 
Vorgängen in der Stäbchen- und Zapfenschicht als dem Empfangsorgane 
oder Empfänger des inneren Auges haben uns die Entdeckungen des Seh- 
purpurs, der Netzhautströme und der morphologischen Änderungen in der 
Netzhaut durch Licht viel wichtiges gelehrt; doch über den Zusammenhang 
zwischen diesen Vorgängen und den Regungen der Sehsubstanz giebt es 
nur Vermutungen. Was endlich die Relationen zwischen diesen Regungen 
und den jeweiligen Farben des Sehfeldes betrifft, so sind sie, weil es sich 
hier nicht mehr um Beziehungen zwischen Physischem und Physischem, 
sondern zwischen Physischem und Psychischem handelt, ganz anderer 
Art und einer Feststellung um so schwerer zugänglich, als uns nur das 
eine Glied dieser Beziehung, nämlich die ins Bewusstsein getretene Farbe 
bekannt ist, während wir über das andere Glied, nämlich über die sogen, 
psychophysischen Vorgänge in der Sehsubstanz, mit denen die Erscheinung 
der Farbe unmittelbar verknüpft ist, nur Hypothesen machen können. 

Ohne hier dem großen Rätsel des Zusammenhanges zwischen »Leib und 
Seele« näher treten zu wollen, darf ich doch daran erinnern, dass diese »psycho- 
physischen« Prozesse nicht als das Endglied der nervösen Regungen anzusehen 



i) Später hat W. Kühne den Sehpurpur und andere lichtempfindliche Stoffe 
des Sehepithels der Netzhaut als Sehstoffe bezeichnet, was dann zu einer Ver- 
wechslung dieser Stoffe mit der Sehsubstanz im oben definierten Sinne geführt hat. 



22 Lehre vom Lichtsinn. 

sind, welche sich an die Reizung der Netzhaut anschheßen. Man dürfte sich 
nicht vorstellen, dass mit ihnen das somatische Geschehen ein Ende finde, und 
dafür ein psychisches Geschehen beginne, welches dann seinerseits wieder soma- 
tische, z. B. motorische Vorgänge veranlassen könne, hi die Kette »materieller« 
Hirnprozesse lässt sich, vom Standpunkte der Physiologie, nicht ein »immaterielles« 
GHed eingeschoben denken. Deshalb sollte man auch nicht jene psychophysischen 
Prozesse als die »terminalen« bezeichnen und sagen, dass sich dieselben »in 
Empfindungen umsetzen«. Denn ein physischer Prozess kann sich wohl in einen 
anderen physischen, nicht aber in einen psychischen umsetzen. Eine ununter- 
brochene Reihe somatischer Vorgänge verbindet z. B. die durch ein starkes Licht 
in der Netzhaut bewirkte Änderung mit den Muskelkontraktionen, durch welche 
die schützende Hand vor das geblendete Auge geführt wird; dass mit all dem 
ein psychisches Geschehen, ein Empfinden und Wollen einhergeht, darf den 
Physiologen in dieser Annahme nicht beirren. 

An die vom Lichte in den peripheren Endgliedern des nervösen Netzhaut- 
apparates veranlassten Regungen knüpfen sich weiterhin unter Vermittelung des 
Sehnerven die Regungen des Gehirnes, und wie schon in dem verwickelten 
Nervensystem der Netzhaut »ein Schlag tausend Verbindungen schlägt«, so noch 
viel mehr im Gehirn. Wo aber schließlich in unserem Nervensystem diese 
somatischen Regungen als eigentlich terminale ausklingen, davon erfahren wir 
nur dann etwas, wenn der motorische oder sekretorische Apparat irgendwie 
und irgendwo davon in merkliche Mitleidenschaft versetzt wird. 

Es sei hier ein Gleichnis gestattet. Von dem vor einem Spiegel befind- 
lichen Dinge erstrecken sich keine wirklichen Strahlungen bis zu dem hinter 
dem Spiegel erscheinenden Bilde des Dinges, keine Kette physischer Vorgänge 
verbindet das Ding mit seinem Spiegelbilde und die »terminalen Prozesse«, 
in welchen die von dem Dinge ausgehende strahlende Energie als solche ihr 
Ende findet, liegen diesseits des Spiegels. Und wie sich diese Energie nicht 
hinter dem Spiegel in das dort erscheinende Bild umsetzt, ebensowenig setzt 
sich die somatische Regung unserer Sehsubstanz irgendwie um in psychische 
Regung. Solches anzunehmen scheint mir nicht besser, als die gespiegelten 
Dinge hinter dem Spiegel zu suchen. 

W^ohl dürfen wir ferner das Nervensystem insbesondere als den Träger der 
Vorgänge betrachten, welche wir uns als die somatischen Begleiter des psychischen 
Lebens denken, aber voreilig wäre es, nur die Hirnrinde als den Ort der »psycho- 
physischen Prozesse« gelten zu lassen und alles übrige und hier insbesondere die 
Netzhaut auszuschließen. Denn dass Einer auch nach Verlust der Netzhäute 
noch optische Empfindungen haben kann, schließt nicht aus, dass unter nor- 
malen Umständen auch die Regungen der Netzhaut zum somatischen Korrelat 
der Gesichtsempfindungen gehören und also psychophysisch mitfungieren. 

Aus dem oben Gesagten erklärt sich, dass man sich bisher bei der 
Untersuchung des Lichtsinnes im wesentlichen darauf beschränken musste, 
die Regeln festzustellen, nach welchen die jeweiligen Farben im Sehfelde 
abhängen von der Beschaffenheit sowie von der räumlichen und zeitlichen 
Verteilung der die Netzhaut treffenden Strahlungen, und aus diesen Regeln 
einige Wahrscheinhchkeitsschlüsse auf die Bedeutung der bisher bekannt 
gewordenen Änderungen zu machen, welche im Sehepithel durch das Licht 
herbeigeführt werden. Gegeben sind uns also bei der Aufsuchung jener 



§ 8. Grundsätze für die Ordnung der Farben. 23 

Regeln einerseits die Farben als Sehqualitäten im oben (§ 2) definierten 
Sinne, andererseits die von den Physikern angenommenen Ätherschwingungen 
oder Strahlungen, insoweit dieselben optisch wirksam sind. Wir haben 
es dabei, abgesehen von besonderen und fast ausschließhch künstlich 
herbeigeführten Fällen nicht mit einfachen (homogenen), sondern mit zu- 
sammengesetzten Strahlungen oder Strahlgemischen zu thun. Jedes 
solche Strahlgemisch lässt sich in gewissem Sinne als aus einer Anzahl ein- 
facher, durch ihre Schwingungszahl bestimmter Strahlungen zusammen- 
gesetzt auffassen, deren Einzelenergien in bestimmtem Verhältnis zu einander 
stehen. Dieser Mannigfaltigkeit der Strahlgemische, in welcher die einfache 
oder homogene Strahlung als besonderer Fall erscheint, steht nun die 
Mannigfaltigkeit der Farben gegenüber, und es erwächst uns also zunächst 
die Aufgabe, welche die Physik betreffs der hier in Betracht kommenden 
optischen Strahlungen bereits erfüllt hat, auch für die Mannigfaltigkeit der 
Farben zu erfüllen und festzustellen, ob und welche Variablen sich in der- 
selben feststellen lassen. Daher gilt es, die Farben oder Sehqualitäten auf 
alle ihre unterscheidbaren Eigenschaften genau zu untersuchen, um sie nach 
diesen ihren Merkmalen, ihren gegenseitigen Ähnlichkeiten und Verschieden- 
heiten ordnen zu können, wie der Physiker die verschiedenen Strahlungen 
längst nach ihren Variablen geordnet hat. Erst dann wird es möglich 
sein, die Regeln oder Gesetze festzustellen, nach welchen die einzelnen 
Variablen der Farben von den einzelnen Variablen der Strahlgemische ab- 
hängig sind. Wie sich für die Physik aus der vergleichenden Untersuchung 
der verschiedenen Strahlungen die Eigenschaften ergeben haben, bezüglich 
welcher sie untereinander vergleichbar und mit Hilfe deren die einzelnen 
Strahlungen eindeutig definierbar sind, so ergeben sich aus der vergleichenden 
Untersuchung der Farben die Merkmale, bezüglich deren eine Vergleichung 
bezw. Unterscheidung und eine Definition der einzelnen Farben möglich ist. 

Seit ich vor mehr als 30 Jahren (4, § 38), insbesondere gegenüber der 
von Helmholtz gegebenen Darstellung, eine ohne Rücksicht auf die jeweiligen 
Entstehungsbedingungen der Farben durchzuführende, lediglich auf die Eigen- 
schaften der Farben selbst gegründete Analyse und Ordnung derselben als eine 
unentbehrliche Grundlage der Lehre von den Gesichtsempfindungen hingestellt 
habe, hat diese Auffassung trotz anfänglichem Einspruch seitens verdienter 
Autoritäten ziemlich allgemeine Geltung gewonnen; aber ihre prinzipielle Aner- 
kennung hat nicht verhüten können, dass sie bei der Erörterung der Einzelheiten 
immer wieder außer acht gelassen wird. 

II. Absclinitt. 
Das natürliche Farbensystem. 

§ 8. Grundsätze für die Ordnung der Farben. Wenn es gilt, 
die große Mannigfaltigkeit der Farben zu ordnen, um eine systematische 



24 Lehre vom Lichtsinn. 

Übersicht über dieselben und Bezeichnungen für sie derart zu gewinnen, 
dass für jede einzelne in möglichst bestimmter Weise ein dem Leser ver- 
ständhcher Ausdruck gegeben wird, welcher ihm ermöglicht, sich eben 
diese Farbe mit einiger Genauigkeit innerlich zu reproduzieren, so ist er- 
forderlich, dass wir zunächst ganz und gar von den Ursachen und Be- 
dingungen ihrer Entstehung absehen. Nur die Farben selbst dürfen das 
für ihre systematische Gruppierung Maßgebende sein, nicht aber z. B. die 
physikalische BeschafTenheit der Strahlungen in qualitativer (Schwingungs- 
dauer) oder quantitativer (Schwingungsamplitude) Hinsicht. Denn es kann, 
wie schon gesagt, genau dieselbe Strahlung je nach den Umständen uns 
bald diese, bald jene Farbe erwecken, und andererseits kann unter der 
Wirkung ganz verschiedener Strahlungen genau dieselbe Farbe gesehen 
werden, wofür später noch zahlreiche Beispiele anzuführen sein werden. 
Da der Sehende meist nicht genauer auf die Farben als solche, sondern 
nur auf die Dinge achtet, welche ihm als Träger der Farbe erscheinen, so 
fehlt den Meisten die unerlässliche Vorbedingung für ein entgegenkommendes 
Verständnis einer systematischen Farbenanalyse, nämlich die auf eigene, 
besonders geübte Beobachtung sich gründende Erfahrung. So kommt es 
z. B., dass es Vielen nicht möglich ist, genauer anzugeben, in welcher Be- 
ziehung zwei einander nahe stehende Farben voneinander verschieden sind, 
auch wenn deren Ungleichheit deutlich bemerkt wird. Die Methoden, mit 
Hilfe deren eine gegebene Farbe nach allen hier in Betracht kommenden 
Beziehungen stetig abgeändert oder durch eine zusammenhängende Reihe 
von Übergängen in eine beliebige andere Farbe übergeführt werden kann, 
sind nur Wenigen geläufig oder überhaupt zugänglich. Denn es handelt sich 
bei der Analyse der Farben nicht, wie missverständlich gesagt worden ist, 
um »innere Anschauung« oder »innere Beobachtung«, sondern im Gegenteil 
darum, dass man sich Gelegenheit schafft, die Farben, sei es einzeln, sei 
es zu mehreren nebeneinander vor sich zu sehen und ebenso zum Gegen- 
stande »äußerer« Beobachtung und Vergleichung zu machen, wie andere 
Außenobjekte der Beobachtung z. B. die Form der Sehdinge. 

Da alle Einteilungsgründe für die Mannigfaltigkeit der Farben lediglich den 
letzteren selbst zu entnehmen sind, so dürfen wir auch nicht, wie dies z. B. 
noch Helmholtz gethan hat, »einfache« und »zusammengesetzte« Farben in 
dem Sinne unterscheiden, dass wir unter ersteren diejenigen verstehen, welche 
durch die verschiedenen Arten homogener Strahlungen erweckt werden, unter 
»zusammengesetzten« aber diejenigen »Farbenempfmdungen«, welche uns ent- 
stehen, »wenn eine und dieselbe Stelle der Netzhaut gleichzeitig von Licht 
zweier oder mehrerer verschiedener Grade der Schwängungsdauer getroffen 
wird« (2, S. 275 u. 3H). Wenn einerseits jeder Wellenlänge bezw. Schwingungs- 
dauer der Strahlung eine ganz bestimmte Fai'be entspräche, wie dies freilich in 
den Lehrbüchern der Physik meist angenommen wird, und wenn andererseits 
durch zusammengesetzte Strahlungen nie Farben hervorgerufen würden, welche 
auch durch einfache Strahlungen veranlasst werden können, so ließe sich die 



§ 9. Die Reihe der tonfreien Farben. 25 

Einteilung der Farben in die durch einfache und die durch zusammengesetzte 
Strahlungen hervorgerufenen wenigstens einigermaßen rechtfertigen. Diese Voraus- 
setzungen treffen aber auch nicht entfernt zu. 

Wie schon eingangs erwähnt wurde, lassen sich die Farben in zwei 
große Gruppen scheiden. Rot, Gelb, Grün, Blau und die Übergänge zwischen 
je zweien dieser Sehqualitäten nannte Helmholtz Farben töne. Gleichviel ob 
eine Farbe einen dieser Töne in ausgesprochener Weise oder nur andeutungs- 
weise zeigt, immer können wir dieselbe als eine getönte oder bunte 
Farbe von jenen Farben unterscheiden, welche keine Spur eines Farben- 
tones zeigen. So erhalten wir also einerseits die Gruppe der getönten oder 
bunten Farben, andererseits die Gruppe der tonfreien F^'arben, welche 
sämtliche schwarze, graue und weiße Farben umfasst. Man hat diese beiden 
Gruppen seither als farbige und farblose Gesichtsempfmdungen unterschieden. 

Die Lehre von den tonfreien Farben hat man im engeren Sinne als 
die Lehre vom Lichtsinne, die Lehre von den bunten Farben als die 
Lehre vom Farbensinne bezeichnet. 

Ich beginne mit der Betrachtung der tonfreien Farben. 

§ 9. Die Reihe der tonfreien Farben. Sämtliche tonfreien Farben 
lassen sich in einer Reihe derart angeordnet denken, dass an den einen 
Endpunkt das reinste zur Anschauung zu bringende Schwarz, an den andern 
das reinste uns vorkommende Weiß zu liegen käme, während dazwischen 
alle möglichen Dunkelheits- bezw. Helhgkeitsstufen das Schwarz, Grau- 
schwarz, Schwarzgrau, Grau, Weißgrau, Grauweiß und Weiß sich in stetiger 
Folge aneinander reihen. Nach ihren beiden Endfarben kann man diese 
tonfreie Reihe auch als die schwarz-weiße Farbenreihe benennen. 

Man lege auf ein Fensterbrett das schönste mattweiße Papier, welches 
man herstellen kann, und auf das Papier ein auf der einen Seite versilbertes 
Deckgläschen, welches eine ganz reine Spiegelfläche darbietet. Stellt man 
sich dann so vor das Fenster, dass sich in dem Deckglase eine gleichmäßig 
helle Stelle des Himmels für das Auge spiegelt, so sieht man auf dem 
Papiere ein kleines quadratisches Feld, dessen Weiß noch außerordentlich 
viel reiner erscheint als das des Papieres, welches man jetzt als ein ins 
Grau spielendes Weiß bezeichnen wird. Man hat hier den Vorteil, dass, 
besonders bei nicht genauer Akkommodation, das vom Deckglase gespiegelte 
Weiß in der Ebene des Papieres und als ein Bestandteil dieser Ebene 
erscheint, worauf, wie wir sahen, bei der Vergleichung zweier Farben viel 
ankommt. 

Schlägt man mit einem Locheisen in ein weißes Kartenpapier ein Loch 
mit ganz scharfem, weder aufgeworfenen noch eingedrückten Rande, legt 
auf ein Fensterbrett einen größeren Spiegel und hält das Papier so zwischen 
Auge und Spiegel, dass es den Rahmen desselben ganz verdeckt und mög- 



26 



Lehre vom Lichtsinii 



liehst gut beleuchtet ist, so sieht man das vom gespiegelten Himmelslicht 
erleuchtete Loch ebenfalls als ein kleines Feld von schönster Reinheit des 
Weiß in der mehr graulichweiß erscheinenden Ebene des Papieres. 

Es ist bei diesen Versuchen gleichgültig, ob die gespiegelte Stelle des 
Himmels blau oder gleichmäßig bewölkt ist; man erkennt in dem kleinen weißen 
Felde das Blau nicht. Selbst ein »tiefblauer« Himmel giebt unter den genannten 
Umständen ein Weiß von überraschender Reinheit. 

Will man sich auch noch alle Zwischenfarben zwischen dem an der 
Stelle des Deckglases oder Loches erscheinenden reinen Weiß und dem 
schon etwas graulichen Weiß des Papieres zur Anschauung bringen, so 
nimmt man das in § 1 6 beschriebene kleine Polariphotometer vor das Auge, 
nachdem man den Nicol desselben zunächst auf 0° eingestellt hat. Man 
sieht jetzt das kleine rein weiße Feld fast ebenso wie zuvor; dreht man 
aber den Nicol, so verliert das Weiß mehr und mehr von seiner anfäng- 
lichen Reinheit, bis es schließHch unterschiedslos in dem minder reinen 
Weiß des Papiers verschwindet. Dass daneben ein zweites Bild des kleinen 
Feldes sichtbar ist, welches umgekehrt bei der Drehung des Nicol immer 
reiner weiß wird, ist hier gleichgültig. Wer sich gewöhnt hat, alle Farben, 
welche man als weiß zu bezeichnen pflegt, zusammenzuwerfen, ihnen allen 
dieselbe Qualität zuzuschreiben und nur verschiedene »Intensitätsstufen« 
dieser Qualität gelten zu lassen, wird sich auf die beschriebene Weise an- 
schaulich machen können, dass die verschiedenen Stufen der Reinheit des 
Weiß sich auch als verschiedene Qualitäten auffassen lassen, und verstehen, 
was unter verschiedener Qualität der weißen Farben gemeint ist. 

In anderer, von der oben beschriebenen grundsätzlich verschiedenen 
Weise kann man sich die Abwandlung eines gegebenen Weiß einerseits nach 
reineren Stufen des Weiß, andererseits nach dem Grau hin veranschaulichen, 
wenn man durch ein in der Mitte eines größeren weißen Kartenblattes 
befindhches Loch von \ — 2 cm Durchmesser nach einem, dem ersteren 
ganz gleichen, z. B. auf dem Fensterbrett horizontal liegenden Kartenblatt 
von oben hinabblickt. Hält man das gelochte Blatt zunächst ebenfalls 
horizontal und so, dass es das darunter liegende nicht beschattet, so er- 
scheint das Loch als ein kleines Feld von genau oder sehr angenähert dem- 
selben Weiß wie seine Umgebung. Dreht man aber das gelochte Blatt 
langsam um eine horizontale Achse mit seinem dem Fenster zugewandten 
Rande nach unten, so wird die Farbe des kleinen Lochfeldes, dessen 
Lichtstärke dabei ganz ungeändert bleibt, immer graulicher und 
schließlich sogar schwärzlichgrau; dreht man dagegen das gelochte Blatt in 
der entgegengesetzten Richtung, so wird die Farbe des kleinen Feldes immer 
reiner weiß. Der ganze Farbenwechsel des Loches ist dabei auffallend 
groß, und man kann sich auf diese Weise alle Zwischenfarben zwischen 
einem ziemlich dunklen Grau und einem relativ sehr hellen reinen Weiß 



§ 9. Die Reihe der toiifreien Farben. 27 

nacheinander vorführen. Auf die Änderungen, welche bei diesem Versuche 
die Farbe des gelochten Blattes selbst erfährt, kommt hier nichts an, es 
handelt sich nur um die Änderung der Farbe des dem Loche entsprechenden 
kleinen Feldes. 

Eine ganz ähnliche Abwandlung eines Weiß nach einem reineren Weiß 
bezw. nach einem Grau hin lässt sich erzielen, wenn man das gelochte 
Blatt horizontal an einem Stativ befestigt, welches z. B. auf einem Sessel 
steht, während man ein zweites ganz gleiches aber ungelochtes Blatt so 
unter das gelochte hält oder halten lässt, dass es von letzterem nicht be- 
schattet wird. Hat das untere Blatt dabei zunächst ebenfalls die horizontale 
Lage, so erscheint das Lochfeld nahezu oder ganz gleich der übrigen Fläche 
des gelochten Blattes. Lässt man aber das untere Blatt langsam in ganz 
ähnlicher Weise drehen, wie beim vorigen Versuche das obere, so sieht 
man das Weiß des Lochfeldes je nach der Richtung der Drehung entweder 
immer reiner weiß oder immer graulicher und schheßlich sogar schwarz- 
grau werden. 

Hierbei wird die Änderung der Farbe des kleinen Feldes durch 
Veränderungen der Stärke der von dem unteren beweglichen Blatte aus- 
gesandten Strahlung herbeigeführt, bei dem vorhergehenden Versuche aber 
blieb diese Strahlstärke ganz unverändert und die Farben- 
änderung des kleinen Feldes wurde lediglich durch Änderung 
der Strahlstärke des oberen beweglichen Blattes bewirkt. Nach 
einer noch vielfach üblichen unzutreffenden Auffassung des Sachverhaltes 
würde die Farbenänderung des Loches bei dem einen Versuche als eine 
objektive, bei dem anderen als eine subjektive zu bezeichnen sein. Hier 
kommt es zunächst nur darauf an, sich zu veranschaulichen, wie ganz 
dieselbe Abwandlung der Farbe eines weißen Feldes durch zw^ei grundver- 
schiedene Mittel erzielt werden kann, und dass die Farbenänderungen bei 
beiden Versuchsweisen mit genau demselben unausweichlichen Zwange er- 
folgen, daher es ganz gleichgültig ist, ob der Beobachter sich über die 
physikalischen Bedingungen des Versuches klar ist oder nicht. Der Physiker 
sieht bei dem erstbeschriebenen Versuche trotz seiner Überzeugung von der 
unveränderten Lichtstärke des kleinen Feldes die Farbenänderungen desselben 
ebenso wie das unerfahrene Kind, und alle Reflexionen und Urteile über 
den Zusammenhang der Erscheinungen ändern hier nichts Wesentliches an 
dem, was bei dem Versuche gesehen wird. 

Aus den beiden hier nebeneinander gestellten Versuchen geht zugleich 
hervor, wie einseitig man verfährt, wenn man das Grau als ein Weiß von 
geringer Strahlstärke, als ein »lichtschwaches Weiß« (2, S. 324) definiert. 
Von zwei nebeneinander in derselben Ebene erscheinenden Feldern wird 
bei gleicher Empfindlichkeit der bezüglichen Teile des somatischen Sehfeldes 
das lichtschwächere allerdings minder rein weiß bezw. grau erscheinen. 



23 Lehre vom' Lichtsinn. 

wenn das lichtstärkere weiß erscheint; aber bei genau derselben Strahl- 
stärke kann ein kleines Feld auch bei Ausschluss jeder »Ermüdung« der 
bezüglichen Sehstelle je nach den Nebenumständen bald weiß, bald grau, 
bald sogar schwarz gesehen werden. Die Strahlstärke des Feldes ist 
eben nur einer der verschiedenen Faktoren, welche die Farbe 
desselben bestimmen. 

Wir haben soeben gesehen, dass es eine ganze Reihe stetig ineinander 
übergehender Farben giebt, für welche wir den Sammelnamen Weiß be- 
nutzen ; beginnend mit dem reinsten Weiß, welches wir uns zur Anschauung 
bringen können, erstreckt sich diese Reihe durch immer weniger reine und 
dem Grau ähnlicher werdende Farben bis in jene Gegend der tonfreien 
Farbenreihe, welche wir bereits nicht mehr als weiß, sondern als grauweiß, 
weißgrau oder hellgrau bezeichnen. Es ist selbstverständlich innerhalb 
gewisser Grenzen der Willkür anheimgegeben, welche Farben wir hierbei 
noch als weiß und welche wir bereits als graulich benennen wollen. 

Ein gegebenes grauweißes Feld lässt sich nun in ganz analogen Ver- 
suchen, wie ich sie soeben für das Weiß beschrieben habe, durch immer 
minder weißliche Stufen hindurch in Farben überführen, für welche die 
Bezeichnung weißlichgrau nicht mehr, und die Bezeichnung schwärzlichgrau 
noch nicht passend, vielmehr die Bezeichnung grau schlechtweg am an- 
gemessensten erscheint. Wieder bilden diese Farben eine ganze Reihe, 
welche weiterhin in die schon deutlich schwärzlichen Stufen des Grau 
übergeht, bis wir zur Reihe jener Farben gelangen, welche wir unbedenklich 
bereits als schwarz bezeichnen. An das Ende der ganzen Reihe gehört 
dann das reinste Schwarz, welches wir uns anschaulich zu machen ver- 
mögen. 

Solch tiefes Schwarz sehen wir z. B,, wenn wir in ein mattschwarzes 
steifes Blatt oder in eine mit schwarzem Samt oder Wollpapier überzogene 
Papptafel ein Loch von mehreren Gentimetern Durchmesser schlagen, das 
Blatt oder die Pappe als festschließenden Deckel eines tiefen, mit schwarzem 
Samt ausgeschlagenen Kastens benutzen und denselben in einem gut be- 
leuchteten Zimmer aufstellen. Das Loch eines solchen Dunkelkastens, 
wie ich ihn im Folgenden kurz nennen will, erscheint dann, besonders auf 
den ersten Blick, in einem tiefen, ganz auffallend reineren Schwarz, als 
das schwarze Papier oder der schwärzeste Samt, auch wenn letzterer so 
gebürstet und mit seinen Fasern gegen das Fenster so orientiert ist, dass 
er möglichst wenig Licht zurückwirft. Im Vergleich mit dem Schwarz des 
Loches erscheint der Samt selbst unter den günstigsten Umständen noch 
mit einem deutlichen Stich ins Grau. Ist das Loch nicht zu groß, so kann 
man sich mit Hilfe des Polariphotometers in der oben beschriebenen Weise 
auch noch die ganze Reihe von Zwisehenfarben zwischen dem tiefen Schwarz 
des Loches und dem minder reinen Samtschwarz zur Anschauung bringen. 



§ 9. Die Reihe der tonfreien Farben. 29 

Bei alledem habe ich vorausgesetzt, dass man den Samt aus einer Ent- 
fernung betrachtet, welche die Wahrnehmung seiner Fasern ausschließt. 

Das Schwarz ist ebenso eine Sehqualität wie jede andere Farbe, und 
wenn man die letzteren Empfindungen nennt, so muss man auch das 
Schwarz als eine Empfindung gelten lassen. »Wir unterscheiden,« sagte 
schon Helmholtz, »die Empfindung des Schwarz deutlich von dem Mangel 
aller Empfindung.« »Hinter unserem Rücken« sehen wir kein Schwarz, 
sondern sehen wir überhaupt nicht. Dass wir aber ein tiefes Schwarz 
nur dann sehen, wenn das Gesichtsfeld im übrigen gut beleuchtet ist, hat 
Helmholtz dabei nicht erwähnt. 

Es giebt freilich keine schwarzwirkenden Strahlungen, wie es weiß- 
oder rotwirkende giebt; wenn man aber nur diejenigen Phänomene des 
Gesichtssinnes als »Empfindungen« gelten lassen wollte, welche unter der 
unmittelbaren Wirkung der Lichtstrahlen entstehen, so dürfte, wie wir 
sehen werden, eine große Mannigfaltigkeit von Gesichtserscheinungen, welche 
man jetzt unbedenklich als Empfindungen zu bezeichnen pflegt, diesen Namen 
nicht mehr führen. Alle Farben sind für den Physiologen Erscheinungen, 
nach deren physiologischem Korrelat er zu suchen hat, das Schwarz ebenso 
wie das Weiß oder das Rot. 

Man sollte auch nicht, wie dies noch Helmholtz that, sagen: »einen 
Körper, der kein Licht reflektiert, wenn solches auf ihn fällt, nennen wir 
schwarz. « Denn ganz abgesehen davon, dass wir uns einen solchen Körper 
zwar denken können, dass aber bis jetzt keiner aufzeigbar ist, so könnte 
jene Bemerkung ein grobes Missverständnis herbeiführen, weil ein Körper 
eine relativ große Lichtmenge in unser Auge schicken und doch schwarz 
erscheinen kann. 

Man betrachte eine mit aller Sorgfalt berußte Fläche, das Prototyp 
einer schwarzen Fläche für den Physiker, durch eine mit schwarzem Samt 
ausgekleidete Röhre mit kleiner unterer Öffnung bei guter Beleuchtung, und 
man wird das durch das offene Ende der Röhre sichtbare Feld grau oder 
sogar weißlichgrau sehen, und zwar schon beim ersten Hineinschauen. Nach 
längerem Augenschluss kann es sogar weiß gesehen werden. Der Physiker 
mag dasjenige schwarz nennen, was seines Wissens möglichst wenig Licht 
zurückwirft, für den Sinnesphysiologen aber ist nur das schwarz, was er 
schwarz sieht, mag es viel oder wenig Licht ins Auge schicken. 

Bei geschlossenem und vor jedem Lichteinfall geschützten Auge, sowie 
in einem ganz lichtlosen Dunkelzimmer sieht man kein auch nur ange- 
nähert reines Schwarz. Man stelle sich in einem gut beleuchteten Zimmer 
vor den oben erwähnten Dunkelkasten, schließe und verdecke die Augen 
so lange, bis jede Spur der meistens, wenn auch nur undeutlich, zurück- 
bleibenden Nachbilder verschwunden ist, und gebe sich Rechenschaft von 
dem, was man jetzt sieht. Dann öffne man die Augen und richte sie auf 



30 Lehre vom Lichtsinn. 

das Loch des Dunkelkastens, so wird man den großen Unterschied zwischen 
der Farbe des Sehfeldes bei geschlossenem Auge und dem viel tieferen 
Schwarz des Loches leicht erkennen. 

Ein tiefes Schwarz entsteht nur, wenn gleichzeitig andere und insbe- 
sondere benachbarte Teile des Sehfeldes weiß oder grau erscheinen, und 
daher um so mehr, je stärker bis zu einer gewissen Grenze das Gesichts- 
feld beleuchtet ist. 

Wenn man in einer mondscheinlosen Winternacht bei eben erst be- 
ginnender Morgendämmerung erwacht, so bemerkt man unter den noch 
kaum unterscheidbaren Teilen des Sehfeldes keineswegs auch schwarze, 
sondern alles erscheint zunächst in einem stellenweise etwas weißlicheren, 
stellenweise etwas schwärzlicheren Grau. Erst in dem Maße als die Be- 
leuchtung wächst und einzelne Teile des Sehfeldes eine immer deutlichere 
Weißlichkeit gewinnen, werden gleichzeitig andere immer schwärzlicher, 
bis endlich sowohl Weiß als Schwarz reiner hervortreten. Selbst die tiefste 
Nacht ist für uns nicht schwarz, sondern grau, und erst der aufgehende 
Tag scheidet für unser Auge Licht und Finsternis und zeigt uns neben 
dem Hell das Dunkel, neben dem Weiß das Schwarz. Die herrschende 
Ansicht, nach welcher mit wachsender Lichtstärke eines Außen- 
dinges und seines Netzhautbildes notwendig auch die »Stärke« 
der entsprechenden »Lichtempfindung«, das soll heißen, die 
Helligkeit oder Weißlichkeit der korrelativen Stelle des Sehfeldes 
wachsen müsse, gehört zu jenen Vorurteilen, welche dem Ver- 
ständnis der Thatsachen des Gesichtssinnes ganz besonders hin- 
derlich sind. — 

Alle grauen Farben sind untereinander insofern verwandt, als sie 
gleichzeitig an Schwarz und an Weiß erinnern; ein dunkles Grau erscheint 
dem Schwarz ähnlicher als dem Weiß, ein helles Grau dem letzteren ähn- 
licher als dem Schwarz, ein zwischen diesen beiden Grau liegendes kann 
zweifelhaft lassen, ob es dem Weiß oder dem Schwarz ähnlicher ist. In 
diesem Sinne können wir sagen, jedes Grau sei zugleich weißlich und 
schwärzlich, bald mehr das eine, bald mehr das andere, oder im beson- 
deren Falle, es sei beides in ungefähr gleichem Maße. Sehen wir zwei 
verschieden reine Schwarz nebeneinander, so erinnert das minder reine 
mehr oder weniger an Grau und also mittelbar an Weiß, und Analoges 
gilt von zwei verschieden reinen weißen Farben. Gehen wir vom schwar- 
zen Ende der tonfreien Farbenreihe nach dem Weiß hin, so sehen wir 
die Schwärzlichkeit der Farbe immer mehr abnehmen, bis im reinsten 
Weiß die letzte Spur von Schwärzlichkeit verschwindet. Durchlaufen wir 
die Reihe umgekehrt vom weißen nach dem schwarzen Ende hin, so sehen 
wir ebenso die Weißlichkeit der Farbe stetig abnehmen und schließlich ver- 
schwinden. 



§ 9. Die Reihe der tonfreien Farben. 31 

Wir finden also in der ganzen Reihe nur zwei variable Merkmale oder 
Eigenschaften, nämlich die Schwärze und die Weiße. Habe ich zwei verschie- 
dene tonfreie Farben vor mir, so vermag ich ihre Verschiedenheit dadurch zu 
kennzeichnen, dass ich sage, die eine sei etwas bezw. viel schwärzlicher als 
die andere, oder die eine sei etwas bezw. viel weißlicher als die andere. 
Freilich hat jedes bestimmte tonfreie Grau seine Qualität für sich und ist 
weder weiß noch schwarz; es handelt sich aber hier nur um die ver- 
schiedenen Grade der Ähnlichkeit mit dem reinsten Schwarz einerseits, 
dem reinsten Weiß andererseits. So kann man auch, wenn man durch 
einen Punkt einer vertikalen Ebene beliebig viele gerade Linien gelegt denkt, 
sagen, die Richtung einer um 20" von der Vertikalen abweichenden Ge- 
raden sei der vertikalen Richtung ähnlicher als der horizontalen, und die 
Richtung einer um 45*^ geneigten Geraden sei der horizontalen ebenso ähn- 
lich oder verwandt wie der vertikalen, sie habe ebensoviel vom Charakter 
der einen wie der anderen, ebensoviel Horizontalität wie Vertikalität. Der 
Einwand, dass eine Richtung doch nicht zugleich vertikal und horizontal 
sein könne, dass sie stets einfach und nicht aus zwei Richtungen zusam- 
mengesetzt sei, wäre hier ebensowenig am Platze wie der, dass ein Grau 
nicht zugleich weiß und schwarz sein könile, und dass es eine einfache 
und keine zusammengesetzte Empfindung sei. 

Wenn man, wie dies auch jetzt noch vielfach geschieht, die qualita- 
tive Verschiedenheit der tonfreien Farben nicht gelten lassen und hier nur 
verschiedene Intensitätsstufen einer einzigen Qualität, d. h. der »weißen 
Empfindung«, annehmen will, so kann man nur von stärkerem und schwä- 
cheren Weiß sprechen und muss jedes Schwarz, welches noch nicht das 
allerreinste und allerdunkelste ist, als ein schwächstes Weiß bezeichnen. 
Wer sich so ausdrückt, denkt dabei gar nicht eigentlich an das, was er 
sieht, sondern an ein sogenanntes weißes Strahlgemisch, das zu schwach 
ist, um mehr zu bewirken als eine minimale Aufhellung d. i. Weißung 
jenes absoluten Schwarz, welches er sich entweder als die eigentliche Grund- 
farbe des Gesichtsfeldes bezw. des ganzen Weltraumes, oder aber als 
die, einem absoluten Ruhezustande des inneren Auges entsprechende 
Farbe des Sehfeldes vorstellt. W^äre eine solche Auffassung überhaupt 
zulässig, so würde sich doch eine qualitative Verschiedenheit der einzelnen 
tonfreien Farben insofern ergeben, als das, einer absoluten Strahlenlosigkeit 
des Gesichtsfeldes oder aber einer absoluten Ruhe des inneren Auges ver- 
meintlich entsprechende Schwarz doch nur in dem Maße in der Anschau- 
ung zurücktreten könnte, als die »Intensität der Empfindung« sich steigert 
und also das Weiß hervortritt. 

Die Auffassung der verschiedenen tonfreien Farben als bloßer Inten- 
sitätsstufen einer und derselben Sinnesqualität hat sich einerseits daraus 
entwickelt, dass die helleren Farben im allgemeinen aufdringlicher sind als 



32 Lehre vom Lichtsinn. 

die dunkleren, was später zu erörtern sein wird, andererseits aus der be- 
grifflichen Vermengung der Farbe mit dem physikalischen Agens, durch 
welches ihr Erscheinen zumeist veranlasst wird. Alle Energien der Außen- 
welt, welche, auf unsere Sinnesorgane wirkend, die bezüghchen Sinnes- 
qualitäten in unser Bewusstsein treten lassen, hat die Wissenschaft in ihrer 
Kindheit mit demselben Namen belegt, welchen bereits jene Sinnesqualitäten 
führten. Eine Flüssigkeit, welche sauer schmeckt, nannte man eine Säure ; 
das Agens, welches uns Wärmegefühl erzeugt, nannte man Wärme, und 
die Strahlungen, welche, auf unser Auge wirkend, Licht und Farben des 
Sehfeldes veranlassen, nannte man Licht. Die Geschichte der Physik ist 
zugleich eine Geschichte des Kampfes mit den Vorurteilen, welche aus dieser 
sprachlichen Identifizierung der Sinnesqualitäten mit ihren physikalischen 
Ursachen entsprangen. Zu diesen Vorurteilen gehörte auch dieses, dass 
alle jene Verschiedenheiten der Farbe, welche durch bloße Intensitäts- 
verschiedenheiten der auf das Auge wirkenden Strahlung bedingt sind, 
ebenfalls bloße Intensitätsverschiedenheiten einer und derselben Empfin- 
dungsqualität seien. 

Diese Auffassung fand weitere Nahrung in folgendem Umstände: So- 
bald die ins Auge fallende Strahlung eine gewisse, von dem jeweiligen 
Zustande des Sehorgans mit abhängige Intensitätsgrenze überschreitet, er- 
zeugt sie lästige oder sogar schmerzhafte Empfindungen, welche jedoch, 
da sie neben der eigentlichen optischen Sinnesqualität bestehen und nicht 
Merkmale dieser selbst sind, auch nicht als Eigenschaften der eben gesehenen 
Farbe bezw. der die Farbe tragenden Raumgebilde und also überhaupt nicht 
als etwas außer uns Vorhandenes aufgefasst werden. Diese Empfindungen 
nun werden mit wachsender Intensität der Strahlung ebenfalls immer stärker, 
d. h. lästiger, schmerzlicher und ausgebreiteter, was wir ganz unmittelbar 
und ohne jede Kenntnis des zu Grunde liegenden physikalischen Vorganges 
auf die zunehmende Stärke eines auf uns wirkenden äußeren Reizes be- 
ziehen. Die Farben an sich aber werden, da wir sie lediglich als Eigen- 
schaften des im Sehfelde Unterscheidbaren nehmen, von dem Unbefangenen 
gar nicht als die Folgen eines ihn treffenden äußeren Reizes aufgefasst. 
Ein Mensch, der von Strahlungen oder Ätherwellen noch nichts weiß, 
nimmt auch eine Flamme, solange er sie nur sieht, nicht als etwas auf 
ihn Wirkendes, sondern lediglich als etwas im Außenraum Vorhan- 
denes; ist er jedoch der Flamme so nahe, dass sie ihm Wärmegefühl 
erzeugt, so nimmt er dieses Gefühl als eine Wirkung der Flamme und 
also die letztere als etwas auf seine Haut Wirkendes; und das Analoge gilt, 
wenn ihn die Flamme blendet und sein Auge belästigt. Solange eine 
Strahlung nur Farbe, also nur eine optische Sinnesqualität z. B. Weiß 
erzeugt, ist letzteres für den nicht weiter Unterrichteten nur ein Bestand- 
teil seiner optischen Außenwelt, nicht aber ein Agens, eine Kraft, ein Reiz, 



§ 10. Symbolische Bezeichnung der tonfreien Farben. 33 

die auf ihn wirken und seinen Empfindungszustand mehr oder weniger 
ändern. 

Es scheint mir daher unrichtig, wenn Helmholtz (2, S. 441 — 443) die 
»Empfindung der HelHgkeit« auf den »Lichtschmerz« zurückführen will, welcher, 
wie er meint, »wohl ausnahmslos eine gleichzeitig vorhandene Lichtempfindung 
begleitet«. Auf diese Weise lässt sich seine Ansicht, nach welcher die ver- 
schiedenen Helligkeitsgrade der tonfreien Farben bloße Intensitätsstufen einer und 
derselben Sinnesquahtät sein sollen, gegenüber der seinerzeit von mir entwickelten 
Auffassung nicht rechtfertigen. 

§ 10. Symbolische Bezeichnung der ton freien Farben. 
In dem Maße als sich die Beschaffenheit einer tonfreien Farbe der Be- 
schaffenheit des reinen Weiß nähert, entfernt sie sich zugleich von der 
des reinen Schwarz, je größer ihre Ähnlichkeit mit dem ersteren ist, 
desto kleiner ihre Ähnlichkeit mit dem letzteren. Daher ist jede tonfreie 
Farbe charakterisiert durch das Verhältnis, in welchem diese beiden Ähn- 
lichkeiten zueinander stehen, und wenn wir die Größe ihrer Ähnlichkeit 
mit dem reinen Schwarz, d. i. ihre Schwärzlichkeit oder Schwärze, durch 
das Zeichen S, die Größe ihrer Ähnlichkeit mit dem reinen Weiß, d. i. ihre 
Weißlichkeit oder Weiße, durch das Zeichen W ausdrücken, so ist das Ver- 

W S 

hältnis -^ oder — — ein Symbol für die Qualität der bezüglichen Farbe. 

Dass hier diese Symbole keinen »Bruch« und also in keiner Weise eine 
Größe bezeichnen, sondern lediglich ein Verhältnis, braucht wohl kaum 

W S 

besonders bemerkt zu werden; die Symbole -—- und -r— sind daher durch- 
aus gleichbedeutend. Nicht als ob wir beim Sehen der Farbe die beiden 
Glieder dieses Verhältnisses sondern und die gesonderten untereinander ver- 
gleichen würden: wir sehen vielmehr nur eine bestimmte Qualität, ohne 
uns dabei des Verhältnisses ihrer Ähnlichkeiten mit dem reinen Weiß und 
Schwarz besonders bewusst zu werden. Gleichwohl leitet uns dieses Ver- 
hältnis bei der Wahl der Bezeichnung für die verschiedenen tonfreien Farben; 
wir nennen ein Grau schwärzlich, wenn es dem Schwarz ähnlicher oder 
näher verwandt erscheint als dem Weiß, und weißlich, wenn das Gegenteil 
der Fall ist. 

Wie wir ferner bildHch sagen können: je näher eine Farbe dem reinen 
Weiß steht, desto ferner steht sie dem reinen Schwarz, so können wir uns 
auch auf der Strecke 5 iv (Fig. 2), wenn wir deren Endpunkt s als Symbol 
des allerdings nur gedachten und nie mit Sicherheit anschaulich zu machenden 
absoluten Schwarz, den Endpunkt w als Symbol des ebenfalls nur gedachten 
absoluten Weiß nehmen, sämtliche tonfreie Farben derart angeordnet denken, 
dass mit dem Abstände von s die Schwärzlichkeit der Farben stetig ab-, 
die Weißhchkeit stetig zunimmt, und zwar beides derart, dass gleichen 

Hering, Lichtsinn. 3 



34 



Lehre vom Lichtsinn. 



Zuwüchsen der Weißlichkeit bezw. der Schwärzlichkeit gleich- 
große Lagenunterschiede auf der Strecke s w entsprechen. 
Wie nun jedem Orte innerhalb der Strecke sw ein bestimmtes Verhältnis 



Fig. 2. 



^^/ 



^U 



ti 



rv 



seiner beiden Abstände von ä einerseits und von w andererseits entspricht, 
so auch jeder tonfreien Farbe ein bestimmtes Verhältnis zwischen ihrer 
Weißlichkeit und ihrer SchwärzHchkeit. Wenn also die Weißlichkeit der 
durch die Strecke sw repräsentierten Farben proportional ihrem Abstände 
von s, ihre Schwärzlichkeit proportional ihrem Abstände von %o wächst, so ließe 
sich die Qualität jeder einzelnen Farbe durch das Verhältnis dieser beiden 
Abstände ausdrücken. Die im Punkte d (Fig. 2) liegende Farbe z. B. wäre 



sd 



wd 



durch das Streckenverhältnis — , oder — r gekennzeichnet, vi^elches zugleich 

wd sd 

das Verhältnis der dem Punkte d entsprechenden Ordinaten der beiden 
parallelen Geraden sw^ und s^ w ist. 

Wollten wir einseitig verfahren und nur die Weißlichkeit der Farbe zur 
Grundlage ihrer Bezeichnung machen, so zeigt uns die soeben erörterte schema- 
tische Anordnung der tonfreien Farben die theoretische Möglichkeit, die Qua- 
lität jeder beliebigen tonfreien Farbe auch durch eine Zahl zu bezeichnen. Geben 
wir nämlich dem Abstände des absoluten Weiß vom absoluten Schwarz, welcher 
Abstand also dem denkbaren Maximum der Verschiedenheit zweier tonfreien 
Farben entspricht^ beispielsweise den Wert 2, so entspricht dem Werte \ das 
in der Mitte der schematischen Farbenreihe liegende Grau [m Fig. 2), welches 
dem absoluten Schwarz ebenso ähnlich ist, wie dem absoluten Weiß bezw. von 
beiden gleichstark verschieden ist; dem Werte 0,33 .. . ein Dunkelgrau (c^Fig. 2), 
dessen Weiße sich zur Schwärze verhält wie 1:2; dem Werte 1,33 .. . ein 
Hellgrau, dessen Weiße sich zur Schwärze verhält wie 2:1 u. s. f. Der 
numerische Ausdruck für die Weißlichkeit einer tonfreien Farbe F ergäbe 
sich also aus dem ihr entsprechenden Verhältnis W: S nach der Formel 

F 



Der wesentliche Unterschied dieser Art, die Weißlichkeit oder Helligkeit 
einer tonfreien Farbe numerisch definiert zu denken, von derjenigen, welche 



§ n. Vergleichung von Farbenverschiedenheiten untereinander. 35 

sich aus der Auffassung dieser Farben als bloßer Intensitätsstufen einer und der- 
selben Sehqualität ergiebt, liegt darin, dass wir für die Größe der Farbenver- 
schiedenheit zwischen dem Nullpunkt und dem Maximum der Weißlichkeit oder 
Helligkeit einen endlichen Wert einsetzen und mit demselben das absolute 
Weiß bezeichnen, während diesem nur gedachten Weiß, wenn es als Intensitäts- 
stufe und daher als das absolute Maximum der Intensität angenommen wird, der 
Wert oo zukommen würde. 

Zwischen und \ liegt dieselbe Menge numerisch ausdrückbarer Ver- 
hältnisse wie zwischen \ und oo, denn jedem diesseits \ gelegenen entspricht 
jenseits \ das umgekehrte Verhältnis. So liegen auch auf der ideellen Farben- 
linie (Fig. 2) zwischen dem absoluten Schwarz [s] und dem mittleren Grau {m) 
ebensoviel verschiedene Farben, wie zwischen letzterem und dem absoluten 
Weiß [w). 

Die tonfreie oder schwarz-weiße Farbenreihe ist vergleichbar der Gesamtheit 
aller Gemische, welche sich aus zwei, in jedem beliebigen Verhältnis mischbaren 
Dingen herstellen lassen: beide stellen eine eindimensionale Mannigfaltigkeit dar, 
und in der Mannigfaltigkeit der tonfreien Farben sind in solchem Sinne reines 
Weiß und Schwarz die beiden Variablen oder Mischelemente. Ich habe jedoch 
Leser gefunden, welche von einem Gemisch verlangten, dass jeder seiner Bestand- 
teile als solcher im Gemisch fortbestehe bezw. aufzeigbar sei. Nun ist freilich 
richtig, dass jemand, der nie ein Schwarz oder W^eiß gesehen hätte, auch in einem 
Grau nie etwas Schwärzliches oder Weißliches finden würde, während er in 
einem Gemisch von Linsen und Bohnen beide finden würde, auch wenn er sie 
nie gesondert gesehen hätte. Jedes Gleichnis hinkt, aber es ist das gesunde 
Bein, auf welchem es fußt, nicht das kranke. 

§ 11. Vergleichung von Farbenverschiedenheiten unter- 
einander. Auf einer in der beschriebenen Weise geordneten ideellen Farben- 
reihe oder Farbenhnie würde der gegenseitige Abstand zweier Farben zu- 
gleich ein Maß ebensowohl für die Verschiedenheit wie für die Ähnlichkeit 
derselben sein, denn die Größe ihrer Verschiedenheit wäre direkt propor- 
tional, die Grüße ihrer Ähnlichkeit umgekehrt proportional ihrem gegen- 
seitigen Abstände; Farbenpaare von gleichgroßer Verschiedenheit ihrer beiden 
Einzelfarben, kurz gesagt äquidifferente Farbenpaare, gleichviel welcher 
Teilstrecke der Farbenreihe sie angehören, ob der schwarzen, der grauen 
oder der weißen, würden Farbenpaare von gleichgroßem Abstand ihrer 
beiden Einzelfarben in der Farbenreihe sein ; einer doppelt so großen Ver- 
schiedenheit entspräche ein doppelt so großer Abstand der bezügUchen Orte 
in der Reihe u. s. w. Man brauchte also nur den gegenseitigen Abstand 
zweier beliebig gewählter Farben der Reihe als Maßeinheit zu nehmen, um 
für die Verschiedenheit zweier beliebiger anderer Farben ein durch Zahlen 
ausdrückbares Maß zu erhalten. 

Da das für die Endpunkte einer solchen schematischen Farbenreihe 
angenommene absolute Weiß und Schwarz nicht aufzeigbar und nur 
Gedankendinge sind; da ferner eine und dieselbe Strahlung je nach den 
Nebenumständen in sehr verschiedenen tonfreien Farben gesehen werden 

3* 



36 Lehre vom Lichtsinn. 

kann, und wir nicht im stände sind, diese Nebenumstände derart konstant 
zu erhalten, dass mit der bestimmten Strahlung auch immer dieselbe Farbe 
wiederkehren müsste: so wäre es schon aus diesen beiden Gründen un- 
möglich, die oben angenommene ideelle Farbenreihe z. B. durch eine ent- 
sprechende Reihe tonfreier Pigmente für das Auge in korrekter Weise zu 
verwirklichen, und zwar auch dann unmöglich, wenn für eine ganz kon- 
stante Beleuchtung derselben gesorgt wäre. Die* Bedeutung einer 
solchen nur gedachten Reihe der tonfreien Farben liegt also 
nur darin, dass man sich an derselben klar machen kann, in- 
wiefern man an die Verschiedenheit zweier tonfreien Farben 
eine Art Maß anzulegen vermag. 

Haben wir z. B. im Sehfelde drei tonfreie Farben f^^^ f^^ f^ nebenein- 
ander vor uns, von denen f^ weißlicher als Z*^, aber minder weißlich als f^ 
ist, und finden wir die Verschiedenheit von f^ und f^ entschieden größer 
als die von /^ und /"p, so vermögen wir gleichwohl nicht zu sagen, um 
wieviel diese Verschiedenheit größer ist als die andere. Wohl aber kann 
der Fall eintreten, dass es uns nicht möglich ist, mit Bestimmtheit zu 
sagen, die eine Verschiedenheit sei größer als die andere, dass wir also 
beide beiläufig gleich finden. 

Angenommen nun, man hätte eine sehr große Anzahl kleiner Täfelchen 
zur Verfügung, deren tonfreie Farben sich in äußerst feinen Abstufungen 
von einem möglichst dunklen Schwarz bis zu einem möglichst hellen Weiß 
erstrecken, und man hätte zunächst z. B. zwei graue, ganz deutlich, aber 
nicht allzusehr verschiedene Täfelchen ^ und (q nebeneinander gelegt, von 
welchen ^ das lichtstärkere wäre, so könnte man ein drittes noch licht- 
stärkeres Täfelchen /^ aussuchen, welches neben f^^ gelegt von diesem bei- 
läufig ebenso verschieden erscheint, wie f^ von /J,, sodann ein viertes aber- 
mals lichtstärkeres /*^, welches neben f^ gelegt wieder von diesem ebenso stark 
abzustechen scheint, wie /^ von Z'^, und so fort, solange man noch passende, 
immer lichtstärkere Täfelchen fände. In analoger Weise könnte man auf 
der anderen Seite von /J^ immer lichtschwächere Täfelchen Z"^, /), f\ .... 
anreihen, bis zum lichtschwächsten noch eben passenden, welches zu finden 
wäre. Würde der Grund, auf welchem man die Täfelchen geordnet hat, 
überall ganz gleich sein, die Beleuchtung ganz konstant bleiben, und auch 
die Stimmung des Auges während des ganzen Versuches sich nicht wesent- 
lich ändern, würden endlich die Täfelchen behufs der Vermeidung des Grenz- 
kontrastes fs. u.) nicht dicht aneinander gelegt, sondern je ein schmaler 
und überall gleichbreiter Streifen des Grundes zwischen ihnen freigelassen, 
so würde sich auf diese Weise eine w^enigstens einigermaßen beständige 
Stufenreihe tonfreier Farben herstellen lassen, auf welcher die Verschieden- 
heit je zweier Nachbarfarben überall angenähert gleichgroß erscheint. 

Nimmt man die Größe (den Grad) dieser Verschiedenheit als Maßeinheit 



% i^. Vergleichung von Farbenverschiedenheiten untereinander. 37 

und setzt sie ^= i, so würde die Verschiedenheit zweier Farben, welche 
eine dritte zwischen sich hätten, =2, die Verschiedenheit zweier Farben, 
welche zwei andere zwischen sich hätten, = 3 zu setzen sein u. s. w. 
Kurzum die Größe der Verschiedenheit je zweier beliebiger auf einer solchen 
Farbenskala vertretenen Farben wäre der Zahl der Stufen, welche von der 
einen zur anderen führt, proportional zu setzen. 

Ferner könnte man die Verschiedenheit zweier Nachbarfarben der Skala 
gleichsam hälften, wenn man ein Täfelchen fände oder herstellte, welches 
zwischen sie gelegt, von beiden in gleichem Grade verschieden erscheint. 
Eine so auf den halben Wert gebrachte Verschiedenheit könnte man aber- 
mals hälften u. s. w., bis die Verschiedenheit der bezüghchen Täfelchen nur 
noch eben merklich und also unter den gegebenen Bedingungen nicht weiter 
teilbar wäre. 

In dieser Weise wäre also eine Art Messung der Verschiedenheit zweier 
tonfreien Farben auf Grund einer bestimmten, als Maßeinheit gewählten 
Verschiedenheitsgröße durchführbar; mit welchem Grade von Sicherheit oder 
vielmehr Unsicherheit, kann hier dahingestellt bleiben. Immer aber 
würde es sich dabei nur um eine messende Vergleichung von 
Farbenverschiedenheiten, nicht aber um eine Messung der Far- 
ben selbst handeln; wir könnten die Größe oder den Grad der Verschieden- 
heit zweier Farben durch eine Zahl ausdrücken, für die Weißlichkeit und 
Schwärzlichkeit der einzelnen Farbe aber hätten wir keinen zahlenmäßigen 
Ausdruck gewonnen. 

Ein solcher wäre wie schon oben erwähnt nur denkbar, wenn wir die 
Farbenskala entweder bis zum absoluten Schwarz oder bis zum absoluten 
Weiß fortzusetzen vermöchten. Aber diese beiden Farben sind wie gesagt 
nur Gedankendinge, und wieviel äquidifferente Farbenstufen immer wir unter 
Benutzung aller hier denkbaren Kunstgriffe unserer Skala an beiden Seiten 
noch anzureihen vermöchten, nie könnten wir behaupten, dass wir mit dem 
dunkelsten Schwarz, welches wir hergestellt hätten, das dunkelste, für die 
Anschauung überhaupt mögliche, geschweige denn das, nur denkbare, ab- 
solute Schwarz erreicht hätten, und ebensowenig würde selbst das hellste 
von uns erzielte Weiß als das hellste überhaupt mögliche oder gar als das 
absolute Weiß gelten müssen. 

Unserer Farbenskala würden also die beiden Endstrecken und damit 
einerseits der Nullpunkt der Weißlichkeit, andererseits der Nullpunkt der 
Schwärzlichkeit fehlen, und wir könnten also auch nicht für eine in unserer 
Farbenskala vertretene Farbe die Zahl der als Maßeinheiten genommenen 
äquidifferenten Farbenstufen, welche zwischen sie und das absolute Schwarz 
zu liegen kämen, als Maß für ihre Weißlichkeit oder Helligkeit, und ebenso- 
wenig die Zahl der Farbenstufen, welche sie vom absoluten Weiß trennen, 
als Maß für ihre Schwärzlichkeit oder Dunkelheit benutzen. 



38 Lehre vom Lichtsinn. 

Aber auch wenn wir dies könnten, würden wir abermals nur einer 
Farben Verschiedenheit Ausdruck geben, nämhch der Verschiedenheit 
zwischen der bezüglichen Farbe und dem absoluten Schwarz bezw. Weiß. 
Keineswegs aber dürfte man die Farbe selbst als eine Grüße nehmen und 
meinen, die fragliche Zahl sei ein Ausdruck für diese Grüße, Wie der Ort 
eines Punktes auf einer Geraden selbst keine Grüße hat, sondern nur sein 
Abstand von einem zweiten Orte auf der Geraden quantitativ bestimmbar 
ist, so hat auch die Farbe als eine bloße Qualität keine Grüße oder Inten- 
sität, und nur ihre Verschiedenheit von einer anderen Farbe lässt sich quan- 
titativ auffassen. 

Da jede im Sehfeld oder Sehraum erscheinende Farbe eine Fläche oder einen 
Raum füllt und wären dieselben auch noch so klein, so kann man allerdings 
von der extensiven Größe einer Farbe sprechen; aber das Quantitative liegt hier 
in der räumlichen Ausdehnung, während die Farbe nur eine Qualität des bezüg- 
lichen Flächen- oder Raumteiles ist : die Farben sind sozusagen die Qualitäten 
des Sehfeldes oder Sehraumes, kurz, die optischen Raumqualitäten. 

Wenn ich von zwei tonfreien Farben sage, die eine sei weißlicher als 
die andere, so nehme ich die Weißlichkeit der Farbe allerdings als etwas 
Quantitatives, wie ich den Ort als etwas Quantitatives nehme, wenn ich von 
zwei Orten sage, der eine sei weiter nach rechts als der andere. Ersteren- 
falls liegt das Quantitative in der mehr oder weniger großen Ähnlichkeit mit 
reinem Weiß bezw. in der Verschiedenheit von reinem Schwarz, letzterenfalls 
in dem mehr oder minder großen Abstände von meiner Medianebene oder 
sonst welcher Ebene, auf welche ich das Links oder Rechts beziehe. Was 
Fechner und Helmholtz als »Intensität einer Lichtempfindung« bezeichnet 
haben, entspricht eben der Weißlichkeit derselben. Aber so unzutreffend 
es wäre, von zwei verschieden weit nach rechts liegenden Punkten zu sagen, 
der eine sei intensiver als der andere, so unzutreffend ist es, der weißlicheren 
von zwei Farben eine grüßere Intensität zuzuschreiben. 

Ebenso wie ich die eine von zwei tonfreien Farben als die weißlichere 
bezeichnen kann, kann ich die andere als die schwärzlichere bezeichnen. 
Letzterenfalls halte ich mich an die mehr oder minder große Ähnlichkeit 
der Farben mit dem Weiß, anderenfalls an die Ähnlichkeit mit Schwarz. 
Das Merkmal der Schwärze ist deutlicher in der einen, das der W^eiße deut- 
licher in der anderen gegeben, und dem entspricht ihre qualitative Ver- 
schiedenheit. Gebrauche ich statt der Worte Weißlichkeit und Schwärzlich- 
keit die Worte Helligkeit und Dunkelheit und bezeichne die weißliche Farbe 
als die hellere, so liegt das Missverständnis, dass es sich dabei um eine 
Intensitätsverschiedenheit der beiden Empfindungen handle, um so näher, 
als sehr gewühnlich das Wort Helligkeit promiscue sowohl für die Weißlich- 
keit der »Empfindung« als auch für die Intensität der sie veranlassenden 
Strahlung benutzt worden ist. Deshalb ist es unzweckmäßig, die Intensität 



% M. Vergleichung von Farbenverschiedenheiten untereinander. 39 

einer optischen Strahlung als deren Helligkeit zu bezeichnen, vielmehr sollte 
man dieses Wort nur auf die, durch die Strahlung veranlasste Farbe an- 
wenden. 

Der erste, der eine Skala äquidifferenter Farbenstufen herzustellen versuchte, 
war Plateau (7, S. 468). Zu einem weiß- und einem schwarzpigmentierten 
Quadrate suchte er dasjenige mittelgraue, welches für das Auge von beiden 
gleichstark verschieden erschien, sodann ein hellgraues, welches von dem weißen, 
und ein dunkelgraues, welches von dem schwarzen ebenso stark abstach wie 
von dem mittelgrauen. So erhielt er eine Skala von fünf beiläufig äquidifferenten 
Farben. Indem er absah von »der kleinen Lichtmenge«, welche von dem schwarzen 
Quadrate reflektiert wurde, und »von der schwachen Lichtempfindung, welche 
die Augen selbst im vollständigsten Dunkel wahrnehmen«, setzte er die »Inten- 
sität« der dem schwarzen Quadrat entsprechende Empfindung = und die In- 
tensität der dem nächstliegenden dunkelgrauen Quadrate entsprechenden Empfin- 
dung = \ und kam so zu dem Ergebnis, »dass die Intensitäten der den fünf 
Farben entsprechenden Empfindungen, vom Schwarz bis zum Weiß, sich zuein- 
ander verhalten wie 0, 1, 2, 3, 4«, und dass also z. B. das hellgrau erscheinende 
Quadrat eine »Empfindung hervorbringt, deren Intensität gleich ist drei Vierteln 
der weißen Empfindung«. Er meint also, dass wenn statt des schwarz bemalten 
Quadrates »ein ganz lichtleerer Raum genommen würde« und »die schwache 
Lichtempfindung«, welche nicht von physikalischen, sondern von »physiologischen 
Aktionen herrührt«, beseitigt werden könnte, das dann gesehene Schwarz dem 
wahren Nullpunkt der Empfindung entsprechen und das Versuchsergebnis dann 
noch »ein wenig genauer« sein würde. 

Als der erste Versuch einer messenden Vergleichung von Farbenverschieden- 
heiten schien mir die Untersuchung Plateau's hier besonders erwähnenswert; 
denn thatsächlich handelt es sich dabei um die Messung von Farbenverschieden- 
heiten, nicht wie Plateau meint, um eine Messung der Farben (»Empfindungs- 
intensitäten«) selbst. 

Übrigens bezweckte Plateau bei seinen Versuchen nicht, wie wir im obigen, 
eine Untersuchung der P'arben und ihrer Verschiedenheiten als solcher, und die 
Herstellung seiner Farbenskala war ihm nicht Selbstzweck, vielmehr sollte ihm 
dieselbe nur dazu dienen, ein Gesetz für die Abhängigkeit der »Intensität der 
Lichtempfindung« von der Intensität der sie erzeugenden Strahlung zu finden, 
worauf später zurückzukommen sein wird. 

Plateau hat auch bereits den Vorschlag gemacht, die zu den fraghchen 
Untersuchungen nötigen tonfreien Farben nicht mit Pigmenten, sondern mit Hilfe 
des Farbenkreisels herzustellen. Auf seine Anregung hat sodann Delboeuf (8) 
diese Methode benutzt, um auf einer Kreisfläche drei konzentrische Ringe von 
verschiedener Farbe derart herzustellen, dass die Farbe des mittleren Ringes von 
der Farbe des ihn umschließenden Ringes ebenso stark abwich, wie von der 
Farbe des von ihm umschlossenen Ringes. Auch diese Versuche bezweckten 
nur die Auffindung eines Gesetzes der Beziehung zwischen den Lichtintensitäten 
und den »Empfindungsintensitäten«. Dasselbe gilt von den mit drei nebenein- 
ander rotierenden Kreiseln ausgeführten Untersuchungen von A. Lehmann und 
H. Neiglick (9). 

Zu demselben Zwecke experimentierte Ebbinghaus (1 0, S. 1 008) wieder mit 
tonfreien Pigmenten. Er stellte sich eine Stufenreihe von sieben äquidifferenten 
Farben auf Papierscheiben her, und indem er sich die Mannigfaltigkeit der ton- 



40 Lehre vom Lichtsinn. 

freien Farben auf einer Geraden angeordnet und jede einzelne Farbe, wie ich 
dies seinerzeit gethan hatte (4, § 22), durch einen bestimmten Ort auf dieser 
Geraden sjmboUsiert dachte, bezeichnete er seine Farbenskala als eine Reihe 
>äquidistanter Helligkeiten« und sagt ganz im Sinne dieser Auffassung: »die 
Anschauung der Helligkeitsdistanzen verhält sich zu derjenigen der einzelnen 
Helligkeiten sehr ähnlich wie die Anschauung einer räumlichen Strecke zu der- 
jenigen der einzelnen Orte.« Doch hat er später wieder von den einzelnen 
tonfreien Farben als von verschiedenen »Empfindungsstärken« gesprochen und 
das, was ich qualitative Verschiedenheiten nannte, als »Stärkeverschiedenheiten 
der Empfindungen« bezeichnet, weil seiner Ansicht nach »kein Anlass vorliegt, 
diesen Sprachgebrauch anzutasten« (i1, S. 50 6). 

Als eine Reihe äquidifferenter Helligkeiten wollte schon Fechner (4 2, \. Teil, 
S. 158) die Skala der Sterngrößen angesehen wissen, welche die Astronomen 
lediglich auf Grund des Aussehens der Sterne schon lange vor der photometrischen 
Untersuchung ihrer Lichtstärken unterschieden haben. Aber obwohl der Gesichts- 
winkel der Fixsterne gleich Null gesetzt werden kann, erscheinen dieselben doch 
nicht bloß verschieden hell, sondern auch verschieden groß und zwar auch dann, 
wenn das Auge auf natürliche oder künsthche Weise für parallele Strahlen mög- 
lichst gut eingestellt ist. Hiermit steht auch das von den Astronomen gewählte 
Wort Sterngröße in Einklang. Wenn dem Auge alle Fixsterne von ganz gleicher 
Größe oder vielmehr Kleinheit und nur verschieden hell erscheinen würden, was 
thatsächlich nicht der Fall ist, so würde man wahrscheinlich gar nicht von ver- 
schiedener Größe der Sterne gesprochen haben. Bei der Unterscheidung der 
Sterngrößen kommt also nicht bloß der Lichtsinn, sondern auch der Raumsinn 
des Auges in Frage, und jedenfalls ist bisher nicht bewiesen worden, dass die- 
selbe ausschließlich mit Hilfe des Lichtsinns erfolge. 

Wie es sich erklärt, dass mit der Lichtstärke der Sterne außer ihrer Hellig- 
keit auch ihre scheinbare Flächengröße wächst, wird später erörtert werden. 

§ 12. Die Reihe der Farbentöne. Jede bunte Farbe kann bei 
gleicher Qualität ihres bunten Merkmals, das ich im Einklang mit Helmholtz 
als ihren Ton bezeichne, mehr oder weniger weißlich, graulich oder 
schwärzlich, gleichsam durch Weiß, Grau oder Schwarz in verschiedenem 
Grade verschleiert oder verhüllt sein. Bunte Farben, welche solche Ver- 
hüllung nicht ohne weiteres bemerken lassen, will ich freie Bunt färben 
(couleurs franches) nennen; diejenigen aber, welche neben ihrem Farbenton 
eine mehr oder riiinder deutliche Weißlichkeit, Graulichkeit oder Schwärz- 
lichkeit zeigen, mögen verhüllte heißen. 

Die möglichst freien Buntfarben werden gewöhnlich als gesättigte 
Farben bezeichnet. Da aber seit Helmholtz unter Sättigung auch eine 
Eigenschaft der bezüglichen Strahlungen verstanden worden ist, da 
Helmholtz ferner zum Kriterium einer gesättigten Farbe nur das Fehlen 
einer deutlichen Weißlichkeit oder Graulichkeit, nicht aber auch das Fehlen 
einer deutlichen Schwärzlichkeit gemacht hat, so werde ich zur Vermeidung 
von Missverständnissen das Wort »gesättigt« gar nicht gebrauchen. Die 
klarste Definition eines Wortes nutzt erfahrungsgemäß wenig, wenn dasselbe 
dem Leser bereits in einer anderen Bedeutung geläufig geworden ist; 



§ 12. Die Reihe der Farbentöne. 41 

unwillkürlich verbindet er immer wieder mit dem Worte die alten Vor- 
stellungen. 

Die bunten Farben, mögen sie mehr oder weniger frei sein, lassen 
sich nach ihrem Farbentone auf einer in sich zurücklaufenden Reihe, einem 
sogenannten Farbenzirkel, derart geordnet denken, dass die Verschieden- 
heit des Tones je zweier unmittelbar benachbarter minimal, die Ähnlichkeit 
maximal ist, so dass die Farbentöne überall stetig ineinander übergehen. 

Nehmen wir auf einem solchen Farbenzirkel eine beliebige Farbe als 
Ausgangspunkt, z. B. ein Rot ähnlich demjenigen, mit welchem ein Spektrum 
am langwelligen Ende gewöhnlich beginnt, so sehen wir die in der einen 
Richtung sich anreihenden roten Farben immer deutlicher gelblich werden, 
während die Rötlichkeit der Farbe entsprechend zurücktritt, bis wir durch 
Orange und Goldgelb hindurch zu einem Gelb gelangen, welches keine Spur 
mehr von der noch im Orange so deutlichen Röte zeigt. An dieses Gelb 
schließen sich andere gelbe Farben an, welche mehr und mehr ins Grün 
spielen (Schwefelgelb, Kanariengelb); weiterhin tritt (wie im Saftgrün) hinter 
der immer deutlicher werdenden Grünlichkeit die Gelblichkeit mehr und 
mehr zurück und wir gelangen endlich zu einem Grün, welches völlig gelb- 
frei erscheint. Diesem Grün folgen grüne Farben^ die bereits ins Blau 
spielen (Wassergrün), weiter wird die Bläulichkeit der Farben immer stärker, 
die Grünlichkeit immer schwächer (Wasserblau), bis wir ein Blau erreichen, 
welches gar keine Grünlichkeit mehr zeigt. An dieses Blau schließen sich 
blaue Farben von mehr und mehr wachsender Rötlichkeit und entsprechend 
abnehmender Bläulichkeit an (Blauviolett, Rotviolett, Purpurrot), bis in einem 
bestimmten Rot die letzte Spur von Bläulichkeit verschwindet. Diesem Rot 
folgen sodann spurweis gelblich werdende rote Töne, bis wir wieder jenes 
Rot erreichen, von dem wir ausgingen. 

Wie schon aus dieser Beschreibung hervorgeht, finden sich in der zu 
einem Zirkel geschlossenen Farbentonreihe vier ausgezeichnete Stellen: 
erstens die Stelle desjenigen Gelb, welches keine Spur von Rötlichkeit mehr 
zeigt, andererseits aber auch noch keine Spur von Grün erkennen lässt; 
zweitens die Stelle desjenigen Blau, von dem dasselbe gilt. Diese beiden 
Farbentöne mögen als Urgelb und Urblau bezeichnet werden. Ebenso 
können wir drittens dasjenige Rot und viertens dasjenige Grün, welche 
weder irgend bläulich noch irgend gelblich sind, als Urrot und Urgrün 
benennen. 

Sämtliche Farbentöne lassen sich auf dem Zirkel so ordnen, dass die 
genannten Urfarbentöne denselben in seine vier Quadranten teilen, wie 
dies Taf. I anschaulich machen soll. Dieselbe stellt in der unteren Figur 
einen Farbenzirkel dar, auf welchem allerdings nur eine sehr beschränkte 
Zahl von bunten, leider zum Teil stark verhüllten Farben wiedergegeben 
ist, diese jedoch in der, einem idealen Farbenzirkel entsprechenden Folge 



42 Lehre vom Lichtsinn. 

der Farbentöne ^). Man sieht sofort, dass allen auf der linken Hälfte dieses 
Zirkels liegenden Farben eine mehr oder weniger deutliche Gelblichkeit oder 
Gilbe, allen auf der rechten Hälfte gelegenen eine mehr oder minder deut- 
liche Bläue gemeinsam ist, während alle der oberen Hälfte angehörenden 
in verschiedenem Maße der Deutlichkeit grünlich oder grün, alle Farben 
der unteren Hälfte aber rötlich oder rot sind. Wir unterscheiden dement- 
sprechend eine gelbhaltige und eine blauhaltige, und ebenso eine 
rothaltige und eine grünhaltige Hälfte des Farbenzirkels. 

Jeder Quadrant eines solchen aus möglichst vielen und gleich freien 
Farbentönen bestehenden Zirkels wird gebildet von den zwischen je zwei 
Urfarben liegenden Zwischentönen. Greifen wir irgendeine solche 
Zwischenfarbe, z. B. ein beliebiges Orange heraus und suchen uns klar 
zu machen, welche Ähnlichkeiten und welche Unterschiede zwischen dem 
Tone dieses Orange und den nach beiden Seiten angrenzenden Farben- 
tönen bestehen. Ähnlich sind alle Farbentöne dieser kleinen Strecke in- 
sofern, als sie erstens alle rötlich und zweitens alle gelblich sind, und zwar 
nimmt, wenn wir die Farben in der einen Richtung durchmustern, die Röte 
zu und die Gilbe ab, während in der entgegengesetzten Richtung die Gilbe 
zu- und die Röte abnimmt. Was die einzelnen Farbentöne dieser Strecke 
unterscheidet, ist also lediglich das verschiedene Verhältnis 
der Deutlichkeit ihrer Röte zur Deutlichkeit ihrer Gilbe. 

Ganz anders verhält es sich, wenn wir eine Urfarbe, z. B. das Urgelb, 
mit den sich beiderseits anreihenden Farbentönen vergleichen. Da finden 
wir, dass die Gilbe, welche im Urgelb am ausgesprochensten ist, nach 
beiden Richtungen hin abnimmt, und dass dafür in der einen Richtung 
eine immer deutlicher hervortretende Röte, in der anderen Richtung eine 
zunehmende Grüne bemerkbar ist. Die nach der einen Seite an das Urgelb 
grenzenden Farben zeigen also neben ihrer Gilbe eine Eigenschaft, von 
welcher in den nach der anderen Seite angrenzenden keine Spur bemerk- 
lich ist; denn jene spielen ins Grüne, diese ins Rote, und das Urgelb bildet 
den Wendepunkt, vor welchem die Grünlichkeit aufhört und hinter welchem 
die Rötlichkeit beginnt. Nur eine bunte Eigenschaft, die Gilbe, ist allen 
Farben dieser kleinen Strecke gemeinsam, während den Farben einer zwischen 
zwei Urfarben liegenden Strecke stets zwei bunte Merkmale gemeinsam 
sind, deren eines in demselben Maße an Deutlichkeit gewinnt, als das 
andere verliert. 

Denkt man sich den beschriebenen Farbezirkel derart gehälft et, dass 
die Teilungslinie nicht durch zwei Urfarben, sondern zwei beliebige einander 



1) Die das Urrot und Urgrün vertretenden Farbentöne der Figur haben bei 
Tageslicht für mein Auge noch einen Stich ins Gelb. Eine größere Freiheit der 
Farben wäre nur erreichbar gewesen, wenn man auf Lichtbeständigkeit der Pig- 
mente verzichtet hätte. 



Graefe-Saemisch , Handbuch, 2. A . , I.Teil ,XII. Kap. 



Tafeil. ^^ 




zu S.4^2. 



h:r= 0,15:0,25 



Verlag v.WUlielmljigeliTiaim Inleipzig. 



I.itLAnst vE.AJiirikB Jeipzig 



§ 12. Die Reihe der Farbentöne. 43 

gegenüberliegende Zwischenfarben geht, z. B. durch ein bestimmtes Violett 
und ein bestimmtes Grün-Gelb, und vergleicht die Farbentöne je einer 
Hälfte untereinander, so findet man kein allen diesen Tönen gemeinsames 
buntes Merkmal. Nahe dem einen Ende der einen Hälfte sehen wir dann 
rotviolette oder Purpurtöne, nahe dem anderen Ende grüngelbe Töne, und 
die ersteren haben mit den letzteren nichts gemeinsames in ihren bunten 
Eigenschaften. In der anderen Hälfte finden wir nahe dem einen Ende 
derselben blauviolette Töne, nahe dem anderen Ende gelbgrüne, und aber- 
mals zeigen die letzteren keine Verwandtschaft oder Ähnlichkeit mit den 
ersteren. Wir mögen den Zirkel hälften wie wir wollen, immer stoßen 
wir, wenn die Teilungslinie nicht durch zwei Urfarben geht, auf Farben, 
welche mit gewissen anderen Farben derselben Hälfte keinerlei buntes 
Merkmal gemeinsam und daher mit denselben keinerlei Ähnlichkeit des 
Farbentones haben. Auf diese Weise erkennen wir abermals, dass eine 
rationelle Einteilung des Farbenzirkels oder Gruppierung der Farbentöne 
auf Grund ihrer inneren Verwandtschaft nur mit Hilfe der genannten vier 
Urfarben möglich wird. 

Wenn wir eine Farbe sehen, deren Ton einem der vier Urfarbentöne 
sehr nahe steht, so können wir zweifelhaft sein, ob ihr Ton dem der be- 
züglichen Urfarbe genau entspricht oder nicht. Haben wir aber eine ganze 
Reihe nach ihrer Verwandtschaft geordneter z. B. roter Farbentöne derart 
vor uns, dass am einen Ende der Reihe ein ganz deutlich bläuliches, am 
anderen Ende ein ganz deutlich gelbliches Rot liegt und dazwischen alle 
durch das Urrot hindurch gehenden Übergangstöne, so kommen wir, 
wenn wir die Reihe langsam z. B. vom bläulich -roten Ende her durch- 
mustern, stets zu einem Rot, welches insofern einen Wendepunkt in der 
Reihe bildet, als hier jede Bläulichkeit aufhört und weiterhin die Gelblich- 
keit beginnt. Durchläuft unser Blick die Reihe vom anderen Ende her, so 
kommt es sehr gewöhnfich vor, dass das, dem Wendepunkte entsprechende 
Rot, in welchem die Gelblichkeit eben aufhört, dem gelblichroten Ende der 
Reihe etwas näher liegt, als die bei der ersten Art der Durchmusterung 
für das Urrot gefundene Stelle. Dies ist eine Folge des successiven Farben- 
kontrastes; das Auge, welches soeben gelbliches Rot gesehen hat, sieht in- 
folge des Kontrastes dort bläuliches Rot, wo ihm Urrot oder gelbliches Rot 
erscheinen würde, wenn es zuvor Bläulichrot gesehen hätte. Überhaupt 
hängt es von der jeweiligen chromatischen Stimmung des Auges, über 
welche später zu sprechen sein wird, wesentlich mit ab, welche Farbe von 
einer bestimmten Strahlung hervorgerufen wird, daher es schon deshalb un- 
möglich wäre, für jede Urfarbe ein ganz bestimmtes Pigment oder eine 
ganz bestimmte Strahlung als diejenigen zu bezeichnen, durch welche diese 
Urfarbe unter allen Umständen hervorgerufen werden müsse. 

Dazu kommen noch, sofern es sich um zusammengesetzte Strahlungen 



44 



Lehre vom Lichtsinn. 



handelt, die Verschiedenheiten des Tageslichtes, von welchem das bezüg- 
hche Pigment beleuchtet wird, und endlich die individuellen Verschieden- 
heiten des Farbensinnes. Jede Farbe und also auch eine Urfarbe ist, wie 
wir schon sahen, nicht an eine bestimmte Strahlung, sondern an eine be- 
stimmte Regung unseres inneren Auges gebunden, und nur, wenn die 
Stimmung des letzteren wieder genau dieselbe ist, wird auch eine be- 
stimmte Strahlung wieder genau dieselbe Art der Regung und dement- 
sprechend genau dieselbe Farbe erwecken. 

Denken wir uns die Reihe der Farbentöne, welche im idealen Farben- 
zirkel zwischen zwei Urfarben z. B. Urgelb und Urrot liegen, auf einer 
Geraden (RG Fig. 3) angeordnet, an deren beiden Endpunkten die beiden 
so können wir die verschiedenen Grade der Ähnlichkeit^ 

welche die einzelnen Zwischen- 
Fig. 3. 

Gt 



Urfarben liegen. 




farbentöne mit denen der beiden 
Urfarben haben, durch das bei- 
stehende Schema (Fig. 3) dar- 
stellen. Das Viereck EB^ G^ G 
sei durch die Diagonale i?i G in 
eine untere rote [BB^ G) und 
eine obere gelbe [GG^B^ Hälfte 
geteilt. Zu jedem Punkte der 
Geraden BG, z. B. zum Punkte r, 
gehört eine Ordinate [rg\ welche einesteils im roten, anderenteils im gelben 
Teile des farbigen Vierecks liegt; das Verhältnis dieser beiden Ordinatenteile 
ist für jeden Punkt der Geraden ein anderes und drückt das für den bezüg- 
lichen Farbenton charakteristische Deutlichkeitsverhältnis der Röte zur Gilbe 
aus. Wir sehen den gelben Ordinatenteil in dem Maße wachsen und den 
roten abnehmen, in welchem die Ähnlichkeit der bezüglichen Farbe mit dem 
Urgelb wächst und die Ähnlichkeit mit dem Urrot abnimmt. 

Eine derartige schematische Darstellung der Ähnlichkeits - oder Ver- 
wandtschaftsverhältnisse der Farbentöne lässt sich auf den ganzen Farben- 
zirkel anwenden, wie dies die obere Figur auf Taf. I zeigt. Zugleich giebt 
dieses Schema eine passende Unterlage für die Bezeichnung der Zwischen- 
farbentöne. Es genügt, dies an einem Quadranten des Farbenzirkels zu 
erläutern : 

Sämtliche zugleich dem Urrot und dem Urgelb verwandten Farbentöne 
lassen sich als rot-gelbe oder gelb-rote bezeichnen, womit zunächst über das 
Verhältnis ihrer Röte zur Gilbe nichts ausgesagt sein soll. Sind diese 
beiden Merkmale in dem Farbentone beiläufig gleich deutlich, so könnte 
man ihn unter Benutzung des Gleichheitszeichens rot = gelb oder gelb = rot 
nennen. Überwiegt die Röte offenbar die Gilbe, so bezeichnet der Sprach- 
gebrauch die Farbe als gelbrot und im umgekehrten Falle als rotgelb, was 



§ 12. Die Reihe der Farbentöne. 45 

sich auch durch gelb <^ rot, bezw. rot <^ gelb ausdrücken ließe. Hat end- 
lich der überwiegend rötliche Farbenton nur einen deutlichen Stich ins 
Gelbe, so nennt man ihn gelblichrot (gelb <[ <[ rot), und ist der Ton ganz 
überwiegend gelblich und spielt nur ins Rot, so heißt er rütlichgelb 
(rot < <Z gelb). 

Auch könnte man, wie dies einst H. Spencer vorgeschlagen hat, die 
einzelnen Farbentöne des Farbenzirkels in analoger Weise benennen, wie 
die Himmelsrichtungen auf der Windrose, indem man an die Stelle der 
vier Haupt-Himmelsrichtungen die vier Urfarbentöne setzt. 

Immer aber handelt es sich bei diesen Farbenbezeichnungen nur um 
das, w^as man eben an der Farbe sieht, nicht um das Strahlgemisch oder 
das Pigment, von denen die bezügliche Farbe veranlasst wurde und an 
welches man vielleicht dabei denkt. 

Man hat bestritten, dass den von mir als Urfarben bezeichneten Farben- 
tönen eine ausgezeichnete Stellung in der Farbenreihe zukomme, und behauptet, 
dass man mit demselben Rechte jeden anderen Farbenton eine Urfarbe nennen 
könne; nur zufällige, gar nicht im Wesen der Farben begründete Umstände 
hätten dahin geführt, vier Farbentöne bezw. Gruppen einander nahestehender 
Farbentöne mit besonderen Worten (Rot, Gelb, Grün, Blau) zu bezeichnen. 
Es lässt sich mit dem, der solches behauptet, nur unter der Voraussetzung 
sprechen, dass derselbe ebenso sieht, wie wir selbst, dass also die Qualitäten 
seines Gesichtssinnes dieselben sind, wie die des unserigen, und dass Unterschiede 
und Ähnlichkeiten, die wir zwischen den einzelnen Sinnesphänomenen finden, 
auch für den anderen vorhanden sind. Es mag sein, dass für einige von denen, 
die mir nicht zugestimmt haben, das Bunte in den Phänomenen des Gesichts- 
sinnes angeborenermaßen weniger entwickelt ist, wie es ja auch bei gewissen 
Augenleiden vorkommt, dass das Bunte immer weniger und schließlich gar nicht 
mehr gesehen wird, sondern nur noch Weiß, Grau und Schwarz. Zum Teil 
mögen auch lang eingewurzelte Vorstellungen und Meinungen zu einem Hindernis 
des Verständnisses dessen geworden sein, was ich meine. Aber auf solche 
Ursachen lassen sich keineswegs alle Einwendungen zurückführen, die man mir 
gemacht hat. Denn dieselben sind zu einem großen Teile derart, dass sie das 
Wesentliche meiner Auffassung gar nicht treffen, sondern nur die zufällig ge- 
wählte Art der Darstellung. So habe ich gesagt, man könne die Zwischenfarben, 
z. B. Orange, als zusammengesetzte oder gemischte bezeichnen zum Unterschiede 
von den Urfarben als einfachen Farben. Dagegen wurde eingewendet, dass es 
zusammengesetzte Gesichtsempfindungen nicht gebe, und dass Orange eine ebenso 
einfache Empfindung sei wie Rot oder Gelb. Mir scheint es hier völlig gleich- 
gültig zu sein, ob man von zusammengesetzten Empfindungen sprechen will oder 
nicht, und ob man die Phänomene des Gesichtssinnes überhaupt Empfindungen 
nennen will. Es handelt sich lediglich darum, dass diesen Phänomenen gewisse 
Merkmale oder Eigenschaften zukommen, dass bestimmte Merkmale oder Eigen- 
schaften ganzen Gruppen dieser Phänomene gemeinsam sind, wenn auch den 
einzelnen Gliedern einer Gruppe in verschiedenem Maße der Deutlichkeit, und 
dass eben hierauf die mehr oder minder große Ähnlichkeit der einzelnen Glieder 
einer Gruppe beruht. So charakterisiert eine gewisse Röte und eine gewisse 
Bläue alle zwischen dem Urrot und dem Urblau liegenden Töne des Farbenzirkels. 



46 Lehre vom Lichtsinn. 

Ob ich nun die Röte und Bläue des Violett als Bestandteile oder Komponenten, 
oder ob ich sie als Merkmale oder Eigenschaften des Violett bezeichne, scheint 
mir hier gleichgültig. Wesentlich aber scheint mir, dass man Violett und Orange 
nicht in demselben Sinne als Merkmale des Urrot nehmen kann, wie Gelb und 
Rot als Merkmale des Orange, oder Blau und Rot als solche des Violett, obwohl 
das Rot in der Farbenreihe ganz ebenso zwischen Orange und Violett steht, wie 
Orange zwischen Rot und Gelb oder Violett zwischen Rot und Blau. 

Die später zu besprechende Thatsache, dass man durch Mischung eines 
blauen Farbstoffes mit einem gelben ein grünaussehendes Gemisch erhält, 
kann den, der eine strenge begriffliche Scheidung zwischen der Farbe als 
Sinnesqualität und dem als Träger der Farbe erscheinenden Farbstoffe noch 
nicht vorgenommen hat, vielleicht verführen, einem Grün zugleich Gilbe 
und Bläue zuzuschreiben, obwohl die Beobachtung lehrt, dass ein ganz 
gleichartiges grünes Farbenfeld nie in deutlicher Weise zugleich gelblich 
und bläulich aussieht. Man kann wohl zweifelhaft sein, ob man ein gegebenes 
Grün für Urgrün nehmen dürfe oder ob es nicht doch vielleicht spurweise 
gelblich oder bläulich sei. Niemand aber wird behaupten wollen, dass ein 
Grün in deutlicher Weise zugleich gelblich und bläulich sein könne, wie ein 
Violett zugleich bläuUch und rötlich erscheint, und niemand wird versuchen, 
ein Grün als Blaugelb oder Gelbblau in demselben Sinne zu bezeichnen, 
wie man ein Violett unbedenklich als Rotblau oder Blaurot bezeichnet. 

Aber möge man der hier vertretenen Auffassung zustimmen oder nicht, 
so ist doch unbestreitbar, dass sie uns das Mittel giebt, die verschiedenen 
Farbentöne verständlich zu benennen. Dies wird eben nur dadurch mög- 
lich, dass in den bunten Farben vier variable Eigenschaften angenommen 
werden, nämlich die Röte, Gilbe, Grüne und Bläue, und so die entsprechen- 
den vier Farbentöne zur Grundlage der Nomenklatur gemacht werden. 
Sobald man nur drei Variable, z. B. Rot, Grün und Violett, gelten lässt 
und auf diese eine Nomenklatur zu gründen versucht, überzeugt man sich 
sofort von der Unbrauchbarkeit des Verfahrens. Man muss dann z. B. 
Gelb als ein Rotgrün oder Grünrot, Blau als ein Violettgrün oder Grünviolelt 
bezeichnen. Dass man dadurch dem Uneingeweihten ganz unverständlich 
würde, wäre zwar störend, aber in theoretischer Hinsicht gleichgültig. Nicht 
gleichgültig aber wäre, dass bei solcher Bezeichnungsweise die Namen der 
Farben gar nicht zum Ausdruck bringen, in welcher Art und in welchem 
Grade die letzteren unter sich verwandt erscheinen. 

Übrigens wird später dargelegt werden, dass den vier Variabein des 
Farbentones, welche ich angenommen habe, auch vier physiologische Variable 
entsprechen, womit dann die Einwände gegen meine Auffassung auch denen 
gegenüber ihre Erledigung finden werden, welche die F'arben nicht nach 
ihrer Beschaffenheit, sondern auf Grund korrelativer physiologischer Prozesse 
ordnen wollten. 



§ 4 2. Die Reihe der Farbentöne. 47 

Schon AuBERT (6, S. 186) sagte im Jahre 1865: »Wollen wir uns über 
die Farbenempfindungen verständigen, so genügen als Ilauptbezeichnungen die 
Worte Schwarz, Weiß, Rot, Gelb, Grün und Blau, die ich daher als Prinzipal- 
empfindungen oder Prinzipalfarben bezeichnen möchte.« »Die Zusammensetzungen 
und sonstigen Modifikationen jener Worte genügen, um alle unsere Farben- 
empfindungen auszudrücken oder wenigstens auf die Prinzipalempfindungen in 
verständlicher Weise zu beziehen.« Auch E. Mach (13, S. 321), auf dessen Unter- 
suchungen zurückzukommen sein wird, nahm Rot, Gelb, Grün, Blau als »Grund- 
farbenempfindungen« an, »da man nur in diesen bei der bloßen Betrachtung 
keine anderen Farben erkennt« ^). 

Helmholtz stand einer lediglich auf die Eigenschaften der Farben selbst 
gegründeten Analyse derselben durchaus ablehnend gegenüber. »Welch trügerisches 
Mittel,« wandte er mir ein (2, S. 380), »die angebhche innere Anschauung in 
solchen Dingen ist, zeigt am besten das Beispiel von zwei solchen Autoritäten, 
wie Goethe und Sir D. Brewster, die beide glaubten, im Grün das Blau und 
Gelb zu sehen, aus denen sie es, getäuscht durch die Erfahrungen an Maler- 
farben, gemischt glaubten.« Was sich Helmholtz hier unter »innerer An- 
schauung« gedacht hat, ist mir nicht verständlich. Wenn ich offenen Auges 
zw^ei vor mir erscheinende Farben vergleiche, so geschieht dies mittels einer 
»äußeren Anschauung« und auf Grund solcher Vergleichungen beruht eben die 
Analyse der Farben als Sehqualitäten. Der h'rtum Goethe's und Brewster's 



V v. Kries hat neuerdings irrtümlicherweise von einer »Vierfarbentheorie« 
Aubert's gesprochen (Handb. d. Physiol. von Nagel, III. Bd., S. 146). Aber dieser 
um die Lehre vom Licht- und Farbensinn so verdiente Forscher hat nie irgend- 
welche Farbentheorie entwickelt; er hat lediglich einen »Einteilungsgrund« für die 
Mannigfaltigkeit der Farben gesucht, »um sich verständigen zu können«, und dem- 
entsprechend »besonders hervorragende oder sich oft wiederholende Empfindungen 
zur Basis genommen«, wie man dies »seit den ältesten Zeiten« gethan habe. Erst 
später habe man »die Ursachen als Einteilungsgrund benutzt oder die Verschieden- 
heit der zuleitenden Organe oder Nerven«. Bei der Erklärung der Thatsachen, 
insbesondere der Nachbilder und des Kontrastes, hat sich Aubert »im ganzen der 
BRÜCKE-HELMHOLTz'schen Auffassung angeschlossen« (6, S. 389). Die YouNo'sche 
Dreifarbentheorie hat er eingehend und durchaus nicht ablehnend diskutiert; von 
einer eigenen Theorie ist aber in Aubert's Schriften nichts zu finden. Der Aus- 
druck »Vierfarbentheorie« ist zuerst von mir gebraucht worden, als Donders einer 
von mir entwickelten Theorie eine andere, ebenfalls auf der Annahme von vier 
bunten Urfarben (Rot, Gelb, Grün, Blau) beruhende entgegengestellt hatte. Dürfte 
man die von Aubert benutzte Nomenklatur als eine Vierfarbentheorie bezeichnen, 
so wäre auch nicht Aubert, sondern die Sprache als Autor derselben zu nennen, 
denn dieselbe hat Rot, Gelb, Grün und Blau längst als die Hauptfarben aus der 
Mannigfaltigkeit der bunten Farben herausgehoben. Später hat Aubert der von 
mir entwickelten Theorie, welche ich insbesondere als die Theorie der Gegen- 
farben bezeichnet habe, in allen irgend wesentlichen Punkten ausdrücklich zu- 
gestimmt und dieselbe seiner Darstellung der Lehre vom Licht- und Farbensinn 
in der ersten Auflage dieses Handbuches zu Grunde gelegt. Eine Rechtfertigung 
seines früheren Standpunktes lag für ihn in der Meinung, dass die Theorie der 
Gegenfarben und die YouNO-HELMHOLTz'sche Dreifarbentheorie »sehr wohl mit 
einigen Modifikationen nebeneinander bestehen könnten, wenn man den Er- 
regungs Vorgang streng unterscheide vom Empfin dungs Vorgang « , und für 
ersteren die Dreifarbentheorie, für letzteren die von mir entwickelte gelten ließe. 
Nachher ist auch Donders für eine solche Fusion der YouNc'schen Theorie und 
seiner eigenen Vierfarbentheorie eingetreten. 



48 Lehre vom Lichtsinn. 

lässt sich ebenso gut als ein weiterer Beweis dafür anführen, dass man den 
Mitteln und Methoden, durch welche man sich eine Farbe zur Anschauung ge- 
bracht hat, keinen Einfluss auf die Beurteilung der Farben als solcher gestatten 
darf. Eine beherzigenswerte Mahnung giebt uns der Irrtum Goethe's aller- 
dings. Er zeigt, einen wie großen Einfluss hier vorgefasste Meinungen und 
durch dieselben geweckte Associationen auf unser Urteil nehmen können; und 
wenn es mir nicht gelungen wäre, auch noch auf einem ganz anderen als dem 
oben eingeschlagenen Wege, zu zeigen, dass Weiß, Schwarz, Gelb, Blau, Rot 
und Grün die Variabein des Lichtsinnes sind, so würde ich als Physiologe 
seinerzeit Bedenken getragen haben, dies mit solcher Bestimmtheit anzunehmen, 
wie ich es gethan habe. 

§ 13. Die Gegenfarben. Der Farbenzirkel zeigt uns, wie jede der 
vier bunten Urfarben durch eine Reihe stetig ineinander übergehender Zwischen- 
töne verbunden ist, daher wir eine rot-gelbe, gelb-grüne, grün-blaue und blau- 
rote Reihe von bunten Zwischen färben oder -tönen unterscheiden. Dagegen 
giebt es keine Reihe von rot-grünen oder gelb-blauen Zwischentünen, und also 
keine Farbe, deren Ton gleichzeitig dem Urrot und Urgrün, oder gleichzeitig 
dem Urgelb und Urblau ähnlich oder verwandt erscheint. Keine Farbe ist 
deutlicherweise rötlich und grünlich, keine gelbhch und bläulich zugleich, 
Röte und Grüne schheßen sich ebenso aus wie Gilb^ und Bläue. Von einer 
Farbe, welche etwas Rotes an sich hat, können wir zu einer Farbe, die 
mehr oder weniger grünlich ist, durch eine stetige, bunte Farbenfolge nur 
auf dem Umwege über das Urgelb oder das Urblau gelangen, und von einer 
irgendwie gelblichen zu einer bläulichen Farbe führt eine stetige Reihe von 
Farbentönen nur über das Urrot oder über das Urgrün. 

Die erwähnten vier Reihen von Zwischentönen verhalten sich ähnlich 
wie die schwarz-weiße Farbenreihe, auf welcher wir ebenfalls vom Schwarz 
zum Weiß durch eine stetige Reihe von Zwischenfarben gelangen können, 
deren jede einerseits dem Schwarz, andererseits dem Weiß mehr oder 
weniger verwandt erscheint. Zwischen Rot und Grün aber, oder zwischen 
Gelb und Blau giebt es keine analoge Farbenreihe. Ein freies Rot lässt 
sich durch stetig zunehmende Verhüllung mit einer tonfreien Farbe, z. B. 
mit einem Grau, in dieses überführen, und dieses Grau wieder durch stetige 
Abnahme der Verhüllung in freies Grün, und Analoges gilt von Gelb und 
Blau; aber es handelt sich hierbei abermals nicht um eine Farbenreihe, in 
welcher jedes Glied etwas von der bunten Qualität der beiden Endglieder 
Rot und Grün bezw. Gelb und Blau an sich hat. Denn von der freien 
roten Farbe ausgehend sehen wir die Röte der Farbe immer mehr schwinden, 
ohne dass sich gleichzeitig eine entsprechend wachsende Grünlichkeit zeigt, 
vielmehr muss erst die Röte im Grau gänzlich verschwunden sein, ehe 
jenseits dieses Grau die Grünlichkeit beginnen kann. 

Da also Röte und Grüne, bezw. Gilbe und Bläue in keiner Farbe gleich- 
zeitig deutlich sind, sich vielmehr gegenseitig auszuschheßen scheinen, habe 



§ U. Die verhüllten bunten Farben. 49 

ich dieselben als Gegenfarben bezeichnet. Hiermit soll zunächst lediglich 
die Art ihres Vorkommens gekennzeichnet sein ohne jede Beziehung auf 
irgendwelche Erklärung. 

Es werden später einige besondere Umstände zu besprechen sein, unter 
welchen man meinen kann, eine Farbe zu sehen, welche gleichzeitig rötlich 
und grünlich oder gelblich und bläulich ist; vorerst möge es bei der soeben 
aufgestellten Regel sein Bewenden haben. 

Zwei Zwischenfarbentüne, welche zwei einander gegenüber liegenden 
Quadranten des Farbenzirkels angehören, z. B. dem rot-gelben und dem 
grün-blauen, sind in doppelter Beziehung gegenfarbig; gehören sie jedoch 
zwei nebeneinander liegenden Quadranten an, wie z. B. dem rot-gelben und 
dem grün-gelben, so sind sie nur in einer Beziehung gegenfarbig. 

Es erscheint von vornherein höchst auffällig, dass es z. B. zwischen 
Rot und Grün nicht ebenso eine Reihe bunter Zwischenfarben giebt, wie 
zwischen Rot und Gelb oder zwischen Rot und Blau, dass es also keine 
Farben giebt, welche uns in ähnlicher Weise zugleich rötlich und grünlich 
erscheinen, wie das Orange zugleich rötlich und gelblich oder das Grau 
zugleich weißlich und schwärzlich. Wir dürfen daraus schließen, dass im 
inneren Auge ein physiologischer Prozess, dessen psychisches Korrelat von 
gleichzeitig deutlicher Röte und Grüne bezw. Gilbe und Bläue wäre, ent- 
weder überhaupt nicht oder nur unter ganz besonderen, ungewöhnlichen 
Bedingungen möglich ist. 

§ i4. Die verhüllten bunten Farben. Wenn eine bunte Farbe 
in deutlicher Weise weißlich, graulich oder schwärzlich erscheint, nenne ich 
sie, wie schon gesagt, eine verhüllte Farbe. So oft zwei Farben zwar 
denselben Farbenton zeigen, doch aber verschieden erscheinen, beruht dies 
darauf, dass ihre Verhüllung entweder nur verschiedenen Grades oder ver- 
schiedener Art oder beides zugleich ist. Da die Verhüllung der bunten 
Farbe mit jeder beliebigen, der schwarz-weißen Farbenreihe angehörigen 
Farbe und in allen denkbaren Graden bis zum fast völligen Verschwinden 
des Farbentones möglich ist, so entspricht jedem einzelnen Farbentone eine 
Mannigfaltigkeit verhüllter Farben, welche viel größer und höherer Ordnung 
ist, als die Mannigfaltigkeit der Farbentöne selbst. 

Man kann sagen, es lasse sich an jeder deutlich verhüllten bunten Farbe 
ein bunter und ein schwarz - weißer Bestandteil unterscheiden, und das 
Deutlichkeitsverhältnis dieser beiden Bestandteile oder Merkmale entspreche 
dem Verhüllungsgrade der bunten Farbe. Je ähnlicher letztere dem Weiß, 
Schwarz oder einem beliebigen Grau ist, desto größer ist, so lässt sich 
bildlich sagen, ihr schwarz-weißer, desto kleiner ihr bunter Bestandteil. 
Es handelt sich also auch hier wieder nur um einen Ausdruck für das 
Ausmaß der Ähnlichkeit, welchen z. B. ein gegebenes Grau -Rot einerseits 

Hering, Lichtsinn. 4 




50 Lehre vom Lichtsinn. 

mit dem freien Rot gleichen Tones, andererseits mit dem bezüglichen 
Grau hat. 

Denkt man sich an die eine Ecke r (Fig. 4) eines Dreieckes ein ganz 
freies Rot von bestimmtem Tone, an die zweite Ecke w ein ganz reines 
Weiß und an die dritte s ein ganz reines Schwarz gestellt, so kann man 
sich auf der von r zn w führenden Linie alle möglichen Stufen des Über- 
ganges von jenem freien Rot zum reinen Weiß, und auf der die Ecken 

r und s verbindenden Linie alle Übergänge zwischen 
Fig. 4. dem freien Rot und dem reinen Schwarz angeordnet 

denken. Mit wachsender Entfernung vom freien 
Rot würden also die so angeordneten Farben einer- 
seits immer mehr durch Weiß, andererseits durch 
Schwarz verhüllt erscheinen, bis schließlich im 
reinen Weiß oder Schwarz die letzte Spur von 
Röte verschwände. Zugleich ließe sich bei ent- 
sprechender Anordnung der Farben der Ort (z. B. q) 
eines bestimmten weißverhüllten Rot durch das 
Verhältnis [rq : qw) seiner Abstände einerseits vom 
freien Rot und andererseits vom reinen Weiß charakterisieren. 

Auf der dritten Seite [sw) des Dreieckes kann man sich ferner die 
ganze Reihe der schwarz-weißen Farben so angeordnet denken, wie dies in 
§40 erörtert wurde. Dann entspricht jedem Punkte dieser Seite ein be- 
stimmtes Weiß, Grau oder Schwarz, und auf jeder Geraden (z. B. rg)^ welche 
ein bestimmtes Schwarz- Weiß mit dem Orte des freien Rot verbindet, lassen 
sich alle Übergänge zwischen dem letzteren und dem ersteren, also alle 
Grade der Verhüllung mit eben diesem Schwarz- Weiß f^) in stetiger Folge 
untergebracht denken. Würden dann auch auf dieser Geraden die ver- 
hüllten Farben so geordnet sein, dass der Ort jeder einzelnen durch das 
Verhältnis [ry : yg) seiner Abstände von dem Orte des freien Rot und dem 
Orte des bestimmten Schwarz-Weiß [g] den Verhüllungsgrad der Farbe aus- 
drückt, so würden auf jeder zur Seite ws parallelen Geraden, z. B. auf ^(j 
Farben von gleich starker Verhüllung zu liegen kommen, in denen allen 
das Verhältnis der bunten Komponente der Farbe zur schwarz -weißen 
dasselbe wäre. 

Ein solches Verhüllungsdreieck, wie ich es nenne, würde die ganze 
Mannigfaltigkeit der, einem bestimmten Farbentone entsprechenden ver- 
hüllten Farben in erschöpfender Weise darbieten. Freilich ließe sich, selbst 
unter der Voraussetzung einer ganz bestimmten Beleuchtung und Augen- 
stimmung, nur ein sehr beschränkter Teil des Dreieckes durch Pigmente 
darstellen, u. a. schon deshalb, weil weder ein ganz freies Rot noch ein 
ganz reines Weiß oder Schwarz zur Anschauung gebracht werden könnte. 
Aber es ist wichtig, sich wenigstens teilweise die hier summarisch erörterte 



§ 4 4. Die verhüllten bunten Farben. 51 

Verhüllungsreihe irgendwie zu veranschaulichen, und ich darf hier um so 
mehr etwas ausführlich sein, als gerade in betreff der verhüllten Farben die 
in physikalischer Hinsicht so ausgezeichnete Darstellung von Helmholtz 
so manches schuldig bleibt, was aus dem Gesichtspunkte einer reinlichen 
Scheidung der Farben als Sehqualitäten von den optischen Stralilungen und 
deren Intensitäten und »Qualitäten« verlangt werden darf. 

Die Verhüllung einer bunten Farbe mit Weiß oder Grau oder Schwarz 
nannte AuBERT (6, S. 108) Nuancierung^ und auch ich habe seinerzeit dieses 
Wort in diesem Sinne gebraucht. Leider hat Aubert, verführt durch Grass- 
mann's Darstellung, außer den »Farbennuancen« auch noch »Farbenintensitäten« 
unterschieden, was sich gar nicht folgerichtig durchführen lässt, insbesondere 
nicht betreffs der »Nuancierung« mit Schwarz. 

Um einer, durch die hier von mir gewählte Bezeichnungsweise be- 
günstigten einseitigen Auffassung der verhüllten Farben zu begegnen, ist 
es zweckmäßig zu bedenken, dass der Begriff der Verhüllung sich nicht nur 
auf das bunte Merkmal (die bunte Komponente) der Farbe, sondern auch auf 
ihr schwarz-weißes Merkmal (die schwarz-w^eiße Komponente) anwenden lässt. 
Denken wir uns z. B. eine deutlich ins Graue spielende rote Farbe. Eine 
solche lässt sich auch auffassen als ein bestimmtes Grau, welches mehr 
oder weniger mit Rot verhüllt ist; sie lässt sich ferner auffassen als ein 
mit einem bestimmten Schwarz -Rot verhülltes Weiß oder umgekehrt als 
ein mit Weiß verhülltes Schw^arz-Rot. Endlich lässt sie sich auffassen als 
mit einem bestimmten Weiß-Rot verhülltes Schwarz oder als mit Schwarz 
verhülltes Weiß-Rot. Macht man sich dies in jeder Hinsicht klar und übt 
man sich darin, eine solche wechselnde Auffassung auf die einzelnen ver- 
hüllten Farben, die man vor sich hat, bezw. auf die verschiedenen Ver- 
hüllungsreihen derselben anzuwenden, benutzt man ferner zur Verhüllung 
einer und derselben bunten Farbe ganz verschiedene Methoden, welche bald 
diese bald jene Komponente der Farbe vorwiegend zu variieren gestatten, so 
wird man schließlich lernen, bei der Betrachtung der Farben von der Art ihrer 
Herstellung ganz abzusehen, sich lediglich an die gegebenen Farben selbst 
zu halten und nicht immer wieder die jeweilige Beschaffenheit der eben 
vorliegenden Strahlungen zur Charakterisierung der Farben mit herbei- 
zuziehen. 

So wenig sich der Freiheitsgrad einer bunten Farbe genauer bestimmen 
lässt, so wenig lässt sich von einer uns als besonders frei erscheinenden 
Farbe behaupten, dass ihre Freiheit eine absolute sei. Nur wenn wir zwei 
Farben gleichen Tones, aber zureichend verschiedener Freiheit vor uns 
haben, können wir mit Sicherheit angeben, welche die freiere ist. Die durch 
annähernd oder vollkommen homogene Strahlungen veranlassten Farben sind 
bei passend gewählter Energie der Strahlung besonders frei, womit nicht 
gesagt sein soll, dass die mittels gewisser farbiger Gläser oder Flüssigkeiten 

4* 



52 Lehre vom Lichtsinn. 

hergestellten Farbenfelder nicht unter günstigen Umständen denselben Grad 
von Freiheit erreichen könnten. Erleuchtet man aber z. B. das Gesichtsfeld 
eines Fernrohres in später zu besprechender Weise mit einem homogenen 
Lichte und steigert oder mindert dann für die eine Hälfte des zunächst 
in schöner freier Farbe erscheinenden Feldes die Intensität der Strahlung, 
so zeigt sich die Farbe der einen Hälfte freier als die der anderen, und 
zwar je nach den Umständen bald die stärker bald die schwächer be- 
leuchtete. Hat man zunächst nur die eine Hälfte des Feldes homogen 
erleuchtet und macht dann in der anderen Hälfte die Gegenfarbe sichtbar, 
so steigert sich sofort die Freiheit der Farbe der ersten Hälfte in auf- 
fallender Weise. 

Die Verhüllung einer einzeln gesehenen bunten Farbe muss schon eine 
relativ beträchtliche sein, wenn sie uns sofort als solche zum ßewusstsein 
kommen soll. Übung fällt hier sehr ins Gewicht; aber auch der Geübteste 
vermag wohl von zwei nebeneinander erscheinenden Farben gleichen Tones 
und gleicher Art der Verhüllung leicht anzugeben, welche von beiden die 
freiere sei, aber bei Farben verschiedenen Tones oder verschiedener Art der 
verhüllenden schwarz- weißen Farbe ist ihm dies oft unmöglich. Erscheinen 
zwei bunte Farben äußerst wenig verschieden, so vermag er zuweilen nicht 
zu sagen, ob die merkliche Verschiedenheit auf verschieden großer Freiheit 
oder auf verschiedener Art der verhüllenden schwarz-weißen Farbe beruht, 
worauf schon Aubert hingewiesen hat. 

Wenn ich also von freien Farben spreche, so gilt der Begriff der Frei- 
heit nur relativ. Nach meiner Ansicht ist jede uns wirklich vorkommende 
Farbe mehr oder weniger verhüllt, aber erst wenn die Verhüllung eine ganz 
deutliche ist, nenne ich die Farbe eine verhüllte. 

Verhüllung bunter Farben mit Schwarz. Hier ist zuerst an das 
zu erinnern, was in § 9 über die Entstehungsbedingungen des Schwarz 
gesagt worden ist. Wie ein tieferes Schwarz überhaupt nur dann im Seh- 
felde erscheint, wenn gleichzeitig an anderen Stellen des letzteren helle 
Farben gesehen werden, so gilt dies auch von den ins Schwarz gehenden 
bunten Farben. Blickt man durch eine dicht an's Auge gesetzte innen 
samtschwarze Röhre mit enger unterer Öffnung auf eine schön buntfarbige 
z. B. blaue Fläche und schwächt dann die Beleuchtung der letzteren all- 
mählich ab, so wird doch die Öffnung nie schwarzblau erscheinen, mag man 
die Lichtstärke der Fläche auch noch soweit herabsetzen. Der Versuch 
lässt sich am bequemsten in einem Zimmer anstellen, welches nur durch 
ein großes stellbares Diaphragma Licht empfängt. Man thut zur Vermeidung 
von Nachbildern gut, nicht während der ganzen Dauer der allmählichen 
Verfinsterung der Fläche durch die Röhre zu blicken, sondern nur mit 
längeren Zwischenpausen die einzelnen Stufen der Änderung zu beobachten, 
welche die blaue Farbe dabei zeigt. Je strahlschwächer die Fläche geworden 



§ 14. Die verhüllten bunten Farben. 53 

ist, desto mehr verliert ihre Farbe an Freiheit, und wenn die Bläue schon 
fast oder ganz geschwunden ist, erscheint die weißlich oder graulich ge- 
wordene Öffnung doch noch deutlich heller als das übrige Sehfeld, bis sie 
schließlich mit dem Dunkel des letzteren verschwimmt, ohne jemals schwarz- 
blau oder blauschwarz geworden zu sein. Alle anderen buntfarbigen Felder 
verhalten sich ähnlich, und nur darin sind sie verschieden, dass das Bunte 
bei dem einen früher, bei dem anderen später bis zur Unkenntlichkeit ver- 
bleicht. Gewisse bunte Farben sind bis kurz vor dem völligen Verschwinden 
des Feldes noch an ihrem Ton erkennbar, andere werden schon verhältnis- 
mäßig bald tonfrei. Hierauf wird später ausführlich zurückzukommen sein. 
Übrigens vermag keine Beschreibung die eigene Beobachtung dieser Er- 
scheinungen zu ersetzen. 

So kann man sich leicht überzeugen, dass man keine, wenn auch 
anfangs möglichst freie bunte Farbe durch bloße Abschwächung der sie 
erzeugenden Strahlung nach dem Schwarz hin abzuwandeln vermag, so 
lange gleichzeitig das übrige Gesichtsfeld verfinstert ist. Dies gilt auch von 
solchen Farbenfeldern, welche durch eine homogene Strahlung erzeugt 
wurden. In § 5 wurde kurz erörtert, wie man sich jede einzelne Farbe 
des Spektrums gesondert zur Anschauung bringen kann. Durch Verengung 
des Spaltes, welcher die bezügliche Strahlung liefert, kann man die Stärke 
der letzteren bis zum Verschwinden herabsetzen und sich überzeugen, 
dass man auch auf diese Weise bei Abschluss jeden anderweiten Lichtes 
nie ein Schwarzblau, Schwarzgrün, Schwarzrot, Braun (s. u.) zu sehen 
vermag, welche Farben uns im beleuchteten Räume doch oft genug be- 



gegnen. 



Sollen also schwarzverhüllte Farben im Sehfelde erscheinen, so darf 
dasselbe nicht im übrigen dunkel sein. Dementsprechend gelingt die Ab- 
wandlung jeder bunten Farbe nach dem Schwarz hin schon in folgender 
einfacher Weise. Man schlägt in ein steifes weißes Papier ein Loch von 
einigen Gentimetern im Durchmesser und hält es in der Nähe des Fensters 
derart gegen das einfallende Licht, dass es besonders günstig beleuchtet 
ist. Durch das Loch blickt man von oben auf die darunter befindliche, 
zunächst ebenso gegen das Fenster orientierte möglichst freifarbige Fläche, 
welche um eine horizontale, parallel zur Fensterebene liegende Achse ge- 
dreht werden kann, was man im Notfall aus freier Hand thut. In dem 
Maße, als dabei die Fläche vom Fenster ab- und dem Zimmer zugewendet 
wird, nimmt die Stärke der von ihr zurückgeworfenen Strahlung ab, wobei 
man das Loch immer schwärzlicher werden sieht. Warum bei derartigen 
Versuchen die benutzte Pigmentfläche ganz matt und durchaus eben, und 
das Auge für die Entfernung des Loches und nicht der Pigmentfläche 
akkommodiert sein soll, wurde in § 5 erörtert. Um die Verdunklung der- 
selben möglichst weit treiben zu können, bleibt man etwas ferner vom 



54 



Lehre vom Lichtsinn. 



Fig. 5.- 



Fenster und hält das von den Seiten kommende Licht durch kleine schwarze 
Schirme von der Pigmentfläche ab. 

Sehr bequem ist für derartige Versuche die in Fig. 5 im Vertikal durch- 
schnitt skizzierte Vorrichtung, d. i. ein Kasten, welcher nach dem Fenster hin 
offen ist, so dass das Himmelslicht auf eine in ihm befindliche, um eine hori- 
zontale Achse drehbare Glastafel fallen kann, welche mit dem farbigen z. B. 

orangefarbenen Papier überzogen ist. Auf 
der oberen Wand des Kastens liegt ein 
steifes, undurchsichtiges, oben mit mattem 
weißen Papier überzogenes Blatt mit einem 
runden Loch, auf welches, wenn nötig, 
eine Dunkelröhre aufgesetzt werden kann, 
wie dies Fig. 5 zeigt. Ist die Röhre ent- 
fernt und liegt die Glasplatte so, wie in 
der Figur, so sieht man von oben her ein 
kreisrundes orangefarbenes Feld in der 
Ebene des weißen Papieres. Dreht man 
jetzt die Glasplatte zurück, so verhüllt sich 
das Orange zunehmend mit Schwarz, wird 
zunächst hellbraun, dann dunkelbraun und 
schließlich bräunlichschwarz. Setzt man 
dann, ohne im übrigen 




irgend 



etwas zu 



einem weißen 



Hintergrunde 



ändern, die Dunkelröhre auf, so sieht man 
durch dieselbe sofort wieder ein leuchtendes 
Orange, welches sich ebenso schnell aber- 
mals in Braunschwarz verwandelt, wenn 
die Dunkelröhre wieder entfernt wird: ein 
selbst den Kenner immer von neuem über- 
raschendes Schauspiel. 

Sehr leicht lassen sich bunte Farben 
mit Hilfe des Farbenkreisels beliebig mit 
Schwarz verhüllen, wenn man den Kreisel 
in einem gut beleuchteten Zimmer vor 
aufstellt und einen immer größeren Teil einer 



auf den Kreisel gebrachten bunten Scheibe mit Sektoren eines tiefschwarzen 
Papieres verdeckt. Die so erzielten Übergangsfarben zwischen bunter Farbe 
und Schwarz sind um so schöner, je freier bei ruhender Scheibe die bunte 
Farbe des einen und je dunkler die schw^arze Farbe des anderen Scheiben- 
sektors erscheint. Die Fülle überraschend schöner dunkler Farben, die man 
sich auf diese Weise zur Anschauung bringen kann, ist unerschöpflich. 

Auch die durch spektrale homogene Strahlungen erzeugten Farbenfelder 
lassen sich schwärzen, wenn ihre unmittelbare Umgebung gut beleuchtet ist 



§ 14. Die verhüllten bunten Farben. 55 

und z. B. weiß erscheint. Man erreicht das u. a. leicht mit Hilfe eines zu 
diesem Zwecke eingerichteten LuMMEn'schen Würfels. Ein kleines buntes 
Feld erscheint dabei umgeben von einem breiten w^eißen Ringe; schwächt 
man die homogene Strahlung, welche das kleine Feld erleuchtet, mehr und 
mehr ab, während das Weiß des umgebenden Ringes unverändert bleibt, 
so wird ein Blau des kleinen Feldes schwarzblau, ein Grün schwarzgrün 
u. s. w. Man erhält auf diese Weise schwarzverhüllte Spektralfarben, die 
man, wie oben erörtert wurde, trotz aller Abschwächung der bezüglichen 
Strahlung nie erzielen kann, solange die ganze Umgebung des bunten Feldes 
verfinstert ist. 

Auch ohne jede Änderung der Strahlung lässt sich ein buntes 
Feld, lediglich durch Beleuchtung seiner Umgebung, mit Schwarz verhüllen. 
Man kann diese Verhüllung in jedem beliebigen Grade herbeiführen, wenn 
man z. B. zwei durch eine Thüre verbundene Zimmer zur Verfügung hat, 
deren eines, das Beobachtungszimmer, weiße W^ände hat und sich beliebig 
verfinstern lässt. Macht man in die ebenfalls weißgestrichene oder mit 
weißem Papier beklebte Thüre ein Loch, hinter welchem sich ein farbiges 
Glas befindet, und beleuchtet das Loch mittels eines im anderen Zimmer 
stehenden weißen Schirmes nur soweit, dass es eben anfängt in einer schön 
freien Farbe zu erscheinen, so kann man durch stufenweise wachsende 
Erleuchtung des Beobachtungszimmers diese Farbe entsprechend stufenweise 
schwärzen und schließlich bei voller Beleuchtung des Zimmers in fast reines 
Schwarz verwandeln, und zwar dies alles so schnell, dass eine irgend er- 
hebliche Successivanpassung des Auges an die jeweilige Gesamtbeleuchtung 
sich nicht entwickeln kann. Im folgenden soll diese Versuchsmethode als 
die Zweizimmermethode bezeichnet werden. 

Erleuchtet man die eine Hälfte des Gesichtsfeldes eines kleinen Fern- 
rohres mit einem homogenen Lichte in passender mäßiger Stärke, und sieht 
man das Halbfeld z. B. als ein freies Orange, so verwandelt sich dasselbe 
sofort in Braun d. i. ein mit Schwarz verhülltes Orange, wenn man auf der 
anderen Hälfte ein helles Weiß erscheinen lässt. 

Jede deutlich gelbhaltige Farbe, sei sie durch eine homogene oder 
zusammengesetzte Strahlung bewirkt, lässt sich durch Schwärzung in ein 
Braun verwandeln. Je näher dabei die schwarz -weiße Komponente der 
Farbe dem absoluten Schwarz liegt, desto schöner ist das Braun. Ein 
orangefarbenes Feld wird durch entsprechende Verhüllung mit Schwarz 
kastanienbraun, noch rötlichere Farbentöne (Feuerrot) geben Rotbraun, 
grünlichgelbe Farbentöne Olivenbraun, d. i. ein grünliches Braun. 

In schlagender Weise zeigen die letzterwähnten Versuche, wie unzu- 
reichend es ist, die schwarzverhüllten Farben , wie z.B. das Braun, als 
> lichtschwache Farben« zu bezeichnen. Unter solchen Farben verstand 
Helmholtz die durch Strahlungen von geringer Energie erzeugten. Ein in 



B6 



Lehre vom Lichtsinn. 



oben beschriebener Weise durch die Dunkelrühre gesehenes gelbes Pigment- 
feld kann durch bloße Abschwächung der Beleuchtung nie in Braun ver- 
wandelt werden; es wird dabei vielmehr immer weißlicher, verliert weiterhin 
-seine Gilbe vollständig und unterscheidet sich dann von seiner Umgebung 
nur noch durch seine etwas größere Weißlichkeit. Das für das Braun 
charakteristische Merkmal, nämlich die Schwärze, kommt auf diese Weise 
nie neben dem gelben Merkmal (dem Farbenton) deutlich zum Vorschein. 
Hierauf wird an anderer Stelle zurückzukommen sein. 

Gewöhnlich werden nur solche bunte Farben als schwärzlich bezeichnet, 
welche schon sehr stark mit Schwarz verhüllt sind, deren Ähnlichkeit mit 
dem reinen Schwarz daher sofort auffällt: die weniger mit Schwarz oder 
Schwarzgrau verhüllten pflegt man dunkelfarbig zu nennen. Dass die 
Sprache für die braunen Farben ein uraltes Wort besitzt, steht im Einklang 
mit der großen Häufigkeit der braunen Farben in der Natur. 

Es sei hier wieder daran erinnert, dass man bei den im obigen und im 
folgenden beschriebenen Versuchen soweit möglich alle diejenigen Vorsichts- 
maßregeln treffen soll, welche in § 5 erwähnt und insbesondere als Mittel zur 
AusschHeßung der Gedächtnisfarben bezeichnet worden sind. Obgleich diese 
Versuche den mitgeteilten Erfolg auch dann haben, wenn man jene Maßregeln 
vernachlässigt, so ist derselbe doch bei Einhaltung derselben zuweilen noch 
schlagender und überdies besser vor allerlei Einwendungen geschützt, welchen 
eine von der gewohnten abweichenden Auffassung ausgesetzt zu sein pflegt. 

Verhüllung bunter Farben mit Weiß. Zur Herstellung verschie- 
dener Stufen der Farbenreihe, welche von einer freien bunten Farbe zu 

einem ton freien Weiß führt, eignet 
Fig. 6. sich insbesondere die Methode der 

Zuspiegelung. Die horizontale Ober- 
fläche des in Fig. 6 skizzierten 
Apparates sei mit schwarzem Samt 
überzogen. Auf die eine Seite 
der vertikalen, auf der Mittellinie 
dieser Fläche stehenden unbelegten 
Spiegelglasplatte legt man in die 
Nähe derselben das mit buntem 
Papier überkleidete 2 cm breite und 
4 cm lange Täfelchen, dessen Farbe 
mit Weiß verhüllt werden soll, und 
zwar mit der Langseite paraflel zur Glasplatte in \ cm Abstand von der- 
selben; auf die andere Seite ein mit grauem Papier überkleidetes Täfelchen 
von ganz gleicher Form und zwar so, dass sein Spiegelbild sich für den 
auf derselben Seite befindlichen Beobachter mit dem direkt gesehenen bunten 
Täfelchen möglichst genau deckt. Die Farbe des letzteren erscheint jetzt 




§ 15. Die Helligkeit der bunten Farben. 57 

weißlicher, und um sie mit der zuvor gesehenen vergleichen zu künnen, 
legt man ein zweites ganz gleiches buntes Täfelchen rechts oder links neben 
das erste. Dies ist besser, als wenn man das gespiegelte graue Täfelchen 
so legt, dass sein Spiegelbild das bunte nur teilweise deckt. Schon aus 
größerer Entfernung sieht man die Farbe des einen bunten Täfelchens etwas 
weißlich, und je mehr man sich dem Apparat nähert und je kleiner also 
der Winkel zwischen der Blicklinie und der Glasplatte wird, desto mehr 
verhüllt sich die Farbe mit Weiß, und noch stärker wird diese Verhüllung, 
wenn man das graue Täfelchen mit einem weißen vertauscht. 

Andere Methoden zur Erzielung weißverhüllter Farben werden später 
gelegentlich zur Sprache kommen. Dahin gehört das Weißlichwerden ge- 
wisser bunter Farben bei starken Steigerungen der Energie der korrelativen 
Strahlung, ferner das Weißlichwerden einer Spektralfarbe, wenn der bezüg- 
lichen Strahlung eine gegenfarbig auf die Netzhaut wirkende zugemischt wird, 
die Entstehung weißverhüllter Farben infolge gewisser Daueranpassungen 
u. s. w. Hier kam es nur darauf an, den Leser auf eine möglichst einfache 
Methode aufmerksam zu machen, die ihm ermöglicht, sich eine Fülle weiß- 
verhüllter Farben verschiedenen Tones mühelos zur Anschauung zu bringen. 

Die merklich weißverhüllten Farben werden häufig als helle, z. B. als 
hellblau, hellgrün bezeichnet. Bläulichrote stark mit Weiß verhüllte Farben 
werden rosa genannt. 

Verhüllung bunter Farben mit Grau. Zur Veranschaulichung 
bunter, mit einem beliebigen Grau verhüllter Farben eignet sich der Farben- 
kreisel (vgl. § 16). Die geschlitzte Scheibe eines bunten Papieres von 
möglichst freier Farbe wird mit einer schwarzen und einer weißen Scheibe 
kombiniert. Da den freiliegenden Sektoren dieser drei ineinandergesteckten 
Scheiben jedes beliebige Verhältnis gegeben werden kann, so lässt sich auf 
diese Weise eine unerschöpfliche Menge von Farben vorführen, welche, in 
verschiedenem Grade mit diesem oder jenem Grau verhüllt sind. 

Absichtlich habe ich in diesem Paragraphen noch keine Rücksicht darauf 
genommen, dass bei den beschriebenen Verhüllungsmethoden einer bunten Farbe 
in gewissen Fällen eine unbeabsichtigte Änderung des Tones derselben eintreten 
kann; hiervon wird an einer anderen Stelle zu sprechen sein. 

§ 15. Die Helligkeit der bunten P'arben. In der Reihe der 
tonfreien Farben bestimmt sich die Helligkeit bezw. Dunkelheit der Farbe 
lediglich durch das Verhältnis zwischen ihrer Weiße und ihrer Schwärze. 
Nicht so einfach verhält es sich bei den bunten Farben, deren Helligkeit 
oder Dunkelheit nicht nur durch die Art ihrer schwarz-weißen Komponente, 
sondern auch durch die bunte Komponente mitbestimmt ist. 

Sehr gewöhnlich werden bunte Farben, welche an Schwarz erinnern, 
dunkel genannt,, man spricht von dunkelrot, dunkelblau u. s. w., wo es 



58 Lehre vom Lichtsinn. 

sich um ein mit Schwarz oder Schwarzgrau verhülltes Rot oder Blau 
handelt. Von zwei freien Farben gleichen Tones nennt man die eine 
heller, die andere minderhell oder dunkel, ohne sich genauere Rechenschaft 
davon zu geben, wodurch sich eigentlich die eine Farbe von der anderen 
unterscheidet. Thatsächlich beruht jede Helligkeitsverschiedenheit zweier 
Farben gleichen Tones auf einer qualitativen Verschiedenheit derselben in- 
sofern, als entweder die eine Farbe freier ist als die andere, oder als bei 
gleicher Freiheit die eine mehr an Schwarz bezw. Weiß erinnert als die 
andere, oder dass beide Verschiedenheiten zugleich gegeben sind. 

Wer die im vorhergehenden Paragraphen besprochenen Methoden zur 
Verhüllung der bunten Farben eingehender zur Anwendung bringt, kommt 
zur Erkenntnis, dass eine bunte Farbe ohne Änderung ihres Tones in sehr 
verschiedener W^eise heller werden kann; ein Schwarzrot z. B. dadurch, 
dass das verhüllende Schwarz immer mehr zurück-, und das Bunte der 
Farbe entsprechend hervortritt, oder dadurch, dass an die Stelle des ver- 
hüllenden Schwarz ein Schwarzgrau, Grau oder Weißgrau tritt, ohne dass 
dabei die Freiheit des Rot sich zu ändern braucht. 

Da mit wachsender Stärke der veranlassenden Strahlung unter sonst 
gleichbleibenden Umständen die Farbe heller wird, so vermengte sich un- 
absichtlich die Vorstellung einer zunehmenden Strahlungsintensität mit der 
Vorstellung wachsender Farbenhelligkeit^ und da die erstere eine nur quan- 
titative Änderung ist, gewöhnte man sich, auch die letztere als eine solche 
zu nehmen, und versäumte die Untersuchung der mit jeder Helligkeitsänderung 
gegebenen qualitativen Änderung der Farbe. 

Nehmen wir ein mit einem Grau von beiläufig mittler Helligkeit ver- 
hülltes Blau an und denken uns sodann bei ganz unveränderter Deutlich- 
keit der Bläue und also gleichbleibendem Verhüllungsgrade an die Stelle der 
mittelgrauen Komponente eine weißgraue gesetzt, so wird die Farbe jetzt 
heller sein; dagegen würde sie dunkler sein, wenn ihre mittelgraue Kom- 
ponente durch eine schwarzgraue ersetzt worden wäre. Wie aber wird sich 
die Helligkeit der Farbe verhalten, wenn wir uns bei" unveränderter grauer 
Komponente und gleichem Verhüllungsgrade an die Stelle der blauen Kom- 
ponente eine andere bunte, z. B. eine gelbe, gesetzt denken? Würde bei 
solchem Tausch die Helligkeit der Farbe unverändert bleiben? 

Dies würde nur dann der Fall sein müssen, wenn der Farbenton als 
solcher keinen Einfluss auf die Helligkeit der Farbe hätte, und also die 
Helligkeit einer bunten Farbe lediglich von dem Verhüllungsgrade und der 
Art der schwarz-weißen Komponente der Farbe abhängig wäre. 

Hiergegen aber spricht schon die Erfahrung, dass ein freies oder wie 
man zu sagen pflegt, »schönes, sattes« Blau stets dunkler ist als ein freies 
Gelb. Man suche sich z. B. aus seiner Sammlung bunter Papiere alle bei- 
läufig urblauen und urgelben und aus diesen wieder das »schönste« blaue 



§ 15. Die Helligkeit der bunten Farben. 59 

und gelbe heraus, überziehe damit je ein kleines Glastäfelchen und lege 
dieselben nebeneinander, so wird das blaue dunkler erscheinen als das 
gelbe. Findet man zu einem möglichst freien Urblau ein Urgelb, von dem 
man nicht zu sagen weiß, ob es heller oder dunkler ist als das Blau, so 
wird ein Farbentüchtiger auch bei nur einiger Übung in der Farbenanalyse 
bemerken, dass das Gelb minder frei ist, als das Blau, dass es mehr oder 
weniger graulich oder schwärzlich ist. Hat er dagegen neben einem mög- 
lichst freien Gelb ein Blau vor sich, das ihm nicht entschieden dunkler 
erscheint als das Gelb, so wird er sehen, dass es weißlich ist. Oder man 
stelle auf ein niedriges Tischchen vor dem Fenster ein Stativ mit horizon- 
talem Arm, welcher ein steifes graues Blatt (etwa 20X20 cm) so hält, 
dass es horizontal und etwa 50 cm über dem Tischchen liegt. In der 
Mitte dieses Blattes befinde sich ein Loch von 2 — 3 cm Durchmesser. 
Ferner seien zwischen dem Loche und der Tischplatte zwei kleine, um je 
eine horizontal und parallel zur Fensterfläche laufende Achse drehbare 
Glastafeln, deren eine mit dem blauen, die andere mit dem gelben Papier 
überzogen ist, so übereinander angebracht, dass man von oben herabschauend 
das Loch als ein halb blaues und halb gelbes Farbenfeld in der Fläche des 
grauen Papieres sieht (vgl. § 5). Liegt die eine Glasplatte so weit über 
der anderen, dass sie letztere nicht beschattet, so lässt sich die Stärke des 
von jeder Platte ins Auge geschickten Lichtes durch Drehung derselben um 
ihre horizontale Achse innerhalb weiter Grenzen variieren. Sind zunächst 
beide Platten horizontal, so erscheint die blaue Hälfte des Farbenfeldes 
dunkler als die gelbe. Dreht man jetzt die gelb überzogene Platte vom 
Lichte ab, so wird die gelbe Hälfte des Farbenfeldes dunkler und man 
kann sie soweit dunkler machen, dass man nicht mehr zu sagen weiß, 
welche Hälfte des Farbenfeldes die dunklere ist: dann wird man aber auch 
zugleich sehen, dass das Gelb der einen Hälfte viel weniger frei erscheint 
als das Blau der anderen. Es lässt sich übrigens so einrichten, dass der 
Beobachter gar nicht weiß, was unter dem Loche vorgeht. So oft die 
Platte gedreht wird, soll man wegblicken und überhaupt das Loch nie 
irgend länger fixieren. 

Man überbrücke das horizontal liegende Loch eines am Fenster 
stehenden Dunkelkastens (vgl; § 16) mit zwei 1,5 cm breiten Glasstreifen in 
solchem Abstände voneinander , dass bei Betrachtung derselben durch das 
Polariphotometer (s. § 1 6) das ordinäre Bild des einen Streifens dicht neben 
dem extraordinären des anderen erscheint. Der mittlere Teil des einen 
Glasstreifens sei mit einem ebenfalls 1 ,5 cm breiten und 3 cm langen Stück 
des blauen, der mittlere Teil des anderen mit einem ebenso großen Stück 
des gelben Papiers beklebt. Dann sieht man durch das Polariphotometer 
ein quadratisches, halb blaues, halb gelbes Farbenfeld. Ist der Nicol auf 
45° eingestellt und also das Verhältnis der Lichtstärken der beiden Pigment- 



ßO Lehre vom Lichtsinn. 

flächen dasselbe, wie bei Betrachtung mit freiem Auge, so erscheint die 
blaue Hälfte des Farbenfeldes dunkler als die gelbe; durch Drehung des 
Nicol lässt sich dann die Lichtstärke des blauen Bildes steigern, die des 
gelben schwächen. Sobald man unsicher wird, welche der beiden Farben 
die hellere ist, wird man zugleich bemerken, dass das Blau jetzt entweder 
freier erscheint, als das Gelb, oder wenn dies nicht auffallend wäre, dass 
es weißlich erscheint im Vergleich zum Gelb, welches daneben ins Grau 
spielt. Auch hier soll man jede längere Betrachtung des Farbenfeldes ver- 
meiden und nur nach größeren Pausen schnell die Farben vergleichen. Bei 
diesem Versuche liegen die Farbenfelder in dunkler, bei dem vorher- 
gehenden lagen sie in heller Umgebung. 

Schon aus den soeben besprochenen Thatsachen scheint mir hervor- 
zugehen, dass zwei Farben verschiedenen Tones, auch wenn sie ganz gleich 
frei wären, nicht notwendig auch gleiche Helligkeit zeigen müssten. Ich 
meine, dass es sich hier um etwas handelt, was im Wesen der verschie- 
denen Farbentöne und insbesondere der vier bunten Urfarben begründet und 
nicht auf irgendwelche nur accidentelle Umstände zurückzuführen ist. Wie 
das Weiß an sich eine helle, das Schwarz eine dunkle Sehqualität ist, so 
ist, meine ich, auch das Gelb an sich eine helle, das Blau an sich eine 
dunkle Sehqualität. Auch ein schönes, d. h. möglichst freies Urrot finde 
ich heller, als das freieste Urgrün, welches ich mir herzustellen vermag; 
doch ist mir der Helligkeitsunterschied hier viel weniger auffallend, als bei 
freiem Gelb und Blau. 

Auf Grund des Gesagten und anderer, später zu besprechender That- 
sachen und Erwägungen finde ich w^ahrscheinlich , dass wir drei qualitativ 
verschiedene Hell zu unterscheiden haben, das Weiß, das Gelb und das 
Rot, und ebenso drei Dunkel verschiedener Art, das Schwarz, das Blau 
und das Grün. Dementsprechend habe ich seinerzeit dem Gelb und Rot 
ein Eigenhell, dem Blau und Grün ein Eigendunkel zugeschrieben. 
Helligkeit ist hiernach eine den drei Urqualitäten des Gesichtssinnes Weiß, 
Gelb und Rot, Dunkelheit eine den drei Urqualitäten Schwarz, Blau und 
Grün inhärente Eigenschaft. Könnte aus irgendeiner gegebenen blauen 
Farbe ohne jede anderweite Änderung nur die Bläue schwinden, so würde 
die Farbe heller werden, und könnte aus einer gegebenen gelben Farbe nur 
die Gilbe schwinden, so würde sie dunkler werden, und beidenfalls würde 
nur der schwarz-weiße Bestandteil übrig bleiben, der jeder uns wirklich 
vorkommenden und auch der relativ freiesten bunten Farbe noch eigen ist. 
Einer absolut frei gedachten bunten Urfarbe dürften wir ebensowenig je 
nach den Umständen verschiedene Grade der Dunkelheit oder Helligkeit zu- 
schreiben, wie dem absolut frei gedachten Schwarz oder Weiß. Ein zu- 
nächst absolut freies Schwarz lässt sich mehr oder weniger mit Weiß 
verhüllt und also ins Grau spielend denken, aber das Schwarz an und für 



§ 15. Die Helligkeit der bunten Farben. 61 

sich könnte nicht das eine Mal heller, das andere Mal dunkler sein, und 
dasselbe gilt vom absolut frei gedachten Urblau oder Urgrün. Ein zunächst 
absolut frei gedachtes Weiß lässt sich in verschiedenem Maße mit Schwarz 
verhüllt denken, aber an und für sich könnte es nicht bald heller, bald 
dunkler sein, und dasselbe gilt vom absolut frei gedachten Urgelb und 
Urrot. 

Die Helligkeit oder Dunkelheit einer bunten Farbe ist nach dieser 
Auffassung das Ergebnis des Eigenhell und Eigendunkel der einzelnen Ur- 
farben, welche als die Urkomponenten jener Farbe gemäß dem verschiedenen 
Verhältnis ihrer Deutlichkeit die Qualität der Farbe bestimmen. Jeder uns 
wirklich vorkommenden Farbe ist ein bestimmtes Hell-Dunkel eigen, und je 
nachdem uns das Hell oder das Dunkel derselben deutlicher ist, nennen wir 
sie eine helle oder eine dunkle. Für die schwarz-weißen Farben ist dies von 
vornherein klar: je nachdem uns ihre schwarze oder ihre weiße Komponente 
deutlicher ist, bezeichnen wur die Farbe als eine helle oder eine dunkle. 

Eine bunte Farbe lässt sich im allgemeinen als aus vier Urkomponenten 
bestehend auffassen, zwei bunten und den beiden tonfreien (Weiß und 
Schwarz); nur den Farben vom Tone einer Urfarbe ist nur eine bunte 
Urkomponente eigen. In jeder rot-gelben Farbe, z. B. Orange, hätten wir 
somit drei helle Urkomponenten (Rot, Gelb, Weiß) und eine dunkle (Schwarz) 
zu unterscheiden, in jeder grün-blauen aber drei dunkle (Grün, Blau, Schwarz) 
und eine helle (Weiß). Die rot-blauen und grün-gelben Farben aber würden 
zwei helle und zwei dunkle Urkomponenten haben. 

Aus dem Gesagten ergeben sich u. a. folgende Regeln: 

Wenn zwei Farben gleichen Tones und gleicher Freiheit verschieden 
hell sind, so ist dies in der Verschiedenheit ihrer schwarz-weißen Komponente 
begründet. 

Zwei Farben von verschiedenem Ton können trotz gleicher Freiheit 
und gleicher Art ihrer schwarz -weißen Komponente verschieden hell sein. 

Bei gleicher Art der schwarz-weißen Komponente ist eine gelbe, rote 
oder gelb-rote Farbe um so heller, eine blaue, grüne oder blau-grüne um 
so dunkler, je deutlicher das Bunte der Farbe im Vergleich zur schwarz- 
weißen Komponente ist. 

In der kurzen Skizze einer Theorie des Lichtsinnes, welche ich im 
Jahre 1874 veröffentlicht habe, war angenommen, dass bunte Farben, 
gleichviel welchen Tones, bei ganz gleichem Grade der Verhüllung und 
ganz gleicher Art ihrer schwarz-weißen Komponente gleichhell erscheinen 
würden. Ich bin jedoch bald von dieser Ansicht zurückgekommen, wie ich 
auch im Jahre 1886 gelegentlich (14, S. 18 und 19) bereits mitgeteilt habe. 
Franz Hillebrand, welcher nachher mit mir über die vorliegende Frage 
arbeitete, hat das, was ich hier das Eigenhell oder Eigendunkel der Farben- 
töne genannt habe, als specifische Helligkeit derselben bezeichnet (15). 



62 Lehre vom Lichtsinn. 

Irrtümlich ist die Angabe von Helmholtz (2, S. 378), nach welcher ich 
»die Empfindung der Helligkeit mit der Weißempfindung identifiziert« und be- 
hauptet haben soll, >mit der reinen Blau- oder Gelbempfindung sei keine Em- 
pfindung von Helligkeit verbunden«. Diese Angabe ist mir um so unverständ- 
licher, als ich in der erwähnten Skizze über den Einfluss, welchen die bunte 
Komponente einer Farbe auf deren Helligkeit hat, in ganz besonders ausführ- 
licher und ein derartiges Missverständnis völlig ausschließender Weise ge- 
sprochen habe. 

III. Absclmitt. 

Über die Beziehungen zwischen 

den Unterschieden der Lichtstärken der wirklichen Dinge und den 

tonfreien Helligkeitsunterschieden der Sehdinge. 

§ 16. Messung der Lichtremission tonfreier Papiere. Im 
vorigen Abschnitte haben uns nur die Farben oder Sehqualitäten als solche 
ohne Rücksicht auf die äußeren oder inneren Ursachen ihres Eintretens 
beschäftigt und wir nahmen die optischen Strahlungen nur zu Hilfe, um 
uns das Objekt unserer Untersuchung, nämlich die einzelnen Farben oder 
Farbenreihen zur Anschauung zu bringen. Nunmehr kommen wir zur 
Erörterung der Regeln oder Gesetze, nach welchen die Farben von den 
das Auge treffenden Strahlungen abhängen, und zwar sollen zunächst in 
diesem Abschnitte nur die schwarz-weißen Farben in ihrer Abhängigkeit 
von der Stärke der bezüglichen Strahlungen in Betracht gezogen werden. 
Für einen Teil der hier zu besprechenden Thatsachen ist die Feststellung 
des Intensitätsverhältnisses der Strahlungen notwendig, welche von den 
beobachteten Flächen ins Auge geschickt werden, daher zunächst einige 
dazu dienende Methoden zu erörtern sind. 

Von verhältnismäßig seltenen Ausnahmen abgesehen geben die Außen- 
dinge unserem Auge nur zurückgeworfenes Licht, welches sie von der be- 
leuchteten Himmelsfläche oder von den beleuchteten Zimmerwänden u. s. w. 
oder endUch unmittelbar von der Sonne oder künstlichen Lichtquellen em- 
pfangen haben und zu einem mehr oder w^eniger großen Teile regelmäßig 
oder unregelmäßig reflektieren. Bei unveränderter Lage unseres Auges 
und des beleuchteten Außendinges einerseits, unveränderter Form, Lage 
und Art der Beleuchtungsquellen andererseits ist die Lichtmenge, welche 
ein Flächenelement von dem empfangenen Lichte uns zusendet, proportional 
zur Intensität der Beleuchtung. Dies bedeutet zugleich, dass die Unter- 
schiede der Lichtstärken je zweier Teile des Gesichtsfeldes proportional mit 
der Stärke der Gesamtbeleuchtung wachsen und abnehmen. 

Eine Fläche, welche bei beliebiger Richtung des auffallenden Lichtes nur 
vollkommen zerstreutes Licht zurückgeben würde, könnten wir eine absolut 
matte nennen. Die beleuchteten Papierflächen, mit denen wir unsere Unter- 



§ 4 6. Messung der Lichtremission tonfreier Papiere. 63 

siichungen vielfach anstellen werden, zeigen jedoch meist noch einen in 
Betracht kommenden Rest von regelmäßiger Reflexion. Als matte Flächen 
im besten Sinne des Wortes sind eine gut berußte oder eine mit dem 
Rauche brennenden Magnesiums geweißte Fläche zu bezeichnen; doch sind 
dieselben so empfindlich gegen jede Berührung, dass sie nur in ganz be- 
sonderen Fällen brauchbar sind. 

Die möglichst matten Papierflächen, mit denen wir es zu thun haben 
werden, sind entweder solche, welche von allen leuchtenden homogenen 
Strahlungen angenähert denselben Bruchteil zurückgeben, so dass das 
remittierte Strahlgemisch fast dieselbe Zusammensetzung hat, wie das auf- 
fallende ; oder sie besitzen für die verschiedenen Strahlenarten ein verschie- 
denes Remissionsvermögen. Ersteres gilt mit mehr oder weniger großer 
Annäherung von den bei Tageslicht weiß, grau und schwarz erscheinenden, 
letzteres von den bunten Papieren. 

Das Remissionsvermögen einer Fläche ist zu unterscheiden von 
der für unser Auge in Betracht kommenden Lichtstärke derselben, d. i. 
die von der Flächeneinheit in der Richtung nach unserer Pupille ausge- 
sandte Lichtmenge. Die letztere steigt und fällt wie gesagt proportional 
mit der Beleuchtung der Fläche, während das Remissionsvermögen, welches 
sich nach dem Verhältnis des remittierten zum auffallenden Lichte bemisst, 
dabei unverändert bleibt. Das Remissionsvermögen ist ferner streng zu 
unterscheiden von der Helligkeit der Fläche ; denn diese ist nach 
unserer Definition eine Eigenschaft der Farbe, welche durch das von 
der Fläche auf unsere Netzhaut geschickte Licht in unserem Sehfelde ver- 
anlasst wird. 

Für unsere Untersuchungen an ebenen tonfreien Papieren ist die 
Kenntnis der Lichtstärke der gesehenen Fläche (im soeben definierten Sinne) 
meist nicht erforderlich, sondern nur die Kenntnis des Verhältnisses, 
in welchem die Lichtstärken zweier oder mehrerer Teile einer ebenen Fläche 
zueinander stehen, z. B. zweier in derselben Ebene liegender und von der- 
selben Lichtquelle möglichst gleichstark beleuchteter tonfreier (weißer, grauer 
oder schwarzer) Papiere, wenn unsere Gesichtslinie beiläufig rechtwinklig 
zu deren Ebene liegt. Deshalb bedürfen wir auch nicht der Kenntnis des 
Remissionsvermögens selbst, sondern nur des Verhältnisses zwischen 
den Remissionsvermögen der verschiedenen Papiere. 

Dementsprechend setzen wir das Remissionsvermögen desjenigen von 
den benutzten Papieren, welches den größten Bruchteil des empfangenen 
Lichtes zurückwirft und also das größte Remissionsvermögen hat, gleich 
360, benutzen dieses unter gewöhnlichen Umständen weiß erscheinende 
Papier als Normalpapier und bemessen hiernach das Remissions vermögen 
der übrigen weißen, grauen oder schwarzen Papiere. Einem Papiere, welches 
unter genau denselben Versuchsbedingungen nur halb soviel Licht als wie 



64 



Lehre vom Lichtsinn. 



das Normalpapier in der Richtung nach unserer Pupille hin zurückschickt, 
schreiben wir also das Remissions vermögen 180 zu u. s. w. 

Zur Bestimmung dieses relativen Remissionsvermügens bedienen wir 
uns entweder des Farbenkreisels oder eines Polariphotometers. 

Die Messung am Kreisel erfolgt nach einem im wesentlichen schon 
von Adolf Fick (16) angegebenen Verfahren. 

Wenn man am Farbenkreisel eine weiße Kreisscheibe, an deren Peri- 
pherie ein von zwei Radien und einem Parallelkreise begrenzter Ringsektor 
ausgeschnitten ist (vgl. Fig. 7), vor einem völlig lichtlosen Hintergrunde 
schnell genug rotieren lässt, so erscheint die Scheibe von einem dunkleren 



Fig. 7. 






Fig. 8. 



Ringe umsäumt. Die Farbe desselben ist nach dem TALBOx'schen Gesetz 
gleich der Farbe einer Fläche, deren Lichtstärke sich zur Lichtstärke der 
weißen Scheibe ebenso verhält, wie die Bogenlänge des vom peripheren 
Ringe der letzteren noch vorhandenen Sektors zum ganzen Ringe (von 360°). 

Fertigen wir also die w^eiße Scheibe aus 
unserem Normalpapier, legen auf dieselbe 
eine kleinere Scheibe des zu untersuchenden 
Papiers, von welcher die erstere mit Aus- 
schluss des freibleibenden Ringsektors ver- 
deckt wird (vgl. Fig. 8), und geben diesem 
Sektor eine solche Bogenlänge, dass während 
des Rotierens Ring und Scheibe genau dieselbe 
Farbe zeigen, so drückt uns die nach Graden 
bemessene Bogenlänge des Ringsektors das 
relative Remissionsvermögen oder, wie ich 
es kurz nennen will, den Kreisel wert 
(K W) des untersuchten Papieres aus. 
Um die passende Bogenlänge des Ringsektors der Normalscheibe zu 
finden, benützt man zunächst eine solche mit zu kleinem Ringsektor, so 
dass beim Rotieren der periphere Ring dunkler erscheint als die aufliegende 
Scheibe des zu untersuchenden' Papiers. Unter die Normalscheibe legt man 
sodann eine zweite mit gleichgroßem oder etwas kleinerem Ringsektor so, 
dass der hintere Ringsektor zunächst vom vorderen verdeckt wird, durch 




§ 16. Messung der Lichtremission tonfreier Papiere. 



65 



Verschieben der beiden Scheiben gegeneinander aber mit einem immer 

bis während des Rotierens 



größeren Teile sichtbar gemacht werden kann, 



Ring und Scheibe dieselbe Farbe zeigen. 



Zur Herstellung eines möglichst 



lichtfreien Hintergrundes für die rotierenden Scheiben dient nach dem Vor- 
gänge Adolf Fick's (16) ein länglicher Kasten von quadratischem Querschnitt 
oder ein Rohr, von beispielsweise 80 cm Länge und 30 cm Querdurch- 
messer, welche abgesehen von einer, an der einen Querfläche befindlichen 
Öffnung gänzlich geschlossen und innen mit schwarzem Sammet ausgekleidet 
sind. Aus der relativ kleinen Öffnung kehrt nahezu gar kein Licht zurück. 
Fig. 8 zeigt einen vor der Öffnung eines solchen Dunkelkastens aufge- 
stellten Kreisel mit der zu eichenden Scheibe und dem die letztere über- 
ragenden Sektor des weißen Normalpapieres. Hat man auf diese Weise 
den Kreiselwert eines grauen Papiers bestimmt, so kann man nach einer 
zweiten einfacheren Methode mit Hilfe dieses geeichten und des Normal- 
papiers den Kreiselwert jedes anderen Papieres feststellen. Erscheint das- 
selbe, auf den Kreisel gebracht, heller als das geeichte, so fertigt man 
aus dem letzteren und aus dem Normalpapier je eine größere Scheibe, 
durchschneidet (nach dem Vorgange Masson's) 
beide vom Zentrum bis zur Peripherie ent- ' ^^^- ^• 

lang einem Radius und steckt die so ge- 
schlitzten Scheiben derart ineinander, dass 
von jeder nur ein Sektor sichtbar ist, während 
ihre peripheren Ränder sich decken. Auf 
diese Doppelscheibe legt man eine kleinere 
Scheibe des zu untersuchenden Papiers, wie 
dies Fig. 9 zeigt. Während des Rotierens 
erscheint nun diese Innenscheibe von einem 
entweder helleren oder dunkleren Ringe um- 
geben. Durch passende Änderung des Sek- 
torenverhältnisses der großen Scheiben aber 
kann man es dahin bringen, dass Ring und Innenscheibe ganz gleich 
erscheinen. Der Kreiselwert [K W) der Innenscheibe ist dann leicht zu 
berechnen. 

Beispiel: Zur Gleichung zwischen Ring und Innenscheibe sei erforderlich ein 

Sektor von i 5 ^ des Normalpapiers und ein Sektor von 210° des geeichten 

grauen Papiers. KW des letzteren betrage 81, K TFdes ersteren beträgt 360. 

210X81 

Demnach ist K TFdes Papiers der Innenscheibe = 1 50 H = 1 97,25. 

^ 360 

Ist das zu untersuchende Papier dunkler als das bereits geeichte, so 
muss man die Scheiben^ welche den Außenring geben sollen, aus dem zu 
untersuchenden und dem Normalpapier anfertigen, die kleinere Innenscheibe 
aber aus dem geeichten. 

Hering, Lichtsinn. 5 




66 



Lehre vom Lichtsinn. 



Übrigens Ihut man gut, sich nicht mit der Eichung eines einzigen 
Papiers nach der ersterwähnten Methode zu begnügen, sondern aus der 
Reihe der zur Verfügung stehenden tonfreien Papiere mehrere nach dieser 
Methode zu eichen und die Ergebnisse dieser Messungen mit Hilfe der 
zweiten Methode zu kontrollieren, überhaupt durch zweckmäßige Kombination 
beider Methoden die unvermeidlichen Fehler der Einzelmessungen möglichst 

zu eliminieren. 

Fig. iO. 




Als Kreisel kann jede zureichend schnell rotierende Achse dienen, die 
über das eine Achsenlager hinausragt, hier mit einem Schraubengewinde 
versehen ist und nahe dem freien Ende eine kleine ebene Metallmanschette 
trägt. Die mit einem passenden centralen Loche versehenen Scheiben 
werden auf das Endstück der Achse geschoben und mittels einer Schrauben- 
mutter an die Manschette angepresst. Zweckmäßig ist es, den Apparat so 
einzurichten, dass die Scheiben ebensowohl in horizontaler als in vertikaler 
Lage rotieren können. Fig. 1 zeigt einen von mir benutzten Farbenkreisel 
mit zwei Scheiben, der in beiden Lagen verwendbar ist und ebensowohl 
mit der Hand als durch einen Motor in Gang gesetzt werden kann. 

Die Drehungsgeschwindigkeit muss mindestens so groß sein, dass auch bei 
beliebig indirektem Sehen und rasch hin- und herbewegtem Auge an der Scheibe 



§ 16. Messung der Lichtremission tonfreier Papiere. 67 

keinerlei Flimmern bemerkbar ist. Die hierzu nötige Geschwindigkeit ist sehr 
verschieden je nach der absoluten Lichtstärke der Papiere, dem Unterschiede 
bezw. Verhältnisse dieser Lichtstärken, der Lichtstärke ihrer Umgebung, dem 
Größenverhältnis der Sektoren, dem Anpassungszustande des Auges und wohl 
auch der Individualität des Auges, daher sich eine bestimmte Zahl nicht angeben 
lässt. Wenn sich an dem gegebenen Kreisel die erforderliche Drehungsgeschwin- 
digkeit, die bei starker Beleuchtung über 60 Drehungen in der Sekunde hinaus- 
gehen kann, nicht erreichen lässt, kann man jeden Sektor durch zwei von z. B. 
halber Größe ersetzen, so dass bei jeder Umdrehung ein mehrmaliger Sektoren- 
wechsel erfolgt. Hierzu braucht man also die doppelte Scheibenzahl. 

Der Kreisel darf vom Beobachter erst dann betrachtet werden, wenn er 
die nötige Drehungsgeschwindigkeit bereits erreicht hat, daher es zweckmäßig 
ist, ihn in der Zeit von einer Beobachtung zur anderen durch einen vorgesetzten 
grauen Schirm zu verdecken. 

Hinter bezw. unter den MAssoN'schen Scheiben muss sich stets eine unge- 
schlitzte Scheibe aus nicht zu dünnem Papier befinden, und die Drehung muss 
in der Richtung erfolgen, bei welcher der Luftwiderstand die Scheiben nicht 
aufblättert, sondern vielmehr aneinander drückt. Ist also der Kreisel nur in 
einer Richtung drehbar, so müssen die Scheiben dementsprechend ineinander 
geschoben sein. 

Wenn das Normalpapier oder die untersuchten Papiere eine noch in Be- 
tracht kommende Lichtmenge durchlassen, so ist ihr Kreiselwert mit von ihrer 
Unterlage abhängig und man benutzt sie dann nur in wenigstens doppelter Lage. 

Die kleinen Scheiben werden zweckmäßiger Weise mit einer Maschine aus- 
geschnitten (gestanzt), weil sonst ihr Umriss während der Drehung keine scharfe 
Linie bildet. Das Loch der großen Scheibe wird mittels eines Locheisens aus- 
geschlagen. Zum Schlitzen der Scheiben dient eine horizontale Metallscheibe mit 
centralem cylindrischen Zapfen vom Durchmesser des Loches der Scheibe. Nach- 
dem letztere aufgelegt ist, wird über den Zapfen ein kleiner Hohlcjlinder ge- 
schoben, welcher seitlich von seiner unteren Öffnung ein kurzes horizontales 
Lineal trägt, dessen eine, abgeschrägte Kante einem Radius der Scheibe ent- 
spricht. Das entlang dieser Kante geführte Messer schlitzt die Scheibe genau 
radial. 

Mit dem Polariphotometer , wie ich es nennen will, lässt sich die 
relative Lichtstärke oder der Kreisel wert einer ganz ebenen und homogenen 
tonfreien Papierfläche in folgender Weise messen: 

Man denke sich den erwähnten Dunkelkasten auf dem Fußboden 
stehend, so dass die mit der Öfi'nung versehene Fläche oben liegt. Auf 
letztere legt man ein ganz ebenes Stück des Normalpapieres derart, dass 
ein Teil der lichtlosen Öffnung von dem geradlinig begrenzten Papiere ver- 
deckt wird. Durch ein über der Öffnung aufgestelltes doppelbrechendes 
Prisma erscheint das Papier ( W) doppelt, wie es Fig. i 1 darstellt, in welcher 
das nur von unterbrochenen Linien begrenzte Rechteck e beispielsweise das 
extraordinäre, das Rechteck o das ordinäre Bild bedeuten möge. Dem 
Streifen w entspricht also jetzt die halbe Lichtstärke des Normalpapiers. 
Man schiebt nun von der anderen Seite her ein ebenfalls geradlinig be- 
grenztes Stück des zu eichenden Papieres P soweit über die Öffnung, dass 



68 



Lehre vom Lichtsinn. 



¥ 



rv^ 



r 



p 



die Grenzlinie seines ordinären Bildes (o) die des extraordinären Bildes [e] 
des Normalpapieres eben berührt. Der Streifen ^ dieses Bildes hat die 
halbe Lichtstärke des untersuchten Papieres. Ein über dem doppelbrechenden 

Prisma befindlicher Nicol sei zu- 
Fig. 11. nächst so orientiert, dass er die 

extraordinären Bilder und also 
auch den Streifen w vollständis^ 
auslöscht, die ordinären Bilder 
aber und also den Streifen j) in 
der maximalen Lichtstärke sehen 
lässt. Wird der Nicol aus dieser 
Lage soweit gedreht, bis der 
dabei zunehmend heller werdende 
Streifen lö dem sich zunehmend 
Q a verdunkelnden Streifen p ganz 

gleich erscheint, und ist cp der 
hierzu erforderliche Drehungswinkel, so ist der Kreiselwert des untersuchten 
Papieres = 360 tg'^ cp. 

Nach dieser Methode lässt sich auch mit Hilfe jedes bereits geeichten 
Papieres statt des Normalpapieres der Kreiselwert eines beliebigen Papieres 
bestimmen, wenn statt des Kreiselwertes 360 des Normalpapieres der des 
geeichten in die Formel eingesetzt wird. 

Beide Papiere sollen ganz eben sein und in derselben Ebene liegen, und 
die durch die Achse des Photometers gehende Gesichtslinie soll senkrecht auf 
dieser Ebene stehen. Um das Auge vor anderweitem Lichteinfall zu schützen, 
wird über den oberen Randteil des den Nicol enthaltenden Rohres ein hohler, 
luftgefüllter Kautschukring geschoben, welcher sich Uchtdicht und so fest an die 
Umgebung des Augapfels anschmiegt, dass das Rohr während der Drehung in 
dem Ringe gleitet. Insoweit das von den Papieren zurückgeworfene Licht nicht 
völlig frei von polarisiertem ist, ergiebt sich ein Messungsfehler. 

Als Normalpapier leistet ein mattes Barjtpapier gute Dienste. Lichtlose 
schwarze Papiere giebt es nicht, auch die lichtschwächsten haben noch einen 
erheblichen Kreiselwert. Ich fand denselben im Mindestfalle gleich 6. Das mit 
schwarzem Wollstaub belegte Tapetenpapier (Wollpapier) hat zwar zuweilen einen 
noch etwas geringeren Kreiselwert, reißt aber leicht bei großer Drehungsge- 
schwindigkeit, weil es relativ schwer und meist aus schlechtem Papier hergestellt 
ist; doch ist es nicht so empfindlich wie ein ganz mattes schwarzes Papier, 
welches sehr leicht glänzende Flecken bekommt. Eine mittels einer Gasflamme 
hergestellte Rußfläche fand ich bei gleicher Beleuchtung bestenfalls nur sehr 
wenig lichtschwächer als das Wollpapier. 



§ 17. Deutlichkeit des Sehens im Verlaufe eines Tages. 
Wenn innerhalb der Grenzen brauchbarer Beleuchtung die in § 6 erörterte 
Farbenbeständigkeit der Sehdinge eine genaue wäre, so würden unter 



§ 17. Deutlichkeit des Sehens im Verlaufe eines Tages. 69 

sonst gleichen Umständen bei Änderungen der Beleuchtungsstärke auch 
alle Farben unterschiede oder, wie wir hier auch sagen können, alle 
Helligkeitsunterschiede unverändert bleiben. In der That lehrt die Er- 
fahrung, dass trotz der täglichen sehr großen Intensitätsänderungen der 
Beleuchtung, die sich im allgemeinen sehr langsam vollziehen, die Hellig- 
keitsunterschiede der Sehdinge sich nur wenig ändern, weil das Auge mit 
seinen Anpassungen den Änderungen der Beleuchtung folgt. Insoweit aber 
doch bei Änderungen der Beleuchtung eines im übrigen (in sich und in 
bezug auf den Ort des Auges) unveränderten Gesichtsfeldes eine Zu- oder 
Abnahme der Helligkeitsunterschiede eintritt, müssen auch Änderungen der 
bezüglichen Helligkeiten selbst erfolgen, sei es dass von je zwei Farben die 
eine weißlicher d. i. heller, oder schwärzlicher d. i. dunkler wird, während 
die andere unverändert bleibt, oder dass beide sich in derselben Richtung, 
aber in verschiedenem Maße ändern, oder endlich, dass die eine heller und 
die andere dunkler wird als zuvor. Alle diese Fälle kommen bei Ände- 
rungen der Gesamtbeleuchtung eines im übrigen unveränderten Gesichts- 
feldes thatsächlich vor. 

Gleiches Außending, gleiche Schärfe seines Netzhautbildes und gleiche 
Aufmerksamkeit vorausgesetzt ist die Deutlichkeit des Sehens grüßer oder 
kleiner, je nachdem die Farbenverschiedenheiten, d. h. also bei tonfreien 
Farben ausschließlich die Helligkeits Verschiedenheiten der korrelativen Seh- 
dinge grüßer oder kleiner sind. Nicht auf die Helligkeiten bezw. Dunkel- 
heiten an sich, sondern lediglich auf ihre Verschiedenheiten kommt es hierbei 
an. Was am meisten von seiner Umgebung absticht, fällt auch zumeist 
ins Auge. Eine Schrift ist unter sonst gleichen Umständen um so deut- 
licher, je dunkler sie im Vergleich zum Papier erscheint; Buchstaben, welche 
grau auf weißem Grunde oder schwarz auf grauem Grunde erscheinen, sind 
minder bequem zu lesen als die schwarz auf Weiß erscheinenden. Wenn 
wir bei einer »guten« Beleuchtung deutlicher sehen als bei einer zu schwachen, 
so beruht dies nicht, wie das gewühnlich angenommen wird, 
darauf, dass ersterenfalls alle Dinge heller erscheinen, son- 
dern darauf, dass alle Farbenverschiedenheiten jetzt grüßer 
sind als bei der zu schwachen Beleuchtung. 

Ist eine Schrift mangelhaft beleuchtet, so liest sie sich schwierig, auch 
wenn sie relativ groß ist, weil die Farbenverschiedenheit zwischen Buch- 
staben und Grund zu klein ist. Das Sehen der Schrift bei schwacher Be- 
leuchtung ermüdet an sich nicht, wohl aber das Lesen derselben; es handelt 
sich nicht um eine Ermüdung des Auges, sondern des Gehirns; die An- 
spannung der Aufmerksamkeit ist das Ermüdende, nicht der Lichtreiz. Wir 
gehen in solchem Falle mit der Schrift näher ans Fenster, nicht um feinere 
Einzelheiten an den Buchstaben sehen zu künnen, was nur bei zu kleiner 
Schrift nütig wäre, sondern um die Buchstaben leichter vom Grunde zu 



70 Lehre vom Lichtsinn. 

unterscheiden. Wenn man ein beschriebenes oder bedrucktes Blatt zur 
einen Hälfte gut, zur anderen schlecht beleuchtet, so sieht man, dass die 
Farbenverschiedenheit zwischen Buchstaben und Grund auf der ersteren 
Hälfte größer ist als auf der letzteren. 

Die günstigste Beleuchtung ist also nicht bloß dann von Vorteil, wenn 
es sich um die Wahrnehmung feiner Einzelheiten handelt, sondern auch, 
wenn uns auf letztere gar nichts ankommt. Für die feinen Einzelheiten 
ist die bessere Beleuchtung allerdings absolut unentbehrlich, für das übrige 
aber nur relativ. Schon ehe bei abnehmendem Tageslicht die zarten Haar- 
striche der Buchstaben untermerklich werden, beginnt beim Lesen eine gewisse 
Anstrengung. 

Der Grüße der Verschiedenheit zweier tonfreier Farben entspricht auf 
der theoretischen Farbenlinie (vgl. §11) ihr gegenseitiger Abstand. Die 
Grüße dieser Farbenabstände ist also unter sonst gleichen Umständen das 
bestimmende für die Deutlichkeit des Sehens; auf welchen Orten jener 
Farbenlinie die bezüglichen Farben liegen, ob näher dem schwarzen oder 
dem weißen Ende derselben, ist bei gleichem Abstand der Farben für die 
Deutlichkeit unwesentlich. Ein dunkles Gebilde kann auf einem dunklen 
Grunde deutlicher gesehen werden, als ein helles von ganz gleicher Form 
und Grüße auf einem hellen Grunde, wenn nur ersterenfalls der Abstand 
zwischen der Farbe des Dinges und der des Grundes, d.i. hier also der 
Dunkelheitsunterschied, grüßer ist als letzterenfalls der Helligkeitsunterschied. 

Die tägliche Erfahrung lehrt, dass die Grüße der Farbenverschieden- 
heiten unter sonst gleichbleibenden Umständen von der Stärke der Beleuch- 
tung abhängig ist. Wenn wir bei noch ganz finsterer Nacht erwachen, 
unterscheiden wir zunächst von den Außendingen gar nichts, sondern sehen 
das ganze Sehfeld lediglich erfüllt von jenen schwachen, mehr oder minder 
unstetigen, wolkigen oder fleckigen Farben, welche man als das Eigen- 
grau (Eigenhell oder Eigendunkel) des längere Zeit verfinstert gewesenen 
Auges bezeichnen kann. Warten wir nun den Tagesanbruch ab, so tauchen 
allmählich einzelne grüßere Teile des Gesichtsfeldes mit noch ganz ver- 
waschenen Umrissen aus jenem Eigengrau wie aus einem Nebel auf. Ob- 
wohl schon jetzt kein Teil des Gesichtsfeldes ganz lichtlos ist, sondern alle 
Außendinge bereits mehr oder weniger Licht ins Auge schicken, so sehen 
wir doch trotz der hochgesteigerten Lichtempfindlichkeit des lange verfinstert 
gewesenen Auges die lichtschwächsten Teile des Gesichtsfeldes keineswegs 
an Helligkeit zunehmen, sondern vielmehr um so dunkler hervor- 
treten, je heller die lichtstärkeren werden. Das mit der zuneh- 
menden Beleuchtung bemerkliche Wachsen der Farbenverschiedenheiten der 
sichtbaren Dinge ist also keineswegs dadurch bedingt, dass die Helligkeiten 
aller dieser Dinge zunehmen — nur aber die der lichtschwächeren lang- 
samer als die der lichtstärkeren — , sondern während die Helligkeit der 



§ \1. Deutlichkeit des Sehens im Verlaufe eines Tages. 71 

relativ lichtstarken über das anfängliche Eigenhell des Auges immer mehr 
hinauswächst, sinkt die der relativ sehr hchtschwachen unter jenes Eigen- 
hell hinab, so dass sie mit zunehmender Beleuchtung immer 
dunkler, schwärzlicher und schließlich tiefschwarz erscheinen 
können, obwohl ihre geringe Lichtstärke mit der zunehmenden 
Beleuchtung ebenfalls gewachsen ist. 

Während also beim Beginn der Morgendämmerung die Farben aller 
Teile des Sehfeldes auf einer relativ kleinen, zur grauen Mittelstrecke der 
theoretischen Farbenlinie gehörigen Strecke zusammengedrängt sind, dehnt 
sich die Strecke der gesehenen Farben bei zunehmender Beleuchtung des 
Gesichtsfeldes nach beiden Seiten hin, nicht nur in den Bezirk der w^eißen, 
sondern auch den der schwarzen Farben, immer weiter aus, und damit 
wächst zugleich die Größe aller Farbenverschiedenheiten der Sehdinge. An 
jeder großen Druckschrift kann man unter den beschriebenen Umständen 
bemerken, wie die Farbenverschiedenheit zwischen den Buchstaben und dem 
Papier mit abnehmender Dämmerung zusehends wächst, die Buchstaben 
schwärzer werden und das Papier weißer. 

Mit diesem Wachsen aller Helligkeitsverschiedenheiten ist nun auch 
die wachsende Deutlichkeit des Sehens gegeben. Auf einem Felde, welches 
anfangs überall beiläufig dieselbe Farbe (dieselbe Helligkeit bezw. Dunkel- 
heit) zeigte, treten jetzt immer zahlreichere, anfangs nur eben merkliche, 
später immer deutlichere Verschiedenheiten hervor, d. h. man sieht immer 
mehr Einzelheiten; in den dunklen Bezirken eines Kupferstiches z. B. zeigen 
sich immer schwärzere, in den hellen Bezirken immer weißere Einzelheiten, 
immer deutlichere Abstufungen der Helligkeit bezw. Dunkelheit. 

W^enn dann mit zunehmender Sonnenhöhe die Beleuchtung stärker 
und stärker wird, so werden die dadurch bedingten Zunahmen der Farben- 
unterschiede immer weniger merklich, und ohne besonders darauf gerichtete 
Aufmerksamkeit kann man leicht zu der Meinung kommen, dass, wenn ein- 
mal die Beleuchtung eine gewisse mäßige Stärke erreicht hat, das weitere 
Wachsen derselben eine Zunahme der Farbenunterschiede nicht mehr mit 
sich bringe. Demgegenüber braucht nur daran erinnert zu werden, dass 
man eine z. B. zum Lesen oder Schreiben völlig bequeme Beleuchtungs- 
stärke nicht mehr zureichend findet, sobald man sich mit feineren Dingen 
und zarteren Helligkeitsabstufungen beschäftigen will, als wie solche beim 
Lesen oder Schreiben in Betracht kommen. Man beseitigt dann wohl einen 
Fenstervorhang oder rückt näher an das Fenster. Dass man nun besser 
sieht, verdankt man, abgesehen von dem leicht auszuschließenden Einflüsse 
einer etwaigen Pupillenverengung, der Vergrößerung der Farben unter- 
schied e. Dieselbe beruht vorwiegend darauf, dass die lichtstärkeren Teile 
des Gesichtsfeldes jetzt weißer erscheinen, während, was man übersehen 
hat, die lichtschwachen teils unverändert, teils schwärzlicher erscheinen als 



72 Lehre vom Lichtsinn. 

zuvor. Die äußerst feine Schraffierung eines Kupferstiches oder einer Photo- 
typie kann bei einer im übrigen ganz bequemen Beleuchtung unmerklich 
sein, bei gesteigerter Beleuchtung aber deutlich werden, weil der unter- 
merkliche Farbenunterschied zwischen Linien und Grund sich zu einem 
merklichen vergrößert hat. An feinen, sogenannten schwarzen Linien auf 
weißem Grunde kann man bei darauf gerichteter Aufmerksamkeit sehen, 
dass dieselben bei schwächerer Beleuchtung eigentlich grau und erst bei 
guter Beleuchtung schwarz erscheinen. 

Alle diese, infolge wachsender Farbenverschiedenheiten eintretenden 
Zunahmen der Deutlichkeit des Sehens erfolgen allerdings auf Kosten der 
Konstanz der Farben der Sehdinge. Da aber dabei, soweit es sich 
nur um das Gebiet der brauchbaren Beleuchtungen handelt, 
alles Weiße nur noch weißer, das Schwarze nur noch schwärzer 
wird und alles Graue grau bleibt, wenn es sich auch in ein 
weißlicheres oder schwärzlicheres Grau verwandeln kann, so 
bewahren die Außendinge dabei doch wenigstens im wesent- 
lichen ihre Farben, wie es dem in § 6 erörterten Satze von der 
angenäherten Farbenbeständigkeit der Sehdinge entspricht. 

§ 18. Einfluss der successiven Anpassung des Auges auf die 
Deutlichkeit des Sehens. Betritt man nach längerem Aufenthalte in 
einem gut beleuchteten Räume einen nur schwach beleuchteten, oder setzt 
man die Beleuchtung des ersteren schnell und erheblich herab, so unter- 
scheidet man zunächst weniger, bezw. gar nichts. Sehr bald aber wächst 
das Unterscheidungsvermögen wieder, anfangs schnell, dann immer lang- 
samer, bis es die ihm durch das Ausmaß der jetzt herrschenden Beleuchtung 
gezogene Grenze erreicht hat. Gleichwohl bleibt, wenn die Herabsetzung 
der Beleuchtung eine erheblichere war, die Deutlichkeit des Sehens auch 
dann noch ganz merklich hinter derjenigen zurück, welche bei der stärkeren 
Beleuchtung bestand. 

Kehrt man jetzt aus dem schwach beleuchteten Räume in den stark 
beleuchteten zurück oder verstärkt die Beleuchtung des ersteren wieder, so 
fühlt man sich mehr oder weniger geblendet und unterscheidet zunächst 
abermals weniger, bis die Deutlichkeit des Sehens allmählich wieder ihr 
anfängliches Maß erreicht. 

Jede schnelle und größere Änderung der Beleuchtungsstärke des Gesichts- 
feldes bedingt also zunächst eine sehr merkliche Herabsetzung der Deutlich- 
keit des Sehens; erst wenn das Auge sich an die neue Beleuchtung gewöhnt 
und sich derselben vollständig angepasst hat, leistet es in bezug auf die 
Deutlichkeit des Sehens das 31aximum dessen, was ihm bei der gegebenen 
Beleuchtung möglich ist. 

Die angeführten Thatsachen lehren zugleich, dass das längere Zeit im 



§ 18. Einfluss d. successiven Anpassung auf d. Deutlichkeit d. Sehens. 73 

schwächer beleuchteten Räume gewesene Auge im stärker beleuchteten 
trotz der größeren Lichtstärke aller Außendinge anfangs sogar weniger 
leistet, als zuvor bei der schwachen Beleuchtung, und dass umgekehrt das 
für ein stark beleuchtetes Gesichtsfeld adaptierte Auge für das schwach 
beleuchtete solange fast unbrauchbar ist, bis es sich für letzteres wieder 
angepasst hat. Die verschiedenen Grade der allgemeinen Be- 
leuchtung erfordern also verschiedene Anpassungszustände des 
Auges, und umgekehrt entspricht jedem Anpassungszustande 
eine besondere für diesen Anpassungszustand optimale Beleuch- 
tungsstärke, wenn das Auge das unter den gegebenen Verhält- 
nissen mögliche Maximum der Deutlichkeit des Sehens er- 
reichen soll. 

Dieses Maximum ist bei verschiedenen Anpassungszuständen und den 
zugehörigen optimalen Beleuchtungsstärken ein verschiedenes und also im 
allgemeinen ein nur relatives. Ein für schwache Beleuchtung angepasstes 
Auge erreicht bei keiner und also auch nicht bei der zugehörigen optimalen 
Beleuchtungsstärke so hohe Deutlichkeitsgrade des Sehens wie ein für 
stärkere Beleuchtung angepasstes. Nur bei einem bestimmten Ausmaß der 
Beleuchtung, welches man als das absolute Optimum der Dauer- 
beleuchtung bezeichnen kann, erreicht nach erfolgter Anpassung die 
Deutlichkeit des Sehens ihr absolutes Maximum. Für verschiedene 
Augen aber ist jenes absolute Optimum ein verschiedenes, weil individuelle 
Eigentümlichkeiten für dasselbe mitbestimmend sind. Jeder wird aus eigener 
Erfahrung wissen, dass es für sein Auge ein Ausmaß der Dauerbeleuchtung 
giebt, bei welchem er am deutlichsten sieht, die Dinge am mühelosesten 
unterscheidet und am meisten Einzelheiten an denselben wahrnimmt, und 
dass jede erheblich unter diesem Optimum zurückbleibende oder über das- 
selbe hinausgehende Dauerbeleuchtung die Deutlichkeit des Sehens merklich 
beeinträchtigt. 

Die vollständige Anpassung des Auges an eine gegebene Stärke der 
allgemeinen Beleuchtung bedingt also, bei gleicher Schärfe des Netzhaut- 
bildes, an sich noch nicht die von dem bezüglichen Auge überhaupt erreich- 
bare größte Deutlichkeit des Sehens, denn diese ist zugleich an die absolut 
optimale Beleuchtungsstärke gebunden ; vielmehr ist der Zustand vollständiger 
Anpassung an eine gegebene Beleuchtung dadurch charakterisiert, dass das 
Auge dabei andauernd mit der relativ größten, ihm bei der gegebenen 
Beleuchtung möglichen Deutlichkeit sieht. 

Würde das Auge bei einer schnelleren Änderung der Beleuchtungsstärke 
sofort mit der dem neuen Beleuchtungsstande entsprechenden relativ maxi- 
malen Deutlichkeit sehen, so würden wir hierin keinen Anlass finden, von 
einer successiven Anpassung des Auges zu sprechen; hierzu zwingt uns 
jedoch die Thatsache, dass das Auge nach eingetretenem Beleuchtungswechsel 



74 Lehre vom Lichtsinn. 

eine gewisse Zeit, die Anpassungszeit braucht, ehe das relative Maximum 
der Deutlichkeit des Sehens erreicht wird. Es weist dies darauf hin, dass 
sich während dieser Anpassungszeit innere Änderungen des Auges vollziehen, 
durch welche dasselbe erst für die neue Beleuchtungsstärke eingerichtet 
wird. Wenn freilich die Zu- oder Abnahme der Beleuchtung so langsam 
vor sich geht, dass diese inneren, die successive Anpassung ausmachenden 
Änderungen mit denen der Beleuchtung gleichen Schritt zu halten vermögen, 
so kann es scheinen, als wäre das Auge ein ohne weiteres für sehr ver- 
schiedene Beleuchtungsstärken eingerichtetes Organ. 

Wir können innerhalb gewisser Grenzen der Beleuchtungsstärke soviel 
Stufen der successiven Anpassung unterscheiden, wie Stufen der Beleuchtung. 
Der stärkeren allgemeinen Beleuchtung und der zugehörigen höheren An- 
passungsstufe entspricht bis zu einer gewissen Grenze auch ein höheres 
Maß der Deutlichkeit des Sehens. Wächst aber die Beleuchtungsstärke über 
jene Grenze hinaus und vermag das Auge mit seiner Anpassung nicht weiter 
zu folgen, so nimmt auch die Deutlichkeit des Sehens nicht mehr zu und 
weiterhin sogar wieder ab. 

§ 19. Gleichen Unterschieden der Lichtstärken entsprechen 
nicht gleiche Helligkeitsunterschiede. Es giebt eine ganze Litteratur 
über die Frage, nach welchem Gesetze die »Intensität der Empfindung« mit 
der Lichtstärke der korrelativen Stelle des Gesichtsfeldes bezw. ihres Netz- 
hautbildes wachse. Man setzte dabei als selbstverständlich voraus, dass 
eine Zunahme der Lichtstärke ganz allgemein auch eine Zunahme der Hellig- 
keit bedinge, während doch, wie bereits in § 17 gezeigt worden ist, oft 
genug trotz einer Zunahme der Lichtstärke ein Dunkler werden der bezüg- 
lichen Sehfeldstelle eintritt. Man setzte zweitens voraus, dass die Helligkeit 
als eine Intensitätsgröße betrachtet werden könne, während sie sich doch, 
wie in § 10 dargelegt wurde, ebensowenig als eine Größe nehmen lässt, 
wie ein Ort auf einer Geraden. Nur Helligkeits- bezw. Dunkelheitsunter- 
schiede lassen eine vergleichende Größenbestimmung und also ein an- 
genähertes Maß zu, wie sich auch Lageverschiedenheiten zweier Orte 
messen lassen. 

Schon diese Andeutungen genügen, ganz abgesehen von vielem anderen, 
was noch zur Sprache kommen wird, um darzuthun, dass die eingangs 
erwähnte Frage falsch gestellt ist. Wohl aber darf man fragen, 
nach welchen Regeln oder Gesetzen die Größe oder Deutlichkeit des Unter- 
schiedes zweier tonfreien Farben oder, wie man hier auch sagen kann, 
ihr Helligkeits- oder Dunkelheitsunterschied abhängig sei von der Größe des 
Unterschiedes der beiden korrelativen Lichtstärken im Gesichtsfelde bezw. 
im Netzhautbilde. 

Zunächst ließe sich denken, dass gleichgroßen Unterschieden der Licht- 



§ 19. 



Lichtstärkenunterschied und Helligkeitsunterschied. 



75 



stärken auch gleichgroße Unterschiede der Helligkeit entsprechen. Obgleich 
leicht darzuthun ist, dass diese Annahme falsch wäre, scheint es mir doch 
nicht überflüssig, die Mangelhaftigkeit der gewöhnlich gegen dieselbe ange- 
führten Beweise darzulegen. Dabei sollen zunächst insbesondere solche 
Helligkeitsunterschiede in Betracht gezogen werden, welche für uns zwischen 
zwei nebeneinander und nicht bloß nacheinander gesehene Helligkeiten be- 
stehen. 

Man stelle in zunächst verfinstertem Zimmer auf einen Tisch nahe 
dessen Rande einen schmalen weißen Schirm [w w)^ ferner nahe dem gegen- 
überliegenden Rande eine Reihe von fünf oder mehr brennenden Kerzen 
[F^ bis Fr,) von der halben Höhe des Schirmes, und endlich zwischen 



Fig. 12. 




Schirm und Kerzen einen mattschwarzen vertikalen Stab auf, wie es Fig. 12 
zeigt. Ob die Kerzenflammen von gleicher Lichtstärke sind oder nicht, ist 
hier gleichgültig. Verdeckt man alle Kerzen außer der mittleren (F^)^ so 
sieht man auf dem weißen Schirm einen schwarzgrauen oder, wenn die 
Wand und alles im Zimmer befindliche schwarz ist, einen schwarzen 
Schatten des Stabes. Sobald man jetzt eine zweite Kerzenflamme frei 
macht und den Schirm mitbeleuchten lässt, verliert der Schatten sehr auf- 
fallend an Schwärze, auch wird der weiße Grund deutlich heller; aber der 
Farbenunterschied zwischen dem Schatten und seiner Umgebung ist jetzt 
bedeutend kleiner als anfangs, obwohl die Schattenstelle und ihre Umgebung 
einen gleichgroßen Zuwuchs an Lichtstärke erfahren haben und also die 
Differenz ihrer Lichtstärken die gleiche geblieben ist. Das beschriebene 
Verhalten wiederholt sich in schwächerem Maße, wenn man eine dritte 
Flamme freigiebt, in noch schwächerem, wenn auch das Licht der vierten 



7ß Lehre vom Lichtsinn, 

Flamme zugelassen wird u. s. w. Der Unterschied des Schaltens von seiner 
Umgebung wird also dabei immer geringer. Wenn man schließlich einen 
Fensterladen öffnet und das volle Tageslicht auf den Schirm fallen lässt, 
verschwindet der Schatten gänzlich, obwohl auch jetzt noch der Unterschied 
zwischen der Lichtstärke des Schattenortes und seiner Umgebung derselbe 
ist, wie bei Beginn des Versuches, wo nur eine Flamme den Schirm be- 
leuchtete. Durch Wiederverschluss des Fensterladens und folgCAveise Aus- 
schaltung der einzelnen Flammen lässt sich der Versuch in umgekehrter 
Richtung wiederholen und der wieder w^achsende Unterschied des Schattens 
von seiner Umgebung beobachten. 

Der Versuch zeigt also, dass hier bei gleichbleibendem Unterschiede 
der Lichtstärke zweier Teile der Schirmfläche die Farbenverschiedenheit 
derselben um so kleiner ist, je grüßer die beiden Lichtstärken sind. Jede 
neuhinzukommende Lichtquelle erteilt der Schattenstelle für das Auge einen 
größeren Helligkeitszuwuchs als der umgebenden Schirmfläche. Dement- 
sprechend holt die in größeren Sprüngen wachsende Helligkeit der 
Schattenstelle die in kleineren Sprüngen wachsende der Umgebung schließ- 
hch ein, und beide werden gleich, während die Sprünge, welche dabei die 
Lichtstärken machten, auf der Schattenstelle stets dieselben waren wie 
auf deren Umgebung. 

Wenn eine bei hellem Tage angezündete Straßenlaterne keine Schatten 
erzeugt, w^enn die Sterne tagsüber auch bei klarstem Himmel unsichtbar 
sind, obwohl sich ihr Licht zum Lichte der »Himmelsfläche« bei Tage 
ebenso addiert wie während der Abend- oder Nachtdämmerung, und also 
der Intensitätsunterschied zwischen dem Lichte eines Sternortes und dem 
Lichte seiner Umgebung derselbe bleibt: so beweisen diese und analoge 
Thatsachen zwar ebenso wie der beschriebene Versuch, dass hier gleich- 
großen Differenzen der Lichtstärken zweier Außendinge nicht auch gleich- 
große Helligkeitsverschiedenheiten der bezüglichen Sehdinge entsprechen, 
aber alle solche Thatsachen schließen nicht ohne weiteres die Möglichkeit 
aus, dass letzteres doch der Fall sein würde, wenn die hier unvermeidlich 
gewesenen Änderungen des Anpassungszustandes der Augen ausgeschlossen 
wären. 

Zu diesen Änderungen gehört zunächst das Pupillenspiel. Wenn z. B. 
der Durchmesser der Pupillen bei der Betrachtung des lichtstarken Tag- 
himmels nur 2, bei Betrachtung des Nachthimmels aber 6 mm betrüge, und 
die Pupillenfläche also letzterenfalls 9 mal größer wäre als ersterenfalls, so 
würde bei Nacht im Netzhautbilde die Differenz zwischen den Lichtstärken 
eines Sternortes und seiner Umgebung 9 mal so groß sein als bei Tage, 
auch wenn sie am Himmel selbst, photometrisch genommen, bei Nacht 
nicht größer wäre als bei Tage. Denn durch die Erweiterung der Pupille 
wird zwar das Verhältnis der Lichtstärken zweier Teile des Netzhaut- 



§ 19. Lichtstärkenunterschied und Helligkeitsunterschied. 77 

bildes nicht geändert, wohl aber ihre Differenz proportional mit der Zu- 
nahme der Pupillenfläche vergrößert. Einem 9 mal größeren Unterschiede 
der Lichtstärken müsste aber nach der oben zurückgewiesenen Hypothese 
ein entsprechend größerer Helligkeitsunterschied entsprechen. Somit könnte 
ein bei kleiner Pupille untermerklicher Unterschied bei großer Pupille sehr 
merklich werden. 

Wenn nun auch zweifellos die Unsichtbarkeit eines Sternes am Tag- 
himmel im wesentlichen nicht darauf beruht, dass dabei die Pupille viel 
enger ist als bei Nacht, so zeigt doch dieser Fall besonders deutlich, wie 
notwendig es bei allen hier in Betracht kommenden Beobachtungen eigent- 
lich wäre, den Einfluss der durch die veränderte Lichtstärke des Gesichts- 
feldes bedingten Pupillenänderung auszuschließen. Thut man dies, indem 
man dicht vor das Auge ein kleines Diaphragma setzt, dessen Öffnung 
kleiner ist, als unter den gegebenen Umständen der Durchmesser der Pupille 
werden kann, so ändert sich freilich an den besprochenen Erscheinungen 
nichts hier wesentliches. 

Viel stärker fällt, um zunächst bei den Sternen zu bleiben, folgendes 
ins Gewicht: Wer wie Fechner, Helmholtz und ihre Nachfolger (vgl. die 
Lehr- und Handbücher der Physiologie) annimmt, dass bei gleichem Reize 
die Stärke der »Erregung« des Auges seiner »Erregbarkeit« beiläufig pro- 
portional ist, hat zu bedenken, dass dann die Änderungen der Erregbarkeit 
auf die Unterschiede der Erregungsstärken einen ganz analogen Einfluss 
haben w^ürden, wie die Änderungen der Pupille auf die Unterschiede der 
Lichtstärken im Netzhautbilde, d. h. einer z. B. 10 mal größeren Erregbarkeit 
würden, wenn alles übrige gleichbleibt, 10 mal größere Unterschiede der 
Erregungsstärken entsprechen. Setzen wir einmal die Erregbarkeit bei 
Tage =1, die Lichtstärke der Himmelsfläche =200 und den Zuwuchs 
an Lichtstärke, welcher durch einen bestimmten Stern für seinen Ort an 
der Himmelsfläche bedingt ist, =: 1 , so würden die beiden, den Lichtstärken 
200 und 201 entsprechenden Erregungsstärken ebenfalls = 200 und 201, 
und ihr Unterschied = 1 zu setzen sein. Wäre dann die Dämmerung 
soweit fortgeschritten, dass die Lichtstärke der Himmelsfläche nur noch = 5, 
die Erregbarkeit aber unterdessen 10 mal größer geworden wäre, so wäre 
die der Himmelsfläche entsprechende Erregung =50, die dem Sternorte 
entsprechende =60 und der Unterschied beider = 10, also lOmal größer 
als bei Tage. Dann wäre aber die Annahme die nächstliegende, dass dem 
größeren Erregungsunterschied auch ein größerer Helligkeitsunterschied ent- 
spricht, und dass die Unsichtbarkeit der Sterne bei Tage auf dem zu kleinen 
absoluten Unterschiede der beiden bezüglichen »Erregungen« beruht. 

Es war also kein glücklicher Griff, wenn Feconer (12, L S. 142) die 
Unsichtbarkeit der Sterne bei Tage als einen guten Beweis dafür anführte, 
dass für die Helligkeitsunterschiede im Sehfelde nicht die Unterschiede, 



78 Lehre vom Lichtsinn. 

sondern die Verhältnisse der bezüghchen Erregungsstärken das Maß- 
gebende seien. 

Was soeben an einem extremen Beispiele erörtert wurde, gilt mehr oder 
minder auch von den anderen oben erw^ähnten Thatsachen. Denn bei allen 
kommt infolge veränderter Gesamtbeleuchtung eine Veränderung des An- 
passungszustandes und der »Erregbarkeit« in Betracht. Je länger z. B. bei 
dem Versuche mit dem schattenwerfenden Stabe die Zeit zwischen dem 
Freigeben der einen und der nächstfolgenden Flamme ist, desto besser wird 
sich unterdessen das Auge für die bereits gesteigerte Beleuchtung successiv 
angepasst haben, so dass jede neu hinzukommende Flamme das Auge in 
einem anderen Anpassungszustande findet, als die vorhergehende. Sind die 
Zwischenzeiten zu kurz, als dass solche Successivanpassung wesentlich in 
Betracht kommen kann, so wird doch die allgemeine Steigerung der Be- 
leuchtung, wie sie durch jede neue Kerzenflamme bedingt ist, von der ent- 
sprechenden simultanen, auf Wechselwirkung der Sehfeldstellen beruhenden 
Anpassung begleitet sein und die Lichtempfindlichkeit dadurch sofort weiter 
herabgesetzt werden. 

Gleichviel wie man sich diese thatsächlich eintretenden Änderungen 
der Lichtempfindlichkeit erklären will, es bleibt sicher, dass, wer die Art 
der Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von denen der Lichtstärke 
untersuchen will, in erster Linie, soweit irgend möglich, dafür zu sorgen 
hat, dass das Sinnesorgan, dessen Reaktionen auf die verschie- 
denen Lichtstärken zu vergleichen sind, sich nicht in der Zeit 
von einer Reaktion zur anderen irgend wesentlich verändert 
hat, sondern dass sämtliche zur Anwendung kommenden Lichtstärken das 
Organ in demselben Zustande treffen. Thut er dies nicht, so gleicht er 
einem Manne, welcher Messungen mit einem Thermometer machen will, 
dessen lockere Skala sich gegen die Quecksilbersäule in nicht kontrollierter 
oder gar nicht kontrollierbarer Weise in der Zeit von einer Ablesung zur 
anderen verschiebt. 

Alle Beobachtungen also, bei denen sich die Gesamtbeleuch- 
tung in der Zeit von einer Beobachtung zur anderen geändert 
hat, sind zur Entscheidung der hier besprochenen Frage nicht 
einwandsfrei bezw. gar nicht verwendbar. Bei den folgenden Be- 
obachtungen oder Versuchen sind nun die eben erwähnten Einwendungen 
ausgeschlossen. 

Hinter der Flamme eines Bunsenbrenners befinde sich ein zur rechten 
Hälfte weißer, zur linken Hälfte schwarzer Kartonstreifen: sobald man nach 
der Flamme blickt, sieht man dieselbe, soweit sie vor dem schwarzen 
Grunde erscheint, hell, während sie vor dem weißen Grunde kaum oder 
gar nicht sichtbar ist. 

Hinter die große Flamme einer Spiritus-Dochtlampe bringe man ein 



§ 11'. Lichlstärkenunterschied und Helligkeitsunterschied. 79 

steifes weißes oder graues Papier, auf welches ein schmales Stück belegten 
Spiegelglases geklebt ist; die Ebene des Papieres mit dem Spiegel sei so 
gewählt, dass sich in letzterem für das Auge des Beobachters ein Stück 
des gleichmäßig hellen Himmels spiegelt: soweit die Flamme vor dem 
Spiegel liegt, ist sie unsichtbar, vor dem grauen oder weißen Papier aber 
erscheint sie leuchtend. 

Hätte man vollends bei diesen Versuchen vor jeder Beobachtung 
zwischen sich und die Flamme einen geichmäßig grauen Schirm zureichend 
lange gehalten und die Augen schon vor der Entfernung des Schirmes 
passend gerichtet, so würden selbst für einen peinlichen Kritiker die oben 
erhobenen Bedenken beseitigt sein. 

Eine kleine möglichst dünne unbelegte Spiegelglasplatte (z. B. ein ge- 
schliffenes Deckglas) sei so gegen ein Fenster geneigt, dass sich in ihr für 
den Beobachter ein Teil der gleichmäßig hellen Himmelsfläche spiegelt, wenn 
er auf ein hinter bezw. unter dem Glase in passender Entfernung befind- 
liches und zureichend beleuchtetes bedrucktes Blatt blickt. Auf dem Teile des 
Blattes, wo sich das gespiegelte Himmelslicht zu dem von dem Papier und 
seinen Buchstaben kommenden Lichte addiert, sieht der Beobachter die 
Buchstaben weniger von dem weißen Grunde abstechen, sie sind ihm minder 
deutlich, und w^enn die Schrift zureichend klein bezw. das zugespiegelte 
Licht zureichend stark ist, gar nicht mehr lesbar. Da wie gesagt bei 
gleicher Schärfe des Netzhautbildes sowie gleicher Form und Grüße der 
Buchstaben die Deutlichkeit einer Schrift lediglich von der Grüße des Unter- 
schiedes der Farbe abhängt, in welcher einerseits die Buchstaben, anderer- 
seits deren Umgebung erscheinen, so haben wir in der größeren oder 
geringeren Deutlichkeit der Schrift zugleich ein Merkmal für den grüßeren 
oder kleineren Betrag dieses Unterschiedes. 

Die Methode der Lichtzuspiegelung eignet sich überhaupt ganz vorzüg- 
lich zur Untersuchung der Beziehungen zwischen den Intensitätsverschieden- 
heiten des Lichtes und den korrelativen Helligkeitsunterschieden im Seh- 
felde. Lässt man einen weißen Papierschirm sich an einer unbelegten Spiegel- 
glasplatte spiegeln, so kann man durch Verstärkung oder Abschwächung 
der den Schirm beleuchtenden Lichtquelle oder durch Änderung des Winkels, 
welchen die Schirmfläche mit der Einfallsrichtung des sie treffenden Himmels- 
lichtes bildet, die Mengen des dem Auge zugespiegelten Lichtes in fein ab- 
gestufter Weise abändern; andererseits kann man durch passende Einrich- 
tungen ganz unabhängig von der Menge des zugespiegelten Lichtes die 
Beleuchtung der durch die Glasplatte beobachteten Schrift, Photographie, 
oder was sonst benutzt wird, verstärken oder abschwächen. Dass man 
beim Blicken durch die Glasplatte eigentlich zwei, ein wenig gegeneinander 
verschobene Bilder der gespiegelten Fläche erhält, ist für die meisten hier 
in Betracht kommenden Versuche ganz unwesentlich. 



80 



Lehre vom Lichtsinn. 



Man überklebe die eine Hälfte einer Glastafel mit einer Skala tonfreier 
Papiere, die andere Hälfte teils mit tiefschwarzem, teils mit unmittelbar 
angrenzendem schwarzgrauen Papier in der Weise, wie es Fig. 13 zeigt, 
und stelle auf die Grenzlinie [GG] der beiden Hälften ein vertikales unbelegtes 
Spiegelglas von der Größe der ersterwähnten Glastafel. Blickt man dann 

durch das Spiegelglas auf 
die Skala, so sieht man im 
allgemeinen den von dem 
Spiegelglase entfernteren 
Teil der Skala, auf welchen 
das Spiegelbild des schwarz- 
grauen Papieres fallt, heller 
als den dem Spiegelglase 
näheren Teil, und der 

Helligkeitsunterschied 
beider Teile einer Stufe ist 
um so deutlicher (größer), 
je lichtschwächer die be- 
zügliche Stufe ist. Bei 
gleichbleibendem Standort 
des Körpers vor dem Appa- 
rate sind diese Helligkeits- 
unterschiede um so größer, 
je höher sich die Augen 
über der Ebene der Skala 
befinden, und wenn man den immer aufrecht gehaltenen Kopf durch 
zunehmende Kniebeugung abwärts bewegt, so w^erden die Helligkeitsunter- 
schiede immer kleiner und zuerst auf der lichtstärksten Stufe der Skala, 
dann auf der nächst unteren u. s. f. unmerklich, obwohl der Lichtstärken- 
unterschied auf allen Stufen der Skala derselbe ist, von einem kleinen hier 
nicht in Betracht kommenden Fehler abgesehen. 

Will man diesen kleinen Fehler vermeiden und zugleich in strengster Weise 
für immer gleichen Anpassungszustand der Augen sorgen, so befestigt man die 
Spiegelglasplatte an einem Träger derart, dass ihr unterer Rand das Papier 
nicht berührt, sondern einige Millimeter über demselben liegt. Sodann schiebt 
man zwei ganz gleiche, große und steife graue Blätter von links und rechts her 
über die Papierfläche, bis ihre parallelen Ränder in dem Punkte zusammentreffen, 
auf den man bei der nachher anzustellenden Beobachtung den BHck richten will. 
Nachdem man dann längere Zeit hindurch die graue Fläche der Blätter zwang- 
los betrachtet hat, fixiert man jenen Punkt und zieht sofort die beiden Blätter 
mit mäßiger Geschwindigkeit nach rechts und links zur Seite. Dann ist man 
sicher, dass die Netzhautstelle, mit der man beobachtet, vor jeder Einzel- 
beobachtung immer wieder unter derselben Lichtwirkung gestanden hat. Durch 
quere Verschiebung der unteren Glasplatte lässt sich dann auch vor jeder Einzel- 




§ 20. Lichtstärkenverhältnis und Helligkeitsunterschied. 81 

beobachtung bei unveränderter Kopflage eine andere Stufe der Skala an den- 
selben Beobachtungsort bringen. 

Wo immer ein Spiegelbild auf einer teils lichtschwächeren, teils licht- 
stärkeren Fläche gesehen wird, tritt es auf der ersteren deutlicher hervor 
als auf der letzteren, auch wenn die durch das Spiegelbild bedingten Licht- 
zuwüchse auf beiden Teilen der Fläche ganz gleich groß sind. Jede Spiegel- 
glasscheibe eines Schaufensters, jeder Flügel eines nach innen geöffneten 
Fensters giebt Gelegenheit dies zu bestätigen. 

Das Ergebnis aller derartigen Versuche ist also, dass auch bei unver- 
ändertem Anpassungszustande des Auges gleichen Unterschieden der Licht- 
stärken nicht auch gleich deutliche Helligkeitsunterschiede entsprechen, 
sondern dass die letzteren um so weniger auffällig sind, je größer bei 
gleichbleibenden Unterschieden die Lichtstärken sind. 

Neuerdings hat Petri^x auf Grund einer sorgfältigen, mit Sv. Johansson 
ausgeführten Untersuchung angegeben (17, S. 86), »dass die Größe des eben 
merklichen Unterschiedes bei derjenigen Intensität der Reize, welche ein weißes, 
von diffusem Tageslichte voll beleuchtetes Papier besitzt, etwa dieselbe ist, wie 
bei einer 3 3 mal geringeren Intensität«. Es muss besonders hervorgehoben 
werden, dass bei dieser Untersuchung dafür gesorgt war, das Auge vor jeder 
Einzelbeobachtung wieder möglichst genau in denselben Anpassungszustand zu 
bringen. Hätte das angegebene, in durchaus zuverlässiger Weise, aber unter 
besonderen , ungewöhnlichen Umständen gewonnene Ergebnis eine allgemeine 
Gültigkeit, so müsste z. B. bei dem soeben besprochenen Spiegelungsversuch der 
durch das zugespiegelte Licht erzeugte Helligkeitsunterschied auf den licht- 
schwächsten Stufen der Skala ebenso deutlich sein, wie auf den lichtstärksten, 
und auch auf beiden gleichzeitig eben merklich bezw. eben unmerklich werden, 
was jedoch nicht entfernt der Fall ist. Petrin und Johansson vermehrten oder 
verminderten auf einer sehr kleinen runden Stelle (von nur 50' Gesichtswinkel) 
einer großen gleichmäßig grauen Fläche ganz plötzlich und nur für Ys Sekunde 
die Lichtstärke und zwar auf der einen Hälfte der Stelle stärker als auf der 
anderen, so dass also die Lichtstärken beider Hälften verschieden wurden. Der 
kleinste dabei noch merkliche Unterschied dieser beiden Lichtstärken wurde be- 
stimmt. Sie fanden ihn beiläufig ebenso groß, wenn die Lichtstärken der beiden 
etwas verschiedenen Hälften des kleinen Kreisfeldes der Lichtstärke eines weißen 
Papieres ganz nahe kamen, wie wenn sie 3 3 mal geringer waren und also der 
eines schwarz erscheinenden Papieres beiläufig entsprachen. Wie dieses Ergebnis 
aus den besonderen Versuchsbedingungen zu erklären ist, wird sich weiterhin 
herausstellen. 

§ 20. Entsprechen gleichen Verhältnissen der Lichtstärken 
der wirklichen Dinge gleichgroße Helligkeitsunterschiede der 
Seh dinge? Eine zweite naheliegende Hypothese über die Beziehungen 
zwischen den Unterschieden der Lichtstärken und den Unterschieden der 
korrelativen Farben (Helligkeiten) ist die, dass gleichgroßem Unterschiede 
der letzteren dasselbe Verhältnis der Lichtstärken entspreche. Nahe 

Hering, Lichtsinn. 6 



g2 Lehre vom Lichtsinn. 

liegend ist diese Annahme, weil bei Änderungen der allgemeinen Beleuchtung 
zwar die Unterschiede der Lichtstärken der Einzelteile des Gesichtsfeldes 
sich proportional der Zu- oder Abnahme der Beleuchtungsstärke ändern, 
die Verhältnisse der Lichtstärken aber dieselben bleiben, und man es 
zweckmäßig linden kann, wenn auf diese Weise die Deutlichkeit des 
Sehens, wenigstens innerhalb weiter Grenzen, von den Intensitätsänderungen 
der allgemeinen Beleuchtung unabhängig gemacht wäre. 

Fechner war der Ansicht, dass dieser Hypothese, abgesehen von mini- 
malen oder übermäßig großen Lichtstärken allgemeine Gültigkeit zukomme. 
Die in § 1 7 besprochenen Thatsachen haben uns jedoch schon gezeigt, wie 
mit der Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes die Deutlichkeit des Sehens 
zu- und abnehmen kann, und dass also hierbei demselben Verhältnis je 
zweier Lichtstärken nicht immer derselbe Unterschied der beiden kor- 
relativen Helligkeiten entspricht. Wir haben ferner in § 18 erfahren, 
welch großen Einfluss der jeweilige Anpassungszustand des Auges auf 
die Deutlichkeit des Sehens hat. Demnach ist jetzt zu prüfen , in- 
wieweit die erwähnte Annahme für den Fall unveränderter Beleuchtung 
des Gesichtsfeldes und bei unverändertem Anpassungszustande des Auges 
Geltung hat. 

Haben wir ein Gesichtsfeld mit konstanter Beleuchtung vor uns und 
lassen innerhalb eines engeren Bezirkes unseren Blick umherwandern, so 
bleibt (abgesehen von ganz besonderen Fällen) der allgemeine Anpassungs- 
zustand des Auges unverändert. Wenn also dabei die zu vergleichenden 
Helligkeitsunterschiede bezw. Lichtstärkenpaare gleichzeitig in einem 
solchen Bezirke gegeben sind und wir unseren Blick abwechselnd bald dem 
einen, bald dem anderen Paare zuwenden, so ist der Forderung einer 
unveränderten Beleuchtung des Gesichtsfeldes und eines gleichbleibenden 
allgemeinen Anpassungszustandes des Gesamtauges genügt. Dann lässt sich 
nur noch verlangen, dass auch der besondere somatische Sehfeldbezirk, 
mit welchem man beobachtet, sich vor jeder Einzelbeobachtung wieder 
genau in demselben Zustande befinde. Man erreicht auch dies, wenn man 
zureichende Pausen zwischen die einzelnen Beobachtungen einschiebt und 
während der Pausen den Blick auf einer ganz gleichartigen, vorübergehend 
vor das Beobachtungsfeld gebrachten Fläche von passender Lichtstärke 
ruhen lässt (vgl. § 26). 

Schon in § 1 1 (S. 39) wurde erwähnt, dass zuerst Plateau versucht 
hat, eine Stufenreihe tonfreier Pigmentfarben herzustellen, in welcher je 
zwei Nachbarstufen beiläufig gleich stark voneinander abstachen und also 
gleichgroßen Helligkeitsunterschied zeigten. Ähnliche Versuche hat später 
Ebbinghaüs (10, S. 1006) mit besonderer Sorgfalt angestellt und zugleich die 
Verhältnisse der Lichtstärken bestimmt, welche zwischen je zwei Nachbar- 
stufen seiner achtstufigen Reihe bestanden. Die verschieden pigmentierten 



§ 20. Lichtstärkenverhältnis und Helligkeitsunterschied. 83 

Papiere ^) kamen als Scheiben von 2 cm Durchmesser auf einem möglichst 
lichtschwachen Grunde und »bei diffuser Tagesbeleuchtung« zur Anwendung. 
Die lichtstärkste Scheibe war, wie er angiebt, beiläufig 100 mal lichtstärker 
als die lichtschwächste 2). Als Quotienten der beiden Lichtstärken je zweier 
Nachbarstufen der Reihe ergaben sich, von der lichtschwächsten bis zur 
lichtstärksten fortschreitend, folgende: 2.25; 2.M; 2.05; 1.77; 1.72; 
1.68; 1.98. 

Wüsste man, zwischen welchen Grenzen die Verhältnisse der Licht- 
stärken innerhalb der Reihe sich hätten abändern lassen, ohne dass der 
Eindruck der Gleichwertigkeit der sieben Helligkeitsunterschiede verloren 
gegangen wäre, so würde der Wert obiger Versuchsergebnisse noch wesent- 
lich größer sein. Aber auch ohne dies darf man aus denselben schließen, 
dass unter den gegebenen Bedingungen gleichen Helligkeitsunterschieden mit 
viel größerer Annäherung gleiche Verhältnisse der Lichtstärken ent- 
sprachen als gleiche Unterschiede derselben. 

Denselben Schluss durfte man aus den Versuchsreihen Delboeuf's (8) und 
den sehr sorgfältigen Versuchen von Lehmann und Neiglick (9) ziehen, bei 
welchen es galt, zwischen zwei gegebenen mehr oder minder stark ver- 
schiedenen Helligkeiten die mittle Helligkeit herzustellen und zugleich die 
Verhältnisse zwischen den drei bezüglichen Lichtstärken zu bestimmen. 
Die solcher mittlen Helligkeit entsprechende Lichtstärke lag stets der mittlen 
Proportionalen der beiden anderen Lichtstärken näher als dem arith- 
metischen Mittel derselben, obwohl die Versuchsbedingungen sehr ver- 
schiedene waren. 

Schon Fechner hatte die von den Astronomen ganz unabhängig von 
jeder Messung der Lichtstärken aufgestellte Reihe der Sterngrößen als eine 
Skala äquidifferenter Helligkeiten angenommen und aus den späteren photo- 
metrischen Bestimmungen der Lichtstärken der einzelnen Sterngrößen ab- 
zuleiten versucht, dass zwischen je zwei Nachbarstufen in der Skala der 
Sterngrößen immer wieder dasselbe Verhältnis der Lichtstärken bestehe. 
Leider aber lässt sich bei der Schätzung der Sterngrößen der Einfluss des 
Raumsinns nicht sicher ausschließen, wie dies schon in § 1 1 erörtert wurde. 

Allen diesen Thatsachen stehen jedoch andere gegenüber, aus denen 
ein gewaltiger Einfluss der absoluten Größe eines Lichlslärkenpaares auf 
die Deutlichkeit seines Helligkeitsunterschiedes hervorgeht, und zwar bei 
unveränderter Pupille und gleichem Stande der successiven Adaptation. 

i) Nach einigen Proben zu urteilen, welche ich der Güte des Herrn Kollegen 
Ebbinghaus verdanke, waren diese Papiere von einer kaum zu übertreffenden 
Vollkommenheit. Dagegen ließen die auf meine Veranlassung fabrikmäßig her- 
gestellten Serien grauer Papiere leider viel zu wünschen übrig. Zu besonderen 
Zwecken musste ich Helligkeitsskalen auf photographischem Wege herstellen lassen. 

2) Das Remissionsvermögen des schwärzesten Papieres, welches mir zur 
Verfügung stand, verhielt sich zu dem des weißesten nur wie 4 : 72. 

6* 



84 Lehre vom Lichtsinn. 

In besonders auffallender Weise zeigen dies folgende Beobachtungen, 
welche den Helligkeitsunterschied zwischen einer »weißen« Papierfläche und 
einer darauf befindlichen » schwarzen « Schrift oder Zeichnung betreffen. 
Das Verhältnis der beiden hier in Betracht kommenden Lichtstärken, des 
Papieres einerseits und der Buchstaben andererseits, durfte, wie in § 6, S. 1 4 
erwähnt wurde, beiläufig gleich 15:1 geschätzt werden. Jedenfalls bleibt 
das Verhältnis bei allen Beleuchtungsstärken der Papierfläche dasselbe, so- 
fern der weiße Grund und die »schwarzen« Buchstaben oder Striche gleich 
matt sind. Es müsste deshalb, wenn ihre Helligkeitsunterschiede lediglich 
vom Verhältnis ihrer Lichtstärken abhingen, auch die Deutlichkeit der Buch- 
staben oder Striche wenigstens innerhalb weiter Grenzen der Beleuchtungs- 
stärke dieselbe bleiben. Dies ist jedoch keineswegs der Fall. 

Wenn man ein kleines fein schraffiertes oder mit Perlschrift bedrucktes 
Blatt in der Mitte knickt und so vor sich hält, dass die eine Hälfte einem 
Fenster zugekehrt ist, dann ist diese Hälfte hchtstärker als die andere, 
und man kann das Verhältnis der Lichtstärken beider Hälften innerhalb 
weiter Grenzen abändern, je nachdem man den Knickungswinkel größer 
oder kleiner wählt, oder bei gleichem Winkel die Lage der Flächen zur 
Einfallsrichtung des Lichtes ändert, oder sich mit dem Blatte vom Fenster 
entfernt bezw. demselben nähert. Vergleicht man nach Befestigung des 
Papieres in der gewählten Lage die eine Hälfte der Schrift mit der anderen, 
so bemerkt man bei irgend erheblicher Differenz der Lichtstärken beider 
Hälften, dass die auf der lichtstärkeren sichtbare Schraffierung auf der 
lichtschwächeren unsichtbar ist, bezw. dass, wenn die Perlschrift auf der 
ersteren eben noch lesbar ist, dies auf der anderen Hälfte nicht mehr der 
Fall ist. Analoges beobachtet man, wenn man die eine Hälfte des nicht 
geknickten Blattes auf irgend eine Weise beschattet. 

Noch besser ist es, einen schmalen Streifen des bedruckten oder fein 
schraffierten hinreichend steifen und nicht glänzenden Blattes über das licht- 
freie Loch eines Dunkelkastens (vgl. § 16, S. 65) zu brücken und durch 
ein dazu geeignetes Polariphotometer zu betrachten. Die getrennt neben- 
einander erscheinenden Bilder, welche man dabei von dem einfachen Ob- 
jekte erhalten kann, bieten den Vorteil, dass sie abgesehen von der ver- 
schiedenen Lichtstärke ganz identisch sind, daher man korrespondierende 
Stellen derselben in bezug auf die Deutlichkeit der Schrift oder der Schraffie- 
rung miteinander vergleichen kann. Zu diesen Beobachtungen musste ich 
jedoch ein Polariphotometer benutzen, in welchem das doppelte Bild nicht 
wie in dem früher beschriebenen (§ 1 6, S. 67) durch ein doppeltbrechendes 
Prisma, sondern durch einen großen Kalkspat (von nahezu 75 mm Länge 
und 40 mm Seitenlänge seiner Endflächen) erzeugt wurde; denn das doppelt- 
brechende Prisma gab nicht zwei bei gleicher Lichtstärke gleichscharfe 
Bilder. 



§ 20. Lichtstärkenverhältnis und Helligkeitsunterschied. 85 

War der Streifen in der Nähe des Fensters von dem hellen weißlichen 
Himmel beleuchtet, so sah ich eine äußerst feine Schraffierung auf dem 
helleren Bilde noch deutlich, auf dem dunkleren aber nicht mehr, wenn 
der Nicol auf 30° stand, was einem Verhältnis der Lichtstärken beider 
Bilder gleich ^'3 entspricht. Aber auch bei einem Verhältnis gleich 1/2 
gelang es mir günstigenfalls noch, feinste Einzelheiten des lichtstärkeren 
Bildes zu sehen, die im lichtschwächeren unkenntlich waren. Eine sichere 
Grenze lässt sich hier, wie bei solchen Grenzfällen überhaupt, nicht 
angeben. 

Beleuchtet man eine kleine Stelle einer schon gut beleuchteten feineren 
Druckschrift oder dergl. mit Hilfe eines kleinen Spiegelchens noch stärker 
oder wirft man auf die Stelle mittels einer Konvexlinse den Zerstreuungs- 
kreis einer kleinen Lichtquelle und entfernt dann das Auge so weit, dass 
die Schrift trotz bester Akkommodation im allgemeinen eben unleserlich 
wird, so ist sie auf der stärker beleuchteten Stelle noch lesbar. 

Absolut größeren Lichtstärken entsprach also bei diesen Versuchen, trotz 
ganz gleich bleibendem Verhältnis derselben sowie gleicher Pupillenweite 
und gleicher Gesamtanpassung des Auges, eine größere Deutlichkeit der 
Helligkeitsunterschiede; im letzterwähnten Falle sogar schon dann, wenn 
die Lichtstärken im einen Bilde nur dreimal bezw. sogar nur doppelt so 
groß waren, als im anderen. 

Analoge Ergebnisse erhält man an Diapositiven, welche ein sehr feines 
Detail zeigen. Hält man ein solches Diapositiv in passendem Abstände vor 
eine gut beleuchtete halb w^eiße halb graue Fläche von z. B. Ys der Licht- 
stärke der weißen, oder bringt man dicht unter die eine Hälfte ein dunkel- 
graues, unter die andere ein hellgraues oder ganz ungefärbtes Glas und 
hält das Ganze vor eine gleichmäßig weiße Fläche, so erkennt man auf 
der heller erscheinenden Hälfte des Diapositivs noch feinere Einzelheiten 
als auf der anderen Hälfte. Um einen sicheren Vergleich zu haben, sucht 
man sich eine bestimmte besonders geeignete Stelle des Bildes aus und 
schiebt dieselbe bei der einen Beobachtung vor den weißen, bei der nächsten 
vor den grauen Hintergrund, bezw. schiebt man bald das dunklere, bald 
das hellere Glas unter die Stelle, während jetzt der Hintergrund ganz gleich- 
mäßig weiß ist. 

Um bei allen solchen Versuchen ganz streng der Forderung zu genügen, 
dass das Auge unmittelbar vor jeder Beobachtung sich wieder in demselben 
Anpassungszustande befinde, kann man das Sehobjekt zwischen je zwei 
Einzelbeobachtungen immer wieder durch graue Schirme verdecken, auf 
welchen der Blick während der zureichend langen Pausen der Beobachtung 
zwanglos zu ruhen hat. Dass die Gesamtbeleuchtung während einer 
Beobachtungreihe dieselbe bleiben soll , bedarf kaum wieder der Er- 
wähnung. 



86 Lehre vom Lichtsinn. 

Fechner giebt (12, I. T. S. 1 40) an, dass ihm »benachbarte Wolkennuancen, 
die nur einen spurweisen Unterschied für das Auge darbieten«, durch graue 
Gläser, die nur Y7 des Lichtes durchließen, »mindestens noch ebenso merkHch 
waren, als bei freiem Auge«. Derartige Versuche sind seitdem öfters angestellt 
worden, teils mit analogem, teils mit abweichendem Ergebnis (z. B. von Helm- 
HOLTz). Für unseren Zweck sind sie unbrauchbar, weil dabei die Gesamt- 
beleuchtung der Netzhaut bedeutend verändert wird. Fechner bemerkt selbst 
(12, I. T. S. 144), dass er »bei Vornahme oder Wegnahme der Gläser ein 
momentanes Undeutlicherwerden des Unterschiedes erfuhr, was jedoch beidesfaJis 
schnell vorüberging«. Die Zeit, welche nach jedem Beleuchtungswechsel ver- 
fließen musste, ehe Fechner den fraglichen Unterschied wieder bemerkte, war 
eben diejenige, welche das Auge brauchte, um sich der neuen Beleuchtung wieder 
zureichend anzupassen. 

Dabei will ich bemerken, dass mir die Helligkeitsunterschiede auf sehr licht- 
starken weißen Wolken beim Sehen durch ein passendes graues, dicht vor das 
Auge gehaltenes Glas deutlicher sein können als bei freiem Auge. Die optimale 
Beleuchtungsstärke des Gesichtsfeldes (s. § 18) ist letzterenfalls für mich bereits 
überschritten. Man muss bedenken, dass schon eine »graue« Wolke sehr viel 
lichtstärker ist als gleichzeitig ein in der Nähe des Fensters befindliches »weißes« 
Papier. 

Viel besser, doch auch nur in begrenzter Weise, stimmen die folgenden 
Beobachtungen zu der hier geprüften Hypothese. 

Es ist schon vielfach untersucht worden, inwieweit einem nur eben- 
merklichen Unterschiede zweier tonfreier Farben oder Helligkeiten ein kon- 
stantes Verhältnis der beiden korrelativen Lichtstärken entspricht. Da jedoch 
bei diesen Versuchen nicht dafür gesorgt war, dass der Anpassungszustand 
unmittelbar vor jeder Einzelbeobachtung immer wieder derselbe und die 
Gesamtbeleuchtung des Auges während der ganzen Beobachtungsreihe un- 
verändert war^), so sind die Ergebnisse dieser Versuche für die uns hier 
beschäftigende Frage nicht ohne weiteres verwertbar. Die folgenden Versuche 
aber genügen der soeben gestellten Forderung und unterscheiden sich 
von jenen älteren insbesondere dadurch, dass die benutzten 
Lichtstärkenpaare nicht nacheinander, sondern nebeneinander 
im Gesichtsfelde gegeben sind. Dies gestattet eine viel raschere und 
bequemere Übersicht über die beiläufigen Grenzen, innerhalb deren bei der 
gewählten Beleuchtung der Objekte gleichen Verhältnissen ihrer Lichtstärken 
gleich merkliche Helligkeitsverschiedenheiten im Sehfelde entsprechen. 

Eine 4 cm breite und 1 8 cm lange Glasplatte trägt auf ihrem mittlen 
Teile eine z. B. sechsstufige Skala tonfreier Farben, bestehend aus ganz 
matten 15 mm breiten Papierstreifen, einem schwarzen (Kreiselwert 6) am 
einen, einem weißen (Kreiselwert 360) am anderen Ende und dazwischen 
vier nach ihrer Lichtstärke passend abgestuften grauen. Die Glasplatte ist 
an beiden Seiten scharf abgeschliffen und ebenso scharf sind die Papier- 



1) Eine Ausnahme machen die oben (S. 81) erwähnten Versuche von Petren. 



§ 20. Lichtstärkenverhältnis und Helligkeitsunterschied. 87 

streifen seitlich abgeschnitten, was für den Versuch von besonderer Wichtig- 
keit ist. 

Diese möglichst gut vom Himmelslicht beleuchtete Skala wird über das 
Dunkelloch eines großen Dunkelkastens gebrückt und durch das mit seiner 
Mitte stets senkrecht über die Beobachtungsstelle gebrachte Polariphotometer 
betrachtet. Dieses ist zur Skala so orientiert, dass das extraordinäre Bild 
derselben in rechtwinklig zum Längsrande der Skala gehender Richtung 
verschoben erscheint und zwar z. B. um die Hälfte der Skalenbreite. Hierbei 
decken sich also die beiden Bilder zur Hälfte und man sieht drei Skalen 
von halber Breite, eine mittlere hellste und zwei seitliche minder helle. 
Die mittlere hat dieselbe Lichtstärke für das Auge, wie sie die bei Null- 
stellung des Nicol einfach gesehene Skala hat. Die Lichtstärken aller ein- 
zelnen Stufen einer seitlichen Skala haben zu den Lichtstärken der ihnen 
entsprechenden Stufen der mittleren Skala dasselbe Verhältnis. 

Wäre es nun richtig, dass der Helligkeitsunterschied je zweier Farben, 
bei gleichem Verhältnis der korrelativen Lichtstärken innerhalb weiter 
Grenzen unabhängig von der absoluten Größe dieser Lichtstärken ist, so 
müsste der Helligkeitsunterschied zwischen je einer Stufe der mittlen Skala 
und der entsprechenden unmittelbar angrenzenden Stufe einer seitlichen 
Skala überall gleich groß sein. Solange diese Unterschiede noch leicht 
merklich sind, lässt sich meist nur sagen, dass sie auf den dunkelsten 
Stufen minder auffallend sind, als auf den übrigen. Bringe ich aber zwischen 
je zwei Beobachtungen den Nicol seiner Nullstellung immer näher, so wird 
auf der einen Seite der Unterschied zuerst auf der dunkelsten und dann auch 
auf der nächstfolgenden Stufe (Y20 der Lichtstärke des Weiß), zuweüen 
auch noch auf der zweitfolgenden (1/9 der Lichtstärke des Weiß) unbemerk- 
bar, während er auf den übrigen noch merklich ist. Für die letzteren 
wage ich auf Grund meiner mehr beiläufig angestellten Beobachtungen 
vorerst nicht zu sagen, ob der Unterschied auf allen gleichzeitig unter- 
merklich wird oder vielleicht auf der letzten weißen Stufe etwas eher als 
auf einer minder hellen. Auf einer siebenstufigen, photographisch her- 
gestellten Skala, deren Endweiß nur 15 mal lichtstärker war, als ihr End- 
schwarz, verschwand auf den 5 helleren Stufen der Unterschied gleichzeitig, 
nur auf den zwei dunkelsten etwas früher. 

Ein analoges Ergebnis liefert folgender Versuch. Eine beiläufig 6 cm 
breite Skala tonfreier, 15 mm breiter Papierstreifen ist auf eine kleine, 
die Skala oben und unten überragende Holzplatte geklebt, aus deren Längs- 
mittelteil ein daumenbreiter Streifen (von der Länge der Skala) ausgeschnitten 
ist. Über diese Längslücke laufen die Papierstreifen frei und ganz eben 
hinweg und jeder hat in seiner Mitte ein haarscharf ausgeschlagenes Loch 
von 2 mm oder 4 mm Durchmesser. Die Löcher sind fast absolut lichtlos, 
wenn die Skala über der Öffnung eines tiefen Dunkelkastens (s. § 1 6, S. 65) 



88 



Lehre vom Lichtsinn. 



liegt. Durch das über der Skala befindliche Polariphotometer betrachtet 
erscheinen die beiden Bilder der Skala genau rechtwinklig zum Rande der 
Skala gegeneinander verschoben und decken sich zum größeren Teile. Man 
sieht also eine breite hellere Skala zwischen zwei schmäleren lichtschwäche- 
ren, welche letzteren für das Folgende nicht weiter in Betracht kommen. 
Auf jeder Stufe der ersteren erscheinen, als doppeltes Bild des bezüglichen 
Loches, zwei kleine runde dunkle Flecke. Ist der Nicol auf 45° eingestellt, 
so hat jedes der beiden Lochbilder die halbe Lichtstärke seiner Umgebung, 
dreht man ihn aus dieser Lage zurück, so wird die Lichtstärke des einen 

Lochbildes vermehrt, die des anderen vermindert. 
^^S-^'*- Bei einer gewissen Annäherung an die Nullstellung 

sieht man bereits, dass die Lochbilder der einen 
Reihe auf den dunkelsten Stufen der Mittelskala 
minder deutlich sind, als auf den übrigen, obwohl 
das Verhältnis zwischen der Lichtstärke eines Loch- 
bildes zur Lichtstärke seiner Umgebung auf allen 
Stufen der Skala dasselbe ist. Bei weiterer Annähe- 
rung an die Nullstellung verschwand stets zuerst 
das bezügliche Lochbild auf der dunkelsten Stufe, 
sodann auch das auf der nächsten Stufe (1/33 der 
Lichtstärke des Weiß), während die übrigen noch 
merklich blieben. Von letzteren gilt wieder das beim 
vorigen Versuche Gesagte. 

Ganz ähnliche Ergebnisse erhielt ich nach fol- 
gender Methode. Eine von tiefem Schwarz (Kreisel- 
wert 6) bis zum besten Weiß (Kreiselwert 360) 
gehende, wieder sechsstufige Skala tonfreier Papiere 
ist auf einer Glasplatte tadellos aufgeklebt. Vor 
dieser vertikal stehenden und in vertikaler Richtung 
verschiebbaren Skala steht in passendem Abstände 
ein vertikaler mattschwarzer Stab aus Holz oder 
Metall, dessen Länge und Dicke sich nach den Dimen- 
sionen der Skala zu richten hat. Eine sehr schmale, 
ebenfalls lotrechte Lichtquelle erzeugt auf der, von einer zweiten viel stärkeren 
Lichtquelle gleichmäßig beleuchteten Skala einen durch alle Stufen derselben 
verlaufenden schmalen Schatten (vgl. Fig. 1 4) i). Durch Verkürzung oder 
Verlängerung der schmalen Lichtquelle kann die Deutlichkeit des Schattens 
gemindert oder gemehrt werden. Hat man auf diese Weise den Schatten auf 
irgend einer Stufe der Skala eben merklich gemacht, so kann man zugleich 

i) Die Figur U ist zwar auf photographischem Wege hergestellt, kann aber, 
wie kaum gesagt zu werden braucht, die Verhältnisse der Lichtstärken des Originals 
nicht genau wiedergeben und soll nur zur Erläuterung der Methode dienen. 




§ 20. Lichtstärkenverhältnis und Helhgkeits unterschied. 89 

feststellen, ob und inwieweit er auf den anderen Stufen sichtbar ist. Das 
Verhältnis der Lichtstärke der Schattenstelle zur Lichtstärke ihrer Umgebung 
ist bei sorgfältiger Einrichtung des Versuchs auf allen Stufen der Skala das- 
selbe, aber die absoluten Lichtstärken sind auf jeder Stufe andere. Um sicher 
zu sein, dass der Teil der Skala, auf welchem man den Schatten eben sieht 
oder sucht, stets in genau derselben Weise beleuchtet wird, kann man die 
einzelnen Stufen durch vertikale Verschiebung der Skala immer an genau 
denselben Ort bringen. Ist die schmale Lichtquelle in allen ihren Teilen 
gleich lichtstark und der Skala zureichend fern, so ist diese Vorsichts- 
maßregel überflüssig. Als die kleinere Lichtquelle diente mir entweder ein 
mit Mattglas gedeckter schmaler Spalt in einem Fensterladen, der sich 
durch einen Schieber beliebig verkürzen ließ, oder ein im elektrischen Strome 
glühender vertikaler Platindraht, von welchem eine beliebig lange Strecke 
durch ein vertikal verschiebbares Schirmchen abgeblendet werden konnte. 
Als die starke Lichtquelle diente das durch ein bzw. zwei Fenster in das 
weißgetünchte Zimmer fallende Himmelslicht. 

Auch hier war der Schatten, wenn er infolge zunehmender Verkleinerung 
der kleinen Lichtquelle bereits überall nur wenig von seiner Umgebung ab- 
stach, auf den schwarzen und schwarzgrauen Stufen der Skala entschieden 
minder deutlich als auf den übrigen, und verschwand auf jenen bereits, 
wenn er auf den übrigen noch schwach merklich war. 

Um einige denkbare Fehlerquellen auszuschließen, habe ich die Skala auch 
horizontal gestellt, so dass der Schatten stets nur auf eine Stufe der Skala 
fiel und durch Horizontalverschiebung der letzteren auf jede beliebige Stufe ge- 
bracht werden konnte, ohne seinen Ort zu ändern. Der gleichzeitig vom Fenster 
erzeugte sehr diffuse Schatten lag dabei auf einer anderen Stufe und kam nicht 
weiter in Betracht. Das Versuchsergebnis war hierbei dasselbe wie bei verti- 
kaler Skala. 

Schon längst hat man zu dem gleichen Zwecke ebenmerkliche Schatten ver- 
wendet (vgl. insbesondere die Litteratur bei Fechner <2, I. Teil, S. Ml — 'ISI), 
aber in einer ganz anderen Weise. Es wurden dabei zwei Kerzenflammen be- 
nutzt ; die eine, um dui'ch Änderung ihres Abstandes von einer weißen Fläche deren 
Lichtstärke zu variieren, die andere entferntere, um den Schatten zu erzeugen. 
Diese Versuche konnten nicht in einem beliebig stark beleuchteten Zimmer an- 
gestellt werden, sondern nur in einem Dunkelzimmer, und man änderte dabei 
durch die Verschiebung der näheren Flamme immer wieder die Lichtstärke der 
weißen Fläche und damit auch die Gesamtbeleuchtung der Netzhaut und den 
Anpassungszustand des Auges. — 

Die obigen Beobachtungen zerfallen in mehrere Gruppen. In der ersten 
handelte es sich um die Wahrnehmung sehr schmaler lichtschwacher Felder 
(Striche, Buchstaben) auf einem viel lichtstärkeren Grunde, in der letzten 
um die Unterscheidung größerer Flecke oder Streifen auf einem Grunde 
von verhältnismäßig wenig verschiedener Lichtstärke. In der ersten 
Gruppe ergab sich bei gleichbleibendem Verhältnis der Lichtstärken ein so 



90 Lehre vom Lichtsinn. 

bedeutender Einfluss der Grüße der letzteren auf die Deutlichkeit der Hellig- 
keitsunterschiede , dass zuweilen schon die bloße Verdoppelung bezw. 
Halbierung aller Lichtstärken genügte, um vorher unmerkliche Einzelheiten 
merklich, bezw. merklich gewesene unmerklich zu machen, und zwar bei 
einer Größe dieser Lichtstärken, wie sie beim gewöhnlichen Sehen einer 
gut beleuchteten Schrift oder Zeichnung in Betracht kommen. In der letzten 
Gruppe zeigte sich die Ebenmerklichkeit eines Unterschiedes zweier Licht- 
stärken bei gleichbleibendem Verhältnis derselben innerhalb eines weiteren 
Gebietes der Lichtstärken von deren absoluter Größe unabhängig. Dies 
könnte freilich zum Teil der unvollkommenen Homogenität der benutzten 
Papierflächen zu danken sein. Ein äußerst schwacher Schatten, der auf 
einer am Kreisel rotierenden Papierfläche noch sichtbar ist, kann unkennt- 
lich werden, sobald die Scheibe stillsteht und das Korn des Papieres merk- 
lich wird. Ich habe deshalb die Skalen auch auf rotierenden Kreiselscheiben 
hergestellt, doch waren die Ergebnisse im wesentlichen dieselben. 

Dass die Beobachtungen an sehr feinen Feldern (Perlschriften, Schraffie- 
rungen) zu einem ganz andern Ergebnis führen, als die Beobachtungen 
an größeren Feldern, wird sich später erklären. Zunächst galt es nur, 
in möglichst einfacher Weise die fragliche Hypothese an verschiedenen 
Stichproben aus der unerschöpflichen Mannigfaltigkeit der Thatsachen zu 
prüfen. 

Das übereinstimmende Ergebnis aller in diesem Paragraph angeführten 
Thatsachen ist, dass der Satz, nach welchem gleichen Verhältnissen der 
Lichtstärken gleichgroße Unterschiede der korrelativen Helligkeiten ent- 
sprechen sollten, sich bald gar nicht, bald nur innerhalb verhältnismäßig 
enger Grenzen der jeweils gegebenen Lichtstärken bestätigen ließ, wenn 
man die Änderungen des Sehorganes, wie sie durch allgemeine Simultan- 
und Successivanpassung herbeigeführt werden, soviel als möglich ausschloss. 
Doch ist nachdrücklich zu betonen, dass dieser Satz immerhin der Wahrheit 
sehr viel näher kommt, als die im vorigen Paragraph besprochene Annahme, 
nach welcher gleichen Unterschieden der Lichtstärken gleiche Helligkeits- 
unterschiede entsprechen würden. 

Absichtlich habe ich überall das Hauptgewicht nicht auf die bloße 
Ebenmerklichkeit der Helligkeitsunterschiede, sondern auf ihre mehr oder 
weniger große Deutlichkeit überhaupt gelegt, denn auf letztere kommt es 
beim gewöhnlichen Sehen im wesentlichen an ; die Ebenmerklichkeit ist nur 
der besondere Fall des Minimums der Deutlichkeit. 

Auch habe ich vorerst noch keine Rücksicht darauf genommen, dass 
unter sonst gleichbleibenden Umständen die Deutlichkeit bezw. Ebenmerk- 
lichkeit auch von der benützten Netzhautstelle, sowie davon abhängig ist, 
ob und wie sich das Bild auf der Netzhaut bewegt, entweder infolge von 
Augenbewegung oder einer Bewegung des bezüglichen Außenobjektes. 



§ 21. Zur Theorie der Beziehung zwischen Lichtstärke und Helligkeit. 91 

Der Thatsache, dass die DeutHchkeit des Sehens sowohl dann abnehmen 
kann, wenn die Lichtstärken über ein gewisses Maß hinaus-, als wenn sie unter 
ein gewisses Maß hinabgehen, hat sich selbstverständlich auch Fechner nicht 
verschlossen. Aber gerade deshalb müsse es, so meinte er (8, I. Teil, S. 146), 
schon aus mathematischen Gründen ein gewisses Intervall geben, wo die Deut- 
lichkeit unverändert bleibt. »Nur dass sich die große Ausdehnung eines solchen 
Intervalles nicht nach bloß mathematischem Gesichtspunkte voraussehen ließ.« 
Diese »große Ausdehnung« aber schrumpft sehr zusammen, wenn man die von 
Fechner nicht beachteten Fehlerquellen zu vermeiden lernt. 

Für Fechner war der Satz, nach welchem gleichen Verhältnissen je zweier 
Lichtstärken gleichgroße Helligkeitsunterschiede entsprechen sollten, ein notwen- 
diger Folgesatz seines psjchophysischen Grundgesetzes, welches ganz allgemein 
für alle Beziehungen zwischen Physischem und Psychischem gelten sollte, und 
also auch für die Beziehungen zwischen den Größen der im inneren Auge durch 
das Licht bewirkten »Erregungen«, die den Reizen direkt proportional sein sollten, 
und den »Empfmdungsstärken«, als welche er die Helligkeiten auffasste. Jenes 
Grundgesetz selbst aber war nach seiner Ansicht ebensowenig erklärbar, wie 
damals nach allgemeiner Ansicht das Gravitationsgesetz Newton 's, mit welchem 
es Fechner in Parallele stellte. Nur so konnte es kommen, dass man es 
weiterhin als etwas SelbstverständUches hinnahm, so oft man fand, dass Licht- 
stärkenpaaren von gleichem Verhältnis beiläufig gleiche Helligkeitsunterschiede 
entsprachen, und nur insoweit nach einer Erklärung suchte, als solches nicht 
der Fall war. 

§ 21. Grundlegendes zum Verständnis der Beziehung zwi- 
schen der Helligkeit der tonfreien Farbe und der Lichtstärke 
des Netzhautbildes. Angeregt durch E. H. Weber's Untersuchungen 
ȟber die kleinsten Verschiedenheiten der Gewichte, die wir mit den Tast- 
sinn, der Länge der Linien, die wir mit dem Gesicht, und der Töne, die 
wir mit dem Gehöre unterscheiden können« (18, S. 546), stellte Fechner 
(12, L T. S. 546) den Satz auf, »dass die Größe des Reizzuwuchses gerade 
im Verhältnisse der Größe des schon zugewachsenen Reizes ferner wachsen 
muss, um noch dasselbe für das Wachstum der Empfindung zu leisten«, 
oder »dass gleiche relative Reizzuwüchse gleichen Empfindungszuwüchsen 
entsprechen«, und nannte diesen Satz, obwohl ihn Weber nie ausgesprochen 
hat, das WEBER'sche Gesetz i). Angewendet auf die Lichtempfindungen 



1) E.H.Weber glaubte aus seinen Untersuchungen schließen zu dürfen, dass 
für die Unterscheidbarkeit zweier abwechselnd gehobener oder auf die Hand ge- 
setzter Gewichte, sowie zweier nacheinander betrachteter Linien nicht der Unter- 
schied, sondern das Verhältnis derselben maßgebend sei. Dass gleichen Ver- 
hältnissen zweier Gewichte oder Linien unabhängig von deren Größe gleichgroße 
Unterschiede der korrelativen Empfindungen entsprechen sollen, hat er nie be- 
hauptet. Es wäre dies auch, wie sich betreffs der Linien unmittelbar versteht, 
eine paradoxe Behauptung gewesen, da wir offenbar nicht einmal ein ungleich- 
seitiges Dreieck im richtigen Verhältnis seiner drei Seiten sehen könnten, wenn 
die Längen seiner Seiten für die optische Wahrnehmung dasselbe Verhältnis hätten, 
wie die Logarithmen ihrer wirklichen Längen. Für die Gewichte liegt die Para- 
doxie nicht so offen zu Tage, ist aber im Grunde dieselbe (5). 



92 Lehre vom Lichtsinn. 

besagte dies im Sinne J'echner's, dass gleichen Verhältnissen der Reiz- 
stärken gleichgroße Unterschiede der »Intensitäten« der korrelativen Licht- 
empfindungen entsprächen, oder anders ausgedrückt, dass die »Intensi- 
tät der Lichtempfmdung« proportional dem Logarithmus der Reizstärke 
wüchse. 

Wenn jedoch, wie in § 9 — 1 1 dargelegt wurde, die tonfreien Farben 
nicht als bloße Intensitätsstufen einer und derselben Empfindungsqualität, 
sondern als unter sich qualitativ verschieden zu gelten haben, so wird da- 
durch für die Beziehungen zwischen den Lichtstärken des Netzhautbildes 
und den korrelativen Helligkeiten im psychischen Sehfelde eine gänzlich 
veränderte Grundlage geschaffen. Die Möglichkeit aber, diese Beziehungen 
zwischen den Farben als Qualitäten und den Lichtstärken als Quantitäten 
rechnerisch darzustellen, ist deshalb gegeben, weil sich, wie in § 10 ge- 
zeigt wurde, die Qualität jeder tonfreien Farbe durch ein bestimmtes Ver- 
hältnis zweier Variabein ausdrücken lässt, aus denen, als ihren Kompo- 
nenten, die Farbe gleichsam zusammengesetzt ist. Auf diese Weise wird die 
Qualität der tonfreien Farbe auf eine quantitative Beziehung zwischen zwei 
Variabein zurückgeführt und die rechnerische Behandlung des hier vorlie- 
genden Problems ermöglicht. 

Dachten wir uns alle tonfreien Farben auf einer endlichen Geraden 
als der ideellen Farbenlinie nach ihrer Helligkeit bezw. Dunkelheit so ge- 
ordnet, dass an den einen Endpunkt das absolute Schwarz, an den anderen 
das absolute Weiß zu liegen kam, und gleichen Abständen oder Lageunter- 
schieden zweier Farben gleich große Verschiedenheiten derselben ent- 
sprachen, so war durch das Verhältnis der beiden Komponenten W und S 
einer Farbe zugleich deren Ort auf der Farbenlinie bestimmt (vgl. Fig. 2, 
S. 34). Als dieser Ort galt uns der Punkt, dessen Abstand vom schwarzen 
Ende der Farbenlinie sich zum Abstände vom weißen Ende ebenso verhielt 
wie W:S. 

Bis dahin erschien die Farbe nur durch dieses Verhältnis charakterisiert. 
Wenn wir jedoch in einseitiger Weise nur die Weißlichkeit oder Helligkeit 
der tonfreien Farbe in Betracht zogen, so konnten wir den Abstand ihres 
Ortes vom schwarzen Endpunkte der Farbenlinie als ein Maß der Hellig- 
keit der Farbe benutzen, sofern wir diesen Abstand auf die gewählte Länge 
der ganzen Farbenlinie bezogen, d. h. als den entsprechenden Bruchteil 
dieser Linie nahmen. Betrüge also z. B., wie in Fig. 2 (S. 34), der Abstand 
des Ortes h vom schwarzen Endpunkt der Farbenlinie Vs der ganzen Länge 
derselben und würden wir diese Länge ganz beliebig = 1 setzen, so wäre 
die Helligkeit der dem Punkt h entsprechenden Farbe ebenfalls = 2/3. 
Setzen wir die Länge der Farbenlinie =100, so ließe sich die Helligkeit 
jeder Farbe in Prozenten angeben. Allgemein gesagt: Ist W der Abstand 
des Farbenortes vom schwarzen, S sein Abstand vom weißen Endpunkt 



§ 21. Zur Theorie der Beziehung zwischen Lichtstärke und Helligkeit, 93 

der Farbenlinie, und also die ganze Länge der letzteren = W-\-Sj so ist 

W 
die Weißlichkeit oder Helligkeit der bezüglichen Farbe = -= — - i). 

rV -j— o 

Die Helligkeit (bezw. Dunkelheit) einer tonfreien Farbe lässt sich also 
auf Grund des Verhältnisses ihrer Komponenten ohne Rücksicht auf 
die absolute Grüße der letzteren eindeutig bezeichnen. Bei gleichem 
Verhältnis der Komponenten kann aber die Grüße derselben sehr ver- 
schieden gedacht werden, und es erhebt sich die Frage, ob einer Farbe 
bei unverändertem Verhältnis ihrer Komponenten und also unveränderter 
Qualität, bald diese bald jene Grüße der Komponenten eigen sein kann. 
Diese Frage wird später aus einem andern Gesichtspunkte nochmals zu er- 
heben sein, wenn wir von den somatischen Korrelaten der Farben d. h. 
von den physiologischen Vorgängen zu handeln haben werden, an welche 
die Farben als psychische Phänomene geknüpft sind (vgl. § 24). Hier 
müge es genügen, darauf hinzuweisen, dass sowohl psychologische als psy- 
chophysiologische Überlegungen dazu nütigen, einer und derselben Farbe 
eine verschieden große psychische Bedeutung zuzuerkennen, je nachdem bei 
gleichem Verhältnis ihrer Komponenten der Wert der letzteren grüßer oder 
kleiner ist. Ein und dieselbe Farbe kann, wie ich einst gesagt habe (4, 
§ 29), ein sehr verschiedenes psychisches Gewicht haben. Je nachdem 



^ ) Wie ich erfahren habe, ist diese Art der Bezeichnung der Helligkeit einigen 
Lesern des § 4 nicht recht verständlich geworden. Es sei mir deshalb gestattet, 
das eigentlich sehr einfache Prinzip dieser Bezeichnungsweise an einem, dem 
praktischen Leben entnommenen Beispiele zu erläutern. 

Messing ist ein Gemisch aus Kupfer [K) und Zink {Z) und hat je nach dem 
Verhältnis, in dem dieselben gemischt sind, eine verschiedene Qualität (»Rot- 
messinge, »Gelbmessing«, *Weißmessing«]. Zur Bezeichnung dieser Qualität kann 
man entweder das Mischungsverhältnis [K:Z) benutzen oder aber angeben, wel- 
cher Bruchteil des Messings aus Kupfer, bezw. welcher Bruchteil aus Zink besteht, 
und auf diese Weise sozusagen den Grad der Kupfrigkeit bezw. der Zinkigkeit des 
Messings ausdrücken. Verhielte sich z. B. in dem Gemisch K.Z=^Z:l, oder 

TT' q q 

anders gesagt, wäre ^ = -— , so wäre die Kupfrigkeit des Gemisches = 0,3 

Zi 1 3 -j- 7 

7 
und seine Zinkigkeit = 0,7. Ob ich den einen oder anderen Ausdruck zur 

° 3 + 7 ' 

Bezeichnung der Qualität wähle, ist gleichgültig und lediglich Sache der Ver- 
einbarung. 

So lässt sich denn auch die Qualität einer tonfreien Farbe, in der sich 
die weiße zur schwarzen Komponente wie 3 : 7 verhält, durch dieses Verhältnis 

1-^ = — oder 7^ = — ) ausdrücken. Man kann aber auch den Grad der Weiß- 

I W 3 \ 
lichkeit U— ö = ^ ^1 ' ^- i- ^^® HelHgkeit, zur Bezeichnung der Farbe be- 
nutzen, darf jedoch dabei nicht vergessen, dass sich dieselbe Farbe ebenso gut 

durch den Grad ihrer Schwärzhchkeit ( ,. . .^^ = — ■ — | , d. i. ihre Dunkelheit, 

\Ä+ TF 3 -}-7/ ' ' 

bezeichnen ließe. 



94 Lehre vom Lichtsinn. 

ihr Gewicht groß oder klein ist, sind auch ihre Komponenten entsprechend 
groß oder klein; denn das Gewicht einer Farbe ist die Summe der Ge- 
wichte der Komponenten. Während vom Verhältnis der Komponen- 
ten die Qualität der Farbe abhängt, wird die Energie, mit wel- 
cher sie sich in unser Bewusstsein drängt, kurz gesagt die Auf- 
oder Eindringlichkeit der Farbe durch das Gewicht derselben 
bestimmt. Wollen wir also eine im psychischen Sehfelde gegebene ton- 
freie Farbe erschöpfend bezeichnen, so dürfen wir uns nicht mit der An- 
gabe des Verhältnisses ihrer beiden Komponenten begnügen. So wäre 

W 3 
durch die Gleichung -~ = — wohl die Qualität bezw. die daraus ableitbare 
^ S 2 

Helligkeitlr-— — ^= 0,61 der Farbe bestimmt, noch nicht aber ihr Gewicht, 

Tr= 6 
während durch die Doppelgleichung — die bezügliche Farbe in jeder 

Beziehung charakterisiert ist. Denn wir ersehen aus dieser Doppelgleichung 

nicht nur die Qualität und die Helligkeit I — 0,6i der Farbe, sondern 

auch ihr Gewicht (6 + 4 = 10). Überall, wo es nicht bloß auf die Qualität 
und die Helligkeit bezw. Dunkelheit einer Farbe ankommt, müssen wir uns 
zu ihrer Bezeichnung einer solchen Doppelgleichung bedienen. — 

Mögen unsere Augen offen oder geschlossen sein, möge unser Gesichts- 
feld in tiefster Finsternis liegen oder beliebige Strahlungen auf unsere Netz- 
haut schicken, immer haben alle Stellen unseres psychischen Sehfeldes, so- 
bald wir überhaupt auf dasselbe achten, irgendwelche Farbe; denn aus 
Farben besteht unser Sehfeld und ohne Farben giebt es kein solches. 

Die Farben, welche bei gänzlich verfinsterten Augen unser Sehfeld 
bilden, nannten wir die Eigenfarben desselben, und es wurde schon er- 
wähnt, dass an verschiedenen Stellen des Sehfeldes die Eigenfarbe gleich- 
zeitig eine verschiedene und an derselben Stelle eine mit der Zeit mehr 
oder weniger schnell wechselnde sein kann. Gleichviel nun, welche Eigen- 
farbe eine Sehfeldstelle eben hat, es tritt, sobald die Netzhaut vom Lichte 
der Außenwelt getroffen wird, an die Stelle dieser sozusagen autonomen 
Farbe im allgemeinen eine andere, allonome Farbe. Unter der Wir- 
kung des Lichtes ändert sich also das Verhältnis W: S an der bezüg- 
lichen Stelle des psychischen Sehfeldes, was rein theoretisch betrachtet ent- 
weder durch einseitige Änderung des Wertes der weißen Komponente bei 
gleichbleibender schwarzer, oder durch Änderung der letzteren bei gleich- 
bleibender weißer, oder endlich durch gleichzeitige Änderung beider Kom- 
ponentenwerte möglich wäre. Welcher von diesen Fällen der Wirklichkeit 
entspricht, wird später zu erörtern sein. Hier sei zunächst die denkbar 
einfachste Annahme sremacht, dass infolsre der Bestrahlung der Netzhaut 



§21. Zur Theorie der Beziehung zwischen Lichtstärke und Helligkeit. 95 



nur die weiße Komponente der Farbe ihren Wert ändert und zwar der- 
art, dass der Zuwuchs, den sie dabei erhält, unter sonst gleichbleibenden 
Umständen der wirkenden Lichtstärke direkt proportional ist, während die 
schwarze Komponente dabei unverändert bleibt. Ob dies in Wirklichkeit 
vorkommen kann, bleibt zunächst ganz unberücksichtigt; denn es gilt hier 
nur zu zeigen, wie aus der im Obigen entwickelten Auffassung des Wesens 
der tonfreien Farben sich das verständlich machen lässt, was einst Fechner 
aus seinem psychophysichen Grundgesetze zu erklären versuchte. 

Auf der Geraden LL (Fig. 1 5) als Abscissenachse möge die Größe der je- 
weiligen weißen Komponente der Farbe durch eine nach oben, die der 
schwarzen durch eine nach unten gerichtete Ordinate ausgedrückt werden. 



Fig. ^ö. 




Die beiden dem Punkte 0, als dem Nullpunkte des Koordinatensystemes, 
entsprechenden Ordinaten w und s seien zunächst gleichgroß, womit zu- 
gleich gesagt ist, dass als die unmittelbar vor der Bestrahlung bestehende 
Eigenfarbe das mittle Grau von der Helligkeit 0,5 angenommen ist. Auf 
der Abscissenachse sind die Lichtstärken eingetragen, und es ist als Einheit 
der Lichtstärke diejenige genommen, durch welche die weiße Komponente 
einen ihrem anfänglichen Werte w gleichen Zuwuchs erfährt und also auf 
den Wert '^w gebracht wird. Die jetzt erscheinende allonome Farbe wäre 

'iw 
also durch 2i^:s, ihre HeUigkeit durch 



und ihr Gewicht durch 



s -\-'iw 

tw -\- s ausgedrückt. Kurzum es würde durch ein Licht / die weiße Kom- 
ponente auf den Wert w -{- Iw ^= w[l-\' \) gebracht werden, so dass die 
nunmehr erscheinende Farbe durch w(l -{- 1 ) : ** , ihre Helligkeit durch 
w(l-^ 1 



w[l-\- \)-{-s 



, und ihr Gewicht durch w[l-\- \) -\- s auszudrücken wäre. 



96 



Lehre vom Lichtsinn. 



In Fig. 15 wäre uns also unter den angenommenen Bedingungen für 
jede beliebige Lichtstärke durch das Verhältnis der oberen Koordinate zur 
unteren die Qualität der Farbe und mittelbar ihre Helligkeit, durch die 
Summe beider Ordinalen aber das Gewicht der Farbe gegeben. Der ent- 
sprechende Ort der 
Farbe auf einer 
ideellen Farben- 
linie wäre der- 
jenige , dessen 
Abstand vom 
schwarzen End- 
punkte sich zum 

Abstand vom 
weißen Endpunkte 
ebenso verhält, wie 
die obere Koordi- 
nate des bezüg- 
lichen Abscissen- 
punktes zur un- 
teren. 

Somit macht 
die Figur 15 zu- 
gleich anschau- 
lich, dass das Ge- 
wicht der Farbe 
linear mit der 

Lichtstärke 
wüchse, und zwar 
wären seine Zu- 
wüchse hier gleich 
den durch die 
Lichtstärke be- 
dingten Zuwüch- 
sen zur weißen 
Komponente der 
Farbe. 

Statt wie im 
Obigen von dem 

mittlen Grau als Eigenfarbe auszugehen, könnten wir eine beliebige dunklere 
Farbe als die unmittelbar vor der Bestrahlung vorhandene Eigenfarbe wählen, 
und müssten dann den Ordinalen des Nullpunktes ein entsprechend anderes 
Verhältnis geben. 




§ 21. Zur Theorie der Beziehung zwischen Lichtstärke und Helligkeit. 97 

In welcher Weise nun die Helligkeit der Farbe von der eben wirken- 
den Lichtstärke abhängig wäre, möge die Fig. 16 veranschaulichen. In 
derselben bedeutet die Gerade SW die ideelle Farbenlinie, auf welcher alle 
tonfreien Farben derart angeordnet sind, dass gleichen Lageverschieden- 
heiten zweier Farben gleiche Helligkeitsunterschiede derselben entsprechen. 
Punkt S ist hiernach der Ort des absoluten Schwarz von der Helligkeit 0, 
Punkt JV der Ort des absoluten Weiß von der maximalen Helligkeit 1. 
Punkt S ist zugleich der Nullpunkt eines Koordinatensystems, auf dessen 
Abscissenachse LL wir uns wieder die Lichtstärken abgetragen denken, 
während die entsprechenden Farben- oder Helligkeitsorte in die Farben- 
linie als Ordinatenachse einzutragen sind. Aus dem Abstände eines solchen 
Farbenortes vom Fußpunkt S der Farbenlinie ergiebt sich die zum bezüg- 
lichen Abscissenpunkte gehörige Ordinate. Als Lichteinheit ist wieder die- 
jenige Lichtstärke genommen, welche unter den gegebenen Bedingungen 
der vor der Bestrahlung bestehenden weißen Komponente W der Eigen- 
farbe einen dieser Komponente gleichgroßen Zuwuchs erteilt i). 

Die obere Kurve veranschaulicht die Beziehungen zwischen den Unter- 
schieden der Lichtstärken und den Helligkeitsunterschieden der korrelativen 
Farben für den Fall, w^o die vor jeder Bestrahlung vorhandene Eigenfarbe 
immer wieder das Mittelgrau und also W=S ist, die untere Kurve für 

W 1 

den Fall, wo die Eigenfarbe eine dunklere und zwar -— = — , und also die 

o z 

1 I 

Helligkeit derselben = -; = — ist. Jede Kurve ist em Teilstück des 

^ 1-1-2 3 

einen Zweiges einer gleichseitigen Hyperbel, deren eine Asymptote irTF 

dem Ordinatenwert 1 d. h. dem der maximalen Helligkeit entspricht. 

Man ersieht aus beiden Kurven, wie gleichen Unterschieden der Licht- 
stärken um so kleinere Helligkeitsunterschiede der bezüglichen Farben ent- 
sprechen, je größer die beiden Lichtstärken sind, wie die Helligkeit anfangs 
schneller und dann immer langsamer mit der Lichtstärke wächst und sich 
asymptotisch der Helligkeit 1 nähert. 

Da bei Änderungen der Stärke der allgemeinen Beleuchtung zwar die 
Unterschiede der Lichtstärken im Netzhautbilde sich ändern, die Verhält- 
nisse derselben aber unter sonst gleichbleibenden Umständen unverändert 
bleiben (vgl. § 20), so möge auch die Art, in welcher die Helligkeitsunter- 
schiede der Farben von der Stärke der allgemeinen Beleuchtung des Ge- 
sichtsfeldes unter den hier gemachten Voraussetzungen abhängig sein würden, 
für die beiden soeben besprochenen Fälle durch die entsprechenden Kurven 
anschaulich gemacht werden. 



i; Welche Länge man der Farbenlinie {SW) relativ zur gewählten Einheit 
der Abscissenwerte giebt, ist gleichgültig. 

Hering, Lichtsinn. 7 



98 



Lehre vom Lichtsinn. 



In Fig. 1 7 sind auf der Abscissenachse LL die Lichtstärken jetzt der- 
art abgetragen, dass nicht gleichen Unterschieden, sondern gleichen 
Verhältnissen derselben gleichgroße Strecken entsprechen, wobei 
ganz willkürlich die Lichtstärke 1 als der Ausgangspunkt für die Abmes- 
sungen nach rechts und links genommen ist. Als jeweilige Ordinate gilt 
wieder der Abstand des Ortes der bezüglichen Farbe vom Endpunkte S 
der Farbenlinie. Der Nullpunkt des Koordinationssystems ist jetzt nach links 
in unendliche Ferne gerückt. 

Fig. M. 




fßi* 



Eine auf diese Weise gewonnene Kurve hat, wie sich von vornherein 
versteht, zwei parallele Asymptoten, erstens wieder die Gerade TTTF, deren 
Abstand von der Abscissenachse der maximalen Helligkeit 1 entspricht, 
und zweitens diejenige Gerade, deren Abstand von der Abscissenachse der 
bei der Lichtstärke bestehenden Eigen färbe entspricht. Für die obere 
Kurve ist die Helligkeit der letzteren, wie schon gesagt, gleich V2> für 
die untere gleich 1/3 angenommen. 

Je steiler ein Kurvenstück verläuft, desto größer ist bei 
gleichem Verhältnis zweier Lichtstärken der Helligkeitsunter- 
schied der beiden zugehörigen Farben. Man sieht, wie der, einem 
konstanten Lichtstärkenverhältnis entsprechende Helligkeitsunterschied bei 



§ 2i. Zur Theorie der Beziehung zwischen Lichtstärke und Helligkeit. 99 

den kleinsten Lichtstärken minimal ist, mit der Zunahme der absoluten 
Lichtstärken anfangs langsam, dann immer schneller und in einem bestimm- 
ten Bereiche der Lichtstärken am schnellsten wächst, um über diesen Be- 
reich hinaus erst schnell und dann immer langsamer wieder abzunehmen. 
Die Kurven zeigen ferner, wie in demjenigen Bereiche der Licht- 
stärken, wo einem konstant bleibenden Verhältnisse derselben 
die grüßten Helligkeitsunterschiede entsprechen, diese Unter- 
schiede nahezu unabhängig sind von der absoluten Lichtstärke, 
so dass hier mit größter Annäherung gleichen Verhältnissen der 
Lichtstärken auch äquidifferente Farbenpaare und also gleiche 
Helligkeitsunterschiede entsprechen. 

Denken wir uns, die Netzhaut empfange das Bild zweier aneinander- 
grenzender Flächen des Außenraumes, deren beide Lichtstärken bei den ver- 
schiedensten Stärken ihrer gemeinsamen Beleuchtung dasselbe Verhältnis 
behalten; denken wir ferner, wir würden diese Flächen bei den verschie- 
denen Beleuchtungen immer wieder mit denselben Netzhautteilen betrachten, 
und die Eigenfarbe der korrelativen Sehfeldstellen wäre vor jeder Einzel- 
betrachtung der Fläche immer wieder dieselbe. Auf Grund der Kurven 
wäre dann zu erwarten, dass ein Helligkeitsunterschied der beiden Flächen 
bei minimalen Beleuchtungen derselben nicht merklich sein, bei entsprechend 
stärkeren aber deutlich und immer deutlicher werden würde, dass er ferner 
innerhalb eines bestimmten Bereiches der Beleuchtungsstärken sein Maxi- 
mum erreichen und innerhalb dieses Bereiches konstant bleiben würde, bis 
bei noch stärkeren Beleuchtungen die Größe und Deutlichkeit des Hellig- 
keitsunterschiedes wieder abnehmen müsste. 

In Wirklichkeit liegen freilich die Dinge nicht so einfach, wie hier aus 
methodischen Rücksichten vorerst angenommen wurde. Wir werden sehen, 
dass die Farbe einer Sehfeldstelle selbst unter sonst ganz gleichbleibenden 
Umständen keineswegs nur von der Belichtungsstärke der bezüglichen Netz- 
hautstelle, sondern auch von der gleichzeitigen Belichtung der übrigen Netz- 
haut abhängig ist, und dass unter dem Einflüsse der Belichtung nicht nur 
die weiße, sondern sofort auch die schwarze Komponente der Farbe ihren 
Wert ändern kann. Aber das Gesetz, nach welchem die Helligkeitsunter- 
schiede von den Unterschieden der Lichtstärken abhängen, bleibt dabei, 
wie sich später zeigen wird, wenigstens in seinen Grundzügen dasselbe, und 
immer ergiebt sich ein bald weiteres, bald engeres Gebiet der Lichtstärken, 
innerhalb dessen gleichen Verhältnissen der Lichtstärken angenähert gleiche 
Helligkeitsunterschiede der korrelativen Farben (äquidifferente Farbenpaare) 
entsprechen, ein Gebiet also, für welches das WEBER'sche Gesetz praktisch 
genommen gültig sein würde. 

Hier sollte nur gezeigt werden, dass meine Auffassung des Wesens 
der tonfreien Farben einen ganz anderen Weg zum Verständnis der von 

7* 



:^QQ Lehre vom Lichtsinn. 

F^CHNER jenem Gesetze untergeordneten Thatsachen eröffnet, als es der 
von ihm selbst eingeschlagene war. 

Die im Vorhergehenden gemachte Annahme, dass die weiße Komponente 
der tonfreien Farbe unter der Wirkung des Lichtes einen der Stärke desselben 
direkt proportionalen Zuwuchs erfährt, steht in Analogie mit der, insbesondere 
von Fechner vertretenen und noch herrschenden Annahme, nach welcher während 
der Lichtwirkung zu einer stetigen, durch einen innern Reiz bewirkten »Er- 
regung« des Sehorganes ein der Lichtstärke proportionaler Zuwuchs hinzugefügt 
werden soll. Das psychische Korrelat dieser Erregung aber, nämlich die »Inten- 
sität oder HelHgkeit der Lichtempfmdung«, sollte nach Fechner der Stärke jener 
Erregung nicht proportional sein, sondern nur logarithmisch mit derselben wachsen. 
Unter den hier von mir vorläufig gemachten Voraussetzungen aber 
bestände bei sonst ganz gleichbleibenden Umständen eine durchgängige 
direkte Proportionalität zwischen der physiologischen und der 
psychischen Wirkung des Lichtes, welche letztere allerdings nur die weiße 
Komponente der tonfreien Farbe betreffen würde, während dabei die schwarze, 
wie vorläufig angenommen wurde, einen konstanten Wert behalten könnte. 

Wer die Konsequenzen des FECHNER'schen Gesetzes kennt, wird schon be- 
merkt haben, dass nach der hier entwickelten Auffassung die negativen Licht- 
empfindungen Fechner's nicht existieren. 



IV. Abschnitt. 

Vom somatischen Korrelate der tonfreien Farben. 

§22. Der Stoffwechsel der Sehsubstanz als das somatische 
Korrelat der Farben. Ich gehe, wie schon in § 7 betont wurde, von 
der Voraussetzung aus, dass jeder Farbe in gesetzmäßiger Weise ein ganz 
bestimmter Vorgang in der nervösen Substanz des Sinnesorganes entspricht. 
Denn ohne die Annahme einer solchen gesetzmäßigen Beziehung wäre es 
müßig, die Sinnesphänomene zum Gegenstande physiologischer Erwägungen 
zu machen. 

Bezeichnen wir diejenigen Teile des inneren Auges, an deren Zustände 
die Farben des psychischen Sehfeldes unmittelbar geknüpft sind, als die 
Sehsubstanz, so dürfen wir sagen, es entspreche jeder Farbe eine ganz 
bestimmte Regung des bezüglichen Teiles dieser Substanz derart, dass Farbe 
und Regung unabänderlich an einander gebunden sind. Hiernach findet 
das stoffliche Geschehen in der Sehsubstanz seinen psychischen Ausdruck 
durch die jeweiligen Farben des Sehfeldes, und letztere finden ihren phy- 
sischen Ausdruck durch gleichzeitig in der Sehsubstanz ablaufende Vorgänge ; 
der Mannigfaltigkeit der einen entspricht bis ins Einzelne die Mannigfaltig- 
keit der anderen. 

Die Physiker haben die optischen Strahlungen mit den Namen derjenigen 
Farben belegt, welche uns unter gewöhnlichen Umständen durch diese Strah- 
lungen erweckt werden; mit größerem Rechte dürften wir, wie schon eingangs 



§ 22. Vom somatischen Korrelate der tonfreien Farben. 101 

bemerkt wurde, die, den verschiedenen Farben korrelativen Regungen der Seh- 
substanz nach diesen Farben benennen. Denn während uns eine und dieselbe 
Strahlung unter verschiedenen Nebenbedingungen sehr verschiedene Farben er- 
wecken kann, entspricht jeder bestimmten optischen Regung der nervösen Sub- 
stanz nur eine ganz bestimmte Farbe. Es erscheint in der That der Kürze 
wegen nicht unzweckmäßig, von einer schwarzen, grauen, roten Regung der 
Sehsubstanz zu sprechen. Die bezügliche Regung wird auf diese Weise ganz 
eindeutig bezeichnet, und ein Missverständnis ist hier nicht zu fürchten. 

Im Sinne der soeben entwickelten Auffassung haben wir für die Reihe 
der schwarz-weißen oder tonfreien Farben eine entsprechende Reihe unter 
einander verwandter Regungen der Sehsubstanz anzunehmen. Wie sich die 
Mannigfaltigkeit jener Farben als eine solche mit nur zwei Variablen be- 
trachten heß, durch deren gegenseitiges Verhältnis die einzelne Farbe be- 
stimmt wird, so werden wir auch für die Mannigfaltigkeit der korrelativen 
Prozesse in der Sehsubstanz zwei dem Schwarz und W^eiß entsprechende 
Variable anzunehmen haben, von deren gegenseitigem Verhältnis, wie dort 
die Beschaffenheit der F^arbe, so hier die Beschaffenheit der korrelativen 
physischen Regung abhängt. 

Das Wesen des Lebens liegt in physischer Hinsicht im Stoffwechsel der 
lebendigen Substanz, bei welchem einerseits Stoffe entstehen, welche von 
der lebendigen Substanz als etwas ihr fremd gewordenes ausgesondert werden, 
andererseits aber und zwar gleichzeitig Stoffe aufgenommen, von der leben- . 
digen Substanz angeeignet und zu Bestandteilen ihrer selbst gemacht werden. 
Den letzteren Vorgang hat man unter Erweiterung eines alten aus der 
Pflanzenphysiologie stammenden Begriffs als Assimilation benannt, und 
nach diesem Vorbilde habe ich seinerzeit für den erstgenannten Vorgang 
die seitdem gebräuchHch gewordene Bezeichnung Dissimilation gewählt 
(i, § 27). 

»Indem wir, so sagte ich, diese beiden Vorgänge begrifflich trennen, 
dürfen wir uns doch nicht dazu verführen lassen, sie als zwei wirklich nur 
nebeneinander laufende Prozesse aufzufassen, und uns die lebendige Sub- 
stanz etwa wie eine innerlich ruhende Masse vorzustellen, welche nur von 
der einen Seite her verbraucht und von der anderen Seite her wieder auf- 
gebaut wird. Wir haben uns vielmehr Assimilation und Dissimilation als 
zwei innig ineinander verflochtene Prozesse zu denken, welche den, seinem 
eigentlichen Wesen nach unbekannten Stoffwechsel der lebendigen Substanz 
ausmachen und in allen kleinsten Teilen der letzteren zugleich stattfinden, 
daher diese Substanz nichts Stetiges oder Ruhendes, sondern ein immer 
mehr oder minder innerlich Bewegtes, sich Regendes darstellt« (19, S. 35). 

Nimmt man nun an, dass dieser Stoffwechsel der lebendigen Sehsub- 
stanz das somatische Korrelat der Farben des Sehfeldes ist, so eröffnet sich 
die Möglichkeit, eine Fülle bis dahin zusammenhangslos nebeneinander ver- 
zeichneter Thatsachen unter einen einheitlichen, umfassenden Gesichtspunkt 



102 Lehre vom Lichtsinn. 

zu bringen, aus dem ihre gegenseitige Beziehung und ihr innerer Zusam- 
menhang ersichtlich und bis zu einem gewissen Grade verständlich wird. 
So viel leistet für heute diese Annahme, dass es in methodischer Hinsicht 
fast gleichgültig erscheint_, inwieweit sie der Wahrheit nahe kommt. Denn 
in ihrem Lichte tritt an die Stelle des Konglomerates vereinzelt festgestellter 
Thatsachen ein organisch gegliedertes und in sich geregeltes Getriebe, in 
dem die Bedeutung des einzelnen Gliedes aus seinem Zusammenhange mit 
den übrigen klar wird. Deshalb ist auch der methodische Wert der An- 
nahme nicht an ihre Richtigkeit gebunden, und wenn Manche meinen Ver- 
such einer Theorie des Lichtsinns nur deshalb von vornherein ablehnten, 
weil sie über das Wesen des Lebens, über die psychophysischen Prozesse 
und über die Beziehungen zwichen Leib und Seele anders dachten als ich, 
so ließen sie außer acht, dass der Wert einer Hypothese von dem abhängt, 
was sie leistet, nicht aber von den Vorstellungen, die sich der Einzelne 
vom wahren Wesen des von der Hypothese umfassten Geschehens macht. 

Beschränken wir uns wieder zunächst auf die tonfreien Farben, so 
finden wir in der Dissimilation und Assimilation der Sehsubstanz zwei 
Variable ihres Stoffwechsels, die sich als die somatischen Korrelate der 
beiden Variabein Weiß und Schwarz betrachten lassen. Mit demselben 
Rechte oder Unrechte, mit dem wir irgend ein gegebenes Grau in eine 
weiße und eine schwarze Komponente zerlegt denken konnten, lässt sich 
der Stoffwechsel der Sehsubstanz als aus den genannten beiden Teilpro- 
zessen bestehend denken. Hier wie dort handelt es sich um die begriff- 
liche Spaltung eines zunächst einheitlich Gegebenen, welches je nach dem 
Überwiegen der einen oder der anderen seiner beiden gedachten Kompo- 
nenten nach zwei entgegengesetzten Richtungen zu variieren vermag. Wie 
in den verschiedenen tonfreien Farben das Verhältnis der Deutlichkeit der 
Weiße und Schwärze {W: S) ein verschiedenes ist, so im korrelativen Stoff- 
wechsel das Verhältnis zwischen der Größe der Dissimilation und der gleich- 
zeitigen Assimilation (Z) : ^). Sind beide gleich groß, so entspricht dieser 
Stoffwechselweise das mittle Grau, in welchem die Schwärze und Weiße 
gleich deutlich oder gleich undeutlich sind. Ist die Dissimilation größer 
als die Assimilation, so ist in demselben Verhältnis in der korrelativen 
Farbe die Weiße deutlicher als die Schwärze, und gilt für den Stoffwechsel 
der Sehsubstanz das Umgekehrte, so gilt es auch für die korrelative 
Farbe. 

Der Gesamtheit aller jener denkbaren Verhältnisse zwischen Ä und D, 
in denen Ä größer ist als D, entspricht die vom reinsten Schwarz bis zu 
dem oben erwähnten Mittelgrau reichende Hälfte der tonfreien Farbenreihe, 
und der Gesamtheit aller Verhältnisse, in denen D größer als A, die von 
jenem Mittelgrau bis zum reinsten Weiß sich erstreckende andere Hälfte 
der Farbenreihe. 



§ 23. Selbststeuerung des Stoffwechsels der Sehsubstanz. 103 

Auf der ideellen Farbenlinie, auf der wir uns sämtliche tonfreie Farben 
systematisch geordnet dachten (vgl. § 1 u. 11), entsprach jeder einzelnen 
Farbe ein bestimmter Ort, und das Verhältnis der beiden Abstände dieses 
Ortes vom schwarzen und weißen Endpunkt der Linie war uns ein Aus- 
druck für das Verhältnis der Deutlichkeit der beiden Komponenten der Farbe. 
Die Helligkeit oder den Weißlichkeitsgrad der Farbe aber konnten wir aus- 
drücken durch das Verhältnis ihres Abstandes vom schwarzen Endpunkte 
der Farbenlinie zu der willkürlich gewählten Länge derselben, d. h. durch 

W 
— — • Dieses Verhältnis aber ist nach dem oben Gesagten zugleich das 

Verhältnis, welches im korrelativen Stoffwechsel zwischen der Größe der 
Dissimilation und der Gesamtgröße des Stoffwechsels als der Summe der 
gleichzeitigen Dissimilation und Assimilation besteht, d. h. es ist 

W D 



In dieser einfachen Weise lassen sich nach meiner Auffassung die Be- 
ziehungen zwischen der Qualität bezw. Helligkeit einer tonfreien Farbe und 
dem korrelativen Stoffwechsel der Sehsubstanz zum Ausdruck bringen. 

§ 23. Die Selbststeuerung des Stoffwechsels der Sehsub- 
stanz. Wenn eine lebendige Substanz nur unter dem Einfluss ihrer zu- 
nächst als konstant angenommenen Lebensbedingungen steht, denen sie voll- 
ständig angepasst ist, und wenn alle nur gelegentlichen und vorübergehen- 
den Reize ausgeschlossen sind, so bezeichne ich ihren Stoffwechsel bezw. 
ihre Dissimilation und Assimilation als autonome. Denn obgleich sich 
auch jene Lebensbedingungen als den Stoffwechsel mitbedingende konstante 
Reize auffassen lassen, empfiehlt sich doch die übliche Unterscheidung der- 
selben von den nur gelegentlich oder wenigstens inkonstant wirkenden 
Reizen im engeren Sinne, denen freilich streng genommen auch jede 
Änderung einer bis dahin konstant gewesenen Lebensbedingung beizu- 
zählen ist. Sobald aber der Stoffwechsel der lebendigen Substanz mit unter 
der Einwirkung eines gelegentlichen Reizes steht, nenne ich ihn allonom. 

Im Sinne dieser Auffassung ist der Stoffwechsel der Sehsubstanz ein 
allonomer, so oft Licht ins Auge fällt, und ein autonomer, so oft die Augen 
der Einwirkung des Lichts vollkommen entzogen sind, und auch sogenannte 
inadäquate (mechanische, chemische, elektrische) Reize nicht in Betracht 
kommen. 

Die psychischen Korrelate dieses autonomen Stoffwechsels sind alle 
Farben, jedes Hell und jedes Dunkel, die wir bei Ausschluss des Lichts 
und anderer gelegentlicher Reize sehen, insbesondere das sogenannte Eigen- 
licht des Auges, und die bei Verfinsterung desselben sichtbaren Nach- 



104 Lehre vom Lichtsinn. 

bilder. Alle diese Farben lassen sich als autonome bezeichnen, zum Unter- 
schied von den allonomen Farben, welche unter der Mitwirkung des Lichts 
entstehen. 

Der Begriff der autonomen bezw. allonomen Farbe deckt sich keineswegs 
mit dem der »subjektiven« bezw. »objektiven« Farbe, denn als subjektive Farben 
gelten der naiven Auffassung außer den autonomen auch alle diejenigen, welche 
nicht den sogenannten wirklichen Farben der Außendinge oder der bezüglichen 
Lichtstrahlen entsprechen, sondern die vermeintUche Folge einer »optischen 
Täuschung« über diese »objektive« Farbe sind, wie z. B. bei offenem Auge gesehene 
Kontrastfarben. 

Für die Mannigfaltigkeit der allonomen Farben konnte man ohne wei- 
teres die ins Auge fallenden Strahlungen verantwortlich machen, für die 
Mannigfaltigkeit der autonomen bietet sich keine so bequeme Erklärung. 
Auch die Art der Abhängigkeit der ersteren vom Lichte lässt sich nur ver- 
stehen, Avenn man sie nicht als ein bloßes Produkt der einfallenden Strah- 
lung, sondern als das psychische Abbild der durch das Licht mitbestimmten 
Lebensregungen der Sehsubstanz betrachtet, von deren jeweiliger Stimmung 
die erscheinende Farbe nicht weniger abhängig ist, als vom eben einwir- 
kenden Lichte. 

Diejenige Beschaffenheit der Sehsubstanz, welche sie nach hinreichend 
langem Schutze des Auges vor jedem Licht angenommen hat, und wobei 
ihre autonome Dissimilation und Assimilation durchschnittlich gleich groß 
sind, wenn sie auch infolge kleiner Inkonstanz der Lebensbedingungen 
zwischen engen Grenzen um den Punkt genauen Gleichgewichts hin- und 
herschwanken, bezeichne ich als die mittelwertige Beschaffenheit. 
Denken wir uns nun, es werde jetzt infolge einer Belichtung ,der Netzhaut 
das Verhältnis zwischen Dissimilation und Assimilation zu Gunsten der 
ersteren geändert, so wird dabei die Sehsubstanz eine Änderung erfahren, 
insofern dabei ihr chemischer Aufbau, oder wie sonst man es nennen 
will, geändert wird. Diese absteigende Änderung, wie ich sie genannt 
habe, wird um so schneller erfolgen, je größer der Oberschuss der Dissi- 
milation über die Assimilation (D — A) ist, und wird um so größer werden, 
je länger ein solcher Überschuss besteht. Dabei durchläuft die Substanz 
eine Reihe von Beschaffenheiten, w^ eiche ich als unterwertige bezeichnet 
habe. Wird dann der durch die Belichtung der Netzhaut für die Sehsub- 
stanz gegebene Reiz zur Steigerung der Dissimilation (D-Reiz) durch Ver- 
finsterung der Augen wieder beseitigt, so bleibt die Substanz zunächst als 
eine unterwertige zurück, und ihre Unterwertigkeit ist um so größer, 
je größer zuvor der D-Oberschuss war und je länger ein solcher bestand. 

Jede lebendige Substanz besitzt das Vermögen, aus einem solchen durch 
D-Reize herbeigeführten Zustand der Unterwertigkeit nach Aufhören des 
Reizes in den der Mittelwertigkeit zurückzukehren, wenn nur ihre Lebens- 



§ 23. Selbststeuerung des Stoffwechsels der Sehsubstanz, 105 

bedingungen fortbestehen. Diese Rückkehr (restitutio in integrum) ermög- 
licht sie durch eine gesteigerte Assimilation, und wir dürfen annehmen, 
dass diese Steigerung der autonomen Assimilation um so bedeutender ist, 
je unterwertiger die Substanz unter dem Einfluss des D-Reizes geworden 
war. An die Stelle des während der Reizung bestandenen D-Überschusses 
tritt jetzt ein A-Überschuss (A — D), der eine aufsteigende Änderung 
der Substanz mit sich bringt, wobei letztere die erwähnte Reihe 
der unterwertigen Beschaffenheiten in umgekehrter Richtung 
wieder durchläuft, um so in den Zustand der Mittel Wertigkeit zurück- 
zukehren. Je mehr sie sich dieser Beschaffenheit wieder nähert, desto 
kleiner wird der jeweilige A-Oberschuss, desto kleiner die Geschwindigkeit 
der aufsteigenden Änderung, bis schließlich Assimilation und Dissimilation 
wieder gleich sind und die Substanz wieder mittelwertig ist. 

Je mehr sich die Sehsubstanz unter dem Einflüsse eines D-Reizes ab- 
steigend verändert und also unter wertig wird, desto kleiner wird ihre 
Eignung oder Disposition d zur Dissimilation, desto größer ihre Dispo- 
sition a zur Assimilation, und wenn alle ihre Lebensbedingungen derart 
geblieben sind, dass sie der geänderten Disposition (Stimmung) durch ein 
entsprechend geändertes Ausmaß der autonomen Dissimilation bezw. Assi- 
milation voll genügen kann, so findet durch die jeweilige Größe der letzteren 
diese Disposition ungestörten Ausdruck. Dasselbe Zeichen ö lässt sich dann 
ebensowohl für die Größe der jeweiligen D-Disposition als für die entspre- 
chende Größe der autonomen Dissimilation gebrauchen, und das Analoge 
gilt für das Zeichen a. Jede Stufe der Unter Wertigkeit ist also durch ein 
bestimmtes Verhältnis zwischen ö und a d. h. der autonomen D- und A- 
Disposition charakterisiert. Im Zustande der Mittel Wertigkeit ist ö = a^ und 
wenn wir für diesen Zustand beide gleich \ setzen, so lässt sich jede Stufe 

der Unterwertigkeit durch einen echten Bruch — ausdrücken, weil jetzt (5 <[ 1 , 

und a ^ I sein muss. 

Mit dem Satze, dass mit zunehmender Unterwertigkeit die Disposition 
der Sehsubstanz zur iVssimilierung größer, zur Dissimilation aber kleiner 
wird, ist noch nichts über das Gesetz ausgesagt, nach w^elchem die eine 
zunimmt, wenn die andere abnimmt. Ich habe die nächstliegende und ein- 
fachste Annahme gemacht, dass die Disposition zur Assimilation mit der 
Unterwertigkeit um eben soviel wächst, als die Disposition zur Dissimilation 
abnimmt, und dass also die Summe ihrer beiden Werte eine konstante ist. 
Setzen wir diese Konstante gleich 2, so ist a == 2 — ö und d = 2 — a. 
Wer das Bedürfnis fühlt, mit dem Begriffe der Assimilation und Dissimi- 
lation schon heute bestimmtere physikalisch-chemische Vorstellungen zu 
verbinden, wird diese Annahme wohl auch naheliegend finden. Übrigens 
aber würde eine andere Annahme am Wesen meiner Theorie nichts ändern. 



106 Lehre vom Lichtsinn. 

Die mit der Wertigkeit wechselnde D- bezw. A-Disposition der Seh- 
substanz lässt sich auch als deren D- bezw. A-Erregbarkeit bezeichnen, und 
die hier als konstant angenommenen Lebensbedingungen, unter denen die 
Substanz dissimiliert und assimiliert, lassen sich als ein konstanter, auf die- 
selbe wirkender innerer Reiz auffassen. Setzt man diesen gleich 1 , so 
ergiebt sich ebenfalls, dass D-Erregbarkeit und autonome Dissimilation 
gleich zu setzen sind, und ebenso A-Erregbarkeit und autonome Assimilation. 

Von der D-Erregbarkeit der Sehsubstanz ist das wechselnde Vermögen des 
Empfangsapparates der Netzhaut zur Umsetzung von Lichtenergie in einen D-Reiz 
zu unterscheiden, kurz gesagt, die Anspruchsfähigkeit oder Empfänglichkeit des 
Sehorgans für das Licht (vgl. § 25). 

Jedem Grade der Unterwertigkeit ist also im Vergleich mit dem Zu- 
stande der Mittelwertigkeit eine in bestimmtem Maße geminderte D-Erreg- 
barkeit und autonome Dissimilation [d) und eine in bestimmtem Maße ge- 
steigerte A-Erregbarkeit und autonome Assimilation (a) eigen, und durch 
das Verhältnis ö : a dieser beiden Erregbarkeiten ist der Grad der Unter- 
wertigkeit ebenfalls gekennzeichnet. Sobald nun auf die Sehsubstanz ein 
D-Reiz (r) wirkt, so gesellt sich zur autonomen Dissimilation ein allo- 
nomer Zuwuchs, dessen Größe einerseits dem Reiz, andererseits der D-Er- 
regbarkeit proportional und also = dr gesetzt werden möge. Somit würde 
sich für jedes Zeitelement die ganze während der Wirkung eines D-Reizes 
stattfindende Dissimilation aus der Gleichung D = ö -\- ör = d {'\ -^ r) er- 
geben, wenn der Stoffwechsel jedes Elementes der Sehsubstanz ganz un- 
abhängig wäre von dem seiner Umgebung, was freihch, wie wir sehen 
werden, keineswegs der Fall ist. 

Da, wie wir annahmen, die Sehsubstanz ihre Assimilation autonomer 
Weise um so mehr verstärkt, je unterwertiger sie infolge der Wirkung eines 
D-Reizes geworden ist, und da also der Grad der eben bestehenden Unter- 
wertigkeit durch eine bestimmte Größe der autonomen Assimilation charak- 
terisiert ist, so wird sich die Steigerung der Assimilation schon während 
der Dauer eines Lichtreizes in dem Maße geltend machen, als sich dabei 
die Unterwertigkeit entwickelt. Dies bedeutet eine entsprechende Verklei- 
nerung des durch den Reiz bedingten D-Überschusses und also auch der 
Geschwindigkeit der absteigenden Änderung. So wird also die durch 
den Lichtreiz gesetzte Alteration selbst zu einem Hemmnis 
ihres weiteren Fortschreitens, und dies um so mehr, als sich mit 
der zunehmenden Unterwertigkeit gleichzeitig die D-Erregbarkeit und mit 
ihr der durch den D-Reiz bedingte Zuwuchs der Dissimilation verkleinert. 
Hierdurch wird der D-Überschuss noch mehr vermindert und die abstei- 
gende Änderung noch mehr verlangsamt. Wir haben also hier ein Beispiel 
für jenes Vermögen der lebendigen Substanz, welches ich seinerzeit als das 
der inneren Selbststeuerung oder Selbstregulierung ihres Stoffwechsels 



§ 23. Successive Anpassung der Sehsubstanz. 107 

bezeichnet habe. Heute ist der Begriff der Selbststeuerung des Stoffwech- 
sels jedem Biologen geläufig geworden. 

Die successive Anpassung des Stoffwechsels der Sehsubstanz 
an einen konstant wirkenden D-Reiz. Die soeben erörterte Einrich- 
tung, vermöge deren die durch einen andauernden D-Reiz bedingte ab- 
steigende Änderung der Sehsubstanz sich in dem Maße, als sie sich ent- 
wickelt, selbst verlangsamt, muss schließlich zum völligen Aufhören einer 
weiteren Änderung führen. Indem nämlich mit zunehmender Unterwertig- 
keit der Substanz die Dissimilation immer kleiner, die Assimilation immer 
größer wird, kommt es schließlich dahin, dass (5(1+ r) = a wird, womit 
gesagt ist, dass jetzt Assimilation und Dissimilation gleichgroß sind und 
gleichgroß bleiben, solange der D-Reiz unverändert fortwirkt. 
Sobald dieser Zustand eines allonomen Gleichgewichts erreicht ist, 
hat sich also der Stoffwechsel und die Sehsubstanz dem stetig fortwirkenden 
D-Reize vollkommen adaptiert. Die autonome Assimilation ist jetzt 
^ 1 und die Dissimilation ebenfalls. Hierdurch unterscheidet sich der Zu- 
stand des allonomen, unter der Wirkung eines konstanten D- Reizes be- 
stehenden Gleichgewichts, von dem des autonomen Gleichgewichts, bei 
dem « = (5 == 1 ist. 

Je stärker der stetig wirkende D-Reiz ist, um so unterwertiger wird 
die Sehsubstanz werden müssen, ehe diese vollständige Anpassung an den 
Reiz eintritt. Immer aber wird dabei wieder D = A und die er- 
scheinende Farbe das Mittelgrau sein. 

Würde nach erfolgter vollständiger Anpassung an den Reiz r an die 
Stelle desselben ein schwächerer, aber weiterhin wieder ganz konstant 
bleibender Reiz treten, so würde, wie leicht zu übersehen ist, sofort eine 
aufsteigende Änderung der Sehsubstanz beginnen, die Unterwertigkeit der- 
selben sich mindern, ihre A-Erregbarkeit abnehmen, ihre D-Erregbarkeit 
zunehmen^ und dies alles so lange, bis abermals D == A geworden wäre. 
Wieder wäre jetzt die Substanz und ihr Stoffwechsel an den Reiz voll- 
ständig angepasst, aber entsprechend der geringeren Stärke des D-Reizes 
wäre jetzt die vollständig angepasste Sehsubstanz nicht so stark unterwertig, 
wie sie es bei der vollständigen Anpassung an den stärkeren Reiz war. 

Der vollständigen Anpassung der Sehsubstanz an einen stetig wirken- 
den D-Reiz entspricht also eine um so tiefere Stufe der Wertigkeit der 
Substanz, je stärker jener Reiz ist; die dem Zustande vollständiger An- 
passung korrelative Farbe aber ist immer wieder das genaue Mittelgrau. 

Wollte man die unter dem Einfluss eines anhaltend wirkenden D-Reizes 
erfolgende Abnahme der D-Erregbarkeit und der Helligkeit der Farbe als die 
Folge einer sogenannten »Ermüdung« bezeichnen, so müsste man bedenken, 
dass die durch diese »Ermüdung« bedingte Abnahme der Helligkeit nie weiter 
gehen könnte, als bis zum erwähnten Mittelgrau, und nie dazu führen könnte, 



108 Lehre vom Lichtsinn. 

dass der fragliche Reiz als dunkleres Grau oder gar als Schwarz empfunden 
würde. 

Die vollständige Anpassung der Sehsubstanz an einen stetig wirkenden 
D-Reiz zeigt uns, wie ausgiebig dieselbe sich vermöge der Selbstregulierung 
ihres Stoffwechsels vor einer zu weit gehenden Alteration zu schützen ver- 
mag, wenn nur die Bedingungen für eine zureichende Assimilierung fort- 
bestehen. Es wird später dargelegt werden, inwieweit die bereits früher 
kurz geschilderten und dort auf eine Successiv- oder Daueranpassung des 
Sehorgans zurückgeführten Thatsachen sich aus der soeben theoretisch ent- 
wickelten Anpassung der Sehsubstanz an dauernde D-Reize erklären lassen. 
Doch kann dies erst dann versucht werden, wenn wir den Einfluss der 
Wechselwirkung der somatischen Sehfeldstellen auf deren Stoffwechsel 
kennen gelernt haben. Es schien mir methodisch zweckmäßig, dem Leser 
zunächst ein theoretisches Bild von dem Verhalten einer Sehsubstanz zu 
geben, deren Stoffwechsel an jeder Stelle unabhängig wäre von dem Stoff- 
wechsel ihrer Umgebung. 

§ 24. Die Größe des Stoffwechsels der Sehsubstanz als das 
somatische Korrelat des Gewichtes der Farbe. Im Vorhergehenden 
wurde im wesentlichen nur das jeweilige Verhältnis zwischen den beiden 
Teilprozessen des Stoffwechsels der Sehsubstanz in Betracht gezogen, nicht 
aber auch die Größe der Assimilation und Dissimilation, welche bei dem- 
selben Verhältnis sehr verschieden gedacht werden kann. Soll aber der 
Stoffwechsel (Jer Sehsubstanz das somatische Korrelat der Farbe als des 
psychischen P^iänomens sein, so muss es auch für die Größe des Stoff- 
wechsels ein psychisches Korrelat geben. 

Dass bei demselben Verhältnisse zwischen Dissimilation und Assimilation 
die Größe beider eine sehr verschiedene sein kann, ist nicht nur von vorn- 
herein denkbar, sondern ergiebt sich auch, wie schon aus dem im vorigen 
Paragraph Erörterten hervorgeht, als eine notwendige Folge des Grundge- 
dankens unserer Hypothese. Die Erwägung nun, dass auch der Größe des 
jeweiligen Stoffwechsels der Sehsubstanz eine psychische Bedeutung zu- 
kommen müsse, eröffnete mir seinerzeit die Möglichkeit, ein Thatsachen- 
gebiet, das mir bis dahin einer physiologischen Auffassung ganz unzugäng- 
lich schien, einer solchen zu unterwerfen. Die Verschiedenheit der Größe 
des Stoffwechsels bei sonst gleicher Beschaffenheit desselben lieferte mir näm- 
lich den Schlüssel für ein Rätsel, welches für mich darin lag, dass eine 
und dieselbe Farbe oder Helligkeit sich mit so verschiedener Energie in 
unser Bewusstsein zu drängen vermag, je nachdem sie einen Teil des cen- 
tralen oder des peripheren Sehfeldes bildet, je nachdem sie uns ferner 
bei offenem oder gedecktem Auge erscheint u. a. m. Von dem leuchtenden 
Weiß und den schönen bunten Farben der Nachbilder, welche man, sei es 



§ 24. Größe des Stoffwechsels und Gewicht der Farbe. 109 

von nur momentanen oder länger auf derselben Stelle verharrenden Netz- 
hautbildern im nachher verflnsterten Auge erhalten kann, wissen die meisten 
Menschen nichts, obwohl sie dieselben sehen, wenn man ihre Aufmerksamkeit 
darauf gelenkt hat. Man hat zur Erklärung dieser Thatsache darauf hin- 
gewiesen, dass wir, um mit Helmholtz zu sprechen (1, S. 432), »erst lernen 
müssen, unseren einzelnen Empfindungen die Aufmerksamkeit zuzuwenden, 
und dies für gewöhnlich nur für die Empfindungen lernen, die uns als 
Mittel zur Erkenntnis der Außenwelt dienen. Nur zu diesem Zwecke haben 
die Sinnesempfindungen eine Wichtigkeit für uns im gewöhnlichen Leben, 
die subjektiven Empfindungen sind meist nur für die wissenschaftliche 
Untersuchung interessant«. Diese Bemerkungen enthalten freilich viel Rich- 
tiges, aber sie passen nicht auf die Farben des peripheren Sehfeldes, denn 
diese sind keine »subjektiven«, sondern ebenso »objektive« wie die des 
centralen. Auch wäre es gewiss für den Neugeborenen, der so unendlich 
viel zu erlernen hat, sehr ersprießhch, wenn von vornherein dafür gesorgt 
wäre, dass das zur weiteren Erforschung seiner Außenwelt besonders ge- 
eignete centrale Netzhautbild sich ihm vorwiegend aufdrängte, und er nicht 
erst lernen müsste, es aus der Fülle des gleichzeitig Erscheinenden heraus- 
zufinden und seine Aufmerksamkeit auf ihm zu sammeln; wenn ferner die 
allonomen Empfindungen des ofi'enen beleuchteten Auges entsprechend ihrer 
Bedeutung für seinen Verkehr mit der Außenwelt ihm ganz von selbst leichter 
und deutlicher ins Bewusstsein treten würden als die autonomen Licht- und 
Farbenerscheinungen des verfinsterten Auges, obwohl dieselben an Helligkeit 
und Mannigfaltigkeit so manchen Farben des ofi'enen Auges nicht nachstehen. 
Dass die Nachbilder, das gewöhnliche Eigenlicht und andere bei ver- 
finstertem Auge auftretende Phänomene so vielen Menschen unbekannt blei- 
ben, hat man auch aus einer zu geringen »Intensität« d. h. hier Helligkeit 
derselben zu erklären versucht. Aber die tonfreien Farben solcher Nach- 
bilder gehören, ebenso wie die bei belichteten Augen gesehenen, beiden 
Hälften der tonfreien Farbenlinie und keineswegs nur der dunkleren Hälfte 
derselben an, und ihre Helligkeit ist zuweilen eine sehr bedeutende. Auch 
dass die Farben des peripheren Sehfeldes durchschnittlich viel weniger ins 
Bewusstsein oder richtiger gesagt ins bewusste Gedächtnis gelangen, als wie 
die des centralen, kann nicht darauf beruhen, dass sie weniger »intensive« 
d. h. hier weniger helle Gesichtsempfindungen wären als die letzteren, denn 
bei Tage ist die durchschnittliche Helligkeit der Farben selbst in der Nähe 
der Sehfeldgrenze nicht kleiner, und sie sind nicht schwärzlicher als in der 
Sehfeldmitte. Ebenso können die Grenzen des Sehfeldes nicht dadurch 
bedingt sein, dass die »Intensität« der Lichtempfindungen hier auf ihren, 
angeblich dem tiefsten Schwarz entsprechenden Nullpunkt sinkt; denn an 
der Grenze des Sehfelds und über sie hinaus wird nicht schwarz, sondern 
überhaupt nicht gesehen. 



1\Q Lehre vom Lichtsinn. 

Die soeben besprochenen Thatsachen sowie viele andere später zu 
erörternde erklären sich, wie ich meine, aus einem Satze, welchen ich 
schon im Jahre 1874 (4, § 29) ausgesprochen und als ein »psychophy- 
sisches Grundgesetz« bezeichnet habe. Auf den Gesichtssinn ange- 
wendet besagt jener Satz, dass die Eindringlichkeit oder Auffällig- 
keit, welche einer Sehqualität oder Farbe zukommt, unter 
sonst gleichen — gleich günstigen oder gleich ungünstigen — 
Bedingungen zukommt, von der Grüße des korrelativen Stoff- 
wechsels in der Sehsubstanz abhängig ist. 

Die Größe dieses Stoffwechsels bestimmt hiernach das, was ich da- 
mals als das Gewicht der Farbe bezeichnet habe, und diesem Gewichte 
entspricht unter sonst gleichbleibenden Umständen die Energie, mit der sich 
die Farbe unserem Bewusstsein aufdrängt. Ich sage: unter sonst gleichblei- 
benden Umständen, denn das Gewicht der Farbe kann nur eine der mannig- 
fachen Bedingungen sein, von deren Gunst oder Ungunst die Stellung ab- 
hängt, die eine Farbe des Sehfeldes jeweils in unserem Bewusstsein ein- 
nimmt. 

Alle Farben, welche wir normaler Weise bei geschlossenen und vor 
Licht geschützten Augen oder auch offenen Auges im lichtlosen Räume 
sehen, die grauen, weißen und bunten Farben der unter solchen Umständen 
erscheinenden Nachbilder sind ihrer Qualität nach dieselben, wie die bei offenen 
Augen unter der Wirkung des Lichtes entstandenen, aber ihr Gewicht und 
das Maß des korrelativen Stoffwechsels der Sehsubstanz ist letzterenfalls 
ein größeres, und auch bei belichtetem Auge kann dieselbe Farbe, je nach 
den Bedingungen ihres Entstehens, ein verschiedenes Gewicht haben, worauf 
noch öfters zurückzukommen sein wird. 

Für die Einheit der Sehsubstanz bemisst sich die Größe des Stoff- 
wechsels nach der Menge des in der Zeiteinheit von ihr aufgenommenen 
und abgegebenen Stoffes. Je größer die einer Flächeneinheit des somati- 
schen Sehfeldes entsprechende Menge der Sehsubstanz ist, desto größer ist 
unter sonst gleichen Umständen der Stoffwechsel. Der größere Reichtum 
des centralen, somatischen Sehfeldes an Sehsubstanz, im Vergleich mit dem 
peripheren Sehfelde, bedingt also in ersterem einen durchschnittlich größeren 
Stoffwechsel und entsprechend größeres Gewicht der Farbe. Dabei kann 
im excentrischen Sehfelde der Stoffwechsel im Einzelfalle größer und die 
Farbe gewichtiger sein als im centralen, weil, wie gesagt, die Stoffwechsel- 
größe überdies abhängig ist von der Stärke der wirkenden D-Reize. 

Aber noch ein dritter Faktor ist für die Größe des Stoffwechsels mit 
bestimmend, nämlich die im Vorhergehenden zunächst als völlig konstant 
angenommenen Stoffwechselbedingungen. Wenn z. B. die normaler Weise 
stets zureichende Versorgung der Sehsubstanz mit dem zur Assimilierung 
nötigen Ersatzmaterial eine Störung erfährt und deshalb andauernd gemindert 



§ 24. Größe des Stoffwechsels und Gewicht der Farbe. Hl 

ist, so wird auch die Assimilation nicht mehr in der normalen Weise 
stattfinden, und die Wertigkeit der Sehsubstanz so lange abnehmen, bis 
wieder das durchschnittliche Gleichgewicht zwischen geminderter Assimi- 
lation und der infolge schwacher Assimilation ebenfalls geminderten 
Dissimilation hergestellt ist. Ebenso wie eine mangelhafte Zufuhr von 
A- Material, könnte irgend welche andere Beeinträchtigung der normalen 
Assimilation zu einer Herabsetzung der Größe des Stoffwechsels und des 
Gewichts der korrelativen Farbe führen. Dies wird sich an der Grenze des 
somatischen Sehfeldes, wo wegen der geringen Menge von Sehsubstanz die 
Stoffwechselgrüße und das Gewicht der Farbe ohnedies schon entsprechend 
kleiner sind, am ehesten bemerklich machen, und zwar durch eine nach Maß- 
gabe der Störung mehr oder weniger deutliche Einengung der Sehfeldgrenze. 

Hiernach erscheint die normale Lage der nach den üblichen Methoden 
bestimmten Sehfeldgrenzen als wesentlich mit abhängig von der Ungestört- 
heit der übrigen Assimilationsbedingungen und insbesondere auch von der 
normalen Zufuhr der Assimilationsstoffe. 

Für die Qualität der Farbe, welche von einem bestimmten, durch 
Licht verursachten D-Reiz an einer Stelle des Sehfelds herbeigeführt wird, 
ist die dieser Stelle eigene Menge der Sehsubstanz gleichgültig. Denn der 
D-Zuwuchs, welchen dieser Reiz r in der Sehsubstanz erzeugt, ist stets 
proportional der autonomen Dissimilation (5, die Größe der Dissimilation 
also gleich ^ -|- ^r und die entstehende Farbe dem Verhältnis d -\- ör \ a 
entsprechend. Die Werte von d und of, d. h. hier die der autonomen 
Dissimilation und Assimilation aber sind notwendig proportional der Menge 
der Sehsubstanz, welche der bezüglichen Stelle des somatischen Sehfeldes 
eigentümlich ist. So oft also an zwei somatischen Sehfeldstellen das Verhält- 
nis zwischen ihrer autonomen Dissimilation und Assimilation das gleiche ist, 
bewirkt derselbe D-Reiz an beiden Stellen dieselbe Farbe i), gleichviel, ob die 
Menge der Sehsubstanz an beiden Stellen gleich oder beliebig verschieden ist. 

Schon im § 9 (Seite 31) wurde darauf hingewiesen, wie die im all- 
gemeinen größere Aufdringlichkeit der helleren Farben die Ansicht begünstigt 
hat, dass die verschiedenen tonfreien Farben nur verschiedene Intensitäts- 
stufen einer und derselben Sehqualität seien. Diese größere Aufdringlich- 
keit erklärt sich also nach meiner Auffassung daraus, dass unter sonst 
gleichen Umständen alle übermittelhellen Farben ein um so größeres Ge- 
wicht haben, je heller sie sind, was im VH. Abschnitt noch weiter zu be- 
legen sein wird. Für den nach meiner Ansicht auf die Farbe nicht an- 
wendbaren Begriff der Intensität bietet also das Gewicht der Farben in 
gewissem Sinne einen Ersatz. 



\) In §29 meiner Mitteilungen >zur Lehre vom Lichtsinne« (4) habe ich das, 
was ich unter Gewicht einer Empfindung verstehe, in einer meines Erachtens zu- 
reichend verständlichen Weise auseinandergesetzt. Unter ausdrücklicher 



X12 Lehre vom Lichtsinn. 

§ 25. Die Bedeutung der Empfangstoffe der Netzhaut. Im 
Anschluss an Boll's Entdeckung des Sehpurpurs und seine eigenen Unter- 
suchungen über die »Chemie des Sehepithels« und die »photochemische 
Zersetzung in der sehenden Netzhaut« entwickelte W. Kühne eine »opto- 
chemische Hypothese« (20, S. 326). Er erachtete das Sehepithel als Träger 
photochemisch zersetzlicher Stoffe, welche er als Sehstoffe bezeichnete, 
deren Zersetzung direkt oder indirekt den eigentlichen Reiz für die nervöse 
Substanz bedingen sollte. Um der immer wiederkehrenden Verwechslung 
dieser Sehstoffe mit der Sehsubstanz vorzubeugen, will ich dieselben als 
Empfangstoffe der Netzhaut benennen. Dass der Sehpurpur ein solcher 
Empfangstoff sei, nahm Küdne zwar als höchst w^ahrscheinlich, doch nicht 
als zwingend bewiesen an, fand aber die Annahme noch überdies vorhan- 
dener farbloser Empfangstoffe »unbedingt« erforderlich. Als ich meine 
Mitteilungen »zur Lehre vom Lichtsinne« veröffentlichte, war der Sehpurpur 
noch unbekannt, und ich musste mich damals begnügen, mich denen anzu- 
schließen (4, § 27), welche im Gegensatze zu Herschel, Melloni und See- 
beck die Wirkung des Lichtes auf die nervöse Substanz des Auges als eine 
chemische ansahen. Erst Boll's und Kühne's Entdeckungen schufen^ mir 
eine Grundlage zu einer weiteren Differenzierung der bis dahin nur sum- 
marisch behandelten Anpassung des inneren Auges und die Möglichkeit, 
neben der Anpassung der Sehsubstanz als einer im strengen Sinne nervösen 
Substanz eine besondere Anpassung des Empfängers der Netzhaut d. h. der 
Stäbchen- und Zapfenschicht in Betracht zu ziehen. Denn wenn die Seh- 
zellen besondere Stoffe enthalten, welche vermöge einer teilweisen Zersetzung 
durch Licht dasselbe erst zu einem Reize für die nervöse Substanz machen, 
der als ein Dissimilationsreiz den Stoffwechsel der Sehsubstanz beeinflusst. 



Berufung auf diese Erörterung wies ich in § 27 darauf hin, »dass psychophysische 
Prozesse von sehr verschiedener Größe dieselbe Empfindung geben können, weil 
es überall (wo es sich wie damals in § 27 nur um die Art der Empfindung han- 
delt) nicht auf die absolute Größe dieser Prozesse, sondern lediglich auf ihr gegen- 
seitiges Verhältnis ankommt«. Gleichwohl fand ich einst in einer Abhandlung 
über die Gesichtsempfindungen die Bemerkung, dass durch meine oben citierte 
Behauptung das eigentliche Wesen des von mir vertretenen Prinzips, nach wel- 
chem, um Mach's Worte zu benützen (13, L S. 320), »gleichen psychischen Prozessen 
gleiche physische und ungleichen, ungleiche entsprechen sollen« geradezu auf- 
gehoben werde. Der Autor dieses Einwandes hat denselben später wiederholt 
und endlich neuerdings wieder bemerkt, dass nach meiner Ansicht »die Empfin- 
dung nur von dem Verhältnis abhängen solle, in dem die beiden Prozesse (D und 
A) jeweils verwirklicht sind, während es auf die Intensität beider nicht ankommen 
soll«. Schließlich ist mir auch von anderer Seite dieser vermeinthche Verstoß 
gegen die Logik vorgehalten worden. 

Nun denke man sich einen Metallgießer, der einem Kunden zwei Stücke 
Messing von gleicher Legierung, aber verschiedenem Gewicht vorlegt und ihm 
versichert, beide Stücke seien »dasselbe« Messing: Was würde dieser Mann sagen, 
falls der Kunde ihm einwendete, diese Behauptung enthalte einen offenbaren Wider- 
spruch, denn das eine Stück wiege zwei, das andere nur ein Pfund. 



§ 25. Größe des Stoffwechsels und Gewicht der Farbe. 113 

so wird neben dem specifischen Absorptionsvermögen jener Stoffe auch 
deren jeweilige Menge für den optischen Reizwert des Lichtes mitbestim- 
mend sein. Würde bei einer anhaltend konstanten und relativ starken Be- 
lichtung einer Netzhautstelle mehr von dem Empfangstoffe verbraucht als 
gleichzeitig gebildet, so müsste der Gehalt der Sehzeilen an diesem Stoffe 
abnehmen und also ein zur absorbierten Lichtmenge proportionaler Reiz- 
wert des Lichtes solange herabgesetzt werden, bis der Verbrauch dem 
gleichzeitigen Ersätze wieder gleich geworden wäre. Auf diese Weise könnte 
die Sehsubstanz vor einer zu lange währenden übermäßigen Reizung ge- 
schützt werden. Wenn aber dann an die Stelle der starken Belichtung 
eine andauernd schwache träte, so würde fortan weniger von dem Empfang- 
stoffe zersetzt als gebildet, seine Menge würde wieder zunehmen und der 
Reizwert des Lichtes sich solange steigern, bis wieder das Gleichgewicht 
zwischen Verbrauch und Ersatz des Empfangstoffes hergestellt wäre. 

Wegen der fortwährenden Bewegungen des Auges wechselt die Be- 
leuchtung der einzelnen Netzhautstellen auch dann unaufhörlich, wenn die 
Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes eine konstante ist. Doch ist dabei 
für alle Netzhautstellen der Durchschnittswert ihrer wechselnden Beleuch- 
tung beiläufig derselbe, und zwar ist er proportional zur jeweiligen Stärke 
der konstanten Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes. Infolge des beschrie- 
benen Anpassungsvermögens des Empfangsorganes würde nun trotz großen 
Verschiedenheiten der Gesamtbeleuchtung der Reizwert jenes Durchschnitts- 
wertes der Netzhautbeleuchtung für die Sehsubstanz schließlich immer 
wieder derselbe werden, weil das Empfangsorgan sich für die eben herr- 
schende Beleuchtung des Gesichtsfeldes vollständig adaptiert hätte. 

So würde es sich verhalten, wenn die Produktion des Empfangstoffes 
eine quantitativ konstante wäre. Es würde dann zwar der jeweilige Ge- 
halt der Sehzellen an solchem Stoffe ein sehr verschiedener und zwar bei 
anhaltend starker Beleuchtung ein kleiner, bei anhaltend schwacher ein 
großer sein, aber die Größe des Verbrauches wäre nach jedesmaliger 
Anpassung des Empfängers an die Beleuchtung immer wieder dieselbe. 
Anders würde es sich verhalten, wenn die Produktion der Empfangstoffe, 
je nachdem die Netzhaut belichtet oder verfinstert ist, eine quantitativ ver- 
schiedene wäre, was große Wahrscheinlichkeit für sich hat. Denn es ist 
nicht anzunehmen, dass während der Nachtruhe, wobei das Auge stunden- 
lang ganz verfinstert sein kann, die Bildung der Empfangstoffe ungeschwächt 
fortdauere und dieselben sich proportional zur Dauer der Verfinsterung im 
Sehepithel anhäufen. Wer noch einen besonderen Beweis dafür verlangen 
sollte, dass letzteres nicht der Fall ist, der könnte auf die später zu be- 
sprechenden Versuche Aubert's und Anderer über den zeitlichen Verlauf der 
Dunkeladaptation verwiesen werden. Wenn aber die Empfangstoffe sich nur 
bis zu einer gewissen Grenze anhäuften, während ihre Produktion gleichwohl 

Hering, Lichtsinn. 8 



•^1^ Lehre vom Lichtsinn. 

ungeschwächt weiter ginge, so müssten sie, sobald eine bestimmte Grenze 
erreicht ist, im verfinsterten Auge irgendwie in demselben Maße immer 
wieder zerstört oder abgeführt werden, in welchem sie produziert werden. 
Es liegt keinerlei Grund vor, dies anzunehmen. Vielmehr wird jeder, der 
sich die unerschöpfliche Mannigfaltigkeit von Selbstregulierungen der Le- 
bensprozesse und anderer physikalisch-chemischer Prozesse vergegenwär- 
tigt, mit mir wahrscheinlich finden, dass bei anhaltender Finsternis die 
weitere Bildung und Anhäufung der Empfangstoffe früher oder später auf- 
hört, sei es dass ihre Anhäufung selbst irgendwie zu einem Hindernis für 
ihre weitere Produktion wird, sei es dass ein während der Belichtung be- 
stehender Anreiz zu ihrer Bildung infolge der Verfinsterung des Auges in 
Wegfall kommt. Auch wird später eine Thatsache zu besprechen sein, 
welche es wahrscheinlich macht, dass sich im Sehorgan infolge der Be- 
lichtung eine funktionelle Hyperämie entwickelt, wie solche von vielen nicht 
stetig fungierenden Organen bekannt ist, und dass diese Hyperämie eben- 
falls auf nervösem Wege eingeleitet wird. Dies würde in Einklang sein mit 
der Annahme, dass die Bildung der Empfangstoffe mit in Abhängigkeit steht 
von der Belichtung der Netzhaut. 

Ebensowenig wie der Stand des Wassers in einem Gefäße, welches 
einen gleichzeitigen Zu- und Abfluss hat, uns Aufschluss über die in der 
Zeiteinheit zu- und abfließende Wassermenge giebt, ebensowenig können 
wir aus dem jeweiligen Gehalt des Sehepithels an Empfangstoff das Aus- 
maß des eben stattfindenden Verbrauches des letzteren ableiten, und wie trotz 
einem niedrigen Wasserstande ein starker Wasserzufluss deshalb stattfinden 
kann, weil gleichzeitig ein ebensjD starker Abfluss besteht, kann mit einem 
sehr kleinen Gehalt an Empfangstoff eine relativ starke Produktion des- 
selben verbunden sein, wenn die Stärke der Belichtung einen, der Produk- 
tion gleich starken Verbrauch desselben bewirkt. 

Ich habe den Eindruck erhalten, als ob diejenigen, welche wegen der 
schwächeren Rotfärbung der Netzhaut belichtet gewesener Augen annehmen, dass 
bei Tage weniger Sehpurpur verbraucht werde als während der Dämmerung, 
nicht beachtet hätten, dass ein geminderter Purpurgehalt des Seh- 
epithels an und für sich gar nichts für einen geminderten Ver- 
brauch desselben beweist. An anderer Stelle wird hierauf zurückzu- 
kommen sein. 

Schon Kühne sprach von einem »Sehen ohne Sehpurpur«, weil er in der 
Netzhaut von Fröschen und Kaninchen, welche vor dem Tode längere Zeit in un- 
gewöhnlich lichtstarker Umgebung gelebt hatten, keinen Sehpurpur sehen konnte. 
Er hat wohl nicht bedacht, dass jede zureichend verdünnte Lösung eines Farb- 
stoffes farblos erscheint, und dass, wenn man den Purpurgehalt des für starke 
Dämmerung angepassten Empfangsorganes = \ setzt, derselbe bei einer hundert- 
mal stärkeren Beleuchtung weniger als Yjoq zu betragen brauchte, damit beiden- 
falls dieselbe Lichtmenge absorbiert, gleichviel Sehpurpur zersetzt und die nervöse 
Substanz der Netzhaut gleichstark gereizt würde. 



§ 26. Vom simultanen Helligkeitskontraste. 115 

Der Reiz wert einer das Auge treffenden tonfrei wirkenden Strahlung 
hängt also erstens von der Größe der Pupille, zweitens wahrscheinlich vom 
Gehalt der belichteten Netzhautstelle an Empfangstoff ab. Der Reiz er folg 
der Strahlung aber, d. h. der Zuwuchs, den die Dissimilation der Seh- 
substanz erfährt, ist nach unserer Annahme einerseits diesem Reizwerte, 
andererseits der jeweiligen D-Erregbarkeit (ö) der Sehsubstanz direkt pro- 
portional. Durch drei ganz verschiedene Mittel zugleich könnte somit dieser 
D-Zuwuchs an die jeweilige Stärke der Beleuchtung des Gesichtsfeldes 
successiv angepasst werden, nämlich durch entsprechende Änderung erstens 
der Pupille, zweitens der Menge eines Empfangstoffes und drittens der 
D-Erregbarkeit der Sehsubstanz. Hierauf also würde die successive An- 
passung des Sehorganes an die Beleuchtung beruhen. 

V. Abschnitt. 

Die tonfreien Wechselwirkungen der Sehfeldstellen. 

§ 26. Vom simultanen Helligkeitskontraste ^). Wenn ein 
kleines graues Feld, z. B. ein Papierschnitzel, auf einem weißen Papier 
dunkler grau, auf einem schwarzen heller grau erscheint, als auf einem 
gleichgrauen Papier, oder wenn es auf rotem Papier grünlich, auf gelbem 
bläulich aussieht, so pflegt man solche sogenannte Kontrasterscheinungen 
als Täuschungen über die »wirkliche« Farbe des Schnitzels zu bezeichnen, 
während man diejenige Farbe, die es auf gleichgrauem Grunde zeigt, als 
seine wirkliche Farbe gelten lässt. 

Die genauere Beschreibung und die verschiedenen Erklärungen der- 
artiger sogenannter optischer Täuschungen bildeten lange Zeit den aus- 
schließlichen Inhalt der Abhandlungen über den Simultankontrast. Diese 
Erklärungen aber gründeten sich teils auf die ältere Annahme [Johannes 
Müller (23), J. Plateau (24), bezw. Th. Fechner (25)J, dass die Farbe, 
welche infolge der Bestrahlung einer Netzhautstelle gesehen wird, nicht 
allein von der Art und Stärke dieser Bestrahlung, sondern vermöge einer 
physiologischen Wechselwirkung der Netzhautstellen auch von der Art und 
Stärke der gleichzeitigen Bestrahlung der Umgebung jener Netzhautstelle 
abhänge; teils auf eine neuere, insbesondere von Helmholtz vertretene An- 
nahme, dass es sich bei solchen Kontrasterscheinungen nur um Urteils- 
täuschungen handele, während die »Empfindung« selbst dabei gar nicht 
beeinflusst werde. 

Den Gedanken, dass die Erscheinungen des Simultankontrastes nicht 
bloß auf »optische Täuschungen« hinauslaufen, sondern der Ausdruck einer 



1) Zusammenstellungen der Litteratur finden sich besonders bei J. Plateau (21 

und A. TSCHERMAK (22). 

8* 



11Q Lehre vom Lichtsinn. 

wesentlichen Lebenseigenschaft des Sehorganes sind, finde ich besonders 
bei Plateau und E. Mach betont (13, I), doch haben dieselben diesen Ge- 
danken in anderer Weise durchgeführt, als wie ich es im Folgenden ver- 
suchen werde. 

Die wichtigsten Folgen jener Wechselwirkungen äußern sich gar nicht 
in Kontrasterscheinungen, d. h. in dem vermeintlichen Falschsehen der 
»wirklichen« Farben der Außendinge. Vielmehr beruht gerade das soge- 
nannte richtige Sehen dieser Farben sehr wesentlich mit auf diesen Wechsel- 
wirkungen, und es ist noch viel wichtiger, die letzteren da zu 
erforschen, wo wir gar nichts von ihnen zu bemerken meinen, 
als da, wo sie uns als Kontrasterscheinungen auffallen. Der 
Wechselwirkung der somatischen Sehfeldstellen verdanken 
wir zu einem wesentlichen Teile sowohl unsere Sehschärfe (vgl. 
VL Abschnitt) als auch die Möglichkeit, die Außendinge an ihrer 
Farbe wieder zu erkennen (vgl. § 6). Da überhaupt die genauere Be- 
kanntschaft mit den Folgen dieser Wechselwirkungen eine der wesentlich- 
sten Grundlagen für das Verständnis der Art unseres Sehens ist, so werde 
ich dieselben um so mehr etwas eingehender erörtern , als sie in den 
Lehr- und Handbüchern nur als optische Täuschungen behandelt zu werden 
pflegen. 

Zuerst mögen diejenigen Folgen der Wechselwirkung besprochen wer- 
den, welche durchaus den Eindruck von Störungen einer »richtigen« Wahr- 
nehmung der Außendinge machen, und zwar will ich mich hier wieder auf 
das Gebiet der tonfreien Farben beschränken, wo sich die Wechselwirkung 
durch den sogenannten Helligkeitskontrast verrät. 

Die beiden kleinen grauen Kreisfelder der Fig. 1 , Taf. H sind bei gleicher 
Beleuchtung von gleicher Lichtstärke; dennoch erscheint das auf weißem 
Grunde liegende auffallend schwärzlicher als das vom Schwarz umgebene. 
Schlägt man in ein beliebiges Papier zwei runde Löcher, welche nach Größe 
und Abstand den beiden Kreisfeldern entsprechen, und legt das Papier so 
auf die Figur, dass von derselben nur die beiden Kreisfelder sichtbar blei- 
ben, so erscheinen dieselben in gleicher Farbe, wie es der Gleichheit ihrer 
Lichtstärken entspricht. 

In Fig. 2, Taf. H haben die beiden grauen Kreisfelder dieselbe Licht- 
stärke wie in Fig. i , Taf. H, sie erscheinen jedoch in der ersteren weniger 
untereinander verschieden als in der letzteren, wo die Verschiedenheit der 
beiden umschließenden Felder eine viel größere ist als in Fig. 2; denn es 
gilt die Begel, dass gleich lichtstarke umschlossene Felder um so ver- 
schiedener erscheinen, je größer der Unterschied der Lichtstärke der. beiden 
sie umschließenden Felder ist. 

Die kleinen Kreisfelder in Fig. 4, Taf. H sind ebenfalls sämtlich von 
gleichem Remissionsvermögen und daher bei gleicher Beleuchtung von 



Graefe-Saemiseh, Handbuch, 2. Aufl., I. Teil, III. Band, Kap. XII. Tafel II. 

Zu Seite 110 



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Fiff. 1, 




Fig. 2. 




Fig. 3. 



Verlag von Wilhelm Engelmann in Leipzig. 



§ 26. Vom simultanen Helligkeitskontraste. 117 

derselben Lichtstärke. Man sieht hier, wie in der Richtung von unten nach 
oben die Schwärzlichkeit, in der entgegengesetzten Richtung die Weißlich- 
keit der Kreisfelder zunehmend größer wird, und wie auffallend der Hellig- 
keitsunterschied zwischen dem untersten und dem obersten Kreisfelde ist. 
Während in den soeben erwähnten Figuren die beiden zu vergleichen- 
den grauen Felder erheblich von einander entfernt sind, berühren sich in 
Fig. 3, Taf. II die beiden umschlossenen, hier hakenförmigen und ebenfalls 
gleich lichtstarken Felder mit ihren Spitzen ; gleichwohl erscheinen sie eben- 
falls sehr verschieden. 

Man kann sich die kleinen grauen Felder in beliebiger Form aus mattem 
grauen Papier herstellen und sie auf einen möglichst großen, zur einen Hälfte 
weißen oder hellgrauen, zur anderen schwarzen oder dunkelgrauen Grund legen; 
doch hat dies den störenden Übelstand, dass sie bei seitlicher Beleuchtung einen 
helleren bezw. dunkleren Saum zeigen und nicht als integrierende Bestandteile 
der übrigen Fläche, sondern als gesonderte Objekte erscheinen. Es ist deshalb 
zweckmäßig, durch passende Brillengläser dafür zu sorgen, dass man nicht für 
die Entfernung der Felder akkommodieren kann. Dadurch werden ihre Um- 
risse verwaschen, und zugleich verschwindet das etwa vorhandene Korn der 
Papiere. 

Die Figuren auf Taf. 11 zeigen bereits, in wie hohem Grade die Hellig- 
keit eines kleinen Feldes mit abhängt von der Helligkeit seiner Umgebung; 
doch lässt sich sogar ein kleines weißes Feld ohne Änderung 
seiner Lichtstärke durch bloße Änderung der Lichtstärke der 
gesamten Umgebung in ein schwarzes, und umgekehrt ein 
schwarzes in ein weißes verwandeln. Man schlage in der Mitte 
eines ganz undurchscheinenden weißen Kartenpapieres von etwa 30 cm im 
Geviert ein rundes Loch von beiläufig 8 mm Durchmesser und halte es vor 
sich, während man bei hellem Tage mit dem Rücken am Fenster steht 
und nach einer 5 — 6 m entfernten und dementsprechend schlechter be- 
leuchteten weißen Wand oder einen an der Wand befestigten weißen Schirm 
blickt, von denen also nur ein kleiner Teil durch das Loch sichtbar ist. 
Hält man zugleich dicht an das Auge eine beiläufig 25 cm lange, mit schwar- 
zem Samt oder Wollpapier ausgekleidete Röhre, welche am anderen Ende 
eine ebenfalls mit Samt belegte Manschette trägt, und drückt das Karten- 
papier im Umkreise des Loches dicht an diese Manschette, so erscheint 
das Loch weiß; sobald man aber die Röhre entfernt, erscheint es schwarz. 
Dieser Farbenwechsel ist ein außerordentlich überraschender. Der Einfluss 
der Pupillenänderung lässt sich durch ein in der Nähe des Augenendes der 
Röhre eingesetztes Diaphragma ausschUeßen, dessen Öffnung nur 2 mm im 
Durchmesser hat. 

Überhaupt lässt sich sagen, dass bei Tage ein kleines Feld bei passen- 
der konstanter Lichtstärke jede zwischen einem nicht allzutiefen Schwarz 
und einem ziemlich reinen Weiß liegende tonfreie Farbe annehmen kann, 



118 Lehre vom Lichtsinn. 

je nachdem seine Umgebung mehr oder weniger lichtstark ist. Mit wach- 
sender Lichtstärke der Umgebung ändert sich in der Farbe des kleinen 
Feldes das Verhältnis der Schwärze zur Weiße immer mehr zu Gunsten 
der Schwärze, mit abnehmender Lichtstärke der Umgebung zu Gunsten 
der Weiße. 

Die soeben besprochenen Thatsachen pflegt man zwar meistens als 
Erscheinungen des simultanen Helligkeitskontrastes zu bezeichnen, bei der 
gewöhnlichen Art des Sehens aber, wobei der Blick zwanglos umher springt, 
hat dieser Kontrast eine doppelte Ursache. Erstens wird ein Netzhautbild 
von gleichbleibender Lichtstärke, wenn es infolge einer Augenbewegung auf 
Netzhautstellen geschoben wird, welche soeben schwächer belichtet waren, 
weißlicher oder minder schwärzlich gesehen, als wenn es auf Netzhautstellen 
übertritt, welche zuvor stärker belichtet waren: die unter diese Regel fallen- 
den Erscheinungen gehören zu denen des successiven Kontrastes oder, wie 
ich kürzer sagen will, des Nachkontrastes. Zweitens wird ein auf der- 
selben Netzhautstelle verharrendes Bild, wenn es von einem lichtschwächeren 
umschlossen ist, weißlicher oder minder schwärzlich gesehen, als wenn es 
von einem lichtstärkeren umgeben ist: die hierher gehörigen Erscheinungen 
sind solche des reinen Nebenkontrastes d. h. des simultanen Helligkeits- 
kontrastes im engeren Sinne. 

Die oben besprochenen Kontrasterscheinungen sind also, wenn man 
wie gewöhnlich mit bewegtem Blicke beobachtet, teils durch Nachkontrast, 
teils durch Nebenkontrast bedingt; sie sind Erscheinungen des gemischten 
Kontrastes. 

Zunächst gilt es, den Nebenkontrast, welcher uns jetzt allein beschäf- 
tigen soll, streng gesondert vom Nachkontraste zu untersuchen, wie dies 
besonders Helmholtz wenigstens teilweise durchführte (s. I, S. 392). Streng 
lässt sich dem dadurch entsprechen, dass die ganze Fläche, auf der sich 
die Kontrasterscheinung zeigen soll, erst dann sichtbar gemacht wird, wenn 
die Augen bereits eine feste Lage angenommen haben, welche dann wäh- 
rend der im allgemeinen nur kurz (1 — 2 Sekunden) zu bemessenden Be- 
obachtungszeit unverändert beizubehalten ist. Ein länger fortgesetztes Be- 
obachten mit festgehaltenem Blicke vermag das Ergebnis wesentlich zu 
ändern. 

Man schiebe über die Figur \ (Taf. H) von rechts und links je ein 
graues Blatt bis an die Grenzlinie zwischen dem Schwarz und Weiß, so 
dass diese unter sich ganz gleichen Deckblätter längs der Grenzlinie zu- 
sammenstoßen, und mache am Rande des einen Deckblattes einen kleinen 
Ausschnitt an der Stelle, unter der sich die auf der Grenzlinie der Figur 
angebrachte schwarze Marke befindet. Fixiert man einige Zeit mit einem 
oder beiden Augen die letztere und zieht sodann bei unveränderter Augen- 
stellung die beiden Deckblätter mit mäßiger Geschwindigkeit nach rechts 



§ 26. Vom simultanen Helligkeitskontraste. 



119 



und links zur Seite, so sieht man sofort die beiden grauen Kreisfelder in 
verschiedener Farbe, wenn auch nicht in demselben Maße, wie bei gewöhn- 
licher Betrachtung. Auf diese Weise ist dafür gesorgt, dass die Netzhaut- 
stellen, auf welche die Bilder der Kreisfelder fallen, zuvor hinreichend lange 
in ganz gleicher Weise belichtet waren, und ein Nachkontrast infolge von 
Augenbewegungen ist ausgeschlossen. Im Folgenden wird stets eine 
vor Einmischung des Nachkontrastes möglichst schützende 
Versuchsweise vorausgesetzt. 

Der Blickpunkt ist mitten zwischen die zu vergleichenden Felder zu 
verlegen, damit sich die letzteren auf möglichst gleichwertigen Netzhaut- 
stellen abbilden. 

AuBERT imd E. Mach haben bei einzelnen Versuchen den Einfluss der Blick- 
bewegung dadurch ausgeschlossen, dass sie die Beobachtungsfläche nur momentan 



Fig. -1 8. 



Fig. t9. 





durch einen starken elektrischen Funken beleuchteten. Ich selbst habe vielfach 
einen sogenannten Momentverschluss der Photographen benutzt, nachdem ich 
für besonders starke Beleuchtung der Beobachtungsfläche gesorgt hatte. Beide 
Methoden gestatten jedoch nur eine sehr begrenzte Verwendung. Vorzügliche 
Dienste leistet die folgende, auch nur in besonderen Fällen anwendbare Methode: 
Man befestigt die Kontrastfigur auf einem schwarzen Karton, durchsticht beide 
an dem zur Fixierung bestimmten Punkte mit einer feinen Nadel und beleuchtet 
das Loch von hinten durch eine sehr schwache Lichtquelle. Empfängt nun die 
Kontrastfigur ihre Beleuchtung ausschließlich durch eine Öffnung im Fenster- 
laden oder durch eine Lampe, die sich leicht verdecken lassen, so fixiert man 
zunächst bei Ausschluss der Beleuchtung das allein leuchtende Loch und giebt 
dann plötzlich die Beleuchtung wieder frei. Andere Methoden zur Ausschheßung 
des Nachkontrastes werden gelegentlich zur Sprache kommen. 

Der zweiten wichtigen Bedingung, dass die kleinen Felder als integrie- 
rende Teile der übrigen Fläche erscheinen, lässt sich in einzelnen Fällen 
mit Hilfe des Farbenkreisels genügen. Fig. i8 ist ein möghchst treues 



120 



Lehre vom Lichtsinn. 



Abbild!) einer rotierenden Kreiselscheibe, auf welcher der schmale grau- 
weiße Ring in der äußeren schwarzen Zone und der dunkler graue in der 
inneren weißen Zone von gleichem Kreiselwert sind. Fi^. \ 9 stellt die ent- 
sprechende unbewegte Kreiselscheibe dar. 



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Um den Nachkontrast auszuschließen, bringt man vor der Scheibe einen, von 
einem Träger gehaltenen feinen Draht an, dessen Spitze, wenn man sie mit einem Auge 
fixiert, einen Punkt der Grenzlinie der weißen und schwarzen Zone deckt, und 
hält hinter diesen Draht ein steifes graues Blatt so lange, bis der Kreisel die 
nötige Geschwindigkeit erreicht hat. Dann zieht man das Blatt weg, während 
man das Drahtende weiter fixiert. 

Eine zweckmäßige Herstellungsweise solcher Kreiselscheiben ist folgende: 
Auf eine größere schwarze Scheibe wird eine kleinere weiße gelegt, nachdem 
aus beiden je zwei Fenster in Form eines schmalen Ringsektors von 90° aus- 
geschnitten sind, wie dies Fig. 4 9 zeigt. Unter der größeren schwarzen Scheibe 



Fig. 20. 



Fig. 21 





Hegt eine gleichgroße weiße und zwischen dieser und der schwarzen noch eine 
große schwarze von der in Fig. 20 dargestellten Form. Durch passende Lagerung 
der letzteren kann man die weiß erscheinenden Ringsektoren der erstgenannten 
Scheibe beliebig verkleinern. Ebenso lassen sich die schwarz erscheinenden 
Ringsektoren der kleinen weißen Scheibe durch eine untergelegte kleine weiße 
Scheibe von der Form der Fig. 2 \ beliebig kürzen. Man kann in dieser Weise 
sowohl auf der weißen als auf der schwarzen Zone der rotierenden Scheibe 
graue Ringe von einer innerhalb gewisser Grenzen beliebigen Helligkeit herstellen 
und zu jedem Grau des Ringes der weißen Zone einen ihm gleichscheinenden 
für die schwarze Zone finden. Als ich z. B. an einem hellen Tage die schwarzen 
Ringsektoren in der weißen Zone mit 90° eingestellt hatte, musste ich die 
weißen in der schwarzen Zone bis auf 9° reduzieren, um für das unbewegte 
Auge gleiche Helligkeit beider Ringe zu erzielen. Hierbei war der Kreiselwert 
des einen Ringes beiläufig siebenmal größer als der des anderen. 



4) Über das Photographieren rotierender Kreiselscheiben vergleiche E. Mach 
(<3, L S. 306), welcher dasselbe zuerst vorgenommen hat. 



§ 27. Untersuchung des simultanen Helligkeitskontrastes. 



121 



§ 27. Ein Apparat zur Untersuchung des simultanen Hellig- 
keitskontrastes. Um sowohl die Lichtstärken zweier miteinander zu 
vergleichender umschlossener Felder als auch die Lichtstärken der sie um- 
schließenden Flächen innerhalb ziemlich weiter 
Grenzen leicht verändern zu können , habe Fig. 22. 

ich mich vielfach einer schon wiederholt er- 
wähnten Methode bedient, die sich kurz als 
die Lochmethode bezeichnen lässt. Fig. 22 
stellt schematisch einen Vertikalschnitt durch 
einen Apparat dar, welcher eine vielseitige 
Anwendung dieser Methode gestattet. 

Man denke sich einen offenen , innen 
mattgeschwärzten Kasten von 60 cm Länge, 
36 cm Breite und 24 cm Tiefe, der auf die 
eine kürzere Seitenwand gestellt ist. Die 
dabei nach oben liegende Wand ist durch 
einen Rahmen [rr Fig. 23) ersetzt, auf dem 
gewöhnlich ein halb mit mattschwarzem, halb 
mit mattweißem Papier bedeckter steifer, auf 
seiner Unterseite geschwärzter Karton liegt. 
In der Nähe der Grenzlinie der schwarzen 
und der weißen Hälfte ist jederseits ein rundes 
Loch von beiläufig 12 mm Durchmesser ge- 
schlagen, wie dies Fig. 23 versinnlicht. Diese Löcher sind im Karton ein 
klein wenig grüßer als in dem aufliegenden weißen und schwarzen Papier. 
Aus letzteren müssen sie mit einem sehr scharfen Locheisen so ausge- 
schlagen werden, dass ihr Rand weder eingedrückt noch aufgeworfen ist. 
Der Beobachter steht hinter dem in 
passender Höhe aufgestellten Kasten 
und blickt von oben auf denselben 
herab, so dass für ihn die schwarze 
und weiße Hälfte der oberen Fläche 
nach rechts und links liegen. Etwas 
oberhalb der Unterfläche des Kastens 
befindet sich in demselben rechts und 
links je eine, an einer horizontalen 
Achse befestigte dünne Metallplatte, 

auf welche mit weißem oder grauem Papier überzogene Glastafeln auf- 
gelegt werden. Das Abgleiten derselben bei schräger Stellung der sie 
tragenden Metallplatte ist durch vorspringende Ränder der letzteren ver- 
hindert. Diese beiden Tragplatten berühren sich fast in der Mitte des 
Kastens. Wenn nötig können sie durch einen kleinen Riegel an der Unter- 




Fig. 23. 




122 



Lehre vom Lichtsinn. 



fläche so verkoppelt werden, dass sie gemeinschaftlich wie eine einfache 
Platte von doppelter Größe um die horizontale Achse drehbar sind. Damit 
der Beobachter die Lage der Platten ändern kann, ohne sich bücken zu 
müssen, trägt die Achse einer jeden außen eine Rolle, welche mittels Schnur- 
lauf durch eine zweite, am oberen Teile des Kastens befindliche Rolle be- 



wegt werden kann, wie 
Kastens veranschaulicht. 



dies die in Fig. 24 skizzierte Seitenfläche des 



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Fig. 25. 



Fig. 24. 



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Von den auf den Tragplatten liegenden Tafeln empfangen die beiden 
Löcher für den Beobachter ihr Licht, so dass sie ihm, besonders bei un- 
vollkommener Akkommodation, als graue bezw. weiße oder schwarze runde 
Flecke auf der oberen schwarzen bezw. weißen Fläche erscheinen. Die 
Stärke der Beleuchtung jedes Loches lässt sich durch Änderung der Neigung 
der entsprechenden unteren Tafel zur Einfallsrichtung des Himmelslichtes 
innerhalb weiter Grenzen variieren. 

Befindet sich die Nasenwurzel in passender Höhe senkrecht über dem 
Mittelpunkte der oberen Fläche des Apparates, und fixiert man diesen 



§ 27. Untersuchung des simultanen Helligkeitskontrastes. 123 

Punkt, so ist bei zureichendem Abstände der beiden Löcher von einander 
für beide Augen das rechtseitige Loch ausschließlich von der rechtseitigen, 
das linke ausschließlich von der linkseitigen unteren Tafel beleuchtet, wie 
dies Fig. 25 veranschaulicht. Beobachtet man mit nur einem Auge, so 
dürfen die beiden Lücher einander beliebig nahe sein; das Auge soll sich 
dann senkrecht über dem Mittelpunkte der oberen Fläche befinden. Ein 
Kopfhalter sichert die passende Augenlage. Der Blickpunkt soll in der Mitte 
zwischen den beiden Lüchern liegen, so dass beide indirekt gesehen werden. 

Für besondere Versuche kann im Apparat ein unter 45° zum oberen 
Karton geneigtes Spiegelglas {s) und zugleich vor den obersten Teil der 
offenen Seite des Apparates eine matte Glastafel (m) so angebracht werden, 
wie dies Fig. 22 zeigt. Das durch das Mattglas eindringende Licht wird 
an dem Spiegelglase reflektiert und gesellt sich für das Auge des Beobachters 
zu dem von den unteren Papierflächen kommenden Lichte, so dass beide 
Lücher einen gleich großen Zuwuchs zu ihrer Lichtstärke erhalten. 

Bei allen Versuchen wird gleiche Dauer der Beobachtungszeit, z. B. 
eine Sekunde, und zwischen je zwei Beobachtungen eine so lange Pause vor- 
ausgesetzt, dass alle Nachwirkungen des vorhergegangenen Versuchs ver- 
schwunden sind. Die Einmischung des durch Augenbewegungen bedingten 
Nachkontrastes lässt sich durch Benutzung von Deckblättern in der oben 
(S. 1 1 8) beschriebenen Weise ausschließen. Es empfiehlt sich, durch passende 
Brillengläser dafür zu sorgen, dass man für die Lücher nicht genau akkom- 
modieren kann. Von den sehr mannigfaltigen Versuchen, die sich an diesem 
Apparate behufs einer vorläufigen Orientierung über die Regeln des Hellig- 
keitskontrastes anstellen lassen, seien nur die folgenden erwähnt. 

L Sind die beiden, zunächst horizontal liegenden Tragplatten mit zwei 
ganz gleichen z. B. weißgrauen Tafeln belegt, so erscheinen die beiden 
Lücher trotz der Gleichheit ihrer Lichtstärke verschieden, man kann sie 
aber gleich erscheinen machen, wenn man entweder der, dem dunkler er- 
scheinenden Loche zugehürigen Tafel eine entsprechend günstigere Neigung 
zum einfallenden Lichte giebt, oder der anderen Tafel eine entsprechend 
ungünstigere. 

Hat man die beiden Tragplatten in dieselbe Ebene gebracht und ver- 
koppelt, unter das Loch im Weiß ein hellgraues, unter das Loch im Schwarz 
ein dunkelgraues Papier aufgelegt, so künnen bei passender Wahl der beiden 
Papiere die beiden Lücher trotz der großen Verschiedenheit ihrer Licht- 
stärken ganz gleich erscheinen. In der Verschiedenheit ihres Kreiselwertes 
hat man eine Art Maß für die Stärke der Kontrastwirkung. 

n. Die eine Hälfte der oberen Fläche bestehe aus weißem, die andere 
aus schwarzgrauem Papier, und den Lüchern habe man durch passende 
Wahl und Lage der unteren Papierflächen eine beiderseits gleiche graue 
Farbe gegeben. Mindert man dann durch gleichmäßige Beschattung beider 



i[24 Lehre vom Lichtsinn. 

Hälften der oberen Fläche die Lichtstärken derselben in demselben Ver- 
hältnis, so erscheint nachher das Loch im Weiß heller als das Loch im 
Dunkelgrau. Macht man die Löcher^ durch Drehung der diesem helleren 
Loche entsprechenden unteren Tafel wieder gleich, so erscheint nach Wieder- 
aufhebung der Beschattung dieses Loch dunkler als das andere. Eine er- 
hebliche Änderung der Gesamtbeleuchtung der Netzhaut lässt sich dadurch 
vermeiden, dass man nur die nähere Umgebung der beiden Löcher mit 
Hilfe eines kleinen, an einem Drahte befestigten Papierquadrates gleichstark 
beschattet. 

Dieser Versuch liefert ein Beispiel dafür, dass die Gleichfarbigkeit 
(gleiche Helligkeit oder Dunkelheit) der beiden verschieden 
lichtstarken umschlossenen Felder nicht lediglich an ein be- 
stimmtes Verhältnis der Lichtstärken der umschließenden Felder 
gebunden ist, sondern bei gegebenem Verhältnis dieser Lichtstärken auch 
eine bestimmte absolute Größe derselben voraussetzt. 

HL Nachdem in der oben beschriebenen Weise das Spiegelglas und 
das Mattglas im Apparate angebracht worden sind, mindert man zunächst 
das durch das Mattglas eindringende Licht durch Vorsetzen eines passend 
ausgewählten möglichst tonfreien Rauchglases von der Größe des Matt- 
glases. Die obere Papierfläche sei zur einen Hälfte schwarz, zur anderen 
weiß. Giebt man nun den beiden Löchern durch passende Wahl und Lage 
der unteren Tafeln eine beiderseits gleiche graue Farbe und hält dann von 
dem Mattglas alles Licht durch einen schwarzen Karton ab, so wird die 
Lichtstärke beider Löcher um denselben Betrag vermindert. Das Loch 
im Schwarz erscheint nun dunkler als das Loch im Weiß. Macht 
man beide Löcher durch passende Drehung der, dem Loch im Schwarz 
entsprechenden unteren Papierfläche wieder gleich und entfernt dann den 
das Mattglas deckenden Karton, so erhalten beide Löcher einen gleich großen 
Lichtzuwuchs. Nun erscheint das Loch im Schwarz heller als das 
Loch im Weiß. 

Erscheinen also zwei umschlossene Felder, deren umschließende ver- 
schiedene Lichtstärken haben, gleich hell, und erteilt man sodann den 
beiden umschlossenen denselben Lichtzuwuchs, so werden sie ungleich und 
zwar zeigt das in der lichtstarken Umgebung liegende einen kleineren 
Helligkeitszuwuchs als das andere. Dementsprechend ist, wenn beide um- 
schlossene Felder denselben Helligkeitszuwuchs erhalten sollen, für das 
in der lichtstarken Umgebung liegende ein größerer Lichtzuwuchs erforder- 
lich, als für das Feld mit lichtschwacher Umgebung. Dieser Versuch zeigt, 
dass bei gegebenen Lichtstärken der umschließenden Felder das Gleich- 
erscheinen der beiden umschlossenen nicht an eine bestimmte Lichtstärken- 
verschiedenheit der letzteren gebunden ist, sondern dass es auch auf die 
absoluten Größen ihrer Lichtstärken mit ankommt. 



§ 28. Folgerung aus den beschriebenen Kontrastversuchen. 125 

§ 28. Eine wichtige Folgerung aus den beschriebenen Kon- 
trastversuchen. Die bisher besprochenen Kontrasterscheinungen lehrten, 
dass ein umschlossenes Feld bei derselben Lichtstärke durch jede Steigerung 
der Lichtstärke seiner Umgebung dunkler, durch jede Minderung derselben 
heller gemacht werden kann. 

Dementsprechend sahen wir, dass, um zwei umschlossenen Feldern, 
deren umschließende verschieden lichtstark sind, dieselbe Helligkeit zu geben, 
für das in lichtstärkerer Umgebung liegende eine größere Lichtstärke er- 
forderlich ist, als für das in lichtschwächerer Umgebung befindliche; und 
wenn wir dann den beiden gleich erscheinenden Feldern einen gleich großen 
positiven bezw. negativen Helligkeitszuwuchs erteilen wollten, so musste der 
positive bezw. negative Zuwuchs der Lichtstärke für das in der lichtstärkeren 
Umgebung liegende Feld grüßer sein als für das andere. Kurzum die Er- 
hellbarkeit des umschlossenen Feldes erwies sich als eine Funktion der 
Erhellung seiner Umgebung. 

In allen diesen Fällen hatte das umschlossene Feld eine andere Licht- 
stärke als das umschließende, und zwar war bald das erstere, bald das 
letztere das lichtstärkere. Es ist jetzt noch der besondere Fall zu erwägen, 
in welchem beide Felder zunächst dieselbe Lichtstärke haben und zu- 
sammen als eine Fläche von überall gleicher Helligkeit erscheinen. Jeder 
beliebige, innerhalb einer solchen Fläche liegende Einzelteil derselben lässt 
sich als ein umschlossenes und die übrige Fläche als das umschließende 
Feld ansehen und steht also unter dem, seine Helligkeit mindernden Ein- 
flüsse der Lichtstärke dieses umschließenden Feldes, welche hier gleich 
groß ist wie seine eigene. Infolgedessen wird er minder hell erscheinen, 
als er erscheinen würde, wenn seine Umgebung eine kleinere oder gar keine 
Lichtstärke besäße. Da dies von allen Einzelteilen der Fläche gilt, so 
Wird die ganze Fläche minder hell erscheinen, als ohne die 
gegenseitige verdunkelnde Wirkung ihrer Einzelteile der Fall 
sein würde. 

So führen uns also die beschriebenen Thatsachen zu der Folgerung, 
dass eine gegenseitige Beeinflussung nicht bloß zwischen Fel- 
dern von verschiedener Lichtstärke besteht, sondern auch 
zwischen solchen von gleicher Lichtstärke und entsprechend 
gleicher Helligkeit, in Fällen also, wo von einem Kontraste gar nicht 
gesprochen werden kann, da der Begriff des Kontrastes das Vorhanden- 
sein eines Unterschiedes in sich schließt. Das Folgende wird weitere Be- 
weise hierfür bringen. 

Die beschriebenen Erscheinungen des simultanen Helligkeitskontrastes haben 
die Vermutung angeregt, dass die durch Belichtung einer Netzhautstelle bewirkte 
»Erregung« durch die gleichzeitige Belichtung ihrer Umgebung irgendwie und 



126 Lehre vom Lichtsinn. 

irgendwo im nervösen Apparat teilweise gehemmt, unterdrückt, aufgehoben werde 
oder wie sonst man es ausdrücken will. Es ist sogar daran gedacht worden, 
auf diese Weise zu erklären, warum eine bestimmte z. B. ebenmerkhche Stei- 
gerung der Helligkeit einer belichteten Fläche einen um so größeren Licht- 
zuwuchs erfordert, je größer die Lichtstärke der Fläche schon ist (sogenanntes 
WEBER'sches Gesetz). Wenn aber durch die hemmende Wirkung, welche die 
einzelnen Teile einer gleichmäßig belichteten Fläche gegenseitig auf einander aus- 
üben, ein um so größerer Teil der direkten Lichtwirkung aufgehoben würde, je 
lichtstärker die Fläche ist, so wäre daraus noch nicht erklärt, warum nicht zu 
einem ebenmerkhchen Zuwuchs der »Erregung« bei jedem beliebigen schon 
vorhandenen Ausmaße derselben immer derselbe Lichtzuwuchs genügen sollte. 
Von zwei antagonistischen Kräften könnte der Überschuss der größeren ganz 
unabhängig davon zur Wirkung kommen, wie groß im übrigen die beiden Kräfte 
sind. Wüchse die hemmende Kraft, mit welcher die Einzelteile der Fläche auf- 
einander wirken, z. B. proportional mit der Stärke ihrer Belichtung, so würde 
dies bezüglich der »Erregung« nur ebensoviel bedeuten, wie wenn diese Belich- 
tung stets um denselben Bruchteil ihrer Stärke vermindert würde; der nicht 
aufgehobene Rest der Lichtwirkung würde also der Lichtstärke proportional sein, 
und gleichen Zuwüchsen der Lichtstärken im Netzhautbilde würden immer gleiche 
Zuwüchse der Erregungen entsprechen. Warum können solche gleiche Erregungs- 
zuwüchse nicht auch gleiche Helligkeitszuwüchse bewirken? Was zu erklären 
war, bleibt also nach wie vor unerklärt. 



§ 29. Messende Versuche mittels Vergleichung umschlos- 
sener Felder. Im Vorhergehenden wurde bereits beiläufig erwähnt, wie 
man für die Wirkung des Simultankontrastes eine Art Maß dadurch zu 
gewinnen vermag, dass man dieselbe durch eine entgegengesetzt wirkende 
Änderung einer Lichtstärke wieder aufhebt. Sind also zwei Felder gleicher 
Lichtstärke durch Simultankontrast ungleich hell geworden, so kann man 
entweder durch Steigerung der Lichtstärke des dunkleren oder durch Min- 
derung der Lichtstärke des helleren beide Felder wieder gleich hell bezw. 
gleich dunkel machen; der positive oder negative Zuwuchs an Lichtstärke, 
welcher dazu erfordert wird, dient als Maß der Kontrastwirkung. Ganz 
abgesehen davon, dass die Mittel zur Herstellung messbarer Lichtstärken 
und deren Änderung sehr verschiedener Art sein können, stehen auch im 
übrigen so viele verschiedene Wege zu derartigen Untersuchungen offen, dass 
selbst eine ganz kurze Skizzierung derselben zu viel Raum fordern würde. 
Es sei nur daran erinnert, wie groß die Zahl der variablen Bedingungen ist, 
welche das Ergebnis beeinflussen. Die Größe, Form und gegenseitige Lage 
der Lichtfelder, der Ort ihrer Bilder auf der Netzhaut, die Beleuchtung der 
übrigen Netzhaut, der Anpassungszustand des Auges im Momente des Sicht- 
barwerdens der Felder, die Dauer der einzelnen Beobachtung: dies alles 
beeinflusst das Ergebnis dieser Versuche, welche überdies an die Aufmerksam- 
keit, Übung und Objektivität des Beobachters große Anforderungen stellen. 
Ich begnüge mich mit der kurzen Beschreibung der großen messenden 



§ 29. Messende Versuche mittels Vergleichung umschlossener Felder. 127 

Versuchsreihe von Hess und Pretori (26), meines Wissens der einzigen 
bisher veröffentlichten i). 

Zur Durchführung größerer messender Versuchsreihen ist eine Methode 
erforderlich, welche gestattet, die Lichtstärken sowohl der beiden größeren 
dicht aneinander grenzenden umschließenden Felder als die der beiden 

Fig. 26. 





kleineren umschlossenen unabhängig von einander und innerhalb weiter 
Grenzen messbar zu variieren. Hierzu eignet sich eine von mir entworfene 
Vorrichtung, bei welcher die Lochmethode mit einer alten photometrischen 
Methode kombiniert wurde. An einem solchen in großem Maßstabe herge- 
stellten Apparate haben Hess und Pretori ihre Versuche durchgeführt. Als um- 
schließende Felder dienen zwei ebene, 
vertikal aufgestellte, durch brennen- . Fig. 27. 

des Magnesium angeweißte iO cm 

hohe Flächen F,F (Fig. 26 und 27), 

welche unter einem Winkel von 90° 

zusammenstoßen und von zwei seit- 
lichen, in mehr als 4 m langen 
Tunneln verschiebbaren Lichtquellen 

beleuchtet werden. In jeder dieser 

Flächen ist ein als umschlossenes 

Feld dienendes viereckiges Loch (/,/) -^ — 

von 1 cm Höhe, durch welche Löcher 
man auf ein zweites Paar ebenfalls 

angeweißter und unter 90"^ zusammenstoßender Flächen (/",/") sieht. Dies 
zweite Flächenpaar ist undurchbrochen, seine Flächen sind parallel zu 
den anderen, und ebenfalls durch je eine besondere verschiebbare Licht- 
quelle beleuchtet. Die beiden vorderen rechtwinklig zusammenstoßenden 
Flächen erscheinen dem 50 cm entfernten Auge des Beobachters als zwei 



\) Die messenden Kontrastversuche von A. Lehmann (9) und von Ebbing- 
HAüs (10) betreffen den gemischten, nicht den reinen Simultankontrast. 



128 Lehre vom Lichtsinn. 

in derselben Vertikalebene befindliche Quadrate, und in der Mitte jedes 
Quadrates ist, wenn die hinteren Flächen andere Lichtstärken haben als die 
vorderen, das bezügliche Loch als ein scharf begrenztes kleines quadrati- 
sches Feld sichtbar, das in der Ebene der großen Quadrate zu liegen 
scheint. Zu jeder der vier Flächen kann ausschließlich nur das Licht der 
für sie bestimmten Lichtquelle gelangen. Der ganze Versuchsraum ist ver- 
finstert und insbesondere auch das Auge des Beobachters in den zureichend 
langen Pausen zwischen den einzelnen, je eine Sekunde währenden Beob- 
achtungen. Auf die ausführliche Beschreibung des Apparates und der Vor- 
sichtsmaßregeln zur Verhütung jeder Einmischung des Successivkontrastes 
u. s. w. kann hier nur verwiesen werden. Die Beleuchtungsintensität konnte 
zwischen \ und 5000 variiert werden, wobei die benutzte Einheit = 0,12 
der Hefner-Alteneck 'sehen Lichteinheit war. 

Bei jeder einzelnen Versuchsreihe wurde zunächst beiden umschließen- 
den Flächen gleiche Lichtstärke und beiden umschlossenen ebenfalls gleiche, 
aber von jener verschiedene Lichtstärke gegeben; dann wurde die Beleuch- 
tung des rechten umschlossenen Feldes mannigfach geändert und immer 
wieder diejenige Lichtstärke seines umschließenden Feldes gesucht, bei 
welcher das erstere infolge des Kontrastes wieder die anfängliche, der des 
linken umschlossenen Feldes gleiche Helligkeit annahm. Der Durchführung 
von 17 solchen Versuchsreihen folgten dann noch zahlreiche Kontrollver- 
suche bei abgeändertem Verfahren. 

Es ergab sich aus diesen Versuchen, dass der zur Konstanthaltung der 
Farbe des Infeldes, wie das umschlossene kurz heißen möge, erforder- 
liche Beleuchtungszuwuchs stets angenähert proportional zur jeweiligen Be- 
leuchtung des Umfeldes war. Als z. B. die anfängliche Beleuchtung des 
rechten Infeldes gleich 300 Lichteinheiten war, betrugen die zur Konstant- 
haltung der Farbe des Infeldes erforderlichen Beleuchtungszuwüchse desselben 
stets ziemlich genau die Hälfte der jeweiligen Beleuchtungszuwüchse des 
Umfeldes. Doch galt dieser Kontrastkoeffizient 0,5 eben nur für den 
besonderen Fall,, wo die Anfangsbeleuchtung des Infeldes 300 Lichteinheiten 
betrug; der Kontrastkoeffizient war grüßer bei stärkerer und kleiner bei 
schwächerer Anfangsbeleuchtung des Infeldes. Als dieselbe z. B. 500 Ein- 
heiten betrug, war er beiläufig 0,55; bei 37 Einheiten nur 0,35. Es sind 
dies Mittelwerte, welche sich aus den Versuchsreihen mit Wahrscheinlichkeit 
ableiten lassen ; sie gelten selbstverständlich nur für die besonderen Versuchs- 
bedingungen (Größe der Felder und Adaptationszustand des Auges) und 
werden hier nur erwähnt, um eine ungefähre Vorstellung von der Art ihres 
Wachsens mit der Anfangsbeleuchtung des Infeldes zu geben. 

Bei diesen Versuchen wurde also angenommen, dass das linksseitige, wäh- 
rend jeder Versuchsreihe unverändert belichtete Infeld, dem das rechtsseitige 
Infeld immer wieder gleichzumachen war, trotz der Veränderung der Belichtungen 



§ 30. Die Simultananpassung als Ergebnis des Simultankontrastes. 129 

des rechtsseitigen Um- und Infeldes seine Farbe nicht ändere. Strenge Gültig- 
keit kann diese Annahme nicht haben, weil sich eine Kontrastwirkung der variabel 
belichteten rechtsseitigen Felder auf die linksseitigen nicht ausschließen lässt. 
Gegenüber der relativ gewaltigen Kontrastwirkung aber, welche das rechtsseitige 
Umfeld auf sein Infeld ausübte, durften kleine Kontrastwirkungen auf das ent- 
fernte Infeld der anderen Seite vorerst vernachlässigt werden. 

§ 30. Die Sinnultananpassung als Ergebnis des Simultan- 
kontrastes. Die von Hess und Pretori gefundene Regel einer angenäherten 
Proportionalität zwischen den positiven bezw. negativen Beleuchtungszu- 
wüchsen eines Umfeldes und den zur Konstanthaltung der Farbe seines 
Infeldes nötigen positiven bezw. negativen Zuwüchsen zur Beleuchtung des 
letzteren bietet Veranlassung, an einem besonders einfachen Beispiel das zu 
erläutern, was ich in § 6 als simultane Adaptation bezeichnet habe. 

Nehmen wir an, es seien unter den im vorigen Paragraphen beschrie- 
benen Umständen beide Um- und Infelder zunächst gar nicht beleuchtet, 
so würde der Beobachter, wenn er das Auge aufschlägt, an ihrer Stelle 
nur die Eigenfarbe seines Sehfeldes sehen. Wäre dann vor der nächsten 
Beobachtung das rechte Umfeld irgendwie belichtet worden, so würde er 
dessen Infeld dunkler sehen, als die zuvor von ihm gesehene Eigenfarbe 
war. Um das Infeld trotz dieser verdunkelnden Wirkung des beleuchteten 
Umfeldes wieder wie vorher und also in der Eigenfarbe des Auges erscheinen 
zu lassen, müsste es mit einem bestimmten Bruchteil der jeweiligen Be- 
lichtung des Umfeldes belichtet werden, d. h. die Lichtstärken beider 
Felder müssten in demjenigen Verhältnis zu einander stehen, 
welches dem hier eben geltenden Kontrastkoeffizienten ent- 
spricht. 

Man denke sich nun als Infeld statt des Loches ein graues Papier, 
dessen Kreiselwert zum Kreiselwert des umgebenden Magnesiaweiß gerade 
in diesem, durch den Kontrastkoeffizienten ausgedrückten Verhältnis steht. 
Dieses Lichtstärkenverhältnis würde bei jeder beliebigen gemeinsamen Be- 
leuchtung des Um- und Infeldes dasselbe bleiben. Da es dem hier gelten- 
den Konstrastkoeffizienten entspricht, so würde der Beobachter, so oft er 
das zwischendurch wieder verfinstert gewesene Auge aufschlägt, bei jeder 
beliebigen gemeinsamen Beleuchtung des Um- und Infeldes das letztere immer 
wieder in derselben Farbe und zwar in demjenigen Grau sehen, dessen 
Helligkeit gleich der Durchschnittshelligkeit der Eigenfarbe seines dunkel- 
adaptierten Auges wari). 



1) Das Eigenhell des verfinsterten Auges erscheint mir nicht als eine vor 
den Augen befindliche graue Fläche, sondern als ein raumhafter unsteter Licht- 
nebel. Vielleicht würde es besser gelingen, es flächenhaft zu sehen, wenn es 
eine wahrnehmbare Grenze zum Rahmen hätte, denn sobald es Nachbilder ent- 
hält, wird es für mich zur Fläche. Es ist weder homogen noch stetig, sondern 

Hering, Lichtsinn. 9 



130 Lehre vom Lichtsinn. 

Wir hätten hier also ein Beispiel für die in § 6 erwähnte Konstanz 
der Farbe eines Außendinges trotz verschiedener Gesamtbe- 
leuchtung des Gesichtsfeldes und, wie hier hinzugefügt werden muss, 
auch trotz einem und demselben Anpassungszustande vor jeder Öffnung des 
Auges, ein Beispiel aber, welches in seiner ausnahmsweisen Einfachheit seine 
Erklärung sogleich mit sich bringt. Dieselbe liegt wie gesagt darin, dass 
das Verhältnis zwischen den Lichtstärken des Um- und Infeldes zufällig 
gerade dasjenige ist, bei welchem die mit der gemeinsamen Beleuchtung 
wachsende und an und für sich verdunkelnde Wirkung des Umfeldes auf 
das Infeld durch die ebenfalls wachsende Lichtstärke des letzteren immer 
wieder kompensiert wird. 

Es ist auch ohne weiteres ersichtlich, dass wenn das als Infeld die- 
nende graue Papier eine größere relative Lichtstärke (größeren Kreiselwert) 
hätte, als wie sie dem eben geltenden Kontrastkoeffizienten entspricht, seine 
Farbe bei zunehmender gemeinsamer Beleuchtung zunehmend weißlicher 
(heller) erscheinen müsste. Denn die verdunkelnde Wirkung der wachsenden 
Lichtstärke des Umfeldes würde dann unzureichend sein, die erhellende 
Wirkung der gleichzeitig wachsenden Lichtstärke des Infeldes immer wieder 
genau zu kompensieren. Ebenso ist ersichtlich, dass wenn wir das Infeld 
aus einem Grau von kleinerer relativer Lichtstärke (kleinerem Kreiselwert) 
gebildet hätten, als wie sie der Kontrastkoeffizient fordert, dieses Grau 
mit wachsender gemeinsamer Beleuchtung immer schwärzlicher 
werden müsste. 

So giebt also dieser einfache Fall von simultaner Kontrastwirkung auch 
den Schlüssel für die nach den üblichen Ansichten über das Wachsen der 
Helligkeit mit der Lichtstärke paradox erscheinende Thatsache, dass wenn 
wir unser dunkeladaptiertes Auge vor einem, entsprechend der gesteigerten 
Lichtempfindlichkeit schwach beleuchteten Gesichtsfelde öffnen, nur ein Teil 
der beleuchteten Dinge uns weißlicher (heller) erscheint als das kurz zuvor 
gesehene Eigengrau unseres Auges, ein anderer Teil dieser Dinge aber, ob- 
wohl auch sie Licht in unser Auge schicken, uns sofort schwärzlicher 
erscheint, als dieses Eigengrau (vgl. S. 30 u. 70). 

Denn aus der Mannigfaltigkeit verschieden lichtstarker Felder, welche 
das eben gegebene Gesichtsfeld zusammensetzen, können wir ein beliebiges 
auswählen und es uns als Infeld, seine Umgebung bezw. das ganze übrige 
Gesichtsfeld aber als sein Umfeld denken. Aus den sämtlichen Einzelwir- 



fleckig, wolkig und an derselben Stelle abwechselnd weißlicher und schwärzlicher. 
Wie man von einer Meeresebene spricht, obgleich seine Oberfläche stets mehr 
oder weniger auf- und abwogt, so spreche ich von der jeweiligen Durchschnitts- 
farbe des Sehfeldes. Würde sich uns bei verfinstertem Auge das Sehfeld als 
eine homogene Fläche darstellen, so würde man sich leichter mit Anderen über 
seine Farbe verständigen können. 



§ 30. Die Simultananpassung als Ergebnis des Simultankontrastes. 131 

kungen der Einzelstellen dieses Umfeldes, besonders aber aus denen der 
nächst benachbarten Stellen wird ein summarischer verdunkelnder Einfluss 
auf unser Infeld resultieren. Wäre nun der Reizwert der Lichtstärke des 
Infeldes zufällig gerade so groß, dass seine erhellende Wirkung der ver- 
dunkelnden des Umfeldes das Gleichgewicht hält, so würde uns das Infeld 
in derselben Helligkeit erscheinen wie zuvor das Eigengrau des Auges; ist 
aber dieser Reizwert kleiner, so wird das Infeld dunkler als dieses Eigen- 
grau gesehen werden, also schwärzlicher bezw. schwarz. Was von dem 
einen Einzelfelde gilt, muss auch von jedem anderen gelten; doch wird je 
nach seiner Lage im Gesichtsfelde und je nach den Remissionswerten seiner 
nächsten Umgebung der für dasselbe geltende Kontrastkoeffizient ein ver- 
schiedener und also auch der zur Konstanthaltung seiner Farbe erforder- 
liche eigene Remissionswert ein anderer sein. 

Die Versuche von Hess und Pretori wurden mit dunkeladaptiertem 
Auge angestellt, aber auch für das helladaptierte gelten analoge Erwägungen 
wie die eben angestellten. Es genügt zu wissen, dass bei einer Änderung 
der gemeinsamen Beleuchtung eines Um- und Infeldes, welche zu rasch 
erfolgt, als dass ihr die Successiv-Anpassung des Auges zu folgen vermag, 
drei Möglichkeiten für die Farbe des Infeldes vorliegen. Je nach dem 
Werte des für letzteres eben geltenden Kontrastkoeffizienten, ferner je nach 
dem Verhältnis zwischen den Remissionswerten der beiden Felder, und end- 
lich je nach dem unmittelbar vor jener Änderung gegebenen Stande der 
successiven Adaptation, kann sich die Helligkeit der Infeldfarbe bald steigern, 
bald mindern, bald unverändert bleiben. Immer wird im Gesichts- 
felde ein Einzelfeld denkbar oder wirklich vorhanden sein kön- 
nen, welches trotz der Änderung der Gesamtbeleuchtung seine 
Farbe nicht ändert, für dessen mitgeänderte Lichtstärke also das Auge 
infolge des Simultankontrastes sofort wieder derart angepasst ist, dass 
ihm die Farbe desselben wieder ebenso wie vor der Beleuchtungsänderung 
erscheint. 

Eine strenge Gültigkeit der von Hess und Pretori aufgestellten Regel 
ist hierzu nicht erforderlich. Das Wesentliche dieser momentanen oder 
simultanen Anpassung des Auges liegt darin, dass bei schneller Stei- 
gerung der Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes und also auch der Netz- 
haut nicht alle Farben der Außendinge weißlicher werden, dass vielmehr 
gewisse Dinge ihre Farbe sehr wenig oder gar nicht ändern, andere ihre 
Farben in der Richtung nach dem absoluten Weiß hin viel weniger ändern, 
als ohne die Simultananpassung der Fall sein müsste, noch andere sogar 
schwärzlicher werden; dass ferner bei schneller Minderung der Gesamtbe- 
leuchtung ebenfalls gewisse Dinge ihre Farbe wenig oder gar nicht ändern, 
andere minder weißlich und noch andere minder schwärzlich werden, als 
ohne diese Anpassung zu erwarten wäre. 

9* 



J^32 Lehre vom Lichtsinn. 

Dass nicht nur das Umfeld auf das relativ kleine Infeld, sondern auch 
letzteres auf das erstere wirkt, brauchte hier vorerst nicht berücksichtigt zu 
werden, wird aber später (Vil. Abschnitt) die nötige Beachtung finden. Es schien 
mir wichtig^ bei der obigen Erörterung von jeder Hypothese über das Wesen der 
Wechselwirkungen abzusehen, die Feststellung einer Simultananpassung lediglich 
durch die beschriebenen Thatsachen des Simultankontrastes zu begründen und so 
von jeder Theorie dieser Erscheinungen unabhängig zu machen. Auch wurde im 
ganzen V. Abschnitt der Einfachheit wegen an der einseitigen Auffassung fest- 
gehalten, als ob es sich beim Simultankontraste nur um ein Mehr oder Weniger 
einer verdunkelnden Wirkung, nicht aber auch mit um erhellende Kon- 
trastwirkungen handeln könne (vgl. den VII. Abschnitt). 

§ 31. Beobachtung des simultanen Helligkeitskontrastes 
ohne Vergleichs feld. Wenn es sich nicht um Vergleichung der Hellig- 
keiten zweier in verschieden lichtstarker Umgebung befmdUcher Felder, son- 
dern um Beobachtung der Helligkeitsänderungen handelt, welche ein und 
dasselbe umschlossene Feld trotz gleichbleibender eigener Lichtstärke wäh- 
rend einer Änderung der Lichtstärke seiner Umgebung zeigt, so verdient 
ein klassischer Versuch von Fechner (25) zuerst erwähnt zu werden. 

Stellt man auf eine weiße Fläche ein Petschaft oder einen Stab und 
in verschiedenem Abstände von demselben zwei brennende Kerzen, so sieht 
man zwei Schatten. Auf den von der näheren bezw. stärkeren Flamme ge- 
worfenen, welcher der dunklere ist, mache man eine schwarze Marke und 
bringe zwischen den Stab und die nähere Flamme einen kleinen Schirm, 
so dass dieser Schatten verschwindet. Fixiert man nach zureichender Pause 
die Marke und entfernt dann den Schirm, so verdunkelt sich plötzlich die 
unmittelbar zuvor gleich hell wie ihre Umgebung erschienene Schattenstelle, 
d. h. man sieht wieder den grauen oder schwarzgrauen Schatten, obwohl 
die Lichtstärke der entsprechenden Stelle des weißen Papieres ganz unver- 
ändert geblieben ist. 

Auch die Lochmethode erweist sich hier vielseitig verwendbar. Man 
benutzt z. B. einen großen undurchscheinenden, mit einem Loche versehenen 
weißen Schirm, hinter dem sich in zureichendem Abstand ein zweiter klei- 
nerer weißer Schirm von derselben Oberflächenbeschaffenheit befindet. Jeder 
Schirm muss ganz unabhängig vom andern beliebig stark beleuchtet werden 
können. 

Zunächst regle man z. B. beide Beleuchtungen so, dass das Loch im 
Vorderschirm genau dieselbe Helligkeit zeigt, wie dieser Schirm selbst, 
welchenfalls es bei ganz sauberer Beschaffenheit seiner Ränder unsichtbar 
werden kann. Nachdem das Auge sich an die gewählte z. B. mittle Licht- 
stärke angepasst hat, fixiert man einen behebigen markierten Punkt des 
Vorderschirmes und lässt dann die Beleuchtung des letzteren schnell 
abschwächen oder verstärken: immer wieder wird man überrascht sein 
durch die Helligkeitsänderungen des Loches, dessen eigene, nur von der 



§ 31. Beobachtung d. simultanen Helligkeitskontrastes ohne Vergleichsfeld. 133 

Beleuchtung des Hinterschirmes abhängige Lichtstärke ganz unverändert 
geblieben ist. Nach erfolgter Einstellung des Loches auf gleiche Helligkeit 
mit dem Vorderschirm sind sogar bei kleinen Änderungen der Licht- 
stärke des letzteren die Helligkeitsänderungen des Loches viel 
auffälliger als die des Schirmes selbst und zwar auch dann, 
wenn man auf letzteren besonders achtet. 

Eine andere von mir vielfach verwendete Versuchsmethode, auf die 
noch öfter zurückzukommen sein wird, ist die folgende. Gesetzt man hat 
zwei, durch eine Thür verbundene Zimmer zur Verfügung, welche beliebig 
beleuchtet oder verfinstert werden können. In der Thüre sei in passender 
Höhe eine Öffnung, und der eben erwähnte weiße Vorderschirm sei dicht 
an der Thüre so angebracht, dass sein Loch vor diese Öffnung zu liegen 
kommt. Im zweiten Zimmer befindet sich in hinreichendem Abstände von 
der Thüre der Hinterschirm auf einem Stativ, so dass ihm eine beliebige 
Lage zu dem seitlich liegenden lichtgebenden Fenster oder einem im Fen- 
sterladen befindlichen verstellbaren Diaphragma bezw. zu einer künstlichen 
Lichtquelle gegeben werden kann. 

Man giebt z. B. dem Vorderschirm die bestmögliche Beleuchtung und 
lässt die des Hinterschirmes soweit mindern, bis das Loch des ersteren 
eben schw^arz wird. Nach längerem Verweilen des Auges auf einer größeren 
grauen Fläche fixiert man einen Punkt des Vorderschirmes oder auch des 
Loches und lässt das vordere Zimmer schnell verfinstern: dabei leuchtet 
das eben noch schwarz erschienene Loch auf und erscheint in einem hellen 
Weiß. Nun fixiert man einen anderen Punkt des Vorderschirmes und lässt 
denselben sofort wieder in der früheren Weise beleuchten: jetzt verdunkelt 
sich das soeben noch weiß erschienene Loch und wird wieder schwarz. 
Bei alledem kann seine eigene Lichtstärke durchaus unverändert geblieben 
sein; denn das etwa vom Gesichte des Beobachters zu dem Hinterschirme 
gelangende Licht kommt hier nicht in Betracht und lässt sich übrigens 
durch eine schwarze Samtmaske ausschließen, und auch die Veränderung 
der Pupillenweite spielt dabei keine wesentliche Rolle. Hält man bei diesen 
Versuchen ein Diaphragma, dessen Loch nur 2 mm Durchmesser hat, dicht 
vor das Auge, so ändert sich der Erfolg nicht merklich. 

Die soeben beschriebenen Versuche sind besonders für diejenigen von 
Wichtigkeit, welche im Anschluss an Helmholtz u. A. geneigt sind, die Er- 
klärung des reinen Nebenkontrastes in »Urteilstäuschungen« zu suchen. 

Hierher gehört eine Thatsache, die vielen Lesern schon bekannt sein 
wird. Blickt man bei weit vorgeschrittener Dämmerung durch ein Fenster 
nach dem noch schwach erhellten Himmel, so wird derselbe sofort schwarz, 
wenn das Zimmer plötzlich stark erleuchtet wird. 

Beobachtungen an zwei gleich großen Feldern verschiede- 
ner Lichtstärke. Bis hierher wurden nur Fälle in Betracht gezogen, 



134 Lehre vom Lichtsinn. 

in denen kleine Felder von größeren umschlossen vv^aren, weil dabei aus 
noch zu besprechendem Grunde die Erscheinungen des reinen Nebenkon- 
trastes besonders eindringliche sind. Derselbe kommt jedoch bei jeden 
zwei aneinander grenzenden Feldern verschiedener Lichtstärke in Betracht, 
mögen ihre Größen und ihr Größenverhältnis wie immer sein. 

Ein besonderer Fall ist der einer gleichen Größe beider Felder. Mit 
Hilfe passender Vorrichtungen, wie solche später zu beschreiben sein wer- 
den, lässt sich jede Hälfte des Gesichtsfeldes eines Fernrohres unabhängig 
von der anderen in bequem zu regelnder Weise beleuchten. Giebt man 
zunächst beiden Hälften die gleiche Lichtstärke so, dass das ganze Feld in 
demselben mäßig hellen Weiß erscheint, und vergrößert sodann die Licht- 
stärke der einen Hälfte, während man unter Fixierung der Grenzlinie auf 
die andere achtet, so sieht man diese unverändert gelassene Hälfte deutlich 
an Helligkeit verlieren und ihr Weiß verwandelt sich in ein zunehmend 
schwärzlicher werdendes Grau. Bringt man wieder beide Hälften auf die 
gleiche anfängliche Lichtstärke zurück und vermindert dann nach zureichend 
langer Pause die Lichtstärke der einen Hälfte, so sieht man die andere 
heller werden und ihr Weiß verwandelt sich in ein immer reiner werden- 
des Weiß. Es ändern sich hierbei gleichzeitig beide Hälften, stärker die- 
jenige, deren Lichtstärke verändert wird, schwächer die andere von un- 
veränderter Lichtstärke. 

Versuche nach Analogie des soeben beschriebenen sollen stets nur an solchen 
Farbenfeldern angestellt werden, welche nicht an einen bestimmten Träger der 
Farbe erinnern. Blickt man z. B. durch eine Dunkelröhre auf ein mattschwarzes 
Papier, so erscheint dasselbe heller, und wer es nicht zuvor ohne die Bohre 
gesehen hat, nimmt es für ein graues Papier. Schiebt man dann auf dem 
schwarzen Papier ein weißes soweit in das Gesichtsfeld der Bohre, dass es dessen 
eine Hälfte einnimmt, so kann man von verschiedenen Beobachtern verschiedene 
Angaben erhalten. Der eine sagt, das Papier der anderen Hälfte sei jetzt schwarz 
geworden, ein anderer, es habe seine Farbe nicht geändert. Hier treten die 
Gedächtnisfarben (§ 4) mit ins Spiel. Daher haben solche Versuche wohl psy- 
chologisches, aber vorerst noch kein physiologisches Interesse. Ich erwähne 
dies nur, um ein Beispiel für die Vermengung der Kontrasterscheinungen mit 
solchen Erscheinungen zu geben, welche durch Einmischung einer auf indivi- 
dueller Erfahrung beruhenden Beproduktion bedingt sind. 

Überhaupt könnten Thatsachen von der Art der in diesem Paragraphen 
besprochenen zu Gunsten der Ansicht verwertet werden, nach welcher alle simul- 
tanen Helligkeitskontraste darauf beruhen sollten, dass sich dabei »der Begriff 
des Weiß« verschiebt. Da sich aber dieser »Begriff des Weiß« nicht nach zwei 
entgegengesetzten Bichtungen zugleich verschieben kann, so versagt diese Art 
von Erklärung von vornherein in allen den Fällen, wo sich wie in den in § 26 
beschriebenen Fällen innerhalb einer und derselben Kontrastfigur gleichzeitig eine 
Erhellung und eine Verdunkelung durch Simultankontrast zeigt. Wollte man 
aber in solchen Fällen doch behaupten, dass der »Begriff des Weiß« sich gleich- 
zeitig für die eine Hälfte der Figur in der einen, für die andere in der anderen 



§ 32. Vom simultanen Grenzkontrast. 135 

Richtung verschieben könne, so müsste man sich doch der Mühe unterziehen, 
die Gesetze dieser rein lokalen Begriffsverschiebungen festzustellen und also 
das Analoge von dem zu thun, was vs^ir im Obigen versucht haben. 

Das Weitere wird übrigens so zwingende Beweise gegen die früher übliche 
und noch immer wenigstens teilweise verteidigte Erklärung des Nebenkontrastes 
aus »unbewussten Urteilen oder Schlüssen« bringen, dass mir eine ausführliche 
Kritik derartiger Auffassungen nicht mehr nötig erscheint. 

Die Beobachtung des Nebenkontrastes an einem Felde, das aus zwei 
gleich großen, verschieden lichtstarken Hälften besteht, zeigt uns, dass wir 
bei allen früher besprochenen Kontrasterscheinungen einer einseitigen Auf- 
fassung insofern gefolgt sind, als wir immer nur einen Einfluss des um- 
schließenden Feldes auf das umschlossene in Betracht gezogen haben. Ab- 
sichtlich habe ich bisher keine Rücksicht darauf genommen, dass wenn 
es sich um eine gegenseitige funktionelle Abhängigkeit der somatischen 
Sehfeldstellen handeln soll, die jeweilige Regung im umschlossenen Sehfeld- 
bezirke auch auf die Regung im umschließenden von Einfluss sein kann. 
Im Falle gleicher Größe der beiden aufeinander wirkenden Felder ist es 
gleichgültig, welches von beiden wir zum »kontrastwirkenden« und welches 
zum »kontrastleidenden« wählen wollen. Aber aus zwei Gründen em- 
pfahl es sich, bei der Vorführung der Kontrasterscheinungen nicht mit 
diesem einfachsten Falle zu beginnen. Erstens können wir uns bei dem- 
selben von der durch Kontrast bewirkten Helligkeitsänderung nicht auf 
Grund einer Simultanvergleichung mit einem dritten Felde überzeugen, das 
nicht derselben Kontrastwirkung unterliegt, sind vielmehr auf die successive 
Vergleichung der anfänglichen mit der durch Kontrast veränderten Hellig- 
keit angewiesen. Zweitens sind die durch Simultankontrast bewirkten Hel- 
ligkeitsänderungen auf einem kleinen an zwei Seiten oder allseitig von dem 
»kontrastwirkenden« Felde umschlossenen Bezirke viel stärker, als an einem 
nur einseitig von gleich großem wirkenden Felde begrenzten. Dies hat 
seinen Grund darin, dass, wie sogleich zu erörtern sein wird, die Stärke der 
Wechselwirkung zweier somatischen Sehfeldelemente mit deren gegenseiti- 
gem Abstand rasch abnimmt. Hierfür wird der nächste Paragraph Belege 
bringen. 

§ 32. Vom simultanen Grenzkontrast. Wenn Felder von un- 
gleicher Lichtstärke aneinandergrenzen, so sieht man unter günstigen Um- 
ständen, und zwar zuweilen auch bei Ausschluss jedes Nachkontrastes, in 
der Nähe der Grenzlinie des lichtstärkeren Feldes eine Zunahme seiner Hellig- 
keit, welche an der Grenzlinie selbst ihr Maximum erreicht, während um- 
gekehrt die Helligkeit des lichtschwächeren Feldes an der Grenzlinie am 
kleinsten ist und mit dem Abstände von derselben schnell zunimmt. Be- 
sonders deutlich ist dieser Grenzkontrast auf einem schmalen Felde von 
gleichmäßiger Lichtstärke, welches zwischen einem lichtstärkeren und einem 



136 



Lehre vom Lichtsinn. 



lichtschwächeren liegt; die Helligkeit eines solchen wächst von der einen 
Grenze bis zur anderen. Solche schmale Felder lassen sich leicht auf 
einem Farbenkreisel herstellen (vgl. Helmholtz i, S. 413). Wenn man z. B. 
eine Scheibe, wie sie Fig. 28 um die Hälfte verkleinert darstellt, zureichend 
schnell rotieren lässt, so erscheint sie wie Fig. 1 , Taf. HI, welche ein photo- 
typisches Abbild der rotierenden Scheibe ist. Die einzelnen konzentrischen 
Ringe, deren Lichtstärke stufenweise von außen nach innen abnimmt, er- 
scheinen derart abschattiert, dass jeder an der Grenze des nächst größeren 

Fig. 28. 




und lichtstärkeren Ringes dunkler, an der Grenze des nächst kleineren und 
lichtschwächeren heller ist, als in seiner Mittelzone. In Wirklichkeit ist die 
Lichtstärke jedes Ringes in seiner ganzen Breite dieselbe, wovon man sich 
überzeugen kann, wenn man aus einem grauen Papier ein Fenster in Form 
eines Ringsektors ausschneidet, welcher genau auf einen Ring der Figur 
passt, so dass beim Auflegen des Papieres nur der entsprechende Teil 
dieses Ringes sichtbar ist. 

Die Bedingungen für die Wahrnehmung des Grenzkontrastes sind hier 
besonders günstige, weil der Kontrast an der einen Grenze jedes Ringes in 
entgegengesetztem Sinne wirkt als an der anderen. 



er- 



^ 



1 Grasfe-Saemisch^ Handbuch, 2. Aufl., T. Teil, III. Band, Kap. XII. 



Tafel III. 

Zu Seite 136 u. 141. 




Fig. 1 




Fiff. 2. 



Verlag von Wilhelm Engelniann in Leipzig. 



§ 32. Vom simultanen Grenzkontrast. 137 

Um festzustellen, inwieweit die Erscheinung auch bei Ausschluss des 
Nachkontrastes sichtbar ist, stellt man wieder nahe vor der Scheibe einen 
stumpf endenden Draht auf, schiebt dicht hinter denselben ein steifes graues 
Blatt, welches die Scheibe verdeckt, lässt dann die Scheibe rotieren und 
fixiert mit einem Auge das womöglich etwas glänzende Drahtende. Wird 
dann das graue Blatt schnell weggezogen, so sieht man günstigenfalls und 
zwar sofort eine ungleiche Helligkeit innerhalb des hinter dem Drahtende 
erscheinenden Ringes, besonders dann, wenn sich das erstere auf einen 
Punkt der Mittellinie des Ringes projiziert. Übrigens aber kann man dabei 
auch an weiter indirekt gesehenen Ringen Grenzkontraste wahrnehmen. 

Bei diesen durchaus nicht leichten Beobachtungen gilt es, besonders 
den ersten Eindruck zu erfassen, weil bei etwas längerem festen Fixieren die 
Ringe sehr bald in ihrer ganzen Breite gleich hell werden. Fixiert man 
aber nicht ganz fest, so mischt sich sofort wieder der Nachkontrast ein. 

Am überzeugendsten hat auf mich die folgende Beobachtung gewirkt. 
Die rotierende Scheibe war direkt von der Sonne beschienen; dicht vor 
meinem Auge befand sich ein Momentverschluss, welcher mir die Scheibe 
nur während Y40 Sekunde sichtbar machte. Dabei sah ich den Grenzkon- 
trast deutlich und zwar auch noch im Nachbilde (III. Phase). Nie aber ist 
die Erscheinung bei Ausschluss der Augenbewegungen so eindringlich wie 
beim Sehen mit bewegtem Blicke. 

Eine vorläufige Erklärung des Grenzkontrastes ergiebt sich aus der 
Annahme, dass die einzelnen Elemente des somatischen Sehfeldes unter ein- 
ander derart in Beziehung stehen, dass die durch Bestrahlung bedingte 
Regung eines Elementes auf die gleichfalls durch Bestrahlung gereizten 
Elemente seiner Umgebung um so stärker wirkt, je näher sie dem 
ersteren sind. Da sich diese Wechselwirkung, wie schon in § 28 erwähnt 
wurde, nicht bloß zwischen verschieden stark, sondern auch zwischen gleich 
stark gereizten Elementen geltend macht, so werden die einzelnen Teile 
eines gleichmäßig belichteten Sehfeldbezirkes sich gegenseitig verdunkelnd 
beeinflussen und minder hell erscheinen, als ohne diese Wechselwirkung 
der Fall wäre. Die nahe der Grenze eines Feldes befindlichen Elemente 
werden jedoch, wenn dasselbe an ein lichtschwächeres grenzt, von seilen 
der Elemente des letzteren minder stark verdunkelnd beeinflusst sein, als 
von selten der dem eigenen Felde angehörigen Elemente, weil diese stärker 
belichtet sind als jene. Dagegen sind die von der Grenze weiter abliegen- 
den Elemente des lichtstärkeren Feldes allseitig von stärker belichteten 
umgeben und daher einer stärkeren Verdunkelung ausgesetzt, als die Grenz- 
elemente desselben Feldes. Die Folge ist, dass das lichtstärkere Feld an 
der Grenze eine größere Helligkeit zeigt als im übrigen. Umgekehrt können 
die der Grenze näher liegenden Elemente des lichtschwächeren Feldes einer 
stärkeren Verdunkelung unterliegen, als seine weiter abliegenden, weil 



138 



Lehre vom Lichtsinn. 



letztere allseitig, erstere aber nur einseitig von schwächer belichteten Ele- 
menten beeinflusst sind. 

So versteht man, dass an der Grenze zweier Felder von verschiedener 
Lichtstärke das lichtstärkere eine nach der Grenzlinie hin zunehmende, das 
lichtschwächere eine abnehmende Helligkeit zeigt, wie dies in Fig. i , Taf. III 
auch bei Ausschluss des Successivkontrastes bemerklich ist, wenn gleich hier 
wegen der mangelhaften Homogeneität der einzelnen Ringe nicht so erheb- 
lich wie auf der rotierenden Scheibe selbst. 

Die bei obiger Erklärung des Grenzkontrastes gemachte Voraussetzung, dass 
das Ergebnis der Wechselwirkung der Sehfeldstellen stets in einer Verdunklung 
bestehe, wäre nach einer im VIL Abschnitt mitzuteilenden Theorie der Wechsel- 

Fig. 29. 




Wirkung nur insoweit zutreffend, als es sich ausschließlich um übermittelgraue 
Felder handelt, d. h. also um solche, deren Weißlichkeit größer ist als ihre 
Schwärzlichkeit, während für untermittelgraue Felder eine Erhellung durch 
Wechselwirkung in Betracht käme. Hier kam es zunächst nur darauf an, 
überhaupt verständlich zu machen, wie infolge der Wechselwirkung der Sehfeld- 
stellen ein Grenzkontrast entstehen kann. Ob die Helligkeit des helleren Feldes 
in der Nähe seiner Grenze deshalb zunimmt, weil es hier weniger verdunkelt, 
oder aber, weil es hier stärker erhellt wird als im übrigen, ändert nichts an 
der vorerst allein in Betracht kommenden Thatsache, dass es an der Grenze 
heller ist als im übrigen. Die analoge Erwägung gilt mutatis mutandis betreffs 
der nach der Grenze hin zunehmenden Schwärzlichkeit des dunkleren Feldes. 

Daraus dass die Wirkung des Nebenkontrastes in der Nähe der Grenz- 
linie zweier Felder von verschiedener Lichtstärke besonders deutlich ist, erklärt 
sich die Deutlichkeit desselben auf kleinen umschlossenen Feldern. Befindet 



§ 32. Vom simultanen Grenzkontrast. 139 

sich z. B. in einem Felde von sonst gleichmäßiger Lichtstärke ein schmaler 
Streifen, welcher lichtsehwächer oder lichtstärker ist als das übrige Feld, so 
wirkt der Grenzkontrast von zwei Seiten her verdunkelnd bezw. erhellend auf 
ihn, und wenn die Kontrastwirkung nur proportional mit dem Abstände von 
der Grenzlinie abnähme, so würde diese Wirkung in jedem Punkte des Streifens 
gleich groß sein und der letztere ganz gleichmäßig verdunkelt bezw. erhellt er- 
scheinen müssen. Doch ist uns das Gesetz, nach welchem im vorhegenden 
Falle die Kontrastwirkung mit dem Abstände von der Grenzlinie abnimmt, nicht 
bekannt. 

Liegt ein kleines kreisförmig umschlossenes Feld auf einem Felde von an- 
derer Lichtstärke, so erstreckt sich der Grenzkontrast von der Peripherie her 
sozusagen konzentrisch ins Innere des Feldes und dasselbe wird von allen Seiten 
her verdunkelt bezw. erhellt. 

Fig. 30. 




Ein weiteres Beispiel für die Abnahme des Simultankontrastes mit der 
Entfernung liefert Fig. 29, auf die zuerst L. Hermann aufmerksam machte 
(31, S. 19). An jeder indirekt gesehenen Kreuzungsstelle zweier weißer 
Streifen erscheint bei bewegtem Blick ein sehr verwaschener grauer Fleck, 
weil diese Stelle in viel umfassenderer Weise von gleich lichtstarken Teilen 
umgeben ist, als jede andere gleichgroße Stelle der weißen Streifen (vgl. 
VIL Abschnitt). Die Erscheinung verschwindet rasch beim Festhalten des 
BUckes, und zwar infolge einer lokalen Anpassung, die später zu besprechen 
sein wird. Doch ist sie in den ersten Momenten nach dem Sichtbarwerden 
der Figur auch bei unbewegtem Auge in den indirekt gesehenen Teilen der 
Figur bemerklich und gehört insoweit mit zu den Erscheinungen des reinen 



X40 Lehre vom Lichtsinn. 

Simultankontrastes; als ich die Figur ins direkte Sonnenhcht legte und 
nur durch 1/40 Sekunde sichtbar machte, konnte ich die grauen Flecke im 
indirekten Sehen wahrnehmen. 

Das Gegenstück zu Fig. 29 ist Fig. 30, in welcher an den Kreuzungs- 
stellen der schwarzen Streifen ein hellerer Fleck erscheint. — 

Grenzt ein lichtstärkeres Feld an ein lichtschwächeres, so fällt die 
Lichtstärke des ersteren gleichsam senkrecht zu der des lichtschwächeren 
Feldes ab. Ein Grenzkontrast kann sich aber, wenigstens bei bewegtem 
Blicke, auch dann zeigen, wenn dieser Abfall ein allmählicher ist und die 
Hochebene der größeren Lichtstärke sozusagen mittels einer mehr oder 
weniger steilen Böschung in die Tiefebene der kleineren Lichtstärke über- 
geht. Dies gilt z. B. für die folgenden Fälle, bei welchen der Abfall 
ein allmählicher ist. Sie gehören zu den Kontrasterscheinungen, welche 
E. Mach in einer Reihe von Mitteilungen (13, 1865 — 1868 und 1906) 
beschrieben und diskutiert hat i). Obwohl diese Erscheinungen nach 
meiner Ansicht viel mehr dem successiven als dem simultanen Kon- 
traste zu verdanken sind , will ich sie doch schon hier zur Sprache 
bringen, weil es Mach gelungen ist, einzelne derselben, wenngleich minder 
deutlich, auch bei Beleuchtung mit dem elektrischen Funken wahrzu- 
nehmen. 

Wenn der Schatten der Kante eines besonnten undurchsichtigen Schir- 
mes oder dergl. auf eine zureichend von letzterem entfernte homogene graue 
oder weiße Fläche fällt, so sieht man an der Grenze des im vollen Sonnen- 
lichte liegenden Teiles die Helligkeit desselben zunehmen, so dass er hier 
durch einen helleren Streifen vom Halbschatten geschieden erscheint, ob- 
wohl in Wirklichkeit seine Lichtstärke bis an die Grenze des Halbschattens 
dieselbe ist. Dagegen erscheint der Kernschatten nahe seiner Grenze 
schwärzlicher als im übrigen, so dass er durch einen dunkleren Streifen 
von dem beginnenden Halbschatten getrennt erscheint, obwohl auch der 
Kernschatten überall von gleicher Lichtstärke ist. 



<) Diese Mitteilungen sind reich an interessanten Beobachtungen und scharf- 
sinnigen Versuchen und enthalten eine Reihe wichtiger Anregungen, haben aber 
wenig Beachtung gefunden. Infolgedessen ist ein Teil der von Mach entdeckten 
Thatsachen später als neu beschrieben worden. Er hat das Problem der simultanen 
Kontrastwirkung allgemein behandelt und kürzlich (1 3 V, S. 634) das »Thatsächliche« 
seiner Beobachtungen in folgender Weise zusammengefasst : >Die Beleuchtung einer 
Netzhautstelle wird nach Maßgabe der Abweichung dieser Beleuchtung von dem 
Mittel der Beleuchtungen der Nachbarstellen heller, beziehungsweise dunkler 
empfunden, je nachdem ihre Beleuchtung ober, beziehungsweise unter jenem 
Mittel liegt. Das Gewicht der Netzhautstellen in jenem Mittel ist hierbei als mit 
der Entfernung von der betrachteten Stelle rasch abnehmend zu denken.« Ich 
werde auf diese von Mach aufgestellte Regel sowie auf seine treffenden Be- 
merkungen über die Bedeutung der Wechselwirkung der Sehfeldstellen für das 
Sehen der Konturen zurückkommen. 



§ 33. Die Ursachen der Abirrung des Lichtes im Auge. 141 

Diese Erscheinungen des Grenzkontrastes sind jedoch nur dann auf- 
%llend, wenn man in zwangloser Weise und also mit bewegtem Blicke 
beobachtet. Sie verschwinden auch schnell wieder, wenn man einen Punkt 
der Fläche fest fixiert. Tauchen sie dann wieder auf, so kann man sicher 
sein, dass das Auge sich wieder bewegt hat. Markiere ich auf der teil- 
weise beschatteten Fläche in oder neben dem Halbschatten einen Punkt, 
lasse durch einen größeren Schirm die Sonne abhalten, fixiere nach längerer 
Pause jenen Punkt und lasse dann sofort letzteren Schirm schnell weg- 
ziehen, so sehe ich nichts von der beschriebenen Kontrasterscheinung, so- 
lange ich das Auge ganz ruhig halle. Andere Beobachter bestätigten mir 
dies, womit nicht ausgeschlossen sein soll, dass unter besonders günstigen 
Umständen die Erscheinung auch ohne Mithilfe des Nachkontrastes wahr- 
genommen werden kann. 

Wenn ein Zimmer das Licht des freien Himmels durch einen im 
Fensterladen befindlichen schmalen Ausschnitt erhält, dessen Breite mittels 
eines Schiebers geändert werden kann, und man stellt ihm gegenüber einen 
weißen von einem zweiten Schirme teilweise beschatteten Schirm auf, so 
lässt sich dem Halbschatten eine beliebige Breite geben und die anderweite 
Beleuchtung des beschatteten Schirmes durch ein zweites Fenster von ver- 
änderlicher Größe regeln. Dies ist für die genauere Untersuchung des 
Phänomens von besonderem Werte. Fig. 2, Taf. HI ist die Kopie eines 
unter solchen Umständen photographierten Halbschattens. Sie ist nicht 
ganz treu, veranschaulicht aber gut das Wesentliche der Erscheinung. 

Auch mit einer ruhig brennenden Kerze und zwei kleinen verschieb- 
baren Schirmen lassen sich in einem Dunkelzimmer solche Erscheinungen 
sehr gut hervorbringen, wobei man das Licht der Kerze vom Auge abzu- 
halten hat. Durch eine zweite Kerze lässt sich auch hier dem beschatteten 
Schirm eine variable Lichtstärke geben. 

Über andere Methoden vgl. Mach, welcher auch rasch rotierende Schei- 
ben und Cylinder benutzt hat, um analoge Verteilungen der Lichtstärke auf 
einer Fläche herbeizuführen. 



VI. Abschnitt. 
Das falsche Licht im Netzhautbilde. 

§ 33. Die Ursachen der Abirrung des Lichtes im Auge. Die 
große Abhängigkeit der Sehschärfe von der Beleuchtung der Sehproben, 
welche so weit geht, dass bei Ausschluss einer Änderung der allgemeinen 
Adaptation schon die lokale Herabsetzung der Beleuchtung auf halbe 
Stärke eine merkliche Herabsetzung der Sehschärfe herbeiführen kann 
(vgl. § 21), steht in auffälligem Widerspruche zu der herrschenden Ansicht, 



142 Lehre vom Lichtsinn. 

nach welcher bei gleichbleibendem Verhältnisse zweier Lichtstärken der 
Unterschied der von ihnen erzeugten Lichtempfindungen innerhalb weiter 
Grenzen von der absoluten Größe der Lichtstärken unabhängig sein soll. 
Sie führt, wie in § 36 näher dargelegt werden soll, zu dem Schlüsse, dass 
das Netzhautbild auch bei bester Akkommodation des normalen Auges ein 
viel ungenaueres ist, als man anzunehmen pflegt, und dass seine Konturen 
viel verwaschener sind, als sie dank der Wechselwirkung der Sehfeldstellen 
uns erscheinen. Dies nötigt dazu, die Ursachen der Ungenauigkeit des 
Netzhautbildes im normalen und gut akkommodierten Auge eingehender zu 
erörtern, ehe wir zur Theorie jener Wechselwirkung übergehen. 

Fällt direktes Sonnenlicht durch ein kleines Loch im Fensterladen eines 
Dunkelzimmers, so sieht man bekanntlich die Bahn des Lichtes schwach 
leuchtend infolge der in der Zimmerluft schwebenden Staubteilchen, während 
in reiner Luft diese Bahn unsichtbar bleibt. In reinem Wasser oder Glas 
aber ist, wenn anderes Licht vom Auge abgehalten wird, die ganze Bahn 
eines Sonnenstrahlbündels sichtbar. »Jede feste und flüssige durchsichtige 
Substanz, welche wir kennen, zerstreut kleine Mengen des Lichtes, welches 
durch sie hindurchgeht, jiach allen Seiten und erscheint deshalb, wenn 
starkes Licht durch sie hindurchgeht, selbst schwach erleuchtet.« (Helm- 
HOLTZ 2, S. 553.) Ohne jede Vorsichtsmaßregel konnte ich im Dunkel- 
zimmer den Weg eines Sonnenstrahlbündels, das ich durch ein Jenenser 
Glas gehen ließ, deutlich leuchten sehen, und zwar nicht infolge jener 
Fluorescenz, welche bei manchen Glassorten vorkommt, und sich durch 
die Farbe verrät. 

»Man kann sich,« sagt Helmholtz 1. c, »bei objektiven Versuchen mit 
Glaslinsen leicht überzeugen, dass das diffus zerstreute Licht immer am 
stärksten in der Nähe des regelmäßig gebrochenen Lichtbündels ist und 
schwächer wird, je weiter man sich von diesem entfernt. Lässt man 
Sonnenlicht durch die Öfl'nung eines schwarzen Schirmes auf eine ent- 
fernte Linse fallen, und fängt das Bild der hellen Öffnung auf einem weißen 
Schirme auf, so sieht man das helle Bildchen von einem weißen Nebel- 
schein umgeben, der auch sichtbar wird, wenn man das Bild der hellen 
Öffnung selbst dicht am Rande des Schirmes vorbeigehen lässt. Jener 
weiße Nebelschein ist also keine im Auge entstehende Irradiation, sondern 
eine objektive Erscheinung. Noch besser sieht man es, wenn man in dem 
Schirm eine kleine Öffnung macht, die man dem Bilde der hellen Öffnung 
nahe bringt, ohne sie aber damit zusammenfallen zu lassen. Blickt man 
durch die Öffnung des Schirmes nach der Linse, so erscheint diese desto 
heller erleuchtet, je näher man dem optischen Bilde der Lichtquelle 
kommt. « 

Nach alledent ist von vornherein zu erwarten, dass von jedem, die 
optischen Medien des Auges durchsetzenden Lichtbündel ein kleiner Teil 




§ 33. Die Ursachen der Abirrung des Lichtes im Auge. 143 

selbst dann diffus zerstreut werden würde, wenn dieselben ebenso »homogen« 
wären, wie reines Wasser oder Glas. Thatsächlich aber gesellt sich noch 
die viel stärkere zerstreuende Wirkung der mangelhaften Homogeneität der 
Hornhaut und der Linse, sowie die Wirkung der entoptischen Objekte im 
Glaskörper, eventuell an der Vorderfläche der Hornhaut und im Kammer- 
wasser hinzu. Jeder Augenarzt weiß, dass, wenn man starkes Licht durch 
eine Konvexlinse in der Corneal- oder Linsensubstanz sammelt, dieselben 
weißlich trübe erscheinen. 

So giebt schon allein die mangelhafte Homogeneität der optischen Medien 
des Auges reiche Gelegenheit dazu^ dass ein kleiner Bruchteil des von 
einem Außendinge kommenden Lichtes gleichsam von der richtigen Bahn 
abirrt und außer der Stelle des bezüglichen Netzhautbildes einen kleineren 
oder größeren Bezirk der umgebenden Netzhaut fälschlich mit beleuchtet. 
Auch auf die Beugung des Lichtes am Pupillenrande ist hier zu verweisen 
(Helmholtz). 

Um sich unter ganz gewöhnlichen Umständen bei Taganpassung des 
Auges eine Anschauung von der Ausbreitung des diffus abirrenden Lichtes 
zu verschaffen, halte man einen mattschwarzen, mit einem kleinen Loche 
versehenen Schirm in mittler Sehweite so vor ein Fenster, dass letzteres 
bis auf das Loch dem Auge gänzlich verdeckt wird, und durch das Loch 
ein entsprechend kleines Stück des hellen Himmels erscheint. Zunächst 
verdeckt man auch das Loch durch einen dahinter gehaltenen mattschwarzen 
Schirm. Zieht man dann letzteren bei festgestelltem Auge weg, so sieht 
man sofort um das leuchtende Loch einen hellen Saum, der in unmittel- 
barer Nähe des Loches am hellsten ist, und sich mit abnehmender Hellig- 
keit, je nach den Umständen mehr oder weniger weit sichtbar, in das 
dunkle Sehfeld erstreckt. Da der das Loch umgebende Lichthof viel breiter 
sein kann, als das Loch selbst, und man sich die ganze nach Entfernung 
des Schirmes sichtbare, vom Fenster umrahmte Himmelsfläche aus kleinen 
Teilflächen zusammengesetzt denken kann, deren jede denselben Sehwinkel 
hat, wie das Loch, und ebenso wie dieses einen Lichthof zu erzeugen ver- 
mag, so ergiebt sich, dass innerhalb des Netzhautbildes jede einzelne Netz- 
hautstelle unter dem Einflüsse ganzer Scharen solcher Lichthöfe steht. Auf 
diese Weise gewinnt man eine Vorstellung von der großen Menge falschen 
Lichtes, welches sich über die Netzhaut ergießen kann. 

Eine Flamme oder andere intensive Lichtquelle erscheint uns vor einem 
finsteren Hintergrunde schon bei Tage von einem großen leuchtenden Hofe 
umgeben, wieviel mehr des Abends in einem mangelhaft erleuchteten Zimmer. 
In einem Dunkelzimmer vermag selbst ein kleines intensiv leuchtendes 
Außending, abgesehen von seiner Bildstelle und deren nächster Umgebung, 
auch die ganze übrige Netzhaut hinreichend zu beleuchten, um das ganze 
Sehfeld heller erscheinen zu lassen. Je lichtempfindlicher das Auge durch 



144 Lehre vom Lichtsinn. 

Dunkelanpassung geworden ist, eine desto geringere Lichtintensität eines 
Außendinges ist erforderlich, um sein abirrendes Licht wahrzunehmen. Bei 
maximaler Lichtempfmdlichkeit kann sogar der scheinbar paradoxe Fall 
eintreten, das ein kleines, im sonst ganz lichtfreien Gesichtsfelde liegendes 
lichtschwaches Objekt, wenn es sich auf der Netzhautgrube abbildet, nicht 
unterschieden werden kann, während seine Umgebung infolge des falschen 
Lichtes hell erscheint, weil das längere Zeit verfinstert gewesene Auge für 
die excentrischen Teile des Gesichtsfeldes viel lichtempfindlicher ist als für 
den fixierten. Ein solcher Fall tritt insbesondere ein, wenn das kleine sehr 
lichtschwache Objekt vorwiegend oder ausschließlich kurzwelliges Licht aus- 
sendet, welches in trüben Medien viel mehr zerstreut wird als langwelliges. 
Man sieht hier das falsche Licht, nicht aber das auf der Netzhautgrube 
liegende Bild, von dem es abgeirrt ist. 

Eine zweite wesentliche Ursache falschen Lichtes ist das von jeder 
beleuchteten Netzhautstelle zerstreut reflektierte und die ganze übrige Netz- 
haut schwach bestrahlende Licht. Erzeugt man sich im Dunkelzimmer auf 
einer möglichst excentrischen Netzhautstelle das Bildchen einer Flamme, so 
bestrahlt dasselbe bekanntlich wieder die übrige Netzhaut so erheblich, dass 
die Blutgefäße derselben einen sichtbaren Schatten auf die Empfangschichte 
der Netzhaut werfen, der bei jeder Verschiebung des leuchtenden Netz- 
hautbildchens seinen Ort etwas ändert. 

Eine besonders günstige Bedingung für die Bestrahlung der Gesamt- 
netzhaut durch ein lichtes Netzhautbild ist dann gegeben, wenn letzteres 
auf die Eintrittstelle des Sehnerven zu liegen kommt, wo die Lichtabsorp- 
tion durch das Pigment wegfällt. In einem Dunkelzimmer befinde sich 
eine brennende Kerze oder noch besser ein elektrisches Glühlicht in einer 
Mattglaskugel. Man verdeckt ein Auge und richtet das andere so, dass 
Flamme oder Glühlicht sich im blinden Flecke abbilden, sichert durch eine 
Marke an der Wand den Fixierpunkt und verdeckt sodann durch einen 
kleinen Schirm die Lichtquelle für das offene Auge. Sobald man den Schirm 
wieder entfernt, sieht man das ganze Gesichtsfeld aufleuchten und zwar 
weitaus am stärksten in der dem blinden Flecke entsprechenden Gegend, 
ohne doch die Flamme oder elektrische Lampe selbst wahrzunehmen. 

Eine dritte Quelle falschen Lichtes ist für die Netzhaut das durch die 
Sklera und die Iris ins Auge dringende Licht. Bei stärkerer seitlicher Be- 
leuchtung des Augapfels oder schwacher Pigmentierung seiner Vorderhälfte 
ist die auf diese Weise eindringende und die ganze Netzhaut bestrahlende 
Lichtmenge sogar sehr erheblich, worauf gelegentlich zurückzukommen 
sein wird. 

Mit alledem sind die Anlässe zu einer, der Lichtverteilung im Gesichts- 
felde nicht entsprechenden Lichtverteilung im Netzhautbilde noch nicht er- 
schöpft. Es kommt hinzu, dass die Umrisse der Einzelteile des Netzhaut- 



§ 34. Einfluss des falschen Lichtes auf die DeutUchkeit des Sehens. 145 

bildes stets mehr oder weniger verwaschen, mindestens nie so scharf sind, 
wie man es auf Grund der theoretischen Dioptrik des Auges anzunehmen 
pilegt. Dies wird später näher zu erörtern sein. 

Nie darf man vergessen, dass eine gänzlich unbeleuchtete Stelle auf 
der Netzhaut unmöglich ist, solange andere Stellen derselben irgendwie be- 
leuchtet sind. Das Netzhautbild des Loches in dem früher beschriebenen 
Dunkelkasten ist, abgesehen von dem minimalen aus dem Kasten zurück- 
kommenden Licht, noch außerdem um so stärker belichtet, je mehr be- 
leuchtete Dinge sich außer ihm auf der Netzhaut abbilden. 

Bei gegebenem Gesichtsfelde ist die Stärke alles falschen Lichtes direkt 
proportional zur Stärke der Beleuchtung des Gesichtsfeldes und zum Flächen- 
werte der Pupille. 

§ 34. Einfluss des falschen Lichtes auf die Deutlichkeit des 
Sehens. Wie im § 19 gezeigt worden ist, wird der Helligkeitsunterschied, 
mit welchem uns zwei verschiedene Lichtstärken erscheinen, unter sonst 
gleichbleibenden Umständen verkleinert, wenn man beiden Lichtstärken 
einen gleich großen Zuwuchs erteilt. Ebenso muss die Deutlichkeit sich 
mindern, wenn die verschiedenen Lichtstärken der Einzelteile eines Netz- 
hautbildes einen beiläufig gleichen Zuwuchs durch das über sie ergossene 
diffus abirrende Licht erfahren, und so die relativen Unterschiede ihrer 
Lichtstärken und damit zugleich die Helligkeitsunterschiede verkleinert 
werden. 

Das Gesichtsfeld sei beleuchtet, ohne dass das durch die Fenster ein- 
fallende Himmelslicht oder das beleuchtende künstliche Licht unsere Netz- 
haut direkt zu treffen vermag. Von jedem, einem beleuchteten Flächen- 
elemente des Gesichtsfeldes entsprechenden Strahlbündel irrt also schon 
beim Durchgang durch die optischen Medien des Auges ein, wenn auch 
noch so kleiner Teil nach den verschiedensten Richtungen, insbesondere 
aber in die Umgebung des jenem Elemente zugehörigen Netzhautbildes ab, 
und letzteres bestrahlt wieder, wenn auch noch so schwach, die ganze 
übrige Netzhaut. Aus der Summation aller dieser minimalen abirrenden 
Lichtmengen ergiebt sich erstens eine über die ganze Netzhaut ausgebreitete 
falsche Beleuchtung, welche sich überall dem Lichte der Netzhautbilder 
hinzufügt, und zu diesem allgemeinen falschen Lichte gesellt sich an der 
Grenze des einzelnen Netzhautbildes noch das von eben diesem Bilde ab- 
geirrte Licht, welches dicht an der Grenzlinie am stärksten ist und all- 
mählich abnehmend in das allgemeine abgeirrte Licht übergeht. Das letztere 
verdankt seine Entstehung der Gesamtheit des auf der Netzhaut Abgebil- 
deten, das örtlich abgeirrte Licht aber ist ein Abkömmling des einzelnen 
Netzhautbildes ; es umgiebt mit derselben relativen Stärke das hchtschwächste 
wie das lichtstärkste Bild, bemerklich aber wird es unter sonst günstigen 

Hering, Lichtsinn. 4 



146 Lehre vom Lichtsinn. 

Umständen nur insoweit, als es von einem lichtstärkeren Bilde auf eine 
lichtschwache Umgebung abirrt. 

Wo immer falsches Licht sich über ein Netzhautbild ausbreitet, mindert 
es zwar die Deutlichkeit des Sehens, doch macht sich dies nur in beson- 
deren Fällen störend bemerkbar, wenngleich es dem aufmerksamen Beob- 
achter viel häufiger begegnet. Wenn freilich die Lichtquellen, welche unser 
Gesichtsfeld beleuchten, selbst einen Bestandteil desselben ausmachen, und 
die Fenster, durch die das Ilimmelslicht einfällt, oder die brennende Lampe 
sich gleichzeitig mit den beleuchteten Dingen auf der Netzhaut abbilden, 
dann wird das falsche Licht so stark, dass es uns, wie man zu sagen 
pflegt, blendet. Auch wenn die Lichtquelle nicht so intensiv ist, dass 
sie eine schmerzhafte oder wenigstens unangenehme Empfindung hervor- 
ruft, wird sie doch unbequem dadurch, dass sie das deutliche Sehen be- 
einträchtigt und zwar um so mehr, je lichtschwächer die übrigen Netz- 
hautbilder im Vergleich zum Bilde der Lichtquelle sind. Ein am Zwischen- 
pfeiler zweier Fenster hängendes Bild wird unkenntlich, wenn dem Beschauer 
zu beiden Seiten desselben der helle Himmel erscheint; die Modellierung 
der Fensterstäbe verschwindet vollständig vor dem hellen Hintergrunde des 
Himmels; das Lesen einer feinen, nahe zur Lampe gehaltenen Schrift wird 
zuweilen erst möglich, wenn ein Schirm das direkte Licht vom Auge ab- 
hält; das Licht einer Blendlaterne, welches bei nächtlicher Dämmerung 
direkt in unser Auge fällt, macht uns blind für alles, was sonst im näheren 
Umkreise noch erkennbar gewesen wäre. 

Wenn in solchen Fällen die neben der Lichtquelle sichtbaren Dinge 
durchaus nicht ungewöhnlich hell, sondern zuweilen sogar durch Kontrast 
verdunkelt erscheinen, so liegt der Irrtum nahe, ihre Undeutlichkeit nicht auf 
abgeirrtes Licht, sondern ausschließlich auf diese Verdunkelung zu beziehen. 
Solche Auffassung ist jedoch ausgeschlossen, wenn die Umgebung des licht- 
starken Dinges nicht nur undeutlicher, sondern zugleich auch heller gesehen 
wird, wie z. B. in den folgenden Fällen: 

Man klebe auf einen fingerbreiten Streifen mattschwarzen Papiers einige 
graue Papierschnitzel und halte den Streifen mit ausgestreckter Hand gegen 
den hellen Himmel, während man mit der anderen Hand einen großen 
mattschwarzen Papierschirm hinter den Streifen bringt. Die jetzt ganz 
deutlichen Schnitzel werden sofort unsichtbar, sobald man den Schirm ent- 
fernt, zugleich aber wird der nun vom hellen Himmel umschlossene Streifen 
sichtlich viel heller. 

An einem sehr hellen Tage befestigte ich an der Zimmertüre einen 
großen Bogen schwarzen Papieres, auf welchen verschiedene kleine Scheiben 
(4 cm Durchmesser) und Schnitzel von weißen und verschiedenen grauen 
Papieren geklebt waren. In der ausgestreckten Hand eine brennende Kerze 
haltend, betrachtete ich aus 4 bis 5 m Entfernung mit einem Auge das 



§ 34. Einfluss des falschen Lichtes auf die Deutlichkeit des Sehens. 147 

schwarze Papier, während ich von der Seite her die Flamme langsam der 
Blicklinie näherte. Sofort verschwanden zuerst die dunkelgrauen, beim 
Näherkommen des Flammenbildes die hellgrauen und schließlich auch die 
weißen Scheiben und Schnitzel, während sich zugleich über den schwarzen 
Grund eine Helligkeit ausbreitete. Dabei erschien meinem schwach kurz- 
sichtigen Auge die Flamme scharf abgegrenzt, und eine weiße Scheibe ver- 
schwand bereits, wenn das ihr genäherte Flammenbild noch um seinen 
Durchmesser von derselben entfernt schien. Sah ich durch eine Brille die 
Scheiben u. s. w. scharf, wobei der ümriss der Flamme nur ein wenig ver- 
waschen war, so verschwanden die weißen Scheiben, ihren jetzt schärferen 
Umrissen entsprechend, nicht vollständig, aber nahezu. 

Stellt man den Versuch an einem trüben Tage oder bei schwacher 
künstlicher Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes an, so wird die gleich- 
zeitige Steigerung der Helligkeit und Minderung der Deutlichkeit in der 
Nähe der Flamme noch viel auffälliger. 

Im allgemeinen wird allerdings das von lichtstarken Netzhautbildern 
abgeirrte Licht nicht als solches bemerklich , . weil es durch die ver- 
dunkelnde Kontrastwirkung solcher Bilder ausgeglichen oder übertönt wird. 
Die erhellende Wirkung des falschen Lichtes und die ver- 
dunkelnde des Simultankontrastes sind überall mit einander 
im Kampfe. 

Man verdecke sich, vor dem Fenster stehend, den mäßig hellen Himmel 
durch einen großen mattschwarzen Schirm und halte einen ebenfalls matt- 
schwarzen etwa 5 mm breiten Streifen in mittler Sehweite vor den Schirm. 
Entfernt man dann bei feststehendem Auge den Schirm, so hellt sich der 
zuvor schwarz erschienene Streifen sichtlich auf. Es ergießt sich in diesem 
Falle das abirrende Licht von zwei Seiten her über das Netzhautbild des 
Streifens, zwei Säume falschen Lichtes kommen auf seinem Bilde zur 
Deckung und zwar mit um so lichtstärkeren Teilen, je schmäler der Streifen 
und also auch sein Netzhautbild ist. 

Jetzt ersetze man unter sonst ganz gleichen Umständen den »schwarzen« 
Streifen durch einen »weißen«, der durch ein zweites seitliches Fenster gut 
beleuchtet ist und weiß erscheint, so lange der schwarze Schirm dem Be- 
obachter den Himmel verdeckt. Entfernt man jedoch den Schirm, so sieht 
man bei nicht allzu großer Lichtstärke des Himmels den fixierten weißen 
Streifen sicH plötzlich infolge des Kontrastes stark verdunkeln, obwohl sich 
jetzt zu seinem eigenen Lichte ebenfalls wieder das falsche Licht gesellt 
und also sein Netzhautbild um genau ebenso viel lichtstärker wird, wie es 
zuvor das Netzhautbild des schwarzen Streifens wurde. Jetzt wird also 
die erhellende Wirkung des falschen Lichtes nicht nur unterdrückt, sondern 
sogar übertroffen durch die verdunkelnde Wirkung des Kontrastes. Wenn 
aber ein schwarzer d. h. relativ lichtschwacher Streifen sich infolge der 

10* 



148 Lehre vom Lichtsinn. 

Erleuchtung seiner Umgebung aufhellt, ein weißer und also relativ licht- 
starker sich dabei verdunkelt, so folgt, dass es einen Streifen von be- 
stimmter mittler Lichtstärke geben müsste, welcher bei Entfernung des 
schwarzen Schirmes sich weder deutlich verdunkeln noch deutlich erhellen 
würde, weil die erhellende Wirkung des falschen Lichtes und die verdun- 
kelnde des Kontrastes sich das Gleichgewicht halten. 

Dies alles steht in Einklang mit dem, was wir im § 29 und zwar rein 
empirisch aus den messenden Kontrastversuchen abgeleitet haben. Wir 
fanden dort, dass es bei Steigerung der Lichtstärke in der Umgebung eines 
kleinen umschlossenen Feldes möglich ist, dessen Kontrastverdunkelung 
durch einen ganz bestimmten Zuwuchs seiner Lichtstärke aufzuheben, und 
dass bei gleicher Steigerung der Lichtstärke der Umgebung zu solcher Kom- 
pensierung ein um so größerer Zuwuchs zum Lichte des umschlossenen 
Feldes nötig ist, je lichtstärker das letztere von vornherein war. Bei den 
eben beschriebenen Versuchen bleibt der Lichtzuwuchs, welchen der Streifen 
(das umschlossene Feld) durch das falsche Licht erhält, immer derselbe, 
gleichviel welche Lichtstärke der Streifen selbst hat. Dieser Lichtzuwuchs 
aber ist nur bei einer ganz bestimmten Lichtstärke des Streifens eben ge- 
nügend, der Konstrastverdunkelung das Gleichgewicht zu halten. Ist der 
Streifen lichtschwach, und das gilt von dem schwarzen Streifen, so 
erhält er durch das falsche Licht einen stärkeren Zuwuchs als zur Kom- 
pensierung der Kontrastwirkung nötig wäre, daher er sich aufhellt. Ist der 
Streifen lichtstark, wie dies von dem weißen gilt, so genügt das ihm zu- 
wachsende falsche Licht nicht, die Kontrastwirkung zu kompensieren, daher 
er sich verdunkelt. 

Es ist bemerkenswert, dass in den hier besprochenen Fällen von Sichtbar- 
keit des falschen Lichtes die Wirkung desselben sich im Sehfelde nicht als eine 
Änderung der sogenannten »wirklichen«, flächenhaften Farbe der bezügUchen 
Sehdinge zeigt. So erscheint uns der erwähnte leuchtende Hof der Flamme als 
ein dieselbe umgebender heller Nebel vor dem dunklen Hintergrunde auch dann, 
wenn wir in letzterem noch verschiedene Dinge zu unterscheiden vermögen, 
nicht aber als eine Verwandlung der Farbe dieser Dinge in eine hellere Farbe. 
Auch bei dem Versuche mit dem leuchtenden Loch im schwarzen Schirm oder 
mit dem schwarzen Streifen vor der leuchtenden Himmelsfläche erhalten wir 
nicht den Eindruck, als verwandle sich plötzlich die vorher schwarze Farbe 
der das Loch umgebenden Teile des Schirmes oder die schwarze Farbe des 
Streifens in eine graue. Vielmehr scheint sich ein accidentelles Helles vor oder 
auf die Fläche der bezüglichen Teile zu legen, durch welches hindurch die 
schwarze Farbe derselben sichtbar ist. Ich selbst vermag allerdings die Ver- 
wandlung des flächenhaften Schwarz in ein ebenfalls flächenhaftes Grau zu sehen, 
und von einem Maler, der den Eindruck im Bilde wiederzugeben versuchen 
wollte, würde dies wohl auch gelten; den meisten Menschen aber fällt solches 
schwer; ganz abgesehen davon, dass viele auf Befragen nicht das aussagen, 
was sie sehen, sondern das, was sie über das Gesehene denken. 



§ 35. Zusammenwirken des falschen Lichtes und des Kontrastes. 149 

§ 35. Herabsetzung der Deutlichkeit bei dem Zusammen- 
wirken des falschen Lichtes und des verdunkelnden Kontrastes. 
Es ist die Ansicht ausgesprochen worden, dass jede Herabsetzung der 
centralen Sehschärfe, welche infolge gesteigerter Belichtung excentrischer 
Netzhautstellen eintritt, aus der Vermehrung des falschen Lichtes zu er- 
klären sei, welches die centrale Netzhaut dabei empfängt. Wenn die unter 
solchen Umständen undeutlicher werdenden Sehdinge gleichzeitig heller 
erscheinen, als wie dies ohne die excentrische Belichtung der Netzhaut der 
Fall wäre, dann ist diese Ansicht sicher zutreffend; wenn aber dieses 
Hellerwerden fehlt, oder gar ein gleichzeitiges deutliches Dunklerwerden der 
centralen Sehdinge eintritt, so kann unter Umständen die verdunkelnde 
(schwärzende) Wirkung des Simultankontrastes einen viel größeren Anteil 
am Undeutlichwerden jener Sehdinge haben als die an sich erhellende 
(weißende) Wirkung des falschen Lichtes. 

Während in den oben besprochenen Fällen, in denen die Quellen der 
Beleuchtung, wie das Himmelslicht oder eine Flamme, sich gleichzeitig mit 
dem übrigen Inhalte des Gesichtsfeldes auf der Netzhaut abbildeten, die 
verdunkelnde Kontrastwirkung der lichtstarken Netzhautbilder auf das übrige 
lichtschwächere Sehfeld überkompensiert werden konnte durch den starken 
Zuwuchs falschen Lichtes, zeigt sich beim gewöhnlichen Sehen im allge- 
meinen das Gegenteil, d. h. die verdunkelnde Wirkung der lichtstarken 
Teile des Netzhautbildes kompensiert oder überkompensiert die an sich er- 
hellende Wirkung des gesteigerten falschen Lichtes. Wäre letzteres nicht 
möglich, so könnte es nie zu einer sichtbaren Verdunkelung durch Simultan- 
kontrast kommen, wofür wir doch schon so schlagende Beispiele kennen 
gelernt haben. Diese Verdunkelung eines Sehfeldbezirkes durch Kontrast 
kann unter günstigen Umständen so weit gehen, dass die Deutlichkeit der 
in dem Bezirke erscheinenden Sehdinge sehr auffallend gemindert bezw. bis 
zur Unkenntlichkeit herabgesetzt wird. Hierfür zwei Beispiele: 

Ich stelle mich mit dem Rücken an's Fenster und bringe dicht an mein 
Auge eine innen mattschwarze 30 cm lange Röhre (Dunkelröhre) und dicht 
an das andere Ende derselben ein großes steifes, gänzlich undurchscheinen- 
des weißes Blatt mit einem centralen Loche von 10 — 12 mm Durchmesser. 
Durch letzteres blicke ich nach einem Kupferstich an der mir gegenüber 
befindlichen Wand, oder nach dem Inhalt eines an derselben stehenden 
offenen Schrankes mit allerlei kleinen Dingen, die ich scharf und deutlich 
sehe. Indem ich die Mitte oder den Rand des Loches fixiere, entferne ich 
rasch die Röhre, während das weiße Blatt an seinem Platze bleibt: sofort 
sehe ich an der Stelle des Loches einen grauschwarzen oder schwarzen 
Fleck, in welchem zunächst nur wenig oder nichts zu unterscheiden ist. 
Nachträglich tauchen einzelne Teile des zuvor Gesehenen mit ganz ver- 
schwommenen Umrissen aus dem Dunkel auf, aber alle feineren Einzelheiten 



150 Lehre vom Lichtsinn. 

bleiben noch unsichtbar. Diese unter Umständen ganz gewaltige Minderung 
der Deutlichkeit des Sehens von Dingen, deren Lichtstärke nicht kleiner 
geworden ist, erklärt sich vorwiegend aus der starken Verdunkelung durch 
Kontrast. 

Allerdings erhält das Netzhautbild der durch das Loch sichtbaren Dinge 
beim Wegnehmen der Rühre einen erheblichen Zuwuchs an falschem Lichte, 
der den verschiedenen Lichtstärken der einzelnen Teile des Bildes hinzu- 
gefügt wird und die relativen Unterschiede ihrer Lichtstärken mindert, was 
an sich schon eine Minderung ihrer Farbenunterschiede und also auch 
der Deutlichkeit des Sehens bedingen könnte. Dieser Lichtzuwuchs könnte 
jedoch nur erhellend wirken, während doch alles durch das Loch Sicht- 
bare vielmehr sehr stark verschwärzt erscheint. Diese Verschwärzung ist 
eine derartige, dass dadurch die Farbenunterschiede der fraglichen Seh- 
dinge gemindert werden und entsprechend auch die Deutlichkeit des Sehens 
(vgl. VIL Abschnitt). Der Einfluss der Pupillenänderung lässt sich in der 
früher beschriebenen Weise ausschließen. 

Wer etwa doch der Meinung sein sollte, dass die große Herabsetzung 
der Sehschärfe, wie sie bei diesem Versuche eintritt, nur durch das von ' 
dem weißen Blatte auf das Netzhautbild des Loches abirrende Licht be- 
dingt werde, und dass die Verschwärzung des Loches und der durch das- 
selbe sichtbaren Dinge lediglich auf eine »Urteilstäuschung« zurückzuführen 
sei, der betrachte die zuvor durch das Loch sichtbar gewesenen Dinge nach 
Entfernung des weißen Schirmes durch eine schräg gehaltene unbelegte 
Spiegelglasplatte, in der sich ein zur Seite gehaltenes gut beleuchtetes weißes 
Blatt spiegelt. Das gespiegelte Licht legt sich dann wie ein Schleier auf 
die gesehenen Dinge und mindert ebenfalls ihre Deutlichkeit; aber um sie 
durch diese Verweißung ihrer Netzhautbilder auch nur angenähert so un- 
deutlich zu machen, bedarf es einer Menge des zugespiegelten Lichtes, 
welche viel größer ist, als die Menge des falschen Lichtes unter den Be- 
dingungen des obigen Versuches sein konnte. 

Ein zwar nicht so auffälliges, aber nicht minder belehrendes Beispiel 
für die Herabsetzung der Deutlichkeit durch Kontrast ist das folgende: Von 
einem mit kleinen Buchstaben bedruckten weißen Blatte schneide ich den 
unbedruckten Rand ab und lege das Blatt so über das in Tischhöhe be- 
findliche lichtlose Loch eines am Fenster stehenden Dunkelkastens, dass das 
Loch zur Hälfte verdeckt ist. Über dem Loche befindet sich in passender 
Höhe das früher beschriebene Polariphotometer so orientiert, dass z. B. das 
extraordinäre Bild über das ordinäre nach rechts hinausragt und zwar für 
die eben gewählte Sehweite mit einem 1 6 mm breiten Streifen. Durch 
passende Stellung des Nicol vermindere ich die Lichtstärke des überragen- 
den Streifens soweit, dass ich die Buchstaben, welche sich nahe seinem 
rechten, an das Schwarz des Loches grenzenden Rande befinden, eben noch 



§ 36. Die Entstehung scharfer Umrisse durch Wechselwirkung. 151 

erkenne: dann sind seine nahe dem linken Rande liegenden Buchstaben 
bereits unkenntHch, weil sie hier der verdunkelnden Kontrastwirkung des 
angrenzenden Weiß unterliegen, welches den hier übereinander liegenden 
beiden Bildern entspricht. Auch sehe ich den Streifen nahe seinem linken 
Rande merklich schwärzlicher als an seinem rechten Rande, und zwar dies 
alles auch dann, wenn ich jeden successiven Kontrast ausschließe. Schiebe 
ich von rechts her ein weißes Blatt soweit über den offenen Teil des Loches, 
dass der hnke Rand seines ordinären Bildes dicht am rechten Rande des 
eben besprochenen viel lichtschwächeren Streifens erscheint, so werden nun 
auch die an diesen Rand grenzenden Buchstaben schwerer kenntlich. 

Die Verminderung der Deutlichkeit des centralen Sehens 
infolge von Belichtungen excentrischer Netzhautteile kann also 
sowohl durch Vermehrung des falschen Lichtes als durch die 
Wechselwirkung der Sehfeldstellen herbeigeführt werden. Da 
überdies, ganz abgesehen von dem leicht auszuschließenden Einflüsse der 
Pupillenänderung, der jeweilige Anpassungszustand des inneren Auges bei 
allen diesen sogenannten Blendungserscheinungen wesentlich mitbestimmend 
ist, so erklärt sich, dass die verschiedenen Untersucher der letzteren, ins- 
besondere Uhthoff und Dep^ne (27), Heymans (28), Bürschke (29 und 30) 
zu sehr verschiedenen Ansichten über das Wesen der »Blendung« gelangen 
konnten. 

Die Wechselwirkung der Sehfeldstellen und die durch dieselbe bedingte 
Verschwärzung des centralen Sehfeldbezirkes hat sich in den zuletzt besprochenen 
Fällen als Ursache einer Verminderung der Sehschärfe gezeigt. Wir werden 
jedoch weiterhin sehen, in wie hohen Maße beim gewöhnlichen Sehen gerade 
diese Wechselwirkung unsere Sehschärfe erhöht und die lokale Abirrung des 
Lichtes unschädlich macht, 

§ 36. Die scharfen Umrisse der Sehdinge als Ergebnis der 
Wechselwirkung der Sehfeldstellen. Dass ein gutes Auge wirkhch 
scharfe Umrisse der Außendinge auch als scharfe sieht, pflegt man auf 
eine entsprechende Genauigkeit der Netzhautbilder zurückzuführen und 
schreibt damit dem dioptrischen Apparate des Auges eine Leistung zu, die 
weit über sein Können hinausgeht. Mancherlei Thatsachen zwingen zu 
dem Schlüsse, dass die Einzelteile des Netzhaulbildes auch im besten Auge 
keineswegs durch so scharfe Grenzen geschieden sind, wie sie die Sehdinge 
zeigen können. 

Wäre es die Genauigkeit des Netzhautbildes, der wir die scharfen 
Umrisse unseres Sehfeldinhaltes verdanken, so müssten uns bei guter Ak- 
kommodation zwei scharf aneinander grenzende Teilstücke des Gesichts- 
feldes auch bei Herabsetzung der allgemeinen Beleuchtung solange mit 
scharfer Grenze erscheinen, als ihre beiden Farben (Helligkeiten) für 
uns noch deutlich verschieden sind. Denn an der Genauigkeit oder Schärfe 



152 



Lehre vom Lichtsinn. 



des Netzhautbildes wird durch die Minderung seiner Lichtstärke nichts ge- 
ändert, falls wir den etwaigen Einfluss einer Pupillenerweiterung dadurch 
ausschließen, dass wir ein Diaphragma von zureichend kleiner ÖfTnung 
dicht vor das Auge bringen. Gleichwohl wirkt auch unter solchen Um- 
ständen eine stärkere Herabsetzung der allgemeinen Beleuchtung des Ge- 
sichtsfeldes sofort auf unser Sehen der Umrisse ähnlich wie eine mangel- 
hafte Akkommodation. Die vorher scharf gewesenen Grenzlinien der Seh- 
dinge werden dabei immer verwaschener und undeuthcher auch dann, 
wenn ihre jetzt allerdings verkleinerten Farbenunterschiede noch relativ 
große und viel größer sind, als die kleinsten Unterschiede von Farben, 

die uns bei guter Beleuch- 
Fig. 31. tung der Außendinge soeben 

noch durch scharfe Grenzen 
geschieden erschienen sind. 

Man bringe dicht vor das 
Auge ein Diaphragma von \ 
bis 2 mm Durchmesser und 
halte in einem Zimmer, das 
von einer einzigen Lampe er- 
hellt wird, das Schachbrett- 
muster der Fig. 31 in deut- 
licher Sehweite so vor sich 
hin, dass das volle Licht der 
nahen Lampe darauf fällt; 
dann drehe man sich soweit 
um sich selbst, dass das 
Muster vom Körper vollständig 
beschattet und nur noch durch 
das schwache an den Wänden 
reflektierte Licht erleuchtet wird. Jetzt wird man kein einziges sauber be- 
grenztes Viereck mehr sehen, sondern nur verwaschene Umrisse, und wenn 
die Zimmerwände sehr wenig Licht zurückgeben, sogar nur dunkle und helle 
Flecke, die zwar an Vierecke erinnern, aber weder deutlich gezeichnete 
Seiten noch scharfe Ecken haben. Ja es kommt bei noch schwächerer 
Beleuchtung sogar dahin, dass man gar nicht mehr sagen könnte, ob die 
ganz unsicher umgrenzten schwarzen und weißen Flecke, die man sieht, 
regelrechte Quadrate oder andere Figuren sind, wenn man sie nicht zuvor 
bei guter Beleuchtung gesehen hätte. 

Hat man ein Dunkelzimmer neben einem gut beleuchteten zur Ver- 
fügung, so stelle man sich in ersterem dicht an die offene Thüre, so dass die 
in der einen Hand gehaltene Figur zunächst voll beleuchtet wird und ganz 
scharf erscheint, dann schließe man mit der andern Hand die Thüre so 




§ 36. Die Entstehung scharfer Umrisse durch Wechselwirkung. 153 

weit, dass nur noch spärliches Licht auf die Figur fällt, und man wird in 
der bequemsten Weise die soeben beschriebene höchst auffallende Herab- 
setzung der Deutlichkeit der Umrisse beobachten können. 

Der Farbenunterschied zwischen den helleren und dunkleren Teilen 
der Figur ist bei alledem noch sehr deutlich, nur ihre Grenzen sind es 
nicht mehr. Das Netzhautbild aber hat unter den gegebenen Bedingungen 
bei der schwächsten Beleuchtung dieselbe Schärfe wie bei der stärksten. 

Aus den jetzt herrschenden Lehren ist nicht zu verstehen, wie bei 
ungeänderter Schärfe des Netzhautbildes die bloße Herabsetzung seiner 
Lichtstärke die Grenzen zwischen den hellen und dunklen Teilen des 
korrelativen Sehfeldes verwaschen und unkenntlich machen kann, obgleich 
ein ganz deutlicher Helligkeitsunterschied der Felder noch immer vorhanden 
ist. Nach diesen Lehren könnten allerdings durch die Herabsetzung der 
Beleuchtung, sobald dabei die untere Gültigkeitsgrenze des WEBEa'schen Ge- 
setzes überschritten wird, die Helligkeitsunterschiede im Sehfelde ab- 
nehmen und also, wenn sie von vornherein klein waren, schwerer bemerklich 
oder gar unbemerklich werden. Wir haben es aber in Fig. 31 mit einer 
Sehprobe zu thun, deren Einzelheiten zunächst sehr große i) und bei den 
dann benützten schwachen Beleuchtungen auch noch ganz deutliche Hellig- 
keitsverschiedenheiten zeigen, während doch bei guter Beleuchtung anein- 
andergrenzende Teile des Sehfeldes, deren Helligkeitsverschiedenheiten sehr 
viel kleiner sind, noch scharfe Grenzen haben können. 

Die Undeutlichkeit der Umrisse bei der herabgesetzten Beleuchtung 
lässt sich auch nicht aus der »fleckigen Verteilung des Eigenlichtes« 
(Helmholtz H, S. 409) erklären. Denn bei unserem Versuche ist das Auge 
zur Zeit der Herabsetzung der Beleuchtung im Zustande einer Dauer- 
anpassung für gute Beleuchtung, besonders dann, wenn der Versuch an 
einem hellen Tage angestellt wird. Die Ungleichheiten und Unstetigkeiten 
der Eigenfarbe des Auges spielen erst dann eine erhebliche Rolle, wenn 
dasselbe längere Zeit gar nicht oder äußerst schwach belichtet worden ist 
und sich die successive Dunkeladaptation bereits entwickelt hat. Von dem 
centralen relativen Skotome, welches einem solchen dunkeladaptierten Auge 
eigen ist, bemerkt man nichts bei unserem Versuche. Die indirekt ge- 
sehenen Teile der Figur zeigen nicht bessere Umrisse oder auffallend 
größere Verschiedenheiten zwischen den helleren und dunkleren Stellen als 
wie die direkt betrachteten. Es ist in dieser Hinsicht sehr belehrend, den 
Versuch in der oben beschriebenen Weise im Dunkelzimmer anzustellen, 



i) Die schwarzen Quadrate der Fig. 3\ sind, wenn regelmäßig reflektiertes 
Licht möglichst ausgeschlossen ist, infolge der Glättung des Papieres bedeutend 
lichtschwächer als es bei derselben Beleuchtung die Buchstaben einer Druckschrift 
auf einem matten Papiere sind, wie solches früher ausschließlich zum Drucken 
benutzt wurde. 



j^54 Lehre vom Lichtsinn. 

nachdem man längere Zeit das eine Auge vor jedem Lichte geschützt, das 
andere aber im gut beleuchteten Räume gebraucht hat. Man vermag dann, 
während die eine Hand durch Veränderung der Thürspalte die Beleuchtung 
regelt und die andere die Figur hält, durch Verschluss des hell- oder des 
dunkeladaptierten Auges bei entsprechend schwachen Beleuchtungen die für 
beide Augen sehr verschiedenen Erscheinungsweisen der Figur herbei- 
zuführen. 

Wenn wir zwei in Wirklichkeit scharf von einander abgegrenzte Felder 
verschiedener Lichtstärke zwar in deutlich verschiedenen Farben, aber 
nicht durch eine scharfe Grenzlinie, sondern durch ein Zwischengebiet ge- 
schieden sehen, in welchem die hellere Farbe des einen Feldes in die 
dunklere des anderen übergeht, so muss dies auf die Vermutung führen, 
dass auch im Netzhautbilde die Lichtstärke des einen Feldes nicht scharf 
von der des anderen abgesetzt ist, sondern dass ein alimählicher Übergang 
der einen Lichtstärke in die andere besteht. Bei mangelhafter Akkommo- 
dation oder ungewöhnlich weiter Pupille wäre uns dies selbstverständlich. 
Wenn wir aber trotz guter Akkommodation und zureichend engem Dia- 
phragma doch die Grenzlinie noch verwaschen sehen, obwohl sie sofort 
scharf erscheint, sobald wir ohne jede Änderung der Akkommodation und 
des Diaphragmas die Lichtstärke der beiden Felder in demselben A^erhältnis 
vergrößern, so lässt sich dies nur aus einer veränderten Reaktionsweise 
unseres inneren Auges erklären. Der etwaige Verdacht, dass das Auge bei 
Herabsetzung der Beleuchtung seine Akkommodation ändere, ist für meine 
Person schon dadurch ausgeschlossen, dass die Akkommodationsbreite meines 
presbyopischen Auges nahezu gleich Null ist. 

So kommen wir also zu dem Schlüsse, dass das Netzhautbild jeder 
solchen Grenzlinie auch bei bester Akkommodation an sich ein verwaschenes 
ist, dass aber unser inneres Auge das Vermögen besitzt, auf Grund eines 
solchen unvollkommenen Linienbildes, bei zureichender Lichtstärke desselben, 
im psychischen Sehfelde eine scharfe Grenze zwischen den beiden bezüg- 
lichen Farben herzustellen und so aus verwaschen umrissenen Teilen des 
Netzhautbildes scharf umrissene Sehdinge zu schaffen. 

Dieses Vermögen verdankt unser Sehorgan der Wechselwirkung der 
Sehfeldstellen. Das Netzhautbild ist stets verwaschen; gleich dem Photo- 
graphen aber, der eine mangelhafte Kopie retouchiert, korrigiert die 
Wechselwirkung das Bild der Außendinge, indem sie dort, wo durch Ab- 
irrung Licht verloren geht, den dadurch bedingten Helligkeitsverlust mehr 
oder minder entsprechend ersetzt, dort aber, wo das abgeirrte Licht fälsch- 
lich hingerät, es durch Verdunkelung unschädlich macht. Nicht dem diop- 
trischen Apparate verdanken wir z. B. die Schwärze und die Deutlichkeit der 
Umrisse dieser Buchstaben, sondern den Wechselwirkungen im somatischen 
Sehfelde. 



§ 36. Die Entstehung scharfer Umrisse durch Wechselwirkung. 155 

Denken wir uns das Gesichtsfeld als ein Mosaik von Flächenelementen, 



deren jedes denselben kleinen Gesichtswinkel hat, wie der Querschnitt eines 
Zapfens der Netzhautgrube, und also zu einem solchen korrelativ ist, so heße 
sich theoretisch die Forderung stellen, dass jeder Zapfen nur von dem einen, 
korrelativen Elemente des Gesichtsfeldes belichtet werde. In Wirklichkeit 
bestrahlt jedoch infolge der lokalen Abirrung das Licht eines solchen Gesichts- 
feldelementes einen ganzen Komplex von Zapfen, und wird ein und derselbe 
Zapfen stets gleichzeitig von einem ganzen Komplexe jener Gesichtsfeld- 
elemente bestrahlt. Das Licht eines Fixsternes, dessen Gesichtswinkel 
gleich Null gesetzt werden darf, sammelt sich im Auge nicht in einem 
Punkte, sondern in einem kleinen Räume, welcher selbst bei bester Akkom- 
modation von der Empfangsfläche der Netzhaut in einer kleinen Fläche 
durchschnitten wird, die auch im günstigsten Falle viel grüßer ist, als der 
Querschnitt eines Zapfens. Auch fordert das, was wir über die Grenzen 
des Auflösungsvermögens (32, S. 16) unseres Sehorgans wissen, durchaus 
nicht, dass das von einem »Punkte« der Außenwelt kommende Licht wieder 
in einem »Punkte« oder auch nur in einem Sammelraume vom Querschnitt 
eines Zapfens vereinigt werde. 

Unsere Erfahrungen z. B. über den kleinsten Gesichtswinkel des gegen- 
seitigen Abstandes zweier lichter Punkte auf finsterem Grunde, die wir 
eben noch räumlich zu sondern vermögen, verlangen freilich, dass der- 
jenige Zapfen, welcher im Mittelpunkte der von einem leuchtenden Außen- 
punkte bestrahlten Zapfengruppe liegt, wesentlich stärker beUchtet sei als 
seine nächsten Nachbarn. Wenn aber die zwei, den beiden Außenpunkten 
entsprechenden stärkst bestrahlten Zapfen einen Zapfen zwischen sich haben, 
dessen Belichtung auch nur ein wenig schwächer ist, als ihre eigene, so 
wird für den Beobachter zwischen zwei helleren Stellen eine minder helle 
Stelle bemerklich werden können, womit eine räumliche Sonderung der 
ersteren gegeben ist. 

Da sich nicht feststellen lässt, wie groß das von einem Flächenelemente 
des Gesichtsfeldes infolge lokaler Abirrung bestrahlte Feld auf der Emp- 
fangsfläche der Netzhaut ist, und in welcher Weise z. B. das von jenem 
Elemente ausgehende Licht sich innerhalb der von ihm bestrahlten Gruppe 
von Zapfen um den mittleren stärkst bestrahlten verteilt, so müssen wir 
uns mit einer schematischen Erwägung der Frage begnügen, in welcher 
Weise trotz der ungenauen Abbildung der Außendinge die scharfen Umrisse 
der Sehdinge zu stände kommen können. 

Denken wir uns mit Helmholtz für jeden Punkt der von der Außen- 
welt bestrahlten Netzhautfläche die Stärke des ihn treffenden Lichtes durch 
eine, dieser Stärke proportionale Ordinate ausgedrückt, so wird durch die 
Gesamtheit dieser Ordinaten eine Fläche bestimmt, welche wir mit E. Mach 
als die Lichtintensitätsfläche oder Lichtfläche des Netzhautbildes 



256 Lehre vom Lichtsinn. 

bezeichnen können. Ein gleichmäßig lichtstarkes ebenes Außenfeld, welches 
durch eine scharfe Grenze von einem ganz finsteren Felde geschieden wäre, 
würde bei streng stigmatischer Vereinigung der von einem Punkte des 
ersteren Feldes kommenden Lichtes auf der als Ebene gedachten Empfangs- 
fläche eine zu derselben parallele Lichtfläche geben, deren Durchschnitt in 
Fig. 32 durch die Gerade ahc dargestellt sei. Wenn aber in Wirklichkeit 
jedem kleinsten Elemente des Außenfeldes ein kleiner Lichthügel mit relativ 
breiter Basis entspricht, so wird sich aus der Summation dieser elementaren 
Lichthügel auf der Netzhaut eine Lichtfläche ergeben, deren Querschnitt 
beispielsweise der Kurve ahdf entsprechen möge. Das Licht, welches theo- 
retisch genommen die leere Ecke hcd zu füllen hätte, erfüllt dann als 
falsches Licht die Ecke de f. 

Ganz ähnlich wird es sich verhalten, wenn ein lichtstärkeres Außen- 
feld an ein zwar nicht lichtloses, aber lichtschwächeres grenzt. Statt dass 
im Punkte c die höhere Lichtfläche ahc des Netzhautbildes senkrecht zu 

Fig. 32. 



der niederen efg abfällt, sinkt sie entsprechend der Kurve hdf nur all- 
mählich zu derselben hinab. Doch sei ausdrücklich betont, dass diese 
willkürlich entworfene Kurve höchstens insofern der Wirklichkeit ent- 
sprechen könnte, als sie anfangs langsam, dann schneller und schließlich 
wieder langsamer absinkt. 

Erinnern wir uns jetzt des in § 32 über den simultanen Grenzkontrast 
Mitgeteilten, wobei es sich ebenfalls um je zwei aneinander grenzende 
Flächen verschiedener Lichtstärke handelte, aber die lokale Abirrung des 
Lichtes noch nicht berücksichtigt zu werden brauchte. Wir sahen dort, 
dass die lichtstärkere Fläche nach der Grenze hin wegen des hier besonders 
starken Kontrastes eine ansteigende, die lichtschwächere eine absinkende 
HeUigkeit zeigen kann. Obgleich sich dies hauptsächlich als eine Folge des 
Nachkontrastes erwies, so fand es sich doch zuweilen unter besonders 
günstigen Umständen auch bei Ausschluss jeder Blickbewegung und daher 
als eine alleinige Folge der Wechselwirkung. Wenn aber im Netzhaut- 
bilde, wie soeben auseinandergesetzt wurde, infolge lokaler Abirrung die 



I 



§ 36. Die Entstehung scharfer Umrisse durch Wechselwirkung. 157 

Lichtstärke der lichtstärkeren Fläche in Wirklichkeit nach der Grenzlinie 
hin abnimmt und die der lichtschwächeren Fläche zunimmt, so müsste 
auch im Sehfelde die erstere Fläche eine nach der Grenze hin abnehmende 
und die andere Fläche eine zunehmende Helligkeit zeigen, falls dies nicht durch 
die Wechselwirkung der beiden Grenzbezirke vereitelt würde. Da diese auf 
die Helligkeiten entgegengesetzt wirkt, als wie die lokale Abirrung des 
Lichtes, so werden durch sie die Folgen der letzteren mehr oder weniger 
kompensiert. Könnte dies zureichend genau der Fall sein, so würden uns die 
beiden Flächen in der Nähe ihrer Grenze etwa ebenso erscheinen, wie es der 
Fall sein müsste, wenn es weder eine Abirrung des Lichtes noch eine Wechsel- 
wirkung, der Sehfeldstellen gebe. Das der Ecke hcd (Fig. 32) entsprechende 
Defizit an Licht im Netzhautbilde würde im Sehfelde durch einen ent- 
sprechenden Zuwuchs an Helligkeit, der der Ecke def entsprechende falsche 
Lichtzuwuchs durch einen negativen Helligkeitszuwuchs oder einen Dunkel- 
heitszuwuchs kompensiert. Übersteigt jedoch der Einfluss der Wechsel- 
wirkung das Ausmaß der Abirrung des Lichtes, so ergiebt sich die in § 32 
beschriebene Erscheinung eines simultanen Grenzkontrastes, d. h. eine nach 
der Grenzlinie hin zunehmende Helligkeit des lichtstärkeren und eine ab- 
nehmende des lichtschwächeren Feldes. Wenn dagegen infolge zu schwacher 
Beleuchtung und entsprechend geringer Größe der absoluten Lichtstärken 
das Ausmaß der Wechselwirkung zur beiläufigen Kompensation unzu- 
reichend wird (vgl. den VH. Abschnitt), so treten die Folgen der Abirrung 
des Lichtes mehr und mehr hervor und es zeigt sich eine nach der Grenz- 
linie hin abnehmende Helligkeit der lichtstärkeren und eine zunehmende der 
lichtschwächeren Fläche; die beiden Helligkeiten gehen sehr allmählich in- 
einander über, und ihre Grenze ist also verwaschen, wie sich dies auch 
bei unserem Versuche an dem Schachbrettmuster zeigte. 

Für die allgemein verbreitete Ansicht, dass die scharfen Umrisse der Seh- 
dinge der Schärfe des Netzhautbildes zu danken sind, wird man vielleicht auch 
die Autorität von Helmholtz anführen wollen. Allerdings sagt derselbe (I, S. 2<5; 
II, S. 2 55): »Es können lichte Punkte wahrgenommen werden, deren Netzhaut- 
bild sehr viel kleiner ist, als ein empfindendes Netzhautelement« und beruft 
sich dabei auf die Fixsterne. Wollte man diese Bemerkung wörtlich nehmen, 
so stände sie in auffallendem Widerspruche damit, dass Helmholtz selbst die 
Größe des Zerstreuungskreises zu berechnen versucht hat, welche ein mit ge- 
mischtem Lichte leuchtender Außenpunkt infolge der chromatischen Aberration 
auf der Netzhaut erzeugt, wenn das Auge für die »grüngelben Strahlen« akkom- 
modiert ist. Es ergab sich ihm ein Durchmesser des Zerstreuungskreises von 
0,0426 mm, der also »fast zehnmal größer ist als (nach damaliger Annahme) 
die Dicke der Zapfen« (I, S. 216; II, S. 257). Das Netzhautbild eines Fix- 
sternes, das »sehr viel kleiner« sein sollte als der Durchschnitt eines Zapfens, 
war also nur eine theoretische Fiktion. Richtig aber bleibt trotzdem, dass 
Helmholtz die Genauigkeit des Netzhautbildes sehr überschätzte. Dass von 
einem monochromatisch leuchtenden Flächenelemente, dessen Gesichtswinkel 



158 



Lehre vom Lichtsinn. 



gleich dem eines Zapfen quer Schnittes ist, bei vollkommener Akkommodation ein 
einziger Zapfen ausschließlich beleuchtet werden könne, hat er offenbar für mög- 
lich gehalten. Dass dies aber in Wirklichkeit nicht der Fall ist, geht daraus hervor, 
dass man das Undeuthchwerden der Konturen bei Herabsetzung der Beleuchtung 
in der oben beschriebenen Weise auch dann wahrnimmt, wenn man durch 
Farbenfilter blickt, welche ein angenähert monochromatisches Licht durchlassen. 
Das Gesichtsfeld muss dabei anfangs intensiv beleuchtet sein, entweder durch 
die unverhüllte Sonne oder ein sehr starkes künstliches Licht. Die chromatische 
Aberration macht also das Netzhautbild nicht viel verwaschener, als es schon 
bei monochromatischer Beleuchtung ist. 

Nach der Berechnung von Helmholtz würde infolge der chromatischen 
Aberration die Lichtfläche des Netzhautbildes einer gleichmäßig hchtstarken 
Außenfläche an ihrem Rande den in Fig. 3 3 durch die Kurve afg wieder- 
gegebenen Querschnitt haben (i, S. <35; 2, S. 167). Er geht dabei von der 
Voraussetzung aus , dass alle Strahlen gleicher W^ellenlänge eines Außenpunktes 
sich im Auge wieder in einem Punkte vereinigen, und zwar die Strahlen mitt- 
lerer Wellenlänge auf der für die Wahrnehmung des Lichtes wesentlichen Fläche 

der Netzhaut, die ich oben als 
Fig. 33. Empfangsfläche bezeichnete, die 

Strahlen ivleinerer Wellenlänge vor, 
diejenigen größerer Wellenlänge 
hinter dieser Fläche, so dass sie 
auf dieser Zerstreuungskreise bil- 
den. Die Kurve afg hat die Eigen- 
tümlichkeit, »dass sie in ihrer Mitte 
bei /", entsprechend dem wirklichen 
Orte des Randes , ganz steil ab- 
fällt«. »Dieser plötzliche Abfall der 
Helligkeit^) am Rande der Fläche 
macht« nach Helmholtz »für das 
Auge die Lage des Randes scharf 
erkennbar, wenn auch eine gewisse Menge Licht sich noch weiter verbreitet.« 
Hierzu bemerkte schon E. Mach, dass er nach seinen Erfahrungen über Kontrast- 
wirkungen »auch noch den Übergang (der Lichtflächej von konkav zu konvex und 
den Wendepunkt bei f für sehr wesentlich halte« (vgl. § 32, S. 140). Damit 
hat er zuerst darauf hingewiesen, dass die Wechselwirkung der Sehfeldstellen 
einen wesentlichen Anteil an der Bildung der Umrisse der Sehdinge hat. Er 
lässt dabei freilich die von Helmholtz angenommene stigmatische Vereinigung 
der von einem Außenpunkte kommenden Strahlen gleicher Wellenlänge gelten, so 
dass für das Sehen bei monochromatischer Beleuchtung diese Wechselwirkung 
betreffs der Konturenbildung keine wesentliche Rolle mehr spielen, sondern nur 
die S. 136 beschriebene Erscheinung eines Grenzkontrastes bewirken könnte. Ich 
glaube im Obigen gezeigt zu haben, dass dem Gedanken Mach's eine viel um- 
fassendere Bedeutung zukommt. 

Nach der Darstellung von Helmholtz würde von der theoretisch gefor- 
derten, senkrecht abfallenden Seitenwand de der Lichtfläche trotz der chroma- 
tischen Aberration doch noch der mittlere Teil (bei f) erhalten und als scharfe 
Grenze sichtbar sein, und nach Mach hätte dann der Kontrast nur noch die 




\) Unter Helligkeit versteht Helmholtz hier die Lichtstärke. 



§ 37. Das Gesetz der Induktion im somatischen Sehfelde. 159 

Abstumpfung der beiden Kanten zu korrigieren. Nach meiner Auffassung aber 
wird der Ort der im Abirrungsgebiet erscheinenden Grenze durch die Wechsel- 
wirkung mitbestimmt. Daher dieser Ort nicht notwendig mit dem theoretischen 
Orte der Grenzlinie zusammenfällt, sondern je nach den Umständen bald nach 
der einen, bald nach der anderen Seite davon abweicht, und bald die licht- 
stärkere, bald die lichtschwächere Fläche auf Kosten der anderen vergrößert 
erscheint. 



TU. Abschnitt. 

Zur Theorie der Wechselwirkung im somatischen Sehfelde. 

§ 37. Das Gesetz der Induktion. Wenn die Helligkeit bezw. 
Dunkelheit einer tonfreien Farbe des psychischen Sehfeldes von dem Ver- 
hältnisse zwischen der an korrelativer Stelle der Sehsubstanz bestehenden 
Dissimilation und Assimilation abhängt, so kann ein Hellerwerden der Farbe 
ebensowohl durch Steigerung der Dissimilation bei gleichbleibender Assimi- 
lation, als durch Minderung der letzteren bei unveränderter Dissimilation, 
als endlich auch durch eine passende gleichzeitige Änderung beider Kom- 
ponenten des Stoffwechsels bedingt sein. Analoges gilt mutatis mutandis 
für ein Dunklerwerden der Farbe. Schon deshalb wäre die Verdunkelung 
oder Erhellung einer Sehfeldstelle durch Nebenkontrast in sehr verschiedener 
Weise denkbar, wenn man die Kontrasterscheinungen ohne gleichzeitige 
Berücksichtigung der übrigen Leistungen des Lichtsinnes betrachten wollte. 
Je mehr man aber auch diese, die mit der Beleuchtungsstärke des Gesichts- 
feldes wachsende Deutlichkeit und Eindringlichkeit des Sehfeldinhaltes, die 
Simultananpassung, die Nachbilderscheinungen u. s. w. mit in Betracht zieht, 
desto mehr engt sich der Kreis der hier von vornherein denkbaren An- 
nahmen ein. Es würde viel Raum erfordern, wenn ich alle von mir auf 
ihre Brauchbarkeit durchprüften Hypothesen mitteilen bezw. ihre Zurück- 
weisung begründen wollte. Ich muss mich begnügen, eine Hypothese zu 
erörtern, welche das Wesentliche der hierher gehörigen Erscheinungen kurz 
zusammenzufassen, die einzelne Erscheinung daraus abzuleiten und das 
ganze Gebiet auch rechnerisch zu behandeln gestattet. 

Diese Hypothese geht davon aus, dass der Stoffwechsel jedes Einzel- 
teiles oder Elementes der Sehsubstanz auch den Stoffwechsel seiner Um- 
gebung mit beeinflusst, indem die Änderung des ersteren eine gegensinnige 
Änderung des letzteren herbeiführt; dass demgemäß auch umgekehrt der 
Stoffwechsel jedes Elementes mitbestimmt wird durch den jeweiligen Stoff- 
wechsel seiner Umgebung. Unter Umgebung eines Elementes ist hier das 
übrige Sehfeld insoweit zu verstehen, als sich in demselben die mit der 
Entfernung abnehmende Wirkung des Elementes noch merklich erstreckt, 
kurz der ganze Wirkungskreis des letzteren. Jedes innerhalb dieses 



IQQ Lehre vom Lichtsinn. 

Gebietes liegende Element vermag umgekehrt auch auf das erstgenannte 
Element zu wirken. 

Das Maßgebende für die Wirkung eines Elementes der Seh- 
substanz auf die Umgebung ist die Grüße des Unterschiedes 
zwischen seiner gleichzeitigen Dissimilation und Assimilation. 
Jedes Element, dessen Dissimilation größer ist als seine Assimilation {D^Ä)^ 
induziert in seiner Umgebung einen Zuwuchs zu derjenigen Assimilation, 
welche ohnedies hier stattfinden würde; jedes Element, dessen Assimilation 
grüßer ist als seine gleichzeitige Dissimilation {D<CÄ)^ induziert in der Um- 
gebung einen Zuwuchs zu der daselbst anderweitig bedingten Dissimilation. 
Hiermit soll zugleich ausgesprochen sein, dass ein Element der Sehsubstanz, 
in welchem Dissimilation und Assimilation gleichgroß sind, und also die 
Sehsubstanz unverändert verharrt, auch keinerlei Wirkung auf den Stoff- 
wechsel der Umgebung hat. 

Die induzierte Wirkung ist in unmittelbarer Nähe des induzierenden 
Elementes, also in den nächsten Nachbarelementen am stärksten, nimmt mit 
dem Abstände vom ersteren nach einem nicht näher bekannten Gesetze 
rasch ab, erstreckt sich aber vielleicht, wenn auch nicht sicher nachweis- 
bar, bis an die Grenzen des Sehfeldes. 

Aus dem Gesagten folgt, dass die Farbe des psychischen Sehfeldes in 
der Nähe einer Farbe von übermittler Helligkeit {W^ S) schwärzlicher 
(minder hell bezw. dunkler), in der Nähe einer Farbe von untermittler 
Helligkeit (W<^S) aber weißhcher (heller bezw. minder dunkel) ist, als 
ohne die erwähnte Induktion der Fall sein würde, während die Farbe von 
genau mittler Helligkeit [W=S)j das mittle Grau, ohne Einfluss auf die 
Farbe der Umgebung ist. 

Der D- oder A-Überschuss ist, wie im § 24 besprochen wurde, trotz 
gleicher Qualität [D : Ä) der Farbe bei verschiedenem Gewichte (D -f- Ä) 
derselben verschieden groß. Hieraus folgt, dass die Stärke der Induktion 
nicht lediglich durch die Helligkeit oder Dunkelheit der induzierenden Farbe, 
sondern auch durch das Gewicht derselben mit bestimmt wird. Bei glei- 
chem Gewichte wirkt allerdings eine Farbe um so stärker induzierend auf 
ihre Umgebung, je näher auf der ideellen Farbenlinie ihre Helligkeit dem 
absoluten Weiß, bezw. ihre Dunkelheit dem absoluten Schwarz liegt; bei 
gleicher Qualität (Helligkeit bezw. Dunkelheit) der Farbe aber wächst die 
Stärke der Induktion direkt proportional mit dem Gewichte der Farbe. 

Nach der üblichen Auffassung künnte von einer Kontrastwirkung nur 
zwischen zwei nach Helligkeit oder Dunkelheit verschiedenen Farben die 
Rede sein. Dementsprechend suchte Helmholtz die hierher gehürigen Er- 
scheinungen zu einem großen Teile daraus zu erklären, dass »wir geneigt 
sind, diejenigen Unterschiede, welche in der Anschauung deutlich und sicher 
wahrzunehmen sind, für grüßer zu halten als solche, welche entweder in 



§ 37. Das Gesetz der Induktion im somatischen Sehfelde. Ißl 

der Anschauung nur unsicher heraustreten oder mit Hilfe der Erinnerung 
beurteilt werden müssen« (1, S. 392 und 2, S. 543). Aber schon im § 28 
haben uns die Thatsachen zu dem Schlüsse geführt, dass auch gleichhelle 
tonfreie Farben sich gegenseitig beeinflussen können, weshalb es passender 
erschien, statt von Kontrast zwischen zwei Farben, von einer Wechsel- 
wirkung derselben zu sprechen. Die soeben gemachte und im folgenden 
noch weiter zu begründende Annahme, dass nicht nur die Helligkeit der 
tonfreien Farben, sondern auch ihr Gewicht, welches doch auf die Hellig- 
keit derselben keinen Einfluss hat, den sogenannten Helligkeitskontrast 
mit bestimmen kann, nötigt uns vollends, den Begriff der Kontrastwirkung 
hier viel weiter zu fassen, als dies üblicherweise geschieht. Demgemäß 
spreche ich unter Benutzung einer schon von Brücke angewandten Be- 
zeichnung von einer Induktion statt von einem simultanen Kontraste^:. 

Da jeder negative Zuwuchs, den die Dissimilation eines Elementes 
durch Induktion seitens seiner Umgebung erfährt, mit einem gleichzeitigen 
positiven Zuwuchs zur Assimilation verbunden ist, so wirkt hier die In- 
duktion auf doppelte Weise verdunkelnd, kurz gesagt als eine Dunkel- 
induktion. Erhält dagegen die Dissimilation des Elementes durch Induk- 
tion einen positiven Zuwuchs, womit sich stets ein negativer Zuwuchs zur 
Assimilation verbindet, so bedingt dies auf doppelte Weise eine Erhellung 
der Farbe und es besteht dann eine Hellinduktion. 

Der induzierte negative Zuwuchs zur Dissimilation ist nach meiner 
Annahme unter normalen Verhältnissen gleich groß wie der gleichzeitige 
positive Zuwuchs zur Assimilation, und ebenso ist der positive D-Zuwuchs 
gleich dem negativen ^4-Zuwuchs. Dabei ist also vorausgesetzt, dass alle 
übrigen Bedingungen eines normalen Verlaufes der Dissimilation und iVssi- 
milation erfüllt sind (vgl. § 24 S. 110 — 111). 

Jeden durch Induktion bedingten negativen oder positiven Zuwuchs 
zur Dissimilation oder Assimilation will ich im folgenden als ein Indukt 
bezeichnen. 

Das in einem Elemente p der Sehsubstanz eben bestehende Indukt ist 
das summarische Ergebnis der unzählbaren gleichzeitigen Wechselwirkungen, 
die zwischen diesem Elemente einerseits und sämtHchen Elementen seiner 
Umsebuns: andererseits stattfinden. Je nachdem in einem der letzteren ein 



\) In den Zeilen 6—10 der vorigen Seite (bzw. der letzten Seite der II. Lie- 
ferung dieser Grundzüge) fehlen die im folgenden berichtigten Texte gesperrt 
gedruckten Worte: »Jedes Element, dessen Dissimilation größer ist als seine 
Assimilation (Z)>J.), induziert in seiner Umgebung einen positiven Zuwuchs 
zu derjenigen Assimilation und einen negativen zu derjen igen Dissimila- 
tion, welche ohnedies hier stattfinden würde ; jedes Element, dessen Assimilation 
größer ist als seine gleichzeitige Dissimilation (Z)<J.), induziert in der Umgebung 
einen positiven Zuwuchs zu der daselbst anderweit bedingten Dissimilation 
und einen negativen zur Assimilation.« 

Hering, Lichtsinn. W 



162 Lehre vom Lichtsinn. 

I^-Überschuss {D^A) oder ein ^-Überschuss (D<^Ä) besteht, ist das 
durch die Wechselwirkung zwischen ihm und dem Elemente e in letzterem 
erzeugte Einzelindukt ein Dunkel- oder ein Hellindukt. Da in der Umge- 
bung eines Elementes hell- und dunkelinduzierende Elemente gleichzeitig vor- 
handen sein können, die in entgegengesetztem Sinne auf den Stoffwechsel 
des Elementes induzierend wirken und sich deshalb mehr oder weniger 
in ihrer Wirkung aufheben, so hat man sich das aus allen diesen Einzel- 
indukten erwachsende Gesamtindukt als die algebraische Summe 
sämtlicher Einzelindukte zu denken. Dasselbe möge mit J bezeichnet 
werden. 

Jedes Indukt, welches einen negativen Zuwuchs zur Dissimilation oder zur 
Assimilation bedingt, lässt sich als etwas die Dissimilation bzw. Assimilation 
minderndes, jedes einen positiven Zuwuchs bedingende Indukt als etwas den 
bezüglichen Teilprozess des Stoffwechsels förderndes auffassen. Steht einer dieser 
beiden Prozesse eines Elementes gleichzeitig unter einem solchen mindernden und 
einem fördernden Einflüsse, so heben sich die letzteren teilweise oder im beson- 
deren Falle ganz auf. Für die Rechnung verhalten sie sich daher wie negative 
und positive Größen, und ihre algebraische Summe ergiebt den tatsächlichen 
Wert des für das fragliche Element geltenden Gesamtinduktes /. Ehe aber 
dieses Gesamtindukt rechnerisch verwertet werden kann, ist es nötig, die Wechsel- 
wirkung zwischen nur zwei, vom ganzen übrigen Sehfelde unabhängig gedachten 
Elementen der Sehsubstanz theoretisch zu erörtern, was im nächsten Paragraphen 
geschehen soll. 

Jeder in einem Elemente der Sehsubstanz bestehende D-Überschuss 
bedingt eine absteigende Änderung der Wertigkeit des Elementes (vgl. § 23 
S. 1 04). Daher besagt das oben ausgesprochene Gesetz der Induktion zu- 
gleich, dass jede absteigende Änderung eines Elementes einer in seiner Um- 
gebung anderweit bedingten absteigenden Änderung entgegenwirkt und 
dieselbe entweder nur verlangsamt oder zum Stillstand bringt oder dieselbe 
sogar in eine aufsteigende verwandelt, eine in der Umgebung schon be- 
stehende aufsteigende Änderung aber beschleunigt, bezw. eine solche hervor- 
ruft, wenn an und für sich Gleichgewicht zwischen Dissimilation und 
Assimilation bestehen würde. Das Analoge gilt mutatis mutandis für ein 
induzierendes Element, in welchem ein ^-Überschuss und also eine auf- 
steigende Änderung stattfindet. 

Man könnte das Grau, welches dem Gleichgewichte zwischen Dissi- 
milation und Assimilation entspricht als die tonfreie Mittelfarbe, jede hellere 
Farbe als eine helle im engeren Sinne, jede dunklere F'^arbe als eine dunkle 
im engeren Sinne bezeichnen. Die eine Hälfte der tonfreien Farbenreihe 
würde hiernach sämtliche »helle«, die andere Hälfte sämtliche »dunkle« 
Farben enthalten. Jeder absteigenden Änderung einer Stelle des Sehsubstanz- 
feldes entspräche also an der korrelativen Stelle des psychischen Sehfeldes 
eine »helle«, jeder aufsteigenden Änderung eine »dunkle« Farbe der ton- 
freien Farbenreihe. Demnach verwandelt die Hellinduktion eine helle Farbe 



§ 38. Gegenseitige Induktion zweier Elemente der Sehsubstanz. 163 

in eine minderhelle oder in die Mittelfarbe oder sogar in eine dunkle, und 
von der Dunkelinduktion gilt das Gegenteil. 

Wie es möglich wird, dass der Stoffwechsel einer Stelle des somatischen 
Sehfeldes je nach seiner Art und Größe mitbestimmend wirkt auf Art und Größe 
des Stoffwechsels der Umgebung, wissen wir nicht. Als ein anatomisches 
Substrat für die Bahnen solcher Wirkung bietet sich uns sowohl im Gehirn als 
in der Netzhaut der histologische Zusammenhang ihrer Nervenelemente dar. Auf 
einen solchen hat bereits im Jahre 18 65 E. Mach hingewiesen, als er sich 
auf Grund seiner Kontrastversuche der Annahme einer Wechselwirkung der 
Netzhautstellen anschloss (13, I. S. 3 1 7). 

Vorerst handelt es sich aber noch nicht darum, diese Wechselwirkung selbst 
zu erklären, sondern darum, aus der Annahme einer solchen die Thatsachen zu 
erklären. Es war also zunächst das Gesetz zu suchen, nach welchem die so- 
matischen Sehfeldstellen sich gegenseitig in ihrem Lebensprozesse als dem 
physischen Korrelate der Farben beeinflussen. Der besonders von Helmholtz 
gemachte Versuch, die hierher gehörigen Thatsachen ohne Rücksicht auf das 
somatische Geschehen unter ein brauchbares Gesetz zu bringen, ist gescheitert. 

§ 38. Die gegenseitige Induktion zweier Elemente der Seh- 
substanz. Nach unserer Annahme ist der gegenseitige Abstand zweier 
Empfangselemente der Netzhaut maßgebend für die gegenseitige Ab- 
hängigkeit der denselben zugeordneten Elemente der Sehsubstanz, derart 
dass mit jenem Abstände diese Abhängigkeit nach einem uns unbekannten 
Gesetze abnimmt. Jedem räumlichen Abstände zweier Empfangselemente 
der Netzhaut entspricht sozusagen ein bestimmter funktioneller Abstand 
der zugeordneten Elemente der Sehsubstanz. 

Wir wollen uns zunächst zwei Elemente e und e von gleichem Gehalt 
an Sehsubstanz denken, die zwar untereinander in Wechselwirkung ständen, 
aber von dem Geschehen in allen übrigen Elementen des Sehsubstanzfeldes 
ganz unabhängig wären, und wollen die jeweilige Größe ihrer Dissimilation 
mit D und 2>, die der Assimilation mit Ä und A bezeichnen. Der durch 
D — A ausgedrückte Oberschuss oder Unterschied im Elemente e induziert 
in e das Indukt i, der Überschuss oder Unterschied D — A im Elemente e 
induziert in e das Indukt i. 

Die tonfreie Dissimilation und Assimilation finden gleichzeitig in der- 
selben Substanz statt und sind also nicht derart gegensätzhch, dass das 
Bestehen der einen das gleichzeitige Bestehen der anderen ausschlösse. 
Wohl aber schließt selbstverständlich ein eben bestehender D-Überschuss 
einen gleichzeitigen J.-Überschuss aus und umgekehrt. Dementsprechend 
kann man zwar zu rechnerischem Zwecke einen D-Überschuss als 
einen positiven, einen JL-Überschuss als einen negativen Über- 
schuss oder Unterschiedswert bezeichnen und auf diese Weise 
Gleichungen entwickeln, welche für Dunkel- und Hellinduktion zugleich 
gelten, nicht aber darf man die Assimilation selbst als eine ne- 
gative Dissimilation in die Rechnung einführen. 

41* 



164 Lehre vom Lichtsinn. 

Die Grüße des Induktes i oder i ist nach meiner Annahme 
unter normalen Umständen der des induzierenden Überschusses 
(Unterschiedes) direkt proportional und beträgt einen, je nach dem 
gegenseitigen Abstände der beiden Elemente verschiedenen, äußerst kleinen 
Bruchteil des induzierenden Oberschusses. Dieser bei gegebenem Abstände 
konstante Bruchteil möge als der für den funktionellen Abstand der beiden 
Elemente gültige Induktionskoeffizient mit /^ bezeichnet werden. Dem- 
entsprechend ist 

im Elemente e: im Elemente e: 

i = k(jy — A) i = k(D-A] (1) 

Die Dissimilation und Assimilation eines Elementes würde, wenn es 
keine Induktion gäbe, nur durch seine Wertigkeit und den jeweiligen 7>-Reiz 
bestimmt sein, wie dies in § 23 dargelegt wurde. Es wurde dort die 
lediglich von der Wertigkeit abhängige autonome Dissimilation eines 
Sehsubstanzelementes mit ^, seine autonome Assimilation mit a bezeichnet. 
Die autonome Dissimilation drückte zugleich die jeweilige 7) -Erregbarkeit 
des Elementes gegenüber einem D-Reize aus, und es ließ sich deshalb der 
Zuwuchs, den die autonome Dissimilation durch den Reiz r erhält, gleich 
ör setzen i). Wären also die beiden Elemente e und e in ihrem Stoffwechsel 
voneinander unabhängig, so würden für ihre Dissimilation und Assimilation 
folgende Gleichungen gelten: 

I)=.Ö-i- dr 1> = d' -f (fr 

Ä= a A = a 

Infolge der gegenseitigen Induktion ändern sich diese Werte der 
Dissimilation und Assimilation, und wir müssen die Indukte i und i mit in 
Rechnung bringen. Demnach ist 

Dc=ö-\-dr — i j)=(f-{-ör — i] 

A = a -\-i A = ci -\- i J ^ ' 

D — Ä= d ~ a -i- ör — 'Z i D~A=ö — a-i- ör — 2 i 

Aus diesen Gleichungen und den oben angeführten Gleichungen (1) 

i = k (D ~A) i = k{D — Ä) 

lässt sich der Wert von i bezw. / ableiten, dem ich im Hinblick auf Spä- 
teres folgenden Ausdruck geben will: 
k 



- 4^2" [(^ - « - 2 Mc5 - «)] + 4-^^-, {ör - 2 k ör) 

L-4^2-[(^"-«-2M^-«)]+|_^^,,(c5r~2/.d>) 



(3; 



Innerhalb der Grenzen der normalen Stoffwechselbedingungen lässt sich, 
wie in § 2 3 besprochen wurde^ die Summe der autonomen Dissimilation und 



\) J" ist hier nicht als Variationszeichen, sondern als Faktor anzusehen. 



§ 'iS. Gegenseitige Induktion zweier Elemente der Sehsubstanz. 165 

Assimilation eines Sehsubstanzelementes als eine Konstante betrachten, die ich 
behufs bequemer Darstellung gleich 2 setzte. Hiernach ist die jeweilige Wertig- 
keit der Sehsubstanz schon durch den Wert von ö oder « allein gekennzeichnet, 
und man kann in obiger Gleichung d — cc durch 2 {ö — I ) und ö — « durch 
2 (ö — i ) ersetzen. Diese sowie die anderen möglichen Umformungen der 
Gleichungen lasse ich unberücksichtigt. 

Wären also die Wertigkeiten und die Reize der beiden Elemente e 
und e sowie der für ihren funktionellen Abstand geltende Induktionskoeffi- 
zient k gegeben, so ließe sich aus obigen Gleichungen für jedes der beiden 
Elemente die Größe seines Induktes ableiten. 

Auf Grund der Gleichungen (2) 

würden sich dann auch die Grüßen der Dissimilation und Assimilation jedes 
Elementes und daraus wieder (vgl. § 22 S. 103) die tonfreien Farben und 
Helligkeiten der zugehörigen Stellen des psychischen Sehfeldes ergeben. 

Je nachdem aus Gleichung (3) für das Indukt i ein positiver oder nega- 
tiver Wert folgt, bestände für das Element e eine Dunkel- oder eine Hellinduk- 
tion. Ist nämlich i eine negative Größe, so ergiebt sich, dass 

D = ö-^dr—[—i) 
.4 = « + (— i) 

und dass also die Dissimilation einen positiven, die Assimilation einen negativen 
Zuwuchs durch die Induktion erhält, woraus für die korrelative Farbe ein Hellig- 
keitszuwuchs folgt. Das Analoge gilt für das Element e. 

Wie die Gleichung (3) lehrt, setzt sich der Wert des Induktes i (bezw. i) 
aus zwei Teilen zusammen, deren erster, im folgenden mit Iq bezeichneter, 
das endogene Teiiindukt genannt werden kann, weiter, abgesehen von 
dem Induktionskoeffizienten /j, nur von der, durch die Wertigkeit bedingten 
Größe der autonomen Dissimilation und Assimilation der beiden Elemente 
abhängt. Wenn das Auge ganz unbelichtet, und also die Reize r und r 
gleich Null wären, so würde dieses endogene Teiiindukt allein die Größe 
des Induktes i bestimmen. Für das unbelichtete Auge wären also 



t =^ i 



k 



■l = tn = 



\{ö — a — 2k(ö — a)\ 



[4) 



und für den Fall, dass beide Elemente dieselbe Wertigkeit hätten, wäre 

Das endogene Indukt wäre also in beiden Elementen gleich und proportional 
zum ünterschiedswerte ö — a. 



-^Qß Lehre vom Lichtsinn. 

Der zweite im folgenden mit *,. oder i^ bezeichnete Teil von l oder i 
möge das exogene Teilindukt heißen, weil sein Wert mit von den beiden 
Reizen r und r abhängig ist. Bei unveränderten Wertigkeiten der beiden 
Elemente, aber geänderten Reizwerten ist also nur das exogene Teilindukt 
geändert. Für dasselbe gilt die Gleichung 

k 

[ör — ^ k ör) 



^ 1 — 4 Ä:2 



(5) 



Im Hinblick auf die weiteren Erörterungen sei noch hervorgehoben, 
dass sich aus der letzteren Gleichung u. a. folgende Sätze ergeben: 

l. Je größer der eigene D-Reiz des einen Elementes im Vergleiche mit 
dem D-Reize des anderen ist, desto kleiner ist sein eigenes exogenes 
Indukt und desto größer das exogene Indukt im anderen Elemente. 

n. Ein positiver (bezw. negativer) Zuwuchs zum D-Reize des einen Ele- 
mentes bedingt in diesem einen proportionalen negativen (bezw. 
positiven) Zuwuchs zu seinem exogenen Indukt und einen posi- 
tiven (bezw. negativen) Zuwuchs zum exogenen Indukte des anderen 
Elementes. 

III. Wenn beide D-Reize im gleichen Verhältnisse vergrößert oder ver- 
kleinert sind, so ist auch das exogene Indukt in beiden Elementen in 
demselben Verhältnis vergrößert oder verkleinert. 

IV. Wenn die beiden Reize gleiche Größe r haben, so verwandelt sich 
die Gleichung (5) in 

'V = (tT,.f(^-^*<') 
*V = (4z:^)'-(^--2^'» 

In jedem der beiden Elemente ist dann das exogene Indukt propor- 
tional zum gemeinsamen Reize r. 
V. Wenn die Wertigkeit der beiden Elemente gleich ist, so verwandelt 
sich Gleichung (5) in 

v = (t4i;^)<'(^-2'-) 

Dann ist in beiden Elementen das Indukt proportional zur Wertigkeit ö. 
VI. Ist nicht nur die Wertigkeit, sondern auch der D-Reiz in beiden 
Elementen gleichgroß, so ergiebt sich 

V = ir = (t^u) ^ '• 



§ 39. Induktion zwischen einem Element und dem Gesamtfelde. 167 

Das exogene Indukt ist dann in beiden Elementen das gleiche und 
proportional zu ihrer Wertigkeit und ihrem D-Reiz. 

Der infolge einer Änderung der Netzhautbeleuchtung unter Mitwirkung 
der Induktion eintretende neue Zustand der Sehsubstanz bedarf einer ge- 
wissen, wenn auch kurzen Zeit zu seiner Herstellung. Steigt oder sinkt 
der D-Reiz eines Elementes und damit zugleich der, die Stärke der Induk- 
tion bestimmende Unterschiedswert D — A sehr schnell, so kann sich, wie 
später zu erörtern sein wird, das durch die Gleichung ausgedrückte Indukt 
in merklicher Weise oszillatorisch entwickeln. Immer vergeht eine gewisse 
kleine Zeit, bis die Sehsubstanz auf den, der geänderten Netzhautbelichtung 
entsprechenden neuen Zustand eingestellt ist^). Freilich ist auch diese 
Einstellung eine nur vorübergehende. Denn jedes Überwiegen der Dissi- 
milation über die Assimilation ist mit einer Abnahme, jedes Überwiegen 
der Assimilation mit einer Zunahme der Wertigkeit verbunden. Der unter 
Mitwirkung der Induktion entstandene neue Zustand ist daher auch bei 
unveränderter Fortdauer der neuen Belichtung kein beständiger. 

§ 39. Die Induktion zwischen einem Element und dem 
Gesamtfelde der Sehsubstanz. Der im letzten Paragraphen ange- 
nommene Fall einer gegenseitigen Induktion zwischen zwei Elementen, die 
unabhängig von allen übrigen lediglich unter sich in Wechselwirkung stän- 
den, kann zwar in Wirklichkeit nicht vorkommen 2)^ giebt aber eine Grund- 
lage für die Untersuchung der Induktion zwischen einem Elemente einerseits 
und dem es umgebenden Gesamtfelde andererseits, welche Untersuchung 
uns die Erklärung der im III. und V. Abschnitte beschriebenen Tatsachen 
ermöglichen soll. 

Die folgenden Erörterungen behalten ihre Gültigkeit auch dann, wenn 
die von einem Elemente ausgehende Wirkung sich nicht bis an die äußerste 
Grenze des Gesamtfeldes erstreckte, und also jedem Elemente nur ein mehr 
oder weniger begrenzter Wirkungskreis zukäme. 

Ein Element e steht gleichzeitig mit allen übrigen in ähnlicher Wechsel- 
wirkung, wie mit dem im vorigen Paragraphen allein in Betracht gezogenen 



i) Schon bei Besprechung der Erscheinungen des reinen Simultankontrastes 
habe ich betont, dass man z.B. die Deckblätter von den auf Tafel II dargestellten 
Kontrastbildern nicht allzuschnell wegziehen soll. 

2) Selbst wenn keinerlei Abirrung des Lichtes [vgl. § 33) bestände und es 
dementsprechend möglich wäre, dass nur zwei Elemente der Empfangsfläche 
Licht empfingen und nur zwei Elemente der Sehsubstanz gereizt würden, und 
wenn zugleich alle übrigen Elemente mittelwertig wären, und daher von 
vornherein in ihnen weder D- noch J.-Überschüsse beständen, würden doch die 
beiden allein gereizten Elemente den Stoffwechsel ihrer Umgebung durch Induk- 
tion ändern und diese Änderungen wieder auf sie selbst zurückwirken müssen. 
Demnach wäre der im vorigen Paragraphen gesetzte Fall auch dann nicht ver- 
wirklicht. 



168 Lehre vom Lichtsinn. 

Elemente e, jedoch mit dem Unterschiede, dass seinen mannigfach A-er- 
schiedenen funktionellen Abständen von den übrigen Elementen ebenso 
mannigfach verschiedene Induktionskoeffizienten {k] entsprechen, und dass 
jedes der übrigen Elemente, ebenso wie das Element e selbst, wieder von 
sämtlichen Elementen der Sehsubstanz durch Induktion beeinflusst wird. 
Es erteilt und empfängt jedes Element soviele Einzelindukte, als Elemente 
außer ihm vorhanden sind, und aus der algebraischen Summation aller 
dieser Einzehndukte entsteht in jedem Element das Gesamtindukt J, 
dessen Größe in den einzelnen Elementen gleichzeitig verschieden sein kann. 
Letzteres folgt unter gewöhnlichen Umständen schon aus der A^erschieden- 
heit der jD-Reize, welche gleichzeitig auf die verschiedenen Elemente wirken, 
anderenteils ist es durch die Verschiedenheit ihrer jeweiligen Wertigkeit 
bedingt. Ganz besonders die Reize und Wertigkeiten der Nachbarn eines 
Elementes werden für die Größe seines Gesamtinduktes maßgebend sein. 

Somit tritt jetzt an die Stelle des minimalen Induktes «', das dem 
Elemente e zukam, als wir es lediglich mit dem Elemente e in Wechsel- 
wirkung und von allen übrigen unabhängig dachten, das Gesamtindukt J, 
und für die Dissimilation und Assimilation jedes Elementes gelten nunmehr 
nach Analogie der Gleichung (2) in § 38 die Gleichungen 

D = ^~ -j- dr — J und Ä = cc -^ J 

Aus diesen Gleichungen würden sich dann auch für die korrelative 
Stelle des psychischen Sehfeldes die Gleichungen für die daselbst erschei- 
nende Farbe sowie für die Helligkeit und das Gewicht der Farbe ableiten 
lassen. Denn wie früher (S. 34 1) und 1 03) dargelegt wurde, lässt sich 
durch das Verhältnis zwischen der in einem Element der Sehsubstanz 
eben stattfindenden Dissimilation und Assimilation [D : A) die Qualität {W: S) 
der korrelativen tonfreien Farbe eindeutig bezeichnen, desgleichen durch 

die Weißlichkeit oder Helliijkeit | --^ | und durch I) + .1 das 

D -{- Ä ^ \ W-h S f 

Gewicht ( W -j- S) der Farbe. 

Ebenso wie wir uns im vorigen Paragraphen das im Elemente e durch 
die Induktion seitens des Elementes e bedingte Einzelindukt i in einen 
endogenen Teil Iq und einen exogenen i^, zerlegt dachten, lässt sich auch 
das summarische Gesamtindukt / als aus Jq und J^ bestehend ansehen. 
Jq ist das endogene Gesamtindukt, d. h. die algebraische §umme der sämt- 
hchen minimalen endogenen Einzelindukte, welche das Element von allen 
anderen Elementen empfängt, und analogerweise ist J,. das exogene Ge- 
samtindukt, d. h. die algebraische Summe aller für das Element geltenden 
exogenen Einzelindukte. Während J^ lediglich von den im allgemeinen 

i) Auf S. 34 Z. 3 u. 5 von unten ist statt des F ein H zu setzen. 



§ 40. Einfluss der Induktion auf die Eigenhelligkeit des Sehorganes. 169 

verschiedenen Wertigkeiten der anderen Elemente abhängt, ist /,. zugleich 
von sämtlichen im fraglichen Zeitpunkt auf diese Elemente wirkenden 
D-Ke'izen abhängig. 

Da also / = Jg -{- /,., so ist 

D = d -\- ör — Jg — Jj., und A = a -{- Jg -\- /,. . 

Hiernach ist auch die Dissimilation und Assimilation in je einen endo- 
genen Teil Dg bezw. Äg und einen exogenen Teil D,. bezw. A,. zerlegbar, 
und zwar ist t^ ^ t . 

Dg=Ö — Jg Ag = C(-{-Jg 

und 
D,= d,-J, A, = J,. 

Die jeweilige Größe der Dissimilation und Assimilation aber ergiebt 
sich aus 

D = Dg-{-d,.— J, und A=^Ag-i-J,.. 

Wäre also für ein beliebiges Element der Sehsubstanz die Wertigkeit, 
der es treffende D-Reiz und das ihm zukommende endogene und exogene 
Gesamtindukt gegeben, so wäre hieraus für die bezügliche Stelle des psy- 
chischen Sehfeldes die Farbe F, deren Helligkeit H und Gewicht G aus 
folgenden Gleichungen ableitbar: 

F oder W : S={Dg-{- Ör ~ J^):{Ag-\- J, 

W-i- .S d 4- « + (5r 
oder wenn wir wieder ö + « = 2 setzen (vgl. S. 1 05) 

2 -i-dr ^ ' 

G^=2 4-()r. 

Das Gewicht der tonfreien Farbe einer Sehfeldstelle ist also unab- 
hängig von den in der Sehsubstanz eben bestehenden Induktionen und eine 
lineare Funktion des Produktes aus der Wertigkeit und dem D-Reize des 
bezüglichen Elementes der Sehsubstanz. 

§ 40. Der Einfluss der Induktion auf die Eigenhelligkeit 
des Sehorganes. Nach der hier entwickelten Theorie der Induktion wirkt 
nicht die Bestrahlung des Sehepithels als solche induzierend, sondern der 
Stoffwechsel der Sehsubstanz, der zwar unter Vermittlung des Sehepithels 
durch das Licht verändert wird, aber auch bei Ausschluss jedes äußeren 
Reizes fortwährt. Verhielte es sich anders, so könnte im unbelichteten 
Sehorgane keine Induktion stattfinden. Dass aber auch da Induktionen 
erfolgen, solange die Sehsubstanz noch nicht allenthalben in den Zustand 
der Mittel Wertigkeit zurückgekehrt ist, lehren uns die später zu besprechen- 
den Nachwirkungen der Bestrahlunsr im verfinsterten Auge. 



170 Lehre vom Lichtsinn. 

Zu diesen gehört auch folgende Erscheinung: Wenn wir einige Zeit 
hindurch den Augen eine weitausgedehnte Fläche von überall möglichst 
gleicher Lichtstärke, z. B. eine weiße, nicht von der Sonne beschienene 
Zimmerwand dargeboten oder im hellen Zimmer sitzend vor jedem Auge 
ein gut angepasstes halbkugelig geformtes Mattglas oder Milchglas ge- 
tragen haben, und nachher die Augen lichtdicht bedecken, so sind zunächst 
alle Teile der Sehsubstanz im Zustande mehr oder minder großer Unter- 
wertigkeit und es besteht überall ein entsprechender ^-Überschuß. Gäbe 
es jetzt keine Induktion, so wäre in allen Elementen der Sehsubstanz die 
Dissimilation und die Assimilation lediglich eine autonome, die Eigenfarbe 
jeder Stelle des Sehfeldes wäre nur durch das Verhältnis d'-a, und die 

V V 

Helligkeit dieser Farbe durch ^,— - — = — bestimmt. Infoke der Induktion 

o -j- « 2 

seitens seiner Umgebung aber erhält das Element das endogene Gesamt- 

indukt J"o, welches, da überall ein ^-Überschuss besteht, ein Hellindukt 

ist. In jedem Elemente ist daher D = d -\- Jq, ä = a — /(,, und die der 

korrelativen Stelle des psychischen Sehfeldes eigene Helligkeit H= — -^ 

oder .^ , also, da /^ ein Hellindukt ist, größer, als sie ohne die In- 

duktion sein würde. 

In der That sehen wir unter den eben erwähnten Umständen nach 
der Verfinsterung der Augen keineswegs ein tiefes Schwarz, wie dies nach 
der üblichen Ermüdungslehre zu erwarten wäre, sondern die Eigenfarbe 
unseres Auges ist jetzt nur mehr oder weniger schwärzlich-grau und wird 
weiterhin nicht etwa dunkler, sondern noch heller. 

Hat man die Augen vor ihrer Verfinsterung ungewöhnlich stark be- 
lichtet, z. B. die Himmelsfläche oder eine besonnte Mauer- oder Schnee- 
fläche betrachtet, so sind die Bedingungen des gewöhnlichen Sehens mit 
helladaptiertem Auge überschritten, und es können später zu besprechende 
außergewöhnliche Erscheinungen auftreten. 

Nach der üblichen Ansicht wäre das offene Auge tagsüber in einem 
Ermüdungszustande, der einen um so höheren Grad hat, je stärker die 
Beleuchtung der uns umgebenden Dinge ist. Der stetige »innere Licht- 
reiz«, welcher auch bei gänzlicher Verfinsterung unverändert fortbestehen 
soll, müsste dann wegen der sehr herabgesetzten »Erregbarkeit« der Netz- 
haut eine so schwache »Erregung« derselben bewirken, dass die Eigen- 
farbe jenem absoluten Schwarz sehr nahe kommen müsste, welches nach 
dieser Lehre dem Fehlen jeder »Erregung« entsprechen würde. Dies ist, 
wie gesagt, nicht der Fall. 

Durch die beschriebene wechselseitige Hellinduktion im reizfreien unter- 
wertigen Sehsubstanzfelde wird die aufsteigende Änderung der Sehsubstanz 



§ 4i. Beziehungen zwischen Helligkeit der Sehdinge und Gesamtbeleuchtung. 171 

verlangsamt und letztere erreicht die Mittelwertigkeit später, als wie dies 
ohne Induktion der Fall sein würde. In dem Maße aber, als die anfäng- 
liche Unterwertigkeit sich wieder vermindert, wird auch die Eigenhelligkeit 
wieder grüßer und nähert sich der Helligkeit des mittlen Grau, durch wel- 
ches die Mittelwertigkeit charakterisiert ist. 

§ 41. Die Beziehungen zwischen den Helligkeiten der Seh- 
dinge und der Gesamtbeleuchtung der sichtbaren Außendinge» 
Es ist anzunehmen, dass das Licht nur deshalb ein Reiz für die Seh- 
substanz ist, weil es im Sehepithel teilweise absorbiert wird, und dass 
daher nur ein in andere Energieart umgesetzter Teil der Strahlungsenergie 
als JD-Reiz r in Rechnung kommt. Die Menge der absorbierten Energie 
ist von der jeweiligen Beschaffenheit und Menge des absorbierenden Em- 
pfangstoffes abhängig und zur Energie der auffallenden Strahlung pro- 
portional. Hiernach lässt sich mit Wahrscheinlichkeit auch der D-Reiz 
zur Lichtstärke der bezüglichen Netzhautbildstelle proportional setzen, 
welche Lichtstärke bei gleicher Pupillenweite wieder zur Lichtstärke des 
auf der Netzhautstelle abgebildeten Außendinges proportional ist. 

Infolge dieser durchgängigen Proportionalität giebt uns die in § 39 
entwickelte Gleichung 



H^ 



Dq 4- dr — J^ 



2 4- ()> 

Aufschluss über die Art der Abhängigkeit der Helligkeiten im psychischen 
Sehfeld sowohl von den Lichtstärken im Netzhautbilde, als zugleich auch 
von den Lichtstärken der abgebildeten Außendinge, oder wie man zu sagen 
pflegt, über den Zusammenhang zwischen »objektiver« und »subjektiver« 
Helligkeit. 

Man denke sich ein bei wiederholter Betrachtung in allen räumlichen 
Beziehungen unverändertes Gesichtsfeld, das nur aus nicht selbstleuchtenden 
Dingen von gleichbleibendem Remissionsvermögen (vgl. § 16) besteht, dazu 
eine unverändert bleibende Lage des Auges und eine Gesamtbeleuchtung, 
die nur in ihrer Stärke, nicht aber in der Art ihrer Verteilung über das 
Gesichtsfeld veränderlich ist, so dass die Lichtstärken aller Teile desselben 
stets in gleichem Verhältnis zu- oder abnehmen, wenn die Gesamtbeleuch- 
tung zu- oder abnimmt. Ein solches Gesichtsfeld, in dem also auch die 
Verhältnisse zwischen den Lichtstärken seiner Einzelteile bei wiederholter 
Betrachtung immer wieder dieselben wären, möge als ein stabiles be- 
zeichnet werden. Auch das Gesamtnetzhautbild eines solchen Gesichtsfeldes 
ist insofern ein stabiles, als die Verhältnisse zwischen den Lichtstärken seiner 
Einzelteile sowohl von der Stärke der Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes, 
als auch von der jeweiligen Pupillenweite, kurz gesagt, von der Stärke der 
Gesamtbeleuchtung der Netzhaut unabhängig und also stabil sind. 



172 Lehre vom Lichtsinn. 

Insoweit der i)-Reiz, den eine Strahlung unter Vermittlung der Em- 
pfangschichte der iNetzhaut auf die Sehsubstanz ausübt, bei gleichbleibender 
Empfänglichkeit zur Energie der Strahlung proportional ist, entspricht der 
Stabilität der Lichtstärkenverhältnisse im Netzhautbilde auch eine Stabilität 
der Reizstärkenverhältnisse. Dabei können wegen Verschiedenheit der Em- 
pfänglichkeit der einzelnen Netzhautstellen die Verhältnisse der Z)- Reizstärken 
andere sein als die Verhältnisse der Lichtstärken; es kommt hier nur darauf 
an, dass erstere bei jeder Stärke der Gesamtbeleuchtung dieselben bleiben. 

In § 38 (S. 166, III) wurde für zwei Elemente e und e der Sehsubstanz, 
die betreffs der Induktion lediglich voneinander abhängig wären, dargelegt, 
dass, wenn bei unveränderten Wertigkeiten [6 und 6) der beiden Elemente 
die Stärken ihrer beiden Z)-Reize (r und r) im gleichen Verhältnisse ge- 
ändert wären, das exogene Indukt jedes Elementes in demselben Verhältnis 
vergrößert oder verkleinert wäre, in welchem die beiden Reize vergrößert 
oder verkleinert sind. Das Analoge muss nun auch für das in § 39 
besprochene exogene Gesamtindukt J,. jedes Elementes gelten, 
weil Jy, die algebraische Summe sämtlicher exogenen Einzel- 
indukte des Elementes ist. Es wird also, wenn die D-Reize sämt- 
licher Elemente der Sehsubstanz in gleichem Verhältnisse geändert sind, 
in demselben Sinne und Verhältnisse auch das exogene Gesamtindukt jedes 
Elementes geändert sein. Mit anderen Worten: Die Größe des exo- 
genen Gesamtinduktes (/^) eines Elementes ist bei stabilem Ge- 
sichtsfelde proportional zur Gesamtbeleuchtung der Netzhaut, 
wenn zugleich auch das somatische Sehfeld ein stabiles ist, 
d. h. die Empfänglichkeiten aller Einzelteile der Empfangschichte und die 
Wertigkeiten aller Teile des Sehsubstanzfeldes unverändert sind. 

Unter solchen Umständen haben also die Werte von r und Jy als 
proportional zur Stärke der Gesamtbeleuchtung der Netzhaut zu gelten, 
und ist deshalb das Verhältnis zwischen r und /,. ein unver- 
änderliches. Bezeichnen wir durch n den Koeffizienten, mit w^elchem 
wir den Wert von ^r versehen müssen, um den Wert von J,. auszu- 
drücken, so ist Jy = ndr und ör — Jy = ör (1 — w), wobei zu bemerken 
ist, dass der Wert von n nie auf o herabsinken könnte, weil dies das 
Fehlen jeder Induktion bedeuten würde und nie bis auf 1 ansteigen könnte, 
weil damit gesagt wäre, dass die Dissimilation trotz gegebenem D-Reiz r 
keinen Zuwachs erfahre. 

Die in § 39 S. 168 entwickelten Gleichungen für die Assimilation und 
Dissimilation, die Farbe F und ihre Helligkeit //verwandeln sich nunmehr in 
die Gleichungen ^ _ D^^{-Sr (I —n); A = .4^ + nör 

F-^[Do-^ör(\-n}]:[Ä, + nör] 



§41. Beziehungen zwischen Helligkeit der Sehdinge und Gesamtbeleuchtung. 173 

Aus der letzten Gleichung ist ersichtlich, dass in dem besonderen 

Falle, wo ^^' = 1 — n ist, die Helligkeit unter den genannten Umständen 

ganz unabhängig von r und also auch von der Gesamlbeleuchtung der 
Netzhaut wird und, da Do = ö — Jq ist, nur noch durch die Wertigkeit 
des fraglichen Elementes und das von den gleichzeitigen Wertigkeiten 
aller übrigen Sehfeldelemente abhängige endogene Gesamtindukt Jq be- 
stimmt wird. 

Diese durch ^ ausgedrückte Helligkeit ist also dieselbe, welche an 

der fraglichen Stelle auch dann gesehen würde, wenn die Netzhaut ganz 
unbelichtet wäre, d. h. sie ist die eben bestehende Eigenhelligkeit 
des fraglichen Elementes der Sehsubstanz, sofern außer dem Lichte 
auch jeder zufällige, nichtoptische Reiz ausgeschlossen ist. Während aber 
bei unbelichteter Netzhaut das Gewicht der jeweiligen Eigenfarbe nur 
= (5 + ") d. h. =2 wäre, ist das Gewicht der nach Qualität und Hellig- 
keit gleichen Farbe, welche uns im besprochenen Falle bei offenem Auge 
an der bezüglichen Stelle des Gesichtsfeldes erscheint = 2 -|- dr. 

In jedem stabilen Gesichtsfelde kann es also, gleichbleibende 
Empfänglichkeiten und Wertigkeiten im somatischen Sehfelde 
vorausgesetzt, eine oder auch mehr Stellen geben, deren Hellig- 
keit von der jeweiligen Stärke der Gesamtbeleuchtung des Ge- 
sichtsfeldes und der Netzhaut unabhängig ist, und die uns des- 
halb bei jeder beliebigen schwachen oder starken Gesamtbe- 
leuchtung in derselben Helligkeit erscheinen, sofern die Stärke 
der Beleuchtung nicht etwa das Leistungsvermögen unseres Sehorganes 
überschreitet. 

Aus der Gleichung D^-f^,. (i_ ,,) 

ergibt sich ferner, dass, wenn 1 — n kleiner als -^ ist, die Helligkeit 

der tonfreien F^arbe, in der wir die bezügliche Stelle des sta- 
bilen Gesichtsfeldes sehen, umso kleiner und also ihre Dunkel- 
heit umso grüßer ist, je stärker die Gesamtbeleuchtung der 

Netzhaut ist, und dass nur dann, wenn 1 — n größer als -y ist, 

mit der größeren Stärke dieser Gesamtbeleuchtung auch eine 
größere Helligkeit H einhergeht. 

Ob also bei gegebenen W^ertigkeiten sämtlicher Elemente der Seh- 
substanz und gegebenen Empfänglichkeiten sämtlicher Elemente des Em- 
pfangsfeldes die Helligkeit eines Außendinges bei stärkerer Gesamtbeleuch- 
tung des Gesichtsfeldes größer oder kleiner als bei schwächerer, oder im 



174 Lehre vom Lichtsinn. 

besonderen Falle bei allen Beleuchtungsstärken dieselbe ist, hängt unter nor- 
malen Umständen lediglich von der jeweiligen Verteilung der Lichtstärken 
im übrigen Gesichtsfelde ab. 

Diese Folgerungen aus dem Induktionsgesetze stehen, wie noch im 
einzelnen zu erörtern sein wird, mit den in § 17 S. 70 — 72 beschriebenen 
Tatsachen in Einklang, dagegen in schrofYem Widerspruche zu der land- 
läufigen Behauptung, dass die Helligkeit aller eben sichtbaren Außendinge, 
gleiche »Erregbarkeit« des Auges vorausgesetzt, mit der Stärke der Be- 
leuchtung stets zunehme, sei es nach dem FECiiNEa'schen Gesetze oder nach 
einer anderen Regel. Wollte man bei dieser Behauptung unter Helligkeit 
die Lichtstärke der Außendinge verstehen, so würde man nur etwas 
Selbstverständliches aussagen ; will man aber als Helligkeit eine Beschaffen- 
heit der »Empfindung« bezeichnen, welche uns das von einem Außendinge 
zur Netzhaut gelangte Licht erweckt, so behauptet man für die weit über- 
wiegende Mehrzahl der Fälle von einem großen Teil der eben sichtbaren 
Außendinge das Gegenteil von dem, was wahr und wirklich ist; denn eine 
stärkere Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes und der Netzhaut kann nicht 
bloß eine gesteigerte, sondern auch eine geminderte Helligkeit eines Außen- 
dinges bedingen. 

§ 42. Graphische Darstellung der Beziehungen zwischen 
der Helligkeit der Sehdinge und der Stärke der Gesamtbeleuch- 
tung der Außendinge. Wie im vorigen Paragraphen dargelegt wurde, 
drückt die Gleichung 

2-i-ör ^^ 

das Gesetz aus, nach welchem bei gegebenem Zustande des Sehorganes und 
gegebenem Gesichtsfelde die Helligkeit eines Sehdinges von der Stärke der 
Gesamtbeleuchtung der Netzhaut abhängt. Dies möge nun durch einige 
Kurven anschaulich gemacht werden. 

Wir denken uns also ein stabiles Gesichtsfeld und ein stabiles soma- 
tisches Sehfeld, wie es im vorigen Paragraphen definiert wurde; damit sind 
zugleich die Werte von (5, Dq und n gegeben. Als einzige Variable bleibt 
die zur jeweiligen Gesamtbeleuchtung der Netzhaut proportionale Grüße 
von r übrig, welche auf der Abszissenachse eines rechtwinkeligen Koordi- 
natensystems abgetragen wird. Die Helligkeitswerte sind auf der Ordinaten- 
achse abzutragen^ auf welcher der Nullpunkt S dem absoluten Schwarz und 
also der Helligkeit 0, der Punkt W dem absoluten Weiß und also der 
maximalen Helligkeit 1 entspricht, wie dies schon in § 21 S. 97 erörtert 
wurde. Wie groß wir die dem Einheitswerte von r entsprechende Abs- 
zisse nehmen, ist ebenso willkürlich wie die Länge, welche wir der ton- 
freien Farbenlinie SIV auf der Ordinatenachse geben. 



§ 42, Beziehungen zwischen Helligkeit der Sehdinge und Gesamtbeleuchtung. 175 

Ist die Beleuchtungsstärke des Gesichtsfeldes und also auch r gleich 
Null, so verwandelt sich unsere Gleichung in 

2 • 
Dies bedeutet, dass die Helligkeit der dem bezüglichen Elemente e der 
Sehsubstanz entsprechenden Stelle des psychischen Sehfeldes nur noch von 
der eben bestehenden Wertigkeit des Elementes e einerseits und von den 
Wertigkeiten sämtUcher Elemente seiner Gesamtumgebung andererseits ab- 
hängig ist (vgl. § 40). Der dieser Helligkeit entsprechende Punkt 
der tonfreien Farbenlinie SW ist der Anfangspunkt der zu be- 
stimmenden Kurve. 

Um mit dem einfachsten Falle zu beginnen, sei angenommen, dass 
sämtliche Elemente der Sehsubstanz sich im Zustande der Mittelwertigkeit 
befinden und daß also überall d =: 1 und d — « = sei. VV^enn solchen- 
falls das Gesichtsfeld ganz unbeleuchtet wäre, so wäre auch D — ^ = 0, 
denn es gäbe nirgends in der Sehsubstanz einen D- oder ^4-Überschuß 
und folglich auch keinerlei Induktion. Dann wäre für das Element e 

D^^d= 1, und ^^'^=.0,5. 

Ist jedoch das Gesichtsfeld beleuchtet, v^obei seine einzelnen Teile beliebig 
verschiedene Lichtstärke haben können, so ist auch der für das Element e 
geltende Wert der Konstanten fi in die Gleichung (7) einzusetzen. Der- 
selbe ist von der Verteilung der Lichtstärken auf der Netzhaut abhängig 
und in Gemäßheit der Theorie stets ein echter Bruch. Jedem möglichen 
Wert von n entspricht dann eine besondere Kurve, und alle diese Kurven 
gehen von demselben Punkte (0,5) der Ordinatenachse aus. So ergiebt 
sich eine ganze Schar von Helligkeitskurven, deren jede ein Stück 
einer gleichseitigen Hyperbel ist. 

In Figur 34 sind aus dieser Schar nur die Kurven dargestellt, welche 
den am rechtseitigen Rande der Figur angemerkten fünf n-Wevien 0.2, 
0.4, 0.5, 0.6, 0.8 und überdies der rein theoretischen Vollständigkeit 
wegen auch noch die Kurven für die beiden Grenzfälle, wo n = i, oder 
= wäre, was in Wirklichkeit ausgeschlossen ist. 

Die oberste Kurve der Figur würde für den Fall gelten, wo w = 
wäre, und also keinerlei exogenes Indukt bestände; sie wurde bereits in 
§ 21 Fig. 16 abgebildet. 

Um in die ungewohnte Methode einzuführen, nach welcher die Beziehungen 
zwischen Lichtstärke und Helligkeit zu behandeln sind, wenn man die verschie- 
denen tonfreien Helligkeiten nicht als Intensitätsstufen einer qualitativ gleichen 
Empfindung, sondern als qualitativ verschiedene Empfindungen gelten lässt, habe 
ich nämhch bereits in § 2 I S. 95 — 9 9 eine graphische Darstellung solcher Be- 
ziehungen gegeben. Es geschah dies noch ohne jede Rücksicht auf die erst 



176 



Lehre vom Lichtsinn. 



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§ 42. Beziehungen zwischen Helligkeit der Sehdinge und Gesamtbeleuchtung. 177 

im IV. Abschnitte dargelegte Hypothese über die somatischen Korrelate der ton- 
freien Farben und unter vorläufiger Weglassung der durch die Wechselwirkung 
der Sehfeldstellen bedingten Verwickelungen, mit dem Hinweise auf die spätere 
Erörterung derselben. Es wurde angenommen, daß durch die Belichtung ledig- 
lich die weiße Komponente der jeweiligen Eigenfarbe des unbelichteten Auges 
einen der Intensität der Belichtung proportionalen Zuwuchs erhalte, die schwarze 
Komponente der Eigenfarbe aber unbeeinflusst bleibe. Nunmehr haben wir an 
die Stelle der weißen Komponente der letzteren die entsprechende Größe von 
ö, an Stelle der schwarzen die Größe von a gesetzt und den durch die Be- 
lichtung bedingten Zuwuchs mit ör bezeichnet. Gäbe es keine Wechselwirkung, 
so würden wir, nur mit veränderten Größen, für H dieselben Gleichungen er- 
halten, wie die in § 21 aufgestellten. 

Die unterste Kurve unserer Figur 34 veranschaulicht den anderen, 
in Wirklichkeit ebenfalls ausgeschlossenen Grenzfall, bei welchem n = 1 
und daher r (i — n) = 0, also der durch den D-Reiz r bedingte Zuwuchs 
zur Dissimilation des Elementes e durch das exogene Dunkelindukt seitens 
des übrigen Sehfeldes ganz aufgehoben wäre. 

Die Zwischenräume zwischen je zwei Kurven der Fig. 34 hat man 
sich durch alle die Kurven erfüllt zu denken, für welche der Wert von n 
zwischen den zu den beiden Kurven gehörigen Werten liegen würde. Jede 
Kurve verläuft um so flacher, je mehr sich der zugehörige Wert von n 

demjenigen nähert, bei welchem \ — m = ^- ist, und an die Stelle der 

Kurve eine Gerade tritt. Durch diese Gerade, welche die Linie der 
unveränderlichen Helligkeit heißen möge, ist ausgedrückt, dass bei 
diesem Werte von n und irgendwelcher, wenn auch noch so starken, je- 
doch nicht schädigenden Beleuchtung des gegebenen Gesichtsfeldes, die ton- 
freie Farbe der bezüglichen Sehfeldstelle immer dieselbe Qualität und also 
auch Helligkeit hat. Nur in einer Beziehung ist diese Farbe nicht auf der 
ganzen Linie, d. h. bei allen Beleuchtungsstärken des Gesichtsfeldes dieselbe, 
nämlich inbetreff ihres Gewichtes; denn dieses wächst mit der Stärke der 
Gesamtbeleuchtung der Netzhaut und ist eine Hneare Funktion derselben, 
n unserer G leichung ist das jeweilige Gewicht der Farbe durch den Nenner 
2 + ör ausgedrückt (vgl. § 39 S. 169). 

Die ganze Kurvenschar der Fig. 34 ist durch die Linie der unver- 
änderlichen Helligkeit in zwei Kurvengruppen geteilt, eine obere, dem Ge- 
biete der übermittlen Helligkeiten, und eine untere, dem Gebiete der unter- 
mittlen Helligkeiten angehörige Gruppe. Man sieht, dass es ganz von dem 
Werte n abhängt, ob mit der Stärke der Gesamtbeleuchtung die Helligkeit 
des Elementes, für welches die Kurven unserer Figur gelten, wächst oder 
abnimmt oder ganz unverändert bleibt. In jeder Kurve der oberen Gruppe 
wächst, abgesehen von letzterem Falle, mit der Stärke der Gesamtbeleuchtung 
die der jeweiligen Ordinate entsprechende Helligkeit anfangs am meisten, 

Hering, Lichtsinn. 42 



178 Lehre vom Lichtsinn. 

weiterhin immer weniger, und die Kurve nähert sich dabei immer mehr 
einer zur Abszissenachse parallelen Geraden, welche die Asymptote der 
Kurve und am rechtseitigen Rande der Figur durch den Wert der zur 
Kurve gehörigen Konstanten 71 bezeichnet ist. Auf der schwarzweißen 
Farbenlinie S W entspricht jeder solchen Asymptote die durch 1 — n aus- 
drückbare Helligkeit. 

Analoges gilt für jede Kurve der unteren Gruppe, jedoch mit dem 
Unterschiede, dass hier mit steigender Stärke der Gesamtbeleuchtung der 
Netzhaut die Helligkeit der bezüglichen Sehfeldstelle immer mehr abnimmt, 
d. h. ihre Farbe sich mehr und mehr verschwärzt, und also ihre Dunkel- 
heit sich ebenfalls einem durch die Asymptote der Kurve bestimmten 
Maximum nähert. 

So macht die Fig. 34 zugleich anschaulich, dass einerseits die Helligkeit, 
andererseits die Dunkelheit der tonfreien Farbe, welche an der zum Ele- 
ment 6 gehörigen Stelle des psychischen Sehfeldes gesehen werden kann, 
eine gesetzmäßig limitierte ist, d. h. dass sie unter normalen Stoffwechsel- 
bedingungen nie über eine gewisse, jeder einzelnen Kurve eigentümliche 
Grenze hinausgehen kann; dass ferner diese Grenze der Helligkeit oder 
Dunkelheit durch den für die bezügliche Kurve geltenden Wert von n und 
also durch die exogene Induktion bestimmt ist und für jede Kurve um so 
tiefer liegt, je größer der zugehörige Wert von n ist. 

Fig. 34 lehrt ferner, dass das Bereich der Helligkeiten, bzw. Dunkel- 
heiten, welche unter den angenommenen Voraussetzungen einem Sehfeld- 
element zukommen können, um so kleiner ist, je weniger der Wert der 
für das Element geltenden Konstanten n von demjenigen Werte abweicht, 
bei welchem die Helligkeit des Elementes ganz unabhängig ist von der Stärke 
der Gesamtbeleuchtung des gegebenen Gesichtsfeldes, d. h. wo für den hier 
angenommenen Fall der Mittel Wertigkeit des Elementes 

ist. 

Jede Gerade, welche man sich parallel zur Abszissenachse durch die 
Kurvenschar gelegt denkt, durchschneidet sämtliche Kurven an Punkten 
gleicher Helligkeit, aber jeder solche Schnittpunkt entspricht einem anderen 
Werte von r und also einer anderen Stärke der Gesamtbeleuchtung. So- 
mit lehrt jede solche Linie gleicher Helligkeit (Isophane), dass 
eine und dieselbe Stelle des gegebenen Gesichtsfeldes, je nach 
dem für das bezügliche Element der Sehsubstanz eben gelten- 
den Werte von w, bei den verschiedensten Stärken der Gesamt- 
beleuchtung in derselben Helligkeit erscheinen kann. 

Wie jede parallel zur Abszissenachse durch die Kurvenschar gelegte 
Gerade eine Linie gleicher Helligkeit darstellt, so jede parallel zur Ordi- 



§ 42. Beziehungen zwischen Helligkeit der Sehdinge und Gesamtbeleuchtung. 179 

natenachse gehende Gerade eine Linie gleicher Reizstärke, denn sie 
umfasst bei stabilem Gesichtsfelde und stabilem somatischen Sehfeld alle 
Helligkeiten, welche bei einer und derselben Reizstärke je nach dem gleich- 
zeitigen Werte von n theoretisch möglich sind. Der Umfang dieser bei 
gleicher Reizstärke möglichen Helligkeiten eines und desselben Außenortes 
wächst, wie Fig. 34 lehrt, mit der Stärke der allgemeinen Beleuchtung und 
ist, rein theoretisch, durch die beiden Punkte begrenzt, in denen die Linie 
gleicher Reizstärke einerseits die oberste, andererseits die unterste Kurve 
der Kurvenschar durchschneidet. Da jedoch der durch die Größe des exo- 
genen Induktes bestimmte Wert von 7i nie bis auf 1 steigen oder bis auf 
sinken kann, so reicht in Wirklichkeit der Bereich der bei gleicher Be- 
leuchtungsstärke möglichen Helligkeiten eines und desselben Außenpunktes 
weder nach oben noch nach unten bis an die bezügliche theoretische 
Grenzkurve heran. Hierdurch wird jedoch nichts daran geändert, dass je 
größer die Beleuchtungsstärke und mit ihr der D-Reiz, desto größer auch 
der Umfang der bei derselben Beleuchtungsstärke möglichen Helligkeiten 
des bezüglichen Außenpunktes ist. 

Der für Fig. 34 angenommene einfachste Fall der Mittelwertigkeit 
aller Elemente der Sehsubstanz ist nur verwirklicht, wenn das Auge so 
lange verfinstert worden ist, bis in der Sehsubstanz, wenn auch nicht zu- 
gleich in der Empfangschichte, die Nachwirkungen einer vorausgegangenen 
Belichtung verschwunden sind, und sich überall das autonome Gleichgewicht 
zwischen Dissimilation und Assimilation wieder hergestellt hat; immer vor- 
ausgesetzt, dass innere, durch Blutlauf und Atmung bedingte Reize nicht 
mit in Betracht kommen. Bei offenem, im beleuchteten Räume beschäftigten 
Auge aber herrscht immer eine je nach der Stärke der Beleuchtung größere 
oder kleinere durchschnittliche Unterwertigkeit in der Sehsubstanz. 
Dabei kann die W^ertigkeit an verschiedenen Stellen des Sehsubstanzfeldes 
eine sehr verschiedene sein. War z. B. für ein Element der D-Reiz r vor- 
her nur ein minimaler, während er für die Umgebung des Elementes groß 
war, so kann das letztere infolge des starken exogenen Dunkelinduktes 
sogar vorübergehend überwertig sein. Im allgemeinen aber besteht beim 
gewöhnlichen Sehen eine, in den einzelnen Elementen der Sehsubstanz 
allerdings verschiedene, Unterwertigkeit. 

Es sei hier nochmals betont, dass die nervöse Sehsubstanz nicht mit den 
in der Empfangschichte der Netzhaut enthaltenen Empfangstoffen (den Seh- 
stoffen W. Kühne's) verwechselt werden darf. Die Sehsubstanz könnte z. B. 
nach der Verfinsterung des Auges schon in den Zustand der Mittelwertigkeit 
zurückgekehrt und also vollständig an die Finsternis adaptiert sein, während der 
Gehalt der Empfangschichte an Empfangstoffen und mit ihm die Licht- 
empfänglichkeit noch weiter wächst. Man darf, wie schon in § 25 (S. H 3) 
gesagt wurde, die Anpassung der Sehsubstanz ebensowenig mit der Anpassung 
des Empfängers verwechseln, als mit der Anpassung der Pupille. 

12* 



180 Lehre vom Lichtsirin. 

Unter gewöhnlichen Unisländen wird also im Element c, um dessen 
Helligkeitskurve es sich eben handelt, ein endogenes negatives Gesamt- 
indukt d. i. ein Hellindukt bestehen (vgl. § 40), wenn nicht etwa zufällig 
die algebraische Summe sämtlicher Einzelindukte seitens seiner Umgebung 
= wäre. Auch das Element e selbst wird nur in seltenen Ausnahme- 
fällen mittelwertig oder überwertig, vielmehr im allgemeinen unterwertig 

sein. Kurz gesagt, die durch —^ ausgedrückte Eigenhelligkeit des Ele- 
mentes wird beim gewöhnlichen Sehen im allgemeinen nicht =0,5 d. i. 
die Helligkeit des mittlen Grau, sondern kleiner und nur ausnahmsweise 
größer sein. 

Da der Wert von ~ d. h. von — ^ — ebensowohl von der Wertis:- 

2 2 

keit [ö] des Elementes e als von dem endogenen Gesamtindukte [Jq] ab- 
hängt, welches es von seiner Gesamtumgebung erhält, so kann bei gleicher 

Wertigkeit des Elementes der Wert von — ^ je nach der Größe dieses endo- 
genen Induktes ein verschiedener sein; ebenso kann bei gleicher Größe des 
endogenen Induktes der Wert von ^^ je nach W^ertigkeit des Elementes 
ein verschiedener sein; endlich kann bei demselben Wert von ^^^ zu- 
gleich die Wertigkeit des Elementes und die Größe des endogenen Gesamt- 
induktes variieren. Hier muss ich mich begnügen, nur ein Beispiel für 

die Fälle zu geben, wo ^*^ kleiner als 0,5 ist. 

Ein solcher Fall von Unterwertigkeit des Elementes e und von gleich- 
zeitiger, aus durchschnittlicher Unterwertigkeit des übrigen Sehsubstanz- 
feldes folgender endogener Hellinduktion ist der Fig. 35 zugrunde gelegt. 
Es ist für das Element e diejenige Unter Wertigkeit angenommen, bei welcher 
d = 1/3 wäre. Die Größe des endogenen Gesamtinduktes ist auch ganz 
willkürlich gleich 1/3 angenommen. Hieraus ergibt sich nach Gleichung 

für Do der Wert 2/3 und also für -^ der Wert 1/3; ^^^^ Jo ist hier ein 

Hellindukt und kommt als negative Größe in Rechnung (vgl. § 38 S. 1 65). 
Der Linie unveränderlicher Helligkeit entspricht daher in Fig. 35 die 
HeUigkeit 1/3- 

Die im Vergleich mit Fig. 34 tiefere Lage der Linie unveränderlicher 
Helligkeit charakterisiert alle Kurvenscharen, die für ein unterwertiges Ele- 
ment gelten, wenn wie gewöhnlich beim Tagsehen seine Umgebung eben- 
falls unterwertig ist. Je tiefer diese Linie liegt, desto größer ist das Gebiet 



§ 4i. Beziehungen zwischen HeUigkeit der Sehdinge und Gesamtbeleuchlung. 181 



faß 




J^g2 Lehre vom Lichtsinn. 

der bei wachsender Allgemeinbeleuchtung ansteigenden, desto kleiner das 
Gebiet der dabei absinkenden Helligkeitskurven. 

In Fällen, wo -^ grüßer als 1/2 wäre, und daher die Linie der un- 

veränderlichen Helligkeit höher läge als in Fig. 34, entspräche diese Hellig- 
keit einer übermittelgrauen Farbe und das Gebiet der ansteigenden Hellig- 
keitskurven wäre dann kleiner als das der absteigenden. 

Nach Fechner und Helmholtz würde es nur eine einzige Helligkeits- 
kurve geben, die man erhält, wenn man für das bezügliche Element des 
psychophysischen Sehfeldes auf der Abszissenachse die Produkte aus dem 
Reize r und der »Erregbarkeit« als Abszissen und die zugehörigen »Intensi- 
täten der Empfindung« als Ordinaten nimmt. Diese Kurve wäre nach 
Fechner eine logarithmische und hätte keine Asymptote. Dementsprechend 
müsste die Helligkeit mit der Lichtstärke theoretisch genommen unbegrenzt 
wachsen und wäre in Wirklichkeit nur dadurch limitiert, dass eine über 
ein gewisses Maß hinausgehende Lichtintensität eine Störung der normalen 
Leistungsfähigkeit des Auges mit sich bringen würde. 

Dieser einzigen Helligkeitskurve stehen nach der im obigen entwickelten 
Lehre unzählige Helligkeitskurven gegenüber; zu jedem möglichen Wert 

D 
von —^ gehört je eine Schar von Helligkeitskurven, und jede solche Schar 

besteht wieder aus so vielen Helligkeitskurven als Werte von n möglich 
sind. Nichts kann die Verschiedenheit der beiden Theorien des Lichtsinnes 
eindringlicher veranschaulichen. 

§43. Die Induktion als ein Hilfsmittel zur Selbststeuerung 
des Stoffwechsels der Sehsubstanz. Fehlte jede Induktion, so könnte 
durch Verstärkung des D-Reizes die Helligkeit bis zum überhaupt denkbaren 
Maximum gesteigert werden, wie dies die oberste Kurve in Fig. 34 u. 35 
anschaulich machte; bei vorhandener Induktion aber erscheint dies von 
vornherein unmöglich. Wir sahen soeben, dass wenn 1 — n größer als 

— ist, jedem Werte von n ein Maximum der möglichen Helligkeit entspricht, 

welches um so tiefer liegt^ je größer der Wert von n ist. Dieser Wert 
aber wächst für ein Element der Sehsubstanz bei gleicher Lichtempfäng- 
lichkeit des zugeordneten Empfangselementes der Netzhaut mit der Be- 
leuchtungsstärke der Umgebung des letzteren. 

Hiernach erscheint es unter normalen Stoffwechselbedingungen der 
Sehsubstanz von vornherein ausgeschlossen, dass wir mit helladaptiertem 
Auge eine ausgebreitete Hchtstarke Fläche in derselben grossen Helligkeit 
sehen, in der uns ein kleiner Teü derselben erscheint, wenn wir z. B. 
durch eine Dunkelröhre, die am anderen Ende ein Diaphragma mit kleiner 
Öffnung trägt, nach der Fläche bUcken. 




§ 44. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamtbeleuchtung. 183 

Wo immer das Auge einer größeren lichtstarken Fläche gegenüber- 
steht, ist die Limitierung der Helligkeit von besonderer Wichtigkeit, denn 
sie schützt die Sehsubstanz vor Erschöpfung. Indem mit zunehmendem 
D-Reize einerseits die induzierte Verminderung der Dissimilation, anderer- 
seits die induzierte Steigerung der Assimilierung ebenfalls wächst, wird die 
Geschwindigkeit der absteigenden Änderung der Sehsubstanz wie durch eine 
automatische Bremse verlangsamt und ihr schließlich eine nicht überschreit- 
bare Grenze gesetzt, sofern nur das Assimilierungsmaterial zureichend vor- 
handen ist, und keine anderweiten Störungen des normalen Stoffwechsels 
bestehen. 

Zusammenfassend könnte man das soeben Gesagte als den Satz von 
der Limitierung der Helligkeit durch die Dunkelinduktion be- 
zeichnen. 

Der auf Dunkelinduktion beruhende Selbstschutz der Sehsubstanz tritt, 
wie gesagt, schon während der Entwicklung des durch den Reiz bedingten 
D-Zuwuchses in Wirksamkeit und lässt sich deshalb als eine simultane 
Anpassung des Stoffwechsels der Sehsubstanz an die Stärke der Gesamt- 
beleuchtung bezeichnen zum Unterschiede von der schon in § 23 als 
Selbststeuerung des Stoffwechsels beschriebenen sukzessiven Anpassung, 
welche erst in dem Maße eintritt, als die Sehsubstanz bereits unterwertig 
geworden ist. Der durch die Induktion bedingte simultane Selbstschutz 
eines Sehsubstanzbezirkes ist schon gegeben mit dem Eintritt eines D-Über- 
schusses in der Gesamtheit seiner Elemente; der sukzessive Selbstschutz 
aber ist erst an die Folgen eines bestandenen D-Überschusses gebunden. 

Es ist mir denkbar, dass gewisse Anomalien des Lichtsinnes ihre Ursache 
in einer Insuffizienz der Assimilation haben, wie sie z. B. bei mangelhafter Zu- 
fuhr des zur Assimilation nötigen Ersatzmateriales eintreten müsste. Eine im 
Vergleiche zur vorhandenen Beleuchtung des Gesichtsfeldes imd der Netzhaut 
übermäßige und mit herabgesetzter Deutlichkeit des Sehens einhergehende Hellig- 
keit des Sehfeldes braucht nach der hier entwickelten Theorie der Induktion 
keineswegs, wie dies die jetzt übliche Auffassung will, auf einer übermäßigen 
»Erregbarkeit« des Sehorgans zu beruhen, sondern lässt sich zwanglos auch auf 
eine unzulängliche Assimilation der Sehsubstanz zurückführen. 

§ 44. Die Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von 
der Stärke der Gesamtbeleuchtung. Die Wahrnehmung der Einzel- 
heiten des psychischen Sehfeldes beruht auf den Helligkeitsunterschieden 
derselben; je größer diese sind, desto leichter ist auch das Unterscheiden. 

Hätten wir ein bedrucktes oder beschriebenes weißes Blatt vor uns, 
auf dem die Buchstaben so weit verblichen sind, dass sich ihre Farbe nur 
noch eben merklich von der des weißen Grundes unterscheidet, so würden 
wir, insoweit alle Einzelteile jedes Buchstabens (Haarstriche usw.) noch in 
dieser Farbe sichtbar wären, die Schrift auch noch mit Sicherheit zu lesen 



184 Lehre vom Lichtsinn. 

vermögen; aber solches Lesen wäre schwer und sehr ermüdend. Ohne 
besondere Aufmerksamkeit könnte es sogar geschehen, dass wir das Papier 
auf den ersten Bhck für ein unbedrucktes halten. Erst wenn der Unter- 
schied zwischen beiden Farben oder Helligkeiten des Buchstaben ^einerseits, 
des Papieres andererseits eine gewisse Größe erreicht, wird das Lesen 
bequem. 

AVas hier vom Lesen gesagt wurde, gilt vom Sehen überhaupt. Farben- 
und Helligkeitsunterschiede, die so klein sind, dass wir sie nur bei beson- 
ders darauf gerichteter Aufmerksamkeit sehen, und vollends die auch dann 
nur eben merklichen Unterschiede spielen beim gewöhnlichen Sehen im 
allgemeinen keine Rolle. Im folgenden haben wir es zunächst nicht mit 
solchen minimalen, sondern mit den Helligkeitsunterschieden überhaupt zu 
tun, gleichviel wie groß oder klein sie sind, und zwar mit den Gesetzen 
ihrer Abhängigkeit von der Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes und von 
der Verteilung der verschiedenen Lichtstärken in ihm und in seinem Netzhaut- 
bilde. Beschränken wir uns dabei auf die Fälle, wo für die beiden Ele- 
mente des somatischen Sehfeldes, um deren Helligkeitsunterschied es sich 
handelt, dieselbe Schar der Helligkeitskurven gilt, so können wir unsere 
Erörterungen unmittelbar an den Inhalt des vorigen Paragraphen und an 
die daselbst gegebene graphische Darstellung anschheßen. 

Wenn in zwei Elementen der Sehsubstanz die Wertigkeit dieselbe, und 
auch J"^ d. i. das endogene Gesamtindukt beider Elemente dasselbe ist, 
so gilt für letztere dieselbe Schar von Helligkeitskurven. Dabei kann der 
D-Reiz r und das exogene Gesamtindukt J,. in beiden Elementen verschieden 
groß sein. 

Für zwei gleichweit von der Stelle des direkten Sehens, z. B. sym- 
metrisch nach rechts und links abliegende Netzhautstellen darf man an- 
nehmen, dass sie angenähert gleiche Lichtempfänglichkeit dann besitzen 
werden, wenn sie längere Zeit durchschnittlich gleich stark belichtet waren, 
und demzufolge ihr Verbrauch an Empfangstoff beiläufig der gleiche war. 
Dies bedeutet aber, dass auch der D-Reiz für die beiden zugehörigen Stellen 
der Sehsubstanz durchschnittlich derselbe war, und infolgedessen die Wertigkeit 
der beiden Stellen ebenfalls gleich ist. In je weiterem Umkreise sich dann 
auch die Umgebung der beiden Stellen genügend lange Zeit unter durch- 
schnittlich gleichen Bedingungen befand, desto sicherer wird auch das von 
den Wertigkeiten der Umgebung abhängige endogene Gesamtindukt beider- 
seits angenähert gleich groß sein. Da aus Gleichheit der Wertigkeit und 
Gleichheit des endogenen Gesamtinduktes die Gleichheit von Dq folgt, so 
gilt also für beide Stellen dieselbe Schar der Helligkeitskurven. 

Aber nicht nur für zwei gleichweit vom funktionellen Mittelpunkte der 
Netzhaut abliegende Stellen wird unter gewöhnlichen Umständen in den 
zugehörigen Elementen der Sehsubstanz Dq denselben Wert haben können, 




§ 44. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamtbeleuclitung. 185 



sondern es wird dies auch für die dicht nebeneinander liegenden Elemente 
eines beliebigen kleinen Feldes der Netzhaut bzw. der Sehsubstanz gelten. 
Denn die sämtlichen Elemente eines solchen kleinen Netzhautbezirkes werden 
als nächste Nachbarn sich fast immer unter durchschnittlich denselben Be- 
lichtungsbedingungen befunden haben. Ihre Lichtempfänglichkeit wird 
daher beiläufig dieselbe sein, und da dann auch für die entsprechenden 
Elemente der Sehsubstanz die D-Reize angenähert dieselben gewesen sind, 
so werden die Wertigkeiten der Elemente ebenfalls nahezu gleich sein. Da 
endlich allen Elementen eines kleinen Bezirkes dessen Umgebung gemeinsam 
ist, so wird auch das endogene Gesamtindukt ziemlich genau gleichen Wert 
haben können. 

Besonderer Berücksichtigung bedarf der zentrale Bezirk der Netzhaut, 
dessen Bildinhalt beim gewöhnlichen Sehen die Aufmerksamkeit hauptsäch- 
lich beschäftigt. Innerhalb dieses Gebietes sind die Verschiedenheiten der 
Lichtempfängiichkeit voraussichtlich viel erheblicher als auf anderen gleich 
großen Netzhautfeldern, und es ist hier selbst nach längerer gleicher Be- 
lichtung des ganzen Bezirkes nur für gleich weit vom Mittelpunkte ent- 
fernte Stellen angenäherte Gleichheit der Wertigkeit zu erwarten. Bezüg- 
lich des endogenen Gesamtinduktes gilt jedoch hier für sehr kleine Felder 
dasselbe, was von kleinen Netzhautbezirken überhaupt zu sagen war. 

Nach alledem werden schon beim gewöhnlichen Sehen und ohne be- 
sondere vorbereitende Maßregeln Stellen von völliger oder sehr genäherter 
Gleichheit sowohl der Empfänglichkeit als der Wertigkeit und des endo- 
genen Gesamtinduktes fast immer mehr oder minder zahlreich vorhanden 
sein. Für alle solche Stellen gilt also gleichzeitig dieselbe Schar von Hellig- 
keitskurven, an denen sich in anschaulicher Weise die Abhängigkeit der 
Helligkeitsunterschiede von der Stärke der Gesamtbeleuchtung erläutern lässt. 

Ist für zwei zu vergleichende Elemente die Größe von Dq und also 
auch die Schar der Helligkeitskurven dieselbe, so hängen die beiden Hellig- 
keiten nur noch von den beiden anderen Variabeln, nämlich vom D-Reiz 
und dem exogenen Gesamtindukt bzw. von n als dem Koeffizienten ab, 
welchen wir dem Werte von dr geben müssen, um die Größe von /^ zu 
erhalten; denn es ist hier wieder J^. = nör. 

Von vornherein lassen sich die Fälle, wo nur eine dieser Variabein 
in beiden Elementen der Sehsubstanz einen verschiedenen, die andere aber 
gleichen Wert hat, von den Fällen scheiden, wo beide Variabein verschie- 
den groß sind. Der einfachste Fall läge vor, wenn der Koeffizient n für 
beide .Elemente der gleiche wäre, weü dann für beide eine und dieselbe 
Kurve aus der gegebenen Kurvenschar gültig wäre (vgl. § 45). 

.Leicht zu übersehen ist auch der Fall, wo, bei beiderseits gleichem 
D-Reiz r, für die beiden Elemente [e und e,) zwei verschiedene Koeffizienten 
[n und Hf) gelten (vgl. § 46 a). Minder übersichtlich aber sind die Fälle, 



186 



Lehre vom Lichtsinn. 



wo sowohl die w-Werte als die ?-Werte verschiedene Grüße haben, weil 
hier wieder drei Sonderfälle denkbar sind, nämlich 



1. 

2. 
3. 



n^ vif und r ^ r, 

n <^ ifif und r <irf 

n^^ rif und r <^ r, 

n <] w, und r ]|> r, 



in bezug auf den Helligkeitsunterschied ist 
es dann gleichgültig, welches Element mit e und 
welches mit e, bezeichnet wird. 



Fig. 36. 




J- ^L- J^ J- Jl- d- J- 
.'loXV- S12 2St> -fXS 6¥ 32 ^6 



^6 52 69- -aa 2^ S/t -foiA- 



Es würde zu weit führen, alle diese Möglichkeiten eingehend zu be- 
handeln, und ich darf mich um so mehr auf einige mir besonders wesent- 
Hch scheinende Fälle beschränken, als die Übereinstimmung der Tatsachen 
der Erfahrung mit der Theorie schon hier zureichend ersichtlich ist. 

Um auf der zum gegebenen Werte von Bq gehörigen Kurvenschar 
(Fig. 34 und 35) für ein Element die Helligkeit zu bestimmen, hat man 
den, seinem D-Reize r entsprechenden Punkt auf der Abszissenachse zu 
suchen und die ihm zugehörige OrdinatenHnie zu ziehen. Aus der Lage 




§44. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamtbeleuchtung. 187 

des Schnittpunktes dieser Ordinatenhnie und der zu demselben Elemente 
gehörigen Kurve ergibt sich die gesuchte Helligkeit, wenn man den Punkt 
aufsucht, in welchem die durch jenen Schnittpunkt gelegte Linie gleicher 
Helligkeit (Isophane) auf die als Ordinatenachse dienende Farbenlinie SW 
trifft. Jeder der beiden Helligkeiten, um deren Unterschied es sich handelt, 
entspricht eine andere Isophane, und der auf der Farbenlinie abzulesende 
Vertikalabstand der beiden Isophanen entspricht dem Unterschiede der 
beiden Helligkeiten. 

Fig. 37. 




y -/ y -/ 

y<7ii' ^/i 3,56 fZ8 



y ±1 J-. jL j- 

W 3Z ^6 8 ^ 



f / ;j f 



V6 31 6¥ m Hb Siz i0h9- 



Ist der D-Reiz für die beiden zu vergleichenden Elemente gleich groß, 
und nur ihr exogenes Gesamtindukt und mit diesem der /^-Wert verschieden, 
so handelt es sich nur um eine Ordinate und um die beiden Punkte, wo die- 
selbe die beiden, den Werten von n und n, entsprechenden Kurven schneidet. 
Nicht so übersichtlich sind die übrigen Fälle, wo r und r, verschieden sind 
und also zwei Ordinaten in Betracht kommen. Da der Unterschied der 
Lichtstärken der beiden zu den Elementen e und <?, gehörigen Netzhautstellen 



Igg Lehre vom Lichtsinn. 

mit der Stärke der Gesamtbeleuchtung wächst (vgl. § 16 S. 62), so ist 
auch auf der Abszissenachse der Abstand der durch die beiden D-Reize 
r und ?', gegebenen Ordinatenlinien um so größer^ je stärker die Gesamt- 
beleuchtung ist. Es entspricht daher einer z. B. achtmal stärkeren Ge- 
samtbeleuchtung ein achtmal größerer gegenseitiger Abstand der beiden 
Ordinalen. v 

Eine viel bequemere Übersicht über die Art, wie der Unterschied der 
beiden Helligkeiten bei gesteigerter oder geminderter Gesamtbeleuchtung 
sich ändert, gestatten die Kurventafeln der Fig. 36 und 37. Auf beiden 
entsprechen gleichen Abständen zweier Punkte der Abszissenachse gleiche 
Verhältnisse der durch diese Punkte ausgedrückten Größen des D-Reizes, 
daher die für die beiden Netzhaut- und Sehfeldstellen geltenden Ordinaten 
bei allen beliebigen Stärken der Gesamtbeleuchtung denselben gegenseitigen 
Abstand behalten, während die Ordinatenwerte selbst dieselben geblieben 
sind, wie für die in Fig. 34 und 35 dargestellten Kurven; der ersteren ent- 
spricht Fig. 36, der letzteren Fig. 37. Die Ordinatenachse liegt jetzt links 
in unendlicher Ferne, doch ist die Farbenlinie an der linken Grenze der 
Figur angegeben, um auf ihr die Helligkeiten ablesen zu können. 

Soll also nicht bloß die Art der Abhängigkeit der Helligkeit von der 
Gesamtbeleuchtung veranschaulicht werden, sondern der Einfluss der letzteren 
auf die Größe des Unterschiedes zweier Helligkeiten, w^elche einem Licht- 
stärkenpaar von bestimmtem Verhältnis entsprechen, so eignen sich die 
nach Art der Figg. 36 und 37 dargestellten Kurvenscharen besser als die 
der Figg. 34 und 35. 

§ 45. Die Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der 
Gesamtbeleuchtung bei Gleichheit des endogenen und exogenen 
Gesamtinduktes und Ungleichheit des D-Reizes der beiden Ele- 
mente. Betinden sich zwei Elemente unter den im vorigen Paragraphen 
angeführten Bedingungen im Zustande gleicher Wertigkeit, und ist nicht 
nur ihr endogenes, sondern auch ihr exogenes Gesamtindukt gleich, so gilt 
für sie auch derselbe Wert von n und also nicht nur dieselbe Kurvenschar, 
sondern auch ein und dieselbe Kurve aus dieser Schar. 

Für solche Fälle gibt Fig. 38 ein Beispiel des gewaltigen Einflusses, 
den die Stärke der allgemeinen Beleuchtung auf den Helligkeitsunterschied 
der beiden Elemente haben kann. Angenommen, es sei für dieselben die 
Kurvenschar der Fig. 37 gültig und der gemeinsame w-Wert sei 0,2, so ist die 
gemeinsame Helligkeitskurve die am rechten Rande der Fig. 37 mit 0,2 be- 
zeichnete. Diese Kurve ist auf Fig. 38 allein wiedergegeben. Auf der Abszissen- 
achse entsprechen wieder gleichen Abständen gleiche Verhältnisse der Reiz- 
werte, und es sind für fünf verschiedene Stärken der Gesamtbeleuchtung die 
fünf Doppelordinaten eingezeichnet, welche für den Fall gelten, dass die Licht- 



§45. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Ger.amtbeleuchtung. 189 

stärken bzw. Reizgrüßen der beiden Elemente sich wie 1 : 4,6 verhalten. 
Durch jeden der beiden Punkte, in denen eine Doppel-Ordinatenhnie die 
Kurven schneidet ist eine Isophane (Linie gleicher Helhgkeit) bis zu der 
linkerseits angegebenen FarbenUnie gezogen, auf welcher jetzt die beiden 
Helligkeiten abzulesen sind. Der Abstand der beiden Isophanen vonein- 
ander entspricht also dem gesuchten Helligkeitsunterschiede. 



4M- 
0.9. 
0.8 



0.7 

0.6- 

0.5. 



0.^ 



Fig. 38. 



o 



.0.1 




4.0 



A i i 'l ^ 

^ovt S\% isb -m bt 



jL JL J- ± ± i 
3Z U 3 ^ i 



S -^ 8 -/6 32 (,i m i^ y^i 11^^ 



Die den fünf Beleuchtungsstärken entsprechenden Paare der Reizstärken 



und Helligkeiten sind folgende: 



Reizstärken : 


Helligkeiten : HeJ 


ligkeitsunter 


0,25 u. 0,4 


0,3520 u. 0,3625 


0,0105 


\ » 1,6 


0,4000 => 0,4315 


0,0315 


4 » 6,4 


0,5200 » 0,5740 


0,0540 


46 * 25,6 


0,6727 ^ 0,7089 


0,0362 


64 * 102,4 


0,7600 > 0,7770 


0,0170 



190 



Lehre vom Lichtsinn. 



Der gegenseitige Abstand der einem Reizpaar entsprechenden Ordinaten 
ist bei allen Reizpaaren gleich, während der Höhenunterschied der zu- 
gehörigen Isophanen bei jedem Reizpaar ein anderer ist, am größten bei 
den Reizstärken 4 und 6,4, am kleinsten bei den beiden absolut kleinsten 
(0,25 und 0,40) und absolut größten Reizstärken (64 und 102,4). 



^.0. 



0.9\ 

0.8. 

O.J. 

0.6. 

OS. 

0.^. 



03- 



0.%- 



OJ- 







Fig. 39. 







4 -1 -1 1 -i 
■iOl>i $i% 2Sh -12« <.♦ 






0.3 



-/ 2 9 S -f^ 31 ^^ ns 25i> 613 ^019 



10 



Denken wir uns das Ordinatenpaar mehr und mehr nach links ver- 
schoben, so dass die beiden Reizstärken bei gleichbleibendem Verhältnis 
immer kleiner werden, so sinkt schließlich der Unterschied der beiden 
Helligkeiten auf Null herab, und beide entsprechen dann der unter den 
hier angenommenen Umständen geltenden Eigenfarbe des Auges von der 
Helligkeit 0,333. Denken wir uns dagegen das Ordinatenpaar immer weiter 
nach rechts verschoben, so dass die beiden Reizstärken mehr und mehr 
wachsen, so wird der Helligkeitsunterschied schließlich ebenfalls Null, und 
beide Helligkeiten entsprechen der unter den gegebenen Umständen geltenden 



§ 45. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamtbeleuchtung. 191 

maximalen Helligkeit 0,8. Die grüßten Helligkeitsunterschiede aber ergeben 
sich, wenn das Ordinatenpaar die Kurve in der Gegend ihres steilsten 
Ansteigens schneidet. 

Ganz dasselbe gilt auch für alle diejenigen Kurven aus der durch 
Fig. 37 vertretenen Kurvenschar, welche über der Linie der unveränder- 
lichen Helligkeit verlaufen, deren n-Wert also kleiner als 0,666 ist. 

Wenn die beiden Reizstärken eines Paares sich nicht wie 5:8, son- 
dern z. B. wie 50:51 oder gar wie 100:101 verhielten, so lägen ihre 
Ordinalen einander so nahe, dass sie in unserer Zeichnung zusammenfallen 
würden. Denken wir uns ein solches Ordinatenpaar wieder entlang der 
ganzen Abszissenachse verschoben, so würde innerhalb der Strecken, wo 
die Heliigkeitskurve nahezu geradlinig ansteigt, der kleine Unterschied der 
beiden Ordinatenwerte ein nahezu konstanter bleiben , und also auch der 
Unterschied der beiden zugehörigen Helligkeiten nahezu unabhängig von 
der absoluten Größe der beiden Reizstärken sein. Unter solchen besonderen 
Umständen würde also der Helligkeitsunterschied sich sehr angenähert so 
verhalten, wie es das FECHNER'sche Gesetz fordert. 

Als ein Beispiel der Fälle, wo für die beiden Elemente der n-Wert 
größer ist als 0,666, möge Fig. 39 dienen. Die hier abgebildete Kurve 
ist wieder derselben Schar entnommen und zwar ist sie identisch mit 
derjenigen Kurve der Fig. 37, für welche der n-Wert = 0,8 ist. Die 
fünf Reizstärkenpaare, deren Ordinatenpaare abgebildet sind, haben wieder 
die oben angegebenen Werte. Der größte Unterschied der beiden Hellig- 
keiten oder wie wir hier sagen dürfen, Dunkelheiten, entspricht jetzt der 
Gegend der Kurve, wo sie am steilsten abfällt. 

Die Zahlen werte sind folgende: 



Reizstärken: 


Helligkeiten: 


Helligkeitsunterschiede 


0,25 u. 


0,4 


0,3280 u. 0,3250 


0,0030 


1 


1,6 


0,3143 » 0,3053 


0,0090 


4 


6,4 


0,2800 V 0,2645 


0,0155 


16 


25,6 


0,2364 > 0,2253 


0,0111 


64 


102,4 


0,2115 ^ 0,2074 


0,0041 



Denken wir uns wieder das Ordinatenpaar nach links verschoben, so 
nimmt der Unterschied der beiden Helligkeiten ab und dieselben nähern 
sich mehr und mehr der oben erwähnten Helligkeit der Eigenfarbe, wäh- 
rend bei der Verschiebung nach rechts der Helligkeitsunterschied ebenfalls 
immer kleiner wird, aber die beiden Helligkeiten oder Dunkelheiten der 
unter den gegebenen Bedingungen kleinstmöglichen Helligkeit (0,2) oder 
größtmöglichen Dunkelheit immer näher kommen. 

In Rücksicht darauf, dass nach dem FECHNER'schen Gesetze bei gleich- 
bleibendem Verhältnis zweier Reizstärken und gleicher »Erregbarkeit«, wie 



192 Lehre vom Lichtsinn. 

solche hier vorausgesetzt wurden, der Unterschied der beiden HelHgkeitcn 
von der absoluten Größe der Reizstärken unabhängig sein sollte, war es not- 
wendig, wenigstens an einem Beispiele zu zeigen, wie innerhalb eines gewissen 
engeren Gebietes der Reizstärken und unter bestimmten Induktionsbedingungen 
die theoretisch abzuleitenden Helligkeitsunterschiede sich angenähert so verhalten 
können, wie es das FECHXER'sche Gesetz unter allen im Bereiche des normalen 
Sehens liegenden Umständen fordert. 

§ 46. Verschiedenheit der Helligkeit bei gleicher Licht- 
stärke, und Gleichheit der Helligkeit bei verschiedener Licht- 
stärke zweier Außendinge. Aus den in Figg. 34 — 37 dargestellten, 
theoretisch abgeleiteten Kurven folgt, dass zwei mit somatischen Sehfeld- 
elementen von gleicher Empfänglichkeit und gleicher Wertigkeit gesehene 
Stellen des Außenraumes 

a) trotz gleicher Lichtstärke sehr verschieden hell, 

b) trotz sehr verschiedener Lichtstärke gleich hell gesehen werden 
können, 

zwei Sätze, die mit besonderer Deutlichkeit die weitgehende Unabhängigkeit 
der simultanen Helligkeiten des psychischen Sehfeldes von den Lichtstärken 
des Gesichtsfeldes zum Ausdruck bringen. Dementsprechend lässt sich auch 
an diesen Sätzen die Übereinstimmung der Thatsachen mit der Induktions- 
theorie besonders eindringlich dartun. 

a) Denken wir uns bei gegebenem Gesichtsfelde und gegebenem Zustande 
aller Teile des somatischen Sehfeldes zwei Elemente der Sehsubstanz von 
gleicher Wertigkeit und gleichem endogenen Gesamtindukt, so wird für 

beide derselbe Wert von ^ und dieselbe Kurvenschar gelten. Wäre dann 

auch der D-Reiz r für beide Elemente gleich groß, so könnte doch ihr 
exogenes Indukt eine verschiedene Größe haben, was von der Größe und 
Verteilung der gleichzeitig wirkenden D-Reize in der Umgebung jedes Ele- 
mentes abhängt. Für beide Elemente wird also der Wert von (5, von r 
und von J^ derselbe, dagegen der Wert von n ein verschiedener sein können, 
und demgemäß jedem der beiden Elemente eine andere Kurve der gegebenen 
Kurvenschar entsprechen. Da die Punkte, in denen die zum jeweiligen 
Reize r gehörige Ordinatenlinie diese beiden Kurven schneidet, auf ver- 
schiedenen Isophanen liegen, so ergiebt sich aus dem gegenseitigen Abstand 
der letzteren der Unterschied der beiden Helligkeiten, in denen die beiden 
bezüglichen Stellen des Außenraumes erscheinen. 

Der Forderung gleicher Wertigkeit und gleichen endogenen Induktes 
werden, wie wir sahen (§ 44 S. 184), insbesondere zwei symmetrisch zur 
Stelle des direkten Sehens und nicht allzuweit von derselben abliegende 
Stellen des somatischen Sehfeldes dann genügen, wenn beide samt ihren 
Umgebungen zuvor beim Sehen einige Zeit hindurch in gleicher Weise in 



§ 46. Verschiedenheit der Helligkeit bei gleicher Lichtstärke. 193 

Anspruch genommen waren, wie dies bei zwangloser Betrachtung einer 
genügend ausgebreiteten und überall gleich lichtstarken Fläche der Fall ist. 
Auch die Lichtempfänglichkeit zweier solcher Stellen wird dann dieselbe sein 
können, so daß bei einer nachfolgenden beliebigen gleichstarken retinalen 
BeHchtung derselben auch der D-Reiz r für die bezüglichen Elemente der 
Sehsubstanz beiderseits der gleiche sein wird. Dabei kann das exogene 
Indukt und also auch n und n^ für beide Stellen von sehr verschiedener 
Größe sein, wenn die Umgebung der einen Stelle des Gesichtsfeldes bezw. 
ihres Netzhautbildes von relativ großer, die Umgebung der anderen aber 
von relativ kleiner Lichtstärke ist. Wir haben es dann auf der Kurventafel 
mit nur einer Ordinate, aber mit zwei weit auseinander laufenden Kurven 
zu tun, deren eine oberhalb, die andere unterhalb der Linie unveränder- 
licher Helligkeit gelegen ist. 

Dass unter solchen Umständen zwei symmetrisch zum Blickpunkte lie- 
gende Stellen des Außenraumes trotz ihrer gleichen Lichtstärke gleichzeitig 
in verschiedener tonfreier Farbe und Helligkeit gesehen werden können, 
haben schon (§ 26 S. 116) die auf Taf. H befindlichen Fig. 1, 2 und 3 ge- 
zeigt. Auf denselben erscheinen zwei kleine Felder von gleicher Licht- 
stärke lediglich infolge ihrer verschiedenen Umgebung auch dann verschieden 
hell, wenn wir in der schon damals beschriebenen Weise dafür gesorgt 
haben, dass die beiden bezüglichen Stellen des somatischen Sehfeldes sich 
unmittelbar vor dem Sichtbarwerden der Figuren in gleichem Zustande 
befinden. Allerdings handelt es sich in diesen Fällen nicht bloß um zwei 
Elemente, sondern jederseits um eine zusammenhängende Gruppe von 
Elementen, die sich jedoch sämtlich unmittelbar vor dem Sichtbarwerden der 
Figur angenähert in demselben Zustande befinden. Überdies entspricht jedem 
einzelnen Elemente der einen Gruppe ein symmetrisch gelegenes der anderen, 
und für jedes solche Elementenpaar gilt ganz besonders das oben Geforderte. 
Immerhin erscheinen in Fig. 1 und 3 (Taf. H) die Helligkeiten der 
beiden grauen Felder trotz der großen Verschiedenheit ihrer Umgebungen 
noch keineswegs so verschieden, wie dies unter noch günstigeren Bedin- 
gungen der Fall sein könnte. 

Die in Fig. 35 dargestellte, einem Fall allgemeiner Unterwertigkeit 
entsprechende Kurvenschar zeigt, dass demselben Abszissenwerte auf der 
zugehörigen Ordinatenlinie als einer Linie gleicher Lichtstärke außerordentich 
verschiedene Helligkeiten entsprechen können, um so mehr, je stärker die 
Gesamtbeleuchtung und der zu ihr proportionale Wert von r ist. In der 
That ist es möglich, von zwei kleinen, gleich lichtstarken Feldern, das eine 
noch viel dunkler und gleichzeitig das andere noch viel heller zu sehen, 
als wie dies bei Betrachtung der Fig. 1 (Taf. H) der Fall ist; man braucht 
nur die Felder noch kleiner und die Verschiedenheiten der Lichtstärken 
ihrer Umgebungen noch größer zu machen, als in jener Figur. 

Hering, Lichtsinn. \ 3 



194 



Lehre vom Lichtsinn. 
Fig. 40. Fig. 4: 




§ 46. Verschiedenheit der Lichtstärke bei gleicher HeUigkeit. 



195 



Das Vorurteil, nach welchem die Helligkeit einer Gesichtsfeldstelle bei 
derselben »Erregbarkeit« des Sehorganes im wesentlichen nur von der 
Lichtstärke abhängen soll, und etwaige Abweichungen von diesem vermeint- 
lichen Gesetz als etwas Nebensächliches zu gelten haben, beherrscht noch 
immer die Darstellungen der Lehre vom Lichtsinn. Deshalb sei hier noch 
eine Einrichtung beschrieben, bei der man mit zwei gleichbeschaffenen 
(gleich »erregbaren«) somatischen Sehfeldstellen gleichzeitig die eine von 
zwei gleich lichtstarken Gesichtsfeldstellen schwarz, die andere weiß zu 
sehen vermag. 

Eine 90 cm lange, vertikal stehende Holzleiste {H Fig. 40) wird von 
einem eisernen Stativ gehalten, an dem sie in vertikaler Richtung verschieb- 
lich ist. Sie trägt entlang ihrem mittleren Dritteil ein 30 cm langes, mit 



Fig. 42. 




schwarzem Samt ausgekleidetes, im Querschnitt quadratisches (30 X 30 mm) 
Dunkelrohr, das am unteren Ende durch einen mit kleinem Loch (s. u.) 
versehenen geschwärzten Deckel geschlossen ist. Dieses Dunkelrohr ist an 
der Leiste derart angebracht, dass die Ebene einer seiner senkrechten 
Wände die Holzleiste in deren Längsmiltellinie rechtwinkelig schneidet und 
mit der Längsmittelebene des ganzen Apparates zusammenfällt, so dass sich 
also das Dunkelrohr auf der einen Seite dieser Längsmittelebene befindet. 
Die Unterfläche seines eben erwähnten Deckels setzt sich nach der anderen 
Seite hin in die Fläche eines horizontalen Kartons (9x9 cm) fort, der 
auf seiner oberen Fläche mit mattweißem Barytpapier überzogen und in 
Fig. 40 mit C2 bezeichnet ist. Sowohl in diesem Karton als im unteren 

43* 



196 Lehre vom Lichtsinn. 

Deckel des Dunkelrohres befindet sich in 1 2,5 mm Abstand von der Längs- 
mittelebene des Apparates ein rundes Loch von 3 mm Durchmesser. 

Nach oben mündet das Dunkelrohr auf der schwarzen Hälfte eines 
Kartons (Ci Fig. 40 u. 41) von 8 X H cm Fläche in einem quadratischen 
Ausschnitte {Ä Fig. 42) von 24 mm Seitenlänge. Ein ganz gleicher Aus- 
schnitt befindet sich in der anderen weißen Hälfte des Kartons, so dass 
beide Ausschnitte symmetrisch zu beiden Seiten der Längs mittelebene des 
Apparates liegen und durch einen 8 mm breiten schwarzen Steg voneinander 
getrennt sind. Im Mittelpunkte dieses Steges befindet sich eine deutliche 
weiße Marke (Fig. 42). 

An ihrem oberen Ende trägt die Holzleiste an einem kurzen Stiele 
einen horizontalen Metallring, in welchen eine GlasHnse (L) eingelegt werden 
kann, und dessen Mittelpunkt lotrecht 30 cm über der soeben erwähnten 
Marke des Steges Hegt. Der Beobachter hat diejenige Zerstreuungslinse zu 
wählen, welche seinen Nahepunkt auf 60 cm Abstand vom Auge bringt, so 
dass er zwar die beiden Löcher im unteren Deckel des Dunkelrohres und 
im Karton G2 scharf sehen kann, aber nur unscharf die weiße Marke zwi- 
schen den quadratischen Ausschnitten des oberen Kartons Q. Fig. 41 zeigt 
die ganze Vorrichtung in einem schematischen Querschnitte. 

30 cm unterhalb des Kartons G2 befindet sich eine Metallplatte P 
(7x10 mm), welche mit Hilfe eines bis in die mittle Hübe des Apparates 
reichenden und dort mit einem Handgriff {G Fig. 40) versehenen dünnen 
Stabes um eine horizontale Achse gedreht werden kann. Auf diese Metall- 
platte wird ein mattes graues Papier von entsprechender Größe aufgelegt, 
dessen Lichtstärke durch Änderung seiner Neigung gegen das durch ein 
Fenster einfallende Himmelslicht innerhalb ziemlich weiter Grenzen variiert 
werden kann. 

Bringt man ein Auge nahe an den Ring, und fixiert die wegen der Linse 
verwaschen erscheinende Marke, so sieht man einerseits die tiefschwarz er- 
scheinende quadratische ()ffnung des Dunkelrohres umrahmt von der schwar- 
zen Hälfte des oberen Kartons, auf der anderen Seite die quadratische 
Öffnung der weißen Kartonhälfte und durch diese Öffnung hindurch einen 
Teil des unteren weißen Kartons. Rechts und hnks vom Stege erscheinen 
scharf umrissen die beiden kleinen Löcher, deren eines sich im unteren 
Deckel des Dunkelrohres, das andere in dem unteren Karton G2 befindet. 
Liegt jetzt auf der unteren Metallplatte ein graues Papier von passender 
Lichtstärke, so erscheint das vom tiefen Schwarz des Dunkel- 
rohres umgebene Loch weiß, das vom Weiß des unteren Kar- 
tons umgebene Loch schwarz, obwohl beide Löcher ganz 
dasselbe Licht des unter ihnen liegenden grauen Papieres 
empfangen. Hatte ich an einem hellen Tage den Apparat in der Nähe 
eines großen hohen Fensters aufgestellt und ein mattgraues Papier, dessen 



§ 46. Gleichheit der Helligkeit bei verschiedener Lichtstärke. 197 

Remissionsvermügen ^^seo von der des weißen Barytpapiers betrug, auf 
die horizontal eingestellte Metallplatte gelegt, so sah ich das eine Loch 
ebenso schwarz wie das auf dem oberen Karton befindliche schwarze Woll- 
papier (von 6/360 Remissionsvermügen), das andere Loch ebenso weiß, wie 
das daselbst befindliche weiße Barytpapier. Um die beiden Stellen des 
somatischen Sehfeldes, auf welche die Lochbilder fallen, in gleiche Stim- 
mung zu bringen, bedeckt man jn der schon § 26 S. 118 beschriebenen 
Weise den oberen Karton mit zwei in der Längsmittelebene des Apparates 
zusammenstoßenden weißen Blättern, fixiert eine am Rande des einen 
Blattes befindliche Marke, welche genau über die Marke des Steges zu 
liegen kommt, und zieht dann die Deckblätter nach rechts und links 
zur Seite. 

Ich konnte also mit Hilfe der beschriebenen Vorrichtung von zwei 
kleinen symmetrisch zum Längsmittelschnitt auf der Netzhaut abgebildeten 
ganz gleich lichtstarken Feldern das eine so hell wie ein weißes, und das 
andere so dunkel wie ein schwarzes Papier sehen, deren Lichtstärken sich 
wie 1 : 60 verhielten. Davon, daß auf der Netzhaut die Lichtstärken der 
beiden Lochbilder infolge des falschen Lichtes (vgl. § 33) nicht ganz gleich 
sind, sondern das schwarz erscheinende Loch im Weiß sogar etwas licht- 
stärker ist, als das weiß erscheinende Loch im Schwarz, habe ich hier 
abgesehen. 

Um eine mehrfache Verwendbarkeit des Apparates zu ermöglichen, wurde 
die untere Metallplatte in ähnlicher Weise, wie dies an dem in Fig. 22 (§ 27) 
abgebildeten Apparate beschrieben wurde, in zwei Hälften geteilt, die durch einen 
Riegel zusammengehalten sind, nach dessen Lösung jede Hälfte unabhängig von 
der anderen durch einen Handgriff (O Fig. 40) um eine horizontale Achse ge- 
dreht werden kann. Hierdurch wird ihre Lage relativ zur Einfallsrichtung des 
Himmelslichtes und zugleich die Lichtmenge verändert, welche von dem auf- 
liegenden Papier ins Auge geschickt wird. 

b) Auch der zweite oben angeführte wichtige Satz, nach welchem zwei 
Gesichtsfeldstellen von sehr ungleicher Lichtstärke mit zwei gleich be- 
schaffenen Stellen des somatischen Sehfeldes gleich hell gesehen werden 
können, lässt sich mit der oben beschriebenen Vorrichtung noch auffallender 
beweisen, als mit dem in Fig. 22 (§ 27) abgebildeten Apparate. Statt die 
ganze untere Metallplatte mit dem grauen Papier zu bedecken, bedeckt man 
die eine, auf der Seite des Dunkelrohres liegende Hälfte mit einem matten 
schwarzen, die andere mit einem passend ausgewählten malten weißen 
Papier, was freilich voraussetzt, dass man eine Reihe weißer und schwarzer 
Papiere von gut abgestuftem Remissionsvermögen zur Verfügung hat. Das 
benutzte weiße Papier muss jedenfalls lichtschwächer sein als das weiße 
Normalpapier, in welchem sich das Loch befindet, das schwarze kann eines 
der käuflichen mattschwarzen Papiere sein, oder es kann an seiner Stelle 
auch eine dicht berußte Fläche benutzt werden. Ich wählte z. B. gegen 



198 Lehre vom Lichtsinn. 

Mittag eines wolkenlosen Tages ein kaum ins Grau spielendes mattweißes 
Papier, dessen Remissionsvermögen sich zu dem des weißen Barytpapieres 
wie 282:360 verhielt, und ein schwarzes Wollpapier von Yseo» '^^^ sah 
beide Löcher als ein beiderseits gleich helles Grau, obwohl 
die Lichtstärke des einen Loches 47mal größer war, als die 
des anderen. 

Es kommt bei dem letzteren Versuchte sehr viel darauf an, dass die 
Ebene der beiden Kartonflächen und der Metallplatte sämtlich horizontal, 
und dass sie alle drei gleich stark beleuchtet sind. Man erreicht letzteres, 
wenn der Apparat in einem passend gewählten Abstände vor einem hohen 
Fenster aufgestellt wird, das eine weder durch Bäume noch durch Häuser 
behinderte Aussicht auf den Himmel gestattet. 

§ 47. Die Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von 
der Gesamtbeleuchtung bei ungleichem D-Reize und ungleichem 
exogenen Gesamtindukt. So oft es sich um die Deutlichkeit des Sehens 
tonfreier Bilder (Zeichnungen, Lithographien, Kupferstiche, Photographien), 
um Messungen der Sehschärfe, um photometrische Bestimmungen u. s. w. 
handelt, kommen die Helligkeitsunterschiede nahe benachbarter oder einander 
unmittelbar berührender Stellen des psychischen Sehfeldes und zwar ins- 
besondere seines zentralen Teiles in Betracht. Befanden sich unmittelbar 
vor Empfang des Netzhautbildes der genannten Außendinge zwei zu be- 
nachbarten, aber ungleich lichtstarken Stellen gehörige Elemente des kleinen 
fovealen Bezirkes des somatischen Sehfeldes im Zustande gleicher Empfäng- 
lichkeit, gleicher Unterwertigkeit und gleichen endogenen Induktes, so haben 
wir den in § 44 S. 186 erwähnten Fall vor uns, wo für zwei Elemente 
dieselbe Kurvenschar gilt, jedoch sowohl der D-Reiz als auch der Wert 
von n verschieden ist. 

Wollen wir wieder zur Veranschaulichung der Abhängigkeit der Hellig- 
keitsunterschiede von der Stärke der Gesamtbeleuchtung die Kurvenschar 
der Fig. 43 (einer Kopie der Fig. 37) benutzen, so haben wir es mit zwei, 
den beiden Elementen e und e^ zugehörigen Kurven und mit zwei, den 
beiden D-Reizen r und r^ entsprechenden Ordinatenlinien zu tun, welche 
letzteren einen bei allen möglichen Stärken der Gesamtbeleuchtung gleich- 
bleibenden gegenseitigen Abstand haben. 

Hierbei sind vier Möglichkeiten zu unterscheiden: 

1. die eine Kurve liegt über, die andere unter der Linie der unveränder- 
lichen Helligkeit; 

2. dem einen Elemente entspricht die Linie der unveränderlichen Helligkeit, 
dem anderen eine ober- oder unterhalb jener Linie liegende Kurve: 

3. beide Kurven liegen über der Linie der unveränderlichen Helligkeit: 

4. beide Kurven liegen unter der Linie der unveränderlichen Helligkeit. 



§ 47. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamtbeleuchtung. 199 



Für die ersten zwei Fälle ergiebt die Betrachtung der Fig. 43 sofort, 
dass der Unterschied der den Elementen e und e, entsprechenden Hellig- 
keiten um so größer sein muss, je stärker die Gesamtbeleuchtung des 
Gesichtsfeldes bezw. der Netzhaut ist. Denn der Schnittpunkt einer Ordi- 
natenlinie mit einer beliebigen Kurve der Schar hat einen um so größeren 
Abstand von der Linie der unveränderlichen Helligkeit, je weiter die Ordi- 

Fig. 43. 




0}sl 



4 f' y -/ -/ -/ / ■/ 
■fCX9- Sf% aS6 fZ8 W 3Z -fi 6 






^ / ^ f 



<5 V6 3Z 6^ m 2S6 S1Z iOhV- .. 



natenlinie nach rechts liegt d. h. je größer der D-Reiz ist, zu dem die 
Ordinatenlinie gehört. Entspricht also einem der beiden Elemente die Linie 
gleicher Helligkeit und dem anderen eine beliebige Kurve, so bleibt die dem 
einen Elemente zugehörige Helligkeit bei allen Beleuchtungsstärken dieselbe, 
während die dem anderen zugehörige um so mehr von dieser Helligkeit 
nach oben oder nach unten abweicht, je stärker die Gesamtbeleuchtung 
ist. Liegt die Kurve des einen Elementes über, die des anderen unter 
der Linie der unveränderlichen Helligkeit, so weicht die zur ersteren 



200 Lehre vom Lichtsinn. 

gehörige Helligkeit um so mehr nach oben, die zur anderen gehörige 
gleichzeitig um so mehr nach unten von der Linie der unveränderlichen 
Helligkeit ab, je stärker die Gesamtbeleuchtung. Mit der letzteren wächst 
also in allen drei Fällen der fragliche Helligkeitsunterschied. 

Nicht so einfach verhält es sich in den Fällen 3. und 4., wo die Kurven 
beider Elemente oberhalb oder unterhalb der Linie unveränderlicher Hellig- 
keit gelegen sind. In solchen Fällen wächst zwar, wenn man von der 
schwächsten Gesamtbeleuchtung ausgeht, der Helligkeitsunterschied zunächst 
auch mit der Stärke der Gesamtbeleuchtung, erreicht aber bei einer ganz 
bestimmten Stärke der letzteren ein Maximum, um darüber hinaus wieder 
abzunehmen bis zu jener Beleuchtungsstärke, wo er sich praktisch genommen 
nicht mehr änd^ert, weil beide Kurven bereits ihre Asymptoten nahezu er- 
reicht haben. Mit Hilfe unserer Helligkeitsformel (S. 172) lässt sich dies 
leicht dartun, wenn man für ein gegebenes Verhältnis zwischen den zu 
e und ßj gehörigen D-Reizwerten die entsprechenden Helligkeiten bei ver- 
schiedenen Stärken der Gesamtbeleuchtung berechnet. Liegen beide Kurven 
über der Linie der unveränderhchen Helligkeit, so- kommt dem stärker 
belichteten Elemente der kleinere Wert von n zu; umgekehrt verhält es 
sich, wenn beide Kurven unterhalb jener Linie liegen. 

Angenommen dem Elemente e entspräche die zum w-Werte 0,2, dem 
Elemente e, die zum w-Werte 0,4 gehörige Kurve, und die D-Reize der beiden 
Elemente verhielten sich wie 1:4. Wäre unter solchen Umständen der D-Reiz 
für e gleich 2, der D-Reiz für e^ gleich V2? so entspräche dem Elemente e 
die Helligkeit 0,45, dem Elemente e^ die Helligkeit 0,354, und der Unterschied 
beider HeUigkeiten wäre gleich 0,096. Wäre der D-Reiz für e gleich 8, für 
ßj gleich 2, so entspräche ersterem die Helligkeit 0,6, letzterem die Helligkeit 
0,4, und der Unterschied betrüge 0,2. Wäre für e der D-Reiz gleich 32, der 
D-Reiz für e^ gleich 8, so entspräche ersterem die Helligkeit 0,7263, letzterem 
die HelHgkeit 0,4857, und ihr Unterschied wäre 0,2406. Betrügen die beiden 
Reizwerte 128 und 3*2, so entsprächen dem die Helligkeiten 0,7791 und 0,5579, 
und der Unterschied 0,2212; der letztere wäre also bereits wieder kleiner als 
er bei den Reizwerten 32 und 8 war; und bei noch größerer Stärke der Gesamt- 
beleuchtung müsste er sich immer mehr dem Unterschiede 0,2 nähern, welcher 
durch den Abstand der beiden Asymptoten der beiden Kurven gegeben ist. 

Bei photometrischen Bestimmungen handelt es sich um Verhältnisse 
zwischen den beiden Lichtstärken , welche dem Verhältnis 1 : 1 viel näher 
liegen, als das soeben beispielsweise benutzte Verhältnis \ : 4. Beim Rechnen 
gewöhnt man sich, die verschiedenen Verhältnisse zwischen zwei Werten 
als zwei verschiedene Größen zu nehmen und Verhältnisse durch Brüche 
auszudrücken. Macht man dabei den kleineren Wert zum Zähler, den 
größeren zum Nenner, so lässt sich jedes mögliche Verhältnis durch einen 
echten Bruch bezeichnen, und es hat dann, rechnerisch genommen, einen 

Sinn, wenn man z. B. dem Verhältnis - einen größeren Wert beimisst, 

1 o 



§ 47. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamtbeleuchtung. 201 

als dem Verhältnis 77— • Setzt man statt des kleineren den größeren 

1 Uü ^ 

Wert in den Zähler, und erhält so die beiden unechten Brüche — und 

11 11' 

so misst man dem letzteren einen größeren Wert bei als dem ersteren. 
Im Grunde genommen wird an den beiden Verhältnissen als solchen durch 
die verschiedene Ausdrucksweise nichts geändert. Nur die Art unseres 
Rechnens nötigt dazu, Verhältnisse als Größen in die Rechnung ein- 
zusetzen. Demgemäß will ich, wenn die beiden, für die Elemente e und e^ 
in Betracht kommenden Lichtstärken sich z. B. in einem Falle wie 1 : 4 
im andern wie 99:100 verhalten, ihr Verhältnis letzterenfalles als das 
größere bezeichnen, indem ich die kleinere Lichtstärke als den Zähler eines 
Bruches nehme. 

Je »größer« das Verhältnis der für zwei Elemente von gleicher Empfäng- 
lichkeit, gleicher Wertigkeit und gleichem endogenen Gesamtindukt geltenden 
Lichtstärken ist, desto näher liegen sich die zu den beiden Reizwerten 
dieser Elemente gehörigen Ordinatenlinien. Schon beim Verhältnis 50 : 51 
würden diese beiden Linien in der Zeichnung (Fig. 43) zusammenfallen, es 
sei denn, dass wir dieselbe nach einem entsprechend großen Maßstabe aus- 
führen wollten. 

Ähnlich verhält es sich aber auch mit den beiden Helligkeitskurven, 
welche unter den hier angenommenen Umständen zu den beiden Sehfeld- 
elementen gehören würden. Dem vom stärkeren D-Reize getroffenen Ele- 
mente e entspricht wieder, wie in dem vorhin näher besprochenen Falle, der 
kleinere Wert von n', aber für das schwächer belichtete Element e^ ist jetzt 
der 7i-Wert nur wenig kleiner, seine Helligkeitskurve liegt also der Kurve 
des Elementes e sehr nahe. Die beiden Kurven fallen, sobald der Unter- 
schied der beiden n-Werie zu klein wird, in der Zeichnung ebenfalls zu- 
sammen, wenngleich theoretisch genommen die Kurve des Elementes e 
immer höher liegen muss als die des Elementes e^. Liegen aber 
die Helligkeitskurven der beiden Elemente einander so nahe, dann gilt 
für die beiden Elemente sehr angenähert das, was in §45, S. 191 
für den Fall auseinandergesetzt wurde, wo wirklich nur eine 
einzige Kurve in Betracht kam und das Verhältnis zwischen 
den D-Reizen der beiden Elemente dem Verhältnisse 1 : 1 eben- 
falls sehr angenähert war. 

So führt unsere Betrachtung zu dem wichtigen Ergebnis, dass, wenn 
das Verhältnis zwischen den D-Reizen zweier somatischer Sehfeldelemente 
von gleicher Empfänglichkeit, gleicher Wertigkeit und gleichem endogenen 
Gesamtindukt sich dem Verhältnis 1 : 1 nähert, der Unterschied der 
beiden, diesen Elementen im psychischen Sehfelde zukommen- 
den Helligkeiten bei einer ganz bestimmten Stärke der Gesamt- 



202 Lehre vom Lichtsinn. 

beleuchtung am größten ist, wie dies in § 45 auseinandergesetzt wurde. 
Wäre bei diesem Optimum der Gesamtbeleuchtung dieser Helligkeits- 
unterschied bereits nur bei besonderer Aufmerksamkeit noch merklich, so 
würde sowohl eine Verstärkung als eine Abschwächung der Gesamtbeleuchtung 
ihn vollends unbemerklich machen. 

Die bloße Anschauung einer Kurvenschar, wie sie Fig. 43 beispiels- 
weise zeigt, lehrt uns, dass bei einem so großen Verhältnis zwischen den 
beiden D-Reizen der bezügliche Helligkeitsunterschied um so größer ist, je 
steiler die auf der Zeichnung als einfache Kurve erscheinende Doppelkurve 
an der Stelle verläuft, wo sie von der auf der Zeichnung ebenfalls nur 
einfach erscheinenden doppelten Ordinatenlinie durchkreuzt wird. Die 
Steilheit der Doppelkurve aber ist bei gleichen w-Werten um so größer, je 
größer die Unterwertigkeit der beiden Elemente ist, denn um so tiefer liegt 
der Ausgangspunkt der Kurvenschar auf der Ordinatenachse (vgl. z. B. 
Fig. 35 und 37). 

Hieraus folgt also, dass das Verhältnis der auf die beiden Elemente e 
und ei wirkenden D-Reize sich dem Verhältnis 1 : 1 um so mehr nähern 
kann, ohne unbemerklich zu werden, je größer die Unterwertigkeit der 
beiden zugehörigen Elemente der Sehsubstanz ist, mit anderen Worten, 
dass die Deutlichkeit unseres Sehens einen um so höheren Grad 
erreichen kann, je vorgeschrittener die sukzessive Helladap- 
tion der Sehsubstanz ist. 

So ergibt sich also aus unserer Theorie dasselbe, was schon in § 18 
aus den Tatsachen der täglichen Erfahrung abgeleitet wurde, dass nämlich 
jedem Anpassungszustande eine besondere, für diesen Zustand optimale 
Beleuchtungsstärke entspricht, bei welcher das Auge das unter den ge- 
gebenen Verhältnissen mögliche Maximum der Deutlichkeit des Sehens er- 
reicht, und dass ein für schwache Beleuchtung angepasstes Auge bei keiner 
und also auch nicht bei der für seinen Zustand optimalen Beleuchtungs- 
stärke so hohe Deutlichkeitsgrade des Sehens erreicht, wie ein für stärkere 
Beleuchtung angepasstes. 

Auch ist hier auf die in § 20 beschriebenen Versuche zu verweisen, 
bei denen vor jeder Einzelbeobachtung durch längere Betrachtung einer 
Fläche von überall gleicher Lichtstärke soweit möglich für die Gleichartig- 
keit des zentralen Sehfeldbezirkes gesorgt war, und deren Ergebnisse mit 
der hier entwickelten Lehre durchaus in Übereinstimmung, mit Fechner's 
Lehre aber zum größeren Teile unverträglich sind. 

§ 48. Über die durch örtliche Änderungen der Netzhaut- 
belichtung bedingten Helligkeitsänderungen. In § 39 und ff. wurden 
die von den Änderungen der allgemeinen Netzhautbeleuchtung abhängigen 
Helligkeitsänderungen im psychischen Sehfelde besprochen ; jetzt handelt es 



§ 48. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesamtbeleuchtung. 203 

sich um Helligkeitsänderungen, welche bei örtlich beschränkten Beleuchtungs- 
änderungen der Netzhaut eintreten. Ich setze dabei wieder ein stabiles 
Gesichtsfeld und ein ebensolches somatisches Sehfeld voraus (vgl. § 39) und 
nehme also an, dass, abgesehen von der erwähnten Belichtungsänderung 
alles hier in Betracht kommende unverändert bleibt. 

Die Gesamtheit aller Elemente der Sehsubstanz stellt ein derart in sich 
zusammenhängendes System dar, dass eine Änderung im Zustande eines 
Elementes vermöge der induzierenden Wechselwirkungen auch in jedem 
anderen Elemente des Systems eine Zustandsänderung mit sich bringt. 
Dieselbe besteht in einer Größenänderung seiner Dissimilation und Assi- 
milation und bedingt sowohl eine Änderung des Unterschiedswertes D-A^ 
als des Verhältnisses D : Ä. Von letzterem hängt die (psychische) Farbe 
und Helligkeit ab, von ersterem das (somatische) Indukt, welches von einem 
Element im anderen induziert wird. 

Wäre uns bei belichteter Netzhaut für jedes Element derselben seine 
Belichtung und Empfänglichkeit und zugleich die Wertigkeit des ihm zu- 
gehörigen Elementes der Sehsubstanz gegeben, so wäre damit auch für 
jedes Element der letzteren die Größe seiner Dissimilation und Assimilation, 
das Verhältnis beider zueinander und ihr Unterschieds wert gegeben. 

Es gilt nun, mit einem gegebenen ersten Gesamtzustand des Systems 
den zweiten zu vergleichen, welcher durch veränderte Belichtung eines 
Teiles der Netzhaut herbeigeführt wird. 

Bestände das System nur aus zwei Elementen, so ließe sich ebenfalls 
ein Zustand dieses zweigliederigen Systemes als gegeben annehmen und mit 
demjenigen Zustande vergleichen, in welchen die beiden Elemente versetzt 
würden, sobald bei gleichgebliebener Wertigkeit derselben der D-Reiz r in 
einem der beiden geändert wäre. 

Aus der für den soeben angenommenen Fall bereits in § 38 ent- 
wickelten Gleichung (5) ergab sich (S. 166, H), dass jeder positive (oder 
negative) Zuwuchs zum Reize r des einen Elementes e einen zu diesem 
Ueizzuwuchs proportionalen negativen (oder positiven) Zuwuchs zum 
Indukte i desselben Elementes, dagegen im anderen Elemente e einen 
proportionalen positiven (oder negativen) Zuwuchs zum Indukte i dieses 
Elementes bedingt. Hieraus folgt, dass die durch einseitige Reizänderung 
in 6 bedingte Änderung des Unterschiedswertes D-Ä (in e) und des Unter- 
schiedswertes D-A (in e) in beiden Elementen aus einem mit dem Reiz- 
zuwuchs in 6 proportionalen Zuwuchs zu diesem Unterschiedswerte besteht. 

Denn in e ist sowohl der Zuwuchs zu dr als auch der Zuwuchs zu i pro- 
portional zum Zuwuchs von r, und in e ist zwar V unverändert gebheben, aber 
der Zuwuchs zu i proportional zum Reizzuwuchs in e. Dass der i-Zuwuchs 
in e das entgegengesetzte Vorzeichen hat wie der r-Zuwuchs, der i-Zuwuchs in e 
aber das gleiche, ändert nichts daran, dass in beiden Elementen die Zu- 



204 Lehre vom Lichtsinn. 

wüchse zu den Unterschiedswerten der Dissimilation und Assimilation dem in e 
eingetretenen Reizzuwuchs proportional sind. 

Das für ein solches nur gedachtes zweigliederiges System geltende 
Gesetz der Proportionalität zwischen allen Zuwüchsen (den Reiz- 
zuwüchsen, den Induktzuwüchsen und den Zuwüchsen des Unter- 
schieds wertes D-Ä) ist auch für die gegenseitige induktive Wechsel- 
wirkung jedes beliebigen Elementenpaares in einem vielgliederigen System 
gültig, nur tritt in jedem Elemente an die Stelle des Einzelinduktes das 
Gesamtindukt / (vgl. § 39). Auch jetzt sind die durch den Reizzuwuchs 
eines Elementes in allen Elementen des Systems bedingten Zuwüchse zum 
Unlerschiedswerte D-A jenem Reizzuwuchs proportional, und wenn in 
einer beliebig großen Gruppe von Elementen die sämtlichen Reizwerte durch 
eine Veränderung der Releuchtung in gleichem Verhältnisse vergrößert oder 
verkleinert werden, so ist sowohl in ihnen selbst als in allen übrigen Ele- 
menten der Zuwuchs zum Unterschiedswerte B-A jedes Elementes mit 
jenen (unter sich proportionalen) Reizzuwüchsen ebenfalls proportional. 

Es fragt sich nun , welche Helligkeitsänderungen den soeben be- 
sprochenen Zustandsänderungen des vielgliederigen Systems entsprechen. 

Beim gewöhnlichen Sehen im beleuchteten Räume sind, wie schon auf 
S. 179 erwähnt wurde, fast immer alle Elemente der Sehsubstanz unter- 
wertig, und ich will deshalb auch hier wieder von den selteneren Fällen 
der Überwertigkeit einzelner Teile der Sehsubstanz absehen. Das endo- 
gene Gesamtindukt (JJ jedes Elementes ist bei allgemeiner Unterwertigkeit 
der Sehsubstanz ein Heliindukt und also negativ, dagegen ist das durch 
die Belichtung bedingte exogene Gesamtindukt (J^) ein Dunkelindukt und 
daher positiv. 

Bei Bestimmung der Dissimilationsgröße eines Elementes gilt die Gleichung 

D -= d — /o + <5r — J^ 

also ist hier das endogene Gesamtindukt Jq zum Werte von 6 hinzuzufügen, um 
den Wert von Dq zu erhalten; das exogene Gesamtindukt J^ aber ist vom 
Werte dr in Abzug zu bringen (vgl. § 39^ S. <69). 

Die einem Elemente der belichteten Netzhaut entsprechende Helligkeit 
ergibt sich, wie in § 39 gezeigt wurde, aus der Gleichung 

Würde die von uns angenommene Verstärkung der Beleuchtung 
nicht bloß auf einem Teile, sondern auf der ganzen Netzhaut stattfinden, 
so würde, wie in § 39 dargelegt wurde, der Wert von J^. proportional 
mit r wachsen, immer also derselbe Bruchteil der Größe ör bleiben. Wenn 
jedoch die Verstärkung der Beleuchtung nur einen Teil der Netzhaut be- 
trifft, so wächst Jy. in jedem zu diesem Netzhautteile gehörigen 



§ 48. Abhängigkeit der Helligkeitsunterschiede von der Gesämtbeleuchtung. 205 

Elemente e nicht mehr proportional mit ^r, sondern weniger, entsprechend 
der kleineren Anzahl der von der Reizvergrößerung betroffenen und positiv 
induzierend auf e wirkenden Elemente der Sehsubstanz. Für die obige 
Gleichung bedeutet dies eine Verkleinerung von J^ und also eine Ver- 
größerung für den Zähler des Bruches, welcher die Helligkeit H ausdrückt. 
Die dem Elemente e entsprechende Helligkeit wird also jetzt größer sein, 
als sie sein würde, wenn die Beleuchtung nicht bloß für den fraglichen Teil, 
sondern für die ganze Netzhaut in gleichem Maße verstärkt worden wäre. 

Wie in § 39 gezeigt wurde, kann eine und dieselbe Verstärkung der 
Gesamtbeleuchtung der Netzhaut je nach der Verteilung der Lichtstärken 
im Netzhautbilde bald eine größere , bald eine kleinere Zunahme der einem 
Elemente der Sehsubstanz entsprechenden Helligkeit, bald sogar eine Abnahme 
<iieser Helligkeit bedingen. Würde im gegebenen Falle eine Verstärkung der Be- 
leuchtung der ganzen Netzhaut für das von uns in Betracht gezogene Element e 
eine Helligkeitsabnahme bedingen, so würde also bei der gleichen, aber nur auf 
«inen Teil der Netzhaut beschränkten Verstärkung der Beleuchtung diese Hellig- 
keitsabnahme vermindert oder auch in eine Helligkeitszunahme verwandelt sein 
können. Der Vollständigkeit halber möge dies hier mit erwähnt sein, obwohl 
ich im Folgenden von solchen Fällen absehen werde. 

Wenn die Veränderung der Beleuchtung eines Teiles der Netzhaut 
nicht, wie wir soeben annahmen, in einer Verstärkung, sondern in einer 
Verminderung besteht, so ergibt eine ganz analoge Erwägung wie die 
oben durchgeführte, dass für jedes, dem jetzt schwächer beleuchteten Netz- 
hautteile zugehörige Element die korrelative Helligkeit kleiner ist, als sie 
sein würde, wenn die Beleuchtung der ganzen Netzhaut in demselben 
Maße vermindert worden wäre. 

Es bleibt übrig, die Helligkeitsänderungen in einem Elemente £ der 
Sehsubstanz zu besprechen, welches zu dem unverändert belichteten 
Netzhautteile gehört. Für ein solches bleibt der Reizwert r ungeändert, 
während der Wert von J^ sich ändert. Denn wenn in den, zum verändert 
belichteten Netzhautteile gehörigen Elementen der Reizwert und die Dissi- 
milation einen z. B. positiven Zuwuchs erhielt, so empfängt £ von jedem 
dieser Elemente einen mit jenem Zuwuchs proportionalen positiven Indukt- 
zuwuchs und das summarische Indukt in £ wird größer. Dies bedeutet 
in obiger Gleichung (6) eine Vergrößerung des Wertes von /,., also für den 
Zähler des die Helligkeit ausdrückenden Bruches eine Verkleinerung und 
daher eine Abnahme der Helligkeit oder eine Verdunkelung. War der Be- 
lichtungszu wuchs kein positiver, sondern ein negativer, so tritt, wie ohne 
weiteres ersichtlich ist, an die Stelle der Verminderung eine Steigerung der 
Helligkeit. 

Somit ergibt sich der allgemeine Satz, dass unter sonst konstanten 
Bedingungen eine nur einen Teil der Netzhaut betreffende Steige- 
rung bezw. Minderung der Beleuchtung nicht nur im ent- 



206 



Lehre vom Lichtsinn. 



sprechenden Teile des psychischen Sehfeldes eine gesteigerte 
bezw. geminderte Helligkeit, sondern zugleich auch im übrigen 
Sehfelde eine entgegengesetzte Helligkeitsänderung bedingt. 

Eine ganze Reihe früher besprochener Tatsachen bestätigen die Gültig- 
keit dieses aus unserer Kontrasttheorie abgeleiteten Satzes. Denn bei allen 
in 8 31 beschriebenen Fällen von reinem Simultankontrast handelte es 



Fig. 44. 



Fis. 45. 




sich um deutliche Helligkeitsänderungen, welche auf einer Papierfläche von 
unveränderter Lichtstärke lediglich dadurch herbeigeführt wurden, dass auf 
einem angrenzenden oder auch einem das erste Feld umschließenden Felde 
(dem Umfelde) die Lichtstärke geändert wurde. Das einfachste Beispiel 
einer solchen Helligkeitsänderung durch bloße Induktion liefert der folgende 
Versuch, dessen Beschreibung ich den in § 31 mitgeteilten Versuchen noch 
anreihen will, weil bei demselben außer den beiden Helligkeitsänderungen, 
auf die es allein ankommt, keine anderweiten auffälligen und die Aufmerk- 
samkeit des Beobachters ablenkenden Änderungen im Sehfelde stattfinden, 



§ 49. Die Versuche von Hess und Pretori. 207 

und weil er den im folgenden Paragraphen zu besprechenden Versuchen 
zugrunde liegt. 

Ein kleiner weißer, vor einem möglichst lichtschwachen Hintergrunde 
stehender Papierschirm (Fig. 44) sei von der Lichtquelle l beleuchtet. Vor 
einer zweiten Lichtquelle L befinde sich ein schwarzes Schirmchen, welches 
die Strahlen dieser Lichtquelle von dem weißen Schirme abhält. Eine 
auf der Mitte des letzteren angebrachte schwarze Marke dient als Fixir- 
punkt. Zieht man das schwarze Schirmchen zur Seite, so wirft ein senk- 
rechter mattschwarzer Stab seine Schatten neben der Marke auf den weißen 
Schirm. Obgleich dabei die Lichtstärke der Schattenstelle nicht vermindert 
wird, und nur auf der übrigen Schirmfläche zum Lichte von / das von L 
hinzukommt, sieht man doch die Schattenstelle deutlich dunkler werden, 
um so mehr, je stärker die Lichtquelle L ist. 

Da der von der Lichtquelle / bedingte Schatten des Stabes nicht auf den 
weißen Schirm, sondern in die schon an und für sich dunkel erscheinende 
Umgebung fällt, so ist der von der Lichtquelle L bedingte Schattten das einzige 
auf dem Schirme überhaupt Unterscheidbare. Dadurch ist dieser Versuch dem 
im § 31, S. 132 beschriebenen FECHNER'schen Versuche überlegen, bei dem 
noch ein zweiter Schatten von anderer Helligkeit auf dem Schirme erscheint 
und die Aufmerksamkeit zersplittert. 

§49. Ableitung des Ergebnisses der messenden Versuche 
von Hess und Pretori aus der Theorie der Induktion. Genügend 
große Verschiedenheit der beiden Lichtquellen vorausgesetzt, sind bei dem 
zuletzt beschriebenen Versuche die durch die Induktion bedingten Hellig- 
keitsänderungen so groß, dass sie Jedem auffallen. Wenn aber kleinere 
Verschiedenheiten der beiden Lichtquellen und entsprechend kleinere Reiz- 
zuwüchse für die bezüglichen Elemente der Sehsubstanz gegeben sind, so 
kann es unmöglich werden zu entscheiden, ob nur der eine Teil der Schirm^ 
fläche seine Helligkeit ändert oder wirklich beide eine Helligkeitsänderung 
erfahren. Könnte man in solchen Fällen in möghchster Nähe des Versuchs^ 
feldes_, als welches hier der weiße Schirm diente, ein Vergleichsfeld her- 
stellen, welches vor Eintritt der Belichtungsänderung dieselbe Helligkeit 
zeigte, wie der nur durch die Induktion in seiner Helligkeit veränderte Teil 
des Versuchsfeldes, und welches auch nach der Belichtungsänderung des 
letzteren seine Helligkeit völlig unverändert beibehielte, so könnte in zweifel- 
haften Fällen die Vergleichung mit dieser konstanten Helligkeit uns den 
gewünschten Aufschluss geben. 

Von vornherein ist die Herstellung eines solchen Vergleichsfeldes nur 
denkbar, wenn dasselbe soweit vom Versuchsfelde abliegt, dass der 
funktionelle Abstand (vgl. § 38) der beiden Felder groß genug ist, um die 
induktiven Wechselwirkungen zwischen beiden auf ein zu vernachlässigendes 
Minimum herabzumindern. Ein großer Abstand der beiden Felder verbietet 



208 Lehre vom Lichtsinn. 

sich aber deshalb, weil die Vergleichung zweier Farbenfelder mit zunehmen- 
dem gegenseitigen Abstand immer ungenauer wird. Es gilt also denselben 
so zu wählen, dass einerseits der Fehler bei der Vergleichung, anderseits 
die aus der induktiven Wechselwirkung sich ergebenden Fehler gegenüber 
der Größe der zu beobachtenden Helligkeitsänderungen, wenn auch nicht 
verschwinden, so doch nur wenig in Betracht kommen. 

Ein solches Vergleichsfeld benutzten Hess und Pretori bei ihren 
messenden Versuchen, deren Ergebnisse ein besonders wichtiger Prüfstein 
für die Richtigkeit der oben entwickelten Induktionsgesetze sind. Das Ver- 
suchsfeld lag exzentrisch, und das Vergleichsfeld an der symmetrischen 
Stelle der anderen Gesichtsfeldhälfte. Das in der Mitte des Versuchsfeldes 
befindliche Infeld konnte unabhängig vom Umfelde durch eine besondere 
Lichtquelle messbar beleuchtet werden, und in analoger Weise auch das 
Umfeld, wie dies alles in § 29 beschrieben wurde. 

Wir denken uns zunächst das retinale Infeld und Umfeld gleich stark 
belichtet, so dass sie zusammen einen gleichmäßig belichteten Bezirk aus- 
machen. Wird nun der Beleuchtung des Umfeldes unter sonst gleichbleiben- 
den Umständen ein positiver Lichtzuwuchs erteilt, so erhält, wie aus dem im 
vorigen Paragraphen entwickelten Satze folgt, in allen, den retinalen Ele- 
menten des Infeldes zugeordneten Elementen der Sehsubstanz das schon 
zuvor bestandene Dunkelindukt einen zum Lichtzuwuchs des retinalen Um- 
feldes proportionalen positiven Zuwuchs, was für das psychische Infeld eine 
Verdunkelung bedeutet. Soll nun das psychische Infeld trotz der verstärkten 
Belichtung des retinalen Umfeldes seine frühere Helligkeit behalten, so müsste 
man auch dem retinalen Infelde einen Lichtzuwuchs erteilen und zwar 
einen solchen, welcher eben hinreicht, die durch den Reizzuwuchs im Um- 
felde bedingte Helligkeitsabnahme des psychischen Infeldes durch den Reiz- 
zuwuchs im somatischen Infelde zu kompensieren. 

Aus dem eben erwähnten Satze, nach welchem die durch einen posi- 
tiven oder negativen Reizzuwuchs eines Elementes der Sehsubstanz in allen 
übrigen Elementen bedingten Zuwüchse zum Indukte und zum Unterschieds- 
werte D-Ä dem Reizzuwuchse proportional sind, folgt ohne weiteres, dass 
auch der zur Konstanterhaltung der Helligkeit des psychischen Infeldes 
nötige Reizzuwuchs dem Reizzuwuchse des Umfeldes proportional sein muss. 
Denn ebenso wie die durch letzteren im somatischen Infelde induzierte 
Änderung dem Reizzuwuchs proportional wäre, müsste auch die durch den 
Reizzuwuchs des Infeldes selbst bedingte entgegengesetzte Änderung diesem 
Reizzuwuchs proportional sein. 

Der Voraussetzung eines stabilen Gesichtsfeldes (s. S. 171) war bei 
den Versuchen von Hess und Pretori durchaus genügt; ebenso war der 
Forderung eines konstanten somatischen Sehfeldes soweit möglich dadurch 
entsprochen, dass die Augen durch längere Pausen zwischen den einzelnen 



§ 49. Die Versuche von Hess und Pretori. 209 

Versuchen immer wieder auf denselben Anpassungszustand gebracht wurden. 
Änderungen der Pupille sollten zwar eigentlich ausgeschlossen sein, werden 
aber keinen erheblichen Einfluss auf die Ergebnisse gehabt haben, weil sie 
auf alle Teile des gesamten Netzhautbildes in gleichem Verhältnisse 
wirken, und also das Verhältnis zwischen dem Beleuchtungszuwuchse 
des retinalen Infeldes und dem des retinalen Umfeldes nicht beeinflussen 
können. 

Die aus den zahlreichen Versuchsreihen von Hess und Pretori ge- 
wonnenen Mittelwerte ergaben, dass der zur Konstanz der Helligkeit des 
Infeldes nötige Beleuchtungszuwuchs dem jeweiligen positiven oder nega- 
tiven Beleuchtungszuwuchs des Umfeldes stets angenähert proportional 
war, gleichviel welche (unter den gegebenen Bedingungen mögliche) Licht- 
stärke dem Infelde vor Beginn einer Versuchsreihe gegeben worden 
war. Für jede dieser Lichtstärken war also der Koeffizient, welcher dem 
Beleuchtungszuwuchs des Umfeldes zu geben war, um den eben nötigen 
Beleuchtungszuwuchs des Infeldes auszudrücken, ein konstanter, wenn auch 
für die verschiedenen Anfangslichtstärken des Infeldes verschiedener. Je 
größer die letztere und also auch die Helligkeit des Infeldes war, desto 
größer war der Koeffizient, den ich in § 29 und 30 als den Kontrast- 
koeffizient bezeichnet habe. -^ 

Ehe ich die in diesem Abschnitte enthaltenen Grundzüge einer Theorie 
der Wechselwirkung der Sehfeldstellen abschließe, sei es mir gestattet, einige 
Sätze aus einer im Jahre 1874 von mir veröffentlichten Mitteilung >zur 
Lehre vom Lichtsinn« (IV, § 24) hier zu wiederholen, um damit nicht nur 
der immer wiederkehrenden Vermengung der auf Induktion beruhenden 
Kontrasterscheinungen mit gewissen ganz andersartigen Erscheinungen zu 
begegnen (vgl. § 4), sondern auch die Antwort auf eine im dritten Bande 
der 3. Auflage des Handbuchs der physiologischen Optik von Helmholtz 
(S. 490) enthaltene irrtümliche Darstellung meines Kampfes gegen die Kontrast- 
theorie dieses Forschers zu geben. Am angegebenen Orte schrieb ich: 

»Wenn auf einen Teil eines weissen Papiers ein Schatten fällt, so nennen 
wir den beschatteten Teil nicht grau, sondern dunkler, obwohl das Licht, 
welches er aussendet, genau dieselbe Intensität und Zusammensetzung haben 
kann, wie das von einem grauen Papiere ausgehende; und wenn wir auf 
ein graues Papier mittels eines spiegelnden Körpers reflektiertes Licht 
fallen lassen, so nennen wir die hellere Stelle des Papiers nicht weiß, son- 
dern nur heller, obwohl sie vielleicht genau dasselbe Licht giebt wie ein 
daneben liegendes weisses Papier. Der Verschiedenheit der Bezeichnung 
entspricht hierbei eine Verschiedenheit der Wahrnehmung. Das Dunkel, 
welches im Grau gesehen wird, ist mit dem gleichzeitig darin enthaltenen 
Weiss vollständig zu einer Empfindung besonderer Qualität verschmolzen; 
das Dunkel aber, welches als Schatten auf dem Weiß erscheint, wird als 

Hering, Lichtsinn. . 4 4 



210 Lehre vom Lichtsinn. 

ein besonderes, über dem Weiß liegendes Etwas aufgefasst, durch welches 
hindurch wir noch das Weiß zu sehen meinen. Analog verhält es sich 
mit einem auf grauem Papier mittels eines Spiegels erzeugten helleren 
Flecke, insofern hier das Helle, welches zu dem schon vorhandenen Grau 
hinzukommt, mit diesem nicht zu einem helleren Grau oder zu Weiß ver- 
schmilzt, sondern gesondert als blosses Licht aufgefasst wird, welches dem 
Grau äußerlich aufliegt, und unter welchem wir noch das Grau zu sehen 
meinen. « 

»Wenn ich mich eben dahin aussprach, dass dasselbe objektive Licht 
je nach den Nebenumständen bald als eine Eigenschaft (Farbe) der Außen- 
dinge, bald aber als Licht oder Dunkel (Schatten, Finsternis) wahrgenommen 
werden könne, so wollte ich damit nicht gesagt haben, dass trotz dieser 
verschiedenen Wahrnehmung doch die ,Empfmdung', entsprechend der 
Gleichheit des Reizes, in beiden Fällen dieselbe sei. Vielmehr meine ich, 
dass die ,Empfindung' in beiden Fällen wesentlich verschieden ist, was 
trotz gleichem Reize deshalb möglich ist, weil die Lichtempfindung nicht 
bloss eine Funktion des Reizes und der jeweiligen Beschaffenheit der zu- 
nächst getroffenen nervösen Teile ist, sondern auch mit abhängt von der 
Beschaffenheit der zum Sehakt in Beziehung stehenden Hirnteile, in welchen 
die optischen Erfahrungen des ganzen Lebens gleichsam organisiert ent- 
halten sind. Wie der Klang, welchen ein Klavier gibt, wenn man eine 
Taste desselben anschlägt, nicht bloß abhängt von den Schwingungen der 
Saiten, welche der Schlag direkt trifft, sondern auch von der Resonanz 
des ganzen Instrumentes, was bei aufgehobener Dämpfung am offenbarsten, 
aber auch sonst immer der Fall ist, so ist auch die Empfindung, welche 
ein äußerer Reiz in uns erweckt, nicht bloß abhängig von der Nervenfaser, 
welche zunächst vom Reize getroffen wird, sondern ist zugleich das Er- 
gebnis der Resonanz unseres ganzen Sensoriums. Ein scheinbar unbe- 
deutender Nebenumstand hebt gleichsam den Dämpfer von gewissen Saiten 
ab und läßt sie mit ankhngen, so daß der Charakter der Empfindung ein 
wesentlich anderer wird.« 

»Es ist richtig, daß diese große Resonanzfähigkeit unseres Gehirns die 
Untersuchung der Beziehungen zwischen Reiz und Empfindung außer- 
ordentlich erschwert, und wir vermögen uns nur dadurch einigermaßen zu 
helfen, daß wir unter den möglichst einfachen Bedingungen beobachten und 
nur solche Empfindungen vergleichen , welche unter annähernd gleichen 
Bedingungen gewonnen wurden, «i) 

4) Als Herausgeber des HI. Bandes der 3. Aufl. des Handbuches der physiol. 
Optik von Helmholtz sagt v. Kries (S. 490): >Es muss hier zur Vermeidung von 
Missverständnissen und zur Klärung der literarischen Sachlage hinzugefügt werden, 
dass der Hauptgegner der HELMHOLTz'schen Kontrasttheorie, Hering, in späterer 
Zeit selbst auf diese Verhältnisse, sogar mit besonderem Nachdrucke hingewiesen 



§ 50. Binokulare Mischung tonfreier Farben. 211 

Till. Abschnitt. 
Die binokularen tonfreien Farben. 

§50. Binokulare Mischung tonfreier Farben. Wir können die 
Gesamtheit der wirklichen Dinge, die sich im gegebenen Augenblicke 
auf der Netzhaut des rechten oder des linken Auges abbilden, als das rechts- 
äugige oder das linksäugige Gesichtsfeld (vgl. § 7, S. 21) bezeichnen. 
Diese beiden Gesichtsfelder bilden das jeweilige Gesamtgesichtsfeld derart, 
dass der größere Mittelteil desselben beiden gemeinsam ist, und dass sich 
an dieses binokulare Gebiet nach rechts wie nach links ein kleineres, nur 
je einem Auge sichtbares Gebiet anschließt. 

Analogerweise haben wir im psychischen Gesamtsehfelde ein 
größeres binokulares Mittelgebiet und die beiden unokularen Seitengebiete 
zu unterscheiden. Jeder Stelle des Mittelgebietes entspricht sowohl im rechts- 
äugigen als im linksäugigen somatischen Sehfelde je eine Stelle, und jede 



hat. So hat er insbesondere den eigentümlichen Umschlag geschildert (Hermann's 
Handbuch der Physiologie. III, S. 574. Grundzüge der Lehre vom Lichtsinn in 
Graefe-Saemisch's Handbuch der Augenheilkunde. Kap. XII, S. 8), der stattfindet, 
wenn eine (objektiv) dunklere Stelle in hellerer Umgebung zunächst als Fleck, 
dann aber, etwa zufolge einer Verschiebung, als ein auf die Fläche fallender 
Schatten gesehen wird, also zuerst den Eindruck eines mit der Umgebung gleich- 
beleuchteten Grau, dann den eines (beschatteten) Weiss macht. Hering hat, wie 
es scheint, nicht bemerkt oder sich darüber getäuscht, dass die Thatsachen, die 
er hier mit vollem Recht als beachtenswert betont, eben diejenigen sind, die 
Helmholtz seiner Kontrasttheorie zugrunde legte, und deren Anerkennung uns 
nötigt, diese Theorie in großem Umfange als eine mindestens mögliche anzuer- 
kennen, und dass sie der früher von Hering geführten Bekämpfung dieser Theorie, 
die in der Behauptung gipfelte, dass sie schwarz in weiss verkehre, den Boden 
entziehen. Lehren doch eben die hier von Hering herangezogenen Thatsachen, 
dass wirklich ohne Änderung der Empfindung der zwingende Eindruck des Grau 
in den des Weiss umschlagen kann.« 

In Wirklichkeit ist »die literarische Sachlage« die, dass ich schon 
im Jahre 1874 in meinen Mitteilungen zur Lehre vom Lichtsinn, in 
denen ich das erste Mal gegen die Kontrasttheorie von Helmholtz 
auftrat, die von v. Kries erwähnten Tatsachen ausführlich besprochen 
habe und in den von v. Kries zitierten Handbüchern (1879 und 1905) nur darauf 
zurückgekommen bin. Dies hat v. Kries übersehen. 

Helmholtz hat übrigens diese Tatsachen gar nicht mit erwähnt. Er hätte 
sie als Beleg für die Richtigkeit seiner Bemerkung anführen können, daß wir 
immer »die Neigung haben zu trennen, was in der Farbe oder dem Aussehen 
«ines Körpers von der Beleuchtung und was von der Eigentümlichkeit des Körpers 
selbst herrührt.« Aus dieser Neigung suchte er allerdings eine gewisse Gruppe 
von Erscheinungen des Simultankontrastes, aber keineswegs alle zu erklären. 
Denn eine andere Gruppe wollte er darauf zurückführen, »daß wir geneigt sind, 
diejenigen Unterschiede, welche in der Anschauung deutlich und sicher wahr- 
zunehmen sind, für größer zu halten als solche, welche entweder in der An- 
schauung nur unsicher heraustreten , oder mit Hülfe der Erinnerung beurteilt 
werden müssen« (1. S. 392), noch andere darauf, daß »der Begriff des Weiß dabei 
verändert wird« (1. S. 396). 

14* • 



212 Lehre vom Lichtsinn. 

zwei solche, zu einer und derselben Stelle des psychischen Sehfeldes 
korrelative Stellen der beiden somatischen Sehfelder heissen nach Fechner 
korrespondierende oder auch, wie ich sie genannt habe, Deckstellen, 
während Johannes Müller sie als identische Stellen bezeichnete. 

Hiernach ist die an einer Stelle des binokularen Mittelgebietes, kurz 
des Deckgebietes erscheinende Farbe von beiden zugehörigen somatischen 
Sehfeldstellen zugleich abhängig, und es fragt sich nun, welche Regeln oder 
Gesetze für diese zweifache Abhängigkeit gelten. 

Auch bei völliger Verfinsterung beider Augen geht in der Sehsubstanz 
des somatischen Doppelsehfeldes der Stoffwechsel weiter, dessen psychisches 
Korrelat jetzt die endogenen Farben des Sehfeldes sind. Wir sehen diese 
im allgemeinen tonfreien Eigenfarben des Auges, so oft wir auf sie achten, 
sei es, dass allerlei Gestaltungen, wie z. B. Nachbilder oder andere endo- 
gene Farbengebilde unsere Aufmerksamkeit auf sich gezogen haben, oder 
dass wir absichtlich den Inhalt des Sehfeldes zum Gegenstande unserer Auf- 
merksamkeit machen. Wer die Augen geschlossen hat, achtet gewöhnlich 
gar nicht auf diese Erscheinungen, auch dann nicht, wenn noch Licht 
durch die Lider hindurch zur Netzhaut gelangt. Befindet er sich jedoch 
offenen Auges in einem völlig verfinsterten Räume und schaut sich ab- 
sichtlich in demselben um, so bemerkt er jetzt erst, wie Vieles trotz völ- 
liger Unsichtbarkeit der Außendinge sein Sehfeld enthalten kann. 

Wer sehen will, hat also immer Gelegenheit etwas zu sehen, mögen 
seine Netzhäute belichtet oder verfinstert sein. Wer aber seine Augen 
schließt, will gewöhnlich gar nicht sehen und macht daher auch keine 
Erfahrungen über die Eigenfarben seines Sehfeldes; denn wir sehen nur 
das, was unabsichtlich oder vorbedachterweise Gegenstand unserer Auf- 
merksamkeit wird; für alles Übrige sind wir »seelenblind«. 

Was wir bei völlig verfinsterten Augen im binokularen Teile des psychischen 
Gesamtsehfeldes sehen, ist also ebenso wie im beleuchteten Räume von beiden 
somatischen Sehfeldern zugleich abhängig, ohne dass wir zu sagen ver- 
mögen, inwieweit es vom einen oder anderen bedingt ist. Wenn in diesem Ge- 
biete aus dem grauen Nebel desselben irgendwo ein hellerer oder dunklerer 
Fleck auftaucht, so kann derselbe seine Ursache ebensowohl nur in einem der 
beiden somatischen Sehfelder als in beiden zugleich haben. Würde sich aus 
der Form des Fleckes ergeben, dass er das Nachbild eines nur dem linken 
Auge sichtbar gewesenen Außendinges ist, so könnten wir freilich schließen, 
dass er im wesentlichen dem linken somatischen Sehfelde entstammt, doch bliebe 
dabei immer noch unentschieden, inwieweit an der Farbe des Fleckes die korre- 
spondierende Stelle des rechten somatischen Sehfeldes mitbeteiligt ist. 

Die Betonung der auch bei völliger Verfinsterung des Auges in seinem 
somatischen Sehfelde ablaufenden Vorgänge ist hier deshalb geboten, weil die 
Ansicht verbreitet ist, dass man durch Verfinsterung des einen Auges oder gar 
durch blossen Schluss seiner Lider dasselbe völlig vom Sehakte ausschfießen 
könne und es deshalb bei allen Beobachtungen mit dem anderen irgendwie be- 



§ 50. Binokulare Mischung tonfreier Farben. 213 

lichteten Auge gar nicht weiter zu berücksichtigen brauche. Es wird sich später 
zeigen, zu welchen Irrungen dies führen kann. 

Nach dem oben Gesagten entspricht jeder Farbe des Deckgebietes als 
physisches Korrelat eine, von beiden unokularen somatischen Sehfeldern 
bedingte Regung, jeder Farbe eines unokularen Seitengebietes aber eine, 
nur von einem dieser Sehfelder bedingte Regung. Im ersteren" Falle lässt 
sich die korrelative Farbe kurz als eine binokulare, im letzteren Falle 
als eine unokulare Farbe bezeichnen. 

Wir wollen einmal annehmen, es könne unter gewissen Umständen an 
einer Stelle des Deckgebietes nur eine der beiden unokularen Regungen, 
aus denen sich eine binokulare Farbe zu ergeben pflegt, für die an dieser 
Stelle des psychischen Sehfeldes erscheinende Farbe bestimmend sein, so 
dass der Anteil, den das andere Auge an der Entstehung der binokularen 
Farbe hätte, jetzt gleich Null wäre. Solchenfalls würden auch im Deck- 
gebiete außer den binokularen solche nur unokular bedingte Farben er- 
scheinen können. 

Die im folgenden zu beschreibenden Versuche werden zeigen, dass im 
Deckgebiete solche Farben, wenn auch nicht völlig unbeeinflusst vom je- 
weiligen Zustande der Deckstelle des anderen Auges, thatsächlich vor- 
kommen. Im allgemeinen aber wird sich ergeben, dass, wenn die in 
beiden Augen stattfindenden Regungen nicht beiderseits dieselben sind, an 
der zugehörigen Stelle des psychischen Sehraumes eine binokulare Farbe 
erscheint, die keiner von jenen beiden Farben gleich ist, welche einer rein 
unokularen Regung entsprechen würde; dass ferner diese neue Farbe in 
der tonfreien Farbenreihe (vgl. § 9) stets zwischen den beiden genannten 
Farben gelegen ist, aber je nach den Umständen bald der einen, bald der 
anderen näher steht. 

Jede solche durch binokulare Regung entstandene Farbe lässt sich 
im Anschlüsse an den althergebrachten Begriff der binokularen Farben- 
mischung als ein Gemisch aus zwei, im eben erörterten Sinne unokularen 
Farben auffassen, wobei der Fall, dass nur eine der beiden Farben im 
Deckgebiete des Sehraumes wahrgenommen würde, als einer der beiden 
Grenzfälle zu gelten hätte, in welchen der Anteil der einen Farbe am Ge- 
misch auf ein Minimum herabgemindert ist. Denn jede im Deckgebiete er- 
scheinende, zweien Deckpunkten der Netzhäute entsprechende Farbe ist 
eine einheitliche, d. h. wir nehmen entweder nur die eine von beiden 
oder eine in der tonfreien Farbenreihe zwischen beiden liegende Farbe wahr, 
nie aber zugleich die beiden unokularen Farben, aus denen wir 
uns die jeweilige binokulare gemischt denken können. Nur nach- 
einander können wir im Falle eines sogenannten Wettstreites bald die eine, 
bald die andere, bald irgend eine der möglichen Zwischenfarben an der- 
selben Stelle wahrnehmen. 



214 Lehre vom Lichtsinn. 

Indem ich im folgenden die binokularen tonfreien Farben als Gemische 
zweier unokularer tonfreier Farben auffasse, will ich nichts erklärt, son- 
dern zunächst nur einen zusammenfassenden Ausdruck für die große Mannig- 
faltigkeit der bezüglichen Tatsachen gewonnen haben. 

Sind die beiden unokularen Farben von gleicher Qualität, so kann aus 
ihrer Mischung nur wieder ein Gemisch von eben derselben Qualität ent- 
stehen. Denn wir können uns, wie in § 10, S. 35 auseinandergesetzt 
wurde, schon jede tonfreie Farbe selbst als ein Gemisch aus zwei elemen- 
taren Sehqualitäten, dem absoluten Weiss (W) und absoluten Schwarz [S) 
denken und jedes dieser Gemische durch ein bestimmtes Verhältnis der 
Menge (dem Gewichte) des darin enthaltenen Weiss zur Menge des Schwarz 
ausdrücken. Dieses Verhältnis bestimmt dann die Qualität der Farbe. Jedes 
solche Gemisch aber lässt sich wieder mit einem beliebigen anderen ge- 
mischt denken. Ist nun in beiden Gemischen das Verhältnis W: S das- 
selbe, so muss dieses Verhältnis in dem aus ihrer Mischung entstandenen 
Gemische auch wieder dasselbe sein, gleichgültig, welchen relativen Anteil 
an letzterem jedes der beiden Einzelgemische hat. 

Würde es sich statt der Gemische aus W und S z. B. um Gemische aus 
absolutem Alkohol und reinem Wasser handeln, so versteht sich ohne weiteres, 
dass sich aus einer Vermischung einer behebigen Menge von 2 prozentigem 
Spiritus aus der einen Flasche mit einer beliebigen Menge von 2 prozentigem 
Spiritus aus einer anderen Flasche nur immer wieder 20prozentiger Spiritus er- 
geben kann. Der Leser wolle die Trivialität dieses Beispieles im Hinblick auf 
das Folgende entschuldigen. 

Nach der üblichen Auffassung kommen nämhch für die Entstehung einer 
tonfreien binokularen Lichtempfindung nur die beiden, dem Weiss entsprechenden 
»Erregungsgrößen« und die von letzteren abhängigen »Intensitäten« der 
beiden Empfindungen des Weissen in Betracht, während die von mir mit S be- 
zeichneten Werte gar nicht mit in Rechnung gebracht werden. Denn wenn- 
gleich die herrschende Lehre das Schwarz als eine »Empfindung« gelten lässt i), 
so doch nur als eine der Ruhe des Sehorganes entsprechende Empfindung, 
welche, wenn die Ruhe eine absolute wäre, als eine Lichtempfindung von der 
Intensität Null anzusehen wäre. So sagte z. B. Feghner, Schwarz sei »nur ein 
geringerer Grad des Weiss«, wobei er unter Schwarz die Empfindung und nicht 
etwa eine sehr kleine Lichtenergie verstand. 

Auf Grund dieser Lehre konnte man daran denken, dass beim Binokular- 
sehen durch »Summierung« oder »Superposition« der beiderseitigen Erregungen 
eine Lichtempfindung von größerer »Intensität«, will sagen Helligkeit, entstehen 
könne, als unter sonst gleichen Umständen bei nur einäugigem Sehen. 



4) A. Fick wollte freilich das Schwarz folgerichtigerweise nicht als »Empfin- 
dung«, sondern nur als »Vorstellung« gelten lassen. Doch Farbe ist für mich 
Farbe, möge sie Inhalt einer »Empfindung«, einer »Vorstellung« oder einer »Wahr- 
nehmung« sein, ebenso wie der Marmor für mich Marmor ist, möge er noch als 
Bruchstein im Steinbruche oder als Pflasterstein auf der Straße liegen, möge 
die Mauer eines Gebäudes oder das Kunstwerk eines Bildhauers aus ihm ge- 
formt sein. 



§ 5ü. Binokulare Mischung tonfreier Farben. 215 

Während sich aus der binokularen Mischung zweier qualitativ gleicher 
Farben immer wieder dieselbe Farbe ergeben muss, können aus der Mischung 
ungleicher Farben je nach dem relativen Anteil, den jede derselben an der 
binokularen Farbe hat, verschiedene Farben entstehen, jedoch nur solche, 
welche in der Reihe der tonfreien Farben zwischen den beiden unokularen 
liegen. Die binokulare Farbe muss also stets minder hell (dunkler) sein 
als die hellere unokulare, und heller (minder dunkel) als die dunklere un- 
okulare Farbe. Würde der Anteil der einen unokularen Farbe verschwin- 
dend klein sein, so wäre dies, wie gesagt, nur ein Grenzfall i). 

Betrachten wir nämlich die beiden unokularen Farben wieder als Ge- 
mische aus W und S und denken uns diese zwei Gemische untereinander 
gemischt, so ist leicht ersichtlich, dass daraus ein neues Gemisch entstehen 
muss, in dem das Verhältnis W: S ein anderes ist, als in jeder der beiden 
zur Mischung verwendeten Farben. Je nach dem Mengenverhältnis, in dem 
die letzteren sich gemischt haben, wird das neu entstandene Gemisch ein 
anderes sein, aber sein relativer Gehalt an .Weiss, d. i. seine Weisslichkeit 
oder Helligkeit wird stets kleiner sein als in der weisslicheren und größer 
als in der minder weisslichen unokularen Farbe, und analog wird es sich 
mit der Schwärzlichkeit verhalten. 

Dies alles ganz ebenso, wie man zwei Spiritussorten, deren jede einem 
anderen Mischungsverhältnis zwischen reinem Alkohol und reinem Wasser ent- 
spricht, wieder unter sich mischen kann, woraus dann, je nach dem Mischungs- 
verhältnis der beiden Sorten, neue Sorten entstehen, die jedoch sämtlich wässeriger 
und minder alkoholisch sind als die alkoholreichere, dagegen minder wässerig 
und alkoholischer als die alkoholärmere der gemischten Sorten. 

Eine eingehende Untersuchung der binokularen Farbenmischung ist 
zwar von großem Interesse und gewährt vielversprechende Einblicke in die 
Art des psychischen Betriebes, durch welchen unser binokulares Sehfeld 
aus Einzelteilen der beiden unokularen sich aufbaut, doch muss ich mich 
auf die Vorführung verhältnismäßig weniger grundlegender Versuche und 
Beobachtungen beschränken. Ich möchte hier nur an der Hand der Tat- 
sachen den Beweis führen, dass im binokularen psychischen Sehfelde je 
zweien Deckstellen der beiden somatischen Sehfelder in jedem Augenblicke 
immer nur eine Farbe entspricht, und dass diese Farbe nie heller als die 
hellere und nie dunkler als die dunklere der beiden unokularen Farben 
ist, aus denen man sich die binokularen gemischt denken kann; dass also 
eine »Summierung« oder »Superponierung« zweier Helligkeiten beim Bin- 
okularsehen nie vorkommt. 



^) Drückt man den relativen Anteil, welchen je eine der beiden unokularen 
Farben an ihrem binokularen Gemisch hat, durch je einen echten Bruch aus, so 
ist die Summe dieser beiden Brüche stets gleich 1. Dem entspricht der seinerzeit 
von mir aufgestellte »Satz vom komplementären Anteil< der beiden Augen an der 
binokularen Farbe. 



216 Lehre vom Lichtsinn. 

Unter »binokularer Farbenmischung« versteht die herrschende Lehre nur 
die binokulare Vereinigung zweier Farben von verschiedener bunter Qualität, 
z. B. Rot und Blau. Eine binokulare Mischung tonfreier Farben giebt es für 
diese Lehre nicht, vv^eil sie alle diese Farben von derselben Qualität sein lässl 
und nur eine etwaige »Summierung« oder »Superponierung« zweier »farbloser 
Empfindungsintensitäten« bezw. eine gegenseitige Hemmung zweier »Erregungen« 
in Betracht zieht. Sobald man die verschiedenen tonfreien Farben als ver- 
schiedene Qualitäten gelten lässt, verlieren gewisse Erklärungen, welche für 
einen Teil der hierher gehörigen Erscheinungen versucht worden sind, ihre theo- 
retische Grundlage. Betreffs dieser Erklärungen möge hier insbesondere auf die 
Darlegungen von Johannes Müller (2 3), PanUxM (33), Feghner (34), Aubert (6) und 
Helmholtz (1) verwiesen werden, welche schon wegen der dabei beschriebenen 
Thatsachen wertvoll sind. Letzteres gilt ganz besonders von der ausgezeich- 
neten Abhandlung Panum's »über das Sehen mit zwei Augen«. 

Die binokularen tonfreien Farben sind als solche einer besonderen 
Untersuchung bisher nicht unterworfen worden. Es ist sogar, z. B. von 
Helmholtz, bestritten worden, dass sich aus einer verschiedenen Belichtung 
zweier Deckstellen der Doppelnetzhaut überhaupt eine einfache binokulare 
Farbe ergeben könne; vielmehr werde je nach den Umständen bald nur 
die der einen, bald die der anderen Belichtung entsprechende Farbe ge- 
sehen. Um so angemessener schien es, die tonfreien binokularen Farben 
hier besonders zu behandeln. Die spätere Besprechung der binokularen 
Mischung bunter Farben wird weitere Belege für die hier aufgestellten Sätze 
bringen und zugleich Gelegenheit geben, auch den sogenannten binokularen 
Farbenkontrast zu untersuchen. 

§ 51. Binokulare Mischung tonfreier Farben beim Doppelt- 
sehen eines kleinen Feldes auf andersfarbigem Grunde. Be- 
findet sich auf einer im übrigen ganz gleichartigen und durchaus matten 
Fläche z. B. einem auf dem Tische liegenden schwarzen Papier ein 
kleines ebenfalls mattes Feld von anderer z. B. weisser Farbe, und 
bringt man durch schwaches Schielen seine Gesichtslinien vor oder hinter 
dem Papier zur Durchkreuzung, so erhält man ersteren Falles ein so- 
genanntes gleichseitiges andernfalls ein ungleichseitiges Doppelbild des 
kleinen Feldes. 

Fig. 46 A veranschaulicht den Fall, wo die beiden, durch dickere 
Linien [fr und fl) dargestellten Gesichtslinien sich vor der Ebene durch- 
kreuzen, in welcher eine kleine weisse Scheibe auf schwarzem Grunde zu 
sehen ist. Gemäß dem von mir seinerzeit ausführlich begründeten Ge- 
setze der identischen Sehrichtungen findet man die Richtungen, in denen 
uns die beiden Bilder des Doppelbildes der weissen Scheibe erscheinen, 
wenn man erstens die beiden Netzhäute mit ihren jeweiligen Bildern so 
ineinandergelegt denkt, dass jede zwei korrespondierende Netzhautstellen 



§51. Binokulare Mischung beim Doppeltselien. 



217 



zusammenfallen 1), und zweitens ein, diese Doppelnetzhaut enthaltendes 
einfaches Auge annimmt, welches unter gewöhnlichen Umständen zwischen 
den beiden wirklichen Augen zu liegen hätte. Die zu den Netzhautbildern 
dieses imaginären »Cyklopenauges«, wie es später Helmholtz nannte, ge- 
hörigen Richtungslinien versinnlichen dann die Sehrichtungslinien, auf denen 
uns die, den jeweils vorhandenen Netzhautbildern entsprechenden Dinge 
erscheinen, wie dies Fig. 46 B für den vorliegenden Fall darstellt. Der Seh- 
punkt r/) dieser Figur entspricht den beiden Punkten fr und fl des wirk- 
lichen Papieres (Fig. 46 A), welches uns auf Grund von Erfahrungsmotiven 



Fig. 46. 



B 



fr 



n 



A 



9 







aiy 



angenähert in seiner wirklichen Entfernung auf dem Tische erscheint, ob- 
wohl sich unsere Gesichtslinien schon vor demselben durchschneiden. Die 
beiden sich zum größeren Teile deckenden unokularen Bilder des schwarzen 
Papieres mit der weissen Scheibe sind in Fig. 46 B nicht ineinander, son- 
dern übereinander gelegt, und das des linken Auges mit U, das des rechten 
mit pp bezeichnet. 

In analoger Weise ist der Fall, in welchem sich die Gesichtslinien 
hinter dem schwarzen Papier kreuzen, durch Fig. 47 A und B veranschau- 



-1) Von der geringen Inkongruenz der Anordnung der Deckstellen auf den 
beiden Netzhäuten ist dabei abgesehen. 



218 



Lehre vom Lichtsinn. 



licht. Auch hierbei erscheint uns das Papier beiläufig in seiner wirklichen 
Entfernung, obwohl der Kreuzungspunkt der Gesichtslinien in größerer Ent- 
fernung liegt als das Papier. 

An der Stelle jedes Scheibenbildes kommen zwei verschiedene unoku- 
lare Farben zur Deckung, nämlich die von der stärkeren Strahlung der 
kleinen weissen Papierstelle einerseits und die von der schwachen Strahlung 
des schwarzen Papiers anderseits an korrespondierenden Stellen der beiden 
Sehfelder bedingte Farbe. Gleichwohl scheint uns bei diesem Versuche die 



Fig. 47. 



B 




Farbe der beiden Doppelbilder keine andere zu sein, als die, welche uns 
die weisse Papierstelle bei binokularem Einfachsehen derselben zeigt, wobei 
je zwei korrespondierende Stellen der beiden Netzhäute von der gleichen 
Strahlung getroft'en werden. 

Ist, wie wir eben annahmen, das kleine doppelt gesehene Feld weiss 
auf schwarzem Grunde, so könnte man sich die weisse Farbe seines doppelten 
Bildes daraus erklären wollen, dass die eine der beiden Deckstellen nur das ge- 
ringfügige Licht des schwarzen Grundes empfängt, dessen schwache Wir- 
kung sich gegenüber der viel stärkeren der weissen Bildstelle im anderen 



§51. Binokulare Mischung beim Doppeltsehen. 



219 



Auge nicht geltend machen könne. Diese Auffassung wird aber sofort hin- 
fällig, wenn man ein kleines schwarzes Feld auf weissem Grunde zum 
Versuche benutzt; denn dann erscheinen beim Schielen die beiden Bilder 
schwarz, obwohl die eine Deckstelle von dem schwachen Lichte des kleinen 
schwarzen Feldes, die andere von dem relativ starken Lichte des weissen 
Grundes bestrahlt ist. Das Schwarz der kleinen Scheibe vermag 
also hier das Weiss der korrespondierenden Stelle des Grundes 
ganz ebenso aus dem Felde zu schlagen, wie im vorigen Falle 
das Weiss der kleinen Scheibe das Schwarz des Grundes. 



Fig. 48. 





^üm^ähM^k 



iii ' iiti v ■n t wM i m riiiii.i 



Die Größe des Unterschiedes zwischen Scheibe und Grund spielt bei 
den Versuchen keine wesentliche Rolle; denn mag die Lichtstärke der kleinen 
Scheibe viel oder wenig von der des Grundes abweichen, immer scheint 
uns zunächst das Doppelbild dieselbe Farbe zu haben wie die mit beiden 
Augen einfach gesehene Scheibe. Es kommt nur darauf an, dass die 
Scheibe nicht zu gross ist und sich deutlich genug vom Grunde unter- 
scheidet, und dass der letztere ganz homogen ist und nicht etwa an der 
bezüglichen Stelle ebenfalls etwas Unterscheidbares enthält. Auch auf die 
Form des Feldes kommt es nicht an, wenn es nur zureichend klein oder 
bei gestreckter Form zureichend schmal ist. 



220 Lehre vom Lichtsinn. 

Fig. 48 zeigt eine Reihe kleiner Kreisfelder auf schwarzem, auf 
weissem und auf grauem Grunde. Betrachtet man eines der Felder in ge- 
wöhnlicher Weise einen Augenblick und kreuzt unmittelbar nachher die 
Gesichtslinien etwas vor oder hinter der Fläche des Papiers, so bemerkt 
man, vorausgesetzt, dass beide somatischen Sehfelder und besonders die 
betroffenen Stellen derselben sich in ganz gleichem Zustande befinden, 
keinen deutlichen Unterschied zwischen der Farbe der jetzt erscheinenden 
zwei Felder und der des unmittelbar vorher einfach gesehenen kleinen 
Feldes. 

Der Helligkeitsunterschied zwischen Feld und Grund mag noch so klein 
sein, stets bedingt er, wenn er nur noch deuthch wahrnehmbar ist, beim Schielen 
ein erkennbares Doppelbild. Es genügt, ein mattes weisses oder schwarzes Papier 
mit einer etwas angestaubten Fingerspitze zu berühren, um den entstandenen 
Fleck auch im Doppelbilde wahrzunehmen. 

Wer seine Augen nicht genügend in der Gewalt hat, um sich ein Doppel- 
bild mit beliebigem Abstand seiner beiden Einzelbilder zu erzeugen, halte eine 
lange, in der Medianebene des Kopfes befindliche Nadel in passendem Abstände 
vor das kleine Feld und fixiere statt des letzteren die Nadel. Wenn er die- 
selbe unter fortwährender Fixierung vom Papiere entfernt oder demselben nähert, 
kann er den beiden Einzelbildern des Doppelbildes einen beliebigen gegenseitigen 
Abstand geben. 

Falls die beiden Netzhautstellen, welche das Bild des kleinen Feldes emp- 
fangen, sich infolge vorausgegangener ungleicher Bestrahlung nicht in ganz 
gleichem Zustande befinden, so können die beiden Bilder des Doppelbildes ver- 
schieden erscheinen. Dasselbe könnte auch bei einer beiderseits ungleich starken 
Bestrahlung der immer etwas durchscheinenden Sklera der Fall sein. Von dem 
abnormen Falle einer habituellen Verschiedenheit der beiden Augen kann hier 
abgesehen werden. Um Nachwirkungen einer vorausgegangenen ungleichen Be- 
strahlung der beiden Netzhäute auszuschließen, hält man ein größeres graues 
Blatt genügend lange Zeit vor die Versuchsfläche, welches man erst unmittelbar 
vor jedem Versuche wegzieht. 

Der Grund, auf dem das kleine Feld liegt, soll ganz eben und von durch- 
aus homogener Farbe sein, darf also auch kein unterscheidbares Korn zeigen. 
Benutzt man kleine Papierscheiben, so sollen sie aus dünnem, ebenfalls ganz 
ebenen Papier sein und dem Grunde ganz dicht anliegen. 

Bei dem beschriebenen Versuch erscheinen die Doppelbilder in der 
Ebene des Papiers; anders kann es sich verhalten, wenn das kleine Feld, 
welches doppelt gesehen werden soll, sich nicht in jener Ebene, sondern 
in passendem Abstände vor derselben befindet, während man eine, auf 
der im übrigen ganz homogenen Papierfläche angebrachte Marke binokular 
fixiert. Auf diese Weise kann man ein ungleichseitiges (gekreuztes) Doppel- 
bild erhalten, welches, besonders im ersten Augenblick, nicht in der Ebene 
des Papiers, sondern ebenso vor derselben erscheinen kann, wie das kleine 
Feld in Wirklichkeit vor dem Papier liegt. 

Es bedeute pp in Fig. 49 A den Durchschnitt eines auf dem Tische 
liegenden weissen Papiers, f eine binokular fixierte Marke auf demselben 



§51. Binokulare Mischung beim Doppeltsehen. 



221 



und s eine kleine schwarze Scheibe, deren Fläche zu der des weissen 
Papiers parallel ist. Man bringt die Scheibe mittels einer feinen Pincette 
median zwischen Gesicht und fixierte Marke. Die Scheibe wird dann 
samt der Pincette doppelt gesehen, und das Doppelbild oq und oX kann 
dabei in beiläufig derselben Entfernung über dem Tische erscheinen, in 
der sich die wirkliche Scheibe über demselben befindet, wie dies Fig. 49 B 
veranschaulicht. 

Da man bei Akkommodation der Augen für die Entfernung des fixierten 
Punktes die nähere doppelt erscheinende Scheibe nicht scharf sehen kann, 
empfiehlt es sich, ihren Abstand von der Papierfläche nicht größer zu 
nehmen, als nötig ist. 



A 



Fig. 49. 



B 



^^^^^^^^^^^^H ^ 


m 

A' 


^^^^Hj^^^^^^^^^^^^^l 




JJI 




n^B^^^^^^^^^^^B 


^^H ; 




^H 


^^^^^^m '^ 


^^1 


^^^B .' 




1 




U6'k ^^H 










■ 










■ 








! 


m 



Auch bei dieser Versuchsanordnung entspricht der Netzhautstelle, welche 
im einen Auge ein Bild der kleinen schwarzen Scheibe empfängt, als korre- 
spondierende im anderen Auge eine vom Lichte des weißen Papiers ge- 
troffene Stelle. Wenn nun die beiden Bilder der schwarzen Scheibe nicht 
in der Ebene des weißen Papiers, sondern vor derselben erscheinen, so 
wäre jetzt Gelegenheit gegeben, die beiden unokularen Farben ge- 
sondert an zwei verschiedenen Stellen des Sehraumes zu sehen, 
nämlich die schwarze Farbe vor der Papierfläche und die weiße in dieser 
selbst, also an den Orten, wo sie sozusagen hingehören. In Wirklichkeit aber 
erhält man den Eindruck, als verdecke jedes der beiden schwarzen Scheiben- 
bilder eine entsprechende Stelle des weißen Grundes und mache dieselbe 
unsichtbar, obwohl sie sich doch auf der einen Netzhaut ebenso abbildet, 



222 



Lehre vom Lichtsinn. 



wie der schwarze Grund auf der anderen. Der einfachen Sehrichtung 
der beiden verschieden beleuchteten Netzhautstellen entspricht also auch 
nur eine Farbe. 

Von den eben beschriebenen Versuchen erhält man den Eindruck, als 
ob dabei eine Mischung der beiden unokularen Farben gar nicht stattfinde, 
sondern die eine die andere völlig ausschließe. Es ist aber zu bedenken, 
dass bei diesen Versuchen die Vergleichung der Farbe des zuvor binokular 
einfach gesehenen kleinen Feldes mit der seines nachherigen Doppelbildes 




nur eine sukzessive ist, und dass solche Sukzessivvergleichungen unzuver- 
lässig sind. Es gilt also, die Versuche so abzuändern, dass eine Simultan- 
vergleichung der beiden Farben möglich wird. 

Zu diesem Zwecke bringt man statt eines einzigen, zwei in Form und 
Farbe ganz gleiche kleine Felder auf dem helleren oder dunkleren homo- 
genen Grund an und kreuzt seine Gesichtslinien vor oder hinter der Papier- 
fläche dermaßen, daß sich auf je einer von zwei korrespondierenden Netz- 
hautstellen je eines der beiden Felder abbildet, wie dies in Fig. 50 A und 
Fig. 51 A für den Fall zweier schwarzen Felder auf weißem Grunde dar- 
gestellt ist. Es erscheinen dann drei kleine Felder, ein in der Mitte lie- 
gendes binokular gesehenes, rechts und links daneben je ein, nur von einem 



§51. Binokulare Mischung beim Doppeltsehen. 



223 



Auge gesehenes (vgl. Fig. 50 B und Fig. 51 B). Nun lässt sich die Farbe 
der letzteren mit der Farbe des ersteren vergleichen und zwar um so 
besser, je näher die beiden seitlichen Bilder dem Mittelbilde sind. In den 
Figuren sind sie zum Zwecke der Deutlichkeit der eingezeichneten Netzhaut- 
bilder viel zu weit auseinander gerückt. 

Wenn die Gesichtslinien vor der Papierfläche gekreuzt sind, so kommt es 
vor, dass das binokulare Mittelbild nicht in, sondern vor dieser Fläche in der 
Luft schwebend erscheint, wie dies Fig. 50 B veranschaulicht. Dies ändert je- 
doch nichts an den Farben der Bilder und öeeinträchtigt nicht deren Ver- 
gleichung. 



Fig. 51 



B 




Es empfiehlt sich für den nicht besonders Geübten, bei diesen Ver- 
suchen die kleinen Felder, welche sich auch mit Hilfe eines Locheisens aus 
geeigneten Papieren ausschlagen und auf den gewählten andersfarbigen 
Grund aufkleben lassen, in einer Gitterzeichnung anzuordnen, wie dies 
Fig. 52 zeigt. Hält man die Figur senkrecht zur primären Blickebene, so 
bleiben die durch binokulare Deckung entstandenen Bilder dann viel sicherer 
vereinigt, während sie ohne das Gitter leicht wieder in ihre Einzelbilder 



224 



Lehre vom Lichtsinn. 



zerfallen. Denn je vielgestaltiger die zu verschmelzenden Figuren sind, 
desto stärker ist der sogenannte Fusionszwang. Mit Hilfe des schon oben 
(S. 220) erwähnten Kunstgriffes wird dann Jeder durch Kreuzung der Ge- 
sichtslinien vor der Papierfläche zwei beliebige von den in Fig. 52 neben- 
einander liegenden kleinen Kreisfeldern zu dauernder binokularer Deckung 
bringen. Dem Geübten wird dies auch durch Kreuzung der Gesichtslinien 
hinter der Papierfläche leicht gelingen. 

Fig. 52. 





Man bemerkt bei diesen Versuchen, dass die beiden nur von je einem 
Auge gesehenen seitlichen Bilder der kleinen Felder doch nicht ganz die- 
selbe Farbe haben, wie das von beiden Augen gesehene Mittelbild, sondern 
minder hell sind als letzteres, falls der Grund lichtschwächer, minder dunkel, 
falls der Grund lichtstärker ist, als die wirklichen kleinen Felder. Dies 
beweist, dass die Farbe der seitlichen Bilder nicht ganz unabhängig ist 
von der Farbe der korrespondierenden Stelle des Grundes, dass aber der 
relative Anteil der letzteren an der Farbe der seitlichen Bilder ein kleiner 
ist, und zwar wie sich später zeigen wird, um so kleiner, je kleiner der 
Sehwinkel der Felder (vgl. § 52, S. 229). 



§ 52. Einfluss der Grenzlinien auf die binokulare Farbenmischung. 225 

Stellt man längere Versuchsreihen an, bei denen man die Lichtstärke 
des Grundes und der kleinen Felder mannigfach variiert und ebenso mit 
großen wie mit kleinen Unterschieden dieser Lichtstärken arbeitet, so findet ♦ 
man, dass die Farbe der seitlichen Bilder immer in dem erwähnten Sinne 
von der Farbe des binokularen Bildes abweicht. Ein ganz ausschließliches 
Hervortreten der einen unokularen Farbe, wie es unsere früheren Doppel- 
bildversuche zu ergeben schienen, findet also, wenn die Felder nicht all- 
zuklein sind, doch nicht statt. 

Übrigens aber entspricht das Ergebnis dem früher ausgesprochenen 
Satze, dass, wenn aus der binokularen Mischung zweier ungleicher ton- 
freier unokularer Farben eine dritte Farbe entsteht, dieselbe in der ton- 
freien Farbenreihe stets zwischen den beiden unokularen Farben liegt. 

Der Einfachheit wegen wurde für die beschriebenen Versuche eine symme- 
trische Konvergenz der Gesichtslinien angenommen; es ist aber daran zu erinnern, 
dass es nach erfolgter binokularer Vereinigung der beiden bezüglichen kleinen 
Felder sehr leicht ist, das Doppelauge ohne Änderung des Konvergenz- 
winkels nach rechts oder links zu wenden und auf diese Weise 
immer andere einander entsprechende Punkte der beiden Figuren 
sich auf den Stellen des direkten Sehens abbilden zu lassen, ganz 
ebenso, wie man bei Betrachtung eines Stereoskopenbildes seinen Blick bald 
diesem, bald jenem Teile desselben zuwenden kann. Für unseren Versuch er- 
wächst daraus der Vorteil, dass nicht notwendig das binokulare Mittelbild mit 
den Stellen des direkten Sehens und die seitlichen Bilder mit exzentrischen 
Netzhautstellen gesehen werden müssen. Die letzteren können bei nicht ge- 
nügender Anpassung lichtempfänglicher sein als die zentralen Teile, was zu- 
gunsten der Helligkeit der seitlichen Bilder wirken kann. Blickt man aber 
nicht auf das binokulare Mittelbild, sondern auf eine zwischen ihm und einem 
Seitenbilde gelegene Stelle des Grundes, insbesondere auf die zwischenliegende 
Gitterlinie, so entsprechen den beiden zu vergleichenden Feldbildern exzentrische 
Netzhautstellen von gleicher Lichtempfäiiglichkeit, wie dies der Versuch fordert. 

Wie man zu verfahren hat, wenn man bei diesen Versuchen seine Gesichts- 
linien schon vor dem Sichtbarwerden der zuvor verdeckten kleinen Felder in 
eine bestimmte Stellung bringen will, ist aus einer in § 53 enthaltenen Be- 
schreibung ersichtlich. 

§ 52. Einfluss der Grenzlinien auf die binokulare Mischung 
ton freier Farben. Hat man eine ausgedehnte ebene Fläche vor sich, 
deren durchaus homogene linke Hälfte von anderer Lichtstärke ist, als die 
ebenfalls durchaus homogene rechte, und kreuzt man die Gesichtslinien 
ebenso wie bei den früheren Versuchen vor oder hinter der Fläche, so 
erscheint die Grenzlinie doppelt. 

In Fig. 53 Ä entsprechen wieder die starken schwarzen Linien den 
Gesichtslinien, die schwachen jederseits derjenigen Richtungslinie, welche 
sich mit der Gesichtshnie des anderen Auges auf der halb weißen, halb 
schwarzen Papierfläche schneidet. Statt der beiden Augendurchschnitte 

Hering, LicMsinn. ^5 



226 



Lehre vom Lichtsinn. 



sind hier nur die beiden Knotenpunkte kl und Ä;r gezeichnet. Fig. 53 B 
versinnlicht die entsprechenden Sehrichtungen und die sich deckenden un- 
okularen Sehfelder; in der Mitte deckt sich ein Teil der schwarzen Hälfte 
des linksäugigen Sehfeldes mit einem Teile der weißen Hälfte des rechts- 
äugigen. Dieser Mittelteil erscheint nicht in einer durchaus gleichen Farbe, 
sondern von rechts nach links abschattiert, dicht an seiner rechten Grenze 
am hellsten, dicht an der linken Grenze am dunkelsten und im übrigen in 
einer von rechts nach links zunehmenden Dunkelheit. Fig. 55 gibt ein 



Fig. 53. 



B 




ungefähres Bild des Eindruckes, den man erhält, wenn man die Gesichts- 
linien vor oder hinter den in Fig. 54 dargestellten Flächen gekreuzt hat. 
Das Analoge gilt von Fig. 57 und Fig. 56. 

Sind die Lichtstärken der beiden Flächenhälften nicht zu verschieden, 
so machen die binokularen Farben des Mittelteils ganz ebenso wie die der 
beiden Seitenteile den Eindruck von sogenannten wirklichen Farben (s. § 4, 
S. 7) des Papieres. Bei größerer Verschiedenheit erhalte ich vom Mittel- 
teile mehr den Eindruck einer zufällig ungleich belichteten oder teilweise 
beschatteten Fläche. Auch erscheint er mir öfters beim Anhalten des 
Blickes als eine konvexe oder konkave Fläche. Halte ich die Augen einige 
Zeit möglichst ruhig, so mindert sich der anfangs höchst auffallende Unter- 



Flg. 54. 




Fig. 55. 



, :-4' 

1 


■ 



Fig. 56. 




Fig. 57. 




228 Lehre vom Lichtsinn. 

schied zwischen den in der Nähe der beiden Grenzlinien erscheinenden 
Farben des Mittelteils, und der letztere nimmt eine mehr gleichartige graue 
Farbe an^). Gestatte ich den Augen wieder ihre gewohnten Bewegungen, 
so tritt wieder die nach der einen Grenzlinie hin zunehmende Weißlichkeit, 
nach der anderen hin zunehmende Schwärzlichkeit auffallender hervor. 
Sind die Papierflächen nicht ganz homogen gefärbt, oder haben sie sogar 
kleine Knickungen, so kann der Mittelteil auch wie glänzend erscheinen. 

Bei wiederholter Anstellung desselben Versuches ist die Art der Zu- 
nahme der Helligkeit in der Nähe der einen, ihre Abnahme in der Nähe 
der andern Grenzlinie keineswegs immer ganz dieselbe, sondern sie kann 
bald schroffer bald allmählicher sein; auch können einmal die helleren, 
ein andermal die dunkleren Zwischenfarben der beiden auf den Seitenteilen 
erscheinenden Farben im Mittelteile überwiegen; immer aber ist die 
Farbe, die man an einer beliebigen Stelle des letzteren sieht, 
eine in der tonfreien Farbenreihe zwischen den beiden unoku- 
laren Farben gelegene, nie eine hellere oder eine dunklere. 

Ob man die Farben des Mittelteiles als sogenannte wirkliche Kürper- 
farben oder aber nur als zufällige Schattenfarben oder Glanzfarben sieht, 
ist hier insofern gleichgültig, als auch jede Schattenstelle oder Glanzstelle 
im einzelnen Augenblick immer nur eine binokular entstandene Helligkeit 
oder Dunkelheit hat. Solche Eindrücke kann man auch beim Sehen mit 
nur einem Auge erhalten, und sie sind keine besondere Eigentümlichkeit der 
binokularen Farbenmischung. Schon in § 4 habe ich auseinandergesetzt, 
dass man eine Fläche von ungleich verteilter Helligkeit bald als eine an 
verschiedenen Stellen verschieden gefärbte, bald als eine nur zufällig un- 
gleich belichtete oder beschattete sehen kann. Dies ist beim Sehen mit 
nur einem Auge ebenso der Fall, wie beim Sehen mit beiden. Den vorhin 
erwähnten Eindruck der Konvexität oder Konkavität des Mittelteiles der 
bei unseren Versuchen erscheinenden Fläche kann man ebenfalls mit nur 
einem Auge erhalten, wenn man eine einseitig beleuchtete, wirklich ge- 
krümmte Fläche oder auch nur ihr Abbild, wie z. B. den Mittelteil der 
in Fig. 55 und 57 abgebüdeten Flächen betrachtet. Ebenso ist der Glanz 
durchaus nicht ein spezifisch binokulares Phänomen (s. § 54). 

Unser Versuch zeigt, welche wichtige Rolle hier die beiden Grenzlinien 
bei der binokularen Farbenmischung spielen. Nicht nur sind die beiden 
Grenzlinien das zunächst Auffallende, sondern auch die an eine solche 
unokulare Grenzlinie unmittelbar angrenzende Farbe der zwischenliegenden 
Fläche ist der bezüglichen unokularen Farbe so ähnhch, als sei ihr von der 



\) Bei längerem Stillstande der Augen können infolge unwillkürlicher Schwan- 
kungen derselben an den beiden Grenzlinien sehr helle oder dunkle Säume er- 
scheinen, welche die Folge eines Sukzesssivkonstrastes sind und hier nicht zur 
Sache gehören. 



§ 52. Einüuss der Grenzlinien auf die binokulare Farbenmischung. 229 

Farbe der Deckstelle des andern Sehfeldes nichts oder äußerst wenig bei- 
gemischt, und als könne solche Beimischung sich erst mit wachsendem 
Abstand von der Grenzlinie mehr und mehr geltend machen. 

Überhaupt gilt folgendes: Wenn sich in einem von zwei korrespon- 
dierenden unokularen Sehfeldbezirken eine Grenzlinie zweier Farben be- 
findet, während der andere eine durchaus homogene, nichts Unterscheidbares 
enthaltende Farbe hat, so haben bei der binokularen Mischung die durch 
die Grenzlinie geschiedenen Farben in der Nähe der letzteren das Über- 
gewicht über die nicht differenzierte Farbe im anderen Sehfelde. Panum 
bezeichnete dieses Überwiegen der Grenz färben, wie ich sie nennen will, 
als das »Dominieren der Konture«. 

Wir vermögen bei dem hier beschriebenen Versuche nicht, willkürlich 
bald den homogenen Inhalt des einen, bald den differenzierten des andern 
unokularen Sehfeldbezirkes erscheinen zu lassen; stets bleiben beide Bilder 
der Grenzlinie sichtbar, und stets erscheint die zwischenliegende Fläche 
nach der einen Grenzlinie hin heller, nach der anderen hin dunkler, als 
ihr Mittelteil. Diese Thatsache ist besonders gegenüber der Ansicht von 
Helmholtz hervorzuheben, nach welcher es bei ungleicher Belichtung zweier 
Deckgebiete von unserer willkürlichen Aufmerksamkeit abhängen soll, ob 
der Inhalt des einen oder des andern unokularen Sehfeldgebietes über- 
wiegend oder ausschließlich zur Erscheinung kommt (vgl. § 54). 

Ganz ähnlich wie mit einer geraden verhält es sich mit jeder beliebig 
geformten Grenzlinie zweier unokularer Farben, wenn der korrespondierende 
Bezirk der anderen Netzhaut ganz gleichmäßig belichtet ist. An der Grenz- 
linie haben im binokularen Sehfelde die Grenzfarben das Uebergewicht über 
die im korrespondierenden Teile des anderen unokularen Sehfeldes gleich- 
mäßig ausgebreitete Farbe. Dem entspricht es durchaus, wenn, wie im 
vorhergehenden Paragraphen beschrieben wurde, das Doppelbild eines 
kleinen Feldes auf lichtschwächerem oder lichtstärkerem Grunde in der- 
selben Farbe erscheint^ wie wenn wir es bei binokularer Fixierung einfach 
sehen. Denken wir uns z. B. die linksgelegene der beiden in Fig. 55 dar- 
gestellten unokularen Grenzlinien nach rechts hin kreisförmig umgebogen 
und also in sich selbst zurücklaufend: wäre die so entstandene, von der 
Grenzlinie umschlossene Kreisfläche nur klein, so enthielte sie nur die 
dunkle Grenzfarbe, die sich wegen der Kleinheit des Feldes fast unver- 
ändert bis in den Mittelpunkt desselben erstrecken würde. Dies entspricht 
dem Falle, wo ein lichtschwächeres kleines Feld auf lichtstärkerem Grunde 
doppelt gesehen wird. Denken wir uns andererseits die rechts gelegene 
Grenzlinie der Fig. 55 nach links hin kreisförmig umgebogen, so enthält 
das so entstandene Kreisfeld nur die helle Grenzfarbe, was dem Falle des 
Doppelsehens eines lichtstärkeren Feldes auf lichtschwächerem Grunde 
entspricht. 



230 



Lehre vom Lichtsinn. 



Ist das als Doppelbild erscheinende Kreisfeld zu groß, so dass sein 
zentraler Teil zu weit von der Grenzlinie abliegt, so kann derselbe deutlich 
heller bezw. dunkler als die periphere Zone des Feldes erscheinen, wovon 
man sich überzeugen wird, wenn man den Doppelbildversuch mit größeren 
Kreisfeldern anstellt, als wie sie in § 51 angenommen waren. 

Wäre das kleine Feld nicht kreisförmig, sondern bei gleichem Flächen- 
inhalt elliptisch oder sonst wie in die Länge gezogen, so ist es ganz von 



Fig. 58 A. 





M 


G 


c 




T 


M 




C 


N 


F 


Z 




N 




Z 


D 


H 


Y 







H 




R 







L 


u 


E 


K 


L 


U 





Fig. 58 B. 



T 


M 


G 


C 


N 


F 


Z 


D 


H 


Y 


R 





K 


L 


U 


E 



der Grenzfarbe erfüllt, die in dem kreisförmigen Felde nur dicht an der 
Peripherie erscheint. Daher besteht zwischen der Farbe eines binokular 
fixierten Feldes, dessen Lichtstärke von der des umgebenden Grundes ver- 
schieden ist, und der Farbe seines Doppelbildes ein um so kleinerer Unter- 
schied, je schmäler das Feld ist. Man kann dies sehen, wenn man ab- 
wechselnd größere und kleinere Kreisfelder oder breitere und schmälere 
Streifen zum Doppelbildversuche benutzt. Schwarze Buchstaben auf weißem 



§ 33. Binokulare Deckung kongruenter Bilder von verschiedener Farbe. 231 

Grunde erscheinen uns daher unokular gesehen schwarz wie die binokular 
gesehenen. 

Bringt man mit Hilfe einer haploskopischen Vorrichtung die beiden 
Hälften der Fig. 58 A zu binokularer Deckung, so erhält man ein Ver- 
schmelzungsbild, wie es Fig. 58 B darstellt. Sämtliche Buchstaben er- 
scheinen schwarz. Gleichwohl werden dabei gewisse Buchstaben nur vom 
linken, andere nur vom rechten, und nur die übrigen von beiden Augen 
zugleich gesehen. Mancher vermag gar nicht ohne weiteres zu unter- 
scheiden, welche Buchstaben nur auf einer, und welche auf beiden Netz- 
häuten zugleich abgebildet sind. Die Gitterlinien erleichtern die Konstanz 
des passenden Konvergenzwinkels der Gesichtslinien. Wird derselbe will- 
kürlich oder unwillkürlich ein wenig geändert, so zerfallen die binokular 
gesehenen Buchstaben in Doppelbilder, die übrigen bleiben einfach. 

Wer kurzsichtig ist oder sich durch eine Konvexbrille kurzsichtig macht, 
bedarf zu dem Versuche keiner haploskopischen Vorrichtung; er braucht nur 
seine Gesichtslinien weit hinter der Figur zu durchkreuzen und dieselbe in den 
Abstand seines Fernpunktes zu bringen. 

§ 53. Binokulare Deckung zweier kleiner Felder von gleicher 
Form, aber ungleicher Farbe auf beiderseits gleichem Grunde. 
Bei den bisher beschriebenen Versuchen handelte es sich um binokulare 
Deckung zweier unokularer Sehfeldbezirke, deren einer aus einer homo- 
genen Farbe bestand, während im anderen dieselbe Farbe ein anders- 
farbiges Feld umgab oder an ein solches grenzte. Es enthielt also nur 
der eine unokulare Bezirk etwas Unterscheidbares. Jetzt handelt es sich 
um binokulare Deckung zweier Bezirke, die beide an korrespondierenden 
Stellen je ein kleines vom Grunde verschiedenes Feld enthalten. Die Farbe 
des Grundes ist wieder in beiden unokularen Bezirken die gleiche, aber 
die Farbe der kongruenten und sich deckenden kleinen Felder ist nicht 
beiderseits gleich. Infolge der Kleinheit der Felder wirken ihre Farben als 
Grenzfarben, und auf die Mischung der letzteren kommt es jetzt an. 

Um die aus dieser Mischung hervorgehende neue Farbe mit jeder 
der beiden unokularen vergleichen zu können, kann man sich einer durch 
Fig. 59 A und Fig. 59 B erläuterten Methode bedienen. 

Fig. 59 A zeigt drei Paare kleiner Kreisfelder von gleichem Durch- 
messer, wie sie sich leicht mittels eines Locheisens aus mattgrauem Papiere 
herstellen lassen. Das mittle Paar ist dasjenige, um dessen binokulare 
Vereinigung es sich handelt. Die beiden Felder des obersten Paares sind 
sowohl unter sich als mit dem rechten Felde des mittlen Paares von 
gleicher Lichtstärke, dasselbe gilt von den beiden untersten Feldern und 
dem linken des mittlen Paares. Kreuzt man in entsprechender Weise 
vor der Ebene einer derartigen Figur die Gesichtslinien, so sieht man, wie 



232 



Lehre vom Lichtsinn. 



'S 



dies Fig. 59 B veranschaulicht, neun Felder, von denen hier nur die mittle 
binokular gesehene Längsreihe in Betracht kommt. Wie solche Versuche 
in exakter Weise auf einer ganz ebenen schwarzen, weißen oder grauen 
Fläche mit Benützung eines binokular gesehenen Gitters anzustellen sind, 
ist weiter unten beschrieben. 

Da durch Vereinigung zweier gleicher unokularer Farben nur wieder 
dieselbe Farbe entsteht (vgl. S. 214), so zeigt das obere und das untere 
Feld der mittlen Längsreihe je eine der beiden ungleichen Farben, welche 
im Mittelfelde zu einer dritten Farbe vereinigt sind, und es lässt sich 
letztere bequem mit jeder der beiden ersteren vergleichen. Dabei ergiebt 
sich, dass diese dritte Farbe zwar keine ganz konstante, aber stets 
heller als die dunklere und dunkler als die hellere der beiden 
Farben ist, aus deren binokularer Mischung sie entstand, wenn 
sie nicht im besonderen Falle der einen gleicht. Wiederholt man 



Fig. 59 A. 



Fig. 59B. 





mit genügend langen Pausen den Versuch öfter, so zeigt sich, dass die 
auf den ersten Blick erscheinende Mischfarbe bald der einen, bald der 
andern jener beiden Farben ähnhcher ist oder im Grenzfall ihr gleich scheint. 
Dreht man, was als Kontroiversuch zu empfehlen ist, die Fig. 59 A um 
180°, so dass die Bilder der beiden ungleichen Scheiben des mittlen 
Paares auf der Doppelnetzhaut ihren Platz vertauschen, so erhält man 
öfters vom mittlen Felde eine andere Mischfarbe als bei der anfäng- 
lichen Lage. 

In Fig. 59 ist die Verschiedenheit der beiden unokularen Lichtstärken 
nicht groß; je größer man sie wählt, desto leichter tritt der Fall ein, dass 
die binokulare Mischfarbe nicht im ganzen Felde dieselbe ist, oder dass 
das Feld auf den ersten Blick teils in der Farbe des oberen, teils in der 
des unteren Feldes erscheint. Letzterenfalls gehen diese beiden Farben 
bald schroffer, bald mehr allmählich ineinander über. 

Je größer die Verschiedenheit der beiden unokularen Lichtstärken ist, 
desto strenger ist darauf zu achten, dass die Hauptbedingungen, welche bei dem 
Versuche vorausgesetzt sind, auch wirklich erfüllt werden. Die eine dieser 



§ 33. Binokulare Deckung kongruenter Bilder von verschiedener Farbe. 233 

Bedingungen ist, dass in dem Augenblicke, wo dem Beobachter die Felder 
sichtbar werden, seine Gesichtslinien bereits die Stellung haben, welche zu 
einer genau korrespondierenden Lage der bezüglichen Netzhautbilder nötig 
ist. Die andere Hauptbedingung ist, dass man bei jedem Einzelversuche 
schon vor dem Erscheinen der Felder bestimmt hat, ob man das Mittel- 
bild mit dem oberen oder mit dem unteren Bilde der Mittelreihe vergleichen 
will. Ersterenfalls muss man den Blickpunkt auf den Zwischenraum zwischen 
dem oberen und dem mittlen Felde, letzterenfalls zwischen dieses und 
das untere Feld verlegen und dementsprechend die Gesichtslinien schon vor 
dem Versuche eingestellt haben. 

Man erreicht dies alles mit Hilfe einer Glastafel, welche an einem 
Stativ in senkrechter Richtung verschiebbar und mit einem rechtwinkligen 
Liniengitter versehen ist, welches hier an die Stelle des in Fig. 59 A auf 
dem Papiere befindlichen Gitters zu treten hat. Befindet sich auf dem 
Tische, über welchem die horizontale Glastafel in passender Höhe einge- 
stellt ist, ein ganz homogenes schwarzes Papier, so müssen die Linien des 
Gitters auf dem Glase weiß, bei Benutzung eines weißen Papieres schwarz 
sein, während zu einem grauen Papiere beide Gitterarten passen. Nachdem 
man den Kopf in passender Höhe über der Glastafel irgendwie fixiert hat, 
stellt man die Gesichtslinien auf die Entfernung der Glastafel ein, indem 
man die Linien des Gitters betrachtet, und ordnet dann die sechs kleinen 
Scheiben auf dem Papiere so an, dass jedes Scheibenbild, sei es ein bin- 
okular oder ein nur unokular gesehenes, in einem Quadrate des Gitters 
ebenso erscheint, wie in Fig. 59 B. Die ganz richtige Lagerung der 
Scheiben erkennt man mit großer Genauigkeit daran, dass die binokular 
gesehenen Scheibenbilder der Mittelreihe nicht in der Ebene des Papieres 
auf dem Tische, sondern in der Ebene des Gitters erscheinen. Sobald 
eines dieser Bilder dauernd unterhalb oder oberhalb des Gitters zu schweben 
scheint, haben die beiden bezüglichen Papierscheiben erstenfalls einen zu 
kleinen, letztenfalls einen zu großen gegenseitigen Abstand. Ob die un- 
okularen Bilder dem Beobachter in der Ebene des Glases oder des Papieres 
erscheinen, ist hier gleichgültig. Durch eine schwarze Samtmaske oder 
durch einen vor dem Gesichte befindlichen schwarzen Schirm mit zwei 
Löchern macht man das Spiegelbild seines Gesichtes unschädlich. 

Nach dieser Vorbereitung lässt man von einem Gehilfen ein steifes, 
ganz homogenes graues Papier horizontal über das Papier mit den Scheiben 
halten, und wartet, ohne die Lage seines irgendwie gestützten Kopfes zu 
ändern, so lange, bis alle Nachwirkungen der früheren Betrachtung der 
Scheiben verklungen sind, fixiert dann diejenige Gitterlinie, welche vorher 
zwischen den beiden zu vergleichenden Scheibenbildern erschien, und lässt 
endlich das graue Papier wieder wegziehen. Unter solchen Umständen ge- 
lingt es mir leicht, bei nicht zu großer Verschiedenheit der beiden unoku- 



234 



Lehre vom Lichtsinn. 



Fig. 60. 



laren Lichtstärken, das mittle Scheibenbild sofort in einer homogenen Farbe 
zu sehen, welche, wie gesagt, bei wiederholten Versuchen nicht immer 
wieder dieselbe, sondern bald der des oberen, bald 
der des unteren Scheibenbildes der Mittelreihe ähn- 
licher ist und bei etwas verlängerter Betrachtung ihre 
Qualität ändern kann. 

Wenn ich aber bei guter Beleuchtung schwarze 
und weiße Scheiben auf grauem Grunde, wie sie Fig. 60 




zeigt, 



zum Versuche wähle, so 



gelingt es 



mir zwar 



^^^^^^^^H auch, das mittle Scheibenbild in einer homogenen Farbe 
^^^^^^^^H zu sehen, doch ist dieselbe nur zuweilen von den 
beiden anderen Farben erheblich verschieden und meist 
dem unteren weißen Scheibenbilde der Mittelreihe oder seltener dem oberen 
schwarzen Scheibenbilde nahezu oder völlig gleich. Überdies wechselt leicht 



Fig. 61. 




bei etwas verlängerter Betrachtung trotz möglichst unverrückter Augen- 
stellung die Farbe des Scheibenbildes zwischen Schwarz und Weiß, sei es 



§ 53. Binokularer Weltstreit tonfreier Farben. 



235 



an beschränkter Stelle oder im Ganzen, und dieser Farbenwechsel kann 
sich so schnell vollziehen, dass die Zwischenstufen der beiden Farben nicht 
deutlich zur Wahrnehmung kommen. Dabei scheint gewöhnlich das 
Scheibenbild zu glänzen. 

Hier zeigt sich also in besonders ausgeprägter Weise ein Wettstreit 
der beiden Grenzfarben. Doch sieht man niemals an einem und demselben 
Punkte des Feldes die schwarze und die weiße Farbe zugleich, und ebenso- 
wenig die eine hinter der anderen, wie dies der Fall sein würde, wenn 
die eine in der Ebene des Gilters, die andere dahinter auf dem entfernteren 
Papiere erschiene (vgl. S. 221). Ein derartiges räumlich gesondertes Er- 
scheinen der beiden Farben tritt selbst bei der folgenden Abänderung des 
Versuches nicht ein. 

Man bringe das Gitter wieder statt auf der Glasplatte auf grauem 
Papiere so an, wie dies S. 232 beschrieben wurde. In ein Viereck dieses 



Fig. 62. 



Fig. 63. 





Gitters lege man eine schwarze Scheibe [s in Fig. 61 ) und auf die Glasplatte {gg\ 
eine kleine weiße Scheibe [w), welche für das eine z. B. linke Auge den- 
selben Gesichtswinkel hat, wie die schwarze Scheibe auf dem Papiere_, und 
die letztere genau deckt (vgl. Fig. 61). Stellt man dann die Gesichtslinien 
auf das Papier ein, so erscheint die weiße Scheibe in Doppelbildern, deren 
eines sich mit dem Bilde der nur vom rechten Auge gesehenen schwarzen 
Scheibe deckt. Dabei kommt es nie vor, dass die weiße und 
schwarze Farbe, jede rein für sich, in verschiedener Entfernung 
erscheinen, nämlich die weiße näher, und die schwarze in der- 
selben Richtung dahinter in größerer Entfernung. Das Ergebnis 
ist vielmehr so, wie bei der Benutzung der Fig. 60. Der analoge Versuch 
lässt sich mit zwei grauen Scheiben von verschiedener Lichtstärke auf 
weißem oder schwarzem Grunde anstellen, wobei kein Wettstreit sichtbar ist. 
Dies alles beweist, dass hier die Einheit der Farbe und die 
Einheit der Sehrichtung zwangsweise verbunden sind. 



236 Lehre vom Lichtsinn. 

Wenn man unter dem erwähnten Gitter der Glasplatte vier teils weiße, 
teils schwarze Scheiben auf einer grauen Fläche so anordnet, wie es 
Fig. 62 und 63 zeigt, so sieht man unter den erwähnten Bedingungen wieder 
drei Reihen von Scheibenbildern, doch enthält die Mittelreihe jetzt zwei 
durch binokulare Deckung ungleichfarbiger Scheiben entstandene und den 
Wettstreit zeigende Bilder. Dabei ist bemerkenswert, dass sich diese beiden 
Bilder gleichzeitig in ganz verschiedenen Phasen des Wettstreites befinden 
können, und dass also im binokularen Sehfelde an jeder Stelle 
unabhängig von den anderen Stellen der Wettstreit der unoku- 
laren Grenzfarben ablaufen kann. 

Alle diese Erscheinungen, sowohl die bei nicht zu großer 
Verschiedenheit der beiden Farben wechselnde Art ihrer bino- 
kularen Mischfarbe, als auch die Phänomene des Wettstreits sind 
unserer Willkür entrückt. Wenn man sich vor dem Sichtbarwerden 
des binokularen Scheibenbildes noch so lebhaft eine bestimmte Farbe 
desselben vorstellt, so hat dies doch keinen Einfluss auf die dann wirklich 
erscheinende, und ebenso treten die verschiedenen Phasen des Wettstreites 
nicht nur ohne, sondern auch wider unseren Willen ein. 

Wettstreit entsteht da, wo zwei verschiedene Grenz färben zur Deckung 
kommen. Bei den in § 52 beschriebenen Versuchen handelte es sich auch um 
binokulare Deckung zweier verschiedener Farben, aber dort war stets nur 
die eine der beiden unokularen Farben eine Grenzfarbe und dementsprechend 
fehlte der Wettstreit vollständig. Je verschiedener die beiden sich decken- 
den Grenzfarben, desto auffallender ihr Wettstreit. Eine sich scharf absetzende 
Grenzfarbe ist im Vorteil gegenüber einer verwaschen begrenzten u. a. m. 
Hier galt es nur zu zeigen, dass auch im Falle des Wettstreites auf jeder 
einzelnen binokularen Sehrichtungslinie in jedem Augenblicke stets nur eine 
Farbe erscheint, sei es eine der beiden unokularen oder eine, die sich als 
ein Gemisch beider bezeichnen lässt. Wenn einmal beide unokularen Farben 
innerhalb eines binokularen Scheibenbildes zugleich nebeneinander erscheinen, 
so sind sie doch nicht durch eine scharfe Grenze voneinander geschieden, 
sondern die eine geht durch alle Zwischenfarben in die andere über. 

Die mit Benützung des beschriebenen Gitters auf der Glastafel und 
kleiner Papierscheiben anzustellenden Versuche sind auch in anderer Be- 
ziehung belehrend. Es wurde schon erwähnt, dass bei ganz richtiger 
Anordnung der Scheiben die durch binokulare Deckung zweier Scheiben 
entstandenen Bilder der Mittelreihe genau in der Ebene der Gitterlinien er- 
scheinen. Dies gilt jedoch von dem durch binokulare Deckung der ungleich- 
farbigen Scheiben entstandenen mittlen Bilde der Reihe nur insoweit, als 
die Verschiedenheit der Farben keine zu große ist. Zeigt dieses Bild infolge 
zu großer Verschiedenheit der beiden Farben nur die eine, oder kommt es 
zu einem Wettstreit, so ist auch der Ort des Bildes innerhalb der ihm 



§ 53. Die Erscheinung des Glanzes. 237 

zukommenden Sehrichlung nicht mehr ein fest bestimmter, und man kann 
es dann bald in der Ebene des Gitters, bald auf dem darunter liegenden 
Papiere sehen. 

In ähnlicher Weise, wie hier die binokulare Deckung zweier kleiner 
Felder von kongruenter Form aber ungleicher Farbe auf beiderseits gleichem 
Grunde, ließe sich nun auch die binokulare Deckung kleiner Felder von 
gleicher Farbe auf beiderseits ungleichfarbigem Grunde und endlich 
der Fall besprechen, wo bei kongruenter Form sowohl die Farbe des Feldes 
als die des Grundes beiderseits verschieden ist. Es ergeben sich jedoch dabei 
betreffs der binokularen Mischung keine neuen Gesichtspunkte, wenngleich 
eine möglichst erschöpfende, auf eigne Beobachtung gegründete Kenntnis 
der hierher gehörigen Erscheinungen für denjenigen wünschenswert ist, der 
sich die Berechtigung zur Kritik der Ergebnisse der auf diesem Gebiete 
erfahrenen Forscher erwerben will. 

Über die Erscheinung des Glanzes. Die oben erwähnte Erscheinung 
des Glanzes erfordert noch eine kurze Besprechung, obwohl derselbe in ebenso 
deutlicher Weise auch beim einäugigen Sehen vorkommt, wie dies schon 
WüNDT hervorgehoben hat. Wenn auf einer Fläche, gleichviel ob sie nur 
mit einem Auge gesehen wird, oder ob sie beiden Augen gleiche und sich 
genau deckende Bilder gibt, ein Hell erscheint, das wir nicht als eine der 
Fläche eigentümliche »wirkliche«, sondern nur als eine zufällige Farbe der- 
selben auffassen (vgl. § 4), so kann uns die Fläche glänzend erscheinen. 
Dabei ist meist schon die Art der Verteilung von Hell und Dunkel auf der 
Fläche entscheidend. Ein treues photographisches Abbild einer solchen 
Fläche kann ebenfalls den Eindruck des Glanzes machen, sowohl bei einäugigem 
als bei doppeläugigem Sehen. Dies beweist schon, dass die Erscheinung des 
Glanzes nicht an das Binokularsehen gebunden ist. Bei letzterem kann es 
allerdings vorkommen, dass die Lichtreflexe, welche die Fläche glänzend 
erscheinen lassen, nur das eine Auge treffen, und dass daher der Glanz 
verschwindet, wenn wir dieses Auge schließen; ebenso kann es vorkommen^ 
dass die Lichtreflexe beiden Augen verschieden und an verschiedenen Stellen 
der Fläche erscheinen. In solchen Fällen kommen, ähnlich wie bei den 
obigen Versuchen, ungleiche unokulare Farben zu binokularer Deckung. 

Alle diese Arten des Glanzes treten schon beim ersten Anblick der 
Fläche auf, und selbst eine nur momentane Beleuchtung reicht zur Er- 
scheinung des Glanzes hin. Bewegungen oder Intensitätsänderung der 
Lichtquelle oder auch bloße Kopfbewegungen bewirken Änderungen der 
Helligkeit oder Lage der Reflexe, und dasselbe tun Bewegungen der re- 
flektierenden Fläche. Dabei entsteht sow^ohl bei einäugigem als bei doppel- 
äugigem Sehen ein unruhig wechselnder Glanz, wie ihn in ausgeprägtester 
Weise eine bewegte Wasserfläche zeigen kann. Eine solche, sich immer 
wieder ändernde Verteilung von Hell und Dunkel auf der gesehenen Fläche 



238 ' Lßhre vom Lichtsinn. 

kommt bei dem oben beschriebenen Wettstreit zweier unokularer Farben 
ebenfalls vor. 

Aus alledem geht hervor, dass die Erscheinung des Glanzes beim bino- 
kularen Sehen nichts gegen den oben aufgestellten Satz beweist, nach 
welchem die auf einer und derselben Sehrichtungslinie erscheinende bino- 
kulare Farbe in jedem einzelnen Augenblicke eine einfache ist, wenngleich 
sie ebenso wie eine unokulare in verschiedener Weise gesehen werden 
kann (vgl. § 49). 

Eine vorzügliche Darlegung der Bedingungen, unter denen die Erscheinung 
des Glanzes auftritt, hat Helmholtz in seinem Handbuch der physiologischen 
Optik gegeben, und in der zweiten Auflage dieses Werkes findet man auch ein 
umfassendes Verzeichnis der bezüglichen Lilteratur. Nach der Ansicht von 
Helmholtz ist die Erscheinung des binokularen oder, wie er sagt, stereoskopi- 
schen Glanzes »für die Theorie der Thätigkeit beider Netzhäute deshalb von 
Interesse, weil daraus mit Sicherheit hervorgeht, was bei den verschiedenen 
Aussagen verschiedener Beobachter über die Erfolge der binokularen Deckung 
verschiedener Bilder vielleicht zweifelhaft bleiben könnte, dass zwei heterogene 
Lichtwirkimgen auf korrespondierende Netzhautstellen stets einen durchaus 
anderen sinnlichen Eindruck machen, als zwei gleichartige Einwirkungen auf 
dieselben Stellen«. 

Wenn man aber z. B. einen schwarzen Buchstaben auf weißem Grunde 
oder einen weißen auf schwarzem Grunde zuerst mit richtig eingestellten Ge- 
sichtslinien binokular und sodann bei etwas geänderter Convergenz eines seiner 
beiden Doppelbilder nur unokular fixiert (vgl. §51), so wird Niemand sagen 
können, dass das letztere Bild »einen durchaus anderen sinnlichen Eindruck 
mache«, als das Bild des zuvor binokular fixierten Buchstabens ; die beiden Ein- 
drücke sind vielmehr zum Verwechseln ähnlich. Und doch finden im einen 
Falle »zwei gleichartige Einwirkungen« auf zwei korrespondierenden Stellen, im 
andern auf ganz denselben Stellen zwei »heterogene« Einwirkungen statt, näm- 
lich einerseits die Einwirkung des von einem schwarzen bzw. weißen Buchstaben, 
anderseits die Einwirkung des vom weißen bzw. schwarzen Grunde ausgehenden 
Lichtes. Dasselbe gilt von den bei binokularer Deckung der beiden Hälften der 
Fig. 58 auf S. 230 gesehenen Buchstaben; die von beiden Augen zugleich ge- 
sehenen unterscheiden sich oft gar nicht und nur bisweilen kaum merklich 
von den nur mit einem Auge gesehenen. Wenn man freilich in der linken 
Hälfte der Figur die Buchstaben weiß und den Grund schwarz machen würde, 
während in der rechten Hälfte die Buchstaben schwarz auf weiß bleiben, so 
würden uns die nur vom linken Auge gesehenen Buchstaben weiß und die 
nur vom rechten gesehenen schwarz erscheinen, die von beiden Augen zugleich 
gesehenen aber würden, insoweit es überhaupt vorübergehend gelänge, sie zu 
genauer binokularer Deckung zu bringen, das Phänomen des Wettstreites zeigen 
können, wie dies bei den durch Fig. 60 illustrierten Versuchen beschrieben 
wurde. 

Helmholtz hat nicht beachtet, daß sich aus zwei heterogenen Lichtwirkungen 
auf korrespondierende Stellen nur eine einfache Farbe ergibt, die allerdings eine 
inkonstante und sogar ziemlich schnell wechselnde sein kann, sich aber nie in 
zwei gleichzeitig auf derselben SehrichtungsHnie erscheinende unokulare 
Farben, z. B. im vorliegenden Falle in ein völliges Weiß und ein völliges 



§54. Binokulare Deckung inkongruenter Bilder. 



239 



Schwarz spaltet. Damit fällt auch eine Hauptstütze seiner Theorie des Bino- 
kularsehens und seiner Polemik gegen die Annahme eines angeborenen Zu- 
sammenhanges zwischen dem Einfachsehen der Farben und der Identität der 
Sehrichtungslinien zweier Deckstellen. Dies möge hier erwähnt sein, weil 
V. Kries in seinen Zusätzen zu einem kürzlich erschienenen Neudruck der ersten 
Auflage des Werkes von Helmholtz wieder für dessen Theorie des binokularen 
Sehens eingetreten ist. 



§ 54. Die binokulare Farbenmischung bei binokularer 
Deckung inkongruenter Bilder. Bei den im vorhergehenden Para- 
graphen besprochenen Fällen wurden kongruente Figuren auf korrespon- 
dierenden Stellen der beiden Netzhäute abgebildet; nur in der Licht- 
stärke waren die Figuren verschieden. Viel häufiger ist beim gewöhnlichen 
Sehen der Fall, dass kleinere oder größere korrespondierende Bezirke der 



Fig. 64. 





beiden Netzhäute mit völlig inkongruenten Bildern bedeckt sind. Bei Be- 
trachtung naher Dinge, hinter denen noch andere sichtbar sind, bildet die 
Inkongruenz der beiden Gesamtnetzhautbilder mit Ausnahme der Bilder des 
eben fixierten Objektes sogar die Regel. Auch die beiden Netzhautmitten 
können inkongruente Bilder erhalten, wenn ein Ding, das dem Gesichte 
näher als das fixierte liegt, in ungleichseitigen Doppelbildern erscheint. 
Trotz der großen Mannigfaltigkeit der hierher gehörigen Tatsachen genügen 
einige wenige, der oben erwähnten Abhandlung Panüm's entlehnte Beispiele 
zur Einsicht in das, was dabei bezüglich der binokularen Farbenmischung 
besonders wesenthch ist. 

Bringt man zwei Felder, wie sie Fig. 64 in verkleinertem Maßstabe 
zeigt, in ein Stereoskop, und ist für das Scharfsehen der Grenzlinien 
zwischen Weiß und Schwarz gesorgt, so erhält man ein binokulares Bild 
etwa von der Art des in Fig. 65 dargestellten. Man sieht ebensowohl im 



240 



Lehre vom Lichtsinn. 



ersten Augenblick als bei längerer zwangloser Betrachtung stets die beiden 
sich durchkreuzenden Grenzlinien zwischen Weiß und Schwarz, nie aber 
entweder nur die eine oder die andere der beiden zur Deckung gebrachten 
Figuren. 

Im linken oberen Viertel des binokularen Bildes deckt sich unokulares 
Schwarz mit Schwarz, im rechten unteren Viertel Weiß mit Weiß, in den 
beiden anderen Vierteln aber kommt unokulares Weiß und Schwarz zur 
Deckung, und man sieht hier ein graues Gemisch aus Schwarz und Weiß, 
welches um so leichter zu glänzen scheint, je weniger genau der Forderung 
völliger Homogenität der sich deckenden Flächen entsprochen ist. Das 
Mischgrau ist bei verschiedenen Versuchen bald heller, bald dunkler und 
geht nach der Grenzlinie des schwarzen Viertels hin durch immer hellere 

Zwischenstufen in ein Weiß, nach der 
Fig. 65. Grenzlinie des weißen Viertels hin durch 

immer dunklere Stufen in ein Schwarz 
über. Diese Übergänge sind bald 
schroffer, bald allmählicher. 

Während nämHch im grüßten Teile 
eines solchen grauen Viertels indifferentes 
Weiß mit indifferentem Schwarz gemischt 
ist, mischen sich in der Nachbarschaft 
der Grenzlinien je eine Grenzfarbe und 
eine indifferente, und zwar mischt sich 
an der Grenze des weißen Viertels das 
Grenzschwarz mit dem indifferenten 
Weiß zu einem Schwarz, und an der 
Grenze des schwarzen Viertels das 
Grenzweiß mit dem indifferenten Schwarz zu einem Weiß; mit wachsen- 
dem Abstände von der Grenzlinie nimmt hier die W^eißlichkeit , dort 
die Schwärzlichkeit des Gemisches ab und nähert sich dem allgemeinen 
Mischgrau des Viertels. In der Nähe des Kreuzungspunktes der beiden 
Grenzlinien mischt sich Grenzweiß mit Grenzschwarz zu einem bis in 
die Spitze des Winkels reichenden Grau. Es kommt hier, solange die 
beiden betroffenen Sehfeldstellen gleichartig sind, nie zu einem derartigen 
Überwiegen der einen Grenzfarbe über die andere, dass eine der beiden 
hier zusammenstoßenden Grenzlinien auch nur eine kleine Strecke weit 
ganz unsichtbar würde, sondern es sind selbst bei langer zwangloser Be- 
trachtung beide Grenzlinien bis zu ihrem Durchschnittspunkte sichtbar. Nur 
bei längerem Stillstande der Augen sieht man bei einer nachfolgenden kleinen 
Bewegung derselben infolge des Sukzessivkontrastes an der einen oder 
anderen Grenzlinie einen sehr hellen oder sehr dunklen Streifen, welcher 
das in ihm gelegene Stückchen der Grenzlinie unsichtbar macht. So wenig 




i^ 54. Binokulare Deckung inkongruenter Bilder. 



241 



also ein Wettstreit mit völligem Verschwinden einer der beiden Grenzfarben 
zu sehen ist, ebensowenig ein Wettstreit, bei dem abwechselnd nur eines 
der beiden unokularen Bilder sichtbar wäre. Auch die absichtlich auf eine 



Fig. 66. 





der Grenzlinien gerichtete Aufmerksamkeit vermag, selbst in der Nähe des 
Kreuzungspunktes, die andere nicht zum Verschwinden zu bringen. 

Fig. 66 zeigt, links einen längsliegenden, rechts einen querliegenden 
schwarzen Streifen auf weißem Grunde. Bringt man diese entsprechend 



Fig. 6: 



Fig. 6». 






vergrößerte Figur in ein Haploskop, so erhält man einen Eindruck nach Art 
des in Fig. 67 abgebildeten. Man sieht ein Kreuz, bestehend aus einem mittlen 
tiefschwarzen Quadrat und vier Schenkeln, die an ihrer Ansatzstelle nicht wie 
im übrigen schwarz, sondern in einem abgeschwächten Weiß erscheinen 

Hering, Lichtsinn. 4 6 



242 Lehre vom Lichtsinn. 

das sich scharf von dem schwarzen Mittelquadrat absetzt und SQdann durch 
die verschiedenen Zwischenstufen des Grau hindurch in das Schwarz des 
übrigen Schenkels übergeht. Dieser Übergang ist bald schroffer, bald mehr 
allmählich. Dabei bleiben jedoch die Grenzlinien der Schenkel bis an die 
Ecke des tiefschwarzen Mittelquadrates sichtbar. 

Würden wir mit Hilfe eines durchsichtigen Spiegelglases [vgl. S. 79} 
die beiden schwarzen Streifen auf weißem Grunde sich gleichzeitig auf einer 
und derselben Netzhaut abbilden lassen, so würden wir ebenfalls ein Kreuz 
mit schwarzem Mittelquadrat sehen, aber die Schenkel würden in allen 
ihren Teilen hellgrau gefärbt erscheinen, etwa wie in Fig. 68. 

Wenn das linke Auge unter sonst ganz gleichen Umständen statt des 
querliegenden schwarzen Streifens nur den homogenen weißen Grund, das 
rechte aber den längsliegenden schwarzen Streifen sähe, so würde im 
binokularen Felde nur der letztere, und zwar in seiner ganzen Länge 
schwarz gefärbt erscheinen, weil dies die (innere) Grenzfarbe seiner beiden 
Grenzlinien ist und diese schwarze Grenzfarbe das indifferente Weiß der 
korrespondierenden Stelle des anderen Sehfeldes in der Mischung beider 
weitaus überwiegt. Die weiße (äußere) Grenzfarbe seiner beiden Grenzlinien 
würde sich längs des ganzen Streifens mit dem korrespondierenden in- 
differenten Weiß des Grundes wieder zu einem Weiß mischen. Letzteres 
ist, wenn dem linken Auge zugleich der schwarze querliegende Streifen 
sichtbar ist, an der Stelle der Durchkreuzung nicht mehr müghch; denn 
das Grenzweiß des längsliegenden Streifens mischt sich hier nicht mehr 
mit dem korrespondierend gelegenen indifferenten Weiß, sondern mit den 
(inneren) schwarzen Grenzfarben der beiden Grenzlinien des querliegenden 
Streifens, und aus der Mischung dieser schwarzen Grenzfarben mit jenen 
weißen entsteht das grauliche Weiß an der Ansatzstelle der beiden quer- 
liegenden Schenkel des Kreuzes. Dieses Weiß ist um so deutlicher, je 
breiter der querliegende Streifen und je entfernter also seine Mittellinie von 
seinen beiden Grenzlinien ist. Denn um so mehr kommt an der Ansatz- 
stelle das in der Nähe dieser Mittellinie liegende Grenzschwarz des quer- 
liegenden Streifens gegenüber dem Grenzweiß des längsliegenden in Nachteil. 
Ganz analog verhält es sich mit der Helligkeit der beiden längsliegenden 
Schenkel des Kreuzes an ihren Ansatzstellen. Das Gesagte gilt vom 
ersten Eindrucke und unter der Voraussetzung, dass dabei die beiden 
unokularen Sehfeldbezirke in gleichem Zustande und die Augen beim 
Sichtbarwerden der Figur nicht in Bewegung sind. Bei fortgesetzter Be- 
trachtung kommt es dann vor, dass der eine Streifen in seiner ganzen 
Länge gleichmäßig schwarz, und der andere gänzlich durchbrochen er- 
scheint, oder seltener, dass nur ein Schenkel des Kreuzes sich mit seinem 
Schwarz ohne Unterbrechung in das Schwarz des kleinen Mittelquadrates 
fortsetzt. In beiden Fällen genügt es, den Blickpunkt genau parallel zur 



§ 54. Binokulare Deckung inkongruenter Bilder. 243 

Richtung des ununterbrochen erscheinenden Streifens zu bewegen, um so- 
fort die anfänglich gesehene Unterbrechung desselben wieder herzustellen. 
Bei dieser Augenbewegung verschiebt sich das Bild des ununterbrochenen 
Streifens auf der Netzhaut in sich selbst und rückt also, abgesehen von 
seinen weitabliegenden Enden, nicht auf neue Netzhautstellen, das Bild des 
andern Streifens auf der andern Netzhaut aber verschiebt sich senkrecht 
zur eigenen Richtung. Dabei wird auf der einen Seite des Streifenbildes 
ein Netzhautstreifen, der soeben noch nur das schwache Licht des schwarzen 
Streifens empfing, plötzlich vom starken Lichte des weißen Grundes ge- 
troffen, auf der andern Seite ein entsprechender Netzhautstreifen, der so- 
eben noch von diesem starken Lichte bestrahlt war, plötzlich verfinstert: 
dort wird die weiße (äußere) Grenzfarbe des Streifenbildes plötzlich noch 
heller, hier die schwarze (innere) Grenzfarbe plötzlich noch dunkler und 
infolge des momentanen Simultankontrastes auch die Helligkeit der weißen 
(äußeren) Grenzfarbe erhöht. Diese auf beiden Seiten des Streifens erfol- 
gende Helligkeitssteigerung seines Grenzweiß verschafft demselben von neuem 
das Übergewicht über das unverändert gebliebene Schwarz des anderen 
Streifens, dessen Netzhautbild sich nur in sich selbst verschoben hat, und 
lässt denselben wieder ununterbrochen erscheinen. 

Hiermit steht folgende Thatsache im Einklang: Blickt man genau ent- 
lang der Mittellinie des querliegenden Kreuzbalkens hin und her, so wird 
man sehr bald den längsliegenden Balken in seiner ganzen Länge schwarz 
und den querliegenden durchbrochen sehen; verlegt man dagegen den 
Blickpunkt entlang der Mittellinie des längsliegenden Kreuzbalkens, so er- 
scheint sehr bald der querliegende in seiner ganzen Länge schwarz und 
der andere durchbrochen. 

Man kann auch schon auf den ersten Blick nur den einen Streifen 
mit Sicherheit unterbrochen und den andern in ganzer Länge schwarz 
sehen, wenn man zuerst z. B. die linke Hälfte der Figur mit einem 
homogenen Blatt von der Lichtstärke des weißen Grundes zudeckt und 
dann längere Zeit den Mittelpunkt des querliegenden Streifens fixiert. Dabei 
adaptiert sich die betroffene Stelle des rechtsäugigen Sehfeldes mehr oder 
weniger an das Streifenbild. Entfernt man dann das weiße Deckblatt des 
anderen, längsliegenden Streifens, so empfängt das linke Auge den frischen 
Eindruck desselben und man sieht nun sekundenlang nicht nur diesen Streifen 
in seiner ganzen Länge tiefschwarz, sondern auch die beiden querliegenden 
Schenkel des Kreuzes erst in einigem Abstände von der früheren Durch- 
kreuzungsstelle beginnen; auch ist ihre Farbe nicht mehr schwarz, wie sonst, 
sondern nur schwarzgrau. 

In keinem der beschriebenen Fälle vermag die absichtlich auf den 
einen oder anderen Balken des Kreuzes oder auf irgendwelche Stelle einer 
Grenzlinie gerichtete Aufmerksamkeit die durch Augenbewegungen hervor- 

16* 



244 



Lehre vom Lichtsinn. 



gerufenen Änderungen der Erscheinungsweise des binokularen Bildes zu 
verhindern und ebensowenig an den zuletzt beschriebenen Folgen ein- 
seitiger Adaptation im somatischen Sehfelde etwas zu ändern. Auch um 
einen Wettstreit zweier sich schneidender Grenzlinien an ihrer Kreuzungs- 
stelle handelt es sich nicht, sondern nur um die Thatsache, dass bei der 
binokularen Mischung die Grenzfarben einer Grenzlinie zweier stärker 
verschiedener Farben im Vorteil sind gegenüber den Grenzfarben einer 
Grenzlinie zweier weniger verschiedenen Farben, und dass die .Grenz- 
farben einer schärfer gesehenen Grenzlinie im Vorteil sind gegenüber den 
Grenzfarben einer infolge eines unvollkommenen Augenstillstandes ver- 
waschen erscheinenden Grenze. 

Fig. 69. 




Die beiden Beispiele von Kreuzung unokular gesehener Grenzlinien im 
binokularen Felde werden hinreichen, um zu zeigen, wie wichtig es ist, 
den ersten Eindruck des binokularen Bildes zu erfassen, und wie groß der 
Einfluss der Augenbewegung auf die Beschaffenheit dieses Bildes ist. Bei 
den bisherigen Untersuchungen des sogenannten Wettstreites der Sehfelder 
hat weder das Eine noch das Andere irgend zureichende Berücksichtigung 
gefunden. 

Analoge Beobachtungen wie an Fig. 66 kann man an Fig. 69 machen, 
welche die beiden Streifen weiß auf schwarzem Grunde zeigt. 

Für schmälere Streifen gilt im wesentlichen dasselbe wie für die 
Streifen der Fig. 66 und Fig. 69, nur wird es dann schwerer, die Hellig- 
keitsverschiedenheiten an der Kreuzungsstelle zu bemerken. Bei feinen 
Strichen reduziert sich schließlich das kleine Quadrat an der Kreuzungs- 
stelle fast auf einen Punkt, und weil die beiden Grenzlinien jedes Striches 
einander fast unmittelbar benachbart sind und bis an jenes minimale 
Quadrat sichtbar bleiben, so erkennt man schließlich auch nicht mehr 




§ 54. Binokulare Deckung inkongruenter Bilder. 



245 



dass in unmittelbarer Nähe des Kreuzungspunktes die Farbe eine hellere, 
oder wenn die Striche weiß auf schwarz sind, eine dunklere ist, als im 
Kreuzungspunkte selbst. Dabei kommt es' nicht vor, dass einmal der eine 
xoder andere Strich teilweise oder ganz verschwindet, auch wenn man die 
Augen einige Zeit möglichst still hält. 

Bringt man, wieder nach Panum's Vorgang, zwei Scharen paralleler 
Striche von verschiedener Richtung zu binokularer Deckung, ohne dafür 
gesorgt zu haben, dass sich der primäre Eindruck des binokularen Bildes 
streng von den nachfolgenden sondern lässt, verfährt man vielmehr nach 
einer der gewöhnlich haploskopischen Methoden, so erhält man öfters nicht 



Fig. 70. 




das von vornherein zu erwartende Bild eines regelmäßig quadratischen 
Gitters. An einzelnen Stellen erscheinen nämlich nur die Striche der einen 
Schar, während die der anderen hier fehlen. In Mark ausgeprägter Weise 
zeigt dies die von Panum entlehnte Fig. 70. Hat man zuvor auf zwei ein- 
ander entsprechenden Stellen der beiden Halbbilder der Figur je eine 
schwarze Marke gemacht, um den beiden Gesichtslinien einen Haltpunkt 
zu geben und sie in bestimmter Stellung festzuhalten, und sieht man nun 
irgendwo in der Nähe des Blickpunktes die Striche der einen Schar ver- 
schwinden, so ist man nicht imstande, sie dadurch sofort wieder sichtbar 
zu machen, dass man seine Aufmerksamkeit den noch sichtbar gebliebenen 
Teilen der teilweise verschwundenen Striche zuwendet. Man muss viel- 
mehr warten, bis die verschwundenen Teile von selbst wieder erscheinen. 
Nur zufällig kann einmal dieses Wiedererscheinen mit der Einstellung 



246 



Lehre vom Lichtsian, 



unserer Aufmerksamkeit zusammeafallea. Wenn man jedoch, wie dies 
Helmholtz empfahl, sich vornimmt, die Striche einer Schar zu zählen und 
dabei in gewohnter Weise den Blickpunkt von einem zum andern springen 
lässt, so können die gezählten Striche fehlerfrei erscheinen. Dabei ver- 
schieben sich aber die Strichbilder auf der Netzhaut, und der Netzhaut- 
strich, welcher das Bild des eben betrachteten Striches der Figur auf- 
nimmt, war zwischendurch von dem Lichte des weißen Grundes bestrahlt 
worden. So erzeugt also jeder Strich einen neuen primären Eindruck. 
Die andere Strichschar verschwindet nun während der Zählung durchaus 
nicht ganz, sondern wird nur stellenweise lückenhaft. Helmholtz giebt an, 
dass 'er > vollkommen willkürlich imstande« war, seine »Aufmerksamkeit 



Fig. 71, 




bald dem einen, bald dem andern Liniensysteme zuzuwenden«, und »dass 
dann dieses System für einige Zeit allein gesehen wurde«, »und das andere 
vollkommen« verschwand. Auch Panum sah vorübergehend die eine Strich- 
schar völlig verschwinden. Mir ist dies nur vorgekommen, wenn ich einen 
Punkt der binokularen Figur längere Zeit fest im Auge behielt, so dass 
kleine unwillkürliche Augenbewegungen sich bereits durch Nachbilderschei- 
nungen verrieten. In solchen Fällen sah ich einen wirklichen Wettstreit 
der beiden Strichscharen im ganzen binokularen Bilde, d. h. es war nur 
je eine mit völligem Ausschluss der anderen sichtbar, doch konnte ich deren 
Erscheinen und Verschwinden nicht willkürlich beeinflussen. Während der 
Zeit, wo die eine Strichschar verschwunden ist, kann man sie nicht zum 
Gegenstande seiner Aufmerksamkeit machen. Es könnte also höchstens 



§ 54. Binokulare Deckung inkongruenter Bilder. 



247 



Fig. 72. 



( 
1 

l 



























Fig. 73. 




248 



Lehre vom Lichtsihn. 



die Vorstellung ihres Vorhandenseins ihr Wiedererscheinen beschleunigen. 
Die eben allein sichtbare Strichschar aber fesselt von selbst unsere Auf- 
merksamkeit, und ob man diese Fesselung absichtlich verlängern und da- 
durch das andere Strichsystem länger unter der Schwelle der Sichtbarkeit 
zu halten vermag, lässt sich begreiflicherweise schwer entscheiden, um so- 
schwerer, als kleine unwillkürliche Augenbewegungen, die sich nicht aus- 
schließen lassen, gerade hier wegen der längeren Adaptation der beiden, 
unokularen Sehfelder an das Bild ihrer Strichschar besonders bedeutungs- 
voll sind. 

Wenn ich dicht unter die Glasplatte, deren Marke ich fixierte, einen 
sogenannten Momentverschluss mit großem Diaphragma angebracht hatte 
und das Bild nur einen, zur ganz deutlichen Wahrnehmung seines mittlere» 

Fi£r. 74. 



Trennung der Rothgrünblinden in Ui 
dies nicht meine Schuld. Wie ich schd 
blindheit (Jahrbuch „Lotos" 1880) wej 
sich zwar alle Rothgrünblinden darin, 
pfindung fehlt, „können sich aber," sc 
verschieden verhalten, was denn auch] 
lassung gegeben hat, die hierher geh( 
zu scheiden , welche die Anhänger d( 
blinde und Grünblinde bezeichnen, 
untersucht, etc" In demselben Vorti 
welche sogenannte „Roth-" und „Gri 
Verwechselungsgleichungen und der Lj 
zeigen, ausführlich erörtert. Es ist 



Trennung der Rothgrünblinden in U 
dies nicht meine Schuld. Wie ich schJ 
blindheit (Jahrbuch „Lotos" 1880) we] 
sich zwar alle Apparates 'enden darin, 
pfindung Mort zu Tage geth aber," s(| 
verschied bekommen, die Qüsnn auch| 
lassung die Quarzplatte hersrher gehe 
zu scheit um sofort zu sehemänger d( 
blinde unkeits unterschied zeichnen, 
untersucht $zt«n Licbtesnselben Vorti 
welche sogenannte ,.Roth-" und „Gri 
Vervvechselungsgleichungen und der LJ 
zeigen, ausführlich erörtert. Es ist 



Teiles hinreichenden Bruchteil einer Sekunde sichtbar machte, sah ich stets 
beide Strichsysteme ganz gleich deutlich. Auch hier empfiehlt es sich, die 
Versuchsbedingungen durch Benutzung der Figuren 72 und 73 zu variieren. 
Wie wenig man imstande ist, in einem durch Deckung inkongruenter 
Grenzliniensysteme entstandenen binokularen Bilde das eine oder andere 
System absichtlich auf Kosten des anderen hervortreten zu lassen, zeigt 
auch der durch Fig. 74 dargestellte Versuch. Hat man, gleichviel auf 
welche Weise, die beiden Hälften dieser Figur zu binokularer Deckung ge- 
bracht und für passende Refraktion gesorgt (s. S. 231), so ist es leicht, die 
Gesichtslinien bei unverändertem Konvergenzwinkel zu erhalten , weil der 
größte Teil der beiden unokularen Bilder identisch ist. Nur in der Mitte 
des einen befindet sich eine kreisförmige Lücke, die mit einem kreisförmigen 
Ausschnitt eines anderen Textes ausgefüllt ist. W>nn ich beim Lesen einer 



§ 54. Binokulare Deckung inkongruenter Bilder. 249 

« 

Zeile an der Stelle angekommen bin, wo die beiden verschiedenen Texte 
durcheinandergehen, so bin ich trotz aller Aufmerksamkeit nicht imstande, 
die in den eben gelesenen Text hineinpassenden Worte aus der Konfusion 
der beiden Texte allein hervortreten zu lassen und die des anderen Textes 
zum Verschwinden zu bringen, und zwar sogar auch dann nicht, wenn ich 
zuvor den zusammenhängenden Text gelesen und die fraglichen Worte mir 
eingeprägt habe. 

Jedenfalls hat Helmholtz die große Bedeutung der örtlichen Adaptation 
und der Augenbewegungen auf die sogenannten Wettstreitphänomene nicht 
beachtet und den Einfluss der willkürlichen Aufmerksamkeit weit über- 
schätzt. Eine neue eingehende Untersuchung unter Berücksichtigung der 
im Obigen hervorgehobenen Gesichtspunkte ist daher sehr wünschenswert, 
denn auf den Beziehungen der beiden unokularen Sehfelder untereinander 
beruht unser binokulares Sehen, und zwar sowohl das normale als das 
anomale. 

Schon in meinen Beiträgen zur Lehre vom Ortssinn der Augen habe 
ich das Bild, welches man erhält, wenn man mittels einer spiegelnden 
aber durchsichtigen Glastafel auf einer und derselben Netzhaut gleichzeitig 
die geradeaus liegenden und gespiegelten Außendinge sich abbilden lässt, 
in Vergleich gebracht mit dem Bilde, welches beim Zusammenwirken zweier 
unkongruenter Netzhautbilder im binokularen Sehfelde entsteht. Ein un- 
okularer Blick durch die große Glasscheibe eines Schaufensters zeigt uns 
hinter dem Fenster bei passenden Beleuchtungsverhältnissen nicht nur da- 
selbst befindliche, sondern zugleich auch auf der Straße befindliche und nur 
gespiegelte Dinge. Ebenso bieten uns die sogenannten Geisterphotographien, 
wie sie durch nacheinander erfolgtes Photographieren z. B. eines Zimmers 
und eines Menschen auf dieselbe Platte hergestellt werden, ein Bild von 
der Art, wie wir es bei gleichzeitiger Abbildung direkt gesehener und ge- 
spiegelter Außendinge auf derselben Netzhaut sehen. 

An jedem Punkte der Netzhaut summiert sich unter solchen Umständen 
die Lichtstärke des einen Bildes mit der kleineren oder größeren des anderen ; y 

und diese allgemeine Steigerung der Lichtstärken des zusammengesetzten 
Bildes hat zur Folge, dass überall da, wo eine Grenzlinie des einen Bildes 
auf eine homogene Stelle des anderen Bildes fällt^ zwar der Unterschied 
der beiden von den Grenzlinien geschiedenen Lichtstärken derselbe bleibt, 
ihr Verhältnis aber zu Ungunsten der Deutlichkeit des Sehens verändert 
wird. Nur wo zwei Grenzlinien der beiden Bilder zusammenfallen, kann in 
besonderen Fällen das Gegenteil eintreten. Daher sind im allgemeinen die 
Helligkeitsunterschiede und entsprechend auch die Deutlichkeit des Sehens 
im zusammengesetzten Bilde kleiner als in jedem der Einzelbilder. Man 
kann sich hiervon überzeugen, wenn man mit einem schwarzen Schirm 
bald das direkt Gesehene, bald das Gespiegelte abblendet. Zwar ist es 



250 Lehre vom Lichtsinn. 

möglich, durch passende Auswahl und Beleuchtung des Gespiegelten und 
des direkt Gesehenen ein zusammengesetztes Bild herzustellen, aus dem wir 
an keiner Stelle die beiden Einzelbilder wieder herauszufinden vermögen; 
in der großen Mehrzahl der Fälle aber ist uns dies wenigstens an einzeln3n 
Stellen des zusammengesetzten Bildes möglich, auch wenn wir nicht Be- 
wegungen der spiegelnden Glasplatte oder der auf der Netzhaut abgebildeten 
Dinge zu Hilfe nehmen. Liegt nicht der besondere Fall. vor, dass das 
Spiegelbild eines ebenen Dinges mit der Ebene eines gleichfalls ebenen direkt 
gesehenen zusammenfällt, so lässt sich auch durch bloße Lageänderung des 
Kopfes und die dadurch bedingte parallaktische Verschiebung der beiden 
Einzelbilder eine gesonderte Wahrnehmung derselben erzielen. 

In allen Fällen einer derartigen Deckung zweier verschiedener Bild^ 
auf derselben Netzhaut findet nur eine Sonderung der in den beiden Einzel- 
bildern enthaltenen Grenzlinien oder Umrisse statt, nicht aber eine Sonde- 
rung der Farben; an jeder Stelle des zusammengesetzten Bildes erscheint 
in jedem Augenblicke nur eine Farbe. Wenn uns die Umrisse des einen 
Bildes auf Grund erworbener Motive für die Tiefenwahrnehmung ferner 
erscheinen als die des anderen, als ob wir das erstere durch das letztere 
hindurchsähen, so füllt überall nur eine Farbe die zwischen den Grenz- 
linien liegenden Flächenteile. Enthält das eine Bild schwarze Buchstaben, 
so. erscheinen sie da, wo ein schwarzer Streifen des anderen Bildes über 
sie hinweggeht, tiefer schwarz als da, wo ein grauer oder weißer Streifen 
des anderen Bildes sich mit ihnen deckt, und nur bei ganz oberflächlicher 
Betrachtung werden wir diese Unterschiede da, wo sie nur klein sind, über- 
sehen. Wir können zwar urteilen, dass die Buchstaben des einen Bildes 
eigentlich alle gleich schwarz sind, und dass der Streif, der sie stellenweise 
heller macht, dem anderen Bilde angehört, wir vermögen aber nicht die 
beiden sich hier deckenden und sich deshalb mischenden Farben gesondert 
hintereinander zu sehen. 

Das letztere ist uns nun auch bei der binokularen Deckung zweier 
inkongruenter Bilder unmöglich. Denn das binokulare Bild zeigt dabei, 
ähnlich wie das eben besprochene zusammengesetzte unokulare, auf jeder 
beliebigen Sehrichtungslinie in jedem Augenblicke nur eine einfache, durch 
binokulare Mischung entstandene Farbe. Wohl aber ist hier die Sonderung 
der beiden durcheinander geschobenen Grenzliniensysteme durch den relativ 
großen Helligkeitsunterschied zweier unokularer Grenzfarben dicht an ihrer 
Grenzhnie außerordentlich erleichtert, sowie dadurch, dass da, wo an der 
Kreuzungsstelle zweier unokularer Grenzlinien zwei verschiedene Grenz- 
farben sich mischen, die Kontinuität beider Grenzfarben oder wenigstens 
der einen durch eine Heliigkeitsänderung unterbrochen erscheint. Hierdurch 
wird verhindert, dass zwei sich kreuzende unokulare Grenzhnien ebenso 
gesehen werden, wie wenn sie einem und demselben System angehörten. 



§ 54. Biaokulare Deckung inkongruenter Bilder. 251 

Dies alles gilt für jeden der kurzen Stillstände des Doppelauges bei seinen 
sprunghaften Seiten- und Höhenbewegungen; bei jeder Konvergenzänderung 
kommt auch noch die gegenseitige Verschiebung der beiden unokularen 
Bilder in Betracht. 

Fixieren wir mit beiden Augen eine Marke auf einer nahe vor unserem 
Gesichte befindlichen Fensterscheibe, so bildet sich die ganze durch das 
Fenster sichtbare Landschaft auf den beiden Netzhäuten nicht korrespon- 
dierend ab, ihre beiden unokularen Bilder erscheinen im binokularen Bilde 
durcheinandergeschoben. D,a wir die sichtbaren Häuser, Bäume, Berge u.js.w. 
auch bei nur unokularer Betrachtung nach ihren verschiedenen Entfernungen 
räumlich angeordnet zu sehen vermögen, und jetzt in verschiedener Ent- 
fernung und nach ganz verschiedenen Richtungen Gelegenes sich auf der 
korrespondierenden Netzhautstelle abbildet, so kann jetzt, in Gemäßheit des 
Gesetzes der identischen Sehrichtung zweier korrespondierender Netzhaut- 
punkte im binokularen Sehraume, ein nahes Haus in derselben Sehrichtung 
erscheinen wie ein ferner Berg. Bei passenden Lichtstärken beider sehen 
wir dann den Berg durch das gleichsam durchsichtige näher erscheinende 
Haus in der Ferne, wobei bald die Einzelteile des Hauses, bald die des 
Berges besser unterschieden werden, und die auf gleicher Sehrichtungslinie 
liegende Farbe des Berges und die des Hauses sich zu einer binokularen 
Farbe mischen, nicht aber die Farbe des einen gesondert hinter der des 
anderen gesehen wird. Aber dies alles bleibt bei gewöhnlichem Sehen meist 
unbeachtet, weil unsere Aufmerksamkeit nur der Marke auf dem Fenster- 
glase oder einer auf demselben kriechenden Fliege zugewendet ist, und 
wir, sobald ein der Landschaft angehöriges und deshalb unokulares, z. B. 
nach rechts liegendes Bild unsere Aufmerksamkeit auf 'sich zieht, sofort 
das Doppelauge für die Ferne einstellen und der Stelle zuwenden, wo uns 
das unokulare Bild erschien. Dabei schiebt sich das von uns beachtete 
nach rechts erschienene unokulare Bild des bezüglichen Außendinges mit 
dessen vorher unbeachtet gebliebenen zweiten unokularen zu einem ein- 
fachen binokularen Bilde zusammen, und während wir nun dieses betrachten, 
achten wir wieder nicht auf das jetzt entstandene Doppelbild der Marke 
oder' Fliege. 

Betrachten wir mit beiden Augen relativ fern gelegene Dinge, so geben 
die näheren unokularen Bilder, von denen das Analoge gilt wie für die 
unokularen Bilder ferner Dinge bei Betrachtung eines näheren. Auch hierbei 
können die un okularen Bilder wie durchsichtig erscheinen. Es möge dies 
noch an einem besonderen Beispiele erläutert werden. 

Die scheinbare Durchsichtigkeit ungleichseitiger Doppel- 
bilder. Bringt man zwischen sein Gesicht und eine in gewöhnlicher Seh- 
weite befindliche Schrift einen 1 — 1,5 cm breiten schwarzen oder grauen 
Papierstreifen (s. Fig. 75), dessen Fläche rechtwinklig von der Medianebene 



252 



Lehre vom Lichtsinn. 



des Kopfes durchschnitten wird, so erscheint der Streifen in Doppelbildern , 
welche bei passender Entfernung desselben von der Schrift weit genug von- 
einander abliegen, um einen Mittelteil der Schriftfläche beiden Augen sichtbar 
zu lassen. Diesem Teile entspricht in Fig. 75 die mit h^^ bezeichnete Strecke. 
Nach links und rechts von diesem binokular lesbaren Teile der Schrift er- 
scheint dann je eines der Doppelbilder (w^ ^"^ '^r)i dessen Ränder man 
wahrnimmt, während durch seine Fläche hindurch die nur unokular ab- 



Fig. 7; 




gebildete Schrift ebenfalls ganz deutlich sichtbar ist, als ob man sie durch 
eine schmale Glasplatte hindurch sähe. Noch weiter nach links und rechts 
erscheint wieder ein binokular sichtbarer Teil der Schriftfläche [h und h). 
Man kann, ohne durch das Doppelbild gehindert zu sein, die ganze Schrift 
lesen, und der nicht Unterrichtete bemerkt dabei nicht, dass er, während 
sein Blick eine Zeile durchmisst, die Schrift anfangs binokular, dann nur 
mit dem linken Auge, hierauf wieder binokular, dann nur mit dem rechten 
Auge und schließlich abermals binokular liest. 

Der Durchschnittspunkt der Gesichtslinien bleibt, während man auf 
diese Weise eine Zeile abwechselnd binokular und unokular liest, bei nor- 



§ 54. Binokulare Deckung inkongruenter Bilder. 



253 



malen Augen und normaler Kopfhaltung auch während der Zeit des nur 
unokularen Lesens auf der Schriftfläche. 

Wenn man seinen Blick entlang einer Linie bewegt, so gleitet er nicht 



stetig auf derselben hin. 



sondern legt seinen 



Weg sprungweise zurück. 



Ebenso verhält es sich beim Lesen einer Schriftzeile. Während jedes 
Sprunges kann man wegen der Geschwindigkeit, mit der sich dabei das 
Bild auf der Netzhaut verschiebt, nichts unterscheiden. Erst wenn nach 
vollführtem Sprunge das Auge während ganz kurzer Zeit still steht, erkennt 



Fig. 76. 




man die einzelnen Wortbilder. Je bekannter uns die Schrift und'die Sprache 
ist, desto größer ist unter sonst gleichen Umständen die Sprungweite und 
desto kleiner die Zahl der Sprünge, die der Blick zur Durchmessung einer 
Zeile nötig hat. Infolge der sprungweisen Blickbewegung hindert es uns 
selbst bei Benutzung eines schwarzen Papierstreifens nicht beim Lesen, dass 
da, wo die Grenzlinie eines Doppelbildes das Bild eines Buchstabens durch- 
schneidet, die Grenzfarbe des Doppelbildes die weiße Umgebung des Buch- 
stabens zuweilen sehr merklich verdunkelt. Denn nur zufällig kann es 
vorkommen, dass der Blick eine solche Stelle als vorübergehenden Ruhe- 



i 



254 Lehre vom Lichtsinn. 

punkt wählt. Wenn wir aber absichth'ch den Blick auf einer Stelle ruhen 
lassen, wo die Grenzlinien eines schwarzen Buchstabens und die Grenzlinie 
eines Doppelbildes sich durchkreuzen, so bemerken wir nicht nur, dass 
zuweilen in dem ganzen, durch das Doppelbild hindurch gesehenen Buch- 
stabengebiete das weiße Papier etwas verdunkelt erscheint, und dass dies 
in der Nähe der Grenze des Doppelbildes fast immer der Fall ist, sondern 
wir bemerken auch, dass im Wettstreit der weißen Grenzfarbe der Buch- 
staben mit der dunklen Grenzfarbe des Doppelbildes bald die eine, bald die 
andere das Übergew^icht erhält. 

Benutzen wir statt des grauen oder schwarzen Papierstreifens einen 
steifen, ganz ebenen weißen Streifen, so lässt sich derselbe so gegen das 
durch ein Fenster einfallende Himmelslicht neigen, dass seine Farbe der 
Farbe des bedruckten oder beschriebenen Papieres ganz gleich erscheint. 
Dann ist günstigenfalls die Grenze des Doppelbildes gar nicht bemerkbar 
und der nur mit einem Auge gesehene Teil der Schrift erscheint uns dann 
ganz ebenso wie der dicht daneben befindliche binokular gesehene. Wir 
haben dann wieder den in § 51 besprochenen Fall vor uns, w^o kleine, 
unokular gesehene schwarze Felder, d. s. hier die Buchstaben, sich mit 
einer unokular gesehenen, nichts Unterscheidbares enthaltenden Fläche 
decken, deren Farbe die gleiche ist wie die der Umgebung der kleinen 
Felder. 

§55. Der >paradoxe Versuch« Fechners. Beim binokularen Lesen 
einer Druckschrift auf weißem Papier erhalten beide Netzhäute fast voll- 
kommen kongruente, auf korrespondierenden Stellen liegende und in allen 
Einzelheiten gleich lichtstarke Bilder. Im binokularen Bilde mischt sich 
also das beiderseitige gleiche Schwarz der Buchstaben wieder zu demselben 
Schwarz, das beiderseitige Weiß des Grundes wieder zu demselben Weiß. 
Bringe ich vor das eine Auge ein möglichst reines graues Rauchglas, welches 
nur einen passend kleinen Bruchteil des auffallenden Lichtes durchlässt, so 
wird dadurch das binokulare Lesen nicht wesentlich gestört. Schließe ich 
sodann das hinter dem Glase befindliche Auge oder verdecke ich noch 
I besser Glas und Auge mit einem kleinen, ganz undurchsichtigen Schirm, 
so erscheint sofort das Papier heller, obwohl jetzt das eine Auge völlig 
verfinstert ist und nur das andere noch Licht empfängt. Fechner, der 
analoge Versuche zuerst anstellte, fand dies paradox, weil er an eine 
Summation der gleichzeitigen Erregungen beider Augen geglaubt hatte, und 
er nahm für den vorliegenden Fall eine antagonistische Beziehung zwischen 
beiden Augen derart an, dass unter Umständen die Erregung des einen 
Auges die gleichzeitige des anderen herabzusetzen vermöge. Nach den Er- 
fahrungen aber, die wir in diesem Abschnitt über die binokulare Mischung 
tonfreier Farben gemacht haben, erscheint das Ergebnis des obigen Ver- 



§ 55. Der »paradoxe Versuch« Fechners. 255 

suches nicht nur nicht paradox, sondern ganz im Einklang mit jenen Er- 
fahrungen. Solange man nämlich durch das Rauchglas die Schrift betrachtet, 
mischen sich, weil die unokujaren Bilder der Buchstaben sich decken, überall 
die Buchstabenfarben unter sich und die Farben des Grundes unter sich, 
und da insbesondere das unokulare Bild des weißen Grundes im Sehfelde 
des bewaffneten Auges eine minder helle Farbe hat als im Sehfelde des 
anderen Auges, so geht aus der Mischung beider ein minder helles Weiß 
des Grundes hervor als das Weiß im Sehfelde des unbewaffneten Auges. 
Verfinstere ich jetzt das eine Auge völlig, so tritt im Sehfelde des ver- 
finsterten Auges an die Stelle eines mannigfach differenzierten Bildes die 
Eigenfarbe dieses Auges, während im Sehfelde des offenen das differenzierte 
Bild mit seinen Grenzfarben fortbesteht. Für die binokulare Farbenmischung 
kommt aber die fast homogene Farbe im Sehfelde des verfinsterten Auges 
in ebenso geringem Maße in Betracht, wie wenn wir, statt das Auge zu 
verfinstern, ihm eine homogene, beliebig, aber gleichmäßig belichtete Fläche 
, dargeboten hätten (vgl. § 51). Die Folge ist, dass jetzt im binokularen 
Bilde die Helligkeit des vom offenen Auge gesehenen Weiß des Grundes 
nicht mehr durch die Zumischung der durch das Rauchglas verdunkelten 
Farbe des anderen Sehfeldes herabgemindert wird. 

Allerdings muss sich infolge der völligen Verfinsterung der zuvor 
schwach belichtet gewesenen Netzhaut des einen Auges die Pupille des 
offen gebliebenen etwas erweitern und also seine Netzhaut etwas stärker 
belichtet werden. Doch hat schon Fechner gezeigt, dass der Versuch auch 
dann noch mit entschiedenem Erfolge gelingt, wenn man den Einfluss der 
Pupillenänderung durch ein dicht vor das Auge gehaltenes Schirmchen mit 
zureichend kleiner Öffnung ausschließt. 

Die Gestaltung des Sehfeldes bei völliger Verfinsterung des mit dem 
Rauchglase versehenen Auges beschränkt sich übrigens nicht auf die 
zwischen den Buchstaben und Zeilen gelegenen und deshalb den Grenz- 
linien der Buchstaben nahen Stellen, sondern auch auf größeren buch- 
stabenfreien Stellen ist eine Aufhellung zu bemerken. Soweit dieselbe sich 
nicht auf die eben besprochene Erweiterung der Pupille zurückführen lässt, 
ist zu bedenken, dass das Gewicht der einem offenen Auge erscheinenden 
Farben viel größer ist, als das Gewicht der Eigen färbe des verfinsterten 
Auges (vgl. § 24), und dass auch die buchstabenfreien Stellen fast nie ganz 
homogen erscheinen. Dies kann seinen Grund sowohl in einer nicht ganz 
homogenen Beschaffenheit der Papierfläche als auch in den sogenannten 
Mouches volantes des Auges haben, insoweit dieselben wirklich bewegliche 
sind; denn für die fixen entoptischen Figuren adaptiert sich das Auge sehr 
schnell, wie später zu erörtern sein wird. 

Man schiebe bei binokularer Betrachtung eines bedruckten Blattes von 
der linken Seite her zwischen Gesicht und Papier ein steifes weißes und 



256 Lehre vom Lichtsinn. 

ganz ebenes Papier so weit vor, dass dem linken Auge <Jer ganze be- 
druckte Teil des Blattes verdeckt wird, während er dem rechten Auge 
sichtbar bleibt, wie dies Fig. 76 anschaulich macht. Neigt man dann das 
vorgeschobene Papier so gegen das einfallende Licht, dass sein Weiß genau 
ebenso hell erscheint, wie das Weiß des bedruckten Blattes, so erscheint 
die jetzt nur vom rechten Auge gesehene Schrift nicht merklich verändert, 
höchstens können die Buchstaben eine Spur weniger tiefschwarz erscheinen, 
als beim binokularen Lesen. Es liegt hier der auf S. 254 erörterte Fall 
vor. Auch wenn man die Lage des vorgeschobenen Papieres so verändert, 
dass es lichtschwächer wird, oder wenn man statt des weißen ein graues 
oder schwarzes Papier vorschiebt, verliert die Schrift nicht merklich an 
Deutlichkeit. Die vollständige Verfinsterung des Hnken Auges ist also nur 
ein Grenzfall ; das Wesentliche ist hier die homogene Beleuchtung der 
linken Netzhaut, während die rechte das differenzierte Bild des bedruckten 
Blattes enthält. 

Es lässt sich also durch eine ganz homogene Beleuchtung^ 
der Netzhaut des einen Auges seine Beteiligung am Inhalte des 
binokularen Sehfeldes in ähnlicher Weise ausschließen, als wie 
durch seine völlige Verfinsterung. 

Zwischen der ganz homogenen Belichtung der linken Netzhaut und 
dem bei bester Akkommodation möglichst stark differenzierten Netzhaut- 
bilde eines mit schwarzen Buchstaben bedruckten Papieres giebt es alle 
denkbaren Zwischenstufen. Man kann durch Vorsetzen eines sehr dunklen 
Rauchglases das Netzhautbild so lichtschwach und den Lichtstärkenunter- 
schied zwischen Buchstaben und Grund so klein machen, dass man die 
Buchstaben nur noch schwer zu unterscheiden vermag. Dann hat das 
linke unokulare Sehfeld einen fast ebenso minimalen Anteil km binoku- 
laren Bilde, wie wenn ersteres gar nicht differenziert, sondern die Netz- 
haut ganz homogen sehr schwach beleuchtet wäre. Die völlige Verfinste- 
rung des linken Auges ändert dann nichts Merkliches am binokularen Bilde. 
Benutzt man weniger dunkle Rauchgläser, so kommt man zu einer Stufe 
der Lichtabsorption, bei der die Differenzierung im linksäugigen Sehfelde 
soweit deutlich wird, dass die völlige Verfinsterung des linken Auges be- 
reits eine schwache Erhellung des binokularen Sehfeldes herbeiführt, wie 
sie der FECHNER'sche Versuch zeigte. Diese Erhellung ist bei einem be- 
stimmten Ausmaße der Absorption durch das Rauchglas am deutlichsten, 
um wieder abzunehmen, wenn diese Absorption zu gering wird und sich 
die Lichstärke des linksseitigen Netzhautbildes der des rechtsseitigen zu sehr 
nähert. Denn die unokularen Farben jedes Deckstellenpaares sind dann 
einander bereits so ähnlich, dass ihre Mischung eine binokulare Farbe er- 
giebt, deren Unterschied von der einen wie von der andern unokularen 
Farbe zu klein ist, um deutlich wahrgenommen zu werden. 



§ 56. Geschwindigkeit der Wertigkeitsänderung der Sehsubstanz usw. 257 



IX. Abschnitt 1). 

§ 56. Die Geschwindigkeit der Wertigkeitsänderung der 
Sehsubstanz als physisches Korrelat der tonfreien Farben und 
Helligkeiten. Schon in §23 (S. 104) wurde auseinander gesetzt, wie das 
Überwiegen der Dissimilation über die Assimilation (Z)> J.) eine absteigende, 
der umgekehrte Fall {D<CiA) eine aufsteigende Änderung der Wertigkeit 
der Sehsubstanz um so mehr mit sich bringt, je größer der Unterschied 
D — A ist, während bei gleicher Größe der beiden Teilprozesse des Stoffwechsels 
{D == Ä) die Wertigkeit, gleichviel auf welcher Stufe sie eben steht, keine 
Änderung erfährt. Wie in diesem besonderen Falle dergleichen Größe 
beider Prozesse die Summe derselben (D + Ä) sehr verschieden sein kann, 
so kann auch für den gewöhnlichen Fall der ungleichen Größe [D^Ä) 
ihre Summe {D-{-A) verschieden sein. Demnach ist die Geschwindig- 
keit der Wertigkeitsänderung einerseits von dem positiven oder 
negativen Werte des durch i) — A ausgedrückten Unterschiedes, 
anderseits von der Größe der gleichzeitigen Dissimilation und 
Assimilation abhängig. Ein und derselbe Unterschiedswert der beiden 
Prozesse bedeutet also für die Änderung der Wertigkeit der Sehsubstanz 
um so weniger, je größer jeder der beiden Prozesse und also auch D '\- A 
ist, und um die Geschwindigkeit auszudrücken, mit welcher sich die Wertig- 
keit bei einem bestimmten Werte von D — A ändert, müssen wir den Wert 
von D — A zur gleichzeitigen Größe der beiden Prozesse in Beziehung 
setzen. Dies geschieht, wenn wir die Geschwindigkeit der Änderung durch 
D—A 



D-i-A 



ausdrücken. 



4) Nach Ewald Hering's Tode wurden mir die auf seine Grundzüge der Lehre 
vom Lichtsinne bezüglichen Aufzeichnungen aus dem Nachlasse der Sichtung 
übergeben. Wohl fand sich ein reiches, wertvolles Material an Beobachtungen, 
Messungen und Entwürfen, aber leider nicht Vieles, das ich im Sinne des Ver- 
storbenen als druckfertig ansprechen durfte. 

Auch für das hier Veröffentlichte ist anzunehmen, daß er, der sich bei der 
Darstellung nicht genug tun konnte und immer wieder verwarf, besserte und er- 
gänzte, während der Drucklegung noch manches anders gefaßt haben würde. 
Ich selbst habe mich zu irgend nennenswerten Änderungen nicht für befugt ge- 
halten. — 

Dürfen wir also an das, was Ewald Hering ungedruckt hinterlassen hat, 
nicht den Maßstab anlegen, wie an ein abgeschlossenes Werk, so werden doch 
die hier folgenden Abschnitte auch als Bruchstück Allen willkommen sein, die 
seine seltene Gabe zu würdigen wissen, frei von vorgefaßter Meinung anscheinend 
längst erledigte und geklärte Probleme von ganz neuen Seiten in Angriff zu nehmen 
und so nach den verschiedensten Richtungen anregend, fördernd und klärend 
zu wirken. G. Hess. 

Hering, Lichtsinn. -17 



258 Lehre vom Lichtsinn, 

Ist im besonderen Falle D= A und also D — ^4=0, so ist, wie 
gesagt, auch die Änderungsgeschwindigkeit gleich Null, d. h. die Wertig- 
keit der Sehsubstanz bleibt dabei ungeändert; dem entspricht im psychischen 
Sehfelde das mittlere Grau von der Helligkeit 0,5 (vgl. § 22 S. 102). Ist 

D^Äj so ist D — A eine positive Größe, und jy-jT^ drückt dann die 

Geschwindigkeit der dabei stattfindenden absteigenden Änderung aus. 
Je größer diese Geschwindigkeit, desto heller ist die tonfreie Farbe, desto 
näher kommt sie der Helligkeit 1 , d. h. dem absoluten Weiß. Ist dagegen 

J) jI 

D<'A und hat also D — A einen negativen Wert, so drückt - — - die 

1) "-p A 

Geschwindigkeit der aufsteigenden Änderung aus. Je größer diese Ge- 
schwindigkeit, desto größer ist die Dunkelheit der Farbe und desto kleiner 
ihre Helligkeit, desto mehr nähert sich letztere dem Null wert und die 
Farbe dem absoluten Schwarz. 

Jeder einzelnen Farbe der schwarz-weißen Farbenreihe 
entspricht also eine ganz bestimmte Geschwindigkeit der ab- 
oder aufsteigenden Wertigkeitsänderung, und ebenso wie durch 
das Größenverhältnis zwischen Dissimilation und Assimilation 
(D:A) lässt sich der Helligkeitsgrad der tonfreien Farbe durch 
die Geschwindigkeit kennzeichnen, mit welcher sich dabei die 
Sehsubstanz in ab- oder aufsteigender Richtung ändert. Der 
einen Hälfte der schwarz- weißen oder ton freien Farbenreihe entsprechen 
als somatische Korrelate die verschiedenen Geschwindigkeiten der abstei- 
genden, der anderen Hälfte die der aufsteigenden Änderung der Seh- 
substanz. 

Wir vermögen hiernach lediglich aus der Helligkeitsverschiedenheit 
zweier Sehfeldstellen zu erschließen, daß im somatischen Sehfelde der 
helleren Stelle eine schnellere Abnahme bzw. langsamere Zunahme der 
Wertigkeit der Sehsubstanz entspricht als der minderhellen, während gleiche 
Helligkeit zweier Stellen uns lehrt, daß im somatischen Sehfelde die Ge- 
schwindigkeit der ab- oder aufsteigenden Wertigkeitsänderung beiderseits 
gleich ist.' Über die jeweilige Größe der Prozesse an den beiden 
Stellen aber sagen uns ihre Helligkeiten nichts aus. Denn zwei 
nebeneinander befindliche Stellen des Gesichtsfeldes können uns gleich hell 
oder gleich dunkel erscheinen, obwohl an den korrelativen Stellen des 
somatischen Sehfeldes die beiden Dissimilationen unter sich und die beiden 
Assimilationen unter sich verschiedene Größe haben, wenn nur das 
Verhältnis zwischen D u. ^ an beiden Stellen das gleiche ist; und an- 
derseits können die beiden Stellen ungleich hell oder ungleich dunkel 
erscheinen, obgleich sowohl die beiden Dissimilationen als die beiden Assi- 
milationen je unter sich gleich groß sind. 



§ 57. Die terminalen Strahlungen. 259 

§ 57. Die terminalen Strahlungen. Man denkt sich bekanntlich 
die von den sichtbaren Außendingen in unser Auge gelangenden Strah- 
lungen aus unzähligen einfachen Strahlungen von verschiedener Schwingungs- 
zahl bzw. Wellenlänge und von verschiedener Energie zusammengesetzt 
(vgl. Abschn. I § 2 S. 4). Ein solches Strahlgemisch erleidet nun auf 
seinem Wege von der Hornhaut bis zu der aus den Sehzellen bestehenden 
Empfangsschicht der Netzhaut mannigfache Änderungen, ehe es auf die 
Sehzellen, d. h. auf die Zapfen und Stäbchen wirken kann. Warum wir 
annehmen müssen, daß die Sehzellen und insbesondere deren Außenglieder 
der Ort sind, wo die Strahlungen erst zu einem Reiz für die Sehnerven- 
fasern werden, ist im Anhang zu Kap. XII von S. Garten auseinandergesetzt. 
Unter Vermittlung der Sehzellen erhalten also die Strahlungen erst einen 
optischen Reiz wert, und deshalb ist es für alles Weitere von grundlegen- 
der Bedeutung, die wesentlichsten Änderungen festzustellen, denen diese 
Strahlungen auf dem Wege von der Hornhaut bis zur entscheidenden Stelle 
unterworfen sind. Da nur die in die Empfangsschicht gelangten Strah- 
lungen für unsere Gesichtswahrnehmungen von Bedeutung sind, so habe 
ich dieselben zum Unterschiede von den in die Hornhaut eintretenden als 
die terminalen Strahlungen bezeichnet. In demselben Sinne habe ich 
das terminale Spektrum eines Strablgemisches von demjenigen Spek- 
trum unterschieden, welches von dem entsprechenden Strahlgemisch vor 
seinem Eintritt ins Auge erzeugt wird. 

Der Bruchteil, um welchen die Energie einer einfachen Strahlung auf 
dem Wege bis zu den Außengliedern der Zapfen und Stäbchen vermindert 
wird, ist keineswegs für alle Strahlungen eines Strahlgemisches derselbe, 
daher ändern sich in zusammengesetzten Strahlungen auch die Verhält- 
nisse zwischen den Energien der einfachen Strahlungen, aus 
denen das Strahlgemisch besteht. Eine Veränderung dieses Mischungsver- 
hältnisses bedingt aber, wie wir sehen werden, zugleich eine Änderung des 
aus den einzelnen Reizwerten der einfachen Strahlungen resultierenden Ge- 
samtreizwertes des Strahlgemisches. 

Dem Energieverluste, den eine Strahlung durch Absorption erfährt, 
entspricht, wie wir uns vorstellen, eine von der Strahlung geleistete Ar- 
beit, d. h. die Summe sogenannter, thermischer, chemischer oder sonst- 
weicher von der Strahlung geleisteter Arbeit. Insoweit die Strahlung op- 
tisch wirkt, handelt es sich um die von ihr im Empfänger geleistete 
chemische Arbeit. 

Hornhaut, Linse und Glaskörper absorbieren als wasserreiche Medien 
ähnlich wie bloßes Wasser, daher es sich fragt, ob unser Unvermögen, 
die sogenannten ultraroten Strahlen des Spektrums wahrzunehmen, nur 
darauf beruht, daß sie durch Absorption zu sehr geschwächt werden, um 
noch wahrnehmbar zu sein, oder ob Strahlen von so großer Wellenlänge 

47* 



2QQ Lehre vom Lichtsinn. 

für das Sehorgan überhaupt keinen optischen Reizwert besitzen. Letzteren- 
falls würden sie auch dann unsichtbar bleiben müssen, wenn sie auf ihrem 
Wege bis zu den Sehzellen gar keinen Verlust erhalten hätten. Ob die 
ultravioletten Strahlen des Spektrums, wenn sie ungeschwächt bis in die 
Sehzellen gelangen könnten, uns auch dann noch gänzlich unsichtbar bleiben 
müßten, ist ebensowenig zu entscheiden; denn auch diese ultravioletten 
Strahlen erfahren auf dem Wege bis zu den Außengliedern der Sehzellen 
individuell verschieden große Energieverluste. 

Durch die schon beim Neugeborenen etwas grünliche, beim Erwach- 
senen gelb bis braun erscheinende Linse sind individuell verschieden große 
Energieverluste der violett wirkenden Strahlen bedingt; die nachgewiesene 
Fluoreszenz der Hornhaut, der Linse und der Außenglieder der Sehzellen 
kommt auf Kosten der fluoreszierend wirkenden Strahlungen zustande und 
endlich absorbiert der gelbe Fleck, welcher wie ein gelber Schirm der Seh- 
zellenschicht vorgelagert ist, wenigstens für den zentralen Teil die violetten 
Strahlen. 

Ob, wenn diese Energieverluste der violett wirkenden Strahlen nicht 
vorhanden wären, die ultravioletten Strahlen noch einen optischen Reizwert 
haben würden, läßt sich also ebensowenig wie beim Ultrarot sagen. 

Für unsere weiteren Eröterungen kommen jedoch weder ultrarote noch 
ultraviolette Strahlen in Betracht, sondern die Reizwerte derjenigen, welche 
zwischen dem jeweiligen sichtbaren Anfang und Ende eines gegebenen Spek- 
trums liegen. Diese unterliegen, ehe sie bis zu den Sehzellen gelangen, 
der selektiven Absorption seitens der beim Menschen mehr oder weniger 
auffallend gefärbten Linse bzw. auch noch des gelben Farbstoffes der 
Macula lutea, worauf ich schon im Jahre 1885 in einer Abhandlung über 
individuelle Verschiedenheiten des Farbensinnes nachdrücklich hingewiesen 
habe. Die dadurch bedingten Energie Verluste der bezüglichen Strahlen 
sind zwar individuell verschieden, zuweilen aber höchst bedeutend. 

Es sei mir gestattet, aus der soeben zitierten Abhandlung einige Sätze 
wörtlich anzuführen, in denen ich Ergebnisse meiner damaligen Untersuchungen 
kurz zusammenfaßte. 

»Die Färbung der Linse ist also eine ganz allgemeine und konstante Er- 
scheinung. An den Linsen der Neugeborenen macht sich nur erst die Absorp- 
tion der violetten Strahlen bemerklich, daher die grüngelbe Farbe. Je mehr 
die Pigmentierung zunimmt, desto mehr fällt der Vei-lust auch der blauen und 
grünblauen Strahlen ins Gewicht, die Linse erscheint rein gelb. Endlich wird 
auch die Absorption der grünen Strahlen merklich und die Linse nimmt eine 
rotgelbe Färbung an« .... »Von der Makula konnte ich bei Neugeborenen 
(deren Alter 4 Wochen nie überschritt) nur bisweilen eine Andeutung bemerken. 
Vielleicht wurde sie durch die Trübung der Netzhaut verdeckt, denn Max Schultze 
(s. u.) gibt an, in der Netzhaut eines während der Geburt gestorbenen, reifen 
Kindes einen gelblichen Anflug unter dem Mikroskop gesehen zu haben« . . . 



§ 58. Anpassung des Auges an die jeweilige Beleuchtung. 261 

»Schon Max Schültze betonte i) die großen individuellen Verschiedenheiten der 
Makula und suchte daraus Verschiedenheiten des Farbensinnes zu erklären«. 

Die Behauptung, daß die Macula lutea während des Lebens gar nicht 
vorhanden, sondern nur eine Leichenerscheinung sei, läßt sich leicht wider- 
legen, wie später ausführlich geschehen wird. 

Die Farbe der menschlichen Linse hat G. Hess im Archiv für Augen- 
heilkunde (Bd. 61, 63 u. 64. 1908 u. 4 909) eingehender Untersuchung unter- 
zogen und unter anderem gezeigt, daß die gelbe Färbung derselben ohne 
störende Beeinträchtigung ihrer Durchsichtigkeit genügend hohe Grade er- 
reichen kann, um durch Absorption vollständige »Blaublindheit« des Auges 
herbeizuführen. Derselbe hat dort auch messende Bestimmungen der 
Energie Verluste gemacht, welche gewisse Strahlungen beim Durchgange 
durch die Linse erleiden und insbesondere in seiner zweiten Abhandlung 
(Bd. 63 S. 165) eine treffliche Methode angegeben, um die Linsenfärbung 
in ihrem Einflüsse auf das Farbensehen nicht nur an solchen Ausnahmefällen 
mit tiefdunkler Linse nachzuweisen, sondern ihr Verhalten auch unter ge- 
wöhnlichen physiologischen Verhältnissen und in verschiedenen Lebens- 
altern genauer zu verfolgen und sie messend zu bestimmen. Er zeigte 
so z. B., daß vielfach schon zwischen dem 20. — 30. Jahre 1/4 der zu den 
Versuchen benützten blauen Strahlen in den normalen Linsen absorbiert 
wird; jenseits des 50. Jahres wird in der Regel mehr, zum Teil viel mehr 
als die Hälfte dieser Strahlen in der Linse zurückgehalten. 

§ 58. Zum Verständnis der Anpassungen des Auges an die 
jeweilige Beleuchtung ist eine genaue Kenntnis der Art, wie die Augen 
sich beim Betrachten der Außendinge bewegen, unerläßlich. Beim gewöhn- 
lichen Sehen ändert der Blickpunkt unaufhörlich seinen Ort im Gesichtsfelde ; 
denn wir richten die Augen in raschem Wechsel bald auf diese, bald auf jene 
Stelle der Außenwelt. Dabei bewegen sich die Augen mit großer Geschwindig- 
keit aus einer Stellung in die andere, und entsprechend verschiebt sich das 
Bild der Außendinge so geschwind auf der Netzhaut, daß es unmöglich 
wird, während dieser Verschiebung etwas deuthch zu sehen. Dies wird erst 
durch einen, wenn auch nur kurzen Stillstand des Bildes auf der Netzhaut 
möglich. 

Andererseits kann es bei offenen Augen zu ungewöhnlich lange fest- 
liegenden Netzhautbildern kommen, ohne daß man eigentlich etwas sieht, 
wenn man in Gedanken versunken die optische Außenwelt gar nicht be- 
achtet oder auch gedankenlos vor sich hinstarrt. Wer mit gespannter 
Aufmerksamkeit auf ein schwaches Geräusch lauscht oder in einem Konzerte 



1) Über den gelben Fleck der Retina. Bonn 1866. 



262 Lehre vom Lichtsinn. 

nur auf die Musik achtet und, wie man zu sagen pflegt »ganz Ohr ist«, 
dessen Augen stehen still oder er hält sie geschlossen. 

Die Augenbewegungen sind also beim gewöhnlichen Sehen sprunghaft 
und keineswegs stetig verlaufend, wie man sie sich einst dachte. Meist 
ohne länger als einen kleinen Bruchteil einer Sekunde auf einem Punkte 
zu verweilen macht z. B. beim Lesen unser Blick in rascher Wiederholung 
kleine Sprünge nach rechts, und wenn die Zeile zu Ende geht, einen großen 
Sprung nach links und, falls er sein Ziel dabei nicht sogleich erreicht, noch 
einen kleinen Nachsprung. 

Ganz ähnlich verhält es sich überhaupt immer dann, wenn man die 
Außendinge aufmerksam betrachtet, um sie genauer kennen zu lernen. 
»Ein mehr oder minder indirekt gesehenes Objekt zieht«, wie ich einst 
sagte 1), »unwillkürlich unsere Aufmerksamkeit auf sich oder wird von vorn 
herein willkürlich zum Gegenstande derselben gemacht. Hierdurch wird 
dieses zunächst indirekt gesehene Objekt zum Zielpunkte einer Bewegung 
der Augen, welche sozusagen ganz von selbst der Ortsveränderung der 
Aufmerksamkeit folgen. Die Bewegung selbst erfolgt sehr rasch und sozu- 
sagen in einem Sprunge. Entsprechend rasch gleiten die Netzhautbilder 
über die Netzhaut, viel zu rasch, um eine Unterscheidung der bezüglichen 
Objekte zu gestatten. Tatsächlich unterscheidet man dieselben nur vor 
Beginn und gegen Ende oder nach Ende der Bewegung, im indirekten oder 
direkten Sehen. Gibt man sich Mühe, die zwischen dem Ausgangs- und 
Endpunkt einer Blickbahn gelegenen Dinge zu unterscheiden, so hat das 
lediglich zur Folge, daß man statt eines großen Blicksprungs eine Reihe 
kleinerer ausführt. Hiervon überzeugt man sich sehr leicht, wenn man 
sich ein kleines sehr deutliches Nachbild auf der Stelle des direkten Sehens 
erzeugt. Da dasselbe auf der Netzhaut festliegt, so erscheint es uns immer 
dort, wo wir eben hinsehen. Ich bin nicht imstande, den Blick mit einer 
beliebigen, ganz gleichmäßigen Langsamkeit über eine bedruckte oder 
unbedruckte Seite hinwegzuführen; immer geht der Blick sprungweise vor- 
wärts«. Wir entnehmen bei diesem sprungweisen Sehen unserem jeweiligen 
Gesichtsfelde eine Menge von Stichproben, aus denen wir uns ein Gesamt- 
bild desselben aufbauen; mit der Zahl dieser Proben wächst die Genauigkeit 
der optischen Wahrnehmung der Außendinge. 

Eine stetige Drehung der Augen läßt sich am einfachsten dadurch erzielen, 
daß man während fester Fixierung eines Punktes den Kopf langsam nach reqhts 
oder links, nach oben oder unten wendet. Dabei drehen sich die Augen, der 
Kopfdrehung entgegengesetzt, in ihren Höhlen. Ein dauerhaftes Nachbild ge- 
stattet auch hier, das Verhalten der Augen zu kontrollieren. 

i) Über Ermüdung und Erholung des Sehorgans, v. Graefes Arch. f. Ophth. 
XXVII, 3. S. 20. 



§ 58. Anpassung des Auges an die jeweilige Beleuchtung. 263 

Diese Angaben stützen sich auf Beobachtungen, die ich bereits im 
Jahre 18791) bei einer Untersuchung der Muskelgeräusche des Auges ge- 
macht und seitdem vielfach zum Teil mit verbesserter Methode wiederholt 
habe. Die Augenmuskeln erzeugen ebenso wie jeder andere Muskel während 
ihrer Tätigkeit Geräusche, welche man deutlich zu hören vermag. Man 
verbindet einen dünnen Kautschukschlauch einerseits mit einem kleinen 
Schalltrichter, dessen äußere Öffnung beiläufig 4 mm im Durchmesser hat, 
andererseits mit einer durchbohrten sogenannten Olive, welche man in den 
äußeren Gehörgang so einbringt, daß sie der Haut desselben ringsum dicht 
anliegt. Während beide Augen geöffnet sind und der musculus orbicularis 
oculi beiderseits völlig erschlafft ist, setzt man den Schalltrichter auf das 
obere oder untere Lid, was sich bei nicht zu tief liegenden Augen leicht 
tun läßt. 

Der genannte Muskel gibt, wenn man das Auge absichtlich schheßt, ein 
«0 starkes schwirrendes Geräusch, daß die Geräusche der eigentlichen Augen- 
muskeln übertönt werden. Auch wenn man nur das nicht behorchte andere 
Auge zukneift, erschlafft infolge assoziierter Innervation der Schließmuskel des 
behorchten nie vollständig und gibt noch ein störendes Geräusch. Sind aber 
beide Muskeln völlig erschlafft, so hört man bei festem Fixieren eines Außen- 
punktes noch immer ein stetig anhaltendes, scheinbar aus größerer Entfernung 
kommendes Rauschen. Dieses Dauergeräusch, wie ich es benannte, ist dui'ch 
andauernde Innervation von Augenmuskeln bedingt und kommt für das Folgende 
nicht in Betracht 2). 

»Während man dasselbe beobachtet, hört man nämlich zwischendurch 
ganz kurze, dumpf klappende Geräusche, welche sich mit unregelmäßigen 
Intervallen folgen. Anfangs überhört man dieselben leicht, weil man seine 
Aufmerksamkeit zu ausschließlich dem Dauergeräusche zuwendet. Diese 
Momentangeräusche, wie ich sie bezeichnen will, sind am besten den 
Herztönen zu vergleichen. Wenn man ein ganz unregelmäßig schlagendes 
Herz* in einiger Entfernung von der Herzgegend auskultieren würde, so 
müßte man ganz ähnliche Schallempfmdungen erhalten. 

Die Momentangeräusche sind nachweisbar die Folge unabsichtlicher, 
ruckender Bewegungen des Augapfels. Man ist sich, während man seine 
Aufmerksamkeit dem Dauergeräusche zuwendet, gar nicht bewußt, wie 
unruhig dabei öfters die Augen sind, und insbesondere nicht des Umstandes, 
daß ihre Bewegungen ruckweise erfolgen. Fixiert man einen Punkt ganz 



4) Über Muskelgeräusche des Auges. Sitzungsbericht der Wiener Akademie 
d. Wissensch. III.Abt. Febr. i879. 

2) Wie man Störungen vermeiden kai^n, welche durch die Tätigkeit am 
Knochengerüst des Kopfes angreifender Muskeln entstehen oder in einer Zuleitung 
von Muskelgeräuschen der Hand- und Armmuskeln durch die den Schalltrichter 
haltenden Finger begründet sind, habe ich am angegebenen Orte auseinander- 
gesetzt. 



264 Lehre vom Lichtsinn. 

fest, so verschwinden die Momentangeräusche, um erst wieder aufzutreten, 
sobald infolge der Ermüdung oder vorübergehender Unachtsamkeit wieder 
Bewegungen des Augaupfels eintreten. 

Der im Fixieren nicht sehr Geübte tut gut, sich ein langdauerndes 
Nachbild, z. B. von einer kleinen weißen Scheibe auf schwarzem Grunde, 
zu erzeugen und dann erst einen markierten Punkt auf einfarbigem Grunde 
zu fixieren: er wird sich dann überzeugen, daß jedem Momentangeräusche 
des Auges eine Verschiebung des Nachbildes entspricht. Ebenso bieten 
jene mouches volantes, welche durch Augenbewegungen in leichte wirkliche 
(nicht bloß scheinbare) Bewegungen versetzt werden, eine bequeme Kontrolle 
der erwähnten unabsichtlichen Blickschwankungen. 

Sehr gut kann man die Momentangeräusche beim Lesen beobachten. 
Während der Blick die Zeile entlang scheinbar stetig gleitet, verraten die 
Momentangeräusche die ruckweise erfolgende Bewegung des Augapfels. 
Springt der Blick vom Ende der einen Zeile auf den Anfang der nächst- 
folgenden, so vernimmt man ein besonders deutliches Geräusch, welches- 
aber etwas länger ist und im Gegensatze zu dem kurzen Klopfen, wie man 
es gewöhnlich hört, etwas Schabendes oder Reibendes hat; dasselbe ver- 
hält sich zu den sonstigen Momentangeräuschen etwa so, wie ein Herz- 
geräusch zu einem Herztone.« 

Ich brauche z. B. zum aufmerksamen Lesen einer Zeile dieses Hand- 
buches bei 20 cm Abstand meiner Augen vom Blatte durchschnittlich 3 Se- 
kunden. Klebe ich aber eine Anzahl Blätter einer ganz gleichen Druck- 
schrift parallel nebeneinander auf den horizontal liegenden Papierstreifen 
eines Kymographions, halte mit der Hand eine dünne Glasplatte dicht über 
den Papierstreifen, fixiere eine mit Schreibdiamant auf dem Glase angebrachte 
feine Marke ganz fest und lasse dann den Streifen mit 3 Sekunden Ge- 
schwindigkeit unter dem Glase vorübergleiten, so vermag ich auch bei bester 
Beleuchtung keinen Buchstaben zu erkennen, geschweige denn zu lesen. 
Beim gewöhnlichen Lesen verschieben sich die Buchstabenbilder noch schneller 
auf der Netzhaut, da ein Teil der Zeit zu den kurzen Stillständen des 
Auges während des Lesens verbraucht wird. Es versteht sich, daß je 
nach Form und Größe der Buchstaben, je nachdem ich an dieselben ge- 
wöhnt bin oder nicht und je nach der Verständlichkeit des Inhaltes einer 
Zeile die zum Lesen derselben nötige Zeit sehr verschieden sein kann. 

§ 59. Anpassung des Auges an ständige Netzhautbilder. Unter 
ständigen Netzhautbildern verstehe ich die von den Strahlungen unbewegter 
Außendinge auf der Netzhaut eines ganz feststehenden Auges erzeugten 
Bilder. Auch wenn die von einem Außendinge zum Auge gelangenden op- 
tischen Strahlungen ganz unverändert bleiben und etwaige Änderungen der 
Akkommodation und der Pupille abgelaufen sind, kommt es nicht zu einer 



§ 59. Anpassung des Auges an ständige Netzhautbilder. 265 

Konstanz der Lichtempfindung, sondern letztere verändert sich stetig in 
ganz gesetzmäßiger Weise. Aus der großen Mannigfaltigkeit der auf diesen 
Änderungen beruhenden Tatsachen können hier nur einige wenige angeführt 
werden, welche sich unter möglichst einfachen Versuchsbedingungen und 
ohne ungewöhnliche experimentelle Hilfsmittel beobachten lassen. 

Vor einem Tische sitzend habe man ein großes ganz ebenes und überall 
gleich weißes Blatt vor sich ausgebreitet, welches womöglich durch ein 
mäßig großes Fenster ohne dicke Fensterstäbe gut beleuchtet ist. Mit der 
einen Hand halte man in passender Höhe einen langen Bleistift horizontal 
über das Blatt, so daß er seinen Schatten auf die weiße Fläche wirft. 
Je nach dem Abstände des Bleisliftes vom Blatte sind die Ränder des 
Schattens mehr oder weniger verwaschen. Fixiert man nun anhaltend bei 
ruhig stehendem Kopfe einen neben dem Schatten mit Tinte markierten 
Punkt, so sieht man sehr bald zunächst die verwaschenen Ränder des 
Schattens verschwinden, während der übrige, dunklere Teil desselben sich 
aufhellt, bis unter zunehmender Aufhellung der ganze Schatten schließlich 
so vollständig verschwindet, daß die Stelle, auf der er lag, jetzt genau 
ebenso hell erscheint, wie das übrige Blatt. Das Verbleichen des Schattens 
und sein völliges Verschwinden tritt um so eher ein, je geringer seine 
Dunkelheit schon anfangs und je weiter die fixierte Marke vom Orte des 
Schattens entfernt war. Ist der Schatten verschwunden, so bleibt er es 
auch so lange, als man den Blick fixiert un verrückt festhält. 

Es versteht sich, daß man durch Befestigung des Bleistiftes an einer 
kleinen mechanischen Hand und durch Benützung einer Kopfstütze störende 
Verschiebungen des Schattens oder des Kopfes während der Fixierung der 
Marke besser ausschließen kann, die um so leichter eintreten, je länger 
man fixieren muß. Die zum Verschwinden des Schattens nötige Zeit beträgt 
je nach dessen Dunkelheit und je nach der Lage der fixierten Marke relativ 
zum Schatten nur kleine Bruchteile einer Minute oder mehr als eine Minute. 
Letzteres gilt insbesondere für den Fall, daß der fixierte Punkt innerhalb 
des Schattens oder gar auf dessen dunkelstem Teile liegt. Ein zu dunkler 
Schatten läßt sich dann überhaupt nicht in seiner ganzen Länge zum Ver- 
schwinden bringen, weil die Augen schließlich zu schwanken beginnen; 
wohl aber können die vom fixierten Punkte weiter abliegenden Endstücke 
unsichtbar werden. Es kommt also wesentlich darauf an, wie weit das 
Netzhautbild des Schattenteils, um dessen Verschwinden es sich handelt, 
vom funktionellen Mittelpunkte der Netzhaut entfernt ist; je mehr dies der 
Fall, desto früher das Verschwinden. 

Sobald der Schatten verschwunden ist, hat der zweite, nicht minder 
wichtige Teil des Versuches zu beginnen. Während man den gewählten 
Punkt noch weiter fixiert, entfernt man schnell den Bleistift so weit, daß 
er auf die Fläche keinen Schatten mehr wirft; anstatt des Schattens sieht 



266 Lehre vom Lichtsinn. 

man jetzt einen hellen Streif auf dem Papier, der um so heller ist, je 
dunkler der Schatten war, und dessen Helligkeit sich von den Rändern 
ganz in derselben Weise abstuft und in das Weiß des Papieres verliert, 
wie anfangs die Dunkelheit des Schattens. Kurzum, der helle Streif verhält 
sich zum anfänglicht^n Schatten wie das Negativ der Photographie zum 
Positiv. 

Bei dem soeben beschriebenen Versuche wurde eine auf weißer Fläche 
befindliche dunkle Stelle durch anhaltendes Fixieren zum Verschwinden 
gebracht; auf der hellen Fläche läßt sich aber auch durch Zuspiegelung 
von Licht ein Fleck erzeugen, der noch viel heller ist, als das Weiß des 
Papieres. Zu diesem Zwecke bringt man gegenüber dem Fenster einen 
kleinen Hohlspiegel in passender Höhe und Entfernung so an, daß er ein 
völlig verwaschenes Bild des Fensters auf der weißen Fläche entwirft, und 
verfährt mit diesem hellen Flecke ganz ebenso, wie zuvor mit dem Schatten. 
Je nach der mehr oder weniger großen Helligkeit des Fleckes und je nach 
der Lage des fixierten Punktes verschwindet nun früher oder später auch 
ein solcher heller Fleck spurlos. Verdeckt man dann rasch den Spiegel, 
so entsteht plötzlich an Stelle des verschwundenen hellen ein dunkler 
schattenähnlicher Fleck, der sich wieder zum anfangs gesehenen hellen 
Fleck angenähert ebenso verhält, wie ein photographisches Negativ zum 
Positiv. 

Statt einer weißen kann man zu diesen Versuchen auch eine beliebig 
graue, ganz ebene und matte Fläche benutzen. 

Immer hat man die Kopfhaltung so zu wählen, daß die Augen während 
des Fixierens möglichst wenig von der ihnen bequemsten Mittelstellung 
abzuweichen brauchen; auf diese Weise lassen sich die unwillkürlichen 
Blickschwankungen am leichtesten verhüten. Auch ist zu bedenken, daß 
bei langem Fixieren eines Punktes, wenn keinerlei Bewegungen im Gesichts- 
felde die Aufmerksamkeit wach erhalten, die oberen Lider sich allmählich 
zu senken und eine teilweise Deckung der Pupille herbeizuführen pflegen, 
wodurch die vorausgesetzte Konstanz der Lichtstärke des Netzhautbildes 
vereitelt wird. 

Auch scharf umrissene Teile des Gesichtsfeldes, z. B. einen scharf 
umgrenzten Schatten auf hellem Grunde oder einen ebensolchen hellen 
Streifen auf minder hellem Grunde würde man auf die beschriebene Weise 
zum Verschwinden bringen können, wenn sich jede, wenn auch nur mini- 
male Blickschwankung beim Fixieren vermeiden ließe. Dies ist jedoch 
selbst dem Geübtesten um so weniger möglich, je länger das Fixieren schon 
gedauert hat. Infolgedessen verschiebt sich z. B. das Bild des Schattens 
auf der Netzhaut, einerseits wird eine schmale, bis dahin nur schwach 
bestrahlte Stelle der Netzhaut plötzlich stärker bestrahlt, andererseits wird 
eine stark bestrahlt gewesene schwächer bestrahlt, und weil für beide 



§ 59. Anpassung des Auges an ständige Netzhautbilder. 267 

Stellen bereits eine mehr oder weniger vorgeschrittene Anpassung erfolgt 
ist, gilt für den jetzt verschobenen Teil des Bildes ganz dasselbe, was für 
das ganze, nicht verschobene Netzhautbild gilt, wenn wir plötzlich den 
schattenwerfenden Stab entfernen. 

Statt daß, wie im letzteren Falle, an Stelle des ganzen Schattens ein 
heller Streifen auf der weißen Fläche erscheint, zeigt sich jetzt nur ein 
hellerer Saum an der einen Seite des Schattens und gleichzeitig ein dunk- 
lerer an der anderen Seite desselben. Wäre zufällig einmal die unabsicht- 
liche Verlagerung des Blickpunktes und die entsprechende Verschiebung 
des Netzhautbildes so groß, daß jetzt das ganze Bild des Schattens auf 
eine neue Netzhautstelle fiele, so würden am anfänglichen Orte des Schattens 
der erwähnte helle Streifen, das ist ein negatives Nachbild und gleichzeitig 
daneben der Schatten mit seiner anfänglichen Dunkelheit erscheinen. Eine 
so starke plötzliche Verschiebung des Blickes läßt sich nach längerem 
Fixieren absichtlich herbeiführen, wobei man sich von der Richtigkeit 
■des eben Gesagten überzeugen kann. (Zur Vermeidung von Doppelbildern 
infolge von Konvergenzänderungen stellt man solche Versuche zweckmäßig 
unokular an). 

Nur wenn die unabsichtliche kleine Verschiebung der Blickrichtung 
mit der Richtung der Mittellinie des Schattens zusammenfällt, und sein 
Bild sich auf der Netzhaut in sich selbst verschiebt, treten die beschrie- 
benen Säume nicht auf. 

An einem scharf umgrenzten runden Schatten oder auch an einem 
ebensolchen hellen Fleck, von dem ganz das Analoge wie von dem Schatten 
gilt, beobachtet man bei jeder beliebigen Richtung der unabsichtUchen 
Blickschwankung auf der einen Seite einen dunkleren, auf der anderen einen 
helleren sichel- oder halbmondförmigen Saum. 

Auch das Bild eines verwaschen begrenzten Schattens oder lichten 
Fleckes verschiebt sich ein wenig während jeder unbeabsichtigten kleinen 
Blickschwankung auf der Netzhaut, Dies bleibt aber unbemerklich , weil 
dabei im Bezirke der Bildverschiebung nur minimale Änderungen der Be- 
lichtung stattfinden, welche unter der Schwelle der Wahrnehmbarkeit 
bleiben. 

Wären wir also imstande, beim Fixieren eines Außenpunktes jede 
unabsichtliche Augenbewegung auszuschließen, so würde es zum Zwecke 
unserer Versuche genügen, auf die weiße Fläche einen Streifen oder eine 
Scheibe eines Papieres zu legen, das dunkler oder heller ist, als das Weiß 
der Fläche, um dieselben nach gebührender Zeit verschwinden bzw. nach 
rascher Beseitigung derselben ihr negatives Nachbild zu sehen. Ferner 
läßt sich erwarten, daß auch ein tiefschwarzes Papierstück auf weißem 
Grunde oder ein hellweißes auf schwarzem scheinbar verschwinden würde, 
wenn die Fixierung eines Punktes lange genug fortgesetzt werden könnte. 



268 Lehre vom Lichtsinn. 

Wie überraschend schnell bei absolut fester Lage des Netzhautbildes 
kleine Felder desselben, die lichtschwächer sind als ihre Umgebung, un- 
sichtbar werden können, lehrt uns die Purkinjesche Aderfigur. Ist auf der 
Empfangsschicht der Netzhaut eine relativ große, überall gleich lichtstarke 
Fläche abgebildet, so sind die hinter einem Netzhautgefäße liegenden Stellen 
schwächer belichtet als die übrigen Teile und wir würden dementsprechend^ 
solange wir den Blick auf eine gleichmäßig und nicht zu stark belichtete 
Fläche richten, die bekannte Aderfigur deutlich sehen, wenn nicht sowohl 
die von den Gefäßen beschatteten Stellen als ihre ganze Umgebung sich 
ihrer Belichtung derart angepaßt hätten, daß die beschatteten Stellen in 
derselben Helligkeit erscheinen, wie ihre lichtstärkere Umgebung, und also 
unsichtbar geworden sind. 

Die üblichen Methoden zur Sichtbarmachung der Gefäßschatten be- 
ruhen darauf, daß der Schatten auf andere Stellen der Empfangsschicht 
geschoben wird, die also an die schwächere Beleuchtung nicht angepaßt 
sind. Wirft man in bekannter Weise auf die temporale Hälfte der Sklera 
mittels einer starken Sammellinse das kleine Bildchen einer starken Licht- 
quelle, z. B. einer Bogenlampe, so kann man die Aderfigur bis in ihre feinsten 
Ausläufer sehen. Hält man dabei das Auge ganz ruhig und fest auf die 
Lichtquelle und die Linse gerichtet, dann verschwindet die ganze Figur 
trotz ihrer anfänglichen Schwärze schon nach wenigen Sekunden; so über- 
raschend schnell adaptiert sich die den Schatten empfangende Stelle und 
ihre Umgebung an die Verschiedenheit ihrer Belichtung. Bewegt man je- 
doch das Auge, oder verschiebt man bei feststehendem Auge die Linse, 
so wird die jetzt auf nicht adaptierte Stellen fallende Schattenfigur sofort 
wieder sichtbar, während daneben die für dieselbe adaptiert gewesenen 
Stellen uns als ein helles negatives Nachbild der dunkleren Aderfigur er- 
scheinen. Die Schatten der großen Gefäße können dann ganz ebenso wie wir 
dies an dem beschriebenen Bleistiftschatten fanden, einen leuchtend hellen 
Saum zeigen. Die Geschwindigkeit des Verschwindens erklärt sich hier aus 
der Schmalheit des Feldes. 

Viel günstiger sind die Bedingungen für das durch'Anpassung bewirkte 
scheinbare Verschwinden von Außendingen, wenn dieselben infolge zu 
schwacher Beleuchtung, wie z. B. bei Abend- oder Morgendämmerung schon 
von vornherein und ehe man einen Außenpunkt zu fixieren beginnt, nicht 
wie bei Tage, mit scharfen, sondern nur mit verschwommenen Umrissen 
erscheinen. Fixiert man unter solchen Umständen einen Punkt des Ge- 
sichtsfeldes, so werden die Umrisse der Außendinge zunehmend noch ver- 
schwommener, und sowohl die anfangs weiß als auch die schwarz er- 
schienenen werden immer grauer, bis man endlich nur ein im ganzen 
Gesichtsfeld ausgebreitetes Grau von überall gleicher Helligkeit sieht. 

Ist die Abenddämmerung soweit vorgeschritten, daß schon zahlreiche 



§ 59. Anpassung des Auges an ständige Netzhautbilder. 269 

Sterne sichtbar sind, ohne noch die funkelnde Helligkeit zu zeigen, wie 
in einer klaren Nacht, und behält man z. B. den hellsten der sichtbaren 
Sterne fest im Auge, so mindert sich die Zahl der gleichzeitig sichtbaren 
mehr und mehr, die schwächstleuchtenden und die der Peripherie des 
Gesichtsfeldes näherliegenden verschwinden zuerst, dann auch die helleren 
imd weniger indirekt gesehenen, selbst der am hellsten gewesene fixierte 
Stern beginnt zu verbleichen und schließlich kann auch er, wenn der Blick 
nicht zu sehr zu schwanken beginnt, ganz verschwinden. Verlegt man ab- 
sichtlich den Blickpunkt ein wenig, so werden alle Sterne sofort wieder 
sichtbar. 

Dieses während der Abend- und Morgendämmerung vorkommende Ver- 
sehwinden eines längere Zeit fixierten kleinen Außendinges infolge der Ständig- 
keit seines Netzhautbildes darf nicht verwechselt werden mit dem sogenannten 
»zentralen Verschwinden« kleiner Objekte bei allgemeiner Dunkeladaptation des 
ganzen somatischen Sehfeldes. Läßt man während einer solchen den Blick wie 
gewöhnlich umherwandern, so kann man beobachten, daß kleine Dinge von 
sehr geringer Lichtstärke zwar indirekt zu sehen sind, aber völlig verschwinden, 
sobald man den Blick auf sie richtet und ihr Netzhautbild auf die Stelle des 
direkten Sehens zu liegen kommt (vgl. § 38 S. H7). 

Wenn sich an eine schwache Bestrahlung einer Netzhautstelle plötz- 
lich eine starke anschließt oder umgekehrt, so tritt an der zugehörigen 
Stelle des Sehfeldes nicht genau in demselben Zeitpunkte, wo die Änderung 
der Belichtung erfolgt, auch schon ein entsprechend heller oder dunkler 
Fleck an den Platz des bisherigen, sondern zunächst ein, unter Umständen 
sogar sehr auffallender, sich außerordentlich geschwind wiederholender 
Wechsel zwischen dunkler und heller Farbe (vgl. §38 S. 167), und man 
bekommt den Eindruck, als ob zwei antogonistische Kräfte miteinander in 
einem hin- und herwogenden Kampfe lägen, bis schheßlich die eine oder 
andere siegreich wird. Die eine Kraft entspricht der Reizkraft oder op- 
tischen Valenz der Strahlung, die andere beruht, wie uns der VIL Abschnitt 
lehrt, auf der Induktion. Auch bei minder großen und minder rasch ver- 
laufenden Intensitätsänderungen der Bestrahlung kann man bei gehöriger 
Aufmerksamkeit bemerken, daß der durch die Intensitätsänderung beding- 
ten neuen Farbe oder HeUigkeit wenigstens eine kurze gegensinnige Phase 
als eine Art Vorschlag vorangeht. Nur die dann dauernd ins Bewußtsein 
tretende Farbe, sei sie heller oder dunkler als die vorangegangene, kommt 
hier für uns in Betracht. (Daß auch sie trotzt der nun konstant bleiben- 
den Belichtung sich im weiteren Verlaufe der Anpassung wieder ändert, 
wurde bereits erwähnt.) 

Wenn man die Intensitätsänderung der Bestrahlung nicht plötzlich 
herstellt, sondern langsamer vollzieht und. die Sehsubstanz also sozusagen 
nicht durch einen Stoß erschüttert, sondern vorsichtig in den neuen Zu- 
stand hineindrängt, so falleö die erwähnten Helligkeitsschwankungen fort. 



270 Lehre vom Lichtsinn. 

Nach der auf- oder absteigend erfolgten Intensitätsänderung, dann 
konstant gebliebenen Belichtung einer Netzhautstelle vergeht bis zur Voll- 
endung der Anpassung eine um so längere Zeit, je grüßer die Intensitäts- 
änderung, d. h. ihr positiver oder negativer Zuwachs der Belichtung war. 
Das Zeichen der vollendeten Anpassung ist das völlige Verschwinden des 
Schattens oder hellen Fleckes, gleichviel ob wir die unterdes eingetretene 
schwächere gegensinnige Helligkeitsänderung der ganzen Fläche, bemerkt 
haben oder nicht. Erfolgt schon vor vollendeter Anpassung eine neue 
Änderung der Belichtungsstärke, so schreitet entweder die Anpassung im 
Sinne der ersten Belichtung weiter fort, oder man sieht ein negatives 
Nachbild, welches aber jetzt schwächer entwickelt ist, als bei ungestörtem 
Fortgang der Anpassung an die frühere Stärke der Belichtung der Fall 
gewesen wäre. 

Erklärung der Anpassung an ständige Netzhautbilder. Man 
hat, wie in § 25 (S. 142 — 115) gezeigt wurde, neben der Anpassung der 
Sehsubstanz als einer im strengen Sinne nervösen Substanz eine besondere 
Anpasssng des Empfängers der Netzhaut, d. h. der Stäbchen- und Zapfen- 
schicht, in Betracht zu ziehen. (Dies gilt für die örtliche Anpassung der 
einzelnen Sehfeldstellen wie für die allgemeine Anpassung des ganzen Seh- 
feldes.) 

Die Anpassung des Empfäjigers an gegebene konstante Bestrahlung 
ist vollendet, wenn Verbrauch und Neubildung des Empfangsstoffes in den 
bestrahlten Sehzellen gleich geworden sind. Die dazu erforderliche Zeit, 
d. i. die Anpassungszeit, ist um so länger, je größer der Unterschied zwi- 
schen der Stärke der anfänglichen Bestrahlung und der an ihre Stelle ge- 
tretenen ist, nicht nur, wenn einer schwächeren Bestrahlung eine stärkere, 
sondern auch, wenn einer stärkeren eine schwächere gefolgt ist. Der stär- 
keren Bestrahlung entspricht ein größerer Empfangsstoffverbrauch und eine 
stärkere Reizung der mit den Sehzellen verbundenen nervösen Substanz, 
der schwächeren Bestrahlung ein kleinerer Verbrauch und eine schwächere 
Reizung. Denn nur der durch chemische Wirkung der Strahlung auf den 
Empfangsstoff bedingte Verbrauch desselben vermag einen Reiz auf die 
nervöse Substanz abzugeben, während seine Neubildung an sich keine Wir- 
kung auf dieselbe hat. Insofern verhält sich der Empfangsstoff einer Netz- 
hautstelle ähnlich wie ein Herd, dessen Heizkraft von der Menge der brennen- 
den und nur mittelbar von der Menge der gleichzeitig zugeführten Kohle 
abhängt. 

Anderes gilt von der nervösen Substanz. Der für sie beim Verbrauch 
des Empfangsstoffes erzeugte Reiz, d. h. der eigentliche Sehreiz, ist zwar 
für jedes einer bestrahlten Sehzelle funktionell zugehörige Element der 
Sehsubstanz ein Antrieb zur gesteigerten Dissimilierung, aber jede Stei- 
gerung der Dissimilierung eines Elementes mindert infolge der Induktion 



§ 59. Anpassung des Auges an ständige Netzhautbilder. 271 

die DissimilieruDg der übrigen Elemente und vermehrt zugleich deren Assi- 
milierung so lange, bis das Verhältnis zwischen Dissimilierung und Assi- 
milierung {D : Ä) überall dasselbe und damit auch die Helligkeit überall 
die gleiche geworden ist. Hiermit ist die Anpassung vollendet. Dieser 
vollständigen Anpassung an eine gegebene Bestrahlung entspricht also zwar 
im Empfänger eine Gleichheit zwischen Verbrauch und Ersatz des Empfangs- 
stoffes, in der Sehsubstanz aber nur eine Gleichheit des Verhältnisses zwi- 
schen Dissimilierung und Assimilierung, wobei die Größe derselben und das 
Gewicht der Empfindung an verschiedenen Stellen verschieden sein kann^ 
wie dies alles in früheren Paragraphen ausführlich dargelegt wurde. 

Die Anpassung der Sehsubstanz folgt also der Anpassung des Em- 
pfängers und obwohl sie sozusagen viel labiler ist als der Empfänger und 
auf eine einmalige starke und plötzliche Sehreizbildung infolge plötzlicher 
Änderung der Lichtstärke des Netzhautbildes mit einer ganzen Reihe von 
gegensätzlichen Änderungen ihres Zustandes zu reagieren vermag, so ver- 
rät sich doch diese ihre Eigenschaft bei kleineren oder nicht zu schnell 
verlaufenden Änderungen der Lichtstärke eines Netzhautbildes wenig oder 
gar nicht. 

Tritt eine Änderung der Bestrahlung nicht bloß für einen Teil der 
Netzhaut ein, sondern ändert sich die Gesamtbeleuchtung der eben sicht- 
baren Außenwelt, so würde, wie schon gesagt wurde, sich das ganze so- 
matische Sehfeld bis zu völliger Gleichheit der Helligkeit aller seiner Teile 
an die neue Beleuchtung anpassen, wenn es uns möglich wäre, das Auge 
so lange in genau derselben Stellung festzuhalten, und zugleich jede Ver- 
änderung der Lichtstärke im Gesamtnetzhautbilde auszuschließen. 

Von der sukzessiven Adaptation. Unter sukzessiver Adaptation 
(vgl. § 6) verstehe ich im allgemeinen die Anpassung des Sehorganes an 
die Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes, von welcher letzteren die Inten- 
sität und Qualität des von nicht selbstleuchtenden Dingen zurückgeworfenen 
und das Netzhautbild erzeugenden Lichtes abhängt. Während Aubert unter 
Adaptation nur die nach völliger Verfinsterung des Sehfeldes bei Dunkel- 
aufenthalt in finsterem Räume und also bei ganz lichtfreier Netzhaut ein- 
tretende Zunahme der Lichtempfindlichkeit verstand, habe ich den Begriff 
der Adaptation erweitert und von der Aubert sehen Dunkeladaptation die 
Helladaptation unterschieden. Dem Zustande, in dem sich nach Aubert 
das Sehorgan bei maximaler Dunkeladaptation befindet, entspricht der Null- 
punkt der Helladaptation 1) , und man hat ebenso viele Stufen derselben 
zu unterscheiden, als es Intensitätsstufen der allgemeinen Beleuchtung des 
Gesichtsfeldes gibt, insoweit diese Intensität innerhalb der Grenzen bleibt, 
bis zu denen die Adaptation zu folgen vermag. 

1) Über Ermüdung und Erholung des Sehorganes. Graefes Arch. Bd. XXXVII. 3. 
S. 32. 



272 Lehre vom Lichtsinn. 

Beim gewöhnlichen Sehen ist, wie wir sahen, das Auge in fortwähren- 
der sprungweiser Bewegung. Wegen der damit verbundenen Verschie- 
bungen des Gesamtnetzhautbildes empfängt eine und dieselbe Netzhautstelle 
in raschem Wechsel die Bilder sehr verschieden lichtstarker Außendinge. 
Doch wird, wenn die Gesamtbeleuchtung der Außendinge eines gegebenen 
Gesichtsfeldes längere Zeit hindurch sich nicht wesentlich ändert, auch die 
durchschnittliche Belichtungsstärke einer Netzhautstelle sich nicht er- 
heblich ändern und um die Anpassung an den durchschnittlichen Wert 
der sukzessiv verschiedenen Belichtungen handelt es sich, wenn von einer 
Anpassung an eine bestimmte Gesamtbeleuchtung des Gesichtsfeldes beim 
gewöhnlichen Sehen die Rede ist. 

Den verschiedenen funktionellen Eigentümlichkeiten der Einzelteile des 
somatischen Sehfeldes entsprechend befinden sich die letzteren bei der- 
selben Gesamtbeleuchtung (nach vollendeter Adaptation) im allgemeinen 
auf verschiedenen Stufen der Adaptation. Deshalb handelt es sich eigent- 
lich nie um eine überall gleiche Adaptation, sondern um eine Mannigfaltig- 
keit örtlicher Anpassung oder lokaler Adaptation, wie ich sie seiner- 
zeit bezeichnet habe, und wenn man von einer erfolgten Adaptation an 
die allgemeine Beleuchtung des Gesichtsfeldes spricht, kann man nur die 
Gesamtheit der gleichzeitig in den verschiedenen Bezirken des Sehfeldes 
bestehende Adaptationsstufen meinen. 

Wenn die Augen einmal ausnahmsweise genügend lange keiner- 
lei aktive odeT passive Bewegungen ausführen, und wenn gleichzeitig alle 
eben sichtbaren Außendinge festliegen und ihre Lichtstärken völlig un- 
verändert bleiben, so wird sich jede somatische Sehfeldstelle ebenfalls an 
ihre jetzt wirklich konstant bleibende Beleuchtungsstärke adaptieren. Da- 
bei wird, weil das Gesamtnetzhautbild gewöhnlich in seinen einzelnen Teilen 
von verschiedener Lichtstärke ist, auch die Anpassung der einzelnen Seh- 
feldbezirke eine verschiedene sein können. Diese Adaptation bei feststehen- 
dem Auge eignet sich begreiflicherweise zur genaueren Untersuchung viel 
besser als die Adaptation an die durchschnittliche Beleuchtungsstärke bei 
bewegtem Auge. Doch ist das längere Fixieren eines Außenpunktes ein 
unnatürlicher, den Augen aufgezwungener Zustand, der immer wieder durch 
kleine unwillkürliche Augenbewegungen unterbrochen wird. Im übrigen, 
abgesehen von diesem absichtlich herbeigeführten langen Stillstand der 
Augen, kommt ein solcher gesunderweise nur vor, wenn wir »gedanken- 
los« oder »in Gedanken versunken« vor uns hinstarren und gar nicht 
auf das eben Sichtbare achten. 



Die Beziehungen zwischen der bunten Qualität 
der Farben und der Schwingungszahl der optischen 

Strahlen. 

§ 60. Die Verteilung der Farben im Spektrum. Wie schon in 
§ 12 erörtert wurde, läßt sich die Gesamtheit aller möglichen Farbentöne 
auf einer in sich zurücklaufenden Linie derart angeordnet denken, daß die 
Verschiedenheit des Tones je zweier unmittelbar benachbarter Farben minimal, 
die Ähnlichkeit aber maximal ist, und also die Farbentöne überall stetig 
ineinander übergehen. Zweckmäßig wählt man als geschlossene Linie einen 
Kreis. Dieselbe Reihenfolge der Farbentöne, wie sie ein solcher sogenannter 
Farbenzirkel zeigt, finden wir im Spektrum wieder, doch fehlt letzterem 
stets ein Teil der Töne des Farbenzirkels, denn es endet für das normale und 
chromatisch neutral gestimmte Auge einerseits mit einem ins Gelbe spielen- 
den Rot, anderseits mit einem Violett. 

Man denke sich einen in genügender Größe ausgeführten und aus 
möglichst freien Farben bestehenden Farbenzirkel in 100 oder mehr Sektoren 
zerschnitten, so würde man ebensoviele kleine Täfelchen erhalten, deren 
jedes einen anderen Ton hätte. Diese Täfelchen könnte man regellos durch- 
einandergeworfen einem Laien vorlegen, der nie einen Farbenzirkel oder 
ein Spektrum gesehen, aber. einen guten Farbensinn hätte, und ihm die 
Aufgabe stellen, die Täfelchen nach den ÄhnUchkeiten ihrer Farben anein- 
anderzureihen: er würde die Farben ebenso anordnen, wie sie im Spektrum 
aufeinanderfolgen. Je nachdem einer diese Übereinstimmung zwischen der 
lediglich durch schlichte Farbenvergleichung gefundenen mit der durch das 
physikalische Experiment erzeugten Farbenfolge selbstverständlich oder 
höchst wunderbar findet, wird man an seine Äußerungen über Licht- und 
Farbensinn einen sehr verschiedenen Maßstab anzulegen haben. — 

Mit der Reihenfolge der Farben ist noch nicht deren räumliche Ver- 
teilung im Spektrum bestimmt. In einem richtig entworfenen Farbenkreise 
hat jeder bestimmte Farbenton auch einen ganz bestimmten Ort, weil der 
Kreis duich die vier Urfarben in vier gleich große Abschnitte (Quadranten) 
geteilt ist, und jeder Punkt eines solchen Abschnittes einem bestimmtcD 

Hering, Lichtsinn. 4 8 * 



274 Lehre vom Lichtsinn. 

Verhältnis der beiden Ähnlichkeitsgrade entspricht, welche der hier liegende 
Farbenton mit den beiden, den Quadranten begrenzenden Urfarben hat. Im 
Spektrum ist die räumliche Verteilung stets eine ganz andere und überdies 
je nach der Art seiner Entstehung verschiedene. Während z. B. der Ort 
des Urgrün in einem prismatischen Spektrum für ein chromatisch neutral 
gestimmtes Auge beiläufig der Mitte des ganzen Spektrums enspricht, liegt 
das Urgrün im Interferenzspektrum dem violetten Ende viel näher als dem 
roten. 

Von den vier bunten Urfarben des Farbenzirkels finden wir unter ge- 
wöhnlichen Umständen nur drei im Spektrum wieder, nämlich Urgelb, 
Urgrün und Urblau, nicht aber das Urrot. Das am einen Ende des Spek- 
trums erscheinende Rot spielt deutlich ins Gelbe, es sei denn, daß die Netz- 
hautstelle, mit der man es sieht, zuvor mit gelbwirkendem Lichte bestrahlt 
worden war. Solchenfalls kann es allerdings in einem Rot erscheinen, 
welches weder gelblich noch bläulich ist. Für ein überall chromatisch 
neutral gestimmtes Auge aber gibt es im Spektrum nur die zuerst ge- 
nannten drei Urfarben, deren Orte im Spektrum ich als die drei Kardinal- 
punkte desselben bezeichnet habe. 

Während im allgemeinen der an einer Stelle des Spektrums erscheinende 
Farhenton sich mit der Intensität des spektral zerlegten Lichtes ändert, 
gilt dies, wie sich im Folgenden zeigen wird, nicht für die Kardinalpunkte, deren 
Farbenton von den Änderungen der Lichtstärke unabhängig zu sein scheint, 
solange die chromatisch neutrale Stimmung der betroffenen Sehstelle be- 
steht. 

Durch die drei Kardinalpunkte wird das Spektrum in vier Abschnitte 
geteilt, einen vom Urgelb bis an das rote Ende reichenden rot-gelben 
und einen vom Urblau bis an das violette Ende reichenden rot-blauen 
Abschnitt, während die zwischen dem Urgelb und Urblau liegende Strecke 
durch das Urgrün in einen grün-gelben und einen grün-blauen Ab- 
schnitt geteilt wird. Es enthält also der vom Endrot bis zum Urgrün sich 
erstreckende Teil des Spektrums durchgängig Farben von mehr oder minder 
deutlicher Gilbe, während vom Urgrün bis zum End violett alle Farben eine 
mehr oder minder deutliche Bläue haben. Die zwischen Urgelb und Ur- 
blau liegende Strecke umfaßt alle grünhaltigen Farbentöne; die rothaltigen 
Töne aber, insoweit sie für das chromatisch neutral gestimmte Auge im 
Spektrum enthalten sind, liegen in den beiden Endabschnitten. 

Die schematische Figur möge diese Verteilung der Farbentöne im In- 
terferenzspektrum veranschaulichen i). Da man gewöhnt ist, sich im Spektrum 

des Tageslichtes mit Hilfe der besonders deutlichen FBAUNHOFERSche Linien 

i 

<) Die hier erwähnte Abbildung hat sich im Nachlasse nicht vorgefunden. 
Offenbar bestand die Absicht, die Abbildung auf Tafel I mit entsprechenden 
Änderungen wiederzugeben. Hess. 



§ 6i . Das Interferenzspektrum des Himmelslichtes. 275 

zu orientieren und nicht die Schwingungszahl, sondern die Wellenlänge 
einer einfachen Strahlung zur Bezeichnung derselben zu benutzen, so ist die 
Lage jener Linien mit ihren Wellenlängen in das Schema eingetragen. Die 
rote Kaliumlinie 769,9 /</t einerseits und die Linie H2 393 ^/^ andererseits 
begrenzen unser Schema, obwohl das sichtbar Spektrum unter günstigen 
Bedingungen beiderseits noch etwas weiter reichen kann. 

Newton unterschied 1 Farben (rubens, aureus, flavus, viridis, caeru- 
leus, indicus, violaceus) und teilte dementsprechend den Kreis in 7 übrigens 
ungleich lange Teile, die er mit den 7 Intervallen zwischen den 8 Tönen 
einer Oktave in einen eigenartigen Vergleich brachte. In der Mitte jedes 
Bezirkes oder Bogens sollte die entsprechende Farbe am reinsten sein, an 
jeder anderen Stelle des Bogens aber um so mehr nach der einen oder 
anderen von den benachbarten Hauptfarben neigen, je größer der Abstand 
der Stelle von der Mitte ihres Bezirkes war. Dieser Anordnung der Farben- 
töne liegt das prismatische Spektrum zugrunde, sie paßt schon nicht mehr 
auf das Diffraktionsspektrum; ich habe sie nur deshalb hier angeführt, um 
zu zeigen, daß die räumliche Verteilung der Farbentöne im Spektrum über- 
haupt nicht maßgebend sein kann, wenn es sich darum handelt, die 
Farbentöne rationell auf einer geschlossenen Linie anzuordnen, was meiner 
Ansicht nach nur auf dem von mir betretenen Wege erreichbar ist. Jetzt 
handelt es sich nur darum, die, wie wir annehmen müssen, gesetzmäßigen 
Beziehungen festzustellen, welche zwischen jeder einzelnen der einfachen 
Strahlungen in der spektral geordneten Reihe einerseits und der im rationellen 
Farbenkreise geordneten Reihe der Farbentöne anderseits bestehen. 

Für den physikahsch Unterrichteten verbindet sich leicht mit ver- 
schiedenen Farbentönen des Spektrums der Gedanke an bestimmte Wellen- 
längen so fest, daß er schließlich jeder einzelnen optischen Strahlenart 
einen bestimmten Farbenton zuschreibt und die Strahlung nach letzterem 
benennt statt nach ihrer Schwingungszahl oder Wellenlänge. Doch der 
Farbton, mit welchem unser Sehorgan auf eine Strahlung bestimmter 
Wellenlänge reagiert, h"ängt so sehr von der jeweiligen Beschaffenheit des 
Organs und der Energie der Strahlung ab, daß die Bezeichnung der ver- 
schiedenen einfachen Strahlen mit bestimmten Namen überhaupt nur unter 
Voraussetzung ganz bestimmter Bedingungen einen Sinn hat. Denn eine und 
dieselbe Strahlung kann je nach den Umständen in allen überhaupt mög- 
hchen Farbentönen gesehen werden. 

§ 61. Das Interferenzspektrum des Himmelslichtes. Da im 
Interferenzspektrum gleichen Unterschieden der Schwingungszahlen oder 
der Wellenlängen gleichgroße Strecken des Spektrums entsprechen, so 
macht dasselbe die Art der Abhängigkeit des Farbentones von der Wellen- 
länge viel anschaulicher als das prismatische Spektrum. Es ist schon des- 

48* 



o^ß Lehre vom Lichtsinn. 

halb zweckmäßig, sich zuerst eine Anschauung des Interferenzspektrums 
zu verschaffen, und zwar mit Benutzung des Himmelslichtes. Denn da das 
Sehor""an des Menschen sich, stammesgeschichtlich betrachtet, unter der 
Wirkung dieses Lichtes entwickelt hat, und noch heute alle nicht von der 
Sonne stammenden Belichtungen unserer Netzhaut nur als Ausnahmen zu 
o-elten haben, so ist auch für die physiologische Optik die Beschaffenheit 
des Sonnen- und Himmelslichtes von höherer Bedeutung, als die der künst- 
lichen Lichtquellen. 

EiQ \ — 2 cm hoher Spalt im Fensterladen eines Dunkelzimmers, durch 
welchen das Himmelslicht zum 30 cm vom Spalte entfernten Auge des 
Beobachters gelangen kann, und ein vor das Auge gehaltenes Glasgitter 
o-enügen, um ein Spektrum erster Ordnung von zweckmäßiger Länge zu 
erhalten. Durch Änderung der Breite des Spaltes läßt sich die Lichtstärke 
des Spektrums verkleinern oder vergrößern. Nähert man das Auge dem 
Spalt, so verkürzt sich das Spektrum, seine Farben schieben sich mehr 
zusammen und seine Helligkeit wächst; entfernt man das Auge, so ver- 
längert sich das Spektrum, seine Farben breiten sich aus und seine Hellig- 
keit nimmt ab. Bei passender Lichtstärke und Enge des Spaltes unter- 
scheidet man leicht die Linien C, D, E, 6, F und G. Die Wellenlänge, 
welche einer zwischen zwei dieser Linien gelegenen Stelle entspricht, läßt 
sich üblicherweise angenähert bestimmen, wenn man das Verhältnis ab- 
schätzt, in welchem der gegenseitige Abstand der beiden Linien durch die 
fragliche Stelle geteilt wird. 

Da das Pigment der Macula lutea insbesondere die blaugrün-, blau- 
und violettwirkenden Strahlen erheblich absorbiert, bevor sie zum Seh- 
epithel der Netzhaut gelangen, so sieht man bei Betrachtung des ent- 
sprechenden Spektralbezirkes einen dunklen verwaschenen Fleck an der 
Stelle, welche man eben anblickt. Im verhältnismäßig hellen Blaugrün 
eines Spektrums von mittlerer Helligkeit ist dieser dunkle Fleck sehr auf- 
fällig, im schon an und für sich dunklen Violett aber zuweilen kaum noch 
kenntlich. Auch verschwindet er infolge örtlicher Adaptation des Auges 
(vgl. § 59) sehr bald, wenn der Blick sich länger im blauwertigen Ab- 
schnitte des Spektrums aufhält, wird aber sogleich wieder sehr deutlich, 
wenn man zwischendurch den gelbwertigen Abschnitt betrachtet hat. Für 
die richtige Beurteilung des Farbentones und der relativen Helligkeit der 
bezüglichen Stelle des Spektrums ist diese makulare Absorption sehr stö- 
rend. Will man also eine Farbe des blauwertigen Abschnittes vom Grün 
bis zum Endviolett deutlich sehen, so muß man bei 30 cm Abstand des 
Auges vom Spalte den Blickpunkt 2—3 cm über oder unter die Stelle des 
Spektrums verlegen. 

Sehr zweckmäßig ist es, zwei in einer Flucht liegende, z. B. bei hori- 
zontaler Lage des Spektrums senkrecht übereinanderliegende Lichtspalte 



i? Gl. Das Interferenzspektrum des Himmelslichtes. 277 

im Fensterladen anzubringen, und zwar so, daß ihr gegenseitiger Abstand, 
30 cm Augenabstand vorausgesetzt, beiläufig 2 cm beträgt. Wenn man 
beiden Spalten eine verschiedene Breite gibt, so erhält man zwei über- 
einanderliegende Spektren von entsprechend verschiedener Intensität und 
kann je zwei Stellen gleicher Wellenlänge in betreff der Verschiedenheit 
ihres Aussehens miteinander vergleichen. Dabei kann man entweder eine 
Stelle des einen Spektrurps fixieren und mit der indirekt darüber oder 
darunter gesehenen Stelle des anderen vergleichen oder noch besser den 
Blickpunkt auf die Mittellinie des finsteren Zwischenraums zwischen den 
beiden Spektren verlegen und die Farben der beiden indirekt gesehenen 
Stellen gleicher Wellenlänge miteinander vergleichen. Auch wenn beide 
Stellen noch in das Bereich der Makularabsorption fallen, kann es sich 
wegen der vom Zentrum nach der Peripherie rasch abnehmenden Pig- 
mentierung der Makula nur noch um die schwache Absorption von zwei 
beiläufig [gleich schwach pigmentierten Stellen handeln, wodurch das 
wahre Verhältnis zwischen den Lichtstärken der beiden miteinander ver- 
glichenen Stellen gleicher W^ellenlänge praktisch genommen nicht ver- 
ändert wird. 

Das lichtstärkere Spektrum unterscheidet sich vom lichtschwächeren 
in besonders auffallender Weise dadurch, daß es gelber und blauer erscheint 
als. das lichtschwache. Wo im lichtschwachen Spektrum die Farbe eine 
nur undeutliche Gilbe oder Bläue zeigt, treten beide im lichtstarken deut- 
lich hervor und machen sich um so mehr auf Kosten der Röte bzw. Grüne 
geltend, je größer die Lichtstärke ist. Im Spektrum von mittler Licht- 
stärke sieht man das reine Gelb ein wenig grtlnwärts von der Linie D, 
und das reine Blau etwas violettwärts von der Linie F. Im lichtschwachen 
Spektrum aber ist an den ebengenannten Stellen das Urgelb und Urblau 
kaum erkennbar: vielmehr geht an der einen Stelle ein Rötlichgelb ohne 
deutliche Einschaltung von Urgelb in ein Grünlichgelb über, an der anderen 
Stelle ein Grünlichblau ebenfalls scheinbar unmittelbar in ein Rötlichblau. 
So kommt es, daß das lichtschwache Spektrum in drei beiläufig gleichlange 
Strecken zerfällt, nämlich in eine vorwiegend grünliche Mittelstrecke, eine 
violette und eine vorwiegend rötliche Strecke. ^Das lichtschwache pris- 
matische Spektrum verhält sich ganz ähnlich, nur daß hier wegen der mit 
abnehmender Wellenlänge wachsenden Dispersion die vorwiegend rötliche 
Strecke nur etwa halb so lang, die violette Strecke aber etwa doppelt so 
lang ist als die grünliche Mittelstrecke. 

Das mit der Lichtstärke des Spektrums wachsende Hervortreten der 
Gilbe oder Bläue aller Zwischenfarben hat zur Folge, daß dabei ein immer 
größerer Teil der violetten Strecke sich auffallend bläut, daß ferner die grün- 
haltigen Fvarben der Mittelstrecke und die rothaltigen Farben der lang- 
welligen Endstrecke immer gelblicher werden, um so mehr, je näher sie 



278 Lehre vom Lichtsinn. 

der urgelben Stelle sind. So wird auf der einen Seite das eigentliche 
Violett immer mehr an das eine, das eigentliche spektrale Rot an das andere 
Ende des Spektrums gedrängt. Zugleich verlängert sich mit wachsender, 
ein gewisses Mittelmaß nicht überschreitender Lichtstärke das Spektrum 
beiderseits, und zwar zunächst nur wenig an seinem kurzwelligen, viel 
bedeutender an seinem langwelligen Ende. Hier verwandelt sich der vorher 
stark mit Schwarz verhüllt gewesene Endteil in Orangerot, und neues Spek- 
tralrot taucht aus dem früheren Dunkel auf, während sich am anderen 
Ende eine geringe Verlängerung des Violettes zeigt. 

Fast gar keinen Aufschluß erhält man bei den eben beschriebenen 
Beobachtungen am Gitterspektrum über die von der Lichtstärke abhängigen 
Farbenänderungen der kleinen Strecke, welche zwischen der urblau und 
urgrün erscheinenden Stelle liegt. Während die von der urblauen Stelle 
ausgehende Bläue sich mit wachsender Lichtstärke immer deutlicher nach 
dem kurzwelligen Ende hin ausbreitet, läßt sich ihre Ausbreitung in der 
anderen Richtung auch bei indirekter Betrachtung des Spektrums nicht 
genauer verfolgen. Dies hat seinen Grund darin, daß der Wellenlänge- 
unterschied zwischen der deutlich urblau und der bereits deutlich grün 
erscheinenden Stelle ein verhältnismäßig sehr kleiner ist. Die innerhalb 
dieser Strecke zu erwartenden ganz dicht zusammengedrängten blau-grünen 
Zwischenfarben entziehen sich der Beobachtung um so mehr, als die durch 
absichtliche und unabsichtliche Verlagerung des Blickpunktes bedingten 
Wirkungen des chromatischen Kontrastes schon an sich fortwährende 
Änderungen der Farbe einer beobachteten Stelle des Spektrums mit sich 
bringen. Nicht ganz so ungünstig ist die Sachlage in einem prismatischen 
Spektrum von gleicher scheinbarer Länge, weil hier die fragliche Strecke 
im Verhältnis zur Länge des Spektrums größer, jedoch immer noch zu 
klein ist, um eine genaue Unterscheidung der fraglichen Farbentöne zu 
gestatten. 

Steigert man die Lichtstärke über das gewöhnliche Mittelmaß hinaus, 
so nimmt die Vergilbung des langwelligen Teiles bis in die Nähe des dem 
Urgrün entsprechenden Kardinalpunktes noch zu, und bei einer gewissen, 
fast schon blendend wirkenden Lichtstärke scheint das Spektrum wieder 
aus drei ungefähr gleichlangen Abschnitten zu bestehen, einem orange- 
farbenen, einem schwach grünlich-gelben und einem weiß-blauen, und nur 
an den Enden des Spektrums sieht man einerseits noch etwas spektrales 
Rot, anderseits etwas Violett. Noch größere Lichtstärken wirken blendend 
und gestatten keine sichere Beobachtung. 

Selbstverständhch läßt sich sowohl das prismatische als auch das 
Gitterspektrum durch physikalische Hilfsmittel beliebig vergrößern, doch 
galt es zunächst, auf die Besonderheiten relativ kurzer und überdies mit 
einfachen Mitteln herzustellender Spektren hinzuweisen, welche in mancher 



frHerstellung und Beobachtung monochromatisch beleuchteter Felder. 279 

Beziehung bessere Aufschlüsse geben, als die in großen Spektroskopen 
erzeugten 1). 

§ 62. Herstellung und Beobachtung monochromatisch be- 
leuchteter Felder. Der Farbenton der eben betrachteten Stelle des 
Spektrums wird durch die gleichzeitig daneben erscheinenden Farben und 
auch dadurch beeinflußt, daß unmittelbar vorher eine andere Stelle des 
Spektrums betrachtet wurde. Diese Wirkungen des später ausführlich zu 
besprechenden simiultanen und sukzessiven Buntfarbenkontrastes sind aus- 
geschlossen, wenn man sich die einzelnen Teile des Spektrums gesondert 
zur Anschauung bringt. 

Im Okularrohr der zur Erzeugung eines prismatischen Spektrums 
dienenden Spektralapparate lassen sich an der Stelle, wo das Luftbild des 
Spektrums liegt, zwei von außen verschiebbare Blenden anbringen, mit 
denen man von beiden Seiten her das Spektrum so verdecken kann, daß 
nur ein nicht allzu schmaler, durch die Okularlinse vergrößerter Streifen 
sichtbar bleibt. Viel zweckmäßiger ist es nach dem Vorgange Maxwells 
das Okularrohr des Fernrohrs mit einem kurzen verschiebbaren Rohre 
ohne Linse zu vertauschen, das an seinem äußeren Ende durch einen 
Spaltapparat verschlossen und so eingestellt ist, daß der schmale Spalt in 
die Ebene des spektralen Luftbildes zu liegen kommt. Durch Drehung des 
Kollimators kann man jeden beliebigen Teil des Spektrums in den Spalt 
treten lassen. Bringt man das Auge dicht an den Spalt, so sieht man 
einen Teil der dem Auge zugewendeten Prismenfläche gleichmäßig in der 



i) Für den Physiker sind manche an kurzen Spektren anzustellende und 
für den Physiologen oder Arzt wichtige Beobachtungen meist bedeutungslos und 
begegnen deshalb leicht einer gewissen Geringschätzung. So erwähnt H. Kayser 
in seinem Handbuch der Spektroskopie L Bd. S. 491, 4 900, eine von mir zum Nach- 
weis der Blutfarbstoffe empfohlene einfache spektroskopische Vorrichtung in einer 
Weise, die sofort erkennen läßt, daß ihm als reinem Physiker der eigentliche Sinn 
dieser Vorrichtung ganz entgangen ist. Dieselbe besteht lediglich aus einer innen 
geschwärzten Röhre, an deren einem Ende sich ein Spalt, am anderen Ende ein 
kleines, passend gestelltes gleichseitiges Prisma, befindet, durch welches das ihm 
ganz nahe gebrachte Auge in passender Richtung zu blicken hat, um das äußerst 
kurze, dafür aber sehr lichtstarke Spektrum zu sehen. Ist das Licht durch eine 
vor dem Spalte befindliche schwache Lösung eines Blutfarbstoffes gegangen, so 
erscheinen die charakteristischen Absorptionsbänder desselben im Spektrum als 
feine schwarze oder graue Striche. Man kann auf diese Weise viel geringere 
Spuren des gelösten Farbstoffes erkennen, als mit Hilfe der gewöhnlichen Spektral- 
apparate. Die Empfindlichkeit des Apparates übertrifft auch noch die kleinen 
seitdem in den Handel gebrachten Spektroskope mit gerader Durchsicht und kurzem 
Spektrum. Schon die den Ärzten geläufige Tatsache, daß das Maximum der Seh- 
schärfe an zweckmäßige Beleuchtung der Sehprobe gebunden ist, würde auch 
ohne Kenntnis der hier maßgebenden Gesetze des Helligkeitskontrastes verständ- 
lich machen, warum für den besonderen Zweck der kleine Apparat dem größeren 
Spektralapparat bedeutend überlegen ist. 



230 Lehre vom Lichtsinn. 

eben eingestelllen Farbe leuchten und hat den Vorteil, letztere auf einer 
größeren Fläche zu sehen. 

Befindet sich dicht vor dem vertikalen Spalt ein horizontaler, dessen 
beide Schneiden symmetrisch zum Mittelpunkte des vertikalen ausgiebig 
verschiebbar sind, so kann man bald die ganze, bald nur einen beliebigen 
Teil der durch den Vertikalspalt ^tommenden Lichtmenge ins Auge ge- 
langen lassen und auf diese Weise innerhalb gewisser Grenzen die Ab- 
hängigkeit des Farbentones von der Intensität der Strahlung beobachten. 

Immerhin läßt sich auf diese Weise nur ein kleines, von den Dimen- 
sionen des Prismas abhängiges Farbenfeld erzielen; doch kann man letzteres 
bedeutend vergrößern, wenn man zwischen Spalt und Auge ein kurzes,^ 
für kleine Entfernungen berechnetes bildumkehrendes Fernrohr anbringt^ 
dessen Objektivlinse dicht am Spalte liegt. Man sieht dann durch die 
Okularlinse die Öffnung einer in der Brennweite der Linse befindlichen 
Irisblende im jeweils eingestellten Farbentone leuchten und kann mit 
Hilfe dieser Blende den sichtbar bleibenden Teil des Feldes beliebig ein- 
engen. 

Leider sind alle derartigen Vergrößerungen des monochromatischen 
Feldes, so zweckmäßig sie in vielen Beziehungen sind, nur für die lang- 
welligen Strahlungen verwendbar; denn die über die Strahlen mittlerer Brech- 
barkeit hinausliegenden kurzwelligen Strahlungen erfordern, besonders bei 
künstlicher Lichtquelle, viel zu große Breiten des Kollimatorspaltes, wenn 
das Farbenfeld die für das Auge nötige Helligkeit haben soll. Je breiter 
aber der Spalt, desto weniger kann von eigentlich monochromatischer Be- 
leuchtung des Farbenfeldes die Rede sein. 

Denn was wir in der physiologischen Optik eine einfache Strahlung 
zu nennen pflegen, ist keineswegs eine Strahlung von nur einer Schwin- 
gungsfrequenz, vielmehr ein Gemisch von Strahlungen verschiedener Schwin- 
gungszahl, um so mehr, je breiter der Kollimatorspalt des Spektroskopes 
ist. Die unzureichende Intensität der zur Verfügung stehenden Lichtquellen 
zwingt uns bei Benutzung kurzwelliger Strahlungen dem Spalte eine ver- 
hältnismäßig große Breite zu geben. 

Da der Farbenton sich mit der Schwingungsfrequenz nicht sprungweise^ 
sondern stetig, wenn auch in verschiedenen Spektralbezirken mit verschie- 
dener Geschwindigkeit ändert, so läßt sich wenigstens für langwellige Strah- 
lungen innerhalb gewisser enger Grenzen der Spaltbreite der von dem 
durchgelassenen Strahlgemisch erzeugte Farbenton demjenigen Tone gleich- 
setzen, welchen eine durch die Mittellinie des Spaltes eintretende homogene 
Strahlung erzeugen würde, falls ihre Energie der Gesamtenergie des Strahl- 
gemisches gleich wäre. Da nur Spalte benutzt werden dürfen, deren 
Breite durch symmetrische Verschiebung ihrer beiden Schneiden geändert 
wird, so ist diese sogenannte mittle Wellenlänge leicht bestimmbar. 



§ 63. Von den optischen Valenzen der spektralen Strahlungen. 281 

Das in unseren Gegenden selten zur Verfügung stehende direkte Sonnen- 
licht ist nur zur Herstellung eines sogenannten objektiven Spektrums ver- 
wendbar. Die Erzeugung eines solchen mittels künstlicher Lichtquellen ist 
umständlich .und zu physiologisch-optischen Zwecken nur ausnahmsweise 
erforderlich. 

§ 63. Von den optischen Valenzen der spektralen Strah- 
lungen. Das Vermögen einer Strahlung, im somatischen Sehfelde be- 
stimmte Veränderungen zu bewirken, mit denen bestimmte Änderungen im 
psychischen Sehfelde gesetzmäßig verbunden sind, nenne ich das Reiz- 
vermügen oder die optische Valenz der Strahlung. Art und Größe 
solcher Wirkung hängt einerseits von der Art und Stärke der Strahlung, 
andererseits von der Art und dem jeweiligen Zustande des bestrahlten Seh- 
feldbezirkes ab. Die einzelnen Flächenelemente, in die man sich das ganze 
somatische Sehfeld zerlegt denken kann, sind nicht sämtlich gleicher Art, 
und der Zustand oder, wie ich es nannte, die Stimmung eines und des- 
selben Elementes ist keine stetig beharrende, sondern von mehrfachen, 
ebenfalls veränderlichen Bedingungen abhängig. Eine bestimmte optische 
Valenz läßt sich also einer Strahlung nur in bezug auf ein Sehfeld dement 
von bestimmter Art und unter Voraussetzung eines bestimmten Zu- 
standes des Elementes zuschreiben. Als solchen Zustand wählen wir für 
die Untersuchung der bunten Lichtwirkungen wenigstens zunächst den chro- 
matisch-neutralen i), in welchem alle Teile des somatischen Sehfeldes 
sich befinden, wenn das Auge so lange vor jeder buntwirkenden Bestrah- 
lung geschützt worden ist, bis die Nachwirkungen vorhergegangener bunt- 
wirkender Strahlungen verschwunden sind. 

Die Bezeichnung für die Art einer buntwirkenden Valenz oder, kurz 
gesagt, der Buntvalenz einer Strahlung, erfolgt auf Grund der Eigen- 
schaften der Farbe, welche unter dem Einflüsse der Strahlung an der be- 
troffenen Sehfeldstelle entsteht. Wenn z. B. an die Stelle des nach Her- 
stellung des chromatisch-neutralen Zustandes sichtbar gewesenen tonfreien 
Eigengrau unter dem Einfluß der Strahlung eine rote Farbe tritt, so 
schreiben wir der Strahlung eine Rotvalenz zu, bläut sich die Stelle, so 
hat die Strahlung eine Blauvalenz, zeigt sich gleichzeitig Röte und Bläue, 
so hat die Strahlung sowohl eine Blau- als eine Rotvalenz. Wir benutzen 
also die Art des bunten Bestandteiles — vgl. § 14 — der erscheinenden 
Farbe als des bewirkten psychischen Phänomenes zur Benennung der 
buntwirkenden Valenz der Strahlung. Wie wir von einem roten, gelben, 
grünen, grauen Bestandteil einer bunten Farbe sprechen, so auch von 

1) Der chromatisch-neutrale Zustand der Sehsubstanz darf nicht mit dem 
Zustande ihrer Mittelwertigkeit verwechselt werden. Die Sehsubstanz kann auf. 
jeder Stufe der Wertigkeit chromatisch-neutral gestimmt sein. 



282 Lehre vom Lichtsinn. 

ebensolchen Bestandteilen einer bunt wirkenden Strahlungsvalenz. Und wie 
der bunte Bestandteil einer Farbe sich im allgemeinen wieder als aus zwei 
urfarbigen Teilen bestehend auffassen läßt, so läßt sich auch eine bunt- 
wirkende Valenz im allgemeinen in zwei urfarbig wirkende . Bestandteile 
oder Urvalenzen zerlegt denken. 

Außer der buntwirkenden müssen wir jeder einfachen Strahlung auch 
eine weißwirkende, kurz Weißvalenz, zuschreiben, weil die zunächst 
eigengraue Sehfeldstelle infolge monochromatischer Bestrahlung nicht nur 
bunt, sondern zugleich auch weißlicher werden kann. Solange es sich nur 
um die für das chromatisch-neutral gestimmte Auge geltenden Beziehungen 
handelt, können wir von den weiß wirken den Teilvalenzen der einfachen 
Strahlungen vorerst absehen. 

Es liegt im Begriffe der optischen Valenz, daß dieselbe der Intensität 
der Strahlung proportional ist; denn unter optischer Valenz eiper Strah- 
lung ist nicht die Art und Größe ihrer Wirkung zu verstehen, welche, wie 
gesagt, je nach dem Zustande des Sehorganes verschieden sein kann, son- 
dern nur die Art und Größe des Wirkungsvermögens, welches der 
Strahlung bei einem ganz bestimmten Zustande des Sehorgans eigen ist. 
Die Lichtempfmdung, d. h. die als eine Änderung des psychischen Sehfeldes 
in unser Bewußtsein tretende Wirkung der Strahlung ist nicht schon in 
demselben Augenblick da, in welchem die letztere auf die Netzhaut wirkt, 
sondern hat eine sog. Entstehungszeit. Der infolge einer Änderung 
der Netzhautbestrahlung unter Mitwirkung der Induktion eintretende 
neue Zustand der Sehsubstanz bedarf, wie ich schon S. 167 bemerkte, 
einer gewissen, wenn auch kurzen Zeit zu seiner Herstellung. Während 
dieser Zeit erfährt der höchst labile Zustand der lebendigen Substanz eine 
rasch fortschreitende Änderung und wird trotz gleichbleibender Bestrah- 
lung von Moment zu Moment ein anderer. Erst des psychischen End- 
ergebnisses dieser Vorgänge werden wir uns gewöhnlich bewußt. Nur 
unter besonderen Umständen und bei' gespannter Aufmerksamkeit ver- 
mögen wir einzelne Phasen dieses Geschehens gleichsam in ihrem Fluge 
zu erhaschen, wie später zu erörtern sein wird. 

So wenig mit der Richtung und Größe einer Kraft, welche auf ein 
Bewegliches wirkt, ohne weiteres auch die Bahn und Geschwindigkeit der 
unter der fortwährenden Wirkung der Kraft erfolgenden Bewegung gegeben 
ist, weil für letztere mancherlei andere Bedingungen mit maßgebend sind, 
so wenig ist mit dem Verhältnis zwischen den beiden bunten Urvalenzen 
einer Strahlung ohne weiteres auch das Verhältnis gegeben, welches zwi- 
schen den beiden urfarbigen Komponenten der von der Strahlung erzeug- 
ten Empfindung besteht. 

Wenn sich gezeigt hätte, daß jede einfache Strahlung bei chromatisch- 
neutral gestimmtem Auge nur eine und also ganz bestimmte bunte Farbe 



§ 63. Von den optischen Valenzen der spektralen Strahlungen. 283 

zu erzeugen vermag, so hätte dies bewiesen, daß die beiden ur färb igen 
Komponenten der Farbe zu den gleichnamigen urfarbig wirkenden Valenzen 
der Strahlung und folglich auch zur Intensität der letzeren proportional 
sind. Wäre dies wirklich der Fall, so könnten wir jeder einfachen Strahlung 
ohne weiteres dasjenige Grüßenverhältnis ihrer beiden (physischen) urfarbig 
wirkenden Valenzen zuschreiben, welches zwischen den beiden (psychischen) 
urfarbigen Bestandteilen der von der Strahlung bewirkten Farbe besteht. 
Das auf der oberen Hälfte der Tafel I, S. 42 gegebene Schema eines Farben- 
zirkels wäre dann zugleich eine übersichtliche Darstellung aller Verhältnisse 
gewesen, welche zwischen den beiden bunten Urvalenzen der einfachen 
Strahlung bestehen. Wir brauchten nur zu jedem Farbentone des Farben- 
zirkels die Schwingungszahl bzw. Wellenlänge der einfachen Strahlung hin- 
zuzudenken, welche diesen Farbenton erzeugen würde. Dächten wir uns 
ferner diesen Farbenzirkel unter Weglassung der im Spektrum fehlenden 
Farbentöne geradlinig gestreckt, so wäre auch für jede einfache Strahlung 
das Verhältnis zwischen ihren beiden urfarbig wirkenden Valenzen an- 
schaulich gemacht. 

So würde es sich, wie gesagt, verhalten haben, wenn für das neutral 
gestimmte Auge nur die Wellenlänge jeder einfachen Strahlung das Be- 
stimmende für den von ihr erzeugten Farbenton wäre. Doch schon bei 
Betrachtung des Gesamtspektrums bemerkten wir, daß "die außerhalb der 
•drei Kardinalpunkte liegenden, zwischenfarbigen Stellen des Spektrums bei 
größeren Intensitätsänderungen ihren Ton sehr merklich änderten, während 
dies in der Gegend eines Kardinalpunktes nicht der Fall zu sein schien. 
Wenn wir, wie im vorigen Paragraphen beschrieben wurde, unter Aus- 
schluß simultaner und sukzessiver Kontrastwirkungen die Spektral färben 
einzeln auf größeren Feldern erscheinen lassen, so zeigt sich ebenfalls, 
daß trotz chromatisch-neutraler Stimmung des Auges rot-gelbe und gelb- 
grüne Farben bei größerer Lichtstärke gelber, blau-rote blauer erscheinen 
als bei kleinerer Lichtstärke, während eine größere Bläulichkeit der grün- 
blauen Farben bei größerer Lichtstärke zwar bemerkbar, aber viel weniger 
auffallend ist. Das von der Strahlung eines Kardinalpunktes erzeugte 
Gelb, Grün oder Blau aber scheint bei größeren Intensitätsänderungen zwar 
seine Freiheit, nicht aber seinen Ton zu ändern. 

Hiernach gäbe es drei einfache Strahlungen, welche unabhängig von 
ihrer Intensität den bestimmten Farbton einer Urfarbe hervorrufen, wenn 
sie auf das chromatisch-neutral gestimmte Augen wirken. Die Art der 
bunten Wirkung dieser Strahlungen wäre also nur an ihre Schwingungs- 
zahl oder Wellenlänge gebunden, und letztere wäre in strengerem Sinne zu- 
gleich ein Ausdruck für die Art der bunten Valenz der Strahlung. 

Anderes gilt von den Strahlungen, durch welche eine Zwischenfarbe, 
d. h. eine Farbe erzeugt wird, in der sich zwei urfarbige Komponenten 



234 Lehre vom Lichtsinn. 

unterscheiden lassen; denn das Deutlichkeitsverhältnis dieser beiden Bestand- 
teile ändert sich mit der Intensität der Strahlung. So kann z. B., wie wir 
sahen, an derselben Stelle des rot-gelben Spektralabschnittes bei kleinen 
Intensitäten der rote Bestandteil der Farbe größer, d. h. deutlicher sein 
als der gelbe, während bei größeren Intensitäten der gelbe Bestandteil 
überwiegt. 

Enthält also die von einer einfachen Strahlung erzeugte Farbe zwei 
urfarbige Bestandteile, so ergibt sich aus der Art der Farbe zwar die Art 
der beiden entsprechenden Teilvalenzen der Strahlung, aber über das Größen- 
verhältnis zwischen diesen Teilvalenzen erhalten wir keinen Aufschluß. 
Denn der vom Deutlichkeitsverhältnis ihrer beiden urfarbigen Kompo- 
nenten bestimmten Qualität der bunten Farbe entspricht nicht notwendig 
dasselbe Größenverhältnis zwischen den beiden urfarbig wirkenden Teil- 
valenzen der Strahlung. 

Als den Seh feldbezirk, in welchem wir die einfachen Strahlungen auf 
ihre Buntvalenzen untersuchen wollen, wählen wir im allgemeinen den 
fovealen und seine nächste Umgebung, . kurz, den makularen Bezirk, weil 
hier der Farbensinn am vollkommensten entwickelt ist. Die morphologischen 
Verschiedenheiten des Sehepithels innerhalb dieses Bezirkes lassen von vorn- 
herein auch funktionelle Verschiedenheiten innerhalb desselben erwarten,, 
denn die Verschiedenheiten der Sehfeldelemente i) können eine Ungleich- 
artigkeit derselben bedeuten. Von einer bestimmten Valenz einer Strah- 
lung läßt sich aber, wie oben erörtert wurde, nur in bezug auf eine 
bestimmte Art der Sehfeldelemente sprechen. In der Tat besteht eine Un- 
gleichartigkeit derselben, wie wir später sehen werden, auch innerhalb 
des makularen Bezirkes, jedoch im wesentlichen nur in bezug auf die 
Weißvalenz der Strahlungen. Betreffs der chromatischen Funktion aber 
läßt sich der gesamte Bezirk als gleichartig nehmen, weil in allen Teilen 
desselben bei überall gleicher monochromatischer Bestrahlung auch ein und 
derselbe Farbenton erscheint, und etwaige Verschiedenheiten desselben fast 
immer unter der Schwelle der Wahrnehmung bleiben. Wir dürfen also 
den einzelnen einfachen Strahlungen in bezug auf den ganzen Bezirk, wenig- 
stens sehr angenähert, dieselbe Buntvalenz zuschreiben. 

§64. Über binäre Strahlgemische. Zwei gleichzeitig auf dieselbe 
Netzhautstelle fallende Strahlungen erzeugen, wenn sie einem und demselben 
oder zwei benachbarten Hauptabschnitten (vgl. S. 274) des Spektrums ent- 
nommen sind, durch ihr Zusammenwirken einen Farbenton, welcher auch 
durch eine einfache Strahlung erzeugt werden kann. Die Wellenlänge der 

^) Der auf S. 21 definierte Begriff des Sehfeldelementes deckt sich nicljt 
mit dem Begriffe des histologischen Elementes im Sehepithel. 



§B'4. über binäre Strahlgemische. 285 

letzteren liegt zwischen den Wellenlängen der beiden zur Mischung ver- 
wendeten Strahlungen und zwar je nach deren Mischungsverhältnis bald 
näher der einen, bald näher der anderen Wellenlänge. Solche aus zwei 
einfachen Strahlungen zusammengesetzte Strahlungen lassen sich als zwei- 
fache oder als binäre Strahlgemische bezeichnen. Wie man dieselben 
herzustellen vermag, wird später auseinandergesetzt. Es gilt dabei, den Gang 
der beiden Strahlungen so zu leiten, daß jede von beiden ein Außenfeld, 
d. i. das Mischfeld, ganz gleichmäßig erleuchtet, und daher an jedem 
Punkte des Feldes das Mischungsverhältnis das gleiche ist. 

Zwar lehrt schon die bloße Betrachtung des Mischfeldes, daß dessen^ 
Farbenton im Spektrum zwischen den Farbentünen der beiden Einzel- 
strahlungen liegt, doch ist zur genaueren Feststellung erforderlich, neben 
dem Gemische zugleich die einfache Strahlung gleichen Farben tones sicht- 
bar zu machen. Zu diesem Zwecke beleuchtet man nur die eine Hälfte 
des durch die Irisblende passend eingeengten Gesichtsfeldes des S. 280 er- 
wähnten kleinen Fernrohres mit dem Strahlgemisch, die andere mit der 
zunächst nach Gutdünken gewählten einfachen Strahlung und regelt die 
Intensität der letzteren oder die des Gemisches so, daß beide Hälften bei- 
läufig gleichhell erscheinen. Dabei wird, wenn man nicht zufällig schon 
die richtige einfache Strahlung gewählt hatte, der Farbenton beider Hälften 
verschieden sein. Man ändert nun in der, dieser Verschiedenheit ent- 
sprechenden Richtung die Wellenlänge der einfachen Strahlung, wonach 
sich jedoch wieder ein jetzt kleinerer Helligkeitsunterschied zeigen kann. 
Dieser wird abermals beseitigt, ev. die Wellenlänge der einfachen Strahlung 
nochmals berichtigt usw. Aber nur in besonderen, im folgenden näher zu 
besprechenden Fällen gelingt es, die Farben beider Hälften einander so weit 
gleich zu machen, daß sie weder im Farbentone noch im Freiheitsgrade 
noch in der Helligkeit eine merkliche Verschiedenheit zeigen, und auch 
dann ist nicht ausgeschlossen, daß bei gesteigerter Unterschiedsempfindlich- 
keit eine Ungleichheit doch noch bemerkbar sein würde. Insbesondere hat 
man sich zu hüten, das kleine Feld länger als 2 — 3 Sekunden zu fixieren, 
weil dann ein Unterschied, der hei gehöriger Aufmerksamkeit und Übung 
beim ersten Blick noch ganz leicht bemerkbar gewesen wäre, infolge ört- 
licher Anpassung der betroffenen Sehfeldstellen schon nach wenigen Sekun- 
den völlig verschwunden sein kann. 

Die Gleichheit des Farbentones, auf die es uns hier allein ankommt, 
ist sehr schwer festzustellen, wenn die beiden Farben in anderer Beziehung 
verschieden sind, sei es, daß die eine heller oder daß sie minder frei, d. h. 
merklicher mit Weiß, Grau oder Schwarz verhüllt erscheint (vgl. S. 52). 
Solche bei gleichem Farbentone merkliche Heliigkeits- und Verhüllungsver- 
schiedenheiten lassen sich selbst bei sorgfältigstem Verfahren besonders 
dann nicht ausschließen, wenn die beiden Strahlungen des Gemisches nicht 



286 Lehre vom Lichtsinn. 

demselben, sondern zwei benachbarten Hauptabschnitten des Spektrums an- 
gehören, um so weniger, je größer der Unterschied ihrer Wellenlängen ist. 
Für die Fälle nun, in welchen es möglich wird, zwischen dem binären 
Gemisch und der einfachen Strahlung eine wenigstens scheinbar tadellose 
Gleichheit der Farbe herzustellen, d. h. eine sogenannte Farbengleichung 
und nicht eine bloße Gleichheit des Farbentones zu erzielen, gilt die weitere 
sehr wichtige Regel, daß, wenn man bei gleichbleibendem Adaptationszustand 
des Auges die Intensität sämtlicher drei zur Herstellung der Farbengleichung 
benutzten Strahlungen in demselben Verhältnis steigert oder mindert, beide 
Hälften des Farbenfeldes ihre Helligkeit, ihre Freiheit und ev. auch ihren 
Farbenton in ganz gleicher Weise ändern, so daß immer eine Farbengleichung 
fortbesteht. Ebenso wie die einfache Strahlung bei Änderung ihrer Intensi- 
tät für unser Auge ihren Farbenton ändern kann, gilt dies auch für den 
Ton eines binären Strahlgemisches. 

Man erreicht die gemeinsame Intensitätsänderung aller drei Strahlungen 
an dem auf S. 280 beschriebenen Mischapparate in der einfachsten Weise 
dadurch, daß man den »Querspalt« weiter oder enger macht oder auch in 
minder bequemer Weise mit Hilfe eines in der Nähe des Querspalles an- 
gebrachten Episkotisters. 

Daß ein Gemisch aus zwei demselben Hauptabschnitte des Spektrums 
entnommenen Strahlungen denselben Farbenton zeigen kann, wie eine ein- 
fache im Spektrum zwischen diesen Strahlungen gelegene, und daß bei 
gemeinsamen Intensitätsänderungen aller drei Strahlungen die Gleichung 
zwischen der Farbe des Gemisches und der einfachen Strahlung fortbesteht, 
erklärt sich einfach durch die Annahme, daß jede der beiden chroma- 
tischen Urvalenzen des Gemisches die Summe der gleichnamigen 
Urvalenzen der beiden einfachen Strahlungen des Gemisches ist. 
Dann versteht sich ohne weiteres, daß die chromatische Wirkung auf die 
Sehsubstanz seitens des Strahlgemisches dieselbe ist, wie seitens der ein- 
fachen Strahlung. Ist dann auch die Summe der Weißvalenzen der beiden 
Strahlungen des Gemisches nicht merklich verschieden von der Weißvalenz 
der einfachen Strahlung, so versteht sich ferner, daß die Wirkung auf die 
Sehsubstanz nicht bloß in chromatischer, sondern in jeder Beziehung beider- 
seits gleich oder wenigstens so angenähert gleich ist, daß der etwa noch 
bestehende Unterschied unter der Schwelle der Merklichkeit bleibt. Eine 
solche für das helladaptierte Auge hergestellte Farbengleichung kann, weil 
sie eigentlich nur eine Farbentongleichung ist, zu einer Ungleichung werden, 
wenn an die Stelle des bestandenen Adaptationszustandes ein anderer tritt; 
denn ihr Fortbestehen würde zur Voraussetzung haben, daß die Empfindlich- 
keit des Auges gegenüber den Weißvalenzen aller drei benutzten Strahlungen 
sich mit dem Grade der Adaptation in demselben Verhältnis ändert, wie 
gegenüber den chromatischen Valenzen. Dies ist jedoch, wie später zu 



§ 64. Über binäre Strahlgemische. 287 

erörtern sein wird, nicht der Fall. Zunächst beschäftigen uns hier nur 
die chromatischen Valenzen. 

Über die Intensitäten, d. h. die Energiewerte der drei bei Herstellung 
solcher Farbengleichungen verwendeten Strahlungen sagt uns die Gleichung 
nichts aus. Wir erfahren also auch nichts darüber, wie sich der Energie- 
wert der einfachen Strahlung zu dem des ihr gleichscheinenden Gemisches 
verhält. Nur über die Verhältnisse der chromatischen Valenzen gibt uns 
die Gleichung gewisse Aufschlüsse. Es wäre freilich sowohl in theoretischer 
als in praktischer Hinsicht von größer Wichtigkeit, wenn wir jede der drei 
zur Gleichung benutzten Strahlungen nicht nur durch ihre Wellenlänge, 
sondern auch durch ihren Energiewert kennzeichnen könnten. Solange uns 
aber bei unseren Untersuchungen über die Beziehungen zwischen den physi- 
kalischen Eigenschaften des Lichtes und seinen psychischen Wirkungen 
keine zureichend bequeme und sichere Methode zur Messung des Energie- 
wertes einer Strahlung zur Verfügung steht, begnügen wir uns, die einzelne 
Strahlung außer durch ihre Wellenlänge durch die Spaltbreite zu kenn- 
zeichnen, bei welcher die Strahlung verwendet wird. Dabei ist immer, 
vorausgesetzt, daß die Lichtquelle, durch deren spektrale Auflösung wir die 
einzelnen Strahlungen gewinnen, in quantitativer uud qualitativer Beziehung 
bei jedem Einzelversuche wieder die gleiche ist. , 

Mischung zweier dem rot-gelben Spektralabschnitt ent- 
nommenen Strahlungen. Um die Ergebnisse der Mischung zweier dem- 
selben Hauptabschnitte angehöriger Strahlungen an einem Beispiele zu er- 
läutern, wollen wir eine Strahlung, deren mittlere Wellenlänge gleich der 
Wellenlänge der Linie C (656 n(,i) ist, mit einer Strahlung mischen, 
deren Wellenlänge gleich derjenigen der Natriumhnie D (589 {.i}.i) ist, die ich 
kurz als C-Strahlung und als D-Strahlung bezeichnen will. Da beide dem 
rot-gelben Abschnitte des Spektrums angehören, so hat jede von beiden 
eine rote und eine gelbe Urvalenz. Die einfache Strahlung, welche bei 
einem bestimmten Intensitätsverhältnis der beiden Strahlungen des Gemisches 
denselben Farbenton wie dieses zeigt, habe die Wellenlänge 600 ^/^f und 
diejenige Intensität, bei welcher beide Feldhälften einander gleich erscheinen. 
Aus dieser Gleichung folgt, daß die Summe der beiden Gelbvalenzen der 
Einzelstrahlungen gleich ist der Gelbvalenz der einfachen Strahlung von 
der Wellenlänge 600 ^if^ und ebenso die Summe der beiden Rotvalenzen 
der gemischten Strahlungen gleich der Rotvalenz der einfachen. Angenommen, 
diese Gleichung wäre hergestellt und man vertauscht nun die einfache 
Strahlung mit einer solchen von größerer Wellenlänge, so erscheint dann 
das entsprechende Halbfeld rötlicher als das vom Gemische bestrahlte. 
Jetzt genügt eine bloße Intensitätsminderung der D-Strahlung bei ganz 
unveränderter C-Strahlung, um dem Strahlgemisch denselben Farbenton zu 
geben, den die einfache Strahlung zeigt, und bei passend gewählter Inten- 



288 



Lehre vom Lichtsinn. 



sität der letzteren besteht wieder eine gute Gleichung. Ebenso läßt sich 
für alle übrigen zwischen 600 uu und 656 uu liegenden Strahlungen durch 
alleinige Verminderung der D-Strahlung eine gute Gleichung zwischen dem 
Strahlgemisch und dem einfachen Lichte herstellen. Umgekehrt kann man 
durch alleinige Minderung der C-Strahlung bei ungeänderter D-Strahlung 
dem Strahlgemische dieselbe Farbe geben, in welcher irgend eine zwischen 
den Wellenlängen 600 und 589 ^«a liegende Strahlung bei passender In- 
tensität erscheint 1). 

Jede von allen auf diese Weise hergestellten Gleichungen sagt in betreff 
der chromatischen Valenzen zwar aus. daß die Summe der Rotvalenzwerte 
der beiden gemischten Strahlungen gleichgroß ist wie der Rotvalenzwert 
der einfachen Strahlung und ebenso, daß die Summe der Gelbvalenzwerte 
der gemischten Strahlungen gleich dem Gelbvalenzwerte der einfachen; 
sie sagt jedoch nichts aus über die Einzelwerte der Rot- und der Gelb- 
valenzen in den drei Strahlungen. Die Gleichung lehrt nur, daß die beiden 
Rotvalenzwerte .der Strahlungen des Gemisches in bezug auf den Rot- 
valenzwert der einfachen Strahlung sozusagen komplementär sind, d.h. 
daß sie sich untereinander zu dem Rotvalenzwerte der einfachen Strahlung 
ergänzen, und daß von den Gelbvalenzwerten dasselbe gilt. 

Mischung zweier einfacher Strahlungen, welche zwei ver- 
schiedenen, aber aneinandergrenzenden Hauptabschnitten des 
Spektrums entnommen sind. Für die Fälle, in denen die beiden Strah- 
lungen des Gemisches zwei verschiedenen aneinandergrenzenden Haupt- 
abschnitten angehören und also im Spektrum eine urfarbig wirkende Strah- 
lung zwischen sich haben, mögen als erstes Beispiel die Gemische dienen, 
die sich aus der Strahlung von der mittlen Wellenlänge 671 ilijh, das ist 
die Wellenlänge der roten Lithiumhnie, und aus einer Strahlung von der 
mittlen Wellenlänge 535 ^<^, das ist die Wellenlänge der gelbgrünen Thal- 
liumlinie, herstellen lassen. Letztere Strahlung möge kurz als TZ-Strahlung, 
«rstere als L*- Strahlung bezeichnet werden. 

Aus diesen beiden Strahlurxgen läßt sich ein Gemisch bilden, das dem 
helladaptierten Auge weder grünhch noch rötlich, sondern rein gelb er- 
scheint. Lassen wir dann die Intensität der Li-Strahlung unverändert, 
mindern aber die Intensität der ^/-Strahlung, so wird die Farbe des Ge- 
misches rötlich und geht mit zunehmender Minderung der TZ-Strahlung 
durch Orange hindurch schließlich in Rot über. Lassen wir dagegen die 

4) Diese Art von Änderung des Mischungsverhältnisses zweier Strahlungen 
ist an dem von Helmholtz angegebenen Apparate für spektrale Farbenmischung 
nicht möglich, weil bei diesem beide Strahlungen des Gemisches aus demselben 
Kollimator stammen, der nur einen Spalt besitzt, durch dessen Verbreiterung die 
Intensität beider Strahlungen zugleich gesteigert wird. Es läßt sich also zwar 
jedes beliebige Mischungsverhältnis zweier Strahlungen herstellen, nicht aber die 
eine unabhängig von der anderen verstärken oder schwächen. 



B^^^^^^^^^^^^^^^^4. über binäre Strahlgemische. ^^^^^^^^^^ 

T^Z-Strahlung unverändert^ mindern aber mehr und mehr die Li-Strahlung, 
so wird das Gelb zunehmend grünlicher. Allen auf die eine oder andere 
Weise erzeugten Farben ist also eine mehr oder weniger deutliche Gilbe 
gemeinsam, während ihr zweiter bunter Bestandteil sich in einem Teil der 
Gemische durch eine mehr oder weniger deutliche Röte, im anderen durch 
eine mehr oder weniger -deutliche Grüne kennzeichnet. 

Während den Farben sämtlicher Gemische, deren beide Strahlungen 
aus demselben rot-gelben Abschnitte des Spektrums entnommen waren, 
eine mehr oder weniger deutliche Röte ebenso gemeinsam war, wie eine 
mehr oder weniger deutliche Gilbe, zeigen also die Farben der aus der 
Li' und der TZ-Strahlung erzeugten Gemische zwar sämtlich eine gewisse 
Gilbe, ihr zweiter bunter Bestandteil kann aber je nach dem' Überwiegen 
der einen oder der anderen Strahlung ein ganz verschiedener sein. Zur 
Beobachtung des Gesagien genügt auch hier schon die alleinige Betrachtung 
des Mischfeldes bei beliebiger Größe desselben, doch ist zur genaueren 
Untersuchung wieder erforderlich, neben jedem Gemische die einfache 
Strahlung sichtbar zu machen, deren Farbenton dem des Gemisches gleich 
ist, und womöglich wieder eine gute Farbengleichung herzustellen. Dies 
ist auch bei diesen Gemischen möglich, wenn das Farbenfeld klein und das 
Auge im Zustande einer guten Helladaptation ist. Hat jedoch infolge der 
Verfinsterung des übrigen Gesichtsfeldes die Helladaptation bereits wieder 
erheblich nachgelassen oder war sie schon anfangs ungewöhnlich gering, 
besteht also, anders gesagt, eine merkliche Dunkeladaptation, so erscheint 
das Gemisch in vielen Fällen weißlicher als die einfache Strahlung. Dies 
erschwert die Feststellung der Gleichheit des Farbentones und mahnt daran, 
die anfängliche Helladaptation wieder herzustellen. Ist das Auge genügend 
hell adaptiert, so kann man auch bei diesen Gleichungen wieder durch 
Änderung des Querspaltes alle drei zur Gleichung benutzten Strahlungen in 
gleichem Verhältnis vergrößern oder verkleinern, ohne daß eine Ungleichheit 
des Farbentones oder der Verhüllung beider Feldhälften bemerklich ist. 

Bei allen eben erwähnten Gleichungen addiert sich wieder die Gelb- 
valenz der T/-Strahlung zur Gelbvalenz der Lz-Strahlung und die Summe 
ist wieder gleich der Gelbvalenz der einfachen Strahlung. Anders verhält 
es sich mit der Rotvalenz der einen und der Grünvalenz der anderen 
Strahlung des Gemisches. Bei einem einzigen ganz bestimmten Mischungs- 
verhältnis erscheint das Gemisch rein gelb und hat also weder Rot- noch 
Grünvalenz, sondern nur die summarische Gelbvalenz. Die Rot- und Grün- 
valenz sind also zwei gleichgroßen antagonistischen Kräften zu vergleichen, 
aus denen sich für die Sehsubstanz keine Resultierende ergibt. Ihre Einzel- 
wirkungen heben sich bei ihrem Zusammentreffen gegenseitig auf. Bei 
jedem anderen Mischungsverhältnis ist entweder die Rotvalenz der LaJ-Strah- 
lung größer als die Grünvalenz der ^/-Strahlung, oder das Umgekehrte 

Hering, Lichtsinn. 4g 



290 



Lehre vom Lichtsinu. 



findet statt. Dann vermag die jeweils kleinere Urvalenz einen ihr selbst 
«Gleichgroßen Teil der anderen aufzuheben und nur der jeweilige Rest der 
letzteren bleibt als Rot- oder Grünvalenz des Strahlgemisches übrig. Das 
Größen Verhältnis dieses Restes zur summarischen Gelbvalenz des Gemisches 
bestimmt die Qualität der chromatischen Valenz des . letzteren , und die- 
jenige einfache Strahlung, in welcher dieses Größen Verhältnis dasselbe ist, 
zeigt denselben Farbenton wre das Gemisch. 

Geben wir der jeweils größeren von den beiden antagonistischen Ur- 
valenzen das -}-, der kleineren das — Zeichen, so können wir den bleibenden 
Rest der größeren als die algebraische Summe der beiden Urvalenzen 
bezeichnen und das Ergebnis sämtlicher Mischungsversuche mit der Li- und 
der T/- Strahlung dahin zusammenfassen, daß sowohl die Gelbvalenzen 
beider Strahlungen als die Rotvalenz der einen und die Grün- 
valenz der anderen sich algebraisch summieren. 

In § 13 wurde dargelegt, daß es keine bunte Gesichtsempfmdung 
(Sehqualität) gibt, welche zugleich einen gelben und einen blauen oder zu- 
gleich einen röten und einen grünen Bestandteil zeigt. Dies besagt zugleich, 
daß es auch keine einfache oder mehrfache Strahlung gibt, welche zugleich 
eine gelbe und eine blaue Valenz oder, was für die eben besprochenen 
Strahlgemische in Betracht kommt, zugleich eine Rot- und eine Grünyalenz 
hat. Für die einfachen Strahlungen liegt es schon im Begriffe der Valenz, 
da die Art der urfarbigen Bestandteile der von einer einfachen Strahlung 
bewirkten Farbe das Bestimmende für (lie Art der urfarbigen Teilvalenzen 
ist, welche wir der Strahlung zuschreiben. Für die zweifachen Strahl- 
gemische versteht es sich nunmehr auch, denn wenn gegenfarbige Ur- 
valenzen sich bei der Mischung gegenseitig ganz oder teilweise aufheben 
und nur der nicht neutralisierte Rest der größeren auf die Sehsubstanz 
wirkt, so kann das Strahlgemisch nie zwei gegenfarbige Urvalenzen zugleich 
enthalten. Aus unserer Analyse der bunten Farben als Sehqualitäten ergab 
sich nur die Erfahrungstatsache, daß Rot und Grün sich gegenseitig aus- 
schließen, und nur deshalb konnten sie dort als Gegenfarben bezeichnet 
werden. Die soeben beschriebenen Mischungsversuche haben uns nun ge- 
zeigt, daß sie sich deshalb ausschließen, weil sie sich in ihren Wirkungen 
auf die Sehsubstanz gegenseitig aufheben. Ihre Bezeichnung als Gegen- 
farben wird hierdurch vollends gerechtfertigt. 

§ 65. Die Sehsubstanz. Die Valenzen als auf das Sehorgan . 
wirkende Kräfte. Setzen wir wieder den Fall, die Sehsubstanz befinde 
sich in chromatisch neutraler Stimmung und das in einem Sehwinkel von 
etwa 4° erscheinende Kreisfeld des kleinen Fernrohrs unseres Spektroskopes 
sei mit einer Strahlung gleichmäßig beleuchtet, die einem der drei Kardinal- 
punkte des Spektrums, z.B. dem Urgelb {hlh (.tpi) entspricht. Fixieren 



§ 65. Die Sehsubstanz. 291 

wir einige Zeit, z. B. 20 Sekunden lang, den Mittelpunkt des leuchtenden 
Feldes, und setzen dann die Stärke der Strahlung durch Verengerung des 
Ouerspaltes mit mäßiger Geschwindigkeit mehr und mehr herab, so ver- 
bleicht gleichzeitig zusehends das Gelb, wird immer weißlicher und hierauf 
tonfrei weiß. Aber nur einen Augenblick besteht diese tonfreie Farbe, dann 
wird das Kreisfeld bläulich, und während die tonfreie Komponente der 
Empfindung mehr und mehr zurücktritt, wird das Blau freier und schöner. 

Stellt man denselben Versuch mit der dem urblauen Kardinalpunkte 
entsprechenden Strahlung an, so erscheint das Kreisfeld zuerst in einem 
stark mit Weiß verhüllten Blau, verliert dann während der Abschwächung 
der Strahlstärke mehr und mehr an Blaue, wird tonfrei und hierauf immer 
deutlicher gelb oder braun. 

Macht man drittens den Versuch mit der urgrün wirkenden Strahlung 
des Spektrums, so sieht man zunächst ein helles weißliches Grün, das bei 
Verminderung der Strahlstärke sich zunehmend verhüllt, vorübergehend 
tonfrei wird und dann in weißliches Rot umschlägt. 

Bei diesen Versuchen wird also, nachdem die bezügliche Strahlung 
einige Zeit mit unverminderter Stärke auf die betroffene Netzhautstelle ge- 
wirkt hat, die anfängliche urfarbige Empfindung durch bloße Minderung der 
Strahlstärke in eine tonfreie und sodann gegenfarbige Empfindung ver- 
wandelt. Die bunte urfarbige Komponente der anfänglichen Empfindung 
tritt gegenüber der ton freien immer mehr zurück, verschwindet dann ganz 
und die gegenfarbige Komponente tritt mit wachsender Deutlichkeit hervor. 
Übrigens bemerkt ein aufmerksamer Beobachter schon bevor die Strahlstärke 
vermindert wird, ein Zurücktreten der bunten Empfindungskomponente gegen- 
über der tonfreien. 

Währt die Fixierung der Mitte des von der einfachen Strahlung be- 
leuchteten Kreisfeldes länger als wie ich dies beispielsweise angenommen 
habe, so genügt eine kleinere Minderung der Strahlstärke, um die gelbe 
bzw. grüne oder blaue Urfarbe verschwinden und in ihre Gegenfarbe um- 
schlagen zu sehen; ist dagegen die Fixierungsdauer kürzer, so erfolgt der 
Umschlag erst bei einer größeren Minderung der Strahlstärke. Längere 
Dauer des Fixierens wirkt also in demselben Sinne wie' größere Minderung 
der Strahlstärke. (Auf individuelle Verschiedenheiten sowie die jeweilige 
Disposition des Beobachters wird später zurückzukommen sein.) 

Die in weiten Kreisen der Physiker und Physiologen eingebürgerte 
Ansicht, nach welcher für den farbentüchtigen Netzhautbezirk eines nor- 
malen Auges mindestens zwei (sogenannte komplementäre) einfache Strah- 
lungen eines Spektrums von nicht allzu großer Helligkeit^) zur Erzeugung 



i) Daß bei sehr hohen Strahlstärken fast alle einfachen Strahlungen mit Aus- 
nahme der langwelligsten weiß erscheinen können, ist längst bekannt 

19* 



292 Lehre vom Lichtsinn. 

der. weißen Empfindung nötig sind, trifft also hier nicht zu; vielmehr ver- 
mag man auch mit nur einer einfachen Strahlung eine tonfreie Weiß- 
empfindung in der beschriebenen Weise, wenngleich nur vorübergehend, 
herbeizuführen, und dies gilt von allen einfachen Strahlungen des Spektrums. 

Man könnte sich versucht fühlen, die beschriebenen Tatsachen irgend- 
wie aus einer mit der Dauer der Bestrahlung zunehmenden Ermüdung für 
den Reiz der Strahlung erklären zu wollen. Aber eine derartige Auffassung 
scheitert sofort daran, daß man auf jeder durch die Minderung der Strahl- 
stärke herbeigeführten Stufe der Farbenänderung die ursprünglich gesehene 
bunte Farbe sofort wiederherstellen kann, wenn man die Strahlstärke wieder 
auf ihre anfängliche Höhe bringt. Es genügt, in dem Augenblicke, wo das 
fixierte Kreisfeld eben weiß oder bereits in der Gegenfarbe erscheint, dem 
Querspalte, von dessen Breite die Stärke der auf das Auge wirkenden Strah- 
lung abhängt, rasch wieder die ursprüngliche Breite zu geben, um sofort 
auf dem Kreisfelde den anfangs gesehenen Farbenton in nahezu unver- 
ändertem Freiheitsgrade wieder erscheinen zu lassen. Dabei wirkt die 
Strahlung nicht nur fort, sondern wird während des Wiederansteigens ihrer 
Stärke auf die anfängliche Höhe sogar gesteigert; die vermeintliche Er- 
müdung müßte dabei noch weiter zunehmen und der bereits unkenntlich 
gewordene Farbenton müßte nun erst recht unter die Schwelle der Wahr- 
nehmung sinken. 

Auf die gleichzeitig mit den Farbenänderungen des Kreisfeldes ein- 
tretenden Änderungen des ganzen übrigen Sehfeldes wird später zurück- 
zukommen sein. Hier handelt es sich insbesondere darum, daß während 
der noch andauernden, wenngleich geminderten Bestrahlung des Kreisfeldes 
die Gegenfarbe der anfangs gesehenen Farbe mit voller Entschiedenheit 
erscheint. 

Die optische Valenz einer Strahlung läßt sich als eine auf 
das innere Auge wirkende Kraft betrachten. Wenn wir nun bei 
unserem Versuche sehen, daß das einige Zeit mit der urgelb wirkenden 
Strahlung beleuchtet gewesene Kreisfeld bei Abschwächung der Strahlstärke 
sofort seine Gilbe verliert und tonfrei weiß werden kann, so können wir 
sagen, daß die vorhergegangene gelbwirkende Beleuchtung in dem bestrahlten 
Gebiete des somatischen Sehfeldes eine der Gelbvalenz der Strahlung 
entgegenwirkende Kraft wachgerufen hat, durch welche die 
gelbwirkende Kraft aufgehoben oder neutralisiert wird; und 
wenn wir bei noch weitergehender Abschwächung der Strahlung das. Kreis- 
feld blau werden sehen, können wir sagen, daß die in der lebendigen 
Substanz des bestrahlten Gebietes geweckte Gegenkraft jetzt 
ein Übergewicht über die gelbwirkende Kraft der Strahlung 
gewonnen hat und daß sie eine blauwirkende ist. Je länger die Be- 
strahlung dauert, desto weiter entwickelt sich diese antagonistische Kraft 



§ 65. Die Sehsubstanz. 293 

und eine desto kleinere Minderung der Strahlstärke genügt zur Herstellung 
eines Gleichgewichtes zwischen den beiden Kräften bzw. zu einem Über- 
zuwiegen der blauwirkenden Gegenkraft. 

Diese Auffassung der optischen Valenz als einer auf das Sehorgan 
wirkenden allonomen Kraft, auf welche dieselbe mit einer autonomen Gegen- 
kraft reagiert, gibt zwar keine Erklärung der beschriebenen Tatsachen, ist 
aber, wie sich weiterhin zeigen wird, in mannigfacher Beziehung sehr zu- 
treffend. 

Auch andere Erscheinungen legen uns die Auffassung der Strahlungen 
als auf das Sehorgan wirkender Kräfte nahe. 

Der Mannigfaltigkeit der Farbentöne entspricht die Mannigfaltigkeit der 
geraden Linien, die auf einer Ebene von einem Punkte derselben ausgehen 
können. Denkt man sich diesen Punkt als Mittelpunkt des auf Tafel I dar- 
gestellten Farbenkreises, so gehört jeder Radius zu einem bestimmten Farben- 
tone des Kreises und kann als Vertreter dieses Farbentones gelten. Wie 
man auf dem Kompaß vier Hauptrichtungen unterscheidet, so lassen sich 
auch hier vier Radien als Hauptradien und alle übrigen als Zwischenradien 
bezeichnen. Den vier Hauptradien entsprechen die vier bunten Urfarben; 
der urrote Hauptradius liegt dem urgrünen , der urgelbe dem urblauen 
diametral gegenüber, und dasselbe gilt überhaupt von je zwei gegenfarbigen 
Zwischenradien. 

Da bei chromatisch neutral gestimmtem Auge jede optisch wirkende 
einfache Strahlung einen bestimmten Farbenton erzeugt und wir ihr des- 
halb eine qualitativ bestimmte optische Valenz zuschreiben können, so läßt 
sich, abgesehen von den Purpurtönen, jeder Radius auch als Vertreter einer 
solchen Valenz betrachten, und was soeben von den Farben der Haupt- 
und Zwischenradien gesagt wurde, gilt dann ebenso von den bunten Valenzen 
der einfachen Strahlungen. 

Erwägen wir endlich, daß jede Strahlung sich als eine auf das Seh- 
organ wirkende allonome Kraft ansehen läßt, auf welche die lebendige 
Substanz desselben mit der Entwicklung einer autonomen Kraft antwortet, 
so kann jeder Radius auch als Symbol der Richtung angesehen werden, in 
welcher eine dieser Kräfte wirkt, und der Mittelpunkt als Angriffspunkt 
derselben. Einer aus diesem Punkte auf dem Radius abgetragenen Strecke 
entspricht dann die Größe der optischen Valenz oder Kraft. 

Die geschilderten Versuche haben wieder sehr anschaulich gemacht, 
daß die Farbe nicht eine Eigenschaft der Strahlung ist und von der letz- 
teren dem Sehorgan nur mitgebracht wird, sondern daß sie auf einer 
Reaktion des Sehorgans beruht und das psychische Korrelat einer von der 
Strahlung in der Sehsubstanz bewirkten physischen Änderung ist. Ich kann 
deshalb, ohne ein Mißverständnis befürchten zu müssen, statt von einer 
gelb-, blau- usw. wirkenden Kraft kurz von einer Blaukraft, Gelbkraft usw. 

Hering, Lichtsinn. 



nqA Lehre vom Lichtsiiin. 

sprechen, wie ich bereits von einer Gelbvalenz," Blauvalenz usw. ge- 
sprochen habe. 

Wenn also z. B. die dem gelben Kardinalpunkte des Spektrums ent- 
sprechende Strahlung auf die chromatisch neutral gestimmte Sehsubstanz 
wirkt so kann ich sagen, es wirke jetzt auf letztere eine allonome Urgelb- 
kraft und die bei Wirkung derselben sich entwickelnde Gegenkraft kann 
ich als autonome Urblaukraft bezeichnen. Wirken beiderlei Kräfte gleich^ 
zeitig auf die Sehsubstanz, so heben sie sich, wenn sie im besonderen 
Falle gleichgroß sind, als diametral entgegengesetzte Kräfte in ihrer optischen 
Wirkung vollständig auf; wenn sie aber von verschiedener Größe sind, so 
bleibt nur die Differenz beider Größen im Sinne der größeren Kraft wirksam. 

Hätten wir also auf dem urgelben 
Fig. 77. Radius eine der Größe der allonomen 

^r Urgelbkraft entsprechende Strecke ab- 

getragen und wäre die entstandene 
Urblaukraft die kleinere von beiden, 
so hätten wir jetzt diese Strecke um 
. den entsprechenden Betrag zu kürzen.; 
i ^ falls aber die Urblaukraft die größere 

wäre, diese auf der dem blauen 
Radius entsprechenden Strecke um den 
Betrag der allonomen Urgelbkraft zu 
kürzen. Letzteren Fall versinnlicht 
^ Fig. 77, in der mg die Größe der zu 

einem bestimmten Zeitpunkte bestehen- 
den allonomen Urgelbkraft, mb die Größe der zu demselben Zeitpunkte 
bestehenden autonomen Urblaukraft und mbi den durch die allonome Kraft 
nicht neutralisierten und daher wirksam gebliebenen Rest der autonomen 
Kraft bedeutet {mb — mg = mb]). 



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