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Full text of "Handbuch der Architektur: Unter Mitwirkung von Fachgenossen herausgeben von ..."

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LI-***** 



AKOHfTECTORAt, 

Ub*a«?v 



Wichtiges Werk für Bau-Ingenieure, as-/ö 

Architekten, Tief bautechniker, Baubehörden. , H 2.U 



Der Stäbtische Tiefbau. 

Herausgegeben von Dr. phil. u. ^r.-lng. Eduard Schmitt, 
Geheimer Baurat und Professor in Darmstadt. 



Von diesem Werke ist im unterzeichneten Verlag bisher erschienen: 

Band L 

Die städtischen Strassen. 

Von 

Ewald Genzmer, 

Königl. Baurat und Professor in Danzig-Zoppot. 

I« Heft: Inhalt: Verschiedene Arten von Straßen und allgemeine Lage derselben im Stadt- 
plan. — Allgemeine Anordnung der einzelnen Straßen. Mit einer Einleitung: Der Städtische 
Tiefbau im allgemeinen. Von Geh. Baurat Prof. Dr. Eduard Schmitt. Mit 105 Illustrationen 
im Text und 3 Tafeln. % Preis: 9 Mark. 

II. Heft: Inhalt: Konstruktion und Unterhaltung der Straßen. Mit 151 Illustrationen im 
Text und 1 Tafel. Preis; 9 Mark. 

Das III« (Schlaft«) Heft dieses Bandes wird enthalten : Reinigung der Straßen. — Anhang. 



Band II. 

Die Wasserversorgung der Städte. 

Von 

Dr. Otto Lueger, 

Professor in Stuttgart. 

I« Abteilung: Inhalt: Theoretische und empirische Vorbegriffe. — Entstehung und Verlauf 
des flüssigen Wassers auf und unter der Erdoberfläche. — Anlagen zur Wassergewinnung. — Zu- 
leitung und Verteilung des Wassers im Versorgungsgebiete. — Mit 463 Illustrationen im Text. 

(Vergriffen.) 

Die II. (SchluA-) Abteilung dieses Bandes wird enthalten: Einzelbestandteile der Wasser- 
leitungen. — Verfassung von Bauprojekten und Kostenvoranschlägen. — Bauausführung und Betrieb 
von Wasserversorgungen. — Alphabetisch geordnetes Verzeichnis der Citate, Tabellen, Nachträge 
und Erläuterungen allgemeiner Natur. 

Band III. 

Die Städtereinigung. 

Von 

F. W. Büsing, 

weiland Professor in Berlin-Friedenau. 

I. Heft: Grundlagen für die technischen Einrichtungen der Städtereinigung. 
Inhalt: Abriß der geschichtlichen Entwickelung des Städtereinigungawesens und Erfolge desselben. — 
Spezifische gesundheitliche Bedeutung der Abfallstoffe. — Boden und Bodenverunreinigung. — Ver- 
unreinigung und Selbstreinigung offener Gewässer. — Luft, Luftverunreinigung und Luftbewegung. — 
Menge und Beschaffenheit der Abwasser. — Trockene Abfallstoffe. — Allgemeines über Reinigung 
von Abfallstoffen ; Desinfektion und Desodorisation. Mit 14 Illustrationen im Text. Preis: 16 Mark. 

II. (Schluß-) Heft: Technische Einrichtungen der Städtereinigung. Inhalt: 
Vorerhebungen. Theoretische Grundlagen. Kanal bau- Materialien. — Profile, Anordnung, Kon- 
struktion und Ausführung der Kanäle. Nebenanlagen. Spüleinrichtungen. Lüftung. — Hausent- 
wässerung. — Pumpwerke; Aufhaltebecken. — Unterhaltung und Betrieb von Kanaliaationswerken. 
— Kosten. — Abwasser-Reinigung. — Behandlung trockener Abfallstoffe. Mit 563 Illustrationen 
im Text. Preis: 24 Mark. 

Beide Hefte zusammen in einen Halbfranzband gebunden Preis: 44 Mark. 



♦ DER STÄDTISCHE TIEFBAU. ♦ 



Band' IV. 



Die Versorgung der Städte mit Leuchtgas. 

Von 

Moritz Niemann, 

Oberingenieor in Dessau. 

I. Heft: Inhalt: Das Leuchtgas als Mittel zur Versorgung der Städte mit Licht, Kraft und 
Wärme. — Verschiedene Arten von Leuchtgas. — Darstellung und Verteilung von Steinkohlen- 
Leuchtgas. — Leistungsfähigkeit und Wachstum der Gasanstalten. — Schwankungen des Gas- 
verbrauches. — Gasanstalten als Lichtzentralen. — Gasanstalten als Kraftzentralen. — Gasanstalten 
als Wärmezentralen. — Gasverlust. Mit 5 Illustrationen im Text. Preis: 4 Mark. 

II. Heft: Inhalt: Verteilung des Leuchtgases durch das Stadtrohrnetz. — Einteilung (Geschicht- 
liches über Straßenbeleuchtung). — Anordnung und Berechnung der Hauptröhren. — Herstellung 
der Hauptröhren. — Zweigleitungen und Straßenbeleuchtung. Mit 47 Illustrationen im Text und 
3 Diagrammen. Preis: 6 Mark. 

Das III« (Schlaft-) Heft dieses Bandes wird enthalten: Eigenschaften des Leuchtgases und 
der Steinkohlen, sowie auch der Nebenprodukte. — Fabrikation des Leuchtgases. — Rechts- und 
Eigentumsverhaltnisse, Verwaltung und Betrieb. 



Band V. 



Die Versorgung der Städte mit Elektricität. 

Von 

^r.-Jttgu Oskar von Miller, 

Königl. Baurat und Professor in München. 

I« Heft: Inhalt: Einleitung. — Konsumerhebung.' — Berechnung der Leitungsnetze. — 
Strom Verteilungssysteme. Mit 90 Illustrationen im Text und 12 Farbendrucktafeln. (Vergriffen.) 

II« Heft: Inhalt: Grundstücke für Elektricitätswerke. — Bauliche Anlagen für Zentralstationen 
mit Dampf-, Gas-, Petroleum- und Wasserkraftbetrieb. — Maschinelle Einrichtung von Elektricitäte- 
werken für die verschiedenen Betriebskräfte. — Elektrische Einrichtung von Zentralstationen und 
Unterstationen für die verschiedenen Stromsysteme. — Ausführung der Leitungsnetze. — Elektricitäts- 
zähler. — Straßenbeleuchtung. Mit 352 Illustrationen im Text und 14 Plänen. Preis: 18 Mark. 

Dag III« (Schluß-) Heft dieses Bandes wird enthalten : Verträge Über den Bau und Be- 
trieb, die Verpachtung und Konzessionierung von Elektricitätawerken. — Offertbedingungen für 
Lieferungen. — Herstellung von Kostenanschlägen, Betriebskostenberechnungen und Erläuterungs- 
berichten. — Beispiel Über die vollständige Projektierung und Ausführung eines Elektricitätswerkes. 



Sämtliche vorstehend angeführte Bände sind, soweit nicht bereits erschienen, 
in der Bearbeitung begriffen, und es ist ihr Erscheinen in rascher Folge zu erwarten. 



„Der Städtische Tiefbau 44 ist zu bezielien durch die meisten 
Buchhandlungen, welche auf Verlangen die ersten Hefte der ein- 
zelnen Bünde auch zur Ansicht senden. Jeder Band bildet ein 
für sich abgeschlossenes Ganzes und ist einzeln käuflich. Wo der 
Bezug auf Hindernisse stösst, wende nian sich direkt an die Ver- 
lagsbuchhandlung. 

im November 1906. jßlfred Kröner Verlag. 



Gefamtanordnung und Gliederung des »Handbuches der Architektur« (zugleich Verzeichnis der bereits 
erschienenen Bände, bezw. Hefte) find am Schlufie des vorliegenden Halbbandes zu finden. 



Jeder Band, bezw. jeder Halbband und jedes Heft des »Handbuches der Architektur« bildet auch ein für 

fich abgefchloflenes Buch und ift einzeln käuflich. 



HANDBUCH 



DER 



ARCHITEKTUR 



Vierter Teil: 



ENTWERFEN, ANLAGE UND EINRICHTUNG 

DER GEBÄUDE. 



9. Halbband: 



Der Städtebau. 



■•— H- 



ALFRED KRÖNER VERLAG IN STUTTGART. 

1907. 



ENTWERFEN, ANLAGE UND EINRICHTUNG 

DER GEBÄUDE. 

DES 

HANDBUCHES DER ARCHITEKTUR 

VIERTER TEIL. 



9. Halbband: 

Der Städtebau 

Von 

$r.-Jtt0. J. Stubben, 

Ober- und Geheimer Baurat in Berlin-Grunewald. 



ZWEITE AUFLAGE. 



Mit 990 in den Text eingedruckten Abbildungen und 18 in den 

Text eingehefteten Tafeln. 



■•-!-!• 



STUTTGART. 
ALFRED KRÖNER VERLAG. 

1907. 



Redaktion : 

Geheimer Baurat Profeflbr Dr. phiL und ©r.-Jng. Eduard Schmitt 

in Darmftadt. 

Das Recht der Ueberfetzung in fremde Sprachen bleibt vorbehalten. 



Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stattgart. 



Handbuch der Architektur. 



IV. Teil. 



Entwerfen, Anlage und Einrichtung der Gebäude. 



9. Halbband. 

(Zweite Auflage.) 






INHALTSVERZEICHNIS. 

Neunte Abteilung: 
Der Städtebau. 

Seite 

Einleitung 3 

Literatur über »Städtebau im allgemeinen« 4 

i. Abfchnitt. 

Grundlagen des Städtebaues« 

i. Kap. Städtifche Wohnungen 9 

a) Beziehungen zwifchen Wohnhaus und Baugrundftück 9 

1) Offene Bebauung 9 

2) Gefchloflene Bebauung 15 

b) Zahl der Wohnungen im Haufe 19 

c) Art der Bewohner 29 

Literatur: Bücher über »Wohnungsfrage im allgemeinen« 40 

Literatur über • Arbeiterwohnungen und -Anfiedelunger.« 41 

2. Kap. Städtifcher Verkehr 42 

a) Verfchiedene Richtungen des Strafsen Verkehres 42 

b) Verfchiedene Arten des Strafsen Verkehres 45 

c) Nicht auf Strafsen und Plätzen fich vollziehender Verkehr 47 

3. Kap. Oefifentliche Bauanlagen in ihren Beziehungen zum Stadtplane 48 

a) Geographifche Lage im Gefamtplane 48 

b) Lage und Anordnung in Beziehung zu den benachbarten Strafsen .... 50 



] 7000 ^ 

m * f . . . - w 



VI 



2. Abfchnitt. 

Beftandtelle des Stadtbauplanes* ^ te 

i. Kap. Baublöcke 54 

2. Kap. Verfchiedene Strafsenartcn, ihre Breiten und Längen 62 

a) Strafsenarten 62 

b) Strafsenbreite und Strafsenrichtung 69 

c) Strafsenlänge ; gerade und gekrümmte Strafsen 74 

3. Kap. Längen- und Querfchnitte der Strafsen 79 

a) Längenprofil 79 

b) Querprofil 83 

4. Kap. Strafsen von befonderer Art 109 

5. Kap. Strafsenkreuzungen, Strafsenerweiterungen und Strafsen vermittelungen . . 127 

a) Strafsenkreuzungen 127 

b) Strafsenerweiterungen 139 

c) Strafsen vermittelungen 142 

6. Kap. Oeffentliche Plätze nach ihrer Bedeutung im Stadtplane 147 

a) Verkehrsplätze 147 

b) Nutzplätze 155 

c) Gartenplätze 161 

d) Architekturplätze 170 

ij Vorplätze 170 

2) Bebaute Plätze 174 

3) Umbaute Plätze 180 

4) Denkmalplätze 189 

5) Stadttorplätze 191 

e) Doppelplätze 195 

f) Gröfsenvergleich verfchiedener Plätze 199 

7. Kap. Oeffentliche Plätze in künftlerifcher Beziehung 200 

a) Gefchichtlicher Rückblick 200 

b) Umrahmung 203 

c) Geftalt und Gröfse 208 

d) Stellung von Monumentalbauten an oder auf freien Plätzen 213 

e) Platzgruppen 218 

f) Ausftattung, Einteilung und Nivellement der Plätze 222 

8. Kap. Fluchtlinien in alten Stadtteilen 226 

9. Kap. Gewäffer 2 38 

10. Kap. Eifenbahnen 2 4i 

a) Hauptbahnen 2 4i 

b) Stadtbahnen 2 « 6 

c) Strafsenbahnen 248 

Literatur zum a. Abfchnitt 2 5° 

3. Abfchnitt. 

Gefamtplan. 

1. Kap. Gefchichtlicher Rückblick 26 <> 

a) Vorgriechifches Altertum 26 ° 

b) Griechifcher Städtebau 261 



VII 

Seite 

c) Römifcher Städtebau 264 

d) Mittelalterliche Städte 268 

e) Stadtanlagen der Renaiflance- und Barockzeit 279 

f) Städtebau des XIX. Jahrhunderts 291 

2. Kap. Allgemeine Bauart der Städte 298 

a) Einwirkung von Lage und Gefchichte 298 

b) Einflufs der Syfteme 304 

c) Gartenftädte 306 

3. Kap. Erweiterung und Umbau der Städte 307 

a) Urfachen der Stadterweiterung 307 

b) Zeit der Planaufftellung 308 

c) Ausdehnung des Planes 310 

d) Allgemeine Anforderungen 312 

e) Verfchiedenartige Stadtteile 314 

f) Umbau der Altfladt 319 

4. Kap. Moderne Beifpiele neuer Stadtteile 322 

a) Umwallungen 322 

b) Gefchloffene Stadtteile 329 

c) Landhausviertel 33 1 

d) Fabrikviertel 333 

5. Kap. Moderne Beifpiele ganzer Städtbaupläne 335 

a) Pläne für vorwiegend gefchloffene Bebauung 338 

b) Pläne für offene Bebauung 342 

Literatur zum 3. Abfchnitt 349 

4. Abfchnitt. 

Ausführung des Stadtplanes. 

1. Kap. Aufgaben des Staates, der Gemeinde und der Privaten 35 1 

2. Kap. Befchränkung der Baufreiheit 359 

3. Kap. Enteignung 362 

4. Kap. Regelung der Baugrundftücke (Umlegung, Zufammenlegung, Eineignung) . .374 

5. Kap. Aufbringung der Stadterweiterungskoilen 39 6 

6. Kap. Benutzung der Strafsen durch die Anftöfser für Privatzwecke 399 

7. Kap. Bauordnung 404 

Literatur zum 4. Abfchnitt: 

a) Verfchiedenes 415 

ß) Rauordnungswefen 4l6 

5. Abfchnitt. 

Bauliehe Anlagen unter und auf der Strafse. 

1. Kap. Waiferverforgungs- und Entwäfferungsanlagen 419 

a) Wafferverforgungsanlagen 419 

1) Anlagen unter der Strafse 420 

2) Anlagen über der Strafse 423 

b) Entwäiferungs- und Reinigungsanlagen 427 

1) Anlagen unter der Strafse 427 



VIII 

Seite 

2) Anlagen über der Strafse 428 

3) Oeffentliche Bedürfnisanftaiten 431 

Literatur über »Oeffentliche Bedürfnisanftaiten • 442 

2. Kap. Beleuchtungsanlagen 443 

i) Gasbeleuchtung 443 

2) Elektrifche Beleuchtung 443 

a) Anlagen unter der Strafse 444 

i) Gasbeleuchtung 444 

2) Elektrifche Beleuchtung 446 

b) Anlagen über der Strafse 446 

1) Gasbeleuchtung 446 

2) Elektrifche Beleuchtung 457 

3. Kap. Sonftige Verforgungsleitungen 459 

4. Kap. Strafsendecke 462 

a) Fahrwege 462 

b) Reitwege 467 

c) Fufswege 470 

d) Unterhaltung und Reinigung 477 

5. Kap. Kundmachungseinrichtungen 479 

a) Amtliche Kundmachungen 479 

b) Private Kundmachungen 490 

6. Kap. Baulichkeiten für Verkaufs-, Erholungs- und Verkehrszwecke 493 

Literatur über »Baulichkeiten für Verkaufs-, Erholungs- und Verkehrszwecke« . 5 00 

7. Kap. Denkmäler 500 

a) Arten und Standorte der Denkmäler 500 

b) GröfsenverhältnuTe 519 

8. Kap. Feftfchmuck 526 

Literatur über »Feftfchmuck« 535 

6. Abfchnitt. 

St&dtifche Pflanzungren. 

1. Kap. Bepflanzte Strafsen 536 

a) Baumreihen 536 

b) Gartenflächen ' . 548 

c) Vorgärten 558 

2. Kap. Bepflanzte Plätze 566 

a) Allgemeines 566 

b) Baumreihen . . ♦ 567 

c) Gartenfule 568 

d) Schmuckanlagen 581 

e) Erholungsplätze 585 

3. Kap. Parkanlagen 590 

a) Parkgärten und Parkwälder 590 

b) Parkpromenaden 605 

c) Ausftattung 609 

Literatur über »Städtifche Pflanzungen« 614 

Schlufs 616 



IX 



Anhang. 

Seite 

A. Gefetze , 617 

I. Preufsifches Gefetz vom 2. Juli 1875, betreffend die Anlegung und Veränderung 
von Strafsen und Plätzen in Städten und ländlichen Ortfchaften (Flucht- 
liniengefetz) 617 

IL Auszug aus dem Heffifchen Gefetz vom 30. April 1881, die allgemeine Bau- 
ordnung betreffend 624 

III. Auszug aus dem allgemeinen Baugefetz für das Königreich Sachfen vom 1. Juni 1900 626 

IV. Auszug aus dem Hamburgifchen Gefetz vom 30. Dezember 1892 630 

V. Auszug aus dem Grofsherzoglich Badifchen Ortsftrafsengefetze vom 6. Juli 1896 . 630 

VI. Auszug aus dem Preufsifchen Gefetz, betreffend die Umlegung von Grundftücken 

in Frankfurt a. M., vom 28. Juli 1902 631 

VII. Auszug aus dem Bafeler Gefetz über Hochbauten vom 27. Juli 1895 633 

VIII. Auszug aus dem Belgifchen Gefetz vom 1. Juli 1858 und 15. November 1867 

über die Zonenenteignung 633 

B. Miniflerialerlaffe, Polizeiverordnungen und Ortsflatute 634 

IX. Erlafs des Grofsherzoglich Heffifchen Minifteriums des Innern, die Aufteilung von 

Ortsbauplänen betreffend, an die Kreisämter vom 28. Dezember 1898 . . 634 
X. Erlafs des Königlich Bayrifchen Staatsminifteriums des Innern an die Regierungs- 
und Gemeindebehörden, betreffend die Herflellung von Baulinienplänen, 

vom 18. Juli 1905 635 

XI. Polizeiverordnung und Ortsflatute von Berlin von 1875, 1877 und 1879 . . . 637 
XII. Auszug aus der Bauordnung für den Stadtkreis Cöln vom 1. Juni 1901 . . . 639 

XIII. Auszug aus dem Ortsflatut, betreffend die Bebauung im Stadtbezirk Cöln, vom 

13. März 1890 (mit Aenderungen vom 10. April 1894 und 24. Oktober 1900) 640 

XIV. Auszug aus der Bauordnung der Stadt Pofen vom 31. März 1903 641 

XV. Auszug aus der Wiener Bauordnung vom 17. Jänner 1883 642 

C. Vereinsbefchlüffe 643 

XVI. Grundzüge für Stadterweiterungen nach technifchen, wirtschaftlichen und polizei- 
lichen Beziehungen 643 

XVII. Leitfatze über Städteerweiterung, befonders in hygienifcher Beziehung .... 644 
XVIII. Entwurf reichsgefetzlicher Vorfchriften zum Schutze des gefunden Wohnens . . 645 
XIX. Leitfatze des »Deutfchen Vereins für öffentliche Gefundheitspflege« über die 
unterfchiedliche Behandlung der Bauordnungen für das Innere, die Aufsen- 

bezirke und die Umgebung von Städten 647 

XX. Leitfatze des »Deutfchen Vereins für öffentliche Gefundheitspflege« über weit- 
räumige Bebauung 648 

XXI. Leitfatze des »Deutfchen Vereins für öffentliche Gefundheitspflege« über Mafs- 
nahmen zur Herbeiführung eines gefundheitlich zweckmäfsigen Ausbaues 

der Städte 649 

XXII. Befchlüffe des Denkmalpflegetages in Erfurt 1903, betreffend Baufluchtlinien in 

alten Städten 651 

XXIII. Befchlüffe des Denkmalpflegetages in Mainz 1904, betreffend den baupolizeilichen 

Schutz alter Strafsen- und Platzbilder 652 



Zu Seite 74 

278 

292 

294 

295 
296 

333 
338 
343 
344 
37o 

415: 
467: 

47i: 
552: 
554: 
580: 

592: 
607: 



Verzeichnis 
der in den Text eingehefteten Tafeln. 

AndraJfy-StxdSsz zu Budapeft und gekrümmte Strafsenanlagen zu Lüttich. 

Pläne von Leipzig und Södertelje. 

Plan von Strafsburg. 

Plan der Ringftrafse zu Cöln. 

Entwurf zur Stadterweiterung von Wefel. 

Plan der Ringftrafse zu Wien. 

Plan des neuen Wohnviertels in der füdlichen Stadterweiterung von Flensburg. 

Plan der Stadterweiterung von Diedenhofen. 

Plan des Vorortes Cobenzl bei Wien. 

Plan des Vorortes Buchfchlag bei Frankfurt a. M. 

Enteignungsplan für die Anlage des Holborn- Viadukts und der benachbarten 

Strafsendurchbrüche zu London. 
Auszug aus verfchiedenen ftädtifcheh Bauordnungen (vom Jahre 1889). 
Spitzwinkelige Kreuzung zweier Stadtflrafsen , von denen die eine die Steigung 

1 : 60 und die andere die Steigung 1 : 20 hat 
Bürgerfteiginfeln, Mofaikpflafter und -Läufer. 
Bepflanzung der Ringftrafse zu Bafel. 
Strafsenbepflanzungen aus Paris, Mainz und Krefeld. 
Teil einer englifchen Parkanlage. 
Waldpark zu Blafewitz bei Dresden. 
Rheinanlage (Kaiferin-;4a£-«/ta-Promenade) zu Koblenz. 



Handbuch der Architektur. 



IV. Teil: 



ENTWERFEN, ANLAGE UND EINRICHTUNG 

DER GEBÄUDE. 



NEUNTE ABTEILUNG. 




•• 



DER STÄDTEBAU. 



Von DR. J. Stubben. 



Handbuch der Architektur. IV. 9. (3. Aufl.) 



DER STÄDTEBAU. 



Einleitung. 



Während in den vorhergehenden 8 Halbbänden des IV. Teiles vom »Hand- x - 

buch der Architektur« die Betrachtung der verfchiedenen Gebäudearten ent- des 
halten ift, foll der vorliegende (9.) Halbband einer Zufammenfaffung aller Gebäude- Städtebaues. 
arten im Städtebau, welcher den Einzelbauten als gemeinfame Unterlage, als ge- 
meinfamer Rahmen dient, gewidmet fein. 

Der Städtebau in unferem Sinne hat alle diejenigen baulichen Anlagen zum 
Gegenftande, welche dazu beftimmtfind, einerseits der ftädtifchen Bevölkerung die 
Errichtung zweckmäfsiger Wohnungen und Arbeitsftätten, den Verkehr untereinander 
und die Bewegung im Freien, andererfeits dem Gemeinwefen die Errichtung der 
Baulichkeiten für Verwaltung, Gottesdienft, Unterricht, Gefundheits- und Kranken- 
pflege, Lebensmittel verforgung, Sicherheit und Vergnügungen, Kunft und Wiffen- 
fchaft, Verkehr und fonftige öffentliche Zwecke zu ermöglichen. Der Städtebau 
bereitet alfo den allgemeinen Boden vor, auf welchem fich die bauliche Einzeltätig- 
keit entfaltet; er fchafft die örtlichen Vorbedingungen, welche für das bürgerliche 
Wohnen, den ftädtifchen Verkehr, die Beforgung der öffentlichen Angelegenheiten 
vorhanden fein muffen; er ftellt den Rahmen auf, welcher die miteinander wett- 
eifernden und fich bekämpfenden Einzelbeftrebungen umfafst, das Programm, nach 
welchem die private und öffentliche Bautätigkeit, fowie der grofse und kleine Ver- 
kehr fich einrichten follen. 

Das ftädtifche Wohnen, das bürgerliche Erwerbsleben, der Fern- und Orts- 
verkehr, die ftädtifchen Gemeinfamkeitsanlagen find daher die Ausgangs- und die 
Zielpunkte alles deffen, was unter den Begriff des Städtebaues fallt. Die Anlage 
einer neuen Stadt oder eines neuen Stadtteiles, wie die Verbefferung alter Stadt- 
viertel hat auszugehen von den obwaltenden örtlichen Erforderniffen des Wohnens, 
der gewerblichen Tätigkeit, des Verkehres und der Gemeinfamkeit; fie hat an die 
örtlichen Gepflogenheiten und Beftrebungen anzuknüpfen und fie verbeffernd und 
umgeftaltend einer vollkommeneren Entwickelung entgegenzufuhren. 

Ehe wir deshalb zu den verfchiedenen Gebieten des Städtebaues übergehen, 
haben wir vorab im 1. Abfchnitt die Grundlagen des Städtebaues zu beleuchten, 
nämlich die ftädtifche Wohnungsfrage unter Berückfichtigung fozialer und gewerb- 
licher Verhältniffe, das ftädtifche Verkehrswefen in Beziehung auf Strafsen, Eifen- 
bahnen und Wafferwege und die öffentlichen Bauanlagen in ihrem Zufammenhange 
mit dem Stadtplane und in ihrem Einflufs auf denfelben. 

Das Ergebnis diefer Betrachtung werden wir dann im 2. Abfchnitt zu ver- 
werten fuchen, welcher den Entwurf des Stadtplanes nach Grundrifs und Höhenlage 
in feinen Einzelheiten behandeln foll. Der 3. Abfchnitt foll den Stadtbauplan als 



Ausgangs* 
punkte und 

Ziele ; 
Ueberficht. 



1 



Ganzes, d. h. für ganze Städte oder ganze Stadtviertel, darfteilen, während der 
4. Abfchnitt die Ausführung des Stadtplanes, die Uebertragung des Entwurfes in 
die Wirklichkeit zum Gegenftand haben wird. Der 5. Abfchnitt foll fich mit der 
technifchen und künftlerifchen Ausftattung der Strafsen und Plätze befchäftigen, fich 
alfo auf die verfchiedenen Verforgungsleitungen, auf die Entwäfferung, Befeftigung, 
auf Strafsenbaulichkeiten und künftlerifchen Schmuck erftrecken, während endlich 
im 6. Abfchnitt die gärtnerifchen Anlagen, nämlich Baumreihen, bepflanzte Plätze 
und Parkanlagen, befprochen werden follen. In einem Anhange follen ferner einige 
mafsgebende gefetzliche Beftimmungen, örtliche Vorfchriften und Vereinsbefchlüffe 
beigefügt werden. 



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Berlin und feine Bauten. Berlin 1877. 

Die Bauten, technifchen und induftriellen Anlagen von Dresden. Dresden 1878. 

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Böttcher, E. Technifcher Führer durch das Staatsgebiet der freien und Hanfeftadt Bremen. 
Bremen 1882. 

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Orszägh, A. Budapefls Oeffentliche Bauten 1868— 1882.. Budapeft 1884. 

Milano tecnica dal 185g al 1884. Mailand 1885. 

Breslaus Bauten fowie kunftgewerbliche und technifche Anftalten. Breslau. 

Frankfurt und feine Bauten. Frankfurt 1886. 

Bötticher, E. Bauten und Denkmale des Staatsgebiets der freien und Hanfeftadt Bremen. 
Bremen 1887. 

Lent. Köln. Feftfchrift für die Mitglieder und Teilnehmer der 61. Verfammlung deutfcher 
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Köln und feine Bauten etc. Köln 1888. 

Dumas, F. G. Paris, Ses vues, places, monuments, thiätres etc. Paris 1889. 

Hamburg und feine Bauten, unter Berückfichtigung feiner Nachbarftädte Altona und Wandsbeck. 
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Die Stadt Leipzig in hygienifcher Beziehung etc. Leipzig 1891. 

Technifcher Führer durch Plauen etc. Plauen 1891. 

Staude, Hüllmann & Fritsch. Die Stadt Halle a. S. im Jahre 1891. Feftfchrift für die Mit- 
glieder und Teilnehmer der 64. Verfammlung der Gefellfchaft deutfcher Naturforfcher und 
Aerzte. Halle 1891. 

Leipzig und feine Bauten. Leipzig 1892. 

Würzburg, insbefondere feine Einrichtungen für Gefundheitspflege und Unterricht. Feftfchrift etc- 
Wiesbaden 1892. 

Feftfchrift für die 33. Hauptverfammlung des Vereins Deutfcher Ingenieure Hannover 1892. 
Hannover 1892. 

Feftfchrift anläfslich der Hauptverfammlung des Schweizerifchen Ingenieur- und Architekten- 
Vereins im September 1893. Luzern 1893. 

Feftfchrift zur Feier des 25jährigen Beftehens der Gefellfchaft ehemaliger Studierender der Eid- 
genöffifchen polytechnifchen Schule in Zürich. Zürich 1894. 

Magdeburg. Feftfchrift für die Teilnehmer der 19. Verfammlung des Deutfchen Vereins für 
öffentliche Gefundheitspflege. Magdeburg 1894. 

Technifcher Führer durch Metz etc. Metz 1894. 

Strafsburg und feine Bauten. Strafsburg 1894. 

Feftfchrift der 35. Hauptverfammlung des Vereins Deutfcher Ingenieure Berlin 1894. Berlin 1894. 

Lübeck. Feftfchrift den Teilnehmern der 67. Verfammlung Deutfcher Naturforfcher und Aerzte 
gewidmet etc. Lübeck 1895. 

Aachen 1895 etc. Aachen 1895. 

Berlin und feine Bauten. Berlin 1896. 

Technifcher Führer von Budapeft. Budapeft 1896. 

Feftfchrift zur 38. Hauptverfammlung des Vereins Deutfcher Ingenieure. Caffel 1897. 

Baumeister, R. Hygienifcher Führer durch die Haupt- und Refidenzftadt Karlsruhe. Karls- 
ruhe 1897. 

Freiburg im Breisgau. Die Stadt und ihre Bauten. Freiburg 1898. 

Feftfchrift zur 39. Hauptverfammlung des Vereins Deutfcher Ingenieure Chemnitz 1898. Chem- 
nitz 1898. 

Beckh, W. f F. Goldschmidt & C. Weber. Feftfchrift zur 24. Verfammlung des Deutfchen Vereins 
für öffentliche Gefundheitspflege in Nürnberg 1899. Nürnberg 1899. 

Feftfchrift zur 40. Hauptverfammlung des Vereins Deutfcher Ingenieure in Nürnberg. Nürn- 
berg 1899. 

Feftfchrift zur 72. Verfammlung Deutfcher Naturforfcher und Aerzte Aachen 1900. Aachen 1900. 



8 

Verein Deutfcher Ingenieure. 41. Hauptverfammlung in Köln a. Rhein 1900. Feftfchrift etc. 

Köln 1900. 
Bremen und feine Bauten. Bremen 1900. 
Die Entwicklung Münchens unter dem Einfluffe der Naturwiffenfchaften während der letzten 

Dezennien. München 1900. 
Peters, O. Magdeburg und feine Baudenkmäler. Magdeburg 1902. 
Riga und feine Bauten etc. Riga 1903. 
Düffeldorf und feine Bauten. Düffeldorf 1904. 
Wuttke, R. Die deutfchen Städte. Gefchildert nach den Ergebniffen der erften deutfchen 

Städteausftellung zu Dresden 1903. Leipzig 1904. 
Feftfchrift zur Feier des 50jährigen Beftehens des Eidg. Polytechnikums. Teil II: Die bauliche 

Entwicklung Zürichs in Einzel darftellun gen. Zürich 1905. 
Kortz, P. Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts etc. Bd. I. Wien 1905. 



DER STÄDTEBAU. 



i. Abfchnitt 

Grundlagen des Städtebaues. 

i. Kapitel. 

Städtifche Wohnungen. 

Eine kurze Betrachtung des Wohnungswesens gehört infofern notwendig in den 
Rahmen des Städtebaues, als die verfchiedenen Löfungsformen der Wohnungsfrage 
auf die Geftaltung und Ausbildung des Stadtplanes beftimmend einwirken. Die 
Anlage einer neuen Stadt oder eines neuen Stadtteiles hat fich nach der ortsüblichen 
Bauweife zu richten, foll aber auch zur Verbeflerung und Umgeftaltung diefer Bau- 
weife benutzt werden. Selbftverftändlich handelt es fich hier nur um die ftädtifche 
und vorftädtifche Bauweife, während das ländliche Wohnungswefen aufser Betracht 
bleibt. Die ftädtifche Wohnungsfrage ift unter drei Gefichtspunkten zu betrachten, 
nämlich : 

a) nach den Beziehungen zwifchen dem Haufe und dem Baugrundftück, 

b) nach der Zahl der Wohnungen im Haufe und 

c) nach der Art oder den Anfprüchen der Bewohner. 



a) Beziehungen zwifchen Wohnhaus und Baugrundftück. 

i) Offene Bebauung. 

Wir unterfcheiden die offene und die gefchloffene Bebauung; erftere wird 
auch Landhausbau (Villenbau) , letztere Reihenbau genannt. Der Landhausbau 

verlangt, dafs die Häufer von allen Seiten oder 
wenigftens von drei Seiten frei flehen. Die auf allen 
Seiten freie Stellung ift Regel bei herrfchaftlichen 
Vorftadthäufern oder eigentlichen Villen (Fig. 2). Das 
Haus empfängt Luft und Licht von allen Seiten; es 
ift ganz umgeben vom Garten oder Park, in welchem 
der Wirtfchaftshof und etwaige Nebengebäude mög- 
lichft wenig ftörend untergebracht find. Die Baulich- 
keiten treten in der Regel auch hinter der Strafsen- 
fluchtlinie zurück, fo dafs fich eine von letzterer 
verfchiedene Baufluchtlinie ergibt, wie dies u. a. in 
§ 1 des preufsifchen Fluchtliniengefetzes (fiehe An- 
hang) vorgefehen ift. Fig. 1 zeigt, wie aus folchen 




littBitiit-tir, 



1:2900 

' »i- ' i 1 1 — » — 1 — 1 — \ — 1 — h-i — 1 



3- 
Häufer 

von allen 

Seiten frei. 



Villenblock zu Dresden. 



einzelnen Villenbaufteüen ein ganzer, von vier Strafsen umgebener Block fich zu- 
fammenfetzt. Der Raum zwifchen Baulinie und Strafsenlinie pflegt als Vorgarten 
ausgebildet und der Strafse entlang durch ein Gitter eingefriedigt zu werden. 

Das von drei Seiten freiftehende Gebäude entfteht, wenn man zwei Häufer 
mit einer gemeinfehaftlichen Scheidemauer aneinander lehnt, im übrigen aber in 
der vorbefchriebenen Art behandelt. Es bildet fich dann die fog. Doppelvilla (Fig. 3), 

Fig. 3. 



Freiflehendes ftädtifches Wohnhaus. 



Auch kann fich die zufammenfaffende Gruppierung auf drei oder mehr Häufer 
erftrecken, von welchen die mittleren die freiftehende Eigenfchaft verlieren. Man 
nennt dies »Gruppenbau« und »halboffene Bauweife«. 

Eine fehr empfehlenswerte, auch für Mittelftandswohnungen (Bürgerhäufer) und 
Arbeiter Wohnungen gut anwendbare Art diefer Bauweife ift diejenige, bei welcher 
die beiden Langfeiten eines Blocks gefchloßen bebaut werden, während die beiden 
Querfeiten offen bleiben , um den Sonnenftrahlen , dem Licht und der Luft freien 
Zugang zu den Rückfeiten der Häufer zu gewähren. Der Unterfcheidung wegen 
empfiehlt es fich, das Wort > Gruppenbau 1 für die in Fig. 4, die Bezeichnung »halb- 
offen« für die in Fig. 5 veranfchaulichte Bauart anzuwenden. 

Der Abftand der Häufer von der Nachbargrenze ift fehr verfchieden, nämlich 
3 bis 10 m und mehr. An manchen Orten hat fich der Abftand von 3 m von der 
Grenze, alfo von 6 m von Haus zu Haus, bei Gebäuden mit einem Obergefchofs als 
zu gering erwiefen; die Entfernung des Haufes von der Grenze follte mindeftens 



4 m , beffer 5 m betragen, damit die beabsichtigte fchönheitliche und gefundheitliche 
Wirkung erzielt werde. Mit Recht macht man in verfchicdenen Bauordnungen die 
Gröfse des Abftandes auch abhängig von der Gebäudetiefe und der Gebäudehöhe; 
letzteres ift wichtig, um den etwa nur an der 
:g ' 4 ' Querfeite des Haufes liegenden Räumen das 

Himmelslicht unter angemeffenem Winkel zu- 
zuführen. Niedrige Nebengebäude im Hinter- 
grunde der (i rund ducke können unter feftzu- 
ftellenden Befchränkungen auf die Grenze ge- 
baut werden. 

Ein Mittelding zwifchen freier und ge- 
fchloffener Bebauung id in alten Städten vielfach 
durch die Vorfchrift des fog. »Wich« hervor- 
gerufen worden, d. h. durch die Vorfchrift, dafs 
jedes Haus von der Grenze des Nachbars um 
ein gewiffes Mafs zurück->weichenc mufste. Der 
Wich des preufsifchen Landrechtes beträgt, zwi- 
fchen den Gebäuden gemeffen, 0,sm m( = 3 Fufs). 
Während der breitere Wich in Vorftädten und 
zwifchen herrfchaft liehen Einzelhäufern zur malt 
„...- rifchen , landfehaftlichen Gestaltung der Stadt 

Gruppenbauweife. Aniafs gibt, wie fich dies befonders fchön auf 

den aufseren Torftrafsen von Frankfurt a. M. 
entwickelt hat, wo in reichsdädtifcher Zeit der Wich vorgefchrieben war, pflegt 
der im Inneren alter Städte, z. B. in Wedfalen und Helfen, zwifchen je zwei 
Häufern liegende fchmale Grenzftreifen der Sicherheit und Reinlichkeit nachteilig 
zu fein; er pflegt die Traufe der Dächer und die Abflufsrinne der Höfe aufzu- 
nehmen, auch als Zugang zu Hintergebäuden, als Aufbewahrungsort von Abfällen, 
zum Unterbringen von Bedürfnisanftalten und dergl. zu dienen. Es liegt auf der 
Hand, dafs diefe Abart von offener Bauweife für Neuanlagen nicht empfehlenswert 

ift. Man wird für das In- 
*' nere der Städte die offene 

Bauart überhaupt nur aus- 
nahmsweife als wünfehens- 
wert bezeichnen; hier be- 
günftigen vielmehr die Bau- 
ordnungen mit Recht den 
gefchloffenen Reihenbau '). 
Ein ähnliches Mittel- 
ding zwifchen offener und 
gefchloflener Bauweife, wel- 
ches vermutlich aus der alten 
Hlbonene B,«weifc. Gepflogenheit des Wichs 

hervorgegangen id, bildet das Stuttgarter »Pavillonfyftem«. Dort ift gefetzlich 
vorgefchrieben, dafs auf einer Seite des Haufes für eine Einfahrt ein Grenzabdand 
von wenigftens 2,3»> m , auf der anderen Seite ein folcher von wenigflens 0,56b m, 

1) Vergl.i Roesslh», G. v. Zur Bauart deuifcher Siädt*. Dtulfche Bu». iB 7 ,, S. 153, 161. 



zufammen alfo eine unbebaute Fläche von 2,865 m (= 10 Fufs württemb.) Breite 
vorhanden fein miifs. Bei Neben- und Hintergebäuden wird diefe Beftimmung nicht 
durchgeführt. Die Bebauungsart eines Stuttgarter Häuferblocks zeigt Fig. 6. Bei 
Anlage neuer Strafsen und 

Fig. 6. 

— Ij LI 



^ ^= 



nl 



Häuferblock zu Stuttgart. 



bei einigen älteren Strafsen, 
wo die vorhandene freie 
Ausficht möglichft wenig 
befchränkt werden foll, find 
indes in der württember- 
gifchen Hauptftadt gröfsere 
Häuferabftände , bis zu 
14 m Breite , vorgefchrie- 
ben und zugleich auch die 
Gebäudehöhen befchränkt 
worden. 

Auch in Sachfen, 
Bayern und anderen Bun- 
desftaaten ift die ofifene 
Bebauung durch Landes- 
und Ortsgefetze geregelt. 
In Preufsen ift es nicht 
mehr ftrittig, dafs fie durch 
einfache Ortspoliz ei Verord- 
nung den Grundbefitzern ebenfo zur Pflicht gemacht werden kann, wie jede 
andere Art abgeftufter Baudichtigkeit. Näheres hierüber enthält Kap. 7 von Ab- 
fchnitt 4. 

Auch privatrechtlich kann die offene oder halboffene Bau weife oder der 
Gruppenbau herbeigeführt werden, indem bei Veräufserung von Baugelände den 
Käufern eine dahingehende Verpflichtung auferlegt wird. Die dauernde Erhaltung 
von Landhausvierteln, welche freiwillig oder auf Grund privatrechtlicher Verpflichtung 
angelegt find, ift aber leider nicht immer gewährleiftet; nur zu oft find allmählich 
aus freiftehenden Villen gefchioffene, hohe Häuferreihen entftanden, fobald erft ein 
Befitzer feinen Vorteil darin fand, mit der Umwandelung den Anfang zu machen. 
Auch für folche Viertel ift deshalb eine ergänzende öffentlich rechtliche Verordnung 
erwünfcht. 

Die Vorzüge der offenen Bauweife befchränken fich nicht auf die anmutige, 
hübfche Erfcheinung, auf die beffere Wirkung der Architektur und die gröfsere 
Annehmlichkeit für die Bewohner; die freiere Bebauung einzelner Stadtteile ift 
zugleich eine für die Gefundheit diefer Stadtteile und der ganzen Stadt wich- 
tige Mafsregel. Durch ihren Vorrat an unverdorbener Luft und ihren Reich- 
tum an Pflanzenleben kommen fie auch den benachbarten Stadtteilen zu gute. 
Ihre gefundheiiliche Wirkung ift derjenigen der öffentlichen Gärten ähnlich, ihre 
Bedeutung daher umfo gröfser, je ärmer die Stadt an Pflanzungen und Park- 
anlagen ift. 

Die grofsten Vorteile geniefsen natürlich die Bewohner der Villen felber, da 
fie fich in reichlichem Mafse mit Licht und Luft verfehen, die Räume ihres Haufes 
nach den Sonnenftrahlen richten und von den Einwirkungen der Nachbarn fich 



*3 



faft unabhängig machen können. 
Fig. 7 bis 12 beigefugt 2 ). 



Zur Erläuterung find einige Villengrundrifle in 



Fig. 7- 



Fig. 8. 





^2^ 



sc 



«« 7 8. . > 

Villa 
nach Hintz. 




Fig. ii. 



Amcrikanifche Villa 
nach Shoppel. 



«Jt7 J U J21 

H ' H ■ I * H-»-H-H->-t- 



1:500 

5 

—\ 




Fig. 12. 





Villa 
nach Hintz. 



t«-- IM».- A 

Gröfseres 

amerikanifches 

Landhaus. 

1 lwo w - Gr. 



Fig. 9. 



Fig. io. 






- - "t- 



Kleine 

dreizimmerige 

Villa. 



Villa 

zu 

München. 



10 



15 



?0" 



~\ 



Die Grundriffe in Fig. 7, 8 u. 9 ver- 
langen fehr geringen Raum. Fig. 7 bedarf, 
bei 7,8o m Hausbreite und je 4,00 »» Abftand von 
den Nachbargrenzen, eine Bauftelle von 16,so *» 
Breite; indes ift nur eine Bauftellenbreite 
von 11,80 m erforderlich, wenn man das Haus 
mit einem anderen kuppelt, was zuläffig ift, 
weil die eine Langfeite Fenfteröffnungen nicht 
befitzt. Die amerikanifche Villa in Fig. 8 läfst 
fich nicht kuppeln, bedarf daher einer Bau- 
ftelle von 16 m Breite; in Amerika werden 
folche kleine Landhäufer in Holzbau fabrik- 
mäfsig hergeftellt und zum Auffchlagen fertig 
auf Lager gehalten. Fig. 9 u. 10 laffen fich 
nicht kuppeln und verlangen Bauftellen von 
16,jo, bezw. 18,öo m Breite. Fig. 11 läfst fich 
kuppeln, bei 3 ™ Wich auf 16,*o m breiter Bau- 
ftelle. Das gröfsere amerikanifche Landhaus 
in Fig. 12 fetzt ein Grundftück von 19,eo m 
Breite voraus. Die Tiefe der befprochenen 
Bauftellen wird in der Regel 30 bis 50 "» be- 
tragen. Geringere Grundrifs- und Bauftellen- 
mafse find übrigens keineswegs ausgefchloffen. 



2) Vergl. u. a. : Villen und Wohnhäufer. Sammlung von kleineren ländlichen Wohnhäufern, entworfen und ausgeführt 

von hervorragenden Architekten. Berlin 1884. 
Skoppel's modern houfes, lifl 0/ publications 0/ the cooperative Building- Plan- AJfociaiion- Ar chitects. New 

York 1887. 
Hintz* moderne Häufer. Eine illuftrierte architektonifche Zeitfchrift. Herausg. von der Berliner "Bauplan - 

Vereinigung zu Grofslichterfelde bei Berlin. Berlin 1887. 
Amerikanifche Landhäufer. Deutfche Bauz. 1887, S. 337/369, 433. 
Böklen & Feil. Arbeiterwohnungen. Neue Folge. Ausgeführte Gebäude. Stuttgart 190a— 03. 



Bau block zu Berlin. 



Baublock zu Magdeburg, 
Fig. 16. 



Baublöcke zu Cöln, 
Fig. 17. Fig. 



Baublock zu Wien. 
Fig. 19. 



Baublock zu Trieft. 
Fig. 20. 



Häuferblock zu Cöln 
lit Gärten und Vorgärter 



Block von Einfamilienhäufern 
zu Rotterdam. 



15 



Ebenfo ift es felbftverftändlich, dafs eigentliche herrfchaftliche Villen weit mehr Raum bean- 
fpruchen; die reichliche Bemeflung aller Räume im Haufe und in feiner Umgebung ift ja für 
den Rang des Haufes am meiften bezeichnend. 



*5- 

Gegen- 

maisregeln. 



2) Gefchloffene Bebauung. 

Die Vorzüge der gefchloffenen Bebauung beliehen darin, dafs weniger Boden- 14. 
fläche für ein Wohnhaus erforderlich ift, dafs die Baulichkeiten fich mehr zu Ge- Nachteile 
fchäfts- und Gewerbezwecken eignen, dafs die Baufumme geringer und die Heizung der 
leichter ift, dafs endlich das nur von der Vorderfeite zugängliche Grundftück in der ^^^l en 
Regel mehr Sicherheit gewährt. Es wäre alfo Torheit, wollte man in einer Stadt 
die offene Bauweife zur allgemeinen Regel machen. Das Wünfchenswerte ift viel- 
mehr, dafs gewiffe, nach der Oertlichkeit geeignete Bezirke für offene Bebauung 
beftimmt und dafs gleichzeitig die Nachteile des gefchloffenen Reihenbaues durch 
Ortsgefetze und Polizeivorfchriften, insbefondere durch Abftufung der Bauordnungs- 
vorfchriften, nach Möglichkeit gemildert werden. 

Diefe Nachteile find dreifacher Art: nämlich erftens die Beeinträchtigung der 
Architektur durch Aneinanderreihen von Faffaden verfchiedener Höhe, unruhiger 
Achfenteilung und Ausbildung; zweitens die Begünftigung einer Menge von Be- 
läftigungen, welche vielfach durch unnötige Gemeinfchaftlichkeiten herbeigeführt 
werden , beifpielsweife durch gemeinfchaftliche Scheidemauern , gemeinfchaftliche 
Schprnfteine, gemeinfame Entwäfferungsanlagen und Aborte, gemeinfame Zugänge 
und Dienftbarkeiten anderer Art; namentlich aber drittens die Gefahr der gegen- 
seitigen Befchränkung von Luft, Licht und Sonne. 

Gegen die erftgenannte Art von Nachteilen kann die Behörde kaum etwas 
ausrichten; gegen die Uebelftände der zweiten Art kann von der Behörde dadurch 

mit Erfolg vorgegangen werden, dafs fie die Schaffung nach- 
teiliger Gemeinfamkeiten, z. B. gemeinfchaftlicher Abortgruben, 
Kanalanfchlüffe, Schornfteine u. f. w., unterfagt. Alle nach- 
barlichen Gemeinfamkeiten zu verbieten, würde offenbar zu 
weit gehen und undurchführbar fein; fo würde das Verbot 
gemeinfchaftlicher Scheidemauern, mit welchen viele Mifslich- 
keiten verknüpft find, für fchmale Grundftücke fehr fchädi- 
gend wirken, zudem in Ländern des franzöfifchen Rechtes 
fchwer durchfuhrbar fein. 

Die dritte Art von Uebelftänden, welche befonders dar- 
auf fich gründen, dafs das in der gefchloffenen Reihe ftehende 
Haus nur von zwei Seiten, von der Strafse und vom Hofe, 
Luft und Licht erhalten kann, an der Hoffeite aber von den 
Anbauten und Hinterbauten des Nachbars und von den eigenen 
An- und Hinterbauten in Bezug auf Luft und Licht beein- 
trächtigt wird, verfucht man in allen Städten durch polizei- 
liche Baubefchränkungen zu bekämpfen, aber kaum irgendwo 
mit vollem Erfolge. Die Befchränkungen beziehen fich vor- 
nehmlich auf die Höhe der Gebäude, auf die Feftftellung eines 
geringften Abftandes der Fenftermauern von anderen Baulich- 
keiten, fowie auf die Vorfchrift, dafs ein beftimmter Flächenanteil der Bauftelle un- 
bebaut bleiben mufs. In Abfchn. 4, Kap. 2 u. 7 werden wir hierauf näher eingehen. 



Fig. 21. 




Wohnhaus mit Hof und 
Garten zu Berlin. 

l| 750 w. Gr. 



i6. Die mit der gefchloffenen Rau weife fehr oft verbundene Ineinander fchachte- 

Bdfpieie. j^g j er (3 e bäude ift aus Fig. 13 bis 18 erfichtlich, welche fechs ausgeführte Bau- 




Wohnhaus zu Magdeburg. 




Wohnhaus zu Berlin. 



Wohnhaus mit Hof und 
Garten zu Berlin. 



H'errfdiaftliches Wohnhaus 



blocke aus Berlin, Magdeburg, Cöln, Wien und Trieft zeigen. Auf das aller- 
geringfte zuläffige Mafs pflegen die Lichtflächen in den Eckgrundftücken , die in 



Fig. a8. 



Einfamilienhaus zu London. 



Stockwerkshaus mit je 2 Wohnungen 
zu Paris. 



Stockwerkshaus mit je 2 Wohnungen 
zu Madrid. 



1:500 

' ■i' T 'i' i -i'f' i ' i 1 1- 




Ge wohnliche Einzelnäufer 
zu Cöln. 



ei Baugrundftücke mit Gärten 
und Vorgärten zu Cöln. 



Einfamilienhaus : 



der Regel von den Nachbarbauten auf das engfte umfafst werden, eingefchränkt 
zu werden. Der Berliner, der Wiener und der Triefter Block zeigen aber durchweg 
die Armut an freien Hofräumen. 



Häuf« 



Im Gegenfatz zur Villa oder zum freiftehenden Wohnhaufe heifsen die bei 
der gefchloffenen Bebauung fich aneinander reihenden Gebäude eingebaute 
Häufer. Das eingebaute Haus *at* ijo^v ift dasjenige, welches aufser den 
überbauten Flächen (Vorder-, Neben-, Quer-, Hintergebäude) nur noch Hofraum oder 
Lichthöfe enthält. 

Fig. 21, 22, 26'), 27, 28 u. 29*), Hausgrundriffe aus Berlin, Magdeburg, Budapell, Paris, 
Madrid und London darftellend, zeigen Beifpiele folcher eingebauter Häufer, zum Teile im 
ausgeprägt eilen Sinne. In Fig. 2t u. 24 ift der Garten noch nicht ganz ve rieh wunden. In 
Fig. 25, 26, 27 u. 28 find Lichthöfc zu Hilfe genommen, um das Innere der Gebäudekörper 
einigermafsen zu erhellen. Sogar das Herrichaftshaus in Fig. 26 entbehrt jeder G arten dach e ; 
den Erfatz foll nach italienifcher Sitte die Halle um den Hofraum darbieten. In Fig. 28 ift 
die Enge der Bauteile weniger empfindlich, weil das Haus nur von einer einzigen Familie 
bewohnt wird. 

Veranlafst wurde und wird diefe dichte Bebauung im Inneren alter Städte 
durch die Enge der mittelalterlichen Grundftücke, in neuen Städten, befonders in 
Grofsftädten , durch die infolge der 

Spekulation und des gefchäftlichen ^8- 33 - 

Wettbewerbes fo hoch als möglich 
gefteigerten Bodenpreife. 

Freundlicher , gefunder und 
nachahmenswerter ift diejenige Art 

des eingebauten Haufes, bei welcher * 

da"" 18 an den Wirtfchaftshof fich noch ein 
tinne™. Garten oder Gärtchen anfchliefst. 
Fig. 15 u. 16, ferner Fig. 30, 31 u. 32 
zeigen hierfür Beifpiele aus Cöln und riiijritu-sir 

Brüffel. In den nord wert deutschen, „ ,, - „. , „. , ... ... , 

Halboffener Block von Ei nfamilienha ufern 
holländifchen und belgifchen Städten zu Bremen. 

ift diefe Ausstattung der Bauiteile ,. ttS0 

mit einem Gärtchen, wenigstens in TiiiitlKit " ™ ™ " T* 

folchen Stadtteilen, welche nicht vor- 
wiegend zum Betriebe von Gefchäften dienen, die Regel. Da die Gärten oder 
Gärtchen oft nebeneinander und hintereinander liegen, fo kann fich bei diefer Art 
des eingebauten Wohnhaufes im Inneren eines Baublocks eine zusammenhängende, 
nur durch niedrige Grenzmauern getrennte, geräumige Gartenfläche bilden ; Bei- 
fpiele hierfür find Fig. 19, 20 u. 33. Durch Feftfetzung fog. hinterer Baulinien, 
die von den Baulichkeiten nicht überfchritten werden dürfen , fucht man die Frei- 
haltung des Blockinneren in neuerer Zeit zwangsweife herbeizuführen (vergl. Kap. 7). 
In England hat man das Syftem der zufammenhängenden Gartenfläche derart 
weiter ausgebildet, dafs man mitunter die Zwifchenmauern fortgelaffen, alfo einen 
einheitlichen grofsen Garten im Inneren des Blocks gefchafTen hat, welcher den 
anftofsenden Wohnhäufern als gemeinfame Erholungsitätte dient. 
.9. Auf dem Kontinent hat man diefe englifche Einrichtung eines gemeinfamen 

'■"""■ Privatgartens , welcher oft auch einen von Strafsen umgebenen Block für fich 
bildet , bisher kaum nachgeahmt. Mehr aber als in England ift bei uns die 
freundlichere Geftaltung der Wohnungen in gefchloffenen Reihenbauten und die 



*9 

-gleichzeitige Verschönerung der Strafseri durch Anlage von Vörgärtchen üblich, 
wie folches für Landhäufer fchon oben erwähnt wurde. In Gefchäftsftrafsen * fijld 
diefe Vorgärten (flehe Fig. i, 2, 3, 19, 31, 33) unzweckmäfsig, umfo fchmuck- 
-hafter und angenehmer aber in ruhigen Wohnftrafsen , deren Verkehrsbreite ein- 
geschränkt werden kann, weil der Raum über den Vorgärten für die Licht- und 
Luftverforgung mitwirkt. Die Tiefe der Gärtchen pflegt 3 bis 10 m zu betragen 
(flehe auch die Strafsenquerfchnitte in Abfchn. 2, Kap. 5). 

b) Zahl der Wohnungen im Haufe. 

Auf die Form und Gröfse des Baugrundftückes und fomit auf die Ent- ao - 
Wickelung des Stadtbauplanes ift in zweiter . Linie die Zahl der Wohnungen von und 
Einflufs, für welche das Haus oder die Mehrzahl der Häufer dienen foll. Wir Stockwerks- 
haben in diefer Hinficht grundfätzlich zu unterfcheiden : das Wohnhaus, welches 
für eine einzige Familie beftimmt ift, und das zum Wohnen mehrerer Familien 
beftimmte Gebäude. Erfteres wird Einfamilienhaus, Einzelhaus, Privat- 
haus genannt, letzteres mit dem Namen Miethaus, Etagenhaus, Stockwerks- 
haus, Zinshaus bezeichnet. Beide Arten von Häufern kommen in allen Städten 
vor. In vielen Gegenden befchränkt fich indes das Einzelhaus auf die oberfte 
Klaffe der Bevölkerung, hat alfo auf das Ausfehen und die Anlage der Städte 
und auf die Wohnungsfrage geringen Einflufs, während in anderen Ländern das 
Einzelhaus auch für die mittlere ftädtifche Bevölkerung -in möglichft allgemeiner 
Uebung fteht, demnach für die Erfcheinung und Anordnung der ftädtifchen 
Strafsen, fowie für die Art des Wohnens mafsgebend ift, wenn auch das Miethaus 
fein gelegentliches Vorkommen findet. 

Zieht man in Europa von der Nordfeeküfte bis zur Küfte des Englifchen ax 
Kanals eine annähernd halbkreisförmige Linie, welche die Städte Bremen ä 
Münfter i. W., Cöln, Coblenz, Luxemburg und Amiens umfchliefst, fo ift auf 
dem nordweftlich diefer Linie liegenden Ausfchnitt des europäifchen Feftlandes 
und in England das Einfamilienhaus mehr oder weniger ausfchliefslich in Gebrauch, 
während im übrigen Europa das Miethaus herrfcht. England, das nördliche Frank- 
reich, Luxemburg, Belgien, Holland, die Rheinprovinz, Teile der Provinzen Weft- 
falen und Hannover, endlich Bremen und Oldenburg find hiernach die Länder des 
Einfamilienhaufes , welches fich in Nordfrankreich, Rheinland und Weftfalen mit 
Miethäufern mittlerer Gröfse zu mifchen beginnt. Dagegen wohnt die ftädtifche 
Bevölkerung im mittleren und füdlichen Frankreich und in den anderen lateinifchen 
Ländern, in Nordoft-, Mittel- und Süddeutfchland, in der Schweiz, in Oefterreich, 
Ungarn und Rufsland der Regel nach in grofsen Miethäufern, von welchen jedes 
eine Gruppe von Familien umfafst. In fozialer und gefundheitlicher Beziehung 
ift das Einfamilienhaus zweifellos als die beffere Wohnform zu bezeichnen ; aber im 
perfönlichen Empfinden Vieler pflegen die Gewöhnung und örtliche Gepflogenheiten 
das Urteil zu beeinfluffen. 

Auch das Stockwerkshaus — fo benannt, weil jedes Stockwerk für fich eine « 
oder mehrere abgefchloffene Wohnungen (Quartiere) bildet — hat feine Vorzüge ; dcr h ^ dtn 
es liefert befonders in den unteren Gefchoffen bequeme, auf gleicher Höhe liegende, wohnungs- 
für die Hauswirtfchaft und für Gefellfchaftszwecke mehr geeignete Wohnungen, 
welche zudem in den Baukoften billiger find als die Wohnung des Einzelhaufes, 



Geographische 
Grenze. 



arten. 



20 

weil die Koften für Treppe, Hof, Dach u. f. w. und auch die Koften des Grund- 
ftückes, welche 20 bis 30 Vomhundert des Gefamtpreifes zu betragen pflegen, auf 
mehrere über- und nebeneinander liegende Wohnungen fich verteilen. Indes pflegt 
die Ermäfsigung der Grundftückskoften dadurch vereitelt zu werden, dafs die Boden- 
preife mit der gematteten höheren und dichteren Bebauung fteigen. Das Einzelhaus 
ift trotz des häufigen Treppenfteigens, einer Folge der Verteilung der Wohnung in 
mehrere Gefchoffe, unvergleichlich behaglicher und wegen Verhütung aller häuslichen 
Gemeinfchaftlichkeiten angenehmer, aber durchfchnittlich wohl etwas koftfpieliger. 
Das Miethaus liefert grofse ftattliche Strafsenfronten, aber, wenn nicht be- 
fondere Mittel aufgewendet werden, nur zu oft kafernenhafte Einförmigkeit. Die 
befonders in füdlichen Ländern übliche architektonifche Behandlung des Zins- 
haufes als Gruppenbau, ja als Palaft, enthält ftets etwas Unwahres und deshalb 
Unkünftlerifches ; es ift im beften Falle eine grofsartige Scheinmonumentalität. Die 
Architektur des Einzelhaufes ift, fofern nicht die MafTenherftellungsfchablone Platz 
greift, wie leider in England und Nordamerika, individuell, daher das Haus eben- 
fo verschiedenartig wie die Bedürfniffe des Bauenden, in Grundrifs und Anficht 
mannigfaltig und zur künftlerifchen Ausbildung auch bei einfachen VerhältnifTen 
ftets geeignet, wenn auch weniger »grofsartig« als das Miethaus. 

«3 Das Einzelhaus ift zwei- oder dreigefchoffig , feiten höher; das Miethaus ift 

B * u " n vier- oder funfgefchoffig, feiten niedriger. In Paris und Rom find fieben Wohn- 
vorfchriftcii. gefchoffe übereinander nichts Ungewöhnliches ; in New York fteigt die Zahl der 
Gefchoffe bei Zinswohnhäufern bis auf vierzehn, bei Gefchäftshäufern noch höher. 
Für das Einzelhaus würden wenige baupolizeiliche Beftimmungen genügen, da 
jedermann für fein eigenes Intereffe die befte Polizeibehörde ift. Für das Miethaus 
dagegen ift zu Gunften der künftigen Einwohner die grofse Zahl von Bauvor- 
fchriften notwendig, an deren Ergänzung ftets gearbeitet wird; aber nicht ver- 
hindert wird dadurch der grundfätzliche Nachteil des Zufammenwohnens und 
mancher Zwift der Bewohner, gewöhnlich herbeigeführt durch die Gemeinfchaftlich- 
keiten, durch Kinder, Dienftboten und Haustiere. 

24. Das Miethaus hat in erfter Linie den Zweck der Kapitalanlage, fich ftützend 

Zweck. au j- ^^ Wohnbedürfnis anderer; feine Aufgabe ift, eine tunlichft hohe Rente abzu- 
werfen, wie es der Name »Zinshaus« deutlich angibt. Die Aufgabe des Einzel- 
haufes ift, eine tunlichft angenehme, den befonderen VerhältnifTen der Familie ent- 
fprechende Wohnung zu bilden. 

35. Das Miethaus wechfelt feine Einwohner und feinen Eigentümer, wie die 

twifcheT 11 Ware den Befitzer; es hat keine vertraulichen, man könnte fagen, feelifchen 
Haus und Beziehungen zu den Bewohnern. Es mufs allen paffen, auf Eigenartiges ver- 
cwo ncm. z j c ht en- j)j e Bewohner lieben nicht ihr Haus ; fie forgen nur für die von ihnen 
benutzten Teile desfelben. Der Eintrittsflur, die Treppe find eigentlich ein Zu- 
behör der öffentlichen Strafse und in der Regel jedermann zugänglich. Ein be- 
sonderer Pförtner mufs das Haus bewahren und den Treppenraum für den all- 
gemeinen Verkehr beleuchten. Die Unterhaltung und Reinlichkeit der allgemein 
benutzten Hausteile, befonders der Höfe und Entwäfferungsanlagen, läfst oft genug 
zu wünfehen übrig; die Verunreinigung der Luft wird begünftigt, die Fortpflanzung 
anfteckender Krankheiten erleichtert. Ein Garten ift beim Zinshaufe eine Selten- 
heit; follte er vorhanden fein, fo kann er in der Regel nur von einer Familie 
unter allen benutzt werden. 



21 



Das Einzelhaus dagegen wird gebaut oder follte wenigftens gebaut werden 
für die Bedürfniffe einer einzelnen beftimmten Familie. Es wechfelt, wenn es nicht 
gerade von einem Unternehmer zum Verkaufe errichtet wird, feine Befitzer und 
Bewohner feiten; es entfpricht dem fefshaften Bürgerftande; es ift die Heimat im 
engften, traulichften Sinne des Wortes. »Lieber klein und wie mir's pafst, als zur 
Miete im Palaft,f heifst es am Rhein. *My kaufe is my cafile,* fagt der Eng- 
länder. Der Bewohner des Zinshaufes kann in diefem Sinne nicht von feiner Burg 
fprechen; fein Kind hat kein Vaterhaus. 

Man kann übrigens beim Miethaufe drei Arten unterscheiden, nämlich 
i) das »Bürgerhaus«, welches aufser der Wohnung des Eigentümers zwei bis 
drei Mietwohnungen enthält; 

2) das mittelgrofse Miethaus, oft herrfchaftlich eingerichtet, für 6 bis 8 oder 
io Familien mit abgefchloffenen Stockwerkswohnungen; 

3) das »Maffenmiethaus« für mehr als io, mitunter bis IOO Familien. 

•Das Bürgerhaus ift bei hohen Bodenpreifen auch in Einzelhausftädten viel 
verbreitet und als Ergebnis wirtfchaftlicher Notwendigkeit nicht zu verwerfen; in 
Miethausftädten ift es der befte Ausweg zur Milderung der erwähnten Nachteile. 
Auch das mittelgrofse Miethaus kann, obfchon die grundfatzlichen Bedenken be- 
liehen bleiben, bei guter Einrichtung durchaus erträgliche Wohngelegenheit dar- 
bieten. Das Maffenmiethaus und befonders die »Mietkafernec mit mehr als 
20 Wohnungen ift das Ergebnis der Bodenfpekulation , das Grab des behaglichen 
Wohnens und überall zu bekämpfen. 

Bei allgemeiner Verbreitung des Einfamilienhaufes in englifchen und hol- 
ländifchen Städten wohnen auf 1 ha trotz gefchloiTener Bebauung nicht mehr als 
150 bis 250 Perfonen; in feftländifchen Grofsftädten dagegen ift eine Bevölkerungs- 
zahl von 500 Seelen auf 1 ha nichts Aufserordentliches. In Berlin geht diefe 
Ziffer in einzelnen Stadtteilen bis über 700. In Neapel, wo auch die Dächer, und in 
San Francisco, wo fogar die Keller in mehreren unterirdifchen Gefchoffen bewohnt 
werden, ift die Menfchendichtigkeit ftellenweife noch gröfser. 

Wie der Bau des erften Wohnhaufes das Ende der Urgefchichte der Menfch- 
heit und der Bau der erften Stadt den Anfang einer höheren Kultur bezeichnet, 
fo ift die Anhäufung vieler Familien in fremdem Haufe, wenn nicht ein Rückfehritt, 
fo doch eine fchlimme Schattenfeite unferer Zivilifation. 

Nicht weniger als 90 bis 96 Vomhundert der ftädtifchen Bevölkerung wohnen 
im örtlichen Deutfchland zur Miete 6 ); ein wachfender Bruchteil, welcher fchon 1871 
in Dresden 10 Vomhundert der Einwohnerfchaft betrug, wohnt fogar in Aftermiete. 
In 1880 wechfelten 28,7 Vomhundert der Dresdener Bevölkerung ihre Wohnung! 

Die Zahl der Einwohner betrug um 1890 durchschnittlich für jedes Grund- 
ftück in London 7, in Lüttich 7,6, in Rotterdam 8,4, in Philadelphia 9, in Brüffel 9, 
in Cöln 14, in Düffeldorf 16,8, in Aachen 17,5, in Dortmund 18,5, in Stutt- 
gart 22, in München 28, in Chemnitz 34, in Paris 36, in der Magdeburger Stadt- 
erweiterung 47,5, in Breslau 50, in St. Petersburg 55, in Wien und Berlin je 63. 
Bis 1900 find diefe Zahlen geftiegen in Cöln auf 17, in Düffeldorf auf 20, in 
Dortmund auf 19,4, in Stuttgart auf 23,2, in München auf 34,4, in Breslau auf 52,8, 
in Berlin auf 77. In diefen Zahlen, welche in den letztgenannten Städten noch 

5) Siehe: Schmoller's Jahrbuch für Gefetzgebuog , Verwaltung und Volkswirtfchaft im Deutfchen Reich 1887, 
HeTt II, S. 7. 



36. 

Burgerhaut, 

' mittleres 

Miethaus und 

Mafien- 

miethaus. 



97. 
Wohn- 
dichtigkeit. 



22 



28. 



arten. 



ftetig zu wachfen fcheinen, prägt fich der Unterfchied zwifchen den Städten mit 
Einzelhäufern und denjenigen mit Miethäufern deutlich aus. Wien und Berlin 
zählen durchfchnittlich in jedem Haufe 12 bis 15 Familienwohnungen I Im Jahre 
1900 waren 39 Vomhundert aller Berliner Wohnhäufer Mietkafernen mit mehr als 
2o Wohnungen. Die rheinifch-weftfälifchen Städte mit ihrem gemifchten Syftem 
und Stuttgart mit dem befprochenen »Pavillonfyftemc bilden in der mitgeteilten 
Reihe den Uebergang. 

Es kann nach dem Gefagten keinem Zweifel unterliegen, dafs das Einzelhaus 
NOt Tcidcf k€it * n fittlicher, gefundheitlicher, fozialer und künftlerifcher Beziehung vor jeder Art 
wohaung»- von Zinshaus den Vorzug verdient. Das Einfamilienhaus follte, wie Luthnter fo 
fchön fagt, das »Normalhaus« fein 6 ). Dadurch aber foll dem Etagenhaus, nament- 
lich in der Form des Bürgerhaufes, durchaus nicht die Berechtigung beftritten 
werden. Für die zahlreichen beweglichen VolksklafTen , welche, wie die meiften 
Mitglieder des immer der Verfetzung entgegenfehenden Beamtenftandes, ein eigenes 
Heim nicht zu erwerben in der Lage find, und für die fehr grofse Zahl von 
Farfiilien, deren Geldmittel zur Erwerbung oder Anmietung eines Einzelhaufes 
nicht ausreichen, ift das Stockwerkshaus ein Bedürfnis. Man wird fogar behaupten 
dürfen, dafs für unfere ftädtifchen Verhältniffe, wie fie fich leider durch den Bau- 
ftellenwucher, die Baufpekulation und die gewerbliche Entwickelung heraus- 
gebildet haben, das Miethaus praktifch noch weniger entbehrlich ift als das 
Einzelhaus. 

Wir ftreben fomit dem gemifchten Wohnungsfyftem zu. Nicht in dem 
Sinne, dafs wir empfehlen, das Einzelhaus dort, wo es noch Sitte ift, gedankenlos 
in feiner fchmalen Bauart immerfort zu wiederholen und durch Anbauten und 
Stockwerkauflatze zu vergröfsern , fo dafs das entftehende Zwitterhaus für eine 
Familie zu grofs, für mehrere Familien aber wegen der UnabgefchlofTenheit und 
Unfelbftändigkeit der Zimmergruppen ungeeignet ift — leider find Beifpiele diefer 
falfchen Entwickelung in den rheinifchen und belgifchen Städten zahlreich vor- 
handen — ; fondern in der Richtung, dafs Einfamilienhäufer und Miethäufer als 
ftreng unterschiedene Hausarten nebeneinander vorkommen. Es ift nicht auffallend, 
dafs die beiden Wohnungsformen, das »vertikale« und das »horizontale« Wohn- 
fyftem, wie man fcherzweife gefagt hat, tatfachlich in folchen Städten, welche der 
oben bezeichneten geographifchen Grenzlinie nahe liegen, fich zu durchdringen 
beginnen. In Lille, Cöln, DüfTeldorf, Dortmund gewinnt das Etagenhaus, haupt- 
fächlich infolge der Bodenfpekulation , leider immer mehr Boden; das oben mit- 
geteilte Steigen der Behaufungsziffer bezeugt dies. In Mannheim, Frankfurt, 
Hannover und anderen Städten fcheint das Einzelhaus fich mehr einbürgern zu 
wollen. Es follte das Beftreben aller Einfichtigen fein, das Maffenmiethaus zu 
bekämpfen, dagegen dem Bürgerhaufe und befoijders dem Einfamilienhaufe auch 
dort Eingang zu verfchaffen, wo die Gewohnheit und der Gefchäftsmarkt noch 
hindernd im Wege flehen. 

Die Entwickelung des nordamerikanifchen Wohnungswesens, fufsend auf der 
englifchen und holländifchen Gewohnheit des Einzelhaufes, zeigt für uns wenig 
wcfen. Nachahmungswertes , ift aber fehr lehrreich 7 ). Die Grundlage der Hausgeftaltung 
ift der 25 Fufs (= 7,6» m) breite, 100 Fufs (= 30,5 m) tiefe Bauplatz; es ift die 



29. 

Gemifchtes 
Syftem. 



30. 
Amerikanifches 



6) Siehe: Der Zeitgenoflc 1883, S. 139. 

7 ) Siehe: Centralbl. d. Bauvcrw. 1887, S. 211, 223. — Deutfche Bauz. 1884, S. 461. 




Amerikanifche Einzelhäufer. 
Fig. 37. 




~ncw 



Kleineres 

amerikanisches 

Einzelhaus. 




Amerikanifche TenemtHt-Hlxtet. 



Fig. 39- 

Miethaus (Appartment-houfi) an 
Strafsenecke zu New York. 



Fig- 38- 



(BT 



Kleineres 
amerikanifdies 

Einzelhaus. 




Fig. 40. 




Amerikanifches Miethaus {Fiat) mit kleineren Wohnungen. 



Bauteile des normalen »Dreifenfterhaufes«. Aus diefem normalen Einzelhaufe 

(Fig. 34 u. 3 g), welches (ich von dem europäischen durch gröfsere Ausnutzung 

der Tiefe des Grundftückes unterfcheidet , find nämlich einerfeits, um die Bau- 

koften zu vermindern und das Bewohnen von Einzel- 

häufem auch weniger bemittelten Familien zu ermöglichen, Fig. 41. 

noch ichmalere Einzelhäufer (Fig. 36 u. 38) derart ent- im«i»i-iMjir im 

wickelt worden, dafs aus zwei 25füfsigen Bauplätzen deren 

drei , oder aus drei normalen Plätzen vier gefchnitten 

wurden ; andererfeits aber hat man das 25 Fufs breite 

Gebäude als Etagenhaus eingerichtet (Fig. 37) oder aber 

durch Zufammenlegen mehrerer normaler Bauteilen Platz 

für geräumigere Miethäufer gefchaffen (Fig. 39 u. 40). 

Mufe fchon die allzu grofse Tiefenausnutzung der Einzel- 

hausgrundftücke und die dadurch hervorgerufene geringe 

Luftverforgung im Inneren der Häufer Bedenken erregen, 

fo ift die Umbildung des gewohnten Dreifenfterhaufes in 

ein Miethaus nach Fig. 35 mit je vier Wohnungen auf einem Stockwerk (das 

fog. TenemetU-koufe) noch tadelnswerter. Für kleinere Mietwohnungen bildet die 

ausgedehnte Anlage des Fiat in Fig. 40 mit Pförtner, Aufzug, gemeinfamen Räumen 

für Wafchzwecke , Heizung, Kinderfpiel und dergl. einen bedeutfamen Fortfehritt, 

obwohl auch hier die fchwache Verforgung mit Licht und Luft zu beklagen ift. 

Paffende Mietwohnungen für wohlhabendere Familien mit abgefchloffenen Gängen 

nach europäifcher Sitte, jedoch mit mehr zentraliuertem Wirtfchaftsbetrieb, bieten 

die grofsen Appartment-houfes\ Fig. 39 zeigt ein folches auf fpitzwinkeliger 

Strafsenecke. 

Auf die Geftaltung der amerikanifchen Stadtpläne fcheinen indes die Miet- 

" häufer bislang nur geringen Einflufs ausgeübt zu haben. Da die Normalbaufteile 

hergebrachterweife 100 Fufs (engl.) Tiefe bei 25 Fufs Breite befitzt, fo find die 



Amerikanifcher Häufer- 



25 



Blöcke faft durchweg rechtwinkelig mit einer Ausdehnung von 200 Fufs in der 
einen, 1000 Fufs in der anderen Richtung zugefchnitten (vergl. die Zufammen- 
ftellung der mitgeteilten Hausarten in Fig. 41). 

Obwohl die Einbürgerung des Miethaufes in Nordamerika neben dem ge- 
wohnten Einzelhaufe in gewiffer Hinficht als Fortfehritt zu begrüfsen ift, fo mufs 
doch hervorgehoben werden, dafs die Ausartungen des Miethaufes fich dort ftark 
bemerkbar machten. In New York find Zinshäufer entftanden, welche bei 
36 m Höhe 100 und mehr Wohnungen in 14 Stockwerken übereinander enthalten! 
Man hat gefucht, diefe Uebertreibungen durch neuere Baugefetze dadurch zu 
befchränken, dafs die zuläffige Höhe der Wohngebäude 24,38 m (= 80 Fufs) nicht 
überfchreiten darf, um dadurch dasfelbe zu erreichen, was in deutfehen, franzöfifchen 
und italienifchen Städten das Verbot bezweckt, mehr als fünf Wohngefchoffe über- 
einander zu errichten. Das Entftehen der fog. »Wolkenkratzerc ift aber dadurch 
nicht verhindert worden. Eine andere amerikanifche Entwickelung , welche auch 
in London und Paris fchon Eingang gefunden hat, ift die, dafs in einem grofsen 
Zinshaufe (Boarding-houfe) gemeinfehaftliche Erfrifchungs- und Wirtfchaftsräume, 
Kochküchen zur Bedienung aller Infaflen, gemeinfehaftliche Lefefäle und dergl. 
eingerichtet werden, alfo ein Mittelding zwifchen einem europäischen Miethaufe 
und einem Gafthofe gefchaffen wird. Auch die Verbreitung diefer Ausfchweifung 
möchten wir, im Intereffe des Familienlebens, der Kindererziehung und der fozialen 
Erhaltung, von unferen Städten ferngehalten wiffen. 

Europäifche Grundrifsbeifpiele von Einzelhäufern in gefchloffener Reihe find 
bereits in Fig. 28, 30 u. 32, ferner in Fig. 43 enthalten. Befonders die belgifchen 
Dreifenfterhäufer erfreuen fich der aufmerkfamften und dem Familienleben am 
meiften angepafsten Durchbildung im Inneren; eine ähnliche liebevolle Behandlung 
des Einzelhaufes in befcheideneren Verhältniffen finden wir in Bremen. Eigenartig, 
aber kaum nachahmenswert find die älteren holländifchen Häufer mit hinterein- 
ander gereihten Räumen auf fehr fchmaler und fehr tiefer Bauftelle 8 ). In London 
herrfcht leider in beklagenswerter Weife die Schablone vor; die immerwährende 
Wiederholung desfelben Haufes macht nicht blofs die Strafsen einförmig und lang- 
weilig, fondern hindert auch die individuelle Berückfichtigung der Familienbedürf- 
niffe im Inneren. Am Rhein, in den Münchener und Berliner Vororten wird die 
Ausbildung des Einfamilienhaufes im Inneren und Aeufseren auf anerkennenswerte 
Art gepflegt. 

Zinshäufer europäifcher Städte find in den Grundrifsbeifpielen Fig. 22 bis 27, 
29 9 ), 42, 44 bis 46 10 ), 47, 48 ll ) u. 49 vertreten. Der Stuttgarter Grundrifs zeigt 
zugleich die Anwendung des Zinshaufes bei offener Bebauung; derfelbe, fowie der 
Wiener Grundrifs (teilen auch die (liddeutfche Gepflogenheit dar, die Räume einer 
Wohnung um einen gemeinfehaftlichen Vorplatz (Diele) zu gruppieren, eine Bau- 
weife, die in neuerer Zeit auf die Privathäufer Norddeutfchlands mehr und mehr 
übertragen wird. In den Magdeburger und Berliner Grundriffen find die am Hofe 
liegenden fog. Berliner Eckzimmer, die Hintertreppen und der Hinterkorridor zu 
bemerken, an deren Stelle in Fig. 24 ein Balkongang getreten ift. Der Parifer 
Grundrifs in Fig. 27 ift in Vorder- und Hofwohnung, der Wiener, Hamburger und 

8) Vergl. : Allg. Bauz. 1883, S. 32 u. BI. 18. 

9) Nach: Centralbl. d. Bauverw. 1884, S. 299. 

10) Nach: Baugwks.-Ztg. 1886, S. 959. 

11) Nach: Deutfche Bauz. 1884, S. 381. 



3«. 
Ueber- 
treibungen. 



33. 
Europäifche 

Einzel - 
häufer. 



34- 
Europäifche 
Zinshäufer. 



■T 



'Miethaus mittleren 
Ranges zu Cöin. 



1 



fä 



L 



Hollindifches 
Einzelhaus. 







Miethaus belferen Ranges 
zu Cöln. 



Q- 



« 





Miethaus zu Hamburg. 
Fig. 48. 






J. - 



L^ 1 . 



5 



Eckhaus zu Paris. 



Zinshaus zu Budapeil"). 



Fig. 49- 




Madrider find in je zwei nebeneinander liegende 
Wohnungen geteilt. Uebrigens find Stockwerk- 
grundrifle, welche aus vier und mehr Wohnungen 
beliehen, keine Seltenheit. Die ungarifchen Grund- 
riffe zeigen den Binnenhof nach fudländifcher Sitte 
mit einem Umgange, von welchem die verfctüe- 
. denen Zimmer oder Wohnungen zugänglich find. 
Eckhaus zu Paris ^ er Magdeburger und die beiden Parifer Grund- 

,, w Cr rilTe in Fig. 47 u. 49 zeigen Grundrifle von Miet- 

• Wohnungen in Eckhäufern. Von den Cölner Grund- 
rillen hat der in Fig. 42 dargeftellte, für befcheidene Anforderungen beftimmte nur 
11,80 ™ Strafsenbreite; im übrigen find die Cölner und Stuttgarter Gefchofsgrund- 
rifle meift nur für je eine Familie beftimmt und entbehren gewöhnlich der Neben- 
treppen '*). 

Die Breite des Haufes an' der Strafse wird Frontbreite (öder Frontlänge) 
genannt. Die Frontbreite des eingebauten Einzelhaufes beträgt in den mitgeteilten 
Beifpielen wenigstens 4,so m ; in alten Städten kommen allerdings noch geringere 
Breiten vor. In der Regel fchwankt indes das Breitenmafs bei dreifenftriger Alllage 
zwifchen 6,ao und 10,oo m , bei vierfenflriger Anlage zwifchen 9 und 13 m . Die Tiefe 
des eingebauten Einzelhausgrundftückes (Haustiefe plus Hof und Garten) mag 
zwifchen 20 und 60™ wechfeln; meiftens beträgt fie 28 bis 35 m . Eigentliche herr- 

Fig. 50. 



Block mit Arbeiterwohnungen zu Berlin. 

fchaftliche Einzelhäufer verlangen, wie bei offener fo auch bei gefchloflener Be- 
bauung, gröfsere Bauftellen als die angegebenen. 



28 



36- 
Ausnutzung 

tiefer 

Grundftücke. 



Fig. si. 

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Die Abmeffungen der Baugrundflächen für Zinshäufer find naturgemäfs gröfser 
als diejenigen für Einfamilienhäufer, weil alle Bedürfnifle der Familie in einer 
Ebene befriedigt werden muffen. Der Typus, welcher in den Hausgrundriffen 
einer Stadt vorwiegt, beherrfcht auch die Bildung der 
Bauteilen und Blöcke. Je nachdem in die Frontbreite 
des Haufes fich zwei Wohnungen auf jedem Stock- 
werk teilen oder aber die Strafsenfront nur von einer 
Wohnung eingenommen wird, betragen die Haus- 
breiten 9 bis 40 m , im Mittel etwa 18 m . Die Grund- 
ftückstiefen find in ebenfo weiten Grenzen verfchieden. 
Da der Garten für ein Miethaus Nebenfache ift, auch 
wegen der gewöhnlich fehr hoch aufgeführten Ge- 
bäude fchwieriger gedeiht, fo darf man folgern, dafs 
für Miethäufer geringere Grundflückstiefen mehr zweck- 
mässig find wie für Einzelhäufer. Andererfeits aber 
können die zuläffigen gröfseren Flügelbauten beim 
Miethaufe wegen des vermehrten Bedarfes an Zimmern 
tiefer ausgenutzt werden als beim Einzelhaufe. Das 
Grundftück befteht deshalb in der Regel aus Vorder- 
haus, Seitenflügel, Hintergebäude und Hofraum ohne 
Garten (Fig. 50). Bei fehr tiefen Grundftücken kann 
das Syftem der Seiten- und Hinter- oder Querge- 
bäude, zum Nachteil der Bewohner, beliebig oft 
wiederholt werden. In Berlin z. B. gibt es Fälle, 
wo fünf Hofräume und 'Quergebäude hintereinander 
folgen und mehr als 200 Familien auf demfelben 
Grundftück wohnen (Fig. 51 18 ). Diefe hohe Zahl der 
Wohnungen ift begreiflich, wenn man bedenkt, dafs 
der beffer geftellte Teil der Bevölkerung folche ab- 
fcheuliche Unterkünfte verfchmäht, dafs daher die 
ganze Gebäudegruppe in kleine und kleinfte Woh- 
nungen eingeteilt ift! Wenn darum für Zinshäufer 
30 bis 40 m eine normale Grundftückstiefe fein mag, 
fo kommen doch auch Tiefen von 15 und bis 100 m 
vor, letztere nicht zum Segen der Einwohnerfchaft. Acker-sirasse 

Allzu grofse wie allzu kleine Grundflückstiefen Tiefes Grundftück mit Arbeiter- 
find zu vermeiden : die letzteren, weil fie den Bauherrn Wohnungen zu Berlin, 
oder Bauunternehmer nötigen, fich mit der geringften 1 hooo *■ Gr. 
zuläffigen Hoffläche zu begnügen; die erfteren, weil auch bei fehr ausgedehnter 
Fläche die polizeilich erlaubte dichtefte Bebauung zur Steigerung der Rente nicht 
ausgefchloffen ift. 

Wo das Baufyftem des Einfamilienhaufes herrfcht, find Grundflückstiefen bis 
zu 40 m erwünfcht, weil fie die Anlage eines Gärtchens begünftigen; gröfsere 
Tiefen, felbft bis zu 60 und 70 m , find wohl im Geldpunkte, doch kaum in anderen 
Beziehungen bedenklich, wenn die Hinterflächen nur zu Garten- oder Gefchäfts- 
zwecken verwendet werden. Die Beforgnis, das Innere folcher tiefer Baublöcke 




13 ) Vcrgl.: Berlin und feine Bauten. Berlin 1877. Teil II, S. 450. 



29 



Fig. 52. 



37- 
Eck- 



könne demnächft zu gewerblichen Anlagen, Lagerhäusern oder dergl. benutzt 
werden, hält indes meift von der Schaffung derfelben ab. Ausnahmsweife findet 
man bei fehr grofser Grundftückstiefe in hübfcher Weife den Hinterteil des Grund- 

ftückes zur Errichtung befonderer Gartenwohnungen be- 
nutzt (Fig. 52). Dafs es beffer ift, durch mäfsigere Be- 
meffung der Blöcke eine folche künftliche Ausnutzung 
entbehrlich zu machen, jedem Haufe vielmehr eine 
Strafsenfront zuzuweifen, liegt auf der Hand. 

Eckgrundftücke verlangen auch beim Einfamilien- 
fyftem längere Strafsenfronten als die gewöhnlichen ™^ C ft ücke 
Frontbreiten der Einzelhäufer. Immerhin aber wird das 
Eckgrundftück in der Regel des Gartens entbehren 
muffen und daher für ein Einfamilienhaus wenig ge- 
eignet fein. Beffer eignen fich dagegen die Eckgrund- 
ftücke für Miethäufer (vergl. Fig. 23, 39, 47 u. 49), weil 
die erhebliche Frontenausdehnung die Anlage zahlreicher 
Zimmer in einer Gefchofsebene an der Strafse ermög- 
licht, unter Einfchränkung der Zahl derjenigen Zimmer, 
welche von dem kleinen Hofe aus erhellt und gelüftet 
werden, oft fogar unter gänzlicher Vermeidung derfelben; 
ftets aber wird das Fehlen eines ausgiebig grofsen, freien 
Hofraumes die Annehmlichkeit des Wohnens erheblich, 
beeinträchtigen. 




mm 






iv- ■■■ < . ... 







'■'/,\ 



Vorderhaus 

mit 
Durchfahrt. 

«• 3i 4i 5: 
Gartenhäufer. 



c) Art der Bewohner. 

Aus der Vermögenslage, der gefellfchaftlichen 38. 
Stellung, der Erwerbstätigkeit der Bewohner folgt eine ^cr** "* 
weitere wefentliche Verfchiedenheit der Wohnhäufer und 



Bewohner. 



|irt(R 



Baugrundftücke, wenn diefelbe auch nicht fo fcharf 
ausgeprägte Typen hervorgerufen hat. Der Palaft des 
Fürften oder Millionärs, das Privathaus des reichen 
Mannes, das Ladenhaus, das Wirtshaus, der Gafthof, 
das Handwerkerhaus mit Werkftätte, das Handlungshaus 
mit Kontoren und Lagerräumen, die Fabrik, das Ar- 
beiterwohnhaus und fonftige Häuferarten verlangen die 
Tiefes Grundftück mit Garten- Erfüllung anderer Rückfichten als die nur für bürger- 
häufern zu Altona. liehe Wohnungszwecke ohne eigentliche Geschäftsräume 

beftimmten Einzel- und Stockwerkshäufer. Alle diefe 



«•man Ali«« 



1000 



w. Gr. 



Rückfichten können hier nicht erfchöpfend dargelegt werden; wir muffen uns darauf 
beschränken, einzelne Gefichtspunkte hervorzuheben, die auf die Stadtanlage von 
Einflufs fein können. 

Der Palaft und das vornehme Privathaus beanfpruchen einerfeits fehr ge- 
räumige Baugrundftücke, andererfeits eine bequeme Lage zum ftädtifchen Verkehre 
und eine befonders fchöne Ausftattung der Strafse. Die Baugrundftücke muffen 
die Anlage eines Vorhofes (Ehrenhofes), die Einrichtung von Gärten, Stallungen 
und Remifen, wenn möglich mit befonderen Einfahrten von Seiten- oder Neben- 
ftrafsen, zulaflen. Die Strafsenanlage mufs fchon im Stadtplan als eine vornehme 



39- 
Vornehme 

Wohn- 
häufer. 



30 



40. 

Mittlere 

Wohn- 

häufer. 



4». 
Laden- 
häufer. 



42. 

Gafthöfe 

und 

Wirtshäufer. 

43- 
Handwerker- 
und 
Handlung»- 
häufer. 



44- 
Fabriken. 



45- 
Arbeiter- 
wohnungsnot. 



entworfen, d. h. mit Baumreihen, mit gärtnerifchem und künftlerifchem Schmuck 
ausgeftattet fein, erhebliche Breitenmafse, womöglich auch landfehaftliche Reize 
befitzen und weite Ausfichten geftatten, zugleich aber in der Nähe der bedeut- 
famften Gefchäftsftrafsen und Erholungsftätten fich befinden. 

Herrfchaftliche Wohnhäufer geringeren Ranges, Häufer für Rentner, höhere 
Beamte und fonftige Angehörige des belferen Mittelftandes verlangen eine weniger 
hervorragende Lage. Stille, nicht zu entlegene Strafsen, welche keinen oder ge- 
ringen Frachtverkehr, möglichft aber Spazierverkehr haben, find für die fragliche 
Häuferart befönders geeignet, Vorgärten, halboffene und offene Bauweife für die- 
selbe befonders empfehlenswert. 

Dagegen find umgekehrt Ladenhäufer und andere Gefchäftshäufer vornehmlich 
auf Hauptverkehrsftrafsen angewiefen. Die Verkaufswaren werden feiner, die Läden 
aufwandvoller, je mehr man von aufsen in den Stadtkern eindringt: auf den Tor- 
ftrafsen Gefchäfte für die zur Stadt kommenden Landbewohner, im Herzen der 
Stadt Schmuck-, Gold- unji Kunftgegenftände. Bevorzugt für Ladenzwecke find 
ftets die Eckgrundftücke der Baublöcke, bei welchen die Augenfälligkeit, die lange 
Frontenentwicjcelung, die weitgehende Ausnutzungsfähigkeit des Bodens für die An- 
ordnung von Schaufenftern, für das Anbringen von Firmenschildern und Gefchäftsan- 
zeigen, für die anziehende Ausflellung der Waren von entfeheidendem Vorteile find. 

Auch Gafthöfe und Wirtshäufer (Reftaurants, Cates, Konditoreien) fuchen die 
Hauptverkehrsftrafsen, die »Geschäftslage«, auf. Eckhäufer find für diefe Zwecke 
beliebt, grofse Grundftückstiefen für Gafthöfe und Reftaurants nicht ungeeignet. 

Für Handwerkerhäufer und Handlungshäufer find grofse Grundftückstiefen ein 
Erfordernis wegen der Werkftätten und Lagerräume. Die Lage an der Hauptver- 
kehrsftrafse ift zwar entbehrlich; eine bequeme Zufahrt und eine nahe, gute Verbin- 
dung mit allen ftädtifchen Verkehrsanlagen ift aber wefentliche Bedingung. Von 
befonderem Werte ift die Zugänglichkeit von zwei Strafsen, nämlich der Wohnungen 
von einer Hauptftrafse, der Höfe, Lager, Kontore und Werkftätten von einer im 
paffenden Verkehre liegenden Nebenftrafse. Zum Teile hierauf ftützt fich die Zweck- 
mäfsigkeit des befonders in englifchen und amerikanifchen Städten zu beobachtenden 
Wechfels in der Breite, in der Ausftattung und im Range paralleler Strafsenzüge. 

Die Fabrik verlangt mehr Raum zur Entwickelung ihrer" Baulichkeiten als ge- 
wöhnliche Wohn- oder Gefchäftshäufer. Für Fabriken und ähnliche gewerbliche 
Anftalten bedarf daher der Stadtplan grofser, ausgedehnter Blöcke in paffender 
Gegend, wo gute und geeignete nahe Verbindungen, wenn möglich unmittelbare An- 
fchlüffe zu Eifenbahnen und Wafferwegen gefiebert und Arbeiterwohnungen in der 
Nachbarfchaft vorhanden oder zweckmäfsig zu errichten find, aus örtlichen Gründen 
der Landpreis aber noch mäfsig ift. Läfst man in folchen Teilen der Stadt- 
erweiterung die zwifchen den nötigen Hauptverkehrsftrafsen fich bildenden Land- 
blöcke noch ungeteilt und fucht die fonftigen Anforderungen an den Stadtbauplan 
in anderen Teilen des Geländes zu befriedigen, fo kann man das übrige der natür- 
lichen Entwickelung anheimgeben. 

Die Sorge für Arbeiter Wohnungen 14 ) ift bei der Erweiterung der Städte die 
fchwierigfte und vielleicht auch die bedeutfamfte; fie follte umfo ftärker fein und 



") Unter Hinweis auf die einfehlägigen Kapitel in Teil IV, Halbband 2 , Heft x diefes »Handbuches« und auf die 
bezüglichen Literaturangaben am Schluffe diefes Kapitels feien aus der reichhaltigen Literatur über Arbeiterwohnungen hier 
befonders hervorgehoben : 



3* 

umfomehr zur Tätigkeit anregen, je mehr die Klagen des ohnehin an Unzufrieden- 
heit krankenden Arbeiterftandes über die Wohnungsverhältniffe begründet find. In 
grofsen Städten find die Arbeiter vielfach einem Wohnungswucher preisgegeben-, 
der fie zu immer weiterer Einfchränkung ihres Wohnungsbedürfniffes zwingt. Die 
Zahl der im IV. Obergefchofs und höher liegenden Wohnungen hat fich in Berlin 
von 1861 bis 1880 verneunfacht; fie betrug 1900 faft 18 Vomhundert aller Woh- 
nungen, in Dresden 16 Vomhundert, in Düffeldorf nur 1,» Vomhundert. Die 
Wohnungen mit nur einem heizbaren Zimmer bildeten in Berlin 49, in Dres- 
den 42, in Breslau 46, in Königsberg 50 Vomhundert aller Wohnungen. Die Zu- 
ftände in den grofsen Mietkafernen für Arbeiterfamilien, wo oft zahlreiche Familien 
an demfelben Flurgang in je einem oder zwei Räumen wohnen, find in vielen 
Fällen mitleiderregend. Für Licht und Luft, für Reinlichkeit, Entwäfferung und 
Aborte ift häufig fchlecht geforgt. Die Schar der Kinder ift auf die halbdunklen 
Flurgänge, auf die engen und hoch umbauten Höfe und auf die Strafse ange- 
wiesen! Die Eltern können fich ihrer Häuslichkeit nicht freuen; Wirtshausleben, 
Unfittlichkeit, Verbrechen find die Folgen. Es ift ein unangenehmes Gefchäft, 
Arbeiterwohnungen zu vermieten. Daher wird von wohlmeinenden Privaten nur 
feiten Kapital in folchen Häufern. angelegt. Auch die Baufpekulation ift zu folchen 
Unternehmungen wenig geneigt, weil es fchwierig ift, für Arbeiterkafernen Käufer 
zu finden. So kommt es, dafs das Gefchäft der Vermietung kleiner Wohnungen 
leicht in Hände fallt, die ein halbes oder ganzes, zuweilen recht hartes Wucher- 
geschäft daraus machen. Die Miete pflegt einen umfo höheren Prozentfatz vom 
Einkommen zu bilden, je kleiner das letztere ift! 

Die Abhilfe ift fchwierig. Aufser den gefetzlichen und polizeilichen Vor- 4 6. 
fchriften über die gefundheitliche Einrichtung der Wohnhäufer, aufeer einer geord- 
neten Wohnungsaufficht (beffer Wohnungspflege) ift es die Frage, wer für an- 
gemeflene Arbeiterwohnungen forgen foll und wie fie einzurichten find. Die Für- 
forge kann von der Gemeinde, von einzelnen Grofsgewerbetreibenden , von Bau- 
genoflenfchaften und von gemeinnützigen Aktiengefellfchaften oder Stiftungen 
getroffen werden. Die Gemeinden haben feither im allgemeinen nicht viel auf 
diefem Gebiete geleiftet; rühmend anzuerkennen ift aber die Tätigkeit von Ulm, 
Freiburg i. B., Frankfurt a. M., Düfleldorf und einigen anderen Städten. Dagegen 
ift die Zahl der Arbeitgeber, welche ihre Arbeiter mit Wohnungen verforgten, eine 
fehr grofse; Dolfus in Mülhaufen i. E., Krupp in Eflen, die preufsifche Staatsbahn- 
verwaltung, die preufsifche Bergwerksverwaltung zu Saarbrücken, der Bochumer 
Verein für Bergbau und Gufsftahlfabrikation (fiehe Fig. 65), Schöller- Mevijfen 
& Bücklers in Düren, Feiten & Guilleaume in Cöln flehen mit in erfter Reihe. Immer 
zahlreicher werden erfreulicherweife in jüngfter Zeit die mit dem Bau von Klein- 
wohnungen fich befallenden Genoflenfchaften (Bauvereine), gemeinnützigen Aktien- 



Schmollkr. Ein Mahnruf in der Wohnungsfrage. Jahrb. f. Gcf. , Verw. u. Volkswirtfch. im Deutfchen Reich 1887, 

Heft a, S. 1. 
Kalls, F. Die Wohnungsgefetzgebung. Gegenwart, Bd. 32, S. 33. 
Die Arbeiterwohnungsfrage. Wochbl. f. Baukde. 1887, S. 45z. 
Die Ausftellung von »Entwürfen zu kleinen, billigen Famiüenhäufern für Arbeiter, Unterbeamte, Werkmeifter« u. f. w. 

Deutfche Bauz. 1889, S. 325. 
Trüdi.nger, O. Die Arbeiterwohnungsfrage und die Beftrebungcn zur Löfung derfelben etc. Jena 1889. 
Verhandlungen des Deutfchen Vereins für öffentliche Gefundheitspflege zu Frankfurt 1888 und Strafsburg 1889. Deutfche 

Viert, f. off. Gefundheitspfl. 2889, S. x ; 1890, S. 20. 
Stubben, J. Rheinifcher Klein Wohnungsbau. Deutfche Bauz. 1904, S. 167, 198, 214, 243, 245. 
Heflifcher Zentralverein zur Errichtung billiger Wohnungen. Preisgekrönte Entwürfe von Kleinwohnungen. Darmftadt 1905. 



Abhilfe. 



32 



47- 

Ein- und 

Zweifamilien- 

häufer. 



48. 
Miethäufer. 



Fig. 53. 




Arbeiter- 
wohnhaus für 
eine Familie. 



l l60» 



Gr. 



gefellfchaften und Stiftungen. Diefe Vereine und Gefellfchaften in ihrem fegens- 
reichen Wirken zu unterftützen, ift eine vornehme Pflicht der Staats- und Gemeinde- 
verwaltungen. 

Die Bauart des Arbeiterhaufes entwickelt fleh viel mehr in der Richtung zum 
Miethaufe als zum Einfamilienhaufe. So menfehenfreundlich das Ziel ift, den 
Arbeiter allmählich zum Eigentümer werden zu laßen, fo ift dies doch, wie mehrere 
Beifpiele, auch das Mülhaufener, gezeigt haben, mit manchen Bedenken verknüpft. 
Der Arbeiter bindet fleh durch den Hauskauf an ein gewerbliches Werk unter 
Umftänden fefter, als es ihm zuträglich ift. Als Eigentümer beginnt 
der Arbeiter zu vermieten wie jeder andere, und die alten Mifsftände 
der Uebervölkerung , des Schlafgängerwefens u. f. w. treten wieder 
ein. Auch wiflen andere ihm das Haus abzukaufen und dann felbft 
den Wohnungswucher zu treiben. Dennoch ift in ländlichen Fabrik- 
orten und in der Umgebung grofser Städte die durch Arbeitgeber, 
Genoflenfchaften oder gemeinnützige Gefellfchaften zu betreibende 
planmäfsige Errichtung kleiner Einzelhäufer für Arbeiterfamilien mit 
etwas Garten und womöglich mit einem kleinen Acker, ja die Er- 
richtung ganzer Arbeiteranfiedelungen , aus Ein- und Zweifamilien- 
häufern beftehend, lebhaft zu begrüfsen, wenn gegen den Eintritt 
der erwähnten Mifsftände durch wirkfame Verkaufs- und Vermietungs- 
bedingungen Vorbeugung getroffen wird. Fig. 53 zeigt das Erdge- 
fchofs eines folchen Arbeiterwohnhaufes der »M.- Gladbacher Aktien- 
Baugefellfchaftc ; nur die beiden Vorderräume find mit Dachftuben 
überbaut. Je zwei Häufer bilden eine Gruppe; auf jede Wohnung entfallen wenig- 
ftens 114 Q m Bodenfläche. 

Andere Beifpiele find in Fig. 54 u. 55 dargeftellt. 
Fig- 56, 57 u. 58 zeigen die Vereinigung derartiger 
Arbeiterwohnhäufer zu ganzen Blöcken und Kolonien. 

Für das Innere der Städte und namentlich 
Grofsftädte ift indes diefe Wohnungsart ungeeignet, 
fowohl wegen des zu teueren Bodens als wegen der 
anders gearteten Arbeiterfchaft. Hier handelt es fich 
um die Schaffung zweckdienlicher Miethäufer mit mög- 
lichft felbftändig gruppierten kleinen Wohnungen. 
Am Werkftättenbahnhof Leinhaufen bei Hannover 
wurde als Bedürfnis einer Arbeiterfamilie eine Stube 
von 20, eine Kammer von 12 und ein Küchen- oder 
Flurraum von 11 qm angefehen. In den meiften Grofs- 
ftädten ift das Wohnbedürfnis der Arbeiter, je nach 
dem höheren Lohn und nach der Kopfzahl der Fa- 
milie, mit zwei bis drei heizbaren Räumen völlig be- 
friedigt. Bei der einen Familie würde das Hinzu- 
fügen eines dritten, bei der anderen dasjenige eines 
vierten Raumes nicht blofs entbehrlich fein, weil das 
Bedürfnis und das Mobiliar dafür fehlt, fondern mit- 
unter fogar nachteilig, weil Aftervermietung oder 
Schlaf burfchenwirtfehaft dadurch begünftigt wird. Ein 



Fig. 54. 




Arbeiterhaus für eine Familie. 



Fig. 55- 




(SO 



Arbeiterhaus für 2 Familien. 



Teilblock in Gruppenbauweife. 
Fig. 57. 




Arbeiterwohnungen in offener Bau weife zu Bergtfch-Gladbach. 
Fig. 58. 




4 


t 


^ E^ rj3 E^i g^j' 


um 


Ei 


aU| 



m 



Arbeiterkolonie zu Guftavsburg bei Mainz. 

. IV, j. fn, Aufl ) 



befonderes Gärtchen ift umfomehr entbehrlich, als der ftädtifche Arbeiter dasfelbe 
nicht zu bewirtfchaften verlieht. Ebenfo wird dem befonderen Küchenraum meift 
die Wohnküche vorgezogen; dagegen ift ein eigener Abort notwendig. 

Die Frage, wie viele folcher kleiner Wohnungen in einem Haufe zu ver- 



einigen find, ift nach 
den Örtlichen und Preis- 
verhältniffen zu be- 
antworten. In äufseren 
Stadtteilen , wo noch 
der Bodenpreis mäfsig 
ift, wird das Vierfami- 
lienhaus, je zwei Woh- 
nungen im Erd- und 
Obergefchofs enthal- 
tend, ausführbar und 
empfehlenswert fein, 
wie es fchon vom Prin- 
zen Albert auf der Lon- 
doner Weltausftellung 
im Jahre 1851 ausge- 
ftellt war. Das frei- 
ftehende Achtfamilien- 
haus, im Erd- und Ober- 
gefchofs über Kreuz in 
je 4 Wohnungen ge- 
teilt, zeigt eine ähnliche 
Anordnung (Fig. 59 
u. 60); auf jede Woh- 
nung entfällt hierbei 
immer noch eine Bo- 
denfläche von 64 Q 1 " . 



Fig- 59. 






Fiß. 61. 



Vierteiliges Haus 



1 Arbeite. 
in jedem 



.von nun gen 
Gefchofs. 



Offener Block 



Arbeiter- 
u'ohnhäufern. 



Klein lies 
Stock werksmiet- 

haus für 
Arbeiterfamilien. 



r 






Stockwerkshäufcr für Arbeitcnvohnunger 



Leicht verlangt deshalb die Verzinfung des Boden- und Herde! lungspreifes folcher 
Häufer eine fo hohe Miete, dafs der Zweck vereitelt wird. 
fparen, ift man hiernach meift genötigt, die Häufer in ge- 
fchloffenen Reihen mit gerne infchaftlichen Scheidemauern an- 
einander zu bauen, fie mit einem II. und III. Obergefchofs 
zu verfehen, alfo die Baukoften und die Gröfse der Land- 
fläche für die einzelne Wohnung zu vermindern (Fig. 61 
bis 63). Mehr als 12 Familien Tollten aber in einem Haufe 
nicht untergebracht werden. 

Artet das begründete Beftreben, Land- und Baukoften 
einer Arbeiterwohnung tunlichft zu ermäfsigen, dahin aus, dafs 
in jedem Gefchofs in Seiten- und Hintergebäuden, an Höfen 
und Gängen fo viele Wohnungen oder vielmehr Räume an- 
einander gereiht werden, als polizeilich zugelaffen wird; fällt 'Ismo »■ Gt - 
ferner die Sorge für möglichfte Abtrennung der einzelnen Wohnungen, Anweifung 
befonderer Aborte, Keller- und Bodenräume fort; wird fchliefslich ein Hausverwalter 



Um an Koften zu 
Fig. 64. 



Gefchluffener bebauter 
Block von 

A 1 1 '■t.-itfj ru uhnhäufern. 



35 

angeftellt, der als wefentliche Aufgabe nur das Herauspreffen einer tunlichft hohen 
Rente kennt, der unnachfichtlich die Vorausforderung der Miete, die Pfändung und 
Ausweifung betreibt: fo werden die Arbeiterfamilien oft in einzelne Kammern ohne 
Wahl zufammengepfercht, und es zeigt fich das ganze Elend der modernen grofs- 
ftädtifchen Arbeiterkafernen. Fig. 51 ift hiervon nur infofern ein ungewöhnliches 
Beifpiel, als die übertrieben grofse Grundftückstiefe zur Errichtung der zahlreichen 
Hintergebäude geführt hat. Ein laut mahnendes Zeichen der Wohnungsverfchlech- 
terung ift die Tatfache, dafs in Berlin während einer fünfjährigen Zählperiode die 
Bewohnerfchaft der Hinterhäufer fich um ein Drittel vermehrte, während die Ein- 
wohnerzahl der Vorderhäufer nur um ein Achtel zunahm 16 )! 

Diefe ausartende Entwickelung zu bekämpfen, ift Aufgabe der Gemeinden, 51. 
Genoffenfchaften und gemeinnützigen Gefellfchaften, welche für die grofsftädtifche m ^^ n J ln 
Arbeiterbevölkerung forgen wollen. Sie muffen kleinere Miethäufer in der Stadt- 
erweiterung und gröfsere im Stadtinneren errichten, einesteils um recht vielen 
Arbeiterfamilien angemeffene, menfchenwürdige Wohnungen zu mäfsigen Mietpreifen 
darzubieten, anderenteils um durch den Wettbewerb die Eigentümer jener Miet- 
kafernen zu Preisnachläffen und baulichen Verbefferungen zu nötigen. Vielleicht 
ift diefer mittelbare Nutzen gröfser als jener unmittelbare. Reicht derfelbe aber, 
wie anzunehmen ift, zur Befeitigung der fchlimmen Notftände noch nicht aus, fo 
mufs gleichzeitig die Gefetzgebung und die ortspolizeiliche Regelung die anerkannt 
fchlechten Wohnungen unterdrücken und an neu einzurichtende ftrenge Anforde- 
rungen ftellen. In England ift man in diefem Sinne mit den Torrens-Acts und 
Crofs-Acts zuerft vorgegangen. Für Deutfchland hat auf MiquePs Anregung der 
»Deutfche Verein für öffentliche Gefundheitspflege« die gefetzliche Feftftellung der 
(im Anhang des vorliegenden Halbbandes mitgeteilten) Mindeftanforderungen zum 
Schutze des gefunden Wohnens beantragt. Wohnungsgefetze find inzwifchen in 
verfchiedenen deutfchen Staaten erlaffen oder in Vorbereitung; auch im Deutfchen 
Reichstag wird die Wohnungsfrage immer wieder angeregt. Je fchärfer aber Gefetz 
und Polizei das Schlechte verhindern, defto tätiger mufs andererfeits Gutes ge- 
fchaffen werden. 

Miethäufer von drei oder vier Gefchoffen mit ein bis drei abgetrennten Woh- 5*. 
nungen in jedem Stockwerk bilden die eine, grofse Blockhäufer die andere, be- ^ uiiiÜM „ m 
fonders von gemeinnützigen Baugefellfchaften zu fördernde Form der Arbeiter- 
wohnungen. Die Errichtung der englifchen Block-buildings , welche meift einen 
ganzen, von vier Strafsen umgebenen, mit geräumigem Binnenhof verfehenen Block 
einnehmen, beruht darauf, dafs billige Wohnungen im Inneren der Stadt nur durch 
grofse, vier- oder funfgefchoffige, zum Teile mit Läden ausgenutzte Bauten erzielt 
werden können. Nach Schmoller ift man in England beftrebt, die fämtlichen Zu- 
gänge bis zur Abfchlufstür der einzelnen Familienwohnung fo frei zu legen, dafs fie 
ftets von der Strafse oder vom Hofe aus überfehen werden können; die Treppen 
liegen im Freien; die Höfe find von freien Galerien nach italienifcher Sitte um- 
rahmt; die Gemeinfamkeit von Aborten ift befeitigt; andere Gemeinfchaftlichkeiten 
find auf das geringfte Mafs befchränkt. Die hinfichtlich Sittlichkeit, Gefundheit, 
Familienleben und Sterblichkeit in diefen Block-buildings erzielten Ergebniffe find 
überrafchend, ftrenge Hausordnung, wöchentliche Einziehung der Miete und pünkt- 

l*) Siehe: Wasserfuhr, H. Die Gefundheitsfchädlichkeiten der Bevölkerungsdichtigkeit in den modernen Miets- 
häusern etc. Deutfche Viert, f. off. Gefundheitspfl. 1886, S. 185. 



36 

liehe Verwaltung dabei allerdings unentbehrlich. Derartige Blockgebäude find in 
neuerer Zeit auch in Berlin, Dresden, Leipzig mit gutem Erfolge errichtet worden. 
S3 In Deutfchland beginnt es fich überall in der Arbeiterwohnungsfrage zu regen, 

Lofiuhaufer. hoffentlich mit den bellen Erfolgen. Diefe können nur dann vollftändig fein, wenn 
es zugleich gelingt, das Aftermietwefen und die Schlafgängerwirtfchaft durch ge- 
fetzliche und polizeiliche Befchrankungen , fowie durch Errichtung von befonderen 

Fig. 65- 




.....rr 



Si 1 7 1 -1- 



Arbeiteranfiedelung Stahlhaufen bei Bochum. 



Wohn- und Schlafgebauden für Unverheiratete tunlichft zurückzudrängen. Arbeiter- 
kafernen oder Arbeiterherbergen in diefem Sinne können nur fegensreich wirken. 
Ein vortreffliches Beifpiel hierfür ift das von dem fchon genannten Bochumer 
Verein errichtete Koft- und Logierhaus für 1500 unverheiratete Arbeiter 16 ). Lujo 
Brentano bezeichnete die Errichtung zahlreicher derartiger Logierhäufer als das 



37 

Wichtigfte in der Wohnungsfürforge für die arbeitenden Klaffen, weil das Schlaf- 
gängerunwefen am bellen dadurch bekämpft wird. 

Es wäre ein Fehler, wollte man in der Stadt oder im Stadterweiterungsplane 
die Arbeiterwohnungen an einem Funkte zu fammen drängen. Schon das tägliche 



■f Di ■» 



^_jf_. 



Arbeite ranfiedelung im Agnetapark zu Delft. 

C. D i reit t urw oh nuo(. F. KindcrfpLelplalz. 

und D. Gemdndtfchule. G. Mufikielt. 



Lebens- und Befchäftigungsbedürfnis verlangt die Mifchung der Klarten. Es ift 
zwar nicht nötig, dafs die Mifchung fogar im einzelnen Haufe ftattfindet (wie in 
Berlin) oder dafs die Mifchung gar künftlich herbeigeführt wird; wohl aber finden 
fich in faft allen Stadtteilen geringwertige Lagen, in welchen die Schaffung von 



Arbeiterwohnhäufern zu mafsigen Mietfätzen möglich, zweckentfprechend und von 
den Behörden zu begünftigen ift. Ueberall ift den hierzu beftimmten Baugrund ftücken 



eincTnicht zu grofse Tiefe zu geben, damit die unerfreulichen Hof- und Hinter- 
gebäude nach Möglichkeit vermieden werden, 

Das kleine Arbeitermiethaus mit nur einer Wohnung auf jedem Stockwerk 
beanfprucht eine Bauftelle von 5,so bis 6,nu m Frontbreite bei 17 bis 22 m Tiefe. 
Ein Haus mit zwei Wohnungen in jedem Gefchofs, welche von derfelben Treppe 
zugänglich find, verlangt, wenn beide Wohnungen an der Strafse liegen follen, 
fchon 10 bis 12 m Front bei 18 bis 22 m Tiefe. Durch Anbauten und Flügelbauten 



1 c~~ 

1:3009 



Arbeiterkolonie der 



Solvay - Werke. 

Kallmtyir. 



läfst (ich natürlich die Zahl der Wohnungen vermehren, wenn die Tiefe eine 
gröfsere ift, jedoch nicht zum Vorteil der Sache. Somit find für Arbeiterwoh- 
nungen geringe Blocktiefen von zweimal 17 bis 22, d. h, 35 bis 45 m Tiefe er- 
wünfcht. Die Tiefe von 35 m und etwas mehr pafst auch für das offene Baufyftem 



4P 

von Arbeiterwohnhäufern mit vierteiligem Grundrifs und zwei bis drei Gefchoffen 

(Fig- 59 u - 6°)- Ebenfo find für den Bau grofser Arbeitermiethäufer und ganzer 

Blockgebäude folche Blocktiefen zu empfehlen, welche viel Luft und Licht an 

den Strafsenfronten und eine gemeinfchaftliche oder geteilte Hoffläche im Inneren 

des Blockes von ausreichender Gröfse gewährleiften. 

56. Beifpiele ganzer Arbeiteranfiedelungen in der Nähe der Stadt und der Arbeits- 

AAdter- ^ e ^ e zeigen Fig. 65 bis 68, auch Fig. 58. 
anfiedeiungen. Die Kolonie Stahlhaufen befteht aus vierteiligen Wohnhäufern (zum Teile mit Stallungen), 

Konfumanftalt, Kinderbewahrhaus und Kinderfpielplatz. — Die Arbeiteranfiedelung im Agnetapark 
zu Delft wurde vom Arbeitgeber van Marken auf genofTenfchaftlichem Wege in das Leben ge- 
rufen; fie befteht aus vierteiligen und Einzelhäufern in ungemein anfprechender Anordnung und 
ift mit den Gemeinfamkeitsanftalten ausgeftattet, welche in Fig. 66 näher bezeichnet find. — 
Auch in Fig. 67 (ATrw//'fche Kolonie) u. 68 (Solvay-KsAori\€) find die gefalligen Strafsenzüge und 
die Anordnung der Hauptgebäude bemerkenswert, in Fig. 68 ferner der umrahmte Marktplatz 
und der Wechfel von freiftehenden, Gruppen- und Reihenbauten. 



Literatur. 

Bücher über »Wohnungsfrage im allgemeinen«. 

Eitelberger, R. & H. Ferstel. Das bürgerliche Wohnhaus und das Wiener Zinshaus. Wien 1860. 

Fellner, F. Wie foll Wien bauen? Wien 1860. 

Schasler, M. Villa oder Mietskaferne? etc. Berlin 1868. 

Gärtner, J. Nicht Villa, nicht Mietskaferne in der Vorftadt! Berlin 1868. 

Laspeyres, E. Der Einflufs der Wohnung auf die Sittlichkeit. Berlin 1869. 

Schülke, H. Gefunde Wohnungen etc. Berlin 1880. 

Rouillet, A. Congres international des habitations ä bon marcn/, tenu ä Paris /es 26, 2j et 

28 juin 1889. Compte rendu. Paris 1889. 
Albrecht, H. Die Wohnungsnot in den Grofsflädten und die Mittel zu ihrer Abhilfe. 

München 1891. 
Bücher, K. Die Wohnungs-Enqufite. Bafel 1891. 
Schriften der Ccntralflelle für Arbeiter- Wohlfahrtseinrichtungen. Nr. 1 : Die Verbefferung der 

Wohnungen. Berlin 1892. — Nr. 14: Fünf Jahre praktifch fozialer Tätigkeit. Von H. Al- 
brecht. Berlin 1898. 
Eberstadt, R. Städtifche Bodenfragen. Berlin 1894. 

Damaschke, A. Vom Gemeindefozialismus. Soziale Streitfragen. Berlin 1900. 
Abele. Weiträumiger Städtebau. Stuttgart 1900. 
Vogt, A. Die Bedeutung der Baukoften für die Wohnungspreife. Neue Unterfuchungen des 

Vereins für Sozialpolitik 1901. 
Handbuch der Staatswiffenfchaften. Bd. 7: Die Wohnungsfrage. Von C. J. Fuchs. Jena 1901. 
Jäger, E. Die Wohnungsfrage. Berlin 1902. 
Stubben, J. Die Bedeutung der Bebauungspläne und der Bauordnungen für das Wohnungs- 

wefen. Göttingen 1902. 
Eberstadt, R. Rheinifche WohnverhältniiTe und ihre Bedeutung für das Wohnungswefen in 

Deutfchland. Jena 1903. 
Neefe. Statiftifches Jahrbuch deutfeher Städte. Jahrg. 11. Breslau 1903. 
Oehmke. Gefundheit und weiträumige Stadtbebauung. Berlin 1904. 
Reichsamt des Innern. Denkfchrift über die Wohnungsfürforge im Reiche und in den Bundes- 

ftaaten. Berlin 1904. 
Bauer, L. Der Zug nach der Stadt und die Stadterweiterung. Stuttgart 1904. 
Fuchs, C. J. Vorträge und Auflatze zur Wohnungsfrage. Leipzig 1904. 



41 

Eberstadt, R. Das Wohnungswesen. Sonderabdruck aus Weyl's Handbuch der Hygiene. 

Berlin 1904. 

Fabarius. Viel Häufer und kein Heim. Zur Naturgefchichte des ftädtifchen Wohnhaufes. 
Caflel 1905. 

Vogt, A. & P. Geldner. Kleinhaus und Mietkaferne. Berlin 1905. 

Genzmer, E. Ueber Entwickelung des Wohnungswefens in unferen Grofsftädten und deren Vor- 
orten. Danzig 1906. 



Literatur 
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Kestner, H. Die Arbeiterftadt zu Mülhaufen im Elfafs. Zeitfchr. d. Arch.- u. Ing.-Ver. zu 

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Meurant. Compagnie des mines d'Aniche. Citi ouvriere. Moniteur des arch. 1870—71, PL 35; 

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Manega, R. Die Anlage von Arbeiterwohnungen etc. Weimar 1871. — 2. Aufl. 1883. 
Die Arbeiterkolonie bei Görz. Romberg's Zeitfchr. f. prakt Bauk. 1872, S. 161. 
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Raetz. Kolonie von Wohnungen für die Niederbedienfteten der königlich württembergifchen 

Verkehrsanftalten. Allg. Bauz. 1874, S. 78. 
Richard. Die Mafchinen- und Lokomotivenfabrik der Hannoverfchen Mafchinen-Aktiengefell- 

fchaft zu Linden vor Hannover. Arbeiterquartier. Zeitfchr. d. Arch.- u. Ing.-Ver. zu JJan- 

nover 1874, S. 70. 
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Die Einrichtungen zum Beften der Arbeiter auf den Bergwerken Preufsens. Bd. I u. n. Berlin 

1875 u. 1876. 
Schall, M. Das Arbeiterquartier in Mülhaufen im Elfafs. Berlin 1876. 
Wohlfahrtseinrichtungen der Friedrich Kruppschen Gufsftahlfabrik in Effen zum Beften ihrer 

Arbeiter. Effen 1876. 
Die Arbeiterwohnungen des Bochumer Vereins für Bergbau und Gufsftahlfabrikation. Bochum 1876. 
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Krupp's Arbeiterkolonie Kronenberg. Haarmann's Zeitfchr. f. Bauhdw. 1877, S. 171. 
Citis ouvrieres de Bolbcc. Nouv. annales de la confl. 1878, S. 162. 
Klasen, L. Die Arbeiterwohnhäufer in ihrer baulichen Anlage und Ausführung, fowie die Anlage 

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Gösset, A. Citi ouvriere de Vufine de V Efperance au Gaulier. Encyclopidie d'arch. 1879, S. 84 

u. PL 591, 595. 
Citi ouvriere de Courlatuy. Nouv. annales de la confl. 1879, S. 4. 
Gösset, A. £tude für les conditions hygiiniques et les convenances ginirales ä remplir dans la 

conftruction des maifons ä bon marchi, et cites ouvrieres de Faubourgs ou ufines. Nouv. 

annales de la confl. 1879, S. 6. 
Die Arbeiterkolonie Leinhaufen. Baugwks.-Ztg. 1880, S. 596. 
Jemot & Law. Citi ouvriere d'Apernay. Nouv. annales de la confl. 1880, S. 34. 



42 

Anftalt zum Wohle der Arbeiter von Cafpar Jenny in Ziegelbrück. Eifenb., Bd. 15, S. 25. 

The artifaris eflate at Hornfey. Builder, Bd. 44, S. 880. 

Schwering, L. Die Arbeiterkolonie Leinhaufen bei Hannover. Zeitfchr. d. Arch.- u. Ing.-Ver. zu 
Hannover 1884, S. 555. (Auch als Sonderabdruck erfchienen: Hannover 1884.) 

Schwering. Die Arbeiterkolonien von Krupp, in Mülhaufen, Stuttgart und Leinhaufen. Deutfche 
Bauz. 1884, S. 548. 

Royer de Dour, H. de. La queflion des habitations ouvr ihres en Beigigue. Brüffel 1889. 

Kroger, F. Arbeiterkolonie »Wilhelmsruhe« bei Köln. Zentralbl. f. allg. Gefundheitspfl. 1888, 
S. 251. 

Kraft, M. Arbeiterhäufer, Arbeiterkolonien und Wohlfahrtseinrichtungen. Wien 1891. 

Albrecht, H. Die Arbeiterwohnungsfrage. Gefundh.-Ing. 1891, S. 530, 531. 

Arbeiterwohnungen der Farbwerke vormals Meißer, Lucius & Brüning in Höchft a. M. Deutfche 
Bauz. 1892, S. 517. 

Nouveau guartier ouvrier Humbert i<r t ä la Spezzia. Nouv. annales de la conß. 1892, S. 91. 

Brandts, M. Die Arbeiterwohnungsfrage eine Frage des Stadtbauplanes und der Stadtbauord- 
nung. Arbeiterwohl 1897, Heft 1 — 3. 

Stubben, J. Feftfchrift des Rheinifchen Vereins zur Förderung des Arbeiterwohnungswefens. 
Düffeldorf 1901, Heft 2. 

Das heffifche Gefetz, betreffend die Wohnungsfrage für Minderbemittelte. Techn. Gemeindebl. 
1902, S. 17. 

Neumeister. Deutfche Konkurrenzen. Nr. 157: Arbeiterkolonie Solvay (1902); Nr. 208 ff. : Arbeiter- 
und Beamtenhäufer für Efchweiler (1905). — Siehe auch: Der Städtebau 1905, Nr. 87. 

Stubben. Rheinifcher Kleinwohnungsbau. Deutfche Bauz. 1904, S. 214. 

Jansen. Wohnungsfürforge in Mülheim am Rhein. Zeitfchr. f. Wohnungswefen 1904, S. 6. 

Frahm. Die Anlage von Gartenflädten in England zur Löfung der Arbeiterwohnungsfrage. 
Zentralbl. d. Bauverw. 1905, S. 120. 

Schübling. Palletibergs Arbeiterheim in Köln. Zeitfchr. f. Wohnungswefen 1905, S. 1. 

Heffifcher Zentralverein für Errichtung billiger Wohnungen. Preisgekrönte Entwürfe von Klein- 
wohnungen. Darmftadt 1905. 



2. Kapitel. 

Städtifcher Verkehr. 

57 Dem ftädtifchen Verkehr im engeren Sinne dienen die öffentlichen Strafsen 

und Plätze. Im weiteren Sinne gehören zum ftädtifchen Verkehr auch diejenigen 
Beförderungsmittel, welche fich befondere Wege neben, über oder unter den ftädti- 
fchen Strafsen unabhängig von diefen zu fchaffen pflegen , nämlich Stadtbahnen, 
Bahnen für den Fernverkehr und Wafferwege. 

a) Verfchiedene Richtungen des Strafsenverkehres. 
s 8 - Die ftädtifchen Strafsen dienen fowohl dem Verkehr als dem Wohnen. Wenn 

Verkehrftrafsen 

und man fie dennoch einteilt in Verkehrftrafsen und Wohnftrafsen, fo bedeutet 
wohnftiafsen; diefe Unterscheidung , dafs in den einen der Verkehrszweck , in den anderen der 

Wohn- und _ 

Gefchäftsiage. Wohnzweck vorherrfcht. Eine genaue Grenze zwifchen beiden Strafsen läfst fich 
im allgemeinen nicht ziehen. 

Mit dem regelmäfsigen Verkehr auf einer ftädtifchen Strafse wächft ihr 
Wert für den Anbau von Gefchäftshäufern , und zwar in beftimmten, wenn auch 



43 



59- 
Gröfse 

des 

Verkehres. 



durch Zahlen kaum ausdrückbaren Graden und Abftufungen. Ueberfchreitet der 
regelmäfsige Verkehr ein gewiffes Mafs, fo vermindert fich die Annehmlichkeit und 
Eignung der Strafsen zum Bewohnen, während die »Lage« fich mehr für den Ge- 
schäftsbetrieb, für Kleingewerbe und Läden eignet. Die befte > Geschäftslage« fallt 
im allgemeinen mit dem gröfsten Strafsen verkehr zufammen. Nimmt letzterer einen 
fehr hohen Grad an, wie in Teilen von London, Paris und Berlin, ja in einzelnen 
Strafsen von Provinzialftädten, wie Cöln und Leipzig, fo verwandeln fich die Häufer 
allmählich ganz in Läden und Warenlager und find nur der Aufficht wegen mit 
Pförtner- oder Wächterwohnungen ausgeftattet, während die Wohnungen der Mieter 
und felbft der Laden- oder Lagerbefitzer nach anderen Stadtteilen verdrängt werden. 
Die Verkehrftrafse hat den Wohnzweck eingebüfst und ift zur reinen »Gefchäft- 
ftrafse« geworden. 

Die Gröfse des Verkehres auf einer ftädtifchen Strafse ift nichts Zufälliges 
oder Willkürliches, fondern eine unbedingte Folge ihrer Lage im Stadtplane. Selbft 
einzelne den Verkehr anziehende Gebäude, wie Bahnhöfe, Port, Rathaus, Markt- 
hallen u. f. w., haben auf die Geftaltung des ftädtifchen Verkehres einen viel ge- 
ringeren Einflufs, als gemeiniglich angenommen zu werden pflegt. Weit mehr als 
durch Bahnhöfe und fonftige zeitweilige Sammelpunkte wird der Strafsenverkehr durch 
Brücken, Feftungstore und ähnliche Einfchnürungen des Strafsennetzes beeinflufst, 
weil die beftändigen innerftädtifchen Verkehrsbewegungen den ftofsweife ftattfinden- 
den Verkehrspulfungen einzelner Punkte an Gefamtftärke in der Regel fehr über- 
legen find. Es gibt manche Städte, die in einzelnen Strafsen, an gewiffen Brücken 
und Einfchnürungen den Verkehr kaum zu faffen vermögen, während die Bahnhof- 
ftrafse, der Rathausplatz u. f. w. faft verödet find, falls nicht gerade ein Bahnzug 
angekommen ift, eine Bürgerverfammlung ftattfindet oder ähnliche Veranlafiungen 
wiederkehren. 

In jeder Stadt ift derjenige Verkehr der ftärkfte, welcher nach dem »Mittel- 
punkt« gerichtet ift, alfo der zentrale oder radiale. Diefer verzweigt fich, an 
Stärke zunehmend, im alten Stadtkerne gewöhnlich fo fehr, dafs die beftimmte 
Richtung verwifcht wird, während er nach aufsen hin lange, vom Anbau mit Vorliebe mittel P unkt 
aufgefuchte Linien in das Land hinein zu ftrecken pflegt. Der »Mittelpunkt« einer 
Stadt im vorliegenden Sinne ift nicht rein geographisch zu nehmen; er ift vielmehr 
als der Schwerpunkt der Verkehrsadern zu betrachten. Zeichnet man auf 
einem Stadtplane die Strafsen als Streifen von folcher Breite, dafs überall diefe 
Breiten dem Verkehr proportional find, beftimmt dann den Schwerpunkt des fo 
erhaltenen Netzes, fo ift der gefundene Punkt der Verkehrsmittelpunkt. Je 
weniger derfelbe vom geographifchen Mittelpunkte abweicht, defto wirtfchaftlich 
gefunder ift die Entwickelung der Stadt. 

Der Verkehrsmittelpunkt ift nicht etwas Feftftehendes, Unbewegliches; oft ift 
er im merklichen Fortrücken begriffen, eine Folge einfeitig ftärkerer Ausdehnung 
der Stadt. Dem Rücken des Mittelpunktes entfpricht ftets eine gleichzeitige all- 
mähliche Verfchiebung der Bodenwerte, verhältnismäfsige Wertzunahme in der einen, 
verhältnismäfsige Wertabnahme in der anderen Richtung. Die verhältnismäfsige 
Abnahme der Bodenwerte braucht keineswegs eine abfolute zu fein; oft fpricht man 
daher richtiger von der rafcheren Wertfteigerung in der einen, der minder fchnellen 
Steigerung in der anderen Richtung. Mehr noch als die Uebereinftimmung des 
geographifchen mit dem Verkehrsmittelpunkte ift eine möglichft unveränderliche 



60. 

Radial- 
verkehr ; 
Verkehrs- 



44 



6x. 
Ringverkehr. 



6a. 
Diagonal- 
verkehr. 



63. 
Knoten- 
punkte. 



Lage des Verkehrsmittelpunktes für eine allfeitig gefunde wirtschaftliche Entwickelung 
der Stadt erwünfcht. 

Um den Verkehrsmittelpunkt gruppiert fich in manchen Grofsftädten, wie 
London, Paris, Wien, Hamburg, ein vom dichteflen Gefchäftsverkehr eingenommener 
Kern, die fog. City. In anderen Grofsftädten, wie Berlin, Budapeft, Rom, Marfeille, 
find die Hauptgefchäfts- und Verkehrftrafsen in mehreren Stadtgegenden verteilt. 
Diefe Verteilung ift unzweifelhaft jener Anhäufung vorzuziehen. 

Die in den Stadtkern hineinführenden Radialftrafsen könnte man »Radialen 
erfter Ordnung« nennen. Sie divergieren nach aufsen und begrenzen ausgedehnte 
Sektorflächen, deren Teilung durch Einfchaltung neuer Radialftrafsen, »Radialen 
zweiter Ordnung«, ein Bedürfnis ift. Letztere werden durch eine andere Art von 
Strafsen, die ringförmig verlaufenden, aufgenommen. 

Die zweite Art des Strafsenverkehres ift nämlich die peripherifche. Ab- 
gefehen von Strafsen, deren Beftimmung es ift, als Spazierwege für Fufsgänger, 
Reiter und Wagen zu dienen, ift der peripherifche Verkehr im wefentlichen nur 
die Ausgleichung der radialen Bewegungen oder aber auf rein örtliche Bewegungen 
befchränkt. Er fteht deshalb dem radialen Verkehre an Stärke nach, wächft aber 
wie jener mit der Annäherung an den Mittelpunkt. Nur in wenigen Städten, wie 
Paris, Genf, Cöln, Wien und Budapeft, ift der Ringverkehr, und zwar der innere 
Ringverkehr, dem radialen Verkehre annähernd gleich oder überlegen; befondere 
Ortsverhältnifle, wie unvollkommene Zugänglichkeit des Stadtkernes wegen Enge 
(Wien, Cöln) oder Steilheit (Genf) oder eine dem Verkehrsmittelpunkte fehr nahe 
Ringlage (Paris und Budapeft) find in folchen Fällen mafsgebend. 

Sind die Verkehrslinien auf radiale und peripherifche Richtungen befchränkt, 
fo ift die Führung des Verkehres eine unvollkommene. Denn in diefem Falle ift 
zur Ausführung der notwendigen Ausgleichungen, der Uebergänge von einer 
Radialen zur anderen der Verkehr vielfach genötigt, weite Umwege und fcharfe 
Winkel zu befchreiben. Beim Wachfen der Stadt, beim Steigen des Verkehres 
und beim Anhäufen desfelben an einzelnen Punkten werden deshalb Diagonal- 
linien nötig, die felbftredend beffer von vornherein entworfen und ausgelegt als 
fpäter durchgebrochen werden. Die Anfangs- und Endpunkte der Diagonalftrafsen 
find Schnittpunkte von Ring- und Radialftrafsen : freie Plätze, Bahnhöfe und fonftige 
den Verkehr anziehende Baulichkeiten. 

Wie die Streben für den Verband des Fachwerkes nötig find, fo die 
Diagonalftrafsen zur Vervollftändigung des Strafsennetzes ; zu viel ift aber hier wie 
dort vom Uebel. 

Es braucht übrigens kaum hervorgehoben zu werden, dafs die der Geometrie 
entlehnten Bezeichnungen — radial, peripherisch, diagonal — für einen guten Stadt- 
bauplan/ der keineswegs ein blofs geometrifches Werk ift, eine nur annähernde Be- 
deutung haben. 

Durch die Zufammenführung radialer, peripherifcher und diagonaler Strafsen 
bilden fich Knotenpunkte, an welchen die Baufluchtlinien naturgemäfs zurücktreten, 
alfo freie Platzfiguren entftehen, welche Gelegenheit bieten, von einer Linie in 
jede andere überzugehen. Dies ift allerdings nur eine befondere Art von freien 
Plätzen, Verkehrsplätze genannt; die meiften öffentlichen Plätze dienen anderen 
Zwecken als der Verkehrsvermittelung, wie in Abfchn. 2, Kap. 8 erörtert werden 
wird. Die Verkehrsplätze kennzeichnen fich als grofse Strafsenkreuzungen; fie find 



45 



die fchwierigften Punkte des Strafsenverkehres. Ihre Zahl foll das Bedürfnis nicht 
überfchreiten ; ihre richtige Geftaltung und Behandlung ift technifch und künftlerifch 
keine leichte Aufgabe. Die Regelung und Erleichterung der Verkehrsbewegungen 
ift meiftens nicht in der möglichft geräumigen Ausdehnung, fondern in Einfchrän- 
kung der Platzfläche und paffender Einführung der Strafsen zu fuchen. 

Auszufcheiden aus dem eigentlichen Stadtverkehr, d. h. aus dem durchgehenden 
Verkehr von Stadtteil zu Stadtteil, find diejenigen Neben- oder Wohnftrafsen, die zur 
Einteilung des zwifchen den Verkehrftrafsen verbleibenden Baugeländes dienen. Diefe 
Wohnftrafsen find deshalb der radialen, peripherifchen und diagonalen Richtung nicht 
unterworfen, fondern können den Eigentumsgrenzen und fonftigen örtlichen Verhält- 
niffen, auch den gefundheitlichen Anforderungen, fo eng wie möglich angepafst werden. 

Nicht in allen Städten treten die drei Verkehrsrichtungen: zentrale, periphe- 
rifche und diagonale, deutlich in Erfcheinung. Sowohl in kleineren Orten, als in 
mangelhaft angelegten gröfseren Stadtplänen pflegt die Diagonalrichtung gar nicht 
oder in unzureichendem Mafse ausgebildet zu fein. 

In den nach dem Rechteckfchema gebauten Städten (Mannheim, Krefeld, 
Nancy, Turin, Nordamerika) oder Stadtteilen (Berlin, Chemnitz, Caflel, München, 
Wiesbaden, Darmftadt) wird die zentrale und peripherifche Richtung in unvollkom- 
mener Weife durch Längs- und Querftrafsen vertreten; diagonale Linien haben 
fich aber auch hier als notwendig erwiefen. 

Dem zentralen Verkehrfyftem liegt die Vorausfetzung eines annähernd kreis- 
förmigen (oder halbkreisförmigen) Stadtgrundriffes zu Grunde. Der halbkreisartige 
Grundrifs ift häufig bei Städten auf dem einen Ufer eines grofsen Fluffes (Cöln, 
Bafel, Antwerpen, Orleans, Szegedin); der kreisförmige ift die Regel bei grofsen 
Städten, welche entweder nicht an einem Fluffe liegen oder von einem verhältnis- 
mäfsig kleinen Fluffe durchfchnitten werden (Paris, Wien, Mailand, Bologna, Brüffel, 
Aachen, Dortmund, Leipzig, Moskau). Die Fächerform der Karlsruher Strafsen ent- 
fpringt einer gewiffen äfthetifchen Erwägung in Beziehung auf das Refidenzfchlofs, 
entfpricht aber nicht den Verkehrsanforderungen, weil das Schlofs nicht der Verkehrs- 
mittelpunkt der Stadt ift. Zum Rechteckfchema der Strafsen gehört naturgemäfs 
auch eine annähernde Rechteckfigur des Stadtgrundriffes (Krefeld, Wiesbaden, Turin). 

Oft jedoch überwiegt die Längenausdehnung einer Stadt derart die Quere, 
dafs der Hauptverkehr fich faft ausfchliefslich als Längsverkehr kennzeichnet. Be- 
fonders ift dies der Fall in Städten, welche in engen Flufstälern oder am Meeres- 
ufer fich ausftrecken, wie Elberfeld-Barmen, Karlsbad, Trieft, Fiume. Ebenfo wird 
das Syftem der Verkehrsrichtungen mehr oder weniger verwifcht in Städten, welche 
von breiten Flüffen durchfchnitten werden, wie Florenz, Lyon, Lüttich, Stettin, 
Danzig und Dresden. Dies fuhrt zur Dezentralifation des Verkehres, zur Bildung 
mehrerer Verkehrsmittelpunkte von verfchiedenem Werte, einer Erfcheinung, welche 
auch dort fich geltend macht, wo mehrere Orte allmählich zu einer Stadt zufammen- 
gewachfen find (London, Antwerpen, Budapeft). 



6 4 . 

Richtung 

der 

Wohnftrafsen . 



65. 
Fehlen 
der Diagonal- 
richtungen. 



66. 

Form 

des Stadt- 

grun drittes. 



67. 
Längen- 

verkehr und 

Verkehrs- 

zerftreuung. 



b) Verfchiedene Arten des Strafsenverkehres. 

Auf den öffentlichen Strafsen und Plätzen gliedert fich der Verkehr in den- 68. 
jenigen der Fufsgänger, Radfahrer, Reiter, des Laftfuhrwerkes, der Perfonenwagen Trcnaun & 

«<=»«=> ° des \ erkehres 

(Drofchken, Equipagen, Automobile) und der Strafsenbahnen. Für Fufsgänger nach Arten. 



46 



69 • 

Grenzen 

des 

Verkehres. 



70. 

Strafsenbahn- 

verkehr. 



werden befondere Streifen den Häufern entlang (Bürgerfteige oder Trottoire) oder 
inmitten der Strafsen- und Platzflächen (baumbefetzte Gehwege, Fufsweginfeln) vor- 
behalten ; fie werden gegen Ueberfahren in der Regel durch Erhöhung der Kanten, 
feltener und weniger zweckmäfsig durch Prellfteine oder Geländer gefchützt. Reit- 
wege und Radfahrwege werden in ähnlicher Weife von der allgemeinen Strafsen- 
fläche abgetrennt, wo die Strafsenbreite es zuläfst und das Bedürfnis fich geltend 
macht; ße können jedoch niemals den Häufern und nur ausnahmsweife den Haus- 
bürgerfteigen entlang angelegt werden, weil fie den Zugang und die Anfahrt zu den 
Häufern ftören würden. 

Die nicht durch Kantenerhöhung oder andere Mittel abgetrennten Strafsen- 
und Platzflächen dienen der allgemeinen Benutzung, alfo namentlich dem Laftfuhr- 
werk, den Perfonenwagen und den Strafsenbahnen. Auf fehr breiten Strafsen laffen 
fich unter befonders günftigen Verhältniffen auch diefen drei Verkehrsarten getrennte 
Wege anweifen; in der Regel aber ift die Benutzung eine gemeinschaftliche. Die 
Trennung ift leicht, wenn eine breite Strafse mehrere Fahrwege, z. B. einen mit 
Steinpflafter verfehenen für Laftfuhrwerk und einen makadamifierten oder mit Holz 
gepflafterten für Equipagen, ferner mehrere Alleen für Reiter und Fufsgänger dar- 
bietet; aber fie kann auch ein unabweisbares Bedürfnis werden in weniger breiten 
Strafsen, fobald die Stärke des Verkehres eine gewiffe Grenze überfchreitet. 

Man mifst den Verkehr, indem man die Zahl der Perfonen oder Wagen er- 
mittelt, welche ftündlich auf 1 "* Wegbreite fich bewegen; als annähernd zuläffiger 
Grenzwert kann in diefem Sinne die Zahl 100 für den Fuhrwerks-, die Zahl 1000 
für den Fufsgängerverkehr gelten 17 ). Bei gröfserem Verkehre ift eine polizeiliche 
Regelung derart nötig, dafs durchgehendes Fuhrwerk entweder in einer Richtung 
oder in beiden Richtungen von der überlafteten Strafse ausgefchloffen , alfo auf 
andere ähnlich verlaufende Strafsenzüge verwiefen wird. Ift dies nicht durchführ- 
bar, fo bleibt nur die Schaffung von neuen Strafsen, meift alfo von Strafsendurch- 
brüchen übrig. Der Fufsgängerverkehr kann natürlich für keine Strafse verhindert 
werden, das Anbringen von Fuhrwerk an die in der Strafse befindlichen Häufer 
nur dann, wenn diefclbe beftimmungsgemäfs nur dem Fufs verkehre zu dienen hat, 
wie z. B. Verkaufshallen, glasbedeckte Durchgänge und dergl. 

Das feit kaum drei Jahrzehnten bei uns allgemein eingeführte, in Amerika feit 
längerer Zeit für den Stadtverkehr mafsgebende Strafsenbahnwefen ift noch immer 
in der Entwickelung begriffen. Die Bauart der Städte und der Plan der Stadt- 
erweiterungen find oft ein Hemmnis diefer Entwickelung, weil die vorhandenen 
Verkehrslinien an und für fich bereits durch die übrigen Verkehrsbewegungen voll 
in Anfpruch genommen und hinfichtlich der Biegungen, Verfetzungen, Winkel und 
Steigungen für Bahngleife wenig günftig zu fein pflegen. Mittels Abbruch von 
Häufern an hinderlichen Strafsenecken oder in Strafsenengen, mittels Durchbrechen 
von Verbindungs- und Entlaftungsftrafsen hat man fich in vielen alten Städten 
helfen muffen und wird fich noch fernerhin zu helfen fuchen. Ungeeignete Stadt- 



lf) Amtliche Verkehrszählungen find leider in ausreichender Weife nicht bekannt geworden. Verf. zählte auf London- 
bridge iu London während 10 Minuten durchfehnittlich 128 Perfonen und 35 Wagen in der Minute, alfo bei 6,4 "> Bürgerfteig- 
und 10 ni Fahrdammbreite für die Stunde und das Meter 1200 Perfonen und 210 Fuhrwerke, wobei jedoch der Fahrverkehr 
nur mit Stockungen vor fich ging. — In derfelbcn Weife zählte in einer Mittagsftundc Verf. auf der Langen Brücke zu Berlin 
840 Perfonen und 90 Wagen für die Stunde und das Meter. — Für die Hochftrafse zu Coln, welche nur geringen Wagenverkehr 
hat, wurde bei 8 n> Breite der ftarkfte, ohne Stocken vor fich gehende Fufsgängerverkehr für das Meter der Gcfamtftrafsen- 
breite zu 1500 bis 1600 ermittelt. — Auf der Old Iiro.ul Street in New York wurde nach K. Genzmer im Jahre 1906 ein Münd- 
licher Verkehr von 838 Fufsgängern und 42 Wagen für 1 in Strafsenbreite fcftgcftellt. 



47 



erweiterungspläne hat man abzuändern, bei Aufftellung neuer Stadtpläne aber die 
Erforderniffe des Strafsenbahnwefens von vornherein aufmerkfam zu berückfichtigen. 

Für die Feftlegung und Anordnung der Strafsenbahnlinien ift die Art des 
Motors von verhältnismäfsig geringem Einfluffe. Der Pferdezug ift im letzten Jahr- 
zehnt durch den elektrifchen Betrieb faft ganz verdrängt worden. Dabei ift ziemlich 
allgemein die Oberleitung des Stromes in Anwendung gekommen. Unterleitung ift 
koftfpielig; Akkumulatorenbetrieb hat fich nicht bewährt. Dampfbetrieb findet fich 
noch auf äufseren Radialen, welche die Endftrecken von Vorortbahnen aufzunehmen 
haben. Der Betrieb mit flehenden Mafchinen gefchieht bei den amerikanifchen, auf 
dem europäifchen Feftlande nicht eingebürgerten »Taubahnen« derart, dafs an ein in 
beständige Bewegung verfetztes Tau ohne Ende der Strafsenbahnwagen fich mittels 
eines Greifers nach Belieben anhängen, nach Bedarf fich auch davon ablöfen kann. 

In mehr eingehender Weife wird das Strafsenbahn- und Stadtbahnwefen in 
Abfchn. 2, Kap. 10 behandelt werden. Je gröfser die Entfernungen werden, defto 
mehr ift es angezeigt, einen felbftändigen fchnellen Stadtverkehr einzurichten, der 
auf befondere, von den ftädtifchen Strafsen unabhängige Bahnen zu legen ift. 



c) Nicht auf Strafsen und Plätzen fich vollziehender Verkehr. 

Der von den ftädtifchen Strafsen unabhängige Verkehr befteht entweder in 
der Eifenbahn- oder in der WafTerbeförderung. Die Eifenbahnbeförderung dient 
entweder dem Ortsverkehr oder dem Fernverkehr; im erfteren Falle handelt es 
fich um Stadtbahnen (Berlin, Wien, Budapeft, Paris, London, Liverpool, New York), 
im zweiten um Eifenbahnen gewöhnlicher Art. Desgleichen ift der WafTerverkehr 
entweder blofs örtlich (Hamburg, Amfterdam, Cöln, Budapeft) oder in die Ferne 
gerichtet (Flufs- und Seeverkehr). Sind diefe Verkehrsbewegungen auch an fich 
unabhängig von dem auf den Strafsenflächen ftattfindenden Verkehre, fo fteht doch 
die Anordnung der Bahnen und WafTerwege in fehr enger Beziehung zum Strafsen- 
plane, da ftädtifche Strafsen, Eifenbahnen und Wafferwege fowohl in ihrer Situation, 
als in ihrer Höhenlage fich nach einander richten muffen. Aufserdem bilden 
Bahnhofsvorplätze, Uferftrafsen, Landeplätze u. f. w. die Verbindungsglieder zwifchen 
den verfchiedenen grofsen Verkehrsarten und muffen daher dem Stadtplane einer- 
seits, dem Plane der Eifenbahn oder der Wafferftrafse andererfeits organifch ein- 
gefügt werden. Befonders innig werden diefe Wechfelbeziehungen , wenn Eifen- 
bahnen oder Wafferwege bis in das Innere der Stadt vorgefchoben werden oder 
wenn die Stadterweiterung fich nachträglich um die vorhandenen Bahnhöfe und 
Häfen ausdehnt. So ift es bei Kopfbahnhöfen und Durchgangsbahnhöfen in grofsen 
Städten (London, Birmingham, München, Hamburg, Hannover), bei der Ausdehnung 
von Berlin, Düffeldorf, Mainz, bei den Schiffahrtskanälen und Häfen zu Amfterdam, 
Antwerpen, Hamburg. 

In folchen Fällen gehört die fachgemäfse Befriedigung aller Erforderniffe 
durch den Stadtplan zu den fchwierigften und verwickelteften Aufgaben , die dem 
Techniker geftellt find. Erwünfcht wäre es, dafs die Aufgabe von einer Stelle 
bearbeitet und gelöft würde oder dafs wenigftens die beteiligten Behörden und Ge- 
fellfchaften ihre Bedürfniffe und Wünfche offen miteinander austaufchten. Aber die 
einfeitige Vertretung der entgegenftehenden Intereffen und eine mitunter behauptete 
allzu grofse Fiskalität führen oft einen Zuftand herbei, in welchem die Intereffen 



7i- 
Eifenbahn- 

und Wafler- 

vcrkehr. 



72. 

Intereffen - 

kämpf. 



4 8 



fich auf das lebhaftefte bekämpfen, bis fchliefslich ein Ausgleich erzielt wird, der 
ohne den Zeitverluft von vornherein vollkommener und befriedigender möglich ge- 
wefen wäre. Dies ift ein mit vielfachen Mifsftänden verknüpfter, wunder Punkt 
des Städtebaues, an deffen Befeitigung einzelne Perfonen vergeblich fich abmühen, 
deffen Heilung eine dankbare und weittragende Aufgabe der höchften Gewalten im 
Staatsleben fein würde. 



73. 

Oeffentliche 
Bauanlagen. 



3. Kapitel. 

Oeffentliche Bauanlagen in ihren Beziehungen zum Stadtplane. 

Aufser den am Schluffe des vorigen Kapitels behandelten Verkehrsanftalten 
gibt es noch eine ganze Reihe von öffentlichen Bauanlagen, welche mit der Ge- 
ftaltung und Ausbildung des Stadtplanes in Wechfelwirkung flehen. Wie Bahn- 
höfe, Landeplätze, Häfen und Werfte gewiffen Teilen des Verkehres beftimmte Orte 
und Richtungen anweifen, fo tun dies in demfelben oder in ähnlichem Grade die 
fonftigen Verkehrsanftalten für Poft, Telegraphie und Fernfprache; die Märkte 
(Marktplätze, Markthallen und Viehhöfe); die Verwaltungs- , Gerichts- und Volks- 
vertretungsgebäude; die Kirchen und Schulen, die Gebäude für Gefundheits- und 
Krankenpflege, die Börfen und Banken; die Mufeen, Ausftellungshallen, Bibliotheken 
und Theater; die Waifenhäufer, Afyle und Gefängniffe; die Vereinshäufer und Ver- 
gnügungsanftalten, Parks und Promenaden; die Schlachthöfe; die Kafernen und 
Exerzierplätze, endlich die Friedhöfe. 

Der Stadtbauplan wird von allen diefen und ähnlichen öffentlichen Bauanlagen 
in zweierlei Beziehungen beeinflufst, nämlich im allgemeinen bezüglich ihrer geo- 
graphifchen Lage im Gefamtplan und im befonderen bezüglich ihrer Lage und 
Anordnung zu den benachbarten Strafsenzügen. 



74. 

Einteilung. 



a) Geographifche Lage im Gefamtplane. 

Wir haben drei Gruppen öffentlicher Bauanlagen zu unterfcheiden , nämlich: 
Zentralanftalten, welche dem Verkehrsmittelpunkte fo nahe als möglich ge- 
bracht werden muffen; Verteilungsanftalten, welche über die verfchiedenen 
Stadtviertel zu verteilen find, und Aufsenanftalten, deren Errichtung in den 
äufseren Stadtteilen oder gar am äufserften Rande der Stadt zuläffig, zweckmäfsig 
oder notwendig ift. 

Zu den Zentralanftalten gehören Rathaus, Börfe, Hauptpoft, Banken, Gerichts- 
und Parlamentshäufer, Gafthöfe, Mufeen und Bibliotheken. 
76. Zu verteilen über die verfchiedenen Stadtviertel einer grofsen Stadt find die 

\nftaken C Nebenämter für Poft, Telegraphie und Fernfprache, Kirchen und Schulen, ftaatliche 
und kommunale Verwaltungsgebäude, die offenen und bedeckten Märkte, Ausftellungs- 
gebäude, Theater, Vereinshäufer, Bade- und Wafchanftalten, Feuerwehrwachen und 
Feuerwehrkafernen , endlich Afyle , Erholungsplätze , Kinderfpielplätze , Parks und 
Promenaden. In kleineren Städten werden diefe Anftalten nach Möglichkeit fich 
der Mitte der Stadt zu nähern fuchen. 
77 ' Aufsenanlagen find Kafernen und Exerzierplätze, Gefängniffe, Krankenhäufer 

anlagen, und Waifenhäufer, grofse Vergnügungsanftalten, Stadtwälder (Parks) und Friedhöfe, 



75- 
Zentral- 
anftalten. 



Bahnhöfe 
und Hilfen. 



49 

Schlachthöfe und Viehmärkte, endlich Gasfabriken und Anftalten zur Verarbeitung 
und Reinigung der feften und flüffigen ftädtifchen Abgangsftoffe. Für die letzt- 
gedachten Fabriken und Anftalten ift die Entfernung von der bebauten Stadt, ferner 
für Friedhöfe, Schlachthöfe und Viehmärkte die Lage am Rande des ftädtifchen 
Weichbildes eine Forderung der Zweckmäfsigkeit, ja Notwendigkeit, weniger aus 
Gründen der öffentlichen Gefundheitspflege, als aus Rückfichten der Annehmlichkeit 
und des ftädtifchen Verkehres; denn diefe Anftalten verbreiten in ihrer Umgebung 
eine mehr oder weniger grofse Unbehaglichkeit des Wohnens und behindern wegen 
ihrer erheblichen räumlichen Ausdehnung den durchgehenden Verkehr. Für Vieh- 
märkte und Schlachthöfe ift ferner zur Vermeidung des Viehtreibens auf den 
Strafsen der Anfchlufs an die Eifenbahn notwendig; für Friedhöfe, Aufsenparks 
und grofse Vergnügungsanftalten ift zwar kein Eifenbahnanfchlufs erforderlich, aber 
doch die Nähe von Bahnhöfen erwünfcht. 

Auch die Hochbehälter und Gewinnungsanftalten der ftädtifchen Wafferwerke 
gehören in der Regel zu den Aufsenanlagen der Stadt; erftere unter Voraussetzung 
geeigneter Höhenlage wegen der geringeren Bau- und Grunderwerbskoften, letztere 
wegen der Rückficht auf die Unverdorbenheit des Grundwaffers oder auf eine ge- 
eignete Schöpf- und Filterftelle des Flufswaffers. 

Die Bahnhöfe und Hafenanftalten find gleichfalls in der Regel als Aufsen- 78 
anlagen der Stadt zu betrachten. Die Rückficht auf Grunderwerbs- und Baukoften 
fuhrt in den meiften Fällen dazu, dafs Güter-, Rangier- und Perfonenbahnhöfe am 
Umfange der Stadt ihren Platz finden. Je gröfser aber die Stadt wird, defto mehr 
tritt das Bedürfnis ein, die Wege von und zu den Bahnhöfen dadurch zu verkürzen, 
dafs Perfonen- und Güterftationen dem Stadtkerne näher gerückt werden. Es handelt 
fich dann um Städte, für welche entweder mehrere Hauptbahnhöfe oder doch 
aufser einem Hauptbahnhofe mehrere Nebenftationen für Perfonen- und ebenfo für 
Güterverkehr nötig find; die Bahnhöfe treten fomit unter diejenigen öffentlichen 
Bauanlagen, deren tunlichfte Verteilung auf die verfchiedenen Stadtviertel erwünfcht 
ift. (Vergl. auch Abfchn. 2, Kap. 10.) 

Gleiches gilt für Hafen-, Werft- und Lagerhausanlagen; je gröfser die Stadt 
wird, defto mehr tritt das Verteilungsbedürfnis hervor. 

In Grofsftädten ift, obwohl das Gefchäftsleben fich immer mehr im Stadtkerne, 79 
in der City, vereinigt und daher die Anftalten der Börfen und Banken, der Poft 
und Telegraphie in der Nähe des Verkehrsmittelpunktes nicht entbehrt werden 
können, doch der Unterfchied zwifchen den übrigen Zentralanftalten und den Aufsen- 
anlagen weit geringer als in kleineren Städten. Wollte man in der grofsen Stadt, 
ähnlich wie in der kleinen, mit allen öffentlichen Bauanlagen der Mitte zuftreben, 
fo würde einesteils den äufseren Stadtgebieten ein wefentlicher Teil ihrer Ent- 
wickelungsbedingungen entzogen oder befchränkt, anderenteils im ohnehin ge- 
fchäftlich überlafteten Stadtkerne eine Hypertrophie des Verkehres und der Inter- 
effen erzeugt werden, welche dem Gemeinwefen nur fchädlich fein kann. Diejenigen 
Gegenfatze im Verkehre einer grofsen Stadt, welche fich in vollgepfropften, engen 
Hauptftrafsen und toten Nebenftrafsen , durch übertriebenen, künftlich noch ge- 
fteigerten Verkehr im Inneren und öde Verlaffenheit in äufseren Bezirken aus- 
fprechen, find ebenfo nachteilig für das Leben der Stadt, wie der unvermittelte 
Gegenfatz zwifchen Reich und Arm im fozialen Leben. Es ift eine wichtige Auf- 
gabe des Städtebaues, diefe Gegenfatze zu mildern und verkehrsausgleichend zu 

Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) 4 



Ausgleichung. 



wirken, damit nach Möglichkeit alle Stadtteile den befruchtenden Segen des Ver- 
kehres , des pulsierenden Lebens geniefsen , nicht aber einzelne Stadtteile oder 
Strafsenzüge als erftarrende Glieder dem ganzen Körper zum Schaden gereichen. 

b) Lage und Anordnung in Beziehung zu den benachbarten Strafsen. 

Zweckmafsigkeits- und Schönheitsrückfichten kommen bei Befthnmung der 
Stellung eines öffentlichen Gebäudes zu den benachbarten Strafsen in Frage. Die 
Zweck mäfsigkeit verlangt bequeme Zugänge, leichte Auffindung, viel Licht. und 
Luft. Die Schönheit verlangt eine auszeichnende Lage im Vergleich zu den benach- 
barten Häufern und eine kümtlerifch wirkfame Stellung im ganzen Stadtteile. Faft 
immer unterftützen fich die Zweckmafsigkeits- und Schönheitsrückfichten gegenfeitig; 
feiten flehen fie im Widerfpruch zueinander. 

Aus Zw eckmäfsigkeitsrück fichten empfiehlt es fich, ein öffentliches Gebäude 
in der Regel nicht blofs von einer Strafse zugänglich zu machen, fondern dem- 
felben, wenn es auch in die gefchloffene Reihe der gewöhnlichen Häufer geftellt 
wird, die Zugänglichkeit, fowie Luft und Licht möglichft von zwei Strafsen zu 
fichern. Die letztere Rückficht weift ferner auf die Wahl einer Bauftelle an breiten 
Strafsen oder an einem freien Platze hin. Leichter auffindbar wird ein folches 
Gebäude, wenn es aufserdem in die Achfe einer Strafse, womöglich der Haupt- 
zugangsftrafse , oder an die hohle Seite eines breiten gekrümmten Strafsenzuges, 
oder an die Hauptfeite einer Schmuckanlage, eines künftlerifch ausgebildeten Platzes 
geftellt wird, wenn ferner nicht blofs die gewöhnlichen radialen und peripherifchen, 

Fig. 69. Fig. 70. 



| : Y"^ 



DnDC 



j.u.n 



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□ □;0 



raEzz^i 



DBnn 



Rathausplatz zu Philadelphia 



bezw. Längs- und Querftrafsen die Zu- 
fahrten bilden, fondern zudem direkte 
Diagonalftrafsen und befondere Strafsen- 
vermittelungen oder ein wirklicher Vor- 
platz fchon aus einer gewiffen Entfer- 
nung Verkehr und Blick auf das Bau- 
werk hinleiten. 

Den Forderungen der Schönheit 
wird in gleicher Weife dadurch Rechnung 
getragen, dafs das Gebäude den Ziel- 



Kirche auf einer Strafsenkreuzung. 

(Fehlerhaft.) 



Feuerfeeplatz zu Stuttgart. 
Fig- 73. 



Rathausplatz i 



Cöln. 



punkt einer oder mehrerer Strafsen 
bildet, dafs es durch einen Vor- 
platz, durch erhöhte Lage, durch 
bevorzugte Stellung den Blick des 
Stadtbe fuche re feffelt, (ich ihm in 
anziehender Perfpektive gegen - 
überftellt, von dem Gewöhnlichen 
fich unterscheidet , aus dem allge- 
meinen Häurerganzen fich abhebt, 
hervorragt. Wenn aber auch die 
Stellung monumentaler Bauwerke 
in der Strafsenachfe das Auffinden erleichtert und von fchöner Wirkung ift, fo mufs 
doch in der Regel vermieden werden, dafs das Gebäude den einen oder anderen wich- 
tigen Strafsenzug unterbricht, alfo den Verkehr ftört und unbequeme Umwege erzeugt. 



Kirchplatz zu Wien. 

(Fehlerhaft.) 




Fig. 69, 72 u. 73 Hellen hiernach fehlerhafte Anlagen dar; fowohl die Eli/abelh-KiTchs 
zu Wien, als in weit ftärkerem Grade das Rathaus zu Philadelphia fmd empfindliche Ver- 
kehrshinderniffe. Das Opernhaus 

zu Paris (Fig. 70) dagegen dort Fi 8- 75- 

den Verkehr nicht, obwohl es 
den Zielpunkt der Avenue de 
l' Opera bildet und, von der Um- 
rahmung der Langfetten abge- 
fehen, einen künfUerifch fehr 
wirkfamen Platz einnimmt. An- 
dere den Verkehr nicht hin- 
dernde Gebäudeau (Heilungen zei- 
gen Fig. 71, 74, 75 "- 76- l™ 
edleren Falle fleht die Kirche 
in der Achfe der Zugangsftrafse, 
und es verbindet fich , von der 
Chorfeite gefehen, die Wirkung 
der Architektur mit derjenigen 
der Wafferfläche. In Fig. 74 da- 
gegen ifl die Stellung des Haupt- 
gebäudes in der Zugangsachfe 
mit der Gruppierung mehrerer 
Monumentalbauten rings um ei- 
nen leider zu befchrankten freien 
Platz vereinigt. Der genannte 
Mangel ift vermieden in Fig. 75 
u, 76 , worin ebenfalls eine ma- 
le rifche Gruppierung mehrerer 
öffentlicher Gebäude um einen 
freien Platz aufgewiefen wird. 

Eingehender wird die 
Stellung öffentlicher Gebäude, 
namentlich auf und an freien 
Plätzen, in Abfchn. 2, Kap. 6 
u. 7 behandelt werden. 

Oeffentliche Gebäude, 
welche nicht in künftlerifcher 
Beziehung zu den Strafsen- 
linien flehen oder eine fönft 
bevorzugte Lage befitzen, 
find nicht allein fchwer auf- 
zufinden; fie dienen auch viel 
weniger zum Schmuck der 
Stadt, weil fie weniger ge- 
fehen werden. Paris erfcheint 
infolge der Anordnung feines 
Strafsennetzes fo reich an 
monumentalen Werken der 
Baukunft, während man in 
Berlin und anderen deutfehen Städten viele willkürlich zerftreute und eingebaute 
Öffentliche Gebäude mit Mühe in unfeheinbarer Lage hervorfuchen mufs. Die 
Lage an einer breiten geraden Strafse ohne fonftige äfthetifche Beziehung 




München. 



53 

genügt weder für das Bauwerk an fich, noch für feine Wirkung im Gefamtbilde 
der Stadt. 

Je mehr Bedeutung die öffentliche Bauanlage für den Verkehr oder im künft- 85. 
lerifchen Sinne hat, defto ftrenger follten die Forderungen der Schönheit erhoben V ™J^^ gi 
werden. Dafs Kirchen und Theater, Mufeen und Börfen von zwei , drei oder vier und Achfcn- 
Seiten frei zu errichten find, verlangt fchon die Zweckmäfsigkeit. Dafs die An- *" ung€n ' 
Ordnung angemeffener Vorplätze und Strafsenbeziehungen möglich fei, follte bei 
der Bauplatzwahl für monumentale Gebäude aller Art ausfchlaggebend fein. In 
Deutfchland wird auf die fchönheitlich und künftlerifch befriedigende Stellung der 
Monumentalbauten immer noch zu wenig Wert gelegt. 

Allerdings laffen fich nicht bei allen öffentlichen .Bauanlagen die Forderungen 86. 
der Schönheit vollauf befriedigen. Wenn es fich nicht gerade um Gebäude erften U4gelc ' 
Ranges handelt, wird deshalb in Wirklichkeit oft genug ein billiger Ausgleich 
zwifchen der äfthetifchen Forderung und der örtlichen Durchführbarkeit zu fuchen 
fein. Der Ausgleich wird vom fchönheitlichen Standpunkte leider umfo befchei- 
dener ausfallen muffen, je mehr man fich in das Herz der Altftadt begibt, je mehr 
man alfo vorhandene Verhältniffe zu fchonen und nach teueren Bodenpreifen fich 
zu richten hat. Es würde aber ein folgenfchwerer Fehler fein, wollte man bei der 
Aufftellung des Bauplanes für die Stadterweiterung nicht in ausgiebiger Weife für 
die Schaffung von Bauplätzen forgen, welche den an öffentliche Gebäude zu Hel- 
lenden Forderungen der Zweckmäfsigkeit und Schönheit in vollem Mafse Rechnung 
tragen. Leider finden wir diefen Fehler in manchen Stadterweiterungsplänen 
immer noch. 



2. Abfchnitt. 



Beftandteile des Stadtbauplanes. 



i. Kapitel. 

Baublöcke. 

8 7 . Die von Strafsen- und Baufluchtlinien rings umfchloflenen , zur Bebauung be- 
Biockteiiung. ftj mm t- en Felder des Stadtbauplanes werden »Baublöcke« oder fchlechthin »Blöcke« 

genannt. Sie entliehen dadurch, dafs man die zwifchen den Hauptverkehrftrafsen 
liegenden Grundflächen durch Einlegen von Nebenftrafsen weiterhin aufteilt, bis 
man die für die bauliche Ausnutzung zweckmäfsige Feldergröfse erzielt hat. Oft 
wird diefe Aufteilung nicht fogleich beim Entwerfen und Feftftellen des Stadtbau- 
planes vollzogen, fondern bis zu dem fpäteren Zeitpunkte aufgeschoben, wo die 
Bebauung wirklich in Angriff genommen wird. Diefe Teilung der Arbeit in die 
zwei zeitlich verfchiedenen Feftftellungen der Hauptftrafsen und der Nebenftrafsen 
hat Nachteile und Vorteile. Erftere beliehen befonders darin, dafs man an den 
Hauptverkehrftrafsen, an welchen die Bebauung ftets vorfchreitet, über die offen 
zu haltenden Abzweigungen der Nebenftrafsen und über die Lage der Strafsenecken 
im ungewiffen ift, dafs demnach vielleicht gerade dort Neubauten entftehen, wo 
man fpäter die Nebenftrafsen anzulegen genötigt ift, oder dafs neben der Quer- 
ftrafsenabzweigung nicht die Seitenfaffaden von Eckhäufern, fondern rohe Giebel- 
mauern entftehen, die das Stadtbild auf lange Zeit verunzieren. Beifpiele diefer 
Unzuträglichkeiten und Unfchönheiten find in den neuen Teilen unferer Städte 
leider nicht feiten. Die fpätere Unterteilung der Blöcke hat aber den grofsen 
Vorteil, dafs man ficherer ift, die für die Anordnung der Nebenftrafsen und die 
Bemeffung der Blöcke mafsgebenden Anforderungen in zutreffender Weife zu be- 
friedigen. Es erfordert viel Aufmerkfamkeit und Einficht, diefen Vorteil durch 
rechtzeitige Feftftellung der Abzweigungen zu erreichen und zugleich jenen Uebel- 
ftänden zu entgehen. Am beften wird der Bebauungsplan zwar im ganzen Um- 
fange mit allen Einzelheiten entworfen, aber nur fchrittweife je nach dem Be- 
dürfnis des fortfchreitenden Anbaues, mit den inzwifchen als zweckmäfsig erkannten 
Aenderungen, förmlich feftgeftellt. 

88. Die an die Baublöcke und Bauftellen zu richtenden Anforderungen, welche 
GeftaiT fchon in Abfchn. 1, Kap. 1 allgemein erörtert wurden, find fehr verfchiedenartig. 

der Blöcke. Fabriken verlangen geräumige ungeteilte Flächen ; für Arbeiterwohnungen find 
umgekehrt fchmale Blöcke erwünfcht. Gefchäftsviertel bedürfen grofser Frontent- 
wickelung und direkter (auch diagonaler) Verkehrslinien; fpitz winkelige Eckbau- 



55 



Hellen find für Gefchäftszwecke unter Umftänden vorteilhaft. Blöcke für Ein- 
familienhäufer beanfpruchen angemeffene Gartenflächen, fowohl bei gefchloflener 
als bei offener Bauart ; Eckbauftellen, befonders fpitzwinkelige, find bei gefchloflener 
Bauweife für Einfamilienhäufer wenig geeignet, Blöcke von rechteckiger oder an- 
nähernd rechteckiger Form alfo befonders erwünfcht. Bei Miethäufern find die 
Gärten in der Regel nebenfächlich, wenn nur für geräumige Höfe geforgt ift; 
eine geringere Tiefe der Blöcke verhindert, dafs die Ausnutzung der Baugrund- 
ftücke durch Hinter- und Quergebäude zu fchlechten Wohnungsverhältniffen führt; 
Ecken find für Miethäufer vorteilhaft. 

Geeignete Abmeflungen der Baublöcke find folgende: 



Für gewerbliche 
Anftalten 



100 m tief, 200 m lang 
und mehr. 



Für Einfamilienhäufer 

80m tief, 160m lang; 

bei offener Bauart 

bis 100 x200m. 



Für Miet- und 
Gefchäftshäufer 



Für Arbeiterwohnungen 



60 m tief, 120 m lang. 



35 m 

bis 50 m 
tief. 



100m 

bis 150 m 

lang. 



8 9 . 

Normalma&e. 



Bei diefen Blockmafsen ift das Verhältnis der Tiefe (Breite) zur Länge in 
der Regel als 1 : 2, für Arbeiterwohnungen jedoch als 1:3 angenommen. Sowohl 
bei diefen Verhältniffen als bei den Mafsen felbft kann es fich indes hier nur um 
eine fehr ungefähre Norm handeln, welche gegenüber den Verkehrsanforderungen 
und der örtlichen Bauweife, die in erfter Linie, fowie im Hinblick auf vorhandene 
Wege und Grundftücksgrenzen, welche gleichfalls nach Möglichkeit zu berück- 
fichtigen find, nur einen relativen Einflufs ausüben kann. Die in Fig. 1, 6, 13 bis 
18, 19 u. 20 dargeftellten Baublöcke von Dresden, Stuttgart, Berlin, Magdeburg, 
Cöln, Trieft, Bremen, Rotterdam und Wien weifen deshalb die gröfsten Ver- 
fchiedenheiten auf. Die gleichförmige Gröfsenbeftimmung der Blöcke ift auch in 
derfelben Stadt verwerflich, da die Bedürfhifle an Tiefe und Fläche fehr mannig- 
faltig find. 

Wünfchenswert find, von öffentlichen Gebäuden und Arbeiterwohnungen ab- 
gefehen, Blöcke von 120 X 300 m bis 50 X 100 m . Kleinere Baublöcke als folche 
von 5000 Q m Inhalt find zwar unerwünfcht, fehr oft aber an den Durchfchneidungs- 
ftellen wichtiger Strafsenzüge nicht zu vermeiden. In der Stadterweiterung von 
Cöln enthält der gröfste, vielleicht noch der Teilung unterliegende 18 ) Block 
65000 qm, der kleinfte 2200 q™; die durchfchnittliche Gröfse ift 13 000 q™. Be- 
bauungsfahig find zur Not noch Blöcke von fehr kleinen Abmeflungen; in der 
Cölner Altftadt gibt es bei fpiels weife folche von nur 130 q m . Allzu kleine Blöcke 
haben die Nachteile, dafs im Inneren derfelben zu geringe Hof- und Gartenflächen 
verbleiben und dafs für Strafsenflächen ein übertriebener Anteil des Bebauungs- 
feldes verloren geht. Allzu grofse Blöcke find ebenfowenig zu empfehlen, weil 
die einzelne Bauftelle zu koftfpielig, daher der Anbau verlangfamt und erfchwert, 
auch die Errichtung von Hintergebäuden begünftigt wird. Das anfanglich vielleicht 
freie Innere eines geräumigen Baublocks ift auf die Dauer keineswegs als folches 
gefichert. Beim Steigen des Bodenwertes pflegen fich dort Hiriterbauten aller Art, 
auch gewerbliche Betriebe, Vergnügungsanftalten und ähnliche, auf die Strafsenfront 



90. 

Gröfrte 

und kleinfte 

Ma&e. 



>•) Die Teilung hat fpäter ftattgefunden. 



56 



nicht angewiefene Baulichkeiten anzuwedeln und einen Zuftand zu erzeugen, der 
für die Wohnungen noch unangenehmer ift, als die Raumbefchränkung eines kleinen 
Blocks. Mittlere Blockabmefiungen unter Abwägung der Lageverhältnifie und der 
Beftimmung find daher der Regel nach anzudrehen. 

Blöcke oder Blockteile für öffentliche Gebäude bedürfen einer fchönen Lage 

und einer Geftalt von entfprechender Regelmäfsigkeit; das Gröfsenbedürfnis ift 

Gebäude, felbftredend mannigfaltig. Beifpielsweife gebrauchen in der Regel Kirchen 

30 X 60 m bis 40 X 70 m, Markthallen etwa 3000 qm, Gymnafien etwa 5000 q™. 



91. 

Blöcke 
für öffentliche 









Fig. 


77- 






































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Ru j ilrtni 



Quadratblock. 







Fig. 78. 
Dreieckblock. 



Fig. 79- 









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Rechteckblock. 



92. 

Blöcke 
für Arbeiter- 
wohnungen. 



Eine verbreitete Anordnung der Blöcke für Arbeiterwohnungen zeigt die in 
Fig. 65 dargeftellte Kolonie Stahlhaufen bei Bochum. Das im Grundrifs in vier 
Wohnungen geteilte freiftehende, übrigens keineswegs als allgemeine Norm zu 
empfehlende Arbeiterhaus hat hier einen Bauplatz von 4X 170 q m Gröfse; der 
Wegeplan könnte weniger einförmig fein. Befler find die Anordnungen in Fig. 66 
bis 68, fowie Fig. 80 für gefchloffene Bauweife. Sollen zu den Wohnungen Vieh- 
ftälle gehören, fo ift deren Zugänglichkeit durch Gruppenbau (Fig. 57) oder durch 
Hilfswege im Inneren des Blocks zu fichern. 

Die am leichterten und gewöhnlich auch am vorteilhafteften zu bebauende 

Rechteckige Blockfigur ift das längliche Rechteck; das Streben, tunlichft viele rechteckige oder 

annähernd rechteckige Blöcke im Stadtplane zu erzielen, ift daher zu allen Zeiten 

vorherrfchend gewefen. Es ift aber vom Standpunkte des Verkehres und der 



93- 



57 

Schönheit verkehrt, wenn die Bildung rechtwinkeliger Baublöcke das Hauptmotiv 
oder gar das einzige Streben des Bebauungsentwurfes ift, namentlich wenn es jenes 
langweilige Schachbrettmufter erzeugt, das wir z. B. in Mannheim und in vielen 



Einteilung eines Blockes für gefchloffene Bebauung mit Kleinwohnungen 
ohne Hintergebäude. 

amerikanifchen Städten zu beobachten Gelegenheit haben, wo man die Strafsen 
und Blöcke mit Nummern und Buchftaben benennt und leider auch in Wirklich- 
keit kaum anders als an ihren Nummern unterfcheiden kann. Dies entfpricht nicht 
den wirklichen BedürfnhTen unferes Lebens und noch weniger den gewordenen 
Verhältniffen in alten Städten und gut 
entworfenen Stadterweiterungen, wo fall 
jede Strafse und faft jeder Block eine 
ausgeprägte Individualität befitzt. 
Strafsen- Weniger zweckmäfsig für die Be- 

kreuzung: bauung als das längliche Rechteck ift 
ohne die quadratifche Blockform. Da näm- 

lich das Beftreben vorwalten mufs, alle 
Fronten des Blocks auszunutzen, fo 
entfteht im Quadratblock die unfreie, 
geräumige Hof- und Gartenbildungen 
erfchwerende Bauftelleneint eilung nach 
Fig. n, während das Rechteck oder 
überhaupt das geftreckte Viereck nach 
Fig. 79 u. So aufser den unvermeidlich 
Abfchrägung befchränkten Eckbauplätzen eine grofse 
der Ecken. 2ahl zweckmäfsiger und angenehmer 
Baugrundftücke mit angemeffener Tiefe 
liefert. Die genannten Figuren zeigen 
zugleich verfchiedene Anordnungen der 
Bauftellengrenzen an den Blockecken. 
Es kann bei ftarkem Verkehr um die Ecke zweckmäfsig fein, die recht- 
winkeligen Ecken der Blöcke unter 45 Grad abzuftumpfen, teils um den Fufsgängern ( 
auf dem Bürgerfteig das Wenden um die Ecke zu erleichtern und die Fahrbahn- / 
kreuzung entfchiedener ausrunden zu können (Fig. 8i u. 82), teils um den befonders . 
für Gefchäftshäufer vorteilhaften Eingang an der Ecke zu gewinnen. Die diagonal 




5« 



gemeflene Gröfse der Abkantung pflegt 2 bis 4 m zu betragen. Eine allgemeine 
Anordnung folcher Verbrechungen empfiehlt (ich jedoch wegen der flauen Wirkung 
keineswegs , und noch weniger empfehlen fich Normalvorlchriften hierfür. Die 

Fig. 83. 



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Abgerundete, abgekantete und volle Blockecken. 
Fig. 84. Fig. 85, 





Volle, abgerundete und 
abgekantete Blockecken. 



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Abfchrägung ftumpfer Strafsenecken wirkt erft recht flau und faft immer unfchön; 
für die fpitz winkeligen Ecken dagegen ift die Abkantung ein Bedürfnis, fowohl des 
äufseren Anfehens, als der inneren Benutzung wegen. Die Abfchrägung fpitzer 



S9 . 

Winkel verlangt gröfsere Mafse als diejenige der rechtwinkeligen Ecken, und zwar 
-pflegen diefe Mafse zwifchen 5 und 15 m zu fchwankcn. Die Marken Ab- 
fchragungen eignen fich in vielen Fällen zur Vorlage von halbrunden Ausbauten 
oder rechtwinkeligen Erkern. Oft auch wird die geradlinige Abkantung durch eine 
kreisförmige Abrundung der Ecke erfetzt (Fig. 83, 84 u. 90'*), befonders bei 
Vorgärten. Innerhalb von Vorgärten die Verbrechung der Gebäudeecken vorzu- 
fchreiben, ift feibftredend ungehörig. Unfere Abbildungen Fig. 83 u. 84 zeigen 
abgekantete, abgerundete und volle Ecken in zweckmäfsiger Anordnung. Eine 
reizvolle Wirkung wird mitunter dadurch erzielt, dafs zwar die Ecke des Erd- 
gefchoffes des Verkehres wegen abgekantet wird, die oberen Stockwerke aber mit 
voller Ecke hochgeführt werden. Auch die Ausklinkung der Ecken kann zur 
Erweiterung der Fahrfläche bei ftarkem Verkehr um die Ecke und beim Richtungs- 
wechfel empfohlen werden (Fig. 85 u. 120). 

Eine dritte Blockform ift das Dreieck. Zwar ift die zweckmäfsige Bauftellen- 
einteilung bei diefer Form noch fchwieriger als beim Quadrat; aber diefer Er- 



Bebauung einer fpitz winkeligen Bauftelle. 



fchwernis fteht der Vorteil gegenüber, wel- 
cher nicht allein dem Stadtbau plane, fondern 
auch den Bauft eilen aus dem Durch legen 
diagonaler Verkehrftrafsen erwächft. Denn 
feibftredend find es faft nur die Diagonal- 
ftrafsen , welche die Entftehung dreieckiger 
Blockformen herbeiführen. Die fpitzen Ecken bei A und B in Fig. 78 bilden, 
weil am Hauptverkehr liegend und eine grofse Frontehtwickelung darbietend, ge- 
fachte und gute Gefchäftslagen. Ungefchickte Architekten oder Bauunternehmer 
haben allerdings zuweilen folche Eckbauftellen unfchön bebaut, oft z. B. nach 
Fig. 86 derart, dafs das Gebäude der einen Strafse die Rückfeite in häfslicher 
Weife zukehrt; aber fchon Fig. 87 u. 88 deuten an, wie ein folches Eckhaus 
mit offenem oder gefchloffenem Hofe von allen Seiten anfehnlich ausgebildet 

Welche Mibe eignen fich am bellen für die in den FluchllinienpUoen gröfseict Städte notwendigen Ab- 
fchrägungen oder Abrundenden der Str.fienecl.en? WoehM. f. Bnukde. iSSj, S. 19. 



werden kann. Ebenfo können die den Eckhäufern benachbarten Gebäude, wenn 
fie wegen geringer Tiefe der Bauteilen ihre Rückfeite der anderen Strafse zu- 




Blodc zu Budapeft. 

wenden, Unfchönheiten im Strafsenbilde hervorrufen, welche bei gefchickter .Be- 
bauung leicht zu vermeiden find. Zwar wird man dreieckige Blockformen felbft- 
redend nach Möglichkeit vermeiden; 
die Bebau ungsfchwierigkeiten dürfen 
aber nicht hindern, Dreieckblöcke, fei 
es in der Ebene, fei es namentlich an 
der Berglehne, überall dort anzuord- 
nen, wo der Verkehr es wirklich ver- 
langt. In franzö iifchen Stadterweite- 
rungsplänen find die dreieckigen Blöcke 
fo häufig , dafs fie mitunter ganze 
Stadtteile bilden. Während man in 
Deutschland vorwiegend geneigt ift, 
ein zu grofses , zwifchen Ring- und 
Radialftrafsen liegendes Feld in vier 
Rechteckblöcke zu teilen, zerlegen die 
Franzofen das Feld gern durch ein 
aus zwei Diagonalen beftehendes Kreuz 
in vier Dreieckblöcke; fie nehmen da- 
bei die Unbequemlichkeiten der Be- 
bauung in den Kauf, opfern auch etwas 
mehr Strafsenland, fuchen aber Nutzen 
zu ziehen aus dem Umftande, dafs die 
Diagonalen den Verkehr anziehen, alfo 



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den Wert des Baulandes erhöhen. Bei der offenen Bauweife machen fich in 
Dreieckblöcken und überhaupt in fpitzwinkeligen Blöcken Bebauungsfchwierigkeiten 
weniger geltend, da es nicht nötig ift, die hinter die Strafsenfluchtlinien zurück- 
tretenden Gebäude parallel zur Strafse zu Hellen; es ift allgemein üblich und fleht 
gut aus, die fpitzen Ecken der Vorgärten abzurunden. 

Völlige Regelmäfsigkeit der Blockformen ift in einem Stadtbauplane weder 
zu erreichen noch anzuftreben. Trapezblöcke und unregelmäfsige Formen nach 



97- 
Unregelmäfsige 

Blöcke. 



Fig. 91. 



Fig. 92. 





Viereckiger Block von unregelmäfsiger Geftalt. 



Unregelmäfsiger Trapezblock. 



Fig. 93. 




Unregelmäfsiger Dreieckblock. 



Fig. 90 bis 93 find daher häufig. Die Ab- 
bildungen zeigen zugleich, wie das Abfchneiden 
fpitzer Ecken oft mit Vorteil und zur Gewin- 
nung rechtwinkeliger Bauplätze in anderer Weife 
als durch diagonale Abkantung herbeigeführt 
werden kann. 

Die Bauftelleneinteilung in Fig. 89 bis 92 
zeigt die Anordnung, dafs die Bauftellen an 
den wichtigeren Strafsen, deren Fronten dem 
Baulande einen höheren Wert verleihen, mit 
gröfserer Tiefe abgeteilt find als die Bau- 
ftellen an den weniger wertvollen Strafsen. In 



Fig. 94. 

Rui de Bru-xelles 













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Rue de Paris 



Einteilung eines Rechteckblocks zu Oftende. 



Bauftelleneinteilung 
zu Blankenberghe. 



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98. 

Bauftellen- 
einteilung. 



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Fig. 94 u. 95 fallt die aufserordentlich kleine Bauftellenteilung belgifcher Städte 
auf. Fig. 90 zeigt, wie das Innere des für gewöhnliche Bauftellen zu tiefen Ortender 



62 

Blocks in Verbindung mit einer Eingan gabaufteile zu einem Zwecke benutzt ift, 

welcher der St rafsen front nicht bedarf. In ähnlicher Weife kann das Blockinnere 

auch für einen öffentlichen Garten, einen 

Schulbauplatz oder dergl. benutzt werden. * 96 " 

Einen in gröfsere Baugrundftücke (für 

Miethäufer) eingeteilten , leider fehr eng 

bebauten Block aus Budapeft ftellt Fig. 89 

dar (vergl. auch Fig. 13 bis 18, S. 14). A 

Nur der Sonderbarkeit wegen (oll m 

erwähnt werden, dafs es in Amerika auch fi, 

Stadtteile nach dem Sechseckmufter geben 

toll (Fig. 96), was fchon aus dem Grunde ^f 

eine Torheit ift, weil durchgehende Ver- 
kehrftrafsen nicht möglich find. 

Das Abteilen der Bauftellen recht- 
winkelig zu den Fluchtlinien ift bei ge- Amenfcmifche Sertsecfcblöcke. 

fchloffener Bauweife, wenn nicht vor- ™* " 

handene Eigentümsgrenzen es unmöglich machen, felbft verftändlich ; bei offener 
Bauweife ift die rechtwinkelige Teilung weniger nötig, da ein etwas fchiefer Verlauf 
der Grenze zwifchen Gärten nicht fchädlich ift. 



2. Kapitel. 

Verfchiedene Strafsenarten, ihre Breiten und Längen. 

a) Strafsenarten. 

Die im Stadtplane nach Verkehrs-, Bebauungs-, Gefundheits- und Schönheits- 
1 rück flehten feftgeftellten fowohl, als auch die gefchichtlich gewordenen Strafsen 
unterfcheiden fich fchon äufserlich durch die ihnen beigelegten Namen, in welchen 
ihre Eigenart und Bedeutung teilweife zum Ausdruck gelangt. In den Strafsen- 
namen finden wir Bezeichnungen wie: Gaffe, Gäfschen, Stiege, Hof, Klofter, Cüi, 
Paffage, Galerie, Lang, Row, Terrace, Back-road, Weg, Damm, Garten, Ufer, 
(Staden, Kai, Kade, Lände, Stapel, Gracht, Rakpart, Werft), Twiete, Gang, 
Graben, Wall, Sträfschen, Strafse, Allee, Promenade, Ring (Cingel, Bollwerk, 
Boulevard), Avenue, Corfo (Cours). 

Diefe Bezeichnungen find gewiffermafsen die Familiennamen, während die 
Glieder derfelben Familie durch Vornamen unterfchieden werden (Elftergaffe, 
Gereatts-Hoi, Breiter Weg, Fuhlentwiete, Luifen-Xitex, Ko/owrat-Rixig u. f. w.). Aus- 
nahmsweife find Vor- und Familiennamen in eines verfchmolzen, z. B. der »Graben* 
in Wien und Prag, die »Lindem in Berlin, die sKukelke« in Dortmund, »Unter 
Fettenhennen«, »Im Laach« zu Cöln, der » Buche! * in Aachen, die »Zeil» in 
Frankfurt, die tTreille* zu Genf, die *Canebii-re«. in Marfeille, der »Cor/o* in Rom. 

Der Familienname der Gaffen, fo geachtet er in allen deutfehen Städten 
früher war, in Süd deut fehl and und Oefterreich (in Ungarn ütcza genannt) heute 
noch ift, erfreut fich in Xorddeutfchland keiner Beliebtheit mehr, weil man dort 



63 



irrigerweife mit der Bezeichnung »Gaffe« gern den Begrifi der Enge und Unfauber- 
keit verbindet. »Gaffen« als Fufswege find jedoch auch in neuen Bebauungsplänen 
mitunter zweckmäfsig und notwendig, um fehr lange Blöcke zu teilen. Befonders 
bei offener Bauweife und an Berglehnen, an letzteren meift als Treppenfteige, find 
derartige Gaffen empfehlenswert (Fig. 97 u. 98). Während die Sackgaffen, d. h. 

Fig. 97. 



&~o o o <g. 




Fufsweg zur Durchquerung eines langen Blocks bei offener Bauweife. 

die nur mit einem Zugang verfehenen Gaffen, ebenfo die zahlreichen nicht be- 
wohnten Zwifchengäfschen in alten Städten mit Recht allmählich zum Ver- 
fchwinden gebracht werden (die Zwifchengäfschen durch Abfperren, durch Verkauf 
an die Anftöfser und dergl.), haben fich die »Höfe« noch vielfach erhalten. 

Es find meift ehemalige Privatftrafsen oder Privatgrundftücke , die der all- 
mählichen Umbauung eines gemeinfchaftlichen geräumigen Hofes mit zwei unter- 
geordneten Zugängen oder nur einem Zugange ihre Entftehung verdanken. Auch 



Fig. 98. 



12 




Treppenftieg zur Durchquerung eines langen Villenblocks an einer Berglehne. 

die meiften diefer »Höfe« werden der verkehrverbeffernden Zeit fchliefslich zum 
Opfer fallen, bezw. in durchgehende Strafsen umgewandelt werden, wie es mit 
dem Sparwaldshof in Berlin und dem Gereonshof in Cöln vor einiger Zeit ge- 
schehen ift. 

Mit den »Höfen« verwandt find die in mittelalterlichen Städten noch vielfach 
vorhandenen »Klöfter«, die auf gleiche Art aus der Umbauung ehemaliger Klofterhöfe 
oder unmittelbar aus Kloftergebäuden und Kloftergärten entftanden find, während 
zwifchenzeitlich die ehemaligen Klofterzugänge und das Klofterinnere die Eigen- 
schaft öffentlicher Strafsen oder Plätze erhalten haben. Sie bieten oft malerifche 
Bilder dar. 



10a. 
Höfe. 



103. 

Klöfter. 



Weniger in deutfchen , als in franzöfifchen und englifchen Städten kommt es 
' vor, dafs folche Sackgaffen, »Höfe« und »Klöfter< als Privatunternehmungen neu 
angelegt werden. Befonders in Paris gibt es zahlreiche fog. Cites, in London 
unzählige Courts, Places, Buildings und dergl., die in die Baublöcke als Sack- 
gaffen, hakenförmig oder in ähnlicher Geftalt, einfchneiden, tagsüber öffentlich zu- 
gänglich find, Nachts aber meift durch Tore gefchloflen werden. Fig. 99 bis 102 

Fig. 100. 



Citi Beaujon za Paris. 



Ftatherflone-buildings 
zu London. 



CiU Trtoift zu Paris. ^&&&&&^%^ ''"" " G ' 

' Imm "■ C '- CiU Bergire zu Paris. 

zeigen als Beifpiele die Cites Beaujon, Bergere und Trevife zu Paris und die 
Featherflone-bitildings zu London. Der Zweck folcher Anlagen befteht in der voll- 
kommeneren baulichen Ausnutzung gröfserer Grundflächen, deren Strafsenfront zu 
einer ergiebigen Bebauung nicht ausreicht. In Paris ift es meift die zu grofs be- 
meffene Ausdehnung vieler Baublöcke, welche die Bildung der Cites hervorgerufen 
hat. Wichtig ift eine folche Anordnung derfelben, dafs den Fuhrwerken das 
Wenden ermöglicht wird. Oft find die Zugänge der franzöfifchen Cites und der 
englifchen Courts überbaut, was architektonifch reizvoll, wegen der Beeinträchtigung 
des Luftwechfels aber nachteilig fein kann. Die haken- oder knieförmige Grundrifs- 



6S 

geftalt, welche man bei diefen Privatanlagen häufig findet, pflegt man bei öffent- 
lichen Strafsen für unzuläffig zu halten, obwohl fie auch hier zuweilen vorkommt 
(AWaei-Anlage zu Karlsruhe, ß»mw-Strafse zu Cöln). 

Eine Abart der Citis find die »Paffagen« oder »Galerien* , die auch in 
deutfchen Städten mannigfach angeordnet werden. Sie pflegen nur für Fufsgänger 
beftimmt, an den Eingängen überbaut, mit Glasdächern verfehen und beiderfeits 



■ Kaifer- 
" paffage 



JtHtrtttH t h- 



von Verkaufsläden, Kaffeehäufern und dergl. eingefafst zu fein. Zu den bedeutendften 
Paffagen gehören die Kaiferpaffage zu Berlin, von knieförmigem Grundrifs, 7,bs m 
breit und 125 m lang (Fig. 103); die Paffage zu Rotterdam, 8,io m bezw. 5,to m breit 
und 95 m lang (Fig. 104); die Galleria Maszini zu Genua, 10,5 m breit und 190 m 
lang (Fig. 105) und die Galleria Vittorio Emamtele zu Mailand (Fig. 107), 14,5o m breit, 
in Geftalt eines Kreuzes, deffen Schenkel 210 m , bezw, 105 m lang find. Sowohl 
die Rotterdamer, als die Genuefer Paffage verbinden Strafsen, die in fehr ver- 
fchiedener Höhe liegen. In Rotterdam ift der Höhenunterfchied durch Treppen 



66 



überwunden, während der Fufsboden der Galleria Mazzim ftark anfteigt und die 
Seitenfafladen in einzelnen Teilen abgefetzt find, deren Höhenlagen durch ein- 
gefchaltete Kuppeln, welche die wagrechten Firfte des Glasdaches unterbrechen, 
vermittelt werden. 

Solche bedeckte Paflagen find im Inneren grofser Städte als Verkaufshallen 
für Schmuckfachen, Luxusgegenftände, Photographien und dergl. und mehr noch als 
Wandelgänge angenehm und zweckmäfsig. Sie find vom künftlerifchen Standpunkte 
ein willkommenes, anziehendes Mittelding zwifchen Strafsen- und Innenarchitektur 



Fig. 105. 




Galerie St. Hubert : 



und oft glänzend ausgestattet. Als Kapitalanlage haben fie jedoch die gehegten Er- 
wartungen oft nicht erfüllt. Die geringfte Breite follte 6™i betragen; engere Paflagen, 
wie diejenigen zu Amiens [Galerie du commerce, 4 m breit), zu Cöln {Augvßa- 
Halle, 3,9! m breit) und zu Lüttich (Paffage Lemotmier, 3, so m breit), laffen bezüglich 
der Lüftung, und Erhellung der anftofsenden Räume viel zu wünfehen übrig. Die 
Galerie St. Hubert zu Brüflel (Fig. 106) dürfte mit 5,is m Breite die Grenze der Zu- 
läffigkeit bezeichnen. 

Die englifchen Latus find gewöhnlich einfpurige Gatten, die Rows einfeitig 

' bebaute Strafsen, die Terraces abgefonderte Häufergruppen (vergl. Fig. 332). 

Terraces, Places und die englifchen Back-roads, welche den hinteren untergeordneten 



68 



107. 

Bezeichnung 
nach der Orts- 
befchaffenheit. 



108. 

Twieteo und 

Gänge. 



109. 

Gräben und 

Wälle. 



xxo. 

Straften 

fchlechthin ; 

Lauben. 



xiz. 

Alleen, 

Boulevards, 

Ringe, 

Avtnuen. 



Zugang zu Grundftücken bilden, deren Hauptfronten an anderen Strafsen liegen, 
find auf dem Kontinent wenig gebräuchlich. Die Back-roads oder Hinterftrafsen 
haben den Nachteil der nächtlichen Unficherheit und des verMärkten polizeilichen 
AuffichtsbedürfnilTes, fonft aber fo viele Vorteile, dafs fie bei geeigneter Oertlich- 
keit in Gefchäfts- und Fabrikvierteln wohl in Erwägung zu ziehen find. 

Die Namen »Weg, Damm, Bleiche, Bahn, Garten, Berg, Hügel t Brücke, Infel, 
Ufen entfpringen unmittelbar aus der Oertlichkeit, infofern als »Weg, Damm, Bahn, 
Bleiche, Garten« aus früheren Landwegen, Eindeichungen, Seilerbahnen und dergl. 
oder parzellierten Wiefen und Gärten entstanden find, während »Berg, Hügel, Brücke, 
Infel« die jetzige oder frühere Ortsbefchaffenheit bezeichnen und endlich mit »Ufer, 
Staden, Kai, Kade, Lände, Stapel, Gracht, Rakpart, Werft« Uferftrafsen an Flüflen 
und fonftigen Gewäffern benannt werden. 

»Twiete« und »Gang« find norddeutsche, befonders Hamburgifche Bezeich- 
nungen; erftere, den englifchen Lanes verwandt, für enge Zwifchenftrafsen oder 
ZwifchengalTen, in welchen zwei Fuhrwerke fich nicht begegnen können, letztere 
Bezeichnung für enge und winkelige Gaffen ohne Fahrverkehr. 

Die Namen »Graben« und »Wall« erinnern an ehemalige Befeftigungslinien ; 
mitunter find es die hervorragendften , zuweilen die untergeordnetften Strafsen der 
Stadt, je nachdem fie auf gefchleiften Feftungswerken mit befonderer Aufmerkfam- 
keit neu gefchaffen wurden (Krefeld, Dortmund) oder aber in ihrem mangelhaften 
Zuftande als Unterkunft armer Leute oder fchlechten Gefindels der alten Walllinie 
entlang noch erhalten find. 

Die Hauptmenge aller ftädtifchen Strafsen trägt fchlechthin den Familiennamen 
»Strafse«, ohne dadurch im mannigfaltigften Wechfel vom befcheidenften »Sträfs- 
chen« bis zur ftattlichften Prunkftrafse gehindert zu fein. In der Namengebung 
unterfcheiden wir nicht klar zwifchen innerftädtifchen Pflafterftrafsen und äufseren, 
in das Land hinausfuhrenden, meid makadamifierten Strafsen, wenn auch die Namen 
»Steinweg, Landftrafse« u. f. w. vorkommen. Bei den Franzofen find die inneren 
Rues und die äufseren Routes beffer unterfchieden , ebenfo die englifchen Streets 
und Roads. 

Der Fahrweg in der Mitte, die Fufswege (Bürgerfteige, Trottoire) zu beiden 
Seiten, dies ift die übereinftimmende Einteilung aller diefer »Strafsen«, folange 
nicht das Pflanzen von Baumreihen zu anderen Anordnungen führt. 

In Italien ift diejenige Strafsenart verbreitet, welche den Bürgerfteig als be- 
deckten Bogengang in die ErdgefchoiTe der Häufer hineinlegt oder den Häufern 
vorlegt. Auch in Südfrankreich find folche fchattige Bürgerfteighallen beliebt; 
ftellenweife finden fie fich als »Lauben« auch in der Schweiz, in Deutfchland und 
in Oefterreich (Bern, Strafsburg, Münfter, Lübeck, Prag, Meran, Bozen u. f. w.). 

Einer reichen Ausbildung find die breiten Strafsen fähig, fobald fie zum 
Spazierengehen, Spazieren fahren und Reiten dienen follen und teils des Schmuckes, 
teils des Schattens wegen mit Bäumen bepflanzt werden. Dadurch entftehen diejenigen 
Strafsen, die unter dem Namen »Allee« oder »Promenade« bekannt find, die auch 
ihrer Oertlichkeit entfprechend »Graben, Wall, Bollwerk, Boulevard« genannt werden, 
wenn fie den Platz ehemaliger Feftungswerke einnehmen, oder »Ring«, »Zingel«, 
falls der die Stadt umfchliefsende Verlauf derfelben befonders betont werden foll. 
Die franzöfifche, auch bei uns zuweilen benutzte Bezeichnung Avenue drückt da- 
gegen meiftens die radiale oder diagonale Richtung aus; man hat darunter in der 



69 

Regel eine mit Bäumen befetzte Zugangsftrafse von einem Vorort oder einem 
äufseren Stadtteile zur Innenftadt oder den Zugang zu einem Stadttor, einem Park, 
einem Palaft oder dergl. zu verliehen. 

In New York heifsen die Strafsen der Längsrichtung Avenues, diejenigen der xia - 
Querrichtung Streets. In Ungarn überträgt man die ftrahlenförmige oder ringförmige ""u™ 
Richtung der Strafse auch ausdrücklich auf den Strafsennamen; die Radialftrafsen ungarifche Bc- 
heifsen Sug&rüt, z. B. Väfärhelyi Sugdrüt, die Ringftrafsen Korkt, z. B. Vdczi Korkt. ieichnungen - 

Der anfpruchsvollfte, in Deutfchland nicht gebräuchliche Strafsenname ift »3. 
Corfo oder Cours. Die Italiener verbinden mit Corfo kaum einen anderen Sinn or °' ours ' 
als den der ftädtifchen Fahrpromenade (die Fufspromenade oder der Parkfahrweg 
heifst PaJJfeggio)\ der Corfo zu Rom hat nur 12 bis 15 m Breite. Die Franzofen 
jedoch verlangen von einem Cours, dafs er befonders breit und reich ausgebildet 
fei, mindeftens eine befondere Equipagenftrafse und abgetrennte Reitwege enthalte. 
Der Italiener gebraucht im letzteren Falle die Bezeichnungen Largo oder Viale. 
Der Name drückt indes hier, wie in allen Verhältniffen des Lebens, die Bedeutung 
eines Gegenftandes nur in unvollkommener Weife aus. Wir haben uns nur aus 
dem Grunde ausführlicher mit den Strafsennamen befchäftigt, weil fich uns dabei 
ein Ueberblick über die grofse Verfchiedenartigkeit ftädtifcher Strafsen darbot. Mafs- 
gebend für die wirkliche Bedeutung einer Strafse find — neben der Verkehrslage, 
Bebauung, Profilierung und Ausfchmückung — vor allem die Breite und Länge 
derfelben. 

b) Strafsenbreite und Strafsenrichtung. 

Im Hinblick auf den Verkehr find die Strafsen nach ihrer Breite in den Aus- 1x4. 
fuhrungsbeftimmungen des Preufsifchen Minifteriums der öffentlichen Arbeiten zum ab ft^° 
Fluchtliniengefetz vom 2. Juli 1875 (fiehe Anhang) eingeteilt in Nebenftrafsen von bezüglich des 
12 bis 20 m Breite, in Verkehrftrafsen mittleren Ranges von 20 bis 30 m Breite und er c a " 
in Hauptverkehrftrafsen von 30 m und mehr Breite. Für die lebhaften Teile der 
Millionenftädte ift diefe Einteilung gewifs zutreffend. Für verkehrsreiche Mittel- 
ftädte, wie Leipzig, Frankfurt, Hannover etc., find jene Mafse fchon reichlich grofs \ 
für diefe würde eine Einteilung in die drei Klaffen von 10 bis 14 m , von 15 bis 25 m , 
von 26 bis 36 m wohl zweckentfprechender fein. Bei gewöhnlichen Verhältniffen 
genügen indes bezüglich des Verkehres geringere Mafse; daneben find aber auch 
die Rückfichten auf Gefundheit, Schönheit, Ausfchmückung und Koften für die Be- 
ftimmung der Breite mafsgebend. 

Obige Mafse gelten zudem nur für neu anzulegende Stadtteile, da in alten 
Stadtvierteln die Strafsenbreiten , fogar bei Hauptftrafsen , tiefer hinabgehen und 
auch bei Strafsendurchbrüchen geringere Anfprüche gemacht werden muffen als 
im freien Felde. 

Als eine der engften ftädtifchen Hauptftrafsen fei die Hochftrafse in Cöln »s. 
genannt, welche ftreckenweife nicht breiter als 5,50 m ift und jetzt erft durch all- 
mähliches Zurücktreten der Neubauten auf 8,10 m Breite gebracht wird. Zu den 
engften Nebenftrafsen gehören die 1,53 m breite, beiderfeits mit neungefchoffigen 
Häufern eingefafste Friedensgaffe (Vico della pace) in Genua und die nur 0,72 m 
breite Calle flretta zu Venedig, an der die Häufer fechsgefchoffig find! Nicht unter 
dem fiidlichen und noch viel weniger unter dem nördlichen Himmel find folche 
Gaffen und enge Strafsen zu billigen; man wird vielmehr darauf Bedacht nehmen, 



70 



sx6. 



bei Zuladung von Neubauten auch die engften Strafsen auf wenigftens 6 bis 7 m 
zu verbreitern und neue Strafsenanlagen auch bei der ungünftigften Raum- 
befchränkung nicht unter 8 m Breite zu geftatten. Bei Strafsendurchbrüchen von 
gröfserer Verkehrsbedeutung follte man aber eine Breite von 13 bis 15 m als Mindeft- 
mafs fefthalten. Für Durchbrüche erften Ranges find Breiten von 20 bis 25 m er- 
forderlich; die Kaifer- Wi/Aefm-Strafee in Berlin hat beifpielsweife 22, bezw. 26 m 
Breite erhalten. 

Für die neuen Stadtteile von Düfleldorf wurden durch ein Sachverständigengutachten 
Nonnaimafse. strafsenbreiten von 15, 20 und 26 * empfohlen, aufserdem jedoch Ringftrafsen von 80 * Breite 
und mehr. In neuerer Zeit hat man Nebenftrafsen (Wohnftrafsen) bis hinab zu 10 m Breite hin- 
zugefügt. 

In der Stadterweiterung von Cöln find folgende Abftufungen bezüglich der Strafsenbreite 
gebildet: 12, 14, 16, 18, 20, 22, 26, 30», ferner eine abwechfelnde Ringftrafsenbreite von 82 bis 
100«. Auch hier find Nebenftrafsen bis zu 8» Breite eingefchaltet worden. 

In Lübeck gelten die Abftufungen 7 bis 9"» für Wohnftrafsen, 10 m und mehr für Neben- 
verkehrftrafsen, 25 m für Hauptverkehrftrafsen. 

Bremen begnügt fich mit den Abftufungen 10, 14 und 18 m als Mindeftmafsen. 

In Leipzig werden für Nebenftrafsen wenigftens 13»*», für Hauptftrafsen wenigftens 17 m ge- 
fordert. — Das letztgenannte Mafs gilt auch als Mindeftbreite für Verkehrftrafsen in Hamburg. — 
Für neue Strafsen in Wien gelten die Mafse 15, 19 und 23 m als zweckmäfsig, felbftredend von 
Promenaden- und Luxusftrafsen abgefehen. — In München find feftgefetzt 13 bis 16 m für Wohn- 
ftrafsen, 18 bis 25 m für mittlere, 30 bis 40» für Hauptftrafsen 20 ). 

Das Mafs von 26 m bezeichnet nach § 15 des Preufsifchen Fluchtliniengefetzes 
diejenige Breite, bis zu welcher die beiderfeitigen Anlieger, jeder bis zur Strafsen- 
mitte, die Strafsenanlagekoften beftreiten muffen ; es ift zugleich unter gewöhnlichen 
Verhältniffen das gröfste Breitenmafs, welches der gefchäftliche Strafsen verkehr 
überhaupt verlangt. 
117. Ueber diefes Mafs hinaus beginnt entweder der Grofsftadtverkehr oder der 

Promenaden- l UXUSj übrigens, wenn Uebertreibungen vermieden werden, ein durchaus berechtigter 
und nützlicher Luxus, da Baumreihen und Promenaden der ganzen Bevölkerung zu 
ftatten kommen und auch Reitwege und Equipagenfahrwege für den wohlhabenden 
Teil der Bürgerfchaft fo lange nicht für entbehrlich gelten dürfen, als man diefen 
Bevölkerungsteil felbft nicht für überflüffig hält. 

Die geringfte Breite einer Promenadenftrafse ift 22 m , da man erft bei diefer 
Breite im ftande ift, auf jeder Strafsenfeite eine haltbare Baumreihe in wenigftens 
6,00 bis 6,50 m Entfernung von den Häufern zu pflanzen; die Breite kann bis auf 100 m 
wachfen, wie wir dies im nächften Kapitel bei Befprechung der Querprofile näher 
betrachten werden. 
n8. Die Strafsen amerikanifcher Städte pflegen, auch ohne Baumreihen, in fehr 

Amcrikanifchc erhe bi ic h en Breiten angelegt zu werden. Für blofse Wohnftrafsen find 20 bis 30 m, 
für Verkehr- und Gefchäftsftrafsen 40 bis 50 m gebräuchliche Breiten; allerdings 
überläfst man in der Regel einen beträchtlichen Teil der Bürgerfteigbreite der 
privaten Benutzung der Anlieger für Gefchäfts- und andere Zwecke. 

In Deutfchland unterfcheidet man beim Entwerfen von Stadtbauplänen immer 
deutlicher »Verkehrftrafsen« und »Wohnftrafsen«, letztere nur für den Verkehr der 
Anwohner beftimmt. Während für die Breitenbemeffung der erfteren der zu er- 
wartende Verkehr mafsgebend ift, find die Wohnftrafsenbreiten abhängig von der 



2°) Vcrgl. : Stüüden, J. Der Stadtcrweitcrungsplan und feine Durchführung in den »Neuen Unterfuchungen des 
Vereins für Sozialpolitik über die Wohnungsfrage in Deutfchland und im Auslande«. Bd. I. Leipzig 1901. 



71 

Häuferhöhe, weil diefe die Belichtung der Erdgefchoffe auf der gegenüberliegenden 
Strafsenfeite beeinflufst: die Breite der Wohnftrafse kann deshalb auf 13 bis 10 m 
und falls Vorgärten angeordnet find, bis auf 8 m (Fahrweg 5 m , zwei Fufswege zu 
je 1,5 m) eingefchränkt werden. 

Die Anforderungen der Gefundheit an die Breite einer Strafse werden durch "9- 
die* richtige Berückfichtigung der Verkehrsverhältniffe in der Regel erfüllt fein, liche A * ! . 
vorausgefetzt, dafs die zuläffige Haushöhe, wie dies in den meiden Bauordnungen f<*derungen. 
der Fall ift, zur Strafsenbreite in einem angemeffenen Verhältniffe fleht. Manche 



Fig. 108. 



"Rom. \ - 

Froj\Kfk / 4h 

Karl*niHe\ 13 
HwtncHen \^ 
Berten | 

Düsseldorf «0 

9 

ft 

7 
Hamburg £ 

Stuttgart 5 



Dresden 



Karlsruhe , Hre%d.er>> 




Hamburg .Hont. 

Mönchen.. Berürv. 

Kacsel. 3>u««ldorf. 
Stuttgart. 

Trankfurt 



6 S 10 tt i¥ 16 11 20 1% Vt 26 « 30 
Strassen breite . 

Verhältnis zwifchen Strafsenbreiten und Gebäudehöhen in verfchiedenen Städten. 



120. 

Beziehungen 



Bauordnungen fetzen den einfachen Grundfatz feft, dafs ein Haus vom Bürgerfteig 
bis zum Dachgefims nicht höher fein foll, als die Strafse breit ift. 

Andere Bauordnungen vereinigen mit diefer Vorfchrift die Beftimmung, dafs 
auch für engere Strafsen eine Haushöhe von beifpielsweife 10 oder 12 m immer 2wifchcn 
zuläffig ift, dafs ferner über eine gewiffe Höhe, z. B. 20 oder 22 m , hinaus , Wohn- Haushöhe und 
gebäude überhaupt nicht aufgeführt werden dürfen (München, Berlin, Caflel, Düffel- tra sen reitc ' 
dorf). Die Mehrzahl der Städte fchlägt indes einen Mittelweg ein (vergl. Fig. 108 21 ), 
indem fie beftimmt, dafs zwifchen den zuläffigen abfoluten Grenzzahlen die Haus- 
hohe einige Meter (3 bis 6 m ) mehr betragen darf als die Strafsenbreite (Frankfurt, 
Stuttgart, Cöln, Hamburg). In Karlsruhe ift die gröfste zuläffige Höhe zwifchen 
den äufserften Grenzzahlen gleich der 1 ^-fachen, im fonnigeren Rom gleich der 
1 ^-fachen Strafsenbreite. Trilat verlangt, dafs die Strafsen behufs ausreichender 

H) Die ftädtifchen Bauordnungen find in beftändiger Entwickelung begriffen ; auch die von una angegebenen Zahlen 
und feit 1890 mannigfachen Aenderungen unterworfen worden; dennoch dürfte Fig. 108 ihren grundfätzlichen Wert für die 
vorliegende Betrachtung nicht verloren haben. 



72 



lax. 
Himmelslicht. 



122. 
Sonnen- 
ftrahlen und 
Strafsen - 
richtung. 



123. 

Uebertri ebene 

Strafsenbreiten. 



Beleuchtung der Wohnräume eine Breite erhalten, welche der 1 ^2 -fachen Gebäude- 
höhe gleich ift 2 *). Die neueren Bauordnungen, deren Vorfchriften für die ver- 
fchiedenen Stadtteile abgeftuft find und befonders in neuen Vierteln gröfsere Weit- 
räumigkeit verlangen als in der Altftadt, zeigen auch für das Verhältnis zwifchen 
Haushöhe und Strafsenbreite eine gewifte Mannigfaltigkeit in derfelben Stadt. 

Ein leitender gefundheitlicher Geflchtspunkt ift derjenige, dafs in jeden Wohn- 
raum das Himmelslicht unter 45 Grad, womöglich bis an die Rückwand des Zimmers, 
einfallen foll. Obfchon man bei flüchtiger Betrachtung zu der Annahme geneigt 
ift, diefe alte Forderung fei fowohl an Höfen wie an Strafsen leicht erfüllbar, 
haben doch die meiften Bauordnungen fich genötigt gefehen, befonders in alten 
Stadtteilen Höfe von fo geringen Abmeffungen zuzulaufen, dafs den unteren Ge- 
fchoffen der genannte Lichteinfallswinkel durchaus nicht gewährt wird (vergl. Fig. 13 
bis 18 u. 89). Häufig wird die Forderung nicht einmal für die Erdgefchofszimmer 
an der Strafse erfüllt. 

Weit fchwieriger, ja oft unmöglich ift es jedoch, in ähnlicher Weife dafür zu 
forgen, dafs die unmittelbaren Sonnenftrahlen täglich wenigftens eine oder zwei 
Stunden lang in alle Wohnräume einfallen. Dies hängt nicht blofs von der 
Breite der Strafsen (und Höfe) ab, fondern mehr noch von der Strafsenrichtung, 
welche zumeift etwas Gegebenes oder vom Verkehre Vorgeschriebenes ift, und 
von der Stellung der An- und Hinterbauten, alfo von der Art der Bebauung des 
Grundftückes. Leider find auch in diefer Hinficht die Rückfichten auf die räum- 
liche Geftaltung und auf die Rentabilität oft ftärker als die gefundheitliche Forde- 
rung der Befonnung. Der Architekt fowohl als der Bauherr könnten ihre Ge- 
bäude in vielen Fällen den Richtungen der Sonnenftrahlen weit mehr anpaflen, 
als dies gewöhnlich gefchieht; der Gefundheit und Behaglichkeit der Einwohner 
würden fie dadurch einen grofsen Dienft erweifen. Daneben bleibt die Pflicht 
des Stadtplanentwerfers beliehen, die Strafsen nach Möglichkeit fo zu den Himmels- 
richtungen zu legen, dafs die reine Nordlage vermieden wird; aber fo wenig allein 
mafsgebend die Befonnung bei der Feftftellung der Strafsenrichtungen und Strafsen- 
breiten leider fein kann, einen fo entfcheidenden Einflufs kann und foll fie auf 
die Stellung der Anbauten und Hofgebäude ausüben. Laffen fich auch die vorteil- 
haften Befonnungsverhältniffe der offenen Bauweife nicht auf alle Stadtteile über- 
tragen, fo ift es doch durch die gedachte Rückfichtnahme möglich, die Nachteile 
der gefchloffenen Bebauung erheblich zu mildern 23 ). 

Eine allzu grofse Ausdehnung der Strafsenbreiten und der freien Verkehrs- 
plätze ift keineswegs als gefundheitsfördernd zu betrachten, da der Strafsenftaub 
mit feinen mineralifchen und faulenden Beftandteilen den Lungen nichts weniger 
als zuträglich ift und der Mangel an Schatten oft unangenehm empfunden wird. 
Auch pflegen die Häufer umfo höher emporgeführt zu werden, je breiter die 
Strafsen find; Licht und Sonnenfchein werden alfo in faft demfelben Verhältnis be- 
fchränkt, wie in weniger breiten Strafsen, während die Unbequemlichkeit des 
Wohnens und die Nachteile der Bevölkerungsdichtigkeit gefteigert werden. In der 



2 *) Vergl.: VI. Internationaler Kongrcfs für Hygiene und Demographie zu Wien 1887. Arbeiten der hygienifchen 
Sektionen. Heft Nr. XI: Mittel, die Gebäude mit Sonnenlicht und Sonnenwärme zu verforgen. Berichte von E. CUment 
& E. Trilat. Wien 1887 — ferner Baumeißer's Referat über die betreffenden Kongrcfsverhandlungen in : Dcutfche Viert, f. 
öff. Gefundhcitspfl. 1888, S. 220 — endlich die im Anhange diefes Halbbandes abgedruckten Münchener Leitfätze des *Dcutfchen 
Vereins für öffentliche Gefundheitsprlege«. 

23) Siehe auch: De la haut cur des bdtiments en dehors de voits publique*. Gaz des arch. et du bat. 1878, S. 1. 



73 



X24. 



Fig. 109. 




x»S- 

Anteil der 

Straften etc. 

am 
Gefamtfelde. 



Regel foll daher der Flächeninhalt des freien Strafsenkörpers nicht über das zu 
erwartende Verkehrsbedürfnis und das einer mäfsigen Gebäudehöhe entfprechende 
Lichtbedürfnis hinausgehen. 

Da, wo aus befonderen Gründen fehr breite Strafsen und Plätze angelegt 
werden, ift es eine Forderung der öffentlichen Gefundheitspflege , den nicht für Bc P flaD2un e en - 
den Verkehr nötigen Flächen durch Bepflanzung oder Berafung die fchädlichen 
Eigenfchaften zu nehmen, zugleich aber durch Polizeivorfchriften der Gebäudehöhe 

ein angemeffenes Ziel zu fetzen. 

Der Anteil der Strafsen- und Platzflächen am 
gefamten Stadtfelde pflegt zwifchen 20 und 50 Vom- 
hundert zu fchwanken ; ein gutes Mittelmafs ift 35 Vom- 
hundert. Die untere Grenze von 20 oder 25 Vom- 
hundert pflegt auf Unvollftändigkeit des Planes, auf 
zu fchmale Strafsen oder zu fparfame Anordnung 
von freien Plätzen hinzudeuten; fie kann aber bei 
grofsen Blockabmeffungen (z. B. für Landhäufer oder 
Fabriken) und geringem Verkehr durchaus angemeffen 
fein. Der Prozentfatz fteigt berechtigterweife bei 
geringen Blockabmeffungen und breiten Verkehr- 
ftrafsen. Die obere Grenze von 50 Vomhundert zeugt 
von ftarker Einteilung des Strafsennetzes und kleinen 
Blöcken bei gefchloffener Bebauung; in manchen 
neuen Teilen franzöfifcher Städte, z. B. in Genf, deffen 
Bauart einen durchaus franzöfifchen Charakter hat, 
wird der Satz von 50 Vomhundert fogar überfchritten. 
Eine Vorschrift, dafs überhaupt Strafsen- und Platz- 
flächen einen beftimmten geringften prozentualifchen 
Anteil des Bebauungsgebietes bilden muffen, wäre 
von keinem entscheidenden Werte, da fie für Be- 
bauungspläne, in denen nur die Hauptlinien feftgelegt 
werden, nicht anwendbar ift und da gröfsere Park- 
anlagen , Gärten und Gewerbeniederlaffungen auch 
bei der Unterteilung die Rechnung vereiteln. 

Auch die Schönheit verlangt Mafshalten in der 
Strafsenbreite. So unfreundlich und bedrückend 
Strafsen und Gaffen von weniger als 8 oder gar 5 m 
in der Regel find, ebenfo unbehaglich und langweilig 
find unnötig weit angelegte, verkehrsarme Strafsen 
von 20 oder 30 m Breite mit niedrigen Häuferreihen. 
Es ift deshalb eine aufmerkfame Abftufung der 
Strafsenbreiten , je nach der Bedeutung des Verkehres und des Anbaues, erforder- 
lich. Eine bepflanzte Ringftrafse, eine Promenadenftrafse , kurz jede Hauptftrafse 
mufs fich in ihrer ganzen Anlage deutlich von Nebenftrafsen und blofsen Wohn- 
ftrafsen unterfcheiden. 

Die Oertlichkeit kann zuweilen Anlafs geben, eine Strafse keilförmig zu «7. _ 
geftalten, d. h. die Breite einer geraden Strafse von einem Ende zum anderen all- strafsen. 
mählich abnehmen zu laffen. Ein bekanntes Beifpiel ift die Neuftädtifche Haupt- 




126. 

Mafshalten 
in der Breite. 



«amty™*^^ 



Aus einem Bebauungsplan für 
Dresden-Neuftadt. 



1000 



w. Gr. 



74 



128. 

Wechfelnde 
Breite. 



129. 

Wechfel 

überhaupt. 



ftrafse zu Dresden (Fig. 109). Man könnte es für einen fchönheitlichen Vorteil 
halten, dafs, wie in mittelalterlichen Choranlagen, durch die Verjüngung der Breite 
die perfpektivifche Wirkung gesteigert wird. Aber diefe Steigerung tritt nur in der 
einen Richtung ein und findet in der flaueren Wirkung nach der anderen Richtung 
ihre Schattenfeite. Wohl aber ift die Verjüngung der Strafsenbreite aus Zweck- 
mäfsigkeitsgründen oft fehr empfehlenswert, z. B. bei der Ueberleitung verfchieden- 
artiger Fluchtlinien oder bei der Mündung breiter Strafsen auf einen Knotenpunkt. 

Strafsen von wechfelnder Breite findet man allgemein in Dörfern und Städten, 
die nicht nach einheitlichen Fluchtlinien erbaut find; dies kann den Eindruck der 
Unordnung und Willkür machen, kann aber auch, wie viele mittelalterliche Städte 
beweifen, bei wohl empfundener Linienführung malerifche Bilder hervorrufen. Die 
Abweichung vom parallelen Lauf der Strafsenwandungen ift in der Hand des 
künftlerifch empfindenden Entwerfers ein hervorragendes Mittel zur Verschönerung 
der Stadt. Als Beifpiele mögen die in Fig. 1 10 u. 1 1 1 dargeftellten neuen Strafsen 
aus München und Brunn dienen. 

Wechfelnde Strafsenbreiten in den geometrifchen Formen der Zahnftrafse und 
der Sägeftrafse (Fig. 112 u. 113) hat Henard in Paris vorgefchlagen ; eine gelegent- 
liche Anwendung mag empfehlenswert fein. 

Eine der vornehmften Forderungen der Schönheit ift überhaupt der Wechfel 
in der Strafsenausbildung, fowohl bezüglich der allgemeinen Form als hinfichtlich 
der Breite, der Profilierung und der Ausschmückung. Je nachdem die letztere in 
blofsen Baumreihen, oder in Rafenbändern mit Ziergefträuch , oder in gröfseren 
gärtnerifchen Anlagen, in Zierteichen, Springbrunnen, Denkmälern und dergl. beftehen 
foll, kann die erforderliche Strafsenbreite, wie fchon erwähnt, bis auf 100 m und 
mehr wachfen, indem fie in ihrer wechfelnden Geftaltung die anziehendften Stadt- 
bilder hervorruft. Beifpiele langer Strafsenzüge mit wechfelnden Breiten find die 
Maximilian-StTdike in Augsburg, die Boulevards zu Brüffel, die äufseren Boulevards 
zu Paris, die neue Ringftrafse zu Cöln (vergl. Abfchn. 3), welche fpäter noch be- 
fprochen werden wird, endlich die Andrqffy'-Stvafez zu Budapeft (fiehe Fig. I auf 
der nebenftehenden Tafel * 4 ). 

Diefe jetzt fo herrliche Strafse wäre bei ihrer aufsergewöhnlichen Länge von 2320 m eine 
langweilige Anlage geworden, wenn die Erbauer nicht für den Wechfel der Breite, der Profilie- 
rung und der Bebauung geforgt hätten. Auf eine 34,14»" breite, aus einem Fahrweg und zwei 
baumbefetzten Bürgerüeigen beflehende Strecke folgt eine folche von 45,5o m Breite, deren Profil 
zwei Mittelalleen zwifchen drei Fahrftrafsen zeigt; auf der dritten Strecke find diefem Profil 
beiderfeits Vorgärten von je 5,7o m Tiefe hinzugefügt, welche den Uebcrgang zu der Villen- 
bebauung der in den Stadtpark mündenden Schlufsflrecke vorbereiten. 



130. 

Befchränkung 
der Länge. 



c) Straf senlänge; gerade und gekrümmte Strafsen. 

Vom Verkehrsftandpunkte follte eine Strafse fo lang als möglich in gerader 
oder, beffer gefagt, in überfichtlicher Linie fortgeführt werden. Vom gefundheitlichen 
Standpunkte empfiehlt fich fchon wegen des Staubtreibens und wegen der fcharfen 
Winde, die in langen geraden Strafsen, befonders wenn diefe der herrfchenden 
Windrichtung entfprechen, recht unangenehm werden können, eine vorfichtige 
Befchränkung der Länge. Die Schönheit verlangt diefe Befchränkung auf das 
beftimmtefte. Soll eine Strafse dem Schönheitsgefühl entfprechen, foll der Verkehr 



24) Vergl. : Wochbl. f. Baukde. x886, S. 476. 



3 i"..,~:&a l Bi ' 'i P* i | BP!j?^gl 



1- 







,r ^«flV-a^-Strafse 
'= zu Budapeft. 



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Gekrümmte 

St rafsen anlagen 
zu Lüttich. 




1 



II 



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11 
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76 

auf derfelben das Auge nicht ermüden, vielmehr ein befriedigendes Bild gewähren, fo 
mufs ihre Länge gewiflermafsen eine Funktion ihrer Breite fein. Wie man für Wohn- 
räume und Feflföle als äufserftes Verhältnis der Länge und Breite dasjenige wie 2 : 1 
annimmt, fo gibt es auch für die Stadtftrafsen gewifle SchönheitsverhältnifTe, die nicht 
überfchritten werden follten. Die »Lindenc in Berlin, der »Hohenzollernringc in 
Cöln, beides wohl proportionierte, ohne Uebertreibung den Eindruck der > Länge c 
machende Strafsen, zeigen das Verhältnis der Breite zur Länge, wie 50 m zu 1000 m f 
bezw. wie 36 m zu 700 m . Die bekannte Parifer Boulevard-Strecke Italiens-Capucines- 
Madeleine zeigt ein Verhältnis von ungefähr 1 : 30, dürfte aber die Grenze des 
Schönen vielleicht fchon überfchritten haben. Wir möchten daher das Verhältnis 
1:25 als die fchönheitliche Grenze für gleichmäfsig fallende, gleichmäfsig breite, 
gerade Strafsen bezeichnen, auch vor Strafsenanlagen warnen, deren Länge 1km 
bei gleicher Richtung und Breite überfchreitet, in welchen deshalb das Auge auf 
das entfernte Ende der Strafse geleitet wird, wo es die Gegenftände nicht mehr zu 
unterscheiden vermag. Gleichmäfsig gerade Strafsen, wie die Boulevards de Sebaflopol 
und de Strasbourg zu Paris mit 2,3okm > die Friedrick-SXxdSst zu Berlin mit 3 km 
Länge und die Rue Lafayette zu Paris, welche mit der Rue dAllemagne eine gerade 
Linie von mehr als 4,5 o km Länge bildet, find offenbar in ihrer Entwickelung über- 
trieben und unfchön. Das Längenverhältnis darf ein geftreckteres werden und 
vielleicht bis 1:40, ja 1:50 reichen, wenn, wie bei der oben befprochenen 
AndraffyStTdÄse % ein entfchiedener Breiten- und Profilwechfel angeordnet wird, wenn 
die Strafse ein konkaves Gefalle hat — was im nächften Kapitel behandelt werden 
wird — oder wenn die Strafse gekrümmt ift. 
131. Die gekrümmten Strafsen find in ihrer Längenentwickelung und ihrem Nivellement 

weniger gebunden als die geraden Strafsen, weil fie dem Auge ein vielgestaltigeres 
Bild darbieten. Sie befitzen die vorteilhafte Eigenfchaft, dafs beim Begehen der- 
felben die auf der konkaven Seite flehenden Häufer, eines nach dem anderen, voller 

m 

in die Erfcheinung treten, dafs alfo ein fleter Wechfel des Bildes vor fich geht, 
dafs endlich der Blick in eine krumme Strafse fich durch die beiden Strafsenfronten 
felbft begrenzt, was wohnlicher, behaglicher als die lange Perfpektive einer ge- 
raden Strafse ausfieht, die zu ihrem Abfchlufs eines befonderen Gegenftandes von 
Bedeutung bedarf, dann aber allerdings an Monumentalität und Grofsartigkeit dem 
gekrümmten Strafsenzuge überlegen fein kann. Der Nachteil der Strafsenkrümmung 
befleht darin, dafs die Häufer auf der konvexen Seite fo wenig fich geltend machen, 
indem der Blick immer auf der konkaven Seite ruht, und dafs der Verkehr bei 
flarker Krümmung weniger überfichtlich ift. Auf alle Fälle ift die gekrümmte 
Strafse eine angenehme Abwechfelung im geradlinigen Schema; das Verwerfen 
krummer Strafsen aus modernen Stadtplänen wäre daher ungerechtfertigt. In fehr 
vielen Fällen, wo der Uebergang aus einer Strafsenrichtung in eine andere zu ver- 
mitteln, wo die gerade Strafse den Grundftücksgrenzen oder dem hügeligen Ge- 
lände fich nicht ohne Zwang anpaffen läfst, wo alte Gebäude zu fchonen, Land- 
hausviertel auszubilden find u. f. f., find fchlanke Strafsenkrümmungen fchön und 
zweckmäfsig. Die krummen Strafsen zur ausfehl iefslichen Regel erheben zu wollen, 
wäre eine Torheit. Ebenfo ift es eine Uebertreibung, krumme und unregelmäfsige 
mittelalterliche Strafsen wegen ihrer malerifchen Erfcheinung zur allgemeinen, will- 
kürlichen Nachbildung empfehlen zu wollen. Gerade und krumme, regelmäfsige 
und unregelmäfsige Strafsen haben ihre praktifche und künftlerifche Berechtigung. 



Gekrümmte 
Strafsen 



7« 



133. 

Beifpiele. 



133- 

Doppelt 

gekrümmte 

Straften. 



i34- 
Beifpiele. 



Es kommt auf die Zwecke und auf die örtlichen Vorbedingungen an. Wird beides 
aufmerkfam berückfichtigt und fucht der Entwerfer die zukünftige körperliche Er- 
scheinung der bebauten Strafse fich ftets vor Augen zu halten, fo entfteht zwar 
keine Stadt des Mittelalters oder der Renaiffance — denn die Zwecke und Vor- 
bedingungen find andere geworden — ; aber es ergibt fich eine ähnliche Mannig- 
faltigkeit und Abwechfelung, wie manche alten Städte fie uns fo wohltuend vor- 
fuhren. 

Die Krümmung durch eine Polygonlinie zu erfetzen, ift unnötig und meid 
unfchön; das Erfetzen der Kurve durch eine Gerade für die Länge der einzelnen 
Hausfront ift indes nicht ausgefchloffen. 

Schöne Beifpiele krummer Strafsen find der Canale Grande zu Venedig , der 
» Anger < zu Erfurt (Fig. 114), die »Zeil« zu Frankfurt, die Königftrafse zu Nürn- 
berg, die Maxitnilian-Strake zu Augsburg, die Place Meir zu Antwerpen, die Rue 
Esquermoife zu Lille, auch der Hanfaring zu Cöln (flehe Abfchn. 3). Allerdings 
macht die Biegung allein eine Strafse noch nicht fchön, wie der Regents-Quadrant 
zu London zeigt, wo diefelbe langweilige fünfftöckige FaiTadenarchitektur in der 
ganzen Strafsenlänge durchgeführt und fogar über die Querftrafsen fort verbunden ift. 

Der Umftand, dafs in der gebogenen Strafse die konkave Seite fo vorwiegend 
fich geltend macht, während die konvexe als untergeordnet zurücktritt, hat zum 
Entwurf und zur Anlage von Strafsen geführt, deren beide Seiten konkav aus- 
gebaucht find, deren Fläche alfo eine linfenförmige Geftalt erhält und durch Garten- 
anlagen, Standbilder, Laufbrunnen und dergl. gefchmückt werden kann. Oertliche 
Verhältniffe können folche Strafsenanlagen, wovon der von Blonden entworfene und 
ausgeführte Square dAvroy in Lüttich (fiehe Fig. II auf der Tafel bei S. 74 25 ) ein 
modernes Beifpiel ift, nicht allein rechtfertigen, fondern fie zu einer vorzüglichen 
Stadtverfchönerung machen. Es wäre aber verwerflich, ohne die örtlichen Vor- 
bedingungen in gefuchter Weife folche Ausnahmsanlagen herrichten zu wollen. 

In Lüttich lag die örtliche Vorbedingung darin, dafs die weltliche Strafsenfront vorhanden 
war, dafs die öftliche Bogenfront die Verlängerung der zum Bahnhof kommenden Guillemins- 
Strafse bildet und dafs ferner die linfenförmige Parkanlage hauptfächlich den Platz eines früheren 
Schiffahrtsbeckens einnimmt. Auch die neue konkave Strafsenfront am Maasufer in Fig. II der 
Tafel bei S. 74 ift von guter Wirkung. — Eine mächtige konkave Uferftrafse befitzt Antwerpen 
an der Scheide; am Rheinufer zu Cöln ift fie vom Verfaffer neu gefchaffen worden. 

Nach dem Lütticher Vorbilde hat der Verfaffer im Jahre 1878 bei der Dresdener Be- 
bauungsplankonkurrenz eine doppelt-konkave Straf senanlage vorgefchlagen, deren weftlicher Fahr- 
weg die Verlängerung der Elbebrücke bildet, während die Zufammenziehung am entgegen- 
gefetzten Ende durch die organifche Einmündung in den Albert-¥\dXz bedingt ift (Fig. 109). Die 
Durchfahrung diefes Platzes liefse fich leicht fo umgeftalten, dafs nicht blofs die Hauptftrafse, 
fondern auch die Neue Strafse und die Königftrafse aufgenommen werden. 

Von befonderem Reiz ift die nach linfenförmigen Grundlinien angelegte Hauptftrafse (Fö- 
utcza) zu Kafchau in Oberungarn (Fig. 115) dadurch, dafs die breite Mittelftrecke zur Errichtung 
von öffentlichen Gebäuden, insbefondere der Domkirche, benutzt worden ift. 

Brunnen und Denkmäler pflegte das Mittelalter und die ihm folgende Zeit fogar mit Vor- 
liebe in die Mitte breiter Strafsen zu fetzen. Eines der fchönften Beifpiele diefer Art ift die 
oben fchon erwähnte MaximilianStrdAse. zu Augsburg, deren eine Häuferflucht einen konkaven 
Bogen bildet, während die andere, fich mehr der 'geraden Linie anpaffende fo viel Raum Iäfst, 
dafs zwei Erzbrunnen einen angemeffenen Standort finden 26 ). 

28 ) Fakf.-Rcpr. nach: Zcitfchr. d. Arch.- u. Ing.-Ver. zu Hannover 1878, Bl. 743. 

26) Siehe auch: Hugoins, S. Remarks ort the form, dispoßtion, and ireatment of flrects. Building nrws, Bd. 4, S. 73. 
Henkici, K. Konkurrenzentwurf zu der nordweftlichen Stadterwcitcrung von Dcflau etc. Aachen 1890. 



79 



3. Kapitel. 

Längen- und Querfchnitte der Stralsen. 

a) Längenprofil. 

Das Längenprofil ftädtifcher Strafsen hat den Forderungen der Zweckmäfsig- »35. 
keit und der Schönheit Rechnung zu tragen. Die Zweckmäfsigkeitsrückfichten be- dcs Verkehres. 
ziehen fich auf Verkehr, Abwäflerung und Anbaufähigkeit. 

Der Verkehr verlangt, dafs die Strafsen möglichft wenig fteil find. Nach den 
vom Preufsifchen Minifterium der öffentlichen Arbeiten zum Fluchtliniengefetz er- 
laufenen Ausführungsbeftimmungen vom 28. Mai 1876 foll bei Hauptverkehrftrafsen 
ein Längengefälle von nicht mehr als 1 : 50, bei Nebenverkehrftrafsen von be- 
trächtlicher Länge ein folches von nicht mehr als 1 : 40 angeftrebt werden. Bei 
Stadterweiterungen im Flachlande oder in der Talebene werden diefe Gefallsver- 
hältnifle fogar nur ausnahmsweife , z. B. bei der Kreuzung von Eifenbahnen und 
anderen örtlichen Hinderniffen, anzuwenden fein, vielmehr in der Regel gröfste Ge- 
fälle von 1 : 100 bis 1 : 80 ausreichen. Ein ftärkeres Gefalle wie 1 : 70 hat auch 
den Nachteil, dafs die Herftellung der Strafsendecke aus Afphalt nicht mehr zuläffig 
ift. In hügelig und gebirgig gelegenen Städten find oft felbft bei Hauptftrafsen 
Steigungen bis 1 : 25 oder 1 : 20 nicht zu vermeiden; in Nebenftrafsen mufs man 
fich fogar Steigungen bis 1:8 gefallen laflen, ja Treppen anlegen, um die vor- 
handenen Höhenunterfchiede zu vermitteln. 

Nach dem Geldpunkte ausgedrückt, foll das Längenprofil einer Strafse derart 
beftimmt werden, dafs die Summe der jährlichen Verzinfungs-, Tilgungs-, Unter- 
haltungs- und Transportarten ein Minimum werde. 

Die Abwäflerung verlangt, dafs die Strafsen nicht zu flach angelegt werden. 136. 
Ein Längengefälle von 1 : 200 bis 1 : 400 wird je nach der Befchaffenheit der A ^^ t °f' 
Strafsendecke als das kleinfte zuläffige Gefälle der Strafsenrinnen betrachtet. Flachere 
Strafsen bedürfen unbedingt der unterirdifchen Entwäfferung und einer derartigen 
Anlage der Strafsenrinnen, dafs deren Gefälle gebrochen wird und nach den Ein- 
fallfchächten hin ftärker ift als das allgemeine Gefalle der Strafse. 

Um den Anbau nicht unnötig zu erfchweren, foll die Strafsenkrone nicht zu 137. 
hoch über dem Baulande liegen. Ein angenehmes Höhenmafs zwifchen der Sohle Ho ?? n " 

° unterfchiedc 

des Baublocks und der Strafsenkrone ift l,oo bis 2,oo m , weil dabei der Ausfchach- zwifchen 
tungsboden aus Keller und Fundamenten zur Aufhöhung des Hofes und des Gartens Stl * 1 ^ äc, " s 

° ö und Bauland. 

benutzt werden kann. Ift man behufs Befriedigung anderer Anforderungen genötigt, 
die Strafsen in den Boden einzufchneiden (in Marfeille kamen Felseinfchnitte bis 
zu 15 m Tiefe vor) oder die Strafsenkrone höher als 2 m über den Boden zu legen 
(bei der Stadterweiterung von Cöln gab es Strafsendämme bis zu 6 m Höhe), fo find 
dies Nachteile, die man in den Kauf nimmt, um beftimmte Vorteile, z. B. Hoch- 
waflerfreiheit, paffende Kanalifation, brauchbare Steigungsverhältnifle u. f. w., zu er- 
zielen oder um fchlimmeren Uebelftänden auszuweichen. Nur unter diefen Voraus- 
setzungen find folche Nivellements ftädtifcher Strafsen ftatthaft. 

Ebenfo wichtig ift bei der Längenprofilierung einer ftädtifchen Strafse der 138. 
fchönheitliche Gefichtspunkt, da das Längenprofil auf die perfpektivifche Erfcheinung rü c c ^ f ° h e / e n 
der Strafse in demfelben Grade, ja oft in höherem Grade von Einflufs ift wie die 
Lage, Richtung, Breite und Länge derfelben. 



8o 



139. 

Konkaves 
Nivellement. 



Das fchönfte Nivellement ift das konkave (Fig. 1 16), das aus der Horizontalen 
oder aus einer fchwächeren Steigung in eine ftärkere Steigung übergehende. Wäh- 
rend auf der gleichmäfsig fallenden oder fteigenden Strafse die entfernteren auf oder 
an der Strafse befindlichen Gegenftände durch die näheren Gegenftände dem Auge 
des Befchauers verdeckt werden, löfen fich auf der konkav profilierten Strafse die 
entfernteren Dinge von den näheren ab, fowohl wenn man von der unteren zur 
oberen Strecke hinfchaut als in umgekehrter Richtung. Wenn »der Kopf der Strafse 
fich hebt«, fo erfcheint die Strafse ftattlicher, das Bild reicher, die Perfpektive wirk- 
famer, der Verkehr befler überfehbar. Die Länge der Strafse, d. h. das Verhältnis 
der Länge zur Breite derfelben, kann hierbei das in Art. 130 (S. 76) befprochene 
Verhältnis 1 : 30 ohne Schaden überfchreiten , da, in jeder Richtung gefehen, das 
Ende deutlicher hervortritt. Herrliche Beifpiele konkav nivellierter Strafsen find in 
Paris die vom Triumphbogen zum Eintrachtsplatz hinabführende Avenue der Champs- 
lilyfees und die Rue 



Lafayette von St.- 
Vincent de Paul ab- 
wärts 87 ). Andere Bei- 
fpiele diefer Art find 
der Boulevard du Jar~ 
din botaruque und der 
Boulevard du Midi zu 
Brüffel, die Via Na- 
tionale zu Rom, die 
Via Roma zu Genua, 
die Olga- Strafse zu 
Stuttgart. Auch auf 
grofsen freien Plätzen 
kommt das konkave 
Nivellement zur ent- 

fcheidenden Wir- 
kung, z. B. auf dem 
St. Peters - Platze zu 
werden wird. 



Fig. 116. 




Konkaves Strafsennivelleraent. 



Fig. 117. 




Konvexes Strafsennivellement. 



Rom, welcher in Kap. 6 diefes Abfchnittes befprochen 



Es ift ein ungemein anziehendes Bild, des Abends auf folchen in leicht ge- 
krümmtem Hohlbogen abfallenden Strafsen die girlandenartige Linie der Strafsen- 
laternen zu verfolgen, zwifchen welchen bei ftarkem Verkehre ein Schwärm von 
Wagenlichtern hindurchzittert; bei feftlichen Gelegenheiten wird die Wirkung bei- 
fpielsweife auf den Charnps-£lyfees zu Paris in das Feenhafte gefteigert. 
140. Die gleichmäfsig anfteigende oder wagrechte Strafse fieht demgegenüber fteif 

Lang *^ afsen und leer aus. Ebenfowenig wie man eine Strafse auf Stundenlänge geradlinig 
Gefäiiwechfei. durchfuhren darf, was den unbefriedigenden Eindruck hervorruft, als ob man etwa 
mit einem Meffer die Stadt nach Art eines Kuchens in zwei Teile getrennt und 
etwas auseinander gefchoben hätte, ebenfo reizlos ift es, eine gerade Strafse von 
beträchtlicher Längenausdehnung ohne jeden Gefäiiwechfei anzulegen. Manche 
moderne Strafsen mögen diefem Umftande in gleichem Mafse ihre langweilige, ein- 
förmige Erfcheinung verdanken wie der ununterbrochen geradlinigen Häuferflucht. 

27) Vergl.: Stubben, J. Paris in Bezug auf Strafscnbau und Stadterweiterung. Zeitfchr. f. Bauw. 1879, S. 377. 



n 

■2 S 



Ja 

M s 
• = 

1° 






iteW. IV, 9. (a. Aufl.) 



82 



Uie Strafse mit gerader Gefallslinie könnte man äfthetifch neutral nennen; aber 
verletzend und unfchön wird das Strafsenbild, wenn das Nivellement ein konvexes ift, 
d. h. wenn im Längenprofil der Strafse fich ein Rücken bildet. Das Auge vermag 
dann die Strafsenfläche nur bis zu dem Rückenpunkte zu verfolgen; hinter diefem 
verfchwindet die Strafsenfläche oder verkürzt fich plötzlich (Fig. 117). Beifpiele 
folcher Strafsen find die Theaterftrafse zu Aachen, die Königftrafse zu Altona, die 
Königftrafse zu Stuttgart, der Boulevard de la Republique zu Marfeille, ferner eine 
Reibe von Strafsen im füdlichen Teile von Darmftadt, welche geradlinig über Tal 
und Hügel gelegt find {Heinrich-, Wilhelminen-, Hügelftrafse). Noch rückfichtslofer 




Ausbildung eines Gefällrückens. 

in Bezug auf GefällbrUche pflegt man in amerikanifchen Städten vorzugehen, wo, 
wie z. B. im alten San Francisco, die befchriebene häfsliche Strafsenbildung etwas 
Gewöhnliches ift. 

Die Häufer fcheinen jenfeits der Rückenlinie in die Erde zu finken. Die auf 
der Strafse jenfeits der Höhe fich bewegenden Menfchen und Wagen fieht man 
nur ftückweife. Wie auf hoher See zeigt fich zuerft der oberfte Teil des entfernten 
Gegenftandes. Vom Menfchen fieht man zuerft den Kopf, dann den mittleren, dann 
den unteren Teil des Körpers; die Füfse kommen erft zum Vorfchein, wenn man 
fich dem Strafsen rücken fo weit genähert hat, dafs das Auge hinüberzufehen 
vermag. Da hiernach das Strafsenbild vom erden Gefällrücken gewiffermafsen 
abgefchnitten wird, fo können folche Strafsen eine wirkfame Perfpektive nicht dar- 



83 

bieten ; jedenfalls wird das perfpektivifche Bild wefentlich beeinträchtigt. In Fällen, 
wo man fich gezwungen fleht, konvexe Gefällsbrüche anzuordnen, follte man wenig- 
ftens danach trachten, dafs das Auge des aufrecht flehenden Menfchen die Strafsen- 
fläche jenfeits des Rückens noch überfchauen kann. In Stadterweiterungsplänen ift 
es aber weit beffer, den ftörenden Eindruck des unvermeidlichen Rückens dadurch 
zu befeitigen oder zu mildern, dafs man die Strafse entweder krümmt (Fig. 118) 
oder dafs man fie am Gefällrücken knickt oder teilt (Fig. 119 u. 120). Auch die 
Verfetzung einer Fluchtlinie, ohne den Verkehr zu ftören, vermag die Wirkung des 
Gefallrückens zu mildern (Fig. 118 u. 121). Die Nötigung, die Strafsenrichtung 
am Rückenpunkte zu ändern, bringt die veränderte Strecke vielleicht in die Linie 
eines folgenden Strafsenzuges, oder es bildet fich eine intereffante Gabelung; kurz, 
es tritt irgend eine andere, vielleicht reizvolle Gruppierung des Stadtplanes ein. 
Die Krümmung läfst den Gelallsbruch weniger auffallend erfcheinen, unter Umftänden 
fogar für das Auge verfchwinden. Die Teilung kann entweder in wagrechter Ebene 
erfolgen durch Gabelung (Fig. 120) oder in lotrechter Ebene durch eine befondere 
Betonung und Ausbildung des Rückenpunktes, derart, dafs der Blick auf dem 
Rücken feinen Ruhepunkt findet, die Durchficht aber verfchloffen ift. Hierfür ift 
es zweckmäfsig, den Rücken mit einer Strafsenkreuzung oder einer Strafsen- 
erweiterung zufammenzulegen, wo die angemeffene Aufftellung eines Laüfbrunnens, 
eines Denkmales, eines Ausfichtshügels, einer Terrafle oder dergl. möglich ift. Als 
Beifpiel diene der Uebergang des Karolfngerrings in den Sachfenring zu Cöln, wo 
durch die Errichtung eines mit einem Denkmal zu fchmückenden Anfichtshügels 
auf dem Strafsenrücken eine anmutige Anlage erzielt ift (Fig. 122). Ein weit hervor- 
ragenderes Beifpiel aber ift der Triumphbogen auf der Place de P Atolle zu Paris, 
welcher nicht blofs im Zielpunkte, fondern auch im Höhenbrechpunkte der auf ihn 
gerichteten Strafsen fleht. (Vergl. Fig. 369 28 ). 



b) Querprofil. 

Am deutlichften prägt fich der Wert und die Bedeutung einer ftädtifchen *4». 
Strafse in der Behandlung des Querprofils aus. Die Wahl desfelben ift deshalb eine u *^™ 
wichtige Aufgabe, bei deren Löfung allen örtlichen Verhältniflen gebührend Rechnung Höhenabflt«. 
getragen werden mufs. 

Abgefehen von nur dem Fufsverkehr dienenden Wegen, von glasgedeckten 
Paflagen, welche der Quere nach wagrecht und auch der Länge nach möglichft 
wagrecht angeordnet werden, fowie von ganz untergeordneten Gaffen und »Höfen«, 
deren Pflafter einfach in der Mitte eine flache Rinne zur Abwäfferung erhält, pflegen 
alle Stadtftrafsen bis zu 25 bis 30 m Breite in einen mittleren Fahrweg und zwei 
feitliche Fufswege eingeteilt zu werden. Manche italienifche Städte machen allerdings 
eine Ausnahme, infofern fie entweder, wie Genua und Palermo, die ganze Strafsen- 
fläche in einer Ebene ohne Unterfcheidung von Fufs- und Fahrweg mit Marmor- 
platten belegen, oder, wie Turin und Mailand, in das aus kleinen Feldfteinen be- 
ftehende Strafsenpflafter, und zwar in gleicher Höhe, Plattenbahnen von Granit oder 
Marmor legen, welche teils für die Fufsgänger, teils für die Wagenräder dienen; 
die Strafsenrinnen und Einlaufe werden dabei zwifchen die Plattenbahnen fo verteilt, 



25) Siehe auch: Contv, A. Du nivcllentcni des rues. Gaz. des arch. et du bat. 1875, S. 106, 113, 134, 137. 



8 4 



143- 

Querprofil 

mit erhöhten 

FuAwegen. 



*44- 
Fahrbahn- 
breite. 



dafs jeder Fahrftreifen für fich getrennt in feiner Mitte entwäffert wird (Fig. 222, 
223, 228 u. 229). 

Die Regel ift dagegen, dafs der Fufsweg um ein gewiffes Mafs (9 bis 16 cm) 
über die Fahrftrafse erhöht und mit Randfteinen eingefafst wird. Der erhöhte Geh- 
weg heifst bei uns Bürgerfteig 29 ), in Frankreich Trottoir, in England einfach Footway. 
Der Zweck der Erhöhung ift, das Auffahren der Fuhrwerke zu verhindern, damit 
den Gehenden ein geficherter und befonders geebneter Weg vorbehalten fei und 
damit die Häufer vor dem Anprall der Wagen gefchont werden. In gewöhnlichen 
Strafsen mit ftarkem Fahrverkehr pflegt die Bürger- 
fteigbreite b ein Fünftel, die Fahrdamm breite / alfo 
drei Fünftel der Strafsenbreite s einzunehmen, d. h. 



Fig. 123. 



es ift b = 



und f 



3 



Bei minder lebhaftem 




Fahrverkehr empfiehlt es fich, den Fahrweg auf die 
Hälfte der Strafsenbreite einzufchränken , die Bürger- 
fteige fomit auf je ^ der Strafsenbreite anzulegen, 

s 



12.5 



Fig. 124. 



»vi 



d.h. b = — und f = 
4 



zu machen. Diefe Anord 




», «} 




nung verbindet, mit der Ermässigung der Anlagekoften 
ein freundlicheres Ausfehen (Fig. 123 bis 125). 

Einen anderen Gefichtspunkt zur Beftimmung 
der Fahrdammbreite gibt die Frage, wieviel Fuhr- 
werke gleichzeitig nebeneinander auf der Strafse Platz 
finden follen. Nimmt man die normale Spurweite 
eines Laftwagens (von Aufsenkante zu Aufsenkante 
der Radkränze) zu l,so m , die Breite der Ladung zu 

2,80^, jedoch einfchliefslich Sicherheitsabftand zu 2,5 o™ an, fo findet man, wenn 
die Ladung nicht über die Bürgerfteigkante hinüberragen foll, die geringfte Breite 
für einen einfpurigen Fahrdamm zu 2,so m , für einen zweifpurigen zu 5,oo m , für 
einen dreifpurigen , welcher nicht blofs das Begegnen zweier Wagen, fondern das 
gleichzeitige Halten eines Wagens erlaubt, zu 7,so m , für einen vierfpurigen Fahr- 
damm zu 10,oo m . Letztgenanntes Mafs ift zugleich die untere Grenze der Fahr- 
bahnbreite für eine verkehrreiche zweifpurige Strafsenbahn, mit Einfchlufs zweier 
Seitenftreifen , auf denen die ungeftörte Vorfahrt von Strafsenfuhrwerk an die 
Bürgerfteige ftattfinden foll; unter Hinzufugung der 3 bis 4 m breiten Bürgerfteige 
erhält man fomit in diefem häufigen Falle eine Strafsenbreite von mindeftens 
16 bis 18 m . 

Da indes auch eine grofse Anzahl fchmalerer Fuhrwerke, befonders Drofchken 
und Handwagen, auf den Strafsen verkehren, da ferner der Verkehr ficherer von 
ftatten geht, wenn die Fahrftreifen nicht fo eng aneinander liegen; fo haben alle 
zwifchen den genannten Fahrbahnmafsen liegenden Dammbreiten ebenfalls ihre Be- 
deutung und Berechtigung. Zur Not können in alten Städten die genannten Mafse 
noch um ein geringes eingefchränkt, die Zweifpur nämlich bis auf 4,50 m , die Dreifpur 
bis auf 7,oo m verfchmälert werden, wenn man fich durch die Enge der Verhältnifle 
gezwungen fleht, den Umftand zu Hilfe zu nehmen, dafs ein ausweichendes Fuhr- 

M ) Es wäre ohne Zweifel erwiinfeht, ftatt des fchwcrfalligen Wortes »Bürgerfteig« ein kürzeres und einfacheres anzu- 
wenden; die mitunter angewendeten Bezeichnungen Schrittweg, FufWeg, Schrittbahn, Gehbahn« decken fich aber nach 
Meinung des Verf. nicht mit dem Begriff des fladtifchcn =Trottoirs«. 



85 

werk mit dem Rade bis an den Bürgerfteigrand heranfahren, alfo einen Streifen des 

Bürgerfteiges von — — - — = 0,25 m in Anfpruch nehmen kann. 

s s 

Unter Annahme des Verhältniffes b = — bis •-- erhalten 18 m breite Strafsen * 45 - 

4 5 Strafsenbreite 

fchon recht anfehnliche Bürgerfteige, beginnt bei 20 m Strafsenbreite fogar fchon Bftum ^ ihcn 
die Möglichkeit der Pflanzung von Baumreihen an den Bürgerfteigkanten. Aller- 
dings ift eine gedeihliche Entwickelung zweier Baumreihen, wie fchon früher be- 
merkt, bei einer Strafsenbreite von weniger als 22 bis 26 m nur ausnahmsweife zu 
erwarten; in engeren Strafsen ift eine häufige Auswechfelung der Bäume und der 
Verzicht auf fchöne Baumkronen notwendig (Fig. 126). 

Sicherer ift deshalb in Strafsen von 20 bis 23 m Breite die Pflanzung einer 
einzigen Baumreihe auf der Sonnenfeite oder in der ungefähren Mittellinie, was zu 
den unfymmetrifchen Querprofilen (Fig. 127 bis 129) fuhrt. Der Mittelfteig in 
Fig. 129 ift zum Befteigen von Strafsenbahnwagen oder Drofchken bequem; zum 
Spazierengehen empfiehlt fich die Verbreiterung desfelben nach Fig. 130. Man er- 
reicht dann aber zugleich die Strafsenbreite von 26 m , welche nach Fig. 131, 132 
oder 133 die Anpflanzung zweier Baumreihen in fymmetrifcher, nach Bedürfnis auch 
in un fymmetrifcher Anordnung zuläfst. Fig. 131 ift der Typus der zweireihigen 
Mittelallee, Fig. 132 derjenige der baumbefetzten Bürgerfteige, zu welchen in Fig. 133 
noch die Vorgärten hinzutreten. Als normaler Mindeftabftand der Bäume vonein- 
ander und von Gebäuden kann das Mafs von 7 m betrachtet werden. In 6 ™ breiten 
Alleen (Fig. 131), welche bei mäfsigem Verkehre fehr angenehme Spaziergänge 
bilden, follte man den Baumabftand in der Längsrichtung auf 8 bis 9 m feftfetzen. 

Ift der Bürgerfteig fo breit, dafs er zwei Baumreihen aufnehmen kann, fo ent- 
fteht die in franzöfifchen Städten fehr beliebte Seitenallee oder Gegenallee (Contre- 
altte). Diefelbe wird gewöhnlich auf einem befonderen, nur bekieften Strafsen- 
ftreifen gepflanzt, von welchem der mit Afphalt oder Steinplatten belegte eigentliche 
Bürgerfteig durch einen erhöhten Randftein mit Rinne getrennt ift (Fig. 135). Auch 
die Abtrennung eines befonderen Wegeftreifens vom Bürgerfteig bei nur einer Baum- 
reihe auf jeder Strafsenfeite (Fig. 134) ift in Frankreich häufig, aber nur empfehlens- 
wert, wenn der abgetrennte Streifen zu befonderer Benutzung, z. B. für Fahrräder, 
beftimmt ift. 

Für die Anordnung einer zweireihigen Seitenallee auf jeder Seite der Strafse 
bedarf es fchon einer Strafsenbreite von 40 m ; für eine dreireihige Mittelallee (zwifchen 
zwei Fahrdämmen) kann eine Strafsenbreite von 44 m , für zwei zweireihige Mittel- 
alleen (zwifchen drei Fahrdämmen) eine folche von 50 m als normal angenommen 
werden (Fig. 135 bis 137). Eine vierreihige Mittelallee zeigt Fig. 138. 

Es ift erfichtlich, welche grofse Mannigfaltigkeit fymmetrifcher und unfym- x 4 6. 
metrifcher Strafsenprofiie durch die verfchiedene Anordnung und Zahl der Baum- s > rmi, " stnfche 

x ° und un- 

reihen, namentlich durch Verbindung von Mittel- und Seitenalleen und durch Ein- fymmetrifche 
fugung von Radfahrwegen, Rafenftreifen oder Zierpflanzungen erzeugt werden kann. Anordnun * 
Die fymmetrifche Anordnung ift keineswegs überall erforderlich, es kommt dabei 
auf die Beschaffenheit und Bebauung der die Strafsen begleitenden Grundftücke an. 
Ift beifpiels weife die eine Seite einer Strafse mit Häufern befetzt, während die 
andere Seite von einem Park eingefafst wird, fo wird man dem letzteren entlang 
Baumpflanzungen, den Häufern entlang gewöhnlich einen breiten freien Bürgerfteig 



86 



Fig. 126. 



Fig. 127. 





Fig. 126. 







Fig. 129. 




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Fig. 130. 







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Fig. 131. 

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Fig. 132. 



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Fig. 133. 









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Fig. 134. 




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10 



15 



20«* 



Strafsen-Querprofile. 



«7 



vorziehen. Ebenfo ift eine unfymmetrifche Anlage angezeigt, wenn etwa auf der 
einen Strafsenfeite vorwiegend Gefchäftshäufer und Verkaufsläden, auf der anderen 
vorwiegend Privathäufer fich befinden, was an breiten Ringftrafsen (z. B. in Brüflel) 



Fig. 135. 




Avenue Wagram 
zu Paris. 



40,0 



Fig. 136. 




Fig. 13 7- 




50 2 



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Fig. 138. 




Boulevard du Midi zu Brüflel. 



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5 



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10 



15 



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fehr wohl vorkommen kann. Aehnlich verhält es fich mit Strafsen, welche einer- 
feits offene, andererfeits gefchloffene Bauart zeigen, ferner mit Uferftrafsen, Pano- 
ramaftrafsen und dergl. Für beiderfeits gleichwertige Strafsen, insbefondere für 



88 



M7- 
Mittel- und 

SeiteoftUeen. 



148. 
Beifpiele : 



249* 
aus Nord- 

deutfchland. 



150. 

aus Weft- 

deutfchland. 



grofse Radialftrafsen, Avertuen und fonftige Hauptverkehrflrafsen ift die fymmetrifche 
Anordnung die Regel. 

Einen bemerkenswerten Unterfchied führen Mittel- und Seitenalleen herbei. 
Erftere find in Deutfchland und Belgien, letztere in Frankreich beliebter. Die Seiten- 
alleen haben den Vorzug, dafs der Fahrverkehr auf dem einen breiten Mittelwege 
überfichtlicher, der Eindruck der Strafse und des Strafsenverkehres ein mehr ein- 
heitlicher und eindrucksvoller ift. Der Umftand jedoch, dafs die Baumkronen, nach- 
dem fie fich entwickelt haben, die Hausfafiaden zum Teil verdecken, fowie dafs 
der Weg vom Strafsenfuhrwerk zum Haufe bei der Anfahrt fowohl von Perfonen 
als von Haushaltungsgegenftänden unnötig verlängert wird, ift den Seitenalleen 
und den Baumreihen auf den Bürgerfteigen ungünftig. 

Die Strafsenprofile mit Mittelalleen find weniger ftattlich in der Erfcheinung, 
aber behaglicher fowohl für die Spaziergänger, wie für die Anwohner; auch ift der 
Anblick der FafTaden freier. Beim Entwurf und bei der Anlage von Stadtvierteln 
wird man es aber vermeiden, fich grundfätzlich für die eine oder andere Art der 
Reihenpflanzung zu entfcheiden, da die Einförmigkeit vermieden werden mufs, auch 
bei der einen Strafse der breite ungeteilte Fahrdamm, bei der anderen angenehme 
Spazier- und Reitwege von gröfserer Bedeutung find. 

Zur Erkenntnis der Befonderheiten , Schattenfeiten und Vorzüge mancher An- 
ordnungen wird es zweckmäfsig fein, eine Anzahl ausgeführter Strafsenquerfchnitte, 
welche in Fig. 139 bis 238 angegeben find, kurz zu befprechen. 

Von den drei Berliner Strafsen in Fig. 139 bis 141 befitzt die Landgrafenftrafse baum- 
befetzte Bürgerfteige und Vorgärten, die ZfwAw-Strafse eine Mittelallee und Vorgärten; die Strafse 
»Unter den Lindenc zeigte früher vier, jetzt nur noch zwei mittlere Baumreihen, welche in der 
Strafsenachfe einen prächtigen breiten Spazierweg, nördlich davon einen Reitweg einfaffen. — Ein 
ganz modernes Strafsenprofil befitzt die neue, 50 m breite Bismarck - Strafse in Charlottenburg 
(Fig. 142) mit einem Haupt- und zwei Seitenfahrwegen, abgetrenntem Reitweg und befonderem 
Strafscnftreifen für zwei Bahngleife. Die Flächen zwifchen und neben den Strafsenbahnfchienen 
find beraft. Unter dem Hauptfahrwege findet die elektrifche Unterpflafterbahn ihren Ratz. 

Zwei Königsberger Strafsenprofile zeigen Fig. 143 u. 144. Beide find für mäfsige Ver- 
kehrsverhältnifle paffend. 

Die Palmaillc zu Altona (Fig. 145) ift nach dem früheren Profil von »Unter den Linden« 
angelegt, aber wenig mehr als halb fo breit Sowohl die nur 4™ breiten feitlichen Alleen, als 
die Fahrwege und Bürgerfteige find entfehieden zu fchmal; eine gedeihliche Entwickelung der 
Bäume ift nicht zu erwarten. 

Eine fchöne Anlage, weniger für grofsen Fuhrwerksverkehr als für Spaziergänger, ift die 
Efplanade zu Hamburg (Fig. 146). Dem grofsen Verkehre dient der 15« breite Hauptfahrweg 
der Reeperbahn (Fig. 147) dafelbft. Im übrigen ift das Profil diefer Strafse unfymmetrifch ; die 
Nordfeite zeigt die in Deutfchland feltene Anordnung einer Gegenallee, deren äufsere Baumreihe 
leider den Häufern bedenklich nahe rückt; die Südfeite befitzt einen 12 ™ breiten, für Spiel- und 
Marktbuden vorbehaltenen Streifen. 

Die Bahnhofftrafse in Hannover (Fig. 148) ift nach einem zu kleinlichen Profil angelegt; 
Mittelallee und Fahrftrafsen find zu fchmal; die Bäume werden wegen der fehlenden Randfteine 
vielfach verletzt. Hier wäre eine mittlere Fahrftrafse von beiläufig 13"» Breite mit baumbefetzten 
Bürgerfteigen fchöner und zweckmäfsiger. 

Der Weft- und Oftwall zu Dortmund (Fig. 149) zeigen ein für den geringen Verkehr 
hübfehes Profil; auch die Vereinigung der Baumreihen mit einer etwas cingefenkten Gartenfläche 
auf dem Weftwall wirkt recht anfprechend. 

Die Alleeftrafse zu Düffeldorf (Fig. 150) befitzt einen breiten Hauptfahrweg auf der einen 
Seite, einen Nebenfahrweg auf der anderen; die geräumig angelegten Mittelallecn bilden eine 
ausgezeichnete Promenade. Der Macadam wurde inzwifchen durch Afphalt erfetzt. 

Auch auf der Monheimsallec , einem Teile der Ringftrafse zu Aachen (Fig. 151), find die 



Äz/ow-Strafse zu Berlin, 

Fig. 141. 



Landgrafenftrafsc 
zu Berlin. 




Strafse -Unter den Linden, zu Berlin. 





Bismarck-SUafse zu Charlotte nburg. 
Fig. 143- Fig. 144. 



J 



Nachtigallenfueg zu Königsberg i. P. 




Strafsen- Querprofile. 



Klapperwiefe zu Königsberg i. P. 

4 — f — r 



90 



Fig. 145. 




14 PalmailU 



T'-fel zu Altena. 



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33,5? 



Fig. 146. 




Efplanade 

zu 
Hamburg. 



Fig. 147. 




15 » -. 

Reeperbahn zu Hamburg. 



Fig. 148. 



Fig. 149- 




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31 * 




Bahnhofftrafse zu Hannover. 



Weftwall mit \ 

Oft 11 u J Gartenanlagen zu Dortmund. 



Oftwall ohne / 



Fig. 150. 




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Alleeftrafsc zu Düfleldorf. 



Strafsen- 



Monheimsallee zu Aachen. 




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^(irfer-Strafse 
i'iesbaden. 



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Fig. '55- 




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Untermain anläge zu Frankfurt a. H. 



Querprofile. 



92 



X5X. 

aus Süd- 
deutfchland. 



152. 

aus 

Ocfterreich- 

Ungarn. 



beiderieitigen Fahrwege, dem Verkehre entfprechend, ungleich. Die Gartenanlage in der Strafsen- 
mitte ift zwar eine Verfchönerung; fie würde es aber in weit höherem Grade fein, wenn fie in 
Wirklichkeit unter die Ebene der Fufswege eingefenkt wäre. 

Zwei fchöne, unfymmetrifche Querprofile befitzen in Wiesbaden die IVt/Aelm-StraAse mit 
Reitweg und Spazierallee entlang des Kurparks (Fig. 152) und die .föfcfcr-Strafse mit Gegenallee 
und Vorgärten auf einer Seite (Fig. 153). Die Adolfs- Allee (Fig. 154) zeigt die ftattliche Teilung in 
drei Fahrwege mit zwei Mittelalleen, aufserdem noch 8« tiefe Vorgärten auf jeder Strafsenfeite, 
alles innerhalb einer Breite von 54 m ; die angewendeten, nur für mittleren Verkehr ausreichenden 
Mafse erreichen indes die für eine folche Anordnung zulaffige untere Grenze. 

Das unfymmetrifche Profil der Ringftrafse zu Frankfurt a. M. an der Untermainanlage 
(Fig. 155) ift auf das zweckmäfsigfte durchgebildet; der Spazierweg liegt an der angenehmften, der 
Reitweg an der am wenigften ftörenden Stelle. Auch der Bürgerfteig den Vorgärten entlang 
würde Platz für eine Baumreihe gewähren; diefelbe würde aber die Ausficht von den Häufern 
auf die Parkanlage und umgekehrt beeinträchtigen. 

Die Mainzer Kaiferftrafse (Fig. 156) ift der Aachener Monheimsallee ähnlich, aber fym- 
metrifch; Fahr- und Fufsverkehr können fich daher gleichmäfsig verteilen. Die eingefenkte Lage 
der Gartenfläche wirkt vortrefflich; die tiefere Lage der rechtfeitigen Fahrbahn ift nur vorläufig 
angeordnet, um die bleibende Strafsendecke demnächft auf diefelbe aufbringen zu können. 

Aehnlich ift das Profil der Ringftrafse zu Mannheim (Fig. 157), deren Verhältnifle indes 
für einen gröfseren Verkehr zu beengt find. 

Zweckmäfsige Strafsenprofile von 30» Breite zeigt die Strafs burger Stadterweiterung in 
Fig. 158 mit Mittelallee, angenehm für Spaziergänger, und in Fig. 159 mit baumbefetzten Bürger- 
fteigen und breiter Mittelftrafse für grofsen Fahrverkehr. Von Interefle ift auch der Querfchnitt 
der bedeutendften Promenade in der Altftadt von Strafsburg, des B rogf te-Platzcs (Fig. 160), 
welcher auf der einen Seite der breiten Wandelalleen einen Fahrweg , auf [der anderen Seite 
aber ein 6 m breites Trottoir neben den Vorgärten der Kaffeehäufer zeigt. 

Baumbefetzte Strafsen von kleineren Verhältniflen hat Freiburg i. B. (Fig. 161 u. 162). 
Die 21» breite äufsere Kaiferftrafse zeigt die Teilung des Bürgerfteiges in einen mit Platten 
belegten Gehweg und einen nur bekieften Baumftreifen. Die 27» breite Eifenbahnftrafse befitzt 
auf jeder Seite 5,»o m breite Vorgärten , welche nur vor dem Poftgebäude des Verkehres wegen 
durch einen gepflafterten Vorplatz erfetzt find. 

Die 24,80 m breite Königftrafse in Stuttgart (Fig. 163) trägt keine Bäume; der ftarke Ver- 
kehr und die Nähe der Häufer würde diefelben nicht aufkommen laflen; wohl aber könnten die 
nur 4,4o m breiten Bürgerfteige zweckmäfsig auf 5,so m bis 6,00 m verbreitert werden. Ein hübfehes 
Profil für geringen Verkehr zeigt die mit Vorgärten gefchmückte CY^-Strafse (Fig. 164) j dagegen 
find die doppelten Seitenalleen der Hohenheimer Strafse (Fig. 165) bei nur 4 m Baumabftand nicht 
lebensfähig; bei der geringen Strafse nbreite von 28,eo m hätte man fich mit je einer Baumreihe 
beiderfeits begnügen, den Fahrweg aber etwas breiter anordnen dürfen. 

Das Profil der 26 m breiten Ludwig-Strafee zu Würz bürg ift ein gutes; für die Vorgärten 
wäre aber eine gröfsere Tiefe erwünfeht (Fig. 166). 

Der 23 m breite Teil der Maximt'/ian-StraAse zu München (Fig. 167) ift ein oft vorkommen- 
des Beifpiel unrichtiger Baumpflanzung ; die Bäume find nicht auf den Fahrdamm , fondern auf 
den Bürgerfteig in einen Abftand von 70 bis 120 «n von der Randfteinkante zu Meilen, damit fie 
vom Fuhrwerk nicht zerftört werden und nicht zur Schmutzanfammlung Gelegenheit geben. Prell - 
fteine find als Baumfchutzmittel ungenügend und unfehön und ftören zudem den Verkehr. — Die 
unrichtige Baumftellung ift auch in der auf 83 m verbreiterten Strecke der Maximütan-StrdSse bei- 
behalten, welche im übrigen eine aufserordentlich ftattliche Querfchnittsanordnung zeigt (Fig. 168). 
Die feitlichen Fahrwege find durch zahlreiche Querfahrten mit dem Mittelwege verbunden; die 
ganze Strafse würde noch freundlicher ausfehen, wenn die Gartenanlagen etwas vertieft lägen. 

Die Ringftrafse zu Wien (Fig. 169) ift eine der grofsartigften ftädtifchen Strafsen, die es 
gibt; das Profil, aus drei Fahrwegen und zwei Mittelalleen beftehend, ift ftattlich und zweck- 
mäfsig. Die eine Allee dient für den Fufsverkehr, die andere als Reitweg. Die Gefamtanlage 
wird näher befprochen werden. 

Die Via delV Acquedotto zu Trieft (Fig. 170) ift bei 21 n» Breite eine der engften Prome- 
nadenftrafsen; die Fahrwege, welche im Gegenfatz zu Fig. 161 an den Seiten liegen, find zu 
fchmal, die Bäume daher fehr leidend. 




Kaiferftrafse zu Mainz. 
Fig. 157. 



Bahnhofftrafse zu Mannheim. 




Strafsenprofile in der Städte rweitcrung zu Strafst) urg. 
Fig. 160. 




Aeufsere Kaiferftrafse zu Freiburg i. B. Bahnhofftrafse zu Freiburg i. B. 

Strafsen-Querprofile. 



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3 



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95 



Fig. 169. 




Fig. 170. 




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Via delV Acquedotto zu Trieft 



5?S 



Ringftrafse zu Wien. 



Fig. 171 




Neue Ringftrafse^ zu Budapeft. 



Fig. 172. 




Andrajfy- 
Strafse zu 
Budapeft. 



• *5 fl 



Fig. 173. 




Tisza-Lajos- 
Ring zu 
Szegedin. 



30 » 



Fig. 174. 




Aeltere Ringftrafse zu Kopenhagen. 



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1 



10 
1- 



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Strafsen-Querprofile. 



96 



»53- 

aus 

Dänemark. 



154- 

aus 

Holland 

und Belgien. 



155- 
aus der 
Schweiz. 



Die Ringftrafse zu Budapeft (Fig. 171) hat baumbefetzte Bürgerfteige, deren Breite im 
Interefle der Bäume zweckmäfsiger auf ein gröfseres Mafs als 6,50 m feftgefetzt worden wäre, da 
der Fahrdamm reichlich breit ift. Dagegen zeigt die grofsartige AndraJ/yStrsAse dafelbft eine 
vortreffliche Querfchnittsanordnung (Fig. 172). 

Nicht zweckmäfsig ift hingegen das Querprofil der Tisza-Lajos-RingftriAse zu Szegedin 
(Fig. 173), infofern als die äufseren Baumreihen der beiden Scitenalleen fowohl den Häufern, 
als den inneren Baumreihen viel zu nahe liehen; fie muffen befeitigt werden, damit wenigftens 
die jungen Bäume der Innenreihen fich entwickeln können. 

Die Kopenhagener Ringftrafsen (Fig. 174 u. 175) unterfcheiden fich durch die Anordnung 
der Baumreihen, während die Gefamtbreite und die feitlichen Fahrwege in beiden überein- 
ftimmen. Die Fahrwege dürften breiter fein; im übrigen ift die Anordnung der neuen Ring- 
ftrafse, wenn dem Reitvergnügen eine befondere Berückfichtigung zufteht, eine vortreffliche zu 
nennen. — Ungewöhnlich, aber ftattlich find die Profile der Friedrichsbergallee (Fig. 177) und der 
Strafse Ofterbro-Gade (Fig. 178), deren Seitenalleen mit dem befprochenen Nachteile für die 
Häuferzugänge verknüpft find. 

Die beiden Strafsen aus dem Haag (Fig. 176 u. 179) zeigen hübfehe, jedoch nur für 
kleinen Verkehr zweckmäfsige Anordnungen. Zum belferen Verftändnis des unfymmetrifchen 
Querfchnittes ift in Fig. 176 der Grundrifs beigefugt. 

Auch das in Fig. 180 angegebene Profil der Wl/ielm-StraSse zu Breda, deren mittlere 
Gartenanlage mit den erforderlichen Querwegen durchbrochen ift, darf für den geringen Verkehr 
als recht zweckmäfsig bezeichnet werden. 

Eine unfymmetrifche , durch den fpäter wiederzugebenden Grundrifs beffer verftändliche 
Profilierung zeigt die C/tauJYe de Malines in Antwerpen (Fig. 181 a u. b). Das Profil des Boulevard 
Leopold dafelbft (Fig. 182) hat fich als unzweckmäfsig erwiefen; der 5» breite Abftand der Bäume 
ift zu gering; die Kronen muffen deshalb von Zeit zu Zeit befchnitten und künftlich fchlank ge- 
halten werden; auch find die Fahr- und Fufswege zu fchmal. Die Abficht, das Profil in ein 
folches mit einfacher Mittelpromenade umzuändern, wird wohl inzwifchen ausgeführt worden fein. — 
Sehr ftattlich ift die Querfchnittsanordnung der 60» breiten Hauptringftrafse (Fig. 183); der 
breite Mittelfahrweg, die beiden Alleen und fchmaleren Seitenfahrwege entfprechen auf das 
belle dem grofsftädtifchen Verkehre. — Zu bedauern ift, dafs in Antwerpen, wie in Wien, 
das nämliche Ringftrafsenprofil unverändert auf dem ganzen, mehrere Kilometer langen Strafsen- 
zuge beibehalten wurde. 

Von den 40» breiten Querfchnitten der Ringftrafse von Gent (Fig. 184 u. 185) ift der 
unfymmetrifche der interelfantere ; die 16«" breite Mittelpromenade des anderen wird bis zur 
vollen Entwickelung der Baumkronen zu kahl fein, es fei denn, dafs man bis auf weiteres ein 
Rafenfeld mit Gefträuchgruppen und Blumenbeeten in der Strafsenachfe anlegt oder inzwifchen 
bereits angelegt hat. 

Brüffel befitzt einen reichen Wechfel an fchönen Strafsenprofilen. Fig. 186 zeigt den 
durch die Altftadt gebrochenen Boulevard central oder Boulevard Anfpach, 32» breit, ohne 
Bäume, deffen Bürgerfteige leicht etwas breiter hätten gewählt werden dürfen. Fig. 138, 187 
bis 189 veranfchaulichen die Mannigfaltigkeit der öftlichen Ringftrafse. Spazierwege, Radfahrwege, 
Reitwege, Equipagenfahrwege liefsen fich auf allen diefen Strafsenftrecken von den Laftfuhrwerk- 
ftrafsen und Bürgerfteigen trennen. 

Mehrere prächtige Strafsenprofile Lüttichs, alle mehr oder weniger unfymmetrifch , find 
fchon auf der Tafel bei S. 74 mitgeteilt worden. Von Interefle ift die Anpflanzung einer engeren 
Allee junger Bäume neben den breiten alten Baumreihen des Quai Cockerill, ferner die Fort- 
laffung der Baumreihen auf der neuen Oftfeite des Square d'Avroi, um den Häufern eine freie 
Ausficht auf die Gartenanlage darzubieten. 

Ein freundliches Vorftadtftrafsenprofil ift dasjenige aus Bafel (Fig. 190); die Scheidung 
zwifchen Fufsweg und Fahrweg bildet hier ein gärtnerifch gefchmücktes Rafenband unter der 
Baumreihe. Die Querfchnitte der Bafeler Ringftrafse werden bei der Befprechung diefer reiz- 
vollen Strafsenanlage mitgeteilt werden. — Fig. 191 aus Winterthur zeigt ein einfach hübfehes 
Profil mit Mittelallee, Fig. 192 aus Zürich eine etwas beengte Anordnung von Baumreihen auf 
den Bürgerfteigen, Fig. 193 aus Ragaz die engftmügliche, für gröfsere Städte ungeeignete Anlage 
einer Alleeftrafse bei nur 12» Strafsenbreite mit beiderfeitiger offener Bebauung. 

Unter den Genfer Strafsenprofilen (Fig. 194 bis 197) find befonders bemerkenswert die 





IV. fl. (j. Aufl.) 



9 8 



Fig. 179. 




36' 

*S^///>-Laan im Haag. 



Fig. 180. 




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30 £ 

lVi//emStTSL3t zu Breda. 




Fig. 181 a. 









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Fig. 181 b. 




Chaujfie de Malines zu Antwerpen. 



Fig 



iß. 182. p^ 




Avenue Charlotte 

und 

Boulevard Leopold 

zu Antwerpen. 



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Fig. 183. 




Hauptringllrafse zu Antwerpen. 



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Fig. 184. 











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Boulevard 

de la Citadelle 

zu Gent. 



Strafsen- 



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Fig. 185. 




Boulevard 

des Hofpices 

zu Gent. 



Fig. 186. 




Boulevard central 
zu Brunei. 



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Fig. 187. 



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Boulevard de Water loo zu Brunei. 



Fig. 188. 



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Boulevard de l' Ob/ervatoire zu Brunei. 



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Fig. 189. 

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80 m 



Boulevard du Rigent zu Brunei. 



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Querprofile. 



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Fig. 190. 




.ruui 25 5.. 

St. yato&StriSse zu Bafel. 



Fig. 191. 




Fig. 192. 




32™ 



33 m 



Grabengafle zu Winterthur. 




Bahnhofftrafse zu Zürich. 
Fig. 194. 



1500 



w. Gr. 




Bahnhofftrafse zu Ragaz. 
Fig. 195. 



Boulevard St. Gervais zu Genf. 



Fig. 196. 





Boulevard des Philofophes zu Genf. 



Fig. 197. 



Boulevard du Theätre zu Genf. 




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Fig. 198. 



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15,0 










3P.0 



Cours de Rive zu Genf. 



Boulevard Häuf s mann (und andere Boulevards \ 

zu Paris. 

Strafsen- 



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Fig. 199. 

Avenue 

du Roi de Rome 

zu Paris. 




Mehrere Avenuen 
zu Paris. 



Fig. 200. 

Avenue 

du Trocaddro 

zu Paris. 




Mehrere 
Avenuen 
zu Paris. 



Fig. 201. 



M500 w. Gr. 




W, 






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Boulevard de la Madeleine zu Paris. 



Fig. 202. 



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Avenue de Clichy (und andere Strafsen) zu Paris. 



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Fig. 203. 






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Boulevard d'Italie (äufsere Ringftrafse) zu Paris. 



Querprofile. 



102 



X56. 

Aus 

Frankreich. 



feiten vorkommende, in Genf fehr gut ausfeilende Anordnung eines mit einer Baumreihe be- 
fetzten Bürgerfteiges in der Strafsenachfe (Fig. 196) und das breite freie Corfo-Profti in Fig. 197. 
Paris, die in Hinficht der Strafsenanlagen am meiden als Vorbild dienende Stadt der 
Neuzeit, bietet eine Fülle reizvoller und zweckmässiger Beifpiele für die Anordnung der Strafsen- 
pronle; nur wenige derfelben find in Fig. 198 bis 204 mitgeteilt. Fig. 198 ift das gewöhnliche 



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Profil der im Inneren der Stadt durchgebrochenen Verkehrsadern; Fig. 199 u. 200 find^Strafsen 
der eleganten Aufsenviertel ; Fig. 202 u. 203 find äufsere Boulevard-Strecken. Dafs die den 
Häufern zunächft flehenden Baumreihen des Boulevard d'Itaiie fich gut entwickeln werden, ift 
zweifelhaft. Fig. 204 zeigt das aufsergc wohnlich breite und freie Profil der Verkehrs vollen Prome- 
nadenftrafse von den Champs-Jilyfe'es zum Triumphbogen. 



Aus 
Italien. 



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Die nur 21«» breite Strafse St. Sauveur zu Lille (Fig. 205) ifl bei dem ftarken Verkehre 
für Bäume zu fchmal; der Zuftand der letzteren ift leidend; die nach Fig. 206 profilierten Liller 
Strafsen Nationale und de la Gare fehen deshalb ohne Bäume weit ftattlicher aus. Gegen die 
Strafsenquerfchnitte nach Fig. 207 ift bei ftarkem Verkehr kaum etwas zu erinnern. 

Fig. 208 ift eine Strafse von mäfsiger Breite aus Rouen; Fig. 209 u. 210 find Beifpiele 
für Strafsen mit Seitenalleen aus derfelben Stadt. Fig. 211, 212 u. 214 find Strafsenprofile mit 
Trottoirbäumen und Seitenalleen aus dem benachbarten Le Hävre. Aus Lyon zeigt Fig. 213 
das Beifpiel einer als Corfo bezeichneten, zugleich für öffentliche Schauftellungen dienenden 
Strafse, nämlich den 125 ™ breiten Cours du Midi, Zwei übertrieben breite Strecken der nur 
fch wachen Verkehr aufweifenden, mit niedrigen Häufern bebauten Ringftrafse von Ntmes zeigt 
Fig. 215. Auch die in Fig. 216 dargeftellte Zufahrtftrafse zum Bahnhofe könnte etwas weniger 
breit fein; ihr Ausfehen ift indes befriedigender, weil die Häufer höher und die Flächen für den 
Verkehr befler verteilt find. 

Schöne Strafsenprofile von Marfeille find in Fig. 217 bis 219 angegeben. Der Cours 
Belfunce ift eine fehr volkreiche Fufspromenade ; glänzender noch ift die zum grofsen Teile mit 
Vorgärten verfehene Avenue de Meilhan, am ftattlichften aber der für Wagen, Reiter und Fufs- 
gänger prächtig ausgeftattete Cours du Prado. Sehr beengt für die übrigens wohlgepflegten 
Baumreihen ift die Rue Longekamps (Fig. 220), welcher dasfelbe Profil zu wünfehen wäre, welches 
die Bahnhof ftrafse in Nizza (Fig. 225) zeigt. 

In Italien find die Baumreihen auf den Strafsen weniger häufig. Um Schatten zu erzielen, x 57 

liebt man mehr die Befchränkung der Strafsenbreite und die Ueberbauung der Bürgerfteige mit 
Bogenhallen. Im letzteren Falle pflegen innerhalb der eigentlichen Strafsenbreite erhöhte Fufs- 
wege nicht angeordnet zu werden, deren Anwendung auch dann nicht allgemeine Regel ift, wenn 
es an Wandelhallen fehlt. Fig. 228 zeigt das gewöhnliche Turiner Strafsenprofil ohne, Fig. 222 
u. 223 dasjenige mit Hallen; die Geh- und Fahrplatten liegen in der Pflafterebene. Fig. 221 u. 
224 find fehr ftattliche Profile der Turiner Ringftrafse. In Fig. 226, 229, 230 u. 233 find ähnliche 
Strafsenquerfchnitte von Mailand dargeftellt, Tämtlich ohne Bäume' ). Genua hat teils einen 
ebenen Marmorplattenbelag in der ganzen Strafsenbreite, teils erhöhte Gehwege in gewöhnlicher 
Anordnung den Häufern entlang, feltener Wandelhallen. In Florenz find Bürgerfteige gewöhn- 
licher Art vorwiegend; die Ringftrafse zeigt Baumreihen in der ungefchickten , fchattenlofen An- 
ordnung nach Fig. 231. Im Gegenfatz hierzu darf nicht unerwähnt bleiben die wahrhaft monu- 
mentale Anlage der Galleria degli Uffizi, eine etwa 150« lange, 19 «*» breite, auf den Langfeiten 
und an einer Kopffeite von den Bogenhallen der bekannten Uffizien eingefafste Strafse; von der 
freien Kopffeite können Wagen einfahren; die Hallen der anderen Kopffeite bilden ein Durch- 
gangsportal zum Lungarno; Treppenftufen trennen die Strafsenfläche von den Hallen. 

Die alten Strafsen in Rom find meift in der ganzen, allerdings geringen Breite mit kleinen 
Kopffteinen gepflaftert; übereck gelegte Quaderfteine (Schrittfteine) begrenzen ohne Höhen- 
unterfchied den eigentlichen Fahrweg. Nur wenige römifche Strafsen, wie der Corfo und die 
Via de* Condotli, befitzen unfere üblichen Bürgerfteige (Fig. 227). Der neue Strafsendurchbruch 
der Via Nazionale hat leidlich unterhaltene Baumreihen (Fig. 232); mehrere Strafsen der neuen 
Stadtteile zeigen das in Fig. 236 angegebene Profil mit zweireihigen Seitenalleen, deren äufsere 
Baumreihe beim Anbau der Häufer befeitigt werden mufs. 

Einige Strafsenprofile aus London find in Fig. 234,235,237 u. 238 dargeftellt. Das einfache 158. 

Profil der Farringdon-Strafee (Fig. 237) findet man, zumeift in einer Gefamtabmeffung von 15 bis 30 m , Aus 

in faft allen Verkehrftrafsen Londons; nur ganz ausnahmsweife fieht man junge Baumreihen auf ngan 
den Bürgerfteigen nach Fig. 235. Ein Beifpiel der zahlreichen Souare-StrsAsen zeigt Fig. 234; die 
Häufer mit kleinen Vorhöfen liegen an der Aufsenfeite der Strafse rings um einen viereckigen 
oder runden, eingefriedigten gemeinfchaftlichen Garten. So reich London an Parkanlagen und 
Squares ift, fo arm ift es an ftattlichen, mit Baumreihen und fonftigen Pflanzungen gefchmückten 
Promenaden- und Prunkftrafsen. Die Parifer Boulevards und Avenuen fehlen faft gänzlich. Wohl 
gibt es zahlreiche Strafsendurchbrüche in der City und im Wertend; aber die Erbauer dachten 
nur an die Bedürfnifle des Verkehres. Spazierfahrer, Spaziergänger und Reiter find auf die 
Strafsen an und in den Parks angewiefen, wovon die in Fig. 238 fkizzierte Mall, der Zugang 
durch St. James' Park zum £uckingkam-Palaft t ein hervorragendes Beifpiel ift. 

80 ) Die Köpfe der in den Abbildungen angegebenen Strafsenbahnfchienen liegen natürlich überall in der Pflafterebene. 



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Couts Neu/ und Boulevard de la Fontaine zu Nimes, 
Fig. 21 6. 




Avenue de Meilhan zu Marfeille. 



Strafsen-Querprofile. 



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Fig. 224. 




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Corfo Regina Margherita zu Turin. 



Fig. 225. 




Bahnhof- 

ftrafse 
zu Nizza. 



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Fig. 226. 




Corfo 

Vittorio 

| Emanueh 

zu 

Mailand. 



Fig. 227. 




Corfo 
zu Rom. 



Fig. 228. 




Via San Domenico 
zu Turin. 



Fig. 229. 




Corfo Venezia zu Mailand. 




Via Broletto 
zu Mailand. 



Fig. 231. 




Viale prin- 
cipe Eugenio 
(Amadeo und 
Margherita) 

zu Florenz. 



Fig. 232. 




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Via Nazionale 
^ zu Rom. 



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Strafsen-Querprofile. 



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4. Kapitel. 

Strafsen von befonderer Art, 

Die Oertlichkeit bringt es oft mit fich, dafs in den Bebauungsplan eines 
neuen Stadtteiles oder in den Strafsenplan der Altftadt Strafsen von befonderer 
Art eingefügt werden muffen, welche mit den im vorigen Kapitel behandelten 
normalen Strafsen nicht übereinftimmen. Dahin gehören die nur einfeitig zu be- 
bauenden Strafsen, Strafsen an der Berglehne, Doppelftrafsen, Treppenftrafsen, 
Rampen und endlich Strafsen mit abweichend hohen Bürgerfteigen. 

Vorgartenftrafsen , d. h. Strafsen, deren Baufluchtlinie hinter der Verkehrs- 
fluchtlinie zurückliegt, ferner folche Strafsen, bei welchen die gärtnerifche Be- 
handlung vorwiegt, werden in Abfchn. 6 ausfuhrlicher behandelt werden. 

Einfeitige Strafsen kommen entlang der Flufsufer (Kaiftrafsen) , fowie ent- 
lang von fonftigen Gewäflern, von Parkanlagen und öffentlichen Plätzen vor. Sie 
finden fich auch an Berglehnen derart, dafs nur die eine Seite bebaut werden 
kann, während die andere wegen der Höhenlage den Anbau nicht geftattet oder 
abfichtlich unbebaut bleibt, um die freie Ausficht zu erhalten. Alle diefe ein- 
seitigen Strafsen werden nach der Häuferfeite hin den normalen Strafsen ent- 
fprechend ausgebildet, während die Ausbildung der anderen Seite fich nach der 
Oertlichkeit richtet. 

Die Anordnung der Wafferfeite der Kaiftrafsen (Werft, Kade, Staden, 
Stapel, Ufer, Strand) hängt von den Bedürfniffen der Schiffahrt ab und fallt daher 
in das Gebiet des Wafferbaues. Für den Stadtplan ift indes auf alle Fälle zu be- 
rückfichtigen , dafs die dem allgemeinen Verkehr dienende Fläche der Strafse in 
irgend einer Art womöglich zu trennen und vom eigentlichen Kaibetrieb freizu- 
halten ift. Dient das Ufer der Schiffahrt nicht oder nur der Perfonenfchiffahrt , fo 
wird die dem Waffer entlang führende Strafsenfläche in der Regel als Spazierweg 
ausgebildet. 

Eine Anzahl mannigfaltiger Beifpiele zeigen Fig. 239 bis 259. 

Das Victoria- Embankment zu London (Fig. 239) ift landfeitig teils von Gebäuden, teils 
von Gartenplätzen, den Etnbankment-Gardens, begrenzt, während der Themfe entlang ein breiter 
Bürgerfteig führt. 

Der 30 m breite (inzwifchen bedeutend erbreiterte) Jungfernftieg zu Hamburg (Fig. 240) ift 
als verkehrsreiche Fahrftrafse und Promenade bekannt, an deren Wafferfeite die Alfterboote an- 
legen. Die Königsallee zu Düffeldorf (Fig. 241) hat zur Seite des ehemaligen Feftungsgrabens 
einen vielbefuchten Spazierweg; die gegenüberliegende Kanalftrafse ift an Verkehr arm. 

Der Leyenftapel zu Cöln (Fig. 242) zeigt die Trennung des Stadtverkehres vom Rheinufer- 
verkehr. Auf der Rheinuferftrafse zu Mainz (Fig. 243 u. 244) find die ftädtifche Fahrftrafse, der 
Spazierweg für Fufsgänger und das Rheinwerft noch entfchiedener voneinander getrennt. Aehn- 
lich ift der in Fig. 245 dargeftellte Schaumainkai zu Frankfurt a. M. angeordnet. 

Verfchiedenartige Anordnungen zeigen die fünf in Fig. 246 bis 250 dargeftellten Uferftrafsen 
des wafferreichen Zürich; auf der Limmatpromenade und der Kafernenftrafse ftehen die waffer- 
feitigen Baumreihen innerhalb von Rafenbändern, welche zugleich eine zweckmäfsige Trennung 
gegen das Waffer bilden. Die Gefsner-AMee und der neue Alpenkai find einander fehr ähnlich; 
der Utokai zeigt die Trennung von Kaiftrafse und Stadtftrafse. 

Sollen die Bäume den an der Landfeite der Strafse errichteten Häufern die Ausficht auf 
das Waffer nicht nehmen, fo werden die Kronen geftutzt, wie man dies befonders oft an den 
vielen Städtchen am Rhein bemerkt, deren Uferftrafsen mit kurz gefchnittenen laubenartigen 
Alleen gefchmückt find. Fig. 251 bis 253 find Beifpiele aus Lüttich, Paris und Lyon mit tiefer 



159- 

Ucberficht. 



160. 
Einfeitig 
bebaute 
Strafsen. 



161. 
Kaiftrafsen. 



16a. 
Beifpiele. 



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Fig. 242. 



Leycnftapel 
zu Cöln. 



Rheinuferftrafse 
zu Mainz. 





ürundnfs zu Fig. 243. 




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Schaumainkai zu Frankfurt a. M. — '/"° w. Gr. 

Kaiftrafsen. 



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Fig. 246. 






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zu Zürich. 



Fig. 247. 






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zu Zürich. 



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Fig. 248. 

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zu Zürich. 



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Fig. 249. 












Alpenkai zu Zürich. 



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Fig. 250. 



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Utokai 
zu Zürich. 



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Kaiftrafsen. 




Quai du Hävre zu Roucn. 



Fig. 255. 
Rhönekai zu Arlcs. 




Promenade des Aug/t 



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liegenden Uferwegen; der Seinekai zu Konen (Fig. 354) hat den Stadt- und den Werftverkehr in 
gleicher Ebene. Der Rhönekai zu Arles (Fig. 255) beritzt die Eigentümlichkeit, dafs der Bürger- 
fteig der Stadtftrafse gegen den Uferweg und zugleich gegen hohe Wafferftände mittels Treppen- 
flufen befonders emporgehoben i(t. Der Lungarno zu Florenz (Fig. 256) zeigt an der Wafferfeite 
nicht blofs den erhöhten Burgerfleig, fondem der letztere ift zudem von einem bedeckten zwei- 
gefchoffigen Bogengänge überbaut, welcher unter dem Namen Galleria Pitti die Uffizien mit der 
Galerie des Ponte Vccchio und dadurch mit dem anderen Flufsufer verbindet. In Rom, wo die 
Tiberufer bisher in dem denkbar vemachläffigteften Znftande fich befanden, ift der Lungo Tcvere 
(Fig. 357) mit freiem Bürgerfteig an der Flufsfeite und bedecktem Hallengang an der Stadtfeite 
im Bau begriffen. 

Fig. 260. 




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Boulevard du Jardin bolaniquc 




Strafsen am Meeresflrande zeigen Fig. 258 u, 259, und zwar von Ödende, wo der breite, 
baumlofe Promenadendeich nach dem Meere hin durch ein flaches Böfchungsmauerwerk gefichert 
wird, und von Nizza, wo Baumreihen' in Bändern von Ziergefträuch die Strandpromenade einfallen. 

Entlang von Parkanlagen und öffentlichen Plätzen kann das Strafsenprofil 
nicht minder mannigfaltig ausgebildet werden. 

Schon in Fig. 152, 155 u. 246 find Beifpiele aus Wiesbaden, Frankfurt a. M. und Zürich ent- ) 
halten. Ein prächtiges Bild bietet der Boulevard du Jardin botanique zu Brüffel (Fig. a6o) dar, 






Promenadenftrafse (äufsere 

wo man von der Höhe des Spazierweges in den költlich gepflegten botanifchen Garten hin u rite r- 
fchaut. Hiermit zu vergleichen ifl die mit dem Namen >Nizzai belegte Gartenanlage am unteren 
Main zu Frankfurt, in welche man von der Uferftrafse hinabfchaut. Von ähnlicher Wirkung ift 
ferner die Promenadenftrafse des Baßione di Porta Veneria zu Mailand (Fig. 263}, welche einer- 
feits in die öffentlichen Gärten lieh hinabfenkt, andererfeits den Blick auf die um den alten 
Feltungsgraben führende äufsere Ringftrafse geftattet. Zu der in Rede flehenden Strafsengattung 
gehört auch der mit Fig. Z4i verwandte Boulevard St. Charles zu Amiens (Fig. 261); den Düffel- 
dorfer Stadtgraben vertritt indes hier ein Eifenbahneinfdinitt, deffen (lellenweifc erweiterte 
Böfchungen promenadenartig gefchmückt find. Oft genug werden fich ähnliche Promenaden- 
fttafsen mit Ei fenb ahn anlagen in Städten verbinden laffen, wenn die Entwürfe von vornherein in 
diefem Sinne beeinflufst werden. 



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Nur der Vollftändigkeit wegen und um fpäter darauf zurückzugreifen, find in Fig. 26z u. 264 
noch zwei Beifpielc ftädtifcher Promenaden (traf sc n beigefügt, welche für den Anbau überhaupt 
nicht beftimmt und daher eigentlich zu den Parkwegen gehören. Sie haben durch die IDrei- 
tellung des Weges und die Rafen- und Strauchbänder in den Baumreihen miteinander Aehn- 
lichkeit, wenn auch die Strafse delle Cascine zu Florenz die doppelte Breite der Promenaden- 
ftrafse zu Baden-Baden hat. 

Die Anlage einfeitig bebauter oder zu bebauender Strafsen an Berglehnen ift 
in Fig, 265, 266 u. 268 fkizziert. Die Häufer kommen entweder an die Bergfeite 
oder an die Talfeite zu flehen. Erftere Anordnung ift im Stadtbauplane zu bevor- 
zugen, weil fie den Vorteil hat, dafs den Spaziergängern auf der Strafse die Aus- 
ficht erhalten bleibt und dafs vom Tale her nicht die Hinterfeiten, fondern die 



Ringflrafse) zu Mailand. 




Strafse an der Berglehne mit talfeitiger Bebauung. 



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Fig. 267. 



Fig. 268. 





Mühlftrafse zu Tübingen. 



Vorgartenftrafse an der Berglehne zu Stuttgart. 

Vorderfeiten der Häufer fich entfalten; letztere 
Anordnung, nämlich die Stellung der Häufer an 
der Talfeite, wird dagegen in der Regel für die 
Hausbewohner angenehmer fein, weil das Haus freier und luftiger fteht, nach vorn 
den Blick auf den Strafsen verkehr, nach rückwärts den Blick in das Tal geftattet. 
Auch kann ein freundlicher Anblick vom Tale her durch Anordnung der offenen 
Bauweife gefichert werden. Die Bebauung der Bergfeite folcher Strafsen wird oft 
durch die Anlage von Vorgärten erleichtert, welche, wenn fie fich terrafienartig 
über der Strafsengleiche erheben, eine breitere Bauebene herftellen (z. B. im 
Nerotal zu Wiesbaden). Die Errichtung von zweifeitig zu bebauenden Strafsen 
ift an Berglehnen meid mit Schwierigkeiten verknüpft; Fig. 267 zeigt das hierfür 
in Stuttgart übliche Profil. Bei Boden verhältniflen , wie in dem in Fig. 268 dar- 
geftellten Falle zu Tübingen, wo die Bergfeite der Strafse durch eine hohe Futter- 
mauer gebildet wird 8 *), ift der Anbau überhaupt nur auf einer Seite ftatthaft. 
165. Eine andere Strafsenanordnung , die fowohl an der Berglehne angewendet 

Doppdftrafsen. w j rc ^ um bej^e Seiten bebauen zu können (Fig. 269), als beim Umbau vorhandener 
Stadtteile, um beftehende Verhältniffe zu fchonen, ift die Doppelftrafse. Bei der 
Auslegung neuer Strafsen in teilweife bereits bebautem Gelände ift es oft nötig, 



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Fig. 269. 



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Doppelftrafse an der Berglehne. 



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31) Siehe: Deutfche Bauz. 1887, S. 544- 



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um Hochwaflerfreiheit oder angemeffenc Steigungs- und EntwäfTerungsverhältnifle 
zu erzielen, eine neue Hochftrafse neben einen vorhandenen Weg zu legen, welcher 




Smithfield-Square zu London. 



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erft beim Neubau der an ihm flehenden Häufer auf die neue Höhe emporgehoben 
und zur Verbreiterung der Hochflrafse benutzt werden foll. Zuweilen aber kommen 
folche Doppelftrafsen auch in der inneren Stadt oder neben Bahnhofs- und 
Brücken Zufahrten als bleibende Anlagen vor. 
Als Beifpiele mögen dienen Fig. 270: die 
St. Marg-aret/ten-Stratse zu Bafel, Fig. 271 : 
der Boulevard Helvetique zu Genf, Fig. 272 
u. 273: der Boulevard Jeaime efArc zu 
Rouen, Fig. 274: der Hirfchen- und Seiler- 
graben zu Zürich. Der Höhe nun terfchied 
wird entweder durch Futtermauern oder 
Böfchungen überwunden ; zur Erleichte- 
rung des Fufsverkehres pflegen erftere mit 
Treppen, letztere mit Treppen und Ram- 
penpfaden verfehen zu werden. Genf ift 
reich an Doppelftrafsen ; auch die Rue des 
Cafemates und die Treille gehören darunter, 
? Der in Fig. 271 dargeftellte Boulevard 
t? Helvetique zeigt ftreckenweife Futtermauern 
u5 beiderfeits, ftreckenweife eine Böfchungs- 
= anläge mit Rampenpfaden. Eine eigen- 
u tümliche Art von Strafsen in verfchiedener 
■§ Ebene zeigt der Snttihfield-Square zu Lon- 
^ don, wo die Zufahrt zu einem unterirdi- 
fchen Güterbahnhofe fpiralförmig zwifchen 
c Futtermauern in die Platzfläche einge- 
" fchnitten ift (Fig. 275). 
§ Um eine Berglehne dem geordneten 

« ftädtifchen Anbau zugänglich zu machen, 
is gibt es im wefentlichen zwei Arten des 
Strafsenentwurfes. Entweder man bildet ein 
mehr oder weniger geradliniges Strafsen- 
ne tz aus Linien, die den Höhenkurven 
annähernd parallel, alfo nahezu horizontal 
verlaufen , und andere , die fchräg am 
Gehänge emporfteigen (Fig. 276 : Stutt- 
gart), oder aber man fetzt das ganze Netz 
aus gefchwungenen Linien zufammen der- 
art, dafs die Hauptftrafsen in fanfter Stei- 
gung hinaufführen , während man für die 
Aufteilungsflrafsen ftärkere Steigungen zu 
läfst (Fig. 277: Ulm). Erftere Art ift 
, mehr für gefchlouene, letztere für offene 

Bauweife geeignet. Oft treten Fufswege 
in Rampen- oder Treppenform hinzu, die als Richtwege die Entfernungen ab- 
kürzen (vergl. Fig. 98 u. 276). Die nicht blofs in Gebirgsdörfern , fondern mit- 
unter auch in Städten, befonders Badeorten, beliebte Bauart, dafs man von einer 



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Bebauung einer Berglehne zu Ulm. 



167. 

Treppen - 
ftrafsen. 



168. 

Stiafsen- 

treppen und 

•Rampen. 



Strafse an der Berglehne aufser den unmittelbar an der Strafse flehenden Häufern 
noch andere, mehr rückwärts, d. h. höher erbaute Häufer (oder gar Häuferreihen 
und Häufergruppen) durch Treppen, Pfade oder kurze Strafsenftümpfe zugänglich 
macht, kann zwar als zuläffiger Notbehelf, nicht aber als eine geordnete Art des 
Städtebaues betrachtet werden. 

Auch die zur Berglehne fenkrecht gerichteten Fahrftrafsen nehmen oft die 
Eigenfchaft der Treppenftrafsen an, und zwar nimmt die von Podeften unter- 
brochene Treppe entweder die ganze Strafsenbreite ein, oder der Fahrweg führt 
(teil bergan und ift beiderfeits von treppenförmigen Fufswegen mit langen Podeften 
eingefafst. Die Lorenz-Strafee zu Stuttgart (F"ig. 278) ift ein Beifpiel der letzt- 
gedachten Anordnung. Mangelhafte Strafsenbildungen an der Berglehne zeigt die 
landschaftlich fo prächtige Cöte 



dlngouville zu Ha vre; ein Bei- 
fpiel ift Fig. 279, wo aus dem 
Winkel der unter 90 Grad wen- 
denden Fahrftrafse ein Treppen- 
ftieg zur höher gelegenen Strafsen- 
ftufe emporführt. Eine lange 
Treppenftrafse mit Hauseingängen 
auf den Podeften ift die Ruprecht- 
Stiege zu Wien (vergl. auch das 
Beifpiel aus Marfeille in Fig. 295 
u. 296). 

Strafsentreppen und Strafsen- 
rampen find übrigens auch im 
Inneren der Städte nicht feiten. 
Rom, Genua, Genf, Lüttich, Elber- 



Fig. 278. 






LorenZ'StraLke zu Stuttgart. 

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Fahrllrafse mit Treppenflieg an 
der Berglehne zu Le Hävre. 



R & 2 79- feld und die meiften hügelig oder bergig gelegenen 

Städte find reich an folchen Wegverbindungen , die 
man in Stadterweiterungen zu vermeiden oder doch 
auf abkürzende Fufswege zu beschränken fucht. Oft 
geben fie indes Anlafs zu monumentalen Strafsen- 
geftaltungen. Eine der grofsartigften Anlagen diefer 
Art ift die bekannte Spanifche Treppe zu Rom, welche 
mit 125 Stufen in mehrfachen Abfatzen und Zweigen 
von der Piazza di Spagna zum Vorplatze der Kirche 
Triniiä de 1 Monti emporfteigt (vergl. Fig. 509). Be- 
fcheidenere Beifpiele find dargeftellt in Fig. 280 : 
Scala della Zucca zu Genua, Fig. 28 1: Treppe zvvi- 
fchen Kaifer- und Adlerftrafse zu Nürnberg, Fig. 282: 
Treppe zur hochgelegenen Strandftrafse in Blanken- 
berghe. Auch die in Kap. 6 diefes Abfchnittes zu 
befprechenden öffentlichen Plätze del Popolo und del 
Campidoglio zu Rom (Fig. 367 u. 437), Colombo und 
Coruetto zu Genua (Fig. 470 u. 374) find mit folchen Treppen- und Rampen- 
anlagen verbunden. Rampen verdienen für den Verkehr ftets den Vorzug, fei es, 
dafs fie hinreichend fanft zum Befahren angelegt werden können, fei es, dafs 
fie abfatzweife eine Stufe erhalten und fo ein Mittelding zwifchen Fahrrampe und 
Treppe bilden, wie z. B. die Treppenrampe zum römifchen Kapitol. Zwei fich 
kreuzende, leider zu kleinlich angelegte Rampen zeigt Fig. 283, zum Appellhofs- 
platz in Cöln hinaufführend. 
Als befondere Art von 
Rampenftrafsen find die ftäd- 
tifchen Brückenrampen zu er- 
wähnen, welche entweder im 
Inneren der Stadt in der 
Brücken richtung beginnen und 
fenkrecht zum Strom fuhren 
oder als Seitenrampen parallel 
zum Ufer gelegt werden. Im 
erfteren Falle ift gewöhn- 
lich die Uferftrafse zu über- 
brücken (London, Göln, Kob- 
lenz) ; eine alte fenkrecht zum ' 
Flufs hinabfallende Strafse 
bleibt oft am Rampenfufse 
liegen (Cöln), und andere dem 
Ufer parallele Strafsen wer- 
den treppen förmig mit der 

Brücke nr am pe verbunden 
(Würzburg, Fig. 284). Bei- 
fpiele für den zweiten Fall 
find Mainz und Rotterdam 
(Fig. 285); die Seitenrampen 







124 

ftören den Verkehr am Ufer entlang, wenn der Platz nicht, wie in Mainz, die An- 
ordnung derfelben in erheblichem Abitandc vom Ufer geftattet, und bilden ge- 
wöhnlich eine unvollkommene Verbindung zwifchen der Brücke und den Stadt- 
fr. rafsen. 

Die Behandlung der Briickenfahrbahn felbft gehört in das Gebiet des Brücken- 
baues. Hier fei nur der Fall erwähnt, wo die Brücke als Zugang zu Flufsinfeln 



Fig. ; 






Treppen II rafse zu Nürnberg. 



Strafsentreppe zu Blankenberghe. 




Rampenanlage am Appellhofsplatz zu Cöln. 



■25 



<S2> 



Fig. 285. 



ÄfcH^WB-Infe] zu Genf. 



in noch innigere Beziehung zum Stadtplane kommt, 
wie in Zürich und Genf (Fig, 286), wo eine drei- 
fchenkelige Brücke ehemals beteiligte In fein mit der 
Stadt verbindet, wie in Paris und Rouen, wo die Brücke 
zugleich das Strafsenfyftem der Flufsinfel aufnimmt. 

Strafsen mit abweichend hohen Bürgerfteigen, 
d. h. mit Gehwegen, welche wefentlich tiefer oder höher 
Hegen als der Fahrdamm , kommen in neuen Stadt- 
plänen kaum vor, werden jedoch in der Altftadt als E 
Auskunftsmittel fehr oft angewendet, wenn Eifenbahn- 
bauten, Brückenrampen oder fonftige nachträgliche Um- 
geftaltungen der Stadt eine Hebung oder Senkung der 
Strafse notwendig machen. Verlangt die Unterführung 
einer Strafse unter die Eifenbahngleife die Senkung 
derfelben um einen oder mehrere Meter, fo ift man oft 
genötigt, neben dem gefenkten Fahrwege die Bürger- 
fteige in urfprünglicher Höhe zu belauen, damit die 
Häufer ihre Zugänglich keit behalten und unerfchwing- 
liehe Schadenanfprüche umgangen werden. An dem 
einen Ende oder an beiden Enden mufs dann die 
Bürgerfteigfläche 
rampen- oder trep- 
penartig mit der 

neuen Strafsen- 
gleiche verbunden 
werden. Oft läfst 
man vom urfprüng- 
lichen Bürgerfteig 
nur kurze Stücke 
ftehen, welche aus- 
reichen, um mittels 
Treppenftufen oder 
Rampen die Haus- 
türen zugänglich zu 
erhalten ; in diefem 
Falle ift es noch mehr als bei zufammen- 
hängendem Hochtrottoir geboten, einen be- 
fonderen, wenn auch fchmalen Bürgerfteig 
gewöhnlicher Art in der Fahrweghöhe an- 
zuordnen (Fig. 287). 

Das Umgekehrte tritt ein, wenn die 
Verbindung mit einer Strafsenüberführung, 
einer Brücke oder einem Strafse ndurchbruch 
die Hebung einer Strafse beanfprucht; den 
Häufern entlang bleiben dann unter Um- 
lländen tiefliegende Bürgerfteige liegen. 
Auch bei der Hebung ganzer Strafsenzüge 



Aus Rotterdam. 



126 



oder Stadtviertel (über Hochwafier) treten folche Fälle häufig ein, z. B, in Mainz, 
Hamburg, Paris und ßrüffel. In Paris find die Strafsen nicht feiten, wo vom Fahr- 
damm Treppenftufen in ganzer Strafsenlänge oder ftreckenweife zur Trottoirhöhe 
hinauf- oder hinabführen {Fig. 289). 

Nur ausnahm sweife können Strafsen mit abweichenden Burgerfteighöhm als 
dauernde Anlagen angefehen werden, wie z. B. der Boulevard St. Martin zu Paris 
(Fig. 288). Der Regel nach wird feftgefetzt, dafs die entflehenden Neubauten fich 
nach der neuen Strafsen- 

höhe zu richten haben, Fi 8- 28 ?- 

wodurch allmählich die 

Unregelmäfsigkeiten 
verfch winden. 

Von zweiftöcki- 
gen Strafsen als An- 
lagen der Zukunft ifi 
oft geredet worden ; 
eine Ausfuhrung im 
vollen Sinne hat aber 
noch nicht ftattgefun- 
den. Für die zukünftige 
Geftaltung der Lon- 
doner »Hauptavenuen« 
hat die dortige Königl. 

Verkehrskommiffion 
Vor fehl äge entworfen. 




Boulevard St. Martin 



Paris. 



Strafse i 



: Treppe ntrotto Iren. 



nach welchen 40 bis 50 m breite Strafsen in zwei Stockwerken übereinander an- 
gelegt werden follen: die obere Fläche ift in zwei Bürgerfteige an den Häufern, 
zwei Fahrwege (mit Strafsenbahngleifen) daneben und eine mittlere Automobil- 
bahn geteilt, während die untere Ebene Fufswege an den Hauskellern, zwei Laft- 
ftrafsen und in der Mitte Lagerräume (unter der Automobilbahn) aufweift. Eine 
Schwebebahn über der Automobilbahn würde ein drittes Verkehrsltockwerk dar- 
ftellen. 

Im befchränkten Sinne befteht die Zweiftockigkeit des Strafsenverkehres am 
Manßo?thou/e-?\zt.z zu London (vergl. Art. 177, S. 136), wo die Fufsgänger den 
Platz von Bürgerfteig zu Bürgerfteig mittels Tunnelwege kreuzen können, die zu- 
gleich den Zugang zu einer Halteftelle der Untergrundbahn bilden, und merk- 



127 



würdigerweife in der alten englifchen Stadt Chefter, wo feit mittelalterlicher Zeit 
doppelte Laubengänge, die am Erdgefchofs und am I. Obergefchofs der Häufer 
angelegt find, die Hauptftrafse begleiten. 



5. Kapitel. 

Strafsenkreuzungen, Strafsenerweiterungen und 

Strafsenvermittelungen. 

a) Strafsenkreuzungen. 
Die für die Bebauung bequemfte Kreuzung ift die rechtwinkelige. Ihre Ab- 
fchrägung (Abrundung, Ausklinkung) hat, wie bereits in Art. 95 (S. 57) ent- 
wickelt, Vorzüge für den um die Ecke gerichteten Fufsverkehr und, bei ent- 
fprechender Abrundung oder Abfchrägung der Bürgerfteigecken , ebenfo für den 
Fahrverkehr, ift unter Umftänden auch gefchäftlich vorteilhaft, um den Eingang 
an der Ecke zu gewinnen. Aber nur ftarker Verkehr um die Ecke rechtfertigt 



Fig. 190. 



Fig. 291. 




^&<^H&-$HQM&@^®-&^®r&- 




die Vorfchrift der Abkantung, die im übrigen den Eindruck der Bauwerke in 
der Regel verflaut und deshalb bei häufiger oder allgemeiner Anwendung unfchöne 
Strafsenbilder erzeugt. In Fig. 290 u. 291 wären Abfchrägungen unnütz; Fig. 290 
zeigt zudem, wie eine verkehrsreiche Seitenftrafse in eine breite Hauptftrafse aui 
zweckmäfsige Art gabelförmig eingeführt werden kann. 

Die fchiefwinkelige Kreuzung ift indes in einem naturgemäfs entwickelten 
Stadtplane, namentlich im unebenen Gelände, nicht zu vermeiden. Es entftehen 
dann teils fpitze Blockwinkel, welche fowohl des Verkehres als der Bebauung 
wegen ftets eine kräftige Abfchneidung mit oder ohne Ausbau verlangen (Fig. 292), 
teils ftumpfe Blockwinkel, deren Abkantung entbehrlich und oft recht unfchön ift. 



In manchen Städten, z.B. 
in London und Briiffel, 
wird mit Vorliebe die Ab- 
kantung der Ecken durch 
die Abrundung, welche 
bei dumpfen und fpitzen 
Winkeln ausfuhrbar ift, 
erfetzt. 

Mitunter bilden fich, 
, befonders bei nachträg- 
° liehen Strafsenanlagen auf 
bebautem Gelände, Stra- 
fsenk reu zun gen in ver- 
fchiedenen Ebenen. Fig. 
293 zeigt eine folche 
Strafsenüberb rückung aus 
Paris ; Treppen führen von 
den Bürgerfteigen der 
Boudujn-Straise auf die- 
jenigen der Bellefond- 
Strafse hinab , während 
auf die Fahrverbindung 
verzichtet werden mufs. 
Die Eckhäufer erhalten 
nach der tieferen Strafse 
ein oder gar zwei Stock- 
werke mehr als nach der 
höheren. Bei der 
Erbauung des Hol- 
born- Viadukts in 
London (Fig. 294) 
find die vier Eck- 
häufer zur Unter- 
bringung ftattlicher 
Treppen von der 

unteren zur oberen 

Strafse benutzt wor- " ■ 
den. Schon in Fig. ____ 
271 wurde die Ueber- 
brückung des Boule- 
vard Helvitique zu 
Genf durch zwei 
Radialftrafsen d är- 
gerte! lt. 

Eine interef- 
fante Anlage ift die 
Ueberbrückung des 




Aus Paris. 
Fig. 294. 



ffolbjrti -Viadukt zu London. 



Cours Haiitand zu Marfeille durch die Aubagnc- und die GrigttanStrake, {Fig. 295 
u. 296). Während die Attbagne&tntsz mit anfteigender Fahrbahn auf Eifenbogen 
den durch die Altftadt durchgebrochenen Liautand-Cor/o unter ungefähr 30 Grad 
kreuzt, ift für die Grignan-Sirzht nur ein Fufsfteg fenkrecht zum Corfo über den- 



Durchfchnitt zu Fig. 296 (in der Richtung der Cr<£«aH-Strafse) 



felben erbaut worden, welcher auf der anderen Seite fich als Treppenftrafse fort- 
fetzt, deren Treppenläufe mit ansteigenden Zierpflanzen- und Blumenbeeten ge- 

fchmückt find , während an den Podeften die Hauseingänge liegen. Alle drei 
Strafsen find durch eine gewundene Freitreppe miteinander in Verbindung gefetzt. 



Vet fetzte Slrafsenkreuzung. 
[Zuliflig.) 




Verfetzte Strafsenkreuzung. 




Verfetzte Strafsenkreuzunj;, 



Ver fetzte Strafsenkreuzung. 



I3j 



In Art. 141 (S. S2) wurde bereits erwähnt, dafs als Mittet zur Abkürzung 
der Seh länge einer Strafse, befonders bei Gefällsrücken (Fig. 118 u. 121), die Ver- 
fetzung der Fluchtlinien verwendbar ift. Es ift felbftverftändlich , dafs im Zuge ' 
von Hauptftrafsen eine folche Verfetzung keine Benachteiligung des Verkehres her- 
beiführen darf. Die Verfetzungen der Fluchtlinien in Fig. 118 u. 121 , fowie 
Fig. 297 bis 300 find zuläffig und be- 



Fig. 301. 



Unzuläffige Verfetzung der Verkehrftrafse AB. 




auf einfacher Straf sc nabzweigung. 



reichern das Strafsenbild ; die Strafsen- 
verfetzung in Fig. 301 wäre dagegen, 
wenn A B eine Verkehrsrichtung bil- 
det, unzuläffig. Denn es liegt auf der 
Hand, dafs die Verfetzungsftrecke xy 
nicht blofs durch die Aufnahme beider 
Verkehrsrichtungen A R und CD über- 
laftet, fondern dafs aufserdem in den 
Verkehr A ß ein ganz unüberficht- 
liches, zu Unficherheiten und Zufam- 
menftöfsen führendes Glied eingefchaltet 
werden würde. Die Un überficht] ich - 
keit in der Fahrtrichtung ift noch 
hinderlicher als die Ueberlaftung. Man 
denke fich ferner, welchen Schwierig- 
keiten etwa eine doppelgleifige Strafsen- 
bahn AB ausgefetzt wäre, die fich 
mit engen Kurven durch die Ver- 
fetzungsftelle winden müfste. Auch 
durch die Ausweitung der letz- 
teren nach den punktierten Linien 
würde der Uebelftand nicht be- 
feitigt werden. 

Wir find hier auf die Un- 
zuläffigkeit der Verfetzung von 
Verkehrsrichtungen näher einge- 
gangen, weil Andere auf Grund 
eines TrugfchlulTes geglaubt haben, 
durch eine folche Verfetzung die 
Erleichterung des Verkehres her- 
beiführen zu können. Eine ein- 
fache Abzweigung zeigt nach 
Fig. 302 drei Schnittpunkte von 
Fahrtrichtungen ; eine einfache 
Kreuzung zeigt dagegen nach 
Fig. 303 deren 16. Deshalb glaubte 



man, mittels Erfatzes der Kreuzung durch zwei verfchobene Abzweigungen, d. h. 
durch Verfetzung der Verkehrsrichtung nach Fig. 301 , den Kreuzungsverkehr, 
deffen Schwierigkeiten hauptfächlich durch jene Ueberfchneidungen hervorgerufen 
werden, erleichtern zu können ai ). Der Trugfchlufs beruhte darauf, dafs man 



glaubte, durch die Verfetzung werde die Zahl der Begegnungsfchnitte einer Kreu- 
zung von 16 auf 2X3=6 herabgemindert. Das ift jedoch durchaus nicht 
der Fall. 




Fahrtlinien auf einfacher Strnfsenkreuzunft. 
Fig. 304. 

I 



Fahrtlinicn auf vcrfetzler Straf senkte 



Zeichnet man alle Fahrtrichtungen der Kreuzung aus Fig. 303 in die Ver- 
fetzung ein (Fig. 304), fo findet man, dafs die Summe der Schnittpunkte fich nicht 



Unrege Im äfsige Strafsenkreuiung. 
Fig. 307. 



Unrege Im äfsige Strafsengabelung. 
• Fig. 308. 



Unregelm äfsige Strafsenkreuzung. 



vermindert, fondern fich von 16 auf 18 erhöht, indem 
unnötiger weife die beiden Schnittpunkte der nun eine 
Schleife bildenden Fahrtrichtungen CB und D A hinzu- 
treten. So bringt die Verfetzung von Verkehrsrich- 
tungen nicht nur die bereits erwähnten Uebetftände der Ueberlaftung und Un- 
überfichtlichkeit, fondern auch die Vermehrung der Gefahrenpunkte hervor; der 



i\ 

Unregelmäfsigc 
St rafse nabz wcigu ng. 



weitaus gröfste diefer Nachteile ift indes die Uniiberfichtlichkeit , die jeden Fah- 
renden unficher macht und Zufammenftöfse begünftigt. 



f 





R egel mäfsigeTfu nfarmige Strafse n kre uzun gen. 



Unregelmäßige fünfarmige Strafsenkreu zunger 



■ js. An unregelmäfsigen Kreuzungen bilden (ich Fluchtlinienverfetzungen oft von 

Swiiu ,, ' M * t ^'^ft durch paffende Geftaltung der Blockecken, wie fchon Fig. 298 bis 300 zeigen 

und wie es weiter in Fig. 305 u. 307 veranfchaulicht wird. Da hier keine Ver- 

fetzung oder fonftige Hemmung der Verkehrsrichtungen eintritt, fo liegt nicht 




IMborn-Circus zu London. 



Kreuzungsplatz zu Vervie 



Place Centrale : 



Man fh 'ii li ,v iß- Place 



allein kein Bedenken vor, fondern es kann 
eine malerifche Geftaltung des Strafsenbildes 
entftehen, die nur zu empfehlen ift. 

Fig. 306 u. 308 find keine Kreuzungen 
mehr, fondern Abzweigungen oder Gabe- ai 
lungen, durch deren Ausweitung den Bau- 
blöcken und der Strafsenfläche eine paffende 
Geftalt gegeben ift. Fig. 306 fchliefst zu- 
gleich die Sehlänge der drei zufammen- 
t reffenden Strafsenzweige. 

Fig. 309 u. 3 10 find regelmäfsige, 
Fig. 311 u. 312 unregelmäfsige , fünfarmige . 
Strafsenkreuzungen. Derartige unregelmäfsige ' 
Anlagen rufen oft platzähnliche Bildungen 
hervor und können malerifche Gruppierungen 
veranlaffen , befonders wenn die Strafsen- 
richtungen zwar z ufammen treffen , fich aber 
nicht in einem Punkte 
fchneiden. Der Schnitt 
in einem Punkte ift 
aus Verkehrsgründen un- 
erwünfeht 

Mehr als fünf Stra- 
fsenarme zu einer Kreu- 
zung zu vereinigen, führt 
in der Regel Schwierig- 
keiten der Bebauung 
und des Verkehres her- 
bei. Man wird deshalb 
Knotenpunkte diefer Art, 
wie fie in Fig. 313 bis 
316 dargeftellt find, im 
allgemeinen zu vermei- 
London. den fuchen. 




Aforitz-Fi&tz 



Berlin, 



Einer der lebhaf- 
teften Kreuzungspunkte 
der Welt ift Man/ton- 
koufe-Place zu London 
(Fig. 316), wo Heben 

Hauptrtrafsenrichtun- 
gen (ich vereinigen. 
Die räumliche Enge der 
Londoner City bringt 
es mit fich, dafs hier 
auf die Anlage eines 
gröfseren Platzes zur 
heileren Verteilung des 
Verkehres verzichtet 
werden mufste ; vier 
Bürgerfteiginfeln und 
einige Potizeibeamte 
muffen zur Regelung 
des ungeheueren Ver- 
kehres ausreichen. Es 
gehört oft grofse Ge- 
fchicklichkeit dazu, un- 
gefährdet zu Fufe von 
einem Bürgerfteige zum 
anderen zu gelangen. 
Der Gedanke, an fol- 
chen lebhaften Punkten 
die Bürgerfteige durch 
Brücken über oder 
durch Tunnel unter 
der Fahrwegkreuzung 
miteinander zu verbin- 
den , liegt nahe ; hier 




137 




Oxford-Circus zu London. 
Fig. 324. 



F'g- 323. ift er durch Anordnung von unter der Strafsen- 

Dl •: I pR : *'"■''*> decke liegenden Fufswegen, die gleichzeitig den 

J t I |L Zugang zu einer Halteftelle der elektrifchen Unter- 

^Y V,,.. ;% grundbahn bilden, zur Ausführung gebracht worden. 

Wie behaglich ift hiergegen der ovale, mit 
einer Gartenanlage gefchmückte Kreuzungsplatz in 
Verviers (Fig. 314). 

Obwohl die Anlage gröfserer Kreuzungsplätze 
ohne befonderes Bedürfnis beim Zufammenflufs von 
nur vier Strafsenzweigen in der Regel gar nicht 
nötig ift, findet man an folchen Punkten nur zu 
oft unnötige freie Plätze von viereckiger, achteckiger 
oder runder Geilalt (Fig. 317 bis 324). 

Die diagonal gelegten Kreuzungsplätze nach 
Fig. 317 haben den grofsen Nachteil, dafs fie zwar 
den Wagen das Einlenken in die andere Strafsen- 
richtung erleichtern, den geradeaus gehenden Fufs- 
gänger aber nötigen, anftalt eines Fahrdammes 
deren drei zu überfchreiten. Wird gar das Einlegen 
der angedeuteten Bürgerfteiginfeln unterlaufen , fo 
ift der Fufsgänger, wenn er nicht einen weiten 
Umweg machen will, auf der ganzen Länge der 
Platzdiagonale dem Zufammenftofs mit dem Fuhr- 
werk ausgefetzt. Auch fchönheitliche oder gefund- 
heitliche Vorzüge vermögen Iblche in unferen Stadt- 
Tl 'iT t T t T " ? ! 1 T " ' erweiterungen leider fehr häufige Platzfiguren nicht 
aufzuweifen; die einfache Abkantung der Ecken 
ift daher, wenn der Verkehr überhaupt die Erweiterung der Fläche erheifcht, 
in der Regel vorzuziehen. 

In den Kreuzungsplätzen nach Fig. 318 u. 319 ift zwar die Platzumrahmung 
um ein geringes mehr ausgeprägt; aber der Uebelftand der Erfchwerung des 

Fig. 325- 



Ludgale-Circus z" 
mstw 



London. 




13« 



179- 

Gröfsere 

Kreuzungs- 

pläUe. 



Fufsverkehres bleibt vorhanden. In Fig. 318 tritt 



Fig. 327. 










\.\".v,^\N.\ \.s s^ 



Place de la Rotonde zu Marfcille. 



12600 



w. Gr. 



fogar noch der Nachteil hinzu, dafs das Denkmal 
auch den Fahrverkehr behindert. 

Ebenfo find die achteckigen und kreisrunden 
Kreuzungsplätze (Fig. 320 bis 322) im allgemeinen 
nicht zweckmäfsig und können auch nur bei ein- 
heitlicher, monumentaler Umbauung die Anfprüche 
der Schönheit erfüllen. Für gewöhnlich find die 
hinter der Bürgerfteiglinie fich bildenden verkehr- 
löfen Zwickel unfauber und zwecklos. In London ift 
die Anwendung ausgerundeter Kreuzungsplätze unter 
dem Namen Circus fehr verbreitet. Die Bürgerfteig- 
kanten laufen dort im Gegenfatze zu Fig. 321 u. 322 
parallel zu den Hausfluchten; die dem Verkehre 
fchlecht zugänglichen Zwickel find alfo Teile des Fahrdammes und dienen vor- 
wiegend zur Aufteilung wartender Fuhrwerke (Fig. 323 u. 324). In der Londoner 
City, wo der Verkehr die ganze Strafsenfläche gewiffermafsen bedeckt und an den 
Kreuzungen nicht feiten fich ftaut, mag der Gewinn eines folchen Aufftellungsortes 
die Circus- Anlage rechtfertigen; der Fufsgänger hat kaum Nutzen davon. 

Bei Abmeflungen von erheblicher Gröfse fallen die erwähnten Mifsftände 
zwar zum Teile fort, indem eine anderweitige Ausbildung und Ausfchmückung der 
Platzfläche zuläffig wird (Fig. 325 bis 327). Aber wenn auch gärtnerifcher und 
künftlerifcher Schmuck folchen Plätzen einen gewiffen Reiz verleihen kann, fo 
liegen doch die Schattenfeiten auf der Hand. In Fig. 325 u. 326 find die Garten- 
anlagen durch die Hauptftrafsen- 
richtungen unangenehm zerftückelt; 
die Seitenftrafsen in Fig. 326 find 
faft unbenutzt. In Fig. 327 muffen 
die Fuhrwerke der Querrichtung 
einen halbkreisförmigen Umweg 
machen; von Intereffe ift hier, dafs 
die gärtnerifche Mittelfläche des 
Platzes wagrecht gelegt ift, obwohl 
die Herosftrafse ftark anfteigt, was 
für die Fufsgänger, welche den Platz 
quer überfchreiten wollen, die An- 
lage von Freitreppen notwendig 
machte. In allen vorgeführten Fällen 
würde der Schmuck wirkfamer und 
die Fläche weniger zerriffen fein, 
wenn für den Platz eine andere 



Fig. 328. 




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Hochstr&sis 



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Hochftrafse zu Aachen. 



Fig. 329. 



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Stelle gewählt worden wäre. Man 
darf fomit im allgemeinen behaup- 
ten, dafs der Kreuzungspunkt zweier 
Strafsen nur unter befonderen Orts- 
verhältniffen fich zu einer Platzan- 
lage eignet. 



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Strafsenerweiterung mit Denkmal. 



b) StraTsenerweiteruogen. 

Sowohl an Kreuzungen und Abzweigungen, als auf der gefchloffenen Strecke ,&,. 

werden oft erweiterte Strafsenteile eingefügt, um in langen Häuferfluchten und A * iaIt ■""' 

reizlofen Strafsenziigen Abwechfelung zu erzeugen oder beftimmte Punkte hervorzu- w «t«ung«ii. 
heben. Es find meiftens einfache Anlagen nach Fig. 328 bis 333. 




Anlagen nach Fig. 329 "■ 330 dienen mitunter zur Verdeckung eines Gefällrückens (»ehe 
Art. 141, S. 82). 

Eine freundliche Anlage zeigt Fig. 331. Sowohl der in Gefchäften geradeaus eilende Wan- 
derer, als der einen kleinen Umweg liebende Spaziergänger wird eines wohltuenden Eindruckes 




teilhaftig. Die um eine kleine Garteninfel gruppierten Häufer geniefscn in gewiffem Grade"den 
doppelten Vorteil der Lage an einer Verkehrsader und der angenehmen Zurückgezogenheit vom 
Staub und Lärm der Strafse; die Abfchrägung der Winkel vermindert die fonfl hier, leicht 
auftretenden Unzuträglichkciten. Vortreffliche Anlagen diefer Art findet man in London 



M' 



(Fig. 332 u. 333), wo eine Scitcnftrafse neben der Hauptftrafse den hinter den Vorgärten zurück- 
liegenden Häufern die Zufahrt vermittelt, fo dafs die Bewohner den Vorteil der Hauptverkehr- 
ftrafse geniefsen, ohne von der Unruhe derfclben zu fehr zu leiden. 

Eine grofse Zahl ftädtifcher >Plätze* find nicht mehr als eine Erweiterung 
der Sirafsen fluchten. Als Beifpiele mögen angeführt werden die Place des Minieres E T' 
zu Verviers (Fig. 334), der Port platz zu Genf (Fig. 335), der San Carla-Platz zu von 



Fig. $' 




Erweiterung und Achfcnverfchiebung der Gaitenfeldftrafse zu Mainz. 



Turin mit Denkmal (Fig. 336), der von Wandelhallen umgebene MaJ/ena-Pl&tz zu 
Nizza (Fig. 337). Auch den Salvalor-Plztz zu Breslau (Fig. 339), den Zentralbahn- 
platz zu Bafel (Fig. 340) und felbft den fchönen Promenadenplatz zu München 
(Fig. 338) kann man hierher rechnen. In noch höherem Grade trifft dies für den 

Fig. 342. 




Strafs euer Weiterung mit Schmuckanlage. 
Opernplatz zu Berlin und den Sc/miarsenöerg-Plaitz zu Wien zu, welche eigentlich 
nur Teile der Strafsenfläche find. 

Wichtig für den Stadtplan find fchüefslich folche Strafsenerweiterungen, welche 
die gefällige Zufammenführung verfchiedener Strafsenrichtungen bezwecken. Schon 
in Fig. 309 u. 310 find derartige Erweiterungen enthalten. Andere Beifpiele mit 
Anwendung gartnerifchen Schmuckes zeigen Fig. 341, die Richtungsänderung einer 
Hauptftrafse, fowie Fig. 342, die Abzweigung von Schrägftrafsen vermittelnd. 

Dies führt uns auf das Gebiet der 



c) 

lSi Bei denfelben handelt es fich entweder um die Vermittelung verfchiedener 

mii«Lun = Strafsenbreiten , bezw. Strafsen-Querprofile oder um die Vermittelung verfchiedener 
trafen- Strafsenrichtungen. Fig. 343 u. 344 zeigen die Ueberleitung fchmaler Strafsen- 
trfchni.«. profiie i n breite, Fig. 346 den Profilwechfel der Chaujfee de Malines zu Antwerpen, 



Fig- 343. 



Fig. 344. 




Strafseti vermittelung : 






ar4 9 ' .i 3 TS 
1 ;^j ff^i> aii 



Kaifer Jt7///rt'«-Strafse zu Breslau. 



Mechelncr Landllrafse zu Antwerpen. 



Fig. 347. -\>~C 




Strafsen- 
vcrmittclung 



£"..:: 



Fig. 347 denjenigen der Elifabet/ien-Sx.r3.ht zu Wiesbaden, Fig. 345 denjenigen der 
Kaifer Jf7///d'/«-Strafse zu Breslau; die letztere hat gerade, parallele Baufluchten 
an gekrümmter Fahrftrafse, wodurch eine erhebliche Verfchiedenheit der Vorgarten- 
tiefen und fchliefslich der Profilwechfel hervorgerufen wird. Auch bei der Andraffy- 



Strafse zu Budapeft (fiehe Fig. I 
auf der Tafel bei S. 74) haben 
wir fchon den Wechfel des 
Strafsenquerfchnittes befpro- 
chen. Wichtig ift bei diefen 
Profilübergängen, dafs fich die 
Hauptachfe oder gewiffe Haupt- 
linien über den Wechfelpunkt 
fortfetzen und dafs nicht Teile 
des folgenden Profils (z. B. 
Bürgerfteigkanten , Baumreihen 
u. f. w.) ftörend in die Fahrt- 
richtung oder die Sehlinien fich 
vorfchieben. Dagegen liefert 
das Vortreten der Baufluchten 
gute Strafsenbilder. 






Neue Strafsen vermittelung zu Wiesbaden. 



Die Richtungsvermittelung unregelmäfsig zufammen laufender Strafsenziige führt 
oft zu platzähnlichen Bildungen, wie in Fig. 348 bis 353. 

In Fig. 351 wäre es leicht gewefen, die Fahrverbindung der Rite bleue mit der Rue Cadtt 
geradlinig durchzuführen; die Herstellung einer geräumigen Bürgerfteigfläche ift zu Gunften der 
Fufsgänger vorgezogen worden und hat Platz zur Errichtung zweier Verkaufskioske und einer 
Bedürfnisanftalt geboten. 



Kranzplatz 
Wiesbaden. 



y^fm^y'^mW^M^. 



Fig. 356. 

um 



Place Dclcour zu Lüttich. Turbinen- oder Windmühlenplatz. 

Fig. 358. 



Königsplatz zu Breslau. 

.rchittltiui. IV. 9. [a. Aufl.) 



146 



Viele fog. Platze find in Wirklich- Fig. 359- 

j keit nichts mehr als eine Vergröfserung 
■ der freien Strafsenfläche zum Zwecke der 
Vermittelung verfchiedener zufammen- 
laufender Strafsenrichtungen , in oft fehr 
gefchickter Anordnung, fogar mit gärtne- 
rifchem und figürlichem Schmuck, oft 
auch ungefchickt und unzweckmäfsig. 

Fig. 354, den Holbein-?[a.\.z zu Bafel dar- 
fteilend, zeigt eine fehr aufmerkfame und nach- 
ahmenswerte Ausschmückung des Mittelpunktes 
durch einen einzelnen, umfriedigten Baum und ; 
der Bürgerfleigbogen durch kleine Pflanzungen. 
Der Kranzplatz zu Wiesbaden (Fig. 355), ur- 
fprünglich nichts als eine Zufammenführung ver- 
fchiedener Strafsen , ift infolge feines gärtne- 
rifchen und künftlerifchen Schmuckes ein fchöner 
Punkt der Stadt geworden. Eine belgifche An- 
lage ähnlicher Art, aber den Verkehrsrichtungen 
weniger angepafst, ift die Place Dtlcsur zu 
Lüttich (Fig. 356). 

Eine befondere Art der Strafsen- 
ve r mittel un gen find die von Sitte mehr- 
fach empfohlenen Turbinen- oder Wind- 
mühlenplätze nach Fig. 357. Sie find 
bei geringem Verkehr und unter entfprechenden örtlichen Vorbedingungen, z. B. 
behufs Berückfichtigung der Grund (tückgrenzen, durchaus empfehlenswert, weil jede 
Strafsenftrecke ein Schlufsbild findet. 

So gut und nachahmenswert diefe iStrafsenvermittelungsplätzei find, fo wenig 
fchön oder zweckmäfsig find andere, z. B. Fig. 358 u. 359. 

Den Königsplatz zu Breslau erkennt man als zufammengehörige Anlage nur auf dem Stadt- 
plane; in Wirklichkeit ift der Zufammenhang der getrennten Teile unkenntlich. Noch fchlimmer 
ift der Oran/Vn-Platz zu Berlin durch den Landwehrkanal geteilt; die ganze Fläche ift fo zerrilfen, 
dafs man an Ort und Stelle die Abficht, einen ftädtifchen Platz zu fchaffen, kaum bemerkt, wie 
man auch nur mit Mühe erkennt, dafs die Dresdener Strafse jenfeits des Kanals lieh fortfetzt. 

Fig. 360. 




Oranienplat 



1 Berlin. 




Von der Stadterweiterung 



H7 
Strafsenerweiterungen und -Vermittelungen können bei aufmerkfamer Be- ,86 - 

Kombinationen. 

arbeitung eines Stadtbauplanes zu reizvollen Anlagen verbunden werden, die umfo 
anziehender werden, je mehr die Befonderheit der Oertlichkeit beobachtet wird. Als 
Beifpiel diene die Anordnung in Fig. 360 aus der Stadterweiterung von Pofen. 



6. Kapitel. 

Oeffentliche Plätze nach ihrer Bedeutung im Stadtplane. 

Die im vorigen Kapitel behandelten Strafsenanlagen, welche nicht in der aus- 187. 
drücklichen Abficht gefchaffen werden, gröfsere Flächen für Verkehrs- und andere z ^ eck - 
Zwecke frei zu laffen, deren Beftimmung vielmehr darin befteht, den Strafsenflächen 
einerfeits und den Baugrundftücken andererfeits eine für das Auge angenehme, für 
die Bebauung und den Verkehr angemeflene Geftalt zu verleihen und das Strafsen- 
bild zu bereichern, bilden den Uebergang von den Strafsen und Strafsenkreuzungen 
zu den öffentlichen Plätzen. Der Zweck der letzteren ift ein verfchiedener. Sie 
follen entweder den aus mehreren Richtungen kommenden Verkehr aufnehmen und 
nach anderen Richtungen verteilen, oder eine freie Fläche für Marktftände und 
andere öffentliche Benutzungsarten gewähren, oder aber eine Schmuckanlage meift 
gärtnerifcher Art aufnehmen, oder fchliefslich geeignete Orte zur Errichtung von 
Monumentalbauten und Denkmälern fchaffen. Man hat hiernach zu unterfcheiden 
zwifchen Verkehrsplätzen, Nutzplätzen (Marktplätzen, Volksplätzen), Gartenplätzen 
(Schmuckplätzen, Squares) und Architekturplätzen (monumentalen Plätzen). 

Es ift nicht ausgefchloflen, dafs die Erfüllung zweier oder mehrerer diefer ver- 
fchiedenen Zwecke durch eine Platzanlage erreicht wird oder dafs zwei Plätze, 
welche verfchiedenen Zwecken dienen, zu einer Anlage verbunden werden. Ver- 
einigungen erftgenannter Art find z. B. die grofsen Parifer Sternplätze (Fig. 370 
bis 372), die den Verkehr aufnehmen und verteilen und doch in der Mitte oder 
am Rande mit Gartenflächen, Springbrunnen und dergl. gefchmückt find; ferner die 
von Pflanzungen umgebenen Kinderfpielplätze und diejenigen Nutz- oder Garten- 
plätze, welche zugleich den Vordergrund öffentlicher Gebäude bilden. Die Ver- 
einigung zweier verfchiedenartiger Plätze zu einer zufammenhängenden Anlage läfst 
fich durch den Namen » Doppelplatz c, die Vereinigung mehrerer, voneinander ver- 
fchiedener Platzflächen durch den Namen »Platzgruppe« bezeichnen. 

a) Verkehrsplätze« 

Wenn die im vorhergehenden Kapitel befprochenen Strafsenkreuzungen und 188. 
Strafsenvermittelungen fich zur Bewältigung gröfserer Verkehre weiter ausdehnen, Entft ^ un « 
als die angemeflene Geftaltung der Bauftellen und der Strafsenfläche es verlangt, Eigenfchoftcn. 
fo entftehen die eigentlichen Verkehrsplätze, welche beftimmungsgemäfs in ganzer 
Ausdehnung dem Verkehre der Fuhrwerke, Strafsenbahnen u. f. w. freigegeben 
find. Fig. 361 bis 375 find Beifpiele hierfür, die franzöfifchen Sternfiguren jedoch 
kaum zu empfehlen. Die kreisförmige Umfaflungslinie ift bei geringem Durchmefler 
für die Bebauung unbequem. Die auf einen Punkt zugeführten Fahrbewegungen 



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/i8x f^\ 



Emß-Aufftß&a&x zu Hannover. 
Fig. 367. 

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Verkehrsplätze. 



I5Q 

behindern fich gegenfeitig. Für den Fufsgänger, welcher entweder die ganze Platz- 
fläche zwifchen den fich bewegenden Fuhrwerken fchutzlos zu überfchreiten oder 
auf den Bürgerft eigen am Platzrande einen Umweg zu machen hat, find folche 
Anlagen überhaupt unerwünfcht und unbehaglich. Diefe unangenehme Eigen- 
fchaft wird gemildert durch Anordnung von Bürgerfteiginfeln oder kleinen Kande- 
laberinfeln innerhalb der Platzfläche, auf denen der Hinübergehende Schutz findet 

(Fig. 365). 
x89 * Eine folche Teilung der freien Fläche wird umfo nötiger, je gröfser die letztere 

und wird. Die Teilung fuhrt einerfeits zur Zerfplitterung des Gefamteindruckes, anderer- 
verfchonerung. fy^ zur Verschönerung von Einzelheiten, fei es durch eine mofaikartige oder eine 
fonftige, dem Auge wohltuende Behandlung der Infelflächen , fei es durch teilweife 
Bepflanzung derfelben oder durch Errichtung von Springbrunnen und Zierbauten. 
Gartenbeete und Baumpflanzungen zeigen z. B. die Bahnhofplätze zu Strafsburg und 
Hannover (Fig. 366 u. 368). Springbrunnen oder Laufbrunnen befitzen der Eylau- 
platz zu Paris (Fig. 371), die Piazza del Popolo zu Rom (Fig. 367) und viele andere; 
Springbrunnen und Pflanzungen find in reicher Anordnung vereinigt auf den Plätzen 
des Nations und d Italic (Fig. 370 u. 372) zu Paris. Standbilder auf einer Mittel- 
infel finden wir auf dem Corvetto-Flstz zu Genua (Fig. 374) und auch auf dem fchon 
genannten Bahnhofplatz zu Hannover (Fig. 366). Stadttore oder Triumphtore zieren 
die Place de FÄtoile zu Paris (Fig. 369), fowie die Torplätze alla Croce und San 
Gallo zu Florenz (Fig. 373 u. 375). Befonders der Popolo-Platz zu Rom zeigt die 
Möglichkeit der monumentalen Geftaltung folcher durch den Zufammenflufs mehrerer 
Verkehrsrichtungen veranlafsten Anlagen , obfchon diefelben beftimmungsgemäfs 
offen find, alfo auf den künftlerifchen Vorzug anderer Plätze, die gefchloffene Um- 
rahmung, verzichten muffen. 
,9 °- So feiten die Grundform eines Kreifes oder Vieleckes für einen Verkehrsplatz 

Regelmäßige r 

und empfehlenswert, fo begründet alfo die Abneigung gegen die fog. Sternplätze ift, fo 
unr ^^* fiige zweckmässig erfcheint die Hälfte eines Kreifes oder Viereckes in den häufigen 
Fällen, wo der aus einer Richtung kommende Verkehr nach verfchiedenen Rich- 
tungen hin facherartig zu verteilen ift, befonders an Stadttoren, Brückenköpfen, 
Bahnhöfen. Eine eigentümliche Form von grofsem Reize befitzt der vorhin bereits 
erwähnte Torplatz del Popolo zu Rom (Fig. 367). 

Durch das Stadttor gelangt man in der kurzen Achfe auf einen elliptifchen Platz, defien 
Mittelpunkt ein Obelisk mit vier Laufbrunnen (Tränkebrunnen) einnimmt, während die Längen- 
achfe ebenfalls auf Laufbrunnen mündet, hinter welchen bogenförmige Rampenauffahrten, mit 
Bildwerken geziert, den Platz umgrenzen. Die öftlichen Rampen führen in Windungen aufwärts 
zum Monte Pincio. An die kurze Achfe der Ellipfe legt fich dann ftadtwärts ein Verteilungsplatz 
an, von welchem die Via di Ripctta, die Via del Corfo und die Via del Babuino ausftrahlen. 
Die beiden Kuppelkirchen zwifchen diefen drei Verkehrsftrahlcn und die beiden Gebäude zur 
Seite des Stadttores erhöhen den wahrhaft monumentalen Charakter diefes herrlichen Platzes. 

Ein unregelmäfsiger, mittelalterlicher Verkehrsplatz, der Hopfenmarkt zu 
Wismar, ift in Fig. 376 dargefteüt. 

Moderne Verkehrsplätze von unregelmäfsiger Geftalt zeigen Fig. 377 bis 380, 
die den Stadterweiterungen von Pofen, Cleve, Brunn und München entlehnt find. 
Man bemerke, wie der Blick aus faft allen Strafsenrichtungen auf einen Teil der 
gegenüberliegenden Platzwand fällt, die an fich offenen Plätze alfo doch eine Art 
von Gefchloffenheit aufweifen, wie ferner die verfchiedenen Strafsenrichtungen fich 
nicht in einem Punkte fchneiden. 



Fig. 373- 




Torplatz alla Croce zu Floi 



Corvetto-Yhiz zu Genua. 



Fig. 375- 



B> 



a* 




[53 



Die Bürgerfteiginfeln, in Frankreich Refuges und in England Refling places ge- 
nannt, frei oder bepflanzt, welche auch bei breiten Strafsenkreuzungen, bei Strafsen- 
erweiterungen und -Ver mitte hingen Verwendung finden, find auf den Verkehrs- 
plätzen für die Bewegung der Fufsgänger von 
grofser Bedeutung. Sie find am meiften in den 
Grofsftadten Paris, Berlin, London ausgebildet, 
wo man alle zwifchen den Hauptfahrtrichtungen 
fich bildenden neutralen Stellen um eine Stufe 
zu erhöhen pflegt, oft genug, ohne auf eine 



Fig. 377. 



Fig. 376. 



Hopfen markt zu Wismar. 
fUDiegelmiCügec Vnkehitplau.) 



Verkehrsplatz 

: der Stadterweiterung zu Pofen. 



Verkehrsplatz aus der Stadterweiterung zu Cleve. 

gefällige Form diefer Infein Bedacht zu nehmen. Man follte an die Form, die 
fymmetrifche Anlage und gefällige Verteilung derfelben gröfsere Anfprüche machen. 
Die Randfteine der Infein legt man gewöhnlich fo, dafs fie von den Verlängerungs- 
linien der Bürgerfteigkanten der anftofsenden Strafsen tangiert werden , dafs alfo 



'54 




Verkehrsplatz 
der Städte rweitcrang zu Briinn. 



die Gehrichtungen (ich möglichft klar und bequem fortfetzen. Geräumige Infein 
werden benutzt, um Kandelaber, Anfchlagfäulen , felbft Bedürfnis anftalten , Ver- 
kaufsftände und Strafsenbahn-Warte- 

hallen aufzuhellen. Baumreihen, ig - 379 - 

Gartenbeete, Springbrunnen find erft 
bei gröfserer Ausdehnung unter der 
Voraussetzung zuläffig, dafs die nöti- 
gen Fufs wegrichtungen nicht ver- 
fperrt werden. 

Aufmerkfam verteilte Infein find 
auch für den Fahrverkehr mehr vor- 
teilhaft als ftörend, weil fie die Fuhr- 
werke zu geregelten Bewegungen 
nötigen und dadurch den Verwir- 
rungen vorbeugen. 

Denkmäler, Prachttore und fon- 
ftige gröfsere Bauwerke gehören auf 
Verkehrsplätzen zu den Seltenheiten; 
einige Beifpiele haben wir oben mit- 
geteilt 

Eine anziehende Eigen fchaft 
der Parifer Sternplätze befteht darin, 
dafs man von der Platzmitte aus die 
Perfpektiven der mehr oder weniger 
ftrahlenförmig verlaufenden Strafsen- 
züge nacheinander geniefsen kann, 
dafs fich alfo panoramaartig eine 
Reihe grofsltädtifcher Strafsenbilder 
vor dem Befchauer aufrollen. Die 
Rundblicke von der Place de Flitoile, 
von der Place d'Italie, vom Rand 
Point und anderen Punkten aus find 
dem fremden Befucher unvergefslich; 
die glänzenden Strafsenperfpektiven, 
meift mit Anpflanzungen verfchönert, 
durch künftlerifche Schlufspunkte be- 
tont, find recht geeignet, vielen die 
Kleinlichkeit heimifcher Verhältnifle 
vor die Seele zu führen. Aber es 
fteht auch viel Effekthafcherei in 
diefen Anlagen , die der deutfchen 
Empfindung weniger entfpfechen als 
die unregelmäfsigen Formen in den 
Fig. 37 6 bis 38o- 

Ohne grofsftädtifches Leben und 



Vcrkehrsplatz 
Stadterweiterung 2 



mannigfaltige Architektur haftet den Sternplätzen leicht etwas Drehbrettartiges und 
deshalb Verwirrendes an. Auch andere Verkehrsplätze find in der Regel unbe- 



155 



hagliche Punkte der Stadt. Sie find ein notwendiges Uebel, deffen Schattenfeiten 
nur in wenigen Fällen (Rom, Florenz, Paris) durch glänzende Lichter überftrahlt 
werden. Im allgemeinen, und namentlich bei mittleren und kleineren Städten, tut 
man wohl, die Feftftellung eigentlicher Verkehrsplätze im Stadterweiterungsplane 
auf das wirklich Notwendige zu befchränken und Strafsenplätze ganz zu vermeiden. 
Die gewöhnliche Strafsenkreuzung und die freundlich geftaltete Strafsenvermittelung 
erfüllt in vielen Fällen den gleichen Zweck ohne die gleichen Uebelftände. 



b) Nutzplätze. 

Der Name zeigt an, dafs es fich hier um freie Flächen handelt, welche nicht 
dem allgemeinen Strafsenverkehr unterworfen fein, fondern zum gefchäftlichen Auf- 
enthalt, zum An- und Verkauf, zu Schauftellungen, zu Volksfeften und dergl. benutzt 
werden follen. Man fpricht in diefem Sinne von Marktplätzen, Mefsplätzen, Börfen- 
plätzen, Schauplätzen, Feftplätzen, Volksplätzen. Sie bilden, infofern fie vom all- 
gemeinen ftädtifchen Fahrverkehre, zeitweife fogar vom durchgehenden Fufsver- 
kehre, ausgefchloffen find, den geraden Gegenfatz zu den vorhin behandelten Ver- 
kehrsplätzen. 

In den Provinzftädten, befonders in alten Orten, pflegt der »Markte diejenige 
freie Fläche in der Mitte der Stadt zu fein, wo das Rathaus, die Börfe oder Halle, 
die Wache, auch wohl die Zunfthäufer, flehen und in deffen Nähe auch die Haupt- 
kirche fich erhebt. Hier wurden und werden die Kaufgefchäfte an beftimmten Tagen 
oder auch gelegentlich, beim Befuche der genannten öffentlichen Gebäude, beforgt; 
hier fanden und finden Schauftellungen, Volksfefte, auch militärifche Aufzüge ftatt. 
In fchlefifchen und böhmifchen Städten ift es der »Ringe, in belgifchen und franzö- 
fifchen Städten die Place d? armes, in kleineren italienischen Städten die Piazza oder 
die Signaria, welche alle diefe Zwecke in fich vereinigt. 

Ein Uebergang vom offenen Marktplatze zu den gefchloffenen und bedeckten 
Markthallen ift die in Belgien, Frankreich, Italien und Oefterreich vielfach übliche, 
auch in oftdeutfehen Städten vorhandene Einrichtung, dafs rings um den Marktplatz 
oder auf demfelben niedrige, offene Hallen flehen, welche entweder in einzelnen 
Verkaufsftänden verpachtet werden oder doch dem Marktvolk bei fchlechter Witte- 
rung Unterkunft gewähren. 

Die Neuzeit ftrebt überall, befonders in den gröfseren Städten, nach bedeckten 
und gefchloffenen Hallen, welche die freien Marktplätze erfetzen. Dennoch wird 
das Bedürfnis nach folchen freien Plätzen für den Verkauf von Gemüfen, Obft, 
Blumen, für Jahrmärkte und Schauftellungen nicht verfchwinden , weder in den 
Aufsenbezirken der Grofsftädte noch in den Mittel- und Kleinftädten. Der Stadt- 
plan und die Stadterweiterung muffen daher geeignete Marktplätze (Nutzplätze) 
vorfehen auf die Gefahr hin — infofern hier von einer Gefahr die Rede fein kann — , 
dafs der betreffende Platz in Zukunft feine Beftimmung wechfelt, beifpielsweife 
zu einer Schmuckanlage, zu einem Kinderfpielplatze oder als Bauftelle für ein öffent- 
liches Gebäude verwendet wird. Ungefähr lqm Nutzfläche auf je 10 Einwohner ift 
das minderte, um dem Bedürfnis zu entfprechen. 

Ein Marktplatz mufs dem Verkehrsmittelpunkte des zu verforgenden Stadt- 
teiles oder des ftädtifchen Weichbildes überhaupt tunlichft nahe gerückt fein; der 
Hauptverkehr mufs wenigftens an einer Seite vorbeifuhren, und zwar womöglich der 



x 94- 
Zweck. 



i95. 
Marktplätze. 



196. 
Markthallen. 



197. 

Sonftige 

Nutzplätze. 



198. 
Eigenfchafteo. 



10 

Verkehr einer Torftrafse oder einer anderen, zu den Vororten bequem liegenden 
Strafse; die Fuhrwerke und Strafsenbatmen dürfen den Platz in keiner Weife durch- 
kreuzen. Es ift feiten leicht, diefe drei Bedingungen vereinigt beim Entwerfen des 
Stadtplanes zu erfüllen", aus diefem Grunde ift es in manchen Städten fo fchwer, 



Fig. 38 



Fig. 382. 




Marktplatz zu Düffel dorf. 



neben dem zufolge des Wachstumes der Stadt nicht mehr ausreichenden alten Markte 
einen der anderen freien Plätze zum zweiten Markte zu machen. 

Mehr als die Verkehrsplätze find die Marktplätze geeignet, mit Baumpflanzungen, 
Laufbrunnen und Denkmälern geziert zu werden. Die Baumreihen find für die Ein- 

Fig. 383. 



Duc di BmrOrt. 



Marktplatz zu BrülTel, 



teilung der Stände giinftig und für den Aufenthalt angenehm; Laufbrunnen find als 
Trink- und Tränkegelegenheit Tür Menfchen und Tiere erwünfeht. 







Marktplatz zu Pofen. 



£3 



.Ring. (Marktplatz) zu Neuftadt in Oberfchlefien. 



■»■ Für die teilweife oder ganz bedeckten Märkte gelten diefelben Grundbedin- 

ikte (jungen w ' e für freie Marktplätze. Hier tritt noch die Forderung einer regelmäfsigen 



Marchi dt i'Eurofie zu Paris. 



Halle au BU zu Paris. 




Hauptmarkthalle zu Cöln. 

Geftalt und nach Möglichkeit die gute Verbindung mit den Eifenbahnen, befonders 
den Vorortbahnen, hinzu; bei gröfseren Anfprüchen endlich der Bedarf an Keller- 
und Kuhlräumen. 



159 



Fig. 389. 



Auch für die fonftigen oben genannten Benutzungsarten, als Schauftellungen, 
Jahrmeffen oder Kirmeffen, ferner für Volksfefte und Volksbeluftigungen find die 
Marktplätze bei hinreichender Gröfse ihrer Lage und Befchaffenheit nach geeignet. 
Die AbmefTungen muffen dem Zwecke entfprechen; in der Regel find erhebliche 
Mafee notwendig. 

Namentlich aber follte in grofsen Städten für eine angemeffene künftlerifche 
Ausstattung der Schau- und Feftplätze, mehr als bisher üblich, geforgt werden. 
Die Griechen und Römer könnten in diefer Hinficht 
wieder unfere Vorbilder werden. Offene Hallen oder 
Terraffen mögen die freie Fläche umgeben; die letztere 
müfste der befferen Ueberfichtlichkeit wegen um einige 
Stufen gegen die umgebenden Strafsen gefenkt werden. 
Unzweifelhaft würden die Volkstänze auf der Piazza 
Navona zu Rom und das Karnevalsleben auf dem 
Neu markte zu Cöln ein doppelt reizvolles Bild ge- 
währen, wenn man ringsum von Strafsen und Terraffen 
das Feld des Feftes überfchauen könnte , während 
heute nur die oberen Gefchoffe der umgebenden Häufer 
den vollen Genufs darbieten. Torbauten, Bildfaulen, 
Obelisken, Laufbrunnen können zur Zierde des Platzes 
dienen, welcher dadurch zugleich in die fpäter zu be- 
handelnde Klaffe der Architekturplätze erhoben würde 8 *). 
Fig. 381 u. 382 ftellen den Altenmarkt zu Cöln 
und den Marktplatz zu Düffeldorf dar; Fig. 383 den 
Marktplatz zu Brüffel , der zugleich vermöge feiner 
Gebäude, der gefchloffen wirkenden Umrahmung und 
der guten Gröfsenverhältniffe zu den fchönften Archi- 
tekturplätzen gehört, die es gibt. Fig. 384 u. 385 
zeigen den Normal grün drifs, nach welchem die Markt- 
plätze faft aller mittelalterlichen Kolonialftädte des 
deutfchen Oftens angelegt find (z. B. Glogau, Pofen, 
Neuftadt in Oberfchlefien, Waidenburg, Dirfchau, Pilfen); 
die Strafsen münden an den Ecken nicht in voller 
Breite auf den Platz, deffen Seiten mitunter von 
Bogenhallen umgeben find. Die Platzflächen find teil- 
weife bebaut. 

Bei den Parifer Markthallen (Fig. 386 u. 387) 

ift gewiffermafsen das Innere eines Häuferblockes für 

die Markthalle benutzt, letztere aber allfeitig von Strafsen umgeben. Fig. 388 

zeigt die unter Abbruch eines alten Stadtviertels erbaute Hauptmarkthalle zu 

Cöln mit Eifenbahnanfchlufs an der Offfeite. 

Von vortrefflicher Wirkung ift die alte, langgeftreckte , mit drei herrlichen 
Brunnen gefchmückte Piazza Navona zu Rom (Fig. 389), als Marktplatz zweckmäfsig 
und als Volkstanzplatz Tür italienifche Nächte mit entfprechender Beleuchtung ent- 
zückend fchon. 

U] Vergl.: Heusir, G. Cebtt öffentliche Pilus und ihre Einrichtung ni rcftllchcn Zweck» etc. Deutfeh« Baut. 




Piazza Navona 





Die Abficht, auch aus dem Königsplatz in der Colner Stadterweiterung 
{Fig. 390) einen würdigen Feit platz herzuftellen, ift leider nicht verwirklicht worden. 
Nach Grofse (27000Q m ), Lage und Geftalt wäre er 
für Volksfefte, für militärifche Schaufpiele und ins- 
befondere für die Aufteilung des alljährlichen Faft- 
nachtszuges vorzüglich geeignet gewefen. 



Nutzplätzen, welche wir 




Eine befondere Art • 
noch nicht erwähnt haben, 
find die Drofchkenftand- 
plätze. In Ermangelung ge- 
eigneter Sonderplätze läfst 
man die Lohnfuhrwerke am 
Rande von Märkten, auf 
Vorplätzen öffentlicher Ge- 
bäude , auf Strafsen er Weite- 
rungen oder am Anfang von 
Seiten flrafsen neben den 
Hauptverkehrsadern Aufteilung nehmen. In London pflegt die Aufteilung in den 
Zwickeln der Zirkus-Platze und in der Mittellinie breiter Fahrdämme (wie Farring- 
don Street, Haymarket Street u. f. w.) ftattzu finden. Fig. 391 u. 392 ftellen zwei 



i6i 

Drofchkenftände dar, wie fie für diefen Zweck befonders paffend find. Die Wagen 
halten fo, dafs fie den Verkehr nicht beeinträchtigen; zur Verhandlung mit den 
Kutfchern und zur Befteigung des Fuhrwerkes gewähren die Bürgerfteiginfeln einen 
ficheren Platz. 

c) Gartenplätze. 

Die Garten platze , auch Schmuckplätze oder Squares genannt, dienen vor- 204. 
wiegend der öffentlichen Gefundheit und Erholung, find aber zugleich die freund- El * cnfchaftcn 
lichften Schmuckmittel unferer Städte. Sie bieten Gelegenheit zum Ausruhen auf 
fchattigen Sitzen und in anmutender Umgebung; fie erfreuen durch den frifchen 
Pflanzenwuchs, durch Blumen und grünen Rafen das Auge. In Verbindung mit 
Promenaden und Parkanlagen erfetzen fie der Stadtbevölkerung die Naturfchönheiten 
des Landes; fie mildern die Roheit und wirken bei aufmerkfamer Pflege erziehlich 
auf die Jugend; fie erquicken Körper und Geift. Es ift eine bekannte Tatfache: 
je enger und dumpfer die Stadtviertel , je dichter und unfreundlicher die Wohnun- 
gen, je weiter entfernt vom hellen Sonnenfchein und von der lachenden Natur — 
defto roher das Volk, defto verwilderter die heranwachfende Jugend, defto verwahr- 
lofter die Kinder. Ebenfo wichtig wie die Anforderungen des Verkehres, der Be- 
bauung und der Schönheit find die Grundbedingungen der öffentlichen Gefundheit 
an Leib und Seele. Die Rückficht auf diefe macht es dem Entwerfer eines Stadt- 
planes zur Pflicht, dafür zu forgen, dafs die Stadt der Zukunft mit grünen Ruhe- 
plätzen und Spielplätzen in hinreichender Zahl und Gröfse, in richtiger Lage und 
Anordnung verfehen werde. Befonders wichtig ift diefe Pflicht gegenüber den mitt- 
leren und unteren Schichten der Bevölkerung, die meift auf enge Wohnungen 
ohne Gärten oder fonftigen Pflanzenwuchs angewiefen find. 

Das Vaterland der Squares ift England. Namentlich in London und Edin- 205. 
burgh finden fie fich in reichfter Auswahl und anmutigfter Gruppierung. Der grofse s i uares - 
Bezirk des Londoner Wertend vom Holborn- Via duct bis zum Regents-Park ift hier- 
für ein zufammenhängendes Beifpiel; ein kennzeichnendes Stück diefes Stadtteiles 
ift die in Fig. 393 fkizzierte Gruppe der Ruffel-, Torrington-, Woburn-, Gordon-, 
Tavißock- und Eufion-Squares. Nicht minder reizend ausgestattet mit Gartenplätzen 
ift der neue, übrigens ftark gekünftelte Stadtteil Edinburghs von der Prinzefs- 
Strafse bis zur St. Step Aans-Kir che , von welchem die Stadtplan fkizze in Fig. 397 
ein annäherndes Bild liefert. Die Liebe zur Natur, die überall als notwendig emp- 
fundene Nähe derfelben, das forgfame Verteilen ländlicher Anklänge in die Stein- 
maffen der Stadt ift eine ungemein erfreuliche Seite des englifchen Lebens und 
Wohnens. Die Gartenplätze erfcheinen gewiffermafsen als Grundlage des Bebau- 
ungsplanes, was, durch englifche Eigentumsverhältniffe — zufammenhängende grofse 
Flächen im Befitze eines Privatmannes, der diefelben behufs Bebauung einteilt und 
auf 99 Jahre in Erbpacht gibt — erleichtert und begünftigt wird. 

Der Square in England ift übrigens in der Regel ein Mittelding zwifchen dem 
öffentlichen Platze und dem Privatgarten. Er ift zwar von allgemein zugänglichen 
Strafsen umgeben, aber meiftens nicht allgemein betretbar. Er pflegt eingefriedigt 
und nur für diejenigen Familien — gewöhnlich die umwohnenden — zugänglich zu 
fein, welche einen Schlüffel zum Eingange befitzen. Die Oeffentlichkeit fällt ganz 
fort, wenn der abgefchloffene gemeinfehaftliche Garten von den Rückfeiten der 
Häufer begrenzt wird, wenn er alfo im Inneren eines Blaublockes liegt, was in 

Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) ll 





aj$| 



II 



'Olli 



13 




IM 



■63 

England ebenfalls vorkommt. Fig. 394 u. 396 zeigen zwei beliebte Anordnungen 
im Strafsennetz ; die eiförmige oder in anderer Weife abgerundete Geftalt der 
Gartenplätze ift fehr beliebt. Die innere Einteilung diefer Squares ift in unferen 
Abbildungen wegen des kleinen Mafsftabes nicht angegeben; Spielplätze (Play- 
grounds), Lauben, Springbrunnen, Vogelbauer und dergl. dienen zur Erholung und 
Verfchönerung. 

In Frankreich und Belgien haben die Gartenplätze fich erft fpäter Eingang 
verfchafft; der Franzofe neigt mehr zu äufserem Glanz und Prunk als zur länd- , 
liehen Behaglichkeit. Hier dient die eingefriedigte Pflanzung entweder nur als 

Fig. 397. 



Stadtteil von Edinburgh. 

Schmuck der Strafse, ohne überhaupt betreten zu werden, oder fie ift allgemein zu- 
gänglich. Ein Beifpiel letzterer Art zeigt Fig. 398. 

Ein hübfeher Gartenplatz ift auch die Piazza Carlo Felke zu Turin {Fig. 395), 
welche, mit Springbrunnen und Kunftwerken geziert, von Säulenhallen umgeben, 
den vom Zentralbahnhofe in die Stadt Eintretenden in der freundlichften Weife be- 
willkommnet. 

In Deutfchland und Oefterreich war die Stelle der Squares früher meiftens 
vertreten durch lange Baumreihen in den Strafsen oder die mit Recht beliebten 
Spaziergänge auf den ehemaligen Feftungs wällen (Frankfurt a. M., Aachen, Leipzig, 
Braunfchweig, Bremen, Breslau, Krakau u. f. w.). Erftere friften in verkehrsvollen, 
mäfsig breiten Strafsen nur zu oft ein kümmerliches Dafein und beeinträchtigen die 
Wirkung der Architektur; letztere können mit all ihrem Reize dem inneren Stadt- 
kern oder den äufseren Vierteln nur wenig zu gute kommen. 



164 



Fig. 398 



In neuerer Zeit ift in den deutfchen Städten ein erfreulicher Wetteifer 
lebendig geworden , in allen Stadtteilen Pflanzenleben und Rafenfchmuck zu ver- 
breiten, alte Märkte oder Kiesplätze umge Haltend, öffentliche Bauwerke mit Rafen 
und Laubwerk umgebend, in neuen Bebauungsplänen von vornherein für Gartenplätze 
Vorforge treffend. 

Die Reichshauptftadt hat in diefer Beziehung vieles geleiftet: der Wilhelms- 
Platz (Fig. 399), der DÖnkoffs-?\atz (Fig. 401) und der Königsplatz (Fig. 405) find 
wirklich grofsftädtifche Anlagen. Hier find die Plätze nicht ringsum eingefriedigt; 
fondern quer und fchräg hinüber führen die für den Verkehr und den Anblick der 
Pflanzungen erwünfehten Fufswege, welche die Anlage in eine entfprechende Zahl 
regelmäfsig eingeteilter, leicht umzäunter Felder zerlegen. Aufser den Fufswegen 
führt über den Königsplatz ein Syftem breiter Fahrwege, wodurch die in diefer 
Beziehung ungünftig gelegene, fonft fo grofsartige 
Platzanlage mehr als erwünfeht zerftückelt und 
in ihrer Wirkung beeinträchtigt wird. Denkmäler 
fchmücken alle drei Berliner Plätze. Beim Königs- 
platz bildet die gewaltige Siegesfäule überhaupt 
den tonangebenden und beherrschenden Mittel - 
punkt. Auch beim Wilhelmsplatze hat fleh feit 
einiger Zeit die Durchquerung mit einem Fahr- 
wege als für den durchgehenden Verkehr dringend 
wünfehenswert erwiefen. G&cke hat für diefen Fall 
den in Fig. 400 dargestellten bemerkenswerten 
A bänderu ngs vorfehl ag entworfen. Von demfelben 
Verfaffer flammt der Entwurf zur Abänderung des 
Dönhoff's-VXaXzts, in Fig. 402. Nach beiden Ent- 
würfen follen die Denkmäler eine innere Platz- 
fläche umgeben und dadurch in ihrer Wirkung 
gefteigert werden. — Eine ftattliche Anlage ift der 
Schlofsplatz zu Stuttgart (Fig. 406). Mit einer 
Denkfäule und zwei Springbrunnen und Denk- 
mälern gefchmückt, von Fufswegen durchteilt, auf 
das forgfältigfte unterhalten, ift er einer der fchönften Vorplätze eines Königs fehl offes. 

Als Beifpiel kleiner Gartenplätze, welche nicht durchgangen werden, fondern 
verfchloffen find und nur als Schmuckanlage dienen, fei der Friefenplatz zu Cöln 
(Fig. 403) erwähnt, der an feinem breiteren Ende zwifchen den Bürgerfteiginfeln 
die verfchiedenen Fahrtrichtungen ohne Durch fchnei düng der Gartenanlage vermittelt. 

Eine unglückliche Lage hat der Gcorgs-PXsXz zu Hannover (Fig. 404), der von 
der Hauptfahrftrafse in der Diagonale in zwei Dreieckflächen zerlegt wird, von 
denen die eine fleh eine nochmalige Zerftückelung durch Fahrwege gefallen laffen 
mufs. Möglichft wenig geteilt ift der sllfort-Platz zu Dresden (Fig. 407), der des- 
halb Anfpruch hat, als Gartenplatz behandelt zu werden, während bei den ver- 
wandten Anlagen unter a diefes Kapitels die Eigenfchaft als Verkehrsplatz vor- 
herrfcht. 

Im Gegenfatz zu den Verkehrs- und Marktplätzen füllten Gartenplätze abfeits 
vom grofsen Verkehre liegen (Fig. 408), ftill und zurückgezogen vom Lärm und 
Staub der Strafsen; höchftens follte der Verkehr an einer Seite den Platz berühren 




Square de: Art: et Mitten 
zu Paris. 



Wilhtlms- 

Platz 
zu Berlin. 




Gccckc's Entwurf zur Umgeftaltung obigen Platzes. 



Fig. 401. 



Gartenplätze. 



IL 



fr. 



G/rcie's Entwurf zur Umgeftalrung des Platzes in Fig. 
Fig- 403- Fig. 404. 



Georgs- Platz : 
Gartenplätze. 



Hannover. 



(Fig. 409). Das Zerfchneiden der Gartenanlage durch eine oder mehrere Fahr- 
ftrafsen ift zu vermeiden; dies ift jedenfalls nur zuläffig, wenn die Teile noch grofs 
genug bleiben, um felbftändigc Felder zu bilden. 

Der Gartenplatz, wie jede Gartenanlage überhaupt, wird am beften nicht auf 
der Anhöhe, fondern im Tale, in der Mulde angelegt, einesteils wegen der ge- 
fchützteren und für den Pflanzenwuchs vorteilhafteren Lage, anderenteils weil der 



igy 



Fig. 4oS. 



EJ 



Königsplatz zu Berlin. 



Schlofsplatz zu Stuttgart. 



Gartenplätze. 

Bück auf Gartenfelder, Rafen, Pflanzungen und Blumenbeete umfo fchöner und 
genufsreicher ift, wenn dem Befchauer in etwas die Vogelfchau zu Hilfe kommt. 
Gröfsere Beifpiele hierfür find der Botanifche Garten neben der Ringftrafse zu 



i68 



Brüflel, der Park zu Laeken, der neue Volksgarten zu Cöln, ferner die Karlsaue 
zu Kafiel, die am Mainufer gelegene, mit dem Namen >Nizza< bezeichnete Park- 
anlage zu Frankfurt a. M., die Giardini publici zu Mailand, deren Erfcheinung von 
den benachbarten hochgelegenen Strafsen eine befonders malerifche ift. 



Der Pflanzenwuchs eines Gartenplatzes darf nicht waldähnlich, nicht der eines 
'■ Haines oder Parkes fein ; fondern er mufs , um in den binnenftädtifchen Charakter 
zu paffen und die Architektur nicht zu ftoren, im allgemeinen niedrig und unter- 
geordnet erfcheinen, befonders dort, wo das Grün ausdrücklich als Vordergrund 



i6g 



der Bauwerke gedacht ift. Einzelne hohe Baumgruppen find aber keineswegs aus- 
gefchloffen, zuweilen fogar nötig, um einen unfchönen Ausblick zu verdecken oder 
ein künftlerifches Bild zu umrahmen und Mafsftabsvergleiche zu ermöglichen. Bei 
kleinen Abmeffungen find für die Felderteilung geometrifche Mufter zweckmäfsig, 
wobei die Rafenflächen etwas tiefer als die 
Fig. 410, Wege zu legen find. Gefchloflene, zum 

Betreten beftimmte Gartenplätze werden da- 
gegen oft fehr vorteilhaft als kleine Park- 
landfchaften nach englifcher Art behandelt 
(Fig. 408 u. 409). Näheres über diefen Ge- 
genftand findet man in Abfchn. 6, welcher 
von den zum Städtebau gehörigen gartne- 
rifchen Anlagen handelt. 

Eine befondere Gattung von Garten- 
plätzen, die wir hier noch befprechen muffen, 
find die öffentlichen Kinderfpielplätze. Sie 
Cö l n find die eigentlichen Erholungsplätze der 

ftädtifchen Jugend und darum von hervor- 
ragendem Werte. Fig. 410 u. 411 geben zwei 
Beifpiele aus der Cölner Stadterweiterung. 




Beethoven'VlaXz 



Fig. 411. 





^j»j^<m-»J 



Doppel fpielpl atz auf dem Sachfenring 
zu Cöln. 



Spielplatz 

1 Verbindung mit einem gärtnerifch 

angelegten Erholungsplatz. 



Die gärtnerifche Bepflanzung des Beetkeetu-V\Vtze.9 (Fig. 410) läfst den Zutritt frei; die 
Ausrodung befteht aus Bänken und einem Spieltifch mit Sand. Eine Verbindung von offenem 
und gefehl offenem Spielplatz zeigt ein Teil des Sachfenringes (Fig. 411): der obere Kinderplatz 
ifl an zwei Eingängen offen: der untere, aus einem Teile des alten Stadtgrabens gebildete, von 



170 

einem Reft der alten Stadtmauer gefchützte Platz wird dagegen nur zeitweilig geöffnet und 
erfreut fich alsdann des lebhafteften Befuches. 

Fig. 412 zeigt die Verbindung eines Spielplatzes mit einem Gartenplatze, der 
mit Spazierwegen und Sitzplätzen ausgeftattet ift. 

In Deutfchland find folche Spielplätze weniger verbreitet als in England, wo 
Behörden und Vereine deren Einrichtung im Intereffe der öffentlichen Gefundheits- 
pflege lebhaft unterhalten. Schon im Jahre 1889 befafsen London 28, Manchefter 11, 
Birmingham 9, Bradford 7 öffentliche Spielplätze, die von der Schuljugend unter 
Aufficht der Lehrer benutzt werden. Aber auch in Deutfchland und Oefterreich 
findet die Fürforge für öffentliche Spielplätze, als Sportplätze, immer mehr Anklang. 
313. Mehrere Spielplätze oder Schmuckplätze von kleineren Abmeflungen find 

Verteilung Qjgfejj^j. zweckmäfsiger als ein grofser, weil durch erftere der Vorteil des freund- 
Gartenpiätie. liehen, gefunden Wohnens verallgemeinert und die Abftände der Gefchäfts- und 
Arbeitshäufer von einer Erholungsftätte , von einem grünen Fleck Erde verringert 
werden. Der Entwerfer eines Stadtplanes, welcher diefe Erwägung ftets beherzigt, wird 
über eine grofse Zahl von Gelegenheiten verfügen, den zukünftigen Bewohnern Wohl- 
taten zu erweifen, ohne fich in unerfüllbare Vorfchläge zu verirren. Aber auch im 
Inneren alter Städte läfst fich in diefem Sinne für die Behaglichkeit und Gefundheit 
der Bevölkerung oft mit leichten Mitteln viel erreichen, indem man die leere Um- 
gebung öffentlicher Gebäude, überflüffig gewordene Mefsplätze, gewefene Klofterhöfe, 
ehemalige Begräbnisftätten und dergl. zu Gartenplätzen oder Baumpflanzungen um- 
wandelt. 

d) Architekturplätze. 

214- Schon in Abfchn. 1, Kap. 3 wurden die Anforderungen befprochen, welche 

an die Lage der öffentlichen Bauanlagen im Stadtplane und befonders an die Lage 
und Anordnung derfelben zu den benachbarten Strafsen zu ftellen find. Hier 
handelt es fich um die Anordnung der Plätze felbft, auf oder an welchen öffent- 
liche Gebäude errichtet werden. Einen Platz, auf welchem ein freiftehender oder 
annähernd freiftehender Monumentalbau errichtet ift, kann man als bebauten 
öffentlichen Platz bezeichnen, während ein Platz, an welchem ein öffentliches 
Gebäude fteht, den Vorplatz desfelben bildet oder aber, falls mehrere Monu- 
mental- und fonftige Bauten ihn umgeben, als umbauter freier Platz fich vom 
bebauten uhterfcheidet. 

Als zwei befondere Gruppen möchten wir ferner hervorheben die Torburgen- 
plätze, welche bei zahlreichen Stadterweiterungen angelegt wurden, um vorhandene 
Stadttore vor dem Abbruch zu fchützen, und die Denkmalplätze, deren Ge- 
ftaltung und Anordnung wefentlich oder zum Teile von der Errichtung eines 
Standbildes, einer Denkfaule oder mehrerer Denkmäler bedingt find. 

1) Vorplätze. 

215. Der Bauplatz eines monumentalen Gebäudes ift fo zu beftimmen, dafs aus 

or erungen. ^^ Nähe das Bauwerk ohne Mühe als ein einheitliches Bild zu überfehen ift, deflen 
Einzelheiten hinreichend erkennbar find, dafs aber auch aus angemeffener Entfer- 
nung der Bau in vorteilhafter Perfpektive erfcheint und zur näheren Befichtigung 
einladet, beides jedoch, ohne die Verkehrsbewegungen zu ftören. 

Daraus folgt die Unzuläffigkeit, Bauten von hervorragender Bedeutung ohne 
Auszeichnung in der Reihe der übrigen Häufer in die gewöhnliche Strafsenflucht- 



17' 

linie zu fetzen. Es ift ein Zeichen eines mangelhaften Stadtplanes, wenn man fleh 
notgedrungen zu einer folchen unkünftlerifchen Anordnung entfchliefsen mufs. Ein 
gutes Auskunftsmittel ift, das Hauptgebäude von der Strafsenlinie zurückzuziehen 
und durch Seitenflügel, welche bis zur Fluchtlinie vortreten, die Nachbarbauten zu 
verdecken (z. B. Vorplatz des Palazzo Pitti zu Florenz, Vorplatz der Kirche San 
Carlo zu Mailand [Fig. 413]}. Bei Herrfchaftshäufern wird, namentlich in Frankreich, 
diefe Bauart derart angewendet, dafs der zwifchen den Flügeln verbleibende Platz 
durch einen geeigneten Abfchlufs von der Strafse getrennt und fo ein Ehrenhof 
(Cour a"kotmeur) gebildet wird. Aehnliche Anordnungen zeigen Fig. 414 u. 415 **); 

Fig. 4M. 




Vorplatz von San Carlo Vorplatz der Kirche l. 

zu Mailand. Mariahilf zu Wien"). 

' i " 00 "' Gr - Kariftenplatz]zii Wien. 'Ium »- ^ 

ijjooo «■ Gr. 

in Fig. 416 Si ) ift der Vorplatz zur Betrachtung der Kirche aus der gegenüber- 
liegenden Strafsenfeite ausgefchnitten. 

Ungleich vorteilhafter aber ift die Erfcheinung des Bauwerkes, wenn es an 
oder auf einem freien Platze von angemeffener Gröfse und zugleich in geeigneten 
Beziehungen zu den hier mündenden Strafsen fteht. Nur bei folcher Platzwahl 
kann dem Befchauer die Betrachtung aus der Nähe und der Blick aus der Ferne 
in befriedigender Weife gefichert werden. 

Die Vorplätze find nur geeignet, die eine Seite des Gebäudes, die Haupt- 
anficht, zur Geltung zu bringen; ihre Gröfse richtet fich nach diefem Zwecke. Im 
allgemeinen wird man annehmen dürfen, dafs die Tiefe des Vorplatzes mindeftens 
gleich der Höhe des Gebäudes fein, befler aber das Anderthalb- bis Zweifache 
derfelben betragen foll S5 ). 

Als Beifpiele mögen die fchon genannten Bahnhofsvorplätze von Kortryk, 
Hannover und Strafsburg (Fig. 363, 366 u. 368), ferner der Appellhofplatz zu 
Cöln (Fig. 421) und der St. Maritz-Pfatz zu Lille (Fig. 420) dienen; die letzteren 
beiden find für die Betrachtung der mächtigen Bauwerke entfehieden zu befchränkt. 
Von günftigeren Abmefiungen find die Piazza Colonna zu Rom, mit der Säule des 
Marc Aurel gefchmückt (Fig. 418), und die Piazza Santa Croce zu Florenz (Fig. 419). 
Der Lui/en-P\aXz zu Wiesbaden (Fig. 417) würde für die Hoffmanritche Kirche fchon 
reichlich grofs fein, wäre er nicht durch den Waterl 00- Obelisken geteilt und mit 

"} N«h: SlTTK, O. 1. o. 

") Vcigl, du nächftt K.pitd (um« e). 





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B 



173 

gärtnerifchen Anpflanzungen verfehen. Der grofse Platz vor dem Dome zu Mailand 
(fiehe Fig. 107, S. 67) macht, obwohl er nachträglich mit dem Viktor-Emamiel- 
Denkmal und Anpflanzungen gefchmückt wurde , einen fehr weiträumigen Eindruck 
und ift fchon übertrieben grofs. Schöner und anziehender ift jedenfalls der durch 
Werke der Bildhauerkunft gezierte, von Baluftraden umrahmte Domplatz zu Palermo. 
Ein Vorplatz fchönfier Art ift derjenige an der Dreifaltigkeitskirche zu Paris 
(Fig. 422); mehrere Meter erhebt fich die den Platz umfaffende Auffahrtsrampe 
über die Strafsenfläche : ftolz wächft das Bauwerk empor, zugleich den Schlufspunkt 
der Strafse Chaujfee d Antin bildend. Die monumentalfte Platzanlage diefer Art ift 
unftreitig der St. Peters-Platz zu Rom (Fig. 423), mit Einfchlufs der Piazza Rußicucci 
und der Säulengänge 340 m lang und 240 m breit! Die Verhältnifle find gewaltig, 
aber kaum übertrieben zu nennen. 

Der Platz befteht aus drei Teilen, der fchon genannten, von Wirtfchaften und Läden um- 
gebenen Piazza Rußicucci, dem grofsen, von den Bernint'fchen Säulenhallen umgebenen Oval 



Fig. 421. 



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Appellhofplatz zu Cöln. 

und dem eigentlichen Kirchenvorplatz , einem nach der Kirche hin fich erweiternden, von ge- 
fchloffenen Hallen eingefafsten Viereck. Der Boden des Ovals fenkt fich fanft nach der Mitte 
hin , wo der berühmte Obelisk auf einem Stufenbau aufgerichtet ift , von vier Kandelabern um- 
geben. Seitlich, gewiffermafsen in den Brennpunkten, richtiger in den Sehnen der Säulengänge, 
werfen die doppelgefchoffigen , ehernen Springbrunnen ihre mächtigen Waffergarben. Die Stei- 
gung fetzt fich von der Mitte des Ovals in der Querachfe fort bis zu den Freitreppenftufen , die 
zunächft auf eine Vorhöhe, dann erft zur Vorhalle des Domes hinaufführen. Steigend, wie die 
Ebene des Vorplatzes, find auch die Horizontalgcfimfe der umrahmenden Hallen angeordnet, fo 
dafs der Blick des Befchauers überall zu den Toren des erften Tempels der Chriftenheit hinauf- 
geleitet wird! 

Sowohl die Dreifaltigkeitskirche zu Paris als der St. Peters-Dom zu Rom find 
uns lehrreiche Beifpiele für die äfthetifche Forderung, dafs der Boden für ein 
monumentales Bauwerk fich über die umgebenden Flächen erheben foll. An den 
Dom und die Severikirche zu Erfurt, an die Akropolis zu Athen, an die Villa d Eße 
zu Tivoli, an die Kirchen Santa Maria Maggiore und Santa Trinitä de* Monti zu 
Rom, an die Votivkirche auf dem Montmartre und an den Trocadero-YaXaft. zu Paris, 



218. 

Hohe Lage 

der 
Bauwerke. 



'74 



an die Wallfahrtskirchen auf den Höhen bei 
Lyon und Marfeille, an den Juftizpalaft zu 
Brüffel, an den ßundespalaft zu Bern und 
an die Hofburg zu Ofen foll hier wenigftens 
erinnert werden. Monumentale Bauwerke ge- 
hören auf die Höhen, öffentliche Gärten in 
die Täler oder Mulden des Stadtplanes! 

2) Bebaute Plätze. 

Bei Anlage eines befonders betonten 
Vorplatzes vor einem Gebäude werden die 
■ anderen Seiten des letzteren überhaupt ver- 
nachläffigt (wenn fie zwifchen fremden Grund- 
flücken eingebaut find), oder fie werden 
doch untergeordnet behandelt (wenn fie von 
fchmalen Strafsen oder Gaffen umfchloffen 
find). In dem Beftreben, ein Gebäude von 
mehreren oder alten Seiten derart frei aufzu- 
hellen, dafs die Architektur betrachtet werden 
kann, gelangt man zu denjenigen Platzan- 
lagen , welche wir oben als bebaute Plätze 
bezeichnet haben. Das Verlangen geeigneter 
Abftände zur Betrachtung aus der Nähe follte 
hier möglichft für alle freien Seiten des Bau- 
werkes gelten ; die Forderung der wirkfamen 
Erfcheinung aus der Ferne und der erhöhten 
Lage wird man gern auf die Hauptfehrich- 
tungen befchränken. Meiftens handelt es fich 
dabei um Kirchen, Theater und Mufeen, für 
die eine von drei oder vier Seiten freie 
Stellung mehr oder weniger nötig oder er- 
wünfeht ift und welche auch an fich wegen 
ihrer architektonifchen Bedeutung einen vor- 
nehmen Bauplatz beanfpruchen. Da es in 
einem fertig angelegten Stadtplane aufser- 
ordentlich fchwer und oft unmöglich ift, 
folche Bauplätze nachträglich zu fchaffen — 
Berlin ift hierfür ein warnendes Beifpiel — , 
fo ift es, wie fchon in Abfchn. i , Kap. 3 
erörtert wurde, bei Aufftellung eines Be- 
bauungsplanes eine der vornehmften Pflichten, 
auch für die Schaffung angemeffener Bau- 
plätze für Öffentliche Gebäude auf und an 
freien Plätzen Sorge zu tragen. 

Wie man fich hat behelfen muffen, um 
für das i^//f»^-Theater in Berlin und die 
neue reformierte Kirche zu Barmen eine freie 




Vorplatz der Dreifaltigkeitskirche 

zu Paris. 



St. /V/w-Plat* 1 



175 



Bauftelle zu gewinnen, zeigen Fig. 426 u. 430. Nur die Notlage, ein freiftehendes 
Bauwerk in einem Stadtteile errichten zu muffen, in deffen Strafsenplan diefes 
Bedürfnis nicht vorgefehen war, kann für eine 
folche Anordnung als Entfchuldigung dienen, 
da die Verunftaltung des Gefamtbitdes durch die 
Giebelmauern und Hintergebäude von Nach- 
bargrundftücken kaum abwendbar erfcheint. 
In ähnlicher Art, aber beffer, ift die 
yo&wzKW-Kirche zu Kopenhagen auf der Block- 
ecke anfeheinend nachträglich angeordnet wor- 
den (Fig. 427). Die den Hintergrund bildende 
Nachbargrenze ift hier durch Anpflanzungen 
verdeckt, würde aber zweckmäfsiger durch 
eine mit der Kirche verbundene oder doch 
zu ihr abgeftimmte Baugruppe gebildet wor- 
den fein. 
i./j -vs Es genügt nicht, zufällig im Strafsennetz 

; <-, (ich ergebende Reft flächen als Bauplätze Öffent- 

LiJ licher Gebäude zu beftimmen, wie dies bei 

der Bethlehem- und der Dreifaltigkeitskirche 
in Berlin (Fig. 431) gefchehen ift, ohne axiale 
Beziehung oder fonftige fchönheitliche Rück- 
ficht. Wie aber ein folcher Reftblock, der 
fich oft bei fpitzwinkeligen Strafsendurchfchnei- 
dungen bildet, in vorzüglicher Weife für einen Monumentalbau benutzt werden 
kann, wenn man feine Lage und Geftaltung nicht dem Zufalle überläfst, zeigt 
Fig. 43S . Fig- 432- Die Parifer 

St. Augu/fot-Kirche 
liegt nicht blofs frei, 
fie fleht auch in der 
Achfe und auf der 
Höhe des Boulevard 
Mateskerbes, und für 
die Betrachtung aus 
der Nähe bildet der 

Square Delaborde 
einen fchönen Vorder- 
! grund. 

Eine ebenfo wirk- 

fame Anordnung eines 

monumentalen Bau- 

Münfterplatz zu Freiburg i. Br. platzes haben wir be- 

->»■»» li 25 »"« to m - ». reits in Fig. 70 (S. 50), 

hH i— t— 1 1 \—- i t i-h das Parifer Opernhaus 

darftellend, mitgeteilt. Als ungefchickte , weil den Verkehr ftörende Bauplätze 

haben wir den Karolinen-YX&i zu Wien (Fig. 73, S. 51) und den Rathausplatz 




Münfterplatz 



Reftblock c 

■kll 



176 



zu Philadelphia (Fig. 69, S. 50} bezeichnet. Selbft 
die Piazza di Caflello zu Turin ift trotz ihrer grofsen 
Abmeldungen in diefer Hinficht zu tadeln, weil das 
Gebäude den Verkehrsrichtungen einen zu grofsen 
Zwang auferlegt. Diefen Mangel befitzt in gewiflem, 
wenn auch erträglichem Grade der Platz im Zuge 
der Landshuterftrafse zu Schöneberg (Fig. 428). Da- 
gegen ift bei der Chriftusldrche zu Cöln (Fig. 499) 
und dem in Fig. 429 dargeftellten Kirchplatz zu Kiel 
eine axiale freie Stellung erreicht worden, ohne dem 
Verkehr Zwang anzutun. 

Für die Umgebung monumentaler Bauwerke 
find allzu grofse Enge und allzu grofse Weite gleicher- 
weife zu vermeiden. Beifpiele von beiden Arten find 
nicht feiten. Die Einengung fucht man vielfach durch 
Abbruch zu nahe flehender Baulichkeiten zu besei- 
tigen; derartige »Freilegungen« 
find gefährlich und führen leicht 
zu Uebertreibungen (vergl. Kap. 8 
dtefes Abfchnittes) , fo dafs der ' 
entgegengefetzte Uebelftand, eine 
nachteilige Leere der Umgebung, 
fich geltend macht, der das Bau- 
werk klein erfcheinen läfst. Den 
Eindruck der Oede fucht man 
in folchem Falle zu mildern durch 
Anpflanzungen, Teilung der freien 
Fläche, Errichtung von Bildwer- 
ken und Zierbauten. Ein Beifpiel 
hierfür ift der Belle- All iance- Platz 
zu Berlin (fiehe Fig. 471), durch 
deiTen Umgeftaltung das früher 
ungünftig auffallende Mifsverhält- 
nis zwifchen der dünnen Säule 
und der grofsen freien Fläche 
erheblich ausgebeffert ift. Viel- 
leicht leidet auch der Feuerfee- 
platz zu Stuttgart (Fig. 71, S. 51) 
im Verhältnis zur Ja/ta/tx/s-Kirche 
an einem zu grofsen Mafsftabe. 
Die die Votivkirche zu Wien 
umgebenden Platzflächen dürften 
fchon die Grenze des Zuläffigen 
überfchreiten (vergl. Fig. 491). 

Es ift natürlich fchwierig, 

beim Entwurf des Stadtplanes 

c von vornherein Mafsftabsfehler 




St. Jokamiis-Ytetz zu Kopenhagei 



zwifchen den freien Plätzen und den darauf zu errichtenden Gebäuden zu ver- 
hüten, wenn man die letzteren noch nicht kennt. Viele Fehler werden aber ver- 



Kirchen platz zu Schöne berg bei Berlin. 
Fig. 429. 



Kirchenplatz zu Kiel, 
mieden, wenn der Entwerfer nur die Abmeflungen des Platzes, wie er diefelben 
feftftellt, mit der Gröfse des Gebäudes, wie er fie fich denkt, in Einklang bringt; 



i 7 8 



das weitere mufs er dann in der Regel Fig. 430. 

einer vernünftigen Handlungsweife Anderer 
in der Zukunft überladen. 

Als fchone bebaute Plätze feien 
fehl iefsl ich noch namhaft gemacht: der 
Madeleine-Ylatz zu Paris, der Domplatz 
zu Orleans, der Münfterplatz zu Reims, 
Thomas- Kirchplatz und Michaels- Kirch- 
platz zu Berlin , alle mit axialen Be- 
ziehungen und hinreichend freier Um- 
gebung; ferner die Münfterplätze zu Ulm 
(Fig. 424) und zu Freiburg i. Br. (Fig. 425). 
Ueberrafchend wirkt in Freiburg der Blick 
aus der Kaiferftrafse durch die kurze 
Münftergafle auf den mächtigen Turm ; 
ähnliches ift beim Strafsburger Münfter 
der Fall. Der Domplatz zu Cöln ift zwar 
durch die ausgeführten Freilegungen in 
paffende VerhältniOe zu dem riefigen Bau- 
werk gebracht worden; aber es fehlt eine 
künftlerifche Ausbildung der fo gefchaf- 
fenen Umgebung. 

Einen befonderen Rang unter den bebauten Plätzen nimmt der Gensdarmen- 
markt zu Berlin ein (Fig. 433), infofern als er nicht einem einzelnen Gebäude, fondern 
dreien als Bauplatz dient. Im allgemeinen ift die Bildung des Platzes, durch Frei- 
laffung dreier nebeneinander liegender rechteckiger Baublöcke, keineswegs mufter- 
haft. Auch darf der Entwerfer eines Stadtplanes der fich leicht aufdrängenden Ver- 
fuchung, einen Platz zu fchaffen, deffen Bebauung nur mit zwei gleichwertigen 
Gebäuden oder mit einer Gruppe von Gebäuden erfolgen kann, nur dann nach- 



■t.i- 



Bauplatz der neuen reformierten Kirche 
zu Barmen. 



ST 



Dreifaltigkeitskirche zu Berlin 



Umgebung der ..SV. AiigriJfin-KWche ; 



179 

geben, wenn diefes feltene Bedürfnis wirklich obwaltet. Am Berliner Gensdarmen- 
markt mufs man aber rühmend anerkennen, dafs feine Abmeldungen zu den drei 
Gebäuden vortrefflich paffen. 

Die auf bebauten Plätzen von drei oder vier Seiten freiftehenden Gebäude 
find diejenigen, welche am meiften die Erfcheinung der Stadt beherrfchen, weil fie 
mehr als andere geeignet find, die Richtungen der Strafsen zu beftimmen, den 
Schlufspunkt von Sehlinien zu bilden. Es ift bekannt, dafs in diefer Beziehung die 
Weltftadt an der Seine allen anderen Grofsftädten weit überlegen ift. Der Are de 
Triumphe, die Oper, die fchon erwähnten Kirchen St.-Äugußm und Ste.-Trinite, die 
Kirchen Notre- Dame-de-Lorette , St.-Vmcent de Paul, de la Madeleine, der Strafs- 
burger Bahnhof, die Zentralhallen, der Trocadero-Pa\a.tt , der Invalidendom, der 
Palaft Luxemburg, das Odeon, das Pantheon, das Belvedere der Buttes Chaumont 

Fig. 433. 




Gensdarmcnmarkt zu Berlin. 



und viele andere bekannte Bauwerke bilden die Zielpunkte von gröfseren oder 
kleineren, von einer oder mehreren Strafsenperfpektiven. Manche andere Strafsen 
find in reizvoller Weife fo gerichtet, dafs fie nicht unmittelbar, fondern über 
zwifchen liegende Häufergruppen hinweg einen architektonifchen Schlufspunkt be- 
fitzen; fchöne Beifpiele diefer Art find der Boulevard St. -Michel, welcher, von Süd 
nach Nord gefehen, jenfeits der Seine über der Gruppe der Juftizgebäude auf den 
Dachreiter der Sainte-Ckapelle zielt, und die Avenue de Friedland, welche mittelbar 
auf die Kuppel der Auguftinerkirche zuführt. Daher ift die Stadt aufserordentlich 
reich an architektonifchen Bildern, deren Wirkung mit Vorliebe dadurch gefteigert 
wird, dafs die Bauwerke auf erhöhten Stellen errichtet und oft zu tiefliegenden 
Pflanzungen in Beziehung gefetzt find (Madeleine, St.-Trinite, St.-Vincent de Paul, 
St.-Sulpice, Ste.-Clotüde, Trocadero, Sacri-Coeur u. f. w.). 

Andere Beifpiele fchöner indirekter Strafsenperfpektiven find die Wkitekall- 



i8o 



225. 

Mafshalten. 



Strafse zu London, welche über zwifchenliegende Gebäude auf das Parlamentshaus 
zielt; ferner der Blick vom Hauptbahnhof zu Elberfeld über die Wupperbrücke in 
die Stadt hinein, über welcher in der Strafsenachfe die auf der Anhöhe errichtete 
Herz-Jefu-Kirche emporragt; der Blick vom Steinentor auf die E/ifaietA-Kirche zu 
Bafel u. f. w. An folchen reizvollen und malerifchen Bildern, mehr durch ein 
glückliches Zufammentreffen als nach abfichtlichem Plane entftanden, find unfere 
fchönen deutfchen Städte des Mittelalters befonders reich; fo Nürnberg, Braunfchweig, 
Hildesheim, Lübeck. 

Indes, auch in den Strafsenperfpektiven ift weifes Mafshalten nötig. Lange, 
breite Verkehrftrafsen können nicht auf zierliche Gebäude oder Standbilder ge- 
richtet werden, ohne die Wirkung der letzteren zu fchwächen. Ein warnendes 
Beifpiel ift der grofse, auf das Rathaus zu Löwen gerichtete Durchbruch der Bahn- 
hofsftrafse dafelbft, der das zierliche Bauwerk in wirklich unbehaglicher Weife 
blofsflellt. Befonders die mittelalterlichen Gebäude bedürfen eines nicht zu weit 
gefpannten Rahmens; mit Strafsenperfpektiven und Freilegungen kann man bei den- 
felben leicht zu weit gehen, wie es tatfächlich mit dem Mailänder Dom und der 
Kathedrale Notre-Datne zu Paris gefchehen ift. (Vergl. auch Kap. 8 [Art. 282]). 



326. 

Vergleich 

des 

Stadtplanes 

mit dem 

Hausgrundrifs. 



227. 
Geftalt. 



228. 

Höhen- 

verhältnifle. 



2=9. 
Umrahmung. 



3) Umbaute Plätze. 

Die umbauten Plätze können als die Feftfäle der Städte bezeichnet werden — 
wie fich die Strafsen mit den Gängen, die Tor- und Verkehrsplätze mit den Vor- 
räumen und Veftibülen, die Marktplätze mit den Geschäftsräumen, die Gartenplätzc 
mit den Wohnftuben eines Hausgrundriffes vergleichen laffen. Die umbauten Archi- 
tekturplätze bedürfen nicht der langen Strafsenfernfichten; fie tragen die Sicherheit 
der künftlerifchen Wirkung in fich felbft, wenn für eine überfichtliche Geftalt, 
günftige Höhenverhältniffe, eine gefchloffene Umrahmung, eine angemeffene Gruppie- 
rung der Gebäude und richtige Mafsftabsverhältniffe geforgt ift. 

Die Regelmäfsigkeit der Geftalt ift nicht Bedürfnis, wie bekannte monumentale 
Plätze uns beweifen. Die Unregelmäfsigkeit follte aber nicht willkürlich gefchaffen 
werden: fie mufs gefchichtlich entftehen oder in den Orts- und Bebauungsverhält- 
niffen begründet fein. Alsdann kann ein unregelmäfsig umbauter Platz fogar be- 
fonders fchön, ftimmungsvoll und malerifch fein. 

Die Höhenanordnung ift von grofser Wichtigkeit. Eine Platzfläche, welche 
in der Hauptfehrichtung ein entfehiedenes Gefalle hat oder welche merklich wind- 
fchief ift, eignet fich nicht zur Umbauung mit monumentalen Gebäuden. Da die 
letzteren eine erhöhte Stellung verlangen, fo ift es wohl möglich, die obere Seite 
eines anfteigenden Platzes als Bauftelle zu wählen und die fchräge Fläche als 
terraffierten oder bepflanzten Vorplatz zu benutzen; aber die übrigen drei Seiten 
find für monumentale Gebäude mehr oder weniger ungeeignet. Schwache Stei- 
gungen fallen nicht auf oder find leicht zu verdecken. Ein Beifpiel von abficht- 
licher Senkung der Platzmitte teilten wir fchon in Fig. 423 (S. 174) bei Befprechung 
des St. /tare-Platzes zu Rom mit. Wenn auch eine folche künftliche Senkung 
oft mit Bedenken verknüpft fein kann, fo wird doch das ihr zu Grunde liegende 
Prinzip uns ftets davon abhalten, die Platzmitte künftlich zu erhöhen, was man 
leider oft genug unnötigerweife ausgeführt fieht. 

Der umbaute Platz bedarf wie ein Bild der gefchloffenen Umrahmung. Eine 
nach mehreren Seiten durch Strafsen geöffnete und fo angeordnete Platzfläche, dafs 



Marktplatz zu Lübeck. 
Fig. 436. 



Alter Markt zu Str: 




man in die Strafsen weit hinein- 
blickt, kann nicht mehr als befchau- 
licher Architekturplatz wirken, fon- 
dern nur als eine unruhige Erweite- 
rung der Strafsenflächen betrachtet 
werden. Auch künftlerifch ausge- 
bildete Umfriedigungsmauern oder 
Pflanzungen find als Einrahmung un- 
zureichend. Gefchloffene Gebäude, 
zwifchen welchen die Strafsenmtm- 
dungen als Nebenfache erfcheinen, 
oder mindeftens Bogenfteltungen und 
offene Hallen miilTen die Fläche ein- 
faffen, und zwar in einer Gruppie- 
rung, welche das Gleichgewicht in 
der Mafien Verteilung und die Man- 
nigfaltigkeit in der Einheit fichert. 
Richtige Mafsftabsverhältnifle 
1 äffen fich wohl kaum in allgemein 
gültigen Zahlen ausdrücken. Wenn 
daher auch die von Maertens 3 " 1 ) 
entwickelten, im nächften Kapitel 
(Art. 259) zum Teile noch anzugeben- 
den Regeln keine unbedingte Richtig- 
keit werden beanfpruchen können, 
fo liefern fie doch dem Entwerfenden 



eine Reihe wichtiger Ge- 
fichtspunkte. Die Platz- 
fläche mufs geftatten, dafs 
man alle fie umgebenden 
Gebäude in dem für die 
Anfchauung erwünfchten 
Abilande betrachte. An 
zu grofsen Plätzen (Fried- 
ric/ts-Platz in Kaffel, Rat- 
hausplatz in Wien, Sze- 
ckenyi-\?\a.tz in Szegedin, 
auch Königsplatz in Mün- 
chen, Augußus- Platz zu 
Leipzig, Kaiferplatz in 
Strafsburg) verlieren die 
Gebäude an Bedeutung 
und Wirkung ; auf zu 
kleinen Platzen fehlen die 
erwünfchten Betrachtungs- 
punkte. 
■31. Eine Reihe von Bei- 

B * fpU "' f pie ] en um bauter Plätze 
zeigen Fig. 434 bis 446. 
Wir betrachten zuerft in 
F'g-435 die Grande Place 
in dem wenig bekannten, 
aber durch feine alten Bau- 
werke höchft bemerkens- 
werten flämifchen Stadt- 
chen Veurne (franzöfifch 
Furnes). 

Die Hauptgebäude: Rat- 
haus und Gerichlshaus, liegen, 
mit einer Durchfahrt ver- 
fehen, ohne axiale Beziehung 
in der einen Ecke des Platzes ; 
die Kathedrale erhebt fich 
daneben Qber den kleinen 
Giebelhiufern , welche die 
nach der Mitte hin gefenkte 
Platznäche umrahmen. So ent- 
lieht ein malerifches Gefamt- 
bild von ungewöhnlichem Reiz. 
Der Marktplatz zu 
Lübeck (Fig. 434)zeigt eine 
fehr verwandte Anlage. 

Die eine Ecke umfafst 
das Rathaus nebil Burfc mit 
zwei Flügeln; eine offene 
Halle vermittelt auch hier den 




VA 7 7 7 T 7 7 7 7 7' 

Marktplatz zu Bremen. 
Fig- «9- 



Marktplatz zu Potsdam. 



Stanislaus- 
Platx 



St. .Varius-P\atz zu Venedig. 



Verkehr zu den benachbarten Strafsen. Die gegenüberliegende Langreite nimmt das Poftgebäude 
ein , während die Äfaricn -Kirche über die kleinen Markthäufer emporragt. Der in Veurne 
leider fehlende Brunnen verfchönert die Platzfläche. 

Auch der Alte Markt zu Stralfund (Fig. 436) zeigt neben dem altertümlichen 
Rathaufe die Nikolai-Kirche hinter der Häuferreihe. 

Aehnliche Anord- p . 

nungen findet man bei 

den mittelalterlichen 
■ Marktplätzen« mancher Z. 

anderer Städte, z. B. 5 

Cöln (flehe Fig. 381, % 

S. 156), Bremen (Fig. = 

438), wo zwar zahlreiche 
Strafsen von der Platz- 
flache ausgehen , aber 
keinen tiefen Einblick 
geftatten; Breslau, Kiel, 

Krakau u. a. , deren nähere /tSS, 

Befprechung hier zu weit \&fy 

führen würde. Bezeich- _ 

nend ift die fehr oft vor- .ni'uniiuii 

kommende Anordnung, 

dafs das Rathaus am e. 

freien Hauptplatze, die ;i J| 

Kirche aber zurückge- r . unTTsr., : sh . 

zogen in der Nähe des- ,r ' j: '"' 

felben erbaut ift (Aachen, 
Schwerin, Stralfund, Kiel, 
Lübeck, Neufs, Geldern, 
Veurne, Krakau u. f. w.). ■; 

Eine andere Löfung, « 

bei welcher zwar die 

Kirche frei auf einem ,5 

eigenen Platzteile fteht, 
aber mit dem Rathaufe 
und zwei Paläften die 
Umrahmung des Haupt- 
platzteiles bildet, zeigt 1:12x1 

Fig. 439 (Marktplatz zu Tu 11*1 ml * ™ + + T 

Potsdam). 

Einer der bekann- 
teren ,und berühmteften Plätze ift der Sl. Afarkus-P\atz zu Venedig (Fig. 441), 
deffen Breite, bei 175 m Länge, von 58 m au f 90 m zunimmt. 

Umfchloflen ift er von den beiden Prokurazien, der St. .l/nr*Kj- Kirche und einem Teile 
des Dogen pal alles. Der Hauptblick in der Längsrichtung in auf die Sl, .1/arir/j-Kirche gerichtet, 
die Taber nicht in der Achfe des Platzes fteht. Die fchiefe Stellung ift verdeckt durch den 
Campanile, welcher an der breiteren (Juerfcite auf dem Platze errichtet ift, und die bekannten 
drei Flaggenmaften. Die durch den Campanile von der Piazza fcharf abgetrennte Piazzetta ift 



Piazza dt IV Aiimmziata . 



Fl 01 



Amalieborg-Y\att zu Kopenhagen. 
Yig. 444. 




eigentlich nur die von den Lagunen zum 
Platze führende Zugangsftrafse, wirkt aber 
infolge der Umrahmung durch die Bau- 
werke und durch die beiden Zierfäulen 
am Strande zugleich als fclbftändige Platz- 
fläche. (Der Wiederaufbau des einge- 
ftü raten CampaniU ift freudig zu be- 
grüfsen , weil er nicht blofs das hifto- 
rifdie Bild , fondern auch die Abge- 
flimmtheit des Platzes wiederheritellt.) 

Von grofsem Reize ift auch 
die in den Mafsen befcheidene 
Piazza delP Ammnziata zu Florenz 
(Fig. 442), umfchloflen von der Vor- 
halle der Aftmmziata-Kirche und 
den Säulengängen zweier anderer 
Monumentalbauten, geziert mit dem 
Reiterftandbilde Ferdinands I. und 
zwei hübfehen Springbrunnenfcha- 
len. Aus Verona gehören hierher 
die fehr fchöne, kleine Piazza de' 
Signori und die geräumige Piazza 
Brä. Allein der edelfte Platz der 
in Rede fleh enden Art, den es 
überhaupt gibt, ift wohl der Kapitol- 
platz zu Rom, von Michel Angela 
felbft derart entworfen, dafs er nach 
der Tiefe breiter wird; dadurch 
wird das Bild enger umrahmt, wäh- 
rend die Platzfläche dem Auge 
gröTser erfcheint, als fie ift (Fig. 437). 

Fufsgänger fteigen auf der (teilen 
Rampe aufwärts und treten zwifchen den 
beiden die Rampe bekrönenden Diosku- 
ren in die Achfe des Platzes, der an 
drei Seiten von ehrwürdigen Pal alten 
umgeben ift und in der Mitte das be- 
rühmte eherne Reiterbild Marc Aurel'% 
trägt. An den Seiten der Aufftiegrampc 
führt rechts in Schlangen Windungen ein 
Fahrweg zur Höhe des Platzes, links 
eine mächtige Freitreppe zur Kirche 
Sta, Maria in Araeoeli, 

Zu den fchönften Plätzen Eu- 
ropas gehört ferner der Stanislaus- 
Platz zu Nancy (Fig. 440). 

Die Hauptfeite bildet das präch- 
tige Stadthaus; die beiden Querfeiten 
find von gleich hohen Palallfaffaden 
eingefafst; die vierte Seite endlich 
bilden niedrige Kaffeehäuf er, welche den 
Vordergrund abgeben für den fchönen 



i86 






Triumphbogen, der den Weg zur Place de la Carrilre bezeichnet. Die vier Ecken des Platzes 
und die abgehende Rue Ste. -Catherine find durch vergoldete Eifengitter gefchlofien, davon 
drei mit Toren, zwei mit herrlichen Laufbrunnen. Nur die Hauptzufahrt der Stanislaus-StxdXsz 
fuhrt offen auf die im 

übrigen gefchlofien um- Fig. 445. 

rahmte Platzfläche, deren 
Mitte das Standbild des 
Stanislaus Lesczynski ein- 
nimmt. 

Der Parifer Ven- 
ddmeV\dXz (Fig. 446) 
kann mit dem Stank- 
laus-Flatze nicht wett- 
eifern, obwohl er rings- 
um von gleich hohen 
Paläften umgeben und 
mit der berühmten 
Säule gefchmückt ift. 
Die Ecken des Platzes 
find abgefchrägt , die 
Mitten der Langfeiten 
durch Vorfprünge be- 
tont. Ein Uebelftand 
bei diefem wie bei 
dem vorigen Platze ift 
es übrigens, dafs die 
Fläche in ihrer Haupt- 
richtung von Fuhrwer- 
ken befahren werden 
mufs. 

Derfelbe Umftand 
beeinträchtigt auch den 
in Fig. 443 dargeftell- 
ten Amaüedorg-Vlatz zu 
Kopenhagen , der im 
übrigen durch die vier 

ihn umfchliefsenden 
gleichartigen Staatsge- 
bäude, das Triumphtor 
am Hauptzugang der 
Amalien-Stx&ke und 
das Reiterftandbild in 
feiner Mitte fall einzig 
in feiner Art ift. Zu 
einer Nachahmung des- 
selben bietet fich indes nur ausnahmsweife Gelegenheit; denn einesteils ift die 
Kreuzungsftelle zweier Strafsen für eine folche Anlage nur ftatthaft, wenn wenigftens 
der Fahrverkehr unbedeutend ift und bleibt, und andererseits ift die Möglichkeit einer 
regelmäfsigen Gruppierung von vier gleichartigen Monumentalbauten äufserft feiten. 




1:2500 

«90 16£OSO«OM0OrO«OMf0Om 

HH — I — I — I — I — I — I — I — I — 1 — 1 
Zwinger zu Dresden. 



■«7 



Die Verhaltniff« des Ama/ü6org-Pla.tzes find 
gute, diejenigen des in Fig. 444 mitgeteilten 
Königsplatzes zu München aber fchon Übertrieben. 
Die drei Bauten, nämlich die Glyptothek, das 




Piazza Savoia Piazza Carlo Emanuth 

zu Turin. zu Turin. 



Vend<5nu-¥\aX.z zu Paris. 




iL. 



n 



£a»/«i-PIatz zu Darmftadt, 



(1 



Piazza dello Slatuto zu Turin. 










Fig. . 



Kunftausftellungsgebäude und die Propyläen wurden bedeutungsvoller erscheinen, 
wenn der Platz in feinen Abmeldungen um etwa ein Drittel ermäfsigt worden wäre. 
Der Rathausplatz zu Wien (fiehe die Tafel bei S. 296) leidet noch mehr an der 
Uebertreibung des Mafsftabes. Selbft fo mächtige Bauten wie das neue Rathaus, 
die Univerfität, das Parlamentshaus 

und das neue Burgtheater vermögen "& 45 *' 

eine Fläche von 200 X 400 m Gröfse w^^y^^^m 
nicht wirkfam zu umrahmen. Es war | 

nötig, den Platz mit zwei parkähn- — - ■ - 1 m<ii — 

liehen Anlagen zu bedecken; die [ kf-" ' yv ^ s ) 

Folge davon ift , dafs man die ge- ^ffiuTr 

waltige Fläche fo, wie fie auf dem riiTiHiiM, 

Plane gedacht ift, nur von den oberen 
Gefchoffen der Gebäude überfchauen 

kann. Ungleich fchöner ift in diefer , 

Hinficht der Luftgarten zu Berlin, 
welcher kaum die halbe Gröfse hat, 
infolgedeffen aber die Bauwerke 
ringsum beffer zur Geltung kommen 
läfst. Der Schlofsplatz zu Stuttgart 
(fiehe Fig. 406, S. 167), als Garten- 
platz hervorragend fchön , ift als 
Architekturplatz wegen feiner Gröfse 
wenig wirkfam. 

Eine Abart der umbauten Archi- 
tekturplätze find die mitunter im 
Inneren grofser Gebäude fich bilden- 
den, dem öffentlichen Verkehre die- 
nenden Plätze. Solche »Innenplätze • 
kommen indes nur ausnahmsweife, 
und zwar meiftens nur in fürftlichen 
Paläften vor; es wird genügen, als 
Beifpiele den Fransem-Platz in der 
Hofburg zu Wien, den Zwinger zu 
Dresden, den Hof des Dogenpalaftes 
in Venedig, die Place du Carrouffel 
in den Tuilerien und den mit Garten- 
anlagen gefchmückten , von Säulen- 
gängen und Läden umgebenen Innen- 
platz im Palais Royal zu Paris zu *:3mo 
nennen. wh — ' — ' — ' — ' — ■ — ■ — ' — ' — ' — ' 

In Fig. 445 ift der Zwinger zu Dresden ohne feinen inneren Schmuck in der Geflalt 
Skizziert, welche er nach Sempera Vorfchlag erhalten follte; die heutige Querachfe Sollte als 
Längenachfe bis zur Elbe lieh erftrecken. Der 
Kabinettftück des Städtebaues. 

Solche Anordnungen bilden den Uebergang zu deutfehen Burg- und Schlofs- 
höfen und italienifchen Palafthöfen, welche hier nicht zu behandeln find 3 '). 

M) Siehe in diefer Beiiehung Teil IV, Hulbbd, i (Abt. I, Abfchn. j, Kap. 3- Hofwibjen} diefa • Handbuch«-. 




WOOKXr 



Bahnhofsplatz zu Löwei 



1 konkaver Fläche geformte Innenplatz ift ein 



Von den Innenplätzen und Höfen hat fich das Bellreben, eine einheitliche 
architektonifche Umrahmung zu fchaffen, auch auf offene Stadtplätze, ja auf ganze 
Strafsen übertragen. Aufser bei den oben genannten Platzanlagen findet man die 
einheitlichen PalaftfafTaden befonders viel bei italienifchen Plätzen (z. B. Piazza 
alla Croce und Piazza Cavour zu Florenz, Piazza Vittorio Emanuele zu Rom). 
Diefes Beftreben kann nur gebilligt werden, wo es fich um wirkliche Monumental- 
bauten handelt, und felbft dann ift das Gleichgewicht in den Mafien bei ver- 
fehl eden artiger Architektur der Einförmigkeit vorzuziehen. Zwangs weife gewöhn- 
liche Wohnhäufer hinter langen gleichförmigen Fafiaden unterzubringen, ift ver- 
werfliches Scheinwefen und zugleich unfehön. Ein warnendes Beifpiel folcher Ein- 
förmigkeit bietet Regtnts Quadrant in London dar. 

4) Denkmalplätze. 

Dafs hier die Denkmalplätze als eine befondere Art der monumentalen Plätze 
behandelt werden, foll nicht etwa den Sinn haben, als ob für die Errichtung von 
Standbildern , Denkfäulen und dergl. ausfchliefsüch die Schaffung einer eigenen 
Art von Aufftellungsorten nötig wäre. Wir haben im Gegenteile bei den bis- 
herigen Erörterungen und Beifpielen gefunden, wie Denkmäler in paffender Weife 
auf Strafsenerbreiterungen, auf Verkehrs-, Markt-, Garten- und Vorplätzen öffent- 
licher Gebäude und umbauten Architekturplätzen errichtet werden können. Aber 
viele Plätze find überhaupt für Denkmäler ungeeignet, während andere fich dazu 
in hervorragendem Grade eignen. Namentlich ift erhöhte Auftnerkfamkeit erforderlich, 
wenn das Denkmal den hauptfächlichften Gegenftand des Platzes bildet, diefer fomit 
ein Denkmalplatz im engeren Sinne ift. 

Es ift unzuläffig, ein Denkmal ohne weiteres in eine oder mehrere Sehrich- 
tungen zu ftelten, unbekümmert darum, ob die Verkehrs- und Sehlinien dadurch 
geftört werden und ob der Strafsenblick zu dem Kunftwerk in einem richtigen Ver- 



Fig. 454. 



Fig. 455- 




Piatz des Boiliiognatiis-DenkmsXcs 
zu Antwerpen. 



Platz des .1/a.r-Denkmales 
zu München. 



hältnis flehe. So ift die Piazza Savota zu Turin (Fig. 447), abgefehen von der 
ungefchickten PI atz an Ordnung an (ich, für das Standbild ein ungeeigneter Ort. Der 
ähnliche Tadel trifft die Piazza Carlo Emanuele zu Turin (Fig. 448), obfchon hier 
dem Verkehre etwas mehr Spielraum gelaffen ift. Selbft auf dem Luifen-VWtz zu 
Darmftadt macht (Ich die breit unterbaute Säule, welche einen fo ftattlichen Ab- 
fchlufs der Rheinftrafse bildet, in gewiffem Grade als Verkehrserfchwernis be- 
merkbar (Fig. 449). Weniger wird dies fühlbar auf dem Bahnhofplatz zu Löwen 
(Fig. 453), wo der zum und vom Bahnhof fich bewegende Verkehr das Van de 
W^w-Denkmal ungezwungen umfährt. Auch das 7Xiw-Denkmal auf dem Bahn- 
hofplatze zu Nancy (Fig. 452) frort den Verkehr ebenfowenig wie das Ernfl- 
-4»,f/y?-Denkmal auf dem Bahnhofplatze zu Hannover {Fig. 366, S. 149). Befler 



Trafalgar- 
Squar, 



£ 



als das 3/n^-Denkmal auf der Maximilianftrafse zu München (Fig. 455) ift das dem 
Fahrverkehr entzogene Boduognatus-T>enVma\ in Antwerpen (Fig. 454) aufgeftellt; 
in letzterem Falle ift aber die Fahrverbindung zwifchen Avenue Charlotte und 
Avenue des Nervtens ftark beeinträchtigt. 

Ein Denkmalplatz von hervorragender Art ift die in Fig. 450 dargeftellte 
Piazza dello Staiuto zu Turin. Als Schlufspunkt der langen Via di Dora Groffa 
erhebt fich , vorbereitet durch gärtnerifche Schmuckflächen, umgeben von den 
Kolonnaden palaftartiger Gebäude, jene hohe, wirkungsvolle, durch Waflerkünfte 
belebte Felspyramide, an welcher bewegte Marmorfiguren die erfolgreiche Arbeit 
darfteilen, bekrönt von einer allegorifchen Engelsgeftalt — zum Andenken an die 
völkerverbindende Durchbohrung des Mont Cenis. 



I 9 I 

Grofsartiger noch ift der Eintrachtplatz zu Paris (Fig. 451), nach Gröfse und 
Anlage der reichfte Denkmalplatz Europas. Eingefafst ift derfelbe von einer monu- 
mentalen Steinbrüftung, deren acht Ecken die Koloffalbilder von acht franzöfifchen 
Städten einnehmen, gewiffermafsen die durch prächtige Kandelaber gefchmückten 
Eingänge bewachend. Die fo umzeichnete Fläche trägt auf einem länglichen Mittel- 
felde den berühmten Obelisk von Luxor und zwei mehrgefchoffige Springbrunnen. 
Von der Mitte aus geniefst man in den hierher zielenden Strafsenzügen vier pracht- 
volle Fernfichten auf hervorragende Bauwerke der Stadt. Ein grofser Mangel des 
Platzes ift die künftlerifch ungenügende Umrahmung. Die Gefamtwirkung würde 
eine ganz andere und ungleich fchönere fein, wenn die Umgebung, die auf drei 
Seiten vom Tuileriengarten , von den Elyfäifchen Feldern und von der Seine ge- 
bildet wird, eine mehr gefchloffene Begrenzung bildete. Das letztere ift ein Vor- 
zug des Trafalgar-Square zu London (Fig. 456), welcher, obwohl in feiner von 
Brüftungen eingefafsten Innenfläche wenig mehr als 100 X 100 m grofs , den Be- 
fchauer mächtiger ergreift. Beide Plätze dienen übrigens, weil fie, frei von gärt- 
nerifchem Schmucke, überall zu betreten find, zugleich für Volksverfammlungen 
und Fefte. Die fehr hohe Nelfon-S'in\e y die Standbilder von Napier und Havelock 
und zwei Springbrunnenfchalen bilden den künftlerifchen Schmuck der nach der 
Nationalgalerie hin von einer TerrafTe überragten Fläche des Trafalgar-Platzts. 
Das Reiterftandbild Karl I. auf der Strafsenkreuzung des Charing Crofs nimmt 
fich aber gegenüber den anderen Bildwerken recht unbedeutend aus. 

Eine eingehendere Betrachtung werden wir der Art der Aufftellung von 
Denkmälern auf Plätzen und Strafsen in Abfchn. 5, Kap. 7 widmen. 



5) Stadttorplätze. 

Wenn wir unter den Architekturplätzen die » Stadttorplätze c befonders her- 
vorheben, fo liegt der Grund darin, dafs bei den heutigen Stadterweiterungen die 
Aufgabe fo oft fich wiederholt, die Anforderungen des vergröfserten Verkehres zu 
befriedigen, bei gleichzeitiger Erhaltung wertvoller Torbauten, fei es mittelalterlichen, 
fei es neueren Urfprunges. Teils die aus dem Zwange, welchen folche Bauten 
lange Zeit dem Verkehre antaten, entfprungene Abneigung, teils gefchichtlicher 
oder künftlerifcher Unverftand haben unfere deutfchen Städte vieler mittelalterlicher 
Torburgen beraubt. Nur wenige, und nicht einmal überall die hervorragendften, 
find uns erhalten geblieben. Aber allerorts, wo folche Stadttore vor der Nieder- 
legung gerettet wurden und die Geftaltung ihrer Umgebung den neuen Verkehrs- 
bedürfniffen angepafst worden ift, find diefe alten Baudenkmale nicht blofs ehr- 
würdige Zeugen der Gefchichte, fondern bilden zugleich kraftvolle Verfchönerungen 
der Stadt. In unferen Abbildungen (Fig. 457 bis 464) teilen wir eine Reihe von 
Beifpielen mit. 

Fig. 459 zeigt, wie am alten Afartins-Tor zu Freiburg i. Br. für den Fufsverkehr, welcher 
neben dem Fahrverkehre im Torbogen keinen Platz findet, ein feitlicher Nebengang gefchaffen 
ift. Wenn das Bedürfnis dringend wird, fo könnte ein ähnlicher Umgang an der anderen 
Strafsenfeite durchgeführt werden, ohne den Anfchlufs des Torbaues an die Strafsenwand zu 
zerftören. (Ift inzwifchen gefchehen.) — In Eifenach (Fig. 457) geht die Einfahrt zur Stadt an dem 
von Stier unter Befiegung der Nivellementsfchwierigkeiten glücklich wiederhergeftellten Nicolai- 
oder »Bahnhofstor« vorbei, während der alte Torturm nur für die Ausfahrt dient. — Um den 
Efchenheimer Turm zu Frankfurt a. M. (Fig. 458) find Fahrwege beiderfeits eröffnet, fo dafs die 



«36. 

Erhaltung 

alter 
Stadttore. 



237« 
Beifpicle. 




(i 



Bahnhofstor zu Eifenach. 
Fig. 4S9. 




Afar/ins-Tor zu Freiburg i 



Efchcnheimer Tor zu Frankfurt a. M. 

1:030 

m+4nh4 ¥ — " — " — +—~ T 




Spalentor 

Bäte!. 




Rudol/s-?\a\z zu Cöln. 

Handbuch de. Aichitaktui. IV. ( 



Brandenburger Tor und Parifer Platz zu Berlin. 



Tordurchfahrt nach Möglichkeit entladet ift. Aehnliche Anordnungen finden (ich in Nürnberg 
(Fig. 519 bis 521 in Kap. S), Heidelberg, Stendal, Bafel (Spalentor, Fig. 460), Schaffhaufen u. a. 0. 



Tcmple-Bar, der. alte Torbau zwifchen der Londoner City und dem Wellend, hat zwar 
dem ungeheueren Verkehr weichen muffen; aber das Temple-Bar-Memorial, ein Pfeileraufbau, an 



195 

deflen Seiten die Statuen der Königin Viktoria und des Prinzen von Wales angebracht find, ift 
zur bleibenden Bezeichnung der denkwürdigen Steile mitten auf der Strafsenfläche errichtet 
worden, obwohl auch hierdurch der Verkehr fühlbar beengt wird. 

Während um die bisher genannten Torburgen eigentliche Platzflächen nicht angelegt find, 
zeigt das Ifartor zu München (Fig. 462), welches nebft dem Zwinger als Durchfahrt erhalten ift, 
eine förmliche Platzanlage, auf welche fechs Strafsenzüge münden. — Die alte Hahnentorburg zu 
Cöin (Fig. 464) ift mit einem freien, gärtnerifch ausgefchmückten Platze, dem jRudolfs-FiaXze, 
derart verbunden, dafs nur der Fufsverkehr durch den Torbogen geht, die Fuhrwerke aber Um- 
fahrten benutzen. Der Hauptverkehr geht hier nicht in die hinter der Torburg beginnende 
Hahnenftrafse, fondern in die zu diefem Zwecke feitwärts durchgebrochene Mittelftrafse. 

Mehr landfchaftlich find die Umgebungen des Hal'fchen Tores in Brüflel, welches feinem 
urfprünglichen Zwecke nicht mehr dient, fondern innerhalb einer Gartenanlage neben dem 
Boulevard fleht und als Waffenmufeum eingerichtet ift. 

Das Berliner Tor zu Wefel und das Holftentor zu Lübeck (Fig. 461) werden wie das Cölner 
Hahnentor nur noch als Durchgang benutzt, während zwei Fahrwege herumfuhren. Wenn auch 
die Bepflanzung des Platzes in Lübeck recht freundlich wirkt, fo erfcheint der Torbogen doch leider 
fehr in die Erde verfunken; auch wäre der Umgebung eine würdigere Ausbildung zu wünfchen. 

Das Ponttor zu Aachen (Fig. 466) fchliefst einerfeits die Parkanlagen der Ludwigsallee 
ab, während es andererfeits die Wandung eines umrahmten Platzausfchnittes bildet. 

Das Parifer Tor zu Lille (Fig. 467) fteht nach Art eines Triumphbogens auf einer aus- 
gerundeten Strafsenkreuzung. — Die Porte de St.-Denis zu Paris (Fig. 463) hat eine folche Stellung, 
dafs die Fahrftrafse des Boulevard ungeftört am Torbau vorübergeht, während der Verkehr zum 
Faubourg St.-Denis einigermafsen behindert ift. — Zwei Florenzer Stadttorplätze haben wir bereits 
in Fig. 373 u. 375 (S. 152) behandelt. 

Zum Schluffe möge noch ein moderneres Stadttor nebft dem anftofsenden 

Platze hier erwähnt werden, das Brandenburger Tor zu Berlin (Fig. 465). 

Es enthält eine Hauptdurchfahrt und vier Nebenfahrten, während die angebauten Säulen- 
hallen nur dem Fufsverkehre dienen. Eine freie Quadratfläche, der Parifer Platz, fchliefst lieh an 
den Torbau an und bildet den fchönen Anfangspunkt der Prachtftrafse »Unter den Linden«. 
In voller Strafsenbreite ift die Platzfläche dem Verkehre frei gelaffen, während die feitlichen Er- 
weiterungen durch zierliche Gartenflächen gefchmückt find. Mit feinen Umgebungen bildet der 
Parifer Platz ein würdiges Veftibulum für die deutfehe Reichshauptftadt, wie die Piazza del Popolo 
(fiehe Fig. 367, S. 149) für Rom. 



e) Doppelplätze. 

In Art. 187 (S. 147) wurde ausgeführt, dafs eine und diefelbe Platzanlage oft »3*. 
mehreren verfchiedenen Zwecken dient. Die vorhandenen Plätze einer Stadt J,i* ge f ü z r 
werden fich daher nicht immer mit einer entfehiedenen Trennung in die bisher be- verfchiedenc 
handelten Platzarten einreihen laffen. Auch bei der Aufftellung eines Stadterwei- 
terungsplanes wird der Entwerfende mitunter das Bedürfnis empfinden, eine freie 
Platzfläche für mehrere Zwecke gleichzeitig zu beftimmen, beifpielsweife für Markt- 
und Architektur platz, für Denkmal- und Gartenplatz. Umfo aufmerkfamer find in 
folchen Fällen die Erforderniffe zu erwägen und nach Möglichkeit zu befriedigen, 
welche mit den verfchiedenen Zwecken verknüpft find. Am wenigften eignen fich 
für eine gleichzeitige andere Beftimmung die Verkehrsplätze. Man ift daher oft ge- 
nötigt, wenn jener zweite Zweck an derfelben Stelle befriedigt werden foll, neben 
dem Verkehrsplatze eine zweite Platzanlage von der verlangten BefcharTenheit zu 
fchaffen. So entftehen die Zwillings- oder Doppelplätze. 

Sehr entfehieden ift die Doppelanlage am Potsdamer und am Hallefchen Tor 
zu Berlin (Fig. 468 u. 471) ausgeprägt. Aufserhalb des eigentlichen Stadteinganges 
vereinigen fich die ankommenden Strafsenlinien auf einem ausgefprochenen Ver- 
kehrsplatze, während auf der Innenfeite beider ehemaliger Tore je ein geräumiger 



=39- 

Beifpiele. 



196 



Gartenplatz angelegt ift. Die Verkehrsfläche 
des Potsdamer Platzes ift zur Ordnung und 
Sicherung des überaus grofsen Verkehres 
heute anders eingeteilt wie in Fig. 468. 
Aber keine Flächenteilung vermag diefem 
Verkehr gerecht zu werden, der deshalb 
fo riefenhaft angewachfen ift, weil durch 
verfchiedene Umftande ein aufserer Stadtteil 
von vielleicht einer halben Million Einwohner 
genötigt ift, gerade an diefem Punkte den 
Eintritt in die innere Stadt zu gewinnen. 

Vor dem Hauptbahnhofe zu Mailand 
(Fig. 472) dient eine grofse freie Fläche als 
öffentlicher Verkehrsplatz; die zum Vene- 
diger Tor hinabführenden Strafsen um- 
fchliefsen dagegen eine geräumige Garten- 
anlage, über welche fich jene Verkehrs- 
fläche als Vorplatz des Bahnhofsgebäudes 
auf hoher Stützmauer emporhebt — eine 
Doppelan läge von ungewöhnlich grofsen 
Abmeffungen und günftiger Wirkung. 

Ebenfo anziehend ift die Zufammen- 
fetzung der Piazza Acquaverde zu Genua 
(Fig. 470). Die vor der Unterfahrt des 
Bahnhofsgebäudes und vor dem Torbau der 
Wa Andrea Doria fich ausdehnende untere 
Hälfte des Platzes dient, durch Erhöhungen 
in Fufs- und Fahrwegflächen eingeteilt, als 
Verkehrsplatz , während die obere Platz- 

Fig. 470. 



Leipziger und Potsdamer Platz ; 



Fig. 469. 




Piazza _ Acquaverde 



Piazza Grande : 



197 



halfte, durch die von der Via Balbi zur Berglehne emporßeigenden Strafsen land- 
schaftlich umrahmt, als Denkmalplatz für Ckrifioph Kolumbus ausgebildet und mit 

fchönen Pflanzungen be- 
**■ "71 deckt ift. 

Die Piazza Grande 
zu Trieft (Fig. 469) zeigt 
das Beifpiel einer oft 
vorkommenden Verbin- 
dung eines für fich ab- 
gefchloffenen , hier zum 
Betreten und Ergehen 
eingerichteten Garten - 
platzes und eines Archi- 
tekturplatzes ; die freie 
Fläche ift der Vorplatz 
des Rathaufes und felbft 
mit einem Laufbrunnen 
und zwei figürlich "be- 
handelten Monumental- 
kandelabern geziert. 

Schliefslich teilen 
wir noch in Fig. 473 eine 
ebenfalls nicht feltene 
Art der Verbindung von 
Verkehrsplatz und Ar- 
chitekturvorplatz mit. 
Ueber der Place de la 
Fayette erhebt fich auf 
einer gärtnerifch ge- 
fchm tickten Ter raffen an- 
läge die Kirche St.-Vin- 
cent de Paul, zugleich den 
wirkungsvollen Schlufs- 
punkt der vom Boule- 
vard Bome-nouvelle in 
fanfter Konkavlinie auf- 
zeigenden Rue d Häute- 
ville bildend. 

Die öffentlichen 
Plätze find bei der Durch- 
bildung eines Bebau ungs- ; 
planes das vornehmfte 
" '*.* """"?"*?? T " Verfchönerungsmittel, 

welches dem Entwerfen- 
den zu Gebote fteht. Einmal feftgelegt, ift die Abänderung und Verbefferung umfo 
fchwieriger und einfchneidender, je inniger der Zufammenhang mit den Strafsen. 
zügen und den Gebäudegruppen ift. Die örtliche Beftimmung, die Geftaltung und 




Belle-Alltance-Platz und Hallefcher Torplatz : 







'-> 



f 



199 

Ausschmückung der Plätze ift deshalb eine der wichtigften Aufgaben beim Entwürfe 
des Stadtplanes. Das geringe Verftändnis, welches man auf diefem Gebiete in 
feftgeftellten Bebauungsplänen leider fo oft antrifft, diene als Rechtfertigung für 
die Ausführlichkeit, mit welcher der Verfaffer glaubte, die Sache behandeln zu 
muffen. Die eigentlich künftlerifchen Rückfichten werden übrigens im nächftfol- 
genden Kapitel zufammen hängend erörtert werden. 



f) Gröfsenvergleich verschiedener Plätze. 

Da es leider nicht möglich war, bei unferen bildlichen Darftellungen überall 
den gleichen Mafsftab zu benutzen, fo möge der Lefer einen Gröfsenvergleich be- 
kannter Stadtplätze aus der nachfolgenden Zufammenftellung entnehmen, in welcher 
die Plätze nach abgerundeten Mafsen ihrer Gröfse nach geordnet find. 





i 




Flächen- ' 




i 


_____ 


Flächen- 




Brette 


Länge 


Inhalt 
(abgerundet) 


i 


Breite 


Länge 


inhalt 
(abgerundet) 


Königsplatz, Berlin . . . 


230 


460 


105000 


Neumarkt, Cöln .... 


113 


240 


27000 


Derfelbe mit Einfchlufs 








Trafalgar-Square, 








des fog. Kleinen Kö- 








London 


145 


166 


22000 




— 


— 


134000 


Königsplatz, München . 


120 


185 


22 000 


Rathausplatz, Wien . . 


200 


400 


80000 


Dönhoff-Y\tfz, Berlin . . 


120 


180 


22000 


Eintrachtplatz, Paris . . 


220 


360 


79 000 


Piazza del Popolo, Rom 


150 


180 


20000 


Place de V Atolle, Paris 


275 «E 


»urchm. 


69000 


Piazza Grande , Trieft 


100 


190 


19 000 


St. Peters-Ffatz, Rom . 


240 


340 


67 000 


,4/for/-Platz, Dresden . 


lÖÖmDurchm. 


19 000 


Frledrlchs-YhXz, Kaffel 


165 


340 


56 000 


Bahnhofsplatz, Han- 








Place des Natlons, Paris 


262 mE 


»urchm. 


54000 


nover 


100 
98 


200 
176 


18000 


Gensdarmenmarkt, 


Wllhelms-YtiXz, Berlin . 


17 000 




165 


340 


53000 


Königsplatz, Kaffel . . . 


140 m Durchm. 


16 400 


Viktor - Emanuel - Platz, 








St Markus -Platz, 










165 
170 


315 
300 


52 000 
51000 




58+90 


175 


18000 


Szechenyl-FlatZySzegedin 


2 


Bahnhofsplatz, Mailand 


200 


210 


42000 


Stanlslaus-P\atz, Nancy 


100 


120 


12 000 


Luftgarten, Berlin . . . 


180 


230 


41000 


Altermarkt, Cöln .... 


48 


145 


7000 


Schlofsplatz, Stuttgart . 


180 


210 


88000 


Marktplatz, Lübeck . . 


60 


85 


5000 


Cavour-Platz, Florenz . 


180 


180 


32 000 


Kapitolplatz, Rom . . . 


48+68 


79 


4500 


Kaiferplatz, Strafsburg. 


170 


185 


81000 


2 


Königsplatz, Cöln . . . 


120 


232 


28 000 


Marktplatz, Bremen . . 


63 


68 


4300 




M< 


eter 


Quadr.-Met. 


Mi 


ster 


Quadr.-Met. 



241. 

Gröfsen- 
an gaben. 



243. 



In diefen Mafsen find die den Platz umgebenden Strafsen ftets mitgerechnet, 
fo dafs die letzte Spalte die lichten Flächengröfsen zwifchen den Gebäuden an- B «^* un 8 cn 
gibt. Die Zufammenftellung zeigt deutlich, dafs die Schönheit des Platzes keines- 
wegs mit der Gröfse zunimmt. Die reizvollen Plätze zu Lübeck, Bremen und auf 
dem Kapitol zu Rom haben nur 4300 bis 5000 <- m Flächeninhalt; die berühmten 
Plätze zu Nancy und Venedig liegen zwifchen 10 000 und 15000, die Piazza del 
Popolo und der Trafalgar-Square um 20 000 Q m . Die gewaltigen Abmeffungen des 
Gensdarmenmarktes zu Berlin und des St /V/^rj-Platzes zu Rom beeinträchtigen 
die fchöne Erfcheinung diefer Anlagen nur aus dem Grunde nicht, weil in dem 
einen Falle mehrere Monumentalbauten die Fläche teilen, während in dem anderen 
die bewegte Umrifslinie, die grofsartigen Einfaffungen und die wirkfame Höhen- 



20O 



anordnung den Blick machtvoll auf die St. Peters-Kirche hinleiten. Es bleibe indes 
dahingeftellt, ob nicht die Wirkung der letzteren doch durch eine, etwas kleinere 
Anlage des Platzes gefteigert worden wäre. Die vier gröfsten Plätze und manche 
andere leiden dagegen mehr oder weniger an den Uebertreibungen des Mafsftabes 89 ). 



Plätze im 
Altertum. 



7. Kapitel. 

Oeffentliche Plätze in künftlerifcher Beziehung. 

»43. Die Anlage und die Ausbildung der öffentlichen Plätze bildet die künftlerifch 

Wl °def Clt wichtigfte Aufgabe des Städtebaues. Die glückliche Löfung diefer Aufgabe gehört 
künftierifchen zu den Grundbedingungen für die befriedigende Geftaltung der Stadt. Es ift des- 
Aufea e. ^jk zweckmässig , die im vorigen Kapitel zerftreuten Schönheitsanforderungen 
öffentlicher Plätze hier in geordneter Weife zu fammeln und durch eine zufammen- 
hängende Erörterung der künftierifchen Gefichtspunkte zu ergänzen. Nach Voraus- 
fchickung eines kurzen gefchichtlichen Rückblickes follen zu diefem Zwecke die 
Umrahmung der Plätze, die Form- und Gröfsenverhältniffe derfelben, die Be- 
ziehungen zu Monumentalbauten, die Gruppierung, Ausftattung, Einteilung und 
Höhenanordnung der Plätze befprochen werden. 

a) Gefchichtlicher Rückblick. 

a 44 . Mehr als heute wurde im Altertum der Bau einer Stadt im allgemeinen und 

die Anlage eines öffentlichen Platzes im befonderen als ein Kunftwerk betrachtet. 
Paufaräas und Arißoteles bezeichneten den Befitz von öffentlichen Plätzen und 
öffentlichen Gebäuden als für den Begriff einer Stadt notwendig, und Arißoteles 
entwickelte weife Grundfätze für die künftlerifche Schönheit und behagliche Ein- 
richtung des Städtebaues. Die antiken Stadtplätze vertraten als Volksplätze und 
Feftorte zugleich die heutigen Verfammlungsfale. 

Die griechifche Bezeichnung des öffentlichen Platzes ift -deshalb ÄYopA (ur- 
fprünglich »Volksverfammlung« bedeutend). Die Agora war quadratifch oder 
rechteckig, gewöhnlich, mit einer doppelten Säulenhalle und darüber mit einem 
offenen Umgang eingefafst, von Tempeln und anderen öffentlichen Gebäuden um- 
geben, mit Standbildern von Göttern und Helden und mit fonftigen Kunftfchätzen 
gefchmückt; ein Säulentor bezeichnete den Eingang. Dies war der griechifche 
Ratsplatz. Ein zweiter, weniger reicher Platz pflegte als Markt zu dienen; von 
noch gröfserer künftlerifcher Bedeutung aber waren die Kultplätze. Die Tempel- 
bezirke der Akropolis, zu Pergamon, zu Eleufis, zu Olympia und an anderen Orten 
waren edle Schöpfungen der Stadtbaukunft, Volks- und Feftplätze erften Ranges. 

Der römifche öffentliche Platz ift das Forum. Die ehemalige Anlage des 
römifchen Forums zu Arles in Südfrankreich zeigt Fig. 474. Die erhaltenen Refte 

30 ) Ueber Platzanlagen ftehe auch: 

Dietrich, E. Die Ausnutzung der öffentlichen Plätze als Stätten der Erholung. Baugwks.-Ztg. 1882, S. 242. 
Mühlke, C. Torplätze der Florentiner Stadterweiterung. Wochbl. f. Arch. u. Ing. 1882, S. 124. 
Mühlkk, C. Studien über römifche Platzanlagen. Wochbl. f. Arch. u. Ing. 1883, S. 46. 
. . Skibektz. Ueber die monumentale Geftaltung öffentlicher Plätze Berlins. Deutliche Bauz. 1885, S. 57, 107. 
Sitte, C. Ueber alte und neue Städteanlagen mit Bezug auf die Plätze und Monumentauflleüung in Wien. 
Wochfchr. d. oft. Ing.- u. Arch.«Ver. 1889, S. 261, 269. 



von /-"»»»«-Anlagen in Rom, in Pompeji (fiehe die bez. Abbildung in Abfchn. 5, 
Kap. 7, unter a) u. a. O. geben uns einen Begriff von der ehemaligen Pracht 
diefer antiken tFeftfälc der Stadt. Von . Viiruv ift uns die Konftruktion, von 
anderen Schriftft ellern das Leben auf den römifchen Foren befchrieben. Auch hier 
rinden wir Sä ulenft eilungen, Tempel und fonftige Monumentalbauten ringsum, fowie 
Denkmäler, Altare, auch wohl ganze Kultusgebäude auf dem Platze felbft. Zu 
unterfcheiden find das Forum civile, der eigentliche Rats-, Gerichts-, Wahlplatz u. f. w., 
und die Fora venatia, die Verkaufs markte. Auch zu Schauftellungen, Gladiatoren- 
kämpfen und dergl. wurden die Fora benutzt, wenn auch die Theater, Paläftren 
„. und Thermen zu gleichen und ähnlichen 

Zwecken dienten. Viele öffentliche 
Plätze in italienifchen Städten (z. B. 

ÜW"""%. Piazza Navona, Piazza äi Termini in 

[' % Rom) find die Refte folcher antiken 

~ Anlagen, deren grundlegende Eigen- 

fchaften : Unbedecktheit und feitliche 
Umfchloffenheit, fich wider fpiegeln in 
den Binnenhöfen des altrömifchen Wohn- 
haufes und in den von jenen abzu- 
leitenden , mit Galerien umgebenen 
Höfen der Wohnhäufer in fudeuropäi- 
fchen Städten. 

Das Mittelalter unterfchied in Ita- 
lien deutlich zwifchen drei Platzarten, 
Midi,. nämlich der Signoria , dem weltlichen 

Platze , gewöhnlich dem vornehmften 
Paiafte als Vorplatz dienend und von 
anderen Öffentlichen Gebäuden umgeben, 

Ooft auch mit einer Säulenhalle (Loggia) 
als Redebühne und Hauptwache ge- 
□ fchmückt ; dem Dom- oder Kirchen- 
platze, auf und an welchem das Gottes- 
haus, das befondere Baptiftcrium, der 
m" Campanile, der Bifchofspalaft vereinigt 

waren; endlich dem Mercato, d. h. dem 
Marktplatze mit Brunnen und Wage 
und ftädtifchen Verwaltungsgebäuden. Signoria und Mercato haben in den antiken 
Anlagen ihr Vorbild, nicht aber der Kirchenplatz ; die Kirche ift auf demfelben 
feiten ganz freiftehend errichtet, fteht vielmehr gewöhnlich auf einer oder mehreren 
Seiten mit Klofter- und Schulgebäuden und ähnlichen Bauanlagen in Zufammen- 
hang. Zuweilen wird aus dem Domplatz mit feinen verfchiedenen Bauwerken der 
Glanzpunkt der Stadt, den griechifchen Tempelbezirken vergleichbar; fo in Pifa, 
wo noch heute Dom und Baptifterium, Glockenturm und Campo Santo in monu- 
mentalem Einklang ihre Marmorfprache reden. - 

Die deutfchen Städte des Mittelalters benutzten als Volks- und Feftplätze den 
Markt, der zugleich den Rathausplatz bildet, Brunnen und Denkfaulen trägt. Wir 
haben im] vorhergehenden Kapitel zahlreiche Beifpiele angegeben und fchon auf 



Rümifches Forum ; 



den Umftand verwiefen, dafs im Ge genfatze zu dem frei an oder auf dem Markte 
fich erhebenden Rathaufe die Kirchengebäude gewöhnlich zurückgezogen und zu- 
meift in beengter Umgebung liegen. Sie lehnen fich an Kreuzgänge , Stifte, 
Seminargebäude an, ftehen jedoch auch oft frei auf den fie umgebenden Friedhöfen 

F>B- 475- 




1:1500 

TM T 7 T T 7 7 7 ' 

Schlofsplatz zu Kobf< 



und Zugangsplätzen. Beide Arten der Aufftellung haben nach Aufhebung der 
Friedhöfe und nach Niederlegung der kleinen Baulichkeiten, die in nach mittelalter- 
licher Zeit die Dome und Kirchen mit einem Schmarotzerring umklammerten, 
unfere heutigen Städte mit vielen fchönen Kirchenplätzen ausgeftattet. Dafs indes 



203 



346. 

Renaiflancc- 

platze. 



die Freilegung auch übertrieben werden kann , wird in Kap. 8 diefes Abfchnittes 
befprochen werden. 

Die Renaiflance griff in ihren Platzanlagen auf altrömifche Vorbilder zurück, 
auf die Fara % aber auch auf die Thermen, Theater und Zirkusbauten. Befonders 
in Italien wurde die Umrahmung durch Säulenhallen, letztere entweder felbftändig 
oder mit den Häufern vereinigt, in geraden und bogenförmigen Grundrifslinien ge- 
pflegt; Obelisken, Statuen und Brunnen bildeten den mannigfaltigften Schmuck. 
Die Barockzeit war die Blüte diefer Kunftübung. Den SU Markus-?\ziz mit ge- 
rader Umrahmung nach Art der Foren befprachen wir fchon in Art. 231 (S. 184), 
den Popolo- und den St Peters-Platz mit gekrümmten Umrifsbauten in Art. 217 
(S. 173). Aufser den ganz umrahmten Plätzen finden wir diejenigen-, welche 
bühnenartig an drei Seiten gefchloffen, an der vierten (der Schaufeite) offen find; 
dahin gehören der Vorplatz vom Palazzo Pitti und der Anmmziaten-Flatz in Florenz 
(Fig. 442), der Colmna-Vlatz in Rom (Fig. 418), namentlich aber der Kapitolplatz 
dafelbft (Fig. 437). Mit der neuen Kunftweife fanden auch die italienifchen Platz- 
anlagen Nachahmung in ganz Europa. Befonders fchufen in Spanien, Frankreich 
und Deutfchland die fpätere Renaiflance und die Barockzeit viele bemerkenswerte 
Werke diefer Art. Gefchloffen mit Gebäuden und Hallen umrahmt fehen wir die 
Plazas mayores in Madrid, Salamanca, Bilbao u. a. O. Den Statrislaus-Y\atz in 
Nancy (Fig. 440), die Tuilerien und den Vogefenplatz in Paris (flehe die bez. Ab- 
bildung in Abfchn. 5, Kap. 7, unter a), die Plätze am Schlöffe und am Branden- 
burger Tor zu Berlin, die Refldenzplätze zu Wien, Verfailles, Stuttgart, Karlsruhe, 
Würzburg, Koblenz, Braunfeh weig, Gotha und zahllofe Vorplätze öffentlicher Ge- 
bäude, mit Vorliebe an der Hauptfront und an zwei Nebenfeiten vom Bauwerk 
und deffen Flügeln umfafst, verdanken wir jenem in der grofsen Maffenanordnung 
fo unternehmenden und erfolgreichen Zeitabfchnitte. Fig. 475 gibt uns ein Bild, 
wie es ähnlich an fehr vielen Orten wiederkehrt. 

Das XIX. Jahrhundert hat trotz Schinkel und Semper auf dem Gebiete des 
Städtebaues wenig Künftlerifches geleiftet, obwohl in der zweiten Hälfte desfelben 
der Auffchwung des Städtelebens und die bauliche Ausdehnung der Städte viel- 
leicht gröfser gewefen find als zu irgend einer Zeit. Die Arbeit des Geometers 
und die parzellierende Tätigkeit des nach Gewinn trachtenden Unternehmers er- 
fetzen noch heute vielfach den Entwurf des Baukünftlers. Des Landmeffers und 
des Unternehmers Tätigkeit find zwar nicht zu entbehren; aber erft die Durch- 
dringung des Ganzen durch den baukünftlerifchen Gedanken vermag den Städtebau 
aus feiner bisherigen Verflachung zu erheben und den Leiftungen früherer Kunft- 
perioden ebenbürtig an die Seite zu ftellen. Wenn nicht alles täufcht, haben wir 
übrigens in Deutfchland den Weg einer gefunden Entwickelung betreten, die wir 
in ihrem künftlerifchen Teile befonders den Anregungen Sitte' $ zu verdanken haben. 
Am fchwächften fcheint die künftlerifche Betätigung im nordamerikanifchen Städte- 
bau zu fein; das Streben nach Maffenhaftigkeit, Schnelligkeit und Geldgewinn 
fcheint dort den künftlerifchen Erwägungen bis jetzt den Eintritt in die technifche 
Aufgabe überhaupt zu verwehren. 

b) Umrahmung. 
Erft durch die Umrahmung wird aus der freien, unbebauten Fläche ein Platz. *48. 

Architektonifcher 

Solange die Umrahmung nur eine Linie im Lageplan, eine Einfaffungsmauer, eine piatzcharakter. 



247. 

Sttfdtebau 

im 
XIX. Jahr- 
hundert. 



Schließung 
der 



204 

Pflanzung ift, alfo nicht den Charakter der architektonischen Wand befitzt, fehlt 
dem Platze die Eigenschaft des Körperlichen, des Baukünftlerifchen. 

Die in Kap. 5 befprochenen Strafsenkreuzungen , -Erweiterungen und -Ver- 
mittelungen gehören hiernach auch vom künftlerifchen Standpunkte nicht unter die 
Stadtplätze, und den in Kap. 6, unter a behandelten > Verkehrsplätzen c, welche 
beftimmungsgemäfs von vielen Seiten für den durchgehenden Verkehr offen find, 
wohnt nur in Ausnahmefällen der architektonifche Platzcharakter bei, infofern trotz 
der Verkehrsdurchbrechung die gefchloffene Umrahmung möglichft gewahrt ift; fo 
in Fig. 363, 366 u. 368 durch die gefchloffene Bahnhofswand an der einen Lang- 
feite,, in. Fig. 375 und befonders in Fig. 364 durch die die freie Fläche umfchliefsen- 
den Bogenhallen, endlich in Fig. 367 durch den Tor- und Gebäudeabfchlufs an 
der einen Langfeite und die eiiifaffenden Rampenbauten an den Querfeiten. Im 
allgemeinen ift der von vielen Seiten geöffnete, von Wagen und Fufsgängern nach 
allen Richtungen gekreuzte Verkehrsplatz etwas künftlerifch Unbefriedigendes, etwas 
Unruhiges und Unbehagliches; die Warnung, folche Plätze — welche die Urfache 
der mit dem Namen »Platzfcheuc belegten modernen Krankheit fein mögen — , 
befonders die Sternplätze, allzuoft dem Stadtplane einzufügen, wird daher wieder- 
holt gerechtfertigt fein; 

349. Selbftredend kann die Platzumrahmung nicht vollständig gefchloffen fein, da 

Zugangsftrafsen unentbehrlich find; aber einesteils zeigten uns fchon Fig. 364, 367, 
Lücken. .395 u. 470, wie die über .die Strafsenmündungen fortgefetzten Kolonnaden oder ein 
Törbau den Zufammenhang herftellen, und anderenteils kann die Art der Einführung 
der Strafsenrichtungen in den Platz eine folche fein, dafs die Upirahmung mögiichft 
wenig zerteilt erfcheint, indem der Blick mehr auf die Bauwerke als in die Strafsen- 
lücken gerichtet ift (Fig. 376 bis 380). 

250. Die Kolonnaden find entweder den Häufern vorgelegt / bezw. in die Unter- 

gefchoffe der Häufer eingebaut und über die Strafsenöffnungen durch weiter ge- 
fpannte Bogen verbunden, oder es handelt /ich um. felbftändige Säulenhallen, deren 
Zweck darin befteht, dem Platze eine fchmuckhafte Umrahmung zu verleihen. In 
beiden Fällen pflegen die Hallen zugleich als gefchützte Wandelgänge zu dienen. 
Das grofsartigfte Beifpiel der zweiten Art bietet der in Fig. 423 (S. 174) dar- 
gestellte St. Peters-Platz zu Rom. 

a 5«- Auch die Torbauten bilden entweder Teile der den Platz umgebenden Häufer, 

^jue" w * e t> e ^ m Jofeph-¥\aXz- in Wien , beim Kerkboog in Nymwegfen , bei den Durch- 
Brüftungcn. fahrten und Durchgängen unter den Räthäuferh des Mittelalters und der Renaiflance 
(Mühchen, Lübeck, Emden etc.), auch bei der Piazza Grande zu Trieft (Fig. 469) 
und beim Vogefenplatz.in Paris (fiehe a,. a. O.), oder' es find felbftändige Bauwerke : 
Triumphtore, Ehrenpforten, Stadttore. Der Sta?nslaiis-¥\z.tz zu Nancy (Fig. 440), 
der Amalieborg-VXdXz zu Kopenhagen (Fig; 443), der Kar/s-Flati und der. Köriigs- 
platz zu- München (Fig. 392 ü. 444); der Pariferplatz zu Berlin (Fig. 465). gewähren 
Beifpiele hierfür. Als Umrahmungen eigentümlicher Art find die fchrtiiedeifernen 
Gitter an den Ecken und .der örtlichen Strafsenöffnung des S/a«w&Ktf-Platzes , die 
Brüftungsgeländer des Parifer Eintrachtplatzes (Fjg. 45 1 .), fowie die Brüftungen an 
den Querfeiten und die Terraffe an der oberen Langfeite des Trafalgar-Square zu 
London (Fig. 456) zu bezeichnet Der Abbruch vieler mittelalterlicher Stadttore 
war nicht blofs eine Verirrung vom kunftgefchichtlichen Standpunkte der Denkmal- 
pflege, aus, fondern ebenfofehr deshalb,: weil dadurch eine Lücke, ein Nichts 



Kolonnaden. 



205 



F 'g- 476- gefchaffen wurde an Stellen, wo für das 

Straf senbild, für die Umrahmung vorhandener 
oder anzulegender Plätze die Gefchloffenheit 
entfeh ieden Bedürfnis war. 

Werden die Strafsenrichtungen über die »s« 
Platzfläche oder neben derfelben fortgefetzt, SlI J* 
fo kommt der Platz felbft wenig zur Gel- mündun 
tung. Anders, wenn die Sehrichtung der 
Strafsen an einer Platzwand endigt, der Rah- 
men alfo gefchloffen erfcheint. Die einfachfte 
Anlage diefer Art ift der in Art. 185 (S. 146) 
fchon erwähnte Turbinen- oder Windmühlen- 
platz (Fig. 476). Zu welchen Anwendungen 
diefes Schema fich eignet, zeigen Fig. 477 aus Ravenna, Fig. 478 aus Mantua, 
Fig. 47g aus der Stadterweiterung von Brunn, Fig. 480 aus der Stadterweiterung 
von Marienberg. Verwandt damit ift die Zielrichtung der Strafsen auf Platzwan- 
dungen in Fig. 481 bis 483 aus Luxemburg, Gelfenkirchen und München. 

Ein eigenartiges Mittel, die Lücken, der Platzumrahmung möglich ft zu verkleinern, «M 
findet fich, wie bereits in Art. 202 (S. 159) erwähnt wurde, in einer grofsen Zahl der- dQ ' 
jenigen Städte angewandt , die im XIII. und Sumfadi 
XIV. Jahrhundert in den örtlichen Grenzländern 
Deut fehl an ds als deutfehe Anfiedelungen gegründet 
wurden, z. B. in Pilfen, Waidenburg i. Schi., 
Glogau, Pofen. Es ift die in Fig. 484 nochmals 
dargertellte Anordnung, nach welcher zwei auf 
der Platzecke einmündende Strafsen nur etwa in 
halber Breite auf der Platzfläche ihre Fortfetzung 
finden. Die Eckhäufer a und b find alfo in den 
Strafsenrichtungen A und B fichtbar; die Platz- 
wand a c gewinnt an Länge, und die Lücken an 
den Platzecken werden kleiner. Da die entftehen- 
den Einengungen für den Verkehr hinderlich 
werden können und die mittelalterlichen Städte 
baumeifter bei ihren Neuanlagen äfthetifche Er- 
wägungen kaum in den Vordergrund ftellten, fo 
wird man annehmen dürfen, 



Turbinen- oder Windmühlen plat 



Fig. 477. 




Dom platz 



Ravenna. 



Fig. 478. 

••N rr— i 



Piazza San Pietro -. 



dafs die Erzielung längerer 
Platzfronten für gefchäftliche 
Zwecke das eigentlich Trei- 
bende diefer Anordnung ge- 
wefen ift, die aus künftlerifchen 
Gründen Nachahmung ver- 
dient, wo der Verkehr es zu- 
läfst. Es ift unter Umftänden 
zuläffig, zur Verkehrserleichte- 
rung die Ecken a und b im 
Erdgefch'ofs abzukanten , die 



% s 





FI 



Fiatzecken 



Marktplätzen 
mittel- 
alterlicher 
Kolonial- 
ftädte. 



Zurückgezogene Platzecken. 




Fig. 486, 487 u. 488: Aus Stadterweiterungsplänen für Polen und Gelfenkirchen. 



2Q8 

oberen Gefchoffe aber voll auszubauen. Auch ift die Anordnung in Fig. 485 
anwendbar, wo die Ecken a y a fo weit zurückgezogen find, dafs trotz der Bei- 
behaltung der teilweifen Verdeckung der Strafsenlücke der Verkehr eine hinreichend 
bequeme Einfahrt auf die Platzfläche gewinnt. Neuere Beifpiele zeigen Fig. 486 
bis 488 aus Pofen und Gelfenkirchen. 
a 54. Die den Platz umrahmenden Gebäude bedürfen eines gewiffen harmonifchen 

und maierifche Zufammenklanges, welcher oft durch eine gleichförmige oder fymmetrifche Anordnung 
Anordnung erzielt ift (Atnalieborg'¥\2A.z, Vendomeplatz , St. Markus-VlzXz, Kapitolplatz u. f. w.), 
Bauwerken. aber ebenfowohl durch ein malerifches Gleichgewicht verschiedenartiger Einzel- 
gebäude hervorgerufen werden kann, wie es viele mittelalterliche Marktplätze fo 
anmutig zeigen (Lübeck, Bremen, Stralfund, Breslau, Krakau, Brüffel, Veurne, 
Brügge u. f. w.). Zumeift wird das Rathaus, ein Gerichtsgebäude, eine Kirche das 
Hauptftück in der Umrahmung bilden, dem die übrigen Gebäude (Zunfthäufer, Wirts- 
häufer, Wache u. f. w.) fich als zierende FafTung anfchliefsen. Auch ift die Au- 
fteilung zweier verfchiedenartiger Hauptgebäude an den einander gegenüberliegenden 
Platzfeiten (Vor- und Rückfeite) ohne Schwierigkeit durchzufuhren, da fie fich dem 
Blicke nicht paarweife darfteilen. 
* 55 * Bedenklich ift dagegen die in neuen Stadtplänen oft zu beobachtende An- 

Aufteilung Ordnung in der Weife, dafs zwei Bauwerke, beifpielsweife zu beiden Seiten der 

gleichartiger Hauptfehachfe oder zufammen eine Platzwand bildend, gepaart nebeneinander er- 
Gebäude. r » & r 

fcheinen. Das Bedürfnis nach zwei derartigen gleichwertigen Gebäuden ift, wie 

fchon in Art. 224 (S. 178) erwähnt wurde, ein recht feltenes; es follte jedenfalls 
nicht durch den Stadtbauplan künftlich herbeigeführt werden. 
a 5«- Die wohlüberlegte künftlerifche Umfchliefsung der freien Platzfläche ift ein 

dea unentbehrliches Mittel, wenn die Aufgabe erfüllt werden foll, trotz der veränderten 
Stadtplanes Gefeil fchafts- und Verkehrsverhältniffe moderne Stadtplätze wieder auf die künft- 
Binncnhofc. lerifche Höhe antiker Foren und mittelalterlicher Marktplätze zu bringen oder den 
Schöpfungen der Renaiffance gleichzuftellen. Sie führt den Platzgedanken auf 
feinen Urfprung zurück; fie entfpricht der Verwandtfchaft zwifchen dem Atrium des 
antiken Haufes und dem Forum der antiken Stadt, zwifchen dem Binnenhofe der 
mittelalterlichen Burg oder des Renaiflancefchloffes und dem Stadtplatze der Neu- 
zeit. Je mehr diefe Verwandtfchaft fich ausprägt, umfo glücklicher wird die künft- 
lerifche Wirkung fein. 

c) Geftalt und Gröfse. 

w Soll dem ftädtifchen Platze im Sinne der vorftehenden Schlufsfätze eine Raum- 

cinfpringenTcr Wirkung innewohnen, fo wird er eine Grundrifsform erhalten muffen, deren Seiten 
Ecken; geeignet find, das Ganze als einheitlichen Raum zwifchen Gebäudewänden erfcheinen 
zu laffen. Zerteilte Umrifslinien, wie beifpielsweife am Lmfen-Plztz zu Darmftadt 
(Fig. 449, S. 187) und an den platzartigen Erweiterungen der Karl-Friedrich-StriAse 
zu Karlsruhe (fiehe die bez. Abbildung in Abfchn. 5, Kap. 7, unter a), mit vielen 
einfpringenden Ecken, zerftören die Raumwirkung. Die Konkavität ift, wie bei den 
Fluchtlinien und Höhenlinien der Strafsen, fo auch bei den Platzumrahmungen an- 
zudrehen, die Konvexität zu vermeiden; dies gilt nicht in dem Sinne, dafs der 
Entwerfer alle Platzlinien im Hohlbogen zu zeichnen habe, fondern etwa derart, 
wie ein Photograph eine gröfsere Gefellfchaft aufftellen wird, um ein vorteilhaftes 
Gefamtbild zu erzielen. Er wird die Perfonen im allgemeinen in konkaver Linie 



Konkavität. 



209 



mit der nötigen künftlerifchen Freiheit vor fich gruppieren und nur wenigen, etwa 
befonders wichtigen Persönlichkeiten den entfchiedenen Vortritt geftatten. Auf 
diefe Erwägung ftützt fich die gute Wirkung von Plätzen, wie der Leipziger Platz 
in Berlin, der Vendome-Platz in Paris, die St. /Vter-y-Kolonnaden in Rom u. f. w. 
Ja, viele nach allen Seiten geöffnete Verkehrsplätze gewähren, trotz ihrer Zer- 
riffenheit, infolge der nach einer Hohllinie angeordneten Gebäudegruppierung ein 
gutes Bild. 

Einer regelmäfsigen Geftalt im geometrifchen Sinne bedarf der Platz nicht; 
ebenfowenig ift Symmetrie von nöten. Wohl aber ift das äfthetifche Gleichgewicht 
erforderlich und das Hervorbringen von Verzerrungen und Mifsbildungen zu ver- 
meiden. Die nur anfcheinend willkürlichen, im Laufe von Jahrhunderten aus be- 
ftimmten Gründen entftandenen Unregelmäfsigkeiten mittelalterlicher Plätze können 
wir trotz ihrer reizvollen Erfcheinung nicht willkürlich nachmachen. Aber auch in 
modernen Stadterweiterungen hat die Unregelmäfsigkeit überall da ihre Berechtigung, 
wo fie örtlichen Gründen entfpringt und künftlerifche Zwecke verfolgt. An die 
Plätze, welche wir fchaffen, vermögen wir nicht den malerifchen Niederfchlag ver- 
gangener Zeiten hinzuzaubern; fondern die von uns entworfenen Plätze werden in 
wenigen Jahren oder Jahrzehnten von den Wohnungen und Gebäuden moderner 
Menfchen umrahmt fein. Daraus folgt für uns die Herrfchaft — nicht des Lineals 
und des Zirkels, fondern des fchaffenden Geiftes, der fich des Lineals und des 
Zirkels wie auch der freien Linienführung bedient, um künftlerifche und praktifche 
Zwecke zu erreichen, ohne fich in grundlofe Willkürlichkeiten zu verlieren. 

Trotz der Grundverfchiedenheit von jetzt und ehemals lernen wir aus der 
Ungebundenheit alter Plätze, dafs wir in der Durchbildung des Einzelnen uns von 
ängftlicher Regelmäfsigkeit und Symmetrie frei machen follen, wenn wir das Ganze 
nach einem unferer Zeit angepafsten Gedankengange geftaltet haben. Die fchöne 
Form der Piazza delle Erbe in Verona (fiehe die bez. Abbildung in Abfchn. 5, 
Kap. 7, unter a) kommt voll zur Geltung, obwohl die beiderfeitige Linienführung 
weder genau fymmetrifch, noch im einzelnen regelmäfsig ift. Durch derartige 
Unregelmäfsigkeiten, Rückfprünge und Ausbuchtungen können fogar unfchöne 
Platzfiguren, wie die Dreieckfläche, die fich in unferen neuen Stadtplänen dem 
Zeichner fo oft aufdrängt, erträglich, ja malerifch gemacht werden, während 
am regelmäfsigen Dreieckplatze die Gebäudelinien hart und verletzend aufeinander 
ftofsen. 

Die Gröfse einer Platzanlage foll fich nach ihrem Benutzungszwecke und nach 
der Gröfse der auf oder an dem Platze zu errichtenden Gebäude richten. Aus den 
Marktgefchäften, aus dem Wagen- und Fufsverkehre, aus der Annehmlichkeit 
gärtnerifcher Erholungsplätze und aus fonftigen praktifchen Bedürfniffen läfst fich 
die erforderliche Gröfse der Platzflächen ableiten; aber die Grenze der zuläffigen 
Gröfse und insbefondere die Grenze der zuläffigen Abmeffungen nach oben und 
nach unten ift nach künftlerifchen Erwägungen feftzufetzen. Das verdienftvolle 
Werk von H. Maertens: Der optifche Mafsftab etc. (2. Aufl. Berlin 1884) und das 
vergleichende Studium bekannter Stadtplätze liefern uns hierfür den nötigen Anhalt 40 ). 

Nach den Maertensichen, bisher im wefentlichen nicht widerfprochenen 
Theorien ift: 

1) ein Abftand gleich der »massgebenden Höhe« des Bauwerkes, alfo ein Auf- 



258. 

Regelmäfsig- 
keit, 
Symmetrie, 
Gleichgewicht, 
Unregel- 
mäfsigkeit. 



359. 
Platzgröfse. 



*°) Vergl. auch: Maertens, H. Optifchcs Mafs für den Städtebau. Bonn 1890. 
Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) 



14 



210 

fchlagswinkel der Augen von ungefähr 45 Grad, befonders geeignet, die Einzelheiten 
des Werkes zu berichtigen ; 

2) ein Abftand gleich der doppelten Gebäudehöhe (Augenauffchlagswinkel 
27 Grad) als normal zu bezeichnen, um das ganze Gebäude als Bild für fich zu 
betrachten, während 

3) ein Abftand gleich der dreifachen Höhe (Augenauffchlagswinkel ungefähr 
18 Grad) das Bild des Bauwerkes mit der Umgebung vereinigt und die Einzelheiten 
verwifcht; fchliefslich 

4) ein vier- oder fünffacher Abftand überhaupt nur ein malerifches Gefamtbild 
gewährt, in welchem das Bauwerk wefentlich durch feine Umrifslinie wirkt. 

Für die Beftimmung der »massgebenden Höhec follen Türme und ähnliche 
Aufbauten, auch hohe Dächer u. f. w. gewöhnlich nicht mitgerechnet werden. Der 
gröfste Augenfeiten winkel , bei welchem noch ein deutliches Sehen ftattfindet, wird 
etwa 70 Grad betragen. 

Nach diefen Sätzen ift die Breite einer Strafse oder eines Platzes, an welchem 
ein auf Beachtung Anfpruch machendes Gebäude errichtet werden foll, mindeftens 
gleich der Höhe desfelben zu beftimmen. Viele Bauordnungen (vergl. Art. 120, 
S. 71) laffen hiernach fchon etwas zu grofse Haushöhen zu. Andererfeits aber ift 
auch unfere Warnung vor allzu grofsen Strafsenbreiten (fiehe Art. 114 u. 123, S. 69 
u. 72) gerechtfertigt. Ebenfo ergibt fich, dafs manche mittelalterliche Kirchen- 
plätze zu klein bemeffen, während andererfeits viele moderne Plätze übertrieben 
grofs angelegt find. Denn aus den Sätzen von Maertens folgt ferner, dafs eine 
Platzbreite, welche die doppelte bis dreifache Gebäudehöhe überfchreitet , für die 
Betrachtung und Wirkung des Bauwerkes ungünftig ift. Dadurch foll aber nicht 
ausgefchloffen fein, dafs an einzelnen Punkten des Platzes der Betrachtungsabftand 
ein gröfserer ift (bis zu ungefähr der vierfachen Höhe), um auch die malerifch- 
architektonifche Vereinigung des Bauwerkes mit feiner Umgebung geniefsen zu 
können, und ebenlowenig find folche Strafsenführungen zu beanftanden, welche den 
Blick aus gröfserer Entfernung auf das Bauwerk als Schlufsbild des Blickes hin- 
leiten. Aber auch in derartigen weiten Strafsendurchblicken ift Mafs zu halten, 
weil bei der Steigerung der Sehlänge auf etwas mehr als das Sechsfache der Höhe 
die Bedeutung des Bauwerkes in unvorteilhafter Weife abgefchwächt werden 
kann, wenn nicht der unmittelbare Gröfsenvergleich mit kleineren Gebäuden fich 
geltend macht. 
260. Nach Maertens fieht man von der Mitte des MarJkus-PIdXzes die alte Procurazie 

Beifpieic. un ter einem Augenauffchlagswinkel von 29 Grad, die neue unter 33 Grad, die 
Mar&us-Kirche unter 28 Grad, während, von den Langfeiten aus gemeffen, die 
beiden erften Winkel fich auf 16 Grad und 18 Grad ermäfsigen. Die durchfchnitt- 
liche Platzbreite beträgt etwa das Dreifache der Gebäudehöhe. 

Unfere Angabe in Art. 216 (S. 171) über die Mindeftgröfse der Vorplätze vor 
öffentlichen Gebäuden ift durch die Maertens* (chzvi Sätze beftätigt. Die Höhe des 
Gerichtsgebäudes am Appellhofplatze zu Cöln ift ungefähr 30 m , die Platzbreite nur 
32 m ; man mufs deshalb die Rampen hinab in die Komödienftrafse fteigen, um das 
Gebäude möglichft überfehen zu können. An der Piazza della Colonna zu Rom 
fieht man dagegen den dem Corfo gegenüberliegenden Palaft vom Corfo aus in 
einem Abftande, welcher der 2^2- bis 3-fachen Höhe entfpricht, die 29 m hohe 
Säule des Marc Aurel dagegen in einer Entfernung von ungefähr 40 m . 



Fig. 489. 



J 



D 

M E-J fe ..JA k ..„,... ijj E 



Fig. 490. 



Beim Mailänder Dom beträgt das Verhältnis der Platztiefe zur Fronthöhe 
(169: 56 m ) ungefähr 3:1; daher ift der Eindruck umfoweniger ein gewaltiger, als 
die Domfaflade auch über die den Platz umfaffenden hohen Gebäude nicht ent- 
fchieden genug emporragt; der monumentale Schmuck des Platzes hat die Wirkung 
etwas verbeffert. Auf dem Domplatz zu Palermo dagegen erblickt man das Bau- 
werk von der Langfeite des Platzes in einem Abftande, welcher etwas weniger als 
das Doppelte der Höhe beträgt; daher der 
grofsartigere Eindruck. Der St. Peters-Dom 
macht auf den Befchauer, wenn er die 
Piazza Rußicucci betritt, nicht den erwartet 
grofsartigen Eindruck; denn wenn auch die 
Höhe der Kuppel über dem Standorte etwa 
143 n> betragen mag, fo ift doch der Augen- 
abftand (340™) von der Vorhalle faft das 
2 1 /i-fache und von der Vierung (480™) faft 
das 3 1 /»-fache der Höhe. Daher ift der Ein- 
druck des Domes mehr ein malerjfcher; er 
ift ein Teil des herrlich fich entwickelnden 
Gefamtbildes. 

Das fcHöne Verhältnis wie ungefähr 
1:2 bis 1:2V* zwifchen Platzbreite und 
Gebäudehöhe zeigen z. B. der Kapttolplatz 
zu Rom, die Piazza delC Amrunsiata zu 
Florenz und der Marktplatz zu Brüffel. Das 
Verhältnis zwifchen der Breite des Kaifer- 
platzes zu Strafsburg und dem neuen Kaifer- 
palafte dafelbft ift gröfser als 1:4; es ift 
daher nicht zu verwundern, dafs der Palaft 

a' : > von den meiften Betrachtungspunkten aus 
durchaus nicht den erwünfchten Eindruck 
macht. Am Königsplatz und Friedrichs- 
Platz zu Kaffel, am Rathausplatz zu Wien, 
am Szechenyi-Vlax?. zu Szegedin fteigt das 
Verhältnis bis auf 1 : 8 und mehr. Umge- 
kehrt finkt dasfelbe beim Rathausplatz in 
Cöln (fiehe Fig. 74, S. 51), fowie auf den 

'~~1 __^— «■» — ""~~~~~ Langfeiten der Münfter zu Regensburg und 

- . ',.A fT 7 ^ . Strafsburg (Nordfront) unter 1:1. 

Kehren wir von der Gröfse der Plätze s 
zur Geftalt derfelben zurück, fo ift es nach ' 
dem Gefagten klar, dafs Turmfronten und hohe Kuppelbauten eine Platzform ver- Bn£te 
langen, welche eine entfprechende Entfernung von den hohen Bauteilen geftattet; 
die Plätze beanfpruchen eine grofse »Tiefe« (vergl. Fig. 417 [S. 172], Fig. 419 [S. 172], 
Fig. 478 [S. 205] u. Fig. 489). Sitte bezeichnet diefe Platzanordnung mit dem 
Namen »Tiefenplätze*. Langgellreckten Gebäuden von nicht fo ausgeprägter Höhen- 
entwickelung, wie Rathäufer, Mufeen, auch Seitenfronten von Kirchen, entfpricht 
dagegen eine längliche Platzgeftalt von geringerer Tiefe, »Breitenplätze* oder 









Domplatz zu Palermo. 



»Seitenplätze« genannt (vergl. Fig. 366 [S. 149], Fig. 368 [S. 151] "■ Fig. 481 [S. 206}, 
fowie Fig. 490). Der St. Markus-Vl&tz zu Venedig (Fig. 441 [S. 183]) trägt in feiner 
Grundrifsanordnung fowohl dem Aufbau der Kirche, als der geftreckten Anlage 
der Procurazien Rechnung. 



Umgestaltung der Umgebung der Votivkirche zu Wien. 

Es wäre eine vergebliche Mühe, fchönheitliche Grenzen für das Verhältnis 
zwifchen der Länge und der Breite eines Platzes feftftellen zu wollen. Der Quadrat- 
form fich nähernde Plätze, wie Fig. 434 bis 437, 440, 442 u. f. w., können in 
. Wirklichkeit ebenfowohl äfthetifch befriedigen , wie fehr langgeftreckte Plätze, 



213 

■ 

z. B. Fig. 381 u. 389. Es kommt lediglich der perfpektivifche Eindruck in Be- 
tracht , welcher vom Standpunkte des Befchauers , von der Umbauung und der 
Ausftattung des Platzes abhängig ift. Je geftreckter allerdings der »Platze wird, 
defto mehr erfcheint er als »Strafse«; vielleicht bezeichnet daher das Verhältnis des 
Navonaplatzes in Rom (1 : 4) die Grenze zwifchen Platz und Strafse. Der fog. 
Friedrich- Wi/Ae/ms-Platz in Aachen (Verhältnis 1 : 6) und der fog. Ständeplatz in 
Kaffel (Verhältnis 1 : 7) wirken tatfächlich nur als Strafsen. 

Beftrebungen, zu enge Plätze zu vergröfsern, eingebaute oder zu nahe umbaute » 6 3- 
Monumentalbauten »freizulegen«, find an fich lobenswert, aber nicht ungefährlich. und 
Vorgekommene Uebertreibungen haben die Gegenwirkung hervorgerufen, dafs vor Einfchränkung 
Platzerweiterungen und Freilegungen überhaupt gewarnt wird und dafs umgekehrt 
auch Beftrebungen erwachen, zu grofse Plätze zu verkleinern, allzu frei liegende 
Monumentalbauten durch eine engere Umbauung einzuschränken. Sitte hat in feinem 
mehrgenannten Werke Vorfchläge ausgearbeitet, die freie Umgebung des Juftiz- 
gebäudes, des Burgtheaters, des Rathaufes und der Votivkirche zu Wien durch Ein- 
fügung neuer Baugruppen zu befchränken. Wenn auch die Sitte 9 fchen Vorfchläge 
vom Standpunkte des Verkehres zum Teile als unausführbar bezeichnet werden 
muffen und zugleich manche äfthetifche Bedenken wachrufen, fo enthalten die- 
felben doch künftlerifche Wahrheiten, welche für die Entwickelung des Städtebaues 
bereits von fegensreichen Folgen gewefen find. In Fig. 491 geben wir eine be- 
herzigenswerte Skizze der von Sitte empfohlenen Umbauung der Votivkirche in Wien. 

Der fehr grofse Platz zwifchen der Ringftrafse und der Kirche und der kleinere Platz 
hinter dem Chor derfelben follen durch die Blöcke A, B und C teil weife verbaut werden, fo 
dafs fich vor der Turmfront ein Atrium als Tiefenplatz von befchränkter Ausdehnung, an der 
Währingerftrafse ein Platz zur Betrachtung der Seitenanficht ergibt, während hinter dem Chor 
noch eine freie Fläche verbleibt, welche hinreichen foll, um den Chor und das Kreuzfchiff übereck 
zu betrachten. Die Seitenteile der Ringftrafsenfront würden durch monumentale Brunnen ge- 
fchmückt, bei D ein Standort für ein »Denkmal erfter Grofse« gewonnen werden, dem der ge- 
fchloffene architektonifche Hintergrund wirkfam zu ftatten käme. 

d) Stellung von Monumentalbauten an oder auf freien Plätzen. 

Der Anfchauung, nach welcher im vorhergehenden Kapitel die Vorplätze, um- 364. 
bauten und bebauten Plätze voneinander unterfchieden wurden, läfst fich, wenn man ""von" * 
nicht von den Plätzen, fondern von den Bauwerken ausgeht, auch in der Weife Bauwerken. 
Ausdruck geben, dafs man unterfcheidet, ob das Bauwerk (oder die Bauwerke) von 
einer Seite, von mehreren Seiten oder von allen Seiten frei flehen. 

Die nur von einer Seite freien Gebäude erfcheinen dem äufseren Befchauer 
weniger als Baukörper, denn als Schaufront, als Platzwand. Bei Befprechung der 
Vorplätze und umbauten Plätze im vorhergehenden und unter b des gegenwärtigen 
Kapitels find zahlreiche Beifpiele angegeben. Auch die griechifche Agora und das 
römifche Forum zeigen uns meift die Gebäude nur von der Hauptfchaufeite. Es 
ift diefe nur einfeitige Freiftellung zwar eine für das Bauwerk felbft weniger voll- 
kommene Anordnung als die mehrfeitig freie Umgebung; dennoch laffen die Vor- 
plätze, und mehr noch die von mehreren Monumentalbauten rings umgebenen Plätze, 
wie unfere Beifpiele zeigen, eine fo grofsartige und wirkfame Ausbildung zu, dafs 
nicht feiten die Platzanordnung als die monumentale Hauptfache und die Gebäude 
als Teile derfelben erfcheinen. 



214 

Die auf zwei aneinander ftofsenden Seiten, d. h. an einer Lang- und einer 
Querfeite, frei liegenden Bauwerke find Verhältnis mäfsig feiten. Eine folche Platz. 
anordnung hat in regelmäfsig gebauten Städten oft etwas Gezwungenes, da das 
Gebäude in die Platzfläche mit der Ecke hineinfpringt (fiehe Fig. 449). In anderen 
Fällen aber, z. B. Catania (Fig. 492), wirkt die Anordnung dadurch vortrefflich, dafs 
der Platz in zwei felbftändige Platzteile zerlegt ift, von welchen jeder der ihm zu- 
gewandten Seite des Bauwerkes entfpricht; eine Nachahmung folcher malerifchen 
Anlagen ift keineswegs ausgefchloffen. Wir finden fie in ähnlicher Form beim Dom- 
platz 2u Siena, bei Notre-Dame zu Rouen, bei mehreren Cölner Kirchen, fowie in 
Würzburg, wo der Chor des Domes frei am Paradeplatz, die nördliche Langfeite 
frei an dem damit zusammenhängen den Münfterplatzc Hegt, 

Ein Fall von abweichender Art ift der, dafs ein Bauwerk mit feiner Vorder- 
feite und feiner Rückfeite oder, beffer gefagt, mit zwei parallelen, nicht zusammen- 
hängenden Seiten, frei fteht. Dies führt überhaupt zu zwei verfchiedenen Platz- 

Fig. 492- F'g. 493- 





Umgebung des Domes zu Regensburg* 1 ). 



Umgebung der Kirche San Nicola ■».--■ Ü^ « » 

zu Catania* 1 ). HH — 1 — I — I — I — I — I I l " " ' 

anlagen, wie z. B. am Berliner Schlofs, am Cölner Rathaus und an vielen mittelalter- 
lichen Kirchen. 

Meiftens aber wurde auch im Mittelalter eine freiere Stellung der Monumental- 
bauten angeftrebt. Man fuchte drei Seiten frei zu laffen, während die vierte mit 
den zur Kirche (oder zur Burg etc.) gehörigen Nebengebäuden zufammenhing. 
Einige der zahlreichen uns überkommenen Beifpiele zeigen Fig. 493 bis 496. 
In Padua ift die eine Langfeite als urfprünglich eingebaut zu betrachten, wäh- 
rend die Anbauten an der anderen Langfeite fpätere, unorganifche Zutaten find. 
An den Domen zu Regensburg und Münfter i. W., an der Apoftelnkirche zu Cöln 
u. f. w. ift ebenfalls die eine Langfeite, in Strafsburg die Chorfeite mit zugehörigen 
Baulichkeiten verbunden. Das Rathaus am Markte zu Wismar lehnt fich mit der 
Rückfeite an eine fremde Gebäudegruppe. Dafs heute die gänzliche Freiftellung 
der Kirchen vielfach üblich ift, liegt einesteils daran, dafs das Bedürfnis des unmittel- 
baren Zufammenhanges der Kirchengebäude mit Schuten, Klöftern, Wohnungen der 
Geiftlichen u. f. w. abgenommen hat, anderenteils aber an einer zu weit getriebenen 

«') Nach; Sitte, s. 1, O. 



215 



Gewohnheit. Aus Zweckmäfsigkeitsgründen und aus künftlerifchen Erwägungen 
diefe Gewohnheit zu Verlanen, ift nicht blofs unbedenklich, fondern zur Herbei- 
führung malerifcher Wirkungen lebhaft zu empfehlen. (Vergl. z. B. Fig. 481.) Vor- 
fchläge Sitte's und Anderer, welche das gänzliche Freiftellen von Gebäuden über- 
haupt bekämpfen, fchiefsen 



Fig. 494. 




Münflerplatz zu Strafsburg. 



jedoch über das Ziel. 

Kirchen und andere 
Bauwerke aus alter und 
neuer Zeit, welche von 
allen Seiten freiftehen, ha- 
ben wir in grofser Zahl 
bereits in Fig. 424 bis 433 
mitgeteilt. Andere der in 
mittelalterlichen Städten 
fehr häufigen Beifpiele zei- 
gen Fig. 497, 498 u. 505. 
Dem inneren künftlerifchen 
Organismus manches Bau- 
werkes entfpricht es durch- 
aus , wenn derfelbe auch 
nach aufsen von allen 
Seiten fichtbar in die Er- 
fcheinung tritt; eine oder 
zwei Seiten können aber 
ebenfowohl nach einem 
Garten liegen, wie nach 
einem öffentlichen Platze. 
Aufser den Kirchen kom 
men in die fem Sinne fiii 
ringsum freie Stellung Rat- 
häufer, Konzerthäufer, Par- 
lamentshäufer, Markthallen, 
Ausftellungsgebäude , Bör- 
fen u. f. w. in Betracht, 
ferner der Feuerficherheit 
wegen in noch erhöhtem 
Grade die Bibliotheken, 
Archive, Mufeen und Thea- 
ter. Für Kafernen, höhere 
Schulen und Krankenhäufer 
ift zwar ein felbftändiger, 
von fremden Baulichkeiten 



freier Block zweckmäfsjg, nicht aber die freie Platzumgebung, weil diefe Baulich- 
keiten mit Höfen für Wirtfchafts-, Erholungs- und andere Zwecke, fowie für Neben- 
gebäude zu verfehen find. 

Ein Bauwerk, welches von allen Seiten frei liegt, foll deshalb nicht etwa im 
Mittelpunkt des freien Platzes aufgeftellt werden; Fig. 417, 422, 424, 432, 439, 466, 



498 . 499 u - 5°S zeigen das 
Gegenteil. Eine Hauptanficht, 
vielleicht noch eine zweite An- 
ficht, werden zweckgemäfs zu 
bevorzugen, alfo mit gröfseren 
Vorplätzen, mit einer geräu- 
migeren Freifläche auszustatten 
fein. So zeigen z. B. Fig. 498 
u. 499 einen entfchiedenen 
Vorplatz an der Turm front 
und eine freiere Choranficht 
von der einen Langfeite. 

Bei Gebäuden von grofser 
, Ausdehnung entfteht aus der 
Verteilung der freien Umge- 
bung naturgemäfs eine Mehr- 
heit von (zwei, drei, vier) 
Plätzen an den verfchiedenen 
Seiten des Bauwerkes. So 
liegt beifpielsweife an der 
Südfeite des Colner Domes 
der Domhof, an der Weftfeite 
das Domklofter, an der Nord- 
feite der Bahnhofsplatz — alles 
freie Flächen von nicht unbe- 
trächtlicher Ausdehnung. Die 
freie Umgebung von Santa 
Maria Maggiore in Rom bildet 
an der Chorfeite die Piazza 
delP Esquilino, an der Portal- 
feite die Piazza Santa Maria 
Maggiore. Auch kleinere Ge- 
bäude find zuweilen von ver- 
fchiedenartigen Plätzen um- 
geben , fo das Theater zu 
Mainz (Fig. 500), welches an 
drei verfchiedenen Seiten drei 
felbftändige Plätze, den Guten- 
6erg-P\atz, den Tritonplatz und 
den Krempelmarkt aufweift; 
die Maine des XX. Parifer 
Bezirkes, welche mit der einen 
Seite am Pyrenäenplatze, dem 
Knotenpunkte von Techs Stra- 
fsen , mit der anderen am 
Square Tenan liegt (Fig. 501} 
u. f. w. Die Kirche St. Augußin 




St. .I/uz-iV«. Kirch platz ; 



i\7 



zu Paris (Fig. 432), der Dom zu Palermo 
(Fig. 490), die Sitte'fctie Umgeftaltung der 
Umgebung der Wiener Votivkirche (Fig. 49 1), 
die Kathedralen zu Amiens und Orleans 
und viele andere Bauwerke zeigen ähnliche 
Anordnungen. Eine befonders reizvolle 
Platzgruppierung finden wir in der Um- 
gebung des Domes zu Salzburg (Fig. 502), 
beflehend aus dem Refidenzplatze , dem 
Kapitelplatze und dem Domplatze, welche 
durch offene Pfeilerhallen voneinander ge- 
trennt find. 

Es leuchtet ein, wie ungemein mannig- 
faltig und malerifch durch eine folche Grup- 
pierung der freien Fläche, deren einzelne 
Teile als befondere Platzbilder umrahmt 
find, die Umgebung eines Bauwerkes aus- 
gebildet und zugleich die Wirkung des- 
i c i 1 i . s° . . . " ■ felben gefteigert werden kann. Die Um- 

„ , „ .... gebung des Salzburger Domes, zu welcher 

St. Avw/a/- Kirchplatz zu Wismar. 5. , . ., ™ ■ . 

fich noch der Mezart-Platz hinzugefeüt, 

würde, da auch die einzelnen Plätze möglichft gefchloffen umrahmt, fowie mit 
Brunnen und Standbildern geziert find, als vollendetes Vorbild gelten können, 
wenn der Domplatz nicht doch etwas befchränkt und die Umbauung des Kapitel- 
platzes dem Chor zu nahe gerückt wäre. 

Seltener und fchwieriger ift das umgekehrte Verfahren, nämlich die Teilung 
einer Platzfläche durch Errichtung mehrerer Monumentalbauten auf derfelben. Von f 
alten Beifpielen haben wir fchon früher die Akropolis zu Athen und den Domplatz • 



Fig. 499. 



Fig. 50t 



ft> 





JferteartA-Platz zu Cöln. 



Umgebung des Stadttheaters zu Mainz. 



218 



zu Pifa genannt; neuere Beifpiele find der Fig. 501. 



■•S»*MFZ3ggß gi 



Theaterplatz in Dresden und der Gensdarmen- 
markt in Berlin (Fig. 433). Die Schwierig- 
keiten des Mafsftabes wie der Umrahmung '■■ 
fteigern fich hier wefentlich; ihre Ueberwin- 
dung ift in jedem Falle eine eigenartige 
und gefahrvolle Aufgabe, die übrigens in 
den angeführten Beifpielen im grofsen ganzen 
vortrefflich gelöft ift. 

e) Platzgruppen. 
i6 7 . Betrachteten wir bisher die Teilung und 

G ™wj««m« Gruppierung einer Platzfläche, welche ein 
piütito. einzelnes Bauwerk (oder ausnahmsweife meh- 
rere zufam mengehörige Bauwerke) umgibt, fo 

machen wir jetzt einen weiteren Schritt, um 

.... „. . , , f. Pyrenäenplatz und Square Tenon zu Paris, 

diejenigen Platzgruppen, d. h. Oruppen ver- ' 

fchiedenartiger Plätze, zu unterfuchen, welche 5 ° w 

nicht eine gemein fchaftliche künftlerifche Beziehung zu einem beftimmten Bau- 
werke befitzen. 

Eine befondere Art folcher Anlagen haben wir Ichon im vorhergehenden 
Kapitel (unter e) befprochen, nämlich die Doppelplätze, welche ihren Urfprung den 

Fig. 502. 



Umgebung 
des Domes 



219 



verfchiedenartigen praktifchen Bedürfniffen verdanken, die durch die Platzanlage 
befriedigt werden rollen. 

Eine andere Art der Gruppierung verfchiedener Plätze ift die nach künft- 
lerifchen Erwägungen mit Beziehung auf verfchiedene Gebäude. Piazzetta und 
Markus-Platz in Venedig unterfcheiden fich nicht nach Nützlichkeitsruckrichten, 
defto bedeutfamer aber nach ihrer künftlerifchen Anordnung. Sie find durch den 
Campanile entfchieden voneinander abgefondert; die Piazzetta erfüllt ihre Beftimmung 
als Vorplatz für die Bibliothek und den Dogenpalaft, der Markus-Platz als Vorplatz 
der Markus-Kirche und monumentaler Volksplatz; ihre Vereinigung zu einer Gruppe 
liefert die herrlichften Stadtbilder. 



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Kleiner, aber ebenfalls kennzeichnend, 
ift die Gruppe des Domimkus-Platzes 
und des Königsplatzes in Modena 
{Fig. 504), der eine Vorplatz der gleich- 
namigen Kirche, der andere Vorplatz 
des mächtigen Palozzo Ducale oder 
Reale. Aehnlich ift die in Fig. 503 
angegebene Gruppierung in Parma, wo 
ebenfalls Palalt und Kirche zur Bil- 
dung eines Doppelplatzes Anlafs ge- 
geben haben. Eines der fchönften 
Beifpiele aus Deutfchland ift die in 
Fig. 505 nur annähernd fkizzierte Platz- 
gruppe zu Braunfchweig : der Altftadt- 
markt mit feinem Brunnenfchmuck, 
umrahmt von Rathaus, Martini-Kirche 
und Gewandhaus, der zweite Platz als 
— ""<■ Seiten platz zur Betrachtung der ge- 

h nannten Kirche. Aus Bremen, Lübeck, 

i; J \ Stettin, Magdeburg, Cöln und anderen 

1 %■■ \ ... deutfchen Städten laffen fich ähnliche 

\ '. Beifpiele anfuhren; auch wurde fchon 

\ • in Art. 231 (S. 184) auf die im Mittel- 

\ " alter beliebte Gruppierung von Rat- 

haus und Kirche hingewiefen, wovon 
Marktplatz und Marienkirche in Roftock 
(Fig. 506) ein hervorragendes Beifpiel 
Franzöfifche Platzgruppen find diejenigen am Hötel-de-Vilie und bei Sl.-Gervais 
in Paris, am Dom und Juftizpalaft in Reims, an Rathaus und Kathedrale zu Orleans. 
Wir erkennen aus all diefen anziehenden Platzgeftaltungen an benachbarten Gebäuden, 
aus den malerifchen Bildern und Gruppen, welche fie erzeugen, wie fehr die plan- 
mäßige, enge Gruppierung freier Plätze auch in neuen Stadtplänen zur künftlerifchen 
Verfchönerung der Stadt beitragen kann, wenn die Anordnung fich auf dem Boden 
des wirklichen BedürfnifTes aufbaut und in aufmerkfam erwogener, richtig emp- 
fundener Weife durchgeführt wird. Moderne Beifpiele zeigen Fig. 507 u. 508 aus 
Kiel und Marienberg. Willkürliche Erfindungen ohne tat fach liehen Untergrund 
haben natürlich einen geringen Wert; es leuchtet deshalb auch hier die Notwendig- 



Platzgruppe zu Parma * '). 



find. 



keit hervor, den Stadtplan nicht als blofses Verkehrs- und Bebauungsfchema auf- 
zu falten, fondern vorher die Bedürfniffe und Ziele der Zukunft genau zu ergründen 
und diefen die Planung im künftlerifchen Sinne an zupaffen. 

Auch im weiteren Sinne ift in einem durchdachten Stadtplane eine kun ftlerifche 

; Gruppierung der öffentlichen Plätze anzuftreben. Wenn Arißoteles die Vereinigung 

der öffentlichen Gebäude an einer Stelle der Stadt verlangte, fo pafst dies auch 

Fig. 504. 



HaUgruppe zu Modena* 1 ). 



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Platzgruppe ; 



infehweig"). 



heute noch für unfere kleinen Städte und für neue Städtegründungen. Mit dem 
WachTen der Stadt tritt aber die Zerftreuung der Monumentalbauten von felber ein, 
und eine der vornehmt ichften Aufgaben des Stadterweiterungsplanes ift es, diefe 
Zerftreuung nach Grundfätzen nicht blofs der Zweckmäfsigkeit , fondern auch der 
Kunft zu leiten, die öffentlichen Gebäude und die öffentlichen Plätze künftlerifch 
und dem Bedürfnis entfprechend zu gruppieren und in gegenfeitige Beziehung zu 




Marktplatz und Man'en-Kirchp\aiz zu Roftock. 




Platzgruppe in Stübbcn's Bebauungsplan für Kiel. 



fetzen. Dadurch entfteht jener Reichtum an Motiven, jene erfreuende Mannigfaltig- 
keit des Stadtbildes, welche wir nicht blofs in den Städten alter Kunftpflege (z. B. 
Rom, Florenz, Nürnberg, Braunfchweig), fondern auch in durchaus modernen Stadt- 
fchöpfungen, fo in Paris und Brüflel, bewundern. Gegenüberstellungen wie Madeleine 
und Palah Bourbon, Tuilerien und Triumphbogen, Palais Luxembourg und Stern- 
warte; Platz Verteilungen wie 



Eintrachtplatz , Rond- Point 
und Place de PÄtoile, Ey- 
lauer, Jenaer und Trocadero- 
Platz; endlich einander fol- 
gende Fernfichten mit Schlufs- 
bildern, wie diejenigen, 
die fich dem Parifer Boule- 
vards anderer nacheinander 
auf die Kirchen Trimle, Lo- 
retto und St.-Vmcent de Paul 
darbieten — eine derartige 
künftlerifche Gruppierung der 
Stadt im weiteren Sinne, 
welche vom Ver fader auch 
bei der Cölner Stadterweite- 
rung nach Möglichkeit an- 
geftrebt wurde, gewährt nicht 
etwa blofs ein anziehendes 
Bild auf dem Papier, fon- 
dern ift in der Wirklichkeit 
im höchften Grade anregend 
und im beften Sinne unter- 
haltend. Der Unterfehied 
gegenüber dem reizlofen 
Rechteckfyftem oder irgend 
einem anderen blofsen Netz- 
fchema, welches einer künft- 



Fig. 508. 



Platzgruppe i 



Sitte": 



Bebauungsplan für Marienberg. 



lerifchen Durchbildung und Zufammenfalfung von Strafsen, Bauwerken und Plätzen 
entbehrt, drängt fich dem Befchauer überzeugend auf und belehrt ihn, wie fehr 
auch der Bau einer Stadt Anfpruch darauf erheben kann , ein Kunftwerk zu fein. 



f) Ausftattung, Einteilung und Nivellement der Plätze. 

Wurden fchon in Art. 226 (S. 180) die Strafsen einer Stadt mit den Gängen, 
die Plätze mit den Zimmern einer Wohnung verglichen, fo dürfen wir diefes Bild 
hinfichtlich der Ausftattung der Strafsen- und Platzflächen noch weiter verfolgen. 
Wie die Flurgänge nur untergeordneten Schmuck, nur gelegentliche künftlerifche 
Ausftattung an Erweiterungsftellen, Durchfichten und dergl. empfangen, ebenfo die 
Strafsen. Der Platz jedoch ift als leere Fläche nichts als ein leeres Zimmer, ein 
Zimmer ohne Möbel und künftlerifche Zier. Die Kandelaber, Anfchlagfäulen, Zei- 
tungskioske und dergl. find mit dem Haushaltmobüiar, die Laufbrunnen, Ziermaften, 



223 

Bildfäulen u. f. w. find mit den Kunftgegenftänden der Wohnung zu vergleichen; 
Pflanzenwuchs und Blumen erhöhen die Behaglichkeit drinnen wie draufsen. Zur 
Umrahmung der freien Platzfläche mufs fonach die Ausftattung derfelben hinzutreten. 
In Abfchn. 5 u. 6 diefes Halbbandes werden die verfchiedenen Ausftattungsgegen- 
ftände und deren Aufteilung ausführlich befprochen; wir befchränken uns hier auf 
die Hervorhebung weniger allgemeiner Gefichtspunkte. 

An die Formgebung der Nützlichkeitseinrichtungen, wie Laternenpfoften, War- 
nungstafeln, Verkaufsbuden, Einfriedigungen, Prellfteine und dergl., find weitergehende 
künftlerifche Anfprüche zu ftellen als diejenigen, welche bisher in den meiften 
Städten beobachtet wurden; denn mehr als die Innenarchitektur öffentlicher Ge- 
bäude wirkt auf den Gefchmack und das Gemüt des Volkes die Kleinarchitektur 
— wenn das Wort geftattet ift — der Strafsen und Plätze. Der Befchaffung und 
Errichtung von Werken der Kunft auf den öffentlichen Plätzen ift eine aufmerkfame 
Fürforge zu widmen. Welch Unterfchied herrfcht in diefer Beziehung zwifchen 
der Mehrzahl unferer modernen Städte, und zwar nicht blofs unferer Induftrie- und 
Handelsorte, und den antiken Städten Griechenlands und Roms! Heute zwar ein 
Reichtum von Bildwerken und fonftigen Kunftfchöpfungen in den Mufeen und in 
den Häufern der Reichen, aber eine künftlerifche Leere auf den Plätzen; damals 
Agora und Forum, herrlich ausgeftattet mit Werken der Architektur und der plafti- 
fchen Kunft, eine monumentale Sprache redend zu dem lebenden Gefchlecht von 
den Göttern und Helden, von den Grofstaten der Vorfahren und der Liebe zum 
Vaterlande! Das Mufeum befucht der Bürger wenige Male im Jahre oder — noch 
feltener. Den öffentlichen Platz überfchreitet und fieht er abfichtslos wöchentlich 
oder täglich. Die malerifchen Zierbrunnen der mittelalterlichen Städte und die 
figürlichen Bildwerke Italiens follten, den neuzeitlichen Anfprüchen Rechnung tragend, 
in unferen Provinzftädten mehr Nachahmung finden. 

Verkehrslinien und Sehlinien dürfen von Nützlichkeitsbauten und Kunftwerken 
nicht geftört werden. Nur ein Werk Von Bedeutung kann den Hauptpunkt eines 
Platzes oder den Schlufspunkt einer langen Sehlinie bilden. Die militärifche Auf- 
fteliung von Denkmälern in einer geraden Linie ift feiten erwünfcht; anziehender 
ift Gruppierung und malerifche Verteilung. 

Die Einteilung der Platzfläche ift überhaupt von grofser Wichtigkeit. Fahr- 270. 
wege, Fufswege, Schutzinfeln , Pflanzungen, Orte für Brunnen- und Denkmalauf- m ^ r UDg 
ftellung, für Verkaufs- und Kundmachungseinrichtungen, Ruhefitze u. f. w. find zu Fläche. 
erwägen und zu fondern, wie im Zimmer Teppiche und Läufer, Seffel und Tifche, 
Plauderecken und künftlerifcher Schmuck nicht willkürlich und ungeordnet, aber 
auch nicht nach Zirkel und Schnur zu verteilen find. Die Hauptfahrwege dürfen 
wohl nach Bedarf ausgebogen, aber nicht verfperrt werden. Die vom Fuhrwerk 
freien Flächen find — abgefehen von den in Art. 191 (S. 153) befprochenen Schutz- 
infeln — möglichft zufammenhängend anzuordnen, da nur auf diefen Flächen ein 
Stehenbleiben, ein Betrachten, eine Verfchönerung ftattfinden kann. Für ausgedehnte 
Wegeflächen empfiehlt fich die Einteilung in Felder und Friefe, die Einzeichnung 
geometrifcher und architektonifcher Mufter durch verfchiedene Arten der Pflafterung, 
z. B. Plattenbahnen und Mofaik* (vergl. Abfchn. 5, Kap. 4). Beifpiele hierfür find 
der Kapitol- und der St. Peters-VlaXz in Rom, der Domplatz in Mailand, der 
Atna/üoorg-Flatz in Kopenhagen u. a. 

Das Linienfpiel der Wegekanten und Einfriedigungen, der Strafsenbahngleife 



224 



271. 

Nivellement. 



27a. 

Senkung 

der Mitte. 



273. 
Vertiefung 
der ganzen 
Platzfläche. 



274. 

Ansteigende 

Plätze. 



und Gehwege, das plaftifche Bild der Pflanzen und Ausftattungsgegenftände eines 
Platzes mufs zweckmäfsig und gefällig, geregelt, aber ungezwungen das Auge er- 
freuen. Geometrie, Kunft und Natur follen fich zu einem wohltuenden Ganzen 
vereinen. Architektur und Pflanzung, Denkmäler und Baumfchlag, Pflanzengrün und 
Waffer — diefe Gegenfätze, welche den Eindruck des einen durch die Eigenart 
des anderen fteigern, find auch auf öffentlichen Plätzen die heften Mittel zur künft- 
lerifchen Wirkung. 

Von ganz befonderer Bedeutung ift fchliefslich das Nivellement des Platzes. 
Mehr noch als für Strafsen (vergl. Kap. 3, unter a) gilt für freie Plätze die Ver- 
meidung des Konvexen, die Bevorzugung des Konkaven. Unterfcheidet man wag- 
rechte, bezw. annähernd wagrechte und anfteigende Plätze, fo eignen fich die 
erfteren im allgemeinen zur monumentalen Umbauung und Bebauung oder zur 
künftlerifchen Ausftattung mehr als die letzteren, ohne dadurch die fchrägen Plätze 
überhaupt auszufchliefsen. Es ift höchft unfehön, eine an fich wagrechte Platzfläche 
der Abwäfferung wegen nach der Mitte hin beträchtlich anfteigen zu laffen, fo dafs 
das Auge, welches die wagrechte Abmeffung in ftarker Verkürzung fleht, auf eine 
Tonne oder ein Zeltdach zu fchauen glaubt. Wird alsdann auf der mittleren Höhe 
des Platzes eine Rafen- oder Schmuckfläche angeordnet, fo hat von diefer das 
Auge eines am Platzrande gehenden Beobachters kaum noch einen Genufs; erft die 
Bewohner der Obergefchoffe der den Platz umgebenden Gebäude erblicken das 
fchöne Platzbild, welches der Entwerfer beabfichtigte. 

Das Altertum, das Mittelalter und die Renaiffancezeit haben uns manche Vor- 
bilder hinterlaffen, welche das gegenteilige Beftreben der Alten zeigen, die Platz- 
mitte zu fenken, wodurch das Bild überfichtlicher und fchöner wird. Bemerkens- 
werte Beifpiele find aus dem Altertum die uns erhaltenen Foren in Rom und 
Pompeji, aus dem Mittelalter der in Fig. 435 mitgeteilte Marktplatz zu Veurne und 
der Römerberg (Platz vor dem Römer) zu Frankfurt a. M. , aus fpäterer Zeit der 
Refidenzplatz zu Salzburg, Zwinger und Theaterplatz zu Dresden, fowie der Popolo- 
Platz und der St. Peters-Y\akz in Rom. Die in Rede ftehende Eigenfchaft des letzt- 
genannten Platzes wurde bereits in Art. 228 (S. 180, Fig. 423) befprochen; manche 
Abbildungen desfelben, z. B. das grofse Modell im Sydenhampalaft zu London, 
nehmen allerdings von der Senkung der Mitte keine Notiz. Befonders, wenn die 
Platzfläche bepflanzt oder mit Wafferbecken verfchönert werden foll, ift die Senkung 
faft eine Notwendigkeit. In der Neuzeit, wo die unterirdifche Entwäfferung der 
Städte ohnehin unentbehrlich ift, macht ja die konkave Geftaltung der Oberfläche 
keine Schwierigkeiten. 

Noch gröfser ift die künftlerifche Bedeutung der Vertiefung der Platzfläche 
innerhalb eines höher liegenden Rahmens, wenn es fich darum handelt, Feftplätze 
(Schauplätze, Volksplätze) anzulegen 42 ). Wir haben fchon im vorhergehenden 
Kapitel (unter b) auf die Annehmlichkeit hingewiefen, folche Plätze von den Rändern 
her überfehen zu können; ein erhöhter Spaziergang ringsum, von welchem Treppen- 
ftufen hinabführen, Wandelhallen und Torbauten als Umrahmung, Terraffen auf den 
Hallendächern — eine folche eindrucksvolle Gefamtanordnung würde uns einen 
Schimmer antiker Herrlichkeit zurückrufen. 

Die anfteigenden Plätze find auf unebenem Stadtgelände nicht zu vermeiden. 
Zwar ift ihre Geftaltung und künftlerifche Behandlung fchwieriger als die der wag- 



42) Vergl.: Heuser, G. Ucber öffentliche Plätze und ihre Einrichtung zu feftlichen Zwecken etc. 
Bauz. 1889, S. 508. 



Deutfche 



225 



Fig. 509. 



rechten Plätze; dennoch aber können de zu reizvollen Teilen der Stadt werden. 
Ein monumentales Gebäude am oberen Platzrande oder auch ein grofses Denkmal 
mit terraffiertem Unterbau dafelbft kommen in hervorragender Weife zur Geltung. 
Eines der herrlichften Beifpiele hierfür ift der Trocadero-PalaCk zu Paris, der, von 
der Seine oder vom Marsfelde aus gefehen, majeftätifch über dem oberen Rande 
feines emporftrebenden Vorplatzes fich aufbaut. Aus Rom möge an die Kirche 
S. Maria Maggiore erinnert werden, deren Chor am oberen Rande des ansteigenden 
Esaui/in-P\a.tzes ftolz auf einem Unterbau von 30 Stufen fich erhebt; ferner an die 
Kirche Trinitä de' Monli, zu deren fchmalem Vorplatz die 125 Stufen zählende 
Spanifche Treppe von der Piaesa di Spagna 
in vielen gefchwungenen Läufen emporführt 

| j ■-- •--■ ■- rMJafl | ^^"' Wenig find die anfleigenden Platzfeiten 

fer~— '— tcajjpBjLj ■> ,1 ' 1 '* ^ ur Monumentalbauten geeignet, gar nicht die 

* d * — *"* " untere Seite, an welcher das Gebäude, vom 

oberen Rande gefehen, gleichfam in die Erde 
gefunken erfcheint. Standbilder und Lauf- 
brunnen finden dagegen oft gerade am unteren 
Rande oder auf der anfteigenden Fläche einen 
durch Pflanzenhintergrund wirkfam zu verfchö- 
nernden Aufftellungsort , jedoch nur, wenn eine 
wagrechte Entwickelung, welche in die Steigung 
der Platzfläche merklich einfchneidet, vermieden 
^gjh. . . , , , wird. Wie unfchön die Anordnung eines wag- 

rechten Wafferbeckens für einen Springbrunnen 
in die anfteigende Platzfläche einfchneiden kann, 
zeigt das Beifpiel des »Herrenackers* zu Schaff- 
haufen , wo der Mifsklang der Linien umfo 
ftörender wirkt, weil das Becken in die Mitte 
des Platzes gelegt ift. Die Wafferfläche fieht 
man überhaupt nur von der oberen Platzhälfte. 
Wollte man durchaus eine Wafferkunft hier an- 
bringen, fo wäre eine Kaskade angebracht ge- 
wefen, nicht aber diefe für einen wagrechten Platz 
oder eine Gartenanlage berechnete Beckenanlage. 
Das Anfteigen des Platzes kann entweder ein gleichmäßiges, geradliniges oder 
ein konkaves oder ein konvexes fein. Das wenig gehöhlte Anfteigen ift dem Auge 
am angenehmften, befonders wenn die Fläche durch Anpflanzung belebt ift. Das 
konvexe Nivellement, d. h. eine folche Höhenanlage, dafs der obere Platzteil 
fchwächer anfteigt als der untere, oder dafs gar an eine rampenartige Steigung fich 
eine wagrechte Fläche anfchliefst, ift häßlich. Die Erdgefchofsteile der an der 
oberen Seite des Platzes flehenden Gebäude werden, von der unteren Seite des 
Platzes gefehen, durch den Platzrücken verdeckt. Zwar gibt es auch in folchen 
Fällen Mittel zur Verdeckung des Buckels (vergl. Art. 141, S. 83); die Anwendung 
ift aber fchwierig und koftfpielig. Meiftens wird es fich um eine Trennung der 
Platzfiächen durch Brüftungsgeländer, Terraffenftufen, dichte Pflanzungen und Aehn- 

«) Veigl.: Wochbl. 1. Baukde. 1883, S. 57. 



v? 



Spanifchcr Plalz, Spanifche Treppe 

und Vorplatz von S. Trinilä 

de' Monti zu Rom. 



226 

liches handeln. Beffer ift es, in neuen Stadtplänen derartige »Rücken platze« zu 
vermeiden. Die Umgebung mancher monumentaler Bauten, z. B. fogar diejenige 
des Cölner Domes, ift leider nicht frei von der erwähnten Unfchönheit. 

Ein anfteigender Platz kann dadurch ungemein reizvoll geftaltet werden, dafs 
man nach dem Grundsätze der Konkavform zwar die feitlichen Strafsen anfteigen 
läfst, das eigentliche Platzfeld aber wagrecht oder beffer in fchwacher Steigung 
anlegt, was zu einer abgeftuften oder terraffenartigen Einfaffung desfelben an den 
Seiten und am oberen Rande Anlafs gibt. Werden diefe Stufen, Brüftungen und 
Terraffen architektonifch ausgebildet, vielleicht auch durch Figurenfchmuck verfchönt, 
fo können künftlerifche Platzanlagen erften Ranges entftehen. Beifpiele find der 
Trafalgar-Square zu London mit feitlichen Treppen und oberer Terraffe, und der 
Petit-SablonY*\iXz in Brüffel mit reichem Figurenfchmuck auf der abgeftuften Um- 
rahmung. Für Vorplätze öffentlicher Gebäude ift eine derartige Anordnung, dafs 
über dem gärtnerifchen Vordergrund das Gebäude fich mittels Stufen und Rampen 
erhebt, eine befonders empfehlenswerte; Beifpiele aus Paris wurden bereits in 
Fig. 422 (S. 174) u. 473 (S. 198) angegeben. 



8. Kapitel. 

Fluchtlinien in alten Stadtteilen. 

275. Nimmt eine Feftungsftadt eine plötzliche Erweiterung vor oder findet bei 

° tW und g Ct e i ner offenen Stadt eine ftarke Entwickelung nach aufsen ftatt, fo hat diefe Aus- 
Entbchriichkeit dehnung auch den entfchiedenften Einflufs auf die Verkehrs-, Gefchäfts- und Wert- 
Eii/Tffen verhältniffe der inneren Stadt. Zuweilen treten zwar Verfchiebungen ungünftiger 
Art ein, wie fchon in Art. 60 (S. 43) erörtert wurde. In der Regel aber wird der 
Verkehr gefteigert, das Gefchäft befruchtet, der Boden wert erhöht. Die Bautätig- 
keit am Rande der Stadt wirkt anregend auf die Bauluft im Inneren; die Kapitalien, 
welche draufsen erworben wurden, werden auch in der Altftadt werbend und ver- 
beffernd angelegt. Bei den Stadterweiterungen von Magdeburg, Cöln und Ant- 
werpen ift diefer Vorgang befonders klar in die Erfcheinung getreten; das Wachs- 
tum der offenen Städte Berlin, Frankfurt a. M., Hannover, Kiel und vieler anderer 
hat die gleichen Folgen gezeitigt. Die Altftadt verjüngt fich; der gewachfene 
Verkehr, die gehobenen Anfprüche fühlen fich überall beengt und befchränkt. 
Mittelalterliche Stadtgrundriffe find auf grofse Verkehrsanforderungen nicht ein- 
gerichtet, meift auch der öffentlichen Gefundheitspflege nicht entfprechend. Verkehr 
und Hygiene in unferem Sinne find moderne, dem Mittelalter wenig bekannte Be- 
griffe. So bedarf der Plan der Stadterweiterung nach aufsen in der Regel auch 
der umfichtigen Ergänzung nach innen. Manche Eingriffe in das alte Strafsennetz 
find unvermeidlich. Enge Strafsen und Gaffen bedürfen aus Verkehrs- und Ge- 
fundheitsrückfichten der Erbreiterung; verkehrshinderliche Richtungsver fetzungen find 
umzugeftalten ; die Höhenlage einzelner Strafsen oder ganzer Stadtteile ift zu Gunften 
des Verkehres, der Entwäfferung und der Hochwafferfreiheit zu verbeffern; neue 
Radien, neue Diagonalen find durchzulegen, bisher getrennte Strafsenzüge mitein- 



227 

ander zu verbinden; gefundheitswidrige oder verkehrswidrige Stadtteile find unter 
Umftänden ganz niederzulegen und durch neue zu erfetzen. Aber alle folche Mafs- 
nahmen find nicht blofs den neuzeitlichen Bedürfniflen anzupaflen, fondern nach 
Möglichkeit mit dem Schutze des Alten, mit der Denkmalpflege im weiteren Sinne 
des Wortes, in Einklang zu bringen. 

Nur das wirkliche Bedürfnis rechtfertigt den Eingriff. In alten 
Städten und Ortfchaften von langfamer Entwickelung ift die Veränderung von 
Strafsenwandungen und Plätzen durch Feftlegung allgemeiner neuer Fluchtlinien 
überhaupt zu unterlaflen; hier genügt bei Aufführung einzelner Neubauten die 
Feft fetzung der neuen oder die Beibehaltung der alten Bauflucht von Fall zu Fall. 
In künftlerifcher und malerifcher Hinficht find folche ftille Orte glücklich zu 
preifen; allein der Bürgerfchaft kommt doch noch mehr der wirtschaftliche Auf- 
schwung zu Hatten. Angefichts der durch letzteren hervorgerufenen ftädtebaulichen 
Verbefferungen hat der Denkmalpflegetag zu Erfurt 1903 folgende Forderungen 
aufgeftellt: 

1) Alte Baulichkeiten von künftlerifcher und gefchichtlicher Bedeutung, wozu nament- *? 6 - 
lieh charakteriftifche Privathäuf er gehören, find in den Fluchtlinienplänen als folche kennt- m J^l n '* ert . 
lieh zu machen. voller au- 

Die unbeabfichtigte Schädigung foll hierdurch verhütet werden ; dem die neuen Fhichtihiien" 
Fluchtlinien entwerfenden Techniker foll gewiflermafsen der Weg gewiefen, die planen. 
Aufgabe der Schonung veranfehaulicht werden. 

2) Eine vor die Fluchtlinie der genannten Baulichkeiten vortretende oder dahinter »77 
zurücktretende neue Bauflucht ift nur dann feftzuftellen, wenn unumgängliche Anforderungen oxt ^ t c 
des Verkehres und der Gefundheit es erheifchen. Dabei ift zugleich zu prüfen, ob und zurückliegende 
wie die in Mitleidenfchaft gezogenen Bauten der neuen Fluchtlinie, nötigenfalls durch Fi«c htHnien 
Umbau, angepafst werden können. Befonders kommt hierbei die Ueberbauung von Fufs- 

wegen in Betracht. 

Sowohl vortretende Baufluchten als zurückliegende bringen, nach Aufführung 
feitlicher Neubauten, ein altes Bauwerk in Gefahr, fei es durch ungünftige Stellung 
in einer Zahnlücke, fei es durch Vorfprung in die Strafse. Ift dies unvermeidlich, 
fo kann die vorher zu überlegende, die Lage der neuen Fluchtlinie beeinfluffende 
Anpaflung gefchehen durch Herftellung eines Vorbaues, durch hallenartige Durch- 
brechung des vorhandenen Baues oder fchlimmftenfalls in der Weife, dafs die alte 
Faffade abgebrochen und in der neuen Fluchtlinie wieder aufgebaut wird. Vor- 
bildlich ift die Durchleitung des Bürgerftieges unter dem alten Rathaufe zu 
Oberlahnftein. 

3) Die Veränderung der Höhenlage der Strafse an kunft- und gefchichtswerten =78. 
alten Baulichkeiten ift nur ftatthaft, wenn überwiegende Gründe des Verkehres, des Hoch- Aet "j«* un * 
waflerfchutzes oder ähnlicher Art eine andere Löfung ausfchliefsen. Auch in diefem Falle Höhenlage. 
ift von vornherein zu unterfuchen, in welcher Weife der alte Bau der neuen Höhenlage 
angepafst werden kann. 

Sowohl die Blofslegung von Fundamentmauern, als namentlich die Erhöhung 
von Strafsenflächen, in welche das alte Bauwerk verfunken erfcheint, haben vielen 
Schaden angerichtet. Oft ift der Schaden gemildert worden durch Anlage eines 
vertieften Hofes um das Bauwerk herum (Holztor in Mainz, Berliner Tor in Wefel, 
Parifer Tor in Lille); diefes Auskunftsmittel ift in der Notlage zu empfehlen (Fig. 467 
aus Lille). 



228 

»79- 4) Neue Fluchtlinien find nach Möglichkeit fo feflzufetzen, dais nicht blofs bemerkens- 

Erh*itung wer te Baulichkeiten gefchützt werden, fondern auch die Eigenart alter Strafsenzüge erhalten 
ft i tcr bleibt. Auf die Durchführung gerader Flucht- und Höhenlinien ift, wenn Schädigungen 
Strafscnxüge. zu befürchten find, zu verzichten. Gekrümmte Strafsenrichtungen und Strafsenwandungen, 
fowie charakteriftifche Höhenunterfchiede find überhaupt bei Feflftellung neuer, zur Er- 
breiterung und Verbefferung von Strafsen beflimmter Fluchtlinien nach Möglichkeit bei- 
zubehalten. 

Im Strafsennetz alter Städte fehen wir faft überall die Unregelmäfsigkeiten eines 
ehemaligen Dorfgrundriffes oder einer allmählich gewachfenen Burgumgebung oder 
einer kirchlichen Niederlaffung. Kunftgeübte Jahrhunderte in der Blütezeit der Städte, 
im fpäteren Mittelalter wie in der Renaiffancezeit haben auf Grund diefer Unregel- 
mäfsigkeiten durch Bauen und Bilden, Abbrechen und Neubauen, Verändern und 
Ausgeftalten jene fchönen und anmutenden Stadt-, Platz- und Strafsenbilder hervor- 
gebracht, deren Verlud der moderne Städtebauer nach Möglichkeit zu verhüten 
hat. Man darf nicht gekrümmte alte Strafsenzüge, gekrümmt in ihrer Richtung und 
oft abweichend davon gekrümmt in den Hausfluchten, dadurch verbeffern wollen, 
dafs man die Richtungen und Fluchten begradigt, die feitlichen Höhlungen ausfüllt 
und alle Buckel abfchneidet. Ebenfowenig darf man glauben, durch Verkehrs- 
anforderungen gezwungen zu fein, alle Erhöhungen abzutragen und alle Senkungen 
anzuhöhen. Wohl verdient das Verkehrsbedürfnis die beftmögliche Be- 
friedigung. Aber der Verkehr bedarf keiner mathematifch geraden Linien. Er 
bedarf der nötigen Breitenentwickelung unbedingt und der Ermäfsigung der Stei- 
gungen, foweit als tunlich ifl, namentlich aber der Ueberfichtlichkeit. Die Ueber- 
fichtlichkeit der Verkehrswege ift das wichtigfte. Nun ift aber eine Strafse bei 
leichter Krümmung ihrer Richtung und leichter Muldenform ihrer Höhenlage über- 
fichtlicher als bei völlig gerader Richtungs- und Gefällslinie. Im letzteren Falle 
verdecken die nahen Gegenftände die entfernteren weit mehr als bei der fchlanken 
Bogenform, welche veranlagst, dafs die Gegenftände fich gegeneinander verfchieben 
und fo nicht blofs ein reicheres Strafsenbild an fich gewähren, fondern auch den 
Verkehr überfichtlicher geftalten (vergl. Art. 139, S. 80). Die Erbreiterung 
und Gefällsmilderung ift oft eine unbedingte Notwendigkeit, die Begradigung 
dagegen weder in der Richtung noch in der Wandung, noch in der Höhenlinie. 

Fig. 510 zeigt die Erbreiterung einer alten Strafse auf 13 m unter Schonung 
der bemerkenswerten Häufer Nr. 1,7,9, IX > 2I > 4> 6 un< * 18, fowie unter tun- 
lichfter Beibehaltung des alten Grundriffes. Wo die Strafse breiter ift als 13 m , 
wird de nicht eingeengt. 

Fig. 511 verfolgt denfelben Gedanken; es wird eine geringfte Breite von 
12 m erreicht, ohne bemerkenswerte Gebäude zu opfern. 

Fig. 512 zeigt eine unrichtige Begradigung desfelben Strafsenzuges. Unrichtig 
aus drei Gefichtspunkten : erftens weil fie die wertvollen alten Häufer 3, 5, 23, 
25, 12 und 14 opfert; zweitens weil das Vorrücken der Neubauten in die Flucht- 
linie unausführbar wäre, folange nicht die gegenüberliegende Strafsenfeite abge- 
brochen ift, und drittens weil die Geradelegung unnötig ift. 

Die Löfung in Fig. 513 liefert in fchlanker Bogenlinie zwar den überficht- 
lichften Strafsenzug; fie wäre aber nur zuläffig, wenn die Ausführung mit dem 
gleichzeitigen Abbruch der Häufer 16 bis 26 beginnt und die Häufer 3, 5, 14, 23 
und 25 nicht als erhaltungswert eingefchätzt werden. 



Fig. 510. 




4 5 



Erbreiterung einer alten Strafse auf 19 » unter Schonung der fchraffierten 
Gebäude, welche künftlerifchen oder gefchichtlichen Wert befitzen. 

Fig. 51 1- 




Erbreiterung eines alten Strafsenzuges auf 12 m unter Schonung 

der fchraffierten wertvollen Gebäude. 



Fig. 512. 




Unrichtige Begradigung einer alten Strafse. 




r 



T7 



8 10 



Fig. 513. 




Gekrümmte Fluchtlinie für einen alten Strafsenzug; nur zuläffig unter den 
nebenftehend im Text angegebenen Vorausfetzungen. 



23Q 

Die Höhlung einer Strafsenwand durch eine gerade Bauflucht zu erfetzen, ift 

in der Regel unzuläffig, weil die Schönheit des Bildes beeinträchtigt und die Strafse 

eingeengt wird. 

280. Zu den Erwägungen reiner Zweckmässigkeit, die bei der Art der Erbreiterung 

Ruckficht- a j ter strafsen un( j Gaffen in Betracht kommen, gehören ferner die Rückficht auf 

nähme ° 

auf Tiefe und die Tiefe der Grundftücke, auf die vorausfichtliche Zeit der Erneuerung der Ge- 
„ We * de , r bäude, auf den zu entschädigenden Bodenwert, auch auf die Höhenverhältniffe. 

Grundftücke. ' ° 

Sind die Grundftücke auf der einen Strafsenfeite tief, auf der anderen flach, fo 
wird man die Erbreiterung felbftredend möglichft an der erftgenannten Seite vor- 
nehmen. Sind alle Grundftückstiefen gering, fo wird man fich mit einer beschei- 
deneren Erbreiterung begnügen, um die Hofräume nicht unnötig zu beschränken; 
namentlich dann, wenn es fich mehr um die allgemeine Abficht der Licht- und 
Luftzuführung, als um eine zwingende Verkehrsforderung handelt. Denn die Er- 
haltung der Licht- und Luftverforgung am Hofe ift ebenfo wichtig wie diejenige 
an der Strafse. Man wird ferner vorziehen, diejenigen Grundftücke anzufch neiden, 
welche mit minderwertigen, vorausfichtlich aus wirtschaftlichen Gründen in Bälde 
durch Neubauten zu erfetzenden Gebäuden befetzt find, Liegenschaften mit be- 
fonders hohem Bodenwert und neuere Häufer aber nach Möglichkeit Schonen. In 
Sehr unebenem Gelände vollzieht fich die Strafsenerbreiterung an der Talfeite ge- 
wöhnlich leichter als an der Bergfeite; fteil abzweigende Querftrafsen können die 
Aufgabe erschweren und ihre Löfung beeinfluffen. 

Die Fälle find verhältnismäfsig feiten, wo die Erbreiterung einer alten Stadt- 
ftrafse mittels Enteignung oder Ankauf der vortretenden Gebäude bewirkt wird. 
Die Regel ift vielmehr die Feftftellung der Fluchtlinien für eine zwar nähere, aber 
unbeftimmte Zukunft in der Erwartung, dafs aus wirtschaftlichem Anlafs die alten 
Bauten durch neue erfetzt werden, die in die neue Fluchtlinie rücken. So find in 
verkehrsreichen Städten oft in wenigen Jahren grofse Verbefferungen erzielt worden, 
während andererseits in ftillen Ortfchaften das Ziehen von Fluchtlinien »auf Vorrat« 
zwecklos ift und Schädlich wirken kann, wie bereits hervorgehoben wurde. 

2 8x. 5) Die Gefchloffenheit alter Strafsen- und Platzwandungen ift auch bei Feftlegung 

Schonung <j er f ur <j en Verkehr erforderlichen Erbreiterungen, Richtungsverbefferungen und Durch- 
Gcfchioffenhcit Brechungen nach Möglichkeit zu fchonen. 

alter strafsen- £>j e Erfüllung diefer Forderung erfordert grofse Aufmerkfamkeit und ftöfst 

wandungen. mitunter auf unüberwindliche Schwierigkeiten. Der Verkehr verlangt offenen 
Durchblick in der Verkehrsrichtung und Ueberfichtlichkeit der Fläche, auf welcher 
die Bewegungen vor fich gehen. Der Ueberblick mufs umfo weiter offen liegen, 
je Schneller die Bewegungen find; fonft entftehen Unficherheiten und Zufammen- 
ftöfse. Umgekehrt verlangt der künftlerifch empfindende Beobachter den ge- 
fchloffenen Rahmen. Der glänzende Fernblick ift charakteriftifch für moderne 
Städte, wie Paris, mit langen Strafsen und offenen Verkehrsplätzen; es wäre ver- 
kehrt, Solchen Stadtanlagen das fchönheitliche Moment einfach abfprechen zu 
wollen. Aber die alten Städte und Stadtteile, wovon wir reden, haben ihre Eigen- 
art und ihren künftlerifchen Reiz gerade in den ftets gefchloffenen, ftets wechselnden, 
intimen und eingerahmten Strafsen- und Platzbildern. Sie dem neuzeitlichen Verkehr 
zu erfchliefsen , ohne die alte Eigenart zu opfern, ift eine Schwierige Aufgabe, 
deren völlige Löfung überhaupt nicht möglich ift, da es fich um gegenfätzliche 
Ziele handelt. Die Löfung befteht in Kompromiffen, und zwar oft in Kompromiffen 



23' 

von befbnderem Reiz, wenn die künftlerifche Geltal tungskraft die Herrfchaft über 
die praktifche Aufgabe gewinnt. Einige Beifpiele mögen zur Erläuterung dienen. 

Die Einführung einer neuen Seitenftrafse in die konkave Wandung einer 
krummen Strafse kann den Eindruck der letzteren zerftören; es entfteht ein Loch 
(Fig. 514). Bei Einführung an konvexer Stelle (Fig. 515) vermeidet man die 
Verunftaltung. 

Ein alter Strafsenzug zeigt, weil zu verfchiedenen Zeiten entftanden, an den 
Kreuzungsftellen oft ftark gegeneinander verfetzte Richtungen; die Strafsenbilder 



Fig. 514. Fig. 515. 




Abzweigung eines Strafsen durch braches in 
konkaver konvexer 

Strafsen wandung. 

find dadurch in fchöner Weife gefchioffen.- Es wäre verfehlt, zu verlangen, der 
wachfende Verkehr folle fich in zweimaliger Wendung um die Ecken herumbewegen, 
oder gar zu glauben, derartige Wendungen feien für den Verkehr vorteilhaft. Für 
den durchgehenden Verkehr ift die Verfetzung läftig, ja unter Umftänden, z. B. 

Fig. 516. Fig. 517. 



L~L 



Unrichtige Abfchrägungen Richtige Erweiterung 

an dei Verfetzung eines der Kreuzungsftclie eines verfetzten 

alten Strafse nzuges. 

für Strafsenbahntinien, unhaltbar (vergi. Art. 174 u. 175, S. 131 bis 135). Nun kann 
man zwar dem Verkehrsbedürfniffe durch vollftandige fchräge Abfchneidung zweier 
Blockecken, wie es vielfach gefchieht, abhelfen (Fig. 516); diefe Art der Richtungs- 
verbefierung zerftört aber das Schlufsbild der einen wie der anderen Strafsen (trecke. 
Erweitert man ftatt deffen die von der einen in die andere Richtung überleitende 
Kreuzungsftclie etwa nach Fig. 517, fo hilft man dem Verkehr, ohne den Ab- 
fchlufs der Strafsenbilder zu beeinträchtigen. 

Ein altes Stadttor im Mauerring bildet einen malerifchen Strafsenfchlufs, fperrt 
aber die Verkehrslinie. Dem Verkehr kann geholfen werden durch Abbruch des 



232 



Tores; dies ift in der Regel eine Barbarei. Auch dadurch, dafs man es mittels 
beiderfeitigen Abbruches der anftofsenden Stadtmauer freilegt, fo dafs der Verkehr 
nicht blofs durch das enge Tor, fondern neben demfelben Raum findet; aber der 
Torbau verliert durch die Abiöfung von der Stadtmauer einen Teil feines Wefens, 
und die beiderfeitigen Lucken beeinträchtigen das Strafsenbild. Aus diefer Er- 
wägung entfprang am Sevetins-Tor zu Cöln die Lofung in Fig. 518. 

Noch empfindlicher wird die Beeinträchtigung, wenn etwa das Tor in Ge- 
bäudegruppen eingebaut ift und beiderfeits freigeftellt werden foll, wie dies bei- 
fpielsweife für den Weifsen Turm in Nürnberg beabfichtigt war. Dort ift fchliefslich 
die in Fig. 519 bis 521 dargeftellte Lofung be fehl offen worden, nach welcher 
der Torbau in der Gebäudewand erhalten bleibt, die an den Turm anftofsenden 
Gebäude aber erneuert und im Erdgefchofs mit Durchgängen und Durchfahrten in 
dem für den Verkehr erforderlichen Mafse 
verfehen wurden. Fig- 5' 8 . 

Am meiften leidet durch das An- 
bringen von Strafsenöffnungen die Ge- 
fchloffenheit alter Plätze. In Brüffel hatte 
man neben dem Rathaufe ein Haus, das 
Haus l'Etoile, abgebrochen, um die dort 
auf den Marktplatz mündende, enge Strafse 
zu erweitern; die entftandene Lücke war 
für die herrliche Umrahmung des berühm- 
ten Platzes fo unerträglich, dafs Bürger- 
meifter Buls das Haus wieder aufbaute, 
deffen Erdgefchofs aber in eine Durch- 
gangshalle umwandelte. Die Strafse trägt 
jetzt feinen Namen (vergl. Fig. 383, in 
der das wieder erbaute Haus leider etwas 
zu klein dargeftellt ift). — In Rom war 
eine breite Verkehrftrafse vom neuen Juftiz- 
palaft zur Piazza Navtma geplant, was in 
den gefchloffenen Rahmen diefes Platzes 

{vergl. Fig. 3 89, S. 159) eine unheilbare Brefche gelegt haben würde. Buls ver- 
anlafste bei einer Anwesenheit in Rom die Äenderung des Planes dahin, dafs die 
neue Verkehrsader fich in das Strafsennetz verteilt, bevor fie die Piazza Navona 
erreicht. — Strafsendurchbrüche find , wenn der Verkehr fie verlangt, nicht in. alte 
Plätze zu leiten, fondern fo zu führen, dafs fie die letzteren umgehen: man foll aus 
einem alten Architekturplatz nicht nachträglich einen offenen Verkehrsplatz machen. 

Einen mit grofser Sorgfalt und künftlerifcher Empfindung angelegten Strafsen- 
durchbruch zeigt Fig. 522 aus Frankfurt a. M. Die Fluchtlinien der von der Wedel- 
gaffe zur Fahrgaffe führenden neuen Strafse find unter Berückficht igung der Grund- 
ftücksgrenzen mit mehrfachen Krümmungen und wechfelnder Breite fo gezogen, 
dafs überall eine nutzbare Verkehrsbreite von wenigftens 18 m gewonnen, der freie 
Platz »Römerbergt möglichft wieder gefchloffen, der Domplatz nach Weften er- 
weitert wird und der bemerkenswerte alte Binnenhof slm Rebftockc erhalten bleibt. 
Für eine angemeffene künftlerifche Geftaltung der Faffaden wird, zum Teil mittels 
ausgefchriebenen Wettbewerbs, Sorge getragen. 



St rafsen Führung am Severins-lox zu Cöln 

unter Erhaltung eines anftofsenden Stückes 

der Stadtmauer. 



Früherer Zuftand. 
Fig. 520. 



Zuftand nach ausgeführter VerkchrsverbcficrunH. 
Weifser Torturm zu Nürnberg. 



234 

6) Die fog. Freileguog eines Bauwerkes, bezw. die Vorbereitung der Freilegung durch 
' Fluchllinienfeftfetzung kann hervorgehen ans dem Verkehrsbedürfnis oder aus äfthcüfcher 
Abficht. In beiden Fallen ift forgfam zu prüfen, ob das Gefamtbild des Bauwerkes und 
feiner Umgebung durch die beabfichtigte Freilegung gehoben oder beeinträchtigt werden 
wird. Mufs letzteres befürchtet werden, fo ift, wenn Verkehrsanforderungen mafsgebend 
find, nach Möglichkeit dem Verkehr eine andere Richtung anzuweifen. Handelt es fich 
um Verfc hon erungsab flehten , fo ift eine fchädigende Freilegung erft recht zu unterlaffen 
und, foweit nötig, die Verbefferung der Umgebung des Bauwerkes auf andere Weife zu 
erftreben. 

Fig. 521. 



Weifser Torrurm zu Nürnberg nach ausgeführter Verkehrsverbefferung. 

Die Fernwirkung eines freizulegenden Bauwerkes darf nicht durch Eröffnen 
allzu langer Sehlinien gefchädigt werden. In Art. 259 u. 260 (S. 210 u. 211) 
wurde von den zur Betrachtung eines Bauwerkes geeigneten Abftanden ausführlich 
gefprochen. Ein warnendes Beifpiel, wie es nicht gemacht werden foll, jft die 
Blofslegung des zierlichen Rathaufes zu Löwen durch die in Kilometerlänge gerade, 
darauf loszielende Bahnhofftrafse. 

Die Punkte für die Betrachtung eines Bauwerkes aus der Nähe dürfen nicht 
verloren gehen, und ebenfowenig die kleineren, den Mafsftabs vergleich vorführen- 
den, den Eindruck des Bauwerkes fteigernden Nachbargebäude. Und endlich 



dürfen die Abmeflungen der freien Fläche, fowie der bebauten Umgebung (vergl. 
Kap. 7, unter c) nicht über den Mafsftab des Hauptbauwerkes hinausgehen. 



-J 



~1: 




Bei einer nur zum Zwecke der Verfchönerung vorzunehmenden Freilegung 
Collen diefe Gesichtspunkte erft recht beachtet werden. Die Freilegung kann ge- 



23 6 

boten oder erwünfcht fein, wenn ein wertvolles Bauwerk etngekapfelt und verhüllt 
ift: von wertlofen oder verun Haltenden Baulichkeiten. Es kann aber auch fein, dafs 
gerade die innige Verbindung und enge Umrahmung des Bauwerkes mit den 
Häufern und Häuschen eines alten Stadtteiles künftlerifch und gefchichtlich von 



l 2 




~\ L 



\ V. 



W 



...< 



grofser Bedeutung ift: in folchen Fällen ift die Freilegung ein Fehler, der nicht 
immer vermieden wurde. 

Für die Freilegung der /WfrJ-Kirche zu Löwen war die Niederlegung der 

Blöcke I, 2, 3, 4 und 5 in Ausficht genommen, dann der beflere Vorfchlag in 



237 

Fig. 5 2 3 gemacht worden. Verfaffer diefes Halbbandes hat fein Gutachten im 
Sinne von Fig. 524 abgegeben. 

In Darmftadt war die alte Kirchftrafse fehr fchmal und die fog. Stadtkirche 
in fehr eingeengter Weife unfchön umbaut; man hat deshalb zwar die Strafsenver- 
breiterung und Freilegung ausgeführt, aber zugleich durch Wiederaufbau neuer, der 
Oertlichkeit angepafster Baulichkeiten die Nachteile einer zu weitgehenden Blofs- 
ftellung der Kirche vermieden und ein fchönes Gefamtbild erzeugt (Fig. 525). 

Wir fprachen bisher von Bauwerken, Strafsen und Stadtteilen, die trotz der i»y 
neuzeitlichen Anforderungen des Verkehres und der Hygiene nach Möglichkeit zu .^JttdVÜ^ 
fchonen find. Aber es gibt auch zahlreiche alte Baulichkeiten, Winkelgaffen und Gerundh«». 
Ortsteile, gesundheitswidrig und verkehrswidrig, welche nicht blofs keine Schonung "^^i™"' 

Fig. 535. 



Erbreiterung der Kirchftrafse und teiiweife Freilegung der Stadtkirche zu Darmftadt, 

Früher« Zuiland. Gegenwärtign Zuftmnd. 

verdienen, fondern dem alsbaldigen Abbruch zu überweifen find, um Luft, Licht 
und Verkehr auf Grund neuer Strafsen- und Blockpläne den Bewohnern zuzuführen. 
Wird durch ein folches Viertel eine neue Radial- oder Diagonalftrafse hindurch- 
gelegt, fo find Rückfichten nicht am Platze. Und entfchliefst man fich zur gänz- 
lichen Befeitigung derartiger Baublöcke, wie dies befonders in London, Manchefter, 
Brüffel und Hamburg gefchehen ift, fo gelten für das neue Strafsennetz diefelben 
Erwägungen, wie für neue Stadtteile überhaupt. In Abfchn. 4, Kap. 3 werden wir 
hiervon noch zu reden haben. 



238 



285. 

See- und 
Flufoufer. 



9. Kapitel. 

Gewäffe r. 

284. Für die Behandlung der das ftädtifche Weichbild berührenden Wafferläufe und 

C1C t,pun tc * Wafferbecken, Bäche, Gewerbsgräben, Ziergräben, nicht fchiff baren und fchiffbaren 
Flüffe, Seen und Meeresufer find, neben der wirtfchaftlichen Benutzung derfelben, 
zwei Gefichtspunkte mafsgebend : nämlich die Eigenfchaft der Wafferläufe und Waffer- 
flächen als Verfchönerungsmittel der Städte und der Schutz derfelben vor der Ver- 
unreinigung durch den ftädtifchen Anbau. Beide Gefichtspunkte verlangen, dafs man 
alle Wafferflächen nach Möglichkeit fichtbar und zugänglich erhalte, dafs man fie 
alfo vor der Ueberbauung oder der Umbauung im Inneren der Baublöcke fchütze 
und nur da die Bebauung unmittelbar an oder über das Waffer treten laffe, wo die 
gewerbliche Benutzung es notwendig macht. 

Dafs das ftädtifche Ufer am Meere, an Seen und fchiffbaren Flüffen für den 
Verkehr im allgemeinen freizuhalten fei, verfteht fich faft von felbft. Für die 
befonderen Zwecke des Hafen- und Handelsverkehres und gewiffer Induftriezweige 
(Lagerhäufer, Umladeplätze, Schiffsbauwerften u. f. w.) wird man jedoch beftimmte 
Uferftrecken, namentlich an den Hafenbecken, der allgemeinen Zugänglichkeit ent- 
ziehen. In allen Fällen ift es zweckmäfsig, den Uferverkehr der Schiffahrt vom 
eigentlichen ftädtifchen Strafsenverkehre abzufondern (vergl. Art. 161 u. 162, S. 109 
u. 115), entweder dadurch, dafs man den beiden in gleicher Höhenlage fich voll- 
ziehenden Verkehrsarten getrennte Flächen anweift (Hamburg, Cöln, Zürich), oder 
dadurch, dafs man eine Doppelftrafse anlegt, beftehend aus einer hochliegenden 
Stadtftrafse und einer auf die bequeme Schiffsentladungshöhe gefenkten Kaiftrafse 
(Paris, Lyon, Budapeft, Mainz u. f. f.). 

Dient die Uferftrafse dem Schiffsverkehre nicht oder ift das Gewäffer überhaupt 
nicht fchiffbar, fo bietet fich auf dem Uferrande oder auf den Böfchungen die fchönfte 
Gelegenheit zu Promenadenanlagen und gärtnerifchem Schmuck, wie Hamburgs 
Alfterbecken, Breslaus Ringftrafse, die Dreifamftrafse zu Freiburg, die »Rheinan- 
lagen« zu Koblenz zum Teil in fchönfter Weife zeigen. In folchen Städten, wo 
für Handel und Gewerbe beträchtliche Uferftrecken der allgemeinen Zugänglichkeit 
entzogen werden muffen, ift das Bedürfnis doppelt grofs, auf die Verfchönerung der 
für den Verkehr und die Erholung frei gebliebenen Uferftrafsen befondere Aufmerk- 
famkeit zu verwenden. Sowohl in den Seeftädten (nicht blofs in den Seebädern), 
als in den Flufsftädten find die freien Strandftrafsen gewöhnlich die angenehmften 
und befuchteften der Stadt. Die liebevolle und liebliche Art, wie die Alfterufer 
in Hamburg dadurch verfchönert find, dafs zwifchen den Wegen und dem Waffer 
parkähnlich überall Rafen und Ziergefträuch eingefügt find, ift für ähnliche Ver- 
hältniffe mufterhaft. 

Im Inneren der Stadt mufs dagegen der gärtnerifche Schmuck gewöhnlich 
fortfallen ; am Meeresftrande ift er wegen der wechfelnden Wafferftände in der Regel 
nicht möglich. Florenz und Pifa haben ihren berühmten Lungarno] Rom hat fich 
mit grofsen Koften feinen Lungo Tevere gefchaffen; Neapel, Venedig und Trieft 
haben ihre Riva. Marfeille hat entlang feiner felfigen Küfte eine ausgedehnte 
Spazierfahrt angelegt. Hier, wie in Trieft find die Hamburger Parkanlagen durch 
Felsblöcke oder Klippen vertreten, welche die Strafse fäumen und ftützen und an 



a86. 

Sonftige 

Uferftrafsen. 



239 



Fig. 536. 



ihren zackigen Kanten die braufende Brandung zurückwerfen. Antwerpen war ge- 
nötigt, feinem Handel zuliebe das Scheideufer mit Ladeplätzen und Schuppen zu 
verbauen; aber über den Dächern der Schuppen legte die Stadt eine freie Fahr- 
ftrafse an, welche man zu Fufs oder zu Wagen auf koftfpieligen Rampenbauten 
erfteigt, um fich des Blickes über den von Schiffen belebten Strom erfreuen zu 
können. Mit Riefenkoften fchuf London fein Victoria-Embanktnent. Dort, wie 
anderswo (Bremen, Berlin, Breslau, Cöln, Deutz, Mainz, Rom u. f. w.) hatte eine 
frühere Zeit den Wert des freien Flufsufers für den ftädtifchen Verkehr, für die 
Erholung, für die Verfchonerung verkannt; neue Generationen forgten in Mainz, 
Cöln und Düffeldorf für die Wiederbefreiung und ftattliche Ausbildung der Flufsufer. 
Glücklich die Stadt, wo frühere Zeiten die Ufer frei hielten und darauf be- 
dacht waren, fie durch Parkanlagen doppelt reizend zu geftalten, vielleicht fogar 
den Flufs oder den Bach auf langer Strecke 
einer öffentlichen Parkanlage einzuverleiben, 
die gerade dadurch am wirkfamften belebt 
und gefchmückt wird. Der Englifche Garten 
zu München, der Hofgarten zu Düffeldorf, 
auch die Kar/s-Ave zu Kaffel, das Bois de 
Boulogne zu Paris u. a. find Beifpiele hierfür. 
Für die Stadterweiterungen von Düffel- 
dorf, Kiel , Flensburg , Roftock u. f. w. ift 
diefer Punkt befonders berückfichtigt worden: 
Bäche und Teiche, von Strafsen und Pflan- 
zungen umgeben, follen in neuen Bebauungs- 
gebieten eine dauernde Stadtverfchönerung 
bilden. 

Die in fo vielen Städten gemachte Er- 
fahrung, dafs überall da, wo die Wafferläufe 
in das Innere der Privatgrundftücke einge 
fchloffen oder von den menfchlichen Woh- 
nungen unmittelbar berührt find, aus früher 
klaren Bächen fich allmählich fchmutzige 
Kloaken bilden (Paubach in Aachen , Herne 
in Effen, Pegnitz in Nürnberg, Birfig in Bafel, 
Dyle in Löwen, Grüner Graben in Berlin u. f. w.) hat zu der vom »Verbände 
Deutfcher Architekten- und Ingenieurvereine« im Jahre 1878 gefafsten Refolution 
geführt, welche lautet: »Bei Aufteilung ftädtifcher Bebauungspläne find die Strafsen- 
und Platzflächen fo anzuordnen , dafs fie die Bäche und fonftigen nicht fchiffbaren 
Wafferläufe, welche das Bebauungsgebiet durchfchneiden, in fich aufnehmen. Nur 
ausnahmsweife ift es , namentlich zur Befriedigung gewerblicher Zwecke , ftatthaft, 
die genannten Wafferläufe in das Innere der Baublöcke zu legen; in diefem Falle 
ift für ungehinderte, tunlichft bequeme Revidierbark ei t der Gewäffer durch öffent- 
liche Organe Sorge zu tragen.« 

In Strafsen von gewöhnlicher Breite muffen die Wafferläufe überwölbt und 
mit den erforderlichen Befichtigungs- und Spülungseinrichtungen verfehen werden. 
Soll ein Gewäffer offen erhalten werden, fo ift man zu breiteren Strafsenanlagen 
genötigt, welche zur Ausbildung als Promenaden befonders geeignet find (vergl. die 



Tj wft ti ft - 



Boulevard Richard Lcnoir zu Paris. 



W.fTcrlauft 
Bmiblöck™. 



240 



291* 

Gewerbs- 

grftben. 



Strafsenprofile in Fig. 241 u. 263, fowie den Bebauungsplan für Freiburg in 
Eig- 587)- Ein Mittelding von teils eingewölbter, teils offener Lage eines Gewäffers 
in einer breiten Strafse zeigt Fig. 526, die Anlage des Boulevard Richard Lenoir 
in Paris darftellend; der Schiffahrtskanal St.-Martin hat in kurzen Abftänden in der 
Mitte der Strafsenfläche Lichtöffnungen, welche von Zieranlagen umgeben find. 
»90. Wo ein Wafferlauf die ftädtifche Bebauung durchfchneidet und infolgedeffen 

"*f en von grober Verunreinigung aus Höfen, Küchen, Aborten und Gewerbeftätten heim- 
waflcriäufcn. gefucht wird, da ift eine zuverläffige Abhilfe nur dadurch möglich, dafs man entweder 
nachträglich den Bach aus den Baugrundftücken hinaus in die öffentliche Strafse 
verlegt oder, dem Wafferlaufe folgend, neue Strafsen durch die bebauten Blöcke 
hindurchzieht. Derartige Arbeiten find in neuerer Zeit in Brüffel ausgeführt, wo 
über der gänzlich verfchmutzten Senne nach Säuberung und Einfaffung derfelben 
in einen Doppelkanal mit feitlichen Strafsenfielen die bekannten glänzenden Boule- 
vards An/pack und de la Seime angelegt wurden-, ferner in Wien, Breslau, Aachen, 
Bafel, Marfeille u. a. O. Da indeffen folche nachträgliche Regelungen oft mit 
fchwierigen Rechtsverwickelungen und grofsen Koften verbunden find, fo ift es ge- 
boten, im Stadterweiterungsfelde durch einen zweckmäfsigen und frühzeitig feft- 
geftellten Bebauungsplan der Wiederholung ähnlicher Mifsftände vorzubeugen. 

Die Gewerbsgräben und Mühlkanäle können naturgemäfs den bebauten Grund- 
ftücken nicht ganz entzogen werden ; fie find aber für dicht bevölkerte, eng bebaute 
Stadtteile ftets ein Uebel, welches in feinem Umfange nach Kräften eingefchränkt 
werden follte. Gewerbegerechtfame, welche durch Stau oder grobe Verunreinigung 
des Waffers empfindliche Nachteile herbeiführen (Mühlen, Gerbereien, Färbereien 
u. f. w.), find womöglich abzukaufen oder abzulöfen. Unberechtigten Einrichtungen 
diefer Art ift mit Entschiedenheit entgegenzutreten; Neuanlagen find auf Dampf- 
kraft oder fonftigen Kraftbezug, auf die ftädtifche Wafferleitung und das ftädtifche 
Kanalnetz (mit vorheriger Klärung der Abwaffer) zu verweifen. Die Verdrängung 
läftiger, nachteiliger Gewerbe aus dem Inneren der Stadt ift in diefem Sinne durch- 
aus zu rechtfertigen. Was aber an Gewerbsgräben in den Baugrundftücken der 
Stadt geduldet werden mufs, ift beftändiger, nachhaltiger Aufficht zu unterwerfen. 
Wie für die Flufsufer und Bäche, fo gilt erft recht für die öffentlichen Zier- 
gewäffer (Teiche, Seebuchten) der Grundfatz als Regel, dafs fie der Einwirkung von 
Privatbefitzern möglichft zu entziehen, alfo in öffentlichen Gärten oder entlang 
öffentlicher Strafsen anzuordnen find. Auch können Zierteiche ausnahmsweife die 
Stelle öffentlicher Plätze vertreten, wie wir bereits beim Feuerfee in Stuttgart (Fig. 71, 
S. 51) kennen gelernt haben. Dafs die Reinhaltung folcher Gewäffer, wenn fie von 
Privatgrundftücken umgeben find, fehr gefährdet ift, zeigt das Beifpiel vieler alter 
Stadtgräben, welche allmählich durch Aufnahme häuslicher und gewerblicher Ab- 
waffer zu übelriechenden Pfützen geworden find, während fie früher von den an- 
ftofsenden Gärten zum Kahnfahren und fonftigen Vergnügen benutzt wurden. Ein 
ähnliches hierher gehöriges Beifpiel der Verfchmutzung ift die mit dem Namen 
> Beutel« bezeichnete Seebucht zu Schwerin. Andererfeits aber darf nicht verkannt 
werden, dafs ein öffentliches Wafferbecken, welches leicht zugänglich und zu be- 
wachen ift, gerade durch die Umbauung mit Privatgärten und Villen zu einer Stadt- 
verfchönerung erften Ranges werden kann, wie dies in reizvollfter Weife die Seen 
in der Kolonie Grunewald bei Berlin und eine kleine, faft ganz umfchloffene Neben- 
bucht der Aufsenalfter in Uhlenhorft bei Hamburg zeigen. Auch der von freund- 



29a. 

Zierteiche 

und 
Scebuchtcn 



Wafferkanalc 

als 



241 

liehen Gärten umgebene Schlofsteich zu Königsberg i. Pr. gereicht diefer Stadt zur 
hohen Zierde. Im oben erwähnten Bebauungsplan für Freiburg wurde in ähnlicher 
Weife ein kleiner See vorgefehen, welcher teils von Strafsen und öffentlichen 
Spaziergängen, teils von den Gärten der Villengmndftücke umrahmt wird. 

Wie die Zierteiche die Stelle von Plätzen, fo können Waflergräben und «93 
Kanäle die Stelle von Strafsen vertreten, d. h. fowohl dem ftädtifchen Verkehre, 
als dem Anbau dienen. Das klaffifche Beifpiel einer Wafferftadt ift Venedig, wo strafsen. 
die Drofchke und die Strafsenbahn durch die Gondel und das »Tramway« -Schiff 
erfetzt werden. Die Kanäle, dort RH genannt, befpülen zumeift die Häufer und 
Paläfte unmittelbar; oft auch werden fie einfeitig, feiten zweifeitig von fchmalen 
Strafsen gefäumt. Damit zu vergleichen find die »Fleetec in Hamburg, die »Delfte« 
und »Grachten« in Emden, in Groningen, Amfterdam, Vliffingen und vielen anderen 
holländifchen Städten. Die Hamburger »Fleete« beftreichen meiftens die Rückfeiten 
der Grundftücke, deren Vorderfeiten an der Strafse liegen; hier handelt es fich 
nicht um den ftädtifchen Perfonenverkehr, fondern um den Verkehr der Fracht- 
fehuten, welche ihre Ladung an den das Fleet begrenzenden Speichern löfchen. 
In holländifchen Städten, befonders Amfterdam, dienen die Grachten, welche ge- 
wöhnlich von einer Strafse begleitet find, fowohl zu Perfonen- als zu Warenfahrten, 
für welche jedoch, im Gegenfatz zu Venedig, wo es Strafsenfuhrwerke nicht gibt, 
auch ein vollftändiges Netz ftädtifcher Fahrftrafsen zur Verfügung fleht 44 ). 



10. Kapitel. 

Eifenbahnen. 

Die Verkehrsanlagen und Verkehrseinrichtungen , insbefondere diejenigen, 2 9*- 
welche wir mit dem allgemeinen Namen »Eifenbahnen« bezeichnen, find für die dcs Eifenbahn. 
Entwickelung der Städte von hervorragender Bedeutung, von einer Wichtigkeit, verkehre». 
welche mit dem Wachstum der Städte einerfeits und mit der wirtfehaftlichen 
Hebung derfelben andererfeits beftändig zunimmt. Der Verkehr ift für das 
ftädtifche Leben und für die ftädtifche Wohlfahrt befruchtend, fördernd, aus- 

« 

gleichend; nicht blofs der Verkehr in die Ferne, fondern auch der Verkehr in die 
Umgebung (Vorortverkehr) und der Verkehr im Orte felbft. Den Fernverkehr ver- 
mitteln die Voll- oder Hauptbahnen. Dem Vorortverkehre dienen Stadtbahnen 
(welche zugleich Hauptbahnen fein können) auf Gleifen, die vom Strafsenverkehre 
ganz abgetrennt find, oder Strafsenbahnen. Den Orts- oder Stadtverkehr endlich 
vermitteln gleichfalls fowohl Stadtbahnen als Strafsenbahnen. Wir haben deshalb 
an diefer Stelle drei Eifenbahngattungen, nämlich die Hauptbahnen, die Stadt- 
bahnen und die Strafsenbahnen in ihren Beziehungen zum Stadtplane und zur 
ftädtifchen Bebauung zu betrachten. 

a) Hauptbahnen. 

Schon in Abfchn. 1, Kap. 2 u. 3 find die Beziehungen zwifchen dem Stadt- «95 
plane und den die Stadt berührenden, d. h. ein- und ausgehenden oder durch- und ^«riebs- 
gehenden Hauptbahnen kurz angedeutet worden. Hier follen diejenigen Gefichts- bahnhöfe. 

**) Siehe auch: Wochbl. f. Arch. u. Ing. 1880, S. 366. 
Handbuch der Architektur. IV. 9. (a. Aufl.) 16 



Güter- 
bahnhöfe. 



242 

punkte näher beleuchtet werden, welche im Intereffe des ftädtifchen Verkehres und 
der ftädtifchen Entwickelung bei Anlage der Perfonen- und Güterbahnhöfe, fowie 
bei Anlage der freien Bahnftrecke nach Möglichkeit geltend zu machen find. 

Die Bahnhöfe find in Art. 78 (S. 49) unter die »Aufsenanlagenc und für 
grofse Städte unter die »Verteilungsanlagen« gerechnet, d. h. unter diejenigen 
Baulichkeiten, welche zweckmäfsig der Regel nach an der Aufsenfeite kleiner und 
mittlerer Städte ihren Platz finden, jedoch bei Grofsftädten in verfchiedene Stadt- 
teile, in das Innere und Aeufsere des ftädtifchen Weichbildes, zu verteilen find. 

Am entfchiedenften gehören zu den Aufsenanlagen die mit der ftädtifchen 
Bevölkerung in geringer Berührung flehenden Verfchiebe- und Sammelbahnhöfe, 
Betriebs- und Werkftattbahnhöfe. Je weiter diefe Anlagen vom ftädtifchen Be- 
bauungsfelde hinausgefchoben werden, defto beffer ift es für den Stadtbauplan, da 
fie, wenn in zu grofser Nähe der Stadt angelegt, wegen ihrer bedeutenden Aus- 
dehnung und wegen der Wegekreuzungen ftets die ftädtifche Bebauung ftark beein- 
trächtigen. 
«96- Für die Güterbahnhöfe, mit Ausnahme der Eilgutbahnhöfe, gilt dies ebenfalls, 

aber nur in befchränkter Weife, da die allzu grofse Entfernung zwifchen Güterbahn- 
hof und Stadt wegen des lebhaften Verkehres untereinander nicht erwünfcht fein 
kann. Die Eilgutftationen muffen der Stadt am nächften liegen, am beften beim 
Personenbahnhof; die Stückgutbahnhöfe können in einer entfernteren Zone liegen; 
eine noch weitere Entfernung ift zuläffig und im Sinne des Bebauungsplanes er- 
wünfcht für Wagenladungs-, Maflengüter-, Produkten- und Freiladebahnhöfe. 

Um die Beeinträchtigung der Stadterweiterung durch weitausgedehnte Bahn- 
hofsflächen zu mildern, empfiehlt es fich für grofse Städte, die Güterbahnhöfe zu 
zerlegen in die dem eigentlichen Bahnbetrieb dienenden Teile (Verfchiebegleife, 
Ein- und Ausfahrtgleife, Uebergabegleife des Tranfitverkehres, Lokomotivschuppen, 
Umladeplätze) und die Güterftation im engeren Sinne (Güterfchuppen, Ladeftrafsen, 
Laderampen). Nur die Nähe der letzteren Anlagen ift für die Stadt von Intereffe, 
wäti'rend die erftgenannten Bahnhofsteile in das freie Feld gelegt werden follten, 
wo die Züge, ohne Störung zu verurfachen, getrennt und zufammengeftellt werden, 
ein- und auslaufen können, während die nach Bedürfnis in mehrere Stadtviertel zu 
verteilenden, innerftädtifchen Güterftationen auf eine kleine Ausdehnung befchränkt 
und durch einen Zweigbetrieb bedient werden. Lehrreiche Beifpiele hierfür bieten 
die Verteilung der Güterabfertigungsftellen auf verfchiedene Punkte entlang den in 
die Stadt eintretenden Endftrecken der Hauptbahnen Londons und Berlins. Man darf 
annehmen, dafs die durch die Teilung erwachfenden Mehrkoften des Betriebes durch 
die Förderung des Verkehres und durch die Erfparnis an Grunderwerbs- und Bau- 
koften mehr als ausgeglichen werden, weil im Inneren oder in unmittelbarem An- 
fchlufs der Stadt eine über die Strafsengleiche erhöhte oder unter diefelbe vertiefte 
Bahnhofsebene künftlich gefchaffen werden mufs, während im Freien Bahnanlagen 
zu ebener Erde mit Niveauübergängen gemeiniglich ftatthaft find. 
«97. Die Anlage grofser Perfonenbahnhöfe , namentlich grofser Endbahnhöfe, 

welche mit vielfachen Verfchiebe- und Nebengeleifen ausgeftattet werden muffen, 
innerhalb des bebauten ftädtifchen Weichbildes ift fowohl für die Eifenbahn, als 
für die Stadt mit fchwerwiegenden Nachteilen verknüpft. Die Eifenbahn mufs fehr 
hohe Grunderwerbs- und Baukoften aufwenden und zugleich auf die Leichtigkeit 
der Ausdehnung und Entwickelung verzichten. Die Stadt leidet durch die Unter- 



Perfonen 
bahnhöfe 



243 

brechung oder durch lange, tunnelartige Unterführung ihrer Verkehrftrafsen; an vielen 
Orten fitzen die Bahnhofsaniagen wie ein fremder Keil im Fleifche der Stadt (z. B. 
in Berlin;, ganze Stadtteile voneinander trennend und kilometerlange Umwege ver- 
anlaffend. Dennoch wird die Eifenbahn Verwaltung, befonders wenn fie den Wett- 
bewerb mit anderen Unternehmungen zu beftehen hat, wie in England, oder wenn 
der Staat als Eifenbahneigentümer, wie in Deutfchland, hohe Summen zum allge- 
meinen Wohle aufzuopfern in der Lage ift, beftrebt fein, die Reifenden dem Ziele, 
alfo dem Stadtkern, möglichft nahe zu bringen. Diefes Beftreben hat zur Vor- 
fchiebung der Perfonenbahnhöfe in das Stadtinnere geführt, und zwar entweder in 
der Geftalt von Kopfftationen, welche für den Verkehr zwifchen Stadt und Bahn- 
hof wegen der frei zugänglichen Kopfbahnfteige von grofsem Vorteil, aber, wie 
fchon bemerkt, aus betriebstechnifchen Gründen der Ausftattung mit Neben- und 
Verfchiebegleifen bedürftig find; oder in der Geftalt von Durchgangsftationen. 
Die letztere Anordnung ift zwar für die Annäherung der Bahn an den Stadtkern 
doppelt fchwierig, erfordert aber wefentlich geringere Bahnhofsflächen. 

Das Annäherungsftreben der Eifenbahn deckt fich mit dem natürlichen 
Wunfche der ftädtifchen Bevölkerung, die Eifenbahnfahrgelegenheit nach allen 
Richtungen auf kurzem Wege erreichen zu können. Aber fowohl für die Eifen- 
bahn, als auch für die Stadt ftehen bei der Anlage von Perfonenbahnhöfen im 
Inneren der Stadt gewichtige Vorteile und grofse Nachteile einander gegenüber, 
deren Abwägung fchwierig ift und je nach der Oertlichkeit bald zu Gunften der 
inneren Stadt, bald zu Gunften des Aufsenfeides die Entfcheidung herbeiführt. 
So find beifpiels weife für Hannover (Durchgangsfiation), Dresden und Cöln (ver- 
bundene Durchgangs- und Kopfftation) Innenbahnhöfe, für Düffeldorf (Durchgangs-) 
und Frankfurt a. M. (Endftation) Aufsenbahnhöfe vorgezogen worden. 

Bei den Innenbahnhöfen für Perfonenverkehr gilt noch mehr als für Güter- 
bahnhöfe der Satz, dafs die eigentlichen Eifenbahnbetriebsanlagen , alfo die Ein- 
richtungen für das Bilden und Trennen der Züge, für den Lokomotiv- und Wagen- 
dienft, abzutrennen und an einem Aufsenpunkte anzubringen, dafs ferner die Per- 
fonenftationen felbft in ihrer Ausdehnung tunlichft zu befchränken, räumlich auf 
das innigfte auszunutzen und womöglich über das Stadtgebiet zu verteilen find 
(Verteilungsbahnhöfe). 

Zwar wird eine Staatsbahnverwaltung oder eine Gefellfchaft als Befitzerin »98. 
mehrerer Bahnlinien im Intereffe des Durchgangsverkehres und in ihrem eigenen odc * n Hau P t 
Betriebsintereffe danach trachten, den Austaufch des Verkehres der verfchiedenen bahnhöfe. 
Linien womöglich an einem einzigen Punkte vorzunehmen. So entftanden und ent- 
ftehen in Deutfchland vielfach, in England und Frankreich feltener Zentral- oder 
Hauptbahnhöfe für grofse Städte. Das Intereffe der Städte deckt fich nicht immer 
mit diefem Vereinigungsbeftreben, das leicht die Verkehrsüberlaftung des einen 
Stadtteiles am Hauptbahnhofe und die Verkehrsarmut anderer Stadtteile zur Folge 
haben kann. Je gröfser indes die Stadt wird, defto mehr fchwindet die Ausführbar- 
keit eines einzigen Hauptperfonenbahnhofes für alle Reiferichtungen; defto mehr 
verlangt aber auch neben dem ftädtifchen das Eifenbahnintereffe die Dezentralifation 
der Bahnhöfe, damit die Anftauung von Menfchenmaffen auf einzelnen Punkten 
durch Verteilung der Aufnahme- und Abgabeftellen über das ganze Stadtgebiet 
verhindert werde. London, Paris, Berlin, Wien, Budapeft, Brüffel find Beifpiele 
für eine folche zwar nicht nach einheitlichem Plane, fondern durch das Privatbahn- 



244 



»99- 
Befeitigen 

der Niveau- 
übergänge. 



300. 
Umleitung 

der 
Güterzüge. 



301. 

Bahnkörper 

in Strafsen 

und Blöcken 

alter 
Stadtteile. 



fyftem entstandene Verteilung von Bahnhöfen, die fleh zumeift als Kopfftationen 
um den Stadtkern gruppieren. London, Berlin und Wien zeigen zugleich, wie der 
Nachteil der Kopfftationen, dafs die Züge oft die Verkehrsmittelpunkte nicht er- 
reichen und dafs es an durchgehenden Verkehrslinien fehlt, ausgeglichen werden 
kann durch Anlage von Stadtbahnen, welche unter b befprochen werden follen. 

Die freie Bahnftrecke der Hauptbahnen liegt noch vielfach in der Strafsen- 
gleiche, wodurch fowohl für den Eifenbahnverkehr, als befonders auch für den 
Strafsenverkehr grofse Störungen, Unzuträglichkeiten und Gefahren herbeigeführt 
werden. Aufserordentlich hohe Summen haben in den letzten Jahrzehnten auf- 
gewendet werden muffen und find in Zukunft noch aufzuwenden, um jene Mifs- 
ftände zu befeitigen. Beim Umbau oder Neubau der Bahnftrecken werden die 
Niveauübergänge in Städten grundfätzlich vermieden. In den hügelig liegenden 
Städten find Ueber- oder Unterfuhrungen, Viadukte und Tunnel die Mittel, durch 
welche die Bahn- und Strafsenoberfläche voneinander getrennt werden; die Städte 
in der Ebene find meift auf die Hochlage der Bahn angewiefen. Die Anerkennung, 
welche die Eifenbahnverwaltungen bezüglich ihrer Um- und Neubauten in grofsen 
Städten verdienen, erftreckt fich leider nicht fo unbedingt auf die Bahnbauten in 
kleineren und Mittelflädten oder in den Vororten der grofsen Verkehrszentren. 
Auch in diefen Vororten, welche erfahrungsgemäfs fchnell zunehmen, und in den 
Mittelflädten, welche infolge der Entwickelung des Grofsgewerbes im rafchen Auf- 
fchwunge fich befinden, follten die Bahnverwaltungen die Trennung der Bahnebene 
von der Strafsenglefche fo bald als möglich vornehmen, da das Zögern nur die 
Koften erhöht; namentlich aber follten Neu- und Umbauten nicht mehr in der 
Strafsengleiche vorgenommen werden. 

Durch die Trennung der Bahn von der Strafsenebene wird das Eindringen 
des Perfonenverkehres in das Herz der Städte erleichtert, zugleich aber auf eine 
Abtrennung des Güterverkehres auch von der die Stadt durchschneidenden freien 
Bahnftrecke hingewirkt. Bei grofsen Städten ift es meift billiger und zweckmässiger, 
den Güterzugsverkehr, infofern er nicht die Stadt felbft betrifft, um das ftädtifche 
Weichbild herumzufuhren, als die innerftädtifchen Perfonengleife mit Güterzügen 
noch zu belaften oder gar befondere Gütergleife durch die Stadt hindurchzu- 
brechen. 

In beftehenden Stadtvierteln wird nur feiten eine neue Hauptbahn als Damm 
oder Viadukt in der Strafsenmitte Platz finden: der Regel nach wird die Bahnlinie 
vielmehr quer durch die Baublöcke zu legen und mittels Brücken über die ge- 
kreuzten Strafsen zu führen fein. Leider ruft diefe Bauweife leicht grofse Un- 
fchönheiten hervor, fowohl für die auf der Strafse Gehenden, denen die Hausgiebel 
an den Eifenbahndurchbrüchen in nackter Roheit fich entgegenstellen, als be- 
fonders für die Eifenbahnreifenden, die auf der Fahrt durch die Stadt eine Reihe 
abftofsender Bilder von Höfen und Hinterbauten, ja widerwärtiger Einblicke in die 
Verhältniffe grofsftädtifchen Lebens und Wohnens zu koften haben, noch bevor fie 
den erften Schritt in die glänzenden Strafsen der Grofsftadt fetzen. Die Berliner 
Stadtbahn gibt hierfür ein häfsliches, und noch nicht das häfslichfte, Beifpiel. Ver- 
meiden laflen fich folche Unfchönheiten beim nachträglichen Eindringen der Bahnen 
in die Städte nicht; aber ganz erhebliche Milderungen find zu erzielen, wenn beim 
Entwurf der Bahnlinie diefe Seite der Sache nicht gänzlich vernachläffigt wird. 
Schon durch den Miterwerb und die freundliche Bebauung von Trennftücken, 



Geldpunkt 
nicht allein 



245 

durch Bepflanzung nicht bebauungsfähiger Grundftückrefte , durch Geftattung von 
Fenftern und Vorkragungen an der Bahnfeite laffen fich manche Unfchönheiten 
vermeiden oder verdecken. 

Auch in neuen Stadtbauplänen, welche gleichzeitig mit der Bahnanlage feft- 30a. 
geftellt werden, oder beim Einlegen von Eifenbahnlinien in einen zwar feft- Bahnkörper 
gefreuten, aber noch nicht ausgeführten Bebauungsplan findet die Bahn oft un- Bebauungs- 
nötigerweife ihren Platz innerhalb der Blöcke. Zwar find in folchen Fällen die P lÄnen - 
Grundbefitzer im ftande, fich nach der Lage der Bahn zu richten, bei ihren Bauten 
den Anblick vom Bahngeleife her zu berückfichtigen. Die gröbften Unfchönheiten 
können alfo vermieden werden; ja, in den Einzelhausftädten oder in Villenvierteln 
kann fogar der Blick von der Bahn in die Gärten fich freundlich und anmutig 
geftalten. Aber die Regel ift auch hier, dafs vieles Häfsliche erzeugt wird, weil 
die Baugrundbefitzer keineswegs alle auf die Eifenbahnreifenden Rückficht nehmen, 
die Hinterfeiten der ftädtifchen Miethäufer feiten ihre Unfchönheiten verlieren und 
die Durchbrüche durch die Häuferreihen an den Strafsenkreuzungen kaum freund- 
lich geftaitet werden können, es fei denn, dafs man ausnahmsweife, wie in England, 
die tiefliegende oder hochliegende Bahn mit Häufern oder Portalen an den Strafsen- 
fronten überbaut. 

Der Grifhd für die Einfchachtelung der Eifenbahnen in die Bebauungsblöcke 303 
eines Stadtplanes ift in der Regel der Geldpunkt. Man fucht die Koften zu ver- 
meiden, die mit der Anlage zweier Strafsen auf den beiden Seiten des Bahn- m*fsgebead. 
dammes oder des Einfchnittes verbunden und für die Gemeinde umfo unerwünfchter 
find, da die Anbauer nur die halbe Strafsenbreite zu bezahlen, in diefem Falle 
alfo die ftädtifchen Steuerkaffen für zwei halbe Strafsen dauernd aufzukommen 
haben (wenn es nicht etwa gelingt, jede Seitenftrafse den Anliegern als eine halbe 
Strafse anzurechnen). Aber der Koftenpunkt darf allein nicht entfcheidend fein; 
auch die fchöne Geftaltung der Stadt für den Bürger, wie für den Reifenden ift 
einiger Opfer wert. Wenn es daher auch zu weit ginge, zu verlangen, dafs alle 
Perfoneneifenbahnen in den Strafsen, und zwar derart anzulegen feien, dafs die 
Reifenden nur die Vorderfeiten der Häufer erblicken, fo wird doch das Beftreben, 
das Unfchöne zu vermeiden, auch beim Entwerfen ftädtifcher Eifenbahnftrecken 
dahin zu richten fein, wenigftens nach Möglichkeit die Bahnlinien mit den Strafsen- 
linien, mit öffentlichen Anlagen, Wafferflächen u. f. w. zu vereinigen, kurz die 
häfsliche Blockdurchfchneidung zu vermeiden. 

Noch entfchiedener ift es zu vermeiden, dafs die Bahn auf einer Seite neben 
einer Strafse, auf der anderen aber neben den Hintergrundftücken einer zweiten 
Strafse liegt, da in diefem Falle der unfchöne Einblick in die Höfe und Hinter- 
häufer nicht blofs den Eifenbahnreifenden, fondern auch den Bewohnern der erft- 
genannten Strafse fich beftändig darbietet. 

Ein Beifpiel von der Lage der Bahn im Einfchnitt zwifchen beider feitigen 3 o 4 . 
Strafsen haben wir bereits in Fig. 261 (S. 115) mitgeteilt. Die Viadukte können Bclf P iele 
entweder offen hergeftellt werden, fo dafs der ftädtifche Verkehr auch unter den- 
felben fich vollzieht (vergl. die Anordnungen in Fig. 527 u. 528 aus Rotterdam), 
oder es find die Gewölbe oder Stützenfelder als Läden, Wirtfchaften und öffent- 
liche Verkaufsftellen zu verwerten (z. B. Berliner Stadtbahn, Wiener Verbindungs- 
bahn). Beifpiele von Eifenbahnftrecken in oder an Parkanlagen find aus Mannheim, 
Hamburg, Cöln, Berlin (Tiergarten), Paris (Buttes Chautnoni) zu nennen; fie find 



246 



Fig. 527 




Eifenbahnviadukt auf einer Strafse 
zu Rotterdam. 



10 98765*321 

H ' H i l 'l' Ml ' H ' l 



1-500 

— I 



10 



Fig. 528. 




Eifenbahnftation an der Börfe 
zu Rotterdam. 



»» 



2<^ 



+ 



H 



unzweifelhaft für den Reifenden die denkbar fchönfte Einführung der Bahnen vom 
Lande in die Stadt, und bei einigem Bodenwechfel läfst auch der Bahnkörper fich 
mit der Parklandfchaft in erträglicher Weife vereinigen. An anderen Orten ge- 
währt fchon die gärtnerifche Bepflanzung der Eifenbahnböfchungen freundliche 
Bilder fowohl für die Reifenden im Bahnzuge, als für die Wanderer auf der 
ftädtifchen Strafse (Elberfeld, Amiens). 



305. 

Arten von 
Stadtbahnen. 



3°5- 
Eigentliche 

Stadtbahnen. 



b) Stadtbahnen. 

Mit dem Worte » Stadtbahnen c werden Bahnanlagen innerhalb des ftädtifchen 
Weichbildes bezeichnet, welche nach ihrem Zwecke grundfätzlich voneinander ver- 
fchieden find. Die für uns minder wichtige Art diefer Bahnen find die bei fall 
allen grofsen Städten vorkommenden Verbindungs- oder Gürtelbahnen, welche 
die verfchiedenen Aufsenbahnhöfe gewöhnlich in grofsen, die Stadt umziehenden 
Bogenlinien in gegenfeitigen Verkehr fetzen; fie dienen in der Regel nur der 
Güterbewegung, den Militärtransporten und dergl. und haben auf den Stadtbauplan 
und die ftädtifche Bebauung vorläufig geringen Einflufs. Erft für eine weitere Zu- 
kunft können fie für den Orts- und Vorortverkehr Bedeutung gewinnen. 

Die zweite Art von Stadtbahnen ift diejenige, welche die verfchiedenen 
Aufsenbahnhöfe auf einer oder mehreren Durchmefferlinien miteinander ver- 
bindet, alfo den Perfonenverkehr von aufsen (den Fernverkehr) bis an die Halte- 
ftellen im Herzen der Stadt fuhrt und zugleich den durchgehenden Verkehr ohne 
Umweg ermöglicht (z. B. Berliner und Wiener Stadtbahn). Bei hinreichender 
Länge kann diefe Art von Stadtbahnen auch dem Ortsverkehre dienen , obfchon 
dies nicht ihr eigentlicher Zweck ift. Die Berliner Stadtbahn erhält ihre eigent- 
liche Bedeutung als örtliche Verkehrsanftalt erft dadurch, dafs fie, die Durchmeffer- 
linie, neben dem Fernverkehr befondere Gleife befitzt, die mit der das ganze 
ftädtifche Weichbild umkreifenden, die Aufsenbezirke und Vororte berührenden 
»Ringbahn« in Verbindung gefetzt find. 

Die dritte Art von Stadtbahnen, die eigentlichen Stadtbahnen, haben 
den Zweck, den Verkehr innerhalb der Stadt felbft, den Stadtverkehr, auf gröfsere 
Entfernungen zu vermitteln, entfernte Stadtteile durch fchnelllaufende Fahrzeuge 



247 

miteinander in Verbindung zu fetzen (Londoner Untergrundbahn , New Yorker und 
Liverpooler Hochbahn, Parifer Metropolitana Bahn, Berliner elektrifche Hoch- und 
Untergrundbahn, Budapefter Stadtbahn, Schwebebahn in Elberfeld-Barmen). Die 
Verbindung mit den Aufsenbahnhöfen und mit dem Fernverkehr ift für diefe 
eigentlichen Stadtbahnen zwar willkommen, aber an fich nebenfachlich. Sie fallen 
ein Syftem oder Netz felbftändiger, d. h. vom Strafsenverkehre und vom 
Fernbahnverkehre abgelöfter Lokalbahnen fein, die fich den örtlichen Verhält- 
niffen und BedürfnifTen in Bauart und Betrieb möglichfl innig anfchliefsen. Schnell 
aufeinander folgende, nicht zu lange Züge, elektrifch betrieben und in Strecken 
von 0,70 bis l,oo km Halt machend, dienen dem Maffenverkehr am beften. 

So ift die eigentliche Stadtbahn ein Mittelglied des Verkehres zwifchen den 
den Fernverkehr an die Stadt heran und in die Stadt hinein bringenden Haupt- 
bahnen und den Strafsenbahnen, die den Ortsverkehr nur auf kleinere Entfernungen 
in geringerer Gefchwindigkeit und in kleineren Mafien zu bewältigen vermögen. 
Allerdings wird nur für volkreiche Städte von grofser Ausdehnung ein folches 
Mittelglied notwendig fein; in kleineren Städten genügen neben den Hauptbahnen 
einerfeits die Strafsenbahnen andererseits. 

Aus einem Vergleich mit englifchen und amerikanifchen Städten dürfen wir 307. 
folgern, dafs wir auf dem europäifchen Feftlande erft am Anfange der Entwickelung w,c ^* keit 
des Stadtbahnwefens flehen und dafs wir beim Entwürfe von Stadtbauplänen und Stadtbahnen 
von Verkehrsanlagen in grofsen Städten dem zukünftigen Stadtbahnverkehre mehr zZmnft 
als bisher vorzuarbeiten haben. Diefe Forderung ift umfo wichtiger, als die Ver- 
kehrsfteigerung erfahrungsmäfsig die Bevölkerungszunahme bei weitem übertrifft. 
London nahm vom Jahre 1864 ab in 10 Jahren um 40 Vomhundert, in 20 Jahren 
um 64 Vomhundert zu, während die Summe des Stadtbahn-, Strafsenbahn- und 
Omnibusverkehres fich gleichzeitig verdreifachte, bezw. verfechsfachte. Der Volks- 
zuwachs von New York betrug in 20 Jahren 59 Vomhundert , die Verkehrsfteige- 
rung 45 ) 262 Vomhundert. Auch in weniger grofsen Städten, deren Bewohner 
nicht nach Millionen, fondern nach Hundert taufenden zählen, empfiehlt es fich, 
bei Feftftellung der Strafsen- und Erweiterungspläne auf das zukünftige Verkehrs- 
mittel der Stadtbahnen gebührende Rückficht zu nehmen; in manchen Fällen wird 
zu erwägen fein, inwieweit es erreichbar ift, die äufseren Verbindungsbahnen der 
verfchiedenen Bahnhöfe, fowie die in den Stadtkern eindringenden Hauptbahn- 
ftrecken fo einzurichten, dafs fie beim Wachstum der Stadt in Zukunft als Stadt- 
bahnen für den Ortsverkehr geeignet find. 

Stadtbahnentwürfe werden zunächft ftets vor der Entfcheidung ftehen, ob s<>8. 
»unterirdische« oder »überirdifche« Anlage vorzuziehen fei, da in der Strafsen 
gleiche eine abgetrennte Bahnftrecke nur ausnahmsweife in Frage kommt. Die übemdifche 
unterirdische Führung kann in einem doppelgleifigen Tunnel oder in zwei ein- 
gleifigen Tunneln entweder fo tief erfolgen, dafs die ftädtifchen Leitungsnetze für 
Wafferverforgung, Gas, Entwäfferung u. f. w. unberührt bleiben (Londoner Under- 
ground-üahn und Stadtbahn City-Southwark , letztere aus zwei Tunnelröhren von 
3,i 6 m Durchmefler beftehend) , oder unmittelbar unter die Strafsenfläche , fo dafs 
in oder neben dem herzuftellenden Hohlräume auch die ftädtifchen Leitungen eine 
geordnete Lagerung finden (Unterpflafterbahn). Die erftgenannte Löfung, welche 

*&) Siehe: Zcitfchr. f. Transportwegen u. Strafsenbau x888, S. 286 — ferner: Dietrich, E. Die Entwickclung der 
ftädtifchen Verkehrsmittel mit befondcrem Hinweife auf London und Berlin. Wochbl. f. Baukde. 1887, S. 506, 5x5. 



Unterirdische 
und 



Stadtbahnen. 



248 

eine hügelige Bodenbefchaffenheit vorausfetzt, erlaubt auch das Ablenken der Bahn 
von den Strafsenlinien (wie bei der Londoner Untergrundbahn) und das Unterfahren 
der Baublöcke unter den Kellerfohlen, ja eines Flufsbettes, wie zwifchen London- 
City und Southwark. Die letztgenannte Löfung bindet fich zwar an die Strafsen- 
züge, bleibt aber gerade dadurch den vorhandenen Verkehrslinien in vorteilhafter 
Weife nahe und gewährt eine leichtere Zugänglichkeit der Haltepunkte. Anderer- 
feits ift die überirdifche Anordnung für die Bahnfahrt freundlicher, heller und 
luftiger, aber in der Breitenentwickelung mehr befchränkt und für den gewöhnlichen 
Verkehr auf der Strafse, für den Anblick der Strafsen, Plätze und Gebäude, fowie 
für die Bewohner der Obergefchoffe durch Geräufch und Lichtentziehung mehr 
oder weniger ftörend; auch fie ift im allgemeinen an das Strafsennetz mit den 
Plätzen und öffentlichen Anlagen gebunden, da eine Ueberfchreitung der Haus- 
blöcke in der Luft nur als vereinzelte Ausnahme in Betracht kommt. Um die 
Lichtentziehung bei ftädtifchen Hochbahnen auf ein geringftes Mafs zurückzuführen 
und fehr fcharfe Kurven befahren zu können, wurde die Lartiguetehe einfchienige 
Bahn empfohlen, bei welcher eine einzige Fahrfchiene (Tragfchiene) auf fchmiede- 
eifernen Böcken befeftigt ift, während zwei Leitfchienen an den Seiten der Bock- 
gerüfte angebracht find, Schwellen und Belag aber vollftändig fehlen 46 ). Sie ift 
in neuerer Zeit durch die Langen {cht Schwebebahn abgelöft worden. 
309- Als Betriebskraft dient gegenwärtig faft ausfchliefslich der elektrifche Strom. 

Er wird für Stadt- und Strafsenbahnen am zweckmäfsigften in der Art benutzt, 
dafs die an einer oder mehreren Zentralftellen erzeugte Elektrizität dem Bahnwagen 
durch eine Leitung zugeführt wird, um die unter dem Wagen befindlichen Elektro- 
motoren in Bewegung zu fetzen. Die Art der Zuführung des elektrifchen Stromes 
ift eine verfchiedene, je nachdem das Gleis auf einer abgefonderten Bahn liegt, 
wie es für Stadtbahnen nötig ift, oder das Gleis auf der gewöhnlichen, allgemein 
benutzten Strafsenfläche geftreckt ift, was bei den Strafsenbahnen (fiehe unter c) 
befprochen werden wird. Als Rückleitung dienen die Schienen. 
3»o. Auch die Herftellung der Stadtbahnen als Kabelbahnen, d. h. derart, dafs die 

a und nCD Fahrzeuge durch Anheften an ein fich in oder unter dem Geleife bewegendes, von 
Seilbahnen, feftftehenden Mafchinen getriebenes Tau .ohne Ende mittels Greifer bewegt werden, 
ift nicht ausgefchloffen ; befonders in Amerika find derartige Bahnen in Betrieb. 

Drahtfeilbahnen auf geneigter Ebene finden fich in Budapeft zur Erfteigung 
der Ofener Burg, in Lyon zum Stadtteile Croix-roujfe hinauf, in Pittsburg für Per- 
fonen und Fuhrwerke zur Verbindung der Niederftadt mit den hochgelegenen 
Hügelftadtteilen 4 7 ), ferner bei Dresden, in Turin, zwifchen Ouchy und Laufanne, 
fowie an vielen anderen Orten. Die bewegende Kraft ift bei den Seilbahnen viel- 
fach der Waflerdruck. 

c) Strafsenbahnen. 

311. Während die Hauptbahnen für den Maffenverkehr nach aufsen, die Stadt- 

zweck. bahnen für den Verkehr zwifchen entfernten Teilen und Vororten derfelben Stadt 
dienen und beide Bahnarten vermöge ihrer grofsen Fahrtgefchwindigkeit, ihrer Be- 
triebsmittel und ihres Betriebsumfanges auf den ftädtifchen Strafsenflächen nicht 
Platz finden können, dienen die Strafsenbahnen, d. h. die auf der Strafsenfläche 

* 6 ) Siehe: Centralbl. d. Bauverw. 1889, S. 216. 
* 7 ) Siehe: American engineer 1887, 10. April. 



249 

angelegten Gleisbahnen, für den Verkehr auf kleinere Entfernungen mit geringerer 
Gefch windigkeit, fei es von Stadtteil zu Stadtteil, fei es zwifchen Stadt und Vor- 
orten, ferner auch zur Erleichterung und Förderung des Strafsenverkehres felber. 
Obfchon die Strafsenbahnen nach den angewendeten Motoren in Pferdebahnen, 
elektrifche, Prefsluft-, Kabel-, Lokomotivbahnen u. f. w., nach der Gleisbreite in 
normal- und fchmalfpurige zerfallen, fo ift dies zwar von Einflufs auf die Leiftungs- 
fahigkeit und auf das betriebsfähige Höchftmafs der Steigungen und Mindeftmafs 
der Krümmungshalbmeffer , hat jedoch im übrigen für die Anordnung auf den 
Strafsen geringe Bedeutung. 

Sehr dichter Strafsen verkehr, wie in den inneren Stadtteilen von Paris und 3ia . 
London, läfst die Anlage und den Betrieb von Strafsenbahnen nicht zu; ebenfo c ' na ** a 

» der 

find diefelben aus einem engen und verworrenen Strafsennetz , wie in der Innen- Anwendbarkeit. 
(ladt von Wien, ausgefchloffen. Hier ift die Perfonenbeförderung im Sammel- 
verkehre für vorgefchriebene Richtungen und Ziele auf Omnibuffe, im Einzelverkehr 
für beliebig zu wählende Richtungen und Ziele auf Lohnkutfchen (Drofchken, 
Fiaker, Stellwagen, Caös, Hanfotns) angewiefen. Zwar ift es richtig, dafs der 
Strafsenbahnbetrieb bei fchwachem Strafsenverkehr auf breiten Strafsen den 
fonftigen Verkehr »regelte-, aber unzutreffend ift dies für folche Strafsen, die mit 
ftädtifchem Verkehre aller Art bereits völlig in Anfpruch genommen find. Hier 
wirken die Strafsenbahnwagen, welche felbft nicht ausweichen können, alles andere 
Fuhrwerk in der freien Bewegung befchränken und beim Stillftehen Verkehrs- 
ftauungen hervorrufen, durchaus nicht regelnd und fördernd, fondern eher ftörend 
und hemmend. Das von Nordamerika ausgegangene Strafsenbahnwefen findet 
deshalb am Kerne alter Städte feine natürliche Grenze. 

Die zweite Grenze für die Anwendbarkeit der Strafsenbahnen wird durch die 
Fahrtgefchwindigkeit gebildet. Diefelbe darf auf der ftark befuchten Strafse nicht 
wefentlich gröfser fein als diejenige des trabfahrenden Strafsenfuhrwerkes; fie be- 
trägt daher in den Städten gewöhnlich etwa 180 m in der Minute, während auf 
Landftrafsen — unter Umftänden auch verkehrsarmen, breiten Stadtftrafsen — eine 
Gefchwindigkeitsfteigerung auf 200 bis 300 m in der Minute (12 bis \%^^ in der 
Stunde) für zuläffig erachtet wird. Es leuchtet hiernach ein, dafs das Bedürfnis 
für fchnellere Bewegung mittels Stadtbahnen in der inneren Stadt fchon bei ver- 
hältnismäfsig geringen Entfernungen, im Verkehre mit den Vororten dagegen erft 
bei gröfseren Abftänden fich geltend macht. 

Allein innerhalb der Grenzen, die den Strafsenbahnen durch den dichten 
Stadtverkehr einerfeits und die verhältnismäfsig geringe Gefchwindigkeit anderer- 
feits geftellt find, haben fie ein fehr ausgedehntes Feld der Entwickelung ge- 
funden , . welches fich noch täglich erweitert. In der Umgebung italienifcher und 
belgifcher Städte bewähren fich Dampfftrafsenbahnen auf Entfernungen bis zu 30 km 
und mehr. 

Die Vervollkommnung des Strafsenbahnwefens geht mit der Erweiterung des- 
felben Hand in Hand. Sie erftreckt fich fowohl auf die Anordnung und den Bau 
der Bahn, als auch auf die Art ihres Betriebes. 

Da die Strafsenbahn einen Teil des Strafsenverkehres felbft aufnehmen foll, 313 
fo ift es notwendig, dafs fie die Hauptverkehrslinien — radiale, peripherifche, L,mcnnelz 
diagonale — innehält, oder, infofern gewiffe Strecken mit einem für die Bahn- 
wagen zu dichten Verkehre beladet find, diefelben möglichft parallel verfolgt. Sie 



Radialfyftem und felbfländige Ringlin 



2SI 



kann nur dem- 
jenigen Teile des 
Strafsenverkehres 
dienen , welcher 
innerhalb desfelben 
Stadtteiles oder 
zwifchen verfehle- 
denen , von der- 
felben Linie be- 
rührten Stadtteilen 
Entfernungen von 

folcher GrÖfse 
(wenigftens etwa 
1,3 k m ) zurückzu- 
legen hat, dafs die 
Erfparnis an Zeit 
und Mühe gegen- 
über dem Abwar- 
ten des Wagens 
oder dem Umwege 
bis zur Bahn und 

gegenüber dem Fahrgelde einen wirtfehaftlichen Vorteil gewährt. Sind die Ab- 

ftände zu klein, fo lohnt die Strafsenbahn fich nicht. 

Da die Hauptradialen die lebhafteften Verkehrslinien find, fo find fie auch 

von vornherein die zunächft gegebenen Strafsenbahnlinien ; mit ihrer Länge wächft 

ihre Bedeutung. Von den Vororten in die Stadt und den Stadtkern hinein und 



Kombiniertes St rafsen bahnnetz. 
(Selb Händige Radien, felbfländige Ringlinie und Ringlinie i 



: Strahlen.) 




S trafsenbah nne tz 



252 

gegebenenfalls durch* die Stadt hindurch in den gegenüberliegenden Vorort fuhren 
daher die verkehrsreichften Strafsenbahnen. An manchen Orten ift diefer natürliche 
Vorzug der mit Bahngleifen belegten, in das Land hinein fich erftreckenden 
Radialftrafsen dazu benutzt worden, um an denfelben in gröfserem Abftande von 
der Stadt neue Anfiedelungen für Privatwohnungen, Sommerwohnungen oder 
Fabriken zu gründen, die erft fehr allmählich durch Bebauung des Zwischen- 
raumes mit der Stadt zufammenwachfen. 

Dem Radialfyftem der Strafsenbahnlinien (Fig. 529) fleht gegenüber die 
Ringlinie nach Fig. 530 oder 531, d. h. entweder die Radialen in fich aufnehmend 
oder felbftändig neben denfelben beftehend. Die Ringlinie letzterer Art ift nur 
von Bedeutung für Grofsftädte und für volks- und verkehrsreiche Mittelftädte von 
wenigftens 150000 bis 200000 Einwohnern, da in minder grofsen Orten der Ring- 
verkehr nicht ausgebildet ift. Die Berliner Ringbahn hat etwa 4, die Hamburger 
Rundbahn etwa 2, die Wiener und die Cölner etwa l 3 /4 km Durchmeffer; ein wesent- 
lich kleinerer Kreis würde den Betrieb nicht lohnen, weil die Entfernung der Ring- 
punkte alsdann nicht hinreichend grofs ift, um den peripherifchen Umweg auf der 
Strafsenbahn dem kürzeren Fufswege in der Durchmefferlinie oder Sehne vorzu- 
ziehen. Dagegen kann der die Radialen aufnehmende Ring (Fig. 530), welcher zur 
Notwendigkeit wird, wenn das Strafsennetz des engbebauten Stadtkernes das Durch- 
legen von Bahngleifen nicht geftattet, fchon bei geringerer Einwohnerzahl und 
kleinerem Durchmeffer dem Bedürfnis entfprechen. Von aufsen kommende Bahn- 
wagen können,- wenn der Ring zweigleifig ift, unbedenklich auf diefelben 
übergehen, ihre Fahrgäfte an den gewünfchten Punkten abfetzen und entweder 
nach ihrem Urfprungsorte zurückkehren oder auf einer anderen Radialen ihren 
Lauf fortfetzen. Auch fleht nichts im Wege, den Ring bei hinreichender Gröfse 
mit besonderen, nicht nach aufsen verkehrenden Wagen zu befahren. Eine Kom- 
bination durchgehender Strahlen mit folchen, die von der Ringlinie aufgenommen 
werden, zeigt Fig. 532. Ueberall find felbftredend die örtlichen Verkehrs- und 
Strafsenverhältniffe für die Geftaltung des Bahnnetzes entfcheidend , welches dem- 
zufolge zuweilen fehr verzerrte Formen annimmt. Das Cölner Strafsenbahnnetz, 
aus Rundbahn, Querbahn, Ringftrafsenbahn, einer von Marienburg nach Ehrenfeld 
führenden Durchmefferlinie und mehreren Aufsenradialen zeigt fchematifch Fig. 533; 
es ift in jüngfter Zeit beträchtlich erweitert worden. Das Mailänder Strafsenbahn- 
netz (Fig. 534) fetzt fich zufammen aus einer beträchtlichen Zahl innerer Radialen 
und Nebenlinien, von denen die erfteren vom Domplatz als Mittelpunkt ausgehen, 
ferner aus einer Ringlinie und zahlreichen Aufsenradialen von 4 bis 32 km Länge. 

Für die verwickelten Verkehrsverhältniffe der Grofsftädte genügen die ein- 
fachen Elemente der Radien und des Ringes, wie fchon die beiden zuletzt- 
genannten Städte zeigen, überhaupt nicht; fondern daneben treten die diagonalen 
Verkehrslinien in ihrer ganzen Vielgeftaltigkeit in ihr Recht. Hierbei handelt es 
fich darum, zwifchen den Mittelpunkten und Schwerpunkten des Stadtverkehres 
die kürzeften und bequemften Verbindungen zu finden und auszubilden. Die 
Bahnhöfe der Haupt- und Stadtbahnen, die Märkte, die Gefchäftsftrafsen, die Ver- 
gnügungsorte, die Häfen und Landungsplätze, Börfe, Poft u. f. w. find die ge- 
gebenen Knotenpunkte des Strafsenbahnnetzes, in welchem die Ringlinien und die 
langen Vorortlinien zwar wefentliche, aber doch nicht ausfchliefslich mafsgebende 
Glieder find. Regeln laffen fich hierfür nicht aufftellen. 



253 

Wo, wie in amerikanifchen und ruffifchen Städten, die ganze Stadt nach dem 
Rechteckfchema angelegt ift, können die natürlichen Verkehrslinien: Radius, Ring 
und Diagonale, im Strafsenbahnnetz nicht zur Ausbildung gelangen ; dasfelbe mufs 
fich vielmehr auf Längs- und Querlinien befchränken, wobei Umwege und Unbe- 
quemlichkeiten, Verlufte an Zeit und Kraft unvermeidlich find. In langgeftreckten 

Fig. 534. 



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Städten und Doppelftädten , fowie zur Verbindung zweier benachbarter Städte ver- 
einfacht fich das Bahnnetz im wefentlichen oft auf eine einzige Hauptlinie. 

Die Endpunkte der einzelnen Betriebslinien geftaltet man gern fo, dafs die 
Gleife eine Ringfchleife bilden. Das Zeit und Platz erfordernde Umfetzen der 
Fahrtrichtung wird dadurch entbehrlich gemacht. In Paris haben fich die Stern- und 
Rundplätze als befonders geeignet für die Anlage folcher Gleisfchleifen erwiefen. 



Zahl und 
Anordnung 



254 

314. Ob eine Strafsenbahn ein- oder zweigleifig anzulegen fei, das ift zwar vorab 

eine Frage der Kapitalbefchaffung , aber in noch höherem Grade eine Frage der 
der Betriebsfuhrung. Die eingleifige Strafsenbahn ift ftets etwas fehr Unvollkommenes, 
tte ' weil das Begegnen der Wagen nur in den Weichen ftattfinden kann, der Fahrplan 
daher ein eng befchränkter ift und die beim Strafsenverkehre fo leicht möglichen 
Störungen eines Wagens fich auf alle übertragen. Die Strafsenbahn wird infolge- 
deffen unbeliebt; fie zieht den Verkehr nicht an und kann fich felbft nicht ent- 
wickeln. Nur bei fchwachem Verkehre auf grofse Entfernungen, z. B. nach Vor- 
orten oder Vorftädten hinaus, ift der eingleifige Betrieb brauchbar. Die Ent- 
fernung der Weichen richtet fich nach den Zeitabfchnitten der Aufeinanderfolge 
der Wagen und deren Gefchwindigkeit. Für eine Aufeinanderfolge von 10, bezw. 
5 Minuten in beiden Richtungen und eine normale Gefchwindigkeit von 180 m in 

der Minute ergibt fich ein Weichenabftand von — - — = 900, bezw. — - — =450 m . 

Je rafcher die Wagen aufeinander folgen, defto geringer wird für die eingleifige 
Bahn, da die Ausweichgleife eine beträchtliche Länge einnehmen und die Weichen 
felbft Mehrkoften verurfachen, die Erfparnis an Anlagekapital. 

In alten Städten läfst fich wegen der Enge und der Krümmungen der Strafsen 
und wegen der zu befahrenden fcharfen Ecken oft genug ein zweites Gleis neben 
dem erften nicht anlegen; zuweilen ift fogar zur Durchführung des erften Gleifes 
und der nötigen Ausweichungen der Abbruch von Häufern vorzunehmen. Bei fo 
befchränkten räumlichen Verhältniflen empfiehlt fich, fobald der Verkehr die An- 
lage eines zweiten Gleifes erfordert, die Anwendung der Gleisfpaltung, indem 
man das zweite Gleis auf einen anderen , möglichft parallelen Strafsenzug zu ver- 
legen fucht. Dadurch wird der Vorteil der zweigleifigen Bahn erzielt, dafs die 
Fahrt der einzelnen Wagen voneinander und namentlich von den entgegen- 
kommenden Wagen unabhängig ift (z. B. Elberfeld, Hundsthurmer Linie zu Wien, 
Querbahn zu Cöln in Fig. 533). Auf dem nicht gefpaltenen Doppelgleife ift aller- 
dings der Betrieb klarer, und die Fahrgäfte finden fich leichter zurecht. 

Auch auf einer im wefentlichen eingleifigen Strecke läfst fich unter Um- 
ftänden ein zweigleifiger Betrieb, d. h. ein durchgehender Betrieb ohne beftimmte 
Begegnungspunkte, einrichten, indem man die Weichen möglichft nahe beieinander 
legt und derart anordnet, dafs der Wagenführer von Weiche zu Weiche fchauen 
kann und feinen Wagen erft anhält, wenn er den entgegenkommenden Wagen im 
nächften Weichenabfchnitte erblickt. Kurze eingleifige Strecken in zweigleifiger 
Bahn find oft notwendig; fie können zur Vermeidung der Weichen durch Gleis- 
verfchlingung gebildet werden. 

Scharfe Kurven find bei Strafsenbahnen ftörend fowohl wegen der gröfseren 
Anforderung an die Zugkraft und wegen der vermehrten Entgleifungsgefahr , als 
wegen des Zeitverluftes und der Unbequemlichkeiten für das gewöhnliche Fuhr- 
werk, deffen Räder zwar das Gleis ohne Schwierigkeit rechtwinkelig kreuzen oder 
demfelben in der Längsrichtung folgen, aber in das Gleiten und Schleudern ge- 
raten, fobald fie im fpitzen Winkel über eine etwas hervorragende Schiene hinüber- 
fahren follen. Der zuläffige geringfte Krümmungshalbmeffer ift, wenn man nicht 
Wagen mit Drehgeftellen anwendet, vom Radftand und von der Spurweite ab- 
hängig. Erfterer wird deshalb fo gering als möglich gemacht, z. B. bei kleineren 
Wagen 1,40 bis l,6<>m, wobei die vordere und hintere Plattform fo weit ausladen, 



255 

als es ohne Gefahr des Kippens möglich ift. Zumeift wird die normale Spurweite 
der Hauptbahnen (1,43 5 m ) auch auf die Strafsenbahnen übertragen; dabei find 
Kurven ohne Schwierigkeit bis zu 20 m und mit einiger Mühe bis zu 13 ni Halb- 
meffer befahrbar. 

Der gewöhnliche Strafsenbahnwagen foll nicht über 2 m breit fein, er nimmt 3*5 
alfo einfchliefslich eines Sicherheitsftreifens mindeftens 2,5 o ra (beffer 3,oo m ) Strafsen- "** tt 
breite für fich in Anfpruch; eine zweigleifige normalfpurige Strafsenbahn nimmt Strafsenate. 
demnach einen 5,oo bis 6,oo m breiten Strafsen ftreifen ein. Auch für jedes andere 
gröfsere Fuhrwerk ift ein Strafsenftreifen von 2,5 o m Breite zu rechnen. Es ergeben 
fich fonach bei normaler Spurweite folgende Mindeftmafse: 

i) Fahrbahnbreite für eine eingleifige Strafsenbahn mit der Möglichkeit des 
Ausweichens für gewöhnliches Fuhrwerk: 5,oo m . Nur auf der gleisfreien Strafsen- 
feite darf ein Fuhrwerk am Bürgerfteig halten ; neben einem haltenden Fuhrwerk 
kann kein Begegnen ftattfinden. Die Entfernung der Bürgerfteigkante von der 
nächften Schiene beträgt 0,5 o m (Fig. 535). 

2) Fahrbahnbreite für eine zweigleifige Strafsenbahn ohne befonderen Streifen 
für gewöhnliches Fuhrwerk: 5,oo m . Da keine Strafsenfeite gleisfrei ift, fo kann 
ein Fuhrwerk nur im Intervall zweier aufeinander folgender Strafsenbahnwagen am 
Bürgerfteig halten. Die Anwohner werden hierdurch ftark beeinträchtigt, und 
Störungen werden, obwohl die beiden Gleife auch die Bewegungen des gewöhn- 
lichen Verkehres gewiffermafsen zwangsweife regeln, leicht herbeigeführt (Fig. 536). 

3) Fahrbahnbreite für eine zweigleifige Strafsenbahn mit freiem Streifen auf 
einer Seite (Fig. 537) oder für eine eingleifige Bahn mit freiem Streifen auf jeder 
Seite: 7,5 m (Fig. 538). Im erfteren Falle entfteht Benachteiligung des gewöhn- 
lichen Verkehres, da nur an einem Bürgerfteig ein Fuhrwerk halten kann, im 
letzteren Falle unvollkommener Strafsenbahnbetrieb. 

4) Fahrbahnbreite für eine zweigleifige Bahn mit einem freien Streifen auf 
jeder Seite: 10,oo m (Fig. 539). 

5) Fahrbahnbreite für eine zweigleifige Bahn mit freiem Doppelftreifen auf 
jeder Seite (für Anfahren und Ausweichen): 15,oo m (Fig. 540). 

6) Fahrbahnbreite für eine zweigleifige Bahn mit einem freien Doppelftreifen 
in der Strafsenmitte und einem einfachen Anfahrtftreifen auf jeder Seite: ebenfalls 
15,oo m (Fig. 541). 

Erft der Fall 4 liefert eine für lebhaften Strafsen- und Strafsenbahnverkehr 
ungeftört geeignete Strafse; bei je 3,oo m breiten Bürgerfteigen würde die Gefamt- 
breite derfelben 16,oo m betragen. Die Vermehrung diefes Mafses auf 18,oo m (wovon 
10,oo m Fahrbahn, je 4,00 m Bürgerfteig), auf 20,oo m (wovon ll,oo m bis 12,oo m Fahr- 
bahn, je 4,00 m bis 4,50 m Bürgerfteig) oder 22,oo m (wovon ll,oo m bis 13,oo m Fahr- 
bahn, je 4,50 m bis 5,5 m Bürgerfteig) ift ftärkerem Verkehre durchaus entfprechend. 

Die befte Lage des Bahngleifes oder der Bahngleife ift im allgemeinen die 316. 
Fahrbahnmitte, weil dabei die AbwäfTerung am wenigften geftört und das Halten L d a * c 
der gewöhnlichen Fuhrwerke am Bürgerfteig ftatthaft ift; zugleich aber macht fich Gicifc. 
leider der Uebelftand geltend, dafs Ein- und Ausfteigende vom Strafsenfuhrwerk 
leicht überfahren oder gefchädigt werden können. Bei fchmalen Strafsen (Fälle 1, 
2 und 3) ift indes diefe Anordnung unmöglich, und auch bei breiten Strafsen ift 
oft eine feitliche Lage der Bahngleife vorzuziehen, wenn das Halten gewöhnlichen 
Fuhrwerkes an dem einen Fufswege kein Bedürfnis ift, wie z. B. bei Mittelalleen 



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257 

oder entlang von Gartenanlagen. In Fig. 542 u. 543 wird daher meid die ge- 
zeichnete feitliche Gleislage den Vorzug verdienen, weil die freie Fahrbahnfeite 
den gewöhnlichen Verkehr umfo ungeftörter aufzunehmen vermag und die Gefahr 
des Ueberfahrenwerdens wenigftens auf der einen Seite fortfallt. Eine andere 
fymmetrifche feitliche Gleisfuhrung zeigt Fig. 544 (Hohenzollernring in Cöln), wo 
die Achfe der 18,oo m breiten Fahrbahn durch eine Reihe mehrflammiger Kandelaber 
eingenommen, die 8,00 m breite Mittelfläche der Strafse für Wagen und Reiter 
dient, während die je 5,oo m breiten Seitenftreifen für je ein Strafsenbahngleis und 
je einen Streifen gewöhnliches Fuhrwerk, letzteres an der Bürgerfteigkante, beftimmt 
find. Diefe für breite Fahrdämme empfehlenswerte Anordnung verbindet mit dem 
ungeftörten Verkehre der Strafsenfuhrwerke die Gelegenheit zum Anhalten am 
Bürgerfteig und die Verminderung der Gefahr des Ueberfahrenwerdens, da fchnell« 
fahrende Wagen in der Regel die Strafsenmitte einhalten. 

Die Oberbaukonftruktiort der Strafsenbahnen hat fortwährende Verbefferungen 317. 
erfahren , welche hauptfachlich eine gröfsere Haltbarkeit, die Vervollkommnung der CT ftu * 
Stofsverbindungen und den innigeren Anfchlufs des Pflafters betreffen. Quer- 
fchwellen und hölzerne Langfchwellen find vom Standpunkte der Strafsenunter- 
haltung zu verwerfen, ebenfo Stühle oder fonftige Einzelunterftützungen. Die Quer- 
verbindungen werden durch flehende Flacheifen, welche in den Pflafterfugen Platz 
finden, gebildet. Die Herftellung des ganzen Oberbaues aus Eifen oder Stahl ift 
mehr und mehr eingeführt worden. Das in Deutfchland zumeift angewendete Syftem 
ift die gerillte Phönixfchiene. 

Das betriebsfähige gröfste Mafs der Steigungen, die Betriebskoften , die 318. 
Leiftungsfähigkeit und die Gefchwindigkeit find vom Motor abhängig. Eine kurze Betncbsartcn - 
Ueberficht der Hauptbetriebsarten zeigt uns die Anwendung des Pferdezuges, der 
Dampfkraft, der Prefsluft und der Elektrizität. 

Der Pferdebetrieb fleht in gröfseren und mittleren Städten nur noch aus- 319. 
nahmsweife in Anwendung. Schon bei Steigungen 1 : 40 ift der einfpännige Betrieb ** c c 
eine Tierquälerei ; zweifpänniger Betrieb — mit Vorfpann — ift bei Steigungen bis 
zu 1:15 möglich. Aber Gefchwindigkeit und Leiftungsfähigkeit find flets gering. 

Der Dampflokomotivbetrieb ift für das Innere der Städte im allgemeinen 3«>. 
ungeeignet, weil einesteils die Dichtigkeit des Strafsenverkehres eine die be- lok ^o tiv . 
fchleunigte Gangart der Pferde überfteigende Gefchwindigkeit nicht zuläfst, und weil betrieb, 
andererfeits die Lokomotiven, trotz rauchverzehrender und ringsum fchützender 
Einrichtungen, den Anwohnern läftig fallen. Wenn dagegen der Verkehr auf einer 
äufseren Strafse fchwach, die Linie aber lang ift, fo kann wohl der Dampfbetrieb 
wegen der zuläffigen gröfseren Gefchwindigkeit, wegen der gröfseren LeiftungSr 
fähigkeit auf einer Fahrt und mit Rückficht auf die geringere Bedeutung der Be- 
läftigungen durch Lärm und Rauch in fein Recht treten. Auch als Ergänzung zum 
Pferdebetrieb bei zeitweiliger Verkehrsfteigerung (Sonntagsverkehr) kann die An- 
wendung der Lokomotive am Platze fein. 

An die Stelle der fahrenden Dampfmafchinen tritt bei den Tau- oder Kabel- 321. 
bahnen die feftflehende Mafchinenanlage, die ein unter der Strafsenoberfläche 
liegendes Drahtkabel durch Auf- und Abwickeln an den Endpunkten bewegt und 
dadurch auch die Strafsenbahnfahrzeuge in Bewegung fetzt, welche mittels be- 
fonderer Greifer an das durch einen Schlitz erreichbare Tau fich anheften. In den 
nordamerikanifchen und englifchen Städten find die Taubahnen mit unterirdischer 

Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) ! 7 



258 



3«. 

Betrieb mittels 

Preisluft 

und Gas. 

3*3- 

Elektrifcher 

Betneb. 



Tauführung ftark entwickelt, fowohl in der Ebene wie auf hügeligen Strecken 
(New York, Chicago, Philadelphia, San Francisco u. f. w. , auch Birmingham und 
Edinburgh). Die vorzüglichfte Eigenfchaft des Taubetriebes ift feine Anwendbar- 
keit für fehr ftarke Steigungen, auf welchen andere Betriebsarten unausführbar find 
(z. B. Highgate Hill bei London). 

An Stelle des Dampfes können auch geprefste Luft oder verfchiedene Gafe 
als Betriebskraft dienen. Aber fiegreich über alle andere' Betriebsarten hat fich in 
den jüngften Jahrzehnten der elektrifche Strom erwiefen. 

Den Bau und Betrieb elektrifcher Strafsenbahnen darzuftellen , ift nicht Auf- 
gabe des vorliegenden Halbbandes. Es möge genügen, auf die drei Hauptarten diefes 
Betriebes hinzuweifen: die oberirdifche Stromzuleitung, die unterirdifche Zuleitung 
und die Akkumulatoren. Zur Rückleitung des Stromes nach der Erzeugungsftelle 
dienen überall die miteinander in metallifche Verbindung gefetzten Schienen. Der 
Akkumulatorenbetrieb hat fich je länger je mehr als unwirtschaftlich erwiefen. Die 
unterirdifche Zuleitung ift weit koftfpieliger und minder zuverläffig als die Ober- 
leitung; fie wird angewandt, wo es befonders wichtig ift, die durch Mafien, Leitungs- 
und Spannungsdrähte verurfachte fchönheitliche Beeinträchtigung von Strafsen und 
Plätzen, namentlich der Umgebung hervorragender Monumentalbauten, zu vermeiden. 
Die allgemein verbreitete und bewährte Betriebsart aber ift diejenige mit oberer 
Stromzuleitung. Die praktifchen Vorteile des Verkehres haben — man mag fich 
deflen freuen oder nicht — über fchönheitliche und künftlerifche Bedenken den 
Sieg davongetragen. Die Abnahme des Stromes gefchieht durch federnde Aus- 
leger, die an ihren Enden Rollen oder Bügel tragen. 



Literatur 
zum 2. Abfchnitt. 

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Deutfche Bauz. 1894, S. 5. 
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S. 602. — Endlich in: Württ. Bauz. 1904, S. 25. 
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S. 14, 164. Der Städtebau 1904, S. 74, 83. 
Goecke, Th. Berliner Plätze und Prachtftrafsen. Der Städtebau 1904, S. 157. 
Zur Frage der Umgeftaltung des Karlsplatzes in Wien. Deutfche Bauz. 1904, S. 365. 
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Eberstadt, R. Die Bedeutung der Bodenparzellierung für das Bauwefen. Der Städtebau 1905, 

S. 18. 
Goecke, Th. Allgemeine Grundfätze für die Aufftellung ftädtifcher Bebauungspläne. Der Städte- 
bau 1906, S. 2. 
Strafsendurchbruch in London. Techn. Gemeindebl. 1906, S. 331. 

Stubben, J. Ueber die Entwicklung der Stadt Antwerpen etc. Deutfche Bauz. 1906, S. 24. 
Heimann, H. Ueber das Wachstum Berlins und feine bauliche Zukunft. Deutfche Bauz. 1906, 

S. 128. 
Durchbruch vom Rathausmarkt nach dem Hauptbahnhof in Hamburg. Techn. Gemeindebl. 1906, 

S. 261. 
Hocheder, C. Torhaus und Baukaften. Wochfchr. d. Arch.-Ver. zu Berlin 1906, Nr. 20. 



3*4- 

Künftlichc 

Gründungen. 



325- 
Aegypten. 



326. 
Babylon. 



3. Abfchnitt. 

Gefamtplan. 

1. Kapitel. 

Gefchichtlicher Rückblick. 

Eine Gefchichte des Städtebaues ift noch nicht gefchrieben. Diefe Lücke 
unferer Literatur zu ergänzen, kann nicht die Aufgabe des vorliegenden Rück- 
blickes fein. Er foll nur ein annäherndes Bild geben von der Entwickelung des 
Städtebaues in gefchichtlicher Zeit und zugleich eine gewiffe Grundlage bilden für 
die Betrachtung heutiger ftädtebaulicher Aufgaben im Zusammenhang und im Ver- 
gleich mit früheren Schöpfungen. 

a) Vorgriechifches Altertum. 

Die Städte des vorgriechifchen Altertumes waren zumeift Gründungen einzelner 
Defpoten und zugleich ihre Refidenzen. Von gewaltiger Ausdehnung, mit Ring- 
mauern umgeben, enthielten fie in ihrem Inneren die Königsburg, die felbft wieder 
eine Feftung für fich bildete, in deren Nähe die Tempel und öffentlichen Gebäude, 
rundum die Wohnungen der kriegsbereiten Stammesgenoffen. Sie nahmen an der 
Gütererzeugung nicht teil, fondern bildeten die rein verzehrende Sammelftätte von 
Kriegsbeute und Tributleiftungen. 

So bei den Aegyptern, AfTyrern, Babyloniern, Perfern. Oft errichtete der 
nachfolgende Herrfcher fich eine neue Stadt, und die alte verfiel rafch, da Lehm- 
fteine, in Aegypten wenigftens, ihren Hauptbauftoff bildeten. Nur eine der 
ägyptifchen Refidenzftädte, Memphis, ift lange Zeiträume hindurch erhalten ge- 
blieben, daneben Theben als Hauptort der religiöfen Heiligtümer. Vom Grundrifs 
diefer älteften Städte haben wir nur mangelhafte KenntnifTe. 

Babylon und Ninive, Sufa und Ekbatana waren die Herrfcherfitze der Stämme, 
die fich in der Vorherrfchaft über Vorderafien ablöften: der Affyrer, Babylonier, 
Meder und Perfer. Von diefen Grofsftädten ift nur Ninive, deffen Ausdehnung 
nach dem Propheten Jonas drei Tagereifen betrug, völlig zerftört worden. Babylon 
bildete nach Herodot ein ungeheures Viereck, deffen Seiten je 22 km lang und von 
einer doppelten Mauer umfafst waren. Die Grundfläche hätte alfo 484 Q km , d. h. 
das Siebenfache des Flächenraumes der Stadt Berlin, betragen. Die Strafsen waren 
nach dem Rechteck in den Himmelsrichtungen angelegt; fie endigten an den fagen- 
haften 100 Toren und follen mit drei- bis vierftöckigen Häufern befetzt gewefen 
fein. Vermutlich aber war keine zufammenhängende Bebauung vorhanden, fondern 
es waren lockere Häufergruppen mit geräumigen Feldern, Gärten und Weiden, die 



Uebergang. 



26l 

im Kriegsfälle der gefamten umwohnenden Bevölkerung mit ihrem Vieh Raum 
gewährten, während die Gröfse der Stadt die feindliche Einfchliefsung erfchwerte. 
Auf künftlichen Hügeln erhoben fich die Königsburg und das Hauptheiligtum : 
der Türm. 

Aber trotz bunter Farbenpracht entbehren jene Riefenftädte als Gefamtanlage 327 
des höheren Wertes. Erft Jerufalem und die phönizifchen Anfiedelungen , natür 
liehen Bodenerhebungen angepafst, Schutz gewährend und dem Verkehr fich öffnend* 
feheinen zum kunftvollen hellenifchen Städtebau überzuleiten. 

b) Griechifcher Städtebau. 

Die griechifchen Staatengebilde find Stadtftaaten. Vielleicht das Gröfste, was 328. 
hellenifcher Geift hervorgebracht hat, war das Gefetz und die Ordnung der »Polis«, ° 15, 
des Stadtftaates. Nur eine Anzahl von Kleinbauern, Pächtern und Sklaven wohnten 
auf dem Lande; dem Befitzer und Wohlhabenden war das Leben in der Stadt 
unentbehrlich. Der Bürger des Stadtftaates ift Grundeigentümer und Landwirt; die 
Gewerbe find zumeift Fremden und Sklaven überlaffen. Später fpielte jedoch in 
den Seeftädten, deren Häfen in die Stadtbefeftigung einbezogen wurden, auch der 
Handel eine wefentliche Rolle. 

Nicht in der fortwährenden Vergröfserung der eigenen Stadt — nur Athen 329. 
mit dem Piräus kann einigermafsen als Grofsftadt angefprochen werden — , fondern 
in der Gründung von Pflanzftädten an allen Küften des Mittelmeeres äufserte fich 
die ftarke Expanfionskraft der hellenifchen Stämme. Und von draufsen ftrömten 
die Kräfte in gefteigertem Mafse zurück zur Hebung der heimifchen Kultur. 

Im Bau griechifcher Städte kann man eine Stufenfolge von vier Zeitabfchnitten 33 o 
unterfcheiden : im erften war der Schutz gegen feindlichen Angriff, im zweiten die 
Pflege des Verkehres, im dritten die künftlerifche Vollendung das mafsgebende ßufcn: 
Ziel; der vierte Abfchnitt umfafst die Zeit des Niederganges. 

Auf Bergrücken und Hügelkuppen haben fich die älteften Städte der Hellenen 331 
in leicht verteidigungsfähiger Lage angefiedelt, indem fie unregelmäfsig , aber in 
durchdachter Weife dem Gelände fich anfehmiegten ; viele Orte im Inneren von 
Griechenland, Unteritalien und Sizilien zeigen noch heute diefe Ortswahl und 
Bauart. 

Das Streben nach Handel und Verkehr veranlafste dann den Bau von Städten 33» ■ 

9W •. £2 m 

in Flufstälern und am Meere, in der Heimat wie in der Fremde. Befonders 
Kolonialftädte, wie Syrakus, Akragas und das jüngere Selinunt, find noch in ihren 
Trümmern fprechende Zeugen jener wirtfehaftlichen Blüte und künden die fchon 
von Strabo bewunderte Begabung der Griechen in der Platzwahl und Geftaltung 
ihrer Anfiedelungen. Zeigte der Grundrifs der alten Städte daheim, wie Athen 
und Korinth, im Inneren ein planlofes Gewirr enger Gaffen, fo forderte und förderte 
die koloniale Tätigkeit die verftandesgemäfse Stadtanlage, den planmäfsigen Städte- 
bau. Seit dem V. Jahrhundert kam diefer Städtebau neuen Stils, nach. dem vecotspex; 
tpÖTCoc, zur allgemeineren Anwendung. Arifloteles verfteht unter Stadtanlagen diefer 
Art folche, die überfichtlich und regelmäfsig angelegt, möglichft nur mittelgrofs 
find, gefunde Lage und gutes Waffer befitzen, in gutem Verhältnis zum Meer und 
zum Lande fich befinden und mit freien Plätzen und öffentlichen Gebäuden aus- 
geftattet find. Namentlich letzteres ift ihm für den Begriff einer Stadt unerläfslich. 



Vier 
Entwickelungs- 



Erfte Stufe. 



2Ö2 

Die Perikleifche Zeit war die kiinftlerifche Höhe diefer Entwickelung. Damals 
wurde nach dem Plane des Hippodamus aus Müet die im Altertum wegen ihrer 
Schönheit gefeierte Hafenftadt Piräus erbaut, deren von Hirfckfeld i% ) wiederher- 
gestellter Grund rifs in Fig. 545 annähernd wiedergegeben ift. Zwilchen beider- 
seitigen Hafenbecken bildete die hallenumgebene Agora den Mittelpunkt des recht- 
eckigen Strafsennetzes mit Strafsen von abwechfelnder Breite bis zu 30 m , Theatern 
und Tempeln am Schlufle der Sehlinien. Dabei waren die Tempel zu den Strafsen- 
riehtungen übereck geftellt, fo dafs zwei Fronten aus der Entfernung fichtbar 

F'g- 545. 

TIRRCUS imAbTCRTun. 



s* 



y 



wurden, eine bei den Hellenen beliebte Anordnung. — Ein Gegenbild zeigt die 
kleinafiatifch-dorifche Küftenftadt Knidos, dem Hügellande fich anfchmiegend und 
überragt von der befeftigten Höhe, wo die Tempel der ftadtfchützenden Gottheiten 
fich erhoben; am Fufse des Bergrückens war das Theater aus dem Fels gehauen 
und geftattete den Blick auf die Verkehrsanlagen am Meere , auf die Schutzbauten 
in der Höhe. — Deutlich auch zeigt den griechifchen Typus die kleinafiatifche 

<») Hihsckffj.u, C. Die Peimiemdadt. Berichte über die Verhwdluiigen der Kgl. Ochfifnhai Cefellfchafi der 
Wiffenfchnften in Leipzig. Leipzig iS 7 b. 

Derfelhe: Die Eiiiwi ekeln ug des Stadtbild«. Zeitfchr. der Gefeüfchnft für Erdkunde in Berlin, Bd. as <iS»°). Heft 4. 



263 



Binnenftadt Priene 49 ), deren Strafsen, nach dem Rechtecknetz (Fig. 546) mehrfach 
durch Felfen gefprengt, von Stützmauern getragen oder durch Treppen erfetzt 
werden mufsten; die Strafsenbreiten find gering, 4 bis 7 m, die Blöcke und Bau- 
plätze klein; der Markt aber als Schauplatz des öffentlichen Lebens ift fehr ge- 
räumig: 75 X 100 m in einer Stadt von nur 20 ha Ausdehnung. 

Die antiken Stadtplätze vertraten als Volksplätze und Feftorte zugleich die 
heutigen Verfammlungsfäle (vergl. Abfchn. 2, Kap. 7, unter a [Art. 244, S. 200]). 
Der Name afopa bedeutet urfprünglich »Volksverfammlung«. Die Agora war qua- 



Fig. 546. 



PRieCNC . 




dratifch oder rechteckig, gewöhnlich mit doppelter Säulenhalle und darüber mit 
einem offenen Umgang eingefafst, von Tempeln und anderen öffentlichen Gebäuden 
umgeben, mit Standbildern von Göttern und Helden, fowie fonftigen Kunftwerken 
geziert; ein Säulentor bezeichnete den Eingang. Dies war der griechifche Rats- 
platz. In gröfseren Orten pflegte ein zweiter, weniger reicher Platz als gewöhn- 
licher Markt zu dienen. Von gröfster künftlerifcher Bedeutung aber waren die 
Kultplätze, wie fie uns von der Akropolis zu Athen, den Tempelbezirken zu 
Olympia, Eleufis, Pergamon und an anderen Orten bekannt find. 

* 9 ) Jahrbuch des Kaiferlichen Archäologifchcn Inftituts, Bd. 12, Archäologifcher Anzeiger, S. 178. 



264 

Unter Alexander dem Großen und den Diadochen wurde der Bau neuer Städte 
eine häufige Aufgabe; aber allmählich fchwand der monumentale Inhalt, während 
die regelmäfsigen Linien blieben. Am Anfang diefes vierten Abfchnittes m fteht 
Alexandria, deffen fchematifcher Stadtplan (Fig. 547) ein Werk des Baumeifters 
Deinokrates ift. Die beiden fich rechtwinkelig kreuzenden Hauptftrafsen waren nach 
Sirabo über 30 m breit und auf ihrer ganzen Länge mit Säulenhallen gefchmückt ; 
die eine diefer Hauptftrafsen, die kanobifche, befteht als Strafsenzug heute noch, 
während im übrigen wenig von der alten Stadt erhalten ift. 

Fig- 547. 



c) RÖmifcher Städtebau. 

Die Römer erwiefen fich bei der Ortswahl ihrer Niederlaffungen ebenfalls als 
kluge Ingenieure: Verkehrserleichterung, Sicherheit und Gefundheit, Wafferzuleitung 
und Entwäfferung waren ftets wohlbedacht. Die künftlerifche Empfindung kam 
dagegen mehr in den Prachtanlagen der Öffentlichen Gebäude und Plätze als in dem 
üblichen Schema der Stadtanlage zur Geltung 50 ). 

Hervorgegangen ift diefes Schema aus dem Bauplan der rechteckigen Caßra, 
die vom Cardo und Decumanus, den vier Toren entfprechend, rechtwinkelig geteilt 
wurden. In zahlreichen altrömifchen Stadtanlagen, fo im Kern von Turin, Verona, 



265 



Florenz, Cöln, Strafsburg u. f. w. , läfst fich das römifche Strafsennetz noch mehr 
oder weniger deutlich erkennen, befonders in der Stadt Aofta, deren ehemaliger 
und heutiger Grundrifs in Fig. 548 u. 549 dargeftellt find. Aber die Regelmäfsig- 
keit des Planes zeigt fich nur bei den aus einem Gufs, auf Grund eines Entwurfes 
geschaffenen Orten, nicht bei den älteren, langfam gewordenen Städten: diefe waren 
regellos, wie bei den Griechen fo bei den Römern. Es ift ein beträchtlicher Unter- 
fchied zwifchen dem unregelmäfsig reizvollen Plan des alten Kernes von Pompeji 
(Fig. 550) und der rechtwinkelig-fchematifchen Colonia Augufta Taurinorum, dem 
heutigen Turin (Fig. 551), das erft in neuefter Zeit mittels Durchbruches von 
Diagonalftrafsen den modernen Verkehrsanforderungen angepafst wurde. 

Fig. 548. 



NORDEN 



***** 



"Porta 
princip. simstra. 

^^*^^****^^**mß****%**^*FT 



"Porta 
Qyästona 




**FW** 



JHor. i 
\ reu«! 



t^\j) 



T 



2£SZMSh 



(Via. 



SE 



Theater 



Decumana.) 



< , 

I \mx T^aeton 



LI 



'i 



UMM^AAAAAMM 



Torta 
prtnc. dextra. 



11 



JZh- 



Aofta. 



-I 



Grundrifs der alten Stadt. 



Nur unvollftändige Kenntniffe über frühere Stadtpläne find uns aus Rom felbft 
befchieden; doch find trotz der häufigen Zerftörungen und Umgeftaltungen manche 
antike Hauptftrafsenzüge nachzuweifen und zum Teil im heutigen Strafsennetz 
erhalten. Sie zogen mehr oder weniger ftrahlenförmig , über die Foren oder an 
ihnen vorbei , von der Stadtmitte nach aufsen und wurden jenfeits der Tore gern 
geradlinig über Tal und Hügel auf lange Entfernungen fortgefetzt. Nebenftrafsen 
von meift fehr geringer Breite teilten die Flächen zwifchen den Hauptlinien in fog. 
Infulae auf, von denen uns viele Eigenfchaften , meift unerfreulicher Art, bekannt 
geworden find, aber kein allgemeiner Grundplan. 

Der eigentliche öffentliche Platz römifcher Städte ift das Forum (vergl. 
Fig. 474 aus Arles und Fig. 828 aus Pompeji). Die erhaltenen Refte von Forum- 



337. 

Rom. 



338. 

Öffentliche 

Plätze. 



3 » 



267 

anlagen in Rom, Pompeji u. a. O. geben uns einen Begriff von der ehemaligen 
Pracht diefer »Feftfale« der Stadt. Mehr als bei uns beherrfchten diefe Platz- 
anlagen, die in bescheidener Bauart auch als Verkaufs markte dienten, den Grundrifs 



POMPC1. 



der Stadt. Wir erkennen ihren Einflufs bei vielen, zur RenailTance- und Barockzeit 
in romanifchen Städten gefchaffenen Anlagen, von denen fpäter noch die Rede 
fein wird. 



d) Mittelalterliche Städte. 
In der fozialen Ordnung des Mittelalters fpielten die Städte eine andere 
g Rolle wie im Altertum. Allerdings find fie auch im Mittelalter in erfter Linie 
Schutzanlagen, Feftungen, und darum (amtlich mit Mauern und Wällen umgeben, 
auf deren Schirm auch die Landbevölkerung im Kriegsfalle ein Recht hat. Aber 
diefe ift nicht in die Städte aufgegangen , wie in den hellenifchen Staaten und im 
alten römifchen Reich , fondern bildet eigene Gemeinden unter befonderen Grund- 
herrfchaften 11 ). Die Landbewohner als »Bauern« find ein von den »Bürgern« 
fcharf unterfchiedener Stand. Das Land erzeugt die Rohftone; in der Stadt wohnen 

Fig. 55«- 



die Handwerker und Kaufleute, die jene Rohftoffe verarbeiten und durch Aus- und 
Einfuhr den Güteraustaufch vermitteln. Der ftädtifche Markt dient zum gegenfeitigen 
Austaufch der Erzeugniffe. Waren die antiken Städte ein Ergebnis von Anord- 
nungen der öffentlichen Gewalt, fo ift dies im frühen Mittelalter (unter dem Städte- 
gründer Heinrich /., fowie den Weifen und Zähringern) nur ausnahmsweife der Fall ; 
die meiften deutfchen Städte find vielmehr aus Landgemeinden allmählich erwach fen 
und find Kleinftädte geblieben. Keine mittelalterliche deutfche Stadt hat nach 
neueren Unterfuchungen mehr als 25000 Einwohner gezählt. 

"1) Sich«: BI'chek, K Die Grofillädl« in Gcgenwin und Verginp:nhtii (Im Sammelwerk: Die Groiftadt. 



269 
Die überfchüffige Kraft betätigte (ich im fpäteren Mittelalter in der Kolonifation "*>■ 

01 Koloüiilftid« 

des Oftens, die nun mit einem lebhaften Städtebau Hand in Hand ging. Daher 
kommt es, dafs die allmählich gewordenen mittelalterlichen Städte in der fud- 
weftlichen, die gegründeten oder angelegten dagegen hauptfächlich in der nord- 
östlichen Hälfte unferes Vaterlandes fich finden. 

Selbftredend find auch die erstgenannten Städte nicht Zufallsprodukte, fondern 3* 1 - 
die allmählichen Schöpfungen denkender Menfchen. An eine Burg, eine Kirche, SÄdte 
ein Klofter fich eng anlehnend, bildete und erweiterte fich in rundlicher Form, einen da *<&**• 

Fig- 55*- 



L e n n e p. 

'llOOTI) »■ G >- 

Marktplatz umfeh liefsend, der Grundrifs des Stadtkernes; die von ihm ausgehenden 
Feldwege wurden mit Häuferreihen befetzt und in der Umwallung mit Toren ab- 
gefchloffen. Es gab keinen geometrifchen Plan, auf welchem die Strafsen und 
Baulinien im vorhinein entworfen wurden, um fpäter in die Wirklichkeit überfetzt 
zu werden; fondern die Strafsen fuhrung und der Häuferbau gefchah, dem Bedürfnis 
allmählich folgend, nach Ortswahl und Abdeckung unmittelbar an Ort und Stelle. 
Daher zwar Beibehaltung der fpitzwinkeligen Feldweggabelungen, aber möglichfl 
rechtwinkelige, der Hausform entfprechende Abzweigung der Seitengaflen ; Krüm- 
mungen und Unregelmäfsigkeiten aller Art, Abfetzen und Totlaufen von Strafsen 
und wechfelnde Breiten. 



270 



Der wenig geleitete Eingriff der einzelnen bauenden Bürger zeigt fich in 
Deutschland wie in Italien befonders in den altrömifchen Niederlaffungen , deren 
urfpriingliche Regel mäfsigkeit , wie in Strafsburg, Cöln, Verona, Aofta, zwar nicht 




H 



\\ 



unkenntlich gemacht, aber ftark verwifcht wurde. Verkehr im heutigen Sinne kannte 
das Mittelalter nicht; römifche Strafsen und Brücken verfielen oder wurden ab- 
gebrochen, um, wie in Cöln, erft nach langen Jahrhunderten wieder erneuert zu 



Fig. 554- 



272 

werden. Dennoch gab es felbftredend gewifle durchlaufende Hauptftrafsen ; alte 
und neue; fie bildeten oft das Rückgrat der Stadtanlage, wie die Hochftrafse in 
Cöln, die Maximilianftrafse in Augsburg, die Kaiferftrafse in Freiburg, der Anger 
in Erfurt. Und fpatere Erweiterungen der Stadt haben an vielen Orten, der alten 
Mauerlinie folgend, deutliche Ringftrafsen oder ringförmig verlaufende GafTenlinien 
zurückgelaufen, wie in Aachen, Antwerpen, Bafel, Braunfchweig. 

Fig. 555- 



Moskau 

i den Hauptltrafsen zügen. 



3**- So war der Zuftand der Städte, als fie im fpäteren Mittelalter in die Zeit 

"ÄusUu " ' nrer wirtfchaftlichen und künftlerifchen Blüte eintraten, als durch den Neubau von 

fiühmiiKiaiwr. Kirchen und Rathäufern, Kaufhallen und Zunfthäufern die Plätze und Strafsen im 

monumentalen Sinne verfchönert und umgeftaltet, die Plätze erweitert und mit 

kunftvollen Brunnen geziert wurden, als das Gefühl der Wohlhabenheit und eine 



273 

allgemeine heitere Kunftübung die Bürgerfchaft erfüllte, als Gefchlechter und Zünfte 
miteinander wetteiferten im Ausbau der Stadt. In der Herrfchaft der Individualität 
und in der räumlichen Gefchloflenheit liegt der Reiz diefer mittelalterlichen Städte ; 
und die Stadtbilder wurden umfo unterhaltender und malerifcher, je mehr Jahr- 
hunderte ihre abwechfelungsreichen und bellen Schöpfungen an den krummen 
Strafsen und unregelmäfsigen Plätzen eines im frühen Mittelalter ohne einheitlichen 
Plan entftandenen Stadtgrundriffes , diefen vielfach und mit Ueberlegung umge- 
ftaltend, vor unferen Blicken ausbreiten. Ja, die Mehrzahl der Bauwerke, aus 

Fig- 556. 



denen fich die malerifchen »mittelalterlichen« Stadtbilder zufammenfetzen, Mammen 
aus den Zeiten der Renaiffance. Riehl bi ) nennt Augsburg geradezu das Pompeji 
der Renaiffance. In Augsburg und Nürnberg, in Hildesheim und Brügge liegt nicht 
die Schöpfung einer Zeit, das Ergebnis einer planmafsigen Stadtanlage, fondern 
das Werk von Jahrhunderten vor uns. 

Den rundlichen, unregelmäfsigen Grundrils des frühen Mittelalters veranschaulichen nach 
Fig. 552 bis 555 die Städte Lennep, Dortmund, Braunfchweig , Moskau. Lennep zeigt eine 
doppelte, Dortmund eine einfache Ringlinie; im Braunfchweiger Plane glaubt man den 
älteren weltlichen vom fpäteren örtlichen Teile zu unterfcheiden. Eine wiederholte Ringbikiung 



am den inneren Kern, den Kreml, zeigt Moskau, das demgemäfs '" d ' e VOJ * einerMauer um- 
gebene innere Stadt, in die Zone der >weifsen Stadt« und in die neuere Zone der «Erdftadn 
fleh teilt, die von den jetzt mit dem Ganzen verfchmolzenen Vororten umgeben ilt. 

Die rundliche Form , aber mit deutlichen Einfprüngen an den Ueberfchreitungsftellen der 
Pegnitz, zeigt auch Nürnberg. Die nicht gegründete, fondern gewordene Stadt baute fleh an 
die im XI. Jahrhundert errichtete Kaiferliche Burg allmählich an und wuchs bald über ihren erden 
Mauergürtel derart, dafs fchon gegen die Mitte des XIII. Jahrhunderts eine neue Ringmauer 
erbaut wurde, um alle Anfiedelungen zu umfaffen. Der zweifache Ring ilt in Fig. 556 ziemlich 
deutlich erkennbar. 



Eine andere Art der Erweiterung mittel alterlich er Städte, nämlich die Verdoppelung (oder 
Verlängerung), finden wir in Fig. 557 (Tangermünde), 558 (Roftock) u. 559 (Bern). Deshalb 
bei aller Unregelmäfsigkeit doch eine dem Rechteck fleh nähernde Gefamtanlage und in Bern 
eine langgeftreckte Form, die der Quere nach in vier Abfchnitte zerfällt und eine deutliche Aus- 
prägung der Hau ptflrafsen züge begünftigt. 

Das überaus fchöne Bild der «Altftadt« Landshut (Fig. 560) zeigt, in der einen wie in 
der anderen Richtung gefehen, die malerifche Wirkung der fchwach konkaven Strafsen Wandungen 
und der für den Blick gefchloffenen, von Kirchen überragten Strafsenendcn. 

Durch ein befonders wirres Strafsennetz fällt Viterbo (Fig. 561) auf; aber die Verkehr- 
ftrafsen unterfcheiden lieh deutlich von dem fchlccht ausgebauten Netz der Nebenfträfschen, 
und die zahlreichen, zumeift fehr unregelmäfsigen Plätze und Strafsenerweiterungen, gefchmückt 
mit fchönen Brunnen, bieten reizvolle Bilder dar. 



275 

6B ) ift der Anficht, dafs die mittelalterlichen Baumeifter die Unregel- 
mässigkeiten ihrer Städte als einen unliebfamen Zwang der Umftände empfunden 
haben. Vielleicht geht diefe Auffaflung zu weit. Dafs aber von einem allgemein 
bewufsten künftlerifchen Genufs der Unregelmäfsigkeiten keine Rede fein kann, 
zeigt die regelmäfsige Anlage der meiden nachweislich fpätmittelalterlichen Stadt- 



ROSTOCK 



teile (z. B. in Braunfchweig , Hildesheim , Göttingen , Gotha) , zeigt ferner die Tat- 
fache, wie alle Städtegründungen des fpäteren, hochentwickelten Mittelalters 
fowohl in Frankreich als in Deutfchland und namentlich die nach Hunderten zählen- 
den Kolonialftädte öftlich der Elbe fall ausfchliefslich nach dem Rechteckmufter 

») In Teil II, Bd. 4, Heft i (HhMblMdkbe Kriegib.ukuuft) dicfc, -Handbuch«-, S. 30. 



276 

angelegt find "*). Freilich finden wir auch hier feiten die fchnurgemafse Gerad- 
linigkeit moderner Baufluchten; und eine gewifle Freiheit der Linienführung, beab- 
sichtigt oder unbeabfichtigt, verbunden mit mafsigem Wechfel der Breite, unterftiitzt 

Fig- 559- 



in manchen diefer Orte, z. B. Krakau, Breslau, Danzig, die räumliche Wirkung 
trotz der Regel mäfsigkeit der Anlage. 

Fig. 562 bis 570 veranschaulichen die Grundriffe derartiger Gründungen aus 
Südfrankreich (Aigues-Mortes), Dalmatien (Ragufa), Weftdeutfchland (Hülchrath und 






Zons) und dem oftdeutfch-flawi- 
fchen Kolonialgebiet (Ltegnitz, 
Köslin, Pofen, Breslau, Krakau). 

Aigues-Mortes (Fig. 562), 
an der Küfte des Mittelmeeres 
gelegen, verdankt feine Gründung 
der Zeit der Kreuzzüge. Die 
Stadtmauer und die Tore des 
XIII. Jahrhunderts find fall unbe- 
rührt erhalten und zeigen ein 
prächtiges malerifches Bild; aber 
im Inneren der Stadt bietet das 
fchematifche Strafsennetz wenig 
Anziehendes dar. Anders in Ra- 
gufa (Fig. 563), wo nicht blofs 
die äufsere Erfcheinung der Stadt 
mtt ihrem Mauerring, ihren Tür- 
men und der herrlichen Land- 
fchaft, fondern auch die Haupt- 
ftrafse (Stradone) und die drei 
freien Plätze (Signoria, Mercato 
und del Duomo), ja felbft das 
Netz der fchmalen Wohngäfschen 
eine Fülle malerifcher Bilder ge- 
währen. 

Die beiden kurcölnifchen 
Feftungsftädtchen Hülchrath 
(Fig. 564) und Zons (Fig. 565), 
wohl dem XIV. Jahrhundert ent- 
flammend , lehnen fich an ihre 
alte Burg und bieten weniger in 
ihren geraden Strafsen, als in den 
erhaltenen Türmen und Mauern 
anziehende Bilder. 

In L i e g n i t z hat das an 
fich fchematifche Strafsennetz da- 
durch, dafs es fich der gebo- 
genen Form des ovalen Umrifies 
anpafst , gefällige Krümmungen 
aufzuweifen (Fig. 566}, welche die 
Strafsenbilder reicher und fchöner 
zur Erfcheinung bringen; die 
Burg , der bebaute Marktplatz 
(vergl. Art. 202, S. 159), der 
benachbarte Kirch platz find im 
übrigen die alten Beftandteüe der 
Stadt. — Auch die Altftadt von 



Leipzig (fiehe die nebenftehende Tafel) zeigt aufser den geraden Seiten des 
Rechteckes manche gefchwungene Strafsetizüge , während in Köslin (Fig. 567) 



V i t e r b o . 

und Breslau (Fig. 568) das von der rundlichen Umfangslinie begrenzte Rechteck- 
fchema deutlich ausgeprägt ift. — Pofen {Fig. 569) zeigt diefelbe Regelmäfsigkeit 



FfJ 





Zkl 




der aus dem Anfang des XIV. Jahrhunderts . flammenden Innenftadt , an die fich 
fyftemlofe jüngere Stadtteile, nach Befestigung der alterten Walllinie angcfchloffen 



l 



Aigues-Mortes 



haben. — Wohlerhalten ift der mittelalterlich-fchematifche Stadtgrundrifs famt der 
alten Walllinie in Krakau, das trotz feiner regelmäfsigen Anlage reich ift an 
fchönen Strafsenbildern (Fig. 570). 

Fig. S63. 



forii 



e) Stadtanlagen der RenaifTance- und Barockzeit. 
In der Renaiffance 5i ) übertrug fich die Regelmäfsigkeit und Symmetrie der 34* 
Gebäude auch auf die Anforderungen an Strafsen und Plätze. Die italienifchen ~f" itt 
Städte wetteiferten im XVI. Jahrhundert geradezu in der Begradigung und Er- R=o«i<r» ne c 
breiterung ihrer Strafsen, in der Regelung ihrer Plätze und im Durchbruch neuer 

») Siehe: Burckhardt, J. GtfchkfcK der Reoaiflancc in Italien. Stuttgart 187B. Kap. i S . 



Strafsen durch das alte Gaffengewirr. Die Lehre des Leone Battißa Alberü, dafs 
zwar nicht für Strafsen elften Ranges, wohl aber für Nebenftrafsen aus äfthetifchen 



Hülchratli, 



und praktifchen Gründen Schlangenlinien vorzuziehen feien, weil die Stadt wechfel- 
voller und gröfser erfcheinen , der Wind fich brechen und der Schatten nie fehlen 
werde, verklang ziemlich wirkungslos. 



Die Stadt Rom erlebte von Julius II. bis Sixtus V., von Michelangelo bis 
" Domenico Fontana, eine vollftandige künftlerifche Verjüngung: der Popoloplatz, die 



Fig. 5<*. 

UCSWITZ . 



/ 



282 



Via Siflina, die Spanifche Treppe, das Kapitol, der Lateranplatz, der St. TVftre-Platz 
find Zeugen jener glänzenden Betätigung monumentalen Städtebaues. 

Die Barockzeit hatte wieder, wie die Zeit des Perikies, eine Kund gefchaflen, 
die den Bau der Stadt als Ganzes im Auge hatte. Sie verpflanzte lieh von Italien, 




Fig. 567. 
'ttorrf. 



wo aufser Rom befonders Florenz und Palermo umgebaut und verfchönert wurden, 
nach Spanien (Madrid, Salamanca, Bilbao), Frankreich und Deutfchland. Aus 
Frankreich ift aufser Paris namentlich Nancy zu nennen, die Stadt des Stamslaus 

Lefczynski (Fig. 571). 



233 

Vom unregelmäßigen mittelalterlichen Stadtteil unterfcheidet (ich deutlich die regelmäfsige 
Barockftadt mit ihren geraden Strafsen , den zum Teile fuhr geräumigen Platzanlagen (Place 
Sfattiilas [flehe Fig. 440, S. 183], Place de la Carriire, Cours Leopold), den Triumphtoren, Denk- 
mälern und Gärten. 

Nach Ueberwindung der Leiden des Dreifsigjährigen Krieges wurde in Deutfeh- 
land die Gründung neuer Stadtteile und Städte eine beliebte Tätigkeit der Fiirften, 
meift in Verbindung mit Schlorsbauten. Berlin, Kaffel, Hanau, Darmftadt, Würz- 

Fig. 568. 



onon 




^ÜQS 




Alt-Breslau. 



bürg, Mannheim, Ludwigsburg, Düfleldorf, Koblenz (fiehe Fig. 475, S. 202) find 
bekannte Beifpiele. 

Aber die künftlerifche Leiftung blieb nicht auf der Höhe; bald überwog das 
Künftliche und Schematiche. Ein Schachbrett (Mannheim), im beften Falle ein 
Fächerplan (Karlsruhe), wurde die Grundform der Stadtanlage, die in nüchternfter 
Weife fich zu gleicher Zeit in Amerika einbürgerte und dort bis heute herr- 
fchend ift. 

Auch die fonderbare Form des Mühlbrettes, aus ineinander gefchachtelten 
Rechtecken mit gefchloflenen Ecken beftehend , wie wir fic beifpielsweife in der 



284 

fog. Neuen Neuftadt bei Magdeburg und in Freudenftadt im Schwarzwald vorfinden, 
verdient hier erwähnt zu werden. 

Der Grundrifs von Mannheim (Fig. 573) iit kein fo vollftändiges Schachbrett, wie man es 
gewöhnlich annimmt Es gibt Strafsen von gröfserer und wechfelnder Breite, deren Vor- und 
Ruckfprünge manch freundliches Strafsenbild hervorbringen; auch das Schlofa wirkt in diefem 
Sinn. Auf dem Gelände der ehemaligen Umwallung ift eine fall kreisförmige , am Schlofsgarten 
aber nicht gefchlofTene Ringftrafse entflanden; ausserhalb derfelben liegen neuere, vom Rechteck- 



Fig. 569. 



&, 




füOCD 
DDC= 




fyftem abweichende Stadtteile. — Auch in Karlsruhe (Fig. 573) hat die vom Schlots aus- 
zahlende, durch eine lange Sehne, die .Lange Strafse. (jetzt Kaiferftrafse), gefchnittene Fächer- 
form des Strafsen netzes nicht nach aufsen Fortfetzung gefunden; hier fchliefsen (ich vielmehr 
rechteckige und andere Blöcke an, die einen organifchen Zufammenhang mit der Fächertladt ver- 
minen 1 äffen. 

Als Beifpiel amerikanifcher Städteanlagen möge Fig. 574, den Stadtplan von New York 
darflellend, dienen. Bezeichnend für New York, wie für andere Orte Nordamerikas, find das 
unvermittelte Aneinanderfetzen verfchie derartiger Strafsen netze, die rüddichtslofe Fortfetzung des 



Nancy. 



\ DtrmSa/lt-SlUHib 



1- Perl 


d. Ia Craff, 


I. Port 


DtfilUt. 


-, /W 


StmxiiUu. 


->. Pari 


R V .U. 


S. Perl 


St.Gvrga. 



&7 



Mannheim. 
(Alte Stadt nebft Erweiterung.) 

A. Waflerturm. B. FelUinllc (Rofengirt™). 



E.jU jliul 



f, -y; .-"iiv.g-.' ,'t\ lUtJBMi i . 



i ! 



Schachbrettmufters über die Schlangenlinie des Broadway und die formlofe Endigung der Bau- 
blöcke an den Flufsufern. Kein Wunder, dafs die Stadt von der Wafierfeite einen machtvollen, 
aber unfdiönen, im Inneren einen gefchäftigen, aber freudlofen Eindruck macht. 



Die Mühlbrettform , aus ineinander gefchachtelten Quadraten beftehend, findet fleh am 
dcutlichflen ausgeprägt in dem württembergifchen Städtchen Freudenftadt im Schwarzwald 
(F'g. 575). Die Mitte nimmt ein fehr ausgedehnter, urfprünglich für einen Schlots bau beilimmter, 
freier Raum ein, denen eine Ecke als Markt dient, während r 
flächen und unte geordneten Gebäuden eingenommen 
wird. Die Tiefe der Baublöcke ift fo gering, dafs nur 
ein Haus mit Zubehör einen befdiränkten Platz findet 
und feine Hinterfeite mit Ackergerät und Düngerhaufen 
der hinteren Strafse zuwendet. Die Quadratecken find 
zunächlt gefchloffen, fo dafs die Gebäude im rechten 
Winkel zufammenftofsen. Selbft die Kirche, die eine 
Ecke des Mühlbrettcs einnimmt , befteht aus zwei im 
rechten Winkel aneinander gefetzten Schiffen, während 
die Kanzel in der Spitze des Winkels fich befindet 
(Fig. 576). — Eine gewilfe Aehnlichkeit mit dem Frcuden- 
ftadter Plane befitzt der fpater entftandene Grundrifs der 
fog. Neuen Neuftadt bei Magdeburg (Fig. 577), infofern 
als auch dort die Ineinanderfchachtelung der Strafsen- 
rechtecke und die Schliefsung der Winkel zu beobachten 
ift. Als Grund diefer Anordnung wird die Erleichterung 
der Verteidigung angegeben, die fich auf eine oder zwei 
durchgehende Hauptftrafsen befchränken konnte. 




Kirche zu Freudenftadt. 



f) Städtebau des XIX. Jahrhunderts. 
Auf den grofsen Zufammenbruch gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts folgte 
die Armut und Ohnmacht der erften Hälfte, dann die beifpiellos rafche Städte- f 
entwickelung der zweiten Hälfte des XIX. Jahrhunderts. Einwohnerzahl und Aus- 
dehnung vieler Städte haben fich verdreifacht und vervierfacht. Auf die ftiirmifchen 
Forderungen diefer Entwickelung waren die Verwaltungen wie die Baumeifter gleich 

Fig. 577. 



Neue Neulladt bei Magdeburg. 

unvorbereitet. So kann es nicht auffallen, dafs dem Städtebau des XIX. Jahrhunderts 
die Merkmale des Unfertigen, oft fogar Schülerhaften und fernerhin des Suchenden 
und Verfuchenden anhaften und dafs eift allmählich ein gewifles Ziel der prak- 
tifchen und künftlerifchen Geftaltung erkannt wurde. 

Der energifche Umbau und die planmäfsige Erweiterung der franzöfifchen 
Hauptftadt (Fig. 578) fcheint zunächft in Frankreich und Belgien als wirkfamftes 
Vorbild gedient zu haben. Entfchiedene Radial-, Diagonal- und Ringftrafsen, lange toi 
gerade Fernfichten, reicher gartnerifcher Schmuck, klare Verkehrsrichtungen und 



2Q2 

Zufammenfaffung derfelben in Knotenpunkten, die häufig als Sternplätze ausge- 
bildet find — das find wohl die Hauptkennzeichen des Parifer Stadtplanes. Die 
Verwandtschaft mit der Strafsburger Stadterweiterung (fiehe die nebenstehende 



Tafel), wie mit den neuen Stadtteilen von Brunei, Lüttich und Antwerpen (Fig. 579 
bis 581) ift nicht zu verkennen. Das von de Key/er entworfene Südviertel zu 
Antwerpen zeigt die diagonale Strafsenführung in der au sge präg reiten Weife. 



h der Architektur. IV. o, (i. Aufl.) 



Stadtteil 
Pri Sf. -Denis 

zu Lüttich. 



Stadtteil Quartier du Sud zu Antwerpen. 



j 



Stadtteil 
t= Sle.-Marie aui 
% Neiget 

1 zu Brülfel. 



294 

35i- Stand der Strafsburger Stadterweiterungsplan, deffen Verfaffer der urfprünglich 

^," franzöfifche Architekt Ccmrath ift, unter direktem Parifer Einflufs, fo ift die Ein- 

Bfiitffffg— 

Fig. SSJ. 

T 

K I 



Wirkung von Werten weniger ausgeprägt, aber doch deutlich erkennbar in den 
Plänen von Cöln (fiehe die nebenftehende Tafel, fowie Fig. 582 u. 583; Verf.: 



fei 




LigepLo: i| NWW w. Gr.; Qn.rp.ofil. 



Zu 




Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) 



296 

zu Freiburg i. Br. (Fig. 587; Verf.: Stubben), Mehr das Rechteck bevorzugen die 
Wiener Stadterweiterung (flehe die nebenstehende Tafel) , die Leipziger neuen 
Stadtteile (fiehe die Tafel bei S. 278), die Mainzer Neuftadt (Fig. 588; Verf.: 
Krtyjfig), die Stadterweiterung von Oimiitz (Fig. 589; Verf.: Sitte). 

Fig. s84. 



H4- Charakteriftifch für alle diefe keineswegs geringzufchätzenden Planungen ift 

„Hhnn,. die vorwiegend geometrifche Linienführung und die entfehiedene Abweichung von 
der Unregel mäfsigkeit alter Stadtteile, in Oimiitz aufserdem eine verminderte Be- 
tonung der Verkehrslinien. Die Geometrie fehen wir befonders ftark vorherrfchen 



'■-. ; ■ " 



in den Vororten Friedenau (Fig. 590) und Dahlem (Fig. 591) bei Berlin, fowie 
in den neuen Teilen von Dortmund (fiehe Fig. 553, S. 270), Karlsruhe (fiehe 
Fig' 573. S. 288), Tangermünde (fiehe Fig. 557, S. 274) und faft aller deutfcher 
Mittel- und Kleinftädte, wofür Tangermünde ein trauriges Bcifpiel ift. 

Leider ift diefe, zum Teil recht nüchterne Geometrie auch im Städtebau des 
begonnenen XX. Jahrhunderts noch ftark vertreten. Zwar haben hervorragende 
Techniker, Künftler und Volkswirtfchaftcr, einfichtige Stadtverwaltungen und Staats- 
behörden in den letzten Jahrzehnten kräftige Anregungen gegeben zur Vervoll- 

Fig. 586. 



Aus dem Bebauungsplan von Schöneberg bei Berlin **). 

kommnung des Städtebaues; auch find diefe Anregungen vielfach auf fruchtbaren 
Boden gefallen. Aber von da bis zu einer allgemeinen modernen Kunftübung im 
Städtebau ift noch ein weiter Weg. 



2. Kapitel. 

Allgemeine Bauart der Städte. 

a) Einwirkung von Lage und Gefchichte. 

Die Bauart der Städte ift vorwiegend ein Ergebnis ihrer geographifchen und 

1 topographifchen Lage und ihrer Gefchichte. Der Bauplatz der meiften gröfseren 

.. Städte entfpricht dem natürlichen Zufammenflufs der Verkehrslinien zur Zeit ihrer 

Gründung oder ihres Aufblühens. Wefentliche Veränderungen der Verkehrslinien 

haben den Rückgang diefer, den Auffchwung jener Städte zur Folge. Im kleinen 

wie im grofsen, in der Vergangenheit wie in der Gegenwart find die Beifpiele diefes 



// 



30' 

Vorganges zahllos. Glücklich die Stadt, deren Lage fo günftig ift, dafs bei keiner 
der jeweiligen Veränderungen der Verkehrsftrom ihr entzogen werden konnte. 

Günftige Punkte in diefem Sinne find die Stellen, wo die FluTstäler, jene un- 3«. 
vergänglichen Verkehrswege aller Zeiten, aus dem Gebirge oder dem Hügellande An °^^ 
hervortreten, um fich mit der weiten Ebene zu vereinigen (Turin, Touloufe, Wien, punk«. 
Bafel, Cöln, Leipzig, Dresden); ferner die Vereinigungspunkte zweier Flüfle (St. Louis, 

Fig. 589 

OLMÜTX. 



Lyon, Paris, Lüttich, Koblenz, Mainz, Mannheim, Belgrad), die Flufsmündungen an 
der See oder in geringem Abirande von derfelben (Marfeüle, Le Hävre, Antwerpen, 
London, Rotterdam, Hamburg, Stettin, Alexandrien, New Orleans, Buenos Aires) 
und die tieften Punkte der Meerbufen und Buchten (Genua, Trieft, Chriftiania, 
St. Petersburg, OdefTa, Kalkutta); endlich die Mittelpunkte fruchtbarer oder gewerb- 
licher Landftriche (Brüffel, Dortmund, Budapeft, Moskau, Mailand). 



3g3_ 

»s. Die geographifche Lage, von welcher das Klima, die Zweckbeftimmung , die 

und " Art und die Tätigkeit der Bewohner abhängig find , prägt der Bauart der Stadt 

lopognphifchi den erften Stempel auf; nicht minder aber ift die topographifche Befchaffenheit 

der Erdoberfläche für die Geftaltung der Stadt mafsgebend. Die Erftreckung der 

Stadt am Seeftrande (Fiume), am natürlichen Hafen (Marfeille), an einem oder an 

Fig. 590. 



Vorort Fried enau bei Berlin. 



beiden Flufsufern (Lyon), an der Berglehne (Stuttgart), das Ausbreiten der Stadt 
im länglichen Tale (Barmen-Elberfeld) oder in unbefchränkter Ebene (Mailand), 
das Hinauffteigen derfetben auf Hügel und Hochebenen (Brüfiel, Paris, Zürich) — 
diefe und andere Eigentümlichkeiten des Bodens find beherrfchend und bezeichnend 
für die Art der ftädtifchen Entwicklung. Die Bebauung des Meeresftrandes und 



3Q3 

der vom Strande anzeigenden Höhen ruft die amphitheatraüfche Bauart hervor, 
welche wir beifpielsweife in Konftantinopel , Trieft und befonders fchön in Genua 
bewundern. An breiten Flüflen dient das eine Flufsufer zum Bau der Stadt; auf 
der gegenüberliegenden Seite veranlafst gewöhnlich eine Fähre , ein Brückenkopf, 
ein Feftungswerk oder eine Eifenbahnftation einen Anbau von geringem Umfange 
(Bonn, Mainz, Strafsburg, Turin, Antwerpen). Seltener entwickelt fich drüben eine 
vollständige, wenn auch kleinere Stadt (Cöln, Bafel, Mannheim, Frankfurt a. M., 
Dresden, Budapeft). Immer aber bildet der breite Flufs eine entfehiedene Trennung, 
welche durch eine oder mehrere Brücken wohl gemildert, aber nicht verwilcht wird. 
Anders bei kleineren Flüffen in grofsen Städten, wie in Rom, Florenz, Berlin, Paris, 



VORORT ÖHHL6M »kh». 



felbft in London. Hier verliert der Klufs infolge zahlreicher Ueberbrückungen feine 
trennende Eigenfchaft immer mehr, und als Wafferftrafse, als Verkehrsweg tritt er 
in den Dienfi des ftädtifchen Gemeinwefens. 

Entfchiedener noch als Flüfle vermögen Bergwände eine Stadt, zu teilen, 
können Berglehnen die Ausdehnung befchränken und be ein flu (Ten ; Edinburgh und 
Zürich find Beifpiele hierfür. In Stuttgart und Le Hävre, in Barmen und Genf 
klimmt die Stadt langfam die Berge aufwärts. Brüffel und Pittsburg, Trieft und 
Helfingborg teilen fich in Ober- und Unterftadt. Ein Bergrücken war die urfprüng- 
liche Trennung der jetzt ineinander gewachfenen Städte Aachen und Burtfcheid. 
Anhöhen und WafTerbecken bilden zugleich die anziehendfte Verfchönerung des 
Stadtbildes; was für Rom und Paris die Hügel in der Stadt und rings um dlefelbe, 
das find für Hamburg und Schwerin die Alfterbecken und die Seen. 



304 



359- 
Einwirkung 

der 

Gefchichte. 



Als dritte Grundlage für die Bauart der Stadt nannten wir oben ihre Gefchichte. 
Sowohl die politifchen, als die kunftgefchichtlichen und wirtfchaftlichen Ereigniffe 
üben auf Art und Umfang der ftädtifchen Entwickelung den gröfsten Einfiufs aus. 
Als Refidenz kunftfinniger Fürften, als Mittelpunkt eines mächtigen Landes oder 
einer blühenden Provinz, als Sitz einer hohen Kunftentwickelung oder gewinn- 
bringender Induftrie empfängt die Stadt eine bezeichnende Erfcheinung, beflimmte 
Antriebe des Fortfehrittes. Welcher Unterschied zwifchen unferen Städten des 
frühen Mittelalters, den italienischen Schöpfungen der RenaifTance und den modernen 
Städtegründungen Amerikas 1 



b) Einflufs der Syfteme. 



3<5o. 
Stidtebau- 



361. 

Natürliches 

Syftem. 



Das frühe Mittelalter fchuf, wie wir fahen, meift Städte, deren Strafsen mehr 
fyftcmc- 0( * er wen >g er radial nach einem Mittelpunkte (dem »Markt«, dem »Platz«, dem 
Radiaifyftem. »Ring«) zufammenliefen und durch eine Kreis- oder Halbkreislinie verbunden, aufser- 
dem durch Nebenftrafsen geteilt waren, z. B. Aachen, Münfter i. W., Braunfchweig, 
München, Lennep, Lüdenfcheid u. f. w. ; zumeift entftand eine krummlinige malerifche 
Anlage. Die »zentralen« Städte wuchfen und fetzten einen Ring an den anderen, 
nicht immer beftimmt ausgeprägt, aber doch ftets noch erkennbar (z. B. Mainz, 
Koblenz, Cöln, Aachen, Antwerpen, Würzburg, Wien, Bafel, Mailand, Paris, 
Moskau). 

Man nennt das radiale Syftem oft auch das »natürliche«, weil es in die Land- 
ftrafsen und Landwege am ungezwungenften übergeht; allein ohne künftliche Um- 
geftaltung und Ergänzung des vorhandenen Land- und Feldwegnetzes kann auch 
ein zweckmäfsiges Radiaifyftem nicht durchgeführt werden; diefe Umgeftaltungen 
find zuweilen fchwierig, find aber dann umfoweniger zu beanftanden, wenn die not- 
wendige Veränderung der Höhenlage ohnehin die Eigentümer zu einem künftlichen 
Strafsenbau zwingt, bevor ein ftädtifcher Anbau erfolgen kann. 

Jene Fälle, in denen die Anlage der Stadt fich ohne Nachteil in völlig »natür- 
licher« Weife vollziehen kann, indem die vorhandenen Land- und Feldwege allmäh- 
lich bebaut und, im wefentlichen unverändert, ohne Bedenken für die Zukunft dem 
Stadtbauplane einverleibt werden, find feiten. Sie (teilen in obigem Sinne die 
eigentliche natürliche Bauweife dar. Eine befondere Abart derfelben, die Planlofig- 
keit, die leider noch in manchen mittleren und kleineren Städten die Herrfchaft 
behauptet, foll damit nicht empfohlen werden. 

Das Gegenteil des natürlichen, das eigentlich künftliche Baufyftem ift das 
Rechtecknetz, für den Fremden eintönig und langweilig, den Einheimifchen gleich- 
gültig ftimmend und befonders unfehön, wenn, wie in Darmftadt, Wiesbaden, im 
flandrifchen Städtchen Nieuwpoort, in San Francisco u. f. w. , das Schachbrett- 
mufter über wellige Hügel und tiefe Talmulden einfach geradlinig und rechteckig 
ausgebreitet ift. Auch die Forderung, dafs der Verkehr fich leicht vollziehen foll, 
befriedigt das Rechteckfyftem ungenügend und fchlecht. Denn zwifchen zwei 
Punkten, die an verfchiedenen Strafsen liegen, mufs allemal ein Weg zurückgelegt 
werden, deffen Länge den beiden Katheten eines rechtwinkeligen Dreieckes, anftatt 
feiner Hypotenufe, gleichkommt. AngemefTen erfcheint deshalb das reine Rechteck- 
fyftem nur für Stadtteile von befchränktem Umfang, fowie für die Unterteilung 
einer radialen Stadtanlage. 



36a. 

Rechteck- 
fyftem. 



305 



Den Amerikanern fcheint indes diefe Bauart der Städte völlig zu behagen; 
ihre äfthetifchen Anforderungen an das Stadtbild find offenbar gering, und zur 
Ueberwindung der Verkehrsnachteile fcheinen ihnen die mechanifchen Einrichtungen 
für Stadt- und Strafsenbahnwefen im allgemeinen zu genügen. Die amerikanifchen 
Strafsenbreiten find fehr beträchtlich : 40 bis 50 m für Haupt- , 20 bis 30 m für 
Nebenftrafsen ; Diagonalftrafsen find feiten. Wenn ein Flufslauf oder ein ähnliches 
Hindernis die Stadt in mehrere Teile trennt, ja fogar wenn etwa ein alter Verkehrs- 
weg das Bebauungsfeld in einer für das Schema nicht paffenden Richtung durch- 
fchneidet, fo wird jeder Stadtteil für fich mit einem felbftändigen Schachbrettnetz 
überzogen, welches in Richtung und Blockteilung vom benachbarten beliebig ab- 
weicht. So macht, wie Baumeißet treffend fagt, z. B. der Stadtplan von Philadelphia 
den Eindruck, »als ob einige willkürlich zerriffene Stücke Tabellenpapier verfchiedener 
Art ohne Wahl aneinander geflickt worden wären c Während wir unfere Strafsen 
zu individualifieren fuchen und ihnen eigene Namen verleihen, behilft man fich in 
Amerika mit Nummern und Buchftaben; aufserdem unterfcheidet man in New York 
und anderen Städten Längs- und Querftrafsen als Avenues und Streets: überall 
Schema, keine Eigenart. 

Das dritte fog. Städtebaufyftem ift das Diagonal- oder Dreieck fy (lern 
(vergl. z. B. Fig. 580: Südviertel von Antwerpen [S. 293]). Eine Anzahl von 
Knotenpunkten des Verkehres, entweder fchon vorhandene oder an geeignet er- 
fcheinenden Punkten projektierte, wird mittels direkter Strafsenlinien untereinander 
verbunden. So entfteht ein Netz von Hauptftrafsen , deffen Mafchen Dreiecke, 
einzelne wohl auch Vierecke fein werden. Dem Verkehr wird dadurch bei guter 
Anordnung der Knotenpunkte beftens gedient; aber bei völliger Durchführung des 
Syftems werden eigentlich alle Strafsen zu Verkehrftrafsen ; die faft ausfchliefslich 
fpitzwinkeligen Blockecken erfchweren den Anbau, fowie die Wahl guter Bauplätze 
für öffentliche Gebäude, und die Entftehung gefchloffener Architekturplätze wird 
faft ganz vereitelt. 

So kann von einem blofs natürlichen oder radialen oder rechteckigen Stadt- 
planfyftem oder von einem blofsen Diagonal fyftem , wenn alle berechtigten Forde- 
rungen erfüllt werden follen, keine Rede fein. Schon das Wort Syftem ift unrichtig. 
Der Städtebau bedarf weder im praktifchen noch im künftlerifchen Sinne irgend 
eines Syftems oder Schemas. Die natürlichen topographifchen Verhältniffe , Wege 
und Grenzen find die gegebenen Anhaltspunkte für den Stadtbauplan; fie find nur 
infofern zu verlaffen, als fie zu den berechtigten Anforderungen des Verkehres, der 
Wirtfchaftlichkeit , des Anbaues und der Kunft im Widerfpruch flehen. Je enger 
der Stadtplan fich an das natürlich Gegebene anfchliefst, defto eigenartiger und 
anziehender wird er. Die Ergänzung der vorhandenen Wege zum Strafsennetz foll 
durch annähernde Rechteckteilungen erfolgen, weil das Rechteck die befte Block- 
form ift, und für wirkliche Verkehrsbedürfniffe fteht das Mittel der Diagonalftrafsen 
zur Verfügung. Strahlenförmige Anlagen find namentlich angezeigt an Stadttoren, 
Bahnhofsplätzen, Brückenköpfen und dergl. Aber alle folche dem natürlich Ge- 
gebenen hinzuzufügenden künftlichen Beftandteile eines Stadtbauplanes find an fich 
weder dem Gefetz der geraden Linie, noch der Vorfchrift paralleler Strafsen- und 
Platzwandungen unterworfen. Hügelförmigem Boden fchmiegen fich gebogene 
Linien in der Regel beffer an als gerade; in der weiten Ebene, für Fernfichten 
und grofse Monumental Wirkungen , auch für einfache Blockaufteilungen, tritt die 



363. 

Städtebau 

in 
Amerika. 



364- 
Diagonal- 

fyftem. 



365. 
Beherrfchung 
der Syftcme. 



Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) 



20 



3o6 



366. 

Moderner 
Städtebau. 



gerade Linie in ihr Recht. Im übrigen ift praktifche Auffaffung im Verein mit 
künftlerifcher Empfindung allein entfcheidend. Infoweit man überhaupt von der 
Anwendung beftimmter Syfteme fprechen darf, follen diefe keine herrfchende, 
fondern eine dienende Rolle fpielen. 

Der Verkehr bedarf geräumiger freier Strafsen- und offener Platzflächen; aber 
ihm widerftreben keineswegs Wohnftrafsen von mäfsiger Breite, nur beftimmt als 
Zugang der Anwohner. Ebenfo find mit modernen Verkehrsanforderungen durchaus 
verträglich gefchlofiene Architekturplätze und gärtnerifche Platzanlagen, die, an 
geeigneter Stelle liegend, dem Grofsverkehr mehr oder weniger entzogen find. Die 
individuelle Geftaltung der Strafsen und Plätze je nach ihrem Zweck kann der 
modernen Stadt eine noch reichhaltigere Erfcheinung verleihen, als fie den 
Schöpfungen früherer Jahrhunderte innewohnt. Offene Verkehrsplätze, gefchloflen 
umrahmte Architekturplätze, wechfelnde Strafsenbreite , vor- und zurückfpringende 
und hohlgebogene Strafsenwandungen ; wirkfame Stellung monumentaler Gebäude 
an konkaver Strafsen feite , als Strafsenzielpunkt , als Platzbild, auf der Höhe; gärt- 
nerifcher Schmuck, Brunnen und Bildfäulen; Fernfichten und intime Kleinbilder — 
kurz, eine Fülle von Motiven erwachfen dem projektierenden Städtebaumeifter auf 
dem Boden der Zweckmäfsigkeit. Denn was von den Verkehrsanforderungen gefagt 
wurde, gilt auch für die gefundheitlichen , fozialen und wirtfchaftlichen Anfprüche: 
fie hemmen nicht den Künftler des Städtebaues, fondern fie reichen ihm den Stoff 
dar, den er zu geftalten und zu durchgeiftigen hat. Je individueller und mannig- 
faltiger dies gefchieht, umfo beffer. Dafs auch in der Beftimmung und Art der 
einzelnen Stadtteile eine zweckdienliche Mannigfaltigkeit herrfchen foll, verlieht fich 
von felbft: Gefchäftsviertel und Wohnviertel, Fabrikbezirk und Arbeiteranfiedelung, 
Zinshaus- und Landhausviertel weichen wie in ihren Anforderungen, fo auch in ihrer 
Geftaltung entfchieden voneinander ab. Das Einordnen aller Teile in ein über- 
fichtliches Ganze erleichtert das Zurechtfinden und die bauliche Entwicklung. 



c) Gartenltädte. 

367- Auch der aus England auf den Kontinent übertragene Gedanke, die Dezentra- 

Pr °dcT Un ltf at i° n der Induftrie und der Bevölkerung durch die Gründung fog. »Gartenftädtec 
»Gartenftädte-. zu fördern, verdient Anerkennung und Verbreitung. Die wefentlichen Punkte find 
folgende: »Gartenmäfsige, von der Stadt abgetrennte Anfiedelungen auf billigem 
Boden, deflen Preis den landwirtschaftlichen Nutzungswert nicht oder wenig über- 
trifft. Genoffenfchaftliches Bodeneigentum. Planmäfsigkeit und Gröfsenbefchränkung 
der neuen Anfiedelung. Hygienifche und äfthetifche Geftaltung derfelben. Selbft- 
hilfe. Im Endziel fchliefslich Aufteilung des Landes in Gartenftädte, alfo wirkliche 
Dezentralifation der Grofsftädte.« 

368. Es darf nicht verkannt werden, dafs der Erfolg diefer Beftrebungen durch 

d^ErfTe? ver f c h* ec ' ene der vorftehenden Punkte erfchwert wird, befonders durch die unbedingte 
Forderung des genoffenfchaftlichen Bodeneigentumes, durch die völlige Ablöfung 
von der Grofsftadt und durch die grundfätzliche allgemeine Gartenmäfsigkeit des 
Anbaues. Eine Stadt, die nur aus Häufern mit wirklichen Gärten oder gar nur 
aus Einfamilienhäufern in Gärten beliehen foll, ift unter kontinentalen VerhältnifTen 
kaum erreichbar. Gefchloffener Reihenbau und Mehrfamilienhäufer werden nicht 
ganz zu umgehen fein. 



3Q7 

Die bisher veröffentlichten Mufterpläne für Gartenftadtanfiedelungen leiden an 
geometrifcher Einförmigkeit und entfprechen kaum den Bedürfniffen des verfchieden- 
artigen Anbaues und des praktifchen Lebens. Indes liegt kein Hindernis vor, befTere 
Pläne aufzuftellen, wie dies in England bereits gefchehen ift. Mit den aus unferen 
Beanftan düngen fich ergebenden Aenderungen ihres Programms wird die Garten- 
ftadtbewegung ihr Ziel mit gröfserer Wahrfcheinlichkeit erreichen. Jeder, dem die 
Verbefferung des Wohnungswefens am Herzen liegt, wird diefen Erfolg lebhaft 
wünfchen. 



3. Kapitel. 

Erweiterung und Umbau der Städte. 

a) Urfachen der Stadterweiterung. 

Die Haupturfachen, aus welchen das Bedürfnis der Städteerweiterung entfpringt, &' 
find die Zunahme der Bevölkerung, das Wachstum der Induftrie, das Steigen des ^^c** 
Wohlftandes, die verbefferte öffentliche Gefundheitspflege , die foziale Fürforge und 
endlich die Abnahme der Bevölkerung im Stadtkern. Diefe Urfachen find nicht 
voneinander unabhängig. 

Die Zunahme der Bevölkerung entfteht aus dem Ueberfchufs der Geburten 
über die Sterbefalle und aus dem Ueberfchufs des Zuzuges über den Abzug. Der 
Geburtenüberfchufs ift bei den verfchiedenen Völkern fehr verfchieden; er ift bei 
den Slawen ftärker als bei den Deutfchen, bei diefen ftärker als bei den lateini- 
fchen Nationen. Der jährliche Geburtenüberfchufs beläuft fich im Deutfchen Reich 
auf etwa 1 Vomhundert der Einwohnerzahl, d. h. auf etwa 600000 Seelen, in 
Frankreich nur auf etwa 1 |6 Vomhundert, d. h. auf ungefähr 60000 Seelen. Aber 
diefe Volksvermehrung verteilt fich nicht gleichmäfsig auf Städte und Dörfer. In 
den erfteren übertrifft der Zuzug den Abzug; in den letzteren ift es umgekehrt. 
So kommt es, dafs die deutfchen Städte durchfchnittlich um mehr als 1 Vomhundert 
im Jahre wachfen, während die ländliche Bevölkerung annähernd flehen geblieben 
ift. Während um die Mitte des vorigen Jahrhunderts von 35 Mill. Deutfchen un- 
gefähr 26 Mill. auf dem Lande und 9 Mill. in Städten wohnten, verteilen fich 
heute 60 Mill. Deutfcher auf ungefähr 26 Mill Land- und 34 Mill. Stadtbewohner. 
Die Zahl der letzteren hat fich alfo faft vervierfacht, und an Stadterweiterungen 
hat infolgedeffen etwa dreimal fo viel befchafft werden muffen, als um 1850 über- 
haupt an Städten vorhanden war! Auch in Frankreich wandert der Zuwachs der 
Bevölkerung in die Städte; aber er ift abfolut und relativ bedeutend geringer; das 
franzöfifche platte Land hat in manchen Gegenden an Bewohnern abgenommen, 
eine Erfcheinung, die in geringerem Grade auch in einzelnen ländlichen Bezirken 
Deutfchlands wahrgenommen wurde. 

Unter den Städten felbft ift die Bevölkerungszunahme mehr den Grofsftädten 370. 
zu gute gekommen als den mittleren und kleinen Städten; von letzteren teilen 
manche das Schickfal des platten Landes. Das jährliche Wachstum der meiften 
Grofsftädte kann auf 2 bis 5 Vomhundert gefchätzt werden; eine Verdoppelung 
findet alfo, gleichmäfsige Entwickelung vorausgefetzt, in 35 bis 14 Jahren ftatt. 
25 Jahre find eine mittlere Verdoppelungsfrift für deutfche Grofsftädte; einzelne, 



3o8 



37*- 
Induftrie. 



37«. 

Wohlftand 

und foziale 

Fürforge. 



373- 
Entvölkerung 

des 
Stadtkernes. 



374- 

Grad 

des 

Bedürfnifles. 



z. B. Berlin, Düffeldorf, Effen, Geilenkirchen, wachfen noch fchneller. Erleichterter 
Erwerb und erhöhter oder verfeinerter Lebensgenufs bilden die Anziehungskraft 
der Städte; in der Stärkung diefer beiden Momente äufsert fich der gegenfeitige 
Wettbewerb. 

Das Wachstum der Induftrie verlangt immer mehr Baugelände und immer 
mehr Arbeitskräfte; die geräumigen Gelände für induftrielle Betriebe fteigern die 
Erweiterung der Stadt umfo ftärker, je mehr aus Gründen der Wirtfchaftlichkeit 
und Annehmlichkeit Wert darauf gelegt wird, dafs grofsgewerbliche Niederlaffungen 
und läftige Gewerbe überhaupt einen gewiffen Abftand von den Wohnvierteln beob- 
achten. So ift z. B. der weftfälifche Landkreis Gelfenkirchen faft eine zufammen- 
hängende Stadt geworden. 

Das Steigen des Wohlftandes ruft ein befferes, weiträumigeres Wohnen hervor, 
wie das Sinken des Erwerbes in Zeiten industriellen Rückganges Einfchränkungen 
im Wohnen zur Folge hat, die den Bedarf an Neubauten, alfo an Stadterweiterung, 
ermäfsigen. 

Die öffentliche Gefundheitspflege und die foziale Fürforge befördern das Ver- 
laffen fchlechter und unzureichender Wohnungen in cten beftehenden Stadtteilen 
und den Erfatz durch neue Wohnungen. Oft weit vor der Stadt fehen wir aus 
gemeinnützigen Beftrebungen oder aus dem Intereffe des Arbeitgebers neue, ge- 
fundere, weiträumigere Anfiedelungen entftehen. 

Schliefslich drängt die Vermehrung der Gefchäftsräume im Inneren der Stadt 
und das fteigende Verkehrsgeräufch die Bewohner nach aufsen. Wenn ganze 
Häufer, ja Riefengebäude und ganze Strafsen nur noch Gefchäftsräume, Verkaufs- 
läden und Bureaus enthalten, entvölkert fich der Stadtkern. Die Wohnbevölkerung 
der City von London ift faft auf ein Drittel der ehemaligen Einwohnerzahl zurück- 
gegangen; ähnlich, wenn auch geringeren Grades, ift die Erfcheinung in Berlin, 
Leipzig, Cöln. Dadurch wird der Wohnungsbedarf im neuen Stadtteil gefteigert, 
das Entftehen von Vororten und Landhausbezirken gefördert. 

Entfpringt aus diefen Urfachen das Bedürfnis der Stadterweiterung, fo ift der 
Grad diefes Bedürfnifles felbftredend in jeder Stadt verfchieden. Diefen Grad feft- 
zuftellen und fonach den räumlichen Bedarf an Stadterweiterungsgelände zu er- 
mitteln, ift die erfte Aufgabe, die der Städtebau den Gemeindeverwaltungen ftellt. 
Wie es ein Unding ift, für eine ftillftehende oder langfam fich entwickelnde Stadt 
einen weit ausgedehnten Bebauungsplan für neue Stadtteile feftftellen zu wollen, 
fo bedarf eine in 20 Jahren vorausfichtlich fich verdoppelnde Stadt einer plan- 
mäfsigen Behandlung ihrer Stadterweiterung in einer Ausdehnuug, die die beftehende 
Gröfse der Stadt unter Umftänden erheblich übertrifft. Was im erfteren Fall als 
eine unnütze Bevormundung zukünftiger Gefchlechter erfcheint, ift im letzteren Fall 
ein Gebot der Notwendigkeit für die Intereffen der Gegenwart und der nahen 
Zukunft. Zeit der Planaufftellung und Ausdehnung des Planes haben fich alfo den 
örtlichen Vorbedingungen anzupaffen. 



b) Zeit der Planaufftellung. 

375 Jede Stadterweiterung, fei es, dafs fie fich im Laufe der Zeit allmählich voll- 

die^uLren z ^ e ^t, fei es , dafs eine fprungweife Ausdehnung nach jeweiliger Befeitigung von 

Radiaiftrafsen. Hinderniffen (Aufhebung von Feftungswällen , Verlegung von Flufsläufen u. f. w.) 



309 



vorgenommen wird, nicht minder der Wiederaufbau einer Stadt oder eines Stadt- 
teiles nach einem zerftörenden Naturereignis, fetzt fich an die radialen Wegelinien 
an, welche aus dem alten Stadtkern in das Land hinausführen, weil auf diefen 
Radialen der gröfste Verkehr des ftädtifchen Bebauungsgebietes ftattfindet und weil 
diefelben als zuerft fertige Strafsen dem Anbau die geringften Schwierigkeiten bieten. 
Befonders die offenen Städte drecken infolgedeffen lange Strahlen in das Land 
hinaus (Frankfurt, Aachen, Leipzig). Selbft da, wo ein Flufs oder Feftungswerke 
hindernd im Wege liegen, ift die ftrahlenförmige Ausdehnung jenfeits des Hinder- 
niffes deutlich zu beobachten (Strafsburg, Cöln, Antwerpen). So entfteht oft 
kilometerweit vor der Stadt an den Landftrafsen » Bauterrain c , während in den 
Kreisfektoren zwifchen den äufseren Radialen die Ländereien von den unberührten 
Feldwegen her als Aecker bewirtfchaftet werden. Einige Gärten und Landhäufer 
vermögen den landwirtfchaftlichen Charakter der Sektorflächen nicht wefentlich 
zu ändern. 

Diefer Zuftand ift ein normaler und unbedenklich bis zu dem Zeitpunkte, wo 
die Entfernung der unbebauten Grundftücke an den Landftrafsen fo grofs wird, dafs 
die Spekulation und die Bauluft fich auf die Aecker und Gärten in den Sektor- 
flächen zu werfen fucht, fei es durch Errichtung einzelner Bauanlagen (Fabriken 
und dergl.), fei es durch Auslegung ganzer Strafsen und Strafsen viertel. Sowohl 
das eine als das andere kann bedenkliche Folgen haben: das eine, weil ein plan- 
lofer Anbau herbeigeführt wird, das andere, weil das Intereffe der Spekulation und 
dasjenige der Allgemeinheit feiten übereinftimmen. Die blofse beauffichtigende, 
gelegentlich berichtigende Tätigkeit der Gemeinde oder des Staates genügt gegen- 
über diefen dem Bedürfnis entfpringenden Beftrebungen nicht mehr; fondern es ift 
der Zeitpunkt gekommen, wo die politifche Gemeinde, welche durch die neuere 
Gefetzgebung faft überall zur Trägerin des Städtebauwefens geworden ift, felbft 
plangeftaltend auftreten mufs. 

Oft genug wird diefer Zeitpunkt aus Mangel an Sachkenntnis oder aus Scheu 
vor Verantwortung und Koften verpafst. Sieht aber fpäter die Gemeinde ihr 
Verfaumnis ein, fo bemerkt fie zugleich, dafs fich nunmehr der zweckmäfsigen 
Plangeftaltung Hinderniße fchwierigfter Art entgegenftellen , die erft kürzlich er- 
wachfen find. Diefe Schwierigkeiten beftehen darin, dafs an den bebauten Radialen 
nicht mehr die geeigneten Lücken zur Anordnung peripherifcher und diagonaler 
Strafsen vorhanden find und dafs der Entwurf der für die Stadtftrafsen zweck- 
mäfsigften Lage, Höhe und Entwäfferung nicht mehr durchführbar ift, weil er mit 
den an den bisherigen Landwegen ftellenweife entftandenen Baulichkeiten nicht in 
Einklang gebracht werden kann. Das zu fpäte Aufftellen des Stadtbauplanes ift 
daher nicht blofs mit erheblichen Unkoften verknüpft, die bei rechtzeitiger Arbeit 
hätten vermieden werden können, fondern auch das Ergebnis der verfpäteten Arbeit: 
die Befchaffenheit des Planes, wird eine mangelhafte. 

Allerdings kann auch die zu frühe Aufftellung des Planes infofern zur Un- 
vollkommenheit fuhren, als die zukünftigen Bedürfniffe nicht hinreichend haben 
überfehen werden können. Nachträgliche Aenderungen des Entwurfes find aber 
nicht ausgefchloffen und jedenfalls leichter als die Aenderung ausgeführter Bau- 
lichkeiten. 

Die Wahl des Zeitpunktes für die Planaufftellung ift hiernach eine wichtige 
Obliegenheit der Gemeindebehörde. Ohne dafs eine bauliche Entwickelung fich 



376- 

Bebauung 
der Sektoren. 



377- 
Verfpätete 

Plan- 

feftftellung. 



378. 

Zu frühe 

Aufftellung 

des Planes. 



379- 

Wahl des 

Zeitpunktes. 



3io 



angebahnt oder das Bedürfnis derfelben fich deutlich bemerkbar gemacht hat, einen 
Bebauungsplan feftzuftellen, dies wäre unnütz und fchädlich. Noch fchädlicher aber 
ift das Auffchieben der Planbearbeitung trotz der vorfchreitenden Entwickelung. 
380 Was für das Stadterweiterungsfeld gilt, ift in befchränktem Mafse auch für 

Vcrbeffcnuip- die Verbefferung der altftädtifchen Bebauungsverhältniffe zutreffend. Es wäre töricht, 
plan. für eine alte Stadt mit geringer Bautätigkeit umfaffende Fluchtlinienpläne, Verkehrs« 
verbefferungen und Strafsendurchlegungen zu entwerfen; fehlerhafter aber ift es, in 
einer alten Stadt, deren Gebäude lebhaft in der Erneuerung begriffen find, der 
Neugeftaltung planlos zuzufchauen oder nur gelegentlich das Zurückfetzen von Neu- 
bauten vorzufchreiben. Hier ift vielmehr im Inneren, wie im Aeufseren eine fyfte- 
matifche Bearbeitung und Feftfetzung der Bebauungslinien vorzunehmen. 

»Jede in der Entwickelung begriffene Stadt, c fo lautet die erfte Stadt- 
erweiterungsthefe des »Deutfchen Vereines für öffentliche Gefundheitspflege« (fiehe 
Anhang), »bedarf für die äufsere Erweiterung und die innere Verbefferung eines 
einheitlichen umfaffenden Stadtbauplanes.« 



381. 

Leitfatz. 



38a. 
Lcitfatz. 



383. 

Bedürfnis 

der nächften 

Zukunft. 



384- 
Einflufc 
von Verkehrs- 
und Gewerbe- 
anlagen. 



385. 
Einflufc 

der 
Bevölkerungs- 
zunahme. 



c) Ausdehnung des Planes. 

In dem vorhin genannten Leitfatze wird vom Stadtbauplane verlangt, dafs er 
»umfaffend« fein foll. Dem entfpricht die erfte der Stadterweiterungsthefen, welche 
auf Anregung von Baumeißer der »Verband deutfcher Architekten- und Ingenieur- 
vereine« im Jahre 1874 befchloffen hat. Sie lautet: »Die Projektierung von Stadt- 
erweiterungen befteht wefentlich (beffer wohl »vorab«) in der Feftftellung der 
Grundzüge aller Verkehrsmittel: Strafsen, Pferdebahnen, Dampfbahnen, Kanäle, die 
fyftematifch und deshalb in einer beträchtlichen Ausdehnung zu behandeln 
find.« In diefem Satze liegt zugleich feine Begründung. Man kann keinen durch- 
dachten, einheitlichen Plan fchaffen, welcher nicht über ein im Verhältnis zur be- 
ftehenden Stadt »beträchtliches« Gelände fich erftreckt. Wie diefe Forderung auf 
die einzelne Stadt anzuwenden ift, das mufs, wie unter a entwickelt, der fachkundigen* 
Beurteilung auf Grund des örtlichen Bedarfes unterliegen. 

Die blofse Berückfichtigung des unmittelbaren Bedürfniffes, des gelegentlichen 
Anftofses von Bauluftigen vermag keinesfalls einen fachgemäfsen Plan hervorzurufen. 
Der im preufsifchen Fluchtliniengefetz vom 2. Juli 1875 gewählte Ausdruck, dafs 
die Bebauungspläne »nach dem vorausfichtlichen Bedürfnis der nächften Zukunft« 
aufzuflellen find, kann als zutreffend bezeichnet werden, wenn man unter der 
»nächften Zukunft« nicht einige Jahre, fondern etwa zwei Jahrzehnte, unter Um- 
ftänden einen noch längeren Zeitraum, begreift. 

Aus der Entwickelung der Stadt in der Vergangenheit, fowie aus dem Einflufs 
neuer Verkehrs- oder Gewerbeanlagen mufs nach Möglichkeit auf die Entwickelung 
der Zukunft gefchloffen werden. Die feitherige prozentuale Gröfse des jährlichen 
Bevölkerungszuwachfes , die Ausführung oder das Bevorftehen neuer Eifenbahnen, 
Bahnhöfe, Häfen und Schiffahrtskanäle, der Fortfall von Feftungswerken und dergl. 
find für die örtliche Beurteilung grundlegend. 

Der Anfchlufs des Stadtbauplanes an die genannten öffentlichen Bauten ift eine 
Notwendigkeit; der allgemeine Entwurf der Stadterweiterung für eine 20jährige 
Zukunft, alfo bei 4prozentigem Bevölkerungszuwachs für ein Gelände, welches mehr 
als das Doppelte, bei 2prozentiger Vermehrung für ein Gelände, das etwa das 



Erfter und 
zweiter Schritt 



3" 

i ^2 fache der bisher bebauten Stadtfläche beträgt, ift in keinem Falle übertrieben 57 ). 
Dabei ift zu berückfichtigen , dafs die Bebauung des neuen Geländes zunächft mit 
Lücken und auch endgültig in der Regel lockerer erfolgt als die Bebauung der 
Altftadt. 

Allerdings kann niemand mit Sicherheit in die Zukunft fehen, und befonders s* 6 - 
die Entwickelung der Bahnen und Wafferwege entzieht fich der ficheren Voraus- 
ficht. Auch der befte Stadterweiterungsplan wird deshalb fchon vor Ablauf des 
Zeitraumes, für welchen feine Ausführung gedacht war, Unvollkommenheiten und 
Fehlgriffe aufweifen. Diefer Umftand ift aber umfoweniger geeignet, die Feftftellung 
eines ausgedehnten Planes entbehrlich erfcheinen zu laden, als die zweckent- 
fprechende Abänderung und Umgestaltung unausgeführter Planteile jederzeit möglich 
und in ihren Folgen zu überfehen ift. Die Stadterweiterung ohne umfaffenden Plan 
würde dagegen ein unzweckmäfsiges Ganze hervorrufen. 

Ift, wie oben erwähnt, die Feftfetzung der Baufluchtlinien an den äufseren 387. 
Torftrafsen, und zwar zu einer Zeit, wo der Anbau fich noch auf der Anfangsftufe 
der Entwickelung befindet , der naturgemäfs erfte Schritt der Planarbeit , fo ift der Pian- 
Gegenftand der zweiten Feftfetzung, des eigentlichen Bebauungsplanes: die Lage feftftelIun *' 
und Höhe der die radialen Torftrafsen verbindenden Ringftrafsen, die Einfchiebung 
neuer Radialen, die Anordnung diagonaler Strafsen zur Verteilung des Verkehres 
von den äufseren Radialen nach den verfchiedenen Stadtteilen und umgekehrt. 
Beherrfcht wird diefe Planarbeit von den Verkehrsanlagen der Dampfbahnen und 
Wafferwege, infofern fie fchon beftehen, entworfen find und gleichzeitig mit der 
Stadterweiterung geplant werden (Mainz, Frankfurt, Cöln, Metz); umgeändert oder 
umgeftofsen wird der Stadtbauplan durch folche Verkehrsanlagen, welche erft fpäter 
entworfen werden und eingefugt werden follen (Berlin, Hamburg, Düffeldorf). 

Die Grenze, wie weit die Planbearbeitung fich nach aufsen erftreckt, ift, ab- 388 
gefehen von der Berückfichtigung des Einwohnerzuwachfes und der übrigen unter a 
aufgeführten Erweiterungsurfachen, in den meiften Fällen durch die Ortsbefchaflfen- feftftellung 
heit vorgefchrieben oder vorbereitet. Ein Park, eine Eifenbahn, ein Wafferlauf, 
ein Deich, eine Anhöhe, eine Gemeindegrenze bilden die natürliche Schranke. 
Bei weiter fortfchreitender Entwickelung werden Parks, Bahnhöfe, Häfen von der 
ftädtifchen Bebauung umfafst. Eisenbahnlinien werden verändert, verlegt oder durch 
neue Strafsen-Unter- und -Ueberfuhrungen gekreuzt. Kleine Wafferläufe werden 
überwölbt oder verlegt, gröfsere überbrückt; felbft an grofsen Flüffen, wie Rhein 
und Donau, Rhone und Po, pflanzt die wachfende Stadt ihre Bebauung auch auf 
das andere Ufer fort. An Stelle der Deiche treten ftädtifche Uferbauten; Berg- 
lehnen und Anhöhen werden fchliefslich trotz der Schwierigkeiten vom Anbau er- 
fliegen (z. B. Stuttgart, Zürich, Hävre). Allerdings bleiben breite Flüffe und fteile 
Bodenerhebungen dauernd von befchränkendem oder ablenkendem Einflufs auf Be- 
bauung und Verkehr. 

Gemeindegrenzen find infofern eine Schranke, als fie die einheitliche Auf- 389. 
ftellung und Ausführung des Stadtbauplanes behindern ; die Befeitigung des Hinder- 
niffes gefchieht am einfachften durch rechtzeitige Aufnahme der kleineren Gemeinde 
in die grofse Stadtgemeinde. Die Städte Wien, München, Dresden, Leipzig, Cöln, 



Grenze 
der Plan- 



Ein- 
gemeindung. 



* 7 ) Von den fieben gröfsten deutlichen Städten ift im Laufe des vorigen Jahrhunderts die Einwohnerzahl in Berlin auf 
das ofache, in Hamburg auf das 6fache, in München auf das 8fache , in Dresden auf das 7fache , in Leipzig auf das lofache, 
in Breslau auf das ofache, in Cöln auf das ofache gediegen ; die Vororte find dabei mitberückiichtigt. 



312 



39°- 
Auffchicbcn 

der 

Unterteilung. 



391. 
Leitfatz. 



Magdeburg und Pofen haben die meiden ihrer Vororte »eingemeindet«. Wo dies 
zur rechten Zeit verfaumt wurde, wachfen die Schwierigkeiten der Vereinigung 
zum Schaden des Allgemeinen mitunter in das Unbefiegliche. In London, Brüffel, 
Berlin ift die Vereinigung mit den Aufsen-, bezw. Nachbargebieten anfcheinend 
aussichtslos. 

Es ift nicht notwendig und zuweilen fchädlich, das ganze zwifchen den Haupt- 
radialen und der Plangrenze zukünftig mögliche Strafsennetz von vornherein end- 
gültig feftzuftellen, weil man dadurch leicht einer Entwicklung vorgreifen kann, 
deren Grundbedingungen noch nicht bekannt find, weil man beifpielsweife Unter- 
nehmungen von gröfserem Landbedarf erfchweren, in der Wahl der Bebauungsarten 
und Blockabmeffungen fich irren, auch eine unter Umftänden wünfchenswerte, indi- 
viduelle Parzellierungstätigkeit vereiteln kann. Umfo hinderlicher kann die vorzeitige 
Detaillierung wirken, wenn der Plan weniger beftrebt ift, den örtlich gegebenen 
Vorbedingungen fich fo eng wie möglich anzufchliefsen , als vielmehr ein »jeder 
vernünftigen Anforderung leicht fich anfchmiegendes Schema« zu fein. 

Deshalb lautet ein Satz des »Deutfchen Vereines für öffentliche Gefundheits- 
pflege« : »Die Feftfetzung und Offenlegung des Planes hat in der Regel nur für 
feine Hauptftrafsen und , dem Bedürfnifle folgend , für diejenigen Unterteilungen zu 
erfolgen, deren Bebauung für die nächfte Zukunft zu erwarten fteht.« Grofse 
Bedeutung hat der mitgeteilte Satz für weitgebaute, offene Städte, deren Wachstum 
oft fehr zerftreut vor fich geht; die Unterteilungen werden dort zweckmäfsig nur 
entworfen, aber nicht öffentlich feftgeftellt. Erft wenn ein baulicher Anlafs vorliegt, 
nimmt man die Feftftellung der Baulinien nach nochmaliger Prüfung des Entwurfes 
auf Grund der inzwifchen eingetretenen Verhältniffe vor. Dagegen ift bei kleineren 
Städten und in folchen Fällen, wo für gröfsere Städte nur ein befchränktes Feld 
der Ausdehnung gegeben ift, wie in Feftungen, die Planfeftftellung oft fofort bis 
in die letzte Einzelheit notwendig. 



393- 

Verkehrs- 



d) Allgemeine Anforderungen. 

Die Grundzüge des Bebauungsplanes werden von den Verkehrsanlagen und 

anir» > nnii Verkehrsrichtungen gebildet; ihr Studium, fowohl bezüglich der beftehenden als 

Verkehrs- der durch den Ausbau der Stadterweiterung und die fortfchreitende Entwickelung 

emnc tungen. Qj^^aupt entftehenden Verhältniffe ift deshalb die erfte Aufgabe desjenigen, der 

einen Stadterweiterungsplan entwerfen will. Oft ift die vorherige Feftftellung 

über zu verändernde oder neue Eifenbahnanlagen notwendig, um die Linien 

des Strafsenverkehres demgemäfs beftimmen zu können; die Erfüllung diefer 

Forderung ift mitunter deshalb fchwierig, weil die Arbeit des Entwerfens in der 

Hand verfchiedener Behörden mit verfchiedenen Intereflen liegt. Gemeinfames 

Entwerfen ift in vielen Fällen unentbehrlich, wenn ein gutes Gefamtergebnis erzielt 

werden foll. 

393. Nicht alle Strafsen follen Verkehrftrafsen fein. Zwifchen den fchlank durch- 

Vcrkc ^ rafsen zuführenden Hauptftrafsen bleiben Felder von gröfserer oder geringerer Ausdehnung 

wohnftra&en. übrig, deren Aufteilung durch Strafsen zweiter Ordnung, fog. Wohnftrafsen, erfolgen 

foll. Während jene Hauptftrafsen eine anfehnliche Breite befitzen muffen, die, dem 

zu erwartenden Verkehr entfprechend , abzuftufen ift (etwa von 15 m bis zu 40 m 

und mehr), genügt für die Breite der Wohnftrafsen das zur Belichtung der Häufer 



313 

erforderliche Mafs; d. h. die Strafsenbreite foll der Haushöhe etwa gleichkommen. 
Nun braucht aber nicht die ganze hiernach anzuordnende Breite (z. B. 20 bis 12 m ) 
als Verkehrsraum zu dienen; fie kann vielmehr zum Teil durch Vorgärten oder 
felbftändige Gartenanlagen in Anfpruch genommen werden. Die Verkehrsfläche 
kann hierdurch auf 12 m (Fahrdamm 7,00 m, Bürgerfteige 2,5 m) bis 7,oo m (Fahr- 
damm 4,80 m, Bürgerfteige l,io m ) eingeschränkt werden. 

Der Anordnung der freien Plätze ift fodann grofse Sorgfalt zuzuwenden; ihre 394. 
praktifche Beftimmung und künftlerifche Behandlung (nach Abfchn. 2, Kap. 6 u. 7) puLe? * 
muffen dem Planverfaffer vorfchweben von Anfang an: Verkehrsplätze am Zufammen- 
flufs von Verkehrsrichtungen; Architektur- und Gartenplätze neben den Haupt- 
ftrafsen oder innerhalb der Wohnviertel, jedenfalls aber fo, dafs die Platzfläche 
nicht vom Verkehr zerfchnitten wird; Doppelplätze und Platzgruppen je nach dem 
Bedarf der Oertlichkeit. 

Bauplätze für öffentliche Gebäude find nicht dem Zufall zu überladen, fondern 395. 
nach Möglichkeit bei der Planung des Strafsennetzes feftzulegen. Der voraus- für ö ffcn^he 
fichtliche Bedarf an derartigen Bauten ift deshalb nach Möglichkeit vorher zu Gebäude, 
ermitteln. Verhältnismäfsig ficher ift der Bedarf an Kirchen zu beftimmen , was 
umfo wichtiger ift, als gerade fie eine befondere Berückfichtigung in der Strafsen- 
führung und Platzgeftaltung beanfpruchen. Und die Gemeinde follte es mit der 
blofsen Projektierung derartiger Bauplätze nicht bewenden laffen, fondern fie 
auch frühzeitig zu erwerben fuchen, bevor der vorgefchrittene Anbau die Preife 
gefteigert hat. 

Für die Schaffung und Anordnung der Baugrundftücke zum Zwecke der 396. 
privaten Bautätigkeit , alfo für die Bemeffung und Teilung der Baublöcke , ift die dcs m c 
ortsübliche oder die beabfichtigte Bauweife in erfter Linie mafsgebend. Je nachdem Anbaue«. 
grofse oder kleine Miethäufer, oder Einfamilienhäufer , gefchloffene Reihen oder 
offene Gruppen, Arbeiterwohnungen oder Fabriken erbaut werden follen, wird fich 
eine andere Unterteilung der zwifchen den Verkehrsadern verbleibenden Baugelände 
ergeben. Auch die Führung der Verkehrftrafsen an fich ift von der Rückficht- 
nahme auf Geftalt und Grofse nicht unabhängig. Während aber doch für fie die 
Bedürfniffe des Verkehres in erfter Linie beftimmend find, richten fich die Neben- 
oder Wohnftrafsen faft allein nach den Bedürfniffen des Anbaues. Ihre Aufgabe 
ift ja, das Baugelände in Blöcke zu parzellieren, damit diefe wieder in Bauftellen 
parzelliert werden können. 

Die gefundheitlichen Rückfichten erheifchen Reinhaltung des Bodens und der 397. 
Gewäffer durch Feftftellung und Vorbereitung beftmöglicher Entwäfferung und Ra^^hten.* 
Reinigung der neuen Stadtteile; ferner Schutz vor Ueberfchwemmungen und aus- 
reichende Verforgung mit Licht und Luft durch Anordnung von angemeffenen 
Strafsenbreiten , freien Plätzen, Vorgärten, Gartenplätzen und Parkanlagen; endlich 
die Vermeidung faulnisfahiger Stoffe bei Auffchüttung der Strafsenkörper und Bau- 
gelände. Von manchen Hygienikern wird auch Gewicht gelegt auf die Wahl 
folcher Strafsenrichtungen , dafs die Befonnung der Gebäude möglichft gefichert 
werde. Bei offener Bauweife verliert diefe Erwägung, da die Sonnenftellung bei 
jedem Gebäude berückfichtigt werden kann, ihre wefentliche Bedeutung. Für ge- 
fchloffenen Reihenbau ift nach Vogt die günftigfte Strafsenrichtung die meridionale, 
weniger gut die äquatoriale, d. h. die Weftoftrichtung , am ungünftigften eine zu 
den Himmelsrichtungen diagonal gelegte Strafse. Dagegen gehen die Schlufsfätze 



3H 



398. 

Soziale 

Rückfichten. 



399- 
Künltlerifche 

Geftaltung. 



der eingehenden Unterfuchung F. v. Gruber' 's 58 ) dahin, dafs Weftoftftrafsen und 
insbefondere Wohnfronten gegen Norden möglichft zu vermeiden, im übrigen aber 
die Südweft-Nordoft- und die Südoft-Nordweftftrafsen zu bevorzugen find. Auf 
die Richtung eigentlicher Verkehrftrafsen können diefe Erwägungen naturgemäfs 
nur in geringem Grade einwirken; fie find aber wichtig für Wohnftrafsen und 
fonftige Nebenftrafsen. 

Die fozialen Rückfichten werden erfüllt durch die Befolgung der gefundheit- 
lichen Anforderungen, durch die Erleichterung des Baues kleiner Häufer und Mittel- 
ftandshäufer an Strafsen und in Blöcken von paffenden Abmeffungen in geeigneter 
Lage, durch Fürforge von Spiel- und Erholungsplätzen, auch Promenaden und 
Parkgärten. 

Die Anforderungen der Schönheit flehen nicht für fich felbfländig da. Mehr 
noch als bei anderen Schöpfungen ift bei einem Stadtbauplan Schönheit vollkommene 
Zweckmäfsigkeit. Die fachlich begründete Mannigfaltigkeit, die individuelle Ge- 
ftaltung jeder Strafse und jedes Platzes, der Gegenfatz des Offenen und des Ge- 
fchloffenen, der Wechfel des Fernblickes mit dem malerifchen Kleinbilde, die Ver- 
meidung des Konvexen in Bauflucht und Strafsennivellement, gute Platzwahl 
monumentaler Gebäude, Mafshalten in allen Verhältniffen , bildnerifcher und gärt- 
nerifcher Schmuck, und in allem eine gewiffe einheitliche künftlerifche Auffaffung — 
dies alles verbürgt die fchöne moderne Stadtanlage. Eine neue Stadt mufs anders 
ausfehen wie eine alte; denn die Vorbedingungen find andere. Dennoch aber find 
die Städte des Mittelalters und der Barockzeit für uns Fundgruben von Motiven 
und Vorbildern. 



400. 

Hauptteile 
einer Stadt. 



401. 

Rückficht 

auf zukünftige 

Benutzung. 



ZU 



e) Verfchiedenartige Stadtteile. 

Eine Grofsftadt befteht in der Regel aus folgenden Teilen: 

1) die Innenftadt oder Altftadt, deren Mitte als Stadtkern bezeichnet 
werden pflegt; 

2) die neueren Stadtviertel, auch Neuftadt genannt; 

3) die fich daran anfetzenden, im Bau begriffenen äufseren Stadtteile, auch 
Aufsenftadt oder Stadterweiterung genannt; 

4) die Vororte, teils alte Dörfer, teils neue induftrielle und Wohnanfiede- 
lungen, letztere befonders aus Landhausvierteln und Arbeiterkolonien beftehend. 

Bei mittleren und kleineren Städten fehlen von diefen verfchiedenartigen Orts- 
teilen bald diefe bald jene, oder fie find nur bruchftückweife vorhanden; fie bilden 
oder ergänzen fich beim Wachstum der Bevölkerung. Und auch innerhalb der vier 
Hauptteile oder Hauptabschnitte der Stadt findet vielfach eine Gruppierung der Be- 
völkerung nach Wohlhabenheit oder Befchäftigung ftatt. In letzterer Beziehung 
find namentlich zu unterfcheiden: a) Grofsgewerbe und Grofshandel, ß) die Arbeiter- 
bevölkerung, 7) Ladengefchäfte , 8) die Handwerke, e) derjenige Teil der Bürger- 
fchaft, der innerhalb der Wohnung eine befondere Berufstätigkeit nicht ausübt 
(Rentner, Induftrielle, Kaufleute, Beamte u. f. w.). 

So fchwierig und unficher es ift, die Art der Entwickelung einer Stadt und 
die Gruppierung der Zukunftsbevölkerung vorherfehen zu wollen, fo ift es doch un- 
erläfslich, bei Aufftellung des Stadterweiterungsplanes für die verfchiedenen Teile 



M ) Siehe: Die Versorgung der Gebäude mit Sonnenwärme und Sonnenlicht. Wochfchr. des oft. Ing.- u. Arch.-Ver. 
x888, S. 261, 269, 277, 285. 



315 



des Erweiterungsfeldes eine mehr oder weniger beftimmte Art der zukünftigen Be- 
nutzung und Bewohnung in das Auge zu faffen. Ohne eine folche Rückfichtnahme 
würde der Stadtplan Gefahr laufen, ein willkürliches Liniennetz, eine baupolizei- 
liche Anordnung ohne ausreichende Begründung zu werden. Der vom »Verbände 
Deutfcher Architekten- und Ingenieurvereine« in diefer Beziehung befchloffene Satz 
lautet: »Die Gruppierung verschiedenartiger Stadtteile foll durch geeignete Wahl 
der Situation und fonftiger fcharakteriftifcher Merkmale herbeigeführt werden, zwangs- 
weife nur durch fanitarifche Vorfchriften über Gewerbe.« Anftatt der Worte 
»Wahl der Situation« dürfte es beffer heifsen: »Berückfichtigung der Lage«; denn 
in Wirklichkeit pflegt es fich beim Entwerfen des Bebauungsplanes weniger um 
die Frage zu handeln, wo diefe oder jene Bevölkerungskiaffe der Zukunft unter- 
zubringen fei, fondern um die Unterfuchung , für welche Art der baulichen Aus- 
nutzung ein gegebenes Baufeld fich nach Mafsgabe feiner Lage und fonftigen 
Merkmale am beften eigne. 

Die Lage an Eifenbahnen und Wafferwegen, der geringe Bodenwert (wegen 
Entlegenheit und reizlofer Umgebung), endlich das Vorhandenfein geräumiger, aus- 
dehnungsfähiger, wenig parzellierter Grundflächen — dies find Merkmale für ein 
Bauland, welches zum Anbau von Fabriken und Handelsniederlagen fich eignen foll. 
Grofsgewerbetreibende und Grofskaufleute find nicht, wie ihre kleineren Berufs- 
genoffen, genötigt, ihre Wohnung mit den Gefchäfts-, Lager- und Fabrikräumen 
zu vereinigen. 

Die Wohnftätten der Arbeiterbevölkerung werden mit Vorliebe die Nähe des 
Grofsgewerbes und Grofshandels, und, ebenfo wie jene, befonders billige Baugründe 
auffuchen. Uebrigens ift, wenn auch lagen weife die Bildung kleiner Arbeiterviertel 
oder Arbeiterftrafsen durchaus natürlich erfcheint, die Anfammlung der Arbeiter- 
familien auf einem Punkt, die Abfonderung derfelben von der wohlhabenderen Bürger- 
fchaft keineswegs erwünfcht. Sowohl aus fozialpolitifchen, wie aus gefundheitlichen 
und wirtfchaftlichen Gründen ift die Durchdringung der verfchiedenen Bevölkerungs- 
kiaffen zu begünftigen. Die freiere Bauart und geräumigere Wohnungsart der Wohl- 
habenderen kommt dann den Aermeren wenigftens mittelbar in etwas zu gute; die 
Ernährung der Arbeiterfamilie wird durch die Möglichkeit, dafs die einzelnen 
Familienglieder in der Nähe auf die verfchiedenfte Weife einen Broterwerb finden, 
wefentlich erleichtert. 

Für Ladengefchäfte eignen fich die Haupt Verkehrslinien , alfo die Torftrafsen 
und mehr noch die Radial ftrafsen der inneren Stadt. Der ftets lebhafte und wechfelnde 
Verkehr ift für Ladengefchäfte Vorbedingung. Den Toren zunächft finden die 
Gefchäfte, welche mit den Landbewohnern verkehren, die befte Stelle; mehr im 
Inneren liegen die Läden für anfpruchsvollere Käufer. Den Stadtkern pflegen die 
Ladengefchäfte nach allen Richtungen einzunehmen und zuweilen ganze Gefchäfts- 
viertel auszufüllen. 

Im Mittelalter nahmen oft auch die Handwerke ganze Strafsen oder Viertel 
ein, und zwar pflegten gleichartige Handwerke fich örtlich zufammenzulegen. Alte 
Strafsennamen wie »Löhergraben«, »Kupfergaffe« 9 »Unter Hutmacher« u. f. w. er- 
innern an diefe Abfonderung der Gewerbe und Stände, welche in der Neuzeit nicht 
mehr üblich ift. Heute find die Handwerksbetriebe faft in der ganzen Stadt unter 
die übrigen Bewohner zerftreut. Die verkehrsreichen Tor- und Radialftrafsen find 
zwar für die Handwerke die befte Lage; fie folgen aber auch den Bevölkerungs- 



40a. 

Fabriken 

und 
Handels- 
niederlagen. 



403. 
Arbeiter- 
viertel. 



404. 

Laden» 

gefchäfte. 



4°5- 
Handwerker. 



3i6 

klaffen, für welche fie arbeiten, von denen fie leben, in entlegenere Teile der Stadt, 
fowohl in die Fabrik- und Arbeiterviertel als in die vornehmen Wohngegenden. 
Sind auch Promenaden- und Luxusftrafsen für die Anfiedelung von Handwerkern, 
wegen der Höhe des Bodenpreifes und der Miete, ungeeignet, fo ift doch in den 
grofsen Miethäufern das Zufammenwohnen des Handwerksmeifters im Erd- oder 
Kellergefchofs mit dem Reichen in den oberen Stockwerken nichts Ungewöhnliches. 
Nicht weniger oft findet man in den Städten mit kleineren Häufern, dafs vornehme 
Wohnftrafsen mit untergeordneteren Parallel- und Nebenftrafsen abwechfeln, welche 
dem Handwerkerftande die zweckmäfsigfle Anfiedelung geftatten. 
4°6 Für die letzte Gruppe der Bevölkerung, welche die gefchäftslofen Wohnungs- 

viertel auffucht, auch für Künftler, Gelehrte u. f. w., eignen fich die durch Wohn- 
ftrafsen aufgefchloffenen Geländeteile zwifchen den Verkehrftrafsen , fowie folche 
an der Aufsenfeite der Stadt liegende Teile, die durch Annehmlichkeit der Um- 
gebung, Freiheit von läftigen Gewerbebetrieben, Nähe von Erholungsanftalten und 
Spaziergängen bei guten Verbindungen zur inneren Stadt fich auszeichnen. 

407. Scharf ausfch liefsend kann und foll nach dem Gefagten die Gruppentrennung 
Durchdringung n j ema [ s f e j n . ft e { s w j r( j e j n gewiffes Durchdringen der Bevölkerungsgruppen unter- 

ucr 

Gruppen, einander, fowie der Bevölkerungsgruppen und Stadtteile ftattfinden. Die lebhaften 
Torftrafsen werden beifpielsweife in allen Stadtteilen immer die Gefchäfte und 
Wirtshäufer anlocken ; die Hauptringlinien werden in der Regel die beften und vor- 
nehmften Wohnftrafsen bilden; die Vorortbezirke dienen wie für Fabriken fo auch 
für Landhausanfiedelungen je nach der Eigenart ihrer Lage. 

408. Der Stadtplan kann nicht blofs, er mufs die Eigentümlichkeiten der genannten 
Anf0T deT* ngen Gruppen berückfichtigen. Die Fabrikgegend verlangt Vermeidung kleiner Blöcke, 
verfchiedenen ein regelmäfsiges Strafsennetz ohne Luxus in der Ausftattung und ohne über- 

ruppen. m äfsige Breiten. Ein Arbeiterviertel erfordert kleine Blöcke, befcheidene Strafsen, 
befondere Pflege aller gefundheitlichen Anlagen, namentlich freie Spielplätze und 
Baumpflanzungen. Dem Gefchäftsviertel find eine überlegte, mäfsig grofse Bauftellen- 
teilung, fowie zahlreiche direkte Verkehrslinien, befonders auch Diagonalftrafsen, 
dienlich. Die ftille Wohngegend erhält Alleen, Vorgärten, öffentliche Pflanzungen 
aller Art, und beim Vorwalten des Einfamilienhaufes und Bürgerhaufes Baublöcke 
mit geräumigen inneren Garten flächen. 

Es ift hiernach unerläfslich , dafs der den Stadtbauplan entwerfende Architekt 
fich fo weit als möglich aus gegebenen Verhältniffen ein Bild über die Art der 
Bebauung und Bewohnung abzuleiten fucht, welche für die Projektftrafsen zu er- 
warten fteht; es ift weniger fchlimm, wenn im einzelnen unvermeidliche Irrtümer 
vorkommen, die ja nicht immer unverbefferlich find, als wenn der Mangel der 
erforderlichen Rückfichtnahme fich beim wirklichen Fortfehreiten des Anbaues in 
zahlreichen »vermeidbar gewefenen« Schwierigkeiten rächt. 

409. Einen fehr anziehenden Vorfchlag zur Gruppierung der verfchiedenen Stadt- 
vorfcwTe te ** e unc * Bevölkerungskiaffen hat Ludwig Hercher in feiner Schrift »Grofsftadt- 

erweiterungen« (Göttingen 1904) dargeftellt und begründet 59 ). Nach Hercher 
können »unfere Innenftädte in ihrer jetzigen Umwandelung weder die berechtigten 
Wünfche für die Erhaltung des Alten erfüllen, noch zur Entfaltung des ganzen 
neuftädtifchen Wefens die geeigneten Stätten bilden« ; Verkehr, Wohnwefen und 
Gefchäftsleben können dort nicht nach Wunfeh gefördert werden und die »fchwin- 

B9 ) Siehe: Deutfche Bauz. 1905, S. 103. 



3'7 

delnde Steigerung der Bodenpreife im Stadtkern ift ein Hemmfchuh der Ent- 
wicklung und des Fortfehrittes« . Auch die neueren Stadtviertel und »die in den 
letzten Jahrzehnten entftandenen Aufsenbezirke der Grofsftädte entfprechen nicht 
den Anforderungen, welche die Neuzeit an ausreichende, gefunde Wohnungen für 
alle Be v öl kerungsk laßen und an die Entwicklung des öffentlichen und Gefchäfts- 

Fig. 592. 



Grofsftadterweiterung nach Hercker ee ). 

lebens Hellen darf und ftellen mufs«. Die Vororte endlich entfprechen wegen ihrer 
für den Erwerb und den Lebensgenufs zu entfernten Lage und wegen ihrer viel- 
fachen Durchkreuzung mit lautem, durchgehendem Verkehr nur einem einfeitigen 
Bedürfnis des Wohnens, »aber auch diefes nicht in genügendem Umfange und nicht 
in zu erftrebender Vollkommenheit«. Hercher fchlägt deshalb eine ideelle Grofs- 
ftadterweiterung nach Fig. 592*") vor, welche folgende Hauptmerkmale befitzt: 



3i8 



i) die Anlage vieler auf wenigen Stellen vereinigter Platzgruppen mit zahl- 
reichen daranliegenden öffentlichen Gebäuden, fog. »Stadtzentren«; 

2) die Verbindung diefer Zentren untereinander durch wenige leichtgekrümmte, 
ununterbrochene, »auffallend breite Hauptftrafsen c ; 

3) das Verbleiben grofser Bezirke zwifchen diefen Hauptftrafsen und ihre 
Unterteilung durch zahlreiche kürzere * ungezwungen verlaufende fchmale Neben- 
ftrafsen. 

Diefe drei verfchiedenartigen Teile der Stadterweiterung follen ungefähr ent- 
fprechen der die öffentlichen Gebäude aufnehmenden Innenftadt, der von breiten 
Strafsen durchzogenen Neu- und Aufsenftadt und den zum ftillen Wohnen oder zu 
Induftriezwecken dienenden Vororten. Dagegen bilden fie gegenüber diefen Be- 
ftandteilen der heutigen Grofsftadt nach Lage und Ausbildung einen wefentlichen 
Gegenfatz. Die Abbildung zeigt, wie die Felder zwifchen den Hauptverkehrftrafsen 
zu Bürgerhäufern, Landhäufern, Arbeiterwohnungen, auch Parkanlagen und Induftrie- 
bauten benutzt werden follen, wie fogar ein altes Dorf in einem folchen Zwifchen- 
felde weiterleben kann, und wie die Vorteile des weiträumigen, gefunden und ruhigen 
Wohnens fich mit der unmittelbaren Nähe der Arbeitftätten, der Kaufgelegenheiten, 
des Verkehres und aller grofsftädtifcher Errungenfchaften verbinden 1 äffen. 

Der Verwirklichung der Hercker tcYizti Vorfchläge flehen zwar beträchtliche 
praktifche Schwierigkeiten im Wege; fie find aber an fich fo wohldurchdacht und 
anziehend, und der ihnen zu Grunde liegende Gefamtgedanke ift fo gefund, dafs 
fie nicht blofs grundlatzliche Zuftimmung, fondern auch Anwendung im Rahmen 
der wirklichen Verhältniffe und Möglichkeiten verdienen. 

Die verfchiedenartigen Teile einer Stadterweiterung werden durch den Be- 
bauungsplan und die Bauordnung vorbereitet. Der Bebauungsplan und die ihm 
angepafste Bauordnung üben naturgemäfs einen Zwang aus, der nützlich, aber 
auch fchädlich fein kann. Letzteres namentlich, wenn die Vorausficht des Ent- 
werfers und der Behörden fich in der Folgezeit als irrig erweift. Daraus folgt, wie 
einerfeits mit äufserfter Vorficht Plan und Bauordnung feftzuftellen find , und wie 
andererfeits der — nicht ganz von Bedenken freie — Zwang foweit als möglich 
durch eine gewiffe Freiheit erfetzt werden follte. Von der Bauordnung wird in 
diefer Hinficht in Abfchn. 4, Kap. 7 die Rede fein; bezüglich des Bebauungsplanes 
haben wir fchon erwähnt, wie es fich empfiehlt, gewiffe Planteile zwar zu entwerfen, 
die gefetzliche Feftftellung aber aufzufchieben , bis die unmittelbare Notwendigkeit 
durch die Bauluft herbeigeführt und alsdann der Entwurf nochmals überprüft worden 
ift. Aber auch dem Grundbefitzer und Bauenden felbft kann, obfchon die Gemeinde 
die gefetzliche Trägerin des ganzen Fluchtlinien wefens ift, ohne Nachteil manche 
Freiheit gelaffen werden. Weniger bezüglich der Hauptftrafsenzüge, wohl aber in 
der Unterteilung. Läfst eine Gemeinde einer Bodengefellfchaft, einer Baugefellfchaft 
oder einer grundbefitzenden Körperfchaft oder Privatperfon die Möglichkeit und 
Freiheit , auch ihrerfeits Bebauungsplanentwürfe aufzuftellen , felbft Bauordnungs- 
vorfchläge zu machen, fo kann, je nach der künftlerifchen oder technifchen Kraft 
der tätigen Perfönlichkeiten , das Ganze nur an Eigenart und Mannigfaltigkeit 
gewinnen. 
4XX . Es verfteht fich von felbft, dafs die allgemeinen Gefichtspunkte nur von der 

Freiflächen; Gemeinde und den ihr vorgefetzten Staatsbehörden wahrgenommen werden können. 

Wald- und & b 

wicfcngürtei. Ein wesentlicher Punkt diefer Art ift die Frage, ob überhaupt ein beftimmtes 



4x0. 

Zwang und 
Freiheit. 



319 



Gelände bebaut werden foll oder ob es zum öffentlichen Wohle freizuhalten ift, fei 
es für die Ableitung von Hochwaflfern, fei es als Parkanlage, Wiefe und Wald. 
Die Freihaltung von Hochwafferprofilen pflegt durch die Gefetzgebung geregelt zu 
fein; die Freihaltungen anderer Art bedürfen der Ueberleitung der in Betracht 
kommenden Gelände in kommunalen oder ftaatlichen Befitz durch Ankauf oder 
Enteignung. Je mehr die Städte fich ausdehnen, umfo wichtiger werden die Frei- 
flächen in der Stadt und aufserhalb derfelben. Zu rühmen find die Gemeinden 61 ), 
die es fich deshalb angelegen fein laffen, Wälder in ihrer Umgebung anzukaufen, 
als Erholungsorte ihrer Bevölkerung einzurichten und der Bebauung zu entziehen. 
Und ein hoffentlich auch für andere Grofsftädte bahnbrechender Gedanke ift der 
Befchlufs der Stadt Wien, mit einem Aufwände von 50 Mill. Kronen rings um die 
Vororte einen »Wald- und Wiefengürtel« von 4400 ha Ausdehnung unter Schonung 
der vorhandenen Beftände teils zu erhalten, teils neu anzulegen 62 ), beftehend aus 
Wald-, Wiefen- und Parkflächen, die durch breite Gartenftrafsen in Verbindung 
gefetzt find. Innerhalb diefes Gürtels foll eine »Höhenftrafse« angelegt werden, 
die prächtige Ausfichten über die Stadt und das Donautal gewährt. 



f) Umbau der Altftadt. 

Mit der Zunahme der Bevölkerung und der Stadt wächft unaufhaltfam der 
Verkehr. Die Stadtanlagen des fpäteren Mittelalters und befonders diejenigen der 
Barockzeit find zum Teil fo weiträumig und wohldurchdacht, dafe fie auch den 
Verkehrsanforderungen der Gegenwart noch gewachfen find oder doch nur weniger 
Verbefferungen bedürfen. Anders die Städte des frühen Mittelalters oder die 
Induftriedörfer und neueren Kleinftädte, die zur Grofsftadt allmählich angewachfen 
find oder doch diefem Ziele entgegenwachfen. Hier find Erbreiterungen, Höhen* 
verbefferungen, Durchbrüche an der Tagesordnung. 

Mit dem Entwurf des Stadterweiterungsplanes ift deshalb in der Regel der 
Baulinienentwurf für die Altftadt verknüpft. Wie aber für ein ftillftehendes oder 
nur langfam fich entwickelndes Städtchen kein gröfserer Stadterweiterungsentwurf 
nötig ift , fo ift dort auch die Feftftellung eines allgemeinen Baulinienplanes der 
alten Strafsen entbehrlich, ja nachteilig. Es ift beffer, bei den feiten vorkommen- 
den Neubauten von Fall zu Fall die Frage der Baulinien zu prüfen und unter 
Wahrung der Eigenart des Ortes feftzufetzen. 

Wachfen jedoch die Verkehrsanforderungen und fetzen fich draufsen immer 
neue Stadtteile an, fo hört die Möglichkeit und Zweckmäfsigkeit der Entfchliefsung 
von Fall zu Fall auf. Es bedarf alsdann einer Prüfung der ganzen alten Stadt- 
anlage in Bezug auf die Bedürfniffe der Zukunft und der Feftftellung eines einheit- 
lichen, allgemeinen Baulinienplanes, damit nach ihm die fortwährenden Neu- und 
Umbauten an alten Strafsen fich richten und die Gelegenheit zu notwendigen 
Höhenverbefferungen und Durchbrüchen nicht verföumt wird. Wie im Stadt- 
erweiterungsplane, fo kann man indes auch im Baulinienplan der Altftadt für folche 
Teile, wo keine Dringlichkeit vorliegt, fich auf den blofsen wohldurchdachten Ent- 
wurf vorläufig befchränken, um die gefetzliche Feftlegung erft beim unmittelbaren 
Bedürfnis auf Grund erneuter Prüfung vorzunehmen. 



41a. 

Urfache 

des 
Umbaues. 



4i3. 
Baulinien* 

entwurf für die 

Altftadt. 



") Z. B. Elberfeld, Barmen, Duisburg. 

* 8 ) Siehe: Techn. Gemeindebl. 1906, Nr. 19. 







Strafsendurchbruch durch das Palais Royal, 



Strafsendurchbrüche von Well nach Oft und von Süd nach Nord. 
Henarä's Vorfchläge für Strarsendurchbrüche zu Paris tiS ). 



4 



321 

Kaum eine gröfsere Stadt Deutschlands ift von der Aufgabe, ihre alten 
Strafsen — wenigftens bei Errichtung von Neubauten — zu verbreitern und zu 
verbeflera, auch neue Verkehrt rafsen durch alte Stadtteile durchzubrechen, ganz 
verfchont geblieben. Vielfach ift dabei , wie die Erfahrung bewiefen hat, im prak- 

tifchen und künftlerifchen 
Sinne gefündigt worden. 
Die heute allgemein an- 
erkannten Grundfatze für 
die Veränderung alter 
Strafsen , Plätze und 
Stadtteile haben wir be- 
reits in Kap. 8 des 
vorigen Abfchnittes be- 
fprochen. 

Am meiften haben 
wohl in Strafsendurch- 
brüchen die Städte Paris, 
London, Brüflel, Buda- 
•^ peft, Neapel und Rom 
£ geleiftet, nicht immer im 
* vorbildlichen Sinne. An 
g; der Spitze diefer Tätig- 
gi keit fleht die Stadt Paris, 
01 die, nachdem fie unter 
H Napoleon III. und unter 
'•!£ der zweiten Republik 
3 Veränderungen ihres In- 
fi neren von ungewöhnlich 
gf grofsem Umfange er- 
" > fahren hat, gegenwärtig 
anfcheinend einer dritten 
Umbauperiode entgegen- 
geht, nicht als ob die 
früheren Anlagen fich 
nicht bewährt hätten, 
fondern weil auch fie 
dem wachfenden Verkehr 
der Weltftadt an der 
Seine immer noch nicht 
genügen. Der Entwurf 
des Architekten E. He- 
nard für ein durch den 
Stadtkern durchzubre- 
chendes Kreuz neuer Hauptftrafsen von 35 und 40 m Breite ift in Fig. 593 bis 
595 6S ) dargeftellt. Die auch in dielen Abbildungen zu erkennende Zufammen- 
fuhning der Verkehrslinien auf beftimmte Knotenpunkte, fowie die geringe Scheu 

**) Am: Deutfcbe Buu. 1904, 5. 596. 
llnüdbuch der Architektur. IV. ,. [1. Aufl.) 21 



322 

vor fpitzwinkeligen und ganz kleinen Baublöcken ift, wie bereits früher hervor- 
gehoben, eine Eigenart des modernen franzöfifchen Städtebaues. 

Die zweite Urfache des Umbaues alter Stadtteile ift die öffentliche Gefundheits- 
pflege. Wenn ein enges, lichtlofes GatTengewirr mit dichter, alter Bebauung aufser- 
halb des Verkehres liegt, wenn deshalb zu freiwilligen Neu- und VerbeflTerungsbauten 
der wirtfchaftliche Anlafs fehlt, fo bilden fich oft fo ftarke und dauernde Wohn 
mifsftände , dafs nur ein gewaltfamer Eingriff Hilfe zu bringen vermag. Aehnlich, 
wenn ein alter Stadtteil der wiederkehrenden Ueberfchwemmung ausgefetzt ift und 
nur eine allgemeine Hebung des Geländes die Urfache diefer Erfcheinung und 
deren üble Folgen befeitigen kann. Wir werden auf diefe Fälle in Abfchn. 4, 
Kap. 3 näher eingehen. 



4. Kapitel. 
Moderne Beifpiele neuer Stadtteile. 

Die Befprechung einiger moderner Ausführungen und Entwürfe wird uns die 
heutige Entwickelung des Städtebaues veranfehaulichen. Zunächft feien neuere 
Stadtteile, dann Bebauungspläne gröfseren Umfanges vorgeführt. Unter den Stadt- 
teilen wollen wir unterfcheiden : 

a) die Bauanlagen auf dem Gelände ehemaliger Feftungswalle ; 

b) Stadtteile, die im wefentlichen eine gefchloffene Bebauung aufweifen; 

c) Landhaus viertel, und 

d) Fabrikviertel. 

a) Umwallungen. 
Leider kann heute bei der Umwandelung bisheriger Stadtumwallungen in 
Bauviertel nicht mehr das Landfchaftliche durch Schaffung von Spazierwegen und 
Parkanlagen in fo grofsem Umfange gepflegt werden wie ehedem. Heute wird aus 

Fig. 596. Fig. 597. 



Teil der Ringflrafse zu Frankfurt a. M. 
und Efchenheimer Tor. beim Efchenheimer Tor. 



wirtschaftlichen Gründen 
faft durchweg eine ergie- 
bige bauliche Ausnutzung 
des Geländes verlangt, 
wobei das Landfchaftliche 
zwar nicht zu vernach- 
läffigen ift , aber doch 
zurücktritt. 

Beifpiele der frühe- *' 8 - 
ren Art, wonach das Wall- ^ imam 
gelände mit gewiflen Um- »inga«!«"- 
geftaltungen im wef ent- 
lichen als Stadtpromenade 
erhalten blieb , zeigen 
Fig. 596 u. 597 aus Frank- 
furt a. M. und Fig. 598 
aus Bremen. Stets gibt die 
Aufhebung der Feftungs- 
anlage zur Anlage einer 
oder zweier Ringflrafsen 
Aniafs. Eine einfache 
Ringftrafse, und zwar an 
Stelle des ehemaligen 
Glacisweges an der Aufsen- 
feite der Wälle , zeigt 
Frankfurt a. M. Nach 
der Altftadt hin grenzt 
der öffentliche Parkgürte] 
an die mit Baubefchrän- 
kungen belegten Gärten 
von Privatgrundftücken, 
deren Häufer mit der 
Vorderfeite an einem an- 
nähernd parallelen inne- 
ren Strafsenzuge errich- 
tet find. 

Eine doppelte Ring- 
linie , derart , dafs zur 
alten (inneren) Wallftrafse 
eine neue (äufsere) Ring- 
ftrafse hinzugefügt wird, 
ift die am meiden vor- 
kommende Anordnung. 
In Bremen findet fichdie 
Doppellinie in Form der 
Wallftrafse und der Glacis- 
ftrafse (Kontereskarpe), 



3*4 

zwifchen denen ausgedehnte hügelige Pflanzungen und breite Ziergewaffer an die 
ehemaligen Wälle und Gräben erinnern; auf der Aufsenfeite der Kontereskarpe 
fchliefsen fich freundliche Wohnblöcke an , deren Einteilung auf dem Einfamilien- 
haufe beruht. Für Standbilder und öffentliche Gebäude bieten folche landfchaftlich 
geftaltete Wallpromenaden fchöne Bauplätze dar, wie Frankfurt a. M. und Bremen 
zeigen. An beiden Orten ift x, B. den Theatergebäuden im Anlagengürtel der 
Platz angewiefen worden. Aehnlich übrigens in Leipzig, Braunfchwdg , Pofen, 
Glogau u. f. w. 

Für die landfchaftliche Behandlung der Umwallungszone find Frankfurt a. M. 
und Bremen noch heute vorbildlich; deshalb haben die Abbildungen hier unter den 
»modernen« Beifpielen ihren Platz gefunden. Ganz modern ift aus Frankfurt 

Fig. 599. 




M.*o»"rr* 



3 ca- T ""™* 



Aeufsere Ringllrafse ; 



der mit dem Namen Hohenzollernplatz und Viktoriaallee bezeichnete, in Fig. 599 
dargeftellte Teil der neuen, äufseren Ringpromenade. Die Form der gärtnerifch 
fchönen Anlage wurde zum Teile durch den Wunfeh beftimmt, in den angegebenen 
Richtungen den Blick nach dem Taunus freizuhalten. Eine beträchtliche Zahl 
monumentaler Gebäude ift hier zu ftattlichfter Wirkung vereinigt. Ift indes auch 
die Parkanlage mufterhaft, fo bleibt doch die lange konvexe Baulinie etwas Un- 
erwünfehtes. 

Von der Umwallung zu Glogau geben wir in Fig. 600 die Skizze eines zum 
Teile von Gebäuden umgebenen Parkblockes, zu deffen Projektierung der Wunfeh 
führte , zwei alte Alleen zu erhalten. Den Hausgärten follen Ausgänge nach dem 
Park gewährt werden, der dadurch zu einer Art Innenpark wird. (Vergl. Abfchn. 6.) 

Fig. 601 ■*) veranfeh au licht den in Ausführung begriffenen Stadterweiterungs- 



»ssw-MS 6iuo X 



326 

plan von Metz. Zur alten Wallftrafse fügt fich in der üblichen Weife die mit 
Pflanzungen gefchmückte Ringftrafse; das Strafsennetz weift viele Schönheiten auf, 



f 



Aus der Stadterweiterung von Metz"). 

wennfchon eine Befchränkung der Zahl der Diagonal ftrafsen und eine ftimmungs- 
vollere Gestaltung des Verkehrplatzes am neuen Hauptbahnhofe erwünfcht wäre. 



Aus dem Bebauungsplan für die Umwallung zu Pofen. 

Entwurf von Stüb&e«. 

Aehnlich ergänzen fich Wallftrafse und Ringftrafse im Stadterweiterungsplan 
von Pofen, von welchem Fig. 602 einen Abfchnitt darfteilt. Auf die Platzanlagen 



329 

an der alten Karmeliterkirche, an dem zur Erhaltung beftimmten Eichwaldtor und 
am Kopf der neuen Warthebrücke darf hingewiefen werden. 

Der Bebauungsplan für die Umwallung zu Königsberg i. P. (Fig. 603) zeigt 
eine bewegte, wechfelvolle Linienführung, hauptfächlich veranlafst durch den Wunfeh, 
beftehende Pflanzungen zu erhalten und vorhandene Waffergräben nicht zur Be- 
bauung zu beftimmen. Die neue Ringftrafse wird von einem Ziergewäffer durch- 
Hoffen. Die mit einer Kleinbahn belegte alte Wallftrafse wurde im örtlichen Teile 
behufs Erweiterung des Kafernengrundftückes unterdrückt. Für eine Kirchengruppe, 
ein Gerichts- und ein Verwaltungsgebäude wurden paffende Bauplätze gewonnen. 

Fig. 605. 



Aus dem Stadterweitc rangspl an für Mönchen 1 *). 

Entwurf von Th. Fi/chtr. 

Fig. 604 endlich ftellt den Bebauungsplan für die Verbindung der bisher 
durch den Bahnhof Templerband getrennten Teile der die alte Stadtumwallung 
verfolgenden Ringftrafse und anftofsender Baublöcke in Aachen dar. Die Strafse 
neben dem neuen Bahneinfchnitt wird von der Ringftrafse überbrückt 

b) Gefchloffene Stadtteile. 

Moderne Stadtviertel, deren Bebauung ganz oder vorwiegend in gefchloffener 
Reihe erfolgen foll, führen Fig. 605 bis 611 vor. 

Im neuen Münchener Stadtteil (Fig. 605**) erkennt man die, bei faft regel- 
mäfsiger Geftaltung der Blöcke, mit guter Ueberlegung angeordnete Unregelmäfsig- 



330 



keit der Strafsenzüge und Platzanlagen, und den dadurch herbeigeführten Reichtum 
an fchönen Stadtbildern. Man beachte befonders die Einblicke in die Hohlfeiten 
der Sanatorium- und Longobardenftrafse und die Sehfchlüfle an den Wandungen 
des Anthari- und Theodolindenplatzes. Der neue Münchener Planteil in Fig. 606 
zeigt in der Stellung der St. Jofefskirche , in der fchönen Anordnung des Jofefs- 
platzes und in der Linienführung der Strafsen ABC und CD, überhaupt in der 
Raumbildung, die bemerkenswerteren Gegenfätze gegen das anftofsende geometrifche 
Stadtviertel aus früherer Zeit. 

Fig. 606. 




10 o 



10Ö 



Neues Stadtviertel zu München, 

Entwurf von TA. Fifcker. 



Aus Fig. 607 64 ), einen neuen Stadtteil im füdlichen Aufsengelände von Breslau 
darftellend, find hervorzuheben die ftarke (vielleicht zu ftarke) Unregelmäfsigkeit 
mehrerer Strafsenzüge, die hübfche Unterteilung der Baublöcke und der von drei 
Strafsen zugängliche Innenpark. 

Der neue Stadtteil am kurfürftlichen Schlofs zu Mainz (Fig. 608), ausgeführt 
auf Grund eines Wettbewerbentwurfes von F. Putzer, ift ausgezeichnet namentlich 
durch den monumentalen, fchön gefchlofienen Ernft-Ludwig-Platz, die malerifche 
Linienführung der von dort zur Chriftuskirche führenden breiten Strafse und die 
indirekte Einführung der Diagonalftrafse am Realgymnafium. 



33* 

In dem Planteil von Flensburg (Fig. 6cg e *) wolle man den Anfchlufs des 
Strafsennetzes an die diagonalliegende Landftrafse (Kupfermühlenweg), fowie die 
Anordnung und Verbindung der beiden Plätze bemerken. 

Wie das bisherige Bahnhofsgelände in Wiesbaden bebaut werden foll, zeigt 
Fig. 610. Die Wilhelmftrafse wird in gekrümmter, die Nikolasltrafse in gerader 
Richtung auf das neue Empfangsgebäude geführt; ein unregelmäfsiger Stadtteil wird 
eingeschaltet zwifchen das Landhausviertel auf der einen und das gefchloffen be- 
baute Rechteckfchema auf der anderen Seite. 

Fig. 607. 



Neuer Stadtteil im Aufsengelände von Breslau"). 

Einen neuen Aufsenftadtteil von Waidenburg (in Schienen) veranfchaulicht 
Fig. 61 r 61 ). Es fei hingewiefen auf die Art, wie die Nebenftrafsen auf den Markt- 
platz und den Gartenplatz münden, ferner auf die leicht gekrümmten Strafsenzüge 
und deren Zufämmenfuhrung an den beiden Verkehrsplätzen. 

Durch einen fehr abwechfelungsreichen Hauptftrafsenzug zeichnet fich ein 
neues Stadtviertel von Södertelje (in Schweden) aus (fiehe die Tafel bei S. 278); 
auch die Platzanlagen find bemerkenswert. 

c) Landhaus viertel. 
Bei den modernen Landhausvierteln fehen wir faft durchweg freiere Linien- 
führungen und mehr gefchwungene Formen als bei der gefchloffenen Bauweife. 



332 

Auf mehr oder weniger regelmäfsige Geftalt der Baublöcke kann wegen der Frei- 
ftellung der Gebäude verzichtet werden; Platzanlagen uod Raumbildung treten in 
der Regel an Bedeutung zurück; defto mehr tritt das Land fchaft liehe in den 
Vordergrund. 

Fig. 612 B *) zeigt den Anfchlufs eines belferen Wohnviertels an einen geo- 
metrifchen älteren Stadtteil in Kiel. 



Fig. 608. 



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/ 



Reich an fchönen Strafsen- und Platzbildern ift der in Fig. 613 SB ) dar- 
geftellte, von Pützer entworfene Aufsenteil von Darmftadt. 

Das gleiche Streben nach Mannigfaltigkeit der Erfcheinung liegt dem Be- 
bauungsplan für die Kämmereiwiefen in Wismar (Fig. 614) zu Grunde; man beachte 
die gefchloffene Platzumrahmung und die durch die angegebene Gebäudeftellung 
hinter den Strafsenfluchtlinien fich ergebenden konkaven Baulinien. 

Sehr bewegte Linien zeigen das Landhaus viertel Hungerberg zu Wien 
(Fig. 61 5 67 ), wo flark hügeliges Gelände für Wohnzwecke (dazu Schule und Park) 

») In: M'uttkk Die deutfched Städl« de. Leipzig 1904. 

«) Au: Goldemiini), H. Die b.ulichc Entwicklung und Sl«dlrcgulierung von Wien. Leipiig 1901, 






o jw 100 ige wc xvm 



Neues Wohnviertel in der füdlich 





0den Erweiterung zu Flensburg. 



• R. Die datTch« Sufcta «c. Ltipiig -901 " d - »■ s - ! 



333 

zu erfchliefsen war, fowie das am >Grofsen Müh- 
lenteich« geplante Wohnviertel zu Flensburg 
{fiehe die nebenflehende Tafel). Hier handelt es 
fich, wie Gurlitt im unten genannten Buch 86 ) 
fchreibt, um die Aufteilung eines Tales, in deffen 
Grund ein Teich liegt. Von Bedeutung war der 
Blick von der Stadt über den Teich hinweg auf 
ein auf einem Hügel aufgeftelltes Fefthaus; dort 
ift zwifchen die gefchwungenen Linien mit Recht 
die Gerade eingeführt. Durch das Tal felbft ift 
gröfserer Verkehr nicht zu erwarten; die Haupt- 
ftrafsen führen feitwärts am Tale vorbei, das als 
ftilles Wohnviertel dienen Coli. 



Aus dem Bebauungsplan des 
nördlichen Teiles von Flensburg*'). 



d) Fabrikviertel. 

Auch ein modernes Fabrikviertel foll unter 
unfere Beifpiele aufgenommen werden. Wir haben 
hierfür Landau gewählt (Fig. 616), weil der 
dortige Induftriebezjrk die verfchiedenen Arten und 
Lagen der Anfchlufsgleife vereinigt zeigt: Lage 



Fig. 6 io. 




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Bebauungsplan für das feitherige Bahnhofsgelände zu Wiesbaden. 



Bebauungsplan für den neuen AufsenAadtteil 

Fig. 6 ia. 



Anfchlufs eines befTeren Wohnviertels 
an einen älteren Stadtteil zu Kiel"). 

im Inneren der Blöcke und auf der freien Strafse , Bedienung durch Weichen und 
durch Drehfeheiben. Sind auch die Innenlage der Gleife und der Weichenanfchlufs 
für grofse Betriebe eine Notwendigkeit, fo ift doch auch die Strafsenlage der Gleife 
keine Seltenheit: fie hat in der Hand der Gemeinde den Vorteil der leichteren 



335 

Ausführbarkeit, weil die Strafsen öffentliches Eigentum find oder durch Enteignung 
erworben und ohne Schwierigkeit in der für die Aufnahme der Gleife erforderlichen 
Breite angelegt werden können. Der Anfchlufs der Fabrikgleife mittels Drehfeheibe 

Fig. 613. 



Bebauungsplan für ■ 



erfchwert das Zuftellen und Abholen der Wagen, nimmt aber ein Mindeftmafs von 
Raum in Anfpruch und ift faft überall ausführbar. 



5. Kapitel. 
Moderne Beifpiele ganzer Stadtbaupläne. 

Auch Bebauungspläne gröfseren Umfanges erfordern eine Scheidung in folche, 
die vorwiegend für gefchlofiene Bebauung beftimmt find, und in folche, die fich 
auf landhausmäfsige Ansiedelung beziehen. 



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338 



a) Pläne für vorwiegend gefchloITene Bebauung. 

Wenn wir mit den in Fig. 617 u. 618 dargeftellten Erweiterungsplänen von 
Altona und Deffau beginnen, fo gefchieht es, weil fie, aus dem Anfang der 
90er Jahre des vorigen Jahrhunderts (lammend, der erften Entwickelungszeit des 
modernen Städtebaues entfprungen find: Fig. 6i7 68 ) mit ftarker Betonung der Ver- 
kehrslinien, mit reicher Ausgestaltung der Strafsen felbft und ihrer Fernfichten; 
Fig. 618 H8 ) dagegen mit geringer Ausbildung von Verkehrslinien, fchonen Platz- 
gruppen und intimeren Strafsenbildern — ein Unterfchied, der zum Teil in dem 
Gegenfatz von Grofsftadt und Mittelltadt, zum anderen Teil aber in der abweichen- 
den perfönlichen Auffaffung feinen Grund hat. 



Eine Durchdringung beider Auftaflungen dürfte aus den Erweiterungsplänen 
von Diedenhofen und Marienberg hervorleuchten. In Diedenhofen (fiehe die 
nebenftehende Tafel) bei aller Entfchiedenheit der Verkehrslinien (die beiden grofsen, 
durch Punktierung nach aufsen verlängerten Querftrafsen haben übrigens eine rein 
militarifche Bedeutung) auch kleinere Strafsenbilder und Platzanlagen. In Marien- 
berg (Fig. 619) mehrere lauge, geradlinige Verkehrszüge, darunter eine entfchiedene 
Diagonale, daneben aber viele befcheidenere malerifche Nebenftrafsen , eine fchöne 
Platzgruppe an der Kirche (vergl. Fig. 508, S. 222), ein ftattlicher Platz am 
Rathaufe. Eine Eigentümlichkeit ift die Vorliebe für hakenförmige Führung von 
Wohnftrafsen und für die Anordnung fehr geräumiger Blöcke, deren Innenflächen 
für öffentliche Zwecke beftimmt find. Die füdliche Bauflucht der Diagonalftrafse ift 
ohne Schädigung des Verkehres verfetzt, wodurch in beiden Sehrichtungen der 
Strafse fchöne Schlufsbilder gewonnen werden. 



In Fig. 620, einem Abfchnitt der Stadterweiterung von Brunn, wolle man 
unter den Hauptverkehrftrafsen befonders die in der ungefähren Mitte des Geländes 



Bebauungsplan für das Diebsteichviertel zu Altona ••). 

angeordnete Längsftrafse mit hohler Südwand und ausgeweiteter Nordwand beob- 
achten, ferner die Umgebung der Kirche, die Stellung der anderen öffentlichen Ge- 



Wettbewerbe nt wurf 
für die nordweilliche Stadterweiterung ■ 



bäude, die Verkehrsplätze bei A und B und die Art, wie bei C und D die zur 
Längenteilung des Geländes einzufchaltenden Strafsen von der Landftrafse ab- 
gezweigt find. 



> 



Stadterweiterung von Marienberg. 

Entwurf von C. Sil/,, 
i, i. Innenpatkj. j. Innerei MarktpUtz. 4, 4, 4. Refcrvierte Innenflächen für 



(Die alten Stadtteile find Harket fcrirafncrt.) 



341 

Ueberaus anfprechend und reich an fchönen Geftaltungen und Raumabfchlüften 
find die in Fig. 621 u. 622 fkizzierten Bebauungspläne von Friedberg und 
Pferfee bei Augsburg. Handelte es fich um Grofsftädte, fo würde wohl eine 
etwas entfchiedenere Ausbildung der Verkehrslinien erwiinfcht fein. Die Block- 
bildung ift eine zweekmäfsige ; dem Verftecken der Schulen und ähnlicher Gebäude 
in das Blockinnere kommt der Vorteil der billigen Bauplatzhefchaffung zu ftatten, 
während der Verzicht auf Wirkung im Strafsen- oder Platzbilde einen Nachteil 
bedeutet. 

Fig. 6ao. 



Aus dem preisgekrönten Entwurf StäAien's für die Stadterweiterung 
von Brunn. 

Durch einen ähnlichen Reichtum an Erfcheinungen zeichnet fich der Bebauungs- 4 . 7 . 
plan von Kufftein aus (Fig. 623). Man beachte namentlich die drei einander K - uait "> 
benachbarten Stadtplätze, die Behandlung der Platz- und Strafsenecken , die ftufen- 
weife Abfetzung der Bauflucht in Krümmungen. Der (udöftliche Teil der Stadt- 
erweiterung ift für offene Bauweife beftimmt; die Führung des Baches innerhalb 
der Baublöcke ift deshalb hier zuläffig. 

Schliefslich find in den Fig. 624 u. 625 zwei ausländifche moderne Stadtpläne 4»a. 
aus Belgien und Südamerika fkizziert. Der Plan für Zeebrugge zeigt, obfchon Beir P" ,t 
nicht frei von geometrifcher Linienführung, den Ein flu fs der deutfchen Auffaflung, Beigi™ 
während die Amerikaner bis auf weiteres dem reinen Schematismus verfallen zu *J^L 
fein fcheinen. 



b) Pläne für offene Bebauung. 
Anfiedelungen in offener oder halboffener Bauweife pflegen errichtet zu werden 
, als Bade- oder Luftkurorte, als Vororte grösserer Städte, auch als Beamten- und 
Arbeiterkolonien in der Nähe grofsgewerblicher Betriebe. Der englifche Gedanke 



Bebauungsplan für Friedberg bei Augsburg. 

Entwurf von f. Ardr. Hax/tK. 

felbftändiger reiner Gartenftädte (Garden-Citics), welche Induftrie- und Wohnzwecke 
in fich vereinigen, hat zwar auch auf dem europäifchen Feftlande vielen Anklang 
gefunden. Aber der aus fozialen und gefundheitlichen Gründen fo erwünfchte 



TORORTCOBCML 

BCt WI5M. 

Cntw Jrüdrr Aüwjreder. 



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343 

Erfolg Ift bis jetzt im wefentlichen ausgeblieben. Die Gründe hierfür dürften liegen 
in der grundfätzlichen, mit Entbehrungen geiftiger und materieller Art verbundenen 
Abkehr von der Grofsftadt, in dem programmgemäfsen gemeinfchaftlichen Eigentum, 
fowie in der beabsichtigten ausfchliefslichen offenen Bauweife, die für manche 
Bedürfnifie minder zweckmafsig ift als der Reihenbau. 

Fig. 627 zeigt den Grundrifs des Oftfeebades Travemünde. Zu unterfcheiden 
ift die ältere Anlage, beftehend aus dem Kurpark nebft Zubehör und der breiten, 

Fig. t22. 



dem Strande in gerader Linie parallel laufenden Kaiferallee, von der landwärts an- 
gefchlofienen, in gefchwungenen Linien entworfenen Erweiterung. 

Eine noch lebendigere, reizvolle Strafsenführung weift die auf nebenftehender «<■ 
Tafel fkizzierte, mit Parkanlagen und Weingärten durchfetzte Landhausanfiedehmg ' ™ b °°*" 
Cobenzl bei Wien auf. Die ftarken Kurven find begründet durch das gebirgige OmftMdi« 
Gelände, denen wagrechte Linien leider, wegen des kleinen Mafsftabes, nicht ein- 
gezeichnet werden konnten. 



344 

Aus der nebenflehenden Tafel, die Villenkolonie Buchfchlag bei Frank- 
furt a. M. darfteilend , find beibnders hervorzuheben die den Strafsenlinien nicht 
parallelen, vielfach hohl gekrümmten Baufluchtlinien (vergl. Fig. 614 aus Wismar) 
und die trotz der grundfätzlich offenen Bebauung in anziehender Weife umrahmten, 
in den Sehrichtungen mehr oder weniger gefchloffenen Plätze. 

Fig. 623. 



Bebauungsplan für Kufftein. 



Der grofse Reiz des in Fig. 626 nachgebildeten Bebauungsplanes der Beamten- 
und Arbeiteranfiedelung Streiffeld bei Aachen befiehl in der flotten Linienführung, 
dem Unterfchied zwifchen breiten und fch malen Strafsen und den intereffanten 
'' Platzanlagen. Höchft bemerkenswert und von malerifcher Wirkung ift auch die 
eigenartige Zurückziehung der Gebäude an den Blockecken und die treppenartige 
Abweichung der Baufluchten von den Strafsenlinien; von Nachteil ift der Umftand, 
dafs die Breite der Baublöcke zwifchen der Landftrafse und der nächften Parallel- 
flrafse nur der einfachen, nicht der doppelten Bauftellentiefe entfpricht. 



VORORT BUCttSCttLRG 

BSI FRANKFURT «.m. 






Cntw. T- 7ükx.er". 



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Fig. 635. 

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349 

Durch reichhaltigen Raumaufwand und fchöne landfchaftliche Gruppierung ift 
fchliefslich die Arbeiteranfiedelung Port Sunlight bei Liverpool ausgezeichnet, wo- 
von Fig. 628 einen den Fabriken zunächft liegenden Abfchnitt darftellt. Die Häufer 
find gruppenweife aneinander gebaut; das Innere der Blöcke ift bepflanzt und dient 
als Zugang zu Stallgebäuden und Höfen. Geräumige Flächen find zu Parkanlagen 
und Spielplätzen benutzt oder in Küchengärten eingeteilt, die an die Hausbewohner 
verpachtet werden. 

Literatur 
zum 3. Abfchnitt. 

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Handbuch der Architektur. Teil II, Band 4: Die romanifche und die gotifche Baukunft. — 
Heft 1 : Die Kriegsbaukunft. Von A. Essenwein. Darmftadt 1889. 

Henrici, K. Konkurrenzentwurf zur nordweftlichen Stadterweiterung von Deffau. Aachen 1890. 

Hirschfeld, G. Die Entwicklung des Stadtbildes. Zeitfchr. d. Gef. f. Erdkunde in Berlin, 
Bd. 25 (1890), Heft 4. 

Stubben, J. Die Stadterweiterung von Wefel. Deutfche Bauz. 1891, S. 13. 

Küntze, J. E. Die Deutfchen Stadtgründungen oder Römerftädte und deutfche Städte im Mittel- 
alter. Leipzig 1891. 

Nouveau quartier ouvrier Humbert I*r ä la Spezia. Nouv- annales de la conflr. 1892, S. 91. 

Das mit dem erften Preis gekrönte Konkurrenzprojekt für die Regulierung des Stubenviertels in 
Wien. Allg. Bauz. 1893, S. 41. 

Weber, C. u. a. Zur Münchener Stadterweiterung (Verfchiedene Auffatze). Deutfche Bauz. 1893, 

S. 193, 203, 227, 305, 329, 34i, 389» 397» 4oi. 
Henrici, K. Preisgekrönter Konkurrenzentwurf zur Stadterweiterung Münchens. München 1893. 
Wagner, O. Artis fola domina neceffitas. Erläuterungsbericht zum Entwürfe eines General- 
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Stubben, J. Der Generalregulirungsplan für Grofs-Wien. Deutfche Bauz. 1894, S. 123. 
Fritz, J. Deutfche Stadtanlagen. Beilage zum Programm Nr. 520 des Lyceums zu Strafsburg i. E. 

Strafsburg 1894. 
Stubben, J. Alte Stadtanlagen. Deutfche Bauz. 1894, S. 608. 
Stubben, J. Der Bau der Städte in Gefchichte und Gegenwart. Feftrede. Berlin 1895. — Auch 

in : Centralbl. d. Bauverw. 1895, S. 105. 
May reder, K. Ueber Wiener Stadtregulierungsfragen. Wien 1895. 
Mayreder, K. Der Entwurf der Wienerzeile. Deutfche Bauz. 1895, S. 409. 
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Müthesius, H. Das neue Lagerhaus in Worms und die dortigen neueren Baubeftrebungen. 

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D E R S TAD T E B AU. 



4. Abfchnitt. 

Ausführung des Stadtplanes. 

1. Kapitel. 

Aufgaben des Staates, der Gemeinde und der Privaten. 

Mufs fchon beim Entwurf eines Stadtplanes oder Stadterweiterungsplanes eine 
beträchtliche Zahl von Dingen berückfichtigt werden, welche weder architektonifcher, 
noch überhaupt bautechnifcher Art find, fo tritt bei der Ausführung des Planes 
eine noch gröfsere Menge von Fragen und Intereffen auf, welche gegeneinander 
abzuwägen, miteinander zu verlohnen oder aber zurückzuweisen find. Im wesent- 
lichen entfpringen diefe Intereffen dem Rechte des Eigentümers und dem Nachbar- 
recht, oder fie beziehen fich auf die Pflege der öffentlichen Ordnung, des Verkehres 
und der öffentlichen Gefundheit. Die Ausführung eines Stadtplanes ift deshalb 
keineswegs alleinige Sache des Bautechnikers; dennoch ift diefer in erfter Linie der 
berufene Leiter, weil das Studium und die Ausübung feines Faches eine eingehendere 
Erkenntnis und Beherrfchung des Gegenftandes vorbereitet als irgend eine andere 
Berufsart. Dem vorbereiteten Techniker wird die Löfung der Aufgabe nicht fchwer 
fallen, fobald ihm für die Schwierigeren Rechts- und Wirtfchaftsfragen die geeigneten 
Kräfte zur Seite flehen, wie es im Staats- und Gemeindeleben in reichlichem Mafse 
der Fall zu fein pflegt. Es wird deshalb zweckmäfsig fein, den Ausfuhrungsfragen 
an diefer Stelle zur Belehrung des Technikers näher zu treten. 

Träger der Mafsnahmen zur Ausführung der Stadterweiterung ift zwar vor- 
wiegend die Gemeinde; aber auch dem Staate einerfeits und den Privatperfonen 
andererseits find wichtige Aufgaben zuzuweifen. 

Dem Staate liegt die Gesetzgebung ob, welche bezüglich des Städtebaues 
durchaus nicht als abgefchloffen betrachtet werden kann, ferner die Wahrnehmung 
der landespolizeilichen, der Strom- und Feftungsintereffen , die gerichtliche und 
die Verwaltungsrechtspflege, die Abgrenzung und Erweiterung der Gemeinde- 
bezirke, endlich die gefetzlich geordnete Aufficht über die Tätigkeit der Gemeinde. 
Der Staat ift ferner Bauherr für zahlreiche öffentliche Gebäude und kann unter 
Umftänden als Verkehrsunternehmer (Eifenbahnen , Wafferwege, Brücken etc.) oder 
in feiner Eigenschaft als Landeigentümer, auch als Stadterweiterungsunternehmer 
auftreten, oder als Bauherr zur Errichtung von Wohnungen für feine Beamten und 
Arbeiter. 



433- 
Ausführung 

vorwiegend 

Sache des 

Techniken. 



434- 
Aufgaben 

des 
Staates. 



352 

Mit den letztgenannten Arten feiner Tätigkeit übernimmt der Staat indes 
eigentlich die Rolle einer Privatperfon und hat die gleichen Pflichten und Rechte 
zu beobachten wie diefe. 

435. Der Gemeinde liegt der Erlafs der ortsftatutarifchen und ortspolizeilichen Be- 
Aufeaben fti mmun g en 69) ob, ferner die Aufftellung und Feftftellung des Stadtbauplanes, die 
Gemeinde. Ausführung der Wafferverforgungs- , Entwäfferungs- und Beleuchtungsanlagen, die 

Herftellung des Strafsenbaues oder wenigstens die Beauffichtigung desfelben, die 
Sorge für zweckmäfsige Geftaltung der Baugrundftücke, die Pflege der öffentlichen 
Ordnung, des Verkehres und der öffentlichen Gefundheit, die rechtzeitige Errichtung 
der öffentlichen Gebäude und Gartenanlagen. Unter Umftänden ift auch die Ge- 
meinde felbft Stadterweiterungsunternehmerin, namentlich bei der Erweiterung von 
Feftungftädten (Magdeburg, Strafsburg, Mainz, Cöln, Wefel, Ulm), oder Unter- 
nehmerin von Wohnungsbauten für Beamte und Arbeiter, oder endlich Verkehrs- 
unternehmerin (für Stadt- und Strafsenbahnen, Häfen, Brücken und Fähren). 

436. Privatperfonen als Landeigentümer und Baugefchäftstreibende find im verbreitet- 
TÄügk«t ß en Umfange Stadterweiterungsunternehmer, fei es im kleinen durch Verwertung 

Privatperfonen. einzelner Grundftücke, fei es im grofsen durch Auslegen und Ausnutzen ganzer 
Strafsenbezirke. Im letzteren Falle kann die Privatwirtfchaft auch an der Auf- 
ftellung des Stadtbauplanes und an der Ausfuhrung des Strafsenbaues einen mass- 
gebenden Anteil nehmen. Der Hauptanteil der Privaten am Städtebau bezieht fich 
aber naturgemäfs auf die Errichtung von Wohnhäufern. 

437 . Ungefähr die Hälfte der Bewohner des Deutfchen Reiches wohnt in Städten, 
staatliche unc j ^er Prozentfatz der Stadtbevölkerung ift in anfcheinend dauerndem Steigen 

und begriffen. Schon hieraus und aus dem gefetzlichen Auffichtsrechte über die Mafs- 

Poii*ei. nahmen der Stadtgemeinden folgt das lebhafte Intereffe, welches der Staat den 

Fragen des Städtebaues entgegenzubringen hat. Seine Gefetzgebung hat die 

Rechtsgrundfatze und Rechtsformen feftzufetzen, nach denen die Aufftellung und 

Ausführung des Stadtbauplanes fich vollzieht. 

In manchen Ländern wird die Feftftellung der Baufluchtlinien als eine eigent- 
liche Angelegenheit des Staates, insbefondere der ftaatlichen Polizei, betrachtet, oder 
es fehlen gefetzliche Beftimmungen über die Aufftellung von Ortsbauplänen gänzlich. 
In Frankreich und namentlich in Preufsen (durch Gefetz vom 2. Juli 1875, flehe An- 
hang) find Gemeindevorftand und Gemeindevertretung als die Träger diefer Aufgabe 
anerkannt. Der Polizeibehörde ift indes das Recht der Anregung und des Ein- 
fpruches gewahrt mit der Mafsgabe, dafs die Anregung zu befolgen und der Ein- 
fpruch zu beachten ift, infofern nicht die höhere ftaatliche oder Selbftverwaltungs- 
behörde in anderem Sinne entfcheidet. Auch anderen Behörden, falls fie nach der 
Ortslage am Bebauungsplane intereffiert find, ift Gelegenheit zur Aeufserung zu 
geben, fo der Feftungsbehörde, der Eifenbahnbehörde, der Verwaltung von Staats- 
und Provinzialftrafsen. Unter Umftänden aber wird durch die gleichberechtigte 
Beteiligung mehrerer Behörden, welche ihre Intereffen gegeneinander geltend 
machen, die Planfeftftellung jahrelang verzögert, ohne dafs das planlofe Vorfchreiten 
des Anbaues in der Zwifchenzeit verhindert werden kann. Gemifchte Kommiffionen 
(wie in Strafsburg) oder das Einfetzen einer befonderen Zentralbehörde (wie in 
Wien und London) haben in folchen Fällen fich bewährt. Ift das Einvernehmen 

W) Die Ausnahmefälle, wo die Örtliche Bau- und Strafsenbaupolizei nicht von der Gemeinde, fondern vom Staate 
ausgeübt wird, find hier übergangen worden. 



353 

der beteiligten Gemeinde- und Staatsbehörden hergeftellt, fo wird der Plan zur 
Kenntnisnahme der Grundbefitzer öffentlich ausgelegt; etwaige Einwendungen der 
letzteren find von den oberen Selbftverwaltungsbehörden , gegebenenfalls vom zu- 
ftändigen Minifterium zu entfcheiden. Dann erft kann der Plan vom Gemeinde-, 
vorftande rechtsverbindlich feftgeftellt werden. 

Die ftaatliche Gefetzgebung hat ferner die Fragen der Befchränkung des 
Bauens behufs Sicherung des feftgeftellten Planes (fiehe das folgende Kapitel), die 
Vorbedingungen und das Verfahren der Enteignung (fiehe Kap. 3), fowie der Zu- 
fammenlegung und Grenzregelung (fiehe Kap. 4), feimer die Grundfatze für die Auf- 
bringung der Strafsenanlage- und Unterhaltungskoften (fiehe Kap. 5), endlich die 
allgemeinen Grundlagen der Bauordnung (fiehe Kap. 7) feftzufetzen. 

Als Landespolizei tritt die Staatsgewalt zum Schutze des Städtebaues bei 
Durchfchneidung des Bebauungsplanes durch Eifenbahnen, Schiffahrtskanäle und 
ähnliche Veranftaltungen ein; auch liegt ihr der Schutz der öffentlichen Gewäffer, 
der Deiche und der Landesverteidigungseinrichtungen ob. Zahlreich find die 
durch ftaatliche Verwaltungsgerichte oder ordentliche Gerichte zu entfcheidenden 
Rechtsfragen, welche namentlich aus der Baubefchränkung, der Enteignung und der 
Bauordnung entfpringen. 

Sache des Staates ift es aber auch, für eine zweckentfprechende Abgrenzung 438. 
und Erweiterung der Gemeindebezirke zu forgen, fobald die überkommenen Grenzen Erw ^ run * 
den neuen, zur Sicherung eines guten Stadtbauplanes nötigen Anforderungen nicht Gemeinde- 
mehr entfprechen. Die Ausdehnung mancher Städte ift gehemmt oder entwickelt ir c 

fich in einer ungeregelten, den öffentlichen Intereffen nachteiligen Weife, weil die 
politifchen Grenzen der Gemeinde nicht denjenigen der baulichen Zweckmäfsigkeit 
entfprechen. Aufserhalb des Stadtbezirkes bilden fich z. B. neue Vororte, die wegen 
ihrer Mittellofigkeit genügende öffentliche Einrichtungen nicht zu treffen vermögen, 
denen gefundes Waffer und geregelte Entwäfferung fehlt, deren Ortsbauplan zu 
demjenigen der Mutterftadt nur geringe Beziehungen hat. Nachteiliger wird es 
noch, wenn mehrere Vororte fich allmählich ftädtifch ausbilden, ohne aufeinander 
und auf einen geeigneten Erweiterungsplan der Hauptftadt gebührende Rückficht 
zu nehmen, weil dazu weder der Beruf, noch die Einficht, noch die Geldmittel 
der einzelnen Vorortgemeinden ausreichen. Eine einheitliche, zweckmäfsige Ordnung 
der Verkehrsanftalten (Strafsenbahnen u. f. w.) oder die durchgreifende Einführung 
allgemeiner Gefundheitsmafsregeln ift noch weniger zu erzielen. Dazu kommt, dafs 
die Städte, fobald das bebaute Weichbild fich zu fehr den Gemeindegrenzen nähert, 
nicht mehr den erforderlichen Raum für ihre gemeindlichen Anftalten finden, dafs 
fie alfo genötigt find, ihre Schlachthöfe, Beleuchtungswerke, Parkanlagen, Fried- 
höfe u. f. w. aufserhalb der Grenze unterzubringen, was allerlei Unzuträglichkeiten 
im Gefolge hat. 

Wefentlich aus diefen Gründen, fowie aus anderen wirtfchaftlichen Rückfichten 439 . 
haben viele gröfsere Städte in den jüngften Jahren unter dem Beiftande der Staats- * l *~ 

J ° •' gemeindungen. 

gewalt ihre Vororte ganz oder teilweife »eingemeindet«; fo Wien, Dresden, München, 
Magdeburg, Altona, Leipzig, Cöln, Frankfurt a. M., Pofen, Stuttgart. Gewöhnlich 
find es Steuer- und Vermögensrückfichten, auch wohl parteipolitifche Erwägungen und 
die Eiferfuchtsgefühle der Selbftändigkeit, welche die Eingemeindung erfchweren. Die 
Stadt Cöln, welche gegenwärtig über die Geftaltung ihrer Umgebung felbft beftimmt, 

hat dies wefentlich der kräftigen Anregung der Staatsregierung zu danken, welche 

« 

Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) 2 3 



354 



440. 

Aufßclit 
des Staates 

über die 
Gemeinden. 



44*- 
Staat 
als Bauherr 
und Verkehrs- 
Unternehmer. 



442. 

Staat 

als Stadt- 

erweiterungs- 

Unternehmer 

und als 
Arbeitgeber. 



die feitherige Zerlegung des ftädtifchen Bezirkes in 8 Gemeinden als fehlerhaft 
erkannte und allen beteiligten Gemeindevertretungen den wirkfamen Rat erteilte, 
fleh durch friedliche Verträge zu einer grofsen Stadtgemeinde zu vereinigen; leider 
Jiegen draufsen immer noch zwei bedeutende Vorftädte, deren Einverleibung unter- 
laufen wurde. 

Berlin hat die gebotene Gelegenheit, die Vororte einzugemeinden, verfaumt; 
die Uebelftände der getrennten Gemeindeverwaltungen machen fleh dort fo ftark 
geltend, dafs die Staatsregierung, wie berichtet wird, eine innigere Zufammenfaffung 
von Grofs-Berlin plant, ohne jedoch die Gemeindegrenzen des eigentlichen Berlin 
auszudehnen. 

Andere Städte, wie Brüffel und London, beftehen immer noch aus einer 
hinderlichen Vielheit von Gemeinden. Die Unbeholfenheit und Unfähigkeit diefer 
Vielheit auf manchen Gebieten (befonders hinfichtlich der Verkehrsanftalten, der 
gefundheitlichen Anlagen und der Stadterweiterungspläne) würde dort von noch 
fchlimmeren Folgen fein, wenn nicht die Zentralgewalt des Staates mitunter ein- 
griffe, fo in Brüffel, wo der König felbft für den erweiterten Gefamtftadtplan forgt, 
und in London, wo ganze Zweige der öffentlichen Verwaltung an einheitliche 
Staatsbehörden übertragen find. • 

Dies führt uns zu einer weiteren wichtigen Aufgabe des Staates, welche in 
der Aufficht über die Gemeindeverwaltungen befteht, nicht nach Willkür oder als 
Vormund, fondern nach der Ordnung der Gefetze. Die ftaatliche Aufficht ift eine 
notwendige und bei verftändiger Handhabung eine befonders für Stadterweiterungen 
höchft wohltätige Einrichtung. Sie vermag die Trägheit mancher Gemeinden aufzu- 
rütteln; fie kann unterftützen, wenn Zwift oder Privatintereffen die Tätigkeit der Ge- 
meinden lähmen; fie kann Auswüchfe des Gemeindelebens befchneiden und eine 
zweckmäfsige Durchführung gefetzlicher Mafsregeln fichern. 

Für die mit der Erweiterung der Stadt nötig werdenden öffentlichen Staats- 
gebäude (Verwaltungs- und Gerichtsgebäude, Geföngniffe, Bahnhöfe, Kafernen, 
höhere Schulen u. f. w.) follte der Staat frühzeitig die geeigneten Bauplätze be- 
schaffen, um nicht fpäter zur Zahlung hoher Preife oder zur Wahl untergeordneter 
und mangelhaft geeigneter Plätze genötigt zu fein. Als Verkehrsunternehmer hat der 
Staat den Verhältniffen und Bedürfniffen der wachfenden Stadt aufmerkfam zu folgen 
und zeitig Rechnung zu tragen. Untätigkeit auf diefem Gebiete rächt fich fehr, und 
Unterlaffungen laffen fich fchwer nachholen. Die gewaltigen Umbauten, welche die 
Gegenwart in faft allen gröfseren Städten an Bahnhöfen und Bahnftrecken vornimmt, 
zeigen die grofse Wichtigkeit diefer an manchen Orten fchon zu lange aufgefchobenen 
Aufgabe. 

Tritt der Staat in der Eigenfchaft als Landeigentümer felbft als Stadt- 
erweiterungs-Unternehmer auf, fo kann leicht eine Gefahr des Konflikts der Pflichten 
eintreten. Als Auffichtsbehörde über der Gemeinde, als Unternehmer unter der 
Gemeindeverwaltung flehend, ift, felbft bei einer vorfichtigen Teilung der Zu- 
ftändigkeit, der fachgemäfse Ausgleich der Intereffen fchwierig. Der Staat wird fich 
deshalb von diefem Unternehmungsgebiete möglichft fernhalten ; er widmet fich da- 
gegen mehr und mehr der Errichtung von Wohnungen für feine Beamten und Ar- 
beiter. Nicht »Dienftwohnungen« find hier gemeint, fondern gewöhnliche Miet- 
wohnungen. Wir loben und empfehlen, ja wir erwarten es faft von einem fozial 
einfichtigen Grofsgewerbetreibenden, dafs er fich um die Wohnungsverhältniffe feiner 



35S 



behörde. 



Arbeiter durch Errichtung geeigneter Häufer bekümmere, in denen wenigstens 
ein Teil der von ihm Abhängigen auf Wunfeh gegen mäfsige Verzinfung feines 
Kapitals menschenwürdige , preiswerte Wohnungen findet. Ift es zu viel verlangt, 
dafs auch die Stadtgemeinde für ihre Hunderte von Arbeitern und kleinen Be- 
amten, und dafs befonders der Staat für die Taufende und Abertaufende der 
von ihm unmittelbar Abhängigen in ähnlicher Weife forge? Uebrigens mufs rüh- 
mend anerkannt werden, dafs Preufsen und andere deutfehe Staaten, auch mehrere 
Städte im letzten Jahrzehnt fich diefer fozialen Pflicht lebhaft bewufst geworden 
und in die Wohnungsfürforge für ihre Arbeiter und niederen Angeftellten tatkräftig 
eingetreten find. 

Als erfte Aufgabe der Gemeindeverwaltung bezeichneten wir oben den Erlafs 443. 
ortsftatutarifcher und ortspolizeilicher Beftimmungen. Gegenftand der Ortsftatuten Gc ™ e,nde 
ift die örtliche Ausbildung der Beftimmungen über Baubefchränkung , Grenz- Gefetzgeberin, 
regulierung, Umlegung der Baugrundftücke und Aufbringung der Strafsenkoften Pohze ^ gkcit 
nach Mafsgabe der landesgefetzlichen Grundlagen, ferner über die Benutzung der wohifahrts- 
Gemeindeanftalten und des Gemeindeeigentumes (Sielnetz, Wafferverforgung , Be- 
leuchtung, Strafsenreinigung und Abfuhr, Bauzäune, Erker und Balkone u. f. w.; 
vergl. Kap. 6 diefes Abfchnittes). Die ortspolizeiliche Regelung erftreckt fich 
auf diefelben Gegenftände , fowie auf den Strafsenverkehr und befonders auf die 
eigentliche Bauordnung (fiehe Kap. 7). Die Tätigkeit der Gemeinde zur Auf- 
stellung und Feftftellung der Strafsen- und Baufluchtlinien wurde fchon oben er- 
läutert. Auch die Ausfuhrung der Strafsenbauten mit ihrem ganzen Zubehör liegt 
in der Regel am beften in der Hand der Gemeindeorgane, weil hierdurch eine 
fachgemäfsere Bauweife gefichert ift als bei Ueberlaflung diefer Tätigkeit an 
• intereffierte Grundbefitzer. Es wäre allerdings ein Fehler, hier die unter behörd- 
licher Aufficht flehende Privattätigkeit überhaupt ausfchliefsen zu wollen; unter 
Umftänden ift fogar die Arbeit einer grofsen Erwerbsgenoffenfchaft, geleitet von 
einfichtigen Technikern, der mitunter zerfahrenen und umftändlichen Kommunal- 
tätigkeit vorzuziehen. 

Behufs Erzielung einer zweckmäfsigen Geftaltung der Baugrundftücke foll 
die Gemeinde fich nicht blofs auf ftatutarifche Vorfchriften beschränken; fie foll 
felbft die Grenzausgleiche, die Umlegungen und Zufammenlegungen fördern und 
leiten; fie foll im Fortfehreiten des Strafsen ausbaues die öffentliche Ordnung und 
den öffentlichen Verkehr wahren. Sie ift die berufene Befchützerin der öffentlichen 
Gefundheit hinfichtlich der Trinkwafferbefchaffung, der Befeitigung der Hausabfalle, 
der Entwäfferung, des Auffüllungsmaterials für Strafsen und Plätze, der Reinhaltung 
öffentlicher Wafferläufe, der Anpflanzungen und der Verhinderung allzu dichter 
Bebauung. 

Die Notwendigkeit der frühzeitigen Befchaffung geeigneter Bauftellen für die 
erforderlichen öffentlichen Gebäude gilt für die Gemeinde wie für den Staat, und 
zwar auch bezüglich folcher Bauwerke, deren Bauplätze nicht bei der Planauf- 
ftellung aus architektonifchen oder wirtfehaftlichen Rückfichten bereits von vorn- 
herein in den Baulinien vorgefehen find. Je früher die Gemeinde fich zur wirk- 
lichen Ausführung der geplanten öffentlichen Gartenanlagen, der Schmuckplätze 
und der in Ausficht genommenen Gemeindebauten entfchliefst, defto wirkfamer und 
wohltuender beeinflufst fie den geregelten Fortfehritt und die freundliche Geftaltung 
neuer Stadtteile. 



444. 

Gemeinde 

als 
Bauherrin. 



356 

445 Als Selbftunternehmerin einer Stadterweiterung endlich erfüllt die Gemeinde 

*"& * einen wefentlichen Teil ihres Berufes. Indem fie eigenes oder angekauftes fiskalifches 
Stadt- oder privates Gelände mit einem zweckmäfsigen , gefundheitlich , fozial und künft- 
umlra^crin. lerifch durchdachten Bebauungsplane überzieht, die Strafsen und Plätze und Pflan- 
zungen felbft herftellt, die Baugründe felbft zerlegt und mit beftimmten Bauvor- 
fchriften verkauft, ift fie in der Lage, Einheitliches und Schönes zu fchaffen und 
zugleich auf die Bebauung der Privatgelände vorbildlich einzuwirken, die Spekulation 
einzufchränken und die Wohnungspreife zu ermäfsigen. 

Sie kann ferner die Bebauung begünftigen durch erleichterte Bedingungen für 
die Bezahlung des Baulandes und für die Errichtung von Kleinwohnungen, durch 
frühzeitige Schaffung öffentlicher Verkehrsmittel und öffentlicher Gebäude und Garten- 
anlagen, ferner durch Gewährung von Steuererleichterungen oder Abgabenfreiheit 
für einen gewiffen, dem Neubau folgenden Zeitraum, fowie durch Unterftützung von 
kirchlichen oder gemeinnützigen Bauabfichten. 

446. Erfolgreicher noch kann die Gemeinde zur Löfung der Wohnungsfrage bei- 
ais tragen, wenn auch fie für ihre Beamten und ftändigen Arbeiter Wohnungen er- 

Arbcitgebcrin richtet und diefelben auf Wunfeh gegen mäfsige Verzinfung mietweife abgibt, wie 
verkeh«- dies oben bereits für den Staat als Arbeitgeber empfohlen wurde. Die Stadt 
Unternehmerin. Frankfurt a. M. hat auf diefem Gebiete ein fruchtbringendes Beifpiel gegeben, und 
zahlreiche andere Städte find bereits gefolgt. Und wie der Staat Verkehrsunter- 
nehmer im grofsen geworden ift, fo kann die Gemeinde zum allgemeinen Nutzen 
in ihren Grenzen Verkehrsanftalten anlegen und betreiben. Städtifche Häfen, 
Brücken und Fähren find keine Seltenheit. Stadtbahnen in kommunalem Betriebe 
gibt es unferes Wiffens noch nicht; wohl aber ift wieder Frankfurt a. M. mit der 
»Verftadtlichung« von Strafsenbahnen pfadweifend vorgegangen. Wer die grofsen 
Schwierigkeiten kennt, die infolge der Ueberlaffung öffentlicher Strafsenteile an 
private Erwerbsgefellfchaften zwifchen diefen Gefellfchaften und den Gemeinden faft 
regelmäfsig fich einftellen, und zwar zum Schaden der Bürger, der wird mit dem 
Verfaffer der Meinung fein, dafs, wenn auch von einer allgemeinen Verftadtlichung 
des Strafsenbahnwefens kaum die Rede fein kann, doch die Stadtverwaltungen beim 
Ablauf der gegenwärtigen Konzeffionen oder bei Schaffung neuer Linien die Frage 
der eigenen Uebernahme des Betriebes fich prüfend vorzulegen haben. In Berlin 
ift zwar vorläufig diefe Frage zu Gunften einer Konzeffionsverlängerung der Grofsen 
Berliner Strafsenbahngefellfchaft beantwortet worden; aber die Stadt hat andere 
Linien angekauft und ift mit der Planung eigener Strafsenbahn- und Stadtbahnlinien 
lebhaft beschäftigt. Andere Städte, die fich — meift mit gutem Erfolg — in 
den ganzen oder teilweifen Befitz ihrer Strafsenbahnen gefetzt haben, find Darm- 
ftadt, Düffeldorf, Oberhaufen, Cöln, Königsberg, München, Münfter i. W., M.-Glad- 
bach u. f. w. 

447. Aber was bleibt, wenn die Gemeindetätigkeit eine folche Ausdehnung gewinnt, 
Privatwirtschaft j^ p r i va t w i r tfchaft übrig, in welcher doch Gemeinde, Provinz und Staat die Wurzeln 

neben den °' 

öffentlichen ihrer Kraft finden? Diefe Frage erfcheint allerdings nicht ganz unberechtigt an- 
^ Verkehrs- g e fj c hts der Vermehrung der durch Staats-, Provinzial- und Gemeindebehörden ge- 

cinnchtungcn. 00» ö 

führten Betriebe. Andererfeits aber hat auch die Erwerbs- und Gewerbetätigkeit 
der Privatperfonen in den letzten Jahrzehnten an Vielgeftaltigkeit und Lebhaftigkeit 
gewaltig zugenommen, und bezüglich der vorhin befprochenen Verkehrsanftalten 
fteht der Verfaffer keineswegs auf dem Standpunkte, die Privatwirtfchaft grund- 



357 



fätzlich ausfchliefsen zu wollen. Der Betrieb von Vollbahnen, Stadtbahnen und 
Strafsenbahnen wird hoffentlich trotz des Mitbewerbes von Staat und Gemeinde 
tüchtigen Gefellfchaften ftets zugänglich fein; und den letzteren dürfte jedenfalls 
vorwiegend der Betrieb der ländlichen Nebenbahnen zweiter und dritter Ordnung 
zuftehen, eine fegensreiche Verkehrsart, die an Bedeutung ftets zugenommen hat. 

Auf dem Gebiete des eigentlichen Städtebaues find der Privatwirtfchaft weite 
Gebiete erfchloffen. Der An- und Verkauf von Baugründen ift leider zum Gewerbe 
geworden, und zwar zu einem fchwunghaften und gewinnreichen in den fchnell- 
wachfenden Städten. Das Wort »leidere ift eingeschoben, weil eine fchlechte Art 
diefes Gewerbebetriebes oft die gröfsten Mifsftände hervorgerufen hat, indem künft« 
lich erzeugte Spekulationsgewinne und, mehr noch, untätiges Fefthalten von Bau- 
land die Preife der Grundftücke in nachteiligfter Weife fteigern, die immer dichtere 
Bebauung herbeiführen, die Mieten erhöhen und die ftädtifche Wohnungsfrage 
verfchärfen. 

Um eine eigentliche Stadterweiterungstätigkeit zu entwickeln, bedarf es des 
Befitzes nicht blofs einzelner Grundftücke, fondern einer zufammenhängenden Land- 
fläche von folcher Gröfse, dafs wenigftens eine Strafse oder eine Strafsen ftrecke 
zwifchen zwei Kreuzungen zum Gegenftande der Unternehmung gemacht werden 
kann. Der Befitzer einer folchen Fläche oder, bei zerteiltem Befitze, die Gemein- 
fchaft der Befitzer kann die Strafse »eröffnen« , d. h. das Strafsenland nach dem 
öffentlich feftgeftellten Stadtbauplane freilegen und der Gemeinde übereignen und 
auf Grund eines mit der Gemeinde abzufchliefsenden Vertrages den Strafsenbau ent- 
weder den Ortsregeln entfprechend felbft ausfuhren oder durch die Gemeinde gegen 
Zahlung ausführen laffen. 

Ift der zufammenhängende Befitz von gröfserer Ausdehnung, fo kann der 
Eigentümer unter Beobachtung der von der Gemeinde beftimmten Hauptlinien die 
Unterteilung des Strafsennetzes felbft entwerfen und, nachdem der Plan von der 
Gemeinde und den fonft zuftändigen Behörden geprüft und feftgeftellt ift, die 
Strafsen felbft ausfuhren. 

In beiden Fällen wird es im Intereffe fowohl des Unternehmers als der All- 
gemeinheit liegen, dafs die neuen Strafsen, fobald fie dem öffentlichen Verkehre in 
erheblichem Mafse dienen und insbefondere mit einer beträchtlichen Zahl von 
Häufern bebaut find, von der Gemeinde »übernommen« werden, d. h. in das Eigen- 
tum und die Unterhaltungspflicht der Gemeinde übergehen. 

Es handelt fich alfo hierbei um öffentliche Strafsen, die von Privaten aus- 
geführt und zum Teile auch entworfen werden, allerdings unter Mitwirkung der 
Gemeinde, welche die Planfeftftellung nicht aus der Hand geben kann und die 
Herftellung der Wafferverforgungs- und Sielanlagen ebenfalls nur ausnahmsweife 
anderen überlaffen wird. 

Anders liegen die Verhältniffe bei folchen Strafsen, die von Privaten geplant 
und hergeftellt werden und nicht zur Uebernahme feitens der Gemeinde beftimmt 
find. Dies find nicht mehr öffentliche, fondern Privatftrafsen, welche von den Be- 
fitzern dauernd zu unterhalten find, übrigens auch abgefchloffen und veräufsert 
werden können. Das preufsifche Fluchtliniengefetz enthält über folche Anlagen 
nichts; auch andere Gefetzgebungen regeln diefen Gegenftand wenig. Die gewöhn- 
lichen, für den allgemeinen Verkehr nötigen Glieder des Strafsennetzes find zur 
Behandlung als Privatftrafsen ungeeignet; zweckmäfsig find aber die letzteren zur 



44 8. 

Baugrund - 
fpekulation. 



449- 
Privat- 
ftrafsen . 



35« 

Aufteilung fehr geräumiger Baublöcke, zur Erfchliefsung grofser, im Inneren von 
Blöcken liegenden Grundftücke oder zur ftärkeren Ausnutzung wertvoller Grund- 
flächen im Inneren der Altftadt. Paris und London find reich an folchen Privat- 
anlagen, Cites, Itms, Terraces, Buildings genannt (vergl. Fig. 99 bis 102, S. 64; 
Fig- 33 2 u - 333» S. 139); namentlich aber gehören hierher die »Paffagen« (Fig. 103 
bis 107, S. 65 bis 67) und viele fog. »Höfe«, d. h. Strafsen flächen, welche in das 
Innere von Grundftücken fich hinein erftrecken und dort mit felbftändigen Wohn- 
gebäuden befetzt werden. Diefe Höfe find in vielen Fällen eine für die Gefundheit 
und Sicherheit verwerfliche Einrichtung; die Entflehung neuer follte deshalb von 
Gemeinde und von der Polizei nach Möglichkeit verhindert werden. 

Aufserdem gibt es, befonders in unentwickelten oder mangelhaft verwalteten 
Städten, oft noch eine Reihe fog. iPrivatftrafsenc, welche mehr oder weniger will- 
kürlich durch ungeregelten Anbau ohne Zutun der Gemeinde oder unter Duldung 
der Gemeinde, jedoch ohne regelrechten Strafsenbau, entftanden ^find. Solche An- 
lagen, um die fich niemand recht kümmert oder die nur gelegentlich auf polizei- 
lichen Befehl vom Eigentümer unterhalten werden, find vielfach ein öffentliches 
Aergernis. In gut verwalteten Städten follten fie nicht vorkommen. Die Ueber- 
nahme derfelben in die Hand der Gemeinde ift fchliefslich unvermeidlich. 
450. Der Anteil, den die Privatwirtfchaft am Städtebau durch Errichtung von 

Wohn- und Gefchäftshäufern , fowie von gewerblichen Anftalten nimmt, entfpricht 
naturgemäfs der bedeutendften und berufenden Tätigkeit der Privatperfonen. Es 
handelt fich dabei fowohl um den Bau von Wohn- und Gefchäftshäufern zum 
eigenen Bewohnen und von gewerblichen Anlagen zum eigenen Betriebe, als um 
die Errichtung von Gebäuden für den Verkauf und die Vermietung. Die letztere 
Art des Bauens wird durch Kapitaliften bezüglich einzelner Gebäude oder durch 
Gefellfchaften und Genoffenfchaften hinfichtlich ganzer Gruppen oder Stadtteile aus- 
geübt. Markt und Preife richten fich danach, ob die Bautätigkeit dem Bedürfnis 
entfpricht, ob fie demfelben folgt oder ihm voraneilt. Bezüglich der Wohnungen 
für die unteren Bevölkerungskiaffen folgt gemeiniglich die Bautätigkeit dem Be- 
dürfnis langfam nach, was eine beftändige Art von Wohnungsnot der genannten 
Klaffen zur Folge hat. Der Grund diefer Erfcheinung liegt in der fchwierigen 
Verkäuflichkeit und der unangenehmen Verwaltung derartiger Wohngebäude. Das 
oft empfohlene, noch keineswegs ausreichend gehandhabte Mittel zur Abhilfe be- 
fteht in dem Eintreten gemeinnütziger Gefellfchaften zur Errichtung von Arbeiter- 
wohnungen und in der oben befprochenen Tätigkeit der Gemeinden und des 
Staates. Allerdings find die Arbeiterfamilien am meiften geneigt, in der Wohnungs- 
miete zu fparen, und nehmen deshalb vielfach mit Räumen furlieb, welche die 
Eigenfchaften menfchen würdiger Wohngelaffe nicht befitzen. So ziehen herzlofe 
Hauseigentümer nicht feiten aus ihren fchlechten Gebäuden zwar für die einzelnen 
Gelaffe niedrige Mieten, aber im ganzen hohe Zinserträge, die Errichtung ordent- 
licher Wohnungen erfchwerend und die Tätigkeit gemeinnütziger Gefellfchaften 
lähmend. Notwendige Gegenmittel find neben der Förderung der gemeinnützigen 
Bautätigkeit der Erlafs und die Handhabung polizeilicher Wohnungsvorfchriften, 
ortsftatutarifcher Wohnungsordnungen und eine zielbewufste Wohnungsgefetzgebung. 



359 



2. Kapitel. 

Belchränkung der Baufreiheit. 

Es mag dahingeftellt bleiben, ob das Baurecht ein natürlicher Ausflufs des 45«. 
Eigentumsrechtes ift, wie die einen fagen, oder ob das Anbaurecht dem Eigentümer befchränkungen 
des Bodens erft verliehen werden mufs, wie die anderen lehren — für den plan- und 
mäfsigen Vollzug einer Stadterweiterung, für den Städtebau, ift die Befchränkung 
des Baurechtes als eine unbedingte Notwendigkeit gefetzgeberifch feftzuftellen. 
Eine volle Baufreiheit befteht in den Kulturftaaten überhaupt nicht; gewiffen Be- 
fchränkungen in der Bebauungsart feines eigenen Grundftückes ift jedermann durch 
Baupolizeivorfchriften unterworfen; man hält dies allgemein für felbftverftändlich. 
Für den Vollzug des Städtebaues ift es aber nötig, nicht blofs hinfichtlich des »wie« 
die Bebauung eines Grundftückes zu befchränken, fondern auch die Fragen, »ob« 
und »wann« ein Grundftück bebaut werden darf, zu regeln. 

Durch Gefetzgebung find von der Bebauung ausgefchloffen oder in der Be- 
bauung wefentlich befchränkt die im erften, zweiten und dritten Feftungsrayon 
liegenden Grundftücke; hier hat der Militärfiskus bei Neuanlage von Feftungswerken, 
welche diefe Befchränkungen im Gefolge hat, den Eigentümern eine billige Ent- 
schädigung zu . gewähren. Gefetzgeberifch geordnet oder zu ordnen find die not- 
wendigen Befchränkungen des Bauens im Ueberfchwemmungsgebiete der Flüffe, da 
es offenbar im allgemeinen Intereffe unzuläffig ift, Bauten zu errichten, welche den 
Hochwafferabflufs in nachteiliger Weife verhindern. Die gleiche Notwendigkeit 
liegt für die Freihaltung der durch den gefetzlich feftgeftellten Stadtbauplan zu 
Strafsen und freien Plätzen beftimmten Flächen vor, einfchliefslich der etwa zu. 
Vorgärten beftimmten Grundflächen. 

In diefer Beziehung lautet die Stadterweiterungsthefe des »Verbandes Deutfcher 
Architekten- und Ingenieur vereine« (flehe Anhang): »Die Eigentumsverhältnifle, 
welche mit Feftfetzung eines Stadterweiterungsplanes fleh bilden, fowie die Ver- 
pflichtungen der Anftöfser einerfeits und der Gemeinde andererfeits bedürfen der 
gefetzlichen Regelung. Auf Flächen, welche zu künftigen Strafsen und Plätzen 
beftimmt find, darf nach gefetzlicher Feftftellung des Planes nicht mehr oder nur 
gegen Revers gebaut werden. Dem Eigentümer gebührt wegen diefer Befchränkung 
keine Entfchädigung, dagegen das Recht, zu verlangen, dafs Grundftücke in künftigen 
Plätzen angekauft werden, fobald die umliegenden Strafsen hergeftellt find. Für 
Zugänglichkeit und Entwäfferung von vereinzelten Neubauten mufs zunächft durch 
die Eigentümer geforgt werden. Doch follte die Gemeinde fich allgemein zur 
vollftändigen Herftellung und Unterhaltung einer neuen Strafse verbindlich machen, 
fobald Sicherheit befteht, dafs ein gewifler Teil aller angrenzender Grundftück- 
fronten mit Häufern bebaut wird.« 

Die Gefetzgebung und Uebung ift in den verfchiedenen Staaten bezüglich des 433 
in Rede flehenden Baurechtes fehr verfchieden, zum Teile unvollkommen und nicht CC übe r UDg 

frei VOn Willkür. Freihaltung 



des Strafsen - 



™) Siehe auch: geländes. 

Baumeister, a. a. O., Kap. 4. 
Ueber Städteerweiterung, insbefondere in hygienifcher Beziehung. Deutfeh. Viert, f. öff. Gefundheitspfl. 

1886, S. 9. 
Mafcregelu zur Erreichung gefunden Wohnen«. Deutfeh. Viert, f. öff. Gefundheitspfl. 1889, S. 9; 1890, S. 23. 



36o 



453. 

Bauverbot 

an 

unfertigen 

Strafsen . 



In Preufsen ift das Bauverbot bezüglich des planmäfsigen Strafsenlandes ein unbedingtes. 
Eine Entfchädigung für diefe Befchränkung wird aber nach § 13 des Fluchtliniengefetzes (flehe 
Anhang) gewährt in drei Fällen, nämlich: 1) fobald die Gemeinde aus eigenem Entfchlufs das 
zur Strafse befiimmte Land in Befltz nehmen will; 2) wenn vorhandene Gebäude abgebrochen 
werden, deren Grundfläche nicht mehr bebaut werden darf; 3) wenn der Eigentümer eines an 
einer fertigen Strafse liegenden Grundftückes an der Bebauung desfelben durch Feftfetzung einer 
zukünftigen Querftrafse gehindert wird und das Grundftück in der Fluchtlinie diefer neuen Strafse 
bebaut. Ergänzt find diefe Beflimmungen durch höchfte Entfcheidungen dahin, dafs die Ent- 
fchädigungspflicht auch eintritt: 4) für Grundftücke, welche an einer fertigen Strafse liegen, aber 
ganz oder mit Ausnahme bebauungsunflhiger Refte in eine feftgefetzte neue Querftrafse fallen, 
und 5) für die in einen öffentlichen Platz fallenden Grundflächen, fobald die . umliegenden Strafsen 
hergeftellt find. 

Hiernach wird, der Thefe des »Verbandes Deutfcher Architekten- und Ingenieur- 
vereinec entfprechend , durch Feftftellung eineß Stadterweiterungsplanes auf un- 
bebautem Gelände alles von Strafsen und Plätzen in Anfpruch genommene Land 
mit dem Bauverbot belegt, und zwar in den meiften Fällen, ohne den Betroffenen 
einen Anfpruch auf Entfchädigung zuzugeftehen. Das preufsifche Gefetz berück- 
fichtigt eben mit Recht, dafs die Werterhöhung des verbleibenden Baugrundes 
die Befchränkung des Strafsenlandes in der Regel mehr als ausgleicht, und dafs 
die Ausnutzung einer Grundfläche als Baugrund die Freilaffung des Strafsenlandes 
notwendig vorausfetzt. 

Dagegen dürfte das württembergifche Gefetz, welches den Gemeinden das 
Recht verleiht, zu beftimmen, dafs nur eine Seite der Strafse mit Gebäuden befetzt 
werden darf, und zwar ohne den Eigentümern der von der Bebauung ausgefchloffenen 
Seite für diefe Befchränkung ein Recht auf Schadenerfatz zuzugeftehen, zu weit 
gehen. Es gibt gewifs manche Fälle, wo man beifpielsweife an einer auf der Berg- 
lehne geführten Strafse aus Schönheits- und anderen Gründen nur die Bebauung der 
Bergfeite zulafTen darf; eine billige Entfchädigung follte indes den im Allgemein- 
intereffe betroffenen Eigentümern zukommen, wenn nicht die bauliche Benutzung 
der Grundftücke von einer anderen Strafse her ermöglicht wird. 

Ein dauerndes Bauverbot müfste blofs das Strafsenland und Vorgartenland 
treffen, während das Bauland nur Befchränkungen hinfichtlich der Fragen »wann« 
und »wie« unterworfen fein follte, alfo bezüglich der Zeit und der Art der Be- 
bauung. 

Nach § 12 des preufsifchen Fluchtliniengefetzes ift jede Gemeinde befugt, 
durch Erlafs eines Ortsftatuts vorzufchreiben, dafs Wohngebäude an den feftgeftellten 
Strafsen des Bebauungsplanes in der Regel erft dann errichtet werden dürfen, nach- 
dem vorher die Strafse planmäfsig, den »Baupolizeilichen Beflimmungen« ent- 
fprechend, fertiggeftellt ift. Die meiften preufsifchen Städte haben ein folches Orts- 
ftatut erlaffen (vergl. die Ortsftatuten fiir Berlin und Cöln im Anhange); aber wenige 
Städte führen es wirklich aus. Gewöhnlich läfst man den Bauluftigen in die Stadt- 
kafle einen gewiffen Strafsenkoftenbeitrag zahlen und das Strafsenland an die Ge- 
meinde unentgeltlich abtreten und hat dann gegen den Anbau an unfertigen Wegen 
nichts mehr zu erinnern. Durch diefes Verfahren wird, wenn auch der Schutz der 
Gemeinden gegen die durch das wilde Bauen erwachfenden hohen Strafsenbau- 
ausgaben ein ausgefprochener Zweck des Fluchtliniengefetzes ift, die Schwierigkeit 
nicht gelöft; fondern es wird die Entftehung von Zuftänden zugelaffen, welche nach 
Verkehrs- und Gefundheitsrückfichten zu beklagen find und deren Befeitigung mit 
neuen Geldopfern fchliefslich der Gemeinde obliegen wird. Die preufsifchen Städte 



36i 

follten, von der gefetzlichen Befugnis weifen Gebrauch machend, möglichft allgemein 
den Strafsenbau mit WafTerverforgung, Entwäfferung und Beleuchtung dem Häufer- 
bau vorangehen laffen, alfo das Bauverbot an unfertigen Strafsen wenigftens der 
Regel nach durchführen, zugleich aber auch den Strafsenbau fördern und in ihren 
»Baupolizeilichen Beftimmungen« keine übertriebenen Anfprüche an Strafsen ftellen, 
die für den Anbau als fertig gelten. 

Auch in Bayern , HefTen und Sachfen darf der Anbau in der Regel nicht er- 
folgen, bevor die Strafse nicht kanalifiert und hergeftellt oder bevor ihre Durch- 
führung nicht gefichert ift. In anderen Staaten und Städten fehlt meift das Verbot, 
an unfertigen Strafsen zu bauen; fo in Baden und Hamburg, ferner in Strafsburg, 
wo an den unfertigen Strafsen der Stadterweiterung jeder bauen darf, wenn er nur 
das Erdgefchofs in die planmäfsige Höhe legt und das Haus parallel zur Flucht- 
linie errichtet. In Mainz und Wien ift die Bauerlaubnis u. a. auch davon abhängig, 
dafs die zweckmäfsige Einteilung des ganzen von Strafsen umzogenen Baublockes 
durch den Einzelbau nicht verhindert wird. Die letztere, überaus empfehlenswerte 
Beftimmung fehlt leider anderwärts faft allgemein; wir werden in Kap. 4 diefes 
Abfchnittes darauf zurückkommen. 

Zweckmäfsigerweife ermächtigt ferner das heffifche Baugefetz (flehe Anhang) 
die Städte, das Bauen aufserhalb des Bereiches des Ortsbauplanes überhaupt zu 
unterfagen, eine Ermächtigung, welche nur in vorfichtiger Weife wird angewendet 
werden dürfen. In Preufsen tritt die Möglichkeit des Bauverbotes umgekehrt erft 
ein, nachdem der Fluchtlinienplan feftgeftellt ift. 

Bezüglich der Art der Bebauung können Befchränkungen auferlegt werden 454. 
entweder im Wege des Vertrages (durch grundbuchliche Eintragung), befonders Vinfichtiich* 11 
beim Verkaufe von Baugrundßücken, oder durch Ortsftatulen und Polizeiverordnungen. dcr Bauart. 
Die vertraglichen Beftimmungen beziehen fleh beifpielsweife auf den Ausfchlufs 
gewerblicher Anlagen, auf Höhe und Bauftil oder BauftofFe der Gebäude, auf die 
offene oder halboffene Bau weife und ihre Einzelheiten. 

Durch Ortsftatuten auf gefetzlicher Grundlage können gewiffe Stadtgegenden 
überhaupt dem Bau von läftigen Fabriken und dem Betriebe ftörender oder gefund- 
heitsfchädlicher Gewerbe entzogen werden. Die Gewerbeordnung des Deutfchen 
Reiches hat im Abfatz 3 des § 23 diefen Fall vorgefehen, indem fie fagt: »Der 
Landesgefetzgebung bleibt vorbehalten, zu verfugen, inwieweit durch Ortsftatuten 
darüber Beftimmung getroffen werden kann, dafs einzelne Ortsteile vorzugsweife 
zu Anlagen der im § 16 erwähnten Art zu beftimmen, in anderen Ortsteilen aber 
dergleichen Anlagen gar nicht oder nur unter befonderen Befchränkungen zuzulaffen 
find.c Der genannte § 16 handelt von denjenigen namhaft gemachten Gewerbe- 
anlagen, deren Errichtung überhaupt mit einer befonderen behördlichen Vorprüfung 
vor Erteilung der Bauerlaubnis verknüpft ift. Die Königreiche Sachfen und 
Württemberg, die Grofsherzogtümer Baden und Heflen und die Herzogtümer An- 
halt und Braunfchweig haben die in § 23 vorbehaltene Landesgefetzgebung erlaffen 
und dadurch ihren Städten die Möglichkeit geboten, fabrikfreie Stadtteile anzulegen 
und zu bewahren. In den übrigen deutfchen Staaten ift der Gegenftand noch nicht 
gefetzgeberifch geregelt; der »Deutfche Verein für öffentliche Gefundheitspflege« 
hat, in Uebereinftimmung mit anderen Vereinen und zahlreichen Städten, die all- 
gemeine Regelung wiederholt angeregt 71 ). Uebrigens hat diefe Frage den wefent- 

U) Siehe: Oertliche Lage der Fabriken in Städten. Deutfche Viert, f. off. Gefundheitspfl. 1869, S. 42. 



362 

lichften Teil ihrer Bedeutung eingebüfst durch die praktifchen Fortfehritte, die in 
vielen Städten durch die »Abftufung der Baupolizeivorfchriftenc gemacht worden 
find. Durch Erlafs von »Zonenbauordnungen« oder » Staffelbauordnungen € ift es 
teils auf ausdrücklicher gefetzlicher Grundlage (Sachfen, Württemberg), teils auf 
Grund ortspolizeilicher Befugniffe möglich, nicht blofs die in § 16 der Reichsgewerbe- 
ordnung erwähnten Gewerbebetriebe, fondern alle läftigen oder unerwünfehten Be- 
triebe aus beftimmten, dem ruhigen Wohnen vorbehaltenen Ortsteilen fernzuhalten 
und aufserdem hinfichtlich der Bauart und Baudichtigkeit alle diejenigen Beschrän- 
kungen aufzuerlegen, die für die verfchiedenen Bezirke aus gefundheitlichen und 
fozialen Gründen als nötig erkannt werden. Näheres hierüber enthält Kap. 7 diefes 
Abfchnittes. 



3. Kapitel. 

Enteignung. 

45s Den Gemeinden ift in faft allen Kulturftaaten das Recht eingeräumt, das 

enge ung. strafsenland auf Grund eines gefetzlich feftgefetzten Fluchtlinienplanes zu enteignen, 
d. h. dem Eigentümer zwangsweife gegen Entfchädigung zu entziehen. Die Förm- 
lichkeiten, welche zu diefem Behufe zu befolgen find, und die Vorfchriften für die 
Art der Ermittelung des Schadenserfatzes find allerdings in den verfchiedenen 
Ländern fehr verfchieden. Ausnahmen bilden unferes Wiffens Mecklenburg, wo das 
Enteignungsrecht zu Zwecken der Stadterweiterung nicht befteht, und Bayern, wo 
fich das Enteignungsrecht auf Staatsftrafsen , nicht auf Gemeindeftrafsen erftreckt, 
was die Ausführung von Stadterweiterungen auf das äufserfte erfchweren mufs. 

Das preufsifche Fluchtliniengefetz fagt in § 11 kurz und bündig: »Mit dem 
Tage, an welchem die im § 8 vorgefchriebene Offenlegung (des feftgeftellten Planes) 
beginnt, tritt die Befchränkung des Grundeigentümers, dafs Neubauten, Um- und 
Ausbauten über die Fluchtlinie hinaus verfagt werden können, endgültig ein. 
Gleichzeitig erhält die Gemeinde das Recht, die durch die feftgefetzten Strafsen- 
fluchtlinien für Strafsen und Plätze beftimmte Grundfläche dem Eigentümer zu 
entziehen. € Die Entziehung gefchieht auf Antrag der Gemeinde durch das im 
Enteignungsgefetz vom 11. Juni 1874 vorgefchriebene Verfahren, ohne dafs es, wie 
bei anderen gemeinnützigen Unternehmungen, einer befonderen königlichen Ver- 
ordnung bedarf. 

456. Für die Beftimmung der Höhe der Entfchädigung find die Fragen entfeheidend, 

H ^ e auf welchen Zeitpunkt der abzufchätzende Wert des der Enteignung unterliegenden 
Entfchädigung. Grundftückes zu beziehen und ob der Wert des Grundftückes »als Bauplätze zu 
entfehädigen ift. 

Die erftere Frage ift von grofser Wichtigkeit bei Städten oder Stadtteilen, 
wo die Grundpreife infolge des ftarken Vorfchreitens der Bebauung oder infolge 
von Eifenbahnbauten oder fonftigen die Werte beeinfluffenden Anlagen im rafchen 
Steigen begriffen find. Es kommen drei verfchiedene Tage in Frage, nämlich 

1) der Tag der Feftftellung und öffentlichen Bekanntmachung des Strafsenplanes, 

2) der Tag des Enteignungsantrages und 3) der Tag des Eigentumsüberganges. 



363 

Alle drei Zeitpunkte haben eine gewiffe Berechtigung: der Tag 1, weil es unbillig 
erfcheint, der Gemeindekaffe die Zahlung von Spekulationswerten aufzubürden, 
welche erft nach der Feftftellung der Baubefchränkung für den Baugrund im all- 
gemeinen, vielleicht gerade auf Grund des Planes, entftanden find ; der Tag 2, weil 
erft an diefem die Gemeinde ihr Enteignungsrecht wirklich ausgeübt hat, und der 
Tag 3 , weil erft an ihm der Eigentümer der Rechte und Pflichten an feinem 
Grundftücke entbunden und durch Zahlung der Entfchädigungsfumme in den Stand 
gefetzt wird, fich anderweitigen Erfatz zu fchaffen. Die Rechtspflege, welche früher 
vorwiegend den Tag der Planfeftftellung als für die Wertbemeflung mafsgebend 
annahm, betrachtet, wenigftens in Preufsen, in jüngerer Zeit den Tag des Ent- 
eignungsantrages als den mafsgeblichen. 

Die zweite Frage, ob das zur Strafse beftimmte Land als Bauplatz oder als 
bebauungsunfähiges Land (Gartenland, Acker, Lagerftätte) zu bewerten fei, ift noch 
einfchneidender. Infoweit hierüber Beftimmungen beftehen, lauten fie entgegen- 
gefetzt. Nach Baumeifler foll laut des Leipziger Ortsgefetzes bei Feftftellung des 
Wertes derjenige angenommen werden, den das Land als Bauplatz haben würde. 
Dagegen fagt die Wiener Bauordnung: »Der abzutretende Grund ift nur dann als 
Baugrund zu betrachten, wenn er entweder bereits verbaut war oder nach der 
bisher beftandenen Baulinie verbaut werden durfte oder in den öffentlichen Büchern 
als Baugrund eingetragen erfchien. War der abzutretende Grund nicht Baugrund, 
fo ift er nach dem Nutzen, den er mit Rückficht auf Zeit und Ort gewöhnlich und 
allgemein leiftet, zu bewerten.« Im heffifchen Gefetz für die Erweiterung von 
Mainz heifst es: »Bei Abfchätzungen von Gelände, welches nach dem Bauplan für 
den neuen Stadtteil nur zur Anlage von Kanälen, Strafsen und Plätzen beftimmt 
ift, kann folches Gelände nicht zu den etwa für Bauplätze geeigneten Preifen, 
fondern nur fo hoch abgefchätzt werden, als es je nach feiner Benutzungsfähigkeit 
als Feld, Garten oder Hofraite gewertet werden konnten In Preufsen beftehen 
ausdrückliche Beftimmungen über diefen Gegenftand nicht, und daher kommen 
fowohl bei den Enteignungsbehörden (Bezirksausfchüflen), als bei den Gerichten 
— deren Anrufung den Parteien ftets freifteht — die erheblichften Abfchätzungs- 
unterfchiede vor. 

Dafs ein bis dahin bebautes oder nach einer früheren Baulinie bebauungs- 
fähiges Gelände als Bauland zu entfchädigen ift, dürfte kaum zweifelhaft fein. Für 
fonftiges Strafsenland ift es dagegen in der Regel billig, dafs nur der wirkliche 
Benutzungswert, nicht aber der Bauplatzwert gezahlt wird, weil erft durch Ver- 
wendung der abzugebenden Fläche zum Strafsenbau der übrigbleibende Befitz 
wirklich ein Bauplatz wird, der Befitzer alfo im Mehrwert des letzteren einen 
vollen Erfatz findet. Dies pafst aber nur fo lange, als die zu enteignenden Befitzer 
des Strafsenlandes zugleich die in gleichem Mafse beteiligten (beim Anbau fchliefs- 
lich die Strafsenanlagekoften erftattenden) Eigentümer des anftofsenden Baulandes 
find. Anderenfalls wird den letzteren durch eine zu geringe Entfchädigung der 
erfteren ein unverdienter Vorteil zugewiefen. Zur Vermeidung einer derartigen 
Ungerechtigkeit wird oft fo verfahren, dafs das Strafsenland zwar nicht als Bauland, 
wohl aber mit dem durchfchnittlichen allgemeinen Bodenwerte der Ortslage unter 
Berückfichtigung der Zugänglicfhkeit, Geftalt und Tiefe des in Betracht kommenden 
Grundftückes entfchädigt wird. An einem Beifpiele möge — ohne grundfätzliche 
Billigung auszufprechen — dies erläutert werden. 



364 

Der Preis fertiger Bauflellen möge zu der für die Enteignung mafsgebenden Zeit in einer 
Ortslage so Mark für das Quadratmeter betragen. Gefetzt, die Grundftücke haben durchfchnittlich 
ein Drittel ihrer Fläche für Strafsenland abzugeben und für jedes Quadratmeter Bauland 5 Mark 
an Strafsenbaukoften aufzubringen. Alsdann ergibt ftch der durchfchnittliche allgemeine Boden- 
wert des rohen Landes (50 — 5) */• = 3« Mark für das Quadratmeter, während der Wert derfelben 
Einheit für die Benutzung als Garten oder Lagerplatz vielleicht nur zu 5 bis 10 Mark ab- 
zufchätzen wäre. 

Bei teilweife zu enteignenden Grundftücken von fehr geringer Tiefe oder von ungewöhnlich 
grofser Tiefe träfe felbflredend diefe Durchfeh nittsberechnung nicht zu; bei den erfleren würde 



y 



Zonenenteignung an der Porte de Flandre zu Brüffel "). 

die Entfchädigung höher, bei den letzteren erheblich niedriger ausfallen muffen, da der Schaden 
immer nur in dem Unterfchiede zwifchen dem Werte des urfprünglichen und dem Werte des 
verbleibenden Grundftückes befleht. 

Nur in wenigen Staaten, z. B. in Württemberg, Sachfen, Hamburg, Frankreich, 
Nordamerika , geflatten die Enteignungsgefetze die Anrechnung eines dem ver- 
bleibenden Grundftücke erwachfenden Mehrwertes auf die Entfchädigung der Ent- 
eignungsfläche. In den meiften Staaten ift ein folches Verfahren ausdrücklich aus- 
gefchloflen; zudem gebührt dem Enteigneten nicht blofs die Entfchädigung des 
vollen Wertes der ihm abgenommenen Grundfläche an fich, fondern auch die Schad- 



365 

loshaltung für befondere Gefchäfts- und Nutzungsnachteile, fowie für eine etwaige 
Wertverminderung der Reftflache. Der letztere Punkt kann bei neuen Strafsen- 
anlagcn, befonders bei folchen, welche die Grund ftücksgrenzen fchief fchneiden, fehr 
wichtig werden und leicht zu Ungerechtigkeiten fuhren. 

Nach dem preufsifchen Gefetz kann zwar der Eigentümer die Uebernahme 
des ganzen Grundftückes verlangen, wenn dasfelbe durch die Fluchtlinie fo weit in 
Anfpruch genommen wird, dafs das Reflgrundftück nach den baupolizeilichen Be- 



Einteilung des durch die in Fig. 629 darge Hellte Enteignung gewonnenen Baugeländes"). 

ftimmungen des Ortes nicht mehr zur Bebauung brauchbar ift. Aber der Gemeinde 
fleht das Recht der Enteignung des ungeeignet werdenden Reftes gegen Ent- 
fchädigung nicht zu; im Gegenteile kann der Befitzer nach freier Wahl den Reft 
behalten und in diefem Falle fogar die Gemeinde obendrein noch zur Schadlos- 
haltung für die entftehende Formverfchlechterung und Bebauungsunfähigkeit des- 
felben verpflichten. Dies ift offenbar ein Unrecht und umfomehr der Abhilfe 
bedürftig, als die ungeeigneten Reftftücke nicht blofs in häfslicher Weife felbft un- 
bebaut liegen bleiben, fondern auch die Bebauung der Nachbargrundftücke behindern 



366 

und oft eine wjrtfchaftlich und gefundheitlich unzweckmäfsige Bebauung herbei- 
führen. Man nennt folche Reftflächen mitunter »Vexierftreifen« oder »Prellftreifenc, 
weil fie in der Hand eigennütziger und rückfichtslofer Eigentumer dazu mifsbraucht 
werden, den Nachbar absichtlich zu benachteiligen, um von ihm einen hohen 
Abfindungspreis zu erzwingen. 

Etwas giinftiger find die fchweizerifchen, badifchen und braunfchweigifchen 
Enteignungsgefetze , welche wenigstens in fblchcn Fällen die Gemeinden zur Ent- 
eignung der Reftflächen ermächtigen , in welchen die verlangte Entfchädigung der 

Fig. 631. 



Strafsendurchbrüche zu Brüflel '*). 



Wertverminderung mehr als '/* des Wertes beträgt. Aber eine gefetzliche Be- 
rechtigung, die Reftftücke gerade wegen ihrer Bebau ungsunfähigkeit zu enteignen, 
gibt es, foviel bekannt, bisher in deutfchen Staaten nicht. Belgien, Frankreich, 
England und Ungarn find uns in diefer Beziehung vor. Der »Deutfche Verein für 
öffentliche Gefundheitspflege« verlangte in den Befchlüffen feiner Generalverfamm- 
lung ru Freiburg i. Br. ausdrücklich, dafs den Gemeinden das Recht zu gewahren 
fei, »fich in den Befitz der zur Durchführung des Bebauungsplanes nötigen Grund- 
ftücke einfchüefslich der zur Bebauung ungeeigneten Grundftücksrefte im 
Wege des Enteignungsverfahrens zu fetzen«. Allerdings wird das Reftftück in der 



3^7 

Hand der Gemeinde noch nicht bebauungsfähig , es fei denn, dafe es zufällig mit 
anderen Reftnachen oder fonftigen Grundftücken der Gemeinde vereinigt werden 
kann oder dafs der Nachbar fich fofort zur Uebernahme des Reftes bereit erklärt. 



I 
J. 



Die Mafsregel erfordert deshalb zur vollen Wirkfamkeit die Verpflichtung der Ge- 
meinde, das Reftftück zur Bildung geordneter Bauftellen ohne Preisfteigerung wieder 
abzugeben, und ferner die gefetzliche Ausbildung der Eineignungs- und Umlegungs- 
befugnis, von welcher in Kap. 4 die Rede fein wird. 



flia. Aü. ßvMtavni, 



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Umbau der Stadtmitte von Florenz 

All» Zuftind I»). 



369 

Die oben genannten Staaten Belgien, Frankreich, England und Ungarn, auch 
Italien und die Schweiz, befitzen noch weitergehende Enteignungsgefetze , welche 
das Ziel verfolgen, ganze Stadtteile oder Gebäudekomplexe wegen Gefundheits- 

4 Fig. 634. 



>*; CfivwtaiM. 



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Umbau der Stadtmitte von Florenz. 

Neuer Zultand"). 

Widrigkeit oder Verkehrserfchwerung zu enteignen, um an ihrer Stelle einen ge- 
funderen Stadtteil und zweckmäfsige Verkehrftrafsen anzulegen. Zu diefem Behufe 
wird die ganze Zone der in Betracht kommenden Grundftücke enteignet; dann 

Hindbueh der Architektur. IV. 9. (j. AuH.] 2 4 



37Q 

werden neue Strafsenzüge ausgelegt und kunftgerecht hergeftellt, zweckmäfsige Bau- 

grundftücke eingeteilt und verkauft. In Belgien bezieht fich nach dem im Anhang 

auszüglich mitgeteilten Gefetz vom i. Juli 1858 und 15. November 1867 dies 

auch auf die Schaffung neuer Stadtteile in bisher unbebautem Gelände. Was die 

Verbefferung alter Stadtteile betrifft, fo ift das Verfahren in Paris (Dekrete vom 

26. März 1852 und vom 27. Dezember 1858), in Lyon, Marfeille, Brüffel, Antwerpen, 

London, Manchefter, Agram, Budapeft, Rom, Neapel, Florenz, Zürich in gröfserem 

und kleinerem Mafsftabe ausgeführt worden und hat zu fegensreichen Ergebniffen 

geführt 7 *). Zwar koften folche Verbefferungen beftehender Stadtteile immer noch 

der Gemeinde hohe Summen; aber ein erheblicher Teil der Ausgaben wird durch 

die Einnahmen für die im Werte gefteigerten Baugrundftücke gedeckt, und eine 

zweckmäfsige, einheitliche Bebauung wird ermöglicht — ohne dafs den früheren 

Eigentümern, welche ja für ihren Befitz voll entfchädigt werden, ein Schaden 

erwächft. 

460. Die nebenftehende Tafel und Fig. 629 bis 636 zeigen mehrere Beifpiele. 

€l ^ e Behufs Herftellung eines Strafsendurchbruches von der Rue de la Cuillcr zur Porte de 

ausgeführter ° 

Zonen- Flandre wurden in Brüffel diejenigen Grundftücke enteignet, die in Fig. 629 7S ) fchraffiert find, 
enteignungen. Die Neuaufteilung des Geländes zum Zwecke der Wiederbebauung ift in Fig. 630 19 ) angegeben. 
— Eine Zonenenteignung von grofser Ausdehnung, ebenfalls in Alt-Brüffel, ift in Fig. 631 74 ) 
dargeftellt; es handelt fich hierbei um die Bildung zweier Hauptverkehrslinien zwifchen Nieder- 
und Oberftadt vom Punkte A über B nach C einerseits und D andererfeits ; ferner um die 
Gewinnung zweier Bauplätze (nebft Vorplätzen) für die Erweiterung der Königl. Mufeen und für 
die Zentralhalteftelle der Stadtbahn; fchliefslich um die »Sanierung« des gefundheitswidrigen 
alten Viertels an der Univerfität. Die Krümmung der Strafsenzüge hat nicht blofs fchönheit- 
liche Bedeutung, fondern entfpringt zugleich der Abficht, die Steigungsverhältnifle zu ermäfsigen. 
Bemerkenswert ift die Kleinheit der Blöcke (mit Ausnahme desjenigen Blockes, der die Zentral- 
halteftelle und den Bauplatz der Warenbörfe umfafst), erklärlich durch die geringen Abmeffungen 
der Baugrundftücke in Belgien, wo man Mietkafernen nicht kennt; bemerkenswert ift auch die 
Häufigkeit dreieckiger und fpitzwinkeliger Blöcke, die in Brüffel für die Errichtung von Gefchäfts- 
häufern fehr beliebt find. 

Ein Beifpiel Londoner Strafsendurchbrüche und Höhenänderungen, die Holborn-Valley- 
Improvements, veranfchaulicht die nebenftehende Tafel. Die Grundftücke, welche die Stadt London 
auf Grund einer Parlamentsakte behufs Anlage der neuen Strafsen Holborn- Viaduct , Holborn- 
Circus, Snow-Hill, Charte rhoufe-Street, Shoe-Lane, St Andrew-Street und St Bride-Street , fowie 
zur Ueberbrückung von Farringdon-Street enteignete, find durch Schraffierung gekennzeichnet 

Aus Budapeft teilen wir in Fig. 632 7S ) die Umgeftaltung an der Zufahrt zur neuen Schwur- 
platzbrücke unter Angabe der Enteignungszone mit; aus Italien in Fig. 633 bis 63s 7 ') die Um- 
geftaltungen von Florenz und Neapel. In Florenz handelt es fich darum, im Herzen der 
Stadt unter dem Namen Rifanamento del centro ein gefundes Viertel zu fchaffen an Stelle einer 
Menge lichtarmer, ungefunder, dicht bewohnter Baulichkeiten. Die fchwarz gehaltenen Gebäude 
wurden wegen ihres kunftgefchichtlichen Wertes erhalten, die fchraffierten Grundftücke erworben 
und freigelegt; die gewonnenen neuen Blöcke wurden unter Belaffung eines freien Platzes von 
82 x 90 m Gröfse wieder bebaut Eine etwas künftlerifchere Geftaltung wäre für die alte Kunft- 
ftadt wohl erwünfcht gewefen. — Fig. 635 gibt ein teilweifes Bild des Umbaues der alten Stadt- 
teile von Neapel, wo die Choleraepidemie des Jahres 1884 den Anftofs zu umfangreichen ge- 
fundheitlichen Unternehmungen gab. Die dunkler fchraffierten Flächen wurden enteignet Unter 
den neu angelegten Strafsen find am bedeutendften der breite, vom Hauptbahnhof in die 
Stadt führende Corfo Re d'Italia und feine Gabelung nach der Via Medina und der Piazza 
Municipio\ gleichzeitig wurden zum Unterbringen der zum Ausziehen genötigten armen Be- 
völkerung neue Viertel mit geeigneten Wohnungen an der Aufsenfeite der Stadt erbaut. 

7a ) Siehe: Wochbl. f. Baukde. 1886, S. 499 — ebendaf., S. 465 — ferner: Baumeister, R., J. Classen & J. Stübbkn. 
Die Umlegung ftadtifcher Grundftücke und die Zonenenteignung. Berlin. 1897. S. 78—97. 
n ) Aus der in Fufsnote 77 genannten Denkfchrift. 
7 *) Aus: Deutfche Bauz. 1904, S. 333. 





Enteignu 

für die Anlage des Holborn -Vi 

Strafse nd urch b rücl 



ig s p 1 an 

dukts und der benachbarten 

e zu London. 



Den Umbau des Zähringer Viertels in Zürich nebft der durch dunklere SchrafTur hervor- 
gehobenen Enteignungszone ftellt Fig. 636 ") dar. 

In Oefterreich befteht zwar keine allgemeine gefetzliche Regelung der Zonenenteignung; 



* 1 



fit 



4 



durch befonderes Reichsgefetz vom 11. Februar 1893 i£l aber der Stadt Prag eine Enteignung 
alter Stadtteile in beträchtlichem Umfange ermöglicht worden, um das übervölkerte und ungefunde 
Gebiet der Jolefsfladt nebft Umgebung zu ■fanieren«. 



Ein ähnliches Unternehmen ift die in Hamburg auf Grund i 
Teil ausgeführte, zum Teil noch in Ausführung begriffene Sanierung e 
fog. füdlichen Neufladt. Die Enteignungs-, bezw. Erwerbungszone ift 



les Sondergefetzes zum 

es alten Stadtteiles, der 
i Fig. 637") fchraffiert; 



die bereits ausgeführten Teile find ausgezogen; die noch in Ausführung Hellenden find punktiert. 
Die Ausführung dief er ausgedehnten, durch die Cholera von 189z veranlafsten Umgeftaltung 
wurde auf 9 Jahre verteilt; die liefchanung eines Vorrates paffender neuer Wohnungen ging den 



373 

einzelnen Abfchnitten der Ausrührung voraus. Das Rarke Zerfchneiden der Wände des Schaar- 
marktes wäre wohl beffer vermieden worden. 

Im übrigen Deutschland, wo mit Ausnahme des Königreiches Sachfen (vergl. ♦*•■ 
§§ 68 bis 71 des im Anhang mitgeteilten Auszuges aus dem Sächfifchen c ™5 OKn 
Allg. Baugefetz) das Enteignungsrecht fleh auf die Fläche der zukünftigen Strafse Be««i™«*ii 
befchränkt, dazu für die Formverfchlechterung der Reftftücke meiftens noch be- DntbhUad. 
fondere Entfchädigungen zu leiften find und die infolge des Unternehmens ein- 
tretende Wertfteigerung den Eigentümern der anliegenden Grundflächen zufällt, 

Fig. 637. 

1—1 „^ 



Sanierung der füdlichen »Neuftadu zu Hamburg"). 

find grofse Strafsendurchbrüche und innere Stadtregulierungen der gedachten Art 
wegen der fehr grofsen Geldopfer eine Seltenheit, obwohl das Bedürfnis an manchen 
Orten vorwaltet. Einen in Ausführung begriffenen Strafsendurchbruch im Inneren 
der Stadt Frankfurt a. M. haben wir bereits in Kap. 8 des vorigen Abfchnittes 
(Fig. 522, S. 235) mitgeteilt. 

Der »Deutfche Verein für öffentliche Gefundheitspflege* verlangte in feiner 
Verfammlung zu Freiburg 1885 für die Gemeinden allgemein das Recht, »unge- 
funde Stadtgegenden durch ausgedehnte Enteignungsbefugniffe ohne unverhältnis- 
mäfsige Koften umzugeftalten«. Und in der Verfammlung zu Strafsburg wurde die 
Forderung wiederholt mit den Worten: »Werden ganze Häufergruppen 



374 

oder Ortsbezirke für unbenutzbar erklärt, fo hat die Gemeinde das Recht, den 
vollftändigen Umbau zu veranlagen oder vorzunehmen; es fleht ihr zu dem Zweck 
bezüglich aller in dem umzubauenden Bezirk befindlichen Grundftücke und Ge- 
bäude die Zwangsenteignung zu« Te ). Der internationale Kongrefs zu Paris 1889 
empfahl eine ähnliche Gefetzgebung zu Gunften der Erzielung gefunder Arbeiter- 
wohnungen. 

Die gleiche Forderung ift unter Umftänden durch das Verkehrsbedürfnis zu 
begründen. Ob es fich auch empfiehlt, die Zonenenteignung im unbebauten 
Aufsengelände nach belgifchem Vorbilde auf deutfche Verhältniffe zu übertragen, 
möge dahingeftellt bleiben. Denjenigen, welche einen möglichen Mifsbrauch eines 
folchen Rechtes in der Hand der Gemeinden befürchten, ift entgegenzuhalten, dafs 
fowohl die Staatsaufficht, als die eigene Finanzforge Ausfchreitungen verhindern, 
dafs gegen letztere aber auch gefetzliche Sicherheitsmafsregeln leicht getroffen 
werden können und dafs auf alle Fälle die Enteigneten durch volle Schadlos- 
haltung in ihren Intereffen zu fichern find. 



4. Kapitel. 
Regelung der Baugrund ftücke. 

(Umlegung, Zufammenlegung, Eineignung.) 

In Abfchn. 2, Kap. 3 wurden die Grundfätze erörtert, welche bei der Bildung 
der Bauteilen , d. h. bei der Einteilung der Baublöcke in einzelne Grundftücke 
anzuwenden find. Die Anwendung ift leicht, wenn der Block im Befitze eines 
einzigen Eigentümers fich befindet, wird aber fchwierig und bei mangelhafter Gefetz- 
gebung geradezu unausführbar, wenn der Block fich aus einer Vielheit von Parzellen 
zufammenfetzt , die nach Geftalt und Lage zum Bebauen mehr oder weniger un- 
geeignet find und verfchiedenen Eigentümern gehören. 

Befteht die Schwierigkeit nur darin, dafs die Grundftücke zwar regelmäfsige 
Figuren bilden, aber unter fpitzen Winkeln auf die Strafse ftofsen, fo läfst fich die 
Bebauung noch zur Not entweder fo einrichten, dafs die Gebäudefronten in die 
Fluchtlinie gefetzt und die Schiefwinkeligkeit nach 

Möglichkeit im Grundrifs der Räume überwunden Fl 8- " 38, 

wird, oder derart, dafs rechtwinkelige Gebäude 

errichtet werden, deren Fronten lageförmig oder . ~ gfe'SE^fl 

— wie es bei der Kavallerie heifst — en echelon 
zur Strafse flehen. Erfteres wird in den meiflen 
Bauordnungen verlangt ; letzteres ift in alten Städten 
(z. B. Nürnberg) zuweilen reizvoll unter Anordnung 
von Erkern und Altanen ausgeführt (vergl. auch 
Fig, 638 aus Aachen). Ift auch die fägeförmjge 
Bebauung im allgemeinen für moderne Städte wegen 
der oft fich bildenden Schmutzwinkel und dunklen 
Rückfprüng e weniger geeignet, fo liegt doch zu Sdliefe Grundftückslage an d. 

'») Siehe: Demfcht viert, f. 6ff. Grrundheit.i.fl. 1E90, s. 60. /fei'nr/r Ar-Allee zu Aachen. 



375 



einem polizeilichen Verbot kein Grund vor, wenn der gute Anfchlufs eines jeden 
Haufes an das vortretende Nachbarhaus gefichert ift. Die ohne einen folchen An- 
fchlufs bei gefchloffener Bebauung vortretenden rohen Giebelmauern find empfind- 
lich ftörend, auch dann, wenn die Grundftückseinfriedigungen in die durchgehende 
Fluchtlinie gefetzt werden. Für die offene Bauweife ift die blofse fchiefwinkelige 
Lage der Grundftücke weniger hinderlich, aber ebenfalls unerwünfcht und für die 
Ausnutzung und Unterteilung immer nachteilig. 

Gröfser wird die Schwierigkeit, wenn die Grundftücksgrenzen völlig regellos 
im Baublock verlaufen und die Fluchtlinien fich im Hinblick auf die fonftigen An- 



Fig. 639. 



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Ungeordneter Baublock. 



Fig. 640. 



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463. 

Regellofe 
Lage der 

forderungen des Stadtbauplanes Grundftücke. 
nicht den Eigentumslinien an- 
paffen laffen. Einen folchen 
ungeregelten Block zeigt bei- 
fpielsweife Fig. 639, welcher 
kein einziges Grundftück ent- 
hält, das ohne eigenen Nach- 
teil und ohne Schädigung der 
Nachbarn bebaut werden könnte. 
Würde z. B. der Eigentümer 
der Parzelle M fich — vielleicht 
nach langen fruchtlofen Ver- 
handlungen mit den Nachbarn 
— über die Schiefwinkeligkeit 
feines Grundftückes hinweg- 
fetzen und etwa die eingezeich- 
neten Bauten errichten, fo hätten 
nicht blofs er und feine Rechts- 
nachfolger wie Mieter an den 
Unbequemlichkeiten , Unfchön- 
heiten und wirtschaftlichen Nach- 
teilen der Schiefwinkeligkeit zu 
leiden, fondern das Ordnen der 
Grenzen durch Umlegung wäre 
zugleich für den ganzen Block 
zum Teile erfchwert, zum Teile 
unmöglich gemacht, und jahr- 
hundertelang werden die Be- 
wohner des Blocks über die 
unzweckmäfsige Geftaltung ihrer 
Wohn- und Gefchäftsräume Klage führen. Fig. 640 zeigt hingegen diejenige Form 
und Lage, welche man dem einzelnen Grundftücke auf dem Wege der gegen- 
seitigen Verftändigung oder des gefetzlichen Zwanges anweifen könnte, zum Vor- 
teile eines jeden Eigentümers und zum Vorteile aller zukünftigen Bewohner; dabei 
ift die Gefamtlage und die Gröfse der neuen Parzellen genau gleich derjenigen 
der alten. Man follte nun glauben, der Nutzen für jeden Beteiligten läge fo auf 
der Hand, dafs es nur der Anregung bedürfte, um die freudige Zuftimmung aller 
zu erlangen. Aber die menfchliche Natur ift leider anders geartet. Nur mit 




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Geordneter Baublock, 
erzielt durch Umlegen der in Fig. 639 angegebenen 

Grundftücke. 



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Mühe und nicht immer gelingt die freiwillige Verftändigung, wenn ein unpar- 
teiischer Sachverftändiger die Angelegenheit in die Hand nimmt, zweckmäfsige 
Vorfchläge ausarbeitet 
und fie den Beteilig- 
ten durch längeres Er- 
läutern und Zureden 
mundgerecht macht. 

Ein glückliches Bei- 
fpiel hierfür zeigen Fig. 64 1 
*u. 642, die ausgeführte Um- 
legung von Grundftücken 
in einem Teile der Cölner 
Stadterweiterung darftei- 
lend. Dagegen (teilen Fig. 
643 u. 644 einen mifslun- 
genen Umlegungsplan aus 
einem anderen Teile derfel- 
ben Stadterweiterung dar. 
Im Jahre 1885 den 31 Be- 
fitzern vorgefchlagen und 
erläutert, nahmen 29 den 
Plan an, während 2 Be- 
teiligte, nämlich die Eigen- 
tümer der Grundftücke // 
und lö, fich in ihrem Inter- 
efle verletzt fühlten und 
zum Beitritt nicht zu be- 
wegen waren. Faft das 
ganze Gelände lag als- 
dann, da eine Einigung der 
Beteiligten über Grenz- 
regulierung und Strafsen- 
koftenverteilung nicht zu 
erreichen war, 12 Jahre 
lang unbenutzt, obwohl 
die allgemeine Lage für 
die Bebauung die denkbar 
günftigfte war. Die Be- 
bauung, welche inzwifchen 
an der beftehenden Ven- 
loerftrafse erfolgte und 
in Fig. 645 angegeben ift, 
erfch werte die Regelung 
noch mehr; diefe kam erft 
zu ftande, nachdem die 
meiften Befitzer von den 
anderen allmählich ausge- 
kauft worden waren, fo 
dafs nur noch 5 Eigen- 
tümer übrig blieben. 

4 6 4 . Aehnliche Mifs- 

schwicrigkcitcn er f ig e f 1IM j m Cöln 

der ö 

freiwilligen wie in anderen Städten in fehr vielen Fällen zu verzeichnen, wo eine Umlegung 
Umiegung. g r öfseren Umfanges auf dem Wege freiwilliger Zuftimmung aller Beteiligten ver- 




379 



fucht wird. Die Folge ift nicht feiten eine fchiefe, ungeregelte, unzweckmäfsige 
und unwirtschaftliche Bebauung ganzer Blöcke oder Stadtteile. Und welche Gründe 



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find es, welche faft 
ftets die Zuftimmung 
einiger Beteiligten ver- 
hindern, obwohl der 
Vorteil jedem Unbe- 
fangenen einleuchtet ? 
Die Gründe find die 
Befangenheit im eige- 
nen Intereffe oder der 
durchdachte Eigennutz, 
welcher durch Zurück- 
haltung eine für fich 
noch vorteilhaftere Um- 
legung zu erzielen hofft, 
und der Neid auf den 
Vorteil anderer. Faft 
regelmäfsig wird eine 
Ablehnung mit dem 
Hinweife begründet, 
dafs irgend ein ande- 
rer noch beffer fahret 
Nicht feiten find auch 
folche Fälle, wo ein 
Befitzer die Umlegung 
planmäfsig vereitelt mit 
Rückficht auf feine an 
anderer Stelle liegen- 
den Intereffen, welche 
den Auffchlufs des 
neuen Baublockes für 
ihn zur Zeit uner- 
wünfcht machen; oder 
in der Abficht, ein 
Hindernis (ein »Sperr- 
fort«) zu bilden, wel- 
ches die anderen Be- 
teiligten , um endlich 
zum Ziele zu gelangen, 
mit teuerem Gelde aus- 
kaufen muffen! Durch 
folchen fchmutzigen Ei- 
gennutz ift — mangels 
einer gefetzlichen Re- 
gelung — das Fortfehreiten des Städtebaues oft behindert. Der Gute leidet hilflos 
unter dem böfen Nachbar; und wenn fchliefslich Geld und Lift die Hinderniffe 




38o 



Umlegung. 



befeitigt haben oder wenn durch 
koftfpieligen Zufammenkauf der 
Befitz vereinigt ift, dann leidet 
die Gefamtheit durch eine an 
(ich unbegründete Preisfteige- 
rung des Baugrundes und der 
Mieten. 
465. Zuweilen aber ift die 

° tW der lg et Uebereinftimmung der Beteilig- 
gcfetiikhen ten fiir die Grenzveränderung 
nicht einmal ausreichend, be- 
fonders beim Eigentum von 
Minderjährigen , V erfchollenen , 
in Konkurs Geratenen und bei 
Grundflächen, deren Veräufse- 
rung gefetzlich befchränkt ift. 
Die gefetzliche Regelung der 
Umlegung und Zufammenle- 
gung von Grundftücken behufs 
Erzielung zweckmäfsiger Bau- 
ftellen ift fomit ein dringendes 
Bedürfnis. 

Zur weiteren Veranfchau- 
lichung diefes Bedürfniffes fei 
auf Fig. 646 (Streifenlage 77 ), 
fertiger Landftrafse 7 *) u. 649 
Strafse 77 ) verwiefen. 



Fig. 645. 




466. 

Beifpiele 

für das 

Umlegungs- 

bedürfois. 



Bebauung an der Venloer- und Xamecke-Strafse zu Cöln 

im Jahre 1888. 

647 (Gemengelage 77 ), 648 (ungeregelte Lage an 
(Bebauung ungeregelter Grundftücke an fertiger 



Die Eigentumsftreifen von 2 bis 3 m Breite und mehr als 200 m Länge in Fig. 646 können, 
man möge die Blöcke geftalten, wie man wolle, nur dadurch bebauungsfähig gemacht werden, 
dafs entweder eine Zufammenlegung benachbarter Parzellen oder eine Umlegung der ihrem 
Flächeninhalte nach ausreichend grofsen Grundftücke in breitere Formen von geringerer Länge 
ftattfindet. 

Für das Grundftücksgemenge in Fig. 647 läfst (ich kein Bebauungsplan zeichnen, nach 
welchem alle Grundftücke ohne weiteres bebauungsfähig wären. Ungenügende Breite oder fchiefe 
Lage vorhandener Parzellen werden ftets ein Hindernis bilden, das nur durch Grenzveränderung, 
d. h. Umlegung, befeitigt werden kann. Befonders klar fpringt die Notwendigkeit diefer Mafs- 
regel in die Augen, wenn etwa aus Verkehrs- oder anderen Gründen die beftehenden Wege im 
Strafsennetz des Bebauungsplanes feilgehalten werden muffen. 

Ein Beifpiel ungeregelter Grundftücke, die an einer fertigen, an (ich anbaufähigen Strafse 
liegen und dennoch fämtlich unbebaubar find, zeigt Fig. 648. Die Grundftücke /, II, III t VI 
und VII find, abgefehen von ihrer fchiefen Lage, zu fchmal; den Parzellen /F" und VIII fehlt 
es an genügender Tiefe; den Grundftücken V, IX, X, XI und XII endlich fehlt die Strafsen- 
front. Ift in folchen Fällen die Umlegung unentbehrlich, fo zeigt Fig. 649, dafs fie auch im höchften 
Grade erwünfcht gewefen wäre in Fällen, wo trotz der ungeregelten Lage eine Bebauung möglich 
war und ausgeführt wurde; aber was für eine! Weniger fchlimm wirkt die unterlaffene Umlegung 
bei offener Bauweife, vorausgefetzt dafs, wie in Fig. 650 "), die Gröfse der Grundftücke zur Be- 
bauung ausreichte. Dafs aber auch hier eine vorherige Grenzregulierung empfehlenswert gewefen 
wäre, liegt auf der Hand. 



7T ) Aus: Denkfchriften des Verbandes deutfeher Architekten- und Ingenieur- Vereine. Heft 2: Die Umlegung ftfid- 
tifcher Grundftücke und die Zonenenteignung. Von K. Bau meißer, J. C laßen & J. Stubben. Berlin 2897. 



Ausgeführte Umlegungsbeifpiele aus Hannover, Hamburg, Frankfurt a. M. 
und Zürich find in Fig. 651 bis 658 dargestellt. Sie find zumeift der vom Verbände 
Deutfcher Architekten- und Ingenieurvereine über »die Umlegung ftädtifcher Grund- ' 
ftücke und die Zonenenteignungc T8 ) herausgegebenen Denkfchrift entnommen, in 
welcher es auf S. 23 heifst, dafs über die Güte der betreffenden Bebauungspläne 
an fich ein Urteil nicht abgegeben werden folle. 

Aus der hannoverfchen Utnlegung (Fig. 651 «.652"} ift der Nutzen für jeden Beteiligten 
befonders leicht erfichtlich. Befitzer Nr. 1 empfing beifpiels weife ftatt iz zerteilt und unregel- 
mäfBig liegender Grundftücke 4 regelmäfsig geftaltete Baugelände; Nr. 2 fand feinen Befitz gut 

Fig. 646. 



+fr 



Grund ftückslage in Streifen form zu Cöln. 



geregelt faft genau in der alten Lage wieder, ähnlich Nr. 3. Nr. 4 erzielte ftatt feiner früheren 
fchief winkeligen Parzelle zwei vortreffliche Rechtecke mit vier Strafsenfronten in der früheren, 
aber verbefTerten Lage; ähnlich Nr. 5 und 6. Der verfchloffene Grundftücksftreifen Nr. 7 wurde 
zum wertvollen Eckbauplatz. 

Fig. 653 u- 654") aus Hamburg zeigen die oft vorkommende Lage, bei welcher alle 
Grundftücke unter fpitzem Winkel zu der von den Verhältniuen gegebenen Strafsenrichtung 
verlaufen. Die [an fich fo einfache Umlegung in rechtwinkelige Bauplätze ift aber, wenn der 
gefetzliche Zwang fehlt, nur ausführbar, wenn keiner der Beteiligten widerfpricht Die Erfahrung 
beweift die Häufigkeit des ablehnenden Verhaltens Einzelner. Hat fich endlich nach langem 
Warten und Mühen ein Befitzer entfchloffcn , fein Grundftück trotz der fehiefen Lage zu be- 
bauen, fo ift die Umlegung meift nicht mehr möglich und die ganze Strafse zur fehiefen Bebauung 
verurteilt 

"1 Berlin ,897. 



468. 

Zufaminen- 

lcguDg. 



382 



Eine Umlegung in dem ftark parzellierten Gelände der fog. Kiesheide zu Frankfurt a. M. 
ift in Fig. 655 u. 656 veranfchaulicht. — Eine Umlegung in Zürich nach dem dort fo genannten 
Quartierplanverfahren Hellen Fig. 657 u. 658 ") dar. Befitzer 1 verliert nördlich der Matten- 
gaffe und gewinnt füdlich derfelben. Nr. 4 erhält drei Baugrundftücke von brauchbarer Form 
und Lage; Nr. 5 und 6 ebenfo. Nr. 7 erwirbt von Nr. 6 eine Ergänzung an der Mattengaffe; 
Nr. 8 wird zu einem brauchbaren Eckgrundftück , Nr. 9 zu zwei folchen Eckbauplätzen in der 
urfprünglichen Lage umgeformt. 

Mögen auch in den mitgeteilten Fällen die Fluchtlinienpläne felbft ver- 

faefferungsfähig erfcheinen, fo dürfte daraus doch das Wefen und der Nutzen der 

Fig. 647. 




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Grundftücksgemenge zu Cöln 77 ). 



Umlegung zweifelfrei hervorgehen. Grundftücke, die im Inneren eines Blockes 
liegen, ohne an die Baufluchtlinien zu ftofsen, können überhaupt nur durch Um- 
legung oder Zufammenlegung bebauungsfähig gemacht werden. Die Zufammen- 
legung fpielt im übrigen bei ftädtifchen Baugrundftücken eine weit geringere Rolle 
als beim landwirtschaftlichen Befitze. Während dort die Zufammenlegung (Ver- 
kuppelung) der zerfplitterten Grundflächen desfelben Befitzers zu einem oder 
mehreren gröfseren Gründen wegen der vorteilhafteren und richtigeren Bewirt- 
schaftung angeftrebt wird, kann es fich bei dem ftädtifchen Befitze, der ja ohnehin 



383 

zur Zerteilung in einzelne Bauplätze beftimmt ift, wefentlich nur da um Zufammen- 
legung handeln, wo die Zerfplitterung fo weit geht, dafs aus der einzelnen Parzelle, 
felbft bei der Umlegung in eine andere Form, ein brauchbarer Bauplatz nicht 
mehr gebildet werden kann. Zwei oder mehrere folcher Kleinflächen zufammen- 
gelegt, fuhren zum Ziele, zum Nutzen des Eigentümers und zum Vorteile der 
Nachbarn, welche aus Rückfichten der Schönheit und der Sicherheit das Liegen- 
bleiben bebauungsunfähiger Flächenteile zwifchen ihren Häufern nicht wünfchen 
können. 

Die Zufammenlegung tritt aber namentlich als notwendig hervor, um felb- 469. 
ftändig unbrauchbare Reftftücke abgetrennter Parzellen oder alter Wege und Eine, * nun * 
Wafferläufe zur geregelten Bebauung nutzbar zu machen. Und zwar werden diefe 
Rede entweder zu einem brauchbaren Baugrundftück vereinigt oder der geeignetften 
Nachbar- oder Hinterparzelle einverleibt, oder endlich es wird eine Verteilung unter 

Fig. 648. 




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Nicht bebauungsfähige ungeregelte Grundftücke an fertiger Strafse 7 '). 



eine gröfsere Zahl von Liegenfchaften vorgenommen. Es findet alfo eine Zufammen- 
legung von Grundflächen verfchiedener Eigentümer in einen einheitlichen Befitz 
ftatt, ein Vorgang, der in den Freiburger Thefen (Abfatz 3h) mit dem Worte 
»Eineignung« bezeichnet ift (flehe Anhang). Im befonderen würden diejenigen 
Reftflächen anderen Befitzern »einzueignen« fein, die vorher beim Strafsenbau als 
bebauungsunfähig »enteignet« wurden. Fig. 639 u. 640 zeigen die Eineignung der 
Reftflächen L, N, J und R. Es bedarf der gefetzlichen oder, beffer, der orts- 
ftatutarifchen Regelung, wie grofs ein Grundftück oder ein Grundftücksreft fein 
müfle, um nach den Gepflogenheiten des Ortes als bebauungsfähig angefehen zu 
werden; geringere Flächen follten der Enteignung und Eineignung unterliegen. 

Diejenigen, welche in diefer zwangsweifen Befitzanweifung etwas Ungeheuer- 
liches erblicken, möchten wir darauf aufmerkfam machen, dafs es jedenfalls weit 
einfchneidender ift, jemand im öffentlichen Intereffe durch Enteignung von feinem 
Befitze, unter Umftänden von Haus und Hof, zu vertreiben, als aus zwingenden 



3«4 



Zweckmäfsigkeitsgründen eine immerhin kleine Mehrfläche gegen mäfsige Wert- 
fehätzung und billige Zahlungsbedingungen feinem Befitze hinzuzufügen. Zudem 
wird das Verfahren der 
Eineignung bei der Re- 
gelung der Baufluchten 
in alten Strafsen und 
Stadtvierteln an vielen 
Orten tatfächlich ohne 
Schwierigkeit ausgeübt. 
Um mit einem Neubau 
in die Fluchtlinie vorzu- 
rücken, mufs der Bauherr 
im Wege der Verftändi- 
gung mit der Gemeinde 
den erforderlichen Teil 
des bisherigen Strafsen- 
iandes erwerben. Wie in 
diefem Falle , fo wird 
auch bei der Eineignung 
von Reftparzellen die 
Zahlung in der Regel bis 
zur Bebauung, d. h. bis 
zur wirklichen Benutzung 
des dargebotenen Vor- 
teiles, geftundet werden 
können. 

Umlegungs*(und Zu- 
fammenlegungs-)Gefetze 
wurden erlaffen in Un- 
garn für den Wiederauf- 
bau der durch Ueber- 
fchwemmung zerftörten 
Stadt Szegedin, in Heffen 
für die Mainzer Stadter- 
weiterung, in Preufsen 
für den Wiederaufbau 
des abgebrannten Städt- 
chens Brotterode und 
zu Gunften der Erweite- 
rung der Stadt Frank- 
furt a. M., aufserdem für 
allgemeine Geltung in 
Baden , Sachfen , Ham- 
burg und im Kanton 
■ Zürich. Auszüge aus dem 
badifchen, fächfifchen, Hamburger und Frankfurter Gefetz find im Anhang mit- 
geteilt. 



385 



Die wichtigften Grundfätze des der unermüdlichen Tätigkeit des Oberbürger- 
meifters Adickes zu verdankenden Frankfurter Umlegegefetzes find die 
folgenden. 

Die Umlegung ift aus Gründen des öffentlichen Wohles vorzunehmen. — Handelsgärtnereien, 
Baumfchulen, Parkanlagen können ausgenommen werden. — Die Umlegung erfolgt auf Antrag der 
Gemeindebehörden oder von mehr als der Hälfte der Eigentümer, wenn diefe zugleich mehr als 
die Hälfte der Fläche befitzen. — Das Strafsen- und Platzgelände wird aus der Mafle vorweg 
ausgefchieden und der Stadt überwiefen; die Reftmafle wird in Geftalt geordneter Bauplätze unter 
die Eigentümer verteilt, und zwar nach dem Verhältnis der eingeworfenen Grundftücke. — Die 
Zuweifung foll tunlichft in derfelben örtlichen Lage erfolgen, in welcher fich die zu erfetzenden 
Grundflächen befinden. — Für das zu Strafsen und Plätzen erforderliche Gelände ift Geldent- 
fchädigung zu gewähren, foweit dies 30 Vomhundert der von den Eigentümern eingeworfenen 
Fläche überfteigt; in diefem Falle aber findet die Umlegung nur mit Zuftimmung des Magiftrats 
ftatt. — Für entzogene Gebäude, Handelsgärtnereien, Baumfchulen und dergl. ift gegebenenfalls 
Entfchädigung in Geld zu gewähren. — Zwerggrundftücke find auf Wunfeh zur Bildung von Bau- 

• 

Fig. 650. 




32 



Landhausbau auf ungeregelten Grundftücken 77 ). 



ftellen, die in den gemeinfamen Befitz der Beteiligten übergehen, zufammenzulegen , anderenfalls 
zu enteignen und entweder den Nachbargrundftücken gegen Vergütung einzueignen oder in die 
allgemeine Verteilung aufzunehmen. — Die Ausführung des Umlegeverfahrens wird bewirkt durch 
eine Kommiffion, beftehend aus zwei Kommiffaren des Regierungspräfidenten und wenigftens je 
einem Bauverftändigen, Rechtskundigen, Landmefler und einem weiteren Sachverftändigen. — Die 
Kommiffion beftimmt, innerhalb welcher Frift die Strafsen und Plätze für Verkehr und Anbau 
fertigzuftellen find; falls die Umlegung auf Antrag der Gemeindebehörden erfolgt, darf die Frift 
vier Jahre nicht überfchreiten. — Während des Verfahrens kann die Baupolizeibehörde die 
Genehmigung zur Errichtung von Bauten auf dem Umlegungsgelände , infoweit fie die Umlegung 
erfchweren würden, verfagen. 

Diefe Grundfätze ftimmen mit denjenigen des badifchen Ortsftrafsengefetzes 
ziemlich genau überein; einen bemerkenswerten Unterfchied bildet jedoch die Aus- 

fcheidung des für Strafsen und Plätze erforderlichen Geländes. 

Während diefes nach dem Frankfurter Gefetz aus der Mafle vorweg ausgefchieden wird 
und bis zu 30 Vomhundert der Gefamtfläche unentgeltlich an die Gemeinde fällt, ift es in Baden 
feitens der Gemeinde vor der Umlegung zu erwerben und beim Anbau der Gemeinde wieder zu 
vergüten. Die Bemeflung, bezw. Befchränkung des unentgeltlich abzutretenden Strafsenlandes auf 

Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) 2 5 



386 

30 Vomhundert ift eine nicht unbedenkliche Mafsregel. In vielen Fällen ift diefer Prozentsatz für 
einen beftimmten Teil des Baugebietes zu hoch; in anderen ift er zu gering; letzteres namentlich 



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da, wo das Gelände von breiten Verkehrftrafsen gefchnitten und ein öffentlicher Platz freigehalten 
werden Coli. In Fällen erfter Art kann die Gemeinde durch den feftgefetzten Prozentfatz zu 



387 



unnötig breiten Strafsen verleitet werden, während in Fällen der zweiten Art eine unerwünfchte 
Befchränkung der öffentlichen Flächen oder die Unterlaffung der Umlegung eintreten könnte. Die 



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in Frankfurt ausgeführten Umlegungen find übrigens auch bei höherem Prozentfatze zu (lande 
gekommen, indem die Grundbefitzer auf eine Entfchädigung verzichteten. 



388 



Die Vorteile der Umlegung fafst eine Denkfchrift des Frankfurter Stadtbau- 
amtes wie folgt zufammen: »Eine wirtfc haftlich und gefundheitlich unzweckmäfsige 
Bebauung wird verhindert. Der Befitz jedes Beteiligten wird verbeffert. Verun- 
ftaltete Strafsen werden vermieden, die Strafsen alsbald in einem Zuge zufammen- 
hängend hergeftellt; langjährige 
Verkehrsfchwierigkeiten werden 
behoben; eine Stetigkeit im Aus- 
bau der Stadt wird ermöglicht; 
der Markt an baufertigen Grund- 
ftücken wird vermehrt und einer 
fchädlichen Spekulation entgegen- 
gewirkt. So verdient die Um- 
legung ftädtifcher Grundftücke mit 
ihrer Tendenz einer gefunden 
Reform des Grundeigentumes den 
vielerlei Mitteln zur Löfung der 
Wohnungsfrage, die in ihrer Wur- 
zel eine Bodenfrage ift, an die 
Seite geftellt zu werden. c 

Die Uebertragung des ge- 
fetzlichen Umlegungszwanges auf 
die übrigen preufsifchen Städte 
dürfte nur eine Frage der Zeit 
fein. Dabei möge es dahingeftellt 
fein, ob es fich mehr empfiehlt, 
den Geltungsbereich des Frank- 
furter Gefetzes mit den durch die 
Erfahrung gebotenen Verbeflerun- 
gen auszudehnen oder einen ande- 
ren Gefetzgebungsweg zu gehen. 
Küßer einerfeits, fowie de Weidige 
und Fahrenhorß andererfeits haben 
in jüngfter Zeit die Regelung der 
Umlegungsfrage für die Städte 
Preufsens in der Form angeregt, 
dafs die beftehenden landwirt- 
fchaftlichen Zufammenlegungsge- 
fetze durch Ergänzungen auf ftäd- 
tifche Grundftücke anwendbar ge- 
macht werden und das Verfahren 
den landwirtfchaftlichen »General- 
kommiffionen« übertragen wird. 
Adickes ift dem wegen der grofsen 
Verfchiedenartigkeit ländlicher und ftädtifcher Befitzverhältniffe entgegengetreten. 

Die fegensreichfte Folge eines Umlegungsgefetzes ift vielleicht die, dafs es 
nur feiten angewendet zu werden braucht, weil im Hinblick auf den fonft drohen- 
den gefetzlichen Zwang auch die widerftrebenden Befitzer zur freiwilligen Umlegung, 



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die zunächft immer anzudrehen ift, geneigter find. Leider darf nicht verfchwiegen 
werden, dafs in Verkennung des Wefens der Umlegung auch einzelne technifche 

Schriftfteller gegen die gefetz- 
liche Umlegung aufgetreten find, 
in der Annahme, man könne 
in allen Fällen die Linien eines 
Bebauungsplanes fo ziehen, dafs 
das Umlegungsbedürfnis ver- 
mieden werde. Dafs diefe An- 
nahme unzutreffend ift , lehrt 
ein prüfender Blick auf Fig. 646 
u. 647. Selbft wenn aufser der 
Beachtung der Eigentumsgren- 
zen andere Rückfichten für 
den Bebauungsplan nicht mafs- 
gebend wären, wenn die Auf- 
fuchung paffender Steigungen 
am Berggehänge keine fchrägen 
Strafsenrichtungen veranlafste, 
wenn Brücken, Eifenbahnunter- 
führungen, Bahnhöfe und Stadt- 
tore nicht die Richtung von 
Verkehr ftrafsen vorfchrieben ; fo 
wären fchon die im Werten 
Deutfchlands oft beftehende 
Bildung von Eigentumsftreifen 
von 2 bis 3 m Breite, die noch 
öfter vorkommende völlige Ge- 
mengelage der Ackerparzellen 
und endlich die fo häufig vor- 
kommenden ei nge fehl offenen 
Grundftücke ohne Zufahrt oder 
Strafsenfront zwingende Gründe 
für die Umiegung. Sie voll- 
zieht fich deshalb bei verftän- 
digem Vorgehen überall, fei es 
durch freiwillige Verftändigung, 
fei es durch gefetzlichen Zwang. 
Säte's Verfuch, das Um- 
legungsbedürfnis der in Fig. 643 
u. 65 1 dargeftellten Grundftücke 
durch den Vorfchlag eines ab- 
geänderten Bebauungsplanes zu 
befeitigen, hatte die Folge, dafs 
nicht blofs feine Planvorfchläge 
als unausführbar befunden, fondern Umlegungen auch" für den Fall als notwendig 
nachgewiefen wurden, dafs diefe Planvorfchläge zur Annahme gelangten. 




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39Q 

Die Stelle eines eigentlichen Umlegungsgefetzes vertritt auf unvollkommene 
Weife in Bafel der im Anhang mitgeteilte § 52 des Gefetzes über Hochbauten 
vom 27. Juni 1895, wonach der Regierungsrat , wenn die Grenze zwifchen zwei 
Grundftücken fchief zur Baufluchtlinie liegt, einen rechtwinkeligen Austaufch bis 

F'g- 655. 



Grunditücksumlegung zu Frankfurt a. M. 

Giundftüclolage vor d« Umlegung. 

auf 15 m Tiefe, nötigenfalls zwangweife, feftfetzen kann, wobei unter Umftanden 
Schadenerfatz des einen an den anderen Nachbar eintritt. 

In Wien fucht man, da ein in Fachkreifen wiederholt vorgefchlagenes 
Umlegungsgefetz fehlt, die Umlegung dadurch zu erreichen, dafs gemäfs den 



39' 

§§ 3 u - 5 der Bauordnung vom 17. Jänner 1883 vor dem Nachfuchen einer Bau- 
erlaubnis der Plan über die Abteilung des Grundes in fachgemäfse Baudellen 
der behördlichen Genehmigung zu unterbreiten ift. Dies fetzt die vorherige Eini- 
gung oder den vorherigen Auskauf aller beteiligten Grundbefitzer voraus. 

Fig. 656. 



Grundnücksumlegung zu Frankfurt a. M, 

Grundftückilige Dich der Umlegung. 

Hoffentlich nimmt fich die Gefetzgebung in Bälde allgemeiner diefes Gegen- 
ftandes an. Bis dahin follte aber wenigftens der Gemeinde oder der Baupolizei- 
behörde das Recht zuftehen, die Erlaubnis zur Errichtung von Gebäuden auf den 
ungeregelten Grundftücken — wie in Wien — zu verfagen, weil der Beginn der 



392 

Bebauung, wie bei Fig. 643 u. 653 befprochen wurde, die fpätere Regelung oft 
ganz vereiteln kann. 

Es würde zu weit fuhren, hier das geometrifche Verfahren, welches bei der 
Ausführung der G rund (lücksum legung anzuwenden ift, eingehend darzulegen. Eine 
beständige, allgemeine Praxis hat fich hierin noch nicht gebildet. Einige Haupt- 




gefichtspunkte anzugeben, dürfte aber zweckmäfsig fein, während im übrigen auf 
die mehrfach genannte »Denkfchrift des Verbandes Deutfcher Architekten- und 
Ingenieurvereine" und die vortrefflichen Arbeiten von Abendroth verwiefen fei. 

Die Gröfse und Begrenzung der Umlegungsflache ift ganz nach den Ver- 
hältniuen der Oertlichkeit zu wählen. Die Umlegung kann fich auf einen einzelnen 
Block oder auf einen Blockteil befchränken.; fie kann auch mehrere Blöcke oder 



393 

gröfsere Flächen des Baugeländes umfaüen. Die Umlegung im einzelnen Block 
oder Blockteil empfiehlt (ich befonders Tür Bauland, das an bereits geregelten, zum 
Anbau mehr oder minder fertigen Strafsen liegt. Handelt es fich dagegen um die 
Erfchliefsung von Gelände, für welches die neuen Strafsen nur entworfen find, fo 
ift (wie in Fig. 641, 643, 651, 655 u. 657) eine gröfsere Ausdehnung des Um- 




legungsgebietes zweckmäfsig; feine Begrenzung befteht aus vorhandenen Eigentums- 
grenzen oder aus den Mittellinien neu anzulegender Strafsen, auch aus den Grenz- 
linien beftehender Strafsen — oder fetzt fich aus derartigen Beftandteilen zufammen. 
Nach Möglichkeit foll jeder Eigentümer feine Baulandfläche in derfelben Lage er- 
halten, die fein ungeregeltes Grundftück einnahm. 



394 

Ein beträchtlicher Unterfchied befteht in der Behandlung des Strafsen- 
1 an des. Nach Baumeißer kann entweder 

a) die Gemeinde vor der Umlegung das Strafsenland erwerben, oder 

Fig. 659. 




Baublock und Strafsen im ungeordneten Zuftande. 

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Fig. 660. 




Umlegung der Grundftücke in Fig. 659 unter Freigabe der Strafsenflächen 

bis zur Straf senmitte. 



b) die Gemeinde erhält das Strafsenland durch das Umlegeverfahren unent- 
geltlich (oder wie in Baden gegen vorläufige Bezahlung) zugewiefen, oder 

c) die Gemeinde wartet mit dem Erwerb des Strafsenlandes bis zu einem 
ihr paffenden fpäteren Zeitpunkte und kauft alsdann die hierfür vorbereiteten Ab- 



fchnitte der bereits regulierten Grundftücke. 



395 



Die Gerechtigkeit fpricht, wenn die Strafsen alsbald hergeftellt werden Collen, 
für das Verfahren b nach der oben mitgeteilten Frankfurter Art. Ift dagegen der 
Ausbau der Strafsen zunächft nicht nötig und nicht beabfichtigt, fo kann das Ver- 
fahren c zweckmäfsig fein, wenn über den Erwerbspreis eine fachgemäfse Feft- 
fetzung getroffen ift. Beffer ift noch die von Abendroth formulierte, bei neueren 
Umlegungen (z. B. in Dortmund) angewandte Art: »Das Strafsenland ift von vorn- 
herein für die Stadtgemeinde unentgeltlich auszuweifen. Ift jedoch die Bebauung 
erft nach längerer Zeit zu erwarten, fo wird das Strafsenland vorläufig bis zu einer 
im Einzelfalle zu beftimmenden Mindeftbreite der ausgewiefenen Wege den An- 
liegern koftenlos zum Niefsbrauch überlaffen. Die freibleibenden Wegeflächen 
find, dem wirtfchaftlichen Bedürfnis entfprechend, mit einer vorläufigen Befeftigung 
zu verfehen.« 

Die Umlegung in Fig. 639 u. 640 beruht auf der Annahme, dafs das Ver- 
fahren a angewendet wurde; ftatt deffen nimmt die Umlegung die in Fig. 659 u. 660 
angegebene Geftalt an, wenn Verfahren b zur Anwendung gelangt und die Mittel- 
linien der den Block umgebenden Strafsen als Grenzen der Umlegungsflächen 
dienen. Die zufalligen Ungleichheiten der Anteile, welche die Strafsen von den 
verfchiedenen Grundftücken in Anfpruch nehmen, und die Wertfehätzungen für den 
Erwerb durch die Gemeinde oder den gegenfeitigen Erfatz kommen dadurch in 
Fortfall. 

Die Stücke Z, A 7 und R, die in Fig. 639 ent- und eingeeignet wurden, find in Fig. 659 grofs 
genug, um durch ganze Bauplätze erfetzt zu werden. Dagegen kommen nun andere, nicht in die 
Blockgrenzen hineinreichende Trennftücke A, D und V zur Ent- und Eineignung. Während die 
Flächengröfse innerhalb der Strafsenmittellinien 15048qm beträgt, enthält der reine Block nur 
10 500 q«; 4548 qm oder 30,2 Vomhundert der Gefamtfläche find alfo für die Strafsenanlage zu 
opfern. Es ergibt fich fonach die folgende Verkleinerung aller beteiligter Grundftücke: 

A + B . . 

C . . 

D + E . . 

F+ 7 . • 
G . . 

H . . 



K 
L 
M 



645 q m 
828 » 
660 * 
669 » 
266 ' 
470 » 

2002 * 
838 * 

1140 * 

7018 qm 



450 q m 

578 » 

461 » 

467 * 

185 - 

328 » 

1396 * 

236 * 

796 » 

4897 qm 



* + 



N , 


280 qm 


O . 


. 1920 » 


P 


740 . 


Q 


. 1076 » 


v . 


346 » 


s . 


. 1016 » 


T 


. . 1648 > 


U . 


. 1004 » 



8030 qm 
+ 7018 * 



zufammen 15048 qm 



195 qm 

1340 » 

516 » 

751 » 

242 » 

709 » 

1150 * 

700 » 

5603qm 
4897 » 



10600 qm. 



Das vorliegende Beifpiel ift keineswegs unanfechtbar. So würden fich die Befitzer der 
Grundftücke an den fchmaleren Strafsen darüber befchweren können, dafs fie denfelben Anteil 
an Strafsenland verlieren, wie diejenigen an den breiteren Strafsen, denen der Vorteil der Mehr- 
breite doch allein zu gute kommt. Es kann deshalb gerechter erfcheinen, den Block durch ein 
Diagonalkreuz in vier Dreiecke zu zerlegen und für jedes Dreieck das Verhältnis des Strafsen- 
landes zur Gefamtfläche zu ermitteln. Diefen Verhältniffen entfprechend wären die in den ver- 
fchiedenen Dreieckblöcken liegenden Grundftücke und Grundftücksteile bei der Umlegung zu 
verkleinern. Die alte Wegefläche C ift fowohl in Fig. 640, wie in Fig. 660 in Baugrund umgelegt; 
richtiger und gerechter ift es, derartige Teile öffentlicher Wege, für welche ja die neuen Strafsen 
als Erfatz dienen, in die Mafle einzuwerfen und unter die Genoffen zu verteilen. Das letztere 
gilt auch für die wegen ihrer Kleinheit in Baugrundftücke nicht umwandelbare Reftflächen A, D, J 
und V, welche vorftehend den Nachbarbefitzern eingeeignet wurden. 

Eine befondere Behandlung verdient, wie Abendroth zutreffend ausführt, die 
Umlegung von Bauland an geregelten Strafsen. Hier empfiehlt fich die Einfehätzung 



396 

der Werte der verfchiedenen Grundflächen, namentlich von Vorderland und Hinter- 
land, oder nach Streifen parallel zur Baufluchtlinie. Die Wertunterfchiede find als- 
dann beim Ausweis der neuen Baugrundftücke zu berückfichtigen. Derartige Um- 
legungen in Blöcken, die von fertigen oder annähernd fertigen Strafsen umgeben 
find, werden in der Regel der freien Verftändigung der Beteiligten, nicht dem 
gefetzlichen Zwang unterliegen. 



472- 
Art 
der Koften 



5. Kapitel. 

Aufbringung der Stadterweiterungskoften. 



Die Koften, um deren Aufbringung es fich bei der Ausführung einer Stadt- 
erweiterung handelt, laffen fich in zwei Gruppen zerlegen : die eine Gruppe umfafst 
alle jene Ausgaben, welche geleiftet werden muffen, um das Gelände überhaupt 
dem ftädtifchen Anbau zugänglich zu machen, z. B. Ausgaben für Flufsverlegungen, 
Brücken, Eindeichungen, Hauptentwäfferungskanäle, Verlegung von Feftungswerken, 
Aufhebung von Rayonbefchränkungen , während die zweite Gruppe fich aus den 
Aufwendungen für diejenigen Arbeiten zufammenfetzt , die zur Ausführung der 
Strafsenanlagen nebft deren Zubehör im einzelnen erforderlich find. 

Die Koften der erften Gruppe werden in der Regel ganz oder vorwiegend von 
der Gemeinde beftritten, oft auch einer Gruppe von Bewohnern oder Befitzern, 
die den Hauptvorteil haben, auf Grund befonderer Gefetze, wenigftens teilweife, 
zur Laft gelegt. Die Koften der zweiten Art, d. h. die eigentlichen Strafsen- 
anlagekoften mit Einfchlufs der Grunderwerbskoften , werden dagegen zumeift nur 
von den Anliegern getragen oder von diefen bei Errichtung von Bauten an die 
Gemeinde erftattet. 

Die Leiftungen der Gemeinde, nach Abzug etwaiger von den Bevorteilten 
aufzuwendenden Koftenteilen (fog. Präzipualbeiträgen oder Vorbelaftungen) , ent- 
fprechen dem allgemeinen Intereffe, das die Gemeinde als folche an der Erweiterung 
ihres Bebauungsgebietes oder ihrer Grenzen nimmt, um ihre Lebens- und Ent- 
wickelungskraft zu erhalten oder zu fteigern. Oft wird die Gemeinde durch frei- 
willige Beiträge beteiligter Privatperfonen , des Staates oder einer Unternehmer- 
gefellfchaft unterftützt Mitunter auch tritt der Staat oder eine folche Gefellfchaft 
ganz an die Stelle der Gemeinde. Ift letztere aber leiftungsfähig, fo wird fie im 
allgemeinen vorziehen, die Erfüllung der ihr obliegenden Aufgaben nicht Anderen 
zu überlaffen; denn die Nichterfüllung derartiger, immer mit Rifiko verknüpften 
Aufgaben begreift in der Regel auch den Verzicht auf Rechte in fich. 

Bezüglich der zweiten Koftengruppe beftehen in den meiften Staaten gefetz- 
liche Feftfetzungen über die Heranziehung der Grundbefitzer. Im allgemeinen 
Grundbefitzer. werden die Koften der gewöhnlichen Strafsen mit allem Zubehör, wie bereits 
erwähnt, von den Anliegern beftritten; die Leiftungspflicht der Gemeinde beginnt 
erft bei Ueberfchreitung einer gewiffen Strafsenbreite und bezieht fich ferner auf 
die öffentlichen Plätze, Gartenanlagen, Verfchönerungen und auf die Zinfen, welche 
bis zu der feitens des verpflichteten Anliegers wirklich erfolgenden Zahlungsleiftung 
verfallen. Die fechfte Stadterweiterungsthefe des »Verbandes Deutfcher Architekten- 
und Ingenieurvereine« fagt hierüber das folgende: »Der Stadtgemeinde kommt 



473- 
Leiftungen 

der 

Gemeinde. 



474- 

Heranziehen 

der 



397 

die Befugnis zu, fich für die von ihr aufgewendeten Koften neuer Strafsen mit 
Zubehör Deckung von feiten der anftofsenden Grundeigentümer zu verfchaffen. 
Unter den betreffenden finanziellen Formen empfehlen fich, namentlich wenn das 
Verfahren der Regulierung (Umlegung) vorausgegangen ift, befonders Normalbeiträge 
für das Meter der Frontlänge jedes Grundftückes. « Der § 15 des preufsifchen 
Fluchtliniengefetzes lautet: »Durch Ortsftatut kann feftgefetzt werden, dafs bei der 
Anlegung einer neuen oder bei der Verlängerung einer fchon beftehenden Strafse, 
fowie beim Anbau an fchon vorhandenen, bisher unbebauten Strafsen und Strafsen- 
teilen von dem Unternehmer der neuen Anlage oder von den angrenzenden Eigen- 
tümern — von letzteren, fobald fie Gebäude an der neuen Strafse errichten — die 
Freilegung (Grunderwerbung), erfte Einrichtung, Entwäfferung und Beleuchtungs- 
vorrichtung der Strafse in der dem Bedürfniffe entfprechenden Weife befchafft, 
fowie deren zeitweife, höchftens jedoch fünfjährige Unterhaltung, bezw. ein ver- 
hältnismäfsiger Beitrag oder der Erfatz der zu allen diefen Mafsnahmen erforder- 
lichen Koften geleiftet werde. Zu diefen Verpflichtungen können die angrenzenden 
Eigentümer nicht für mehr als die Hälfte der Strafsenbreite , und wenn die Strafse 
breiter ift als 26 m , nicht für mehr als 13 m der Strafsenbreite herangezogen werden. 
Bei Berechnung der Koften find die Koften der gefamten Strafsenanlage und bezw. 
ihre Unterhaltung zufammenzurechnen und den Eigentümern nach Verhältnis der 
Länge ihrer die Strafse berührenden Grenze zur Laft zu legen, c In den anderen 
deutfchen Staaten beliehen ähnliche Beftimmungen. In Sachfen ift jedoch die 
Beitragspflicht auf die Breite einer Strafsenhälfte bis zu 12 m , in Elfafs-Lothringen 
bis zu 10 m , in Heffen bis zu 8 m befchränkt; bei einfeitiger Bebauung erftreckt 
fich in Sachfen der Beitrag bis auf 15 m (an freien Plätzen bis auf 24 m ) Breite. 
In Heffen-Darmftadt haben die Anlieger nur denjenigen Teil der Grunderwerbs- 
koften zu tragen, der den Preis von 70 Pfennigen für 1 qm überfteigt. 

Bei der Verteilung der Strafsenkoften nach den Frontlängen fällt auf Eck- 
häufer eine entfprechende Beitragspflicht für beide Strafsen. Dies geht, obfchon 
eine ftärkere Beladung der wertvolleren Eckgrundftücke nicht ungerechtfertigt ift, 
doch oft über das billige Mafs hinaus und erzeugt nicht feiten Schwierigkeiten, die 
mitunter durch einen anderweitigen, friedlichen Ausgleich unter den Beteiligten 
gefchlichtet werden. 

Es darf übrigens nicht verfchwiegen werden, dafs es fozial unrichtig ift, die 
Beiträge nur nach der Frontlänge zu berechnen, während die Tiefe und Höhe der 
Baulichkeiten und die Flächengröfse der Grundftücke aufser Betracht bleiben. Da 
aber die Verteilung in der Regel fchon vorgenommen werden mufs, fobald der 
erfte Bau an der Strafse oder Strafsenftrecke errichtet wird, und zu diefem Zeit- 
punkte die Art der fpäteren Bauten und oft auch die Bemeffung der Baugrund- 
ftücke noch nicht bekannt ift, fo mufs anerkannt werden, dafs die Auffindung eines 
befferen, anwendbaren Verteil ungsmafsftabes auf Schwierigkeiten ftöfst. Dennoch 
ift es gelungen, an einzelnen Orten, fo in Gotha, die Flächengröfse bei der Beitrags- 
berechnung zu berückfichtigen. 

Wie die preufsifchen Städte die fonftigen bei der Koftenaufbringung hervor- 475 
tretenden Fragen geordnet haben , dies zeigen als Beifpiele die im Anhang mit 
geteilten Ortsftatuten für Berlin und Cöln. Das Gefetz und die Ortsftatuten unter- bisher 
fcheiden die Anlage neuer Strafsen ftrecken einerseits und den Anbau an fchon U s^ f *",| cn 
vorhandenen, bisher unbebauten Strafsenftrecken andererfeits. 



Anbau an 
vorhandenen, 



Normal 
beitrage. 



398 

Ueber das Wefen einer »fchon vorhandenen, bisher unbebauten Strafsec 
herrfchen vielfache Meinungsverfchiedenheiten. Die Gemeinden fuchen diefem Be- 
griffe behufs Erzielung der Koftendeckung die weitefte, die Anlieger aus dem ent- 
gegengefetzten Grunde die engfte Auslegung zu geben. Wird die Strafsenftrecke 
nicht als eine im Sinne des Gefetzes »fchon vorhandene, bisher unbebaute« aner- 
kannt, fo ift der Anlieger nicht blofs von Koftenbeiträgen entbunden, fondern hat 
im Gegenteil von der Gemeinde Entschädigung für Landabtretung u. f. w. zu be- 
anfpruchen. Sicher hat der Gefetzgeber nicht die Beitragspflicht an alten, längft für 
den Anbau, wenn auch nur ftreckenweife, benutzten Stadtftrafsen feftfetzen wollen 
(d. h. an fog. hiftorifchen Strafsen); aber es würde auch zu weit gehen, wenn man 
geltend machen wollte, der Gefetzgeber habe nur >neu entworfene, aber noch un- 
fertige« Strafsen im Auge gehabt. Ein Feldweg, ein bekiefter Gemeindeweg oder 
auch eine Landftrafse, die nach dem feftgeftellten Stadtbauplane dazu bestimmt 
find, breitere Stadtftrafsen mit verbefferter Richtung und verbefferten Höhenverhält- 
niffen zu werden, find gewifs als folche Strafsen zu betrachten, auf welche die 
Beitragspflicht des § 15 des preufsifchen Gefetzes Anwendung findet. Für die Be- 
urteilung der Sachlage und der Koftenfrage ift es gleichgültig, ob die neue Stadt- 
ftrafse mitten durch das Feld gezogen wird oder ob in fie ftreckenweife ein 
alter, unangebauter Weg fallt. Im übrigen können Rechtsfragen hier felbftredend 
nicht erfchöpfend behandelt werden. 
476 Zur Ermittelung der Anliegerbeiträge werden die Koften einer ganzen Strecke 

zufammengezählt und verteilt; zugehörige Teile von Strafsenkreuzungen und Strafsen- 
abzweigungen werden mit eingerechnet. So bilden fich für Erdarbeiten, Pflafterung 
und Bürgerfteige bei annähernd gleichartigem Gelände faft von felbft Normalbeiträge 
nach dem laufenden Meter Frontlänge, unter Umftänden auch nach dem Kubik- 
meter Bauwerk oder nach anderen Verteilungsmafsftäben, fowie nach der Strafsen- 
breite. Bei manchen Stadterweiterungen geht man bezüglich der Kanalifation und 
der Beleuchtungsanlage einen Schritt weiter, indem es für den Anliegerbeitrag 
gleichgültig fein foll, ob in der Strafse ein Hauptkanal von grofsem oder ein Kanal- 
rohr von geringem Querfchnitt, ein Hauptgasrohr von 60 cm oder ein Nebenrohr 
von 10 c 111 Weite liegt. Das Kanalnetz wie das Gasrohrnetz oder das elektrifche 
Kabelnetz haben für jeden Anlieger den gleichen Wert, mögen die Hauptleitungen 
in diefer oder jener Strafse liegen. 

Auf Grund diefer Erwägungen ift in Cöln der Koftenbeitrag zum Kanalbau allgemein (mit 
Einfchlufs der Koften für die ftädtifcherfeits herzuftellenden Hausanfchlüfle) auf 40 Mark, der- 
jenige zum Bau des Gasrohrnetzes auf 12 Mark für jedes laufende Meter Grundftücksfront feft- 
gefetzt worden, fo dafs es nunmehr möglich war, bei mittlerer Ausführungsgüte für den ganzen 
Strafsenbau (ohne Grunderwerb) Normalbeiträge zu fordern, welche nach der Strafse nbreite von 
180 bis zu 100 Mark für das Frontmeter fich abftufen. 

Am einfachften geftaltet fich die Beitragsfrage, wenn die Gemeinde felbft die 

Eigentümerin des Baulandes ift, das fie durch neue Strafsen aufgefchloffen hat. 

Hier ift es eine blofse Zweckmäfsigkeitsfrage der Verkaufspolitik, ob man durch 

die Verkaufsbedingungen hohe, niedrige oder gar keine Beiträge ausbedingt; 

durch geringere oder höhere Kaufgebote wird fich diefer Unterfchied mehr oder 

weniger ausgleichen. In der Cölner Stadterweiterung wurde für ftädtifche Grund- 

ftücke in diefem Sinne die Beitragspflicht auf ungefähr ein Drittel des normalen 

Satzes ermäfsigt, was aut den Durchfchnittsmenfchen eine gewifie Anziehungskraft 

ausübt. 



399 

Ift für die Verbreiterung einer alten, bebauten Strafse eine Fluchtlinie form- 477. 
lieh feftgefetzt, fo können nach preufsifchem Gefetze Neubauten, Um- und Ausbauten Ue J^f^ gs ' 
über die Fluchtlinie hinaus ohne Anfpruch auf Schadenerfatz unterfagt werden, 
und zwar nicht blofs folche Bauvornahmen, welche eine Verftärkung oder eine Ver- 
gröfserung der Dauerhaftigkeit des Gebäudes herbeiführen würden. Unterhaltungs- 
und Ausbefferungsarbeiten find dagegen ftatthaft; zu den letzteren gehören auch 
diejenigen zur Erhaltung eines Gebäudes nötigen Erneuerungen, welche durch den 
Abbruch eines Nachbargebäudes veranlafst find. Die Neubauten, welche übrigens 
in Städten weit mehr durch die Abficht, eine beffere Ausnutzung des Baugrundes 
zu erzielen, als durch Baulofigkeit herbeigeführt werden, treten eine nach der anderen 
in die Fluchtlinie, und nun entlieht während der oft fehr langen Uebergangszeit 
jene häfsliche Zahnlückenform der Strafsenbegrenzung , die wir in alten Städten fo 
oft zu fehen. Gelegenheit haben. Zur Verbefferung der Anficht und zur Befeitigung 
von Schmutzwinkeln geftattet man wohl, die Lücke bis zur alten Häuferlinie durch 
einen Erdgefchofsvorbau oder fchräge Schaufenfter und ähnliche Einrichtungen zu 
fchliefsen, welche beim Neubau der Nachbarhäufer wieder fortzunehmen find. 
Namentlich in franzöfifchen Städten find diefe » Lücken büfser« fehr üblich. Wir 
find leider genötigt, folche vorübergehende Notbehelfe und Unfchönheiten , felbft 
wenn fie Jahrzehnte dauern follten, mit in den Kauf zu nehmen, wenn die Ver- 
breiterung der engen Strafse eine Notwendigkeit ift; wir muffen uns aber in der 
Regel mit der allmählichen Erreichung des Zieles begnügen, weil die fofortige Ver- 
breiterung unerfchwingliche Summen erheifchen würde. 



grenze. 



6. Kapitel. 

Benutzung der Strafsen durch die Anftöfser für Privatzwecke. 

Teils Zweckmäfsigkeitsgründe, teils die wirtschaftliche Notwendigkeit bringen 47«. 
es mit fich, dafs zwifchen der öffentlichen Strafse und den Privatgrundftücken nicht 1 « cntums " 
eine fo fcharfe Grenze des Eigentumes und der Benutzung gezogen werden kann, 
wie zwifchen zwei Privatgrundftücken. 

Die Grenze des öffentlichen Gemeindeeigentumes wird zwar bei völlig geord- 
neten Strafsenverhältniffen durch die Strafsenfluchtlinie klar beftimmt. Aber eines- 
teils find die Verhältniffe vieler Strafsen durchaus nicht fo unbedingt geregelt, und 
anderenteils ift felbft bei voller Ordnung die Strafsenfluchtlinie als Grenze durchaus 
nicht augenfeheinlich leicht erkennbar. 

Es gibt ältere Strafsen, deren Bürgerfteige als Eigentumszubehör der anliegen- 
den Grundftücke betrachtet werden oder in deren Fläche Freitreppen, Auffahrts- 
rampen, Kellerfchrote und ähnliche Privatanlagen vortreten, die entweder Eigentum 
des Hausbefitzers oder doch fervitutmäfsig berechtigt find. Und auch an neueren 
Strafsen, die bisher von den — befonders in England üblichen — Lichtgräben der 
Kellergefchoffe oder den Vorgärten der Erdgefchofle eingefafst waren, treten oft, 
wenn aus gewerblichen Gründen allmählich die Lichtgräben verfällt und die Vor- 
gärten befeitigt werden, Grenzunklarheiten ein. Dafs folchen Unklarheiten bei der 
Ausführung neuer Stadtteile nach Kräften vorzubeugen ift, verfteht fich von felbft. 



400 

Am wirkfamften ift dies gemeiniglich zu erreichen durch die Forderung einer un- 
vergänglichen, bleibenden Einfriedigung aller Privatgrundftücke in der Strafsenflucht 
auch in denjenigen Fällen, wo die Vorderwand der Gebäude nicht bis an die 
Strafsenflucht herantritt; von berechtigten Ausnahmen wird im nächften Kapitel die 
Rede fein. In älteren Stadtteilen ift ebenfo das Beftreben der Gemeinde darauf zu 
richten, durch freiwilliges Uebereinkommen oder Enteignung jene in die Strafsen 
ftörend vortretenden Bauteile nach Möglichkeit zu befeitigen, diefelben aber bei 
Errichtung von Neubauten nicht mehr zuzulaufen. 
479 Aber auch wenn eine klare Eigentums- und Strafsengrenze vorhanden ift, 

G ° J*^° le c pflegt man eine Benutzung des öffentlichen Grundes oder der öffentlichen Luftfäule 
durch gewifle vorfpringende Gebäudeteile nicht völlig auszufchliefsen. Allgemein 
wird geftattet, dafs die Abfätze der Fundamentmauern eines Neubaues in den 
Strafsengrund vorfpringen, während ebenfo allgemein die aufgehende Vorderwand 
in die Lichtbreite der Strafse nicht vortreten darf. Die Ebene der aufgehenden 
Gebäudemauern N bildet demnach in der Regel die Grenze des Strafseneigentumes. 
Vor diefer Ebene jeden Einfprung in das Strafsenlicht zu unterfagen, würde offenbar 
zu weit führen. Gefimfe, überftehende Dächer, Sockelvorfprünge werden deshalb 
faft überall mit gewiffen Einfchränkungen als zuläfflg betrachtet. Ein befonderes 
Intereffe für folche Einfchränkungen waltet zur Vermeidung von Verkehrsbehinde- 
rungen bezüglich des unteren, 2 bis 3 m über die Strafse fleh erhebenden Gebäude- 
teiles vor. In diefer Zone überhaupt keine Vorfprünge zu geftatten, würde eben- 
falls zu weit gehen. Es erfcheint vielmehr die Vorfchrift folcher Bauordnungen 
empfehlenswert, die in der Höhenzone bis zu 2,5 o m Vorfprünge von etwa 1 Vom- 
hundert der Strafsenbreite , bis zu höchftens 25 oder 40 cm zulaffen. Die Berliner 
Bauordnung erlaubt überall Sockelvorfprünge von 13 cm und in breiten Strafsen 
auch vortretende Treppenftufen von 20 c™ Breite. Jedenfalls follten ftärker aus- 
ladende Bauteile, wie Freitreppen, Fenfterläden, fefte und bewegliche Schirm- 
dächer, in der genannten Höhenzone von ungefähr 2,5 o™ allgemein unzuläffig fein, 
im übrigen aber im künftlerifchen Intereffe diejenigen Freiheiten gelafTen werden, 
die mit Verkehr und Ordnung verträglich find. 

Ueber der Höhenzone, fowie unter der Bürgerfteigebene kann den vortreten- 
den Gebäudeteilen ein gröfserer Spielraum gewährt werden. In der Höhe handelt 
es fich um Schirmdächer, Ladenfchilder , Hauslaternen, Gefchäftszeichen (wie 
Zunftwappen, Stiefel, Handfchuhe, Uhren, Mafskrüge), Fenfter und Fenfterläden, 
Balkone, Erker, Stockwerksüberkragungen , Dachüberftände u. f. w.; in der Tiefe 
kommen Kellerhälfe, Kellerlichter, Kellereingänge und Bürgerfteig-Unterkellerungen 
in Frage. 

In letzterer Beziehung herrfchen in den verfchiedenen Städten Gepflogen- 
heiten von dreierlei Art. Die einen verbieten jede bauliche Anlage in oder unter 
der Bürgerfteigfläche, was bei engen, vom Verkehre erfüllten Strafsen berechtigt ift. 
Die anderen verbieten zwar Kellereingänge mit beweglichen Türen in der Strafsen- 
fläche ebenfalls unbedingt, laffen aber zur Beleuchtung des Keller-, bezw. Sockel- 
gefchoffes oder zum Einbringen der Heizkohlen etc. Kellerhälfe, bezw. Bodeneinfchnitte 
unter der Bedingung zu, dafs fie nicht mehr als ein beftimmtes Mafs (15 bis SO 011 ) 
vor die Baufluchtlinie vortreten und in der Bürgerfteigebene durch ftarke Glas- 
platten, Steinplatten, geriffelte Gufseifenplatten oder Eifengitter ficher überdeckt 
oder in anderer Weife ficher umfriedigt werden, ein Gebrauch, welcher bei breiten 



401 

Strafsen als eine den Hausbefitzern willkommene Erleichterung unbedenklich fein 
mag. Die dritte Klaffe von Städten, befonders in Belgien, Holland und England, 
geht fo weit, dafs fie gegen beftimmte Abgaben die Unterkellerung der Bürgerfteige 
mit Anlage ficherer Deckenlichter (Rohglasplatten) für unbedenklich findet. In 
Amerika erftreckt fich diefe private Ausnutzung der Bürgerfteige zugleich auf er- 
hebliche Teile der Oberfläche, welche von Vortreppen, Vordächern, Wirtfchafts- 
und Verkaufsgegenftänden eingenommen, alfo dem öffentlichen Verkehre entzogen 
werden. Für europäifche Verhältniffe ift eine folche Freiheit in der Benutzung 
öffentlichen Eigentumes unangebracht; auf befonders breiten Bürgerfteigen pflegt 
jedoch in manchen Städten das Befetzen beftimmter Flächen mit Stühlen und 
Tifchen an Bier- oder Kaffeehäufern gegen Miete zugelaffen zu werden. 

Was die vorfpringenden Gebäudeteile in der Höhe betrifft, fo werden Schirm- 
dächer, Ladenfchilder, Hausleuchten und Gefchäftszeichen ziemlich allgemein unent- 
geltlich oder gegen geringe Abgabe geftattet, fobald fie über der Lichthöhe von 
2,5o bis 3,oo ni fich befinden; durch Vorbehalt des jederzeitigen Widerrufes werden 
Ausfchreitungen leicht verhindert. Nach aufsen auffchlagende Fenfterläden find an 
ftädtifchen Strafsen faft aufser Gebrauch gekommen; nach aufsen auffchlagende 
Fenfter werden bald zugelaffen, bald unterfagt; das letztere ift zur gröfseren 
Sicherheit der auf der Strafse verkehrenden Perfonen vorzuziehen. Für Balkone 
und Erker gelten mancherlei Beftimmungen. Die Berliner Bauordnung geftattet 
folche Anlagen nur in Strafsen von mehr als 15 m Breite und in einer gröfsten 
Ausladung von l,so m . In Rom läfst man fogar Balkone bis zu 80 cm Vorfprung 
in Strafsen von weniger als 7 m Breite zu ; in breiteren Strafsen wächft der erlaubte 
Vorfprung. Bei weniger als 12 m Strafsenbreite geftattet man in Brüffel 70 cm , bei 
breiteren Strafsen 90 cm Balkon vorfprung; dabei foll die freie Höhe über dem 
Bürgerfteig wenigftens 3,5 om betragen. Das Cölner Ortsftatut über Erker und 
Balkone hat eine abgeftufte Reihe der zuläffigen Ausladungen bei verfchiedenen 
Strafsenbreiten feftgefetzt, und zwar von 30 cm bei 7^ bis zu 120 cm bei 20 m 
Breite; in Strafsen von weniger als 7 m Breite find Erkervorfprünge überhaupt un- 
zuläffig; das Ausladungsmaximum ift 1,20m. Auch muffen, wie in Berlin, die 
Balkone und Erker um wenigftens das Anderthalbfache ihrer Ausladung von der 
Nachbargrenze entfernt fein. Durch die Beftimmung, dafs die vortretenden Bau- 
teile nur einen gewiffen Bruchteil (in Berlin l J3, in Cöln 2 /ö) der Gebäudebreite 
einnehmen dürfen, wird das Entftehen ganzer Stockwerksüberbauten, die ehemals 
fo beliebt und gebräuchlich waren, verhindert; im Einverftändnis der Nachbarn 
follten aber Ausnahmen mit gewiffen Einfchränkungen ftatthaft fein. Auch für die 
Ausladung der Dachgefimfe oder Dachüberftände finden fich in einzelnen Städten 
befchränkende Beftimmungen. 

Durch die oben erwähnte, ziemlich allgemein geltende Vorfchrift, dafs die 4 8o. 
aufgehende Vorderwand der Gebäude die Ebene der Strafsenflucht bilden mufs, Maflcn - 

gliederung 

jedenfalls nicht über diefe hinaus vortreten darf, wird eine kräftige Maffengliederung d« 
der Gebäudefronten erfchwert. Zwar ift die Bildung von Rifaliten möglich, wenn Gcb ; udc ' 

° ° ' Bereicherung 

der Bauherr um das Mafs derfelben den Hauptteil der Faffade hinter die Bau- des 
flucht zurückzieht. Da aber das Streben nach möglichfter Ausnutzung des Bodens Strafscnbildei 
leider von diefem Opfer zurückhält, fo entftehen jene langweilig glatten Strafsen- 
wände, durch die fo viele moderne Strafsen fich von Stadtteilen älterer Art un- 
vorteilhaft unterfcheiden. Die Gemeinde kann diefer langweiligen Glätte dadurch 

Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) 26 



402 

entgegenwirken, dafs fie wenigftens in breiten Strafsen Rifalite vor der Strafsen- 
fluchtlinie zuläfst, dafs fie alfo das Opfer an Boden bringt, welches der Privatmann 
zu bringen fich fcheut. An der neuen Ringftrafse und an öffentlichen Plätzen zu 
Cöln wurden in diefem Sinne Rifalite von 25 cm Vorfprung bis zu 2 /s der Fafladen- 
breite unentgeltlich geftattet, was ein wohltuendes Relief in die Strafsenwände 
gebracht hat. Durch die blofse Freiheit, die Gebäude um ein beliebiges Mafs 
(alfo auch mehr als 25 cm ) hinter die Strafsenfluchtlinie zurückftellen zu dürfen, 
kann ein folches Relief nicht . in erwünfchter Weife erzielt werden , weil einerfeits 
das Intereffe des Bauherrn, der fein Grundftück in der Regel nach Kräften aus- 
nutzen will, verletzt wird und weil andererfeits auch die Gemeinde die Entftehung 
von Schmutzwinkeln und unbedeckten Brandgiebeln nicht fordern kann. Aufmerk- 
fame Erwägung und Anwendung verdient aber der von Baumeifler herrührende 
Vorfchlag, eine doppelte Strafsenfluchtlinie feflzuflellen mit einem Abftande 
von 0,50 bis 1,50™. Diefer Abftand foll dazu dienen, das Relief der Hausfronten 
aufzunehmen derart, dafs die reine aufgehende Umfaflungsmauer in die zurück- 
liegende Linie gerückt wird, im Zwifchenraume aber Rifalite, Portale, Veranden, 
auch Vortreppen, Kellereingänge und dergl. nach Wunfeh des Bauherrn unter- 
gebracht werden können. Die Bauordnungen von Mannheim und Pofen enthalten, 
obfehon unvollkommene, Beftimmungen in diefem Sinne. Selbftredend wird eine 
Einfriedigung in der vorderen Strafsenfluchtlinie nicht verlangt, ein angemeffener 
Anfchlufs an Nachbargebäude aber notwendig, falls der Rückfprung ein verfchiedener 
ift. Tittrich empfiehlt 79 ) zur gröfseren Belebung des Strafsenbildes eine derartige 
Anordnung, dafs die vordere Strafsenlinie und die hintere Linie divergierend 
verlaufen. 

Noch gröfsere Freiheit ift zuläffig und deren Anwendung erwünfeht, wenn 
zwifchen der Strafsenflucht und der Bauflucht ein an der Strafse eingefriedigter 
Vorgarten liegt. Hier können niedrige Vorbauten (von weniger als l,oo oder 1,25^ 
Höhe) unter Umftänden unbedenklich bis an die Strafse herantreten, während auf- 
fteigende Vorbauten (welche nicht mehr als etwa J /s bis 2 /s der Gebäudefront be- 
decken) einen erheblichen Teil der Vorgartenbreite , etwa */4 bis l \t , einnehmen 
dürfen. Liegt hinter den Vorgärten keine gefchloffene Bauflucht, fondern eine 
Reihe freiftehender Gebäude (Villen), fo ift die Innehaltung der geraden Baulinie 
nicht allein unnötig, fondern es ift im Gegenteil erwünfeht, dafs den einzelnen 
Bauten in ihrer Stellung hinter der Baulinie volle Freiheit gewährt werde. 

Einen Gegen fatz zu den Vorgärten bilden die befonders in italienifchen Städten 
beliebten offenen Hallen, welche der Fahrftrafse entlang bedeckte öffentliche Geh- 
wege unter den Obergefchoffen der Häufer bilden. Während bei Anordnung von 
Vorgärten die Strafsen von den Häufern abgerückt find, dringt bei Anordnung 
diefer »Kolonnaden« (Portiä, Bogengänge, Lauben) die Strafse auf 4 bis 7™ Tiefe 
gewiffermafsen in die Häufer ein. Für die Portici entlang der neuen Tiberufer- 
ftrafse (Lungo Teuere, fiehe Fig. 257, S. 114) zu Rom find feftgefetzt: eine lichte 
Hallenweite von 6,00 m , ein lichter Abftand der Säulen oder Pfeiler von mindeftens 
3,5o m , eine Lichthöhe der Oeffnungen von wenigftens 7,5oni bei bogenförmigem 
und 7,oo m bei wagrechtem Abfchlufs (Art. 18 des Regolatnento edilizio per il 
commune di Roma in vigore dal 14 Febbraio 1887). Auch in deutfehen Städten 
ift die Wiederanwendung der ehemals fo beliebten Laubengänge an geeigneten 

W) In: Wege und Ziele moderner Städtebaukunft. München 1903. 



403 



Stellen, befonders an freien Plätzen und. zur Unterbrechung langer gerader Strafsen- 
fronten dringend erwünfcht; dabei kann den einzelnen Häufern eine gröfsere Freiheit 
in der Ausbildung der Lauben gelaffen werden, als es das italienifche Reglement 
vorfieht In einer alten englifchen Stadt, Chefter, find fogar zweigefchoffige Lauben- 
gänge an ganzen Strafsenzügen erhalten und werden auch bei Neubauten angewandt. 

Ebenfo erfcheint es empfehlenswert, die in Italien viel gepflegte Ueberbrückung 
der Strafsenöffnungen durch Bogenftellungen und ähnliche Baukörper an folchen 
Stellen wieder einzuführen, wo die beider feitigen Eigentumsverhältniffe und die Ver- 
kehrsanforderungen es geftatten. Die Erzielung gefchloffener Strafsen- und Platz- 
wandungen kann dadurch gefördert und mancher angenehme Wechfel in ein fonft 
eintöniges Stadtbild gebracht werden. 

Kehren wir nach diefer Abfchweifung zur Benutzung der gewöhnlichen Strafsen 
durch die Anftöfser für Privatzwecke zurück, fo finden wir noch eine Gruppe hier- 
her gehöriger Benutzungsarten, die auf baulicher oder wirtfchaftlicher Notwendigkeit 
beruhen. 

Während der Bauausführung mufs der Bauende einen Teil des Strafsenlandes 
zur Aufftellung von Gerüften benutzen. Der Eigentümer mufs fowohl bei ober- 
irdifcher, als bei unterirdifcher Entwäfferung fein Waffer auf oder in den Strafsen- 
körper leiten. Wenn er fein Haus an öffentliche Leitungen für Waffer-, Licht-, 
Wärme- oder Kraftverforgung anfchliefsen will, mufs er den Strafsenkörper benutzen. 
Durch Ortsftatuten oder Polizeivorfchriften pflegen diefe Benutzungen geregelt 
zu werden. 

Was die Baugerüfte und Abfperrungen (Bauzäune) während des Bauens oder 
des Niederlegens von Häufern betrifft, fo wird man jedem Eigentümer ein Recht 
auf unentgeltliche Inanfpruchnahme eines gewiffen notwendigen Mafses der Strafsen- 
fläche (80 bis 100 cm Breite) zugeftehen muffen. Wünfcht der Bauherr zur Er- 
leichterung feiner Arbeiten, zur Aufftellung breiterer Gerüfte, zur Lagerung von 
Bauftoffen eine gröfsere Strafsenbreite zu benutzen, fo kann dies, wenn der Verkehr 
es überhaupt zuläfst, gegen Zahlung einer Miete geftattet werden, welche an einigen 
Orten nach der eingenommenen Fläche (z. B. Aachen, Cöln), an anderen nach der 
Länge der Grundftücksfront (z. B. Brüffel) berechnet wird. 

Ebenfo pflegen die Gemeinden geringe laufende Jahresabgaben für die Er- 
laubnis zu erheben, Hauswaffer vermittels Rohren unter der Bürgerfteigfläche oder 
mittels bedeckter Rinnen oder unter Anwendung von Häuflein oder Gufseifen in 
der Bürgerfteigfläche in die Strafsenrinne zu leiten. 

Nach ausgeführter Kanalifation fallen diefe oberirdifchen Abflüffe fort; die 
Stadt ftellt alsdann entweder für eigene Rechnung oder für Rechnung des Haus- 
befitzers die Hausanfchlufsrohre her; der Befitzer aber ift verpflichtet, feine Haus- 
entwäfferung in diefes Anfchlufsrohr einzuführen und in der Regel für die Benutzung 
des ftädtifchen Kanalnetzes eine laufende Jahresgebühr an die Stadtkaffe zu ent- 
richten. Diefe Gebühr wird entweder nach dem Mietsertrag des Haufes, nach dem 
Feuerverficherungswert , als Quote der Wafferverforgungsabgabe , als Jahreszahlung 
für jedes Fallrohr des Haufes oder als Jahresabgabe für jedes laufende Meter Grund- 
ftückfront berechnet. Die letztere Berechnungsart ift vielleicht nicht die gerechtefte, 
aber die einfachfte und ficherfte; fie beträgt in verfchiedenen Städten ungefähr i bis 
3 Mark für das laufende Meter mit gewiffen Erleichterungen für Eckhäufer und 
unbebaute Fronten. 



481. 

Baugerüfte 

und 
Bauzäune. 



483. 
Anfchlufs 

an die 

öffentliche 

Entwäflerung. 



4Q4 

Die Kanalgebühr, welche der Leiftung anzupaffen ift, beträgt dort, wo die 
Abortftoffe nicht aufgenommen werden, weniger als in denjenigen Städten, in 
welchen die volle Schwemmkanal ifation mit Spülaborten eingeführt ift. Auch ift 
zu berückfichtigen, ob die Gemeinde genötigt ift, die Kanalwaffer vor ihrem Einlafs 
in den Flufs unter Aufwendung grofser Koften zu klären. Immer aber follte als 
Grundfatz feftftehen, dafs die Koften des Kanalbetriebes, der Kanalunterhaltung, 
der Baukoftenverzinfung und der Klärung nicht allein von den Hausbefitzern, 
fondern etwa zur Hälfte von der Gemeinde, d. h. von der Gemeinfchaft der Steuer- 
zahler, aufzubringen feien, weil beiden die Leiftung zu gute kommt, den Haus- 
befitzern durch Erfparung von Abfuhr- und Reinigungskoften , der Allgemeinheit 
durch EntwäfTerung der Strafsen, Plätze und öffentlichen Anlagen, fowie durch die 
vermehrte Annehmlichkeit und verbefferte Gefundheit. Zudem haben die Erbauer 
neuer Strafsen, welche die Anlagekoften der Kanäle bezahlt haben, ein Anrecht 
darauf, nicht auch noch diefe Koften verzinfen zu muffen, was durch die empfohlene 
Teilung vermieden wird. 
4 a 3 . Aehnliche Abgaben, wie für die Benutzung der Kanalisation, find für die Teil- 

sonAige nähme an der Waffer-, Licht-, Wärme- und Kraftverforgung zu zahlen, und zwar 

Haus- 

anfchiüfle. gewöhnlich auf Grund von Meffung der abgegebenen Mengen durch geeignete 
Vorrichtungen (Waffermeffer, Gasmeffer, Elektrizitätszähler u. f. w.) unter Feftfetzung 
eines beftimmten Mindeftbetrages. Andere Verbrauchstarife, z. B. nach dem Miets- 
ertrage des Haufes, nach der Gröfse der Liegenfchaft , nach Zapfftellen, nach der 
Flammenzahl u. f. w. , find nicht ausgefchloffen , haben fich aber im allgemeinen 
weniger bewährt. Insbefondere hat ein von der Meffung des Wafferverbrauches 
abfehender Waffertarif zwar Vorzüge vom gefundheitlichen Standpunkte, ift aber 
geeignet, die Waffervergeudung zu begünftigen, fteigert deshalb die Betriebskoften 
und demgemäfs auch, trotz fcheinbarer Wohlfeilheit des Kubikmeters, die Jahres- 
abgaben der Verbraucher. Die im Strafsenkörper liegenden Anfchlufsleitungen von 
der Hauptleitung zum Haufe werden in der Regel vom Befitzer des Waffer-, Gas-, 
Elektrizitätswerkes u. f. w. , gewöhnlich alfo von der Gemeinde, für Rechnung des 
Hausbefitzers hergeftellt. 



7. Kapitel. 

Bauordnung. 

4 8 4 . Nachdem mehrere wichtige Zweige der Baugefetzgebung in Kap. 2 bis 6 

Aufgaben tiefes Abfchnittes erörtert wurden, ift das Gebiet der hier zu befprechenden eigent- 

der 

Baupolizei, liehen Bauordnung auf die Art der Bebauung innerhalb der feftgefetzten Block- 
grenzen eingefchränkt. Die Wahrung diefer Bauordnung im engeren Sinne liegt 
der Baupolizei ob; die letztere ift in der Regel eine kommunale Dienftftelle, aus- 
nahmsweife auch eine neben der Gemeinde eingefetzte ftaatliche Behörde. Die lau- 
fende Aufgabe der Baupolizei ift an fich keine pofitive, fondern eine vorbeugende. 
Sie hat die Verftöfse gegen die geltenden Bauordnungsvorfchriften nach Möglichkeit 
zu verhindern, zu diefem Zwecke alle Bauentwürfe vor der Ausführung hinfichtlich 
ihrer Uebereinftimmung mit der Bauordnung zu prüfen und nötigenfalls die Ab- 
änderung zu veranlaffen; fie hat ferner die Bauten in beftimmten Friften zu unter- 



4Q$ 

fuchen und fchliefslich als benutzbar zu erklären. Auch Bauunterfuchungen aufser- 
halb der Friften find notwendig, um die Befolgung der Vorfchriften zu fichern und 
Bauunfälle nach Möglichkeit zu verhindern. Die eigentliche Sicherheit gegen Un- 
fälle liegt freilich nicht in der polizeilichen Aufficht, fondern in der Sachkunde und 
Gewiffenhaftigkeit der ausführenden Perfonen. 

Eine wichtige pofitive Aufgabe der Baupolizeibehörden aber liegt in der Ver- 
befferung beftehender und Herausgabe neuer Bauvorfchriften , neuer Bauordnungen. 
Diefe Aufgabe ift umfo wichtiger, als Bauordnung und Wohnungsfrage eng zu- 
fammenhängen 80 ). Zuftändig für die Bauordnungsvorfchriften find teils die Landes- 
gefetzgebung, teils die Landes- und Ortspolizeibehörden, teils (fo in Süddeutfchland) 
die Verwaltung und Vertretung der Gemeinde. 

Die Bauordnungen bilden deshalb befonders im Deutfchen Reich ein reichhaltiges 485- 
Kunterbunt , in welchem die Orts- und Stammesverfchiedenheiten fich mehr als der bau . 
nötig ausprägen. Beftrebungen im Schofse der Deutfchen Architekten- und Ingenieur- poiuemchen 
Vereine , welche in gewiffem Umfange eine deutfche Reichsbauordnung im Auge und ihre 
hatten, führten zu Baumeifters verdienftvollem Werke: »Normale Bauordnung nebft Entwickeln*. 
Erläuterungen (Wiesbaden i88o)c, felbft nicht einen Gefetzentwurf, fondern einen 
wiffenfchaftlichen Anhalt bildend für die Aufftellung und Umgeftaltung örtlicher 
Baupolizeivorfchriften. Zugleich aber hat Baumeißers Arbeit den Beweis geliefert, 
dafs es möglich ift, wefentliche Vorfchriften der Baupolizei für ganz Deutfchland 
einheitlich feftzuftellen, während die weitere Ausgeftaltung den ftädtifchen Gemeinden 
und ländlichen Kreifen zu überlaffen fein wird. In der folgenden Zeit haben 
die Reichstagsabgeordneten Kalte, Miquel und Jäger den Erlafs gewiffer reichs- 
gefetzlicher Bauvorfchriften, befonders folcher zum Schutze des gefunden Wohnens, 
wiederholt angeregt; der Verein » Reichs wohnungsgefetzc hat diefe und andere 
Beftrebungen aufgenommen. Aus den Anträgen Miquel 's und Baumeißers im 
»Deutfchen Verein für öffentliche Gefundheitspflegec ift der dem Reichskanzleramt 
überreichte Entwurf »Reichsgefetzliche Vorfchriften zum Schutz des gefunden 
Wohnens« entftanden, welcher im Anhange diefes Halbbandes abgedruckt ift. 

Seither haben fich die ftaatlichen Gefetzgebungen und die Fachvereine in 
Deutfchland und Oefterreich vielfach mit den Fragen der Bauordnung befchäftigt. 
Am vollkommenften ift wohl das »Allgemeine Baugefetz« des Königreiches Sachfen 
vom Jahre 1900; und fördernd haben fich vor allem die Verhandlungen und Be- 
fchlüffe des Deutfchen Vereines für öffentliche Gefundheitspflege erwiefen, deffen 
Stuttgarter Schlufsfätze wir im Anhang mitteilen. 

Nach gleicher Schablone kann alles B^uwefen in den Städten und Land- 486. 
fchaften Deutfchlands nicht behandelt werden; nicht einmal in derfelben Gemeinde Verfch ^ enheit 
follten die Vorfchriften überall die gleichen fein. Für die Altftadt, für neue Bauordnung 
Stadtteile und für ländliche Bezirke derfelben Stadtgemeinde empfehlen fich fach- vcrfch )° dcne0 
gemäfse Verfchiedenheiten der Bauordnung: in der Altftadt, um gefchichtlich ge- Stadtteilen. 
wordene Wirtfchafts- und Vermögensintereffen zu fchonen; in der Neuftadt, um 
eine weiträumigere und gefundere Bebauung herbeizufuhren; in Vorftadtbezirken, 
um nicht das weitere Entftehen vorftädtifcher und ländlicher Bauten zu erfchweren 
und um Induftriebauten an paffender Stelle zu erleichtern. So entftanden in einer 
grofsen Zahl deutfeher Städte die Zonen- oder Staffelbauordnungen. Das Wefen 



80) Siehe: Stubben, J. Wohnungsfrage und Bauordnung. Wochfchr. d. Arch.-Ver. zu Berlin 1906, S. 13. 



406 



487. 

Inhalt 
der 



488. 



der Staffelung befteht 81 ) »in der Abftufung der Vorfchriften über Weiträumigkeit, 
Stockwerkszahl, Gebäudehöhe, Gebäudekonftruktion und gewerbliche Anlagen nach 
örtlichen Gelände-, Verkehrs- und Wertverhältniflen und wirtfchaftlichen Möglich- 
keiten einerfeits und den fozialen Bedürfniffen der Bevölkerung andererseits«. 

Zunächft ift es nötig, dafs eine Bauordnung in allen Dingen feile Grundfatze 
aufstelle und fo wenig als möglich das polizeiliche Ermeffen vorwalten laffe; weder 
Bauordnung, dem verantwortlichen Beamten noch dem Bauluftigen ift mit Unficherheiten, die im 
Einzelfalle der Grund zu Streitigkeiten find, gedient. 

Der Inhalt der Bauordnung foll fich erftrecken auf Vorfchriften über die 
Formen des baupolizeilichen Verfahrens, über die Sicherung des Verkehres, der 
Gefundheit und der Standfahigkeit, über den Schutz gegen Feuersgefahr und über 
die nachbarlichen Beziehungen. Auch fozialen Gefichtspunkten hat die Bauordnung 
Rechnung zu tragen, indem fie mitwirkt, das Maffenmiethaus zu bekämpfen, da- 
gegen die Entftehung von Bürgerhäufern (d. h. Ein- bis Dreifamilienhäufern) , von 
Gebäuden, die eine mäfsige Anzahl von Kleinwohnungen enthalten, und von 
kleinen Häufern überhaupt, zu fördern. Schliefslich ift der Schutz der »Schönheit« 
infoweit Aufgabe der Bauordnung, als »Verunftaltungen« von Strafsen und Plätzen 
zu verhüten find. Dies ift befonders in alten Städten und in der Umgebung 
monumentaler Bauten von Bedeutung und bildet einen wichtigen Zweig der 
» Denkmalpflege « . 

Die Förmlichkeiten des baupolizeilichen Verfahrens werden von den Bauluftigen 
Bauerlaubnis. ß ets un g era ertragen werden; auch Wohltaten will man nicht aufgedrängt haben. 
Die Vereinfachung der Formen und die tunlichft geringe Beläftigung des Bauenden 
werden darum vielerorts angeftrebt, leider oft mit dem entgegengefetzten Erfolge, 
ähnlich wie jene bekannte Art behördlicher Verfügungen, welche zur »Verminderung 
des Schreibwefens« einige neue Schreibereien einzufuhren pflegt. Die Bauenden 
find ftellenweife fo weit gegangen, zu verlangen, dafs der Beginn des Bauens nicht 
von einer polizeilichen »Bauerlaubnis« abhängig gemacht werde, fondern nur von 
der Vorlage des Planes, nach deffen Prüfung nicht eine »Bauerlaubnis«, fondern 
ein »Baufchein« erteilt werden foll. Im Hinblick auf die in Kap. 2 gedachten not- 
wendigen Baubefchränkungen geht diefe Forderung zu weit; vielleicht aber ift es 
angängig, die Bauerlaubnis, d. h. die Erklärung, dafs gebaut werden darf, im 
Intereffe der Bauvorbereitungen mit geringftem Zeitverlufte vorweg zu erteilen, den 
Baufchein aber, d. h. die Erklärung, wie gebaut werden darf, nach Prüfung der 
Zeichnungen folgen zu laffen. Etwaige Aenderungen des Planes durch den Bau- 
fchein oder durch befondere Vorfchriften desfelben fallen natürlich dem Bauherrn 
auf alle Fälle zur Laft. Für gewerbliche Anlagen find erweiterte Förmlichkeiten, 
für läftige Gewerbe (vergl. Kap, 2) fogar unter Zuziehung der Oeffentlichkeit, not- 
wendig und meift durch ein beftimmtes Verfahren geregelt. 

Drei örtliche polizeiliche Prüfungen pflegen zu folgen, nämlich die Abnahme 
des Sockels (wegen Fluchtlinie und Höhenlage), die Abnahme des Rohbaues (wegen 
Konftruktionsficherheit und Befolgung von Bauvorfchriften) und die Abnahme des 
fertigen Baues (wegen Erklärung der Benutzungsfähigkeit in gefundheitlicher Be- 
ziehung). Gelegentliche Zwifchenprüfungen bei unzuverläffigen Unternehmern und 
auf Grund befonderer Vorkommniffe find nicht ausgefchloffen. Die Privattätigkeit 
erleidet hierdurch eine Reihe von allgemein notwendigen, wenn auch im einzelnen 



489. 

Oertliche 
Prüfungen. 



81) Siehe: Stcbbkn, J. Zur Frage der Stuttgarter Bauordnung. Deutfche Viert, f. Öff. Gefundheitspfl. 1903, S. 344. 



4Q7 

Falle meift entbehrlichen Eingriffen, deren fachgemäfse, nicht ftörende Ausführung 
bei den Beamten der Baupolizei einen befonderen Takt und ein reifes Urteil voraus- 
fetzt. Staatliche und Gemeindebauten pflegen zuweilen diefem gefetzlichen Eingreifen 
entzogen, auch fonftigen Bauordnungsvorfchriften nicht unterworfen zu fein. Nach 
unferer Auffaffung ift dies ein Privilegium odiofutn, welches mit dem Wefen der 
Baupolizei, die nicht aus dem Mifstrauen gegen einzelne, fondern aus dem Schutze 
aller ihre Dafeinsberechtigung herleitet, unverträglich ift. 

Infoweit die Vorfchriften zur Sicherung des Verkehres die öffentliche Strafse 490- 

Verkehrs- 

betreffen, find fie fchon früher, befonders in Kap. 6, befprochen worden. Aufser- vor f C hriften. 
dem handelt es fich noch um den Verkehr im Haufe und auf dem Grundftück, 
alfo um Vorfchriften bezüglich der Treppen und Flure, der Zugänge, der Tor- 
fahrten und Höfe, befonders der (z. B. in Hamburg verbreiteten) Wohnhöfe, fowie 
um Verkehrsmafsregeln während der Bauausführung. 

Die wichtigften Baupolizeivorfchriften find diejenigen, welche fich auf den w- 
Schutz der Gefundheit beziehen. Wie die Rückfichten der öffentlichen Gefundheit v or f C hriften. 
im ganzen Städtebau eine vornehme, oft die vornehmfte Rolle fpielen, fo follten 
fie auch in den Ortsbauordnungen weit mehr vorherrfchend fein, als es an manchen 
Orten der Fall ift. Die feinerzeit von Miquel betriebene einheitliche reichsgefetz- 
liche Regelung der Wohnungsfrage bezieht fich gerade auf den Schutz der Gefund- 
heit. Auf den (im Anhang mitgeteilten) Gefetzentwurf des »Deutfchen Vereines für 
öffentliche Gefundheitspflegec haben wir fchon oben hingewiefen. Wir wollen 
diefen — durch die neuere Entwickelung zum Teile überholten — Entwurf, der 
ausdrücklich nur Mindeftanforderungen enthalten und weitergehende Landes-, Pro- 
vinzial- und Ortsverordnungen keineswegs ausfchliefsen foll, hier durch wenige 
Bemerkungen erläutern. 

Der Abfchnitt I handelt von Strafsen und Bauplätzen. Der zweite Abfatz desfelben fpricht 
nur einen allgemeinen Hinweis aus, weil es untunlich erfchien, im Hinblick auf grofse Privat- 
gärten, Bahnhöfe und ähnliche unbebaute Flächen und auf Bebauungspläne, welche nur die Haupt- 
verkehrszüge , nicht aber die Blockeinteilung feflfetzen, einen geringften Prozentfatz des Flächen- 
inhaltes (z. B. 25 oder 30 Vomhundert) als Mindeftmafs beftimmt vorzufchreiben. Der dritte 
Abfatz fordert für die Gemeinden das gefetzliche Recht, an gewiflen Strafsen und Vorgärten und 
für gewiffe Stadtteile die offene Bau weife vorzufchreiben, welche ja nicht blofs im offen gebauten 
Bezirke dem Licht, der Luft und dem Sonnenfchein möglichft freien Zutritt geftattet, fondern 
auch den benachbarten Stadtteilen als Luftzugang und frifche Luftquelle dient. Der vierte Abfatz 
foll dem vielerorts üblichen Aufhöhen der Strafsen und Plätze mittels Baufchutt, Hausabfälle, 
pflanzlicher und tierifcher Refte entgegenwirken. 

Der Abfchnitt II fpricht von der Neuherftellung von Gebäuden im Gegenfatze zur Neu- 
herftellung von einzelnen Räumen, welche im Abfchnitt III behandelt werden. Gröfste Gebäude- 
höhe und geringfte Hofbreite find in § 2 und § 3 für Neubauten auf bisher unbebauten und auf 
bisher bebauten Grundflücken geregelt, und zwar für letztere Grundftücke fo wenig flreng, dafs 
auch Städte mit alten engen Strafsen und kleiner Grundftücksteilung (Einzelhausftädte) damit 
werden auskommen können, während von Miethausftädten mit breiten Strafsen und grofsen Grund- 
flücken eine Verfchärfung der Beftimmungen erwartet werden mufs. Ueber der zuläffigen 
Maximalhöhe ift die Feflfetzung eines gröfsten Dachwinkels (45 bis 60 Grad) üblich und not- 
wendig. Die Hofgröfse ift von der Gebäudehöhe, nicht aber von der Grundftücksgröfse abhängig 
gemacht, weil letzteres bei kleinen Grundflücken zu ungenügenden, bei geräumigen Grundflücken 
zu unbilligen Forderungen führt. Manche Eckhäufer, deren Wohnräume fämtlich an Strafsen 
liegen, können zudem den Hof ganz entbehren. § 4 fpricht aus Gefundheitsrückfichten ein Bau- 
verbot aus und fällt deshalb unter die bereits in unferem Kap. 2 behandelten Baubefchränkungen. 
§ 5 Hellt die Mindeftanforderungen fefl, welche bezüglich der Aborte, der Ställe und der Ge- 
fchäftsräume (gewerblicher Betriebe) zu ftellen find. Gerade die Aborte und HausentwäfTerungs- 



4Q8 

anlagen, fowohl folche, die an ein ftädtifches Kanalnetz angefchloflen find, als auch diejenigen, 
welche in Gruben, Tonnen oder Strafsenrinnen führen, verlangen gefundheitlich eine überaus 
aufmerkfame Behandlung, welche indeflen an diefer Stelle nicht eingehend befprochen werden 
kann 82 ). 

Der Abfchnitt III unterfcheidet »Wohnräume«, d. h. Räume einer Wohnung, und »zu längerem 
Aufenthalt von Menfchen dienende Räume«, unter welchen aufser den Wohngelaffen auch Werk- 
ftätten, Läden, Konzertfale und dergl. zu verftehen find. Die Gefchofshöhe von 2,so m wird man 
gewifs nur ausnahmsweife zulaffen und im allgemeinen 3,oo m oder 3,io m als lichtes Mindeftmafs 
vorfchreiben. Einfchneidend ift' das mit der Berliner Bauordnung übereinftimmende Verbot aller 
Wohnungen, welche höher als im IV. Obergefchofs liegen. Es wäre ein Segen, wenn die mit 
dem Baugrundwucher Hand in Hand gehende Vermehrung der Gefchofie, welche zwar nicht in 
Mittelftädten , wohl aber in einzelnen Grofsftädten, wie Rom, Paris, Wien, New York, einen 
beunruhigenden Grad angenommen hat, durch ein folches Gefetz eingefchränkt würde. Der 
unnatürlichen und fchädlichen Verdichtung der ftädtifchen Bevölkerung nach Kräften entgegen- 
zuarbeiten, ift eine Hauptaufgabe der öffentlichen Gefundheitspflege 88 ). Ebenfo find Keller- 
wohnungen, trotz fcheinbar zweifelhafter Ergebniffe ftatifufcher Unterfuchungen, als bedenklich zu 
betrachten; deshalb follen nach § 8 ganze Wohnungen in Kellergelchoffen überhaupt nicht mehr 
angelegt werden dürfen und einzelne Wohn- oder Gefchäftsräume nur, wenn der Fufsboden 
höchftens l»n unter, der Fenfterfturz wenigftens 1» über der Erdoberfläche liegt. 

Der Abfchnitt IV, welcher die Benutzung fertiger Räume im gefundheitlichen Intereffe 
befchränkt, ift gefetzgeberifch im wefentlichen neu, aber von gröfster Wichtigkeit, da der gefund- 
heitliche Zweck der Bauordnungsvorfchriften vereitelt wird, wenn Gelafle zum Wohnen und 
befonders zum Schlafen benutzt werden, welche im Sinne des polizeilich genehmigten Bauentwurfes 
zu anderer Benutzung beftimmt waren, oder wenn durch Ueberfullung den Bewohnern die nötige 
Lebensluft genommen oder verdorben wird. Der Luftraum von öcbm für ein Kind und von 
lOobm für einen Erwachfenen ift ein folches Minimum, dafs die Gefellfchaft die Folgen des 
Räumens der hiernach überfüllten Wohnungen tragen, alfo für Vermehrung der wohlfeilen Arbeiter- 
wohnungen forgen mufs, wenn bisher in wirklich manchen Städten Familien der ärmeren Volks- 
klaffen durch Wohnungsmangel und Wohnungsteuerung genötigt find, fich in fo menfchenunwür- 
diger Weife zufammenzupferchen. 

Das in Abfatz 2 des § 10 zugelaffene Mindeftmafs von 0,io Q m Fenfterfläche für ein Kind 
an Licht und von 0,to i m für eine erwachfene Perfon ift aufserordentlich gering. Abfatz 2 des § 7 
fichert in der Regel eine gröfsere Lichtfläche ; aber die dort für Dachkammerfenfter geftattete Aus- 
nahme mufste bezüglich des Lichtbedarfes jeder Perfon in § 10, Abfatz 2 begrenzt werden. 

Neu, wenigftens für Deutfchland, find auch die beiden in § 11 verlangten Gefetzes- 
beftimmungen, von welchen die erfte gegen einzelne ungefunde Wohnungen, die zweite gegen 
gefundheitswidrige ganze Bezirke gerichtet ift. Alle im Bezirke liegenden Gebäude und Grund- 
ftücke follen demnach behufs vollftändigen Umbaues der Enteignung unterliegen. Es würde 
dadurch den Gemeinden im Intereffe der öffentlichen Gefundheit diejenige, allerdings weitgehende 
und deshalb mit den nötigen Vorfichtsmafsregeln zu umgebende Befugnis erteilt werden, welche 
in unferem Kap. 3 fowohl bezüglich gefundheitswidriger , als bezüglich verkehrswidriger Stadtteile 
verlangt wurde 84 ). 

Schulen, Verfammlungsräume , gewerbliche Anftalten bedürfen hinfichlich ihrer baulichen 
Einrichtung und ihrer Benutzung befonderer und erweiterter gefundheitlicher Vorfchriften, deren 
Erörterung hier zu weit führen würde. 

Sind auch die Miquel-Baumeißer'ichzii Mindeftvorfchriften durch die grofse 
Zahl der inzwischen erlaffenen Staffelbauordnungen, Wohnungspolizeiverordnungen 

<*2) Vcrgl. die nachftehenden Schriften W. P. Gerhard's: Die Einrichtung der Hausen twäflerungsanlagen. Berlin 1879. 
— Hou/e drainage and fanitary plumbing. Providern* 1872. — Hints on tke drainage and fewerag* of dwellings. New- 
York 1884. — Sanitary drainage of tenenunthoufes . liarford 1884. — Die Haus-Kanalifation. Principien und Winke für 
eine rationelle Anlage von Hausen twäfferun gen. Leipzig 1885. — Guide to fanitary houfe-infpection. New York i88j. — 
The drainage of a kaufe. Boßon 1S88. — Ferner: Putzeys, F. Du drainage domeflique etc. Liege j88j. — Schwarzfischer, K. 
Die HausentwäfTerungsanlagcn und ihre Ausführung. München 1883. — Pridcin Teale, T. Lebensgefahr im eigenen Haufe. 
Für deutfehe Verhältnifle bearbeitet von H. Wansleben. Kiel 1886. 

83 ) Vergl. Wasserfuhr. Die Gefundheitsfchädlichkeiten der Bevölkerungsdichtigkeit in den modernen Miethäufern. 
Deutfehe Viert, f. öff. Gefundheitspfl. 1886, S. 185. 

8 *) Siehe auch die Verhandlungen über diefen Gefetzentwurf in: Deutfehe Viert, f. öff. Gefundheitspfl. 1890, 
S. 30—60. 



409 



und Wohnungsordnungen überholt, fo fchien es uns doch wichtig, fie als eine 
Grundlage der modernen Entwickelung kurz zu befprechen. Der neue preufsifche 
Wohnungsgefetzentwurf (1905) beabfichtigt, ähnliche Mindeftanforderungen feftzu- 
fetzen und aufserdem die Abftufung der Bauordnung im Bereich derfelben Ge- 
meinde auf eine zweifelfreie Rechtsgrundlage zu (teilen. 

Die baupolizeilichen Vorfchriften zu Gunften der Standfahigkeit und Feuer- 
ficherheit bezwecken gleich den gefundheitlichen Beftimmungen, das Menfchenleben 
zu fchützen, und erweitern diefe Beftrebung auf den Schutz der menfchlichen Habe. 
Und zwar handelt es fich weniger um eine wohlwollende Bevormundung des Bauen- 
den felbft, als um einen wirkfamen, vorbeugenden Schutz der Bewohner und der 
Nachbarn gegen verkehrte oder bedenkliche Bauausführungen, mögen diefe aus 
Unkenntnis oder aus Eigennutz entliehen. 

Zur Sicherung der Standfahigkeit findet man in älteren und in kleinftädtifchen 
Bauordnungen oft eingehende Vorfchriften über Mauerdicken, Widerlager, Balken- 
ftärken , Dachbinder u. f. w. , während die neueren Bauordnungen fich in lobens- 
werter Weife vorwiegend auf die Feftftellung der Grundlagen für den Nachweis 
der Standfähigkeit befchränken, beftehend in den Eigengewichts- und Belaftungs- 
zahlen, fowie in den Grenzen der zuzulaffenden Beanfpruchung der ortsüblichen 
Bauftoffe und des Baugrundes. Die für technifche Fortfehritte in Herftellungsweifen 
und Bauftoffen nötige Freiheit des Baumeifters und des Bauunternehmers, welche 
durch allgemeine Feftfetzung beftimmter Mauerftärken, Holzdicken oder Eifen- 
profile in läftiger Weife behindert wird, findet durch die polizeiliche Vor- und 
Nachprüfung und den unbedingten Ausfchlufs ungeeigneter Bauftoffe ihre natürliche 
Begrenzung. 

Die Sicherung gegen Feuersbrünfte bedingt in den Städten im allgemeinen 
den Maffivbau, fowohl bezüglich der Umfaffungswände , als hinfichtlich derjenigen 
Innenmauern, welche den Deckenbalken als Auflager und dem Treppenhaufe zum 
Abfchlufs dienen. Umfaffungen in Holzfachwerk pflegen bei offener Bauweife ge- 
ftattet zu werden, bei gefchloffenem Reihenbau nur dann, wenn der Abftand des 
betreffenden Gebäudeteiles von der Grenze wenigftens ein beftimmtes Mafs beträgt, 
welches in den verfchiedenen Städten zwifchen 1 und 10 m (!) fchwankt. Statt des 
reinen Steinbaues wird vielerorts unter Umftänden Holzfach werk mit 13 cm ftarker 
Vormauerung zugelaffen. Eifenfachwerk wird kaum anders zu behandeln fein wie 
Holzfachwerk; dafs Eifenfachwerk ein gleichwertiger Erfatz für Maffivbau fei, kann 
nach den gemachten Erfahrungen nicht mehr zugeftanden werden. Die zu ver- 
langenden Grenzabftände werden gröfser, fobald die Umfaffungswand Oeffnungen 
(Türen und Fenfter) erhalten oder wenn diefelbe ganz aus Holz hergeftellt werden 
foll. Auch werden für Fachwerk- und Holzbauten überhaupt gröfste Höhen-, 
Längen- und Breitenmafse feftgefetzt, über welche hinaus ftets der Steinbau (oder 
Eifenbau) anzuwenden ift. Die Dachdeckung aller ftädtifcher Gebäude foll aus- 
nahmslos feuerficher fein. 

Die Feuerfchutzvorfchriften für das Innere der Gebäude haben fich noch zu 
beziehen auf Treppen, welche in Bauten gröfseren Umfanges maffiv, d. h. unver- 
brennlich und feuerficher, fein follen, auf Dampf keffelanlagen, Schornfteine, Feuer- 
ftätten und Gasleitungen, auf die fichere Herftellung der Durchfahrten und Ausgänge 
zur Strafse, auf die Anordnung von Brandmauern und den Schutz eiferner Balken 
und Stützen. 



492. 

Vorfchriften 
zu Gunften 
der Stand- 
fahigkeit. 



493. 

Sicherung 

gegen Feuer. 



4io 

Brandmauern, d. h. maffive Trennungswände, welche bis über Dach gehen 
und möglich!! mit felbftfchliefsenden, unverbrennlichen Türen verfehen find, pflegen 
bei gröfseren Gebäuden in Abftänden von 30 bis 40 m verlangt zu werden. Für 
eiferne Balken und Stützen, die keineswegs feuerficher find, werden unverbrennliche 
Umhüllungen gefordert. Die grofse Mannigfaltigkeit der Feuerfchutzvorfchriften in 
den verfchiedenen Städten und Ländern ift in dem Gegenftande felbft nicht be- 
gründet. Manche Vereinfachung und gröfsere Uebereinftimmung wären erwünfcht. 
Möge man aber den Fachwerkbau nicht allzufehr erfchwer«n! Derfelbe hat für 
gewerbliche Bauten, welche für den Fall der Gefahr mit den nötigen Rettungs- 
einrichtungen (z. B. äufseren Sicherheitstreppen) ausgeftattet find, für die Bebauung 
ländlicher Bezirke und fchliefslich für ftädtifche Villenviertel eine erhebliche wirt- 
schaftliche und künftlerifche Bedeutung. Ein mit Fachwerkbauten, befonders in den 
Obergefchoffen , untermifchter Villenftadtteil , in völlig offener Bauart durchgeführt, 
alfo mit freiftehenden, nicht fehr hohen Gebäuden, ift gewifs grofsen Feuersbrünften 
weniger zugänglich als die hohen maffiven Stein- und Eifenbauten, mit welchen 
das Innere unferer Grofsftädte fo dicht bedeckt ift. Im erften Rayon von 
Feftungen, wo nur 7 m hohe Holzgebäude und im zweiten Rayon, wo nur 13 ra 
hohe Fachwerkbauten gefetzlich zuläffig find, ift die Vorfchrift der offenen Bau- 
weife mit anfehnlichen Zwifchenräumen der befte und wohl allein mögliche Feuer- 
schutz. 
494. Als eine fernere Aufgabe der Bauordnung haben wir oben die Regelung ge- 

nachbtrikh« w *ff er nachbarlicher Beziehungen genannt. Die Freiheit der baulichen Ausnutzung 
Beziehungen, eines Grundftückes ift gegenüber den Anfprüchen des Nachbars nur wenig befchränkt. 
Luft und Licht dürfen ihm beeinträchtigt werden, ohne dafs er einen Anfpruch 
geltend machen könnte. Im Geltungsbereiche des franzöfifchen Rechtes kann fogar 
jeder ftädtifche Grundbefitzer feinen Nachbar auf dem Wege Rechtens nötigen, 
zu dulden, dafs die Grenzmauer und die Gebäudeumfaffung zur Hälfte auf das eine, 
zur Hälfte auf das andere Grundftück gefetzt werden, und infofern jemand die 
Umfaffungsmauer feines Haufes auf feinem Eigentum, aber an der Grenze errichtet 
haben follte, ift der Nachbar jederzeit berechtigt, die Hälfte diefer Mauer zwangs- 
weise gegen Erftattung des Wertes zu erwerben. Durch das neue bürgerliche 
Gefetzbuch ift diefes unbedingte Recht der Gemeinfchaftlichkeit in ganz Deutfchland 
abgefchafft. Viele Bauordnungen laffen aber die Gemeinfchaftlichkeit der Grenz- 
mauern im beiderseitigen Einvernehmen zu; andere verbieten fie. Eine allgemein 
berechtigte Forderung ift es jedenfalls, dafs in gemeinfchaftlichen Mauern keine 
Höhlungen (Nifchen, Schränke) oder gar Schornfteine enthalten fein follen, welche 
zur Schwächung der Standfähigkeit führen, fowie zu Verwechfelungen und gegen- 
feitigen Beläftigungen faft immer Anlafs geben. 

Sonftige Nachbarbeziehungen kommen bezüglich der Entwäfferungsanlagen 
und der Aborte in Frage. Die oberirdifche Abwäfferung des einen Grundftückes 
über andere ift für Neubauten, weil zu unvermeidlichem Zwift führend, als unzu- 
läffig zu erklären; auch bei unterirdifchem Anfchlufs an das ftädtifche Sielnetz foll 
jedes Haus für fich felbftändig entwäffert werden. Ebenfo ift hinfichtlich der Aborte 
und Abortgruben nicht blofs jede Gemeinfchaftlichkeit zu unterfagen; fondern es 
muffen diefe Einrichtungen, Spülaborte ausgenommen, auch eine zur Verhütung 
nachbarlicher Beläftigungen ausreichende Entfernung von der Grenze (60 bis 100 cm ) 
beobachten. 



411 

Einen befonderen Einflufs auf benachbarte Grundftücke üben die Lokomotiv- 
eifenbahnen aus, infofern als fie fowohl durch Erfchütterungen , wie durch Funken 
den Gebäuden gefahrlich werden können. % Der erfteren Gefahrdungsart kann nur * 
durch die Standfeftigkeit der Bauten, der letzteren durch feuerfichere Bauart vor- 
gebeugt werden; aufserdem find in verfchiedenen Ländern verfchiedenerlei Abftände 
der Neubauten von Eifenbahnen vorgefchrieben. Baumeifler fchlägt die allgemeine 
Feftfetzung geringfter Abftände von 3 m für gefchloffene Maffivmauern, 8 m für ge- 
wöhnliche feuerfichere Bauten, 30 m für feuergefährliche Bauten und Stoffe vor, und 
zwar gemeffen von der Mitte des nächften Gleifes. 

Die fozialen Gefichtspunkte können, unter entfprechender Geftaltung des Be- 4 * s - 
bauungsplanes und der Parzellierung, nur durch eine fachgemäfse Abftufung der Geficht»- 
Bauordnungsvorfchriften wahrgenommen werden, da man im Kern der Städte die punkte. 
berechtigten wirtfchaftlichen Intereffen, die fich dort gebildet haben, nicht ver- 
letzen und auch in neuen Stadtteilen die infolge bisheriger Entwickelung zu Recht 
beftehenden Bodenwerte nicht aufser acht laffen darf. Wo aber die Bodenwerte 
noch gering find und namentlich wo es fich um noch jungfräuliches Gelände 
handelt, da liegen keine berechtigten Intereffen vor, welche die Rückficht auf die 
Gefundheit und foziales Wohlbefinden in den Hintergrund drängen könnten. Hier 
kann man das Maffenmiethaus verbieten, die Höhe der Gebäude, die Zahl der 
Stockwerke, die Hinterbauten u. f. w. einfchränken und zugleich die Entftehung 
des kleinen Haufes, fowie die Errichtung von Miethäufern mit wenigen luftigen 
Kleinwohnungen durch Parzellierung und Bauordnung begünftigen. 

Die Abftufung der Bauordnung foll in diefem Sinne eine doppelte fein eines- ^ 6 - 

Staffelung. 

teils nach örtlichen Bezirken, anderenteils nach Gebäudegattungen. 

Nach Ortsbezirken bezieht fich die Staffelung im wefentlichen auf folgende 
Punkte: zuläffige Gebäudehöhe, Verhältnis zwifchen der Gebäudehöhe und der 
Strafsenbreite einerfeits, fowie der Hof breite andererseits (Lichtwinkel), Zahl der 
Stockwerke, Zulaffung oder Verbot von Keller- und Dachwohnungen, Zahl der 
Wohnungen im Haufe, Zulaffung oder Verbot von Hintergebäuden und Hinter- 
vvohnungen, Begrenzung der Gebäudetiefe und infolgedeffen Freihaltung des Block- 
inneren (hintere Baulinie), Zulaffung oder Verbot von Fabriken, offene, bezw. Gruppen- 
und halboffene Bau weife (fiehe Art 6, S. io). 

Die Abftufung der Baubeftimmungen nach Gebäudegattungen bezieht fich zu- 
nächft auf die Bauftoffe (Maffivbau, Eifenfachwerk, Holzfachwerk), fodann auf etwaige 
Mindeftftärken für Mauern und Decken, auf die Breite und Bauart und Zahl der 
Treppen, auf Durchfahrten oder Durchgänge zum Hofe, auf die Zahl und Licht- 
höhe der Stockwerke, auf die Zulaffung gemeinfchaftlicher Brandmauern u. f. w. 
Es leuchtet ein, dafs in diefen Punkten ein erheblicher Unterfchied befteht, je 
nachdem es fich um eine Mietkaferne , bezw. ein grofses Miethaus mit Höfen und 
Hintergebäuden oder aber um ein Einfamilienhaus, bezw. ein Haus mit wenigen 
Kleinwohnungen handelt, je nachdem die offene Bauweife oder der gefchloffene 
Reihenbau angewandt wird, je nachdem Fabrikbauten oder reine Wohngebäude in 
Frage flehen. 

So foll in neueren Stadtteilen die Entftehung jenes weiträumigeren, gefunderen, 
angenehmeren und fozial befferen Wohnungswefens begünftigt werden, auf welches 
man in vielen älteren Stadtvierteln, hauptfächlich wegen der hohen Bodenwerte, 
zum Teil auch aus Rückficht auf gefchäftliche Betriebe, verzichten mufs. 



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414 

497- Unter Umftänden wird fchliefslich auch die »Aefthetik«, die Sorge für das 

s^m/ »fchöne« Ausfehen der Gebäude als ein Gebiet baupolizeilicher Tätigkeit ange- 
Schönheit fehen. So verkehrt auch die Anficht ift, durch blofse polizeiliche Einwirkung 

Denk ^, pflegc könne man fchöne Faffaden und fchöne Strafsen fchaffen, und fo gründlich die in 
früheren Zeiten beliebte baupolizeiliche Schematifierung der Höhe, der Stock werks- 
zahl, der Gefimfe, des Bauftils, kurzweg der Hausanfichten gegenüber unferen heu- 
tigen Anfchauungen und Schönheitsbegriffen fich verirrt hat ; fo gibt es doch Fälle, 
wo die Polizei zwar nicht Schönes zu fchaffen, aber doch augenfcheinliche »Verun- 
ftaltungen« mit Recht zu verhindern fucht. Ift doch auch bei Feftfetzung von 
Fluchtlinien nach § 3 des preufsifchen Fluchtliniengefetzes darauf Bedacht zu 
nehmen, dafs eine Verunftaltung der Strafsen und Plätze nicht eintritt. 

Es laden fich drei Fälle aufzählen, in welchen gegen grobe Unfchönheiten 
polizeiliches Einfehreiten am Platze ift. Wenn ein Hauseigentümer aus Geiz oder 
Böswilligkeit fein Gebäude verkommen läfst, fo follte die Polizei ihn zur Ausbefferung 
des Putzes, der Fenfter, des Daches u. f. w., auch zur Erneuerung des Anftriches, 
anhalten können; diefer Fall kommt in manchen Orten häufiger vor, als man denkt. 
Zweitens ift die Möglichkeit eines baupolizeilichen Verbotes folcher Bauten er- 
wünfeht, die in einem Block mit ungeregelten Grundftücksgrenzen mit Sicherheit 
die Verunftaltung der Strafsenanficht und der ganzen Blockbebauung befürchten 
laffen (vergl. Fig. 639, 645 u. 649); durch gefetzliche Grenzumlegung wird allerdings 
diefem Uebelftande beffer und wirkfamer vorgebeugt. 

Der dritte Fall begreift die oben bereits erwähnte baupolizeiliche Einwirkung 
auf die Denkmalpflege in fich. Die Höhen, die Bauftoffe, die Formen und Farben 
von Neu- und Umbauten find in den Bauordnungen mancher Städte (z. B. Hildes- 
heim, Frankfurt a. M., Nürnberg, Rotenburg o. T., Lindau, Prag) gewiffen polizei- 
lichen Vorschriften und Einfchränkungen unterworfen, um alte Strafsen- und Platz- 
bilder nach Möglichkeit zu erhalten und die Umgebung von Baudenkmalen vor 
Verunftaltung zu fchützen. Auch auf die Unterhaltung und Abänderung kunft- oder 
gefchichtswerter Bauten beziehen fich derartige Beftimmungen, mitunter auch auf 
die Erzielung harmonifcher Gefamtwirkung an neuen Plätzen und Strafsen. Die 
hindernde Tätigkeit der Polizeibehörde bedarf aber auf diefem Gebiete der Ergän- 
zung durch förderndes Wirken von Staat und Gemeinde, indem die Bauluftigen 
durch fachgemäfsen Rat, unter gewiffen Bedingungen auch durch Geldzufchüffe, 
endlich durch architektonifche vorbildliche Entwürfe unterftützt werden, wie letzteres 
beifpielsweife durch öffentliche Wettbewerbe in Bremen, Lübeck, Cöln u. a. O. ge- 
schehen ift. 
49 8. Eine etwas weitergehende Einwirkung auf die äfthetifche Ausbildung der Ge- 

Bauvorfchriftcn bäude, als die Polizei, kann der Eigentümer gröfserer Grundflächen ausüben, indem 

feitens des 

bisherigen er beftimmte Bauvorfchriften zur Bedingung des Verkaufes macht. Sowohl Bau- 
Grand- crefellfchaften als Gemeinden haben diefes Mittel mit vielem Erfolge angewendet; 

eigen tümers. ° «=» « 

fo in Berlin, München, Cöln, Düffeldorf. Aber vor zu weitgehenden Architektur- 
vorfchriften mufs auch in folchen Fällen gewarnt werden ; auf gefundheitliche Rück- 
fichten (Verbot zu grofser Höhen, zu fchmaler Bauftellen, zu dichter Bebauung), 
auf die Sicherung eines beftimmten Strafsencharakters (Landhäufer, Ausfchlufs von 
Gewerben) und auf die Vorfchrift echter Bauftoffe (Haufteine, Blendziegel) werden 
fich folche Vertragsvorbehalte in der Regel befchränken. Im übrigen führt bei 
gefunden Zuftänden der Wettbewerb unter den Baumeiftern am beften zur Schön- 



t 1889). 











A\ Bäumet fler'% 


Gefetzentwurf 
des 


tdapcft. 


Brüflel. 


Paris. 


Rom. 


»Normale 
Bauordnung«. 


■Deutfchen 

Vereins für 

öffentliche Ge- 












fundheitspflege« . 



g, d.i. A = 16m, 
berall; 

g, d.i.* = 21», 
6-y 10 m; 

g, dj. A = 26«, 
1^315«. 



höchftens 
21 m. 



\\-h\ 

:ens 6 m, wenn 
teiderfeitig ver- 
wenn aber nur 
Seite verbaut, 
ideren Seite an 
hbargrund an- 
i, /«(»=!■. 



-0 >l5 (;. 



1. Zwifchen- 
fchofs). 



thaft. Ausnah- 
in bereits be- 
Häufern , in 
en Gebäuden 
thäufern, wenn 
lichte Höhe der 
en fich über 
»öden befindet 
ohnungen nicht 
tet werden. 



-I- 



6: 

unter 7, g m 

7, 8 bis 9,74 m 

9,74 • 20m 
*^20m 



h: 
12 m 
15m 
18m 
20 m. 



wenn h — unter 18»», A* =. 30 qm, 

/min ~ 5 » ; 
» h - über 18 » \ „ _ , n 
» h x - unter 18» Z*" 40 * • 

/min = 5 » ; 

= ÜbCf 18 "}/?=60., 



h 



— über 18 > 
/min — 6 *, 



Überall 
14 m, 

höchftens 
24m; 

Ä=ll/ 2 *. 



A-8/. 



Nicht ge- 
bräuchlich. 



(cinfchl. Zwifchengefchofs, 
aus fehl. Dachgefchofs). 



I 



Im allgemeinen nicht zuläffig; 

nur ausnahmsweife werden 

einzelne Wohnräume in Keller- 

gefchoflen geftattet. 



6m. 

ftimmten Stadt- 
i geblattet. 



kus feuerfeftem 
aber auch 
n, jedoch nur 
fcrfeitig einge- 
len maffiven 
{tufen. 






Nein. 



Nein. 



Ja. 



Fa. 



Nein. 



Ja- 



Nein. 



Ja- 



Unzuläflig. 



Nein. 



J*. 



Überall 12 m; 
h-b. 



/— h (die Höhe ge- 
meiTen von der Fen- 
fterbank bis zur Ober- 
kante des gegenüber- 
liegenden Gebäudes) ; 

/— — h bei hinzu tre- 
8 

tendem Seitenlicht. 



(für alte Bau- 
ftellen 



A=li| 2 / 

(für alte Bau- 

ftellen 



/min = 4 '« 

(für alte Bau- 

ftellen 

/=2,5 m ). 



(in Vordergebäuden 

auf älteren Bau- 

ftellen 5). 



Nur ftatthaft 

mit Lichtgräben, 

deren Breite gleich 

der Tiefe ift. 

Einzelne Wohnräume 

im Kellergcfchofs 

zuläffig, wenn der 

Fufsboden höchftens 

l m unter, der Fenfter- 

fturz wenigftens Im 

über dem Erdboden 

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5 m ( 

(mit Abweichungen). ' 



Nicht ftatthaft. 
Einzelne Wohn- 
räume im Keller 
nur, wenn der 

Fufsboden 
höchftens 1 m 
unter, der 
Fenfterfturz 
wenigftens 1 m 
über dem Erd- 
boden liegt. 



Bei gröfserer Höhe 

als 10 m eine feuer- 

fichere Treppe oder 

zwei gewöhnliche 

Treppen. 



Ja. 
(Jedoch nicht mit 
unbedingter Ver- 
pflichtung der 
Grundbefitzer.) 



Ja. 



Wird 
beantragt. 



415 

heit, zur Mannigfaltigkeit. Den Wettbewerb durch Ausfehreibung von Preifen für 
die in einer beftimmten Zeit entftehenden bellen Wohnhäufer anzueifern, könnten 
fich manche Gemeinden, nach dem Vorbilde von Brüffel, angelegen fein laflen. 

Wir wollen diefe Erörterungen, deren weitere Ausdehnung den Zweck des 
vorliegenden Halbbandes überschreiten würde , nebenftehend durch Hinzufügen 
eines älteren tabellarischen Auszuges aus verfchiedenen ftädtifchen Bauordnungen 
(vom Jahre 1889), fowie derauf S. 412 u. 413 mitgeteilten Zufammenftellung der Haupt- 
anforderungen befchliefsen , die wir einigen neueren StafTelbauordnungen aus Weft-, 
Nord- und Süddeutfchland , fowie Oefterreich entnommen haben (vom Jahre 1905). 



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DER STÄDTEBAU. 



5. Abfchnitt. 

Bauliche Anlagen unter und auf der Strafse. 

1. Kapitel. 

Wafferverforgungs- und EntwäfTerungsanlagen. 

Es kann nicht Aufgabe diefes Kapitels fein, einen Abrifs über »Waffer- 
verforgung, Entwäfferung und Reinigung der Städte« zu bieten. Zum Teile würde 
der Umfang des vorliegenden Halbbandes in ungebührlicher Weife wachfen-, zum 
anderen Teile würde dadurch zu weit in das Sondergebiet des Ingenieurs ein- 
gegriffen werden. Zwar läfst fich bei Behandlung des »Städtebaues« das letztere 
Gebiet nicht völlig meiden; doch wird es in diefem »Handbuch« nur infoweit zu 
betreten fein, als es zum Städtebau in unmittelbarer Beziehung fteht. 



a) Waflerverforgungsanlagen. 

Bereits in Teil III, Band 4 (Abt. IV, Abfchn. 4, D: Wafferverforgung der 
Gebäude) ift gefagt worden, dafs die Grundfatze, auf welche fich die Befchaffung 
einer gewiffen Waffermenge ftützt, fich vollkommen gleich bleiben, ob diefelbe zur 
Versorgung einer ganzen Stadt oder einer kleinen Gemeinde oder nur eines einzelnen 
Gehöftes oder eines Haufes dienen foll. Was deshalb an der angeführten Stelle, 
insbefondere in Kap. 1 (Befchaffung des Waffers) über die verfchiedenen Arten des 
Wafferbezuges, über die Gröfse des Wafferbedarfes , über die etwa notwendig 
werdende Reinigung des Waffers u. f. w. gefagt worden ift, gilt in den Hauptzügen 
auch dir die Wafferverforgung der Städte. Bezüglich der einfchlägigen Einzelheiten 
mufs auf die betreffende Sonderliteratur, welche im genannten Bande gleichfalls an- 
geführt ift, verwiefen werden. 

Die Zuführung des gewonnenen Waffers zur Stadt gefchieht feiten mit natür- 
lichem Gefälle, zumeift unter Druck mittels Pumpwerken. Im erfteren Falle fliefst 
das Waffer entweder in gemauerten Kanälen , Zement- oder Tonrohren , auf Aquä- 
dukten u. f. w. , falls das Gefalle ein kontinuierliches und innerer Druck nicht vor- 
handen, bezw. gering ift, oder in Gufseifenrohren, falls ftarker Inriendruck vorhanden, 
befonders wenn das Längenprofil ein wellenförmiges ift, alfo Gefall- und Steigungs- 
ftrecken wechfeln. Beförderung unter künftlichem Drucke mittels Pumpmafchinen ift 
erforderlich, wenn die oberen Gefchoffe der Häufer in den höchftgelegenen Stadt- 
teilen unter Berückfichtigung des Reibungswiderftandes vom Wafferfpiegel der Ge- 



499- 
Befchaffung 

des 
Waffen. 



500. 

Zuführung 

des Waflers 

zur Stadt. 



420 

winnungsftelle nicht mehr bedient werden können. Beffer ift es noch, wenn der 
Anfpruch befriedigt wird, dafs am höchften Punkte der Stadt der aus einem 
Hydranten gefpeifte Schlauch der Feuerwehr wirkfam die Dächer beftreichen kann. 
Um einen gleichmäfsigen Betrieb eines ftädtifchen Wafferwerkes zu erzielen, 
fchaltet man einen, unter Umftänden auch mehrere Vorratbehälter ein, die während 
der Tagesftunden des fchwachen Wafferverbrauches den geförderten Ueberfchufs 
aufnehmen und ihn in den Stunden des ftarken Verbrauches abgeben. Für die 
meiden Städte genügt ein derartiger Verteilungs- oder Hochbehälter (Verteilungs- 
oder Hochrefervoir; vergi. auch das in Teil III, Band 4 diefes »Handbuches« 
über folche Behälter Gefagte), welcher bald in der Nähe der Waffergewinnungs- 
ftelle, bald in der Nähe der Stadt, bald jenfeits letzterer angeordnet wird. 

1) Anlagen unter der Strafse. 

501 Die unter den ftädtifchen Strafsen, d. h. im Strafsenkörper verdeckt auszu- 

führenden Anlagen beliehen aus den Brunnen für die Strafsenpumpen und aus dem 
Rohrnetz mit feinen Einzelheiten für die allgemeine Verforgung. 

Die Brunnen in der öffentlichen Strafse einer dichten ftädtifchen Bevölkerung 
haben ftets den Verdacht gegen fich, dafs ihr Waffer durch menfchliche Abgänge 
oder fonftige faulende Flüffigkeiten verdorben wird. Bei der Neuanlage ftädtifcher 
Pumpbrunnen wird man deshalb enge Strafsen vermeiden, vielmehr die Brunnen 
auf öffentlichen Plätzen oder in ftädtifchen Pflanzungen abzuteufen fuchen, möglichft 
fern von allen Quellen der Verunreinigung. Ueber Anlage und Konftruktion der 
Brunnen ift in dem fchon mehrfach genannten Bande diefes »Handbuches« das Er- 
forderliche zu finden. 
502. Das an das Fallrohr des Hochbehälters fich anfchliefsende Stadtrohrnetz, 

welches meift nach dem Kreislauffyftem (zum minderten im Inneren der Stadt) an- 
geordnet wird, hat den Ringftrang, die Radial- und Nebenftränge zu feinen Haupt- 
beftandteilen. Zu den Einzelheiten des Rohrnetzes gehören die an den Knoten- 
punkten der Rohrachfen anzulegenden Teilkaften, die Abzweige, die Abfperrfchieber 
und die Hydranten. 

Hydranten (fiehe hierüber den gleichen Band diefes »Handbuches« 85 ) zur Ent- 
nahme von Feuerlöfchwaffer, zum Rinnfteinfpülen, Strafsenfprengen u. f. w. werden 
in Entfernungen von 50 bis 100 m angebracht, aufserdem an allen Rohrenden und 
an folchen Punkten, wo das Ausfpülen der Rohrleitung felbft zeitweilig erforderlich 
ift, oder wo Spüleinläffe der Entwäfferungskanäle angebracht find. Hydranten mit 
feften Standrohren find in verkehrsreichen Strafsen hinderlich. In grofsen Städten 
pflegt man daher die Hydranten (Unterflurhydranten) fowohl, als auch die Schieber 
in der Strafsenfläche durch gufseiferne Karten (Kappen) abzudecken, deren Lage 
durch Schilder an Häufern, Laternenpfoften und dergl. bezeichnet wird. 

Ueber die verfchiedenen gebräuchlichen Rohrmaterialien, über die Haus- 
anfchlüffe, die Hauswafferleitungen und die damit im Zufammenhange flehenden 
Einzelheiten ift in dem eben gedachten Bande diefes »Handbuches« das Nötige 
zu finden. 

Für Städteanlagen und Stadterweiterungen ift das Verlegen der Wafferleitungs- 
rohre im Strafsenkörper befonders wichtig. Die Frage, an welcher Stelle im 

86 ) Abf. III, Abfchn. 4, D : Waflervcrforgung der Gebäude. 



Stadt- 
rohrnetz 



421 

Strafsenkörper der Breite nach das Wafferrohr zu legen ift, läfst fich allgemein 
nicht beantworten, da eine ftädtifche Strafse aufser der Wafierleitung manche andere 
unterirdirche Leitungen (Gasrohre, Telephon- und Telegraphenkabel, Lichtkabel, 
Entwäfferungskanal, Kraftleitung, Fäkairohre u. f, w.) aufzunehmen hat. In englischen 
Städten hat man für fehr verkehrsreiche Strafsen vielfach einen befonderen Subway 
als Tunnel im Strafsen da mm hergeftellt, in welchem alle unterirdifchen Leitungen 
Platz finden. 

London befitzt ungefähr 15 km folcher unterirdifcher Gänge. Ein Beifpiel ift der Unter- 
grundweg der Sltaftesbury-Aoentte; derlelbe hat 8,«o m Sohlenbrcite und ift im Scheitel des Tonnen- 



(Juerfchnitt des Holborn -Viadukts zu London"). 

gewölbes 2,(s°'hoch; unter der Sohle des Ganges, welcher 7 Gas- und Wafferrohre und mehrere 
clektrifche Kabel enthält, liegt in defTen Mitte das eiförmig gemauerte Strafsenfiel. Einfteigc- 
Öffnungen von l,n >r 2,s» °> Gröfsc find in den Bürgerfteiginfeln auf der Strafsenmitte angebracht; 
fie dienen, da fie mit Gitterrolten zugedeckt find, zugleich zur Lüftung. Ein begehbarer Stich- 
kanal fuhrt zur Frontmauer eines jeden Haufes, fo dafs Strafse naufbrü che gänzlich verhütet find. 
Ein anderes Beifpiel zeigt Fig. 661, den Querfchnitt der erhöhten ffoiiarn-Strakc zu 
London darftellcnd. Telegraphen-, Gas-, Waffer- und Sielleitungen find hier in einem -Unter- 
wegei an jeder Strafsenfeite untergebracht; Ibwohl der Strafsendamm, als die feitlich ver- 
bleibenden Bürge rfteigltrcifen flehen nach englifcher Sitte mit den Hauskcllern in Verbindung, 



422 



fo dafs die Rohrleitungen nicht blofs leicht zugänglich, fondern auch die Anfchlüffe leicht her- 
zuftellen find 87 ). 

In Deutfchland haben derartige » Unterwege € keine Nachahmung, wohl aber 
mannigfachen Widerfpruch gefunden. Man zieht es vor, die Leitungen in die 
Strafsenerde zu betten, wobei es leicht ift, fie alle in den erwünfchten, verfchie- 
denen Tiefen anzuordnen, nämlich Kabel und Gasrohre mit l,oo m , Wafferrohre 
(in Rückficht auf die erforderliche Froftficherheit) mit 1,5 o bis 2,oo m , Entwäffe- 
rungskanäle mit 3,oo bis 4,oo m Deckung. 

Eine oft befolgte Regel ift die, dafs man den Entwäßerungskanal in die Mitte, 
das Wafferrohr auf die rechte und das Gasrohr auf die linke Seite legt; die Ent- 
wäfferungsanfchlüfle von den Häufern zum Kanal muffen alsdann allerdings unter 
den Gas- und Wafferrohren hindurch geführt werden (Fig. 662), und die Gas- und 
Wafferanfchlüffe kreuzen die ganze Strafsenbreite. Eine andere, bei einigermafsen 
Raum gewährenden Bürgerfteigen fehr empfehlenswerte Anordnung ift die in Fig. 663 



Fig. 662. 



fei 




Fig. 663. 






Sit] 




Fig. 664. 




Fig. 665. 



Fig. 666. 





Msoo w. Gr. 

dargeftellte, wonach unter jedem Bürgerfteig ein Gas- und ein Wafferrohr liegt. Schon 
bei Strafsen von 15 m Breite find folche Doppelleitungen wegen der Erfparnis an An- 
fchlufsleitungen und wegen der Vermeidung von Strafsendamm-Aufbrüchen von Vorteil. 

Für fehr breite Strafsen und Promenaden kommt oft die Anordnung in 
Fig. 665 zur Anwendung; noch zweckmäfsiger ift die Anordnung in Fig. 666 in 
folchen Fällen , wo nach den örtlichen Verhältniffen der geringe Abftand zwifchen 
Entwafferungskanal und Häuferfundament oder Vorgartenmauer keine Bedenken 
erregt und wo auch der Verderb von Bäumen durch die Nähe der Gasleitung nicht 
zu befürchten ift. Jede Unterfahrung einer Hauptleitung durch die Hausanfchlüfle 
der Kanalifation fällt bei diefer Anordnung fort. Wird auf eine Baumreihe an der 
Kante des Bürgerfteiges verzichtet, fo ift die in Fig. 664 gezeichnete Anordnung 
ganz unbedenklich. 

Auf die Wahl der Baulinie für die verfchiedenen Leitungen ift fchliefslich die 
Art der Aufeinanderfolge der verfchiedenen Rohrlegungen von Einflufs. »Das Siel 

8T ) Siehe auch: Leonhardt, O. Die Anordnung von Gas-, Wafler- und elektrifchen Leitungen in den Bürgerfteigen 
der Grofsftädte. Journ. f. Gasb. u. Wart". 1890, S. 4. 



423 

zuerft, das Waffer drauf, das Gas zuletzt — fo hat es die Vernunft gefetzt; das 
Gas vorab, das Waffer dann, der Sielbau hinterher — fo macht es häufig forgen- 
fchwer der Ingenieur!« Meißens allerdings ohne eigene Schuld. Ift man durch die 
Umftände genötigt, die tieferen Leitungen nach den weniger tiefen zu verlegen, fo 
wird man, um Betriebsftörungen und Rohrbrüche zu vermeiden, den Abftand mög- 
Jichft grofs wählen und die Unterfahrungen möglichft unter rechtem Winkel vor- 
nehmen. Lafst die gefährliche Annäherung der Leitungen oder die Unterfahrung 
im fpitzen Winkel fich nicht umgehen, fo find ftets aufmerkfame Vorfichtsmafsregeln 
und oft koftfpielige Sicherungen des oberen Rohrnetzes notwendig. 

In Paris, wo man den Entwäflerungskanälen einen begehbaren, oft fehr geräumigen Quer- 
fchnitt zu geben pflegt, ift es gebräuchlich, diefe grofsen Hohlräume nach Art der Londoner 

Fig. 668. Fig. 669. 

Boulevard Sebaßopol. Ruc de Puebla. 




Verlegen von Gas- und W allerlei rangen in den Entwäffeningsk analen zu Paris. 

Subways zugleich zur Unterbringung von Waffer- und Gasrohren, von Kraftleitungen und Kabeln 
aller Art zu benutzen (Fig. 667 bis 669). In Deutfchland hat man auch diefe Verlegungsart nur 
aus nahms weife für nachahmungswert gehalten. 

2) Anlagen über der Strafse. 

Bei der Waffe rverforgung aus einzelnen Strafsenbrunnen beliehen die Anlagen 
über der Strafse aus der Brunnenabdeckung und aus der Pumpe mit Pumpenpfoften, 
Pumpengeftell oder Pumpengehaufe. Ziehbrunnen in Städten find heute Selten- 
heiten; wie fehr aber folche Ziehbrunnen zur künftlerifchen Behandlung lieh eignen, 
zeigen manche noch beftehende Anlagen diefer Art aus dem Mittelalter und der 
Renai ffaneezeit. 

Bei den Pumpbrunnen befindet fich die Brunnenabdeckung in der Strafsenebene 
unmittelbar über dem Schöpfbrunnen oder, falls die Pumpe nicht lotrecht über 
dem letzteren fleht und die Hubhöhe den Atmofphärendruck überfteigt, auf dem 
fog. Beibrunnen. Die aus Steinplatten oder beffer aus einem verfchliefsbaren Gufs- 
eifendeckel mit Rahmen beftehende Abdeckung foll der Verkehrsficherheit wegen 
nicht im Fahrwege liegen, fondern in einem feitlichen Fufswege oder in einer Fufs- 
weginfel. Auf oder neben der Brunnenabdeckung erhebt fleh die Pumpe, am beften 
an der Kante des Bürgerfteiges oder der Fufsweginfel, fo dafs das Tropfwaffer un- 
mittelbar in die Strafsenrinne fällt und ohne Störung abfliefst, infoweit es nicht 



434 

von einem Kanaleinlauf fofort aufgenommen wird. Das Anbringen der Pumpe an 
der die Strafse begrenzenden Gebäudemauer oder in einer Mauernifche ift zwar 
durch die Rückficht auf den Verkehr oft begründet, aber wegen des über den 
Fufsweg fliefsenden Tropfwaffers immer mifslich. In breiten Strafsen mit Baum- 
reihen finden Pumpen einen paffenden Platz in der Baumlinie. 

Das Geftänge wird an einem gemauerten oder Haufteinpfeiler befeftigt, auch 
in einem fchmiedeeifernen Gerüft, in einem Holzkaften oder einer gufseifernen Säule. 
Aus vergangenen Jahrhunderten befitzen wir auf alten Plätzen und Strafsen noch 
viele maffive Pumpenpfeiler, zum Teile von hübfchem Ausfehen; fie find im all- 
gemeinen ebenfo, wie die hölzernen Gehäufe, veraltet. Um den Verkehr fo wenig 
als möglich zu beeinträchtigen, find gufseiferne Hohlpfoften heute fall allgemein 
üblich. Unter den Bewegungsarten: Kurbel, Fufshebel und Schwengel, ift letzterer 
die gebräuchlichfte. 

504. Die Strafsenbefeftigung foll über den Wafferrohren und Gasrohren keine dicht 
befefti *" gefchloffene Decke bilden, fondern fo befchaffen fein, dafs die bei Rohrbrüchen oder 

Undichtigkeiten entfliehenden Entweichungen von Gas oder Waffer fich an der Ober- 
fläche bemerkbar machen, bevor fie in das Innere der Häufer eindringen. Dennoch 
wird man nicht aus diefem Gefichtspunkte auf Afphalt- oder Holzpflafter, welche 
auf dichter Betondecke zu verlegen find, überhaupt verzichten. Aber man wird 
gut tun, dafür Sorge zu tragen, dafs die Bürgerfteige neben diefen dichten Pflafte- 
rungen ganz oder zum Teile durchläffig hergeftellt werden, am beften unter An- 
wendung einer Mofaik- oder Flachfteinpflafterung in Sand oder eines Belages aus 
natürlichen oder künftlichen Steinplatten, bezw. Plättchen. Dichte Bürgerfteige aus 
Zement oder Afphalt neben einer dichten Dammpflafterung find jedenfalls nicht 
unbedenklich. 

505. Die bis zur Strafsenoberfläche hinaufragenden Teile des Stadtrohrnetzes werden 
Hydrant^" < ^ urc ' 1 ^°S' Strafsenkappen verdeckt (vergl. Teil III, Band 4 diefes ^Handbuches«). 

etc. Die Mafse und die Geftalt diefer Kappen follen den Beftandteilen der Strafsen- 
befeftigung entfprechen. Während ovale Kappen von beifpielsweife 27 X 36 cm 
Gröfse in Steinfchlagbahnen und Afphaltftrafsen unbedenklich fein mögen, find fie 
im Stein- oder Holzpflafter wegen des an Steinen und Holzklötzen entfliehenden, 
die Strafsendecke fchädigenden Verhaues ungeeignet. Hier find vielmehr recht- 
winkelige Strafsenkappen, dem Stein-, bezw. Blockformat entfprechend und in der 
Reihenrichtung verlegt, erforderlich. In Bürgerfteigen mit diagonal verlaufenden 
Pflafterfteinreihen find auch die Hahnkappen über Ecke zu verfetzen und dem Stein 
format anzupaffen. 

Ueber die Strafsenoberfläche ragen die lofen oder feften Standrohre zum An- 
schrauben der Schläuche für Feuerwehr und Strafsenbefprengung , ferner Ventil- 
brunnen, Laufbrunnen und Springbrunnen hervor. Die Hydranten mit feften Stand- 
rohren, Ueberflurhydranten genannt, werden gewöhnlich durch die bereits erwähnten 
Unterflurhydranten erfetzt, weil erftere für den Verkehr auf der Strafse unerwünfeht 
und öfteren Befchädigungen ausgefetzt find. Bezüglich der konftruktiven Einzel- 
heiten folcher Hydranten und der Ventilbrunnen mufs wieder auf Teil III, Band 4 
diefes »Handbuches« und auf die einfehlägige Sonderliteratur verwiefen werden. 

506. Laufbrunnen, welche ununterbrochen Waffer fpenden und infolgedeffen einen 
Laufbrunnen. ft ar k en Wafferverbrauch bedingen, erfüllen wichtige Zwecke, fei es, dafs fie nur 

dazu dienen, folchen Wafferbedarf zu liefern, welcher in den Häufern nicht zweck- 



425 



mäfsig befriedigt werden kann, fei es, dafs fie zugleich eine Zierde der öffentlichen 
Strafsen und Plätze bilden. Zum blofsen Nutzen dienen beifpielsweife viele Markt- 
brunnen, Trinkwaffer und Reinigungswaffer für den Marktverkehr liefernd; viele 
Auslaufbrunnen von Quell wafferleitungen in Dörfern und kleinen Städten, wo. der 
müde Wandersmann aus hohler Hand oder mit angekettetem Zinnbecher den kühlen 
Trank fchöpft und abends Frauen und Mädchen das Haushaltungswaffer holen; 
endlich die in englifchen und belgifchen Städten verbreiteten Tränkebrunnen für 
Vieh, befonders für Drofchkenpferde und Ziehhunde. 

In Fig. 670 ift ein folcher Tränkebrunnen aus London fkizziert. Sowohl das obere für 
Pferde, als das untere für Hunde beftimmte Becken befteht nebft den Stützen aus Granitquadern. 

In dem Auffatz an einem Kopf- 

Fig. 670. 

zufuhr 




"Becken für Pferde 



I 



Becken f&r Mund» 



wxt f i i^—S-aj«** -Z- " jew r 



1 lso w. Gr. 




ende befindet fich der Ver- 
fchlufs- und Stellfchieber; der 
Ueberlauf des oberen Beckens 
fpeift das untere. Für Drofch- 
kenhalteplätze find folche Trän- 
ken eine wahre Wohltat. 

Einige Laufbrunnen, 
die zugleich Zierbrunnen 
find, wurden im vorher- 
gehenden Halbbande diefes 
»Handbuches« (Abt. VIII, 
Abfchn. 2) mitgeteilt. Diefe 
Beifpiele zeigen, wie die 
Laufbrunnen in Verbindung 
mit architektonifchen oder 
figürlichen Werken zu her- 
vorragenden Kunftfchöp- 
fungen fich geftalten kön- 
nen, deren Wirkung ge- 
rade durch den belebenden 
Waflerfprudel in anfpre- 
chendfter Weife gefteigert 
wird. Es liegt nahe, hier 
auf eine Reihe bekannter 
Laufbrunnen des Mittelalters und der Renaiflance in deutfehen und franzöfifchen 
Städten hinzuweifen (befonders in Augsburg, Nürnberg, Braunfchweig, Bafel, Nancy, 
Rouen); aber alle Städte der Erde überflügelt in diefer Beziehung Rom. Nicht 
blofs öffentliche Plätze, auch Strafsenfchlufspunkte , Strafsenecken und ganze Ge- 
bäudefronten finden wir dort mit Lauf- (und Spring-)Brunnen gefchmückt, oft in 
riefigen Abmeffungen. Pferde und Maulefel fchlürfen an den Becken ihren Labe- 
trunk; Helden und Götter zieren den Aufbau. Wie anderwärts Erker, fo fchmücken 
hier vier Laufbrunnen Quattro Fontane die Strafsenkreuzung in der Nähe des Quirinal, 
und die Hauptfchaufeite des Palazzo Poli bildet die figurenreiche Fontana di Trevi. 
Ihr verwandt, aber weit weniger monumental ift der ebenfo bekannte St. Michaels- 
Brunnen zu Paris, welcher die 15 m breite, 26 m hohe Schaufeite des Eckhaufes 
des Boulevard St. Michel und des Boulevard St. Andre einnimmt. In ähnlicher 
Art find an die Wand eines Eckhaufes angelehnt der Moliere-Brunnen und der 
Cuvier-Brunnen zu Paris. 




Laufbrunnen zum Viehtränken in London. 



426 



Die Unterscheidung zwifchen Laufbrunnen und Springbrunnen befleht darin, 
dafs aus erlleren das Walter unter mäfsigem Drucke ausläuft, während bei letzteren 
ein oder mehrere Wafferflrahlen unter einem gröfseren Drucke emporfpringen. 
Viele Brunnen, befonders unter den gröfseren Werken, find zugleich Lauf- und 
Springbrunnen. 

Die einfachften Springbrunnen find diejenigen, die aus einem einzigen, aus 
der Mitte eines Beckens entfp ringenden Strahle beliehen. Nach der Höhe des 
Strahles richtet fich der erforderliche Halbmeffer des Beckens, welcher mindeftens 
gleich der Strahlhöhe fein follte, damit bei leichtem Winde das Walter nicht über 
den Rand geweht werde. Bei flarkem Winde ill der Zuflufsfchieber zu fchliefsen. 
Sowohl um die übergewehten Waffertropfen von der Strafse fernzuhalten , als 
des be fferen Aus- 

Fig. 671. 



~w 



\3 



int 





fehens wegen pflegt 
man das etwas ver- 
tieft in der Erde 
liegende Becken mit 
einem Kranze von 
Rafen, Blumen und 

Zierfträu ehern zu 
umgeben , welcher 
die Tropfen auffängt. 
Diefe Kranzfläche 
follte ftets von der 
Umfaffung nach dem 
Becken hin abfallen, 
damit der auf dem 
Bürgerfteig flehende 

Beobachter die 

Pflanzung und den 

Wafferfpiegel von 

oben voll über 
fchauen kann. Da 

h och fpringen d e 
Strahlen fehr grofse 

Becken erfordern , für die auf der Strafse oder auf freien Plätzen feiten ein aus- 
reichender Raum vorhanden ift, fo liebt man es, das in der Regel durch Grotten- 
Heine verdeckte oder auch figürlich ausgebildete Mundftück des Strahles abwech- 
felnd mit allerlei Auffätzen zu verfehen, welche eine Braufe, eine Glocke, ein 
Strahlenbüfchel oder infolge hydraulifcher Drehung bewegliche Strahlenfiguren her- 
vorrufen. Bezüglich verfchiedener Mundftückkonllruktionen , durch die man bald 
einen fparfamen Wafferverbrauch , bald befonders geftaltete Waflerftrahlen erzielt, 
fei gleichfalls auf Teil III, Band 4 diefes •Handbuches» verwiefen. 

Von der formalen Ausbildung und von der architektonifchen , häufig bis zur 
Monumentalität gefteigerten Geftaltung der Springbrunnen war bereits im vorher- 
gehenden Halbbande (Abt. VIII, Abfchn. 2) die Rede. Zu den zahlreichen dort 
vorgeführten Beifpielen fei hier noch die Gefamtanlage des Springbrunnens auf dem 
Kaifer- IVMe/m-Riag zu Cöln (Fig. 671) hinzugefügt. 



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Springbnmoenanlage auf dem Kaifer-(f;VA«/ra-Ring zu Cöln. 



427 

Mit der Verbreitung der ftädtifchen Wafferleitungen und dem wachfenden 
Beftreben, Plätze und Strafsen der Städte nach Möglichkeit zu verfchönern, kommt 
auch die alte Freude an künftlerifch ausgebildeten Brunnenwerken wieder zu ihrem 
Rechte. Laufbrunnen und Springbrunnen, breit gelagerte Becken und reich ge- 
gliederte Aufbauten werden mit mythologischen Figuren, mit Helden der Sage und 
der Gefchichte in künftlerifche Verbindung gebracht. (Vergl. auch den eben ge- 
dachten Halbband diefes »Handbuches«.) 



b) Entwäflerungs- und Reinigungsanlagen. 

Was an Grundfätzlichem über die Entwäfferung und Reinigung der Städte 
zum Verftändnis der nachfolgenden Darlegungen zu wiffen ift, wurde bereits in 
Teil III, Band 5 (3. Aufl.: Heft 2) diefes »Handbuches« erörtert. Bezüglich weiter- 
gehender Einzelheiten mufs auf die Sonderliteratur verwiefen werden, die im ge- 
dachten Bande an einigen Stellen gleichfalls angeführt ift. 



508. 

Ueberficht. 



1) Anlagen unter der Strafse. 

Die nachfolgenden Betrachtungen werden fich hauptfächlich nur auf die 
Schwemmkanäle beziehen. 

Um Kanäle revidieren und Ausbefferungen daran vornehmen zu können, an 
Vereinigungspunkten verfchiedener Kanalftrecken , an den Punkten, von denen aus 
die Spülung ftattflnden foll u. f. w. , werden Einfteig-, Revifions- und Spülfchächte 
angeordnet. Die Rohrkanäle werden von Schacht zu Schacht in geraden Linien 
verlegt, damit fie behufs Feftftellung ihrer richtigen Lage und Reinhaltung durch- 
leuchtet werden können. Ift es nötig, zwifchen zwei Einfteigefchächten , deren 
Abftand gewöhnlich 60 bis 100 m beträgt, die Kanallinie zu knicken, fo wird auf 
dem Knickpunkte ein Lampenfchacht angebracht; auch ordnet man wohl Lampen- 
fchächte, d. h. Standrohre, in denen man ein Licht hinunterlaffen kann, zwifchen 
je zwei Einfteigefchächten an, wenn man ihren Abftand aus Sparfamkeitsrückfichten 
vergröfsert. 

Die bereits erwähnten Spüleinrichtungen hier näher zu beschreiben, würde zu 
weit fuhren; die einfchlägigen Sonderfchriften geben hierüber die erwünfchte Aus- 
kunft. Das gleiche gilt bezüglich der Strafseneinläufe oder Sinkkaften (Gullies), in 
die das Strafsen waffer zunächft einfliefst und die (mittels Senkfchächten und Waffer- 
verfchlüffen) fo einzurichten find, dafs die Sinkftoffe zurückbehalten werden und 
die Luft des Strafsenkanals auszutreten verhindert ift. Die gewöhnliche Lage 
diefer Einlaufe ift in der Sohle der Strafsenrinne neben der erhöhten Bordfchwelle 
des Bürgerfteiges; in engen Strafsen jedoch zieht man es vor, den Sinkkaften unter 
den Bürgerfteig zu fetzen und einen feitlichen Einlauf in der Bordfchwelle anzu- 
bringen. 

Da die unterirdifchen Kanäle möglichft auch alle Kellerfohlen entwäffern follen, 
fo mufs man für den (unter Umftänden angeftauten) Kanal wafferfpiegel wenigftens 
3,oo m Tiefe unter der Strafsenoberfläche verlangen; fomit kommt die Sohle in der 
Regel mindeftens auf 3,50 bis 4,oo m Tiefe zu liegen (vergl. auch Art. 502, S. 421). 

Der Kanal wird meiftens in der Mitte der Strafse angeordnet (Fig. 672). In 
Strafsen von mehr als etwa 20 m Breite pflegt man zwei Kanäle unter die Bürger- 
fteige zu legen, um die Länge der Anfchlufsrohre und das Aufbrechen der Strafse 



509. 

Kanäle, 

Schächte, 

Einlaufe etc. 



510. 

Lage 

der Kanäle. 



428 



5ii. 
Rinnen. 




zu vermindern; befonders in folchen Fällen, wo man grofsen Wert darauf legt, 
dafs bei Ausführung der Häuferanfchlüfle das nachträgliche Aufbrechen des Fahr- 
dammes vermieden werde, empfiehlt 
fich diefe Anordnung (Fig. 673). Fig. 672. 

Die Ausfuhrung des Kanalnetzes 
kann fehr befchwerlich werden und 
erfordert grofse Aufmerksamkeit, wenn 
dasfelbe nach dem Gas- und Wafler- 
rohrnetz ausgeführt wird, wie dies in 
alten Stadtteilen leider die Regel ift. 
Wie fchon in Art. 502 (S. 423) gefagt 
wurde, ift in folchen Fällen der Ab- 
ftand der Kanallinie von den höher- 
liegenden Rohren, um Brüche und 

Betriebsftörungen zu vermeiden, möglichft grofs und der Unterfahrungswinkel mög- 
lichft rechtwinkelig zu nehmen. 

2) Anlagen über der Strafse. 

Die in der Strafsenoberfläche oder über derfelben befindlichen Teile der 
ftädtifchen Entwäflerungsanlagen find: die offenen und gefchloffenen Rinnen, die 
Einlaufe, die Schachtabdeckungen und die Lüftungseinrichtungen des Kanalnetzes. 
Die Strafsenrinnen find hohl (Fig. 674 u. 675) oder flach {Fig. 676). Bei fehr fchwach 
gewölbten Strafsen (z. B. Afphaltftrafsen) fällt die Rinne ganz weg, indem die Ober- 
fläche des Fahrdammes unmittelbar an die Bordfchwelle des Bürgerfteiges anftöfst 
(Fig. 680). Hohlrinnen neben den erhöhten Bürgerfteigen nach Fig. 675 find zwar 
noch vielfach vorhanden, aber wegen der Unbequemlichkeiten für den Verkehr ver- 
werflich. Es ift zweckmäfsig, die aus Pflafterfteinen gebildeten Rinnen nicht ein- 
fach in Sand, fondern in hydraulifchem Mörtel anzufetzen oder die Fugen mit folchem 
flüffigen Mörtel oder beffer mit Afphaltpech auszugiefsen. 

In unkanalifierten Städten oder Stadtteilen find Hohlrinnen auch an Strafsen- 
kreuzungen und Strafsenabzweigungen nicht zu vermeiden; fie find für den Ver- 
kehr fehr ftörend und deshalb je eher je lieber durch unterirdifche Entwäfferung 
entbehrlich zu machen. 

Mangels der letzteren wer- Fi S- 6 73- 

den die Querrinnen wohl 
durch Steinwände einge- 
fafst und mit Stein-, Holz- 
oder Gufseifen platten über- 
deckt; dasfelbe gefchieht 
oft mit den Längsrinnen, 
welche die Einfahrt in 
Torwege behindern. Aber 
alle diefe Rinnfteinbrücken 
find für den Verkehr und 
Wafferabzug unerwünfchte Einrichtungen; bei der Ausführung der Kanalifation 
fallen fie fort. 

Fig. 6y/ bis 679 zeigen Profile von Strafsenrinnen in Hauftein und Gufseifen, 




429 




welche noch mitunter angewendet werden, auf verkehrsreichen Strafsen aber wenig 
empfehlenswert find, weil fie in ihrer Lage und Befchaffenheit fich bald von der 
aus anderem Material beftehenden Umgebung hinderlich unterfcheiden. 

Andere Rinnen find diejeni- 
gen, welche in Form offener Kan- 
Fi &- 674 ' skJLJ finfVTV \tMHfi dein, bedeckter Haufteinrinnen, ge- 

fchloffener Eifenrohre oder Schlitz- 
rohre das Haus wa (Ter oder das 
Regenwaffer der Dachrohre quer 
über den Biirgerfteig in die Strafsen- 
gS? rinne führen. Offene Handeln gel- 
ten für diefen Zweck in den meiiten 
Orten als unzuläffig; die Schlitz- 
rohre oder Schlitzrinnen , welche 
der befferen Reinhaltung wegen 
erfunden wurden, werden im Ge- 
genteile vom Staub und Schmutz 
der Strafse leicht verfchlämmt ; da- 
her follten nur gefchloffene Rohre 
oder Rinnen zugelaffen werden. 
Wegen der Unterbrechung der 
Gangfläche und der Uebelftände 
bei Froftwetter find alle diefe Ein- 
richtungen unerwünfcht und des- 
halb bei Durchführung der unter- 
irdifchen Entwäfferung zu befeitigen. 
Bezüglich der Strafseneinläufe 
wurde fchon oben auf den Unter- 
fchied im Anbringen derfelben 
hingewiefen ; die feitlich in der 
Bordfehweile des Bürgerfteiges be- 
findliche Einlauföffnung hat den 
Vorteil, dafs fie den Verkehr in 
keiner Weife dort und dafs fie 
nicht vergittert zu fein braucht. 
Der Gitterroft der in der Rinne 
liegenden Einlaufe verfetzt fich 
leicht durch Stroh und Schmutz, 
während die feitliche Oeffnung fich 
zuveriäffiger frei hält und auch 
gröfsere Waffermaffen fchlucken 
kann. Auch fteht der zeitweilig 
zu reinigende Sinkkaften befier 
unter dem Bürgerfteig als unter 
dem Fahrdamm, wo er leichter 
Befchädigungen ausgefetzt ift. In 
Mulden, wo das Waffer von beiden 




430 



5»3- 

Abdeckung 

der 

Einfteig- 

fchächtc. 



Fig. 682. 



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Seiten zufammenfüefst, oder am Anfang einer Kanalftrecke, wo erhebliche Wafler- 
mengen aufzunehmen find, ift für grofse Sinkkaften mit weiten Einlauföffnungen 
und weiten Abflufsrohren Sorge zu tragen; 
auch fetzt man der Einfachheit wegen zwei 
oder drei Einlaufe nebeneinander. Die An- 
ordnung der Einlaufe an einer Strafsen- 
kreuzung zeigt Fig. 682; die Verdoppelung 
der Einlaufe a, a fallt fort, wenn die Kanali- 
fation vollftändig ift. Die Pfeile bedeuten die 
Gefallsrichtung; die Anordnung von Einlaufen 
in den Eckkurven der Bürger fteige ift wegen 
der leichten Befchädigung durch aufftofsendes 
Fuhrwerk nicht zu empfehlen. Die Abftände 
der Einlaufe pflegen auf freier Strafse 50 bis 
60 m zu betragen. Auf fehr flachen Strafsen 
werden geringe Abftände gewählt, um die 
Bildung von Waflerlachen zu verhüten. Ift 
das Längsgefalle der Strafsen geringer als 1 



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Verteilung der Einlaufe an einer 
Strafsenkreuzung. 



250, fo erhalten die Rinnen zur 
Beförderung des Wafferabfluffes ein gebrochenes Gefalle (Fig. 683). 

Die Abdeckungen der Einfteigfchächte beftehen in der Regel aus viereckigen 
oder runden Platten, welche in einem meift quadratifchen Rahmen ruhen; fie haben 
entweder eine gerippte gufseiferne Oberfläche oder find in Teilflächen afphaltiert 
oder mit Holzklötzen ausgefetzt. Für den Fahrdamm find die Deckel und Rahmen 






Fig. 683. 




Gebrochenes Gefälle der Strafsenrinne. 



fchwerer herzuftellen als für die Bürgerfteige. In letzteren find am angenehmften 
die afphaltierten Deckplatten, die im Fahnvege leicht zerftört werden und deshalb 
befler durch Gufsrippen oder Holzeinlagen zu erfetzen find. Nach Möglichkeit 
fucht man die Abdeckungen, auch wenn das Siel im Fahrdamm liegt, in den Geh- 
wegen oder Bürgerfteiginfeln anzubringen, weil fie dort weniger ftören und minder 
leicht befchädigt werden als im Fahrdamme. Die rechteckige Form der Rahmen ift 
behufs Erzielung eines guten Pflafteranfchlufles zweckmäfsig. 

Sollen die Deckplatten zugleich zur Lüftung dienen, fo muffen fie durchbrochen 
fein, was aber das Anhängen eines befonderen Bodens bedingt, um das Hinabfallen 
des Strafsen fchmutzes zu verhüten. Auch die durchbrochenen Deckel der befonderen 
Luftfchächte bedürfen einer folchen Anordnung, durch welche der Strafsen fchmutz 
aufgefangen wird und entfernt werden kann. 



Fig. 684. 



3) Oeffentliche Bedürfnisanftalten. 
Die öffentlichen Bedürfnisanftalten find entweder nur für die fliiffigen Ab- 
gangs ftoffe oder auch für die feften beftimmt. Erftere werden in Ermangelung 
einer befferen deutfchen Bezeichnung »Piffoire« , letztere 
»Aborte« genannt. Es läuft ungefähr auf dasfelbe hinaus, 
wenn man die fraglichen Anftalten in folche für Männer 
und folche für Frauen einteilt, da bei der letztgedachten 
Art die Trennung der Bedürfnisverrichtungen fortfallt und 
die Sitze für Frauen und Männer fich nicht unterfcheiden ; 
indes können mit den öffentlichen Aborten Piffoirftände für 
Männer verbunden fein oder nicht. 

Die öffentlichen Piffoire find entweder frei oder uni- 
wandet, und im letzteren Falle entweder oben offen oder 
überdeckt. Ganz freie Piffoire find nur in den romani- 
fchen Ländern gebräuchlich, befonders in Italien. Ein 
zum Urinieren »einladender« und deshalb unbefugterweife 
benutzter Mauer- oder Gebäudewinkel wird durch Anbringen 
zweier Marmorplatten und eines Ablaufes zum erlaubten 
öffentlichen ßedürfnisort gemacht. Hierher gehören auch 
die beliebten Piffoirbecken an den Strebepfeilern belgifcher Kirchen (Fig. 684). 
Eine in Italien fowohl an der Strafse, als in den Höfen von Gafthäufern und 




Fig. 685. 



Fig. 686. 

35 



Fig. 687. 



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Oeffentliche Piffoire zu Florenz. 
Fig. 690. 





Fig. 69 








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öffentlichen Gebäuden verbreitete Einrichtung zeigt Fig. 685; fie befteht nur aus 
einem eingekerbten, in die Mauer eingeladenen Marmorblock mit einer Abflufs- 



432 

Öffnung am Fufse desselben. Vervollkommnungen weifen die Einrichtungen nach 
Fig. 686 mit 30 bis 40 cm breiter feitticher Schutzwand , Fig. 687 für fchräge und 
deshalb gefchütztere Stellung des Benutzers, Ibwie Fig. 688 mit fchützender 
Rückwand für einen oder zwei Stände und Fig. 689 mit gebogenem Schutz- 
fchirm auf. Die Anordnungen in Fig. 690 u. 691 find auf den Mailänder Pro- 
menaden üblich. 

Für nordeuropäifche Verhältniffe find indes diefe harmlofen Einrichtungen 
ganz ungeeignet. Auch die in einigen Städten vernichte Anordnung der Laternen- 
pfoften in folcher Art, dafs ihre dem Fahrdamm zugekehrte, als 50 cm weite Ntfche 
ausgebildete Seite als Piffoirftand dient, hat nur wenig Nachahmung gefunden. 

Die umwandeten, aber unbedeckten PifToire find befonders in Frankreich und 
waren früher auch in England gebräuchlich. Die gufseifernen Häuschen nach Fig. 692 
u. 693 find heute als unzweckmäßig erkannt, weil die ganze Wandfläche der Be- 
nutzung preisgegeben ift und daher zur Befchmutzung der Kleider führt, felbft wenn 
die Durchmeffer recht grofs genommen werden. Etwas beffer find die in Fig. 695 
bis 697 fkizzierten Anftalten , weil das deutlichere Erkennen der Benutzungsftelle 
und die gröfsere Geräumigkeit die 

Kleider mehr vor Befchmutzung *■*• 692i Fi ß- &93 ' 

fchützen. Auf ausreichende Wei- F * 694 ' 

tenmafse ift bei diefen Piffoiren ein 
Hauptgewicht zu legen; die Stände 
und Eingänge follten nicht unter 
85 cm, beffer 90 bis 95 an breit 
fein. Die Umfaffungen beliehen 

aus Gufseifen tafeln zwifchen Gufs- rf~'"f 

eifenfäulen oder aus verzinktem ~ 

Wellblech oder glattem Eifenblech 
zwifchen Stützen aus quadratifchem 

Stab- oder fonftigem Walzeifen. KT"* K 1 t } \ X l7! 

Das Anbringen eines Daches ! r ~^ 

(Fig. 705) ift leicht. Die mehr- Englifche PifToire. 

Händige Anordnung in Fig. 697 
führt zu den Reihenpiffoiren, wie fie nach Fig. 698 an einer die Strafse begren- 
zenden Mauer, nach Fig. 699 in einem Mauerwinkel, nach Fig. 700 auf dem von 
einer Raumreihe in Anfpruch genommenen Strafsenfereifen, nach Fig. 701 auf einer 
befonderen Bürgerftei ginfei, nach Fig. 703 neben einem Bürgerfteig in einer Pflan- 
zung, endlich nach Fig. 706 in einem öffentlichen Garten aufgeftellt werden können. 
Von den Reihenpiffoiren unterfcheiden fich die Fächerpiffoire nach Fig. 702 u. 704, 
welche den Vorteil der einheitlichen Ableitung des Urins und des geringeren Raum- 
bedarfes für fich haben. Ein Mittelding zwifchen bedecktem und unbedecktem 
PifToir ift die in Fig. 707 abgebildete zweiftändige Parifer Anftalt, welche fo ein- 
gerichtet ift, dafs der Benutzer die Tür feines Standes öffnet und fchliefst, felbft 
aber mit den Füfsen und von den gegenüberliegenden Häufern aus auch mit dem 
Kopfe fichtbar bleibt. Alle diefe unverdeckten oder halbverdeckten Piffoire find 
nach unferem Schicklichkeitsgefühl für öffentliche Strafsen und Plätze ungeeignet ; 
nur für Parks und Promenaden, wo die Benutzer nicht von oben gefehen werden, 
find fie zu empfehlen. 



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Fig. 700. 



bedecktes 
Piflbir 



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Unbedecktes Piflbir zu Rouen. 

Fig. 703. 




Unbedecktes Fächerpiflbir. 



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Handbuch dn Aicbileklui. IV. ,). (1, Aufl.) 



434 



Fig. 704. 



Durch Hinzufügen eines mehr oder weniger architektonifch ausgebildeten 
Daches entliehen die umwandeten und bedeckten Piffoire, wie fie für das Innere 
der Städte faft allgemein erforderlich find. 
Auch bei diefen findet Reihenftellung (Fig. 
713) oder Fächerftellung (Fig. 708 bis 710) 
ftatt. Die fehr verbreitete Grundrifsanord- 
nung in Fig. 708 wird oft auch nur mit 
einem Eingange verfehen. Fig. 711 u. 714 
zeigen abweichend hiervon die Verteilung 
der Stände ringsum an der Umfafliings- 
wand ; diefe Anordnung hat den Vorteil, 
dafs die ganze Anftalt beim Eintritt zu 
überfehen , dafs der Tafchendiebftahl er- 
fchwert und der Platz bener zum Aus- 
weichen benutzbar ift. 

Für alle überdachten und unbedachten 
" öffentlichen Piffoire gelten die folgenden 
Konftruktionsregeln. 

Bewegliche und verfchliefsbare Türen 
find ungeeignet; die Eingänge muffen ftets 
offen, aber mit Schirmwänden fo verftellt 




Unbedecktes Piflbii 
mit Wellblechum wandung ; 



Fig. 7°5- 



Fig. 706. 



Fig. 707. 





Unbedecktes achtbändiges PifToir 
in den ChampS'£h/e'es zu Paris, 



Zweihändiges 
Strafsen piflöir zu Paris. 



fein, dafs der Blick von der Strafse in das Innere der Anftalt gefperrt ift. Die 
ehemalige Meinung, es fei zweckmäfsig, die UmfaiTungswände nicht ganz bis auf 



435 

den Fufsboden und nicht ganz bis zur Kopfhöhe reichen zu laßen, damit etwaiger 
Unfug von aufsen bemerkt werden könne, hat gegenüber dem Anstandsgefühle, 
welches die Bedürfnisverrichtung ganz den Blicken der auf der Strafse Verkehrenden 
zu entziehen fucht, zurücktreten muffen. Wohl hält man es der Lüftung wegen 
auch heute noch für gut, die gefchloffene Wandung nicht an den Boden und nicht 
an das Dach anzufchliefsen ; aber man fetzt hier durchbrochene Füllungen ein, die 
den Einblick verwehren, ohne den Luftwechfel zu Hören. 

Die Stand breite beträgt 75 bis 90 er11 ; bei Fächerftanden darf der Winkel nicht 
kleiner als 60 Grad werden. Die Trennungswände zwifchen den einzelnen Ständen 
find 38 bis 45 «n breit und ungefähr 140 cm vom Fufsboden hoch, damit jede Perfon 
möglichft für fich flehe; es ift nicht nötig, dafs die Trennungen völlig bis zum 
Fufsboden hinab reichen. 

Fig. 708. 



PiiToir 
tu Cöln. 




Die Gänge follen, damit das Ausweichen möglich fei, mindeftens l,io m, beiTer 
1,«* m breit, zwifchen zwei Standreihen aber 2,io m breit fein. Die lichte Höhe der 
überdachten Anftalten foll bis zur Dachtraufe wenigflens 2,so m , beffer 2,so bis 
3,oo m betragen. 

Dem Anbringen von Urinbecken, deren Rand nicht höher als 55 bis 66 cm 
über dem Fufsboden fein foll , ift die Anordnung einer Rinne vorzuziehen , und 
zwar einer Rinne am Boden, weil die für den Privatgebrauch gewifs empfehlens- 
werten Becken hier der Befchädigung , Verftopfung und Befchmutzung ausgefetzt 
find. Das Anbringen einer Schutzplatte aus Stein oder Metall vor der Boden- 
rinne ift überfiuffig und der Reinhaltung hinderlich; dagegen ift die in derfelben 
Abbildung angedeutete Luftfchicht zwifchen der Urinierwand und der Umfaflung 
flets zweckmäfsig. Bei den Fächerpiffoiren ift die Rinne fchraubenförmig um den 



43^ 

erhöhten Mittelpunkt gewunden; am tiefften Punkte liegt der Ablauf. Die Zentral- 
becken bei Fächerftänden mit beständigem Wafferzulauf und beftändigem Ueberlauf 
in ein mittleres Standrohr haben fich nicht bewährt, weil der Inhalt diefes Beckens 
bald demjenigen eines grofsen Nachtgefchirres gleicht und die Bedürfnisverrichtungen 
der Mitbenutzer fich ekelhaft anhören. 

Die Spülung der öffentlichen Piflbire mufs eine Händige fein. Ift die Ein- 
richtung einer folchen untunlich, fo foll man lieber auf das Piffoir verzichten, da 
der auftrocknende Urin einen auf seift laß igen Geruch verbreitet. Die Spülung 

Fig. 710. 






Strafsenpiffoire von Kulimann &* Lina zu Frankfurt a. M. 




Strafsen piffoir 

von Kall mann £-' Lina 

zu Frankfurt a. M. 

HtM w. Gr. 

gefchieht durch Beriefelung der Urinierwand (beffer auch noch der Trennungsplatten) 
bei Reihen- und Umfangpiffoiren, bezw. des Mittelpfoftens und der Scheidewände bei 
Fächerftänden, und zwar von oben mittels eines Riefelrohres, welches zahlreiche feine 
Anbohrungen hat, oder mittels einer kleinen Ueberlaufrinne. Riefelrohr und Ueber- 
laufrinnchen werden am beften mit einem kupfernen Spritzblech überdeckt; auch 
das Riefelrohr befteht am beften aus Kupfer. Die Erzielung eines gleichmäfsig 
feinen Spülfchleiers erfordert grofse Aufmerkfamkeit, wenn der Wafferverbrauch nicht 
über 45 bis 50 ' für jeden Stand (rundlich gefteigert werden foll. Eine fchwache 



437 



Neigung der Urinierwand nach rückwärts liefert für die Spülung den Vorteil, dafs 
das Waffer etwas langfamer hinabriefelt. Für Beckenpiffoire ift Spülung und Ab- 
leitung aus Teil III, Band 5, Heft 2 diefes »Handbuches« erfichtlich; unter den 
Becken ift übrigens eine Fufsbodenrinne wegen des beim Urinieren vorkommenden 
Tropfwaffers und zur Wafferableitung bei der täglich nötigen Reinigung der ganzen 
Anftalt unentbehrlich. 

In neuerer Zeit haben fich die fog. Oelpiffoire bewährt. 

Gewöhnlich wird in das zum Strafsenkanal fuhrende Abflufsrohr ein Waffer- 
verfchlufs eingefchaltet ; in der Regel ift dies nicht zu empfehlen, weil eine öffent- 
liche Bedürfnisanftalt eine erwünfchte Gelegenheit zur Kanallüftung darbietet. Glaubt 
man aber den Benutzern diefer Anftalt das Bemerken der Kanalluft ganz erfparen 
zu muffen, fo follte man jedenfalls vom Anfchlufsrohr hinter dem Wafferverfchlufs 
ein über das Piffoirdach gehendes Lüftungsrohr derart abzweigen, dafs letzteres 
mit dem Kanal in freier Verbindung fleht. Oft läfst fich diefe Lüftung durch eine 
Gasflamme, welche die Anftalt beleuchtet, zweckmäfsig verftärken. Die aus- 
reichende innere und äufsere Beleuchtung der Piffoire ift zur Verhütung von Be- 
fchmutzung und Unfug durchaus notwendig. 

Als Bauftoff dienen für die Umwandung gewöhnlich glatte oder gewellte Eifen- 
blechtafeln zwifchen gufseifernen Pfoften ; auch werden wohl zwifchen letztere ver- 
zierte Holztafeln eingefügt (Fig. 708) ; feltener wird ausgemauertes Eifen- oder Holz- 
fachwerk verwendet. Die Dachdeckung pflegt aus Eifen oder Zink zu beliehen. 
Alle Eifenteile werden mit einem erhaltenden Anftrich verfehen oder verzinkt. 
Der Fufsboden befteht aus natürlichem Geftein (z. B. fauber bearbeiteten Granit- 
pflafterfteinen) , Afphalt oder gerillten Tonplättchen , die Urinrinne aus feftem Häu- 
flein (Granit, Marmor, Dolomit) oder einer Betonfchicht mit Afphaltüberzug, die 
Urinierwand aus einer polierten Steinfläche (Granit, Schiefer, Marmor) oder aus Glas- 
platten, in neuerer Zeit auch aus befonders zubereiteten Platten aus Torfit. Fufs- 
boden, Rinne und Wand verlangen eine befonders vorfichtige Dichtung. Die Tren- 
nungstafeln beftehen am beften aus demfelben Material wie die Urinierwand, find 
aber dann leicht der Zertrümmerung durch Unfugtreibende ausgefetzt; um letzteres 
möglichfl zu vermeiden, werden auch Eifenbleche oder fauber angeftrichene Holz- 
tafeln als Scheidewände benutzt. In England Hellt man vielfach Piffoirftände in 
Nifchenform aus je einem einzigen Stück Steinzeug von 5 cm Dicke her, was fehr 
nachahmenswert erfcheint. 

Befonderer Wert ift fchliefslich bei allen Piffoiren auf Trockenhaltung der 
Standplätze zu legen. Dies gefchieht durch Anordnung von Rillen im Fufsboden, 
welche das Reinigungs-, Spritz- und Tropfwaffer flets fchnell zur Abflufsrinne leiten, 
oder beffer durch Anbringen durchbrochener gufseiferner Standplatten. Aeufserfte 
Sauberkeit aller Beftandteile, aufmerkfamfles Reinhalten des Inneren und Aeufseren 
und mahnende Auffchriften : »Um Reinlichkeit wird gebeten«, »Man ordne die 
Kleider in der Anftalt« und dergl. erziehen bald auch den weniger ordnungs- 
liebenden Teil der Befucher zu Reinlichkeit und Schicklichkeit. 

Die öffentlichen Aborte find aus verfchiedenen Gründen noch wenig verbreitet. 
Sie erfordern nämlich eine beftändige Wartung durch eine ftets anwefende Perfon 
und die fofortige Ableitung der Fäkalien durch das Kanalnetz, da die Aufbewahrung 
der Stoffe zu grofsen Unannehmlichkeiten führt; in kleineren und mittleren Städten 
entfchliefsen fich zudem die Damen des Ortes fchwer, Aborte auf öffentlicher Strafse 



5*9- 
Bauftoffc. 



5»o. 

Oefientliche 

Aborte. 



43« 



Fig- 7iS. 



zu befuchen. Oeffentliche Aborte, insbefondere 
folche für Frauen , find hiernach auf verkehrs- 
reiche, kanalifierte Städte befchränkt. 

Die Anordnung in Fig. 715 ift nicht zu 
empfehlen, weil ein Raum für die Wärterin 
fehlt, auch das Gefühl der Frauen zu wenig ge- 
fchont wird. Beffer ift der Grundrifs in Fig. 716: 
die Wärterin hat ihren Sitz neben dem Wafch- 
tifch im Vorräume (zugleich Warteraum) der 
Frauen. Diefelben Abortzellen können auch von 
der Männerfeite aus benutzt werden, wenn der 
Hilfefuchende die Wärterin durch die im Piffoir- 
raum angebrachte Klingel herbeiruft; der Ein- 
blick in den Piffoirraum von aufsen ift indes 
ebenfowenig wie in Fig. 713 hinreichend ver- 
fperrt (vergl. die Sehftrahlen). Aehnlich ift die 
Anordnung in Fig. 719; auch hier reicht die 
Schirmwand A des Piffojrs nicht aus; fic ift 
zweckmäfsig durch die Anordnung B zu erfetzen. 

Befondere Sitze für Frauen und Männer zeigt Fig. 717; aber die Wärterin kann 
hier nur mit Schwierigkeiten beide Hälften der Anftalt bedienen. Diefe Bedienung 
ift in Fig. 718 dadurch erleichtert, dafs der Raum der Wärterin die Mitte des von 
Roffel entworfenen Gebäudes einnimmt; 




Strafsenpiffoir mit zwei Aborten. 



hier find die Aborte zudem fowohl auf 
der Männer-, als auf der Frauenfeite in 
zwei Klaffen eingeteilt; die II. Klaffe 
wird hierbei in der Regel für nicht- 
zahlende Perfonen beftimmt fein, wäh- 
rend im übrigen bei allen befchriebenen 
Anftalten das Benutzungsgeld zur Be- 
ftreitung der Unkoften dient. Ob es 
nötig und zweckmäfsig ift , die Ein- 
gänge I. und II. Klaffe zu fondern, mag 
dahingeftellt bleiben; der Raumgewinn 
dürfte wertvoller fein. 

Die Reinlichkeit ift bei Öffent- 
lichen Aborten noch forgfältiger zu 
handhaben als bei öffentlichen Piffoiren. 
Die Becken werden zweckmäfsig aus 
hellfarbigem Porzellan mit einfachem, 
fiphonförmigem Waflerverfchlufs herge- 
ftellt. Die Spülung ift am heften eine 
dauernde. Bei Waffermangel genügt 
aber auch zur Spülung an der Aufsen- 
feite jeder Zelle ein Durchgangshahn, 
Zelle zum Teile aufdreht. 



Fig. 716. 




Oeffentliche Bedürfnisan Halten 

für Männer und Frauen. 



welchen die Wartefrau beim Oeffnen der 
Nach gefchehener Benutzung nimmt die Wärterin 
durch gänzliches Oeffnen des Spülhahnes eine Nachfpülung vor. Letztere kann 



439 

auch felbfttätig durch das Oeffnen und Schtiefsen der Tür beim Verladen der 
Abortzelle bewirkt werden, was aber fchon verwickelte, leicht der Befchädigung 
unterliegende Vorrichtungen bedingt, die in folchen Anftalten nach Möglichkeit 
zu vermeiden find. 

Das zum Strafsenkanal führende Anfchlufsrohr ift an geeigneter Stelle als 
Lüftungsrohr bis über das Dach der Anftalt zu verlängern. Die letztere bedarf 
im Winter der Erwärmung durch einen Ofen, welcher mit Leuchtgas oder Koks ge- 
heizt wird. Die Zwifchenwände der Abortzellen werden nicht bis zur Dachfläche, 

Fig. 718. 






Oeffentliche 
ßedürfn isanftalt 



Männer und Frauen. 



Aborte I. Kliffe für Herren. 
Aborte II. Klaffe (Dt Herren. 
Aborte I. Klaffe für Damen. 
Aborte II. Klaffe für Dunen 
Raum für die Wärterin. 
Vorplatz. 
Piffoir. 



fondern der Lüftung, Erwärmung und Kontrolle wegen nur auf 2,50 bis 2, so m Höhe 
emporgeführt. Es empfiehlt fich, den Unterbau ganz oder teilweife zu unterkellern, 
um alle Zu- und Ableitungen leicht zugänglich zu machen. Näheres über die Her- 
ftellung und Einrichtung der Abortzellen, der Abortbecken und deren Zubehör wolle 
man in Teil III, Band 5, Heft 2 diefes »Handbuches* nachfehen. 

Die Platzwahl für die Errichtung öffentlicher Piffoire und Aborte ruft ge- 
wöhnlich allerlei Bedenken hervor, weil oft Umwohnende oder Spaziergänger fich 
verletzt fühlen. Der Verkehr verlangt die Aufftellung auf oder nahe bei den Haupt- 
ftrafsen, felbftredend an neutralen Punkten, wie auf geräumigen Bürgerfteiginfeln, in 



440 

Pflanzungen halb verfteckt, in Baumreihen, am Rande öffentlicher Gärten und dergl. 
Sehr zweckmäfsig find folche Anftalten, welche in öffentliche Gebäude derart ein- 
gebaut find , dafs fie unmittelbaren Zugang von der Strafse, mit dem Inneren aber 

Fig. 719. 




Öffentliche 

Bedürfni sanftalt 

für Männer und Frauen 

Kullmann & Lina 

Frankfurt a. M. 



-jf- 



keinen Zufammenhang haben. Die auf den Strafsen und Plätzen errichteten Piffoir- 
oder Abortgebäude follen nach Möglichkeit weder dem auf der Strafse Verkehren- 
den, noch den Umwohnern den Ausblick verfperren; keinesfalls darf man von 



441 

irgend einem Punkte der Strafsen oder der Häufer in die Anftalt hineinfehen 
können. Die Platzwahl und bauliche Einrichtung verlangt daher ftets eine forg- 
fältige Ueberlegung. 




Unterirdifche Bedürfnis an II alt 
■ Infel der Farringdon Street zu London. 



Fig. 722. A 

Obduftcht, B 



Vciglaft« Deckenlicht. 
Begehbar« Deckenlicht. 



RriteifUodbild. 



Unterirdifche Bedürfnis an Halt 
um den Sockel des IVel/ittgtott-Denkmaies zu London. 

Am wenigften beeinträchtigen fowohl den Verkehr, als den Ausblick diejenigen 
öffentlichen Bedürfnisanftalten , welche nach englifcher Art unter der Strafsenfläche 
hergeftellt und in grofsen Städten fehr empfehlenswert find. Fig. 720 u. 721 zeigen < 



442 

als Beifpiel die Piflbir- und Abortanlage unter einer Bürgerfteiginfel in der Mitte 

der Farring'dan-Stra.ke zu London, Fig. 722 u. 723 die noch gröfsere Anftalt unter 

dem Manfionhoufe-PlaXze. dafelbft rings um den Unterbau des Wellington-Reiter- 

ftandbildes. 

Die innere Ausftattung diefer Anftalten ift fad koftbar zu nennen; weifse Porzellanbecken 
und kupferne Rohrleitungen find an Rückwänden aus rotem Granit befeftigt; die Trennungsplatten 
der Stände beliehen aus fchwarzem Marmor. Ebenfo elegant ift die Aborteinrichtung; die 
Spülung ift eine Händige. Ein Wärter ift dauernd anwefend; die jr<r//i«£A?«-Anftalt wird fogar 
von zwei Wärtern ununterbrochen bedient, Eingangs- und Ausgangstreppe find dort getrennt, 
fo dafs alle Befucher die ganze Baulichkeit in gleicher Richtung ohne Begegnung durchfchreiten. 
Tagesbeleuchtung und Lüftung gefchehen durch Deckenlichtgläfer und durchbrochene Gufseifen- 
platten in der Strafsenebene. Für die Abendbeleuchtung hat jede Abortzelle über der Tür, 
welche oben nicht an die Decke und unten nicht ganz an den Fufsboden reicht, eine Laterne. 



Literatur 
über »Oeffentliche Bedürfnisanftalten«. 

Urinoirs pour huit perfonnes. Encyclopedie d'arc/i. 1859, PI. 19, 20. 

Chevallier , A. Note für la ntceffiU de multiplier et d'amüiorer /es urinoirs public s. Annales 

d'hygilne publique, Bd. 36, S. 284. 
Street urinals. Building news, Bd. 25, S. 52. 
Zur Frage der Errichtung öffentlicher Bedürfnifsanftalten für Frauen und Männer in Berlin. 

Deutfche Bauz. 1875, S. 261. 
Parifer Bedürfnifsanftalten. Baugwks.-Ztg. 1875, S. 304. 

Urinoirs de la ville de Paris. La femaine des confl. 1876 — 77, S. 304, 34 1, 376, 413, 438. 
Urinoirs Jennings ä 6 ftalles. La femaine des confl. 1876 — 77, S. 376. 
Urinoir en fönte ä deux flaues. La femaine des confl. 1876 — 77, S. 413. 
Urinoirs ä trois ftalles. La femaine des confl. 1876 — 77, S. 438. 
Urinoir ä 6 ftalles en bois et ardoife. La femaine des confl. 1876 — 77, S. 510. 
Chalet de toilette de la place de la bourfe. La femaine des confl. 1877 — 78, S. 246. 
Philbrick. Sanitary engineering. New York 1881. S. 124. 
Stubben, J. Die Entwäfferung und Reinigung der Städte auf der Gewerbe-Ausftellung in Düffel- 

dorf. Oeffentliche Bedürfnifsanftalten. Gefundh.-Ing. 1881, S. 741. 
Colonne-urinoir lumineufe ä une ftalle. La femaine des confl. 1881 — 82, S. 29. 
Barre, L. A. Latrines publiques et privies avec ecoulement direct ä t'/gout ä Paris. La femaine 

des confl. 1884—85, S. 486. 
Oeffentliche Abortanlage. Baugwbe., Jahrg. 1, S. 29. 
Nouveaux types de latrines publiques et privees avec ecoulement direct a l'/gout. Syfleme Durand- 

Claye. Nouv. annales de la confl. 1885, S. 86. 
Ueber Clofet-Häuschen. Wiener Bauind.-Ztg„ Jahrg. 3, S. 454. 
Dietrich, E. Ueber öffentliche Uriniranftalten. Wochbl. f. Baukde. 1886, S. 411. 
Herzberg, E. Oeffentliche Bedürfnifsanftalten. Baugwks.-Ztg. 1888, S. 522, 637. 
Oeffentliche Bedürfnifsanftalten. Deutfehes Baugwks.-Bl. 1889, S. 439. 
New fanitary conveniences, Picadilly circus. Builder, Bd. 57, S. 103. 

New fanitary convenience and flreet refuge, Hammerfmith. Building news, Bd. 58, S. 901. 
Lavabos et watcr-clofets en fous-fol ä Charing-crofs (Londres). Encyclopedie d'arch. 1890 — 91, 

S. 162. 
Underground conveniences at Charing-crofs. Builder \ Bd. 61, S. 63. 
Watcr-clofets fouterrains. La conflruetion moderne, Jahrg. 6, S. 563, 598. 
Unterirdifche Bcdürfnifsanftalt in London. Centralbl. d. Bauverw. 1892, S. 6. 
Water-clofcts de la place des balances, a Bc'ziers. La conflruetion moderne, Jahrg. 8, S. 4, 17. 
Les ^conveniences* ä Londres. Moniteur des arch. 1893, S. 1. 



443 



Oeffentliche Bedürfnifsanftalten für Kinder-Spielplätze. Gefundh.-Ing. 1894, S. 400. 

Oeffentliche Bedürfnifsanftalten für Kinder. Deutfche Bauz. 1895, S. 160. 

Wygasch, J. Bedürfnifs-Anftalt aus Zementdielen und Kunftftein in Beuthen, O.-S. Baugwks.-Ztg. 

1895, S. 183. 
Oslender, A. Londoner Reifeeindrücke im Dezember. II. Bedürfnifsftellen. Gefundh.-Ing. 1895, 

S. 208. 
Oeffentliche Bedürfnifsanftalten in Berlin: Berlin und feine Bauten. Berlin 1896. Band I, S. 43. 
Bedürfnisanftalten für Kinderfpielplätze. Deutfche Bauz. 1896, S. 9. 
Water-clofets publics. La femaine du bdtiment, Jahrg. 20, S. 507. 
Chalet de ntcefßM. La femaine du bdtiment, Jahrg. 20, S. 556. 
Neuere Bedürfnisanftalten in Magdeburg. Gefundh.-Ing. 1900, S. 159. 
Wiebe, F. Unterirdifche Bedürfnisanftalt in Eflen. Techn. Gemeindebl., Jahrg. 2, S. 371. 
Beraneck. Unterirdifche Bedürfnisanftalt in Wien. Zentralbl. d. Bauverw. 1904, S. 618. 
Die Wiener Bedürfnisanftalten Syftem Beetz. Zeitfchr. d. oft. Ing.- u. Arch.-Ver. 1905, S. 679. 
Wolff, C. Neue Bedürfnisanftalt in Hannover. Zeitfchr. f. Arch. u. Ing. 1905, S. 547. 



2. Kapitel. 

Beleuchtungsanlagen. 

1) Gasbeleuchtung. 

Das Leuchtgas wird bekanntlich durch trockene Deftillation von Holz , Torf, 
Petroleum- oder Paraffinrückftänden , in der weit überwiegenden Menge jedoch von 
Steinkohlen hergeftellt. Letzteres gefchieht in den fog. Gasanftalten, welche das 
erzeugte Gas in den Gasbehältern (Gafometern) auffpeichern, aus denen es der Stadt 
zugeführt wird. Vor dem Eintritt in das Stadtrohrnetz paffiert das Gas den Druck- 
regler, wo ihm ein normaler Druck von 40 bis 60 mm Wafferfaule mitgeteilt wird. 

Die Lage der Gasanftalt ift in der Nähe der Eifenbahn zu wählen, wenn mög- 
lich mit Anfchlufsgleis für den Kohlenbezug, ferner in nicht zu grofser Entfernung 
vom Hauptverbrauchsorte und an einer nicht hoch gelegenen Stelle. 

Der Bedarf an Gas berechnet fich nach der Zahl und Brenndauer der durch- 
schnittlich 150 bis 175 * ftündlich verbrauchenden Strafsenlaternen , nach dem Ver- 
brauche der Privatbeleuchtung (durchfchnittlich etwa 50 cbm jährlich oder 125 * ftünd- 
lich für jede Flamme) und nach dem zu erwartenden Gasverlufte (10 bis 15 Vom- 
hundert). Der Tagesverbrauch fchwankt zwifchen ^200 und Viooo des Jahresver- 
brauches; in einer Abendftunde fteigt der Verbrauch bis auf l \i der Tagesmenge. 
Die öffentliche Beleuchtung verbraucht 8 bis 15 Vomhundert der ganzen Gas- 
erzeugung. Der Flächeninhalt des Grundftückes foll für jede 1000 cbm tägliche 
Erzeugung etwa 0,i ha betragen-, die Gasbehälter follen die Hälfte, befler drei Viertel 
des gröfsten Tagesbedarfes aufzunehmen vermögen. 



533. 

Gasanftalt. 



524- 
Gasbedarf. 



2) Elektrifche Beleuchtung. 



525- 



Die Vorzüge des elektrifchen Lichtes beruhen wefentlich darauf, dafs der 
elektrifche Strom nicht an den Verbrauch fchädlich oder unangenehm wirkender el ° e "^f f * h g" 
Stoffe geknüpft ift, fondern ohne eigene ftoffliche Eigenfchaften nur eine befondere Lichtes. 
Art von Kraft darftellt, welche in toten Metallverbindungen weiter geleitet wird. 



444 

Die Gasbeleuchtung ift weder gefahrlos, noch gefundheitsunfchädlich 88 ). Ihre 
Nachteile beliehen in der Explofionsgefahr bei Knallgasbildung, in der Feuers- 
gefahr, in der Verunreinigung und Erhitzung der Zimmerluft, in der Vergiftungs- 
gefahr durch den hohen Kohlenoxydgehalt des Leuchtgafes, im Verderben des 
Stadtuntergrundes infolge Durchläffigkeit aller Rohrnetze, in der Tötung der Baum- 
wurzeln und Behinderung des Pflanzenwuchfes. Gefahrlos find allerdings auch 
elektrifche Ströme nicht; denn Bogenlampen und fchlecht ifolierte Leitungen können, 
namentlich durch Kurzfchlüfle, feuergefahrlich, hochgefpannte Ströme fogar lebens- 
gefahrlich werden. Aber im ganzen liegt doch vom Sicherheits- und Gefundheits- 
ftandpunkte aus der Vorteil entfchieden auf feiten des elektrifchen Lichtes, welches 
zudem an Annehmlichkeit und Helligkeit dem Leuchtgafe überlegen ift. 

saß. Obfchon deshalb der elektrifchen Beleuchtung im Verkehrs- und gefchäfts- 

und Gaslicht re i crien Stadtkern ohne Zweifel die Zukunft gehört, fchliefst fie die Verwendung des 

nebeneinander. Leuchtgafes nirgendwo aus; am wenigften ift letztere in den äufseren Stadtteilen 

entbehrlich. Elektrifches und Gaslicht haben nebeneinander ihre Berechtigung, und 

die Vereinigung beider Beleuchtungsbetriebe in einer Hand, fei es in der Hand der 

Gemeinde oder in der eines Unternehmers, ift wirtfehaftlich das Richtige. 

537. Gleichftrom 89 ) ift bekanntlich Strom von gleich bleibender Richtung, nicht 

Gicichftrom. yon gjg^jj bleibender Stärke. Sowohl die Mafchinen mit Ringanker und Trommel- 
anker, als diejenigen, deren Ankerbewickelung aus mehreren getrennten Stromleitern 
befteht, geben Ströme von fchnell wechfelnder Kraft in die Aufsenieitungen ab. 
Die Aufsenwirkung ift nur ein Mittelwert aus den in der Mafchine entftehenden 
Kräften. Der Gleichftrom ift verwendbar für alle Zwecke der elektrifchen Beleuch- 
tung, für Kraftübertragung und Wärmeerzeugung, für galvanoplaftifche und elektro- 
lytifche Zwecke und zum Laden chemifch wirkender Sammler (Akkumulatoren 89 ). 
Dagegen läfst der Gleichftrom fich nur auf mafchinellem Wege »transformieren«, 
d. h. bezüglich der Spannung 89 ) und der Strommenge 89 ) beliebig umwandeln. 

5*8- Der mit der einfacheren Form der Stromerzeuger hervorgebrachte Wechfelftrom 89 ) 

^ c ° m ' hat wechfelnde Richtung und wechfelnde Stärke. Schwankungen der Lichtwirkungen, 
die fich 4000 bis sooomal in der Minute wiederholen, werden vom menfehlichen 
Auge nicht mehr bemerkt. Man gibt deshalb den Stromerzeugern eine folche Ge- 
fchwindigkeit , dafs die Stromrichtung mindeftens sooomal in der Minute wechfelt. 
Dadurch entfteht auch hier eine nach aufsen fcheinbar gleichbleibende Wirkung, 
welche dem Mittelwerte der wirklichen Kräfte entfpricht. Der Wechfelftrom ift 
verwendbar für alle Zwecke der Beleuchtung, für Kraftübertragung und Wärme- 
erzeugung und läfst fich durch ruhende Apparate leicht »transformieren«. Der 
Wechfelftrom ift dagegen nicht brauchbar zur Speifung von Akkumulatoren. 

a) Anlagen unter der Strafse. 

1) Gasbeleuchtung. 

539. Die Versorgung mit Leuchtgas hat teils als Privatgewerbe, teils als ftädtifcher 

Selbftbetrieb in faft allen Städten der Kulturftaaten Einführung gefunden. Die 

88 ) Siehe: VI. Internationaler Kongrefs für Hygiene und Demographie zu Wien 1887. Arbeiten der hygienifchen 
Sektionen. Heft Nr. VI: Die Fortfehritte der Gas- und elektrifchen Beleuchtung und die Anwendung des Waflergafes in 
hygienifcher Beziehung. Bericht von K. Hartmann — ferner die cinfehlägigen Referate über die genannten Kongreisverhand- 
lungen in; Deutfche Viert, f. off. Gefundheitspfl. 1888, S. 320 — und: Centralbl. f. allg. Gefundheitspfl. 1887, S. 443. 

89) Ucber die für die elektrifche Beleuchtung mafsgebenden »elektrifchen Grundbegriffe« , fowie über die Arten und 
die Erzeugung des elektrifchen Lichtes, insbefondere auch über die Verfchiedenheiten in den Dynamomaschinen, liehe Teil III, 
Band 4 diefes »Handbuches«. 



Rohrnetz. 



445 

Fälle, wo das elektrifche Licht die erfte öffentliche Beleuchtung bildet, find ver- 
hältnismafsig feiten. Der Regel nach haben die Städte, welche zur elektrifchen 
Beleuchtung fchrittweife übergehen, dem vorhandenen Gasrohrnetz das Lichtkabel- 
netz hinzuzufügen. 

Von der Gasanftalt führt ein Hauptrohr, führen ficherer zwei Hauptrohre, zur 
Stadt, wo fie fich in Ringrohren und Durchmefferrohren zu verteilen pflegen, von 
welchen die Nebenleitungen abzweigen. Die Hausanfchlufsleitungen werden oft, zur 
gröfseren Sicherheit gegen Bruch, durch gezogene fchmiedeei ferne Rohre gebildet, 
die für die Leitungen in den Gebäuden allgemein gebräuchlich find. Der geringfte 
Druck foll am entfernteften Strafsenpunkte beim Anzünden fämtlicher Flammen nicht 
unter 25 mm linken. 

Fig. 7=4. 



Gas- und Wafleranfchlüfle in breitem Bürgerileig (bei aufgefchüttetem Boden). 
'|„ ». Gr. 

Das Verlegen der Gasrohre gefchieht in mittlerer Tiefe von l.oo bis l,»o m 
unter der Strafsen Oberfläche und mit */ ino D ' s V* 00 Gefälle; etwa 30 cm unter den 
Tiefpunkten des Rohrnetzes werden Waffertöpfe mit Standrohren zum Auspumpen 
und mit Verfchlüffen im Strafsenpflafter eingebaut. Durch Schieber, welche im 
Gegenfatze zu den Wafferfchiebern wagrecht liegen und in gemauerten Schächten 
untergebracht zu werden pflegen, laffen fich ganze Strafsenrohre, durch Abfperrhähne 
(Fig. 724) die einzelnen Haus Zuleitungen abtrennen. Ueber das Verlegen der Gas- 
rohre im Strafsenkörper gilt das in Art. 502 (S. 420) bei Befprechung des Waffer- 
rohrnetzes Gefagte. Eine befondere Schwierigkeit fowohl für Gas-, als auch für 
Wafferrohre bildet beweglicher (aufgefchütteter) Boden. Eingerammte Pfahljoche zur 
Unterftützung der Rohre find hierbei nicht unbedenklich; denn die Rohre muffen, 
da fie dem finkenden Boden nicht zu folgen vermögen, mit ihrer Beladung fich von 
Joch zu Joch frei tragen und brechen deshalb leicht , fobald ein Joch wegen 
fchlechten Kämmens oder wegen Abfaulens als Auflager verfagt. Auch liegende 
Rofte werden verwendet; beffer find Unter ftützungen durch Mauerpfeiler (Fig. 724) 



446 



53*. 

Strafsen - 

leitungen. 



53«- 
Haus- 

anfchlüße. 



2) Elektrifche Beleuchtung. 

Die Verteilung der elektrifchen Kraft über das Stadtgebiet erfolgt in Deutfch- 
land faft ausfchliefslich mittels unterirdifcher Leitungen. Oberirdifche Leitungen 
ftören nicht blofs das Ausfehen der Strafsen und den Verkehr; fie find auch nicht 
genügend gefchützt und bringen für das Betriebsperfonal Gefahren mit fich. Bei 
unterirdifchen Gleichftromleitungen werden entweder ifolierte Kabel oder blanke 
Kupferleitungen in Zement- oder Monier-Kanälen verwendet. Die Kanäle follen 
möglichft nahe an den Häufern entlang in die Bürgerfteige eingebaut und zweck- 
mäfsig abgedeckt werden. 

Bei Wechfelftrom-Transformatorenanlagen werden ausfchliefslich konzentrifche 
Doppelkabel angewendet, weil dadurch die Einwirkungen der Starkftröme auf Schwach- 
ftrombetriebe verhindert und Verlufte durch Nebenwirkungen vermieden werden. 

Von den Muffen, welche in die Ausgleich- und Speifeleitungen vor den Ver- 
brauchsftellen eingefetzt werden, führen dünnere Kabel in die Grundftücke. Bezüglich 
der in letzteren aufzuftellenden Elektrizitätszähler, der Einrichtung der Hausleitungen, 
Akkumulatoren, Transformatoren etc. ift in dem mehrfach genannten Bande diefes 
»Handbuches« das Erforderliche zu finden. 






533- 
Brenner. 



534- 

Form und 

Anordnung 

der 
Laternen. 



Fig. 725. 



b) Anlagen über der Strafse. 

1) Gasbeleuchtung. 

Die öffentliche Beleuchtung der Strafsen und Plätze mittels Gaslicht gefchieht 
meift durch Schnittbrennerflammen (Fledermausflammen), welche ftündlich 150 bis 
200 1 verbrauchen; auch Fifchfchwanzbrenner, aus zwei unter 
einem Winkel gebohrten Oeffnungen beftehend, kommen vor. 
Für hervorragende Stellen der Städte werden Zwillingsbrenner 
oder Gruppenbrenner, d. h. Verbindungen zweier oder mehrerer 
Schnittbrenner, Auer-Brenner, oder fonftige Intenfivbrenner an- 
gewendet. Oft find Auer-Brenner faft ausfchliefslich im Gebrauch. 

Der Grundrifs der gewöhnlichen Strafsenlaternen ift 'ein 
Quadrat, Sechseck, Achteck oder Kreis; die quadratifche Form 
ift plump; die Kreisform ift elegant, aber wegen des gebo- 
genen Glafes koftfpielig. Am verbreitetften ift deshalb die 
fechseckige Form bei ungefähr 60 bis 70 cm Höhe und 25 bis 
35 cm unterer, 50 bis 60 cm oberer Weite (Fig. 725). Für 
geregelte Luftab- und -Zuleitung ift zu forgen; die enge Luft- 
eintrittsöffnung liegt unten, die weitere Austrittsöffnung oben, 
letztere in der Regel in einem zylindrifchen Auffatze mit 
Haube, dem fog. Hälfe, welcher auch bei entgegengefetzten 
Windftrömungen den Austritt der Verbrennungsgafe zuläfst. 
Die Decke der Laternen foll lichtundurchläffig fein und die 
Lichtftrahlen der Flamme auf die Strafse zurückwerfen. 

Beliebte Formen zeigen die in den Fig. 726 u. 727 dar- 
geftellten Mainzer Strafsenlaternen für einfache und für Gruppen- 
brenner. Ein Mufter künftlerifcher Durchbildung ift die Puls fche einer strafsenlate 
Wandarmlaterne in Fig. 728. i| w w . Gr 





23i" 



447 

Die Höhe der Flammen über der Strafsenfläche pflegt 3,so bis 4,oo m , die Ent- 
fernung von den Häufern mindeftens l,oo m zu betragen. In engen Strafsen, deren 
Bürgerfteige weniger als 2 m breit find, befeftigt man die Laternen auf Konfolen an 

Fig. 727- 




Strafsenlaternen des Gasapparat- und Gufswerkes : 



die Häufer (flehe die reichen Sipf (eben Mufter in Fig. 731 bis 733). Auf Bürger- 
fteigen von mehr als 2 m Breite ftellt man gufseiferne Pforten (Kandelaber) auf, 
welche die Gaszuleitung umfchliefsen und die Laternen tragen. Der Abftand der 
Laternen voneinander be- 
F * '=»■ trägt, je nach dem ge- F *' ™ 

wünfchten Beleuchtungs- 
grade, 20 bis 50""; die 
iiblichften Entfernungen 
liegen zwifchen 25 und 
30 m . Auf Strafsen bis 
zu ungefähr 16 m Fahr- 
bahnbreite kann man die 
Laternen abwechfelnd auf 
den einen oder den ande- 
ren Bürgerfteigrand (tei- 
len, fo dafs der fchräg 
zur Strafsenachfe gemef- 

fene Abftand obige Mafse ,..„i- «■ .... i n-_ 1 

ergibt; man liebt es indes, ^r^-^-^^g-^-^^. 
fchon von einer Fahrbahn- 
breite von 12 m ab die ***"; : -.>—»xb» •>.•».- w, * 
E. Puls™ Berlin. Laternen paarweife ein- *" " 

ander gegen überzuftellen, "™ ' 

des fchöneren Ausfehens und der befferen Beleuchtung wegen (Fig. 729 u. 730). Man 
beachte, dafs die Pforten unmittelbar am Randfteine flehen, während die Stämme 
der Bäume 70 bis 100 cm davon entfernt find; dadurch löfen fleh die Laternen befler 



Strafsen! aterne 



, 






v.* 


■-*. 


».... 


" , 


b .. 






Fig. 730. 


HHKJ 




. 






i 



q - a ft - 



a a 



i 



Fig. 735- 



Fig. 736. 



Fig. 734. 




Fig. 737- 

-4 



^.'«-••Bfit»* .v 



«1 




•v. - :• ^V * 



y"- ' 



Kandelaber von 

E. v. Koeppen & Co. 

zu Cöln. 

Fig. 738. 



Gufseiferner Kandelaber 

des Gasapparat- und 

Gufswerkes zu Mainz. 




, . s f • * r, sjr. 



-S?&.'T> 




Schmiedeeiferne Kandelaber 
von E. Puls zu Berlin. 







lutrnattn. S^rch: Jaeffjfcen.. 

Gufseiferner Kandelaber zu Cöln. Schmiedeeiferne r Kandelaber zu Cöln. 

»| 50 w. Gr. 
Handbuch der Architektur. IV. q. (a. Aufl.) 



29 





Mi 1 



* S 

4 




3 '5 



5& 



'S I 



Vierflammiger fchmiedeei ferner Kandelaber mit Steinfockel zu Hamburg. 



Dreizehnflammiger fchmiedeei ferner Kandelaber mit Steinfockel auf dem 
Holftenplatz zu Hamburg. 



454 

• aus der Baumreihe ab. Mitunter werden auch die Laternenpfoften genau in die 
Reihe der Baumftämme geftellt; dann aber find die Laternen auf Armen zu be- 
feftigen, welche von den Pforten nach der Strafse hin vortreten (z. B. in Mailand). 
Die Leuchtftänder follen ferner ftets fo errichtet werden, dafs fie vor dem Fuhrwerk 
gefchützt find; de find fomit auf den Bürgerfteigen hinter den Randftein zu rücken, 
auf den freien Strafsen- oder Platzflächen aber von kleinen Bürgerfteiginfeln zu 
umgeben. 

Die angegebenen Laternenabftände find auch für fehr breite Fahrdämme und 
freie Plätze mafsgebend. Wird jedoch die hiernach unter Umftänden erforderliche 
grofse Zahl von Leuchtftändern dem Verkehre hinderlich, fo fafst man mehrere 
Flammen zu zwei- , drei- bis fieben flammigen Kronen zufammen , welche einen 
gröfseren Abftand erhalten können. Immerhin ift mit der Errichtung mehrflammiger 
Kandelaber eine mangelhafte Ausnutzung der Leuchtkraft verbunden, da die Inten- 
fität des Lichtes mit dem Quadrate der Entfernung abnimmt, alfo die gleiche Zahl 
von Einzellaternen in gleichen Abftänden heller beleuchtet als die Gruppierung 
mehrerer auf einzelne Punkte. Die mehrflammigen Kandelaber haben aber nicht 
blofs den Zweck der Beleuchtung, fondern können zugleich zur Verfchönerung der 
Strafsen bei Tage und bei Abend dienen. 

Beurteilt man die Strafsenbeleuchtung nach der Helligkeit, welche durch fie 

der ungünftigft gelegene Punkt der zu beleuchtenden Fläche empfängt, fo findet 

man, dafs die Laternen weit höher als üblich angebracht werden müfsten; denn 

das Lichtmaximum für den ungünftigften Punkt tritt nach Kopeke 90 ) ein, wenn die 

F 
Laternenhöhe h = ,-— ift , wobei F die wagrechte Entfernung des ungünftigften 

V dt 

Punktes bedeutet. Für einen Laternenabftand von 30 m findet man hiernach die 
befte Höhe zu 10,6o m , eine Höhe, welche für die Anfchaffungskoften und die Be- 
dienung der gewöhnlichen Strafsenlaternen ungeeignet ift, daher nur bei Regenerativ- 
brennern oder elektrifchen Lichtern angeftrebt werden kann. Coglievena bekämpft 
übrigens die Ä^^'fchen Ausführungen zu Gunften der gebräuchlichen Laternen- 
höhe 9 !). 
S35. Die Leuchtftänder werden in der Regel aus Gufseifen angefertigt, feltener aus 

Leuchtftänder. Schmiedeeifen. Auch kommen Verbindungen von Häuflein und Schmiedeeifen vor. 
Die Gasanftalten legen in der Mehrzahl nicht das wünfehens werte Gewicht auf eine 
gefallige, künftierifch befriedigende Ausbildung der Laternen und Kandelaber, deren 
Ausfeilen wegen ihrer tausendfachen Zahl auf die Erfcheinung der Stadt einen nicht 
unerheblichen Einflufs ausübt. Einige Städte, wie Hamburg und Antwerpen, ver- 
dienen dagegen in diefer Beziehung rühmende Anerkennung. 

Einige neuere Laternenmufter enthielten bereits Fig. 728 bis 733. Wenn 
diefelben auch nicht zu allgemeiner Verwendung fich eignen, fo follte man 
doch wenigftens an einzelnen befonders bemerkten Punkten, namentlich an öffent- 
lichen Gebäuden, das fonft übliche Einerlei durch folche beffere Laternen unter- 
brechen. 

Der überall gebräuchliche Leuchtftänder ift der einflammige aus Gufseifen. 
Fig- 734 u. 735 ftellen zwei Formen befferer Art dar. In neuerer Zeit kommen 
auch fchmiedeeiferne Formen zur Anwendung (Fig. 736, 737 u. 745); wegen der 

90) Siehe: Civiling. 1887, S. 68. 

•!) Siehe: Jonrn. f. Gasb. u. WaflT. 1889, S. 457. 



4SS 



geringen Maffe eignet (ich indes Schmiedeeifen beffer für mehrflammige Kandelaber. 
Eine Strafsenlateme auf einem Steinpfeiler zeigt Fig. 746. 

Zweiflammige Leuchtftänder eignen fich befonders für die Aufftellung auf 
Infein in der Mitte breiter Fahrftrafsen, auch zum Anbringen in Park- oder Spring- 

brunneneinfriedigungen. Es 
F 'ß "o. kommt jedoch auch vor, dafs 

man der ftattlichen Erfcheinung 
wegen folche Doppellaternen 
auf den Bürgerfteigen prächtiger 
Strafsen in ununterbrochener 
Reihe errichtet, was naturlich 
nur da angängig ift, wo die 
Strafsenverhältnifle eine ange- 

meflene Breite nent Wickelung 
der Sockel geftatten. Fig. 738 
u. 739 zeigen ein gufseifernes 
und ein fchmtedeeifernes Mufter 
aus Cöln. 

Von den mehrfl ammigen 
Kandelabern find die fiinfflam- 
migen am gebraucht ich ften; aber 
auch drei- und vierflammige 
find nicht feiten. Eine Reihe 
von Beifpielen ift in Fig. 740 
bis 748 abgebildet. In Bezug 
auf künftlerifche Durchbildung, 
fowie auf Haltbarkeit und Fertig- 
keit verdienen die fchmiede- 
eifernen Herftellungen den Vor- 
zug; fie find gewöhnlich mit 
einem Steinfockel verbunden. 
Ein noch monumentaleres Aus- 
feilen befitzen die Steinkande- 
laber, wovon Fig. 747 u. 750 
zwei bekannte Beifpiele geben. 
Einen ausnahmsweife reichen 
1 3flammigen fchmiedeeifernen 
Kandelaber aus Hamburg zeigt 
fcliliefslich Fig. 749; das Zün- 
den der 13 Laternen gefchieht 
durch elektrifchen Strom von 
einer Batterie aus , welche im 
Sockel untergebracht ift. 
Befondere Leuchtftänder find in folchen Fällen entbehrlich, in welchen die 
Strafsen laternen an Springbrunnen, Pumpen, Warnungstafeln, Anfchlagfauien, Uhr- 
häuschen und dergl. angebracht werden, wovon in den betreffenden Kapiteln diefes 
Abfchnittes die Rede ift. 




Steinkandelaber auf dem Opernptat 



i Frankfurt a. ] 



Fig. 753, 754 u. 755. 



Elcktrifchc Bogenlampen 
Fig. 756. 





Elektrifcher Lichtträger 



Elektrifche Lichtträger von E. v. Koeppen &■ Ca. 
zu Cöln-Ehrenfeld. 



457 ' 

2) Elektrifche Beleuchtung. 
Bei der öffentlichen Strafsenbeleuchtung 
durch elektrifches Licht ift die künftlerifche 
Ausbildung der Lichtträger von noch gröfserer 
Bedeutung, da diefelben höher find und mehr 
in das Auge fallen als die Gaskandelaber. 
Zur Verwendung gelangt meiftens Bogenlicht. 
Nur bei öffentlichen Gebäuden, Vergnügung9- 
orten u. f. w, kommt das Anhängen der Bo- 
genlampen an Wandarme (Fig. 751 u. 7s 2 ) 
in Frage ; auch werden, wie z. B. in Mailand 
und München, die Bogenlampen an Ketten 
aufgehängt, welche von Haus zu Haus quer 
über die Strafse gezogen find. Meiftens aber 




Flaggen mall mit zwei Laternen 

für elektrifches Bogenlicht 

auf dem Bahnhofsplatz zu Strafsburg. 



Lichtftändcr Malt 

in den Bürge rfteigen in den mittl. Baumreihen 
■ Unter den Linden« zu Berlin"). 



458 



537- 
Leuchtft ander. 



538. 
Leuchttürme. 



Fig. 760. 



handelt es fich um Lampenpfoften von bedeutender Höhe, welche, wie die Leucht- 
ftänder beim Gaslicht, frei auf die Strafse, und zwar an die Kante von Bürgerfteigen 
und Fufswegen oder auf befondere erhöhte Infein der Platzfläche, geftellt werden. 

Die Höhe der Lampen beträgt zweckmässig 8 m , ihr Abftand 40 bis 60 m . 
Fig- 753 u - 755 zeigen an den beiden hohen Mafien die feitliche, Fig. 756 die 
minder gebräuchliche axiale Aufhängung. 

Nach Fig. 758 find die von Schupmann entworfenen Lichtträger auf den 
Bürgerfteigen der Strafse »Unter den Linden« zu Berlin hergeftellt 92 ). 

Der Blendfchirm, in welchem die 2000 Nor- 
malkerzen ftarke Lampe aufgehängt ift, fleht mit 
dem Ständer in Verbindung. Die Lampe mit ihrer 
Reguliervorrichtung wird durch ein im Inneren des 
Ständers fich bewegendes Gegengewicht ausge- 
glichen. Zum Auswechseln der Kohlenftücke wird 
die Lampe mittels eines telefkopartigen Stabes hin- 
untergezogen. 

Für die Beleuchtung der Baumgänge 
find die Lampen, damit die ftarke Schatten- 
wirkung derfelben nicht zu fehr ftöre, zwi- 
fchen den Baumreihen über der Wegemitte 
aufgehängt, und zwar (wie in Mailand) mittels 
Ketten, die hier jedoch an den in den Baum- 
reihen flehenden 12 m hohen Maften befeftigt 
find (Fig. 759 u. 760); aufserdem hat fich 
indes die Abfteifung der Ketten durch Stre- 
ben von den Maften aus als notwendig er- 
wiefen. Die Sockel der Maften oder Licht- 
träger beftehen aus Gufseifen, während die 
Schafte aus fchmiedeeifernen Rohren zufam 
mengefetzt find ; Einzelheiten find aus Fig. 760 
zu erfehen. 

Einen mehrflammigen , der Form nach 
etwas fonderbaren elektrifchen Kandelaber, 
welcher für ein Brückengeländer am Kaifer- 
palaft in Tokio angefertigt wurde, zeigt 
Fig. 754. Befonders prächtig find die zu- 
gleich als Flaggenhalter dienenden, von 
Jacobsthal entworfenen Maften auf dem Vor- 
platze des Bahnhofes zu Strafsburg, welche an Seitenarmen je zwei elektrifche 
Bogenlampen tragen (Fig. 757). 

In amerikanifchen Staaten find mehrere Städte dazu übergegangen, ftatt der 
zahlreichen Laternen wenige Leuchttürme von 45 bis 55 m Höhe zu errichten, von 
welchen befonders kräftige, einzeln oder paarweife angeordnete Bogenlampen gröfsere 
Flächen beleuchten; diefe Leuchttürme beftehen aus mehreren nach oben fich ver- 
jüngenden, aus fchmiedeeifernen Rohren zufammengefetzten Säulen, welche durch 
ein Netzwerk miteinander verbunden find. Die Wirkung wird indes nicht als eine 
befriedigende bezeichnet, weil nur diejenigen Strafsen voll beleuchtet werden, die 








*"U 



Unterteil des Lichtmafles 
in Fig. 759 •*). 



93 ) Nach: Ccntralbl. d. Bauvcrw. 1888, S. 195. — Siehe auch: Deutfche Bauz. 1887, S. 480, 491. 



459 

genau in der Richtung des Hochlichtes verlaufen, während alle anderen Strafsen 
teil weife oder gar in ganzer Breite in tiefem Schatten liegen 03 ). 



3. Kapitel. 

Sonftige Verforgungsleitungen. 

Aufser den in die Strafsen verfenkten Leitungen für die Wafferverforgung, 539- 



Verfchiedene 
Leitungsnetze. 



Entwäfferung und Beleuchtung finden wir in manchen Grofsftädten infolge der fort 
fchreitenden Bedürfniffe unferer Zeit noch mehrere andere unterirdische Leitungs 
netze zur Beförderung von Wafferdampf, Waflergas, Heifswaffer, Prefsluft, Elektrizität. 
Zweck diefer Leitungen ift teils die Verforgung der Stadt, und zwar der Gebäude, 
mit Wärme oder mit Kraft, teils der Poft-, Telegraphen- und Fernfprechverkehr. 
Zur Wärmeverforgung , d. h. Heizung, dienen neben dem Leuchtgafe die Dampf-, 
Waflergas- und Heifswafferleitungen ; zur Kraftverforgung werden aufser dem Leucht- 
gafe und dem Druckwaffer Dampf-, Prefsluft- und Elektrizitätsleitungen benutzt; 
die beiden letztgenannten Leitungen dienen fchliefslich auch dem Poftverkehr, dem 
Fernfprechwefen und der Telegraphie. Leuchtgasleitungen und Elektrizitätsleitungen 
für Licht- und Kraftverforgung find bereits im vorigen Kapitel befprochen worden. 
Einige Mitteilungen über Zentral-Dampf- , Waflergas-, Heifswaffer-, Prefsluft- und 
Telegraphenleitungen mögen hier Platz finden. 

Städtifche Zentraldampfleitungen find befonders in New York ausgeführt. Von 540. 
einer Zentralftelle aus, welche mit 64 Röhrenkeffeln in vier Stockwerken ausgeftattet d au , p fl^ tungen 
ift und ftündlich 3400 k g Waffer in Dampf von 6 Atmofphären Spannung zu ver- 
wandeln vermag, werden 10 oder mehr umfangreiche Bezirke mit Dampf verforgt. 

Für die Gröfse der Bezirke ift mafsgebend, dafs die einzelnen Zweigleitungen nicht länger 
als 1200 m werden. Die Röhrenleitungcn, welche aus Dampfröhren und Rücklauf röhren für das 
Kondenfationswafler beliehen, liegen der Tiefe nach zwifchen den Leitungen der Gas- und der 
Wafferverforgung; trommelartige, mit gewölbten Kupferblechböden gefchloflene »Variators« 
ermöglichen die Längeveränderungen; der Wärmeverluft wird durch Einbettung der Röhren in 
ausgehöhlte Baumftämme und Umpackung mit Schlackenwolle vermindert. Für weite Röhren 
werden die Holzmäntel durch Mauerwerk erfetzt; an Biegungen, Abzweigkaften , Sperrfchiebern 
und Variatortrommeln ift kräftige Verankerung nötig. Die 15 bis 40 <= m weiten Röhren beliehen 
aus Schmiedeeifen; die Kuppelung gefchieht bei kleinen Röhrenweiten durch Auffchrauben 
von Muffen, bei den gröfseren Weiten, für welche befte Keffelröhren verwendet werden, durch 
Einpreffen des einen Röhrenendes in den Flanfch des anderen und Einfchieben eines gewellten 
Kupferblechringes zur Dichtung. 

Auch zu Feuerlöfchzwecken follen diefe Zentraldampfleitungen benutzt werden, 
indem man entweder in gewiffen Häufern Dampfpumpen aufftellt, welche jederzeit 
fofort angefchloffen und in Tätigkeit gefetzt werden können, oder indem man, ähn- 
lich den Hydranten der Wafferleitung , Strafsenpfoften zur Dampfentnahme für die 
Speifung von Dampffpritzen anordnet, oder endlich indem man den Dampf un- 
mittelbar in gefchloflene, brennende Räume einleitet. 

Aufser New York, wo die Zentraldampfverforgung für Heiz-, Koch-, Kraft- und 
Feuerlöfchzwecke grofse Fortfehritte zu machen fcheint, befitzen ähnliche Veran- 

93) Am Schluflfe der Betrachtung über die Beleuchtungsanlagen verweifen wir auf: Der ftädtifche Tiefbau. Herausg. 
von Dr. E. Schmitt. Bd. IV: Die Verforgung der Städte mit Leuchtgas. Von M. Niemann. Stuttgart 1897 u. 1904. — 
Bd. V: Die Verforgung der Städte mit Elektricität. Von O. v. Miller. Darmftadt 1896 u. Stuttgart 1903. 



460 



54i. 
Waflergas. 



542. 
Heifswafter. 



543- 
Prefsluft. 



544. 
Telegraphen- 
leitungen. 



ftaltungen die amerikanifchen Städte Springfield, Dubuque, Denver, Hartford u. a. 
Die ältefte diefer Anlagen ift die von Birdfil Holly im Jahre 1877 in der Stadt 
Lockport ausgeführte Zentraldampfleitung, welche nur Heizungszwecken dient, über 
7 km lang ift und mittels eigentümlicher Regiftriervorrichtungen mehr als 200 Häufer 
verforgt 94 ). 

Die Dampfheizung von Lockport war überhaupt die erfte Städteheizung der 
Welt. In neuerer Zeit gehen die Beftrebungen mehr dahin, das Waffergas als 
Material für Städteheizung einzuführen, da das Leuchtgas fich hierfür als zu koft- 
fpielig erwiefen hat und die für Leuchtgasheizung konftruierten Gasöfen, Gaskamine 
und Gasherde fich noch wenig bewährt haben. Das Waffergas ift ein vorwiegend aus 
WafTerftoff und Kohlenoxyd beftehendes Gasgemenge, welches man erhält, indem 
man WafTerdampf über glühende Holzkohlen, Koks oder Braunkohlen leitet und das 
fich bildende Gasgemifch durch Kalk von der Kohlenfaure befreit. Dafs indes die 
Städteheizung mittels Waffergas eine grofse Zukunft hat, ift wenig wahrfcheinlich, 
obfchon die Amerikaner fich diefes Mittels eine Zeitlang in ausgedehntem Mafse 
bedient haben. 

Ein Beifpiel der Städteheizung mit heifsem Waffer bietet Bofton. Waffer von 
durchfchnittlich 200 Grad Wärme wird durch Pumpen in das Ringlaufnetz der 
10 cm weiten Strafsenleitungen getrieben. Die nach den Häufern abzweigenden 
Röhren geben das gebrauchte Waffer an eine gleichfalls ringförmige , 20 cm weite 
Rückleitung ab. Beide Leitungen liegen auf Rollen in gemauerten Kanälen und 
können fich in Stopfbüchfen ausdehnen. Die Wärmelieferung ift ergiebiger als bei 
Dampfleitungen; aber der hohe Betriebsdruck von 25 Atmofphären und die hohe 
Temperatur find nicht unbedenklich 95 ). 

Prefsluftleitungen zur Verteilung von Kraft in Städten haben manche Vor- 
teile gegenüber Gas-, Waffer-, Dampf- und Elektrizitätsleitungen, befonders in 
ficherheitlicher und gefundheitlicher Beziehung. Die Druckluft ift verwendbar in 
Fabriken, in Werkftätten, auf Bauplätzen, in der Haushaltung, zum Feuerlöfchen, zur 
Lüftung und Kühlung; fie verbreitet keine läftigen Nebenprodukte, kein ftörendes 
Geräufch und ift leicht verteilbar. Paris, Birmingham und Offenbach find als Städte 
bekannt, in denen zentrale Luftdruckverforgungen zur Ausführung gekommen find. 
Die anfangs erhoffte glänzende Entwickelung ift aber ausgeblieben. 

Telegraphenleitungen in Städten haben mehrfache Zwecke zu erfüllen. Sie 
dienen nicht blofs der allgemeinen Pofttelegraphie , fondern auch dem befonderen 
Nachrichtenwefen für die Feuerwehr, für militärifche und Gemeindebehörden. Haupt- 
ftrafsen find daher oft von drei- oder viererlei Telegraphenkabeln durchzogen. Das 
oberirdifche Anbringen folcher Leitungen in Form einzelner Drähte an hölzernen 
oder fchmiedeeifernen Stangen und Gerüften ift zwar entlang von Eifenbahnen und 
Landwegen zuläffig, wenn auch weniger als die für Hauptkabel ftets vorzuziehende 
unterirdifche Lagerung; dagegen find in Städten die Drahtleitungen an leichten, 
hübfchen Eifengerüften nur ausnahmsweife als ftatthaft zu betrachten; das unterirdifche 



9 *) Ueber Zentraldampfheizungen fiehc auch: Dcutfche Bauz. 1881 , S. 76. — Centralbl. d. Bauverw. 1881, S. 374; 
1883, S. 128, 76; 1884, S. 59. — Wochbl. d. oft. Ing.- u. Arch.-Ver. 1884, S. 87. — Scientific American, Bd. 45, S. 319. — 
Techniker 1883, S. 65 ; 1884, S. 92. — Transactions 0/ the American infliiute 0/ mining engineers, Bd. 13. — Rohrleger 1879, 
S. 205. — Mafchinenb. 1879, S. 41. 

96} Ueber zentrale Hcifswaflerheizung flehe auch: Abot, A. V. Town heating by hot water. A defcription 0/ tke 
plant 0/ the Boflon heating Company. Engng., Bd. 48, S. 259 — ferner: Zeitfchr. d. Ver. deutfch. Ing. 1889, S. 538. — 
Siehe weiter: Beheizung ganzer Stadttheile: Centralbl. d. Bauverw. 1890, S. 412. 



461 




Verlegen ift hier fowohl im Intereffe des 
Strafsen- als des Telegraphenverkehres drin- 
gend zu empfehlen. 

Die Drähte werden, mit den erforder- 
lichen Kotierungen zu einem oder mehreren 
Kabeln vereinigt oder als einfache Gutta- 
perchaadern ohne Panzerung lofe nebenein- 
ander liegend, innerhalb gnfseiferner Röhren 
von 80 bis 150 """ Durchmeffer in ungefähr 
1 n> Tiefe unter dem Strafsen pflaft er oder 
dem Bürgerfteig verlegt. An den durch die 
Strafsen richtung veranlafsten Knickpunkten 
' werden die Röhren in gemauerte, mit gufs- 
eifernen Deckeln in der Strafsenoberfläche 
verfehene Schächte eingebaut, in welchen die 
Kabel oder Adern lofe aufgehängt werden. 
' 8 ' 7 3 ' In jeder Röhre liegt ein ftarker verzinkter 

Eifendraht, um befchädigte Kabel oder Adern 
auswechfeln, neue einziehen zu können. Die 
Schächte werden zugleich für die Unterfu- 
chung der Leitung bei Störungen benutzt. 
Das Verlegen der Kabel ohne Röhren un- 
mittelbar in den Strafsenkörper ift nicht 
empfehlenswert, weil einesteils die Kabel bei 
Strafsenbau arbeiten leicht Begnadigungen aus- 
gefetzt und anderenteils häufige Strafsenauf- 
brüche zur Unterfuchung, Auswechfelung und 
"dd" Vermehrung der Kabel unvermeidlich find. 
J^*" d« Für ausnahmsweife ohne Schutzröhren ver- 

anficht" ' e S te Kabel find geräumigere Unterfuchungs- 
fchächte erforderlich. 

Für den Feuerfchutz find über der 
Strafse Feuermelder nötig, welche in Ab- 
ftänden von 500 bis 600™, fo dafs überall 
eine* Feuermeldeftelle von jedermann in 2 bis 
3 Minuten erreicht werden kann, an Gebäu- 
den oder in felbftändigen kleinen Gehäufen 
aus Gufs- und Schmiedeeifen angebracht wer- 
den. Den üblichen Londoner Feuermelder, 
fchücht und formlos, zeigt Fig. 761; ein 
herauszuziehender Knopf vollzieht die elek- 
trifche Meldung des Brandes nach der Feuer- 
Feuermelder zu Cöln. wache Mchr auS g eb j| det ift der in Fig. 762 

"*' '" dargeftellte Colner Feuermelder; hier ift vor- 

her eine Glasfeheibe zu zertrümmern, um durch Anziehen eines Hebels das ge- 
wünfehte Zeichen zu geben. Bei Ruheftrom wird durch Unterbrechung des Feder- 
kontaktes mittels Bewegung eines Triebwerkes und eines entfprechend hergerichteten 



462 



546. 
Fernfprech- 
leituogeo. 



Typenrades im Feuermelder das Feuerzeichen hervorgerufen und in der Feuerwache 
auf dem Papierftreifen des Mor/e-Appzrates aufgefchrieben. 

Feuerwehrftationen nach Londoner Art, aus Wellblechhäuschen, Brandleitern 
und fonftigen Geräten beftehend, welche in der Mitte breiter Strafsen oder auf 
freien Plätzen in beträchtlicher Zahl aufgeftellt find, find auf dem Kontinent nicht 
beliebt. Hier pflegen eine Hauptfeuerwache und die erforderlichen Zweigwachen in 
verfchiedenen Stadtvierteln verteilt zu fein. 

Fernfprechleitungen wurden auf dem Lande und in den europäischen Städten 
bisher faft ausfchliefslich oberirdifch an Geftängen, welche entlang der Wege, und 
an Gerüften, welche auf Dächern hoher Gebäude errichtet find, aufgehängt. Manchen 
Bauwerken dienen diefe Telephongalgen mit ihren Drahtnetzftrahlen geradezu zur 
Unzierde. Aus Rückfichten der Schönheit, mehr aber noch der Betriebsficherheit, 
hat das unterirdifche Verlegen der Fernfprechleitungen, welches in amerikanifchen 
Städten obiigatorifch ift, auch bei uns Eingang gefunden. Für ihr Verlegen gilt das 
bezüglich der Telegraphenleitungen Gefagte. Schutzröhren und Unterfuchungsfchächte 
find auch hier unentbehrlich. Gemeinfchaftliche Röhren für Leitungen verfchiedener 
Verwaltungen und verfchiedener Art find im IntereiTe des Strafsenbaues zu wünfchen, 
im Hinblick auf Betriebsunzuträglichkeiten aber nicht unbedenklich. 

Je mehr übrigens die Zahl der Leitungen aller Art wächft, welche im Strafsen- 
körper unterzubringen find, defto wichtiger wird die Frage nach tunnelartigen Unter- 
grundwegen (Subways) y welche bereits in Art. 502 (S. 421) angeregt wurde. 



547- 
Ueberficht. 



4. Kapitel. 

S tr afs e n d e ck e. 

Die Lehre von der Befeftigung der Strafsen hat ein fo ausgedehntes Gebiet 
des Wiffens und der Technik zu behandeln, dafs an diefer Stelle die Herrichtung 
der Strafsendecke, gleich den übrigen, in den vorhergegangenen 3 Kapiteln behan- 
delten Zweigen des eigentlichen ftädtifchen Ingenieurwefens, nur in der Beschränkung 
auf kurze, vom allgemeinen Standpunkte des Städtebaues wichtige Hauptfätze vor- 
getragen werden kann. Zu diefem Zwecke ift vorab eine Teilung der Strafsen- 
flächen vorzunehmen in Fahrwege, Reitvfege und Fufswege, deren Beziehungen zu- 
einander bereits in Abfchn. 1, Kap. 2 u. Abfchn. 2, Kap. 5 erörtert wurden 96 )- 
Neben der Herftellung diefer Wege haben wir mit wenigen Worten auch die Unter- 
haltung und Reinigung derfelben zu befprechen. 



a) Fahrwege. 

54 8. Die ftädtifchen Fahrwege zeigen viele Verfchiedenheiten, je nachdem fie eigent- 

strafsenartcn. liehe Laftftrafsen find (Torftrafsen , Werftftrafsen , Bahnhofftrafsen u. f. w.) oder 

hauptlachlich dem leichteren Fuhrwerk dienen (Ringftrafsen, Promenaden- und Park- 

ftrafsen u. f. w.), je nachdem fie ferner im inneren Gefchäftsviertel , in vornehmen 

Wohngegenden, an öffentlichen Gebäuden oder aber in Fabrikvierteln, in Vor- 



ö *) Ausführlicheres über den Strafsenbau fiehe in den am Schlufle diefes Kapitels angegebenen Werken. 



463 



orten u. f. w. liegen. Die Verfchiedenheit prägt fich, wie in der fonftigen Behand- 
lung, fo auch in der Fahrftrafsenbefeftigung aus. 

Die Arten der ftädtifchen Fahrftrafsenbefeftigung unterfcheiden fich in zwei 
grofse Gruppen, nämlich in Chauffierung und Pflafterung. Die Chauffierung , d. h. 
die Um wandelung eines unbefeftigten Weges in eine »Chauffee«, gefchieht durch 
Aufbringen einer Kiesbahn oder einer Steinfchlagdecke. Die aus Steinen in Natur- 
gröfse hergeftellte Kiesbahn befteht aus einem (etwa 15 cm ftarken) Lager von 
fchwerem Kies, welcher mit einer Schicht leichteren Kiefes, fchwach untermifcht 
mit einem fandigen Bindemittel, bedeckt wird. Als Sohle der Kiesbahn wird zu- 
weilen eine Packlage aus groben Geröllfteinen oder aus Bruchfteinen (von 10 bis 
13 cm Gröfse in jeder Richtung), welche aufrecht geftellt werden, angeordnet. Selten 
auch wird das Kiesbett mit einer Lage zerkleinerten Hartgefteins (Bafalt, Granit, 
Gabbro) bedeckt. Die einzelnen Lagen werden durch fchwere Walzen gedichtet. 
Die Steinfchlagbahn befteht entweder nur aus mehreren Schichten zerkleinerten 
Hartgefteines (von 3 bis 5 c m Gröfse) und heifst dann »Makadam«, oder es wird — 
und dies ift das Gewöhnlichere — zuerft eine Packlage aus aufrecht geftellten 
Bruchfteinen von 10 bis 13 cm Höhe angefertigt und nach Auszwicken derfelben 
der Kleinfchlag aufgebracht. Beim Abwälzen dient Quarzfand oder das aus dem 
Kleinfchlag ausgefiebte Steingefplitter als Dichtungsmaterial für die Oberfläche. Auch 
Eifenfchlacken werden zur Chauffierung der Wege mit Erfolg benutzt. Als befondere 
Vervollkommnung der Steinfchlagbahnen find fchliefslich der »Zementmakadam« 
(mit hydraulifchem Bindematerial in den Oberfchichten) und der »Afphaltmakadam« 
(mit bituminöfer Bindung) anzuführen; der Zementmakadam fcheint fich nicht zu 
bewähren. 

Den Pferdewalzen find die Dampfwalzen vorzuziehen, fowohl wegen des fort- 
währenden Aufreifsens der Steindecke durch die Hufe der Walzenpferde, als wegen 
der durch die Vergröfserung des Druckes und der Druckfläche zu erzielenden 
gröfseren Leiftung. 

Die Chauffierung ift eine geeignete Befeftigungsart für Landftrafsen, für ftädtifche 
Strafsen jedoch nur bei erheblicher Breite, geringem Verkehre und vorzüglicher 
Unterhaltung. Bei gröfserem Verkehre find Staub und Schmutz, ftarke Abnutzung 
und fchlechtes hygienifches Verhalten fo grofse Schattenfeiten der Chauffierung, 
dafs die Pflafterung zur Notwendigkeit wird. 

Die Befeftigung einer Fahrftrafse durch Pflafter gefchieht entweder durch 
Stein-, Afphalt- oder Holzpflafterung. Das Steinpflafter ift rauhes Pflafter, aus 
Findlingen oder rauhen Bruchfteinen mit geringer Sortierung regellos zufammen- 
gefetzt, oder Mofaikpflafter, aus wenig bearbeiteten Kopffteinen einigermafsen fugen- 
recht gebildet, oder Reihenpflafter, aus mehr oder weniger regelmäfsig bearbeiteten 
und reihenweife verfetzten Pflafterfteinen beftehend. Eine beliebte Art des Mofaik- 
pflafters ift das fog. Kleinpflafter , aus möglichft regelmäfsigen Steinen von 4 bis 
6 cm Kopfmafs auf gewalzter Unterlage beftehend. Kleinpflafter ift für Landftrafsen 
und ftädtifche Wohnftrafsen geeignet, wenn auch nicht geräufchlos. 

In deutfchen Städten am meiften verbreitet ift das Reihenpflafter. Die Steine 
werden gewöhnlich parallelepipedifch , feltener würfelförmig bearbeitet. Ringsum 
bearbeitete Steine können nach Verfchleifs der oberen Seite gewendet werden. 
Ueblich ift es aber, nur die Kopf- und die anftofsenden Seitenflächen bearbeiten 
zu laffen. Wichtig ift eine gleich grofse Kopffläche und eine tunlichft geringe 



549. 

Kiesbahn 
und 
Steinfchlag- 
decke. 



55o. 
Steinpflafter. 



464 

Verjüngung nach unten; noch wichtiger eine gleiche Höhe, da bei ungleichem 
Widerftande der einzelnen Steine gegen die Räder der Laftfuhrwerke die anfangs 
ebene Strafse fehr bald holperig wird. Befonders für anzeigende Strafsen ift es 
zweckmäfsig, die Steine in der Fahrrichtung nicht breiter als 8 bis 12 cm zu machen, 
um das Mafs der Unebenheit, d. h. die Pfeilhöhe der Wölbung der einzelnen ab- 
genutzten Steinköpfe, einzufchränken und den Pferdehufen befferen Halt zu ge- 
währen. Grofse Würfelfteine von 18 cm und mehr Seite find in der Regel verwerf- 
lich, weil fie bei dem unabwendbar eintretenden Verfchleifs einen kugeligen Kopf 
von grofser Pfeilhöhe erhalten und dann eine fehr holperige Oberfläche bilden. Je 
härter das Geftein, defto unebener wird die Strafsenfläche nach der Abnutzung, 
defto kleiner ift fomit die Kopfbreite der einzelnen Steine zu wählen. Beliebte 
Mafse find 8 X 16 cm, 10 X 16 cm f 12 X 18cm Kopffläche bei 14, 16, 18cm Höhe. 
Das Ausfüllen der Fugen gefchieht durch Sand, befler durch hydraulifchen Mörtel 
oder ein afphaltartiges Vergufsmittel (Pflafterkitt). Die Reihen follen ftets fenk- 
recht zur Fahrtrichtung laufen. Die früher vielerorts beliebte Schrägpflafterung 
ift für den Verkehr und den Verfchleifs gleich unzweckmäfsig; nur auf den 
Strafsenkreuzungen ift fie zum Ausgleich der verfchiedenen Verkehrsrichtungen an- 
gebracht. 

Dem Pflafter aus natürlichen Steinen flehen die künftlichen Steinpflafter aus 
Klinkern, Zementfteinen, Schlackenfteinen u. f. w. gegenüber. Von diefen erfreuen 
fich nur die Klinkerftrafsen, und zwar in Holland, Flandern und Oftfriesland, einer 
dauernden und zufriedenftellenden Verwendung; auch in Ungarn wird das »Keramit- 
pflafter« mit Erfolg angewandt. Ohne dauernde Ueberfandung wird aber kein Back- 
ftein auf eigentlichen Laftftrafsen den Angriffen des Verkehres lange widerftehen. 
Die ausgedehntefte Anwendung und die erfreulichften Fortfehritte find jedoch be- 
züglich einer anderen Art künftlicher Steinftrafsen, nämlich bezüglich der Fahrftrafsen 
aus geftampftem Afphalt zu verzeichnen. 
551. Der Afphaltftein, bituminöfer Kalkftein, zerfällt bei Erhitzung auf etwa 130 Grad 

P a uLd aSCn (90 bis 150 Grad) in ein Pulver, welches ungefähr 6 cm ftark auf einer Betonunter- 
Hoizpflaftcr. läge ausgebreitet und mittels erhitzter Walzen zusammengedrückt wird (Stampf- 
afphalt). 

Der Vorzug des Afphaitpflafters vor allen anderen Pflafterungsarten ift die 
Ebenheit, Fugenlofigkeit, Reinlichkeit und Undurchdringlichkeit; als Nachteil macht 
fich bei fchwachem Regen und bei der Befprengung die Schlüpfrigkeit bemerkbar. 
Gemeinfam mit dem Holzpflafter ift dem Afphai tpflafter die Geräufchlofigkeit; auf 
letzterem macht fich jedoch das Aufklappen der Pferdehufe noch unangenehm 
hörbar. Dies fällt beim Holzpflafter fort; die Schlüpfrigkeit ift zwar auch vor- 
handen, aber geringer. Reinlichkeit und Undurchdringlichkeit laßen aber beim 
Holzpflafter, da das Hirnholz alle Feuchtigkeit einfaugt und die Sonnenftrahlen 
fchädliche Zerfetzungen hervorrufen, zu wünfehen übrig, fo dafs der gefundheitliche 
Vorzug und die gröfsere Dauerhaftigkeit auf feiten des Afphalts, die gröfsere Ver- 
kehrsficherheit und Geräufchlofigkeit auf feiten des Holzes liegen. Das Holzpflafter 
befteht aus parallelepipedifchen Klötzen (Kiefern, Zypreffen, Püchpine\ ähnlich wie 
die Pflafterfteine 6 bis 10 cm breit, 12 bis 22 cm lang, 8 bis 13 cm hoch, welche mit 
dem Hirnholz auf die Betonunterbettung geftellt, nach verfchiedenen Herftellungs- 
arten mit Teerafphalt, Afphaltfilz oder hydraulifchem Mörtel in den Fugen verfüllt 
und mit einer eingewalzten Kiesfchicht überdeckt werden. 



465 



Holz und Afphalt haben in vielen Städten um den Vorrang geftritten. Holz 
follte jedenfalls nur da angewandt werden, wo Geräufchlofigkeit verlangt wird, der 
Verkehr aber fo grofs ift, dafs diefer, nicht aber die Fäulnis das Material verzehrt. 
Afphalt ift auf Strafsen von ftärkerer Steigung als 1 : 70 nicht anwendbar, hat fich 
aber im übrigen die allgemeinfte Verbreitung erworben. Der häufige Wechfel ver- 
fchieden artiger Strafsendecken ift wegen der ungleichen Abnutzung und wegen der 
an den Wechfelftellen eintretenden Unficherheit der Pferde zu vermeiden. 

Die Frage der Unterbettung des Pflafters ift ebenfo wichtig wie diejenige des 
Pflaftermaterials felbft. Der Mifserfolg vieler Pflafterungen beruht auf der mangel- 
haften Bettung. Nur auf durchaus feftem Untergrunde ift ein Sandbett ausreichend. 
Beffer ift eine abgewalzte Kiesfchüttung, noch folider eine mehrfach abgewalzte 
Steinfchlagbettung mit Sandfehich t darüber. Für Steinpflafter genügt dies bei 
weniger hohen Anfprüchen. Steinpflafter befter Befchaffenheit aber und Afphai t- 
pflafter, wie Holzpflafter verlangen eine Betonunterlage von 15 bis 20 cm Stärke auf 
vorher geebnetem Planum. Die Betonunterlage kann allerdings das Steinpflafter 
aufserordentlich hart (unelaftifch) und lärmend machen, was durch ein ftarkes Sand- 
bett über dem Beton einigermafsen gemildert wird. 

Fahrbahnpflafterungen aus Haufteinplatten , wie in Italien gebräuchlich, oder 
aus gufseifernen Faffonftücken haben fich bei uns nicht bewährt. 

Nach den Anlagekoften aufwärts fteigend, ftellt fich die Reihe der genannten 
Befeftigungsarten in der Regel wie folgt: Kiesbahn, Steinfchlagbahn oder Makadam, 
rauhes oder Mofaikpflafter , Reihenpflafter , Holzpflafter, Afphaltpflafter; bei hohen 
Steinpreifen bildet oft ein gutes Reihenpflafter die teuerfte Strafsendecke. Unter 
Berückfichtigung der Unterhaltungskoften kann indes je nach der Lage der Strafsen, 
dem Verkehre und den Anfprüchen der Bevölkerung eine ganz verfchiedene Reihen- 
folge eintreten; bei ftarkem Verkehre werden fich Chauffierung und Holzpflafter als 
die koftfpieligften Strafsendecken erweifen. Die Wahl der Befeftigungsart ift daher 
auch vom Koftenftandpunkte aus oft eine fchwierige Aufgabe. 

Sehr häufig, be fonders bei breiten Strafsen, wechfelt die Befeftigung der Fahr- 
ftrafse ftreifenweife. Beifpielsweife wird die Mitte der Fahrbahn makadamifiert, 
was angenehm für Equipagen und fonftiges leichtes Fuhrwerk ift, während die 
Seitenftreifen für Frachtfuhrwerk und zur befferen AbwäflTerung Steinpflafter erhalten 

(Fig. 763). Auch befchränkt fich wohl das 
Steinpflafter auf eine 60 bis 100 cm breite Rinne 
zu beiden Seiten der Makadamfahrbahn ; die 
letztere unmittelbar an den erhöhten Bürgerfteig 
anftofsen zu laflen, verbietet fich wegen der 
durch den WafTerlauf entftehenden Schmutzbil- 
dung. In italienifchen Städten legt man vielfach 
Plattenbahnen (aus Marmor oder ähnlichem 
Material) für die Räder der Fuhrwerke in die 
rauhe Feldfteinpflafterung der Strafsenfläche. In London findet man auf Brücken 
Radfahrftreifen aus Granit und aus Eifen, ebenfo Rinnen dem Bürgerfteig entlang 
aus Walzeifen und aus Eifenblöcken in Geftalt von Pflafterfteinen. In Paris kommen 
der Reinlichkeit wegen afphaltierte Rinnen vor neben Fahrbahnen aus Steinfchlag, 
Stein- oder Holzpflafter. Alle diefe Kombinationen haben den Nachteil, dafs die 
Uebergangsgrenze von der einen auf die andere Befeftigungsart fich infolge ver- 
Handbuch der Architektur. IV. 9. (2. Aufl.) 3° 



55». 
Unterbettung. 



Fig. 763. 



\x »X 




Msuo w. Gr. 



553- 
Koften. 



554- 
Streifen- 
bildung. 



466 



fchiedenartiger Abnutzung bald als ftörende Unebenheit kennzeichnet, welche die 
eine oder die andere Ausgleichung nötig macht. Gern pflegt man z. B. den Ueber- 
gang von Holz- oder Afphaltpflafter auf Makadam durch mehrere Reihen Stein- 
pflafter zu bilden. 

Eine notwendige Streifenbildung ergibt fich bei Strafsenbahngleifen , welche 
in Steinfchlag- oder Afphaltftrafsen verlegt find. Der Steinfchlag zwifchen den 



Fig. 764. 




'Imo w. Gr. 



Fig. 765. 




Schienen kommt wegen der fehlenden Abwäfferung und der beftändigen, gleich- 
förmigen Angriffe der Pferdehufe bald in einen unleidlichen Zuftand; die Afphalt- 
decke läfst fich an die Schienen fchlecht anfchliefsen und zerbröckelt. In beiden 
Fällen ift man deshalb oft genötigt, den Innenraum der Gleife und zwei feitliche 
Anfchlufsftreifen von etwa 50 cm Breite mit Stein- oder Holzpflafter zu verfehen 
(Fig. 764 u. 765). Das Einlegen von Haufteinfchwellen in der Strafsenebene 
zwifchen die Strafsenbahnfchienen und die anfchliefsende Afphaltdecke hat fich nicht 
als zweckmäfsig erwiefen. 

Aehnliche Ungleichheiten der Strafsendecke ergeben fich, wo man Makadam- 
fahrwege glaubt beibehalten zu muffen, den Fufsgängern aber einen reinlichen 
Querübergang vom einen Bürgerfteig 



zum anderen zu fchaffen fucht, was 
befonders an Strafsenkreuzungen nötig 
ift. Hier pflegt man einen 2 bis 3™ 
breiten Querftreifen über den Fahrweg 
zu pflaftern oder zu afphaltieren und 
für die Reinhaltung desfelben, fowie den 
guten Anfchlufs der Steinfchlagdecke 
beftändig Sorge zu tragen. Eine befon- 
dere Dichtung der Fugen durch Zement- 
oder Afphaltvergufs pflegt man oft in 
den Rinnen und auf den Haltepiätzen 
von Drofchken und Omnibuffen anzu- 
wenden. Auch werden zuweilen die letzt- 



Fig. 766. 






"> "■ So \: - 










■ v \ ^-'_. , &■:".-• * .- -.' c -; " ' <■*, . /■■ «-: a .v- ' 'ovo ; 



Omnibushalteplatz zu Mailand. 
1 Il36 w. Gr. 



genannten Halteplätze, abweichend von 
der fonftigen Strafsendecke, mit Afphalt 
oder Steinplatten belegt (Fig. 766). 
555. Ueber das Längengefalle der ftädtifchen Strafsen ift in Abfchn. 2, Kap. 5 

Sextengefälle. b ere j ts ^as Erforderliche erörtert worden. Wie in diefer Hinficht, fo werden auch 
bezüglich des Seitengefälles und bezüglich der Höhenverhältniffe bei Strafsen- 
abzweigungen und Strafsenkreuzungen an Stadtftrafsen andere Anforderungen geftellt 
wie an Landwege. Das Seitengefälle foll bei Steinpflafterung nicht mehr als 1 : 40 
betragen, jedoch auf fteigenden und fehr breiten Strafsen auf 1 : 60 ermäfsigt werden. 





Jthfwklur. IV. 9 (9. Anü.) 



>7. 



Spitzwinkelige 

Kreuzung zweier Stadtftrafsen, 

von denen die eine die Steigung 1 : 50 und die andere 

die Steigung 1 : 20 hat. 




+8,58 



Kiusecxe 




+ B.J? 



B o q t r. 
des Ranineins 



JUusecX« 




+ 8.85 




ä»r FahriricManj 



lutrseluiiiibtiA. 



Q.uerschnin bei C. 




37 




+13.75 



• i 9 8 * ji 

l«r Fahrtrichtung 



1f*rs[u) der Hoben 

t» i \"nl l 1 ) 1 t- 1 " I ■> 

ft 5 10 20 30 40 iO 60 7ü 

Mafsfub derLingen 



10 




+13.7? 



* B a g p *; * 

3es B an d si ein s 



*U5« 




+13,! 7 



Haust'cHi 



467 



1:30 h«it0 




dSSS 



556- 
Kreuzungen. 



Die Pflafterfteindecke foll nicht etwa wie ein Gewölbe wirken-, fondern das Quer- 
gefalle dient nur zur Anfammlung des Waffers in den Rinnen; ftatt der beffer ab- 

wäffernden Sattelform wird nur 
*ig. 767. aus Schönheitsgefühl meiftens 

eine Bogenlinie gewählt. In 
einigen Städten, fo namentlich 
in Paris, ift es üblich, das Quer- 
gefalle in der Nähe der Rinne 
zu verftärken (Fig. 767). Bei 
Holzpflafter finkt das Quergefälle auf 1 : 80 , bei Afphalt auf 1 : 100 und weniger 
hinab. Für Steinfchlagftrafsen ift ein ftärkeres Quergefälle, nämlich 1 : 40 bis 1 : 25, 
letzteres bei geringem Längengefälle, erforderlich. 

An den Strafsenabzweigungen oder -kreuzungen bilden fich, da beide zusammen- 
tretende Strafsen nach der Quere zu profilieren find, kreuzkappenähnliche Strafsen- 
oberflächen von regelmäfsiger Geftalt, folange beide Strafsen wagrecht find: einhüftig, 
fobald die eine Strafse anfteigt; windfchief und verfchoben, wenn beide Strafsen- 
kronen fteigend find. Schon, wenn die eine der Strafsen anfteigt, z. B. auf 10 m 
Länge um 20 cm , fo mufs die Seitenrinne eines einmündenden, 10 m breiten wag- 
rechten Fahrweges in der Nähe der Kreuzung nach der Bergfeite hin um 10 cm 
gehoben, nach der Talfeite hin um 10 cm gefenkt werden. Verwickelt werden die 
Höhenverhältniffe der Kreuzung, wenn beide Strafsen anfteigen, daher beide in der 
Nähe der Kreuzung allmählich ihr Querprofil verändern muffen. Die neben den 
Fahrwegen liegenden Bürgerfteigflächen erhalten hierbei an der Kreuzung eine 
fpiralförmige Geftalt. Auch das Längenprofil einer der beiden Strafsen verlangt 
zuweilen Hebungen und Senkungen, um fich den Höhenverhältniffen der Kreuzungs- 
fläche anzufchliefsen. Näheres ergibt fich aus dem auf der nebenftehenden Tafel 
dargeftellten Beifpiel, fowohl aus den Horizontalkurven des Grundriffes, als aus den 
verzerrten Längenprofilen der Bürgerfteighinterkanten , der Bürgerfteigvorderkanten 
und der Fahrtrichtungen. 

Werden bei einer derartigen Ausbildung der Strafsenkreuzung die in den 
einzelnen Teilen der Strafsenoberfläche entftehenden Gefalle für den Verkehr zu 
ftark, fo ift es unerläfslich , die Gradiente entweder beider Strafsen oder einer der- 
selben fo zu ändern, dafs in der Kreuzung felbft ein fchwächeres Gefalle oder eine 
Horizontale eingelegt wird. Dies gibt aber der Strafse, wenn fie geradlinig über 
die Kreuzung fortgeht, ein unfchönes Ausfehen und mufs daher bei durchgehenden 
Hauptftrafsen vermieden werden. 

Die Strafsenvermittelungen und Verkehrsplätze (vergl. Abfchn. 2, Kap. 7 u. 8) 
find bezüglich ihrer Befeftigung wie die Strafsenkreuzungen zu behandeln; nur die 
Fufsweginfeln find ausgenommen. Bei den Markt-, Garten- und Architekturplätzen 
werden nur diejenigen Flächen mit der Fahrftrafsendecke verfehen, welche ausdrück- 
lich zur Benutzung durch das Fuhrwerk beftimmt find; vorwiegend kommen alfo 
bei diefen gröfseren Platzanlagen die gärtnerifche Behandlung und die nachftehend 
befprochenen Arten der Fufswegbefeftigung zur Anwendung. 

b) Reitwege. 

Zur Benutzung als Reitweg eignet fich Steinpflafter und Afphalt überhaupt 558. 
nicht; der Reiter mufs auf den fo befeftigten Fahrftrafsen fein Pferd Schritt gehen A11 « emcincs - 



557- 
Platzflächen. 






468 

laffen. Holzpflafter und Steinfchlag find für den Reiter weniger ftörend; hier darf 
er fchon einen leichten Trab wagen. Lieber ift ihm die Kiesbahn, obwohl auch 
diefe für ftark bewegte Pferde noch zu hart ift. 

Hiernach ift es erwünfeht, auf den breiten, von Reitern viel benutzten Haupt- 
ftrafsen, namentlich folchen in den äufseren Stadtbezirken, befondere Reitwege an- 
zulegen, entweder auf dem allgemeinen Fahrwege ohne eine eigentliche Trennung, 
fo dafs die Fuhrwerke im Bedarfsfalle den Reitweg mit benutzen können (haupt- 
fachlich zum Ausweichen und Anfahren), oder aber auf völlig abgetrennter Bahn. 
Das letztere ift zwar das Vollkommenere, aber leider auf den meiften Strafsen 
nicht ausführbar. 

Ein völlig abgetrennter Reitweg kann nur bei beftimmten Strafsenprofilen aus- 
geführt werden, da man die Wohnhäufer vom allgemeinen Fufs- und Fahrwege 
nicht durch einen Reitweg trennen darf. 

Somit ift der abgeänderte Reitweg auf _ * 7 ■ 

beiderseits bebauten Strafsen nur dann £* ^ r%%! 

zuläffig, wenn demfelben ein mittlerer ^Wfi^J fc *? 

Streifen angewiefen werden kann, wäh- w^;^2% ^''^Y-Ä 

rend auf etnfeiüg bebauten Strafsen die .£, '?{&&&& ^.-■i* 

nicht bebaute Seite zur Anlage eines * * 

Reitweges fich eignet. Fig. 770 bis 773 
zeigen vier derartige Strafsen profile. 
Eig- 77 l u - 77 2 >ft m der Baumlinie 
eine Grenzfcheidung zwifchen Reitweg 
und Fufsweg erwünfeht, welche durch hübfeh ausgebildete Schranken, durch 
Pforten mit Ketten (Fig. 768) oder dadurch hergeftellt werden kann, dafs die 
Baumreihen auf ein l,so bis 2,oo m breites Rafenband mit entfprechender Einfaffung 
gefetzt werden (Fig. 769). Die 

Decke folcher Reitwege ift fo Fig. 769. 

einzurichten , dafs die Pferde 

einige Centimeter tief lofen Bo- Ly -...- .i'^P^h ^igrrr—— - 

den finden. Angewandt wird ; ,^ " ft'r"V.l!Wfl' : 

oft eine Mifchung von Sand, y •■=^^J V " C 

Gerberlohe und Sagemehl in %- ..^ . .. ._.v.^ ._ -'i-Jp "^ 

annähernd gleichen, durch Ver- L -' "*-* ^ 

fuch zu ermittelnden Teilen. Rafenband zwifchen Reitweg und Fufsweg. 

Beffer noch ift blofser Kiesfand 

oder Kies von geeigneter Befchaffenheit. Wichtig ift eine durchläffige , gut ent- 

wäfTerte Unterbettung. 

Die nicht abgetrennten Reitwege, d. h. folche, welche in der Ebene des all- 
gemeinen Fahrweges liegen, find im Inneren der Stadt und überhaupt bei ftarkem 
Fahrverkehre nicht haltbar. Sie muffen zwar fo befchaffen fein, dafs man zur Not 
darüber fahren kann; immerhin aber find fie für den Fuhrwerksverkehr wegen der 
geringen Tragfähigkeit und für den Fufsverkehr quer über die Fahrftrafse wegen 
der Schmutzbildung mit Störungen verbunden. Sie werden zweckmässig als Kies- 
bahnen, deren oberfte Schicht fehr fandreich ift, auf einem Schotterbette hergeftellt 
(Fig. 774). Meift ift die Anlage folcher im Fahrdamm liegender Reitwege befchränkt 
auf breite Ring- und Promenaden- oder Parkftrafsen , fowie auf befonders gepflegte 



lr* 



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«S9h 










47° 



56i. 
Reitwege 
im Park. 



562. 
Breite. 



Landwege. Auf letzteren follte der Reitweg wenigftens durch eine Baumreihe be- 
grenzt werden (Fig. 775). Am wenigften ftörend find fie auf Makadam- oder Kies- 
ftrafsen, weil fich hier die oben befprochenen Unebenheiten an der Grenze der ver- 
fchiedenen Arten der Strafsendecke am wenigften fühlbar machen. 

Nur feiten findet man Reitwege, welche nicht mit den Strafsen verbunden 
find, fo im Tiergarten zu Berlin, im Boulogner Wäldchen zu Paris, im Hydepark 
zu London. Der Rotten Row benannte Reitweg im letztgenannten Park ift nicht 
weniger als 25 m breit. 

Auf dem allgemeinen Fahrwege beträgt die geringfte brauchbare Breite des 
nicht abgetrennten Reitweges für einen Reiter (ein HufTchlag) 1,50 m , für zwei Reiter 
3,oo m . Die abgetrennten Reitwege bedürfen der Sicherheit wegen eine etwas aus- 
giebigere Breite, und zwar mindeftens 3,oo, bezw. 5,oo m . Die Vergröfserung diefer 
geringften Mafse ift indes in allen Fällen wünschenswert. 



563. 

Arten. 



564. 



c) Fufswege. 

Die ftädtifchen Fufswege find zu unterfcheiden in Spazierwege (Promenaden- 
wege) und Bürgerfteige (Trottoire). Eine dritte, uneigentliche Art ftädtifcher Fufs- 
wege find die an alten oder unfertigen Strafsen vielfach vorhandenen gepflafterten 
oder bekieften Seitenftreifen , deren Betrachtung hier fortbleiben kann, weil die- 
selben nur als vorläufige, durch geordnete Bürgerfteige zu erfetzende Anlagen 
anzufehen find. 

Spazierwege werden auf breiten Strafsen (meift als Baumgänge, Fig. 776 
s P «ierwege. u 77g ^ auf öffentlichen Plätzen und in Parkanlagen hergeftellt. Die Breite der 
doppelreihigen Baumgänge (Fig. 778) fchwankt zwifchen 6 und 9 m ; ein angenehmes 
Mafs ift 6,50 bis 7,oo m ; die einreihigen Baumgänge (Fig. 776) find zweckmäfsig 
4,00 bis 6,00 m breit. In Frankreich find auch an den Strafsenfeiten zwifchen Fahr- 
damm und Bürgerfteig zweireihige Baumgänge (Gegenalleen, Cantreallies) beliebt. 
(Vergl. Fig. 203, S. 101; Fig. 209 u. 210, S. 104; Fig. 214, S. 105.) 

Auf öffentlichen Plätzen findet man Fufswege von 3,oo bis 10,oo m und mehr 
Breite; in Stadt- und Volksgärten pflegt die Breite der Fufswege je nach ihrer Be- 
deutung 4,oo bis 7,oo m zu betragen. 

Die Decke diefer Wege ,befteht gewöhnlich aus reinem Kies, der Unterbau aus 
Steinfchlag. Der Untergrund ift profilmäfsig zu ebnen und zu dampfen. Auf der 
fo gebildeten Fläche wird der aus natürlichen Steinen oder hart gebrannten Ziegel- 
brocken etwa in Fauftgröfse beftehende Steinfchlag fo ausgebreitet, dafs Stein an 
Stein zu ftehen kommt und gröfsere Fugen durch kleinere Stücke gefchloffen werden. 
Nach dem Abdämpfen diefer Grundfchicht wird feines Steingefplitter, z. B. Bafaltgms, 
in dünner Schicht aufgebracht und unter Begiefsen mit gering lehmhaltigem Waffer 
in die Fugen gekehrt, fo lange, bis fich eine fefte, gleichartige Steinlage gebildet 
hat. Dann erft wird die 2 bis 3 mm ftarke Decklage aus reinem, feinem Kies über- 
geworfen und nafs eingewalzt. 

Da folche Kieswege eine aufmerkfame Unterhaltung verlangen, bei ftarkem 
Verkehre fchwer rein zu halten find, vom Regen aufgerufen, auch durch Froft und 
Tau mitunter aufgeweicht werden, fo pflegt man ftark begangene Strecken durch 
Mofaikpflafter , Zementbeton oder Afphalt zu befeftigen. Nimmt diefe härtere 
Fläche nicht die ganze Wegbreite ein, wie es befonders in Baumgängen zur 



Bürgerfteiginfel mit Anfchlagfäule. 




Bürgerfteiginfel mit Kandelaber. 

■Iiu »■ Cr. 




iuklur. IV. 9. (.. Aufl.) 




Fufsweginfel 

mf dem Domplatz 
zu Cöln. 



47 * 

Schonung der Baumwurzeln üblich ift (Fig. 777), fo nennt man den harten Streifen 
einen »Läufer«. Die Mofaik-, Zement- oder Afphaltläufer find den Bürgerfteigen 
in ihrer technifchen Herftellung gleich, weshalb letztere hier nicht befonders zu 
befprechen ift. 

Die Bürgerfteigbefeftigung erftreckt fich nicht blofs auf die eigentlichen Bürger- 565- 
fteige, fondern auch auf die ftark begangenen Wege und Flächen der öffentlichen befcftigung " 
Plätze, auf die Fufsweginfeln innerhalb breiter Fahrwege, Kreuzungs- und Verkehrs- 
plätze, fowie auf die vorgenannten Promenadenläufer. Die Befeftigung gefchieht 
durch natürliches oder künftliches Stein material. 

Die natürlichen Steinarten, von welchen eine grofse Auswahl fich im Gebrauch 
befindet, werden teils als Pflafter, teils als Plattenbelag verwendet. Erfteres ift 
entweder Mofaik- oder Reihenpflafter. Die aus kleinen Steinen von 3 bis 5 cm Gröfse 
(Granit, Porphyr, Marmor, Sandftein, Bafalt) beftehende Fufsweg-Mofaikpflafterung 
wird entweder aus einheitlichem Material und einfarbig angefertigt oder aus ver- 
fchiedenen Steinforten und alsdann mehrfarbig in Muftern gelegt. Beifpiele letzterer 
Art zeigt die nebenftehende Tafel, und zwar zwei Infein, einen Läufer, ein Mufter 
vom Domplatz zu Cöln und den vierten Teil des Ama/ieiorg-Vlatzes zu Kopen- 
hagen. Die Steinchen werden entweder in blofsem Sand oder beffer in hydraulifchem 
Mörtel verfetzt und nafs abgerammt. 

Die Reihenpflafterung wird auf Bürgerfteigen, des befleren Ausfehens wegen, 
in der Regel mit diagonal laufenden Fugenlinien ausgeführt. Die Steine haben eine 
Höhe von nur 7 bis 10 c m und quadratifche Kopfflächen von 10 bis 13 cm Seite; 
zum Anfchlufs an die Häufer und an den Randftein find dreieckige oder fünfeckige 
Pafsftücke erforderlich. Im Gegen fatz zu den Pflafterfteinen des Fahrweges werden 
diejenigen des Bürgerfteiges mit der Kopffläche nicht fenkrecht zur natürlichen 
Schichtung des Gefteins, fondern parallel zum Schichtenlager gearbeitet und verlegt, 
um möglichft ebene Gehflächen zu erzielen; die Steine werden entweder blofs in 
ein Mörtelbett oder auf einer gemauerten Unterfchicht verlegt. Wegen der ebenen 
Steinköpfe wird diefes aus Belgien flammende, äufserft dauerhafte Bürgerfteigpflafter 
»Platinenpflafter« genannt. 

Plattenbeläge für Bürgerfteige find nur bei fehr hartem Material, z. B. Granit, 
zu empfehlen, weil fonft ein rafches und meift ein ungleiches Ausfchleifsen der 
6 bis 10 cm ftarken Platten eintritt. Glatt werdende Steinforten find ungeeignet. Die 
Platten bedecken entweder die ganze Bürgerfteigfläche oder bilden auf derfelben nur 
einzelne Bahnen zwifchen einer minderwertigen Befeftigung. 

Die verbreitetften künftlichen Bürgerfteigbeläge find diejenigen aus Klinkern, 
befonders in Holland üblich, aus gerieften Tonfliefen, die bei ftarkem Verkehre 
aber leicht abfchleifsen und dann fehr unanfehnlich werden, aus Zementbeton mit 
einer Zementfein fchicht als Decke, aus Gufsafphalt, Stampfafphalt und Afphalt- 
platten. Ausnahmsweife werden auch gemufterte Tonplatten, befonders Mettlacher, 
an öffentlichen Gebäuden, an Denkmälern u. f. w. zur Herftellung von Bürgerfteigen 
verwendet. 

Die Zementbürgerfteige fehen in neuem oder wenig benutztem Zuftande wegen 
ihrer hellen Farbe fehr freundlich aus und halten fich auch fehr reinlich; de leiden 
aber an dem Nachteil, dafs fie, fowohl in zufammenhängenden Flächen als in 
einzelnen abgetrennten Platten verlegt, leicht infolge des Froftes, der Hitze und 
der Bodenbewegungen aufreifsen und dann abzubröckeln beginnen, dafs ferner die 



472 

Fläche nach dem Abfchleifsen der Fugen- und Mufterzeichnung recht unfchön 
ausfieht. 

Am meiden angewendet ift der Afphalt, zwar weniger in der Form von 
Afphaltplatten oder Stampfafphalt (welcher fehr dauerhaft , aber koftfpielig ift), 
mehr aber in Form von Gufsafphalt. Eine Mifchung von fettem und magerem 
Afphalt mit 10 Vomhundert Mineralteer und 26 bis 35 Vomhundert reinem Quarz- 
kies oder Hartfteingefplitter wird in flüffigheifsem Zuftand in zwei, je 10 bis 15 mm 
dicken Schichten auf einer Unterlage von magerem Beton ausgebreitet und ab- 
gerieben. Die Maffe erftarrt und wird nach dem Erkalten fogleich begehbar; das 
völlige Abbinden des Betons braucht vor dem Aufbringen des Afphalts nicht ab- 
gewartet zu werden 97 ). 

Nach den Anlagekoflen wird die Reihe der angegebenen Befeftigungsarten 
ungefähr wie folgt auffteigen: gewohnliches ein- oder zweifarbiges Mofaikpflafter, 
Tonplatten, Klinker, Zementbeton, Gufsafphalt, Steinplatten, Afphaltplatten, Platinen, 
Stampfafphalt. Das gemufterte Mofaikpflafter kann in allen Preislagen, als Terrazzo 
bis zu fehr hohen Sätzen, hergeflellt werden. Unter Berückfichtigung der Unter- 
haltungskoflen tritt eine ganz andere Reihenfolge ein; namentlich das Platinenpflalter 
kann wegen feiner faft unbegrenzten Dauer bei ftarkem Verkehre als das wohlfeilfte 
fich herausfiel Jen. 

Ueber die Breite der Bürgerfteige find fchon in Art. 143 (S. 84), bei Be- 
fprechung der Strafsenquerfchnitte , die erforderlichen Angaben gemacht. Aus den 
mitgeteilten Strafsenprofilen geht auch hervor, dafs die Breite keineswegs in allen 
Fällen an beiden 

Seiten der Strafse Fi & " 9 - 

die gleiche fein mufs, ^1» 

dafs vielmehr ein 
mannigfacher Wech- 
fel je nach Beftim- 
mung, Verkehr und 
Bepflanzungftatthaft 
ift. Zuweilen, z. B. 
wenn nur die eine 
Strafsenfeite für die 
Bebauung dient, die 
andere aber von 

einer Parkanlage ge- _ , 

, .. , . _... Strafse nqiicrfchmtt mit einteiligem BürgerJteig zu Hamburg, 

fogar der Bürgerfteig auf der letztgenannten Seite ganz fort, indem dort der 
Fufsweg in gleicher oder veränderter Höhenlage in die Anpflanzung verlegt wird 
(Fig. 779). 

Das Quergefälle der Bürgerfteige foll in der Regel 1 : 40 nach der Strafsen- 
rinne hin betragen; nur ausnahmsweife kommt an Berglehnen, Flufsufern und Park- 
anlagen ein umgekehrt gerichtetes Gefälle vor. Bei fehr breiten Bürgerfteigen und 
ftark fteigenden Strafsen wird das Gefälle bis auf 1 : 00 ermäfsigt, bei fchmalen Fufs- 
wegen und wagrechten Strafsen auf 1 : 30 verftärkt. 

•') Siehe auch das in T«l III, Bd. 6 (Abi. V, Abfchn. 3, Kap. 1, um« 0; Befcfti jung der Bürgerfteige) diel« -Bind 



473 

Die Bürgerfteige, die Spazierwege und die nur für den Fufsverkehr beftimmten 567. 
Platzflächen find von der übrigen Strafse derart abzutrennen, dafs fie vor Fuhrwerk de " ncn 
gefchützt find. Dies gefchah in früherer Zeit durch Prellfteine oder gufseiferne Bürgerfteige 
Prellpfoften, die nach Bedarf durch Eifenftangen oder Ketten, unter Freilaffung der "° m F ^^f*. 
erforderlichen Zugänge, miteinander verbunden wurden. Der Baumgang der Strafse 
»Unter den Linden c in Berlin, viele öffentliche Plätze in alten Städten, befonders 
aber die Bürgerfteige in Trieft liefern noch heute hierfür bezeichnende Beifpiele. 
In Trieft find die Bürgerfteige nicht über den Fahrdamm erhöht, aber durch runde 
Steinpfoften in geringen Abftänden eingefafst; diefe Pfoften dienen zugleich als 
Laternenfockel und als Stützen für die überall angebrachten Markifen. Bilden 
letztere nicht blofs einen Schirm nach oben, fondern auch einen Abfchlufs nach 
dem Fahrdamm hin, fo wandelt man in einem faft gefchloffenen , aber luftigen 
Räume, vor den Sonnenftrahlen gefchützt, an den Schaufenftern und Kaffeehäufern 
entlang. Diefe in Italien vielfach gebräuchlichen Markifengänge find als Uebergänge 
zu betrachten einerseits zu den mit Tüchern und Teppichen gegen die Sonne faft 
vollftändig verdeckten orientalischen Strafsen und andererfeits zu den Kolonnaden 
(Bogenhallen, Lauben), von welchen fo zahlreiche Strafsen in italienifchen und 
anderen füdlichen Städten auf ganzer Länge eingefafst find. Schon an mehreren 
früheren Stellen diefes Halbbandes ift von diefen Hallen, welche dem Wanderer 
Schutz vor Sonne und Regen, der Strafsenanficht ein lebendiges Relief verleihen, 
die Rede gewefen. Noch inniger wachfen die öffentliche Strafse und die Gebäude 
ineinander, wenn der Fufsverkehr quer unter den Gebäuden oder durch diefelben 
hindurchfiihrt , wie z. B. unter den Rathäufern von Trieft und Lübeck, durch das 
Palais Royal zu Paris, die Börfe zu Antwerpen u. f. w. An manchen Orten führt 
fogar der ganze Strafsenverkehr mit Einfchlufs des Fuhrwefens durch Torfahrten 
unter den Gebäuden her, wie beim Rathaus zu Emden, beim alten Rathaus zu 
München, bei der Hofburg zu Wien, bei den Tuilerien zu Paris, auf den Uferftrafsen 
zu Zürich und Bellaggio u. f. w. Auch bei der Anlage neuer Stadtteile find folche 
Durchdringungen oft geeignet, feffelnde architektonifche Löfungen und malerifche 
Strafsenbilder hervorzurufen. 

Kehren wir hiernach zu der Frage der Abtrennung der Bürgerfteige von den 
Fahrwegen auf ftädtifchen Strafsen zurück, fo ift es heute allgemein gebräuchlich, 
den Schutz der Gehenden gegen das Fuhrwerk dadurch zu erzielen, dafs man den 
Gehweg eine Stufe höher legt als den Fahrweg. Die gewöhnliche und paffende 
Stufenhöhe beträgt 12 cm ; ein gröfseres Mafs ift für das Auf- und Abfteigen unbe- 
quem ; eine geringere Höhe gewährt neben Fahrwegen von etwas ftarkem Quergefalle 
keinen ausreichenden Schutz. Neben Holz- und Afphaltftrafsen , welche der Quere 
nach fehr fchwach geneigt find, ift es zweckmäfsig, die Stufenhöhe auf 10 cm zu 
ermäfsigen. Bei fchmalen Afphaltftrafsen kann man fogar des befferen Ausfehens 
wegen auf 9 oder 8 cm hinabgehen, da eine fchmale, faft wagrechte Fahrwegfläche 
zwifchen hohen Gehwegrändern einen unfehönen, grabenartigen Eindruck macht. 
Andererfeits pflegt man neben fehr breiten Steinpflafter- oder Makadamfahrwegen, 
z. B. auf baumbefetzten Ring- und Promenadenftrafsen, die Bürgerfteigftufe bis auf 
14 cm zu erhöhen. 

Noch aus einem anderen Grunde tritt eine Verfchiedenheit der Stufenhöhe ein, 
nämlich dann, wenn das Längengefälle der Strafse fehr fchwach ift und deshalb 
die Strafsenrinne zur guten Ableitung des Niederfchlagwaffers ein ftärkeres Gefälle 



474 



568. 
Toreinfahrten. 



569. 
Randfteine. 



570. 

Bürgerfteig- 

infeln. 



erhalten mufs. Bei Stein- und Holzpflafter tritt diefes Bedürfnis fchon ein, wenn 
die Strafse weniger als 1:250 fallt, bei Afphaltierung erft, wenn fie weniger als 
1 : 400 fallt. In folchem Falle pflegt man die Rinne fo zu legen , dafs die Stufen- 
höhe des Bürgerfteiges wenigftens 8, höchftens 16 c" 1 beträgt; an den Tiefpunkten 
ift ein Einlauf in das Kanalnetz oder eine fonftige Waflerabfiihrung nötig (vergl. 
Fig. 683, S. 430). 

Eine Aenderung erleidet die Bürgerfteigfläche an der Ueberfchneidung mit 
Toreinfahrten. Liegt die Strafse ziemlich wagrecht, fo tritt keine Schwierigkeit 
ein, indem es leicht und für den Fufsverkehr faft unmerklich ift, den Rand des 
Bürgerfteiges durch eine fanfte Rampeneinfenkung bis auf 6 oder ö 001 Stufenhöhe 
zu erniedrigen und die Bürgerfteigfläche in entfprechender Breite muldenförmig an- 
zufchliefsen. Unbequem aber kann diefe Ueberfchneidung auf ftark anfteigenden 
Strafsen werden. Da die Bürgerfteigfläche in der Quer- und Längsrichtung geneigt, 
die Torfchwelle aber wagrecht ift, fo erhält die Ueberfchneidungsfläche eine wind- 
fchiefe Geftalt; fie bildet neben dem Fahrwege eine Einmuldung, neben der Tor- 
fchwelle eine Auframpung des Bürgerfteiges (vergl. die verzerrte Darfteilung in 
Teil III, Band 6 [Abt. VI, Abfchn. 3, Kap. 1, unter a] diefes »Handbuchesc); zur 
Ueberwindung der entfliehenden Schwierigkeiten ift indes eine gefchickte Ausmitte- 
lung an Ort und Stelle ftets im ftande. Keinesfalls dürfen lotrechte Abfatze im 
Bürgerfteig zur Herftellung der Toreinfahrt zugelaflen werden, weil fie geradezu 
dem Fufsgänger gefahrlich find; und auch die Ueberbrückung der Strafsenrinnen 
ift verwerflich, weil fie fowohl dem Fahrverkehre auf der Strafse hinderlich ift, als 
Störungen und Verftopfungen im Waflerabflufs hervorruft. 

Von der Höhen Veränderung, und der fpiralförmigen Windung der Bürgerfteig- 
fläche an Strafsenecken, insbefondere an der Kreuzung ftark fteigender Strafsen, ift 
fchon in Art. 556 (S. 467) die Rede gewefen; die Tafel bei S. 467 gibt darüber 
nähere Auskunft. Eine gefchickte Vermittelung ift auch hier das Wefentliche. 

Der ftufenförmige Rand des Bürgerfteiges ift durch einen Quaderftein zu 
bilden (fiehe an der gleichen Stelle diefes »Handbuchesc), welcher in der Ober- 
fläche wenigftens 23 cm (auf breiten Strafsen 26 bis 30 cm ) breit und dem Bürger- 
fteiggefalle entfpre- 

chend geneigt wird Fi 8- 7 8 °- Fi ß- 7«i. 

und eine Höhe von 
28 bis 35 cm erhält. 
Untermauerung oder 
Betonunterlage ift not- 
wendig. Es fleht gut Unzweckmäfsige Bordfteine. 
aus und dient zur 

Schonung des Randfteines, wenn die vordere Stufenfläche etwa im Verhältnis 1 : 4 
abgefchrägt und die Kante etwas gerundet wird. Eine Verzahnung der Stofsfugen 
wird oft ausgeführt, ift aber bei hinreichender Länge des Steines entbehrlich. 
Die Länge follte mindeftens Im betragen; in Belgien find Längen bis zu 3 m im 
Gebrauch. Randfteine aus flachen Quadern nach Art der Treppenftufen (Fig. 780) 
und aus lotrecht geft eilten Platten (Fig. 781) find unzweckmäfsig, weil fie durch 
Räder fchwerer Karren, durch Frort und Erddruck aus ihrer Lage gebracht werden. 

Die erhöhten Infein, welche zur Sicherheit der querüber fchreitenden Fufs- 
gänger auf breiten Fahrwegen und auf Verkehrsplätzen angebracht werden, find als 














vereinzelte Bürgerfteigteile aufzufallen. Wegen ihrer befonderen Gefährdung pflegt 
man eine Erhöhung von 13 bis 16 cm anzuordnen und aufserdem oft noch Schutz- 




S. Gu6eiferas Schutipforteo. 
K. Kandelaber. 

Bürgerfteiginfeln (Satring pL 




ts) 



i London. 



In fein (Reßmg 
befchränkt 



fondern aufserdem durch Prellpfoften (i 
Fig. 787. 



§3E 

Bürgerileiginfel (Refugt) 
auf den Boulevards zu Paris. 

p falten an den Rändern zu er- 
richten. Fig. 784 zeigt eine Parifer, 
Fig. 782 u. 783, 785 u. 786 zeigen 
vier Londoner Infein ; auf der 
Tafel bei S. 471 wurden bereits 
einige Bürgerfteiginfeln aus Cöln 
mitgeteilt. Bei den Londoner 
'■aas oder Saving places) ift der Schutz nicht auf die Randerhöhung 
neift aus Gufseifen) verftärkt. 
Sowohl die Parifer, als die 

Londoner Hauptverkehrs- 
ftrafsen find mit folchen 
Schutzinfeln , befonders an 
den Kreuzungen , reichlich 
ausgestattet; der 35 m breite 
Fahrweg der Ckamps Jzlyfies 
ift fogar in Abftänden von 
etwa 60 m durch je zwei 
Schutzinfeln geteilt, fo dafs 

die Fufsgänger nur 10 m 
breite Fahrftreifen zu kreu- 
zen haben. 

An den befonders ver- 
kehrsreichen Strafsenkreu- 
zungen von London, Paris 
und Berlin find aber auch 
diefe Vorrichtungen für den 
Schutz der Fufsgänger nicht 
ausreichend. Und fo be- 
fchaftigt man (ich feit längerer 
Zeit in den genannten Grofs- 
ftädten mit Plänen, gewiffe 
fehr lebhafte Strafsenkreu- 
1|wo w ' Gc * zungen durch Brückenftege 

oder Tunnel, welche die Bürgerfteige in Verbindung fetzen, für die Fufsgänger un- 
gefährlich zu machen. Fig. 787 zeigt, dafs wenigftens drei foieher Verbindungen 




Fufswegüberbrückung einer Strafsenkreuzung, 



476 

nötig wären, um das Ueberfchreiten des Fahrdammes entbehrlich zu machen. Aber 
die Eckhäufer würden erheblich gefchädigt, und es wäre zu erwarten, dafs diefe 
unbequem zu erfteigenden Brücken ebenfowenig benutzt würden, wie die bekannten, 
über ftark befahrene Ei fenbahn- Niveauübergänge gefpannten Fufs wegbrücken, welche 
meift nur als Spielplätze der Strafsenjugend dienen, während das Volk unten auf 
der Strafse wartet, bis die Schranken wieder geöffnet werden. Wir würden es hier 
im Hinblick auf die Untergrundwege für Stadtbahnen und Rohrleitungen mit einem 
dritten Verkehrsftockwerk zu tun haben, was auf die zukünftigen Strafsenbilder 
unferer Grofsftadte keinen erfreulichen Ausblick eröffnet. Unterirdifche Fufsweg 
kreuzungen unter lebhaft benutzten Fahrdämmen, wie folche beifpielsweife unter 

Fig. 788. 



Beifchläge zu Danzig 100 ). 

dem Manfionkoufe Place in London ausgeführt und von E. Henard für Paris vor 
gefchlagen 98 ) find, verdienen bei guter Beleuchtung zweifellos den Vorzug. 

Sehr bemerkenswert ift der Vorfchlag, mehrere neue Londoner Avenuen fo- 
gleich als zweiftöckige Strafsen auszubauen a9 ). 

Die gute alte ZeitI Während heute die ganze Strafsenfläche von Hausfront 
zu Hausfront den verkehrsluftigen Menfchen nicht mehr genügt, fondern überirdifch 
und unterirdifch neue Wege für das raftlofe Hin und Her erdacht werden , konnte 
man ehemals die neben der Rinne vor den Häufern liegenden Seitenftreifen der 
Strafse den Bewohnern für ihren Privatgebrauch überlaffen. Hier fpannen und 
klöppelten die Weiber; hier ruhten die Männer nach der Vefper aus, und auf 
der Steinbank vor der Haustür plauderten Alt und Jung. Unter folehen Verhält- 
niffen konnte man auch das, was man heute Bürgerfteig nennt, fchwarz afphaltiert 
und im Sturmfehritt überrennt, behaglich ausbilden und mit Freitreppen, Vordächern, 
Lauben, Ruhefitzen und dergl. künftlerifch ausfetten. Möge deshalb den Schlufs 



477 

diefer Erörterung eine Abbildung Danziger »Beifchlägec in Fig. 788 10 °) bilden; die 
Wiederaufnahme diefer Strafsenzier in Wohnftrafsen an Stelle von Vorgärten erfcheint 
nicht ausge fehl offen. 

d) Unterhaltung und Reinigung. 

Unterhaltung und Reinigung der Strafsen gehören zu den läftigen Aufgaben 
des Städtebauwefens. Wegen des wichtigen Anteiles am Gemeindebudget, den diefe 
Arbeiten bilden, wird es aber angemeflen fein, fie wenigftens mit einigen Worten 
zu berühren. 

Die Unterhaltung der Fahrwege erfordert eine ftete Aufmerkfamkeit, eine unaus- 
gefetzte Tätigkeit. Die nötigen Erfatzmaterialien muffen ftets auf Lager gehalten 
werden, geübte Arbeiter, zweckmäfsige Geräte und Werkzeuge immer zur Verfügung 

Fig. ,8,. ftehen ' Bei einiger 

Ausdehnung des Un- 
terhaltungsgebietes ift 
ein wohleingerichteter 
j Bauhof* unentbehr- 
lich. Bauleitung und 

Material be fchaffung 
muffen einheitlich, 
nach gleichen Grund- 
fätzen betrieben wer- 
den; Steinforten und 
Steinformate , Holz- 
arten und fonftige Ma- 
terialien dürfen nicht 
mehr wechfeln, als in 
den Strafsen- und Ver- 
kehrs verhältniflen be- 
gründet ift , damit 
i . nicht Unterhaltung 

und Erfatz unnötig er- 
fchwert werden. Es ift vom Uebel, wenn in derfelben Stadt Staats-, Provinzial-, 
Gemeinde- und Privatftrafsen durcheinander liegen und verfchieden artig behandelt 
werden. Die Ablöfung aller Strafsen oder wenigftens die Uebernahme der Unter- 
haltung feitens der Gemeinde Hellt fich in der Regel als dringendes Bedürfnis heraus, 
welches je eher je befler befriedigt werden follte. 

Bei den Chauffierungen unterfcheidet man Flickarbeit an einzelnen Stellen und 
gänzliche Erneuerung der Decke. Die erftere wird möglichft vermieden; die letztere 
findet nach Bedürfnis unter Wiederverwendung des vorher genebten Deckmaterials 
ftatt, und zwar unter Benutzung einer fchweren Walze (am beften Dampfwalze) bei 
beftandigem Feuchthalten der Strafse. 

Die Unterhaltungsarbeit am Steinpflafter zerfällt in einzelne Ausbeflerungen, 
in Umpflafterungen und Neupflafterungen. Bei Ausbefterungen und Umpflafterungen 
wird die Sandbettung, abgefehen vom Grundbett (Beton, Steinfchlag, Kies), erneuert, 
und die unbrauchbar gewordenen Steine werden entweder durch Behauen (Zurichten) 
wieder verwendbar gemacht oder durch neue von entfprechender Befchaffenheit 



Werkzeugraum unter der Strafse zu Paris. 



478 






erfetzt. Unter Umftänden kommen bis 50 Vomhundert neue Steine zum Ge- 
brauch. Ift indes die Abnutzung fo befonders ftark, fo hat man zu erwägen, 
ob es nicht befler fei, die Pflafterung ganz zu erneuern und die noch verwend- 
baren alten Steine an anderer Stelle zu verwerten. Für das Aufbewahren der 
Werkzeuge und Geräte bedarf es aufser dem Hauptlager auf dem Bauhof ver- 
fchiedener verfchliefsbarer Räume in den Stadtteilen; find folche überirdifch nicht 
zu haben, fo bleibt nichts übrig, als fie unterirdifch im Strafsenkörper an ge- 
eigneten Punkten anzulegen. Fig. 789 zeigt einen folchen Werkzeugraum unter 
der Strafse aus Paris. 

Die Afphaltftrafsen bedürfen der anhaltenden Wartung, namentlich der be- 
ftändigen Befeitigung des Pferdedüngers, um das Schlüpfrigwerden der Oberfläche 
und das Ausgleiten der Pferde zu verhüten. Bei leichtem Regen mufs zu demfelben 
Zwecke ein dünner Wurf fcharfen Sandes ausgebreitet werden ; derfelbe ift entweder 
in offenen Haufen, was häfslich aus- 

fleht, oder in Kiften oder in ver- Fi & 79 °- 

fchloflenen Gruben auf der Strafse in 
Vorrat zu halten. Das Ausbeutern 
fchadhafter Stellen ift leicht: die Decke 
wird an den Rändern der Flickftelle 
fcharf durchgefchlagen; der Afphalt 
läfst fich ohne Mühe vom Betonbett 
ablöfen; frifches Pulver wird heifs auf- 
gebracht und mit einiger Ueberhöhung 
gegen die vom Verkehre bereits ver- 
dichtete ältere Decke eingewalzt, und 
nach kurzer Zeit hat die Fläche wie- 
der ein einheitliches Ausfehen. 

Sehr mifslich ift das Ausbeflern 
des Holzpflafters, da die neu einge- 
fetzten Teile, feien es einzelne Klötze, 

feien es ganze Flächen, von den alte- 

ren Teilen der Strafsendecke nach 
Höhe und Beschaffenheit abweichen; 
auch das Abhobeln der Ausbefferungs- 
ftelle, um fanfte Uebergänge zu erzeugen, mildert den Uebelftand nur, ohne ihn zu 
befeitigen. Bezüglich des Reinhaltens macht Holzpflafter diefelben Anfprüche wie 
Afphalt; aufserdem foll allmonatlich eine Schicht groben, reinen Kiesfandes über 
die Holzdecke ausgebreitet werden, damit der Verkehr in das Hirnholz der Klötze 
ftets von neuem die Kieskörner eindrücke. 

Das beftändige Reinigen des Holz- und Afphaltpflafters verlangt das An- 
bringen geeigneter Behälter am Fahrwege entlang, in welchen die Schmutzmaffen 
bis zur Abfuhr untergebracht werden. Es find verdeckte Gruben in breiten 
Bürgerfteigen, in Pflanzungsflächen, an Platzrändern und ähnlichen dem Verkehr 
entzogenen Stellen, oder aufrecht flehende Hohlpfoften aus Brettern oder Eifen- 
blech, etwa 1,5 o m hoch, 40 cm oder 35 X 45 cm weit, oben offen und unten mit 
verfchlufsfähiger Entleerungsklappe verfehen (Fig. 790). Verdeckte Gruben haben 
fich befler bewährt. 



W 1 






"fcafij 



CD 




Sammelbehälter für Strafsenfchmutz. 



479 



574- 



575- 

Straften- 

reinigung. 



Die Unterhaltung der Bürgerfteige liegt in vielen Städten den Hausbefitzern 
ob, was zu Mifslichkeiten aller Art fuhrt. Wie bei den Fahrwegen, fo kann auch Untc ^ tullg 
bei den Fufswegen eine befriedigende Unterhaltung nur dann erwartet werden, Bürgerfteige. 
wenn fie von der Gemeinde einheitlich nach feften Grundfatzen beforgt wird. 

Die regelmäfsige Reinigung der ganzen Strafsenfläche, der Bürgerfteige fowohl 
als der Fahrwege, gefchieht entweder durch die Anwohner, indem jeder an be- 
ftimmten Tagen zu beftimmten Stunden »vor feiner Tür kehrte , und zwar den 
Schmutz in Häuflein bringt, welche der Abfuhrunternehmer auf feinen Wagen ladet 
— wenn nicht inzwifchen Regen und Wind die Schmutzftoffe wieder ausgebreitet 
haben — , oder beffer durch die Gemeindeverwaltung mittels leiftungsfahiger 
Mafchinen unter fofortiger Abfuhr in den Nacht- oder frühen Morgenftunden. In 
den meiften Städten ift leider immer noch die unvollkommene Einzelreinigung im 
Gebrauch und deshalb der Sauberkeitsgrad der Strafsen ein recht befcheidener. 
Die Anfprüche find in diefer Beziehung verfchieden. Wie man die Kultur der 
Städtebewohner nach der Menge des verbrauchten Waffers oder der benutzten Seife, 
nach der Kleinheit der Sterblichkeitsziffer oder der Häufigkeit der Kurzfichtigen 
glaubt beurteilen zu können, fo find auch ebenfo fichere Schlüffe aus der Pflege 
des Pflafters, der Bürgerfteige , der Bäume und Gartenpflanzungen und aus der 
Reinlichkeit der öffentlichen Strafsen zu ziehen 101 ). 



5. Kapitel. 

Kundmachungseinrichtungen. 

Die auf der Strafse anzubringenden Kundmachungen find teils amtliche, teils 
private. Zu erfteren gehören die Grenz-, Orts- und Strafsenfchilder , die Haus- 
nummern, Warnungstafeln, Uhren und Wetterfäulen; für private Kundmachungen 
dienen Anschlagtafeln, Anfchlagßiulen, Annoncenuhren, Tranfparente und dergl. 



a) Amtliche Kundmachungen. 

Grenzfchilder werden an folchen Punkten errichtet, wo unbebaute Strafsen- 
ftrecken von der Stadtgrenze gefchnitten werden und die Kennzeichnung der Unter- 
haltungspflicht , der Polizeihoheit, des Verwaltungsbezirkes von Wichtigkeit ift. 
Fig. 791 zeigt ein Grenzfchild von Cöln: ein Zinkgufsfchild auf eine Eifenplatte 
genietet, mit Rahmen und Pfoften aus Schmiede- oder Walzeifen. 

10 1 ) Bezüglich weiterer Einzelheiten über Konstruktion, Herftellung, Unterhaltung und Reinigung der Strafsen muft auf 
die einschlägige Sonderliteratur verwiefen werden, aus der hervorgehoben feien : 
Ahlburg. Der Strafaenbau etc. Braunfchweig 1870. 

Nieden, J. zur. Der Bau der Strafsen und Eifenbahnen etc. Berlin 1878. 
Stubben, J. Paris in Bezug auf Strafsenbau und Stadterweiterung. Berlin 1879. 
Krüger, R. Handbuch des gefammten Strafsenbaues in Städten. Jena 1880. 
Müller, E. Der Chauftcebau und feine Hülfswiflenfchaften. Jena 188 1. 
Dietrich, E. Die Afphaltftrafsen. Berlin 1882. 

Handbuch der Ingenieurwiflenfchaften. Bd. I. Leipzig 1880. (a. Aufl. 1884.) Kap. 6: Strafsenbau. Von F. Laissle. 
Deutfehes Bauhandbuch. Bd. III. Berlin 1879. Der Strafsenbau. Von F. W. Büsing & A. Meyer. 
Der Städtifche Tiefbau. Herausg. von Dr. E. Schmitt. Bd. I: Die ftädtifchen Strafsen. Von E. Genzmer. 
Heft z: Stuttgart 1897; Heft 2: Stuttgart 1900. 
Aufter diefen Sonderwerken fei auch vieler wertvoller Zeitfchriftenauffttzc gedacht, aus denen nur angeführt fei : 

Pinkenburg. Vergleichende Betrachtungen über Steinpflafter — Afphaltpfiafter — Holzpflafter. Deutfche Bauz. 1889, 
S. 154» *7S, 189- 



576. 
Grenz- 
fchilder. 



480 



Fig. 791. 



Ift die Strafse an der Gemeindegrenze bebaut, fo ift wegen des am erften Haufe 
anzubringenden Ortsfchildes ein befonderes Grenzfchild entbehrlich. Die OrtsfchÜder 
werden aus Holz oder Zinkblech mit Oelfarbefchrift , oder beffer aus emailliertem 
Gufs- oder Schmiedeeifen mit Emailfchrift , oder noch beffer aus Zinkgufs mit er- 
haben gegoffenen, mit Oelfarbe geftrichenen Buchftaben angefertigt. Die anfcheinende 
Dauerhaftigkeit der Emailfchilder verwirklicht fich nicht, weil der Schmelzüberzug 
durch Mutwillen und durch phyfikalifche Ein- 
flüffe leicht verletzt wird. 

Mit den Ortsfchildern ftimmen bezüglich der 
Herftetlungsart die Bezirksfchilder überein, welche 
die Einteilung der Stadt in Verwaltungs- oder 
Polizeibezirke u. f. w. anzeigen. Mit kleineren 
Schildern werden die Wohn-, bezw. Amtsgebäude 
der Bezirksvorfteher , der Polizeikommiflare und 
fonftiger, für die Bevölkerung wichtiger Beamten 
und Behörden gekennzeichnet (Fig. 792). 

Fig. 79*- 




Bezi rks vorftehe rfchil d. 

l|l» w. Gr. 

Die Strafsenfchilder werden zumeift an den 
Strafsenecken angebracht ; beffer ift noch das 
Anbringen an den auf Strafsenecken flehenden 
Laternen pfoften. Von den vielfältigen Herfiel- j I 

lungsarten find als zweckmäfsig hervorzuheben: 
Steinfchilder, Zinkgufs- und Eifenfchilder. [ f| 

Erftere beliehen aus Häufte inplatten , in ^ i^^^^^m^— 

welche die Strafsennamen eingemeifselt werden, Grenzfchild. 

um alsdann in die Umfaffungsmauer des Haufes ,|m "■ Gt - 

mit Zementmörtel eingefetzt zu werden. Befteht die Hausmauer aus Hauftein, fo 
wird wohl die St rafsenbe Zeichnung unmittelbar eingemeifselt. Diefe Steinfchilder 
haben zwar eine unzweifelhafte Dauerhaftigkeit, aber den Nachteil, dafs das Ein- 
fetzen in das Mauerwerk befchwerlich ift und dafs oft durch Staub und Schmutz, 
durch das Bleichen oder Dunkelwerden des Steines der Name bald unleferlich 
wird. Zwar kann durch häufiges Anftreichen der Buchftaben der letztere Uebel- 



48i 

Hand gemildert werden; aber die Leferlichkeit läfst doch faft ftets zu wünfchen 
übrig, fo dafs die Stein fchilder im allgemeinen nicht zu empfehlen find, es fei 
denn, dafs man etwa in der Lage ift, fo grofse und deutlich befchriebene Platten 
von weifsem Marmor anzubringen, wie fie in Italien üblich find. 

Die Zinkgufsfchilder mit erhabenen Buchflaben laden fich leicht anbringen 
und find (ehr dauerhaft; die Leferlichkeit mufs aber zeitweilig durch Neuanftrich 
der Buchftaben verheuert werden. 

Fig- 793. 



Strafsenweifer, 

Hauptfächlich das deutliche Erkennen der Buchftaben hat die Verbreitung 
der emaillierten Eifenfchilder veranlagst, gewöhnlich mit weifsen lateinifchen Buch- 
ftaben auf dunkelblauem Grunde. Wegen der einfacheren Form und des leichteren 
Erkennens durch Ausländer wird im allgemeinen der lateinifchen Blockfchrift vor 
der deutfchen Schrift der Vorzug eingeräumt ; die Buchftaben werden 9 bis 12 e" 1 
hoch (die kleinen Buchftaben 6 bis Qcm), die Schilder demgemäfs 17 bis 21 ö" 
breit angeordnet. Die Höhe der Schilder über der Straisenfiache foll 3 bis 4 m 
betragen. 

r Architektur. IV. 9. [*. Aufl.) 3' 



Strafsen 
weifer. 



Strafsen 
namen 



482 

In manchen Städten hat man durch die Farbe der Schilder oder der Buch- 
ftaben dem Fremden einen Hinweis auf die Lage der Strafse geben wollen; fo hat 
man z. B. in rheinischen Städten die Strafsen, welche parallel zum Rhein laufen, 
mit fchwarz, die auf das Rheinufer fenkrecht gerichteten Strafsen mit rot befchrie- 
benen Schildern bezeichnet. Wenn man nicht zugleich dafür forgt, dafs alle Fremden 
vor dem Eintritt in die Stadt über die Bedeutung der Farben aufgeklärt werden, fo 
hat diefe Mafsregel wenig Wert; fie ift in zweckmäfsig angelegten neuen Stadt- 
teilen, deren Strafsennetz vom Rechteckfchema fehr verfchieden ift, überhaupt kaum 
durchfuhrbar. 

580. Für neu angelegte, noch wenig angebaute Strafsen find Strafsenbezeichnungen 
nach Art der Wegweifer, aus Holz oder Schmiedeeifen beftehend, im Gebrauch 
(Fig. 793). An alten Staatsftrafsen , befonders in Frankreich und im Elfafs, findet 
man noch Strafsenweifer monumentaler Art, aus Renaiffancefäulen mit Sockel und 
Kapitellauffatz oder mit gotifchen Spitzfäulen und dergl. beftehend. In unferer Zeit 
fcheint ein derartiger » Luxus c ausgestorben zu fein. 

581. Vielleicht ift es hier am Platze, einige Worte über die Feftfetzung von Strafsen- 
namen einzufchalten. Das Einfachfte ift, die Strafsen nach einer vorhandenen Oert- 
lichkeit zu benennen, z. B. Bahnhofftrafse , Rheinftrafse, Hafengaffe, Vogteiplatz, 
oder hergebrachte Wege- und Flurbezeichnungen für die neuen Stadtftrafsen feftzu- 
halten, z. B. Breslauer Strafse, Trierer Strafse, Heckftrafse, Grüner Weg, Am Sandberg, 
Im Talacker. Da diefe Bezeichnungen nicht ausreichen, oft auch unanwendbar find, 
fo kommt man zu anderen geographifchen Benennungen, und zwar nach anderen 
Städten, z. B. Glogauer Strafse in der Nähe der Breslauer, Luxemburger Strafse in 
der Nähe der Trierer Strafse; oder nach FlüfTen: Oderftrafse bei der ßreslauer und 
Glogauer, Mofelftrafse bei der Trierer und Luxemburger Strafse, oder nach Meeren, 
Gebirgen u. f. w. 

Eine andere Art von Strafsennamen find die gefchichtlichen , meift an Orte, 
Volksftämme und Perfonen erinnernd, die in der örtlichen oder vaterländischen Ge- 
fchichte eine hervorragende Rolle fpielten. So folgt z. B. die Bezeichnung der ein- 
zelnen Strecken der Cölner Ringftrafse den Namen der deutfchen Kaifergefchlechter 
von den Karolingern bis zu den Hohenzollern ; fo find in allen europäifchen Haupt- 
ftädten die Orte und Feldherren der fiegreichen Schlachten des betreffenden Landes 

m 

in den Strafsennamen wiederzufinden. 

Strafsenbezeichnungen einer vierten Art find die rein persönlichen , indem fie 
fich beziehen auf Herrfcher und Mitglieder des Herrfcherhaufes, auf berühmte Männer 
der Kunft und Wiffenfchaft, auf Wohltäter der Stadt und dergl. Damit verwandt 
find die Heiligennamen, nach Kirchen, Klöftern, Schutzpatronen gebildet und be- 
fonders in alten Städten reichlich vertreten; zwar foll es auch vorkommen, dafs Vor- 
namen ohne Bezeichnung dem Kalender entnommen und für die Strafsentaufe ver- 
wendet werden, eine Denkträgheit, die fchwerlich Nachahmung verdient. Schliefslich 
find in früherer Zeit mit Vorliebe, gegenwärtig feltener, Handwerke, Gewerbe, Be- 
rufsftände u. f. w. für die Strafsenbezeichnungen mafsgebend: Fleifchergaffe, Glocken- 
giefserwall, Jägerftrafse, Technikerftrafse, Pionierplatz, Judengaffe u. f. w. Was für 
die Namen der Strafsen gilt, ift felbftredend auch auf die Benennung von Plätzen, 
Brücken und Toren anzuwenden. 

Wie es für den Fremden ftörend und verwirrend ift, wenn die Strafsenbezeich- 
nung in zu kurzen Abftänden und ohne fichtliche Veranlaffung wechfelt, fo ift es 



amtpx 



tt 




4 8 4 



58a. 
Hausnummern. 



auch für jeden, der ein Haus in einer Strafse 
fucht, unangenehm, wenn die Strafse zu lang ift 
und er fomit eine unabfehbare Häuferreihe feiner 
Nachforschung unterziehen mufs. Sind zu lange 
Strafsen fchon aus Schönheitsrückfichten nicht 
zu empfehlen, fo find fie es erft recht nicht aus 
Zweckmäfsigkeitsgründen. Strafsen von mehr als 
1 km Länge find für das Auffuchen einer Haus- 
nummer, wenn man nicht die Nummernordnung 
vorher kennt, fehr unbequem. Allerdings genügt 
es nicht, blofs den Namen zu wechfeln, fondern 
auch die ganze Ausbildung der Strafse (Breite, 
Richtung, Profilierung, Gefalle) mufs womöglich 
mit dem Namen fich ändern, damit jede Strafse 
für fich als ein abgetrenntes Ganze erkennbar fei. 

Für die Numerierung der Häufer find zwei 
Verfahren in Anwendung. Nach der einen folgen 
fich die Zahlen I, 2, 3, 4, 5 u. f. w. auf der 
einen Strafsenfeite bis zum Ende, z. B. bis 68, 
und kehren dann, mit Nr. 69 beginnend, auf der 
anderen Strafsenfeite bis zum Strafsenanfang, alfo 
bis ungefähr 136, zurück. Nach der anderen Art 
erhält die eine (linke) Strafsenfeite die ungeraden 
Nummern 1, 3, 5 u. f. w., die andere (rechte) 
Seite die geraden Hausnummern 2, 4, 6 u. f. w. 
Die letztere Methode ift zweckmäfsiger, fowohl 
weil die Verlängerung einer voll numerierten 
Strafse ohne Nummernänderung erfolgen kann, 
als weil es genügt, den Anfangspunkt der Nume- 
rierung zu kennen, um jedes Haus mit Leichtig- 
keit ohne Umweg zu erreichen. Der Anfang, 
bezw. die Reihenfolge der Nummern richtet fich 
in jeder Stadt nach irgend einem Grundfatze; 
bei fpiels weife dem Flufslaufe folgend und zum 
Fluffe hinzielend, oder vom Stadtmittelpunkte 
allgemein nach aufsen gerichtet, oder fiid-nördlich 
und weft-öftlich. Ift es auch bei den diagonalen 
und fonft verfchobenen Strafsenrichtungen zu- 
weilen unficher, ob der Nummernanfang an das 
eine oder andere Strafsenende zu legen fei, fo 
gewährt doch das möglichfte Fefthalten eines 
beftimmten Grundfatzes dem Suchenden ftets will- 
kommenen Anhalt. 

Die Hausnummern werden, wie die Strafsen- 
fchilder, aus Steinplatten, Zinkgufs oder email- 
liertem Eifen angefertigt und meift neben oder 
über der Haustür an einer auffälligen Stelle in 



Fig. 796. 





Wetterhäuschen 

des Königl. Hüttenamtes 

Wafleralfingen. 



48S 



Oeffentliche Uhr zu Breslau 10 '). 



486 

etwa 2,50 bis 3,00 m Höhe be- Fig. 798. 

fertigt. Bei Haufteinmauern ift 

es zweckmäfsig , die Zahl un- I 
mittelbar auf den Stein zu malen. 
Der Anftrich ift von Zeit zu 
Zeit zu erneuern. Die Ziffern 
werden 9 bis 12 cm , die Schild- 
chen fomit 14 bis 17 cm hoch 
und bei zwei Ziffern 14 bis 16 cm, 
bei drei Ziffern 20 bis 22 cm 
breit. Zuweilen werden die Haus- 
nummern einer Block feite zur 
fchnelleren Unterrichtung Frem- 
der auch auf den Strafsenfchil- 
dem angebracht; trägt ein folches 
Feld zugleich eine Bezirksbe- 
zeichnung, fo lautet es beifpiels- 
weife wie folgt: 

Ortsbezirk 15. 

Oefterreichifche Strafse. 

Nr. «— 49- 

Auf Strafsen, welche erft 
im Bau begriffen oder welche 
noch nicht vollftändig bebaut 
find, empfiehlt es fich zwar, den 
Neubauten fchätzungs weife die 
ihnen nach dem fertigen Ausbau 
der Strafse zukommende Nummer 
zu erteilen, der Zahl aber das 
Zeichen »vorl.«, d. h. : vorläufig, 
hinzuzufügen, damit die Befitzer, 
Bewohner und Käufer auf den 
Empfang einer anderen bleiben- 
den Hausnummer vorbereitet find, 
falls die Schätzung, wie es die 
Regel ift, mit der zukünftigen 
Zahl der Häufer nicht genau 
übereinftimmt. 

Merk- und Warnungstafeln 
haben den Zweck, auf eine be- 
fondere Bertimmung eines Stra- 
fsenteiles, auf ein polizeiliches 
Verbot, auf eine Strafandrohung 
und dergl. aufmerkfam zu ma- 
chen. Infofern fie an Häufern Oeffentliche Uhr 
oder Mauern angebracht find, auf dem Jungfernftieg iu Hamburg. 




I z 



489 

unterfcheidet fich ihre Herstellung nicht von derjenigen der Orts- und Bezirks- 
fchilder; follen fie jedoch auf freier Strafse oder öffentlichen Plätzen errichtet 
werden, fo find fie mit Holz- oder Eifenpfoften zu unterftützen und architektonifch 
auszubilden. Fig. 794 u. 795 zeigen zwei Beifpiele. Die Pfoften werden an Punkten 
errichtet, wo fie den Verkehr möglichft wenig beeinträchtigen, alfo in Baumreihen, 

auf der Bürgerfteig- 
' B ' 4 ' kante, auf einer Bürger- 

fteiginfel u. f. w. Stütze 
und Rahmen werden am 
bellen aus Schmiede- 
eifen , die Tafel aus 
Zinkgufs oder emaillier- 
tem Eifen angefertigt. 
Auch Uhren und 
Wetterfäulen gehören 
zu den Öffentlichen 
Kundmachungsein rich- 
tungen auf unferen ftäd- 
tifchen Strafsen. Die 
Uhren (Fig. 797 bis 800) 
werden elektrifch oder 
pneumatifch betrieben ; 
fie bedürfen , wie die 

Wetterfaulen oder 
Wetterhäuschen (Fig. 
796, 801 bis 804), der 
dauernden fachmänni- 
fchen Aufficht. 

Die Uhr vom Ham- 
burger Jungfernftieg (Fig. 
798) zeichnet fich nicht 
blofs durch Schönheit, fon- 
dern auch durch die Ein- 
richtung aus, dafs der 
untere Teil des Aufbaues 
auf feinen vier Seiten- 
flächen eine grofse Zahl 

nützlicher Mitteilungen 
über Gröfse des Stadt- 
gebietes , Einwohnerzahl, 
Eifenbahn- , Dampfboot-, 
Wettbewerbentwurf für ein Wetterhäuschen zu Berlin '<"). Strafse nb ahn Verbindungen 

. . _ . u. f. w. enthält, dafs ferner 

auf der Oberfläche des 
niedrigen Steinfockels, überfafst von den vier Uhrfüfsen, unter ftarkem Glafe ein die Oertlichkeit 
enthaltender Ausfchnitt des Stadtplanes in zwecke ntfprech ender Zeichnung und Darftellung an- 
gebracht ift, umgeben von einer geographifchen Strahlenrofe, deren Linien die Richtungen nach 
den Hauptftädten Europas bezeichnen. Der Uhrbau ift deshalb zugleich eine dem Fremden fehr 
dienliche ■Orientierungsfäule.. Aehnliche Stadtplanausfchnittc find zur willkommenen Unterweifung 
des Fremden in Hamburg auch mit mehreren , auf Steinfockeln errichteten Strafsen kandelabem 
verbunden, eine Einrichtung, welche auch in anderen Grofsftädten Nachahmung verdient 



49Q 

Die Wiener Strafsenuhr (Fig. 799) zeigt eine bemerkenswerte Verbindung von Uhr, 
Strafsenlaterne, Anfchlaglaule und Piflbir. Fig. 797 l02 ) ift eine Abbildung des flotten Ent- 
wurfes Ricth's zu einem Uhrgehäufe für Breslau; Fig. 804 101 ) zeigt einen Entwurf Schulmanns 
für Berlin. 

Zu amtlichen Kundmachungen dienen fchliefslich auch die Anfchlagtafeln und 

Anfchlagfäulen, welche unter b) befprochen werden. 



a c ^jnygL=ajBya s crTya^ 



b) Private Kundmachungen. 

585- Für die Gefchäftsanzeigen von Privatperfonen dienen die Anfchlagtafeln und 

u ^* e Anfchlagfaulen, welche entweder von der Gemeinde hergeftellt und im ganzen oder 
Anfchiagftuicn. von Fall zu Fall teilweife ver- 
mietet werden, oder deren Her- ^" ° 5 ' 
ftellung und Ausnutzung die 
Gemeinde unter beftimmten Be- 
dingungen einer Buchdruckerei 
oder einer fonfligen Gefchäfts- 
firma überläfst. 

Die Anfchlagtafeln wer- 
den entweder an Gebäuden 
und Umfaflungsmauern oder an 
Laternenpfoften oder an felb- 
ftändigen Stützen angebracht. 
Die erftgenannte Art wird fei- 
ten aus Brettern, befler aus 
Zementputz angefertigt (Fig. 805) ; ihre Gröfse richtet (ich nach dem Bedürfnis. Die 
Cölner Tafeln find meiftens ungefähr 2 X 6 m grofs. Die z. B. in Mailand gebräuch- 
lichen Anfchlagtafeln aus Eifenblech an einem befonde- 
ren, auch zum Auffetzen einer Strafsenlaterne geeigneten 



Fig. 806. 




Anfchlagtafel an einer Mauer. 
Mioo w - Gr. 



Fig. 807. 





Frei flehende Anfchlagtafel zu Strafsburg. 



^so w. Gr. 



Freiftehende Anfchlagtafel 
zu Mailand. 



103) Fakf.-Repr. nach: Entwürfe erfunden und herausgegeben von Mitgliedern des Architekten -Vereins zu Berlin. 
103) Fakf.-Repr. nach: Architektonifche Rundfchau. Stuttgart 1888. 



49' 

Pforten zeigt Fig. 807; fie haben den Vorteil, dafs fie von zwei Seiten benutzbar 
und, wenn mit Strafsenlaternen verbunden, abends leferlich find. Fig. 809 ftellt 
eine kleinere Bekanntmachungstafel ahnlicher Art aus Paris dar. 

Den Vorzug der Doppelfeitigkeit befitzen auch die felbftändig an zwei Pforten 
errichteten eifernen Anfchlagtafeln (Fig. 806), welche indes,