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Full text of "Gutsherrlich - bäuerliche Verhältnisse in Ostpreussen während der Reformzeit von 1770 bis 1830. Gefertigt nach den Akten der Gutsarchiv zu Angerapp und Gr.-Steinort"

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Böhme, Karl August 

Gutsherrlich-bauerliche 
Verhaltnisse in 0; tpreus^en 



taats- uod socialwisseDscliaftlicIie ForschuDM. 



Herausgegeben von 

Gustav Schill Ol 1er. 

Band XX. Heft 3. 



lutsherrlioh-bäueriiche Verhältnisse 
in Ostpreufsen 

während der ßeformzeit von 1770 bis 1830. 



Gefertigt nach den Akten der Gutsarchive 
zu Angerapp und Gr.-Steinort 



Dr. Karl Böhme. 



Leipzig, 

Verlag von D u n c k e r & H u m b 1 o t. 
1902. 




1 



Sri 11^ 



Staats- und socialwissenschaftlicb 
Forschungen 



h" 



herausgegeben 



von 



Gustav Schmoller. 



Zwanzigster Band. Drittes Heft. 

(Der ganzen Reihe neunzigstes Heft.) 

Dr. K. Böhme: Gutsherrlich-bäuerliche Verhältnisse in Ostpreufsen 
während der Reformzeit von 1770 bis 1830. 




Leipzig, 

Verlag von Duncker & Humblot. 
1902. 



Gutsherrlich-bäuerliche Verhältnisse 
in OstpreuFsen 

während der Reformzeit von 1770 bis 1830. 



Gefertigt nach den Akten der Gutsarchive 
zu Angerapp und Gr.-Steinort 



Dr. Karl Böhme. 




Leipzig, 

Verlag von Duncker & Humbio t. 
1902. 







Alle Rechte vorbehalten. 



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Inhaltsverzeichnis. 



Seite 

Einleitung 1 — 6 

Erstes Kapitel. 

Die -wirtschaftlichen Verhältnisse der Dorfbewohner 

und ihre sociale Gliederung von 1770—1806 .... 7—32 

I. Die eigentliche bäuerliche Bevölkerung. 

1. Die Hochzinser und Scharwerksbauern 7—15 

a) Ihre eigene Wirtschaft 7 — U 

b) Dienste und Abgaben an den Gutsherrn 11 — 14 

c) Die Umwandlung der Scharwerksbauern in Hoch- 
zinser 14—15 

2. Die Kossäten 15 

a) Ihre eigene Wirtschaft 15 

b) Dienste und Abgaben an den Gutsherrn 15 

8. Steuern und Dienste der bäuerlichen Bevölkerung an 

Staat und Gemeinde 15—16 

4. Würdigung der wirtschaftlichen, socialen und rechtlichen 
Stellung der bäuerlichen Bevölkerung unter Berücksich- 
tigung ihrer Verhältnisse während des ganzen 18. Jahr- 
hunderts 16—23 

IL Die nichtbäuerliche Bevölkerung 23—28 

1. Die Handwerker 23—24 

2. Die Krüger und Müller 24 

3. Die Losleute 24—26 

4. Die Schulbedienten 26—28 

III. Allgemeine Lasten der gesamten Dorfbevölkerung und ihr 

Vernältnis zu Staat und Gutsherrn 28—32 

Zweites Kapit eL 
Der gutsherrliche Grofsbetrieb während der Jahre 

1770—1806 33—60 

I. Die einzelnen Wirtschaftszweige 33 — 41 

1. Der Ackerbau 34—38 

2. Die Viehzucht 38—40 

3. Brauerei, Brennerei und Ziegelei 40—41 

4. Bienenzucht und Fischfang 41 



YI Inhaltsverzeichnis. 

Seite 

IL Organisation der Güter und Leuteverhältnisse ....... 41 — 52 

1. Administratoren und Kämmerer 41_42 

2. Instleute, Hof- und Hausgesinde 41—49 

3. Die Angestellten der landwirtschaftlichen Nebenzweige 49—50 

a) Hofleute, Hirten und Schäfer 49 

b) Brauer, Brenner und Ziegler 49—50 

4. Die Gutshandwerker 50—51 

5. Jäger, Forstbeamte und Gärtner 51 — 52 

IIL Das Verhältnis des Gutsherrn zu seinen Beamten und 

Unterthanen 52 — 54 

IV. Die Beziehungen des Staats zum Gutsbetrieb 54—56 

1. Seine Einwirkungen auf wirtschaftlichem Gebiet . . . 54 — 55 

2. Steuern und Dienste 55—56 

V. Die Stellung des Gutsbetriebs im Eahmcii der gesamten 

Volkswirtschaft 57—60 

L Einfuhr und Ausfuhr 57—59 

2. Güterpreise 59—60 

Drittes Kapitel. 

Die Bedeutung der Kriegsjahre 1806—1815 für die Land- 
wirtschaft 61—68 

I. Requisitionen und Lieferungen von 1806 bis zum Frühjahr 1813 61-63 

IL Die nur teilweise und späte Zahlung der Entschädigungsgelder 63—64 

IIL Mifsernten und Viehsterben 64 

IV. Die Anforderungen der Befreiungskriege 64—65 

V. Die Besteuerung der ländlichen Bevölkerung während und 

unmittelbar nach den Kriegen 65 — 66 

VI. Die Lage der unteren Klassen der Bevölkerung und der 
bäuerlichen Wirte 66 — 67 

VII. Die Verhältnisse des Grofsgrundbesitzes 67 — 68 

Viertes Kapitel. 

Die Regulierung der gutsherrlich - bäuerlichen Ver- 
hältnisse 69—75 

I. Der Vorgang der Regulierung an sich 69 — 72 

IL Die Wirkungen der Regulierung 72—75 

1. Auf die bäuerlichen Besitzverhältnisse 72—73 

2. Auf den gutsherrlichen Grofsbetrieb 73 — 75 



Fünftes KapiteL 

Die Bemühungen der Interessenten und des Staates um 
die Wiedergesundung der ländlichen Wirtschaften . . 76—86 
I. Die allgemeine Lage der Landwirtschaft um 1820 und die 
Verschuldungsverhältnisse des Grofsgrundbesitzes im be- 
sonderen 76 — 79 

IL Die Vergütungen für Kriegsverluste und Regulierung, sowie 

besondere staatliche Unterstützungen 79—90 

IIL Die Hebung der Schafzucht 80—83 

IV. Die Verbesserung der Pferdezucht 83—85 



Inhaltsverzeichnis. VII 

Seite 

V. Die Gründung des landwirtschaftlichen Centralvereins für 

Littauen und Masuren 85-86 

Sechstes Kapitel. 

Kurze zusammenfassende Darstellung der weiteren Ge- 
schicke der ländlichen Bevölkerung Ostpreufsens bis 

zum Ausgang des 19. Jahrhunderts 87 — 94 

I. Die Wiedererholung des Grofsgrundbesitzes und das weitere 
Siechtum des Bauernstandes und der ländlichen Arbeiter- 
bevölkerung (1830—43) 87—89 

II. Die Periode des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs 
aller grundbesitzenden Klassen der ländlichen Bevölkerung 
von 1844-1863 89—91 

III. Die Erstarkung des Bauernstandes und der Beginn des 

Arbeitermangels beim Grofsgrundbesitz (1863 — 1900) . . . 91 — 94 

Anhang I 95-99 

Anhang II 100—107 



Die im 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts in Ostpreufsen 
üblichen und in der Arbeit erwähnten Mafse, Gewichte und 

Münzsorten. 

I. Flächenmafse: Die kullmische Hufe = 17 ha. Sie umfafst 
30 kullmische Morgen, der Morgen 300 Quadratruten. 

II. Hohl mafse: Der altpreufsische Scheffel = 54,462 Liter hat 16 
Metz. 1 Ohm= 137,404 Liter, hat 110 Stof , 1 Stof ist etwas gröfser als 
Vli Liter. 

m. Gewichte: 1 Centner hat 110 Pfund, 1 Stein 22 Pfund. 

IV. Münzsorten: Der Thaler hat 90 Groschen, der Groschen 18 
Pfennige, jedoch ist der Pfennig nur Kechnungsmünze. Der Gulden hat 
HO Groschen, die Mark 20 Groschen. Seit 1822 hat der Thaler 30 Silber- 
groschen, der Silbergroschen 12 Pfennige. 



Einleitung. 



Angeregt durch die Forschungen Knapps und seiner Schüler 
und durch seinen verehrten Lehrer, Herrn Professor Dr. Lam- 
precht in Leipzig, auf die im volkswirtschaftlichen Seminar 
zu Halle unter Conrads Leitung entstandenen Specialschilde- 
rungen der Entwicklung einzelner Güterkomplexe ^ aufmerksam 
gemacht, hatte der Verfasser eine nach der einen oder der 
anderen Richtung ähnliche Arbeit für seine Heimatprovinz 
Ostpreufsen beabsichtigt. 

Ein glücklicher Umstand gab ihm bald Gelegenheit, seinen 
Entschlufs zu verwirklichen. In dem Herrn von Farenheid- 
Beynuhnen gehörigen Angerapper Gutsarchiv (Kreis Darkehmen) 
fand sich ein reichhaltiges Aktenmaterial, das zwar zu un- 
vollständig war, um eine auch in technischer Beziehung tiefer 
dringende Schilderung der landwirtschaftlichen Verhältnisse zu 
gestatten, das aber die allgemeineren Züge der bäuerlichen 
und gutsherrlichen Wirtschaft erkennen und von dieser Grund- 
lage aus ein schärferes Bild der socialen und rechtlichen Stel- 
lung aller Klassen der ländlichen Bevölkerung gewinnen liefs. 
Das im Archiv vorhandene Material bezog sich auf die Güter 
und Dörfer, welche während der Jahre 1770 — 1830 im Besitz 
des Kriegs- und Domänenrats Johann Friedrich Wilhelm von 
Farenheid^ gewesen waren. Einer Königsberger Patricier- 



' Es sind dies die Arbeiten von 1. Graf Goertz-Wrisberg „Die Ent- 
wicklung der Landwirtschaft auf den Goertz-Wrisbergschen Gütern in 
der Provinz Hannover auf Grund archivalischen Materials", Jena 1880. 
2. J. Heisig. „Historische Entwicklung der landwirtschaftlichen Verhältnisse 
auf den reichsgräf lich-freistandesherrlich Schaögotschischen Güterkomplexen 
in Preufsisch- Schlesien", Jena 1884; 3. A. Backhaus, „Entwicklung der 
Landwirtschaft anf den Gräflich-Stolberg-Wernigerodischen Domänen", 
Jena 1888. 

^ Über die persönlichen Verhältnisse v. F. wie seines Sohnes Fried- 
rich Heinrich v. F. vergleiche Georg Krueger, „Beiträge zur Geschichte 
der Familie Farenheid", Königsberg 1900, ferner die kleine Schrift „Fried- 
rich Heinrich Johann v. Farenheid, eine biographische Skizze", schliefs- 
lich Adolf Rogge, „Geschichte der Diöcese Darkemen" , Darkemen, Seite 
165— 187. — Beide haben sich um die Entwicklung der ostpreufeischen 

Forschungen XX 3. — Böhme, 1 



2 XX 3. 

familie entstammend, hatte v. F, sein, namentlich vom Vater 
und Grofsvater erworbenes, für damah'ge Verhältnisse ungeheures 
Vermögen im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts in Grund- 
besitz angelegt. Auf die Angerapper Begtiterung war bereits 
1762 das Vorkaufsrecht durch seinen Vater erworben worden. 
Am weitesten nach Osten gelegen, an der Stelle, wo die 
Angerapp, der erste Nebenflufs des Pregels auf der linken 
Seite , zum zweiten Mal von ihrem Lauf im rechten Winkel 
abweicht, erstrecken sich vier von ihren Vorwerken und zwei 
Dörfer geschlossen bis zu den Szabiener Seen, während das 
Vorwerk Zargen und das Dorf Schupowen 6 km südlich, das 
Gut Gotthardsthal und das Dorf Jotschin 7 km nördlich von 
ihnen getrennt liegen. Westlich an die Angerapper Güter 
schliefsen sich , in der Hauptsache am linken Ufer der Ange- 
rapp gelegen, die Beynuhner Güter, zehn Vorwerke und neun 
Dörfer, 1798 erworben, an diese weiter westlich dieDombrowker 
Güter, zwei Vorwerke und zwei Dörfer, sodann bis zum ersten 
rechten Winkel der Angerapp sich erstreckend, die Launicker 
Begüterung an, vier Vorwerke, vier Dörfer und einen Krug 
umfassend. Gänzlich durch die königliche Skallischer Forst 
von ihnen getrennt. Hegt 9 km südlich das Gut Popiollen. In 
der Hauptsache nimmt dieser etwa 800 kullmische Hufen 
=^ 13600 ha grofse Komplex den gröfsten Teil des Südens des 
heutigen Darkehmer Kreises ein. Einige 20 km westlich von 
seinem nordwestlichen Zipfel beginnt, im Nordosten des heutigen 
Gerdauer Kreises gelegen, die Herrschaft Gnie, drei Vorwerke, 
vier Dörfer und ein Krug, 1778 erworben ; an diese schliefsen 
sich im Nordosten die Neuastrawischker Güter, drei Vorwerke, 
zwei Dörfer und ein Krug, im Nordwesten die Graffmauenschen 
Güter, ein Vorwerk und ein Dorf an, diese bereits im Süden 
des Wehlauer Kreises gelegen. Auf letztere folgen nördlich 
Nagurren, zwei Vorwerke und ein Dorf, und an dem letzten 
rechtenWinkel der Alle, bevor sie in den Pregel tritt, die Eiser- 
wager Begüterung, acht Vorwerke, zwei Dörfer und ein köll- 
raisches Gut. Den Beschlufs macht am weitesten im Norden 
Koppershagen , ein Vorwerk, ein Dorf und ein Krug. Dieser 
nordwestliche Komplex umfafst etwa 650 kullmische Hufen, 
:^= 11 050 ha, er trägt rein deutschen Charakter, während das 
erste Gebiet alter littauischer Boden ist ^ Das Material für 



I 



Landwirtschaft die gröfsten Verdienste erworben und gehören zu den 
hervorragendsten und dabei liebenswertesten Persönlichkeiten, die die 
Provinz Preufsen w-ährend des Zeitraumes von 1770— 1849 aufzuweisen hat. 
' Der Kreis Darkehraen zählte noch 1825 in seinen Landgemeinden 
neben 18315 Deutschen 2970 Littauer, obwohl die Germanisierung gerade 
in den vorangegangenen Jahren stark fortgeschritten war. Die Kreise 
Wehlau lind Gerdauen zeigten schon 1825 eine rein deutsche Bevölkerung. 
Über die Bevölkerungs- und Nationalitätsverhältnisse vergl. v. Haxthausen 
„Die ländliche Verfassung in den einzelnen Provinzen der preufsischen 
Monarchie", Königsberg 1839. 




XX 3. 3 

die hier aufgezählten Güter und Dörfer erwies sich, namentlich 
was die bäuerlichen Verhältnisse angeht, als überaus reichlich ; 
in erster Linie kamen dabei die zahlreichen Besatzbriefe und 
die auf Grund staatlicher Anordnung angefertigten Tabellen in 
Frage. Ebenso genügten die Angaben über den gutsherrlichen 
Grofsbetriebj um ein allgemeines Bild von den Verhältnissen 
desselben zu erhalten. l3agegen war es nicht möglich, näher 
in die Wirtschaft der Inhaber der für Ost- und Westpreufsen 
so wichtigen köllmischen^ Güter einzudringen. Material für 
diesen Zweck war einmal schon deshalb nicht vorhanden, weil 
die köllmischen Güter als unabhängige Gutsbezirke ^ selten in 
Beziehungen zu den Inhabern der adligen Güter getreten sein 
werden, die Köllmer selbst aber noch wirtschaftlich zu rück- 
ständig waren, um eine Buchführung vorzunehmen. Anderer- 
seits hatte namentlich die littauische Gegend als Hauptherd der 
Pest (1709 — 1711) eine aufserordentlich starke Verminderung 
der köllmischen Güter durch Einziehung seitens des Staates 
erfahren ^ sodafs sie hier verhältnismäfsig selten waren. 

Eine wertvolle Ergänzung dieses Materials ergab eine Unter- 
suchung des Graf lieh - Lehndorfschen Steinorter Archivs im 
Kreise Angerburg. Dieser Kreis, in dessen Landgemeinden 
noch 1825 12 297 polnisch sprechende Masuren 9105 Deutschen 
gegenüberstanden, zeigte im 18. Jahrhundert einen noch weit 
schärfer ausgeprägten masurischen Charakter der Bevölkerung, 
so dafs er besonders zum Vergleich mit den rein deutschen 
und deutsch-littauischen Gegenden geeignet ist. Die Herr- 
schaft Steinort selbst liegt in seinem westlichen Teile über 
20 km südlich vom Südwestende des littauischen Komplexes 
zwischen Mauer- und Dobenschsee, ihre 8 Dörfer und 8 Vor- 
werke haben eine Gesamtgröfse von 270 kullmischen Hufen 
= 4590 ha. 1791 erstand der Graf von Lehndorf* die 
wenig nördlicher gelegenen Güter Resau, Gr. Guya und 

^ Das zu den Farenheidschen Gütern gehörige, 4 kullmische Hufen 
gxofse, köllmische Gut Eschenbruch hatte 1811 an lebendem Inventar acht 
Pferde, vier Ochsen, drei Kühe, vier Schafe, sechs Schweine, drei Gänse, 
an Aussaat 5 Scheffel Weizen, 15 Roggen, 35 Gerste, 20 Hafer, 13 Erbsen, 
1 Bohnen, 4 Wicken, 1 Lein und 10 Kartoffeln. An Heu wurden 18 Fuder 
zu 13 Centner gewonnen. Die Kontribution betrug 32 Thlr. 62V2 gr.. die 
übrigen Abgaben 10 Thlr. 80 gr. 6 Pf. 

" V. Brunn eck; „Zur Geschichte des Grundeigentums in Ost- und 
Westpreufsen. I. Die köllmischen Güter", Berlin 1891. Vergl. Seite 70 ff, 

^ A. Hom, „Die Verwaltung Ostpreufsens seit der Säcularisation 
1525-1875", Königsberg 1890. Vergl. Seite 326. 

* Die Familie von Lehndorf gehört zu den am frühesten in der Pro- 
vinz Preufsen ansässig gewordenen Adelsgeschlechtern und ist auf das 
engste mit der Geschichte des preufsischen Staates verwachsen. Auch in 
wirtschaftlicher Beziehung hat sie nicht unbedeutende Verdienste, so 
namentlich um die Hebung der Pferdezucht zu Ende des 18. und zu An- 
fang des 19. Jahrhunderts. Vergl. „Deutsches Gestüts-Buch" von v. Schwartz 
und Krocker, Berlin 1872. 

1* 



4 XX 3. 

2 köllmische Krüge, im ganzen 47 Hufen = 799 ha dazu. Auch 
aus den Akten über diesen Besitz war eine Vervollständigung 
der Arbeit zu gewinnen. Im ganzen werden die geschilderten 
Verhältnisse für die Kreise Wehlau, Gerdauen, Angerburg und 
Darkehmen typisch sein. Aufser diesen Akten (einige wenige 
Ergänzungen konnten auch dem im Königsberger Staatsarchiv 
vorhandenen Material entnommen werden) wurde in erster 
Linie die aufserordentlich wertvolle Chronik Friedrich Tribu- 
keits : „Schilderung aus dem Leben der preufsisch-littauischen 
Landbewohner des 18. und 19. Jahrhunderts" Insterburg 1894, 
benutzt. Diese während der Jahre 1864 — 75 entstandene 
Chronik eines Besitzers betrachtet in erster Linie die Ver- 
hältnisse des, in unmittelbarer Nähe der Angerapper Güter 
gelegenen , königlichen Dorfes Christiankehmen , enthält aber 
aufserdem eine Menge von allgemeinen Bemerkungen, die als 
Ausflufs eines mit aufserordentlicher Verstandesschärfe und 
dem wärmsten Empfinden ausgerüsteten Praktikers erscheinen. 
Soweit andere Werke benutzt wurden, ist in Anmerkungen 
darauf hingewiesen worden. 

Es 'sind lediglich die Verhältnisse der adligen Bauern, 
die in dieser Arbeit eine Behandlung erfahren haben, auf die 
Domänenbauern konnte , wie es ja das Material erklärlich 
macht, nur gelegentlich hingewiesen werden. Indem die 
Arbeit mit einer Darstellung der ländlichen Zustände während 
des letzten Drittels des 18. Jahrhunderts beginnt, um sodann 
die Einflüsse der Kriegsperiode von 1806 — 15 und der Regu- 
lierung zu betrachten, wird es notwendig, sich in kurzen 
Zügen die Entwicklung der ländlichen Verhältnisse von der 
Kolonisation bis zum 18. Jahrhundert zu vergegenwärtigen. 
Der Verfasser folgt hierbei den Darstellungen v. Brünnecks 
in der Zeitschrift der Savignystiftung für Rechtsgeschichte, 
Germ. Abt., Band 8 und Arthur Kerns in Band 14 der 
Forschungen zur brandenburgisch-preufsischen Geschichte. 

Bis zum 15. Jahrhundert war in Preufsen der Orden der 
einzige Grundherr geblieben-, unter ihm safsen zu köllmischem 
Recht die deutschen Besitzer, alle rechtlich gleich gestellt, 
neben ihnen die preufsischen Freien und unter ihnen die 
Masse der preufsischen Bauern, die erst nach dem Wieder- 
abfall vom Christentum Recht und Freiheit verwirkt hatten. 
Noch war Erwerbs- und Vertretungsfähigkeit auch dieser 
Bevölkerungsklasse über jeden Zweifel erhaben, noch wurde 
an Kinder und Blutsfreunde vererbt, Scharwerksdienste nur 
dem Orden geleistet. 

Einen bedeutsamen Umschwung in diesen Verhältnissen 
führten erst die Kriegswirren des 15. Jahrhunderts und die 
Niederlage Polen gegenüber herbei. 

Der Orden, in dauernder Geldnot, sah sich gezwungen, 
seine grundherrlichen Rechte zum grofsen Teil zu veräufsern, 




I 

II 




XX 3. 5 

ein erster Stamm gröfserer Grundbesitzer entstand. Infolge 
der Entvölkerung des Landes trat bald ein bedenklicher 
Arbeitermangel ein, der nicht durch Zuzug aus Deutschland 
gedeckt werden konnte, da die im Thoruer Frieden erfolgte 
Abtretung Westpreufsens an Polen die Einwanderung er- 
schwerte. Die Verhältnisse waren damit reif für eine Schollen- 
pflichtigkeit der Bauern. In dieser Richtung wirkte auch die 
nahe Verbindung mit Polen , das einen sehr herabgedrückten 
Bauernstand aufwies. In den Landesordnungen wurde jetzt 
die Loslassung der Bauern erschwert, das Recht des Grund- 
herrn an der Fahrhabe der Entwichenen festgestellt. Zwar 
mifsglückten vorläufig die Versuche, die Verschuldungsfreiheit 
der Bauern einzuschränken, und noch im Testament Herzog 
Albrechts vom 15. Februar 1567 wurden alle Preufsen für 
frei erklärt, eine Bestimmung, der aber nur die Städte Folge 
leisteten. Bereits die Landesordnung von 1577 zeigt den ent- 
scheidenden Sieg des Adels, Zwangsgesindedienst wurde ein- 
geführt, und Verschuldung an die Genehmigung des Grund- 
herrn geknüpft. Die Oberrechte über die preufsischen Freien 
waren ebenfalls an den Adel verkauft worden und auch sie 
mit Scharwerk überlastet, sodafs sie bereits 1525 sich am 
samländischen Bauernaufstand beteiligten. Der Niedergang 
und die Verschmelzung beider Stände vollzog sich immer 
weiter, sodafs wir im 17. Jahrhundert einen Zustand haben, 
den Kern mit folgenden Worten charakterisiert: „Damals 
hatte der Bauernstand sein tiefstes sociales Niveau erreicht, 
der Bauer konnte damals wohl auch losgelöst von der Scholle 
verkauft werden und mufste thatsächlich gewärtig sein, nach 
Belieben der Herrschaft seinen Hof mit einem andern zu 
vertauschen. Seine Kinder dienten ihr zu dem in der Gesinde- 
ordnung festgesetzten Minimallohn, solange es ihr pafste, und 
daraus folgte, dafs sie auch deren Verehelichung hintanhalten 
durfte." Nach einer Relation von 1724 wurde der Bauer auf 
die Hufe, „wie ein Hofmann auf ein kleines Vorwerk" ge- 
setzt. Wenn v. Brünneck z. T. nur die Verhältnisse im 
westlichen Teil der Provinz Ostpreufsen im Auge zu haben 
scheint, so berücksichtigt doch Kern auch den Regierungs- 
bezirk Gumbinnen , und da die nachfolgende Arbeit im ein- 
zelnen, wenn sie auf frühere Verhältnisse zurückgreift, seine 
allgemeine Darstellung bestätigt, so werden wir die im voran- 
gegangenen gegebene kurze Charakteristik der Entwicklung 
der Provinz Preufsen auch für den Regierungsbezirk Gum- 
binnen annehmen dürfen, wenn auch die Kolonisation des- 
selben etwa 200 Jahre später als die des Regierungsbezirks 
Königsberg erfolgt ist^. Damit sind wir zum Zeitpunkt, an 



* Altpr. Monatsschrift. Neue Folge. Band 21. „Das Pestjahr 1709 bis 
1710 in Preufsen" heifst es auf Seite 497- „Die Kolonisation von Littauen, 



XX a 



ist^ 



dem die Detailforschung einsetzt, gelangt. Ihr Zweck 
von der Ergründung der wirtschaftlichen Verhältnisse aus 
ein tieferes Erkennen der socialen und rechtlichen Lage der 
Landbevölkerung zu ermöglichen und damit die unentbehr- 
liche Grundlage zu schaffen , von der aus die bedeutsamen 
Reformen zu Anfang des 19. Jahrhunderts in ihren augen- 
blicklichen Wirkungen und weiteren Folgen klar erfafst werden 
können. 



der Hauptsache nach der heutige Regierungsbezirk Gumbinnen, wenn mai» 
sich dessen Grenzen etwas weiter westlich gerückt denkt, ist wohl 200 
Jahre jünger als die Kolonisation des Regierungsbezirks Königsberg" und 
dann weiter: „Erst nach 1466 sind manche adlige Geschlechter nach Osten, 
gewandert." 



Erstes Kapitel. 

Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Dorfbewohner 
und ihre sociale Gliederung von 1770—1806. 



In weit höherem Mafse als in jeder andern preufsischen 
Provinz haben die Kriegsjahre von 1806 — 15 das Gleichgewicht 
in den wirtschaftlichen Verhältnissen Ostpreufsens für lange 
Jahre vernichtet. Trat die Regulierung der gutsherrlich- 
bäuerlichen Verhältnisse und die damit verbundene bedeutsame 
Veränderung in der wirtschaftlichen Verfassung auch erst 
1819 — 22 ein, so mufste eine Darstellung, die es sich zur 
Aufgabe machte, ein Bild zu entrollen von den landwirtschaft- 
lichen Verhältnissen vor der Regulierung, doch bereits mit 
dem Jahre 180(5 abschliefsen , da hier die im allgemeinen 
ruhige und stetige Entwicklung des ländlichen Wirtschafts- 
lebens durch staatlich-politische Ereignisse diesen Charakter 
verliert ^ Die Schilderung der Ausnahmeverhältnisse von 
1806 — rl815 bleibt daher einem besonderen Abschnitt vorbe- 
halten. 

In ganz anderer Weise als nach der Regulierung standen 
in der ihr vorangegangenen Zeit die Vorwerke des Gutsherrn 
im Mittelpunkt des ländlichen Wirtschaftslebens. Der auf 
ihnen zu erzielende Ertrag war der Grund aller wirtschaft- 
lichen Mafsnahmen, das Dorf und seine Bewohner nicht um 
seiner selbst willen, sondern um seiner Leistungen für Gut 
und Grundherrn da. Nur eine Schranke gab es, die der 
Ausbeutung der Dorfbewohner durch den Gutsherrn gesetzt 
war, das Interesse des Staates an einer zahlreichen, zum 
Heeresdienst geeigneten und steuerkräftigen ländlichen Be- 



^ V. Haxthausen sagt Seite 92: „Der Zustand unmittelbar vor der 
Ausführung jener neuen Gesetzgebung kann gar kein Bild von der älteren 
Landwirtschaft geben. Durch die Kriege und Drangsale von 1807—1815 
war diese vielmehr so vollständig zerrüttet, ihrer Inventarien und Betriebs- 
kapitale beraubt, dafs man aus ihrem damaligen Bestände allerdings den 
Normalzustand, wie er 1806 gewesen, nicht beurteilen konnte." 



8 XX 3. 

völkerung. War dieses bedroht infolge allzu starker Fronden 
und Abgaben oder zu umfangreicher Bauernlegungen, so griff 
wohl die Staatsgewalt vermittelnd mit Erfolg ein, die Humanität 
hat selten und nie dauernd Erfolge erzielt. Im grofsen und 
ganzen war das Interesse des Gutsherrn die bewegende Kraft 
im ländlichen Wirtschaftsleben, und nur unter diesem Gesichts- 
punkt kann auch das Leben der Dorfbewohner richtig ver- 
standen werden. 

Die Dörfer, in denen sich Hof an Hof reihte, — erst nach 
der Neuordnung und Separation begannen die einzelnen Be- 
sitzer sich auszubauen, — weisen keine wesentlich andere 
Schichtung der Bevölkerung auf wie im ganzen neunzehnten 
Jahrhundert darauf. Nur zahlenmäfsig werden sich Unter- 
schiede feststellen lassen. Den wichtigsten Bestandteil bilden 
auch in dieser Zeit Bauern und Kossäten, letztere bewohnen 
häufig zu zweien ein Haus. Die Hinterstube des Bauern- 
hauses war an Losleute, Hirten und Handwerker vermietet, 
zuweilen hatten die Bauern die Verpflichtung, den gutsherr- 
lichen Instleuten Wohnung zu gewähren. Unter den Dorf- 
handwerkern sind am stärksten die Schneider vertreten, oft 
durch drei voneinander unabhängige Personen in einem Dorfe, 
fast überall ist ein Schmied anzutreffen, weniger häufig 
Schuhmacher, Töpfer, Maurer, Zimmermann, Tischler, Böttcher, 
Drechsler, Rademacher, sehr selten Salzsäller, Tabakpflanzer 
und Fleischer. In jedem Dorf findet sich ein Krüger, häufig 
auch ein Müller, in jedem vierten bis fünften ein Schul- 
bedienter und ein Unterförster oder Waldwart. Die Kirch- 
dörfer haben oft zwei Geistliche , einen Pfarrer und einen 
Kaplan , meist einen Glöckner, die Pfarrwitwenhufe hat fast 
immer eine Inhaberin. 

Bei der Betrachtung der einzelnen Klassen wird sich als 
Ausgangspunkt die Eigenwirtschaft des einzelnen am besten 
eignen, um sodann zu einer Klarlegung der Abhängigkeits- 
verhältnisse und Pflichten gegenüber Gutsherrn und Staat 
zu gelangen. 

Die Gröfse der Bauerngüter schwankte zwischen ^'2 und 
2 kullmischen Hufen , also zwischen 15 — 60 kulimischen Morgen 
= 8V2 — 34 ha. Unter den 287 Bauernerben, die sich auf 31 
V. Farenheid gehörige Dörfer verteilten , war bei 28 Dörfern mit 
271 Bauern eine Feststellung der Besitzgröfse möglich. Es waren 
13 Bauernhöfe oder o'^io ^12 Hufe oder 8V2 ha, 21 oder S^io 
1 Hufe oder 17 ha, 174 oder 64 "/o zwischen 1 Hufe 5 Morgen 
(19-^/6 ha) und 1 Hufe 25 Morgen (ßVie ha) grofs, das Normal- 
mafs in dieser Klasse war 1^/2 Hufen oder 25^/2 ha, schliefs- 
lieh 63 Güter oder 23 ^/o in der Gröfse von 2 Hufen oder 
34 ha. Zu Steinort gehörten 6 Dörfer mit 71 Bauern, die 
im Besitze von je 2 Hufen oder 34 ha waren, und 2 Dörfer 
mit 19 Bauern mit je VI2 Hufen oder 25^/2 ha. Demnach 



XX 3. 9 

herrschten im deutschen und littauischen Teil die Güter mit 
IV2 Hufen = 25^/2 ha, im masurischen Teil die Güter mit 
2 Hufen = 34 ha vor. Im allgemeinen hatten die Dörfer 
nur Besitzungen einer Gröfsenklasse, eine Ausnahme davon 
machten die Dörfer Schneiderin und Efszergallen. 

Wenden wir uns zunächst zur Wirtschaft der eigentlichen 
Bauern. — Ausnahmslos herrschte die mit Flurzwang ver- 
bundene Dreifelderwirtschaft. Die Hauptwinterfrucht war 
Roggen, erst Ende der siebziger Jahre beginnt vereinzelt 
Weizen aufzutauchen, ohne jedoch in der Regel eine Aussaat- 
menge von ^/a — 2 Scheffeln zu überschreiten, freilich säte im 
deutschen Gebiet bereits 1752 mancher Bauer bis 5 Scheffel 
aus. An Roggen wurden gewöhnlich 18 — 25 Scheffel, an 
Hafer 15 — 20, Gerste 7 — 10 und Erbsen ^/2 — 2 Scheffel aus- 
gesät. Durchweg waren infolge der niedrigeren Kultur des 
Bauernlandes auch die Erträge geringer als auf den Gütern. 
Nach einem Bericht von 1799 wurde von Weizen und Roggen 
auf dem Hauptgut Angerapp das siebente Korn, auf den Vor- 
Averken das fünfte bis sechste, in den dazu gehörigen Bauern - 
dörfern das vierte Korn gewonnen, bei Gerste und Hafer 
waren die Unterschiede geringer; Kartoffeln begannen erst all- 
mählich Fufs zu fassen, in der Regel wurden sie in dem Ge- 
köchgarten, den jeder Bauer in der Gröfse von etwa 200 
Quadratruten besafs, gepflanzt. Es ist jedoch unrichtig, wenn 
Tribukeit ^ in seiner Chronik das Jahr 1790 als den Zeitpunkt 
eines allgemeinen Vordringens der Kartoffel angiebt, derselbe 
ist bereits 12 — 15 Jahre vorher anzusetzen. Man findet Ende 
der siebziger Jahre bereits ganz ansehnliche Mengen , bis 10 
Scheffel Kartoffelaussaat, und bei dem Ausgedinge von Alt- 
sitzern werden stets etwa 2 Scheffel Kartoffelaussaat gefordert, 
ein Beweis, wie wenig entbehrlich diese Frucht bereits ge- 
worden ist. Weit geringer ist die Aussaat an Bohnen , Raps, 
Lein, Hanf und Rübensamen. Der Obstbau soll nach Tribu- 
keit ^ den Bauern nicht unbeträchtliche Einnahmen gebracht 
haben, die Akten schweigen darüber. Das lebende Inventar 
bestand in der Regel aus 4, selten 5 Arbeitspferden ^, 2 Arbeits- 



1 Tribukeit, Seite 37. 

2 Tribukeit, Seite .5. 

^ Nach Kern gab es auch Bauern mit doppeltem Besatz, also 8 Pferden, 
die als besonders wohlhabend galten. Es erscheint immerhin zweifelhaft, 
ob derartige Verhältnisse in der Praxis überhaupt bestanden haben. Jeden- 
falls findet sich in den zu Angerapp gehörigen Dörfern keine Spur von 
doppeltem Besatz, wie es nach Kern, Seite 251, der Fall hätte sein müssen. 
Bei der kulturellen Rückständigkeit der Bauern des 18. Jahrhunderts ist 
•es auch kaum anzunehmen, dals sie fortdauernd ein zweites Gespann 
zur Leistung der Fronden gehalten haben werden, wenn es ihnen auch 
beim Besatz übergeben wurde. Weit eher dürfen wir vermuten, dafs sie 
unter Vernachlässigung der eigenen Wirtschaft die Spanndienste ver- 



10 XX 3. 

ochsen, einer, sehr selten 2 Kühen, 2 Schafen, schliefsHch aus 
einem, häufiger 2 Schweinen, Zu Anfang des 18. Jahrhunderts 
hielten, wie die Steinorter Dörfer zeigen, die Bauern zum Teil 
auch Ziegen. Federvieh ist wenig vertreten, Enten fehlen ganz^ 
meistens finden sich einige wenige Hühner und Gänse. Auf- 
fallend ist bei einem so geringen Landbesitz die unverhältnis- 
mäfsig starke Zahl von Arbeitstieren. Sie erklärt sich nicht 
aus den schwierigen Transportverhältnissen, es wird dies leicht 
durch die geringe Mühe aufgewogen, die man auf die Bestel- 
lung des Ackers verwandte^, sondern aus den der Herrschaft 
zu leistenden Spanndiensten. Die Pferde gehörten zu der 
kleinen , starkknochigen , zottigen masurisch-polnischen Rasse^ 
die rücksichtslos dem Wetter und jeder Strapaze ausgesetzt 
wurden. Vom April bis November brachten sie die Nächte 
im Rofsgarten zu, um bei den Reisen während des Winters 
auch nur bei eisigster Kälte zur Nachtzeit ein mangelhaftes 
Unterkommeu zu erhalten ^. Das Vieh wurde vom Dorf hirten 
von Georgi den 23. April bis Katharina den 25. November auf 
der gemeinsamen Weide gehütet. An Lohn erhielt der Hirte 
nach Tribukeit^ pro Hufe einen Scheffel Roggen und einige 
Naturalien, Wohnung wurde ihm von den Bauern in jährlichem 
Wechsel gewährt. Hatte ein Bauer mehr Vieh auf die Weide 
zu treiben, als er berechtigt war, so mufste er eine gewisse 
Entschädigung der Gemeinde zahlen. Auf die Ertragfähigkeit 
der Weide selbst wurde keine Rücksicht genommen. An 
Arbeitsgerät verfügte der Bauer über die sogenannten Puö- 
wagen, 2 Eggen, 1 bis 2 Zochen, 1 bis 2 beschlagene Schlitten. 
Eisernes Gerät war nur in geringem Umfange gebräuchlich,, 
so in Gestalt von Schofsforken, Mistforken, Äxten und Sensen. 
Selbstgefertigte Holzwerkzeuge standen durchaus im Vorder- 
richteten. Doppelter Besatz, wirklich realisiert, wird zu den seltensten 
Ausnahmen gehört haben, in zahlreicheren Fällen dagegen theoretisch al» 
Forderung erhoben worden und namentlich auch den Behörden gegenüber 
zur Beschönigung von besonders hohen Scharwerksl eistun gen behauptet sein. 

Wie im Vergleich zu den Verhältnissen der adligen Bauern die der 
Domänenbauern beschaflfen waren, ist aus einem 1797 ausgestellten Besatz- 
briefe zu ersehen, den Hörn auf Seite 482 ff. abdruckt. 

„Der Bauer Schattatis erhielt 1 Hube 12 Morgen 162 Q Ruten magdeb., 
dazu 1 Haus, 1 Scheune, 1 Stall, 2 Pferde, 2 Kühe, 1 V^agen, 1 Pflug, 
2 Eggen, 1 Zoche, 1 Sense, 1 Axt, 1 Spaten. 1 Heuforke, 1 Schneidemesser, 
1 Säge, 1 Lattenbohrer, ferner au Saat 15 Scbeti'el Roggen, 5 Gerste, 
10 Haber und hat bei Unglücksfällen Anspruch auf die gewöhnliche Ver- 
gütung. Als Entgelt hat derselbe jährlieh zu Martini 3 Th. 32 gr. 9 Pf. 
iur die Hube Zins zu zahlen , das Acker- und Wiesenscharwerk auf dem 
Vorwerk Didlacken z« leisten , die Anfuhr des Deputatholzes zur Amts- 
brauerei und Branntweinbrennerei und der Amtswirtschaft, sowie die fest- 
gesetzten 2 Königsberger Reisen zu leisten." Die weiteren Dienste sind 
weniger erheblich. 

' Tribukeit, Seite 15. 

2 Tribukeit, Seite 18 ff. Q 

3 Tribukeit, Seite 14. 



XX 3. 



11 



grund. Der Wert des lebenden und toten Besatzes wird für 
die siebziger Jahre ziemlich übereinstimmend auf wenig über 
50 Thlr. angegeben. Er steigt jedoch bis Anfang des 19. Jahr- 
hunderts auf etwa 75 Thlr. , also um 50 *^/o. Die Preise für 
Vieh und Geräte stellten sich Ende der siebziger Jahre und 
um 1800: 

für 1770—1780 
Thlr. gr. 
5 — 



1800 

Thlr. gr. 

11 — 

9 — 

10 — 



— 


80 


— 


30 


— 


12 


2 


30 


2 


— 


1 


30 


1 


12 


— 


36 


— 


15 


— 


24 


— 


18 



Pferde 

Kühe . 

Ochsen 

Schweine 

Schafe 

Gänse .... — 30 — 45 

Hühner 

Puffwagen ... 2 30 3 45 

Schlitten .... 2 — 3 

Eggen 

Zochen 

Holzaxt 

Schofsforke 

Mistforke 

Sense . . 

Eine besonders starke Preissteigerung von 80 — 120 '*/o er- 
giebt sich demnach für Kühe und Pferde. 

An menschlichen Arbeitskräften, die zur Bewirtschaftung 
des Gutes nötig waren, kam zunächst der Bauer und seine 
Familie in Frage. Nach der Zahl der erwachsenen Söhne und 
Töchter richtete sich die Gesindehaltung. Einen Knecht und 
eine Magd , in zwei drittel Fällen auch einen Dienstjungen, 
linden wir auf den Bauerngütern vor. Bei den 8 Dörfern der 
Herrschaft Beynuhnen gestaltete sich das Bild so, dafs auf 
103 Bauern 107 Knechte, 93 Mägde und 60 Jungen kamen. 
Nach einer Verordnung des Angerapper Gutsherrn aus dem 
Jahre 1793 sollten, „wenn auf einem Bauernerbe mehr als 
vier, auf einem Kossätenhofe mehr als drei arbeitsfähige Per- 
sonen seien, die übrigen auf Tagelohn arbeiten gehen." 

An Löhnen wurden den Bauernknechten 6 — 13^/2 Thlr. 
gezahlt, durchschnittlich 10 — 11 Thlr., den Mägden 1 Thlr. 
85 gr. bis 6 Thlr., durchschnittlich 4 — 5 Thlr., den Jungen 
60 gr. bis 6V4 Thlr., durchschnittlich 3V2 Thlr. 

Trotz dieser ziemlich genauen und umfassenden Angaben 
über die wirtschaftlichen Mittel der Bauern wird sich ein Urteil 
über ihre Gesamtlage erst fällen lassen, wenn eine genaue Fest- 
stellung der dem Gutsherrn und dem Staate zu leistenden 
Abgaben und Dienste gelungen ist. 

Während die Bauerngüter in ihrer Gröfse, wenn wir von 
den Kossätenhöfen, die nur 5 "/o aller Besitzungen ausmachten, 



12 XX 3. 

absehen, nur geringe Unterschiede zeigen, weisen sie be- 
züglich der Verpflichtungen an den Grundherrn bis etwa 1800 
grofse Verschiedenheiten auf. Je weiter wir rückwärts gehen, 
um so stärker ist in den Farenheidschen Dörfern die Zahl 
der Bauern in schlechteren Besitzverhältnissen, der sogenannten 
Scharwerksbauern. Ihnen gegenüber stehen die Zinsbauern 
oder Hochzinser, die sich in besserer Lage befinden^. Die 
Scharwerksbauern haben keinen Erbanspruch auf ihren Hof, 
zum Teil sitzen sie zur Zeitpacht, in der Praxis werden sie 
ihre Höfe doch vererbt haben. Verhängnisvoll konnten ihre 
schlechten Besitzrechte erst zur Zeit der Regulierung werden, 
und andererseits schützte in den siebziger Jahren den Zins- 
bauer sein besseres Recht kaum vor herrschaftlicher Willkür. 
Wurden thatsächlich auch mehr Scharwerksbauern als Zins- 
bauern abgesetzt, so sind die Gründe nicht etwa in den schlech- 
teren Besitzverhältnissen der ersteren zu suchen, die ein der- 
artiges Verfahren erleichtert hätten, sondern in ihrer zu weit 
gehenden Inanspruchnahme durch den Gutsherrn, wodurch 
ihre eigene Wirtschaft häufig zu Grunde gerichtet wurde. Der 
Zins, den die Scharwerksbauern zu zahlen hatten, war in der 
Regel geringer als der der Zinsbauern, er schwankte zwischen 
6 und 10 Thlrn, Die gröfste Belastung bedeuteten für diese 
Bauernklasse die Hand- und Spanndienste. Es läfst sich ein 



^ Leopold Krug: „Über Leibeigenschaft oder Erbuntertänigkeit der 
Landbewohner in den preufsischen Staaten", Halle 1798, unterscheidet auf 
Seite 56 Scharwerksbauern mit herrschaftlichem Besatz und starken 
Fronden von Hochzinsern mit höherem Zins, geringeren Diensten und 
eigenem Besatz. Nach Kern sind Hochzinser : „Freie, die über ihre Höfe 
frei verfügen und deren Kinder dem Dienstzwang nicht unterworfen sind." 
V. Haxthausen behauptet Seite 224: „Die Hochzinser haben im ganzen 
dieselben Eechte an dem Grund und Boden wie die Scharwerker, sie haben 
die erbliche wirtschaftliche Benutzung und die Scharwerksfreiheit gegen 
festen Zins." 

Diesen Definitionen gegenüber werden wir gut thun, uns das Ge- 
schick eines Bauernhofes während einiger Jahrzehnte vorzustellen. Ist 
es denkbar, dafs ein Hochzinser, der über seinen Besitz, wie Kern will, 
frei verfügt, wenn ihn im Laufe der Jahre ein in der damaligen Zeit so 
häufiges Viehsterben oder eine Mifsernte traf, aus eigener Kraft den 
Schaden zu ersetzen vermochte? Das wird kaum jemals der Fall ge- 
wesen sein ; die Herrschaft wird fast stets haben Hülfe leisten müssen, 
und zum mindesten der Besatz galt dann als herrschaftlich. Und nun 
entsprach es durchaus dem Interesse der Herrschaft, deren Selbstbewufst- 
sein.es widerstand, freie Männer sich gegenüber zu haben, zunächst den 
Bauern rechtlich herabzudrücken, welcher selbst zu rechtlichen Konzessionen 
auch weit mehr geneigt war, wie zu wirtschaftlichen. So der Entwicklungs- 
gang, wenn die Herrschaft auf ursprünglich freie Hochzinser traf; noch 
weit weniger aber wird sie, falls von ihr die Umwandlung der Scharwerks- 
bau orn in Zinsbauern ausging, die vorher gekennzeichneten Rechte aus 
den Händen gegeben haben. Es werden sich daher im wesentlichen Hoch- 
zinser von Scnarwerksbauern nur durch höheren Zins und geringere Fron- 
den unterschieden haben, zu wirtschaftlichen Konzessionen mochte die 
Herrschaft bereit sein, niemals zu einem Schritt, der so ganz ihrem Herm- 
bewufstsein widersprach. 



XX 3. la 

Durchschnitt hierbei schwer feststellen, wir greifen einige Typen 
heraus. Die Bauern von Stibircken und Schupo wen hatten das 
ganze Jahr hindurch wöchentlich zwei Spann- und sechs Hand- 
dienste zu leisten, in Summa, das Jahr zu 48 Arbeitswochen 
gerechnet, da die drei Festwochen wegfielen, 96 Spann- und 
288 Handtage. Die Bauern von Jotschin waren vom 1. April 
bis zum 1. Dezember wöchentlich zu drei Spanndiensten, in 
den übrigen Monaten zu wöchentlich einem Spanndienst, in 
Summa also zu 112 Spanntagen verpflichtet.. Bei Schneiderin 
waren es 104, bei Dwilinnen und Friedrichsfelde 84 Spann- 
tage, bei Gr.-Beynuhnen 208 Spann- und 120 Handtage. 
Dazu kamen im Winter 1 — 2 Getreidefuhren nach Königsberg, 
das von den Gütern 6 — 13 Meilen Luftlinie entfernt war. 
Diese Reisen erforderten bei den damaligen Wegeverhältnissen 
4 — 8 Tage Zeit ^ Befördert wurden etwa 12 Scheffel Winter- 
oder 15 Scheffel Sommergetreide. Schliefslich waren die Bauern 
zum Schlagen und Anfahren von 1 — 2 Achtel Brennholz und 
6 Stück Bauholz verpflichtet. 

Bei Neubauten auf Vorwerken und Dörfern wurden die 
zu leistenden Fuhren wiederum verteilt. 

Die Spanndienste mufsten mit 4 Pferden, oder 2 Pferden 
und 2 Ochsen geleistet werden, 2 Personen waren aufserdem 
zu stellen. Nur die Pflugdienste wurden mit 2 Tieren und 
einer Person geleistet. Ein Spanntag durfte durch 2 Hand- 
tage ersetzt werden. Während der Pausen erhielten die bäuer- 
lichen Arbeitstiere freie Weide. 

Weit weniger erheblich waren die Naturalabgaben, 1 bis 
2 Gänse, 2 Hühner, ^12 Schock Eier, oft 1 — 4 Scheffel Roggen, 
Gerste oder Hafer, stets 1 — 1^/2 Mafs Schwadengrütz, seltener 
einige Bund Stroh, Pilzen, Hirsengrütz, Erdbeeren, Flachs und 
Garn waren zu liefern. 

Das Schwergewicht in den Verpflichtungen der Scharwerks- 
bauern lag durchaus in den Fronden. 

Bei den Zinsbauern waren die Naturallieferungen keine 
wesentlich anderen, auch der Zins bewegte sich bis Mitte der 
neunziger Jahre zwischen 10 und 14 Thlrn., war also höchstens 
8 Thlr. höher als der der Scharwerksbauern. Ungleich ge- 
ringer waren die zu leistenden Hand- und Spanndienste. So 
wurden, um einige Beispiele zu wählen, von den Bauern aus 
Gr.-Sobrost und Medunischken 15 Spann- und 19 Handtage, 
aus Rossossen 20 und 20, aus Schneiderin 26 und 42, au& 
Christophsdorf und Lehnkendorf 17 und 15, Potawern 40 und 
15, Starnowen 18 Spann- und 14 Handtage gefordert. 

In der Mitte zwischen beiden Gruppen stehen ihren Diensten 



* Hörn sagt Seite 859 if.: „Ostpreufsen hat erst während und nach 
den Freiheitskriegen die Wohlthaten der Chausseen kennen und schätzen 
gelernt." 



14 XX 3. 

nach die als Hochzinser bezeichneten Bauern von Bokellen 
mit 48 Spann- und 56 Handtagen. 

Zu Reisen nach Königsberg, Holz- und Steinanfuhr waren 
die Zinsbauern in gleicher Weise verpflichtet. 

Befanden sich unter solchen Verhältnissen grofse Teile 
der Bauern, wie es weiter unten ausführlich begründet werden 
wird, in einer wirtschaftlich wenig vorteilhaften Lage, so mufs 
es doch als erfreulich gelten, wenn in den neunziger Jahren 
sich ohne Eingreifen des Staates eine Wendung zum Bessern 
zu vollziehen beginnt. Mochten die Scharwerksbauern, indem 
sie ihre gröfseren Lasten mit denen der Zinsbauern verglichen, 
unablässig auf eine Besserung ihrer Verhältnisse gedrungen 
haben, mochte ein weitblickender Gutsherr aus eigenem An- 
triebe die Initiative ergriffen haben, jedenfalls bringen uns 
die Anfangsjahre des 19. Jahrhunderts bei den v. Farenheid- 
schen Dörfern die Umwandlung der Scharwerksbauern in Hoch- 
zinser. Dies geschah namentlich da, wo neben Scharwerks- 
bauern auch Zinsbauern in demselben Dorfe wohnten, wie das 
z. B. bei Medunischken , Skirlacken , Gr.-Beynuhnen und 
Schneiderin der Fall war. Dieser Vorfall hat verschiedenfach 
zu der irrtümlichen Ansicht geführt, als habe bereits hier vor 
der staatlichen Gesetzgebung eine private Bauernbefreiung 
stattgefunden ^. Ein aktenmäfsiger Beweis ist dafür nicht er- 
bracht worden. In den hier* erwähnten Fällen handelt es sich 
lediglich um eine Ansetzung zu Erbzinsrecht, jedoch bleiben 
die Bauern, wie ausdrücklich bemerkt wird, Untersassen des 
betreffenden Gutes und dürfen ohne Genehmigung des Guts- 
herrn keine Schulden auf ihr Grundstück eintragen lassen. 
Es war dies eine Mafsregel, die von tiefer Einsicht Zeugnis 
ablegt, da sie die mit der staatlichen Regulierung verbundene 
Überstürzung vermied und eine notwendige Übergangsstufe 
zu gänzlicher Freiheit bildete. Auch war es nur so möglich, 
die Bauern zu gewissen wirtschaftlichen Fortschritten, Ein- 
führung der Koppelwirtschaft, des Kleebaues u. a. m. zu zwingen, 
da dieses die Gutsherrschaft in gewissen Bestimmungen des 
Kontraktes verlangte. Freilich geht Hand in Hand mit dieser Um- 
wandlung eine bedeutende Erhöhung des Zinses, So betrug der 
Zins inkl. Kontribution der Bauern von Gr.-Beynuhnen bis 1802 
12 Thlr. 20 gr., nach 1802 20 Thlr. 30 gr., die Spanndienste waren 
von 208 auf 20, die Handdienste von 120 auf 10 herabgesetzt. Da 



' Vergleiche Rogge, Seite 165. Wenn hier Friedricli Heinrich Jo- 
hann V. Farenheid an seinen Vater schreibt: „Dafs Sie mit der Loslassung 
der Gnier Bauern aus der Erbuntertänigkeit den Anfang gemacht haben" 
u. s. w., so ist dies als eine Ausnahme anzusehen, oder wohl richtiger der 
Begritt" „Erbuntertänigkeit" anders zu fassen. Die Akten über diesen 
Vorgang fehlen; soweit sie von den übrigen Dörfern vorhanden sind, 
haben wir es, wie es im Text weiter ausgeführt ist, lediglich mit einer 
Ansetzung zu l^rbzinsrecht zu thun. 






XX 3. 15 

die anderen Abgaben und Dienste keine Erhöhung erfuhren, 
so bedeutet dies zweifellos einen Fortschritt. Weniger günstig 
gestaltete sich die Lage der Bauern da, wo wie z. B. in Pota- 
wern, der Zins eine Höhe von 34 Thlrn. 21 gr. erreichte, oder 
wo er, wie in Ulmen 1798 auf 56 Thlr. 22 gr. 9 Pf. stieg, um 
1806 auf 60 Thlr. erhöht zu werden. Jedoch zeigt gerade 
das letzte Beispiel, dafs die Bauern, nachdem sie einigermafsen 
freien Spielraum in der eigenen Wirtschaft erhalten hatten, 
auch imstande waren, recht hohe Anforderungen zu befriedigen, 
und andererseits kam ein derartig hoher Zins auch nur aus- 
nahmsweise vor. 

Bevor die Leistungen der Bauern an den Staat betrachtet 
werden können, erübrigt noch die Hervorhebung einiger be- 
merkenswerter Punkte in den wirtschaftlichen Verhältnissen 
des Halbhufners oder Kossäten. Die Verschiedenheiten in der 
Wirtschaft des Kossäten von der des Bauern beruhen im 
wesentlichen auf dem Gröfsenunterschied der Güter. Noch 
mehr wie beim Bauern bildet hier der Roggen, meist 12 Scheffel 
Aussaat, die wichtigste Kornfrucht. Hafer und Gerste treten 
ganz zurück , nur selten werden mehr wie 3 Scheffel von 
jedem ausgesät, dagegen scheint die Kartoffel hier bereits 
einen verhältnismäfsig gröfseren Spielraum gewonnen zu 
haben. 

Das lebende Inventar bestand aus 2 Pferden , 1 Kuh, 
1 Schwein, 2 Schafen und einigem Federvieh. Das tote In- 
ventar war entsprechend der Wirtschaft in geringerer Menge 
vorhanden. Der ganze Besatz war durchschnittlich 20 bis 
25 Thaler wert. Fremde Arbeitskräfte wurden nur, wo keine 
erwachsenen Söhne vorhanden waren, verwendet, auf 2 Kossäten 
kam in der Regel ein Knecht. Erbrecht war ebensowenig vor- 
handen wie bei den Scharwerksbauern , aber auch hier vor 
der Regulierung von keiner praktischen Bedeutung. Zins 
wurde nicht erhoben, während die Naturallieferung dieselbe 
blieb, ebenso wie die Reisen nach Königsberg und die An- 
fuhr von Holz und Steinen. Die übrigen Spänndienste fehlten 
hier, jedoch wurden jährlich 104 Handdienste verlangt, mit 
den Reisen zusammen eine starke Anforderung an eine der- 
artig kleine Wirtschaft. Dagegen war der Grundherr ver- 
pflichtet, auch im Winter für Arbeit zu sorgen, in erster Linie 
sollten die Kossäten beim Erdrusch des Getreides beteiligt 
sein und den llV2ten, zur Saat den 10V2ten Scheffel erhalten. 

Von den Abgaben der Bauern an den Staat war nur 
die Kontribution von einer derartigen Höhe, um im Vergleich 
mit ihren Leistungen an den Gutsherrn ins Gewicht zu 
fallen. Sie schwankte zwischen 3 und 7 Thalern, der Durch- 
schnitt war wohl 5 Thaler 30 Groschen, bei den Kossäten 
entsprechend geringer. Der Realdecem von den bäuerlichen 
Hüben betrug 20 Groschen, an Kaiende entrichtete jeder 



1 



16 XX 3, 

Bauer gewöhnlich je V2 Scheffel Roggen, Gerste und Hafer 
an den Pfarrer, je V4 Scheffel derselben Getreidearten an den 
Schulbedienten. Für die Armen waren pro Hube einige Metz 
Getreide, später namentlich auch Kartoffeln zu entrichten. Die 
übrigen Steuern waren so unerheblich, dafs sie sich kaum 
wirtschaftlich fühlbar machten, sie waren aufserdem der 
ganzen ländlichen Bevölkerung eigentümlich, und werden daher 
weiter unten zu besprechen sein. Von weit gröfserer Bedeutung 
dagegen waren die Spann- und Handdienste, die die Bauern 
bei Reparaturen und Neubauten von kirchlichen und Schul- 
gebäuden zu leisten hatten, jedoch bildeten sie nur eine vor- 
übergehende Belastung. In der Hauptsache waren es also die 
Leistungen an den Gutsherrn, die die wirtschaftliche Lage der 
bäuerlichen Bevölkerung bestimmten. Wenn wir jetzt am 
Schlufs einer allgemeinen Betrachtung der bäuerlichen Ver- 
hältnisse während der 36 Jahre von 1770 — 1806 zu einer ab- 
schliefsenden Beurteilung gelangen wollen, so wird dies im 
Sinne geschichtlicher Betrachtung nur möglich, wenn wir 
einigermafsen über die vorangehende Zeit und die in ihr 
treibenden Kräfte unterrichtet sind. Freilich sind diese Nach- 
richten äufserst gering, aber einige Andeutungen lassen sich 
doch gewinnen. 

Gehen wir bis zum Anfang des 18. Jahrhunderts zurück, 
so bilden die Jahre der Pest von 1709 — 11 einen verhängnis- 
vollen Einschnitt in das Wirtschaftsleben dieser Gegend, die 
vorangegangene und folgende Epoche erscheinen gewisser- 
mafsen isoliert, die wirtschaftlichen Zusammenhänge gänzlich 
unterbrochen. Für die Wirkungen der Pest nur einige Bei- 
spiele. So zählen die Angerapper Güter, ein Komplex von 
über 90 Hufen, noch im Jahre 1732 nur 250 Personen, während 
der kurzen Pestjahre haben sie über 600 Personen verloren. 
Wie später nachgewiesen werden soll, gehörte die Hälfte 
der Einwohner von 1732 bereits zu den Neueingewanderten. 
In einem Bericht aus dem Jahre 1726 heifst es von denselben 
Gütern^. „Vorwerk Angerapp (9 Hufen), Gr. Szabienen 
(5 Hufen), Paulsdorf (11 Hufen) liegen ganz wüst und sind ohne 
Besatz. Der Acker ist steinicht, schlecht und sehr verwachsen. 
Vorwerk Skupowen ist ganz wüst, und ist nicht Stock noch 
Stiel darauf, Vorwerk Sargen ist von allem Besatz entblöfst (zu- 
sammen 15 Hufen). Das Dorf Sodarren hat 9 Hufen, davon 
liegen ganz wüst 6 Hufen. Jotschin hat 4 Hufen, ist abgebrannt, 
aufser einem Gärtnerhäuschen sonst nichts befindlich und liegt 
ohne Besatz, ganz wüste, hat nichts gesät, sondern hat Vieh zur 
Weide angenommen. Stibircken und Gr. Szabienen haben 16 
Hufen, wovon wüst liegen 4 Hufen, Dorf Kl. Medunischken hat 
27 Hufen, wovon 13 wüst sind." Kein W^under, wenn dieselbe 



^ Krueger, Seite 18/19. 




XX 3. 17 

Begüterung, die 1704 für 99 933 Gulden verkauft wurde, 1728 
nicht ganz ^,U dieses Preises , nur 24 000 Gulden brachte. 
1731 gab der Pfarrer des Kirchspiels Szabienen, zu dem diese 
Güter gehörten, zu Protokoll^: „Er hätte die Szabiensche 
Gemeinde und Dörfer 1711 bei seinem Antritt im Dienst 
durch die Pest meistens ausgestorben gefunden, so dafs Anno 
1714 hieselbsten einige Kolonisten, die meisten aber erst Anno 
1724 und 1725, welche dazu gewisse Freijahre genossen, sich 
gesetzet hätten." Die Dörfer Tributswallen und Neusafs-Ufs- 
blenken waren noch 1731 „mit Holz bewachsen oder sonsten 
verschollen." Die kleine Stadt Darkehmen wies nach den 
Decemskonsignationen im Jahre 1708 15 Handwerker, im 
nächsten Jahre 9, 1710 nur 4 auf, von denen nur einer 
bereits 1708 genannt war^. Genug Beispiele, um klar gelegt 
zu haben, welch' ein Grad der wirtschaftlichen Verwüstung 
und Entvölkerung erreicht war. In diesem Teile Ostpreufsens 
ist daher die Einwanderung auch eine derartig umfangreiche 
gewesen, dafs wir in erster Linie an die Rechts- und Besitz- 
verhältnisse der neuen Einwanderer anknüpfen müssen, um 
sodann ihre Einwirkung auf die alten überkommenen Ver- 
hältnisse zu beobachten. Bereits 1713 erfolgten Zuzüge aus 
Sachsen, 1724 aus Nassau, Oldenburg, der Pfalz, Württem- 
berg und dem Halberstädtischen ^ ; das wichtigste Kontingent 
stellten die Salzburger. So wurden dem Grafen Alexander 
von Dönhoff 1732 auf seine Bitten vom König 24 salzburgische 
Familien als Kolonisten für die Beynuhner Güter zugewiesen. 
Sie sollten frei von Einquartierung, Werbung, Leibeigenschaft, 
Dienst und Scharwerk sein; frei Brot backen, Bier brauen, 
schlachten; Fischfang, Bienenhaltung, freier Verkauf überall 
hin sollte ihnen zustehen; in ihren Teilungen sollten sie un- 
eingeschränkt sein , ebenso in der Wahl irgend eines Hand- 
werks. Mit Schofs und Landeskontribution sollten sie nicht 
höher als andere Untersassen beleget werden. Falls die 
Herrschaft den königlichen Schofs bezahle, so wollten sie von 
jedem Morgen 3 Thaler Zins zahlen, sonst nur ^/2, 15 von 
der Hube. Sollte nach Jahren zwischen ihnen und der Herr- 
schaft kein billiger Vergleich zu stände kommen , so sollte 
ihnen ihr Besitz bezahlt werden, sie selbst mit ihren fahren- 
den Gütern, Kindern und Gesinde als freie Leute hinziehen, 
wohin sie wollten. — Wir sehen also in einem verödeten Lande 
in den dreifsiger Jahren einen starken Prozentsatz freier 
Leute sich ansiedeln, ja mit gröfster Wahrscheinlichkeit läfst 
sich annehmen, dafs nicht nur die Salzburger, sondern alle 
deutschen Einwanderer nur unter so günstigen Bedingungen 



' Rogge, Seite 68. 
'^ Rogge, Seite 71. 
3 Rogge, Seite 76. 

Forschungen XX 3. — Böhme. 



18 



XX 3. 



sich hier niedergelassen haben^. Dies bestätigt auch durch- 
aus die schon einmal erwähnte Personentabelle der Angerapper 
Güter aus dem Jahre 1732. In den Vorwerken finden wir 
an freien Leuten und Unterthanen: 

Freie Leute Unterthanen. 

Angerapp 5 33 

Jotschin ..... 6 — 

Gr.-Szabienen ... 5 — 

Sargen ...... 6 5 

Paulsdorf .... . 10 14 

32 52 
In den Dörfern : 

Sodarren 3 21 

Medunischken ... 43 54 

Kl.-Szabienen ... 21 17 

Skupowen 6 1 

73 93 

Vorwerke 32 52 

~1Ö5 145 

Wir haben es hier also mit einer ländlichen Bevölkerung 
zu thun, die zu 42'*/o aus freien Leuten besteht. Wenn wir 
nun berücksichtigen, dafs wir in einem Anschlage der Lau- 
nicker Begüterung aus dem Jahre 1708, also vor der Pest, in 
den beiden Dörfern Efszergallen und Grutteln nur Bauern in 
schlechteren Besitzverhältnissen , Scharwerksbauern , erwähnt 
finden, wenn es in den amtlichen Berichten dieser Zeit über 
die adligen Bauern stets heifst: „Der Adel fordere alltägliche 
Dienste^", wenn für die weiter unten zu behandelnden Stein- 
orter Güter sich die Wahrheit dieser Behauptung thatsächlich 
erweist, dann müssen wir unbedingt zu dem Schlufs gelangen, 
dafs die Reste der altangesessenen Landbewohner nach der 
Pest erbunterthänig und allgemein in schlechten Besitz- und 
Wirtschaftsverhältnissen waren. 

Dieser Bevölkerung tritt in den Kolonisten eine rechtlich 
und wirtschaftlich günstig gestellte zahlreiche neue Schicht 



I 



1 Vergl. dazu Altpr. Monatsschrift, neue Folge, Band 14, Seite 24 ff. 
Sowohl bei der Kolonisation unter Georg Wilhelm wie Friedrich Wilhelm I. 
sind die Angesiedelten frei von Scharwerk und haben das Eecht, nach 
Bezahlung ihrer Schulden frei abziehen zu können, zum Teil wird ihnen 
der Besatz geliefert , dann erhalten sie eine geringere Anzahl von Frei- 
jahren. 

Zum Soldaten^ienst scheinen sie trotz gegenteiliger Versicherung 
doch häufig gezwungen worden zu sein. 

, 2 Vergl. dazu Hörn, Seite 465 ft". und Seite 475. Nach O. Hintze 

(„Zur Agrarpolitik Friedrichs des Grofsen", Seite 275) in Band X der 
Forschungen zur brandenburgisch-preufsischen Geschichte, waren in den 
meisten Hauptämtern 5- 6tägige Dienste üblich. Dasselbe macht auch die 
Darstellung Kerns wahrscheinlich. 



I 



XX 3. 19 

gegenüber. Je länger beide Teile nebeneinander wohnen, um 
so stärker wird die gegenseitige Beeinflussung, deren Resultate 
uns die siebziger Jahre zeigen. Rechtlich, daran kann kein 
Zweifel sein, siegen die alteingewurzelten Verhältnisse, denn 
das letzte Drittel des 18. Jahrhunderts zeigt die grofse Masse 
der Landbevölkerung in der Erbunterthänigkeit befindlich. 
Der geringe Prozentsatz freier Leute findet darin seine Er- 
klärung, dafs fortgesetzt auch in dieser Zeit kolonisiert wurde; 
wenn auch vereinzelt. Wird dem gegenüber eingeworfen, 
dafs die Salzburger in erster Linie in den Besitz der köll- 
mischen Güter gelangt seien oder sich als Pächter und Hand- 
werker angesiedelt hätten, so trifft diese Behauptung doch 
nur für wenige Prozent von ihnen zu, die grofse Mehrzahl hat 
das Schicksal der übrigen Kolonisten geteilt. Ein merk- 
würdig schneller Prozefs in weniger als 50 Jahren und nur 
erklärlich in einer Zeit, die das feine Gefühl für die Ver- 
schiedenheit der Rechtsverhältnisse noch wenig entwickelt 
hatte, die nur da Widerstand hervorrief, wo der unmittel- 
bare Druck der wirtschaftlichen Belastung sich fühlbar machte. 
Dieser letztere Fall trat aber ein, wenn versucht wurde, die 
vom Scharwerk freien Kolonisten zu ähnlichen Diensten heran- 
zuziehen wie die Scharwerksbauern. Ohne Frage hat die 
Kolonistenbevölkerung den Grundstamm der in den siebziger 
Jahren vorhandenen Zinsbauern gebildet, es war nicht möglich 
gewesen, sie auch wirtschaftlich zu der Lage der Scharwerks- 
bauern herabzudrücken, es verblieb ihnen der erbliche Besitz, 
zu dem nur geringe Fronden traten ^. Das Vorhandensein 
dieser besser gestellten Bauernklasse war der mächtigste An- 
trieb für die Scharwerksbauern, dieselben günstigen Bedingungen 
zu erhalten. Unterstützt von einsichtigen Gutsherren, sind 
sie bis zum Anfange des neunzehnten Jahrhunderts zum Ziele 
gelangt. So tritt in der Entwicklung von 1770 — 180G, in der 
Umwandlung der Scharwerksbauern in Zinsbauern, von der 
wir ausgingen, uns nicht ein absoluter Fortschritt entgegen, 
sondern nur die vorteilhafte Seite eines Kompromisses, dessen 
Kehrseite uns die Jahre 1713 — 1770 verbergen. 

Ist es so gelungen die beiden Wurzeln frei zu legen, aus 
denen die Bewegung der Landbevölkerung während der 36 
Jahre ihre Kraft sog, so darf jetzt auch die Frage nach der 
wirtschaftlichen und socialen Lage der Bauern und Kossäten 
in diesem Zeitraum erörtert werden. Wir haben bereits einen 
allgemeinen Einblick in die Eigenwirtschaft derselben erhalten, 
ebenso in ihre Verpflichtungen gegenüber Gutsherren und 
Staat. Für die Zinsbauern eine gedrückte Lage vorauszusetzen. 



' So sind auch nach Kern die Hochzinser zum gröfsten Teil aus 
Kolonisten hervorgegangen, während v. Haxthausen Seite 224 behauptet, 
sie seien aus den Scharwerksbauera hervorgegangen , es trifft dies wohl 
nur für die spätere Zeit zu. 

2* 



20 XX 3. 

nur weil sie erbunterthänig waren, Zwangsgesindedienst, Hand- 
und Spanndienste in dem vorher angegebenen Mafse auf 
ihnen lasteten , würde der historischen Wahrheit sehr wenig 
entsprechen. Es hiefse doch sehr vom Standpunkte moderner 
Empfindungen urteilen, wenn man annehmen wollte, dafs Erb- 
untertänigkeit und Zwangsgesindedienst auch nur im ent- 
ferntesten von der Landbevölkerung des achtzehnten Jahr- 
hunderts als das angesehen wurden , wofür sie der Kulturmensch 
am Ausgang des neunzehnten Jahrhunderts hält. Fällt aber 
dieses sittliche Moment weg , so wird sich mit ziemlicher 
Sicherheit behaupten lassen, dafs bei einem so niedrigen Zins, 
so geringfügigen Naturalabgaben, bei Fronden, die zwar zu- 
weilen unangenehm und störend, niemals aber vernichtend 
wirken konnten, die Lage dieser Klasse von Bauern eine ver- 
hältnismäfsig gesicherte und günstige war. Anders liegen 
natürlich die Verhältnisse der Scharwerksbauern und Kossäten, 
die in der That nichts anderes als ein Anhang des Vorwerks- 
betriebes waren. Hier fällt die Masse der Hand- und Spann- 
dienste entscheidend ins Gewicht. Mochten auch noch so 
strenge Vorschriften über die Länge des Arbeitstages, die 
Innehaltiing der Ruhepausen gegeben werden , mochte es ver- 
boten werden, nicht geforderte Dienste in der nächsten Woche 
nachzuleisten, ihre Anzahl war zu grofs, um einen geregelten 
Betrieb der kleinen Eigenwirtschaft zu ermöglichen. Daher 
wechseln die Inhaber dieser Stellen mit unheimlicher Schnellig- 
keit, daher ergiebt die Aufnahme des zurückgelassenen Be- 
satzes bei jeder neuen Übergabe ein immer traurigeres Bild. 
Ein Kossätenhof in Gr. Szabienen wechselt in den Jahren 
1776 — 94 dreimal den Besitzer, ein anderer von 1776 — 97 
viermal, bis 1815 sechsmal, ein dritter 1784 — 1814 viermal, 
ein Scharwerkserbe zu Jotschin 1773 — 1782 dreimal, bis 1788 
viermal. Der Besatz, der, falls er vollständig war, bei den 
Scharwerksbauern etwas über 50 Thaler, bei den Kossäten 
20 — 25 Thaler, wert sein mochte, war bei ersteren häufig auf 
8 — 10 Thaler, bei letzteren auf 6 — 7 Thaler herabgesunken. 
Die Pferde werden in den meisten Fällen je auf 2 — 3 Thlr. ge- 
schätzt, aber man findet auch den Wert zweier Pferde zu- 
sammen auf 2 Thaler, in einem Falle auf 1 Thaler 75 Groschen 
angegeben. Häufig stellte die Herrschaft dem neuen Besitzer 
Geld zur Verbesserung des Besatzes zur Verfügung, oft wurde 
er verpflichtet, ihn aus eigenen Mitteln zu ergänzen, nach 
wenigen Jahren immer wieder dasselbe traurige Bild. Sicher- 
lich hat in manchen Fällen das Ausgedinge der Altsitzer eine 
unheilvolle Rolle gespielt. Bei so kümmerlichen Verhältnissen 
mochte es für den Ruin eines Kossäten ausschlaggebend sein, 
wenn er seinem Schwiegervater freie Wohnung und Feuerung, 
Acker zu 2 Scheffel Roggen- und 3 Schefi^el Kartofi'elaussaat 
geben mufste, ferner je V!2 Schefi^el Gerste und Hafer in natura. 



I 



XX 3. 21 

In den meisten Fällen waren es aber die der Herrschaft zu 
leistenden Dienste, die eine Vernachlässigung der eigenen Wirt- 
schaft herbeiführten. Hatte sich doch auch der Gutsherr bei 
Bedarf ungemessene Fronden , wenigstens in der Weise vor- 
behalten, dafs sie gegen eine geringe Entschädigung, 9 Groschen 
Tagelohn beim Mann, 6 Groschen bei der Frau, geleistet 
werden mufsten. Sicherlich trat das Verlangen nach diesen 
in der Hauptsache nur zu der auch für den Bauern wichtigsten 
Bestell- und Erntezeit ein. Auch auf das bäuerliche Gesinde 
hatte der Gutsherr ein Vorzugsrecht, wenn sein eigener Bedarf 
noch nicht gedeckt war, nur sollte das Wegmieten in ordnungs- 
mäfsiger Weise geschehen. Wenn wir die Gründe betrachten, 
welche die Akten für den freiwilligen Rücktritt oder auch 
■die Absetzung eines Bauern oder Kossäten erwähnen, so finden 
wir Alter, schwächliche Gesundheit, Armut, schlechte Um- 
stände, Unglück in der Wirtschaft, sehr häufig Trunksucht 
angegeben. Einige Seiten vorher heifst es aber von dem- 
selben Mann, der jetzt wegen Armut oder Trunksucht den 
Hof hat verlassen müssen, er sei lange Jahre als Instmann 
•erprobt gewesen und übernehme jetzt mit verhältnismäfsig 
grofsen Mitteln die Wirtschaft, oder er besitze gute Empfehlungen 
und habe bereits erfolgreich einem Erbe vorgestanden. Es 
ist eine der traurigsten Seiten des damaligen bäuerlichen 
Lebens, die sich unsern Blicken entrollt. Einen sparsamen, 
aufstrebenden Instmann sehen wir nach Selbständigkeit ringen, 
•ein bäuerliches Erbe mit seinen schwer ersparten Groschen 
erwerben, um einen Schritt weiter zu gelangen auf der socialen 
Stufenleiter. An das Ziel seiner Wünsche gelangt, mufs der 
Kurzsichtige erkennen, dafs er Unmögliches zu leisten hat; 
die Ersparnisse schwinden, die Schulden wachsen immer weiter 
an, mit ihnen kommt die Verzweiflung und als Trostmittel 
der Alkohol, und der Unglückliche kann sich freuen, wenn er 
endet, wie er begonnen, wieder als Instmann und nicht bei 
der Zwangsarbeit am Karren. Ein trauriges Bild und sicher- 
lich nicht überall zutreffend, aber viele der fleifsigsten und 
aufstrebendsten Arbeiter sind Opfer der Kurzsichtigkeit ge- 
worden, die ihrer Zeit in wirtschaftlichen Dingen eigentümlich 
war, herrschenden, wie beherrschten Klassen. Denn während 
sie aus eigenem , zwar sehr erklärlichem Antrieb eine Stellung 
aufgaben, die eine relativ gute war, war der Gutsherr noch 
nicht weitblickend genug, um einzusehen, dafs eine allzugrofse 
Anspannung der bäuerlichen Kräfte und ein damit verbundener 
häufiger Wechsel in der Besetzung der Stellen seinen eigenen 
wirtschaftlichen Nachteil bedeutete. Beginnen sich die Ver- 
hältnisse durch die Umwandlung der Scharwerksbauern in 
Hochzinser auch in vorteilhafter Weise zu ändern , so trägt 
diese Periode doch noch nicht den erfreulichen Charakter, den 
eine weitere Entwicklung zur Folge gehabt hätte, wenn nicht 



22 XX 3. 

die verheifsungsvollen Anfänge der Kriegsperiode von 180& 
bis 1815 zum Opfer gefallen wären. Für die Zeit von 1770 
bis 1806 werden wir nur bei den Zinsbauern diejenigen günstigen 
Verhältnisse annehmen dürfen, die sie befähigten, ein vorwärts 
treibendes und Kultur weckendes Element zu bilden, bei 
Scharwerksbauern und Kossäten war das Gegenteil der Fall. 
Die hier zur Darstellung gelangte Entwicklung der bäuer- 
lichen Bevölkerung trifft nur für die beiden , v. Farenheid 
gehörigen, Güterkomplexe zu. In dem masurischen Steinort 
lagen die Verhältnisse ganz anders. Hier waren bis zum 
Jahre 1713 die Bauern sämtlicher Dörfer zu täglichem Schar- 
werk mit drei Personen verpflichtet gewesen, dagegen scheint 
kein Zins gezahlt worden zu sein. Die Klagen über ihre un- 
erträgliche Belastung veranlafsten den Grafen Lehndorf, sie 
im Jahre 1713 auf Zins zu setzen, 30—33 Gulden durch- 
schnittlich. Das Scharwerk wurde in der Weise festgesetzt, 
dafs jeder Bauer je Scheffel im Winter- und im Sommer- 
felde zu bestellen hatte und ebenso die Einbringung der Ernte 
davon übernahm. Das Land für 3 Scheffel war zu bemisten, 
entweder vom Dünger des herrschaftlichen, oder falls derselbe 
nicht ausreichte , von dem des bäuerlichen Viehs. Während 
der Heuernte wurden 4 Scharwerkstage verlangt, und aufser- 
dem war an 2 Tagen jeder Woche eine Magd zu stellen. 
Zwei Achtel Holz mufsten gesetzt und angefahren, G Tage ge- 
rodet, 2 Königsberger Reisen geleistet werden; dazu kamen noch 
recht beträchtliche Hülfsdienste zur Fischerei. An Naturalien 
wurden 2 Gänse, 2 Hühner, 1 Stof Schwadengrütz, 1 Stof Him- 
beeren, V2 Schock Eier und eine gewisse Flachslieferung ge- 
fordert. Eine Veränderung haben diese Dienste und Abgaben 
während des 18. Jahrhunderts und bis zur Regulierung im 19. nicht 
erfahren. Sie trafen alle Bauern gleichmäfsig, nur zeitweise 
finden sich 2 — 3 sogenannte Freibauern, die von allem Schar- 
werk frei, 20 — 33 Thaler Zins zahlten. Im allgemeinen scheint 
hier Zeitpacht, namentlich in der älteren Zeit, die vorherrschende 
Form gewesen zu sein, wenigstens sind in den vierziger 
Jahren die Pachtkontrakte auf 3 Jahre besonders häufig. In 
die eigentlichen wirtschaftlichen Verhältnisse läfst eine Tabelle 
aus dem Jahre 1787 blicken. Ausgesät hatten danach die 
90 Bauern der 8 Dörfer 176 1/2 Scheffel Weizen, 1311 V2 Roggen, 
250 Gerste, 288^/2 Erbsen, 1065 Hafer, 104^/4 Leinsaat; an 
menschlichen Arbeitskräften waren 362 Personen vorhanden, 
an Arbeitsvieh 417 Pferde, 179 Ochsen, an Nutzvieh 155 
Kühe. Erbaut wurde im allgemeinen das dritte Korn. Gegen- 
über dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts scheint eine 
Vermehrung des Arbeitsviehs eingetreten zu sein , die Aus- 
saatmenge der einzelnen Getreidearten zeigt keine Veränderung, 
nur Weizen ist neu hinzugekommen. 

Läfst sich nun bezüglich der Steinorter Bauern, da die 



I 




XX 3. 23 

Fronden nicht direkt in Tagen angegeben sind, ein Vergleich 
mit den Verhältnissen der Farenheidschen Bauern schwer 
ziehen, so darf doch wohl als ausgemacht gelten, dafs alles in 
allem hier das zutrifft, was bezüglich der Scharwerksbauern 
festgestellt werden konnte, wenn auch nicht gerade die ge- 
drücktesten Klassen derselben vorhanden zu sein scheinen^. 
Verhängnisvoll war aber der Umstand, dafs hier keine Über- 
gänge, wie dort in der Gestalt der Zinsbauern sich vor der 
Regulierung durchsetzten , sodafs diese eine wirtschaftlich un- 
selbständige und unreife Klasse traf. 

Wir wenden uns jetzt der weiteren Dorfbevölkerung, zu- 
nächst der Klasse der Handwerker zu; die eigentlichen 
Gutshandwerker werden weiter unten behandelt werden. Sicher- 
lich werden gerade unter den im Dorfe ansässigen Handwerkern 
eine Menge freier Leute gewesen sein, zum Teil Soldaten, die 
während ihrer Dienstzeit sich die notwendigen Kenntnisse 
erworben hatten , zum Teil wohl auch anrüchige Existenzen, 
denen der harte Zunftzwang in den Städten wenig behagen 
mochte; so sind vielleicht die ewigen Klagen der Zünfte bei 
dem Gutsherrn über die Pfuscher zu erklären. Freilich werden 
wir uns hüten müssen, bei der bekannten Verknöcherung 
des Zunftwesens alle Vorstellungen als berechtigt anzusehen. 
Sehr möglich, dafs gerade die fortbildungsfähigsten, aufstrebend- 
sten Elementesich nach freierer Bethätigung sehnten und diese nur 
auf dem Lande finden konnten. Spricht doch auch die günstige 
wirtschaftliche Stellung, namentlich der Schmiede, für diese 
Mutmafsung. Auch der Umstand darf nicht übersehen werden, 
dafs wir es durchaus nicht immer mit Einzelmeistern zu thun 
haben, sondern vielfach 1 — 2 Gesellen beschäftigt wurden. Im 
allgemeinen linden wir die Handwerker im Besitz von 3 Morgen 
Ackerland, 150 Quadratruten Garten; 1 — 2 Kühe, 3 Schafe, 
3 Schweine bilden das lebende Inventar, die am besten situ- 
ierten besitzen auch häufig 2 Pferde. Die Löhne scheinen 
nicht unbeträchtlich gewesen zu sein ; so finden wir bei Zimraer- 
gesellen einen Tagelohn von 42 — 45 gr., Handlanger erhalten 
15 — 18 gr. Im Falle mangelnder Handwerksarbeit sehen wir 
sie um Tagelohn auf den Vorwerken thätig. An Miete zahlten 
sie gewöhnlich 3 Thlr. Die Nahrungsgelder betrugen pro 
Jahr bei Schmieden, Schneidern, Schustern 1 Thlr,, bei Rade- 
machern, Tischlern, Zimmerleuten 1 Thlr. 00 gr. An Personal- 

' Nach Kern war die Lage der Bauern in Masuren am traurigsten, 
und wurden sie daselbst häufig nur als Gärtner bezeichnet. Es entspricht 
dies durchaus den im allgemeinen schlechten Bodenverhältnissen dieser 
Gegend. So sagt v. Farenheid in dem sehr lehrreichen Aufsatze: „Wohl- 
stand eines masurischen Kalkbauern", Preufsische Prov.-Blätter, Bd. IV; 
„In den Gegenden des unfruchtbaren Kies- und Kalkbodens in den hüge- 
ligen Teilen Preufsens nach der polnischeu Grenze hin spendet die Erde 
kärglich ihre Gaben, und Armut ist das Los des gröfseren Teils ihrer 
Bewohner." 



24 XX 3. 

decem zahlten die Meister 20 gr. , die Gesellen 6 gr., jedes 
Kind 3 gr. Fehlte es nicht an Berufsarbeit, so war im all- 
gemeinen die wirtschaftliche Lage der Dorfhandwerker als 
durchaus günstig zu bezeichnen. 

Ein Urteil über die Verhältnisse der Krüger zu gewinnen, 
ist bei dem Mangel an Material unmöglich. Sie waren in den 
meisten Fällen zugleich Bauern und zahlten vielfach an 
Stelle der Dienste einen höheren Zins. Für den Krug selbst 
wurden gewöhnlich 4—8 Thlr. entrichtet. Aufserordentlich 
erheblich scheinen zuweilen Kontribution und Domänenzins 
gewesen zu sein. So zahlten zwei dem Grafen Lehndorf ge- 
hörige Krüge mit 3 und 2 Hufen Land im Jahre 1791 41 und 
34 Thlr. Bier und Branntwein mufste der gutsherrlichen 
Brauerei und Brennerei entnommen werden; ein gewisses 
Mindestquantum, das z. B. bei Jotschin aus 8 Ohm Brannt- 
wein und 10 Tonnen Bier bestand, war in den meisten Fällen 
festgesetzt. 

Die Mehrzahl der Mühlen wurde gleichfalls verpachtet, der 
Zins schwankte hier sehr, überschritt aber in der Regel mit 
einem Betrage von 200—250 Thlr. die höchsten bäuerlichen 
Zinsen. -Jedoch finden sich auch weit niedrigere Angaben, 
namentlich in der älteren Zeit, 1730 zahlt ein Müller zu 
Steinort nur 18 Thlr. 

Freies Mahlwerk für die Vorwerke, auch für Brauerei 
und Brennerei, war stets ausgemacht. Ebenso bestand allgemein 
Mühlenzwang; an Mahlgeldern wurden z. B. in Gnie erhoben 
für Beuteln eines Scheifels Roggen oder Gerste 6 gr., Schroten 
5 gr. , • von den Gutsangehörigen 4 und 3 gr. Das Mühlen- 
grundstück lag nicht immer im Dorfe, 2 Hufen Land pflegten 
zu ihm zu gehören. 

Die wirtschaftliche Lage des Müllers, der wohl stets ein 
freier Mann war, mufs trotz des hohen Zinses eine durchaus 
gute gewesen sein, auch social nahm er eine die der anderen 
Dorfbewohner überragende Stellung ein. Starke Gesindehaltung, 
1 — 2 Knechte, 2 — 3 Mägde, 1 Geselle, 2 Burschen waren in 
der Mühle thätig. Selten, wohl nur kleinere Mühlengrundstücke, 
hat die Herrschaft durch einen Unterthanen direkt besetzt, 
das Gehalt inklusive Deputat des Meisters finden wir auf 
140 Thlr., das des Knechtes auf 16 Thlr, 45 gr, angegeben. 
In diesem Falle erhebt die Herrschaft vielfach eine direkte 
Personalsteuer zwischen 30 und 42 gr. 

Der Zahl nach, auch in dieser Zeit nach der bäuerlichen 
Bevölkerung am stärksten war die Klasse der Losleute. 
Wenn vielfach die Behauptung aufgestellt wird, vor der Bauern- 
befreiung habe es keinen eigentlichen ländlichen Arbeiterstand 
gegeben , so zeigen die hier in Frage kommenden Dörfer in 
der Hauptsache das Gegenteil. Betrachten wir z. B. das Dorf 
Stibircken im Jahre 1773. Wir fügen die zu jedem Hausstande 



I 



XX 3. 25 

gehörende Anzahl der Personen und zur besseren Kennzeich- 
nung der Besitzverhältnisse auch die Zahl der Kühe hinzu: 

Personen : Kühe : 

1 Pfarrer 6 2 

1 Präzentor 6 2 

1 Pfarrwitwe ..... 8 4 

1 Schmied 11 1 

5 Handwerker 19 — 

6 Bauern 49 6 

4 Knechts weiber .... 11 2 

11 Losleute 45 8 

1 Weib 2 — 

1 Witwe ....... 3 1 

1 Drechsler 2 2 

1 Krüger 4 2 

Ohne Frage ist die Zahl der Losleute in diesem Dorfe 
eine besonders hohe, im allgemeinen ist sie weit niedriger im 
Verhältnis zur Zahl der Bauern, jedoch immerhin beträchtlich. 
Die zur Herrschaft Beynuhnen gehörigen Dörfer weisen nach- 
stehendes Verhältnis auf: 

Bauern : Losleute : 

Thalau 9 9 

Sauskojen 12 6 

Gr.-Beynuhnen 14 6 

Skirlacken 16 8 

Kowarren 9 6 

Kl.-Sobrost 9 7 

Gr.-Sobrost 16 10 

Medunischken 18 8 

Fritzendorf — 3 

Summa 103 63 

Nehmen wir hinzu, dafs die Vorwerke aufserdem eine be- 
trächtliche Zahl von Instleuten enthielten, so läfst sich für 
diese Gegend ein Arbeiterstand feststellen, der der Anzahl der 
Bauern mindestens das Gleichgewicht hielt. Vor allem wird 
damit auch die Behauptung beseitigt, dafs die Bestellung der 
Gutsäcker und die ganzen Arbeiten auf den Gütern in der 
Hauptsache von den Bauern geleistet wurden. Jedoch wird 
sich dies Ergebnis erst bei der Betrachtung des eigentlichen 
Gutsbetriebes recht klar legen lassen. Von den Losleuten ist 
sicherlich anzunehmen, dafs sie weniger bei den Bauern als 
auf den Vorwerken und in den Wäldern auf Tagelohn ge- 
arbeitet haben. 

Sie wohnten bei den Bauern, oft mit ihnen in einer Stube, 
bei älteren Losleuten findet sich als Wohnort häufig „hinter 
dem Ofen" angegeben. Land besafsen sie in der Regel nicht, 
jedoch wurden ihnen von den Bauern zuweilen V2 — 2 Schefi'el 



26 XX 3, 

Getreide ausgesät, Avofür sie eine Anzahl Tage unentgeltlich 
arbeiteten. Gleichzeitig jedoch mit der Umwandlung der Schar- 
werksbauern in Zinsbauern und der damit verbundenen Ver- 
ringerung der Dienste scheint sich das Bestreben der Guts- 
herrschaft geltend gemacht zu haben, sich in dieser Tagelöhner- 
klasse einen Ersatz zu schaffen. Zu diesem Zwecke wurden 
in mehreren Dörfern kleine Parzellen von 3 Morgen Land 
geschaffen, die den Losleuten überwiesen wurden, so in Witten- 
berg, Efszergallen und Grutteln. Die Lage der landlosen Los- 
leute war zweifellos eine durchweg ungünstige. Vor allem 
fehlte ihnen bei allgemeinen Miseren jeder Rückhalt, und fielen 
sie dann der Gemeinde und dem Gutsherrn zur Last. In sehr 
bezeichnender Weise heifst es in einem Pachtkontrakt: ., Ein- 
nahmen von Dorfinstleuten sind nicht zum Anschlag gebracht,^ 
da sie entbehrlich und in schlechten Jahren lästig sind." Kuh- 
haltung gehörte sicherlich zur Ausnahme, wenn sie auch im 
Dorf Stibircken die Regel gewesen zu sein scheint. Als Ent- 
schädigung für die Wohnung wurde ein Kopfschofs von 35 gr. 
pro Person an die Herrschaft entrichtet, jedoch nur bis zum 
Alter von 60 Jahren erhoben, aufserdera waren 15 Tali Garn 
zu liefern. An Personaldecem zahlte der Mann 15 gr., da& 
Weib 6, das Kind 3 gr. Einige freie Elemente werden sich 
auch unter ihnen befunden haben, wenigstens lassen das Be- 
stimmungen in Pachtkontrakten vermuten, die dem Pächter 
verbieten, unterthänige Leute um geringeren Tagelohn als freie 
zu Diensten zu zwingen. In der Regel erhielt der Mann 
9—10, die Frau 6 gr. 

Nachdem so die wichtigsten Klassen der Dorfbewohner 
eine Behandlung erfahren haben, bleibt, abgesehen von den 
Waldwarten, die als herrschaftliche Beamte im Zusammenhang 
mit dem Gutsbetrieb betrachtet werden sollen, noch die Klasse 
der Schulbedienten übrig, deren Verhältnisse um so mehr 
eine ausführliche Besprechung verdienen , als daraus mancher 
wertvolle Einblick in die kulturelle Lage der Dorfbewohner 
gewonnen werden kann. 

Wie traurig die wirtschaftliche und sociale Lage der Schul- 
bedienten war, zeigt sofort ein Protokoll aus dem Jahre 178L 
Es heifst daselbst: „Der Schulmeister Mullerskowski sei mit 
dem Tode abgegangen. Da derselbe nur schlecht gestanden, 
keine gewisse Wohnung gehabt, sondern von einem Wirt zum 
andern habe ziehen müssen, so finde sich kein Vorsteher." 
Zu derselben Zeit erhält ein Schulmeister an Gehalt aus der 
Schulkasse der Regierung 2 Thlr. 18 gr. , Schulgeld 3 Thlr.,. 
vom Gutsherrn 5 Thlr., für das Besingen der Leichen in 
seiner Societät 40 gr., in Summa 10 Thlr. 58 gr., an Deputat 

2 Scheffel Roggen, 1 Gerste, 12 Centner Heu, 1 Schock Stroh^ 

3 Achtel Holz; 3 Morgen Acker, 1 Morgen Weide wurden 
unentgeltlich bestellt, dazu kam freie Weide für 1 Kuh, 1 Stärke, 



XX 3. 27 

2 Schafe, 2 Schweine und 2 Gänse. Von öffentlichen Lasten 
waren Schulmeister und Geistliche frei. 

Nach einer Verfügung aus dem Jahre 1741 sollten die 
Lehrer adliger Schulen erhalten: 

1. Freie Wohnung, 

2. Garten von 100 Quadratruten, 

3. 3 kullmische Morgen Acker, 

4. 2 Fuder Heu, 

5. 2 Achtel Holz, 

6. Weidefreiheit für 2 Rinder, 2 Schweine, 2 Schafe^ 
eine Gans. 

7. Freiheit von allen Oneribus. 

Wurde kein Ackerland vom Grundherrn und der Ge- 
meinde geliefert und bestellt, so erhielten die Schulmeister 
pro Hufe Bauernlandes 4 Metz Roggen, 2 Stof Gerste, 3 Stof 
Hafer, 2 Stof Erbsen und 1 Fuder Strauch. Der Grundherr 
pflegte zuzuschiefsen, was an 10 Scheffel Roggen, je 2 Scheffel 
Gerste, Hafer und Erbsen, 10 Fuder Sprock und Lagerholz, 
12 Centner Heu und 1 Schock Stroh fehlte. Auch an den 
besten Schulen erhielten, wie besonders hervorgehoben wird, 
die Schulbedienten nicht mehr wie 12 Scheffel Korn und 
6 Gerste. In der Hauptsache waren die Schulmeister Hand- 
werker und sahen diese Beschäftigung als ihr eigentliches 
Amt an. So heilst es nach Rogge ^ in einer Verordnung: „Ist 
der Schulmeister ein Handwerker, so kann er sich schon er- 
nähren, ist er keiner, so wird ihm erlaubt, in der Ernte sechs 
Wochen auf Tagelohn zu gehen." In den vier Schulen zu 
Gudwallen , Pötscheln , Balschkehmen und Haiwischken waren 
drei von den vier Schulmeistern im Jahre 1730 Handwerker. 
1779 mufste es dem Schulmeister Kollatis in Gudwallen bei 
Strafe verboten werden, keine Schaffelle in der Schulstube zu 
gerben, indem der Gestank den Kindern höchst ungesund sei. 
Häufig war überhaupt keine besondere Schulstube vorhanden, 
dann zog der Schulmeister von einem Bauer zum andern , in 
deren Stube dann der Unterricht der Dorfkinder stattfand. 
Da 4 — 6 Dörfer einen gemeinsamen Schulmeister hatten, konnte 
von einem regelmäfsigen Unterricht nicht die Rede sein. Noch 
Tribukeit^, der sicher spätere Verhältnisse im Auge hatte, 
berichtet , dafs die Schule Katharina (25. November) anfing 
und Ostern endete, aus den entfernteren Dörfern die Knaben 
mit dem zehnten , die Mädchen erst mit dem zwölften Jahre 
den Schulbesuch begonnen hätten. 1773 klagt der Pfarrer von 
Dombrowken : „Die gröfste Behinderung ist hier wohl das 
tägliche Scharwerk; dahero es denn geschehen, dafs im ver- 
gangenen Winter die Kinder aus den verschiedenen Dörfern^ 



1 Kogge, Seite 136 ff. 

2 Tribukeit, Seite 24 ff. 



28 - XX 3. 

besonders aber aus dem Dorfe Rossossen, kaum zehnmal den 
ganzen Winter durch in der Schule üombrowken gewesen sind." 
Unter solchen Verhältnissen waren die Lehrerfolge sehr gering ; 
Tribukeits Vater, der als besonders aufgeweckter Junge galt 
und vier Jahre hindurch den Unterricht eines besonders tüch- 
tigen Lehrers genossen hatte, begriff während seiner Schul- 
zeit nicht, dafs 8 — 4=4, 2-4 = 8 oder 4-4=^16 sei. Noch 
in den zwanziger Jahren findet sich in den Kegulierungs- 
protokollen kaum jemals eine eigenhändige Unterschrift der 
Bauern. Freilich mochte die Zahl der Kinder, die auf eine 
Lehrkraft kam, viel zu grofs gewesen sein, kamen doch noch 
im Jahre 1834 auf die 8 Schulen des Szabiener Kirchspiels mit 
zusammen 9 Klassen 739 Kinder, auf eine Lehrkraft 82. Das 
Einkommen der Lehrer ist aber bereits auf über 75 Thlr. ge- 
stiegen , was gegenüber der hier behandelten Zeit doch einen 
wesentlichen Fortschritt bedeutete. Von der Periode bis 1806 
werden wir unbedenklich behaupten können, dafs das länd- 
liche Schulwesen noch durchaus in seinen Kinderschuhen steckte, 
dafs die mangelhafte Vorbildung der Lehrer, ihre ungemein 
traurige wirtschaftliche Lage , die sie ihr Lehramt nur als eine 
Nebenbeschäftigung anzusehen zwang, es bei den Kindern 
kaum zur Aneignung der mangelhaftesten elementaren Kennt- 
nisse bringen konnte. 

Wir gelangen damit zur Erörterung gewisser, die Gesamt- 
heit der Dorfbewohner betrefi'enden Momente. Es sind vor 
allem die Anforderungen des Staates, die hier noch berück- 
sichtigt werden müssen , in erster Linie die militärischen Lei- 
stungen. Trotzdem eine allgemeine Wehrpflicht nicht vor- 
handen war, lastete der Militärdienst doch ungleich schwerer 
auf der ländlichen Bevölkerung, wie in der Gegenwart. Wir 
finden kaum jemals Leute im Alter von 20 Jahren unter den 
Ausgehobenen, weit häufiger aber solche von 27 — 29 Jahren, 
während ein Alter von 25 Jahren etwa der Durchschnitt sein 
mochte. Naturgemäfs trat unter solchen Verhältnissen weit 
häufiger der Fall ein, dafs verheiratete Leute zum Soldaten- 
dienst herangezogen wurden. Kam dann noch hinzu, dafs der 
betreff'ende Kantonist bäuerlicher Wirt war, was bei der im 
Vergleich zur Gegenwart Aveit stärkeren bäuerlichen Bevölke- 
rung sich oft ereignete, so bedeutete dies ganz ungeheuere 
Störungen des Familien- und Wirtschaftslebens. Nicht un- 
bedeutend waren auch die Leistungen der ländlichen Bevöl- 
kerung zu militärischen Bauten, namentlich bei der Anlage 
und Verstärkung von Festungen. So haben im Jahre 1777 
die Beynuhner Gü^ier zum Graudenzer Festungsbau 8 Arbeiter 
zu stellen. Sie wurden überwiegend der Zahl der Los- und 
Instleute entnommen, ihren Unterhalt mufsten die Bauern aber 
mitbestreiten und zwar jährlich pro Hufe 1 Thlr. 45 gr. ent- 
richten, das Gesinde zahlte pro Thaler Lohn 6 gr. , die Los- 




XX 3. 



29 



leute 3(3. Aufserdem lastete auf der Gemeinde der Unterhalt 
der zurückgelassenen Familien. Noch in den Jahren 1788/89 
gingen die Beiträge zum Graudenzer Festungsbau weiter. Da- 
neben liefen regelmäfsige Getreide-, Heu- und Strohfuhren 
nach den militärischen Magazinen. Im ganzen werden die 
Steuern, wie Landeskonsumtionssteuer, Klassen-, Tabak-, 
Salzsteuer sich gegenüber den auch in Friedenszeiten für mili- 
tärische Zwecke erhobenen Abgaben und Leistungen kaum 
fühlbar gemacht haben. Insofern aber bieten sie für diese Be- 
trachtungen Interesse, als sie die genauere Schichtung der Be- 
völkerung wiederspiegeln, wie sie die Obrigkeit damals vornahm. 
So unterschied die Tabaksteuer im Jahre 1787 6 Klassen, 
von denen jedoch nur in den vier letzten die Dorfbevölkerung 
Steuerzahler aufwies. Wir betrachten hier das Bauerndorf 
Stibircken und das Kossätendorf Gr.-Szabienen. 







Gl 


r. - S z a 


3 i e n e n: 






Klassen: II] 




IV 




V 




VI ' 




gr- 


Pf. 


gr- 


Pf. 


gr- 


Pf. 


gr. Pf. 


1 Krüger 


— 


— 


30 


9 


— 


— 


— — 


1 Schulz 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— — 


12 Kossäten ä 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— — 


5 Söhne ä 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— — 


5 Knechte ä 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— — 


2 Losleute ä 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 12 


2 Söhne ä 


— 


— 


— • 


— 


— 


— 


7 12 


1 Dienstjunge 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 12 








S t i b i r ck 


en: 






Klassen: III 




IV 




V 




VI 




gr. 


Pf. 


gr- 


Pf. 


gr. 


Pf. 


gr. Pf. 


Pfarrer . . 


61 


— 


— 


— 


— 


— 


— — 


Kaplan . . 


61 


— 


— 


— 


— 


— 


— — 


Krüger . . 


— 


— 


30 


9 


— 


— 


— — 


Schmied . . 


— 


— 


30 


9 


— 


— 


— — 


Müller . . . 


— 


— 


30 


9 


— 


— 


— — 


6 Bauern ä . 


— 


— 


30 


9 


— 


— 


— — 


Schulmeister 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— — 


Zimmermann 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— — 


2 Losleute ä . 


— 


— - 


— 


— 


15 


6 


— — 


Rademacher . 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— 


Gesell . . . 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— 


12 Knechte ä 


— 


— 


— 


— 


15 


6 


— — 


Hirt . . . 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 12 


Fleischer . . 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 12 


6 Losleute ä . 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 12 


3 Bauernsöhne ä 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 12 


Mittelknecht , 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 12 


4 Dienstjungen ä 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


7 12 



30 ,XX 3. 

Bemerkenswert ist hier namentlich, dals Schulmeister und 
Kossäten mit den Knechten derselben Steuerklasse angehören, 
die bessere wirtschaftliche Lage des Schmieds gegenüber den 
anderen Handwerkern anerkannt wird, und dafs die Mehrzahl 
der Losleute mit den jugendlichen unselbständigen Personen 
in derselben Klasse zahlt. Ahnliche Beobachtungen ergeben die 
übrigen Steuern. Gleichfalls nicht bedeutend zeigen sie stets 
Tendenz, die Klassen mit dem kleinsten Einkommen, wenn auch 
mit noch so geringen Beträgen, heranzuziehen. Mit der gröfsten 
Peinlichkeit mufsten die bis ins einzelne vorgeschriebenen 
Anordnungen des Staats beobachtet werden, der Grundherr 
wurde für alle Einzelheiten verantwortlich gemacht. Im Dorfe 
war sein Gehülfe der Schulz, den er aus der Klasse der Bauern, 
im Kossätendorfe aus der der Kossäten ernannte^. In der 
Regel war der Schulz von den Hand- und Spanndiensten frei 
und erhielt aufserdem jährlich 3 Thaler für seine Mühewaltung, 
oft .waren auch einige Schulzenmorgen vorhanden , die ihm 
zum Anbau überwiesen wurden. Er wurde zugleich als Ver- 
trauensmann des Grundherrn zu Abschätzungen bäuerlicher 
Besatzstücke u. a. m. herangezogen. In der Grafschaft Stein- 
ort standen ihm die sogenannten Ratmänner, gleichfalls der Zahl 
der Bauern entnommen, bei der Ausübung seiner Funktionen 
zur Seite. Die Geldstrafen seitens des Staats bei Nichtbe- 
folgung seiner Anordnungen waren auch bei kleinen Ver- 
gehen aufserordentlich hoch, so erhielt 1772 eine Witwe für 
nicht rechtzeitige Abholung ihres Salzquantums 4 Thaler 
zudiktiert. Andererseits trat aber auch die staatliche Hülfe in 
Gestalt von Steuererlässen, Vorschüssen jeder Zeit ein, wenn 
die Bevölkerung durch Überschwemmung, Feuersbrünste, Vieh- 
sterben oder Mifswachs Schaden erlitten hatte. 

Einen nicht minder starken Rückhalt bei unverschuldeten 
Unglücksfällen bot der Gutsherr den Dorfbewohnern. Vom 
Pfarrer bis zum ärmsten Losmann von ihm abhängig, genossen 
sie durchaus auch die Vorteile der patriarchalischen Arbeits- 
verfassung. Den Bauern und Kossäten lieferte der Gutsherr 
den Besatz, das Brennmaterial in der Gestalt von 18 Fuder 
♦Sprock oder 2 Achtel Stubben, deren Rodung sie selbst über- 
nehmen mufsten; die Neubauten wurden auf herrschaftliche 
Kosten ausgeführt-, übernahm sie der Bauer selbst, so erhielt 
er das Material frei geliefert und eine gewisse Geldentschädigung, 
bei Bauten in Fachwerk in der Höhe von 15 Thlr. für ein Haus, 
8 Thaler für einen Scheune, 7 Thlr, für einen Stall, für einen Stall in 
Feldsteinen 30 Thaler, in Ziegel 20 Thaler. Bei Mifsernten wurde 
den Bauern Getreide vorgeschossen, das sie mit einer Metze Auf- 
mafs pro Scheffel zurückerstatten mufsten. Häufig hatten die 
Güter zu diesem Zwecke einen besonderen Reservefonds an 



1 Hörn, Seite 484. 



XX 3. 31 

Getreide, den anzulegen auch die Pächter vielfach verpflichtet 
wurden. Fehlte Brotgetreide, so nahm man als Konsum pro Monat 
für eine erwachsene Person ^/2 Scheffel, für ein Kind V4 Scheffel 
an. Von grofser Wichtigkeit war auch die Regelung des Aus- 
gedinges der Altsitzer durch den Gutsherrn; häufig sehen wir, 
wie dieser den Bauern vor der leichtsinnigen Übernahme allzu 
hoher Verpflichtungen bewahrt. Die Höhe der Pensionen der 
Pfarrwitwen und Lehrerwitwen bestimmte der Gutsherr; sie 
waren natürlich sehr niedrig, so erhielt noch am Anfange des 
19. Jahrhunderts eine Kantorwitwe 5 Thaler, aber auch diese 
Unterstützung war bei dem hohen Werte des Geldes höchst 
willkommen. Bei derartigen Verpflichtungen war es nur zu 
natürlich, dafs der Gutsherr eine scharfe Kontrolle in erster 
Linie über die bäuerlichen Wirtschaften ausübte. Aufs genaueste 
war der Betrieb derselben vorgeschrieben, auf das strengste 
z. B. das Wegbringen von Stroh und Mist vom Hofe verboten; 
jede Woche mufsten die Schornsteine gereinigt werden, niemals 
durften Scheune, Ställe und Böden mit Lieht betreten werden. 
Entstand durch Schuld eines Bauern Feuer, so mufste er vom 
Hofe, eine aufserordentlich gerechtfertigte Mafsregel, da Feuers- 
brünste an der Tagesordnung gewesen zu sein scheinen. 
Jeder Unterthan war verpflichtet, ihm bekannt gewordene 
Übertretungen zur Anzeige zu bringen, und wurde dafür mit 
einem Teil des Strafgeldes belohnt. Abgesehen von den ent- 
sittlichenden Wirkungen dieser Bestimmung war die strenge 
und harte Schule wohl geeignet, eine rückständige und schwer- 
fällige Bevölkerung zur Arbeit und Umsicht zu erziehen. 
Gerade auch das Scharwerk mochte für die vierzehnjährigen 
Jungen, die zum erstenmal dann aufserhalb des Bauernhofes 
arbeiteten, aber auch für manchen älteren Burschen von er- 
ziehlichem Wert gewesen sein. Dafs die Bevölkerung selbst 
so empfand, zeigt Tribukeits Schilderung des Scharwerks ^ : 
„War im Frühjahr der Acker möglichst trocken, so mufste 
im Vorwerk Rösenigken das Sommerfeld bestellt, gepflügt und 
geeggt werden. Es zogen dann aus Christiankehmen 15 Jungen 
mit je 4 Pferden und 2 Eggen nach Rösenigken. Fünfzehn 
Zöche mit den Knechten folgten. Dann wurde munter ge- 
pflügt, geeggt und gesät. Hinter allen diesen Arbeitern und 
Gespannen stand zunächst der Amtmann als Pächter der 
Domäne, sodann dessen Inspektor, der Kämmerer und zuletzt 
der Schulze. Jeder sah darauf, dafs ordentlich gearbeitet 
wurde und jeder hatte einen Kantschuh zur Hand. Wehe 
dem, der sein Geschirr, seine Zöche oder seine Egge nicht 
in gutem Stande hatte oder seine Arbeit nicht gut verrichtete. 
Der Kantschuh besorgte sofort alles ! Da lernte denn jeder 
gut und schnell arbeiten." Gegenüber diesem Idealbild einer 



Tribukeit, Seite 3 und 4. 



32 XX 3. 

handgreiflichen Erziehung, wie es Tribukeit entwirft, wird 
man doch darauf aufmerksam machen müssen, dafs kaum 
immer die Grenzen einer gesunden Züchtigung innegehalten 
sein werden, wie es bei der häufigeren Ausübung eines der- 
artigen Amtes nur zu natürlich ist , vor allem , dafs aber 
diese Zeit bei der Anwendung körperlicher Strafen keinen 
Unterschied kannte zwischen jugendlichen und älteren Personen, 
zwischen dem einfachen Arbeiter und dem Waldwart, der 
diesen zu beaufsichtigen hatte. Das geschah nicht etwa nur 
unter besonders strengen Herren, auch anerkannt menschen- 
freundliche Gutsherren verfuhren darin nicht anders. In dem 
Schreiben eines durch seine Milde allgemein bekannten Guts- 
herrn an seinen Pächter heifst es bezüglich eines älteren 
Jägers: „Dem Just machen Sie bekannt, dafs, wenn er sich 
nicht nüchtern erhalten, den Wald in Acht nehmen, mit seinen 
Nachbaren Frieden halten, und überhaupt Ihren Befehlen ge- 
horsam sein würde, so würden Sie ihn das erstemal mit Ge- 
fängnis, das zweite Mal mit Schlag bestrafen, und wenn dennoch 
die Besserung ausbleibe, so würde er kassiert. Und dieses 
erfüllen Sie auch, bei dem ersten groben Excefs 48 Stunden 
.Arrest bei Wasser und Brot, das zweite Mal 10 Prügel." 
Ein derartiges Verfahren mufste entschieden da sittlich ver- 
wirrend wirken, wo Kinder ihre Eltern, Untergebene ihren 
Vorgesetzten so behandelt sahen. Es sind dies die Schatten- 
seiten eines Verhältnisses, das im ganzen dem damaligen 
Kulturzustand der ländlichen Bevölkerung durchaus angepafst 
war. Ein enges und lebendiges Gemeinschaftsleben half den 
Dorfbewohnern über manche wirtschaftliche Misere hinweg, 
und aus Sitten, Gebräuchen und Liedern , auf die näher ein- 
zugehen der Zweck dieser Arbeit verbietet, sprach nicht der 
dumpfe Groll und die Verzweiflung schwer gedrückter Klassen, 
sondern ein beschaulicher Sinn und eine stets heitere Fröh- 
lichkeit^ 



I 



^ Eine äufserst anziehende Schilderung der Sitten und Gebräuche, 
sowie des dörflichen Gemeindelebens überhaupt findet sich recht aus- 
führlich bei Tribukeit. 



Zweites Kapitel. 

Der gutsherrliche Grofsbetrieb während der Jahre 
1770-1806. 



War es bei der Beurteilung der wirtschaftlichen Lage und 
der socialen Gliederung der Dorfbewohner notwendig, zunächst 
eine Vorstellung von den Einzelwirtschaften zu erhalten, so 
werden sich die Verhältnisse der Beamten und Unterthanen 
des gutsherrlichen Grofsbetriebes erst dann klar genug ver- 
stehen lassen, wenn wir uns die Organisation desselben in 
seinen Hauptzügen vergegenwärtigt haben. Bis ins einzelne 
die Technik des Grofsbetriebs zu verfolgen und die genaue 
Entwicklung eines Gutes, nach lediglich landwirtschaftlichen 
Gesichtspunkten, einer Prüfung zu unterziehen, war bei dem 
spärlichen Material nicht möglich. Regelmäfsige Getreide- 
register und Tabellen über Viehzucht und den Verkauf von 
Tieren beginnen erst mit den siebziger Jahren bei einzelnen 
Gütern. Aus der früheren Zeit sind lediglich Pachtkontrakte 
und Anschläge vorhanden, die natürlich die wirklichen Ver- 
hältnisse nur andeuten. Ein aus dem Jahre 1780 erhaltenes 
Aktenverzeichnis der Herrschaft Angerapp, die die frühesten 
Anfänge einer schriftlich fixierten, geordneten Wirtschafts- 
führung aufweist, zeigt deutlich, dafs in der That vor den sieb- 
ziger Jahren regelmäfsige Aufzeichnungen nicht stattfanden 
oder wenigstens nicht aufbewahrt wurden. Es hätte nun 
vielleicht nahe gelegen , von diesem späten Zeitpunkte an die 
Entwicklung eines Gutes durchzuführen, aber auch diese Ab- 
sicht mufste infolge grofser Lücken, die sich aus der zeit- 
weisen Verpachtung der einzelnen Güter erklärten, zum Teil 
auch deswegen aufgegeben werden, weil mit der Kriegsperiode 
von 1807 — 15 ein chaotischer Zustand hereinbrach, der alle 
Zusammenhänge im Wirtschaftsleben vernichtete. 

Es war daher nur möglich, die allgemeinen Züge der 
Entwicklung des landwirtschaftlichen Grofsbetriebes für gröfsere 

Forschungen XX 8. — Böhme. 3 



34 XX 3. 

Zeiträume festzustellen und ein möglichst umfassendes Material 
für diesen Zweck heranzuziehen. Da von etwa 28 Gütern und 
Vorwerken verschiedenster Bodenqualität und geographischer 
Lage Nachrichten vorhanden waren, so darf das im Folgenden 
skizzierte Bild, namentlich für die Zeit um 1800, Anspruch 
auf eine gewisse A-llgemeingültigkeit für diese Gegenden 
machen. Aufserordentlich zahlreich, zum Teil auch aus der 
Zeit vor 1770, waren die Nachrichten über die Beamten und 
Unterthanen der Güter. Vor allem wird sich auch das eigen- 
tümliche Wirken des absoluten Staates auf die damalige Land- 
wirtschaft in seinen Vorzügen und Fehlern klar legen lassen. 

Wenn wir uns nun zum Ackerbau, als dem Hauptgebiete 
der Landwirtschaft des 18. Jahrhunderts wenden, so müssen 
wir von vorneherein feststellen, dafs eine merkbare Steigerung 
der Ertragsfähigkeit der verschiedenen Getreidearten erst mit 
dem, um 1790 sich vollziehenden, Übergang von der Drei- 
felder- zur Mehrfelder- und Koppelwirtschaft zu erfolgen 
schien. Die nachfolgende Tabelle zeigt die veränderten An- 
bau- und Ertragsverhältnisse eines Gutes in den Jahren 1708 
und um 1806. 

Angabe in Prozenten der gesamten Aussaat und des ge- 
samten Ertrages: 

Aussaat: Ertrag: Korn: 

1708 um 1806 • 1708 um 1806 1708 um 1806 



Weizen 


1,920/0 


0,81 0/0 


1,840/0 


0,980/0 


3 


6 


Roggen 


42.630/0 


38,930/0 


40,800/0 


44,870/0 


3 


5,7 


Gerste 


11,140/0 


10,840/0 


14,220/0 


11,820/0 


4 


5,4 


Hafer 


42,240/0 


45,620/0 


40,460/0 


38,470/0 


3 


4,2 


Erbsen 


2,070/0 


3,790/0 


2,650/0 


3,680/0 


4 


5,1 



Roggen und Hafer machen zusammen über ^/s der Aus- 
saat und des Ertrages während des ganzen 18. Jahrhunderts 
aus. Eine starke Steigerung des Körnerertrags ist nur bei 
Weizen und Roggen festzustellen und kommt lediglich auf 
Rechnung der Thatsache, dafs das Hauptgut um 1806 bereits 
zu einer Sechsfelderwirtschaft übergegangen ist. Solange die 
Dreifelderwirtschaft angewendet wurde, schwanken die Er- 
träge zwischen 3 und 5 Körnern. Das zeigen die Güter Klein- 
Gnie 1770 und Angerapp noch im Jahre 1791. In Klein-Gnie 
wird von Roggen, Gerste und Erbsen das vierte, von Hafer 
3^/2 Körner gebaut. Angerapp weist beim Weizen 4,71, Roggen 
4,08, Gerste 4,82 und beim Hafer 3,53 Körner auf. Ähnlich 
liegen die Verhältnisse in dem masurischen Steinort. In den 
Vorwerken Grofs- und Klein -Steinort bringen während der 
Jahre 1740—42 der Weizen durchschnittlich 2V2 — 3 Körner, 
der Roggen etwas über 3, Gerste gegen 4, Hafer über 3 und 
Erbsen über 4 Körner; nicht wesentlich verschieden davon 
.sind die Angaben über den Ertrag derselben Güter im Jahre 
1768; auch für die zugekauften Güter Resau und Gr. Guya 



XX 3. 35 

läfst sich für die Jahre 1788 und 1791 dasselbe feststellen. 
Dagegen zeigt der kurze Zeitraum von 1770 — 1806, im Falle 
der Einführung der Koppelwirtschaft, auf den betreffenden 
Gütern eine ungeheuer gesteigerte Ertragsfähigkeit, so z, B. 
bei Klein-Gnie. 

Angabe in Prozenten der gesamten Aussaat und des ge- 
samten Ertrages: 

Aussaat : Ertrag : Korn : 



1770 


um 1806 


1770 


um 1806 


1770 um 1806 


Weizen lohnt nicht 


8,70/0 


— 


12,94 


— 10 


Roggen 41,85 o/o 


26,410/0 


43,880/0 


34,730/0 


4 8,9 


Gerste 17,82 o/o . 


9,660/0 


18,680/0 


8,650/0 


4 6,0 


Hafer 36,98 "/o 


51,690/0 


33,920/0 


40,470/0 


3V2 5,63 


Erbsen 3.36 o/o 


3,540/0 


3,530/0 


3,200/0 


4 6 





Aussaat : 


Ertrag: 


Weizen . . 


. 6,80/0 


9,80/0 


Roggen . . 


. 34,20/0 


40,30/0 


Hafer . . . 


. 42,90/0 


34,00/0 


Gerste . . 


. 12.8 0/0 


12,80/0 


Erbsen . . 


. 3,00/0 


2,80/0 


Bohnen . . 


. 0,30/0 


0,30/0 



Nach diesen Andeutungen über die Entwicklung der Pro- 
duktionsfähigkeit des Getreidebaus während des 18. Jahr- 
hunderts vermag nachfolgende Tabelle, die ein Material von 
28 Gütern und Vorwerken umfafst, einen tieferen Einblick in 
die Anbauverhältnisse zu Anfang des 19. Jahrhunderts zu 
gewähren. Der Durchschnitt an Aussaat, Ertrag und Korn 
betrug demnach. 

(Siehe Tabellen auf Seite 36 und 37.) 

Angabe in Prozenten der gesamten Aussaat und des ge- 
samten Ertrages. 

Korn: 

8,2 
6,8 
4,6 
5,8 
5,5 
5,6 

Roggen und Hafer machen zusammen ^U der gesamten 
Aussaat und des Ertrages aus. 

Die Aussaatmenge betrug pro kullmischen Morgen bei 
Weizen und Roggen 2V2 Scheffel, bei Hafer 3, bei Gerste 
2^/2 — 3, bei Erbsen 2^/4 — 3 Scheffel. Die Betriebsform war 
bei 12 Gütern die Dreifelderwirtschaft, bei 2 die Vierfelder- 
wirtschaft, bei 4 Gütern waren die Felder in 5, bei je 1 in 
6 und 8, bei 6 in 9, bei 2 in 11 Koppeln geteilt. Einige Bei- 
spiele mögen die Fruchtfolge in den vorherrschenden Koppel- 
wirtschaften klarlegen. 

Das Vorwerk Glafshütte zeigt in seiner Fünf koppel Wirt- 
schaft folgende Fruchtfolge : 

I. Koppel Brache 30 Morgen kullmisch. 

II. - getüncht. Erste Tracht zu Weizen, 7 Morgen. 
8 Morgen zu Roggen. 15 Morgen dritte 
Saat zu Roggen. 
III. - 15 Morgen zweite Saat zu Hafer und Klee. 



36 



XX 3. 







We 


z en 




Roggen 


Ha 


fer 


ag 




Aussaat 


Ertrag 


Aussaat 


Ertrag 


Aussaat 


Ertr 




1 




1 


% 






2 

So 
'S 


1 


1 
'S 




Scheffel 


s 
% 


Kl.-B«yDuhnen . . 


— 


— 








163 





923 


8 


130 





584 


8 


Angerau . . 






15 


— 


105 


— 


124 


8 


738 


12 


95 


8 


421 


— 


Ocznagorren . 






20 


— 


140 


— 


96 


12 


560 


8 


95 


— 


405 


— 


;Milchbude 






7 


8 


37 


8 


61 


4 


224 


6 


41 


12 


146 


2 


Auerflufs . . 






— 


— 


— 


— 


117 


8 


647 


8 


69 — 


276 


— 


Mikalbude . 






— 


— 


— 


— 


165 


12 


933 


— 


110 - 


512 


— 


Dombrowken 






30 


— 


240 


— 


225 


— 


1800 


— 


153 


— 


918 


~ 


Kosecau . . 






— 


— 


— 


— 


92 


— 


925 


— 


— 


— 


— 


— 


Friedrichsruhe 






11 


11 


93 


8 


37 


8 


300 


— 


41 


— 


246 


— 


Kl.-Gnie . . 






54 


11 


546 


14 


164 


1 


1465 


10 


321 


14 


1707 


8 


Neusorge . . , 






21 


14 


218 


12 


55 


12V2 


490 


— 


66 


15 


413 


7 


Gr.-Gnie . . 






54 


11 


546 


14 


170 


IOV2 


1531 


9 


318 


15 


1719 


4 


Neuastrawischke 


n 




35 


— 


280 


— 


109 


8 


735 


— 


117 


— 


528 


— 


Keimerischken 






17 


8 


140 


— 


52 


2 


362 


6 


62 


6 


308 


14 


Trenkensruhe 






7 


8 


45 


— 


41 4 


281 


4 


46 


8 


220 


8 


;Mauenwalde . 






30 


— 


240 


— 


168 1 — 


1128 


— 


180 


— 


864 ~ 


Gr.- u. Kl.-Eiser- 






























wagen . . 






37 


8 


300 


~ 


137 


8 


950 


— 


198 


— 


837 


— 


Damerau . . 






30 


— 


240 


— 


60 


— 


415 


— 


168 


— 


654 


— 


Ricbau . . . 






20 


— 


120 


— 


20 


— 


120 


— 


246 


— 


798 


— 


Kl.-Mauen 






12 


8 


100 


— ■ 


37 


8 


250 


— 


96 


— 


384 


— 


Frilinde . . 






22 


8 


180 


— 


67 


8 


450 


— 


171 


— 


648 


— 


Koppershagen 






86 


10^/3 


693 


5V8 


44 


12 


239 


— 


m 


— 


216 


— 


Launicken 






— 





— 


— 


116 


4 


697 


— 


293 


12 


1191 


4 


Friedrichsfelde 






9 





54 


— 


121 


— 


661 


8 


85 


2 


349 


12 


NeuBorge . . 






— 





— 


— 


94 


— 


525 


— 


88 


14 


402 


2 


Jurgutschen . 






— 


— 


— 


= 


100 


— 


580 


— 


38 


— 


170 


— 


Is'a gurren . . 






30 





240 


— 


160 


— 


1090 


— 


192 


— 


924 


— 


Glafshütte . 






17 


8 


140 


— 


57 


8 


385 




129 


— 


661 


— 








571 


' P/8 


4700 


13V3 


2861 


2 


19408 


15 


3590 


10 


16405 


T 




XX 



37 





( 


Gr e r st e 


] 


Erb i 


] an 


Bohnen 




Aussaat 


Ertrag 


Aussaat 


Ertrag 


Aussaat Ertrag 




CO 


J 


1 


1 


U2 




'S 


'S 


1 


0) 






Kl.-Beynuhnen . . 


64 


8 


322 


8 

















_ 


_ 


_ 


Angerau .... 


60 


— 


360 


— 


10 


— 


60 


— 


— 


— 


— 


— 


Ocznagorren . . . 


30 


— 


150 


— 


15 


— 


75 


— 


— 


— i 


— 


Milchbude . . . 


15 


— 


52 


8 


11 


4 


45 


— 


— 




— 


Auerflufs .... 


69 


— 


345 


— 


- 


— 


— 


— 


— 





— 


— 


Mikalbude . . . 


72 


— 


360 


— 


18 


— 


90 


— 


— 





— 


— 


Dombrowken . . 


127 


8 


765 


— 


— 


— 


— 


— 


— 







— 


Rosenau .... 


92 


8 


740 


— 


— 


— 


— 


— 


— 








— 


Friedrichsruhe . . 


15 


— 


90 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 





Kl.-Gnie .... 


60 


15 


365 


10 


22 


8 


135 


— 


— 


— 





— 


Neusorge .... 


24 


6 


146 


4 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


Gr.-Gnie .... 


59 


6 


356 


4 


25 


14 


135 


4 


— 





— 


— 


Neuastrawischken 


38 


8 


192 


8 


12 


8 


75 


— 


— 











Reimerischken . . 


— 


— 


— 


— 


7 


8 


45 


— 


10 





50 





Trenkensruhe . . 


11 


— 


66 


— 


— 


— 


— 


— 


— 











Mauenwalde . . 


16 


8 


82 


8 


15 


— 


90 


— 


— 





— 


— 


Gr.- und Kl.-Eiser- 


























"wagen .... 


41 


4 


247 


8 


12 


8 


75 


— 


7 


8 


45 


— 


Damerau .... 


33 


— 


198 


— 


— 


— 


— 


— 


7 


8 


45 


— 


Richau 


16 


8 


,66 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 





— 


Kl.-Mauen . . . 


8 


4 


49 


8 


— 


— 




— 


— 


— 


— 


— 


Frilinde .... 


16 


8 


99 


— 


7 


8 


45 


— 


— 


— 


— 


— . 


Koppershagen . , 


66 


42/8 


392 


4 


28 


5V8 


170 


— 


— 


— 


— 


— 


Launicken . . . 


36 


— 


180 


— 


7 


8 


37 


8 


— 


— 


— 


— 


Friedrichsfelde . . 


39 




195 


— 


15 


— 


75 


— 


— 


— 


— 


— 


Neusorge .... 


— 


— 


— 


— 


10 


— 


50 


— 


— 


— 


— 


— 


Jurgutschen . . . 


45 


13 


274 


14 


10 


— 


50 


— 


— 


— 


— 


— 


Nagurren .... 


61 


8 


99 


— 


15 


— 


90 


— 


— 


— 


— 


— 


Glafsbätte .... 


— 


— 


— 


— 


5 


— 


30 


— 


— 


— 


— 


— 




1075 


42/8 


6195 


4 


248 


1 7V3 


1 1372 


12 


25 


— 


: 140 


— 



38 XX 3. 

2 Morgen vierte Saat zu Erbsen. 13 Morgen 
vierte Saat zu Hafer. 
IV. Koppel 15 Morgen Kleewiese, 15 Morgen Weide. 
V. - 8 Morgen Weide. 7 Morgen Wickfutter. 

15 Morgen fünfte Saat zu Hafer. 
Am Vorwerk Koppershagen lernen wir eine Neunkoppel- 
wirtschaft kennen: 

I. Koppel 23V2 Morgen kullmisch Brache. 
H. - 23V2 Morgen getüncht erste Tracht zu Weizen. 
HI. - zweite Tracht Gerste mit Klee 23V2 Morgen. 
IV. - 23V2 Morgen Wiese. 
V. - 23V2 Morgen Weide. 
VI. - 23 V2 Morgen Weide. 
Yjy 1 IP/2 Morgen Mistbrache. 

\ 12 Morgen magere Brache. 
VIII. - 11^/2 Morgen getüncht zu Weizen erste Tracht, 
12 Morgen dritte Tracht Roggen. 
IX. - 11 V/2 Morgen zweite Tracht zu Erbsen, Bohnen 
und Gerste. 12 Morgen vierte Tracht zu Hafer. 
Auf dem zweiten Hauptgebiete der Landwirtschaft, in der 
Viehzucht, sind bezüglich der Rindviehzucht sogar bis 1830 
keine Fortschritte hervorgetreten, dagegen beginnt nach dem 
Jahre 1815 ein bedeutsamer Aufschwung in der Schaf- und 
Pferdezucht, worüber weiter unten gehandelt werden wird. 

Während des 18. Jahrhunderts lag die Rindviehzucht nicht 
direkt in den Händen des Gutsherrn, sondern in den eines 
Unternehmers, des sogenannten Hofmannes, der flir jede Kuh 
eine bestimmte Pacht zahlte. Diese, die um 1708 4 Thaler 
betrug, erfuhr bis zum Anfange des 19. Jahrhunderts eine 
Erhöhung auf durchschnittlich 8 Thaler 14 Groschen pro Kuh ; 
zu Steinort wurden 1746 4 Thaler 40 Groschen, zu Resau 
und Grofs-Guja 1791 4 Thaler gezahlt. Von den Kälbern 
mufste der Hofmann eine bestimmte Anzahl, etwa */* jährlich, 
unentgeltlich abliefern; wurden mehr verlangt, so erhielt er 
pro Stück 4 Thaler, oder ihm stand der Verkauf derselben 
zu, und er bezahlte dann für jedes abgesetzte 2 — 4 Thaler 
an den Gutsherrn. Die Herde war in ihrer Leistungsfähigkeit 
zu erhalten, und eine bestimmte Anzahl alter Kühe durch 
junge jährlich zu ersetzen. Über die Anzahl der Kühe wird 
sich schwer etwas Genaueres feststellen lassen; während auf 
den 28 v. Farenheidschen Vorwerken sich pro kullmische Hufe 
1,74 Kühe finden und etwa einhalb soviel Jungvieh, weisen 
die Steinorter Güter pro Hufe kullmisch im Jahre 1793 2^/2 
Kühe, 1 Pferd, ^/4 Ochsen und 3^/8 Schafe auf. Das Nutz- 
vieh befand sick hier in der Regel auf den Vorwerken, 
während das Arbeitsvieh auf dem Hauptgute eingestellt war. 
Weit lohnender als die Einnahmen aus der Kuhpacht, scheint 
der Gewinn aus dem Verkauf von Mastochsen gewesen zu 



I 



XX 3. 39 

sein. Zur Mästung wurden in erster Linie die Brägen der 
Brennereien benutzt. Die Preise waren um die Jahrhundert- 
wende recht erhebliche, sie schwankten zwischen 42 und 75 
Thaler und betrugen im Durchschnitt 50—60 Thaler. In der 
Hauptsache waren es die ausgedienten Arbeitsochsen, die fett ge- 
macht wurden. Die Schafzucht wurde nur auf wenigen Gütern 
in gröfserem Mafsstabe betrieben , und zwar fast nur mit den 
gewöhnlichen Landschafen. Im allgemeinen hielt die Herr- 
schaft nur 20 — 30 Tiere als Schlachtvieh, für die der Schäfer 
am Anfang des 18. Jahrhunderts 24 Groschen, zu Steinort 
1746 21 Groschen, und am Anfang des 19. Jahrhunderts 60 
Groschen pro Stück Pacht zahlte. 

Erst mit dem Eingreifen des Staates in den zwanziger 
Jahren beginnt ein bedeutsamer Aufschwung der Schaf- und 
ebenso der Pferdezucht, welche letztere, von einigen für die 
Allgemeinheit bedeutungslosen Versuchen abgesehen, in der 
hier zu behandelnden Periode sich lediglich mit der Aufzucht 
von Arbeitstieren beschäftigte. Ziegen, die wir am Anfange 
des 18. Jahrhunderts wenigstens in beschränkter Menge an- 
treffen, finden sich um 1800 weder im gutsherrlichen noch im 
bäuerlichen Betriebe. Es ist anzunehmen, dafs sie in der 
weiter zurückliegenden Zeit die Stelle von Kühen bei den 
Gutsunterthanen vertreten haben. Die Schweinezucht be- 
schränkte sich, wie die Schafzucht, in der Regel auf den guts- 
herrlichen Bedarf an Schlachtvieh. Ganz gering war die 
Federviehhaltung, sehr erklärlicherweise, da der wirtschaft- 
liche Bedarf des Gutsherrn in dieser Hinsicht völlig durch 
die Lieferungen der Bauern gedeckt war. Über das sehr 
stark vertretene Leutevieh soll im Zusammenhang mit der Be- 
trachtung der Verhältnisse der einzelnen Gutsunterthanen ge- 
handelt werden. Eine ungefähre Vorstellung von der Stärke des 
Arbeitsviehs kann der Hinweis geben, dafs man auf 60 Scheffel 
Wintersaat ein Gespann Pferde und auf 30 Scheffel eine Zoche 
Ochsen rechnete. Während des Sommers hielt sich das Vieh 
lediglich auf der Weide auf, an Winterfutter wurden auf 
1 Pferd 32 Centner Heu, 1 Ochsen oder Kuh 16, einen Bullen 
16 Centner Heu und 8 Centner Klee, 1 Stück Jungvieh 
8 Centner Heu, einen Mastochsen, falls er keine Brage er- 
hielt, 21 Va Centner Heu und ebenso viel Klee angenommen. 
Die Durchschnittspreise während der Zeit von etwa 1790 bis 
1806 betrugen für 5 — 6 jährige Arbeitspferde 35 — 40 Thaler, 
9— 13 jährige 25 Thaler, * Füllen etwa 17 Thaler; 3— 6 jährige 
Ochsen kosteten im Durchschnitt 15 Thaler, Kühe 9 — 11 
Thaler, Stärken 6 Thaler, Kälber 3 Thaler, Bullen 20—30 
Thaler, alte Schweine 3—4 Thal er, Ferkel je nach dem Alter 
15 — 60 Groschen, alte Schafe P/2 bis 2V2 Thaler. Ziehen wir 
die W^erte, die sich für die Periode 1720—1746 für das Vieh 
auf den Steinorter Gütern ermitteln liefsen, und die sich für 



40 



XX 3. 



Pferde auf 5-6 Thaler, Ochsen 7—8 Thaler, Bullen 0—7 
Thaler, Kühe etwa 4 — 5 Thaler, Jungvieh 2 Thaler, aus- 
gewachsene Schweine 60 Groschen — 1 Thaler, Schafböcke 
1 Thaler, Schöpsen und Mutterschafe 60 Groschen, Lämmer 
24 Groschen stellten, zum Vergleich heran, so ergiebt sich 
für alle Tierarten, in erster Linie aber für Pferde, eine ge- 
waltige Preissteigerung. 

Wir wenden uns jetzt den beiden ältesten landwirtschaft- 
lichen Gewerben, der Brauerei und Brennerei zu, die hier 
aufserordentlich stark vertreten sind. Nachfolgende Tabelle 
giebt einen Überblick über die Produktion in diesen beiden 
Zweigen zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in den 
schon erwähnten 28 Gütern. 



i 







B 


r a u 


e r 


e i 


















Inneres Debit 


Äufseres 
Dfihif, 




Tafelbier 






v 






0) 














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o 

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CD 

'55 


03 
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J 


ß 






•Jl o). 


ß 'X ^ 


Kl.-Beynuhnen . 


397 


Vh 


595V2 


67 


1 


67 


464 


3 


13V9 


19 


30 




Dombrowken 


120 




180 














5 


36 




Gnie .... 


305 




457 V2 


30 




30 


335 






13 


86 


4V« 


Neuastrawischken 


130 




195 








130 






5 


37 


9 


Eiserwagen . . 


170 


n 


255 


20 




20 


190 






7 


82 


9 


Koppershagen . 


100 




150 














4 15 




Launicken . . 


206 




309 


22 




22 


228 






9 


45 




Nagurren . . . 


76 


" 


114 








76 


rt 


n 


3 


15 




Summa 


1504 


1 


2256 


139 1 




139 








68 


77 


4Vä 



m 



Brennerei 



Kl..-Beynuhnen 
Dombrowken 
Gnie .... 
Neuastrawischken 
Eiserwagen . . 
Koppershagen 
Launicken 
Nagurren 




XX 3. 41 

Auf sämtlichen 8 Hauptgütern fanden sich also beide 
Gewerbe vertreten ; nehmen wir die 22 Vorwerke hinzu, so betrug 
die Produktion an Bier 54,8 Tonnen pro Gut oder Vorwerk, 
an Branntwein 18,1 Ohm. Sehr bemerkenswert erscheint der 
Umstand, dafs die ünterthanen gezwungen wurden, für Bier 
das anderthalbfache , für Branntwein sogar das Doppelte des 
Marktpreises zu zahlen. Bezüglich des Konsums beider Ge- 
tränke seitens der ländlichen Bevölkerung werden genaue An- 
gaben schwierig, ein ungefähres Bild aber immerhin möglich 
sein. So wurden in den Krügen Angerapp, Medunischken 
und Stibircken, zu denen die Vorwerke Angerapp, Medunischken, 
Paulsdorf, Sodarren und das Dorf Stibircken mit einer 
Einwohnerschaft von 439 Köpfen gehörten, während der 
Jahre 1784—89 173, 5 Tonnen Bier und 6172,5 Stof Brannt- 
wein jährlich ausgeschenkt, was einem Konsum von 0,395 
Tonnen Bier und 14,06 Stof Branntwein pro Kopf ent- 
spricht. Bei dem geringen Verkehr der damaligen Zeit, 
der sich auf die Holz- und Getreidefuhren der Bauern in der 
Hauptsache beschränkte, mögen diese Zahlen nicht zu sehr 
von den wirklichen Verhältnissen abweichen. Weniger häufig 
als Brauerei und Brennerei treffen wir Ziegeleien an. Der 
Gewinn aus ihnen fiel nicht sehr ins Gewicht, da der Bedarf 
«in geringer war. Bezahlt wurden Mauersteine zu Anfang des 
19. Jahrhunderts das Tausend mit 10 Thalern, Dachsteine und 
Bieberschwänze mit 12 Thlrn. Die Produktionskosten, aus 
Arbeitslohn und dem Preis des Brennmaterials bestehend, beliefen 
sich auf 4 — 5 Thlr. , so dafs ein Überschufs von 5 — 8 Thlrn. 
erzielt wurde; 1790 wurden Ziegel mit 6 Thlrn. das Tausend 
bezahlt; der Gewinn betrug 2^/3 Thlr. 

Gering waren auch die Einnahmen aus Gärten und Bienen- 
zucht. Bienenstöcke finden sich zwar überall auf den Gütern, 
in der Hauptsache decken sie jedoch nur den eigenen Bedarf, 
ebenso in den meisten Fällen die stets vorhandenen Karpfen- 
teiche. Die Haupteinnahmequellen waren also der Verkauf 
von Getreide und Vieh. Von Wiesen und Klee, der letztere wurde 
seit 1786 auf den Angerapper Gütern, im allgemeinen aber erst 
in den neunziger Jahren angebaut, fand ein Verkauf der ge- 
wonnenen Futtermittel nur ausnahmsweise statt, da im Falle 
reichlichen Winterfutters Ochsen zur Mast angekauft wurden. 

Wir gehen jetzt zu einer Betrachtung der Organisation 
der Güter unter genauer Berücksichtigung der Leuteverhält- 
nisse über. 

Die Verwaltung der Güter, soweit sie nicht verpachtet 
waren, was die Regel zu sein pflegte, geschah durch einen 
Administrator \ unter dem auf dem Hauptgute ein oder meh- 

* Die Verwaltung kleinerer Vorwerke lag oft in den Händen von 
Arrendatoren oder Hofleuten-, erstere trugen mehr den Charakter eines 



42 XX 3. 

rere Kämmerer standen, während die Vorwerke je einem 
Kämmerer unterstellt waren. Besafs der Grundherr einen 
gröfseren Güterkomplex, so standen ihm sogenannte Kontrolleure 
und mehrere Schreiber zur Seite, An Gehalt erhielt in den 
neunziger Jahren ein Administrator 150 Thlr., dazu kamen an 
Deputat 40 Scheffel Roggen, 3 Scheffel Weizen, je 4 Scheffel 
Gerste, Hafer und Erbsen, 8 Tonnen Bier, für 2 Pferde 
täglich 4 Metz Hafer und 16 Pfund Heu, freie Weide und 
Futter für eine Fohlenstute, 2 Fohlen , 3 Kühe, 6 Schafe; 
12 Scheffel Bohnen zur Mast für 4 magere Schweine, schliefs- 
lich 300 Quadratruten Gartenland und freie Wohnung nebst 
Holz. Sein Einkommen wurde auf 284 Thlr. und 66 gr. an- 
genommen, ein gewaltiger Fortschritt gegenüber den Einnahmen 
eines Administrators der Launicker Güter im Jahre 1708, 
der an Gehalt 90 Gulden und ein Deputat im Werte von 
87 Gulden und 25 gr. erhielt, in Summa 177 Gulden und 25 gr. 
Dies trifft auch zu selbst unter Berücksichtigung der ver- 
minderten Kaufkraft des Geldes und der gestiegenen Getreide- 
preise, die sich beim Weizen von 50 auf 75, beim Roggen von 
30 auf 60, bei der Gerste von 25 auf 45, beim Hafer von 
15 auf 30 gr. erhöht hatten. Ein Schreiber erhielt in den 
neunziger Jahren an Lohn 24 Thlr. , an Deputat 1 Scheffel 
Weizen, 9 Roggen, 2 Gerste, 1 Hafer, 2 Erbsen und 4 Tonnen 
Bier. Im Laufe der Jahre steigerte sich der Lohn, erreichte 
oft 50 Thlr. Das bare Gehalt der Kämmerer schwankte 
zwischen 12 und 21 Thlr., betrug im Durchschnitt 18 Thlr. 
An Deputat erhielten sie in der Regel 1 Scheffel Weizen, 
18 — 21 Roggen, 2—4 Gerste, 5—8 Hafer, 2 Erbsen und eine 
Tonne Bier. Freie Weide wurde ihnen gewährt, häufig für 
ein Pferd, stets für 2 Kühe, 1 Stück Jungvieh, 6 Schafe und 
6 Schweine. Vergleichen wir damit Gehalt und Deputat eines 
Kämmerers aus dem Jahre 1708, die zusammen dem Wert 
von 79 Scheffel Korn entsprachen, während hier Gehalt und 
reine Naturalien höchstens den Wert von 50—60 Scheffel 
Roggen haben, so kann von einer Besserung des Einkommens 
nicht die Rede sein. Da jedoch in den Naturalien von 1708 
ein gemästetes Schwein und ein Märzschaf einbegriffen sind, 
was den Schlufs nahelegt, dafs damals aufser einer Kuh kein 
anderes Vieh von diesen Leuten gehalten werden durfte, so 
wird man auch nicht mit Bestimmtheit von einem Herabsinken 
der Einkommensverhältnisse der Kämmerer reden können. 

Bevor wir nun zu den Angestellten in den landwirtschaft- 
lichen Gewerben und Nebenbetrieben kommen, wird eine Be- 
sprechung der Verhältnisse der eigentlichen Handarbeiter, der 



Pächters, während letztere, namentlich in älterer Zeit, mehr Beamte ge- 
wesen zu sein scheinen. 



XX 3. 



43 



Instleute oder Gärtner und der Knechte notwendig. Hier 
gilt es zunächst, auf das zahlenmäfsige Verhältnis einzugehen, 
um eine Auseinandersetzung mit der Anschauung zu ermög- 
lichen, die in der Hauptsache einen ländlichen Arbeiterstand 
vor der Bauernbefreiung leugnet und folgerichtig die Haupt- 
masse der Arbeit auch auf den Gütern von den Bauern ver- 
richtet glaubt. 

Es ist bereits in dem Kapitel über die Dorfbewohner 
darauf hingewiesen worden, dafs sich in den Dörfern ein 
starker Stamm ländlicher Arbeiter, etwa 50 "/o der Bauern, be- 
findet, der in der Hauptsache auf die Arbeit in Forsten und 
auf Gütern angewiesen war; wir geben jetzt eine Übersicht 
über die Zahl der Instleute, Bauern und Losleute, soweit sich 
alle drei Kategorien für zusammenhängende Guts- und Dorf- 
komplexe feststellen liefsen. 



A. DieBeynuhner Güter. 

Bauern Losleute 



Güter: 


Kl.-Beynuhnen 
Angerau . . . 
Ocznagorren 
Milchbude 


— 




Auerflufs . , 


— 




Mikalbude 


— 




Medunischken 


— 




Gr.-Sunkeln . 


— 


Dörfer: 


Gr.-Beynuhnen 
Kowarren . . 


14 
9 




Medunischken 


18 




Sauskojen . . 
Skirlacken 


12 
16 




Gr.-Sobrost . . 


16 




Kl.-Sobrost . 


. 9 




Thalau . . . 


9 




Fritzendorf . 


, — 



Instleute 
10 

8 

5 

2 

5 

5 

7 
13 



10 

7 
9 
3 





103 


63 


55 




B. DieDombrowker 


Güter. 






Bauern 


Losleute 


Instleute 


Güter: 


Dombrowken , . — 
Rosenau .... — 
Friedrichsruhe . . — 


— 


12 
6 
3 


Dörfer: 


Kermuschinen . . 14 
Rossossen .... 10 


8 
6 





24 



14 



21 



44 



XX 



Güter; 



Dörfer: 



C. Die Herrschaft Gnie. 

Bauern Losleute 



Kl.-Gnie . . . . 
Neusorge . . . 
Gr.-Gnie . . . 


— 


Christophsdorf . 
Lehnkendorf , . 
Gr. und Kl.-Dwillin 
Friedrichsfelde . 


. 13 

.' 7 
9 
6 



Instleute 
13 









35 


10 


28 




D, D ie Ang 


erapper 


Güter, 










Bauern 


Losleute 


Instleute 


Güter: 


Angerapp . . 
Medunischken 




— 


— 


3 
10 




Paulsdorf . . 




— 


— 


9 




So darreu . . 




. — 


— 


2 




Sargen . . . 




■. — 


— 


4 


Dörfer: 


Stibircken 




. 6 


7 


— 




Szabienen . . 




. 12 


2 


— 




Schupowen 
Jotschin . . 




. 2 
. 6 


? 
? 


— 



26 9 28 
E. Gut Mauenwalde. 

Bauern Losleute Instleute 

Gut Mauenwalde .... — — 7 

Dorf Schneiderin 13 2 — 

Diese Tabelle, die 20 Güter, zu denen 20 Dörfer gehören, 
umfafst, weist 201 Bauern, 98 Losleute und 139 Instleute auf 
oder in Prozent 46 ^lo Bauern^ 22 ^lo Losleute und 32 % Inst- 
leute. Zählen wir Losleute und Instleute zusammen, so über- 
wiegt die Anzahl der Arbeiterbevölkerung die der Bauern 
nicht unbeträchtlich^. Dabei ist das Gesinde, insbesondere 
die starke Anzahl der verheirateten Knechte auf den Gütern, 
nicht berücksichtigt worden, obwohl sie sich in einer ganz ähn- 
lichen Stellung wie die Instleute befanden. Um für die Ver- 
breitung des Gesindes ein Beispiel anzuführen, so befanden 
sich auf den Beynuhner Gütern und Vorwerken 44 Knechte 
und 36 Mägde. In dem masurischen Steinort überwiegt 1795 
die Zahl der Bauern mit 86 noch die der Inst- und Losleute 



^ Es ist das Verdienst der Untersuchungen Kerns, nachgewiesen zu 
haben, dafs der Ursprung beider Klassen der ländlichen Arbeiterbevölke- 
rung zurückzuführen ist bis zum Anfang des 15. Jahrhunderts. Eine 
scharfe Scheidung beider Klassen scheint für die frühere Zeit schwer durch- 
führbar zu sein, die Namen wechseln häufig. Auch die ländlichen Ar- 
beiter haben nach Kern erst allmählich ihre freie Stellung verloren. 



XX 3. 45 

mit 75. Hier sind die Bauern im ganzen stärker mit Fronden 
belastet, daher ist das Bedürfnis nach Arbeitern noch geringer. 
Eine Zunahme in der Zahl der Arbeiter gegenüber der Anfangs- 
zeit des 18. Jahrhunderts ist aber bereits erfolgt. Sie läfst 
sich, da die Belastung der Bauern seit 1713 dieselbe blieb, 
lediglich auf die Bevölkerungszunahme und weitere Inkultur- 
nahme von Od- und Waldland zurückführen ^. 

Es hat also im mittleren Ostpreufsen, wohin auch Stein- 
ort gerechnet werden mufs, bereits vor der Bauernbefreiung 
einen starken ländlichen Arbeiterstand gegeben. Damit er- 
ledigt sich auch die Behauptung, dafs die Arbeit auf den 
Gütern in der Hauptsache von Bauern geleistet wurde, es 
trifft dies nicht einmal für die Spanndienste zu. So wurden 
auf dem Vorwerk Gr.-Gnie, auf dem 6 Bauern aus Friedrichs- 
felde und 7 aus Lehnkendorf ihr Scharwerk zu leisten hatten, 
von diesen nur 44 Pflugtage und 104 Spanntage verrichtet, 
während die Vorwerkstiere 1052 Pflug- und 447 Spanntage 
leisteten. Auf der Steinorter Begüterung wurden 1793/94 
1465 Scheffel Winter- und 1589 Scheffel Sommergetreide aus- 
gesät, wovon die 81 Bauern nur zur Bestellung von je 486 
Scheffel Winter und Sommergetreide herangezogen wurden, 
so dafs mehr wie zwei Drittel der Arbeit Gesinde, Inst- und 
Losleuten zufiel, in Resau und Gr.-Guya wurde überhaupt 
keine Arbeit von Bauern ausgeführt. In älterer Zeit freilich 
mögen die Leistungen der Bauern, infolge ihrer stärkeren In- 
anspruchnahme und der geringeren in Anbau genommenen 
Kulturfläche mehr im Vordergrund gestanden haben. Findet 
sich doch sogar in den zwanziger bis vierziger Jahren auf 
den eigentlichen Vorwerken der Herrschaft Steinort nur ge- 
ringe Gesindehaltung und an Arbeitsvieh ein Gespann Pferde 
und 2 — 3 Joch Ochsen. Freilich wies das Hauptgut Steinort 
bereits 1740 12 Instleute auf. Für die spätere Zeit aber 
werden wir als Ergebnis fesstellen dürfen, dafs die Arbeit auf 
den Hauptgütern ausnahmslos von Instleuten und Gesinde ge- 
leistet worden ist, während die eigentlichen Vorwerke und 
namentlich deren Aufsenschläge von den Bauern der benach- 
barten Dörfer und den auf Tagelohn arbeitenden Losleuten 
bestellt wurden^. 



1 Kern teilt mit, „dafs 1798 die Vertreter der Ritterschaft für die 
Vermehrung der Losleute geradezu die Domänenverwaltung verantwort- 
lich machten, welche in den ausgehauenen Stellen der königlichen Forsten 
fär sehr wohlfeile Pacht einzelne Flecken Aussaat an Familien austbäte, 
die dort elend genug — mehrere Familien in einer Stube — aber ohne 
Arbeitszwang lelDten. Alles dränge sich in diese Scheflfelplätze, und Gärt- 
ner und Insten seien nicht zu bekommen." 

2 Dagegen sind, namentlich in der älteren Zeit, die Arbeiten auf den 
Domänen weitaus in der Hauptsache von den Bauern der dazugehörigen 
Dörfer ausgeführt worden. Vergleiche Hörn, Seite 430 ff. 



46 XX 3. 

Befand sich nun auch die zweite grofse ländliche Arbeiter- 
klasse, die der Instleute, in den specifisch proletarischen Ver- 
hältnissen der Losleute? Wir werden hier mit einem ent- 
schiedenen „Nein" zu antworten haben. Durchweg erhielten 
sie Land zur Aussaat von je 1 — 2 Scheffel Winter- und 
Sommergetreide, oder wie in Resau und Gr.-Guya soviel 
Winteraussaat, als ihr Mist austrägt. Sie durften in der Regel 
mindestens 1 Kuh, 3 Schafe, 3 Schweine, oft aber auch 1 Pferd, 
2 Kühe , 3 Schafe , 2 Lämmer , 3 Schweine , 2 Ferkel und 
einiges Federvieh halten. In diesem Falle war ihre Stellung 
weit mehr der eines Kossäten verwandt, als der eines Losmannes 
oder modernen ländlichen Arbeiters. Jedenfalls trugen sie durch- 
aus den Charakter von Kleinwirten, die an dem Ausfall der Ernte 
nicht minder wie die Gutsbesitzer interessiert waren. In den Pacht- 
kontrakten sehen wir die Gutsherren bemüht, den Instleuten ihre 
günstige Stellung zu wahren. Der Pächter wird verpflichtet, ihr 
Land nach der Bestellung von ^/s des Gutslandes in Angriff zu 
nehmen, den Tagelohn in der festgesetzten Höhe auszuzahlen. 
Ihre finanziellen Leistungen bestanden aus einem Kopfschofs 
von 35 Groschen, Hörn- und Klauenschofs betrug 24 Groschen 
pro Kuh, 15 Groschen pro Pferd, pro Schaf oder Schwein 
3 — 8 Groschen, an Weidegeld wurde für 1 Pferd 25 Groschen, 
IKuh 20 Groschen, Schaf und Schwein je 5 Groschen, an Gespinst- 
geld 20— 30 Groschen, an Bienenzins pro Stock 15 Groschen, an Ein- 
ackerungsgeld proMorgen 1 Thlr. entrichtet, dieWohnung war frei. 

Aufserdem bestand die Verpflichtung, 10 Mann erhandtage 
und ebensoviel Frauenhandtage ohne Entschädigung zu leisten 
und jeder Zeit gegen einen Tagelohn von 9 Groschen der 
Mann und 6 Groschen die Frau zur Arbeit bereit zu sein; 
in Resau und Grofs-Guya betrug der Lohn vor Ostern nur 
7^/2 und 4 Groschen. Nach den Steinorter Tagelohnregistern 
aus dem Jahre 1804/1805 betrug der durchschnittliche Tage- 
lohn verdienst im Jahr beim Mann 8 — 9, bei der Frau 5 Thaler. 
Im Winter trat an die Stelle des Geldlohns ein Anteil am 
Erdrusch, der zehnte bis elfte Scheffel. Im ganzen ist die 
Stellung der Instleute eine durchaus gesicherte, ihre wirtschaft- 
liche Lage fraglos besser als die der Scharwerksbauern, 
Kossäten und Losleute. Trotzdem verleiten sie psychologische 
Momente, Unabhängigkeitsdrang und das Bestreben, auf der 
socialen Stufenleiter weiter zu gelangen, häufig zur Aufgabe 
ihrer gesicherten Stellung und zur Übernahme eines Schar- 
werkserbes, das, wie wir sahen," oft ihren Ruin herbeiführt. Das 
Bestreben des modernen ländlichen Arbeiters , aus der ihm un- 
bequemen socialen Stellung herauszukommen, ist kein plötz- 
liches Produkt der gegenwärtigen Entwicklung, die Anfänge 
dieser Bewegung sind bereits hier deutlich erkennbar. Der 
an die Scholle gefesselte ländliche Arbeiter des 18. Jahrhunderts 
flüchtet an die äufserste Peripherie des ländlichen Grofs- 



XX 3. 47 

betriebes, der Inste des 19. Jahrhunderts, in den Besitz der Frei- 
zügigkeit gelangt, verläfst seinen heimatlichen Kreis gänzlich. 
Auch die Anfänge einer zweiten modernen Entwicklung lassen 
sich bereits im 18. Jahrhundert erkennen. Bereits beginnen 
die Gutsherren einzusehen, dafs die Viehhaltung der Instleute 
ein Haupthindernis für den Beginn einer intensiveren Kultur, 
namentlich für eine Futtervermehrung bedeute; so schreibt 
V. Farenheid 1784 an Schubart von Kleefeld: „Die gröfste 
Schwierigkeit, in unserm Lande die Brache abzuschaffen , ist, 
dafs unsere Instleute die Erlaubnis haben, eine Kuh, ein Stück 
Jungvieh, 3 bis 4 Schafe, 2 Schweine und 1 Zuchtgans zu 
halten, welche sie nach unserm bisherigen Gebrauch auf der 
herrschaftlichen Weide Sommer über geweidet^." 

Nun scheint es zwar zu einer Beschränkung der Vieh- 
haltung noch nicht gekommen zu sein, aber das Ackerland 
ist bereits vielfach eingezogen. Geldlohn in der Höhe von 
9 Thaler, 10 Scheffel Roggen, 2 Gerste, 3 Hafer, 1 Erbsen 
sind an dessen Stelle getreten ; hier ist bereits ein Schritt zur 
Proletarisierung des ländlichen Arbeiters gethan. 

Im ganzen jedoch weisen die Insten im 18. Jahrhundert 
die charakteristischen Züge des Kleinwirts , des Parzellen- 
pächters auf, während die Losleute der Dörfer durchaus als 
Proletarier zu gelten haben ^. 

Nicht sehr verschieden in ihrer wirtschaftlichen Lage von 
den Instleuten sind die verheirateten Knechte, die in 
der Hauptsache als Gespann- und Zochführer verwendet wurden. 
Pferdehaltung scheint in ihrer Wirtschaft ganz zu fehlen, da- 
gegen besitzen sie stets 1 — 2 Kühe, mindestens je 3 Schafe 
und Schweine. Land zur Aussaat erhielten sie seltener, dafür 
aber einen Jahreslohn von 10 Thalern und ein höheres Deputat 
als die Instleute, 15 Scheffel Roggen, je 3 Gerste und Hafer, 
VI2 Scheffel Erbsen. Ledige Knechte wurden in weit geringerer 
Zahl gehalten, in der Hauptsache werden sie als Scharwerker 
bei Instleuten oder verheirateten Knechten gewohnt haben. 



1 Krueger, Seite 26. 

2 Bei Leopold Krug: „Über Leibeigenschaft oder Erbunterthänigkeit 
der Landbewohner in den preufsischen Staaten", Halle 1798, heifst es: 
„Aufser den Gutsbesitzern und Bauern giebt es in Preufsen auf dem 
Lande noch Gärtner und Instleute. Sie haben keine eigenen Häuser und 
Ackerplätze, sondern wohnen zur Miete, in welcher zu bleiben, sie sich 
wenigstens 3 Jahre verpflichten müssen; erstere stehen für ein gewisses 
Lohn- und Deputatgetreide der Gutsherrschaft oder auf königlichen Ämtern 
dem Beamten täglich zu Dienst, letztere aber bezahlen eine gewisse Miete 
und machen sich aufserdem an einigen Diensttagen verbindlich, welche sie 
dem Amte, Gute oder Wirte leisten, wo sie wohnen." In derselben Weise 
unterscheidet Kern beide Klassen. Es sind also hier Gärtner mit den 
Insten der v. Farenheidschen Güter identisch, während die Insten ge- 
nannte Arbeiterklasse mehr den Charakter der Dorfinstleute oder Los- 
leute trägt. Es zeigt sich hier, wie wenig feststehend die Namen sind, 
und wie gefährlich es ist, mit ihnen feste Begriffe verbinden zu wollen. 



48 XX 3, 

In diesem Falle erhielten sie einen Lohn von etwa 10 Thalern 
und ein Deputat zu ihrer Beköstigung von 10 Scheffel Roggen^ 
1^/2 Gerste, 2 Hafer, 1 Erbsen. Zum Teil waren sie direktes 
Gesinde bei der Gutsherrschaft und wurden von dieser be- 
köstigt. Die Löhne sind dann weit höhere, 12 — 32 Thaler^ 
in der Regel etwa 22 Thaler, jedoch erhalten manche Kutscher 
auch bis 39 Thaler. Es wird sich im letzeren Fall dann jedoch 
stets um altbewährte, mit der Herrschaft eng verwachsene 
Personen gehandelt haben. Mägde dienten gleichfalls als 
Scharwerker bei den Inst- und Knechtfamilien , an Deputat 
wurde ihnen das Gleiche wie den Knechten gezahlt, der Lohn 
war ein wesentlich niedrigerer, 5 — 8 Thaler. Hausmägde und 
Köchinnen erhielten 10 — 12 Thaler, Kleinmägde 5 Thaler, 
Jungen im persönlichen Dienst der Herrschaft 1 — 012 Thaler^ 
Wirtinnen hatten einen Durchschnittslohn von 25 Thaler, 
noch besser standen Jungfern, d. h. wohl die Kammerzofen, 
deren Gehalt zwischen 24 und 36 Thaler schwankte. Unver- 
hältnismäl'sig hoch wurden Köche bezahlt, mit 65 — 100 Thaler, 
ein Umstand, der auf ein geringes Angebot schliefsen läfst. 
Der Lebensgang des Gesindes wird sich für den weitaus 
gröfsten Teil in der Weise vollzogen haben, dafs es nach der 
Einsegnung entweder im elterlichen Hause oder in einer bäuer- 
lichen Wirtschaft als Jungen ^ und Kleinmägde diente , um 
dann nach längeren Jahren, namentlich, wenn es das Bedürfnis 
nach Heirat empfand, nach der Aufnahme in den herrschaft- 
lichen Dienst zu streben, um dort in die Stellen der verheirateten 
Knechte oder Instleute zu gelangen. Freilich hat stets das 
Recht der Herrschaft auf Zwangsgesindedienst gebieterisch in 
das Schicksal des Einzelnen eingegriffen , wenn es den herr- 
schaftlichen Zwecken entsprach, und den normalen Lebensweg 
unterbrochen. 

Es erübrigt jetzt noch ein Rückblick auf die Löhne zu 
Anfang des 18. Jahrhunderts. Hierbei läfst sich fraglos ein 
ungeheurer Fortschritt feststellen, natürlich unter Berück- 
sichtigung der gestiegenen Getreidepreise. Während Lohn 
und Deputat der Instleute um 1708 dem Werte von 19^^/i2 
Scheffel Roggen entsprach, haben beide zusammen auch bei 
den schlechter gestellten Instleuten zwischen 1770 und 1806 
einen Wert von 29 Scheffel Roggen, von der starken Vieh- 
haltung in dem hier behandelten Zeitraum ganz abgesehen. 
Der Lohn der direkt von der Herrschaft beköstigten Knechte 
hatte 1708 eine Kaufkraft von 13 Scheffel Korn, jetzt von 
33, der Mägde von OVa, jetzt von 16^/3 Scheffel Korn. 'Die Ein- 



I 



* Über das Leben dieser Jungen vergl. Tribukeit, Seite 16: „Den 
Jungen war die Sorge für die Pferde anvertraut, mit denen sie die Nächte 
vom Frühjahr bis zum Herbst in den Rofsgärten zubrachten." 




XX 8. 49 

kommens Verhältnisse bei Instleuten und Gesinde haben dem- 
nach eine Besserung von 50 — 150 •'/o erfahrend 

Nicht in demselben Mafse können wir diese Beobachtung 
bei den Angestellten der einzelnen landwirtschaftlichen Neben- 
zweige und Gewerbe machen. Der Hofmann, sicherlich stets 
ein freier Mann, der eine praktische Ausbildung in der Milch- 
wirtschaft erfahren hatte, durfte in der Regel 2 — 3 Pferde, 
2 — 4 Kühe und etwa je 10 Schafe und Schweine halten. Für 
das notwendige Gesinde erhielt er das übliche Deputat und 
Lohn. Geldlohn scheint er selbst nur in der älteren Zeit er- 
halten zu haben, während er um 1770 mehr den Charakter 
eines Unternehmers annahm. So erhielt 1798 ein Hofmann ^ 
zu Medunischken 90 Kühe gegen Zahlung von 5V2 Thaler 
Pacht pro Jahr, für 22 Kälber, die er jährlich absetzen mufste, 
hatte er pro Stück 2V2 Thaler zu bezahlen. Für Stärken, die 
zum erstenmal kalbten, hatte er ebensoviel wie für eine Kuh 
zu zahlen. Pro Kuh erhielt er 1 Hoffuder Heu oder Grummet 
und hinlängliches Strohfutter, sodann freies Futter und freie 
Weide für 2 Pferde, 4 Kühe, je 10 Schafe und Schweine, 
Acker zur Aussaat von ^/2 Scheffel Leinsaat, 2 Achtel Weich- 
holz und von jedem Gebräusei 1 Tonne Tafelbier. Am An- 
fang des 18. Jahrhunderts entsprach Lohn und Deputat der 
Hofleute dem Wert von 8OV2 Scheffel Roggen. 

Es ist bei der gänzlich veränderten Stellung des Hof- 
mannes schwierig, eine Beziehung zwischen den damaligen 
Einkommensverhältnissen und den der hier behandelten Periode 
festzustellen. Dagegen haben die Lohnverhältnisse der Hirten 
fraglos eine Besserung erfahren. Von diesen finden wir 2 — 3 
auf jedem Hof, in der Regel Kuh- und Schweinehirten, letztere 
stehen social tiefer und wirtschaftlich ungünstiger. Während 
am Anfang des 18. Jahrhunderts Deputat und Lohn den 
Wert von etwa 20 Scheffel Roggen hatte, war er jetzt auf 40 
bis 50 Scheffel gestiegen. Dazu kam freie Weide und Futter 
für 2 Kühe, je 4 Schafe und Schweine. Über die wirtschaft- 
lichen Verhältnisse der Schäfer ist nur geringes Material vor- 
handen, sodafs sichere Schlüsse unmöglich sind, jedoch scheint 
eher eine Verschlechterung ihrer Lage eingetreten zu sein. 

Sehr schwankend waren die Einkommensverhältnisse der 
Brauer und Brenner- in den meisten Fällen waren beide 
Stellungen von einer Person bekleidet, das bare Gehalt schwankte 



' Die günstige Lage des Gesindes auf den v. F. gehörigen Gütern 
steht im Widersprach mit den überzeugenden Ausführungen Kerns, der 
nachweist, dafs sich das Gesinde bei Bauern und Köllmern stets besser 
gestanden habe, als beim Adel; zu dem statistischen Material füg't er eine 
Mitteilung aus einem Bericht des Landeshauptmannes von Insterburg aus 
dem Jahre 1788 hinzu, der ebenfalls feststellt, dafs die Lage des Ge- 
sindes auf den adligen Gütern am schlechtesten ist. 

2 In älterer Zeit hatte der Hofmann häufig eine der des Kämmerers 
verwandte Stellung. 

Forschungen XX 3. — Böhme. 4 



50 XX 3. 

zwischen 12 und 46 Thaler, ebenso war das Deputat sehr ver- 
schieden. Dagegen durften regelmäfsig 2 Kühe, je 3— 6 Schafe 
und Schweine gehalten werden. Man darf wohl annehmen, 
dafs es sich bei den schlechter gestellten Brauern und Brennern 
stets um Unterthanen handelte, die der Gutsherr das Gewerbe 
hatte erlernen lassen, während die besser gestellten freie Leute 
waren, die ebenso wie die Hofleute sich in einer gewissen 
Unternehmerstellung befanden, jedenfalls Tantieme erhielten. 
Wenigstens geht letzteres aus einem Kontrakt hervor, der 
allerdings bereits über 1806 hinausliegt. In ihm heilst es, 
der betreffende Brauer und Brenner habe von 16 Scheffel 
Kartoffeln und 1 Scheffel Malz 115 Stof 40 % Branntwein zu 
liefern.Liefere er über 120 Stof, so werde ihm die Hälfte des 
Übermafses bezahlt, liefere er unter 115 Stof, so trage er die 
Hälfte des Schadens, Verkaufe er oder vertrinke er, so bezahle er 
den vierfachen Wert. Zwei Brandknechte würden ihm ge- 
stellt werden. Nach Beendigung der Brauzeit habe er ver- 
schiedene Kämmererdienste zu übernehmen. An Lohn erhalte er 
26Thlr.bar, 1 Scheffel Weizen, 20 Roggen, je 4 Gerste und Hafer, 
2 Erbsen, von jedem Gebräu V* Tonne Bier und ^U Tonne Tafel- 
bier, zur Brennzeit alle Tage eine Tonne Brägen, einen Garten- 
platz zu 'S Scheffel Kartoffel-, ^U Scheffel Leinaussaat, Weide und 
Winterfutter für 2 Kühe, 3 — 4 Schweine, statt Schafe Ent- 
schädigung mit Wolle oder Geld, von den Käufern pro Tonne 
Bier 1 Silbergroschen, pro Ohm 2 Silbergroschen. Gegenüber 
dem Einkommen eines Brenners um 1708, das dem Werte 
von 74^3 Scheffel Korn entsprach, ist eine Erhöhung nicht 
festzustellen, wenigstens nicht allgemein. Die Ziegler waren 
zum Teil auf Accord gesetzt, zum Teil erhielten sie feste 
Bezahlung; da sie aufserdem noch in anderen Zweigen be- 
schäftigt wurden, lassen sich für sie als Stand keine all- 
gemein gültigen Regeln aufstellen. 

Von Handwerkern sind natürlich nur gewisse Klassen 
auf dem Hofe vertreten, in erster Linie Schmiede, Rademacher 
und Sattler, seltener finden sich Böttcher, Töpfer, Schneider, 
Schuster, Maurer und Zimmerleute. Ihre Verhältnisse sind 
ähnlich wie die der Instleute geordnet, sie wohnen zur Miete, 
zahlen für die Stube 2 Thaler 20 Groschen bis 4 Thaler 
Miete, an Ackerpacht 2—3 Thaler, Kopf-, Hörn- und Klauen- 
schofs in derselben Höhe wie die Instleute, leisten auch die 
gleiche Anzahl von Schar werkstagen, zahlen jedoch vielfach 
kein Gespinstgeld. An Vieh finden wir bei ihnen häufig 
2 Pferde, stets 2 Kühe, etwa 4 Schafe und 4 Schweine. 
Zahlreiche Kontrakte für die Steinorter Güter aus der ersten 
Hälfte des 18. Jahrhunderts mit städtischen Handwerkern 
lassen darauf schliefsen, dafs erst allmählich, seit etwa 1730, 
die Ansiedlung von Handwerkern auf Gütern und Dörfern 
stattgefunden hat. Stets wurde auch bei den Einzelarbeiten 



XX 3. 51 

neben Geldlohn mit Deputat gezahlt; so übernahm 1750 ein 
städtischer Zimmermann den Bau eines Bauernhauses für 
15 Gulden Lohn, 2 Scheffel Korn, Va Tonne Bier, 1 Stof 
Butter und V2 Schock Käse. Für festangesetzte Handwerker 
aus der älteren Zeit ist der Kontrakt eines Schusters aus dem 
Jahre 1736 bezeichnend. Derselbe bezahlt für Wohnung und 
Garten 9 Gulden, ferner den gewöhnlichen Kopf- und Horn- 
schofs, sowie Gespinstgeld. Das Material wird ihm geliefert, 
aufserdem erhält er von jedem Gebräusei ^U Tonne Tafelbier, 
für die Verfertigung eines Paar Schuh 10 Groschen, Stiefel 
15 Groschen, 1 Paar Schuh versohlen 4 Groschen, flicken 
2 Groschen, ein Stück Leder ausgerben 18 Groschen, zuzu- 
richten 12 Groschen. Allmählich scheint dann der Tagelohn in 
den Vordergrund getreten zu sein, der bei Zimmerleuten und 
Maurern 40 — 45 Groschen erreichte. Seit 1806 macht sich 
jedoch bei der Herrschaft das Bestreben wieder geltend, auch 
die Handwerker auf bestimmtes Deputat und Lohn zu setzen. 
Seit 1811 sind die Kontrakte zahlreich, in denen Handwerker 
zur dauernden Übernahme von Gutsarbeiten verpflichtet 
werden. . Der Jahreslohn schwankt von 8 — 26 Thaler, ähnlich 
das Deputat ; Schmiede und Rademacher gehören zu den besser 
gestellten Handwerkern, die Sattler zu den geringer be- 
zahlten, jedoch wohl nur, weil sie auch weniger Arbeit dem 
Gute zu leisten hatten. Vielfach erhalten die Handwerker 
die Krüge zinsfrei, verpflichten sich aber dafür, alle in ihr 
Fach schlagenden Arbeiten unentgeltlich auszuführen. Im 
allgemeinen werden wir annehmen dürfen, dafs die Gutshand- 
werker sich noch weit mehr als die Dorf band werker einer ge- 
sicherten und günstigen Lage zu erfreuen hatten. In ähn- 
licher Weise wie die Handwerker übernahmen oft Jäger einen 
Krug und leisteten dafür auf jagdlichem Gebiete der Herr- 
schaft die verlangten Dienste. Ihre Obliegenheiten beschränkten 
sich in der älteren Zeit, wie die Steinorter Güter zeigen, in 
forstlicher Hinsicht lediglich auf das Anweisen des zu schlagen- 
den und zu rodenden Holzes und die Verhinderung des Forst- 
diebstahls; ihreHauptthätigkeit war die Jagd. Dementsprechend 
erhielten sie aufser der Kleidung nur Schufsgeld, das z. B. 
1740 für 1 Elendt 6 Gulden, 1 Wolf 2 Gulden, 1 Fuchs 
1 Gulden, 1 Hasen und 1 wilde Gans 10 Groschen, 1 Birk- 
huhn 8 Groschen, 1 Ente und 1 Taube 2 Groschen, 1 Paar 
Strichvögel 4 Groschen betrug. Um 1770 ist bereits eine 
Scheidung zwischen den eigentlichen technischen Forstbeamten, 
den Oberwarten, Hegemeistern, Waldwarten, Unterförstern und 
den Jägern, die lediglich die Jagd ausübten und nur aushülfs- 
weise Forstdienste thaten, erfolgt. Diese wurden in der Regel 
von der Herrschaft direkt bespeist und erhielten einen 
Lohn von 20—36 Thalern, zum Teil Schufsgeld. Die eigent- 
lichen Forstbeamten wohnten auf den Dörfern und Vorwerkea 



52 XX 3. 

und waren auf Gehalt, Deputat und Stammgeld angewiesen. 
Waldwarte und Unterförster erhielten im Durchschnitt 16 
Thaler Gehalt, an Deputat 16 Scheffel Roggen, 2 Gerste, 
4 Hafer, 2 Erbsen, 1 Tonne Bier, freie Weide und Futter für 
1 Pferd, 2 Kühe, je 4 Schafe und Schweine; das Stammgeld 
betrug pro Thaler verkauften Holzes 12 Groschen. Bei Hege- 
meistern und Oberwarten betrug das Gehalt 80 — 300 Thaler^ 
das Deputat 2 Scheffel Weizen, 30 — 40 Roggen, 5 — 6 Gerste, 
24—70 Hafer, 3—5 Erbsen, 4—12 Tonnen Bier. Die Pferde- 
haltung und dem entsprechend auch die Menge des gelieferten 
Hafers richtete sich natürlich nach den Bedürfnissen des 
Dienstes. Im allgemeinen finden wir bei diesen höheren 
Beamten 3 Pferde, ebensoviel Kühe, etwa je 8 Schafe und 
Schweine. Weit besser als die unteren Forstbeamten wurden 
die Gärtnierer bezahlt, schon 1748 erhielt ein Gärtnierer zu 
Steinort 30 Thaler Lohn und 3 Tonnen Bier, nach 1770 ist 
neben reichlichem Deputat der Durchschnittslohn 40 Thaler. 
Es ist daher wohl anzunehmen, dafs Leute mit der nötigen 
Ausbildung in diesem Zweige verhältnismäfsig selten waren. 

Noch einige, die Gesamtheit der Gutsunterthanen und 
Beamten betreffende Bemerkungen mögen hier Platz finden. 
Zunächst mufs auf eine Einrichtung hingewiesen werden, die 
ihre Begründung in der Unmöglichkeit für manchen Guts- 
herrn, den Holzbedarf seiner Unterthanen zu decken, fand, 
auf das sogenannte Heideeinmieterwesen in den königlichen 
Forsten. KöUmer und erbfreie Einsassen zahlten bis zu einer 
Hufe 60 Groschen, bis 2 Hüben 1 Thaler, bis 3 Hufen 1 Thaler 
30 Groschen, bis 4 Hufen 2 Thaler 60 Groschen, Immediat- 
unterthanen und Handwerker 60 Groschen, Instleute und 
Hirten 30 Groschen Heideeinmietergeld. Aufserdem mufsten 
pro Thaler noch 8 Groschen Stammgeld gezahlt werden. 
Für diese Summen durfte der normale Bedarf der kleinen 
Wirtschaften gedeckt werden, freilich oft nur durch Rodung 
von Stubben. 

Wie stand nun der Gutsherr den direkt in seinem Gesichts- 
kreis wohnenden Leuten gegenüber? Die Bestimmungen der 
Pachtkontrakte sprechen auch hier dafür, dafs er ihre wirt- 
schaftliche Leistungsfähigkeit mit gebührender Rücksicht zu 
schonen suchte. So sollten Instleute, die nur bis 9 Groschen 
verdienten, den Scheffel Getreide zu billigerem Preise erhalten, 
als solche, die beim Ziegler oder Handwerker bis 15 Groschen 
verdienten, diese wieder billiger als Brettschneider, die einen 
Tagelohn bis 24 Groschen erhielten. 

Sehr günstig scheint die Bevormundung durch die Herr- 
schaft auf die wirtschaftlichen und haushälterischen Fähig- 
keiten der Gutsbewohner nicht gewirkt zu haben. Wie die 
Bauern allen* Unglücksfällen hülflos und thatenlos gegenüber- 
stAuden, und sofort Pachtremission und Unterstützung durch 



XX 3. 53 

die Herrschaft eintreten mufste^ so weist die starke Ver- 
schuldung der Instleute auf ähnliche Schäden auch hier hin. 
Bei jeder Pachtübernahrae mufste der Pächter das Einziehen 
der Schulden der Gutsleute übernehmen , und diese waren 
häufig recht beträchtlich, so 1791 bei der Verpachtung der 
Angerapper Güter 1559 Thaler 8 Groschen 13V2 Pfennig. 
Bezüglich der rechtlichen Lage der Gutsleute sind ziffern- 
mäfsige Feststellungen nicht möglich, jedenfalls hat es auch 
unter den Instleuten einen kleinen Prozentsatz freier Leute 
gegeben; so waren 1801 unter den Instleuten zu Klein Mauen 
3 freie Leute, Es spricht auch dafür die häufig in den Pacht- 
kontrakten vorhandene Bestimmung, dafs die Anzahl der 
freien Leute nicht vermindert werden solle. Weit stärker 
waren solche natürlich unter den Forstbedienten, Brauern, 
Brennern und Handwerkern vertreten. Auch hier ist nur Erb- 
unterthänigkeit, nicht Leibeigenschaft mit dem Kennzeichen 
der Sklaverei festzustellen, da jeder Unterthan fähig war, 
Besitz zu erwerben. Dagegen scheint nicht immer an dem 
Grundsatz, dafs der Unterthan zur Scholle gehöre und nur 
mit dieser verkauft werden könne, festgehalten worden zu 
sein. Kommen auch keine direkten Veräufserungen der Unter- 
thanen ohne die Scholle gegen Geld vor^, so streift es doch 
nahe daran, wenn bei Kaufverträgen sich der Verkäufer vor- 
behält, einige Personen auswählen und mit sich nehmen zu 
dürfen. Jedoch finden sich diese Fälle zahlreicher nur in der 
ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. So bedingt sich 1729 
der Verpfänder der Eisenwagenschen Güter aus, 1 Koch, 
1 Vorreiter, 1 Reiterknecht, 1 Lakay, 5 Mägde, ferner 2 junge 
Burschen aus den Unterthanen nach seinem Gefallen vor der 
Übergabe hierselbst auslesen und wegnehmen zu können. 
Von einer freiwilligen Zustimmung der betreffenden Leute 
ist nicht die Rede. Der Herr verfügt schrankenlos über 
ihre Person, einen eigenen Willen haben sie nicht. Ähn- 
liche Bestimmungen enthält ein Kaufvertrag noch aus dem 
Jahre 1772. 

Heiratete ein Unterthan eine freie Person, so wurde diese 
unterthan, wenn nicht durch einen bestimmten Kontrakt nur 
dauernder Aufenthalt auf den Gütern verlangt wurde; namentlich 
in älterer Zeit war das erste der Fall. Die Kinder folgten der 
ärgeren Hand. 

Im ganzen werden wir zu der Ansicht gelangen müssen, 
dafs da, wo ein verständiger, wenn auch durchaus auf seinen 



^ In Einzelfällen acheint auch dies sogar noch in der Mitte des 
18. Jahrhunderts vorffekommen zu sein, wie das von Kern erwähnte Tn- 
serat beweist, in welchem direkt Unterthanen zu bestimmten Preisen aus- 
geboten wurden. 



54 XX 3. 

Vorteil bedachter Gutsherr die Zügel führte , die Lage aller 
Klassen der Gutsbewohner eine ungleich bessere war als die 
der Scharwerksbauern, Kossäten und Losleute, weil sie einer- 
seits einen gesicherten Rückhalt hatten und andererseits nicht 
mit übermäfsigen Fronden belastet waren. 

Die staatlichen Einwirkungen, die sich im Leben der Dorf- 
bewohner stark fühlbar machten, erscheinen noch weit aus- 
geprägter und schärfer auf den geschlossenen Gutsbetrieb aus- 
geübt worden zu sein. Hier sehen wir im einzelnen die segens- 
reichen oder auch unheilvollen Verordnungen wirksam, mit 
denen der absolute Staat in jeden Zweig des menschlichen 
Schaffens eingriff. Auch das achtzehnte Jahrhundert kennt 
bereits Klagen der Gutsherren über die ihnen auferlegte 
lästige Bureauarbeit, und vielleicht wurden sie mit mehr Recht 
erhoben als heute. 

Alljährlich war der Gutsherr verpflichtet, über die kleinsten 
Zweige seines Betriebes Bericht zu erstatten. Tabellen über 
Getreide, Vieh, Salz, Wolle, Bienenstöcke, Hanf, Kalk, Obst- 
bäume, Landesprodukte , Ortsarme, Invaliden, Kossäten, Garn- 
aufkäufer, Handwerker, Vasallen, Seelen, historische Tabellen 
u. a. m. mufsten dem Landratsamte in jedem Jahr eingereicht 
werden.. Dazu kamen die, bei den geringen Schutzmafsregeln 
der damaligen Zeit häufigen Unglücksfälle, wie Mifsernten, 
Überschwemmungen, Viehsterben, Seuchen, Brände u. a. m., 
die besondere Berichte erforderten. 

Wir begnügen uns hier, einzelne Beispiele der staatlichen 
Wirksamkeit auf wirtschaftlichem Gebiet anzuführen. Be- 
sonders lebhaft sehen wir den Staat bemüht, die Produktion 
von Garn und Wolle zu heben, mit grofsem Erfolg, wie z. B. 
die Angerapper Güter beweisen. Während im Jahre 1771 
auf diesen von 122 Weibspersonen 78 Stück Garn und 21 
Wolle gewonnen wurden, beteiligten sich 1776 136 Weiber 
daran, die 560 Stück Garn und 73 Wolle produzierten, 1781 
waren es 120 Weiber 6666 Stück Garn und 1333 Wolle. Auf 
dieser Höhe hielt sich die Produktion während der nächsten 
20 Jahre. Der Fortschritt war in kurzer Zeit ein so unge- 
heurer gewesen, dafs der eigene Flachsbau nicht genügte und 
zugekauft werden mufste. Natürlich war der eigene Bedarf 
an Leinenwaren überdeckt, ebenso an Garn und Zwirn, so- 
dafs 1798 eine Ausfuhr im Werte von 54 Thaler von Garn und 
Zwirn, von 460 Thaler für Wolle stattfand. Weit weniger 
glücklich erwies sich der Versuch des Staates, hier im äufsersten 
Osten die Seidenproduktion und Spinnerei hoch zu bringen. 
Auf staatliche Anordnung wurden im Jahre 1772 auf den 
Angerapper Gütern 201 Maulbeerbäume gepflanzt, 1782 waren 
noch 51 vorhanden, 1785 erfroren alle. Wurden dem Klima zu 
trotz, wie es hier 1782 geschah, 1000 Cocons gewonnen, so pflegte 
das Ungeschick der Bevölkerung und der Gutsbeamten auch 




XX 3. 



55 



diesen Ertrag zu vernichten. So lagerten die Cocons in diesem 
Falle, da niemand das Abhaspeln verstand, so lange, bis der 
Befehl kam, sie nach Königsberg zu senden. Inzwischen 
hatten die Mäuse auch den letzten Cocon vernichtet; ein 
klassisches Beispiel dafür, dafs alle Anstrengungen des Staates 
auf wirtschaftlichem Gebiete scheitern müssen, wenn nicht die 
Vorbedingungen des Erfolges in einer gewissen kulturellen 
Höhe der Bevölkerung gegeben sind. 

Von den staatlichen Abgaben kam in erster Linie als 
Grundsteuer die Kontribution in Betracht. Nachfolgende 
Tabelle zeigt die Kontribution von 23 Gütern. 





Gröfse : 


Kontribution 


Namen des Gutes: 




a 
<v 




"08 


§ 
'S 


bp 

'S 




s 
03 




OS Ö 




2 


Oh 


Kl.-Beynuhnen 


11 


17 


208 


78 


10 





Angerau 


27 


16 


133 


93 


75 


— 


Ocznagorren 


8 


28 


152 


60 


50 


— 


Auerflufs 


9 


29 


105 


54 


60 


— 


Mikalbude 


17 


29 


267 


103 


33 


8 


Milchbude , 


6 


14 


215 


67 


80 


— 


Dombrowken 


46 


1 


192 


88 


56 


16 


Rosenau 


12 


18 


188 


57 


37 


13 


Kl.-Gnie 


25 


27 


29 


100 


16 


15 


Gr.-Gnie 


26 


— 


136 


109 


54 


7 


Mauenwalde 


22 


5 


42 


46 


88 


10 


Eiserwagen 


25 


21 


274 


229 


36 


— 


Datnerau 


15 


4 


63 


32 


24 


— 


Richau 


17 


15 


22 


26 


36 


— 


Kl.-Mauen ....... 


19 


23 


36 


46 


81 


11 


Frilinde 


9 


11 


232 


21 





— 


Koppershagen 


20 


2 


54 


67 


52 


9 


Nagurren 


16 


24 


76 


53 


80 


— 


Glafshütte 


15 


11 


101 


23 


8 


10 


Angerapp , 


9 


— 


— 


39 


— 


— 


Paulsdorf ....... 


11 


8 


— 


41 


28 


— 


Sodarren 


9 


7 


— 


38 


42 


9 


Kl.-Medunischken 


22 


12 


— 


99 


66 


— 


Summa 


407 


00 


125 


1580 


28 


00 



Im Durchschnitt betrug demnach die Kontribution pro 
Hufe kuUmisch 3,88 Thaler. An Realdecem wurden von den 
adligen Hufen 10 — 12 Groschen gezablt. Ebensowenig er- 
heblich war das Lehnssekretariengehalt, 1 — 2 Thaler pro 
Vorwerk im Durchschnitt. Die Kaiende für Lehrer und Pfarrer 
betrug für beide zusammen je 2 — 3 Metz Roggen, Hafer 
und Gerste pro Hufe, häufig kam noch etwas Stroh und Heu 
hinzu, im allgemeinen waren nur zwei Getreidearten zu liefern. 
Es stellte dies ebensowenig eine Belastung dar , wie etwa die 
niedrige Accise beim Verkauf von Tieren, die für Ochsen in 



56 XX 3. 

der Höhe von 10 Groschen erhoben wurde. Die bereits im 
Kapitel über die Dorfbevölkerung erwähnte Tabaksteuer zeigt 
uns auch auf dem Gut die Schichtung der Bevölkerung. 

So zahlen im Jahre 1787 auf dem Gute Angerapp in Klasse 

I. III. IV. V. YL 
Thlr. yrrhlr. ^ </ ^ y( §>. </ ^. 

die Herrschaft 2 3 — 

1 Administrator und 1 Wirt- 
schafter je 61 — 

1 Brauer, 1 Brenner, 1 Hof- 
mann je — 30 9 

1 Kutscher, 5 Knechte, 1 Tisch- 
ler, 1 Gesell, 1 Kämmerer, 

1 Gärtner, 4 Instleute je . 15 9 — — 

2 Hirten, 1 Mittelknecht, 1 

Knecht, 3 Jungen je . . 7 12 

Bemerkenswert bei dieser Gliederung ist, wie sich ab- 
gesehen von den Aufsichtsbeamten die Leiter specieller Zweige, 
Hof leute, Brauer und Brenner aus der übrigen Gutsbevölkerung 
herausheben. Im Vergleich mit der Dorfbevölkerung zeigt 
sich, dafs ein weit geringerer Prozentsatz der Gutsbevölkerung 
zur letzten Steuerklasse gehört, ein Umstand, der wiederum 
auf ihre bessere wirtschaftliche Lage hindeutet. Die Tabak- 
steuer selbst ist immer mehr ermäfsigt worden, bis im Jahre 
1802 die Angehörigen der letzten Klasse ganz steuerfrei bleiben. 
In den Kriegsjahren waren die Steuern überhaupt weder für 
das Gut, noch für seine Bewohner im einzelnen irgendwie 
drückend. 

Weit mehr lasteten bereits in dieser Zeit die allgemeinen 
Landeslieferungen für das Heer, die als Kriegsleistungen auch 
von den adligen Gütern erhoben wurden, während sie von 
den ordinären Fouragelieferungen befreit blieben, vor allem 
aber die Stellung und Unterhaltung von Arbeitern beim 
Festungsbau auf den Gütern. Nicht minder erforderte die 
Armenpflege in erster Linie Aufwendungen des Gutsherrn, 
wenn auch alle Klassen der ländlichen Bevölkerung, sogar 
Knechte und Mägde mit Beiträgen von 6 und 3 Groschen 
herangezogen wurden. 

Die Hauptsorge des Gutsherrn, auch in finanzieller Be- 
ziehung, waren aber ohne Frage die bäuerlichen Wirtschaften, 
namentlich da , wo auf ihnen die Verpflichtung zu zahlreichen 
Frondiensten lastete. Die peinlichste Aufsicht vermochte 
nicht die Schäden zu heilen, die die naturgemäfse Interessen- 
losigkeit der bäuerlichen Wirte veranlafste. Zahlreiche Feuers- 
brünste erforderten starke Baukosten, jedes Viehsterben und 
kleine Mifsernten zeigten immer wieder die wirtschaftliche 



I 



XX 3. ' 57 

Hülflosigkeit der Bauern. Die Frondienste wurden so oft 
teuer bezahlt. 

Nicht so sehr in seiner Eigenschaft als Steuerzahler, 
sondern als Grundherr und Gemeindemitglied hatte der Guts- 
herr des 18. Jahrhunderts empfindliche finanzielle Lasten zu 
tragen. Die übrige Bevölkerung spürte von den staatlichen 
Steuern noch weniger, wenn auch ihren ärmeren Klassen die 
Aufbringung der geringfügigen Beiträge oft lästig gewesen 
sein mochte. Frondienst und Heeresdienst waren recht eigent- 
lich die Grundlagen, auf denen sich ihre wirtschaftliche 
Existenz nach günstiger oder ungünstiger Richtung aufbaute. 

Es entsteht jetzt die Frage nach der Stellung der Güter 
im Rahmen der gesamten Volkswirtschaft. Ein glücklicher 
Umstand hat eine Tabelle über die Aus- und Einfuhr der 
Angerapper Güter aus den neunziger Jahren erhalten, gerade 
aus der Zeit, in der sich der allgemein beobachtete Aufschwung 
in der Landwirtschaft für diese Güter speciell vollzogen zu 
haben scheint. 

Es wurden 1796 nach den Angerapper Gütern eingeführt: 

Wert: 
Thlr. gr. 

Eingesalzene Heringe .... 17 30 

Franzwein 12 — 

Weinessig 6 — 

Salz 250 — 

Thee 3 — 

Kaffee . 44 — 

Zucker 40 — 

Granaten, Pomeranzen, Citronen 4 — 

Glaswaren 3 — 

Flachs 46 — 

Indigo .....*... 3 — 

Seide 33 — 

Baumwollene Waren .... 7 — 

Baumwolle und Garn .... 2 30 

Türkisch Garn 7 60 

Apothekerwaren 30 — 

Inländischer Tabak .... 15 — 

Fremder Schnupftabak ... 36 — 

Kupfer, Messing 20 — 

Zinn, Blei 3 ^- 

Eisen, Stahl 150 — 

Pulver, Blei 6 — 

Leinsamen 13 — 

Talg und Lichte .... 15 — 



Summa 767 30 



H 



XX 



Ausgeführt wurden in demselben Jahre Waren im Werte 
von 3128 Thaler, das Plus der Ausfuhr über die Einfuhr be- 
trug demnach 2360 Thaler 60 Groschen. In den nächsten 
fünf Jahren gestaltete sich das Verhältnis folgen dermafsen. 





Ausfuhr : 


Einfuhr: 


Unterschied : 


1797 


3465 


826 


2639 


1798 


3830 


885 


2945 


1799 


4073 


1204 


2869 


1800 


5692 


1278 


4414 


1801 


9467 


1982 


7485 



Es zeigt sich eine Steigerung der Einfuhr in den 6 Jahren 
um das zweieinhalbfache, aber auch die Ausfuhr hat sich ver- 
dreifacht. Das Plus der Ausfuhr über die Einfuhr ist von 
2360 Thaler und 60 Groschen auf 7485 Thaler gestiegen. Be- 
trachten wir die einzelnen Produkte der Einfuhr, so nimmt 
Salz die erste Stelle ein, es ist dies eine Folge des Staats- 
monopols, eine Steigerung der Einfuhr in diesem Artikel ist 
nicht weiter eingetreten. Dagegen steigt der Wert der Einfuhr 
bis 1801 bei Kaffee von 44 auf 90 Thaler, bei Zucker von 40 
auf 60 Thaler, vor allem bei Eisen und Stahl von 150 auf 450 
Thaler. 'In dieser letzten Steigerung beruht im Grunde die Er- 
höhung des Wertes der Einfuhr, da unter der Einfuhrsumme von 
1801, die 1982 Thaler betrug, 810 Thaler für Ochsenankauf 
begriffen sind. Im ganzen zeigt die Einfuhr ein erfreuliches 
Bild, die geringe Menge der Kolonialwaren läfst auf schlichte 
und einfache Lebenshaltung schliefsen, während das Wachstum 
des Eisenbedarfs auf eine steigende Kultur hindeutet. 

Die Zusammensetzung der Ausfuhr geht aus der nach- 
folgenden, 6 Jahre umfassenden Tabelle hervor: 

1796 1797 1798 1799 1800 1801 
Thlr. Thlr. Thlr. Thlr. Thlr. Thlr. 



Weizen . . 




500 


350 


1000 


1000 


400 


350 


Roggen . . 




850 


1000 


800 


900 


900 


1800 


Gerste . . . 




— 


200 


220 


250 


1800 


2600 


Hafer . . . 




— 


— 


— 


100 


600 


900 


Erbsen . . 




— 


— 


— 


60 


150 


260 


Pferde . . 




— 


— 


— 


20 


400 


450 


Ochsen . . 




900 


980 


810 


750 


800 


1600 


Kühe . . . 




— 


— 


— 


20 


40 


60 


Schweine 




— 


— 


— 


25 


32 


100 


Kälber u. Hammel 


200 


190 


200 


250 


90 


246 


Butter u. Käse . 


236 


280 


300 


160 


260 


600 


Federvieh . . . 


— 


— 


— 


5 


4 


6 


Wachs . . 


. 


— 


— 


— 


2 


2 


2 




Summa 2686 3000 3330 3542 5478 8974 



XX 3. 59 

1796 1797 1798 1799 1800 1801 

Thlr. Thlr. Thlr. Thlr. Thlr. Thlr. 

Transport 2686 3000 3330 3542 5478 8974 



Leinen waren 


24 


30 


36 


30 


60 


55 


Garn u. Zwirn . 


16 


15 


18 


8 


4 


26 


Wolle. . . . 


380 


400 


420 


460 


100 


230 


Hering . . . 


— 


— 


— 


3 


4 


— 


Lederne Waren 


22 


20 


36 


30 


26 


,30 


Leinsamen . . 


— 


— 


— 


— 


20 


12 


Kalk .... 


— 


— 


— 


— 


— 


120 


Allerh. Viktualien 


— 


— 


— 


— 


— 


20 



3128 3465 3830 4073 5692 9467 

Die enorme Steigerung ist in erster Linie eine Folge des 
Verkaufs von Gerste, Hafer und Pferden, in zweiter Linie wirkt 
die überhaupt zu Tage tretende Ertragssteigerung in allen 
Zweigen; nur der Verkauf von Wolle weist einen Rückgang 
auf. Die Haupteinnahmen wurden durch Verkauf von Ge- 
treide erzielt, aber auch die Viehzucht (Verkauf von Mast- 
ochsen) warf erheblich hohe Summen ab, jedoch scheinen in 
dieser Beziehung die Angerapper Güter weit über dem Durch- 
schnitt zu stehen. Das Aufstreben der Landwirtschaft um 
die Wende des 18. Jahrhunderts spiegelt sich deutlich in der 
Steigerung der hier angeführten Ausfuhrziffern. Dieselbe 
Beobachtung tritt uns bei der Betrachtung der Güterpreise 
während des 18. Jahrhunderts entgegen. 

Die Eiserwager Begüterung wurde bezahlt 

Preis pro kullm. Morgen 
Thlr. 

4,24 

8,09 
9,30 

18,58 

Der Kaufpreis der Angerappschen Güter war 

i^ Toi,-fl Gröfse Gesamtsumme Preis pro kullm. Morgen 

im janre ^^^^^ Morgen Thlr. Thlr. 

1673 85 — mit 11178 4,38 

1704 99 28 „ 33311 11,11 

1728 96 — „ 8000 2,78 

1750 96 — „ 37 000 12,85 

1773 96 — „ 75000 26,04 

Die niedrigen Preise bei Angerapp im Jahre 1728 und 
bei Eiserwagen 1729 zeigen deutlich den zerstörenden Einflufs 
der Pest. Jedenfalls zeigt die Geschichte beider Güter, 
dafs bis 1750 nur ein langsames Steigen der Güterpreise 
gegenüber der Anfangszeit des 18. Jahrhunderts eingetreten 



n Jahre 


Gröfse 


der Güter 


Gesamtsumme 


Hufen 


Morgen 


Thlr. 


1729 


164 


24 


21000 


1766 


164 


24 


40 000 


1785 


164 


24 


46000 


1792 


143 


16 


80000 



60 



XX 3. 



ist. Die geringe Steigerung, die Eiserwagen noch 1785 auf- 
weist, und die 1778 für Gnie bezahlte geringe Summe von 
11,97 Thaler pro Morgen sprechen dafür, dafs diese Stabilität 
der Preise sogar bis in die achtziger Jahre hinein angehalten 
hat. Wenn dem gegenüber bereits 1773 für Angerapp pro 
Morgen 26,04 Thaler bezahlt wurden, so liegt das daran, dafs 
bei dieser Begüterung kurz vorher ganz aufserordentliche 
Meliorationen vorgenommen worden waren. 

Jedenfalls sind die Güterpreise in den beiden letzten Jahr- 
zehnten des 18. Jahrhunderts um 100 — 140 ^/o gegenüber den 
fünfziger bis siebziger Jahren gestiegen^, der Preis pro kull- 
mischen Morgen schwankt zwischen 26 und 30 Thaler. Die 
1791 vom Grafen Lehndorf erstandenen Güter Resau, Grofs 
Guya und 2 köUmische Besitzungen wurden mit 26,71 Thaler 
pro Morgen , die 47 Hufen mit 37 666 Thaler 60 Groschen 
und 300 Thaler Schlüsselgeld bezahlt. Die v. Farenheidschen 
Güter Mauenwalde, Nagurren, Eiserwagen, Launicken, Koppers- 
hagen, Neuastrawischken, im ganzen 10 953 Morgen, wurden 
in den Jahren 1792—1805 für 328 690 Thaler, 30,01 Thaler pro 
Morgen gekauft. Der Aufschwung der Landwirtschaft, den 
wir an der Steigerung der Bodenerträge, der Erhöhung der 
Preise für landwirtschaftliche Produkte und der Löhne von 
Beamten und Arbeitern feststellen konnten, hat zugleich zu 
einer schnellen und bedeutenden Erhöhung der Bodenpreise 
geführt. Mit der Kriegsperiode von 1806 — 1815 beginnt ein 
ungeheuerer Rückschlag in jeder Beziehung. 



^ Leopold Krug: „Betrachtungen über den Nationalreichtum des 
preufsischen Staates und über den Wohlstand seiner Bewohner", Berlin 
'1805, tührt einige Beispiele der Wertsteigerung ostpreufsischer Güter an: 





im Jahre 


wert 
Thlr. 


Taukitten 


1772 




9333 




1794 




20250 


Pellen 


1783 




30000 




1800 




70000 


Pogrimmen 


1767 




10000 




1796 




33000 


NeuhoflF 


1754 


vererbt 


für 23333 




1764 verkauft für 25000 




1772 


» 


„ 40000 




1789 


n 


„ 50000 




1795 


n 


„ 100000 




1797 


j) 


„ 110000 




1798 


» 


„ 116000 




1801 


)j 


„ 122000 


' 


1804 


» 


„ 140000 



Drittes Kapitel. 

Die Bedeutung der Kriegsjahre 1806—1815 für die 
Landwirtschaft. 



Wie zu Beginn des 18. Jahrhunderts die Pest das Wirt- 
schaftsleben in einem grofsen Teile Ostpreufsens auf lange 
Zeit völlig ruinierte, und es langer und mühsamer Arbeit von 
Seiten des Staats und der Interessenten bedurfte, um eine Ge- 
sundung der wirtschaftlichen Verhältnisse herbeizuführen, so 
trafen am Anfange des 19. Jahrhunderts die Kriegsjahre mit 
vernichtenden Schlägen die aufblühende Landwirtschaft. Darin 
unterscheidet sich aber der Heilungsprozefs im 19. Jahrhundert 
von dem des 18. Jahrhunderts, dafs der Staat, der in diesem 
Falle an seinem ganzen Körper getroffen wurde, nicht in der 
Lage war, in so umfassender Weise zu helfen, wie es 100 
Jahre vorher geschah. Daher trat im 19. Jahrhundert ein 
unverhältnismäfsig langes Siechtum ein, das überwunden zu 
haben, ein dauerndes Verdienst der betroffenen Kreise selbst, 
des Grofsgrundbesitzes und der Bauern bedeutet. 

Um einen Einblick in die infolge des Durchzugs der 
Heere und der Zwangslieferungen dem Lande geschlagenen 
V\'unden zu erhalten, werden wir zunächst einige Güter im 
einzelnen betrachten. So betrugen 1806 — 1807 die Kriegs- 
verluste der Angerapper Güter 15 824 Thaler ^. An die 
Franzosen allein waren 46 Stück Schlachtvieh, 20 Ohm Brannt- 
wein, 2 Anker Wein, 80 Scheffel Roggen, 70 Gerste, 30 Erbsen, 
6 Pferde, fast alle vorhandenen Lebensmittel geliefert worden. 
DieselbenGüter hatten während der kurzen Zeit vom 15. März bis 
24. April 1807 7 vierspännige Fuhren 11 Meilen und 31 



1 Bereits 1805 waren starke Lieferungen an das Rufsland gegenüber 
aufgestellte preufsische Beobachtungscorps erfolgt. Krueger, Seite 28 flf. 



62 



XX 3. 



7 Meilen senden müssen ^. Die Lieferungen gingen in den 
nächsten Jahren weiter, hauptsächlich zur Verpflegung der 
französischen Truppen in den Festungen. 1807 waren 27 
ScheflFel 4 Metz Mehl, 545 Scheffel Hafer, 54V2 Centner Heu, 
5 Schock 27 Bund Stroh zu liefern, 1808 und 1809 waren 
nur die Quanta beim Hafer um die Hälfte geringer. 

Der Verlust der Beynuhner Güter wurde auf 18 090 
Thal er, der der Dombrowker auf 9511 Thaler berechnet. In 
Beynuhnen fehlten zur Anschaffung des notwendigen Betriebs- 
und Nutzviehs, Brot- und Saatgetreides, der Acker und Wirt- 
schaftsgeräte 9356 Thaler. Noch weit schwieriger lagen die 
Verhältnisse für die bäuerlichen Wirte, denen niemand Kredit 
gewährte. Ihre Verluste erreichten oft die Höhe von 100 
Thalern, eine Summe, deren Bedeutung am besten aus einem 
Vergleich mit dem Wert des durchschnittlichen Besatzes er- 
hellt, der in dieser Zeit etwa 75 Thaler betragen mochte. 
Vielfach mufsten die Bauern vollständig vom Grundherrn 
unterhalten werden, z. B. die 10 Wirte des Dorfes Bockellen 
seit Mitte April 1807. Ungleich nachhaltiger waren die 
Schädigungen während des Jahres 1812 beim Durchmarsch 
der grofsen Armee. Nachfolgende Tabelle giebt die Gesamt- 
summe des Schadens, im einzelnen die Anzahl der mit- 
genommenen Pferde und Wagen, sowie den Wert der Schädigung, 
die durch Verheerung der Felder und Abdecken der Stroh 
dächer entstand, an. 







Schaden durch 


u % 


u fl 




Gesamt- 


Verheerung 


'S B 




Namen der 
Güter 


schaden 


der Felder und 
Abdecken der 




in 






Strohdächer 








Thlr. 1 'A 


h 


Thlr. 'jl 


h 


a) 


^ « 


Eiserwagen 


3703 


57 


11 


595 


52 


9 


38 


8 


Glafshütte . . 








853 


54 


— 


550 


75 


— 


1 


1 


Gnie 








8551 


50 


9 


2704 


64 


— 


48 


6 


Mauenwalde . . 








426 


31 


— 


' 


— 


— 


1 


— 


Nagurren . . . 








2698 


24 


13 


1289 


63 


13 


11 


3 


Neuastrawischken 








6826 


70 


— 


3059 


15 


— 


30 


9 


Beynuhnen . . 








18908 


26 


— 


2458 


— 


— 


198 


50 


Dombrowken 








4582 


50 


9 


1244 


— 





37 


8 


Launicken . . 








4379 


18 


— 


2388 18 





41 


8 


Koppershagen 








558 


27 


— 


— 


— 


— 


12 


3 



1 



Nicht wenigej* fiihlbar waren die Verluste der Bauern, 
durchschnittlich wurden ihnen 2—3 Pferde genommen. Am 
25. April 1812 wurde aus einigen Orten gemeldet, dafs 



Vergl. Krueger, Seite 31. 



XX 3. 



1)3 



die Leute bereits zu ungewöhnlichen Nahrungsmitteln, wie 
Baumknospen u. a. griffen. Nachfolgende Tabelle, die ledig- 
lich angiebt, was an Vieh von einigen Dörfern geliefert wurde, 
macht diese Behauptung wahrscheinlich. Es wurden bis zum 
20. Juni 1812 mitgenommen oder geschlachtet. 



Name des Dorfes und Zahl der 


Bauern 


Pferde 


Ochsen 


Schafe 


Sauskoyen 


. 12 


24 


7 


56 


Gr.-Sobrost 


. 16 


36 


5 


28 


Kl.-Sobrost ........ 


. 9 


26 


2 


27 


Gr.-Beynuhnen 


. 14 


22 


5 


31 


Medunischken 


. 18 


53 


10 


54 


Skiriaken 


. 16 


30 


— 


66 


Kowarren 


. 9 


25 


6 


14 



Dabei sind Schweine und Federvieh garnicht in Betracht 
gezogen. Dazu kommen mit dem Einrücken der Russen neue 
gewaltige Lieferungen und auch neuer Schaden, so bei den 
Steinorter Gütern von 7725 Thaler 76 Groschen. Der Gesamt- 
schaden, den die v. Farenheidschen Güter erlitten, wird für 
die Jahre 1806-1807 auf 70084 Thlr. 88 Groschen angegeben, 
für das Jahr 1812 auf 58 884 Thaler, in Summa also auf 
128 968 Thaler 88 Groschen ^. Dabei sind die Lieferungen 
an die russischen und preufsischen Truppen nach dem Rück- 
zuge der grofsen Armee nicht eingerechnet. 

Die französischen Kriegsschäden von 1806 — 1807 wurden 
nicht ersetzt, ihre Höhe wird für Littauen auf 10 Millionen 
Thaler geschätzt. Erst im Jahre 1817 wurden IV2 "/o der- 
selben durch die sogenannten Retablissementsgelder wieder- 
erstattet. Mit der Zahlung der Vergütungen für die Lieferungen 
an das russische und preufsische Heer aus den Jahren 1806 
bis 1807 begann man erst 1811, in diesem Jahre hatten die 
V. Farenheidschen Güter noch 43 150 Thaler 29 Groschen 13 
Pfennig zu beanspruchen. 

Mit den Zahlungen für die Verluste im Jahre 1812 wurde 
1816 der Anfang gemacht, bei Launicken wurde noch 1820 
weiter gezahlt, bei Neuastrawischken noch 1821. Waren die 



' Vergl. Beiträge zur Kunde Preufsens, Band I: „Darstellung der 
Leistungen, Lieferungen und Verluste aller Art der zum vormaligen 
Gouvernement zwischen der Weichsel und russischen Grenze gehörigen 
Provinzen in den Kriegsjahren 1807 und 1812/13". Der Schaden der 
Provinz von 1807 wird auf 56 Millionen Thlr. angegeben. Vergl. femer 
Band VII derselben Zeitschrift „Ostpreufsische Schicksale im Jalue 1812." 



64 XX 3, 

Besitzer gezwungen, die für die Lieferungen ausgestellten Bons 
früher zu veräufsern , so mufsten sie sich mit ^U — ^/2 des 
Nominalwertes begnügen. So betrug 1811 der Nominalwert 
der Bons der Herrschaft Gnie 3210 Thaler, 22 Groschen 
1/2 Pfennig, der Realwert 1079 Thlr. 31 Gr. 5 Pfg. Dabei wurden 
nur die direkten Lieferungen an das Magazin vollständig vergütet, 
von Requisitionen nur Va bis ^/a des Wertes. Ein Bauer aus 
Rossossen hatte z.B. im Jahre 1812 an die FranzosenLebensmittel 
geliefert, die vollständig vergütet wurden, im Werte von 4 Thlr. 
16 Gr. IOV2 Pfennig, von anderen im Werte von 5 Thlr. 7 Gr. 
9 Pfennig erhielt er nur ^/a also 3 Thaler 35 Groschen, von 
Dritten im Werte von 80 Thaler 7 Groschen 9 Pfennig nur */a, 
also 26 Thaler 62 Groschen 9 Pfennig ersetzt. Es ist daraus 
ersichtlich, dafs vielfach über die Hälfte des Wertes der 
Lieferungen garnicht bezahlt wurde, freilich wird man an- 
nehmen dürfen, dafs oft auch zu hohe Angaben über die 
Verluste gemacht worden sind. 

Jedenfalls erfährt das Bild in seinen allgemeinen Zügen 
keine Änderung, zumal wenn wir mit in Betracht ziehen, 
dafs die Jahre 1805 und 1806 eine schlechte Ernte, das 
Jahr 1811 eine völlige Mifsernte, der Winter 1807 — 1808 
ein rech-t verbreitetes Viehsterben brachten. Auf sämtlichen 
hier in Frage kommenden Vorwerken und Dörfern mit 
Ausnahme eines einzigen Dorfes sind im Jahre 1811 nur 1 bis 
3 Körner erbaut worden. Überall, wo nur bis 2^/2 Körner 
erbaut wurden, mufste die gesamte Pacht und Zins erlassen 
werden , wo drei Körner erbaut wurden, begnügte sich der 
Verpächter mit ^/a der Pacht. Vielfach mufste das Saat- 
und Brotgetreide zugekauft werden, dabei waren die bis 
dahin niedrigen Getreidepreise 1812 ganz bedeutend gestiegen. 
Ebenso allgemein war das Viehsterben im Winter 1807 bis 
1808 , es blieben z. B. auf den Angerapper Gütern von 
7 Bullen, 14 Ochsen, 46 Kühen, 20 Stück Jungvieh, das 
dem Gutsherrn selbst gehörte, nur 3 Bullen, 4 Ochsen, 12 
Kühe, 4 Stück Jungvieh am Leben. Das sämtliche Leute- 
vieh auf den Vorwerken und in dem Dorfe Stibircken erlag 
bis auf eine Kuh der Seuche. Wurde auch hierfür vom Staate 
ein gewisser Ersatz geleistet, so trugen diese wirtschaftlichen 
Unglücksfälle doch mit dazu bei , die unter den Kriegslasten 
ohnehin schon schwierige Lage der Landwirtschaft zu ver- 
schlechtern. 

Unter solchen Verhältnissen prefsten die ungeheueren An- 
forderungen, die der Befreiungskrieg an den Opfermut der 
Bevölkerung stellte, dem ausgesogenen Lande seine letzten 
Kräfte aus. Es l)edeutete viel, wenn z. B. die Angerapper 
Güter nach den Verlusten des Jahres 1812 für die preufsische 
Armee im Jahre 1813 noch 15 Pferde stellten. Eingezogen 
als Soldaten wurden bis zum August 1813 32 Leute, bis zum 



XX 3. 65 

Mai 1814 waren es 40, die Bevölkerung wird 450 Personen 
nicht überschritten haben. Die Herrschaft Gnie, 3 Vorwerke 
und 4 Dörfer umfassend , hatte 14 Landwehrmänner aus- 
zurüsten. Eine derartige Inanspruchnahme der arbeitsfähigsten 
Kräfte der Bevölkerung machte es vielfach unmöglich , die 
ganze Ernte während der Kriegsjahre zu bergen, in Gnie 
raufste 1813 der Hafer auf den Feldern verderben. Dazu 
kamen fortgesetzte Lieferungen , zunächst an das russische 
und preufsische Heer, so lange es in der Provinz selbst stand, 
dann an das Danziger Belagerungscorps, schliefslich an die 
russischen Ersatztruppen. So lieferten z. B. die Eiserwager 
Güter allein den russischen Ersatztruppen vom 30. Juni 1814 
bis 30. Mai 1815 Vorräte im Werte von 1820 Thaler 30 
Groschen 15^'2 Pfennig. 

Nicht weniger wurde seit 1807 die Steuerkraft der länd- 
lichen Bevölkerung auf das höchste angespannt. Zunächst 
wurde 1807 und 1808 ein Zwangsdarlehn zur Aufbringung 
der Kriegskontribution notwendig, das mit 5 °/o verzinst werden 
sollte, die Beynuhner Güter hatten 1050 Thaler, die Ange- 
rapper 990 Thaler zu zahlen. 1810 wurde eine Landes- 
konsumtionssteuer eingeführt, der Getreide- und Hülsenfrüchte 
jeder Art, sowie Schlachtvieh unterworfen waren. Roggen, 
Gerste, Hafer, Buchweizen und Hülsenfrüchte wurden pro 
Scheffel mit 2 Groschen 6 Pfennig Steuer belegt , Weizen mit 
12 Groschen, Weizenmalz mit 18 Groschen, Roggenmalz mit 
12 Groschen. Bei Branntwein, der aus anderen Getreidearten 
gezogen wurde, betrug die Steuer pro Quart 1 Groschen. Bei 
Schlachtvieh, das zum Verkauf geschlachtet wurde, mufste 
für 1 Ochsen oder Stier 4 Thaler, 1 Kuh oder Färse 3 Thaler,. 
1 Schwein 12 Groschen, 1 Kalb, Schaf oder Ziege 10 Groschen,. 
1 Lamm 6 Groschen und 1 Spanferkel 4 Groschen erlegt 
werden. Bei eigener Konsumtion betrugen die Sätze bei Ochsen 
oder Stier bis 200 Pfund Gewicht 2 Thaler, darüber 4 Thaler, 
Kuh oder Färse bis 200 Pfund 1 Thaler, darüber 3 Thaler, 
bei Kalb, Schaf oder Ziege bis 25 Pfund 5 Groschen, darüber 
10 Groschen, Schweine bis 80 Pfund 6 Groschen, bis 120 Pfund 
8 Groschen, darüber 12 Groschen. Vorräte über 1 Scheffel 
an Mehl, Graupe und Grütze, sowie Fleischbestände von mehr 
als 50 Pfund sollten besteuert werden. Interessant ist bei der 
Aufnahme der Vorräte, dafs sich bei fast allen Klassen der 
Bevölkerung oft beträchtliche Fleischvorräte von 60—70 Pfund 
in der Regel finden, niemals aber bei Losleuten. Auch dieses 
ist für ihre Lage bezeichnend. 1811 wurde eine Fiskalkopf- 
steuer eingeführt, die alle über 12 Jahre alten Personen 
mit einem monatlichen Beitrag von 3 Groschen 13V2 Pfennig 
belegte. 

1812 mufste zur Verpflegung der Truppen in den OdcF- 
festungen eine Klassensteuer eingeführt werden. Sie betrug 

Forschungen XX 3. — Böhme. 5 



66 XX 3. 

bei Einkommen bis 40 Thaler 15 Groschen, bis 100 Thaler 
30, über 100 Thaler 45 Groschen. Knechte, Mägde, Losleute, 
Instleute, Hirten, Schulmeister, ein kleiner Prozentsatz der 
Handwerker, meist Schuster und Schneider, wurden auf Ein- 
kommen von 20 Thaler im Durchschnitt eingeschätzt und zahlten 
15 Groschen ; Bauern , Kossäten , die grofse Masse der Hand- 
werker, die Krüger, Wald warte, die besser gestellten Guts- 
leute, wie Kutscher, Kämmerer, Brauer, Brenner, Ziegler und 
Schäfer fielen in die zweite Klasse und zahlten 30 Groschen. 
Nur wenige höhere Angestellte der Gutswirtschaft, wie 1 Sekretär, 
1 Rofsarzt, 1 Mamsell fielen in die dritte Klasse und zahlten 
45 Groschen. Höhere Klassen sind unter der Landbevölkerung 
nur ausnahmsweise vertreten, auf den Angerapper Gütern 
finden wir nur noch 1 Schmied mit einem Einkommen von 
200 Thaler und einem Beitrag von 1 Thaler , 1 Kaplan mit 
280 Thaler Einkommen und 1 Thaler Beitrag; der Pfarrer 
zahlt von 499 Thaler 2 Thaler Steuer, der Gutsherr wird auf 
2500 Thaler eingeschätzt, wovon er 25 Thaler Steuer entrichtet. 
Gleichzeitig wurde in demselben Jahre 1812 eine Vermögens- 
und Einkommensteuer eingeführt. Sie betrug vom Grund- 
eigentum und beweglichem Vermögen 2V2 ^lo, 1 Vo war am 
1. Oktober 1812, 1 »/o am 1. Januar 1813 , das letzte halbe ^lo 
am 1. März 1813 zu zahlen. 

Die Einkommensteuer betrug bei Einkommen bis 300 
Thaler 1 '^lo, darüber 5 "/o. Bauern und besser gestellte Hand- 
werker zahlten 67 V2 Groschen, Kossäten und die grofse Masse 
der übrigen Bevölkerung 45 Groschen. 

Es ist verständlich, wenn unter einem so ungeheuren 
Steuerdruck, der auch auf den kleinsten Einkommen lastete, 
die Berichte über die Lage der ländlichen Bevölkerung ein 
wahrhaft erschreckendes Bild entrollen. Es ist bereits erwähnt 
worden, zu welchen Nahrungsmitteln die hungernde Bevölkerung 
vielfach griflf. Am trübsten gestalteten sich natürlich die Ver- 
hältnisse der besitzlosen Losleute, die bei der allgemeinen 
Einschränkung keine Arbeit erhielten; sie mufsten von der 
Gemeinde unterhalten werden. Der Lohn der Vorwerks- 
knechte und Mägde wurde bedeutend herabgesetzt. Das Gesinde 
bei den Bauern diente fast nur um das Brot, Bauernmägde 
erhielten fast nie mehr wie 1 Thaler baren Lohn, dazu einige 
Ellen Leinwand, die Speisung wurde auf 10 — 16 Thaler ver- 
anschlagt, ihr ganzes Einkommen erreichte demnach nicht 
20 Thaler. Dabei wurden auch sie von den Steuern getroflfeh. 
Die Instleute fielen vielfach bereits 1807—1808 ihrer Herrschaft 
zur Last, die zum teuersten Preise das Getreide für ihren 
Unterhalt erstehen mufste. Dabei wuchsen ihre Schulden bei 
der Herrschaft unausgesetzt, die der 12 Instleute aus Koppers- 
hagen z. B. vom Jahre 1806—1810 um 328 Tlialer. Natürlich 
gestaltete sich auch die Lage namentlich der Dorf handwerker, 



II 




XX 3. 67 

denen niemand Beschäftigung gab, äufserst trübe. Jetzt nahmen 
auch die Besitzwechsel der Bauern zu besseren Rechten häufig 
überhand, obwohl die Herrschaft durch Remissionen oder gänz- 
lichen Erlafs der Pacht sie möglichst zu unterstützen suchte. 
Der Mangel an Arbeitsvieh, das die Truppen mitgenommen 
hatten, verhinderte die Bestellung der Felder, das nötige 
Saatkorn mufste gleichfalls von der Herrschaft geliefert werden, 
oft auch das ganze Brotgetreide, das Schuldkonto bei der 
Herrschaft wurde dadurch immer weiter erhöht, so das der 
6 Bauern zu Potawern vom Jahre 1806 — 1810 um 892 Thaler 
63 Groschen. Ein bis zwei Jahre genügten vielfach, um einen 
Wirt völlig zu ruinieren. 1812 übernahm ein Bauer mit 
völlig ausreichenden Mitteln ein schuldenfreies Erbe zu Ulmen. 
Er hatte bis 1814 Lieferungen im Werte von etwa 90 Thaler 
geleistet, die Bons dafür hatten einen Wert von 34 Thaler. 
Der Herrschaft schuldete er bis dahin 79 Thaler. Sein Hof 
wurde subhastiert und brachte 47 Thaler, er zog daher nach 
Verpfändung der Bons mit dem Überschufs von 2 Thaler ab. 
Äufserst drückend gestaltete sich unter solchen Verhältnissen 
die Ausrüstung der Landwehr, die den Bauernhof mit etwa 
8 Thaler belastete. 

Es kann aus dieser Übersicht über die Lage der breiten 
Massen der Landbevölkerung entnommen werden , wie sehr 
die diesbezüglichen Lasten die Kräfte der Gutsherren in An- 
spruch nahmen. Trotzdem der Gutsherr bei den hier in Frage 
kommenden Gütern reichliche Pachtremissionen bereits nach 
1807 eintreten liefs, war ein Teil der Pächter schon vor 1812 
ruiniert und mufste die Pacht aufgeben. In Klein-Mauen zog 
bereits 1807 der Pächter mit einer Schuld von über 919 Thaler 
ab, in Koppershagen 1811 mit einem Minus von 300 Thaler. 
In Launicken hatte der Pächter bis 1808 — 1809 ein Minus 
von 1880 Thaler zu verzeichnen, es vergröfserte sich 1809 
bis 1810 um 719 Thaler, 1810-1811 um 2311 Thaler, 1811 
bis 1812 um 2898 Thaler, in Summa sind es bis zu dem letzt- 
genannten Jahre 7808 Thaler, wovon der Gutsherr 3109 
Thaler vergütet, es bleibt auf dem Pächter eine Schuld von 
4699 Thaler lasten. In dem Bericht an den Grundherrn führt 
er als Gründe seines Ruins Abschlag des Geldes, ungeheure 
Lieferungen, Verluste an Pferden und Vieh, schlechte Preise, 
Krieg und Mifswachs an. Vielfach mufste sich der Gutsherr 
freuen, wenn er überhaupt einen Pächter fand; so wurden 
Nagurren und Glafshütte, die bisher 1966 Thaler ()0 Groschen 

i 'ährlich an Pacht gebracht hatten, 1813 wieder verpachtet, 
►is 1815 nur gegen Zahlung von Kontribution und Decem, 
1815—1816 sollten 100 Thaler Pacht gezahlt werden, 1816—1817 
200 Thaler und so weiter fort jährlich je 100 Thäler mehr, 
bis 1820—1821 600 Thaler erreicht waren. Derartige Pacht- 
kontrakte waren die Regel. Wir begnügen uns an dieser 

5* 



68 



XX 3. 



Stelle mit diesen wenigen, aber für die Wirkungen der Kriegs- 
jahre so bezeichnenden Beispielen, um zunächst die guts- 
herrlich-bäuerliche Regulierung zu betrachten, deren Folgen 
nicht minder tiefgreifende für die wirtschaftliche Lage des 
Grundbesitzes waren, wie die der Kriegsjahre, um dann die 
so wichtige Verschuldung des Grundbesitzes ins Auge zu 
fassen, die sich in der Hauptsache auf die erwähnten beiden 
Ursachen zurückführen läfst, ohne dafs eine Scheidung im 
einzelnen möglich ist. 



Viertes Kapitel. 

Die Regulierung der gutsherrlich-bäuerlichen 
Verhältnisse. 



Von den etwa 30 v. Farenheidschen Dörfern war es nur 
bei 15 möglich , genügendes Material für einen Einblick in 
die Regulierung zu erhalten. Da aber diese 15 Dörfer in 
den verschiedenen Güterkomplexen gelegen waren , und sich 
in den Hauptmomenten der Regulierung fast völlige Über- 
einstimmung fand j so gehen wir wohl nicht zu weit, wenn 
wir in den Ergebnissen dieser Untersuchung auch die Haupt- 
züge der Regulierung in diesen Gegenden überhaupt gefunden 
zu haben glauben. Es waren die Jahre 1819 — 23, während der 
sich dieser Vorgang vollzog. Die Steinorter Dörfer konnten nur 
soweit herangezogen werden, als gewisse allgemeine Wirkungen 
der Regulierung sich auch bei ihnen erkennen liefsen, für die 
Darstellung des eigentlichen Regulierungsaktes fehlte das 
Material. 

Im ganzen sehen wir das bei den schlechten Kreditver- 
hältnissen durchaus erklärliche Bestreben des Grundherrn 
darauf gerichtet, eine feste Rente der Abtretung der Hälfte 
des Landes, denn diese findet hier regelmäfsig statt, vorzu- 
ziehend Bei neun Dörfern mit 83 Bauern blieben diese im 



^ Die Reguliening der gutsherrlich-bäuerlichen Verhältnisse erfolgte 
auf Grund des Edikts vom 14. September 1811 und der Deklaration vom 
29. Mai 1816. Nach dem ersteren sollten in Wegfall kommen auf der 
Seite des Bauern alle Frondienste, Geld- und Naturalabgaben und die 
Berechtigung des Gutsherrn auf das Bauernland, auf der Seite des Guts- 
herrn seine Unterstützungspflicht, Steuervertretung und Baulast, das Recht 
des Bauern auf Holzbezug und ihre Hütungs- und Waldgerechtsame an 
gutsherrlichem Land und Wald. Das Bauerngut samt der Hofwehr 
sollte der Bauer zu vollem Eigentum bekommen. Dafür hatte der erb- 
liche Lassit ein Drittel seines Landes, der Pachtbauer die Hälfte dem 
Gutsherrn zu vollem Eigentum abzutreten. Nur wenn das Bauerngut zu 



70 XX 3. 

Besitz ihres ganzen Landes. In 7 dieser Dörfer zahlten die 
Bauern eine Rente, die zwischen 16 und 55 Thal er schwankte, 
im Durchschnitt betrug sie 36 Thaler. Vielfach war die Rente 
nur für die ersten zehn Jahre festgesetzt, dann sollte sie nach 
den zehnjährigen Martinimarktpreisen der nächsten Stadt für 
eine gewisse Anzahl Scheffel Roggen und Gerste festgesetzt 
werden. Bei zwei Dörfern kauften die Bauern ihre Höfe dem 
Grundherrn ab , das Kaufgeld blieb auf den Höfen stehen 
und wurde mit 5^/o verzinst. Die Berechnung der Rente er- 
folgte in der Weise, dafs der Reinertrag des betreffenden 
Bauerngutes bestimmt, und die Hälfte desselben als Rente 
festgesetzt wurde, die somit als Entgelt für die eigentlich ab- 
zutretende Hälfte des Landes dienen sollte. In 6 Dörfern mit 
81 Bauern traten diese die Hälfte des Landes dem Gutsherrn 
ab, der damit auch die Hälfte der Staats- und Gemeinde- 
abgaben übernahm, und behielten die zweite Hälfte erb- und 
eigentümlich. Verschiedenfach wiederholte sich der Vorgang, 
dafs die Bauern nicht in der Lage waren, Rente und staat- 
liche Abgaben zu entrichten, sodafs der Gutsherr schliefslich 
doch die Hälfte des Landes übernehmen mufste, wie z. B. 
bereits 1826 bei den 9 Kossäten von Gr. Szabienen. Über- 
haupt waren die Bauern selbst weit mehr geneigt, den Guts- 
herrn mit der Hälfte des Landes abzufinden, da sie die bare 
Geldsumme schreckte. Soweit Bauern mit 1^/2 — 2 Hufen 
Besitz in Betracht kamen, entsprach eine derartige Regelung, 
wenigstens für die nächste Zeit, auch durchaus ihren wirt- 
schaftlichen Interessen-, denn gerade die Rente zahlenden 
Bauern gingen zu Grunde, wie es das folgende Jahrzehnt 
lehrte. Man mag im Interesse einer späteren Zukunft die 
Verminderung des Bauerniandes noch so sehr bedauern, jeden- 
falls behielten diese Bauern , die im Besitze von ^U — 1 Hufe 
blieben, noch immer den Charakter des specifischen Bauern- 
tums, das lediglich seine Arbeitskraft auf dem eigenen Gute 
verwertet und nicht auf Nebenverdienst angewiesen ist. Anders 
gestalteten sich natürlich da die Verhältnisse , wo , wie in 
Szabienen, Kossäten, die im Besitze einer halben Hufe waren, 
zu Viertelhufnern herabsanken. Da konnte von einer Aus- 
nutzung der Kräfte in der eigenen Wirtschaft nicht die Rede 
sein, hier waren die Vorbedingungen zu einem grundbesitzen- 
den Proletariat oder zu jenen wenig erfreulichen Existenzen 



klein war, sollte eine Rente in Geld gleich Vs resp. V2 des Ertrages ge- 
zahlt werden. Die Eegulierung sollte aber nur auf Antrag einer der 
beiden Parteien erfolgen. Die Deklaration von 1816 bedeutete eine grofse 
Einschränkung des Edikts von 1811. Es wurden von der Regulierung 
alle nicht spannfähigen Stellen und von den spannfähigen die nicht kata- 
strierten ausgeschlossen. Sodann wurde der Bauemschutz ganz aufgehoben, 
es stand dem Gutsherrn jetzt frei, durch privatwirtsehaftlichen Erwerb 
Ba, cmgüter an sich zu bringen. 



XX 3. 71 

gegeben, die, im Besitz von 2 Pferden, in der Hauptsache 
aus Lohnfuhren ihren Unterhalt gewinnen, durch ihre unstete 
Lebensweise aber nur zu leicht den Lockungen des Alkohols 
unterliegen. Ebenso wie die Bauern nur ungerne auf eine 
Entschädigung durch Rente eingingen, setzten sie in den meisten 
Fällen den Versuchen des Grundherrn, mit der Regulierung 
zugleich die Separation der Bauerngüter unter sich zu ver- 
binden , erfolgreichen Widerstand entgegen. Er mufste sich 
daher mit der Trennung des neuerworbenen gutsherrlichen 
Landes vom bäuerlichen begnügen. Die Separation des Bauern- 
landes in einzelne Höfe begann sich erst um 1830 zu voll- 
ziehen, unter hohen Kosten für die Beteiligten und erbitterten 
Kämpfen in der Dorfgemeinde ^ Den Wert der einzelnen 
regulierten Bauernhöfe finden wir je nach der Gröfse auf 350 
bis 1000 Thaler angegeben. Im allgemeinen werden die um 
die Hälfte verringerten Höfe auf 350—400 Thaler, die in 
ihrer Gröfse erhaltenen Güter auf 550 — 600 Thaler abge- 
schätzt. Verpflanzungen der gesamten Bauern eines Dorfes 
nach einer anderen Feldmark und Verwandlung des ersteren 
in ein Vorwerk, kamen in zwei Fällen vor, in einem dritten 
Fall geschah dies teilweise. Nicht regulierungsfähig waren 
in diesen Dörfern , so weit es sich feststellen liels, kaum 10 */o 
der Bauernhöfe, im allgemeinen liefs aber der Grundherr auch 
diese, wie das Beispiel von Bockellen zeigte, wo von 10 Bauern 
3 nicht regulierungsfähig waren, nach kurzer Zeit zur Regu- 
lierung unter denselben Bedingungen zu. Prozesse über die 
Regulierungsfähigkeit efties Hofes wurden nur selten geführt. 

Selbstverständlich übernahmen die Bauern auch alle Staats- 
und Kommunalabgaben , unter letzteren namentlich auch die 
Instandhaltung der Wege , Stege und Brücken innerhalb der 
Dorfgrenzen. Auf freies Bau- und Feuerungsmaterial, ebenso 
auf freie Waldweide mufsten sie verzichten, jedoch wurde 
vielfach ein bestimmtes Weidegeld festgesetzt. Die Natural- 
lieferungen und Frondienste hörten auf, jedoch behielt sich 
die Herrschaft bei Unglücksfällen, namentlich auch für den 
Bau der neu einzurichtenden Vorwerke, gewisse Hülfsdienste 
gegen bestimmte Entschädigung vor; es wurden für 1 Gespann 
von 4 Pferden 24 — 30 Groschen pro Tag bezahlt. Ebenso 
blieben die Bauern und der Krüger verpflichtet, ihren Bedarf 
an Getränken der nächsten herrschaftlichen Brauerei oder 
Brennerei zu entnehmen. Häufig wurde bestimmt, dafs Obst- 
gärten anzulegen seien , und 10 Jahre hindurch sollte jeder 
Bauer je 10 Obstbäume pflanzen, zuweilen war diese Be- 
stimmung auch auf Bäume an den Strafsen ausgedehnt. 

Bei der Translokation von einem Ort zum andern suchte die 
Herrschaft die Bauern möglichst selbst zur Übernahme der Bauten 



Vergl. Tribukeit, Seite 44 ff. 



72 XX 3. 

zu bestimmen. Sie zahlte ihnen dann in der Regel 50 Thaler 
Entschädigung, der Zins während des Baujahres wurde erlassen, 
das Material frei geliefert. In den hier in Frage kommenden 
15 Dörfern baute die Herrschaft selbst 17 Bauerngehöfte. Über 
die Kosten kann ein Einblick in die Forderungen der Hand- 
werker unterrichten. Der Maurer nahm bei Bau eines Hauses 
von 38 Fufs Länge und 26 Fufs Breite, wenn ihm ein herr- 
schaftlicher Handlanger gestellt wurde, 8 Thaler, sonst 12 
Thaler, der Zimmermann 20 Thaler, sonst 25 Thaler, beim 
Bau einer Scheune von 20 Fufs Länge und 20 Fufs Breite 
der Maurer 5 oder 7 Thaler, der Zimmermann 15 oder 20 
Thaler. Nimmt man einen Stall dazu, so kam ein Bauernhof 
der Herrschaft, das Material und ebenso die Anfuhr nicht ge- 
rechnet, auf 70 — 80 Thaler zu stehen. Versichert waren die 
Höfe meist mit 150 Thaler gewesen, die Herrschaft hatte die 
Feuergelder gezahlt, natürlich fiel diese Last jetzt den Bauern 
zu, die sich aber derselben bei ihrer wirtschaftlichen Be- 
schränktheit allzuhäufig entzogen. 

Wir gehen jetzt dazu über, die Wirkungen der Regulierung 
auf die gutsherrlichen und bäuerlichen Betriebe festzustellen. 
Zunächst erfuhr die Verschuldung der Bauern, die durch die 
Kriegsjahre und wirtschaftlichen Unglücksfälle schon bis zu 
bedeutender Höhe gestiegen war, eine weitere Zunahme, 
namentlich da, wo das ganze Land gegen eine Rente über- 
nommen war. 

1823 betragen die Reste der 35 Bauern der Dörfer 
Christophsdorf, Lehnkendorf, Grofs-lTwillin, Klein-Dwillin und 
Friedrichsfelde zusammen 2355 Thaler, 1829 — 1830 schulden sie 
2967 Thaler. Erst 1836, nachdem ihnen zu ihrer Konservierung 
die Abzahlung der Rente ohne Zinsen auferlegt war, findet 
sich bei vielen die Notiz „Erholt sich"; zugleich war auch 
der Übergang zur Koppelwirtschaft vollzogen worden. Nicht 
immer war es der Grundherrschaft möglich, einen so langen 
Zeitraum zur Wiedergesundung zu gewähren, vielfach war die 
Verschuldung eine so hohe, dafs eine Besserung nicht zu er- 
warten war und Subhastation eintreten mufste. Bei Rossossen 
waren 1824 die Bauern durch Rente bereits derartig ver- 
schuldet, dafs der Gutsherr schon in diesem Jahre die Höfe 
tibernehmen mufste. Da sich bei den Subhastationen Käufer 
kaum einfanden, oder die Gebote äufserst niedrige waren, so 
blieb der Grundherr Meistbietender, in Rossossen z. B. bei 
Höfen, die auf 400 Thaler abgeschätzt waren, mit 49 Thaler, 
also einem Achtel des Werts durchschnittlich. Auch die Bauern 
der Herrschaft Steinort waren schwer verschuldet, 1827 schulden 
5 Bauern zu Stawisken 28(3, 4 zu Taberlack 407, 13 zu Pri- 
stanien 832 Thaler. Die Subhastationen vollzogen sich in ähn- 
licher Weise. Die Lieferungsscheine waren in vielen Fällen 
schon vor der Regulierung in Pfand genommen worden; war 



XX 3. 73 

das noch nicht geschehen, so wurden sie jetzt verpfändet, 
ohne mehr wie einen Aufschub zu bringen. Weniger die Ver- 
ringerung des Bauernlandes durch den blofsen Akt der Regu- 
lierung, als die Wirkung der Rentenlast hat den bäuerlichen 
Besitz in diesen Gegenden aufs schwerste geschädigt, viele 
ehemalige Besitzer zur Klasse der Losleute hinabgedriickt. 
So konnte sich die Zahl der letzteren in den Dörfern Thalau, 
Grofs Beynuhnen, Skirlack und Kermuschienen während der 
Jahre 1823 — 1835 von 76 auf 169 vermehren. Von Faren- 
heid schätzte 1839 die Zahl der Bauern in seiner Gegend auf 
^3 des Bestandes von 1811 ^. 

In der Steinorter Begüterung befanden sich 1795 86 
Bauern und 75 Inst- und Losleute, 1830 10 Bauern, 12 bäuer- 
liche Pächter und 178 Instleute, unter letzteren einige Morgner, 
d. h. ehemalige Bauern, die sich in jedem Schlage einen 
Morgen ausbedungen hatten. Im Laufe des 19. Jahrhunderts 
wurden auch die letzten Bauern ausgekauft, ein geradezu 
erschreckendes Beispiel für das Wirken des Fideikommisses, 
zum Teil auch darauf zurückzuführen, dafs hier keine Über- 
gangsstufe in der Gestalt der Zinsbauern vorhanden war, und 
der masurisch-polnische Bauer hinter dem deutsch-littauischen 
bedeutend an Intelligenz zurückstand. 

Wir gelangen jetzt zur Beantwortung der Frage nach den 
Wirkungen der Regulierung auf den Grofsbetrieb. Wir sahen 
bereits, wie bedeutende Kosten dem Grundherrn aus dem not- 
wendig gewordenen Bau von Bauerngehöften erwuchsen, wir 
müssen hier nebenbei bemerken, dafs andererseits nach der 
Abtretung einer Hälfte des Landes, da wo die Bauern auf 
ihren alten Höfen wohnen blieben, die Wirtschaftsgebäude für 
das verringerte Land weit zu grofs waren, eine Verschwendung 
von Baukapital also stattfand. An und für sich bedeutete 
der blofse Akt der Regulierung, der durch die General- 
kommission vorgenommen wurde, für den Besitzer manches 
Guts, da er nur allein die Kosten zu zahlen hatte, eine Aus- 
gabe von 700 Thlrn. Weit unheilvoller als diese direkte Aus- 
gabe hatte die bereits vor Veröffentlichung der Edikte angeregte 
Wegnahme des Bauernlandes durch Erschütterung des Kredits 
gewirkt. Vielfach begannen die ängstlich gewordenen Gläu- 
biger sich der im wirtschaftlichen Interesse an manchen Orten 
notwendig gewordenen Translokation der Bauern zu wider- 
setzen, und bedurfte es oft langer Unterhandlungen, bis es dem 
Gutsherrn gelang, seine Absichten zu verwirklichen. Ganz 
besonders wurde es in diesen Zeiten allgemeinen Geldmangels^ 

1 V. Haxthausen sagt Seite 106: „Der Übergang zum lustmaiinsstande 
wird weder für im mindesten herabwürdigend noch für unvorteilhaft er- 
achtet, wie dies in Deutschland in den Getreideländern, wo die grofsen 
Bauernwirtschaften vorherrschen, überall der Fall ist." 

2 1828 berichtet der Landrat des Kreises Darkehmen (Akten des 



74 XX 3. 

und Unsicherheit des Kredits den Gutsherren schwer, das zur 
Umgestaltung ihrer Wirtschaft notwendige Kapital zu erhalten. 
Zunächst war durch den Wegfall der Frondienste ein Mangel 
an menschlichen und tierischen Arbeitskräften entstanden. Die 
dadurch erforderliche Vermehrung des Betriebskapitals ver- 
anlafste wiederum eine Erhöhung des Baukapitals durch die 
notwendig gewordene Anlage von Instwohnungen und Vieh- 
ställen. War die Hälfte des Bauernlandes abgetreten worden, 
so wurde, wo eine Angliederung an die alte Wirtschaft nicht 
möglich war, der Bau und die Besetzung von Vorwerken 
mit Menschen und Vieh notwendig. Einzelne Beispiele sollen 
als Beleg herangezogen werden. Auf dem Gute Mauenwalde 
leisteten die 10 Bauern von Schneiderin 260 Spanndienste und 
420 Handdienste, nach der Regulierung wurde die Anschaffung 
von 2 Gespann Pferden, 4 Joch Ochsen, die Annahme von je 
2 Knechten und Mägden notwendig. Aufserdem fiel das halbe 
Bauernland, 631 V2 Morgen, an den Gutsherrn. Er glaubte 
Stallung erbauen zu müssen für 18 Ochsen, 16 Pferde, 50 Stück 
Nutzvieh und ein Haus mit 8 Stuben für ebensoviel Inst- 
familien. Natürlich war es nur möglich, einen kleinen Teil 
des Inventars an Vieh der Zucht des Hauptguts zu entnehmen, 
der gröfsere Teil mufste neu gekauft werden und ebenso das 
tote Inventar. Die Launicker Güter, auf denen die 20 Bauern 
aus Efszergallen und Grutteln 444 Spanndienste und 280 Hand- 
dienste zu leisten hatten, mufsten nach der Regulierung, wohl 
auch nach Abtretung der Hälfte des Bauernlandes, 36 Arbeits- 
pferde und 21 Ochsen, 10 Wagen anschaffen und ebenso das 
nötige Nutzvieh mehr halten. Auf der Herrschaft Gnie kamen 
die 1120 Spanntage und 1070 Handtage der 35 Bauern aus 
den Dörfern Christophsdorf, Lehnkendorf, Friedrichsfelde und 
Dwillin in Wegfall, wofür 2 Gespann Pferde und 4 Joch 
Ochsen angeschafft werden mufsten, an menschlichen Kräften 
mufsten 2 Gespannknechte und 6 Instleute angesetzt werden. 
Eine Landabtretung hatte hier nicht stattgefunden, dafür wird 
ein Teil des Arbeitsviehs auf Rechnung der intensiver be- 
triebenen Wirtschaftsweise zu setzen sein. Die Anschaffungs- 
kosten für 1 Gespann Pferde wurden auf 160 Thlr. für eine 
Zoche mit 2 Ochsen auf 54 Thlr , für die Wohnung z. B. von 
6 Familien auf 426 Thlr. angenommen. Im ganzen gab von 
Farenheid, der sich mit 212 Bauern auseinanderzusetzen 
hatte, seine Verluste auf 190000 Thlr. an, seine baren Aus- 
gaben für Bauten und Anschaffung des Vorwerks-Inventars 
betrugen 36000 Thlr. Man kann daraus ermessen, in welche 
Schwierigkeiten die Durchführung der Regulierung Wirt- 



königlicben Staatsarchivs zu Königsberg), in manchen Ortschaften 
seien nicht 15 Sgr. aufzutreiben, ein derartiger Mangel an barem Geld 
herrsche. 



XX 3. 75 

Schäften brachte,, die der Krieg ohnehin an den Rand des 
Ruins geführt hatte. 

Im folgenden sollen nach einer Betrachtung der Ver- 
schuldungsverhältnisse beim Grofsbetrieb und einer Skizzierung 
der allgemeinen Lage, im einzelnen die Mittel und Wege be- 
trachtet werden, mit denen Staat und Privatwirtschaft den 
Ruin der Landwirtschaft wieder zu heilen suchten. 



Fünftes Kapitel. 

Die Bemühungen der Interessenten und des Staates 
um die Wiedergesundung der ländlichen Wirtschaften. 



Die beiden vorangegangenen Kapitel haben im einzelnen 
die verderblichen Folgen der Kriegsjahre und der Regulierung 
für die Landwirtschaft klar gelegt. Bevor hier die Verschul- 
dung de§ Grundbesitzes im allgemeinen betrachtet werden 
kann, müssen noch einige Momente erörtert werden, die von 
erheblicher Bedeutung für die Gestaltung der Verhältnisse 
waren. Zunächst darf die Thatsache nicht aufser acht gelassen 
werden, dafs es eine Zeit gröfster Blüte der Landwirtschaft 
war und dementsprechend hoher Bodenpreise, in der die meisten 
Güter angekauft waren, die letzten 20 Jahre vor 1806. Wenn 
daher in einer Zeit des allgemeinen Preissturzes, wie sie seit 
1806 his zu den dreifsiger Jahren etwa anhielt, bei manchen 
Gütern, wie das bei Neuastrawischken, Mauenwalde, Nagurren 
und Ulmen der Fall war, die Revenuen nicht mehr die Hypo- 
thekenzinsen erreichten, so darf das nicht lediglich als Folge 
der Kriegsdevastationen, sondern auch als Folge des hohen 
Kaufpreises angesehen werden^. Schwer schädigend wirkte 
auch die auf Napoleons Befehl vollzogene Handelssperre gegen 
England, wodurch die Getreidepreise künstlich niedrig gehalten 
wurden , während für Kolonialwaren , die trotz der eigenen 
Einschränkung für die Einquartierung notwendig waren, hohe 



^ Vergl. Altpr. Monatsschrift , Band II Seite 157 ff. und Krueger, 
Seite 23. Es heifst daselbst: „Eine natürliche Folge des Aufblühens der 
Lan dwirtschaft in der Provinz Preufsen am Ende des 18. Jahrhunderts 
war eine grofse Steigerung der Güterpreise und demnächst ein schwung- 
haft betriebener Güterhandel. Alle disponiblen Kapitalien wurden in 
ländlichen Hypotheken angelegt, zu denen man ein unbedingtes Vertrauen 
hegte; und andererseits trugen die Käufer kein Bedenken, die Gelegen- 
heit zu benutzen und mit Übernahme von grofsen Schuldenlasten , auch 
bei geringem eigenen Vermögen, augenblicklich vorteilhafte Gutskäufe 
abzuschliefsen." 




XX 3. 77 

Preise gezahlt werden mufsten. Auf den furchtbaren Steuer- 
druck ist bereits in einem vorangegangenen Kapitel hingewiesen 
worden, er verschärfte sich immer mehr. Dazu kam eine 
Steigerung der Armenlast infolge der vielen zurückgebliebenen 
Witwen und Waisen, deren Ernährer in den Befreiungskriegen 
gefallen waren, und die Einführung einer Invalidensteuer, die 
alle Kreise umfafste. Heftig klagte man in dem Bericht des 
ständischen Komitees vom Jahre 1822 über den hohen Im- 
portationszoll auf Heringe, der 50°/o betrug und die fremden 
Schiffe fernhielt, was wiederum auf das ganze Land zurück- 
wirkte; andrerseits war der Export von Leder- und Holzwaren 
nach Rufsland durch hohe Zölle sehr erschwert. Vor allem 
aber traf die ländlichen Kreise die 1819 eingeführte Erhöhung 
der Branntweinsteuer auf das Vierfache, der Biersteuer auf das 
Doppelte. Vergeblich forderte man ihre Beseitigung, indem man 
darauf aufmerksam machte, dafs die Erhebungskosten 30 ''/o des 
Brutto- und 50 °/o des Nettoertrages wegnahmen, dafs die Steuer 
stark zu Defraudationen namentlich die kleinen Brenner und 
Brauer anreizte, wodurch die gröfseren wiederum benachteiligt 
würden, schliefslich dafs der Schmuggel aus Rufsland überhand 
nehmen werde. Der Staat, selbst am Rande des Bankerotts, ver- 
mochte diesem gerechtfertigten Verlangen nicht zu entsprechen, er 
mufste die Steuern nehmen, wo er sie am besten erhalten konnte. 
An diese durch die politischen und staatlichen Verhältnisse herbei- 
geführte Misere reihten sich die Mifsernten von 1816 und der 
drei Jahre 1820 — 22. Der Schaden des furchtbaren Orkans 
vom 17. Januar 1818 wurde, ganz abgesehen von den Ver- 
wüstungen in den Forsten, für ganz Ostpreufsen auf 13,2 Mil- 
lionen Mark geschätzt ^ Hatte sich bis zum Jahre 1819, wie 
auch das ständische Komitee anerkannte, zum Teil unter dem 
Einflufs der heilsamen Steuergesetze, eine allmähliche Besserung 
eingestellt, so begann mit diesem Jahr das heftigste Ringen 
um die Existenz von neuem. Es bedurfte der ganzen Zähig- 
keit der Grofsgrundbesitzer, aber auch ihrer Pächter und Ver- 
walter, um diesen Jahrzehnte langen Kampf, der im Jahre 
1819 in sein heftigstes Stadium trat, bis zum Ende siegreich 
durchzuführen. Nicht so sehr die in der Begeisterung der 
Freiheitskriege gebrachten schweren Opfer, als dieser unaus- 
gesetzte Kampf gegen die wirtschaftliche Misere zeigt die 
charaktervolle Gröfse der damaligen Grofs- und Kleingrund- 
besitzer. Und wenn an dieser Stelle auch nur die wirtschaft- 
lichen Mafsnahmen besprochen werden dürfen, so würde doch 
der glückliche Ausgang dieses Ringens unverstanden bleiben, 
M'enn wir nicht hinzusetzen dürften, dafs die sittlichen Momente 
des Gottvertrauens und lebendigen altpreufsischen Pflicht- 
bewufstseins , die in den Briefen zwischen Gutsherren, 

1 Vergl. Dr. A. Zweck „Littauen", Stuttgart 1898, Seite 117. 



78 



XX 3. 



Pächtern und Verwaltern in ergreifender, oft überwältigender 
Gestalt hervortraten , in erster Linie den Erfolg verbürgten ^. 
Wir fügen jetzt zur Kennzeichnung der Verschuldungs- 
verhältnisse des ländlichen Grofsgrundbesitzes eine Tabelle 
an, die sofort zahlenmäfsig die Wirkung der in den voran- 
gegangenen Kapiteln skizzierten Verhältnisse erkennen läfst: 



I 



Namen des Guts; 



Eiserwagen . . . 
Beynuhnen-Insterb. 
Beynuhnen-Rastenb. 
Dombrowken . . . 
Launicken . . . 
Neuastrawischken . 
Mauenwalde . . . 
Nagurren . . . . 



das Jahr 

des 

Kaufs 



1792 
1796 
1796 
1796 
1803 
1800 
1804 
1793 



Preis 
Thlr. 



80000 

100000 

115000 

78000 

75000 

. 60000 

35000 

21500 



564500 



Schulden 
vor 
1807 
Thlr. 



16000 

537162/3 

40300 

27987 

31700 

4333V3 
10000 

7000 



191037 



Schulden 

um 

1819 

Thlr. 



89500 

55716% 

72300 

52157V4 

49200 

391662/8 

27000 

11000 



394040Via 



Die Landschaft nahm 4^/8 "/o, sonst wurden 5 — 6 °/o Zinsen 
gezahlt. 

In Prozenten ausgedrückt, betrugen die Hypotheken 
sämtlicher Güter vor 1807 33,8 "/o, um 1819 69,8 ^/o des Kauf- 
preises, und das in einer Zeit, in der die Güterpreise gegen- 
über den Jahren des Ankaufs beträchtlich gesunken waren. 
So mufsten die während der Jahre 1792—1805 für 328690 Thlr. 
angekauften 10953 kullmische Morgen grofsen Güter Mauen- 
walde, Nagurren, Eiserwagen, Launicken, Koppershagen, Neu- 
astrawischken, während der Jahre 1819—1834 für 236 750 Thlr. 
verkauft werden. Während sich also die Hypotheken mehr 
als verdoppelt haben, sind die Güterpreise um mehr als ein 
Viertel ihres ursprünglichen Preises gesunken. Die Herrschaft 
Gnie ist schwer zum Vergleich heranzuziehen, da sie bereits 
1771 für 36 000 Thlr. gekauft war, in einer Zeit äufserst nied- 
riger Güterpreise. Ihre Hypotheken betrugen damals 10000 
Thal er, 1820 66000 Thlr., ihr Wert wurde aber auch in dem- 
selben Jahre auf 99099 Thlr. geschätzt. In den 49 Jahren 
von 1771 — 1820 war ihr Wert nicht ganz um das Dreifache, 
die Hypotheken aber um das 6^/2 fache gestiegen. Bei einer 
derartig hohen Verschuldung war es nur natürlich, dafs die 
Mifsernten von 1820 — 23, infolge welcher die Pächter mehr 
als die Hälfte der Pacht schuldig blieben, die gänzliche Zah- 
lung der Landschaftszinsen für Beynuhnen, Dombrowken, Gnie 
und Mauenwalde unmöglich machten. Sie sollten daher se- 



I 



' Korrespondenz v. Farenheids mit seinen Pächtern und Beamten. 



XX 3. 79 

questriert werden, jedoch begnügte sich die Landschaft mit dem 
Versprechen, dafa nach Berichtigung der öffentlichen Abgaben 
und der dringend notwendigen Wirtschaftsausgaben jeder 
Thaler Revenuen der Landschaftskasse überwiesen, und eine 
monatliche Übersicht der Ein- und Ausgaben eingereicht werden 
würde. Mit den Inhabern der verpachteten Güter trat die 
Landschaft direkt in Verbindung. Wie kläglich die Zahlungen 
an die Landschaftskasse waren, zeigt z. B. das Plus von 
3^/2 Thlrn. der Beynuhner Güter Gerdauenschen Kreises, das 
pro Januar 1824 dorthin abgeführt wurde. Juni 1824 sah 
sich daher die Landschaft genötigt, wenn auch in milder Weise, 
förmliche Sequestration zu verhängen. Im Mai 1825 vermochte 
sich v. F., dem eine staatliche Unterstützung von 9039 Thlrn. 
zugeflossen war, von ihr zu befreien. Jedoch drohte noch bis 
1827, namentlich, nachdem 1826 die Wollpreise gesunken waren, 
die Sequestration immer wieder von neuem ^^. 

Nach dieser Übersicht über die Verschuldungsverhältnisse 
gelangen wir zur Betrachtung derjenigen Mittel, mit denen am 
Wiederaufbau der ruinierten Wirtschaften gearbeitet wurde. 
Über die bäuerlichen Wirte läfst sich nur wenig sagen , im 
ganzen werden sie sich die Mafsnahmen des Grofsgrundbesitzes 
zu eigen gemacht haben ; während der kritischsten Zeit vom 
Jahre 1816—1826 bemühten sie sich, namentlich durch Holz- 
fuhren für die Städte einen Nebenverdienst zu erwerben, wo- 
durch andererseits auch dem Gutsherrn der Absatz seines 
Holzes ermöglicht wurde. Seit 1826 hörte jedoch dieser Neben- 
erwerb infolge Überfüllung des Marktes zum gröfsten Teil auf. 
Die Bauern in Masuren hatten sich, nach dem Bericht des 
ständischen Komitees, namentlich der Spinnerei und der Fer- 
tigung von Leinwand zugewendet^. 

Das Bestreben des Grofsgrundbesitzes richtete sich in 
erster Linie darauf, seine Lieferungsscheine möglichst schnell ein- 
gelöst zu erhalten, jedoch gelanges infolge der Armut des Staates, 
wie schon bemerkt wurde, erst spät und nur unvollkommen. Erst 
1809 erhielt die ostpreufsische Landschaft für die Verwüstungen 
von 1806/7 einen Vorschufs von 300000 Thlr. Domänenpfand- 
briefe, welche in diesem Jahre nur den Wert von 164294 Thlrn. 
hatten ; 1811 erfolgte ein weiterer Vorschufs von 300000 Thlrn.; 

*■ Nach v. Haxthausen, Seite 185 ff. kamen noch vom 1. Januar 1829 
bis 1. Januar 1832 im Oberlandesgericht Königsberg 111 Rittergüter zur 
Subhastation. 

2 Von den v. F. gehörigeu Gütern befinden sich 1901 noch im Be- 
sitz der Familie die Herrschaften Beynuhnen und Angerapp, die zum 
gröfseren Teil Majorat geworden sind, uud die Dombrowker Güter. 

^ Zum Teil bemühten sich die Bauern, Losleute bei sich aufzunehmen, 
um durch die Miete einem Teil der Zahlungsverbindlichkeiten nachzu- 
kommen. Dies erleichterte die Vermehrung der Arbeiterklassen und 
führte auch durch das enge Zusammenwonnen zu manchen socialen 
Übelständen. 



80 XX 3, 

zu gleicher Zeit hatten andere Provinzen weit gröfsere Summen 
erhalten. Am 13. Juni 1816 wurden diese Vorschüsse durch. 
Kabinettsordre der Landschaft geschenkt, jedoch mufste diese 
ihren vollkommen gesetz- und reglementsmäfsigen Anspruch 
von 119 000 Thlr. an Quittungsgroschen für die Domänenpfand- 
briefe schwinden lassen, so dafs der Erlafs jener Vorschüsse 
eigentlich nur 481 000 Thlr. betrug. Die für die Schäden von 
1806/7 von Rufsland geschuldeten Gelder wurden erst 1811 zu 
zahlen begonnen, in einem Papier, das bei der Veräufserung 
allein an 60 °/o verlor. Die Provinz hatte daher einen Schaden 
von 3973874 Thlr. Die Retablissementsgelder , die 1816 an- 
gewiesen wurden, betrugen für Ostpreufsen und Littauen 
1200 000 Thlr., woran 3190 Individuen beteiligt waren. Für 
die Zerstörung von 1812 wurden der Provinz erst 1817 einige 
Lieferungsscheine zu teil, 1819 war die Verteilung noch nicht 
beendigt, während die anderen Provinzen bereits 2 — 3 Jahre 
nach 1813 im Besitz der damals ihren höchsten Kurs habenden 
Scheine waren. Die ostpreufsischen Scheine hatten einen 
Nominalwert von 2 836307 Thlrn., einen Realwert von 1 870000 
Thalern. Dagegen kam die Regierung den Gutsbesitzern 
wenigstens insofern entgegen , als rückständige Kontribution, 
Festungsbaugelder auf die Lieferungen eingerechnet wurden, 
und so bezüglich der baren Ausgaben eine Erleichterung ge- 
schaffen wurde. Die Landschaft belieh, soweit ihr irgend 
Mittel zur Verfügung standen, die Güter bis zu zwei Drittel 
ihrer Taxe. Es bedeutete eine aufserordentliche Erleichterung, 
als die Generalkommission 1824 die Güter bis zu drei Viertel 
ihres Wertes, namentlich als Unterstützung für die Regulierung, 
belieh. Dadurch wurde es möglich, die leicht kündbaren Privat- 
kapilalien zum Teil abzulösen. Die v. Farenheidschen Güter 
erhielten von ihr 22000 Thlr. Aufserdem wurde ein gewisses 
Kulturkapital diesen Gütern in der Höhe von 8000 Thlrn. zu- 
gewiesen, das in den ersten drei Jahren zinsfrei sein sollte^ 
im dritten mit 2 ^la , im vierten mit 3 "/o, im sechsten und in 
den folgenden mit 4*^/0 verzinst werden sollte. 

Die Amortisation des Kapitals selbst sollte nach 6 Jahren 
mit 5% beginnen. Es war zum Ankauf edler Schafe be- 
stimmt. Wir sind damit zu den eigentlichen Wirtschaftsmafs- 
nahmen gelangt, die zum Teil auf Anregung des Staats ins 
Werk gesetzt wurden, und namentlich dazu beitrugen, die der 
Landwirtschaft geschlagenen Wunden wieder zu heilen, es 
sind dies die Bemühungen um die Schaf- und Pferdezucht. Beide 
sind in dem Kapitel über den Grofsbetrieb nur kurz berühi't 
worden. Es wird daher an dieser Stelle notwendig, in die 
frühere Zeit zurückzugreifen. 

Mit Hülfe einer Tabelle über die Angerapper Schäferei 
die von dem Jahre 1777 bis 1802 reicht, ist es möglich, einen Ein- 
blick in die Schafzucht des 18. Jahrhunderts zu gewinnen. 



I 
I 




I 



XX 3. 81 

In den Jahren 1777—1781 wurden im Durchschnitt 420 
Schafe gehalten, von denen 20 Stein 5 Pfund Wolle jährlich 
gewonnen wurden. Der Preis schwankte pro Stein zwischen 
3V3 — 4V9 Thaler, der Durchschnitt war 3^/3 Thaler. 

Die nächsten 5 Jahre von 1782— 1786 brachten einen 
Fortschritt in der Zahl der Schafe, ihrer Ergiebigkeit an Wolle 
und in der Höhe der Preise. Von 1017 Schafen wurden 
durchschnittlich 71 Stein Wolle geliefert, die ä Stein mit 
4 Thaler 4 Groschen bezahlt wurde. 

Die Jahre von 1787 — 1791 bringen wieder einen Rückschritt 
bezüglich der Anzahl und der Ergiebigkeit der Schafe, von 
030 Schafen werden 30 Stein gewonnen, der Preis steigt weiter 
auf 5 Thaler 50 Groschen. 

Die letzten 11 Jahre von 1792—1802 steigerte sich die 
Anzahl, namentlich aber die Ergiebigkeit der Schafe beträcht- 
lich, es wurden von 883 Schafen 83 Stein Wolle gewonnen, 
der Preis sank auf 5 Thaler 6 Groschen im Durchschnitt. Im 
ganzen zeigt diese Periode eine Steigerung der Wollmenge vom 
einzelnen Schaf um etwa das Doppelte, es wird dies in erster 
Linie auf die eingeführte zweimalige Schur im Jahre zurück- 
zuführen sein, die Preise der Wolle sind etwa um 38 *^/o ge- 
stiegen. Das Schafmaterial setzte sich durchweg aus den ge- 
wöhnlichen Landschafen zusammen. Während der Kriegs- 
jahre und der unmittelbar darauf folgenden Zeit sind die Auf- 
zeichnungen über die Schafzucht völlig ungenügend, es ist 
auch nicht anzunehmen, dafs irgend welche wesentlichen Fort- 
schritte erzielt wurden, zumal auch der Bestand infolge der 
Lieferungen und des gewaltsamen Fouragierens häufig gänzlich 
vernichtet wurde. Erst in den zwanziger Jahren begann, 
durch die Regierung angeregt und von den hohen Wollpreisen 
begünstigt, ein glänzender Aufschwung der Schafzucht. Von 
den V. Farenheid 1824 als Kulturkapital bewilligten 8000 
Thalern wurden 2448 Thaler 19 Silbergroschen 3 Pfennig zum 
Ankauf von 300 Merinoschafen und 9 Böcken von der könig- 
lichen Domäne Ostrowitt bei Marienwerder verwendet. Erstere 
wurden das Stück für 7 Thaler 14 Groschen abgegeben, 
letztere für 22 Thaler 28 Silbergroschen 3 Pfennig. In Ram- 
berg und Rossossen wurden für je 1290 Thaler 2 Schäfereien 
angelegt. In den folgenden Jahren wurden noch weitere 
100 Mutterschafe und 6 Störe aus Ostrowitt bezogen. Bereits 
1831 zählte die Schäferei zu Ramberg 523 Mutterschafe, 421 
Hammel und 71 Böcke, die zu Rossossen 305 Mutterschafe 
und 276 Hammel. Bereits in diesem Jahre konnte man an 
eine Rückzahlung des Kulturkapitals gehen , die dadurch be- 
sonders erleichtert wurde, dafs die Regierung die Rücker- 
stattung in Schafen zugestand und den Betrag pro Bock auf 
30 Thaler, pro Mutterschaf auf 7 Thaler festsetzte. So 
wurde es möglich, bereits 1831 2172 Thaler, 1832 3400 Thaler 

Forschungen XX 3. — B«hm o. 6 



82 . ■ XX 3. 

abzutragen, sodafs nur ein Rest von 2428 Thaler übrig blieb. 
Aufser den echten Merinos wurden zu derselben Zeit ver- 
edelte Schafe angeschafft, die mit 3 Thaler das Mutterschaf, 
mit 10 Thaler der Bock bezahlt wurden. Auf sämtlichen, 
V. Farenheid gehörigen, gröfseren Gütern wurden um die 
Mitte der zwanziger Jahre Schäfereien eingerichtet. Dasselbe 
war , wie die Lieferungstabellen aus Ostrowitt zeigen , wohl 
bei sämtlichen gröfseren Gütern der Umgegend der Fall. Wie 
sich Anzahl und Material des Schatbestandes veränderten, zeigen 
die Tabellen der Angerapper Güter, 1818 befanden sich dort 
246 edle, 155 halbedle, 244 Landschafe; 1825 690 edle, 180 
halbedle, 182 Landschafe; 1832 1030 edle, 60 halbedle 
und 205 Landschafe. In der ganzen Provinz vermehrten sich 
die edlen Schafe von 27 272 um 1816, auf 435 061 1831 und 
1026659 1840, während die übrigen Vieharten ziemlich 
stationär blieben ^ 

1825 wurde infolge der gesteigerten Bedürfnisse und da 
das Verständnis für eine richtige Behandlung der Schafe noch 
vielfach fehlte, auf Anregung des auch in dieser Beziehung 
sehr verdienstvollen Oberpräsidenten v. Schön von den Schaf- 
züchterij der Sortierer Wagner angestellt, der von Januar bis 
März die Güter bereiste und die tauglichen Zuchtschafe, je 
100 für 1 Thaler, aussuchte und auch die Wolle sortierte. 

In den ersten Jahren traten noch heftige Preisschwankungen 
ein; 1826 wurde wegen gesunkener Wollpreise ein Staats- 
depot verlangt, in dem die Gutsbesitzer die Wolle nieder- 
legen und darauf geliehen bekommen sollten. 1831 forderte 
man einen Wollmarkt in Königsberg, da die einzelnen unter- 
drückenden Verkaufsbedingungen oft 20*'/o Rabatt zugestehen 
mufsten. Auch von Unglücksfällen scheint in den ersten 
Jahren die junge Gründung nicht verschont geblieben zu 
sein ; so war 1825 aus Sachsen , aus dem Schafe bezogen 
■ wurden, die Pockenkrankheit eingeschleppt, die namentlich 
in Klein -Beynuhnen starke Verheerungen anrichtete, auf 
der Steinorter Begüterung war das 1827 der Fall. Trotzdem 
war der Aufschwung und der Gewinn, der aus der Schafzucht 
gezogen wurde, namentlich in den dreifsiger Jahren, ein 
aufserordentlicher. Während der Gewinn aus der Wolle pro 
Schaf in der Periode von 1771 — 1802 kaum jemals ^/4 Thaler 
überschritten hatte, schwankten während der dreifsiger Jahre 
die Einnahmen aus der Wolle von 6000 Schafen, die auf den 
Angerapper, Bejnuhner, Dorabrowker Gütern und dem Vorwerk 
Popiollen gehalten wurden, zwischen 6000 und 8000 Thalern, pro 
Schaf zwischen 1 und IVs Thaler. Der Centuer Wolle wurde 



1 Vergl. „Die Provinz Preufsen. Pestgabe für die Versammlung 
deutscher Land- und Forstwirte zu Königsberg." Königsberg 1863. 
Seite 295. 



4 



XX 3. 83 

Ende der zwanziger Jahre mit 70 Thaler, zu Anfang der 
dreifsiger Jahre mit 75 — 85 Thaler, Ende der dreifsiger Jahre 
mit 60—70 Thaler, Sterbe wolle in der ersten Periode mit 
35—40 Thaler, in der letzten mit 30—35 Thaler bezahlt. 
Sterblingsfelle wurden zu 20 Silbergroschen, Jährlingsfelle zu 
10 Silbergroschen verkauft. Aus diesen Ziffern geht deutlich 
hervor, welche Bedeutung dieser Zweig der Landwirtschaft 
für ihre Wiedergesundung überhaupt haben mufste. 

Die Pferdezucht war bereits gegen Ausgang des 18, Jahi*- 
hunderts von der gröfsten Bedeutung für die Landwirtschaft 
gewesen, von den v. Farenheidschen Gütern stand namentlich 
Gnie mit seinem Gestüt im Vordergrund^. Der Bestand des 
Gestüts während der letzten Jahre des 18. Jahrhunderts und 
im 19. Jahrhundert bis zu den Kriegsjahren war durchschnittlich 
136 Pferde und umfafste 8 Beschäler, 30 jüngere Hengste, 36 
Mutterstuten , 32 jüngere Stuten, 20 Absatzfohlen und 10 
Wallache. Die Hengste wurden vom 5., die Stuten vom 
6. Jahre ab zur Zucht verwendet. Trotzdem ein besonderer 
Gestütsarzt für Gnie angestellt war, scheint die Zucht in 
dieser Zeit noch mit wenig Geschick und viel Unfällen be- 
trieben worden zu sein. Jedenfalls verlor das Gestüt, ganz 
abgesehen von den wegen Alters erschossenen, jährlich durch 
Unglücksfälle 3 — 7 Pferde. Hieraus scheint sich zum Teil 
auch der geringe Gewinn zu erklären, der aus dem Gestüt 
gezogen wurde ; einer Einnahme von 6000 — 6200 Thaler stand 
in der Regel eine Ausgabe von 5800 Thaler gegenüber, sodafs 
nur ein Plus von 200 — 400 Thaler vorhanden war. Die Preise 
für 5 — 6jährige Arbeitspferde schwankten in dieser Periode 
zwischen 36 und 45 Thaler, Beschäler und 4 — 5 jährige Hengste 
wurden mit 120 — 150 Thaler bezahlt, 2 und 3jährige Hengste 
mit 100 Thaler, 1jährige Hengste mit 25—30 Thaler, Ab- 
satzfohlen mit 15 — 20 Thaler, Zuchtstuten und 5— 6jährige 
Stuten mit 60 Thlr., 2— 4jährige Stuten mit 40— 50 Thlr., 1jährige 
Stutenmit 25 Thlr., für 5 — 6 jährige Wallache wurden bis 120 Thlr. 
bezahlt ; 200 Thlr. an Kaufgeld für ein Pferd wurden niemals über- 
schritten. 1804 bezog H. v.Farenheid zur Verbesserung der Zucht 
2Hengste und mehrere Vollblutstuten, sowie einige Yorkshirestuten 
und einen gleichen Hengst aus England. Während der Kriegsjahre 
ging das Gestüt völlig zu Grunde, zum Teil wurden die Pferde 
weggenommen, zum Teil die jüngeren durch Überanstrengung 
unbrauchbar gemacht. Man mufste nach den Kriegsjahren 
von neuem mit den Bemühungen um die Hebung der Pferde- 
zucht beginnen; die Preise waren andauernd, auch in den 

' G-estüte am Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in Ost- 
preufsen; Althof e-Insterburg, Georffenburg, Steinort, Wedern mit Szir- 

fupönen, Nordenthai. Dazu kamen in den zwanziger Jahren des 19. Jahr- 
underts Pusperu, Julienfelde, Doristhal. Vergl. dazu „Deutsches Gestüts- 
buch" von Schwartz und Krocker. Berlin 1872. 

6* 



84 XX 3, 

schlimmsten Zeiten^ hohe gebliehen. Es gelang bald, namentlich 
durch die Verdienste des Landstallmeisters von Burgsdorf^ 
eine neue Blüteperiode heraufzuführen. Um auch den von 
den königlichen Gestüten weiter entfernt wohnenden Besitzern 
die Möglichkeit einer Verbesserung ihres Pferdematerials zu 
gewähren, wurden auf geeigneten Gütern mit Genehmigung 
ihrer Besitzer staatliche Beschäler von März bis Juli einge- 
stellt, die gegen ein Sprunggekl von 20 Silbergroschen deckten. 
Die Erfolge zeigten sich bald; 1821 gehörten von den durch 
die drei staatlichen Beschäler zu Angerapp gedeckten 181 
Stuten die meisten kleinen Bauern. Nach Tribukeit halfen 
zur Verbesserung der Pferdezucht bei den kleinen Besitzern 
sehr die seit 1833 eingerichteten Fohlenmärkte mit, ebenso 
die Befreiung von den Scharwerksdiensten und die Separation^. 
Andererseits wurden auch die gröfseren Gutsbesitzer veranlafst, 
ihrerseits Beschäler zu halten. Vor allem wurde es von der 
gröfsten Wichtigkeit für die Pferdezucht, dafs die Militärver- 
waltung, die bis dahin den gröfsten Teil ihres Bedarfes an 
leichtem Pferdematerial in Rufsland und an schwerem in 
Hannover und Holstein gedeckt hatte, jetzt den Ankauf mög- 
lichst auf das Inland beschränkte. Seit 1817 wurde der 
Remonteankauf von einem staatlichen Kommissar besorgt, 
1821 wurden Remontedepots eingerichtet^. Es wurden jetzt bereits 
für Remonten durchschnittlich 78 Thaler pro Stück gezahlt^. 
Nicht so schnell gelang es den Bemühungen einzelner 
privaten Züchter, das englische Vollblut einzubürgern. Bereits 
1836 trat v. Farenheid mit dem Herzog von Augustenburg 
in Verbindung, dessen prachtvolles Vollblutgestüt sozusagen 
die Verbindung zwischen England und dem Kontinent her- 
stellte, der seine Pferdeankäufe durch Richard Tattersall be- 
sorgen liefs; V. Farenheid kaufte von ihm einen Hengst und 
4 Stuten. Namentlich war es das Institut der Landbeschäler, 
die zwar nur eine mäfsige Zucht lieferten, aber von den Leuten 
wegen ihrer Billigkeit aufgesucht wurden, das dem Eindringen 
des neu erworbenen englischen Vollblutmaterials den gröfsten 
Widerstand entgegensetzte. Erst Anfang der vierziger Jahre 
gelang es, festen Fufs zu fassen. 1843 wurden zu Angerapp 
39 Vollblutstuten und 148 Halbblutstuten gedeckt, allerdings 
gehörten erstere lediglich, letztere fast alle gröfseren Guts- 
besitzern, 1846 rührte bereits die grofse Mehrzahl des Halb- 



1 Tribukeit, Seite 21. 

2 d[q j>rovinz Preufsen". Seite 327 flF. 
^ Nach V. Haxthausen wurden 1826 in Littauen 

1663 Pferde für 128704 Thlr., 

1827 1841 „ „ 142672 „ 

1828 1856 „ „ 143929 „ 
nls Remoiiten angekauft; beteiligt waren daran 76—80 gröfsere und 450 
bis 546 kleinere Fferdezüchter. 



XX 3. 85 

bluts von kleinen Bauern her. Das Deekgeld bei Haupt- 
beschälern betrug 34 Thaler, bei anderen 17 Thaler; in Privat- 
gestüten waren die Sätze vielfach noch höher, bei einem Voll- 
bluthengst in Angerapp 50^/8 Thaler. Bezahlt waren für diesen 
Hengst 14(35 Thaler, die Einnahmen aus den Deckgeldern 
zweier Jahre betrugen 2833 Thaler ; Halbblutstuten wurden 
mit 95—120 Thaler pro Stück bezahlt. Bereits 1834 war in 
Königsberg, um allgemeineres Interesse für das Vollblut zu 
erregen , der Verein für Pferderennen gegründet worden. 1839 
wurde daselbst eine Trainieranstalt angelegt. — So stellt sich 
in kurzen Zügen der Aufschwung dieses Faktors der Land- 
wirtschaft dar, der nicht nur vorübergehend wie die Schaf- 
zucht, sondern stets von aufserordentlicher Bedeutung für die 
Provinz bis zur Gegenwart geblieben ist. Von g-eringerer Be- 
deutung waren die Veränderungen in den übrigen landwirt- 
schaftlichen Zweigen. Beim Getreidebau lassen sich irgend 
welche Fortschritte bezüglich seiner Ergiebigkeit an Körner- 
zahl nicht feststellen, zum Teil wich er, namentlich auf leichterem 
Boden, dem immer stärker zunehmenden Kartoffelbau. Auch 
als Objekt für die Brennerei setzte sich die Kartoffel immer 
mehr durch. Auf einigen Gütern begann v. Farenheid bereits 
in den dreifsiger Jahren mit der Benutzung künstlichen 
Düngers; es war Gips, der zunächst bezogen wurde, der 
Centner a 20 Silbergroschen. Die Rindviehzucht machte gleich- 
falls keine Fortschritte , namentlich war während des ersten 
Jahrzehnts nach den Kriegsjahren die Nachfrage äufserst 
gering, auch später trat nur eine kleine Besserung und dem- 
entsprechend auch kaum eine Erhöhung in den Preisen ein. 
Die Versuche, die einheimischen Viehrassen zu veredeln, schlugen 
fehl, das eingeführte Vieh wollte nicht gedeihen ^. 

Dagegen hatte sich der Blick der Gutsbesitzer für den 
Nutzen eines Zusammenschlusses wirtschaftlich gleich in- 
teressierter Kreise unter dem Drucke der Not sehr geschärft. 
Dieser Erkenntnis entsprang die Bildung der landwirtschaft- 
lichen Gesellschaft für Littauen im Jahre 1821, deren Haupt- 
vorsteher V. Farenheid wurde. Die treibende Kraft bei der 
Gründung war der 1811 auf Veranlassung der Regierung von 
Sachsen nach Littauen übergesiedelte, bekannte Landwirt 
Friedrich Schmalz in Küssen^. Als ihre Ziele bezeichnete sie 
die Kenntnis vom Zustande der landwirtschaftlichen Ver- 
hältnisse der Provinz, Mittel zur Beförderung der Landwirt- 
schaft aufzufinden, wohlthätigen Einflufs auf kleine Landwirte 
zu erlangen , und tüchtige landwirtschaftliche Beamte der 
niederen Klasse auszubilden. Sie war auch nicht abgeneigt, 
den Verwaltungsbehörden und Gerichten Gutachten zu er- 

1 Tribukeit, Seite 20. 

• Altpreufsische Monatsschrift, Band II, Seite 160. 



86 XX 3. 

statten. Wo 6 Mitglieder in einem Kreise ansässig waren, 
sollte sich ein Kreisverein bilden, der alle drei Monate zu- 
sammentreten sollte; noch im Jahre 1821 entstanden 10 der- 
selben. Gleichzeitig gründeten die anwesenden Schafzüchter 
einen Schafzüchterverein. Die Gesellschaft selbst begann mit 
136 Mitgliedern. Es waren dies lediglich Grofsgrundbesitzer,^ 
die Bauern hielten sich bis etwa 1840 fern. Erst als es möglich 
wurde, gute Leistungen auf landwirtschaftlichem Gebiet mit 
Geldpreisen zu belohnen, traten sie in gröfserer Zahl ein^ 
Für die einzelnen Zweige, Botanik, Agrikultur, Chemie, Tier- 
arzneikunde, Forstwissenschaft, Geschichte der Landwirtschaft 
und Pferdezucht wurden technische Mitglieder gewählt. Bei 
den ersten Verhandlungen wurde über den Anbau von Spargeln, 
sibirischen Buchweizens , Luzerne und Esparsette berichtet ; 
weit mehr Interesse nahmen aber die Berichte über die in 
diesen Gegenden von einem Kanonikus Gramatzky 1822 für 
200 Thaler angeschaffte erste Dreschmaschine in Anspruch. 
Man empfahl für den Erdrusch des Sommergetreides leicht tran- 
portable Dreschmaschinen, jedoch sollten die Gärtner, um be- 
schäftigt zu werden, das meiste Getreide ausdreschen. Sehr be- 
achtenswert und bezeichnend für die durchgedrungene Erkenntnis 
vom Werte naher Absatzgelegenheiten war die beschlossene 
Unterstützung einer kleinen Tuchfabrik in Gumbinnen. In 
ähnlicher Weise bemühte sich v. Farenheid im Jahre 1838, der 
in Insterburg neu entstandenen Zuckerrübenfabrik die Wege 
zu ebnen, die denn auch einen guten Fortschritt nahm. 

Die verheifsungsvollen Anfänge genossenschaftlichen Geistes 
vermochten den trüben Zeitverhältnissen nicht stand zu halten, 
bereits 1823 schliefen die Kreisvereine infolge mangelnder 
Teilnahme ein, um erst 1829 zu neuem Leben zu erwachen; 
man hielt jedoch jetzt die Sitzungen nicht mehr in der Stadt, 
sondern, was sich als äufserst vorteilhaft erwies, abwechselnd 
auf geeigneten Gütern ab. 



Altpr. Monatsschrift Bd. II Seite 163. 



I 



Sechstes Kapitel. 

Kurze zusammenfassende Darstellung der weiteren 

Geschicke der ländlichen Bevölkerung Ostpreufsens 

bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts. 



War in den vorangegangenen fünf Kapiteln der Verfasser 
stets von der Detailforschung ausgegangen, und waren die all- 
gemeinen Verhältnisse nur von dieser Grundlage aus berührt 
worden, so machte der beklagenswerte Mangel an speciellem 
Material dieses Vorgehen weiterhin unmöglich. Erschien es 
trotzdem als wünschenswert, der Arbeit auch in der Beziehung 
einen gewissen Abschlufs zu geben, dafs die Geschicke der Land- 
bevölkerung bis zur Gegenwart hin verfolgt wurden, so waren 
es lediglich allgemeine Darstellungen, die als Material in Frage 
kamen. Es sind daher im folgenden nur die wichtigsten 
Momente der Entwicklung hervorgehoben worden, und alles 
bei Seite gelassen worden, über das ein genügend klares Urteil 
zur Zeit noch nicht gefällt werden kann. So ist namentlich 
die technische Seite der Landwirtschaft, die, je näher wir der 
Gegenwart kommen, um so komplizierter und für den Nicht- 
fachmann schwerer verständlich erscheint, nur soweit berührt 
worden , als es bei der Betrachtung der Verhältnisse der ein- 
zelnen Bevölkerungsklassen notwendig wird. 

Wir verfolgen zunächst die Entwicklung der ländlichen 
Verhältnisse bis zur Mitte der vierziger Jahre. Die Mittel, 
mit denen Staat und Interessenten an der Wiedergesundung 
der Landwirtschaft gearbeitet hatten, waren, wie wir im voran- 
gegangenen Kapitel sahen, den intelligenteren Grofsgrund- 
besitzern am frühesten zu gute gekommen, während der zähere, 
aber auch schwerfälligere Bauer sich erst allmählich die neuen 
Errungenschaften aneignete. Durch die zahlreichen Sub- 
hastationen grofser Güter waren diese vielfach in kapital- 
kräftige Hände gelangt und waren daher um so eher im 
Stande, sich der neuen Fortschritte zu bedienen und manche 



88 XX 3. 

Schäden fern zu halten. Da aufserdera, abgesehen von den 
Notstandsjahren 1835 und 38, reichliche Ernten und günstige 
Verkäufe bis 1844 zu verzeichnen waren, so machte die Wieder- 
erholung des Grofsgruudbesitzes die erfreulichsten Fortschritte ^. 
Dagegen verblieb dei' Bauernstand in den traurigen Ver- 
hältnissen, in die ihn Kriegsjahre und Regulierung hineingeführt 
hatten. Er litt namentlich unter dem Mangel an Kredit und 
barem G-eld, so dafs besonders in den unfruchtbaren Gegenden 
ein Übergang zur Koppelwirtschaft unmöglich war, da die 
kleinen Besitzer die Übergangsperiode nicht überstanden 
hätten^. Vielfach behielten auch die Bauern, die die Hälfte 
oder ein Drittel ihres Grundstücks dem Gutsherrn • hatten ab- 
treten müssen, denselben Besatz und die gleiche Anzahl des 
Gesindes bei. Dazu kam die durch die Vermehrung der Ar- 
beiterbevölkerung so aufserordentlich gesteigerte Armenlast, 
die in erster Linie auf ihren Schultern ruhte. Wir sahen, 
bereits, wie die Bauern dadurch, dafs sie sich bemühten, Los- 
leute als Mieter zu erhalten, die Vermehrung dieser Proletarier- 
klasse begünstigten. Als sie nun im Anschlufs an die Sepa- 
ration darangingen, sich auszubauen, wurden ihre alten Häuser 
im Dorfe mit einigen Morgen Land vielfach zu Eigenkätner- 
grundstücken, so dafs auch eine Vermehrung dieser Bevölkerungs- 
schicht eintrat^. Hatte nun aber bis zur Separation der kleine 
Mann mit Hülfe der Gemeindeweide die Möglichkeit gehabt, 
sich durch Haltung einer Kuh und einigen Kleinviehs, einen 
gewissen Wohlstand zu wahren, so wurde er jetzt mit einigen 
Fetzen Landes abgefunden , die er in den meisten Fällen zu 
Schleuderpreisen veräufserte*, wodurch ihm jeder wirtschaftliche 
Rückhalt in Zeiten der Not fehlte, so dafs, namentlich im 
Winter, die Lage der Losleute eine oft recht traurige Avar. 

Die Verhältnisse der Instleute, deren Zahl als Folge der 
Regulierung ebenfalls stark gestiegen war, hatten keine durch- 
gehende Veränderung erfahren. Zwar machte das Vordringen 
der Geldlöhnung, wie die v. Farenheidschen Güter zeigen, 
langsame Fortschritte, aber der Mangel an barem Geld hin- 
derte einen plötzlichen Übergang. 

Im ganzen zeigt während der Jahre 1819 — 43 die länd- 
liche Bevölkerung eine Zunahme um 53*^/o, die städtische nur 



II 



^ Vergl. Landwirtschaftliche Jahrbücher aus der Provinz Preufsen, 
1849, „DenKschrift über die Ursachen des in der Provinz Preufsen öfters 
wiederkehrenden Notstandes." 

Vergl. Preufsische Provinzialblätter Band IV. v. Farenheid: „Wohl- 
stand eines masurischen Kalkbauern." 

^ Vergl. G. Kreifs: „Die gegenwärtigen bäuerlichen Verhältnisse im 
Bezirk des Ostpr. landwirtschaftlichen Ccntralvereins" in den Berichten 
veröffentlicht vom Verein für Socialpolitik, Band IL 

♦ Vergl. C. M 8töckel: „Über die bäuerlichen Verhältnisse im Re- 
gierungsbezirk Gumbinnen", in den Berichten veröffentlicht vom Verein 
für Socialpolitik, Band II. 




XX 3. . 89 

um 23 "/o. Es sind lediglich die Klassen der Eigenkätner und 
vor allem der Losleute, auf die die Vermehrung entfällt, der 
Bauernstand ist um 20 ''/o zurückgegangen und mit ihm auch 
das Gesinde, wenigstens läfst sich dies für die Periode von 
1802—1831 feststellen. Während wir 1802 110000 männliche 
und 96300 weibliche Dienstboten zählen, waren es 1831 nur 
noch 67300 und 70100. Der Wohlstand der Bevölkerung litt 
erheblich unter diesen Verschiebungen, während 1802 auf 
100 Kühe 379 Menschen entfielen, wuchs deren Zahl 1825 auf 
548 , 1843 auf 565 ^ Dagegen stieg der Branntweinkonsura, 
und den anhaltenden Klagen der Zeitgenossen über die zu- 
nehmende Entsittlichung des Landvolks wird eine gewisse Be- 
rechtigung nicht abzustreiten sein. 

Hat somit die Periode bis zur Mitte der vierziger Jahre 
nur beim Grofsgrundbesitz Fortschritte hervorgebracht, so 
beginnen von nun an alle Klassen der ländlichen Bevölkerung 
an diesem Aufwärtssteigen teilzunehmen. Es vollzog sich dieser 
Umschwung, obwohl zunächst unter den Mifsernten der Jahre 
1844 und 1845 auch der Grofsgrundbesitz erheblich litt, zu- 
mal hohe, durch Spekulation veranlafste Verkäufe, einen Teil 
der Güter wieder mit erheblichen Kaufgelderresten belastet 
hatten. Durch die Kabinettsordre vom 4. Mai 1849 wurde 
der Landschaft gestattet, auch bäuerliche Besitzungen bis 
zum Werte von 1500 Mk. abwärts zu beleihen. Domänen, 
Forsten, köllmische und andere nichtadlige Güter waren bereits 
1808 zugelassen worden ^. Dem Bedürfnis aber nach Personal- 
kredit, der für den kleinen Besitzer bisher nur gegen hohe 
Wucherzinsen zu haben war, begannen jetzt Vorschufs- und 
Kreditvereine abzuhelfen^. 

Unter solchen Verhältnissen wurde es auch dem Grofs- 
grundbesitz leichter, seinen auf Hebung der Kultur der bäuer- 
lichen Wirtschaften gerichteten Bestrebungen Eingang zu 
schaffen. Bereits in den zwanziger und dreifsiger Jahren 
hatte der landwirtschaftliche Centralverein für Littauen und 
Masuren einige bäuerliche Musterwirtschaften eingerichtet. 
In umfassender Weise setzte er sein Unternehmen seit den 
vierziger Jahren bis 1853 fort. In dieser Zeit begann ein 
rationell betriebener künstlicher Futterbau allgemein zu 
werden. Zur Verbesserung der Viehzucht hatte 1830 der Land- 

1 Vergl. Schubert: „Statistische Beurteilung und Vergleichung einiger 
früherer Zustände mit der Gegenwart für die Provinz Preufsen, mit be- 
sonderer Berücksichtigung des jetzigen Zustandes dieser Provinz" in von 
Reden „Zeitschrift des Vereins für deutsche Statistik". Erster Jahr- 
gang 1847. 

2 Vergl. „Denkschrift zur Feier des einhundertjährigen Bestehens der 
ostpreufsisehen Landschaft. Königsberg, den 16. Februar 1888". 

^ Vergl. „Die Entstehung der Vorschufsvereine und ihre Verbreitung 
in der Provinz Preufsen" in der Altpreufsischen Monatsschrift. Neue 
Folge, Band 17. 



90 XX 3. 

Stallmeister von Burgsdorf eine Anregung gegeben. 1844 
wurde durch eine Aktiengesellschaft ein Stamm Yorkshirevieh 
eingeführt, 1843 — 1854 auf Kosten des landwirtschaftlichen 
Centralvereins für Littauen und Masuren Zuchtstiere ange- 
schaflft und den kleinen Besitzern gegen niedriges Sprunggeld 
zur Benutzung überlassen^. Als dann 1860 nach Eröffnung 
der Ostbahn eine stärkere Nachfrage nach Rindvieh, namentlich 
nach schweren Zugochsen eintrat, wurden diese bereits in der 
Hauptsache von kleinen Besitzern geliefert. Dagegen hatte 
die Schafzucht Anfang der fünfziger Jahre bereits ihren Höhe- 
punkt überschritten, man begann jetzt mehr auf Fleischschafe 
Gewicht zu legen. Die eigentliche Domäne der Bauern wurde 
die Pferdezucht. Indem es nur ihnen möglich war, die Zucht- 
stuten zugleich dauernd in Arbeit zu halten, wovon wesentlich 
ihre Leistungsfähigkeit abhängt, als auch denselben stets eine 
schonende Behandlung zu Teil werden zu lassen, hatten sie 
vor den gröfseren Besitzern aufserordentliche Vorteile voraus^. 
So waren denn bereits 1853 von den auf den zwölf berühm- 
testen Stationen gedeckten 2516 Stuten 2272 Bauernstuten ^. 
Zugleich trat mit der Erhöhung der Getreidepreise eine Ver- 
doppelung der Bodenpreise ein. — Es ist nur natürlich, dafs 
unter dieser günstigen Gestaltung der wirtschaftlichen Ver- 
hältnisse auch der Bauer den Wert seines Eigentums besser 
würdigen lernte und sich gegen verlockende Anerbietungen 
zum Verkauf mehr abwehrend verhielt*. Eine weitere un- 
gesunde starke Vermehrung der ländlichen Bevölkerung war 
gleichfalls in dieser Periode nicht mehr zu verzeichnen , die 
specifisch proletarischen Klassen hatten die geringste Zunahme 
erfahren, das Wachstum der gesamten Landbevölkerung war 
hinter dem der Städtebewohner zurückgeblieben. Der Wohl- 
stand der Bevölkerung hatte mit ihrer Zunahme im allgemeinen 
Schritt gehalten, wie die Vermehrung der Anzahl der Kühe 
zeigt. Die in Anbau begriffene Kulturfläche nahm allein 
während der Jahre 1852 — 1864 um mindestens ein Zehntel 
ihres alten Bestandes zu^. Gleichzeitig diente die seit 1840 
erfolgende starke Einwanderung vermögender Landwirte dazu, 



1 Vergl. „Festschrift zum 50 jährigen Bestehen des littauischen 
Centralvereins". 

" Vergl. Schnaubert, „Statistische Beschreibung des Kreises Pill- 
kallen." Pillkallen 1894. 

^ Vergl. Archiv für Landeskunde der Preufsischen Monarchie, Band I, 
1855, Seite 390. 

•* Vergl. Schubert. „Statistische Darstellung der fortschreitenden 
Entwicklung der Landwirtschaft und des auswärtigen Handelsverkehrs in 
der Provinz Preufsen in den letzten zehn Jaliren". Archiv für Landes- 
kunde, Band IV, 1856. 

'' Vergl. Schubert, ^Die Zahlenverhältnisse der ländlichen zur städ- 
tischen Bevölkerung nach den letzten Volkszählungen des preufsischen 
Staats", in der Altpr. Monatsschrift, Band III. 




XX 3. 91 

den Übergang von der Natural- zur Geld Wirtschaft erheblich 
zu beschleunigen. Zur besseren Vorbildung der Landwirte 
wurde 1858 die landwirtschaftliche Lehranstalt zu Waldau bei 
Königsberg gegründet. Noch können aber die allgemeinen 
socialen Verhältnisse keine befriedigenden genannt werden. 
Während in der Gesamtmonarchie der Prozentsatz der unter 
14 Jahren gestorbenen Kinder von der Anzahl der Geburten 
in den Jahren 1856, 1857 und 1858, 33,9 <>/o, 30,7 "/o und 
34,8 ^/o betrug, waren die Zahlen für den Regierungsbezirk Königs- 
berg 34,9, 45,3 und 38,1 ^'o, für Gumbinnen 36,9, 40,2 und 42 »/o \ 

Das, was der folgenden Periode, Anfang der sechziger 
Jahre bis 1880, den Stempel aufdrückt, ist das weitere Er- 
starken des bäuerlichen Besitzes und der Beginn der Arbeiter- 
not beim Grofsgrundbesitz ^. In den Kreisen mit gutem Boden 
hatte sich auch bei den Bauern der Übergang zur Frucht- 
wechselwirtschaft fast völlig vollzogen, nur in den ärmeren 
Gegenden blieb die Dreifelderwirtschaft bestehen. Noch fand 
aber allgemein ein zu ausgedehnter Getreidebau statt, während 
das Inventar nicht zureichend ernährt wurde. Namentlich 
litten die Besitzungen vielfach darunter, dafs sie, eine Folge 
der Separation, in zu vielen Plänen lagen. Trotzdem hatte 
die Viehzucht, namentlich unter dem Einflufs der Schauen, 
aufserord entliche Fortschritte gemacht. Fehlte es den Bauern 
auch vielfach an der unerläfslichen landwirtschaftlich - tech- 
nischen Vor- und Ausbildung, so folgten sie doch langsam dem 
Beispiel des Grofsgrundbesitzes , „von dessen vorsichtig und 
mit voller Sachkenntnis wie ausreichenden Betriebsmitteln be- 
wirtschafteten Gütern alle Fortschritte ausgingen." 

Die Verschuldung der Bauerngüter war zwar um 1880 
eine relativ höhere als vor 1800, aber Ertrags- und Kaufwert 
waren in stärkerer Proportion gewachsen als die Hypotheken- 
schulden. Die Bodenbesitzveränderungen waren am stärksten 
da, wo der beste Boden die höchste Kultur möglich machte, 
am geringsten auf schlechtem Boden. Im allgemeinen fand 
auch in dieser Periode eine Verringerung der Zahl der bäuer- 
lichen Nahrungen statt , namentlich der mittleren Bauernhöfe, 
während der Umfang der Bauerngüter in tüchtiger Hand zu- 
nahm. Der Grofsgrundbesitz war nur da Käufer, wo er gut 
situiert und altbefestigt war, in den meisten Fällen war es der 
vermögendere bäuerliche Nachbar, der seine Besitzung durch 
Zukauf vergröfserte. In den Gegenden mit schlechtem Boden, 
in denen die Lage der Bauern eine traurige war, trat ihr Be- 



^ Vergl. „Über Verbesserungen und Reformen in der Laj^je unserer 
ländlichen Arbeiter" in den „Landw. Jahrbüchern für Ostpr.". 13. Jahr- 
gang 1861, Seite 549. 

,2 Über die Periode von 1863 — 1880 vergleiche besonders die Auf- 
sätze von Kreifs und Stöckel in Band II der Schriften des Vereins für 
Socialpolitik. 



Ö-? 



XX 3. 



streben, sich zur Ruhe zu setzen, am frühesten ein. Das oft 
zu hoch bemessene Altenteil wirkte hier schädlich, namentlich 
dann, wenn es aufserdem hypothekarisch an erster Stelle ein- 
getragen war und so die Aufnahme billiger Hypotheken- 
schulden hinderte \ Dagegen nahmen in den fruchtbareren 
Gegenden die Eltern das Altenteil meist nicht in Anspruch, 
afsen mit ihren Kindern an einem Tisch und halfen in der 
Wirtschaft. „Überhaupt war es der starke Familiensinn, der 
sich in dem freiwilligen, durch kein Gesetz beeinflufsten 
Drang, den Grundbesitz der Familie durch ungeteilte Ver- 
erbung zu erhalten, äufserte, dem die stete und glückliche 
Entwicklung des Bauernstandes in erster Linie zu danken war." 
Weit stärker als die Besitzveränderungen beim Bauern- 
stand als Ganzem, waren die Besitzwechsel bei den Eigen- 
kälnergrundslücken. Diese waren im Verhältnis meist doppelt 
so hoch verschuldet wie die Bauerngüter, und zahlreiche Sub- 
hastationen traten hier ein, trotzdem hatten sie zahlenmäfsig 
einen geringen Zuwachs zu verzeichnen. Ebenso wie bei 
den Eigenkätnern war der Wechsel beim mittleren und grofsen 
Besitz weit stärker als bei den Bauern. Namentlich während 
der Jahre 1871—1876 fand ein gewerbsmäfsiges Ausschlachten 
der Güter von 300 — 600 Morgen statt. Die wirtschaftlichen 
Fortschritte waren nach wie vor beim Grofsgrundbesitz am 
stärksten ; aber bereits in den sechziger Jahren begann sich 
Arbeitermangel bemerkbar zu machen , und in den siebziger 
Jahren klagte man bereits lebhaft über die Abwanderung gan- 
zer Familien ^. Im einzelnen die Verhältnisse der Arbeiter- 
klassen während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu 
verfolgen, dürfte insofern Schwierigkeiten bieten, als die Nach- 
richten für die einzelnen Zeiträume bald aus der einen , bald 
aus der anderen Gegend stammen^, und so eine Ver- 
allgemeinerung schwierig wird. Erst für die neuere Zeit sind 
Forschungen auf breiterer Grundlage gemacht worden *, Trotz- 
dem dürften sowohl für Vergangenheit wie Gegenwart 
einige Sätze allgemein als richtig anerkannt werden. Die 
Lage der Instleute, Deputanten und des Gesindes ist trotz des 
fortschreitenden Rückgangs der Naturallöhnung als eine ge- 
sicherte und wirtschaftlich günstige für das ganze 19. Jahr- 
hundert zu bezeichnen, während die Lage der Losleute nur 
da erfreulich genannt werden kann, wo ihnen entweder günstige 
Verkehrsverhältnisse zustatten kommen, oder die Nähe der 
grofsen Forsten auch für den Winter genügenden Arbeitslohn 



' ^ ergl. Lackuer, „Darstellung der wirtschaftlichen und socialen 
Verhältnisse einer ostpreufsischen Landgemeinde", Insterburg ISf-^Q. 

2 Vergl. Landw. Jahrbücher 1875, Seite 179. 

^ Vergl. H. Schmidt „Der Angerburger Kreis", 1860. 
Frenzel „Beschreibung des Kreises Oletzko", 1870. 

* Vergl. Schriften des Vereins für Socialpolitik. Band 55. 



XX 3. • 9^ 

verspricht. Das Scharwerkerverhältnis scheint trotz einiger 
gegenteiligen Behauptungen keine Zukunft mehr zu haben, zu 
Anfang der neunziger Jahre waren im Kreise Pillkallen bereits 
die Hälfte der Familien ohne Scharwerker. Das stärkste Kon- 
tingent der Abwanderung stellen die, wie wir sahen, wirt- 
schaftlich günstig gestellten gutsherrlichen Instleute, und zwar 
sind das vielfach, wie auch von Seiten der Gutsbesitzer aner- 
kannt wird, gerade die besten Elemente, die bereits etwas vor 
sich gebracht haben. Wie es also psychologische Momente 
waren, die einst den unterthänigen Insten, oft zu seinem wirt- 
schaftlichen Nachteil, in die äufserste Peripherie des gutsherr- 
lichen Besitzes trieben, wie nach der Regulierung alles der 
Klasse der freien Tagelöhner, der Losleute, zuströmte, um im 
allgemeinen ein Hungerleben zu führen, so geben die modernen 
Verkehrsverhältnisse dem einigermafsen vermögenden Insten 
die Möglichkeit, den heimatlichen Kreis ganz zu verlassen, in 
dem ein Aufwärtssteigen auf der socialen Stufenleiter bei der 
mangelnden Beweglichkeit des Grundbesitzes häufig unmöglich 
ist. Dafs daneben auch andere Momente, die hohen Löhne 
in der Industrie, die Zerstreuungen in den Städten die Ab- 
wanderung befördert haben, wird kaum geleugnet werden. 
In der neuesten Zeit haben manche Gründe dazu beigetragen, 
die Abwanderung abzuschwächen, vor allem der Rückgang 
und die Arbeitseinstellungen in der Industrie, sodann aber 
auch die Erfahrung, dafs viele verhältnismäfsig wohlhabende 
Familien trotz der hohen Löhne gänzlich verarmt aus dem 
Westen zurückgekehrt sind. Trotzdem ist die Verwendung 
russisch-polnischer Saisonarbeiter und damit die Gefahr einer 
Entnationalisierung Ostpreufsens in bedenklichem Wachsen be- 
griffen. 

Weit erfreulicher ist das Bild, welches die Entwicklung 
der bäuerlichen Verhältnisse während der letzten zwei Jahrzehnte 
gewährt. Darf auch hier nicht ohne weiteres verallgemeinert 
werden, zumal namentlich die ärmeren Striche Masurens noch 
immer einen, dem Trünke ergebenen, rückständigen Bauern- 
stand aufweisen, so darf die Darstellung der bäuerlichen Ver- 
hältnisse des Pillkaller Kreises, wie sie Landrat Schnaubert 
1894 entworfen hat, doch für den gröfseren Teil Ostpreufsens 
als zutreffend erachtet werden. Fortschritte in rationeller 
Felderwirtschaft und Maschinen Verwendung lassen sich allgemein 
beobachten, der Gebrauch künstlicher Düngemittel greift 
weiter um sich, und auch die Dränierung des Landes beginnt 
in Angriff genommen zu werden. Ackerbauschulen und Wander- 
lehrer unterstützen den kulturweckenden Einflufs des Grofs- 
grundbesitzes. Die Anzahl der bäuerlichen Besitzungen hat 
namentlich durch die Thätigkeit der Generalkommission eine 
Erhöhung erfahren. Wenn wir nun mit der allgemeinen Be- 
trachtung bei der Gegenwart angelangt sind und noch einmal 



94 . XX 3. 

zur speciellen Untersuchung zurückkehren und die gegen- 
wärtigen Besitzverhältnisse in den betrachteten Dörfern mit 
dem bäuerlichen Besitz vergleichen, wie er dort vor der 
Regulierung vorhanden war, so werden die Ergebnisse der 
allgemeinen Betrachtung durchaus bestätigt. Wir sahen, wie 
in der Grafschaft Steinort bereits 1830 der gröfsere Teil der 
bäuerlichen Besitzer infolge der Regulierung und der Kriegs- 
devastationen verschwunden war, die Reste wurden im weiteren 
Verlauf des 19. Jahrhunders durch die Grafen ausgekauft. 
Von den v. Farenheidschen Dörfern mögen zunächst die im 
deutsch-littauischen Komplex gelegenen betrachtet werden. 
Allgemein zeigt sich eine Abnahme des bäuerlichen Besitzes, 
oft eine recht starke, so z. B. bei den Dörfern Grofs- und 
Klein- Sobrost. Die Entwicklung ist fast stets in der Richtung 
erfolgt, dafs ein oder zwei Besitzer den gröfseren Teil des 
Landes in ihre Hand bekommen und damit den specifisch bäuer- 
lichen Charakter verloren haben. Neben ihnen erhielten sich 
nur wenige mittlere Bauern, dafür aber eine gröfsere Anzahl 
Kleinbauern, Eigenkätner und Losleute, so in Gr. Sobrost und 
Klein-Szabienen. Nur selten ist, wie in Grofs-Szabienen, eine 
Vergröfserung des bäuerlichen Besitzes eingetreten. Einige 
Dörfer, wie Rossossen, Kowarren, Grutteln und Medunischken 
sind durch Auskauf oder durch Translocierung der Bauern 
ganz verschwunden. Fast jeder dieser Entwicklungstypen findet 
sich unter den Dörfern des rein deutschen Komplexes, wie Witten- 
berg, Bockellen, Christoffsdorf und Lönckendorf zeigen, wieder. 
Aber hier sind auch Beispiele einer durchaus günstigen 
Bodenverteilung vorhanden. So findet sich in den Dörfern 
Schneiderin, Schönrade, Starnowen eine social denkbar 
günstige Stufenleiter. Neben einem nicht allzu grofsen Besitzer 
finden wir eine beträchtliche Anzahl mittlerer, und eine 
geringere Anzahl kleiner Bauern, Eigenkätner und Kossäten. 
Trotzdem mufs für die Gesamtheit der Dörfer in allen Kom- 
plexen ein bedenklicher Mangel an mittleren bäuerlichen Be- 
sitzungen festgestellt werden, und erscheint eine unausgesetzte 
Wirksamkeit in der Schaffung derartiger Stellen sowohl aus 
wirtschaftlichen, socialen wie nationalen Gründen dringend 
geboten. 



II 



II 



XX 3. 



95 



Anlage 1. 
Dörfer des deutsch-littauischen Komplexes. 



Gr.-Sobrost, 




Kl.-Szabienen 


Gr.-Szabieneii, 


vor der Regulierung 
3P/2 kullmische 


Kl.-Sobrost, 

vor der Regulierung 


oder Stibircken, 
vor der Regulierung 


vor der Regulierung 
6V2 kullmische 


Hufen = 536 ha 


15 kullmische Hufen 


16% kullmische 


Hufen = 111 ha 


grofs, davon hatten 
16 Bauern je 


= 265 ha grofs, da- 
von hatten 9 Bauern 


Hufen = 283 ha 
grofs, davon hatten 


grofs, davon hatten 
12 Kossäten je 


IV2 Hufen. 


je IV2 Hufen. 


6 Bauern je 
IV2 Hufen. 


Va Hufe. 


1901 sind vorhanden 


1901 sind vorhanden 




1901 sind vorhanden 


•227,87 ha. 


121,92 ha. 


1901 sind vorhanden 
250,94 ha. 


124,64 ha. 


Davon hat 


Davon hat 


Davon hat 


Davon hat 




ha 




ha 




ha 




ha 


1 Besitzer 


55,3 


1 Besitzer 


37,08 


1 Besitzer 


91,63 


1 Besitzer 


25,21 


1 


49,03 


1 


26,48 


1 


60,27 


1 


24,97 


1 


37,31 


1 


15,32 


1 


38,5 


1 


18,14 


1 


14,7 


1 


13,66 


1 


30,75 


1 


11,59 


1 


12,77 


1 


13,31 


1 


18,19 


1 


6.86 


1 


11,17 


1 


13,15 


1 


3,68 


1 


6,41 


1 


7,92 


1 


2,03 


1 


2,56 


1 


6,20 


1 


7,14 


1 


0,89 


1 


2,52 


1 


4,33 


1 


6,15 






1 


1,48 


1 


3,67 


1 


4,36 






1 


1,24 


1 


8,62 


1 


3,61 






1 


0,12 


1 


3,11 


1 


2,15 










1 


2,61 


1 


2,11 










1 


2,33 


1 


1,67 










1 


2,21 


1 


1,52 










1 


1,73 


1 


1,47 










1 


1,65 


1 


1,22 














1 


1,21 














1 


1,15 














1 


0,91 














1 


0,79 














1 


0.60 














1 


0,58 














1 


0,57 














1 


0,60 














1 


0,47 














1 


0,34 














1 


0,30 














1 


0,29 














1 


0,18 














1 


0,16 














1 


0,14 














1 


0,08 














33 Besitzer 


227,87 


8 Besitzer 


121,92 


11 Besitzer 


250,94 


16 Besitzer 


124,64 



96 



XX 3. 



Dörfer des deutsch-littauischen Komplexes. 



fisszergallen, 

vor der Regulierung 

25^/6 kuUmische Hufen 

= 439 ha grofs, davon 

hatten 12 Bauern je 

2 Hufen. 

1901 sind vorhanden 
89,96 ha. 

Davon hat 



Kermaschienen, 

vor der Regulierung 

48^/2 kuUmische Hufen 

= 825 ha grofs, davon 

hatten 14 Bauern je 

1 Hufe 5 Morgen. 

1901 sind vorhanden 
273,9 ha. 

Davon hat 



Sauskojen, 

vor der Regulierung 

19 Hufen 29 Morgen 

kullmisch = 339 ha,' 

davon hatten 12 Bauern 

je IV2 Hufen. 

1901 sind vorhanden in 

Alt- und Neu-Sauskojen 

285,25 ha. 

Davon hat 



Besitzer 



ha 
47,68 
22,75 
8,67 
6,28 
3,48 
0,42 
0,42 
0,26 



Besitzer 



Schule 
Genossenschaft 



ha 

54,06 

45,67 

33 

24,8 

18,01 

11,54 

11,25 

10,87 

9,95 

9,64 

9,23 

6,67 

5,36 

5,28 

2,58 

2,4 

1,4 

1,2 

1,02 

0,82 

0,72 

0,58 

0,46 

0,44 

0,41 

0,33 

0,30 

0,24 

0,21 

0,16 

0,06 

0,04 

0,02 

3,77 

1,41 



Besitzer 



Schule 



ha 
35 
23 
22 
20 
13 
12,5 
12,5 
11,5 
11,5 

9 

8,5 



8 

7,5 
7,5 
7,5 
6,5 
6,5 
5,5 
5,5 
5 

4,5 
4,5 
4,5 
4 
3 
2 
2 
2 
2 
,5 



0,5 
0,5 
0,25 
4 



8 Besitzer 



89,96 



33 Besitzer, 
1 Schule, 
1 Genossenschaft 



273,90 



38 



Besitzer und 
1 Schule 



285,25 



XX 3. 



97 



Dörfer des deutsch-littaurschen Komplexes. 



Skirlackeii, 


Jodschin, 


Die Dörfer Kowar- 


Bei den Dörfern Gr.- 


vor der Regulierung 


umfafste vor der Re- 


ren, Rossossen, 3Ie- 


Beynuhneii, Thalaa 


29'/3 kullmische 


gulierung 6 bäuer- 


dunischken , Örut- 


Kl. Ulmen ist wegen 


Hufen = 499 ha 


liche Besitzungen 


teln, im ganzen 


Verschiebungen mit 


grofs, davon hatten 

16 Bauern je 

IV2 Hufen. 


von je IV2 kull- 

mischen Hufen = 

153 ha. 


84'/2 kullmische 
Hufen = 1428 ha 


den umliegenden 
Ortsbezirken ein 






mit 45 bäuerlichen 


Vergleich der Zeit 


1901 sind vorhanden 


1901 sind vorhanden 


Besitzungen sind 


vor der Regulierung 


386,61 ha. 


129,32 ha. 


ganz zu Gutsland 


mit der Gegenwart 


Davon hat 


Davon hat 


geworden 


sehr schwierig 




ha 




ha 






1 Besitzer 


65,41 


1 Besitzer 


52 






1 


24,9 


1 


48 






1 


21,65 


1 


15 




- 


1 


20,37 


1 


6 






1 - 17,87 


1 


6 






1 - 17,74 


1 


2,32 






1 - 16,22 










1 - 15,73 










1 - 14,81 










1 - 14,61 










1 - 13,81 










1 


12,38 










1 


9,62 










1 


8,29 








' 


1 


8,63 










1 


8,08 










1 


7,82 










1 


7,78 










1 


7,81 










1 


6,88 










1 


6,87 










1 


6,51 










1 


5,89 










1 - 5,15 












4,36 










1 


4,54 










1 


4,11 










1 


3,88 










1 


3,77 










1 


3,69 










1 


3,67 










1 


3,23 








\ 


1 


2,61 










1 


2,6 










1 


1,89 










1 


0,98 










1 


0,88 










1 


0,85 










1 - 0,68 










39 Besitzer 


386,61 


6 Besitzer 


129,32 







Forschungen XX 3. — Böhme. 



98 



XX 3. 



Dörfer des rein deutschen Komplexes. 



Schönrade, 

vor der Regulierung 

16%o kulimische 
Hufen = 277 ha 
grofs. Die Zahl 
der Bauern war 
nicht festzustellen. 

1901 sind vorhanden 
183,9 ha. 

Davon hat 



Gr.- u. KL-Dwillin, 

vor der Regulierung 

132/6 kuUmische 
Hufen = 228 ha 
grofs, davon hatten 
9 Bauern je 1 Hufe. 

1901 sind vorhanden 
27,44 ha. 

Davon hat 



Friedrichsfelde, 

vor der Regulierung 

8^/3 kullmische 
Hufen = 147 ha 
grofs, davon hatten 
6 Bauern je 1 Hufe. 

1901 sind vorhanden 
3 ha. 

Davon hat 



Potawern, 

vor der Regulierung 

I2V5 kullmische 

Hufen = 208 ha 

grofs. Die Zahl der 

Bauern war 6. 

1901 sind vorhanden 
83 ha. 

Davon hat 



Besitzer 



ha 
32,9 
19,5 
16,69 
16,68 
15,34 
15,2 
11 

10,97 
10,67 
9,66 
8,88 
8,79 
4,16 
1 

0,91 
0,72 
0,55 
0,28 



1 Besitzer 

1 - 

2 Besitzer 

Alles übrige 

ist Gutsland 

geworden. 



ha 
26,16 

1,28 



27,44 



1 Besitzer 

1 - 

2 Besitzer 

Alles übrige 

ist Gutsland 

geworden. 



18 Besitzer 1183,9 



ha 
2,5 
0,5 



3 



1 Besitzer 

Alles übrige 

ist Gutsland 

geworden. 



Die Dörfer 
Bockellen 
und Witten- 
berg, im gan- 
zen 38 kull- 
mische Hufen 
= 646 ha mit 

18 Bauern 
sind zu Guts- 
land gewor- 
den. 



ha 

83 




XX 3. 



99 



Dörfer des rein deutschen Komplexes. 



Christoflfsdorf, 


Lönkendorf, 


Starnowen, 


Schneiderin, 


vor der Regulierung 


vor der Regulierung 


vor der Regulierung 


vor der Regulierung 


20V'5 kulimische 


14 kulimische 


I8V5 kulimische 


2IV2 kulimische 


Hufen = 343 ha 


Hufen = 238 ha 


Hufen = 309 ha 


Hufen = 366 ha 


grofs, davon hatten 


grofs, davon hatten 


grofs, davon hatten 


grofs, davon hatten 


13 Bauern je 


7 Bauern je 1 Hufe 


11 Bauern je 


10 Bauern je 


IV2 Hufen. 


8 Morgen. 


IV2 Hufen. 


P/e Hufen, 2 Bauern 
IVB Hufen. 


1901 sind vorhanden 


1901 sind vorhanden 


1901 sind vorhanden 




2,6 ha. 


175,3 ha. 


265,19 ha. 


1901 sind vorhanden 
330,5 ha. 


Davon hat 


Davon hat 


Davon hat 


Davon hat 


ha 




ha 




ha 




ha 


1 Besitzer 


0,58 


1 Besitzer 


145,43 


1 Besitzer 


54,98 


1 Besitzer 


56 


1 


0,58 


1 


15,22 


1 


28,3 


1 


34 


1 


0,51 


1 


8,94 


1 


23,9 


4 


30 


1 


0,51 


1 


2,78 


1 


17,77 


1 


28 


1 


0,32 


1 


0,95 


1 


15,81 


1 


27 


1 


0,10 


1 


0,55 


1 


15,26 


1 


22,5 






1 


0,52 


1 


14,85 


1 


20 


Alles übrige 

Land ist vom 

GuteKl.-Gnie 

angekauft. 




1 


0,49 
0,42 


1 


12,95 
11,47 
11,41 
11,22 
9,25 


1 


17 
17 
11 
10 
10 










1 


9,03 


1 


8 










1 


8,14 


1 


7,5 










1 


7,65 


1 


7 










1 


7,14 


1 


6,5 












6,06 


1 


4 

3,75 

3,5 

2,25 

2 

2 

0,75 

0,25 

0,25 

0,25 


6 Besitzer 1 2,6 


9 Besitzer 


175,3 


17 Besitzer 


265,19 


26 Besitzer 


330,5 














7* 





Anlage II. 
Ertrag der Launickschen Güter, 1709 gefertigt. 



Die Hochgräflich Launickschen Güter bestehen in 145 Hüben 
21 Morgen 

alfs 

15 Hüben Launickisch Hoffeld. Hieselbst wird in die gröfste Felder 
ausgesäet: 

5 Last — Scheffel Korn | 

1 '. ^1 '. Hafer f Königsbergsch Maafs. 

— - 10 - Erbsen | 

15 Hüben 15 Morgen Gautecken. Davon auch ein guth Theil Waldt 
ist; in hiesige ebenfalfs gröfste Felder ward ausgesäet: 

— Last 10 Scheffel Weytzen \ 

2 - — - Korn 1 

— - 25 - Gerst > auch Königsbergsch Maafs. 

2 - — - Haber 

— - 7 - Erbsen ' 

41 Hüben sind Waldt. 

21 Hüben 6 Morgen hat Ulm und Klein-Launicken, unter den Hlmsche 
Hüben ist auch ein guth Theil Waldt. Bey diesen beiden Vorwerge 
wird aufsgesäet: 

— Last 15 Scheffel Weytzen 
2-15 - Korn 
3-10 - Haber 

— - 30 - Gerst und 

— - 10 - Erbsen. 

28 Hüben hat dafs Dorf Efsergallen; davon jetzo 20 Hüben mit 12 Schar- 
wergspaure nach hiesiger Arth besetzet sind. Zinfsen von jeder 
Hube: 4 Mk. Zinfs, 1 Mk. 30 Schilling Gesindlohn, 3 Schilling 
Büttelgeld, 1 Scheffel Gerst, 3 Scheffel Haber, 20 Pfund Flax, 
20 Pfund Hampf, 2 Hünner und auch einige Eyer. 

25 Hüben Dorff Grutteln. Davon 16 Hüben mit 8 Scharwergspaure 
besetzt; welche gleich dem Efsergaller Paure wie obgedacht zinfsen. 



XX 3. 101 

An Viehe ist in hiesige Hoffen und Vorwergen. 

Im Hoffe Launicken: 

2 Pferde, 

3 Kühe, 

18 junge Stärckchen 2- und Sjährig, 
1 junger Boll, 
12 alte Gänse, 

5 alte Enten, 

4 Hünner. 
Im Vorwerge Gautecken: 

12 Arbeitspferde, 

8 Zochoxen, 
16 Kühe, 

1 Boll, 

2 junge Oxen, 
4 Schweine, 

3 Ziegen, 
7 Hünner, 
1 Hahn. 

Im Vorwerge Ulm: 

10 Arbeitspferde, 

6 Zochoxen, 

18 St. junge Oxen, 

15 St. Ziegen, jung und alt, 

14 Schweine, 

10 Gänse, 

13 Hünner, 
1 Hahn. 

Im Vorwerg Friedrichfeld, olim Klein-Ijaunicken: 
10 Arbeitspferde, 

6 Zochochsen, 
24 Kühe, 

1 Boll, 
10 Kälber im Ite Jahr, 
10 Schweine, 
10 Schaafe, 

9 Enten, 
10 Hünner, 

1 Hahn. 

Noch ist bey Launicken eine Schäfferey. Dieselbe bestehet jetzo in: 
15 alte I o u- 
20 junge f S^hopse, 

114 alte I c u ^f„ 
25 junge } ^^^^ ^^ 
174 Stück Schaafvieh ohne noch 
126 - Lämmer vom 1707*« Jahr. 

Weiter sind bei hiesige Güter auch zwey Krüge, nämblich einer in 
Launicken und einer in Efsergallen, selbige schenken dafs Jahr hindurch 
zusammen etwa 70 Tonnen Bier aufs. Die Fischerei auf den beiden 
Seechen Efsergallen und Grutteln bringt wenig ein, weil selbige, sonder- 
lich der letzte gar klein sind, und haben selbige im vergangenen Winter 
etwa 15 Gulden gebracht. 

Ist also der ungefährliche Ertragh der Hochgräflich Launicksche 
Güter aufs Höchste dieser: 

83 Gulden 10 gr. von 25 Seh. Aufssaath Weytzen, davon 1 Korn zur 
Saat, und 2 Korn zur Nutzung ä 50 gr. der Seh., 



83 Gulden 10 gr. zum Übertrag. 



102 



XX 3. 



83 
1110 



362 
550 



81 

480 
138 
30 
54 
54 
36 
4 



Guldön 10 gr. Übertrag. 

— - von 9 Last 15 Seh. Aussaat Korn, davon 1 Korn zur 

Saath und 2 Korn zur Nutzung gerechnet, wiewohl 
hieselbst dafs Korn nicht dafs 3te Korn trägt, ä 30 gr. 
der Scheffel, 
15 - von 2 Last 25 Seh. Aufssaath Gerst, davon 1 Korn 
zur Saath und 3 Korn zur Nutzung ä 25 gr. den 
Scheffel, 

— - von 9 Last 10 Seh. Aufssaath Haber, davon 1 Korn 

zur Saat und 2 Korn zur Nutzung. Wiewohl der 
Haber ebenfalls nicht alle Zeit auf hiesige Äcker das 
3te Korn bringet ä 15 gr. den Scheffel, 

— - von 27 Seh. Aufssaath Erbsen, davon 1 Korn zur 

Saath und 3 Korn zur Nutzung ä 30 gr. der Scheffel, 

— - von 40 Kühe Pacht ä 12 Gulden , 



Ian Zinfs und Pflug- 
getreyde von 36 be- 
/ setzten Scharwerks- 
huben in Efszer- 
gallen undGrutteln. 



266 



139 



6 - oder 199 Mk. 16 gr. Gelttzins 

— - von 36 Seh. Gerst ä '25 gr. 

— - von 1 Last 48 Seh. Haber ä 15 gr. 

— - von 18 Stück Flax k 3 Gulden 

— - von 18 Stück Hanpf ä 2 Gulden 
24 - von 72 Stück Hünner ä 2 gr. 

Der Bierschank kann nicht gerechnet werden, 
weil das Getreyde alles zu Gelde gesehlagen ist. 

15 Gulden hat die Fischerei gebracht; und ob 
selbige künftig hin gleich etwafs mehr bringen könnte, 
würde die Anschaffung eines Wintergarns doch auch 
ein Vieles kosten. 
20 - oder400Mk.könntenaufs allerhöchstevon20000Mauer- 
steine, wenn selbige der Ziegler jährlich brennen 
würde, gerechnet werden, 
6 - könnte die Nutzung der Schäfferei aufs höchste ge- 
rechnet werden, weil jetzo bey selbige wie voraus 
schon berichtet vorhanden : 

35 St. alte und junge Schöpse, 

139 - alte und junge Schaafe 

174 St. Von jedes ä 24 gr. Pacht oder Nutzung 
durch die Bank gerechnet. 



11 



450 Gulden — gr. 
90 



1 
20 
1 
1 
3 
26 
9 
4 
1 
2 
6 
6 
2 
2 



20 
20 



3384 Gulden 21 gr. des gantzen Ertrages. 

Folget der Abgangh und die Unkosten von vorher spezifizierten 
Ertragh 

Kontribution 
Gelttlohn 

1 Seh. Weytzen 
20 - Korn 

2 - Gerst 
2 - Haber 

— - 3 - Erbsen 
20 - 4 Tonnen Bier 

— - ein gemästet Schwein 

— - 2 Viertel Rindfleisch 
10 - 2/8 Saltz 
10 - V2 Stück Talg 

— - 2 St. Flax 
20 - Vs Putter 

— - 3 Schock Käse 
15-1 Schöpsen 



Der Verwalters jährliches 
Lohn und Gehalt. 



627 Gulden 25 gr. zum Übertrag. 



XX 3. 



103 



627 

29 

3 

4 

20 

1 

1 

1 

S 

2 

6 

1 

40 

13 
120 

7 

4 

9 

2 

30 

15 

30 

9 

26 

12 

28 

8 

20 

2 

1 

1 

2 

1 



1 

4 

10 

1 



Gulden 25 gr. Übertrag. 
Gulden 10 gr. Gelttlohn 

2 paar Schuh 



159 

4 

8 



— - 


1 paar Stiefel 


— - 


20 Scheffel Korn 


20 - 


2 - Gerst 


15 - 


3 - Haber 


15 - 


IV2 - Erbsen 


— - 


1 Schwein aus der Mast 


- 


1 Märtzschaaf 


20 - 


1 Tonne Bier 


10 - 


2/8 Saltz 



15 - 

15 - 
15 - 



20 



15 
15 
15 
10 
10 
20 
24 
6 



VI2 
22V2 
221/2 

5 

20 
22 
18 
10 



25 
15 
15 
5 
20 
10 
12 
18 



Des Kämniers jährliches 
Lohn und Gehalt. 



oder 60 Mk. Gelttlohn. 3 Hoffleuthe zu Friedrichs 

feld, Gautecken und Ulm ä 20 Mk. jeder 

9 paar Schuh 

2 Last Korn 

9 Seh. Gerst 

9 - Haber 

9 - Erbsen 



Gedachte 3 Hoff- 
leuthe zur Aufsspei- 
( sung, jedem auf 
sich, sein Weib, 



1 Knecht, 1 Magd 
und 1 jungen. 



3 Hoffknechte zusammen. 



2 Gärtner zu Launicken. 



»/8 Saltz 

6 Stoppelschwein 

30 Seh. Haber selbe zu Mästen 

Geltlohn 

Weifszeugh 

Gelttlohn \ . n^tt^A^A 

4 St. Flax 1 ^ Höffniagde. 

4 Hoffjungens mit Kleider, Schuh und Weifszeug. 

Gelttlohn 

20 Seh. Korn 

3 - Gerst 

3 - Haber 

IV2- Erbsen 
1 Seite Speck 
1 Schmeer 

1 Schock Käse 

2 Stof Putter 
12 - Saltz 
Gelttlohn 
10 Seh. Korn 
l'/2 - Gerst 
IV2 - Haber 
^U - Erbsen 
1/2 Seite Speck 
V2 Schmeer 

1 Stof Putter und '4 Schock Käse 
G - Saltz. 

Gehalt und Deputat von 4 Gärtnern zu Gautecken 

2 zu Friedrichsfeld und 2 zu Ulm 
Gelttlohn 1 
8 Seh. Korn 
1 - Gerst 
1 - Haber 

V2 - Erbsen 1 ,..« u- * 
V2 Seite Speck ^^' ^^''^ 
V2 Schmeer 
V2 Schock Käse 

1 Stof Putter 

6 - Saltz 



Der Hirt zu 
Launicken. 



zu Gautecken. 



1290 Gulden 2V2 gr. zum Übertrag. 



104 



XX 3. 



1290 Gulden 2V2 gr. Übertrag. 

271/2 - Gehalt und Gelttlohn des Hirt zu Friedrichsfelde. 

— - Gehalt und Gelttlohn des Hirt zu Um. 

— - Gelttlohn 



19 

17 

13 

19 

2 

1 

1 

1 

3 

4 

40 

8 

1 

1 
2 
1 
1 

2 

6 
4 



40 



10 
10 



16 



4 
4 
2 
1 
1 
5 
9 

26 

14 

2 

3 

1 



15 
21 
19 
19 
10 
10 



71/2 
22V2 
15 
10 
10 
18 
20 
20 
20 



25 

15 



18 
20 

28 



25 
15 

10 
20 

18 

25 
15 

20 



20 

10 
6 

20 

15 
15 
15 



19V 

31/4 
31/4 
1 Seh 



Seh 



Korn 
Gerst 
Haber 
2V2 M. Erbsen 



I 



i 



ist des Schäffers jetziges 
Gehalt. 



Kostet der Ziegler wegen Streichens 

und Brennens 20 000 Ziegel ohne 

die Anschaffung Holtzes und 

Lohnes. 



Den zwey Kerln, 
so dem Ziegler zu 
Hülfe gehalten wer- 
den. 



2/8 Saltz 

1/2 Tonne Bier 

ein Stoppelschwein 

Geltt 

8 Seh. Korn 

IV2 - Gerst 

11/2 - Haber 

IV2 - Erbsen 

1 Seit Speck 

1 Schmeer 

4 Stof Putter 

4 Schock Käse 

Vs Saltz 

1 Tonne Bier 

Gelttlohn 

8 Seh. Korn 

1 - Gerst 

1 - Haber 

1 - Erbsen 

6 Stof Saltz 

1 Schock Käse 

1/4 Seit Speck und V4 Schmeer 

Zu Anschaffung Eysens und Unterhaltung der Wagen, 

Egden und anderen Zeuges in die Hoffe dafs Jahr 

über. 

Gelttlohn 

10 Seh. Korn 

1 - Gerst 

1 - Haber 

1 - Erbsen 

1 Seit Speck 

*/2 Schmeer 

6 Stof Saltz 

16 Seh. Korn 

1 - Gerst 

1 - Haber 

1 - Erbsen 

Vs Saltz 

1 Stoppelschweinchen 
Geltt I 

2 Seh. Korn 
•2 - Gerst 

2 - Haber | 
1 Tonne Saltz zur Schäfferei. 

Wird jährlich an Dezem von der Gnädigen Herr- 
schaft gezahlet. 



ist des Waldhütters Gehalt dafs 
jähr über. 



s 



zur Speisung 1 Magd und 

eines jungens im Hoffe 

Launicken. 



bekombt der Scharfrichter jährlich. 



Lohn 
14 Seh. Korn 
3 - Gerst 
7 - Haber 
IV2 - Erbsen 



Ist des Brauers jährliches Lohn 
und gehalt. 



1617 Gulden 12 gr. zum Übertrag. 



5 


— - 


1 Stoppelschwein 


2 


— . 


1 Schaaf 


— 


- 24 - 


2 Stof Putter 


2 


- 


3 Schock Käse 


1 


24 - 


18 Stof Saltz 


6 


- 20 - 


1 Tonne Bier 


1 


- 15 - 


V2 Stück Flax 


1 


— . 


1/4 Fisch 


3 


— . 


2 paar Schuh 


2 


12 - 


6 Ellen Haufstuch 



XX 3. 105 

1617 Gulden 12 gr. Übertrag. 



Ist des Brauers jährliches Lohn 
und gehalt. 



1643 Gulden 17 gr. insgesambt an Unkosten. 

3384 Gulden 21 gr. ist der Ertragh und 

1643 - 17 - sind die Unkosten so abgehen. 

1741 Gulden 4 gr. bleibt die Nutzung, 

Contrakt für den Schaarwerksbauer Oottfried Hörn in 
Schneiderin vom 1. April 1788. 

§ 1. Es übernimmt Gottfried Hörn ein Schaarwerkserbe von Ein 
und Einer halben Hube Land mit dem herrschaftlichen Inventario, so 
ihm solches übergeben und hinten im Contrakt aufgeführet ist auf drey 
nacheinanderfolgende Jahr, nehmlich vom l^en April 1788 bis dahin 1791 
und zahlet dafür an jährliche Abgaben: 

a) An jährlichem Zins 24 Gulden — gr. — /\^ 

b) Flachsgeld 4 - _-_- 

c) Gänsegeld 1 - — - — - 

d) Allodials Zins — - 22 - 9 - 

e) Sekretarien Gehalt — - 9 - — - 

Summa aller jährlichen Abgaben 30 Gulden 1 gr. 9 /ij 

Schreibe dreyfsig Gulden IV2 gr., welche er jedes Jahr ohnerinnert 
zwischen Michaeli und Martini an den Hoff ohne den geringsten Rück- 
stand bezahlen mufe. Den Generalhubenschofs, Kirchendezem , Calende 
und was sonsten die Abgaben der Kirchen und Schulen anbetrifft muik 
er besonders ohne die geringste Weigrung thun, auch leistet Gottfried 
Hörn noch über dem alle allgemein -landesherrliche Abgaben, alle 
Graudenzsche Vestungsabgaben und sie mögen sonsten Nahmen haben 
wie sie wollen ohne die geringste Ausrede. 

§ 2. An scharwerk gehet Hörn vom Iten April bis zum Iten Oktober 
jedes Jahres wöchentlich 2 Tage mit Hand und Spanndiensten oder 
wozu er bestellet wird täglich mit zwey Personen bey seinem eigenen 
Efsen und Trinken und wenn noch keine Weide im Frühjahr bey seinem 
Futter ohnentgeltlich und stellet sich mit Sonnenaufgang ein und arbeitet 
bis Sonnenuntergang treu und fieifsig ohnunterbrochen nachdem ihm 
Mittags Zeit zum Efsen und Weidung des Angespanns nach Proportion 
der Länge und Kürze der Tage gegeben wird, auch schicket selbiger gute 
Arbeiter und Angespann und vorzüglich gute Egden bey welchen die 
gehörige Zahl von Zinken und selbige gehörig durchgeschlagen und zum 
Glattegden tauglich sind und auch gute Wagen zum Mistfahren und 
mufs selbiger nicht denken das Schaarwerk nur obenhin zu verrichten, 
sondern sich hierbey treu und fleifsig und gehorsam zu verhalten, gegen 
seine Herrschaft oder etwaige Aufseher nicht halsstarrig betragen, sonsten 
er sehr hard bestrafet werden soll und als ein Aufwiegler betrachtet 
werden. 

§ 3. Im Winter gehet er monatlich einen Tag mit Hand und Spann- 
diensten und wie im Sommer bey seinem eigenen Efsen und Trinken 
ohnentgeldlich. 

n **. 



106 



XX 3. 



§ 4. Aufser seinem Schaarwerk ist selbiger noch schuldig alle 
Jahr eine Reise nach Königsberg oder zwei nach Wehlau zu thun und 
15 Scheffel Winter oder 20 Sommergetreide zu fahren auch alle Jahr zu 
Ostern oder Pfingsten 30 Stück Eyer in den Hof zu liefern wie auch 
1 Gulden vor 3 Stück Capaunen. 

§ 5. Und da dies Jahr Eigentumsherrschaft die bisherigen Holz- 
fuhren der Schneiderinschen Bauern aufhob , als ist Gottfried Hörn vor 
diese Holzfuhren schuldig 1 Reise nach Königsberg mit 15 Scheffel Winter- 
oder 20 Seh. Sommergetreide und eine Reise nach Wehlau mit ebenso- 
viel oder vor die eine Reise nach Wehlau mit noch einem zusammen zu 
spannen und nach Königsberg zu fahren. Doch stehet der Gutsherr- 
schaft frey sich diese beyden Reisen zu Hause mit Scharwerk abgehen 
oder sich mit 6 Gulden bezahlen zu lassen. 

§ 6. Seine Gebäude ist Hörn schuldig in Dach und Fach und 
baulichem Zustand zu erhalten und alle Jahr einen Baumgang neu decken 
und das übrige Dach zu verstopfen und zwar den Baumgang zu 20 Fufs 
gerechnet, die Zäune alle in gutem Stande zu erhalten, wozu er das 
nötige Zaun-, Bau- und Brückenholz aus herrschaftlichen Wäldern ohn- 
entgeldlich bekommt, doch mufs er alles Stück vor Stück nachweisen 
und sich nicht gelüfsten lassen auch nur ein Stück aus dem Walde zu 
hauen und sich gegen den Waldhüter nicht brutal betragen. 

§ 7. Auch ist Gottfried Hörn schuldig alle Hoff und Burgdienste 
aufser seinem gewöhnlichen Scharwerk zu verrichten als Dämmen, 
Brücken, Steinbrücken, Bauholzfuhren und sie mögen sonsten Nahmen 
haben wie sie wollen und dies ohne Weigrung. 

§ 8. Da das ganze Dorf schuldig ein Achtel Holz dem Herrn 
Richter nach Allenburg zu fahren, so mufs Hörn das Seinige sobald 
das Dorfgericht befiehlt verrichten. 

§ 9. Wenn etwa bey dem Hörn Hochzeiten, Kindtaufen oder son- 
stige Begebenheiten vorfallen mufs er kein fremdes Getränke haben oder 
selbst brauen bei 5 Th. Strafe für jeden Stof, wovon die Hälfte, der es 
angiebt bekommen soll, sondern mufs selbiger entweder aus dem Hofe 
oder dem Schneiderinschen Kruge nehmen. 

§ 10. Wenn dereinst Hörn abziehet mufs selbiger nicht das geringste 
Stroh oder Heu aus dem Dorfe oder vom Erbe wegbringen, damit dem 
Erbe nicht der Dünger entzogen und geschwächt werde bei 4 Th. Strafe 
pro Schock Stroh und 2 Th. pro Zentner Heu. 

§ 11. Schliefslich entsagen beyde interessierende Teile aller in 
diesem Kontrakt zu machenden Einwendungen der Arglist, Betruges 
anders verabredeter als verschriebener Sache, Verlezzung über und unter 
der Hälfte und sie mögen sonsten Nahmen haben wie sie wollen und 
verspricht Gottfried Hörn Treue, Fleifs und Gehorsam sowohl gegen die 
Gutsherrschaft als den Schnitzen und Dorfgericht, sich mit aller Be- 
scheidenheit zu betragen und sich so zu führen und auf die Erhaltung 
des herrschaftlichen Inventario zu sehen. Zu dem Ende ist dem Hörn 
dieser Kontrakt samt dem angehängten Inventario deutlich vorgelesen 
in Gegenwart des Dorfgerichts und hat sich dieser eigenhändig unter- 
zeichnet. So geschehen Gräfl. Mauen, den 1. April 1788. 

Rehberg. Amtmann. 

An Inventarien hat Gottfried Hörn erhalten: 
An Aussaat: 

An Weytzen 6 Seh. 

Korn 12 - 

Gerste 4 - 

Erbsen 2 - 

Bohnen 1 - 

Haber 18 - 



XX 3. 107 

An Schweine, Schaafe und Federvieh. 
4 Stück Schweine \ 

4 - Schaafe I alles in gutem Stande 

5 alte Gänse, worunter 1 Ganter > 

4 Stück Hühner und «nd ohne Taxe. 

1 Hahn ' 

An Pferden: 

1 Wallach 8 Th. 

1 -Sjähriger Hengst 7 - 

1 braune Stute 8 - 

1 3jährige Stute 7 - 

30 Th. 

An Vieh: 

1 Ochse 9 Th. 

1 dito 8 - 

1 gute Kuh 6 - 

23 Th. 

An Acker und Wirtschaftsgerät. 

1) ein guter grofser Wagen, 

2) ein Holzschlitten, 

3) 2 Egden mit eisernen Zinken und Haaken in gutem Stande, 

4) Eine Zoche mit allem Zubehör, 
•5) Ein Spaten, 

6) Eine Mistforke, 

7) Eine Heugabel, 

8) Eine Holzaxt, 

9) Eine ganz neue Sense, 

10) Eine Hexellade mit Mefser u. Ring, 

11) Zwei paar Siehlen mit beschlagenen Bracken. 



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Inhalt: Der Ursprung der Sklaverei in den Kolonien. — Die bäuerliche Leib- 
eigenschaft im Osten. — Die Erbunterthänigkeit und die kapitalistische Wirt- 
schaft. — Die Landarbeiter bei der Stein-Hardenbergischen Gesetzgebung. — 
Anmerkungen. 



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HC Böhme, Karl August 

287 Gutsherrilich-bauerliche 

P9B6 Verhaltnisse in Ostpreussen